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Die Runen Das Raunen

Das Dokument behandelt die Geschichte und Mythologie der Runen, deren Ursprung als kultische und magische Zeichen in neolithischen Kulturen vermutet wird. Es wird die Verbindung zwischen den Runen und matriarchalen Gesellschaften sowie deren Einfluss auf die germanische Mythologie und Schamanismus hervorgehoben. Zudem wird die Rolle der Göttin Holle und der Nornen im Zusammenhang mit dem Schicksal und der Runen dargestellt.

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Die Runen Das Raunen

Das Dokument behandelt die Geschichte und Mythologie der Runen, deren Ursprung als kultische und magische Zeichen in neolithischen Kulturen vermutet wird. Es wird die Verbindung zwischen den Runen und matriarchalen Gesellschaften sowie deren Einfluss auf die germanische Mythologie und Schamanismus hervorgehoben. Zudem wird die Rolle der Göttin Holle und der Nornen im Zusammenhang mit dem Schicksal und der Runen dargestellt.

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Annette Rath-Beckmann

Die Runen raunen...


Ragnhild rätselt:
Die Runen raunen
Riesige Räder
Rollige Räuber und
Rote Rinder
(Stabreimmeditation zu Raidho/Rit)
Zur Geschichte und Mythologie der Runen
Schamanisches Runen-Rad, Runen verbergen und enthüllen Geheimnisse. Das Wort bedeutet sowohl im Goti-
Bild: Wikipedia / [Link]
Die Grafik stellt das Aegishjjalmar da, schen als auch im Mittelhochdeutschen „Geheimnis“1 und deutet so auf den ur-
eine vierteilige Binderune, gebildet aus sprünglichen Gebrauch der Runen als kultische und magische Zeichen hin, bevor sie
als Schriftzeichen benutzt wurden, beispielsweise im sog. „Älteren Futhark“, das bei
den germanischen Stämmen in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende (ca
100 bis 700 n.u.Z.) in Gebrauch war und vor allem auf Steinritzungen erhalten ist.
„Futhark“ heißt das „Runenalphabet“ in Anlehnung an die ersten 6 Zeichen (fehu/fa;
uruz/ur; thuris; ansuz/asa; raidho/rit; kenaz/ka). Als Beleg für diese Abfolge im Ru-
nenalphabet gelten Inschriften auf der Steinplatte von Kylver auf Gotland sowie an
der Kanzel der Kirche von Hense auf Gotland.
Einige Runenforscher vertreten die These, daß „fehu/fa“ (der Besitz von Vieh) die
letzte und nicht die erste Rune im Runenalphabet darstellt und der „Futhark“ dem-
nach ein „Uthark“ ist. Die 3 Runenreihen (aettir) von jeweils 8 Runen des gesamten
Alphabets würden dann mit „uruz/ur “ (Urzustand, Schöpfung), „naudiz/nit“ (Notwen-
digkeit, Schicksal, Zeit und Tod) und „berkana“ (Neugeburt) beginnen. Nach einer In-
terpretation des Runenkundlers Thomas Karlsson sind diese Runenreihen verbun-
den mit den weiblichen Kräften im Universum: „uruz/ur“ mit Audhumbla, der Urkuh,
die für alles Nährende steht, „naudiz/nit mit den 3 Nornen, die das Schicksal aller
Wesen einschließlich der Göttinnen und Götter lenken und „berkana“ (vom Wort-
stamm her verwandt mit Berchta/Percht), die die Leben-Tod-Leben-Natur der
Großen Göttin der Frühzeit abbildet, die alles Tote wieder zum Leben erweckt wie
das erste Grün der Birken im Frühling.2
Mit der christlichen Missionierung verschwanden nach und nach die Runen als Zau-
berzeichen, später auch als Schrift; sie wurden dämonisiert wie die gesamte Naturre-
ligion unserer VorfahrInnen und deren Ausübung. Die jüngsten runenschriftlichen
Zeugnisse finden sich allerdings noch in Nordschweden im 19. Jahrhundert u.Z.3 In
Nordeuropa blieb auch die Seidr-Kunst, das Wahrsagen im Trancezustand durch die
Seherin, die Seidkona, am längsten erhalten, wie eine Erzählung aus Island aus dem
10. Jahrhundert u.Z.4 zeigt: „Andern Tags ward alles instand gesetzt, daß sie Zauber
üben konnte. Sie verlangte, man solle ihr Frauen, die sich auf die zur Seidr nötigen
Lieder verstünden, herbeischaffen...Thorbjorg [die Seherin, d. Verf.] setzte sich auf
den Zauberkessel und die Frauen bildeten einen Kreis darum...Sie sagte, nun seien
viele Geister erschienen, denen das Lied wohlgefiel“5

Der Ursprung der Runen als kultische und magische Zeichen liegt „im Dunkel der
Zeit“ oder in den neolithischen (jungsteinzeitlichen) Kulturen des südöstlichen Mittel-
meerraums6. Hier, in den alteuropäischen, d.h. vor-indogermanischen Kulturen der
Schwarzmeerküste ebenso wie auf Kreta und Zypern sind Piktogramme und Hiero-

1
Herder-Lexikon, Germanische und keltische Mythologie, Freiburg, 1982
2
Vgl. Thomas Karlsson, Uthark: im Schattenreich der Runen, Engerda, 2002, S. 49
3
Vgl. Klaus Düwel,„Runen: Alltagsschrift bis ins [Link]. Forschungsprojekt der Akademie der Wissenschaften
zu Göttingen , betreut von Prof. Klaus Düwel und anderen. In: Göttinger Tageblatt, 16.10.2010.
Düwel vermutet, daß die Grundlage der Runen „vermutlich ein mediterranes Alphabet“ war (Zitat), spricht aber den
Runen schon vor Beginn des Projekts jede Bedeutung als Zauberzeichen ab, eine Annahme, die die Offenheit des
Blicks aus meiner Sicht in unzulässiger Weise einschränkt.
4
Vgl. Thule. Isländische Sagas 2. Historische Fahrten und Abenteuer. Übertr. von Walter Baethe und Felix Nieder,
Düsseldorf/Köln 1978, dort: Eiriks Saga Rauda
5
ebd.
6
Vgl. Harald Haarmann, Writing from Old Europe. In: Journal of Indo-European Studies 17,1990
Vgl. auch Universalgeschichte der Schrift, Frankfurt a.M./New York, 1990, S. 69-94
Vgl. auch Das Rätsel der Donauzivilisation: die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europa, München, 2011
glyphen nachgewiesen (beispielsweise die kretische Hieroglyphenschrift), die „unse-
ren“ Runen auffallend gleichen.
Marija Gimbutas, us-amerikanische Professorin für Archäologie litauischer Herkunft,
schreibt dazu in ihrem Werk „Die Zivilisation der Göttin: die Welt des Alten Europa“7
folgendes: „ Die frühesten stempelförmigen Siegel, die mehr als nur ein Einzelzei-
chen aufweisen, stammen von den Starcevo-Körös und Karanovo-Kulturen von
6000-5500 v.u.Z. Ähnliche Muster finden wir vom Fundort Hacilar in Zentralanatolien.
Diese Verbindung bestimmter Zeichen markiert die Anfangsphase des Schreibens“.8
Im Schwarzmeerraum und in Südosteuropa verschwand diese Schrift (ab ca. 4000
v.u.Z.) mit dem Vordringen der Kriegerkulturen aus den Steppen Südrusslands. Sie
bleib jedoch in der Ägäis-Region (Kreta, Zypern) mehr als 1000 Jahre länger: „Die
Parallelen zwischen Schriftzeichen aus dem Alten Europa und den Zeichen, die zu
den kretischen Hieroglyphen und der Linear-A-Schrift des 3. und 2. Jahrtausends ge-
hören, sind faszinierend... Der kretischen Hieroglyphenschrift kam eine sakrale Funk-
tion in kultischen Ritualen zu, und darin setzt sie ungebrochen die Tradition der
Schrift im Alten Europa fort. Auch die höher entwickelte Linear-A-Schrift stand mit der
religiösen Praxis in Verbindung...Die These ihrer gemeinsamen Herkunft von der ur-
sprünglichen Schrift des Alten Europa wird erhärtet, wenn wir die Zeichenrepertoires
beider Schriftsysteme vergleichen. Harald Haarmann (s.o., Anm. 6) hat insgesamt
nicht weniger als 50 übereinstimmende Zeichen ausgemacht.“9

Was hat dieser Exkurs in den jungsteinzeitlichen Schwarzmeer- und Mittelmeerraum


nun mit unseren Runen zu tun?
Zum einen wird in der etablierten universitären Forschung zum überwiegenden Teil
davon ausgegangen, daß ein „mediterranes Alphabet“ Grundlage der germanischen
Runen ist; bei dieser Argumentation ist allerdings das letzte Jahrtausend vor unserer
Zeitrechnung und speziell das etruskische Alphabet im Fokus der Forschung. Zum
anderen belegen Studien, die dem jungsteinzeitlichen Alten Europa eine Schriftform
zugestehen, eine große Ähnlichkeit der auf sakralen Gegenständen, Siegeln und
Skulpturen gefundenen Schriftzeichen mit den Runenzeichen der Germanen.
Die Tabelle, auf die Marija Gimbutas zur Untermauerung ihrer These hinweist,
stammt aus dem oben zitierten Aufsatz von Haarmann und stellt Zeichen der alteuro-
päischen und der kretischen Linear-A-Schrift dar, die wiederum etlichen Runenzei-
chen sehr ähneln. Beide aus Kreta stammenden Schriften (kretische Hieroglyphen-
und Linear-A-Schrift) sind noch nicht entziffert. Absicht oder Zufall? Aber vielleicht
schaut ja das Projekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften (s.o., Anm. 3) ein
wenig „über den Tellerrand“ der germanischen Runenzeichen und gibt neue Impulse
zur Entzifferung möglicher Vorgängerschriften.
Meine Überlegungen hierzu sind folgende: Ältere Kulturen, die in erster Linie durch
eine matriarchale Gesellschaftsordnung und die Verehrung einer Großen Göttin, Her-
rin über Leben und Tod und Schöpferin der Welt, gekennzeichnet waren, werden in
der etablierten Wissenschaft nicht völlig, aber weitestgehend ignoriert. Eine Schrift-
lichkeit wird ihnen zumeist abgesprochen.
Die Geschichte der Runen als magische Zeichen reicht aus meiner Sicht weit hinein
in die Zeit der jungsteinzeitlichen Matriarchate in Europa und ist eng verknüpft mit
deren Mythologie. Hierfür spricht auch, daß selbst in den überwiegend patriarchal ge-
prägten germanischen Stammeskulturen die runenkundigen Frauen als Seherinnen,
Priesterinnen und Heilerinnen immer noch eine herausgehobene Stellung innehatten
und Trägerinnen des Wissens waren. Odin hatte – im Gegensatz zu Freyja, der
Großen Göttin des Himmels und der Erde, die erst in späterer Zeit „funktionell“ mit
Frigga/Frigg, Odins Gemahlin gleichgesetzt wurde – das Runenwissen nicht „von Na-
tur aus“, sondern musste es durch einen schmerzvollen Prozeß, das 9-tägige Hän-
gen am Weltenbaum, erwerben bzw. „verdienen“. Hieraus folgt, daß das Runen-Wis-
sen in erster Linie und über lange Zeit ausschließlich in den Händen der Schamanin-
nen lag, der Völvas oder Seidkonas, die ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten direkt von

7
Vgl. Marija Gimbutas, Die Zivilisation der Göttin: die Welt des Alten Europa, deutsche Ausgabe 1. Aufl. 1996
8
a.a.O., S. 319
9
a.a.O., S. 319/320
der Göttin Freyja bezogen. Die Germanistin Erika Timm hat in ihrem Werk „Frau Hol-
le, Frau Percht und verwandte Gestalten“10 überzeugend nachgewiesen, daß

Vincaschrift Alteuropas (ca.6000-4000 v.u.Z.) nach Marija Gimburtas, vgl. Abb. in: [Link]

es sich bei Holle/Hulda, Perchta/Bertha/Nerthus und Freyja um ein- und dieselbe


Große Göttin mit universeller Zuständigkeit handelt. Diese Göttin in ihren 3 Aspekten
der jungen, wilden, der reifen, kreativen und der weisen, alten Frau (identisch mit der
weißen, roten und schwarzen Göttin) bewegt das Rad des Schicksals in Gestalt der
3 Nornen Urd, Verdandi und Skuld. Sie spinnen, verweben und zerschneiden den
Lebensfaden aller lebendigen Wesen und nehmen somit das Motiv der Großen Göt-
tin Holle/Percht/Freyja als Spinnerin, Weberin und Schnitterin auf. „Die Zeit ist mit
dem Schicksal verbunden und wird von den drei ...nordischen Göttinnen Urd, Ver-
dandi und Skuld... gewoben. Sie repräsentieren die Vergangenheit (Urd), die Gegen-
wart (Verdandi) und die Zukunft (Skuld). Urd bedeutet ´Schicksal´ oder úrsprünglich´,
Verdandi ´Sein´ und ´Skuld´ Ergebnis...Das Netz der Nornen verwebt das Univer-
sum. Die Runen stehen für verschiedene Kräfte oder Aspekte des
Schicksalsnetzes“.11 Die Runen sind ebenso wie die 9 Welten des Weltenbaumes
Yggdrasil und die 9 Seelenanteile eines Menschen durch bestimmte Pfade miteinan-
der verbunden, deren Grundlage die 3 Runenreihen (aettir) sowohl des Futhark als
auch des Uthark bilden.

Innerhalb des Systems der 9 Welten, die das Weltbild der Germanen ausmachen,
gehören die Nornen zu Jötunheim, dem Reich der Riesen, die lange vor den Asen-
Göttern herrschten. Die Riesen galten als weise und bewahrten alle Erinnerungen
aus ältester Zeit. Dieses System der 9 Welten und ihrer Bewohnerinnen und Bewoh-
ner, die ganz bestimmte Kräfte repräsentierten, beeinflusste auch die Vorstellung der
Germanen von den Seelenanteilen eines Menschen und von den Runen als Werk-
zeugen der Orakeltechnik. So waren die verschiedenen Seelenanteile einschließlich
der materiellen Gestalt den verschiedenen Welten zugeordnet, ebenso wie bestimm-
te Runen: zu Jötunheim gehörte auf der Seelenebene das „Minni“, das Erinnerungs-
vermögen an alles, was war in der Geschichte der Welt. „Minni“ ist das assoziative
Denken, das uns an die Quellen unseres Seins führt. Mithilfe schamanischer Techni-

10
Vgl. Erika Timm, Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten, Stuttgart, 2010
11
Thomas Karlsson, S. 20
ken wie Seelenreisen, Ekstase und Orakel können wir hierher gelangen. Dieses Kön-
nen und diese Weisheit zu erlangen, war Ziel der germanischen Schamaninnen als

Seherinnen, Priesterinnen und Heilerinnen. Mithilfe der Runen woben sie sich ein
Germanische Runen, das Runenalphabet „Futhark“, vgl. Abb. in: [Link]

in das Netz der Schicksalsfäden und beeinflussten das Schicksal auf diese Weise:
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft konnten so gestaltet werden, allerdings nur
in Übereinstimmung mit dem Wirken der Schicksalsgöttinnen, nicht im Kampf gegen
sie. Die Große Göttin der jungsteinzeitlichen matriarchalen Gesellschaften als Spin-
nerin, Weberin und Schnitterin zeigt sich in unserer Region (Mitte Deutschlands) als
Göttin Holle. Karl Kollmann beschreibt in seinem Werk über „Frau Holle und das
Meißnerland“ 12 ihre Verbindung zu den 3 Nornen, die in einem Lied, das zu einem ri-
tuellen Tanz an einem Holle-Kraftort gesungen wurde, zum Ausdruck kommt: „Mia-
maide, steht auf der Heide, Hat ein grün´s Röcklein an, Sitzen drei schöne Jungfern
daran. Die eine schaut nach vorne, die andre in den Wind. Das Weibsbild an dem
Borne hat viele, viele Kind“13
Der Kult der Göttin Holle ist in unserer Region auch heute noch nicht in Vergessen-
heit geraten. Wir feiern ihre Feste im Jahreskreis und rufen sie an in unseren Ritua-
len. Sie ist es, die das Schicksal webt und die Schöpfung Jahr für Jahr erneuert, so
wie es Heide Göttner-Abendroth in ihrem Hauptwerk über Holle formuliert:
„Die Göttin selbst bewegt mit Zaubersprüchen das Rad, denn sie ist Herrin der Zeit.
Das Achtspeichenrad ist eines ihrer weltweit verbreiteten Symbole, denn es reprä-
sentiert den Jahreskreis der acht großen Kultfeste der Göttin und bedeutet damit
auch das Rad des Schicksals. So ist es das Schicksal der Menschen, mit jeder Dre-
hung des Rades älter zu werden. Doch Göttinschicksal ist es, sich nach der Vollen-
dung des Jahresrades wieder vollständig zu verjüngen wie die Erde selbst.“14

12
Vgl. Karl Kollmann, Frau Holle und das Meißnerland: einem Mythos auf der Spur, hrsg. von der Histor. Gesellsch.
d. Werratalvereins, 1. Aufl. 2005
13
a.a.O., S. 18
14
Heide Göttner-Abendroth, Frau Holle und das Feenvolk der Dolomiten: die großen Göttinnenmythen Mitteleuro-
pas, Königstein/Taunus 2005, S. 156
Runenmagische Praxis
Obwohl wir jedes Jahr zu Silvester „am Rad drehen“ ist unser Neujahrsdatum im
Jahreskreis der Göttin kein besonderer Festtag. Unsere Vorfahrinnen befragten das
Orakel, wenn es ihnen oder ihren AuftraggeberInnen sinnvoll und wichtig erschien
oder an Hohen Festtagen der Göttin wie dem Ende ihres winterlichen Umzugs am 6.
Januar, der in früheren Zeiten als der 2. Holle-Tag galt (der 1. war der 24. Dezember
zu Beginn ihres winterlichen Umzugs). Im germanischen Kulturbereich kennen wir
vor allem 3 sakral-magische Praktiken, um die Kraft der Runen zu erwecken: das
Galdr (Runensingen, Zauberlieder), Das Seidr (Kochen, Sieden im Sinne von Tran-
ce, Entfachen der inneren Flamme) und das Draußen-Sitzen (Kontaktaufnahme mit
Natur(geistern) zur Erlangung von Erkenntnis).

Galdr
ist das Tönen bzw. Singen von Runen, ihre Anrufung, Beschwörung, das Hervorrufen
ihrer Heil- und Verwandlungskraft. Es ist eine überlieferte Technik der germanischen
Seherinnen zur Erweckung der Runenkraft. „Galdr“ ist sprachlich verwandt mit dem
altenglischen Wort gala=krähen.
Die Runen erlangen durch ihre Anrufung (Galdr) eine unmittelbare Kraft, viel mehr
Die Rune "Ma". Sie steht für den
Schutz und die Liebe der Großen als nur Symbolkraft: sie werden zum Leben erweckt. Der Name der Rune wurde in
Mutter. Foto: A. Rath-Beckmann unterschiedlichen Namensvarianten mit unterschiedlicher Betonung in Sprechgesän-
gen angerufen. Gisela von Meussling (Pseudonym: Inanna) hat dies in ihrem 1989
zuerst erschienenen und 2010 neu aufgelegten Praxisbuch15 sehr eindrucksvoll
nachempfunden. So wird die Runen fehu/fa, die Rune der Fülle, mit Konsonanten
(fffffff), Konsonant-Vokal-Verbindungen (fa, fe, fi, fo, fu) und in ihren Namensvarian-
ten (fehu/fa) getönt, unterstützt durch eine Körperstellung, die den Sendecharakter
der Rune ausdrückt: mit fehu/fa werden Wünsche, Gedanken und Gefühle an diverse
Empfänger ausgesandt. Die Runenkörperstellung ist aus frühzeitlichen Quellen nicht
überliefert (bis auf einige Höhlenzeichnungen, die als Runenkörperstellungen inter-
pretiert werden können); in der neueren runenmagischen Praxis wird Galdr (Runen-
singen) jedoch oftmals verbunden mit der Abbildung der Rune durch den Körper, das
Runenstellen.

Seidr
Ist das Herbeiführen einer Trance (durch Gesang, Tanz, monotone Geräusche wie
Rassel, Trommel, bewußtseinsverändernde Drogen wie Fliegenpilz, Bilsenkraut,
Mutterkorn) und das Weissagen bzw. Wahrsagen in dieser Trance. Das Orakel wur-
de erst befragt, nachdem –mithilfe verschiedener Techniken wie Galdr, Draußen-Sit-
zen, halluzinogenen Getränken – ein besonderer Bewusstseinszustand erreicht war.
Die Orakelbefragung in diesem Zustand heißt Seidr (kochen, sieden, die innere
Flamme entfachen). Diese Technik wurde auch in späterer germanischer Zeit fast
ausschließlich von Frauen ausgeübt, den Seidkonas. In den isländischen Sagas gibt
es eine sehr anschauliche Beschreibung eines solchen Seidr-Rituals, das noch zu
Beginn des 10. Jahrhunderts u.Z. auf Island praktiziert wurde (s.o.).16

15
Vgl. Inanna (Pseud.), Das Runenbuch für Frauen, 6. Aufl., Bonn, 2000
Die Namen der Runen sind in der einschlägigen Literatur unterschiedlich; ich habe hier die Bezeich-
nungen von Inanna (Pseudonym für Gisela Meussling) gewählt aus ihrem "Runenbuch für Frauen".
16
Vgl. Thule, Isländische Sagas 2 (s.o., Anmerkung 4)
Die ersten 6 Zeichen des älteren Runenalphabet mit 24 Zeichen: Futhark, eine Wortbildung aus
den Zeichen "Fa, Ur, Thuris, Asa, Rit, Ka", deren Anfangslaute das Wort "Futhark" ergeben.
Foto: Annette Rath-Beckmann

Die germanischen Völvas oder Seidkonas waren hochangesehene Priesterinnen, die


als Seherinnen ihren Stamm berieten und in Priesterinnengemeinschaften ein kultu-
relles Zentrum betreuten (beispielsweise an den Externsteinen bei Horn-Bad Mein-
berg)17
Unter dem Eintrag „Zauber“ in Kap. XXXIV der „Deutschen Mythologie“ Jacob
Grimms finden wir folgenden Hinweis: „ Schon in der Edda kommt „seidr“ im Sinne
von zauber vor...seidkona ist eine kluge Frau, die sich aufs sieden und kochen zau-
berkräftiger Heilmittel versteht“18
Wie beim Gestaltwandeln, bei dem die Schamaninnen und Schamanen mit ihrem
Krafttier, ihrer Fylgia, verschmolzen und beispielsweise als Schwan, Gans, Falke
oder Adler flogen, ergreift die Kraft der Runen von den Seidr-Kundigen Besitz, und
das Runenwerfen bzw. die Deutung des Runenwurfs geschieht durch die Kraft der Die Runen "Ka" und "Isa", die Feuer
Rune selbst und ist keine durch die Ratio gefilterte „Interpretation“ der Runenbot- und Eis bedeuten, aus denen nach der
Vorstellung unserer VorfahrInnen der
schaft. Kosmos entstand. Foto: A. Rath-Beck-
mann

Draußen-Sitzen
die dritte runenmagische Praktik wurde (in unterschiedlicher Länge) von Runenkundi-
gen ausgeübt zur Erlangung von Weisheit und Wissen. Die Seherin zog sich von der
Sippe und dem Stamm in die Wildnis zurück, in unberührtes Gebiet, und ließ sich
von den Geistern dorthin führen, wo dieses Wissen auf sie wartete. Mithilfe von Fas-
ten und/oder Galdr oder durch stille Meditation mit den Runenkräften wurde der Zeit-
punkt ermittelt, der für die Befragung der Runen günstig sein würde. Manchmal kam
die Botschaft auch unmittelbar ohne das Orakel zu befragen.19
Beenden möchte ich diese kleine Runenkunde mit einem Gedicht aus der Edda, ge-
nauer aus der Völuspa, der Seherin Weissagung:

„Eine Esche weiß ich, heißt Yggdrasil,


Den Hohen Baum netzt weißer Nebel,
Davon kommt der Tau, der in die Täler fällt.
Immergrün steht er über Urds Brunnen.

Davon kamen Frauen, vielwissende,


Drei aus dem See dort unterm Wipfel.
Urd hieß die Eine, die Andere Verdandi.
Sie schnitten Stäbe; Skuld hieß die Dritte.
Sie legten Lose, das Leben bestimmten sie
Den Geschlechtern der Menschen, das Schicksal verbindend.“20

17
Vgl. Usch Henze, Osning - Die Externsteine: Das verschwiegene Heiligtum Deutschlands und die verlorenen Wur-
zeln europäischer Kultur, Saarbrücken, 2006
18
Jacob Grimm, Deutsche Mythologie, Bd II, Kap. XXXIV, Graz, 1968, S. 865
19
Vgl. Kenneth Meadows, Runen: die magische Kraft, Landsberg a. L., 1996
20
Manfred Stange (Hrsg.), Die Edda: Götterlieder, Heldenlieder und Spruchweisheiten der Germanen, vollst. bearb.
u. m. e. Nachwort vers. von Manfred Stange, Wiesbaden, 2004, S. 15
Die Runen "Ti", "Ma" und "Perth", die für die dreifache Göttin in ihrer jungen, reifen und alt-
weisen Gestalt stehen. "Ti" ist die Amazonenkraft der jungen Wilden, "Ma" symbolisiert die Lie-
be und den Schutz der Mutter, und "Perth" ist der Schoß, der Kessel der weisen Alten, der Ort
der Transformation. Foto: Annette Rath-Beckmann

Das Foto "Runen2" ist die Rune "Ma" und


steht für den Schutz und die Liebe der
Großen Mutter.

Das Foto "Runen3" zeigt die Runen "Ka"


und "Isa", die Feuer und Eis bedeuten, aus
denen nach der Vorstellung unserer Vor-
fahrInnen der Kosmos entstand.

Annette Rath-Beckmann <rotermilan@[Link]>


Die beigefügten Fotos stammen von einem Runenkurs
auf dem Meißner, den ich vor ca 2 Jahren dort gemacht
habe: 2-3 Fotos werde ich noch von den Runenzeichen
machen und nachschicken (an welche Adresse?).
Könntest Du Kerstin bitten, sich wegen der Bildunter-
schriften mit mir in Verbindung zu setzen. Sie kann
mich auch gern anrufen unter 05504/98138. Danke.

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