Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn – Nietzsches Diagnose vom Ende der Wahrheit
Vortrag von. Dr. phil. Florian Roth, Münchner Volkshochschule, [Link] 30.3.20067 1
Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn
Nietzsches Diagnose vom Ende der Wahrheit
Vortrag von Dr. phil. Florian Roth an der Münchner Volkshochschule, 30. März 2007
Sehr geehrte Damen und Herren,
„In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen
Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die
hochmütigste und verlogenste Minute der "Weltgeschichte": aber doch nur eine Minute. Nach
wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mußten sterben. - So
könnte jemand eine Fabel erfinden und würde doch nicht genügend illustriert haben, wie kläglich,
wie schattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der
Natur ausnimmt“
Mit diesen Worten beginnt Friedrich Nietzsches kurze Schrift mit dem Titel „Wahrheit
und Lüge im außermoralischen Sinn“. Er hat sie 1873, mit 27 Jahren, verfasst. Schon im
vierten Jahr war der aus Sachsen stammende Denker Professur für Altphilologie in Basel.
Es ist dies die Zeit der großen Wagner-Verehrung und der philosophischen Prägung
durch Schopenhauer. Ein Jahr vor Abfassung dieser Schrift hatte er sein erstes großes
Werk, Die Geburt der Tragödie, verfasst. Durch dies schwärmerisch-spekulative Werk, in
dem der Begriffszwilling des Dionysischen und des Apollinischen geprägt wurde, hatte er
sich in der seriösen Gelehrtenwelt unmöglich gemacht. Von eben Schopenhauer und
Wagner beseelt, predigte er eine mythische Kunstreligion und kritisierte jene nüchterne
Stubenhockerrationalität, die das Tragische des Daseins verfehlte. Es war jener
selbstgewisse Vernunftglaube, jener Geist der Wissenschaftlichkeit, der sich im
gesicherten Besitz der Wahrheit glaubte.
Der schmale Band, aus dem ich eingangs zitierte, ist ein Buch des Übergangs –
nämlich zwischen Nietzsches erster Schaffensphase als Zeitkritiker und kultureller
Erzieher aus dem Geiste Wagners und jener zweiten Periode, in dem er als entlarvender
Aufklärer und Psychologe wirkte. Viele seiner später entfalteten Gedanken über die Idee
der Wahrheit als Illusion, seine Diagnose vom Ende der Wahrheit, finden sich hier in
Rohform. Gleichzeitig findet man wie in der Geburt der Tragödie die These von der
Überlegenheit des künstlerischen Schöpfertypus über den wissenschaftlichen Menschen.
Aber nun zurück zu unserem Eingangszitat: Der Mensch als Eintagsfliege im
Vergleich zur Ewigkeit und zur Unendlichkeit des Weltenraums. Anmaßend unser Stolz
auf unseren Intellekt. Das, auf das wir – die rational aufgeklärten Menschen – so stolz
sind, unser Verstand, unser Erkenntnisapparat, sei doch nur das Instrument des endlichen
Winzlings Mensch. Aufgeblasen die Vorstellung, mit unserer Sicht als Staubkorn in der
Unendlichkeit einen Blick auf die Wahrheit, auf das Wesen der Welt erheischen zu
können. Kaum anders als die Perspektive des kleinsten Getiers, das sich dünken mag,
Mittelpunkt und Nabel der Welt zu sein.
Gerade solch Hochmut kennzeichnet den stolzesten der Menschen – den
Philosophen. Und sein Stolz gilt dem Intellekt. Aber – so sagte schon Schopenhauer,
dessen Einfluss man hier deutlich spürt – der Verstand ist nur ein reines Instrument für
unseren Lebenswillen, der sich ihm nur zur Selbsterhaltung bedient. Nietzsche bezeichnet
den Intellekt als „Mittel zur Erhaltung des Individuums“, als „Hülfsmittel“, der „den
unglücklichsten delikatesten vergänglichsten Wesen beigeben ist, um sie eine Minute im
Dasein festzuhalten“ (WL 1, KSA 1, 876).
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Diese Rationalität als Selbsterhaltungsmittel setzt der Mensch aber ursprünglich
und wesentlich gar nicht im Dienste einer angeblichen Wahrheit ein, sonder vielmehr für
ihr Gegenteil – also Schein, Täuschung, Lüge, Verstellung:
„Der Intellekt [...] entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung. denn diese ist das Mittel, durch
das die schwächeren, weniger robusten Individuen sich erhalten, als welchen einen Kampf um die
Existenz mit Hörnern oder scharfem Raubtier-Gebiß zu führen versagt ist. Im Menschen kommt
diese Verstellungskunst auf ihren Gipfel: hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und
Trügen, das Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentieren, das im erborgten Glanze Leben, das
Maskiertsein, die verhüllende Konvention, das Bühnenspiel vor anderen und vor sich selbst, kurz
das fortwährende Herumflattern um die eine Flamme Eitelkeit so sehr die Regel und das Gesetz,
daß fast nichts unbegreiflicher ist, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur
Wahrheit aufkommen konnte. Sie sind tief eingetaucht in Illusionen und Traumbilder, ihr Auge
gleitet nur auf der Oberfläche der Dinge herum und sieht "Formen", ihre Empfindung führt
nirgends in die Wahrheit, sondern begnügt sich, Reize zu empfangen und gleichsam ein tastendes
Spiel auf dem Rücken der Dinge zu spielen.“ (876)
Rätselhaft bleibt also die Antwort auf die Grundfrage dieses Essays: Woher
kommt der Trieb zur Wahrheit? Nietzsche schildert in grellen Farben, wie sehr der
Mensch in Illusionen über sich und die Welt befangen ist, wie sehr er selber als dauernder
Gaukler Illusionen schafft. Fast denkt man Siegmund Freuds Psychoanalyse vorgedacht,
wenn Nietzsche schildert, wie wenig der Mensch selbst von sich weiß, wie sehr ihm sein
inneres Leben, man könnte sagen: sein Unbewusstes, ein Buch mit sieben Sigeln bleibt:
Was weiß der Mensch eigentlich von sich selbst! Ja, vermöchte er auch nur sich einmal vollständig,
hingelegt wie in einen erleuchteten Glaskasten, zu perzipieren? Verschweigt die Natur ihm nicht
das Allermeiste, selbst über seinen Körper, um ihn, abseits von den Windungen der Gedärme, dem
raschen Fluß der Blutströme, den verwickelten Fasererzitterungen, in ein stolzes, gauklerisches
Bewußtsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf den Schlüssel weg: und wehe der
verhängnisvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewußtseinszimmer heraus und
hinabzusehen vermöchte, und die jetzt ahnte, daß auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem
Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens,
und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend. Woher, in aller Welt, bei dieser
Konstellation der Trieb zur Wahrheit!“ (877)
Wie gesagt – Nietzsche interpretiert wie Schopenhauer den Intellekt als Instrument
des Lebenswillen, als reines Selbsterhaltungsmittel im Dienste der Natur. Und mit der
Kategorie der Selbsterhaltung löst Nietzsche das Rätsel. Um sich im Verkehr mit den
anderen Menschen zu erhalten, seine Interessen zu verfolgen und dadurch zu überleben,
muss sich der Mensch der Verstellung bedienen und seinen Intellekt dafür einsetzen.
Aber wenn der Mensch aus dem Naturzustand heraustritt und sich herdenweise
vergesellschaftet, ändert sich die Lage. An die gesellschaftlichen Vertragstheorien etwa
eines Thomas Hobbes erinnert zunächst die Gedankenführung: Aus „Noth und
Langeweile“ (übrigens laut Schopenhauer die Pole zwischen denen menschliches Leben
immer pendle), um den gnadenlosen Krieg aller gegen alle zu beenden, kommt es zu
einem allgemeinen „Friedensschluss“. Um in Frieden zu leben, braucht man Stabilität in
der Verständigung; Verlässlichkeit ist unerlässlich. Wenn alle sich immer anlügen würden,
wenn jeder was anderes unter einem bestimmten Begriff verstände, käme man in sozialen
Verbänden nicht miteinander zurecht. Man braucht eine gemeinsame Basis.
Konventionen sind vonnöten, um sich verständigen und miteinander auskommen zu
können.
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Dazu muss etwas fixiert werden, was als gemeinsame Grundlage dient. Man muss
zu verbindlichen Bezeichnungen der Dinge kommen. Dazu braucht es natürlich eine
gemeinsame Sprache und ein Festlegung des gemeinsamen Verständnisses der Worte.
Hier entsteht nun erstmals der „Contrast von Wahrheit und Lüge“ (877). Wer die Worte
nach den ausgemachten Konventionen benutzt, sagt die Wahrheit, wer nicht, der lügt.
Geben wir einem Dingen einen bestimmten Namen, einigen wir uns auf eine solche
konventionelle Bezeichnung, so lügt der, welcher dies Ding mit einem anderen, als dem
ausgemachten Wort benennt. Wenn wir ein bestimmtes Naturprodukt Birne, ein anderes
Apfel nennen, so ist der scherzende oder vergessliche Mensch der zum Apfel sagt, dass
sein eine Birne, ein Lügner. Er verletzt die sozialen Konventionen der Sprache, des
Wortgebrauchs. Und diese Regeln sind notwendig im sozialen Kontext. Wenn nämlich
jeder ein eigenes Wort für den Apfel hätte, wäre Verständigung und soziale Interaktion in
Frage gestellt.
Übrigens wird jener, der die Begriffe vertauscht und sich „arm“ nennt, wiewohl
man für seinen Zustand sich auf den Begriff „reich“ geeinigt hat, nur dann wirklich
anecken, wenn er diese Täuschung benutzt, um sich zu nutzen und anderen zu schaden.
Es geht also nicht darum, dass Wahrhaftigkeit ein Wert an sich und die Lüge ein Unwert
an sich wäre, sondern immer um schädliche Folgen der Täuschung. Also es geht – wie
immer – um Lebens- und Erhaltungsinteressen.
Am Anfang stehen also fixierte Konventionen. Wir nennen sie Wahrheit. Aber
haben wir damit das Wesen der Welt erfasst? Nietzsche sagt nein. Das, was wir Wahrheit
nennen, hat den Ursprung in der Sprache. Wie entsteht Sprache? Zuerst haben wir einen
subjektiven Nervenreiz: wir berühren den Stein, unser Tastsinn vermittelt uns eine
Empfindung. Diese Empfindung gibt nicht das Wesen der Dinge wieder. Vielmehr geht
es um unsere Perspektive auf die Dinge, um „die Relationen der Dingen zu den
Menschen“ (879). Um diese Beziehung in unseren inneren Welt auszudrücken, erfinden
wir Bilder – und diese verwandeln wir in Laute, so entstehen Worte. Und aus Worten
setzt sich die Sprache zusammen. Diese Reihe von Nervenreiz über Bild zu Laut – all das
sind Übertragungen in andere Sphären, Nietzsche spricht hier von Metaphern. Wir haben
nur subjektive Metaphern der Dinge gebildet und nicht etwa das Wesen der Dinge an sich
erreicht. Nietzsche denkt hier Kant und Schopenhauer sprachphilosophisch weiter.
Für Kant sind die Dinge an sich für uns nicht erreichbar. Wir kennen nur die Welt
als Erscheinung. Und die Welt erscheint uns immer nur durch die Brille unserer
Verstandeskategorien, eine Brille, die uns sozusagen angewachsen ist, die wir nicht
absetzen können. Nur durch den Schleier der Begriffsschemata unser Subjektivität, den
Verstandeskategorien, und den sinnlichen Anschauungsformen von Raum und Zeit, ist
uns die Welt gegeben. Dies sind aber Formen des menschlichen Geistes und nicht
notwendigerweise Eigenschaften der Realität selber.
Und für Schopenhauer wird die Welt zu unseren bloßen subjektiven Vorstellung,
vom Verstand als Diener unser Lebenswillens fingiert.
Nietzsche sieht nun auch eine unüberbrückbare Kluft zwischen unserer
subjektiven Sprachwelt und der Realität, unabhängig von uns. Was wir Wahrheit nennen
ist nur die sprachlich Konvention. Das die Sprache die Welt korrekt abbildet, ist eine
Illusion, die aufgrund unserer Vergesslichkeit entstanden ist. Er hat den
Entstehungsprozess, den Vorgang der Metaphernbildung, nicht mehr im Sinne und denkt
das selbst geprägte Falschgeld wäre eine gültige Münze.
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Schon die Arbeit der Begriffsbildung ist von Illusionen und Täuschung geprägt.
Begriffe entstehen „durch Gleichsetzen des Nicht -Gleichen“. Ein Blatt gleicht nie dem
anderen. Gerade die indviduellen Unterschied müssen jedoch geleugnet werden, um all
die vielfältigen Blätter mit dem gleichen Wort zu rufen. Ohne ihn zu nennen, greift
Nietzsche hier Platon an - seine These, dass Begriffe nicht subjektive Prägungen seien,
sondern einer objektiven Realität entsprechen. Nämlich die Ideen als in einer geistigen
Welt existierende Urbilder – sozusagen das Paradigma der „Blattheit“ – mit der unser
geistiges Auge jedes reale Blatt vergleiche, um zu erkennen, ob es auch wirklich ein Blatt
sein. Auch sie seien Illusionen.
Dauernd fälschen wir, wir verwischen wirkliche Unterschiede, wir projizieren
anthropomorphistisch unsere Subjektivität auf die Dinge und tun dann so, als wären
diese Projektionen Ausdruck des Wesen der Dinge, als hätte man hier eine von
menschlicher Subjektivität unabhängige „Wahrheit“. Was ist also das, was wir Wahrheit
nennen? Nietzsche sagt:
„Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von
menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden,
und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die
Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind, Metaphern, die
abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als
Metall, nicht mehr als Münzen, in Betracht kommen.“ (880 f.)
Woher also der Trieb zur Wahrheit, die Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit? Der
Mensch sagt nie die Wahrheit, lügt immer, d.h. er sagt etwas, was nicht der vom
Menschen und seiner Subjektivität unabhängigen Realität entspricht. Aber wenn man
nach der festen Konvention einer sozialen Gruppe immer gewohnheitsmäßig lügt, sich so
an die Lüge gewöhnt, dass man nur noch unbewusst lügt, dann bezeichnet man diese
Jahrhunderte alten Lügen eben als Wahrheiten. Und jemand, der sich nicht an die
Übereinkunft hält, und ganz individuell lügt, dem bezichtigt man einzig der Lüge. Der
Trieb zur Wahrheit ist nun die Verpflichtung, nur gemäß einer gewohnheitsmäßigen
Konvention und somit sozialverträglich zu lügen.
Damit befindet man sich aber tief in der Illusion. Die Grundillusion ist vielleicht
der Begriff der Wahrheit überhaupt. Klassisch in der sog. Korrespondenztheorie der
Wahrheit wird diese definiert als Übereinstimmung von verstandesmäßiger Vorstellung
und realen Ding, also zwischen Subjekt und Objekt. Eine solche Entsprechung sei aber,
so Nietzsche, nicht möglich:
„denn zwischen zwei absolut verschiednen Sphären, wie zwischen Subjekt und Objekt, gibt es
keine Kausalität, keine Richtigkeit, keinen Ausdruck, sondern höchstens ein ästhetisches
Verhalten, ich meine eine andeutende Übertragung, eine nachstammelnde Übersetzung in eine ganz
fremde Sprache: wozu es aber jedenfalls einer frei dichtenden und frei erfindenden Mittelsphäre und
Mittelkraft bedarf.“ (884)
Und hier sind wir im Grundelement von Nietzsches Frühphilosophie, aber
vielleicht auch beim Geheimnis seines ganzen Werkes. All unser Verhältnis zu uns und
der Welt ist letztlich das des Künstlers, des ästhetisch Schöpfers, der Bilder aus sich
heraus schafft, kreiert, statt die Realität nachzuahmen. An anderer Stelle schreibt
Nietzsche darüber, wie sehr der Mensch sich als künstlerischer Schöpfer vergessen
musste, um an sich als rationalen Wahrheitssucher zu glauben und sich selbstbewusst in
Sicherheit und im Besitz der Wahrheit zu wähnen:
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„Nur durch das Vergessen jener primitiven Metapherwelt, nur durch das Hart- und Starrwerden
einer ursprünglichen in hitziger Flüssigkeit aus dem Urvermögen menschlicher Phantasie
hervorströmenden Bildermasse, nur durch den unbesiegbaren Glauben, diese Sonne, dieses Fenster,
dieser Tisch sei eine Wahrheit an sich, kurz nur dadurch, daß der Mensch sich als Subjekt, und
zwar als künstlerisch schaffendes Subjekt, vergißt, lebt er mit einiger Ruhe, Sicherheit und
Konsequenz.“ (883)
Und dieses künstlerische Schaffen ist für Nietzsche letztlich immer ein Prozess des
Angleichens der Welt an den Menschen, Assimilation eben. Nietzsche spricht von
„Metamorphosen der Welt in den Menschen“, „Verstehen der Welt als eines
menschenartigen Dings“, „Gefühl einer Assimilation“ (883). Dass der Mensch die Welt
nach seinem Bild umschafft, sie sich damit angleicht, ähnlich macht, einverleibt, das ist
übrigens das Wesen desse, was Nietzsche viel später den Willen zur Macht nennen und
zum Zentrum alles Seins erheben sollte.
Aber zurück zu Nietzsches kleiner Schrift über Wahrheit und Lüge im außermoralischen
Sinn. Sie endet mit dem Hymnus auf den intuitiven Menschen, der im Gegensatz zum
rationalen Typus, der ohne Zwecke und Konventionen täuscht und so die Menschen, die
doch so gerne getäuscht werden, bezaubert. Unabhängig von Zwecken der
Lebenserhaltung, vom Gebälk der Begriffe und Konventionen kann der Intellekt im
freien Spiel seiner Kräfte endlich sich dem Schein und der Schönheit hingeben. Ähnlich
wie bei Schopenhauer befreit sich Geist in der Kunst endlich vom Mühlrad des
Lebenswillens, wird vom Instrument zum Selbstzweck, vom Diener zum Herrn. Als
historisches Vorbild dient hier – wie schon in der Schrift über die Geburt der Tragödie –
eine bestimmte Phase der altgriechischen Hochkultur.
Nietzsche hat diesen Essay nicht veröffentlicht. Erst 1896, als er schon Jahre in
geistiger Umnachtung dahinvegetierte, wurde die Schrift publiziert. Aber was hier noch
partiell unausgegoren und schwärmerisch vorformuliert war, hatte er in den weiteren
Schaffensjahren zu einer Theorie der Wahrheit ausgebaut, die letztlich eine Zerstörung
der Idee der Wahrheit war, in einer Diagnose vom Ende der Wahrheit gipfelte. Diese
verstreuten Gedanken aus dem späteren Werk, zum Teil nur aus Nachlassfragmenten
rekonstruierbar, möchte ich hier weiter entwickeln.
Der Tod Gottes – und das Ende der Wahrheit
Ausgangspunkt ist Nietzsches berühmter Satz, dass Gott tot sei. Mit dem Tod Gottes
meint er nicht nur das Unglaubwürdigwerden des Glaubens an den christlichen Gott,
nein, er meinte das durch die beißende Kritik der Aufklärung beförderten Zweifel an
jeglichem Absoluten, alle sich absolut dünkenden Maßstäben – ob absolute Wahrheit oder
allgemeingültiger Moral. Mit Gott, der Idee des Absoluten eben, müsste vieles, das auf ihn
gebaut sei, mit in den Abgrund stürzen – also auch die Vorstellung einer absoluten,
göttlichen Wahrheit.
Ohne Gott ist die Wahrheit nicht mehr göttlich, die Vorstellung, dass es eine
„wahre Welt“ hinter der Vielzahl unserer subjektiven Vorstellungen gebe, obsolet. Es gibt
keine „absolute“ Wahrheit mehr, nur noch unsere nützlichen Fiktionen
Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn – Nietzsches Diagnose vom Ende der Wahrheit
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Die reine Erkenntnis der jenseitigen Welt, die als „wahre Welt“ der Welt der
Erscheinungen und des Scheins gegenübergestellt wird, sei zugleich die Erkenntnis
Gottes. Nietzsche schreibt die, Lehre, „daß Gott die Wahrheit ist und die Wahrheit
göttlich ist“, Platon zu. Platons Ideenlehre besagt, dass die sinnliche Welt ihren
Zusammenhalt – Ordnung und Einheit eben – von einer jenseitigen Welt der rein
geistigen Ideen erhalte. Diese Ideen seien die Prinzipien der Dinge.
Nietzsche sieht in Platons Ideenlehre die Wurzel eines verderblichen Dualismus.
Diese Zwei-Reiche -Lehre sei einen unseligen Bund mit jener für das Christentum
typischen Kluft zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Gott und Welt eingegangen.
Der unbedingte Wille zur Wahrheit ist als das Postulat, stets wahrhaftig und
redlich zu sein, religiös-moralischen Ursprungs. Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen
wider deinem Nächsten, heißt es in den Zehn Geboten. Das Verbot des Täuschens wird
reflexiv gewendet zum Gebot, sich auch selber nicht zu täuschen, sich selbst gegenüber
redlich zu sein und als braver Jünger der Wahrheit auf dem Altar der Erkenntnis zu
opfern, im Konfliktfall auch seine eigenen Lebensinteressen.
"Folglich bedeutet 'Wille zur Wahrheit' nicht 'ich will mich nicht täuschen lassen', sondern [...]
'ich will nicht täuschen, auch mich selbst nicht': und hiermit sind wir auf dem Boden der Moral."
(KSA 3/576; FW V344)
Der Zusammenhang zwischen Gott und Wahrheit wurde schon angedeutet. Er
besteht aber nicht nur, darin, dass das Subjekt (der Mensch) zu wahrhaften Erkenntnis
der Objektwelt verpflichtet wird. Auch die Garantie, dass eine solche Erkenntnis möglich
ist, gibt das Göttliche.
Wieso sollten eigentlich unsere subjektiven Vorstellungen von der Welt mit der
Welt als solcher übereinstimme? Ist es denn gesagt, daß die unserem Erkenntnisapparat
inhärenten Kategorien, wie sie etwa Kant analysierte, geeignet sind, die Wirklichkeit, wie
sie selber ist, zu erfassen? Tragen wir nicht – wie schon angemerkt – eine verzerrende
Brille, die wir nicht absetzen können? Fangen wir die Wirklichkeit nicht mit groben
Netzen, durch die vielleicht die leckersten Fische schlüpfen? Ist die subjektive
Gewixxheit, die Descartes als sicheres Kriteriums der Wahrheit aufstellt, wirklich so
untrüglich.
Ein weiterer Ausflug in die Geschichte des Denkens ist hier angebracht: Descartes,
der Vater der modernen Subjekt-Philosophie, Rationalist des [Link], ging von
einem methodischen Zweifel aus. Als einzig unverbrüchlich blieb ihm dabei das
denkende, auch zweifelnde Subjekt: Cogito ergo sum – Ich denke, also bin ich. Um aber
von den fundamentalen Gewißheiten, den Grundevidenzen des Subjekts zur sicheren
Erkenntnis des Objektwelt zu gelangen, mußte er ausschließen, daß ein Betrüger-Gott uns
täuscht. Vielmehr mußte der gütige Gott des Christentums garantieren, daß alles was wir
klar und wohlbestimmt erkennen, sich auch in Realität so verhält. Es bedarf also des
christlichen Gottes als Bindeglied zwischen subjektiver Gewißheit und objektiver
Wahrheit. Fällt dieses Absolute als Klammer zwischen Subjekt und Objekt, Erkennendem
und Erkannten weg, so bleibt nur der grenzen- und uferlose Zweifel.
Gilt dies für Wahrheit im beschreibenden Sinne, so nicht minder für Richtigkeit im
normativen, das heißt vor-schreibenden also moralischem Sinne. Gott als das Gute an
sich garantiert, daß das uns gut erscheinende (als Offenabarung des Göttlichen) auch an
sich gut ist; es also nicht nur von Vorurteilen, unbewußten zufälligen Prägungen oder
versteckten Interessen bestimmt ist.
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Gott ist also der Inbegriff des Objektiven und des Absoluten. Ist Gott tot, so mit
ihm der Gedanke, daß es außerhalb unserer Subjektivität und unseren je relativen
Standpunkten noch etwas Festes gäbe.
Das bloß Subjektive unserer Meinungen ist das, was nicht von den Sachen selbst,
sondern von der Struktur unseres Erkenntnisapparates bestimmt wird. Daß alles nicht nur
für uns, d.h. subjektiv so und so, sondern auch an und für sich, d.h. objektiv, solcherart
ist, garantiert wie gesagt Gott. Er ist der formgebende Einheitspunkt der „wahren Welt“,
d.h. der Sphäre reiner Objektivität, zu der wir vorstoßen können, so wir uns von
Vorurteil, begrenzter Individualität, zufälliger Situation, Interessen- und
Willensgesteuertheit befreien und zur reinen Erkenntnis der Welt der Dinge an sich
vorstoßen.
Gott ist das Absolute. Absolut heißt abgelöst, also gänzlich frei und pur, frei von
aller Bedingtheit, von allem Bezug. Beziehung heißt Relation. Der Gegenbegriff zum
Absoluten ist das Relative. Man sagt dies ist nur relativ wahr, d.h. nur in Bezug auf einen
bestimmten Bezugspunkt, hinsichtlich eines bestimmten Aspekts und einer bestimmten
Perspektive, nur für eine bestimmte Zeit, einen bestimmten Menschen oder eine
bestimmte Menschengruppe, eine bestimmte Kultur. Der Glaube, daß etwas jenseits aller
partikulären Perspektive so und nicht anders ist, ist der Glaube an die absolute Wahrheit.
Oder anders gesagt: Es ist der Glaube, daß es jenseits aller bloßen Meinung so etwas wie
Wahrheit gibt; der Glaube, daß man einen absoluten Standpunkt einnehmen kann jenseits
aller Bedingtheiten, alles Relativen, aller je nur verzerrend und ausschnittsweise die
Wirklichkeit in den Blick bekommenden Perspektive. Die Welt an und für sich ist die
Welt vom Standpunkt Gottes wahrgenommen und vom Standpunkt Gottes heißt soviel
wie von keinem oder von allen Standpunkten, d.h. von keinem bestimmten, sondern von
allen Standpunkten gleichzeitig betrachtet. Daß es diesen absoluten Standpunkt gibt, dem
wir uns in unserer Erkenntnis annähern können, ist gleichbedeutend damit, daß es das
Absolute gibt, eben Gott, auch wenn wir ihn nicht mehr so nennen wollen.
Mit letzterem Halbsatz ist angedeutet, daß Nietzsche mit Gott nicht nur das meint
und angreift, was ausdrücklich als Gott bezeichnet und in der Religion verehrt wird, was
als religiöser vormoderner Dogmatismus abgetan scheint sondern auch die Ersatzgötter
der Aufklärung. Es sind die jene Groß-Fiktionen, die genausowenig wie die Idee Gottes
Realität außerhalb unserer schöpferischen Imagination haben. Es sind die großen
Sammel-Singulare wie etwa DER FORTSCHRITT als Leitbild, DIE MENSCHHEIT als
zentralerWert und essentielle Einheit. Es ist im Prinzipiellen die Annahme, daß es DAS
WAHRE und DAS GUTE gäbe.
Ein Zitat, daß ich schon teilweise zitiert habe, will ich nun im Zusammenhang
vortragen:
"Doch man wird es begriffen haben, worauf ich hinaus will, nämlich dass es immer noch ein
metaphysischer Glaube ist, auf dem unser Glaube an die Wissenschaft ruht, - dass auch wir
Erkennenden von heute, wir Gottlosen und Antimetaphysiker, auch unser Feuer noch von dem Brande
nehmen, den ein Jahrtausende alter Glaube entzündet hat, jener Christen-Glaube, der auch der Glaube
Plato's war, dass die Wahrheit göttlich ist ... Aber wie, wenn dies gerade immer mehr unglaubwürdig
wird, wenn Nichts sich mehr als göttlich erweist, es sein denn der Irrthum, die Blindheit, die Lüge, - wenn
Gott selbst sich als unsere längste Lüge erweist?“ (KSA 3,577FW5,344)
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Die Idee der Wahrheit ist die Annahme, uns Menschen wäre die eine eindeutige
objektive absolute Wahrheit zugänglich, es gäbe diese Wahrheit, die Dinge an sich,
unabhängig von unseren subjektiven Perspektiven, unseren jeweiligen Bezügen, unserem
Willen, unserem Geleitetsein von bewußten und unbewußten Interessen – und schließlich
gehört zu dieser Idee die Annahme, daß die Wahrheit einen höchsten Wert darstelle,
unbedingt anzustreben sei, reine Erkenntnis von absolutem ethischen Werte sei. Dies
alles gehört zu jenem metaphysischen Zierat, welches an der Idee Gottes hänge und mit
dieser Idee dem Tode zu überantworten sei.
Die Zerstörung der Idee der Wahrheit – in drei Schritten
Das, was ich Nietzsches Zerstörung der Idee der Wahrheit nennen will, vollzieht sich in
drei Hauptschritten.
Erster Schritt: Das was Nietzsche die „wahre Welt“ der platonisch-christlichen
Metaphysik nennt, ist durch Einheit und Ordnung gekennzeichnet. Die Wissenschaft
versucht nun die Welt in den Griff zu bekommen, indem sie mit Schematisierungen
überzieht. Sie wendet Begriffe und Strukturieren an, die einheitlich und wohlgeordnet
sind und geht davon aus, daß diese Kategorien auf die Welt gleichsam passen, es eine
Entsprechung ihrer Begriffsapparatur mit der Gestalt der Welt außerhalb gebe. Einheit.
Identität und Konstanz sind unabdingbare Voraussetzungen von Begrifflichkeit wie von
jedwedem Gesetzesbegriff. Ist die Welt aber Chaos und Werden, ohne einheitliches
Zentrum und Regelhaftigkeit, so ist eine Erkenntnis mit jenem Instrumentarium nicht
möglich.
Nietzsche geht davon aus, dass all dies Einheitsbegriffe, all diese angeblichen
Natur-Gesetze nach dem Bild unserer Vorstellungswelt geschaffene Fiktionen sind, die
mit der chaotischen Mannigfaltigkeit der Welt nichts zu tun haben. Wir benötigen diese
Fälschungen aber, da wir unser Leben nur unter der Bedingungen von Sicherheit und
Berechenbarkeit zu führen in der Lage sind. Aus Schwäche und Lebensinteresse
einerseits, der Welt Formen aufprägender Phantasie andererseits geboren ist unser
Weltbild. Es ist viel mehr unser Bild als ein Bild der Welt.
Es folgt ein weiterer Schritt: Wahrheit soll traditionell gewonnen werden in der
interesselosen Betrachtung der Welt, unter Ausschaltung von Gefühl, Wille, Neigung und
Trieb. Was hier ausgeschaltet werden soll, macht aber gerade unser Leben aus. Wie gesagt
ist unser Erkenntnisapparat, der eigentlich eine Fiktionsapparat ist, unserem
Lebensinteresse geschuldet, dem Willen, uns und unsere Lebensfunktionen zu erhalten
und zu steigern. Wir verleiben uns die Welt ein, in der wir ihr unsere Form aufprägen. Wir
vergewaltigen sie, indem wir sie unserem Bilde einpassen, sie uns assimillieren, d.h.
ähnlich machen.
Hinter der scheinbar reinen Erkenntnis verbirgt sich also ein Wille, ein Interesse,
eine spezifische Perspektive. Nietzsche spricht vom Willen zur Macht. Ich sprach davon,
daß wir uns die Welt einverleiben, indem wir sie überformen, nach unserem Bilde im
Geiste – hier wieder Gott gleich – neu schaffen. Der Wille unsere innere Form zur Form
alles Äußeren, ob anderer Mensch oder fremde Natur, zu machen, ist der Wille zur
Macht. Es geht um Herrschaft über die Dinge und Menschen – eine Herrschaft, die sich
über die Prägung von Gedanken durchsetzt. Assimilation ist ihr Mittel.
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Der letzte Schritt folgt: Nietzsche hat die Wahrheit entlarvt als Produkt
lebensdienlicher Schematisierungen, die die Natur und die Menschen vergewaltigen. Ihre
Hoheit wurde in den Dreck dem Menschlichen, Allzumenschlichen gezogen. Sie wurde
als Instrument der Machtausübung durchschaut. Als autonom und von eigenem Wert und
eigener Würde kann sie nicht mehr weiter gelten. Ihr Wert steht in Frage und wurde
zumindest relativiert.
Die Selbstaufhebung von Wahrheitswille – Gott – Wahrheit
Der unbedingte Wille zur Wahrheit hat sich bei Nietzsche gleichsam selber aufgehoben.
Das soll folgendes heißen: Die kategorische Forderung zur Redlichkeit hat mit ihrem
zersetzenden Zweifel an allem, was nicht vollends evident ist und allen Widerlegungen
standhält, schließlich ihre eigenen Grundlagen, auf denen sie ruhte, zerstört.
Auf analoge Weise hat sich die Idee Gottes quasi selbst widerlegt. Der Glaube an
Gott brachte die Forderung unbedingter Redlichkeit auch sich selber gegenüber und die
Vergöttlichung der Warheit mit sich.
Der Prozeß der Selbstaufhebung der Wahr heit bzw. des Willens zur Wahrheit an
ist zugleich ein Prozeß der Selbstaufhebung der Moral. Es ist dies eine
Gedankenbewegung, in der der Wahrheitswille seine eigenen, bisher unhinterfragten Vor-
aussetzungen in Frage stellen muß, da er ja selbst gerade das Ideal höchster Redlichkeit
auch in der Selbstprüfung darstelle. Dieser Vorgang der Selbstaufhe bung ist nur damit zu
erklären, daß der ur sprünglich aus Zwecken der Nützlichkeit, des Lebens bzw. des
Überlebens rein instrumentell entstandene Wahrheitswille sich in einem solchen Maße
verselbständigt, zum Selbstzweck aufgespreizt habe, daß er unbewußt seine eigenen
Grundlagen untergrabe und sich so gegen den Ursprung, der im Bereich von Leben und
Macht liege, wenden könne. Diese Bewegung der Selbstwiderlegung wird dazu parallel
auch von der Moral vollzogen, die als Quelle der unbedingten und verpflichtenden
Geltung der Wahr heits- bzw. Wahrhaftigkeitsforderung schließlich dem Ideal universaler
Redlichkeit selbst zum Opfer falle. Indem sie "vor allem Wahrheit und Redlichkeit fordert", hat
sie sich "selber die Schnur um den Hals gelegt [...], mit dem sie erwürgt werden kann, - werden muss“
Die Waffe rationaler Kritik hat die Aufklärung bisher gegen unhinterfragten
Glauben, unkritischen Dogmatizismus, scheinbare Gewißheiten und hergebrachte
Autoritäts- und Traditionshörigkeit gerichtet. Diese Waffe wendet sich schließlich gegen
die Aufklärung selbst: Ihre eigenen Voraussetzungen und Bedingtheiten werden
aufgedeckt. Abhängigkeit von scheinbar längst hinter sich gelassenen Irrationalismen
werden nachgewiesen, wie dem blinden Vertrauen in eine vernünftige also göttliche Welt-
ordnung. Die Illusion, daß die Vernunft selbstursprünglich ist, nicht nur Instrument, wird
entlarvt:
Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn – Nietzsches Diagnose vom Ende der Wahrheit
Vortrag von. Dr. phil. Florian Roth, Münchner Volkshochschule, [Link] 30.3.20067 10
"Alle großen Dinge gehen durch sich selbst zu Grunde, durch einen Akt der Selbstaufhebung: so
will es das Gesetz des Lebens, das Gesetz der nothwendigen 'Selbstüberwindung' im Wesen des
Lebens [...]. Dergestalt gieng das Christenthum als Dogma zu Grunde, an seiner eigenen Moral;
dergestalt muss nun auch das Christentum als Moral noch zu Grunde gehen, - wir stehen an der
Schwelle dieses Ereignisses. Nachdem die christliche Wahrhaftigkeit einen Schluss nach dem
andern gezogen hat, zieht es am Ende ihren stärksten Schluss, ihren Schluss gegen sich selbst; dies
aber geschieht, wenn sie die Frage stellt 'was bedeutet aller Wille zur Wahrheit?' [...] An diesen
Sich-bewusst-werden des Willens zur Wahrheit geht von nun an - daran ist kein Zweifel - die
Moral zu Grunde: jenes grosse Schauspiel in hundert Akten, das den nächsten zwei Jahrhunderten
Europa's aufgespart bleibt, das furchtbarste, fragwürdigste und vielleicht auch hoffnungsreichste
aller Schauspiele ..." (GM III27 KSA 5/410f)
Wir erinnern uns: Gott ist tot. Alles Feste verflüssigt. Der Boden unserem Denken
und Fühlen entzogen. Der universelle Zweifel zerfraß alle unsere Gewissheiten. Die
Aufklärung schuf keine neue Wahrheit, kein neues, festeres Fundament, sondern entzog
sich selber die Basis, indem sie die Ideen von Wahrheit, Sinn und Moral zerstörte. Nichts
steht mehr als objektiv fest, existiert an sich, unabhängig vom zufälligen Blickwinkel der
Betrachtung.
„Wahrheit“ als künstlerische Schöpfung, als Kunst
Schon früh sah sich Nietzsche mit einer Tendenz der Zeit hierbei in Einklang. Die
Philosophie, insbesondere die Kantische, hatte unser Wissen auf die Welt der
Erscheinungen, abhängig von den Kategorien unseres Erkenntnisapparates, beschränkt.
Die Welt der Dinge an sich blieb uns verborgen. Nietzsche schrieb in einem Brief mit
Bezuf auf diese Entwicklung im Reiche des Geistes:
"Das Reich der Metaphysik, somit die Provinz der 'absoluten' Wahrheit ist unweigerlich in eine
Reihe mit [der] Poesie [...]. Wer etwas wissen will, begnügt sich jetzt mit einer bewußten
Relativität des Wissens – z.B. alle namhaften Naturforscher"
Für Nietzsche sind die großen philosophischen Entwürfe nur noch als Kunst, als –
wie er formuliert – „Begriffsdichtung“ zu betrachten. Nichts mehr hätten sie mit dem
„sogenannten 'An sich Wahren oder Seienden zu thun“. Nietzsches Gleichung lautet:
'Philosphisches System' minus 'Glauben an die absolute Wahrheit' ist gleich „Kunstwerk,
Begriffsdichtung eben“. Als solches kann die Philosophie aber Wert besitzen, nach
künstlerischen Kriterien kann sie nurmehr beurteilt werden.
„Nur als Kunst“ – so schreibt Nietzsche – ist „so ein System [er meint solch eins
wie das der griechischen Philosophie] möglich„. „Was bleibt , wen“ des Philosophen
„System als Wissenschaft vernichtet ist?“ – frag Nietzsche. Das Künstlerische daran, ist
seine Antwort. Und was ist nun das Kriterium der Beurteilung. Wieder hören wir
Nietzsche:
"Die Schönheit und die Großartigkeit einer Weltconstruction (alias Philosophie) entscheidet jetzt
über ihren Wert – d.h. sie wird als Kunst beurteilt."
Der ästhetische Wert bleibt einem Philosophieren, auch wenn es sich als
wissenschaftlicher Bau nicht erweisen kann, als Kunstwerk, ausgezeichnet mit Schönheit
und Erhabenheit ist es noch vorhanden und wertvoll.
Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn – Nietzsches Diagnose vom Ende der Wahrheit
Vortrag von. Dr. phil. Florian Roth, Münchner Volkshochschule, [Link] 30.3.20067 11
Für Nietzsche gewinnt alles Erkennen künstlerischen Charakter. Wir fälschen uns
die Welt nach unseren Bedürfnissen zurecht. Wir legen Begriffe, Modelle, unsere
Denkkategorien und -schemata in die Dinge und wundern uns dann, wenn wir das vorher
in sie hineingelegte in ihnen wiederfinden – Zitat:
"Wenn jemand eine Ding hinter einem Busche versteckt, es eben dort wieder sucht und auch findet,
so ist an diesem Suchen und Finden nicht viel zu rühmen: so aber steht es mit dem Suchen und
Finden der 'Wahrheit' innerhalbe des Vernunftbezirkes". KSA 1, 883; WL 1
Es ist die „bildende, gestaltende, dichtende Kraft“, die hier überall wirkt. Jedes
Denken ist „fälschendes Umgestalten“, welches die „Fiktion einer Welt, die unseren
Wünschen entspricht, hervorbringt“. Der Mensch ist immer das „künstlerisch schaffende
Subjekt“, und die Welt seine Dichtung. Die Welt, abgezogen unserer Vorurteile, unsere
Kategorien und Gesetzlichkeiten, die wir an sie herantragen, abgezogen die bestimmte,
interessegeleitete Perspektive, die wir auf sie haben – ist ein Chaos oder ein Nichts.
Wir haben erkannt, daß alles, was in der Welt Sinn hat, von uns stammt. Wir haben
die Welt, die Werth hat, die für uns Bedeutung hat, ja selbst geschaffen. Diese
Herrlichkeit unserer eigenen Schöpferkraft müssen wir erstmals bewußt erkennen. Wenn
wir sehen, daß all dies ja unser eigenes Produkt, nicht die Leistung einer fremden, über
uns thronenden Macht ist, dann können wir all diese Herrlichkeit wieder in uns
zurücknehmen, zu unserer eigenen machen. Die Welt steht wieder offen. Nietzsche
schreibt:
"Meine Aufgabe: alle die Schönheit und Erhabenheit, die wir den Dingen und den
Einbildungen geliehen, zurückzufordern als Eigenthum und Erzeugniß des Menschen
und als schönsten Schmuck, schönste Apologie desselben. Der Mensch als Dichter, als
Denker, als Gott, als Macht, als Mitleid (KSA 9, 12[34])
Wir müssen erkennen, daß diese „ganze ewig wachsende Welt von Schätzungen,
Farben, Gewichten, Perspectiven, Stufenleitern, Bejahungen und Verneinungen“ –
eigentlich unser Werk ist. Wir müssen sie wieder bewußt in Besitz nehmen.
In einem Film Woody Allens, Verbrechen und andere Kleinigkeiten, sagt ein alter, etwas
schrulliger Philosoph, über den die Hauptfigur einen Dokumentarfilm dreht: „Das
Universum ist ein kalter Ort und wir schmücken es aus mit unseren Gefühlen“
Nietzsche will den Menschen als das Maß aller Dinge wiedereinsetzen. Wieder ins
Zentrum zu stellen ist das – Zitat – „schaffende wollende, werthende Ich, welches das Mass und das
Werth aller Dinge“ ist.
Die grenzenlose Freiheit des Schaffens als Ziel der Zerstörung der Wahrheit
Das letzte Ziel, zugunsten dessen alles andere, alles Sein, alle Wahrheit, vergleichgültigt
wird, ist das der Freiheit. Alles Festes, alles vom Menschen unabhängig wertvolle ist nur
noch ein unzumutbar Absolutes, ein Gott.
Der zentrale Einwand gegen die Existenz Gottes ist: "wenn es Götter gäbe, wie
hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also giebt es keine Götter. [...] was wäre denn zu schaf-
fen, wenn Götter - da wären!" (Za II, Auf den glückseligen Inseln, KSA 4.)
Wahrheit als vorgegebener Sinnhorizont würde das freie Meer menschlicher
Möglichkeiten verstellen - genauso wie der Glauben an den Gott und das Absolute das
freie Meer der Erkenntnis verstellte.
Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn – Nietzsches Diagnose vom Ende der Wahrheit
Vortrag von. Dr. phil. Florian Roth, Münchner Volkshochschule, [Link] 30.3.20067 12
Der endlich frei gewordene Mensch hat – ich zitiere – "die tiefsten Umwälzungen
des Gemüths und der Erkenntnis" erfahren "und gelangt endlich wie ein Genesender mit
schmerzlichem Lächeln hinaus in die Freiheit und lichte Stille" (M 480, KSA 3). "Er atmet
nun die "Luft der Höhe [...], eine starke Luft. [...] Das Eis ist nahe, die Einsamkeit ist
ungeheuer - aber wie ruhig alle Dinge im Lichte liegen! wie frei man athmet! wie Viel man
unter sich fühlt!"(EH, Vorwort 4, KSA 6.)
Ein zentrales Stück, in dem Nietzsche vom Tod Gottes spricht, hat den Titel „Was
es mit unserer Fröhlichkeit auf sich hat“. Dieser befreienden Wirkung, die der Nachricht
vom Dahinscheiden des Höchsten Wesens innewohnt, haben wir uns in einem
komplizierten Gang angenähert. In beinahe poetischer Sprache wird dies Gefühl in der
angesprochenen Stelle formuliert:
"In der That, wir Philosophen und 'freien Geister' fühlen uns bei der Nachricht, daß der 'alte Gott
todt' ist, wie von einer neuen Morgenröthe angestrahlt; unser Herz strömt dabei über von
Dankbarkeit, Erstaunen, Ahnung, Erwartung, - endlich erscheint uns der Horizont wieder frei,
gesetzt selber, dass er nicht hell ist, endlich dürfen unsre Schiffe wieder auslaufen, auf jede Gefahr
hin auslaufen, jedes Wagnis des Erkennenden ist wieder erlaubt, das Meer, unser Meer liegt wieder
offen da, vielleicht gab es noch niemals ein so 'offnes Meer'. -"(KSA3,574,FW5,343)
Der sich von Gott wie allem Absoluten, allem Objektiven emanzipierende große
Schaffende gleicht nun Goethes Prometheus: "Hier sitz' ich, forme Menschen / Nach meinem
Bilde, / Ein Geschlecht, das mir gleich sei, / Zu leiden, zu weinen, / Zu genießen, und zu freuen sich /
Und dein nicht zu achten, / Wie ich!" Nietzsches neuer, freier Mensch formt nicht nur
Menschen, sondern eine ganze Welt. Er achtet Gott nicht nur nimmer, sondern nimmt
seinen Tod endlich wahr, zieht daraus die Konsequenzen und vollendet damit diesen
Mord erst. Denn Gott lebte immer nur in uns: als Unfreiheit - als Illusion, dass die von
uns geschaffene "Welt, die Werth hat" (wie es bei Nietzsche heißt), nicht unser Werk sei.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.