PG 75470
PG 75470
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Language: German
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LAND UNSERER LIEBE ***
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[Illustration: Cover]
[Illustration]
von
Walter Bloem
46.-65. Tausend
~Hafis-Ausgabe~
[Illustration]
~Robert Hohlbaum~
dem Freunde, dem Dichter, dem Deutschen!
Der legt mächtig ein! dachte der Chauffeur. Und im tiefsten Herzen des
altbewährten Bediensteten regte sich doch fast unbewußt etwas wie eine
geheime Genugtuung des Kleinen, des Knechtes, über den unverhehlbaren
Verfall des Mächtigen, des Hochmögenden ... Dies Gefühl war den
Tönen jenes Liedes verwandt, dessen verwehte Klänge durch den trüben
Vorlenzmorgen von der Lombardsbrücke herüberflatterten:
Auch der Generaldirektor horchte auf. Eine neue Falte querte sich
senkrecht durch die tiefen Furchen seiner schmal gewordenen Stirn.
»Meinen Herr Präsident nicht, daß es besser wäre, heute nicht --«
»-- nicht zu fahren, Hansen? Das souveräne Volk von Hamburg nicht zu
reizen? Es ist alles eins ... Haben Sie übrigens eine Ahnung, was los
ist?«
»Sie sind mal wieder sehr unruhig da drinnen ... Seit gestern kommen
immerfort Züge mit heimkehrenden Kriegsgefangenen aus Rußland an«,
berichtete der Chauffeur. »Die haben uns grad noch gefehlt. Alles die
reinsten Bolschewisten, Herr Präsident!«
Georg Freimann war allein. Eine Sekunde lang zuckte wie ein tiefer,
erlösender Traum die Vorstellung durch sein todwundes Hirn, daß
daheim im Schubfach seines Arbeitstisches nun seit dem Tage des
Waffenstillstandes der geladene Browning des Augenblicks harrte, da die
Wucht des Schicksals unerträglich geworden sein würde ... War es so
weit? Konnte es noch tiefer in den Abgrund gehen?
Horch! und draußen schon wieder das Lied von der roten Seligkeit!
Wahnsinnige, diese einstigen Helden von Gorlice und Tarnopol -- diese
-- -- Deutschen ... Sahen sie denn nicht, daß sie und ihresgleichen
die Heimat in den Ozean der Schande, sich selber und all ihre Welt ins
Elend gestürzt hatten?!
Nun war der Jubel auch in des Vaters Stimme und Auge gekommen. Einen
Augenblick schlugen die Herzen der beiden wesensfremden Menschen
im gleichen Takt. Und über Georg Freimann, der sonst, eiskalter
Rechner, einsam den Weg seines Aufstiegs gegangen war, kam in dieser
Sekunde etwas wie Dankbarkeit gegen die Mutter seines Sohnes ...
Ein Verbündeter, ein Kampfgenoß im Anmarsch ... Er zog die feine,
kühle Hand an seine Lippen. Und vor beider Gatten Augen stand das
Bild ihres Einzigen, wie sie ihn zum letzten Male gesehen -- für
wenige Tage von der flandrischen U-Bootbasis in Brügge her auf Urlaub
eingetroffen -- noch dampfend von ungeheuren Spannungen heroischer
Gefechte, Gebieter einer Nußschale von Kampfschiff, eines stählernen
Haifisches, dessen Kiefer Tod und Verderben durch die Seewüste zu den
Riesen der feindlichen Handelsflotte hinübergespien ... Ein Held, um
so heldenhafter, je weniger sein überzarter Körper, seine überzarte
Seele zu solchem Reckentum der Meerestiefe geschaffen schienen. Und
an seiner Seite die Braut, selig und bangend, in ihrer stolzen,
altererbten Vornehmheit dem Wesen dieser Frau verwandt, die einstmals
die althamburgische Gediegenheit ihrer Gesinnung dem zähen Auftrieb des
Emporsteigenden verbunden -- und dem heißen Wollerblute des Ringers
jenen Schuß verträumter Weichheit beigesellt, die den Vater an seinem
Sprößling oft gestört, befremdet, enttäuscht hatte ...
Die Gatten sahen sich in die Augen. Waren sie einander fremd im
Nebeneinander des Alltags -- wenn's um Heinz ging, so verstanden sie
einer des andern Gedanken.
Wie wird er wiederkommen? Wie wird er, der die Fremde, die
Gefangenschaft so schwer ertrug -- wie wird er die Heimkehr -- -- die
Heimat ertragen?!
»Gottlob, daß er seine Ilse hat ...« sprach Mutter Johanna die Antwort
auf die stumme Frage der beiden Elternherzen.
»Nun, dann wird's aber höchste Zeit!« lächelte Freimann und bestellte
eine Verbindung mit der Hammonia-Werft.
Seltsame Härte des modernen Lebens ... Die Mutter und die Verlobte des
Heimgekehrten hörten eine der anderen Stimme -- den Jubel, der durch
die verhaltene Kühle schwang -- und sahen einander nicht ...
»Na, nun gib mal her, Johanna -- ich muß den alten Carstensen noch
sprechen!«
Zauberei! Der kleine schwarze Trichter in des Reeders Hand sprach nun
plötzlich mit der müden, verhaltenen Greisenstimme des ehemaligen
Senators Carstensen -- des Eigentümers und Leiters der Werft. Sie
zitterte, als Georg Freimann die grausame Kunde vom bevorstehenden Ende
der Linie hindurchgegeben.
»Das weiß der Himmel -- aber grausam ist's doch ... Ein Glück, daß Ihr
Junge kommt -- da bekommen Sie Hilfe ... Sein Beruf ist überflüssig
geworden in Deutschland. Wohl ihm und Ihnen, daß in seines Vaters
Riesenbetrieb ein Kontorstuhl für ihn freisteht ... Nur -- ob er mögen
wird --?!«
Des Vaters Lippen wurden schmal und streng. »Er muß.« Ein Befehlsblick
schoß zur Mutter hinüber, die unter diesem Ton, diesem Blick
leise zusammenzuckte -- wie unzählige Male zuvor in einem langen
Gemeinschaftsleben.
»Nun, wir sehen uns ja wohl heut abend,« klang die Stimme des alten
Carstensen. »Ich wenigstens will zur ›Alten Liebe‹ fahren -- von ferne
noch einmal das stolzeste Kind meiner Werft grüßen ... Ach, Freimann --
unser Werk -- unser zertretenes Land ...«
»Auch ich muß hin --« knirschte Georg Freimann, »auch ich ... Man muß
das sehen, man muß ... Und wenn's einen vollends umschmeißt ... Also
Schluß, lieber Freund -- heut abend um fünf an der ›Alten Liebe‹ --«
Ein zorniges Knurren klang aus dem Apparat. »Hab's gehört ... mache
mit ... Die Kerle, die mein bestes Schiff einstecken wie'n gestohlenes
Portemonnaie -- die muß ich mir doch mal aus der Nähe besehen ...«
»Tun Sie's nicht, Timmermanns -- Sie springen den Burschen ins Gesicht
... hat ja keinen Zweck ... wir liegen unten.«
2
Der Berlin-Hamburger +D+-Zug schnob durch die kahlen Marschen
von Billwärder, auf deren Feldern die Frühsaat saftgrün in Halme
schoß. Seinem regelmäßigen Bestand an Durchgangswagen waren vier
Waggons dritter Klasse angehängt -- für einen Trupp heimkehrender
Kriegsgefangener, die aus Hamburg, Harburg, Altona stammten.
In einem Abteil der ersten Klasse lagen, langhingestreckt auf den roten
Bänken, von denen die berechtigten Fahrgäste mit Entsetzen in die
Korridore entwichen waren, zwei ungleiche Kameraden in abgewetzten,
verdreckten, verlausten Feldmänteln. Sie qualmten Zigarette um
Zigarette. Und Tedje Tietgens, einst Nieter auf der Hammonia-Werft,
dann schwerer Artillerist und seit der Brussilowoffensive
Kriegsgefangener im fernen Osten des Zarenreiches, entwickelte dem
Genossen seines Handwerks und seiner Gefangenschaft seine
Zukunftspläne.
»Deerns, Clos, junge Deerns möt ick nu irst mol hebben ... Ick bün, as
wör ick rein dull un uthungert op Deerns ... Öber nich son'n smuddlige
Mietjes ut de Fabriken. Uns' russ'sche Kam'roden, wat dei sünd, weißt
du, Clos, de hebben sick den'n Zoren sien Döchter halt ... Ick hal mi
de Fienste von de Fienen ut'n Harvestehuder Weg ... un denn möt dei
danzen, as ick fleit ... Junge, Junge, dat möt ick erleben ... Nu sünd
wi de Herren, nu warden dei Wiewer requirert, as Volkseigentum erklärt
und denn sozialisert ...«
Und der ungeschlachte Geselle dehnte und rekelte den stämmigen Leib,
dem zwei Jahre harter Fronarbeit unter der Knute russischer Aufseher
von seiner Urkraft so wenig hatten nehmen können wie einst die minder
schwere, doch ungleich gefahrvollere Arbeit des Nietens, hoch droben am
werdenden Eisenleibe gigantischer Schiffsrümpfe.
Sein Gefährte, untersetzt, kräftigen Leibes wie er, doch neben dem
klobigen Gesellen fast schmächtig anzuschauen, lag ganz still und
behaglich hingestreckt und schaute den Kringeln seiner Zigarette nach,
die am Gepäcknetz verstiebten.
»Kiekt, Jungs -- de Hoben ... Ober wo leddig ... Dunnerslag noch mol --
wo leddig; grod as weer hei utstorben ...«
Die Männer hatten seit ihrer Rückkehr aus Feindesland schon viel von
ihres Vaterlandes Schicksal geschaut. In fremder Städte Bannkreise
waren sie sich der grauenvollen Veränderung nicht voll bewußt geworden
-- hatte der begeisterte Empfang, den die Genossen ihnen bereitet,
das trunkenmachende Bewußtsein des inneren Sieges ihrer Klasse ihnen
die Erkenntnis der vernichtenden Folgen der äußeren Niederlage bis
zu dieser Stunde noch verschleiert. Nun tat sich ihre Heimat, ihre
Arbeitsstätte vor ihnen auf -- nun fröstelte jählings in ihren Seelen
die entsetzliche Ahnung, daß die Hand des Feindes nicht dem verhaßten
Kapitalismus allein, nein, jedem einzelnen von ihnen die Wurzeln des
Daseins abgrub.
Schon lief der Zug in die rußige Halle des Hauptbahnhofs, und
bald strudelten die Heimkehrer die Treppen zur Durchgangshalle
hinan, quollen als mißfarbiger Schwall auf den fast ausgestorbenen
Glockengießerwall hinaus. Und wieder nun, wie bisher auf allen
Stationen, wehte ihnen das geliebte, mit fanatischer Inbrunst verehrte
Rot entgegen. Empfangskomitee, Kaffee, Wurststullen, Begrüßungsreden:
Die bis zum Überfluß vernommenen Phrasen zündeten nicht mehr so hitzig
wie in Breslau und Berlin ... Auf den gefurchten Stirnen, unter den
früh ergrauten Scheiteln der Familienväter hockte plötzlich die Sorge
um Arbeit und Brot ... Man würde ja nicht hungern müssen, o nein, der
neue Staat sorgte für die arbeitslosen Verteidiger des alten ... Aber
man war nicht heimgekehrt, um stempeln zu gehen -- man sehnte sich
nach dem altvertrauten Schaffen ... nur kürzer müßte es sein, nicht den
ganzen Tag mit Beschlag belegen, nicht Leib und Seele ausdörren ... Und
der Hafen so leer ... Woher sollte da -- --
Musik zur Stelle -- es ordnete sich ein Zug. Und es war wie eine
Selbstverständlichkeit, daß der lauteste, selbstbewußteste,
klassenbewußteste der Schar, der stämmige Tedje Tietgens, das
bereitgehaltene rote Panier ergriff und hart hinter der Musik dem Zug
der Kameraden vorantrug. Die Trompeten, die einstmals den Ersatz der
Sechsundsiebziger zur Ausfahrt ins Feld begleitet hatten, schmetterten
nun der Heimkehr der bolschewisierten Trümmer der wehrhaften Mannschaft
Hamburgs voran. Taktfester Gesang aus zweihundert Kehlen brandete
an den Mauern der Geschäftshäuser des Glockengießerwalls empor, zum
Alsterbecken hinüber:
* * * * *
Wenige Minuten später als der Berliner Zug war von Harburg her der
Bremer in die Halle gelaufen. Ihm entstieg unter dem tagesüblichen
Gewimmel jener Geschäftsleute, die sich im revolutionären Deutschland
einzurichten gewußt hatten, ein junger Marineoffizier in stark
strapazierter Uniform, das Eiserne Kreuz Erster Klasse und eine
breite Ordensschnalle auf der Brust. Er war ja nun wieder frei ...
Aber auch in seinen Zügen stand noch das dumpfe Entsetzen des ersten
Wiedersehens mit dem Hafen, dem Lebenszentrum seiner Vaterstadt.
Auf Urlaub, während des großen Ringens, hatte man diesen Zustand
als natürliche Kriegsfolge empfunden -- sein Fortbestehen nach dem
Waffenstillstande durchschauerte die Seele mit bitteren Beklemmungen
... Die überschatteten die ernsten, feinen Züge des Seemanns, den
seine Ehrenzeichen als Bewährten erkennen ließen -- und nur ein tiefes
Aufatmen der schmalen Brust, ein verstohlenes Glimmen in den stillen,
nach innen schauenden Augen verriet, daß in diesem Jüngling-Mann auch
Hoffnungen und Sehnsüchte der Heimat entgegenjubelten -- aller tiefsten
Trauer um den Jammer des Vaterlandes, der Vaterstadt zum Trotz.
Jetzt erst gewahrte Heinz Freimann, daß neben dem Bahnhofseingang vor
einem blutrot lackierten Schilderhaus ein Posten stand -- ein Matrose,
die Flinte am Riemen umgehängt, die Mündung, jedem infanteristischen
Gefühl zum Trotz, nach unten gekehrt. Der Mann stand nicht etwa
stramm, als des Offiziers Auge ihn traf -- den erstaunten Blick des
Vorgesetzten beantwortete er mit einem tückisch-herausfordernden
Grinsen ...
Ach so ...
»Na, wat's dit? Sei hebbt woll de niege Tied verslopen?! Wüllt Sei mol
fix den'n ganzen Plünn'nkrom von Achselstücken un Kron' un Ordens un
Kokarr runnernehmen? Öber 'n bäten fix, segg ick ... wat?!«
Der Offizier sah eine Sekunde lang verständnislos auf den unverschämten
Bengel herab -- ihm zuckte die Hand, den Buben abzustrafen -- aber
schon wandten sich ringsum die Köpfe, stockten Schritte, schob sich's
heran, glotzten herausfordernde Blicke, gellten Schreie, Flüche,
Pfiffe.
Heinz Freimann starrte entsetzt in den Klumpen Gier und Haß, der
sich sekundlich dichter um seine Heimkehr zusammenballte. Und schon
war's geschehen. Derbe, arbeitsrissige Männertatzen, behandschuhte,
parfümierte Dirnenhände, schmutzige Knabenfinger griffen nach ihm,
rissen ihm die Waffe von der Seite -- die Krone vom Ärmel, die
Achselstücke von den Schultern -- vom Rock die Ehrenzeichen, in vielen
Dutzenden todumdräuter, abenteuertoller Seegefechte verdient -- Püffe
regneten ihm wider Brust und Bauch, seine Mütze, der Kokarde beraubt,
wurde ihm roh von hinten wieder aufgestülpt, daß ihm der Schirm über
die Augen fiel ...
Wenn sie mich doch nur ganz zusammengetrampelt hätten -- das war der
erste halbbewußte Gedanke des Geschändeten. ... Der zweite: fort --
fort -- sich verkriechen ...
»+Beg your pardon, Sir+ --« sagte der Herr des Wagens zu seinem
Opfer und Schützling und fuhr in leidlich verständlichem Deutsch fort:
»Ich bin sehr unangenehm habend Sie beschädigt ... wohin muß ich
bringen Sie?«
»Ich meine zu sehen, Sie haben gehabt eine +collision+ mit Ihre
+countrymen+ ...«
»Mein Name ist Elias Patterson ... ich bitte wiederholt um die
Vergünstigung, Sie heimfahren zu dürfen ...«
»Ich bin der Sohn des Herrn Freimann«, sagte Heinz auf Deutsch.
»Oh -- ich bin glücklich zu hören, daß Sie mich verstehen in Englisch«
-- und weiter in der heimatlichen Sprache: »Ich bin untröstlich,
daß meine erste Wiederbegegnung mit dem Hause meines alten Freundes
Freimann ein wenig gewaltsam war ... Ich kenne Ihren Vater sehr gut aus
den schönen Tagen des Morgan-Trusts ... Wir haben sehr gut zusammen
gearbeitet zum Wohle der amerikanischen und der deutschen Schiffahrt
-- damals -- in glücklicheren Zeiten. Erlauben Sie mir, Ihnen zu
sagen, wie ich nach Hamburg komme. Die Regierung der Vereinigten
Staaten ist gebeten worden, einen Sachverständigen zu senden, welcher
der Entente-Kommission bei Übernahme des letzten Schiffes der
Hansa-Transatlantik-Linie als Berater zur Seite stehen soll. Ich habe
den Auftrag des Weißen Hauses um so lieber angenommen, als ich als
Chefbesitzer des Patterson-Großreederei-Konzerns in sehr angenehmen
Beziehungen zur H. T. L. und ihrem ausgezeichneten und hochverdienten
Leiter, Ihrem Vater, gestanden habe ...«
»Auf Wiedersehen, Herr Freimann ... grüßen Sie Herrn und Frau Freimann
... und lassen Sie sich die Heimat so gut schmecken, daß Sie den
abscheulichen Empfang vergessen!«
Der Seemann hastete den knirschenden Kiesweg hinan. Nur nicht gesehen
werden so -- nur schnell verschwinden und vom Leibe reißen das
besudelte Ehrenkleid ...
Ein Schillervers aus Primanertagen zuckte auf:
Und da war er doch gesehen worden ... Ein Willkommen scholl vom Altan,
eine helle, festlich gekleidete Mädchengestalt stieg die Treppe
hinunter in jener vollendeten Haltung, welche die Hamburgerin aus
erster Familie so peinlich wahrt, wenn sie sich in die Sphäre der
Beobachtungsmöglichkeit begibt ... Aber als die Braut die fahlen,
leidensgefurchten Züge des geliebten Mannes enträtselte, da war es
doch um ihre Fassung geschehen. Zwei junge Menschenkinder flogen sich
entgegen, umschlangen sich in Harm und Seligkeit, schluchzten einander
all ihr Trennungsleid und ihren Jammer ums zertretene, geschändete
Vaterland entgegen.
Ilse Carstensen hatte das Fehlen der Achselstücke, der Krone, der
Ehrenzeichen bemerkt und -- in diesem instinktiven Wissen um das
Grausen der Zeit ganz richtig verstanden ... Sie würde seinen Eltern
alles erklären, niemand sollte ihn fragen dürfen.
»Mein Junge du -- mein Junge ... Still -- bist bei mir -- nun wird
alles gut ...«
Dann erst schloß sie ihren Einzigen in die Arme. Es war ja alles, alles
gleichgültig -- er war da, war frei -- lebte -- es hatte ihn nicht
behalten, das brüllende Meer, der brüllende Krieg ... O doch, es wachte
droben ein gnädiger Hüter ...
Und dann stand Heinz vor dem Vater, der ihn um eines Hauptes Länge
überragte.
»Willkommen, mein Sohn, in dem, was übrig ist von unserm armen
Vaterland ...«
»Still, still, Georg --« flüsterte Frau Johanna. »Ein Festtag ist's,
ein hoher Festtag! Nein, nein, Heinz, jetzt nicht fragen, nicht
erzählen ... Laß ihn, Georg, er kommt von langer Reise, ist müd' und
angegriffen, wie kann's denn anders sein? Komm, mein Junge, deine
Zimmer warten, und Charlie läßt das Bad einlaufen. Das brauchst du
jetzt am nötigsten ... bist ja daheim, mein Junge, bist ja daheim!«
Gott, diese Wonne, sich ganz stumm und einsam in die warme Flut
versenken -- und dämmern -- schweigen -- leben -- --
Und drunten rüsteten die Frauen den Eßtisch, besetzten ihn mit
seltenen, lang aufgesparten Köstlichkeiten ... und zwischendrein sahen
sie einander in die Augen -- die feuchteten sich, es zuckten die Lippen
... und plötzlich fielen die zwei einander in die Arme ...
»Mut, liebste Mama --« sagte Ilse und löste ihr blondes Haupt von der
zuckenden Schulter der Mutter ihres Geliebten -- »Mut! Wir werden
arbeiten -- Heinz an seines Vaters Seite -- wir kommen wieder hoch --
wir kommen hoch!«
Eine trotzige Falte grub sich in Ilse Carstensens Stirn -- das Erbteil
eines alten Geschlechtes von Schiffbauern ... es konnte seinen Ursprung
bis in die Tage zurückverfolgen, da ein Timm Carstensen der Stadt
Hamburg jene stolzen Koggen baute, die dann den Dänenkönig Waldemar
Atterdag das Fürchten lehrten.
Nun sann er nicht mehr. Dumpf und ausgebrannt war sein Hirn, sein
unverwüstlicher Wille gelähmt. Er fühlte: der schluchzende, unter
ungeahnter Schande zusammengebrochene Jüngling, der seines Blutes
einziger Erbe war, der war nicht aus dem Holz, aus dem die großen
Kommodoren geschnitzt werden. Er wußte: er war allein. Und heute
abend dampfte der »Altreichskanzler« unter der Flagge der vereinigten
Weltmächte in den Ozean hinaus.
Freimann öffnete ein Geheimfach und starrte auf den braunen Lauf des
letzten Trösters ...
Oh -- Vadder Tietgens sah klar. Hier oben bekam man helle Augen --
hellere als drunten im Brodem der Schiffsbauhallen und Eisengießereien
-- oder im Bauch der langsam sich aufwölbenden Schiffsrümpfe -- wo
man ja wohl vorm Getöse der Arbeit sein eigen Wort nicht hören konnte
-- geschweige denn nachdenken. Natürlich -- man war seit Jahrzehnten
ein anerkannter Führer der Hamburger Sozialdemokratie. Marx! Oho! --
jedes Wort ein Evangelium -- aber -- man hatte auch auf der Werft eine
Vertrauensstellung. Man wußte, wie so ein Ding entstand -- so ein
Riesenungeheuer, so ein modernes Seeschiff. Dazu gehörte vor allem ein
Kopf -- viele Köpfe -- und nicht bloß ein paar hundert oder tausend
stramme Fäuste. Kopf und Hand -- nur zusammen konnten sie es schaffen.
Brauchte denn nicht auch er selber, der Kranführer, fast mehr seinen
ruhigen klaren Hirnkasten -- und die sicheren Augen darin als die
nicht minder verläßliche Hand?
Er warf noch einen Blick voll unbewußter Zärtlichkeit auf das vertraute
Bild zu seinen Füßen. Das weite Werftgelände lag tief unter ihm wie ein
sauber aufgestelltes Riesenspielzeug -- bis an den breit hinfließenden
Elbstrom. Seine gelblich opalisierenden Gewässer stießen in unzähligen
schmalen und breiten Streifen tief hinein in das Gewirr der Schuppen,
Bauhallen, Wohnhausgruppen hüben, der turmüberzackten Häusermassen der
gigantischen Doppelstadt da drüben. Das war seine Welt ... Und kaum
geahntes Bewußtsein der Zusammengehörigkeit schlich durch die Seele
des alten Arbeiters ... etwas wie ein traumhafter Stolz. Das alles war
sein ... sein Hamburg ... die Welthandelsstadt ... über deren Brausen
und Brodeln er täglich schwebte und schaltete seit Jahrzehnten ... Er
verwahrte den Schlüssel zu seinem luftigen Reiche sorgfältig in der
Tasche und stapfte über den schmalen Eisensteg zum Fahrstuhl. Der trug
ihn zur Erde hinab -- und die zahlreichen Maler, die auf dem Labyrinth
des Krangerüstes dauernd mit Instandhaltung des Farbanstrichs der
Eisenkolosse beschäftigt waren. Die Gespräche der Genossen, die ihn
umschwirrten, drehten sich wie immer um den einen Punkt: Lohnerhöhung
... Das war so gewesen, solange Timm Tietgens denken konnte. Aber der
Krieg hatte den Beginn der großen Teuerung gebracht, der Umsturz ihr
Anschwellen lawinenhaft beschleunigt. Die Lohnbewegung kam nicht einen
Augenblick zur Ruhe, gärte alle paar Wochen zu neuen Krisen auf. Schon
war es zu schrecklichen Ausbrüchen der Empörung gekommen: Sturm auf
das Verwaltungsgebäude, schimpfliche Bedrohung und rohe Mißhandlung
der Direktoren waren ihre wildesten Gipfelungen gewesen. Und seit
die Heimkehrer aus den östlichen Teilen Rußlands die Gemüter mit
entflammenden Schilderungen der russischen Proletarierherrschaft immer
aufs neue aufpeitschten, schienen neue wilde Dinge sich vorzubereiten.
Ja, Antje --! Ihr Lebensgang bewies, gleich dem der Werkmeisterjungen
Bob und Armin Timmermanns: der Aufstieg in die beneidete und
gehaßte Sphäre der Bürgerlichkeit war den Söhnen und Töchtern des
arbeitenden Volkes nicht so unbedingt verschlossen, wie die Hetzer
der Volksversammlungen es den Genossen vorschwindelten ... Und der
stramme Tedje, der nun wohl endlich einmal den Heimweg aus dem Kaukasus
gefunden haben müßte --? Ja, wenn der nur ein bißchen von dem zähen
Ehrgeiz, dem sauberen Pflichteifer seiner Schwester Antje gehabt
hätte ... Aber dem waren der Schnaps und die Mädels immer wichtiger
gewesen als die Fortbildungsschule. Der würde ja wohl hoch droben
in der Schwindelhöhe der Laufstege ewig seine Niete setzen, bis
Alter und Gicht ihn zu einer noch anspruchsloseren Hantierung in der
Schiffsbauhalle zwingen würden ... Der würde ewig ein unzufriedener,
hetzerisch gestimmter Lohnsklave bleiben -- und es nicht einmal zum
Kranführer bringen -- oder gar in die Werkmeisterswohnung aufsteigen,
wie Vater Timm es für sich und seine Mine auf ihre alten Tage erstrebte
...
So übersann Timm Tietgens sein Schicksal und das seiner zwei von sieben
Geburten übriggebliebenen Sprößlinge. Das tat er täglich, wenn er, dem
Gewimmel der Dampffähre entronnen, seinen Weg durch die Wallanlagen
der »Neustadt« zulenkte, deren Name längst ein Hohn auf die winklige,
altersgeschwärzte Verkommenheit des größten Teiles ihres Innern
geworden war. Und immer mündete solches Grübeln in einem stillen,
glückseligen Lächeln:
Er sprang die letzten Stufen hinan -- riß die Tür auf und -- hal mi de
Düwel -- dei Jung --!
Da saß er neben Mutter ... die streichelte, mit blinkenden Tränen auf
den welken Wangen, des Heimgekehrten muskelgeschwellten Arm ...
Vater und Sohn schüttelten einander die kräftigen Tatzen, daß sie
knackten.
»Bün ick ok!« grinste Tedje. »Ja, Vadder -- ick bring dei grote
Heilslehre ut'n Osten mit -- Moskau heißt die Parole! Nu späln wi ok
Bolschewismus!« Und mit rauher, offenbar schnapsbefeuchteter Stimme
sang er den Trutzgesang des Radikalismus:
Vater Timm mochte sich die Freudenstimmung über des Sohnes Heimkehr
nicht durch einen politischen Disput verkümmern lassen. Er langte zur
Kaffeekanne, um seinem Letzten, seinem Einzigen, einzuschenken. Da
klang aus der guten Stube ein ungewohnter Ton: Klavierspiel ...
»Dat's mien Kam'rod, Vadder, mien Fründ ut'n Kaukasus -- Clos Mönkebüll
heit hei ... un Schippbuer is hei as ick ok op uns' Werft -- öber
freuher hebbt wi uns nich kennt ...«
Clas sei Nieter wie er, erklärte er flüsternd den Eltern. Er stamme
aus Holstein und habe die ersten beiden Kriegsjahre als Reklamierter
auf der Hammonia-Werft gearbeitet. Dann aber sei er »ausgekämmt« und
in Rußland gefangen genommen worden. Sie beide hätten im Bergwerk
gute Kameradschaft gehalten und beschlossen, sich auch in Zukunft
nicht zu trennen. Sie würden ja beide ihre Arbeitsplätze auf der
Werft wiederfinden und dort als Nieter zusammenarbeiten in jener
zwillingshaften Gemeinschaft, die immer zwei Nieter beim Schaffen --
und in der Regel auch im Leben zusammenhält.
Und keiner von ihnen hörte es, daß sich hinter ihnen leise die Tür
geöffnet hatte. Ein Mädchen schob sich in die Stube, auch sie sofort
zur Andacht entrückt. Ihr Wesen, ihre Kleidung wirkten in dieser
Umgebung geradezu vornehm ... Antje sah den Bruder sitzen -- ihr schlug
das Herz in zärtlicher Liebe und doch in jähem Erschrecken zugleich. Er
war immer ein rauher Gesell gewesen, und niemand, der die Geschwister
beisammen gesehen hätte, wäre auf den Gedanken gekommen, sie für
Vögel aus dem gleichen Neste zu halten. Aber nun -- war es möglich,
dieser struppige, abgerissene Steppensohn, das war ihr Bruder?! Doch
die Töne, die von drinnen quollen, von den Tasten, die sie selber
einst mit kindlichen Fingern mißhandelt hatte -- war's nicht noch ein
viel größeres Wunder als des Bruders unheimliche Verwandlung? Aber
ein beglückendes, ein tröstlich zaubervolles ...? Antje versäumte
kein Konzert in der Musikhalle, sie kannte, erkannte sofort die
schmerzlich-süße Weise: den ersten Satz der Mondscheinsonate. Es
entging ihr nicht, wie verstimmt das Instrument war, wie holprig,
übungsentwöhnt und hart das Spiel -- es strömte dennoch von da drinnen
eine Weihe aus, der auch sie, die an edelste Kunstübung gewöhnt, sich
nicht entziehen konnte.
Der Bursch machte sich frei, fuhr auf, stutzte sekundenlang vor der
damenmäßigen Erscheinung der Schwester -- dann glühte in seinem Blick
etwas mühsam Verhohlenes auf, etwas tierisch Wildes:
Der Landungssteg der »Alten Liebe« bei Cuxhaven schwankte wie ein
Schiff auf hohem Meer unterm Anprall der Wellen, welche von der
offenen Nordsee her in die Mündung der Norderelbe hereinbrandeten. Der
Märzsturm zerrte an den Mänteln der beiden Männer, die auf dem Deiche
standen, wirbelte den Schleier des Mädchens in die Lüfte, das an des
älteren Arm hing. Und aller Blicke starrten wie gebannt den breiten
Strom hinauf. Dort tauchte soeben aus den Abenddünsten, noch entfernt,
ein mächtiger Schiffskörper, überragt von den schlanken Strichen
der Lademasten, den klotzigen, dampfspeienden Schächten der drei
Schornsteine. Und wie der Riese nun näher sich heranschob, da erkannten
die Augen der drei Wartenden am Flaggenmaste die schwarz-weiß-rote
Fahne, das heilige Symbol ihres Landes ...
Georg Freimann schwankte wie ein Trunkener, als risse der Sturmwind ihn
hin und her. Die Auflösung seines Innern hatte dem schlanken, ehemals
von Muskeln und Nerven völlig beherrschten Körper des Willensgewaltigen
die letzten Stützen weggeschwemmt. Auch in seine Augen kam kein
feuchter Schimmer. Wie ein gefangener Wiking, dem der Feind vor seinen
Augen die Schiffe verbrennt, so stierte er zu dem majestätischen
Schiffsleib hinüber, der eben jetzt, auf der Höhe der »Alten Liebe«
angelangt, das Zeitmaß seines stolz gelassenen Hingleitens mäßigte.
Ein einziges Mal schluchzte er auf -- kurz und trocken. Da löste sich
das Mädchen, das seines Sohnes heimliche Verlobte war, von ihrem
Vater, dem nicht minder tief gebeugten, und legte ihre Arme um des
Schwiegervaters zuckenden Nacken.
»Mut, Papa -- Mut -- wir bauen alles neu. Jetzt hast du Hilfe -- Heinz
ist da ...«
Wie tief und fest er geschlummert hatte, als die scheue Braut sich
an Mutter Johannas Arm in des Verlobten Zimmer geschlichen hatte, um
sich von ihm zu dem schweren Gange zu verabschieden ... Mochte er
weiterschlummern -- der Genesung, der Zukunft entgegen.
Die Männer wandten mit einem Male die Blicke dem jählings
glutüberronnenen Gesichte des Mädchens in ihrer Mitte zu. Und beiden
schwoll das Herz. Sie schauten die Hoffnung -- die Gewißheit der
Wiedergeburt.
Ilse Carstensen war eine junge Dame der großen Welt ihrer Vaterstadt
wie andere mehr gewesen. Ihre schnippische Dünkelhaftigkeit war nur
selten im rauhen Betriebe der väterlichen Schaffensstätte aufgetaucht.
Dann hatte sie die »Angestellten« wie eine Schar Kulis kaum eben mit
einem flüchtigen Blick gestreift. Als aber der Krieg den Bureaus der
Werft einen tüchtigen Mitarbeiter nach dem andern entzogen hatte, da
hatte sie den Tennisschläger und das Paddelruder mit dem Kohinoor
und der Schreibmaschine vertauscht. In vier Jahren strenger Arbeit
war sie als erste Gehilfin ihres Vaters in den Betrieb der Werft
hineingewachsen ... Und als Bob Timmermanns, vor wenigen Monaten nur um
eines Haares Breite der Wut der meuternden Matrosen Kiels entronnen,
seinen Dienst an Bord des »Friedrich der Große« wieder mit seinem
Platz im Direktionsbureau der Werft vertauscht hatte, da hatte er den
blonden Backfisch von einst als pflichtbewußte, kenntnisreiche und
arbeitsfreudige Mitarbeiterin seines Chefs wiedergefunden, um ihr
täglich nun zu begegnen, täglich mit ihr dienstliche Verhandlungen zu
pflegen.
»Herr Patterson -- Sie kommen aus dem Lande des Präsidenten Wilson.«
Und Elias Patterson kehrte zur Barkasse zurück, mischte sich mit seiner
ganzen dickfelligen Harmlosigkeit unter die Mitglieder der deutschen
Kommission, von denen er sich bereits bei seiner Ankunft auf dem
»Altreichskanzler« hatte versprechen lassen, daß sie ihn nach Hamburg
mit zurücknehmen würden, dieweil die Entente-Kommission an Bord blieb,
um die Fahrt des erbeuteten Schiffes in den Bestimmungshafen zu leiten.
»Danke, Timmermanns --« sagte der alte Carstensen. »Unser Auto wartet.«
Der Reeder sah den Techniker an, als zweifle er an seinem Verstande.
»Passagierdampfer?!« fragte er mit einem seltsamen Beben in der Stimme.
»Die H. T. L. ist bankrott. Mag sie liquidieren wer will -- ich passe.«
»Das Reich wird die Linie zu entschädigen haben. Sie hat in Erfüllung
des Waffenstillstandsvertrages ihre gesamte Flotte +a conto+
Kriegsentschädigung und so weiter an den Feindbund ausgeliefert -- das
Reich ist ihr Schuldner. Sie ist so wenig bankrott -- wie das Reich.«
»So wird man sich die Entschädigung für die Handelsmarine aus der
Futterkrippe herausholen müssen.«
»Na, das wäre ja etwas für Sie, Timmermanns«, warf der alte Carstensen
dazwischen.
»Wenn's sein muß, ich tu mit ...« knirschte der Riese. »Mich würde es
laben, mit den roten Reichsverwüstern ein Wörtchen deutsch zu reden.
Also noch einmal, Herr Präsident, wann haben Sie Zeit für mich und
meinen Dampfer?«
Georg Freimann sah den Schiffsbauer voll Bewunderung an. »Sie sind ein
Kerl, Timmermanns ... Also wenn Sie wollen -- heute abend ... Aber
nicht im Bureau -- speisen Sie mit uns -- Sie, Freund Carstensen,
und du, meine Ilse, ihr seid ja ohnehin heute abend unsere Gäste, um
unseren Heimkehrer zu bewillkommnen ... Also bleiben Sie gleich bei uns
-- im Wagen ist Platz.«
Und schon stapfte er zum Landungssteg hinab. Aber etwas von ihm blieb
zurück: die ungebrochene Kraft eines trotzigen Lebenswillens.
Ein vakanter Nachlaß ... Und morgen würde der Liquidator antreten: der
Konkurrent von drüben ...
Neben dem Union-Jack war auf dem Weltenmeer nur noch für das
Sternenbanner Platz.
Es war niedergeholt -- aber ohne Ehre. Der Feind, der Sieger, hatte es
eingerafft.
Langsam, ganz langsam erhellte sich das schützende Dunkel, das Heinz
Freimanns Bewußtsein umlagert hatte. Es war, wie wenn er vordem durch
das Sehrohr des Tauchboots spähte, derweil das Schiff aus der Tiefe
zum Meeresspiegel zurückstrebte: erst lag vor dem Blick nur ein
tiefes Dunkelgrün -- nun tönte sich's, lichtete sich smaragden auf --
jetzt war's schon ein zartes schimmerndes Hellgrün -- und sieh -- da
entschleierte sich plötzlich die wogende Meeresfläche -- versank noch
einmal wieder, und noch einmal in der Dämmerung des Flutenspiels --
und lag nun klar gebreitet, vom Tagesglast übergleißt, vom Sprühschaum
überstiebt -- bis zum fernen Saum, »der Well' und Wolke trennt ...«
Solch dunkellichtes Wogen war auch in des Seemanns Seele, als die
Hülle des Schlafs von seinen Sinnen sich hob. Der Meeresgrund: die
Vergangenheit -- das unruhvolle Schaukelspiel der Fläche: die Gegenwart
-- die geheimnisvolle Grenzlinie der Ferne: die Zukunft -- über allem
die Gnadensonne: Ilse ...
Aber wie die Flut um das auftauchende Periskop des Sehrohrs immer
wieder zusammengeschlagen war, so trübte sich Heinz Freimanns Gemüt
aufs neue unterm Heranschwellen der Erinnerungen, der Zweifel,
der Beklemmungen. Was wartete seiner? Was seiner Liebe -- seiner
Heimat?! Die rote Flut, die ihm beim ersten Eintritt in die Welt
seiner Abkunft, seiner Bestimmungen ihre schmutzigen Spritzer
entgegengebrodelt hatte -- würde sie nicht höher, immer höher steigen,
unterwühlen, zusammenreißen, hinwegspülen, was noch stand von diesem
unglückseligsten aller Länder?!
Verhetzung? Ein Wort nur, keine Erklärung. Neid der Armen gegen die
Reichen, der Kleinen gegen die Großen? Das mochte zutreffen -- aber
es reichte nicht. Was -- wollten diese Menschen? Was wünschten, was
erträumten sie sich?!
Haß?! Er ist immer nur die Kehrseite einer Liebe. Was -- liebten diese
Menschen?!
Gewiß nicht, was er selbst liebte, der halb unbewußt behaglich, halb
bewußt qualvoll hindämmernde Grübler im gepflegten, ruheatmenden
Junggesellenstübchen. Ihre Arbeit liebten sie nicht. Nun gut, sie war
unsauber, geistlos, eintönig -- aber sie gab ihnen doch Nahrung, und
sie verstanden keine höhere. Ihr Vaterland liebten sie nicht -- oder
wenigstens nicht mehr -- sie hatten die Waffen fortgeworfen vor dem
letzten Kampfe -- der vielleicht hoffnungslos gewesen war, den aber
Pflicht und Mannesehre gefordert hätten. Sie glaubten nicht an Gott,
Heiland, jenseitiges Leben -- liebten weder Engel noch Heilige, nicht
die Schrift noch die Kirche ... Was also liebten sie?! Welch eine
Sehnsucht glühte im Hintergrund ihrer fanatisch flackernden Augen,
ihrer fiebrig entzündeten Seelen?!
Heinz Freimann wußte sich frei von Haß. Auch in der wüsten Horde,
die ihn am Morgen bespien und entehrt -- auch in ihr erkannte er
die Genossen seiner Sprache, seines Blutes. Ein Wahn nur war's, was
sie trennte von ihm und seinesgleichen. Er hatte mit der Mannschaft
immer treue Kameradschaft gehalten im Frieden und im Krieg -- war oft
von seinen Vorgesetzten als allzu weich im Verkehr mit den »Kerls«
getadelt worden -- und hatte doch immer straffe Ordnung und Zucht
aufrecht bewahrt und höchste Leistung erzielt in seinem Befehlsbereich.
Von jedem seiner Rekruten und später seiner U-Bootbesatzung kannte er
Vornamen, Beruf, Herkunft, häusliche Verhältnisse -- und die linkischen
Jungen von der Waterkant wie von der Donau und vom Lech hatten ihm
Liebe mit Liebe vergolten. Und ihm -- ihm mußte solches Willkommen
geschehen ... Das war rätselhaft und grauenvoll -- das wollte studiert,
erkannt, begriffen sein ...
Eine Kluft war aufgerissen, tiefer als all die Abgründe der
Vergangenheit, durch die deutsche Menschheit dieser unseligen Tage.
Heinz Freimann, der unzählige Male in die schwarzgrünen Tiefen der
Nordsee, der Atlantis hinuntergetaucht war -- in diesen Abgrund würde
er hinabtauchen, und wenn drunten Gefahren lauerten, schlimmer und
grausamer als Wasserbomben, Minen, Stahlnetze ...
Aber ... auf solcher Tiefenwanderung durfte man nicht allein sein.
Die seines Lebens Gesellin zu werden entschlossen war: würde sie
ihm Gefolgschaft leisten? Er wußte längst, sie war nicht mehr das
verwöhnte, kastenbewußte Dämchen, mit dem er im letzten Winter
vor dem Kriege getanzt hatte, Schlittschuh gelaufen war ... Eine
Arbeiterin war sie geworden, ein Rad im großen Getriebe der deutschen
Kriegsmaschine. Aber -- Dame war sie geblieben, Tochter aus altem
Hause, dessen Ahnenstolz mit dem des Uradels wetteiferte. Die
vieltausendköpfige Masse, die ihres Vaters Schiffe baute, war sie
mehr als ein gigantisches Maschinengetriebe? Heinz wußte es nicht.
Über den kurzen Urlaubstagen, die dem heimlich verlobten Paar ein
flüchtiges, angstumschauertes Glück beschert hatten -- über diesem
schmerzlich-erschütternden Liebestraum hatte die blutige Gegenwart, die
blutige Zukunft gelastet ... Ihr hatte gegolten, was die kargen Monate
der Zweieinsamkeit noch anderes gebracht hatten als scheue Küsse und
wehmutbeladenen Abschied. Wer war sie eigentlich -- seine Ilse?! Er
konnte nur ahnen -- und hoffen.
Und sieh: da ward ihm schon dieses Geistes ein erstes Zeichen. Neben
dem Stuhl, auf dem der treue Charlie seines jungen Herrn Zivilkleider
sorglich und einladend bereitgehängt, stand auf einem zweiten Stuhl
-- der Geigenkasten mit der Stradivari ... und auf dem Kasten -- ein
Strauß weißen Flieders aus dem Gewächshaus ... Das war der Mutter, der
Braut Gruß an den Erwachenden ...
Bei den ersten Klängen schon öffnete sich die Tür ... Frau Johanna trat
auf Zehenspitzen ein, auf dem mädchenhaften Gesicht ein strahlendes
Mutterlächeln. Sie winkte dem Sohne weiterzuspielen -- setzte sich
still in einen Lehnstuhl und lauschte, einen Himmel von Dank in Herz
und Auge.
Ja -- das war noch da -- das lebte -- das hatten sie uns nicht nehmen
können, konnten es nicht ...
Das war geboren worden, noch ehe es ein Reich, eine Kaiserkrone, eine
Flotte gegeben hatte -- das würde bleiben, wenn all der herrische Prunk
zerstoben, der stolze Traum verweht war ...
Die Weise verklang. Und nun erhob sich Frau Johanna -- schwebte heran
wie der gute Geist ihres Hauses, ihrer Welt -- und zog des Sohnes
zerquältes, zerschundenes Haupt an ihre Brust.
»Sie sind alle zur ›Alten Liebe‹ -- der Vater, Papa Carstensen, deine
Ilse ... Aber nun müssen sie bald wiederkommen -- und dann werden wir
glücklich sein ...«
»Glücklich?!« Und mit einem Male war alles wieder da: der
Zusammenbruch, die Schande, die johlende Menge, das zerbrochene,
zerrissene Vaterland, der klaffende Abgrund, aus dem die rote Flut
emporschwoll. »Glücklich, Mutter?! Nein -- das ist vorbei ...«
»Still -- still, mein Junge ... wir sind beisammengeblieben -- ist das
nicht Glückes genug?!«
* * * * *
Wie auf Vereinbarung standen sie auf und gingen mit böotischer
Rücksichtslosigkeit zur Tür, die in des Hausherrn heimisches
Arbeitsgemach führte -- zur Geburtsstätte all seiner gewaltigen Pläne,
seiner ehrgeizigen Unternehmungen. Hier leuchteten inmitten gepreßter
Ledertapeten sonnübergleißte Seestücke von Hans Bohrdt -- darunter ein
»Porträt« des »Altreichskanzlers«, der stolz in morgenglanzüberhauchte
Wogen hinausstürmt ...
Das Ergebnis aller dieser Erwägungen sei der Entwurf zu jenem neuen
Schiffstyp, dessen Wesen der Oberleiter der Konstruktionsbureaus der
Werft alsbald im einzelnen erläutern werde. Es sei selbstverständlich,
daß die Hammonia-Werft diesen Entwurf der H. T. L. zur Verfügung
stelle. Das entspreche der örtlichen Nachbarschaft wie der
jahrzehntealten engen Freundschaftsverbindung der Werft und der
Linie. Es entspreche aber vor allem der Lage der H. T. L. Sie sei
es gewesen, die vor dem Kriege in Verbindung mit der Hammonia-Werft
durch ihre beispiellosen, auch heute noch nicht überbotenen Leistungen
auf dem Gebiete der Hochsee-Passagierfahrt den schärfsten Neid der
internationalen Konkurrenz hervorgerufen habe und darum von der
Rachgier der Sieger am gründlichsten ausgeplündert worden sei. Aber die
Person ihres verehrten Leiters bürge dafür, daß es ihr Bestreben sein
werde, ihren alten Platz auf dem Weltmeer nach Kräften zurückzuerobern.
»Meinen Sohn ...« Georg Freimanns Stirn verfinsterte sich. »Er hat
sich im Felde glänzend bewährt. Das erweckt Hoffnungen, die mich
seiner Befreiung mit einem Rest von Glauben an meine eigene Zukunft
entgegensehen lassen. Aber -- -- wir halten Rat -- er musiziert.«
Georg Freimanns Züge blieben finster und eisig, als er sich erhob, um
seinen Sohn zu holen. Aber schon war Bob Timmermanns aufgesprungen:
Da war er auch schon an der Tür. Grimmiger noch als der Vater des
Musikanten da drinnen hatte der Ingenieur den Kontrast zwischen dem
Ernst der Stunde und dem Larifari von nebenan empfunden. Grimmiger
-- und doch mit einer wilden Genugtuung. So was freite um eine Ilse
Carstensen! Das mußte doch mit dem Teufel zugehen, wenn man den da
nicht aus dem Felde schlagen sollte ...
»Ich gehe mit,« sagte das Mädchen gefaßt -- auch sie war durch vier
Jahre Dienst an Manneswerken zur Beherrschung und Anpassung erzogen.
Und nur Frau Johanna blieb zurück -- einsam, verstört, von wirren
Ahnungen und Ängsten bedrängt.
Das zweite grundlegende Kennzeichen des neuen Typs sei dies: Die
Stickluft und der Schmutz des ehemaligen »Zwischendecks« würden in
Zukunft der Fabel angehören: auch für die Passagiere der dritten und
zweiten Klasse sei ein früher nie geahntes Höchstmaß von Sauberkeit,
Komfort und vor allem Raum zur Bewegung und zum Atmen vorgesehen. Der
neue Dampfer verwirkliche das amerikanische Ideal des »+democratic
ship+« ...
Das waren die Leitgedanken des ausführlichen Vortrages, durch den der
Konstrukteur an der Hand seiner Zeichnungen die gespannt lauschenden
Hörer in die Eigenart des neuen Schiffswesens einführte. Er schloß
mit dem Wunsche, daß die Verwirklichung dieses Plans das alte
Bündnis zwischen Hansa-Transatlantik-Linie und Hammonia-Werft aufs
neue verketten, es einer kommenden Blüte, einem Wiederaufleben der
deutschen Seegeltung entgegenführen und damit zum Wiederaufbau des
daniedergeworfenen deutschen Heldenvolkes beitragen möge.
Ein tiefes Schweigen entstand, als der Ingenieur geendet. Aller Augen
hingen an Georg Freimann.
»Pöbel!« knurrte Timmermanns. »So ist das Volk -- bei uns -- und
übrigens in aller Welt. In Dock nehmen -- gründlich überholen -- das
Verrostete in den Schrott -- neue Teile einsetzen! Frisch lackieren --
und das Schiff wird wieder flott!«
»Nein, nein!« sagte der Offizier. »Dies Volk ist krank -- ist morsch
bis in den Kern. Was hilft's, wenn ihr ihm eine neue Flotte schafft?
Es muß von innen aufgebaut werden -- ganz neu. Es ist ein Haufen
Menschen gleichen Blutes, gleicher Sprache -- keine Nation. Was helfen
uns Schiffe, Hochseedampfer? Neue Menschen brauchen wir, Millionen
erneuter, wiedergeborener deutscher Menschen. Sie fassen den Gedanken
des Wiederaufbaus viel, viel zu äußerlich an, Herr Timmermanns, wenn
Sie glauben, mit Schlingertanks und Rauchsalons für die Zwischendecker
Deutschland erneuern zu können. Vielleicht auch das gehört dazu --
aber nicht einmal das werden Sie zustande bringen, solange Sie das Volk
nicht verstehen -- nicht kennen -- und darum nicht führen können -- die
Sehnsucht seiner Herzen nicht stillen.«
»Herrgott noch mal!« knirschte der Ingenieur, »sind wir hier in einer
Volksversammlung -- oder wollen wir arbeiten, wie wir's gelernt
haben?!«
Der alte Carstensen legte halb beruhigend, halb verweisend die Hand auf
die geballte Faust seines ersten Mitarbeiters. »Heinz Freimann,« sagte
er mit tiefem Ernst, »ich habe dir die Hand meiner einzigen Tochter
anvertraut. Ich bin ein Schiffsbauer -- ein Tatsachenmensch. Dein Vater
braucht einen Mitarbeiter -- und hat nur dich. Ist es möglich, daß eine
Aufgabe von solcher Größe dir zuwächst -- und du stellst dich nicht an
deines Vaters Seite -- und kämpfst, solange du einen Atemzug in der
Brust hast?!«
»Ich habe meinen Beruf verloren,« sagte Heinz beklommen, »zu einem
andern fehlen mir die Vorkenntnisse. Es ist selbstverständlich, daß ich
bereit bin, einen Kontorsessel im Betriebe meines Vaters einzunehmen,
wenn er glaubt, daß ich dort nützen kann. Aber ich müßte lügen, wenn
ich mir den Anschein geben wollte, als glaubte ich, meinem Vater jemals
werden zu können, was Sie, Herr Timmermanns, Ihrem Herrn Chef geworden
sind. Ich werde zunächst nichts als ein Lehrling sein.«
»Von einem Anfänger«, sagte der Vater scharf, »erwartet man keine
Meisterschaft. Aber das Werk des Vaters kann und muß von dem Sohne, der
sich ihm einordnet, das eine mindestens verlangen: Glauben.«
»Glauben, Vater? Ich möchte, ich könnte sagen: Ich habe ihn ...
Noch überseh' ich die Gründe des deutschen Versagens entfernt nicht
ganz. Aber soviel glaube ich zu wissen: mit dem bloßen Wiederbeginn
des alten Getriebes, an dessen Ende diese schreckliche Katastrophe
gestanden hat -- damit ist es nicht getan. Die Masse, ohne die Sie
nichts schaffen können -- die haßt Sie, haßt ihre Führer mit einem
zähnefletschenden, zerstörungswütigen Haß. Er war schon vor dem
Kriege da -- er ist sich im Drang und Zwang des Krieges seiner bewußt
geworden -- eine verabscheuungswürdige Verhetzung hat ihn zu wahrer
Höllenglut emporgeschürt -- die kommende Not wird ihn zu noch weit
gräßlicherem Ausbruch verschärfen als den, den wir bereits erlebt
haben. Darum habe ich nicht die Zuversicht, daß Ihre Arbeit, so
angefaßt, als sei gewissermaßen gar nichts Besonderes vorgefallen --
eine ärgerliche Unterbrechung, nicht etwa ein Umsturz aller Grundlagen
unseres nationalen, unseres menschlichen Daseins -- daß eine einfache
Wiederaufnahme der unterbrochenen Tätigkeit unserm Volke Gesundung und
Erstarkung bringen kann. Das alles müßte ganz anders angefangen werden
-- nicht neue Schiffstypen -- neue Menschentypen tun uns not.«
Heinz hatte Ilses Auge gesucht und -- nicht gefunden. Es blieb auch
abgewandt, als der Verlobte sich beim Abschied über die schlanker, aber
straffer gewordene Hand der Geliebten beugte.
»Ilse --!«
»Du bist müd', Heinz -- das will ich als Erklärung nehmen«, sagte das
Mädchen. Ein herber Zug lag auch um ihre Lippen -- der gemeinsame Zug
dieses ganzen Geschlechtes von Tat- und Pflichtmenschen -- den Erben
der Wikinger und Hansen. Sie löste mit raschem Zug ihre Hand aus
Heinzens umklammernder Rechten, schritt ins Nebenzimmer, umarmte Mutter
Johanna und flüsterte ihr zu:
»Gib acht auf Papa, Muttchen -- ich hab' Angst um ihn ...«
Als Heinz sich mit einem zärtlich beklommenen Kuß von der Mutter
verabschiedet hatte, schlich Frau Johanna sich zu des Gatten
Arbeitszimmer. Vor der leise angelehnten Tür hemmte sie den Schritt
-- überwältigt und wie gewürgt von einer jäh aufsteigenden Angst. Da
drinnen saß ein Einsamer -- und der war ihr Lebensgefährte ... sie
hätte seine Kameradin sein müssen ... War sie's gewesen? Hatte sie
ihm seinen einzigen Sohn zu dem erzogen, was er brauchte -- seinem
Gehilfen, seinem Nachfolger, dem Erben seines Lebenswerks?!
Und plötzlich riß vor ihrer Seele ein Schleier, hinter dem
sie geträumt, gelitten, sich in Entsagung und heimlichem
Überlegenheitsgefühl verborgen Jahrzehnte hindurch, und eine Stimme aus
innersten Tiefen sprach: Schuldig -- du bist schuldig!
Daß ihr Sohn, ihr Liebling, der junge Held ihres Herzens so heimkehrte
-- so fremd seinem Vater, so fremd der Aufgabe, zu der er geboren und
berufen war -- -- das war seiner Mutter, das war ihre Schuld ...
Daß der da drinnen einsam war -- einsam in dieser Zeit, die den
Zusammenbruch seines stolzen Traumes, seiner gewaltigen Lebenssiege
über sein aufrechtes Haupt beschworen -- das war ihre, das war der
Gattin Schuld ...
Und schon hatte Johanna die Arme um des Gatten Nacken geworfen.
»Verzeih mir, Georg ...« stammelte sie. »Du erstickst in Sorgen, und
ich, ich hab' dich nicht getröstet. Und nun das mit Heinz ... Verzeih,
verzeih ... Du willst fort, o Gott ... Tu's nicht, Georg, tu's nicht
... Komm -- wollen alles zusammen tragen -- alles zusammen ...«
»Na, ich weiß ja, daß ich bei dir keine Gegenliebe finde, teures
Bruderherz«, schnarrte Armin. »Ich warte mit Genugtuung auf den Tag,
wo deine Rotgardisten da unten auch dir den Schädel verkeilen, wie vor
vier Monaten deinen Direktoren. Das sollst du wissen, daß du dann bloß
auf den Knopp zu drücken brauchst, und auch hier in Hamburg stehen
ein paar hundert Kameraden bereit, um dich herauszuhauen und das rote
Gesindel mit Maschinengewehren zusammenzuschießen!«
»Mir wär's lieber, du setztest dich auf die Hosen und tätest was ...«
brummte Bob und warf seine Mappe auf den Tisch. »Steck' da mal die
Nase 'rein, wenn du nicht zu faul dazu bist ... das ist besser als
eure Komplotte gegen die Republik -- die übrigens auch von mir aus der
Teufel holen kann.«
Aus der Hülle entschälte sich -- ein vom Kriege stark mitgenommener
Karabiner ...
»So -- und da ist auch Futter«, grinste Armin und ließ aus seinen
vollgestopften Rock- und Hosentaschen ein Dutzend Ladestreifen mit
+S+-Patronen auf den Tisch klappern. »Jeder Schuß für Spartakus!«
»Schnurrig, was für Rezepte die Leute nicht alle bereit haben,
um Deutschland gesund zu machen!« zürnte Bob. »Dieser einstige
+U+-Bootwüterich will neue deutsche Menschen erziehen, und du
willst die alten niederknallen!«
Bob erzählte von Heinz Freimanns Empfang in der Heimat und seiner
Skepsis für Deutschland. Da horchte Armin auf. Er witterte einen
Gesinnungsgenossen und beschloß, den Kapitänleutnant gleich morgen früh
aufzusuchen.
»Ach so -- bezahlen muß ich den also doch ... hab's mir gleich gedacht.
Wieviel brauchst du mal wieder?«
»Ich arbeite«, sagte Bob verächtlich. »Mir tut keiner was. Der jüngste
und frechste Lümmel auf der Werft weiß, daß keiner halb soviel
schuftet wie ich ... davor hat die Bande schließlich doch Respekt ...
Und nötigenfalls sind ja die zwei Fäuste da auch noch vorhanden ...
Schießprügel ist was für Schlappstiefel und Angsthasen ...«
Bald streckten die Brüder sich zum Schlummer -- der Ingenieur in seinem
Bett, der heimatlose Söldner auf dem knackenden Sofa.
Ilse Carstensen! träumte Bob im Entschlummern. Wer ist deiner mehr wert
-- dieser schnurrige Träumer, der mit dir fiedelt -- oder ich, der ich
mit dir und für dich arbeite und schaffe?!
Das Mädchen stutzte, als der stämmige Gesell ihr plötzlich den Weg
verlegte. Das freundliche Lächeln, mit dem sie den alten Türhüter
begrüßt, war wie weggefroren: Ilse Carstensen war auf einmal unnahbare
Patrizierin.
»Sie wünschen?«
»Dunnerslag!« griente Tedje, und wie eine heiße Welle stieg die
Mannesgier in seine Augen, »an wat vör'n Pult geheurst du denn, mien
Lütten?! Ick bruk 'n Schatz, mien seuten Engel, du wörst mi grod recht!
Dei smuddligen Bolschewistendeerns in Rußland, dat weur doch nich dat
Richtige op de Duer ...«
»Du --?!« gurgelte es bedrohlich aus des Bärtigen Kehle, »man nich so
grotsnutig, lüttje Tippdeern ... Wat mien' Kam'roden in Rußland sünd,
dei hebben sich dei Zorentöchter langt ... büst vör mi grod god genog,
du smucke Vagel, du!«
»Büst du besapen, Minsch?! Dat 's dei Dochter von unsen Herrn Chef!«
»Lot man, Jungs ... in Wiewersoken soll eener eenen nich rinschnacken!«
Und er griff nach des Mädchens Armen, die in mühsam verhohlenem Schreck
erstarrten.
Aber schon flog er mit einem Ruck beiseite, taumelte gegen den
Sandsteinsockel des Bureauhauses, daß ihm Schädel und Rippen knackten.
»Respekt, du Lümmel!«
»Na, denn nich ...!« lachte der Ingenieur. »Entschuldigen Sie, gnädiges
Fräulein --«
»Gnädiges Fräulein!« äffte Tedje nach. »Gnädiges Fräulein gift dat nich
mehr ... Mien Kam'roden in Rußland --«
»-- haben sich die Zarentöchter gelangt, das wissen wir all«, sagte der
Ingenieur. »Lang' du di ok welk, wenn du jem find'st, mien Jung -- öber
wenn du di noch mol ünnersteihst un vergittet den nödigen Respekt vor
dien'n Chef sien Fräulein Dochter, denn sleiht Bob Timmermanns di dien
Knoken tau Mus, versteihst mi?!«
Ilse lachte.
»Er hat's nicht bös gemeint, Timmermanns ... Tedje Tietgens -- hör' ich
-- der Sohn unseres braven Kranführers auf Helgen eins bis fünf? Und
aus der Gefangenschaft zurück? Das freut mich zu hören. Seien Sie auch
mir willkommen -- ein andermal vertragen wir uns besser, nicht? Was
macht Fräulein Antje, Ihre Schwester, drüben bei der Linie? Grüßen Sie
sie recht schön von mir ...«
Wie betäubt stand Tedje Tietgens. Hatte sie ihm wirklich zugelächelt --
die Feine, die Aristokratin -- die ... verdammt -- die Schöne --?
Eine Wut war in Tedje Tietgens' wuchtigem Körper ... eine Wut, wie er
sie noch nie im Leben gespürt ... Warum durfte dieser Bob Timmermanns
mit ihr gehen -- ein Arbeitersohn wie er selber?! Und wie sie den
angelacht hatte, ganz auf gleich und gleich ... Und ihn, den starken
Tedje -- den hatte sie doch nur eben so von oben her angelächelt.
»Nich, nich, Tedje!« murmelte Clas Mönkebüll und umfaßte des Genossen
zuckende Schultern. »Nix vör uns.«
Mit einem Ruck warf er den schweren Körper herum, schob sich an dem
verblüfften Portier vorbei -- und wandte der Werft den Rücken.
»Wat's denn los mit di, Tedje?! Wullst du nich di anmelden tau'r
Arbeit?«
Um dieselbe Stunde, als Vater und Sohn sich anschickten, die gemeinsame
Arbeit aufzunehmen, betrat Elias Patterson das imposante H. T.
L.-Gebäude.
Bauen können sie, die Deutschen ... oder konnten's ... vorher.
Kein Zweifel: eine Konkursmasse vor der Liquidation -- wie dies ganze
zertrümmerte Deutschland ...
Lloyd George hatte recht behalten. Den +knock out+ hatten sie weg,
diese zähen Burschen.
»-- Also hören Sie, Freimann! Der Krieg ist zu Ende. Ich dächte, Sie
und ich, wir ständen mindestens auf gleicher Stufe wie die Preisboxer
-- die reichen sich auch die Hände, wenn's vorbei ist. Der Blödsinn hat
ausgetobt, die Vernunft kommt wieder ans Regiment. Wollen wir wieder
die Alten sein miteinander?!«
Heinz Freimann schrak leise zusammen. Er fühlte, daß der Vater ihn auf
die Probe stellen wollte -- daß eine Entscheidung über mehr noch als
über das Schicksal der Liquidationsmasse der H. T. L. von ihm verlangt
wurde.
Oh -- wer jetzt den Glauben hätte -- diesen kindlichen, phrasenseligen
Glauben jenes Timmermanns -- der als Techniker ein Genie des Verstandes
und Wissens war -- und als Mensch ein so engstirniger Vergewaltiger
seiner Mitmenschen ... Heinz Freimann glaubte sein Vaterland zu
sehen, wie es war, in seiner inneren Zersetzung, seinem Kampf aller
gegen alle, seiner hoffnungslosen Todesmattigkeit. War es nicht am
besten, den Traum vom meerbeherrschenden, weltumspannenden Deutschland
zu begraben -- und zunächst einmal ganz von vorne anzufangen, den
deutschen Menschen aufzubauen?!
Georg Freimanns Brauen senkten sich, bis sie die Augen fast verhüllten.
Tonlos, doch mit geheimer Schärfe, klang seine Antwort:
Der Reeder erhob sich. Aus seinen Augen sprühte wieder der alte
Hansegeist.
»+Well+, Herr Freimann, ich sehe, Sie geben das Spiel noch
nicht verloren. Sie sind kein Phantast, kein pangermanistischer
Querkopf, ich weiß es. Was Sie anfassen, muß Hand und Fuß haben. Ich
werde zurückfahren über den großen Teich -- und abwarten. Entweder
Sie erleben eine zweite und letzte große Enttäuschung mit Ihrem
Vaterlande -- dann komme ich immer noch zeitig genug, um aus der
großen Liquidationsmasse zu erwerben, was mein Konzern brauchen
kann. Oder aber: Sie bringen's tatsächlich fertig, Ihre Linie, Ihre
stolze Schöpfung, über diese ungeheuerliche Krisis hinüberzuretten
-- dann kann ich Ihnen vielleicht in -- na, sagen wir in einigen
Monaten -- einen anderen Vorschlag machen -- einen Vorschlag, der
Ihrem Instinkt als Führer der Schiffahrt Ihres Landes zusagen wird
-- ohne Ihr Ehrgefühl als Deutscher und als Schöpfer der H. T. L. zu
kränken. Inzwischen -- +good bye+, Mister Freimann -- +good bye,
captain+!«
Den Sohn würdigte Georg Freimann keines Wortes mehr. Da verließ Heinz
wortlos das Arbeitsgemach -- mit einem Gefühl der Heimatlosigkeit, das
ihn aushöhlte. Im Vorzimmer schritt er zum Fenster und starrte dumpf
sinnend hinaus auf das enge Geviert der Binnenalster. Es lag verlassen
... dumpf hinträumend wie diese ganze kriegserstarrte Stadt.
Die Sekretärin hatte beim Eintreten des Sohnes ihres Chefs die
rastlosen Hände von den Tasten der Schreibmaschine sinken lassen. Einen
Augenblick sah sie verständnislos zu dem jungen Herrn hinüber -- ohne
eine Ahnung, was dessen offenbar tiefe Erregung bedeuten könne. Dann
nahm sie gelassen die Arbeit wieder auf.
Beim Klappern der Maschine kam es Heinz zum Bewußtsein, daß er nicht
allein war. Er warf einen flüchtigen Blick zu dem jungen Mädchen
hinüber -- halb unbewußt nahm sein verwüstetes Gehirn den Eindruck von
etwas Geruhigem, Starkem, einfach Klarem auf. Aber von neuem verloren
sich seine Gedanken in die Wirrnisse seines Schicksals. Was nun?!
Diesem verpesteten, versinkenden Lande, diesem von der Weltgeschichte
selbst zum Untergange bestimmten Volke den Rücken kehren?! Aber wohin?
und wozu? Und Ilse --? Wo war ein Halt, ein Sinn, ein Ziel?!
Von den drei Fenstern des Vorzimmers führte eines auf eine Seitengasse
hinaus. Da drunten wurde jetzt Lärm. Gelassen stand die Sekretärin
auf und schaute hinaus. Aha -- wieder mal ein Pütschchen ... Diesmal
galt's dem Postamt gegenüber. Der Pöbel hatte entdeckt, daß dort noch
wie durch ein Wunder die Buchstaben »Kaiserliches« stehengeblieben
waren, da, auf dem Amtsschild, prangte noch der gekrönte Reichsadler.
Meinetwegen weg damit -- nur, daß in der Regel dabei auch die
Tageskasse und die Markenvorräte mit verschwanden ... Antje hatte ein
blutrotes Herz. Aber Illusionen machte sie sich nicht. Die Sorte von
Genossen, die mit solchen Kindereien die Republik befestigte, die
kannte sie.
»Hübsches Bild, wie?« sagte der Offizier. »Nein, diesem Volk ist wohl
nicht mehr zu helfen. Es will seinen Untergang. Sehen Sie bloß diesen
Lumpenkerl von einem Soldaten ... gewiß hat er sich drei, vier Jahre
lang für Kaiser und Reich geschlagen -- nun reißt er mit eigenen Händen
das Symbol seines Vaterlandes herunter, um es im Wetteifer mit unseren
Feinden in den Kot zu zerren!«
»Ihr -- verzeihen Sie, das konnte ich nicht ahnen. Sind denn Sie --«
»-- ein Kind des Volkes? Ja«, sagte Antje, nun voll jäher Glut in
Antlitz und Stimme. »Sie meinen, ihm ist nicht zu helfen? So wie Sie
und ... Ihre Klasse es angefangen hat -- so freilich nicht.«
Eine Revolutionärin, die wie eine Bürgerin aussieht, dachte Heinz
Freimann. Vielleicht dämmert hier ein Lichtstrahl ...
»So ziemlich alles«, sagte das Mädchen. »Ihr gebt uns harte, freudlose
Arbeit und so viel zum Leben, daß wir imstande bleiben, sie zu leisten.
Schönheit -- Seele --! Sehen Sie den da -- ein schöner, starker Bursch,
tüchtig zum Leben und Schaffen -- und hat seit seinem vierzehnten Jahre
nichts gelernt und nichts tun dürfen als täglich jede Minute zwei
Nieten hämmern! Da ist er an das einzige gekommen, was ihm an Schmuck
des Lebens erreichbar war: an den Schnaps und an die Frauenzimmer!«
»Also, Sie meinen,« sagte Heinz, »der Arbeiter habe das Recht, gegen
seine Landsleute, gegen sein Vaterland anzuwüten, weil seine Arbeit
schmutzig und eintönig ist? Aber ist denn diese Arbeit etwa unnötig?
Muß sie nicht getan werden? Und hat, wer sie tun muß -- tun, weil er
nichts anderes gelernt hat -- hat der darum das Recht, sich dem Suff
und den Weibern zu verschreiben? Er mag sich emporarbeiten -- unzählige
seinesgleichen haben's vermocht -- sie waren Proletarier, sie wurden
Bürger ... wir brauchen gar nicht weit zu suchen, um einen Mann des
Aufstiegs zu finden.«
»Aber dazu muß man stark sein, sehr stark, furchtbar stark«, sagte
das Mädchen. »Das war mein Bruder nicht -- so wenig wie die Tausende
von uns, die ewig drunten bleiben müssen -- in der trostlosen Tiefe.
Dann hat er in den Krieg gemußt -- für das Vaterland, das ihm nicht
mehr bedeutete als seine harte Arbeit, seine ärmliche Wohnung, seine
jämmerlichen Freuden ... dafür ist er zweimal verwundet worden -- hat
er zwei Jahre in den kaukasischen Bergwerken arbeiten müssen! Wundern
Sie sich, daß er den Reichsadler zertrampelt, der ihm das Herz aus dem
Leibe gefressen hat?!«
»Vielleicht haben Sie recht, Fräulein«, sagte er aus tiefem Sinnen, wie
abschließend. »Ich -- will darüber nachdenken.«
»1813 hat es sieben Jahre gedauert von Tilsit bis Leipzig«, sagte der
Leutnant. »Wir werden es in der Hälfte der Zeit schaffen.« Es gelte
vor allen Dingen im Innern reinen Tisch machen -- die Herrschaft des
Gesindels müsse gebrochen werden ... Die Novemberverbrecher weggeräumt
-- sie und ihre geheimen Mitschuldigen von der hohen Finanz, der
Presse, der Politik -- damit Raum für den Retter werde.
»Sie sind fehl am Ort, Herr Leutnant«, sagte Heinz Freimann gelassen.
»Ich war selber Défaitist -- und heute bin ich im Begriff, etwas zu
werden, was in Ihren Augen vielleicht noch schlimmer ist --«
»Ist auch nicht nötig«, lächelte der Seemann, erhob sich und machte
eine verabschiedende Verneigung.
Zwar Mutter Johanna umgab ihn mit all ihrer rührenden Güte und bis ins
kleinste sich erstreckenden Sorgsamkeit. Aber innerlich das fühlte
er, hatte auch sie sich von ihm abgewandt. Der Wunsch, an ihrem
Manne gutzumachen, was sie in Jahren der Verständnislosigkeit an ihm
gefehlt zu haben überzeugt war, drängte jedes andere Gefühl, auch
ihr mütterliches, in die zweite Linie. Heinz solle sich mit seinem
Vater aussöhnen, den Platz an seiner Seite einnehmen, ein gehorsamer
Mithelfer seiner Pläne werden -- das sei Sohnespflicht -- nicht mehr
und nicht weniger.
Ach -- und auch Ilse verstand ihn nicht. Bob Timmermanns -- das war ihr
drittes Wort. Bob Timmermanns hat heute gesagt -- Bob Timmermanns würde
in diesem Falle sagen -- --
»Es ist mir gleichgültig, Ilse, was dieser Herr denkt und tut, sagt
oder sagen würde ... Ich muß meinen Weg gehen.«
»Wenn ich das selber wüßte! Nur das eine ist mir klar: Etwas ganz Neues
muß werden -- neue Erkenntnisse, neue Gedanken, neue Gefühle -- neue
Ideale mit einem Wort ...«
»Ich glaube,« sagte Ilse, »das ist etwas sehr Altes und Einfaches, was
uns not tut. Wir müssen arbeiten. Jeder an seinem Platze --«
Sie hatte verglichen -- und der Vergleich war gegen ihn ausgefallen ...
Aber unwillkürlich verglich auch er. Arbeit -- das war das Zauberwort,
das die Welt, aus der er erwachsen war, ihm täglich in die Seele
schmetterte. Dieser Stahlklang übertönte mehr und mehr die zarten
Weisen, mit denen sein Elternhaus, mit denen wenigstens Mutter und
Braut ihn empfangen hatten. Seit an jenem Heimkehrfeste der knarrende
Baß dieses Herrn Timmermanns die tröstende Kantilene Beethovens
zerrissen hatte, waren weder Mutter noch Ilse ans Klavier zu bringen.
Es war, als schämten die Frauen sich, in dieser finsteren Zeit etwas
anderes zu tun, als mit zusammengebissenen Zähnen dem »Wiederaufbau« zu
dienen ...
Seltsam: die Menschen hier oben, die fieberten nach Arbeit -- und eine
aus der Tiefe, die erhob Anklage wider die im Lichte Wandelnden -- die
forderte alle jene hohen Güter, die hier droben zu Hause waren -- und
für ihre Eigner plötzlich den Kurs verloren zu haben schienen ...
Und Heinz war heimatlos geworden -- in jener der beiden Welten, aus der
sein Leben stammte. Und die da drüben? Die andere, die nahe und doch
völlig, völlig unbekannte, unerforschte, unerlebte Welt?! Die Welt, die
sich nun anschickte, die Welt seines Ursprungs zu zertrümmern?!
Hier war ein Problem, eine Frage, eine Dunkelheit, ein Rätsel -- --
vielleicht eine Aufgabe -- eine Mission ...
Ein Plan klärte sich schließlich aus dem Gebrodel empor -- ein
Plan, den vor ihm schon, er wußte es, andere Tieferstrebende seiner
Lebensschicht gefaßt und ausgeführt hatten -- der aber für den Sohn des
Schöpfers der H. T. L. etwas Ungeheuerliches, etwas Grundstürzendes
bedeutete. Wie -- wenn er aus dem Kreise, der ihn ohnehin täglich
frostiger ausschied -- wenn er aus ihm freiwillig und unbemerkt ...
verschwände?! um hineinzutauchen, unterzusinken, für eine Weile
mindestens, in jener andern, unteren, unermeßlich bevölkerten,
scheinbar ungegliederten -- -- Unterwelt?!
Wer wird ihn vermissen -- sich um ihn bangen -- nach ihm forschen, ihn
zurücksehnen?!
Ach -- fast blieb nur noch die Mutter -- und auch die mehr aus
Mutterinstinkt als aus Mutterglauben ... Hatte sie nicht ein ganz neues
Leben begonnen? ein Leben, in dessen Mittelpunkte plötzlich nicht mehr
der Sohn, die Häuslichkeit, die Bücher, die Kunst standen -- sondern
der Gatte, die Linie, die Schiffahrt?!
Und Ilse?! Noch gab es Stunden zwischen den Verlobten, in denen sie mit
schmerzlicher Sehnsucht eins das andere suchten ... Aber eine Kluft
des Empfindens hatte sich zwischen ihnen aufgetan, die mit Küssen,
Tränen, Umarmungen nicht mehr zu überbrücken war ... Der Moloch Arbeit,
der diese Menschen in Fesseln geschlagen hatte, glotzte in jede bange
Suchensstunde hinein und trennte das junge Weib, das diesem Dämon
verfallen war, von dem jungen Manne, der nach dem unbekannten Gotte
bangte ...
Der Vater? Der Schwiegervater? Für beide war er Luft -- ein Abtrünniger
-- ein fast Wahnsinniger. Er brachte es fertig, in dieser Zeit ein
tatenloses Grüblerdasein hinzuschleppen. Er war entartet -- gebrochen
-- »mit den Nerven zusammengebrochen« -- im günstigsten Fall ein
Kranker, dessen Heilung man abwarten mußte. Aber diese harten Männer
des Schaffens, des Bauens hatten nicht die Geduld, den Krankenwärter
zu spielen. Er mochte mit sich selber fertig werden -- oder man mußte
ihn fallen lassen. Es gab viele solcher dekadenten Sprößlinge in allzu
rasch aufgestiegenen Familien -- die ließ man laufen, und wenn sie's
gar zu toll trieben, ließ man sie entmündigen ... Wer sich nicht selber
zu helfen wußte, den mochte der Teufel holen.
* * * * *
»Und warum haben Sie ihn nicht mitgebracht?« fragte Johanna. »Heut
abend gehört er doch eigentlich dazu!«
»Das ist wahr!« brach Ilse aus. »Toll von uns, nicht, Vater? Aber das
läßt sich nachholen! Er ist ja Abend für Abend zu Haus und rechnet
über seinen Laderaumtabellen. Ich ruf' ihn an -- ohne Bob Timmermanns
geht's nicht!«
Den Plan der Trennung hatte sein Hirn schon längst gewälzt und in
dunklen Stunden in Form gebracht. Versinken -- verschwinden aus dem
Bezirk des Glanzes und Besitzes, in dem er geboren war -- untertauchen
in der fremden, der zweiten, der unbekannten Welt ... Vielleicht war
hier das Deutschland seiner Träume zu finden ... Und auch den Weg hatte
er längst übersonnen.
Eine Sekunde lang wurde ihm bang und bitter zum Umsinken. Ilse -- --
ich habe dich geliebt -- geliebt als das Lichte und Klare in einem
dunklen, verworrenen Leben ...
Du aber suchst selber das Klare, das Einfach-Starke ... und hast's
gefunden. Bei einem anderen gefunden -- -- vorbei --
Ein Abschiedsblick auf die Umwelt seiner Jugend -- es war keine Wehmut
drin. Die Vergangenheit fiel von ihm ab wie eine Schlangenhaut --
abgestorben, schmerzlos.
Und er fand in den Tiefen eines Schrankes das immerhin noch recht
kostbare Instrument, auf dem er einst die Anfangsgründe geübt hatte.
Nun noch eine letzte Vorsicht, die jedes Mißverständnis ausschließen,
seine Lieben vor unnützen Ängsten bewahren sollte. Ein paar Zeilen in
Hast auf ein abgerissenes Notizblatt gekritzelt:
»Lebt wohl, ihr Lieben, für eine Zeit des Suchens. Sorgt euch nicht um
mich, ich komme wieder. Um eines nur bitte ich, forscht mir nicht nach,
das würde mich nur in weitere Ferne verscheuchen.«
Sein Zimmer führte auf den großen Altan an der Hinterfront der Villa,
auf den Park und die Alsterseite. Er trat hinaus -- es goß in Strömen.
Schadet nichts. Ein Seemann ist wetterfest. Gewandter Klimmer, der
er war, schwang er sich mühelos, den Geigenkasten unterm Arm, übers
Geländer und abwärts in die regennassen Bosketts. Ein triefender
Nebelschwaden hing über dem nächtlichen Bilde seiner versinkenden
Heimatwelt. Fahl schimmerte die regungslose Fläche der träumenden
Alster -- nur wenige Lichter durchblinzelten wie tränentrübe Augen von
der fernen Uhlenhorst herüber das Gedünst ...
Zweites Buch
»Es war nicht gerade nötig, Freimann, daß Sie die Verhandlungen mit
einem Bekenntnis zur Republik eröffneten«, sagte der alte Carstensen.
»Dieser -- na, sagen wir mal Opportunismus wirkte wenig überzeugend --
gerade an Ihnen, der Sie, wie die Welt weiß, einmal ein Günstling, um
nicht zu sagen ein Freund des Kaisers waren -- und sich in der Sonne
der Allerhöchsten Gnade immer höchst behaglich gefühlt haben.«
»Sie sind immer ein großer Diplomat gewesen, lieber Freund«, sagte
der Greis behutsam. »Ich habe Ihre Elastizität stets bewundert.
Sie ist eine der wichtigsten Ursachen Ihrer Erfolge geworden. Aber
diesmal hat, meiner Beobachtung nach, Ihre Anpassungsfähigkeit Ihnen
einen Streich gespielt. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß Ihre
politische Neueinstellung auf die Herren, mit denen wir verhandelten,
etwas verblüffend gewirkt hat. Ich brauche mich wohl nicht deutlicher
auszudrücken.«
»Nein -- das brauchen Sie nicht«, sagte Freimann eisig. »Über meine
Gesinnung zu urteilen, erlaube ich auch Ihnen nicht. Ich erkenne nur
mein Gewissen als Richter an. Und mein Gewissen -- das ist der Vorteil
der Linie. Heute wie je.«
»Frage nur, ob Sie dem gestern wirklich gedient haben -- dadurch, daß
Sie sich so beflissen auf den Boden der Tatsachen gestellt haben. Das
hat auf die Männer der Stunde keinesfalls überzeugend gewirkt. Das
Ergebnis zeigt's: Wir kriegen kein Geld. Und damit gut' Nacht, H.
T. L., gut' Nacht, Hammonia-Werft! Jetzt können wir beide die Bude
zumachen.«
»Dafür bedanken Sie sich lieber bei Ihrem Herrn Mitarbeiter!« Georg
Freimann warf dem stumm vor sich hinbrütenden Timmermanns einen
bitterbösen Blick zu ... »Es wäre noch alles gut abgegangen, wenn
dieser Gewaltmensch da nicht die Nerven verloren hätte -- und den
rötlichen Herren mit dem Vorwurf ins Gesicht gesprungen wäre, die
Republik scheine nur Geld für Schaffung neuer Ministerien und keins für
die nationalen Aufgaben zu haben ...«
»Es war trotzdem eine Dummheit, Timmermanns«, sagte der Brotherr des
Getadelten. »Eine Dummheit, für die wir alle büßen müssen.«
Bob Timmermanns hatte eine scharfe Antwort auf der Zunge. Aber der alte
Herr hatte recht ...
»Carstensen,« sagte er, »das hat keinen Zweck. Wir dürfen uns jetzt
nicht entzweien -- wir dürfen nicht. Das wissen Sie so gut wie ich und
auch Timmermanns. Gesagt ist gesagt, geschehen ist geschehen. Also
Schluß damit. Wir müssen vorwärts. Was ist zu tun?«
»Jawohl,« sagte Timmermanns, »es ist seine Sache. Und darum hat der
Herr Präsident recht: was tun?«
Freimann hatte tief nachgesonnen. »Sie wissen, meine Herren, ich könnte
der Linie -- und vielleicht auch der Werft aus dem Schlamassel helfen,
wenn ich an Elias Patterson nach Neuyork telegraphierte, die H. T. L.
sei jetzt bereit, seinen Vorschlägen nachzukommen und ihre Aktiva
an den Patterson-Konzern zu verkaufen. Dann faßte die Blue-Star-Line
in Hamburg und damit in Deutschland Fuß, das Personal der H. T.
L. würde übernommen und hätte in Zukunft unter dem Sternenbanner
weiterzuarbeiten -- für die Hammonia-Werft fiele wohl doch im Laufe
der Zeit mancher Auftrag der Amerikaner ab -- und ich für meine Person
würde vielleicht als Subdirektor des Konzerns bis an mein Lebensende
weiter vegetieren dürfen ...«
»Nein,« sagte Georg Freimann, »es ist nicht erreicht -- noch nicht
... Versuchen wir zunächst noch einmal bei den Banken unser Heil!
Der neue Dampfer muß auf die Helgen, muß ... Diese Gesellschaft, die
sich heute Reichsregierung nennt, wird abwirtschaften ... Wir werden
unsere Entschädigung bekommen, wenn nicht morgen, dann übermorgen ...
Solange müssen die Banken einspringen. Wollen sehen, ob nicht auch sie
begreifen, daß Schiffahrt not ist -- Leben aber nicht!«
In des Reeders Auge glühte der alte Hansentrotz. Die Freunde sahen's
mit stolzer Genugtuung. Des Sohnes Verschwinden -- es hatte dem zähen
Eroberer den Nacken nicht gebrochen, nein gesteift. Und da sprach
auch er selber schon den Gedanken aus, den die anderen hinter seiner
arbeitenden Stirn geahnt:
»Dieser Phantast, der einmal mein Sohn hieß, der soll nicht recht
behalten ... Nicht neue deutsche Menschen braucht's, die alten waren
ganz gut so, so wie sie waren ...«
»Junge, du hest 'n Kopp!« lobte der Vorarbeiter, als der Lehrling seine
ersten Versuche gemacht hatte. »Du kümmst bald bi dei Utgeliehrten!«
»Ick weur vor'n Krieg op'n Lann«, erklärte der Neue. »Doar hebbt
wi noch kein Organisatschon hatt ... Öwerst ick lat mi noch hüt
inschrieben ...«
»Dat's gaud,« lobte der Kollege, »süß weur ock dien's Bliewens hier
nich lang west.«
Noch eine halbe Stunde blieb der Vorarbeiter neben seinem Zögling
stehen, um dessen Arbeit zu überwachen -- dann klopfte er ihm derb auf
die Schulter.
Bald brannten die Zigaretten. Nun kamen die persönlichen Fragen. Anders
Niemann freute sich seiner Beherrschung des Plattdeutschen, das er
seiner Vertrautheit mit der Mannschaft verdankte. Niemand kam auf den
Einfall, der junge hübsche Kerl mit dem kahlgeschorenen »Stiftekopp«
und dem ersten Stoppelflaum eines sprossenden Bärtchens auf der
Oberlippe könne etwas anderes sein als ein waschechter Genosse ...
»Heute gr. Ball!« Anders war in einen Schwall von Pärchen geraten,
der dem grell durch eine Bogenlampe erleuchteten Eingang eines
Tanzlokals zustrebte und sich einsaugen ließ wie ein Schwarm
Nachtschmetterlinge in einen Exhaustor. Drinnen eine Luft zum Schneiden
-- rote Papiergirlanden, rote Fähnchen an den Wänden -- am Klavier
ein abgeschabter Klimpergreis, neben ihm ein hagerer, langhaariger
Jüngling mit der Geige -- zu ihrem blöden Walzergedudel im enggekeilten
Tanzgewirr sich drehend Paar um Paar -- die Söhne und Töchter der
»andern Welt«.
Anders Niemann bestellte sich ein Glas Bier in einen Winkel und
beobachtete. Ihm ging's zunächst wie einst bei seinen Rekruten. Es
schien, als seien das alles dieselben Menschen, derselbe eine Mensch in
ein paar hundert fabrikmäßig hergestellten Exemplaren, nur jedes ein
bißchen anders angemalt und ausstaffiert ... Die Burschen gutmütig,
sinnenhungrig, zu handgreiflicher Gewalt so rasch bereit wie zu
schneller Brüderschaft ... Die Mädchen putzfroh, verliebt, lechzend
nach derber Zärtlichkeit, leichtgläubig und gleich schnell zum Lachen
und Weinen zu bringen ... Allmählich schälte sich dann doch eine ganze
Welt von Typen heraus -- und aus dem Gewühl hob sich gar die eine oder
andere Einzelpersönlichkeit von eigener Prägung.
»Suup, Tedje, suup! Büst lang naug bi Woter un Brot in't Bargwark
fohrt!«
Aber nur mit einem der Kollegen hielt der Stramme Kameradschaft --
einem Stillen, Seltsamen, der für Anders Niemanns Gefühl ganz aus dem
Rahmen fiel. Blondes Schlichthaar war senkrecht zurückgestrichen von
einer vierkantigen Träumerstirn, unter der ein Paar blaue Kinderaugen
standen. Die Nase bäurisch grob, der Mund schmal und schwärmerisch, das
Kinn breit ausladend und kantig wie der Schädel -- ein merkwürdiger,
unvergeßlicher Kopf.
In einer Pause bemerkte er, wie der Starke auf den wunderlichen Freund
einsprach -- der wehrte ab, aber wie einer, der sich gern nötigen
lassen möchte. Und rundum wurden Stimmen laut:
»Clos Mönkebüll! Du sast uns 'ne Red' hollen! 'ne Red' van de niege
Tied!«
Und endlich stand der Allbegehrte auf. Sein strammer Gefährte hob ihn
wie eine Puppe auf den Tisch -- alles drängte herzu, der Tanzbums wurde
zur Volksversammlung.
Aus der Menge, die hinter dem redemächtigen Burschen wie hinter einem
Triumphator drein tobte, rang ein Lied sich los:
Und bei den ersten Klängen des Liedes geschah etwas Seltsames. Der
gefeierte Redner sprang von den Schultern derer, die ihn erhöht hatten,
und kämpfte sich bis zum Klavierpodium durch. Er schob den verhungerten
Musikmacher vom Drehstuhl und schlug mit geübter Hand, in machtvollen
Akkorden, die Tasten. Wie die Harfenarpeggien eines Rhapsoden rauschten
seine Modulationen daher -- von ihnen umrankt, schwang die neue Weise
wie ein Sturmgesang durch den dumpfen, schweiß- und tabakdunstigen
Raum, und taktfest dröhnte in ihren Rhythmus das Stampfen der
nägelbeschlagenen Schuhe, das Händeklatschen der Mädchen ... Es schien,
als wolle das Lied die Welt aus den Angeln heben -- diese Greuelwelt
des Apparates, der Macht, Allmacht gewonnen über den Menschen ...
Und als das Lied zu Ende war, als der Zug sich auflöste, alles den
Plätzen, dem Schenktisch zustrebte, um die jählings entfachte Glut zu
löschen -- da blieb der Redner und Klaviervirtuos im zerschlissenen
Soldatenrock am Klavier sitzen -- und immer noch glitten seine Finger
über die Tasten ... aber nicht stürmisch und zerschmetternd mehr
erklangen die Weisen, die er dem abgeklapperten Instrument abzwang
... sie wurden immer munterer, lichter, freudiger ... Und Anders
Niemann glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen -- sie gingen in
eine Melodie über, die er kannte -- eine Tanzweise ... aber nicht der
übliche Gassenhauer aus der letzten Modeoperette -- es war Webers
»Aufforderung zum Tanz«.
Und schau! Die jungen Kerls und Deerns, die sich eben, ein rasender
Haufe Weltenstürmer, hinter dem roten Fanal des berauschenden Liedes
geballt, fanden sich nun Paar zu Paar, umschlangen einander und walzten
durch den Saal, nicht brünstig aneinander geklemmt wie vordem beim
lüsternen Schmalzgedudel der dirnenhaften Foxtrottseufzer, sondern
gelöst, beschwingt, durcheinandergewirbelt von der kecken Heiterkeit
eines naturverbundenen Genius.
Und eben von da drüben hatte eine Hand sich ausgestreckt, eine einzige
Hand -- nicht um zu helfen zwar, sondern um auch das Letzte noch zu
nehmen, das der größten deutschen Schiffahrtslinie von einstiger
Machtüberfülle noch geblieben war. Aber hinter dieser Hand stand
immerhin ein Menschenantlitz -- nicht eine Larve des Hasses und
Vernichtungswillens ... Wie, wenn es gelänge, in dem Hirn, das dieses
Antlitz, diese Hand regierte, etwas wie ein menschliches Verständnis,
eine kluge Achtung zu erwecken für den zähen Lebenswillen, den
unausrottbaren Hansengeist, der den Verzweiflungskampf der Linie, der
Werft befeuerte?!
Das war die letzte Hoffnung, welche die harten Ringer diesseits
und jenseits der Norderelbe noch aufrecht hielt, in den endlosen
Besprechungen und Sitzungen, die der brennenden Frage der
Geldbeschaffung galten. Denn schon waren die Banken so schwierig
geworden, daß vorübergehend eine Stockung eintrat. Die Löhne konnten
nur noch mit größter Mühe pünktlich bezahlt werden. Und damit kam aufs
neue die Unruhe unter die Tausende von Angestellten, in den Kontoren
wie auf der Werft. Was fragten diese Tausende nach den Schwierigkeiten
der Leitung?! Sie verlangten an jedem Zahltag ihren Lohn -- und bekamen
sie den nicht pünktlich und richtig, so waren sie schnell bei der Hand
mit unseligen, sinnlosen Taten der Mißhandlung und Sabotage.
Mit solchen Sorgen zerquälten die Leiter aller großen Betriebe
Hamburgs ihre Tage und Nächte in den furchtbaren Sommermonaten des
ersten Jahres nach dem Verstummen der Geschütze. Aber zu solchen
Beklemmungen hatten Georg Freimann und sein Freund Detlev Carstensen
noch einen bitteren Herzenskummer zu tragen. Von dem jungen Manne, der
einmal die Lebenshoffnung dieser beiden Väter gewesen, war seit jenem
regentriefenden Aprilabend, der seine Spur verschlungen und verwischt
hatte, nicht die leiseste Kunde mehr gekommen.
Ein anderer freilich war über dies Verschwinden höchst erfreut gewesen.
Aber gerade der mußte erfahren, daß seine Hoffnungen enttäuscht wurden.
Ilse Carstensen wäre keine Frau gewesen, hätte sie nicht herausgefühlt,
daß solche Leistungen eines Starken noch aus einer anderen Quelle
ihre Unversieglichkeit schöpften als nur aus Pflichtbewußtsein,
Schaffensdrang und Vaterlandsliebe. Bob Timmermanns besaß nicht die
Kunst der Verstellung, des Abwartenkönnens. Das mächtige Gefühl, das
seinen mächtigen Willen durchfieberte, verlangte nach Entladung,
drängte nach Erwiderung.
Anders Niemann war den beiden Alten bald ein lieber Hausgenosse
geworden. Nicht nur, daß er und der blonde Holsteiner allabendlich mit
ihrer Musikmacherei ganz neue Freuden in das schlichte Arbeiterheim
gebracht hatten -- es schwatzte sich so gut mit ihm ... Vater Tietgens
taute auf. Er hatte einen Gesinnungsgenossen gefunden. Seinen Sohn
hatte er längst aufgegeben -- das war ein hoffnungsloser Radikaler --
Kunststück, wenn man keinen Abend nüchtern nach Hause kommt -- -- auf
dem Schnapssumpf blühte die Giftblume des Spartakismus am üppigsten --
das hatte Vater Tietgens längst heraus. Schwieriger war's zu verstehen,
daß auch der scheue, schwere Clas ein so hitziger Moskowiter geworden
war.
Anders Niemann glaubte beide genügend zu verstehen, um sie dem Alten
begreiflich machen zu können.
»Vadder,« sagte er, »wat Ehr Tedje is, dei is ganz vullsagen mit Haß --
dorüm will hei alles kaputsloh'n, wo hei nich an kann. Clos is anners!
-- Clos hett tau väl Leiw ... Alle Minschen möchte hei glücklich moken
... Dorüm kann hei't nich mit anseihen, dat weck in Öberfluß sick
mästen -- un weck nich dat dröge Brot hebbt ...«
»Kannst recht hebben, Jung«, sagte der Alte. »Wo hest du blot all dei
Wür her?! Denken kann'k ok so'n Soken -- Öwerst wenn ick dat utspreken
will, dann finn' ick dat nicht tausam'n ...«
Er selber, der Alte, stand seit Jahren in der Politik und empfand vor
allem als Politiker. »Unse Klasse hat die mehrsten Minschen -- und
deiht die mehrste Arbet -- da mutt se ok die mehrste politische Rechte
hebben ... Wenn dat Volk tau seggen hatt harr', denn harrn wi den'n
Schietkrieg nich kregen, odder hei weur nah en halv Johr tau Enn' west
...«
Das war ein Urteil, dem Anders auch im Munde seiner Arbeitskollegen
immer wieder begegnete ... Man war zu lange festgehalten worden im
Blutsumpf ... Und derweil hatten daheim die Schieber oben und die
fünfzehnjährigen Rotzbengels unten sich Bäuche und Taschen gefüllt.
»Do sünd dei Kapitalisten an schuld ... un dei Generals in dei Etapp'
... nich blot in Dütschland, ok bi'n Engelsmann un bi'n Franzmann
... Dei hebbt dei Völker nich tauso'm finnen loten ... dei hebbt dei
Verbrüderung hinnert ... Und dorüm möt dat Proletariat miehr Macht
kriegen. -- Nich alle Macht, as dei Spartakisten und dei Bolschewisten
willen -- öwerst miehr Macht, grote Macht ... Denn giwwt dat kein'n
Krieg miehr, denn kümmt dei internationale Solidarität von't
Proletariat! Vadderland? Ick haust op dat Vadderland! -- Vadderland,
so seggen dei Utpowerer, wenn sei den lütten Mann dat Fell öwere Ohren
trecken!«
Ja -- das war es: Dieser alte Mann, der so ganz deutsch lebte, dachte,
handelte -- er fühlte nicht deutsch. Man hatte es ihn nicht gelehrt ...
und das wenige an vaterländischem Gefühl, das Schule, Kasernenhof und
Heimatluft in ihm vielleicht doch geweckt, das hatte er sich aus dem
Herzen wieder herausschwatzen lassen. Und es hätte wenig Zweck gehabt,
würde Anders den Versuch gemacht haben, dem Alten von dem Deutschland
seiner Träume zu erzählen. Es galt, nicht aus der Rolle zu fallen.
Immerhin, mit dem Alten war gut schwatzen. Schlimm war's, wenn Tedje
der Dritte im Bunde war. Der schlug immer auf den Tisch:
»Vadder -- du büst nich in Rußland west -- du kanns goar nich
mitsnacken! Dei Russen hebbt uns wiest, wo't mokt warden mutt! Ick segg
jug, wenn een' dit mit anseih'n hett, wo sei dat Burschoapack tau
foftig un hunnert an de Muur'n stellt hebbt -- un denn eenmol mit'n
Maschinengewehr dröwer hen, dat se ümpurzelten as Bliesoldoten -- da
giwwt Luft vör't Volk!«
»So -- un wer mokt nu de Plän' vör dei Scheep un Dampers?« fragte der
Alte bedachtsam.
»Na -- de Inschineure --!« lachte Tedje. »Dei hebbt sei leben loten!
Dei Inschineure, dei geheuren ok tau't arbeitende Volk ... Dat sünd
Kopparbeiters, weißt du ... Öwerst dei kriegen nu nich dat Hunnertfache
mehr as dei Handlanger un dei Nieters --!«
»Dei Frag' is blot, ob sei denn ok noch so gode Plän' moken köhnt
--« warf Anders behutsam dazwischen. »Kopparbeit is wat anners as
Handarbeit. En Kopparbeiter mutt anners lewen können as'n Handarbeiter
... dei brukt Bäuker -- dei mutt reisen können un sich furtbilden ...«
»Wat du nich all weißt!« knurrte Tedje. »Du büst jo en ganzen Klauken,
du! Öwer dit 's egol ... 'n goden Kierl büst du doch! Kumm, mien Jung,
will'n ein'n drinken -- un denn säukt wie uns en säute Deern un gohn
mit ehr slapen -- kumm, mien Jung!«
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür -- und eine junge Dame trat
ein -- »Gu'n Abend, Vadder -- gu'n Abend, Tedje ... ah, Besäuk?«
Aber schnell hatte Antje sich gefaßt. Sie ging auf den neuen
Hausgenossen der Eltern zu und streckte ihm die Hand hin:
»Entschülligen S' man -- ick harr all dacht, Sei wieren en Bekannten --
Ick bün Antje.«
»Un dit is Anders Niemann,« lachte Tedje, der bei dem seltsamen
Stutzen der Schwester und des Kollegen, wie auch der Vater, zuerst
verblüfft und argwöhnisch dreingeschaut hatte -- »kiek di'n man gaud
an, mien Deern, dat 's 'n fixen Jungen -- en Nieter von de Werft! Un he
wahnt bi Muddern -- un Viegelin spält hei noch'n beten beter as Clos
Mönkebüll Klovier -- dat is nu 's Abens bi Mudder Tietgens dat reine
Künstlerkonzert ...«
»Djä, Fräulein -- dat's jo scheun ... ick harr gor nicht dacht, dat in
de Uhlentwiet so wat Nüdliches wass'n künn ...«
»Dat gleuw ick di, Jung!« griente Tedje behaglich. »Dat is ok mien
Swester ... Wat ick as Jung bün, dat is sei as Deern ... Nich, Mudder?
Grod ut dien Gesicht sneden, donn as du noch jung weurst ...«
Das welke Mutterchen, das stumm und wesenlos in der Ecke hockte und
sich nur zu regen pflegte, wenn es die Mannsleut zu betreuen galt,
lächelte schweigend über sein ganzes, in tausend Fältchen zerknittertes
Gesichtchen.
Und schon saß Antje mit den Männern am Tisch. Bald ward die Runde
vollzählig -- denn auch Clas Mönkebüll, dessen Gutmütigkeit von Mudder
täglich zum Einholen angestellt wurde, kam mit einem Henkelkorb voll
Bierflaschen, Brot und Wurst unterm Arm. Bald kaute alles aus vollen
Backen, lustig flatterte das Gespräch um den Tisch.
Nur ab und zu warf Antje einen heimlichen Blick zu dem Flüchtling der
Villa Freimann hinüber. Sie wußte längst, daß der Sohn ihres Chefs
seit ein paar Tagen spurlos verschwunden war. Aber dies Wiedersehen --
einstweilen überstieg es ihre Fassungskraft. Die Zeit war so kraus, so
abenteuerlich, so vergiftet von Argwohn und Schurkerei -- eine Sekunde
lang schoß ihr der Gedanke: Spitzel? durch den Kopf. Kaum gedacht,
schon verworfen. Diese schwermütigen, innerlichen Züge hehlten nicht
Verrat. Ihr Geheimnis lag tiefer, verschleierter.
Sie schickte ihn schließlich selber ans Klavier -- trat mit ins
Nebenzimmer und staunte, daß die zwei Kunstgenossen richtige Noten,
funkelnagelneue, auf das Klavier und auf ein aus Zigarrenbrettern
zusammengezimmertes Stehpult stellten ...
»Darf ich Sie später nach Hause begleiten?« flüsterte Anders Niemann
der Haustochter zu.
»Ja -- aber die andern dürfen's nicht merken -- ich nehme niemals
Begleitung in Anspruch ... Gehen Sie in einer halben Stunde fort und
erwarten Sie mich unten ...«
Denn die da oben, die lebten ja in der Fülle ... Sie hatten ihren
Beruf, der war ihnen nicht eine fluchbeladene, zermürbende Hantierung,
deren stumpfes Gleichmaß ihnen die Nerven zerrieb, die Seele aushöhlte
-- nein, höchster Lebensinhalt, Waffe und vollwertiger Ausdruck ihrer
Persönlichkeit -- nicht etwas Fremdes, von der Daseinsnot Erzwungenes
-- nein, sie selber ... Ihre Ruhestunden waren umstellt von einer
Umwelt, die nicht minder ihres eigenen Wesens Prägung war ... Aber der
Genuß der höchsten Schöpfungen des Genius -- was bedeutete er ihnen
mehr als eine Entspannung -- eine Ausbalancierung ihres seelischen
Gleichgewichtes?!
Bruder Tedje war nicht der Mann, seine Gedanken und Gefühle bloß mit
Blicken auszudrücken. Er schlug lachend auf den Tisch.
»Kiek mol! So'n Kierl! Gliecks Sprung auf, marsch, marsch! Paß Achtung,
Deern -- dat 's 'n Gefährlichen, dei!« In diesem Blick funkelte etwas,
das zur Harmlosigkeit seiner Worte nicht recht stimmen wollte. Etwas
von brüderlicher Eifersucht -- im Hintergrunde gar etwas wie ein vager,
noch ganz unbewußter Argwohn ...
Clas Mönkebüll aber saß stumm, regungslos, beklommen. Ein Traum, der
entschwebt, ein strahlender Dur-Akkord, der in wehmütiges Moll zerrinnt
...
»Kann mir's denken«, lachte Heinz. »Jetzt, wo's zu spät ist! Übrigens,
bitte -- Anders Niemann heiß' ich!«
Antje meinte zu begreifen. Sie hatte längst bemerkt, daß der Reif,
den Herr Freimann damals an der Linken getragen, verschwunden war. Er
berichtete, wie er zu Antjes Eltern gekommen sei -- selbstverständlich
ohne Ahnung des bevorstehenden Wiedersehens. Er habe ja nicht einmal
den Namen der jungen Dame gewußt, die ihm eine so gründliche Lektion
erteilt habe.
»Die scheint also doch einigen Eindruck auf Sie gemacht zu haben.«
»Oh ... das ist mehr, als ich mir hätte träumen lassen.« Antje fühlte
Glut in ihren Wangen.
»Sie sprachen mir von der Seele des Volkes -- ich bin hingegangen, sie
zu suchen.«
»Etwas sehr Schönes: das Gefühl einer tiefen Leere -- und den glühenden
Wunsch, sie ausgefüllt zu sehen.«
»Das will ich. Darum bin ich, wo ich bin. Aber ich glaube sogar, ich
weiß es schon zu benennen -- ein Vaterland -- ein Mutterland, das allen
den Seinen ein rechtes Elternhaus wäre ... Das Land unserer Liebe.«
»So, +my darling+, du magst nun eine halbe Stunde lang in der
Stadt herumkutschieren --«
»Fällt mir nicht ein«, erklärte Bessie. »Ich bin toll vor Neugier,
diese gräßlichen Deutschen kennenzulernen, die unsere ›Lusitania‹
versenkt und unsere armen Kriegsgefangenen gekreuzigt haben.«
»Ich finde, +daddy+, hier sieht's gar nicht hunnisch aus ...
Sollte der New York Herald uns beschwindelt haben?«
Georg Freimanns Auge leuchtete heimlich auf, als er sah, daß der
Gerufene nicht allein gekommen war. Auf einen Piratenzug nimmt man
keine Dame mit.
»Dank Ihnen, Mister Freimann«, sagte Bessie. »Sie haben einen Sohn,
sagt +daddy+ ... Er ist verlobt -- schade ... Verlobte junge
Männer interessieren mich nicht ... Verheiratete, das ist was anderes
... Ist er vielleicht schon verheiratet?«
»Leider nein«, sagte Freimann zwischen Lachen und Befangenheit. »Er ist
durchgebrannt -- mir und seiner Braut.«
»Durchgebrannt --?! Das finde ich +smart+ von ihm ... Wo ist er?«
»Oh -- wir werden ihn suchen und finden. Ich wünsche ihn zu sehen ...«
»So, kleine Maid, nun halt' mal den Mund ...« sagte der Vater. »Ich
habe mit Mister Freimann von Geschäften zu reden.«
»Das ist gut,« sagte Bessie, »ich liebe Geschäfte. Ich mache selber
Geschäfte. Zu Hause, Mister Freimann, züchte ich Hunde -- ganz kleine
und ganz große -- Collies, Neufundländer, alles, was Sie wollen.
Schauen Sie her, das ist einer von meiner Zucht!« Und sie griff in die
Tasche ihres Kleiderrockes und holte einen winzigen Zwergpintscher
heraus, der, aus seiner Haft erlöst, sofort auf den nächsten Stuhl
sprang und seine Freiheit mit wütendem Gekläff begrüßte. Aber schon
hatte seine kleine Herrin ihn beim Wickel, schwenkte ihn ein paarmal
wie einen nassen Lappen im Kreise und stopfte ihn wieder in die Tasche.
»Das ist eins von meinen Zuchtmütterchen ... Von der hab' ich einen
ganzen Wurf zu hundert Dollar das Stück verkauft ... Sehen Sie, das
sind meine Geschäfte ... Von dem Erlös habe ich mir einen fabelhaften
Kodak gekauft mit prima prima Objektiv ... Nachtaufnahmen kann man
damit machen, sag' ich Ihnen!«
»So, nun ist's aber genug!« Vater Elias machte einen krampfhaften
Versuch, Autorität zu markieren. »Herrn Freimanns Zeit ist kostbar.«
»Denkst du, meine nicht?!« lachte die Kleine. »Nun, ich will euch
zweien eine Viertelstunde bewilligen. Dann wirst du mir die Stadt
zeigen, die ich sehr niedlich finde ... Ein reizendes Puppenstädtchen,
wenn man von drüben kommt ... Ich habe im Vorzimmer eine junge Dame
gesehen, ich werde mir von ihr etwas erzählen lassen. Ich wünsche zu
wissen, ob die deutschen Mädchen wirklich so langweilig sind, wie es
immer in unseren Romanen steht.« Und schon war sie fortgeschwirrt.
»Nun, Sie werden sich noch oft genug zu ärgern haben über den Racker
... Sie kann einem schon auf die Nerven fallen ... Werden Sie dann
ruhig grob, sie ist's gewohnt, wenn sie's gar zu bunt treibt ... Und
nun ans Werk, lieber Freund. Sie haben gerufen -- ich bin da.«
Patterson hörte aufmerksam und leise mit dem schmalen Kopfe nickend zu.
So etwa hatte er sich die Entwicklung selber vorgestellt.
»Ich finde, lieber Freund,« sagte er bedächtig und mit einem Anflug von
Ironie, »die Situation der Linie hat sich wenig geändert, seit Sie mein
Angebot auf Übernahme Ihrer Aktiva so entrüstet zurückgewiesen haben.«
»Sie haben nicht unrecht, Patterson ... aber auch unser Wille hat sich
nicht geändert, lieber unsern Trümmerhaufen mit eigner Hand in die Luft
zu sprengen, als ihn unter das Sternenbanner zu stellen -- wenigstens
unter das Sternenbanner allein.«
»Hm -- und wenn nun die Sterne und Streifen -- sich neben Ihre
Reichsflagge pflanzen würden? Ihr sollt ja eine neue bekommen, schwebt
mir vor -- wie sind doch die Farben?«
* * * * *
»Oh -- Sie sprechen Englisch, das ist schön«, sagte Bessie. »Waren Sie
drüben?«
»Nein -- ich lebe in einer Pension, in der vor dem Kriege sehr viele
Amerikaner verkehrten.«
»Das merkt man«, sagte die Fremde anerkennend. »Ich bin Bessie
Patterson ... Sie wissen, was das bedeutet?«
»Möchten Sie gerne nach drüben kommen? Es ist drüben schöner als hier.
Die Leute hier machen alle traurige Gesichter -- Sie auch, sogar wenn
Sie lachen. Ich liebe das nicht.«
»Wir haben wenig Grund zu lachen. Wir sind besiegt -- im größten aller
Kriege. Und wir fangen jetzt erst an, es richtig zu merken.«
»Oh -- ich bin sehr neugierig, zu wissen, was ihr für Menschen seid.
Ich habe mir euch ganz anders vorgestellt. Ich will das deutsche Volk
kennenlernen.«
»Das Volk, Miß Patterson? Was nennen Sie das Volk? Bei uns versteht man
unter Volk die sogenannten kleinen Leute.«
»Die will ich gerade kennenlernen. Ich bin eine Demokratin, Miß -- wie
heißen Sie? -- Oh, das ist ein schwerer Name ... aber ich werde ihn
lernen. In Amerika gibt es keine kleinen Leute. Es gibt nur solche, die
das Rennen schon gemacht haben -- und solche, die es noch machen wollen
-- außerdem natürlich auch solche, die ausgeschieden sind -- weil
sie nicht reiten können --. Aber auf die kommt es nicht an, sie sind
uninteressant. Mein Vater, sehen Sie, der hat das Rennen gemacht. Und
ich bin dabei, es zu machen. Dazu fehlt mir nichts als ein Mann. Wenn
ich heimkomme, gehe ich mir vielleicht einen suchen. Vielleicht warte
ich auch noch ein paar Jahre. Ich habe ja noch Zeit. Ich bin siebzehn.
Ich finde schon den, den ich suche. Sind Sie schon dabei zu suchen?«
* * * * *
Nach einer halben Stunde der Aussprache erhoben sich die Männer und
schüttelten einander die Hände mit dem unbedingten Gefühl, daß man sich
zusammenfinden würde. Ein befreites Aufatmen hob Georg Freimanns Brust.
Aus der Tiefe des deutschen Elends, über das wüste Geröll des deutschen
Zusammenbruchs schien ein erster, noch schlüpfriger und klippiger
Anstieg zu neuen Lebensmöglichkeiten gefunden.
Beim Scheiden trafen die Herren Miß Bessie in heftigem Geplauder mit
der Sekretärin. Das Pintscherlein saß neben der Schreibmaschine und
lauschte der Unterhaltung mit klugen Menschenaugen. Aber kaum waren
die Männer in der Tür erschienen, da warf es sich ihnen mit wütendem
Gekläff entgegen. Schon war seine Herrin hinter ihm drein, packte
das tobende kleine Scheusal und stopfte es gelassen wieder in sein
Gefängnis.
Es war höchste Zeit gewesen. Vorgestern hatte die Werft zum ersten
Male ihren Beamten und Arbeitern nur fünfzig Prozent ihrer Löhne
zahlen können und sie, nach langer, erregter Aussprache mit dem
Arbeiterrat, der schließlich der Maßregel zugestimmt hatte, wegen des
Restes auf Anfang bis Mitte der nächsten Woche vertrösten müssen.
Aber heute, am Montag früh, war die Stimmung auf der Werft bedrohlich.
Überall schleppte die Arbeit sich nur mühsam hin -- allenthalben
standen erregte Gruppen zusammen. Die Hetzer forderten passive
Resistenz und erreichten zum mindesten, daß das sonst so wohlgeregelte
Ineinandergreifen der Hunderte von Arbeitselementen gründlich
durcheinandergeriet. Folge: allgemeine, stündlich steigende Verärgerung.
Bob Timmermanns kam vom Vortrag aus dem Zimmer des alten Carstensen.
Auf seiner kantigen Stirn hockte die Sorge.
»Gnädiges Fräulein -- es wäre vielleicht besser, Sie hielten sich heut
nachmittag zu Hause«, sagte er zu Ilse und blieb schwer atmend neben
ihrem Schreibmaschinentischchen stehen. »Es geht da unten dermaßen
fragwürdig zu, daß kein Mensch die Bürgschaft für den nächsten
Augenblick übernehmen kann. Wenn die Bestie da unten kein Geld zu sehen
bekommt, wird sie gefährlich. Und Ihr Herr Vater weiß auch keinen Rat
mehr. Die Banken rücken nichts mehr heraus. Es geht zu Ende.«
»Ich hoffe, Timmermanns, Sie haben eine zu gute Meinung von mir, als
daß Sie mich ernstlich für eine Drückebergerin halten.« Auch auf
Ilses Stirn vertiefte sich eine Falte -- aber senkrecht über der
Nasenwurzel. Sie war ererbt: Auf allen Bildern der Carstensen seit vier
Jahrhunderten war sie erkennbar.
»Sie sind eine Frau ...« warnte der Riese. »Ich bin nicht immer zur
Hand ... Erinnern Sie sich an Tedje.«
Ein Frösteln lief dem Mädchen über den Nacken. Seit damals war's ihr
immer wieder aufgefallen: Der wüste Kerl stand täglich unfern der
Schranke am Werfteingang, morgens, wenn sie kam, nachmittags, wenn sie
ging ... In seinen Augen der gleiche Ausdruck wie damals, als er das
scheußliche Wort von den Zarentöchtern gesprochen.
»Ich habe keine Angst, Timmermanns. Man muß seinem Schicksal auch ein
bißchen vertrauen. Es gibt Schutzengel -- ich weiß es aus Erfahrung.«
Und sie lächelte dem Getreuen freundlich und dankbar zu. Er hatte es
verdient -- sie hatte ihn recht schlecht behandelt die letzten Wochen
hindurch. Er hatte begriffen und an sich gehalten. Jetzt durfte er
belohnt werden.
Aber um ihre Lippen erstarrte der zarte, schwebende Zug -- es war schon
wieder zu viel gewesen. In die stählernen Augen des Riesen trat ein
Fieber, sein Mund zuckte unterm blonden Stachelbart.
Ilse neigte sich zur Maschine und schrieb eifrig. Da wandte sich Bob
Timmermanns. Er fühlte ein Wanken in seinen Knien, als er hinaustappte.
Und aus seinem Herzen stieg's ihm in die Kehle. Er biß die Zähne
zusammen.
Der Riese begrüßte ihn mit einem Knuff gegen den Bauch. »Mal wieder auf
der Hetztour, was?! Hol' dich der Teufel ... Rechtsbolschewisten oder
Linksbolschewisten, Hose wie Jacke.«
»Donnerwetter, Bob -- ist das Dings da etwa aus deiner Bude da drüben
in dein Bureau herübergeflogen?!«
Da mußte Bob Timmermanns wider Willen lachen. Die Brüder sahen sich an
-- sie empfanden: trotz Bobs knurriger Ablehnung waren sie einander
näher gekommen.
»Für den äußersten Notfall ...« grunzte Bob. »In der Sache ändert sich
nichts. Ihr seid genau solche Schädlinge wie die Schürer und Stänker da
unten.«
Klirr! Eine Fensterscheibe barst, ein wuchtiger Stein sauste vor Bobs
Nase vorüber und krachte wider die jenseitige Wand. »Die Arbeit ihrem
lieben Kapital!« hohnlachte Armin.
Aber Bob sprach noch nicht. Die helle Freude auf seinem Gesicht war
abgeblaßt -- irgend etwas schien in ihm sich aufzubäumen. Armin
lauschte atemlos.
»Hilfe in der Not!« kam es keuchend aus Bobs Kehle. »Aber von wo?! Von
-- drüben ... wir müssen ... Hauptsache ist: Wir kriegen Geld ... Wir
können wieder arbeiten ... Ist da Zentrale? Bitte Arbeiterrat ...«
* * * * *
Tedje fauchte, als die Anordnung des Arbeiterrats durch die Werkstätten
und Arbeitsplätze schwirrte. Nachzahlung der fehlenden Lohnhälfte für
morgen sichergestellt! Arbeit früh sofort mit Hochdruck aufzunehmen!
Was würde die Zentrale sagen? Und wie würde der Alte da oben auf seinem
Kran triumphieren!
Was Tedje dem Vater niemals zu gestehen gewagt haben würde, war
Tatsache geworden: Die Zentrale des Spartakusbundes hatte ihn zu ihrem
Vertrauensmann auf der Werft bestellt. Ein Agent der Bundesleitung
hatte ihn aufgesucht -- und im Tresor der seit kurzem in Hamburg
eröffneten Filiale einer Moskauer Bank hatte er ein paar Kisten voll
Sowjetrubel deponiert ... Zu dem Geheimfach hatte Tedje Tietgens den
Schlüssel. Und der Agent hatte dem Genossen zwinkernd auf die Schulter
geklopft:
Nach Berlin hatte er in den letzten Tagen berichten können, die Werft
scheine am Ende ihrer Mittel -- die Krawallstimmung seiner Kollegen sei
im Wachsen. -- Nun würde er mal wieder abblasen müssen ...
Bald kamen Anordnungen der Zentrale, welche der neuen Lage entsprachen.
Die Glut durfte nicht kalt werden -- es galt, sie zuzudecken und
unter der Asche fortglimmen zu lassen. Zu solch heimlichem Schürwerk
taugte der Genosse Mönkebüll nicht -- was er sprach, war Lava aus
glühendem Liebesherzen, wohl geeignet, lodernde Flammen anzufachen --
zu elementar und naiv, um unterirdische Lavaströme im Sieden zu halten.
Aber die Zentrale wußte Rat. Sie hatte ihre Spezialisten für jede
Temperatur.
Tedje, der faule Geselle, dem die Arbeit stets eine Last gewesen war,
wurde plötzlich ein vielgeschäftiger Hans Dampf in allen Gassen. Er
setzte seine Freunde rückhaltlos an. Clas und Anders mußten nach
Schichtschluß Plakate kleben, Briefe schreiben, mit Saalbesitzern
verhandeln ... Anders Niemann war mindestens so eifrig wie Tedje.
Tausendfache Gelegenheit, die Gesinnungen seiner neuen Welt zu
erforschen ... Aber wenn er so abends durch die still gewordenen,
im kargen Laternenschein, im Vollmondlicht der Frühsommernächte
phantastisch hindämmernden Gassen Alt-Hamburgs und St. Paulis zog und
die knallroten, in blutrünstigen Phrasen schwelgenden Werbeplakate an
die Anschlagsäulen und Häusermauern pappte, kam er sich wie verhext und
verwunschen vor ... Wenn Ilse ihn so gesehen hätte ... oder auch Antje
...
Antje --! Sie ahnte so wenig wie die braven Tietgens-Eltern etwas
von der unterirdischen Betriebsamkeit der drei jungen Kumpane. Seit
der neue Schlafbursch im Hause war, kam es wie von selbst, daß die
Tochter öfters als vordem abends den Weg zur Uhlen-Twiete fand. Sie
komme nur der schönen Konzerte wegen, betonte sie öfters, als nötig
war. Dann schmunzelten die Alten in sich hinein. Als ob Mudder Minchen
nicht längst gemerkt hätte, daß die Tochter niemals versäumte, ein
paar Blumen für die Stube der drei »Söhne« mitzubringen ... daß sie
Anders Niemanns Wäsche ausbesserte, ihm Bücher auf seinen Nachttisch
legte ... Ja, einmal war Mudder in der Dämmerung der Tochter begegnet,
wie sie mit Anders Niemann in versonnenem Gespräch den Holstenwall
hinabschlenderte und bald mit ihm in die Anlagen um die alten
Wallgräben hineinbog ... Ein seltsames Paar, die elegante Sekretärin
und der schlanke Werftarbeiter im abgewetzten Matrosenanzug ... Aber
der würde vorankommen, tröstete sich Mudder Minchen. Jetzt war er
bereits von seiner eintönigen Hantierung am Versenkbohrer abgelöst.
Er machte nun den Hilfsmann bei seinen Schlafkameraden -- hatte die
glühenden Nieten, welche der Vorwärmjung ihm zureichte, vom Innern des
werdenden Schiffskörpers her durch die Nietlöcher zu stecken, die er
selber noch vor wenigen Tagen »versenkt« hatte -- und sie mit der Zange
festzuhalten, bis Tedje und Clas, die Nieterzwillinge, sie von draußen
mit raschem Ticktack ihrer lustig sausenden Schmiedehämmer unlösbar
mit der Eisenplatte zusammengeschweißt. Derselbe Handgriff auch
hier wieder, tausend-, zehntausendmal an einem Tage derselbe -- aber
man war doch nicht mehr allein, man arbeitete nicht mehr in der öden
Schiffsbauhalle, sondern draußen auf der Helling in der Sommersonne,
durchlüftet vom Hauch der nahen Nordsee -- und konnte ab und an
mit Vadder einen Gruß tauschen, der droben mit seinem Kran hin und
wieder fuhr und aus seiner luftigen Höhe Stahlschiene um Stahlschiene
herniederschweben ließ, die dann dem immer höher sich auftürmenden
Spantengerüst eingefügt wurden ...
Und Antje?!
Und doch gab's Stunden, da war's der braunen Antje, als könne, als
müsse ein Wunder geschehen. Das war, wenn sie einmal Sonntags mit
Anders Niemann nach Blankenese schlenderte oder nach Großborstel. Dann
flatterten Gespräche, Gedanken, Empfindungen zwischen den Kindern der
zwei Welten hin und wider, die ein Band von Gemeinsamkeit woben, wie
Antje sie niemals geträumt ... Sie hatte schon oft genug Gelegenheit
gehabt, die reichen und übermütigen Söhne des Bürgertums aus der Nähe
zu betrachten. In ihrer Pension hatte sie ihre Typen kennengelernt
-- aus aller Herren Ländern. Für die war eine arbeitende Frau stets
nur das Ziel eines einzigen Wunsches ... Und da Antje die leiseste
Anspielung mit dem Stolz einer Prinzessin abwies, hatte sie gar
von diesem und jenem exotischen Jüngling stürmische Heiratsanträge
bekommen. Das war nichts für sie gewesen. Ein Deutscher mußte es sein
... Gegen jenes Vaterland, das ihr die zwei Brüder entrissen, Fritzing,
den Liebling zumal -- gegen Kaisertum, Junkertum, Militarismus -- gegen
das alles empfand sie den leidenschaftlichen Haß ihrer Klasse. Wie
ihre Lieben und auch die Mehrzahl ihrer Kolleginnen schwärmte sie für
internationale Solidarität der Hand- und Kopfarbeiter aller Völker, für
Verbrüderung der Nationen und ewigen Frieden. Aber noch stärker war
in ihr der Weibinstinkt, der die Deutsche zum Deutschen zog ... Ihr
selber völlig unbewußt war sie eine leidenschaftliche Nationalistin des
Rassegefühls ... Und dieser Sohn des Großbürgertums in der ersten Reife
vollerblühter Männlichkeit -- der war ihr verwandt durch etwas, das sie
kaum hätte deuten können. Es gab zwischen ihnen beiden ein gemeinsames
Ideal, einen Traum, ein Wunschbild vom Menschentum -- was war es nur?
Vater Patterson hatte recht gehabt: Die kleine Bessie konnte einem
schon auf die Nerven fallen.
Und kaum war sie zu ebener Erde angekommen, dann tat sie einen
Griff in die Tasche, und das Pintschermütterchen wurde in Freiheit
gesetzt ... Es entschädigte sich für die stumm ertragene Haft,
indem es mit widerlich grellem Kläffen den ernsthaften Herren in
den Direktionsbureaus zwischen die Beine fuhr, die Arbeiter, deren
Geruch das kleine Scheusal empörte, in die schlampigen Hosen biß ...
Dann lachte seine Herrin, so daß der kostbare Reiherbusch auf ihrem
Strohhütchen wippte wie vom Sturm gezaust.
Eines Morgens zog sie beim Frühstück ihrem Vater das Scheckbuch aus der
Brusttasche, reichte ihm ihren Füllfederhalter hin:
»+Goddam+ -- wofür?«
»Die Deutschen. Sie sind sehr merkwürdig, die Deutschen. Sie haben
wenig zu essen, sind schlecht angezogen, mögen nur acht Stunden
arbeiten und schimpfen, wenn man einen guten Anzug trägt. Aber ich
weiß mit ihnen fertig zu werden. Ich lache sie aus, dann werden sie
friedlich. Und noch eins: ihre Kinder ... Wenn man gut zu ihren
Kindern ist, dann kann man alles mit ihnen anfangen.« Sie wies auf ein
mächtiges Paket, das sie aus ihrem Zimmer mitgebracht: »Schau her,
+daddy+ ... alles Süßigkeiten und Schokolade für meine kleinen
Freunde in den schlimmen Vierteln ...«
»Gewiß -- ich gehe immer in die schlimmen Viertel. Darum mußte ich
mir das Auto kaufen -- daß ich ordentlich herumkomme in den schlimmen
Vierteln. Oh, du glaubst nicht, wie interessant es ist in den schlimmen
Vierteln!«
9
Tedje hatte so etwas wie ein Hauptquartier aufgeschlagen. In einer
jener finsteren Nebengassen der Neustadt, in denen die Männerwelt
der Unterschicht ihre Trösterinnen zu finden wußte, hauste als
Zuchtmeisterin eines Rudels verlorener Kinder der Schande ein
hexenhaftes Weib, das im Nebengewerbe mancherlei Gut zu bergen und
umzuschlagen wußte, welches ohne Zustimmung seiner Eigentümer in ihre
Hände gelangt war ... Mudder Lore war eine Mexikanerin von Geburt --
sie hatte einmal Dolores Jacinto geheißen. Ein Hamburger Kaufmannssohn
hatte sie als junges Ding aus ihrer Heimat in die nordische Küstenstadt
mitgenommen. Dann hatte er geheiratet, sie hatte die Abfindung, die
der Überdrüssige, doch Dankbare, ihr ohne Knickern hinterlassen,
mit neuen Freunden schnell verpraßt. Von Stufe zu Stufe sinkend war
sie erst Insassin und dann, zum alraunenhaften Scheusal alternd,
Vorsteherin eines Liebesverschleißes niedrigster Sorte geworden.
In dieser Eigenschaft hatte Tedje sie kennengelernt -- und war ihr
Günstling geworden. Ihm führte sie ihre »frische Ware« zu -- er
machte gelegentlich den »Herausschmeißer«, wenn die Kunden zu frech
wurden ... Und eines Tages hatte Mudder Lore ihrem Vertrauten auch
ihre unterirdischen Vorratsräume gezeigt, in denen sie die Stapel
von Waren jeder Art aufspeicherte, welche ihre Geschäftsfreunde ihr
nächtens zutrugen. Tedje staunte: Ein Labyrinth von engen, stickigen
Gängen, schlüpfrigen, ausgetretenen Treppen, muffigen Kellerlöchern
und geheimnisvollen Gewölben -- dazwischen hier und da eingekapselt
plötzlich ein Stübchen für verstohlene Liebesfreuden, mit schwülem,
verschlissenem, nach zweifelhaften Parfüms und altem Zigarettenqualm
riechendem Prunk ausstaffiert -- alles verbunden durch Geheimtüren,
die im Innern von Schränken mündeten, die mit alten Kleidern oder
Fastnachtskostümen vollgepfropft waren ... Eine wahrscheinlich
jahrhundertealte Heimstätte des Lasters, Diebstahls, Verbrechens jeder
Art -- wie aus einem jener mit grellbunten Titelbildern gezierten
Groschenhefte herausgeschnitten, die Tedjes einzige, in Massen
verschlungene Lektüre bildeten.
Tedje schrie vor Wonne, als Mudder Lore ihn in das Geheimnis
ihres »Dachsbaus« einweihte. So etwas hatte er gesucht, seit er
der Vertrauensmann des Spartakistenbundes geworden war. Hier war
Schlupfwinkel, Arsenal und Munitionsdepot zugleich ...
Bei all solchem Greuelwerk waren Clas Mönkebüll und Anders Niemann die
stets dienstwilligen Helfershelfer ihres Zimmergenossen.
Oft überkam den einstigen Offizier des Kaisers ein dumpfes Grausen.
Furchtbar gefährliches Spiel, das er spielte! Es brauchte nur inmitten
der gärenden Welt, in der er trieb, einer von jenen Hunderten von
Söhnen dieser Welt aufzutauchen, denen er einst Vorgesetzter, Erzieher,
Führer im Kampfe gewesen war -- ein Wort, das ihn entlarvte -- und
der Abgrund, auf dessen schwankendem Boden er sich tummelte wie auf
einem Sportplatz, verschlang ihn -- das stinkende Labyrinth, in dessen
pestaushauchende Tiefen er täglich hinuntertauchte, gab ihn nicht
wieder heraus ...
* * * * *
Heute bekam er aus Berlin ein Lob. Er hatte berichten können, die
Versammlung sei auf übermorgen abend festgesetzt, das Werbeplakat klebe
in ganz Hamburg, ein Riesenandrang sei zu erwarten. Berlin teilte
mit, Genosse Dragomiroff werde pünktlich mit dem Nachmittagszuge
eintreffen. Sollte wider Erwarten der drohende Streik der Eisenbahner
auf der Strecke Wittenberge-Hamburg sich nicht mehr bis übermorgen
aufhalten lassen, so werde Dragomiroff im Auto kommen ... Man möge sich
schlimmstenfalls auf eine unbedeutende Verspätung gefaßt machen.
Tedje blaffte wie ein Bullenbeißer, dem ein anderer Köter den
erbeuteten Fleischfetzen streitig machen will. Aber mit derbem Zugriff
zwangen die Freunde den Starken, sein Opfer fahren zu lassen.
Mit einem Male löste sich die dräuende Spannung des Moments in ein
orkanartig aufbrausendes Gelächter. Die Fremde, durch das Eingreifen
der Freunde ihres Bedrängers ledig geworden, hatte seelenruhig den
Kodak, den sie am Riemen um den Hals trug, aufgeklappt, war einen
Schritt zurückgetreten, hatte kaltblütig visiert -- klapp! die Aufnahme
war fertig.
10
In den nächsten Wochen bekam Elias Patterson zu spüren, was deutsche
Gründlichkeit -- und was deutsche Zerrüttung bedeutete.
Er selber hatte sich über die große Wassertiefe hinüber mit seinem
Konzern spielend verständigt. Ein paar lange Kabeltelegramme waren
hinüber- und herübergeflogen -- und wenige Tage nach der grundlegenden
Besprechung mit dem Präsidenten der H. T. L. befand sich Patterson
bereits im Besitz unbeschränkter Vollmachten der gesamten hinter ihm
stehenden Kapitalgruppen, mit den Deutschen im Rahmen seiner Vorschläge
abzuschließen.
Der alte Carstensen verfiel sichtlich. Und Ilse wuchs wider Willen und
Ahnen aus ihrer ursprünglichen Tätigkeit als Korrespondentin mehr und
mehr in die Stellung der »rechten Hand« hinein. Das war ihr Stolz, ihr
Glück -- ihre Rettung fast. Denn wie der Vater sich immer tiefer und
tiefer umdüsterte, die Lage des Unternehmens, das er auf altererbtem
Grunde zu seiner stolzesten Blüte entwickelt, sich immer fragwürdiger
gestaltete -- die Wehen und Krämpfe, die das angstumschauerte, von
Zwietracht und Zersetzung umstürmte Werden der jungen deutschen
Republik erschütterten, immer heftiger und schmerzlicher aufzuckten --
in diesem ganzen Wirrwarr von seelischer und körperlicher Überspannung
fühlte Ilse mit schmerzhafter Deutlichkeit, daß sie ein Weib war -- von
der Natur zur Kämpferin im Ringen einer Welt um Neugestaltung nicht
bestimmt. Und wo war die Brust, an die sie sich hätte lehnen, an der
sie Lebensangst und Einsamkeitsschauer hätte ausweinen können?!
Ihr zur Seite stand ein Mann, dessen rauhe Tatkraft wie von selber
in die immer sichtbarer freiwerdende Stelle des Oberleiters dieses
Riesenorganismus zusammengeballter Kräfte vorrückte. Der hatte alles,
was eine Frau in Ilse Carstensens Lage von dem Gefährten, den sie als
Stütze brauchte, nur hätte wünschen können. Alles -- außer dem einen ...
Ilse war keine Romantikerin -- ihrer Vorliebe für Schumann und Brahms
zum Trotz. Sie war eine Carstensen -- aber -- sie war eine Frau.
Das zähe Wollen ihrer Vorfahren richtete sich bei ihr auf frauliche
Ziele. Sie verlangte, als Vollmensch, ein volles Leben -- aber eben
ein Frauenleben. Gerade die Carstensen in ihr sehnte sich nach der
verträumten Weichheit, der ziellosen, undurchsichtigen Tiefe, dem
wunderverheißenden Sonntag im Sohn der Johanna Freimann ...
Die Gütige gestattete ihr noch immer, sie Mutter zu nennen ... Aber
in ihrem stillen Schmerzensgesichte las Ilse dennoch immer, immer die
verstohlene Anklage: du -- du hast ihn mir genommen!
Und so hatte Ilse doch schließlich keinen anderen Halt als den Mann,
dem ihr Schicksal sie mit Gewalt in die Arme pressen zu wollen schien.
Ilses Erscheinung verriet trotz der gesucht einfachen Kleidung, die sie
für ihren Arbeitsalltag anlegte, den Bürgeradel ihrer Abstammung. Sie
war nachgerade dem ganzen vieltausendköpfigen Werftpersonal als Tochter
seines Brotherrn bekannt. Es kam ganz von selber, daß sie im Getriebe
des Bureaugebäudes wie der Maschinenhallen, Helgen, Docks bisweilen an
der Seite des Direktors Timmermanns gesehen wurde. Von dem aber wußte
der jüngste Lehrling, daß er der Stellvertreter des alternden und
unverkennbar langsam versagenden Werfteigners war ... Schon bezeichnete
das Gerücht der Kantine die zwei als Brautleute ...
Und als solche galten sie auch in der Meinung jener zwei von den
siebentausend werkenden Männern, die unter beider Leitung standen --
jener zwei, die das Paar noch mit anderen Augen ansahen als mit dem
scheelsüchtigen Aufblick der Dutzendmenschen zu den Auserwählten, den
Begnadeten des Schicksals.
Anders Niemann ... Er sah dies Mädchen, das er einst im Arm gehalten,
nun aus doppelter Ferne ... Sie war ihm verloren, verfallen ohne
Gegenwehr dem Einfachen, dem Klaren, dem Wollenden ...
* * * * *
Und durch die Sorgen und Kämpfe der Deutschen quirlte die kleine
Hundezüchterin, Photographin, Automobilistin wie ein wahnsinnig
gewordener Sonnenstrahl. Sie war beständig auf Entdeckungsreisen. Und
überall fand sie Menschen, welche sich um Dinge quälten, die ihr neu,
unverständlich, geheimnisvoll interessant waren. Alle diese Deutschen
hatten ihre Sorgen -- und Sehnsüchte.
Ihre neue Entdeckung war Ilse Carstensen. Um die war ja eine förmliche
Dunsthülle von Rätseln ... Eine Braut, der ihr Bräutigam durchgebrannt
ist ... Eine Dame aus den ersten, vornehmsten Kreisen einer Großstadt
-- die arbeitet wie ein Mann -- statt sich verwöhnen, feiern und
beschenken zu lassen ... Und dabei hat sie einen Verehrer, der sie
mit lächerlich ehrerbietiger, täppischer Ergebenheit umwedelt wie ein
treuer, am Auge der Herrin hängender Neufundländer ...
Bessie stattete seit dem Beginn ihrer Schwärmerei für Ilse dieser
täglich auf ihrem Bureau einen höchst unbequemen Besuch ab. Eines Tages
wurde sie wieder einmal Zeugin, wie die neue Freundin ihren Seladon,
der mit einer ganzen Menge guter Nachrichten vom Fortgang des Dampfers
um ein freundliches Wort geworben hatte, kurz angebunden und fast
ungnädig entließ. Da faßte sie sich Mut, für den Riesen ein gutes Wort
einzulegen.
»Miß Ilse -- Sie haben das härteste Herz, das ich jemals an einem
jungen Mädchen gefunden habe ...«
Ilse hatte sofort verstanden. »Oh -- Sie haben bemerkt, Kleine?!« sagte
sie mit zurückhaltendem Lächeln.
»Ich bin nicht blind. Sie sind schlecht zu ihm, Miß Ilse.«
Die Deutsche mußte lachen. »Aber wenn er mich doch langweilt,
Bessiechen?«
Als sie vor dem Zimmer stand, dessen Tür die Aufschrift »Direktor
Timmermanns« trug, klopfte ihr keckes Herz doch ein wenig. Von drinnen
klang ein grimmiger Singsang, rauh wie ein indianisches Kriegsgeheul.
Bob Timmermanns fuhr herum, vor Staunen blöde. Sie sahen sich an, der
Enakssohn und das Püppchen -- und lachten -- lachten -- lachten, daß
ihnen die Tränen von den Backen liefen.
»Oh ... Die deutschen Soldaten sind sehr +melancholical+, wenn sie
singen +songs+ so swer -- swer --«
»Schwermütig ...«
»Kann ich auch, kleine Puppe -- da, nehmen Sie Platz ...« Er faßte die
Besucherin um die Hüfte und setzte sie mit einem Schwung auf seinen mit
Zeichnungen besetzten Arbeitstisch, daß die Röckchen nur so flogen.
»Hören Sie zu:
»Das Sie müssen auch lernen zu mir!« jubelte das kleine Ungeheuer. »Ist
es auch eine +German soldiers song+? Ich wünsche zu lernen hundert
+German soldiers songs+ -- das wird machen eine gigantische Effekt
in Amerika ...«
11
Minder als Bessie war ihr Vater mit seinem Aufenthalt in Deutschland
zufrieden. Das Tempo der Entwicklung machte ihn nervös.
Zum Abschluß eines Vertrages wie die geplante Fusion war die
Genehmigung der Generalversammlung erforderlich. Schon ihre
Einberufung machte Schwierigkeiten. Bald streikte die Eisenbahn,
bald streikte die Post ... Aus allen Teilen des Reiches kamen
Anträge auf Aufschub, Bitten um Aufklärung, dringende Warnungen vor
einer Verbindung mit dem amerikanischen Kapital ... Auslieferung an
das feindliche Ausland, schmachvolle Kapitulation vor dem Dollar,
Vaterlandsverrat waren tägliche Liebenswürdigkeiten.
Man kam nicht vom Fleck. Patterson verlor die Geduld. Er spielte seinen
letzten Trumpf aus. Er stellte der Linie eine Frist zur Entscheidung
über den Fusionsantrag des Patterson-Konzerns. Nach ihrem fruchtlosen
Ablaufe werde der Kredit gesperrt.
Freimann hatte seinen großen Tag. Vor einer Hörerschaft der ersten
Köpfe und Kapitalmächte der deutschen Hochfinanz, Industrie und
Schiffahrt verfocht er seine These: Besser Schulter an Schulter mit
Amerika leben als verlassen zugrunde gehen ... Die deutsche Ehre sei
nicht in Gefahr ... Der Vertrag sei nicht eine versteckte Aufsaugung
des Besiegten durch den Sieger, sondern ein Bündnis gleichberechtigter
Mächte ... Es sei kein Zeichen nationaler Gesinnung, den ersten Ausweg
aus dem Elend des Zusammenbruchs, den wohlmeinende Hände von drüben
aufgetan, unversöhnlich wieder zu verrammeln ... Das Meer, die Lunge
der Völker, müsse den Deutschen zunächst wieder geöffnet werden, koste
es, was es wolle ...
* * * * *
Mit seinen »Söhnen« ging auch Vater Tietgens zum Riesenmeeting seiner
Klasse. Auf seiner Stirn stand Entmutigung und Hoffnungslosigkeit. Der
Wahnwitz der Masse schickte sich an, mit den Trümmern des Deutschen
Reiches auch die marxistische Ideologie in Atome zu zersprengen.
Das Chaos brach an. Und Vater Tietgens, der graue Theoretiker der
sozialistischen Doktrin, begann an allem irre zu werden -- auch an der
beseligenden Lehre vom Zukunftsstaat. Er hatte lange mit dem Entschluß
gekämpft, in der Versammlung das Wort zu ergreifen und vor Überspannung
des republikanischen, des sozialistischen, des Rätegedankens zu warnen.
Er hatte verzichtet. Die Jungen, die Ungelernten, die formlose Masse
der ewig Unbelehrbaren würden ihn niedergebrüllt haben. Das Unheil
mochte seinen Lauf nehmen. Und wer -- wer hatte es heraufbeschworen?!
Der alte Sozialdemokrat fühlte sich dumpf angeekelt von dem Gedanken,
daß der Russe kommen dürfe, den deutschen Arbeiter über seine Aufgaben
bei der Neugestaltung des Menschheitsaufbaues zu belehren ... Noch
fast unbewußt keimte in seiner Brust die Erkenntnis, daß dem Deutschen
nur der Deutsche helfen könne -- daß moskowitische Ideale niemals
Führer sein könnten im Ringen des zertretenen Deutschlands um seine
Wiedergeburt ...
In der Brust des alten Mannes keimte etwas wie Angst und Abscheu vor
der eigenen Brut ... dem Sohn seiner Lenden und seiner Lehren ...
Und nicht minder empört sah er auf diesen Anders Niemann ... In ihm
hatte er gehofft, einen Gesinnungsgenossen zu finden -- und hatte nun
seit Wochen mit ansehen müssen, daß der junge Bursch, um den seine
Antje sich bemühte und härmte -- daß der ganz in die Hörigkeit seiner
beiden Arbeitskameraden geraten war ...
Übrigens sah Tedje nicht drein, als sei er wunschlos glücklich ... Was
er bisher nicht einmal den Hausgenossen anzuvertrauen gewagt hatte, war
der Inhalt eines Eiltelegramms aus Berlin, das ihn vor einer halben
Stunde erreicht hatte. Die Zentrale meldete, der Eisenbahnerstreik
auf der Strecke Wittenberge-Hamburg sei gestern, allen Bemühungen um
Aufschub zum Trotz, um einen Tag zu früh ausgebrochen, die Strecke
lahmgelegt ... Es sei Fürsorge getroffen, daß der Genosse Dragomiroff
in Wittenberge ein Auto vorfinden werde ... Schlimmstenfalls möge das
Bureau die Versammlung bis zum Eintreffen des Hauptredners anderweitig
beschäftigen ...
Tedje biß die Lippen vor Wut. Die Zentrale hatte ja schon vorher auf
diese Möglichkeit hingewiesen ... Als Einberufer, so sagte er sich
zähneknirschend, hätte er für diesen Fall Vorkehrungen treffen, andere
Redner bereithalten müssen ... Seine mangelnde Erfahrung hatte ihm
einen Streich gespielt. Wie würde es möglich sein, eine Versammlung
von fünftausend arbeitsmüden Männern und Frauen auf unbestimmte
Zeit festzuhalten? Die Stimmung würde abflauen, die große Aktion
verkleckern, womöglich alles auseinanderlaufen ... Eine wüste Blamage
lag im Bereich der Möglichkeit ... Und dann war es um seine Stellung
unter den Genossen geschehen ...
Einer von den vier Hausgenossen war ahnungs- und hemmungslos glücklich:
Clas Mönkebüll ... Seit einigen Tagen glaubte er bemerkt zu haben, daß
die Annäherung zwischen Antje und Anders keine rechten Fortschritte
mehr mache. Seit Anders ganz und gar unter Tedjes Einfluß geraten war,
hatten die Musikabende im Hause Tietgens seltener und seltener zustande
kommen wollen. Eines Abends war Clas zufällig zu Hause geblieben,
während seine beiden Freunde im »Hauptquartier« zu schaffen hatten. Da
war Antje gekommen -- schmerzlich enttäuscht ... Was ihr fehle, hatte
Clas bescheiden gefragt ... Ach -- es sei nur, daß sie sich so sehr
auf die Musik gefreut habe ... Ei -- da könne ihr geholfen werden ...
ob er selber ihr vorspielen dürfe ... Und stundenlang hatte sie seinem
vor Erregung doppelt ungelenken, leidenschaftlich hingegebenen Spiele
gelauscht ... Und beim Abschied ein Blick, ein Händedruck -- Clas bebte
bei der bloßen Erinnerung.
Die Welt ist schön, der Mensch ist gut! sang es in Clas Mönkebülls
Herzen. Alles wird neu, alles muß herrlich werden -- »die Welt wird
schöner mit jedem Tag!« Und er glaubte, glaubte brünstiger denn je an
die Zukunft des Menschengeschlechts -- an den neuen Erdentag -- dessen
erste Morgenröte heut aufgehen werde, heut -- mit dem Vortrage des
Genossen Dragomiroff ...
Ob sie auch kommen würde -- sie? O gewiß ... von Tracht und Sitten
eine Bürgerin war sie Genossin im Herzen ... Eine Gläubige auch sie,
ein treues Kind ihres Standes, ihrer Klasse ... Eine Revolutionärin,
rot bis in den innersten Winkel der Seele -- sie, die Verkörperung der
roten Seligkeit ...
* * * * *
Tedje saß glührot auf seinem Präsidentensitz und starrte in die Menge,
die Kopf an Kopf in dem niederen, dumpfen Saal sich drängte. Seine
Ankündigung, daß der Genosse Dragomiroff auf sich warten lassen müsse,
weil die Genossen auf der Strecke Wittenberge-Berlin in den Streik
getreten seien, hatte mit ihrer ganzen tragikomischen Ironie auf die
harrende Masse gewirkt -- dämpfend, beschämend, stimmungmordend ...
Es war kein Vergnügen, mit müden Knochen, eng zusammengepreßt im
atembeklemmenden Brodem sitzen zu müssen -- Leib an Leib ringsum an den
Wänden zu stehen bis auf die Stiege hinaus ... Gelächter scholl auf,
Scharren, Trampeln, vereinzelte Pfiffe ... Tedje Tietgens schwang die
Klingel, forderte in herrischen Worten Versammlungsdisziplin ... Da
scholl eine Stimme aus dem Hintergrunde:
Mit schmetterndem Gesang fiel die Versammlung ein. Alle zehn Verse
wurden heruntergesungen:
Aber auch die zehn Verse gingen zu Ende. Und noch immer kein Genosse
Dragomiroff ...
Clas warf einen Blick zum Vorsitzenden, der nickte Genehmigung. Und
wieder schritt Clas zum Klavier: und abermals rauschten Klänge auf.
Auch jetzt ein Befreiungsklang ... aber nicht das rohe Trutzlied einer
Kaste, nicht die Losung zum Bürgerkrieg -- ein Sang von der Schmach
und Not eines geknechteten Volkes, von seinem heroischen Dulden,
seinem anschwellenden Ingrimm, seiner aufsteigenden Empörung -- seinem
Siege wider die fremden Bedrücker, seiner Erlösertat -- vom Triumph
der Freiheit -- jener Freiheit, die den Herrenvölkern gebührt -- den
Männervölkern.
Wer von den Fünftausend, die drunten lauschten, kannte dies hochheilige
Freiheitslied -- kannte Beethovens Ouvertüre zu Goethes Egmont --?!
Wer von den Jauchzenden ahnte, daß er nicht den Aufstieg einer
Klasse bejubelte, nicht den Anbruch der roten Seligkeit, den Sieg im
Bürgerkriege, die Diktatur des Proletariats -- nein, den Sieg eines
brüderlich geeinten Volkes wider volksfremde Zwingherrschaft?!
Einer wußte es: der junge Mann mit dem kahlgeschorenen Schädel unter
dem wetterbraunen Gesicht, in dem das kecke Schnurrbärtchen jetzt den
letzten Rest von Ähnlichkeit mit jenem Typus verwischt hatte, den es
durch sein ganzes Jugendleben getragen: dem Typus des kaiserlichen
Marineoffiziers! In seinem verschlissenen Matrosenanzug sah Anders
Niemann heut ganz und gar wie ein frischer, straffer Sohn der Arbeit
aus ...
Aber der Blick, den er quer durch die Breite des Saales zu seiner
braunscheiteligen Freundin sandte -- der funkelte geheime Ironie ...
Es war der Blick eines Wissenden -- eines Liebenden, der hoch über dem
Wust der Stunde in eine lichtere Zukunft seines Volkes schaute ... Und
eine Ahnende erwiderte ihn ...
Du! sagte dieser Blick: gehören wir nicht zusammen -- trotz allem -- du
und ich -- ihr und wir?!
Und der Offizier, der Bourgeois, der Sohn des Großreeders glühte vom
Überschwang brüderlichen Gemeinsamkeitsgefühls mit diesen Tausenden,
deren Seele er in sich hineingetrunken seit Monaten -- die er nun
kannte in ihrer unbewußten, traumhaften Sehnsucht nach einem neuen
Ideal, einer neuen Seelenheimat -- einem neuen -- freien -- großen --
nach innen und außen großen -- wiedergeborenen -- Vaterland --
Mitten in dem Beifallssturm geschah es, daß aller Augen sich der Tür
zuwandten, die vom Flur her auf das Podium führte. Da stand plötzlich,
wie aus der Erde gewachsen, eine fremdartige Gestalt: ein untersetzter
Mann mit stumpfbegehrlichem Slawengesicht, den breiten Mund von
struppigem Graubart umbuscht, mit stechenden Äuglein, in denen es
zuckte und gewitterte von der fressenden Loheglut der Götterdämmerung...
Schau! von den Gesichtern der Fünftausend war der feierliche Ausdruck
des hingegebenen Lauschens, der gesammelten Andacht, der ahnungsvoll
gläubigen Erhebung wie weggewischt ... Ein grelles Flackerfeuer loderte
aus diesen zahllosen Augenpaaren, die nun stier und hingerissen auf den
knochigen Burschen im lederumgürteten langen Leinwandkittel starrten...
Die Bestie wachte plötzlich auf -- aus dem Abgrunde der Jahrtausende
brodelte, kreißte, schwelte es wieder empor: das alte Chaos ... die
Urnacht ...
Auch auf den Zügen der Damen, der Gesellinnen all dieser Machthaber des
industriellen, kommerziellen, nautischen Deutschland, hatte die Sorge
der Kriegsnot, der Schmerz um liebe Gefallene, das Grausen vor der
roten Sturmflut unverwischbare Zeichen gegraben. Ihre prüfenden Blicke
hingen mit nicht größerem Wohlgefallen denn die Gesichter ihrer Männer
an den Vertreterinnen amerikanischer Weiblichkeit: das waren die Frauen
des Generalkonsuls der Vereinigten Staaten und vor allem die Tochter
des neuen Verbündeten: die exzentrische kleine Bessie Patterson ...
Trotz allem: es war ein Bild langentwöhnten Glanzes, das heute den
eichengetäfelten Spiegelsaal des ersten Hotels des Kontinents füllte.
Man war zwar nur geladen, um die Gründung der United Transatlantic
Lines zu feiern -- aber die Herzen der Deutschen feierten das erste
Zeichen deutschen Wiederaufstiegs.
Auf den Scheiteln und Hälsen der Damen funkelte noch immer manch
blendender Stein- und Perlenschmuck -- die Frackaufschläge der Herren
wiesen, dem Sturz der Throne zum Trotz, den blinkenden Schmuck der
Orden all der verschwundenen deutschen Dynastien, und auf der Brust der
jüngeren Teilnehmer leuchtete der stille, unverlöschliche Glanz der
Eisernen Kreuze.
»Waren Sie schon drüben, Miß Carstensen? Aber nein, verzeihen Sie, das
war eine dumme Frage -- vor dem Kriege waren Sie ja noch ein Backfisch
... Um so besser: Ihr Vater wird Ihnen erlauben müssen, die erste Fahrt
Hamburg-Neuyork an Bord der ›Union‹ mitzumachen ...«
Mit höflichem Lächeln dankte Ilse. Ob der Gentleman wohl ahnte, daß sie
die Braut eines Tauchbootkommandanten war? Was für Schrecknisse und
Abgründe lagen zwischen den beiden Völkern, deren mutigste Pioniere
einander heute wieder die Hand zu reichen wagten --
Bessie schmollte ein wenig. Sie saß auf einem Ehrenplatze zur Linken
des alten Carstensen, der die Gattin des amerikanischen Generalkonsuls
führte, und zur Rechten des Vorsitzenden des Aufsichtsrats der H. T.
L., des Präsidenten der Deutschen Bank ... Zwischen den Weißköpfen
kam sie sich wie verbannt vor. Sie hatte kategorisch verlangt, ihr
Tischherr müsse der große dicke Direktor werden, der immer in Miß
Carstensens Bureau komme ... Das hatte ihr Vater ihr ausnahmsweise
einmal abgeschlagen -- Robert Timmermanns saß heute, seiner
gesellschaftlichen Stellung entsprechend, am unteren Ende der Tafel
-- inmitten einer Gruppe von Direktoren der Linie und der Werft.
Dazwischen waren die kaufmännischen und technischen Mitglieder des
Stabes eingestreut, den Patterson gleich bei seiner ersten Anwesenheit
in aller Heimlichkeit in Hamburg installiert hatte, und der nun auf
einmal aufgetaucht war und sich als glänzend informiert und mit allen
Hamburger Verhältnissen aufs genaueste vertraut erwies.
Die Versammlung erhob sich, die Deutschen grüßten mit ihren Gläsern
zu ihren neuen Wirtschaftsverbündeten hinüber, in ruhigem, gemessenem
Ernst, mit jenem Ausdruck respektvoller Zurückhaltung, welcher ihren
Gefühlen entsprach. Die deutsche Würde -- bei diesen Führern deutschen
Schaffens war sie wohl aufgehoben.
Und nun schlug Georg Freimann ans Glas. Auf seinem Frackhemde
blinkte das weiße Emaillekreuz des Roten Adlerordens, das Wilhelm
II. ihm eigenhändig umgelegt, als der Reeder dem Kaiser einstens
das Zustandekommen des Morgan-Trusts gemeldet hatte. Es schien ihm
Pflicht, auch äußerlich zu bekunden, daß die deutsche Hochseeschiffahrt
der Republik nur auf dem Fundament weiterbauen könne, welches das
Kaiserreich gelegt habe.
»Meine Damen und Herren!« begann der Präsident. »Aus tausend Wunden
blutet unser zerrissenes, zertretenes Vaterland. Niemand weiß das
besser als wir, als dieser Kreis von Vorkämpfern deutschen Aufschwungs,
der, wie wenige unserer Landsleute, die ganze Tiefe unseres Sturzes
ermißt. Alle Großmächte des Erdenrunds haben wider uns im Felde
gestanden. Eine aber hat durch ihren Beitritt zum Feindbunde den Sieg,
der sich schon auf unsere heldische Gegenwehr niederzusenken schien,
auf die Seite unserer Gegner hinübergezwungen: es ist das Land des
Präsidenten Wilson -- es sind die Vereinigten Staaten von Amerika.«
»Wir alle, meine Damen und Herren, kennen die Welt von Bitterkeit,
welche diese Tatsache umschließt. Und darum wissen Sie auch alle,
welche inneren Kämpfe hinter uns lagen, als wir uns entschlossen, in
die Hand einzuschlagen, die uns zertrümmert hatte. Wir haben es getan
in der schmerzlichen Erkenntnis, daß uns keine Wahl blieb, daß wir nur
zu entscheiden hatten zwischen einsamem Versinken oder Anschluß an
eine jener Mächte, deren Eingreifen unser Glück und unseren Aufstieg
vernichtet hat. Es wäre unseres stolzen Schmerzes unwürdig, wollten wir
diese Tatsachen in dieser Stunde verschweigen oder verschleiern.«
Georg Freimanns Stimme bebte leise von innerem Krampf. »Diese klare
Aussprache der Wahrheit mindert in nichts das Gefühl der Genugtuung,
ja, ich schäme mich nicht zu sagen des Dankes für Sie, meine Herren von
drüben, die Sie als erste die Versöhnungshand uns hingestreckt, als
erste uns zu erneuter, gemeinsamer Arbeit im Dienste der Menschheit
aufgefordert haben -- vor allem für Sie, Freund Elias Patterson --
der Sie zugleich der Gastgeber dieses unvergeßlichen Abends sind.
Seefahrt ist not -- ohne sie muß ein großes Volk in seiner eigenen
Kraft ersticken und verkümmern. Darum haben wir Ihre Hand ergriffen,
die uns den Weg zum Meer aufs neue erschließt. Und Sie, meine Herren
von drüben, Sie haben durch die Tat bewiesen, daß Sie nicht wollen,
daß unser Volk verkümmert und erstickt ... Darum haben Sie auch Ihre
Zustimmung gegeben, daß das erste Schiff, das auf Rechnung zwar unserer
Linie auf deutscher Werft erbaut, doch für gemeinsame Rechnung im
Dienste der United Transatlantic Lines den Ozean, der Ihr und unser
Land verbindet, durchqueren soll -- daß dies stolze Schiff, dessen
Rumpf auf den Helgen der Hammonia-Werft schon stattlich emporwächst,
den Namen tragen soll, der unseren Herzen am teuersten ist: den Namen
›Deutschland‹.«
Der Präsident tat ein paar schwere Atemzüge. Nun hatte seine Stimme
wieder den alten Vollklang:
»Meine Damen und Herren! Dunkel liegt auch heute noch die deutsche
Zukunft vor uns. Alles, was uns teuer und heilig war, liegt in
Trümmern, das Werdende ist noch gestaltlos und unbewährt. Wir aber
arbeiten. Und unsere Arbeit, so hoffen wir, wird die Quelle unserer
Zukunft sein, wie sie die Wurzel unseres vergangenen Glanzes gewesen
ist. In dieser Hoffnung, in dieser Gewißheit begrüßen wir das Werk
dieses Tages, begrüßen unsere neuen Mitarbeiter von drüben und den
Herrn Vertreter des großen Volkes, das heute, wir wissen es, in
seiner Gesamtheit noch fremd und ablehnend uns gegenübersteht, das
aber dennoch das erste Land der Erde ist, dessen Bürger sich mit uns
zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden haben. Wir begrüßen das Kind
dieses Tages, die United Transatlantic Lines -- wir begrüßen das freie
Weltmeer, das sich nach vier Jahren der Verstrickung wiederum vor uns
auftut -- wir grüßen die Zukunft -- die Zukunft unseres Volkes, die
Zukunft des Menschengeschlechts.«
13
Ihre deutschen Verehrer, auf deren Brust fast überall das Eiserne
Kreuz prangte, verstummten und erblaßten vor Entsetzen. Aus dem kecken
Bubenmündchen der kleinen Yankeemaid klangen Töne und Worte, die sie --
-- kannten -- --
Drittes Buch
Es schien, als sollte das unglückseligste aller Länder zur Ruhe kommen.
Eine Woche lang stand diesseits und jenseits der Elbe die Arbeit still.
In den Adern der Stadt stockte das Blut.
Die Männer, welche dem Schaffen ihrer Heimat Führer waren, saßen in
ihren Häusern, ihren Villen untätig, mit gramverzerrten Gesichtern,
ohnmächtig geballten Fäusten.
Tage tiefster Schande für die Stadt der drei Türme -- Tage, die ihre
Chronisten ausstreichen möchten aus ihrer Geschichte ...
* * * * *
Für Anders Niemann war's eine entsetzliche Zeit gewesen. Kaum ein
anderer Sohn der Stadt hatte auch nur entfernt Ähnliches gelitten. Um
nicht den Argwohn seiner Arbeitsgefährten zu erwecken, hatte er sich
nicht völlig zurückhalten dürfen. Aber er hatte einen Ausweg gefunden:
Er hatte sich zum Sanitäterkommando gemeldet, hatte die Leiber seiner
verwundeten Kameraden aus dem heftigsten Feuer herausschleppen, ihnen
die erste Hilfe bringen dürfen ... Und hatte dabei mit hundert Sinnen
beobachtet, gelauscht, gelernt ...
Noch hatte diese Masse sich selber nicht begriffen -- und die andern,
die alten Stände, begriffen sie ebensowenig. Kein seelisches Band
wob sich vom Hause Tietgens zum Hause Carstensen, von Antje zu Georg
Freimann ... fremd und fern standen sie beieinander, diese Menschen,
die an gemeinsamem Werke wirkten ...
Und was das entsetzlichste war: Am Boden der Masse, als dicke
Hefeschicht des brodelnden Gärkessels dieses gigantischen
Wandlungsprozesses hatte sich ein Etwas gebildet, das gar nicht neu,
sondern uralt war, und doch, wie alle anderen Elemente der Menschheit,
sein Gesicht gewandelt hatte -- der Pöbel ...
Sie hatte ihr die Mittel gegeben, über Kontinente, durch Meerestiefen
hindurch, rund um die Lufthülle des Erdballes zu schreiben erst und nun
auch zu sprechen ... Und endlich hatte der Mensch gar das Fliegen, dem
Grausen der Wassertiefe sich vermählend, das Tauchen gelernt ... Das
alles verdankte er diesem Geschöpf seines Hirns, das nun die Meisterin
seines Schicksals geworden war, der Dämon seines Geschlechts ...
Das »Volk« ... war es nicht verraten und verloren in seiner hilflosen
Seelenöde? In seinem dumpfen Groll über dies Schicksal seines Daseins,
das es durch eine unüberbrückbar scheinende Kluft vom Zusammenhange mit
der Entwicklung seines Volkstums, mit der Geschichte seiner Nation,
mit dem Seelen- und Geistesleben der historisch gewordenen Gesamtheit
trennte? Das unverstanden und ohne zu verstehen nur das eine begriff:
daß es irgendwie vergewaltigt werde, irgendwie betrogen um sein
Menschenrecht: sinnvoll, befriedigt und freudig mitwirken zu dürfen am
gemeinsamen Werk?
Was half es diesen Millionen, daß der Staat der Vergangenheit ihnen
ein Mindestmaß der Existenz gesichert hatte, sie geschützt vor den
lebenauslöschenden Folgen der Krankheit, des Unfalls, des Alters? Was
half's ihnen, daß sie heute, zur organisierten Masse geballt, imstande
waren, sich von Zeit zu Zeit eine gewisse Anpassung ihrer Entlohnung an
den schwindenden Geldwert zu ertrotzen?!
Arm blieben sie dennoch -- sie konnten nicht glücklich werden, niemals
und auf keine Weise glücklich ...
Denn glücklich lebt nur, wer begreift ... wessen Denken geschult ward,
sein Dasein in einem großen Zusammenhang als nützlich, zweckmäßig,
wesentlich, notwendig, sinnvoll -- heilig zu begreifen ...
Wer hatte sie das gelehrt -- wer sah auch nur die Aufgabe, sie das
zu lehren -- wer war selbstlos, unantastbar -- und dabei wort- und
wissensgewaltig, überzeugt und überzeugend, wer war groß und rein
genug, sie das zu lehren?!
Dieser Tedje war von seinen Eltern gewiß mit aller Liebe und Sorgfalt
erzogen, deren ihr tüchtiges, ernsthaftes Wesen, ihr angeborenes und
in harter Lebensfron gestärktes Pflichtgefühl fähig war. Er war gewiß
einmal ein schwieriger zwar, doch im Grunde gutartiger Bursch gewesen
... hätte vielleicht doch im Laufe ruhiger Entwicklungsjahre die
Dämonen seines Wesens, den Schnaps und die Sinnengier, überwunden, und
wär's an der Hand einer strammen, rüstigen, tüchtigen Frau ...
Aber da war der Krieg gekommen und hatte ihn gelehrt zu töten,
zu nehmen, was nicht sein war, zu faulenzen, zu spielen, sich
zusammenzurotten, zu neiden, zu hassen ... Die Gefangenschaft war
gekommen, und die Peitsche kaukasischer Bergwerksvögte hatte seine
Menschenwürde zerstriemt ... So war er geworden, was er war: ein
Bolschewist -- ein Verneiner des Wirklichen, ein Zertrümmerer des
Überlieferten, ein Stück Chaos, ein Stück Satan ...
Und mit dem Haß und der Verneinung war die Gier gekommen und der
Neid ... Haben, was die anderen hatten ... Nicht es verdienen durch
zähe Arbeit des Kopfes -- nein, es erraffen, an sich reißen mit der
Masse der starken Fäuste -- nicht es genießen mit den tausend Organen
verfeinerter Hirne, nein, es verprassen und verwüsten in sinnloser,
verständnisloser Orgie ...
Und wenn man jeden einzelnen der entsetzlichen Horde, welche die
sechzehn jungen Bahrenfelder Jäger zerhackt, zerrissen, ersäuft,
zertrampelt hatte -- wenn man jede einzelne dieser Menschenbestien
wissenschaftlich zergliedert hätte, der Entwicklung ihres Schicksals,
ihrer Seele nachgespürt bis in die letzten Wurzeln ihres Wesens --
hätte man nicht am Ende solchen Analysierens und Durchdringens überall
das gleiche gefunden:
Notwendigkeit -- --?!
Denn wenn hier eines retten konnte, dann war's das Herz -- das hörende,
schauende, verstehende Herz ...
* * * * *
Ihr Herz war voll Liebe, darum sah sie. Ihr Herz war licht, darum
erkannte sie. Ihr Herz war Güte, darum begriff sie, darum konnte sie
begreifen lehren.
2
Kaum waren die letzten Schüsse verhallt, kaum hatten die ersten
Kompanien Lettows in den Höfen der staatlichen und städtischen
Amtsgebäude ihre Gewehre zusammengesetzt, da kam auch das gewaltige
Rädergetriebe der Arbeit dieser unübersehbaren Zusammenballung von
Kräften und Möglichkeiten wieder in Schwung.
Bob Timmermanns meldete sich bei seinem Chef mit verbundenem Kopf und
Arm, dicke Beulen im Gesicht, blaue Flecken am ganzen schmerzenden
Körper. Er war einem Rudel junger Lümmel, die auf der Werft zu plündern
und Maschinen zu beschädigen versucht hatten, mit Armins Karabiner
in der Hand entgegengetreten, hatte einen der Attentäter schwer
angeschossen, war aber dann umzingelt und jämmerlich zusammengehauen
worden. Nur das Eingreifen einer Anzahl Werkmeister, die ihm vom
Familienwohnhause der alten Vertrauensleute mit bewaffneter Hand zu
Hilfe gekommen waren, hatte sein Leben gerettet. Unter ihnen war auch
der alte Tietgens gewesen, der jeden Morgen zur Werft gekommen war, um
nach seinem Kran zu sehen.
Vater Carstensen und Ilse konnten sich nicht genugtun, dem tapferen
Verteidiger ihres Eigentums zu danken. Bob Timmermanns schwamm in Glück.
Aber wenn Ilses ernste Augen ihn mit nie erträumter Herzlichkeit
anstrahlten, dann sah er neben ihrem schmal gewordenen, vom Grauen
der durchlittenen Tage gezeichneten Gesicht ein keckes Stumpfnäschen
auftauchen, hörte ein helles Krähstimmchen trällern:
Herr Elias Patterson war samt seiner Tochter und seinem ganzen Stabe
mit dem letzten Schnellzug, der vor der Erstürmung des Hauptbahnhofes
durch Spartakus noch hatte abgelassen werden können, inmitten eines
entsetzten Schwarmes flüchtender Ausländer nach Bremen abgereist und
von dort mit einem englischen Frachtdampfer nach drüben zurückgekehrt.
Zum Glück ergab eine telephonische Anfrage bei den Banken, daß er die
eingeräumten Kredite weder eingezogen noch gesperrt hatte ... Also er
hatte den Glauben an die unzerstörbare Kraft der deutschen Wirtschaft
anscheinend noch nicht verloren.
Und kaum hatte der Telegraph die Kunde von Hamburgs Wiederherstellung
in die Welt getragen, da kam auch schon Kabelgramm auf Kabelgramm
geflogen, die dartaten, daß die Hoffnung auf Pattersons Standhaftigkeit
nicht getrogen habe. Er bat um schleunigen Bericht über die Lage und
riet dringend, nunmehr sofort an die Reichsbehörden mit dem Verlangen
nach beschleunigter Anerkennung des Entschädigungsanspruchs der
Reedereien heranzutreten.
Vor wenigen Wochen würde Bob Timmermanns diese ungewöhnliche Ehrung als
Ermunterung noch stolzerer Hoffnungen aufgefaßt haben. Ilse Carstensen
hatte etwas Derartiges befürchtet und sah den Tagen, in denen sie
nun täglich mit dem Getreuen stundenlang zusammen zu arbeiten haben
würde, mit geheimem Bangen entgegen. Aber sie erlebte eine angenehme
Überraschung -- oder hatte sie nicht einen leisen Beigeschmack von
Enttäuschung? -- Der Riese, so sehr er sich draußen im Vollgefühle
seiner neuen Würde sonnte, war der Tochter seines Chefs gegenüber von
einer seltsamen Befangenheit ...
Und fortan machte die stolze Ilse sich das kokette Vergnügen, dem
Abtrünnigen ein wenig einzuheizen.
Die Orkane, welche die drei Türme umtobt hatten, waren verstummt --
aber drunten in der Tiefe brauste und gurgelte noch immer die »Tote
See«.
»Tjä, denn helpt dat allens nich,« murmelte sogar Mudder Tietgens,
»denn möt ji üm Lohnerhöhung inkomen, süß kann'k jug nich miehr satt
kriegen, Jungs ...«
Tedje hatte sich von seiner ersten Angst erholt. Seine Stellung auf
der Werft, inmitten seiner Kameraden, war fester als je. Nun schwang
er sich an die Spitze eines Ausschusses der Werftarbeiter, welcher die
neuen Lohnforderungen formulieren und der Leitung vortragen sollte.
Als Termin für die Aktion war der Tag bestimmt, in dessen Frühe die
Regierungstruppen abrücken sollten ...
»Ich weiß. Aber hast du das Gefühl, lieber Kerl, daß du ihn schon nach
seinem vollen Werte bezahlt hast?!«
»Nein!« lachte Bob gutgelaunt und griff in die Brieftasche. »Wann sieht
man dich in Hamburg wieder?«
»Hoffentlich bald ... Ich habe schon einmal so etwas wie deinen
Retter spielen dürfen ... Die große Abrechnung mit den November- und
Juniverbrechern möchte ich nirgendwo anders als hier erleben -- wo man
mich bespuckt und getreten hat ...«
Aber auch das erkannte des Kundigen Auge: Es waren nur die jüngeren
Elemente, die Ungelernten, die »Halbstarken«, welche die »Bewegung«
trugen. Die älteren, besonnenen Werftangehörigen fehlten einstweilen.
Ein Trost -- aber ein geringer. Der Terror der Jugend würde früh genug
auch die Widerwilligen, die Friedfertigen, die Maßvollen mitreißen ...
»Heut gibt's wieder was! Gut, daß Sie kommen -- ich hatte schon Angst,
man hätte Ihnen den Weg verlegt ...« Und ihre Augen leuchteten Dank,
Vertrauen ... Bobbies Herz klopfte, seine Donnerstimme ward brüderlich
zart:
»Keine Angst, Fräulein Ilse --« wahrhaftig, er wagte es, Fräulein Ilse
zu sagen! -- »es ist vorläufig halb so schlimm ... Nur die Lausebengels
sind beisammen ... Aber freilich: das ist immer der Anfang ... Die
andern lassen sich mitreißen ...«
»Ein Streik muß unter allen Umständen vermieden werden«, meinte Ilse.
»Ein Kabel von Patterson ist da: Der Konzern bestehe darauf, daß die
›Deutschland‹ spätestens Mitte Januar vom Stapel laufe -- andernfalls
werde man die Hoffnung auf Wiederherstellung unserer Bündnisfähigkeit
aufgeben ...«
Um Ilses Lippen zuckte ein flüchtiges Lächeln. »Er schweigt sich aus.
Aber hier ist noch ein Telegramm an Ihre Privatadresse.«
Timmermanns trat ans Fenster und las -- o weh -- es war Englisch -- und
dabei die Unterschrift: Bessie Patterson ... Verflucht ...
Ein kurzer Kampf -- dann wußte er, was er zu tun hatte. Mochte die
Stolze immerhin wissen, daß die kleine Dollarmaid ihm etwas mitzuteilen
hatte.
»Würden Sie die Güte haben, Fräulein Ilse, mir das vorzulesen?«
»Machen Sie das Maß Ihrer Güte voll und setzen Sie mir eine Antwort
auf!«
Ilses Lippen zuckten vor Übermut. Sie kritzelte ein paar englische
Worte auf ein Notizblatt und reichte es dem Treulosen.
»Fräulein Ilse --!« stammelte der Riese. »Ich bitte Sie -- wie können
Sie nur --«
Ein rauhes Klopfen überhob ihn der Antwort. Und schon sprang die Tür
auf: Eine Gruppe junger und ganz junger Arbeiter stapfte geräuschvoll
herein -- mit ihr eine Wolke von Schweißdunst, Öldunst, Teerdunst,
Schnapsdunst --.
Tedje Tietgens an ihrer Spitze ... auf seinen Zügen flammte die Röte
der Destille. Da sah er Ilse -- und eine zweite heißere Flamme zuckte
in seinen Augen auf. Er wandte sich halb an den Generaldirektor, halb
an die »Feine«.
»Ja -- dat is dat Wort --« stotterte Tedje, »öwerst ick bün nich
Tietgens, dat Sei't wissen, Herr Timmermanns -- ick heiß' Herr
Tietgens!«
»Und ich heiß' Herr Generaldirektor, Herr Tietgens, daß Sie's wissen«,
erwiderte Timmermanns gelassen. »Nehmen Sie Platz, meine Herren, soweit
die Stühle reichen. Bitte um die Aufstellung.«
Tedje setzte sich breitbeinig, reichte ein Blatt, das die Forderungen
der Streikwilligen enthielt. Der Generaldirektor gab die Tabelle an die
Tochter seines Chefs weiter. Die las aufmerksam, gesenkten Hauptes.
Tedje verschlang jede ihrer Bewegungen. Höll' un Düwel -- so was in
die Arme kriegen -- -- das nächste Mal mußte es noch viel doller gehn
-- die rote Woche durfte nur ein Auftakt gewesen sein. Man hatte sich
begnügen müssen, entwaffnete Männer aus der Bourgeoisie zu massakrieren
... bis an die Weiber war man noch gar nicht gekommen ...
Ilse Carstensen reichte ihrem Getreuen das Blatt zurück. Beider Blicke
trafen sich. Bob Timmermanns verstand Ilses stumme Frage: Ist das
überhaupt tragbar? Er schüttelte den Kopf.
»Een Pund Brot kost' seit gistern hundert Mark, Herr Generaldirektor«,
sagte Tietgens. »Reken Sei sick gefälligs ülben ut, woans en
Familienvadder mit den'n ollen Lohn bestohn kann.«
Timmermanns schwieg in dumpfem Sinnen. Sie hatten recht ... die Leute
... Die Not der Zeit wuchs allen über die Köpfe -- den Arbeitnehmern
wie den Arbeitgebern ... Als ungerecht, als überspannt konnte man die
Ansprüche der Arbeiterschaft unmöglich bezeichnen. Aber was war zu
machen? Es ging nicht ...
»Leute, seid vernünftig ... Wenn wir eure Forderungen bewilligen, ist
die Werft in acht Tagen pleite, ich schwöre es euch ... Es ist eine
schwere Zeit -- wir müssen alle zusammen uns einschränken ...«
In Scham zog Ilse ihre Hand zurück ... Wie hatte sie nur vergessen
können, den Ring abzulegen ...
Diese Erinnerung an seine Niederlage vor den Ohren und Augen dieser
Frau -- der wilde Bursche verlor den Rest seiner Besinnung. Er griff
einen Stuhl und schwang ihn empor. Seine Kameraden fielen ihm in den
Arm. Ilse riß Timmermanns zurück -- ihre Kinnbacken bebten.
»Teuf, mien Deern!« schrie Tedje unter den Fäusten seiner Kollegen.
»Ick will di woll kriegen -- un wenn dien Schlöks von Brögam bi di wakt
und bi di slöppt ... Unsre Kam'roden in Rußland -- --«
Da schnarrte der Fernsprecher.
Ilse nahm den Hörer ... und schon hatte sie ihres Vaters Stimme
erkannt. Es war wie ein Zauber -- als stünde er neben ihr, so laut und
klar klang seine Stimme, dem Beben froher Erregung zum Trotz, das sie
durchschwirrte ...
Timmermanns fand sich selber sehr komisch -- zwischen den zwei jungen
Damen, von Bessies frierendem Köterchen mit verärgertem Kläffen
umkreist ... In eine von euch bin ich verliebt, dachte er -- wüßt' ich
nur genau in welche ...
Es war, als empfinde auch Bessie, daß ihr langer Lehrmeister nicht mit
ganzem Herzen bei ihr sei. Sie schob plötzlich ihre kleine feste Hand
unter seinen Arm, lachte den Überraschten von unten her vielsagend an.
Es war wie eine Beschlagnahme.
Hoch droben auf dem obersten Laufsteg hämmerten die Zwillinge Tedje und
Clas. Pink, pank! -- Die Gesichter vom Schneesturm gerötet, die Hände
klamm vor Frost, der ganze Oberleib dampfend vom Schaffen, aller halben
Minuten ein Niet -- tick tack -- pink pank.
Plötzlich sah Tedje, daß sein Helfmann Anders entgeistert in die Tiefe
starrte. Tedje folgte dem Blick -- und sah da unten seinen Feind stehen
-- und -- -- die Feine ...
Wahrhaftig -- sie war's ... Anders Niemann aber starrte wie verzaubert
auf -- die andere ... So nahe hatte er sie -- seit seinem Versinken --
nicht mehr gesehen ...
Da hob sie den Blick -- alle drei schauten sie an der Steile des
Schiffsrumpfes empor, Bob Timmermanns' erklärendem Finger folgend ...
Mit einem Ruck zog Anders den Kopf in die Luke zurück. Und die kleine
Amerikanerin hob den Kodak, die zwei schwindelfreien Klopfgeister hoch
droben aus der Froschperspektive festzuhalten ...
In Tedjes frostrotes Antlitz schlug die Lohe des Abgrundes. Seine Brust
keuchte, die Augen traten aus ihren Höhlen ...
Zu spät ... wie aus Versehen glitt der wuchtige Niethammer aus Tedjes
Fingern, sauste in die Tiefe ...
»Entschülligen S' man -- t' weur man 'n lüttjes Verseih'n ...«
Zu ihrem nicht geringen Ärger versagte aber auch ihr Freund und
Sangesmeister. Auch er stand ganz im Banne der Arbeit. Die Amerikaner
verlangten neuerdings, daß die H. T. L. sofort auch noch zwei
Frachtdampfer von je zwölftausend Tons auf Helgen lege. Dazu reichte
die von der Regierung bewilligte Entschädigungsrate nicht aus. Neue
Reisen nach Berlin, neue Verhandlungen wurden nötig. Und wenn es
heute gelang, bei den Ministerien, beim Reichstage neue Bewilligungen
durchzudrücken -- morgen warf die anschwellende Markentwertung alle
Vorschläge über den Haufen.
Und dann wieder staunten die Herren über täglich neue Überraschungen
deutscher Tüchtigkeit und Unverwüstlichkeit. ... Ein Rätsel, diese
Menschen, dieses Volk ...
Nur eine empfand das mit Trauer und Bitterkeit: Johanna Freimann.
Dies Ahnen, dies Wissen hing wie ein quälender Schatten zwischen den
zwei Frauen, die einander so viel geworden waren. Der Kampf gegen
diesen Schatten war der geheime Inhalt aller Gespräche, die endlos
jene immer karger ausgesparten Stunden ausfüllten, in denen Mutter
Johanna und Ilse um die Zukunft rangen.
Auch zwischen Bessie und Ilse herrschte nicht mehr das alte muntere
Einverständnis.
»Ilse, ich liebe Sie!« rief die Kleine im Tone der Ausruferin vor einer
Menagerie. »Und ich will, daß Sie mich lieben ... Aber Sie wollen
nicht, ich fühle es ...«
»Kleiner Schafskopf!« erwiderte Ilse. »Ich mag Sie lieber als alle
Mädchen der Welt -- genügt Ihnen das?«
»Ich will, daß Sie mich lieber haben als alle anderen Menschen der Welt
... Aber es gibt zwei Menschen, in die sind Sie verliebt ... Und das
ist mehr als lieben ...«
»Zwei, Bessiechen?«
»Ja, zwei ... Sie tragen einen Ring von einem Manne, den ich nicht
kenne ... Also sind Sie noch immer in ihn verliebt, sonst hätten Sie
den Ring längst abgelegt ...«
»Das brauche ich Ihnen nicht zu sagen ... Und er ist sehr verliebt in
Sie, wenn er jetzt auch keine Zeit hat -- für uns beide ...«
Da flog über die stolze Stirn Ilses ein flüchtiges Rot. »Liebling, ich
will Ihnen ganz offen etwas sagen: Der Mann, den Sie meinen, der ist
ein Esel.«
»Doch, er ist ein Esel. Kennen Sie nicht die Geschichte von dem Esel
zwischen den zwei Heubündeln?«
* * * * *
Zum Glück hatte Bessie noch eine andere Freundin. Der ging es
besser als ihrer Kollegin von der Hammonia-Werft. Denn sie war nur
»Arbeitnehmerin« und nicht Tochter des Hauses ... Die stülpte um fünf
Uhr den Kasten auf ihre Schreibmaschine -- und war dann frei. Bessie
belegte sie nun energisch mit Beschlag. Und seit sie erst heraus hatte,
daß Antje ein Kind des Volkes, ein Kind jener »schlimmen Viertel« war
-- seitdem fand die kleine Demokratin sie noch viel interessanter ...
Damals, als die Blue Star Line vom 27. Stock eines Wolkenkratzers
am Broadway hernieder ihre Fäden um den Erdball zu spinnen begann
-- damals schon war ihr Leiter ein junger Abenteurer namens Elias
Patterson. Der entdeckte in einem seiner Riesenbureaus eine
allerliebste kleine Stenotypistin, eine Fabrikarbeiterstochter aus Long
Island, und machte sie zu seiner Frau. Kein Wunder, daß die einzige
Tochter dieses Paares eine tiefe Sympathie für die Privatsekretärin des
Herrn Freimann empfand.
Dieser Freundin hatte Bessie natürlich auch ihr Abenteuer mit dem
kleinen Mädchen erzählt ... Und mit geheimem Gruseln hatte Antje
die Geschichte wiedererkannt. Andersherum war sie ihr ja nicht mehr
neu. Sie hatte an manchem Abendschwatz bei Mudder als Gesprächsstoff
herhalten müssen. Aber die Sekretärin bekam doch eine Gänsehaut bei dem
Gedanken: wie, wenn der verkappte Offizier und der herzensgute Clas --
nicht zur Stelle gewesen wären? -- und warnte.
Bessie lachte: »Mein Schutzengel ist mir noch stets auf irgendeine Art
zu Hilfe gekommen ... Er ist immer da, ich weiß es -- sonst wäre ich
nicht so übermütig ...«
»Schämen Sie sich, Miß Antje!« zürnte Bessie. »Ein Schutzengel kann
alles ...«
Und Antje erklärte ... Ein Ton von Rührung kam in ihre ruhige Stimme
... Zuviel hatte man erlebt, zuviel ... Zuinnerst war jedes deutsche
Herz verwundet. Die lindeste Berührung machte es zucken -- selbst die
Seligkeit der Erinnerung wurde zum Schmerz.
»Es ist ein Kinderfest, Miß Bessie ... aber wir alle werden Kinder,
wenn Weihnachten kommt -- und warten, daß wir beschenkt werden --
beschenkt mit irgend etwas, das groß und heilig ist und hoch, hoch über
unserm Wünschen und Hoffen steht ...«
»Ach -- es ist nichts ... Ich bin ein bißchen überarbeitet ... wir
sind's alle ... Ach, Miß Bessie, wenn sie ahnten, wie wir leiden, wir
alle ...«
Bessie ahnte es nur zu gut. Und in ihrem Herzen regte sich etwas wie
böses Gewissen. Sie wußte: An diesem deutschen Leiden -- Amerika hatte
daran sein gerüttelt Maß von Anteil. Man hatte ihm gesagt, es gehe
wider die Hunnen ... Nun wußte Bessie Bescheid im Hunnenlande ...
»Oh,« lachte sie, im Bedürfnis abzulenken, »was ist das für ein
hübscher alter Mann, der da neben dem Lichterbaum steht, mit einem
großen Bart -- und einem großen Sack -- und er trägt einen Besen in der
Hand?«
Zuerst nahm sie sich vor, den großen Festsaal im Atlantic mit
Beschlag zu belegen und ihre Günstlinge dorthin einzuladen. Aber
dann hätte +daddy+ davon erfahren -- und die anderen alle, die
sie immer auslachten und exzentrisch schalten ... man hätte ihr Fest
hintertrieben oder ihr wenigstens die Freude verdorben ... Nein -- das
mußte ganz im geheimen geschehen, und erst wenn alles vorbei wäre,
würde Bessie berichten und sich am komischen Entsetzen der andern
weiden ...
Das Christkind steigt zu den Menschen nieder, hatte die ernste Antje
gesagt ... Nein -- es war nicht das richtige, die Kinder der schlimmen
Viertel ins Atlantic zu bestellen ... Sie würden geblendet und blöde
stehen und all die Pracht bestaunen -- und schon in ihren jungen Seelen
würde der Haß aufglühen, von dem die Freundin ihr erzählt hatte ... Der
Neid der Armen auf die Reichen ...
Wenn sie nur jemanden wüßte, der ihr helfen könnte ... keiner von
ihren Freunden ... keiner von den Deutschen, die hätten sie nur
ausgelacht und wieder einmal so seltsam angeguckt, als sei sie eine
Sehenswürdigkeit aus dem Zoologischen Garten, irgendein exotisches
kleines Wundertier ... Und die Amerikaner? Es waren smarte Jungen
dabei, die Bessie wohl leiden mochte -- aber sie waren alle nüchtern
und schwunglos wie ein Lineal -- die würden sie groß und respektvoll
anstaunen -- und schleunigst bei daddy verpetzen. Nein -- es müßte
einer aus der andern Welt sein, aus der Welt der schlimmen Viertel.
Und da fiel ihr ein, daß ja ihr Schutzengel schon einmal beliebt
hatte, die Gestalt eines jungen Arbeiters aus den schlimmen Vierteln
anzunehmen. Wie, wenn sich das wiederholen möchte? Man wird sehen.
Und Bessie stopfte Little Puck in die Tasche und kurbelte an.
Ihr Ortssinn war fabelhaft entwickelt, wie all ihre Sinne. Schon im
Lyzeum hatten ihre Lehrer behauptet, sie müsse Indianerblut in den
Adern haben ... Mit der Sicherheit einer Nachtwandlerin fand sie
alsbald die finstere, von hohen, geschwärzten Giebelhäusern umstellte
Gasse wieder, in der es ihr vielleicht doch wohl schlimm ergangen
wäre, wenn der Schutzengel wirklich geschlafen hätte -- oder ihrem
Tempo nicht hätte folgen können ... Pah -- diese Stenotypistin mit dem
braunen Madonnenscheitel -- was wußte die von einem Schutzengel?!
Richtig ... hier war's gewesen -- hier an der Ecke zu dieser -- noch
viel engeren -- puh -- wahrhaftig, ein bißchen gruseligen Gasse war er
aufgetaucht, der schmucke Bursch, in dessen Herz ihr Schutzengel an
jenem Sommernachmittage gefahren war ...
Heute war es kalt, und nur wenig Kinder huschten hin und wider, Körbe
am Arm und schmutzige Geldzettel in den Händen ... Aber die erkannten
sie, schwirrten kreischend heran und boten der Tante die klebrigen
Patschen.
»Kennen ihr ein junges Mann, was hat ein braunes Schnurrbart ... und
hat ein Gesicht sehr gut -- und ist sehr mjutig?«
Die Kinder kicherten: »Dei Dam' söcht en jungen Mann!« Gelächter brach
aus. Die älteren Gören quiekten vor wissender Wonne.
»Den'n kann ick Sei besorgen,« kicherte die Hexe, »so ein'n kenn ick
gaud ... kam'n Sei man mit mi! Dat Maschinken, dat stellt wi bei mi
ünner -- dat verwohr' ick so lang'n. Doar kümmt Sei nix an ...«
In ihrem alten Hirn war die Sprache ihrer mexikanischen Heimat längst
verdunstet -- sie dachte sogar auf hamburgisch.
»So ... hier lat'n wi dat Maschinken stohn ... Da kümmt sei nix an
...« Schade -- surrte es durch das Hirn der Alten -- dat wier wat taum
Verschärfen -- öwerst doar wieren tau väl Oogen rund rüm ... Nein --
für das Eigentum der kleinen Kundin war gesorgt ... Auf so gefährliche
Sachen ließ Mudder Lore sich nicht ein. Die Dame würde gut bedient
werden ... dies eine Mal ... Denn solche vornehmen Vögel pflegten nicht
zum zweiten Male wiederzukommen. Die brauchten Abwechslung -- und
scheuten es, eine Spur zu hinterlassen, die entdeckt werden konnte.
Einen Augenblick machte die Führerin halt, öffnete ein Behältnis, das
in einer Ecke stand -- holte zwei Flaschen mit Goldhälsen und eine
dritte hervor, um deren Hals ein halbmondförmiges Etikett mit drei
Sternen sich schlang -- füllte einen verbeulten Kühler mit knirschenden
Eisstücken, packte alles in einen Korb, entnahm aus einem andern
Schrank ein paar Sektschalen, legte sie sorgsam zu dem übrigen --
grinste vertraulich, streckte die Hand aus ... Bessie, von Entsetzen
geschüttelt, griff in ihre Tasche, drückte der Alten einen ganzen
Haufen Dollarnoten in die Krallen -- die prüfte genau, schmunzelte
zufrieden, knickste und humpelte weiter.
Am Ende des endlosen Korridors hielt die Führerin -- hier schien die
Welt zu Ende ... Aber plötzlich drehte sich wie durch Hexerei die ganze
Abschlußwand -- eine neue Finsternis gähnte ... Doch die Alte fand
drinnen tastend einen Schalter, eine schwache Birne glomm auf, ein
neuer Korridor öffnete sich ... Nun eine ausgetretene Stiege hinunter,
knips, neues Licht, ein neuer muffiger Gang ...
Bessies Kehle war wie zugeschnürt. Wenn der Schutzengel nicht kam, war
sie verloren ...
»Nein -- nein --« stammelte sie zwischen Grausen und Ekel. »Sie wissen
nicht ... Sie taten nicht verstehen mich ... ich will -- lassen mich
gehen ...«
Die Hexe grinste begütigend. Sie kannte solche Anwandlungen von Reue
im entscheidenden Augenblick ... Das legte sich -- das hatte keine
Bedeutung.
»Nein, nein!« stotterte die Kleine noch einmal und klammerte sich an
den skelettartig hageren Arm ihrer Führerin -- »ich will fort, ich will
heraus ...«
»Ruhig, ruhig, mien Düwken!« tätschelte die Alte, »do kümt jo all de
Frigersmann -- nich bang sien, mien Lütting, hei is 'n Strammen, du
schast tofreden sien ...«
Fassung ... Mut ... und Dreistigkeit -- -- nur Lachen konnte retten ...
Wie ein brünstiges Tier stand er vor ihr, die alte Hexe drückte sich
grinsend in eine Ecke ... er ... vor dessen rohen Tatzen -- damals!
-- der Schutzengel in Gestalt des jungen Mannes mit dem braunen
Schnurrbärtchen -- -- den hatte sie gesucht -- und da war -- der andere
...
Er selber schien nicht minder sprachlos erstarrt als sein Opfer ...
Bessie hatte sich wieder. Sie zwang ein schwirrendes Lachen der
Wiedersehensfreude auf ihre Lippen.
»Oh, ich bin entzuckt ... heute Sie gefallen mich viel besser als bei
unser erstes Begegnung.«
»Sei mich auch, Fräulein --« Tedje konnte galant werden, o ja, das
konnte er -- »Sei hebben mi glieks sihr god gefallen, hahaha ...«
»Tiet --?!« Bessie horchte hoch auf. »Ich kenne eine junge Mädchen --
was auch heißt Tiet--«
»+Yes, yes+, ich bin ein Bürger von die +United States+ ...«
Die Kleine reckte sich. Ihr war, als flattre schirmend über ihrem
Köpfchen das Sternenbanner.
»Nu seggen S' mi man dit eine, Fräulein -- wie kamen Sei in dit Lakal
-- un bi Mudder Lore?!« Ein dumpfes Begreifen meldete sich an: Hier war
ein Mißverständnis ... ein Geheimnis ...
»Oh -- ich bin gegangen zu suchen ein junges Mann -- mit ein braunes
Schnurrbart ...«
»Nein -- ich meine ein andres junges Mann -- was Sie kennen also ...
damals, Sie wissen, wie Sie haben wollen strafen mich, habend geworfen
zur Erde das kleine Mädchen, das andere junge Mann hat gesagt, Sie
nicht Böses tun zu mich ... und ihr habt euch nahe geschlagen, ihr
zwei, für meine Sache ...«
»Ach ... sehen Sie, Sie kennen ihm ... Sie werden mich bringen zu ihm
...«
Und dennoch: Bis dicht an die heilige Stunde heran, im ganzen Lande,
vom Fels bis zum Meer, sausten die Spindeln, ratterten die Webstühle,
glühten die Essen, wuchteten die Fallhämmer, ticktackten die
Nietschlegel ...
Die Bauleute waren am Werk, die Trümmer wegzuräumen -- und aus dem
Schotter hoben sich langsam die Mauern des neuen Reichsbaues. Auf dem
Gerüst flatterte ein neues -- ein uraltes Panier.
Nicht alle Blicke, längst nicht alle, grüßten es mit Ehrfurcht und
Glauben. Es waren die schlechtesten nicht, jene Hunderttausende,
welche die alten Farben nicht vergessen mochten, für die sie gelebt,
geschafft, gekämpft, geopfert, geblutet.
Aber auch die waren wackere Deutsche, die da glaubten, die neue Zeit
brauche auch ein neues Gleichnis ... Die da hofften, es werde einst
die Stunde kommen, da die Schwarz-weiß-roten und die Roten sich
zusammenfänden, um im Schwarz-rot-gold das Zeichen eines neuen Bundes
aller, aller deutschen Menschen zu verehren ...
Einstweilen war es ein Glück und eine Hoffnung, daß sie alle drei, die
Hüter der heiligen Erinnerungen, die Fanatiker der roten Seligkeit --
und die Vorkämpfer eines Deutschland der Brüderlichkeit sich wieder
zusammenzufinden begannen, tief unterhalb des wirren Treibens der
brodelnden Oberfläche des Parteikampfes zu stiller, scheinloser,
hingebender Arbeit ...
Heute aber schritt über die gärende Fläche und über die schaffende
Tiefe das uralte Fest der Rast -- der Sammlung -- des Einklangs ...
* * * * *
Ach -- und mitten in der Reihe waren auch die Gaben für den einen
aufgebaut, der dem Feste fern blieb ... dem gleichwohl aller Gedanken,
Träume, Schmerzen galten. Dem Verschollenen ... Wenn er heimkäme, würde
er sie finden ... und er würde heimkommen -- aus der geheimnisvollen
Ferne, in die er sich geflüchtet vor dem Unglauben der Seinen -- wie
er einst heimgekommen war aus dem Graus der Meerestiefe, in den ihrer
aller Glaube ihn begleitet hatte.
Aber einen anderen Gast hatte man nicht ausschließen dürfen: Bessie
Patterson. Sie gehörte ja seit zwei Wochen zum Hause. Ihr Vater war
heimgekehrt, um bald nach Neujahr an Bord des Dampfers »Union« der
Blue Star Line, welcher als erstes Schiff unter der Flagge der United
Transatlantic Lines den neuen Dienst Neuyork-Hamburg aufnehmen sollte,
wiederum die Europafahrt anzutreten. Aber Bessie hatte es durchgesetzt,
daß sie bleiben durfte. -- »Ich kann meine Studien über dies kuriose
Land jetzt nicht unterbrechen ...« Sie hatte es halbwegs erzwungen, daß
Frau Johanna ihr die Gastfreundschaft ihres Hauses anbot ... obwohl die
den kleinen Exzentrikclown nicht mochte ... Und so war Bessie seit zwei
Wochen in ein Gastzimmer der Villa Freimann übergesiedelt, samt dem
allverhaßten Puck, dem Kodak und dem Puppenauto ...
Ilse hatte still in sich hineingelächelt. Auch sie würde sich nach
der Bescherung für eine Stunde beurlauben müssen. Bessie hatte sie im
letzten Augenblick ins Vertrauen gezogen und zu ihrer Kinderweihnacht
eingeladen. Der Wagen war bestellt.
Die Frauen aber durften einander kaum ansehen, so wurden ihnen auch
schon die Augen feucht. Und der eine, der ihnen allen Trost, Hoffnung,
Stütze hätte sein sollen -- der fehlte. Sie alle fühlten sich schuldig,
ihn missen zu müssen. Sie alle hatten ihn ausgetrieben -- dem
Heimgekehrten hatten sie keine Heimat gegeben, weil er anders war und
anderes ersehnte, als sie es von ihm gehofft, erwartet, verlangt hatten
...
Und kurz nach dem Abendessen stand Ilse auf, bat, sie für eine Stunde
zu beurlauben, da sie zu einer Weihnachtsfeier des Roten Kreuzes
zugesagt habe, und ließ die drei Alten allein.
Da ging Frau Johanna leise aus dem Zimmer. Sie wußte: Georg liebte
keine Tränen.
* * * * *
In Mudder Minings Stube brannte ein winziges Bäumchen, nur mit vier
Kerzen, aber mit viel verblichenem Flitterkram aus besseren Tagen
ausgeputzt. In der engen Wohnstube war's ganz unsagbar gemütlich und
friedvoll. Wie hatte sich aber auch ein jedes angestrengt, die Seinen
zu beschenken! Vollends Tedje -- Kunststück, er war seit Monaten
der reine Großmogul ... Die Eltern fragten nicht nach der Quelle
solches plötzlichen Wohlstandes -- der Junge war großjährig, hatte
sein Tun und Lassen selber zu verantworten ... Jedenfalls war Vadder
sehr erfreut über seine »tapezierten« Zigarren, seinen Tabak, seinen
Schnaps, seine Ölsardinen -- ob er auch tiefinnerst den leisen Verdacht
hegte, diese Schätze möchten irgendwie im Zusammenhang mit den Wirren
vom vergangenen Juni stehen ... Und wenn Mudder ihren Lieben heut
Bohnenkaffee und Frankfurter Würstchen vorsetzen konnte, so dankte sie
auch das der Freigebigkeit ihres Einzigen ... Und wie hatten die zwei
Kostgänger sich angestrengt, Clas und Anders! Ein kaum noch erträumter
Reichtum an allerhand langentbehrten guten Dingen war auf dem
Gabentisch gestapelt --. »Die reinsten Friedensweihnachten --!« meinte
Vadder Tietgens -- paff, paff -- »Dunnerslag -- wat'n Tobak!«
Aber den Vogel schoß Antje ab. Die hatte ja wohl ihre ganzen
Ersparnisse draufgehen lassen ... Sie hatte ihre Gaben nicht unterm
Weihnachtsbaum aufgebaut, sondern war mit einem Berg Pakete gekommen
und ging nun von einem zum andern. Und jeder bekam etwas ganz
Besonderes, etwas, das an jene Zeiten gemahnte, die für deutsche
Menschen wohl sobald nicht wiederkommen würden ... Eine lange Pfeife
mit Hornausguß für Vadder -- für Mudder eine wollene -- ja wahrhaftig,
eine reinwollene Strickjacke ... Dann kam Tedje dran -- er bekam als
Ersatz für die Bolschewistenmütze, die Antje nicht leiden mochte, einen
wunderschönen grünen Lodenhut -- und eine in Seidenpapier gewickelte
Flasche, die er sofort begierig ausschälte ... Da setzte er sie mit
einem harten Bums auf den Tisch, markierte einen Tobsuchtsanfall der
Enttäuschung, warf sich auf die Schwester, packte sie zähneknirschend
an den Armen -- und versetzte ihr einen schallenden Klaps auf jene
Stelle ihres schlanken Körpers, die er vor Jahren manchmal nach
Bruderart harmlos gezüchtigt.
»Apollinaris« ...
Und dann kam Clas an die Reihe: Er bekam Noten -- Klavierstücke von
Grieg ...
Aber mit wahrer Fieberspannung beobachteten alle Hausgenossen, wie
Antje nun, eine leichte Röte um Stirn und Augen, verlangsamten
Schrittes sich ihrem Anders näherte. Die Alten tauschten einen Blick:
Wird's nun kommen -- das Erwartete -- trotz mancher Bedenken im
geheimen doch Ersehnte?
Mit unsicheren Händen reichte das Mädchen dem Freunde ein Buch -- er
las die Aufschrift:
Der Finger der Geberin unterstrich leise die Aufschrift: also wohl auf
die kam es an ...
Anders Niemann hörte die Donner von Skagerrak -- sah aus der
aufgewühlten See die Schaumfontänen aufschießen bis hoch über die
Beobachtungstürme der kämpfenden grauen Schiffsriesen -- fühlte die
Stahlwände auf S. M. S. Derfflinger krachen und knirschen unterm
Einschlag und Bersten der Granaten Jellicoes ... und sah dann unter
Hunderten von Leichnamen deutscher Kameraden einen treiben, um dessen
erblassende Stirn die Glorie des Dichters schwebte ...
Ist dir Seefahrt not, dann laß ab von mir -- und steige wieder empor
in die Höhen, auf denen du geboren bist -- auf denen du entbehrt und
ersehnt wirst ... Ich glaube, ich weiß fast, du wirst es tun ... dann
aber tu's bald -- ich trag's nicht mehr ...
Oder gehörst du zu uns? Dann sag's -- dann laß mich's wissen ... Ich
bin reich, ich habe einen Himmel zu verschenken ... Willst du ihn, dann
sprich ... Ich trag's nicht mehr ...
Und Heinz verstand die bange, schluchzende Frage. Und er gab ihr stumm
die Antwort. Er schenkte der Freundin den »Poggfred« ... Darin stand
die schmerzvoll süße Ballade von der kleinen Fiete -- oft hatte er sie
ihr vorgelesen:
Und keiner der Lauschenden, der Harrenden, der nicht begriffen hätte.
Enttäuscht die Alten -- aufatmend Clas Mönkebüll ... aufknirschend vor
verbissener Wut der Bruder ...
Er hatte nun endlich ernst machen sollen, der Duckmäuser, der um Antje
herumstrich, als könne er das Wort nicht finden ... Der sie längst ins
Gerede gebracht hatte bei allen Kollegen -- bei den Lästermäulern in
allen Höfen und Twieten um den Neuen Steinweg -- bis hinunter zu den
Gemüseweibern auf dem Neumarkt ... Wenn sie denn schon einmal einen
Kerl haben mußte, dann in Gottes Namen den ... Er war wenigstens rot
bis in die Knochen und nicht so ein Halber, Lauer wie Vadder und seine
Gesinnungsgenossen von der S. P. D. -- Aber der Kerl war ja wohl nicht
recht bei Troste ... Sah er nicht, wie Antje sich verzehrte um ihn?
oder -- wollte er nicht sehen? Hatte er am Ende gar -- verdammi!! eine
andere gefunden? -- eine mit Geld? Na wart, Kamerad!!
Immer giftiger schwoll in Tedjes wildem Herzen die Wut. Was sie wohl
auch heut wieder zu tuscheln hatten, die zwei? Und Clas steckte ja
wohl mit ihnen unter der Decke -- wie seit acht Tagen schon -- seit er
selber dumm genug gewesen war, die kleine Dollarkröte laufen zu lassen
und sie gar noch mit seinem Freund Anders zusammenzubringen ... Aber es
kam noch schlimmer. Es war ein förmliches Komplott ... Als man bei den
Bierflaschen saß, fing's trotz aller Enttäuschung an, recht gemütlich
zu werden unter Mudders Weihnachtsbaum. Die guten Leibbinden-Zigarren,
die Tedje vor einem halben Jahr aus dem Alsterpavillon hatte mitgehen
heißen, die feinen Schnäpse aus der Elysium-Bar -- das war doch mal
wieder 'n richtiges Weihnachtsfest ... Plötzlich standen sie alle auf,
Clas, Antje, Anders -- und sagten ein bißchen verlegen, sie hätten
noch 'nen Gang -- in einer halben Stunde wären sie wieder da ... Weg
waren sie -- und hatten Tedje nicht ins Vertrauen gezogen, wie schon
seit acht Tagen nicht mehr, wenn sie die Köpfe zusammensteckten und
verschwunden waren alle drei ...
Nach ein paar Minuten stand auch Tedje brüsk auf. »Ick warr bald wedder
kamen ...«
Und Vater und Mutter blieben allein. Ganz traurig und verlassen saßen
sie da, nur die Schnäpse und Zigarren zur Gesellschaft ...
»Tjä, Mudder, denn helpt dat nich -- denn möten wi uns allein trösten
...«
»Hest jo mi, Vadder --« sagte Mudder Mining und legte ihr müdes,
dünnumsträhntes Köpfchen an ihres Lebensgefährten breite Schulter.
»Unsinn, Antje! Sie sollen ihr Leben lang an dies Weihnachten denken
... Und ich komme ja auch wieder ... Ich möchte immer hierbleiben -- es
gefällt mir viel besser in Deutschland als in Amerika ... Ihr friert,
sagt ihr? Es ist warm bei euch -- viel wärmer als drüben ...«
Nun freute sie sich, daß sie soviel, viel mehr gekauft hatte, als die
Führerin hatte dulden wollen. Sie schob zuletzt unter jeden Teller noch
eine Fünf-Dollarnote. So -- nun war sie aber auch völlig blank ... Gut,
daß sie im Hause Freimann Quartier hatte ...
Und dann kicherte sie heimlich auf: Jetzt mußte der dicke Bobbie
ihren Gabenkorb bekommen haben -- der arme Bobbie in seinem einsamen
Junggesellenstübchen -- zwischen seinen langweiligen Schiffsmodellen
und Kartenstößen ... Ob er sich's wohl schmecken ließ? All die
erlesenen Dinge, die sie zusammengepackt? Und ob er wohl einmal dabei
an sie denken würde?! Ach nein -- er dachte gewiß an die schlanke Ilse
-- die soviel vornehmer war, soviel interessanter, soviel klüger ...
Und der kleinen Bessie Busen hob sich in einem melancholischen Seufzer
...
Ach was -- an die Arbeit ... Ilse hatte recht, ein Esel war er, ein
recht dicker, langohriger Esel ...
An die Arbeit! Wie hübsch der schmutzige, kahle Saal doch geworden war
unter den schmückenden Mädchenhänden! Es war doch gut, daß sie Ilse
eingeladen hatte -- die würde staunen -- und sich vielleicht doch ein
wenig schämen, daß sie sich so wenig um Elias Pattersons verlassenes
Töchterchen gekümmert hatte.
So ... fertig ... Wenn jetzt nur die Freunde kämen ... Antje und
ihre zwei jungen Männer, die sich so nützlich gemacht hatten in den
Tagen der Vorbereitung ... Der hübsche Anders -- dessen Seele einmal
Bessies Schutzengel hatte beherbergen dürfen -- und der wunderliche
Kauz, dessen arbeitsharte Fäuste doch so schön gespielt hatten auf dem
scheußlichen, klapprigen Pianino da hinten in der Ecke ... Wie drollig
er sich ausnehmen würde im Kostüm des Weihnachtsmannes, das nebenan im
Kämmerchen ausgebreitet lag -- samt allem Zubehör: dem langen weißen
Umhängebart -- dem Sack mit Äpfeln und Nüssen -- und der Rute für die
unartigen Kinder ...
Aber über all das schwang sich ein mächtiges Getön -- noch nie meinte
die Tochter in der tosenden Millionenstadt der Wolkenkratzer und
autodurchrasten Avenuen solch wunderbare Musik vernommen zu haben.
Glocken -- Kirchenglocken -- aber wie viele -- wie unmenschlich viele!
Sie konnte nicht wissen, die kleine Genießerin aus dem Goldlande, daß
es kaum noch die Hälfte von den Glocken waren, die in dieser Stadt
um diese Stunde dereinst, vor dem Kriege, das Christfest eingeläutet
hatten -- daß mehr als die Hälfte von jenen heute, in hunderttausend
Fetzen zerrissen, eingebettet in der Erde der Schlachtfelder dreier
Erdteile lag, in den Tiefen dreier Ozeane ... inmitten der modernden
Leiber wackrer Soldaten aus allen Kontinenten des wahnsinnig gewordenen
Erdballs ...
Wahrlich, wenn irgendwo die Lehre des Kindes von Bethlehem in den
Herzen eine Stätte gefunden hatte, dann war es hier -- und nicht im
Lande der Bethlehem Steel Company ...
Doch -- da waren die Freunde ... Wie sie staunten, die beiden guten
Jungen -- die hatten wohl nie so etwas Schönes gesehen alle zwei ...
Ganz ergriffen standen sie und starrten auf den Glanz dieses reichen
Festes, als sei es ihnen selber zugerichtet ... mit rechten Kinderaugen
staunten sie, die zwei guten Jungen ...
»So, Antje!« befahl die Festgeberin, »nun werden Sie helfen zu Ihr
guter Freund Mister Clas anziehen sein Kostüm ... Und Sie, Mister
Anders, Sie werden gehen mit mir auf die Straße zu suchen unsere
kleine Gäste. In halb eine Stunde, ich hoffe so, wir werden haben
zusammen unsre dreißig. Aber gut achtgeben, Mister Anders, daß sie sind
richtig sortiert ... fünfzehn Jungen, fünfzehn Mädchen, sonst gibt's
+confusion+!«
Und Clas und Antje waren allein. Das Mädchen half unter Kichern und
Prusten ihrem Getreuen die grauwollenen Pluderhosen über seinen
Sonntagsanzug ziehen, den mit weißem Krimmer verbrämten langschößigen
Kittel, die hohe schwarze Pelzmütze, an der ein paar lange weiße Locken
angenäht waren ... Zuletzt hing sie ihm noch den ehrwürdigen Bart um --
klatschte dann jubelnd in die Hände: Der Weihnachtsmann war fertig, wie
aus dem Bilderbuch herausgeschnitten! Ein Spiegel hing im Kämmerchen,
blind, verstaubt:
»Kieken S' mol, Clos, wat vör'n nüdlichen Wihnachtsmann wi ut Sei mokt
hebbt!«
Der gute Junge sah sich an und kannte sich nicht. Nur ein schmerzliches
Gefühl von Unsicherheit und Befangenheit überkam ihn bei dem Anblick,
bei des Mädchens Fröhlichkeit. Er konnte den Entsagungsblick nicht
vergessen, den Seufzer nicht, der ihre volle Brust gehoben hatte, als
sie und Anders einander beschenkt hatten. Er begriff nur schwer, was
in den beiden vorgegangen war in jenem Augenblick ... Nur das eine
fühlte er: und ob sie jetzt lachte und in die Hände klatschte wie ein
Schulkind -- sie litt ...
»O du fröhliche,
o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit ...«
Auf einmal konnte er nicht mehr weiter. Es warf ihn um. Seine Finger
glitten von den Tasten -- über den weißen Bart kollerten aus des
Jünglings wasserhellen Nordlandsaugen die blanken Tränen ...
»Och ... Antje ... ick bün so unglücklich ... En Musiker harr' ick
warden mücht ... un ick weet, ick harr't warden künnt ... öwerst mien
Vadder weur man 'n Arbeitsmann, as ick nu ok een bün ... ick heff mien
Klavierstünn' opgeben ... öwerst ick heff ümmer flietig speelt -- un
Sei weeten jo ok, Antje, dat ick schön spälen kann -- öwerst nu warden
mien Finger ümmer stiewer und stiewer ... un bald ward dat woll ganz
all sien mit dat Klavierspeelen ...«
Sie trat von hinten an den Freund heran und streichelte ihm ganz lind
und leise die nasse Wange überm flächsernen Umhängebart. Da sank das
Haupt des armen Weihnachtsmannes an Antjes hochatmende Brust -- seine
glühenden Schläfen fühlten das heiße Klopfen des starken, ringenden
Mädchenherzens.
Da löste die Schlanke sich ganz langsam von Haupt und Händen des Mannes.
»Mien lewe Fründ!« sagte sie leise und innig, »mien lewe Fründ ...«
»Antje ... und dat wier ganz unmögelich, dat Sei ... ick weit, Sei sünd
tau gaud vör mi ... öwerst ick heff Sei so giern, so bannig giern ...«
»Still, still, mien gauden Clos ... ick kann't nich ... ick kann't nich
...«
* * * * *
»Sie kommen!« rief Antje. Auf dem Hofe scholl das Geschwirr halblauter
Kinderstimmen, von Andacht und bang hoffender Spannung gedämpft ...
Und -- da kamen sie. Die Tür flog auf, Bessie trat ein, so stolz,
frostfrisch und süß wie eine kleine Märchenfee -- sie trat zur Rechten
-- und zur Linken ihr Gefährte, kaum fähig, seine Erschütterung zu
meistern.
Und nun trappsten und trippelten sie herein -- auf ihren
zerschlissenen, geflickten Nagelschuhen -- ach, es waren gar ein paar
Barfüßer dabei -- die Kinder des Elends ... In jedem dieser fahlen,
verquollenen, schrundigen, oft von Narben und Schorf überkrusteten
Gesichter stand eine Geschichte ... das Schicksal einer Blüte, die
der Frost gelähmt, der Wurm zernagt, der Sturm zerpflückt, die Dürre
verödet ... In den meisten noch ein Rest des großen Kinderstaunens
über den Irrsinn des Leidenmüssens -- in vielen aber auch schon die
Gerissenheit und Verschmitztheit des gehetzten Getiers, in dem und
jenem gar schon das Notmal frühreifen Lasters, ererbten, verfrühten
Erwachens des Bewußtseins des zu selbstverständlicher Hantierung
gewordenen Verbrechertums ...
Und nun war ihnen doch einmal, ach vielleicht nur dies eine Mal, das
große Kindheitswunder erschienen ... In ihr dumpfes, verpestetes,
verdammtes Leben fiel ein Strahl des ewigen Gnadenlichts ...
Man sah's ihnen an: keines begriff, was eigentlich mit ihm geschah
... Sie ahnten nicht, was die Person mit dem feinen Pelzrock und den
blanken Stiefelchen von ihnen wollte -- wie sie dazu kam, einen Haufen
fremder Kinder von der Straße aufzulesen und mit sich zu schleppen
... Und wie kam es, daß sie sich als Helfer einen jungen Kerl von
ihrer Sorte ausgesucht hatte -- einen Arbeitsmann und ehemaligen
Matrosen?! Und da war ja noch eine Dame, nicht so fein wie die Kleine
-- Dunnerslag! Dies und jenes aus der Neustadt kannte sie sogar: Das
war ja Vadder Tietgens seine Antje aus der Uhlen-Twiete, die bei der H.
T. L. tippen ging!
Ach -- und nun ging der Weihnachtsmann ans Klavier und fing an zu
spielen ...
Und die dreißig Kindermünder sangen froh und tapfer und grell und selig
mit, als nun die alte Weise klang -- die wunderliebe deutsche Weise von
der stillen, der heiligen Nacht.
* * * * *
Und da schrak sie plötzlich heftig zusammen: Aus der Dämmerung, welche
der matte Widerschein der Wagenlampen außerhalb ihres scharfumgrenzten
Bereichs schuf, stierten ein Paar Augen sie an, unstet flackernd,
heißhungrig wie die Lichter eines Wildkaters ...
Mit hastigen Schritten floh Ilse da die Stiege zur Wirtshaustür hinan
... Und nun klang ihr das Lied von droben entgegen:
Sie klinkte die Saaltür auf, hinter der soeben die letzten
Klaviernachklänge verschwebten -- und stand geblendet im
verschwenderischen Lichte des Tannenbaums, den die Hand einer
Glücklichen aus glücklichem Lande für die Ärmsten des ärmsten aller
Völker geschmückt hatte. Und Ilse sah ... sie sah das Bild aufatmenden
Kinderglücks, das, ungläubig immer noch und endlich doch begreifend,
unfaßbarer Schätze sich bemächtigt ... Sie sah das lachende, gebeselige
Gesicht ihrer exzentrischen kleinen Freundin, in deren Augen sich die
Neugier der schauensfrohen Globetrotterin mit dem reinen Herzensgold
der Güte so lieblich mischte -- und sie sah, wie nun der Weihnachtsmann
vom Klavier her an der Festgeberin Seite trat und sie ihm dankbar und
bewundernd die Hand schüttelte. Aber da war ja auch noch ein anderes
Paar -- sieh da -- Fräulein Tietgens, ihres Schwiegervaters Sekretärin
-- mit der die kleine Patterson sich ja, Ilse wußte es, in ihrer
unterstrichenen Popularitätssucht so demonstrativ angefreundet hatte ...
Auch sie war um die Kinder bemüht, half ihnen bewundern und packen
-- aber dabei lächelte sie mit weich-wehmütigem Schwesterblick einem
jungen Manne in Matrosenkleidern zu, welcher, der Tür den Rücken
kehrend, mit der Sekretärin plauderte.
Nun drehte der Seemann sich um, ein tiefgebräuntes Gesicht mit braunem
Schnurrbärtchen neigte sich zu einem der Buben nieder, ein Paar
arbeitsderbe Fäuste griffen zu, um dem Knaben beim Verstauen seiner
Schätze behilflich zu sein -- jetzt hob der Kopf sich ein wenig -- --
Ilse fühlte etwas wie einen Stoß gegen ihr Herz. Ihre Augen brannten,
in ihrer Kehle stieg ein Schluchzen empor ... das keinen Ausweg fand --
Sie -- sie ist gut zu ihm -- sie darf um ihn sein, ihm helfen, mit ihm
Gutes tun an den Ärmsten -- und ich -- --
Also hier -- hier ist er -- hierhin hat er sich geflüchtet aus der Welt
der Geschäfte und Fusionen, der Kontore und Werften, der Helgen und
Docks, des Trotzes und Ehrgeizes, des Ringens um Besitz und Macht --?!
Nein -- ich versteh' dich nicht -- aber ich glaube -- -- ich -- ahne
dich ... und mir ist, als säh' ich dich heut erst, wie du bist ...
begriff' erst heute, wer du bist ...
Eine Sekunde nur hielten die Augen der Liebenden einander fest --
schimmernd im Glanz der Weihnachtslichter grüßten ihre Seelen sich über
den Abgrund hinüber, den Heinz zwischen sich und seine Welt gelegt ...
Und schon war Heinz wieder Anders Niemann geworden -- mit einem Ruck
zurückverwandelt ...
Viertes Buch
»Wie schön du dich heute gemacht hast!« strahlte Heinz. »Für mich
armselige Blaujacke schwerlich -- also beichte, für wen?«
»Für uns nicht minder! Für unser ganzes Vaterland!« sagte Senator
Carstensens fleißige Sekretärin. »Und morgen mittag Stapellauf der
›Deutschland‹ -- doch, wir sind ein Stück vorwärts gekommen.«
»Es scheint etwas daran zu sein«, gab Ilse zu. »Auch in unserem Bureau
und bei der H. T. L. sind Informationen eingelaufen, daß irgend etwas
bevorstehe wie ein Unternehmen zur Wiederherstellung der alten Ordnung
... Also die Stimmung in ›euren‹ Kreisen ist bedrohlich?«
»Sehr ... es wäre höchst fatal, käme die Sache gerade jetzt zum
Ausbruch ... Also hör': Mein Schlafkamerad Tedje Tietgens ist wieder
sehr tätig. Sollte wirklich ein gegenrevolutionäres Unternehmen in
diesen Tagen zum Klappen kommen, dann sind Rückwirkungen auf die
Hamburger Arbeiterschaft unvermeidlich -- dann kracht's auch hier, und
ganz besonders auf unserer Werft!«
»Das wäre fürchterlich ...« sagte Ilse unruhig. »Ach, Heinz, wie bang'
ich mich um dich ... Vor diesem Tietgens hab' ich eine entsetzliche
Angst ... Du weißt ja, der unheimliche Kerl lauert mir seit Monaten bei
jeder Gelegenheit auf ... Vor ein paar Tagen, ich muß es dir sagen, ist
mir sogar etwas ganz Entsetzliches passiert ...«
Und glühend vor Scham und Empörung erzählte sie dem Freunde, daß der
Arbeiter sich erfrecht habe, sie in der Dämmerung anzusprechen. Er
müsse sie einmal mit Heinz zusammen beobachtet haben ... denn er habe
gesagt »Fräulein, wenn mein Kamerad Anders Niemann die Ehre hat, mit
Ihnen spazierenzugehen, dann ist es vielleicht erlaubt zu fragen, ob
auch unsereins einmal so frei sein darf ...«
»Ach -- der ist mir längst abtrünnig geworden!« lachte Ilse ein wenig
befangen. »Er zappelt gewiß in diesem Augenblicke vor Ungeduld, bis die
›Union‹ anläuft ... Ich habe ihn an Amerika verloren ...«
»Sein Glück!« gab Heinz das Lächeln zurück und drohte mit dem Finger.
»Nun -- und wie ging's aus?«
»Es hätte nicht viel gefehlt und Leutnant und Arbeiter wären um
meinetwillen handgemein geworden. Aber Herr Timmermanns war zum
Glück nicht allein ... Ein paar sehr stattliche junge Herren, die in
seiner Gesellschaft gewesen waren, erschienen als Verstärkung -- da
ist der böse Tedje schleunigst verduftet. Aber dieser entsetzliche
Abschiedsblick -- mir gruselt noch, wenn ich daran denke ...
ekelhaft ...« Ihre Schultern fröstelten -- unwillkürlich zog sie den
Blaufuchskragen am Hals zusammen. »Heinz -- und du mit solchen Kerlen
seit einem Jahr unter einem Dach, in einer Kammer zusammen -- wie du
das nur erträgst ... Wenn ich nachts schlaflos liege -- du ahnst nicht,
wie oft ich's tu um deinetwillen -- mich ängstigen entsetzliche Bilder
... hast du denn wenigstens das Gefühl, daß deine ganze wunderliche
Unternehmung ihren Zweck erreicht?«
»Das hat sie längst getan, Ilse -- und ich denke, es ist nun genug. Ich
warte jetzt nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ ab -- dann werde
ich wieder Heinz Freimann -- und Anders Niemann wird Episode gewesen
sein ...«
»Heinz -- ist's wahr?!« Die Braut umschlang den Verlobten und küßte
ihn. Aber ihre Hände und Lippen zitterten. »Und dann, Heinz, und dann?«
»Erzähl' mir, Heinz -- erzähl' mir ... Ich will doch einmal deine
Gehilfin werden, deine Mitarbeiterin -- noch in einem ganz anderen
Sinne als jetzt bei Vater ...«
»Wo soll ich nun anfangen, Ilse, um dir das klarzulegen, was ich
gelernt hab'? Ich kenne nun -- oder bilde mir's wenigstens ein -- ich
kenne das große Rätselding: die Arbeiterseele.«
»Gibt's das denn überhaupt?« fragte Ilse. »Ich lebe doch nun seit vier
Jahren inmitten unserer Arbeiterschaft -- von Seele habe ich wenig
gespürt, möglichst viel Lohn und möglichst wenig dafür leisten müssen
-- da hast du die Arbeiterseele!«
»-- die kein großes Kulturvolk uns nachgemacht hat -- sollte das
nicht zu denken geben?! Frag' mal unsere Ärzte, unsere Juristen,
unsere Sozialpsychologen! Da wirst du seltsame Dinge zu hören
bekommen: Rassenverschlechterung trotz der Hygiene ... Untergrabung
des Verantwortlichkeitsgefühls, des Spartriebes, des Familiensinnes
-- Züchtigung der Rentenpsychose und des Simulantentums -- -- Und was
das schlimmste ist: das Volk fühlt halb unbewußt, daß diese Fürsorge
nur seinem leiblichen Wohl gilt -- nur bestimmt ist, seinen Wert als
Produktionsfaktor vor allzu schneller Abnutzung zu bewahren ... Wer
aber hat die wahre, die seelische Aufgabe erkannt, die das riesige
Anwachsen des Industrieproletariats unserer Zeit gestellt hat? Wer
hat es unternommen, dem Manne an der Maschine einen -- Lebensinhalt
zu geben? Sein Dasein einzuordnen in den inneren Entwicklungsgang
der Nation? Wer hat sich den Mächten entgegengestemmt, die es seinem
Volkstum entfremdeten -- es zum Internationalismus erzogen?! Wer hat
den Arbeiter gelehrt, sich als Deutschen zu fühlen?«
»Ein schöner Traum -- eine Vorahnung nur von -- etwas, das einmal
kommen muß ... Ein Ergebnis der eisernen Friedensdisziplin unseres
Heeres -- nicht eines tief inneren Zusammengehörigkeitsgefühls unseres
ganzen Volkes ... Das furchtbare Erwachen ist gekommen -- langsam,
unabwendlich. Im Graus der Schlachten zerschmolz mit dem geschulten
Heere der Geist des 1. August ... Wir mußten auffüllen ... aus den
Massen, die der Friedensdrill nicht erfaßt hatte -- die außerhalb
der Volksverbundenheit geblieben waren. Das hat sich in Kürze nicht
ausgleichen lassen -- man hat's auch nur sehr unvollkommen versucht. So
-- ist's gekommen.«
»Hand ans Werk! Der Proletarier muß erkennen lernen, daß auch er ein
Deutscher ist. Daß wir zusammengehören -- über den Klüften der Bildung,
des Besitzes, der Bekenntnisse, der politischen Überzeugungen. Dies
und nichts anderes will die deutsche Stunde, die deutsche Not. Das
alles habe ich inmitten meiner neuen Freunde erlebt und erkannt --
das will ich den Deutschen sagen, das müssen sie begreifen lernen
-- dieser Gedanke, diese Erkenntnis muß die Grundlage alles unseres
zukünftigen Denkens werden. Nicht mit Arbeiterschutzgesetzen,
nicht mit Lohnerhöhungen, nicht mit Sozialisierung der Betriebe,
nicht mit der Diktatur des Proletariats -- aber auch nicht mit
Wiederherstellung der alten Ordnung, nicht mit der Wiedereinführung
des ›Herr-im-Hause-Standpunktes‹ ist uns geholfen ... unser ganzes
nationales Leben muß umgestaltet werden, aufgebaut auf dem einen
Grundgedanken der Erziehung aller Deutschen zur Volksgemeinschaft!«
»Ach, Heinz,« klagte Ilse, »die Volksgemeinschaft -- ist das nicht auch
nur ein Wort, eine Theorie -- eine Phrase?!«
»Es ist ein Wort -- eine Phrase ist es nicht«, sagte Heinz mit stolzem
Ernst. »Es ist -- ~das~ Wort.«
»Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, sie zu tragen. Aber darauf
kommt es auch gar nicht an -- dazu bedarf es aller Kräfte der Nation.
Die Hauptsache ist, daß diese Aufgabe zunächst einmal erkannt wird.
Ich habe sie erkannt -- und ein Lump will ich sein, wenn ich nicht
alle meine Kräfte daransetze, sie in den Brennpunkt unserer nationalen
Arbeit zu rücken! Früher haben wir uns überhoben, jetzt trauen wir uns
überhaupt keinen Aufschwung mehr zu ... Aber hör' ein Beispiel: Ein
amerikanischer Matrose hat mir's in einer Hafenkneipe erzählt. In jeder
Schule in den Vereinigten Staaten, aber auch in jeder, hängt über der
Schultafel eines jeden Klassenzimmers ein riesengroßes Sternenbanner.
Wenn der kleine Bub oder das Mädchen morgens sein Schulzimmer betritt,
stellt es sich zunächst vor die Flagge, legt salutierend die Hand ans
Köpfchen und sagt: +My flag+! Dann kommt der Lehrer, begrüßt die
Kinder, und stehend singt die ganze Klasse zuerst das amerikanische
Flaggenlied! Das nenne ich nationale Erziehung!«
»Wundervoll! Wundervoll!« rief das Mädchen. »Aber -- wer wird die Kraft
haben, so etwas in Deutschland einzuführen? Ja -- und welche Flagge
sollen unsere Schulkinder nun salutieren? Wir haben ja zwei -- an der
einen hängt unser Herz, unsere heiligsten Erinnerungen -- und die
andere -- die wird uns aufgezwungen ...«
»Ja, es ist eine Trauer,« sagte Heinz, »ein rechtes Gleichnis unserer
unausrottbaren deutschen Zerrissenheit. Ich würde vorschlagen:
Wenn die schwarz-rot-goldene Flagge einmal durch ein Reichsgesetz
eingeführt worden ist, wollen wir sie ehren als ein Symbol unseres
einigen, unzerstörbaren Deutschen Reiches. Mit meiner Treue gegen
unsere schwarz-weiß-roten Erinnerungen hat das gar nichts zu tun.
Nicht auf das Zeichen, auf die Sache kommt es an. Ich bin ein so guter
Schwarz-weiß-roter gewesen und geblieben als irgendein Deutscher, ich
dächte, das hätte ich bewiesen und beweise das auch heute noch. Aber
sobald ein Mehrheitsbeschluß vorliegt, der die neue Flagge einführt,
scheint es mir sinnlos, dies neue Gleichnis zu schmähen, das ja
übrigens in Wirklichkeit uralt ist. Hinter der schwarz-rot-goldenen
Flagge wie hinter der schwarz-weiß-roten sehe ich, ehre und liebe ich
die gleiche Sache, mein deutsches Vaterland ... Mein deutsches, denn
ich habe nur eins. Ich kann mich nicht in einen Hamburger und in einen
Deutschen teilen. Und es wäre schön, wenn auch der Preuße und der Bayer
und der Lipper sich endlich als Deutsche fühlen wollten und auf das
Kokettieren mit einem Spezialpatriotismus verzichten lernten ... Siehst
du, das alles sind Bruchstücke der großen neuen Erkenntnis, die das
Jahr in der Tiefe mir gebracht hat ... das alles will ich bekennen vor
meinem Volk, bekennen vor meinen Standesgenossen und meinen Kameraden.
Nicht rückwärts, vorwärts wollen wir schauen in die deutsche Zukunft!«
An den St. Pauli Landungsbrücken -- ein Bild fast wie aus der
Friedenszeit ...
Ja, die Stimmung der Hunderte, die wartend harren, noch gespannter,
erregter, fast fieberhaft. -- -- Was einst alltäglich war, nun ist's
ein Langersehntes, ein fast schon Mythe Gewordenes.
Ein Riese des Ozeans wird erwartet -- ach, es ist kein deutsches
Schiff ... das gibt's nicht mehr ... Gibt's -- noch nicht wieder ...
Wird's aber geben, einmal wird's das wieder geben ... Drüben auf der
Hammonia-Werft, auf der vordersten Helling, mit seinem massigen Leib
aufragend bis unters Krangerüst, wuchtet der Gigantenleib der künftigen
»Deutschland« ... Schon flattert auf der Spitze des Aussichtstürmchens,
dessen keckes Stahlskelett in die planvolle Spierenwirrnis des
Helgengerüstes eingebaut ist, das schwarz-rot-goldene Banner des neuen
Reiches -- -- morgen wird das stolze Schiff vom Stapel laufen.
Und was heute kommt, ist fast so etwas Ähnliches wie ein deutsches
Schiff ... Die »Union« der Blue Star Line wird heut zum ersten Male
unter der Flagge der United Transatlantic Lines von Neuyork her Hamburg
anlaufen -- dieser Linie, die trotz ihres englischen Namens das erste
Zeugnis deutsch-amerikanischer Verständigung ist ... ein erstes
tröstliches Zeichen des Wiederaufbaues der Weltwirtschaft -- nach der
allverschlingenden Sintflut die Taube mit dem Ölzweig ...
Am Heck wird sie das Sternenbanner führen, am Top aber die weiße Fahne
mit den Buchstaben »U. T. L.« -- dem Symbol erster Wiederbesinnung der
wahnzerrissenen Menschheit.
Wer das Bild des Hamburger Hafens kannte, wie die wartenden Herren von
Linie und Werft es kannten -- wer wußte, was sie wußten -- der mußte es
billig bezweifeln.
Es brodelte wieder einmal mächtig in der Tiefe der Stadt Hamburg -- wie
es in Deutschlands Tiefen brodelte und schwelte.
Oh, nun war alles gut, alles gut. Der fromme Mutterglaube hatte nicht
getrogen ... Er ging seinen Weg, er wußte sein Ziel. Noch hielt ihn
die Aufgabe, die er selber sich gestellt, in der Tiefe fest, in die
er freiwillig hinabgetaucht ... Wer ein Führer des Volkes werden
wollte, der mußte es vor allem kennen bis in seinen moorigen Bodensatz
hinunter. Aber einst -- doch gewiß bald -- da würde er wiederkehren --
um den Seinen Kunde zu geben, was er da unten erlebt -- und vielleicht
den rettenden Gedanken ins Licht zu heben, die große Versöhnungstat
-- die aus allen Deutschen Brüder machen sollte -- aus den sechzig
Millionen in Wahrheit endlich nach tausendjährigem Irren -- ein Reich
-- ein Volk.
»Wo nur Ilse bleibt?« zürnte die ungeduldige Bessie. »Ich wette, sie
trifft sich einmal wieder mit ihrem Matrosen ... Ach, wer's auch so gut
hätte ...«
Nein -- sie würde nicht zu spät kommen. Eben tauchte sie auf -- ganz
frühlingsmäßig zum Empfang geputzt.
»Mama -- Bessie -- ich hab' ihn gesprochen ... übermorgen kehrt er heim
... Nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ will er abwarten -- dann,
meint er, sei's genug -- dann macht er Schluß mit Anders Niemann -- und
will wieder unser sein ...«
Ein Jubelruf auf Mutterlippen ... fast hätte Mutter Johanna die
Braut umarmt ... Aber nein -- Hamburg ist Hamburg, man weiß sich zu
beherrschen, wenn andere zuschauen.
»Und dann? Und dann, Ilse?«
»Er hat große Pläne ... Er will nach Berlin, will im Kultusministerium
berichten ... hat allerhand Vorschläge für eine Reform des
Unterrichtswesens auf nationaler Grundlage ... freilich -- es will
mir kaum über die Lippen -- unter Anerkennung der Republik -- er, des
Kaisers Offizier ...«
Da rümpfte auch Johanna die Nase. Das war ja kaum möglich ... Nun, man
würde ja hören ... Wenn er nur wiederkam -- alles andere würde sich
finden -- diesmal sollte er nicht mehr klagen dürfen, sein Elternhaus
sei ihm nicht Heimat mehr ...
»Puh!« lachte Bessie, »was ihr zwei für Gesichter macht, wenn ihr
von eurer Republik sprecht ... Sie beißt nicht, die Republik ...
+Daddy+ und ich sind auch Republikaner, sogar geborene ... gebt
mir acht, ihr werdet's auch ... Oh, ich werde sehr gut sein mit Mister
Heinz, wenn er ein Republikaner ist ... Nimm dich in acht, Ilse -- wenn
du schlecht zu ihm bist, schnapp' ich ihn dir vor der Nase weg ... Er
hat mich einmal gerettet, also gehört er mir so schon halb und halb ...«
Erregung schwoll auf -- alle Hälse reckten sich ... Dort hinten,
wo für das Auge die schwärzlichen Häusermassen von Altona mit den
hochgetürmten Eisengerüsten der Hephästos-Werft zusammenzustoßen
schienen, tauchte zwischen dem Mastengewirr der kleinen Dampfer und
Segler, die nun die Stelle der Riesen von einst belegt hatten, der
Rumpf eines Gewaltigen auf, überragt von den klobigen Zylindern
der drei schwarzen Schornsteine mit dem weißen Reif, auf dem sich
alsbald der blaue Stern abzeichnen würde ... Voran tänzelte das
Lotsendampferchen -- als führe die Hand eines Kindes einen tappenden
Goliath, der sich zum Spaß die Augen hätte verbinden lassen.
Ein Rauschen innerster Bewegung ging durch die harrende Menge. Fünf
Jahre lang war der drittgrößte Hafen- und Handelsplatz der Welt
vom großen Leben des Erdballs abgeschnitten gewesen -- ausgesperrt
vom freien Weltmeer, dem Tummelplatz aller großen Völker, dem
Sehnsuchtsziel germanischer Träume seit Wikingertagen -- dem
Ruhmespfade der Hansa, der froh befahrenen Lebensstraße des zweiten
Kaiserreichs ...
»Unsre Zukunft liegt auf dem Wasser --« herrischer Fürstenmund, der
einst dies kühne Wort gesprochen, nun in selbstgewählter Verbannung
verstummt ...
Der Irrsinn innerer Zwietracht hatte das festlandgebundene Volk der
Deutschen aus der Reihe der hoffenden Nationen getilgt ... Wär's
möglich -- täte die See aufs neue vor ihm sich auf?!
Dankbar suchte das Auge des Reeders der Gattin liebeschweres, wissendes
Antlitz.
Nun flatterten viel hundert weiße Tücher, viel hundert winkende Hände
-- drunten auf dem wimmelnden Landungssteg ... Droben aber auf den
Promenadendecks, der Kommandobrücke, harrten Kopf an Kopf gedrängt die
Sendlinge der Neuen Welt der Ankunft in dem Lande, dessen verzweifelte
Gegenwehr von Amerikas Granaten in den Grund geschossen worden war. Und
auch droben winkte manche Hand, flatterte manches Tuch den Gruß der
wiedererwachten Menschlichkeit.
Seine Seele war ganz Haß geworden. Ganz Grimm und Rachegier. Die
tollen, blutigen Junitage durften nur ein Vorspiel gewesen sein. Nur
ein Vorspiel.
Die »Deutschland« war fertig. Ihr Stapellauf bedeutete ihm den Triumph
des Kapitalismus -- das Scheitern der Weltrevolution. Und was ihm
selber nur dumpf und wirr in Sinnen und Hirn gor -- der Sendling des
Ostens hatte den Höllensud gargekocht. Die »Deutschland« würde nicht
vom Stapel laufen -- --
Seit Wochen hatten Tedje und sein Vertrauter päckchenweise das Dynamit,
das die Berliner Zentrale geschafft, in ihren Taschen auf die Werft
geschmuggelt. In einem verschwiegenen Keller standen drei Kisten
bereit, groß genug, eine Armada in die Luft zu blasen ...
Aus welchem Kopfe war es entsprungen? Jeder auf der Werft wußte es: Bob
Timmermanns -- der Werkmeisterssohn -- hatte es ersonnen. Er, der ihn
einmal am Kragen gepackt und an die Wand geschmissen wie einen tollen
Hund ...
Wer würde den Ruhm davon haben? Die Hammonia-Werft. Der alte Carstensen
-- für den hatte er sich abgeschunden sein ganzes Jugendleben hindurch
... er und die Tausende seiner Kollegen ... Und oll Carstensens Tochter
würde am Bugspriet stehen und die Sektflasche gegen die Eisenwand des
Dampfers schleudern ... Sie, die Feine, die »Zarentochter«.
Und dann -- dann würde die »Deutschland« zu Wasser gehen -- und nach
Amerika fahren -- und schwer Geld verdienen -- für die H. T. L. Für die
Feinde -- die Kapitalisten.
Und Tedje? Und die andern fünf-, sechstausend, die daran mitgeschafft
hatten in Glut und Frost, in Fleiß und Schweiß?
Und dann -- wenn alles drunter und drüber geht -- dann holt Tedje
Tietgens sich seine Feine -- seine »Zarentochter« --!!
* * * * *
Da ging über die angespannten Gesichter der Lauschenden eine jache Glut.
»Haut sie!« brüllte der Chor der jungen Gesellen, von denen gut die
Hälfte höchstens im Rekrutendepot den Krieg erlebt hatte. »Messers rut!
An'ne Wand dei Schufte!«
Und übermorgen werden sie jubeln, wenn das Werk eurer Hände zu Wasser
geht, jubeln und sich brüsten, als hätten sie es gebaut und nicht ihr!
Der Sendling Lenins ließ sich in einen Stuhl fallen -- stürzte ein Glas
Branntwein hinunter. Und mit eisig kühlem Vivisektorenblick musterte er
die wüste Schar seiner Hörer, die ihn tobend, armefuchtelnd umdrängten.
Tedje stand auf. In seinen dunklen Augen glosteten drei Höllen auf
einmal: Wollust, Zerstörungswut -- und die gelbste, tückischste,
stinkendste aller Schwefelflammen: der Neid. ... Der Neid des
Unfruchtbaren auf die Könner, des Athleten auf die Gedankenriesen, des
Glaubensleeren auf die Glaubensstarken.
»Jungs!« zischte er, »dei ›Dütschland‹ lopt morgen nich von'n Stopel --
wi blost ehr in dei Luft!! In'n Keller von dei Maschinenbuhalle, doar
stohn dree Kisten Dynamit!!«
Was -- -- -- hatte er gesagt -- der Tedje?!
Aber Tedje -- --! War das möglich -- dann -- was war dann nicht zu
fürchten -- von der Masse, der entfesselten, der zuchtentsprungenen --?!
Sie fielen nicht über ihn her, über diesen höllenentstiegenen Satan --
schlugen nicht mit ihren sehnigen deutschen Werkerfäusten das Hirn zu
Brei, das diesen gräßlichen Gedanken ausgespien?! Ihm und -- -- seinem
Helfershelfer, diesem Sohn einer deutschen Mutter?!
Die Ungestalt über die Gestalt, das Chaos über den Kosmos ... Ahriman
über Ormuzd ...
Dort und dort reckte sich eine arbeitsharte Faust ... immer mehr --
immer mehr ...
Sinn war in Unsinn verwandelt, Schaffenskraft in Zerstörungswut, Tat in
Untat ...
Was tun?!
Im Sinnen war's ihm plötzlich, als stäche eine glühende Nadel ihm ins
Hirn. Aufblick: Tedje --! Er belauert, wittert mich! Vorsicht --!!
Anders Niemann fühlte ein Würgen, als griffe eine drosselnde Faust nach
seiner Kehle. Nur jetzt nicht erkannt, durchschaut, zertreten werden!!
Einen Augenblick lang meinte er, klar zu sehen -- wähnte nun erst zu
wissen, was sein Weg war -- meinte plötzlich zu begreifen, daß dies der
eigentliche Sinn seines Handelns habe sein sollen: daß er des grausen
Anschlags Mitwisser hatte werden sollen ... und so der Retter ... der
»Deutschland« ... Deutschlands ...
Aber nein, es war ja ganz anders gewollt, geplant, ausgeführt ... ganz,
ganz anders -- --
Die hohe Sendung, die dich in die Tiefe geführt, sie wäre nicht
nur gescheitert -- sie wäre auch -- geschändet ... dein Sehnen zur
scheußlichen Fratze entstellt ...
Nein -- das war unmöglich -- gab's denn kein anderes Mittel, das
Unausdenkbare zu verhindern?!
Und Anders Niemann warf sich dem Mahlstrom entgegen. Er bat ums Wort.
Er beschwor die Kameraden, abzustehen von ihrem grauenvollen Vorhaben.
»Kameraden!« rief er, »ick begriep dat nich: Dei ›Dütschland‹, dei
hebbt wi doch mokt, alltausomen hebbt wi s' mokt! Nich blot dei
Inschenöre, nich blot Timmermanns -- du un du un du un ick, wi hebbt
unsen Sweit un uns' Gedanken un -- ick kann't nicht beter seggen, wi
hebbt en Stück von uns' Hart 'rinbugt in dat Schipp!«
Anders Niemann ließ sich nicht den Mund verbieten. Heiß schwoll ihm
das Herz. Arbeiter sein, das durfte doch nicht heißen, das Werk seiner
Hände verachten und hassen! Liebe müsse bei dem Tagwerk sein, sonst sei
es sinnlos und verflucht! Mit wildem Flehen rang er um das Herz der
Brüder. Vollendet stehe da drüben das große, gemeinsame Werk -- vom
rechnenden messenden Kopf ersonnen, aufgetürmt von der tausendfältig
schaffenden Hand ... Morgen solle es hinaus in die freie Flut, um
später, nach weiteren Monaten harter Arbeit der werkelnden Faust,
hinauszufliegen und denen da draußen in aller Welt zu verkünden, daß
Deutschland noch aufrecht stehe -- daß es Erdrosselungskrieg und
Erdrosselungsfrieden überstanden habe und leben, leben, leben wolle ...
Freilich, davon könne Dragomiroff nichts verstehen -- er sei ein Russe,
ein Fremdling ... Und arbeiten habe noch kein Mensch den jemals gesehen
...
In Clas Mönkebülls heißem Gesichte sah Anders den Abglanz seiner Glut
wühlen und flammen ... Aber noch etwas anderes erkannte er in des
Freundes Auge: etwas, das ihn seit Wochen zuweilen angeglotzt aus des
treuen Burschen zerquältem Gesicht: etwas wie dumpf schwelender Haß ...
Und -- Tedje?!
Kiek den Duckmäuser! Tut sich auf einmal als Klugschwätzer auf --
will mir meinen schönen Racheplan vermasseln! Der Schleicher, der
scheinheilige -- um den meine Antje sich härmt! Na teuf, mien Jung!
Nur zwei traten vor: Tedje Tietgens und -- -- Clas Mönkebüll ...
Arm in Arm stellten sie sich, auf Dragomiroffs Geheiß, in der Kameraden
Mitte. Der Russe nahm sie mit Handschlag in Eid und Pflicht und gab
ihnen einen knallenden Weihekuß. Und so die anderen alle -- sie,
die sich verpflichtet hatten, die ständigen Wächter der Werft von
hinten anzuschleichen und mit zähem Messerschnitt in die Gurgel zu
erledigen. -- »Dann aber, Genossen,« schloß Dragomiroff, »dann, wenn
die Tat geglückt ist -- dann heißt es: Zu den Waffen! Denn die Weißen
stehen bereit, unsere Tat wird auch für sie das Signal. Dann heißt's
die Kameraden fortreißen, ehe die zur Besinnung kommen. Es lebe die
Propaganda der Tat!«
»Tietgens!« flüsterte er ihm heiser ins Ohr, »gib acht auf den
Quatschkopp, den Niemann -- der Hund ist gefährlich!«
* * * * *
Und nun: der Wirrwarr und Lärm des Aufbruchs ... Heinz raffte sich aus
seinem krampfigen Grübeln. Er hatte Klarheit. Was galt Heinz Freimanns
Leben, was galt selbst seine Ehre -- wo es um alles ging?! Nein -- wer
solches plante, der hatte das Recht auf Treue verwirkt ...
Er hob den Hörer, verlangte die Nummer der Villa Carstensen ...
»Hier Heinz ... Ilse, ich muß dich unbedingt sofort sprechen ...«
Ein Bild stieg sekundenlang vor des Mannes Augen auf ... eine Vision --
beglückend und fern wie ein nie erreichbares Sehnsuchtsland ...
»Frühestens nach dem Abendessen, ich denke etwa um halb zehn ...«
»Das wird zur Not genügen. Also höre, Ilse: Ich werde um punkt halb
zehn im Auto an unserer Gartentür vorfahren, auf dem Harvestehuder Weg
... Du erwartest mich, steigst zu mir ein, wir fahren einmal um den
Häuserblock herum, ich sage dir schnell, was zu sagen ist -- und in
fünf Minuten kannst du wieder bei euren Gästen sein ... einverstanden?«
Mit einem Ruck riß Heinz die Tür der Telephonzelle auf -- spähte umher,
ob er unbelauscht geblieben sei -- alles leer, alles still ... Völlig
beruhigt kehrte Heinz um, legte aufs neue den ganzen Weg bis zum
Versteck der Verschwörung zurück und mischte sich unter die Genossen,
die noch immer erregt schwatzend beisammenhockten.
Kaum war er hinter der geheimen Tür verschwunden, welche aus dem Flur
des Vorderhauses in das unterirdische Labyrinth führte, da öffnete sich
neben der Telephonzelle die Wand, und mit wutverzerrten Gesichtern
traten Tedje und Clas aus dem Versteck hervor.
»So'n Hund, so'n entfomtigen Hund!« knirschte Tedje. »Clas, ick mutt
di wat seggen: Düssen Anders, düssen Kierl, de mien Swester 'n Kopp
verdreiht hett -- den'n heff ick -- vor drei Dag heff ick'n seihn, as
hei sick mit Fräulein Carstensen in dei Passage an'n ollen Steinweg
dropen hett -- un is mit ehr in 'ne lüttje Konditorei verswunnen
-- un doar hebbt sei 'n Stünn' un länger tausomen snackt ... Un nu
telephoniert hei 'ne gewisse Ilse, und seggt tau ehr: Hier Heinz ...«
»Verdammi --!« zischte Clas, »verdammi! Is dat denn meuglich, dat hei
-- dat uns' Anders Niemann --«
»Dat 's nu dien Sok, Clos«, sagte Tedje mit tückischem Grinsen. »Ick
denk', du hest sowieso wat mit em aftaumoken, mit düssen Anders Niemann
odder ... Heinz ... Dunnerslag ... doar fallt mi wat in -- Heinz ... Im
Hause meiner Eltern, hett sei seggt ...«
»Du weits nu Bescheid. Clos! Ick verlot mi ganz op di ... Hest 'ne
Waffe?«
»Heff ick!« knirschte Clas und ließ sein Messer einschnappen. »De kümmt
mi nich weg, Tedje.«
»Mok dien Sok' man gaud, Clos ... ick leg' ok 'n gaud Wort vör di in bi
mien Swester ...«
»Dat 's vörbi, Tedje ... hüt nacht goht wi twei kaput ...«
»Meuglich --« murmelte Tedje ... »öwerst denn sall dei entfomigter
Slieker, dei Anders Niemann -- ne, dei Heinz Freimann -- dei sall denn
mit us twei tausom'n kaput gohn!!«
Clas Mönkebülls Augen flackerten irr und trüb. »Wat söhlt wi noch wied
lopen? Lot uns in Mudder Lor' ehr lütt' Kabuff sitten ... sei hett 'n
ollen lüttjen Köhm, so een' is in ganz Hamborg nich weddertaufinnen ...«
* * * * *
Tedje hatte sich als letzter von Dragomiroff getrennt. Nun war er
sich selber überlassen. Er schlenderte durch die engen Gassen des
unheimlichen Viertels zwischen Wexstraße und Neustädter Straße. Sein
Schädel dampfte, Gesicht und Hände zuckten im Krampfe.
Anders Niemann ein Spitzel ... ein Spion ... der verschollene Sohn
des Generaldirektors der H. T. L.! Und wohnt seit einem Jahr in
Mudders Jungsstübchen ... ißt an Vadders Tisch -- schafft auf der
Hammonia-Werft mit Clas und Tedje ... und macht die arme Antje Tietgens
verrückt ... Hund du -- Hund --!!
Wirst dich verrechnet haben, Spion! Der starke Arm, der alle Räder
stehen lassen kann, wenn er will -- der greift nach deiner Gurgel! Wir
lassen dich nicht aus -- sollst danebenstehen und zusehen, wie die
stolze Hoffnung deines Vaters in die Luft geht -- und dann -- dann bist
du reif fürs Messer!
Arme Antje ... Wenn nun morgen keiner von uns dreien wiederkommt?!
Sie wird weinen -- um wen? Nicht um den armen Clas, der sich hätte
totschlagen lassen für sie ... um den Bruder vielleicht ein paar
Tränchen ... aber die Augen aus dem Kopfe wird sie sich weinen -- um
den Schuft, um den Halunken, um den Verführer, um den Verräter ...
Nein ... Das darf nicht sein ... Sie soll wenigstens wissen, wer er
ist ... Sie soll -- sie soll nicht um ihn weinen ... einerlei, ob er
unter Clas' Messer verblutet oder heut nacht mit der »Deutschland« in
die Luft geht -- Antje Tietgens soll nicht um ihn weinen. Sie soll
erfahren, daß sie ihr Herz und ... wer weiß was sonst noch alles an
einen Lumpen und Verräter weggeschmissen hat. Sie wird sich grämen vor
Schande -- aber sie wird wenigstens nicht um ihn weinen. Das ist er
nicht wert ... Die Ehre soll er nicht mal im Tode genießen.
Also heim -- zu Antje ...
Und dann? War nicht noch etwas anderes zu erledigen, bevor es ans große
Rachewerk geht?! Was war's doch nur?!
Aber wie -- wenn statt seiner -- ein anderer im Auto säße --?!
Mit einem Ruck blieb Tedje stehen -- mitten in einer der üblen Gassen,
an deren Fenstern die armseligen Huldinnen der schlimmen Viertel auf
Beute warteten.
Da war sie ja, endlich, die lang umlauerte Gelegenheit ... Hahahaha!
Der eigene Bräutigam hatte sie aus ihrer Festung herauslocken müssen --
trieb sie in Tedje Tietgens' Arme ...
Und just in der letzten Stunde vor der großen Entscheidung -- vor der
Tat, die so leicht mißglücken kann -- -- Dynamitkisten sind keine
Schiffsniete ... da kann einer leicht aus Versehen mit in die Luft
gehen ... Und vorher das da!
Als wenn man nicht ein halb Dutzend Freunde hätte unter den
Benzinkutschern ... Dazu noch irgendeinen handfesten Kollegen als
Helfershelfer -- ohne Gewalt wird es ja nicht abgehen ... Die läßt sich
in Stücke reißen -- schreit ganz Hamburg zusammen ... Für alle Fälle
ein Paket Watte und eine Flasche Äther, kriegt man in jeder Drogerie --
--
Anders hob das Glas: »Nich so trurig kieken, Clas, vellicht kümmt dat
all man half so slimm.«
Da traf ihn aus des Freundes Augen ein Blick, unter dem er
zusammenzuckte.
»Wi will'n drinken ...« stammelte der Holsteiner, »nich snacken ...
blot nich snacken ... ick kann nich ... ick kann nich ...«
Was war das?! Ahnte er irgend etwas? Unmöglich -- Woher sollte er ...
Clas Mönkebüll war nicht der Mann, eine Hölle verschwiegen in der Brust
zu tragen. Er litt ohne Grenzen.
»Ne,« sagte Clas, und seine Brauen zogen sich so fest zusammen, daß sie
die Augen fast verhüllten, »gaud is mi nich.«
»Jo, Clos, hest recht ... dat döggt nich, wat wi uns von düssen Russen
hebbt ansnacken loten.«
»Dat helpt nich ... wi hebbt sworen ...« Clas stürzte ein großes Glas
Schnaps hinunter und winkte der grellbunt gekleideten Aufwärterin um
eine frische Füllung.
Wohl hatte Anders Niemann eine Maske getragen -- wohl war zwischen
ihm und dem Proletarier da drüben niemals im letzten Sinne Wahrheit
gewesen ... Dennoch -- ein Band hatte sich geknüpft, stark genug, wenn
eines Tages die Hülle des Truges fiele, über die Klüfte des Standes
und der Bildung hinüber ein Leben lang zu dauern -- ein Anfang war
gemacht, diese Klüfte zu überbrücken ... in seiner Freundschaft zu
diesem Schlichten hatte Heinz Freimann einen ersten Schimmer der
Erfüllung seiner kühnen Träume von einer versöhnenden Gemeinschaft
aller deutschen Menschen erlebt ... Und nun dies Ende ... War denn kein
Ausweg? War es denn ganz unmöglich, diesen kindguten, herzenswarmen
Menschen der höllischen Verstrickung zu entreißen, in die er sich hatte
hineinzerren lassen?!
»Clos ... segg mi, dat -- dat bliwt, dat du hüt nacht -- ick kann't un
kann't nich gleuwen von di ...«
Hier war ein Kamerad über Bord gegangen, kämpfte mit den Wogen, die ihn
verschlingen mußten. Und der alte Seemann stürzte sich in den Strudel.
Rettung! Rettung!
Er nahm seine ganze Kraft zusammen. Welches Glück, daß er der Sprache
des Volkes mächtig geworden war bis in ihre feinsten Schattierungen!
Wie mit wuchtigen Schwimmstößen rang er sich an die Seele des Freundes
heran, packte die widerstrebende, kämpfte verzweifelt wider ihren
selbstmörderischen Willen zum Untergang. Von Deutschland sprach er,
das ihrer beider Vaterland sei. Von dem stolzen Schiff, in das sie
beide seit einem Jahr ihre Kraft und ihren Fleiß hineingebaut. Von dem
Fahneneid, den sie einst als Rekruten geschworen ...
Umsonst. Immer finsterer, immer unnahbarer zog des Arbeiters Seele sich
vor dem heißen Werben des Mannes zurück, den er ein Jahr seinen Freund
genannt. Und plötzlich überkam den Werber die jähe Erkenntnis, daß
zwischen ihm und dem Gefährten noch etwas anderes liegen müsse als der
Schwur, den jener geleistet ...
»Doch -- du versteihst mi ... hett di een' wat ... seggt öwer mi --?«
Clas konnte nicht lügen. Mit einem Male richtete er sich hoch auf, sah
dem Frager starr ins Auge und sagte:
Anders Niemann fühlte einen Stoß wider das Herz. Also das!! Aber wie?!
und seit wann?!
»Ach so!« sagte er, und ohne sein Wollen ging eine Verwandlung mit
ihm vor. Anders Niemann sank in die Tiefe -- Heinz Freimann ward
wiedergeboren.
»Also du weißt, wer ich bin, Clas Mönkebüll«, sagte er gefaßt. »Ich
will dich jetzt nicht fragen, woher. Komm her, lieber Junge, hier ist
meine Hand. Ich bin dein Freund -- du hast keinen besseren. Glaub'
mir's -- werde nicht irre an mir Ich will dir alles erklären.«
Heinz Freimann sprang auf. Einen Augenblick lang fuhr's ihm durch den
Kopf: Eine Waffe! Dann: Schreien! Um Hilfe schreien -- pah -- umsonst.
Er begriff nichts -- nichts als dies eine: Er war verloren.
»Ein Wort noch, Clas!« sagte er fest und in Haltung. »Du willst mich
töten, weil ich um euren Plan weiß -- und weil du glaubst, daß ich ihn
verraten will. Ehrlich gestanden, ja -- ich hätte ihn verraten müssen,
wenn du mich leben ließest. Müssen, Clas -- und wenn's mich meine
Ehre gekostet hätte. Ich habe euch gewarnt -- habe euch angefleht mit
allen Kräften meines Herzens, ihr solltet dem Hund, dem Moskowiter,
nicht folgen. Es hat nichts geholfen. Darum muß ich euch verraten
-- muß, wenn du mich leben läßt. Tu du, was du verantworten kannst.
Aber ich glaube, zuvor ist zwischen dir und mir noch etwas anderes
klarzustellen. Du bist unserer Freundin Antje Tietgens gut. Du glaubst,
ich hätte sie dir abwendig gemacht. Und darum willst du mich töten.
Tu's -- aber dann geh hin zu Antje, grüß' sie von mir -- und sag' ihr,
ich hätte dir in meinem letzten Augenblick gesagt, daß ich niemals auch
nur die leiseste Gunst von ihr bekommen hab' ... Ich habe ihre Lippen
niemals berührt --!«
»So wahr ich ein braver Soldat bin -- und dein guter Kamerad, dein
treuer Freund, der dich wie einen Bruder ehrt und liebt ...«
Des armen Burschen Hand mit dem blinkenden Messer sank schlaff am Leibe
herab. »Nu kann'k 't nich dauhn,« stammelte er heiser, »nu kann'k 't
nich dauhn ...«
»So tu auch das andere nicht, Clas!« rief Heinz und legte seine beiden
Hände auf des Freundes Schultern. »Besinn dich! Du bist ein Deutscher
... Es ist Wahn, dein Lied von der roten Seligkeit ...«
»Dei kümmt -- dei kümmt ...« Das war wie ein verzweifeltes
Sichaufbäumen gegen empordämmernde Erkenntnis -- krampfhaftes
Sichanklammern an treibende Trümmer ... Und nun: ein letzter Blick
-- mit beiden Fäusten umklammerte Clas Mönkebüll des Freundes Rechte
-- es war, als wolle er ihn an seine Brust reißen -- aber mit einem
krampfigen Schluchzen machte er sich los, stürmte zum Ausgang, schloß
auf, zog den Schlüssel ab, warf die Tür von draußen zu -- ein schwerer
Riegel ward vorgeschoben, der Schlüssel krachte ins Schloß. --
»Hest recht, Vadder«, hüstelte Mining. »Helpt jo allens nich, dat oll
Gestreik un Geputsch ... flietig in dei Hann' spucken un arbeiten, as
ji freuer arbeit' hebbt -- nich acht Stünn', ne, tein, twolf ... süß
köhnt wi jo nich wedder hoch komen!«
Antje saß still und bedrückt den Alten gegenüber. Wo nur die Jungens
blieben?! Es braute sich etwas Schwüles, Dräuendes zusammen -- sie
fühlte es am Zerren ihrer Nerven, am aussetzenden Schlag ihres
gequälten Herzens. Ach, daß ein Mensch so leiden konnte, wie sie litt
seit Monaten. Sie, die aufrechte, nackensteife Frau ...
Vadder Timm gähnte vernehmlich. »Ick bün meud -- ick warr doch
hellschen klapprig, nich, Mudder? So 'n grote Red' -- dat is nix miehr
vor mi ... Geihst du nich to Hus, Deern?«
»Ick wull op dei Jungs luern«, sagte Antje gepreßt. »Öwer goht ji man
tau Bed, all beid ... ick heff' jo 'n Slötel ...«
Und dann saß sie einsam -- lauschte dem Stundenschlag der unzähligen
Kirchtürme, die über dem Brodem der Stadt ihres feierlichen Ruferamtes
walteten -- und sann -- sann -- sann ...
Nun feiern sie in der Villa Freimann -- die Glücklichen, die Reichen
... Und morgen, nach dem Stapellauf, da werden sie wieder feiern ...
Das Werk, das zwölftausend Hände geschaffen, sie rechnen sich's allein
an, weil's aus ihrem Kopf entsprungen ist ... Und wer wird dann der
zwölftausend fleißigen Hände gedenken, ohne die ihr Planen ewig Papier
und Phantasie bliebe?! Nein -- die Faust hatte schon recht, sich zu
ballen und aufzurecken wider den herrischen Kopf, der allein im Lichte
stand ... Gemeinsam war das Werk, gemeinsam sollte die Feier sein ...
die Freude ... der Stolz ...
Einer von denen da oben, der hatte angefangen, das zu begreifen. Der
träumte von einer neuen Welt, in der Kopf und Fäuste das Werk nicht nur
gemeinsam schüfen, nein, auch gemeinsam begriffen, umfingen mit ihrer
ganzen Seelenmacht. -- Er hatte nicht umsonst ein Jahr lang die Luft
dieses Hauses, dieser bescheidenen Stuben geatmet, nicht umsonst aus
Mudders Topf gegessen, mit Vadder geraucht und politisiert, mit den
Burschen geschlafen und gewacht, gearbeitet und geschwatzt ...
Und Antje würde vergessen sein ... vergessen die unzähligen Stunden,
in denen er ihr, sie ihm gegeben hatte -- das Beste, was ein jedes
besessen -- eine Welt von Gedanken, Gefühlen, Sehnsüchten und
Hoffnungen ...
Pah -- Vaterland!!
Ach -- es blieb doch ewig wahr: Nur die da oben, nur die hatten
überhaupt ein Vaterland ... die unten, die blieben ewig die
»vaterlandslosen Gesellen ...«
Oh, wenn dir das gelänge -- ja, wenn du auch nur standhaft, gläubig,
heilig genug wärst, dein Leben zu setzen an dies Werk -- deine Antje
wollte sich's nicht gereuen lassen, daß sie ihr ganzes Herz in dich, in
dein Wollen und Wesen hinein verblutet hat ...
-- Horch ... die Stiege knarrt ... Tedje ... nicht ganz sicher, wie
immer ... aber ... allein. Und Clas und Anders --?!
»Hest 'n arg leiw -- dien'n Kierl -- nich wohr, mien Deern?«
Nein -- sie verstand ihn nicht ... zwar seine Worte, aber nicht sein
Fühlen. In seinem rohen, zerwühlten Gesicht strahlte jählings etwas
selten, fast nie Geschautes auf -- eine wehe Güte -- eine schmerzvolle
Liebe ...
»Wenn hei nu eens Dogs nich wedder köm' -- dat deed di weih, nich wohr,
mien Deern?«
»Ick will di wat vertellen, Antje ... Clos un ick -- wi gohn hüt nacht
en sworen Gang tausomen ...«
Antje saß erstarrt ... ganz Lauschen -- ganz ahnungsvolles Grausen ...
»Meuglich, dat wi tausom'n dorbi kaput gohn ... dat wi, kein ein
wedder an Mudders Disch tau sitten kümmt ... Dat wull ick di seggen,
mien Deern ... du sast dei Ollen grüßen van uns twei ... un wenn't so
kümmt ... denn sast du Vaddern seggen, dat wi follen sünd op dat grote
Slachtfeld von dei Frieheit -- as truge Söhns von't Proletariat ...«
Und mit dem nervösen Begreifen, das diese grausengewöhnte Zeit ihren
Menschen angezüchtet:
»So wohr as ik hüt noch hier sitt -- un morgen vellicht nich miehr ...
Wi hebbt sworen, Clos un ick --!«
»Tedje --« schrie das Mädchen, »un Anders? -- Wat is mit Anders?!«
»Dien Kierl -- hahaha! Dien Kierl! Weißt du, wer dat is? 'n Spitzel is
hei, 'n ganz hundsgemeinen Verräter!«
»Öwerst doar hett hei keen Glück mit -- Clos Mönkebüll bliwt em op de
Hacken ... hei mutt met op dei Werft ... Un wenn wi annern in dei Luft
gohn, denn geiht hei mit! Un wenn hei sich vörher muckst, dann sitt em
Clos sien Messer twüschen dei Rippen!«
Entgeistert hatte Antje der entsetzlichen Kunde gelauscht. Nun saß sie
noch immer bewegungslos, unfähig, das Unfaßbare in sich aufzunehmen.
»Na, Deern, wat seggst nu tau dien'n Kierl?! Dat heff'k di seggen wullt
-- dat du weißt, wat hei vör'n Halunk weur -- un dat hei nich wert is,
dat du di üm em grämst, wenn hei verswinnt op Nimmerwedderseihn ...«
»Dat heff ick, Tedje ...« Und in jagenden Worten versuchte sie
dem Bruder klarzumachen, was den Kapitänleutnant Heinz Freimann
heruntergezogen in die Welt der harten Handarbeit ums tägliche Brot ...
Tedje Tietgens hatte sich in einen Stuhl fallen lassen. Er ließ der
Schwester angstgehetzte Schilderung über sich hinbrausen -- im Anfang
mit hämischem Grinsen -- dann immer gebannter ... immer verstörter.
Fern, ganz fern dämmerte etwas herauf -- eine Ahnung, ein mattes,
ungewisses, hauchhaftes Leuchten ...
Nein -- nein -- das durfte nicht sein ... Der Traum von der roten
Seligkeit, die moskowitische Prophetie hatte in Tedjes zerfahrenes,
verludertes Leben etwas wie einen Sinn, ein Ziel, eine Hoffnung
hineingebracht ... An das alles klammerte er sich verzweifelt an, um
nicht ins Bodenlose zu sinken ... Brüsk raffte er sich auf:
»So -- nu is't 'naug, Antje! Hest di gaud besabbeln loten, Deern -- ick
fall' do nich op 'rin! Allens Swindel, allens Kaptalistenhumbug! Adjüs,
Swester -- ick heff di seggt, wat ick weit -- nu mok, wat du wullt ...
grüß dei Öllern -- un wenn wi nich wedderkomen -- denn vergeet mi nich
ganz, heurst?«
Und Heinz --! Wo war er? Sie wußte es nicht -- kein Schatten einer
Ahnung ... Nur das eine war gewiß: Er war in den Händen der zwei
Männer, mit denen er seit einem Jahr Wachen und Schlaf geteilt -- die
er als seine Freunde, sie wußte es, geehrt und geliebt -- nun waren
sie binnen einer Stunde durch ein unbegreifliches Schrecknis seine
Todfeinde geworden ...
Auch er -- verloren -- verloren ... und damit das letzte, was ihres
eigenen Lebens ganzer Sinn und Inhalt geworden war.
Und schon stand Antje in Hut und Mantel, schon raste sie die Treppe
hinunter.
Und doch über dem allen eine geheime Entspannung. Man sah sich, man
fühlte sich wieder -- man sprach sich aus ... man fing an, einander zu
begreifen ...
Die Jugend im Saale hatte kurzen Prozeß gemacht. Ihr Lebensdrang, ihr
Freudebedürfnis hatte den großen Abgrund schnell überbrückt. Misses und
Jungmädchen, Jungherren und Gentlemen drehten sich längst im Onestep,
im Boston, im Tango ...
Zwar fehlte von den beiden jungen Königinnen dieses Abends die eine:
Ilse Carstensen hatte sich nach aufgehobener Tafel für eine Stunde
entschuldigen lassen. Die war längst herum -- aber vergebens schauten
die jungen Ingenieure und Abteilungschefs vom Patterson-Konzern sich
die Augen aus nach der schlanken blonden Hamburgerin. Bessie aber
konnte sich kaum des Ansturms der kriegsgestählten Jünglinge erwehren,
auf deren Fräcken -- nu jrade! -- die Eisernen Kreuze von verbrausten
Schlachten, von verschmerzten Leidensjahren erzählten.
»Schön -- verzeihen Sie, Miß Bessie ... Gehen Sie hinaus«, flüsterte
Timmermanns dem alten Diener zu. »Ich finde Sie draußen ...«
Verflucht! Jedenfalls etwas Unangenehmes ... Eine Meldung von der Werft
... Nur jetzt keine Krise, nur jetzt nicht ...
»Nein -- sie hat sich vor -- es muß schon länger als eine halbe Stunde
sein -- sie hat sich entschuldigt -- Kopfschmerzen -- ist nach Hause
gegangen -- wollte bald wieder hier sein. Aber was hat das mit -- mit
der ›Deutschland‹ zu tun?«
»Sie -- ist nicht -- wiedergekommen?! Ich war vor zehn Minuten schon
einmal hier, um nach Fräulein Carstensen zu fragen -- man sagte mir,
sie sei nach Hause gegangen -- ich ging zur Villa Carstensen ... Da ist
sie auch nicht ... ist überhaupt gar nicht da gewesen ...«
Robert Timmermanns griff sich an den Kopf. »Sie machen einen ganz
verständigen Eindruck, Fräulein -- aber alles, was Sie mir da erzählen
-- bitte, nehmen Sie sich ein wenig zusammen -- und sagen Sie mir kurz
und bündig, was Sie zu sagen haben.«
Und nun erzählte Antje. Ihr Bericht war klar wie ein Diktatbrief ihres
Chefs.
»Fräulein,« sagte er dann mit einer Gelassenheit, durch die nur leise
das Beben seiner Erschütterung hindurchschwang, »Sie wissen, was auf
dem Spiele steht. Die Amerikaner dürfen's nicht merken -- Sie verstehen
mich. Ich werde niemanden benachrichtigen als -- als meinen Bruder, der
glücklicherweise drinnen im Saal ist. Und, Fräulein -- Ihren Herrn Chef
werden wir auch in Kenntnis setzen müssen.«
Er winkte dem alten Charlie -- der stand wie eine Mumie an der Saaltür,
hinter der eben jetzt aufs neue die lockenden Tanzweisen aufquirlten.
»Kennen Sie meinen Bruder, den Leutnant Timmermanns? Ich muß ihn
sprechen. Holen Sie ihn heraus -- und auch den Herrn Präsidenten. Aber
so, daß es nicht auffällt -- verstanden?«
Der Diener nickte wortlos. Die Saaltür öffnete sich, eine Sekunde lang
blitzte das Fest in die Dämmerung der Diele hinaus, jubilierten die
Geigen, rauschten die Akkorde des Flügels, schwebte der Tanz einher.
Antjes Seele schrie. Bob Timmermanns stand unbeweglich, das harte
Gesicht in scharfem Überlegen zusammengekrampft.
Aber schon hatte Bessie ihre Freundin Antje erkannt. Sie raschelte
heran, streckte beide Hände aus.
»Oh, das ist schön, daß Sie kommen, Miß Antje. -- Ich habe mich den
ganzen Abend nach Ihnen gesehnt! Warum sind Sie nicht auf dem Fest? Sie
gehören doch auch dazu ... Ich wette, Sie haben wegen dieses Schiffes
mehr Briefe geschrieben als alle anderen Menschen zusammengenommen! --
Aber -- was haben Sie? Sie sind ja so aufgeregt? Und auch Sie, Mister
Bobbie.«
Sie ließ sich nicht beruhigen. »Nein, nein, mir macht keiner was vor --
stimmt etwas nicht in Ihrem Stapellauf? Es wäre entsetzlich ...«
»Nein, nein, ich gehe nicht fort ... Ich will wissen, was los ist ...
Vor allem will ich wissen, wo Miß Ilse ist ...«
»Miß Bessie, Sie haben gehört und verstanden, nicht wahr? Ich erwarte
von Ihrer Freundschaft zu uns allen, daß Sie Ihrem Vater und Ihren
Landsleuten gegenüber schweigen werden. Versprechen Sie mir das?«
Das Mädchen kämpfte vergebens mit den Tränen. »Miß Ilse!« stammelte sie
schluchzend, »o Gott, wo ist Miß Ilse?!«
»Davon später! Ihre Hand, Miß Bessie -- Sie werden die Ihrigen nicht
unnütz und vorzeitig beunruhigen? Gut -- so bleiben Sie ... Herr
Generaldirektor -- Sie übernehmen ja wohl den Schutz der Werft. Mein
Wagen wird Sie zum Hafen bringen. -- Sie alarmieren die Hafenpolizei,
außerdem werde ich Ihnen noch zwei oder drei Ihrer jungen Herren
herausschicken ... Genügt das? Oder haben Sie noch Wünsche oder Fragen?«
»Nein, Herr Präsident«, flüsterte Antje. »Nicht die leiseste Ahnung ...
Aber ich fürchte, ich fürchte ...«
»Ihr Bruder hat schon seit Monaten Fräulein Carstensen beunruhigt --«
sagte Robert. »Wir wissen es, Fräulein Tietgens. Glauben Sie, daß --
halten Sie es für möglich -- -- mein Gott, das wäre ja entsetzlich ...«
»So ... das ... halten Sie für möglich«, sagte Georg Freimann durch
die Zähne. »Und wohin könnte er sie ... mein Himmel -- -- Hamburg ist
groß ...«
Die kleine Bessie hatte bislang stumm und gespannt gelauscht. Jetzt
trat sie hastig einen Schritt vor:
»Ich weiß, wo Miß Ilse ist! Mister Freimann, geben Sie mir einen
tapferen jungen Mann zur Begleitung, mehr brauche ich nicht. Mister
Timmermanns soll sich Polizisten holen, ich werde mir auch Polizisten
holen. Aber außerdem brauche ich einen tapferen und eleganten jungen
Mann zur Begleitung. Geben Sie mir den, ich werde Miß Ilse finden und
befreien.«
Sie ließ sich auf keinerlei weitere Erklärungen ein. Aber ihre
Bestimmtheit hatte etwas dermaßen Ansteckendes und Beruhigendes --
»Er tanzt sehr gut, dieser Herr -- er hat auch sehr viele Orden, also
ist er jedenfalls sehr tapfer gewesen -- er genügt mir. Kommen Sie,
Mister Timmermanns.«
»Ich vertraue Ihnen Fräulein Bessie an, Herr Leutnant«, sagte Freimann.
»Ich weiß, Sie werden sich eher in Stücke reißen lassen ...«
»Er wohnt bei meinen Eltern ... Wenn er irgendwo zu finden ist, dann
ist er dort ... Ich will hingehen ... Es ist wenigstens eine entfernte
Möglichkeit ...«
Wiederum griff die kleine Amerikanerin ein. »Wir gehen nachher alle
mit Ihnen, Miß Antje, und suchen den jungen Mister Freimann. Vorher
aber suchen wir Miß Ilse -- und Sie, Sie gehen mit uns. Wir werden in
die schlimmen Viertel gehen -- und Sie, Sie kennen sich aus in den
schlimmen Vierteln ... Miß Ilse haben wir in einer halben Stunde --
dann ist immer noch Zeit, Mister Freimann zu suchen ...«
»Oh, oh, Mister Freimann, nein, nein. -- Sie werden doch meinen
guten +Daddy+ nicht aufregen! Ach nein, der ist solche kleine
Überraschungen von mir gewohnt ...«
»Herr Präsident,« sagte Robert Timmermanns, »es ist jetzt alles aufs
beste überlegt. Gehen Sie ruhig zu Ihren Gästen zurück -- die dürfen
unter keinen Umständen etwas merken. Dazu brauchen Sie ihre Nerven.
Alles andere überlassen Sie ruhig Ihren Getreuen ...«
Als die drei jungen Ingenieure der Werft, die Georg Freimann
zusammengesucht hatte, sich im Vestibül einfanden, trafen sie den
Generaldirektor bereits im Pelz. »Vorwärts, vorwärts, meine Herren ...
das Auto wartet ... Ich erkläre Ihnen draußen alles.«
Armin strahlte wie ein Sekundaner beim ersten Rendezvous, als er der
kleinen Amerikanerin den Arm bot. »Gnädiges Fräulein -- ich habe in
Krieg und Frieden manche nächtliche Streife mitgemacht -- aber noch nie
mit einer Dame am Arm ...«
»Wir werden gehen an ein sehr schlimmes Platz ... Ich noch nicht weiß,
wie zu kommen hinein ... Ich werde sein ein kleines Mädchen von der
Straße ... und will gehen mit Sie zu solch eine Platz, wo er will
bleiben mit ihr in diese Nacht ...«
»Also kommt ... Ich weiß sehr genau das Weg ... nur ich weiß nicht, wo
zu finden das nächste +Police office+ ...«
»Das weiß ich«, sagte Antje. »Aber schnell, schnell, Miß Bessie ...«
Himmel, wie schwer der Schlaf -- wie mühsam dieser Kampf um das
erlösende Erwachen ... Eine Angst schwoll in Ilses Brust. -- Mein Gott
-- wenn das alles am Ende gar kein -- Traum -- gewesen wäre -- sondern
--
Und abermals hob sie mühsam die Lider -- -- und sah -- -- und sah -- --
sah sich -- -- nicht im Nachtgewande, nicht in ihrem behüteten Bettchen
-- nein, in ihrem meergrünen Gesellschaftskleide, mit bloßen Schultern,
denen der pelzgefütterte Abendmantel entglitten war -- -- wo? Auf einem
verschlissenen verstaubten Diwan, inmitten eines Berges abgeschabter
Kissen, die nach alten, schlechten Parfüms und kaltem Zigarettenqualm
rochen ... verknitterte Samtportieren -- ein Taburett, darauf ein
Sektkühler mit zwei goldenen Flaschenhälsen -- zwei Schalen, in denen
die Perlen leise knisternd aufstiegen ...
Und neben dem Bett saß ... ein Dämon ... ein Tier mit lauerndem
Basiliskenblick ... er ... der Kerl ...
Ein einziger wilder Schrei des Entsetzens -- dann hatte Ilse begriffen.
Und schon hatte sie sich gefaßt. Sie erstarrte in der Haltung einer
unnahbaren Königin. Sie wußte, daß sie verloren war. Und ihre Hände
tasteten, ihre Augen spähten umher nach einem Werkzeug, sich die
hämmernden Adern zu öffnen.
»Na, mien Deern -- glücklich opwokt!« grinste der Unhold. »Wat heff ick
di seggt --?! Mien Kamroden in Rußland -- --«
Und wie sie da vor ihm sich auftat -- das Sinnbild seiner Träume, in
seiner Hand, ihm verfallen, wehrlos, rettungslos -- da fühlte, da
wußte sein dumpfgrübelndes Hirn, daß er sie ja doch nie erfassen, nie
besitzen, nie -- haben könnte ... Sie an sich reißen, wie man ein
kostbar gebundenes Buch rauben mag, ein Buch, dessen Lettern man nicht
lesen kann -- ja, das vermochte er ... Ein solches Buch kann der Räuber
verschmutzen, zerreißen, zerstampfen -- begreifen, erfassen, erleben
kann er es nicht.
Das alles schoß als mystisches Ahnen durch den Kopf des wilden Tedje
... Das lähmte ihm den gierenden Willen, den tierischen Trieb. Ein
grenzenloses Mitleid mit sich selber überkam ihn, ein tiefer Ekel
vor der schmutzigen Niedrigkeit seiner Existenz, aus der er selber
nichts zu machen gewußt. Selbst seine Schönheit, die ihm unzählige
Frauen seines Bereichs als willenlose Beute in die Arme getrieben,
seine Manneskraft, der Dunst der Gefährlichkeit, der ihm den Respekt
seiner Feinde, sogar seiner Vorgesetzten im Felde verschafft hatte --
in dieser Frau erweckte das alles nichts als Ekel und Abscheu -- kaum
Haß, ja nicht einmal Furcht, nicht einmal Abwehr ... Die Welt seiner
Sehnsucht lehnte ihn ab, stieß ihn aus, ganz selbstverständlich, ganz
tatlos, durch ihre bloße Gegenwart, durch ihre eisige Fremdheit, ihre
weltenweite Ferne ...
Gut denn -- und wenn er sie denn niemals haben, niemals erleben soll --
die Welt seiner Träume -- so soll sie wenigstens zertrümmert sein.
Tedje taumelte, von Wein und Blut überströmt -- und fühlte zugleich
eine Faust in seinem Nacken. Die Tür hinter ihm war aufgeflogen -- ein
Herr im Frack -- Schutzmannshelme -- --
Aber schon hatte der Arbeiter sich losgemacht. Ein Sprung -- ein
Griff in das aufgeschlagene Bett -- die Daunendecke flog dem
Befrackten entgegen, umhüllte ihn sekundenlang, daß er wankte -- den
nachdrängenden Beamten in die Arme sank -- -- und jetzt -- Höllenspuk!
jetzt klaffte an der Wand zwischen Bett und Diwan ein meterbreiter
schwarzer Spalt ... ein Hohngelächter gellte -- der Spalt schloß sich --
Und schon war das enge Gelaß mit Menschen wie gestopft. Armin
Timmermanns hatte sich freigemacht, schoß auf Ilse zu:
Stumm nickte das Mädchen -- bot ihrem Retter die eiskalte Hand. Der
zog sie ritterlich an die Lippen ... Und jetzt -- jetzt schwirrte ein
helles Triumphlachen -- und da streckte Bessie der geretteten Freundin
ihr festes Händchen entgegen, fiel ihr jauchzend und schluchzend um
den Hals ... und jetzt -- hoch lauschte Ilse auf -- durch das wirre
Brausen erregter Männerstimmen hatte sie eine Stimme vernommen --
Gewimmel der Polizisten, die alle Möbel abrückten, Teppiche und Bilder
aufhoben, um nach der Feder zur geheimen Tür zu fahnden, durch die der
Attentäter verschwunden war.
»Olle Düwelsbroden, wies uns dei Fedder, süß brekt wi di alle Rippen
in'n Liew kaput ...«
Und jetzt -- durch die Reihen der Behelmten drängte sich ein junger
Mann in einer Matrosenbluse ...
»Ilse --!!«
Kommen wir zu spät, dachte er bei sich -- dann schieß' ich mir eine
Kugel aus Armins Karabiner in den Schädel.
Schade wär's doch --! sann er grimmig. Es fing gerade an, ein
bißchen nett zu werden -- das Leben. United Transatlantic Lines --
Generaldirektor -- Stapellauf der »Deutschland« -- und ich laß mich
hängen, wenn ich die tolle kleine Yankeemaid nicht doch noch ein
bißchen lieber habe, als ich diese unheimlich vornehme Ilse jemals
hätte haben können ... Na -- wollen sehen ... Wenn mir von den
Saboteuren einer zwischen die Klauen kommt, dem sei Gott gnädig ...
Auf der Werft alles still. Der riesige Würfel des Verwaltungsgebäudes
zur Linken -- gegenüber das phantastische Gefüge des hochgetürmten,
breit hingelagerten Helgengerüstes -- und darunter wie ein Gebirge
massig aufwuchtend der dunkle Gigantenleib der »Deutschland« -- alles
lag in gelassen rastendem Schweigen.
Eine Taschenlampe blitzte auf: ein lebloser Mann -- an seinem Hals ein
gräßlich klaffender Schnitt -- Blutgüsse auf Kleidern und Fußboden ...
Bob Timmermanns erkannte den Toten: ein braver Werftwächter ...
Schau! Glimmt dort nicht etwas am Boden?! Hölle und Teufel, eine
Zündschnur ... Mit den mächtigen Tatzen zerdrückt Bob Timmermanns die
Glut ... Mit dem Lichtkegel der Laterne verfolgen sie die Schnur: Da
steht eine Blechkiste, groß genug, um ein ganzes Geschwader in die
Luft zu sprengen ... Und da -- noch ein Toter -- nein, ein Sterbender
... Bob Timmermanns kennt das Gesicht, aber nicht den Namen ... Ein
Blondkopf mit großen, halb offenen Träumeraugen -- hinter dieser Stirn
hätte man alles andere gesucht als einen Dynamitarden ... Er ist gut
getroffen ... aus seiner Schlagader rinnt matter schon der pulsende
Strahl. Er öffnet den Mund -- will etwas sagen -- aber es kommt kaum
noch ein Hauch ... Es klingt wie: Antje ...
Hast gebüßt, Gesell. Zieh hin, wo auf dich wartet, was du verdient hast.
Sie haben gut gesorgt, die Hunde. Mittschiffs eine zweite Kiste
aufgebaut, am Heck eine dritte. Vor allem die Zündschnuren
durchschneiden! Unnütze Vorsicht -- die haben sie nicht einmal mehr in
Brand gekriegt -- außer der einen.
Der Polizeileutnant teilt eine Wache und Patrouillen ein. Das ganze
Werftgelände wird abgestreift, ein paar junge Kerle, die sich versteckt
hatten, werden eingefangen und unsanft vor den Leutnant geführt.
Schluchzend gestehen sie ihre Teilnahme an dem Komplott. Aufgefordert
aber, die Namen der Rädelsführer zu nennen, schweigen sie, halb
angstvoll, halb verbissen. Einen Kameraden verraten? Das tut man nicht
-- außerdem würde es einem schlecht bekommen. -- Einer ist gefallen
-- kennt ihr den? Sie werden zu dem Toten geführt: Ja -- das ist der
Mönkebüll.
Still liegt das weite Werftgelände, still dahinter zieht der Fluß
seine Bahn zum Meer. Hamburg schläft, Altona schläft. Die paar Schüsse
haben die Stadt der Arbeit nicht aus dem Schlummer geweckt.
* * * * *
Bob Timmermanns saß in seinem einsamen Bureau und braute sich einen
Grog. Über ihn kam eine furchtbare Müdigkeit. Verflucht, waren das Tage
gewesen ... Die Vorbereitungen für die Ankunft der Amerikaner, für den
Stapellauf hatten die Direktion in fieberhafter Anspannung gehalten.
Und dann -- das Fest ... der Tanz ... Die Ankunft der Sekretärin --
ihre Schreckensbotschaft -- Kleine Bessie -- wie mag's dir ergangen
sein.
Des Riesen harte Züge wurden ganz weich. Er streckte sich in seinem
Klubsessel, trank in bedächtigen Zügen das glühheiße Getränk -- und
fiel in Träumerei. Kleine -- süße Bessie ... Ein ganzer Teufelskerl,
diese tolle Neuyorkerin ... Mit ihrer ruhigen Bestimmtheit hatte sie
sogar dem Präsidenten imponiert.
Hamburg ist groß! hatte er mit hängenden Armen gesagt. Und die Kleine:
Ich weiß, wo sie ist ... Glück zu, Prachtkerlchen ... Wenn du das
fertig bringst -- und uns unsere Ilse wiederschaffst -- dann verlange
von Bob Timmermanns, daß er vom Aussichtstürmchen auf dem Helgengerüst
in die Elbe springt -- er tut's.
Der Generaldirektor fuhr auf. Teufel -- eingeschlafen ... Vor ihm stand
sein Bruder Armin -- auch er noch immer im Frack.
»Erzähl'!«
»Gerettet!«
»Erzähl'!«
»Erst einen Grog, mein Teurer ... Die Hauptsache weißt du ja.«
»Weißt du, was -- ich bekommen habe von der? So wahr ich lebe -- einen
Kuß! -- Da leckst du dir die Lippen, nicht -- Bobchen?! Habe sie dann
persönlich im Atlantic abgeliefert. Sie platzt vor Stolz. Übrigens mit
Recht. Süßer kleiner Käfer -- schwärmt für dich, Bob!«
»Na, mein Jung,« fragte nach einer kleinen Pause Armin, »bist du nun
bald soweit? Glaubst du's nun, daß Republik und Chaos das gleiche
bedeuten?«
Bob gähnte heftig. »Verdammt müde«, sagte er. »Büschen happig, dieses
Nächtchen.«
»Schlaf, Michel, schlaf!« sang Armin wütend. »Du wirst's nicht eher
glauben, als bis du mit der ganzen Werft in die Luft fliegst.«
Bob rappelte sich auf. »Ne, Armin, du hast recht. Wenn dein Kapp es
schafft -- ich war schon ein halber Republikaner -- aber dann mausere
ich mich rückwärts. So geht's nicht weiter.«
»Aha -- dich ins Schlepptau nehmen lassen, wenn's gut gegangen ist! So
reden sie alle -- so schwatzt dies ganze marklose Bürgertum ... Nein --
mittun -- selber handeln -- vorangehen!«
»Das mögen andere machen. Ich bin Generaldirektor der Werft -- werde
morgen alle Hände voll zu tun haben, den Streik niederzuhalten.«
»Du vergißt, lieber Kerl: der Eigentümer der Werft ist ein gewisser
Senator Carstensen!«
»Der wird dir's morgen danken, daß du auch diesmal in seinem Interesse
das Richtige angeordnet hast! Kommt's morgen oder übermorgen auf der
Werft zum Krawall -- so greifen wir ein und treiben die Arbeiter zu
Paaren ... Alle öffentlichen Gebäude, alle Werftdirektionen, alle
Bahnhöfe in unsere Hand. Der rote Senat, die rote Bürgerschaft werden
abgesetzt, eine örtliche Diktatur für Hamburg wird aufgerichtet, die
Verbindung mit Berlin wird aufgenommen, über dem hoffentlich morgen
abend die schwarz-weiß-rote Fahne weht.«
Bob war im Lauschen wach geworden. Der Schrecken saß ihm noch in den
Gebeinen. Nein -- wenn sie ihm an seine Schiffe wollten -- dann hörte
die Gemütlichkeit auf.
Und dann -- die Amerikaner! Sollten sie denn schon einmal das
Schauspiel eines deutschen Bürgerkrieges miterleben, dann wenigstens
eines solchen, der mit dem Siege der Ordnung endigte.
»Mein lieber Armin -- das läßt sich hören. Das mußt du mir noch mal
genauer auseinandersetzen.«
9
Tedje Tietgens tastete sich einen Seitengang im Labyrinth der Mudder
Lore entlang, der, nur ihm bekannt, in einer Nebengasse mündete. Er
hatte sich im Dachsbau verirrt ... hatte lange im Finstern umhertappen
müssen, nachdem er das letzte Streichholz verbrannt. Bis er schließlich
fast durch einen Zufall doch noch einen Ausgang gefunden. Jetzt
öffnete er eine Tür, die ins Freie führte ... Vorsicht ... Vielleicht
hatten die Blauen auch dieses Schlupfloch erspäht und besetzt?! Nein
-- alles still ... und schon war er draußen, schob sich wie eine
Katze an den finsteren, klebrigen Ziegelmauern entlang, stand auf der
menschenverlassenen Wexstraße. Hastete dem Hafen zu. Er hielt einen
Augenblick inne, wischte sich mit dem Rockärmel die angetrocknete
Kruste aus Wein, Blut, Schweiß vom Gesicht. Seine mächtige Gestalt
bebte, seine Kinnbacken knirschten vor fressender Wut.
Die Turmuhren schlugen an. Verdammt ... drei Uhr ... Er beschleunigte
den Schritt, stand endlich am Hafen, auf St. Pauli Fischmarkt, hart
gegenüber der Werft. Dort hatten Dragomiroff und die Spießgesellen ihn
erwarten wollen.
Alles tot, menschenleer. Verdammt ... also doch zu spät gekommen ...
Aber -- warum ging's denn da drüben noch nicht los?!
Tedje tut einen leisen Pfiff ... das Signal der Moskauer. Er wird
erwidert ...
»Nun?«
Er erzählte. Eine Stunde und länger hatte er mit den Genossen gewartet
-- kein Clas, kein Tedje. Schließlich war Mönkebüll gekommen ...
»Allein --«
»Un Anders Niemann? Ick harr em opdrogen, dat hei em mitbringen süll
-- un wenn dat nich güng, denn süll hei em kolt moken ...«
»Wohl bedacht!« lobte der Russe. »Ich habe ihm nie getraut, dem Braunen
... dann wird Clas ja wohl mit ihm abgerechnet haben. Um so besser --«
Auf einmal hellte des Russen Gesicht sich auf. »Du -- das rettet uns
vielleicht. Ein Spitzel -- ein Sohn des Präsidenten der H. T. L. -- das
ließe sich ausschlachten ... Laß sehen -- laß sehen ... Ich hab's, du
Ochse! Gib acht: Ich nehme an, Clas Mönkebüll hat dafür gesorgt, daß
der Verräter auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist ... jetzt drehen
wir den Spieß um. Ich habe ganz sichere Nachricht, daß heute nacht in
Berlin eine große gegenrevolutionäre Unternehmung zum Klappen kommt.
Glückt sie, so reagiert morgen früh das ganze deutsche Proletariat
mit dem Generalstreik. Also die Stimmung wird morgen früh ohnehin
ziemlich gespannt sein. Da haken wir ein. Du bist ja dank deiner
kleinen Seitensprünge bei der Unternehmung gegen die ›Deutschland‹ gar
nicht kompromittiert -- kannst dein Alibi nachweisen, hahaha! Du wirst
morgen früh den Kollegen die Geschichte mit diesem Anders Niemann oder
Heinz Freimann erzählen -- und daß der die ganze Sabotagegeschichte
angezettelt hat. Er selber kann sich nicht mehr verteidigen, Clas wird
auch schweigen, wenn er nicht überhaupt schon ganz stumm ist ... Hast
du begriffen?«
Mit glühenden Augen hatte Tedje dem Genossen zugehört. Nun dämmerte
ihm das Verständnis. Ein Spitzel -- der ein Jahr lang auf der Werft
gearbeitet hat -- den sie alle kennen, die Kollegen, und der ist ein
Sohn des Präsidenten der H. T. L. -- und jetzt, wo der Anschlag auf
den Dampfer mißglückt, ist er verschwunden ... Daraus ließ sich etwas
machen.
»Also gib acht, du Schuft. Wir stellen die Sache so dar, als ob das
ganze Attentat gegen die ›Deutschland‹ das Werk eines Spitzels gewesen
sei -- eines +agent provocateur+, du weißt wohl, was das ist,
nicht wahr?«
»Weit ick, weit ick«, grinste Tedje. »Ick begriep ganz gaud. Dei
Kollegen söhlen gleuwen, dat dei ganze Sabotasch' --«
»-- nur ein Bluff der Weißen ist -- ein Mittel, das Bürgertum gegen
die Arbeiterschaft aufzuputschen ... Sollst mal sehen, was das für
eine bildschöne Wut gibt ... Hauptsache ist, daß der Stapellauf
morgen vereitelt wird -- daß die Amerikaner den Eindruck bekommen: in
Deutschland geht alles drunter und drüber ... Wie ich sie kenne, werden
sie sich dann für die Weiterführung des Bündnisses bedanken -- werden
abreisen und Werft und Linie ihrem Schicksal überlassen. Wenn wir das
erreichen, ist so gut wie alles gewonnen. Die Verbindung zwischen dem
Kapitalismus Amerikas und Deutschlands, die sich schon angesponnen
hatte, reißt wieder ab -- ein Haupthindernis für das Übergreifen der
Weltrevolution nach Deutschland ist beseitigt. Verstehst du mich,
Tedje?«
Aufleuchtenden Auges bejahte der Bursch. Die Rache ... sie kam also
doch noch ...
Aber -- wenn man ihn morgen da drüben -- wegen seines Attentats auf die
Tochter seines Chefs -- verhaften ließe?!
»Du wirst nicht so dumm sein und ihnen in die Hände laufen. Bring die
Arbeiterschaft nur ordentlich in Bewegung. Wenn's kocht, greift keiner
ungestraft in den Topf.«
»Dat mok ick!« flammte Tedje auf. »Nich koken -- öberkoken sall dei
Supp -- dat oll Timmermanns un oll Carstensen sick dei Nees' verbrennt!«
Und ich -- hab' ich die »Zarentochter« nicht gekriegt -- der andere
kriegt sie wenigstens auch nicht ...
Und wenn die »Deutschland« nicht in die Luft gegangen ist -- die
H. T. L. geht deshalb morgen doch in die Luft! Und hoffentlich die
Hammonia-Werft mit ...
Sie kommt ja doch -- kommt doch -- die Diktatur des Proletariats -- die
Weltrevolution -- --!
10
An der Lombardsbrücke hatten Heinz und Antje sich von Bessie und ihrem
Kavalier, dem strammen Leutnant Timmermanns, verabschiedet.
Als die beiden außer Sicht waren, zog Heinz die Hand der Freundin in
seinen Arm, beugte sich nieder und küßte die fleißigen Finger. In Dank
und Wehmut schwoll ihm das Herz.
»Antje --« sagte er leise -- »Antje ... alles hast du gerettet -- die
›Deutschland‹, die Werft -- die -- Linie -- meines Vaters Lebenswerk --
meine Ilse -- mich selber -- alles ... Mädchen, Mädchen -- wie soll ich
dir danken?!«
In Antjes Seele rangen Glück und Bitterkeit. Ja, ihr -- -- euch hab'
ich alles gerettet -- und ich?!
Mein Bruder flüchtig, die Polizei auf seiner Spur ... morgen vielleicht
sitzt er hinter Schloß und Riegel -- weil er es gewagt hat, Blick und
Hand zu einer von euch zu erheben ... und vielleicht außerdem als
Schuldiger des scheußlichen Planes, den doch nur die Verführung aus
dem Osten ihm eingegeben haben kann ... Der Anschlag ist mißglückt --
gottlob -- das Getöse der Explosion hätte ganz Hamburg erschüttert.
Nein -- diese Sorge war man los. Der Generaldirektor war zur rechten
Zeit gekommen. Aber Clas Mönkebüll? Der gute, stille, umgängliche
Mensch, der sie einmal vergebens um Liebe gebeten hatte?! Was mag aus
ihm geworden sein? Vielleicht ist er gefangen, vielleicht -- -- und
morgen früh werden die Eltern alles erfahren -- die Kammer der »drei
Söhne« wird verödet sein -- -- für lange Zeit -- vielleicht für immer
... Das stille Glück um Mudders Tisch ist zertrümmert ...
Er hielt, er küßte ihre Hand -- der Mann, der seit einem Jahr ihres
Lebens Inhalt war ... ihres Lebens Inhalt bleiben würde ... Aus Dank --
nur aus Dank -- weil sie ihm die Braut gerettet hatte ... Ahnte er denn
gar nicht -- auch nicht im leisesten -- was er ihr bedeutete? O doch,
er ahnte, nein, er wußte es -- mußte es wissen ...
Pah -- was war sie ihm? Eine interessante Bekanntschaft -- aus einem
Abschnitt seines Entwicklungsganges, der nun hinter ihm lag -- ein
weibliches Exemplar jener fernen, fremden Rasse, an deren Erforschung
er ein Jahr seines Lebens gesetzt -- ein -- Studienobjekt ... Was wußte
er von ihrer Seele -- von ihrer Liebe? Was -- verlangte er von ihr zu
wissen?!
Heinz wußte von ihr. Alles wußte er -- und daß er ihr ewiger Schuldner
bliebe -- bleiben müßte. Denn morgen war's ja doch zu Ende -- alles,
was zwischen ihnen beiden gewesen war -- dies lange, erlebnistiefe,
schöne -- ja, ja! unsagbar schöne Jahr hindurch. Gott -- zu Ende? War
das möglich? Durfte das möglich sein?
Er redete -- redete ... Antje warf nur zuweilen ein kaum bewußtes Wort
dazwischen: »Ja -- das wär' schön --« oder: »Gewiß, das könnte viel
Segen stiften ...« Aber ihr Herz klagte stumm: er liebt mich nicht. Er
gehört der andern -- gehört ihr allein.
Die Polizei war hinter ihm drein -- pah, sie würde ihn nicht kriegen,
des war sie sicher. Aber -- was tat er, was plante er sonst?! Er
war nicht der Mann, die Hände in den Schoß zu legen. Und hätte er's
gewollt -- sein böser Dämon lauerte ja auf ihn, würde ihn zu neuen,
entsetzlichen Plänen aufpeitschen -- der Genosse Dragomiroff ...
Nur mit halbem Ohr lauschte sie fortan den Schwärmereien des Freundes.
Was würden sie aushecken in dieser Stunde -- ihr Bruder -- und der
Russe?!
»Natürlich -- sitzt die Polizei dem auf den Hacken -- er ahnt ja nicht,
welch eine Fürsprecherin er gefunden hat ... Er muß denken, ihn könne
nichts retten, als wenn -- als wenn morgen --«
»-- alles drunter und drüber geht!« nickte Antje in zitterndem Eifer.
»Alles drunter und drüber -- auf der Werft -- in ganz Hamburg ...«
»Gewiß, gewiß,« sagte Antje, und die quälende Sorge um den Freund
durchzitterte immer unverhüllter ihre sachlich verhaltenen Worte, »so
kommt's, verlaß dich drauf! Sie sind zu allem fähig, die zwei!«
»Nun gut -- so geh' ich morgen früh zur Arbeit, als sei nichts
vorgefallen -- und stelle mich dem Sturm.«
»Du bist wahnsinnig, Heinz! Du kennst sie nicht -- die Arbeiter! Der
leiseste Verdacht -- und sie reißen dich in Stücke!! Nein, Heinz, nein
-- das darfst du nicht!«
Sie preßte des geliebten Mannes Arm ... Ihre bebende Angst durchbrach
den Wall der Entsagung.
Heinz fühlte den Druck, hörte das Zittern der Stimme, verstand der
Freundin gefoltertes Herz. Er hätte sie an sich reißen mögen, um sie
nicht zu lassen ... und hatte doch vor wenigen Stunden den Mund einer
anderen geküßt, in kniefälligem Dank um ihre Rettung, um Wiederfinden,
Lebenshoffnung, Glauben an nahe Erfüllung ...
O Glück, o Sehnsucht, o Schmerz ... Laßt ab, ihr ewigen Mächte, mit mir
zu spielen ...
»Es gibt nur eins: Du mußt zu deinen Eltern gehen, dich verborgen
halten, bis alles vorbei ist ...«
»Damit der Russe und dein Bruder gewonnenes Spiel haben? Damit sie
den Kollegen sagen können, ich sei verschwunden, weil ich ihre Rache
fürchtete?! Dann werden sie glauben, daß die Werftleitung mit mir im
Einverständnis gewesen sei -- werden das Ganze als ein Komplott der
Direktion ansehen ... Und der alte Carstensen, Timmermanns, die Werft?!
Nein -- das ist unmöglich -- -- ich habe die ganze Verantwortung ...
Ich habe für mich allein gehandelt, ich allein muß die Folgen tragen,
darf sie nicht auf alle diese Männer abwälzen, die von mir keine Ahnung
gehabt haben --«
»-- was die Arbeiter aber niemals glauben werden --« warf Antje ein.
»Siehst du, siehst du! Und darum muß ich mich in Bereitschaft halten,
muß im äußersten Falle meine Person einsetzen, um Zeugnis abzulegen vor
der ganzen Arbeiterschaft, daß die Werftleitung nichts von mir gewußt
hat, daß das Attentat auf die ›Deutschland‹ nicht mein Werk ist, nicht
eine Tat der Provokation -- kurz: Für die Wahrheit muß ich zeugen --
komme was wolle!«
»Mag sein -- Früchte meines Tuns --! Ich hab' eine Maske getragen
ein ganzes Jahr lang -- ein Dasein geführt, das ein einziger großer
Betrug war -- und habe Schlafen und Wachen, Dach und Speise, Arbeit
und Muße geteilt mit euch ... Jetzt kehrt sich's gegen mich ... Ich
bin ein alter Seemann und Soldat -- kein Drückeberger ... Ich werde
mich dem Schicksal nicht aufdrängen -- aber bereit werd' ich mich
halten. Ich werde -- -- jetzt weiß ich, was ich tu. Ich fahre morgen
früh im geschlossenen Auto zur Werft, melde mich beim Generaldirektor
Timmermanns. Kommt es zum Äußersten, so stell' ich mich den Arbeitern.
So ist's gut -- so mach' ich's.«
Vergebens, daß Antje in zitternder Angst immer aufs neue den Freund
beschwor, sich in seinem Elternhaus in Sicherheit zu bringen, bis der
Sturm, der kommen müsse, vorbei sei ...
Es warf sie zusammen. Mit jäher Bewegung riß Heinz das Mädchen in seine
Arme. Sie küßten sich. Ihre Tränen rannen.
Sie lösten sich -- sie hielten einander an den Händen. Sie suchten
einer des andern Blick -- auf ihren bleichen Gesichtern lag das erste
ferne Leuchten des neuen Tages. Des Tages, da die »Deutschland« sich
den Wellen des großen Stromes vermählen sollte.
Und sie wußten, daß sie zu entsagen hatten. Sie wußten, daß sie die
Kraft zur Entsagung finden würden.
11
Unter den grauen Massen der Hafen- und Werftarbeiter, die längs des
Elbufers auf die Dampfbarkassen und Motorboote warteten, liefen wilde,
erregende Gerüchte um. Berlin in der Hand der Gegenrevolution ...
Die Regierung entflohen -- oder, wie andere wissen wollten, hinter
Schloß und Riegel ... Auch in Hamburg rühren sich die Weißen ... heute
nacht sind ganze Kisten mit Waffen und Munition zur Hammonia-Werft
hinübergeschafft worden ... Die Republik ist in Gefahr ...
»Wo is dei Halunk?!« schrie's aus der Menge. »Dei mutt lüncht warden,
dei Swienhund!«
»Kold Blaud, Jungs, ümmer kold Blaud! Mit Generalstreik fängt dat an,
mit Utsperrung hett dat sin'n Furtgang! Dei Streikkassen sünd leddig.
Dat Leben ward däglich dürer! Dei Verdeinst dörf nich afrieten -- süß
köhnt wie Hungerpooten sugen.«
»Dat is allens Bleudsinn mit dei Sabotasch! Dat will wi uns erst mol
negger bekieken!«
»Swiegt Sei man blot still, Vadder Tietgens! Ehr eigen Söhn hett mi dat
vertellt! Hei loppt op dei Landungsbrügg rüm un vertellt dat jeden,
dei't heurn mag!«
»Ehr Söhn is 'n ganzen dägten Kierl! Ehr Söhn sall vör sien Kollegen
op de Direkschon -- un sall uns' Forderungen vördrägen, sall oll
Timmermanns dat Mul stoppen!«
Der Alte raffte sich zusammen. Auf dem Fährdampfer, der schaumumsprüht
die hochgehende lehmgelbe Elbflut durchquerte, ließ er zum zweiten
Male die große Rede vom Stapel, die er zehnmal hatte halten wollen
-- und zehnmal wieder in sich hineingewürgt hatte aus Angst vor dem
Hohngebrüll der »Halbstarken« ... bis er sie gestern abend endlich
losgeworden war. Heute sprach er noch freier, leidenschaftlicher,
eindringlicher ... Daß sie doch alle Deutsche seien ... Daß die
»Deutschland« vom Stapel müsse, müsse -- damit der Hafen wieder
aufblühe, Hamburg, das Vaterland ... Daß es Wahnsinn sei, wenn die
Arbeiter gegen ihre Brotherren wüteten, ihre Führer im großen Kampf um
Deutschlands wirtschaftliche Wiedergeburt ... Daß man zusammenhalten
müsse, brüderlich zusammenhalten ...
»Generolstreik -- Generolstreik!«
Drüben auf der Werft fand der alte Tietgens alles in wildester
Erregung. Niemand dachte daran, die Arbeit aufzunehmen Einer erzählte
es dem andern, eine Gruppe schrie der andern die Geschehnisse der Nacht
zu.
»Unsern Kolleg Mönkebüll hebbt sei dotschotten hüt nacht! Sien Liek
liggt in dei Hall von't Direkschonsgebäude!«
Weit offenen Mundes hatte der alte Tietgens die phantastische Erzählung
angehört. Jetzt legte er dem jungen Burschen seine schwere Faust auf
die Schulter:
»Dat sast du mi bewiesen, mien Jung, wat du doar snackt hest! Anders
Niemann is mien Fründ -- hei wohnt as Kostgänger in mien Hus siet en
Johr! Dat sast du mi bewiesen! -- Wer hett di dat seggt?!«
Der Halbwüchsige hielt den zürnenden Blick des Graukopfes aus. »Dat
hett Ehr Söhn mi seggt, Vadder Tietgens!«
Von Werkstatt zu Werkstatt, von Halle zu Halle, von Dock zu Dock, von
Helling zu Helling schwirrten die wahnwitzigsten Gerüchte, Vermutungen,
Fragen, Kombinationen.
Wie war es denn möglich, daß der Bubenstreich hatte entdeckt werden
können? Vielleicht war überhaupt alles bloß ein Schwindelmanöver, um
das Bürgertum gegen die Arbeiter aufzuputschen -- Stimmung für den
Umsturz von oben zu machen? Die Republik zu unterwühlen?!
* * * * *
Und wiederum fühlte sich Ilse wie eingehüllt in eine dichte, lastende
Wolke, die nicht weichen mochte. Aber diesmal war es kein ängstliches,
quälendes Gefühl -- eine tiefe, süße Geborgenheit, der das Herz nur
ungern sich entraffte, um wieder hinauszustreben in den heischenden Tag
... Denn diesmal war sie ja wirklich daheim -- in ihrem behüteten Bette
... und alles, alles war gut ... sie war gerettet -- Heinz war gerettet
... alles -- war gut. Und Ilse konnte sich noch nicht entschließen, die
Augen zu öffnen ...
Mit einem Ruck richtete sie sich auf -- und schau -- an ihrem Bette saß
in all ihrer lächelnden Güte Mutter Johanna. Nun legte sie die Hand auf
die Schultern der Schwiegertochter, drückte sie sanft in ihre Kissen
zurück.
»Still, Kind, still -- dein Vater will, daß du dich ausschläfst ... und
ich habe ihm feierlich versprechen müssen, dich unter keinen Umständen
vor dem Mittagessen aus dem Bett zu lassen. Wir fahren dann um zwei Uhr
alle zusammen zum Stapellauf -- mein Mann, ich, du, die Herren von der
Linie, die Amerikaner ...«
Ilse ergab sich. Es war so seltsam süß, nach langer Zeit einmal wieder
betreut zu werden von Mutterhänden ...
Frau Johanna hatte tausend Fragen auf der Seele. Aber sie zwang sie
nieder.
»Nur Ruhe, Ilsekind, nur Ruhe -- fürs Erzählen bleibt noch Zeit genug
...«
Das Frühstück mußte im Bett verzehrt werden -- und dann zog Johanna
sich in eine Ecke zurück und Ilse blieb ihren Träumen überlassen.
Heinz kommt wieder, sang ihr Herz: Heute kommt er wieder für immer, für
alle Zeit. Bald bin ich sein ... Ein neues Leben fängt an -- meines und
seines -- unser Leben ...
Nein, sie war nicht geschaffen, ihre Tage auf dem Bureau, an der
Schreibmaschine zuzubringen ... Sie hatte ihre Pflicht getan -- als
Tochter ihres alten Hauses, ihres alternden Vaters -- mit Stolz und
Freude -- aber im tiefsten Innern hatte sie sich immer gesehnt, eines
gepflegten Hauses beglückte, beglückende Herrin zu sein -- wie vor
ihr die lange, lange Reihe der Frauen, deren Bilder alle Wände ihres
Elternhauses schmückten -- wie die Carstensens sie sich im Laufe der
Jahrhunderte aus den ersten Familien ihrer Vaterstadt geholt hatten,
ihnen hauszuhalten und Kinder zu schenken ...
Freilich, sie wird keine Carstensen bleiben -- sie wird eine Freimann
... Im Hause ihres künftigen Gatten hängen keine Ahnenbilder aus vier
Jahrhunderten. Was tut's? Der Mann, dem sie folgen wird, ist ein
zwiefach Bewährter -- ein Kriegsheld -- und hat nun auch im Leben des
Alltags durch tausend Anfechtungen seinen Weg gefunden ... Wird in der
vordersten Linie stehen, nun es gilt, das tief gesunkene Vaterland
wieder emporzuheben. Vertrau' mir, Heinz -- vertrau' deiner Ilse ...
Sie will dir die Kameradin sein, die du brauchst ... Nie mehr wird
sie hochmütig, verschlossen auf die dunklen Massen herabschauen, die
drunten hastend sich mühen, damit die Carstensens reich und geehrt
regieren droben im Kontor -- und in prächtigen Villen wohnen ...
Heinz Freimann soll nicht umsonst da drunten Niete gesetzt und in des
Kranführers Hause gewohnt haben ... Zwar dieser entsetzliche Tedje
ist ein Tier -- aber wer hat denn Ilse Carstensen gerettet aus seinen
Händen? -- Diese Antje -- die seine Schwester ist ... und die Heinz
Freimann seine Freundin nennt ...
Freundin? Ilse lächelte still in sich hinein. Sie wußte: Was Heinz für
dieses Mädchen empfand, war mehr als Freundschaft ... Und das Mädchen
liebte ihn ... Noch vor wenigen Tagen hatte dies Wissen ihr manche
bittere, qualvolle Stunde gebracht. Nun waren die längst verflogen.
Denn dies Gefühl, das zwischen Antje und Heinz war -- was wäre aus
ihr selber geworden ohne diese zarte, verschwiegene Neigung? Sie wäre
verloren ... Was so viel Segen gebracht, konnte es böse, gefährlich,
konnte es unrecht sein?! Nein, ihr beiden tapferen, hilfreichen
Menschen -- ihr sollt Freunde sein, Freunde fürs Leben. Ich vertrau'
euch.
Oh, wie alles licht wurde, wenn man solche tröstliche zukunftweisende
Gedanken dachte ... solche Heinz-Gedanken ...
* * * * *
Vater Elias trat ein, ganz verstört ... »Steh auf, Kind ... Es stimmt
etwas nicht in der Stadt ... Und überhaupt in diesem entsetzlichen,
versinkenden Lande ... Aus Berlin sollen Nachrichten gekommen sein:
Eine Gegenrevolution ist im Gange ... Deutschland steht vor dem
Bürgerkrieg ... Wer weiß, ob der Stapellauf heut nachmittag überhaupt
stattfinden kann ... Vor allem aber erzähl' mir, warum du heut nacht so
ganz heimlich vom Fest verschwunden bist ... Mister Freimann sagte, du
hättest Migräne und seist schlafen gegangen ... Migräne? Ist ja ganz
etwas Neues bei dir ... Ich wollte dich heut nacht nicht stören ...«
»Ach, +daddy+ --« lachte Bessie -- »was ich dir alles zu erzählen
habe --? Du wirst staunen --!«
* * * * *
Antje Tietgens saß längst in ihrem Bureau. Das Telephon stand nicht
still. Kaum war sie eingetroffen, da läutete ihr Chef von seinem Haus
aus an: Er habe Nachricht aus Berlin, daß dort ein Rechtsputsch im
Gange sei. Das Bureau solle versuchen, Verbindung mit der Berliner
Vertretung der Linie zu bekommen. Das Postamt gab zur Antwort: Jede
Verbindung mit Berlin sei unterbrochen. Aber beim Nachtdienst waren
noch Stöße von Telegrammen aus der Reichshauptstadt eingelaufen. Sie
meldeten: Die Truppen der Gegenrevolution marschieren mit wehenden
Fahnen in die Stadt. Die Regierung ist nach Süddeutschland geflohen.
Die Linksparteien werden den Generalstreik proklamieren.
Bald rief die Hammonia-Werft an, die eine eigene Verbindung mit der
Linie unterhielt. Antje erkannte die Stimme des Generaldirektors
Timmermanns.
»Tietgens ...«
»Ach, Sie, liebes Fräulein -- nun, so kann ich Ihnen gleich im Namen
der Werft unsern vorläufigen Dank abstatten ... Die Sabotage der
›Deutschland‹ ist vereitelt. Leider nicht ganz ohne Blutvergießen: ein
Werftwächter ist erstochen, ein Werftarbeiter erschossen worden ...«
Clas -- o Gott -- mein armer, armer Clas -- nun hast du sie, deine
»rote Seligkeit« ... Nun schwebt deine unruhvolle Seele in den
Musikantenhimmel, den du so oft heruntergezwungen auf unsere arme
Tränenerde ... Still, mein Herz ... bin ja im Dienst ...
»Herr Generaldirektor, darf ich ein gutes Wort für ... für meinen
unglücklichen Bruder einlegen? Ist Ihnen etwas über ihn bekannt
geworden?«
»Noch nicht, liebes Fräulein ... jedenfalls in den Händen der Polizei
ist er nicht, das habe ich bereits festgestellt. Seien Sie überzeugt,
daß er jede erdenkliche Nachsicht erfahren wird -- schon um seines
würdigen Vaters willen, unseres alten treuen Mitarbeiters -- vor allem
aber um Ihretwillen ... Und noch einmal: den Dank der Werft ... auch
im Namen meines Herrn Chefs, der noch nicht eingetroffen ist ... Sie
werden noch von uns hören. Auf Wiedersehen, liebes Fräulein -- seien
Sie getrost, ich werde für ihren Bruder tun, was in meinen Kräften
steht.«
Tief aufatmend legte Antje den Hörer auf die Gabel. Oh, wie gut, wie
gut ... Vielleicht war er noch zu retten -- der arme, wilde, verführte,
der geliebte Junge ...
Georg Freimann trat ein. Mit ausgestreckten Händen ging er auf seine
Mitarbeiterin zu. War's möglich? Er zog ihre Hand an seine Lippen ...
»Ach was, Pflicht -- ein Prachtmädel sind Sie ... Die Linie, die Werft
können Ihnen niemals vergelten, was Sie für uns getan haben ... Und ich
-- ich vollends -- Sie haben mir meinen Sohn, meine Schwiegertochter
und -- mein Lebenswerk gerettet ... Kommen Sie her, Kind -- ich kann
nicht anders ...«
Er nahm das Mädchen in seine Arme -- er küßte ihre Stirn wie einer
lieben Tochter ... Seine herbe Stimme erstickte in einem jähen
Schluchzen.
»Oh, unser Volk ...« stammelte er, ich hab' es oft verflucht und
verlästert in diesen gräßlichen Zeiten ... Um Ihretwillen werd' ich's
wieder lieben, ihm neu vertrauen lernen ... um Ihretwillen, Sie liebes,
liebes, herrliches Mädchen ...«
12
Der alte Carstensen, noch immer tief erschüttert vom Schrecken und
vom Erlösungsglück dieser Nacht, hatte sich in selbstverständlicher
Pflichterfüllung auf sein Kontor begeben. Die Botschaften, die ihn
empfingen, rissen ihn in den Wirbel der Gärung hinein, die sein
Eigentum, die Stätte seiner Lebensarbeit, durchfieberte. Alsbald ließ
er sich seinen getreuen Stellvertreter zum Bericht kommen.
Bob Timmermanns stand vor seinem Brotherrn mit nicht ganz reinem
Gewissen. Zwar erntete er ein warmes Lob und einen herzlichen Dank
für sein tatkräftiges Eingreifen, das die »Deutschland« gerettet
und unübersehbares Unglück von der Werft, der Stadt Hamburg, dem
ganzen Vaterlande abgewandt hatte. Aber er fühlte sich dennoch tief
bedrückt. Seit Morgengrauen hatten hundertfünfundzwanzig junge
Männer in Arbeitertracht, durch Geleitschein von seiner eigenen Hand
ausgewiesen, die Portierloge der Werft passiert. Die packten in diesem
Augenblick, er wußte es nur zu gut, in den weitläufigen Kellerräumen
des Direktionsgebäudes jene geheimnisvollen Kisten aus, die um fünf Uhr
auf einem Lastauto angerollt waren ... War es möglich, daß alle diese
Vorbereitungen unbemerkt geblieben waren -- daß nichts davon bis zu
den erregten Massen der Werftarbeiter durchgesickert war? Die ballten
sich da unten überall, zu Füßen der ragenden Helgengerüste und Docks,
an den Eingängen der Kantinen, der Maschinen- und Schiffsbauhalle, zu
schwärzlichen Klumpen zusammen. Aus denen schrillten abgerissene Fetzen
von Hetzreden, grelle Zwischenrufe, bisweilen ein jähes Aufbrüllen
Hunderter von Männerkehlen herüber. Wußte man dort bereits, daß das
Direktionsgebäude, dem berühmten hölzernen Roß von Ilion vergleichbar,
den gewappneten Feind des Proletariats im Bauche berge --?!
Bob Timmermanns fühlte sich nicht berechtigt, dem Herrn dieses Hauses
und dieses Betriebes das nächtige Geheimnis zu verschweigen.
»Ich weiß, Herr Senator, ich weiß --« stotterte der Riese. »Aber bei
der Kürze der Zeit -- --«
Carstensen hob die Hand. Auf seinem zerfurchten Greisengesicht war ein
Zug, den Timmermanns lebenslang kannte. Er kündete den Herrn -- schnitt
jeden Widerspruch ab.
Der alte Tietgens richtete sich hoch auf. Die Arbeiterschaft weise
mit Entrüstung und Empörung die Verantwortung und den Verdacht der
Übereinstimmung mit dieser Tat ab.
Jetzt müsse aber noch etwas anderes zur Sprache kommen, fuhr der
Sprecher der Arbeiter fort. Es gehe das Gerücht: die Tat sei das Werk
eines Spitzels, eines Provokanten. Es werde der Name eines Arbeiters
genannt, der seit einem Jahr unter dem Namen Anders Niemann auf der
Werft als Nieter tätig sei. Das Gerücht aber wolle wissen, daß dieser
Arbeiter -- in Wirklichkeit gar kein Arbeiter gewesen sei -- daß
sein Name ein angenommener sei -- daß sein Träger in Wirklichkeit
ganz jemand anders sei -- nämlich -- -- der Sohn des Präsidenten
der Hansa-Transatlantik-Linie, der seit einem Jahr verschollene
Kapitänleutnant Heinrich Freimann -- --.
Der alte Carstensen saß wie eine Mumie. Seine Augen nur wurden
unnatürlich groß, in seine wächsernen Züge stieg eine kongestive Röte.
Er hatte das alles ja kommen sehen. Aber nun war es da -- -- und
eine zitternde Wut war in ihm -- gegen den jungen Mann, dem er die
Hand seiner Tochter vertraut hatte -- -- und der legte nun durch sein
phantastisches Tun den Feuerbrand an das Werk, dem Detlev Carstensen
sein Leben gewidmet hatte. Und neben ihm saß der Generaldirektor --
in der gleichen stummen Empörung -- ihm schoß das Blut in die Augen,
in die Stirn ... seine mächtigen Fäuste ballten sich, sie begannen zu
zittern, als müsse er sich zwingen, sich mühsam bändigen ...
»Ich weiß das alles --!« sagte Detlev Carstensen. »Aber -- ich weiß es
erst seit heute nacht.«
Er wagt es!! dachte Robert Timmermanns. Er wagt es ... Und wider Willen
fühlte er eine dumpfe Bewunderung für des Proletariers freche Größe.
»Das hab' ich, ja. Und er hat mich alles bestätigt, wat ich vorgedragen
hab'. Er is auch der Ansicht, dat der sogenannte Anders Niemann der
Täter is. Der is ja auch heut morgen nich auf de Werft.«
Jetzt regten sich die Lippen des Greises, der dieses Hauses Herr war,
der Arbeitgeber der Achttausend da unten war, die sich anschickten, ihn
zur Rechenschaft zu ziehen.
»Die Werftleitung hat keine Ahnung gehabt, daß der Nieter Anders
Niemann, wie Sie behaupten, einen falschen Namen getragen hat. Genügt
Ihnen das, meine Herren?«
Die Arbeiter steckten die Köpfe zusammen. Einer der Werkmeister meinte:
»Herr Senator, Ihnen glauben wir alles. Aber -- hat auch der Herr Timm
-- der Herr Generaldirektor nix davon gewußt?!«
»Mein Ehrenwort«, sagte Robert Timmermanns. »Auch ich habe erst heute
nacht erfahren, daß der junge Freimann ein Jahr lang unerkannt auf der
Werft gearbeitet hat.«
Timmermanns zuckte die Achseln. »Er ist im Hause -- Sie können ihn
fragen.« Das war ihm herausgerutscht -- schon bereute er.
»Dann darf man wohl fragen,« sagte Tietgens bedächtig prüfend, »wat de
Herr Leutnant Timmermanns heut auf die Werft zu suchen hat?!«
»Er hat mich besucht, zum Donner!« rief der Generaldirektor. »Das geht
doch wohl keinem Menschen was an als Herrn Senator Carstensen, nicht
wahr?!« Beschämung und Grimm erstickten des Riesen Stimme.
»Ja -- dat wär' der dritte Punkt«, fuhr Tietgens ruhig und entschieden
fort. »Wir möchten gern wissen, ob dat wohr is, dat heut nacht Waffen
auf die Werft geschafft sünd -- un dat im Keller mehr als hundert
Weißgardisten versteckt sünd?!«
In der Stimme des Greises war Herrenklang. Die Abordnung, die schon
willens gewesen war, sich zu erheben und die Verhandlung abzubrechen,
empfand, verstand diesen Klang.
Auf einen Wink seines Chefs übernahm Timmermanns die Befragung. Tedje
antwortete knapp, höhnisch, verschlossen.
Ja, es sei wahr -- Anders Niemann sei der Kapitänleutnant Freimann. Die
ganze Arbeiterschaft wisse bereits um den Bubenstreich des fälschlichen
Anders Niemann ... Sie sei überzeugt, daß er ein Werkzeug der Reaktion
sei -- und sie sei entschlossen, diese Schurkerei mit der Verkündigung
des Proteststreiks zu beantworten ... Übrigens sei es inzwischen
bekannt geworden, daß in Berlin ein monarchistischer Putsch gegen die
Republik im Gange sei ... Die Arbeiter seien entschlossen, die Republik
mit allen Mitteln zu verteidigen ... also werde es ohnehin in der
nächsten Stunde zum Generalstreik kommen.
»Genug!« unterbrach da der alte Carstensen und stand auf, mühsam, doch
gebietend. Und alle erhoben sich. »Ich wiederhole noch einmal: die
Werftleitung steht allen diesen Dingen völlig fern und verurteilt sie.
Nun aber noch ein Wort an Sie, meine Mitarbeiter -- wenigstens an die
Verständigen unter Ihnen -- denn Sie, Tedje Tietgens, Sie gebe ich auf,
Sie sind entlassen, mit Ihresgleichen wünsche ich nicht eine Sekunde
länger zusammenzuarbeiten. Aber ihr, ihr alten, getreuen Kameraden, von
denen ich jeden einzelnen seit Jahrzehnten kenne, von euch erwarte ich,
daß ihr nicht die Tat des Wahnsinns, welche die ›Deutschland‹, unser
aller gemeinsames Werk, vernichten wollte -- daß ihr die nicht weit
schlimmer wiederholt. Ihr alle wißt, was dieser Tag für die Werft, für
die H. T. L., für Hamburg, für unser ganzes Vaterland bedeutet. Heut
nachmittag sollte die ›Deutschland‹ vom Stapel laufen -- und ich hoffe
noch immer, sie wird's. Amerika wartet auf dies Ereignis -- als auf ein
Zeichen, daß Deutschland nicht das Werk seiner Feinde vollenden wird
durch innere Zerrüttung -- daß der Bürgerkrieg, der dem Kriege gefolgt
ist, sich ausgetobt hat. Vereitelt ihr diese Hoffnung -- ihr seid alle
viel zu erfahren und vernünftig, als daß ihr nicht wüßtet, was das für
Folgen haben wird -- für unser Vaterland, für die Werft, für euch alle,
für mich! Wir gehören zusammen. Wer uns trennt, vernichtet uns. Nicht
mich allein -- euch alle mit. Guten Morgen, meine Herren, ich danke
Ihnen.«
Er neigte kurz und herrisch das Haupt. Die Arbeiter, tief bewegt,
verbeugten sich mit all der Ehrerbietung, die sich in Jahrzehnten
gemeinsamer Arbeit mit ihrem Brotherrn in ihnen angesammelt hatte. Aber
in die nachdenksame, beherrschte Stille schrillte ein rohes Gelächter.
Da winkte der alte Tietgens seinem Sohne Schweigen und trat noch einmal
vor:
»Herr Senator -- meine Kollegen un ich, wir werden dat all beraten, wat
Sie uns gesagt haben. Ich für meine Person, ich glaub' Sie ja dat alles
... Aber dat mit die hundertzwanzig Mann vom Leutnant Timmermanns -- un
mit die Waffenkisten -- dat gefällt uns nich -- un dat eine kann ich
Sie sagen im Namen von die ganze Arbeiterschaft: Reakschon is nich! --
Gegenrevolution is nich! ... An unse Republik laten wi nich rühren --
wer dat verseuken will, dei is unser Feind -- un gegen den'n stohn wi
all tausomen bit op den'n letzten Blaudsdruppen!!«
* * * * *
Gut -- aber er würde dabei nicht mehr mittun. Mochte die Jugend sehen,
wie sie mit der erwachten Masse fertig wurde.
»Guten Morgen, Freimann, guten Morgen ... Ja, ja, allerdings, es ist
eine gewisse Unruhe unter der Arbeiterschaft ... Aber zu irgendwelcher
Besorgnis ist einstweilen keine Veranlassung ... Doch, doch, Sie
können die Amerikaner durchaus beruhigen ... Ja, der hat tatsächlich
die Frechheit gehabt, auf der Werft zu erscheinen, als wenn gar nichts
vorgefallen wäre ... Er scheint der schlimmste Hetzer zu sein ...
So, Sie haben seiner Schwester versprochen, ein gutes Wort für ihn
einzulegen ... Nun, er macht's uns freilich schwer genug -- wollen
sehen, was sich tun läßt ... Ich ließe den Schuft am liebsten sofort
verhaften ... Nein, nein, es bleibt alles bei unsrer Verabredung ...
Um drei Uhr erwarte ich die Anfahrt der Herrschaften ... Um drei
ein Viertel geht die ›Deutschland‹ zu Wasser ... Wie meinen Sie? Es
würde die Amerikaner beruhigen, wenn einer meiner Herren sie abholen
würde? Doch, doch, das läßt sich machen ... Ich halte die Lage auf
der Werft sogar für so vollkommen gesichert, daß ich Ihnen meinen
Generaldirektor schicken kann ... Das dürfte den Herren genügen, wie?
Sie nehmen Ilse mit, nicht wahr? -- Ob Heinz hier draußen ist? Nein
-- bis jetzt nicht ... So? Fräulein Tietgens behauptet, er müsse bei
uns sein? Nun, dann wird er wohl noch kommen ... Ich soll ihn nicht
allzu unsanft empfangen? Na, lieber Freund, er hat mir mit seiner
phantastischen Unternehmung eine schöne Bescherung angerichtet ... Ich
soll ihm wenigstens verzeihen, wenn alles gut geht? Wenn alles gut
geht, lieber Freimann -- so weit sind wir leider noch nicht. Grüßen Sie
Ihre Sekretärin ... und bringen Sie das Prachtmädel mit zum Stapellauf
-- sie gehört mit dazu, sie vor allen ... Ich danke ihr dann noch
persönlich. Also auf Wiedersehen um drei, lieber Freund -- Ob mir gut
ist? Doch, doch, selbstverständlich -- meine Stimme -- matt? Keine Idee
... Schluß!«
»Sie haben gehört, Timmermanns ... Die Linie legt Wert darauf, daß Sie
die Amerikaner abholen ... Ich hoffe, die Werft kann Sie entbehren. Im
schlimmsten Falle habe ich ja Ihren Bruder. Ich bin jetzt ganz froh,
daß er da ist. Können ihn mir schicken.«
»Guten Morgen, Papa. Ich melde mich ganz gehorsamst zur Stelle.«
Detlev Carstensen saß unbewegt. »Ich weiß noch nicht, ob für dich ein
Platz in diesem Zimmer ist, Anders Niemann!« sagte er beherrscht.
»Verantworte dich.«
In knappen Sätzen sprach Heinz aus, was ihn bewogen habe, in die Tiefe
hinabzusteigen. Er gab zu, sein Handeln habe sich gegen ihn gekehrt
-- ihn selber und alles, was er liebe, in Gefahr gebracht. Aber der
Schwiegervater wolle nicht vergessen, daß er auch Opfer gebracht --
ein schweres Opfer. Er sei treulos geworden an den Kameraden -- deren
Vertrauen ihn zum Mitwisser ihrer verbrecherischen Pläne gemacht habe.
Sein Leben sei in höchster Gefahr, seine Ehre nicht ganz fleckenrein.
Auch einem Verbrecher die Treue brechen sei Verrat. Er sei bereit, sein
Leben als Sühneopfer darzubieten. Er stelle sich zur Verfügung für den
Fall, wo es gelten möchte, vor der Arbeiterschaft Zeugnis abzulegen,
daß die Werftleitung von seiner Anwesenheit auf der Werft keine Ahnung
gehabt -- daß er kein Spion, kein Spitzel der Direktion, kein +agent
provocateur+ der Gegenrevolution sei, sondern ein Deutscher,
voll heißer Liebe zu seinen Volksgenossen, voll heißer Sehnsucht,
beizutragen zu großen Werke der Versöhnung der Klassen.
Die Mittagspause kam. Von Arbeit war nicht viel die Rede gewesen
auf der Werft. Überall hatten Versammlungen unter freiem Himmel
stattgefunden -- mit dem sausenden Märzsturm kämpfend hatten die
Redner sich heiser geschrien. Ein heißer Kampf: die ruhigen,
verständigen Elemente waren schroff gegen den Generalstreik. Die
Sabotageangelegenheit sei nicht geklärt -- die Werftleitung habe
sorgfältige Untersuchung unter Mitwirkung der Arbeitervertreter
versprochen -- man müsse das Ergebnis abwarten. Es sei Wahnsinn, den
Stapellauf zu hintertreiben -- er müsse heut nachmittag um drei Uhr
planmäßig und ohne Störung stattfinden, sonst sei die Verbindung mit
Amerika gefährdet. Die Folgen seien jedem Vernünftigen klar: Aufhören
der Bestellungen auf Dampferneubauten, Erliegen der Werft, Schluß mit
jeder Arbeitsmöglichkeit --
Aber auch die Hetzer blieben am Werke. Der Terror vergewaltigte die
Vernunft. Als die Essensstunde vorüber war, hatten die Fanatiker, die
Wahnwitzigen die Oberhand gewonnen.
Und plötzlich waren auch Waffen da. Woher sie kamen, wer vermochte es
zu sagen? Sie waren da. Die Halbwüchsigen schleppten ganze Arme voll
rostiger Gewehre heran, drängten sie den Unwilligen auf, stopften
jedem ein halbes Dutzend Ladestreifen mit grünspanüberzogenen Patronen
in die Taschen. Auf erhöhten Punkten postierten ehemalige Somme- und
Flandernkämpfer Maschinengewehre.
»Herr Senator, ich melde ganz gehorsamst: die Roten rüsten zum Sturm
auf das Verwaltungsgebäude.«
»Gut -- ich lege den Schutz der Werft in Ihre Hand. Sie werden
Übereilungen zu verhüten wissen.«
»Jawohl, Herr Senator. Gehorsamsten Dank.«
Jetzt dröhnte die weite Halle des Lichtschachtes, der das ganze Gebäude
durchstieß, vom Ansturm der Jungmannen, die nun behelmt und bewaffnet
dem Keller entquollen und die Treppen hinanstürmten, um die ganze Front
nach der Werft hin zu besetzen. In den Korridoren öffneten sich die
Türen -- erschrockene Köpfe tauchten auf -- Direktoren, Ingenieure,
Prokuristen, Sekretärinnen ... Ah -- also doch! Man war verteidigt ...
13
Georg Freimann bewegte sich inmitten seiner Freunde mit seiner ganzen
weltmännischen Geschmeidigkeit und Sicherheit. Niemand sah ihm an,
welche Sorgen seine Seele bedrängten. Noch fehlte der Generaldirektor
Timmermanns, der ihm Kunde bringen sollte, wie es auf der Werft stehe
... noch fehlte jede Kunde von Heinz ...
»-- ist auf der Werft in Sicherheit. Er benimmt sich glänzend. Sie
können stolz auf ihn sein. Da wächst uns allen eine Stütze heran.«
»Timmermanns ... Sie wissen nicht, was das für mich bedeutet ... Ich
danke Ihnen. -- Also los ... Vielleicht holen Sie Herrn Patterson
persönlich ab ... dritter Stock, Zimmer 285.«
»Noch eins, Herr Präsident ... wenn die Amerikaner im Wagen sitzen,
möchte ich verschwinden und vorauf zur Werft zurückfahren, um mich zu
überzeugen, daß wir es wagen können, unsere Gäste anfahren zu lassen.
Wenn nein, dann lasse ich die ganze Kavalkade bei der Ausfahrt aus dem
Elbtunnel zurückhalten. Ich nehme das vorderste Auto, sause gleich los
und fahre auf dem nächsten Wege über den Rathausmarkt zum Hafen. Sie,
Herr Präsident, nehmen vielleicht den zweiten Wagen und fahren die
Yankees zunächst mal über Lombardsbrücke, Ringstraße und Holstenwall
am Bismarck vorbei -- kann ihnen sowieso nichts schaden, wenn sie den
Schutzpatron unsres Vaterlandes mal zu sehen kriegen ...«
»Abgemacht --« sagte Georg Freimann und trat wieder unter seine Gäste.
Gestrafften Nackens, leuchtenden Angesichts. Er fühlte sich verjüngt,
erneuert. Er war nicht länger erbelos, nicht mehr allein. Er hatte
einen Verbündeten. Sein eigen Fleisch und Blut.
»Ah, Mister Timmermanns ... Das ist schön -- Sie wollen kommen zu holen
uns ... Nun -- was tun Sie sagen zu Ihre kleine Gesangschülerin? Tat
nicht ich machen sehr gut mein Sache -- diese Nacht?«
»Oh -- das freut mich -- das freut mich -- +quite enormously+ ...«
»Aber Sie, Mister Bobbie -- Sie sein ein ganz, ganz dummer dicker Hunne
...«
»Ja, wenn Sie das verstehen noch immer nicht -- dann sind Sie noch
viel, viel dümmer, als ich dachte jemals ...«
Und schon flog das feine Figürchen in seine Arme. Er hob sie wie ein
Püppchen an seine breite Brust.
Bessie machte sich los, stürzte auf den Vater zu, ergriff seine Hand
und zerrte ihn auf den Deutschen zu.
»Deinen Segen, +daddy+, schnell -- schnell -- die Herren warten
drunten schon seit einer Viertelstunde auf uns ...«
* * * * *
Die Autokolonne ruckte an. Gleich hinter dem Wagen, in dem die beiden
Chefs der United Transatlantic Lines saßen, kamen die vier Damen:
Neben ihr Klein-Bessie, kaum fähig, ihren Jubel zu bemeistern ... Wenn
man doch erst losfahren möchte! Dann wird sie erzählen ... Warum auch
verschweigen, was so gut wie besiegelt und unterschrieben war? Er
sträubte sich ja noch ein bißchen, der gute +daddy+ -- aber wann
hatte ihm das je etwas genützt?!
Die Wagenkolonne fauchte über die Lombardsbrücke. Vor den Augen der
Amerikaner tat sich ein Standbild auf, das auch bei den Bürgern der
Metropole der neuen Welt seinen Eindruck nicht verfehlen konnte -- in
seiner bodenständigen Eigenart, seiner alteingewurzelten Vornehmheit.
Zur Linken das enge Becken der Binnenalster, der Jungfernstieg mit
seinem flutenden Verkehr, die drei Türme -- zur Rechten der breit
ausladende See der Außenalster, schon wieder wie in Friedenszeiten vom
lustigen Gewimmel der Paddelboote und im Frühlingssturm sich blähender
Segel belebt ... Dann ging's über die Reste der einstigen Umwallung --
zwischen den märzkahlen Bosketts, aus denen die Spiegel der ehemaligen
Festungsgräben blinkten, und der stattlichen Reihe der Amtsgebäude und
der Musikhalle ...
14
Sie kamen.
Armin Timmermanns überflog vom Fenster des Chefkontors mit dem Blick
des kampfbewährten Führers das Bild der Lage. Die Wahnsinnigen! Wollten
sie als dichtgekeilte Masse zum Sturm antreten?!
»Das -- Feuer eröffnen?! Herr Leutnant -- wir sind nicht auf dem
Schlachtfeld -- wir sind auf meiner Werft. Eins ist noch nicht
versucht. Wo ist Heinz Freimann?«
Und jetzt traten zwei junge Männer an seine Seite ... Heinz -- Armin ...
»Sie brauche ich noch nicht, Herr Leutnant«, sagte Carstensen. »Halten
Sie sich bereit -- aber nur für den äußersten Fall.«
Mit ruhigem Griff öffnete der Greis die Tür, schob seinen Arm unter den
des Schwiegersohnes und trat mit ihm auf die breitausladende Freitreppe
hinaus --
Die dunkle Mauer erstarrte -- stand. Eine Stille ward. Nur eine Sekunde
-- dann schwoll dumpfes Wutgebrüll auf, tobten wüste Schreie: »Doar is
hei ja -- dei Schuft! dei Spitzel! dei Spion!«
»Arbeiter!« rief Detlev Carstensen, und seine Stimme klang voll und
gebietend wie in den Tagen seiner Lebenshöhe, »dieser Mann ist kein
Spion -- kein Verräter. Um euch nahe zu kommen, hat er mit euch gelebt
und geschafft. Die Werftleitung hat nichts davon gewußt. Was er sonst
noch zu sagen hat, hört von ihm selber.«
Heinz Freimann sprach: »Kameraden! Ich habe nicht viel zu sagen. Ich
bin nicht ehrlos gewesen. Was ich wollte, kann und muß ich vertreten.
Laßt meinen Fall untersuchen und dann macht mit mir, was ihr wollt --
ich wehre mich nicht!«
Und ruhigen Gesichtes löste Heinz Freimann sich von Detlev Carstensen
und stieg langsam die Freitreppe hinunter, der geballten Masse
entgegen, die schweigend, unbeweglich seinen Worten gelauscht hatte.
Viele drohend erhobene Fäuste, viele geschwungene Waffen senkten sich.
Und aus der Masse drängte ein grimmiger Bursch sich hervor in schmutzig
zerfetztem Arbeiterkittel. Hoch schwang er das Gewehr über dem Kopfe,
sprang mit ein paar wilden Sätzen heran, sich auf Heinz Freimann zu
stürzen.
Im selben Augenblick flog an dem Greise, der droben ragte, und dem
jungen Mann, welcher der Masse seine wehrlose Brust bot, eine andere
Männergestalt vorüber, warf sich dem Anspringenden entgegen: der
Leutnant im Stahlhelm -- und auch er schwang im Anlauf über seinem
Haupte das Gewehr --.
Schon standen die zwei auf eines Schrittes Breite einander gegenüber.
Die Kolben sprangen in die Luft, zielten nach des Feindes Haupt,
sausten nieder --.
Aber Tedje Tietgens' Arm war stärker -- in weitem Bogen flog des
Leutnants Waffe zur Seite, ein zweiter Kolbenschlag donnerte auf seinen
Stahlhelm nieder, daß Armin betäubt zu taumeln begann ... in derselben
Sekunde ließ der Proletarier das Gewehr fallen, zückte sein Messer und
grub es mit tückischem Stoß tief in des Leutnants Hals.
Über dem zusammenbrechenden Leibe des Feindes stand Tedje Tietgens hoch
aufgerichtet -- stieren Blicks -- das blutige Messer in der langsam
sinkenden Hand.
Nun endlich brach ein Aufschrei aus Tausenden von Kehlen -- aber ein
Aufschrei nicht der Wut, der Rache -- sondern des Entsetzens -- des
Abscheus vor dem eigenen Tun ...
Schon hoben sich aufs neue viel hundert geballte Fäuste, mordgierige
Waffen. Und aus dem Verwaltungsgebäude quoll Armins Stoßtrupp hervor --
des Führers Tod zu rächen. Eine Sekunde noch, und ein Blutbad begann,
unhemmbar, unsühnbar ...
Und sieh: der Ansturm von hüben und drüben erlahmte. Bajonette, Kolben
senkten sich -- mit ausgebreiteten Armen standen beide Frauen inmitten
-- Gleichnisse beide von einer höheren Ordnung der Dinge, Künderinnen
einer reineren Zukunft, einer kommenden Menschheit. Zwei Töchter eines
Volkes ...
Da hob Ilse die Rechte -- wie eine Priesterin, wie eine Seherin stand
sie da.
Und aller Blicke folgten der gebietenden Weisung: Hoch überm Schwall
der fiebernden Tausende türmte sich ihrer heute zum Kampf gekrallten
Hände gigantisches Friedenswerk: die »Deutschland« ...
Und jetzt trat der alte Carstensen vor bis zu der Stelle, wo der
todbereite Mann stand -- geschützt nur von der Liebe der zwei Frauen,
die ihn verstanden.
Der Senator hob im Vorschreiten das Gewehr von der Erde, das des
Leutnants Händen entfallen war. Und nun ergriff er auch das zweite, das
der Arbeiter hatte sinken lassen, um zum Messer zu greifen. So stand
der alte Mann -- in jeder Hand eine Waffe ... nun hob er beide -- hoch
in die märzlich durchstürmten Lüfte. Über dem schneeweißen Haupt, aus
dem diese ganze Schaffenswelt ringsum entstanden war, schwankten die
zwei braunen Kolben. Nun sausten sie nieder aufs blutgetränkte Pflaster
des Werfthofes, zersplitterten mit einem ächzenden Krachen. So groß
war die Bewegung, so einfach und herrlich ihr Sinn -- sie zwang die
Tausende in ihren Bann.
Und jetzt trat aus der Pforte Bob Timmermanns, den Karabiner in der
Hand, aus dem er den rächenden Schuß getan. Dem Beispiel seines
Meisters folgend hob er als erster die Waffe und schlug sie entzwei.
Erst waren es drei, vier, sechs Arme, die sich hoben, die Waffe des
Bruderkrieges zu zertrümmern -- schon zersplitterte Kolben um Kolben,
flog Schaft um Schaft zuhauf -- nun stürmten Dutzende heran, dem
Opferfeste, der Versöhnungsfeier sich anzuschließen -- zu Hunderten
jetzt zerkrachten die Gewehre, geweiht dereinst zu des Vaterlandes
Verteidigung, geschändet nun durch den Kampf der Parteien, der
Klassen, der Brüder ...
Und wie Waffe um Waffe zersprang, wie die Trümmer zum Berge sich
türmten inmitten -- da traten sie von hüben und drüben aufeinander zu,
die Roten und die Weißen, und schauten sich ins Auge. Und Hammerhand
und Federhand fanden, fügten sich zusammen über den Leichnamen der
Opfer, besiegelten in stummem Gelöbnis den neuen Bund, den Bund der
Deutschen, schwuren wortlos heiligen Schwur.
In dichten Massen drängten sie heran, die eben noch zum Sturm antraten
wider die Herzkammern ihres eigenen Schaffens und Lebens. Zur großen,
freien Sühnetat eilen sie herzu, zerschlagen die Werkzeuge des
Hasses, zerschlagen den Haß, die Verbitterung, den Neid -- schwören
ab dem Bruderzwist, dem Klassenzwist. Geloben sich dem Genius ihres
Volkes, der selbstverleugnenden Arbeit fürs Ganze, der Eintracht, der
Versöhnung, der Wiedergeburt.
* * * * *
Spürst du, wie ein leises Beben den rostfarbenen Gigantenleib der
eisernen Riesin durchrinnt?! Die Hammerschläge dröhnen und treiben die
letzten Keile heraus. Nichts hemmt nun mehr den Drang der Gewaltigen,
der sie zum Strome treibt, in das sturmgepeitschte Wogengetriebe, das
ohne Hasten und ohne Rasten dem nahen, dem freien Meer entgegen sich
wälzt.
Und jetzt -- jetzt ist es getan -- in erhabener Ruhe setzt die lastende
Masse sich in Bewegung. An ihrem Heck flattert die Seeflagge des
Deutschen Reiches ...
Die Bremsketten rasseln, die Gleitbahn ächzt, der Boden wankt unterm
schweren Wandel der Riesin --
Und nun erschallt ein Jauchzen ringsum -- nun heben sich zu jubelndem
Gruß die tausend und aber tausend Hände derer, die sie planten, die sie
bauten -- die aber tausend Hände, noch bebend vom Treugelöbnis, das sie
alle zum neuen Bunde zusammengefügt ...
Jetzt schäumt die Welle des Elbstromes hochauf grüßt schäumend ihre
jüngste Bezwingerin ...
~Hafis Ausgabe~
[Illustration]
10 Ganzleinenbände in Kassette M. 32.50
~Inhalt~
Walter Bloem steht seit langem in der ersten Reihe jener Erzähler,
deren Werke dem deutschen Volke ans Herz gewachsen sind. Mit dem
Studentenfrohsinn des »Krassen Fuchses« stürmte er übermütig hervor;
dann klärte der gärende Most sich zum Edelwein in den vaterländischen
Romanen, der Trilogie »Das eiserne Jahr«, »Volk wider Volk« und »Die
Schmiede der Zukunft«, Schilderungen aus der gewaltigen Zeit des
Krieges 1870/71 voll packenden Lebens und begeisterter Gesinnung. Ihre
hellen Flammen wurden vom Sturmhauch des Weltkrieges zu düsterer Glut
angefacht, im »Verlorenen Vaterland« am heißesten lodernd, um dann voll
tiefen Gefühls in »Brüderlichkeit« und dem »Land unserer Liebe« das
Unglück des jüngsten Jahrzehnts zu beleuchten.
Alle diese Romane -- und nicht minder die hier unerwähnten -- können
beste, jedem Leser zuträgliche Geisteskost genannt werden. Geschieht
nun durch billigsten Preis das Möglichste, um diese in Hunderttausenden
von Exemplaren verbreiteten Dichtungen einem noch viel größeren Kreise
zugänglich zu machen, so darf dies als ein wahrhafter Dienst an unserem
Volke gelten.
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LAND UNSERER LIEBE ***
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