Fau Krabbe oder: „Wir können aber auch nicht rund um die Uhr
…“
Frau Krabbe ist 86 Jahre alt, seit 25 Jahren verwitwet und lebt seit sechs
Monaten in einem Altenpflegeheim. Sie hat die Diagnosen: beginnende
Multiinfarktdemenz sowie Osteoporose. Auch ist ihr Seh- und Hörvermögen
teilweise eingeschränkt. Sie wurde bei Heimaufnahme in Pflegegrad 2
eingestuft. Im Heim versorgt sie sich mit etwas Anleitung noch häufig
alleine.
Der Umzug ins Heim wurde notwendig, weil die häusliche Umgebung
aufgrund von Orientierungsstörungen nicht mehr ausreichend Sicherheit
geboten hat. Vor allen Dingen nachts war und ist Frau Krabbe auch in der
Pflegeeinrichtung aktiv, weshalb das Bettgitter regelmäßig hochgestellt
wird. Tagsüber ist sie aus eigenem Antrieb nur wenig aktiv. Deshalb wird
die alte Dame zur Mobilisierung mit dem Rollator regelmäßig auf den
Rundweg in den vom zentralen Dienstzimmer aus einsehbaren Flur des
Altenheimes geschickt. Aufgrund der chronischen Unterbesetzung wird
eine Begleitung hauptsächlich dann angeboten, wenn Schüler*innen oder
Praktikant*innen diese Aufgabe übernehmen können. Zwischenzeitlich
kann es aber auch immer mal wieder vorkommen, dass Frau Krabbe von
sich aus unvermittelt losläuft.
Ira, Pflegeschülerin im 2. Ausbildungsjahr, die seit einer Woche im Haus
ist, hat, wie am Morgen bei der Übergabe besprochen, gerade mit der
Mobilisierung von Frau Krabbe begonnen, als sie von einer Kollegin um
Hilfe gebeten wird. Frau Krabbe erklärt freudestrahlend, dass sie auch
alleine weitergehen kann. Sie macht sich auf den Weg, öffnet eine
unverschlossene Tür und stürzt die Treppe, die dahinter ins Freie führt,
hinunter. Dort bleibt sie hilflos liegen, bis Ira sie findet. Frau Krabbe klagt
über starke Schmerzen im rechten Oberarm, außerdem blutet sie aus
einer Kopfplatzwunde. Mit dem Notarztwagen wird sie in das
nahegelegene Krankenhaus gebracht, wo eine eingestauchte
Humerusfraktur rechts und Verdacht auf Gehirnerschütterung
diagnostiziert wird. Zur Ruhigstellung der Fraktur erhält die alte Dame
einen Gilchristverband, soll aber bald nach der Entlassung
krankengymnastische Versorgung erhalten. Zunächst bleibt sie zur
Beobachtung noch einige Tage in der Klinik.
In der Zwischenzeit kommt der Sohn von Frau Krabbe, der auch ihr
gesetzlicher Betreuer ist, ins Pflegeheim und fragt, wie es dazu kommen
konnte, dass seine Mutter durch eine offene Tür nach draußen zu einer
Treppe gelangen konnte. „Wir können aber auch nicht rund um die Uhr
hinter Ihrer Mutter herlaufen. Sie ist ja jeden Tag an der Tür
vorbeigegangen und es ist nie ‘was passiert! Schließlich hat sie ja auch
nur Pflegegrad 2“ ergänzt die Pflegerin.
Nach einigen Tagen kommt Frau Krabbe wieder in das Pflegeheim zurück.
Ihr Sohn begleitet sie. Beide werden von Petra Tenhaus begrüßt: „Ach,
Frau Krabbe, herzlich willkommen daheim! Hoffentlich haben Sie jetzt
gelernt, dass Sie vorsichtiger sein müssen und nicht immer munter auf
alles losmarschieren. Sonst müssen wir doch noch mit ihrem Sohn
überlegen, ob wir einen Stuhl mit Vorsatztisch für Sie anschaffen, damit
Sie zukünftig sicherer bei uns sind.“
In der darauffolgenden Dienstübergabe berichtet die Pflegefachkraft, dass
der Sohn von Frau Krabbe sehr unzufrieden gewirkt habe. Frau Scholz
schlägt daraufhin vor, die aktuelle Situation der Bewohnerin im Rahmen
einer ethischen Falldiskussion am kommenden Donnerstagnachmittag
ausführlich zu thematisieren