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Le 8

Das Dokument behandelt die genetischen Eigenschaften von Organismen, insbesondere die Rolle von DNA und Nucleinsäuren in der Vererbung. Es beschreibt Experimente mit Pneumokokken, die die Transformation von Zellen durch genetische Information zeigen, sowie die Verwendung von Bakterien und Viren in der Molekulargenetik. Zudem wird die Bedeutung von Antibiotika in der Bakteriengenetik und die Mechanismen der Konjugation und Virusvermehrung erläutert.

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EVIN VIJAY Vijayakumar
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Das Dokument behandelt die genetischen Eigenschaften von Organismen, insbesondere die Rolle von DNA und Nucleinsäuren in der Vererbung. Es beschreibt Experimente mit Pneumokokken, die die Transformation von Zellen durch genetische Information zeigen, sowie die Verwendung von Bakterien und Viren in der Molekulargenetik. Zudem wird die Bedeutung von Antibiotika in der Bakteriengenetik und die Mechanismen der Konjugation und Virusvermehrung erläutert.

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A BSCHNITT 1 Die Eigenschaften eines Organismus entwickeln sich auf der

Basis seiner Erbanlagen (im Wechselspiel mit Umwelteinflüs-


Bakterien und Viren in der sen). Also müssen die Gene eine Anweisung (Information) für

Genetik die Ausbildung dieser Eigenschaften besitzen.

Aus welchem Stoff bestehen nun die Gene? Nach allem, was
wir über die Vererbung wissen, muss dieser Stoff folgende Ei-
genschaften aufweisen:

L ERNZIELE : 1. Fähigkeit zur sicheren Speicherung einer großen Informa-


tionsmenge;
1. Sie können das Experiment von Griffith
erklären. 2. Fähigkeit zur identischen Verdopplung der genetischen
Information, sodass bei der Zellteilung jede Tochterzelle die-
2. Sie wissen, zu welchem Zweck Bakterien für
selbe Information erhält;
Laborexperimente eingesetzt werden.
3. Fähigkeit zu Veränderungen der genetischen Informatio-
3. Sie können die Stempeltechnik am Beispiel der
nen (Mutationsfähigkeit).
Suche nach Mangelmutanten erklären.
4. Sie können den Fachbegriff „Konjugation“ an
einem Beispiel erläutern.
5. Sie kennen die Unterschiede zwischen Viren,
Bakterien und eukaryotischen Zellen.

2
T RANSFORMATION BEI P NEUMOKOKKEN der die Fähigkeit zur Kapselbildung infolge einer Mutation ver-
loren hat und deshalb von den Weißen Blutkörperchen ange-
A BBILDUNG 1.1 griffen wird. Dieser Stamm ist daher auch nicht krankheitser-
regend. Wenn man Mäusen kapselbildende Pneumokokken
injiziert, so erkranken sie und sterben. Tötet man die Pneumo-
kokken vor der Injektion ab, werden die Mäuse nicht krank.
Wenn man aber lebende kapsellose Pneumokokken (nicht
krankheitserregende!) zusammen mit abgetöteten kapselbil-
denden Pneumokokken injiziert, so sterben die Mäuse und im
Blut lassen sich lebende Kapselformen nachweisen. Es ist dem-
nach die erbliche Eigenschaft „kapselbildend" der abgetöteten
Pneumokokken auf die harmlosen Formen übertragen wor-
den. Diese bildeten nun Kapseln und waren daher krank-
heitserregend. Man bezeichnet die Umwandlung von Zellen
durch Übertragung genetischer Information als Transformati-
on. GRIFFITH konnte das Ergebnis dieser Transformations-
versuche allerdings noch nicht richtig deuten. Erst dem ameri-
kanischen Chemiker AVERY und seinen Mitarbeitern gelang
es dann 1944 nachzuweisen, dass diese erblichen Eigenschaf-
Griffith-Experiment
ten von der Desoxyribonucleinsäure (desoxyribonucleic acid
oder DNA) übermittelt werden. Er übertrug isolierte DNA, die
Als stoffliche Träger der genetischen Information kommen
er aus kapselbildenden Stämmen gewonnen hatte, in Kulturen
nur Proteine oder Nucleinsäuren in Frage, weil die Chromoso-
von kapsellosen, harmlosen Stämmen. Einige Bakterien der
men aus diesen beiden Stoffen zusammengesetzt sind. Die
harmlosen Stämme bildeten dann Kapseln aus; sie wurden in
Nucleinsäuren wurden 1868 von MIESCHER in Tübingen ent-
bekapselte, krankheitserregende Formen transformiert. Be-
deckt. 1928 führte der englische Bakteriologe GRIFFITH Ver-
handelt man die DNA von Spender-Bakterien vor der Übertra-
suche mit Pneumokokken-Stämmen durch. Diese sind Erre-
gung mit dem DNA-spaltenden Enzym Desoxyribonuclease,
ger der Lungenentzündung; ihre Zellen sind normalerweise
so findet keine Transformation statt. Die DNA enthält also die
durch eine Polysaccharidkapsel vor dem Angriff durch weiße
Blutkörperchen geschützt. Es gibt aber auch einen Stamm,
3
Information für die Kapselbildung und ist damit für die Trans- 4. Sie besitzen nur ein einziges Chromosom. Dieses ist ring-
formation verantwortlich. förmig gebaut. (Bei Eukaryoten gibt es sehr wenige Arten mit
nur einem Chromosomenpaar).
Vererbung beruht demnach auf stofflichen Vorgängen. Bei die-
sen handelt es sich aber um Umsetzungen von Molekülen. 5. Sie sind haploid. Ein mutiertes Gen wirkt sich sofort aus,
Man bezeichnet deshalb die sich damit befassende For- weil es nicht durch ein zweites Allel in seiner Wirkung über-
schungsrichtung der Genetik als Molekulargenetik. deckt werden kann.

Gene können bei vielen Bakterienarten von einem Individu-


um zum anderen übertragen werden (Möglichkeit der Rekom-
B AKTERIEN UND V IREN IM L ABOR bination von Genen). Viele Bakterienstämme besitzen außer
Nach den Experimenten mit Pneumokokken haben zahlreiche dem Chromosom noch kleine ringförmige DNA-Moleküle im
weitere Untersuchungen an Bakterien und auch an Viren wich- Cytoplasma. Man nennt sie Plasmide. Allerdings fehlen den
tige Antworten auf Fragen in der Molekulargenetik gegeben. Bakterien Strukturen der Eucyte; die bei ihnen erzielten Er-
gebnisse lassen sich deshalb nicht ohne weiteres auf Eukaryo-
Bakterien. Bakterienarten, z. B. Escherichia coli, dessen Wild- ten übertragen.
form im Darm von Säugetieren und Menschen lebt, haben für
molekulargenetische Untersuchungen folgende Vorzüge:

1. In kleinen Gefäßen lassen sie sich mit wenig Aufwand


(sterile Bedingungen!) in großen Mengen züchten. Wenige Mil-
liliter einer Escherichia-coli-Kultur können so viele Zellen ent-
halten, wie es Menschen auf der Erde gibt.

2. Sie haben eine sehr kurze Generationsdauer. Unter güns-


tigen Bedingungen teilen sie sich alle 20 bis 30 Minuten.

3. Sie haben einfach gebaute Zellen und liefern viele Mutan-


ten.

4
A NTIBIOTIKA IN DER B AKTERIENGENETIK bevorzugt aus Bakterien, aber auch niederen Pilzen gewon-
nen.
A BBILDUNG 1.2
Wegen ihrer antibakteriellen Wirkung eignen sich Antibiotika
als Arzneimittel gegen bakterielle Infektionen. In der Bakteri-
engenetik werden sie z. B. bei der Suche nach Mangelmutan-
ten eingesetzt:

Während die Wildform einer Bakterienart alle 20 Aminosäu-


ren selbst aufbauen kann, gibt es Mutanten, denen die Fähig-
keit zur Synthese einzelner Aminosäuren fehlt.

Diese Mangelmutanten kann man durch Bestrahlung eines


Wildstammes erzeugen; man liest sie mit folgendem Verfah-
ren aus:

1. Die Bakterien werden in ein Medium (Nährflüssigkeit)


Schema der Stempeltechnik zur Suche nach Mangelmutan- ohne Aminosäuren, aber mit einem speziellen Antibiotikum
ten. Ein mit Samt überzogener Stempel überträgt das Mus- gebracht, das die sich teilenden Zellen tötet.
ter der Bakterienkolonien von der Ausgangsplatte links auf
die „Replica"-Platten, denen jeweils eine ganz bestimmte 2. Die Mangelmutanten teilen sich nicht und bleiben übrig.
Aminosäure fehlt. Markierung X bedeutet: keine Koloniebil- Sie werden auf einem festen Nährboden ausgestrichen, der al-
dung, weil diese Mutante nicht die Fähigkeit zur Synthese
le Aminosäuren enthält; dort teilen sie sich rasch und bilden
der fehlenden Aminosäure hat.
bald ein Muster von Kolonien.
In der Bakteriengenetik werden bevorzugt physiologische Erb-
3. Jede Kolonie geht auf ein einziges Bakterium zurück, bes-
merkmale untersucht, so z. B. die Fähigkeit bzw. Nichtfähig-
teht also aus völlig erbgleichen Individuen.
keit zur Synthese bestimmter Stoffe oder die Sensibilität oder
Resistenz gegenüber Antibiotika. Antibiotika (Sing. Antibioti- 4. Nach Entwicklung der Kolonien drückt man einen steri-
kum) sind Stoffe, welche Bakterien töten oder deren Wachs- len Samtstempel auf den festen Nährboden und überimpft das
tum und dadurch die Vermehrung verhindern (z.B. Penicillin, an den Samthaaren hängen bleibende Muster der Bakterienko-
Streptomycin, Chloramphenicol, Tetracyclin u.a.). Sie werden
5
lonien auf andere Nährböden, denen jeweils eine ganz be- K ONJUGATION
stimmte Aminosäure fehlt.
Plasmide vermehren sich wie das Bakterien-Chromosom
5. Auf diesen Nährböden können sich diejenigen Mutanten durch Replikation. Sie enthalten nur wenige Gene. Darunter
nicht entwickeln, welche gerade die im Nährboden fehlende sind häufig Resistenzgene gegen Antibiotika sowie sogenannte
Aminosäure nicht selbst synthetisieren können. Fertilitätsfaktoren (F). Bei E. coli (und vielen anderen Bakteri-
en) befähigt das Vorhandensein des F-Faktors die Zelle (F+-
6. Durch Vergleich mit der Ausgangsplatte lassen sich die Zelle), sich an eine andere Zelle ohne F-Faktor (F--Zelle) anzu-
Mangelmutanten lokalisieren. lagern und eine Plasmabrücke zwischen beiden Zellen auszu-
bilden. Dieser Vorgang heißt Konjugation. Während der Kon-
7. Sie werden dann von der Ausgangsplatte abgeimpft und
jugation wird eine vorher gebildete Kopie der Plasmid-DNA in
unter Zugabe der für sie notwendigen Aminosäuren weiterkul-
die Empfängerzelle übertragen; diese besitzt dann ebenfalls
tiviert.
den F-Faktor. Auch Resistenzgene der Plasmide können so
8. Natürlich sind bei der Bestrahlung auch viele weitere auf die Empfängerzelle übertragen werden, manchmal sogar
Mangelmutanten entstanden, bei denen andere Stoffwechsel- zwischen Vertretern verschiedener Bakterienarten.
wege gestört sind. Diese treten aber in der Regel bei dem ange-
Harmlose Darmbakterien haben gelegentlich Plasmide mit Re-
wandten Verfahren gar nicht in Erscheinung.
sistenzgenen gegen Antibiotika. Es ist daher möglich, dass die-
se Darmbakterien ihre Plasmide auf krankheitserregende Bak-
terien übertragen. Die Krankheitserreger vererben dann ihre
so erworbene Resistenz. Statt in ein Plasmid kann der F-Fak-
tor auch im ringförmigen Chromosom der Bakterienzelle ein-
gebaut sein. Bei der Konjugation beginnt wiederum die Über-
tragung einer DNA-Kopie, in diesem Fall aber einer Kopie der
Ringchromosomen-DNA. Diese DNA ist sehr viel länger als
die Plasmid-DNA; in der Regel trennen sich daher die beiden
Zellen, bevor die ganze DNA-Kopie in die Empfängerzelle ge-
langt ist. In dieser kann daher nur ein Teil der DNA des Ring-
chromosoms ausgetauscht (rekombiniert) werden. Man nennt
dies einen parasexuellen Vorgang.
6
A BBILDUNG 1.3
V IREN
Viren sind keine Zellen, aber organisierte Partikel. Sie beste-
hen aus einem oder mehreren Nucleinsäure-Molekülen, die
von einer Proteinhülle umgeben sind. Der Vergleich von Viren
und Zellen zeigt, dass Viren nicht alle Kennzeichen des Lebe-
ndigen tragen. Es fehlt ihnen ein eigener Stoffwechsel. Sie kön-
nen sich daher nicht
selbst vermehren, son- A BBILDUNG 1.4
dern veranlassen die Zel-
len, die sie befallen ha-
ben, Virus-Nucleinsäure
und Virus-Protein und
damit neue Viren zu bil-
den. Die Wirtszellen ge-
hen dabei meist zugrun-
de. Viele Viren sind
Krankheitserreger von
Mensch, Tier oder Pflan-
Austausch des F-Plasmids durch Konjugation ze. Beim Menschen ver-
ursachen sie z. B. Kinder-
Capsid eines Adenovirus
Von echten sexuellen Prozessen spricht man dann, wenn lähmung, Windpocken,
haploide Kerne sich zu einem diploiden vereinigen und sich Grippe, Masern, Po-
somit gesamte Genome rekombinieren. Dies ist nur bei Euka- cken; auch sind sie wahrscheinlich Verursacher bestimmter
ryoten der Fall. Der Teil des in die Empfängerzelle eingewan- Arten von Krebs.
derten DNA-Stücks, der dort nicht in das Chromosom einge-
Viruskrankheiten der Haustiere sind Maul- und Klauenseu-
baut wird, sowie das dort ausgetauschte DNA-Stück werden
che, Kuhpocken, Tollwut. Bei Pflanzen treten z.B. Tabakmosa-
im Cytoplasma der Empfängerzelle abgebaut.
ikkrankheit. Kartoffelviruskrankheiten u.a. auf.

7
Die Größe der Viren liegt zwischen derjenigen der größten Pro-
teinmoleküle (20 nm) und der kleinsten Bakterien (300 nm). A BBILDUNG 1.7
In Viren findet man entweder DNA oder RNA; man unter-
scheidet danach zwischen DNA-Viren und RNA-Viren.

A BBILDUNG 1.5

VIRUS ZELLE

Nucleinsäure DNA oder RNA DNA und RNA


Tabakmosaic-Virus; 1: RNA; 2: Capsomer; 3: Cap-
sid
Fähigkeit zur
vorhanden vorhanden
Mutation

A BBILDUNG 1.6
Stoffwechsel fehlt vorhanden

durch Spaltung,
nur in Wirtszelle mitotische oder
Vermehrung
möglich meiotische
Teilung

begrenzende fehlt oder wird


vorhanden
Membran vom Wirt geliefert

Unterschied Virus - Zelle

Mit dem Tabakmosaic-Virus befallene Pflanze

8
Eine Gruppe von Viren, die Bakteriophagen (kurz Phagen ge- viele neue Phagen. Dazu wird der Stoffwechsel der Bakterien-
nannt), befällt Bakterien. Bringt man Bakteriophagen mit zelle so verändert, dass diese die einzelnen Phagenbestandtei-
dem Wirtsbakterium zusammen, so heften sich die Phagen an le bildet, die sich dann zu Phagen zusammenlagern. Etwa 20
bestimmte Stellen der Zellwand an. Durch ein Enzym (Lyso- bis 30 Minuten nach der Injektion wird die Wand der Bakteri-
zym) in der Endplatte des Schwanzstücks wird örtlich die Bak- enzelle aufgelöst und es werden 30 bis 200 neue Phagen frei-
terienwand aufgelöst und durch das entstandene Loch die gesetzt.
Nucleinsäure in die Bakterienzelle injiziert. Die Proteinhülle
A BBILDUNG 1.9
A BBILDUNG 1.8

Bakteriophage T4

bleibt auf der Oberfläche des Bakteriums zurück. Dies konnte


man durch Infektion von Bakterien mit Phagen beweisen, bei Vermehrung eines Bakteriophagen - Lytischer Zyklus
denen nur die Proteinhülle radioaktiv markiert war. Die Aktivi- 1)Adsorption 2) Injektion 3) Bakterielle DNA-Synthese
tät war nur außen an der Bakterienwand nachzuweisen. In der wird eingestellt und Phagenbestandteile werden aufge-
allein mit der Nucleinsäure infizierten Zelle bilden sich nun baut 4) Lyse der Bakterienzelle

9
V IROIDE
Sie sind noch einfacher gebaut als Viren und bestehen nur aus
einem einzigen kleinen RNA-Molekül; Viroide sind als Krank-
heitserreger einiger Nutzpflanzen nachgewiesen (z. B. bei der
Kartoffel). Möglicherweise sind sie auch Erreger von Krankhei-
ten bei Tier und Mensch, deren Ursache noch ungeklärt ist.

P RIONEN
Verschiedene infektiöse Erkrankungen des Gehirns bei
Mensch und Tier (z. B. Scrapie beim Schaf, BSE = Spongiofor-
me Encephalitis beim Rind = „Rinderahnsinn") werden allein
durch ein Protein ausgelöst. Dies ist ungewöhnlich, da alle an-
deren bekannten infektiösen Krankheitserreger stets Nuclein-
säuren enthalten. Der Prion-Erkrankung liegt eine Verände-
rung eines Proteins von Nervenzellen (pathogenicity related
protein) zugrunde. Dadurch erhält dieses eine falsche, sehr hit-
zestabile Raumstruktur und wird durch Proteasen nicht mehr
abgebaut. Gelangt ein solches Prion in eine weitere Nervenzel-
le, so bewirkt es, dass alle neu synthetisierten Proteine des
gleichen Gens dort ebenfalls die falsche Raumstruktur bilden
und ihrerseits in weitere Nervenzellen eindringen können; da-
mit reichern sich Prionen in den Zellen lawinenartig an und
führen zur Erkrankung durch Degeneration der Zellen.

10
A BSCHNITT 2 Den ersten Nachweis, dass die DNA Träger der genetischen
Information ist, lieferten die Untersuchungen von AVERY ;
DNA als Träger der geneti- weitere Erkenntnisse erhielt man aus folgenden Untersuchun-

schen Information gen:

1. Manche Phagen zerstören bei einer Infektion die Bakteri-


enzellen nicht, weil sie in den Zellen nicht vermehrt werden.
Unter bestimmten Bedingungen können sich aber wieder Pha-
gen in den Bakterien bilden, diese müssen deshalb die Phagen
in einer inaktiven, maskierten Form enthalten. Tatsächlich ist
L ERNZIELE : die Phagen-DNA in diesem Fall ins Bakterienchromosom ein-
1. Sie kennen Aufbau und Struktur der DNA und gebaut; man spricht dann von Prophagen. Sie bleiben in die-
ser Form in der Bakterienzelle inaktiv, werden aber z.B. durch
RNA.
einen Temperaturschock wieder aktiv und bewirken über den
Vermehrungszyklus der Phagen die Auflösung (Lyse) der
Zelle. Bakterien, die Prophagen enthalten, heißen lysogene
Bakterien (d.h. sie sind unter gewissen Bedingungen wieder
lysierbar). Phagen, die ins Prophagen-Stadium übergehen
können, heißen temperente (gemäßigte) Phagen.

Gehen temperente Phagen vom Prophagenstadium in den akti-


ven Zustand über, löst sich die Phagen-DNA aus der Bakteri-
en-DNA. Dabei kann die Phagen-DNA Stücke aus der Bakteri-
en-DNA mitnehmen. Wenn sich nun solche „bereicherten"
Phagen in neuen Wirtszellen eines anderen Bakterienstam-
mes temperent verhalten, so enthält die Wirts-DNA nicht nur
die zusätzliche Phagen-DNA, sondern auch das Stück aus der
DNA der früheren Wirtszelle. Die Gene dieses DNA-Stücks
können nun in der neuen Wirtszelle wirksam werden, sodass
sie Merkmale der früheren Wirtsbakterien ausbildet.
11
Die Übertragung genetischer Substanzen mit Hilfe temperen- 4. Dass auch bei Eukaryoten die DNA der Träger der geneti-
ter Phagen heißt Transduktion. Dieses Verfahren, fremde Ge- schen Information ist, wird durch die DNA-Gehalte der
ne in ein Bakterium einzubringen, wird heute gelegentlich in Zellkerne nahe gelegt: Misst man diese in verschiedenen
der Gentechnik angewendet. Geweben bei einer Tierart, so findet man im Allgemeinen
den gleichen Wert (Ausnahmen sind Gewebe mit polyploi-
2. Man kann Bakterien mit der isolierten Phagen-DNA infi-
den Kernen). Spermien und Eizellen besitzen nur den hal-
zieren. Die Bildung von Viren-Nachkommen verläuft dann in
ben DNA-Wert . Andere Stoffe der Zelle zeigen dieses Ver-
gleicher Weise wie beim Befall durch normale Viren. Die gene-
halten nicht.
tische Information zur Erzeugung von kompletten Tochter-
Phagen muss also allein in der Phagen-DNA enthalten sein.

3. Nicht alle UV-Strahlen erzeugen Mutationen in gleichem V ORKOMMEN UND S TRUKTUR DER N UCLEINSÄU-
Ausmaß: Bestimmt man die Mutationsrate bei verschiede-
REN
nen Wellenlängen, so zeigt sich: Je stärker die Absorption
der UV-Strahlen durch die DNA, desto höher ist auch die Mut- Die Zellen der Organismen enthalten zwei Arten von Nuclein-
ationsrate. säuren: Die Ribonucleinsäure (RNA) findet sich sowohl im
Zellkern als auch außerhalb des Kerns im Cytoplasma, in den
A BBILDUNG 1.10 Ribosomen, den Mitochondrien und den Plastiden. Die Deso-
xyribonucleinsäure (DNA) ist Bestandteil der Chromosomen,
HUHN RIND
ist aber auch in den Chloroplasten und Mitochondrien enthal-
Leber 25 64 ten. Die Bausteine der Nucleinsäuren sind die Nucleotide; die
Nucleinsäuren sind also Polynucleotide. Jedes Nucleotid bes-
Niere 24 64 teht aus drei Teilen: aus einer Base (einem stickstoffhaltigen
Ring), einem Zucker und der Phosphorsäurerest. Der Zucker-
Pankreas 26 66
baustein ist bei der RNA die Ribose, bei der DNA die Desoxyri-
Milz 26 68 bose; darauf beruht die Namensgebung. In der DNA treten als
Basen Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin auf; in der RNA
DNA-Menge in Zellkernen auf
verschiedenen Geweben von kommt statt Thymin die Base Uracil vor. Der Phosphorsäure-
Huhn und Rind (Einheit: 10-13g) rest verknüpft stets das dritte C-Atom eines Zuckers mit dem
fünften C-Atom des nächsten Zuckers. Damit kann man im

12
Nucleinsäure-Molekül Richtungen benennen: Ähnlich wie
A BBILDUNG 1.11
man eine Treppe „hinauf"- oder „hinab"-steigen kann, so lässt
sich die Nucleinsäurekette in 3'-5'-Richtung oder in 5'-3'-Rich-
tung verfolgen. Da die Zucker- und Phosphorsäurebausteine
der Nucleinsäuren durch die ganze Kette hindurch völlig
gleich sind, muss die genetische Information an die Basen ge-
bunden sein. Wir können vermuten, dass sie in der Abfolge
der Basen gespeichert ist - ähnlich wie die Information eines
Wortes in der Reihenfolge der Buchstaben -, wobei in beiden
Fällen die Leserichtung von Bedeutung ist.

In der DNA treten Adenin und Thymin immer in gleicher Häu-


figkeit auf, ebenso Guanin und Cytosin. Mit dieser Regel von
CHARGAFF kann man die prozentuale Basenzusammenset-
zung einer DNA angeben, wenn der Prozentgehalt nur einer
Base bekannt ist. Liegt z. B. Adenin zu 17% vor, dann gilt dies
ebenfalls für Thymin, und Cytosin und Guanin müssen zu je
33% enthalten sein. Aufgrund dieser chemischen Befunde und
aus physikalischen Daten über die Raumerfüllung des Mole-
küls entwickelten WATSON und CRICK 1953 ein Modell der Watson (links) und Crick vor ihrem DNA-Modell
DNA-Struktur. Danach besteht die DNA aus zwei langen Poly-
nucleotidsträngen, die über die Basen der Nucleotide stricklei-
terartig zu einem Doppelstrang verknüpft sind. Das ganze Ge-
bilde ist schraubig gedreht, wobei zehn Nucleotidpaare auf ei-
ne Windung kommen. Man spricht von einer Doppelhelix-
Struktur.

13
Die vier Basen der DNA ordnen sich einander gegenüber im-
A BBILDUNG 1.12
mer so an, dass sie räumlich zusammenpassen und zwischen
ihnen Wasserstoffbrücken optimaler Länge und in höchstmög-
licher Zahl ausgebildet werden. Guanin paart deshalb mit Cy-
tosin unter Ausbildung von drei Wasserstoffbrücken, Adenin
mit Thymin unter Bildung von zwei Wasserstoffbrücken (Re-
gel der spezifischen Basenpaarung).

Die beiden zusammengehörigen Stränge der Doppelhelix sind


Feinstruktur einer Chromatide: Ein DNA-Faden ist perl- daher nicht identisch, sondern komplementär gebaut, sodass
schnurenartig mit Histonen verknüpft.
durch jede Base des einen Stranges der zu ihr gehörende Part-
ner des anderen Stranges festgelegt ist. Der zweite Strang ist
gewissermaßen das „Negativ", und jeder Strang ist damit die
Bauvorlage für den anderen. Die Reihenfolge der gepaarten
Basen in einem Strang der DNA ist unregelmäßig. Die beiden

14
Stränge der Doppelhelix laufen einander entgegen wie die bei-
den Fahrstreifen einer Landstraße; sie sind antiparallel. Die
Antiparallelität ist als 3'-5'-bzw. 5'-3'-Richtung gekennzeich-
net. Jede Chromatide enthält eine DNA-Doppelhelix. Diese ist
in regelmäßigen Abständen um Proteinpartikel (Nucleoso-
men) herumgewunden und besitzt daher „Überschrauben-
Struktur" ähnlich einer Glühlampen-Wendel.
RNA ist einsträngig, kann aber innerhalb des Stranges Schlin-
gen ausbilden und dadurch gepaarte Abschnitte aufweisen.
Das Uracil, das hier an die Stelle von Thymin tritt, bildet mit
Adenin die gleiche Zahl von Wasserstoffbrücken wie Thymin.
In der wissenschaftlichen Forschung sind häufig Modellvor-
stellungen hilfreich.

15
Das WATSON-CRICK-Modell ist ein Beispiel für den Wert ei- räumlichen Struktur und darüber, wie vermutlich die Bildung
nes Modells in der wissenschaftlichen Forschung. Es gibt Ant- neuer DNA durch identische Verdoppelung stattfindet.
worten auf offene Fragen und erlaubt prüfbare Voraussagen. Schließlich lässt das Modell verstehen, warum die DNA Trä-
Das WATSON-CRICK-Modell macht verständlich, warum in ger von genetischer Information sein kann: Jede Veränderung
der Tochterzelle die gleiche Menge DNA wie in der Mutterzel- der Nucleotidsequenz liefert eine andere Information.
le enthalten ist. Es erlaubt Voraussagen über Einzelheiten der
DNA ALS S PEICHER DER GENETISCHEN I NFOR-
A BBILDUNG 1.13 MATION
Die genetische Substanz muss die Fähigkeit haben Informati-
on zu speichern. Tatsächlich kann in der unregelmäßigen Auf-
einanderfolge der vier Basen in den Polynucleotidsträngen In-
formation gespeichert werden. Ähnlich wie bei einem Morse-
text auf einem Papierstreifen, der durch freie Kombination
von drei Zeichen (Punkt, Strich, Pausezeichen) alle möglichen
Nachrichten verschlüsselt enthalten kann, vermag die DNA
mit vier frei kombinierbaren Zeichen genetische Information
zu speichern. Die Informationsmenge lässt sich durch die An-
zahl der Variationsmöglichkeiten bei vier Basen angeben. Lä-
ge nur ein Nucleotid vor, so gäbe es 41 Variationsmöglichkei-
ten (da es ja vier verschiedene Nucleotide gibt); bei zwei ver-
knüpften Nucleotiden sind es 42 und in einer DNA von 300
Nucleotiden 4300 Möglichkeiten. Da aber die DNA bei allen
Lebewesen aus mindestens einer Million Nucleotidpaaren (o-
der Basenpaaren) besteht, könnte sogar jedes Individuum auf
der Erde seine eigene Basen-Abfolge haben.
Die DNA von Escherichia coli ist etwa 1 mm lang, also 100-
mal so lang wie der Durchmesser dieser Bakterienzelle. Die
Ausschnitt aus einer Polynucleotidkette
DNA-Moleküle aus den Chromosomen einer menschlichen

16
Zelle ergeben aneinander gereiht eine Länge von ungefähr
zwei Metern. Ihr Informationsgehalt entspricht etwa dem von
500 Büchern mit je 1500 Seiten.

17
A BSCHNITT 3 Neben der Fähigkeit der Informationsspeicherung muss die
Erbsubstanz auch die Fähigkeit zur identischen Reproduktion
Replikation der DNA dieser Information haben, damit Vererbung überhaupt mög-
lich ist. Während der Zellteilung erhält jede Tochterzelle eine
der beiden identischen Chromatiden. Um wieder ein Chromo-
som zu bilden, das zwei Chromatiden aufweist, muss sich das
in der Chromatide vorhandene DNA-Molekül so verdoppeln,
dass zwei identische Schwesterchromatiden entstehen, die je
ein DNA-Molekül enthalten. Diesen Vorgang der DNA-Ver-
doppelung bezeichnet man als Replikation (= Nachbildung).
L ERNZIELE :
Sie findet bei Eukaryoten in der S-Phase des Zellzyklus statt.
1. Sie können das Experiment von MESELSON Die von WATSON und CRICK gefundene Struktur der DNA
und STAHL erklären. ließ bereits vermuten, dass die Replikation folgendermaßen
ablaufen könnte: Zunächst wird der Doppelstrang reißver-
2. Sie kennen die Enzyme der Replikation und schlussartig an den Wasserstoffbrücken zwischen den komple-
können schrittweise den Vorgang der mentären Basen geöffnet. An die nunmehr frei werdenden Ba-
Replikation schildern. sen binden komplementäre Nucleotide. Diese werden durch
das Enzym DNA-Polymerase (Replikase) zu einem neuen
Strang (Tochterstrang) polymerisiert, der dann zum alten
Strang komplementär ist. So entstehen nach völliger Auftren-
nung des alten Doppelstranges zwei neue, mit diesem identi-
sche Doppelstränge. Da jeder von diesen aus einem alten und
einem neu gebildeten Teilstrang besteht, nennt man diese
Form der Replikation semikonservativ (= halb-bewahrend).
Den experimentellen Beweis für die semikonservative Replika-
tion der DNA lieferten MESELSON und STAHL. Bakterien
können ihren Stickstoffbedarf aus Ammoniumchlorid
(NH4Cl) decken. Gewöhnliches Ammoniumchlorid enthält
das Stickstoff-Isotop 14N. Es lässt sich aber auch NH4Cl mit

18
dem schwereren Isotop 15N herstellen. Die beiden For-
A BBILDUNG 1.14 scher gaben 15 NH4Cl in das Nährmedium einer Kultur
von Escherichia coli, deren Zellen alle gleich alt waren
und die sich gleichzeitig teilten. Da keine andere Sticks-
toffquelle zur Verfügung stand, bauten die Bakterien in
der Folge nur noch DNA auf, deren Basen das schwerere
Isotop 15N enthielt („schwere DNA"). Eine Probe wurde
entnommen und die DNA im Dichtegradienten zentrifu-
giert. Nun wurden die Bakterien wieder in normales Medi-
um (mit 14NH4Cl) überführt. Die danach neu gebildete
DNA musste 14N enthalten. Nach der nächsten Verdoppe-
lung der Bakterienkultur, der eine einzige DNA-Replikati-
on vorausging, wurde wieder eine Probe zentrifugiert: Die
neue DNA erwies sich als „halbschwer", d.h., die Doppel-
helix enthielt einen Strang mit 15N in den Basen und ei-
nen Strang mit 14N. Nach der nächsten Verdoppelung der
Bakterien fanden MESELSON und STAHL halbschwere
und normale Doppelstränge (die nur 14N enthalten) im
Verhältnis 1:1. Die Replikation erfolgt also semikonserva-
tiv.
Versuch von MESELSON und STAHL

AUFGABEN:

1. Erläutern Sie das Experiment von MESELSON und STAHL anhand der Abbildung.

2. Recherchieren Sie den Fachbegriff „Dichtegradienten-Zentrifugation“.

19
Da der DNA-Doppelstrang wie eine Kordel verschraubt ist, können nicht beide Tochterstränge „am Stück" synthetisiert werden.
Auch geschieht die Synthese allein von 5' nach 3'. Daher erfolgt nach Öffnung des Doppelstrangs nur an einem Strang eine kontinu-
ierliche Synthese des Tochterstrangs. An dem anderen freien Strang findet die Synthese des Tochterstrangs stückweise statt. Da-
nach werden die Teilstücke des Tochterstrangs unter Mitwirkung von DNA-Ligase verknüpft.

A BBILDUNG 1.15

Kontinuierliche und diskontinuierliche Replikation des DNA-Doppelstranges

20
DNA-R EPLIKATION AUF MOLEKULARER E BENE A BBILDUNG 1.16
Die molekularen Vorgänge bei der Replikation wurden vor al-
lem an Prokaryoten untersucht. Die Replikation lässt sich
durch Autoradiografie im Elektronenmikroskop erkennen. Da-
zu gibt man zu Bakterien Tritium-markierte radioaktive Nukle-
otide, die in die neusynthetisierte DNA eingebaut werden. Die
radioaktive Strahlung bewirkt überall dort die Belichtung ei-
nes aufgelegten Films, wo radioaktive Nukleotide eingebaut
sind. So wurde gezeigt, das [Link] nur ein einziges, ringförmi-
ges Chromosom besitzt. Dieses hat einen festgelegten Start-
punkt der Replikation, von dem aus die Replikation in Gestalt
einer Replikationsblase in beiden Richtung voranschreitet.
Die zur DNA-Replikation benötigten Proteine lagern sich zu-
nächst am Replikationsursprung an. Hier wird als erstes die
Doppelhelix durch das Enzym Helicase entwunden und in die
Einzelstränge aufgetrennt. In den beiden so entstandenen
Replikationsgabeln liegen nun je zwei Einzelstränge vor. An
diesen katalysiert eine RNA-Polymerase, die Primase, jeweils
die Synthese eines kurzen komplementären RNA-Stückes. Die-
se RNA-Primer dienen nun der DNA-Polymerase III als Start-
molekül zur Synthese neuer, komplementärer DNA aus einzel-
nen Nukleotiden. Allerdings kann das Enzym die Nukleotide
nur in 5`-> 3`- Richtung verknüpfen, d.h. sie kann nur 3`- En-
den verlängern. Da die beiden DNA-Stränge antiparallel sind,
kann die Polymerisation nur am 3`-> 5`- Strang kontinuier-
lich erfolgen. Den hier synthetisierten Strang nennt man den
Leitstrang. Die Replikation des 5`-> 3`- Stranges wirft ein
Problem auf, da die DNA-Polymerase III nicht in 3`-> 5`-
DNA-Replikation bei [Link]
Richtung arbeiten kann. Hier stellt die Primase zunächst an
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mehreren Stellen RNA-Primer her, die dann von der DNA-Polymerase III in 5`-> 3`- Richtung zu kurzen DNA-Stücken, den Oka-
zaki-Fragmenten, verlängert werden. Man spricht hier von einer diskontinuierlichen Synthese des Folgestranges. Die RNA-Nukleo-
tide der Primer auf beiden Strängen werden durch die DNA-Polymerase I entfernt und durch DNA-Nukleotide ersetzt. Anschlie-
ßend werden die aufeinanderfolgenden Okazaki-Fragmente durch das Enzym DNA-Ligase kovalent miteinander verbunden.
Die Replikation der linearen eukaryotischen Chromosomen verläuft ähnlich wie die der Prokaryoten. Allerdings sind auf jedem
Chromosom zahlreiche Startpunkte der DNA-Replikation verteilt. Auf diese Weise kann das größte Chromosom der Fruchtfliege
Drosophila mit 62 Millionen Basenpaaren in nur drei Minuten repliziert werden.

AUFGABEN:
1. Beschriften Sie die Abbildung und beschreiben Sie die Funktion der beteiligten Enzyme in der zeitlichen Abfolge!
2. Erläutern Sie die Bedeutung der beteiligten Enzyme!

22
A BSCHNITT 4 Die Struktur der DNA erweist sich als sehr stabil. Deshalb
wird die DNA über viele Generationen hinweg unverändert
Reparatur und Spaltung weitergegeben. Fehler, die bei der Replikation gelegentlich auf-

der DNA treten, werden durch besondere Enzyme sofort beseitigt.


Durch UV-, Röntgen- und radioaktive Strahlung sowie durch
Chemikalien entstehen weitere Schäden. Auch diese werden
rasch behoben, solange nur einer der beiden Stränge im DNA-
Molekül betroffen ist. Die durchschnittlich von einem Men-
schen während seines Lebens aufgenommene natürliche
L ERNZIELE : Strahlendosis würde zu so vielen Veränderungen von Basen
führen, dass der Mensch nicht mehr lebensfähig wäre, wenn
1. Sie kennen die Bedeutung von Nucleasen und nicht fortgesetzt Reparaturen der Schäden stattfänden. Die
Restriktionsenzymen in der Gentechnik. Wirkung von Chemikalien sei am Beispiel von Zigaretten-
rauch gezeigt: Je Zigarette sind im Lungengewebe etwa
2. Sie können das Prinzip der Genübertragung
30000 Reparaturvorgänge an DNA-Molekülen erforderlich,
mit anschließender Selektion anhand falls Lungenzüge gemacht werden. An der Wiederherstellung
Hybridplasmiden schrittweise erläutern. der DNA sind Reparaturenzyme beteiligt. Das beschädigte
Strangstück wird durch eine Nuclease herausgeschnitten und
dann abgebaut. Das fehlende Stück bildet sich neu, wobei der
komplementäre, unbeschädigte Strang als Bauvorlage dient.
Bleibende Veränderungen der DNA sind zu erwarten, wenn
beide Stränge der DNA geschädigt worden sind.
Für die Nachkommen sind nur die bleibenden DNA-Verände-
rungen, nämlich die Mutationen, in Zellen der Keimbahn von
Bedeutung. Die Mutationen in den Körperzellen werden nicht
an Nachkommen weitergegeben; sie heißen somatische Muta-
tionen. Wenn es durch UV-Strahlung in der menschlichen
Haut zu Sonnenbrand kommt, werden stets DNA-Schäden ver-

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ursacht. Das kurzwellige Blaulicht aktiviert allerdings gleichzeitig ein Reparaturenzym. Verbleibende DNA-Schäden sind die Ursa-
che von Hautkrebs.
Zu den DNA-spaltenden Nucleasen gehören auch die in Bakterien vorkommenden Restriktionsenzyme. Sie vermögen DNA-Strän-
ge aufzuschneiden, und zwar an einer für jedes Restriktionsenzym spezifischen Abfolge von meist vier bis sechs Basen. Bei den
meisten Restriktionsenzymen ist die Spaltstelle auch die „Erkennungssequenz". Da die Erkennungssequenz in einem DNA-Doppel-
strang an unterschiedlichen Stellen immer wieder auftritt, zerlegt das Restriktionsenzym ein großes DNA-Molekül in eine Vielzahl
kleiner, unterschiedlich langer Bruchstücke. Auf diese Weise bauen Restriktionsenzyme in eine Bakterienzelle eingedrungene Pha-
gen-DNA ab und machen sie unschädlich. Die bakterieneigene DNA wird nicht abgebaut, weil die Nucleotide im Bereich ihrer Er-
kennungssequenzen zusätzlich schützende Methyl-Gruppen tragen. Treten diese Gruppen auch bei der Phagen-DNA auf, kann sie
ebenfalls nicht aufgespalten werden. Dadurch sind bestimmte Phagen an bestimmte Wirtsbakterien angepasst. Von dieser Ausnah-
me abgesehen spalten Restriktionsenzyme jede DNA, gleich welcher Herkunft. Unter den Restriktionsenzymen gibt es solche, die
den DNA-Doppelstrang versetzt spalten, sodass die Spaltstücke einsträngige Enden aufweisen. Diese Einstrang-Enden reagieren

A BBILDUNG 1.17

Schnittstellen Restriktionsenzyme: links entstehen „sticky ends“, rechts entstehen „blunt ends“

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sehr leicht mit anderen, die mit demselben Restriktionsenzym Moleküle, in welche die gewünschte Fremd-DNA eingebaut
erzeugt wurden; man nennt sie „sticky ends" (klebrige En- wird. Ein solches System heißt Vektor. Vektoren werden für
den). Das Restriktionsenzym mit der Erkennungssequenz Bakterienzellen vor allem aus Plasmiden, aber auch aus Pha-
AGCT spaltet hingegen an genau gegenüberliegenden Stellen. gen-DNA hergestellt. Vektoren für Eukaryoten-Zellen kann
man aus Viren erhalten. Wenn in einem Plasmid die Erken-
nungssequenz des gewählten Restriktionsenzyms nur einmal
R ESTRIKTIONSENZYME IN DER G ENTECHNIK : vorkommt, wird an dieser Stelle der Plasmidring geöffnet.
Nun mischt man die Suspension der geöffneten Plasmide mit
P RINZIP DES V ERFAHRENS DER G EN -Ü BERTRA-
der Suspension der einzubauenden (fremden) DNA. Da die
GUNG klebrigen Strangenden gleich sind, kommt es nach Zugabe der
Die zu übertragenden Gene müssen aus dem Genom, in dem Ligase zum Einbau. Es entstehen Hybrid-Plasmide in Ring-
sie vorkommen, isoliert und dann in die DNA eines anderen form, daneben aber auch wieder ursprüngliche Plasmide so-
Organismus eingebaut werden. Dazu dienen die Restriktions- wie Ringe nur aus der Fremd-DNA. Die Suspension aller die-
enzyme, die DNA-Moleküle an ganz genau festgelegten Stellen ser Moleküle vermischt man nun mit plasmidfreien Bakterien.
spalten und so in bestimmte Spaltstücke zerlegen. Man ver- Deren Zellwände hat man zuvor durch chemische Behandlung
wendet vor allem solche Restriktionsenzyme, die den DNA- durchlässig gemacht, sodass viele von ihnen Vektoren aufneh-
Doppelstrang versetzt spalten. Dadurch entstehen DNA-Stü- men. Am Schluss muss man diejenigen Bakterien auffinden,
cke, die an den Enden eine kurze einsträngige Nucleotidfolge die Hybrid-Plasmide enthalten.
tragen. Ein bestimmtes Restriktionsenzym zerlegt große
DNA-Moleküle in zahlreiche Spaltstücke, die alle die gleichen
einsträngigen Endgruppen von Nucleotiden besitzen. Diese
Endstücke sind die „klebrigen“ Enden (sticky ends). Der Ein-
bau einer fremden DNA, welche die gleichen klebrigen Enden
aufweist wie die Wirts-DNA, erfolgt dann mit Hilfe eines Ver-
knüpfungsenzyms, einer DNA-Ligase.

Die DNA, die eingebaut werden soll, muss in der Regel an ein
„Transportsystem“ gebunden werden, um in eine Zelle zu ge-
langen. Die wichtigsten Transportsysteme sind andere DNA-
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A BBILDUNG 1.18

Klonierung

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S ELEKTION VON B AKTERIEN MIT H YBRIDPLAS-
MID
Die Selektion gelingt auf folgendem Weg: Die Vektorplasmide
besitzen Resistenzgene gegen zwei Antibiotika, z.B. Ampicillin
und Tetracyclin. Mitten im Tetracyclin-Resistenzgen befindet
sich die Schnittstelle des verwendeten Restriktionsenzyms, an
der fremde DNA eingebaut wird. Dadurch wird das Tetracy-
clin-Resistenzgen inaktiv. Die Zellen, welche das Hybridplas-
mid aufgenommen haben, werden also Tetracyclin-empfind-
lich; sie bleiben aber unempfindlich gegen Ampicillin. Alle
Bakterien, die auf einem Ampicillin-haltigen Nährmedium
wachsen, enthalten also entweder Hybridplasmide oder ur-
sprüngliche Plasmide. Mit Hilfe der Stempeltechnik überträgt
man nun Zellen aus den Klonen, die auf dem Ampicillin-Nähr-
medium wuchsen, auf einen Tetracyclin-Nährboden. Auf die-
sem vermehren sich nur solche Bakterien, die keine fremde
DNA enthalten. Diejenigen Zellen, die auf der Tetracyclin-Plat-
te nicht gedeihen, stammen aus Klonen mit der eingebauten
fremden DNA. Aus diesen Klonen werden nun weitere Bakteri-
en auf ein geeignetes Nährmedium übertragen und so ver-
mehrt.

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