Frazer
Frazer
Überden Verfasser
Der goldene Zweig
Sir (seit 1914)James George Frazer, geb. am l. Januar 1854 in Das Geheimnis von
Glasgow, war klassischer Philologe, bis er sich der Religions- Glauben und Sitten
geschichtederAntikeund desOrientssowiederEthnologiezu- der Völker
wandte. 1907 wurde er Professor in Liverpool, 1921 in Cam-
bridge, wo für ihn der erste Lehrstuhl für Sozialanthropologie
eingerichtetwurde. NebenTylor und Durkheim gilt Frazerals
Begrü[Link]- Aus dem Englischen von
rühmt, antwortete er aufdie Frage, ob er jemals ins Geländege- Helen von Bauer
gangen sei, mit «Gott behüte!» -James George Frazer starb am
7. Mai 1941 in Cambridge.
XLVIII. Kapitel. Der Korngeist in Tiergestalt .. .. .. .... .. 650 §3. Die periodisch auftretende Vertreibung des Bösen in
einem stofflichen Träger .. .. .. .. .. .. 823
§ l. Tierische Verkörperungen des Korngeistes .. .. .. 650
§2. Der Korngeist als Wolf oder Hund .. .. .. .. 652 §4. Über Sündenböcke im allgemeinen .. .. .. .. 835
LVIII. Kapitel. Menschliche Sündenböckeim klassischen Altertum .. 839
§ 3. Der Korngeist als Hahn .. .. .. .. .. .. .. 655
Der menschliche Sündenbock im allen Rom .. .. 839
§ 4. Der Korngeist als Hase .. .. .. .. .. .. .. 658
Der menschliche Sündenbock im alten Griechenland .. 840
§ 5. Der Korngeist als Katze .. .. .. .. .. .. .. 659 § 2.
§ 3. Die römischen Saturnalien .. .. .. .. .. .. 847
§6. Der Korngeist als Ziege .. .. .. .. .. .. .. 660
LIX. Kapitel. Oas Töten des Gottes in Mexiko .. .. .. .. .. 853
§ 7. Der Korngeist als Stier, Kuh oder Ochse .. .. .. 664
Zwischen Himmel und Erde .. .. .. .. .. .. 860
LX. Kapitel.
§8. Der Korngeist als Hengst oder Stute .. .. .. .. 668
Die Erde nicht berühren .. . . .. .. .. .. .. 860
§9. Der Korngeist als Schwein .. .. .. .. .. .. 669 § l.
§ 10. Über die tierischen Verkörperungen des Korngeistes 672 §2. Die Sonne nicht sehen .. .. .. . . .. .. .. 864
XLIX. Kapitel. Antike Vegetationsgottheiten als Tiere .. . . . ... . . 675 §3. Die Zurückgezogenheit von Mädchen zur Zeit der Ge-
schlechtsreife .. .. .. .. .. .. .. .. 865
§ l. Dionysos, der Ziegenbock und Stier .. .. .. .. 675
§4. Gründe für die Abgeschlossenheit der Mädchen zur Zeit
§ 2. Demeter, das Schwein und das Pferd .. .. .. .. 681
der Geschlechtsreife .. .. .. .. .. .. .. 876
§3. Attis, Adonis und das Schwein .. .. .. .. .. 685
LXI. Kapitel. Der Baldermythus .. .. .. .. . . .. .. . . 883
§4. Osiris, das Schwein und der Stier .. .. .. .. .. 687
LXII. Kapitel. Die Feuerfeste in Europa .. .. .. .. .. .. 885
§ 5. Virbius und das Pferd .. .. .. . . .. .. .. 693
§ l. Die Feuerfeste im allgemeinen . . . . .. .. .. 885
L. Kapitel. Die Verspeisung des Gottes .. .. .. .. .. .. 697 Die Feuer in der Fastenzeit .. . . . . .. .. .. 886
§ l. Das Sakrament der ersten Früchte .. .. .. .. 697
§2.
§ 2. Das Verspeisen des Gottes bei den Azteken .. .. .. 710
§3. Die Osterfeuer .. .. .. .. .. .. .. .. .. 892
§ 4. Die Beltanefeuer .. . . .. .. . . .. .. .. 896
§3. Viele Manii in Aricia .. .. .. .. .. .. .. 714
§5. Die Johannisfeuer . . .. .. . . . . .. .. . . 903
LI. Kapitel. Homöopathische Magie bei einer FIeischkost .. .. 718
LII. Kapitel.
§6. Die Hallowe'enfeuer .. .. . . .. .. .. .. . . 917
Das Töten des göttlichen Tieres .. .. .. . . .. 725
§ 7. Die Winterfeuer .. . . .. .. .. .. .. .. '923
§ l. Das Töten des heiligen Bussards .. .. .. .. .. 725 8. Das Notfeuer .. .. .. .. . . . . .. .. .. 926
§ 2. Das Töteh des heiligen Widders .. .. .. .. .. 727 LXIII. Kapitel. Die Deutung der Feuerfeste .. .. .. . . .. .. 930
§ 3. Das Töten der heiligen Schlange .. .. .. .. .. 729
§ l. Über die Feuerfeste im allgemeinen .. .. .. .. 930
§ 4. Das Töten der heiligen Schildkröten .. .. .. .. 730
§ 2. Die Sonnentheorie über die Feuerfeste .. .. .. 933
§ 5. Das Töten der heiligen Bären .. .. .. .. . . .. 734
§3. Die Läuterungstheorieder Feuerfeste .. .. .. .. 940
LIII. Kapitel. Die Versöhnung wilder Tiere durch Jäger .. .. .. 753 LXIV. Kapitel. Das Verbrennen menschlicher Wesen in Europa .. 944
LIV. Kapitel. Beispiele für Tiersakramente .. . . .. .. .. .. 773 § l. Das Verbrennen von Nachbildungen im Feuer .. .. 944
§ l. Der ägyptische und der Ainutypus des Sakramentes .. 773 §2. Das Verbrennen von Menschen und Tieren im Feuer 946
§ 2. Prozessionen mit heiligen Tieren .. .. .. .. .. 778 LXV. Kapitel. Balder und die Mistel .. .. .. .. . . .. .. 956
LV. Kapitel. Die Übertragung von Unheil .. .. .. .. .. .. 783 LXVI. Kapitel. Die äußere Seele in der Volkssage . . . . . . .. .. 969
l. Die Übertragungauf leblose Dinge .. .. .. .. 783 LXVJI. Kapitel. Die Seele außerhalb des Körpers .. .. .. .. .. 986
§ 2. Die Übertragung auf Tiere .. .. .. .. .. .. 786 § l. Die außerhalb des Körpers befindliche Seele in leb-
§ 3. Die Übertragungauf Menschen . . .. .. .. .. 788 losen Dingen .. .. . . .. . . .. .. .. 986
§4.
Die Übertragung von Unheil in Europa .. .. .. 790 §2. Die außerhalb des Leibes befindliche Seele in Pflanzen 990
LVI. Kapitel. Die Öffentliche Vertreibung von Unheil .. .. .. .. 794 §3. Die außerhalb des Körpers befindliche Seele in Tieren 992
Die Allgegenwart von Dämonen .. .. .. .. .. 794 § 4. Das Ritual von Tod und Auferstehung . . . . .. .. 1005
§2. Die gelegentliche Vertreibung von Unheil .. .. .. 796 LXVIII. Kapitel. Der goldene Zweig .. .. .. .. . . . . .. .. 1018
§3. Die zu bestimmten Zeiten wiederkehrende Austreibung LXIX. Kapitel. Abschied von Nemi .. .. .. .. .. .. .. .. 1032
von Unheil .. .. .. .. .. .. .. .. .. 801 Sachregister .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 1038
LVII. Kapitel. Öffentliche Sündenböcke .. .. .. .. .. .. .. 817
§ l. Die Vertreibung des verkörperten Bösen .. .. .. 817
2. Die gelegentliche Vertreibung des Bösen in einem stofF-
lichen Träger .. .. .. .. .. .. .. .. 819
XI
Dieses Buch hat sich in erster Linie zum Ziel gesetzt, die merk-
würdige Regelung der Nachfolge in das Priesteramt beim Diana-
tempel in Aricia zu erklären. Als ich mich vor über dreißig Jahren
daranmachte, eine Lösungdieses Problems zu finden, glaubte ich,
sie in sehr kurzer Form darlegenzu können;bald mußteich jedoch
feststellen, daß eine Erörterung bestimmter Fragen allgemeinerer
Art, von denen manche bisher kaum untersucht worden waren,
unerläßlichwar, wenn die Lösungdem Lesereinleuchtenoder auch
nur verständlich sein sollte. Bei den weiteren AuHagen des Buches
haben diese und andere verwandte Themen immer mehr Raum ein-
genommen, und die Untersuchung hat sich in den verschiedensten
Richtungen ausgedehnt, so daßdas ursprünglich zweibändige Werk
auf zwölfBändeangewachsenist. Inzwischenist derWunschhäufig
laut geworden, das Buch möge in einer gedrängteren Form erschei-
nen. Die vorliegende gekürzte Ausgabe stellt den Versuch dar, die-
sem Wunsch nachzukommen und das Werk einem größerenLeser-
kreis zugänglichzu machen. Obwohlder Umfang des Buchesstark
reduziert worden ist, habe ich mich bemüht, die Leitgedankenund
ein zu ihrer Klärung ausreichendes Beweismaterial beizubehalten.
Auch die Sprache des ursprünglichen Werkes wurde größtenteils
beibehalten, wenn auch die Exposition hier und dort gekürzt wor-
den ist. Um möglichst viel von dem Text zu erhalten, habe ich auf
alle Anmerkungen und damit auch auf alle präzisen Hinweise auf
meine Quellen verzichtet. Der Leser, der die Quelle einer bestimm-
ten Aussage feststellen möchte, muß sich daher an das größere
Werk wenden, das voll dokumentiert und mit einem vollständigen
Literaturverzeichnis versehen ist.
In der gekürztenAusgabehabe ich wederneues Material auf-
genommen noch die in der letzten Ausgabe dargelegten Ansichten
geändert;dasmir inzwischenzurKenntnisgelangteBeweismaterial
hat entweder meine bisherigen Schlüssebestätigt oder neue Belege
XII Vorwort des Verfassers Vorwort des Verfassers XIII
für alte Gedanken geliefert. So ist zum Beispiel auch in der schwie- wurden, innerhalb dieser Zeit aber auch von einem starken Rivalen
rigen Frage des Königsmordes- es handelt sich dabei um die Sitte, angegriffen und ermordet werden konnten, der dann die Nachfolge
den König entweder nach Ablauf einer bestimmten Zeit oder beim als Priester oder König antrat5) .
Nachlassen seiner Gesundheit und Kraft zu töten - das Beweis- Mit diesen und anderen Beispielen für ähnliche Sitten vor
material, das auf die weite Verbreitung dieser Sitte deutet, inzwi- Augen können wir die Regelung der Nachfolge in das Priesteramt
sehen sehr viel umfangreicher geworden. Ein eindrucksvolles Bei- beim Dianatempel zu Aricia nicht mehr als Ausnahme betrachten;
spiel für eine solche beschränkte Monarchie bietet das mächtige sieist eindeutig ein Beispiel für eineweit verbreitete Institution, für
mittelalterliche Königreich der Chazaren in Südrußland; dort wurde die die meisten Parallelen bis jetzt in Afrika gefunden worden sind.
der König entweder am Ende einer festgesetzten Amtszeit getötet Wie weit diese Tatsachen auf einen frühen Einfluß Afrikas in Ita-
oder wenn große Katastrophen, wie Dürre, Hungersnot oder ver- lien oder gar auf das Vorhandensein einer afrikanischen Bevölke-
lorene Kriege, auf ein Versagen seiner natürlichen Kräfte hinzudeu- rung in Südeuropahindeuten mögen, wage ich nicht zu sagen. Die
ten schienen. Die aus alten Berichten arabischer Reisender stam- vorgeschichtlichen Beziehungen zwischen den beiden Erdteilen sind
menden Beweise für die systematische Tötung der Chazarenkönige noch immer ungeklärt und werden weiterhin untersucht.
habe ich an anderer Stelle gesammelt'). Ebenfalls aus Afrika kom- Ob die von mir vorgelegte Erklärung für diese Institution rich-
men mehrere neue Beispiele für eine ähnliche Sitte des Königs- tig ist oder nicht, muß dem Urteil der Zukunft überlassen werden.
mordes. Am bemerkenswertesten ist vielleicht der früher in Ich werde stets bereit sein. sie fallenzulassen, wenn sich eine bessere
Bunyoro herrschende Brauch, jedes Jahr einen Scheinkönig aus bietet. Wenn ich nun das Buch in seiner neuen Form dem Urteil
einem bestimmten Clan zu wählen, der als Reinkarnation des ver- der Öffentlichkeit unterbreite, möchte ich mich gegen eine Mißdeu-
storbenen Königs angesehen wurde, den Witwen im Grabtempel tung seiner Ziele sichern, die trotz meiner Bemühungen, sie richtig-
beiwohnte und nach einer einwöchigen Herrschaftszeit erwürgt zustellen, noch immer umzugehen scheint. Wenn ich mich in dem
wurde2). Der Brauch hat eine enge Parallele in dem alten babylo- vorliegenden Werk ausführlich mit der Verehrung von Bäumen
nischen Sakäenfest, bei dem ein Scheinkönig die königlichen Ge- beschäftigt habe, so geschah das, wie ich hoffe, nicht, weil ich ihre
wänder tragen und die Gunst der Konkubinen des echten Königs religionsgeschichtliche Bedeutung zu hoch einschätze, und noch
genießen durfte, um nach einer Herrschaftszeit von fünf Tagen weniger, weil ich daraus ein ganzes mythologisches System ablei-
entkleidet, gegeißeltund hingerichtet zu werden. Überdieses Fest ten möchte; es geschah einfach deshalb, weil ich das Thema nicht
haben wir in jüngster Zeit neue Einsichten gewonnen auf Grund ignorieren konnte, wenn ich die Bedeutung eines Priesters erklären
gewisser assyrischer Inschriften3), die meine frühere Auslegung des wollte, der die Bezeichnung "Waldkönig"trug und zu dessen Präro-
Festes als eines Neujahrsfestes und Vorläufers des jüdischen Pu- gativen es gehörte, einen Zweig - den "Goldenen Zweig" - von
rimfestes zu bestätigen scheinen4). Weitere kürzlich entdeckte Pa- einem Baum im heiligen Hain zu pflücken. Ich bin weit davon ent-
rallelen zu den Priesterkönigen von Aricia sind die afrikanischen fernt, der Verehrung von Bäumen für die Entwicklung der Religion
Priester und Könige, die nach sieben oder nach zwei Jahren getötet höchste Bedeutung beizumessen, im Gegenteil, sie steht meiner Mei-
nung nach hinter anderen Faktoren an Bedeutung weit zurück.
«) J. G. Frazer, .The Killing of the Khazar Kings", Folklore, XXVIII Ich denke dabei besonders an die Furcht vor den Toten, die ich im
(1917), S. 382^07. ganzen gesehen als die mächtigste Ursache für die Entstehung pri-
2) J. Roscoe, The Soul of Central A/rica, London 1922, S. 200. Vgl. J. G. mitiver Religionen betrachte. Ich hoffe, daß man mir nach diesem
Frazer, "The Mackie Ethnological Expedition to Central Africa", Man, XX ausdrücklichen Dementi nicht mehr vorwerfen wird, ein mytholo-
(1920), S. 181.
s) H. Zimmern, Zum babylonischen Neujahrsfest, Leipzig 1918. Vgl. A. H. ») P. Amaury Talbot in Journal of the African Society, Juli 1916, S. 309 f.;
Sayce in Journal of the Royal Asiatic Societg, Juli 1921, S. 440 ff. id. in Folklore, XXVI (1916), S. 79 f. ; H. R. Palmer in /ourna? of the African
.. ) The Golden Bough, Teil VI. The Scapegoat, S. 354 fT., 412 ff. Society, Juli 1912, S. 403, 407 f.
XIV Vorwort des Verfassers
gisches System zu vertreten, das ich nicht nur für falsch, sondern
für widersinnig und absurd halte. Allerdings kenne ich die Hydra
des Irrtums zu genau, um zu erwarten, daß ich durch Abschlagen
eines Kopfes des Ungeheuers verhindern kann, daß ein anderer
oder gar der gleiche wieder nachwächst. So kann ich nur auf die
Redlichkeit und Intelligenz meiner Leser hoffen, die diese schwer- L Kapitel.
wiegende Mißdeutung meiner Ansichten durch einen Vergleich mit
meiner ausdrücklichenErklärung richtigstellen werden.
Der Königdes Waldes.
§ l. Diana und Virbius. Wer kennt nicht Turners Gemälde
London, Juni 1922 J. G. Frazer "Der GoldeneZweig"? EineTraumvision stellt es dar von dem kleinen
Waldsee Nemi, Dianas Spiegel, wie ihn die Alten nannten. Die Szene
ist vom goldenen Glanz der Phantasie umwoben, mit der Turners er-
habene Kunst auch die anmutigste Landschaft noch zu verklären weiß.
Niemand, der es einmal erblickt, wird jenes stille Wasser vergessen
können, wie es in eine grüne Talmulde der Albaner Berge sanft ein-
gebettet liegt. Die beiden typisch italienischen Dörfer, die an seinen
Ufern träumen, und das ebenso charakteristische italienische Schloß,
dessenTerrassengärten steil gegen den See abfallen, vermögen kaum
die Stille und Einsamkeit der Landschaft zu unterbrechen. Es ist, als
-wohneDiana noch wie einst an diesen verlassenen Ufern, als triebe
sie noch heute in dieser waldigen Wildnis ihr Wesen.
Im Altertum war diese Waldlandsohaft der Schauplatz einer
seltsamen, immer wiederkehrenden Tragödie. Am Nordufer des
Sees, unterhalb der steil abfallenden Felsen, an denen das heutige
Dorf Nemi kauert, lag der Hain und das Heiligtum der Diana
Nemorensis oder der Diana des Waldes. See und Hain waren auch
wohl als See und Hain von Aricia bekanut. Aber die Stadt Aricia,
das heutige La Riccia, lag dreiMeilen entfernt am Fußedes Albaner-
gebirges und war durch einen steilen Abhang vom See getrennt,
der in einer kleinen, kraterähnlichen Senkung am Berghang liegt.
In diesem heiligen Haine wuchs ein bedeutungsvoller Baum. In
seiner Nähe konnte man zu jeder Stunde des Tages und auch wohl
bis tief in die Nacht hinein eine düstere Gestalt umherstreifen sehen.
Die Hand des Maunes umklammerte ein blankes Schwert und immer
wieder hielt er vorsichtig Umschau, als erwarte er jeden Augenblick
einen feindlichen Überfall. Er war ein Priester und Mörder zugleich,
und der Maun, Dach dem er ausschaute, sollte ihn über kurz oder lang
ermorden, um die Priesterwürde an seiner Statt zu übernehmen. So
wollte es die Ordnung des Heiligtums. Wernach der Priesternwde
2 I. Der König des Waldes. § l. Diana und Virbius. 3
strebte, konnte sein Amt nur antreten, wenn er den derzeitigen mitten aus einem glattgeschorenen Rasen emporsteigt. Gerade das
Priester ermordete. Hatte er diese Tat vollbracht, so blieb er so Rohe und Barbarische jenes Brauches läßt uns hofFen, eine Er-
lange im Amte, bis er selbst von einem Stärkeren oder Geschickteren klärung dafür zu finden. Die jüngsten Forschungen auf dem
getötet wurde. Gebiete der Urgeschichte des Menschen haben die grundlegende
Mit dem Amte, das der Priester nach dieser gefahrvollen Sitte Übereinstimmungenthüllt, mit welcher,unter Beimischungvonvielen
innehatte, war der Königstitel verbunden. Doch hat wohl kein ge- an der Oberfläche liegenden Unterschieden, der menschliche Geist
kröntes Haupt je unsicherer geruht, ist von böseren Träumen heim- seine erste rohgezimuierte Philosophie aufbaute. Wenn es uns also
gesucht worden als das seine. Denn jahraus, jahrein, Sommer und gelingt zu zeigen, daßein so barbarischer Brauch wie der der Priester-
Winter, bei heiterer wie bei trüber Witterung mußte er auf einsamer schaft von Nemi anderswo auch existierte, wenn wir die Grund-
Wacht stehen, und fand sein Auge einmal unruhvollen Schlummer, motive aufdecken künneD, die dessen Einführung bewirkten, wenn
so geschah es mit Gefahr seines Lebens. Das geringste Nachlassen wir zu beweisen vermögen, daß diese Motive weithin, vielleicht
seiner Wachsamkeit, das kleinste Nachgeben seiner Gliederkraft allgemein in der menschlichen Gesellschaft wirksam waren und unter
oder Fechtkunst stürzte ihn ins Verderben; ergrauendes Haar konnte verschiedenen Voraussetzungen verschiedene Einrichtungen zeitigten,
sein Todesurteil besiegeln. Den frommen Pilgern, die zum Heiligtum die sich wohl im einzelnen unterscheiden, im allgemeinen aber über-
wallten, mochte es wohl scheinen, als werfe sein Anblick einen einstimmen, wenn wir endlich imstande sind darzutun, daß gerade
düsterenSchatten aufdie heitere Landschaft,wie eineWolkezuweilen diese Motive mit einigen eutsprechenden Gebräuchen tatsächlich im
plötzlich an einem schönen Tage die Sonne verdeckt. Das träumende klassischen Altertum wirksam waren, dann sind wir mit Recht in
Blau des italienischen Himmels, der lustig gefleckte Schatten der der Lage zu schließen, daß in einer weiter zurückliegenden Zeit
sommerlichen Wälder und das Glitzern der Wellen im Sonnenschein die gleichen Motive die Priesterschaft von Nemi schufen. Solch
standen wohl schlecht im Einklang mit der strengen und finsteren ein Schluß vermag, mangels direkten Zeugnisses über die wirklichen
Gestalt. Weit eher denken wir uns das Bild, wie es so mancher Ursachen der Entstehung jener Priesterschaft, niemals einer Beweis-
verspätete Wanderer in eiuer jener wilden Herbstnächte erblickt führung gleichzukommen. Er wird indessen mehr oder weniger
haben mag, wenn tote Blätter toll zur Erde wirbeln und die Winde innere Wahrscheinlichkeit besitzen, je nach dem Grade der Voll-
dem sterbenden Jahr die Totenklage singen. Es ist ein düsteres ständigkeit, mit der er den von mir oben angedeutetenBedingungen
Bild, von melancholischer Musik begleitet - der Hintergrund des nachkommt. Es iat der Zweck dieses Buches, durch die Erfüllung
Waldes hebt sich schwarz und zackig von dem tiefhängenden und dieser Bedingungen eine leidlich wahrscheinlicheErklärungfür das
stürmischen Himmel ab, der Wind seufzt in den Zweigen, die welken Priestertnm von Nemi zu bieten.
Blätter rascheln unterm Fuß, das kalte Wasser plätschert an die Zunächst möchte ich die wenigen Tatsachen und Sagen zu-
Ufer und im Vordergrund, bald im Zwielicht, bald im Schatten, sammenstellen, die uns zu unserem Thema überliefert sind. Eine
eine dunkle Gestalt, die unablässig auf und ab schreitet. Der blanke Geschichte erzählt, die Verehrung der Diana in Nemi sei durch
Stahl leuchtet auf, sobald der bleiche Mond über die Wolkenhürde Orest eingeführt worden, der, nachdem er Thoas, den König des
setzt und durch das Flechtwerk der Aste auf ihn herablugt. Tauriscben Chersonea (Krim) getötet hatte, mit seiner Schwester
Zu der seltsamen Ordnung jenes Priestertums findet sich im nach Italien geflohen sei und das Bildnis der taurischen Diana in
klassischen Altertum keine Parallele, und sie läßt sich aus ihm einem Reisigbündelverborgen mitgebracht habe. Nach seinem Tode
heraus nicht verstehen. Um eine Erklärung zu finden, müssen wir seien seine Gebeine von Aricia uach Rom überführt und vor dem
weiter ausholen. Niemand wird leugnen, daß ein solcher Brauch Tempel des Saturn auf dem Capitolinus beigesetzt worden. Der
an ein barbarisches Zeitalter gemahnt und, in die Kaiserzeithinein- blutige Ritus, den die Legende der taurischen Diana zuschreibt, ist
ragend, sich in augenscheinlicher Vereinsamungvon der kultivierten klassisch gebildeten Lesern bekannt. Man sagt, jeder Fremde, der
italienischen Gesellschaft abhebt wie ein vorzeitlicher Fels, der am Gestade landete, sei auf ihrem Altäre geopfert worden. Nach
4 I. Der König des Waldes. § l. Diana und Virbius. 5
Italien verpflanzt, nahm der Ritus jedoch eine mildere Form an. dem so ist, würde die Parallele zu der katholischen Sitte des Stiftens
In dem Heiligtum von Nemi wuchs ein Baum, von dem kein Zweig geweihter Kerzen in den Kirchen deutlich sein. Auch der Titel
abgebrochen werden durfte. Nur einem entlaufenen Sklaven war Vesta, den Diana in Nemi führte, weist augenscheinlich auf das
es erlaubt, einen einzigen Zweig abzubrechen, wenn es ihm gelang. Unterhalten eines ewigen Feuers in dem Heiligtume hin. Ein großer
Der erfolgreiche Versuch gab ihm das Recht, im Einzelkampf mit runder Sockel an der Nordostecke des Tempels, durch drei Stufen
dem Priester zu fechten. Erschlug er diesen, so regierte er an erhöht, mit Spuren eines Mosaikfußbodens, trug wahrscheinlich einen
dessen Statt mit dem Titel eines Königs der Wälder (rex Nemo- runden Tempel der Diana in ihrer Eigenschaft als Vesta, entsprechend
rensis). Im Glauben der Alten war jener bedeutungsvolle Ast der dem runden Tempel der Veläta auf dem Forum Romanum. Hier
"Goldene Zweig", dea Aneas auf der Seherin Geheiß brach, bevor ist das heilige Feuer scheinbar von vestalischen Jungfrauen gehütet
er die gefahrvolle Reise ins Reich der Toten unternahm. Die Flucht worden, denn das Haupt einer Vestalin in Terrakotta wurde an
dea Sklaven versinnbildlichte, wie man sagte, die Flucht des Orest; dieser Stelle gefunden, und die Verehrung eines ewigenFeuers, von
sein Kampf mit dem Priester war ein Anklang an die Menschen- heiligen Jungfrauen gehütet, scheint in Latium von den ältesten bis
Opfer, die man einst der taurischen Diana brachte. Die Bestimmung in diespätesten Zeiten allgemein Sitte gewesen zu sein. Ferner wurden
der Nachfolge durch das Schwert wurde bis in die Zeiten des auf dem Jahresfeste der Göttin Jagdhundebekränztund wildeTiere
Kaiserreichs hinein aufrechterhalten, denn in einer seiner Launen nicht verfolgt; die jungen Leute unterzogen sich einer Reinigungs-
dingte Caligula, weil er meinte, der Priester von Nemi habe lang Zeremonie zu Ehren der Göttin; Wein wurde gebracht; die Speisen
genug sein Amt inne gehabt, eineu wackeren ßaufbold, um ihn zu bestanden aus einem Zicklein, Kuchen, der dampfend heiß auf
töten; und ein griechischer Wanderer, der Italien zur Zeit des An- Blättertellern gereicht wurde, und Äpfeln, die noch in dichter Fülle
toninus durchzog, berichtet, daß damals "noch die Priesterwürde der an den Zweigen hingen.
Siegespreis im Einzelkampf gewesen sei. Aber Diana wohnte nicht allein in ihrem Hain zu Nemi. Zwei
Von der Verehrung der Diana in Nemi lassen sich noch einige niedere Gottheiten teilten mit ihr das Waldheiligtum. Die eine war
charakteristische Züge aufdecken. Aus den Weihgeschenken, die Egeria, die Nymphe des klaren Wassers, welches einst, in anmutigen
man an der Stelle auffand, geht hervor, daß Diana vor allem anf- Kaskaden von den Basaltfelsen herniederplätschernd, in der Nähe
gefaßt wurde als Jägerin und weiter als die Göttin, welche Mann des Ortes Li Mole in den See hinabstürzte, denn hier lagen die
und Frau mit Nachkominenschaft segnete und der werdendenMutter Mühlen des heutigen Dorfes Nemi. Ovid erzählt, wie der rauschende
eine leichte Niederkunft schenkte. Auch das Feuer hat scheinbar Bach über die Kiesel hüpfte und wie er selbst oft von seinem klaren
eine bedeutende Rolle in ihrem Kult gespielt. WährendihresJahres- Wasser trank. Werdende Mütter pßegten der Egeria zu opfern,
festes nämlich, am 13. August, in der heißesten Zeit, leuchtete ihr weil sie ebenso wie Diana eine leichte Niederkunft gewähren sollte.
Hain auf von einer Unzahl Fackeln, deren rötliche Glut sich im Die Überlieferung berichtet, die Nymphe sei die Frau oder die
See spiegelte, und weit und breit wurde der Tag durch heilige Geliebte des weisen Königs Numa gewesen, er habe sich mit ihr in
Eiten an jedem häuslichen Herde gefeiert. Bronzestatuetten, die ia der Verborgenheit des Heiligen Hains vermählt, und die Gesetze,
der Umgegend gefunden wurden, stellen die Göttin dar mit einer die er den Römern gab, seien von der Gemeinschaft mit der Gott-
Fackel in der erhobenen Rechten; und Frauen, deren Gebete sie heit inspiriert gewesen. Plutarch vergleicht die Legende mit ändern
erhört hatte, kamen mit Kränzen im Haar undbrennenden Fackeln Erzählungen über die Liebe von Gottheiten zu sterblichen Menschen,
in der Hand zu dem Heiligtum, um ihre Gelübde zu erfüllen. Eia so die LiebeCybelesund der Mondgöttinzu den schönenJünglingen
Unbekannter stiftete eine ewige Lampe in einem kleinen Schrein Attis und Endymion. NachmauchenErzählungenlag der Zusammen-
in Nemi für die Sicherheit des Kaisers Claudius und seiner Familie. kunftsort der Liebenden nicht in den Wäldern yon Nemi, sondern
Die Terrakottalampen, die in dem Haine gefunden wurden, mögen in einem Hain außerhalb der tropfenden Porta Capena zu Rom,
bescheideneren Leuten zu gleichem Zwecke gedient haben. Wenn wo eine zweite heilige Quelle der Egeria aus einer dunklen Höhle
6 I. Der König des Waldes. § l. Diana und Virbiua. 7
hervorquoll. Tagtäglich holten die römischen Vestalinnen Wasser empört war, daß ein Sterblicher aus den Pforten der Hölle zuruck-
von dieser Quelle, den Tempel der Vesta zu waschen, und trugen kehren sollte, warf den vielgeschäftigen, naseweisen Arzt selbst in
es in Krügen auf ihren Häuptern fort. Zu Juvenals Zeit war der den Hades. Diana aber verbarg ihren Liebling vor dem zürnenden
natürliche Fels in Marmor eingebettet, und der geheiligte Ort wurde Gott in einer dichten Wolke, verwandelte seine Züge, indem sie
entweiht durch Trupps von armen Jaden, denen es niemanl wehrte, seinem Leben mehrere Jahre hinzusetzte, und trug ihn alsdana weit
wie Zigeuner in dem Haine zu hausen. Wir dürfen wohl annehmen, fort zu den Schluchten von Nemi, wo sie ihn der Obhut der Nymphe
daß der Quell, der in den See von Nemi hinabstürzte, die wahre, Egeria anvertraute, damit er dort unbekannt und einsam unter dem
ursprüngliche Egeria gewesen ist, und daß die ersten Ansiedler, als Namen Virbius in den Tiefen der italienischen Wälder lebe. Dort
sie von den Albanerbergen zu den Ufern des Tiber hinabwanderten, regierte er als König, und dort weihte er der Diana einen Bezirk.
die Nymphe mitbrachten und ein neues Heim für sie außerhalbder Er hatte einen anmutigen Sohn, Virbius, der, ungeachtet des Schick-
Tore fanden. Die Überreste von Bädern, die innerhalb der ge- sals seines Vaters, ein Gespann feuriger Rosse lenkte, um sich den
heiligten Umgebung gefunden wurden, in Verbindung mit vielen Römern im Kriege gegen Aeneas und die Trojaner anzuschließen.
Terracotta-Nachbiltlungen des menschlichen Körpers, lassen die Virbius wurde nicht nur in Nemi, Bondern auch ändern Orts als Gott
Vermutung aufkommen, daß die Wasser von Egeria zu Heilzwecken verehrt; denn in Campanien hörenwir von einem Priester, der sich
Verwendung fanden, und die Kranken mögen ihre HofiTcungen oder seinem Dienst besonders widmete. Pferde waren vom Aricischen
ihren Dank bezeugt haben, indem sie der Gottheit Abbilder der Haine und dem Heiligtume ausgeschlossen, weil Pferde den Hyppo-
erkrankten Glieder stifteten, wie dies noch heute in vielen Gegenden litus getötet hatten. Es war verboten, sein Abbild zu berühren.
Europas beobachtet werden kann. Bis auf den heutigen Tag scheint Manche glaubten, er sei die Sonne. "Aber die Wahrheit ist, " sagt
die Quelle medizinischen Wert zu haben. Servius, "daß er eine zu dem Kreis der Diana gehörende Gottheit
Die zweite, niedere Gottheit in Nemi war Virbius. Es ging die ist, so wie Attis mit der Göttermutter, Erichthonius mit Minerva
Sage, Virbius sei der junge, keusche und schöne griechische Held und Adonis mit Venus verbunden sind. " Hier möchte ich nicht
Hyppolytus, der bei dem Centauren Cbiroa die Kunst des Waidwerks unerwähüt lassen, daß diese mythische Persönlichkeit in ihrer
erlernte und seine Tage im grünen Wald auf der Jagd nach wilden wechselvollen Laufbahn eine seltene Zähigkeit bewahrte. Wir haben
Tieren mit der jungfräulichen Jägerin Artemis (dem griechischen nämlich keinerlei Grund, daran zu zweifeln, daß der Heilige Hyppo-
Gegenstück zu Diana) als seiner einzigen Gefährtin zubrachte. Stolz litus des römischen Kalenders, der am 13. August, dem Tage der
auf die Gemeinschaft mit der Göttin, verachtete er Frauenliebe, Diana, von Rossen zu Tode geschleift wurde, kein anderer ist als
und das wurde ihm zum Verderben. Denn Aphrodite, die seine der griechische Held gleichen Namens, der, nachdem er zweimal
Nichtachtung kränkte, ließ seine Stiefmutter Phaedra in Liebe zu als heidnischer Sünder gestorben war, wieder glücklich als christ-
ihm entbrennen, und als er deren sündige Annäherungaversuche licher Heiliger auferstand.
mißachtete, verleumdete sie ihn bei seinem Vater Theseua. Die Es bedarf keiner umständlichen Beweise, uns zu überzeugen,
Anschuldigungen wurden geglaubt, und Theseus betete zu seinem daß die Geschichten, welche über den Dianakult zu Nemi berichtet
Vater Poseidon, er möge das angebliche Unrecht rächen. Während werden, uuhistorisch sind. Sie gehören deutlich jener großenReihe
nun Hyppolitus in einem Streitwagen am Ufer des gardonischen von Mythen an, die geschaffen wurden, um den Ursprung eines
Golfes entlang fuhr, sandte der Meergott einen wüteoden Stier aus religiösen Ritus zu erklären, und keine andereGrundlage haben, als
den Wogen empor. Die entsetzten Pferde scheuten, warfen Hyppo- die tatsächliche oder eingebildete Übereinstimmung, die zwischen
litus aus dem Wagen und schleiften ihn zwischen ihren Hufen zu diesem und irgendwelchem ausländischen Ritus nachgewiesen werden
Tode. Diana aber, um der Liebe willea, die sie für Hyppolitaa kann. Der Widersprach dieser Nemimythen ist in der Tat durch-
hegte, überredete den Arzt Aescalapius,ihren schönen,jungenJäger sichtig, wenn man bedenkt, daß der Ursprung des Kults einmal auf
durch seine Heilkräuter ins Leben zurückzurufen. Jupiter, der Orest und ein anderes Mal auf Hyppolitus zurückgeführt wird, je
8 I. Der König dea Waldes. § 2. Artemis und Hyppolitus. 9
nachdem dieser oder jener Zug erklärt werden soll. Dieeigentliche | einfach als müßigeErfindung brandmarken dürften. Wir möchten
Bedeutung solcher Legenden liegt darin, daß sie dazu dienen, das [ vielmehr annehmen, daß sie sich auf eine alte Wiederherstellung
Wesen des Kults zu erklären, indem sie eine Norm aufstellen, mit oder einen Wiederaufbaudes Heiligtums bezieht, der tatsäctilich von
der dieser verglichen werden kann. Ferner sind sie auch ein in- den verbündeten Staaten ausgeführt wurde. Auf jeden Fall gibt sie
direktes Zeugnis für dessen ehrwürdiges Alter, denn sie beweisen, begründeten Anlaß zu der Annahme, daßder Haiu von den frühesten
daß sich der wahre Ursprung hinter den Schleiern sagenhaften Zeiten an ein allgemeiner Kultort für viele der ältesten Städte des
Altertums verliert. In letzterer Hinsicht sind die Sagen von Nern! Landes, wenn nicht gar für den gesamten latinischen Bund ge-
vielleicht glaubwürdiger als die angeblich historische Überlieferung, wesen ist.
für die sich der Ältere Cato verbürgt. Er berichtet, der Heilige §2. Artemis und Hyppolitus. Ich sagte, daß die ari-
Hain sei von einem gewissen Egerius Baebius oder Laevius von cischen Sagen von Orest und Hyppolitus, wenngleich sie für die
Tusculum, einem römischen Diktator, der Diana für die Bewohner Geschichte wertlos sind, eine gewisse Bedeutung iusofern haben,
von Tusculum, Aricia, Lamnium, Lanrentum, Cora, Tibur, Pometia als sie uns das Verständnis für den Kult zu Nemi erleichtern durch
und Ardea geweiht worden. DieseÜberlieferungspricht allerdiügs den Vergleich mit demRitus und dem Mythos andererHeiligtümer.
für das hohe Alter des Heiligtums, denn sie scheint dessen Grün- Wir müssen uns fragen, warum haben die Urheber jener Sagen
düng auf die Zeit vor 495 v. Chr. zurückzudatieren, das Jahr, in sich auf Orest und Hyppolitus gestürzt, um Virbius und den König
welchem Pometia von den Römern eingezogen wurde und aus der der Wälder zu erklären? Für Orest ist die Frage nicht schwer. Er
Geschichte verschwindet. Wir können indessen nicht annehmen, selbst und das Bild der taurischen Diana, das nur durch Menschen-
daß ein so barbarisches Gesetz wie das der Priesterschaft von Ari- blut versöhnt werden konnte, sind hineingezogen worden, um die
cium vorsätzlich von einer Vereinigung zivilisierter Gemeinden ein- blutigen Gesetze der Nachfolge bei der aricischen Priesterschaft
geführt worden sei, wie es die latinischen Städte zweifellos waren. verständlich zu machen. Was Hyppolitus betrifft, so liegen di&
Es muß vielmehr aus einer Zeit jenseits des menschlichen Erinnerns Dinge hier nicht ganz so einfach. Die Art seines Todes erklärt
stammen, da sich Italien noch in einem weit primitiveren Zustande deutlich den Ausschluß von Pferden aus dem Hain; aber dies
befand, als wir aus der geschichtlichen Periodewissen. Die Glaub- allein scheint kaum für eine Identifizierungzu genügen. Wirmüssen
würdigkeit der Überlieferung wird eher erschüttert als bestätigt versuchen, tiefer einzndringen, indem wir sowohl den Knlt als auch
durch eine andere Geschichte, welche die Gründung des Heiligtums die Sage von Hyppolitus untersuchen.
einem gewissen Manius Egerius zuschreibt, der zu dem Ausspruch Er hatte ein berühmtes Heiligtum in der Heimat seiner Väter
Anlaß gab: "Es gibt viele Mauii in Aricia. " Dieses Sprichwort er- zu Troezen, anjener herrlichen, fast rings von Land eingeschlossenen
klärten manche dadurch, daß sie annahmen, Manius Egerius sei der Bucht, wo jetzt Orangen- und Limonenhaine und hohe Zypressen,
Ahnherr eines alten berühmten Geschlechtes gewesen, wahrend andere die emporragen wie düstere Türme über dem Garten derHesperiden,
glaubten, es habe viele häßliche und verkrüppelte Leute in Aricia den Streifen fruchtbaren Ufers amFußeder wilden Berge schmücken.
gegeben, und den Namen Manius von Mania, einem Kobold oder Über dem blauen Wasser der stillen Bucht erhebt sich Poseidons
Popanz, herleiteten, der Kinder erschreckte. Ein römischer Satiriker heilige Insel, deren Hügel vom düsteren Grün der Pinien überkleidet
bezeichnet den Namen Manius als typisch für die Bettler, welche sind. An dieser anmutigen Küste wurde Hyppolitus verehrt. In
an den Hängen von Aricia den Pilgern auflauerten. DieseMeinungs- seinem Heiligtum stand ein Tempel mit einem Bildnis. Sein Dienst
Verschiedenheiten, verbunden mit dem Widersprach zwischen Manius wurde von einem Priester versehen, der auf Lebenszeit im Amte
Egerius von Aricia und Egerius Laevius von Tusculum, zudem die blieb. Alljährlich feierte man ein Opferfest zu Hyppolitus' Ehren.
Ähnlichkeit der beiden Namen mit der mythologischen Egeria,er- Sein frühzeitiges Ende wurde dabei in wehmutsvollen Klageliedern
regen unser Mißtrauen. Indessen erscheint die ÜberlieferungCatos von Jungfrauen betrauert. In seinem Tempel weihten Jünglinge
zu eingehend und ihr Vertreter zu beachtenswert, als daß wir sie und Jungfrauen vor ihrer Hochzeit eine Locke ihres Haupthaares.
10 I. Der König des Waldes. § 3. Zusammenfassung. 11
Sein Grab lag in Troezen, obwohl die Leute es dort nicht zeigen Scharlachfleck der Anemone oder im Purpurhauch der Rose, waren
wollten. Man hat sehr glaubwürdig angenommen, daß wir in der keine müßigen Dichtersymbole der Jugend und Schönheit, welche
Gestalt des schönen, von Artemis geliebten Hyppolitus, der in seiner vergeht wie die Blumen des Sommers. Solche Legenden bergen
Jugendblüte dahingerafft und alljährlich von Jungfrauen beweint eine tiefere Philosophie von den Beziehungen des menschlichen
wurde, einen jener sterblichen Liebhaber einer Gottheit vor uns Lebens zu dem der Natur - eine trabe Philosophie, welche die
haben, wie wir sie so häufig in der antiken Religion finden, und Veranlassung zu einem tragischen Brauche wurde. Welcher Art
deren bekanntester Vertreter Adonis ist. Die Nebenbuhlerschaft diese Philosophie und dieser Brauch waren, werden wir später sehen.
von Artemis und Phaedra in der Liebe zu Hyppolitus soll unter §3. Zusammenfassung. Wir vermögen nunmehr vielleicht
anderem Namen diejenige der Aphrodite und Proserpina in ihrer einzusehen, warum die Alten den Hyppolitus, den Begleiter der
Liebe zu Adonis widerspiegeln, denn Phaedra iat nur eine Doppel- Artemis, dem Virbius gleichsetzten, der nach Seryius zu Dianastaud
gängerin der Aphrodite. Diese Theorie tut vermutlich wederHyppo- wie Adonia zu Veous oder wie Attis zu der Göttermutter. Denn
litus noch Artemis unrecht, weil Artemis ursprünglich eine große Diana war, wie Artemis, die Göttin der Fruchtbarkeit im allgemeinen
Fruchtbarkeitsgöttin war. Nach den Gesetzen der Religion ninß und der Geburt im besonderen. Als solche mußte sie, wie ihr
jede, welche die Natur befruchtet, selbst fruchtbar sein, und dazu griechisches ßegenstück, einen männlichen Partner haben. Wenn
muß sie notwendigerweise einen männlichen Gefährten haben. Nach Servias recht hat, so war dieser männliche Partner Virbius. Als
dieser Auffassung war Hyppolitus der Gemahl der Artemis zu Gründer des heiligen Hains und erster König von Nemi ist Virbius
Troezen, und die Locken, welche ihm von deu troezenischen Jüng- deutlich der mythische Vorläufer oder das Urbild jenes Priester-
lingen und Jungfrauen vor ihrer Hochzeit geweiht wurden, waren geschlechts, das der Diana unterdem Namen der Königeder Wälder
dazu bestimmt, seine Vereinigung mit der Gottheit zu starken und diente, und das, wie jener, nacheinander einem gewaltsamen Tode
dadurch die Fruchtbarkeit der Erde, des Viehs und der Menschen verfiel. Es liegt daher auf der Hand, zu folgern, daß die Priester
zu erhöhen. Eine gewisse Bestätigung dieser Ansicht ist die Tat- zu der Göttin des Hains im gleichen Verhältnis standen wieVirbins
sache, daß innerhalb des Heiligtums von Hyppolitus in Troezen zu dieser; kurz, daß der sterbliche König der Wälder die wälder-
zwei weibliche Mächte namens Damia und Auxesia verehrt wurden, durchstreifende Diana selbst zur Königin hatte. Wenn der heilige
deren Beziehung zu der Fruchtbarkeit des Bodens außer Frage steht. Baum, den er mit seinem Leben schützte, wie man annehmen darf,
Als Epidaurus unter einer Dürre litt, schnitzte die Bevölkerung, als ihre besondere Verkörperung galt, so kann ihr Priester diesen
einem Orakel gehorchend, Bilder der Damia und Auxesia aus ge- nicht nur als seine Göttin verehrt, sondern auch als sein Weib um-
weihtem Olivenholz, und kaum hatte man dies getan, so trug die armt haben. Es liegt jedenfalls nichts Widersinniges in dieser
Erde wieder Frucht. Zudem wurdein Troezen selbst und anscheinend Annahme, denn noch zur Zeit des Plinius pflegte ein edler Römer
innerhalb des Bezirkes des Hyppolitus ein seltsames Fest des Stein- in derselben Weise eine schöne Buche in einem ändern der Diana
wurfes zu Ehren jener Jungfrauen, wie die Troezener sie nannten, geweihten Haine im Albaaergebirge zu behandeln. Er umarmte sie,
gefeiert, und es fällt nicht schwer zu beweisen, daß ähnliche Sitten küßte sie, lag in ihrem Schatten und goß Wein auf ihren Stamm.
zur Herbeiführung guter Ernten in vielen Ländern üblich waren. Augenscheinlich betrachtete er den Baum als die Göttin. Die Sitte,
In der Erzählung vom tragischen EndedesjugendlichenHyppolitus Männer und Frauen körperlich mit Bäumen zu vermählen, ist noch
läßt sicheine Ähnlichkeitmit gleichartigen Erzählungenvon schönen, in Indien und in anderen Gegenden des Ostens üblich. Warum
aber sterblichen Junglingeu nachweisen, welche die kurze Seligkeit soll sie nicht im älteren Latium gegolten haben?
der Liebe zu einer unsterblichen Göttin mit ihrem Leben bezahlen Wenn man das Beweismaterial im ganzen überblickt, so kann
mußten. Diese unglücklichen Lieben waren aller Wahrscheinlichkeit man zu dem Schluß kommen, daß die Verehrung der Diana in
nach nicht immer reine Mythen, und die Sagen, welche das ver- ihrem heiligen Haine zu Nemi von großer Bedeutung und uralt
gossene Blut in der violetten Blüte des Veilchens entdeckten, im gewesen ist, daß sie als Göttin der Wälder und der wilden Tiere,
12 H. Priesterliche Könige. II. Priesterliche Känige. 13
wahrscheinlich auch des Viehs uud der Früchte des Feldes verehrt Der erste Punkt, an dem wir haltmachen, ist des Priesters
wurde; daß mau ihr zuachrieb, sie segne Männer und Frauen mit Titel. Warum nannte man ihn den Königder Wälder?Warumsprach
Nachkommenschaft und helfe den Müttern im Kindbett; daß ihr man von seinem Amt ai» von einem Königtum?
heiliges, von keuschen Jungfrauen gehütetes Feuer ununterbrochen Die Vereinigung eines königlichen Titels mit priesterlichen
in einem runden Tempel ihres Bezirks brannte, daß die Nymphe Pflichten war im alten Italien und Griechenland nichts üngewöhn-
Egeria,von der man allgemein glaubte, siehabesicheinemrömischeu liches. Zu Rom und in anderen Städten Latiums gab es einen
Königim heiligenHaine vermählt, DianasFunktion, den Gebärenden Priester, welchen man den Opferkönig oder den Königder Heiligen
zu helfen, teilte, ferner, daßDianaselbst einen männlichenBegleiter Eiten nannte, und seine Gemahlin führte den Titel einer Königin
namena Virbius hatte, der für sie von der gleichen Bedeutung war der Heiligen Riten. Im republikanischen Athen wurde alljährlich
wie Adonis für Venus oder Attis für Cybele; und endlich, daß an der zweite Staatsbeamte Königund seine Gemahlin Königingenannt;
die Stelle dieses mythischen Virbius in historischen Zeiten ein die Funktionen beiderwaren religiö[Link] andere griechische
Geschlecht von Priestern trat, die unter dem Namen "Könige der Demokratien kannten Titularkönige, die, soweit dies bekannt ist,
Wälder" bekannt waren, regelmäßig durch das Schwert ihresNach- Priesterpflichten hatten und sich um das gemeinsame Herdfeuer des
folgers fielen und deren Leben auf eine geheimnisvolle Art mit Staates scharten. Einige griechische Staaten hatten mehrere dieser
einem gewissen Baum in dem Haine verknüpft war, denn solange Titularköuige, die gleichzeitig ihr Amt bekleideten. Nach der herr-
dieser Baum unverletzt blieb, waren sie vor Angriffen sicher. sehenden Überlieferung war der Opferkönig in Rom nach Ab-
Es braucht nicht hervorgehoben zu werden, daß diese Schlüsse Schaffung der Monarchie eingesetzt worden, um die Opfer darzu-
allein nicht geniigec, um die eigenartige Regelung der Nachfolge bringen, die zuvor von den Königen dargebracht worden waren.
jener Priesterschaft zu erklären. Indessen dürfte uns vielleicht das Eine ähnliche Auffassung über den Ursprung der Priesterköaige
Überblicken eines größeren Forschungsgebietes zu der Annahme scheint in Griechenland geherrscht zu haben. An sich ist diese
iuhren, daßsie im Keim die Lösung des Problems enthalten. Auf Ansicht nicht unwahrscheinlich; sie wird gestützt durch das Beispiel
dieses größere Gebiet müssen wir uns nunmehr hinausbegeben. Spartas, des nahezu einzigen rein griechischen Staates, welcher als
Es wird eine lange und mühevolle Arbeit sein, aber sie mag etwas Begierung ein Königtum in historiacher Zeit aufrechterhielt. In
von den Reizen und dem Interessanten einer Entdeckungsreise Sparta wurden nämlich alle Staatsopfer durch die Könige als die
bergen, auf der wir viele ferne Länder mit seltsamen, fremden Stellvertreter des Gottes dargebracht. Einer der beiden spartanischen
Völkern und noch viel seltsameren Sitten berühren werden. Der Xönige bekleidete die Priesterwürde des Zeus Lakedämou, der
Wind ist in den Wanten ; wir setzen unser Segel ihm entgegen und andere das Amt eiues Priesters des himmlischen Zeus.
lassen das Land Italien auf eine Weile hinter uns. Diese Verbindung priesterlicher Funktionen mit königlichem
Ansehen ist allgemein bekannt. Kleinasien war z. B. der Sitz
mehrerer großer, religiöser Zentren, die von Tausenden geweihter
IL Kapitel. Sklaven bevölkert und von Priestern beherrscht wurden, welche
zugleich die geistliche und weltliche Autorität innehatten, wie die
Priesterlidie Könige. Päpste des mittelalterlichen Rom. Solchevon Priestern beherrschten
Zwei Fragen sind es, die wir uns im wesentlichen vorgelegt Städte waren Zela und Pessinus. Auch germanische Könige scheinen
haben: einmal: warum mußte Diacas Priester zu Nemi, der König in grauer Heidenzeit die Stellung und Gewalt von Hohepriestern
der Wälder, seinen Vorgänger erschlagen? Und zum ändern:warum besessen zu haben. Die Kaiser von China brachten Volksopfer
mußte er vor dieser Tat den Zweig eines bestimmten Baumes ab- dar, deren Ritus im einzelnen in Büchern geregelt war. Der König
brechen, den der Volksglaube derAlten dem GoldenenZweigVergils von Madagaskar war Priester des Reichea. Auf dem großen Neu-
gleichsetzte? jahrsfeste, wenn ein Stier zum Wähle des Volkes geopfert wurde,
r
14 U. Priesteriiche Könige. III. § l. Die Grundlagen der Magie. 16
stand der Königüber dem Opfer mit Gebetund Danksagung,während dann in sich alle Kräfte, die er braucht, um sein eignes Wohl-
sein Gefolge das Tier schlachtete. In den monarchischen Staaten, ergehen und das seiner Mitmenschen zu fördern.
die sich ihre Unabhängigkeit bis auf den heutigen Tag bewahrt Dies ist ein Weg, auf dem man zur Idee des Gottesmenscheu
haben, bei den Gallas von Ostafrika, opfert der König auf den gelangt. Aber es gibt eiuen zweiten. Neben der Auffassung, daß
Berggipfeln und regelt die Verbreünung von Menschenopfern. Das die Welt von höheren Kräften durchdrungen ist, hat der primitive
trübe Licht der Überlieferung erhellt eiueähnliche Vereinigung weit- Mensch eine andere und vermutlich noch ältere, in der wir den
licher und geistlicher Gewalt, königlicher und priesterlicher Pflichten Keim des modernen Begriflfes vom Naturgesetz zu entdecken ver-
bei den Königenjener bezaubernden Gegenden Mittelamerikas, deren mögen, nämlich jene Anschauung, daß sich die Natur aus einer
alte, jetzt unter dem wilden Gestrüppdes Urwalds verborgeneHaupt- Reihe von Ereignissen zusammensetze, die sich in unveränderlicher
stadt durch die stgttlichen und wunderbaren Ruinen von Paleuque Folge, ohne Eingreifen einer persönlichen Macht wiederholen. Dieser
bezeichnet wird. Keim ist mit jener, wie man sie nennen könnte, sympathetischen
Wenn wir sagten, daß die alten Könige im allgemeinen auch Magie verbunden, die in den meisten Aberglaubenssystemen eine
Priester waren, so sind wir damit weit davon entfernt, die religiöse bedeutende Rolle spielt. In der antiken Gesellschaft ist der König
Seite ihres Amtes erschöpft zu baben. In jenen Tagen war die häufig ein Magier und ein Priester zugleich; ja, er scheint vielfach
Heiligkeit, welche einen König umgibt, keine leere Phrase, sondern seine Machtstellung auf Grund seiner angeblichen Fertigkeit in der
der Ausdruck eines ernstgemeinten Glaubens. Könige wurden in schwarzen und weißen Magie erlangt zu haben. Um daher die
vielen Fällen nicht nur als Priester verehrt, d. h. als Mittler zwischen Entwicklung des Königtums zu verstehen und den heiligen Charakter
den Menschen und Gott, sondern selbst als Götter, welche ihren zu begreifen, der seinem Amt allgemein in den Augen wilder oder
Untertanen und Gläubigen jene Segcucgen zuteil werden lassen barbarischer Völker anhaftete, erscheint es notwendig, einige Kennt-
konnten, die sonst außerhalb des Bereiches der Sterblichen liegen, nis von deu Grundsätzen der Magie zu besitzen und sich einen
und die, sofern dies überhaupt geschieht, nur durch Gebete und Begriff zu machen von der eigentümlichen Macht, den jener alte
Opfer von den übermenschlichen und unsichtbaren Wesen herab- Aberglaube zu allen Zeiten und in allen Ländern auf das mensch-
gefleht zu werden pflegen. So erwartet man von Königen oft, daß liche Gemüt ausgeübt hat. Die Frage soll deshalb eingehender
untersucht werden.
sie zur rechten Zeit Regen oder Sonne geben, damit das Korn
wachse uaw. So seltsam uns diese Erwartung anmutet, so stimmt
sie doch vollkommen zu den Gedankengängenfrüherer Zeiten. Eiu
III. Kapitel.
Wilder begreift kaum den Unterschied, den man allgemein bei fort-
geschrittenen Kulturvölkern zwischen dem Natürlichen und Über- Sympathetische Magie.
natürlichen macht. Für ihn wird die Weit in weitestem Umfang
von übernatürlichen Kräften geleitet, d. h. von persönlichen Wesen, § l. Die Grundlagen der Magie. Wenn wir die Grundlagen
welche nach Impulsen und Beweggründenhandeln, die seinen eignen der Ideen im einzelnen untersuchen, auf welchen die Magie beruht,
gleichen, Wesen, die wie er selbst geneigt sind, sich durch einen so sehen wir, daß diese sich in zwei Teile gliedern : einmal, daß
Appell an ihr Mitleid, ihre Hoffnungen und Befürchtungen erweichen Gleiches wieder Gleiches hervorbringt, oder daß eine Wirkung ihrer
zu lassen. In einer solchen Welt sieht der Primitive keine Grenzen Ursache gleicht; und dann, daß Dinge, die einmal in Beziehung
seiner Macht, den Lauf der Natur zu seinen Gunsten zn beeinflussen. zueinander gestanden haben, fortfahren, aus der Ferne aufeinander
Gebete, Versprechungen und Drohungen können ihm gutes Wetter zu wirken, nachdem die physische Berührung aufgehoben wurde.
und eine üppige Ernte von den Göttern erwirken; und wenn ein Der erste Grundsatz kann das Gesetz der Ähnlichkeit, der zweite
Gott, was er zuweilen glaubt, sich in seiner Person verkörpern sollte, das der Berührung oder der direkten Übertragunggenannt werden.
danu braucht er kein höheres Wesen anzurufen; er, der Wilde, trägt Aus dem ersten dieser Grundsätze schließtder Magier, daßer allein
16 III. Sympathetische Magie. § l. Die Grundlagen der Magie. 17
durch Nachahmung jede Wirkung hervorbriügen kann, die er her- Beflissenen, den Gedankengang aufzudecken, welcher der Tätigkeit
vorbringen will; aus dem zweiten folgert er, daß alles, was er einem des Magiers zugrunde liegt, die wenigen einfachen Fäden zu ver-
stofflichen Gegenstand zufügt, ebenso auf die Person wirkt, die ein- folgen, aus denen sich das verworrene Knäuel zusammensetzt, die
mal mit diesem Gegenstand in Berührung gestanden hat, mag er abstrakten Gegensätze aus ihren konkreten Anwendungen heraus-
nun ein Teil ihres Selbst gewesen sein oder nicht. Zauber, der sich zuschälen; kurz, die unechte Wissenschaft hinter der Pseudokunst
auf das Gesetz der Ähnlichkeit gründet, kann homöopathischeoder zu entdecken.
nachahmende Magie genannt werden, Zaubereien, die auf dem Ge- Wenn meine Analyse der Logik des Magiers richtig ist, so
setz der Berührung oder direkten Übertragung beruhen, könnte man als stellen sich ihre beiden großen Prinzipien als lediglich zwei ver-
Ubertragunggmagie bezeichnen. Für die erste dieser beiden Spielarten scliiedene,falscheAnwendungenderIdeenassoziationheraus. Homöo-
der Magie ist die Benennung "homöopathisch" vielleicht vorzuziehen, pathische Magie gründet sich auf die Verbindungvon untereinander
denn bei der ändern nachahmenden oder "mimetischen" Magie liegt ähnlichen Ideen. Übertragungsmagie dagegen auf die Verbindung von
die Vermutung nahe, daß, wenn man nicht geradezu eine bewußt Ideen durch unmittelbare Aufeinanderfolge. Der Fehler homöo-
nachahmende Kraft ala vorhanden aummmt, das Gebiet der Magie pathischer Magieist es, anzunehmen, daßDinge, die einander gleichen,
damit zu eng begrenzt wird. Von denselben Prinzipien nämlich, -tatsächlich gleich seien; Übertragungsmagie verfällt in den Irrtum
die der Magier in der Ausübung seiner Kunst anwendet, glaubt er, zu glauben, Dinge, die einmal miteinander in Berührung standen,
daßsie dieBewegungender leblosen Naturregeln, mit ändernWorten, würden immer miteinander in Berührung bleiben. In der Praxis
er nimmt stillschweigend an, daß die Gesetze der Ähnlichkeit und jedoch sind die beiden Arten Läufig miteinander verbunden. Wenn
der BerühruDg von allgemeiner Gültigkeit sind und sich nicht auf man genauer sein will, wird man allerdings gewöhnlichfinden, daß
menschliche Handlungen beschränken. Kurz, die Magie ist ein un- Übertragungsmagiedie Auwendung des homöopathischenodernaeh-
echtes System von Naturgesetzen und zugleich eine trügerische ahmenden Prinzips voraussetzt, während die homöopathische oder
Verhaltungsmaßregel, sie ist eine falsche Wissenschaft und zugleich rachahmeude Magie für sich allein ausgeübt werden kann. So all-
eine unfruchtbare Kunst. Als ein System von Naturgesetzen be- gemein mögen die Dinge etwas schwer zu fassen sein, aber sie
trachtet, d. h. als eine Feststellung der Regeln, welche die Auf- werden sofort verständlich, wenn wir sie durch spezielle Beispiele
einanderfolge der Ereignisse in der ganzen Welt bestimmen, kann erläutern. Beide Gedankengänge sind in der Tat äußerst einfach
sie theoretische Magie genannt werden; wenn man sie dagegen an- und elementar. Es könnte kaum anders sein, da sie ja in ihrer
sieht als eine Reihe von Vorschriften, welche menschliche Wesen konkreten, wenn auch freilich nicht in ihrer abstrakten Form dem
beobachten, um ihre Ziele zu erreichen, kann man sie praktische rohen Verständnis nicht nur des Wilden, sonderu aller unwissenden
Magie nennen. Gleichzeitig sollte man im Auge behalten, daß der und geistig trägen Menschen vertraut sind. Beide Arten derMagie,
primitive Magier die Zauberei nur von ihrer praktischen Seite kennt; die homöopathische und die übertragende, können leichter unter
niemals geht er den geistigen Prozessen, die seine Tätigkeit be- dem gemeinsamen Namen "Sympathetische Magie" verstanden wer-
stimmen, auf den Grund, denkt nie über die abstrakten Prinzipien den, da beide annehmen, daß die Dinge aus der Ferne durch eine
nach, die mit seinen Handlungen verknüpft sind. Für ihn ist die geheime Sympathie aufeinander wirken, und daß der Impuls von
Logik, wie für die überwiegende Mehrzahl der Menschen, versteckt einem auf den ändern übergeht durch etwas, das wir uns als eine
(implicite), nicht klar (explicite). Er urteilt genau so, wie' er Speise Art unaichtbaren Äthers denken können, ähnlich demjenigen, welchen
verdaut, in völliger Unkenntnis der geistigen und körperlicbeuVor- die moderne Naturwissenschaft zu ebendemselben Zwecke annimmt,
gange, welche für die eine oder andere Tätigkeit wesentlich sind. nämlich, um zu erklären, wie die Dinge einander physisch durch
Kurz gesagt: für ihn ist die Magie immer eine Kunst, niemals eine einen scheinbar leeren Raum beeinflussen können.
Wissenschaft, die bloße Idee der Wissenschaft ist in seinem unent- Es ist vielleicht zweckmäßig, die Zweige der Magie nach den
wickelten Geist nicht vorhanden. Es ist Sache des der Philosophie Denkgesetzeu, die ihr zugrunde liegen, wie folgt aufzuzeichnen:
III. Sympathetische Magiß § 2. Homöopathische oder Imitative Magie. 19
18
Sympathetische Magie und verbrannten dieses Abbild auf dem Wege, den die betreffende
(Gesetz der Magie) Person vorüberkommen mußte. Dies nannten sie das Verbrennen
ihrer Seele.
Ein malayischer Zauber derselben Art beBteht in folgendem:
Homöopathische Magie. Ubertragungsmagie. nimm ein paar Nägel, Haare, Augenbrauen, etwas Speichel usw.
(GesetzderÄhnlichkeit.) (Gesetz d. Berührung.) von deinem Opfer, ausreichend, um jeden Teil seiner Person dar-
Ich werde diese beiden großen Gebiete der sympathetischen zustellen, und füge dann alles zusammen zu seinem Ebenbild mit
Magie nunmehr durch Beispiele erläutern und beginne mit der ho- Hilfe von Wachs aus einer verlassenen Honigwabe. Laßdie Figur
möopathischen. langsam sengen, indem du sie sieben Nächte laug über eine Lampe
§2. Homöopathische oder Imitative Magie. Die be- hältst und sagst:
kannteste Anwendung des Satzes, daß Gleiches wieder Gleiches "Es ist nicht Wachs, das ich anbrenne,
hervorbringt, ist vielleicht der Versuch, den viele Völker zu allea Es sind Leber, Herz und Speichel des Soundso,
Zeiten gemacht haben, nämlich einen Feind zu verwunden, zu die ich versenge."
schädigen oder zu vernichten durch die BeschädigungoderVernich- Nach dem siebenten Mal verbrenne die Figur ganz, uud dein Opfer
tung eines Bildnisses von ihm, in dem Glauben, daßgeradeso wie wird Bterben. Dieser Zauber vereinigt deutlich die Prinzipien der
daa Bild BO auch der Mensch leidet, daß er sterben muß, wenn sein bomöopathischen und der Ubertragungsmagie, denn das Abbild,
Bild vernichtetwird. Ans derFülleder Beispielemögennur einige hier das nian von einem Feinde macht, besteht aus Dingen, die einmal
erwähnt werden, um sowohl die weite Verbreitung der Sitte über nait ihm in Berührung standen, nämlich seinen Nägeln,Haarenund
die ganzeWelt als auch deren erstauuliche Lebenskraftzu beweisen. Speichel. Eioe andere Form des malayischen Zaubers, die noch
Denn vor Tausenden von Jahren war sie den Zauberern des alten
mehr an die Ojebway-Sitte erinnert, ist die, daß man aus leeren
Indien, Babylon und Ägypten sowie GriecheBlands und Roms be- Honigwaben einen wächsernen Leichnam in der Länge eines Schritts
kannt, und bis zum heutigen Tage ist sie gebräuchlich bei listigen, herstellt; sodann wird dem Bilde das eine Auge durchstochen, und
böswilligen Wilden in Australien, Afrika und Schottland. Sosollen der Feind ist blind; durchsticht man ihm den Magen, so wird ihm
die Indianer Nordamerikas glauben, wenn sie einen Menschen in übel; durchsticht man ihm den Kopf, so wird er Kopfschmerzen
Sand, Asche oder Ton darstellen, oder irgendwelchen Gegenstand bekommen, durchstich die Brust, und er wird Schmerzen in der
als dessen Körper betrachten, und diesen dann mit einem spitzen Brust empfinden. Wenn du ihn ganz und gar töten willst, hänge
Stock stoßen oder ihm einen ändern Schaden zufügen, sie brächten dem das Bildnis mit dem Kopf nach unten auf; wickle es in Tücher
Menschen selbst die entsprechende Verwundung bei. Wenn z. B. wie eine Leiche; bete über ihm wie über einem Toten; dann be-
ein Ojebway-Indianer irgendeinem aienschen Böses zufügen will, grabe es auf einem Wege, den dein Opfer sicher überschreiten
ao fertigt er ein kleines hölzernes Bild seines Feindes an. Er sticht muß. Damit sein Blut nicht auf dein Haupt komme, mußtdu sagen:
dann cait einer Nadel in Kopf oder Herz des Bildes, oder schießt
mit einem Pfeil hinein in dem Glauben, wo immer die Nadel hin- "Ich bin es nicht, der ihn beerdigt,
sticht oder der Pfeil hintrifFt, würde sein Feind im gleichen Augeu- Es ist Gabriel, der ihn beerdigt."
blick einen heftigen Schmerz an der entsprechenden Stelle seines So wird die Schuld des Mordes dem Engel Gabriel auf die Schultern
Körpers empfiDden. Wenn er indessenbeabsichtigt, den Betreffenden gelegt, der sie sehr viel eher tragen kann als du.
ganz und gar zu töten, verbrennt oder vergräbt er die angefertigte Wenn die homöopathische oder nachahmende Magie, die sich
Puppe unter dem Gemurmel gewisser magischer Worte. Die Peru- der Sinnbilder bedient, allgemein aus dem boshaften Gründe aus-
Indianer formten Bilder aus einer Mischung von Fett uud Korn, um geübt wird, lästige Personen aus der Welt zu schaffen, so wird sie
jemanden, den sie nicht leiden konnten oder fürchteten, darzustellen, daneben, wenn auch weit seltener, in der wohlwollenden Absiclit
g 2. Homöopathische oder Imitative Magie. 21
20 III. Sympathetische Magie.
verwandt, Menschen den Eintritt in diese Welt zu erleichtern; sie Handlung ans zuschreit, bewegt er diesen angeblichen Säuglingauf
wird also angewandt, um Frauen die Niederkunft zu erleichtern
seinem Körper umher in genauer Nachahmung der Bewegungen des
und unfruchtbaren Frauen Nachkommenschaft zu sichern. So pflegt wirklichen, bis das Kind geboren ist.
unter den Bataks von Sumatra eine kinderlose Frau, die Mutter Dasselbe Prinzip derNachahmung,das Kinderja so sehrlieben,
werden möchte, sich das hölzerne Abbild einea Kindes zu machen,
hat andere Völker dazu geführt, die Vorspiegelung einer Geburt als
und dieses im Schöße zu halten, in dem Glauben, es werde zui
Zeremonie bei einer Adoption anzuwenden, ja sogar als ein Mittel,
einen Verstorbenen wieder ins Leben zurückzurufen. Wenn du vor-
Erfüllung ihres Wunsches führen. Wenn eine Frau im Babar Ar-
cliipel sich ein Kind wünscht, lädt sie einen Mann, der selbst Vater gibst, einem Knaben das Leben zu gebenoderselbsteinemgroßen,
einer großen Familie ist, ein, für sie zu Upulero, dem Sonnengeist, bärtigen Mann, der nicht einen Tropfen deines Blutes in den Adern
hat. dann ist dieser Knabe oder Mann im Sinne einer primitiven
zu beten. Man macht aus roter Baumwolle eine Pappe, welche die
Frau in den Arm nimmt, als ob sie ihr die Brust reichen will. Philosophie wirklich in jeder Hinsicht dein Sohn. So berichtet uns
Diodor, als Zeus seine eifersüchtige Gattin Hera überredete, Herkules
Dann nimmt der kinderreiche Vater einen Vogel bei den Beinen
uud hält ihn der Frau an den Kopf mit den Worten: "O Upulero,
zu adoptieren, habe sich die Göttin ius Bett begeben, den starken
Heiden an ihren Busen gedrückt, durch ihre Kleidergeschobenund
bediene dich des Vogels, laß ein Kind fallen und herniederkommen,
nach dem Vorbilde einer wirklichen Geburt zu Boden fallen lassen ;
ich bitte und beschwöre dich, laß ein Kind fallen und hernieder-
kommen in meine Hände und auf meinen Schoß." Dann fragt er
und, so fügt der Geschichtsschreiber hinzn, Hoch zu seiner Zeit sei
die Frau: "Ist das Kind gekommen?" und sie antwortet: "Ja, es
die gleiche Art der Kinderadoption bei den Barbaren üblichgewesen.
Heute soll sie noch in Bulgarien und bei den bosnischen Türken
saugt schon. " Darnach hält der Maon den Vogel auf des &atten
im Gebrauche sein. Eine Frau pflegt einen Kuaben, den sieadop-
Haupt und murmelt eine Formel. Schließlich wird der Vogel getötet
tieren will, durch ihre Kleider zu schieben oder zu ziehen. Von
und mit etwas Betel zusammen auf den häuslichen Opferplatz ge-
legt. Wenn die Zeremonie vorüber ist, verbreitet sich im Dorf die
diesem Augenblick an gilt er stets als ihr leiblicher Sohn und erbt
Kunde, die Frau sei niedergekommen, und ihre Freunde gehen hin,
den ganzen Besitz seiner Adoptiveltern. Wenn bei den Berawaneu
von Sarawah eine Frau einen erwachsenen Mann oder eine Frau
um sie zu beglückwünschen. Hier ist das Vorgeben, ein Kind sei
geboren, ein rein magischer Ritus, den man sich zu dem Zwecke
adoptieren will, versammeln sich eine Menge Leute zu einemFest.
ausgedacht hat, durch Nachahmung oder Mimikri zu bewirken, daß
Die adoptierende Mutter, die öffentlich auf einem erhöhten und ver-
deckten Platze sitzt, läßt den zu adoptierenden von hinten durch
ein Kind wirklich geboren wird. Außerdem wird der Versuch ge- ihre Beine hindurchkriechen. Sobald er vorn erscheint, wird er mit
macht, die Wirksamkeit des Ritus zu erhöhen durch Gebet und
den süß duftenden Blüten der Arcea-Palme gestreichelt und an die
Opfer. Anders ausgedrückt: Magie ist hier verschmolzen mit und
Frau festgebunden. Dann watscheln Adoptivmutter und Adoptivsohn
verstärkt durch Religion.
oder -tochter vor allen Zuschauern so zusammeugebunden bis an
Unter einigen Stämmen der Dyaken aufBorneo ruft man, wenn das Ende des Hauses und wieder zurück. Das Band, das durch
eine Frau in Kindesnoten ist, einen Zauberer, der versucht, die
diese auschauliche Nachahmung der Geburt geschlossen wurde, ist
Entbindung auf rationelle Weise zu erleichtern, indem er den Körper
der Leidenden bearbeitet. Inzwischen bemüht sich ein zweiter
ein sehr strenges. Ein Vergehen gegen ein Adoptivkind wird noch
schärfer geahndet als ein solches gegen ein leibliches Kind. Im alten
Zauberer vor der Tür, das gleiche Ziel durch Mittel zu erreichen, Griechenland galt jeder, der irrtümlich als tot angesehenwar, und
die wir als völlig unsinnig ansprechen würden. Er gibt nämlich für den in seiner Abwesenheit schon BeerdiguBgsfeierlichkeiten
vor, selbst die erwartende Mutter zu sein; ein großer Stein, der
stattgefunden hatten, als für die Gesellschaft tot, bis er die Forma-
mittels eines Tuches, das er um sich gewickelthat, an seinemBauch lität der Wiedergeburt durchgemacht hatte. Er wurde einer Frau
befestigt ist, stellt das Kind im Mutterleibe dar, und nach den An-
durch den Schoß gereicht, dann gewaschen, in Windeln gekleidet
gaben, die ihm sein Kollege von dem wirklichen Schauplatz der
22 III. Sympathetische Magie. § 2. Homöopathische oder Imitative Magie. 23
und zum Trinken hinausgebracht. Erst wenn diese Zeremonie stelze mit einer gelben Schnur an das Fußende des Bettes. Dann
pünktlich erfüllt war, durfte er sich frei unter die Lebendenmischen. goß er Wasser über den Patienten, wusch den gelben Brei ab und
Im alten Indien mußte unter ähnlichen Umständen der Totgeglanbte wollte damit zweifellos die Gelbsucht von ihm auf die Vögel über-
die erste Nacht nach seiner Rückkehr in einem Zuber verbringen, tragen. Um seinem Teint den letzten Eosenhauch zu verleihen,
der mit Fett und Wasser angefüllt war. Dort saß er mit geballten nahm er alsdann einige Haare eines roten Stiers, wickelte sie in
Fäusten und ohne einen Laut von sich zu geben, wie ein Kind im Goldblatt und klebte dieses auf die Haut des Patienten. Die Alten
Mutterschoße, während an ihm alle Sakramente vollzogen wurden, glaubten, wenn ein Gelbsuchtskranker einen Steiubrachvogel und
die über einer Gebärenden vollzogen zu werden pflegen. Am nächsten dieser ihn wieder scharf ansehe, würde er von der Krankheit
Morgen entstieg er dem Zuber und machte nun noch einmal alle geheilt. "Solcher Art", sagt Plutarch, "ist die Natur und dasTem-
übrigen Sakramente durch, die er früher von Kindesbeinen an emp- perament des Tieres, daß es die Krankheit, welche wie ein Strom
fangen hatte. Er heiratete wieder oder vermählte sich wieder mit durch das Auge hinausgeht, herauszieht und auf sich nimmt. " So
seiner alten Frau in aller Feierlichkeit. wohlbekannt war diese Bedeutung eines Steinbrachvogels unter
Eine weitere wohltätige Anwendung der homöopathischen Vogelliebhabern, daß sie jedesmal, wenn sie einen dieser Vögel zu
Magie ist die, Krankheiten zu heilen oder zu verhindern. Die alten verkaufen hatten, ihn sorgfältig verdeckt hielten, damit nicht ein
Indervollzogen, um Gelbsucht zu heilen eine sorgfältigausgearbeitete Gelbsuchtskranker ihn ansehen und dadurch unentgeltlich geheilt
Zeremonie, die auf homöopathischer Magie beruhte. Ihr Hauptzweck werden könnte. Der Wert dea Vogels lag nicht in seiner Farbe,
bestand darin, die gelbe Farbe auf gelbe Wesen und Dinge zu ver- sondern in seinen großen, goldglänzendenAugen, die ebendie Gelb-
bannen, so z. B. auf die Sonne, zu der sie von Rechts wegengehöre, sucht herauszogen. Plinius berichtet von eiuem ändern, oder viel-
und dem Patienten wieder eine gesunde rote Farbe von einem starken leicht von demselben Vogel, dem die Griechen ihren Namen für
lebenden Wesen, nämlich von einem rotbraunen Stier, zu verschaffen. Gelbsucht beilegten, denn wenn ein mit Gelbsuclit behafteterItfann
In dieser Absicht sprach ein Priester folgende Zauberformel: "Hinauf diesen Vogel sah, verließ ihn die Krankheit und tötete den Vogel.
zur Sonne gehe deiu Herzweh und deine Gelbsucht, in die Farbe Er erwähnt auch einen Stein, welcher Gelbsucht heilen sollte, weil
des roten Stiers hüllen wir dich ein! Wir hüllen dich ein iu rote seine Farbe der Haut einea Gtelbsuchtskranken glich.
Farbe zu langem Leben. Möge dieser Mensch unverletzt bleiben Einer der großen Vorzüge der homöopathiscben Magie ist der,
und frei von gelber Farbe! Die Kühe, deren Gottheit Rohini ist, daß sie ea ermöglicht, die Kur an der Person des Arztes vorzu-
sie, welche auch selbst rot (rohini) sind - in ihre Gestalt und Kraft nehnaen, statt an dem Opfer selbst, das auf diese Weise aller Mühen
hüllen wir dich ein. In die Papageien, in die Drosseln jagen wir und Unbequemlichkeiten enthoben ist und nur seinen Arzt sich in
deine Gelbsucbt, auch in die gelbe Bachstelzejagen wir deine Gelb- Qualen vor ihm winden sieht, Die Bauern von Perche in Frank-
sucht. " Wahrend der Priester diese Worte redete, gab er dem Pa- reich leben in dem Wahn, daß ein längerer Anfall von Ubelkeit
tienten Wasser zu nippen, das mit den Haaren eines roten Stieres dadurch hervorgerufen wird, daßder Magen des Patienten "abgehakt"
vermengt war, um dem Kranken wieder den rosigen Hauch der wird. wie sie es nennen, uud dann herunterfällt. Deshalb wird eiu
Gesundheit einzuüößen. Er goß Wasser über den Rücken des Tieres Medikus herbeigerufen, der das Organ an seine richtige Stelle y.u-
und ließ es den Kranken trinken. Er setzte ihn auf die Haut eiaes rückversetzt. Sobald man ihm die Symptome mitgeteilt hat, ergeht
roten Stiers und band ihm ein Stück der Haut um. Um nun seine ersieh sofort in den fürchterlichstenVerrenkungen, um seinen eigenen
Farbe durch eine vollständige Beseitigung der gelben Tönung zu Magen "abzuhaken". Nachdem ihm dies gelungen ist, hakt er
bessern, verfuhr er folgendermaßen: Erst bestrich er ihn von Kopf ihn wieder fest unter erneuten Krümmungen und Grimassen, während
bis zu Fuß mit einem gelben Brei aus Gelbwurz oder Kurkuma der Patient eine entsprechende Linderung fühlt. Honorar fünfFranken.
(einer gelben Pflanze), setzte ihn auf ein Bett und band drei gelbe In ähnlicher Weise pflegt ein Dyakischer Arzt, der zu einem Krank-
Vögel, nämlich eiuen Papagei, eine Drossel und eine gelbe Baeh- heitsfall geholt wird, sich niederzulegen und vorzugeben, er sei tot.
24 III. Sympathetische Magie. § 2. Homoopathische oder Imitative Magie. 25
Er wird dementsprechend wie eine Leiche behandelt, in Matten ihres Totems (Familiensymbols) zum Wohle der AIlgemeinhett durch
festgebunden, aus dem Hause getragen und auf die Erde nieder- magische Zeremonienobliegt. Diemeisten Totems sind eßbareTiere,
gelegt. Nach etwa einer Stunde binden die ändern Arzte den an- und das Ergebnis, das man durch diese Zeremonien erreichen will,
geblichen Toten los und rufen ihn ins Leben zurück; und wie er ist das der Versorgung des Stammes mit Nahrung und anderen
sich erholt, so soll sich der Kranke ebenfalls erholen. Eine Kurfür Lebensbedürfnissen. Häufig bestehen die Ritenin einerNachahmung
eine Geschwulst, die auf dem Prinzip der homöopathischen Magie j der Wirkung, welche die Leute hervorrufen wollen. Mit ändern
beruht, wird von Marcellus von Bordeaux, dem Hofmedikus Theo- Worten: ihre Irfagie ist homöopathischoder nachahmend. So sucht
dosius' des Ersten, in seinem eigenartigen Werk über Medizin der Häuptling des WeißenKakadutotems unter den Warramungas
beschrieben. Siebesteht in folgendem: Nimm eine Verbenenwurzel, die weißen Kakadus dadurch zu vermehren, daßer eine Nachbildung
schneide sie quer durch und hänge das eine Ende dem Kranken des Vogels nmherträgt und dessen schrillen Rnf nachahmt. Bei den
um den Hals, das andere in den Rauchfang. Wahrend die Verbene Aruntas halten die Männer des Witchetty Raupen Totems Zeremo-
im Rauch vertrocknet, wird auch die Geschwulst vertrocknen und nien zur Vermehrung der Raupen ab, die den übrigen Mitgliedern
verschwinden. Sollte sich der Patient hinterher dem Arzt gegenüber des Stammes zur Nahrung dienen. Eine der Zeremonien besteht
undankbar zeigen, so kann der weise Mann sich sehr leicht rächen, in einer Pantomime, welche das vollentwickelte Insekt im Augen-
indem er die Verbene ins Wasser wirft. Während die Wurzel von blick seiner Entpuppung darstellt. Ein langes, schmales Gefügevon
neuem die Feuchtigkeit aufsaugt, wird die Geschwulst wieder- Zweigen wird hergestellt, um die Puppenhülle der Raupe zu mar-
kehren. Derselbe weise Verfasser rät einem, der von Pickelngeplagt kieren. In diesem Bauwerk aitzen eine Reihevon Männern,welche
wird, aufzupassen, daß er eine Sternschnuppe sieht, und dann un- die Raupe als Familiensymbol haben, und besingen das Tier in
verzüglich, solange der Stern noch über den Himmel dahinschießt, seinen verschiedenen Stadien. Dann schieben sie sich in hockender
mit einem Tuch oder was gerade zur Hand ist, über die Pickel zu Stellung heraus und siogen dabei wie das Tier aus der Puppe her-
streichen. Geradeso wie der Stern vom Himmel fällt, werden die vorkriecht. Das soll die Anzahl der Raupen vermehren. Um Emus
Pickel vom Körper abfallen. Man muß nur sehr vorsichtig sein, zu vermehren, die ein sehr wichtiges Nahrungsmittel sind, malen
daß man nicht mit der bloßen Hand darüber streicht, sonst gehen die Männer des Emutotems das heilige Symbol ihres Totems auf
die Pickel auf diese über. den Boden, besonders diejenigen Teile des Emus, die sie am liebsten
Ferner spielen die homöopathische und die Übertragungs-Magie esseu, nämlich das Fett und die Eier. Um dieses Gemälde setzen
im allgemeinen eine großeRolle bei den Maßnahmen,dieJägeroder sich dann die Männer herum und singen. Danach ahmen Darsteller,
Fischer ergreifen, um sich eine Menge Nahrung zn sichern. Nach welche einenKopfputz tragen, der denlangenHals und denkleinen
dem Grundsätze, daß Ähnlicheswieder Ähnlicheshervorbringt,wird Kopf des Emus andeuten soll, den Vogel nach, wie er dasteht und
vieles von ihnen und ihren Freunden unternoinmen in bewußter scheiubiir ohne Zweck und Sinn sich nach allen Richtungen hin
Nachahmung des Ergebnisses, das man erreichen will. Auf der umschaut.
ändern Seite werden aber auch ebensoviele Dinge sorgfältig ver- Die Indianer von Britisch-Columbien leben in der Hauptsache
mieden, weil sie mit ändern irgendwelche mehr oder weniger ein- von den Fischen, welche ihre Flusse und Seen bevölkern. Wenn
gebildete Ähnlichkeit haben, die in der Tat verhängnisvoll sein <lie Fische nicht zu der gewohnten Zeit kommen und die Indianer
würde. Hunger haben, pflegt ein Zauberer der Nootka-Indianer eineNach-
Nirgends wird die Theorie der sympathetischen Magie zum bildung von einem scliwimmenden Fisch zu machen und diese ins
Zwecke der Erhaltung der Nahrungsmittelzufuhr systematischer in Wasser zu werfen in der Richtung, aus der die Fische gewöhnlich
die Praxis umgesetzt als in den unfruchtbaren Gegenden Zentral- erscheinen. Diese Zeremonie, von einem Gebet an die Fische be-
Australiens. Hier sind die Stämme in eine Reihe von Wappen- gleitet, daß sie nun kommen mögen, veranlaßt diese, sofort aufzu-
gemeinschaften eingeteilt, deren jeder die Pflicht der Vermehrung tauchen. Die Inselbewohner der Torres-Straße verwenden Nach-
§ 2. Homöopathische oder Imitative Magie. 27
26 III. Sympathetische Magie.
bildungen von Seejungfern und Schildkröten, um beide zu ihrer zieht, um Marder mit der Schlinge zu fangen, schläft er etwa zehn
[Link] Zentral-Celebesglauben, Nächte lang allein neben dem Feuer mit einem Stöckchen gegen
daß Dinge gleicher Art einander anziehen durch die ihnen inne- seinen Hals gedrückt. Dies bewirkt selbstverständlich, daßder Fall-
wohnenden Geister oder den Lebensäther. Sie hängen die Backen- stock auf den Hals des Marders lieruiederfällt. Unter den Galela-
knochen von Rehböcken oder Wildsauen in ihren Häusern auf, damit resen. welche ein Gebiet des nördlichen Halmahera bewohnen (eine
die Geister, welche diese Knochen bewohnen, die lebenden Wesen große, westlich von Neu-Guinea gelegene Insel) gilt der Grundsatz,
gleicher Art dem Jäger in den Weg führen. Wenn auf der Insel daß man, bevor die Flinte zur Jagdgeladenwird, die Kugel immer
Nias ein Eber in eine zu diesem Zweck gegrabene Grube fällt, erst in den Mund nimmt, ehe man sie in den Flintenlauf steckt.
wird das Tier herausgeholt und sein Rücken mit abgefallenen Dadurch ißt man gewissermasen daa Wild, das die Kugel treffen
Blättern abgerieben, in dem Glauben, daß dadurch neun weitere Boll, und diese kann dann unmöglichihrZiel verfehlen. Ein Malaye,
Eber in die Grube fallen müssen, geradeso wie die Blätter vom der eine Falle für Krokodile mit Köder versehen hat und das Er-
Baume gefallen sind. Wenn auf den ostindischen Inseln Saporoea, gebnis abwartet, hält streng darauf, beim Verzehren seines Carrys
Harokoe und Noessa-Laut ein Fischer in der See eine Fischfalle immer zuerst drei Klumpen Reis hiotereinauder zu verschlucken,
stellen will, so sucht er sich einen Baum ans, dessen Früchte viel- denn dies läßt den Köder leichter den Schlund des Krokodils hin-
fach von Vögeln angepickt sind. Von einem solchen Baum schneidet nntergleiten. Ebenso genau ist er darauf bedacht, keine Knochen
er einen starken Ast ab und macht daraus den Hauptpfosten seiner aus seinem Curryragout herauszunehmen. Wenn er dastäte, würde
Fischfalle. Er glaubt nämlich, daß, geradeso wie der Baum viele sich doch jedenfalls, BO glaubt er, der spitze Stock, auf dem der
Vögel zu seinen Fruchten heranlockt, auch der Ast von diesem Köder aufgespießtist, ebenso losmachen, und das Krokodil würde
Baum viele Fische in die Falle locken wird. mit dem Köder entkommen. Unter diesen Umständen erscheint es
Die westlichen Stämme von Britisch-Neu-Guinea bedienen sich angebracht, daß der Jäger sich vor BeginnseinerMahlzeitjemanden
eines Zaubermittels, um dem Jäger zu helfen, Seejungfern oder sucht, der ihm die Knochen aus dem Curry nimmt, sonst kann
Schildkröten aufzuspießen. Ein kleiner Käfer, der sich viel auf es ihm jeden Augenblick passieren, daß er vor die unangenehme
Kokospalmeu findet, wird in das Loch des Speerhefts gesteckt, in Wahl gestellt wird, entweder einen Knochen zu verschlacken oder
das die Speerspitze eingreift. Dies soll bewirken, daß die Speerspitze das Krokodil zu verlieren.
fest in der Seejungf'er oder Schildkröte haften bleibt, so wie ein Die letztgenannte Regel ist ein Beispiel für diejenigen Dinge,
Käfer auf eines Mannes Haut festsitzt, wenn er ihn beißt. Wenn die der Jäger vermeidet, damit sie ihm, nach dem Grundsatz, daß
ein cambodschischer Jäger seine Netze legt, zieht er sich nackt aus, Gleiches wiederum Gleiches hervorruft, kein Unglück bringen. Man
geht ein Stück fort, schlendert dann wieder zu dem Netze hin, als muß nämlich wohl beachten, daß das System der sympathetischen
sähe er es nicht, läßt sich darin fangen und ruft: "Hallo, was ist Magie nicht nur aus positiven Vorschriftenbesteht. Es umfaßt auch
das? Ich glaube gar, ich bin gefangen. " Danach wird das Netz eine sehr große Zahl negativer, d. h. vorbeugender Maßregeln. Es
sicher Wild fangen. Ein Theater ähnlicher Art ist vor noch gar sagteinemnichtnur wasmantun, sondern auch, was man lassen soll.
nicht langer Zeit in ungern schottischen Hochlanden aufgeführt wor- Die positiven Vorschriften sind Zaubermittel, die negatiyen Be-
den. Der Pfarrer James Mc. Donald, jetzt in Reay in Caithneß schwörungen oder Tabug. In der Tat erscheint die ganze Lehre
lebend, erzählt, wenn er in seiner Kindheit mit seinen Freunden des Tabu, oder wenigstens ein großer Teil derselben, nur als eine
im Loch Aline fischte und lange Zeit kein Fisch anbiß, hätten sie besondere Anwendung der sympathetischen Magie mit ihren beiden
so getan, als würfen sie einen ihrer Kameraden über Bord und Gesetzen der Ähnlichkeit und der Übertragung. Obgleich diese
zögen ihn wieder aus dem Wasser heraus wie einen Fisch. Danach Gesetze freilich nicht in Worten formuliert sind, ja in ihrer abstrakten
biß die Forelle oder der jnnge Köhlerfisch, je nachdem ob das Boot Form dem primitiven Menschen nicht einmal bewußt werden, so lebt
im Süß- oder Salzwasser lag, an. Bevor ein Carrier-Indianer aus- dieser dennoch in dem blinden Wahn, daß sie den Lauf der Natur
§ 2. Homoopathiache oder Imitative Magie. 29
28 III. Sympathetische Magie.
Magie
völlig uuabhängig vom meuschlichen Willen regeln. Er denkt, wenn
er in einer bestimmten Weise handelt, werden sich unweigerlich
bestimmte Folgen eiDstellen auf Grund des einen oder ändern dieser Theoretische Praktische
Gesetze. Scheint es ihm uun, als könnten ihm die Folgen einer (Magie als Pseudo- (Magie als Pseudo-
bestimmten Handlung unaDgenehm oder gefährlich werden, so hütet Wissenschaft.) kunst.)
er sich naturgemäß, so zu handeln, um sieb diesen Folgen nicht
auazusetzen. Mit ändern Worten, er vermeidet alles, was ihm nach
seinen irrtümlichen Begriffen von Ursache und Wirkung schaden Positive Magie Negative Magie
oder Zauberei, oder Tabu.
könnte. Kurz, er unterwirft sich einem Tabu. Insofern ist also
Tabu eine negative ADwecduDg der praktischen Magie. Positive Ich habe diese Betrachtungen über das Tabu und seine Be-
Magie oderZaubereisagt: "Tu das,damitdiesoderjenesgescbebe." ziehungen zur Magie deshalb angestellt, weil ich einige Fälle an-
Der Zweck positiver Magie oder Zauberei ist der, ein gewünschtes führen werde, in denen solche Tabus von Jägern, Fischern und
Ereignis hervorzurufen. Das Ziel der negativen Magie oder des ändern beobachtet wurden, und weilich zeigen will, daßdieseunter
Tabu iat, etwas Unerwünschtes zu vermeiden. Aber beide Folgen, den Begriff der sympathetischen Magie fallen, da sie nur besondere
die erwünschtenund die unerwünschten, sollen hervorgerufenwerden Anwendungen jener allgemeinen Theorie sind. So ist den Knaben
durch die Gesetze der Ähnlichkeit und der direkten Übertragung. bei den Eskimos verboten, das Maschenspiel zu spielen, weil ihre
Und geradeso wie die erwünschteFolge nicht tatsächlich durchdie Finger, wenn sie es täten, sich im späteren Leben in der Harpunen-
Beobachtung einer magischen Zeremonie herbeigeführt wird, so er- schnür verwickeln könnten. Die Frau eines Jägers bei den Huzulen,
gibt sich die gefürehtete Wirkung nicht tatsächlich aus der Ver- einem karpatischen Volksstamm, darf nicht spinnen, während ihr
letzung eines Tabu. Wenn das vermeintliche Unglück notwendiger- Mann ißt, sonst dreht und windet sich das Wild wie eine Spindel,
weise auf die Verletzung eines Tabu folgte, so würde dieses Tabu und der Jäger kann es nicht treffen. Hier beruht das Tabuwieder
deutlich auf dem Gesetz der Ähnlichkeit. Ebenso war es in den
kein Tabu sein, sondern eine Vorschrift der Moral oder des gesunden
Menschenverstandes. Es ist kein Tabu, wenn man sagt: "Steck meisten Gegenden des alten Italien den Frauen durch das Gesetz
deine Hand nicht ins Feuer. " Das ist eine Regel des gesunden verboten zu spinnen, während sie auf der Landstraßegingen, oder
Meusihenverstandes, weil die verbotene Handlung ein wirkliches, auch nur ihre Spindeln öffentlich zu tragen, weil beides der Ernte
schaden sollte. Der Gedanke war wohl der, daß das Drehen der
nicht ein eingebildetes Unglück nach sich zieht. Aber jene negativen
Regeln, die wir Tabu nennen, sind genau so unnütz und wertlos Spindel die Getreidehalme verdrehen und verhindern würde, daß
wie jene positiven, die wir Zauberei naunten. Beides sind nur sie gerade wüchsen. Bei den Anios von Sachalin darf eine
entgegengesetzte Seiten oder Pole eines großen, verhängnisvollen Schwangere zwei Monate lang vor ihrer Niederkunft nicht spinnen
Irrtums, eine irrige Auffassung von der Ideenassoziation. Der po- oder Seile drehen, weil man glaubt, wenn sie das täte, könnten
sitive Pol jenes Irrtums ist Zauberei, der negativedas Tabu. Wenn sich die Eingeweide des Kindes verwickeln wie der Faden. Aus
wir dem gesamten falschen System den Namen Magie geben, und einem ähulichen Grunde darf in Vilapore, einer Landschaft Indiens,
zwar theoretische als auch praktische Magie UDterscheiden, so läßt während die Häuptlinge eines Dorfes einen Rat abhalten, kein An-
sich das Tabn definieren als die negative Seite der praktischen wesendereineSpindel drehen, denn man glaubt, wenndies geschehe,
Magie. Graphisch dargestellt liegen die Verhältnisse folgender- so wurde die Besprechung sich ebenso wie die Spindel im Kreise
maßen: drehen und niemals zu einem Ergebnis führen. Auf einigen der
ostindischen Inseln muß jeder, der zu dem Hause eines Jägers
kommt, sofort eintreten. Er darf sich nicht an der Tür aufhalten,
denu wenn er dies täte, so würde auch das Wild vor den Fallen
30 III. Sympathetische Magie. g 2. Homöopathische oder Imitative Magie. 31
des Jägers Halt machen und sich zurückwenden, anstatt darin ge- mit einer Able kratzen sollte, würde ihn natürlich der Adler auch
fangen zu werden. Ebenso ist es bei den Toradjas von Zentral- kratzen. Dieselben verhängnisvollen Folgen wurden sich ergeben,
Celebea üblich, daß niemand auf der Leiter eines Hauses stehen wenn seine Frauen und Kinder zu Hause eine Ahle gebrauchteu,
bleiben darf, in welchem sich eine Schwangere befindet, denn ein während er auf Adler aus ist. Sie dürfen das Handwerkszeug daher
solcher Aufenthalt würde die Geburt des Kindes verzögern. In ver- in seiner Abwesenheit nicht in die Hand nehmen, aus Furcht, ihn
schiedenen Gegenden Sumatras ist es der Frau selbst verboten, sieb in Lebensgefahr zu stürzen.
an der Tür oder auf der obersten Sprosse der Hausleiteraufzuhalten, Unter den Tabus, welche von Wilden beobachtet werden, gibt
wenn sie durch das fahrlässige Außerachtlassen einer so einfachen es vielleicht keine, die zahlreicher oder wichtiger sind als die Ver-
Vorsichtsmaßregel nicht schwere Kicdescöteerdulden will. Malayec, böte gewisser Speisen. Von diesen Verboten beruhen viele deutlich
welche sich auf der Suche nach Kämpferbefinden, essen ihreSpeise auf dem Gesetz der Ähnlichkeit und sind infolgedessen Beispiele
trocken und hüten sich, ihr Salz fein zu stoßen, weil Kämpfer in negativer Magie. GeradesoWie der Wilde viele Tiere oderPflanzen
kleinen Körnern vorkommt, die in den Rissen des Kampferbaumes ißt, um gewisse wünschenswerteEigenschaften, die er ihnen beilegt,
eingebettet liegen. Es erscheint dem Malayen selbstverständlich, zu erwerben, so vermeidet er viele andere Tiere und Pflanzen, um
daß er Kämpfer in kleinen Körnchen findet, wenn er auf derSuche sich nicht gewisse unerwünschte Eigenschaften zuzuziehen, von denen
danach das Salz iu kleinen Körnchen schluckt. Wenn er dagegen er glaubt, daß sie ihnen eignen. Wenn er die erstgenannten ißt,
das Salz grob ißt, kann er sicher sein, daß auch die Kampferkörner übt er positive Magie aus. Durch das Vermeiden der letzteren be-
groß sein werden. Eampfersucher auf Porneo bedienen sich der faßt er sich mit negativer Magie. Viele Beispiele solcher positiyen
ledernen Blattscheide von der Penangpalme als Teller für ihre Magie werden uns späterhin noch begegnen. Hier will ich nur
Speisen, und während der ganzen Expeditionwaschensie dieTeller einige Beispiele der negativen Magie oder des Tabu geben. In
niemals ab, aus Furcht, der Kämpfer könnte sich auflösenund aus Madagaskar ist es den Soldaten verboten, eine Reihe von Speisen
den Ritzen der Bäume verschwinden. Sie denken also scheinbar, zu essen, um nicht, nach den Grundsätzen der homöopathischea
das Waschen ihrer Teller bedeute, daßdie Kristalle aus den Bäumen, Magie, durch gewisse gefährliche oder unerwünschte Eigenschaften,
in denen sie eingebettet Hegen, herausgewaschen würden. Das welche diesen besonderen Fleischsorten innewohnensollen, angesteckt
Hauptprodukt einiger Gegenden von Laos, einer Provinz in Siam, zu werden. So dürfen sie keine Igel essen, "weil man fürchtet, daß
ist der Lack. Das ist ein harziger Gummi, der von einem Insekt dieses Tier durch seine Neigung, sich, wenn es erschrickt, zu einem
auf die jungen Zweigevon Bäumenansgeschiedenwird,anwelchen Ball zuzammenzurollen, auf diejenigen, welche es genießen, eine
die kleinen Tiere mit der Hand befestigt werden müssen. Alle schreckhafte, furchtsame Gesinnung übertragen könnte". Ferner
Leute BUB, die dem Geschäft des Gummisammelna nacbgeheu, ver- sollte kein Soldat ein üchsenknie essen, damit er nicht wie ein
meiden es, sich zu waschen, insbesondere sich den Kopf zu reinigen, Ochse schwach in den Knien und kampfunfähig werde. Der Krieger
uin nicht durch das Entfernen der Schmarotzer von ihrem Haar die sollte es auch vermeiden, einen Hahn zu essen, der beim Kampf
ändern Insekten von ihren Zweigen abzulösen. Ein Schwarzfuß- krepiert, oder irgendein Tier, das totgespießt worden ist, denn es
Indianer, der eine Falle für Adler gestellt hat und diese beobachtet, ist klar, daß er selbst auf dem Schlachtfelde fallen müßte,wenn er
würde unter keinen Umständen Rosenknospen verzehren. Er meint von einem derart krepierten Hahn äße, und daß der Genuß eine»
nämlich, wenn er das täte und ein Adler sich in der Nähe der totgespießten Tieres seinen Tod durch denSpeer herbeiführen wurde.
Falle niederließe, so würden die verzehrten EosenknospeD bei dem Wenn aber etwa ein männliches Tier in seinem Hause während
Vogel ein Jucken hervorrufen mit dem Ergebnis, daß der Adler, seiner Abwesenheit umgebracht würde, so würde er in derselben
anstatt den Köder zu schlucken, sich nur hinsetzen und kratzen Weise und vielleicht noch in demselben Augenblick getötet werden.
w ürde. In Verfolg dieses Gedankens benutzt der Jäger auch keine Der malagesische Soldat muß es vermeiden, Nieren zu essen, denn
Ahle, wecn er nach seiuen Schlingen sieht. Wenn er sich nämlich in der Sprache der Malagesen ist das Wort für "Niere" dasselb&
32 III. Sympathetische Magie. § 2. Homoopathetische oder Imitative Magie. 33
wie das für "Schuß". Er würde also sicher erschossen werden, wenn Haar schnitte, wiirde der Elefant die Lappen durchreißen, wenn sie
er eine Niere äße. sich mit Öl einriebe, würde er durch die Lappen gehen. Wenn
Der Leser mag bemerkt haben, daß der magische Einfluß in Bewohner eines dyakischen Dorfes auagezogen sind, um im Dschungel
einigen der oben angeführten Beispiele auf beträchtliche Entfernung Wildsaaen zu jagen, dürfen die Daheimbleibenden während der
wirken soll. So dürfen beispielsweise die Frauen und Kinder eines Abwesenheit ihrer Freunde weder 01 noch Wasser mit den Händen
Jägers bei den Schwarzfußindianern während dessen Abwesenheit berühren. Täten sie es, so würden die Jäger alle "Butterfinger"
keine Ahle benutzen, damit die Adler den fernen Gatten und Vater bekommen, d. h. ungeschickt im Gebrauch ihrer Hände werden, und
nicht kratzen. Kein männliches Tier darf in dem Hause eines die Beute würde ihren Händen entgleiten.
malagesischen Soldaten während seiner Abwesenheit im Kriege ge- Elefantenjäger in Ostafrika glauben, wenn ihre Frauen ihnen
tötet werden, damit nicht dasTöten des Tieres deu Tod desMannes wahrend ihrer Abwesenheit untreu werden, so gibt dies dem Ele-
nach sich ziehe. Dieser Gedanke an den sympathetischen Einfluß fanten Macht über seine Verfolger, die infolgedessen getötet oder
von Personen oder Dingen aufeinander aus der Entfernung hat schwer verwundet werden. Wenn demnach ein Jäger von dem un-
etwas vom Wesen der Magie. Welcher Art auch die Zweifel sein rechten Verhalten seines Weibes Nachricbt erhält, verläßt er die
mögen, die in der Wissenschaft über die Möglichkeit der Fern- Jagd und kehrt nach Hause zurück. Ein Wagago-Jäger, der kein
beeinflussung herrschen, die Magie kennt diese nicht. Der Glaube Gluck hat oder von eiuem Löwen angegriffen wird, schreibt dies
an die Telepathie ist einer ihrer obersten Grundsätze. Ein moderner dem schlechten Betragen seines Weibes daheim zu und kehrtvoller
Verfechter der Einwirkung von Seele zu Seeleaus der Fernewürde Wut zu ihr zurück. Während er auf der Jagd ist, darf sie niemanden
keinerlei Sühwierigkeiten haben, einen Wildendavon zu überzeugen. von hinten an sich vorübergehen oder vor sich stehen lassen, so-
Dieser glaubt schon lange daran. Ja, mehr noch, er handelt nach lange sie sitzt. Im Bett muß sie auf dem Gesicht liegen. Die Moxas-
seiner Überzeugung mit einer logischen Konsequenz, wie 8ie sein Indianer Boliviens glaubten, wenn eine Frau ihrem Manne in seiner
Glaubensbruder, soweit ich recht unterrichtet bin, in seinem Ver- Abwesenheit untreu würde, so werde er von einer Schlange oder
halten noch nicht dargetan hat. Der Wilde ist ja nicht nur davon von einem Jaguar gebissen. Passierte ihm also ein solches Miß-
überzeugt, daß Personen und Diuge durchmagischeZeremonien aus geschick, so zog es unweigerlich die BestrafuDg, oft sogar denTod
weiter Ferne beeinflußt werden können, sondern daß dazu auch die der Frau nach sich, mochte sie nun unschuldig oder schuldig sein.
einfachsten Handlungen des täglichenLebensimstande sind. Daher Ein aleutischer Fischotternjäger meint, er könne kein einziges Tier
ist für wichtige Ereignisse das Verhalten von Freunden und Ver- töten, wenn während seiner Abwesenheit von daheim seine Frau
wandten in der Ferne oft durch einen mehr oder weniger genau ihm untreu oder seine Schwester unkeusch sein sollte.
ausgearbeiteten Kodex von Vorschriften geregelt, derenNichtbeach- Die Huichol-Indianer von Mexiko betrachten eine Kakteenart,
tung von selten der einen Partei großesUnglück oder gardenTod welche denjenigen, der sie genießt, in einen Zustand der Ekstase
derAbwesenden zur Folge haben soll. Besonders wenn eine Reihe versetzt, wie einen Halbgott. Die Pflanze wächst nicht in ihrem
von Leuten draußen auf der Jagd oder im Kampfe ist, erwartet Lande und muß alljährlich von Männern herbeigeholt werden, die
man vielfach von ihrer Sippe daheim, daß sie gewisse Dinge tue zu diesem Zwecke eine Reise von dreiundvierzigTagen znriicklegen.
oder andere unterlasse, um die Sicherheit und den Erfolg der fernen Inzwischen tragen die Frauen daheim zur Sicherheit ihrerabwesen-
Krieger oder Jäger zu gewährleisten. Ich werde jetzt einige Bei- den Gatten dadurch bei, daß sie niemals schnell gehen, geschweige
spiele jener magischen Telepathie anführen, und zwar sowohlnach denn laufen, solange die Männer unterwegs sind. Sie tun auch,
ihrer positiven als auch nach ihrer negativen Seite. was sie können, um die Segnungen herbeizuführen, die in Form
Wenii in Laos ein Elefanteujäger zur Jagd rüstet, ermahnt er von Regen, guten Ernten usw. den Erfolg der heiligen Mission
seine Frau, sich während seiner Abwesenheit weder das Haar za bilden sollen. Zu diesem Zwecke unterwerfen sie sich in derselben
schneiden noch den Körper mit Öl einzureihen. Wenn sie sich das Weise wie die Männer großen Entbehrungen. Die ganze Zeit hin-
§ 3. Übertragungsmagie. 53
52 IU. Sympathetische Magie.
Mutter und Kind in den Schuppen gebracht und gleichsam erst
Yung-chun zum Opfer fiel, welche die Form eines Fischemetzes
aus der brennenden Hütte gezogen werden, ehees zu spät ist. Der
hat, und zwar so lange, bis die Bewohner der ersteren beschlossen,
zwei hohe Pagoden in ihrer Mitte zu errichten. Diese Pagoden, die regnerische November ist der Monat der Tränen, und wer da das
heute noch das Wahrzeichen der Stadt bilden, haben von da an Licht der Welt erblickt, wird zu Sorgen geboren. Um nun aber
dieWolken zu zerstreuen, welche über seiner Zukunft lagern, braucht
ihr Schicksal in der glücklichsten Weise beeinflußt, indem sie das
er nur den Deckel von einem kochenden Topf zu entfernen und
vermeintliche Netz auffingen, ehe es auf sie herabfallen und den
vermeintlichen Karpfen in seinen Maschen fangen konnte. Vor umherzuschwenken. Die Tropfen, die herunterfallen, werden sein
Schicksal erfüllen und verhindern, daß ihm die Tränen über die
einigen vierzig Jahren zerbrachen sich die Weisen von Shanghai
darüber die Köpfe, wie sie die Ursache einer örtlichen Rebellion Wangen rollen. Wenn das Schicksal bestimmt hat, daß ein noch
aufdecken könnten. Auf eine eingehendeNachforschunghin stellten unverheiratetes Mädchen ihre noch ungeborenen Kinder vor sich
sie fest, daß der Aufstand auf die Gestalt eines großenneuenTem- ins Grab sinken sieht, ao kann sie das Unglück wie folgt verhüten:
pels zurückzuführensei, der uDglücklicherweisewie eine Schildkröte Sie tötet ein Heupferdchen, wickelt es in ein Tuch, welches das
Leichentuch darstellt, und trauert darüber wie Rahel über ihre Kin-
gebaut war, ein Tier von allergefährlichstem Charakter. Die Schwierig-
keit war groß, die Gefahr drückend. Das Umreißen des Tempels der, ohne sich trösten zu lassen. Ja, sie nimmt ein Dutzend und
wäregottlos gewesen, undließ man ihn stehen, wie er war, so konnte noch mehr Heupferdchen, reißt einigen ihre Beine und Flügel
man ähnliche oder noch größere Katastrophen heraufbeschwören. aus und legt diese um ihren toten und in seinLeichentuchgehüllten
Jedoch das Genie der anwesenden Professoren der Geomantie er- Gefährten. Das Summen der gequälten Tiere und die heftigen Be-
wies sich der Situation gewachsen, überwand triumphierend die wegungen ihrer verstümmelten Glieder sollen das Schreien und die
Schwierigkeit und wußte der Gefahr abzuhelfen. Sie ließen zwei Verrenkungen der Leidtragenden bei einer Beerdigung darstellen.
Quellen, welche die Augen der Schildkröte bildeten, versandenund Nachdem sie das verblichene Heupferdchen beerdigt hat, läßt sie
blendeten auf diese Weise das verwerfliche Tier, so daß es unfähig die übrigen ihr Wehklagen fortsetzen, bis der Tod sie von ihrem
Leiden erlöst. Dann ordnet sie ihr zerzaustes Haar und verläßt
war, weiteren Schaden anzurichten.
die Grabstätte im Schritt und in der Haltung eines Menschen, der
Manchmal wird die homöopathische oder imitative Magie zu
Hilfe gerufen, um ein böses Omen wirkungslos zu machen, indem vor Gram schier vergeht. Von dem Augenblick an freut sie sich
man es mit Hilfe der Mimikri sich bewahrheiten läßt. Mit dem darauf, daß ihre Kinder sie nunmehr überleben werden, denn es
Ergebnis will man daa Schicksal umgehen, indem man eine ein- kann ja nicht sein, daßsie dieselben zweimal beweinen und begraben
müßte Wenn das Glück einem Menschen nicht hold und er dazu
gebildete Not für eine wirkliche einsetzt. In Madagaskar ist die
Methode, das Schicksal zu überlisten, zu einem regelrechten System bestimmt ist, in Armut seine Tage dahinzubringen, kann er das
ausgebaut worden. Hier ist jedermanns Geschick bestimmt durch Unglück leicht auslöschen, indem er ein Paar billige Perlen zum
den Tag oder die Stunde seiner Geburt, und wenn diese Daten Preise von fünfzehn Pfennigen ersteht und diese eingräbt. Denn
unglücklich sein sollten, so ist sein Schicksal besiegelt, falls nicht, wer kann es sich leisten, Perlen wegzuwerfen, wenn er nicht ein
wie man sagt, das Unglück durch ein Ersatzmittel "herausgezogen" reicher Mann ist?
werden kann. Die Mittel, das Mißgeschick"herauszuziehen", sind § 3. Ü[Link] habenwir nur denZweig
sehr verschieden. Wenn jemand z. B. am ersten Tage des zweiten der sympathetischen Magie betrachtet, den man als den homöopa-
thischen oder nachahmenden bezeichnen kann. Sein Gruudprinzip
Monats (Februar) geboren ist, wird sein Haus abbrennen, sobald er
mündig ist. Um nun die Gelegenheit beim Schöpfe zu fassen und ist, wie wir gesehen haben, daß Gleiches wieder Gleiches erzeugt,
das Unglück abzuwenden, errichten die Freunde des Kindes einen oder mit ändern Worten, daß eine Wirkung ihrer Ursache gleicht.
Schuppen auf einem Feld oder auf der Koppel und brennen ihn Der andere große Zweig der sympathetischen Magie,denichUber-
ab. Wenn die Zeremonie tatsächlich von Wirkung sein soll, müssen tragungsmagie genannt habe, geht über zu dem Gedanken, daß
54 III. Sympathetische Magie. § 3. Ühertragungsmagie. 5S
Dinge, die einmal verbunden waren, für alle Zeiten, selbst wenn Bedingung in einen Sack getan werden, in welchem sich magische
sie völlig voneinander getrennt sind, in einer solchen sympathetischen Dinge befanden. Dies würde, so glaubte man, den Besitzer in große
Beziehung zueinander bleiben müssen, daß, was auch immer dem Gefahr stürzen. Der verstorbene Dr. Howitt spielte auch einmal den
einen Teil geschieht, den ändern beeinflussen muß. So ist die logische Hüter der Zähne, die einigen Novizen bei der Einweihuugsfeierlich-
Grundlage der Übertragungsraagie wie die der homöopathischen keit ausgezogen waren, und die alten Männer baten ihn flehentlich,
eine mißverstandene Ideenassoziation. Ihre physische Grundlage, sie doch ja nicht in einem Sack zu tragen, in dem, wie sie wußten,
wenn wir überhaupt davon reden können, ist, wie die physische Howitt Quarzkristalle trug. Sie erklärten, wenn er das täte, werde
Grundlage der homöopathischenMagie,ein stofi'lichesMediumirgend- der Zauber der Kristalle in die Zähne übergehen und den Knaben
welcher Art, dessen Existenz man, wie die des Äthers in der mo- schaden. Fast ein Jahr nach Dr. Howitts Rückkehr von der Zere-
dernen Physik, annimmt, um voneinander entfernte Gegenstände monie besuchte ihn einer der Häuptlinge des MnruB^-Stammes, der
zu verbinden und Eindrücke von einem auf den ändern zu über- einige 250 Meilen gereist war, um die Zähne zurückzubolen. Er
tragen. Das bekannteste Beispiel von Übertragungsmagie ist die erklärte, daß man ihn geschickt habe, sie zu holen, weil einer der
magische Sympathie, die bestehen soll zwischen einem Menschen Knaben erkrankt sei und man glaubte, es sei mit deu Zähnenetwas
und irgendeinem von ihm getrennten Teil seiner Person, z. B. seinen passiert, das ihn nun angesteckt habe. Dr. Howitt versicherte dem
Haaren oder Nägeln, so daß jeder, der in den Besitz von mensch- Manne, die Zähne seien in einem Kasten aufbewahrt gewesen und
lichen Haaren oder Nägeln kommt, auf jede Entfernung seinen völlig getrennt von irgendwelchenGegenständenwie Quarzkristallen,
Willen diesem Menschen gegenüber durchzusetzen imstande ist. die sie hätten beeinflussen können. Der Mann kehrte mit den sorg-
Dieser Aberglaube ist über die ganze Welt verbreitet. faltig eingepackten und versteckten Zähnen heim.
Folgende Beispiele seien angeführt: Die Basutos sind sorgsam darauf bedacht, ihre Zähne zu ver-
Unter den aastraliadhen Stämmen war es allgemein üblich, bergen, damit diese nicht irgendwelchen mythischen Wesen in die
einem Knaben bei den Einweihungszeremonien, denen sich jedes Hände fallen, welche Gräber heimsuchen und dem Besitzer des
männlicheWeseu unterziehen mußte, ein oder mehrere Vorderzähne Zahnes durch Magie schaden könnten. In Sussex wehrte sich ein
auszuschlagen, bevor er die Rechte eines erwachsenen Mannes ge- Dienstmädchen energisch dagegen, die ersten ausgefallenen Zähne
nießen durfte. Der Zweck dieser Sitte ist dunkel. Was uns hier der Kinder wegzuwerfen und behauptete, wenn ein Tier sie fände
allein angeht, ist der Glaube, daß eine sympathetische Beziehung und annagte, würden des Kindes neue Zähne genau so aussehen
zwischen dem Knaben und seinen Zähnen fortbestehe, nachdem ihm wie die des Tieres, das die alten benagt habe. Zum Beweis führte
diese ausgezogen waren. So wurde bei einigen Stämmen in der sie den alten Master Simmons an, der einen sehr großen Schweins-
Nähe des Flusses Darling in New South Wales der ausgezogene zahn in seinem Oberkiefer hatte, ein persönlicher Mangel, den er
Zahn unter eine Baumrinde in der Nähe eines Flusses oder Wasser- stets seiner Mutter in die Schuhe schob, weil sie einen seiner Milch-
loches gelegt. Wuchs nun die Rinde über den Zahn weg, oder fiel zahne in den Schweinetrog geworfen habe. Ein ähnlicher Glaube
der Zahn ins Wasser, so war alles gut. Blieb er aber offen liegen, hat zu Gewohnheiten geführt, die darauf abzielen, nach den Grund-
und die Ameisen liefen darüber hin, so glaubten die Eingeborenen, Sätzen der homöopathischen Magie alte Zähne durch neue und
der Knabe würde an einer Mundkrankheit leiden inüssen. Bei den bessere zu ersetzen. So ist es in vielen Teilen der Welt üblich,
Murrings und ändern Stämmen von New South Wales wurde der gezogene Zähne an eine Stelle zu legen, wo sie von einer Maus
Zahn zunächst von einem alteii Manne verwahrt und wanderte dann oder Eatte gefunden werden können, in der Hoffnung, daß durch
von einem Häuptling zum ändern, bis er in der ganzen Gemeinde dieSympathie, die zwischen diesen undihrem früheren Besitzer besteht,
herumgewesen war. Dannkam er zurück zu dem Vater desKnaben seine übrigen Zähne dieselbe Festigkeit uud Güte erlangen werden
und schließlich zu dem Knaben selbst. Wenngleich er auf diese wie die Zähne dieser Nagetiere. In Deutschland soll es im Volke
Weise von Hand zu Hand ging, so durfte er doch unter keiner z. B. ein fast allgemeiner Brauch sein, einen gezogenen Zahn in
IU. Sympathetische Magie. § 3. Übertragungsmagie. 57
66
ein Manseloch zu stecken. Wenn dies mit dem Milchzahn eines jahrelang bleibt. Aber eines Tages wird es den Geist wieder in
Kindes geschieht, bekommt es keine Zahnschmerzen. Man sollte ein kleines Kind legen, und er wird noch einmal zur Welt kommen.
auch hinter den Ofen gehen und sich den Zahn nach rückwärts Auf Ponape, einer der Carolinen-Inseln, wird die Nabelschnur in
über den Kopf werfen mit den Worten: "Maus, gib mir deinen eine Muschel gelegt und alsdann so behandelt, wie es am besten
eisernen Zahn. Ich werde dir meinen Knochenzahn geben. " Da- für die Laufbahn ist, welche die Eltern dem Kinde zugedacht haben.
nach bleiben die übrigen Zähne gesund. Weit weg von Europa, in Wenn sie z. B. einen guten Kletterer aus ihm machen wollen, hängen
sie die Nabelschnur an einen Baum. Die Kei-Insulaner betrachten
Raratonga im Stillen Ozean, pflegte das folgende Gebet gesprochen
zu werden, wenn man einem Kinde den Zahn zog: die Nabelschnur als den Bruder oder die Schwester des Kiudes, je
nach dessen Geschlecht. Sie legen sie in einen Topf mit Asche
»Große Ratte! Kleine Ratte!
und setzen diesen in die Zweige eines Baumes, damit die Nabel-
Hier ist mein alter Zahn.
schnür das Schicksal ihres Gefährten gut überwachen könne. Bei
Bitte, gib mir einen neuen." den Bataks von Sumatra wie bei vielen ändern Völkern des iudi-
Dann wurde der alte Zahn auf das Strohdach geworfen, weil Ratten sehen Archipels gilt der Itfutterkuchen als der jüngere Bruder oder
ihre Nester in dem faulen Stroh bauen. Der Grund, der für diese die Schwester des Kindes. Sein Geschlecht richtet sich nach dem
Maßnahme angegeben wurde, war der, daßRattenzähne die stärksten Geschlecht des Kindes, und er wird unter dem Hause vergraben.
waren, welche die Eingeborenen kannten. Nach der Auffassung der Bataks ist der Mutterkuchen mit dem
Andere Teile, von denen allgemein angenommen wird, daß sie Wohlergehen des Kindes verbunden und scheint in der Tat der
in sympathetischer Verbindung mit dem Körper bleiben, nachdem Sitz der übertragbaren Seele zu sein, von der wir etwas weiter
die physische Verbindung aufgehoben worden ist, sind die Nabel- unten hören werden. Die Karo-Bataks behaupten sogar, daß von
schnür und die Nachgeburt einschließlich des Mutterkuchens. So den beiden Seelen des Menschen die wahre in dem Mutterkuchen
innig soll diese Verbindung sein, daß das Schicksal des einzelnen unter dem Hause lebe, und zwar wie sie sagen, zusammen mit der
auf Gedeih und Verderb lebenslänglich mit dem einen oder ändern Seele, welche Kinder erzeugt.
dieser Teile verbunden sein soll. Wenn also Nabelschnurund Nach- Die Baganda glauben, jeder Menschwerde mit einem Doppel-
geburt aufbewahrt und richtig behandelt werden, wird es dem Be- ganger geboren, und diesen Doppelgänger sehen sie in der Nach-
treffenden gut gehen. Wird beides dagegen verletzt oderverloren, gebart, welche sie als zweites Kind betrachten. Die Mutter begräbt
so muß er dementsprechend leiden. So glauben gewisse Stämme im die Nachgeburt am Fuße einer Platane, die alsdann heiliggehalten
westlichen Australien, daß ein Mensch gut oder schlecht schwimme, wird, bis ihre Früchte reif siud. Diese werden gepflückt zu einem
je nachdem ob seine Mutter bei seiner Geburt dieNabelschnur in Was- heiligen Stahl für die Familie. Bei den Cherokees wird die Nabel-
sergeworfen habeoder nicht. Bei den Eingeborenen am Pennefather- schnür eines Mädchens .unter einera Getreidemörser begraben, damit
Fluß in Queensland glaubt man, daß ein Teil von des Kindes Geist das Mädchen einmal gut backen lerne. Die NabelschDur eines
(cho-i) in der Nachgeburt bleibe. Daher nimmt die Großmutter Knaben wird jedoch an einem Baum aufgehängt, damit er ein guter
die Nachgeburt weg und begräbt sie im Sand. Sie bezeichnet die Jäger werde. Die Inkas von Peru bewahrten die Nabelschnurmit
Stelle durch eine Anzahl Zweige, die sie im Kreise in die Erde großer Sorgfalt auf und ließen das Kind daran saugen, wenn es
steckt und oben zusammenbindet, so daß das ganze einem Tannen- krank war. Im alten Mexiko gab man die Nabelschnur eines Knaben
zapfen gleicht. Weun nun Aüjea, das Wesen, welches die Emp- den Soldaten, damit diese sie auf einem Schlachtfelde vergrübeu
fängnis in den Frauen hervorruft, indem es ihnen Lehmsäuglinge und der Knabe dadurch Lust für den Krieg bekomme. Die Nabel-
in den Schoß gibt, vorüberkommt und den Platz sieht, nimmt es schnür eines Mädchens jedoch wurde neben dem häuslichen Herde
den Geist heraus und mit zu einem seiner Verstecke, eiuem Baum, vergraben, um ihm dadurch Liebe zum Heim und Neigung zum
einem Loch in einem Felsen oder einer Lagune, wo er vielleicht Kochen und Backen einzuflößen.
70 IV. Zauberei und Religion. IV. Zauberei und Eeligion. 71
fruchtbar werden, so wäre sie eben nicht mehr Magie, sondern der ändern Seite ist rein praktische Betätigung ohne jeglichen
Wissenschaft. Von den ältesten Zeiten an ist der Mensch damit religiösen Glauben auch keine Religion. Zwei Menschen können
beschäftigt gewesen, nach allgemeinen Gesetzen zu suchen, welche sich in genau derselben Weise verhalten, und doch kann der eine
die Ordnung der natürlichen Erscheinungen zu seinem eigenen religiös sein, der andere nicht. Wenn der eiue aus Liebe oder
Nutzen kehren würden, und auf dieser langen Suche hat er einen Furcht vor Gott handelt, ist er religiös. Handelt der andere aus
ganzen Berg solcher Grundsätze aufgetürmt, von denen manche Liebe zu oder aus Furcht vor einem Menschen, so kann er mora-
Goldes wert, andere nichts als Schlacken sind. Die echten oder lisch oder unmoralisch sein, je nachdem ob sich sein Verhalten mit
goldenen Kegeln bilden den Teil der angewandten Wissenschaft, dem Allgemeinwohl verträgt oder nicht. Darum sind Glaube und
den wir die Künste nennen, die falschen die Zauberei. Handeln oder in theologischer Sprache Glaube und Werke beide
Wenn nun die Zauberei mit der Wisenschaft nahe verwandt gleich wichtig für die Religion, die keines von beiden entbehre»
ist, so bleibt doch die Frage noch offen, in welcher Beziehung sie kann. Aber es ist nicht notwendig, daß religiöses Handeln immer
zur Religion steht. Die Ansicht, die wir von dieser Beziehung ge- die Form des Ritus annimmt, d. h. es braucht nicht im Darbringen
winnen, muß notwendigerweise durch die Idee gefärbt sein, die wir von Opfern zu bestehen, im Sprechen von Gebeten und ändern
uns vom Wesen der Religion selbst gebildet haben. Es dürfte da- äußeren Zeremonien. Sein Ziel ist, der Gottheit zu gefallen, und,
her nicht unbillig erscheinen, wenn man von einem Verfasser ver- wenn Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Reinheit die Gottheit mehr
langt, daß er seine Auffassung von der Religion gebe, ehe er dazu erfreuen als Blutopfer, Singen von Hymnen und Weihrauchdüfte,
übergeht, ihre Beziehung zur Magie zu untersuchen. Es gibt so werden ihre Anhänger ihr am besten dienen. Wenn sie rein,
vielleicht kein Thema auf der ganzen Welt, worüber die Meinungen barmherzigund liebevoll gegen ihre Mitmenschen sind, daun werden
so stark auseinandergehen wie über das Wesen der Religion. Es sie, soweit menschliche Schwäche es vermag, die Vollkommmenheiten
muß daher als unmöglich angesehen werden, eine Definition des (ler göttlichenNatur nachahmen. DieseethischeSeite derReligionwar
Begriffes zu geben, die jeden befriedigen würde. Das einzige, was es, welche die jüdischen Propheten, die von einem hohen Ideal
ein" Verfasser tun kann, ist, daß er zunächst klar ausspricht, was der Güte und Heiligkeit Gottes erfüllt waren, nie müde wurden,
er unter Religion versteht, und danach das Wort durch das ganze den Menschen zu predigen. So sagt Micha: "Er hat dir gezeigt,
Werk konsequent in diesem Sinne gebraucht. Unter Religion ver- Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich
stehe ich also eiue Versöhnung oder Beschwichtigung von Mächten, Gutes zu tun, Liebe zu üben und demütig zu sein vor deinem
die deni Menschen übergeordnet sind und von denen er glaubt, Gott. " In späterer Zeit stammte viel von der Kraft, mit der das
daß sie den Lauf der Natur und das menschliche Leben lenken. Christentum die Welt eroberte, aus derselben hohen Auffassung von
Nach dieser Definition besteht die Religion aus zwei Elementen, dem sittlichen Wesen Gottes und der den Menschen auferlegten
einemtheoretischenundeinempraktischen,nämlicheinemGlaubenan Verpflichtung, sich dem zu unterwerfen. "Der reine und unver-
Mächte, die höher sind als derMensch,und zweitens dem Versuch, fälschte Gottesdienst vor Gott, unserem Vater, ist der, die Waiseu
diesen Mächten zu gefallen oder sie zu versöhnen. Von diesen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und sich vor der Welt un-
beiden Elementen steht naturgemäß der Glaube voran, da wir ja befleckt behalten, " sagt Johannes.
an die Existenz eines göttlichen Wesens glauben müssen, ehe wir Wenn Religion jedoch einmal den Glauben an überirdische
versuchen können, ihm zu gefallen. Wenn jedoch der Glaube nicht Wesen, welche die Welt regieren, umfaßt und zum zweiten eineii
zu der entsprechenden Handlnngsweise führt, ist er nicht Keligion, Versuch, ihre Gunst zu gewinnen, so nimmt man augenscheinlich an,
sondern Theologie. In der Sprache des Johannes ist "der Glaube daß der Lauf der Natur bis zu einem gewissen Grade dehnbar oder
ohne Werke tot, weil er allein ist". Mit ändernWorten: niemand veränderlich sei und daß es uns möglich ist, die mächtigen Wesen,
ist religiös, der sich in seinem Verhalten nicht bis zu einem ge- welche sie regieren, zu veranlassen, den Gang der Ereignisse von
wissen Grade durch die Furcht oder Liebe Gottes leiten läßt. Auf der Bahn abzulenken, welche sie sonst einscblagen würden. Diese
74 IV. Zauberei und ßeligion. IV. Zauberei und Religion. 75
angenommene Dehnbarkeit oder Veränderlichkeit der Natur ist nun maßten sich die Zauberer z. B. die Macht an, selbst die höchsten
den Grundsätzen sowohl der Magie als auch der Wissenschaftgenau Götter ihrem Willen zu unterwerfen, und drohten geradezu, sie zu
entgegengesetzt, denn beide sehen den Gang der Naturereignisse vernichten im Falle des Ungehorsams. Manchmal erklärte der
als starr und unveränderlich an und meinen, sie könnten ebenso- Hexenmeister, ohne ganz so weit zu gehen, er werde die Gebeine
wenig durch Überredung oder Bitten, wie durch Drohung und Ein- des Osiria verstreuen oder ihre heilige Legende enthüllen, wenn der
schüchterung aus ihrem gewohnten Bette abgelenkt werden. Der Gott sich als widerspenstig erweise. Auch in Indien ist noch heute
Unterschied zwischen den beiden widerstreitenden Ansichten vom die große hinduistische Dreieinigkeit selbst, Brahma, Vishnu und
Weltall hat seinen Angelpunkt in der entscheidenden Frage: sind Schiva, den Zauberern Untertan, die durch ihre Beschwörungen solche
die Mächte, welche die Welt regieren, bewußt und persönlich oder Macht über die mächtigsten Gottheiten ausüben, daß diese gezwungen
unbewußt und unpersönlich? Religion als Versöhnung der über- sind, aufErden oder imHimmel voller Ergebung das zu vollziehen, was
irdischen Mächte nimmt das eratere an, denn jede Versöhnung setzt ihre Herren, die Zauberer, an Befehlen zu äußern geruhen. Es
voraus, daß das zu versöhnende Wesen bewußt und persönlich gibt ein in ganz Indien bekanntes Sprichwort: "Das ganze Weltall
handelt, daß sein Verhalten bis zu einem bestimmten Grade unge- ist den Göttern Untertan. Die Götter sind den Beschwörungeu
wiß ist und daß es bewogen werden kann, dies in der gewünschten (mautras) Untertan. Die Beschwörungen den Brahmanen. Daher
Weise zu verändern durch einen wohlüberiegten Appell an seine sind die Brahmanen unsere Götter."
Interessen, Neigungen und inneren Beweggründe. Versöhnung wird Dieser radikale Prinzipienkonflikt zwischen Magie und Religion
niemals mit Dingen angestrebt, die man als leblos betrachtet, eben- erklärt zur Genüge die unbeugsame Feindschaft, mit der im Ver-
sowenig mit Personen, von deren Verhalten man weiß, daß es mit lauf des historischen Geschehens der Priester häufig den SIagier
Absoluter Sicherheit unter den besonderen Umständen bestimmt ist. verfolgt hat. Die stolze Selbstgenügsamkeit des Magiers, sein an-
Soweit also die Religion annimmt, daß die Welt von bewußt han- maßendes Auftreten gegenüber den höheren Mächten und sein unver-
delnden Wesen geleitet wird, die von ihren Absichten durch Uber- schämter Anspruch, ein Regiment wie das ihre auszuüben, mußte
reduug abgelenkt werden können, steht sie im grundlegenden Gegen- den Priester notwendig abstoßen, dem bei seiner Ehrfurcht vor der
eatz zur Magie sowohl als auch zur Wissenschaft, denn beide setzen göttlichen Majestät und seinem demütigen Niederfallen in deren
voraus, daß der Gang der Natur nicht durch die Leidenschaften Gegenwart solche Anmaßung und solches Verhalten als gottea-
oder Launen persönlicher Wesen bedingt ist, sondern durch das lästerliche Besitzergreifung von Vorrechten erschienen sein muß,
Wirken unwandelbarer Gesetze, welche mechanisch ablaufen. In die Gott allein zukommen. Gelegentlich dürfen wir vermuten, daß
der Magie ist diese Annahme nur unbewußt, in der Wissenschaft auch niedere Beweggründe hinzutraten,welche des PriestersFeind-
jedoch bewußt vorhanden. Es ist wohl wahr, daß die Magie sich schaft schürten. Er behauptete, das rechte Medium zu sein, der
oft mit Geistern beschäftigt, die persönlich handelnde Wesen sind, wahre Mittler zwischen Gott und den Menschen, und zweifellos wur-
wie die Religion sie annimmt. Aber überall da, wo sie dies in der den seine Interessen wie seine Gefühle häufig durch einen ueben-
üblichen Form tut, behandelt sie diese Wesen in derselben Weise, buhlerischen Quacksalber geschädigt, der einen sicheren und ebeneren
wie sie mit leblosen Dingen umgeht, d. h. sie zwingt und fesselt, Weg zum Glück predigte als den rauhen und schlüpfrigen Pfad
anstatt zu versöhnen und sich geneigt zu machen, wie die Religion göttlicher Gunst.
es tun würde. Sie nimmt also an, daß alle persönlichen Weaen, Dennoch scheint dieser Gegensatz, so geläufig er uns ist, ver-
mögen sie inenschlich oder göttlich sein, im letzten Grunde hältnismäßig spät in der Religionsgeschichte zutage getreten zu
jenen unpersönlichen Mächten unterworfen sind, die alle Dinge be- sein. In einer früheren Periode waren die Funktionen eines
herrschen, die aber nichtsdestoweniger dienstbar gemacht werden Priesters und Zauberers vielfach in einer Person vereinigt, oder um
können durch jeden, der weiß, wie er sie durch die geeigneten es vielleicht genauer auszudrücken, siewaren noch nicht voneinander
Zeremonien und Beschwörungenbehandeln muß. Im alten Ägypten getrennt. Um seine Ziele zu erreichen, bewarb sich der Mensch
76 IV. Zauberei und Religion. IV. Zauberei und Religion. 77
um die Gunst der Götter und Geister im Gebet und Opfer, wahrend Wirkung der ewigen Gesetze der körperlichen Welt aufhalten oder
er gleichzeitig zu Zeremonienund Wortformeln seineZufluchtnahm. umkehreD. Wind, Sturm und Regen unterstehen seinem Willen
von denen er erhoffte, daß sie an sich schon das gewünschte Er- und gehorchen seinem Befehl. Auch das Feuer ist ihm Untertan,
gebnis, ohne den Beistand von Gott oder Teufel, herbeiführen und die Flammen einer Feuersbrunst werden auf sein Wort ge-
würden. Kurz, er vollzog zugleich religiöse und magische Riten. löscht". Die französischen Bauern waren z. B. früher und sind
Er sprach Gebete und Beschwörungsformeln fast in einem Atem, vielleicht beute noch davon überzeugt, daß die Priester mit gewissen
ohne sich über die theoretische Inkonsequenz seines Benehmens besonderenRiten eine Messe des HeiligenGeistes zelebrieren könnten,
klar zu sein oder sich viel darum zu kümmern, wenn es ihm nur deren Wirkung so wunderbar sei, daß der göttliche Wille ihr nie
auf die eine oder andere Weise gelangzu erreichen, waa er wollte. Widerstand entgegensetze. Gott sei gezwuDgen, alles zu gewähren,
Beispiele dieser Verschmelzung oder Vermischung von Magie und was von ihm in dieser Form erbeten werde, mag die Bitte noch so
Religion sind uns schon bei den Gebräuchen der Melanesier und übereilt und ungestüm sein. Kein Gedanke an Gottlosigkeit oder
anderer Völker begegnet. Unerehrbietigkeit und Geringschätzung kam in Verbindung mit diesem
Dieselbe Verwechslung von Zaubereiund Religion hat sich er- Ritus in den Köpfen derer auf, die in den großen Nöten des Lebens
halten bei Völkern, die zu einer höherenKulturstufe emporgestiegen durch diese seltsamen Mittel versuchten, das Himmelreich im Sturm
sind. Sie blühte im alten Indien und Ägypten. Sie ist heute unter zu nehmen. Die weltlichen Priester weigerten sich gewöhnlich,die
den europäischen Bauern keineswegs erloschen. Was das alte Messe des Geistes zu lesen, aber Mönche, insbesondere die Kapuziner-
Indien betrifft, so wird uns von einem hervorragenden Sanskrit- pater, standen in dem Kufe, ohne große Bedenken den Bitten der
kenner berichtet, daß das Opferritual in der frühesten Zeit, von Bekümmerten und Unglücklichen zu willfahren. In dem Zwang,
der wir genauere Kunde haben, von Gebräuchen durchzogen war, den in dieser Weise nach der Meinung der katholischen Bauern der
welche den Geist der primitiven Magie atmen. Bei Gelegenheit Priester der Gottheit auferlegt, haben wir scheinbar ein genaues
eines Hinweises auf die Bedeutung der Magie im Orient und ins- Gegenstück der Macht, welche die alten Ägypter ihren Magiern
besondere in Ägypten bemerkt Professor Maspero, "wir sollten zuschrieben. Ein anderes Beispiel: in vielen Dörfern der Provence
nicht mit dem'Worte Magie jenen herabwürdigenden Sinn ver- soll der Priester noch heute die Fähigkeit besitzen, Stürme abzu-
binden, den der moderne Mensch diesem nahezu unweigerlich bei- wenden. Nicht jeder Priester genießt diesen Ruf. In manchen
legt. Die alte Magie war geradezu die Grundlage der Religion. Dörfern sind bei einem Pfarrerwechsel die Gemeindeglieder eifrig
Den Gläubigen, welche irgendeine Gunst von einem Gott erlangen darauf bedacht zu erfahren, ob der neue Geistliche diese Macht
wollten, konnte dies nur dann gelingen, weun sie Hand an die (ponder, wie sie es nennen) besitzt. Beim ersten Anzeichen eines
Gottheit selber legten, und diese Beeinflussung konnte nur wirk- starken Sturmes stellen sie ihn auf die Probe, indem sie ihn auf-
sam werden mittels einer gewissen Anzahl von Riten, Opfern, &e- fordern, die drohenden Wolken zu beschwören, und wenn das Er-
beten und Gesängen, welche der Gott selbst "geboten hatte und gebnis ihren Erwartungen entspricht, ist der neue Hirte der Zu-
die ihn zwangen zu tau, was von ihm verlangt wurde". neigung und Verehrung seiner Gemeinde gewiß. In einigen Ge-
Bei den ungebildetenStänden des modernenEuropa zeigt sich meinden, wo der Hilfsgeistliche in dieser Beziehung in größerem
dieselbe Ideenverwirrung, dieselbe Mischung von Religion und Magie Ansehen stand als sein Pfarrherr, waren die Beziehungen zwischen
in den verschiedensten Formen. So wird uns berichtet, daß in beiden so gespannt, daß der Bischof den Pfarrherrn versetzen mußte.
Frankreich "die meisten Bauern noch glauben, daß der Priester Ferner glauben gascognische Bauern, daß böse Leute, um sich an
eine geheime und unwiderstehliche Macht über die Elemente besitze. ihren Feinden zu rächen, häufig einen Priester veranlassen, eine
Durch das Hersagen gewisser Gebete, die er allein kennt und ein Messe zu lesen, die unter dem Namen Messe von St. Secaire be-
Recht hat zu sprechen, für deren Benutzung er jedoch hinterher kannt ist. Sehr wenige Priester kennen diese Messe, und drei-
Absolution erbitten muß, kann er bei einer dringenden Gefahr die viertel von denen, die sie kennen, würden sie für Geld und gute
78 IV. Zauberei und Religion. IV. Zauberei und Religion. 79
Worte nicht lesen. Nur leichtfertige Priester wagen es, die grausige lichkeit oder des Aueinandergrenzens von Ideen. Eine Theorie,
Zeremonie abzuhalten, und man kann sicher sein, daß sie ihnen welche anuimmt, daß der Lauf der Natur von bewußt handelnden
beim Jüngsten Gericht sehr teuer zu stehen kommen wird. Kein Wesen geregelt wird, ist auch schwerer begreiflich und erfordert zu
Geistlicher oder Bischof, nicht einmal der Bischof von Auch kann ihrem Verständnis einen weit höheren Grad von Einsicht und mehr
ihnen vergeben. Dieses Recht steht allein dem Papst von Rom Nachdenken als die Auffassung, daß die Dinge auf Grund ihrer
zu. Die M'esse von St. Secaire darf nur in einer verlassenen oder Ähnlichkeit oder Verwandtschaft aufeinanderfolgen. Selbst die Tiere
zerstörten Kirche gelesen werden, wo Eulen träumen und schreien, verbinden Vorstellungen von Dingen, die einander gleichen oder
wo Fledermäuse in der Dämmerung umherhuschen, wo Zigeuner die in ihrer Erfahrung beieinander gefunden wurden, und sie
des Nachts hausen und Kröten unter dem entweihten Altar kauern. könnten kaum einen Tag länger lebeu, wenn sie aufhörten, dies zu
Dorthin kommt der böse Priester des Nachts mit seiner Buhle, und tun. Wer würde aber den Tieren den Glauben zuschreiben, daß
beim ersten Schlage elf beginnt er die Messe rückwärts zu murmeln die Naturerscheinungen von einer Fülle unsichtbarer Tiere oder von
und endet gerade, wenn die Uhren die mitternächtliche Stunde ver- einem riesengroßen und ungeheuer starken Tiere hinter den Kulissen
künden. Sein Liebchen spielt den Messner. Die Hostie, welche er hervorgerufen würden? Man tut den Tieren sicher nicht Unrecht,
segnet, ist schwarz und hat drei Spitzen. Er weiht keinen Wein, wenn man annimmt, daß die Ehre, eine Theorie der zuletzt ge-
sondern trinkt statt dessen Wasser aus einer Quelle, in die man nannten Art erdacht zu haben, dem menschlichen Verstände vor-
die Leiche eines ungetauften Kindes geworfen hat. Er macht das behalten bleiben muß. Wenn die Magie also unmittelbar von den
Zeichen des Kreuzes, aber auf den Boden und mit dem linken elementaren Denkprozessen abgeleitet wird und in der Tat ein
Fuß. Und viele andere Dinge tut er, die kein guter Christ sehen Fehler ist, in den der Geist fast spontan verfällt, während die
könnte, ohne für den Rest seines Lebens blind und taubstumm zu Religion auf Vorstellungen beruht, welche man von dem rein tieri-
werden. Aber der Mann, für den die Messe gelesen wird, schwindet sehen Verstand bis jetzt kaum erwarten kann, so erscheint es glaub-
langsam dahin, und niemand kann sagen, was ihm fehlt. Selbst würdig, daß die Magie in der Entwicklung unserer Rasse vor der
die Arzte können sich keinen Vers daraus machen. Sie wissen Religion aufkam, daß der Mensch versuchte, die Natur allein durch
nicht, daß er langsam stirbt an der Messe von St. Secaire. die Kraft von Beschwörungen und Zaubereien seinem Willen zu
Weuugleich sich nun die Magie in vielen Zeitaltern und Län- unterwerfen, ehe er sich bemühte,eine spröde, launenhafte oder reiz-
dem häufig mit der Religion verschmolzen und vermischt findet, bare Gottheit durch sanft einschmeichelndes Gebet und Opfer zu
so besteht doch Grund zu der Vermutung, daß die Verschmelzung liebkosen und zu besänftigen.
nicht ursprünglich ist und daß es eine Zeit gab, da der Mensch Die Schlußfolgerung, zu der wir so auf deduktivem Wege, von
allein der Magie vertraute zur Befriedigung der Bedürfnisse, die einer Betrachtung der Grundbegriffe der Zauberei und der Religion
über seine unmittelbaren tierischen Triebe hinausgingen. In erster aus gelangt sind, wird induktiv bestätigt durch die Beobachtung,
Linievermaguns eineBetrachtungderGrundbegriffederMagieundRe- daß unter den Eingeborenen Australiens, den rohesten Wilden, von
ligion zu derAnnahmeberechtigen,daßdie Magiein derGeschichteder denen wir genaue Kenntnis haben, dieMagie allgemein ausgeübt wird,
Menschheit älter ist als die Religion. Wir haben einerseits gesehen, während Religion im Sinne einer Besänftigung und Versöhnung
daß die Magie nichts anderes ist als eine mißverstandene, irrige der höheren Mächte fast unbekannt zu sein scheint. Im ganzen
Anwendung der elementarsten, geistigen Vorgänge, nämlich der genommen sind alle eingeborenen Männer in Australien Magier,
Assoziation von Ideen durch Ähnlichkeit oder Berührung. Anderer- aber nicht ein einziger ist Priester. Jeder bildet sich ein, er könne
seits setzt die Religion jenseits der Schränken der sichtbaren Natur seine Gefährten oder den Laufder Natur durch sympathetische Magie
die Mitwirkung bewußter oder persönlicher Wesen voraus, die den beeinflussen, aber kein einziger denkt daran, Götter durch Gebet
Menschen überlegen sind. Naturgemäß ist die Annahme handelnder und Opfer zu besänftigen
Persönlichkeiten verwickelter als eine bloße Anerkennung der Ahn- Wenn wir jedoch in dem frühesten Stadium der menschlicheu
80 IV. Zauberei und Religion. FV. Zauberei und Beligion. 81
Oesellschaft, das wir heute kennen, so deutlich Magie vorfinden verschieden sind, bleibt das System der sympathetischen Magie
und ebenso auffällig die Religion vermissen, dürfen wir da nicht überall und zu allen Zeiten in seinen Prinzipien und in der Praxis
vernünftigerweise schließen, daß auch die zivilisierten Völker in das gleiche. In den ungebildeten und abergläubischen Schichten
irgendeiner Periode ihrer Geschichte ein ähnliches Geistesstadium des modernen Europa erscheint sie nicht in wesentlich anderer
durchgemacht haben, daß sie versucht haben, die großen Natur- Form als vor tausend Jahren in Ägypten und Indien und heute
kräfte zu zwingen, nach ihrem Wunsch und Willen zu handeln, bei den Wilden der niedersten Kulturstufe, die in den verborgen-
ehe sie daran dacliten, durch Opfer und Gebet um deren Gunst sten Gegenden der Welt leben. Wenn das Kriterium der Wahr-
y.u buhlen, kurz, daß geradeso wie es auf materiellem Gebiete heit auf der Zahl der Hände oder Köpfe berubte, so konnte das
menschlicher Kultur überall eine Steinzeit gegeben, so auch auf System der Magie mit weit größeremRecht Anspruch aufdas stolze
geistigem Gebiete überall ein Zeitalter der Zauberei bestanden hat? Motto "quod semper, quod ubique, quod ab omnibua" erheben als
Diese Frage darf mit Grund bejaht werden. Wenn wir die sichere Beglaubigung seiner eigenen Unfehlbarkeit.
vorhandenen Menschenrassen von Grönland bis Feuerland oder Es ist hier nicht unsere Aufgabe zu untersuchen, welchen
von Schottland bis Singapore Überblicken, so bemerken wir, daß Einfluß das ständige Vorhandensein einer solchen festen Schicht
sie sich durch eine große Mannigfaltigkeit der Religionen von cin- von Unkultur unter der Oberfläche der menschlichen Gesellschaft,
ander unterscheiden, und daß diese Unterschiede nicht sozusagen unbeeinflußt durch die Veränderungen der Religion und Kultur, aaf
lediglich mit den allgemeinen Unterschieden der Kassen nahe ver- die Zukunft der Menschheit haben kann. Der leidenschaftslose Beob-
wandt siud, sondern daß sie hinabgehen bis in die kleineren Unter- achter, durch seine Studien dahin gebracht, ihre Tiefen zu er-
abteilungen von Staaten und Republiken, ja, daß sie die Stadt, das gründen, kann die Magie kaum anders denn als dauernde Bedro-
Dorf und selbst die Familie zerreißen. So ist die Oberfläche der hung der Zivilisation betrachten. Wir bewegen uns scheinbar auf
Erde überall rissig und brüchig durch Spalte und gähnende Ab- einer dünnen Kruste, die jeden Augenblick durch die unterirdisch
gründe, welche durch den zersetzenden Einfluß der religiösen schlummernden Mächte zerrissen werden kann. Von Zeit zu Zeit
Spaltungen hervorgerufen werden. Wenn wir jedoch durch diese zeigt ein dumpfes Murmeln unter der Oberfläche oder eine plötzlich
Unterschiede, welche in der Hauptsache die intellektuelle und emporlodernde Flamme, was in der Tiefe vor sich geht. Hin und
denkende Schicht des Gemeinwesens berühren, liindurchdringen, wieder wird die gebildete Welt durch einen Zeitungsartikel in Er-
werden wir finden, daß unter ihr eine Schicht geistiger Ubcrein- staunen gesetzt, der berichtet, wie in Schottland ein Bild gefunden
Stimmung zu finden ist zwischen den Beschränkten, Schwachen, wurde, das mit Nadeln durchlöchert war, um irgendeinen Grund-
Unwissenden und Abergläubischen, die ja doch leider die über- herrn oder Geistlichen zu töten, wie eine Frau in Irland langsam
wältigende Mehrheit der menschlichen Gesellschaft ausmachen. Eine als Hexe verbrannt oder wie ein Mädchen in Rußland ermordet und
der großen Errungenschaften des XIX. Jahrhunderts war es, in zerstückelt wurde, um jene Kerzen aus Menschentalg herzustellen,
vielen Teilen der Welt einen Keil in diese niedere geistige Schicht bei deren Schein Diebe hoffen, ihr mitternächtliches Gewerbe un-
getrieben zu haben und so überall deren wesentliche Ubereinstim- gesehen verrichten zu können. Ob nun aber die Einflüsse, die
mung zu entdecken. Diese liegt heute hier in Europa direkt unter unseru einen weiteren Fortschritt begünstigen, oder diejenigen, welche
Fiißen und nicht einmal sehr tief darunter, sie dringt an die Ober- drohen, das schon Erreichte wieder ungeschehen zu machen, den
fläche im Herzen der australischen Wildnis und überall da, wo das Endsieg davontragen werden, ob die impulsive Kraft der Minder-
Aufkommen einer höheren Zivilisation sie nicht schon unter der heit oder das Schwergewicht der überwiegenden Mehrheit der
Erde zerstört hat. Dieser allgemeine Glaube, dieses echt katho- Menschen sich als die stärkere Macht erweisen wird, uns höher
lische Bekenntnis, ist das Vertrauen zu der Wirksamkeit der Magie. hinaufzuführen oder uns noch tiefer in den Äbgrund zu stürzen,
Während religiöse Systeme uicht nur in verschiedenen Ländern, sind Fragen, die eher den Weisen, denMoralisten und denStaats-
sondern in demselben Lande zu verschiedenen Zeiten voneinander mann angehen, deren Adlerblick in die Zukunft dringt, als den ein-
82 IV. Zauberei und Religion. IV. Zauberei und Eeligion. 83
fachen Gelehrten, der nur bescheiden Gegenwart und Vergangen- strengungen, mittels dieser vermeintlichen Ursachen zu arbeiten,
heit zu studieren beabsichtigt. Hier wollen wir uns nur fragen, umsonst waren. Seine mühevolle Arbeit war vergeudet, sein wiß-
inwiefern die Einförmigkeit, die unbegrenzte Betätigung und die begieriger Scharfsinn vergeblich verschwendet worden. Er hatte an
Dauer des Glaubens an die Magie, verglichen mit der unbegrenzten Stricken gezogen, an denen nichts befestigt war. Er hatte geglaubt,
Mannigfaltigkeit und dem unbeständigen Charakter religiöser Be- direkt auf sein Ziel loszusteuern und in Wirklichkeit nur einen
kenntnisse, zu der Annahme führen konnte, daß erstere eine primi- engen Kreis beschrieben. Dabei darf man keineswegs annehmen,
tivere und ältere Phase des menschlichen Geistes darstellt, die alle daß sich die Wirkungen, die er sich so ernstlich hervorzubringen
menschlichen Rassen auf dem Wege zu Religion und Wissenschaft bemüht hatte, nicht mehr einstellten. Sie wurden noch immer her-
durchgemacht haben oder noch durchmachen. vorgebracht, aber nicht durch ihn. Der Regen fiel noch immer
Wenn, wie ich annehme, einem Zeitalter der Religion überall auf die durstige Erde. Die Jahreszeiten wandelten noch immer
ein solches der Magie voranging, so ist es nur natürlich, daß wir mit ihrem Licht und Schatten, ihren Wolken und ihrem Sonnen-
uns fragen, welche Gründe die Menschheit oder vielmehr einen Teil schein über die Erde dahin. Noch immer wurden Menschen ge-
derselben dazu geführt haben, die Magie als Prinzip des Glaubens boren zu Arbeit und Leid und nach kurzem Verweilen zu ihren
und Handelns aufzugeben und statt dessen zur Religion überzugehen. Vätern in die ewigen Wohnungen droben versammelt. Alles ging
Wenn wir über die Menge, die Mannigfaltigkeit und die Schwierig- seinen gewohnten Gang, dennoch erschien demjenigen alles ver-
keit der zu erklärenden Tatsachen sowie über die Späriichkeit ändert, dem die Binde von den Augen genommen war. Denn er
unserer Kenntnis davon nachdenken, so müssen wir bereit sein vermochte sich nicht mehr der schönen Illusion hinzugeben, daß
zuzugeben, daß die volle befriedigende Löaung eines so tiefen er es aei, der Erde und Himmel in ihrem Gang lenkte, daß sie
Problems kaum zu erhoffen ist und daß das e-'nzige, was wir bei aufhören wurden, ihre weiten Bahnen zu wandeln, wenn er seine
dem augenblicklichen Stand unseres Wissens tun können, das ist, schwache Hand vom Steuer zurückzöge. Der Tod seiner Feinde
eine mehr oder weniger glaubwürdige Hypothese zu wagen. Unter oder Freunde erschien ihm nicht mehr als Beweis für die unwider-
dem nötigen Vorbehalt mochte ich annehmen, daß die langsame stehliche Macht eigener oder feindlicher Zaubereien. Er wüßtejetzt,
Erkenntnis der Lüge und Unfruchtbarkeit, welche der Magie an- daß Freund und Feind einem Schicksal gehorcht hatten, das stärker
haftet, den denkenden Teil der Menschheit daraufbrachte, sich nach war als er, das er also nicht zu leiten vermochte.
einer wahrhaftigeren Theorie der Natur umzusehen und nach einer Unser primitiver Philosoph war nun von seinem altgewohnten
fruchtbareren Methode, ihre Gaben zu verwerten. Die schlaueren Ankerplatz abgeschnitten und auf eine bewegte See voller Zweifel
Köpfe müssen mit der Zeit dahinter gekommen sein, daß magische und Ungewißheit hinausgetrieben. Sein heiteres Vertrauen zu sich
Zeremonien und Beschwörungen nicht in Wirklichkeit die Ergeb- und seinen Fähigkeiten war erschüttert, und so muß er in arger
nisse bewerkstelligten, die sie hervorbringen sollten und welche die Verwirrung und Erregung geschwebt haben, bis er zur Ruhe kam,
Itfehrzahl ihrer naiveren Kollegen noch immer erwarteten. Diese gleichsam in einen stillen Hafen nach stürmischer Fahrt; hier ge-
große Entdeckung von der Erfolglosigkeit der Magie muß eine langte er zu einem neuen System des Glaubens und Handelns, das
grundgtürzende,wenn auchvermutlich langsame Umwälzung in den eine Lösung seiner quälenden Zweifel zu bieten schien und einen,
Gemütern derer hervorgerufen haben, welche klug genug waren, wenn auch noch so unsicheren Ersatz für jene Herrschaft über die
sie herbeizuführen. Die Entdeckung lief darauf hinaus, daß die Natur, welcher er widerwillig entsagt hatte. Wenn die große Welt
Menschen zum erstenmal ihre Unfähigkeit erkannten, nach Belieben ihren alten Gang ohne seine oder seiner Freunde Hilfe weiterging,
gewisse Naturkräfte zu benutzen, die sie bis dahin vollkommen zu ao mußte es andere, ihm ähnliche, aber stärkere Wesen geben, die
beherrschen glaubten. Es war ein Bekenntnis menschlicher Un- angesehen ihren Gang leiteten und die bunte Reihe von Ereignissen
wisaenheit und Schwäche. Der Mensch erkannte, daß er Dinge als heryorbrachten, die er bisher seiner eigenen Magie Untertan geglaubt
Ursache angesehen hatte, die keine waren, und daß alle seineAn- hatte. Nicht er selbst, sondern sie waren es, wie er jetzt glaubte,
IV. Zauberei und Beligion.
IV. Zauberei und Eeügion. 85
84
welche den Sturmwind heulen, die Blitze zucken, den Donner rollen umgeben glaubte, bewußt worden sein. So vertieft sich die Religion,
ließen, welche die feste Erde gegründet, dem unruhvollen Meere welche als oberflächliche und teilweise Anerkennung der dem
Menschen überlegenen Mächte beginnt, mit zunehmender Erkenntnis
Grenzen gesetzt hatten, die es nicht überschreiten durfte, welche
alle die herrlichen Lichter am Himmelszelt anzündeten, den Vögeln allmählich zu einem Glauben an die völlige Abhängigkeit des Men-
derLuft ihre Nahrung und den wilden Tieren der Wüsteihre Beute sehen von dem Göttlichen. Seine alte, freie Haltung tauscht der
gaben, die dem furchtbaren Lande geboten, Überflußhervorzubringen, Mensch gegen tiefste Demütigung vor den geheimen Mächten des
die hohen Berge mit Wäldern bekleideten, murmelnde Quellen von Unsichtbaren, und seine größte Tugend ist es, seinen Willen dem
den Felsen zu Tale springen und saftigeWeidenan stillen Wassern ihren zu unterwerfen: In la sua volonta de e nostra pace. Aber
grünen ließen; die den Menschen lebendigen Odem einbliesen oder dieses tiefe religiöse Empfinden, diese vollkommene Unterwerfung
unter den göttlichen Willen in allen Dingen berührt nur jene größer
ihn durch Hungersnot und Pestilenz vernichteten. An diese mäch-
tigen Wesen, deren Hand er in dem üppigen und mannigfaltigen angelegten Naturen, deren Gesichtskreis weit genug ist, die ganze
Schauspiel der Natur erkannte, wandte sich nun der Mensch, be- Größe des Weltalls und die Kleinheit dea Menschen zu begreifen.
kannte demütig seine Abhängigkeit von ihrer unsichtbaren Macht Kleine Geister vermögen große Gedanken nicht zu fassen. Ihrem
engbegrenzten Verstände, ihren blinden Augen erscheint nichts
und flehte ihre Barmherzigkeit an, ihm alles Gute zu gewähren,
ihn vor den Gefahren zu schützen, die unser ganzes Leben um- wirklich groß und bedeutend außer ihnen selbst. Solche Geister
lauern. Endlich bat er sie, seinen unsterblichen Geist, befreit von erheben sich überhaupt kaum zu wahrer Religion. Sie werden zwar
der Last des Leibes, in eine glücklichere Welt zu führen und ihn von ihren Lehrern zu einer äußeren Anpassung gegenüber ihren
Vorschriften und einem mündlichen Bekenntnis ihrer Grundsätze
jenseits von Schmerz und Leid, zusammen mit den Geistern guter gedrillt. Aber im Herzen klammern sie sich noch an ihren alten
Menschen wohnen zu lassen in Freude und Glückseligkeit immer
magischen Aberglauben, der zwar mißbilligt und verboten, aber
und ewiglich.
So oder ähnlich mögen die Tieferdenkenden den bedeutungs- deshalb doch uicht durch die Religion ausgerottet werden kann,
solange seine Wurzeln tief unten in dem geistigen Bau der über-
vollen Übergangvon derMagie zur Religion vollzogen baben. Aber
wiegenden Mehrheit der Menschen ruhen.
selbst bei ihnen kann der Wandel kaum sehr plötzlich eingetreten
sein. Er hat vermutlich sehr lange Zeit zu seiner mehr oder weniger Der Leser mag nun wohl versucht sein zu fragen: Wie kam
es, daß intelligente Menschen nicht schon früher das Trügerische
vollständigen Durchführung gebraucht. Denn die Erkenntnis von
der Zauberei entdeckten? Wie war es möglich, daß sie noch weiter-
der Unfähigkeit des Menschen, den Lauf der Natur in großemStil
hin Erwartungen hegten, die unweigerlich zu Enttäuschungenfuhren
zu beeinflussen, muß allmählich gekommen sein. Unmöglich kann
der Mensch mit einem Schlage seines gesamten, vermeintlichen mußten? Woher nahmen sie den ]tfut, bei dem Spiel mit alther-
gebrachten Possen zu bleiben, die zu nichts führten, und feierliches
Herrschaftagebietes beraubt worden sein. Schritt für Schritt muß
Gewäsch zu murmeln, das keine Wirkung ausübte? Warum sich
man ihn aus seiner stolzen Stellung vertrieben haben. Eiuen Fuß-
an Auffassungen klammern, die von der Erfahrung so rundweg
breit nach dem ändern von dem Boden, den er einst als seinen
ad absurdum geführt werden? Wie konnte man es wagen, Ver-
eigenen betrachtete, muß er seufzend aufgegeben haben. Erst war
suche zu wiederholen, die so häufig fehlgeschlagen waren? Darauf
es der Wind, dann der Regen, dann der Sonnenschein, schließlich
der Donner, von dem er bekennen mußte, daß er unfähig sei, ihn muß man wohl antworten, daß die Täuschungen durchaus nicht
nach seinem Willen zu handhaben. Und wie ein Gebiet der Natur leicht zu erkennen waren, daß das Mißlingen keineswegs so auf der
Hand lag, da in vielen, vielleicht in den meisten Fällen das er-
uach dem ändern seinen Händen entglitt, bis das, was ihm einst
sehnte Erreignis tataächlich über kurz oder lang dem Ritus, der es
als sein Königreich erschien, zu einem Gefängnis zusammenzusinken
herbeiführen sollte, folgte. Es bedurfte schon eines Verstandes von
drohte, muß der Mensch sich mehr und mehr seiner eignen Hilf-
ungewöhnlicherSchärfe,um einzusehen,daßder Ritus nicht notwendig
losigkeit und derMacht der unsichtbarenWesen,von denen er sich
86 IV. Zauberei und Religion. § l. Der öffentliche Zauberer. 87
dieVeranlassung desEreignisses war. Einer Zeremonie, dieWind oder fraglich sein, ob eine kritische Zuhörerschaft es nicht als stich-
Regen erzeugen oder den Tod eines Feindes herbeiführen will, wird haltig begrüßen und den Redner, der es vertritt, für einen glaub-
früher oder später immer das gewünschteEreignis folgen, und man würdigen Maun erklären würde, für einen Mann, der vielleicht nicht
muß es dem primitiven Menschen zugute halten, wenn er das Er- bestechend und prahlerisch auftritt, der aber doch als durchaus ver-
eignis als unmittelbares Ergebnis der Zeremonie und den besten nünftig und verständig anzusprechen ist. Wenn solche Trugschlüsse
Beweis ihrer Wirksamkeit ansieht. Riten, die am Morgen vollzogen bei uns möglich sind, dürfen wir uns dann wundern, daß sie dem
werden, um die Sonne aufgehen zu lassen, und im Frühling, um Eingeborenen lange Zeit entgangen sind?
die träumende Erde aus ihrem Winterschlaf zu wecken, werden
unweigerlich von Erfolg gekrönt sein, wenigstens innerhalb der ge-
mäßigten Zone. Denn in diesen Gegenden zündet die Sonne all- V. Kapitel.
morgendlich ihre goldene Leuchte im Osten an, und Jahr für Jahr Die zauberische Beherrschung des Wetters.
kleidet sich die jugendliche Erde in einen kostbaren Mantel von
frischem Grün. So mochte der praktisch denkende Eingeborene § l. Der öffentliche Zauberer. Der Leser mag sich erinnern,
mit seinen konservativen Neigungen sich wohl gegen die Spitzfindig- daß wir durch die Betrachtung zweier verschiedenerTypen des Gott-
keiten des theoretischen Zweiflers, des radikalen Philosophen, taub menschen dazu geführtwurden, uns in das Labyrinth der Zauberei
erweisen, der zu behaupten wagte, Sonnenaufgang und Frühling zu stürzen. Dies ist der Faden, welcher uns durch den Irrgarten
könnten am Ende doch nicht unmittelbare Folgen der pünktlichen und endlich auf eine Anhöhe geleitet hat, von der aus eine kurze
Erledigunggewissertäglicheroderjährlich sichwiederholenderZere- Rast uns zurückschauen läßt auf die Wegstrecke, die hinter uns
monien sein, die Sonne könne aufgehen, die Bäume blühen, auch liegt und vorwärts auf den längeren und steileren Pfad, den wir
wenn mau diese Zeremonien gelegentlich oder gar völligunterließe. noch zu erklimmen haben.
Diese Zweifel mußten naturgemäß von den ändern mit Entrüstung Aus den voraufgegangenen Erwägungen erhellt, daß man die
und Empörung zurückgewiesen werden als eitle Träumereien, die beideu Typen meuschlicher Götter leicht als den religiösen und den
darauf abzielten, den Glauben umzustürzen, und die offenbar durch magischen G-ottraenschen unterscheiden kann. Bei ersterem soll
die Erfahrung widerlegt wurden. "Kann irgend etwas klarer sein," ein vom Menschen verschiedenes und ihm überlegenes Wesen auf
so würde er vielleicht ausrufen, "als daß ich meine Zwei-Groschen- längere oder kürzere Zeit in eiuem menschlichen Leibe verkörpert
kerze hier auf Erden anzünde und daß die Sonne daraufhin ihr sein, und zwar bekundet dieses Wesen seine übermenschlichen Kräfte
großes Feuer am Himmel entfacht? Es soll mir mal einer beweisen, und sein Wissen durch Wunder und Prophezeiungen, welche durch
daß die Bäume, wenn ich im Frühling mein grünes Kleid anlege, das fleischliche Heiligtum bewirkt und ausgedrücktwerden, in dem
nicht dasselbe tun? Dies sind Tatsachen, die jedem klar sind, Wohnung zu nehmen es sich herabgelassen hat. Dieser Typus darf
und auf ihnen fuße ich. Ich bin ein einfacher Mann des prak- auch zutreffend als der inspirierte oderfleischgewordeneTypus des
tischen Lebens, nicht einer von euren Theoretikern, Haarspaltern Gottmenschen bezeichnet werden. Hier ist der menschliche Körper
und Logikdreschern. Theorien und Spekulutionen mögen in ihrer nur ein gebrechliches Gefäß, das mit göttlichem, unsterblichem Geiste
Art ganz schön sein, und ich habe absolut nichts dagegen, daß ihr angefüllt ist. Andererseits ist ein Gottmensch des magischen Typus
euch damit abgebt, vorausgesetzt, daß ihr sie nicht in die Praxis nur ein Mensch, der in ungewöhnlich hohem Grade Kräfte besitzt,
umsetzt. Aber laßt mich bei den Tatsachen bleiben, dann weiß welche die meisten seiner Gefährten sich selbst in geringerem Um-
ich, wo ich stehe. " Die Täuschung dieser Beweisführung ist uns fange anmaßen. In der primitiven Gesellschaft gibt es ja keinen,
klar, weil sie sich mit Tatsachen abgibt, über die wir uns längst der nicht in Magie herumstümperte. Während also ein Gottmenscb
klar sind. Wendet man aber ein Argument von derselben Be- der erstgenannten oder inspirierten Art sein göttliches Wesen von
schaflTenheit auf Dinge an, die noch diskutabel sind, so dürfte es einer Gottheit herleitet, die sich herabgelassen hat, ihren himmlischen
LXVIII. Der goldene Zweig. LXVIH. Der goldene Zweig. 1023
1022
durchdenSchleierder Poesieoder desVolksaberglaubenagesehen Vielleicht läßtsich der Name von dem leuchtenden Goldgelb her-
wird. leiten, das ein Mistelzweig annimmt, wenn er einige Monate lang
Nun sind Gründe beigebracht worden für die Annahme, abgeschnitten aufbewahrt worden ist. Der leuchtende Schein be"-
der Priester des Hains von Aricium, der König der Wälder, den schränktsichdannnichtmehrauf die Blätter, sondernbreitetsich
Baum verkörperte, auf dem der Goldene Zweigwuchs. Wenn dieser auch über die Stiele aus, so daßder ganze Zweig tatsächlich "gol-
Baum die Eiche war, muß daher der König des Waldes eine Ver- den" aussieht. Bretonische Bauern hängen ganze Büschel'"von
körperung des Geistes der Eiche gewesen sein. Es ist demnach Mistelnvor ihrenHäusernauf, undim Junihabendie Sträußeeine
nicht schwer zu verstehen, weshalb der Goldene Zweig abgebrochen auffallend hellgoldene Färbung. In manchen Gegenden der Bre-
werden mußte, ehe der König des Waldes getötet werden konnte. tagne,besondersbeiMorbihan,werdenMistelzweigeüberdieStälle
Als Geist der Eiche befand sich sein Leben oder sein Tod in der gehängt, um Pferde und Vieh wahrscheinlich "vor Hexerei zu
schützen.
MistelaufderEiche,undsolangedieMistelunberührtblieb,konnte
er wie Balder nicht sterben. Um ihn zu erschlagen, war es daher Die gelbeFarbedeswelkenZweigeserklärtvielleicht zumTeil,
notwendig, die Mistel zupflücken und wahrscheinlich wiebeiBal- weshalb man zuweilen angenommen hat, die Mistel besitze die
dernach"ihm zuwerfen. Um dieParallele nun zuvervollständigen, Eigenschaft, die Schätze der Erde zu enthüllen. Nach dem Grund-
brauchen wir nur anzunehmen, daß der König der Wälder früher satze der homöopathischen Magie besteht nämlich eine natürliche
lebend oder nach seinem Tode bei dem Sommemachtsfest_ver- Äffimtät zwischen einem gelbenZweigeundGold. DieseVermutung
brannt wurde, das, wie wir sahen, alljährlich im aricischen Haine wird bestätigt durch die wunderbaren Eigenschaften, die das Volk
dem mythischen Farnsamen zuschreibt, der am Johannisabend wie
[Link],dasindemHainebrannte, wurde Gold oder Feuer blühen soll. In Böhmen heißt es z. B., "am Jo-
Wahrscheinlich, wie das"ewigeFeuer im Tempel derVesta zuRom
uncTunter der Eiche zu Romove, mit dem heiligen Eichenholze ge- hannistage blühe der Farnsamen mit goldenen Blüten, die wie
speist." DanachhättederKönigdesWaldesfrüherin einemgroßen Feuer leuchten". Nun gehört es zu den Eigenschaften des Farn-
Eichenfeuer sein Ende gefunden. In späterer Zeit wurde, wie^ich samens, daß jeder, der ihn besitzt oder mit etwas Samen in der
annahm, seine Amtsführung verlängert oder verkürzt, je nachdem Hand am Johannisabend einen Berg besteigen will, eine Goldader
die Bestimmung ihm gestattete, so lange zu leben, wie er^seine entdecken oder die Schätzedes Bodens mit blauer Flamme leuchten
göttlicheKraftdurchseinenstarkenArm [Link]- [Link]ßlandbehauptetman, wenneseinemgelänge, die
gingindessennur demFeuer,umdem Schwertezuverfallen wundersame Farnblüte am Johamüsabend zu erwischen, brauchte
'So"hat sich scheinbar in alter Zeit im Herzen Italiens an den [Link] 1cl^r^ die Luft zuwerfen' und sie werde wie ein Stern genau
Ufern~des~liebUchen Seesvon Nemi dieselbeFeuertragödie alljähr- anderStelleniederfallen,wo [Link] der Bre-
tagne sammeln Schatzgräber am Johannisabend Farnsamen und
lich abgespielt, die italienische Kaufleute und Soldaten späterhin heben ihn bis Palmsonntag auf. Dann streuen sie den Samen auf
bei"ihrm barbarischen Verwandten, den Keiten Galliens, erlebten,
und"die~vielleicht, wenn die römischen Adler ihren Flug jemals den Boden, wo sie einen Schatz verborgenglauben. Tiroler Bauern
bilden sich ein, verborgene Schätze seien am Johannisabend wie
nachNorwegens Küstegelenkt hätten,mit geringen Abweichungen
bei den barbarischenAriern des Nordens wiederzufindengewesen Flammen leuchtend zusehen,undFarnsamen, derin diesergeheim-
wäre. Der Ritus gehörte vermutlich zu den wesentlichen Merk- nisvollen Zeit mit der üblichen Vorsicht gesammelt sei, trage dazu
malen indogermanischer Verehrung der Eiche. bei, das vergrabene Gold an die Oberfläche zu bringen. In dem
Nun bleibt uns nur noch die Frage: Warum hießdie Schweizer Kanton Freiburg wachten früher die Leute in der Jolian-
CToldene~Zweig? Das weißliche Gelb der Mistelbeeren genügt kaum nisnacht neben emem Farn, in der Hoffnung, einen Schatz zu ge-
winnen, den der Teufel selbst ihnen manchmal brachte. In Böhmen
als Erklärung" des Namens, denn Virgil sagt, der Zweig se^ganz sagt man, wer sich die goldene Blüte des Farns in dieser Zeit ver-
und gar golden gewesen, sein Stamm sowohl wie seine Blätter.
1026 LXVUI. Der goldene Zweig.
[Link]. ^027
legt wird, um prophetische Träume zu bewirken^Das Auffangen
der angeblichen Eichenblüte in einem weißen Tuche entspricht Lauf durch den unterirdischen Sumpf dahinschleppt, und der Fähr-
ferner genau der Gewohnheit der Druiden, welche die wirkliche mann ihm die Überfahrtin seinem Boote verweigert, braucht'er
Mistel in dieserWeiseauffingen,wenn sie unter dem Hieb der gol- darum nur den Goldenen Zweigaus seinem Busen'zu z~iehen"und
denen Sichel von dem Ast der Eiche herabfiel. Da Shropshire an i^Polterer entgegenzuhalten: Sogleich weicht dieser bei'dessen
Walesangrenzt,kannderGlaube,daßdieEicheamJohannisabend Anblick zurück und nimmt den Heiden demütig in seiner"zerbrech"
blühe, ursprünglich walisisch gewesen sein, wenn er auch wahr- auf, die unter dem ungewohnten Gewicht des Leben-
scheinlich ein Überrest der primitiven germanischen Religion ist. len tief m das Wasser hmeinsinkt. Selbst in neuerer Zeit'ha't'die
In einigen Gegenden Italiens ziehen die Bauern, wie wir gesehen '^me wir sahen,als SchutzgegenHexenundTrollegegolten,
Alten mögen ihr sehr wohl dieselbe
haben,noch am Johannnismorgenhinaus,um die Eichbäumenach magische Kraft0 zuee-'
dem St. Johannisöle abzusuchen, das gleich der Mistel alle Wunden schrieben haben. Und wenn die Schmarotzerpflanze, wi:e~es'em?£
heut und vielleicht selbst die Mistel in verklärtem Gewande ist. So unserer Bauern glauben, alle Schlösser öffnen kann, warum solTte
erklärt es sich leicht, wie eine Bezeichnung wie der "Goldene sienicht als ein"Sesam öffnedich"in denHändendes Aenea7ee^
Zweig", die so wenig charakteristisch für das gewöhnliche Aus- wirkthaben,umdiePfortendesTodeszuerschließen?"
sehen dieses scheinbar unbedeutenden Schmarotzers ist, auf um ^ Jetztvermögen wirauch zufolgern, weshalbVirbius zuNern;
angewendet wurde. Ferner sehen wir jetzt vielleicht ein, weshalb mit der Sonne verwechselt werden konnte. Wenn Virbius, -wie'ich
die Mistel im Altertum die bemerkenswerte Fähigkeit, Feuer zu zu zeigen mich bemüht habe, ein Baumgeist war, muß er derGeYst
löschenbesessen haben soll, und warum sie noch heute in Schweden ^che^gewesen sein, auf welcher der Goldene Zweig'wuchs^
in denHäusernals SicherunggegenFeuersbrunstaufbewahrtwird. dxenn. 5e,überlieferungbezeichnete ihn als den ersten König'der
Ihre tevinge Natur stempelt sie nach homöopathischen Grundsätzen r. Manmuß angenommen haben, daßer als Geist der Eiche
zu dem bestmöglichen Heil- oder Schutzmittel gegen Beschädi- TOn-zeit_2u zelt. das Feuer der Sonne wieder anzündete",'und"er
gung durch Feuer.
daherleicht mit derSonneselbst verwechselt werden.'Eben-
"Diese Überlegungen mögen zum Teil als Erklärung dienen,. sovermögen wir zuerklären, weshalbBalder, ein Geist der Eiche,
weshalbVirgildenAeneaseinenverklärtenMistelzweigbeiseinem als 80 "schön von Angesicht und so leuchtend" geschildert wurde,
Abstieg in die düstere Unterwelt mitnehmen läßt. Der Dichter "daßein Leuchten von ihm ausging, " und warum man"ihn"so hau-'
schildert uns, wie vor den Toren der Hölle selbst sich ein großer, ^-_Ldi,e sonnehielt- Im allgemeinen können wir ferner sagen,
düstererWald ausbreitete, und wie der Held, demFluge eines Tau- wenn m der primitiven Gesellschaft die einzige Methode, die man
benpaares folgend, das ihn weiterlockte, in die Tiefe des Urwaldes kennt,umFeueranzumachen,dieist,daßHolzaneinandergerieben
wanderte, bis er in weiter Ferne durch die Schatten der Bäume wijd, dann^muß der Wilde naturgemäß das Feuer als eme, 'wie
das flackernde Licht des Goldenen Zweiges die ineinander ver- Saft oder Harz in den Bäumen verborgene Eigenschaft ansehen,
flochtenen Ästeüber ihm erleuchten sah. Wenn die Mistel als gel- er es mühevoll entziehen muß. Die Senalindianer Kalifor-
ber, welker Zweig in den traurigen Herbstwäldern den Samen des niens "glauben, die ganze Welt sei einst ein Feuerball gewesen,
Feuersenthaltensollte,konntedereinsameWandererin die Schat- ausdemdasFeuerindieBäumeübergingundnunjedesmalherauf
ten der Unterwelt einen besseren Gefährten mitnehmen als einen kommt^, wenn zwei Stücke Holz aneinander geneben werden".
Zweig,derzugleich seinemFußeeineLeuchteundseinerHandein Auch die Maidu-Indianer Kaliforniens meinen,""die Erde'sei'ur-
Stab war? Mit dem Zweig bewaffnet konnte er mutig den furcht- sprünglich ein Ball aus geschmolzener Materie, und daraus sei das
baren Erscheinungen gegenübertreten, die seinen Pfad auf der Prinzip des Feuers durch die Wurzeln in den Stamm und die
abenteuerlichen Reise kreuzen wü[Link] Aeneas aus denWaldes- Zweige der Bäume gedrungen, aus denen die Indianer es mit Hilfe
tiefen herausan die Ufer des Styx tritt, der sich langsam in trägem ihres Bohrers herausziehen". Auf Namoluk, einer der Karolmen^
sagtman,dieKunstdesFeuermachensseidenMenschendurchdie
1028 LXVUI. Der goldene Zweig. LXVIU. Der goldene Zweig. 1029
Göttergelehrtworden. Olo^aet, der schlaue Meister der Flammen, Es ist eine einleuchtende Theorie, daßdie Ehrfurcht, welche
gabdemVogelMwiFeuerundhießesihn im Schnabelauf dieErde die Völker der Antike in Europa der Eiche entgegenbrachten und
tragen. Da flog der Vogel von Baum zu Baum und verbarg die den Zusammenhang, den sie zwischen dem Baum und ihrem Him-
schlummernde Kraft des Feuers im Holze, aus dem die Menschen sie melsgotte sahen, ihren Ursprung in der weit größeren Häufigkeit
durch Reibung ans Licht bringen können. In den alten, vedischen hat, mit der die Eiche augenscheinlich vom Blitz getroffen wird,
Hymnen heißtes, der Feuergott Agni "sei im Holze geboren als alsirgendeinandererBaumdereuropäischenWälder. DieseEigeu-
Embryo der Pflanzen oder als in Pflanzen verstreut. Er soll auch tümlichkeit des Baumes ist durch eine Reihe von Beobachtungen
in alle Pflanzen eingedrungen sein oder ihnen zustreben. Wenn er gestützt worden, welche wissenschaftliche Forscher in den letzten
als Keim der Bäume oder der Bäume und Pflanzen bezeichnet wird, Jahren angestellt haben, die keine mythologische Theorie aufstellen
magdiesim Hinblick auf dasFeuergeschehen, dasin denWäldern wollen. Wiewir das Phänomenauch erklärenmögen, ob durch die
durch Eeibung der Zweige entsteht". größereLeitungsfähigkeit, die das Eichenholz für Elektrizität be-
EinenBaum,dervomBlitz getroffenist, siehtderWildenatür- sitzt oder auf irgend eine andere Weise, die Tatsache selbst kann
lich als doppelt und dreifach mit Feuer geladen an, hat er doch mit sehr wohl die Aufmerksamkeit unserer Vorfahren erregt haben,
eigenen Augen gesehen, wie der zuckende Strahl in den Stamm die in den ausgedehnten Wäldern wohnten, welche damals einen
hineinfuhr. Daraus lassen sich vielleicht viele der abergläubischen großen Teil Europas bedeckten. Ganz natürlich konnten sie in
Vorstellungen erklären, die sich an vom Blitz getroffene Bäume ihrer schlicht-frommen Art die Erscheinung dadurch erklären, daß
knüpfen. Wenn die Thompsonindianer Britisch-Columbiens die der große Hünmelsgott, den sie verehrten und dessen Stünme sie
Häuser ihrer Feinde in Brand stecken wollten, schössen sie mit im Donnergrollen hörten, die Eiche vor allen anderen Bäumen des
Pfeilen darauf, die entweder aus einem vom Blitz getroffenen Waldesliebte und deshalb häufigaus der düsteren Wolke in emem
Baume gemacht oderan denen Splitter von solchem Holze befestigt Blitzstrahl m die Eiche hinabstieg und m dem geborstenen und ge-
waren. Wendische Bauern in Sachsen weigern sich, in ihren Öfen schwärzten Stamme und dem versengten Laub ein Zeichen seiner
Holz zu brennen, das von Bäumen stammt, die vom Blitz getroffen Gegenwart zurückließ. Solche Bäume waren von da ab wohl mit
waren. Sie behaupten, mit solchem Brennholz würde das Haus einem Heiligenschein umgeben als die sichtbaren Wohnsitze des
niederbrennen. Auch die- Tongas in Sudafrika benutzen solches Donnergottes. Sicher ist es, daß die Griechen und Römer wie
Holz nicht als Brennholz und wärmen sich nicht an emem Feuer, manche Wilde ihren großen Gott des Himmels und der Eiche mit
das damit angezündet ist. Wenn ein Baum vom Blitz getroffen ist, dem Blitzstrahl identifizierten, der die Erde traf. Sie umzäunten
löschendie Wmamwangasin Nord-RhodesiendagegenaUe Feuer regelmäßig einen solchen Platz und behandelten ihn hinfort als hei-
im Dorfeundputzen dieFeuerstelle frisch ab,währenddie Ältesten lig. Es dürfte nicht voreilig sein, wenn man annimmt, daß die
das durch denBlitz entzündete Feuer demHäuptling bringen, der Vorfahren der Keiten undDeutschen in denWäldernMitteleuropas
Gebete darüber spricht. Der Häuptling sendet darauf das neue aus denselben Gründeneiner versengten Eiche Ehrfurchtentgegen-
Feuer an alle seine Dörfer, und die Bewohner belohnen seine Boten brachten.
für das Geschenk. Dies beweist, daßsie das durch Blitzschlag ent- Diese Erklärung der germanischen Verehrung für die Eiche
fachte Feuer mit Ehrfurcht betrachten, und die Ehrfurcht ist ver- und der Verbindung des Baumes mit dem großen Gott des Donners
ständlich, denn Donner und Blitz ist für sie Gott selbst, der auf die und des Himmels wurde schon vor langer Zeit von Jakob Grimm
Erde kommt. Ebenso glauben die Maiduindianer Kaliforniens, angenommen oder vorausgesetzt, und ist in neuerer Zeit durch
daß ein großer Mann die Welt und alle ihre Bewohner geschaffen Mr. W. Warde Fowler wieder nachdrücklich hervorgehoben wor-
habe, und daßder Blitz nichts anderes als der GroßeMann selbst den. Sie erscheint einfacher und wahrscheinlicher als die Erklä-
sei, der rasch vom Himmel herabsteige und die Bäume mit seinem rung, die ich selbst frühervertrat, daßnämlich die Eiche ursprüng-
Flammenarm zerreiße. lich v^gen der vielen Wohltaten verehrt worden sei, die unsere
1030 LXVIU. Der goldene Zweig. LXVIII. Der goldene Zweig. 1031
Vorfahren durch den Baum genossen, insbesondere wegen de» anderen Bäumen des Waldes verehrten, der Glaube, daßjede der-
Feuers,dassiedurchReibungdemHolzentzogen,unddaßdieVer- artige Eiche nicht nur vom Blitz getroffen war, sondern in ihren
bindung der Eiche mit dem Himmel ein späterer Gedanke gewesen Zweigen eine sichtbare Emanation des himmlischen Feuers trug.
sei, der sich auf den Glauben gründete, daßder Blitzstrahl nur der Wenn sie daher die Mistel mit mystischen Riten abschnitten, so
Funke sei, den der Himmelsgott hoch oben erzeugte, indem er zwei taten sie dies, um sich alle magischen Eigenschaften emes Donner-
StückeEichenholzaneinanderrieb, genauwiederWildeseinFeuer keils anzueignen. Wenn dem so war, müssen wir offenbarannehmen,
im Walde auf Erden anzündet. Nachdieser Theorie war der Gott daßdie Mistel eher als Emanation des Blitzes und nicht, wie ich be-
des Donners und des Himmels von dem ursprünglichen Gott der hauptete, der Sommersonne galt. Vielleicht ist es uns sogar mög-
Eicheabgeleitet. NachderneuerenTheorie,dieichheutevorziehe, lich, die beiden voneinander abweichenden Anschauungen dadurch
war der Gott des Himmels und des Donners die ursprünglicheGott- zu verbinden, daßwir annehmen, nach der alten indogermanischen
heit unserer indogermanischen Vorfahren und seine Verbindung Eeligion sei die Mistel am Johannistage in einem Blitzstrahl aus
mit der Eiche war lediglich eine Folgerung, die sich auf die Häufig- der Sonne herabgestiegen. Eine solche Kombination ist jedoch
keit gründete, mit der die Eiche vom Blitz getroffen wurde. Wenn künstlich und, soweit mir bekannt ist, durch kein positives Zeug-
die Indogermanen,wie manche glauben, durch die weiten Steppen nis gestützt. Ob die beiden Deutungen wirklich nach mythischen
Rußlands und Zentralasiens mit ihren Herden zogen, ehe sie im Grundsätzen miteinander verbunden werden können oder nicht,
DunkeldereuropäischenWälderverschwanden,mögensiedenGott maße ich mir nicht an, zu behaupten. Aber selbst wenn sie sich
des bkiuen oder bewölkten Firmaments und den flammenden Blitz- als widerspruchsvoll erweisen, braucht ihr innerer Widerspruch
strahl verehrt haben, lange bevor sie daran dachten, ihn mit den unsere Vorfahren nicht daran gehindert zu haben, beide zu gleicher
versengten Eichen ihrer neuen Heimat in Verbindung zu bringen. Zeit mit derselben Inbrunst der Überzeugung anzunehmen. Denn
Die neueTheoriehatvielleicht denweiterenVorzug,daßsiedie der Wilde steht wie die große Mehrheit der Menschen über den
besondere Heiligkeit näherbeleuchtet, die man der Mistel zuschrieb, engen Fesseln der pedantischen Logik. Bei unserem Versuche,
welche auf der Eiche wächst. Die bloße Seltenheit eines solchen seinen abirrenden Gedanken durch das Netz grober Unwissenheit
Gewächsesauf der Eiche dürfte kaum als Erklärung für die weite und blinder Furcht nachzugeben, müssen wir uns stets vor Augen
Verbreitung und die Hartnäckigkeit des Aberglaubens genügen. halten, daß wir verzauberten Boden betreten und uns hüten müs-
Einen Hinweis auf seinen wahrenUrsprung finden wir wahrschein- sen, die nebelhaften Gestalten, die unseren Weg kreuzen oder durch
lich in der Behauptung des Plinius, daß die Druiden die Pflanze dasDunkel schwebenund uns zulallen, für greifbareWirklichkeiten
deshalb verehrten, weil sie annahmen, daßsie vom Himmel gefallen zu nehmen. Wir vermögen uns niemals völlig auf den Standpunkt
und einZeichenwäre,daßderBaum,auf demsiewuchs,vom Gotte des Primitiven zurückzuversetzen, die Dinge mit seinen Augen
selbst ausgewählt war. Sollten sie vielleicht geglaubt haben, die zu sehen und unser Herz unter den Erregungen schlagen zu lassen,
Mistel sei durch emen Blitzstrahl auf die Eiche gefallen? Diese die das seine in Wallung brachten. Alle unsere Theorien, die ihn
Vermutung wird bestärkt durch die Bezeichnung Donnerbesen, und seine Gewohnheiten betreffen, müssen daher von der Gewiß-
die dem Mistelzweig im Kanton Aargau beigelegt wird, denn sie heit noch weit entfernt sein. Das Äußerste,das wir in solchen Din-
deutet offenbar a'uf einen engen Zusammenhang des Schmarotzers gen erreichen können, ist ein vernünftiges Maß von Wahrschein-
mit dem Donner hin. "Donnerbesen" ist auch in Deutschland ein lichkeit.
volkstümlicherName für jeden buschigen,nestähnlichenAuBwuchs, Um diese Untersuchungen abzuschließen, können wir sagen,
der an einem Aste wächst, weil die Unwissenden tatsächlich glau- wenn Balder in der Tat, wie ich angenommen habe, die Verkörpe-
ben, ein solches Schmarotzergewächs sei ein Erzeugnis des Blitzes. rung einer misteltragenden Eiche war, dann ließe sich sein Tod
Wennan dieser Vermutung etwasWahresist,war der tatsächliche nach der neuen Theorie als ein Tod durch einen Blitzstrahl er-
Grund, weshalb die Druiden eine misteltragende Eiche vor allen klären. Solange die Mistel, in der die Flamme des Blitzes schwelle,
1032 LXVIU. Der goldene Zweig. LXIX. Abschied von Nemi. 1033
in den Zweigen hängen durfte, so lange konnte dem gütigen und heiligen Haine von Nemi. Einigen dieser Seitenpfade sind wir
freundlichen Gott der Eiche, der sein Leben der Sicherheit wegen ein Stück Wegs gefolgt. Ändern wird der Verfasser und der Leser,
zwischen Himmel und Erde in dem geheimnisvollen Schmarotzer wenn das Glück günstig sein sollte, vielleicht später einmal ge-
aufbewahrte, kein Unglück zustoßen. Wenn aber einmal diese meinsam nachgehen. Fürs erste sind wir weit genug miteinander
Stätte seines Lebens oder Todes dem Ast entrissen und gegen den gewandert, und es ist Zeit, Abschied zu nehmen. Vorher möchten
Stamm geschleudert wurde, fiel der Baum, -der Gott starb- wir uns jedoch wohl fragen, ob sich nicht irgendeine allge-
vom Blitz getroffen. meine Schlußfolgerung, womöglich auch eme hoffnungsvolle und
Und was wir von Balder in den Eichenwäldern Skandinaviens ermutigende Lehre aus der traurigen Geschichte menschlichen Irr-
sagten, läßtsich vielleicht mit allem bei einer so dunklen und un- tums und menschlicher Torheit ziehen lasse, der wir in diesem
sicheren Frage notwendigen Mißtrauen, auf den Priester der Buche unsere Aufmerksamkeit geschenkt haben.
Diana, den König des Waldes zu Aricia m den Eichenwäldern Wenn wir einerseits die im Wesentlichen vorhandene Überein-
Italiens anwenden. Er verkörperte vielleicht in Fleisch und Blut Stimmung in den Hauptbedürfnissen des Menschen überall und zu
den großen italienischen Gott des Himmels, Jupiter, der in dem allen Zeiten in Betracht ziehen und auf der anderen Seite be-
Blitzstrahlvom Himmelherabgestiegenwar, um in der Mistel, dem denken, wie verschiedener Art die Mittel sind, deren er sich in den
Donnerbesen, die auf der heiligen Eiche in den Tälern von Nemi verschiedenen Zeitaltern zur Befriedigung dieser Bedürfnisse be-
wächst,unter den Menschen zu wohnen. Wenn die Dinge sich so dient hat, dann dürften wir vielleicht geneigt sein, zu folgern,
verhielten, dann braucht es uns nicht wunderzunehmen, daßder daß die Höherentwicklung des Denkens, soweit wir ihr nachzu-
Priester mit gezücktem Schwerte den geheimnisvollen Zweig gehen vermögen, den Weg von der Magie über die Religion zur
hütete, der das Leben des Gottes und sein eigenes enthielt. Die Wissenschaft durchgemacht hat. In der Magie verläßt sich der
Göttin, der er diente und der er sich vermählte, war, wenn ich Mensch auf seine eigene Kraft, um den Schwierigkeiten und Ge-
michnichttäusche,keine andereals dieKönigindesHimmels, die fahren zu begegnen, die ihm von allen Seiten drohen. Er glaubt an
wahre Gemahlin des Himmelsgottes. Denn auch sie liebte die Ein- eine gewisse feste Ordnung der Natur, auf die er sich unbedingt
samkeit der Wälder und Berge. In klaren Nächten zog sie in Ge- verlassen, und die er zu seinem eigenen Vorteil ausnutzen
stalt des silbernen Mondes am Himmel dahin und schaute mit kann. Wenn er semen Irrtum entdeckt, wenn er erkennt, daß
Wohlgefallen auf ihr schönes Bildnis, wie es ihr in den ruhigen, sowohl die Naturordnung, auf die er sich verlassen hatte, als
glänzenden Wassern des Sees, dem "Spiegel der Diana", entgegen- auch die Herrschaft, die er über sie auszuüben glaubte, allein in
strahlte. seiner Einbildung bestanden, dann hört er auf, auf seine eigene
Intelligenz und seine selbständigen Bemühungen zu bauen, und
wirft sich demütig der Barmherzigkeit gewisser großer, unsicht-
LXIX. Kapitel.
barer Wesen, die hinter dem Schleierder Natur verborgen sind, in
die Arme. Ihnen schreibt er nunmehr all jene unbeschränkten
AbsAied von Nemi. Kräfte zu, die er sich einst selber angemaßt hatte. So wird in den
schärferen Geistern die filagie allmählich durch Religion ersetzt,
Wir sind mit unserer Untersuchung am Ende, aber wie dies welche die Naturphänomene dem Willen, der Leidenschaft oder
häufig bei der Erforschung einer Wahrheit zu gehen pflegt, dem Mutwillen geistiger, dem Menschen artverwandter Wesen un-
drängen sich uns, wenn wu eine Frage beantwortet haben, eine terordnet, die ihm jedoch an Macht weit überlegen sind.
Reihevon neuen auf. Wennwir e iner Spur nachgingen,mußten Im Laufe der Zeit wird indessen auch diese Erklärungunbe-
wir an manchen vorübergehen, die sich davon abzweigten und friedigend. Nimmt sie doch an, daßdie Aufeinanderfolge der Na-
ganz anderen Zielen zuführten oder zuzuführen schienen als dem turereignisse nicht durch unwandelbare Gesetze bestimmt wird,
1034 LXIX. Abschied von Nemi. LXIX. Abachied TOB Nemi. 1035
sondern bis zu einem gewissen Grade veränderlich und unregel- den durch das Labyrinth,einen goldenen Schlttssel gefunden, der
mäßigist, und diese Annahme wird nicht durch genauere Beob- viele Schlösserin der Schatzkammer der Natur offnen kann. Es
achtunggestützt. ImGegenteil,je mehrwir dieseAufeinanderfolge ist wahrscheinlich nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß
untersuchen, desto mehr fällt uns die starre Einförmigkeitauf, die dieHoffnungaufFortschritt - undzwarsowohlsittlichen alsauch
pünktliche Genauigkeit, mit der, soweit wir ihnen folgen können, geistigen -"in Zukunft mit dem Schicksal der Wissenschaft ver-
die Vorgängein der Natur sich abspielen. Jeder großeFortschritt bunden ist, und daß jedes Hindernis, das der wissenschaftlichen
der Wissenschaft hat das Bereich der Ordnung in der Welt erwei- Forschung'in denWeggelegtwird, einUnrecht gegendieMensch-
tert und dasjenige der scheinbaren Unordnung eingeschränkt,bis heit ist.
wir heute endlich bereit sind, vorauszusetzen, daß auch überall Dennoch sollte uns die Geschichte des menscUichen Denkens
da, wo jetzt noch der bloße Zufall und die Verwirrung zu herr- vor der Schlußfolgerung warnen, daßdie wissenschaftliche Theo-
sehen scheinen, eine weiter vorgeschrittene Erkenntnis das schein- rie von der Welt etwavollkommen und abschließendsei, weil sie
bare Chaos in einen Kosmos verwandeln würde. So kommt es, daß die beste ist, die bisher aufgestellt wurde. Wir müssenuns vor
schärfere Geister, in ihrem, Drange nach einer noch vertiefteren Augen halten, daßdieVerallgemeinerungen der Wissenschaft oder
Lösung der Geheimnisse des Weltalls, dazu geführt werden, die um°es einfacher zu sagen, die Naturgesetze im Grunde lediglich
religiöse Theorie von der Natur als unzulänglich zu verwerfen und Hypothesen sind, welche den Zweck verfolgen, jene ewigwechseln-
in gewisser Weise zu dem alten Standpunkt der Magie zurückzu- den GaukelbilderdesDenkenszu deuten, die wir den hochtraben-
kehren, indem sie explicite postulieren, was in der Magie nur impli- den Namen "Welt" und "All" würdigen. Im letzten Grunde
cite vorausgesetzt war, nämlich eine unbeugsame Regelmäßigkeit sind Magie, Religion und Wissenschaft nichts anderes alsDenktheo-
in der Ordnung der Naturereignisse, die es uns bei sorgfältiger rien, und wie die Wissenschaft ihre Vorgänger abgelöst hat, so
Beobachtung ermöglicht, ihren Verlauf mit Sicherheit vorauszu- mag sie künftighin einmal selbst von einer vollkommeneren Hypo-
sehen und danach zu handeln. Kurz, die Religion, sofern sie die these, vielleicht von einer völlig verschiedenen Art, die Erschei-
Natur erklären will, wird durch die Wissenschaft ersetzt. nungen zu betrachten, die Schatten auf der Leinwand zu deuten,
Währendnun aber die Wissenschaft zwar mit der Magie eines übertolt werden, von der wir uns in unserer Generation keine
gemeinsamhat, daßsie nämlichebenfalls den Glauben an die Ord- Vorstellung machen können. Die Fortentwicklung der Erkenntnis
nung als das Grundprinzip aller Dinge ansieht, so brauchen die ist ein unablässiges Vorwärtsschreiten einem ewig schwindenden
Leser dieses Werkes wohl kaum daran erinnert zu werden, daßdie Ziele zu. Wir brauchen über die Unendlichkeit des Mühens nicht
von der Magie angenommene Ordnung wesentlich von derjenigen
abweicht, die die Grundlage der Wissenschaft bildet. Der Unter- Fatti non toste a viver come bruti
schied ergibt sich ganznatürlichaus den verschiedenenMethoden, Ma per seguir virtute e conoscenza.
nach denen man zu den beiden Ordnungen gelangt ist. Während GroßeDinge werden aus diesen Mühenemporwachsen, wenn wir
nämlichdie Ordnung,mit der die Magie rechnet, lediglich eine auf uns auch nicht mehr selbst ihrer freuen sollten. Hellere_Steroe
einer falschen Analogie beruhende Erweiterung derjenigen ist, werden einemWanderer der Zukunftleuchten - einem Odysseus
nach der sich die Gedanken unserem Geiste aufdrängen, so grün- imReiche desGedankens - alsuns geleuchtet haben. DieTräume
det sich die von der Wissenschaft aufgestellte Ordnung auf die ge- de/Magie mögen eines Tages die wachen Wirklichkeiten der Wis-
duldigeundgenaueBeobachtungder Phänomeneselbst. DieFülle, senschaft sein" Aber ein dunkler Schatten breitet sich über das
Zuverlässigkeit und der Glanz der bereits erzielten Ergebnisse heitere Ende dieses Ausblicks. Denn so ungeheuer auch_das
dürften wohl dazu angetan sein, uns mit freudigem Vertrauen zii Wachstum an Erkenntnis und Macht sein mag, das für den Men-
der Richtigkeitder Methode zu erfüllen. Hier hat der Mensch end- sehen noch im Schöße der Zukunft verborgen liegt, so ist_ doch
lich nach jahrhundertelangem Umhertasten im Dunkeln einen Fa- kaum Hoffnung vorhanden, daßesihm gelingen sollte, jene Mächte
1036 LXIX. Abschied von Nemi. LXIX. Abschied von Nemi. 1037
aufzuhalten, die in aller Stille, aber unerbittlich, auf die Ver- hat, weiter anhalten? Oder wird eine Gegenbewegung einsetzen,
nichtung dieses gesamten Stemenalls hinzielen, in dem unsere die denFortschritt aufhalten und gar vieles Erreichte ungeschehen
Erde nur einen Punkt oder ein Stäubchen bildet. In kommenden machen kann? Um bei unserem Gleichnis zu bleiben, welche Farbe
Zeitaltern mag es dem Menschen gelingen, den mutwilligen Lauf wird das Gewebe annehmen, das die Nomen jetzt weben am sau-
der Winde vorauszusagen oder gar zu regeln, aber seine schwa- senden Webstuhl der Zeit? Wird es weiß oder rot sein? Wir ver-
chen Hände dürften kaum die Kraft haben, ungern müden Planeten mögen es nicht zu sagen. Ein schwaches, flackerndes Licht erhellt
in seinem Laufe von neuem anzutreiben oder das erlöschende Feuer die Rückseite des Gewebes. Wolken und tiefes Dunkel verhüllen
der Sonne neu zu entzünden. Dennoch mag sich der Philosoph, das andere Ende.
der vor solchen fernen Katastrophen erzittert, durch die Über- Unsere lange Entdeckungsreise ist vorüber, und unser Schiff
legung trösten, daß die düsteren Ahnungen, wie die Erde und die hat endlich im Hafen die müden Segel eingezogen. Noch einmal
Sonne selbst, nur Teile jener körperlosen Welt sind, die der Ge- schlagen wir den Weg nach Nemi ein. Es ist Abend, und während
danke aus dem Nichts heraufgezauberthat, und daßdie Phantome, wir die Via Appia, die in langer, schräger Bahn auf das Albaner-
welche die kluge Zauberin heute heraufbeschwor, morgen wieder gebirge führt, hinansteigen, schauen wir rückblickend den Himmel
von ihr verbannt werden können. Auch sie mögen, wie so vieles, im Flammenschein der untergehenden Sonne. Ihr Leuchten ruht
was dem gewöhnlichen Auge fest und undurchdringlich erscheint, wie das eines sterbenden Heiligen über der ewigen Stadt und ver-
in Luft, in leichte Luft zerstieben. klärt mit einer feurigen Krone die Kuppel von Sankt Peter. Wer
Ohne zu weit in die Zukunft zu tauchen, können wir den Weg, dies Schauspiel einmal gesehen, kann es nie wieder vergessen.
den der Gedanke bisher gegangen ist, mit einem Gewebe verglei- Aber wir wenden uns ab und ziehen unsere langsam dunkehide
chen, das aus drei verschiedenenFädengewirkt ist - dem schwar- Straße den Berghang aufwärts, bis wir Nemi erreichen und auf den
zen Faden der Magie, dem roten der Religion und dem weißen der See in seinem tiefen Tal hinabschauen, der jetzt rasch in den
Wissenschaft, wenn wir in die Wissenschaft jene einfachen Wahr- Abendschatten untertaucht. Die Stätte hat sich wenig gewandelt,
heiten mit einschließen dürfen, die der Naturbeobachtung ent- seit Diana in dem heiligen Haine die Huldigung ihrer Gläubigen
stammen, und von denen die Menschen zu allen Zeiten einen Vor- empfing. Der Tempel der Waldgöttin ist freilich geschwunden, und
rat besessen haben. Könnten wir dann das Gewebe von Anbeginn der König des Waldes bewacht nicht mehr den Goldenen Zweig.
verfolgen, so würden wir wahrscheinlich entdecken, daß es an- Aber NemisWäldergrünennoch heute, und als der letzte Schimmer
fangs ein schwarz-weißes Muster, ein Flickwerk aus wahren und der untergehenden Sonne im Westen schwindet, dringen, vom
falschen Vorstellungen ist, das von dem roten Faden der Religion Wmdhauch getragen, die Klänge der Glocken von Aricia zu uns
noch kaum eine Spur aufweist. Laßdein Auge weiter über das Ge- herüber, die das Angelus läuten. Ave Maria! Süß und feierlich er-
webe gleiten und du wirst bemerken, daßdas schwarz-weißeMu- tönen sie aus der fernen Stadt und verhallen zögernd über der
ster zwar durchweg vorhanden ist, daßjedoch in der Mitte, wo die weiten Ebene der Campagna. Le roi est mort, vive le roi! Ave
Religion am tiefsten eingedrungen ist, ein dunkler Fleck liegt, der Maria!
kaum merklich m eine heilere Farbe übergeht, wo der weiße Faden
der Wissenschaft mehr und mehr hmeingewoben wird. Einem sol-
Druckfehler.
chen gemusterten und gefleckten Gewebe, in das verschiedenfarbige
Fäden hinemverflochten sind, die allmählich in andere Schattie- Es muß heißen: Seite 77 unten Unehrerbietigkeit, Seite 86 unten
rangen übergehen, je weiter es aufgerollt wird, läßt sich das mo- Spekulationen, Seite 91 Mitte Frauen, Seite 565 unten Panteon.
derne Denken mit all seinen verschiedenen Zielen und widerstrei- Seite 566 unten Tempel, Seite 589 Mitte Hause, Seite 607 oben SAott-
land, Seite 628 unten Inkas, Seite 88"i unten Mistel, Seite 884 oben
tenden Tendenzen vergleichen. Wird die große Bewegung, die
Mistelzweig, Seite 885 oben Mistelzweige, Seite 8% unten Crieff.
jahrhundertelang langsam die Färbung des Denkens verändert