LEHRSTUHL FÜR ÖFFENTLICHES RECHT, WIRTSCHAFTSVERWALTUNGSRECHT, UMWELT- UND
SOZIALRECHT PROF. DR. MARTIN BURGI
Grundkurs im Öffentlichen Recht I
– Staatsorganisationsrecht –
WS 2022/2023
• Wissen/Wissenschaft
Warum ist die Kompetenz für die Gesetzgebung zwischen dem Bund und
den Ländern aufgeteilt?
Für welche Materien hat der Bund die Gesetzgebungskompetenz?
Dürfen die Bundeskanzlerin und der Fraktionsvorsitzende auf einzelne
Abgeordnete Druck ausüben, damit bei einer wichtigen Abstimmung die
erforderliche Mehrheit erzielt wird?
Muss bei jedem Bundesgesetz der Bundesrat beteiligt werden und welche
Befugnisse hat der Bundespräsident , d.h. kann er verhindern, dass ein
Gesetz in Kraft tritt?
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Klausur/Praxis
Das Bundesinnenministerium möchte zur Verbesserung der Verkehrssicherheit auf
Skipisten eine allgemeine Helmpflicht einführen. Der Freistaat Bayern, in dem
bekanntlich die meisten deutschen Skigebiete beheimatet sind, sieht hierin einen
Anschlag auf den Föderalismus, den man mit allen juristischen Mitteln „zu verhindern
wisse“. In der entscheiden-den Abstimmung über das SHG (Skihelmgesetz) ordnet
der Fraktionsvor-sitzende der X-Fraktion auf Druck der Bundeskanzlerin an, dass alle
Abgeordneten ungeachtet ihrer persönlichen Überzeugung für dieses Gesetz
stimmen müssten. Der Abgeordnete W aus Lenggries sieht hierin eine
Beeinträchtigung seiner verfassungsrechtlich geschützten Rechte und möchte das
Bundesverfassungsgericht anrufen.
Nach erfolgter Verabschiedung des Gesetzes äußert der Bundespräsident rechtliche
und (als leidenschaftlicher Skifahrer) sachliche Bedenken. Kann er darauf gestützt die
Ausfertigung des Gesetzes verweigern?
Kann der Freistaat Bayern das Gesetz vor dem Bundesverfassungsgericht zu Fall
bringen?
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Arbeitsmethode der Vorlesung
• Vermittlung des aktuellen Wissens incl. der Leitentscheidungen des
Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) über die Folienpräsentation
+ Reflexion (vermittels ausgewählter Literaturhinweise zur eigenen
Lektüre)
• a) Falllösungskompetenz durch Hinweise auf veröffentlichte
Klausuren und Hausarbeiten sowie durch
b) Fallbesprechungen in der Vorlesung
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• Aktives Studium
Vorheriger Ausdruck der Folien
Wache und aktive Teilnahme an der Vorlesung
Nacharbeit mit einem Lehrbuch, den podcasts und Durcharbeiten der
weiterführenden Literaturhinweise sowie Bearbeitung der
Fälle aus der Vorlesung
Einreichung kleiner Fragezettel gegen Ende der Vorlesung
• Zusätzliche Angebote
Arbeitsgemeinschaften (siehe Plan)
Vorlesung „Allgemeine Staatslehre“ (Do, 16 – 18 Uhr)
Vorlesung „Verfassungsgeschichte“
(Do, 14 – 16 Uhr)
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Teil 1: Einführung in das Staatsorganisationsrecht und in
die Falltechnik im Verfassungsrecht
§ 1 Recht, Rechtsquellen und Rechtsgebiete
I. Recht und Rechtsquellen
• Recht:
Gesamtheit der in einer bestimmten Rechtsordnung gegenwärtig
geltenden Rechtsnormen (Soll-Sätze)
• Rechtsnorm:
Abstrakt-generelle Regelung die einer der anerkannten Erkenntnisquellen
des objektiven Rechts entspringt
• Unterscheide:
Objektives und subjektives Recht; formelles und materielles Recht sowie
Prozessrecht
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• Rechtsquellen
Gewohnheitsrecht
(bei dauernder und ständiger sowie gleichmäßiger und allgemeiner
langjähriger Übung, die gleichzeitig von den beteiligten
Rechtsgenossen als verbindliche Rechtsnorm anerkannt wird)
Richterrecht?
Naturrecht?
Geschriebene Rechtsquellen: Stufenbau
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Grundgesetz
(GG)
Formelles Gesetz
(= Parlamentsgesetz)
Weitere Gesetze im materiellen Sinne:
Rechtsverordnungen (vgl. Art. 80 GG)
und Satzungen
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Hieraus ergibt sich die Möglichkeit von Normkonflikten:
Unvereinbarkeit (vgl. sogleich näher)
Kollision (wird erst im jeweiligen sachlichen Zusammenhang
behandelt)
• Unvereinbarkeit = Eine maßstabgebundene (also niederrangige) Norm
erfüllt die Anforderungen der maßstabgebenden (also höherrangigen)
Norm nicht
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Die maßstabgebundene (niederrangige) Norm ist rechtswidrig. Handelt
es sich bei der maßstabgebenden (der höherrangigen) Norm um eine
Verfassungsnorm, dann spricht man von Verfassungswidrigkeit
• Formelle und materielle Verfassungsmäßigkeit
Formelle Verfassungsmäßigkeit:
Verstößt eine Norm gegen Verfassungsvorgaben über die
Kompetenz oder das Verfahren?
Materielle Verfassungsmäßigkeit:
Verstößt die betreffende Rechtsnorm gegen inhaltliche Vorgaben der
Verfassung (insbes. gegen die Grundrechte)?
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II. Staatsorganisationsrecht als Teil des Öffentlichen Rechts
Öffentliches Recht Privatrecht
Sonderrecht des Staates (Bund, Länder und Betrifft die Rechtsbeziehungen der
alle nachgeordneten Hoheitsträger) Privatpersonen untereinander, wobei unter
Staatsorganisationsrecht: Betrifft die bestimmten Voraussetzungen auch die
Kreation, Organisation, die Verwaltung ihr Handeln dem privatrechtlichen
Zuständigkeiten und Verfahren sowie die Regime zuordnen kann (dazu näher in der
maßgeblichen Strukturprinzipien Vorlesung Verwaltungsrecht)
betreffend die obersten Staatsorgane
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Grundrechte: Betreffen die
verfassungsmäßigen Rechte und
Pflichten der Privatpersonen gegenüber
dem Staat
Verwaltungsrecht: Betrifft die
Organisation, die Zuständigkeiten und
das Handeln des Staates sowie die
Rechte und Pflichten der Privatpersonen
im Übrigen. Hierbei kann teilweise auch
eine Zuordnung zum Privatrecht erfolgt
sein.
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III. Politische, praktische und wissenschaftliche Bedeutung
• Politische Bedeutung
Konstituierung und Domestizierung von Herrschaft
Demokratische Bestimmung der Inhalte der staatlichen Aktivitäten
Verfassungsmäßigkeit als Argument im politischen Meinungskampf
• Praktische Bedeutung
Konstitionalisierung der gesamten Rechtsordnung (Beispiel: Bürgschaftsverträge
mit übermäßig belastender Verpflichtung, Stadionverbote, Zugang zu Facebook)
Spezifische berufliche Möglichkeiten im Umfeld der obersten Staatsorgane auf
Bundes- und Landesebene sowie in Parteien und Verbänden
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• Wissenschaftliche Bedeutung
Die meisten Fragen erscheinen geklärt, infolge der dynamischen
Entwicklung der Politik ergeben sich aber ständig neue
Herausforderungen. Auch der Normenbestand selbst ist keinesfalls
statisch.
Beachte:
Das Staatsorganisationsrecht ist nicht die einzige Disziplin, die sich mit
dem politischen Leben beschäftigt!
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