Michael Gerard Bauer
Ismael
Bereit sein ist alles
Übersetzt aus dem Englischen von Ute Mihr
ISBN: 978-3-446-23915-9
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© Carl Hanser Verlag, München
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Ismael anrufen!
Ich klickte meinen Posteingang an. Drei Mails. Die erste hatte
den Betreff: Ismael anrufen! Mein Herz machte einen Satz, als
hätte es sich von einem Sprungbrett abgestoßen. Ich glaube,
es schlug einen perfekten Dreifachsalto rückwärts in einen fel-
senfesten Stand:
Eine E-Mail von Kelly Faulkner.
Hast du gehört, was ich gesagt habe? Kelly Faulkner, die
die Welt mit ihren eisblauen Augen zum Stillstand bringen
und sie mit ihrem Lächeln wieder in Bewegung setzen konnte,
hatte mir tatsächlich eine E-Mail geschrieben, eine richtige
E-Mail. Mir! Ismael Leseur, dem weltweit einzigen Patienten
mit Ismael-Leseur-Syndrom. Wenn du noch nie vom Ismael-Le-
seur-Syndrom (kurz ILS ) gehört hast, schätze dich glücklich! Es
zerstört nämlich das Gen für »normales Verhalten« und offen-
bart der Welt stattdessen den Idioten, der in einem steckt. Und
ich muss es wissen, denn ich bin dieser Mensch. Wenn du mir
nicht glaubst, lies meine beiden Tagebücher. Aber Vorsicht, sie
sind nichts für schwache Nerven.
Keine Sorge, du hast nichts zu befürchten. ILS ist nicht an-
steckend. Du erkrankst nur, wenn du den Nachnamen »Leseur«
trägst. Außerdem müssen deine Eltern einem bizarren Ge-
burtsritual folgen und entscheiden, dir den Namen »Ismael« zu
geben, nach dem Erzähler in Herman Melvilles altem Walfän-
ger-Roman Moby Dick. Eigentlich stehst du also auf der sicheren
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Seite, wenn du nicht zufällig ich bist. Falls doch, steckst du echt
in der Klemme.
Aber vielleicht ging es ja aufwärts. Eine persönliche E-Mail
von Kelly Faulkner war ein deutliches Zeichen dafür, dass
ich endgültig vom ILS geheilt war und mein Leben von jetzt an
ziemlich rocken würde. Jedenfalls rockte es, als wir uns das
letzte Mal sahen.
Das war vor ungefähr sechs Wochen, am Ende des zehnten
Schuljahrs, am Abend des großen Comeback-Konzerts der See-
kühe, der alten Band meines Vaters. An diesem Abend katapul-
tierte sich mein Leben vom Level »ziemlich bemitleidenswert«
auf »potenziell perfekt«. An diesem Abend fand Kelly nämlich
zufällig ein Gedicht, das ich für sie geschrieben hatte, und
sie küsste mich – auf den Mund. Und jedes Mal, wenn ich an
diesen Kuss dachte (was plus/minus zehnmal am Tag vorkam,
allerdings häufiger plus), kribbelten meine Lippen. Danach
war Kelly mit ihrer Familie nach Neuseeland gefahren, um dort
Verwandte zu besuchen. Seither hatte ich sie nicht gesehen
und auch nichts von ihr gehört.
Jetzt stand ihr Name in fetten, großen Buchstaben vor mir
auf dem Computerbildschirm wie ein großes Weihnachtsge-
schenk, das beste, das ich jemals in meinem Leben bekommen
würde, und schrie danach, geöffnet zu werden. Aber ich öffnete
die Mail nicht. Noch nicht. Das Beste wollte ich mir bis zuletzt
aufheben, also ging ich mit dem Cursor auf die Mail darun-
ter, die »Dringende Nachricht« im Betreff hatte, und klickte
sie an.
Sie war von einem Mr Mbootu aus Nigeria. Hä? Mister wer?
Ich las weiter. Wow, heute war mein Glückstag. Auch wenn
ich Mr Mbootu nicht von einer Thomson-Gazelle unterschei-
den konnte, wollte er mir offenbar die Hälfte von 50 Millionen
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Dollar schenken, die er in einem Banktresor gefunden hatte.
Wenn das nicht großzügig war! Und es kam noch besser! Ich
musste ihm nur meinen Namen und meine Adresse schicken,
sonst nichts. Gebongt! Ach so, und ein paar blöde, kleine Bank-
angaben. Aber kein Problem! Ich könnte ihm Mums und Dads
Kontodaten geben. Sie hätten bestimmt nichts dagegen. Und
wenn Kelly Faulkner dann erfuhr, dass ich Multimillionär
werde. Sie wäre beeindruckt, keine Frage. Vielleicht könnte ich
mit einem Teil des Geldes ein Medikament gegen das ILS ent-
wickeln. Tausend Dank, Mister M! Klasse Typ!
Ich drückte löschen.
25 Millionen Dollar verpufften im Äther. Was wollte ich mit
Geld, wenn Kelly Faulkner mir eine Mail geschrieben hatte? Ich
wollte sie immer dringender lesen, aber zuerst musste ich alle
anderen Ablenkungen beseitigen. Kelly und ich mussten allein
sein. Ich checkte die nächste ungelesene Mail. Im Betreff stand
Denk GROSS !. Ich öffnete sie.
Jemand wollte meinen »Pennis« vergrößern.
Hmmmmmmmm … verführerisch. Aber war ich bereit,
meinen »Pennis« in die Hände von jemandem zu legen, der
so nachlässig mit seiner Rechtschreibung war? ICH GL AUBE
NICHT ! (Meine Englischlehrerin Miss Tarango wäre sooo stolz
auf mich.)
Ich drückte noch einmal mit dem Finger auf die Lösch-
taste.
Nur eine Mail war jetzt noch übrig – Kellys. Ich bewegte
den Cursor darüber und sah zu, wie sich das kleine I-förmige
Ding in eine dickliche, zeigende Patschhand verwandelte. Mein
Herz hatte das Sprungbrett verlassen und war auf den aller-
höchsten Sprungturm geklettert. Es spähte jetzt auf ein klitze-
kleines Viereck aus Wasser, das sehr tief unter ihm lag. Als ich
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Kellys Mail anklickte, machte mein Herz einen Satz nach vorn
und überließ sich dem freien Fall.
Eine Menge lilafarbener Buchstaben hüpfte auf den Schirm.
Die ersten beiden lauteten Hallo, Ismael. Was Besseres habe ich
nie gelesen. Ich wollte die Faust in die Luft recken, aber ich
hatte keine Zeit. Meine Augen rasten auf dem Bildschirm hin
und her.
Ich wollte mich dazu zwingen, langsamer zu lesen. Ich wollte
mir Zeit nehmen, damit ich jeden Buchstaben, jede Silbe, jedes
Satzzeichen genießen könnte, die Kelly mir geschrieben hatte.
Aber ich versagte jämmerlich. Während mein Herz sich immer
noch vom höchsten aller hohen Sprungtürme herabstürzte,
sausten die Wörter nur so vorbei.
… Ferien liefen gut … tut mir leid, dass ich nicht früher gemailt
habe … schlechte Internetverbindung … viel Schnee … Ski fahren …
Spaß … eisig kalt … bei Verwandten … viele verschiedene Orte … Herr
der Ringe … die nicht so gute Nachricht … Vater … neuer Job … Plan
änderung … kann es nicht fassen … meine Eltern haben beschlossen …
Waaaaaaaaaaaaaaaaas!
Ich las den letzten Satz noch einmal.
Und noch einmal.
Dann zwang ich mich, ihn ein letztes Mal zu lesen.
Mein Herz raste nicht mehr im freien Fall nach unten. Es
war abrupt gestoppt worden.
Jemand hatte das Wasser aus dem Sprungbecken abge-
lassen.
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