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Psyche

Das Dokument behandelt die Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen und umfasst Themen wie Aufnahme, Entlassung, Patientenbeobachtung, Beziehungsaufbau sowie verschiedene Therapieformen. Es werden auch psychopharmakologische Behandlungen, Psychotherapieansätze und die Bedeutung der sozialen Integration thematisiert. Zudem wird auf die Herausforderungen und Besonderheiten in der psychiatrischen Pflege eingegangen, einschließlich der Notwendigkeit einer ganzheitlichen Sichtweise und der Berücksichtigung individueller Belastungen.

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Psyche

Das Dokument behandelt die Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen und umfasst Themen wie Aufnahme, Entlassung, Patientenbeobachtung, Beziehungsaufbau sowie verschiedene Therapieformen. Es werden auch psychopharmakologische Behandlungen, Psychotherapieansätze und die Bedeutung der sozialen Integration thematisiert. Zudem wird auf die Herausforderungen und Besonderheiten in der psychiatrischen Pflege eingegangen, einschließlich der Notwendigkeit einer ganzheitlichen Sichtweise und der Berücksichtigung individueller Belastungen.

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34

Pflege von Menschen mit


psychischen Erkrankungen
Nicole Menche
Angela Simon-Jödicke
Unter Mitarbeit von Bernd Hein

34.1 Pflege von Menschen 34.3 Psychopharmaka . . . . . . . 1276 34.9 Belastungs- und An-
mit psychischen 34.3.1 Antipsychotika 1276 passungsstörungen . . . . . 1294
Erkrankungen . . . . . . . . . . 1263 34.3.2 Antidepressiva 1277 34.10 Angst- und Zwangs-
34.1.1 Aufnahme und Entlassung 34.3.3 Stimmungsstabilisatoren 1278 störungen . . . . . . . . . . . . . 1295
des Patienten auf 34.3.4 Anxiolytika 1279 34.10.1 Angststörungen 1295
psychiatrischen Stationen 1264 34.3.5 Besonderheiten im Um- 34.10.2 Zwangsstörungen 1296
34.1.2 Patientenbeobachtung bei gang mit Arzneimitteln
psychischen Erkrankungen 1265 in der Psychiatrie 1279 34.11 Dissoziative Störungen . . 1296
34.1.3 Beziehungsaufbau 1266 34.4 Psychotherapie . . . . . . . . 1280 34.12 Persönlichkeitsstörungen 1297
34.1.4 Umgang mit Angehörigen 1268
34.4.1 Verhaltenstherapie 1280 34.13 Organisch bedingte
34.1.5 Milieugestaltung 1268
34.4.2 Gesprächspsychotherapie 1281 psychische Störungen . . . 1299
34.1.6 Alltagsbewältigung, Be-
34.4.3 Psychodynamische 34.14 Ausgewählte Aspekte
schäftigungs- und
Verfahren 1281 der Kinder- und Jugend-
lebenspraktisches Training 1269
34.4.4 Systemtherapie 1281 psychiatrie und
34.1.7 Sozialarbeit 1269
34.4.5 Kunst- und Gestaltungs- -psychotherapie . . . . . . . . 1299
34.1.8 Weitere Therapieformen 1269
therapie 1281
34.1.9 Die Pflegenden in der 34.14.1 Einführung 1299
Psychiatrie 1269 34.5 Einteilungen psychischer 34.14.2 Frühkindlicher Autismus 1301
34. 1. 10 Gewalt in der Psychiatrie 1270 Erkrankungen . . . . . . . . . . 1282 34.14.3 ADHS 1302
34.2 Leitbefunde und Weg 34.14.4 Emotionale Störungen
34.6 Erkrankungen des schizo-
zur Diagnose . . . . . . . . . . . 1272 des Kindesalters 1303
phrenen Formenkreises . . 1282
34.14.5 Essstörungen 1303
34.2.1 Bewusstseinsstörungen 1272 34.6.1 Schizophrenie 1282
34.2.2 Orientierungsstörungen 1272 34.6.2 Schizoaffektive Störungen 1285 34.15 Psychosomatische
34.2.3 Aufmerksamkeits- und Störungen . . . . . . . . . . . . . 1304
34.7 Affektive Störungen . . . . 1285
Konzentrationsstörungen 1272 34.16 Suizid . . . . . . . . . . . . . . . . 1304
34.2.4 Gedächtnisstörungen 1273 34.7.1 Depression 1285
34.7.2 Manie 1288 Literatur und Kontaktadressen . . . 1306
34.2.5 Denkstörungen 1273
34.2.6 Ängste und Zwänge 1274 34.8 Abhängigkeit . . . . . . . . . . 1289
34.2.7 Wahrnehmungsstörungen 1275 34.8.1 Krankheitsentstehung,
34.2.8 Störungen des Symptome und Diagnostik 1289
Ich-Erlebens 1275 34.8.2 Behandlungsstrategie
34.2.9 Affektive Störungen 1275 und Pflege 1291
34. 2. 10 Antriebs- und psycho- 34.8.3 Alkoholkrankheit und
motorische Störungen 1276 Alkoholentzugsdelir 1292
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Fallbeispiel ➔ malen Lebensbelastungen bewältigen nerabilitäts-Stress-Modell durchgesetzt.


Lernerfolgskontrolle ➔ und produktiv und fruchtbar arbeiten Es integriert zahlreiche geschichtlich
kann und imstande ist, etwas zu seiner gewachsene Einzeltheorien:
Die medizinischen Fachgebiete Gemeinschaft beizutragen“. Psychische Biomedizinisch-organisches Modell.
Gesundheit nach WHO ist damit mehr Hiernach sind psychische Krankhei-
Psyche (griech. Psyche = Hauch, Seele): ist als die Abwesenheit psychischer ten durch Veränderungen der Ner-
Gesamtheit des Erlebens, Denkens, Füh- Krankheitssymptome. ( 1) venzellen oder der Neurotransmitter-
lens und Wollens eines Menschen. In wissenschaftlichen Konzepten wer- übertragung, also organisch, bedingt
Psychologie: Lehre vom (normalen) Er- den Begriffe wie subjektives Wohlbefin- Lerntheoretisches Modell. Ungünsti-
leben und Verhalten des Menschen. den, Selbstwirksamkeitserwartung (Er- ge Lernprozesse – Lernen am Modell,
Psychiatrie: Fachgebiet der Medizin, wartung, Probleme auf Grund eigener Lernen durch klassische und ope-
das sich mit Prophylaxe, Diagnose und Kompetenzen lösen zu können), Auto- rante Konditionierung – führen zu ex-
Therapie psychischer Erkrankungen ein- nomie oder Entfaltung des emotionalen trem abweichenden Erlebens- und
schließlich der Rehabilitation des psy- und intellektuellen Entwicklungspoten- Verhaltensweisen, die vom Betroffe-
chisch Kranken befasst. tials zur Beschreibung psychischer Ge- nen oder der Gesellschaft als ände-
Psychotherapie: Systematische Be- sundheit verwendet. ( 2) rungsbedürftig beurteilt werden
handlung von körperlichen bzw. seelischen Psychisch gesunde Menschen kön- Humanistisches Modell. Nach Carl
Störungen mit Mitteln der Kommunika- nen z. B.: Rogers entwickeln sich psychische
tion, also mit Therapiemethoden, bei
Wohlbefinden erleben und sich posi- Störungen, wenn natürliche Entwick-
denen Gespräche, Rollenspiele, Entspan-
tiv fühlen lungs- und (psychische) Wachstums-
nungs- und suggestive Techniken sowie
Sich selbst akzeptieren prozesse gestört verlaufen
Einübung neuer Verhaltensweisen thera-
Die eigenen Bedürfnisse erkennen Psychoanalytisches Modell. Laut Sig-
peutische Mittel sind.
und angemessen befriedigen mund Freud entstehen zwischen bio-
Kinder- und Jugendpsychiatrie und
Stress und Einbußen kompensieren logischen Triebansprüchen und so-
-psychotherapie: Eigenes Teilgebiet der
Sozial kompetent handeln zialen Normen Spannungen, die im
Medizin im Schnittpunkt zwischen Psychi-
Ihre sozialen Rollen (z. B. Eltern-, Mit- Lauf der frühkindlichen psychosexu-
atrie und Entwicklungspsychologie.
Psychosomatik: Fachgebiet der Medi- arbeiterrolle) ausfüllen ellen Entwicklung bewältigt werden
zin, das sich mit den Wechselwirkungen Arbeiten und lieben (laut Freud) müssen. Unzureichende Bewältigung
zwischen Körper und Seele befasst und Phantasie und Realität unterscheiden führt zu Störungen bzw. Krankheiten
als zentrale Behandlungsmethode die Psy- Sich an einem Sinn orientieren. Sozialwissenschaftliches Krankheits-
chotherapie anwendet. Von psychischen Krankheiten (im Ge- modell. Psychisch krank ist, wer von
gensatz zu somatischen Krankheiten) der Gesellschaft diagnostiziert wird
Die zahlreichen Aufgaben haben auch spricht man, wenn aufgrund einer Er- und damit die Krankenrolle zuge-
in der Psychiatrie zur Spezialisierung krankung vorwiegend die psychischen schrieben bekommt
geführt. So stellt beispielsweise die Ge- Funktionen eines Menschen wie Wahr- Antipsychiatrisches/sozialkritisches

34 rontopsychiatrie (Alterspsychiatrie) den


alten Menschen mit psychischen Stö-
nehmung, Antrieb, Gefühlslage, Gedan-
ken (Kognitionen) oder Verhalten ver-
Krankheitsmodell. Die zentrale Stö-
rung liegt in der Gesellschaft und
rungen in den Mittelpunkt, und die ändert sind und diese Veränderungen zeigt sich im Leid von Menschen, die
forensische Psychiatrie befasst sich mit zu Leiden oder Einschränkungen beim mit der gestörten Umwelt nicht zu-
rechtlichen Fragen der Psychiatrie und Betroffenen oder seinen Angehörigen rechtkommen
mit der Betreuung psychisch kranker führen. Systemisches Krankheitsmodell. Der
Straftäter. Allerdings ist nicht jedes ungewöhn- als psychisch krank bezeichnete
liche Verhalten Ausdruck einer psychi- Mensch zeigt als Indexpatient (Sym-
Psychische Gesundheit – schen Krankheit. Oft ist es nicht einfach ptomträger) gestörte Prozesse in so-
zialen Systemen an, besonders in der
psychische Krankheit zu entscheiden, ob verändertes Erleben,
Denken, Fühlen und Verhalten nur vom Familie.
Der Begriff der psychischen Gesundheit
gesellschaftlich Üblichen abweicht oder Nach dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell
ist schwer zu fassen. Die WHO definiert
ob es Ausdruck einer Erkrankung ist. führen körperliche Faktoren wie geneti-
psychische Gesundheit als „Zustand des
Unsere Vorstellung von normal und sche Anlagen, Geburtsfaktoren oder Er-
Wohlbefindens, in dem der Einzelne
anormal hängt von kulturellen und in- krankungen und psychosoziale Faktoren
seine Fähigkeiten ausschöpfen, die nor-
dividuellen Normen und Ansichten ab. wie Erziehung, Lernerfahrungen oder
Der psychiatrische Krankheitsbegriff ist familiäre Kommunikationsmuster zu ei-
problematisch, denn er hängt vom kultu- ner individuellen Verletzlichkeit (Vulne-
rell geformten Menschenbild ab. Er kann rabilität) für psychische Erkrankungen.
missbraucht werden, um Andersdenkende Sprachentwicklungsstörungen, Trau-
(z. B. politische Widersacher) oder gesell- matisierungen oder psychosoziale Be-
schaftliche Randgruppen aus der Gesell- nachteiligung steigern z. B. die Vulne-
schaft auszuschließen. rabilität. Kontrollüberzeugungen (das
Gefühl, auf das eigene Schicksal Ein-
fluss nehmen zu können, ➔ auch Saluto-
Ursachen psychischer genesemodell nach Antonovsky, Kohä-
Erkrankungen renzsinn, 8.1.3), Optimismus, positive
Abb. 34.1: Aufgrund der demographischen
Entwicklung wird die Gerontopsychiatrie in Bei der Frage nach den Ursachen psy- Zukunftserwartungen und angemessene
Zukunft immer wichtiger werden. [J748-055] chischer Erkrankungen hat sich das Vul- soziale Unterstützung hingegen haben

1262
34.1 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

eine gesundheitserhaltende Schutz- arm. Viele chronisch Kranke verlieren Training der Alltagsbewältigung (➔
funktion. ihren Arbeitsplatz, jung Erkrankten ge- 34.1.6)
Die individuelle Widerstandsfähigkeit lingt es oft gar nicht, in der Arbeits- Beschäftigungs- und Arbeitstherapie
gegen psychische Erkrankungen wird welt Fuß zu fassen. Beides erschwert (➔ 34.1.6)
als Resilienz bezeichnet. ihre Eingliederung in die Gesellschaft. Sozialarbeit (➔ 34.1.7).
Psychische Krankheiten entstehen, ( 1,2)
wenn Stressbelastungen die individuel- Psychiatrische Pflege und soziothera-
le Belastbarkeit überschreiten. Stresso- Besonderheiten psychiatrischer peutischer Ansatz überschneiden sich.
Beide unterstützen die gezielte Auseinan-
ren können z. B. belastende (etwa Prü- Pflege
fungs-, Trennungssituation, neue Stel- dersetzung des Patienten mit der Norma-
Die ganzheitlich ausgerichtete Sicht der lität, betonen die Bedeutung des Alltags,
le), aber auch positive Lebensereignisse
Pflegenden auf die Patienten gestattet konzentrieren sich auf die gesunden An-
(z. B. erste Liebesbeziehung) sein.
keine scharfe Trennung von somatisch teile und Ressourcen des Patienten und
Nach heutigem Verständnis sind kör- (körperlich) und psychisch wirksamen beziehen Umweltfaktoren in ihr Denken
perliche und psychische Krankheiten nicht Pflegestrategien. Trotzdem lassen sich ein. ( 4)
scharf zu trennen. Bei beiden sind zudem typische Schwerpunkte der psychiat-
körperliche und psychische Faktoren (ne- rischen Pflege formulieren:
ben äußeren Bedingungen) bedeutsam für Pflegende in der Psychiatrie müssen Organisationsformen
den Krankheitsverlauf. Moderne Behand- sich besonders mit befremdlichem psychiatrischer Pflege
lungskonzepte in Medizin und Pflege in- Verhalten von Patienten auseinan- Viele Menschen mit psychischen Er-
tegrieren entsprechend psychische und dersetzen krankungen werden stationär betreut.
somatische Aspekte bei verschiedenen Er- Sie müssen mehr als in anderen Be- Psychiatrische Landeskrankenhäuser
krankungen und berücksichtigen auch die reichen Ordnungsfunktionen über- sind größere psychiatrische Kliniken,
sozialen Lebensbedingungen. nehmen, u. a. die Behandlung von die für ein bestimmtes Einzugsgebiet
Patienten gegen ihren Willen zuständig sind. Sie liegen oft entfernt
Psychiatrische Pflege orientiert sich von größeren Orten. Dies erschwert den
34.1 Pflege von Menschen sehr stark am Alltag des Patienten.
Zudem unterscheiden sich die Berei-
Kontakt zu Angehörigen, die Rehabili-
tation, Arbeitsversuche und die Freizeit-
mit psychischen Erkran- che, in denen der psychisch Kranke gestaltung. Daneben gibt es psychiat-
kungen im Alltag eingeschränkt ist, von den
Einschränkungen z. B. eines Herz-
rische Betten an Unikliniken, Privat-
kliniken und zunehmend in kleineren
oder Lungenkranken. Einschränkun- Häusern mit dem Ziel einer wohnortna-
Ziele der psychiatrischen Behandlung
gen psychisch Kranker betreffen oft hen Versorgung.
und Pflege sind die psychische und soziale
die Beziehungs- und Kommunika- Teilstationäre Einrichtungen sollen
Stabilisierung der Patienten, die Unter-
tionsfähigkeit sowie den Umgang mit psychisch Kranken den Weg zurück in
stützung bei der Bewältigung von Krisen

34
der Realität (z. B. Orientierung, Pro- die Gesellschaft erleichtern. Tages- und
und die Wiedereingliederung in seine
blembewältigungsstrategien). Nachtkliniken kombinieren die Vor-
gewohnte Lebenswelt. Die Lebensqualität
des psychisch Kranken sollte erhalten oder Die gestörte Beziehungsfähigkeit vieler teile einer Krankenhausbehandlung
verbessert werden. psychisch kranker Menschen erschwert mit regelmäßigen Aufenthalten in der
Damit dies gelingt, muss der Patient: den Zugang der Pflegenden und Therapeu- häuslichen Umgebung oder mit einer
Sich selbst und seine Umgebung aus- ten zu diesen Patienten. Sehr viel häufiger Berufstätigkeit. Wohnheime bieten
reichend realistisch einschätzen kön- als bei somatisch Kranken liegen zunächst beschützende Wohnmöglichkeiten für
nen keine Einsicht und kein Einverständnis des Schwerkranke. In psychiatrischen Wohn-
Für sich selbst Verantwortung überneh- Patienten zu Pflege und Behandlung vor. gemeinschaften unterstützen sozialpsy-
men Oft muss die Bereitschaft, sich auf eine chiatrisch ausgebildete Betreuer die Be-
Die Anforderungen des Alltags bewäl- Behandlung einzulassen (Compliance, ➔ wohner bei der schrittweisen Annä-
tigen oder entsprechende Hilfen anneh- 7.1.4), durch einen bewussten Beziehungs- herung an das Alltagsleben.
men können. aufbau erarbeitet werden. Die klienten- Die ärztliche Versorgung psychisch
Aus dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell zentrierte Gesprächsführung (➔ 34.4.2) gilt Kranker erfolgt jedoch weit überwie-
lassen sich weitere Behandlungsziele ab- als besonders geeignet, um eine psy- gend ambulant durch Allgemeinärzte
leiten: Hierzu gehören die Stärkung von chiatrische Pflegebeziehung aufzubauen. oder Fachärzte für Psychiatrie. Diese
persönlichen und psychosozialen Ressour- ( 3) können bei Bedarf ambulante psychiat-
cen, die Verminderung der individuellen rische Pflege verordnen. Bei diesem nie-
Vulnerabilität z. B. durch angemessene derschwelligen Angebot sind die Pfle-
Medikation oder psychotherapeutische
Soziotherapie genden aufsuchend tätig und bilden das
Bearbeitung belastender biographischer Obwohl viele psychische Erkrankun- Bindeglied zwischen Beratungsstellen,
Erlebnisse, das Erarbeiten günstiger Co- gen durch Funktionsstörungen des Kliniken, Rehabilitationseinrichtungen,
ping-Strategien (➔ 5.4., 8.1.5) und der Ab- ZNS (mit-)bedingt sind (➔ 33.5.3), be- Ärzten, Therapeuten, Tageskliniken, be-
bau von psychosozialen Stressoren. einflusst die Umgebung des Kranken treutem Wohnen und anderen psycho-
den Krankheitsverlauf entscheidend. sozialen Diensten und Angeboten in
Trotz gesellschaftlicher Fortschritte gilt Soziotherapie ist ein Sammelbegriff für den Gemeinden. Allerdings existiert
die Diagnose einer psychischen Erkran- therapeutisch wirksame Faktoren in der noch kein flächendeckendes Versor-
kung nach wie vor als Makel, und Er- sozialen Umwelt des Patienten. gungsangebot. ( 5)
krankte haben mit Vorurteilen zu kämp- Milieugestaltung und Milieutherapie Weiter existieren psychotherapeuti-
fen. Zudem sind viele Betroffene sehr (➔ 34.1.5) sche Beratungsstellen, die bei bestimm-

1263
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

der Klinik empfangen. Sie zeigt ihm die


Maßnahme Beispiel
Station und das Zimmer, macht ihn mit
Die Selbst- Den Patienten auf den seinen Zimmernachbarn bekannt und
ständigkeit Sozialdienst und des- beschreibt die Stationsregeln: Besuchs-
des Patien- sen Funktionen hin- und Telefonregelung, Alkohol-, Arznei-
ten fördern weisen. Ist er interes-
mittel- und Fahrverbot sowie die Aus-
siert, mit ihm die
verschiedenen Wege gangsregelungen. Außerdem erfährt der
besprechen, wie ein Patient, wann das ärztliche oder psy-
Kontakt zum Sozial- chologische Erstgespräch geplant ist.
dienst hergestellt wer-
den kann (z. B. schrift- Für psychisch Kranke sind Unklarheiten
lich, telefonisch) belastender als für Gesunde und deshalb
zu vermeiden.
Erregten Patienten werden zunächst
Eine dem Kontaktdaten, Büro-
Sozialdienst nur die notwendigsten Informationen ge-
Patienten zeiten und Aufgaben-
874484 geben.
hilfreiche bereiche des Sozial-
Umgebung dienstes gut sichtbar
schaffen in der Nähe des Tele-
fons aushängen Durchsuchen
Auf geschützten (geschlossenen) Statio-
nen werden Gepäck und Kleidung des
Patienten in seiner Gegenwart nach ge-
fährlichen Gegenständen durchsucht.
Auf offenen Stationen bestehen unter-
schiedliche Regelungen.
Die Maßnahme wird dem Patienten
Den Patien- Patienten nach vor-
als allgemein gültige Regel mitgeteilt
ten unter- bereitendem Gespräch
und sachlich als Sicherheitsmaßnahme
Sozialdienst

stützen zum Telefon begleiten.


874484

Tab. 34.2: Es gibt un- begründet. Arzneimittel, Drogen, Alko-


Ihm helfen, die Num- terschiedliche Wege,
mer des Sozialdienstes hol und Waffen werden auf allen Sta-
dem Patienten zu
zu wählen helfen. Wie viel Eigen- tionen in Verwahrung genommen, auf
ständigkeit man dem vielen geschlossenen Stationen darü-
Kranken zutrauen und ber hinaus auch Nassrasierer, Glas,
welche Ansprüche Taschenmesser, Nadeln, Scheren und
man an ihn stellen Ähnliches.
darf, hängt von seiner

34
Dieser Eingriff in die Intimsphäre des
Persönlichkeit sowie
Für den Nach Absprache den Patienten kann von Patienten wie Pfle-
von Art und Schwere
Patienten Sozialdienst über ein der Erkrankung ab. genden als unangenehm erlebt werden.
etwas Problem des Patienten Was der eine Patient Um den negativen Charakter der Durch-
erledigen informieren ohne große Mühe suchung zu mildern, wird sie am besten
bewältigt, kann den mit einer anderen Tätigkeit, zum Bei-
anderen überfordern. spiel dem gemeinsamen Einräumen des
[Fotos: K183] Zimmers, verknüpft.

ten Problemen große Erfahrung haben. lich. Ein Teil der Patienten kommt frei- Erstgespräch
Beispiele sind Telefonseelsorge, Fami- willig zur Aufnahme und fühlt sich Die Dauer des Erstgesprächs orientiert
lienberatung oder Drogenberatung. durch die stationäre Behandlung ent- sich am Zustand des Patienten. Nach-
Eine große Bedeutung in der Versor- lastet. Andere aber kommen unfreiwil- dem die Bezugspflegekraft sich vorge-
gung haben auch Selbsthilfegruppen. lig, manche werden von der Polizei stellt hat, sollte in der Einleitungsphase
Betroffene können sich oft effektiver ge- gebracht. Für viele Patienten bedeutet zunächst eine gute Gesprächsatmo-
genseitig unterstützen, als es professio- die Klinikaufnahme eine Kränkung und sphäre geschaffen werden. Geeignet ist
nellen Helfern gelingt. Das bekannteste erhebliche psychische Belastung. Oft z. B. ein Ausloten gemeinsamer Interes-
Beispiel im psychiatrischen Bereich sind fürchten sie den Verlust persönlicher sen, etwa Fußball. Anschließend wer-
die Anonymen Alkoholiker, eine Selbst- Beziehungen oder des Arbeitsplatzes. den die Probleme aus Sicht des Pa-
hilfegruppe für Alkoholkranke. ( 3) tienten erfasst („Warum sind Sie in die
Wegen der starken seelischen Belas-
Klinik gekommen?“, „Welche Hilfe be-
tung sollten die Pflegenden den Patienten
nötigen Sie?“). Die Gründe für die Kli-
34.1.1 Aufnahme und in der ersten Zeit nach der Aufnahme nicht
nikaufnahme werden ebenso erfragt
allein lassen. Bei notwendigen Gängen in-
Entlassung des Patienten auf nerhalb der Klinik, z. B. zur Verwaltung,
wie die Erwartungen und Ziele des Pa-
psychiatrischen Stationen wird er begleitet.
tienten, seine soziale Situation, frühere
Erkrankungen sowie Krankenhauser-
Aufnahme fahrungen. Außerdem erkundigt sich
Situation des Patienten Erstkontakt die Pflegekraft nach den Ressourcen des
Die Umstände der Aufnahme auf eine Im Idealfall wird der neu angekommene Patienten, nach seinen Stärken und
psychiatrische Station sind unterschied- Patient von seiner Bezugspflegekraft in Hobbys.

1264
34.1 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Da im Arztgespräch viele Informatio- Geht der Patient überraschend, viel- Soziale Fähigkeiten wie Pünktlichkeit
nen noch einmal erfragt werden, ist es leicht sogar gegen ärztlichen Rat, wird und Ordnung
günstig, wenn das Erstgespräch als in- trotz des Zeitmangels versucht, ihn, Gestaltung des „Privatbereiches“
terdisziplinäres Gespräch gemeinsam seine Angehörigen und sein soziales (Nachttisch, Schrank)
von Arzt und Pflegenden geführt wird. Umfeld bestmöglich vorzubereiten, z. B. Integration in die Stations- und Zim-
durch Vermittlung von Adressen des am- mergemeinschaft
Fremdanamnese bulanten sozialpsychiatrischen Diens- Verhalten bei Besuchen
Die Begleiter des Patienten sind eine tes oder durch Angehörigengespräche. Freizeitverhalten und Beschäftigung
wichtige Informationsquelle. Sie wer- Manchen Patienten fällt der Abschied Wirkung und Nebenwirkungen der
den möglichst nur mit Einverständnis vom Krankenhaus schwer. Oft haben sie Arzneimittel.
des Patienten befragt. Angst vor Einsamkeit oder Überforde-
rung außerhalb der Klinik. Ihr Wunsch, Subjektivität der Beobachtungen
Umgang mit der Schweigepflicht im Krankenhaus zu bleiben, ist daher
Die Schweigepflicht gilt gegenüber allen Beobachtungen sind subjektiv. Ob z. B.
verständlich, auch wenn man ihm nicht
Patienten: ein Patient auf eine Pflegekraft einen
nachgeben kann.
Keine Mitteilung der Behandlung. Da unruhigen Eindruck macht oder nicht,
Menschen mit psychischen Erkrankun- Vorsicht: Keine Entlassung zur hängt auch von deren Temperament
gen auch heute noch unter Stigmatisie- falschen Zeit und ihrem momentanen Befinden ab.
rungen leiden, darf auch die Tatsache, Manche Patienten reagieren auf die bevor- Gleichzeitig haben die Beobachtungen
dass sich ein Patient überhaupt in psy- stehende Entlassung mit einer Verschlech- teils große Bedeutung für den Kranken.
chiatrischer Behandlung befindet, nicht terung ihres psychischen Befindens. Pfle- Zunehmende Unruhe kann z. B. als Hin-
ohne seine Erlaubnis bekannt gegeben gende sprechen die Ängste vor der Ent- weis auf eine Zustandsverschlechterung
werden lassung an und erleichtern die Ablösung gewertet werden, sodass der Patient kei-
Keine Gespräche mit Angehörigen ohne von der Klinik. nen Ausgang erhält oder seine Medika-
Erlaubnis des Patienten. Reine Be- Daneben wird der Zustand des Patien- tion verändert wird.
fragungen ohne jede eigene Mitteilung ten sorgfältig beobachtet und der Ent- Die eigene Wahrnehmung wird durch
über den Patienten sind zwar zulässig, lassungszeitpunkt kritisch überprüft, da in verschiedene Faktoren beeinflusst:
wenn der Angehörige weiß, dass der dieser Situation eine erhöhte Suizidgefahr Vorinformationen. Weiß man etwa,
Patient psychiatrisch behandelt wird. bestehen kann. dass der Patient früher einmal sui-
Solche Gespräche können aber in der zidal (entschlossen zur Selbsttötung)
Folge zu Problemen in der therapeuti- gewesen ist, achtet man automatisch
schen Beziehung zum Patienten füh- 34.1.2 Patientenbeobachtung stärker auf neue Hinweise für Suizi-
ren. Sie sollten daher die Ausnahme
bei psychischen Erkrankungen dalität
bleiben Vorurteile. Ein verbreitetes Vorurteil
Keine Auskünfte über Patienten am ist z. B., dass Patienten mit langen
Medizinische und pflegerische Diagnos-

34
Telefon gegenüber Außenstehenden. In Krankheitsverläufen keine Chancen
tik, Therapie- und Pflegeplanung werden
Ausnahmefällen Telefonnummer ge- auf Besserung haben. Man erwartet
in der Psychiatrie stark von den Wahrneh-
ben lassen, mit dem Patienten kontrol- bei solchen Patienten folglich keine
mungen des therapeutischen Teams be-
lieren und selbst zurückrufen, um die Erfolge und bemüht sich nicht im
stimmt. Viele Diagnosen werden aufgrund
Identität des Telefonpartners sicher- gleichen Maß um sie wie um erstmals
von Beobachtungen und Gesprächen ge-
zustellen. Erkrankte. Die fehlenden Therapie-
stellt. Labor- und apparative Diagnostik
dienen v. a. dem Ausschluss organischer fortschritte bestätigen dann das Vor-
Erkrankungen und der Vorbereitung oder urteil
Entlassung Kontrolle medikamentöser Therapien. Kulturelle Besonderheiten. Das Ver-
Die Entlassung wird langfristig vorbe- halten von Menschen aus unbekann-
reitet und die Situation geklärt, die den Die Kommunikation im Team über die ten Kulturkreisen ist unvertraut und
Patienten außerhalb der Klinik erwartet. verschiedenen Beobachtungen ist ein kann leicht missverstanden werden
Zur Belastungserprobung geht der Pa- wesentlicher Schritt, um Subjektivität Geschlechtsspezifisches Rollendenken.
tient mehrfach für Stunden bis Tage zu verringern. Von Frauen wird z. B. erwartet, dass
nach Hause. Oft bietet sich dafür das Schwerpunkte der Patientenbeobach- sie sich hingebungsvoll um ihre Kin-
Wochenende an, da der Patient dann tung (➔ 12.1.1) in der Psychiatrie sind: der kümmern. Tun sie es nicht, fällt
keine Therapien verpasst. Nach ent- Aufgeschlossenheit, Gesprächsbe- dies auf. Bei Männern wird dem nicht
sprechender Vorbereitung erledigt der reitschaft, Ansprechbarkeit im gleichen Maße Beachtung ge-
Patient gezielt Alltagsaufgaben, z. B. Auffällige Vorstellungen (z. B. Äuße- schenkt, sodass eine schwere Bezie-
Einkaufen. Bei chronischen oder rezi- rung über Stimmenhören), auffälliges hungsstörung eventuell übersehen
divierenden Erkrankungen ist die Orga- Verhalten, suizidale Tendenzen wird
nisation der ambulanten Therapie (ein- Denkstörungen, Konzentrationsver- Gewöhnung. Die Pflegenden in der
schließlich der Sicherstellung der Me- mögen Psychiatrie haben sich an die Neben-
dikamenteneinnahme) von besonderer Mimik, Gestik, Sprache und Körper- wirkungen der Arzneimittel „ge-
Bedeutung. Neben der weiteren ärzt- haltung wöhnt“, z. B. an die Müdigkeit bei
lichen, pflegerischen oder psychothe- Körperpflege und Kleidung Antidepressiva. Im Normbereich lie-
rapeutischen Betreuung werden ggf. Stimmungsschwankungen im Tages- gende Nebenwirkungen werden von
Kontakte zu Beratungsstellen, Patien- verlauf, Aggression den Pflegenden daher als unbedeu-
tenclubs oder Selbsthilfegruppen vor- Umgang mit der Erkrankung, Krank- tend eingestuft, Patienten und Ange-
bereitet. heitseinsicht hörigen aber erschrecken sie

1265
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Eigene Wünsche und Bedürfnisse. So tienten oder Krankheitsverschlechte-


will man oft bei Patienten, für die rungen hervorrufen.
man sich sehr eingesetzt hat, keine Versuche der Pflegenden oder der
Verschlechterungen wahrnehmen. Ärzte, Angehörige, Partner oder Eltern
Hinzu kommt, dass die Pflegenden zu ersetzen, haben auf Dauer keinen Er-
nicht „von außen“ beobachten, sondern folg. Therapeutische und private Bezie-
selbst Teil der beobachteten Situation hungen müssen auseinander gehalten
sind (➔ 12.1.1). So gilt ein Patient mög- werden; eine therapeutische Beziehung
licherweise als „grundlos aggressiv“, tat- schließt eine Liebesbeziehung aus.
sächlich hat er sich aber über den un- Bei psychisch Kranken ist es besonders
freundlichen Ton der Pflegekraft ge- schwer, das richtige Maß zwischen zu viel
ärgert. Abb. 34.3: Tägliche Teambesprechungen und zu wenig Zuwendung zu finden. Bei-
helfen, aus den Einzelbeobachtungen ein
Beobachtungen sind zum größten Teil des kann dem Patienten schaden.
möglichst vollständiges Bild des Patienten zu
nicht messbar, sondern subjektiv. Der formen. Erlebt z. B. ein Teammitglied einen
Einzelne nimmt immer nur einen Teil der Patienten als freundlich, ein anderes aber als
Wirklichkeit wahr. respektlos, kann dies an unterschiedlichem Gespräche im Beziehungsaufbau
Verhalten gegenüber den Geschlechtern oder Gespräche stehen im Mittelpunkt des
Berufsgruppen liegen. [O408] Beziehungsaufbaus und der weiteren
Umgang mit Subjektivität Behandlung. Der Gesprächsführende
Um der Subjektivität von Patientenbe- orientiert sich am Befinden des Pa-
obachtungen entgegenzuwirken, wer- Begleitung – werden nicht als Zwang tienten, er berücksichtigt z. B. Kon-
den die Beobachtungen der einzelnen erlebt, sondern als Ausdruck von Sorge zentrations- und Denkstörungen.
Mitarbeiter reflektiert und mit den Be- um ihre Sicherheit. Die Patienten er- Die Gesprächsgestaltung beginnt mit
obachtungen der Kollegen verglichen. fahren, dass die Pflegenden an ihrem dem Schaffen einer für das Gespräch
Berufsgruppenübergreifende Teambe- Schicksal Anteil nehmen und bereit günstigen Umgebung. Die Pflegenden
sprechungen und Übergaben nehmen sind, für sie vorübergehend Verantwor- sollten sich hinsetzen und ohne Zeit-
darum in der Psychiatrie breiten Raum tung zu übernehmen. Sie erleben auch, druck auf ihr Gegenüber einlassen. Sie
ein. Gemeinsam werden die Beobach- dass ihnen die Verantwortung flexibel legen die Gesprächsdauer zu Beginn
tungen zu einem vollständigeren Bild zurückgegeben wird, wenn sich ihr Be- fest. Das schafft Klarheit, hilft dem Pa-
des Patienten geformt. Auch die Inter- finden gebessert hat. tienten bei der Tagesplanung und ver-
pretation der Beobachtungen wird am hindert unproduktive Endlosgespräche.
besten gemeinsam geleistet. Schwierig: „Grenzziehung“ Störungen während dieser Zeit sind zu
Wie in allen Beziehungen geht es auch vermeiden.
in der psychiatrischen Pflege darum, die Auch wenn die Pflegekraft bestimmte
34.1.3 Beziehungsaufbau
34
angemessene Nähe und Distanz zu Erwartungen an das Gespräch hat, z. B.
Basis jeder Behandlung: der finden. Dies gilt sowohl auf der psy- Informationen für das Pflegeassess-
Beziehungsaufbau chischen Ebene (z. B. bei zu intimen ment zu erheben, sollte der Patient die
und persönlichen Gesprächsthemen) Möglichkeit erhalten, den Inhalt des
Der Aufbau einer tragfähigen Beziehung als auch auf der physischen (Berührun- Gesprächs mitzubestimmen und auch
zum Patienten ist der erste Schritt zur Hei- gen sind nicht immer gewünscht und über das zu sprechen, was ihn im
lung. können Ängste hervorrufen). Moment bewegt. Der Patient sollte
Auch für Gesunde ist es schwierig, die auch erleben, dass er selbst frei ent-
Der Beziehungsaufbau zum Patienten Grenzen des eigenen (Verantwortungs-) scheiden kann, was er über sich mit-
ist der zentrale Aspekt in der Pflege Bereichs zu finden und entsprechende teilen möchte.
psychisch Kranker. Er wird erschwert Grenzen bei anderen zu akzeptieren. Im Gespräch beachten Pflegende
durch die Einschränkung der sozialen Viele Menschen haben z. B. Mühe zu nicht nur die verbale, sondern auch die
Beziehungsfähigkeit, die mit manchen verstehen, dass gut gemeinte Ratschlä- nonverbale Kommunikation. Emotio-
psychiatrischen Erkrankungen verbun- ge als Bevormundung erlebt werden nen werden oft durch Gesten oder den
den ist. Die (notwendigen) Aufsichts- und Abwehrreaktionen hervorrufen. Gesichtsausdruck mitgeteilt.
und Kontrollfunktionen der Pflegenden Psychisch Kranke haben mit ihrem Es kann helfen, dem Gesprächspart-
können die Beziehung ebenfalls belas- Erleben von Nähe und Distanz mögli- ner seine Aussagen zurückzugeben (Pa-
ten. cherweise größere Probleme als Gesun- raphrasieren ➔ 6.4.2). Auf diese Weise
Ziele der Beziehungsgestaltung sind: de. Oft fühlen sie sich bedroht, wenn ein fühlt sich der Patient ernst genommen
Der Patient kann die Möglichkeiten gesunder Mensch noch gar keine An- („Sie haben also heute Nacht kaum ge-
der Klinik nutzen zeichen für eine Bedrohung erkennt. schlafen“). Manchmal sind Nachfragen
Er fühlt sich sicher und angenommen Pflegende dürfen ihre eigenen Vorstel- zur Klärung nötig. („Habe ich Sie richtig
Er hat wenig oder keine Angst vor der lungen von angemessenen Grenzen verstanden, dass Sie sich in der Koch-
Behandlung nicht auf die Patienten übertragen, son- gruppe überfordert gefühlt haben?“
Er arbeitet aktiv mit. dern müssen versuchen, die der Patien- ➔ Gesprächsführung, 6.4.1).
In einer guten Pflegebeziehung können ten wahrzunehmen und zu respektie-
Patienten über das reden, was sie be- ren. Anderenfalls treten sie den Kranken Keine fertigen Lösungen präsentieren
sonders beschäftigt. Sie fühlen sich eventuell zu nahe. Solche Grenzüber- Ein häufiger Fehler der Gesprächsfüh-
wertgeschätzt und positiv unterstützt. schreitungen können scheinbar uner- rung besteht darin, dass der Gesprächs-
Einschränkungen – z. B. Ausgang nur in klärliche (Abwehr-)Reaktionen des Pa- führende vorschnell eine Lösung für die

1266
34.1 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Probleme des Patienten vorschlägt. Ei- und einer Suizidgefahr sein können.
nerseits wirken Ratschläge – seien sie In einem solchen Fall darf man den
auch noch so gut gemeint – respektlos. Patienten keinesfalls „gehen lassen“.
Oft hat der Patient offensichtliche Lö- Nur wenn sich der Gesprächsführen-
sungsansätze bereits probiert und sie de sicher ist, dass eine solche Situa-
nicht als hilfreich empfunden. Sinnvoll tion nicht vorliegt, kann er den Ab-
ist dagegen, sich ein Problem ganz bruch tolerieren. Auf jeden Fall sollte
genau erklären zu lassen. Der Patient der Gesprächsführende die Gründe
kann dabei eventuell selbst neue Seiten für den Abbruch reflektieren. Even-
daran entdecken. Außerdem erkennen tuell war das Gespräch zu belastend Abb. 34.4: Der psychisch Kranke braucht einen
Pflegende, ob dem Patienten Informa- oder zu lang. Möglicherweise ist der verlässlichen Partner. Daher ist die Bezugs-
pflege als Pflegesystem besonders geeignet.
tionen fehlen, die ihm neue Lösungs- Pflegende dem Patienten auch zu na-
[K183]
ansätze ermöglichen könnten, und kön- he getreten.
nen dem Patienten dann gezielt helfen,
Notfall: Suizidankündigung
diese Informationen zu erhalten.
Kündigt der Patient im Gespräch an, er Daten bei Dritten – Angehörigen, Ar-
Der Gesprächsführende sollte nicht für überlege sich selbst zu töten, wird dies im- beitgebern oder Mitarbeitern anderer
den anderen suchen, sondern ihn dabei un- mer ans Team weitergegeben, auch wenn Berufsgruppen – erhoben.
terstützen, selbst zu suchen. die Pflegekraft glaubt, die Situation allein Pflegende können auf zahlreiche As-
„im Griff“ zu haben (➔ auch 34.16)! sessment-Instrumente zurückgreifen,
z. B. Fragebögen zum Umgang mit Al-
Konfrontation im Gespräch kohol oder zur Suizidgefährdung. Diese
Bezugspflege
Manchmal muss der Patient mit sei- standardisierten Erhebungen verringern
nen – von ihm selbst nicht immer wahr- Bezugspflege und Primary Nursing die Gefahr, dass die Qualität der Infor-
genommenen – Einschränkungen, De- ➔ 3.4.3
mationsgewinnung durch eine subjek-
fiziten oder mit problematischem Ver- Viele Patienten in der Psychiatrie haben tive Verzerrung leidet.
halten konfrontiert werden. Auch im Schwierigkeiten, sich im Verlauf des Ta-
Konfliktgespräch sollte der Patient die ges auf wechselnde Bezugspersonen Pflegediagnosen
Wertschätzung seines Gesprächspart- einzustellen und zu ihnen eine Bezie- Erst durch die Zusammenarbeit von
ners spüren und sich nicht persönlich hung aufzubauen: Sie brauchen einen Pflegenden, Ärzten und Patienten ent-
angegriffen fühlen. Vorwürfe sind nicht verlässlichen Partner. Daher gilt die Be- steht ein umfassendes Bild von der Situ-
nur prinzipiell der Situation des Patien- zugspflege als besonders geeignetes ation eines Betroffenen. Dabei sind oft
ten unangemessen, sondern auch unge- Pflegesystem. Der Patient findet in der die gleichen Phänomene (➔ Diagnose)
eignet, Konflikte zu lösen. Bezugspflegekraft eine Vertrauensper- Grundlage für medizinische und pflege-
son, der er sich leichter öffnen und Pro- rische Diagnostik. Möchte ein Patient
Probleme während des Gesprächs bleme offenbaren kann. Außerdem hilft
34
z. B. nicht mehr essen, weil er Stimmen
Einige Probleme treten immer wieder diese Organisationsform, zurückhalten- hört, die ihm mitteilen, dass sein Essen
auf: de, ängstliche oder fast gesunde Pa- vergiftet sei, ist dies für den Arzt ein
Der Patient möchte oder kann nicht tienten im Stationsalltag angemessen Hinweis auf das Vorliegen einer para-
sprechen. Falls der Patient es zulässt, zu berücksichtigen. noid-halluzinatorischen Schizophrenie.
bleiben Patient und Gesprächspart- Pflegende können nicht zu allen Pa- Mögliche Pflegediagnosen in dieser
ner still zusammen. Damit die Span- tienten der Station eine für die Behand- Situation sind u. a. Risiko der Mangeler-
nung nicht unerträglich wird, werden lung ausreichend intensive Beziehung nährung, Risiko der Austrocknung oder
solche Kontakte in der Regel kurz aufbauen. Es hat sich außerdem gezeigt, Suizidgefahr. Die Diagnosen werden
gehalten. Eventuell ist eine gemein- dass Pflegende im persönlichen „Be- mit dem Patienten besprochen, wenn es
same Tätigkeit für den Patienten hilf- zug“ ihren Blick weniger auf die Sym- sein Zustand erlaubt. Seine Sicht auf die
reicher ptome (defizitorientierte Sichtweise) und Probleme ist einzubeziehen.
Der Patient weint. Der Gesprächs- mehr auf die Stärken des Patienten rich-
partner bietet dem Patienten Ta- ten als bei funktionsorientierten Pfle- Pflegeplanung
schentücher an, um ihm die Demüti- gesystemen. Die Betonung der Stärken Die Pflegeplanung ist ein Prozess, bei
gung einer laufenden Nase zu erspa- und der gesunden Anteile des Patienten dem das gesamte Behandlungsteam
ren. Er bleibt bei ihm und signalisiert ist erfolgversprechender als die Konzen- zusammenarbeitet. Die Ziele sollten auf
so, dass Weinen eine erlaubte und tration auf Symptome und Defizite. den Pflegediagnosen aufbauen, kon-
angemessene Form ist, Gefühle aus- kret, realistisch und im Zeitraum der
zudrücken Pflegeprozess in der Psychiatrie Behandlung erreichbar sein. Townsend
Der Patient wünscht oder fordert, ein Pflegeprozess ➔ Kap. 11 unterscheidet Nah- und Fernziele, wo-
Geheimnis zu wahren. Die Pflegekraft bei die Fernziele meist den Entlassungs-
teilt mit, dass ein Geheimnis weiter- Pflegeassessment zielen entsprechen ( 6). Die Ziele der
gegeben werden muss, falls es für die Das Pflegeassessment berücksichtigt Pflegeplanung werden ebenso wie die
Gesundheit oder Sicherheit des Pa- neben den im Gespräch mit dem Pa- geplanten Interventionen mit dem Pa-
tienten oder Anderer relevant ist tienten und durch die Beobachtung ge- tienten und nach Möglichkeit auch mit
Der Patient bricht das Gespräch ab. wonnenen Informationen auch die Er- den Angehörigen gemeinsam ausge-
Gesprächsabbruch und Verlassen des gebnisse psychologischer Abklärungen handelt. Ohne eine ausreichende Mo-
Raumes sind problematisch, da sie oder Angaben zur Vorgeschichte des Pa- tivation des Patienten lassen sich viele
Ausdruck eines beginnenden Notfalls tienten. Nach Möglichkeit werden auch Ziele der Pflegeplanung nicht erreichen.

1267
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Empfehlenswert ist die Vermittlung


von Angehörigengruppen. Dort tau-
schen Angehörige Erfahrungen aus, ler-
nen durch die Erfahrung der anderen
und erleben, dass sie mit ihrem Schick-
Abb. 34.5: Eine ge- sal nicht allein sind. Manchmal erfolgt
meinsam diskutierte dabei auch eine Schulung durch Fach-
Pflegeplanung gibt leute.
dem psychisch Kran- Auf eine stärkere Trennung von Pa-
ken Sicherheit und tienten und Angehörigen wird nur hin-
gewährleistet, dass gearbeitet, wenn diese für den Patien-
der Kranke sich und
ten eine starke Belastung sind, etwa
seine Probleme in der
Planung abgebildet
weil sie selbst psychisch krank sind.
sieht. [K183] Unerlässlich ist eine Kontaktunterbin-
dung allerdings, falls die Störung des
Patienten z. B. eine Folge physischer
Es ist leicht nachzuvollziehen, dass Lebensplanung der gesamten Familie.
oder sexueller Gewalt durch Angehörige
ein Patient eher bereit ist, Ziele zu ver- Solche Entwicklungen führen oft zu
ist.
folgen, die für ihn persönlich bedeut- finanzieller Not und sozialem Abstieg.
sam sind. Drohungen, also die An- Familien psychisch Kranker sind dane-
kündigung negativer Konsequenzen, ben oft Opfer von Schuldzuweisungen 34.1.5 Milieugestaltung
fördern die Motivation nicht. Ein Pa- („Bei der Mutter wäre ich auch krank“ Ein weiterer Schwerpunkt in der Pflege
tient wird z. B. bei einem Trainingspro- oder „Sie haben ihn in die Klapse ab- psychisch Kranker ist die Milieugestal-
gramm zur zuverlässigen Medikamen- geschoben“). In dieser Situation sind tung. Darunter versteht man die Ge-
teneinnahme eher mitarbeiten, wenn er Trauer, Schuldgefühle und Wut bei An- staltung der Umgebungs- und Betreu-
überzeugt ist, dass es ihm hilft, gesünder gehörigen nicht selten. ungsfaktoren wie Räumlichkeiten, Sta-
und leistungsfähiger zu bleiben. Wurde Dass viele auch schwerer psychisch tionsregeln und -strukturen und den
er dagegen zur Teilnahme gedrängt, in- kranke Menschen heute zu Hause leben zwischenmenschlichen Umgang.
dem man versuchte, seine Angst vor und nicht mehr in Wohnheimen oder Im Krankenhaus sollten die Patienten
Rezidiven zu steigern, wird er höchst- Langzeitabteilungen untergebracht wer- ein Klima vorfinden, das es ihnen er-
wahrscheinlich wenig von der Maß- den, ist nur möglich, weil Angehörige leichtert, sich auf die Behandlung ein-
nahme profitieren. häufig den Hauptteil der Betreuung zulassen, ihre Gesundung fördert und
übernehmen. Überforderung pflegen- den Erhalt oder Erwerb von Selbststän-
der Angehöriger kann entsprechend digkeit ermöglicht.
34.1.4 Umgang mit zu stationärer Wiederaufnahme führen. Dabei sind für verschiedene Patien-
Angehörigen
34
( 7) tengruppen unterschiedliche Milieus
Nicht nur für den Patienten, sondern Ziel der Begegnung zwischen Ange- hilfreich. In Notfall- und Krisensituatio-
auch für seine Angehörigen bricht mit hörigen, Patienten und Pflegepersonal nen sollte der therapeutische Rahmen
der psychischen Ersterkrankung oft der psychiatrischen Klinik ist der Auf- klar strukturierend, ruhig und entlas-
eine Welt zusammen. Der Aufnahme bau eines Arbeitsbündnisses. Die An- tend sein, die notwendige Kontrolle
des Patienten auf eine psychiatrische gehörigen sollten von Anfang an in die nimmt größeren Stellenwert ein. Auf
Station ist häufig eine lange Leidenszeit Behandlung einbezogen sein. Oft müs- Rehabilitationsstationen sollten Patien-
vorangegangen. Manchmal mussten die sen zu Beginn Schuld- oder Versagens- ten dagegen zu stärkerer Aktivität ani-
Angehörigen die Einweisung zur sta- gefühle bearbeitet werden. Es hilft den miert werden und Mitverantwortung
tionären Behandlung gegen den Willen Angehörigen, wenn die Pflegenden be- für Entscheidungen übernehmen. Bei
des Patienten durchsetzen. stätigen können, dass z. B. die Entschei- psychisch schwer Behinderten oder
Möglicherweise verändert die psychi- dung zur stationären Behandlung aus geistig Behinderten steht die fürsorg-
sche Erkrankung eines Menschen die fachlicher Sicht richtig war. Verände- liche Betreuung im Vordergrund.
rungen im familiären Umfeld sind eher Allgemein gilt, dass die Stationen hell
möglich, wenn die Angehörigen Wert- und freundlich eingerichtet, ein wert-
schätzung für ihre Leistungen erfahren. schätzender Umgangston gepflegt und
Manchmal haben die Angehörigen er- die Patienten in das Stationsleben ein-
hebliche Wissenslücken, selbst wenn bezogen werden sollten. Wochenpläne
die Erkrankung schon lange bestanden unterstützen die zeitliche Strukturie-
hat. Dies kann ein Grund für unwirk- rung, Gruppenaktivitäten und Stations-
sames familiäres Coping sein. Bei Ein- versammlungen dienen der Förderung
verständnis des Patienten (Schweige- des sozialen Miteinanders und ermög-
pflicht ➔ auch 34.1.1) erhalten Angehö- lichen den Patienten, ihre Umgebung
rige Informationen über die Erkrankung aktiv mit zu gestalten.
und Unterstützungsmöglichkeiten. Das therapeutische Milieu wird im
Besondere Sorgfalt erfordert die ge- Rahmen der Pflegeplanung individuell
Abb. 34.6: Während Freundschaften und Part- meinsame Vorbereitung der Entlassung, an die Bedürfnisse und das Krankheits-
nerschaften eines psychisch (Schwer-)Kranken da Angehörige oft eine bedeutende Rol- bild des Patienten angepasst: Wohnen
nicht selten langsam zerbröckeln, halten die le bei der Wiedereingliederung des Pa- (Gestaltung des Patientenzimmers, mög-
Eltern die Verbindung oft aufrecht. [K183] tienten übernehmen. lichst weitgehende Selbstversorgung), Ta-

1268
34.1 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

gesstrukturierung (persönliche Tages- 34.1.7 Sozialarbeit


pläne, Stationsuhren), Teilnahme am
Die soziale Situation psychisch Kranker
Tagesgeschehen (Tageszeitungen, Nach-
ist oft problematisch. Besonders häufig
richtensendungen, Kalender), Arbeiten
sind Probleme mit den Finanzen, mit
(Einbeziehen in häusliche Tätigkeiten,
dem Wohnsitz oder mit dem Arbeits-
Stationsdienst, Arbeitstherapie), Freizeit-
platz. Gelegentlich ist die Planung
gestaltung (Ermöglichen von gewohn-
komplexer Rehabilitationsmaßnahmen
ten Freizeitaktivitäten) und Behandlung
erforderlich. In diesen Situationen wird
(selbstständiges Durchführen von The-
Abb. 34.7: Organisierte Spaziergänge dienen der Sozialdienst möglichst frühzeitig
rapien, Einbeziehen von Therapiewün-
nicht nur der Beschäftigung der Patienten, hinzugezogen.
schen des Patienten).
sondern stärken auch Kommunikationsfähig-
Je mehr sich das Milieu im Kranken-
keiten und das soziale Verhalten. [J751-054]
haus an der Realität orientiert, desto 34.1.8 Weitere Therapie-
eher finden sich auch langzeitig sta-
tionär behandelte Patienten außerhalb
formen
mit anderen behindert. Solche Patien-
der Einrichtung zurecht und gewinnen Bewegungstherapie, Sportgruppen und
ten werden bei ihrer persönlichen
die Fähigkeit, sich selbstständig zu ver- Physiotherapie unterstützen die Be-
Hygiene unterstützt – auch wenn es
sorgen. handlung zahlreicher körperlicher Be-
für sie unangenehm sein mag, wenn
schwerden, z. B. von Kreislaufproble-
sie z. B. auf ihren Körpergeruch ange-
men, Schwächegefühlen, Antriebsarmut
34.1.6 Alltagsbewältigung, sprochen werden
oder medikamentös bedingter Steifheit.
Die Fähigkeit, selbstständig zu woh-
Beschäftigungs- und lebens- nen, wird in Koch- oder Backgrup-
Daneben werden Körperwahrnehmung
praktisches Training pen, beim gemeinsamen Richten
und Selbstvertrauen gefördert. Mögli-
cherweise hat Ausdauertraining einen
Fast alle akut psychisch Erkrankten be- der Betten, Aufräumen der Zimmer
eigenständigen Effekt bei depressiven
nötigen Hilfe bei der Alltagsbewälti- oder Waschen der Wäsche erarbeitet
Verstimmungen.
gung. Sie müssen langsam (wieder) an (Haushaltstraining)
Oft bieten Pflegende auf der Station
ihren gewohnten Alltag herangeführt Oft müssen Patienten nach einer
auch Entspannungs- und Konzentra-
werden und lebenspraktische Dinge schweren Erkrankung neu lernen, al-
tionsübungen an.
(wieder) erlernen. lein einkaufen zu gehen oder öffent-
Da die Probleme der Patienten je liche Verkehrsmittel zu benutzen. Da-
nach Krankheitsart und -schwere sehr bei ist am Anfang die Begleitung
unterschiedlich sind, wird für jeden Pa- durch die Bezugsperson sinnvoll
tienten bei der Pflegeplanung ein indi- Gemeinsames Zeitungslesen fördert
viduelles Konzept zur Förderung seiner die Konzentration und den Kontakt

34
Selbstständigkeit entwickelt. Was der zur Außenwelt.
eine Patient ohne Mühe bewältigt, kann Zur Alltagsbewältigung gehören im
für einen anderen zu viel sein. So kann weiteren Sinne auch die Beschäftigungs-
eine schwer depressive, antriebslose Pa- und Arbeitstherapie. In der Arbeitsthera-
tientin durch die Anforderung, pünkt- pie werden besonders Leistungsvermö-
lich zum Essen zu erscheinen, über- gen und Eigenverantwortung trainiert. Abb. 34.8: Bewegung unterstützt die Behand-
fordert sein. Manche Patienten sind auf Die Bedingungen sollten möglichst rea- lung zahlreicher Beschwerden. Hier eine Drei-
einigen Gebieten selbstständig, auf an- listisch sein. Dazu gehören festgelegte ergruppe bei leichtem Krafttraining. [J751-046]
deren dagegen (noch) sehr hilfsbedürf- Arbeitszeiten und -pausen, Leistungs-
tig. Daher gibt es in größeren psychiat- kontrollen und die Übernahme auch
rischen Kliniken Abstufungen zwischen unangenehmer Aufgaben, ebenso der 34.1.9 Die Pflegenden in der
den Stationen, den Wohngruppen in- Einsatz von Computern und die finan-
nerhalb des Geländes und den teilsta- zielle Entlohnung der Patienten.
Psychiatrie
tionären Einrichtungen. Supervision ➔ 8.4.1
Es ist am sinnvollsten, nach den Stär- Auch wenn ein Patient aufgrund seiner In der Psychiatrie sind die Pflegenden
ken und Ressourcen (➔ 11.3) des Patien- Erkrankung nicht ins Berufsleben zurück- nicht nur als fachlich qualifiziertes Per-
ten zu suchen und diese systematisch kehren kann, ist eine sinnstiftende Be- sonal gefragt und gefordert, sondern
zu fördern. Der „defizitorientierte“ Blick schäftigung und Tagesgestaltung notwen- auch als Menschen und Persönlich-
auf die Krankheitssymptome ist wenig dig. Sinnstiftende Arbeiten können z. B. keiten.
nutzbringend. auch die Sorge um ein Haustier, Aufgaben Vorlieben und Interessen der Pfle-
Die Hilfsbedürftigkeit kann sich auf innerhalb von Tagesstätten oder Mitarbeit genden sind wichtige Bestandteile in
in Selbsthilfeorganisationen, Kirchenge-
alle Bereiche des Alltags erstrecken: der Beziehung zum Patienten. Wer gern
meinden oder Vereinen sein.
Voraussetzung zur Teilnahme am spielt, kann andere dazu motivieren,
„normalen Leben“ ist ein sinnvoller und wer sich für Fußball interessiert,
Tagesablauf. Pünktliches Aufstehen Vorsicht bei der Zuweisung von weiß, wer am Wochenende gewonnen
und regelmäßige Teilnahme an Ter- Verantwortung hat.
minen sind notwendig und werden Selbstverantwortung ist das Ziel und nicht Die gemeinsame Arbeit auf einer Sta-
trainiert die Voraussetzung der Behandlung. Zu frü- tion kann nur gelingen, wenn alle Mit-
Ungepflegte Menschen wirken absto- he Zuschreibung von Verantwortung kann arbeiter zu Selbsterkenntnis und Refle-
ßend und sind dadurch im Kontakt den Patienten überfordern. xion bereit sind. Angst, Enttäuschung,

1269
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

eine professionelle Beziehung zu ihm 34. 1. 10 Gewalt in der


aufzubauen.
Psychiatrie
Die Anforderung, nicht nur die Patien- Vor allem auf geschlossenen Stationen
ten, sondern auch sich selbst zu beobach- kann es zu Gewalt kommen. Dies ist
ten, kann zur großen Belastung werden. nicht ausschließlich auf die Erkrankung
Plötzlich sieht man überall nur noch per- des Patienten zurückzuführen. Auch der
sönliche Fehler und Schwächen. Wichtig Umstand, nicht frei über den eigenen
ist, auch bei sich selbst nach Stärken zu Aufenthaltsort bestimmen zu können,
suchen! birgt Konfliktpotenzial.

Aggression
Angst in der Psychiatrie
Psychisch Kranke lösen bei vielen Men- Aggression: Angriffsverhalten gegen
schen Unverständnis, Wut oder Distan- Dinge, andere Menschen oder die eigene
ziertheit aus. Das Rätselhafte der Er- Person (Autoaggression).
krankung kann zur diffusen Angstquelle
werden. Auch Pflegende sind gegen Aggressionen treten in allen zwischen-
diese Gefühle nicht immun. menschlichen Beziehungen auf. Auslö-
Abb. 34.9: Es hilft, Kollegen und Freunden ser in der Psychiatrie können sein:
Dazu kommen die in der Psychiatrie
die Erlebnisse und Gefühle aus dem Beruf Frustrationen, z. B. Änderung der
mitzuteilen. Dabei muss die Schweigepflicht
nicht immer vermeidbaren, oft auch
durch die Unterbringungssituation be- Ausgangsregelung
beachtet werden. [V225]
gründeten, verbalen und körperlichen Zwang, z. B. die vom Patienten ver-
Auseinandersetzungen. Diese Belas- weigerte und trotzdem durchgeführte
Mitleid, Hoffnungslosigkeit, Freude und Injektion
tung löst bei vielen Betroffenen Ängste
andere Gefühle sind nicht nur Begleiter Mangel an Zuwendung und Auf-
aus.
der Patienten, sondern auch aller pro- merksamkeit, die der Patient durch
Angstquelle sind aber nicht nur die
fessionellen Helfer. Sie haben ihre Be- aggressives Verhalten erlangen möch-
Patienten. Angst macht auch das Ge-
rechtigung, können aber die Beob- te (negative Kontaktaufnahme)
fühl, nicht ausreichend kompetent zu
achtung trüben und Fehlentscheidun- Bestrebungen des Patienten, unbe-
sein oder den Anforderungen nicht
gen auslösen. Persönliche Unsicherheit dingt seine Wünsche durchzusetzen
gerecht werden zu können. Besonders
kann zu mangelnder Verantwortungs- Krankheitsbedingte Erregungszu-
zu Beginn ihrer Tätigkeit haben viele
bereitschaft führen. Die Verantwortung stände, Verlust der Impulskontrolle
Mitarbeiter das Gefühl, selbst auf dem
wird dann dem – vielleicht überforder- Angst, z. B. wenn sich der Patient im
Prüfstand zu stehen und unter Druck zu
ten – Patienten übertragen. Wahn vom Personal bedroht fühlt.
geraten. Im Idealfall sollte man sich im

34 Die Pflegenden in der Psychiatrie müs-


sen immer wieder versuchen, sich über die
Team sicher fühlen und dort über seine
Ängste sprechen können. Offene Kom-
Angst fördert Aggression und Aggres-
sion fördert Angst: Es entsteht ein Teufels-
eigenen Anteile bei der Wahrnehmung und munikation und praktische Anleitung kreis, der in (offener) Gewalt gipfeln kann.
in den Beziehungen klar zu werden. erfahrener Teamkollegen erweitert Gewalttätige Patienten haben oft selbst
nicht nur die pflegerischen Kompeten- Angst vor ihren aggressiven Impulsen und
zen, sondern hilft auch, mit Versagens- suchen Hilfe.
Übertragung und ängsten umzugehen.
Gegenübertragung Pflege von aggressiven Patienten
Rollenvielfalt
Übertragung: Gefühle und Erwartungen Aggressiven Patienten, die evtl. sogar
Psychiatrisch Pflegende übernehmen ihre Mitpatienten unter Druck setzen,
aus der Kindheit, die ein Mensch auf
je nach Situation verschiedene Funk- werden deutliche Grenzen aufgezeigt.
gegenwärtige soziale Beziehungen über-
tionen, die unterschiedlich belastend Aggression als ein für den Patienten
trägt.
erlebt werden. Neben den Funktionen als normal geltendes Verhaltensmuster
Gegenübertragung: Gefühle, mit denen
der Beraterin oder Helferin gibt es nach kann nicht geduldet werden. Gleichzei-
ein Mensch auf eine Übertragung antwor-
tet. Dorothea Sauter verschiedene unbe- tig wird nach den Ursachen der Aggres-
liebte Rollen, u. a.: sion gesucht. Neben klaren Verhaltens-
Das Begriffspaar der Übertragung und Kontrolleur (z. B. Abnahme eines regeln werden dem Patienten Möglich-
Gegenübertragung stammt aus der Drogenurins) keiten zum Aggressionsabbau und zum
Psychoanalyse (➔ 34.4.3) und beschreibt Spielverderberin (z. B. Vereitelung ei- Rückzug angeboten. Gut geeignet zum
zunächst alltägliche Phänomene. Span- nes Intrigenspiels) Abbau von Spannungszuständen ist vor
nungen und Probleme entstehen, wenn Aufpasserin (z. B. Überwachung der allem körperliche Bewegung.
die übertragenen Gefühle der aktuellen Ausgangsregelungen) Im Umgang mit sehr gereizten Pa-
Situation nicht angemessen sind und Mahnerin (z. B. Androhung von Maß- tienten denken die Teammitglieder da-
nicht angepasst werden können. nahmen) ran, dass die Patienten mental einge-
Beispiel: Eine Pflegende wird durch Gerichtsvollstrecker (z. B. Durchfüh- engt sind und ihre Umwelt nur begrenzt
einen Patienten stark an ihren älteren, rung von Zwangsmaßnahmen). ( 8) wahrnehmen. Beleidigungen und Dro-
verabscheuten Bruder erinnert. Sie Es ist wichtig, seine jeweiligen Rollen hungen sollten nicht persönlich ge-
empfindet ihn als schwierig, verwöhnt zu verstehen und flexibel zu wechseln, nommen werden. Die Sprache muss
und unkooperativ. Es gelingt ihr nicht, wenn sich die Situation verändert. klar und deutlich sein.

1270
34.1 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Die Rolle der Krankheit, aber auch sein arbeit gelegt. Gerade deshalb muss
Bei Gefahr: Keine Konfrontation, son-
dern Beruhigung und „talking down“. Verhalten in der Krankheit, wird re- man im Zwang respektvoll mit den Pa-
flektiert. Mit dem Patienten wird über- tienten umgehen. Auch dem scheinbar
Drohen Gewalttätigkeiten, schicken die legt, durch welche Maßnahmen Ag- nicht zugänglichen Patienten wird jede
Pflegenden die Mitpatienten in ihre gressionsausbrüche künftig abgewen- Maßnahme erklärt. Zwang darf nicht in
Zimmer, benachrichtigen den Arzt und det werden können. Brutalität ausarten. Patienten sind sehr
holen ausreichend Unterstützung. sensibel für Unterschiede im Vorgehen
Sichtbare Übermacht verhindert oft tat- Umgang mit Zwang und Fürsorge der Pflegenden. Beispiel: Eine Patientin
sächliche Gewalt. Falls die Pflegenden Die Psychiatrie ist nicht nur ein Teil des erzählt weinend, dass sie während einer
ohne zusätzliche Unterstützung selbst medizinischen Versorgungssystems, sie Fixierung eingenässt habe, weil ihr nie-
gefährdet sind, z. B. wenn der Patient ist auch ein Teil staatlicher Gewalt. Bei- mand ein Steckbecken gebracht habe.
eine Waffe hat, wird die Polizei gerufen. spiele sind der Maßregelvollzug (ge- Sie fühlt sich dadurch – nicht durch die
Derjenige, der den besten Kontakt zum sicherte Unterbringung und Behand- Fixierung selbst – gedemütigt und will
Patienten hat, versucht, ihn zu beruhi- lung psychisch kranker Straftäter), der auf dieser Station nicht mehr behandelt
gen, dabei vermeidet er jede Konfron- gerichtlich angeordnete Drogenentzug werden.
tation. In dieser Phase wahren alle Hel- (als Alternative zur Gefängnisstrafe), Grundsätzlich gilt, dass Zwangsmaß-
fer Sicherheitsdistanz, einerseits, um aber auch die Behandlung psychisch nahmen immer die letzten Mittel sind, die
sich zu schützen, andererseits, damit Kranker gegen ihren Willen auf ge- angewendet werden dürfen. Auch wenn es
sich der Patient nicht in die Enge ge- schlossenen Stationen. in der Psychiatrie zu Situationen kommen
trieben fühlt. kann, in denen Gewalt angewendet werden
Der Umgang mit Zwang in der Psychiat-
Gelingt es nicht, den Patienten zu muss: Zwang darf nicht zur Normalität
rie ist für viele Mitarbeiter eine seelische
beruhigen und besteht eine Fremd- werden.
Belastung. Er erfordert große Verantwor-
oder Eigengefährdung, wird ggf. eine
tungsbereitschaft.
Zwangsmedikation, Isolation oder eine
Fixierung erforderlich. Diese Maßnah- Entweichen
Bei der Umsetzung von Zwangsmaß-
men müssen außer in Notsituationen Manche Patienten versuchen, sich der
nahmen gehört zu den Aufgaben des
ärztlich angeordnet werden. psychiatrischen Behandlung zu entzie-
therapeutischen Teams z. B.:
hen. Dies liegt meist in der psychischen
Vorsicht Patienten auch gegen ihren Willen
Erkrankung bzw. der fehlenden Krank-
Eine Fixierung ohne Einwilligung des Pa- zu behandeln und dabei, falls nötig,
heitseinsicht begründet: Der Patient
tienten ist zulässig bei Notwehr (§ 32 Zwangsmaßnahmen wie Arzneimit-
fühlt sich z. B. verfolgt und versucht,
StGB) oder bei Notstand (§ 34 StGB), d. h. telinjektionen und Fixierungen anzu-
sich durch Flucht zu retten.
bei deutlichen Zeichen unmittelbar dro- wenden (Pflegende handeln hier nur
Bemerkt eine Pflegekraft das Ver-
hender Gefahren für den Patienten oder auf Arztanordnung)
schwinden eines Patienten, muss sie
Andere. Sie darf als letztes Mittel nur ein- Ausgangs- und andere Regelungen
sofort ihr Team informieren. Der Arzt
gesetzt werden, wenn alle anderen Mög-
lichkeiten versagt haben.
Die Fixierung muss gelöst werden, wenn
gegebenenfalls mit Zwang durchzu-
setzen
Suizidgefährdete Patienten an selbst-
entscheidet, ob eine polizeiliche Fahn-
dung notwendig ist. In jedem Fall wird
34
versucht, den Aufenthaltsort des Pa-
nach ärztlicher oder gerichtlicher Beurtei- gefährdenden Handlungen zu hin-
tienten zu erfahren und z. B. über Ange-
lung keine Eigen- oder Fremdgefährdung dern
hörige herauszufinden, wie es ihm geht
mehr besteht. Bleibt die Fixierung weiter Patienten voreinander zu schützen;
bestehen, liegt eine Freiheitsberaubung und ob eine Gefahr für ihn selbst und
besonders auf Langzeitstationen und
gem. § 239 StGB vor, die mit bis zu zehn für andere besteht. Ggf. wird auf dem
in der forensischen Psychiatrie kann
Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden Klinikgelände oder in der Umgebung
es ausgeprägte Hierarchien mit Ge-
kann. nach dem Patienten gesucht.
fährdung der Schwächsten geben.

Die Fixierung erfolgt z. B. als 5-Punkt-


Während der Zwangsbehandlung wird Rechtliche Grundlagen von
die Basis für eine spätere Zusammen- Zwangs- und Gewaltmaßnahmen
Fixierung mit Bauch- und Schultergurt
sowie Arm- und Beingurten oder durch Fixierung ➔ oben
Bauchgurt mit Schrittgurt und Schulter- Im Grundgesetz der Bundesrepublik
halterung. Fixierungen nur mit Bauch- Deutschland wird die Freiheit der Per-
gurt können beim Versuch sich zu be- son garantiert. Die oben dargestellten
freien eine erhebliche Gefahr für den Zwangsmaßnahmen greifen erheblich
Patienten bedeuten und sind daher für in dieses und andere Rechte ein. Sie
aggressive Patienten unzulässig. Fixier- müssen selbst durch Gesetze geregelt
te Patienten erhalten in der Regel eine werden. Diese Gesetze werden in
beruhigende Medikation, um ihre psy- Deutschland durch die Bundesländer
chische Belastung zu vermindern. Zu- erlassen und gewährleisten einerseits
dem sind je nach Einzelfall regelmäßige, die Rechtssicherheit für den psychisch
engmaschige Kontrollen (alle 15 Min.) Kranken, aber auch für Zwangsmaß-
oder lückenlose Überwachung z. B. nahmen gegen ihn. Je nach Land wer-
durch eine Sitzwache unabdingbar. den sie als Gesetz für psychisch Kranke
Ist der Patient wieder zugänglich, Abb. 34.10: 5-Punkt-Fixierung mit Bauch- (PsychKG) oder als Unterbringungsge-
wird das gesamte Vorgehen mit ihm be- und Schultergurt sowie Arm- und Beingurten. setz bezeichnet. Gemeinsam ist allen:
sprochen und ihm ausführlich erklärt. [V467] Über die Notwendigkeit einer Unter-

1271
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

bringung zur Behandlung entschei- sigkeit, Heißhunger, Magenbeschwer-


det ein Richter, nicht etwa ein Arzt, den, Obstipation, Schwindel, Herzklop-
ein Angehöriger oder eine Behörde. fen, Zyklusstörungen und sexuelle Stö-
Der Richter stützt sich dabei auf ein rungen. Deshalb müssen körperliche
ärztliches Zeugnis und die persön- Erkrankungen stets durch Anamnese
liche Anhörung des Betroffenen (Drogenkonsum? Alkohol- oder Arz-
Es muss eine psychische Erkrankung neimittelmissbrauch?), körperliche Un-
vorliegen, die zu einer erheblichen tersuchung und technische Diagnostik
Selbst- oder Fremdgefährdung führt ausgeschlossen werden. In der Regel
Die Gefahr kann nicht durch eine an- werden ein EEG, ein EKG, eine Blutun-
dere Maßnahme (z. B. ambulante Be- tersuchung (mit Schilddrüsenwerten), Abb. 34.11: Beim Drogenkonsum werden
handlung) beseitigt werden. bei Ersterkrankung oft eine Kernspin- Bewusstseins-„Erweiterungen“ – medizinisch
also Bewusstseinsstörungen – gezielt ange-
Für Kranke, die wegen ihrer Krankheit tomographie des Kopfes und evtl. eine
strebt. [J668]
bestimmte Angelegenheiten nicht er- Liquoruntersuchung angeordnet.
ledigen können, kann nach dem Betreu- Bei der Erhebung der psychopatholo-
ungsrecht eine gesetzliche Betreuung gischen Befunde werden unter anderem
eingerichtet werden. Der Betreuer be- Bewusstsein und Orientierung, Auf- 34.2.2 Orientierungsstörungen
kommt Aufgabenbereiche zugewiesen, merksamkeit und Gedächtnis, Denk-
in denen er den Betreuten unterstützen vorgänge und Gedankeninhalte beur- Orientierungsstörung: Beeinträchti-
soll (z. B. Vermögensbetreuung, medi- teilt. Wichtig sind außerdem Wahrneh- gung der Fähigkeit, sich bezüglich Zeit, Ort,
zinische Behandlung, Bestimmung des mung, Ich-Erleben, Stimmung, Antrieb Situation und eigener Person zurechtzu-
Aufenthaltsortes). und Psychomotorik sowie eine grobe finden.
Beurteilung der Intelligenz. Desorientiertheit (Aufhebung der Orien-
Daneben achten die Pflegenden auf tierung): Schwerste Form der Orientie-
34.2 Leitbefunde und Tagesschwankungen, Störungen der rungsstörung.
Sozialkontakte, Aggressionstendenzen,
Weg zur Diagnose Suizidalität und Neigung zur Selbst- Orientierung ist das Wissen um die
schädigung. Außerdem bemühen sie gegenwärtige Situation. Der wache, ge-
Psychopathologie: Lehre, die sich damit sich herauszufinden, ob sich der Patient sunde Mensch weiß, wer er ist, wo er
beschäftigt, wie der Mensch sich selbst krank fühlt (Krankheitsgefühl), ob er sich befindet, welcher Tag ist und was
und seine Umwelt krankhaft erleben und seine Störungen als Krankheit verstehen gerade geschieht. Bei Orientierungs-
wie er sich ihr gegenüber pathologisch ver- kann (Krankheitseinsicht) und wie er störungen ist dieses Wissen nur zum
halten kann. Sie liefert Begriffe zur Be- zur Behandlung steht. Teil oder gar nicht mehr vorhanden.
schreibung psychischer Auffälligkeiten. In der Regel wird mit zunehmendem
Psychopathologischer Befund: Befun- Schweregrad zunächst die zeitliche,

34 34.2.1 Bewusstseinsstörungen
de von Gesprächen, Beobachtungen und dann die örtliche und situative und
psychologischen Tests. Hierauf stützt sich zuletzt die Orientierung zur eigenen
die Diagnose bei psychischen Erkrankun- Bewusstsein: Gesamtheit aller psychi- Person beeinträchtigt. Zu erkennen sind
gen. schen Vorgänge (Gedanken, Gefühle, Orientierungsstörungen am Verhalten
Wahrnehmungen) verbunden mit dem des Patienten und an Antworten, die er
Der diagnostische Prozess in der Psy- Wissen um das eigene „Ich“ und die Sub- auf Fragen zu Zeit, Ort, Situation oder
chiatrie ist eine Teamleistung, die so- jektivität dieser Vorgänge. Bei einer Be- seiner Person gibt.
wohl medizinische wie auch Pflegedia- wusstseinsstörung oder Bewusstseins-
gnosen umfasst. Die Beteiligung ver- trübung ist diese Gesamtheit gestört.
schiedener Fachrichtungen erhöht die 34.2.3 Aufmerksamkeits- und
Sicherheit der Diagnosen. Die Diagnos- Bewusstseinsstörungen sind Leitsym- Konzentrationsstörungen
tik stützt sich vor allem auf Gespräche, ptom organisch bedingter psychischer
Beobachtungen, standardisierte Frage- Störungen. Aufmerksamkeitsstörung: Störung der
bögen und psychologische Tests. Quantitative Bewusstseinsstörungen Fähigkeit, sich einem Ausschnitt der Ge-
Während der Erhebung der Ana- (Vigilanzstörungen) äußern sich als samtwahrnehmung oder des Gesamt-
mnese ist wichtig, dass man den Le- Minderung der Wachheit. Die schwerste erlebens zuzuwenden.
benslauf des Patienten erfährt (biogra- Form ist das Koma (➔ auch 33.2.10). Konzentrationsstörung: Störung der
phische Anamnese) und ein Bild von sei- Bei qualitativen Bewusstseinsstörun- Fähigkeit, über längere Zeit bei einem
ner Persönlichkeit gewinnt. Kann der gen kann der Betroffene die Gesamtheit Ausschnitt der Gesamtwahrnehmung oder
Patient wenig zu seinen Problemen seiner Lebensbezüge nicht erfassen. Er des Gesamterlebens zu verweilen.
sagen, ist die Fremdanamnese von be- kann z. B. Zusammenhänge in einer
sonderer Bedeutung. Situation nicht erkennen, es ist ihm nur Ein Gesunder ist z. B. in der Lage, kon-
Aufgrund der engen Beziehung zwi- noch ein kleiner Teil der Gesamtsitua- zentriert dem Vortrag eines Redners
schen Psyche und Körper können kör- tion bewusst oder er hat das Gefühl ei- zuzuhören. Andere Wahrnehmungen,
perliche Erkrankungen nahezu jedes ner besonders intensiven Wahrneh- etwa ein entferntes Telefonklingeln oder
psychiatrische Krankheitsbild imitie- mung. Der Patient ist dabei wach und vorbeifahrende Autos, lenken ihn nicht
ren, außerdem können bei psychischen kann komplexe Handlungen ausführen. ab.
Krankheiten auch zahlreiche somatische Charakteristisch sind produktiv psycho- Bei Störungen der Aufmerksamkeit
Beschwerden auftreten. Häufig sind tische Symptome wie Halluzinationen. und Konzentration kann der Patient
Schlafstörungen, Kopfdruck, Appetitlo- Typisches Beispiel ist das Alkoholdelir. „nicht richtig zuhören“ und sich nicht

1272
34.2 Leitbefunde und Weg zur Diagnose

über längere Zeit mit einer Sache be- Formale Denkstörungen Rahmen geführt, um den Kranken nicht
schäftigen. Hat ein Untersucher im Ge- Formale Denkstörungen sind Störun- zu überfordern. Denkgehemmte Kranke
spräch den Eindruck, dass der Patient gen des Gedankengangs (Details ➔ Tab. brauchen viel Zeit, da Zeitdruck und Un-
an einer Aufmerksamkeits- oder Kon- 34.12). ruhe das Krankheitsgefühl verstärken. Bei
zentrationsstörung leidet, kann er Bei Verdacht auf eine formale Denk- flüchtigem Denken spricht man nur we-
diesen Eindruck z. B. durch Rechen- störung achtet der Untersucher beson- nige Themen an und stellt klare Fragen.
aufgaben, Buchstabieren oder spezielle ders darauf, wie der Patient auf Fragen Bei sehr schweren Denkstörungen sind
Tests kontrollieren. Diese Störungen eingeht, ob er beim Thema bleiben die Gespräche ganz kurz und stark struk-
treten unter anderem beim ADHS kann und ob ihm das Nachdenken turiert.
(Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivi- sichtlich Mühe macht.
täts-Syndrom, ➔ 34.14.3), bei psychoti-
schen und depressiven Erkrankungen Wichtig: die richtige Kommunikation Inhaltliche Denkstörungen
auf. Gespräche mit denkgestörten Patienten Von inhaltlichen Denkstörungen spricht
werden in einem ruhigen, beschützenden man, wenn die Urteilsfähigkeit des Pa-
34.2.4 Gedächtnisstörungen
Gedächtnisstörung: Beeinträchtigung Störung Definition Klinik Ursache (Bsp.)
der Fähigkeit, sich Wahrnehmungen und
Denk- Subjektives Gefühl des Der Patient klagt, er könne Depressionen
Empfindungen zu merken und sich später hemmung Patienten, dass das nicht mehr denken und er
daran zu erinnern. Denken „gebremst ist“ komme zu keinem Ergebnis

Gedächtnisstörungen können sich auf Denkverlang- Objektive Verlang- Der Patient spricht lang- Depressionen
die Merkfähigkeit, das Kurzzeit- und das samung samung des Denkens sam, sein Wortschatz ist
reduziert. Das Mitdenken
Langzeitgedächtnis beziehen. Sie be-
fällt ihm schwer
treffen meist zuerst neue Gedächtnis-
inhalte, erst später lange zurücklie- Umständ- Unfähigkeit, Neben- Der Patient kommt beim Organisch be-
gende Erinnerungen. So vergisst der liches sächliches von Wich- Erzählen von „Hölzchen auf dingte psychi-
Patient mit einer zunehmenden Ge- Denken tigem zu trennen Stöckchen“ und bleibt sche Störung
an jeder Kleinigkeit hängen (OPS ➔ 34.13),
dächtnisstörung zunächst nur die Na-
Minder-
men der Pflegenden, dann die der En- begabung
kel und schließlich die der eigenen Kin-
der. Kompliziertes wird in der Regel Grübeln Ständige Beschäftigung Der Patient sagt, er müsse Depressionen
schneller vergessen als Einfaches, Un- (Perseve- mit bestimmten, meist pausenlos über die finan-
ration) unangenehmen Gedan- zielle Lage der Familie grü-
gewohntes schneller als lang Einge-
kengängen beln und könne an nichts

34
übtes. anderes mehr denken
Zur einfachen Prüfung des Gedächt-
nisses kann man den Patienten z. B. Einengung Fixierung des Der Patient redet nur von Organisch
Zahlenfolgen oder nicht miteinander des Denkens Denkumfangs auf der Ungerechtigkeit seines bedingte
wenige Themen Rentenbescheids. Auf et- psychische
verbundene Wörter nach etwa fünf Mi-
was anderes angesprochen, Störung
nuten nachsprechen lassen. Störungen antwortet er kurz, um dann (OPS ➔ 34.13)
des Langzeitgedächtnisses sind Leit- sofort zum Thema Rente
symptom für Demenzen. zurückzukehren
Ideenflucht Vermehrung von Ein- Der Patient spricht von der Manie,
Amnesie (Vorstufe: fällen, ohne dass diese kastanienbraunen Haar- Drogen-
Als Amnesien werden (zeitlich oder assoziativ zu Ende gedacht werden farbe seiner Ehefrau, wech- konsum
inhaltlich) begrenzte Gedächtnislücken gelockertes selt zum Thema Bäume,
bezeichnet. Denken) springt zum Waldsterben
Typisches Beispiel einer zeitlich be- und dann zu den verstorbe-
grenzten Amnesie ist die Erinnerungs- nen Großeltern
lücke für die Zeit direkt vor einer Ge- Gedanken- Plötzliches Abbrechen Der Patient spricht über Schizo-
hirnerschütterung. sperre/ eines bis dahin flüssigen seine Schulzeit. Plötzlich phrenien
-abreißen Gedankenganges ohne hält er inne, schaut sich
erkennbaren Grund. Evtl. irritiert um und fährt dann
34.2.5 Denkstörungen kombiniert mit einer mit der Schilderung seiner
Störung des Ich-Erlebens Ehe fort
Denkstörungen (Störungen des Den- (Sperre ist „von außen“
kens): Unterteilt in: gemacht ➔ 34.2.8)
Formale Denkstörungen mit Störungen Zerfahrenes Zusammenhangloses Beispiel: „Mein meiner Schizo-
des Gedankenganges (inkohärentes) und zerrissenes (inko- Mutter mal mein meine – phrenien
Inhaltliche Denkstörungen mit gestör- Denken härentes) Denken und mein Nachbar malt
tem Gedankeninhalt. Sprechen. Im Extremfall macht – gestern macht es
„Wortsalat“ und stinkt nach Gas und im
Ofen“
Tab. 34.12: Die häufigsten formalen Denkstörungen.

1273
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

tienten beeinträchtigt ist und sich das Hypochondrischer Wahn. Der Pa-
Denken offensichtlich mit veränder- tient ist sicher, krank zu sein. Posi-
ten, für Außenstehende nicht nachvoll- tive Untersuchungsergebnisse über-
ziehbaren Inhalten beschäftigt. Diese zeugen ihn nicht.
Störung liegt beim Wahn vor. Wahn ist immer Zeichen einer Erkran-
kung und kommt vor allem bei Schizo-
Wahn phrenien, schizoaffektiven Störungen,
Depressionen und exogenen Psychosen
Wahn: Objektiv nicht nachvollziehbare
vor.
Überzeugung, die ohne entsprechende An-
regung von außen entsteht, vom Patien- Richtig mit dem Wahn umgehen
ten mit großer Gewissheit erlebt und trotz Dem Kranken den Wahn auszureden, ist in
beweisbarer Gegengründe aufrechterhal- der Regel sinnlos. Entsprechende Versuche
ten wird. verunsichern den Betroffenen, er fühlt sich
nicht ernst genommen. Es ist auch falsch,
Es ist leichter, einen Wahn zu erkennen, auf den Wahn einzugehen, als teile man
als zu erklären, was ein Wahn ist. ihn. Damit wird es einerseits schwerer für Abb. 34.13: Patienten mit Hypochondrie suchen
Beispiel: Ein Patient kommt nachts ständig nach Krankheitszeichen. Durch ihre
den Patienten, den Wahn aufzugeben,
Ängste können sich zudem (vegetative) Körper-
in die Klinik, um sich beim Notarzt zu wenn sich die Krankheit bessert, ande-
funktionen wirklich verändern. So kann der Puls
beschweren. Er werde durch die Ärzte rerseits ist die Glaubwürdigkeit des Per- eines Kranken, der aus Furcht vor Herzrhyth-
der Klinik zu Hause mit Kameras über- sonals gefährdet. musstörungen immer wieder den Puls fühlt,
wacht. Letzte Nacht habe man ihm Eine gute und ehrliche Strategie ist, dem infolge der Aufregung steigen und so den
sogar einen kleinen Sender in die Brust Kranken zu sagen, dass man seine Über- Kranken in seinen Ängsten bestätigen. [K183]
eingebaut, um jederzeit seinen Auf- zeugung nicht teilen kann, aber sein Er-
enthaltsort feststellen zu können. Auf leben respektiert.
Existenzangst. Existenzangst ist eine
den Einwand, das könne nicht sein, Darüber hinaus versucht man, am Wahn
scheinbar unmotivierte, nicht an be-
da keine Narbe an der Brust zu sehen vorbei die gesunden Anteile des Kranken
stimmte Situationen gebundene Angst.
sei, antwortet der Patient, die hätten zu erreichen, etwa durch Gespräche über
die Ärzte listigerweise unsichtbar ge- Themen, die nicht mit dem Wahn ver-
Angst bei psychischen Erkrankungen
macht. knüpft sind.
Die Wahnthemen (Wahninhalte) wer- Angst ist ein häufiges Symptom psy-
den auch kulturell und sozial beein- chischer Erkrankungen und bei Angst-
erkrankungen (➔ 34.2.6, 34.10.1) das vor-
flusst. 34.2.6 Ängste und Zwänge herrschende Phänomen. Ängste sind
Charakteristisch in unserer Gesell-
schaft sind beispielsweise: Ängste krankhaft, wenn sie vom Patienten bzw.
der Umwelt als unangemessen oder gar
34
Beziehungswahn. Die Ereignisse in
Angst: Seelisches und körperliches unsinnig empfunden werden oder sein
der Umgebung haben eine besondere
Phänomen mit intensivem Gefühl der Verhalten fast ausschließlich bestimmen.
Bedeutung für den Kranken. Er be-
Bedrohung und des Ausgeliefert-Seins
zieht alles, was geschieht, auf sich.
sowie vegetativen Symptomen wie Herz- Neurobiologisch gibt es Hinweise, dass
Beispiel: Eine Patientin kommt ins
klopfen, Zittern, Schweißausbruch (feuch- Angstgefühle durch eine Störung im se-
Krankenhaus, weil die Leute in der
te Hände), Schwindel, trockener Kehle, rotonergen System des ZNS ausgelöst
Straßenbahn nur noch darüber sprä-
Übelkeit und Durchfall. Normale mensch- werden.
chen, dass sie krank sei und Medi-
liche Grunderfahrung mit Warnfunktion. Patienten mit einer Hypochondrie
kamente brauche
Krankhaft bei Auftreten ohne angemes- (eingebildetes Kranksein) befürchten,
Verfolgungswahn. Der Verfolgungs- sene Bedrohung.
wahn kann als Sonderform des Be- krank zu sein, ohne dass dies durch ob-
ziehungswahns betrachtet werden. jektive Befunde begründet wäre. Meist
Der Kranke bezieht nicht nur alles, Formen der Angst beobachten sie ihren Körper in über-
was geschieht, auf sich, sondern ge- Realangst. Angst angesichts bedroh- triebener Weise.
gen sich und fühlt sich als Ziel licher Situationen heißt Realangst. Sie Phobien (➔ 34.10.1) sind Angstgefüh-
von Feindseligkeit. Infolgedessen ha- ist ein Signal, der Gefahr auszuweichen le angesichts bestimmter Objekte oder
ben viele Patienten mit Verfolgungs- und im Kampf gegen die Gefahr beson- Situationen, wobei der Betroffene weiß,
wahn große Angst dere Energien zu mobilisieren. dass diese Angst objektiv unbegründet
Verarmungswahn. Der Kranke ist vom Realängste sind z. B. die Angst vor ist. Beispielsweise empfindet ein Mann
drohenden finanziellen Ruin über- Prüfungen und die Angst bei tätlichen beim Anblick einer Spinne panische
zeugt Angriffen, aber auch die vitalen Angst- Angst, obwohl er genau weiß, dass die
Größenwahn. Die Patienten über- gefühle bei einem Herzinfarkt. Spinne harmlos ist.
schätzen sich. Sie erleben sich z. B. als Kindliche Ängste. Kinder durchleben
ungeheuer begabt, schön, mächtig in ihrer Entwicklung Phasen, in denen Zwänge
oder halten sich für eine berühmte Ängste geradezu normal sind. Der ältere Kennzeichnend für den (krankhaften)
Persönlichkeit Säugling fremdelt, das Kindergarten- Zwang ist, dass sich dem Betroffenen
Schuldwahn. Der Patient ist sicher, kind hat zu Beginn Trennungsängste, Ideen, Vorstellungen oder Handlungs-
dass er gegen ein göttliches oder sitt- und fast alle Kinder durchleben eine impulse immer wieder stereotyp auf-
liches Gebot verstoßen und Schuld Zeit, in der sie sich vor Dunkelheit drängen. Sie werden als quälend oder
auf sich geladen hat fürchten. sinnlos erlebt, aber dennoch muss der

1274
34.2 Leitbefunde und Weg zur Diagnose

Kranke ihnen nachgeben. Häufig ist z. B.


Definition Klinik Ursache (Bsp.)
der Waschzwang, bei dem sich der Pati-
ent alle paar Minuten die Hände wäscht, Akustische Hören von Stimmen Der Patient hört die Stimme Schizophrenie
um das Gefühl zu bekämpfen, dass sie Halluzination oder Geräuschen eines Bekannten, der sagt,
schmutzig sind. Zwänge sind Leitsym- das alles sei doch Unsinn
ptom der Zwangsstörung (➔ 34.10.2), Optische Sehen von Personen, Der Patient sieht eine Organisch be-
kommen aber auch bei Depression, Halluzination Gegenständen, Sze- Teufelsfratze an einer völlig dingte psychi-
Schizophrenie und autistischen Stö- nen und Handlungs- weißen Wand sche Störung
rungen vor. abläufen (OPS)

Vorsicht Körperhallu- Empfindung von Der Patient klagt über elekt- Schizophrenie
zination (Leib- Berührung, Druck, rische Schläge und Bestrah-
Patienten, die unter Zwängen leiden, sol-
halluzination) Brennen, Schmerzen lungen, die aus der Wand
len nicht unsystematisch an ihren Zwangs-
oder Ähnlichem kämen
handlungen gehindert werden. Das Nicht-
ausführen einer Zwangshandlung führt zu Olfaktorische Riechen bzw. Der Patient isst nicht, weil Schizophrenie
starker innerer Anspannung und Angst, die (Geruchs-) und Schmecken. Oft das Essen nach Blut schme-
Situation muss therapeutisch vorbereitet gustatorische gemeinsam auf- cke. Außerdem hat er Angst
und begleitet werden. (Geschmacks-) tretend und meist im Zimmer, weil es so stark
Halluzination unangenehm nach Gas rieche

Tab. 34.14: Übersicht über die Halluzinationen.


34.2.7 Wahrnehmungs-
störungen Bei einigen psychischen Erkrankun- ab. Gesunde kennen eine große Breite
gen, besonders bei Schizophrenien, möglicher Affekte von rasender Wut
Halluzination (Trugwahrnehmung): kommt es zu einer Störung der „Ich- bis zu stillem Glück – je nach Situation
Wahrnehmungserlebnis ohne reales Ob- Grenzen“ und dadurch zu Unsicherhei- sind auch extreme Gefühlsregungen
jekt und ohne Reizquelle in der Außenwelt, ten: Denke ich, oder denkt ein anderer adäquat.
das der Kranke aber für einen wirklichen in mir? Andererseits können Gefühle unan-
Sinneseindruck hält. Zu den Ich-Störungen gehören: gemessen erscheinen, selbst wenn sie
Derealisation. Die Umgebung scheint wenig dramatisch sind, z. B. Gleichgül-
Ein Kranker hört z. B. Stimmen in einem
dem Patienten verändert, unwirklich, tigkeit nach einem Todesfall oder stän-
stillen Raum. Kein anderer Anwesender
fremdartig und unvertraut dige, mürrische Gereiztheit.
hört etwas.
Depersonalisation. Die eigene Per- Bei der Beurteilung der Affektivität
Halluzinationen gibt es auf allen Sin-
son kommt dem Kranken verändert, achtet das Team auf die Grundstim-
nesgebieten (➔ Tab. 34.14). Manchmal
unwirklich oder fremd vor. Er steht mung (z. B. deprimiert, fröhlich), die
gibt die Art der Halluzination Hinweise
sich selbst fremd gegenüber Angemessenheit angesichts der Situa-
auf die zugrunde liegende Erkrankung.
So sind z. B. dialogische Stimmen, d. h.
Stimmen, die über den Kranken reden,
Gedankenausbreitung. Die Patienten
haben den Eindruck, dass ihre Ge-
tion, die Stabilität der Gefühle und
die emotionale Schwingungsfähigkeit
34
danken von anderen gelesen würden, („Schwankungsbreite“).
ein typisches Symptom schizophrener
dass andere Menschen wüssten, was
Störungen.
sie denken Wichtige affektive Störungen
Halluzinierende Patienten sind durch ihr Gedankenentzug. Die Patienten kla- Depression: Niedergeschlagenheit
inneres Erleben oft völlig in Anspruch ge- gen, dass andere ihnen ihre Gedan- („Ich kann mich über nichts mehr
nommen und manchmal sozial nicht mehr ken wegnehmen würden freuen“)
handlungsfähig. Häufig haben sie große Gedankeneingebung. Die Kranken Hoffnungslosigkeit („Ich werde nie
Angst. Sie brauchen Abschirmung von spüren, dass andere Menschen ihre mehr gesund“)
äußeren Belastungen und Rückzugsmög- Gedanken von außen beeinflussen Ängstlichkeit („Ich habe Angst vor
lichkeiten. Gespräche sollten kurz sein und und steuern. allem und jedem“)
sich um unverfängliche Themen drehen. Gefühl der Gefühllosigkeit: Gefühl,
Angst nicht verstärken
Die Auflösung der Ich-Grenzen bereitet nichts mehr empfinden zu können
erhebliche Angst. Es besteht die Gefahr, und innen leer zu sein („In mir ist
34.2.8 Störungen diese Angst durch ungeschickte Gespräche alles tot, wenn ich wenigstens weinen
des Ich-Erlebens zu vergrößern. Oft versuchen die Patien- könnte“)
ten, sich durch Rückzug vor zu großer Nähe Insuffizienzgefühle: Gefühl, nichts
Störung des Ich-Erlebens: Gestörtes zu schützen. wert zu sein („Ich bin unfähig zu den-
Erleben der eigenen Persönlichkeit (des ken oder zu arbeiten. Eigentlich bin
„Ichs“) mit Störung der Abgrenzung zwi- ich absolut überflüssig“)
schen eigener Person und Umwelt. 34.2.9 Affektive Störungen Affektstarre: Verringerung der emo-
tionalen Schwingungsfähigkeit
Das „Ich“ ist der Teil der Psyche, der Affektivität (Emotionalität): Gesamt- Euphorie: Gesteigertes Wohlbefinden
dem Menschen Sicherheit über seine heit der Gefühlsregungen, Stimmungen („Ich bin so glücklich, wie ich es nie
Individualität und Persönlichkeit gibt. und Selbstwertgefühle. zuvor gewesen bin“)
Dazu gehört, dass eigene psychische Übersteigerte Selbstwertgefühle („Ich
Vorgänge, z. B. Gedanken, auch als zu Ob Gefühle angemessen sind oder habe ein Firmenkonzept, mit dem
sich gehörig erkannt werden. nicht, hängt immer von der Situation bin ich in vier Wochen Milliardär“)

1275
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Affektarmut: Gefühlsarmut angemessenen Abstand zu anderen) zu Weg für andere Therapien ebnen,
Ambivalenz: Gleichzeitige Existenz wahren, was ihre Mitmenschen sehr etwa indem sie Ängste in den Hinter-
widersprüchlicher, eigentlich einan- belasten kann. Ein gesteigerter Antrieb grund treten lassen
der ausschließender Gefühle ist typisch für Manien. Oft ist die soziale Reintegration auch
Parathymie: Gefühl und Erlebnis Die Pflegenden schaffen für antriebs- von einer wirksamen (Langzeit-)Psy-
passen nicht zusammen (der Patient gesteigerte Patienten Möglichkeiten, ih- chopharmakomedikation abhängig
berichtet lächelnd, die Ärztin habe re Energien auszuleben, ohne anderen Für viele Patienten hängt die langfris-
ihm gerade ein Gift gespritzt, das sei- zu schaden, z. B. beim Sport oder beim tige Prognose davon ab, ob sie regel-
ne Knochen auflöse). Malen auf großen Flächen. mäßig Psychopharmaka einnehmen.
Es ist nicht möglich und sinnvoll, dem
Psychomotorische Störung
Patienten Gefühle auszureden, die aus 34.3.1 Antipsychotika
Sicht der Pflegenden unangemessen sind. Psychomotorische Störung: Störung in
Zur Gestaltung einer hilfreichen Beziehung der Art, sich zu bewegen (Erscheinungsbild Antipsychotika (Neuroleptika): Arznei-
ist wichtig, sich empathisch in die innere der Bewegung, Körperhaltung während der mittel, die die gestörten psychischen
Welt des Kranken einzufühlen und sein Er- Bewegung). Funktionen bei psychotischen Erkran-
leben zu akzeptieren. Manchmal kann eine kungen „ordnen“ können. Daneben wirken
sachliche Information den Patienten un- Alle Bewegungen eines Menschen wer- sie sedierend. Unterteilt in typische (klas-
terstützten. („Ich glaube Ihnen, dass Sie den nicht nur von seinem Willen, son- sische, konventionelle) und atypische An-
keine Hoffnung empfinden. Das ist Aus- dern auch von seiner Psyche beeinflusst tipsychotika.
druck Ihrer Krankheit. Nach meiner Erfah- und können bei psychischen Störungen
rung wird das Gefühl der Hoffnungslosig- verändert sein.
keit geringer, wenn sich Ihre Depression Atypische Antipsychotika
Hyperkinese bezeichnet eine Stei-
bessert“). gerung der motorischen Aktivität mit Atypische Antipsychotika haben eine
Bewegungsunruhe und ziellosen Be- gute antipsychotische Wirksamkeit und
wegungen wirken oft auch bei Therapieresistenz
auf typische Antipsychotika. Sie rufen
34. 2. 10 Antriebs- und Hypokinese meint Bewegungsarmut,
seltener extrapyramidalmotorische Stö-
Akinese Bewegungslosigkeit
psychomotorische Störungen rungen hervor als typische Antipsycho-
Raptus ist ein schwerer motorischer
Antriebsstörung Erregungszustand tika.
Stereotypien sind Bewegungen oder Am bekanntesten ist Clozapin (z. B.
Antriebsstörung: Minderung oder Stei- Worte, die gleichförmig wiederholt Leponex ). Wegen des Risikos schwerer
gerung der inneren Kraft zur (zielgerich- werden (z. B. unruhiges Nesteln beim Kreislaufstörungen wird mit einer nied-
teten) Aktivität. alkoholischen Entzugsdelir) rigen Dosierung unter regelmäßigen
Manierierte und bizarre Bewegun- Blutdruckkontrollen begonnen. Für die
Der Antrieb ist der „seelische“ Motor, Patienten belastend sind starker Spei-
34
gen sind an sich alltägliche Bewegun-
der dem Menschen Tätigkeit ermög- gen, die aber auffällig geziert oder chelfluss zu Beginn der Therapie sowie
licht. Antrieb ist vom Willen weitgehend posenhaft ausgeführt werden, etwa eine häufig starke Gewichtszunahme.
unabhängig. das hoheitliche Winken einer Patien- Da Clozapin, wenn auch selten, Agra-
tin, die im Rollstuhl durch den Gang nulozytosen auslöst (➔ 22.7.4), wird es
Antriebsarmut nur bei Erfolglosigkeit anderer Antipsy-
gefahren wird.
Als Antriebsarmut wird ein Mangel chotika eingesetzt.
an Initiative und seelischer Energie be- Auffällige Veränderungen der Psycho-
Weitere atypische Antipsychotika mit
zeichnet. Die Patienten können „sich motorik findet man u. a. bei Schizophre-
ähnlichem Wirk- und Nebenwirkungs-
kaum zu etwas aufraffen“, es fehlt ihnen nien, Autismus, Aufmerksamkeitsde-
profil, jedoch geringerem Agranulo-
an Initiative und Tatkraft. In maximaler fizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS)
zytoserisiko, sind z. B. Amisulprid (etwa
Ausprägung führt Antriebsarmut zu oder organisch bedingten psychischen
Solian ), Aripiprazol (etwa Abilify ),
motorischer Bewegungslosigkeit, dem Störungen.
Olanzapin (etwa Zyprexa ), Quetiapin
Stupor. Antriebsarmut ist ein häufiges (etwa Seroquel ), Risperidon (etwa Ris-
Symptom bei Depressionen und Schi-
zophrenien und kann durch Psycho-
34.3 Psychopharmaka perdal ) und Zotepin (etwa Nipolept ).

pharmaka verstärkt werden.


Psychopharmaka: Arzneimittel, die
Typische Antipsychotika
Im Umgang mit antriebsarmen Patien- hauptsächlich auf das ZNS wirken und Ge- Nach der Wirkstärke unterscheidet
ten ist zu beachten, dass Antriebslosigkeit fühle und Denken eines Menschen verän- man zwischen hoch-, mittel- und nie-
nicht Ausdruck von Charakter- oder Wil- dern. In erster Linie eingesetzt zur Behand- derpotenten Antipsychotika.
lensschwäche ist. Die Patienten können lung psychischer Erkrankungen. Hochpotente Antipsychotika sind
sich nicht „zusammenreißen“. Sie müssen stark antipsychotisch wirksam. Darü-
motiviert, aber nicht überfordert werden. Psychopharmaka sind nicht unumstrit- ber hinaus sind sie leicht antriebs-
ten. Viele Menschen befürchten, sie hemmend und gering beruhigend.
dienten nur der Ruhigstellung, nicht Zu den hochpotenten typischen An-
Antriebssteigerung aber der eigentlichen Behandlung des tipsychotika zählen etwa Glianimon
Patienten mit Antriebssteigerung plat- Patienten. Allgemein gilt jedoch: (z. B. Benperidol ), Flupentixol (z. B.
zen geradezu vor Energie, sind ständig Der Nutzen von Psychopharmaka ist Fluanxol ) und Haloperidol (z. B.
in Bewegung, unermüdlich tätig und bei vielen Krankheiten nachgewie- Haldol )
haben meist Mühe, die Distanz (den sen. Psychopharmaka können den Niederpotente Antipsychotika wir-

1276
34.3 Psychopharmaka

ken gering antipsychotisch und stark die starke Müdigkeit mit Störung der
sedierend. Sie dämpfen Erregungszu- Arbeitsfähigkeit. Motorische Störungen
stände und fördern den Nachtschlaf. hingegen sind sehr selten.
Zu den niederpotenten typischen Weitere Nebenwirkungen der typi-
Antipsychotika zählen u. a. Chlorpro- schen Antipsychotika sind vegetative
thixen (z. B. Truxal ), Levomeproma- Nebenwirkungen wie Schwitzen, Mund-
zin (z. B. Neurocil ), Promethazin trockenheit und Obstipation, Blut-
(z. B. Atosil ) und Thioridazin (z. B. drucksenkung, Kreislauflabilisierung
Melleril ) und – oft übersehen oder verschwie-
Mittelpotente Antipsychotika wie et- gen – Libido- und Potenzstörungen.
wa Clopenthixol (etwa Ciatyl ) und Außerdem können Antipsychotika de-
Triflupromazin (etwa Psyquil ) neh- pressive Verstimmungen und delirante
men eine Mittelstellung ein. Symptome auslösen. Dagegen machen
Unerwünschte Wirkungen betreffen sie – entgegen einem verbreiteten Vor-
urteil – nicht abhängig. Abb. 34.15: Gerade die Antipsychotikaeinnah-
bei hochpotenten Antipsychotika in ers- me ist nicht selten problembehaftet. Pflegen-
ter Linie das extrapyramidalmotorische de haben wesentlichen Einfluss auf die Mit-
Vorsicht: Gefährliche Antipsychotika-
System: arbeit des Patienten bei der Einnahme. [K183]
Nebenwirkungen
Dyskinesien sind spontan auftre-
Selten, aber lebensgefährlich sind:
tende, unwillkürliche Bewegungen.
Das maligne neuroleptische Syndrom Zur Prävention der häufigen und vie-
Frühdyskinesien (initiale Dyskine-
mit Fieber, Rigor und Akinese, Be- le Patienten stark belastenden Ge-
sien), meist schmerzhafte Zungen-,
wusstseinsstörungen, starkem Schwit- wichtszunahme dienen regelmäßige
Schlund- und Blickkrämpfe oder zen und Tachypnoe Gewichtskontrollen. Evtl. sind Maß-
Krämpfe der Kiefermuskulatur, treten Störungen in der Bildung der weißen nahmen zur Gewichtsreduktion (ange-
zu Beginn der Therapie auf. Früh- Blutkörperchen (Agranulozytose ➔ messene Ernährung, vermehrte körper-
dyskinesien müssen sofort mit Bi- 22.7.4). liche Bewegung) nötig. Bei erhöhtem
periden (etwa Akineton ) behandelt Speichelfluss helfen Salbeitropfen.
werden. Die Antipsychotikatherapie Um die regelmäßige medikamentöse Wichtig ist die Beurteilung der Pfle-
kann fortgesetzt werden Behandlung bei chronisch Kranken zu genden, wie zuverlässig der Patient bei
Spätdyskinesien (tardive Dyskinesi- sichern, gibt es von einigen Antipsy- der Arzneimitteleinnahme ist. Bei Pro-
en) entwickeln sich erst nach län- chotika Depotformen, die nur alle 2 – 4 blemen mit der Arzneimitteleinnahme
ger dauernder Antipsychotikathera- Wochen als i. m.-Injektion verabreicht muss zunächst unterschieden werden,
pie. Am häufigsten sind unwill- werden. ob der Patient unzureichend über die
kürliche Bewegungen der Mund-, Medikation aufgeklärt ist, ob ihn das
Schlund- und Gesichtsmuskulatur, Indikationen Therapiemanagement überfordert oder
z. B. Schmatz- und Kaubewegungen.
34
Die wichtigsten Indikationen für Anti- ob der Patient bewusst entschieden
Bei einigen Patienten sind die hat, die Medikamente nicht zu nehmen
Spätdyskinesien therapieresistent psychotika sind:
Psychotische Symptome bei Schi- (Non-Compliance). Je nachdem steht
Akathisie bezeichnet einen starken Aufklärung des Patienten, systemati-
Bewegungsdrang. Die Betroffenen zophrenien, schizoaffektiven Störun-
gen, wahnhaften Depressionen, orga- sches Training der selbstständigen Me-
trippeln auf der Stelle, laufen unruhig dikamenteneinnahme, Motivation oder
auf und ab und „zappeln“ auf dem nisch bedingten psychischen Störun-
gen und Delir eine Anpassung des Therapieplanes im
Stuhl herum. Eine Akathisie ist nur Vordergrund. Bei Patienten, die prin-
schwer von einer krankheitsbeding- Manie
Rückfallprophylaxe bei chronisch zipiell mit einer Medikation einver-
ten Unruhe zu unterscheiden. Die standen sind, denen aber die regel-
Behandlung der Akathisie besteht in verlaufenden Erkrankungen aus dem
schizophrenen Formenkreis mäßige Einnahme auch mit Unterstüt-
der Dosisreduktion des Neurolep- zung nicht gelingt, ist die Einstellung
tikums (falls möglich) und der Gabe Erregungs-, Angst- und Spannungs-
zustände sowie Schlafstörungen. auf ein Depot-Neuroleptikum möglich.
eines -Blockers oder vorübergehend
eines niedrig dosierten Benzodiaze- Entsprechend der Zielsymptomatik Patienten mit Clozapin-Therapie er-
pins wählt man bei psychotischen Sym- halten einen Medikamentenpass, in dem
Das pharmakogene Parkinson-Syn- ptomen höherpotente, bei Angst- oder die Dosis und die Ergebnisse der Blutbild-
drom (➔ auch 33.10.1) zeigt sich durch Spannungszuständen niederpotente An- kontrollen vermerkt werden.
Muskelsteifigkeit (Rigor), Zittern (Tre- tipsychotika.
mor) und vor allem Bewegungsarmut
(Hypokinese). Die Patienten wirken Pflege 34.3.2 Antidepressiva
steif und bewegen sich roboterhaft Die Medikation mit Antipsychotika ist
mit kleinen Schritten und starrer wegen der zahlreichen Nebenwirkun- Antidepressiva (Thymoleptika): Stim-
Mimik. Das pharmakogene Parkin- gen für viele Patienten sehr belastend. mungsaufhellende und angstlösende Arz-
son-Syndrom wird durch Gabe von Neben der Beobachtung und Behand- neimittel. Teilweise zusätzlich beruhigen-
Biperiden (z. B. Akineton ) und evtl. lung der Nebenwirkungen ist es not- de oder antriebssteigernde Wirkung oder
Umstellung des Neuroleptikums the- wendig, die Patienten wiederholt über Wirkung gegen weitere psychische Störun-
rapiert. die Medikation zu informieren und auf gen. Entgegen eines häufigen Vorurteils
ihre Fragen einzugehen, um langfristige besteht keine Abhängigkeitsgefahr. Keine
Bei niederpotenten Antipsychotika ist
Compliance zu erreichen. Stimmungssteigerung bei Gesunden.
die wichtigste unerwünschte Wirkung

1277
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Einteilung der Antidepressiva hirn durch Hemmung des abbauenden ren (➔ 31.8). Wegen eines evtl. Finger-
Antidepressiva werden nach ihrer che- Enzyms MAO. Zu erwähnen ist v. a. der tremors (Tremor ➔ 33.2.6) sind in dieser
mischen Struktur oder nach ihrem neuere, gut verträgliche und nicht se- Phase feinmotorische Arbeiten eher un-
wichtigsten Angriffspunkt im ZNS ein- dierende MAO-Hemmer Moclobemid günstig, zumal ein „Versagen“ bei ent-
geteilt. (z. B. Aurorix ). sprechenden Beschäftigungen das psy-
Ebenfalls antidepressiv wirksam sind chische Befinden depressiver Patienten
Selektive Serotinin-Wieder- Trazodon (z. B. Thombran ) und Mir- verschlechtert. Alternativen sind z. B.
aufnahme-Hemmer tazapin (z. B. Remergil ), die sich keiner Spazieren gehen, Lesen oder auch Ball-
der obigen Gruppen zuordnen lassen. spiele.
Selektive Serotinin-Wiederaufnahme-
Das wichtigste Phytopharmakon zur
Hemmer (kurz SSRI, RI = re-uptake
Behandlung von Depressionen ist Jo- Vorsicht
inhibitor) wie etwa Citalopram (z. B. Eine medikamentöse Antriebssteigerung
hanniskrautextrakt (Hypericum perfo-
Cipramil ), Fluoxetin (z. B. Fluctin ), vor Einsetzen der antidepressiven Wirkung
ratum, etwa Jarsin ). Es eignet sich für
Paroxetin (z. B. Seroxat ) oder Sertralin kann die Suizidgefahr erhöhen.
die Behandlung leichter Depressionen.
(z. B. Gladem ) gehören zu den neue-
Johanniskrautpräparate werden häufig
ren Antidepressiva. Sie sind ebenso
unterdosiert, daneben sind die nicht
wirksam wie die älteren trizyklischen
Antidepressiva, aber besser verträg-
standardisierten Zubereitungen proble- 34.3.3 Stimmungs-
matisch. Nebenwirkungen sind Übel-
lich.
keit, Kopfschmerz und Phototoxizität
stabilisatoren
Wichtigste Nebenwirkungen sind
(auf Lichtschutz achten!). Außerdem
gastrointestinale Symptome, Unruhe Stimmungsstabilisatoren (Mood-Sta-
beeinträchtigt Johanniskraut die Wir-
und Schlafstörungen besonders zu Be- bilizer): Arzneimittel, die die veränderte
kung mancher Medikamente, u. a. der
ginn der Behandlung. Stimmung sowohl bei depressiver als auch
Antibabypille, von Cumarinen und Cic-
bei manischer „Auslenkung“ langfristig
Serotonin- und Noradrenalin- losporin.
regulieren sollen.
Wiederaufnahme-Hemmer
Zu den Serotonin- und Noradrenalin- Indikationen
Wiederaufnahmer-Hemmern (SNRI) Indikationen für Antidepressiva sind Lithium
zählen Venlafaxin (z. B. Trevilor ) und v. a. mittelschwere und schwere Depres- Lithium (z. B. Quinolum , Hypnorex )
Duloxetin (z. B. Cymbalta ). Beide sind sionen, Zwangsstörungen und Panik- wird zur Prophylaxe rezidivierender
gut verträglich und deutlich antriebs- attacken. Gelegentlich werden Anti- depressiver Störungen und Manien und
steigernd. Duloxetin wirkt zudem gegen depressiva zur Rückfallprophylaxe bei zur Akutbehandlung der Manie einge-
Schmerzen. Die Nebenwirkungen sind rezidivierenden depressiven Störungen setzt (➔ 34.7.2). Schätzungsweise 75 %
denen der SSRI vergleichbar, manche eingesetzt. Es ist noch weitgehend un- der Patienten erfahren eine Verbesse-
Patienten klagen zusätzlich über ver- klar, welche Antidepressiva bei welcher rung.
Depression am wirksamsten sind. Üb-
34
mehrtes Schwitzen.
lich ist ein kontrolliertes Ausprobieren Unerwünschte Wirkungen und
Tri- und tetrazyklische verschiedener Antidepressiva, wobei Kontraindikationen
Antidepressiva jedes Medikament ausreichend lange Hauptnebenwirkungen einer Lithium-
Zu den tri- und tetrazyklischen Anti- (einige Wochen) und ausreichend hoch therapie sind gastrointestinale Störun-
depressiva (TZA) zählen z. B. Amitripty- dosiert gegeben werden muss. gen, Fingerzittern, Müdigkeit, Polyurie,
lin (etwa Laroxyl , Saroten ), Doxepin Bei chronischen Schmerzen (➔ 15.6.3) verstärkter Durst, Schilddrüsenunter-
(etwa Aponal ), Imipramin (etwa Tofra- können Antidepressiva unterstützend funktion und -vergrößerung sowie – für
nil ) und Maprotilin (etwa Ludiomil ). gegeben werden. viele besonders belastend – Gewichts-
Tri- und tetrazyklische Antidepres- zunahme. Lithium ist außerdem tera-
siva haben zahlreiche unerwünschte Pflege togen (d. h. Fehlbildungen hervorru-
Wirkungen. Sie wirken unter anderem Bei Behandlung mit Antidepressiva fend ➔ 30.15.1).
anticholinerg und lösen daher Kreis- dauert es ca. 10 – 20 Tage, bis die stim- Kontraindikationen sind Herz- und
laufregulationsstörungen, Herzklopfen, mungsaufhellende Wirkung eintritt. Nierenleiden, Nebennieren- und Schild-
Schwindel, Mundtrockenheit, Schwit- Nebenwirkungen treten dagegen frü- drüsenunterfunktion sowie eine (ge-
zen, Akkomodationsstörungen, Glau- her auf und belasten den depressiven plante) Schwangerschaft.
kom, Fingerzittern, Obstipation und Patienten zusätzlich, v. a. bei tri- und te-
Blasenentleerungsstörungen aus. Viele trazyklischen Antidepressiva. Hier sind Vorsicht
Patienten sind bei Therapiebeginn mü- eine Obstipationsprophylaxe und Mik- Gefährlich ist die Lithiumintoxikation. Sie
de und benommen. tionskontrolle (Frage nach Beschwer- wird durch kochsalzarme Diät oder Ver-
Bei Patienten mit Prostatavergröße- den beim Wasserlassen) nötig. Kaugum- lust von Natrium und Flüssigkeit (Schwit-
rung, Glaukom oder Herzrhythmus- mis, Drops und reichliches Trinken hel- zen, Fieber, Diuretika) begünstigt und
störungen sind tri- und tetrazyklische fen bei möglicher Mundtrockenheit. zeigt sich zunächst durch gastrointesti-
Antidepressiva kontraindiziert. Schwierigkeiten beim Lesen sind Folge nale Symptome sowie uncharakteristische
von harmlosen, meist vorübergehen- ZNS-Erscheinungen (Müdigkeit, Apathie,
Substanzen mit weiteren den Akkomodationsstörungen (schwä- Schwindel, Tremor). In schwersten Fällen
Wirkmechanismen chere Lesebrillen zur Überbrückung kommt es zu zerebralen Krampfanfällen,
MAO-Hemmer (Monoaminoxidase- bereithalten). Bei akuter, starker Seh- Koma, Herzrhythmusstörungen und aku-
Hemmer) erhöhen die Konzentration störung und Augenschmerzen besteht tem Nierenversagen. Die Behandlung er-
von Serotonin und Noradrenalin im Ge- Glaukomverdacht – sofort Arzt informie- folgt auf einer Intensivstation.

1278
34.3 Psychopharmaka

Pflege Bei der intravenösen Gabe muss die 34.3.5 Besonderheiten im


Die Pflegenden beobachten den Pa- Atmung des Patienten beobachtet wer- Umgang mit Arzneimitteln
tienten auf mögliche Nebenwirkung
der Lithiumbehandlung, auf Überdo-
den, da Benzodiazepine eine zentrale in der Psychiatrie
Atemhemmung bewirken.
sierungserscheinungen und Erkran- Erfahrungsgemäß ist die Gabe von Psy-
kungen, die mit Flüssigkeitsverlust ein- Benzodiazepine sind in der Regel gut chopharmaka mit mehr Ängsten und
hergehen und dadurch zu einer Into- verträglich. Wichtigste akute Neben- Widerstand behaftet als z. B. die eines
xikation führen können. wirkung ist Müdigkeit (Beeinträchti- herzstärkenden Arzneimittels (➔ un-
Einmal wöchentlich wird der Hals- gung der Fahrtüchtigkeit!). Die Toxi- ten).
umfang des Patienten gemessen. Da zität von Benzodiazepinen – auch bei Folgende Maßnahmen sollen Kon-
psychisch Kranke häufig ein veränder- Überdosierungen in Suizidabsicht – ist flikte und Missbrauch verhindern und
tes Essverhalten haben, achten die Pfle- relativ gering, d. h. sie sind verhältnis- dem Patienten helfen:
genden auf ausreichende Salzzufuhr. mäßig „sichere“ Arzneimittel. Für die Arzneimittel werden für die Patienten
Bei ausgeprägtem Appetitmangel wird Behandlung akuter Überdosierungen unzugänglich aufbewahrt, damit sui-
Salzgebäck gegeben. (etwa bei Suizidversuch mit gesam- zidale oder abhängige Patienten sie
Wegen der zahlreichen Nebenwir- melten Tabletten) gibt es ein spezifi- nicht entwenden können
kungen sind eine sehr zuverlässige sches Antidot namens Flumazenil (Ane- Die Arzneimittel werden regelmäßig
Medikamenteneinnahme und regelmä- xate ). und pünktlich gegeben; dies trägt als
ßige ärztliche Kontrollen nötig. Kontraindikationen sind akute Alko- eines von vielen Elementen zu einem
Die Patienten erhalten einen Lithi- hol-, Rauschgift- oder Psychopharma- strukturierten Tagesablauf bei. Die
umausweis, in welchem die Tagesdosis kavergiftungen, Schwangerschaft, Still- tägliche Arzneimittelgabe ist auch ein
und die Ergebnisse der Kontrollunter- zeit und Abhängigkeitsgefährdung. guter Zeitpunkt, um die Patienten
suchungen vermerkt werden. wiederholt über Wirkungen und Ne-
Der Patient wird informiert, dass er Vorsicht: Abhängigkeitspotenzial benwirkungen der Arzneimittel zu
keine Arzneimittel ohne Arztrückspra- Benzodiazepine werden in Deutschland informieren und sie zur Einnahme zu
che einnehmen darf, da auch freiver- weitaus häufiger eingesetzt als sinnvoll motivieren
käufliche Mittel den Lithiumspiegel er- (etwa als Schlafmittel) und sind auch Akut oder schwerkranke Patienten
höhen können. in Kombinationspräparaten (beispiels- nehmen die Arzneimittel häufig in
weise gegen Muskelverspannungen) ent- Gegenwart einer Pflegekraft ein; aus-
halten.
Weitere stimmungsstabili- reichend Wasser steht bereit
Ihr Abhängigkeitspotenzial wird nach Die zunehmende Selbstständigkeit
sierende Medikamente wie vor unterschätzt. Viele Patienten der Patienten auch bei der Medika-
Stimmungsstabilisierend wirken außer- brauchen immer höhere Dosen, einige von menteneinnahme wird systematisch
dem einige atypische Neuroleptika wie ihnen entwickeln psychotische Sympto- gefördert
Olanzapin (z. B. Zyprexa , ➔ 34.3.1) und me. Bei plötzlichem Absetzen kommt es Manche Patienten täuschen die Ein-
Antiepileptika, v. a. Carbamazepin, La-
motrigin und Valproinsäure (➔ 33.8.2).
zu Entzugssymptomen wie Schlaflosig-
keit, Unruhe, Zittern, Angstzuständen und
Alpträumen, in schweren Fällen zu zere-
nahme der Arzneimittel vor, da sie
mit der Medikation nicht einver- 34
standen sind. Selten versuchen sui-
bralen Krampfanfällen und psychotischen
zidgefährdete Patienten, die Arznei-
34.3.4 Anxiolytika Entwicklungen.
mittel im Mund aufzubewahren, um
sie im Zimmer wieder herauszu-
Anxiolytika (Tranquilizer, Beruhigungs-
nehmen, zu sammeln und sich dann
mittel): Arzneimittel, die angstlösend,
zu vergiften. Sind die Pflegenden un-
sedierend (beruhigend), schlafanstoßend,
sicher, ob ein Patient die verordne-
antikonvulsiv (antiepileptisch) und (zen-
ten Arzneimittel wirklich genommen
tral) muskelentspannend wirken. In Substanzname Handelsnamen
(Bsp.) hat, fragen sie nach und schauen
Deutschland kommen vorwiegend Benzo-
erst bei begründetem Verdacht in den
diazepine zur Anwendung. Kurz wirksam (< 6 Std.) Mund. Möglicherweise können Trop-
Benzodiazepine sind in der Psychiatrie Brotizolam Lendormin fen anstelle von Tabletten gegeben
kurzzeitig zur Behandlung von Angst werden (Wasser nachtrinken lassen).
Midazolam Dormicum
indiziert, z. B. bei psychotischen Span- Manche Patienten wollen zu viele oder
nungszuständen oder schwersten De- Triazolam Halcion ungeeignete Arzneimittel einnehmen.
pressionen. Außerdem sind sie zur Mittellang wirksam (6 – 24 Std.) Dies gilt besonders für Beruhigungsmit-
Therapie akuter Anspannung (z. B. prä- tel und das Parkinsonmittel Akineton .
Bromazepam Lexotanil
operativ), als Antiepileptikum (➔ 33.8.2) Beide wirken angenehm auf die Psyche
und zur Sedierung geeignet, z. B. bei Lorazepam Tavor und können deshalb abhängig machen.
Herzinfarkt. Oxazepam Adumbran Sie werden oft als Bedarfsmedikation
Benzodiazepine werden meist oral angeordnet. Die Pflegenden achten da-
verabreicht, seltener rektal oder i. v. Lang wirksam (> 24 Std.) rauf, dass die Tageshöchstdosierung
Tropfen oder Arzneimittelformen zur Clorazepat Tranxilium nicht überschritten wird, und bespre-
oralen Applikation, die sich sehr schnell chen mit den Patienten auch nichtme-
Diazepam Valiquid , Valium
im Mund auflösen, sind bei einigen Pa- dikamentöse Entlastungsmaßnahmen,
tienten hilfreich, weil sie nicht wieder Tab. 34.16: Häufig verordnete Benzo- z. B. Entspannungsbäder, Beruhigungs-
ausgespuckt werden können. diazepine. tees, ruhige Musik.

1279
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Andere Patienten wollen gar keine von der verwendeten Methode von sup- eine „Belohnung“, wird dieses Verhalten
Arzneimittel einnehmen. Dies ist be- portiver Psychotherapie (engl. support in der Folge möglicherweise häufiger
sonders häufig bei Antipsychotika der = Unterstützung). auftreten. Unangenehme Konsequen-
Fall, sowohl wegen ihrer unangeneh- zen werden vielleicht dazu führen, dass
Für das Gelingen einer Psychotherapie
men Nebenwirkungen als auch wegen bestimmte Verhaltensweisen seltener
ist die Mitarbeit des Patienten, das Ar-
fehlender Krankheitseinsicht des Pa- werden. Systematisches Belohnen wird
beitsbündnis zwischen Patient und the-
tienten. Es ist grundsätzlich nicht Auf- als positive Verstärkung, das Wegfallen
rapeutischem Team, maßgeblich.
gabe der Pflegenden, die Patienten zur von „Strafen“ als negative Verstärkung
Arzneimitteleinnahme zu zwingen. Bei und „Strafen“ als negative Konsequenz
Es ist gesichert, dass verschiedene For-
Arzneimittelverweigerung informieren bezeichnet. Werden Verstärker syste-
men der Psychotherapie wirksam sind.
sie den Arzt. In Ausnahmefällen, z. B. matisch eingesetzt, um Verhaltensän-
Klaus Grawe hat fünf allgemeine Fak-
wenn der Patient aufgrund einer Fremd- derungen zu erreichen, spricht man von
toren beschrieben, die den Erfolg der
oder Eigengefährdung gegen seinen operanter Konditionierung.
Psychotherapie beeinflussen: ( 9)
Willen aufgenommen wurde, kann eine Damit operantes Konditionieren wirkt,
Therapeutische Bindung, also die
zwangsweise Verabreichung der Me- müssen bestimmte Prinzipien beachtet
Qualität der Beziehung zwischen Pa-
dikation notwendig werden. In solchen werden:
tient und Therapeut
Situationen ersparen die Pflegenden Positive Verstärker müssen attraktiv
Ressourcenaktivierung, d. h. die Fä-
dem Patienten vielleicht eine belasten- sein, sonst „wirken“ sie nicht. Ist
higkeiten des Patienten werden in der
de Fixierung und Injektion des Arz- der Verstärker weniger attraktiv als
Therapie genutzt
neimittels, wenn es ihnen gelingt, mit ein unerwünschtes Alternativ-Ver-
Problemaktualisierung. Die Proble-
Nachdruck und einfühlsamer Motiva- halten, wird das Alternativ-Verhalten
me des Patienten werden in der The-
tion die Einnahme der oralen Medika- bleiben
rapie erfahren
tion zu erreichen. Der positive Verstärker darf nicht auf
Motivationale Klärung. Der Patient
Langfristig kann das Team die Ein- anderem, bequemerem Weg erreich-
lernt, sich, sein Verhalten, seine Ge-
nahme von Arzneimitteln nicht erzwin- bar sein
fühle und Gedanken besser zu verste-
gen, der Patient muss eigenverantwort- Die positive Verstärkung muss an-
hen
lich mitarbeiten. Theoretisches Wissen fangs konsequent und zeitnah zum
Praktische Hilfe bei der Problemlö-
reicht dafür nicht aus. Genauso wichtig gewünschten Verhalten erfolgen
sung.
ist Training zur Selbstständigkeit bei der Langfristig muss der positive Verstär-
Arzneimitteleinnahme. Die Patienten Diese Elemente spielen auch in der psy- ker unregelmäßig auf das Wunschver-
üben unter Anleitung, ihre Arzneimittel chiatrischen Pflege eine entscheidende halten folgen, damit eine gewisse
zu richten. Die Anforderungen werden Rolle – umgekehrt kann man sagen, Frustrationstoleranz und Verhaltens-
dabei stufenweise gesteigert, bis der Pflegehandeln ist psychotherapeutisch stabilität erreicht wird
Patient seine Langzeit- sowie Bedarfs- wirksam. Oft deckt es sich mit suppor- Negative Konsequenzen sind pro-
medikation selbstständig einnehmen tiver Psychotherapie und die Abgren- blematisch. Hat unerwünschtes Ver-

34 und sich auch rechtzeitig um Wieder- zung zu definierten Verfahren ist flie- halten unangenehme Folgen, wird es
verschreibung bemühen kann. ßend. ( 10) vielleicht seltener. Konsequenzen mit
Strafcharakter sind allerdings meist
Ausdruck von Hilflosigkeit und scha-
34.4.1 Verhaltenstherapie
34.4 Psychotherapie den der Beziehung. Außerdem stellen
Ursprünglich wurden in der Verhal- sie dem unerwünschten Verhalten
Übende Verfahren ➔ 15.14 tenstherapie (VT) vor allem Lerntheo- kein sozial akzeptables Alternativ-
rien zur Behandlung psychischer Stö- verhalten gegenüber. Negative Ver-
Psychotherapie: Geplanter (therapeu-
rungen verwendet. Nach diesen wird stärkung und negative Konsequenzen
tischer) Prozess mit Mitteln der Kommu-
menschliches Verhalten erlernt, psy- führen zu Vertrauensverlust und eher
nikation, der in erster Linie bei psychischen
chische Störungen als Ergebnis von zu Heimlichkeiten als zu Verhaltens-
oder psychosomatischen Störungen, aber
auch bei primär körperlich bedingten Er- Lernprozessen können somit auch änderungen.
krankungen angewendet wird. wieder verlernt werden. Später wurde
die Bedeutung von emotionalen und Lernen am Modell
Die Psychotherapieverfahren sind zahl- kognitiven Prozessen sowie sozialen Eine weitere Möglichkeit ist das Lernen
reich und vielfältig. Die wichtigsten Einflüsse erkannt und in die Therapie am Modell (Lernen durch Imitation). In
Gruppen sind: eingebunden, es entstand die kognitive der Psychiatrie bedeutet das u. a., dass
Verhaltenstherapien einschließlich Verhaltenstherapie. Durch die Verhal- die Mitarbeiter auch Lernmodelle sind,
kognitiver Verfahren (➔ 34.4.1) tenstherapie sollen u. a. störende Ver- an deren Verhalten sich die Patienten
Humanistische Verfahren wie die Ge- haltensweisen abgebaut und gleichzei- möglicherweise orientieren. Aber auch
sprächspsychotherapie nach Rogers tig alternative Verhaltensweisen erlernt die anderen Patienten sind „Modelle“,
(➔ 34.4.2) werden. und der Patient wird v. a. solche Ver-
Psychodynamische Verfahren (➔ haltensweisen nachahmen, von denen
34.4.3) Verhaltenstherapeutische er sieht, dass sie Erfolg haben.
Systemtherapien, insbesondere sys- Techniken
temische Familientherapie (➔ 34.4.4) Positive und negative Verstärkung Konfrontationsverfahren
Steht in einer Psychotherapie die Un- Eine große Rolle bei Lernprozessen spie- Konfrontationsverfahren dienen dem
terstützung des Patienten im Alltag im len die Verstärker. Erfolgt auf bestimmte Abbau von Ängsten und Zwängen. Der
Vordergrund, spricht man unabhängig Verhaltensweisen eine positive Reaktion, Patient wird z. B. einer gefürchteten

1280
34.4 Psychotherapie

Situation ausgesetzt oder an der Durch-


führung von Zwangshandlungen gehin-
dert. Mit therapeutischer Unterstüt-
zung erlebt er, dass er die Angst oder Über-Ich
Spannung ertragen kann und dass diese
(Instanz des
mit der Zeit nachlassen. Gewissens)
Bei der graduierten Reizkonfronta-
tion mit Reaktionsmanagement (Ha-
bituationstraining) soll sich der Be-

Vorbewusstes
troffene in eine angstauslösende Si- Ich
tuation begeben und die Angst ohne Unbewusstes (Instanz, die Bewusstes
Flucht- oder Vermeidungsverhalten zwischen Über-Ich und
aushalten. Begonnen wird mit einer Es vermittelt)
wenig angstbesetzten Situation, die
Abwehrmechanismen
Belastung wird dann schrittweise ge-
steigert.
Verdrängung
Hingegen wird beim Flooding (Reiz-
überflutung) sofort mit einer sehr Es
stark angstbesetzten Situation kon- (Instanz der Triebe und
frontiert. Patient und Therapeut müs- Wünsche)
sen vorher klar abmachen, was der
Therapeut tun darf, um Vermei-
dungsverhalten des Betroffenen zu Abb. 34.17: Beziehung von Es, Ich und Über-Ich (➔ auch 6.3.3).
verhindern.

Strukturierte Übungsprogramme 34.4.2 Gesprächs- wusstsein zu rufen und dann in der Be-
ziehung zum Therapeuten zu verarbei-
Daneben wurden in der Verhaltensthe- psychotherapie
ten.
rapie zahllose Übungsprogramme ent- Bei der klientenzentrierten Gesprächs- In der Patientenversorgung spielt
wickelt: psychotherapie, die 1942 von Carl Ro- die Psychoanalyse wegen ihres Aufwan-
Stressbewältigungsverfahren ermög- gers begründet wurde, fasst der Thera- des kaum eine Rolle. Hier werden die
lichen den gelasseneren Umgang mit peut Gefühle und Wahrnehmungen des psychoanalytisch orientierte (tiefenpsy-
Belastungen Patienten (hier als Klient bezeichnet) in chologisch fundierte, psychodynamische)
Kognitive Trainingsprogramme ver- Worte, indem er das vom Klienten Ge- Psychotherapie und die psychoanaly-
bessern z. B. die kognitiven Fertig- sagte, einem Spiegel gleich, wiederholt tische Kurzzeittherapie durchgeführt,
keiten bei Schizophreniekranken. und verdeutlicht, ohne zu deuten. So
34
um die aktuellen Probleme des Patien-
Auch das gezielte Training sozialer lernt der Klient, seine Gefühle wahr- ten zu bearbeiten und damit verbun-
Kompetenzen ist möglich zunehmen und zu erkennen und kann dene Konflikte aufzudecken.
Bei kognitiven Selbstinstruktions- sie anschließend näher beleuchten.
verfahren erarbeitet der Patient mit Die therapeutische Grundhaltung ist
dem Therapeuten Anweisungen, die geprägt von Wertschätzung der Klien- 34.4.4 Systemtherapie
er sich dann in symptomauslösenden ten, Empathie, Akzeptanz und Authen- Die Systemtherapie stellt die Wechsel-
Situationen selbst erteilt. Kinder kön- tizität (Echtheit). beziehungen zwischen dem Individu-
nen sich z. B. ein rotes Stoppschild um und der Gesellschaft ins Zentrum.
vorstellen, um weniger impulsiv zu Verhalten, auch auffälliges, normab-
handeln. Das Verfahren kann zum 34.4.3 Psychodynamische weichendes Verhalten, wird als Anpas-
Problemlösetraining erweitert wer- Verfahren sungsleistung des Einzelnen an seine
den, wenn der Patient lernt, ein Pro- Bei den psychodynamischen Verfahren jeweilige Umgebung gesehen. Der Pa-
blem mit Hilfe von Selbstinstruktio- steht die Frage nach dem psychodyna- tient ist also Symptomträger eines ge-
nen systematisch zu analysieren, Lö- mischen Geschehen, das dem Symptom störten Systems und wird deshalb als
sungswege zu überlegen, sich für den zugrunde liegt, im Zentrum. Sie gehen Indexpatient oder -klient bezeichnet.
besten zu entscheiden und ihn dann zurück auf die von Sigmund Freud Ziel ist, unter Nutzung der Ressourcen
anzuwenden (1856 – 1939) begründete Psychoanalyse. des betroffenen Systems (meist Familie)
Eine weitere Möglichkeit ist das Ein- Nach Freuds Auffassung entstehen dieses so zu ändern, dass der Indexpa-
üben von Verhaltensweisen, die mit psychische Störungen durch unverar- tient seine Symptome aufgeben kann.
dem Problemverhalten nicht verein- beitete Konflikte zwischen Bewusstem Als systemische Beratung spielt die
bar (inkompatibel) sind. und Unbewusstem bzw. den Instanzen Systemtherapie eine bedeutende Rolle
Wichtig ist auch systematische Auf- Es (Triebe), Über-Ich (Gewissen) und im sozialpädagogischen Arbeitsfeld.
deckung von Situationen und Bedin- Ich (Bewusstsein). Das Ich ist die In-
gungen, die psychische Störungen aus- stanz, die den Kontakt zur Realität her- 34.4.5 Kunst- und Gestal-
lösen oder unterhalten. So können mit stellt und zwischen den Ansprüchen des
dem Patienten Möglichkeiten erarbeitet Es, des Über-Ichs und der Realität ver-
tungstherapie
werden, diese Situationen zu vermeiden mittelt. Die Kunst- und Gestaltungstherapie
oder anders auf diese Situationen zu Ziel der Psychoanalyse ist, ins Un- (Kunst- und Kreativtherapie) umfasst im
reagieren. bewusste verdrängte Konflikte ins Be- weiteren Sinne alle Therapieformen, die

1281
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

künstlerische Medien (Tanz, Musik,


in 1⁄3 ungünstiger Verlauf mit auf Dauer er-
Kunst, Poesie) als zentrales Mittel ein- heblich beeinträchtigenden Symptomen.
setzen. Im engeren Sinne werden da-
runter die Therapieformen verstanden, Das Wesen der Schizophrenie ist schwer
die mit bildnerischen Medien (z. B. Far- zu erklären. Schizophrene Erlebniswei-
be, Ton, Stein) arbeiten. sen sind so ungewöhnlich, dass man sie
Der Konzeption liegt die Annahme schlecht mitteilen oder nachvollziehen
zugrunde, dass krank macht, was nicht kann. Im Zentrum der Erkrankung ste-
ausgedrückt werden kann. In diesem hen charakteristische Veränderungen
Fall hat der künstlerische Ausdruck an Abb. 34.18: Die Maltherapie kann helfen,
verborgene Empfindungen zu entdecken, aus- von Denken, Wahrnehmung und Affekt.
sich heilende Wirkung. Mittels Symbol- Der Bezug des Kranken zur Realität ist
zudrücken und zu verarbeiten. [K183]
bildung kann sich Unbewusstes ver- gestört.
ständlich machen. Die Fähigkeit, sich in Die intellektuellen Fähigkeiten blei-
einem künstlerischen Medium auszu-
Traditionelle psychiatrische ben in der Regel erhalten.
drücken, kann sich positiv auf die Le-
bensqualität und die Entwicklungsmög-
Krankheitsbegriffe
Traditionelle psychiatrische Krank- Krankheitsentstehung
lichkeiten des Patienten auswirken. So
können durch künstlerische Tätigkeiten heitsbegriffe enthalten Theorien über Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell wurde
das Ich gestärkt, Angst reduziert, das die Ursache psychischer Erkrankungen. zunächst für die Schizophrenie ent-
Selbstgefühl gefördert und Selbsthei- ICD- und DSM-TR verzichten auf diese wickelt (➔ Kapiteleinführung). Familien-
lungskräfte entwickelt werden. Begriffe als Einteilungskriterium. Die und Zwillingsstudien deuten darauf hin,
Begriffe werden jedoch noch benutzt: dass Schizophrenien genetisch mitbe-
Psychose: Bezeichnet psychische dingt sind. Geburtstraumen können die
34.5 Einteilungen psychi- Krankheiten, bei denen der Kranke in individuelle Verletzlichkeit weiter stei-
gern. Je höher die Vulnerabilität eines
seinem Kontakt zur Realität erheblich
scher Erkrankungen gestört ist, z. B. Halluzinationen oder Menschen ist, desto geringere psychi-
Wahnvorstellungen zeigt sche oder soziale Belastungen können
Es gibt verschiedene Einteilungssyste-
Neurose: Im weitesten Sinne die nicht zum Ausbruch der Schizophrenie füh-
me psychischer Erkrankungen. Ver-
gelungene Lösung eines seelischen ren. Psychosoziale Faktoren haben auch
schiedene Schulen und Gebräuche füh-
Problems. Bezeichnet in der psycho- erheblichen Einfluss auf den Krank-
ren dazu, dass unterschiedliche Dinge
analytischen Schule psychische Stö- heitsverlauf (➔ 34.1).
mit gleichem Namen und gleiche Dinge
rungen, die in der Regel aus unge- Neurobiochemisch wird eine Störung
mit unterschiedlichen Namen benannt
lösten Konflikten in der Kindheit ent- der Dopamin- und Noradrenalinwir-
werden.
stehen kung im Bereich des limbischen Sys-
Zwei beschreibende Klassifikations-
Exogen: Körperlich begründbar, or- tems vermutet (Katecholaminhypothe-
systeme, die ICD-10 und das DSM IV-

34 ganisch bedingt se). Diese Veränderungen sollen zu einer


TR, haben sich durchgesetzt. Die Sym-
Endogen: Körperlich (noch) nicht be- Störung der Informationsverarbeitung
ptome des Patienten werden durch
gründbar. führen, als deren Folge der Patient z. B.
Diagnoseleitlinien zu Krankheitsbildern
nicht mehr Wichtiges von Unwichtigem
zusammengefasst. Festgelegte Diagno-
trennen kann (Filterstörung).
sekriterien sollen die Willkür psychiat-
rischer Diagnosen verringern. 34.6 Erkrankungen des
Symptome und Einteilung
schizophrenen Formen-
ICD-10 Die Schizophrenie äußert sich in einer
Die ICD-10 (engl. International Classi-
kreises Vielzahl von Symptomen, die aber
nicht alle bei einem Patienten und nicht
fication of Diseases ➔ auch 14.10) ist seit 34.6.1 Schizophrenie gleichzeitig auftreten müssen.
einigen Jahren das wichtigste Eintei-
lungsverfahren und von den Kranken- Schizophrenie: Psychische Erkrankung,
kassen für die Praxis vorgeschrieben. die durch eine schwere Störung der Ge- Plus- und Minussymptome
samtpersönlichkeit mit Verlust von Einheit Bei den Symptomen werden Plus- und
DSM IV-TR und Ordnung der Wahrnehmung, des Den- Minussymptome unterschieden.
Das DSM IV-TR (engl. Diagnostic and kens, der Affekte und der Identität ge- Plussymptome (Positivsymptome)
Statistical Manual of Mental Disorder, kennzeichnet ist. Da es viele Erscheinungs- sind Phänomene, die bei einem ge-
Diagnostisches und statistisches Manual formen der Schizophrenie gibt, spricht sunden Menschen nicht auftreten,
für psychische Krankheiten, 4. Ausgabe, man auch von Erkrankungen des schizo- z. B. Wahn, Halluzinationen, Ich-Stö-
Text Revison) definiert ebenso wie die phrenen Formenkreises oder Schizophre- rungen und Denkzerfahrenheit
ICD-10 psychische Krankheiten anhand nien. Häufigkeit ca. 1 % der Bevölkerung, Auffällig verminderte oder fehlende
unterschiedlicher spezifischer Kriteri- Manifestationsgipfel 15. – 35. Lebensjahr, psychische Funktionen werden als
en. Es beschreibt jede Störung auf meh- vor dem 10. Lebensjahr selten. Minussymptome (Negativsymptome)
reren Ebenen; so wird z. B. neben reinen Schwere Erkrankung mit einer hohen bezeichnet. Minussymptome sind
Symptomen auch das gesellschaftliche Suizidrate von 5 – 10 %. Faustregel für die z. B. Affekt-, Antriebs- und Sprachver-
Umfeld des Patienten berücksichtigt. Prognose: In 1⁄3 keine oder nur wenige Re- armung, Lustlosigkeit, sozialer Rück-
zidive, keine Residuen (Residuum = blei- zug und Mangel an Körperpflege.
Das DSM IV-TR findet v. a. bei For-
bende Veränderung), in 1⁄3 häufige Rezidi- Bei akut Kranken stehen meist Plussym-
schungsprojekten und im anglo-ameri-
ve, unterschiedlich ausgeprägte Residuen,
kanischen Sprachraum Anwendung. ptome im Vordergrund, in der Rehabi-

1282
34.6 Erkrankungen des schizophrenen Formenkreises

Viele Menschen, die an Schizo- meist mit starker innerer Anspannung


phrenie leiden, haben außerdem große des Patienten einher.
Angst oder sind deprimiert als Folge des Sehr selten, aber lebensbedrohlich,
veränderten Erlebens. ist die perniziöse (maligne) Katatonie
mit hochgradiger Erregung, Fieber,
Autismus Kreislaufstörungen und Herzrasen, die
Ein weiteres Grundsymptom der Schi- mit einer Elektrokrampftherapie (➔
zophrenie ist der Autismus. Hierunter 34.7.1) behandelt wird und intensiv-
versteht man bei der Schizophrenie medizinische Behandlung erfordert.
eine „Ich-Versunkenheit“ und Abkap- Sehr häufig dagegen ist eine aus-
selung von der Realität. Die Patien- geprägte Apathie, die die Rehabilitation
ten leben gewissermaßen in einer „Pri- massiv erschweren kann.
vatwelt“. Sie können sich nicht so ver-
halten, wie es die jeweilige Situation Wahrnehmungsstörungen
erfordern würde. Beispielsweise befragt Nahezu jeder an Schizophrenie Er-
ein Patient stundenlang seine Mitpa- krankte hat mindestens einmal im Ver-
tienten nach ihren Vorfahren und er- lauf der Erkrankung Wahrnehmungs-
Abb. 34.19: Manche Patienten leiden unter stellt Stammbäume, ohne das Desin- störungen. Besonders häufig sind
einer Gefühlssperre, durch die sie vollkommen teresse und den Ärger der Mitpatienten akustische Halluzinationen und Kör-
gleichgültig wirken. Die Gefühle sind aber nicht überhaupt wahrzunehmen. Autismus perhalluzinationen.
verschwunden, eher hinter einer Tür verschlos- ist ein Mechanismus, durch den sich der
sen, die der Kranke nicht mehr öffnen kann. Bei den akustischen Halluzinationen
Ich-gestörte Kranke vor Überforderun- unterscheidet man:
[J660, J666]
gen schützt. Extrem autistische Kranke Kommentierende Stimmen, die das
nehmen keinen Anteil an ihrer Umge- Verhalten des Kranken mit Bemer-
litation Minussymptome und kognitive bung, sprechen kaum (Mutismus) oder kungen versehen („Sie wäscht sich.“)
Störungen. bewegen sich nicht (Stupor). Der Begriff Imperative Stimmen, die Befehle
Autismus wird in anderer Bedeutung geben und oft gefährlich sind („Wirf
Formale Denkstörungen auch bei einem anderen Krankheitsbild, dich vor den Zug!“)
Die typischen Denkstörungen bei Schi- dem frühkindlichen Autismus, verwen- Dialogisierende Stimmen, also meh-
zophrenie sind die Denkzerfahrenheit det (➔ 34.14.2). rere Stimmen, die sich unterhalten
(der außenstehende Untersucher kann
Gedankenlautwerden, d. h. der Pa-
den Gedankengängen des Patienten Störungen des Ich-Erlebnisses
tient hört seine eigenen Gedanken
nicht mehr folgen) und das Gedan- Zum Kern der schizophrenen Erkran- laut von außen.
kenabreißen (➔ auch 34.2.5). Dabei wird kung gehört die Veränderung des Ich-
das Gedankenabreißen von den Kran- Erlebens. An Schizophrenie Erkrankte Körperhalluzinationen werden typi-

34
ken oft als Folge eines Gedankenentzugs können sich selbst als fremd oder un- scherweise als von „außen gemacht“
beschrieben: Der Patient sagt, der Ge- heimlich erleben (Depersonalisation). empfunden. Die Patienten erzählen
danke sei plötzlich weg, irgendjemand So erzählt ein Patient, in seinem Körper etwa, sie würden bestrahlt oder von
habe ihn weggenommen. Die formale sei rechts ein Pfarrer und links ein Sol- außen mit Nadeln durchbohrt (leibliche
Denkstörung wird also vom Patienten dat, die sich ständig stritten. Die Grenze Beeinflussungserlebnisse).
als Störung des Ich-Erlebens wahrge- zwischen „Ich“ und „Umwelt“ kann zer- Geschmacks-, Geruchs- und optische
nommen. brechen, sodass der Kranke die eigenen Halluzinationen sind seltener.
Die Bedeutungen der verschiedenen Denk- und Willensprozesse nicht mehr
Wörter werden nicht mehr scharf gegen- als eigene erkennt. Im Bereich des Den- Inhaltliche Denkstörungen: Wahn
einander abgegrenzt (Begriffszerfall). kens führt das zu den Symptomen Ge- Der Patient erkennt die oben genannten
Manchmal bilden die Patienten durch dankeneingebung, Gedankenausbrei- Symptome (z. B. die Halluzinationen)
Verknüpfung von Begriffen neue Wörter tung und Gedankenentzug (➔ 34.2.5). nicht als krankheitsbedingt. Er erlebt sie
(Neologismen), z. B. „Eiskönigschießen“. Werden Bewegungen und Handlungen als wirklich. In der Auseinandersetzung
als von außen gelenkt erlebt, spricht mit diesem Erleben suchen viele Pa-
Affektstörungen man von Willensbeeinflussung (➔ un- tienten eine Erklärung und konstru-
Im emotionalen Bereich gilt die Ambi- ten). ieren dazu einen Wahn (➔ 34.2.5). Es
valenz als charakteristisches Symptom. riecht z. B. nach Gas, weil die Nachbarn
Ambivalenz bedeutet, dass sich zwei Störungen des Antriebs und der Gas in die Wohnung einleiten, oder der
gegensätzliche, unvereinbare Gefühls- Psychomotorik Patient hört Stimmen, weil Gott zu ihm
regungen, Wünsche oder Bestrebungen Katatone Erscheinungen durch Störun- spricht. Am häufigsten sind der Be-
beziehungslos gegenüberstehen. Am- gen des Antriebs und der Psychomotorik ziehungs- und Verfolgungswahn.
bivalenz kann sich z. B. darin zeigen, sind heute im Vergleich zu früher we-
dass eine Patientin gleichzeitig lacht niger ausgeprägt. Zur Katatonie gehören Frühe Zeichen
und weint. z. B. motorische Erstarrung, bizarre Hal- Der manifesten Erkrankung an Schi-
Typisch ist auch die Parathymie. Da- tungen, Automatismen, Manierismen, zophrenie gehen oft längere Zeit unspe-
bei ist die innere Zusammengehörigkeit Grimassieren oder Bewegungsstürme. zifische Symptome voraus. Dazu zählen
von Erlebnis und begleitendem Affekt Dabei nehmen die Patienten alles wahr, Schlafstörungen, Wahrnehmungsver-
zerbrochen. Dann können grauenhafte was in ihrer Umwelt geschieht, sie kön- änderungen, z. B. intensiveres Wahr-
Erlebnisse munter lächelnd erzählt wer- nen sich aber nicht am Geschehen be- nehmen oder das Gefühl, dass sich die
den – und umgekehrt. teiligen. Katatone Erscheinungen gehen Umgebung verändert ist, Denkstörun-

1283
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

gen oder sozialer Rückzug. Bei Jugendli- eine Langzeitmedikation sinnvoll, be- Pflege
chen sind Schulprobleme, Antriebsmin- vorzugt mit dem Antipsychotikum, auf
derung, sozialer Rückzug, depressive das der Patient in der Akutphase ange- Ziel der Pflege schizophrener Patienten
Verstimmung und diskrete Denkstörun- sprochen hat (sofern er es gut vertragen ist es, dem Patienten eine äußere Struktur
gen oft erste Zeichen. hat). zu vermitteln und ihm den Bezug zur Rea-
lität zu erleichtern.
Residuen Psycho- und Soziotherapie
Eine akute Krankheitsepisode kann Zu Beginn der Behandlung steht die Der Zerfall des „Ichs“ und der Grenzen
bleibende Veränderungen hinterlassen. Psychoedukation des Patienten und der zur Außenwelt bedroht den Kranken,
Uncharakteristische Residuen sind Ver- Angehörigen im Vordergrund. viele Symptome der Schizophrenie sind
lust von Spannkraft und Schwung sowie Kognitive Verhaltenstherapien kön- mit großem Leidensdruck verbunden.
Konzentrations- und Gedächtnisstö- nen die Positivsymptomatik bessern. So Zunächst soll sich der Patient ernst ge-
rungen. Bei charakteristischen Residuen kann z. B. der Umgang mit Halluzina- nommen und sicher fühlen.
dominiert das typisch Schizophrene. tionen, insbesondere das Hören von Die Bezugspersonen müssen ein aus-
Kennzeichen dieser schizophrenen De- Stimmen, strategisch bearbeitet wer- gewogenes Verhältnis von Nähe und
fektpsychose sind Autismus mit Ab- den. Dabei kann der Patient lernen, Distanz finden: Zu viel Nähe wirkt für
kapselung und Realitätsferne, Affekt- sich gegen die Stimmen zu behaupten schizophren Erkrankte oft bedrohlich
verflachung und inadäquater Affekt, oder sie zu kontrollieren, z. B. indem er und kann die Krankheit verschlimmern.
Denkzerfahrenheit und fehlende Krank- ihnen gezielt Aufmerksamkeit schenkt Zu viel Distanz verstärkt die soziale Iso-
heitseinsicht. und wieder entzieht, ihnen Benimm- lation und lässt den Kranken mit seiner
regeln mitteilt oder mit ihnen in einen Angst allein.
Diagnostik Dialog tritt ( 12). Verhaltensthera- Wichtig für die Patienten sind klare,
peutisch werden auch emotionale Stö- einfache und übersichtliche Informa-
Die Diagnose einer schizophrenen Stö-
rungen wie Angst oder Depression be- tionen. Der Kommunikationsstil muss
rung wird nach Ausschlusss organischer
arbeitet. eindeutig sein. Ironische Bemerkungen,
Störungen aufgrund des psychopatho-
Auslösende Situationen und Faktoren komplizierte Erklärungen und vage
logischen Befundes gestellt:
werden analysiert, um das Coping des Aussagen werden vermieden (also „um
Diagnosekriterien der Schizophrenie Patienten in Zukunft zu verbessern. Die 9.00 Uhr komme ich zum Skatspiel“ und
nach ICD-10 Patienten müssen auch lernen, wie sie nicht „vielleicht spielen wir nachher
Nach ICD-10 muss ein eindeutiges Sym- Belastungen sinnvoll bewältigen kön- zusammen“).
ptom der Gruppen 1 – 4 oder zwei der Grup- nen. Strukturierte Krankheitsinforma- Oft ergeben sich aus den Symptomen
pen 5 – 8 über mindestens einen Monat tionen helfen dem Patienten, selbst- Hinweise auf mögliche seelische Kon-
vorliegen: ( 11) verantwortlich mit der Erkrankung um- flikte, etwa wenn eine Patientin die
1. Gedankenlautwerden, -eingebung, zugehen und Krisen zu erkennen und Stimme eines ehemaligen Bekannten
-entzug, -ausbreitung einen Arzt aufzusuchen. hört, in den sie unglücklich verliebt war

34
2. Kontroll- oder Beeinflussungswahn; Rollenspiele können soziale Kompe- und der sie nun auffordert, sich aus-
Gefühl dass Körperbewegungen, Ge- tenzen verbessern. Bei den häufigen zuziehen. Solche Hinweise werden im
danken, Tätigkeiten oder Empfindun- Konzentrations- und kognitiven Störun- Gespräch nicht einfach aufgegriffen,
gen gemacht werden; Wahnwahrneh- gen ist kognitives Training wichtig. denn dazu ist das „Ich“ der Patienten in
mungen Studien legen nahe, dass es häufiger der akuten Krankheitsphase nicht stabil
3. Kommentierende oder dialogische zu Rückfällen kommt, wenn in der Fa- genug. Konflikte und auslösende Bedin-
Stimmen milie des Patienten ein besonders emo- gungen werden erst besprochen, wenn
4. Anhaltender, kulturell unangemessener tionaler, oft vorwurfsvoller Umgangston die positiven Symptome abgeklungen
oder völlig unrealistischer Wahn herrscht (Expressed-emotions-Konzept). sind.
5. Anhaltende Halluzinationen jeder Sin- Betroffene Familien können im Rah- Pflegende ermöglichen stark psy-
nesmodalität chotischen Patienten genügend Rück-
men von Familientherapien andere
6. Gedankenabreißen oder -einschiebun-
Kommunikationsstile erarbeiten und zugsmöglichkeiten. Die Teilnahme an
gen in den Gedankenfluss
einüben. Therapien oder mehr als die notwen-
7. Katatone Symptome
Psychoanalytisch orientierte Verfah- dige Körperpflege werden nicht er-
8. Negative Symptome.
ren werden nur in Ausnahmefällen und zwungen. Um eine Beziehung zu diesen
Organische Störungen müssen ausge- in speziellen Modifikationen angewandt, schwer kranken Patienten aufzubauen,
schlossen werden. da die Gefahr einer emotionalen Über- eignen sich besonders einfache ge-
stimulation mit Anstieg der Rezidiv- meinsame Tätigkeiten. Vor Reizüber-
häufigkeit besteht. flutung durch Lärm, vor emotionalen
Behandlungsstrategie Ein großes Problem für die soziale Re- Belastungen, zu vielen sozialen Kontak-
Die Behandlung setzt an mehreren integration ist die Minussymptomatik, ten oder Überforderung durch Thera-
Punkten an: ( 11) die auf Arzneimittel oder sprachliche pien werden die Kranken geschützt.
Behandlungsmethoden schlecht an- Über- und Unterstimulation werden
Medikamentöse Therapie spricht. Für die notwendige Aktivierung vermieden, um weder die Minussym-
Medikamente erster Wahl in der akuten ist die psychiatrische Pflege, z. B. bei der ptome durch zu wenig Reize noch die
Phase sind atypische Antipsychotika Alltagsbewältigung, besonders wichtig. Plussymptome durch Reizüberflutung
(➔ 34.3.1), am besten oral. Bei starken Ergänzt wird das Behandlungskon- zu begünstigen.
Angstzuständen werden zusätzlich An- zept z. B. durch körperliche Aktivierung Akut Kranke können manchmal we-
xiolytika (➔ 34.3.4) gegeben. Meist ist (Sport), Ergo- und Arbeitstherapie. gen Vergiftungsängsten nicht essen. So-

1284
34.7 Affektive Störungen

lange sie genug trinken, kann diese de Lebensereignisse, hormonelle Um- einer körperlichen Erkrankung, bei-
Essensverweigerung kurzzeitig toleriert stellungen oder körperlicher Erkrankun- spielsweise einer Schilddrüsenunter-
werden. Manchmal hilft es, Obst oder gen kommen als mögliche Auslöser in funktion.
originalverpacktes Essen anzubieten. Betracht. Assoziierte Begriffe aus der ICD-10: or-
Beispielsweise trinkt ein Patient, der das ganische depressive Störung
Stationsessen verweigert, evtl. Säfte aus Einteilung Psychogene Depression. Depression,
vor seinen Augen geöffneten Flaschen. Einteilung nach ICD-10 die durch psychische Faktoren ausge-
Stimmenhören kann durch folgende löst wurde.
Die ICD-10 unterscheidet:
pflegerische Maßnahmen gelindert Assoziierte Begriffe aus der ICD-10:
Manische Episoden
werden: depressive Episode, rezidivierende
Depressive Episoden
Genaue Selbstbeobachtung, wodurch depressive Störung, anhaltende af-
Bipolare affektive Störungen mit de-
die Stimmen gefördert werden fektive Störung, Reaktion auf schwere
pressiven und manischen Episoden
Lautes Lesen oder sich laut unterhal- Belastung und Anpassungsstörung
Rezidivierende depressive Störungen
ten Reaktive Depression. Psychogene De-
mit wiederholten depressiven Epi-
Fernsehen und dabei besonders auf pression, die durch belastende äuße-
soden
das Gesehene und Gehörte achten re Faktoren (z. B. Tod eines geliebten
Anhaltende affektive Störungen.
Musik oder Geschichten mit tragba- Menschen) ausgelöst wurde.
ren Geräten hören oder einen einzel- Der Schweregrad wird durch Klassifi- Assoziierte Begriffe aus der ICD-10:
nen Ton summen. ( 13) zierung in „leicht“, „mittelschwer“, Reaktion auf schwere Belastung und
„schwer ohne psychotische Symptome“ Anpassungsstörung
In jeder Krankheitsphase versuchen die
und „schwer mit psychotischen Sym- Neurotische Depression. Psychogene
Pflegenden, die gesunden Anteile der
ptomen“ beschrieben. Depression, bei der unbewusste,
Patienten zu entdecken und zu fördern.
Erfährt man etwa, dass ein Patient gern nicht ausreichend gelöste seelische
Traditionelle Einteilung Konflikte die depressive Symptoma-
spielt, kann diese Fähigkeit durch das
Im Gegensatz dazu enthalten zahlreiche tik hervorrufen
regelmäßige Schachspielen mit einer
traditionelle psychiatrische Diagnose- Erschöpfungsdepression. Psychoge-
Pflegekraft einmal täglich gestärkt wer-
begriffe Vorstellungen über die mögli- ne Depression als Antwort des Or-
den. Für einen Patienten, der wieder
che Ursache: ganismus auf Dauerbelastung.
arbeiten möchte, ist nach ausreichen-
Affektive Psychose (Zyklothymie,
der Stabilisierung die Arbeitstherapie
auch bipolare Psychose, manisch-de-
geeignet.
pressive Krankheit). Endogen beding- 34.7.1 Depression
te (➔ 34.5) affektive Störung. Phasen-
34.6.2 Schizoaffektive weise depressive oder manische Ver- Depression: Affektive Störung mit
stimmung des Kranken. Die Phasen krankhaft niedergedrückter Stimmung des
Störungen können rezidivieren, heilen aber in Kranken, die mit einer Vielzahl psychi-

34
Bei schizoaffektiven Störungen treten der Regel folgenlos aus. Häufigkeit ca. scher, psychosozialer und körperlicher
gleichzeitig schizophrene und affektive 0,5 – 1 %, familiär gehäuft. In 2⁄ 3 der Symptome einhergehen kann. Sehr häu-
Symptome auf. Sie stellen eine Zwi- Fälle monopolar mit ausschließlich fige Störung: Schätzungsweise 15 % aller
schenform zwischen Schizophrenie depressiven Phasen, in 1⁄ 3 bipolar mit Menschen leiden (mindestens) einmal im
und affektiven Störungen dar. Schizoaf- Wechsel von depressiven und mani- Leben an einer behandlungsbedürftigen
fektive Störungen haben eine bessere schen Phasen. Depression.
Prognose als Schizophrenien und spre- Assoziierte Begriffe aus der ICD-10: bi-
chen oft auf eine Phasenprophylaxe an. polare affektive Störung, rezidivieren-
de depressive Störung Krankheitsentstehung
Endogene Depression, auch Melan- Neurobiochemisch werden neben den
34.7 Affektive Störungen cholie, zyklothyme Depression oder oben beschriebenen psychosozialen
engl. major depression. Depressive Belastungsfaktoren Neurotransmitter-
Affektive Störungen: Psychische Er- Phase der affektiven Psychose. störungen im Serotonin- und Noradre-
krankungen, bei denen krankhafte Ver- Assoziierte Begriffe aus der ICD-10: bi- nalinhaushalt als mögliche Ursachen
änderungen der Stimmung im Vordergrund polare affektive Störung, rezidivieren- für Depressionen diskutiert.
stehen. Bei gesenkter Stimmung spricht de depressive Störung Depressionen treten im Alter gehäuft
man von depressiven Störungen, bei ge- Organische Depression. Ausdruck auf, sind aber keine natürliche Folge des
hobener Stimmung von Manie. Insbe-
sondere Depressionen können bei unter-
schiedlichen psychischen Erkrankungen
auftreten und führendes Symptom oder Depressive Verstimmung Manische Verstimmung
Teil einer komplexen Störung sein. 3 Denkhemmung 3 Ideenflucht
3 Psychomotorische 3 Psychomotorische
Hemmung Erregung
Krankheitsentstehung 3 Vitalstörungen 3 Steigerung der Vitalgefühle
Heute wird davon ausgegangen, dass 3 Wahnthemen Schuld 3 Wahnthema Größenideen
und Verarmung
affektive Störungen multifaktoriell be-
dingt sind, d. h. durch ein Zusammen-
spiel von genetischer Veranlagung und
Umwelteinflüssen entstehen. Belasten- Abb. 34.20: Die zwei Pole der affektiven Störung: Depression und Manie. [A400-117]

1285
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Alterungsprozesses. Ihre Entstehung Hände oder laufen rastlos auf und ab.
wird begünstigt durch die im Alter oft Dann spricht man von agitierter De-
abnehmende Fähigkeit zur Stressbewäl- pression.
tigung, die häufigen belastenden „life Auch das Denken ist erschwert und
events“, etwa der Verlust von Freunden verlangsamt (Denkhemmung). Manch-
oder des Ehepartners sowie neurode- mal müssen die Patienten zwanghaft
generative Veränderungen. über einige wenige, bedrückende The-
Weil die Ursachen von Depressionen men nachgrübeln (Grübelzwang). Da-
auch beim einzelnen Patienten letztlich neben sind Störungen von Konzentra-
nie sicher zu klären sind und weil de- tion, Aufmerksamkeit und Gedächtnis
pressive Störungen verschiedener Ge- häufig. Sie können so ausgeprägt sein,
nese ähnlich auf Antidepressiva rea- dass gerade bei alten Menschen eine
gieren, wird auf die weitere Einteilung Demenz anstelle einer Depression dia-
der Depressionen z. B. in psychogen, gnostiziert wird (Pseudodemenz, ➔ auch
endogen, reaktiv, zunehmend verzich- 33.10.4).
tet. Das bedeutet nicht, dass auf die Re- Gelegentlich werden Depressionen
flexion hinsichtlich möglicher Ursachen sehr leibnah erlebt. Die Patienten kla-
verzichtet wird. gen über ein Druck- oder Schwerege-
fühl im Brustbereich, über Gesichts-
Symptome schmerzen oder schwere Glieder. Typi-
sche vegetative Symptome sind Ein- und
Depressionen sind nicht nur durch be- Durchschlafstörungen mit morgend-
sondere Schwere und Dauer von Trauer und lichem Früherwachen, Appetitstörun- Abb. 34.21: Häufig ist der Gesichtsausdruck
Niedergeschlagenheit im Vergleich zu nor- von Menschen, die an einer Depression
gen, Verstopfung und Durchfall, Herz-
maler Niedergedrücktheit gekennzeich- erkrankt sind, leidend oder erstarrt. Die Be-
jagen, Libido- und Potenzstörungen troffenen sehen die Welt um sich herum grau
net, sie sind auch qualitativ anders als die und Schwitzen. Tagesschwankungen in grau. [J666]
„normale“ Traurigkeit. Sie verändern den mit „Morgentief“ und „abendlicher Auf-
Menschen und können von ihm allein oft hellung“ weisen auf eine Störung des
nicht bewältigt werden. Biorhythmus hin. sich schlecht konzentrieren, haben oft
keine Lust mehr, sich mit Freunden zu
Depressive Patienten sind niederge- Bei einer larvierten Depression (larviert verabreden und ein geringes Selbst-
schlagen, bedrückt und freudlos. Einige = maskiert) stehen die Vitalstörungen wertgefühl.
bezeichnen sich als traurig, andere be- (leibliche Missempfindungen) und vege-
tonen, dass sie noch nicht einmal echte tativen Symptome so im Vordergrund,
Traurigkeit empfinden können, sie sei- dass sie die depressive Verstimmung über-
Diagnostik

34
en vielmehr „leer“ und „wie abgestor- decken (maskieren). Diagnosekriterien der Depression nach
ben“ (Gefühl der Gefühllosigkeit). Oft
ICD-10
leiden die Kranken insbesondere unter Bei schweren Depressionen können Hauptsymptome: Depressive Stim-
dem Fehlen liebevoller Gefühle gegen- psychotische Symptome (Wahn und mung; Interessenverlust/Freudlosig-
über anderen. Auch sich selbst können Halluzinationen) auftreten. Der Wahn- keit; erhöhte Ermüdbarkeit/Antriebs-
depressive Patienten nicht mehr positiv inhalt spiegelt typischerweise das ne- mangel
wahrnehmen. Sie fühlen sich wertlos, gative Erleben der Kranken: Schuld- Nebensymptome: Verminderte Kon-
überflüssig oder schuldig (Insuffizienz- wahn, Verarmungswahn und hypo- zentration und Aufmerksamkeit; ver-
gefühle). Sie haben keine Hoffnung auf chondrischer Wahn sind am häufigsten. mindertes Selbstwertgefühl; Gefühle
Besserung oder eine schöne Zukunft. Beispiel: Eine depressive Patientin fühlt von Schuld und Wertlosigkeit; nega-
Oft erscheint ihnen das Weiterleben un- sich schuldig an einer schweren Erkran- tive/pessimistische Zukunftsperspek-
erträglich und sinnlos, sodass sie den kung ihrer Tante, weil sie diese vor Jah- tiven; Suizidgedanken/-handlungen;
Suizid als letzten Ausweg ansehen. ren gekränkt und ihr so das Herz ge- Schlafstörungen; verminderter Appetit
Weder für Hobbys noch für ihren Be- brochen habe. Diagnose bei Vorliegen von zwei Haupt-
ruf können die Kranken Interesse auf- Die Phasendauer rezidivierender de- symptomen über mindestens zwei
bringen. Der Antrieb ist typischerweise pressiver Störungen schwankt zwischen Wochen, Schweregrad je nach Zahl der
vermindert, die Patienten haben keinen Tagen und Jahren, im Durchschnitt be- Nebensymptome. ( 14)
Schwung und werden schnell müde. Sie trägt sie ein halbes Jahr. Schwere De-
bewegen sich nur langsam, der Ge- pressionen verlaufen wegen der hohen Die Diagnostik basiert auf Anamnese
sichtsausdruck ist leidend oder erstarrt. Suizidalität nicht selten tödlich. (einschließlich Biographie), psychopa-
In Extremfällen kommt es zu einem de- thologischer Symptomatik und aktuel-
pressiven Stupor: Der Kranke ist nahezu Kindliche Depressionen ler Lebenssituation. Aus dem Krank-
bewegungslos und stumm und reagiert Auch Kinder können schon depressiv heitsverlauf ergibt sich, ob eine rezi-
nicht auf die Umwelt. sein. Gerade bei kleinen Kindern zeigt divierende depressive Störung oder eine
Wegen dieser Antriebshemmung kann sich eine Depression vornehmlich depressive Episode einer bipolaren af-
man die innere Unruhe nur schwer durch uncharakteristische Symptome fektiven Störung vorliegt. Möglicher-
wahrnehmen, die viele Patienten quält. wie Spielunlust, Schlafstörungen oder weise ist dem Beginn der depressiven
Oft leiden sie auch unter Angst. Manch- Appetitveränderungen (zu viel oder zu Symptomatik ein belastendes Ereignis
mal aber sind depressive Patienten wenig). Etwas ältere Kinder sind über vorausgegangen, dessen Bewältigung
psychomotorisch erregt, sie ringen die Wochen „ohne Grund“ traurig, können dem Patienten nicht gelungen ist.

1286
34.7 Affektive Störungen

Wichtig ist die Abgrenzung zu an- Anpassungen des Lebensstils, z. B. de Schlaf der frühen Morgenstunden
deren psychischen Erkrankungen, bei Stressbewältigung. entzogen. Die Behandlung kann nach
denen die Depression ein mögliches ca. einer Woche, bei partiellem Schlaf-
Symptom darstellt (z. B. Angst-, schizo- Psychotherapie entzug nach drei Tagen wiederholt wer-
affektive Störungen) sowie zu organisch Prinzipiell werden bei depressiven den und hat keine Nebenwirkungen.
bedingten psychischen Störungen, z. B. Störungen alle Psychotherapieverfah- Leider hält der Effekt nur kurz (einen
bei Schilddrüsenunterfunktion (➔ 21.3.4). ren angewendet. In der nationalen Ver- Tag bis – selten – eine Woche) an. Aber
sorgungsleitlinie sind u. a. folgende auch eine kurze Besserung ist für vie-
Behandlungsstrategie Aspekte zur Basisbehandlung genannt: le Patienten eine große Erleichterung
Ob eine ambulante oder stationäre Be- ( 14) und gibt ihnen die Kraft, den Wirkungs-
handlung sinnvoller ist, hängt von der Aktives flexibles und stützendes Vor- eintritt der Arzneimittel abzuwarten.
Schwere der Erkrankung (Suizidgefahr), gehen, Vermittlung von Ermutigung
und Hoffnung Schlafentzug stellt hohe Anforderun-
dem sozialen Umfeld und der Persön-
Exploration des subjektiven Krank- gen an die Pflegenden. Die müden, er-
lichkeit des Kranken ab. Einige Patien-
heitsmodells, Klärung aktueller Moti- schöpften Patienten sehnen sich nach
ten empfinden die Krankenhausauf-
Ruhe – und sollen auf ihre letzte Rück-
nahme als Entlastung (Entlastung von vationen und der Therapieerwartun-
zugsmöglichkeit, ein paar Stunden Schlaf,
Pflichten, „Anerkennung“ als Kranker), gen des Patienten
auch noch verzichten (schon ein kurzes
für andere stellt die Aufnahme in eine Vermittlung eines Verständnisses der
Nickerchen hebt die Wirkung des gesam-
psychiatrische Klinik eine Belastung mit Symptome, ihrer Behandelbarkeit
ten Schlafentzugs auf!). Am besten ist es,
Gefahr der Krankheitsverschlimmerung und ihrer Prognose
den Schlafentzug in einer Gruppe durch-
dar. Vermittlung eines „biopsychosozia-
zuführen. Dies ermöglicht einen Erfah-
Die Therapie von Depressionen stützt len Krankheitsmodells“ zur Entlas-
rungsaustausch und die gemeinsame Be-
sich auf: ( 14) tung des Patienten von Schuldgefüh-
schäftigung. Die Patienten sollten kom-
Psychotherapeutische Verfahren len, Selbstvorwürfen und Versagens- plett angezogen bleiben und sich nicht im
Antidepressiva (ab mittelschwerer gefühlen Patientenzimmer aufhalten. Nachts gibt
Depression) Klärung aktueller äußerer Problem- es keine Therapien, die die Zeit vertrei-
Stimmungsstabilisatoren (v. a. Lithi- situationen, Entlastung von zurzeit ben könnten, alle Beschäftigungsange-
um) und Antidepressiva zur Phasen- überfordernden Pflichten und An- bote hängen von der Phantasie der Pfle-
prophylaxe rezidivierender depres- sprüchen am Arbeitsplatz und in der genden im Nachtdienst ab. Möglichkeiten
siver Störungen. Familie zur Ablenkung sind z. B. leichte Lektüre,
Verhinderung depressionsbedingter Fernsehen oder Gesellschaftsspiele. Am
Schlafentzugsbehandlung, Licht-, Be-
Wünsche nach überstürzter Verände- folgenden Tag dürfen die Patienten erst
wegungs- oder Elektrokrampftherapie
rung der Lebenssituation am Abend zu Bett gehen, da sonst die Wir-
bei schweren therapieresistenten de-
Unterstützung beim Formulieren kung der Therapie aufgehoben wird.
pressiven Störungen sind weitere Be-
und Erreichen konkreter, erreichba-

34
handlungsmöglichkeiten.
rer Ziele zum Wiedergewinnen von
Antidepressiva Erfolgserlebnissen
Einbezug von Angehörigen, Stärkung
Schätzungsweise 70 % der Patienten mit
der Ressourcen
rezidivierenden depressiven Störungen
Ansprechen von Suizidimpulsen, Er-
sprechen gut auf Antidepressiva an. Bei
arbeitung eines Krisenmanagements.
den übrigen Formen sind die Erfolge
nicht so gut. Die Antidepressiva müs- Ein besonderer verhaltenstherapeuti-
sen 4 – 9 Monate nach Abklingen der scher Ansatz ist die Bearbeitung kog-
depressiven Phase gegeben werden (Er- nitiver Inhalte, besonders der negativen
haltungstherapie), da es sonst zu ei- Selbstwahrnehmungen und Gedanken-
nem Rezidiv kommen kann. Dann wer- kreise. Daneben wird der Umgang des
den sie schrittweise ausgeschlichen. Patienten mit Belastungssituationen
Bei Patienten mit chronisch depressiver eingeübt.
Verstimmung ist eventuell eine jahre-
lange Behandlung indiziert. Die An- Schlafentzug
tidepressiva werden in der Regel oral Einer Theorie zufolge ist das morgend-
gegeben. liche Früherwachen bei Depressiven
ein Selbstheilungsversuch des Körpers.
Medikamentöse Phasenprophylaxe Entsprechend soll Schlafentzug (Wach-
Nach zwei depressiven Episoden sollte therapie) diesen Selbstheilungsversuch
eine medikamentöse Rezidivprophy- unterstützen. Insbesondere depressive
laxe mit Stimmungsstabilisatoren (v. a. Störungen mit ausgeprägten Tages-
Lithium ➔ 34.3.3) oder Antidepressiva schwankungen reagieren oft auf Schlaf-
überlegt werden. Die lange Behand- entzug.
Abb. 34.22: Einige depressive Menschen be-
lungsdauer über mindestens zwei Jah- Beim kompletten Schlafentzug wird
zeichnen sich als traurig, andere betonen, dass
re erfordert viel Motivation und Krank- der Patient die ganze Nacht wach ge- sie noch nicht einmal echte Traurigkeit emp-
heitsverständnis seitens des Patienten. halten, beim partiellen Schlafentzug finden können, sie seien vielmehr „leer“ und
Zur Phasenprophylaxe gehören auch wird er um 1.30 Uhr morgens ge- „wie abgestorben“ (Gefühl der Gefühllosig-
psychotherapeutische Betreuung und weckt und nur der depressionsfördern- keit). [J666]

1287
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Lichttherapie dass es „offensichtlich“ schon aufwärts sie sich zugetraut hätten. Da sie oft
Beobachtungen einer Häufung von De- gehe. Sinnvoller ist es, den Patienten be- langsam sind, braucht die begleitende
pressionen im Winter lenkten das Au- schreiben zu lassen, wie er sich fühlt, Pflegekraft viel Geduld.
genmerk auf die Bedeutung des (Son- und ihn durch Fragen zu motivieren, Bei Schlafstörungen helfen neben
nen-)Lichts. Besserungen wahrzunehmen. Provozie- Arzneimitteln eine ruhige Umgebung
Bei der Lichttherapie wird der Patient ren Fragen nach dem Befinden im Ein- am Abend, warme Milch als Schlum-
bis zu zwei Stunden täglich (meist vor- zelfall immer wieder stereotype, kla- mertrunk und Entspannungstechniken
mittags) sehr starkem Licht entspre- gende Antworten, bewährt es sich, nach (➔ 12.10.4, 12.10.5). Die Pflegenden
chend ungefähr dem eines hellen Som- Aktivitäten zu fragen („Was haben Sie fördern den Tag-Nacht-Rhythmus und
mertags ausgesetzt (ein durch normale denn am Wochenende gemacht?“). versuchen, den depressionsfördernden
Glühbirnen beleuchteter Raum reicht Depressive Patienten lösen bei ihren Schlaf tagsüber zu verhindern.
nicht). Die Behandlung ist nebenwir- Mitmenschen nach einer kurzen Phase
Hauptproblem: Suizidgefahr
kungsfrei und vor allem bei der saiso- des „Mitleidens“ oft Wut, Hoffnungs-
Ein großes pflegerisches Problem ist die
nalen Depression (Winterdepression) losigkeit und Hilflosigkeit aus. Ihr mo-
Selbsttötungsgefahr. Bei Patienten mit
wirksam. notones Klagen strengt an, und irgend-
wahnhaften Depressionen ist die Ab-
wann entsteht das Gefühl, dass sie sich
sprachefähigkeit (➔ 34.16) erheblich ge-
Elektrokrampftherapie eigentlich in ihrer depressiven Haltung
mindert.
Bei therapieresistenten rezidivierenden ganz wohl fühlen. Damit übernimmt
depressiven Störungen ist die Elektro- man die negative Sicht der Patienten
krampftherapie (kurz EKT) oft noch und ihre depressive Selbsteinschätzung.
wirksam. Sie wird heute in Narkose Diese Gegenübertragung, die die Krank- 34.7.2 Manie
und unter medikamentöser Muskel- heit des Patienten nicht ernst nimmt,
Manie: Affektive Störung mit gehobe-
entspannung durchgeführt, sodass es muss erkannt werden, damit sie sich
ner Stimmung, Antriebssteigerung, Denk-
nicht zu starken Krämpfen kommt. Sie nicht gegen den Kranken richtet. ( 4)
störungen sowie evtl. Wahn. Episode bei
führt auch nicht zu bleibenden Persön-
Akute schwere Depression: Entlastung bipolaren affektiven Störungen. Manische
lichkeitsveränderungen. Häufige Folge Zustände sind auch bei Intoxikationen mit
sind leichte Gedächtnisstörungen, die Depressive Patienten können nur unter
großer Anspannung und für kurze Zeit- Psychostimulantien, bei Schizophrenien,
sich jedoch innerhalb einiger Wochen bei Benzodiazepinentzug oder bei Gehirn-
zurückbilden, sowie Spannungskopf- räume äußeren Anforderungen gerecht
werden. Sie müssen zunächst entlastet erkrankungen möglich.
schmerzen.
werden. Aufforderungen zum „Zusam-
menreißen“ und „positiv Denken“ sind
Pflege Symptome
falsch. Das müssen auch die Angehö-
rigen wissen. Manische Patienten sind grundlos hei-
Der wichtigste Grundsatz bei der Pflege
depressiver Patienten ist es, die Balance ter, ihre Stimmung ist gehoben, über-
Aktivierung: Fördern ohne
34 zwischen sinnvollen aktivierenden Maß- mütig strahlend und ansteckend. Oft
Überfordern überschätzen sie ihre Möglichkeiten.
nahmen und Überforderung zu finden.
Zu starker Rückzug und Schonung sind Sie fühlen sich sehr wohl und keines-
Der Depressive befindet sich bildhaft problematisch. Schlafen am Tag ver- wegs krank. Im Verlauf der Erkrankung
ausgedrückt in einem seelischen Ge- stärkt z. B die Schlafprobleme in der werden manche Patienten gereizt und
fängnis, aus dem er andere emotional Nacht. Baldmöglichst beginnen daher aggressiv, v. a. wenn ihre Umgebung
nicht mehr erreichen kann. Es ist sehr aktivierende Maßnahmen, die die Pa- sich ihnen widersetzt.
schwer, eine Gefühlsbindung zu ihm tienten nicht überfordern (tatsächliche Typische Denkstörung bei einer Ma-
aufzubauen. Auch durch Zuwendung Überforderung bestätigt die Patienten nie ist die Ideenflucht. Die Kranken den-
von Seiten der Pflegenden werden die in ihrer negativen Selbstwahrnehmung). ken schneller und flüchtiger als sonst
traurigen Gedanken nicht überwunden. Pflegende räumen ihnen genug Ruhe- und hüpfen von Einfall zu Einfall. Durch
Unangebrachter Trost („Es ist doch und Erholungsphasen ein. äußere Eindrücke werden sie sofort ab-
völlig unnötig, dass Sie sich wegen sol- Vor allem bei psychotherapeutisch gelenkt, sie können sich nicht konzent-
cher Kleinigkeiten schuldig fühlen“) ist orientierten Behandlungen unterstüt- rieren.
falsch, denn hierdurch signalisiert der zen Pflegende den Patienten in der Um- Entsprechend der Grundstimmung
Pflegende dem Patienten, dass er ihn setzung von positiven und entlasten- dominieren beim Wahn Größenideen.
nicht versteht. Es hilft eher, genau zu- den Aktivitäten, integrieren diese in die Beispiel: Eine manische Patientin ist der
zuhören, worüber der Patient klagt, und Tagesstruktur und vermitteln den Zu- felsenfesten Überzeugung, durch ihre
ihm zu erklären, dass diese Symptome sammenhang zwischen Denken, Füh- Spenden die Armut auf der Welt besei-
zu seinem Krankheitsbild gehören, z. B. len und Handeln, z. B. mit einer Stim- tigt zu haben, und feiert dies mit allen
zu erzählen, dass man ähnliche Schuld- mungsskala. Mitpatienten.
gefühle von anderen Patienten kenne. Viele Patienten brauchen Hilfe bei Die Antriebssteigerung führt zu einer
Sie seien mit der Krankheit verknüpft der Körperpflege. Außerdem beobach- psychomotorischen Erregung mit ge-
und würden verschwinden. Sachliche ten die Pflegenden die Nahrungs- und steigertem Bewegungsdrang und Rede-
Informationen erreichen den Patienten Flüssigkeitsaufnahme (bei Appetitman- flut. Manische Patienten eilen von einer
und helfen ihm, auch wenn er das oft gel Wunschkost) und kontrollieren wö- Beschäftigung zur nächsten (meist oh-
(zunächst) nicht ausdrücken kann. chentlich das Gewicht der Patienten. ne Ergebnis) und entwickeln große
Besserungssignale müssen vom Pa- Bei gemeinsamen Arbeiten (z. B. Kü- Energie. In schweren Fällen sind die Pa-
tienten kommen. Es bringt den Patien- chendienste) und Therapien erfahren tienten so erregt, dass sie toben und Ge-
ten unter Druck, wenn man ihm sagt, die Patienten, dass sie mehr können, als genstände zerstören.

1288
34.8 Abhängigkeit

Gehobene Stimmung, Größenideen bestärken und im Umgang ruhig blei- und derbe Witzeleien sollten sie sich
und Antriebssteigerung führen oft zu ben. Auf ihre übersteigerte Selbstein- nicht gekränkt fühlen – diese sind krank-
einem Realitätsverlust des Kranken und schätzung und ihre Wahnideen sollte heitsbedingt. Nach der Akutphase lei-
zu unüberlegten Handlungen. Typisch weder verstärkend noch konfrontativ den die Patienten häufig unter Scham-
sind Verschuldung durch maßlose eingegangen werden, da manische Pa- und Schuldgefühlen, bei deren Bewäl-
Einkäufe, Übernahme unerfüllbarer tienten auf Widerspruch mit Wut rea- tigung man durch Krankheitsaufklärung
Verpflichtungen und unüberlegte Ge- gieren können. und Verständnis helfen kann. Depres-
schäftsgründungen. Zwischenmensch- Aufgrund ihrer erhöhten Vitalität neh- sive Nachschwankungen gehen mit er-
liche Kontakte werden schnell herge- men die Patienten Warnsymptome ihres höhter Suizidgefahr einher.
stellt und ebenso schnell wieder gelöst, Körpers wie Schmerzen oder Überhit-
manchmal kommt es zu sexuellen Ex- zung nicht wahr. Die Pflegenden achten
zessen. auf entsprechende Hinweise, besonders 34.8 Abhängigkeit
Dadurch entsteht nicht nur großes um eine Gefährdung des Herz-Kreis-
Leid für die Angehörigen, sondern auch lauf-Systems zu vermeiden. Das Ge- Abhängigkeit (Abhängigkeitssyndrom,
großer Schaden für die Zukunft der wicht wird wöchentlich kontrolliert. Sucht): Unbeherrschbares Verlangen eines
Kranken (etwa Verschuldung, Zerstö- Wichtig ist auch der Schutz des Pa- Menschen, sich eine bestimmte Substanz
rung partnerschaftlicher Bindungen). tienten vor unsinnigen Geldausgaben. immer wieder zuzuführen oder eine be-
Die fehlende Realitätseinschätzung Telefonate werden beschränkt oder stimmte Tätigkeit immer wieder auszu-
kann auch zu akuter Selbstgefährdung kontrolliert, damit sich die Patienten führen, obwohl er sich selbst oder anderen
führen, z. B. durch „grenzenloses“ Ver- weder durch hohe Telefongebühren dadurch schadet.
halten beim Autofahren. noch durch telefonische Bestellungen
Vegetative Symptome, besonders ei- finanziell ruinieren. Das Team verhin- Umgangssprachlich wird oft der Aus-
ne Verkürzung der Schlafdauer, kom- dert grundsätzlich sexuelle Kontakte zu druck Sucht verwendet. WHO, ICD und
men vor, werden aber nicht als störend Mitpatienten – eventuell verstoßen die Fachpublikationen verwenden den
erlebt. Die Patienten fühlen sich ausge- Kranken gegen Normen, die ihnen sonst neutralen Begriff Abhängigkeit.
ruht. Die Libido ist gesteigert. viel bedeuten.
Die Phasen dauern in der Regel einige Die Mitpatienten werden geschützt,
Tage bis Wochen, selten auch Jahre. indem z. B. Geld- und Tauschgeschäfte 34.8.1 Krankheitsentstehung,
mit dem manischen Patienten unter- Symptome und Diagnostik
Behandlungsstrategie bunden werden und das Einhalten der Krankheitsentstehung
Obwohl manische Patienten sich sub- Stationsregeln beachtet wird. Patienten
jektiv bestens fühlen, müssen sie be- mit geringer Belastbarkeit müssen die Im Prinzip kann jeder Mensch abhängig
handelt werden, um Schaden von ihnen Pflegenden eventuell von manisch werden. Dennoch ist nicht jeder Mensch
und ihrer Umgebung abzuwenden. Kranken räumlich trennen. Da mani- gleichermaßen gefährdet.
sche Patienten meist keine Krankheits-

34
Die Therapie stützt sich in erster Linie
auf die Gabe von Lithium und Antipsy- einsicht haben, müssen die Pflegenden Trotz zahlreicher Theorien ist die Ursa-
chotika. Zur Phasenprophylaxe werden die Medikamenteneinnahme intensiv che der Abhängigkeitsentstehung wei-
Lithium, Carbamazepin und atypische begleiten. ter unklar.
Antipsychotika eingesetzt. Um selbst nicht überfordert zu wer- Als psychische Voraussetzung gilt heu-
Eine Psychotherapie ist während der den, übernehmen Pflegende die Betreu- te eine süchtige Fehlhaltung. Drogen
akuten Erkrankung meist nicht mög- ung manischer Patienten möglichst zu ermöglichen dem Abhängigen z. B. Ge-
lich, da der Patient seine Probleme nicht zweit. Durch anzügliche Bemerkungen fühle höherer Leistungsfähigkeit, Angst-
erkennen kann.

Pflege
Droge
Dem inneren Gefängnis depressiver 3 Abhängigkeitspotential
Menschen steht die Grenzenlosigkeit der Droge
manischer Patienten gegenüber. Daher 3 Wirkungen der Droge
ist es wichtig, Grenzen und Regeln deut-
lich zu vermitteln. Andererseits werden
sie in ihrem übersteigerten Aktivitäts- Persönlichkeit Soziales Umfeld
und Bewegungsdrang nicht zu stark 3 Bisherige Persönlich- 3 Familie („Trinksitten”)
keitsentwicklung 3 Gesellschaft
eingeschränkt, da zu geringe Freiräume 3 Genetische Faktoren
die Patienten reizbar und aggressiv
machen und die Compliance verringern
können. Falls möglich, bietet man groß-
zügige Bewegungsräume und Arbeiten, Auslösende Faktoren Verfügbarkeit der Drogen
damit die Patienten ihre überflutende 3 Lebenskrisen, z.B. Verlust von 3 Supermarkt
Energie abreagieren können: Malen auf Angehörigen, Arbeitslosigkeit 3 Medizinisches
Versorgungssystem
großen Flächen (Packpapier, Leintü- 3 Illegaler Erwerb
cher), Gartenarbeiten und Sportange-
bote.
Pflegende sollten manische Patienten
in ihrer ansteckenden Heiterkeit nicht Abb. 34.23: Ob und welche Abhängigkeit sich entwickelt, hängt von vielen Faktoren ab. [K183]

1289
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

freiheit, Ruhe, Entspannung oder neue Nicht selten kommen Abhängige zwar
Erfahrungen. Alltagsprobleme scheinen von einer Droge „los“, werden aber
kurzfristig erträglicher. Nach der Traum- dafür von einer anderen Substanz ab-
welt der Droge erscheint die Realität hängig. Beispiel: Einer Frau gelingt zwar
(noch) härter und bedrückender. Da die Alkoholabstinenz, dafür entwickelt
liegt es für viele nahe, erneut zur Droge sie eine Arzneimittelabhängigkeit. Der
zu greifen um so wenigstens für kurze Grund für dieses „Umsteigen“ wird in
Zeit den Alltag zu vergessen. der süchtigen Fehlhaltung des Betref-
In der Biographie Abhängigkeitskran- fenden gesehen.
ker findet man relativ häufig gestörte
Lange wurde Rauchen als Gewohnheit
Familienverhältnisse (broken home),
oder „Willensschwäche“ abgetan. Heute
auch ein Erziehungsstil mit übermäßi-
steht fest, dass Nikotin psychisch und
ger Verwöhnung und unangemessenem
physisch abhängig machen kann und bei
Schutz des Kindes soll zur Abhängig-
vielen Rauchern eine Abhängigkeit be-
keitsentwicklung beitragen. Oft leiden Abb. 34.24: Nichtstoffgebundene Abhängig- steht (Details ➔ 18.1.3). Wer eigene Erfah-
Eltern oder Geschwister ebenfalls unter keiten sind wahrscheinlich häufiger, als man rungen mit der Beendigung des Rauchens
Abhängigkeitserkrankungen oder Per- zunächst glauben mag: Es wird geschätzt, gesammelt hat, kann sich möglicherweise
sönlichkeitsstörungen. dass allein 1 % der Bevölkerung glücksspiel-
besser in die Schwierigkeiten Alkohol- oder
süchtig ist. [K183]
Welche Drogenabhängigkeit in einer Ge- Heroinabhängiger einfühlen.
sellschaft am häufigsten ist, hängt auch
von der Einstellung der Gesellschaft zu den Ob schon nach einmaligem „Auspro-
verschiedenen Drogen ab. Alkohol etwa bieren“ oder (wenn überhaupt) erst nach Entwicklung und Symptome
wird im Islam missbilligt, wohingegen Al- vielfachem Konsum eine Abhängigkeit Konsum und Missbrauch von Alkohol
koholgenuss „in Maßen“ in westlichen entsteht, hängt von der Persönlichkeit und Drogen steigen im Jugendalter steil
Ländern üblich ist. Alkoholische Getränke des Betreffenden und von den Eigen- an. Wichtige Gründe sind die komple-
werden offen zum Verkauf angeboten, die schaften der Droge ab. Kontrollierter xen Entwicklungsaufgaben, die sich den
Werbung für Alkohol ist legal. Es gibt sogar Alkoholkonsum ohne Abhängigkeits- Jugendlichen stellen und die durch Dro-
zahlreiche Drogenkranke, die ihre Droge entwicklung ist z. B. vielen Menschen gen scheinbar erleichtert werden, so-
(z. B. Benzodiazepine) per Rezept durch möglich, kontrollierter Nikotinkonsum wie der Einfluss der Peergroup. Viele Ju-
das medizinische Versorgungssystem er- nur wenigen. Heroin führt innerhalb gendliche reduzieren als junge Erwach-
halten. weniger Tage zur Abhängigkeit, „Crack“ sene ihren Substanzkonsum, wenn er
(ein Kokainprodukt) manchmal schon mit ihrer Lebenssituation, z. B. dem
nach einmaligem Gebrauch. Beruf, nicht mehr vereinbar ist. Einige
Einteilung Jugendliche aber entwickeln eine Ab-
Bei Schmerzpatienten führen Opiate

34
Man unterscheidet stoffgebundene Ab- hängigkeit. Ein Teil dieser Jugendlichen
praktisch nie zu psychischer Abhängigkeit.
hängigkeiten (Stoffsüchte) und nicht- zeigt schon früh auch dissoziale oder
stoffgebundene Abhängigkeiten (Ver- Anpassungsstörungen, andere sind an-
haltens-, Tätigkeitssüchte). Einteilung von Drogen sonsten unauffällig.
Eine Abhängigkeit entwickelt sich ty-
Zu den bewusstseinsaktivierenden (an-
Nichtstoffgebundene Abhängigkeiten pischerweise über mehrere Stadien.
regenden) Drogen gehören:
Praktisch jede menschliche Tätigkeit,
Legale Drogen wie Koffein, Nikotin
jedes menschliche Verhalten kann „ent- Schädlicher Gebrauch
oder Alkohol in kleinen Mengen
gleisen“. Am häufigsten sind die Ess- Schädlicher Gebrauch (Missbrauch)
Aufputschmittel (Psychostimulantien)
sucht (Bulimie ➔ 34.14.5), die Spielsucht wird definiert als übermäßiger Konsum
wie Amphetamine, Kokain und De-
und dranghaftes Stehlen. Aber auch Ar- einer Substanz, sodass es zu körper-
signer-Drogen wie z. B. Ecstasy
beiten (Workaholic) oder Sporttreiben lichen und psychosozialen Schäden
Schnüffelstoffe wie Äther, Klebstoffe
können zur Sucht werden. Tätigkeits- kommt. Schädlicher Gebrauch liegt also
und Chloroform.
süchte erfordern eine spezielle psycho- z. B. beim Lehrling vor, der „bekifft“ am
therapeutische Behandlung. Bewusstseinsverengende (beruhigen- Ausbildungsplatz erscheint und dem
de) Drogen sind: nun die Kündigung droht.
Stoffgebundene Abhängigkeiten Anxiolytika, in erster Linie Benzodia-
Der Begriff Droge bezeichnet meist zur zepine (➔ 34.3.4) Abhängigkeit
Abhängigkeit führende Substanzen, in Schlafmittel (z. B. Barbiturate) Der schädliche Gebrauch kann in die
erster Linie suchterzeugende Stoffe mit Alkohol in größeren Mengen psychische und physische (körperliche)
psychoaktiver Wirkung, Rauschmittel Opiate wie Morphium oder Heroin. Abhängigkeit übergehen.
und Alkohol (➔ 34.8.3). Ihnen gemein- Zu den bewusstseinsverändernden (hal- Psychische Abhängigkeit. Das weit-
sam ist, dass sie Bewusstsein oder Erle- luzinogenen) Drogen zählen: aus größere Problem ist meist die psy-
ben verändern und im weitesten Sinne Cannabis (indischer Hanf ), wobei chische Abhängigkeit. Der Abhängige
„angenehme“ Gefühle hervorrufen kön- Haschisch aus dem Harz und Mari- kann dem Sog der Droge nicht wider-
nen. huana aus den Blüten und Blättern stehen, sein Verlangen danach ist un-
Stoffe, die diese Eigenschaften nicht der Pflanze hergestellt wird beherrschbar (craving). Ihn interessiert
besitzen (z. B. Antipsychotika oder An- LSD (kurz für Lysergsäure-diethyl- nur noch, wie er an „seine“ Droge
tidepressiva), „eignen“ sich nicht als amid), das Halluzinationen und psy- kommt, und er vernachlässigt Verpflich-
Suchtmittel. chische Veränderungen hervorruft. tungen oder bisherige Interessen. Hat er

1290
34.8 Abhängigkeit

die Droge endlich beschafft, kann er Pflegerisch ist – neben der Sorge für
Fortschreitende Vernachlässigung an-
nicht mehr kontrollieren, wie er sie zu körperliches Wohlbefinden – während
derer Interessen/Verpflichtungen zu-
sich nimmt, z. B. teilt er die Nadel mit gunsten des Substanzkonsums, erhöh- der Entgiftung einfühlsame Unterstüt-
anderen (needle sharing), obwohl er die ter Zeitaufwand, um die Substanz zu zung und Ermutigung besonders wich-
Gefahren kennt. Er hat auch nicht mehr beschaffen, zu konsumieren oder sich tig. Eine Konfrontation mit dem eigenen
im Griff, wie viel er konsumiert. von den Folgen des Konsums zu erho- Verhalten oder forcierte Auseinander-
Physische Abhängigkeit. Als Folge len setzung mit Problemen ist nicht sinn-
der physischen Abhängigkeit muss die Anhaltender Substanzkonsum trotz voll: Der Patient ist (noch) nicht zu kon-
Dosis gesteigert werden, um die gleiche Nachweis eindeutig schädlicher psy- struktiver Mitarbeit in der Lage.
Wirkung zu erzielen (Toleranzentwick- chischer, physischer und sozialer Folgen
lung). Bei Wegfall der Droge, z. B. bei und u. U. trotz des Wissens um die Fol- Substitutionstherapien
Beschaffungsproblemen oder Kranken- gen. Bei Patienten mit i. v.-Drogenabusus ist
hausaufenthalt, entwickeln sich körper- das soziale Umfeld oft zerstört, der kör-
liche Entzugserscheinungen wie Schwit- perliche Gesundheitszustand schlecht
zen, Zittern, Darmkrämpfe und zere-
34.8.2 Behandlungsstrategie und das Ziel einer Abstinenz zunächst
brale Anfälle.
und Pflege unrealistisch (keine Abstinenzwillig-
Schnell bildet sich ein Teufelskreis: keit). Für opiatabhängige Problempa-
Primäres Ziel in der Behandlung Ab- tienten sind mittlerweile Substitutions-
Durch die Abhängigkeit entstehen soziale hängigkeitskranker ist die dauernde Ab-
Probleme. Die Fähigkeit des Abhängigen, therapien mit Opiaten wie Methadon
stinenz. Dies kann nur erreicht werden, (Polamidon ), Levo-Alpha-Azetyl-Me-
Probleme zu lösen, hat sich jedoch durch
wenn der Abhängigkeitskranke voll- thadol (kurz LAAM, in Orlacem ) oder
die Krankheit (noch) weiter verringert, was
ständig hinter dem Entzug steht. Buprenorphin (Subutex ) möglich.
einen weiteren Drogenkonsum begünstigt,
der dann wiederum die Probleme vergrö- Die Substitution führt zu einem
ßert. Viele Suchtkranke finden aus dieser
Motivationsphase Weiterbestehen der Abhängigkeit, sie
(Abwärts-)Spirale allein nicht heraus. Am Anfang steht die Motivation des ist keine Entwöhnungsmaßnahme. Im
Kranken, z. B. durch Beratungsstellen, besten Fall ermöglicht sie aber den Weg-
Ärzte, Freunde oder Verwandte. Zuerst fall der Beschaffungskriminalität und
Psychische Störungen durch muss eine Beziehung aufgebaut wer- der Prostitution, eine Minderung des
psychotrope Substanzen den. Dann wird der Patient motiviert, Infektionsrisikos und die soziale Reinte-
Da Drogen auf das ZNS wirken, können positive und negative Aspekte des Sub- gration.
sie nicht nur zur Abhängigkeit, sondern stanzkonsums zu formulieren und zu
auch zu organisch bedingten psychi- betrachten, Veränderungsziele zu ent- Nachsorge- und
schen Störungen (➔ 34.13) führen, etwa wickeln und eine Entscheidung für die Resozialisierungsphase
zum Entzugssyndrom mit Delir (➔ Abstinenz zu treffen. Diese Entschei-
Bei der Nachsorge und Resozialisie-
dung ist Voraussetzung für Verhaltens-
34
34.8.3) oder zu substanzinduzierten rung muss manchmal das gesamte
psychotischen Störungen. änderungen.
Umfeld des Kranken verändert werden.

Diagnostik Entgiftungsphase
Die Diagnose ist teilweise schwierig, v. a. Bei manchen Drogen (u. a. Alkohol, Opi-
wenn der Betroffene seinen Alltag noch ate) können die körperlichen Entzugs-
(einigermaßen) aufrechterhalten kann. erscheinungen in Extremfällen lebens-
Sie stützt sich auf Eigen- und Fremd- bedrohlich sein und Intensivpflege
anamnese, evtl. ergänzt durch Frage- erfordern. Daher wird die Entgiftung in
bögen und Beobachtung des Betroffe- der Regel stationär in einem Akutkran-
nen. Laboruntersuchungen können oft kenhaus durchgeführt. Alternativen
die Aufnahme der Substanz nachwei- sind speziell ausgestattete psychiat-
sen, nicht aber die Abhängigkeit. rische Krankenhäuser. Die Entgiftung
dauert ungefähr zwei Wochen. Oft er-
Diagnosekriterien der Abhängigkeit lebt der Kranke sie als sehr unange- Abb. 34.25: Der Genuss von Suchtmitteln wird
nach ICD-10 nehm: Er hat Angst, ist unruhig und ver- von der Gesellschaft ganz unterschiedlich
Mindestens drei der folgenden Kriterien bewertet. Zum einen können Suchtmittel das
spürt ein unbeherrschbares Verlangen
Image verbessern … [J666]
müssen erfüllt sein: nach der Droge, häufig treten körper-
Starker, zwangartiger Wunsch, psycho- liche Probleme auf, z. B. zerebrale
trope Substanzen zu konsumieren Krampfanfälle. Es besteht erhöhte Sui-
Verminderte Kontrollfähigkeit bezüg- zidgefahr.
lich des Beginns, der Beendigung und Bezüglich der Arzneimittelgabe wäh-
der Menge des Konsums rend dieser Entgiftungsphase gibt es
Körperliches Entzugssyndrom bei Be- unterschiedliche Ansichten, denn es
endigung oder Reduktion des Konsums besteht die Gefahr, dass sich die Abhän-
Toleranz. Um die ursprünglich durch gigkeit auf die für den Entzug verwen-
niedrigere Dosen erreichten Wirkungen dete Substanz verschiebt. In der Regel
der psychotropen Substanz hervorzu- wird die medikamentöse Unterstützung
rufen, sind zunehmend höhere Dosen
von der Stärke der Entzugssymptomatik Abb. 34.26: … zum anderen sind sie Symbol
erforderlich
abhängig gemacht. des sozialen Abstiegs. [J751-052]

1291
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Partner, Freunde und eventuell auch wahrgenommen und gespiegelt werden.


der Arbeitgeber werden einbezogen. Oft Dem Patienten sollte das Gefühl vermit-
ist eine jahrelange Weiterbehandlung telt werden, als der Mensch angenom-
notwendig, um den Behandlungserfolg men zu sein, der er ist. Hierzu gehört,
zu stabilisieren. Dabei sind Selbsthilfe- sich Zeit für den Patienten zu nehmen,
gruppen von besonderer Bedeutung. auf ihn und seine Probleme einzugehen
und ihn nicht wie ein unmündiges Kind
Umgang mit zu behandeln. Alle Bezugspersonen
Abhängigkeitskranken müssen ein einheitliches Konzept ver-
Stoffgebundene Abhängigkeiten sind folgen. ( 5, 6, 7)
chronische, nicht selten schubartig
verlaufende Erkrankungen mit hohem
Rezidivrisiko: Zwei Drittel aller entgif-
34.8.3 Alkoholkrankheit Abb. 34.27: Jeder Deutsche trinkt durchschnitt-
teten und entwöhnten Patienten greifen und Alkoholentzugsdelir lich 10 l reinen Alkohol pro Jahr. Das ist zwar
weniger als früher, aber nach wie vor zu viel.
früher oder später erneut zur Droge.
Alkoholkrankheit (Alkoholismus): Al- [J660]
Rückfälle gehören also zur Krankheit
koholkrank ist, wer länger als ein Jahr
und dürfen weder als Misserfolg des
größere Mengen an Alkohol konsumiert,
Patienten noch des Behandlungsteams
die Kontrolle über den Alkoholkonsum Manche Alkoholkranke leiden an wei-
angesehen werden.
verloren hat und dadurch körperlich, psy- teren psychischen Erkrankungen, be-
Für die Arbeit hat die hohe Rückfall-
chisch und in seiner sozialen Stellung sonders Angststörungen und Depres-
gefahr praktische Konsequenzen. Gut-
geschädigt ist (neben dieser Definition sionen. Der Alkoholmissbrauch kann
gläubigkeit im Umgang mit den Pa-
existieren noch andere, die jedoch eben- hier auch Versuch einer Selbstmedika-
tienten ist falsch. Es ist immer damit
falls die Komponenten Abhängigkeit und tion sein. Umgekehrt fördert langjäh-
zu rechnen, dass der Patient sich sein Schädigung umfassen).
Suchtmittel verschaffen will. Häufige riger Alkoholkonsum eine Depression.
Wege im stationären Alltag sind Besu- Die Alkoholkrankheit ist sehr häufig.
cher, der Griff in den unbeaufsichtig- Symptome
Ca. 9,5 Millionen Menschen in Deutsch-
ten Arzneimittelschrank oder das Ein- land zeigen im Umgang mit Alkohol Abhängigkeitsphasen nach Jellinek
schmuggeln von „Notvorräten“. riskante Konsummuster. Etwa 1,3 Mil- Mäßiger, zum Teil auch regelmäßiger
In der Haltung gegenüber den Patien- lionen Menschen gelten als alkohol- Alkoholkonsum gilt in der Gesellschaft
ten sind zwei hoch problematische Ex- abhängig, und jedes Jahr sterben laut als normal. Umso schwerer fällt es
trempositionen möglich. Bei der einen Bericht der Drogenbeauftragten in vielen, bei sich selbst oder anderen die
wird der Patient als willensschwacher Deutschland mindestens 73 000 Men- Zeichen einer (beginnenden) Alkohol-
Mensch angesehen, der selbst an allem schen an den Folgen ihres Alkoholmiss- krankheit zu erkennen und einzugeste-
Schuld ist – der Patient wird also nicht hen. Elvin Morton Jellinek unterschei-
34
brauchs. ( 15)
als Kranker akzeptiert bzw. ernst ge- det vier Phasen:
nommen. Pflegende, die diese Ansicht Vorsicht Präalkoholische Phase. Täglicher Al-
vertreten, verhalten sich im Umgang Besonders bedenklich ist die hohe Zahl der koholkonsum mit langsamer, aber
mit dem Abhängigen schnell vorwurfs- Jugendlichen, die größere Alkoholmengen stetiger Steigerung der Menge. Ab-
voll oder sogar aggressiv. Bei der ande- in kurzer Zeit trinkt, bis hin zu teils le- nahme der (seelischen) Belastbarkeit
ren wird der Patient als unschuldiges bensbedrohlichen Alkoholvergiftungen Prodromalphase. Meist heimliches
Opfer schwieriger sozialer oder fami- (Rauschtrinken, Binge-Drinking). Trinken. Bei Ansprechen des Alkohol-
liärer Verhältnisse betrachtet – die ge- konsums Herunterspielen oder Leug-
sunden Anteile und Möglichkeiten zur nen des Problems, evtl. gereizte/ag-
Selbstverantwortung werden übersehen Krankheitsentstehung gressive Reaktionen
und nicht gestärkt. Sicher ist, dass zahlreiche Faktoren bei Kritische Phase. Scheinbar grundlose
der Entstehung einer Alkoholabhängig- Verhaltensänderungen und Verhal-
Viele mögliche Konflikte zwischen Team
keit eine Rolle spielen, unter anderem: tensschwankungen (z. B. Aggressivi-
und Abhängigkeitskranken werden von
Erbliche Veranlagung. Zwillingsstu- tät, nachlassendes Verantwortungs-
vornherein durch eine klare, offene und
dien und Studien an Adoptivkindern gefühl) mit daraus resultierenden
konsequente Kommunikation und Regeln
vermieden, die für alle Patienten gelten haben ergeben, dass nahe Verwandte Problemen. Einsetzen des Kontroll-
und von allen Pflegenden beachtet wer- von Alkoholikern ein erhöhtes Risiko verlustes
den. haben, eine Alkoholkrankheit zu ent- Chronische Phase. Oft Wechsel zu
wickeln höherprozentigen Alkoholika, Trin-
Mangelndes Selbstwertgefühl und un- Soziales Umfeld. Wie wird z. B. im El- ken von Alkohol zur Bekämpfung von
befriedigende Lebensumstände stehen ternhaus mit Konflikten umgegan- Entzugssymptomen, z. B. zum Früh-
oft am Beginn einer Suchterkrankung, gen, können Problembewältigungs- stück. (Zunehmender) körperlicher
und durch die Flucht in die Abhän- strategien erlernt werden, welche Abbau, abnehmende Alkoholtole-
gigkeitserkrankung sinkt das Selbstver- Rolle nimmt der Alkohol bei Bezugs- ranz.
trauen des Patienten weiter. Daher ist es personen ein (etwa hoher Alkohol- Viele Alkoholiker sind äußerlich und bei
wichtig, das Selbstwertgefühl des Ab- konsum im Freundeskreis) nur flüchtigen Kontakten unauffällig,
hängigen zu stärken und ihn bei der Krisen. Krisensituationen im Leben und die Fassade der Normalität bleibt
Suche nach Zukunftsperspektiven zu spielen eher eine Rolle als Auslöser bis kurz vor dem Zusammenbruch er-
unterstützen. Auch kleine Erfolge sollten und weniger als Ursache. halten.

1292
34.8 Abhängigkeit

Alkoholassoziierte Erkrankungen Weitere Fragen klären, ob der Patient Die medikamentöse Therapie um-
Die Alkoholkrankheit führt zu gravie- schon Filmrisse (blackouts) gehabt hat, fasst:
renden körperlichen Schäden: ob er seinen Alkoholkonsum konti- Clomethiazol (Distraneurin ) oral.
Alkoholbedingte Leberschäden (➔ nuierlich steigert, ob er alkoholische Wegen der Gefahr der raschen Ab-
20.4.3) Getränke hinunterstürzt, damit die Wir- hängigkeitsentwicklung muss Clo-
Am Nervensystem: kung schnell eintritt, und Ähnliches. methiazol nach maximal zwei Wo-
– Entzugsdelir mit akuten psychoti- Das Gespräch sollte empathisch sein. chen (langsam) abgesetzt werden.
schen Symptomen (➔ unten) Der Patient sollte spüren, dass er selbst Eine ambulante Verordnung gilt als
– Evtl. Korsakow-Syndrom mit mas- für Verhaltensänderungen zuständig ist Kunstfehler. Die fast immer auftre-
siver Störung des Kurzzeitge- und dass sein Gegenüber ihm dies auch tende Zunahme der Bronchialsekre-
dächtnisses, Desorientiertheit und zutraut. Von Anfang an sollten alter- tion bereitet v. a bei Frischoperierten
Konfabulationen („erfundene Ge- native Verhaltensmöglichkeiten, Gegen- und Patienten mit vorbestehenden
schichten“) aktivitäten, thematisiert werden. Lungenerkrankungen Probleme
– Evtl. Wernicke-Enzephalopathie Clonidin (z. B. Paracefan ) zusätzlich
mit Gangunsicherheit, Augenmus- Weitere Untersuchungen zu Clomethiazol bei ausgeprägter
kellähmungen, Reflex- und Be- Blutuntersuchungen mit besonderer Herz-Kreislauf-Problematik
wusstseinsstörungen Bedeutung sind Erhöhung von -GT Haloperidol (z. B. Haldol ) oral oder
– Polyneuropathien (häufig, ➔ 33.14.1) und MCV (nur hin-, nicht beweisend) i. v. gegen Unruhe und Angstzustände
Makrozytäre Anämie (➔ 22.6.1) sowie erhöhte CDT (Kohlenhydrat-defi- Parenterale Ernährung mit Flüssig-
Herzinsuffizienz infolge alkoholbe- zientes Transferrin). Letztere sind sehr keits- und Elektrolytsubstitution. Häu-
dingter dilatativer Kardiomyopathie spezifisch für eine erhöhte Alkohol- figste Elektrolytstörung ist eine Hy-
(➔ 16.9) aufnahme, sagen aber nichts über eine pokaliämie (➔ 29.10.3)
Pankreasschäden mit akuten und Abhängigkeit aus. Durch Ultraschallun- Vitamin B1 täglich i. v.
chronischen Pankreatitiden (➔ 20.6.1, tersuchung sollen z. B. Leberschäden Bei Krämpfen z. B. Diazepam i. v.
20.6.2) erfasst werden. (etwa Valium ).
Neigung zu Hypoglykämien Zunehmend werden in der Entwöh-
Veränderungen des Immunsystems Alkoholentzugsdelir nung neben psycho- und soziothera-
mit stark erhöhtem Risiko für Tu- Wird ein Alkoholkranker stationär auf- peutischen Verfahren auch Arzneimittel
berkulose, Pneumonien und Menin- genommen (z. B. wegen einer Verlet- ohne Abhängigkeitspotenzial unterstüt-
gitiden (➔ 33.9.1). zung) und die Alkoholzufuhr unterbro- zend eingesetzt.
chen, kann es zum Entzugsdelir kom- Die Anticraving-Substanz Acampro-
Diagnostik men. sat (Campral ) hat einen gesicherten
Allgemein gilt das in 34.8.1 Gesagte. Mäßig abhängige Patienten durch- Effekt bei der Rückfallverhütung. Kom-
leben „nur“ ein Prädelir, das Tage bis plikationsreich ist die Gabe von Disul-
Gesprächsführung bei Verdacht
34
Wochen dauern kann. Der Patient lei- firam (Antabus ). Es führt zu einer hef-
auf Alkoholerkrankung det vor allem morgens unter Tremor tigen Reaktion mit Übelkeit, Erbrechen,
Beim Versuch, den Alkoholkonsum ei- (Zittern) der Hände, quälender Unruhe, Kopfschmerz, Angst, Herzrasen und
nes Patienten zu klären, werden folgen- ist sehr reizbar und hat Schweißaus- weiteren unangenehmen Symptomen,
de Gesprächsfallen vermieden: brüche. Die Orientierung ist meist er- wenn nach seiner Einnahme Alkohol
„Frage-Antwort-Falle“. Autoritäres halten. getrunken wird. Der Effekt von Alkohol-
Nachfragen ermöglicht dem Patien- Beim vollen alkoholischen Entzugs- zufuhr wird deshalb als unangenehm
ten letztlich nur Ja-/Nein-Antworten delir fallen körperlich Fieber, Schweiß- erlebt und vermieden (Aversivbehand-
„Verleugnungsfalle“. Scharfe Kon- ausbrüche, Durchfall und Erbrechen, lung). Trotz dieses einleuchtenden Prin-
frontation löst Abwehr aus („Die an- starke Kurzatmigkeit sowie Tachykardie zips konnte ein positiver Effekt auf Abs-
deren trinken noch mehr“) auf. Typisch ist ein grobschlägiger Tre- tinenz oder Rückfallquote nicht sicher
„Etikettierungsfalle“. Es wird eine mor. Der Gleichgewichtssinn der Pa- nachgewiesen werden. Die Therapie mit
Fehldiagnose gestellt, weil der Unter- tienten ist gestört, es besteht starke Disulfiram ist wegen ihrer Risiken nur
sucher unbedingt im Gespräch eine Gangunsicherheit mit Sturzgefahr. Wei- für einzelne besonders motivierte und
Diagnose stellen will tere Komplikationen sind zerebrale zuverlässige Patienten geeignet. ( 16)
„Fokussierungsfalle“. Durch Konzen- Krampfanfälle (➔ 33.8.2).
tration auf das Thema „Abhängigkeit“ Psychisch ist der Patient örtlich und Pflege bei Entzugsdelir
werden wesentliche Mitteilungen des zeitlich desorientiert, leidet unter sze- Zeichnet sich bei einem Patienten ein
Patienten über andere Problemberei- nenhaften visuellen Trugwahrnehmun- beginnendes Delir ab (oft abends), wird
che ignoriert. gen (Halluzinationen, z. B. „kleine Tie- der Patient engmaschig überwacht, der
Experten empfehlen Fragen wie: re“), ist hochgradig unruhig, kann nicht Arzt informiert und die medikamentöse
Haben Sie schon einmal versucht, schlafen und durchlebt Phasen von ex- Behandlung begonnen.
Ihren Alkoholkonsum zu verringern? tremer Angst oder Euphorie. Bei höherem Fieber werden fiebersen-
Ärgern Sie sich, wenn man Sie auf kende Maßnahmen ergriffen (➔ [Link],
Ihren Alkoholkonsum anspricht? Behandlungsstrategie bei [Link]). Ist der Patient bereit zu trin-
Haben Sie Schuldgefühle/fühlen Sie Entzugsdelir ken, erhält er Mineralwasser oder Tee
sich schlecht wegen Ihres Alkohol- Ziel der Therapie ist es, notwendige me- nach Belieben, ist er nach Gabe von
konsums? dizinische Behandlungen sicherzustel- Distraneurin sehr verschleimt, muss er
Trinken Sie gelegentlich morgens, um len (➔ unten) und die extreme Stress- ggf. abgesaugt werden. Wegen der Sturz-
in die Gänge zu kommen? situation des Patienten zu mildern. gefahr darf der Patient nur in Begleitung

1293
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

auf die Toilette oder auf den Gang. Viele In den Gesprächen sollte der Alko- In der Psychiatrie überwiegt die Lehr-
der Patienten müssen fixiert werden, holkranke selbst erkennen, dass er meinung, dass extreme Erlebnisse wie
um eine Infusionstherapie zu gewähr- krank ist und über längere Zeit Hilfe Vergewaltigungen, dramatische Unfälle,
leisten und das medizinische Personal braucht. Schuldzuweisungen und politische Verfolgungen oder Naturka-
zu schützen. Selbstschädigungen, z. B. Anklagen werden vermieden tastrophen psychische Erkrankungen
durch herausgerissene Infusionsschläu- Debatten über Alkohol im Allgemei- nicht nur auslösen, sondern auch ver-
che, müssen ggf. durch permanente nen und den fraglichen Alkoholkon- ursachen können. Die Persönlichkeit
Überwachung verhindert werden. sum des Kranken im Besonderen sind der Betroffenen, ihre körperliche Dis-
sinnlos position und ihr soziales Umfeld haben
Behandlungsstrategie Meist reichen Gespräche nicht aus, zusätzlichen Einfluss auf die Krank-
um dem Alkoholkranken die Erkennt- heitsentstehung.
An die Entgiftungsphase schließt sich
nis zu vermitteln, dass er krank ist. Erlebnisreaktionen sind charakte-
wegen der sonst sehr hohen Rückfall-
Viele Patienten müssen hierfür einen risiert durch:
gefahr eine Entwöhnungsbehandlung
längeren Lernprozess durchlaufen Ein notwendiges auslösendes Erleb-
über mehrere Monate an. Bei der Alko-
Wenn zu Beginn der Behandlung äu- nis (es ist nicht vorstellbar, dass es
holentwöhnung haben sich neben sta-
ßerer Druck eine Rolle spielt, ist diese ohne das Ereignis zur Erkrankung ge-
tionären Angeboten in den vergange-
dadurch nicht zum Scheitern verur- kommen wäre)
nen Jahren insbesondere für noch gut
teilt. Allerdings muss der Erarbeitung Einen zeitlichen Zusammenhang
integrierte, z. B. berufstätige Patien-
von ausreichendem Veränderungs- zwischen Erlebnis und Reaktion
ten ambulante Entwöhnungsprogram-
willen viel Energie gewidmet werden Häufig einen thematischen Zusam-
me mit anfangs täglichem Kontakt zum
Mögliche Rückfälle dürfen nicht menhang zwischen Erlebnis und Re-
Team etabliert.
überbewertet werden, um die Ver- aktion.
In jedem Fall ist der Weg aus der Ab-
sagensgefühle nicht zu steigern bzw.
hängigkeit schwer. Betroffene müssen
neue Strategien zur Krisen- und Frust-
den Patienten davon abzuhalten, in Belastungsstörungen
seine alten Muster zurückzufallen
rationsbewältigung erlernen und er- Akute Belastungsstörung
(„wenn schon, denn schon“ oder
proben. In Selbsthilfegruppen wie den Eine akute Belastungsstörung (Krisen-
„jetzt ist sowieso alles vorbei“)
Anonymen Alkoholikern, die eine wert- reaktion, Nervenschock) ist Folge akuter
Die Angehörigen müssen beraten
orientierte Therapie anbieten, oder dem Ereignisse und tritt innerhalb weniger
werden, wie sie den Patienten unter-
Blauen Kreuz können die Patienten die Minuten nach der extremen Belastung
stützen können, ohne sein abhängi-
auf Dauer notwendige Unterstützung auf.
ges Verhalten zu fördern.
finden. Zunächst kommt es zu einer Art
Bei einigen Alkoholkranken wird Vorsicht: Suizidgefahr „Betäubung“. Die Aufmerksamkeit des
heute auch ein „kontrolliertes Trinken“ Alkoholkranke sind insbesondere bei gera- Betroffenen ist eingeschränkt und er
(harm reduction) als möglicherweise de zusammengebrochenem sozialem Um- ist orientierungslos.

34
realistischeres Ziel angestrebt. feld in hohem Maß suizidgefährdet. Erst dann folgen vielfältige Sym-
ptome wie Depression, Angst, Ärger,
Pflege Verzweiflung, Wut, Überaktivität (als
Fluchtreaktion) oder innerer Rückzug
Alkoholkranken sollte ohne Vorurteile, 34.9 Belastungs- und (Erstarrung).
wertfrei und mit der gleichen Fürsorge
begegnet werden wie anderen Patien- Anpassungsstörungen Nach Stunden, spätestens Tagen,
klingen die Symptome ab.
ten. Trotzdem gibt es Besonderheiten in
der Pflege: Erlebnisreaktion: Psychische Störung
bei zuvor psychisch gesunden Menschen
Posttraumatische
Vielfach sehen Alkoholkranke die Belastungsstörung
Pflegenden und Ärzte zunächst als als Folge einer extremen (äußeren) Belas-
tung. Unterteilt in Belastungsstörungen Bei der posttraumatischen Belastungs-
Gegner an, da diese ihnen den Alko-
nach akuter und Anpassungsstörungen störung (PTBS) tritt die Reaktion ver-
hol entziehen. Der Beziehungsaufbau
nach länger dauernder Belastung. zögert Wochen bis Monate nach der Ex-
ist erschwert
tremsituation ein.
Der Betroffene erlebt die Katastrophe
in seinen Erinnerungen immer wie-
der (Nachhallerinnerungen oder Flash-
backs), träumt von ihr und fürchtet sich
Abb. 34.28: Die in-
vor allem, was die Erinnerung wach hal-
dividuellen Verarbei-
tungsmöglichkeiten
ten könnte (Fotos, Bücher, Gespräche).
(coping mechanisms) Er verliert die Lebensfreude und das
und die persönliche Interesse an seiner Umgebung und
Belastbarkeit sind zieht sich emotional und sozial zurück.
von Mensch zu Hinzu kommt eine vegetative Über-
Mensch unterschied- erregtheit (Schlaflosigkeit, Schreckhaf-
lich: Die Verwicklung tigkeit, erhöhte Wachsamkeit). De-
in einen dramatischen
pressionen, Angst und Suizidgedanken
Unfall kann, muss
aber nicht zu einer treten auf, und manchmal entsteht ein
psychischen Erkran- Abhängigkeitsproblem (Flucht z. B. in
kung führen. [J668] den Alkohol).

1294
34.10 Angst- und Zwangsstörungen

Die posttraumatische Belastungsstö-


rung verläuft wechselhaft. Meist kommt
es aber – v. a. bei psychotherapeutischer Wahr- Gedanken
nehmung („Gefahr“)
Unterstützung – zu einer Heilung.

Anpassungsstörungen
Von Anpassungsstörungen spricht man, Auslöser Flucht,
wenn eine länger dauernde Belastung (z.B. Vermei-
zur Erkrankung geführt hat, etwa eine Gedanken, „Angst“ dung,
schwere Erkrankung oder Entwurze- körperliche Bewäl-
lung durch Flucht, Umzug oder Wechsel Verände- tigung
in ein Altenheim. rungen)
Die Betroffenen sind depressiv und
ängstlich, der Übergang zu depressiven
Episoden (➔ 34.7.1) ist fließend. Sie füh- körperliche
körperliche
len sich unfähig, mit der neuen Le- Veränderungen
Symptome
benssituation umzugehen und haben
Schwierigkeiten mit der Alltagsbewäl-
tigung. Gerade bei Jugendlichen sind Abb. 34.30: Bei Angststörungen entsteht ein sich selbst aufrechterhaltender Teufelskreis aus
Störungen im Sozialverhalten häufig. Vermeidung und Angst. [L190]
Neben psychotherapeutischer Be-
arbeitung der Verlusterlebnisse ist die
Wiedereinbindung ins (neue) gesell- eine bestimmte Situation. Die Betroffe- tient mit einer Angst vor großen Plätzen
schaftliche Leben durch sozialpsychiat- nen sind ständig ängstlich und besorgt „weiß“ genau, dass er vor dem Über-
rische Maßnahmen wichtig. und erwarten Schlimmes. Generalisier- queren eines Platzes keine Angst haben
te Angststörungen gehen mit motori- „müsste“, hat sie aber trotzdem.
scher Anspannung und vegetativen Typischerweise versuchen die Betrof-
34.10 Angst- und Symptomen einher und treten oft über fenen, die angstauslösende Situation
Zwangsstörungen längere Zeit auf. Recht häufig sind Frau-
en in chronischen Belastungssituatio-
zu vermeiden (etwa, indem sie einen
Umweg durch kleine Straßen gehen),
34.10.1 Angststörungen nen betroffen. sodass die Phobie den Handlungsspiel-
Panikattacken sind Angstanfälle, die raum des Kranken (zunehmend) ein-
Angststörungen: Psychische Erkran- meist nur Minuten anhalten. Die Pa- schränkt. Oft leiden die Patienten schon
kungen mit Angst als dominierendem tienten haben das Gefühl, sie müssten vor der eigentlichen angstbehafteten
gleich sterben oder „verrückt“ werden, Situation unter Erwartungsangst.
34
Symptom. Meist unterteilt in:
Generalisierte Angststörung mit länger können jedoch nicht sagen, wovor sie Phobische Störungen kommen häu-
dauernder, diffuser Angst, verbunden genau Angst haben. Nicht wenige kla- figer bei Frauen vor und gehen oft mit
mit Anspannung und weiteren körper- gen aber über somatische Beschwer- Depressionen einher.
lichen Beschwerden den, häufig Herzsymptome (Herzneuro- Unter Agoraphobie, die früher nur
Panikstörungen mit wiederholten, se). Die Patienten werden z. B. mit die Angst vor großen Plätzen bezeichne-
schweren Angstanfällen ohne beson- „Herzschmerzen, Druck und Angst“ in te, versteht man heute eine Gruppe von
dere Auslöser die internistische Notaufnahme ge- Phobien. Sie äußern sich z. B. als Angst,
Phobien mit Angst vor bzw. in be- bracht. Die Anfälle sind nicht vorher- das Haus zu verlassen, ein Geschäft zu
stimmten ungefährlichen Objekten sehbar, und nicht selten führt schon betreten, mit Bus oder Bahn zu reisen
bzw. Situationen. nach kurzer Zeit die Angst, einen Anfall oder eine Menschenmenge zu durch-
zu erleiden und dann ohne Hilfe zu queren. Gemeinsam ist den gefürch-
Angst als psychopathologisches Phäno- sein, zu ausgeprägtem Vermeidungsver- teten Situationen, dass man sich ihnen
men kommt bei nahezu allen psychi- halten des Betroffenen (z. B. keine Wan- nicht einfach und schnell entziehen
schen Krankheiten vor. Bei Angster- derung allein, keine Bootstour). kann. Diese Phobien sind besonders
krankungen wird sie zum zentralen Die Behandlung von Angst- und Pa- bedrohlich, da sie den Patienten in sei-
Symptom. nikstörungen erfolgt durch eine Kombi-
Bei Kindern treten Angststörungen nation von Antidepressiva, besonders
vor allem ab dem Schulalter auf. Sie SSRI (➔ 34.3.2) und Verhaltenstherapie,
sind daran zu erkennen, dass sie nicht seltener auch durch eine psychodyna-
die „alterstypischen“ Motive haben und mische Psychotherapie. Bei starker kör-
das Kind im Alltag (erheblich) beein- perlicher Symptomatik werden auch
trächtigen. -Blocker eingesetzt.

Generalisierte Angststörung Phobien


und Panikstörung Bei Phobien (phobische Störungen)
Kennzeichen der generalisierten Angst- empfindet der Patient unangemessene
störung ist die unerträgliche, frei flottie- Angst angesichts bestimmter Gegen- Abb. 34.29: Ein Mensch mit einer Phobie vor
rende Angst, d. h. die Angst bezieht sich stände oder Situationen. Er erlebt diese einem Platz, den er nicht zu überqueren wagt.
nicht auf ein bestimmtes Objekt oder Angst als quälend und unsinnig. Ein Pa- [K183]

1295
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

ner sozialen Beweglichkeit massiv ein- Beispiel: Ein junger Mann leidet unter
binden, bekommt der Betroffene große
schränken. Angst. Unbehandelt Neigung zur Ver- der Vorstellung, sich durch Berührung
Soziale Phobien beziehen sich auf schlimmerung, durch Behandlung meist von Türklinken, Händen oder anderen
Situationen, in denen man sich dem deutliche Besserung, jedoch keine völlige Gegenständen mit HIV zu infizieren.
Blick eines anderen ausgesetzt fühlt, Symptomfreiheit zu erzielen. Kommt es trotz seiner Anstrengung,
z. B. auf gemeinsames Essen, Treffen mit jeden Kontakt zu verhindern, doch zu
Angehörigen des anderen Geschlechts einer vermeintlichen Beschmutzung,
oder Sprechen in kleineren Gruppen. Krankheitsentstehung wäscht er sich bis zu zweihundertmal
Die Betroffenen befürchten, etwas zu Als gesichert in der Entstehung einer hintereinander die Hände.
tun, was für sie peinlich oder beschä- Zwangsstörung gelten der Einfluss erb-
mend wäre, z. B. zu erbrechen oder zu licher Faktoren und das Vorliegen von Behandlungsstrategie
erröten (Erythrophobie). Oft leiden die Neurotransmitterstörungen. Auch bei Zwangsstörungen konkurrie-
Kranken auch unter niedrigem Selbst- ren verhaltens- und psychoanalytisch
wertgefühl und Angst vor Kritik. Symptome orientierte Psychotherapien. In einem
Spezifische Phobien beziehen sich verhaltenstherapeutischen Programm
Leichte Zwänge sind häufig. Viele Men-
auf genau umgrenzte Situationen. Prak- lernen die Patienten z. B. zunächst, Situ-
schen können z. B. nicht aus dem Haus
tisch jedes Objekt kann Gegenstand ationen zu erkennen, die Zwänge aus-
gehen, ohne sich dreimal vergewissert
einer Phobie werden, daher gibt es un- lösen, und trainieren dann, sich den
zu haben, dass sie den Schlüssel bei sich
endlich viele (und überflüssige) Namen. Zwängen stärker zu widersetzen und die
haben.
Am häufigsten sind: damit verbundene Angst auszuhalten.
Bei Zwangsstörungen werden diese
Tierphobien, z. B. Angst vor Spinnen Als erfolgreichste Behandlungsstrategie
Phänomene so ausgeprägt, dass sie den
Klaustrophobie (Angst vor geschlos- gilt eine Therapie mit Serotonin-Wie-
Patienten in seiner gesamten Lebens-
senen Räumen, z. B. Fahrstühlen) deraufnahme-Hemmern (➔ 34.3.2) in
führung beeinträchtigen. Der Betrof-
Akrophobie (Angst vor Höhe) Kombination mit Verhaltenstherapie.
fene schaut dann nicht dreimal, son-
Schulphobien (bei Kindern und Ju-
dern hundertmal nach dem Schlüssel
gendlichen). Hinter ihnen verbirgt
oder wäscht nicht zweimal, sondern Pflege
sich oft eine Trennungsangstproble-
dreißigmal hintereinander die Hände. Die Betreuung von Zwangskranken
matik oder eine soziale Angststörung.
Der Patient erlebt die Handlung als völ- kann im Stationsalltag zu Problemen
Sie sind eine dringliche Behandlungs-
lig sinnlos, er kann sie aber trotzdem führen. Patienten mit Waschzwängen
indikation, der Schulbesuch muss so
nicht unterlassen. blockieren oft stundenlang Bad und
rasch wie möglich wieder erfolgen.
WC, und Kranke mit Kontrollzwängen
Zwangsgedanken geraten manchmal in Konflikte mit
Behandlungsstrategie
Zwangsgedanken sind Ideen, Vorstel- ihren Zimmernachbarn. Die Pflegenden
Die Behandlungsstrategie hängt zwar
lungen oder Impulse, die sich dem Be- müssen den Patienten und seine zwang-
von der Schule ab, die der Therapeut

34
troffenen gegen seinen Willen aufdrän- haften Verhaltensweisen zunächst durch
vertritt, überwiegend werden aber Ver-
gen. Sie sind oft obszön oder gewalttätig gute Patientenbeobachtung kennen ler-
haltenstherapien angewendet, insbe-
und werden als sehr quälend erlebt. Bei- nen und eine Vertrauensbasis aufbau-
sondere Konfrontations- und kognitive
spiel: Eine Mutter hat immer, wenn sie en. Der Behandlungsplan zum Abbau
Verfahren (➔ 34.4.1).
ein Messer sieht, den Impuls, damit ihre der Zwangshandlungen wird interdiszi-
Tochter zu erstechen. Währenddessen plinär entwickelt.
Pflege hat sie panische Angst, diesen Impuls
Angststörungen werden in der Regel eines Tages nicht mehr kontrollieren zu
ambulant behandelt. Manchmal müs-
sen die Patienten aber wegen massiver
können.
Zwangsimpulse führen aber in der
34.11 Dissoziative
Probleme im Alltag oder begleitender Regel nicht zu Gewalttätigkeiten. Meist Störungen
Depressionen ins Krankenhaus aufge- entwickeln sich Zwangsrituale, durch
nommen werden. Pflegende sollten die- die der Impuls abreagiert wird. Die Pa- Dissoziative Störung (Konversionsstö-
sen Patienten Sicherheit und Wohl- tienten drehen sich z. B. um die eigene rung, -reaktion, -syndrom, Hysterie): Psy-
befinden vermitteln und sie dann dabei Achse, gehen ein paar Schritte rück- chische Erkrankung mit Verlust der nor-
unterstützen und begleiten, durch ge- wärts oder sprechen einen bestimmten malen Kontrolle über Erinnerungen, Iden-
zielte Übungen mehr Alltagsfertigkeit Satz. titätsbewusstsein, Empfindungen oder
zu erlangen. Angstlösende Medikamen- Körperbewegungen. Äußert sich als Funk-
te tragen nicht zur effektiven, dauer- Zwangshandlungen tionsstörung ohne organische Ursache,
haften Bewältigung bei. Unter Zwangshandlungen (Zwangsver- z. B. als Erinnerungsverlust (dissoziative
halten) versteht man Tätigkeiten, die Amnesie), Pseudoanfall (dissoziativer
der Kranke unter innerem Zwang stän- Anfall) oder Lähmung (dissoziative Be-
34.10.2 Zwangsstörungen dig wiederholt, obwohl sie weder Spaß wegungsstörung). Meist Ausdruck eines
bereiten noch eine sinnvolle Funktion (verdrängten) psychischen Konflikts.
Zwangsstörung (Zwangserkrankung, haben. Die Patienten wissen das, kön-
Zwangsneurose): Psychische Erkrankung nen aber die entsprechende Handlung
mit Zwangsphänomenen (Zwangsgedan- nicht unterlassen, ohne in Angst und Krankheitsentstehung
ken oder -handlungen) als Leitsymptom, Spannung zu geraten. Am häufigsten Nach psychoanalytischer Lehre wird ein
etwa zwanghaftem Händewaschen. Beim sind Wasch-, Ordnungs-, Zähl- oder ungelöster psychischer Konflikt auf kör-
Versuch, die Zwangsphänomene zu unter- perliche Erscheinungen „verschoben“
Kontrollzwänge.

1296
34.12 Persönlichkeitsstörungen

und dadurch eine Scheinlösung des zur Verharmlosung der Beschwerden. sozialtherapeutische Methoden im Vor-
Konflikts erreicht. Sicherlich spielen bei Bemerkungen wie „Das bilden Sie sich dergrund, wobei sich auf die spezielle
der Entstehung daneben z. B. soziale doch nur ein!“ oder „Sie machen uns Störung zugeschnittene Formen als am
Faktoren (etwa „Nachahmung“, sekun- was vor“ sind falsch. Im Umgang mit geeignetsten erwiesen haben. Vorsichtig
därer Krankheitsgewinn, Reaktion der den Patienten sollten Pflegende die wird versucht, die einseitige Wahrneh-
Umwelt) eine Rolle. Symptome ernst nehmen, ohne sie in mung und das automatisierte, starre
den Mittelpunkt der Beziehung zu stel- Verhalten des Patienten zu verändern.
Symptome len oder ihnen zu viel Beachtung zu Bewältigung akuter Krisen und die Hilfe
Die Patienten entwickeln funktionelle schenken. Viel sinnvoller ist die Fokus- im konkreten Alltag stehen oft im Zent-
Störungen ohne pathologische Organ- sierung auf Ressourcen und krankheits- rum.
veränderungen. Besonders häufig sind ferne Themen.
Unabhängig von der genauen Art der
Lähmungen, „Anfälle“ verschiedener Die Behandlung erfolgt psychothe-
Störung gilt in der Pflege von Menschen
Art, Zittern, Empfindungsstörungen, rapeutisch. Ob diese verhaltens- oder
mit Persönlichkeitsstörungen, dass die
Gedächtnisverlust, Schmerzzustände, konfliktorientiert ist oder ob dem Pati-
pflegerische Grundhaltung klar und für die
Erbrechen und Blind- oder Taubheit. enten z. B. physiotherapeutische Übun-
Patienten durchschaubar sein muss. Im
Dem Untersucher fällt auf, dass die gen als „Weg aus der Krankheit ohne
Stationsalltag werden die eingeschränk-
Erscheinungen nicht so recht zu einer Gesichtsverlust“ zusätzlich angeboten ten, zum Leidensdruck führenden Verhal-
der bekannten Organerkrankungen werden, hängt vom Einzelfall ab. Im tensweisen reflektiert und neue Verhal-
passen. So sind die Lähmungen oder Idealfall lernen die Kranken, ihr Sym- tensstrategien eingeübt. Um das häufig
die Sensibilitätsstörungen nicht mit ptom als Signal „aus dem Inneren“ zu gestörte Verhalten im zwischenmensch-
der Innervation der gelähmten Gebiete verstehen und sich mit den damit ver- lichen Bereich bewusst zu machen und zu
in Einklang zu bringen, oder die „epilep- bundenen Konflikten aktiv auseinan- verbessern, ist eine tragfähige, vertrau-
tischen Anfälle“ gehen regelmäßig ohne derzusetzen. ensvolle Beziehung zwischen Patient und
Stürze und Verletzungen einher. Auffäl- (Bezugs-)Pflegekraft wichtig.
lig ist außerdem, dass die Symptome vor
anderen Menschen in der Regel stärker 34.12 Persönlichkeits- Je nach Ausprägung einzelner Persön-
lichkeitszüge werden Persönlichkeits-
werden, bei fehlender Beachtung durch
die Umwelt dagegen abnehmen.
störungen störungen weiter eingeteilt (➔ Tab.
Die Körpersymptome haben häufig 34.31). Von den verschiedenen Formen
Persönlichkeitsstörung: „Extremvari- wird exemplarisch die Borderline-Per-
symbolischen Charakter: Eine Läh-
ante“ des menschlichen Charakters. Ei- sönlichkeitsstörung vorgestellt.
mung der Beine kann z. B. bedeuten,
genschaften, die grundsätzlich bei jedem
dass es „nicht mehr weitergeht“. Die
Menschen vorhanden sind, sind so stark
Patienten verleugnen oft Probleme, die Borderline-
ausgeprägt, dass der Betroffene oder seine
für alle anderen offensichtlich sind.
Umwelt darunter leiden. Das Verhalten
Persönlichkeitsstörung
Beispiel: Eine Frau wurde von ihrem
34
eines Menschen mit einer Persönlichkeits- Borderline (engl. = Grenzgebiet) bezeich-
alkoholkranken Mann verprügelt. Nach net eine umschriebene Persönlichkeits-
störung ist unflexibel und weicht über
einem Schlag auf den linken Hinterkopf einen längeren Zeitraum deutlich von kul- störung, die von instabilen zwischen-
trat plötzlich eine Lähmung der ge- turell akzeptierten Normen ab. Häufigkeit menschlichen Beziehungen, instabilem
samten linken Körperhälfte auf. Eine or- bis 10 % der Bevölkerung, oft lässt sich die Selbstbild und instabilen Affekten sowie
ganische Ursache konnte ausgeschlos- Abweichung bis ins Kindes- oder Jugend- von deutlicher Impulsivität geprägt ist.
sen werden. Nach Ansicht der Patientin alter zurückverfolgen. Der Beginn liegt im frühen Erwachse-
gab es keine seelischen oder sozia- nenalter.
len Probleme. Ihre einzige Sorge sei die Manche Menschen fallen im Alltag Patienten mit einer Borderline-Per-
Lähmung, wegen der sie nicht nach durch die starke Ausprägung einzelner sönlichkeitsstörung (nach ICD-10 emo-
Hause könne. Charakterzüge auf: Sie sind ordent- tional instabile Persönlichkeit vom Bor-
licher, besorgter oder fröhlicher als der derline-Typ) sind sehr impulsiv, zeigen
Dissoziative Identitätsstörung „Durchschnittsmensch“. Nicht wenige ausgeprägte Stimmungsschwankungen
Zu den Konversionsstörungen rechnet provozieren dadurch ihre Umwelt. Aber und reagieren überaus empfindlich auf
man auch die dissoziative Identitäts- erst wenn die Dominanz einzelner Kritik. Die Beziehungen zu anderen
störung oder multiple Persönlichkeits- Merkmale so stark, starr und andauernd sind intensiv und schwanken zwischen
störung. Die Betroffenen verhalten sich ist, dass es zu Störungen im sozialen übermäßiger Idealisierung und massi-
so, als bestünden sie aus zwei oder mehr Bereich oder zu persönlichem Leid ver Entwertung. Die Impulskontrollstö-
Persönlichkeiten. Jede Persönlichkeit kommt, ist es gerechtfertigt, von einer rung kann zu Abhängigkeitsproblemen,
hat ihren eigenen Namen, ihre eigenen (krankhaften) Persönlichkeitsstörung Arzneimittelmissbrauch oder Essstö-
Interessen, Vorlieben und Erinnerun- zu sprechen. rungen führen. Daneben beschreiben
gen. Vermutlich ist die Störung sehr Persönlichkeitsstörungen beginnen die Patienten ein Gefühl innerer Leere
selten. in der Kindheit oder Jugend und dauern und diffuse Ängste. Depersonalisations-
beim Erwachsenen an. Ihre Ursache ist und Derealisationserlebnisse treten ge-
Behandlungsstrategie und Pflege ungeklärt. Je nach Schule werden erb- häuft auf. So wird z. B. der eigene Körper
Meist werden Patienten mit Konver- liche Faktoren, ein falsch erlernter „Stil“ als fremd erlebt. Oft empfinden die Pa-
sionsstörungen zunächst auf somati- oder frühe Konflikte als ursächlich an- tienten hohe innere Anspannung und
sche Stationen zur diagnostischen Ab- gesehen. können nicht aktiv entspannen. Die Pa-
klärung eingewiesen. In diesem Rah- Bei der Therapie von Persönlichkeits- tienten neigen zu Selbstverletzungen
men neigen viele Ärzte und Pflegende störungen stehen Psychotherapien und wie Kratzen, Zufügen von Hautschnit-

1297
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

ergeben sich typische Beziehungsstö-


Persönlichkeitsstörung Eigenschaften der Betroffenen
rungen: Die Menschen in der Umge-
Paranoide Persönlich- Sind kränkbar, nachtragend, misstrauisch, teils unbelehr- bung werden entweder als absolut gut
keitsstörung bar und streitsüchtig oder als absolut böse wahrgenommen,
Deuten neutrale oder freundliche Handlungen anderer als die „Guten“ werden oft idealisiert und
feindselig um
dann beim ersten „Versagen“ entthront
Dissoziale Persönlich- Missachten soziale Normen und als „Böse“ enttarnt.
keitsstörung Sind wenig einfühlsam Nähe wird gewünscht und gesucht,
Haben wenig Angst und Schuldbewusstsein gleichzeitig gefürchtet und durch ag-
Lernen kaum aus negativen Erfahrungen gressives Verhalten abgewehrt.
Zeigen geringe Frustrationstoleranz
Sind oft aggressiv Diagnostische Kriterien nach DSM IV-TR
Zwanghafte Persönlich- Sind extrem ordnungsliebend, gewissenhaft und perfek- Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches
keitsstörung tionistisch oder vermutetes Verlassenwerden zu
vermeiden
Ängstlich vermeidende Sind besorgt, angespannt, selbstunsicher, in sozialen
Ein Muster instabiler, aber intensiver
Persönlichkeitsstörung Kontakten befangen
zwischenmenschlicher Beziehungen,
Zeigen sich sehr empfindlich gegenüber Kritik
Haben Sehnsucht nach Zuneigung und Akzeptiertwerden das durch einen Wechsel zwischen den
Extremen der Idealisierung und Entwer-
Abhängige Persönlich- Sind passiv, fühlen sich schwach und hilflos tung gekennzeichnet ist
keitsstörung Vermeiden es, Entscheidungen zu treffen und Verant- Identitätsstörung: ausgeprägte und an-
wortung für sich zu übernehmen dauernde Instabilität des Selbstbildes
Haben Angst vor Verlassenwerden, zeigen daher oft
oder der Selbstwahrnehmung
Unterordnung und Aufopferung für andere
Impulsivität in mindestens zwei po-
Histrionische Persön- Zeigen oberflächliche, labile Affektivität tentiell selbstschädigenden Bereichen:
lichkeitsstörung Drücken Gefühle übermäßig aus Geldausgaben, Sexualität, Substanz-
Haben ein übermäßiges Bedürfnis nach Aufmerksamkeit missbrauch, rücksichtsloses Fahren,
und äußeren Reizen, Genusssucht Essanfälle
Sind in ihren Ansichten stark beeinflussbar Wiederholtes Selbstverletzungsverhal-
Narzisstische Persön- Haben ein gebrochenes Selbstbild mit übertriebener ten, suizidale Handlungen, Suizidan-
lichkeitsstörung Selbstdarstellung nach außen und z. B. Anspruchsdenken drohungen oder -andeutungen
bei oft niedrigem inneren Selbstbild Affektive Instabilität infolge einer aus-
Sind gegenüber anderen nicht selten abwertend geprägten Reaktivität der Stimmung,
Emotional instabile Sind impulsiv z. B. hochgradige episodische Dyspho-
Persönlichkeitsstörung Zeigen stark schwankende Grundstimmung rie, Reizbarkeit oder Angst, wobei die-
(vom impulsiven Typ) Verlieren in Krisen nicht selten die Kontrolle über sich se Verstimmungen gewöhnlich einige

34 selbst (Wutausbruch, Aggression ohne Rücksicht auf mög-


liche Konsequenzen)
Stunden und nur selten mehr als einige
Tage dauern
Chronische Gefühle von Leere
Tab. 34.31: Persönlichkeitsstörungen (Auswahl). Borderline-Persönlichkeitsstörung (➔ Text). Unangemessene, heftige Wut oder
Schwierigkeiten, die Wut zu kontrol-
lieren (z. B. heftige Wutausbrüche, an-
ten oder Verbrennungen, z. B. durch Zi- (positive und negative Seiten können
dauernde Wut, wiederholte körperliche
garetten. Gefürchtet ist die hohe Suizid- nicht einem „Objekt“ = Gegenüber
Auseinandersetzungen)
neigung der Betroffenen. zugeordnet bleiben), primitive Ideali- Vorübergehende, durch Belastungen
Nach den psychoanalytischen Erklä- sierung und projektive Identifikation. ausgelöste paranoide Vorstellungen
rungsmodellen verwenden Patienten Projektive Identifikation verlagert die oder schwere dissoziative Symptome.
mit einer Borderline-Störung typische negativ bewerteten Selbstanteile in die
Abwehrmechanismen, um bedrohliche Umwelt; dadurch entstehen „böse Ob- Die Patienten können durch ihre spe-
Gefühle abzuwehren, nämlich Spaltung jekte“, die dann bekämpft werden. Es zifischen Beziehungsstörungen thera-
peutische Teams schnell auseinander
bringen („spalten“): Die Teammitglie-
Abb. 34.32: Bei Per- der übernehmen die Wertung der Pa-
sönlichkeitsstörungen tienten in gute und böse Mitarbeiter.
ist nicht die Eigen-
Sie nehmen ihn unterschiedlich wahr
schaft an sich krank-
haft, sondern ihre
und entwickeln heftige Sympathien
Ausprägung und die oder Antipathien ihm gegenüber; die
Unflexibilität des Ver- innere Zerrissenheit des Patienten spie-
haltens. Ordnung ist gelt sich in Auseinandersetzungen des
durchaus eine Tugend. Teams. Besonders wichtig ist daher der
Wird sie jedoch zum Schutz des Teams durch Reflexion der
Selbstzweck, müssen ausgelösten Gefühle, Supervision und
z. B. alle Arbeitsgeräte
engen Gesprächskontakt untereinan-
parallel zur Tischkante
liegen, erlangt die der.
Störung Krankheits- In der pflegerischen Beziehung sind
wert. [K183] Kontinuität und Verlässlichkeit von gro-

1298
34.14 Ausgewählte Aspekte der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

ßer Bedeutung. Beim Umgang mit Symptome fordern die psychischen Erscheinungen
selbstverletzungsgefährdeten Patienten oft eine symptomatische Behandlung
Akute organisch bedingte psychische
ist es das Ziel, den Patienten Strategien mit Psychopharmaka.
Störung
zur Druckentlastung zu ermöglichen, Die pflegerischen Maßnahmen hän-
Leitsymptom der akuten organisch be-
z. B. Sport, Boxsack, Gespräch, Ablen- gen von den Symptomen ab. Bei Unru-
dingten psychischen Störung ist die Be-
kung durch Spiele. he und Verwirrtheit müssen die Patien-
wusstseinsstörung (➔ 34.2.1).
Auf eine erfolgte Selbstverletzung re- ten besonders engmaschig überwacht
Typische klinische Bilder einer aku-
agieren Pflegende nicht mit Vorwürfen, werden. Patienten mit Merkfähigkeits-
ten organisch bedingten psychischen
sondern versorgen die Wunde, reflek- störungen brauchen ständig wieder-
Störung sind die Verwirrtheit und das
tieren die auslösende Situation und ver- holte, geduldige Anleitung. Als Orien-
Delir mit Bewusstseinsstörung, Desori-
mitteln Bewältigungsmöglichkeiten. tierungshilfe kann man große Schilder
entierung, (ängstlicher) Unruhe, meist
Als störungsspezifische Behandlungs- anbringen, z. B. Namensschilder an der
optischen Halluzinationen, Verkennung
methode wird zunehmend die dialek- Zimmertür (➔ auch 34.1.5). Das Milieu
der Umgebung, Angst, Schwitzen, Tre-
tisch-behaviorale Therapie (DBT) nach der Station sollte ruhig und angstmin-
mor und Schlaflosigkeit.
Marsha Linehan eingesetzt. In der Ein- dernd sein.
Akute organisch bedingte psychische
zeltherapie stehen zunächst die the-
Störungen bilden sich mit Besserung
rapeutische Beziehung und der Auf-
bau des therapeutischen Bündnisses
der ursächlichen Erkrankung meist in- 34.14 Ausgewählte
nerhalb von Tagen bis Wochen zurück.
mit wechselseitigen Verpflichtungen von Aspekte der Kinder-
Patient und Therapeut im Mittelpunkt.
Die Patienten führen Tagebuchkarten,
Chronische organisch bedingte und Jugendpsychiatrie
psychische Störung
die dann gemeinsam analysiert wer-
Die wichtigsten Erscheinungsbilder
und -psychotherapie
den; die Patienten sollen lernen, wie sie
Spannungsaufbau vermeiden und neue
chronischer organisch bedingter psy- 34.14.1 Einführung
chischer Störungen (auch hirnorgani-
Fertigkeiten in ihren Alltag einbauen Bei psychischen Störungen im Kindes-
sche Psychosyndrome genannt) sind:
können. Weiterer Baustein ist das Fer- alter gibt es im Vergleich zu Erwach-
Gedächtnisstörung. Diese betrifft in
tigkeitentraining in der Gruppe. Für senen Besonderheiten, die der Grund
der Regel zunächst das Kurzzeitge-
Krisen sind telefonische Kontakte zum dafür sind, dass sich die Kinder- und
dächtnis
Therapeuten nach zuvor etablierten Re- Jugendpsychiatrie als eigenes Fachge-
Organisch bedingte Persönlichkeits-
geln möglich. biet etablierte. Psychische Störungen
veränderung. Diese zeigt sich ge-
legentlich durch eine Zuspitzung be- bei Kindern und Jugendlichen:
reits vorhandener Persönlichkeits- Zeigen oft altersspezifische Sympto-
34.13 Organisch bedingte züge (sparsam geizig, vorsichtig me. Zum Beispiel entwickelt ein jun-
psychische Störungen misstrauisch), erhöhte Reizbarkeit, ges Kind mit einer depressiven Stö-

34
weinerliche Affektlabilität, Verlang- rung andere Symptome als ein Ju-
samung und Antriebsminderung, gendlicher
Organisch bedingte psychische Störung Haben häufig typische Verläufe. Frühe
oder auch durch auffällige Verände-
(OPS, symptomatisch begründbare psy- und schwere Störungen wie etwa der
rung des prämorbiden Verhaltens
chische Störung, körperlich begründbare frühkindliche Autismus beginnen in
Fortschreitender Verlust geistiger Fä-
psychische Störung, früher exogene Psy- der Kindheit und bleiben im Erwach-
higkeiten im Sinne einer Demenz (➔
chose): Psychische Störung, deren Ursache senenalter bestehen. Daneben gibt
33.10.4).
eine diagnostizierbare körperliche Erkran- es Erkrankungen, die vorwiegend
kung ist. Chronische organisch bedingte psychi-
bei Erwachsenen auftreten, z. B. Schi-
sche Störungen sind in der Regel irre-
zophrenie oder affektive Störungen,
Zu den organisch bedingten psychi- versibel.
aber schon in der Kindheit oder Ju-
schen Störungen gehören nach ICD-
gend beginnen können
10 u. a. die Demenzen (➔ 33.10.4), das Diagnostik Stehen oft im Zusammenhang mit
nicht-alkoholbedingte Delir oder Per- Die Diagnose wird durch den psycho- Entwicklungsaufgaben, die sich Kin-
sönlichkeitsveränderungen nach Erkran- pathologischen Befund (➔ 34.2), stan- dern stellen
kungen oder Schädigungen des Ge- dardisierte Tests und technische Unter- Können die weitere Entwicklung be-
hirns. suchungen zur Erkennung der zu- einträchtigen und dadurch gravie-
grunde liegenden Erkrankung gestellt. rende Langzeitwirkungen haben, die
Krankheitsentstehung Manchmal ist die Ähnlichkeit zwischen möglicherweise bedeutender sind als
Zahlreiche körperliche Erkrankungen körperlich begründbaren psychischen die zunächst bestehende Störung. So
können zu psychischen Störungen füh- Störungen und anderen psychischen kann eine Angststörung zu Schulver-
ren, wobei die Krankheit im ZNS loka- Erkrankungen, z. B. einer Depression weigerung führen und dann zu Schul-
lisiert sein (z. B. Hirntumor) oder das oder Schizophrenie, groß. Daher soll- versagen mit Beeinträchtigung des
Gehirn sekundär in Mitleidenschaft ten bei psychischen Störungen orga- Selbstbilds, negativen Reaktionen der
ziehen kann (z. B. Leberschäden). Da- nische Erkrankungen ausgeschlossen Familie und Einschränkung weiterer
bei können unterschiedliche Ursachen werden. Bildungsmöglichkeiten.
zum gleichen klinischen Bild führen.
Behandlungsstrategie und Pflege Multiaxiale Klassifikation
Das Gehirn antwortet auf verschiedene Auch die kinder- und jugendpsychiat-
Zugrunde liegende Erkrankungen müs-
Schäden mit gleichen Symptomen. rischen Erkrankungen werden nach der
sen behandelt werden. Gleichzeitig er-

1299
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

ICD-10 eingeteilt. Bei der Diagnose ei- Bei Vernachlässigung kleiner Kinder che der kindlichen Störung ist, sondern
ner Störung werden mehrere Dimensio- kann eine reaktive Bindungsstörung möglicherweise auch Reaktion auf kind-
nen berücksichtigt (multiaxiale Klassi- auftreten. liches Verhalten.
fikation): Klein- und Vorschulkinder werden
Psychiatrisches Syndrom zunehmend motorisch, sprachlich, Schutzfaktoren
Umschriebene Entwicklungsrück- beim selbstständigen Schlafen und bei Viele Kinder entwickeln trotz schlechter
stände der Kontrolle der Ausscheidungsfunk- Entwicklungsbedingungen keine psy-
Intellektuelles Leistungsniveau tionen gefordert. Schwierigkeiten zei- chischen Störungen. Schutzfaktoren sind
Körperliche Erkrankungen gen sich z. B. als Schlaf- und Essstörun- unter anderem weibliches Geschlecht,
Psychosoziale Umstände gen, Enuresis und Enkopresis (➔ 29.2.8), ich-starkes Temperament, positives
Ausmaß der Beeinträchtigung durch Ticstörungen oder Sprachentwicklungs- Selbstwertgefühl, Interesse an anderen
die psychische Störung. verzögerungen. sowie das Verfügen über gute Problem-
Um die Einschulungszeit treten Tren- lösestrategien und sprachliche Kom-
Eine weitere Betrachtungsweise unter-
nungsprobleme und Kommunikations- petenz. Das subjektive Gefühl, sein
teilt externalisierte und internalisierte
schwierigkeiten in den Vordergrund. Schicksal selbst beeinflussen zu können
Symptomgruppen, je nachdem, ob sich
Während der Schulzeit müssen zuneh- und selbst dafür verantwortlich zu sein
die Störung eher in der Außenwelt oder
mend kognitive Prozesse bewältigt wer- (Kontrollüberzeugung), ist ein beson-
in der Innenwelt des Kindes zeigt.
den, Schwierigkeiten zeigen sich z. B. als ders wichtiger Schutzfaktor bei älteren
Kinder mit externalisierten Störun-
Leistungsstörungen. Schulkinder müs- Kindern und Jugendlichen.
gen, etwa übermäßiger Aggressivität,
machen auf sich aufmerksam. Die sen aber auch hohe Anforderungen im Auch Temperamentsfaktoren sind in
Tatsache, dass ein Problem vorliegt, sozialen Bereich bewältigen und lernen, erheblichem Maß genetisch mitbestimmt.
wird schnell deutlich. Häufig provo- ihre Bedürfnisse über längere Zeit zu- Man geht von drei Temperamentstypen
zieren sie vor allem negative Reak- rückzustellen. Kindern mit ADHS (➔ aus: Impulsiv unbeherrschte Kinder sind
tionen ihrer Umgebung, ohne dass 34.14.3) fällt dies sehr schwer. hochaktiv und haben eine geringe Frust-
geeignete Hilfsangebote sie erreichen Bei Jugendlichen sind besonders das rationstoleranz. Gehemmt kontrollierte
Internalisierte Störungen, etwa Zwän- eigene körperliche Erscheinungsbild Kinder sind eher ängstlich und schüchtern.
ge oder depressiver Rückzug, verlau- (z. B. Anorexia nervosa), die Auseinan- Ich-starke Kinder zeichnen sich durch Be-
fen oft „leise“ und werden manchmal dersetzung mit Autoritäten (dissozia- lastbarkeit, Verträglichkeit und Extraver-
lange Zeit übersehen. Die Kinder les Verhalten, Abhängigkeitserkrankun- sion aus.
werden als ruhig und unauffällig ein- gen), die Integration in Gruppen und
geschätzt, und ihr Leidensdruck wird das Hineinwachsen in die Geschlechts- Äußere Schutzfaktoren sind:
nicht erkannt. rolle störanfällig. Freundschaften
Belastungsfaktoren Beziehungen zu Erwachsenen außer-
Entstehungsbedingungen Auch wenn die genaue Ursache psy-
halb der eigenen Familie
von kinder- und jugend- Geregelte Lebensbedingungen

34
chischer Störungen meist unklar ist,
psychiatrischen Störungen Angemessene schulische Förderung
sind Faktoren bekannt, die bei der Ent-
Ein Erziehungsstil der Eltern, bei dem
Auch bei Kindern sind psychische Er- stehung psychischer Störungen eine
sich die Eltern für ihr Kind interessie-
krankungen überwiegend multifakto- belastende (krankheitsfördernde) oder
ren, seine Bedürfnisse wahrnehmen
riell bedingt, d. h. durch eine Vielzahl schützende (protektive) Rolle spielen.
und erfüllen und seine Autonomie
innerer und äußerer Faktoren. Dabei Konstitutionelle belastende Faktoren
fördern
spielen bei Kindern die Entwicklungs- sind z. B. männliches Geschlecht, In-
Angemessene Kontrolle durch die El-
aufgaben eine besondere Rolle. telligenzbeeinträchtigungen (➔ 33.4.3),
tern. Das heißt, die Eltern wissen, wo
Teilleistungsstörungen, bestimmte Er-
Entwicklungsaufgaben und ihr Kind ist und was es dort tut, und
krankungen (z. B. Hirnschädigungen
typische Störungsbilder das Kind weiß auch, dass die Eltern
oder chronische Erkrankungen) und
dieses Wissen haben.
Säuglinge müssen sich zunächst an die bestimmte Temperamentsfaktoren (➔
Bedingungen ihrer Umwelt anpassen unten).
und Kontakt mit ihren Bezugspersonen Auch viele soziale Einflüsse sind Besondere Risikokonstellationen
aufnehmen. Kindliche Regulations- nachweislich belastend. Besonders be- Misshandlung und sexueller
störungen zeigen sich vor allem in deutend ist die Deprivation, d. h. der Missbrauch
exzessivem Schreien (bekannt als Mangel an Anregungen, die ein Kind für Körperliche und emotionale Vernach-
„Dreimonatskolik“ oder „Schreibaby“), seine Entwicklung braucht. lässigung, Misshandlung und sexueller
ausgeprägten Schlafproblemen oder Weitere äußere Belastungsfaktoren Missbrauch führen nicht nur zu akuten
Fütterstörungen. Alle genannten Stö- sind z. B. psychische Erkrankungen, somatischen und seelischen Problemen,
rungen sind im Zusammenhang mit Behinderung oder Straffälligkeit eines sondern haben außerdem einen weit-
der (sich entwickelnden) Eltern-Kind- Elternteils, belastete Beziehungen in- reichenden ungünstigen Einfluss auf
Beziehung und dem komplexen Wech- nerhalb der Familie, Migration und den Lebenslauf. Trotz zunehmender
selspiel zwischen Säugling und Eltern soziale Verpflanzung, aber auch akute Sensibilisierung werden indirekte Sig-
zu sehen. Regulationsstörungen führen belastende Ereignisse wie Todesfälle in nale von Missbrauch und Misshandlung
oft zur Erschöpfung der Bezugsperso- der Familie oder Trennung der Eltern. oft übersehen. Andererseits werden (fal-
nen; viele Eltern fühlen sich unzuläng- Bei der Beurteilung des familiären sche) Missbrauchsvorwürfe nicht sel-
lich in ihrer Rolle. Die Überforderung Interaktionsstils ist es wichtig, daran ten in Sorgerechtsauseinandersetzun-
kann sogar zu Fehlhandlungen wie Kin- zu denken, dass problematisches Ver- gen eingesetzt, um die Position des Ex-
desmisshandlung führen. halten der Eltern nicht unbedingt Ursa- Partners zu schwächen.

1300
34.14 Ausgewählte Aspekte der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

Die Langzeitfolgen sind unspezifisch, nale Unterstützung erhalten. Die ganze miliäre Interaktion nicht im Zentrum
unter anderem treten Schlafstörungen, Familie muss lernen, mit der Behinde- der Behandlung steht. Die Verfahren
Autoaggressionen (gegen sich selbst ge- rung umzugehen. Selbsthilfegruppen werden dem Entwicklungsstand des
richtete Gewalt), Sprachentwicklungs- helfen bei dieser Auseinandersetzung. Kindes angepasst, z. B. durch spiele-
verzögerungen, sozialer Rückzug oder rische Elemente wie Sternchen-Sticker-
soziale Überanpassung und nicht al- Abhängigkeitserkrankungen Kleben als „positive Verstärkung“ in
terstypisches sexuelles Verhalten auf. der Eltern Verhaltenstherapieprogrammen. Neben
Psychische Störungen wie Depressio- Abhängigkeitserkrankungen der Eltern Sprache werden z. B. Spielbeobachtung
nen, Alkohol- und Drogenmissbrauch wirken sich in verschiedener Hinsicht und gemeinsames Rollen- oder Pup-
und Somatisierungsstörungen sind Spät- belastend für die Kinder aus. Schon vor- penspiel zur Kommunikation verwen-
folgen, die das betroffene Kind durchs geburtlich können Alkohol- und Dro- det. Daneben spielen bei Kindern
Leben begleiten können. genmissbrauch die embryonale Ent- Übungsbehandlungen („Heilpädago-
wicklung schädigen. Oft können die gik“) eine besondere Rolle.
Bei der Behandlung misshandelter/ kranken und sozial nicht integrierten Manchmal ist eine weitgehende Mi-
missbrauchter Kinder muss zunächst de- Eltern die Kinder nicht versorgen und lieuveränderung für das Kind not-
ren Schutz und der Schutz der Geschwister erziehen, nicht selten ist das Vernach- wendig, z. B. die Unterbringung in ei-
gewährleistet werden. Für die Planung an- lässigungs- und Misshandlungsrisiko ner heilpädagogischen Einrichtung, die
gemessener Maßnahmen werden spezia- meist durch das Jugendamt erfolgt.
stark erhöht.
lisierte Fachleute aus dem Kinderschutz
Bei der Betreuung der Kinder muss
hinzugezogen. Kinder- und jugendpsychiatrische
immer geprüft werden, ob sie in ihrer
familiären Situation ausreichend ge- Notfälle
schützt sind. Frühzeitig sollten den Kin- Notfälle mit Notwendigkeit einer sofor-
Scheidung/Trennung der Eltern tigen Behandlung des betroffenen Kindes
dern Hilfen angeboten werden, da sich
Die Trennung der Eltern kann von Kin- bzw. Jugendlichen sind:
gezeigt hat, dass sie nicht nur ein hö-
dern als sehr belastend erlebt werden. Misshandlung
heres Risiko für späteres Abhängigkeits-
Hilfreich zur Bewältigung sind ein „fai- Sexueller Missbrauch
verhalten haben (Transgenerationen-
res“ Auseinandergehen der Eltern, ein Bedrohliche Vernachlässigung
effekt), sondern auch für andere psychi-
guter Zusammenhalt in der weiteren Suizidale Handlungen oder hohes Sui-
sche Störungen.
Familie und die Orientierung an exter- zidrisiko
nen Wertordnungen. Machen die Eltern Bedrohliche Intoxikationen (Alkohol,
sich z. B. gegenseitig schlecht oder wird Allgemeine Therapieprinzipien Drogen)
das Kind als Spielball und Druckmittel Psychische Störungen im Kindesalter Schwere Anorexie und Bulimie
benutzt, begünstigt dies psychische Stö- müssen behandelt werden, falls sie die Akute Krisen bei Trennungsangst oder
rungen. Entwicklung des Kindes gefährden. Zwangsstörungen
Zur Unterstützung der Kinder werden Ambulante Therapien sind – bei Ko- Schwere Verläufe manischer, depressi-
ver und schizophrener Störungen.
34
immer häufiger gruppentherapeutische operation der Eltern – möglich, wenn
Programme angeboten. die Krankheitsintensität nicht zu hoch
Stellungnahmen zu Sorgerecht oder ist. Therapeutisch erzielte Verhaltens-
Umgangsrecht müssen sich immer am änderungen können dann gleich im 34.14.2 Frühkindlicher
Kindeswohl orientieren. Bindungen des Alltag erprobt werden. Behandlung im Autismus
Kindes und dessen eigene Wünsche natürlichen Milieu ist besonders sinn-
sind dabei das wichtigste Kriterium, da- voll bei chronischen Störungen, die Frühkindlicher Autismus (Kanner-Syn-
bei muss das Kind vor übermäßiger sich im sozialen Umfeld des Kindes drom): Schwere, umfassende Entwick-
Verantwortung und Loyalitätskonflikten stark auswirken, beispielsweise bei hy- lungsstörung mit Beginn vor dem dritten
geschützt werden. perkinetischen Störungen. Teilstatio- Lebensjahr, die gekennzeichnet ist durch:
näre Behandlung ist sinnvoll, um dem Störung der sozialen Interaktion
Behinderungen und chronische Kind für eine gewisse Zeit intensive Störung der Kommunikation
Erkrankungen Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten Ritualisierte, stereotype oder zwang-
Behinderte oder chronisch kranke Kin- zu geben. Stationäre Behandlung ist hafte Verhaltensweisen
der können alterstypische Entwick- notwendig in Notfallsituationen, bei Zusätzlich häufig Störungen im Schlaf-
lungsaufgaben nur schwer oder gar sehr schweren Störungen, wenn die Wach-Rhythmus, scheinbar grundlose
nicht bewältigen. Zur Vorbeugung psy- Trennung des Kindes von seiner Um- Angst- und Wutausbrüche und Intelli-
chischer Störungen ist es notwendig, gebung indiziert ist oder wenn keine genzminderung.
die Behinderung möglichst früh zu dia- geeigneten ambulanten oder teilstatio- Die meisten Betroffenen bleiben auch als
gnostizieren und zu behandeln bzw. das nären Behandlungsangebote in erreich- Erwachsene auf Unterstützung angewie-
Kind bestmöglich zu fördern. Unter- barer Nähe sind. sen.
wie Überforderung sind gleichermaßen Generell werden viele der bei Er-
ungünstig. wachsenen angewandten Psychothe-
Bei ungünstigen familiären Coping- rapieverfahren auch bei Kindern an- Krankheitsentstehung
strategien, etwa übermäßigem Verwöh- gewandt. Am wichtigsten sind Ver- Die Ursache des frühkindlichen Autis-
nen des Kindes oder Verheimlichung haltenstherapie, tiefenpsychologische mus ist unklar, möglicherweise führt
der Behinderung, ist Beratung oder orientierte Verfahren und Familien- eine Entwicklungsstörung der rechten
Therapie der Familie erforderlich. therapie. Der Einbezug der Familie ist Hirnhälfte zur Beeinträchtigung zen-
Für den Verlauf ist wichtig, dass die bei allen Behandlungsverfahren von traler Wahrnehmungsprozesse. Es gibt
Betroffenen neben sozialer auch emotio- großer Bedeutung, auch wenn die fa- eine genetische Disposition.

1301
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Oft werden Nahrungsmittelallergien in


Autismus ist sicher nicht Folge fami-
liärer Konflikte oder frühkindlicher Trau- Zusammenhang mit ADHS gebracht.
mata. Sie spielen aber wohl eher eine geringe
Rolle, diätetische Maßnahmen bringen
selten Erfolge. Dagegen gibt es Hin-
Symptome und weise, dass Lebensmittelfarbstoffe und
chemische Konservierungsmittel eine
Untersuchungsbefund
hyperkinetische Symptomatik verstär-
Autistische Kinder zeigen kaum Reak- ken können.
tionen auf emotionale Signale und er-
widern sie nicht. Sie wirken „ich-versun- Abb. 34.33: Autistische Kinder haben eine Symptome und Unter-
ken“ und desinteressiert an anderen. Vorliebe für rhythmische, sich wiederholende suchungsbefund
Schon Säuglinge reagieren nicht auf Bewegungen, z. B. Schaukeln. [J668]
Die Unruhe von Kindern mit ADHS
Lächeln oder Ansprache, suchen keinen
zeigt sich besonders, wenn sie ruhig
Blickkontakt und lächeln andere nicht
sitzen sollen, beim Essen, beim Vorlesen
an. Später zeigen sie kein Imitationsver- der systematisch pathologisches Ver-
oder Basteln und später in der Schule.
halten (Nachahmungsverhalten). halten abbaut und alternative Verhal-
Sie wackeln, zappeln mit den Beinen
Oft ist die Sprachentwicklung der tensweisen einübt. Besonderes Gewicht
oder stehen auf und laufen umher. Auf-
Kinder gestört. Aber auch wenn die Kin- liegt weiterhin auf der Sprachanbah-
gaben werden schnell abgebrochen. Die
der sprachliche Fähigkeiten entwickeln, nung. Zusätzlich erfolgen Psychomo-
Kinder sind leicht ablenkbar, es fällt
wenden sie diese möglicherweise nicht torik und Heilpädagogik, eventuell bei
ihnen schwer, ihre Aufmerksamkeit zu
oder nur unter besonderen Bedingun- starken Spannungszuständen auch eine
fokussieren. Im Verhalten mit anderen
gen an. Ihre Sprache ist oft monoton, Psychopharmakotherapie. [ 8)
sind sie unangemessen impulsiv. Oft
auffällig sind z. B. Echolalien (Nach- Eltern und Erzieher sollten als Co-
missachten sie soziale Regeln, indem
sprechen gehörter Wörter) und Neo- Therapeuten geschult und einbezogen
sie anderen ins Wort fallen oder sich
logismen (Wortneubildungen). werden. Das Kind sollte im lebens-
nicht an festgelegte Reihenfolgen hal-
Beim Spiel autistischer Kinder fallen praktischen Alltagsbereich oder im
ten. Kinder mit ADHS geraten aufgrund
stereotype und ritualisierte Handlun- Spielverhalten gefördert werden. Hier-
ihrer Impulsivität auch öfter in gefähr-
gen auf. Kleinkinder spielen keine für existieren Instruktionssysteme, z. B.
liche Situationen und haben häufiger
Rollenspiele oder „Als-ob-Spiele“. Viele TEACCH.
Unfälle.
Kinder entwickeln bizarre Eigeninte- Um Spannungszustände und Angst
Die Gewichtung der Symptome ist
ressen. Sie können erstaunliche Spe- zu vermeiden, halten sich alle Bezugs-
durchaus unterschiedlich: Insbeson-
zialkenntnisse besitzen, meist ohne sie personen an einen Behandlungsplan.
dere bei Mädchen kann z. B. die Unruhe
sinnvoll anwenden zu können. Trotz- ( 17)
weitgehend fehlen.
dem darf man nicht übersehen, dass
Diese Kombination von Verhaltens-
34 viele autistische Kinder intellektuell
beeinträchtigt sind.
Manche Kinder fügen sich selbst Ver-
34.14.3 ADHS auffälligkeiten ist für die Umwelt nur
schwer zu ertragen. Disziplinprobleme
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyper- führen zu Tadel und Strafen, oft sind
letzungen zu (Automutilation). aktivitäts-Syndrom, -Störung, hyperkine- die Kinder auch bei Gleichaltrigen un-
Wenn keine sprachlichen oder kogni- tisches Syndrom): Kombination von Auf- beliebt. So geraten sie in einen Teufels-
tiven Entwicklungsverzögerungen beste- merksamkeitsstörung, motorischer Über- kreis: Sie werden in eine Außenseiter-
hen und Sonderinteressen, Verhaltens- aktivität und Impulskontrollstörung in rolle gedrängt und fühlen sich selbst als
rituale und Ähnliches im Vordergrund unterschiedlicher Gewichtung. Beginn vor Störenfriede oder Versager. Je nach Per-
stehen, spricht man vom Asperger-Syn- dem fünften Lebensjahr; Bestehen der
sönlichkeit reagieren sie auf zunehmen-
drom. Symptome über längere Zeit und in un-
den Druck mit mangelndem Selbstwert-
terschiedlichen Umgebungen. Häufigkeit
gefühl, depressivem Rückzug, psycho-
Diagnostik etwa 3 – 4 % aller Kinder und 2 % aller
somatischen Störungen, Aggressivität
Die Diagnose beruht auf dem klini- Jugendlichen, vorwiegend Jungen. Mit zu-
oder dissozialem Verhalten.
schen Bild. Wichtig sind der Ausschluss nehmendem Alter meist Besserung, je-
doch oft Restsymptome im Erwachse-
von Behinderungen wie Blind- oder Diagnostik und Differential-
nenalter. Prognose stark abhängig vom
Taubheit, die Beurteilung der geistigen
Vorhandensein sekundärer Probleme. diagnose
Entwicklung und die Abgrenzung ande-
Die Diagnose stützt sich auf das klini-
rer psychischer Störungen, z. B. von Bin-
sche Bild. Ganz wichtig ist, dass die Sym-
dungsstörungen bei Vernachlässigung. Krankheitsentstehung ptome nicht nur zu Hause oder in der
Bei der Entstehung des ADHS gilt eine Schule, sondern in verschiedenen Um-
Behandlungsstrategie und Pflege genetische Komponente als sicher. Die gebungen bestehen. Zur hierzu nötigen
Eltern und Geschwister des Kindes wer- häufigen (geringen) neurologischen Beurteilung des Kindes durch Eltern, Er-
den umfassend aufgeklärt und entlastet. Auffälligkeiten weisen zudem auf or- zieher und Lehrer haben sich Fragebö-
Eine Heilung ist nicht möglich, dagegen ganische Gehirnveränderungen als Mit- gen, z. B. die Conners-Bögen bewährt.
sind Besserungen der Symptomatik er- ursache zumindest bei einem Teil der Abgegrenzt werden muss eine reaktiv
reichbar. Bei geistiger Behinderung ist Kinder hin. bedingte Unaufmerksamkeit und Un-
Selbstständigkeit nicht realistisch. Familiäre und Umweltfaktoren be- ruhe, die auf belastende Lebensum-
Das Kind wird verhaltenstherapeu- einflussen die Schwere, den Verlauf und stände oder Überforderung des Kindes
tisch von einem Spezialisten behandelt, das Auftreten sekundärer Symptome. hinweisen.

1302
34.14 Ausgewählte Aspekte der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

Das ADHS wird einerseits häufig über- 34.14.4 Emotionale Störungen Vulnerabilität gegenüber Nahrungs-
mitteleinschränkung
sehen und fehldiagnostiziert, andererseits des Kindesalters
droht mit zunehmendem Bekanntheits- Die Herausforderungen des vom Ju-
Emotionale Störungen bei Kindern sind gendlichen zu leistenden Autonomie-
grad die vorschnelle Diagnose bei solchen
recht häufig, haben aber meist eine gute und Ablösungsprozesses.
Kindern, deren Unruhe und Unaufmerk-
Prognose.
samkeit in erster Linie psychogen oder
sozial bedingt sind.
Die Trennungsangststörung ist ge- Symptome, Befund und Diagnostik
kennzeichnet durch nicht altersgemäße Leitsymptom ist der erwünschte, star-
Bindung an eine Bezugsperson. Die ke Gewichtsverlust. Viele Patientinnen
Kinder reagieren auf drohende Tren-
Behandlungsstrategie sind außerordentlich aktiv, sportlich
nung mit irrationaler Angst oder Panik. und leistungsbewusst. Gleichzeitig emp-
Eine Behandlung ist wegen der sonst Evtl. wird der Kindergarten- oder finden sie sich als zu dick und streben
fast zwangsläufigen Folgeprobleme un- Schulbesuch verweigert. Zur Behand- oft ein unrealistisch niedriges Gewicht
bedingt erforderlich. Ihr Erfolg hängt lung muss die Trennungssituation ein- an. Meist wird die Bedeutung des Ge-
sehr von der Mitarbeit der Eltern und geübt werden. Vermeidungsverhalten wichtsverlusts geleugnet. Psychopatho-
des Kindes ab. darf nicht unterstützt werden (also kei- logisch wirken die Betroffenen oft de-
Im Elterntraining werden die Eltern ne Befreiung vom Schulbesuch!), und pressiv und wenig flexibel, das Denken
umfassend informiert. Sie üben, sozia- oft benötigen die Eltern ebenso Unter- ist auf Essen, Diäten, Figur und Ge-
les Verhalten bei dem Kind zu erkennen stützung wie das Kind. wicht eingeengt. Kombinierte Persön-
und zu verstärken.
Kinder mit Trennungsangststörung sind lichkeitsstörungen sind häufig.
Aufgaben und Anforderungen an das
bei Krankenhausaufnahme wegen körper- Bei Mädchen setzt die Monatsblu-
Kind werden so weit reduziert, bis sie
licher Erkrankungen stark belastet. Nach tung oft schon früh aus.
vom Kind bewältigt werden können.
Möglichkeit wird die Hauptbezugsperson Laborchemisch werden zahlreiche
Durch verhaltenstherapeutische Tech-
mit aufgenommen: Der Zeitpunkt ist un- Veränderungen als Folge des Nahrungs-
niken der operanten Konditionierung
geeignet zur Behandlung der psychischen mangels festgestellt, darunter typischer-
(➔ 34.4.1) wird positives Verhalten sys-
Störung. weise eine Hypokaliämie. In schweren
tematisch unterstützt, auf fortgesetz-
Fällen kann im CT sogar eine Atrophie
tes Problemverhalten wird mit Time-out
Bei phobischen Störungen des Kindes- des Gehirns beobachtet werden, die bei
(z. B. ruhiges Sitzen auf einem Stuhl)
alters sind altersspezifische Ängste, z. B. verbesserter Ernährung reversibel ist.
reagiert. Nach Möglichkeit wird in Schu-
le oder Kindergarten vergleichbar ge- die Angst vor Gewitter, pathologisch
verstärkt. Wie bei weiteren Phobien gilt, Behandlungsstrategie
übt. Daneben kann das Kind Selbst-
dass der Umgang mit Angst in der Fa- Die Behandlung kann oft ambulant er-
instruktionsverfahren erlernen, die ihm
milie vorbildhaft wirkt. Die Behandlung folgen. Dabei sind regelmäßige ärzt-
eine bessere Selbstkontrolle ermögli-
erfolgt verhaltenstherapeutisch. liche Gewichtskontrollen erforderlich,
chen.
zusätzlich Ernährungs- und Bewe-

34
Heilpädagogik und weitere Therapie-
gungsprotokolle. Bei bedrohlicher Ge-
formen ergänzen diesen Behandlungs- 34.14.5 Essstörungen wichtsabnahme, somatischen Kompli-
ansatz.
Wichtig sind nicht nur Verhaltens- Anorexia nervosa
änderungen, das Kind muss wieder
Anorexia nervosa (Magersucht, Puber-
Freude am Leben und Lernen gewin-
tätsmagersucht): Essstörung mit absicht-
nen. ( 9)
lichem, teils lebensbedrohlichem Gewichts-
Bei unzureichendem therapeuti-
verlust unter 85 % des zu erwartenden
schem Erfolg, Gefährdung des Kindes
Gewichtes. Dabei Körperschemastörung
oder seiner Umgebung, drohender Son-
mit tief verwurzelter Gewissheit, zu dick
derschulbedürftigkeit oder Heimunter-
zu sein, oder Angst, zu dick zu werden. Tritt
bringung wird das Kind zusätzlich phar-
überwiegend bei Mädchen auf (hier Häu-
makologisch behandelt, in erster Linie figkeit etwa 1 – 2 %) mit einem Altersgipfel
mit Stimulantien wie Methylphenidat bei etwa 14 – 15 Jahren. Prognose desto
(Ritalin , Concerta ). besser, je früher die Behandlung einsetzt.
Der zunehmende Einsatz von Psycho- Tödliche Verläufe sind in den vergangenen
pharmaka im Kindesalter wird von vielen Jahren seltener geworden.
Therapeuten sehr kritisch gesehen. Ohne
gleichzeitige psychotherapeutische Be- Krankheitsentstehung
handlung sollte keine medikamentöse
Auch bei der Anorexia nervosa spielen
Behandlung erfolgen.
verschiedene Faktoren eine Rolle:
Genetisch mitbedingte Empfindsam-
Im Umgang mit ADHS-Kindern, die keit des serotinergen Systems
wegen körperlicher Erkrankungen sta- Persönlichkeitsmerkmale wie Rigi-
tionär behandelt werden, sind klare, ein- dität, Perfektionismus, Introversion
fache Regeln und gleichzeitige liebevolle und Harmoniebedürfnis
emotionale Unterstützung wichtig. Nach Soziokulturelle Faktoren mit hohem
Möglichkeit werden Bewegungsräume an- Druck durch das Schlankheitsideal Abb. 34.34: Patientin mit Anorexia nervosa.
geboten. [R168]

1303
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

kationen, Suizidalität, schwerer de-


gleichzeitig übertriebene Beschäftigung Pflegende unterstützen die Patientin-
pressiver Verstimmung oder fehlendem mit der Kontrolle des Körpergewichts und nen dabei, zu regelmäßigen Mahlzeiten
Therapieerfolg ist eine stationäre Auf- Anwenden teils extremer Mittel, um eine sowie angemessenen Portionen zurück-
nahme nötig. Gewichtszunahme trotz der Essanfälle zu zufinden und trainieren den Umgang mit
Zunächst muss die körperliche Ver- verhindern. Häufigkeit ca. 3 % der jungen dem Erbrechensdruck (z. B. mithilfe ab-
fassung verbessert werden, damit Frauen, Beginn oft um das 18. – 20. Le- lenkender Beschäftigung).
Psychotherapiefähigkeit erreicht wird. bensjahr. Prognose insgesamt günstiger
Nahrungsmenge, Mahlzeitendauer, kör- als bei Anorexie.
perliche Aktivität und notwendige Ge-
wichtszunahme werden festgelegt und 34.15 Psychosomatische
kontrolliert, Gewichtszunahmen positiv Krankheitsentstehung
verstärkt. Bei Erreichen des Zielge- Psychopathologisch fällt bei den Pa-
Störungen
wichts werden die Vereinbarungen ge- tientinnen mit Bulimia nervosa der
lockert, die Patientin muss dann lernen, Widerspruch zwischen hohen Selbst- Psychosomatische Störungen: Erkran-
selbst ihr Gewicht zu halten. ansprüchen und geringem Selbstwert- kungen, bei denen psychische Faktoren
Psychotherapeutisch werden in ers- gefühl auf. Nachahmungseffekte und Krankheitsentstehung und -verlauf we-
ter Linie die subjektive Wahrnehmung der Wunsch, gesellschaftliche Normen sentlich mitbestimmen.
der Patientin und ihre Autonomiewün- an das körperliche Erscheinungsbild zu
sche bearbeitet, in zweiter Linie proble- Die Verflechtung zwischen körperlichen
erfüllen, spielen eine wichtige Rolle bei
matische Beziehungen. Die Eigenver- Prozessen, sozialen Lebensbedingun-
der Krankheitsentstehung. Teilweise
antwortung wird gestärkt. Auch nach gen und seelischem Erleben wird heute
findet sich eine Anorexie in der Vorge-
Stabilisierung des Körpergewichts ist in Pflege wie Medizin betont. In der
schichte.
eine langfristige Behandlung notwen- psychosomatischen Medizin werden
dig. diese Zusammenhänge gezielt erforscht
Symptome, Befund und Diagnostik
Der Einbezug der Familie in die Be- und in Behandlungskonzepte umge-
Die Betroffenen sind andauernd mit setzt, die in ganz verschiedenen klini-
handlung ist von großer Bedeutung. Oft
Nahrung, Essen und Gewicht beschäf- schen Bereichen angewendet werden:
müssen die Regelungen rund um das
tigt. Oft verwenden sie viel Energie zur Bei körperlichen Erkrankungen mit
Essen mit allen Familienmitgliedern
Vorbereitung ihrer Essanfälle, bei denen biopsychosozialen Aspekte wie Krebs-
neu ausgehandelt werden. Die Eltern
hohe Kalorienmengen (bis 6000 kcal) erkrankungen (Psychoonkologie) oder
müssen die schwierige Balance zwi-
verzehrt werden. Gegessen wird in der Asthma bronchiale
schen Fürsorge für ihr Kind einerseits
Regel heimlich, oft sind die Patientin- Bei funktionellen Störungen, die
und Unterstützung seiner Unabhän-
nen während des Essens in ihrer Wahr- zu körperlichen Beschwerden wie
gigkeitsentwicklung andererseits vor
nehmung der Umwelt beeinträchtigt Schmerzen oder Atemnot führen, oh-
dem Hintergrund einer potentiell le-
und haben kein Sättigungsgefühl. Auf ne dass ein krankhafter somatischer
bensbedrohlichen Erkrankung finden.

34
die Essanfälle folgen heftige Scham- Befund vorliegt
( 18)
und Schuldgefühle. Bei körperlichen Störungen im Zu-
Um nicht dick zu werden, spucken sammenhang mit seelischen Konflik-
Pflege die Patientinnen durchgekaute Nah-
Die Patientinnen werden regelmäßig in ten oder mit Traumata
rung wieder aus, erbrechen sich, hun- Bei Ess- und Schlafstörungen
Unterwäsche gewogen. Es hängt vom gern zwischen den Essanfällen oder
Behandlungskonzept ab, ob ihnen das Bei Konversionsstörungen.
nehmen Abführmittel oder Diuretika
Gewicht mitgeteilt wird. Nach Mög- ein. Entsprechend der Vielzahl möglicher
lichkeit essen die Patientinnen mit an- Bei der körperlichen Untersuchung Störungen existieren zahlreiche diffe-
deren Patienten gemeinsam, um Ler- finden sich oft Zahn- und Mundschä- renzierte Behandlungsansätze. Wichtig
nen am Modell zu ermöglichen. Ein den als Folge des Erbrechens, bei den ist, dass die Patienten im Alltag erleben,
Essensplan kann den Patienten die Laborwerten fallen Elektrolytverschie- dass sie ihrer Erkrankung nicht hilflos
Angst vor unkontrollierbarer Gewichts- bungen auf. ausgeliefert sind, sondern selbst Ein-
zunahme nehmen. Manche Patientin- fluss auf ihr Schicksal nehmen können.
nen benötigen stärker kontrollierende Behandlungsstrategie Entsprechend spielen Ressourcenak-
Begleitung, da sie aus Angst vor Ge- tivierung und Kompetenzsteigerung im
Die Therapie zielt auf die Verbesserung
wichtszunahme manipulative Strate- Behandlungsplan oft eine wesentliche
des gestörten Essverhaltens mit regel-
gien anwenden. Typisch sind Verste- Rolle.
mäßigen Mahlzeiten, bei Untergewicht
cken von Lebensmitteln, Trinken gro-
wird eine Gewichtszunahme ange-
ßer Flüssigkeitsmengen vor dem Wiegen
strebt. Ist eine Gewichtsreduktion er-
(bei Verdacht Urinkonzentration kon-
forderlich, erfolgt sie langfristig und
34.16 Suizid
trollieren), selbstinduziertes Erbrechen
steht nicht im Vordergrund. Psycho-
nach den Mahlzeiten und übermäßige, Suizid (Selbsttötung, Freitod): Absicht-
therapeutisch werden Selbstbewertung
zum Teil heimliche Bewegung. liche Selbsttötung. Häufigkeit in Deutsch-
und Selbstansprüche besprochen und
Selbstfürsorge eingeübt. Auch das Kör- land etwa 11 auf 100 000 Einwohner pro
Bulimia nervosa perbild und die weibliche Rolle werden Jahr (hohe Dunkelziffer), Tendenz fallend
thematisiert, Konflikte und ungünstige ( 19). Ursachen für den Rückgang sind
Bulimia nervosa (Bulimie): Wiederhol- vermutlich bessere medizinische Versor-
Interaktionsmuster in der Familie wer-
te Anfälle von Heißhunger mit Aufnah- gung und Enttabuisierung psychischer Er-
den bearbeitet.
me großer Mengen an Nahrungsmitteln, krankung, dennoch ist der Suizid hierzu-

1304
34.16 Suizid

artigen Suizid (lat. raptus = Fortreißen;


lande immer noch eine der häufigsten To-
desursachen, bei Jugendlichen sogar die med. = plötzlich einsetzender Erre-
häufigste Todesursache überhaupt. Er- gungszustand).
heblich höher ist die (schwer schätzbare) Untersuchungen haben gezeigt, dass
Zahl der Suizidversuche. Es wird ange- Menschen in bestimmten Lebenssitua-
nommen, dass auf einen gelungenen oder tionen ein erhöhtes Suizidrisiko haben:
„vollendeten“ Suizid 5 – 100 Suizidversu- Psychisch Kranke
che kommen. Abhängigkeitskranke
Sehr alte Menschen
Der Begriff „Selbstmord“ enthält eine Jugendliche, besonders während der
unzeitgemäße wertende Komponente Ablösung vom Elternhaus
und wird nicht mehr verwendet. Flüchtlinge und rassisch, religiös
Abb. 34.35: Etwa zwei Drittel aller Suizidver-
Von einem gemeinsamen Suizid oder politisch Verfolgte suche werden mit Tabletten verübt. [K183]
spricht man, wenn mehrere Menschen Menschen ohne enge Beziehungen,
zusammen Suizid begehen. Bei einem besonders ohne familiäre Bindungen
erweiterten Suizid tötet der suizidale (Alleinstehende) such, in einer psychotischen Krise Le-
Mensch zuerst noch andere Personen, Menschen, die schon einmal mit bensprobleme zu bearbeiten, darf nur
meist Angehörige (z. B. weil er ihnen einem Suizid gedroht oder einen mit äußerster Vorsicht durchgeführt
Leid ersparen will), dann sich selbst. Suizidversuch unternommen haben werden.
Nur wenige Suizide sind echte Bilanz- (nach einem Suizidversuch sinkt die Bei nicht psychotischen Patienten
suizide, bei denen ein psychisch Ge- Schwelle, es in späteren Krisen noch werden im Rahmen einer akuten Kri-
sunder nach langem Nachdenken seine einmal zu probieren) senintervention die auslösenden Fakto-
„Rechnung“ macht und sich dann das Chronisch oder unheilbar Kranke. ren, aber auch die oft im Hintergrund
Leben nimmt. bestehenden lang andauernden Proble-
Viel öfter sind Suizidhandlungen Mehr als die Hälfte aller gelungenen me bearbeitet. Manchmal muss der
Kurzschlussreaktionen beim Auftreten Suizide wird von psychisch Kranken verübt.
Patient seine Lebensgestaltung tief-
von Lebenskrisen. Der Betroffene sieht greifend ändern, manchmal benötigt er
keinen anderen Ausweg als „Schluss zu Nach einem Suizidversuch werden die
auch sozialpsychiatrische Hilfe.
machen“. Oft liegen zwischen dem Ent- meisten Patienten zunächst in soma-
tischen Abteilungen behandelt, bis si-
schluss zur Selbsttötung und der Aus-
cher ist, dass keine lebensgefährlichen
Pflege
führung nur wenige Stunden. Manch-
Organkomplikationen mehr drohen. Zur Wichtig ist zunächst, Suizidalität bei
mal hat man den Eindruck, der Patient
Abschätzung, ob das Suizidrisiko weiter den Patienten zu erkennen. Gefährliche
habe es mit seinem Suizidversuch gar
besteht, wird ein Psychiater zugezogen. Krankheitsphasen sind z. B. akute De-
nicht wirklich „ernst gemeint“, weil er
Eventuell erfolgt die Verlegung in die pressionen, depressive Nachschwan-
so demonstrativ wirkt oder weil die

34
Psychiatrie. kungen bei Manien sowie Schizophre-
gewählten Mittel auffallend ungeeignet
nien in der Rehabilitationsphase, wäh-
waren. Beispiel: Ein Patient trinkt einige
Gibt es das Recht auf Suizid? rend der sich die Kranken mit ihren
Gläser Sekt, nimmt fünf Kopfschmerz-
Defiziten auseinandersetzen müssen.
tabletten ein und ruft sofort danach Oft wird diskutiert, ob Ärzte und Pfle-
seine Ex-Freundin an, um sich von ihr gende überhaupt das Recht haben, ei- Vorsicht: Warnsignale für einen
zu verabschieden. Trotzdem darf das nen suizidalen Menschen an der Selbst- drohenden Suizid
Ereignis nicht verharmlost werden, son- tötung zu hindern, da dieser doch seine Antriebssteigerung durch Arzneimittel
dern muss zumindest als dringender Entscheidung frei getroffen habe und bei weiter bestehender depressiver Ver-
Ruf nach Hilfe verstanden werden. Auch keine anderen Menschen schädige. Die stimmung
das Bedürfnis nach Ruhe kann zum Sui- meisten Psychiater und auch der Ge- Plötzliche, unerklärliche Ruhe und
zidversuch – meist mit Schlaftabletten – setzgeber gehen aber sowohl bei psy- Freude (Erleichterung durch den Ent-
führen. chotischen als auch bei zuvor (schein- schluss: präsuizidale Aufhellung)
bar) gesunden Patienten davon aus, Schreiben eines Testamentes
Jeder Suizidversuch muss ernst genom- Verschenken von Sachen
dass zumindest im Rahmen einer
men werden, ebenso jede Ankündigung. Sammeln von Arzneimitteln
akuten Krise die freie Willensbestim-
mung des Patienten eingeschränkt ist Heftige Schuldvorwürfe oder Schuld-
Oft geht einem Selbsttötungsversuch wahn
und auch Zwangsmaßnahmen gerecht-
bei nicht psychotischen Patienten ein Aussagen über Sinnlosigkeit des Le-
fertigt sind, um das Leben des Betrof-
präsuizidales Syndrom voran. Die Be- bens
fenen zu retten (➔ auch 15.1.2). Hierfür
troffenen fühlen sich einsam und zie- Reden über Tod und Suizid, besonders
spricht, dass sich die überwiegende
hen sich von ihrer Umwelt zurück. Sie bei Angabe konkreter Vorstellungen
Zahl der Patienten schon bald nach
entwickeln Aggressionen gegen ihre und Pläne
ihrem Suizidversuch positiv darüber
Mitmenschen, denen sie aber keinen Bericht über drängende Impulse, sich
äußert, dass man sie von der Ausübung
Ausdruck verleihen. Schließlich wenden umzubringen
des geplanten Suizids abgehalten hat.
sie ihre aggressiven Gefühle gegen sich Angabe von imperativen (befehlenden)
selbst. In der Phantasie beschäftigen sie Stimmen, die den Suizid befehlen.
sich mit dem Suizid und mit den Folgen Behandlungsstrategie
für ihre Angehörigen. Bei psychotischen Bei psychotischen Erkrankungen oder Jede Beobachtung, die auf akute Suizid-
Patienten kommt es dagegen manch- schweren Depressionen wird zunächst gefahr hinweist, wird an das Team wei-
mal zum völlig überraschenden, raptus- die Grundkrankheit behandelt. Der Ver- tergegeben.

1305
34 Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Je mehr Fragen im Sinne der angegebenen Antwort beantwortet werden, umso höher muss das
Suizidrisiko eingeschätzt werden.
Ja Nein
1. Haben Sie in letzter Zeit daran denken müssen, sich das Leben zu nehmen?
2. Häufig?
3. Haben Sie auch daran denken müssen, ohne es zu wollen? Haben sich Selbstmordgedanken
aufgedrängt?
4. Haben Sie konkrete Ideen, wie Sie es machen wollen?
5. Haben Sie Vorbereitungen getroffen?
6. Haben Sie schon zu jemandem über Ihre Selbstmordabsichten gesprochen?
7. Haben Sie einmal einen Selbstmordversuch unternommen?
8. Hat sich in Ihrer Familie oder in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis schon jemand das
Leben genommen?
9. Halten Sie Ihre Situation für aussichts- und hoffnungslos?
10. Fällt es Ihnen schwer, an etwas anderes als an Ihre Probleme zu denken?
11. Haben Sie in letzter Zeit weniger Kontakte zu Ihren Verwandten, Bekannten und Freunden?
12. Haben Sie noch Interesse daran, was in Ihrem Beruf und in Ihrer Umgebung vorgeht?
13. Haben Sie jemanden, mit dem Sie offen und vertraulich über Ihre Probleme sprechen können?
14. Wohnen Sie zusammen mit Familienmitgliedern oder Bekannten?
15. Fühlen Sie sich unter starken familiären oder beruflichen Verpflichtungen stehend?
16. Fühlen Sie sich in einer religiösen bzw. weltanschaulichen Gemeinschaft verwurzelt?

Anzahl der entsprechend beantworteten Fragen Endzahl maximal 16

Abb. 34.36: Fragenkatalog zur Abschätzung der Suizidalität nach Pöldinger. Er kann nicht nur als „fertiger“ Katalog benutzt werden, sondern auch für
die Formulierung eigener Fragen hilfreich sein. [R114]

Um sich vom Wunsch und den Ge- Für akut suizidale oder nicht abspra- auf der Station oder von einer Person

34
danken an den Tod lösen zu können, ist chefähige Patienten muss das Team die des öffentlichen Lebens mit den übri-
es notwendig, dass der zum Tod ent- Sicherheit schaffen, für die der Patient gen Patienten offen besprechen, damit
schlossene Mensch wieder in Bezie- selbst im Moment nicht sorgen kann. diese ihrer Angst, Unsicherheit und Be-
hung zu seinen Mitmenschen tritt. Hierzu gehören z. B. die Unterbringung troffenheit Ausdruck verleihen kön-
Pflegende sorgen für regelmäßige und auf einer geschützten Station, die Kon- nen. Umgekehrt erleben die Mitpatien-
engmaschige Kontrolle und sprechen trolle bezüglich gefährlicher Gegen- ten, dass das Team auch über Schwä-
den Kranken auf Suizidalität an. Das stände (Gürtel, Messer) sowie eine eng- chen und Scheitern reden kann. Hilflose
kann indirekt geschehen („Was meinen maschige Überwachung. Die notwen- Ablenkungsversuche sind nutzlos. Ein
Sie damit, dass das ganze Leben sinnlos digen Kontrollen sollten in einer Weise Suizid lässt sich auch nicht verheim-
sei?“, „Warum verschenken Sie Ihre geschehen, die den Patienten nicht krän- lichen.
Bücher?“), aber auch direkt („Denken ken, die Maßnahmen werden erklärt.
Sie daran, sich zu töten?“, „Planen Sie
einen Suizid?“ ➔ auch Abb. 34.36). Viele
Literatur und Kontakt-
Selbsttötungen auf Station
Pflegende haben Angst, die Patienten adressen
damit erst auf Selbsttötungsideen zu Nicht jeder Suizid lässt sich verhindern.
bringen. Das Gegenteil ist aber richtig:
Literaturnachweis
Nach einem vollendeten Suizid braucht
Das Gespräch über Todeswünsche 1. Ministerkonferenz der Europäi-
das Team Zeit und Raum für Gespräche,
und -gedanken entlastet und befreit schen Region der WHO (2006):
um sich mit Trauer, Angst, Schuld- und
den Patienten aus seiner Isolation. Psychische Gesundheit: Heraus-
Versagensgefühlen auseinanderzusetzen
Vielfach schützt es vor einem Suizid, forderungen annehmen, Lösungen
(➔ auch 10.7). Insbesondere die Pflege-
Absprachen über einen konkreten Zeit- schaffen, S. 47; [Link].
kraft, die den Toten gefunden hat, die
raum zu treffen, z. B. bis zum nächsten int/__data/assets/pdf_file/0009/
Bezugspflegende sowie Krankenpflege-
96453/[Link] (Abgerufen:
Morgen. Der Patient verspricht, sich in schüler können in eine persönliche Krise
23. 11. 2010).
dieser Zeit nichts anzutun und drän- geraten.
gende Impulse oder Pläne mitzuteilen. 2. Vgl. ebda.
Allerdings ist nicht jeder Patient aus- Vom Suizid geht eine gefährliche Fas- 3. Sauter, D. et al. (Hrsg.): Lehrbuch
reichend absprachefähig. Evtl. ist er zination aus. Es ist bekannt, dass Suizi- Psychiatrische Pflege. 2. Aufl., Verlag
infolge seiner Krankheit nicht frei in sei- de zur Nachahmung anregen (Werther- Hans Huber, Bern 2006, S. 326 – 328.
ner Entscheidung, etwa, wenn er impe- Effekt; nach der Romanfigur von Goe- 4. Vgl. ebda. S. 629
rative Stimmen hört. the). Daher sollte das Team einen Suizid 5. Vgl. Bundesinitiative Ambulante Psy-

1306
Literatur und Kontaktadressen

chiatrische Pflege: Stellungnahme nale VersorgungsLeitlinie Unipolare Vertiefende Literatur ➔


zur integrierten Versorgung; www. Depression (Langfassung; Stand:
[Link]/texte/[Link] (Abge- 12/2009); [Link]
rufen: 6. 9. 2010). mediadb/media/dgppn/pdf/leit
Kontaktadressen
linien/s3-nvl-unipolare-depression- 1. Psychiatrienetz mit folgenden Ver-
6. Townsend M.: Pflegediagnosen und
[Link] (Abgerufen: 6.9.2010). bänden und Organisationen: Aktion
Maßnahmen für die psychiatrische
Psychisch Kranke e.V. (APK), Dach-
Pflege. 3. Aufl., Verlag Hans Huber, 15. Die Drogenbeauftragte der Bundes-
verband Gemeindepsychiatrie e.V.,
Bern 2010. regierung, Bundesministerium für
Deutsche Gesellschaft für Soziale
7. Vgl. Kaub, M.: Die Familie – Lücken- Gesundheit (Hrsg.): Drogen- und
Psychiatrie e.V. (DGSP), Familien-
büßer im psychosozialen Netz. Psy- Suchtbericht 2009. Berlin 2009,
selbsthilfe Psychiatrie/Bundesver-
chosoziale Umschau 4/2002, S. 31 – S. 38.
band der Angehörigen psychisch
33. 16. Vgl. Deutsche Gesellschaft für Kranker e.V. (BApK). Gemeinsame
8. Sauter, D. et al. (Hrsg.): Lehrbuch Suchtforschung und Suchttherapie, Website: [Link]
Psychiatrische Pflege. 2. Aufl., Verlag Deutsche Gesellschaft für Psy-
2. Bundesverband Psychiatrie-Erfahre-
Hans Huber, Bern 2006, S. 312. chiatrie, Psychotherapie und Ner-
ner e.V. (BPE), [Link]
venheilkunde: Postakutbehandlung
9. Vgl. Grawe, K.: Neuropsychothe- 3. Anonyme Alkoholiker Deutschland
alkoholbezogener Störungen (Stand:
rapie. Hogrefe, Göttingen 2004, (AA), [Link]
2/2003);
S. 372 – 448.
[Link]/076-008. 4. Stiftung Deutsche Depressionshilfe,
10. Vgl. Sauter, D. et al. (Hrsg.): Lehrbuch htm (Abgerufen: 6. 9. 2010). [Link]
Psychiatrische Pflege. 2. Aufl., Verlag
17. Vgl. Deutsche Gesellschaft für Kin- 5. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen
Hans Huber, Bern 2006, S. 618.
der- und Jugendpsychiatrie und e.V. (DHS), [Link]
11. Vgl. Deutsche Gesellschaft für Psychotherapie et al.: Leitlinien zur
Psychiatrie, Psychotherapie und 6. Akzept e.V., Bundesverband für ak-
Diagnostik und Therapie von psy-
Nervenheilkunde: Behandlungsleit- zeptierende Drogenarbeit und huma-
chischen Störungen im Säuglings-,
linie Schizophrenie (Kurzfassung); ne Drogenpolitik, [Link]
Kindes- und Jugendalter. 3. Aufl.,
[Link] Deutscher Ärzte-Verlag, Köln 2007, 7. Bundesverband der Elternkreise
media/dgppn/pdf/leitlinien/S3/s3- S. 225 – 237. suchtgefährdeter und suchtkranker
[Link] (Abgerufen: Söhne und Töchter e.V. (BVEK),
18. Ebda. S. 117 – 130.
6. 9. 2010). [Link]
19. Rübenach, St. P.: Todesursache Suizid
12. Vgl. Sauter, D. et al. (Hrsg.): Lehr- 8. autismus Deutschland e.V., Bundes-
(2007); [Link]/jetspeed/
buch Psychiatrische Pflege. 2. Aufl., verband zur Förderung von Men-
portal/cms/Sites/destatis/Internet/
Verlag Hans Huber, Bern 2006, S. 935. schen mit Autismus,
DE/Content/Publikationen/Quer
13. Ebda. S. 936 – 937. schnittsveroeffentlichungen/Wirt [Link]

34
14. Deutsche Gesellschaft für Psychiat- schaftStatistik/Gesundheitswesen/ 9. ADHS Deutschland e.V.,
rie, Psychotherapie und Nerven- AktuellSuizid,property=[Link] [Link]
heilkunde et al: S3-Leitlinie/Natio- (Abgerufen: 6. 9. 2010).

1307

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