Dr.
Tobias Growe
Fachbereich Rechtswissenschaft
Wintersemester 2024/2025
Einführung in die Rechtsordnung der BRD
5. Termin
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Wiederholungs- und Vertiefungsfragen
• Wie unterscheidet sich der Bundestaat vom (zentralistischen) Einheits-
staat?
• Inwieweit legt das Grundgesetz eine repräsentative Demokratie fest?
• Was versteht man unter dem Grundsatz der Öffentlichkeit von Wahlen?
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Lösung zum Übungsfall „Parité ade?“
Die Landesregierung hat Recht, wenn das Paritätsgesetz verfassungswidrig
ist. In Betracht kommt eine Verletzung von Art. 38 I 1 und Art. 21 I GG.
I. Verletzung der Wahlrechtsgrundsätze aus Art. 38 I 1 GG
1. Beeinträchtigungen
• Freiheit der Wahl
▪ Geltung nicht nur für die Wahl selbst, sondern auch für
vorbereitende Akte wie das parteiinterne Listenaufstellungs-
verfahren
▪ Aktive Wahlfreiheit
◦ Recht, die Wahlentscheidung frei von Zwang und Druck zu
treffen
◦ § 27 Ia BWahlG macht es Parteimitgliedern unmöglich,
Bewerber unabhängig vom Geschlecht zu wählen
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▪ Passive Wahlfreiheit
◦ Recht, sich ohne staatliche Beschränkungen zur Wahl zu
stellen
◦ § 27 Ia BWahlG macht die Bewerbung auf einen konkreten
Listenplatz unmöglich, wenn dieser für ein anderes
Geschlecht vorgesehen ist
• Gleichheit der Wahl
▪ Aktive Wahlrechtsgleichheit
◦ Gleicher Zähl- und Erfolgswert der Stimme
◦ Entspricht eine Liste nicht den Anforderungen des Paritäts-
gesetzes, sind die gesetzeswidrigen Platzierungen zu
streichen
◦ Bekäme eine Partei aus diesem Grund weniger Mandate,
wäre der Erfolgswert der für sie abgegebenen Stimmen
geringer als der Erfolgswert der Stimmen, die eine Partei mit
einer gesetzeskonformen Liste erhielte
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▪ Passive Wahlrechtsgleichheit
◦ Gleiche Erfolgschancen bei der Erringung eines Mandats
◦ Nach der bisherigen Mitgliederstruktur der Parteien führt
eine Quote bei den Wahlvorschlägen in der Regel zu einer
erheblichen Minderung der Wahlchancen von Männern
2. Verfassungsrechtliche Rechtfertigung
• Beeinträchtigungen können durch kollidierendes Verfassungsrecht
gerechtfertigt werden
• Grundsatz der Repräsentation als kollidierendes Verfassungsecht?
▪ „Spiegelung“ der weiblichen Wahlbevölkerung im Parlament?
▪ Keine strikte Repräsentanz nach Gruppen: Abgeordnete sind
nicht einzelnen Gruppen, sondern dem ganzen Volk verpflichtet
(Art. 38 I 2 GG)
▪ Vorstellung, dass eine adäquate Wahrnehmung von Gruppen-
interessen nur durch Angehörige dieser Gruppe erfolgen kann,
ist stark verkürzend und unterkomplex
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• Art. 3 II 2 GG als kollidierendes Verfassungsgut?
▪ Gewährung von Chancen-, nicht aber von Ergebnisgleichheit
▪ Staatlicher Auftrag, faktische Nachteile auszugleichen
▪ Keine Benachteiligung im innerparteilichen Aufstellungs-
verfahren: Frauen setzen sich hier regelmäßig überproportional
zu ihrem Mitgliederanteil durch
3. Zwischenergebnis: Verletzung des Art. 38 I 1 GG
II. Verletzung des Art. 21 I GG
1. Beeinträchtigungen
• Chancengleichheit der politischen Parteien
▪ Garantie gleicher Chancen im politischen Wettbewerb
▪ § 27 Ia BWahlG erschwert die Personalauswahl für kleine
Parteien, in denen ein Geschlecht deutlich unterrepräsentiert ist
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• Programmfreiheit der politischen Parteien
▪ Freiheit in der Wahl von Themen und politischen Zielen
▪ § 27 Ia BWahlG macht zwar keine programmatische Vorgabe
▪ Parteien werden aber daran gehindert, Programminhalte mit
einer spezifischen geschlechterbezogenen Besetzung zu unter-
mauern
2. Verfassungsrechtliche Rechtfertigung
• Beeinträchtigungen können durch kollidierendes Verfassungsrecht
gerechtfertigt werden
• Kein kollidierendes Verfassungsgut (s.o.)
3. Zwischenergebnis: Verletzung des Art. 21 I GG
III. Ergebnis
Das Paritätsgesetz ist verfassungswidrig. Die Landesregierung hat also
Recht.
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Übungsfall „Bundes- oder Landesrecht?“
Der Bund erlässt ein „Gesetz über Hochschulabschlüsse“. Ein paar Monate
später regelt das Land Berlin die gleiche Materie abweichend vom Bundes-
gesetz im Landeshochschulgesetz.
Die FU Berlin möchte nun wissen, welche Regelung in ihrem Bundesland
gilt.
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Lösung des Übungsfalls „Bundes- oder Landesrecht?“
I. Grundsatz des Art. 70 I GG
II. Keine ausschließliche Gesetzgebungskompetenz des Bundes im Sinne
des Art. 71 GG
III. Konkurrierende Gesetzgebungskompetenz des Bundes nach Art. 72 GG?
1. Kompetenztitel nach Art. 74 I Nr. 33 GG
2. Keine Erforderlichkeitsprüfung nach Art. 72 II GG
3. Abweichungskompetenz nach Art. 72 III GG?
• Nach Art. 72 III 1 Nr. 6 GG darf der Landesgesetzgeber von der
bundesgesetzlichen Regelung abweichen
• Landeshochschulgesetz geht nach Art. 72 III 3 GG als zeitlich
späteres Gesetz vor