Lippes
Lippes
Martin Lippes
November 2008
Veröffentlicht als Heft 13 in der Schriftenreihe des
Instituts für Konstruktiven Ingenieurbau
Fachbereich D, Abteilung Bauingenieurwesen
Bergische Universität Wuppertal
Herausgeber
Der Geschäftsführende Direktor
Institut für Konstruktiven Ingenieurbau
Bergische Universität Wuppertal
Fachgebiet
Stahlbau und Verbundkonstruktionen
Univ.-Prof. Dr.-Ing. Gerhard Hanswille
Fachbereich D, Abteilung Bauingenieurwesen
Bergische Universität Wuppertal
ISBN 978-3-940795-12-0
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Mit
Genehmigung des Autors ist es gestattet, dieses Heft ganz oder teilweise auf fotomechanischem
Wege (Fotokopie, Mikrokopie) zu vervielfältigen.
Diese Dissertation kann wie folgt zitiert werden:
urn:nbn:de:hbz:468-20090022
[[Link]
I
Vorwort
Die vorliegende Arbeit entstand während meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter
am Institut für konstruktiven Ingenieurbau der Bergischen Universität Wuppertal.
Mein besonderer Dank gilt Herrn Prof. Hanswille für die wissenschaftliche Unterstützung
sowie die verschiedenen Anregungen und Diskussionen in dieser Zeit.
Herrn Prof. Kurz und Herrn Prof. Zahlten danke ich für die Übernahme der Koreferate.
Meinen Kollegen, insbesondere Herrn Markus Porsch und Herrn Markus Schäfer möchte ich
für die fachliche und kollegiale Unterstützung danken.
Bei Frau Ingeborg Görge möchte ich mich für die ständige Hilfsbereitschaft in dieser Zeit
bedanken.
Kurzdarstellung
In der vorliegenden Arbeit wird über experimentelle und theoretische Untersuchungen an Hohl-
profil-Verbundstützen aus hochfesten Werkstoffen berichtet. Dabei werden insbesondere Stützen
betrachtet, bei denen zur Erhöhung der Traglast runde Vollprofile als Einstellprofile verwendet
werden. Der Anwendungsbereich für Stahlgüten S355 bis S460 und Betongüten C60/75 bis
C100/115 wird rechnerisch untersucht.
Für Rundvollprofile als Stahl werden numerische Untersuchungen zur Entstehung von Eigenspan-
nungen während des Herstellungsprozesses durchgeführt. Basierend auf diesen Berechnungen
erfolgen Untersuchungen zur Anwendbarkeit der in DIN 18800-5 implementierten Tragsicherheits-
nachweise. Dazu werden für Stützen mit Querschnitten aus unterschiedlich großen Mantelrohren
und Einstellprofilen mit Parameteruntersuchungen für unterschiedliche Schlankheiten und
Lastausmitten durchgeführt.
Des Weiteren wird die Tragfähigkeit der Stützenquerschnitte untersucht. Von Interesse ist hierbei
das Verhältnis zwischen dehnungsbeschränkter und vollplastischer Tragfähigkeit eines Quer-
schnittes, da die in den derzeitigen Regelwerken verankerten Nachweisverfahren näherungsweise
von konstanten Verhältnissen zwischen dehnungsbeschränkten und vollplastischen Querschnitts-
tragfähigkeiten ausgehen.
Für den Einfluss des Kriechens und Schwindens auf die Traglast werden zusätzliche Untersu-
chungen durchgeführt. Mittels einer genauen Berechnung, die die zeitliche Entwicklung der Umla-
gerungsgrößen aus dem Kriechen und Schwinden berücksichtigt, wird die Traglastabminderung
infolge des Kriechens und Schwindens untersucht. Die Anwendbarkeit des in DIN 18800-5 und
Eurocode 4-1 angegebenen Ansatzes eines reduzierten E-Moduls für den Beton wird anhand von
vergleichenden Berechnungen überprüft.
In EC 4-1-1 und DIN 18800-5 sind vereinfachte Nachweisverfahren angegeben, um aufwändige
FE-Berechnungen vermeiden zu können. Zum einen kann ein Nachweis für planmäßig zentrischen
Druck nach den europäische Knickspannungslinien geführt werden. Zum anderen werden unter
Ansatz einer konstanten effektiven Biegesteifigkeit und einer geometrischen Ersatzimperfektion die
maßgebenden Schnittgrößen nach Theorie II. Ordnung bestimmt und der Grenztragfähigkeit des
Stützenquerschnittes gegenübergestellt.
Für die spezifischen Besonderheiten des betrachteten Stützentyps werden Anpassungen angege-
ben, sodass diese Stützen ebenfalls auf der Grundlage dieser vereinfachten Nachweisverfahren
bemessen werden können.
III
Abstract
In this paper it is reported about experimental and theoretical investigations dealing with composite
columns made of high strength steel and high strength concrete. Especially columns with
additional massive round steel cores are considered. These cross sections are often used to
increase the ultimate load capacities of composite columns. Steel grades S355 to S460 in
combination with concrete grades C60/75 to C100/115 are considered in numerical investigations.
Massive round steel cores usually have significant residual stresses which arise while the steel is
cooling off during production. Because of actually missing knowledge relating to this topic,
numerical investigations are made to calculate the residual stresses. Based on these results
proposals are made to prove the applicability of the design-rules given by Eurocode 4-1-1 and the
German standard DIN 18800-5. Various cross sections and columns with different load
excentricities are analysed with regard to ultimate loads and horizontal deflections.
Furthermore the load bearing capaciy of various cross sections is examined. Of special interest is
the relation between the ultimate strength of the cross sections determined by limitation of strains
and a fully plastic stress distribution. Contrary to the specification in the standards this relations are
supposed to vary strongly when using different round steel bars and different material strengths.
For a sufficient prediction of the load bearing capacity during lifetime creep and shrinkage of the
concrete has to be considered. With an exact calculation which considers the time dependent
developement of creep and shrinkage the reduction of the bearing capacity is determined. With
these results the applicability of the implified method with a reduced elastic modulus given in
Eurocode 4 and DIN 18800-5 is proved.
A simplified design method for composite columns is given in EN 1994-1-1 and DIN 18800-5 to
avoid extensive FE-calculations. The resistance of members in axial compression can be
determinded according to the European buckling curves. Otherwise the internal forces must be
calculated based on second order theory with an effective flexural stiffness and taking into account
equivalent geometrical bow imperfections.
For the examined type of composite columns recommendations are given for the use of the
simplified design methods in the national and European standards.
IV Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
Inhalt
1 Stand der Technik, Zielsetzung ....................................................................................... 1
2 Bisherige Forschungen auf diesem Gebiet...................................................................... 2
3 Versuche mit runden Hohlprofil-Verbundstützen aus hochfesten Materialien .................. 4
3.1 Versuchsaufbau, Probekörper......................................................................................... 4
3.2 Versuchsdurchführung .................................................................................................... 5
3.3 Versuchsauswertungen................................................................................................... 5
3.3.1 Allgemeines .................................................................................................................... 5
3.3.2 Teilschnittgrößen im Kernprofil........................................................................................ 6
3.3.3 Teilschnittgrößen im Mantelrohr ...................................................................................... 8
3.3.4 Teilschnittgrößen im Beton.............................................................................................10
3.3.5 Auflagerexzentrizitäten...................................................................................................14
3.4 Versuchsergebnisse, statistische Auswertung................................................................15
4 Nichtlineare Berechnung von Stützen mit der Finite – Element – Methode ................... 20
4.1 Allgemeines ...................................................................................................................20
4.2 Systemidealisierung und Randbedingungen ..................................................................20
4.2.1 Werkstoffgesetze, Materialmodelle ................................................................................22
4.2.2 Auswertungen, Versuchsnachrechnungen .....................................................................24
5 Eigenspannungen in Rundvollprofilen ........................................................................... 27
5.1 Einleitung .......................................................................................................................27
5.2 Thermische Eigenschaften von Baustahl .......................................................................27
5.3 Temperaturabhängige mechanische Eigenschaften von Baustahl .................................28
5.4 Zyklische Spannungs-Dehnungsbeziehung ...................................................................29
5.5 Wärmeabgabe an der Oberfläche ..................................................................................29
5.5.1 Konvektion .....................................................................................................................30
5.5.2 Strahlung .......................................................................................................................32
5.6 Annahmen für die Berechnung.......................................................................................32
5.7 FE – Modell....................................................................................................................33
5.7.1 Diskretisierung ...............................................................................................................33
5.7.2 Berechnung des Temperaturverlaufs .............................................................................34
5.7.3 Berechnung der Eigenspannungsverteilung ...................................................................36
5.7.4 Zusammenfassung.........................................................................................................40
5.8 Vereinfachte Ansatzfunktion für die berechneten Eigenspannungen..............................40
5.9 Ansatz der berechneten Eigenspannungen auf ein räumliches System .........................42
5.10 Querschnittsverhalten ....................................................................................................42
5.11 Systemberechnungen ....................................................................................................47
5.12 Zusammenfassung.........................................................................................................48
6 Eigenspannungen in runden Hohlprofilen...................................................................... 49
7 Kriechen und Schwinden .............................................................................................. 50
8 Zur Bemessung von Hohlprofil-Verbundstützen ............................................................ 56
8.1 Beanspruchbarkeiten der Querschnitte ..........................................................................56
8.2 Allgemeines Nachweisverfahren ....................................................................................62
8.3 Vereinfachte Nachweisverfahren....................................................................................64
8.3.1 Tragfähigkeitsnachweis bei planmäßig zentrischen Druck .............................................64
8.3.2 Zur Frage der Einstufung in die Europäischen Knickspannungskurven -
geometrische Ersatzimperfektionen ...............................................................................64
8.3.3 Tragfähigkeitsnachweis bei Druck und Biegung .............................................................69
8.3.4 Zum Ansatz von Ersatzimperfektionen und effektiven Biegesteifigkeiten nach DIN
18800-5 und Eurocode 4 für Berechnungen nach Theorie II. Ordnung...........................70
Inhalt V
Neben dem Systemtragverhalten, welches auch in der vorliegenden Arbeit vorrangig betrachtet
wird, befassten sich weitere Forschungen mit lokalen Mechanismen, die bei der Lasteinleitung in
eine Stütze von Bedeutung sind. Für das Zusammenwirken von Bauteilen eines Bauwerkes ist
eine zuverlässige Weiterleitung der auftretenden Lasten zwischen den Bauteilen erforderlich.
Hierbei sind für die Wirtschaftlichkeit einer Bauweise insbesondere die Möglichkeiten der
Ausführung von Anschlüssen von Bedeutung. So kann der Anschluss von Bauteilen an Hohlprofil-
Verbundstützen ohne großen konstruktiven Aufwand z.B. mit durch das Hohlprofil durchgesteckten
Knotenblechen realisiert werden. Die Tragwirkung dieser Schneidenlagerung wurde von Roik und
Schwalbenhofer [6] untersucht, wobei ebenfalls von Versuchen zur Haftreibung des Betons am
Mantelrohr berichtet wird. Hanswille und Porsch berichteten 2003 über Versuche zur Lasteinleitung
in Hohlprofilverbundstützen [7]. Ausschlaggebend für diese Versuche waren fehlende detaillierte
Regelungen aufgrund der bis dahin unzureichend untersuchten Lasteinleitung an den
Stützenenden von Verbundstützen. Mit den Untersuchungen wurde das lokale Tragverhalten von
Lasteinleitungsbereichen sowohl der Hohlprofil-Verbundstützen als auch des teilflächen-
beanspruchten Deckenbetons untersucht. Die Lasteinleitung ausschließlich über den
Betonquerschnitt erfolgt demnach über Haftreibung am Mantelrohr infolge radialer Pressungen aus
der seitlichen Ausdehnung des Betons. Die stark vergrößerte Querdehnung stellt sich mit einer
Schädigung des Betongefüges im grenzspannungsnahen Bereich ein.
Das Zusammenwirken von Stahlmantel und Füllbeton vor dem Hintergrund der maximal übertrag-
baren Normalkraft war Gegenstand experimenteller Untersuchungen, über die von O’Shea und
Bridge in [8] berichtet wird. Die Laststeigerung infolge der Umschnürung ist demnach am größten,
wenn die Last nur über den Beton eingeleitet wird. Bei hochfesten Betonen ist der Effekt der
Umschnürung jedoch gering, weil durch die nahezu bis zur Bruchdehnung linear-elastische
Spannungs-Dehnungslinie des Betons und wegen des nur geringen Querdehnungszuwachses
keine Umschnürung des Stahlmantels aktiviert werden kann.
Johansson [9] prüfte und rechnete runde Hohlprofil-Verbundstützen ohne Einstellprofil nach. Er
untersuchte die Tragfähigkeit in Abhängigkeit der Lasteinleitung über den Beton, den Stahlmantel
oder den ganzen Querschnitt und stellte fest, dass mit der Einleitung der Lasten nur über den
Beton die gleiche Tragfähigkeit erzielt wurde wie bei der Lasteinleitung über den ganzen
Querschnitt.
Zusätzlich zu einer zutreffend ausgebildeten Lasteinleitung ist für die Tragfähigkeit von Hohlprofil-
Verbundstützen entscheidend, dass kein lokales Versagen im Querschnitt auftritt. Wenn von
unplanmäßigen Fehlstellen abgesehen wird, ist als lokales Versagen nur das Ausbeulen des
Mantelrohres vor dem Erreichen der Traglast von Bedeutung. Hierzu wird in [12] über experi-
Bisherige Forschungen auf diesem Gebiet 3
mentelle und theoretische Untersuchungen, die das Beulen von betongefüllten Rohren betreffen,
berichtet. Basierend auf umfangreichen Auswertungen und theoretischen Untersuchungen wird ein
Grenzwert für das Verhältnis von Rohrdurchmesser zu Wandstärke angegeben werden, der den in
der DIN 18800-5 angegebenen Grenzwert konservativ erscheinen lässt (s. Kap. 8.4).
Für die Verwendbarkeit von Hohlprofilverbundstützen ist neben der erzielbaren Traglast auch das
Verformungsverhalten von Bedeutung. So ist es in statisch unbestimmten Systemen sinnvoll, wenn
ein einmal erreichtes Lastniveau auch über große Rotationen gehalten werden kann. Diese
Eigenschaft von Verbundstützen wurde in [13] untersucht. Das duktile Verhalten, welches bei
Verbundstützen bei dem Erreichen der Traglast zu beobachten ist, ist eine unter
Sicherheitsaspekten durchaus gewünschte Eigenschaft.
Weitere für den hier betrachteten Stützentyp wesentliche Arbeiten sind die Forschungen, die die
Eigenspannungen in Rundvollprofilen zum Gegenstand haben. So stellte Matting 1970 ein Verfah-
ren vor, welches mit gewissen Vereinfachungen die Berechnung von Eigenspannungen aus dem
Abkühlen durch Abschrecken mit einfachen Mitteln erlaubte [14]. Roik und Schaumann nahmen
Eigenspannungsmessungen an runden und quadratischen Vollkernprofilen vor [15]. Der aktuell
verwendete Eigenspannungsansatz beruht auf diesen Messungen. Sennah und Wahba [16]
berichteten von Versuchen mit Stützen aus Rundvollprofilen Ø 110mm und einer Schlankheit von
λ k ≅ 0,4, wobei sie bei einem nicht spannungsfreiem Querschnitt eine Verringerung der Traglast
von etwa 10% gegenüber einem spannungsarm geglühten Querschnitt feststellten. Dieses führten
sie auf das Vorhandensein bzw. nicht Vorhandensein von Eigenspannungen zurück.
Neben den bereits genannten Einflüssen wurde das für Verbundstützen ebenfalls bedeutende
Langzeitverhalten des Betons betrachtet. So wurden in [17] und [18] das Kriechen und Schwinden
bei Verbundstützen untersucht und festgestellt, dass ein Einfluss auf die Tragfähigkeit erst bei
größeren Schlankheiten berücksichtigt werden muss. Bei Langzeitversuchen, über die in [19]
berichtet wird, konnte anhand von Vergleichen mit Referenzstützen eine Verringerung des Kriech-
einflusses bei Hohlprofilverbundstützen beobachtet werden.
Ergänzend zur experimentellen Bestimmung der Tragfähigkeit von Verbundstützen war es erfor-
derlich, für die Entwicklung von Bemessungskonzepten parametrische Berechnungen durchführen
zu können. Bergmann [20] entwickelte dazu ein inkrementelles Berechnungsverfahren, um die
Schnittgrößen nach Theorie II. Ordnung unter Berücksichtigung der Rissbildung im Beton und von
Eigenspannungen und Plastizierungen im Stahlquerschnitt berechnen zu können.
4 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
Querschnitte
System RV 70
e0 S355 MK
RR323,9x4,0 Beton
S235 C 80/95
OK
3792
Lasteinleitung
e0
Die Lasteinleitungskonstruktionen bestanden aus 80 mm dicken Blechen, unter die exzentrisch zur
Prüfkörperachse Zentrierleisten geschweißt waren. Bezüglich der Ausbildung der Lasteinleitungs-
konstruktionen wurde der Zusammenhang zwischen Lasteinleitungen über Teilquerschnitte und
den aufnehmbaren Lasten einer Stütze bereits in [7] untersucht. Unter Berücksichtigung der Er-
kenntnisse aus diesen Forschungen wurde die Lasteinleitung bei den geprüften Stützen vollflächig
ausgebildet, da ausschließlich das globale Tragverhalten Gegenstand der Versuche war. Die ge-
nauen Versuchskörperdaten und Versuchsergebnisse jedes einzelnen Versuches sind bei den
Auswertungen in Kap. 3.4 angegeben.
Versuche mit runden Hohlprofil-Verbundstützen aus hochfesten Materialien 5
3.2 Versuchsdurchführung
Zielsetzung jedes Versuches war es, die bei den eingestellten Randbedingungen maximal auf-
nehmbare Last zu bestimmen. Um Einflüsse aus einem anfänglich nicht vollständigen Kontakt von
Versuchskörper, Lasteinleitungskonstruktion und Aufstandsfläche auf die Versuchsergebnisse be-
ziffern bzw. ausschließen zu können und den Versuch damit reproduzierbar zu machen, wurden
vor der eigentlichen Traglastbestimmung Vorbelastungen aufgebracht. Grundlage der Vorbelas-
tungen waren Vorgaben aus dem Anhang B des EC 4-1-1 [1], die für die Belastungszyklen bei der
Prüfung von Verbundmitteln und Verbunddecken gemacht werden. Mit den Belastungszyklen
sollten auch die zeitlichen Einflüsse aus der realen Belastungsgeschichte näherungsweise erfasst
werden. Nach ersten Phasen mit mittlerer Belastung wurde dazu eine zyklische Vorbelastung
aufgebracht, bevor im Anschluss daran die Last bis zum Versagen stetig gesteigert wurde (Abb.
2). Langzeiteinflüsse aus dem Kriechen und Schwinden, die ebenfalls zu einer „realen“ Belastung
gehören, konnten in dem kurzen Zeitraum der Versuchsdurchführung jedoch nicht gemessen
werden.
Stauchung uz
Kraft F
A B C D E
F4
F2
A, B, D, E: Wegregelung
F1 C: Kraftregelung
t
Für eine Beurteilung der Nachrechnungen der Versuche wurden neben der aus der aufgebrachten
Stauchung resultierenden Belastung auch die Verformungen und Dehnungen an den wesentlichen
Stellen des Versuchskörpers gemessen.
3.3 Versuchsauswertungen
3.3.1 Allgemeines
Anhand der aufgezeichneten Versuchsdaten wurden zahlreiche Detailauswertungen durchgeführt.
Diese beinhalteten zunächst einige Plausibilitätskontrollen. So wurde unter der Voraussetzung,
dass der Stützenquerschnitt in Stützenmitte aus Symmetriegründen eben bleiben muss, der ebene
Querschnitt als Referenzwert verwendet, um Abweichungen der Messwerte davon bewerten zu
können. Die sich in den Haltephasen ergebende Kurzzeitrelaxation wurde ebenfalls untersucht
(Kap. [Link]).
Die sich mit der FE-Berechnung maximal ergebende Last sollte mit der maximal im Versuch er-
reichten Last übereinstimmen. Bedingt dadurch müssen dann auch die horizontalen Verformungen
in Stützenmitte, die die Momentenbeanspruchung des Querschnittes an dieser Stelle bestimmen,
übereinstimmen.
Eine wesentliche Aufgabe bei der Auswertung war die Bestimmung der exakten Lastausmitte. Eine
ideal gelenkige Lagerung mit definierter Drehachse und entsprechender Ablesbarkeit der Last-
ausmitte setzt eine äußerst kleine, in ihrer Lage unveränderliche Auflagerfläche oder eine gelenkig
6 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
ausgebildete Konstruktion voraus. Letzteres wäre nur mit großem Aufwand zu realisieren
gewesen. Stattdessen wurde eine Zentrierleiste mit einer endlichen Aufstandsfläche und einer de-
finierten Abrollkante verwendet. Die Lage der Lastresultierenden wurde schließlich durch Rück-
rechnung aus den in Stützenmitte bestimmten Teilschnittgrößen berechnet (Kap. 3.3.5). Durch
Materialprüfungen des Betons und von Zugversuchen mit Proben aus den Stahlquerschnitten
lagen gesicherte Angaben über die Werkstoffeigenschaften für die Nachrechnung vor. Aus Deh-
nungsmessungen an Mantelrohr und Kernprofil in Stützenmitte konnten so die von den Stahlteil-
querschnitten aufgenommenen Teilschnittgrößen an dieser Stelle ermittelt werden (Kap. 3.3.2,
3.3.3). Auch die Teilschnittgrößen des Betons konnten damit unter Ansatz sinnvoller Annahmen
bestimmt werden (Kap. 3.3.4). Die Plausibilität der getroffenen Annahmen ergibt sich aus der
Übereinstimmung von Versuch und Nachrechnung (Kap. 3.4). Folgende Bezeichnungen werden
bei den Auswertungen verwendet:
M
N, F
MR
NR Nc NK MK Mx, Mq
Mc
x
y
My
N, F auf den Gesamtquerschnitt Nu, Fu Traglast der Stütze
einwirkende Normalkraft Mu zur Traglast Fu zugehöriges Moment
M auf den Gesamtquerschnitt NK, MK Teilschnittgrößen des Kernprofils
einwirkendes Moment Nc, Mc Teilschnittgrößen des Betonquerschnitts
Mq Biegemoment um die x-Achse NR, MR Teilschnittgrößen des Mantelrohres
Ai ε+y y y Ausbiege-
richtung
x x
ε-y
DMS ε+x
Ni = A i σm,i ⇒ NK = ∑ Ni
ε-x
Mi = Ni ei ⇒ MK = ∑ Mi
angeordnet. Zur Bestimmung der Teilschnittgrößen wird der Querschnitt, wie in Abb. 4 dargestellt,
in Segmente eingeteilt. Für diese wird dann aus den am Profilrand in der betrachteten Ausweich-
richtung gemessenen Dehnungen der Dehnungs- und Spannungszustand bestimmt. Ein
Aufsummieren über die Fläche und Multiplizieren mit dem inneren Hebelarm zur Stützenachse
führt zu den Teilschnittgrößen MK und NK.
Für die Berechnungen wird eine mittlere biaxiale Spannungs-Dehnungslinie für den Baustahl in
Anlehnung an die experimentell bestimmte Spannungs-Dehnungslinie angesetzt (Abb. 5). Da
aufgrund der gedrungenen Querschnittsform relativ geringe Dehnungsunterschiede zwischen den
Rändern auftraten und auch wegen der zentrischen Lage im Querschnitt überwiegend
Normalkräfte übertragen wurden, erübrigte sich eine Differenzierung der anzusetzenden
Spannungs-Dehnungslinie nach dem Innen- und Außenbereich.
In Abb. 6 ist exemplarisch für eine Versuchsstütze die Entwicklung der Normalkraft in Kernprofil-
mitte NK,Mitte in Relation zu der bei maximaler Stützenlast auftretenden Normalkraft im Kern an
dieser Stelle NK,Mitte,max aufgetragen. Zusätzlich wird die Entwicklung der Normalkräfte im oberen
und unteren Viertelspunkt der Knicklänge (NK,Ovp und NK,UVp) mit der Normalkraft in Stützenmitte
dargestellt.
NK,OVp
NK,Mitte
NK,UVp
NK,Mitte
Abb. 6 Versuch MK1: Entwicklung der Normalkraft in Kernmitte, Relation der Normalkräfte in
den Viertelspunkten zu der Normalkraft in Stützenmitte (aufgetragen jeweils über der
Normalkraft des gesamten Querschnitts)
8 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
Aus der tabellarischen Zusammenstellung der Ergebnisse in Tab. 1 ist zu erkennen, dass die Mit-
wirkung des Kernprofils an der Aufnahme der Biegemomente der Stütze von untergeordneter Be-
deutung ist. Bei einer großen planmäßigen Ausmitte (Stützen MK3, MK4) an den Stützenenden
verringert sich jedoch die Normalkraft im Kern in Stützenmitte gegenüber der Normalkraft in den
Viertelspunkten signifikant beim Erreichen der Traglast.
Es wird angenommen, dass die Dehnungen zwischen den Messpunkten jeweils linear veränderlich
sind. Der betrachtete Querschnitt wird in kleine Segmente unterteilt. Für diese Segmente werden
die vorhandenen Spannungen bestimmt. Aus diesen können dann mit Kenntnis der Teilflächen
und zugehörigen Hebelarme die Normalkraftanteile und die Momentenanteile ermittelt werden. Die
Teilschnittgrößen erhält man durch Addition der einzelnen Anteile. Die gemessenen Dehnungen
werden unter Berücksichtigung von Längs- und Querdehnung für den zweiaxialen Spannungszu-
stand nach dem folgenden Algorithmus ausgewertet [22].
Die elastischen Spannungen bei einem zweiaxialen Spannungszustand berechnen sich zu
E
σ1 = (ε1 + νε 2 )
1 − ν2
(3-1)
E
σ2 = 2
(ε 2 + νε1 )
1− ν
Erreichen die Spannungen die Fließgrenze, so gilt:
Unter der Annahme ideal elastisch – ideal plastischen Materialverhaltens ändert jeder weitere
Dehnungszuwachs nur das Verhältnis der Spannungen; die Bedingung (3-2) bleibt dabei immer
erfüllt. Um die Spannungsänderungen berechnen zu können, wird angenommen, dass bei kleinen
Schritten die Resultierende der geänderten Spannungen sowohl parallel zur Ausgangsresultieren-
den als auch senkrecht zur Fließfläche verläuft, also die partiellen Ableitungen von Gleichung (3-2)
nach den Spannungen linear sind. Da die Fließfläche gekrümmt ist, ist der darauf gründende Re-
chenansatz nur bei kleinen Spannungsänderungen gültig. Die zulässige Größe der inkrementellen
Änderungen der Spannungen wurde daher in den Auswertungsalgorithmen begrenzt und durch
vergleichende Rechnungen abgesichert.
σ1
σ12 + σ22 − σ1σ2 = fy 2
σ2
Vektoren
als parallel
σ2+δσ2
verlaufend
σ1+δσ1
angenommen
Durch Vergleich mit Gleichung (3-4) ist zu erkennen, welcher Teil der Gleichung (3-6) bei der
Näherungslösung vernachlässigt wird. Dies führt jedoch zu einem verwendbaren Algorithmus zur
Berechnung der Spannungsänderungen auf der Fließfläche. Mit den Gleichungen (3-7) bis (3-12)
können dann auf der Grundlage von Gleichung (3-4) die Spannungen bei dem Auftreten von
Plastizierungen berechnet werden.
2σ 2 − σ1
γ= (3-7)
2σ1 − σ 2
1
α= (3-8)
γ
E a (δε 2 − γδε1 )
δσ1 = (3-9)
α − 2ν a − γ
δσ 2 = α δσ1 (3-10)
σ1 = σ1 + δσ1 (3-11)
σ 2 = σ 2 + δσ 2 (3-12)
Die hier getroffene Annahme, dass es sich um einen ebenen, zweiaxialen Spannungszustand
handelt, wird bei der Auswertung der auftretenden Ringzugspannungen und dem dabei möglichen
Innendruck auf das Mantelrohr bestätigt (Kap. [Link]).
fc
fcm
0,4 fcm
Ecm
εc
εc = εcu
F
F(tA)
F(tE)
∆t
Zeit t
tA tE
σc,r fck,c
α1=1,125
f ck α1=1,00 α2= 2,5
α2= 5,0
1,75
σc fck,c
1,25
1,00 σc,r
σz σc,r fck,c = α1fck + α 2 σ c,r
σ c,r
fck
0,05 0,25
t σy σy
d d - 2t
Abb. 11 Klemmwirkung bei dreiaxialer Beanspruchung des Betons [28]
Nachfolgend wird überprüft, ob bei den hier untersuchten schlanken Stützen mit hochfesten Beto-
nen ein nennenswerter Einfluss der Umschnürungswirkung noch vorhanden ist. In Tab. 3 sind die
im Rohr auftretenden Mittelwerte der Ringzugspannungen für zwei Laststufen zusammengestellt.
Unterstellt man, dass die Spannung σ y vollständig mit den radialen Betondruckspannungen im
Gleichgewicht steht, so kann folgende Beziehung zwischen den stets senkrecht auf den Mantel
wirkenden Betondruckspannungen σcr und der Ringzugspannung σy im Mantelrohr angenommen
werden.
d
σ y ⋅ t = c ⋅ σcr (3-13)
2
MK1 MK2 MK3 MK4 MK5 MK6 OK1 OK2 OK3 OK4 OK5 OK6
0,8 Nu
σy 3,23 3,86 -0,38 8,16 -3,52 4,21 -15,5 13,8 5,86 8,86 5,53 3,23
Nu
σy 16,4 29,1 15,6 10,8 2,01 4,70 -48,6 32,6 8,21 25,8 17,0 29,5
σcr 0,42 0,74 0,40 0,27 0,05 0,12 0 0,83 0,21 0,65 0,43 0,75
Die Druckspannungen σcr (Tab. 3) verdeutlichen, dass der Einfluss der Umschnürungswirkung auf
die Tragfähigkeit des Betonquerschnitts und die Verteilung der Teilschnittgrößen im Querschnitt
von untergeordneter Bedeutung ist.
Versuche mit runden Hohlprofil-Verbundstützen aus hochfesten Materialien 13
[Link] Auswertung
Die Teilschnittgrößen des Betons werden indirekt aus den Dehnungs- und Verformungsmessun-
gen am Stahlmantel und Kernprofil berechnet. Die Summe der Teilschnittgrößen aus Mantelrohr,
Kernprofil und Beton entspricht dabei der Normalkraft und dem zugehörigen Biegemoment, wel-
ches aus der Lastausmitte und der Verformung ux resultiert. Die Teilschnittgrößen und die zugehö-
rige Lastausmitte sind abhängig von dem angenommenen Spannungszustand und möglichen Ein-
flüssen aus der dreiaxialen Beanspruchung des Betons. Daher werden vorab die Kurzzeitrelaxa-
tion des Betons und die Umschnürungswirkung des Mantelrohres hinsichtlich einer Beeinflussung
des Betontragverhaltens untersucht.
Zur Bestimmung der Teilschnittgrößen im Beton wurde von folgenden Annahmen ausgegangen:
• Aufgrund der monolithischen Struktur der Stütze und der vollflächigen Lasteinleitung wurde
davon ausgegangen, dass die Randdehnungen im Beton den am Stahlmantel gemessenen
Dehnungen entsprach.
• Die maximale Betonfestigkeit wurde bei einer Dehnung erreicht, die dem dieser Festigkeit
entsprechenden, in DIN 1045-1 [23] angegebenen Wert entsprach.
• Die Lastgeschichte bis zum Erreichen der Traglast beeinflusste die anzusetzenden
Betonkennwerte nicht.
Anhand der Auswertungen war deutlich zu erkennen, dass die Betondehnungen, bei der die Stüt-
zen ihre Maximallast erreichten, etwa dem in DIN 1045-1 [23] für diese Betonfestigkeit tabellierten
Wert entsprachen.
Bei der Rückrechnung der Lastausmitte aus den bei einer Last auftretenden Dehnungen zeigte
sich eine deutliche Konvergenz hin zu dem sich bei Maximallast einstellenden Wert. Insofern
konnte erkannt werden, ab wann die Dehnung im Stahlmantel infolge der Volumenzunahme des
Betons nicht mehr der Dehnung im Beton entsprach. Bezeichnenderweise stellte sich dieser Effekt
mit dem Erreichen der Traglast ein, als sich aufgrund der Zerstörung eine Volumenzunahme im
Beton ergab.
Zur Bestimmung der Teilschnittgrößen im Beton wird die Spannungs-Dehnungslinie für nichtlineare
Berechnungen nach [23] angesetzt. Die Zugtragfähigkeit wird vernachlässigt. Dabei wird
angenommen, dass die Randdehnungen des Betons im Allgemeinen gleich den am Mantelrohr
gemessenen Dehnungen sind. Die Dehnungsänderungen über die Dicke des Mantelrohres werden
vernachlässigt. Das Versagen des Betons beim Erreichen der Traglast äußert sich in über-
proportionalen Dehnungszuwächsen im Mantelrohr. Verdeutlicht wird dies, wenn die Dehnungen
beim Erreichen der Traglast mit den Dehnungen verglichen werden, die bei einem Lastniveau von
80% der erreichten Last am Stahlmantel auftreten (Tab. 4).
MK1 MK2 MK3 MK4 MK5 MK6 OK1 OK2 OK3 OK4 OK5 OK6
0,8 Nu
εL,+x 0,2 0,3 0,9 1,1 -0,5 -0,4 -0,1 -0,1 0,9 0,9 -0,2 0,2
εL,+x -2,3 -2,3 -2,1 -2,2 -1,7 -2,3 -2,2 -2,1 -2,1 -2,0 -1,9 -2,3
Nu
εL,+x 0,6 0,9 2,4 2,1 -0,3 -0,3 0,2 -0,1 1,6 1,7 0 -0,3
εL,+x -3,5 -3,4 -3,7 -3,4 -2,5 -3,2 -5,1 -3,0 -3,4 -3,0 -2,9 -3,9
Tab. 4 Randdehnungen in Stützenlängsrichtung im Beton in Stützenmitte in [‰]
14 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
Der Dehnungsanstieg erfolgt unmittelbar vor dem Erreichen der Traglast, wobei die erreichten
Dehnungen teilweise über der kritischen Dehnung des Betons liegen. Die Teilschnittgrößen des
Betons werden deshalb für die auftretenden Dehnungen und vergleichsweise auch für eine mit
3 ‰ angenommene kritische Dehnung ausgewertet (Kap. 3.3.5). Eine Umschnürungswirkung des
Mantelrohres ist nicht vorhanden (Kap. [Link]).
Die Teilschnittgrößen werden segmentweise für die auftretenden Randdehnungen berechnet. Mit
den Teilschnittgrößen des Betons können die tatsächlich vorhandenen Lastausmitten bestimmt
werden (Kap. 3.3.5).
3.3.5 Auflagerexzentrizitäten
Für die Planung und Durchführung der Versuche wurde das lichte Maß e0 zwischen der Abroll-
kante des Auflagerblockes und der Stützenachse als Auflagerexzentrizität zugrunde gelegt. Die
Auswertung der Versuche zeigt, dass es sich bei der Drehachse nicht um eine ideale Schneiden-
lagerung an der Abrollkante handelt. Die tatsächlich planmäßige Lastexzentrizität ist größer als der
theoretische Wert e0. Die Exzentrizität muss daher aus der tatsächlichen Lastaufstandsfläche zu-
rückgerechnet werden. Die Ausdehnung dieser Fläche in Ausweichrichtung ist abhängig von der
Belastung und der Verdrehung der Stütze und von der Ebenheit der Aufstandsfläche. Für die Be-
rechnung der zusätzlichen Randexzentrizität aus der Verdrehung der Stützenendkonstruktion wird
wie folgt vorgegangen:
• Die Teilschnittgrößen aus dem Mantelrohr und dem Kernprofil sind bekannt. Unter Ansatz
der Spannungs-Dehnungslinie für nichtlineare Berechnungen für den Beton werden unter
Zugrundelegung des gegebenen Dehnungszustands am Mantelrohr die Teilschnittgrößen
des Betons bestimmt.
• Aus der Summe der Teilschnittgrößen (Normalkräfte, Biegemomente) kann die tatsächliche
Lastausmitte in Stützenmitte bestimmt werden zu ex = M/N. Mit Kenntnis der lichten Ausmitte
und der horizontalen Verformung ux in Stützenmitte kann dann auf die Aufstandsfläche und
den Abstand der Drehachse vom Auflagerrand ∆ex geschlossen werden.
• Aus Kap. [Link] ist bekannt, dass keine signifikanten Ringzugspannungen im Mantelrohr
auftreten, die einen (lasterhöhenden) mehraxialen Spannungszustand im Beton hervorrufen.
• Das zu einer Druckkraft gehörige Moment korrespondiert mit der Ausmitte der betrachteten
Stelle und dem (gemessenen) Dehnungszustand an dieser Stelle. Die Übereinstimmung von
Normalkraft und Biegemoment aus Versuchsauswertung und Nachrechnung bestätigt die
Annahmen.
∆ex [mm] N
lichte Ausmitte:
e0 = 5 mm
ux
∆ex e0
N ex
Nu
ex = e0+∆ex
Die Stütze folgt bei einer Wiederbelastung nach einem Entlasten einem anderen Last-
Verformungspfad als bei Erstbelastung. Dadurch können gerade bei niedrigen Lastniveaus rech-
nerisch unterschiedliche Lastausmitten auftreten. Mit zunehmender Last werden die Streuungen
jedoch geringer, sodass bei dem Erreichen der Traglast eine eindeutige Ausmitte angegeben wer-
den kann. Abb. 12 zeigt die so ermittelten Exzentrizitäten ex für die Stütze MK6. In Tab. 5 sind die
Lastexzentrizitäten bei Erreichen der Traglast, die den bei der Nachrechnung angesetzten
Ausmitten ex,FEM der Versuche entsprechen, zusammengestellt.
MK1 MK2 MK3 MK4 MK5 MK6 OK1 OK2 OK3 OK4 OK5 OK6
e0 20 20 60 60 5 5 20 20 60 60 5 5
∆ex 10 17 10 11 7 7 10 0 14 15 13 15
ex 30 37 70 71 12 12 30 20 74 75 18 20
Tab. 5 Rechnerisch ermittelte Lastausmitten beim Erreichen der Traglast [mm]
Dies äußerte sich in einem lokalen Ausbeulen des Mantelrohres. Bei der Stütze OK2 zeigte sich
nach dem Entfernen des Mantelrohres und dem Aufschneiden des Betons, dass der Beton im
mittleren Drittel der Stütze unzureichend verdichtet war (Abb. 13). Diese Stützen bleiben bei der
Nachrechnung und der folgenden statistischen Auswertung unberücksichtigt, da diese
unplanmäßigen Ausführungsfehler durch das Sicherheitskonzept nicht erfasst werden.
In Tab. 9 sind die beim Versuch gemessenen maximalen Lasten mit den horizontalen Auslenkun-
gen in Stützenmitte den zugehörigen, aus der Nachrechnung ermittelten Werten gegenübergestellt
(s.a. Abb. 14). Dabei ist eine gute Übereinstimmung der Lasten Fu und der zugehörigen Gesamt-
ausmitten uges(Fu) zu erkennen.
Versuche mit runden Hohlprofil-Verbundstützen aus hochfesten Materialien 17
OK1 OK3 OK4 OK5 OK6 MK1 MK2 MK3 MK4 MK6
Versuch
Fu 5439 3192 2986 5980 5903 5560 5322 3392 3277 7359
e0 20 60 60 5 5 20 20 60 60 5
∆ex(Fu) 10 14 15 13 15 10 17 10 11 7
ux(Fu) 12,4 20,2 19,6 15,1 11,6 16,0 16,1 23,8 23,2 15,0
ex + ux(Fu) 42,4 94,2 94,6 33,1 30,6 46,0 53,1 93,8 94,2 27,0
FEM - Nachrechnung
e0,FEM 30 74 75 18 20 30 37 70 71 12
Fu 4981 3247 3188 6182 5938 5493 5094 3401 3409 6969
ux(Fu) 17,5 26,5 25,4 17,4 17,9 20,5 22,2 28,4 29,6 14,3
ex + uz(Fu) 47,5 100,5 100,4 35,4 37,9 50,5 59,2 98,4 100,6 26,3
Tab. 9 Gegenüberstellung von Versuchen und Nachrechnungen
max. FFEM
[kN]
Stützen mit
Kernprofil
Stützen ohne
Kernprofil
max. FVersuch
[kN]
Zur Ermittlung der charakteristischen Werte der Tragfähigkeit und zur Bestimmung der Teilsicher-
heitsbeiwerte wird das in EN 1990 [25] angegebene Auswerteverfahren verwendet. Berücksichtigt
werden in der Auswertung neben den Versuchsergebnissen und den Ergebnissen der Traglastbe-
rechnungen auch mögliche Streuungen in den Materialeigenschaften oder der Versuchskonfigura-
tion. Die Streuungen in den Materialeigenschaften werden durch den Variationskoeffizienten aus-
gedrückt. Diese Werte werden wie nachfolgend angegeben bestimmt.
Nach [26] und [27] ist fck der charakteristische Wert (5%-Fraktile) der Betondruckfestigkeit. Die
mittlere Betondruckfestigkeit ergibt sich zu fcm = fck + 8. Daraus lässt sich der Variationskoeffizient
für den Beton ableiten.
σ fc 8
Vfc = = (3-15)
fcm 1,645 fcm
18 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
Für fcm wird der aus den Zylinderprüfungen gemessene Wert von etwa 100 N/mm² angesetzt. Da-
mit ergibt sich Vfc zu 5%. Dieser Wert ist geringer als bei Betonen von geringerer Festigkeit. So
vergrößert sich dieser Wert bei einer Druckfestigkeit von 60 N/mm² z.B. auf Vfc = 8,1 %. Der Ein-
fluss der Streuungen des E-Moduls von Beton wird in der gleichen Größenordnung angesetzt. Für
den Baustahl wird ein Variationskoeffizient von 6% angenommen [38]. Diesem Wert liegen
Auswertungen von Baustählen der Güten S235 und S355 sowie S460 zugrunde.
Abweichungen bei der Querschnittsgeometrie, die sich aus der Fertigung ergeben können, wenn
in ein Mantelrohr zusätzlich ein Kernprofil eingestellt wird, werden ebenfalls berücksichtigt. Die
Größe des Spielraums zwischen den an das Kernprofil angeschweißten Distanzblechen und dem
Mantelrohr wird zu maximal 10 mm angenommen. Für die statistische Auswertung wird eine mög-
liche Kernausmitte von 5 mm in jede Richtung als Variationskoeffizient für die 95%-Fraktile ange-
nommen und die Querschnittsausbildung dahingehend variiert.
Der Variationskoeffizient Vrt der Widerstandsfunktion grt(Xi) berechnet sich mit
2
2 1 j δg
Vrt = 2 ⋅ ∑ rt ⋅ σ i (3-16)
grt (X m ) i = 1 δX i
Die Ableitung der Widerstandsfunktion grt nach den Basisvariablen Xi wird dabei reduziert auf eine
einfache Differenzbildung, indem für eine diskrete Abminderung von Xi der zugehörige Wert von grt
bestimmt wird. Der Bezug auf die angenommene Streubreite geschieht durch Multiplikation mit der
jeweiligen Standardabweichung der variierten Basisvariablen. Vrt wird dabei für die maximal und
minimal auftretenden Auflagerexzentrizitäten beider Stützenquerschnitte ausgewertet. Die Ergeb-
nisse der Berechnung sind in Tab. 10 zusammengestellt.
Versuch MK4 MK6 OK6 OK3
Exzentrizität [mm] 71 12 20 74
grt(Xm) [kN] 3407 6968 5786 3247
Variationen grt(Xi)
⇒ 0,9 x fc [kN] 3189 6442 5370 3012
⇒ 0,9 x fy,Kern [kN] 3346 6941 — —
⇒ Kernausmitte 5 mm [kN] 3372 6908 — —
⇒ 0,9 x fy,Mantel [kN] 3310 6829 5738 3082
⇒ Vrt 0,0371 0,0387 0,0353 0,0419
Für die weiteren Auswertungen wird Vrt konstant mit 0,05 angenommen.
Mit der Auswertung ergibt sich der charakteristische Wert der Widerstandsfunktion schließlich zu:
rk = 0,900 ⋅ gR (X m ) (3-17)
Dabei ist gR(Xm) die mit der Nachrechnung ermittelte Traglast einer Stütze. Der Bemessungswert
der Widerstandsfunktion bestimmt sich mit
r 0,900
γR = k = = 1,14 (3-19)
rd 0,789
Versuche mit runden Hohlprofil-Verbundstützen aus hochfesten Materialien 19
Nach dem allgemeinen Nachweisverfahren gemäß [2] bestimmt sich der Bemessungswert des
Tragwiderstands einer Stütze, indem für die gegebene äußere Belastung aus der Normalkraft und
dem zugehörigen Moment das Verhältnis aus den Tragfähigkeiten der Interaktionskurven mit Be-
messungs- und Mittelwerten gebildet wird (Kap. 8.2). Der sich aus der statistischen Auswertung
ergebende Sicherheitsbeiwert gegenüber dem auf die Mittelwerte der Festigkeit bezogenen
Sicherheitsbeiwert γr der nichtlinearen Berechnung ergibt sich zu
Fu (Versuch ) g (X )
= R m = 1,27 (3-20)
Fud (Bemessungs wert ) rd
In Tab. 11 sind die Bemessungswerte und Teilsicherheitsbeiwerte auf der Grundlage des allgemei-
nen Nachweisverfahrens in [2] gegenübergestellt, siehe hierzu auch Kap. 8.2.
OK1 OK3 OK4 OK5 OK6 MK1 MK2 MK3 MK4 MK6
Fu ( Versuch )
1,27 1,27
Fud (Bemessungswert )
Fu (FEM)
1,52 1,46 1,46 1,54 1,53 1,42 1,43 1,41 1,42 1,44
Fud (FEM)
4.1 Allgemeines
Stützen sind stabförmige Bauteile, die hauptsächlich durch eine Druckkraft in Längsrichtung bean-
sprucht werden. Aufgrund von Imperfektionen und planmäßiger Querbelastung krümmt sich die
Stütze, wodurch ein zusätzliches Biegemoment aus der sich vergrößernden Ausmitte der Normal-
kraft entsteht.
Unter der Annahme linearer Spannungs-Dehnungsbeziehungen sowie über die Stützenlänge kon-
stanter Biegesteifigkeiten können die Schnittgrößen nach Theorie II. Ordnung direkt berechnet
werden. Bei Verbundstützen sind die Voraussetzungen für eine direkte Berechnung der Schnitt-
größen im Allgemeinen nicht gegeben:
• Mit zunehmender Druckbeanspruchung nimmt die Steifigkeit des Betons ab.
• Auftretende Zugbeanspruchungen können vom Beton nur in geringem Maße aufgenommen
werden.
• Die verwendeten Stahlquerschnitte sind üblicherweise nicht frei von Eigenspannungen. Da-
her kann das Verhalten eines Stahlprofils bei einer Belastung nicht alleine über eine Span-
nungs-Dehnungslinie bzw. über eine konstante Biegesteifigkeit erfasst werden.
• Steifigkeitsabminderungen infolge von Plastizierungen können ebenfalls nicht bei dem An-
satz einer konstanten Biegesteifigkeit zur direkten Schnittgrößenermittlung berücksichtigt
werden.
Um einen praktikablen Lösungsansatz zu finden, muss die für eine geschlossene Lösung anzuset-
zende Biegesteifigkeit anhand von genauen FE-Berechnungen bestimmt werden. Nachfolgend
wird das verwendete FE-Modell beschrieben und die wesentlichen Eingangsgrößen für die Schnitt-
größenberechnung nach Theorie II. Ordnung werden erläutert.
Die Kopfseiten der Stütze sind über Auflagerflächen (Rigid Constraint Surface) mit den
Auflagerknoten verbunden. Dadurch ist die Abbildung von starren Auflagerbereichen mit den
Höhen ez,o und ez,u und die Eingabe von Exzentrizitäten ex,o und ex,u möglich. Die Auflagerknoten
und damit die Auflagerflächen können somit auch biegesteif ausgebildet werden.
Die Vernetzung des Geometriemodells erfolgte mit 8 Knoten – Volumenelementen. Dies war we-
gen der Anwendung der Materialgesetze für den Beton sowie aus Konvergenzgründen erforder-
lich. Da ausschließlich das globale Tragverhalten Gegenstand der Berechnungen war, wurde von
der Verwendung von Schalenelementen für den Stahlmantel abgesehen und dieser stattdessen
ebenfalls mit Volumenelementen abgebildet.
Auflagerknoten
Rundvollprofil
Füllbeton
Mantelrohr
Auflagerknoten
(starr mit Kopffläche des Modells ver-
bunden, der Abstand entspricht der
Höhe der Lasteinleitungskonstruktion)
[Link] Baustahl
Im Rahmen der nachfolgend beschriebenen Untersuchungen werden Baustähle bis zu einer Güte
S460 berücksichtigt. Diese Begrenzung begründet sich mit den bisher fehlenden experimentellen
Untersuchungen an Hohlprofil-Verbundstützen aus höherfesten Stählen. Dies betrifft insbesondere
das Beulverhalten der Rohre. In Kap. 8.4 sind diesbezüglich aus Forschungen veröffentlichte Er-
kenntnisse aufgeführt. Angelehnt daran wird der Bereich der betrachteten Materialfestigkeiten ein-
gegrenzt.
Sowohl für die FE-Berechnungen als auch für die Berechnung der Querschnittsinteraktionskurven
wird eine linearelastisch-idealplastische Spannungs-Dehnungslinie angenommen. Die maximal bei
dem Erreichen der Traglast auftretende Dehnung ist durch die maximale Betondehnung begrenzt.
Eine Verfestigung des Stahles tritt erst bei größeren Dehnungen auf, die Angabe eines entspre-
chenden Bereiches erübrigt sich somit.
Der bei den Rohren der Versuchsstützen beobachtete Verlauf der Spannungs-Dehnungslinie für
einen kaltverformten Stahl (Abb. 7) wird bei der Nachrechnung der Versuche berücksichtigt, für die
weiteren Berechnungen zu den Parameterstudien wird eine bilineare Spannungs-Dehnungslinie
zugrunde gelegt.
[Link] Beton
Die für den Beton maßgeblichen Spannungs-Dehnungsbeziehungen sind in DIN 1045-1 [23] fest-
gelegt. Aufgrund des starken Abfalls der aufnehmbaren Spannung nach dem Erreichen der
maximalen Spannung wird die Grenzdehnung für hochfeste Betone ab C55/67 reduziert, welches
sich in unterschiedlichen Spannungs-Dehnungslinien zeigt.
Bruchbedingung
CONCRETE
Fließbedingung
nach von Mises
Abb. 17 Fließbedingung nach von Mises kombiniert mit der Versagensbedingung „Concrete“ im
Hauptspannungsraum (Schema, [24])
plastischen Materialgesetz nach von Mises berechneten Spannungen aus und grenzt die auf-
nehmbaren Zugspannungen abhängig von der Kombination der auftretenden Hauptspannungen
ab. Wird dabei die aufnehmbare Zugspannung überschritten, so wird die übertragbare Zugkraft auf
einen kleinen Wert gesetzt. Dieser angenommene Wert ist unabhängig von der Lage der zuvor
vorhandenen Spannungen im Hauptspannungsraum. Eine Berechnung mit diesem Modell ist für
Beton besser geeignet, als ein Materialmodell mit einer im Zugbereich abgerundeten Fließfläche,
da bei dieser der Spannungspunkt auf der Fließfläche verbleibt und die bis dahin erreichte
Spannung beibehalten wird. Für die Bruchbedingung zur Abbildung des Zugtragverhaltens von
Beton wird das Versagensmodell „Concrete“ des FE-Programmes verwendet. Der Teil der die
Bruchbedingung „Concrete“ beschreibenden Fläche, der die Fließbedingung nach von Mises
gegen Zugspannungen abgrenzt, ist in Abb. 17 zu erkennen. Dabei ist diese Grenzbedingung
abhängig vom Vorzeichen der drei Hauptspannungskomponenten aus verschieden definierten
Versagensflächen, sogenannten „Oktanten“ zusammengesetzt. Die in dem Programm Ansys
implementierten Beschreibungen dieser Flächen führen jedoch zu unstetigen Übergängen. Hinzu
kommt, dass diese Flächen derart definiert sind, dass schon bei geringen Querdruckspannungen
die aufnehmbare Zugspannung sehr stark abfällt. Ohne damit diese Implementierung zu bewerten,
wurde festgestellt, dass die Berechnung bereits bei einem sehr geringen aufgebrachten
Beanspruchungsniveau nicht mehr konvergierte. Mit der Korrektur des Materialmodells [24] wurde
eine ausreichende Konvergenz erreicht, die eine Berechnung und Abbildung des
Traglastzustandes erlaubte.
Ausweich- Ausweich-
richtung richtung
1230
75
775
Versuche
VM + CONCRETE
800
max. F = 1258 kN
2500
2696
zug. ux = 14,0 mm
Querschnitt
Mantelrohr: Quelle: Structural Behavior of Circular
775
Betonfüllung:
fc,cyl. = 64,5 N/mm²
10
98
N Nu = 3192 kN
ex(Nu) = 93,6 mm
Nachrechnung
Nu = 3247 kN
ex(Nu) = 100,5 mm
ex
N
Nu = 7359 kN
ex(Nu) = 27,0 mm
Nachrechnung
Nu = 6968 kN
ex(Nu) = 26,3
ex
5 Eigenspannungen in Rundvollprofilen
5.1 Einleitung
Bei der Bemessung von druckkraftbeanspruchten (Stahl-) Bauteilen müssen im Allgemeinen geo-
metrische und strukturelle Imperfektionen berücksichtigt werden. Den strukturellen Imperfektionen
sind auch die Eigenspannungszustände zuzuordnen, die in Stahlprofilen aus dem Herstel-
lungsprozess eingeprägt sind. Diese stellen für das betrachtete Profil Vorbelastungen dar und
werden bei der Zuordnung eines Stahlprofils zu einer Knickspannungslinie berücksichtigt.
Verbundstützen werden abhängig von ihrer Querschnittsausbildung ebenfalls Knickspannungsli-
nien zugeordnet [2]. Diese Zuordnung konnte jedoch bei Verbundstützen, die aus einem ausbe-
tonierten Hohlprofil mit einem Rundvollkern als Einstellprofil bestehen, bislang nicht vorgenommen
werden, da abgesicherte Erkenntnisse zum Einfluss der Eigenspannungen fehlten.
Bisher liegen nur wenige Untersuchungen bezüglich der Eigenspannungen in den Rundvollprofilen
vor. Zur Berücksichtigung von Eigenspannungen bei einer Berechnung nach Theorie II. Ordnung
wird bislang ein Ansatz verwendet, der auf Eigenspannungsmessungen basiert [15]. Dabei wird mit
den angegebenen Randeigenspannungen eine Spannungsverteilung mit quadratischem Verlauf
postuliert, bei der die Summe der inneren Kräfte sich zu Null ergibt. Die Größe der Randeigen-
spannungen ist dabei am Durchmesser skaliert, der Grundwert σED = 125 N/mm² gilt für einen
Durchmesser von D= 200 mm.
2r 2
σED σ E (r ) = σ ED 2 − 1 ≤ f yk
R
σEZ
σ ED,200
σ ED = − σ EZ = D
200
D=2R
σ ED,200 = 125 N 2
mm
Die Größe und der Verlauf der Eigenspannungen im Querschnitt sind für eine Zuordnung dieses
Stützentyps zu einer Knickspannungslinie ausschlaggebend. Um Kenntnisse auch über die Ab-
hängigkeit der Eigenspannungen von der Materialgüte und dem Durchmesser des Vollprofils zu
erhalten, werden daher nachfolgend rechnerische Untersuchungen unter grenzwertigen Annah-
men durchgeführt.
ca
[J/kg K]
θ
[°C]
λa ∆L
[W/mK] ⋅ 10 3
L
θ θ
[°C] [°C]
σ(ε,θ
ε,θ)
ε,θ θ < 300°
20°, 100°
fy
500°
200° 600°
300° 700°
400° 800°
1100°
ε
•
(
hnet,c = α c θ g − θm ) (5-2)
•
[
hnet,r = φ ε m ε f σ (θ r + 273 ) − (θ m + 273 )
4 4
] (5-3)
Die Bildung von Eigenspannungen wird durch das Temperaturgefälle innerhalb des Stahlkörpers
hervorgerufen, welches durch die Wärmeabgabe an der Oberfläche beeinflusst wird. Im Folgenden
wird der Einfluss der maßgebenden Parameter für Konvektion und Strahlung untersucht.
5.5.1 Konvektion
In Bezug auf die hier vorliegende Fragestellung werden die konvektiven Wärmeübergangskoeffi-
zienten für die freie und erzwungene Konvektion rechnerisch ermittelt. Die Berechnungen werden
gemäß VDI-Wärmeatlas [33] mit den nachfolgend angegebenen Randbedingungen durchgeführt.
Nu =
αl
λ
[
= 0,752 + 0,387 ⋅ (Ra ⋅ f3 (Pr )) 6
1
] 2
(5-4)
So ergibt sich für einen liegenden Zylinder Ø 200 mit einer Oberflächentemperatur von T = 500 °C
und einer Umgebungstemperatur von 20 °C ein Wert von α = 9,2 W/m²K. Die Entwicklung des
Wärmeübergangskoeffizienten mit der Temperatur des Zylinders zeigt für verschiedene Durch-
messer Abb. 28.
Ø 70 mm
Ø 200 mm
Ø 600 mm
Pr Prandtl – Zahl, für Luft: 0,715 bei 0 °C und 0,746 bei 1000 °C
Bei temperaturabhängigen Stoffwerten (hier z.B. die Wärmeleitfähigkeit) wird der Wärmeübergang
durch die auftretenden Temperaturen beeinflusst. Für Gase gilt:
mit K = (Tm Tw )
0,12
Nul = Nul,0 ⋅K (5-8)
Dabei ist Tm die Temperatur des Gases in [K] und Tw die Temperatur des Zylinders.
αl W
Nul = mit α konvektive r Wärmeüberg angskoeffi zient 2
λ m K (5-9)
W
λ Wärmeleitf ähigkeit der umgebenden Luft
mK
Mit diesen Gleichungen kann für die angenommenen Umgebungsbedingungen der Wärmeüber-
gangskoeffizient bestimmt werden. Die für eine konstante Umgebungstemperatur bestimmten
Werte sind für die betrachteten Umströmgeschwindigkeiten in Abb. 29 angegeben. Es ist zu erken-
nen, dass der Wärmeübergangskoeffizient (pro Kelvin) mit zunehmender Temperaturdifferenz
sinkt. Für ein Rundvollprofil Ø600 ist dabei der konvektive Wärmeübergangskoeffizient nur etwa
halb so groß wie der Wert für ein Rundvollprofil Ø70.
Zum Vergleich: Beim Ansatz der Einheitstemperaturkurve nach [32] wird für beflammte Bauteile
ein konvektiver Wärmeübergangskoeffizient von 25 W/m²K angenommen.
32 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
5.5.2 Strahlung
Beim Abkühlen aus hohen Temperaturen reagiert der Stahl an seiner Oberfläche mit der Luft in
seiner Umgebung. Die sich daraus ergebende Beschaffenheit, Temperatur und Farbe der Oberflä-
che beeinflusst die Abstrahlung von Wärme an die Umgebung. Um diese Abstrahlung zu quantifi-
zieren, muss für jede Oberfläche der Emissionskoeffizient bestimmt werden.
Das Emissionsvermögen eines Körpers bzw. einer Oberfläche wird im Verhältnis zu einem
schwarzen Strahler angegeben. Für den schwarzen Strahler gilt: εm = 1. In EN 1991-1-2 [32] ist der
Emissionskoeffizient mit εm= 0,8 angegeben. Dieser Wert stellt eine obere Grenze der bei Bau-
stählen vorkommenden Emissionskoeffizienten dar. In [34] konnte für die dort untersuchten
Walzprofile ein von der Oberflächentemperatur To des Bauteiles abhängiger Emissionskoeffizient
angegeben werden, (Gl.(5-10)). Die angegebene Beziehung wurde durch den Abgleich einer
Berechnung mit Messergebnissen erzielt und sei hier nur beispielhaft erwähnt; eine Allgemeingül-
tigkeit kann daraus jedoch nicht abgeleitet werden.
0,5
ε r = 0,3 + (1000 − To ) < 0,8 (5-10)
900
w= 5 m/s
Ø 70 mm
Ø 200 mm
Ø 600 mm
w= 1 m/s
Ø 70 mm
Ø 200 mm
Ø 600 mm
5.7 FE – Modell
5.7.1 Diskretisierung
Die zeitabhängigen Temperaturverteilungen und die sich daraus ergebenden Spannungen werden
mit dem FE-Programm Ansys berechnet. Unter Ausnutzung der Symmetrien wird der Rundvoll-
stahl dabei als Kreissegment mit einer Elementreihe idealisiert (Abb. 30). Um die ideal unendliche
Länge des Stahlstranges für die statischen Berechnungen (Spannungen aus Temperaturentwick-
lung bzw. Spannungen aus aufgebrachten Dehnungen) abbilden zu können, ist der Sektor an der
Unterseite an allen Knoten zwängungsfrei gelagert. Die (zwängungsfreie) Lagerung der Oberseite
wird durch eine ebene Auflagerfläche abgebildet, deren Drehpunkt („Führungsknoten“) als in der
Mittelachse des Querschnitts liegend definiert wird. An diesem Knoten werden dann die zu einer
Stauchung gehörigen Schnittgrößen abgelesen. Um für ein Rundvollprofil eine Krümmung aus-
werten zu können, wird ein Halbkreis generiert, der einer Vielzahl dieser Kreisausschnitte
entspricht (kleines Bild).
34 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
Bei den hier betrachteten, massiven Stahlkörpern sind beim Abkühlen größere Temperaturgra-
dienten in Oberflächennähe als in der Mitte vorhanden. Daher werden am Außenrand kleinere
Elemente angeordnet als in der Mitte.
Führungs-
knoten 5°
[Link] Temperaturverläufe
In Abb. 31 sind Temperaturverläufe sowie die daraus resultierenden Temperaturunterschiede
angegeben, die sich bei dem Ansatz der Randbedingungen 1 und 2 aus der Berechnung ergeben.
Die Berechnung erfolgt dabei bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Temperatur an jeder Stelle im
Querschnitt unter 100°C gesunken ist. Da sich die anzusetzenden thermischen und mechanischen
Eigenschaften von Stahl erst oberhalb von 100 °C verändern, ist der weitere Abkühlungsverlauf
von 100 °C auf Raumtemperatur für die Verteilung der Eigenspannungen nicht relevant. Bei der
Berechnung der Eigenspannungen wird nach dem Erreichen des Abkühlniveaus von 100 °C die
noch verbleibende Abkühlung linear auf den Querschnitt aufgetragen.
T RV Ø 200mm ∆T T RV Ø 600mm ∆T
[°C] [K] [°C] [K]
TOFl. TMitte
TMitte ∆T TMitte
∆T= TMitte-TOfl
RB1
RB1 RB2
RB2 t t
∆T
∆T [h] [h]
[Link] Abkühlgeschwindigkeiten
Die in [30] angegebenen mechanischen Eigenschaften des Baustahls sind angegeben für Auf-
wärmvorgänge, wobei als Obergrenze für die Geschwindigkeit der Temperaturänderung 50 K/min
angegeben sind.
Die zeitlichen Temperaturgradienten in den ersten Minuten des unter der Randbedingung 2 be-
rechneten Abkühlprozesses sind in Abb. 32 ausgewertet. Hohe Abkühlgeschwindigkeiten treten
nur zu Beginn der Abkühlung an der Oberfläche der Profile auf; auch aufgrund der getroffenen
Annahmen sicherlich ein theoretischer Wert. Wie in den nachfolgenden Kapiteln gezeigt wird, bil-
den sich ausgehend von den mit Beginn des Abkühlprozesses entstehenden Temperaturgradien-
ten nennenswerte Eigenspannungen erst bei niedrigeren Temperaturen und geringeren zeitlichen
Temperaturänderungen. Die Stahlfestigkeit bei hohen Temperaturen ist vernachlässigbar gering.
∆T/t
[K/min]
RV Ø 70 mm
Mitte
Oberfläche
RV Ø 600 mm
Mitte
Oberfläche
t
[min]
[Link] Abkühldauer
Die Simulation des Abkühlvorganges erfolgt bis zu dem Zeitpunkt, ab dem an jeder Stelle im Quer-
schnitt kein temperaturbedingter Unterschied einer Materialeigenschaft, verglichen mit Raumtem-
peratur, vorhanden ist. Diese Bedingung ist erfüllt, wenn die Materialtemperatur an keiner Stelle
höher als 100 °C ist. Abb. 33 gibt die berechneten Zeiten bis zum Abkühlen auf 100 °C in der
Querschnittsmitte und an der Oberfläche an.
36 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
Abb. 33 Abkühldauer von RV-Profilen unter den Randbedingungen RB1 und RB2 in der Profil-
mitte und an der Oberfläche
σL σT
[N/mm²] [N/mm²]
σT,Mitte
fy(TMitte)
t
σL,Mitte σT,Ofl.
t
σL,Ofl.
σT
fy(TOFl.) σR
σL
σV σR
[N/mm²] [N/mm²]
σR,Mitte
σV,Ofl.
t
σV,Mitte t
σL σT σT,Mitte
[N/mm²] fy(TMitte) [N/mm²]
t
σL,Mitte
σT,Ofl.
t
σT
σR
σL,Ofl. σL
fy(TOFl.)
σR
[N/mm²]
σR,Mitte
σV
[N/mm²] σV,Ofl.
t
σV,Mitte
σL
[N/mm²] Kurven-
(g) S235 parameter: fy (Stahlgüte)
S355
(g): generierter ES-
Ansatz nach [15],[35]
S460
σV
[N/mm²] (g)
S355 S235
S460 ri
r
Abb. 36 RV 200: Längs- und Vergleichseigenspannungen bei Ansatz von RB1 für verschiedene
Stahlgüten
σL
[N/mm²]
(g) Kurven-
S235 parameter: fy (Stahlgüte)
S355
(g): generierter ES-Ansatz
S460 nach [15],[35]
σV
[N/mm²] (g)
S235
S460 S355
ri
r
Abb. 37 RV 200: Längs- und Vergleichseigenspannungen bei Ansatz von RB2 für verschiedene
Stahlgüten
Eigenspannungen in Rundvollprofilen 39
σL
[N/mm²]
(g) Kurven-
parameter: fy (Stahlgüte)
S235
(g): generierter ES-Ansatz
nach [15],[35]
S355 S460
σV
[N/mm²]
(g)
ri
S235 S460
S355 r
Abb. 38 RV 600: Längs- und Vergleichseigenspannungen bei Ansatz von RB1 für verschiedene
Stahlgüten
σL
[N/mm²]
(g) Kurven-
parameter: fy (Stahlgüte)
S460
S355 (g): generierter ES-Ansatz
S235 nach [15],[35]
σV
[N/mm²] (g)
S235
S460
ri
S355
r
Abb. 39 RV 600: Längs- und Vergleichseigenspannungen bei Ansatz von RB2 für verschiedene
Stahlgüten
40 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
5.7.4 Zusammenfassung
Mit den durchgeführten Berechnungen konnte ein Überblick in die Eigenspannungsentwicklung
und Verteilung gewonnen werden. Die grenzwertig angesetzten Randbedingungen dienten dazu,
eine Obergrenze für die zu erwartenden Eigenspannungen zu bestimmen. Es zeigte sich, dass
eine höhere Materialfestigkeit zu geringeren Eigenspannungen führt, wobei der für den ober-
flächennahen Bereich berechnete Wert relativ unbeeinflusst bleibt. Bei moderater Abkühlgeschwin-
digkeit und größeren Durchmessern bildet sich in Querschnittsmitte ein Bereich niedriger und
relativ konstanter Zugeigenspannungen aus, der mit verhältnismäßig hohen Druckeigenspan-
nungen am Querschnittsrand im Gleichgewicht steht. Ein schnelles Abkühlen bedingt dagegen
eher einen Eigenspannungszustand mit einem sich einer quadratischen Parabel annähernden
Spannungsverlauf. Verglichen mit dem z. Z. üblichen Ansatz [15] wird in Querschnittsmitte ein
geringeres und am Querschnittsrand ein höheres Vergleichsspannungsniveau erreicht.
Die Spannungen in Querschnittslängsrichtung können dabei Werte oberhalb der Streckgrenze an-
nehmen. Für einen entsprechenden Ansatz der Eigenspannungen in zweidimensionalen Systemen
kann dann anhand der auftretenden Vergleichsspannung festgestellt werden, ob eine weitere Auf-
nahme von Lasten in Querschnittslängsrichtung möglich ist.
Der Ausgangswert des bisher verwendeten Ansatzes nach [15] für die oberflächennahen Längs-
eigenspannungen von 125 N/mm² bei einem Rundvollprofil Ø 200 mm stimmt gut mit den Rechen-
ergebnissen überein. Die davon ausgehend aus Gleichgewichtsbetrachtungen gefolgerte Eigen-
spannungsverteilung stellt sich bei schnellem Abkühlen ein.
Im Rahmen des Forschungsprojektes [21] wurden von Rundvollprofilen Ø 70 mm und Ø 200 mm
Zugproben genommen und geprüft. Dabei wurde festgestellt, dass bei dem Profil mit Ø 200 mm
die Zugproben aus dem Randbereich des Profils keine ausgeprägte Streckgrenze aufwiesen. Bei
dem Profil Ø 70 mm wurde dies an allen gefertigten Zugproben beobachtet, was auf eine
Nachbearbeitung hindeutet. Die auftretenden Eigenspannungen insbesondere bei kleinen
Querschnitten sind somit nicht ausschließlich auf das Abkühlen zurückzuführen.
M(σE) σE(ri)
+
Nulldurchgang
-
ri
Abb. 40 Berechnung eines fiktiven Momentes unter Berücksichtigung der Einflussflächen der
Spannungen zur Bewertung der Spannungsverteilung
durch bestimmt werden, dass das Biegemoment aus den angesetzten Spannungen eines halben
Querschnitts gleich dem Biegemoment der berechneten Spannungen ist (Abb. 40).
Die gestellten Bedingungen können bei der Betrachtung der Längseigenspannungen gut durch ein
Polynom 4. Grades berücksichtigt werden. Bei der Verwendung des Spannungsnulldurchgangs
aus der FE-Berechnung ergeben sich jedoch teilweise Spannungsverläufe, die zwar mathematisch
richtig jedoch physikalisch nicht mehr plausibel sind. Des Weiteren werden durch die idealisierte
Berechnung der Eigenspannungen nicht die Einflüsse aus der „Kaltbearbeitung“ berücksichtigt,
sodass ein zu detaillierter Ansatz eine Genauigkeit suggeriert, die durch die Berechnung nicht aus-
reichend abgesichert werden kann. Eine Ansatzfunktion sollte daher folgenden Ansprüchen
genügen:
• Es muss eine Abhängigkeit vom Durchmesser bestehen.
• Der Einfluss der Materialgüte muss erfasst werden können.
• Es muss ein Mindestwert definiert werden, um die Tragfähigkeit von kleinen Profilen, bei de-
nen der Einfluss des Walzens bezogen auf die Bauteildicke am größten ist, nicht zu unter-
schätzen.
• Die Eigenspannungen sollten als Längseigenspannungen bzw. Dehnungen aufgebracht wer-
den können (idealisierbar als Temperaturlastfall)
Bei einem zweidimensionalen System werden Eigenspannungen als Längsspannungen aufgetra-
gen. Hingegen ist bei einem räumlichen System die aufnehmbare Spannung durch die auftretende
Vergleichsspannung begrenzt. Der Einfachheit halber und aufgrund der erreichbaren Genauigkeit
wird ein von der Dimension des Modells unabhängiger Ansatz gewählt. Ein Einstellprofil einer
Stütze wird durch Druck und Biegung belastet, wobei der Querschnitt im Regelfall überdrückt ist.
Die Traglastabminderung ergibt sich durch eine verringerte Druckspannungsaufnahme am Quer-
schnittsrand. Daher ist eine zutreffende Abbildung der Druckeigenspannungen wichtiger als die
Abbildung der zugehörigen Zugspannung. Abb. 41 zeigt die rechnerischen Randspannungen in
Abhängigkeit vom Durchmesser. Es ist zu erkennen, dass der bisher verwendete Randspannungs-
ansatz mit den berechneten Randeigenspannungen bei kleinen Durchmessern in guter Überein-
stimmung steht. Für größere Durchmesser wird ein Ansatz mit einem abgeminderten Randwert
vergleichend berechnet.
5.10 Querschnittsverhalten
Die Berechnung der Temperaturgradienten erforderte eine sehr feine Elementeinteilung im Modell.
Dabei wurde ein dreidimensionales Modell verwendet, um den räumlichen Spannungszustand
abbilden zu können.
Die Verwendung eines dreidimensionalen Ansatzes ist jedoch in vielen Fällen nicht zweckmäßig.
Des Weiteren ist eine Vereinfachung nötig, um die idealisierte Eigenspannungsverteilung auch mit
wenigen Elementen in Dickenrichtung abbilden zu können. Um einen in der praktischen Anwen-
dung nutzbaren Ansatz anzugeben, wird auf die bisher schon verwendete quadratische Längsei-
genspannungsverteilung über den Querschnitt zurückgegriffen. Dieser Ansatz soll gleichermaßen
bei der zweidimensionalen Abbildung einer Stütze, bei der nur Spannungen in Längsrichtung be-
rücksichtigt werden, wie auch bei räumlicher Modellierung verwendet werden können.
Ausschlaggebend für den traglastmindernden Einfluss sind die Druckeigenspannungen am Quer-
schnittsrand. Dabei ist eine in etwa lineare Abhängigkeit der auftretenden Randlängseigenspan-
nung vom Durchmesser festzustellen, die in dem vereinfachten Ansatz berücksichtigt werden
kann. Durch die verwendete quadratische Verteilung der Spannungen ist eine weitere Anpassung
an den Spannungsverlauf nicht möglich, so dass vergleichende Berechnungen notwendig sind, um
den auf die Randeigenspannungen bezogenen Ansatz mit den rechnerisch ermittelten Eigen-
spannungen vergleichen zu können.
Der direkte Vergleich mit den ermittelten Eigenspannungen ist aufgrund der sehr großen Anzahl
benötigter Elemente im FE-Modell nicht durchführbar. Daher erfolgt der Vergleich an einem kleinen
Modell geführt. Dazu werden die bei einer aufgebrachten Stauchung bzw. Krümmung entstehen-
den Kräfte bzw. Momente ausgewertet. Für die Auswertung von gleichmäßigen Stauchungen wird
dabei das in Abb. 30 abgebildete System verwendet. Die durch die durchgeführte Simulation ge-
rechtfertigte Abminderung der Eigenspannungen wird erst bei Querschnitten mit einem Durchmes-
ser größer als 200 mm maßgebend. Daher wird ein Traglastvergleich an einem RV-Profil
Ø 400 mm durchgeführt.
In den nachfolgenden Abbildungen sind die zu einer wachsenden Stauchung gemäß den
Darstellungen die sich ergebenden Normalkräfte und Biegemomente aufgetragen. Neben der
Auswertung zentrischer Stauchungen wurde in einer weiteren Berechnung für Stauchungen eine
Relation der Randdehnungen festgelegt, wie diese sich aus den im Traglastzustand bei dem
Versuch MK6 bei maximaler Last gemessenen Dehnungen ergibt (Stütze mit Kernprofil, nahezu
zentrisch belastet). Zur Berücksichtigung von mit großen Ausmitten belasteten Stützen wurde der
grenzwertige Fall der reinen Biegung untersucht.
Für die Bewertung des traglastmindernden Einflusses bei stabilitätsgefährdeten Bauteilen ist es
ausschlaggebend, bei welchen Stauchungen bzw. Krümmungen Traglastminderungen auftreten.
Eigenspannungen in Rundvollprofilen 43
Daher wurde im Folgenden auf die übliche Zuordnung auftretender Biegemomente zu ihren
Normalkräften abgesehen. Statt dessen wurden die inneren Schnittgrößen den zugehörigen
Stauchungen zugeordnet.
F RV400
F
[kN] S235
Eigenspannungszustand
ohne ES
ε berechnete ES
[‰] ES-Ansatz nach [15],[35]
vermindert angesetzte ES
F RV400
F
M S235
[kN]
2ε
Eigenspannungszustand
ohne ES
ε berechnete ES
[‰] ES-Ansatz nach [15],[35]
vermindert angesetzte ES
M
[kNm]
ε
[‰]
F RV400
[kN] S355
F
Eigenspannungszustand
ohne ES
ε berechnete ES
[‰] ES-Ansatz nach [15],[35]
vermindert angesetzte ES
F RV400
F
[kN] S355
M
2ε
Eigenspannungszustand
ohne ES
ε berechnete ES
[‰]
ES-Ansatz nach [15],[35]
vermindert angesetzte ES
M
[kNm]
ε
[‰]
RV400
F
F S460
[kN]
Eigenspannungszustand
ohne ES
ε berechnete ES
[‰] ES-Ansatz nach [15],[35]
vermindert angesetzte ES
F RV400
F
[kN] S460
M
2ε
Eigenspannungszustand
ohne ES
ε berechnete ES
[‰] ES-Ansatz nach [15],[35]
vermindert angesetzte ES
M
[kNm]
ε
[‰]
M M RV400
[kNm]
εr
S235
Eigenspannungszustand
ohne ES
εr berechnete ES
[‰] ES-Ansatz nach [15],[35]
vermindert angesetzte ES
M
[kNm]
S355
εr
[‰]
M
[kNm]
S460
εr
[‰]
5.11 Systemberechnungen
Nachfolgend werden für unterschiedliche Knicklängen die Traglasten von Vollkernstützen ermittelt,
wobei unterschiedliche Annahmen für Eigenspannungszustände für Stahlstützen untersucht wer-
den (Tab. 14). Durch die unterschiedlichen Knicklängen treten bei diesen zentrisch beanspruchten
Stäben bereits verschiedene Kombinationen von Normalkraft und Moment in Stützenmitte auf, so
dass von weiteren Berechnungen mit Randexzentrizitäten abgesehen wird. Die Berechnungen
bestätigen die in DIN 18800-1 und Eurocode 3-1-1 angegebene Einstufung von Vollkernprofilen in
die Knickspannungslinie c.
λk a) b) c) d)
S235 N
0,2 1,00 1,00 0,98 0,98
0,5 0,96 0,84 0,79 0,82
1,0 0,68 0,54 0,47 0,51 RV Ø 400
1,5 0,38 0,31 0,28 0,31
2,0 0,22 0,20 0,18 0,19
S355
sk
w0
0,2 1,00 1,00 0,98 0,98 sk = sk( λK )
0,5 0,97 0,84 0,84 0,86
1,0 0,72 0,54 0,55 0,59 λK = {0,2; 0,5;1,0;
1,5 0,39 0,31 0,33 0,35 1,5; 2,0}
2,0 0,23 0,20 0,21 0,21
S460
0,2 1,00 1,00 0,98 0,98
0,5 0,97 0,84 0,84 0,86 a) ohne Eigenspannungen (ES)
1,0 0,72 0,54 0,55 0,59 b) nach Knickspannungslinie c
1,5 0,39 0,31 0,33 0,35 c) mit ES nach dem etablierten
2,0 0,23 0,20 0,21 0,21 Ansatz nach [35]
d) mit abgeminderten ES
Tab. 14 Traglastberechnung für ein Rundvollprofil
N KSL b
N pl
KSL c
Querschnitt:
RV Ø 400, S355
λk
Abb. 49 Vergleich der Berechnungsergebnisse (Tab. 14) mit den Knickspannungslinien b und c
48 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
Den Berechnungen liegt eine geometrische Imperfektion (quadratische Vorkrümmung) mit einem
Stich von w0= L/1000 zugrunde. In Abb. 49 werden die Berechnungsergebnisse mit der Einstufung
in die Knickspannungskurven b und c nach DIN 18800-2 [36] verglichen.
5.12 Zusammenfassung
Es wurden für verschiedene Durchmesser und Materialgüten und unter Ansatz von rechnerischen
Grenzbedingungen die Eigenspannungen für Rundvollprofile berechnet. Die berechneten Eigen-
spannungen lassen sich für die in Kap. 5.8 genannten Bedingungen gut mit einem Polynom
4. Grades abbilden. Vereinfachungen, die erforderlich sind, um nicht eine zu hohe Genauigkeit zu
suggerieren, führen zu dem bisher schon verwendeten, quadratischen Ansatz.
Der Vergleich der Berechnungsergebnisse mit den bisherigen Berechnungsansätzen [35] zeigt,
dass der bisher verwendete Ansatz für die Verteilung der Eigenspannungen auf der sicheren Seite
liegt. Der Einfluss der Eigenspannungen ist insbesondere bei Verbundstützen mit großen Kern-
durchmessern von Bedeutung. Daher wurde der Einfluss von geringer angesetzten Eigen-
spannungen untersucht.
Für große Durchmesser wurde die Größe der Randspannung angepasst. Anhand der Abbildungen
in Kap. 5.10 ist zu erkennen, dass die Modifikation zu geringfügig kleineren Traglastabminder-
ungen führt als die rechnerische Eigenspannungsverteilung. Die Ansätze, hier verglichen mit den
als ungünstig gewählten Randbedingungen nach Kap. 5.6, rufen in etwa die Tragfähigkeits-
abminderungen hervor, wie sie mit den berechneten Eigenspannungen ermittelt wurden.
Es kann festgestellt werden, dass die Abminderung der aufnehmbaren Normalkraft von den Nähe-
rungsansätzen gut abgebildet wird. Die bei der angewandten Kombination aus Stauchung und
Krümmung berechneten Normalkräfte und Biegemomente sind bei Ansatz der bisher verwendeten
Näherung [35] (Abb. 41) geringer als bei Verwendung der berechneten Eigenspannungen. Der
Ansatz der vergleichsweise geprüften Näherung führt bei niedrigen Festigkeiten zu geringfügig
kleineren Abminderungen der Tragfähigkeit, als diese sich mit den unter grenzwertigen
Randbedingungen berechneten Eigenspannungsverteilungen ergeben.
Die Berechnungen in Kap. 5.11 zeigen, dass eine Abminderung der Randeigenspannungen beim
Näherungsansatz nur zu geringfügig höheren aufnehmbaren Lasten führt. Mit den gewonnenen
Erkenntnissen kann somit der schon bestehende Ansatz [35] als ausreichend genaue Näherung
bestätigt werden.
Eigenspannungen in Rundvollprofilen 49
σ
[N/mm²] Zugspannungen an
50 der Aussenseite
0
Druckspannungen an
der Innenseite
0
Skalierung [N/mm²]
50
0 100
Der Traglastzustand der hier betrachteten Hohlprofil-Verbundstützen stellt sich mit dem Erreichen
der kritischen Betondehnungen ein, die weit oberhalb der Elastizitätsgrenze des Baustahles liegen.
Da die Eigenspannungen über die Rohrwandungen ausgeglichen sind, ist bei dem hier betrachte-
ten Fall davon auszugehen, dass diese nur einen untergeordneten Einfluss auf die Traglast der
Verbundstütze haben.
50 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
NEd
1 ∆M
w IIe = w 0 ;q=
1− q M0
w0
ϕ
w (t ) = w (t 0 ) ⋅ EXP
II II
w IIe (t 0 ) 1
sk
− 1
w II (t ) q
Abb. 51 Berechnung der Schnittgrößen nach Theorie II. Ordnung nach [41]
Die Einflüsse aus dem Kriechen und Schwinden lassen sich ebenfalls auf diese Weise berücksich-
tigen. So ruft ein zunächst aus der äußeren Belastung gegebener Spannungszustand im Quer-
schnitt Umlagerungen infolge des Kriechens und Schwindens des Betons hervor. Der Beton ent-
zieht sich der Last und es ergeben sich höhere Beanspruchungen der Stahlteilquerschnitte und
größere Verformungen. Aus diesen Verformungen resultiert ein Biegemomentenzuwachs, der sei-
nerseits eine Zusatzbeanspruchung des Betons und somit ein weiteres Kriechen bewirkt. Die dar-
aus abzuleitende Entwicklung der Verformung entspricht dem Verfahren zur Berechnung der
Schnittgrößen nach Theorie II. Ordnung. Dementsprechend wird in [41] vorgeschlagen, zur
Berücksichtigung des Kriechens einen modifizierten Dischinger-Faktor zu verwenden, in dem auch
die Kriechzahl ϕ eingeht (Abb. 51).
Die Stauchung des Betons infolge einer Druckbeanspruchung setzt sich aus einem elastischen
Anteil und einem Kriechanteil zusammen. Das Schwinden des Betons erzeugt zusätzliche zeitab-
hängige Dehnungen εcs(t).
Das Kriechen des Betons kann bis zu einer Spannung von σc = 0,45 fck als linear abhängig von der
Spannung angenommen werden, darüber hinaus ist bei Betonspannungen in der Größe von
0,45 fck < σc ≤ 0,6 fck nach [11] die Berücksichtigung des nichtlinearen Kriechens erforderlich.
Kriechen und Schwinden 51
σc
σc(εc0)
σc (ε0 + εcR)
εc
Abb. 52 Berücksichtigung des Betonkriechens in der Spannungs-Dehnungs-Linie
Die Größe der zu erwartenden Kriechverformungen ist neben der Größe der Belastung unter ande-
rem abhängig von dem Zeitpunkt der Erstbelastung und den Umweltbedingungen. Mit der gleich-
zeitigen Berücksichtigung des Kriechens in der Spannungs-Dehnungslinie wird die zeitliche Ent-
wicklung der Umlagerungen infolge Kriechen vernachlässigt, ebenso verhält es sich mit der Be-
rücksichtigung des Schwindens in einem Berechnungsschritt. Die direkte Berücksichtigung des
Kriechens in der Spannungs-Dehnungslinie des Betons (Abb. 52) ist wegen der Vernachlässigung
der zeitlichen Entwicklung der Umlagerungen somit eigentlich unzutreffend. Es sei aber erwähnt,
dass dieser Ansatz in [42] zur Anwendung auf Stahlbetonstützen beschrieben und mit Versuchs-
nachrechnungen bestätigt wurde.
Die in der DIN 1045 [23] angegebenen Spannungs-Dehnungs-Beziehungen und Werte für den E-
Modul gelten für kurzzeitige Belastungen. Die aktuellen Verbundbaunormen [1], [2] berücksichtigen
den Einfluss aus dem Kriechen durch eine Abminderung des E-Moduls des Betons zur Be-
rechnung der Schnittgrößen nach Theorie II. Ordnung.
1
E c, eff = E cm
N G,Ed (7-2)
1+ ϕ
NEd t
Bleibt dabei eine genaue Ermittlung der Kriechzahl aus, so darf sie für Hohlprofil-Verbundstützen
zu 25% desjenigen Wertes angenommen werden, der sich ohne Berücksichtigung der Austrock-
nungsbehinderung durch das Hohlprofil ergibt. Die wirksame Biegesteifigkeit wird damit für Ver-
bundstützen nach Gleichung (7-2) bestimmt.
NP,k 0,3
NEd = 1,35 NG,k + 1,50 NP,k ≅
NG,k 0,7
(7-4)
NED − 1,50 NP,k 1 − 1,50 ⋅ 0,3
NG,k = = NEd ≅ 0,41 NEd
1,35 1,35
Nachfolgend wird für mittelschlanke und schlanke Hohlprofilverbundstützen ohne Einstellprofil
nach Tab. 15 der Einfluss des Kriechens und Schwindens ermittelt. Die Zeitschritte sind dabei so
gewählt, dass der Zuwachs der Kriechzahl φ(t∞,t0) zwischen den Iterationen etwa einem Viertel der
Endkriechzahl entspricht. Die Schwinddehnung wird zugehörig berücksichtigt. Vorab wird zur
Bestimmung des kriecherzeugenden Lastniveaus eine Traglastberechnung ohne die Berück-
sichtung des Kriechens und Schwindens durchgeführt.
Für den vom Stahlmantel eingeschlossenen Beton wird die Kriechzahl gemäß [2] mit 25% desjeni-
gen Wertes angesetzt, der sich für einen Querschnitt mit einer der Luft ausgesetzten Oberfläche
ergibt. Dieser Einfluss der Stahlummantelung auf die Kriechzahl wird auch durch die Unter-
suchungen von Ichinose, Watanabe und Nakai [19] bestätigt.
Für das System V1-1 sind die Entwicklung der horizontalen Ausbiegung in Stützenmitte sowie die
vertikale Verkürzung der Stütze bei wachsender Normalkraft in Abb. 54 und Abb. 55 dargestellt.
Die sich vergrößernden Verformungen infolge des Kriechens und Schwindens bei gehaltener Last
NG,k sind deutlich zu erkennen. Die zusätzliche horizontale Auslenkung wird dabei im Wesentlichen
durch das Kriechen hervorgerufen, während die zusätzliche Stauchung der Stütze dem Schwinden
zuzuordnen ist. Die Nicht-Affinität von Kriechen und Schwinden ist beim Vergleich der schrittwei-
sen Zuwächse der horizontalen und vertikalen Verformungen zu erkennen.
Kriechen und Schwinden 53
N Bestimmung der
maximalen Bemessungslast NEd
NG,k
und der kriecherzeugenden Last NG,Ed
Berechnung ux
mit K+S Berechnung der Kriechdehnung infolge
NG,Ed und zugehörige Schwinddehnung
zum Zeitpunkt ti:
ux
εK + S (ti ) = εK + S (t i −1 ) + ∆εK (t i ) + ∆ε cs (t i )
ϕ(ti,t2) n-fach
Der Vergleich der mit dem allgemeinen Verfahren bestimmten Bemessungslasten zeigt nur eine
geringe Abminderung der Traglast, wenn das Kriechen und Schwinden berücksichtigt wird
(Tab. 16). Vergleichend wurden die Kriechzahlen bei dem System V1-1 auch ohne die Abminde-
rung der Kriechzahl auf 25% der Werte ohne Mantelrohr ermittelt. Die damit berechnete Traglast
ist wesentlich geringer als die ohne den Einfluss des Kriechens ermittelte Traglast.
54 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
ux
Abb. 54 Horizontale Verformung ohne und mit der Berücksichtigung von Kriechen und Schwin-
den
uz
Abb. 55 Vertikale Verformung ohne und mit der Berücksichtigung von Kriechen und Schwinden
Nachweis für
Nachweis für
planmäßig zentri-
Druck und Biegung
schen Druck
N G,Ed Ecm, Ec,eff Fd Fd,K + S Fd,K + S
System λk φ(t∞,t0) L/w0 Fd
NEd kN/cm² [kN] Fd Fd
Tab. 17 Traglasten nach den vereinfachten Verfahren der DIN 18800-5 [2] ohne und mit der
Berücksichtigung des Kriechens
So ergibt sich nach dem vereinfachten Verfahren (Nachweis für Druck und Biegung) für das Sys-
tem V1-2 mit λ K = 2 für eine Lastausmitte von e/D = 2 eine Abminderung der maximalen Traglast
von 2% gegenüber einer Berechnung ohne die Berücksichtigung des Kriechens. Aufgrund der gu-
ten Übereinstimmung der mit FE-Rechnungen ermittelten Ergebnisse mit denen nach dem verein-
fachten Verfahren können die Regeln der DIN 18800-5 [2] auch bei Stützen aus hochfesten Stäh-
len und Betonen verwendet werden. Die Auswertung der Systeme mit den vereinfachten Verfahren
nach DIN 18800-5 (Tab. 17) führt zu etwa den gleichen Abminderungen wie mit dem genauen
Verfahren ermittelt.
56 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
M/Mpl
0
MRd,N
Nachfolgend werden die Abminderungsbeiwerte αM für typische Querschnitte nach Tab. 18 für die
bei den Querschnittsinteraktionskurven auftretenden Verhältnisse M/N ermittelt. Die Ergebnisse
sind in Form von Interaktionskurven in den Abb. 57 bis Abb. 68 exemplarisch für Stützen ohne
Kernprofil und mit einem Kern Ø 200 mm dargestellt. Die dort aufgeführten Interaktionsdiagramme
beziehen sich auf die Bemessungswerte der Querschnittstragfähigkeiten, bei denen für Beton der
Teilsicherheitsbeiwert γc = 1,5 für Festigkeitsklassen bis C50/60 und der Teilsicherheitsbeiwert
γc = 1,67 für die Festigkeitsklasse C100/115 berücksichtigt ist. Für den Kernquerschnitt und das
Mantelrohr wird der Teilsicherheitsbeiwert γa = 1,1 der Berechnung zugrunde gelegt. Aufgrund der
unterschiedlich anzusetzenden Teilsicherheitsbeiwerte müssen diese von vornherein mit berück-
sichtigt werden, ein nachträgliches Verrechnen ist nicht möglich. Der Ansatz der Teilsicherheitsbei-
werte folgt den zur Zeit gültigen Normen. Es sei angemerkt, dass Tue, Schenk und Schwarz [40]
bei einer Überprüfung des zusätzlichen Sicherheitsbeiwertes γc’ für hochfesten Beton durch sta-
tistische Auswertungen und Analyse der Unsicherheitsquellen feststellten, dass es keine Not-
wendigkeit für diesen Faktor gibt.
Zur Bemessung von Hohlprofil-Verbundstützen 57
N
Npl,d
M Mdb,d (N)
Mpl,d
Mpl,d (N)
N
Npl,d
M
Mdb,d (N)
Mpl,d
Mpl,d (N)
N
Npl,d
M
Mdb,d (N)
Mpl,d
Mpl,d (N)
N
Npl,d
M
Mpl,d Mdb,d (N)
Mpl,d (N)
N
Npl,d
M
Mpl,d Mdb,d (N)
Mpl,d (N)
N
Npl,d
M
Mpl,d Mdb,d (N)
Mpl,d (N)
N
Npl,d
M Mdb,d (N)
Mpl,d Mpl,d (N)
N
Npl,d
M Mdb,d (N)
Mpl,d Mpl,d (N)
N
Npl,d
M
Mdb,d (N)
Mpl,d
Mpl,d (N)
N
Npl,d
M
Mpl,d Mdb,d (N)
Mpl,d (N)
N
Npl,d
M
Mpl,d Mdb,d (N)
Mpl,d (N)
N
Npl,d
M
Mpl,d Mdb,d (N)
Mpl,d (N)
Die Auswertungen zeigen, dass der Abminderungsbeiwert αM zur Berücksichtigung der Deh-
nungsbeschränkung stark von der Betonfestigkeitsklasse und den Querschnittsabmessungen so-
wie von dem Verhältnis N/Npl,d abhängig ist. Mit guter Näherung kann der Beiwert αM wie folgt an-
genähert werden:
N
αM = αM0 − αN (8-1)
Npl
Die Beiwerte αM0 und αN sind für verschiedene Betonfestigkeitsklassen in Tab. 19 zusammenge-
stellt.
Die Ergebnisse der Tabelle verdeutlichen, dass für Stützen mit Kernprofilen und insbesondere bei
hochfesten Betonen und großen Kerndurchmessern deutlich kleinere Verhältniswerte αM zugrunde
gelegt werden müssen als bei Stützen aus normalfesten Betonen ohne Einstellprofil.
62 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
Rd =
1
γR
Rm mit (
R m = R m f y,R ; fc,R ; f s,R ; fp,R ; PRm ) (8-2)
Die rechnerischen Mittelwerte der Baustofffestigkeiten fc,R, fs,R und fp,R sind DIN 1045-1 [23] zu ent-
nehmen. Der rechnerische Mittelwert der Streckgrenze des Baustahls fy,R darf mit fck angenommen
werden. Für die Tragfähigkeit von Verbundmitteln PRm darf PRk angesetzt werden. Wird der Teilsi-
cherheitsbeiwert des Systemwiderstandes wie nachfolgend beschrieben bestimmt, so darf anstelle
von fc,R für die Betonfestigkeit fck angesetzt werden.
Der Bemessungswert der aufnehmbaren Einwirkungen berechnet sich dadurch, dass der System-
widerstand Rm noch um den Teilsicherheitsbeiwert γR abgemindert wird. Aufgrund des großen An-
teils des Baustahls bei einem Verbundquerschnitt ist eine pauschale Abminderung der Tragfähig-
keit, wie diese nach DIN 1045-1 [23] für Betonstützen angesetzt wird, jedoch nicht sinnvoll.
Anstelle des in DIN 1045-1 angegebenen Teilsicherheitsbeiwertes γR von 1,3 können mit der in Gl.
(8-3) angegebenen Beziehung die geringeren Streuungen der Materialeigenschaften des
Baustahles berücksichtigt werden. Der Teilsicherheitsbeiwert wird dann wie folgt ermittelt:
R pl,m
γR = (8-3)
R pl, d
Dabei ist Rpl,d die mit den Bemessungswerten der Werkstofffestigkeiten berechnete, vollplastische
Querschnittstragfähigkeit und Rpl,m die mit den rechnerischen Mittelwerten der Werkstofffestigkei-
ten berechnete, vollplastische Querschnittstragfähigkeit. Der Nachweis nach Gleichung (8-3) ist
dabei abhängig von der auftretenden Beanspruchungskombination.
Für eine Normalkraft und das zugehörige Moment wird Rpl,d und Rpl,m und daraus γR berechnet. Die
Normalkraft wird dann bei einer Berechnung unter Ansatz der Mittelwerte der Baustofffestigkeiten
gesteigert, bis die maximale Tragfähigkeit des Systems erreicht ist. Die ausreichende Tragfähigkeit
der Stütze ist nachgewiesen, wenn das Verhältnis von möglicher zu vorhandener Belastung λu
größer ist als γR (Abb. 69).
Zur Bemessung von Hohlprofil-Verbundstützen 63
Eine Bestimmung der maximal möglichen Last nach diesem Sicherheitskonzept ist nur iterativ
möglich, da das aus einer Exzentrizität vorhandene Moment bei einer Laststeigerung nicht
proportional zur Normalkraft anwächst. Dadurch kann die maßgebende Belastung aus M und N für
die Bestimmung von γR, nicht vorab bestimmt werden. In Abb. 70 ist exemplarisch der Einfluss der
Querschnittsausbildung und des Verhältnisses M/N auf den Sicherheitsbeiwert γR für zwei
Querschnittstypen dargestellt.
Querschnitt: Querschnitt:
RR 406,4x8,8 RR 406,4x8,8
γR γR RV 300
D D
Baustoffe
C100/115, S235
C100/115, S460
C 30/37, S235
C 30/37, S460 Baustoffe
C30/37, S235
C100/115, S235
C30/37, S460
e=M/N C100/115, S460
e/D e/D
Abb. 70 Verlauf von γR in Abhängigkeit vom Querschnitt, den Baustofffestigkeiten und der
Lastausmitte e/d
64 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
Der Abminderungsfaktor κ wird dabei nach DIN 18800-2 bestimmt. Die zugrunde zu legende be-
zogene Schlankheit berechnet sich zu
Npl
λk = (8-5)
Nki
wobei Npl mit den charakteristischen Festigkeiten der Werkstoffe bestimmt wird, und die Normal-
kraft unter der kleinsten Verzweigungslast Nki mit der effektiven Steifigkeit EIeff,l nach Gl. (8-6)
berechnet wird.
π 2 EI eff
Nki = ; EI eff = E aIa + E sI s + 0,6 E c Ic (8-6)
sk 2
Die Zuordnung der Querschnitte zu den Knickspannungslinien erfolgt nach Tabelle 11 der
DIN 18800-5. Für Hohlprofil-Verbundstützen mit runden Vollkernprofilen ist diese Zuordnung bis-
lang ausgeblieben. Nachfolgend werden daher für diesen Stützentyp im folgenden Kapitel Berech-
nungen durchgeführt und eine Einstufung vorgeschlagen.
κ
KSL a0
KSL a
KSL b
λK
Abb. 71 Vergleich der rechnerisch ermittelten bezogenen Traglasten mit den Knickspannungs-
linien a und b - Mantelrohr in der Stahlgüte S355 und DK / D ≤ 0,3
κ
KSL a0
KSL a
KSL b
λK
Abb. 72 Vergleich der rechnerisch ermittelten bezogenen Traglasten mit den Knickspannungs-
linien a und b - Mantelrohr in der Stahlgüte S460 und DK / D ≤ 0,3
Zum Vergleich wurden die Systeme, die den in Abb. 73 dargestellten Auswertungen zugrunde lie-
gen, auch ohne die Berücksichtigung von Eigenspannungen berechnet. Die angegebenen bezo-
genen Traglasten lassen erkennen, dass der Eigenspannungseinfluss bei den Querschnitten mit
DK / D ≤ 0,3 von untergeordneter Bedeutung ist.
Den Einfluss großer Kernprofile mit verschiedenen Werkstofffestigkeiten auf die Zuordnung zu
einer Knickspannungslinie zeigen Abb. 74 und Abb. 75.
66 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
KSL a0
KSL c KSL a
λK
Abb. 73 Rechnerische, bezogene Traglasten mit und ohne den Ansatz von Eigenspannungen
KSL a0
a
b
λK
KSL a0
a
b
λK
Die Auswertung sämtlicher zentrisch belasteter Stützen ergab, dass Stützen mit kleinen Kernpro-
filen im Rahmen der in Tab. 20 angegebenen Werkstofffestigkeiten in die Knickspannungslinie a
einzuordnen sind. Bei großen Kernprofilen sind die Stützen in die Knickspannungslinie b einzu-
ordnen (Abb. 76).
κ
1 NKi
=
2 Npl
λK
KSL a0
a
b
c
Die Einstufung eines Querschnitts in eine Knickspannungslinie ist vom Ansatz der effektiven Bie-
gesteifigkeit EIeff,λ abhängig. In DIN 18800-5 [2] und in Eurocode 4 [1] wird der Einfluss der Rissbil-
dung durch eine Abminderung der Steifigkeit des Betons von Ec,effIc auf den 0,6-fachen Wert
erfasst. Diese pauschale Abminderung ist jedoch nicht für alle Schlankheitsbereiche zutreffend.
κ
1 NKi
=
λK 2 Npl
KSL a0
a
b
c
In Abb. 77 wurde zum Vergleich keine Abminderung zur Erfassung der Rissbildung berücksichtigt.
Man erkennt, dass man dann zu einer anderen Einstufung gelangt. Zu diesem Problem sind noch
weitere Untersuchungen erforderlich, da die effektive Biegesteifigkeit auch von der Schlankheit
abhängt. Unter Ansatz der effektiven Biegesteifigkeit nach DIN 18800-5 (s. Abb. 76) können die
untersuchten Querschnitte im angegebenen Anwendungsbereich wie folgt den Knickspannungs-
linien zugeordnet werden:
Spalte 1 2 3
DK D
alle übrigen
2 y-y und z-z b
Querschnitte
κ Npl,k
[kN]
NU,FEM
[kN]
Abb. 78 Maximale Traglasten nach den europäischen Knickspannungslinien NR,k, verglichen mit
den in der FE-Berechnung maximal erreichten Lasten
In Abb. 78 sind die mit der Einstufung nach Tab. 20 ermittelten Traglasten den mit dem FE-Modell
ermittelten Traglasten gegenübergestellt. Die mit den Knickspannungslinien ermittelten maximalen
Traglasten zentrisch gedrückter Stützen zeigen eine gute Übereinstimmung mit den nach dem
allgemeinen Verfahren berechneten maximalen Bemessungslasten, wobei der Nachweis auf der
Grundlage der europäischen Knickspannungslinien stets zu auf der sicheren Seite liegenden Er-
gebnissen führt.
N
Npl MEd
Mpl,N ≤ 1,0
α M Mpl,N
αM Mpl,N
Ned vollplastische Inter-
aktionskurve
dehnungsbeschränkte
Interaktionskurve
M
0
MEd Mpl,d
Abb. 79 Nachweis mit einer Berechnung nach Theorie [Link] nach dem vereinfachten
Verfahren [2]
Die angegebene Vorkrümmung der Stütze ist abgestimmt auf die konstante effektive Biegesteifig-
keit und die ansetzbare Tragfähigkeit der Stütze. Die Beanspruchbarkeit der Querschnitte wurden
bereits in Kap. 8.1 betrachtet. Mit den in den nachfolgenden Kapiteln ausgewerteten Berechnun-
gen werden nun Imperfektionsansätze und anzusetzende effektive Biegesteifigkeiten angegeben,
mit denen ein Nachweis nach Theorie II. Ordnung nach dem vereinfachten Verfahren für Hohlpro-
filverbundstützen mit runden Vollkernen ermöglicht werden soll.
N Querschnitt
[kN] RR 660x7.1, RV 400: S355
C100/115
Vollplastische und dehnungs-
beschränkte Interaktionskurven
- mit Mittelwerten
- mit Bemessungswerten
der Baustofffestigkeiten
λ K = 1.0 λ K = 1.0 M
e/D = 0 e/D = 1
[kNm]
N N
[kN] [kN]
System: λ K = 1.0
e/D = 0
Nu = 46774 kN ux EI
NRd = 38378 kN EIeff
[mm]
N N
[kN] [kN]
System: λ K = 1.0
e/D = 1
Nu = 6299 kN EI
ux
NRd = 5232 kN
[mm] EIeff
Durch die Anpassung der effektiven Steifigkeit bzw. der anzusetzenden Imperfektion wird erreicht,
dass bei der maximal aufnehmbaren Bemessungslast auch das zugehörige maximal zulässige
Biegemoment auftritt. Bei den nachfolgenden Herleitungen werden auf der Grundlage der über die
Stützenlänge konstanten effektiven Biegesteifigkeit nach Gl. (8-7) die anzusetzenden Imper-
fektionen für zentrisch belastete Stützen bestimmt. Die nach DIN 18800-5 [2] anzusetzende
Biegesteifigkeit berechnet sich nach Gl. (8-7).
Die Auswertung der FE-Berechnungen zeigte eine Abhängigkeit der rückgerechneten Imperfektion
von einzelnen Merkmalen eines Querschnittes (Stahlgüte, Betongüte, Kerndurchmesser, Schlank-
heit). Zum Beispiel kann anhand des Vergleiches von Systemen, die sich nur durch die verwen-
dete Stahlgüte unterscheiden, die Abhängigkeit der Anfangsausmitte von der verwendeten Stahl-
güte ermittelt werden (Abb. 81).
w 0 (S460 )
w 0 (S355 )
λK
Wird dieser Vergleich für einzelne Querschnitte mit unterschiedlich großen Kernprofilen geführt, so
ist zu erkennen, dass Kernprofile bis zu einem Durchmesser von etwa 200 mm einen günstigen
(verringernden) Einfluss auf die Anfangsausmitte haben. Bei größeren Kernprofilen vergrößert sich
die rückgerechnete Ausmitte. Ursache dafür ist der ungünstige Einfluss der Eigenspannungen. Der
„Umkehrpunkt“ ergibt sich etwa für einen Kerndurchmesser von 200 mm. Die Abhängigkeit der
Vorkrümmung vom Kerndurchmesser zeigt beispielhaft Tab. 21.
Kern- Stahl- Kern- Stahl-
Mantelrohr L/w0 Mantelrohr L/w0
profil güte profil güte
- 434 - 416
90 454 RR 660x7,1 200 360 576
406,4 x 8,8 110 360 499 400 396
250 466
300 385
- 533 - 515
90 584 RR 660x7,1 200 460 756
406,4 x 8,8 460
110 654 400 544
300 520
Die Vorkrümmungen werden für die maximalen Bemessungslasten, die nach dem allgemeinen
Verfahren bestimmt wurden, berechnet. Bei diesen Lasten ist der Einfluss nach Theorie
II. Ordnung für einige der betrachteten Systeme mit der effektiven Steifigkeit nach Gl. (8-7) sehr
groß, wodurch sich teilweise sehr kleine Imperfektionen ergeben. Sowohl die in Abb. 81 und Tab.
21 dargestellten Zusammenhänge als auch die Gegenüberstellungen der Betongüten oder der
Knicklängen weisen bei der Betrachtung aller Querschnitte größere Streuungen auf, durch die eine
rein analytische Bestimmung der anzusetzenden Imperfektionen nicht möglich ist. Die großen
Streuungen sind dabei unter anderem auf die numerische Empfindlichkeit infolge der Nichtlinearität
zurückzuführen.
Vergleichsrechnungen ergaben, dass bei dem Ansatz einer konstanten Vorkrümmung ein Wert
von w0 = L/400 am ehesten zutreffende Ergebnisse liefert. Dieser Ansatz wird nachfolgend mit
einem Ansatz verglichen, der die Querschnitts- und Systemmerkmale berücksichtigt. Verglichen
werden in Tab. 22 und Tab. 23 dabei die Maximallasten PRd,db bzw. PRd,αM, die sich nach dem
vereinfachten Verfahren ergeben, mit den maximalen Bemessungslasten nach dem allgemeinen
Verfahren PRd,allg.
Um den Einfluss unterschiedlicher Querschnitte zu erfassen, sind die Querschnitte nach Gruppen
sortiert. Für die Bewertung des Gesamtansatzes sowie der einzelnen Gruppen werden Mittelwerte,
Maximal- und Minimalwerte sowie eine Standardabweichung als Maß für die Streuung berechnet.
Unter Berücksichtigung von Querschnitts- und Systemmerkmalen kann der Stich w0 der anzuset-
zenden Vorkrümmung nach Tab. 23 ermittelt werden. Die maximal anzusetzende Vorkrümmung
ergibt sich danach zu w0 = L/320 für gedrungene bis mittelschlanke Stützen ohne Kernprofil und
aus noch normalfesten Werkstoffen und entspricht etwa dem in der DIN 18800-5 angegebenen
Wert von w0 = L/300. Die Auswertungen der Stützen zeigen den Zusammenhang, dass Stützen
aus hochfesten Materialien günstiger bezüglich der Annahme von geometrischen Ersatzimperfek-
tionen einzustufen sind. Ebenfalls ist erkennbar, dass Kernprofile erst ab einem Durchmesser von
etwa 200 mm aufgrund der Eigenspannungen einen ungünstigen Einfluss auf die anzusetzende
Imperfektion haben.
S355 k1 = 1
Stahlgüte
S460 k1 = 1,25
∅ [mm]
L ≤ 200 mm k2 = 1 + K
= 400 ⋅ k 1 ⋅ k 2 ⋅ k 3 Durchmesser des 400
w0 Kernprofils ∅ [mm]
> 200 mm k2 = 2 − K
400
λ K ≤ 0,5 k3 = 0,8
Schlankheit der Stütze
λ K > 0,5 k3 = 0,7 + 0,2 λ K
Der Minimalwert der Anfangsausmitte ergibt sich für einen Querschnitt mit einem Kernprofil
Ø200 mm aus S460 und eine bezogene Schlankheit von λ K = 2 zu w0 = L/825. Die Auswertung
des Ansatzes zeigt Tab. 24. Eine Abhängigkeit der rückgerechneten Imperfektion von der Beton-
güte konnte ebenfalls beobachten werden, jedoch können aufgrund der großen Streuungen keine
detaillierteren Angaben zur genaueren Berücksichtigung dieses Einflusses angegeben werden.
L PRd,db PRd,α M
= 400 ⋅ k1 ⋅ k 2 ⋅ k 3 n (Anzahl
w0 der unter PRd,al lg PRd,al lg
suchten
Gruppe Systeme) MW Max Min s MW Max Min s
Gesamt 119 0,96 1,04 0,80 0,06 0,96 1,09 0,80 0,06
Mantelrohr- 219,1 24 0,96 1,02 0,89 0,05 0,96 1,07 0,87 0,06
durchmesser 406,4 57 0,98 1,04 0,93 0,03 0,97 1,09 0,91 0,04
[mm] 660 38 0,93 1,00 0,80 0,08 0,93 1,04 0,80 0,09
Kern- 0 24 0,96 1,00 0,89 0,05 0,99 1,09 0,89 0,05
durchmesser 50 6 0,95 0,98 0,89 0,07 0,94 0,97 0,87 0,08
[mm] 100 39 0,97 1,02 0,93 0,04 0,96 1,01 0,91 0,05
200 16 0,93 0,99 0,89 0,08 0,93 0,99 0,87 0,08
250 2 1,00 1,01 0,99 0,02 0,97 0,99 0,96 0,04
300 16 0,99 1,04 0,93 0,03 0,97 1,00 0,92 0,04
400 16 0,92 1,00 0,80 0,10 0,91 0,99 0,80 0,10
Tab. 24 Auswertung des Ansatzes mit an den Querschnitt und das System angepasster
Vorkrümmung
Zur Bemessung von Hohlprofil-Verbundstützen 75
Die Berechnung der Stützensysteme nach dem vereinfachten Verfahren mit den in Tab. 23 ange-
gebenen Ersatzimperfektionen zeigt eine gute Übereinstimmung der maximal möglichen Bemes-
sungslasten mit den nach dem Allgemeinen Verfahren ermittelten Werten (Abb. 82 bis Abb. 84).
Die geringeren Streuungen des angepassten Ansatzes sind ebenfalls deutlich zu erkennen. Die
Überschreitungen gegenüber der mit dem allgemeinen Verfahren ermittelten Lasten von bis zu 4%
bzw. 9% bei der vereinfachten Lösung sind vertretbar.
NRd NRd
[kN] [kN]
L L
w0 = = 400 ⋅ k 1 ⋅ k 2 ⋅ k 3
400 w0
NRd
NRd = 0,9
= 0,9 NRd,FEM
NRd,FEM
NRd,FEM NRd,FEM
[kN] [kN]
Abb. 82 Vergleich der mit dem Allgemeinen Verfahren und dem vereinfachten Verfahren
ermittelten Traglasten für einen Mantelrohrdurchmesser von 219 mm
76 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
NRd NRd
[kN] [kN]
L L
w0 = = 400 ⋅ k 1 ⋅ k 2 ⋅ k 3
400 w0
NRd NRd
= 0,9 = 0,9
NRd,FEM NRd,FEM
NRd,FEM NRd,FEM
[kN] [kN]
Abb. 83 Vergleich der mit dem Allgemeinen Verfahren und dem vereinfachten Verfahren
ermittelten Traglasten für einen Mantelrohrdurchmesser von 406 mm
NRd NRd
[kN] [kN]
L L
w0 = = 400 ⋅ k 1 ⋅ k 2 ⋅ k 3
400 w0
NRd NRd
= 0,9 = 0,9
NRd,FEM NRd,FEM
NRd,FEM NRd,FEM
[kN] [kN]
Abb. 84 Vergleich der mit dem Allgemeinen Verfahren und dem vereinfachten Verfahren
ermittelten Traglasten für einen Mantelrohrdurchmesser von 660 mm
Der Nachweis nach Theorie II. Ordnung sollte zu gleichen Ergebnissen führen wie die Nachweis-
führung auf der Grundlage der europäischen Knickspannungslinien. Die Ergebnisse sind in
Abb. 85 und Abb. 86 dargestellt.
Zur Bemessung von Hohlprofil-Verbundstützen 77
κ Npl,d
[kN]
Ndb
[kN]
Abb. 85 Vergleich der maximalen Traglasten nach den Europäischen Knickspannungslinien und
nach Theorie II. Ordnung unter Berücksichtigung der dehnungsbeschränkten Quer-
schnittstragfähigkeiten
κ Npl,d
[kN]
Ndb
[kN]
Abb. 86 Vergleich der maximalen Traglasten nach den Europäischen Knickspannungslinien mit
denen nach Theorie II. Ordnung unter Berücksichtigung der Näherungsansätze für die
dehnungsbeschränkte Querschnittstragfähigkeit nach Tab. 19
78 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
e/D 1)
kE
0 0,5 1
λ K ≤ 0,5 1 1 1
λK = 1 1 0,8 0,7 (0,8 2) )
λK = 2 1 0,7 (0,8 2) ) 0,7 (0,8 2) )
1) Gültig für ein Randmomentenverhältnis von -1 ≤ ψ ≤ 1
2) Für DK/D ≥ 0,5 kann kE = 0,8 angenommen werden.
EIeff = k E ⋅ 0,9 ( E aIa + 0,5 E c,eff Ic )
Tab. 25 Korrekturfaktor kE für die effektive Biegesteifigkeit von Stützen mit Randmomenten für
die Anwendung des vereinfachten Nachweisverfahrens
Die Anwendung der Tab. 25 auf die der Auswertung zugrundeliegenden Querschnitte und Sys-
teme verglichen mit den nach dem allgemeinen Verfahren ermittelten Traglasten zeigt Abb. 87.
Zur Bemessung von Hohlprofil-Verbundstützen 79
NRd,V [kN]
(Vereinfachtes
Verfahren)
NRd,V
= 0,8
NRd
Abb. 87 Aufnehmbare Lasten nach der Näherungslösung verglichen mit den nach dem allgemei-
nen Verfahren bestimmten aufnehmbaren Lasten
d 240
max = 90 (8-8)
t fyk
Eine Auswertung dieser Bedingung für handelsübliche Rundrohre mit Stahlgüten S235, S355 und
S460 zeigt, dass die Verwendung von Rundrohren mit großen Durchmessern bei gleichzeitig ho-
hen Stahlgüten nach dieser Bedingung nur eingeschränkt möglich ist (Tab. 27).
Bradford u.a. berichten in [12] von experimentellen und theoretischen Untersuchungen zum Beu-
len von betongefüllten Rohren. Als Ergebnis stellten sie folgenden Zusammenhang fest:
NR λey d fy
= mit λe = (8-9)
Npl λe t 250
Nach der Auswertung zahlreicher Versuche wird dabei ein Grenzwert von λey = 140 angegeben.
Dieser Grenzwert wurde durch Ergebnisse von Versuchen an betongefüllten Rohren mit einem
Verhältnis von L/D bis 20 abgeglichen und als zutreffend bewertet. Mit der Vorgabe, dass es sich
bei den in (8-9) angegebenen Normalkräften um Bemessungslasten handelt, ergeben sich die
folgenden Grenzwerte für den (d/t)-Wert von ausbetonierten Rundrohren.
80 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
Die Zusammenstellung in Tab. 27 zeigt, dass der zulässige (d/t)-Wert nach DIN 18800-5 bei Roh-
ren aus höherfesten Stählen oft überschritten ist. Den in [12] angegebenen Grenzwerten nach sind
jedoch wesentlich mehr Querschnitte als unbedenklich hinsichtlich des lokalen Beulens
einzustufen.
Die diesen Auswertungen zugrundeliegenden Versuche wurden an Probekörpern aus
normalfesten Betonen durchgeführt, die bei dem Erreichen ihrer maximalen Tragfähigkeit größere
Stauchungen aufweisen als hochfester Beton. Diesem als günstig zu bewertenden Unterschied
steht entgegen, dass durch die geringere Mikrorissbildung des hochfesten Betons sich bei
gedrungenen, zentrisch belasteten Stützen kein bzw. ein geringerer Innendruck auf das Mantelrohr
ausbildet, der eher einen stabilisierende Einfluss auf das Beulen hätte.
Bei den in [20] und [21] durchgeführten Versuchen wurden Mantelrohre Ø 323,9 x 4,0 verwendet,
die ein großes (d/t) - Verhältnis aufweisen. Die Stützen mit einer bezogenen Schlankheit von
λ k ≅ 0,8 wurden mit Randexzentrizitäten von (e/d) = 0,05 bis (e/d) = 0,25 geprüft. Ein Beulen der
Mantelrohre noch vor dem Erreichen der Traglast war dabei nicht zu beobachten.
Zur Bemessung von Hohlprofil-Verbundstützen 81
-1 ≤ ψ ≤ 1
L
D DK
≤ 0,75
D Länge L:
λ K ≤ 2,0
Beton: C60/75 – C100/115
Stahl: S355 – S460
ψ MEd
Grundlage für die Bemessung ist die Bestimmung der Schnittgrößen nach Theorie II. Ordnung
unter Verwendung einer konstanten effektiven Biegesteifigkeit (Abb. 89). Die Berücksichtigung des
Einflusses aus dem Kriechen (und Schwinden) erfolgt gemäß DIN 18800-5, s.a. Kap. 7. Die
anzusetzende Vorkrümmung wird nach Tab. 23 bestimmt.
Bei auftretenden Randmomenten kann die für die Bestimmung der Schnittgrößen nach Theorie
II. Ordnung anzusetzende Biegesteifigkeit unabhängig vom Randmomentenverhältnis ψ nach
Tab. 25 bestimmt werden.
e/D
kE
0 0,5 1
λ K ≤ 0,5 1 1 1
λK = 1 1 0,8 0,7 (0,8 1) )
λK = 2 1 0,7 (0,8 1) ) 0,7 (0,8 1) )
1) Für DK/D ≥ 0,5 kann kE = 0,8 angenommen werden.
EIeff = k E ⋅ 0,9 (E aIa + 0,5 E c,eff Ic )
Tab. 25 Korrekturfaktor kE für die effektive Biegesteifigkeit von Stützen mit Randmomenten zur
Anwendung mit dem vereinfachten Nachweisverfahren
82 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
wo L 1+ c 2
Mmax Mmax = 0,5MR (1 + ψ ) + Mo − M0
EJeff
cos(0,5 ε)
ζM MR (ψ − 1) 1
c=
MR (1 + ψ ) + 2Mo tan(0,5ε)
ζ arctan c
ξM = 0,5 +
MR ε
Effektive Biegesteifigkeit
MR
EIeff = k E 0,9 (E aIa + 0,5 E c,eff Ic )
Abb. 89 Schnittgrößen nach Theorie II. Ordnung für einen Stab mit konstanter Biegesteifigkeit
unter Drucknormalkraft und Randmomenten
S355 k1 = 1
Stahlgüte
S460 k1 = 1,25
∅ [mm]
L ≤ 200 mm k2 = 1 + K
= 400 ⋅ k 1 ⋅ k 2 ⋅ k 3 400
w0 Größe des Kernprofils
∅ [mm]
> 200 mm k2 = 2 − K
400
λ K ≤ 0,5 k3 = 0,8
Schlankheit der Stütze
λ K > 0,5 k3 = 0,7 + 0,2 λ K
Tab. 23 Anzusetzende Vorkrümmung
Das nach der Theorie II. Ordnung bestimmte maximale Biegemoment in der Stütze unter der
nachzuweisenden Normalkraft NEd wird der zu dieser Normalkraft zugehörigen dehnungsbe-
schränkten Momententragfähigkeit gegenübergestellt (Abb. 90). Die dehnungsbeschränkte
Momententragfähigkeit bestimmt sich aus der vollplastischen Momententragfähigkeit bei einer
gleichzeitig wirkenden Normalkraft NEd, indem diese mit dem Faktor αM nach Tab. 19 abgemindert
wird.
Zur Bemessung von Hohlprofil-Verbundstützen 83
N
αM = αM0 − αN (0,10 ≤ DK/D ≤ 0,75)
Npl
Stahlgüte fyd,Kern Betongüte fcd DK/D = 0 DK/D = 0,75
Kernprofil [N/mm²] [N/mm²] αM0 αN αM0 αN
S235 218 C30/37 20 0,90 0,10 0,85 0,15
C 60/75 40 0,90 0,25 0,80 0,15
C100/115 60 0,90 0,40 0,75 0,15
S460 418 C30/37 20 0,85 0,25 0,70 0,20
C 60/75 40 0,85 0,35 0,60 0,20
C100/115 60 0,85 0,45 0,50 0,20
Tab. 19 Abminderungsfaktor αM für die vollplastische Momententragfähigkeit zur näherungswei-
sen Bestimmung der dehnungsbeschränkten Querschnittstragfähigkeit
N Nachweis:
Dehnungsbeschränkte
Npl,d MEd < Mdb(NEd)
Interaktionskurve
Vollplastische
Interaktionskurve mit
αM • Mpl,N,Rd
NEd Mdb(NEd) ≅ αM • Mpl,N,Rd
9 Anwendungsbeispiel
Zur Veranschaulichung wird nachfolgend eine Stütze für eine Normalkraft und ein einseitiges
Biegemoment unter den vorgegebenen Randbedingungen nachgewiesen. Die für die Anpassung
dieses Stützentyps benötigten Parameter werden so angewendet, wie sie in dieser Arbeit bestimmt
wurden, s.a. Kap. 8.5.
RR 508 x 11,0
L= 9 m
S355
C 70/85
RV 300
S355
1 1 kN
Ec,eff = E cm = 3970 = 3275
N 1 + 0,7 ⋅ 0,25 ⋅ 1,212 cm 2
1 + G,Ed ϕ (t, t 0 )
NEd
Npl,k 39676
λk = = = 1,16 mit
Nki,k 29421
EIeff ,λ = EaIa + 0,6 Ec,eff Ic
= 21000 (53060 + 39761) + 0,6 ⋅ 3275 ⋅ 234091 ⇒ 240,9 MNm²
π2 EIeff ,λ 3,1422 ⋅ 240,9 ⋅ 1000
Nki,k = = = 29361 kN
L2 92
Npl,k = AR fyk + AK fyk + A c fc
= 172 ⋅ 36 + 707 ⋅ 36 + 1148 ⋅ 7 = 39676 kN
9.5 Bemessungsschnittgrößen
Bei der Berechnung der Bemessungsschnittgrößen muss der Einfluss nach Theorie II. Ordnung
auf die Schnittgrößen berücksichtigt werden. Die dazu über die Stützenlänge konstant anzusetz-
ende effektive Biegesteifigkeit ist dabei abhängig von der Stützenschlankheit und dem
auftretenden Randmoment.
EIeff = k E 0,9 (EaIa + 0,5 E c,eff Ic )
λ k = 1,16
e MEd 1200 kE = 0,9
= = = 0,25
D NEd ⋅ D 9500 ⋅ 0,508
EIeff = 0,9 ⋅ 0,9 (21000 (53060 + 39761) + 0,5 ⋅ 3275 ⋅ 234091) ⇒ 188,9 MNm²
Das maßgebende, maximal über die Stützenlänge auftretende Biegemoment bestimmt sich zu
1+ c 2 1 + 0,393 2
Mmax = [ 0,5 MR (1 + ψ ) + M0 ] − M0 = [0,5 ⋅ 1200 + 358,2] − 358,2 = 1577 kNm
cos(0,5 ε ) cos(0,5 ⋅ 2,02 )
mit
N 9500
ε =L = 9 = 2,02
EI eff 189,2 ⋅ 1000
1 9 1
M0 = 8 N w 0 2
= 8 ⋅ 9500 ⋅ = 358,2
ε 468 2,02 2
MR (ψ − 1) 1 1200 ⋅ (− 1) 1
c= = = − 0,393
MR (1 + ψ ) + 2 M0 tan (0,5 ε ) 1200 ⋅ (1 + ψ ) + 2 ⋅ 358,2 tan (0,5 ⋅ 2,02)
9.6 Querschnittstragfähigkeiten
Zur Berechnung der vollplastischen Querschnittstragfähigkeit werden die benötigten Teilflächen
und die zugehörigen Schwerpunktsabstände zur Querschnittsmittelachse mit Hilfe von Kreis-
abschnitten berechnet. Die benötigten Grundformen sind in Tab. 28 angegeben.
r2
A=π
2
A
r
4r
em =
em
3π
r2 π ϕ°
A A= − sin ϕ
2 180
ϕ
r
em
ϕ r 3 sin3
h
em =
2 2
3 A
h
ϕ = 2 arccos
r
Die Lage der plastischen Nulllinie wird iterativ bestimmt. Zur Eingrenzung werden zunächst unter
der Annahme, dass die plastische Nulllinie in der Querschnittsmittelachse bzw. am Rand des Kern-
profils verläuft, die sich ergebenden Normalkräfte und zugehörigen Biegemomente berechnet. Für
die weiteren Berechnungen werden folgende Bezeichnungen verwendet:
Ag Gesamtfläche des Querschnitts
AR, rR Fläche, Außenradius des Mantelrohres
Ac, rc Fläche, Außenradius der Betonfüllung
AK, rK Fläche und halber Durchmesser des Kernprofils
e Abstand des Schwerpunktes einer Teilfläche von der Querschnittsmittelachse
gemäß des angegebenen Indizes (R,c oder K)
D,Z Indizes: Druck- bzw. Zugbereich
Anwendungsbeispiel 87
+
zpl fcd
- -
fyd
Mantelrohr
Ag 50,8 2
=π = 1013,4 cm 2
2 4⋅2
4 rg 4(50,8 / 2)
eg = = = 10,8 cm
3π 3 π
A R 172
= = 86 cm²
2 2
A g AR
A R,i = − = 1013,4 − 86 = 927,4 cm 2
2 2
4 rg 4 (50,8 / 2 − 1,1)
eR,i = = = 10,2 cm
3π 3 π
1013,4 ⋅ 10,8 − 927,5 ⋅ 10,2
eR = = 17,3 cm
1013,4 − 927,5
Kernprofil
Ak
=π
(30 )2 = 353,4 cm 2
2 4⋅2
4 rk 4 ⋅ 30 / 2
ek = = = 6,34 cm
3π 3π
Betonfüllung
A c 1148
= = 574 cm²
2 2
927,5 ⋅ 10,2 − 353,4 ⋅ 6,34
ec = = 12,58 cm
927,5 − 353,4
88 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
zpl + fcd
- -
fyd
Zur Bestimmung der Flächen und Hebelarme für diesen Beanspruchungszustand werden die
folgenden Segmente verwendet.
AR,i AR,a
25,4 cm
24,3 cm
ϕR,i
rR,a =
ϕR,a
e
eR,a
eR,i
rR,i =
rK 15
ϕR,a = 2 ⋅ arccos = 2 ⋅ arccos = 107,6°
rR 25,4
2
r π ϕR,a 25,4 2 π ⋅ 107,6
A R,a = R − sin ϕR,a = − sin 107,6 = 298,3 cm 2
2 180 2 180
3 ϕ 107,6
rR sin3 R,a 25,4 3 sin3
2 2 2 2
eR,a = = = 19,24 cm
3 A R,a 3 298,3
rK 15
ϕR,i = 2 ⋅ arccos = 2 ⋅ arccos = 103,8° ⇒ A R,i = 248,2 cm 2
rc 24,3
eR,i = 18,79 cm
Anwendungsbeispiel 89
Mantelrohr
Kernprofil
Das Kernprofil ist vollständig überdrückt. Dadurch entsteht aus dem Beanspruchungszustand des
Kernprofils nur eine Normalkraft und kein Biegemoment.
Betonfüllung
fyd
+
zpl fcd
- -
fyd
Abb. 94 Vollplastische Spannungsverteilung für die für die gegebene Belastung angenommene
Lage der plastischen Nulllinie
z pl 3,3
ϕR,a = 2 ⋅ arccos = 2 ⋅ arccos = 165,1° ⇒ A R,a = 846,2 cm 2
rR 25,4
eR,a = 12,59 cm
z pl 3,3
ϕR,i = 2 ⋅ arccos = 2 ⋅ arccos = 164,4° ⇒ A R,i = 767,7 cm 2
rc 24,3
eR,i = 12,15 cm
Mantelrohr
Kernprofil
Für das zugbeanspruchte Segment des Profites wird der Öffnungswinkel ϕK berechnet. Die Fläche
und der Schwerpunktsabstand zur Querschnittsmittellinie wird analog bereits verwendeten
Gleichungen berechnet.
z pl 3,3
ϕK = 2 ⋅ arccos = 2 ⋅ arccos = 154,6° ⇒ A K, Z = 55,2 cm 2
rK 15
eK, Z = 8,19 cm
A K,D = A K − A K, Z = 707 − 255,2 = 451,8 cm 2
− A K , Z ⋅ eK , Z − 255,2 ⋅ 8,19
eK,D = = = −4,63 cm
A K,D 451,8
Anwendungsbeispiel 91
Betonfüllung
Die sich mit der angenommenen plastischen Nulllinie ergebende Normalkraft ist etwas höher als
die Belastung NEd der Stütze. Das zugehörige plastische Moment ist somit auf der sicheren Seite
liegend berechnet.
9.7 Nachweis
Die dehnungsbeschränkte Querschnittstragfähigkeit bestimmt sich nach Tab. 19 aus Interpolation.
Npl,d = ( A R + A K ) f yd + A c fc
= (172 + 707) ⋅ 32,7 + 1148 ⋅ 4,48 = 33886 kN
NEd 9500
= = 0,28
Npl,d 33886
Eine ausreichende Beulsicherheit gemäß DIN 18800-5 [2] ist für das hier verwendete Mantelrohr
nachgewiesen (Tab. 27).
92 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
10 Schlussbemerkung
Im Rahmen dieser Ausarbeitung wurden die theoretischen Grundlagen zum Tragverhalten von
Verbundstützen aus hochfesten Werkstoffen erarbeitet.
Für Hohlprofil-Verbundstützen aus hochfesten Betonen mit und ohne Rundvollprofilen als Einstell-
profil wurden dazu experimentelle Untersuchungen zur Bestimmung der Traglast unter verschie-
denen Ausmitten durchgeführt. Ein auf der Basis des Finite-Element-Programmes Ansys
entwickeltes System, welches eine zutreffende Nachrechnung der Versuche ermöglichte, diente
als Grundlage für weitere Stützenberechnungen.
Mit Simulationen zum Abkühlverhalten in Rundvollprofilen wurde die Bildung von Eigenspannun-
gen untersucht. Dadurch und auf der Grundlage von ungünstig angenommenen Randbedingungen
konnte ein numerisch abgesicherter Eigenspannungsansatz für die Durchführung von Traglastbe-
rechnungen angegeben werden.
Mit umfangreichen theoretischen Untersuchungen wurde ein Konzept erarbeitet, das die
Anwendung der vereinfachten Nachweisverfahren nach DIN 18800-5 und Eurocode 4 auf
Hohlprofil-Verbundstützen mit Rundvollkernen ermöglicht. Dafür wurden die Grundlagen des
Nachweiskonzeptes nach DIN 18800-5 und Eurocode 4 erläutert.
Es wurden Parameterstudien zur Anpassung der Eingangswerte für die Anwendung des verein-
fachten Verfahrens auf den betrachteten Querschnittstyp durchgeführt. Auf dieser Grundlage er-
folgte eine Einordnung von Querschnitten und Systemen zu Knickspannungslinien. Des Weiteren
ermöglichten sie die Angabe von Imperfektionen zur Führung der Nachweise nach Theorie II. Ord-
nung.
Durch die durchgeführten Untersuchungen wird eine Anwendung der vereinfachten Verfahren
nach DIN 18800-5 und EC4-1-1 für Hohlprofil-Verbundstützen mit einem Rundvollkern aus hoch-
festen Stählen und Betonen und ermöglicht.
11 Literatur
[1] EN 1994-1-1: Eurocode 4-1, Entwurf von Verbundtragwerken aus Stahl und Beton- Teil 1-
1: Allgemeine Regeln und Regeln für den Hochbau, Okt. 2003
[2] DIN 18800-5:2005-10: Stahlbauten – Teil 5: Verbundtragwerke aus Stahl und Beton –
Bemessung und Konstruktion
[3] Lindner, J., Bergmann, R.: Zum Nachweis von Verbundstützen nach DIN 18800 Teil5,
Der Stahlbau 7/1998
[4] Hanswille, G. Bergmann, R.: Ermittlung geometrischer Ersatzimperfektionen für
Verbundstützen mit hochfesten Stählen, Forschungsbericht Deutsches Institut für
Bautechnik, Aktenzeichen P3-5-17.10-992/01, Okt. 2001
[5] Grauers, M: Composite Columns of Hollow Steel Sections filled with High Strength
Concrete; Göteborg, 1993
[6] Roik, K., Breit, M., Schwalbenhofer, K.: Untersuchung der Verbundwirkung zwischen
Stahlprofil und Beton bei Stützenkonstruktionen, Projekt P51, Studiengesellschaft für
Anwendungstechnik von Eisen und Stahl e.V. , 1984
[7] Hanswille, G., Porsch, M.: Lasteinleitung bei ausbetonierten Hohlprofil-Verbundstützen
mit normal- und hochfesten Betonen, Forschung für die Praxis P 477,
Forschungsvereinigung Stahlanwendung e.V., 2004
[8] O’Shea, M.D., Bridge, R.Q.: The effects of local buckling and confinement in concrete
filled circular steel tubes: Mechanics of Stuctures and Materials, Balkema, Rotterdam,
1999
[9] Johansson, Mathias: Composite Action and Confinement Effects in Tubular Steel-
Concrete Columns; Göteborg, Schweden, 2002
[10] Kordina, K., Quast, U.: Bemessung von schlanken Bauteilen für den durch Tragwerks-
verformungen beeinflußten Grenzzustand der Tragfähigkeit – Stabilitätsnachweis,
Beton-Kalender 2002
[11] Erläuterungen zu DIN 1045-1, DafStb Heft 525, Beuth Verlag, Berlin 2003
[12] Mark A Bradford, Hing Yip Loh, Brian Uy: Local Buckling of Conrete-Filled Circular Steel
Tubes, Composite Construction in Steel and Concrete IV, Banff, Canada 2002
[13] Roik, K., Schwalbenhofer, K.: Experimentelle Untersuchungen zum plastischen Verhalten
von Verbundstützen, Projekt 125, Studiengesellschaft für Anwendungstechnik von Eisen
und Stahl e.V. , 1988
[14] Matting, A.: Beitrag zur Berechnung der Eigenspannungen in umwandlungsfrei
abgekühlten Vollzylindern aus Stahl, Hannover, 1970
[15] Roik, K., Schaumann, P.: Tragverhalten von Vollprofilstützen – Fließgrenzenverteilung an
Vollprofilquerschnitten, Institut für Konstruktiven Ingenieurbau, Ruhr-Universität Bochum,
Juli 1980
[16] Sennah, Khaled u. Wahba, John: Compressive Strength of Solid Round Steel Bars,
Journal of Structural Engineering ASCE S. 147-151, Jan. 04
[17] Roik, K., Bergmann, R., Mangerig, I.: Zur Traglast von einbetonierten Stahlstützen unter
Berücksichtigung des Langzeitverhaltens von Beton, Projekt P102 der Studiengesell-
schaft für Anwendungstechnik von Eisen und Stahl e.V., Juli 1987
[18] Roik, K., Bergmann, R., Bode, H.: Einfluß von Kriechen und Schwinden des Betons auf
die Tragfähigkeit von ausbetonierten Hohlprofilstützen, Projekt 27, Studiengesellschaft für
Anwendungstechnik von Eisen und Stahl e.V. , 1979
[19] Ichinose, L.H., Watanabe, E, Nakai, H.: An experimental study on creep of concrete filled
steel pipes, Journal of Constructional Steel Research 57 (2001), S. 453 – 466
94 Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten Stählen und Betonen
Heft 10 Hanswille, G., Porsch, M.: Versuchsbericht über die Durchführung von 36
Push-Out-Versuchen; ISBN 978-3-940795-09-0
Heft 13 Lippes, M.: Zur Bemessung von Hohlprofil – Verbundstützen aus hochfesten
Stählen und Betonen; ISBN 978-3-940795-12-0