Herzlich willkommen bei Geschichtsfenster.
Mein Name ist André und heute geht es um
sieben Vorstellungen über das Mittelalter.
Es geht jetzt nicht um das typische Terra X behaupte, wie der Dreckleger auf den
Straßen oder die Pferde im Mittelalter war klein.
Es geht heute mal um die Ideenwelt, die hinter diesen Klischees steckt.
Ich will diese Klischees ein bisschen zusammenfassen.
Ich möchte schauen, welche Vorstellungen damit transportiert werden und warum die
so problematisch sind.
Der erste Punkt ist, das Mittelalter als Rückentwicklung gegenüber der Antike oder
als Hemmschuh.
Vor einiger Zeit ging durch den englischsprachigen Bereich so eine Idee, ohne die
Kirche wären wir tausend Jahre weiter und würden längst den Weltraum erobern.
Ich hatte gerade letztens einen Film, einen YouTube-Ausschnitt, da hat jemand
erzählt,
ja, die Menschen sind in der Kirche, die Menschen sind in der Kirche, die Menschen
sind in der Kirche.
Ja, die Menschen sind in der Kirche, die Menschen sind in der Kirche, die Menschen
sind in der Kirche.
Ja, die Menschen in der Antike seien ja vereinzelt schon zu logischem Denken fähig
gewesen.
Was für eine Aussage.
Das Problem war aber, dass sie alle ihr Wissen in einer einzigen Bibliothek hatten,
nämlich der von Alexandria, und als sie zerstört wurde, war es halt weg.
Da glaubt wirklich jemand, die hatten in der Antike nur eine Bibliothek.
Das war schon nett, aber die Zerstörung der Bibliothek von Alexandria wird sehr,
sehr gerne als Beispiel dafür genommen.
Und natürlich, im Narrativ waren es Christen, die diese Bibliothek angezündet
haben.
Waren sie nicht.
Auch das vergessene Wissen ist immer wieder so ein Punkt, es wurde ja wahnsinnig
viel vergessen am Ende der Antike, wahnsinnig viel ist verloren gegangen.
Und natürlich ist da immer die Antike als das strahlende Gegenstück zum
Mittelalter.
Und allein das ist ein Punkt, den man echt hinterfragen muss.
Die Antike als Ganzes wird natürlich gleichgesetzt mit dem Römischen Reich.
Die Errungenschaften des Römischen Reiches sind für die gesamte Antike gültig.
Das stimmt natürlich nicht.
Das antike Griechenland war eine völlig andere Bibliothek.
Das antike Griechenland war sehr viel verschachteler, sehr viel mehr
Kleinstaaterei.
Und einige von denen waren vergleichsweise fortschrittlich oder hatten den
Reichtum, um sich großartige Bauten zu leisten.
Andere spielten in einer ganz anderen Liga.
Also da muss man schon sehr genau gucken.
Und in der Antike, wir haben Gelehrsamkeit, wir haben die größten Errungenschaften,
wir haben eine unfassbare Infrastruktur.
Und das Mittelalter kackt dagegen komplett ab.
Das Mittelalter hat nichts davon.
Das Mittelalter ist ein Rückfall.
In eine dunkle Zeit ins Barbarentum.
Viele dieser Ideen sind mittlerweile in der Diskussion schon lange überholt.
Allein schon dieser Untergang des Römischen Reiches.
Das Römische Reich geht an sich nicht unter.
Es transformiert sich.
Auf der einen Seite lebt das Oströmische Reich fort, Byzanz.
Verändert sich aber seinerseits vollkommen.
Andererseits gibt es ein Nachfolgereich.
Und die Idee, dass die Barbaren Rom zerstören, das haben wir spätestens seit dem
19. Jahrhundert.
Eine spätere Darstellung ist im 19. Jahrhundert, da habt ihr eben genau diese
Vorstellungen.
Nackte Barbaren plündern das wundervolle Rom.
Da stimmt schon ganz viel nicht an diesem Bild.
Weder waren die Barbaren nackt, noch war das Rom, das sie geplündert haben, in
diesem großartigen Zustand.
Auch Rom hat eine Stagnation in sich schon gehabt.
Innerhalb des Römischen Reichs haben wir schon eine Stagnation, man kann es
Verfallserscheinungen nennen, wenn man diesen Blickwinkel beibehalten möchte.
Ich würde es nicht tun.
Aber es ist deutlich nicht mehr das Marmor-weiße Rom der frühen Kaiserzeit.
Den Höhepunkt hat auch das Römische Reich von ganz alleine überschritten.
Auch die Zerstörung der Bibliothek von Alexandria, da wird gerne der große Brand
genannt, der ist nicht nachweisbar.
Es gibt diesen großen Brand nicht.
Da gibt es auch die unterschiedlichsten Geschichten.
Mal sind es Christen, mal sind es übrigens Muslime, weil irgendein Kalif die Stadt
erobert hat.
Und als er gefragt wurde, mit der Bibliothek umzuspringen, hat er gesagt,
Koran entsprechen, die brauchen wir nicht, wir haben den Koran und die Bücher, die
dem Koran nicht entsprechen, um die ist es nicht schade.
Auch diese Zerstörung hat es nicht gegeben.
Auch das ist ein langsamer Verfall.
Es ist nicht nachweisbar, wann diese Bibliothek verfallen ist, wann sie zerstört
wurde.
Wahrscheinlich ist es tatsächlich eher, dass es keine Sponsoren mehr gab, dass
niemand mehr darum gekümmert hat.
Die Bücher oder die Papyri in andere Einrichtungen kamen und die Bibliothek als
solches nicht mehr fortgeführt wurde.
Aber eine wirkliche Zerstörung als Ereignis können wir überhaupt nicht nachweisen.
Vor allen Dingen aber gab es noch jede Menge andere Bibliotheken.
Es gab in Rom Bibliotheken, es gab in Konstantinopel eine ganz wichtige Bibliothek,
die bei einem Prank tatsächlich komplett zerstört wurde.
Ich glaube, ich bin mir gerade nicht sicher, 120.000 Papyri oder sowas auf einen
Schlag weg.
Was wir tatsächlich haben, wir haben keine Kontinuität zwischen den
mittelalterlichen, zwischen den antiken Bibliotheken und den mittelalterlichen.
Da haben wir tatsächlich eine Lücke und als es weiter geht, sind die Bibliotheken
sehr viel kleiner.
Es sind meistens christliche Bischöfe, die dann eigene Bibliotheken haben.
Aber da reden wir jetzt nicht darüber.
Aber da reden wir vielleicht von 100 oder 200 Kodizes.
Die Lücke da ist aber gar nicht so sehr die Zerstörung, sondern die Lücke ist eben
der Übergang von Papyrus aufs Pergament.
Die Entwicklung des Kodex als Buchform oder als Schriftform.
Und da haben wir genau die Lücke, denn alles, was nicht in einen Kodex übertragen
wurde, von Papyrus auf Pergament, das ist verloren gewesen.
Und da ist eine Auswahl getroffen worden.
Und diese Auswahl, die hat hauptsächlich antike Wissen oder antike Schriftstücke.
Und die Vergessenheit befördert.
Nicht, weil sie zerstört wurden, sondern einfach, weil sie nicht weitergeführt
wurden.
Und Papyrus ist zwar ein guter Beschreibstoff, vor allem, wenn er trocken gelagert
wird, aber er hat eine ganz andere Lebensdauer als ein Pergamentbuch.
Wir haben aus Ägypten relativ viele erhaltene Papyrie.
Aus dem Mittelmeerraum haben wir sehr, sehr viel weniger.
Da ist wirklich eine ganz große Zäsur, da fehlen viele Stück.
Aber ein Hauptgrund ist eben diese Übertragung in den Kodex.
Gleichzeitig haben wir eben auch Kontinuität nach der Transformation des Römischen
Reiches.
Also klar, die Barbaren fallen ein, die Barbaren gründen eigene Reiche, hängen sich
aber relativ häufig ans Römische Reich an.
Und nutzen auch die Möglichkeiten.
Nehmen wir Kaiser Karl in Aachen, der eine römische Therme wieder weiter betreibt.
Auch die Baukunst, da haben wir Kontinuitäten, auch in der Kunst.
Es gibt die sogenannte Karolingische.
Karolingische Renaissance.
Und hier haben wir zum Beispiel mal ein Beispiel.
Das ist der Einband des Lauscher Evangelias.
Da sehen wir eine ganz deutliche Kontinuität zur römischen Kunst.
Wenn wir aber in die Buchmalerei mal gehen.
Hier ist ein ganz spannender Punkt.
Das erinnert uns schon sehr an Ikonen.
Zum Beispiel heutige russische Ikonen.
Und da haben wir eine Änderung in der Kunst, die wir sowohl im weströmischen Teil
haben.
Also dem, was eben das Karolingische oder das Frankenreich wird.
Als auch im oströmischen Reich.
Die byzantinische Kunst ändert sich sehr, sehr stark.
Die byzantinische Kunst geht in die Richtung der Ikonenmalerei eben.
Und das haben wir in beiden Bereichen.
Also diese ganz großartigen Kunstwerke des klassischen Altertums.
Die verschwinden auch schon innerhalb des römischen Reiches.
Auch da ändert sich in der Spätantike sehr, sehr viel.
Da kann man nicht sagen, die Barbaren sind gekommen und haben alles zerstört.
Und seitdem gibt es die römische Kunst nicht.
Das ist viel, viel komplexer.
Gleichzeitig wird weiter Großes gebaut.
Wir haben hier den St. Gallener Klosterplan.
Das ist der Originalplan.
Und hier haben wir eine Rekonstruktion.
Die Klöster sind jetzt die geplanten Bauwerke.
Während die Römer Planstädte gebaut haben,
haben wir im Frühmittelalter Planklöster.
Zum Teil mit ziemlich großem Ausmaß.
Hier haben wir eben so ein vergleichsweise großes Kloster.
Und diese Klöster haben wir über halb Europa verteilt.
Das ist wirklich ein wichtiger Punkt.
Und da kommen wir zum zentralen Unterschied zwischen der Antike
und dem Mittelalter.
Die Zentralisierung oder Dezentralisierung.
Gerade das römische Reich ist ein zentralisiertes Reich.
Es gibt eine zentrale Verwaltung.
Natürlich gibt es auch vor Ort Verwaltung.
Aber das Ganze wird zentral gesteuert.
Das Mittelalter als Ganzes ist dezentralisiert.
Und zwar in allen.
Wir haben keine Verwaltung mehr.
Der Kaiser, die Könige können gar nicht mehr ihr Land komplett verwalten.
Sie geben es an Basalen ab.
Sie geben es an Subunternehmer quasi ab, die das Ganze verwalten.
Und die Verwaltung wird immer kleinteiliger.
So ein Kloster, das funktioniert.
Das ist ein funktionierender Wirtschaftsfaktor.
Aber im kleinen Maßstab.
Eine Burg ist eigentlich nicht viel anders.
Auch relativ aufwendig zu bauen.
Auch mit ihrem eigenen Mikrokosmos.
Das funktioniert.
Im gesamten Frühmittelalter haben wir diese Entwicklung sehr, sehr stark.
Ich meine, wir haben einen Zusammenbruch von Dingen.
Wir haben das Straßensystem der Antike.
Das gibt es nicht mehr.
Ja, ich weiß, die Straßen wurden von Legionären gebaut.
Nicht von Sklaven.
Aber die Sklaven haben sie instand gehalten.
Und es gab eine zentralisierte Instandhaltung.
Eine zentralisierte Versorgung des Systems.
Von Wagenstationen.
Von Posten.
Die gibt es nicht mehr.
Straßen müssen dezentral unterhalten werden.
Ein Ritter bekommt das Recht, Straßenzolle zu erheben.
Und dafür muss er die Straße instand halten.
Das ist das Mittelalter.
Und dementsprechend gehen die Straßen zurück.
Erhaltende Straßen werden benutzt.
Andererseits
die Idee, dass die Baukunst
irgendwie zurückgegangen sei.
Weil das Wissen verloren gegangen ist.
Da haben wir Gegenbeispiele.
Im Mittelalter werden wieder Brücken gebaut.
Die Brücke in Regensburg ist ein gutes Beispiel.
Aber auch romanische Kirchen.
In der romanischen Baukunst haben wir wieder
eine Fortführung einer römischen Tradition.
Und hier haben wir den Dom von Speyer.
Das ist schon ein ziemlich großes Gebäude.
Ist die größte romanische Kirche der Welt.
Gab es, soweit ich weiß, mal größer.
Aber heute ist es wieder.
Und wurde auch damals als größte gebaut.
Durchaus beeindruckend.
Und spätestens, wenn wir im Mittelalter fortgehen
das ist die Elisabethenkirche in Marburg.
Die erste gotische Kirche in Deutschland.
Und dann
am Ende beim Kathedralenbau angekommen sind.
Hier haben wir das Freiburger Münster.
Das sind Dinge, die hat die Antike so nie hinbekommen.
Also
das Mittelalter ist nicht komplett ein Rückschritt.
Gerade im technischen Bereich
gibt es viel auch in der Landwirtschaft.
Die Landwirtschaft des frühen Mittelalters
ist an vielen Orten fortschrittlicher als die der Antike.
Und man darf nicht vergessen,
die Bauern in der Antike
waren die alten gebildeten
freien Römer.
Das waren Sklaven
oder zumindest Leute in einfachen Lebensverhältnissen.
Und für 90% der Bevölkerung
der Antike hat sich wenig verändert
durch den Untergang des Römischen Reiches.
Also
da waren jetzt andere Herren, klar.
Aber sie arbeiten immer noch auf dem Acker wie vorher.
Wenn sich etwas verändert hat,
dann für die städtischen Eliten.
Und ja, der Untergang des Römischen Reichs
ist der Untergang der städtischen Eliten.
Ob das jetzt so der Punkt ist,
weiß ich nicht.
Nichts gegen die Antike.
Die Antike hat uns großartige Dinge hinterlassen.
Aber die Idee immer die Antike
als positives Gegenbeispiel zu setzen,
dem auch noch irgendwelche Freiheiten zuzugestehen,
ja die Leute in der Antike seien freier gewesen,
weniger abergläubig und ähnliches,
das ist schon ziemlich absurd.
Also
wir haben auch Aberglauben im Mittelalter,
aber in der Antike gibt es Storys,
die sind wirklich schräg.
Gerade so im griechischen Bereich, was Götterglauben angeht.
Sokrates hat sich wegen Gotteslästerung umbringen müssen.
So sieht es aus.
Aber grundsätzlich,
ja es gab natürlich eine Stagnation,
aber ob es jetzt der große Rückschritt ist,
ob die Idee dieser 1000 Jahre,
die wir verloren haben durch das Mittelalter richtig ist,
es gibt ein wunderbares Gegenargument.
Dieses Argument ist nämlich völlig eurozentrisch.
Es gibt außerhalb Europas noch ein bisschen mehr.
Wenn wir ohne
das Mittelalter jetzt schon irgendwie
außerhalb des Sonnensystems Raumfahrt betreiben würden,
warum tun die Chinesen das nicht?
Die Inder, die Araber,
all diese
Hochkulturen, die schon da waren,
wo fehlen denen die 1000 Jahre?
Da ist ein Problem.
Denn die Idee,
dass der Fortschritt immer weiter geht,
wir erleben es gerade.
Wir erleben gerade, was passiert,
wenn ein Rohstoff knapp wird,
wenn Strukturen, die so da waren,
wegfallen.
Also ich möchte ganz gerne wissen,
was wir in 10 Jahren darüber sagen,
was das für eine Energiekrise gekostet hat.
Bin ich sehr, sehr gespannt.
Aber diese Idee des stetigen Fortschritts,
dass das römische Reich sich ohne die Zäsur
einfach immer weiterentwickelt hätte,
halte ich für sehr fraglich.
Vor allem, weil die Verfallserscheinungen
ja schon in der Antike anfangen.
Wie gesagt, da kommt nicht der christliche Mob
und zerstört alles.
Wir haben solche Fälle.
Wir haben Zerstörungen durch christliche Mobs.
Andererseits wird das auch völlig überfordert.
Es gibt glaube ich, wie heißt der Film?
Das ist ein wunderbarer Film,
der eben genau diese Geschichte erzählt
vom christlich entfesselten Mob,
der Morden und Zerstören durch die Stadt zieht.
Und die Wirklichkeit sieht anders aus.
Also gerade in dem Fall
wurde sehr, sehr viel gebogen,
um diesen Film hinzubekommen.
Der zweite Punkt,
der mir immer sehr gut gefällt,
das monolithische Mittelalter.
Das Mittelalter,
wir reden da sowieso von einem Begriff,
wir reden da von 1000 Jahren,
den wir einfach mal in eine Epoche reinstecken.
Die Abgrenzung zur Neuzeit
und die Abgrenzung zur Antike.
Ja, es ist eine Mittelzeit,
deswegen nennen wir es Mittelalter.
Aber diese 1000 Jahre in einen Begriff zu bringen,
ganz, ganz schwierig.
Denn was hat das Frühmittelalter im 6. Jahrhundert
mit dem 15. Jahrhundert zu tun?
Da sind so viele Unterschiede,
so viele Entwicklungen dazwischen.
Das wird gerne weggelassen.
Wir haben gerne das Mittelalter.
Da haben wir die Stadt in der mittelalterlichen Stadt.
Dabei wird vollkommen verkannt,
dass die Stadt mit Stadtmauer
und Selbstverwaltung, einem Rat,
all das, was zu einer Stadt gehört,
das sind wir im Spätmittelalter.
Im Hochmittelalter gibt es natürlich Städte,
aber die sind noch anders aufgebaut.
Da haben wir noch keine Selbstverwaltung.
Das kommt alles sehr, sehr spät.
Nehmt euch den Ritter mit seinem Schild
in den Wappen drauf,
das sind wir im Spätmittelalter.
Die Heraldik taucht im 12. Jahrhundert auf.
Vorher, 700 Jahre, keine Heraldik.
Nix.
Die Bauern, noch viel schöner.
Die Bauern sind alle gleich.
Es gibt keine Unterscheidung.
Es gibt nicht den reichen Hofbauern,
es gibt nicht den armen Knecht.
Es sind immer die Bauern.
Und die Bauern schuften den ganzen Tag.
Kein Vergnügen, kein Wohlstand, nichts.
Die Bauern schuften.
Und dann ein Satz immer,
die Leute im Mittelalter dachten.
Die Gedankenwelt im Mittelalter
ist genauso einheitlich.
Die ist genauso bei allen gleich.
Wir haben das monolithische Mittelalter.
In der Geisteshaltung.
Es gibt keine Entwicklung in technischen Dingen.
Das ist schlicht falsch.
In den tausend Jahren passiert unfassbar viel.
Wir haben riesige Entwicklungen.
Wir haben Einschnitte, wir haben Bevölkerungsexplosionen.
Wir haben wirklich bis ins Hochmittelalter
eine Bevölkerungsexplosion, die gewaltig ist.
Wir haben eine unfassbare Veränderung
der Landschaft.
Es wird sehr, sehr viel geroden.
Die Wälder werden fast knapp.
Da passiert richtig viel.
Und dann haben wir ab dem späten Hochmittelalter
eine Explosion der Städte.
Da haben wir eine riesige Mobilität
der Menschen vom Land in die Stadt.
Und auch innerhalb der Adel,
wenn wir uns anschauen,
das Rittertum entsteht überhaupt erst um das Jahrtausend.
Also in der Hälfte des Mittelalters
entsteht das Rittertum, wie wir es kennen.
Vorher gab es das so nicht.
Wir reden da von einer Veränderung
von Stammesstrukturen, von Familienverbänden
zu einer Feudalgesellschaft.
Riesige Änderungen.
Wird gerne vollkommen übersehen.
Es ist das Mittelalter.
Mittelalterliche Zustände, davon wird gesprochen.
Wenn wir heute irgendwas Negatives haben,
ist es immer mittelalterliche Gedankenwelt.
Aber von welchem Mittelalter da genau gesprochen wird,
das wird nie genau unterteilt.
Schade, denn dieses monolithische Mittelalter,
das gab es nicht.
Ganz abgesehen natürlich von regionalen Unterschieden.
Also wir reden hier von einem ganzen Kontinent.
Da gibt es gewaltige regionale Unterschiede.
Nehmen wir zum Beispiel alleine Frankreich.
Die Gedanken, ja,
Nordfrankreich ist fränkisch.
Da haben wir in Anführungszeichen
manische Stammesstrukturen.
Der Süden, Provence und so,
das sind alle Strukturen,
die im Prinzip auf römischen Strukturen basieren.
Das sind die alten Grundherren,
die römischen.
Da geht es fast ohne Zäsur weiter.
Und auch die Sprache ist unterschiedlich.
Im Norden wird eben französisch gesprochen
oder die Vorgänge davon.
Im Süden wird auch oksidentalisch gesprochen.
Dann gibt es eine ganz schräge
Menge an Vorstellungen.
Es wird den Menschen abgesprochen,
überhaupt zurechnungsfähig zu sein.
Und das klingt jetzt albern,
aber genau das wird gesagt.
Da gibt es so Ideen wie die Menschen,
ihr kennt das, Wasser war verschmutzt,
also haben die Leute Bier getrunken,
waren also alle betrunken, den ganzen Tag.
Das denke ich mir nicht aus.
Das sagen die Leute tatsächlich.
Es kommt noch schlimmer.
Es kommt wirklich noch eins drauf.
Haben wir schon besprochen.
Wir reden von dünnem Bier,
wir reden nicht von Starkbier.
Natürlich hat man Wasser getrunken,
denn Wasser war nicht immer verschmutzt.
Dann kommt das Mutterkorn.
Das ist tatsächlich etwas,
was so in den 60er Jahren mal als These
durchaus diskutiert wurde.
Mutterkorn, also im Prinzip,
wenn man es grob sagt, LSD-Vergiftung.
Die Menschen waren berauscht.
Es gibt die These, die Menschen waren
alle nicht zurechnungsfähig,
weil sie die ganze Zeit Mutterkorn gegessen haben.
Dagegen spricht, ist das,
was Mutterkorn wirklich macht.
Es gab im Mittelalter das Sankt-Antonius-Feuer
als Krankheit.
Es gibt einen ganzen Orden dafür,
den Antoniter-Orden,
der sich mit den Opfern des Antonius-Feuer beschäftigt,
die pflegt und die versorgt.
Wären die alle an Mutterkorn vergiftet,
dann hätten sie alle ihre Gliedmaßen verloren.
Oder zumindest viele.
Aber allein die Idee,
die Vorstellung, dass in einem Zeitalter
die Leute alle kollektiv vergiftet
und wahnsinnig waren.
Muss man erst mal drauf kommen.
Noch weiter geht es dann,
wenn tatsächlich von namhaften Autoren
den Menschen im Mittelalter
im Prinzip ihre geistliche
und sittliche Reife abgesprochen wird.
Mein Lieblingsbeispiel ist Barbara Tuchmann
Der ferne Spiegel.
Ein Buch, das ich wirklich
finde es ganz furchtbar.
Darin erzählt sie, wie kindisch
die Gefühlswelt eines französischen Königs sei.
Und das Beispiel,
das sie dazu wählt,
ein König erobert eine Stadt,
ich meine es war Calais,
in Calais gibt es aber zumindest das Beispiel.
Und die Bürger,
die Widerstand geleistet haben,
die verurteilte er zum Tode.
Also den Rat lässt er kommen
in Büßerhemden mit einem Strick um den Hals,
um sie hinzurichten.
Und die Gemahlin des Königs,
die bittet flehentlich um Gnade.
Ich glaube in Calais
war es der englische König.
Und aufgrund der Bitten der Königin
begnadigt er dann all diese Leute.
Und das nimmt dieser Ort
der Autorin als Beispiel
für die Sprunghaftigkeit und Wechselhaftigkeit
dieses Königs.
Problem ist, wir haben genau dasselbe Spiel
auch in anderen Städten.
In Ghent zum Beispiel im 16. Jahrhundert.
Die Bürger kommen im Strick,
werden begnadigt.
Könnte man dann auf die Idee kommen,
dass es sich um eine relativ gut geplante
Inszenierung handelt.
Denn dieser König will nicht
den Stadtrat hinrichten,
das ist nicht sein Ziel.
Er will die schon gerne behalten, er will ihnen aber ordentlich zeigen,
er ist der Gestrenge,
seine Frau ist die Gütige,
am Ende lebt der Rat, sie hat den Denkzettel bekommen.
Wenn es so oft vorkommt,
könnte man auf diese Idee kommen.
Aber lieber wird den Menschen abgesprochen,
fertig entwickelte Menschen zu sein.
Die werden zu Kindern degradiert.
Und das ist eine Geisteshaltung,
die wir sehr sehr häufig haben.
Dass den Menschen im Mittelalter
weniger geistige Tiefe zugesprochen wird.
Eine gewisse Naivität wird ihnen zugesprochen.
Auch wenn die alles möglich glauben.
Sie hatten von diesem Angst
und von jedem Angst haben geglaubt.
Ob die Erde gerade eine Scheibe ist
oder Leute Angst vor Gewitter hatten
oder sonst irgendetwas.
Die Menschen im Mittelalter dachten immer das.
Ich kann verstehen, dass man Geschichte so sieht.
Aber das ist eine sehr unempathische Haltung.
Und gerade aufs Mittelalter auch da wieder.
Das Mittelalter ist nicht eintönig,
nicht gleichförmig.
Sollte man da deutlich differenzierter herangehen.
Natürlich gab es im Mittelalter naive Menschen.
Aber es gab eben auch Leute,
die alles andere als naiv waren.
Und die großartige Ideen hatten.
Also diese Unzurechnungsfähigkeit der Leute
ist etwas, das vergleichsweise häufig vorkommt.
Und wovor ich sehr sehr warnen möchte.
Dieses Narrativ,
hier haben wir die Bürger von Calais.
Es ist ganz bekannt.
Auguste Rodin hat diese Skulptur gemacht.
Das sind eben die Bürger,
die vor ihren König treten.
Auch als Buchmalerei gibt es das hier.
Der König und die buchstätigen Bürger,
die den Schlüssel übergeben.
Ist wie gesagt als Beispiel häufiger zu finden.
Vielen Dank.
Dann ein großer Liebling.
Die allmächtige Kirche.
Es gibt ständig irgendetwas,
was die Kirche verboten hat.
Die Kirche hat verboten,
dass die Menschen sich baden.
Die Kirche hat verboten...
Was hatten wir letztens?
Die Kirche hat gerade...
Was hatten sie verboten?
Ähm...
Ja, Katzen, richtig.
Das war das tolle.
Ihr müsst wissen,
die Kirche hat die Katzen
als Vertraute der Hexen verfolgt.
Und deswegen wurden Katzen getötet.
Und dadurch gab es mehr Ratten.
Und die haben die Pest ausgelöst.
Die Pest
Mitte des 14. Jahrhunderts.
Die Hexenverfolgung im 16. Jahrhundert.
Das ist so ein ganz typisches Narrativ.
Oder ein anderes schönes Beispiel.
Hat jetzt nichts mit dem Thema,
dass die Kirche immer überwürzt wurde.
Aber Gewürze waren so teuer,
dass nur Könige sie sich leisten konnten.
Ich liebe es,
wenn sich Dinge so direkt widersprechen.
Aber diese Vorstellung,
diese Erzählung ist natürlich
sehr häufig.
Die Kirche hat dieses und jenes verboten.
Immer wieder.
Dahinter steckt aber eine andere Vorstellung.
Nämlich die Kirche
als allmächtige Einheit.
Als allmächtige Institution.
Und die gab es nicht.
Also haben wir keine allmächtige Kirche.
Das ist eine vollkommen schräge Idee.
Denn die Kirche taumelt im Prinzip
in ihren eigenen Problemen.
Es fängt schon in der Spätantike an.
Da haben wir den arianischen Streit
um die Dreifaltigkeit zwischen großen Gruppen.
Dann gibt es das Konzil von Nicea.
Dass es sich da
halbwegs wieder gerade biegt.
Man findet eine Einigung
zwischen Ost- und Westkirchen.
Da geht es dann direkt weiter.
Wir haben dann das morgenländische Schisma
von 1054.
Die Kirchen werden gegenseitig
exkommunizieren.
Dann kommt es zum Zölibatstreit.
Um das 10. Jahrhundert
wird der Zölibat
immer mehr eingeführt.
Bis dahin waren ein Großteil
der Priester verheiratet.
In der Ostkirche sowieso.
In der Westkirche auch.
Der Bischof von Passau wird von seinen
erzürnten Priestern fast gelünscht.
Weil er auf dem Zölibat besteht.
Die hatten alle ihre Frauen.
Riesige Schwierigkeiten.
In der Kirche haben wir auch
immer wieder Reformbewegungen.
Sie vorstellen, dass das auch
ein monolithischer Block ist,
in dem nichts passiert.
Vollkommen falsch.
Wir haben die Klosterbewegung.
Benedikt von Nursia mit seinen
Klosterregeln.
Dann haben wir die
kluniazenische Klosterreform,
die sich weit verbreitet.
Am Ende kommen die Bettelorden.
Dann kommt eine neue Gruppe junger Priester,
junger Geistliche,
die sagen, wir wollen zurück zum alten Waren.
Wir wollen zur Einfachheit, zur Armut.
Wir wollen das wahre Christentum haben.
Die gründen neue Orden.
Die werden auch anerkannt.
Und irgendwann sind das die Satten.
Und 200 Jahre später kommt die nächste Reformbewegung
und sagt, wir wollen zurück zum wahren Christentum.
Und die Reformation, die Protestanten,
sind eigentlich nichts anderes als
eine dieser üblichen Reformwellen,
auch zeitlich passen die genau,
wie wir es gedacht haben.
Aber diese Reformbewegung haben wir immer wieder.
Das gesamte Mittelalter.
Auch Laienbewegungen.
Wir haben ganz viele Abspaltungen,
gegen die auch vorgegangen wird.
Da haben wir das Thema Inquisition.
Wir haben so etwas wie Gin Begaden.
Wir haben die Waldenser, Katara.
Also ganz viele Gruppierungen,
die etwas anderes wollen,
die auch teilweise ein Zurückwollen
zum wahren Christentum.
Am Ende kommt sogar das abendländische Schisma.
Von 1378 bis 1417.
Wo ist da die Einheit?
Wo ist da die mächtige Kirche,
die als Einheit dasteht,
wenn sie sogar zwei Päpste haben
und in sich gespalten sind über lange Zeit?
Da haben wir riesen Streit.
Dann haben wir auch als weitere Reformbewegung
die Konzilsbewegung.
Es gibt mehrere Konzile.
Bekannt ist in unserem Raum das Konzil von Konstanz.
Genau da, wo das Schisma auch beendet wird.
Da haben wir eine ganz spannende Entwicklung,
denn die Teilnehmer,
oder zumindest viele Teilnehmer des Konzils
sind der Meinung, dass die Konzile über den Papst stehen.
Das ist ein ganz langer Streit
zwischen dem Papst als höchste Autorität
und dem Konzil als höchste Autorität.
Das ist ein ganz langer Streit.
Auch da haben wir wieder keine Einheit
innerhalb der Kirche.
Die Forschung, dass wir da so ein Machtapparat haben,
auch die Christianisierung läuft nicht so,
ob das da einmarschiert wird
und Leute mit der Waffe zum Kreuz bekehrt werden.
Ja, ich weiß, Karl der Große hat irgendwie
so und so viel Tausend Sachsen umgebracht.
Das ist auch eine Sache, die sehr, sehr umstritten ist.
Die meisten Wissenschaftler gehen davon aus,
dass das in der Form nicht passiert.
Das haben wir teilweise.
Gibt es, aber im Großen und Ganzen
ist die Christianisierung erstens anders abgelaufen
und zweitens auch nicht mal von der Amtskirche aus.
In unserem breiten Graden waren es
die irischottischen Mönche,
die eben aus Irland und Schottland kamen
und die haben einen Großteil unserer Region christianisiert.
Auch da haben wir nicht die Zentralgewalt.
Es gibt irgendwann natürlich mächtige Zentralgewalten,
aber die Kirche ist sich nie einig.
Es gibt immer Streit,
es gibt immer Konflikte zwischen
den Bischöfen, dem Papst,
es gibt zwischen den einzelnen Orden Konflikte.
Aber wie können wir uns vorstellen,
dass die überhaupt in der Lage sind,
solche Verbote durchzuführen?
Schwierig.
Nehmen wir das Verbot der Armbrust.
1139 glaube ich.
Es wird immer gerne genommen,
die Kirche hat die Armbrust verboten.
Dann sehen wir eine moderne Armbrust des 50. Jahrhunderts.
Wir reden von 1139.
Sehr, sehr, sehr früh.
Das hat keine großen Auswirkungen.
Was bringt dieses Verbot?
Es wurde kaum berücksichtigt
und es hat am Ende auch keine Auswirkungen.
Das 300 Jahre altes Verbot
interessiert keinen Menschen mehr.
Da ist überhaupt nicht die Möglichkeit,
jemanden deswegen zu belangen.
Wo die Möglichkeit da ist,
nehmen wir die Inquisition.
Auch da ein schwieriges Thema.
Inquisition ist aus heutiger Sicht verdammenswert,
weil Andersdenkende verfolgt werden.
Aber bei weitem nicht in dem Rahmen,
wie man es sich gerne vorstellt.
Der massenmordende Inquisitor
ist eine ziemlich neue Idee.
Tatsächlich liegt die Anzahl der Todesstrafen
der verhandelten Fälle.
In vielen Fällen ist die Inquisition
ein Klaps auf die Hand.
Die Leute sollen zurückgeholt werden auf den Glauben.
Erst bei wiederholten Verhandlungen
wird es dann irgendwann fies
und irgendwann kommen die Todesstrafen.
Die spanische Inquisition
ist nochmal was anderes.
Die kann man eigentlich zusammenfassen
als staatlichen, gelenkten Terror
gegen Konvertiten,
jüdische und muslimische Konvertiten,
zum Christentum.
Und die spanische Inquisition
hat die Hexenverfolgung verhindert,
weil sie gesagt hat,
wir machen hier keine Hexenverfolgung.
In die Hexenverfolgung später
ist die Inquisition nur sehr wenig involviert.
Es gibt zwar kirchliche Hexenverfolgung,
zum Beispiel in den fränkischen Bistümern
Bamberg, Würzburg und Eichstätt.
Da ist es tatsächlich die katholische Kirche,
die hinter den Hexenverfolgungen steckt,
im Konflikt mit den reformierten Städten.
Da hat die Inquisition aber nichts mit zu tun.
Wie gesagt,
ich möchte hier nicht die Inquisition verteidigen,
aber das, was ihr gerne vorgeworfen wird,
haben wir so eigentlich nicht.
Lustigerweise, was verboten war,
ist die Bibel.
Das sieht man auch gerne, Bibelverbote.
Der Privatbesitz der Bibel war verboten,
wenn es um Übersetzungen geht.
Die gab es schon relativ früh.
Da reden wir vom Hochmittelalter,
dass es da übersetzte Bibelstücke gab.
Und die sollten die Laien nicht besitzen,
denn die Übersetzung, da die oft nicht gut war,
fürchte man eine Fehlinterpretation.
Sie sollten eine falsche Vorstellung bekommen.
Sie sollten vom Warenklauben abgehen.
Es gibt ausdrücklich,
wenn jemand die Vulgata
im lateinischen Versionen besitzen will,
soll er tun, ist erlaubt.
Alles, was an volkssprachigen Bibelübersetzungen da ist,
sollte eingezogen werden,
sollte verbrannt werden,
sollte zerstört werden,
sollte nicht privat besessen werden.
Das gab es tatsächlich.
Aber auch da sehen wir wieder,
wie großartiges umgesetzt werden konnte.
König Wenzel, auf der einen Seite bestätigt er das Verbot,
dass er die Bibel volkssprachlich schreibt.
Er hat sich selbst nicht daran gehalten.
Also da sehen wir wieder,
die Kirche hatte Macht.
Sie konnte gratis Exkommunikation.
War ein Machtmittel.
Aber es hat Grenzen.
Die unfassbar mächtige totalitäre Kirche,
wie sie gerne genutzt wird,
die gab es nie.
Ich verstehe manchmal nicht,
was dahinter steckt.
Will man da dem Mittelalter eine Diktatur aufdrücken?
Muss da ein totalitäres Regime herrschen?
Aus dem 20. Jahrhundert heraus
unsere Abneigung gegen totalitäre Regime
müssen wir deswegen im Mittelalter auch verpassen.
Denn wenn das Mittelalter etwas überhaupt nicht hat,
dann sind es solche Regime.
Auch der Kaiser, auch Könige hatten nie solche Machtfülle.
Die waren nie in der Lage,
eine groß angelegte Verfolgung zu machen.
Und wenn sie versucht haben,
ging es nicht wirklich gut.
Wir haben zum Beispiel die Verfolgung des Templerordens.
Aber auch das war innerhalb des Machtbereichs
des französischen Königs.
Und der war nicht so wahnsinnig groß.
Ähm...
Dann...
Das vierte Punkt.
Die Menschen waren körperlich anders.
Das ist ganz wichtig.
Die Menschen waren körperlich anders als wir.
Das fängt schon an bei den kleineren Menschen.
Die Menschen waren kleiner als wir heute.
Viel kleiner, teilweise absurd klein.
Ich war mal auf einer Burgfuhr
und da wurde meine Tochter,
die damals so 1,20m war, gesagt,
sie wäre normal für einen mittelalterlichen Menschen.
1,20m? Wir reden doch nicht von Pygmäen.
Und da gibt es...
Von Richard Stackel,
einem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler,
interessanterweise.
Größenforschungen werden gerne von Ökonomen durchgeführt.
Allerdings, wie gesagt,
eine Metastudie hat altere Studien ausgewertet
und große Vergleichszahlen gemacht.
Und er kam fürs Mittelalter
bei einer Durchschnittsgröße bei Männern
bei etwa 1,70m,
bei Frauen bei 1,56m raus.
Das ist nicht gerade klein.
Also heute, zum Vergleich,
wir liegen gerade bei 1,80m,
bei Männern und bei Frauen 1,66m
auch 10cm. Dabei muss man bedenken,
dass wir bei Männern vor 20 Jahren
noch bei 1,77m lagen, also 3cm weniger.
Sprich, der Mensch
war etwa 10cm kleiner als wir
heute im Schnitt.
Das sind jetzt keine Zwerge,
auch nicht riesig,
aber es ist nicht klein.
In der Neuzeit nimmt das deutlich ab.
Also 7cm weniger.
Wir haben im 18. Jahrhundert 1,63m als Durchschnittsgröße.
Deutlich, deutlich kleiner.
Gibt ganz viele Faktoren.
Ernährung spielt eine Rolle.
Im Mittelalter war die Ernährung nicht schlecht.
Wir haben erstmal ein großes Bevölkerungswachstum
bis ins Hochmittelalter, was deutlich zeigt,
es war Nahrung da.
Dann haben wir einen starken Rückgang,
Pest, auch soziale Punkte.
Aber das Ganze verbessert
die Versorgungslage sogar,
denn die schlechteren Böden werden zuerst aufgegeben.
Sprich, der Ertrag pro Hektar
wird größer.
Die Arbeitskräfte sind mangelbarer.
Sprich, die Löhne steigen.
Eigentlich eine ziemlich gute Sache.
Die Arbeitspreise sinken durch das Angebot.
Die Löhne steigen, nicht schlecht.
Und tatsächlich haben wir in der Zeit
eine relativ hohe Durchschnittsgröße.
Was da gerne reinfällt, ist dann das Klima.
Ja, wir haben ein Klima-Optimum
im Hochmittelalter.
Wir haben da einen halben Grad mehr Temperatur,
was zu besserem Ernten führt.
Und dann kommt die kleine Eiszeit.
Die wird gerne als Grund dafür angenommen.
Da haben wir aber ein Problem.
Da kommen wir gleich nochmal drauf.
Die These ist ein bisschen schwierig.
Das ist nicht so viel kleiner.
Kleinere Türen und solche Scherze haben andere Gründe.
Liegt nicht daran, dass die Menschen alle winzig waren.
Auch letztens während des Jahres mit den Ritterpferden.
Die waren ja auch alle winzig klein.
So ein Quatsch.
Schlechte Zähne hatten sie natürlich auch alle.
Das gehört dazu.
Also in Romanen und sonst wo
immer gerne schlechte Zähne.
Lustigerweise, Karies war sehr, sehr wenig verbreitet.
Ich hatte gerade letztens in Brandenburg
im Landesmuseum wieder Schädel
aus Schlachten vor mir.
Da hat mir die Archäologin Waffeneinwirkung
am Schädel erklärt.
Und ich habe mir die Zähne extra angeguckt.
Wir haben ein Loch gefunden.
Ein einziges.
Leicht abgeschliffen waren die Zähne bei einigen.
Aber nicht so stark wie aus dem ägyptischen Raum.
Da ist wirklich durch Sand im Brot
die Zähne stark abgeschliffen.
Eigentlich haben die erstaunlich gute Zähne.
Liegt an der Ernährung.
Liegt an Zucker, liegt an Karies
und solchen Dingen.
Aber ist ein Klischee.
Im Schnitt waren die Zähne nicht so schlecht.
Das ist ein Gegenbeispiel.
Aber auch so etwas wie Fahlerhaut.
Ich glaube, es gab im Stern vor Jahren
mal einen Artikel, da haben sie erzählt,
schön wären die Frauen nicht anzusehen gewesen
mit eingefallenen Augen, Fahlerhaut und so.
Und da wird wieder das Mittelalter
als dauerhafte Mangelernährung genommen.
Also dauerhaft ging es den Leuten schlecht
und sie waren überarbeitet und schlecht
und halbtot.
Dann gucke ich mir die Bilder an.
Wir haben die Bilder.
Wir gucken uns mal an, wie Menschen dargestellt werden.
Hier habe ich einen Mann.
Das ist für mich immer ein schönes Beispiel
für das Einschnüren mit dem Wams.
Ich behaupte, diese Rötung ist vom Einschnüren des Wams.
Es gibt andere Ansichten, aber
sehe ich so ansonsten nicht so wahnsinnig auffällig.
Bei der Frau
sehen wir einen Unterschied.
Da haben wir das schöne Ideal
des Spätmittelalters. Sehr kleine Brüste
und ein großes Becken
und vor allem einen Bauch.
Hier haben wir einen niederländischen Meister
mit Adam und Eva.
Und beim Mann ist da überhaupt nichts auffällig.
Wenn wir den in moderne Klamotten stecken,
sehen wir da nichts ungewöhnliches.
Weder im Teint
noch in der Ernährung.
Das wäre heute ein gut aussehender Mann.
Bei der Frau tatsächlich
da ist ein deutlicher Unterschied zu sehen.
Dieser Körperbau ist heute
auch kein Schönheitsideal.
Ich wüsste auch nicht, dass ich eine Frau kenne,
die so eine Birnenform hat.
War damals sehr populär.
Ob das jetzt an Schwangerschaften,
Nahrung oder wirklich nur Schönheitsideal
liegt, weiß ich nicht.
Wenn wir das Gesicht aber nehmen, auch die Frau,
modern geschminkt in modernen Klamotten,
die wäre jetzt nicht so wahnsinnig auffällig.
Und es zieht sich überall ganz, ganz viel.
Wenn wir die Bildquellen anschauen,
die Leute sehen nicht anders aus als wir.
Wir sehen da keinen Unterschied.
Wir erkennen nicht, ob das ein mittelalterlicher Mensch ist.
Und die sind auch nicht alle fahl.
Und sie haben nicht alle schlechte Zähne.
Und furchtbar klein sind sie eben auch nicht.
Sie müssen aber irgendwie von uns getrennt werden.
Da muss irgendeine Lücke gemacht werden.
Die müssen anders aussehen.
Der Mittelalter muss fremd sein.
Ist so ein Fetisch, den ich auch nicht verstehe.
Aber nicht nur
das Aussehen der Menschen war anders.
Auch die Gefühlswelt war natürlich
eine völlig andere.
Ich hatte eben schon so
die Menschen sind nicht
voll zurechnungsfähig gewesen.
Aber jetzt kommen zwei wichtige Dinge.
Erstens, Kinder waren immer kleine Erwachsene.
Und so was wie Kinderliebe gab es auch nicht.
Sterben ja eh schnell, dann wurde auch gar nicht groß getrauert.
Und Liebe gab es in der Form auch nicht.
Sie waren ja alle eh zwangsverheiratet.
Und dementsprechend gab es auch keine Liebe.
Kein Scherz, das kann man so lesen.
Das denke ich mir nicht aus.
Auch wenn es so klingt.
Hier haben wir auch durchaus Bilder,
die das mehr oder minder
stützen.
Hier haben wir ein Bild einer Stifterin.
Und dahinter sind vier Töchter zu sehen.
Auf der anderen Seite ist der Mann mit seinen Söhnen.
Aber ich habe das Bild hier ausgewählt.
Die beiden älteren Töchter
sehen tatsächlich aus wie die Frau.
Sie tragen Erwachsenenkleidung,
auch mit Haube und so.
Nicht davon ausgehen, dass es unbedingt verheiratet ist.
Also unter die Haube bringen stimmt teilweise.
Frauen tragen Haube, unverheiratet nicht.
Aber es gilt nicht überall.
Die können genauso gut unverheiratet sein,
aber anständig angezogen.
Die beiden Jüngeren dahinter,
die tragen, ja, das ist schwierig.
Diese Schaube, die sie tragen,
kann Erwachsenenkleidung sein.
Werden wir aber gleich sehen, kann auch Kinderkleidung sein.
Wir haben aber auch Darstellungen von Kindern,
die wirklich als Kinder dargestellt sind.
Hier aus der Dermstein-Handschrift.
Das sind zwei Ammen und fünf Kinder.
Und die tragen jetzt eben auch so eine Schaube,
so ein Kittelchen.
Sehr praktische Kleidung für Kinder.
Tragen Jungen wie Mädchen.
Denn schnell offen,
auch wenn keine Windel getragen wird,
ist das eine praktische Angelegenheit für die Kinder.
Solche Kittel sind relativ verbreitet.
Und der eine Junge auf der rechten Seite,
der spielt sogar schon mit einem Spielzeug.
In dem Fall ist es so ein Windrad.
Wenn man drauf pustet, passiert gar nichts.
Ist aber ein Thema für ein andermal.
Und wir haben auch Erziehungsratgeber.
Das Regiment der jungen Kinder.
Hier ist das Titelbild.
Und da sieht man eine Familie.
Wir sehen ein Kind in einer Wiege.
Wir sehen ein Mädchen, das mit der Mutter spinnt.
Und wir sehen einen Jungen,
der gerade offenbar lesen lernt.
Schöne Aufgabenteilung hier.
Werden wir gleich ein Gegenbeispiel sehen.
In dem Buch geht es um Kindererziehung.
Also haben wir auch Quellen.
Und hier haben wir
ein Beispiel für einen Lehrer.
Lustigerweise sehen wir einen Jungen und ein Mädchen.
Das hintere dürfte ein Mädchen sein.
Zumindest der Haube nach zu urteilen.
Das ist ein Alphabetbaum, ein ABC-Baum.
Zum Lesen lernen.
Da muss man jetzt klar trennen in der Schulbildung.
Reden wir von einer Schule
oder reden wir von der Vorschulausbildung.
Die meisten Kinder haben im eigenen Haushalt
Lesen und Schreiben gelernt.
In der Schule lernt man nicht Lesen und Schreiben.
Das kann man normalerweise schon.
Bei den Wohlhabenden haben wir Hauslehrer.
Aber sie können trotzdem Lesen und Schreiben.
Weil es Hauslehrer gibt.
Muss auch kein spezialisierter Lehrer sein.
Kann auch die Tante sein.
Kann die Begine sein.
Gibt es ganz viele Möglichkeiten.
Die Eltern selbst.
Aber die sind nicht ganz von der Bildung ausgeschlossen.
Nur von der höheren Bildung.
Schlimm genug.
Und hier im Jahreslauf sieht man es ganz besonders.
Das ist das Tübinger Hausbuch.
Und da sieht man den Jahreslauf.
Und am Anfang wird ein Kind dargestellt.
Es ist ein Steckenpferd.
Es ist nackt.
Es spielt mit einer solchen Reiterlanze.
Und da ist Spiel drin.
Hier wird ein Kind eben nicht als kleiner Erwachsener gesehen.
Sondern es wird ihm zugestanden.
Dieses Kind ist ein spielendes Kind.
Und wir haben wahnsinnig viele Quellen über Spiel.
Hier haben wir Federballspiel.
Wir haben nochmal ein Steckenpferd.
Oder eher ein Steckengans.
Bild, das ich ganz toll finde.
Wir haben ein Puppentheater.
Das ist schon relativ früh.
Das ist die Ausstellung für ein Puppentheater.
Seifenblasen sehen wir hier.
Und dann gibt es als
nicht mehr im Mittelalter, im 16. Jahrhundert
Peter Proigel Kinderspiele.
Das ist ein Wimmelbild
mit wahnsinnig vielen Arten von Spielen.
Ich habe ein paar davon herausgesucht.
Hier wird der Reifen getrieben.
Das ist nicht mal ein junges Kind.
Wir haben Reiterspiele.
Reiterkampfspiele. Sehr sehr beliebt.
Wir haben den Kreisel.
Also wir haben Beispiele dafür,
dass Kinder Kinder sein dürfen.
Wir haben auch die Schriftquellen.
Ähm
Eneas Silvius Piccolomini,
der spätere Papst Pius II. schreibt
Im Übrigen würde ich dem Kind
mit Ausnahme der Unsittlichen kein Spiel verbieten.
Mit Freunden Ball zu spielen,
wozu der Johannes Hinderbach eine Anleitung geschrieben hat,
finde ich richtig und lobenswert.
Daneben gibt es das Reifenspiel und andere Kinderspiele,
die nicht gegen die guten Sitten verstoßen
und die dir deine Lehrer häufig gestatten sollten,
damit neben der Arbeit auch Erholung
und Körperertüchtigung Platz habe.
Er selber schreibt zum Thema Strafen.
Natürlich wäre im Mittelalter,
wie auch in der Neuzeit,
Körperstrafen allgemein üblich,
allgemein anerkannt, wird sogar zugeraten.
Und hier ist dazu aber von
Piccolomini eine Aussage.
Man soll auch hier das rechte Maß finden,
damit die Kinder durch Drogen oder Tadel
nicht allzu sehr geängstigt werden
oder an körperlichen Strafen zerbrechen.
Leider sind viele Eltern in ihrem Irrtum befangen,
dass Drogen und Schläge bei einer guten Erziehung
ihrer Söhne von großem Nutzen seien.
Hingegen wird dadurch kaum etwas anderes erreicht,
als dass man ihnen eine Furcht anerzieht,
von der sie sich selbst als Erwachsenen
nur schwer befreien können.
Also hier haben wir eine entsprechende Aussage.
Und ja, im Mittelalter gibt es viele körperliche Strafen.
Auch bei Kindern.
Auch Gewalt in der Ehe, das Züchtigen einer Ehefrau,
gilt als normal.
Verabscheuungswürdig aus unserer Sicht.
Aber wir haben ja auch die entsprechende Gegensicht.
Und dass die Menschen keine Kinderliebe hatten.
Wir haben herzergreifende Briefe
von Menschen, deren Kinder gestorben sind.
Wir haben Trauer bei Kindern.
Und natürlich, wenn man acht Kinder hat
und weiß von Anfang an, die Hälfte davon wird still,
dass sie sterben.
Also wir haben teilweise Kindersterblichkeiten um 40%.
Teilweise weniger, aber 40% kommen vor.
Da muss ich im Prinzip davon ausgehen,
von meinen acht Kindern werden drei bis vier sterben.
Hurra. Toll.
Ich weiß nicht, was das mit Menschen macht.
Aber ich glaube, ich kann mir nicht vorstellen,
dass Leute nicht getrauert haben.
Und Liebe und Trauer, das sind so menschliche Gefühle.
Liebe insgesamt.
Da wird gerne gesagt, das entsteht erst später.
Erst in der Romantik kommt die Vorstellung
von romantischer Liebe.
Und ja, in einer Gesellschaft,
die Zwangsehen kennt,
kann ich mir vorstellen, dass das anders ist.
Dass auch Liebe außerhalb der Ehe stattfindet.
Dass eben nicht die Frau
das Objekt der Liebe ist.
Was wir in der Minde ganz, ganz deutlich haben.
Andererseits die Vorstellung,
dass überall Zwangsheirat ist.
Bei den Erstgeborenen im Adel ziemlich sicher.
Bei den Nachgeborenen sieht es schon anders aus.
Und bei den Bauern,
ja, da wird dann gerne gesagt,
ja, der Lehnsherr,
der verpasst dir den Ehepartner.
Warum sollte er?
Das ist nicht seine Aufgabe.
Der sitzt doch da nicht mit Listen und überlegt,
wen man mit wem verheiratet.
Auch da gibt es natürlich Zwangsehen.
Auch da gibt es Ehen,
die durch die Eltern vereinbart werden.
Das haben wir heute noch.
In ganz vielen Teilen der Welt ist das so.
Auch da müssen wir uns von der Idee lösen,
dass das heute anders wäre.
Bei uns zum Glück anderswo nicht.
Aber trotzdem, gerade auf dem Land,
je weniger man hat, umso mehr Freiheiten hat man
zu heiraten, wie man eigentlich möchte.
Und wenn aus diesen sozialen Aktivitäten
keine Liebe entsteht,
fällt mir ganz, ganz schwer.
Ganz schwer.
Ja, natürlich, Hildegard von Bingen schreibt,
was man nehmen soll, um sich von der
Geisteskrankheit der Liebe zu lösen.
Aber mein Gott, das war eine Nonne.
Nicht die beste Gewehrsfrau
zu dem Thema.
Also ich habe immer ein Problem da,
mir vorzustellen, dass die Leute
eine vollkommen andere Gefühlswelt als wir heute haben.
Natürlich sind sie anders sozialisiert.
Aber deswegen heißt es noch lange nicht,
dass so etwas wie Liebe
und Mitgefühl überhaupt erst
in der Neuzeit entstanden ist.
Aber dann sind wir beim
letzten großen Thema.
Das Mittelalter war grausam.
Und zwar im doppelten Sinne.
Zum einen das Mittelalter war eine grausame Zeit
voller Kriege, voller Hungersnöte,
voller Katastrophen.
Wenn man sich mal die Kriege so zu Gemüte führt,
dann ja,
aus der Übersicht sind das ziemlich viele.
Aber nehmen wir mal ein Beispiel
Frankfurt am Main im 15. Jahrhundert.
Die sehen keinen Krieg.
Die sind in Kriegen verwickelt, aber die sind weit weg.
Vor der Stadt gibt es da nichts.
Es gibt mal eine Fäde, es gibt Fäden.
Aber der Bewohner der Stadt Frankfurt
hat im gesamten 15. Jahrhundert keinen Krieg erlebt.
Nicht einen einzigen.
Auch Hungersnöte.
Im 14. Jahrhundert
da gibt es eine.
Keine großen Stadtbrände.
Wo ist die grausame Zeit?
Wo sind die Katastrophen?
Guckt euch das 20. Jahrhundert an.
Das muss die Hölle selbst gewesen sein.
Zwei Weltkriege, ganz schreckliche Katastrophen.
Furchtbar.
Aber im Alltagsleben.
Wie nimmt man es denn wahr?
Wie nimmt man große Katastrophen tatsächlich wahr?
Es ist nicht so, dass man Zeit seines Lebens
daran knabbert.
Unter Umständen, weil man direkt betroffen ist.
Aber der Mensch kann wunderbar verdrängen.
Und ich glaube, der mittelalterliche Mensch hat seine Zeit
nicht als Katastrophenzeit wahrgenommen.
Fragt die Menschen während einer Pestwelle.
Anderes Ding.
Fragten zehn Jahre danach.
Ich glaube, die Pestwelle war da.
Aber...
Noch schlimmer ist,
der Mensch war grausam.
Ich habe sogar in der Recherche ein Interview gelesen.
Da ging es darum, ob der Mensch im Mittelalter
Sadist gewesen sei.
Dann hat ein Wissenschaftler davon gesprochen.
Von all den Grausamkeiten, die er so gesehen hat.
Welche Könige es geliebt haben,
ihre Untertanen zu quälen.
Solche Dinge.
Die Menschen strömen zu den Hinrichtungen.
Die Idee ist wirklich,
am Sonntag gehe ich zur Hinrichtung,
weil es so nett ist.
Ich nehme jetzt eine Quelle aus der Neuzeit.
Franz Schmidt Nürnberg.
Nürnberger Scharfrichter von 1573
bis 1617.
Also 44 Jahre lang arbeitet er
als Scharfrichter in Nürnberg.
Er wird zwangsweise dazu gemacht.
Die Stadt nimmt ihn mehr oder weniger zu.
Sie sagt, du bist jetzt der Scharfrichter.
Und er will das auch loswerden.
Er schafft es auch am Ende, das loszuwerden.
Er wird sogar wieder in den Stand der Ehrbarkeit
zurückgeholt, per kaiserliches Dekret.
Es ist sein Ziel, immer aus der Ehrlosigkeit
als Scharfrichter rauszukommen
und wieder einen anständigen Beruf zu haben.
Aber von dem wissen wir nämlich.
Er hat nämlich Tagebuch geführt.
Großartige Quelle.
Und in diesen 44 Jahren, wohlgemerkt in einer Zeit,
in der das Strafrecht sich deutlich verschärft,
hat er 361 Hinrichtungen
und 345 Leibstrafen vollzogen.
Leibstrafen, also Auspeitschen,
Finger ab,
Wange durchstoßen,
alles was es so gibt.
Das sind etwa 8 im Jahr.
Bei den Todesstrafen sind es 8,2 im Jahr.
Bei einer Stadt wie Nürnberg.
Ich glaube, der hat 40.000 Einwohner.
Übertragen wir das mal 1 zu 1
auf eine Stadt wie Frankfurt
mit 10.000 Einwohnern,
sind wir bei 2 Todesstrafen im Jahr.
Gehen wir aufs Dorf.
Hier in Münzenberg, wir haben einen Galgen.
Ich glaube, dieser Galgen ist mehr so wie im Western.
Wenn du in diese Stadt kommst, Fremder,
hier wird Recht gesprochen.
Er liegt vor allem an der wichtigsten Handelsstraße.
Also du musst an ihm vorbei.
Es gibt im Mittelalter viel weniger Todesstrafen
als man gemeinhin denkt.
Das kann man übertragen.
Hier haben wir eine wunderbare Quelle.
Aber wenn wir ins Mittelalter gehen,
sieht das nicht so wahnsinnig viel anders aus.
Die haben sich nicht ständig alle umgebracht.
Wie viele Todesstrafen sollen wir bei 10.000 Einwohnern verhängen?
Irgendwann ist die Stadt leer.
Dann erleben wir auch Mitleid.
Schlimm wird es für den Scharfrichter,
wenn er bei seiner Hinrichtung pusht.
Wenn das Opfer leidet,
da gibt es Fälle,
da wird der Scharfrichter gelünscht.
Es gibt auch durchaus Mitleid.
Auch diese Verbrecher haben zum Teil Familie.
Man darf sich nicht vorstellen,
wir haben das in England.
In London gibt es so einen riesigen Galgen,
bei dem ein Dutzend Leute gehängt wurden.
Da sind wir bald in der Neuzeit.
Da sind wir im 18. Jahrhundert.
Da gibt es regelrechte Volksfeste.
Ein Teil der Leute sind verroht.
Aber diese Idee des verrohten
mittelalterlichen Menschen
sehe ich so nicht.
Auch wenn wir Quellen
über Mitleid haben.
Wir haben die
Gottesfriedensbewegung im Mittelalter.
Es gibt die Bewegung,
dass Fäden eingeschränkt werden.
Natürlich ist das Mittelalter nicht grausam.
Welches Mittelalter ist das?
Wir reden immer noch von Menschen.
Der ist dazu da,
Menschen Schlimmes zu tun.
Wir haben Kriege,
wir haben Grausamkeiten,
wir haben Massaker,
wir haben das alles.
Aber wenn wir das aufs gesamte Mittelalter umlegen,
dann dürfen wir nicht mehr über unsere Zeit reden.
Wir haben in den letzten 200 Jahren
so viele furchtbare Verbrechen.
Wir haben ganze Genozide.
Wir haben gerade im Kolonialbereich
eine strukturierte Grausamkeit
gegenüber Menschen.
Das sollten wir uns
mit der Verurteilung des Mittelalters
ganz, ganz, ganz doll zurückhalten.
Übrigens,
bei den Leibstrafen
von diesem Franz Schmidt
gab es zweimal Rädern
und Ertränken gab es gar nicht,
denn er hat zusammen mit Kirchenvertretern
darauf gepocht,
dass die Strafe des Ertränkens,
die vor allem bei Kindsmörderinnen angewandt wird,
gegen Köpfen mit dem Schwert
ersetzt wird.
Aus der Sicht der Leute offenbar
eine Strafminderung,
weil es schneller geht
und nicht so grausam ist.
Aber dieser Henker hat sich
gegen das Ertränken eingesetzt.
Auch spannend.
Die grausamsten Strafen,
eben wie das Rädern,
kommen in der Neuzeit viel, viel häufiger vor.
Das ist im Mittelalter gar nicht so verbreitet.
Und die allergrausamsten Strafen,
von denen ich bisher gehört habe,
die können wir in die Antike, in den Orient
oder sonst wo packen.
Da ist Europa relativ kleine Brötchen.
Immer noch schlimm genug.
Von Henkern und so.
Ist halt Unsinn.
Großer, großer Unsinn.
Ah ja, hier hatte ich noch
von der ARD Grausamkeit.
Es gab da eine schöne
Einleitung zu diesem Artikel
von diesem Interview,
wo ich gesagt habe,
die Inquisitoren des Mittelalters
kannten keine Gnade.
Unerbittlich und grausam wurden Andersdenkende
die Kirche gegen sogenannte Heretiker vor,
darunter prominente Wissenschaftler
wie Galileo Galilei.
Galileo Galilei im Mittelalter?
Okay, also ist von der ARD wohlgemerkt,
ist die Einleitung zu diesem Interview.
Und das Bild dazu, also offensichtlich
keine mittelalterliche Quelle.
Ihm oder ihr, ich glaube,
ihr fehlt auch schon eine Hand.
Jetzt wird sie mit einem Knüppel geschlagen.
Das ist das Bild, das wir gezeigt bekommen.
Das ist genau das, was ich gerade gesagt habe.
Und warum die Inquisitoren
da reingekommen sind, weiß ich auch nicht.
Und die Kirche gegen Heretiker.
Es ist sehr schräg, aber es ist ganz wichtig,
dass dieses Bild so irgendwie in den Köpfen bleibt.
Und es ist sehr erfolgreich.
Wahnsinnig erfolgreich.
Mittelalter, wissen wir, hat überhaupt kein gutes Image.
Die Zusammenfassung
des Ganzen.
Hauptsächlich geht es immer darum,
das Mittelalter war anders als andere Zeiten.
Es muss etwas Spezielles haben.
Die Menschen waren kleiner als anders,
wo sie denken anders.
Und genau das ist es eben nicht.
Grausamkeit zum Beispiel haben wir
durch die Menschheitsgeschichte.
Die Antike ist nicht besser.
Die Antike ist nicht weniger abergläubig als das Mittelalter.
Sie ist nicht weniger grausam als das Mittelalter.
Sie ist nicht weniger unfrei als das Mittelalter.
All das stimmt nicht.
Und in der Neuzeit auch nicht.
Ich habe ja gesagt,
für die Masse der Menschen in der Antike
zum Mittelalter ist kein großer Unterschied.
Den Unterschied zur Neuzeit kriegen die sehr, sehr genau mit.
Denn es geht ihnen meistens erst mal schlechter.
Für die Bauern, die Abgabenlast erhöht sich.
Ganz enorm.
Wir haben eine Verelendung weiterer
Teile der Landbevölkerung.
Nicht überall, auch da müssen wir genauer hinschauen.
Auch das kann man nicht generalisieren.
Aber man kann es in vielen Stellen sehen.
Und durch die Industrialisierung
ändert sich nochmal alles.
Dann haben wir eine ganz große Umwälzung
für Massen der Bevölkerung.
Die Massen der Bevölkerung sind auf einmal in den Städten
und suchen da Arbeit, industrialisierte Arbeit.
Vollkommen anders.
Da haben wir riesige Umwälzungen.
Das könnte man zum Beispiel als Abgrenzung nehmen.
Es muss aus irgendeiner Art anders sein.
Es muss zur Katastrophenzeit hingestellt werden.
Erinnert euch an Terex.
Ständige Hungersnöte, auch wenn die eher lokal sind.
Und nur dann irgendwie ein Muster geben,
wenn man sie alle nebeneinander setzt.
Auch die kleine Eiszeit ist da ganz wichtig.
Im Spätmittelalter die kleine Eiszeit.
Alles wird kälter, alles gefriert.
Die kleine Eiszeit war
etwa ein Grad
Verschlechterung.
Macht etwas aus.
Wir haben zugefrierte Flüsse und Krachten.
Ganz eindeutig.
Im Spätmittelalter haben wir
gerade mal das Ende des Klimaoptimums.
Und dann haben wir die kleine Eiszeit
deutlich, deutlich später.
Hat mit dem Mittelalter nur ganz, ganz bedingt etwas zu tun.
Hat quasi keinerlei Auswirkungen auf die Erträge im Mittelalter.
Das ist etwas, was wir 200 Jahre später erleben.
Trotzdem gleich noch dem Mittelalter zugeworfen.
Ist so ein bisschen
das Aschenpudel-Prinzip.
Die schlechten Linsen
kommen ins Köpfchen,
die guten kommen ins Töpfchen.
Mittelalter muss dafür alles herhalten.
Und dieser Versuch, es abzugrenzen,
dieser Versuch, es schlechter
dastehen zu lassen als andere Zeiten,
die verstehe ich nicht.
Denn gerade wenn wir von Dingen reden wie
Grausamkeit, Kriege,
Aberglauben,
Unwissen, medizinhygienische
Zustände, das ist alles nichts,
was das Mittelalter exklusiv hat.
Das sind alles Dinge, die wir der Vormoderne
zugestehen können.
Also wenn wir sagen, wir reden von der Zeit
vor dem 19. Jahrhundert,
wenn wir überhaupt so großzügig sind,
dann wird das ja in einigen Punkten
auch nicht wirklich besser.
Wenn wir einen Zeitraum nehmen
vor der Moderne,
vor dem Beginn
einer Zivilisation,
wie wir sie kennen, also einem
Staatengebilde mit öffentlichen Versorgung
und so etwas. Wenn wir da vorreden,
dann haben wir Kontinuitäten.
Dann ist das bis dahin so.
Also die hygienischen Zustände
verbessern sich nur ganz, ganz gering,
bis wir öffentliche Kanalisation,
moderne Medizin, Antibiotika
und ähnliches haben.
Bis dahin haben wir dieselben Probleme.
Kein großer Unterschied.
Aber auch da, wie oft muss ich lesen,
dass die Cholera im Mittelalter wahnsinnig verbreitet war.
Die Cholera gab es im Mittelalter noch gar nicht.
Kommt nicht vor.
Oder sowas wie Typhus,
ist im Artikel nachweisbar,
im Mittelalter macht es eine größere Pause.
Das Frühmittelalter mit seiner
Dezentralisierung, mit seinen Dörfern
und seinen Klöstern und Burgen,
ohne große Städte,
ist sogar relativ gefeit gegen große Seuchen.
Es ist keine große Überraschung,
dass die Pest sich so stark ausbreiten kann
in einem Europa, in dem wir viel mehr
Handelsbeziehungen haben,
in dem wir viel mehr Mobilität haben
und große Städte, in denen sich die Pest ausbreiten kann.
Das wundere mich persönlich nicht.
Klar, der Ausbruch kommt noch dazu,
aber die Infrastruktur
für die Pest war gegeben.
Wäre die Pest irgendwie im 9. Jahrhundert
nach Europa gekommen,
das wäre nicht so schnell und einfach gegangen.
Aber Krankheiten haben wir durch die gesamte Vormoderne.
Viele haben wir inzwischen besiegt,
aber wir haben gerade erlebt, was passiert,
wenn eine neue Krankheit kommt.
Diese Idee,
das Mittelalter zu etwas ganz Speziellem zu machen
und immer wieder dazu zu berichten,
wie dreckig das Mittelalter war,
wie grausam das Mittelalter war,
das verstehe ich nicht.
Hier haben wir gerade das Beispiel gehabt,
Galileo Galilei wird noch zum Mittelalter geschlagen,
um das Narrativ der bösen Kirsche,
die die Ketzer verfolgt, aufrechterhalten zu können.
Dabei reden wir von einer vollkommen anderen Kirsche.
Eine Kirche, die sich in der Gegenreformation befindet,
die einen heftigen Abwehrkampf kämpft
und die wirklich biestig wird dabei.
Wir reden von einer Kirche
mit einem ganz anderen Missionsanspruch,
denn wir sind in der Zeit der Kolonialisierung,
in der in Südamerika,
auch in Asien,
massenhaft missioniert wird.
Da reden wir von einer ganz, ganz anderen Kirche.
Das ist nicht die Kirche,
die wir im Mittelalter hatten.
Aber der Galileo-Prozess ist auch noch ein ganz eigenes Thema.
Auch da lief alles anders,
als es uns gerne so erzählt wird.
Selbst auf Wikipedia
stehen da relativ viele Informationen zu.
Nur ganz nebenbei.
Das waren so die Narrativen hinter den Narrativen.
Diese Meta-Erzählung über das Mittelalter,
die ich immer sehr, sehr schräg finde
und auf die all die anderen hineinpassen.
Achtet mal drauf,
wenn ihr das nächste Mal,
ich meine, man kann so sagen,
wenn ein Satz beginnt mit
im Mittelalter glaubte man
oder die Menschen im Mittelalter haben,
da kommt nichts Gutes mehr hinterher.
Überlegt mal,
in welche dieser Erzählungen sie hineinpassen.
Denn sie haben immer eine der Stoßrichtungen.
Die Menschen sind anders in dem, in dem oder in dem Punkt.
Wir können eine Menge erzählen
über die Grausamkeit des Mittelalters.
Gar keine Frage.
Aber in anderen Zeiten ist es eben nicht anders.
Es soll keine Entschuldigung sein.
Es soll nur zeigen, wie schräg diese Erzählungen sind
und wie sehr sie an anderen Punkten vorbeigehen.
Also ich finde das immer sehr, sehr spannend.
Schreibt mir in die Kommentare,
was ihr davon denkt.
Welche Beispiele habt ihr noch?
Eure schlimmsten Mittelalter-Klischees
und eure schlimmsten Mittelalter-Erzählungen.
Schreibt sie mir unten rein.
Ich lese das sehr gerne.
Vielleicht machen wir irgendwann ein Reaktionsvideo drauf
und ich lese mal vor, was ihr mir alles geschrieben habt.
Wenn es euch gefallen hat,
wie gesagt, immer Kommentaren am besten.
Aber den Film liken,
den Kanal abonnieren, wenn ihr es noch nicht gemacht habt.
Unbedingt.
Wenn ihr mich weiter unterstützen wollt,
ihr könnt das über Ko-Fi oder Patreon machen.
Die Links findet ihr unten.
Ansonsten sehen wir uns nächste Woche wieder.
Mittwochs kommt ein neuer Film.
Versprochen.
Bis dahin wünsche ich euch alles Gute
und bleibt gesund.