LEHRSTUHL FÜR ÖFFENTLICHES RECHT, WIRTSCHAFTSVERWALTUNGSRECHT, UMWELT- UND
SOZIALRECHT PROF. DR. MARTIN BURGI
§ 2 Klausurtechnik im Öffentlichen Recht
• Zutreffendes Erfassen des Sachverhalts (Aufgabentext)
Verarbeitung aller dort aufgeführten Argumente
Differenzierung zwischen konjunktivischen und indikativischen
Abschnitten
Keine Unterstellungen bzw. Erweiterungen vornehmen
• Gutachten- und Urteilsstil
Urteilsstil: „Das Bundesskihelmgesetz verstößt gegen Art. 70 Abs. 1
GG, weil der Bund hierfür keine Gesetzgebungskompetenz besitzt.“
Gutachtenstil: „Das Bundesskihelmgesetz könnte formell
verfassungswidrig sein, wenn der Bund nicht über die
Gesetzgebungskompetenz verfügt.“
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• Bedeutung von Aufbauschemata
Zulässigkeit: Ist das BVerfG zuständig und liegen die
Voraussetzungen zumindest einer der in Art. 93 Abs. 1 GG
geregelten Verfahrensarten vor?
Diese Voraussetzungen können getrennt nach Verfahrensart
schematisch abgeprüft werden.
Begründetheit: Hat die erhobene Klage/der gestellte Antrag in
der Sache Erfolg? Dies ist das, worauf es dem
Kläger/Antragsteller letztlich ankommt. Hier gibt es ebenfalls
einige feststehende Prüfungspunkte, insgesamt kann aber weniger
schematisch vorgegangen werden.
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Als das Bundesskihelmgesetz im Bundesrat zur Abstimmung steht,
erheben sich der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, der
einer Koalitionsregierung vorsteht, und seine Stellvertreterin, die von
ihrem Koalitionspartner gestellt wird. Sie möchten entsprechend der
politischen Mehrheitsverhältnisse ihres Landes vier Ja- bzw. zwei Nein-
Stimmen abgeben. Letzteres beruht darauf, dass der grüne
Koalitionspartner aus grundsätzlichen Gründen die Inanspruchnahme
immer weiterer Naturflächen durch den Skisport ablehnt.
Abwandlung:
Der Landtag von Nordrhein-Westfalen hat wenige Tage vor der
Abstimmung im Bundesrat mit großer Mehrheit einen Beschluss gefasst,
wonach die Landesregierung dazu verpflichtet wird, im Bundesrat
einheitlich gegen das Bundesskihelmgesetz zu stimmen.
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Bei jedem einzelnen Prüfungspunkt (egal ob in der Zulässigkeit oder der
Begründetheitsprüfung) geht es letztlich darum, die jeweils relevante
Norm zu ermitteln und sie sodann anzuwenden. Dies geschieht im Wege
der Subsumtion = Unterordnung des sich aus dem Aufgabentextes
ergebenden Sachverhalts unter eine zuvor ermittelte Rechtsnorm:
1. Auffinden der einschlägigen Norm
(hier: Art. 51 Abs. 3 Satz 2 GG)
2. Bildung eines Obersatzes: Formulierung der Rechtsfolge die sich aus
Art. 51 Abs. 3 Satz 2 GG für den zu beurteilenden Fall ergeben
könnte: „Die Stimmabgabe des Landes Nordrhein-Westfalen ist im
Einklang mit der Verfassung erfolgt, wenn sie „einheitlich und …
durch anwesende Mitglieder“ erfolgt ist.“
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3. Definition, erforderlichenfalls Auslegung der einzelnen
Tatbestandsmerkmale:
„Durch anwesende Mitglieder“:
Mitglieder der jeweiligen Landesregierung (ok)
„Einheitlich“:
Ja oder nein.
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4. Subsumtion (Unterordnung des Lebenssachverhalts (die geschilderte
Stimmabgabe) unter die soeben definierten und ausgelegten
Tatbestandsmerkmale):
Stimmensplitting ist ebenso wie Stimmenthaltungen einzelner Mitglieder
eines Landes nach ganz h.A. unstatthaft, möglich ist die vielfach
praktizierte Bestimmung eines die Stimmen sodann gebündelt abgebenden
Stimmführers (BVerfGE 106, 310 (330)).
Zu diesem Ergebnis kann man allein schon anhand des Wortlauts kommen;
größere Probleme wirft die Fallabwandlung auf; dort bedarf es der
ausführlichen Auslegung des Art. 51 Abs. 3 Satz 2 GG (dazu im Teil 2 der
Vorlesung).
5. Ergebnis: „Das Bundesskihelmgesetz hat bei der Abstimmung im
Bundesrat nicht die erforderliche Stimmenzahl erreicht.“
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