Informationsübertragung durch Nervenzellen
Aus dem täglichen Leben sind uns verschiedene Arten der Informationsübertragung
bekannt. Beim Sprechen z. B. werden Informationen über Schallwellen, d. h. mittels
Luftdruckschwankungen auf das Ohr des Zuhörers übertragen. Der Hör- und Fernsehfunk
verwendet elektromagnetische Wellen bei der Informationsübertragung vom Sender zum
Empfänger.
Beim Telefonieren bewirken die Luftdruckschwankungen während des Sprechens
Schwingungen der Mikrofonmembran. Diese Schwingungen rufen Änderungen der
elektrischen Stromstärke im Leiter zwischen den beiden Telefonen hervor. Im Hörer des
Empfängers führen diese Schwankungen der Stromstärke wieder zu entsprechenden
Schwingungen einer Lautsprechermembran. Diese bewirken dann erneut
Luftdruckschwankungen, die der Empfänger als gesprochene Worte vernimmt. Beim
Telegrafieren werden Informationen durch das Morsealphabet verschlüsselt. Allein mit Hilfe
der Zeichen „Punkt", Strich" und „Pause" kann jede Nachricht in jeder Sprache um die Welt
gefunkt
werden.
Einige Merkmale dieser verschiedenen Arten von Nachrichtenübertragung begegnen uns
auch bei den Nervenzellen. Nervenzellen haben die Aufgabe, die unzählbar vielen
Informationen, die von den Augen, den Ohren, der Nase und anderen Sinnesorganen
eintreffen oder aus dem Inneren des Körpers kommen, aufzunehmen und zu verarbeiten,
d. h. zu speichern und entsprechende Antwortprogramme zusammenzustellen und
weiterzugeben. Wie machen sie das?
Bei der Informationsübertragung durch
Nervenzellen laufen elektrische Vorgänge ab. Zwischen der Umgebung einer Nervenzelle
(der Gewebeflüssigkeit) und dem Innenraum der Zelle (dem Zellplasma) besteht eine
elektrische Spannung. Diese kann man mit einem empfindlichen Voltmeter messen. Bei
einem solchen (nicht einfachen) Experiment sticht man eine äußerst dünne und spitze
Metallnadel in den langen Nervenfortsatz (das Axon) einer Nervenzelle ein. Eine weitere
Nadel bringt man in die Gewebeflüssigkeit. Schaltet man zwischen die beiden Nadeln
(„Elektroden") ein Voltmeter, kann
diese Spannung abgelesen werden.
Wenn über das Axon gerade keine Informationen übertragen werden, zeigt das Voltmeter
eine Spannung von etwa minus 70 Millivolt (-70 mV) für die Nervenzelle gegenüber ihrer
Umgebung an.
Man nennt diese Spannung auch Ruhepotenzial oder Ruhespannung. Dieser Zustand
ändert sich aber wenn über das Axon eine Information übertragen wird. Es stellt sich ein
Potenzial von +30 mV ein. Die Differenz zum Ruhepotenzial beträgt also 100 mV = 0,1V.
Es kommt bei der Informationsübertragung also zu einer Umkehr der elektrischen
Spannung an der
Wand des Axons. Dieser erfolgt zunächst an der Stelle, wo das Axon aus dem Zellkörper
entspringt, dem Axonhügel. Von dort breitet sich der Vorgang schlagartig über die gesamte
Länge des Axons bis zur Synapse hin aus.
Die blitzartige Ausbreitung dieser Spannungsumkehr an der Wand des Axons wird als
Aktionspotenzial oder Nervenimpuls bezeichnet. Ein solcher Nervenimpuls breitet sich an
den am schnellsten leitenden Fasern des Menschen mit einer Geschwindigkeit von
ungefähr 120 m/s aus.
Nach jedem Aktionspotenzial wird die Ruhespannung im Axon wieder blitzschnell
hergestellt. Hierfür braucht die Nervenzelle nur eine Zeit von etwa 1/2000 s! Innerhalb
einer Sekunde können also im Höchstfalle 2000 Nervenimpulse das Axon entlangschießen.
Die Auslösung von Nervenimpulsen und der Aufbau einer elektrischen Spannung sind
komplizierte physikalisch-chemische Vorgänge. Die Änderung der Spannung an der
Membran einer Nervenzelle wird als Erregung bezeichnet. Diese Erregung wird über eine
Nervenzelle und insbesondere über ihr Axon weitergeleitet, man spricht
daher auch von Erregungsleitung.
Aufgaben:
1. Definiere: Ruhepotenzial, Erregung, Aktionspotenzial/Nervenimpuls.
2. Das Morsealphabet arbeitet mit drei Zeichen (s.o.). Ermittele, mit wie vielen Zeichen
Erregungen
auf den Axonen übertragen werden.
3. Stelle Hypothesen auf, wie die „Nachricht" einer Nervenfaser kodiert wird bei A) einer
starken Erregung als Antwort auf einen starken Reiz (z. B. hoher Druck auf die Hand) und
B) einer schwachen Erregung als Antwort auf einen schwachen Reiz (z. B. geringer Druck
auf die Hand).