Zeitschrift: Tec21
Herausgeber: Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein
Band: 129 (2003)
Heft: Dossier (29-30/03): Swisscodes : die neuen Tragwerksnormen der SIA
Artikel: Norm SIA 261 : Einwirkungen
Autor: Lüchinger, Paul
DOI: [Link]
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Dr. Paul Lüchinger
Norm SIA 261 · Einwirkungen
Die Bemessung von Tragwerken anhand von Grenzzuständen hat sich bereits vor geraumer Zeit
durchgesetzt. Während sich anfänglich in den Konstruktionsnormen neben dem Nachweis von zulässigen
Spannungen der sogenannte Bruchnachweis durchgesetzt hat, wurde Ende der Achtzigerjahre im
Rahmen der letzten Normengeneration des SIA die Betrachtungsweise anhand von Grenzzuständen
integral und systematisch im gesamten Regelwerk ausformuliert. Insbesondere wurden in der Norm
SIA 160: 1989 auch international zum ersten Mal die Einwirkungen auf das neue Konzept abgestimmt.
Damit öffnete diese Norm neue Wege, welche später auch von den europäischen Normen beschritten
wurden.
Der Eurocode EN 1991 weist eine, zumindest im neue Einwirkungen ins Normenwerk Eingang finden
Grundansatz, analoge Struktur auf, wie die Norm und andererseits alt bekannten Einwirkungen ihrer
SIA 160:1989. Nach den einführenden Kapiteln der Bedeutung entsprechend ein breiteres Wirkungsfeld
Norm SIA 160:1989, welche die Grundlagen der eingeräumt wird.
Tragwerksanalyse und der Bemessung darlegten, folgte eine Zu den neu behandelten Einwirkungen gehören
Reihe von Beschreibungen der wichtigsten Einwirkungen. diejenigen aus dem Bereich der sogenannten Naturgefahren.
Während in den Anfängen die Brücken und hier Die Begründung liegt im häufigeren Auftreten
allen voran die Bahnbrücken im Zentrum des normativen solcher Naturgefahren. Ebenso erfahren solche Ein-
Normenwerkes standen, erstreckte sich die Norm
SIA 160:1989 auf eine Vielzahl von Bauwerken.
Architektur der Norm für Einwirkungen
Die für diese Bauwerke relevanten Einwirkungen folgten
in einer Art von Schubladen geordnet kapitelweise
den einführenden Regeln zur Bemessung. Die Gliederung
orientiert sich an der Quelle der verschiedenen
Einwirkungen. Nach den Eigenlasten und Auflasten
folgen die klimatischen und anschliessend die infolge
der Nutzung bedingten Einwirkungen.
Dieser Reihenfolge ordnet sich auch die neue Norm
SIA 261 «Einwirkungen auf Tragwerke» unter. Sie
unterscheidet sich von der Vorgängerin jedoch insofern,
als die einleitenden Kapitel herausgeschält und in die
Norm SIA 260 gepackt wurden. Grundsätze des
Entwurfs, der Analyse und der Bemessung von Tragwerken
stehen gesondert vom reinen Beschrieb der Einwirkungen.
Zudem differenziert die Norm SIA 261 die
häufigstenund gewichtigsten Einwirkungen auf die Mehrzahl
von Tragwerken gegenüber den ergänzenden
Informationen zu speziellen Einwirkungen oder Einwirkungen
auf spezielle Tragwerke.
Neu aufgenommene Einwirkungen
Es fällt schon beim ersten Einblick in die Norm
SIA 261 auf, dass neben den herkömmlichen einerseits
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wirkungen eine vertiefte Bedeutung durch die Art und Infolgedessen ist einschränkend zu bemerken, dass der
Bauweise sowie die Positionierung neuer Bauwerke. erweiterte Fächer von Einwirkungen nicht nur in der
Herausragendes Beispiel dafür ist der Hagelschlag, Norm SIA 261 Spuren hinterlässt, sondern vor allem
der Jahr für Jahr neben Flurschäden auch grosse auch in den einzelnen Konstruktionsnormen.
Bauschäden verursacht. Nicht minder ins Rampenlicht
gerückt sind Stein- und Blockschlag, Lawinen und Numerische Form von Einwirkungen
Murgänge. Auch gegenüber diesen Einwirkungen gilt Die physikalisch verträgliche Anordnung von simultan
es schon in der Phase der Projektierung von Bauwerken auftretenden Einwirkungen formt den Lastfall für einen
die gebührende Beachtung zu schenken. Vorderhand bestimmten rechnerischen Nachweis, sei es in Bezug
sind für die Bemessung relevante Informationen dieser auf die Tragsicherheit oder in Bezug auf die
neu aufgenommenen Einwirkungen in den Ergänzungen Gebrauchstauglichkeit. Jede Bemessungssituation und damit auch
der Norm SIA 261/1 aufgelistet. jeder Lastfall wird geprägt durch eine dominante
Der bisherige Gebrauch des Begriffs der Einwirkungen Einwirkung, die sogenannte Leiteinwirkung. Alle kompatiblen,
fokussierte vornehmlich auf mechanische Einwirkungen, gleichzeitig auftretenden Einwirkungen werden
also Kräfte und Lasten. Im Hinblick auf eine Begleiteinwirkungen genannt.
gesamtheitliche Betrachtungsweise muss die Anwendung Im Zentrum des Bemessungsvorganges steht die Frage
auch für andere Arten von Einwirkungen des Tragwerks der Zuverlässigkeit eines Tragwerkes mit Blick auf die
geöffnet werden. Es betrifft dies sowohl weitere grundlegenden Anforderungen. Und zwar beziehen
physikalische Einwirkungen, wie etwa Temperatureinwirkungen sich diese Anforderungen sowohl auf den
und zwar nicht nur klimabedingte sondern auch Grenzzustand der Tragsicherheit als auch auf den
solche infolge Brand, ebenso wie chemische und Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit.
biologische Einwirkungen. Die Zuverlässigkeit wird nach heutiger Bemessungspraxis
Auswirkungen sind als Antwort des Tragwerks auf mit Hilfe probabilistischer Methoden quantifiziert.
Einwirkungen zu verstehen. Je nach Art der Einwirkungen Als Mass für die Zuverlässigkeit gilt die
kann es sich dabei um mechanische Auswirkungen Wahrscheinlichkeit, ob die Anforderungen an ein Tragwerk
handeln, also Reaktionen, Spannungen und Schnittgrössen, innerhalb einer gegebenen Zeitspanne erfüllt werden.
um geometrische Auswirkungen, wie beispielsweise Die Zuverlässigkeit gegenüber einer Anforderung ist
Verschiebungen, Verformungen und Risse, um ausreichend, wenn diese mit einer vorgegebenen
chemische Auswirkungen, beispielsweise in Form von Wahrscheinlichkeit in der vorgegebenen Zeitspanne
Korrosion, oder letztlich auch biologische Auswirkungen, bleibt.
eingehalten
wie beispielsweise Fäulnis. Verschiedene Die Nachweise sowohl der Tragsicherheit als auch
Auswirkungen sind für eine spezielle Bauweise spezifisch, wie der Gebrauchstauglichkeit erfolgen auf der Basis von
etwa Risse im Beton- und Mauerwerksbau, Korrosion Bemessungswerten. Das Format der Bemessungswerte
im Beton- und Stahlbau oder Fäulnis im Holzbau. stützt sich auf das Konzept der Partialfaktoren. Mit
den Partialfaktoren werden die Unschärfen an den
Variablen behandelt, welche als massgebende Einflussgrössen
in eine Bemessungssituation eingehen. Sie
beinhalten aber auch die Unschärfen der Relationen
zwischen den Einwirkungen und Auswirkungen, das
heisst also die Unschärfen am Tragwerksmodell.
Einwirkungen werden für die Bemessung mit Hilfe von
rechnerisch einfach erfassbaren Modellen erfasst,
welche der Wirkungsweise, der geometrischen
Konfiguration und der Intensität Rechnung tragen. In diesen
Modellen werden Einwirkungen durch eine oder
mehrere skalare Angaben bestimmt, welche je nach Art
des Nachweises verschiedene sogenannte repräsentative
Werte Qrep annehmen können. Die Grundlage zur
rechnerischen Bestimmung aller repräsentativen Werte
bildet der charakteristische Werte Qk, welcher in seiner
Definition materiell dem Kennwert Qr der Norm SIA
160:1989 entspricht.
Im Nachweis der Tragsicherheit wird der Bemessungswert
der Leiteinwirkung wie bisher mit dem Beiwert .F
multipliziert. Die gleichzeitig auftretenden Begleiteinwirkungen
bestimmen sich mit dem Reduktionsbeiwert
.0. Der Nachweis der Gebrauchstauglichkeit
1 unterscheidet je nach Anforderung, Bemessungskriterium
Folgen des Hagelgewitters vom 24.6.2002 und Art der Auswirkungen im Tragwerk zwischen
an einem Werkstattgebäude häufigen und quasi-ständigen Einwirkungen. Sie bestimmen
Bild: Gebäudeversicherung Kanton Zürich) sich wiederum aus dem charakteristischen Wert
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dossier Swisscodes 13
mit Hilfe der Reduktionsbeiwerte .1 beziehungsweise nur eine Lastgruppe sondern zwei Gruppen gleichzeitig
.2. Diese repräsentativen Werte .1
Qk beziehungsweise im Querschnitt wirkend anzunehmen sind. Die Grundlage
.2
Qk der Einwirkungen entsprechen in ihrem für die numerische Festlegung der Lastgrössen
Inhalt den bisherigen Werten Qser, kurz und Qser,lang. bildeten Verkehrsdaten auf Hochleistungsstrassen in
Wenn schon im Gebrauchszustand irreversible Auswirkungen einem mitteleuropäischen Industriegebiet mit hohem
zu erwarten sind, wie beispielsweise plastische Anteil an Schwerverkehr. Um den regionalen
Verformungen, dann ist im Nachweis der Verkehrsaufkommen Rechnung zu tragen, sind diese Lastgrössen
Gebrauchstauglichkeit die massgebende Einwirkung mit ihrem mit einem Beiwert a zu kalibrieren.
seltenen Wert .0 Qk in Rechnung zu stellen. In zweiter Linie fällt auf, dass das neue Lastmodell für
Genau besehen hat sich also inhaltlich an der gewohnten Strassenlasten im Gegensatz zur Norm SIA 160:1989
Bemessungspraxis wenig verändert, hingegen wurde die dynamische Wirkung implizit schon enthält. Die
die formale Ausgestaltung der Nachweise, insbesondere Multiplikation wie bis anhin mit dem dynamischen
derjenigen der Gebrauchstauglichkeit, verfeinert und
an die Bedürfnisse der verschiedenen Bauweisen
angepasst.
Wesentliche Änderungen gegenüber Bekanntem
Die Auflistung der Änderungen erhebt nicht den
Anspruch der Vollständigkeit. Die Aufmerksamkeit
fokussiert sich vielmehr auf einzelne erwähnenswerte
Blickpunkte.
Klimatische Einwirkungen Schnee und Wind
Die klimatischen Einwirkungen Schnee und Wind werden
in ihren Grundzügen in gleicher Weise behandelt.
Während die Karte der Schneelasten keiner materiellen
Anpassung bedurfte, wurde die Karte für den Staudruck
infolge Wind vollständig überarbeitet. Gegenüber der
Norm SIA 160:1989 resultieren leicht höhere Referenzwerte
für den Staudruck bedingt durch die Anpassung
der Auftretenswahrscheinlichkeit.
Einwirkungen aus Gebäudenutzung
Hinsichtlich der Einwirkungen aus Gebäudenutzung
orientierte sich der Eurocode EN 1991-1-1 eng an der
Norm SIA 160:1989. So ist es denn nicht verwunderlich,
dass auch der neue Swisscode dem ursprünglichen
Konzept gleicht. Die Gliederung der Kategorien von
Nutzflächen hat eine Verfeinerung erfahren. Neben
den verteilten Nutzlasten müssen neu auch konzentrierte
Einzellasten berücksichtigt werden. Allerdings
müssen sie nicht als gleichzeitig wirkend angenommen
werden. Auffällig im Bereich der Gebäudenutzung ist
die Neuorientierung und teilweise prägnante Erhöhung
der Kräfte auf Abschrankungen und Geländer.
Zahlreiche Unfälle mit tragischem Ausgang veranlassten die
nationalen und internationalen Fachgremien im Nor-men-
Bereich trotz Widerstand verantwortungsvoll
darauf zu antworten.
Strassenlasten
Die Strassenlasten erfuhren eine rege und jahrelange
Diskussion innerhalb der verantwortlichen europäischen
Normengremien. Letztlich fand sich ein Konsens
auf einheitlichen Lastmodellen. In Anlehnung an das
Resultat im Eurocode EN 1991-2 wurde auch der Swisscode
aufgearbeitet. Ein einziges Lastmodell ersetzt die
bisherigen Lastmodelle 1 bis 3. Mit diesem Lastmodell
wird die Wirkung von Personenwagen- und Lastwagenverkehr
mittels Achslasten und verteilten Lasten
erfasst. Als markantester Unterschied fällt auf, dass nicht
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Beiwert entfällt. Wenn auch jeder einzelne aufgenommen. Die statischen Ersatzkräfte infolge
Anwendungsfall unterschiedlich auf diese neuen Lastmodelle Anprall entlang von offenen Strassen sowohl ausserorts als
reagiert, kann summarisch festgehalten werden, dass auch innerorts wurden leicht reduziert. Für Park- und
eine mässige Erhöhung der Auswirkungen infolge Verkehrsflächen in Gebäuden sind je nach Nutzung
Strassenlasten resultiert. unterschiedliche Kräfte zu berücksichtigen. Im
allgemeinen sind die statischen Ersatzkräfte auf solchen
Einwirkungen infolge Anprall Flächen höher in Rechnung zu stellen als bisher.
Einwirkungen infolge Anprall werden im Regelfall wie
bis anhin mit Hilfe von statischen Ersatzkräften Folgen von Erdbeben
beschrieben. Die Anprallkräfte wurden jedoch einer Die Folgen von Erdbeben auf Bauwerke sind in Anbetracht
Prüfung unterzogen und angepasst. Neue Einwirkungsmodelle des riesigen Schadenspotenzials ein zentrales
für Fahrzeugaufbauten und Ladungen wurden Thema nationaler und internationaler Forschung. Die
Diskussion ist auch verknüpft mit der Fragestellung
nach dem gewünschten beziehungsweise erforderlichen
Schutzziel, welche letztlich eine politische Gesellschaft
gesamtheitlich und gemeinsam beantworten muss. In
Reflexion dieser Fragestellung wurde denn auch der
Schutzgrad, welcher dem Bemessungsbeben zu Grunde
liegt, in der neuen Norm verschärft. Die Wiederkehrperiode
für das Bemessungsbeben wurde entsprechend
generell für alle Zonen erhöht. Hinzu kommt, dass
einzelne Regionen neu in höheren Gefährdungszonen
eingestuft wurden.
Auf der Ebene der Tragwerksanalyse findet die
Durchbildung die berechtigte erhöhte
konstruktive
Aufmerksamkeit. Die statischen Ersatzkräfte werden für
alle Bauweisen aufgrund der in einem Tragwerk
inhärent vorhandenen Duktilität abgestuft.
Brand
Die bisherige Norm SIA 160:1989 sprach im Wesentlichen
mechanische Einwirkungen an. Allerdings werden
für das Gefährdungsbild auch verschiedene Massnahmen
zitiert, die nicht nur der Bemessung entsprechen.
Die wenigen aufgelisteten Massnahmen dienen der
Reduktion des Schadenspotenzials.
Im neuen Normenwerk wird der Gefährdung Brand ein
viel breiteres Feld eingeräumt. Wenn auch nur in geraffter
Form wird doch über Brandschutzkonzepte gesprochen.
Sie umfassen einerseits Schutzziele und andererseits
einen Massnahmenkatalog, welcher die baulichen,
technischen und organisatorischen Möglichkeiten
umfasst.
Der Beschrieb der Einwirkungen reflektiert nicht
nur die mechanischen Kräfte, die für den Nachweis
der Tragsicherheit im Brandfall zu berücksichtigen
sind. Ganz im Sinne der Öffnung der Norm auf andere
Arten von Einwirkungen, werden für den Brandfall
auch Angaben gemacht zu den thermischen
Einwirkungen. Die Wärmefreisetzung bei einem Brand
kann mit nominellen Temperaturzeitkurven untersucht
werden, unter welchen die ISO- Normbrandkurve die
wohl bekannteste darstellt. Daneben sind auch
parameterabhängige Temperaturzeitkurven zugelassen, die den
objektspezifischen Rahmenbedingungen besser Rechnung
2 tragen.
Vollbesetztes Stadion Meazza in Mailand
Bild: IFA Bilderteam)
3 Dr. Paul Lüchinger
Stau vor dem Gotthardtunnel Dr. Lüchinger+Meyer Bauingenieure AG
Bild: N. Frei, Comet Photoshopping) Zürich
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