Maria Ślebzak, 3e
Stell dir vor, es ist Büro, und keiner geht hin
Angestellte haben es sich in den vergangenen Jahren im
Homeoffice gemütlich gemacht. Nun wollen einige
Unternehmen die Bürokultur zurück. Ist das weitsichtig oder
falsch?
Was haben wir es uns zu Hause schön gemacht. Neun Uhr Meeting
via Zoom, dann Wäsche rein, noch einen Kaffee, und bald ist schon
Mittagspause, Zeit für Yoga. Wäsche raus. Vielleicht bleibt etwas
Arbeit liegen, ja, aber die passiert dann am Abend, wenn die Kinder
im Bett sind.
Und das alles soll nun ein Ende haben?
Kürzlich wurde in den Wirtschaftsnachrichten vermeldet, dass der
Medienkonzern Axel Springer seine Leute wieder ins Büro holen will.
Der Konzern nennt das "Office-first-Kultur", die allerdings nicht
bedeute, dass alle wieder fünf Tage anwesend sein müssten, schreibt
eine Sprecherin dazu auf Anfrage von ZEIT ONLINE. Auf lange Sicht
wolle der Vorstand aber wieder mehr "physische Nähe" – und das
riecht dann doch ein wenig nach Rückkehrpflicht. SAP, der
Weltkonzern aus dem kleinen Walldorf in Baden-Württemberg, hat
den Mitarbeitern drei Bürotage in der Woche verordnet. Bei der
Deutschen Bank ist das genauso, Manager müssen sogar vier Tage
kommen. Wer seine Eltern pflegt oder sonst einen triftigen Grund
hat, könne eine Ausnahme aushandeln, versichert der
Konzernsprecher zwar. Aber so frei wie früher scheinen Beschäftigte
nicht mehr zu sein. Kann es sein, dass wir alle bald zurück ins Büro
müssen?
Eigentlich hat sich der Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren
genau in die andere Richtung entwickelt. Es gab noch nie so viele
Stellenanzeigen, die mit Homeoffice werben. Das hat die
Bertelsmann Stiftung kürzlich herausgefunden. Das Institut für
Wirtschaftsforschung (ifo) hat erhoben, dass etwa ein Viertel der
deutschen Beschäftigten im Homeoffice arbeitet. Diese Zahl blieb
über die vergangenen zwei Jahre fast gleich.
Bisher ist also nichts davon zu spüren, dass die Leute massenweise
zurück ins Büro stürmen. Aber wenn jetzt große Konzerne wie Axel
Springer, SAP und Deutsche Bank zur Rückkehr aufrufen, könnten
auch andere auf die Idee kommen. Florian Kunze,
Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Konstanz, hält das für
möglich. Am Telefon sagt er: "Die Frage ist jetzt, ob das auf die
kleineren Betriebe überschwappt."
Bürozwang belastet
Mit einem Forschungsteam befragt er regelmäßig Beschäftigte, wie
es ihnen im Homeoffice geht, und die meisten sind laut ihm
zufrieden. Sie wollen nicht zurück ins Büro, zumindest nicht an fünf
Tagen in der Woche. Das ergab die Langzeitstudie. Die Mitarbeiter
bevorzugen demnach zwei Tage Präsenz, den Rest wollen sie im
Homeoffice verbringen. Vor allem aber ist es ihnen wichtig, frei
darüber entscheiden zu können. Denn wenn Beschäftigte von ihren
Unternehmen zu einer stärkeren Präsenz gezwungen werden,
beklagen sie häufiger Erschöpfungssymptome.
"Wer frei entscheiden kann, verspürt größere Autonomie im Job, und
die führt zu höherer Motivation", sagt Kunze. "Werden Sie nun
verpflichtet, häufiger ins Büro zu kommen, müssen Sie Freiheiten
abgeben, fühlen sich gegängelt und eingeschränkt." Dann die ganze
Pendelei, die wegfällt, das Privatleben, um das man das Berufliche
herumgebaut hat – und nicht, wie früher, andersherum. Der Rückbau
des Lebens belaste, sagt Kunze. Er empfiehlt Unternehmen dringend,
auf die Gesundheit der Beschäftigten zu achten, sollten sie ihre
Homeoffice-Regeln verschärfen.
Betriebswirtschaftlich wäre es gewagt, die Beschäftigten ins Büro zu
zwingen. Wer die Möglichkeit hat, von zu Hause zu arbeiten, kündigt
seltener. "Jede Kündigung kostet ein Unternehmen etwa ein halbes
Jahresgehalt", sagt Jean-Victor Alipour, Ökonom beim ifo Institut. Bei
technischen Berufen könnte es auch mal das Dreifache sein. Das
läppert sich, wenn die Leute massenweise hinschmeißen, weil man
ihnen das Homeoffice verwehrt. In Zeiten, in denen Fachkräfte knapp
sind, kann das sowieso niemand wollen.
Oder etwa doch?
Alipour kommt auf eine neue Studie der Universität Pittsburgh zu
sprechen, die hat 500 US-Unternehmen untersucht und
herausgefunden: Vor allem die, bei denen es an der Börse schlecht
lief, holen ihre Mitarbeiter zurück. "Das Homeoffice dient ein
bisschen als Sündenbock und die Maßnahme als Signal, dass
gehandelt wird", sagt Alipour. Er hält eine Strategie für möglich: Das
Management solcher Unternehmen plane sowieso, Leute
loszuwerden. Da dächten sich die Manager: Anstatt hohe
Abfindungen zu zahlen, zwingen wir die Leute zu mehr Präsenz, dann
werden sie von allein gehen. Perfide!
Mächtige CEOs träumen vom Büro
Meistens seien es mächtige, männliche CEOs, die ihre Untertanen
zurückholen wollen, auch das hat die Studie ermittelt. Die melden
sich ja auch gern prominent zu Wort, beispielsweise hat der Ex-
Trigema-Chef Wolfgang Grupp dem Tagesspiegel gesagt: "Wenn
einer zu Hause arbeiten kann, ist er unwichtig." Oder Elon Musk, der
mal behauptet hat: Wer im Homeoffice arbeite, sei von der Realität
abgekoppelt.
Aber wenn man sich mal in diese Leute hineinversetzt: Die machten
Karriere, da gab es Slack und Teams noch lange nicht, da zählte, dass
der Mitarbeiter was wegschaffte, möglichst lange im Büro hockte,
gerne auch am Wochenende. Wenn Chefs wissen wollten, ob
Mitarbeiter auch wirklich mitarbeiteten, dann gingen sie durchs Büro
und guckten über die Schulter.
Heute sind die Zeiten andere. Da sitzen Bewerber im
Vorstellungsgespräch, die verlangen selbstbewusst, von Teneriffa aus
arbeiten zu wollen, und die Personaler müssen auch noch darauf
eingehen, wenn sie diese Leute einstellen wollen, weil sie wissen: So
viele Alternativen gibt es nicht. Für Manager heißt das, sie müssten
ihren Managementstil umstellen, sagt Alipour vom ifo Institut.
"Leistung lässt sich nicht durch Augenscheinnahme bemessen", sagt
er. Stattdessen müssten Chefs konkrete Ziele vorgeben und ihre
Mitarbeitenden danach bewerten, ob sie die erreichen, wie schnell
sie dabei waren und wie gut das Ergebnis ist.
Vielleicht ist es ja auch wirklich so, dass es manche zu Hause etwas
schleifen lassen. Ein Mitarbeiter eines Callcenters erzählte neulich
ZEIT ONLINE, im Homeoffice täusche er Technikprobleme vor, um
nicht angerufen zu werden. Ein anderer sagt, zu Hause arbeite er
quasi gar nicht. Er logge sich ein, damit es danach aussieht, dann
lasse er den Laptop laufen bis Feierabend. Rechtlich gesehen ist man
da im Bereich des Arbeitszeitbetrugs, und der kann im schlimmsten
Fall dazu führen, dass man gekündigt wird.
Und selbst, wenn die Leute zu Hause tatsächlich arbeiten, kann es
sein, dass sie weniger produktiv sind, darauf deuten etliche Studien
seit der Pandemie hin. Die Entwickler einer IT-Firma in Indien
arbeiteten auf einmal länger, aber leisteten weniger als im Büro.
Mitarbeitende eines Callcenters in den USA telefonierten weniger,
wobei auch die Qualität der Anrufe abnahm. Als eine Gruppe US-
Programmierer ins Homeoffice wechselte, sprachen sie weniger über
ihre Codes, worunter vor allem die Ergebnisse der jüngeren Kollegen
litten.
Bei solchen Studien müsse man den Corona-Effekt mit reinrechnen,
sagt Alipour vom ifo Institut. Vielleicht litt die Produktivität ja auch
schlicht daran, dass da draußen ein tödliches Virus grassierte, man
sich Sorgen um die Ältesten machte und von heute auf morgen ins
Homeoffice geschickt wurde. Videokonferenzen, Slack, an all das
musste man sich erst einmal gewöhnen. Trotzdem wisse man
mittlerweile sicher, dass Beschäftigte weniger produktiv sind, wenn
sie Vollzeit ins Homeoffice wechseln, sagt Alipour.
Auch die Kreativität scheint zu leiden. Es gab mal eine große
Laborstudie unter Ingenieuren, die neue Produktideen entwickeln
sollten. Manche saßen zusammen. Andere waren per Video
zusammengeschaltet – mit dem Ergebnis, dass sie weniger
Ergebnisse vorzuweisen hatten.
Mischbetrieb hat sich bewährt
Fünf Tage die Woche remote arbeiten, das machen ja auch nur die
wenigsten Unternehmen. Als die ewigen Lockdowns endlich ihr Ende
fanden, haben die meisten auf ein bisschen Home und ein bisschen
Office umgestellt und fuhren damit gut. Kürzlich wurden die
Ergebnisse eines Feldexperiments veröffentlicht, das den
Mischbetrieb bei einem chinesischen Reiseunternehmen
untersuchte. 1.600 Marketing-Leute, Finance-Mitarbeiter und
Softwareentwickler arbeiteten zum Teil von zu Hause und waren
dabei genauso produktiv – und zufriedener. Auch zeigt eine neue
Langzeitstudie der Krankenkasse Barmer, dass der Wechsel zwischen
Büro und Homeoffice Angestellte produktiver macht. Vom hybriden
Arbeiten können also sowohl Mitarbeiter als auch Unternehmen
profitieren.
Das Problem sei, dass viele es versäumt haben, klug auf diesen
produktiven Mischbetrieb umzustellen, sagt Florian Kunze von der
Universität Konstanz. Da kommen die Mitarbeiter ins Büro und sind
dann doch im Zoom-Meeting, weil alle anderen zu Hause sind.
Darüber hätten sich viele beschwert, als Kunze und sein Team danach
fragten. Oder es seien starre Pauschalregelungen eingeführt worden.
Dienstag bis Donnerstag, bitte in Präsenz! Das Büro quillt über, es ist
laut, dabei müsste man gerade konzentriert und in Ruhe die
Kundenliste pflegen.
Anstatt die Menschen pauschal ins Büro zurückzuholen, raten Kunze
und Alipour zu einer klügeren Organisation. "Am Anfang einer
Projektphase, wenn die Leute sich kennenlernen und Ideen
entwickeln, treffen sie sich im Büro. Wenn es ans Abarbeiten geht,
können sie zu Hause bleiben", sagt Kunze.
Alipour empfiehlt ein bis drei Präsenztage in der Woche, das hänge
von der Branche ab. Bei einem Callcenter reiche vermutlich ein Tag
Büro, weil die Beschäftigten sich weniger abstimmen müssen als in
anderen Branchen. "An den Präsenztagen sollten die Arbeiten
stattfinden, die vom gemeinsamen, persönlichen Austausch
profitieren", sagt er. Schulungen, Team-Meetings, Firmenevents, der
Plausch an der Kaffeemaschine. Und vielleicht geht man abends ja
noch ein Bier trinken.
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