Bringschuld – Wikipedia [Link]
org/wiki/Bringschuld
Bringschuld
Bringschuld ist ein Rechtsbegriff aus dem Schuldrecht und bedeutet, dass Leistungs- und
Erfolgsort der Wohn- beziehungsweise Geschäftssitz des Gläubigers ist. Dorthin muss der
Schuldner kommen, um seine Schuld zu erfüllen.
Inhaltsverzeichnis
Allgemeines
Kaufvertrag
Geldschulden
Informationsverwaltung
Siehe auch
Moralische Bringschuld
Weblinks
Einzelnachweise
Allgemeines
Das Gesetz hat Regelungen zu treffen, die sich mit der Frage befassen, wo und wie der
Schuldner die ihm obliegende Leistung zu erbringen hat. Ist nichts anderes vereinbart, so sind
aus allen Schuldverhältnissen die Leistungen des Schuldners am Wohn- oder Geschäftssitz des
Schuldners zu erbringen (§ 269 Abs. 1 BGB); der Gläubiger muss also die Leistung vom
Schuldner „holen“. Es gibt vertragliche (insbesondere Kaufvertrag, Darlehensvertrag),
gesetzliche (ungerechtfertigte Bereicherung) und rechtsgeschäftsähnliche (culpa in
contrahendo) Schuldverhältnisse, bei denen Bringschulden vorkommen. Die Bringschuld
andererseits ist für den Schuldner ungünstig, da er Leistungsgefahr und Preisgefahr auch
während des Transports zum Gläubiger zu tragen hat und der Gefahrübergang erst beim
Gläubiger eintritt.
Kaufvertrag
Am Beispiel des Kaufvertrags sollen die gegenseitigen Bringschulden erläutert werden. Beim
Kaufvertrag hat der Verkäufer dem Käufer die Ware frei von Sach- und Rechtsmängeln zu
übergeben und ihm Eigentum zu verschaffen (§ 433 Abs. 1 BGB), der Käufer hat die Ware
anzunehmen und dem Verkäufer den Kaufpreis zu übereignen (§ 433 Abs. 2 BGB).
Hierbei sind beide Vertragspartner Schuldner, nämlich der Verkäufer schuldet die
Warenlieferung, der Käufer schuldet die Kaufpreiszahlung. Das bedeutet im Hinblick auf die
1 von 4 16.02.2025, 17:50
Bringschuld – Wikipedia [Link]
Bringschuld, dass insbesondere bei höherwertigen Gebrauchsgütern im Einzelhandel, die der
Käufer nicht selbst abtransportiert und sowohl Transport als auch Installation Sachkenntnis
verlangen, die Warenlieferung regelmäßig eine Bringschuld darstellt.[1] Dann trägt der Lieferant
die Transportgefahr bis zum Käufer. Wird jedoch vereinbart, dass der Verkäufer lediglich die
Versandkosten übernimmt oder der Käufer „Selbstabholer“ sein soll, dann wird die Lieferung
zur Holschuld (§§ 269 Abs. 3, § 447 Abs. 1 BGB; siehe Preisgefahr), und die Ware reist auf
Gefahr des Käufers. Der Käufer besitzt eine Bringschuld für den zu entrichtenden Kaufpreis, der
meist aus Geldschulden besteht.
Geldschulden
Bisher galt nach ganz überwiegender Auffassung in Literatur und Rechtsprechung, dass gemäß
§§ 270 Abs. 1 und 4, § 269 BGB die Geldschuld eine modifizierte Schickschuld ist, die am Sitz
des Schuldners zu erbringen ist und bei der er lediglich die Verlustgefahr trägt.[2] Der Käufer
hatte lediglich die Gefahr der Geldübermittlung, nicht jedoch die Gefahr der Verzögerung (etwa
bei einer Banküberweisung) zu tragen.[3] Aufgrund europarechtlicher Vorgaben in der
Zahlungsverzugsrichtlinie[4] – die nach Nr. 13 allerdings nur im Geschäftsverkehr zwischen
Unternehmen gilt – sind Geldschulden nach der mittlerweile herrschenden Meinung als
modifizierte Bringschulden zu behandeln mit der Folge, dass der Leistungs- und Erfolgsort am
Sitz des Verkäufers zusammenfallen. Nach einem Urteil des EuGH vom April 2008[5] ist eine
Zahlung durch den Käufer nur dann rechtzeitig erfolgt, wenn der Verkäufer den Betrag
innerhalb der Zahlungsfrist auch tatsächlich durch Kontogutschrift erhalten hat.[6]
Verzögerungen bei der Bearbeitung des Überweisungsauftrages durch die Banken, mit denen
der Käufer nicht rechnen musste, können sein Verschulden ausschließen.[5] Der Käufer muss
dafür sorgen, dass er seine Banküberweisung nicht nur rechtzeitig bei seiner kontoführenden
Bank abgibt, sondern dass der Geldbetrag auch spätestens am Fälligkeitstag dem Verkäufer
gutgeschrieben wird. Deshalb wird § 270 Abs. 4 BGB heute nur noch als Bestimmung über den
Gerichtsstand aufgefasst, so dass dieser nach § 29 ZPO grundsätzlich der Wohnsitz des Käufers
ist. Da auch das Urteil des EuGH nicht gilt, wenn einer der Beteiligten eine Privatperson ist,
bleibt abzuwarten, wie sich die Rechtsprechung hier im Hinblick auf Verbraucher als Beteiligte
entwickelt.
Praktische Konsequenzen ergeben sich dabei vor allem für die haftungsträchtige Frage, wie
lange sich der Schuldner noch in Zahlungsverzug befindet und wer für eventuelle
Verzugsschäden aufzukommen hat.[7]
Informationsverwaltung
Im betrieblichen Informationsmanagement wurde der Begriff Bringschuld aus dem Recht
übernommen und bedeutet, dass eine Person im Rahmen ihres Informationsverhaltens
verpflichtet ist, die ihr bekanntgewordenen relevanten Informationen rechtzeitig und
umfassend und in geeigneter Form horizontal (gleichstufige Mitarbeiter) und/oder vertikal
(Vorgesetzte) weiterzugeben, damit diese richtige Entscheidungen treffen können. Diese
Bringschulden gibt es auf allen Hierarchieebenen.[8] In diesem Zusammenhang ist auch von
Berichtsebenen die Rede, bei denen ein Verantwortungsträger einem übergeordneten
Verantwortungsträger gegenüber eine Berichtspflicht besitzt. Umgekehrt besitzen auch
2 von 4 16.02.2025, 17:50
Bringschuld – Wikipedia [Link]
Vorgesetzte die Pflicht, die ihnen bekannt gewordenen Informationen – sofern sie nicht geheim
sind – an Mitarbeiter weiterzugeben. Den gegenläufigen Informationsverlauf bezeichnet man
entsprechend als Holschuld.
Siehe auch
Schickschuld
Obligationenrecht (Schweiz)
Moralische Bringschuld
Peter Frieß, Andreas Fickers (Hrsg.): Helmut Schmidt und Hartmut Graßl sprechen über die
Bringschuld der Wissenschaftler gegenüber der Gesellschaft und die Annahmepflicht der
Politiker gegenüber wissenschaftlicher Erkenntnis (= TechnikDialog, Heft 3), Deutsches
Museum, Bonn 1995, OCLC 907718871 ([Link] (die ISBN
3-924183-92-9 wurde zweimal verwendet).
Weblinks
Wiktionary: Bringschuld – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme,
Übersetzungen
Einzelnachweise
1. Wolfgang Fickentscher/Andreas Heinemann, Schuldrecht, 2006, S. 147 ([Link]
[Link]/books?id=N2QBH5cHbQUC&pg=PA147&dq=bringschuld&hl=de&sa=X&ei=bv9cUvyP
Ooit0QWN34CYBA)
2. BGHZ 44, 179
3. BGH NJW 1964, 499
4. Richtlinie 2000/35/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. Juni 2000 zur
Bekämpfung von Zahlungsverzug im Geschäftsverkehr. In: Amtsblatt. L 200, S. 35.
5. EuGH, Urteil vom 3. April 2008, Az.: C-306/06 = NJW 2008, 1935
6. so jetzt Palandt, BGB, 2010, § 270 Rdnr. 1; Staudinger, Anmerkung zum Urteil des EuGH,
DNotZ 2009, 198
7. vgl. nur die Darstellung des Streitstandes bei Martin Schwab, Geldschulden als
Bringschulden?, NJW 39/2011, 2833 (der Autor verneint im Ergebnis die Auffassung, das
Geldschulden als Bringschulden anzusehen seien. Nach seiner Ansicht verbleibt es bei der
qualifizierten Schickschuld.)
8. Gerhard Hunnius: Innerbetriebliche Information und Kommunikation. 2000, S. 11.
Bitte den Hinweis zu Rechtsthemen beachten!
Abgerufen von „[Link]
Diese Seite wurde zuletzt am 28. März 2023 um 13:32 Uhr bearbeitet.
3 von 4 16.02.2025, 17:50
Bringschuld – Wikipedia [Link]
Der Text ist unter der Lizenz „Creative-Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen
Bedingungen“ verfügbar; Informationen zu den Urhebern und zum Lizenzstatus eingebundener
Mediendateien (etwa Bilder oder Videos) können im Regelfall durch Anklicken dieser abgerufen
werden. Möglicherweise unterliegen die Inhalte jeweils zusätzlichen Bedingungen. Durch die
Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit den Nutzungsbedingungen und der
Datenschutzrichtlinie einverstanden.
Wikipedia® ist eine eingetragene Marke der Wikimedia Foundation Inc.
4 von 4 16.02.2025, 17:50