Aufbruch Der Jugend: Deutsche Jugendbewegung Zwischen Selbstbestimmung Und Verführung
Aufbruch Der Jugend: Deutsche Jugendbewegung Zwischen Selbstbestimmung Und Verführung
der Jugend
Deutsche
Jugendbewegung
zwischen
Selbstbestimmung
und Verführung
Aufbruch der Jugend
Deutsche Jugendbewegung zwischen Selbstbestimmung und Verführung
Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg · 26. September 2013 bis 19. Januar 2014
Verlag des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 2013
Aufbruch
der Jugend
Deutsche
Jugendbewegung
zwischen
Selbstbestimmung
und Verführung
Impressum
Im Oktober 2013 jährt sich zum 100. Mal die Wiederkehr des Festes der Freideutschen Jugend
auf dem Hohen Meißner bei Kassel, der ersten Massenveranstaltung der deutschen Jugend seit
dem Wartburgfest 1817. Hier trafen sich neben Wandervögeln weitere unabhängige, vielfach
von den Ideen der Lebensreformbewegung beeinflusste Jugendverbände, die schon damals als
„Jugendbewegung“ bezeichnet wurden. Diese bürgerliche Jugendbewegung, der in ihren Hoch-
zeiten während der 1920er Jahre bis zu 100.000 Mitglieder angehörten, steht im Mittelpunkt der
Ausstellung.
Die Freideutsche Jugend plante das Meißnerfest als Gegenveranstaltung zu den offiziellen
Feierlichkeiten des wilhelminischen Bürgertums in Leipzig zur Einweihung des monumentalen
Völkerschlachtdenkmals. Stand bei letzterem die Begeisterung für ein historisches Ereignis im
Mittelpunkt, so war das Fest auf dem Hohen Meißner mit über 2.000 Teilnehmern ganz auf die
Zukunft, auf den Aufbruch der Jugend, ausgerichtet. Damals wurde auch die Meißnerformel ent-
worfen, zu deren Kernaussagen die Selbstbestimmung und die eigene Verantwortung der Jugend
zählen. Diese Selbstverständniserklärung wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts von der bündi-
schen Jugend immer wieder neu interpretiert.
Die Jugendbewegung war von Beginn an sowohl eine Erlebnis- als auch eine Erinnerungs-
gemeinschaft. Doch trotz dieses wichtigen Faktors der Erinnerung stellt sich die Frage nach
der Möglichkeit ihrer musealen Präsentation anhand originaler Sachzeugnisse. So wies schon
der Soziologe Arno Klönne auf „Gedächtnislücken“ in der Geschichtsschreibung dieser sozialen
Bewegung hin. Als eine Ursache nannte er den Umstand, dass als Quelle die Kleinpublizistik der
Bünde diene, diese aber immer nur die Äußerungen derjenigen umfasse, denen diese Form der
Mitteilung zusagte. Ähnlich schwierig verhält es sich mit der Sachkultur der Jugendbewegung,
zumal diese im weitesten Sinne zur Alltagskultur gehört, die erst seit den 1970er Jahren verstärkt
Eingang in Museen gefunden hat. Man trifft also im Falle der Jugendbewegung auf „Objektlü-
cken“. Häufig sind es die Archive – allen voran das bereits 1920 gegründete Archiv der deutschen
Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein in Witzenhausen –, die Fahnen, Wimpel, Chroniken,
Fahrten- und Liederbücher, Fotografien sowie die zahlreichen zeitgenössischen Publikationen
sammelten. Die überlieferten Realien verzerren jedoch gelegentlich das von der Geschichtsfor-
schung gezeichnete Bild. Bünde wie die Deutsche Freischar, die mitgliederstärkste Gruppe nach
1926, oder die dj.1.11, die im November 1929 ins Leben gerufene Deutsche Jungenschaft, die
besonders stilbildend auf andere Gruppen, selbst auf die Hitlerjugend, wirken sollte, lassen sich
G. Ulrich Großmann
9
Barbara Stambolis
Nach Sonnenaufgang
Jugend als Sinnbild kultureller Erneuerung um 1900
Am 20. März 1890 entließ Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) Otto von Bismarck (1815–1898) aus dem
Amt des Reichskanzlers. Der erfahrene, damals 75-jährige Politiker und „Architekt“ des Deut-
schen Reichs wurde nach fast zwei Regierungsjahrzehnten von einem 31-Jährigen entmachtet.
Im sogenannten Dreikaiserjahr 1888 hatte der junge Monarch seinen nur 99 Tage regierenden
Vater beerbt und den Platz seines noch im 18. Jahrhundert geborenen Großvaters eingenom-
men. Der mit diesem Generationensprung verbundene Wechsel und die kaiserliche Proklama-
tion eines die gewachsene Bedeutung des neuen, 1871 gegründeten Staatsgebildes innerhalb
Europas demonstrierenden „Neuen Kurses“ bildeten nach einer kurzen Phase der Bestürzung
über die Vertreibung des Patriarchen die Grundlage einer alle Lebensbereiche erfassenden Auf-
bruchstimmung. Der von diesen Ereignissen ausgelöste Modernisierungsschub führte zu einer
Beschleunigung des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens, die von vielen Seiten als
schwungvolle, aber von Verunsicherungen begleitete Entwicklung wahrgenommen wurde.
Der junge Heidelberger Akademiker Max Weber (1864–1920) konnte sich bereits zum Jahres-
ende 1889 des Eindrucks nicht erwehren, er sitze „in einem Eisenbahnzuge von großer Geschwin-
digkeit, wäre aber im Zweifel, ob auch die nächste Weiche richtig gestellt werden würde“.1 Und Hil-
degard von Spitzemberg (1843–1914), die Gattin des württembergischen Gesandten in Berlin und
eine der scharfsichtigsten Beobachterinnen des geistigen Lebens in der Hauptstadt, notierte zum
Jahreswechsel 1890/91 in ihr Tagebuch: „Das letzte Jahrzehnt des Jahrhunderts treten wir an im Zei-
chen der jungen Generation, die mit ihrem jungen Kaiser unerwartet früh ans Ruder gekommen, mit
vollen Segeln in das bewegte Zeitenmeer hinaustreibt.“2 Obgleich die bekannte Berliner Salonnière
alle mit diesem Vorgang verbundenen Unwägbarkeiten in der unmittelbar an ihre Feststellung an-
gefügten Frage nach dem „Wohin?“ dieser Entwicklung zusammenfasste, bezeugt ihre Einschätzung
das überwältigende Maß an Hoffnung, das man auf die Jugend setzte. Der Ausweg aus politischen
und wirtschaftlichen, vor allem aber sozialen und kulturellen Problemen, die aufgrund von rasanter
Industrialisierung, damit einhergehender Urbanisierung und Veränderung aller bisherigen Lebens-
gewohnheiten großer Teile der Bevölkerung in den unmittelbar vorhergehenden Jahrzehnten ange-
wachsen waren, – eine Lebensreform – wurde zumindest von weitsichtigen Köpfen allein der jungen
Altersgruppe zugetraut. Demografisch stellte sie ohnehin eine immense Potenz dar. Die sowohl im
historischen als auch im europäischen Vergleich enorm hohen Wachstumsraten der deutschen Be-
völkerung hatten zu einer bis dahin ungekannten Verjüngung der Population im Reich geführt.3
im Einklang mit der Natur stand. Motive des Tanzes und Reigens in freier Landschaft beispiels-
weise gaben nicht zuletzt dem Versuch Ausdruck, das Dasein als rauschendes Fest der Sinne
zu begreifen. Paradiesmotive und die Thematisierung des Frühlings zielten auf Vorstellungen
eines glücklichen Einklangs mit der Natur und dem Anbruch einer alles erneuernden Epoche.17
Darüber hinaus erfuhr der jugendliche Akt in sämtlichen Gattungen eine bis dahin nicht gekann-
te Aufmerksamkeit. Die Ästhetisierung des Körpers stand augenscheinlich im Dienst der Propa-
gierung eines neuen Lebensgefühls. So wie bereits in der frühen Neuzeit als Proportionstypen
besonders geschätzte Antiken, der Antinous vom Belvedere, der Idolino oder die Venus Medici,
zu Signaturen irdischer Vollkommenheit deklariert worden waren,18 avancierte nun der junge
schlanke Leib zum Sinnbild von Natürlichkeit und Vitalität, das „Körperlichkeitsmuster eines
Lebensalters“ zur Chiffre einer neuen Dimension des Menschen.
Ebenmäßig geformte Gestalten bevölkern die formal vom Neoklassizismus Adolf von Hilde-
brands (1847–1921) und seines Münchner Kreises geprägte Bildwelt, wie die der Symbolisten
und Jugendstilkünstler. Als Wunschbilder des im Einklang mit der Natur lebenden Menschen
spiegeln sie ein neues Körperbewusstsein und den Akt der Selbstbefreiung aus den Zwängen
der Zivilisation. Arbeiten wie Max Beckmanns (1884–1950) „Junge Männer am Meer“ von 1905
reflektieren die ersehnte Neujustierung der menschlichen Existenz, in der sich „Hedonismus und
Weltflucht, Sensualität und Daseinsfreude, die Auflösung aller Lebensproblematik und Gegen-
sätzlichkeit in einer harmonischen [...] Einheit“ verbinden.19 Ludwig von Hofmanns (1861–1945)
bekanntes Gemälde „Frühlingssturm“ von 1894/95, das Klaus Wolbert als eines der „Programm-
bilder“ der Lebensreform bezeichnete, schildert drei einander umarmende Menschen, die glück-
lichen Gesichts und zielsicheren Blicks gegen den tosenden Meerwind anstürmend der Sonne
zueilen (Abb. 2).20 Optimistische Aufbruchstimmung und Vorstellungen von einer sich energisch
verjüngenden Kultur, der Lebensbejahung als Revolution, paaren sich hier mit der Propagierung
eines neuartigen Verhältnisses zwischen den Geschlechtern und der erlösenden Vereinigung der
zum Beispiel wählte es 1905 für das Denkmal des Schriftstellers Gottfried Schwab (1851–1903)
auf der Darmstädter Mathildenhöhe (Abb. 3). Während dieser sehnige, sportive Typ, der seinen
Körper gelöst und souverän präsentiert, stark naturalistische Züge trägt, ist ein 1912 vom selben
Künstler geschaffener Jüngling, der sich, das Pathos der Gebärde steigernd, von den Knien zu
erheben scheint, neoklassizistisch geprägt und formal deutlicher am antiken Vorbild des „Beten-
den Knaben“ von Sanssouci orientiert.28 Dagegen weist die für die Terrasse von Schloss Eckberg
bei Dresden von Sascha Schneider 1910 gefertigte, knapp lebensgroße Aktfigur des „Sonnenan-
1 Marianne Weber: Max Weber. Ein Lebensbild. Heidelberg 1950, 11 Fritz von Ostini: Anti–Fin de siècle. In: Jugend. Illustrierte
S. 142. Wochenschrift für Kunst und Leben 3, 1898, Nr. 1, S. 2.
2 Das Tagebuch der Baronin Spitzemberg. Hrsg. von Rudolf 12 Rolf Günther: Traumdunkel. Der Symbolismus in Sachsen
Vierhaus. Göttingen 1960, S. 284. 1870–1920. Dresden o.J. [2005], S. 91–93, Abb. S. 92.
3 Joseph Ehmer: Bevölkerungsgeschichte und historische 13 Claudia Wagner: Lieber sterben, als meine Ideale verleugnen!
Demographie 1800–2000 (Enzyklopädie Deutsche Geschichte 71). Karl Wilhelm Diefenbach (1851–1913). In: Karl Wilhelm Diefenbach
München 2004, S. 7–9, 23–25. (1851–1913). Lieber sterben, als meine Ideale verleugnen! Hrsg. von
4 Vgl. Klaus von Beyme: Das Zeitalter der Avantgarden. Kunst Michael Buhrs/Claudia Wagner. [Link]. Wien Museum, Wien.
und Gesellschaft 1905–1955. München 2005, S. 23–33. München 2011, S. 9–199, bes. S. 134, Abb. 113.
5 Peter Sprengel: Geschichte der deutschen Literatur 14 Hannelore Schlaffer: Das Alter. Ein Traum von Jugend.
1900–1918. Von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Frankfurt a.M. 2003, S. 11.
Weltkriegs. München 2004, S. 533–536. 15 Schlaffer 2003 (Anm. 14), S. 56–57.
6 Max Nordau: Entartung. Berlin 1893, S. 6. – Philipp Blom: Der 16 Stefan Zweig. Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines
taumelnde Kontinent. Europa 1900–1914. München 2011, S. 212–216. Europäers. Frankfurt a.M. 1970, S. 50–51.
7 Jürgen Reulecke: Jugend – Endeckung oder Erfindung. 17 Franziska Windt: Frühlings Erwachen in der Kunst um 1900.
Zum Jugendbegriff vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute. In: Frühlings Erwachen in der Kunst um 1900. Bearb. von Franziska
In: Schock und Schöpfung. Jugendästhetik im 20. Jahrhundert. Windt. [Link]. Hessisches Landesmuseum. Darmstadt 1997,
Darmstadt/Neuwied 1986, S. 21–25, bes. S. 21. – Vgl. Peter Ulrich S. 8–14, bes. S. 11–12.
Hein: Ästhetische Leitbilder der Jugendbewegung und die 18 Peter Gerlach: Proportion, Körper, Leben. Quellen, Entwürfe
Vergesellschaftung der Kunst. In: Die Lebensreform. Entwürfe und Kontoversen. Köln 1990, S. 51–80.
zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900. Hrsg. von Kai 19 Ernst-Gerhard Güse: Das Frühwerk Max Beckmanns. Zur
Buchholz u.a. [Link]. Institut Mathildenhöhe, Darmstadt. 2 Bde. Thematik seiner Bilder aus den Jahren 1900–1914. Frankfurt a.M.
Darmstadt 2001, Bd. 1, S. 211–214. 1977, S. 19–23. – Simon Reynolds: Sehnsucht nach Arkadien. In:
8 Hildegard Gantner: Hans Olde 1855–1917. Diss. Tübingen 1970, Seelenreich. Die Entwicklung des deutschen Symbolismus 1870–
S. 24. 1920. Hrsg. von Hans Henrik Brummer/Ingrid Erhardt. [Link].
9 Zitiert nach Nicolas Teeuwisse: Vom Salon zur Secession. Schirn-Kunsthalle, Frankfurt. München/London/New York 2000,
Berlin 1986, S. 246–247. S. 79–108, bes. S. 55–57. – Schloßmuseum Weimar. München/Berlin
10 Fritz von Ostini: Jugend! Jugend! In: Jugend. Illustrierte 2007, S. 164–165. – Uwe M. Schneede: Max Beckmann. Der Maler
Wochenschrift für Kunst und Leben 1, 1896, Nr. 1, S. 4–5, bes. S. 4. seiner Zeit. München 2009, S. 17–19.
Lebensreformerische Facetten
Einige Facetten der Lebensreform seien im Folgenden genannt,
wobei Befürworter des Wanderns, Initiatoren des Naturschutzes, Propagandisten einer Klei-
dungsreform, Anhänger des Vegetarismus oder Kämpfer gegen Alkohol- und Nikotingenuss
zum Beispiel sich gleichermaßen für eine ‚Rückkehr zur Natur‘ im weitesten Sinne einsetzten.5
Sie verschrieben sich mit jeweils unterschiedlichen Akzentsetzungen der Reformierung des
Lebensstils und der Lebensweisen und gründeten zu diesen Zwecken zahlreiche Vereinigungen
und Einrichtungen, nicht selten als eingetragene Vereine.6 Besonders breite Resonanz fanden
unter anderem kleidungsreformerische Bestrebungen, die vielfach als individuelle Befreiung
von einengenden Modeerscheinungen wie dem Korsett verstanden wurden, das Atmung und
innere Organe schädigte. Reformkleidung versprach eine Steigerung der Beweglichkeit und
eine neue Körper- und damit Selbstwahrnehmung.
Die Ernährungsreform mit einer ganzen Bandbreite von Richtungen und besonders eine
Variante, der Vegetarismus, gehören ebenso in das weite Spektrum lebensreformerischer An-
sätze der Jahrhundertwende. Im Mittelpunkt stand hier eine naturgemäße, einfache Lebens-
weise; zu den zentralen Forderungen gehörte die Reduktion des Fleischverzehrs und der gänz-
liche Verzicht auf diesen sowie die Bevorzugung von wenig verarbeiteten und naturbelassenen
pflanzlichen Produkten, insbesondere Obst und Gemüse (Abb. 1). Als Reformargumente galten
Hinweise auf Zivilisationskrankheiten wie Gicht, Übergewicht oder Rheuma, zudem ‚Ehrfurcht
vor dem Leben‘ und die moralische Ablehnung des Tötens von Tieren. Hugo Höppener, gen. Fidus
(1868–1948), hat einige solcher Kampagnen werbewirksam unterstützt.7 Nicht zuletzt Fruchtsäf-
te, deren Genuss an die Stelle alkoholischer Getränke treten sollte, fanden breiten Zuspruch. Er-
nährungsreformer und Anhänger der Antialkoholbewegung argumentierten in vielerlei Hinsicht
ähnlich, wobei letztere stärker sozialreformerisch dachten und im Alkohol eines der Hauptübel
krankmachender Lebensbedingungen sahen. Während sich gesellschaftsreformerische Erwä-
gungen nicht zuletzt auch mit Überlegungen zu Bodenreform und der grundlegenden Umvertei- Abb. 1: Plakat, „Gesunde Kraft“
lung natürlicher Ressourcen verbanden und ebenfalls breitere Bevölkerungskreise im Blick hat- Fleisch=Ersatz, nach 1911
(vgl. [Link]. 9)
ten, waren konkrete Siedlungsprojekte nicht selten zwar stark beachtet, aber in erster Linie Orte
für Aussteiger und Bohemiens mit einem Hang zu lebensreformerisch utopischen Experimenten.
Der Monte Verita bei Ascona am oberen Lago Maggiore war zweifellos ein solches landschaftli-
ches und klimatisches Mikroparadies.8 Seinen Ruf und seine Ausstrahlung verdankte der Monte
Verita außer Gustav Arthur (Gusto) Gräser (1879–1958) und Hermann Hesse (1877–1962) einer
Reihe prominenter Besucher, unter ihnen beispielsweise die Schriftsteller Stefan George (1868–
1933) und Gerhart Hauptmann (1862–1946) oder die Tänzerinnen Mary Wigman (1886–1973) und
Isadora Duncan (1877–1927).
Eine besonders langlebige Gegenwelt zur Stadt stellte ferner die Obstbaukolonie Eden in
der Nähe von Oranienburg bei Berlin dar, die sich seit ihren Anfängen als „Sammelpunkt sittlich
strebender Menschen“ verstand und in der über Jahrzehnte Träume von Lebens-, Boden- und
Wirtschaftsreform ‚gelebt‘ wurden, getragen vom Gedanken selbstbestimmter Einheit von Ar-
beiten, Wirtschaften und Wohnen (Abb. 2).9 Die jugendbewegt mitinspirierten Anfänge genos-
senschaftlicher Siedlungen in Palästina, aus denen die heute noch bestehenden Kibbuzim in
Israel hervorgingen, sind ein weiteres Beispiel für solche dauerhaften alternativen Lebenswei-
sen. Andere, vor allem nach Ende des Ersten Weltkriegs gegründete Landkommunen wie etwa
der Barkenhoff in Worpswede – der besonders mit den Namen Heinrich Vogeler (1872–1942)
oder Leberecht Migge (1881–1935) verbunden ist – oder die Siedlung Blankenburg bei Donau-
wörth – maßgeblich mitinitiiert von den Jugendbewegten Alfred Kurella (1895–1975) und Hans
Koch (1897–1995) – existierten hingegen nur wenige Jahre.
zu Land
Jugendbewegung eng verbunden war, mit diesem 1960 verfassten Zuruf den kurz
vorher verstorbenen Hjalmar Kutzleb (1885–1959) und dessen 1910/11 entstande-
nes vierstrophiges Gedicht „Ausfahrt“ 1 mit den Anfangszeilen: „Wir wollen zu Land
ausfahren“
ausfahren über die Fluren weit, aufwärts zu den klaren Gipfeln der Einsamkeit.“ 2
Kutzleb, ein aus Gotha stammender begeisterter und begeisternder Wandervogel-
führer, seit 1904 als junger Germanist ein eifriger Volksliedsammler, hatte – an-
geregt durch die gut 100 Jahre vorher von dem Romantiker Novalis (1772–1801)
Jürgen Reulecke beschworene Sehnsucht nach der „blauen Blume“ – einen Liedtext verfasst, der mit seiner ein-
gängigen, 1912 von Kurt von Burkersroda (1893–1917) geschaffenen Melodie wie kein anderer am
Anfang der nun beginnenden, schließlich sich immens ausbreitenden Produktion eigener Jugend-
bewegungslieder stand: In geradezu idealer Weise beschwor das Gedicht eine jugendliche Auf-
bruchsehnsucht und ein romantisches Naturverständnis ebenso wie ein spezielles Wir-Gefühl, das
damals die sich – im konkreten wie im übertragenen Sinn – auf „Ausfahrt“ begebenden Wander-
vögel und jungen Freideutschen bestimmte. Zwar enthält der Kutzleb’sche Text auch anrührend-
romantische Sagen- und Märchenanklänge, doch geht es hier im Grunde um die Kernfrage der
damaligen jugendbewegten Identitätssuche, nämlich darum, wie ein Mitglied einer Wandervogel-
gruppe seinen individuellen Weg in die Welt – in der Ferne ebenso wie zu Hause – findet und so
zu einem „Selbst“ wird: ein Thema, das nicht zuletzt in vielfältiger Weise rings um das Treffen auf
dem Hohen Meißner im Oktober 1913 breit diskutiert wurde.
Der Erfolg des hier angesprochenen Liedes beruhte auch auf der Tatsache, dass es neben
einer Reihe weiterer von den Wandervögeln und Freideutschen vor dem Ersten Weltkrieg er-
fundener und dann später vielfältig bis in die großen Jugendverbände nachgeahmter Gesel-
lungsformen und Stilmittel nicht zuletzt das gemeinsame Singen von besinnlichen ebenso wie
von mitreißenden Liedern war, das einen beträchtlichen Teil des jugendbewegten Gruppenlebens
ausmachte. Anfangs begeisterte viele Wandervögel vor allem die Wiederentdeckung alter Volks-
lieder, die insbesondere in dem Liederbuch „Der Zupfgeigenhansl“ abgedruckt waren, das der
von Beginn an zum Berlin-Steglitzer Wandervogel gehörende, dann als Student ähnlich wie Kutz-
leb intensiv Volkslieder sammelnde Hans Breuer (1883–1918) im Frühjahr 1909 herausbrachte.
Es wurde anschließend bis in die jüngste Zeit immer wieder neu aufgelegt – etwa eine Million
Exemplare dürften inzwischen gedruckt sein – und enthielt neben Liebes-, Tanz-, Landstraßen-,
Scherz- und Abschiedsliedern auch Soldatenlieder.3 Parallel dazu erschienen weitere Volkslied-
sammlungen, so das 1911 von Frank Fischer (1884–1914) publizierte „Wandervogel-Liederbuch“
und die von Hanns Heeren (1893–1964) 1913/14 geschaffenen Liederbücher „Neuer Liederborn.
Lieder zur Laute“ und „Rosmarin und Rosen. Anspruchlose Weisen“. Meist ging es den jugend-
bewegten Sängern jedoch nicht um die Pflege einer besonderen Singekultur, sondern in erster
Linie um das mit dem Singen − zur „Klampfe“ − verbundene Gemeinschaftserlebnis, nicht zu-
letzt bei sogenannten „Klotzmärschen“, das heißt den Wanderungen durch Feld und Wald. Neu-
geschaffene, eigene Lieder tauchten in den genannten Liederbüchern zunächst fast gar nicht
auf: Nach dem frühen Start mit Kutzlebs Lied „Ausfahrt“ nahm erst im Lauf des Ersten Welt-
kriegs die jugendbewegte Eigenproduktion von Liedern zu, wobei der wohl berühmteste im
Krieg entstandene Liedtext „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ von Walter Flex (1887–1917)
aus dessen Bestseller „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ von 1916/17 stammt, vertont
wenig später von dem jungen Frontsoldaten und Wandervogel Robert Götz (1892–1972).4 Als
Reaktion auf die Erfahrungen mit dem nicht allzu qualitätvollen Singen in den Wandervogel-
gruppen kam es in der Folgezeit – in breiter Form allerdings erst nach Kriegsende – zu Bestre-
bungen, neben den Jugendbewegungsbünden auch eine Jugendmusikbewegung mit dem Ziel
ins Leben zu rufen, in Singe- und Musikwochen und mit Hilfe besonderer Singeleiterkurse eine
eigenständige musische Jugendkultur zu schaffen.5 Wie kein anderes war jedoch das Lied „Wir
wollen zu Land ausfahren“ musikalisch wie textlich typisch für den jugendbewegten Aufbruch
vor dem Ersten Weltkrieg.
1 Werner Helwig: Die blaue Blume des Wandervogels (1960). 4 Publiziert wurde das Lied jedoch erst in einem 1924 von Götz
2., überarb. Neuaufl. Baunach 1998, S. 152. – Zur Biographie herausgebrachten Liederbuch. Zur Entstehung und Deutung die-
Kutzlebs: Hinrich Jantzen: Namen und Werke, Bd. 2. ses Liedes: Gerhard Kurz: „Wildgänse rauschen durch die Nacht“.
Frankfurt a.M. 1974, S. 217–222. Graue Romantik im Lied von Walter Flex. In: Good-Bye Memories?
2 Zuerst mit Noten abgedruckt in seiner, später geringfügig ver- Lieder im Generationengedächtnis des 20. Jahrhunderts. Hrsg.
änderten, Urfassung in der Zeitschrift „Jung-Wandervogel“, 1912, von Barbara Stambolis/Jürgen Reulecke. Essen 2007, S. 79–97. –
S. 18–19. Siehe dazu Hjalmar Kutzleb: Vom Werden eines Liedes. Wilhelm Schepping: „Wildgänse rauschen durch die Nacht“. Neue
In: Wandervogel und Freideutsche Jugend. Hrsg. von Gerhard Erkenntnisse zu einem alten Lied. Ebd., S. 99–114.
Ziemer/Hans Wolf. Bad Godesberg 1961, S. 278–282. 5 Initiatoren dieser Bewegung waren zum Beispiel Fritz Jöde,
3 Helmut König: Der Zupfgeigenhansl und seine Nachfolger. Walther Hensel und Georg Götsch.
In: Auf dem Weg. Festschrift zu Peter Lampasiaks achtzigstem
Geburtstag. Hrsg. von Ilse Wellershoff-Schuur/Kay Schweigmann-
Greve. Hannover 2008, S. 13–43.
35
Barbara Stambolis
1 Frank Fischer: Oratio pro domo. In: Nachrichtenblatt des 14 Ute Frevert: Die Zukunft der Geschlechterordnung. In: Das
Wandervogel, H. 4, 1908, hier zitiert nach Frank Fischer: Wandern neue Jahrhundert. Europäische Zeitdiagnosen und Zukunftsent-
und Schauen. Gesammelte Aufsätze. Hartenstein 1921, S. 11. würfe um 1900. Hrsg. von Ute Frevert (Geschichte und Gesell-
2 Otto Bojarzin: Vom Wandern und vom bunten Rock. Skizzen schaft, Sonderheft 18). Göttingen 2000, S. 146–184.
und Erzählungen. Wolfenbüttel 1916, S. 30–31. 15 Friedrich Wilhelm Foerster: Jugendlehre. Ein Buch für Kinder,
3 Otto Roquette: Wandervögel. In: Liederbuch des Deutschen Lehrer und Geistliche (1904), zitiert nach der Aufl. Berlin 1909,
Volkes. Hrsg. von Carl Hase/Felix Dahn/Carl Reinecke. Neuaufl. S. 604.
Leipzig 1883, Lied Nr. 95. 16 Foerster 1909 (Anm. 15), S. 618–619.
4 Der Stein befindet sich auf dem Grab von Kaethe Branco, geb. 17 Foerster 1909 (Anm. 15), S. 20.
Helmholtz. 18 Else Uri: Nesthäkchen fliegt aus dem Nest. Berlin 1921
5 Zitiert in: Barbara Stambolis: Zugvögel – oder: die Schwie- (umgearbeitete Ausgabe u.a. Stuttgart 1984).
rigkeit, mentale Topografien und Befindlichkeiten als Orte der 19 Elisabeth Busse-Wilson: Liebe und Kameradschaft (1919).
Erinnerung festzuschreiben. In: Historische Jugendforschung. In: Grundschriften der deutschen Jugendbewegung. Hrsg. von
Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung N.F. 5, Werner Kindt (Dokumentation der Jugendbewegung 1). Düssel-
2008, S. 137–152, bes. S. 140. dorf/Köln 1963, S. 327–334.
6 Vgl. Jürgen Reulecke: Das Jahr 1902 und die Ursprünge der 20 Zitiert bei George L. Mosse: Die Nationalisierung der Massen.
Männerbundideologie in Deutschland. In: „Ich möchte einer wer- Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1976, S. 84.
den so wie die …“. Männerbünde im 20. Jahrhundert. Hrsg. von 21 Aufzeichnungen Martha Hörmanns, S. 55. AdJb, N 123,1
Jürgen Reulecke. Frankfurt a.M. 2001, S. 35–46. (Nachlass Hörmann). – Zum Serakreis: Meike G. Werner: Moderne
7 Hans Blüher: Werke und Tage. Geschichte eines Denkers. in der Provinz. Kulturelle Experimente im Fin de Siècle. Begleit-
München 1953, S. 186–187. band zur Ausst. „Moderne in der Provinz“, Städtische Museen
8 Hans-Ulrich Thamer: Jugendmythos und Gemeinschaftskult. Jena. Göttingen 2003.
Bündische Leitbilder und Rituale in der Jugendbewegung der 22 Die Rede Wynekens. In: Hoher Meißner 1913. Der Erste Deut-
Weimarer Republik. In: Geschichte zwischen Wissenschaft und sche Jugendtag in Dokumenten, Deutungen und Bildern. Hrsg. von
Politik. Hrsg. von Eckart Conze/Ulrich Schlie/Harald Seubert. Winfried Mogge/Jürgen Reulecke (Edition Archiv der deutschen
Baden-Baden 2003, S. 268–285, bes. S. 282. Jugendbewegung 5). Köln 1988, S. 293–306. Vgl. Walter Laqueur:
9 Theodor Valentiner: Die Phantasie im freien Aufsatze der Die deutsche Jugendbewegung. Eine historische Studie. Köln
Kinder und Jugendlichen (Zeitschrift für angewandte Psychologie, 1978, S. 44–51.
Beihefte 13). Leipzig 1916, S. 90–103: Das Wandervogelbild, 23 So wörtlich in der Rede Gustav Wynekens (Anm. 22), S. 297. –
bes. S. 94. Vgl. Barbara Stambolis: Mythen und Heilserwartungen mit
10 Hans Wolf: Fahrt in den Böhmerwald – Sommer 1911. In: politischen Wirkungen zwischen Jahrhundertwende und Drittem
Jahrbuch des Archivs der Deutschen Jugendbewegung 8, 1976, Reich. Morgenlandfahrer und andere Sinnsucher. In: Jahrbuch des
S. 114–123, bes. S. 119. Archivs der deutschen Jugendbewegung 20, 2002–2003, S. 70–93.
11 Joachim H. Knoll: Typisch deutsch? Die Jugendbewegung. 24 Vgl. Jugendbewegt geprägt. Essays zu Essays zu autobio-
Ein essayistischer Deutungsversuch. In: Typisch deutsch: Die graphischen Texten von Werner Heisenberg, Robert Jungk und
Jugendbewegung. Beiträge zu einer Phänomengeschichte. Hrsg. vielen anderen. Hrsg. von Barbara Stambolis (Formen der Erinne-
von Joachim H. Knoll/Julius H. Schoeps. Opladen 1988, S. 11–35, rung 52). Göttingen 2013.
bes. S. 11. 25 Grundschriften der deutschen Jugendbewegung 1963
12 Winfried Mogge: Bilder aus dem Wandervogelleben. Die (Anm. 19), S. 343.
bürgerliche Jugendbewegung in Fotos von Julius Groß (Edition
Archiv der deutschen Jugendbewegung 1). Köln 1986, S. 7. Bildnachweis
Vgl. Nestwärme in erkalteter Gesellschaft – Ashrams, Kom- Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen · Abb. 1
munen, Kibbuzim und was sonst noch? Hrsg. von Gerd-Klaus (Foto: Monika Runge, GNM), 2, 3
Kaltenbrunner. Freiburg [Link]. 1980. © VG Bild-Kunst, Bonn 2013 · Abb. 4
13 Wilhelm Flitner: Erinnerungen 1889–1945 (Gesammelte
Schriften 11). Paderborn 1986, S. 156.
Sarajewo im Juni und dann an jene Tage Ende Juli 1914, als fast nur noch vom Krieg gesprochen
worden sei: Ein Fieber habe alle ergriffen, es seien fast nur noch Soldatenlieder gesungen worden,
ohne die Bedeutung mancher Strophe zu begreifen.10 Viele Jugendbewegte hätten die „große Fahrt“
und den Ernst des Krieges zunächst nicht zu unterscheiden vermocht. Carl Zuckmayer (1896–1977),
Mitglied einer Mainzer Wandervogelgruppe und Soldat im Ersten Weltkrieg, sah rückblickend das
Absurde darin, dass die jugendbewegten jungen Männer 1914 „Freiheit“ geschrien hätten, als sie
sich „in die Zwangsjacke der preußischen Uniform stürzten.“ Sie hätten sich plötzlich als Männer
gefühlt, „der Gefahr, dem nackten Leben gegenübergestellt – die Drohung des frühen Todes er-
schien uns dagegen gering.“ 11 Auch aus der Sicht von Christian Schneehagen (1891–1918), einem
der Mitinitiatoren des Meißnerfestes von 1913, ging es im Krieg – und das noch um das Jahresen-
de 1914/15 – vor allem darum, dem „großen Wollen vom Hohen Meißner“ treu zu bleiben und ein
„guter Soldat“ ebenso wie „ein echter Freideutscher“ zu sein.12 Allerdings machte Ernüchterung
der Begeisterung vielfach bereits wenige Monate nach Kriegsausbruch Platz. Dafür ein Beispiel:
In der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 1914 fiel Peter Kollwitz (1896–1914), der jüngere Sohn
von Käthe Kollwitz (1867–1945) in Belgien; ein 17-jähriger Regimentskamerad und Freund, Erich
Krems (1898–1916), gab die Nachricht an seinen verehrten Lehrer Gustav Wyneken (1875–1964)
weiter (Abb. 1a–c). In einem Brief schrieb er, wie er sich als „Feldgrauer“ erlebte: wie ehrenhaft ihm
der Dienst für das Vaterland zunächst erschienen sei und dass junge Soldaten bei Mädchen beson-
ders beliebt seien. Ab November 1914 nahmen jedoch bereits Schilderungen der Grausamkeit auf
den Schlachtfeldern und angesichts des Todes „der jungen Freiwilligen bei Langemarck“ breiten
Raum in Feldpostbriefen und auch in der öffentlichen Kriegsberichterstattung ein. Im April 1915
teilte Krems aus Flandern mit: „Man ist ja hier schon so verhärtet gegen Tod und grausamstes Leid
des Menschen. Gestern Nacht sah [ich; B.S.] wieder drei Menschen sterben, und die nur nahe uns,
– und weiter hin nach […] waren wohl viele, viele, viele noch – und [es] war doch eine milde Früh-
lingsnacht, drin alle Vögel sangen und von den Sternen Schönheit troff auf alle Qual des Landes
und der Menschen.“ Es könne ja leider keine Rede vom „Glanz des schönen Todes“ sein, von dem
die Freiwilligen geträumt hatten.13 Krems schrieb – ähnlich wie viele junge Männer aus der Kriegs-
generation des Ersten Weltkriegs, die auch als „verlorene Generation“ oder „Generation of 1914“ 14
bezeichnet wird – erschüttert: „Das Gefühl ist allgemein: Welch sinnloses, fürchterliches Ding der
Krieg ist! Wie ihn keiner gewollt, nicht der Belgier, der auf mich zielt, nicht der Engländer, auf den
ich anlege.“ 15 Käthe Kollwitz notierte in ihr Tagebuch: „Peter, Erich, Richard, alle stellten ihr Leben
unter die Idee der Vaterlandsliebe. Dasselbe taten die englischen, die russischen, die französischen
Zu den Erinnerungsorten, die in jugendbewegtem Zusammenhang nach Ende des Ersten unkenntlich gemacht
Weltkriegs dem Gedenken an Gefallene aus den eigenen Reihen gewidmet war, zählt neben
Rothenfels27 und einigen anderen Burgen, wie etwa der Leuchtenburg in Thüringen, als eines
der prominentesten Beispiele die Burgruine Waldeck.28 Robert Oelbermann (1896–1941), einer
der Ideengeber und Initiatoren des Projekts „Rheinische Jugendburg“, wie sein Bruder Karl
(1896–1974) Kriegsfreiwilliger des Ersten Weltkriegs und Träger des Eisernen Kreuzes, wollte
ähnlich wie die Jugendbewegten auf der Burg Ludwigstein „kein totes steinernes Denkmal mit Abb. 3: A. Paul Weber, Junge vor
Lorbeerkränzen“ errichten, sondern ihm schwebte vielmehr ein ‚lebendiger‘ Gedächtnisort vor. Kranz und Kreuz, Original gemalt
für die Hans Breuer-Jugendher-
Die – nicht verwirklichten – Pläne erinnern an utopische Architekturentwürfe mit einem „Hang berge in Schwarzburg, Postkarte,
zum Gesamtkunstwerk“, für die es um 1900 und auch nach 1918 zahlreiche Beispiele gibt.29 nach 1932 (vgl. [Link]. 121, 159)
Der jugendbewegten Toten des Ersten Weltkriegs wurde zudem an einer Reihe weiterer
Orte gedacht, zum Beispiel in der Hans Breuer-Jugendherberge in Schwarzburg im Thüringer
Wald, einer Stiftung des Unternehmers, Wandervogels und Meißnerfahrers des Jahres 1913
Alfred C. Toepfer (1894–1993).30 Zwischen 1929 und 1933 gestaltete der Künstler A. Paul Weber
(1893–1980) drei von Toepfer geförderte Herbergen in durchaus programmatischer Weise.31 Ei-
nes der Wandbilder in der Jugendherberge, die nach dem bei Verdun ums Leben
gekommenen Wandervogelführer Hans Breuer (1883–1918) benannt ist, sollte in
besonderer Weise die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg wachhalten (Abb. 3).
Die Gestaltungsmöglichkeiten für das Gedenken an die Kriegstoten aus der
Jugendbewegung entsprachen zeittypischen Formen und Vorlieben, die sich auch
in Entwürfen für einen Gedenkraum auf der Burg Ludwigstein aus dem Jahre
1926 widerspiegeln, der jedoch erst im Oktober 1933 eingeweiht wurde.32 In den
Berichten über diese Einweihung wiederholen sich folgende bezeichnende Stich-
worte: Es war von der „Flamme vom Hohen Meißner“ die Rede, von Langemarck
und Verdun; und es wurden Namen genannt wie die bereits erwähnten Walter
Flex und Ernst Wurche, zudem Hans Breuer und hin und wieder auch Otger Gräff
(1893–1918), denen als jugendbewegten Gefallenen des Ersten Weltkriegs an die-
sem Ort eine besondere Rolle zukam. Im Zeremoniell der Einweihungsfeierlich-
keiten standen Lieder, eine Fahne des Kriegswandervogel und bereits deutlich
die Zeichen der nationalsozialistischen Herrschaft im Mittelpunkt, die mit der
Beteiligung der Hitlerjugend oder dem Absingen des Deutschland- und des Horst-
Wessel-Liedes, für NS-Feiern in dieser Kombination typisch, ihre Schatten warf.
Zum Gefallenen-Gedenkraum auf dem Ludwigstein und der beabsichtig-
ten weihevollen, ja geradezu sakralen Wirkung des eigens für den Gedenkzweck
in die Außenwand eingelassenen Glasfensters, das ein mit der Spitze nach unten gerichtetes Abb. 4: Fenster im Gefallenen-
Schwert zeigt (Abb. 4), berichtete ein Anwesender kurz nach dem Ereignis: „Fast geblendet sind Gedenkraum auf Burg Ludwig-
stein, um 1933 (vgl. [Link]. 87)
unsere Augen von all dem glitzernden, gleißenden Licht, das durch das ‚Denkmal-Fenster‘ in
den Raum fließt. In tiefer Nische liegt dieses Fenster, blau mit einem schweren, breiten, gelben
1 Vgl. „Ich möchte einer werden so wie die …“. Männerbünde 5 Hans Paasche: Das Vaterland hat gerufen. Sonderdruck aus:
im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Jürgen Reulecke (Geschichte und Vortrupp, 2, Nr. 2 (Vortrupp-Flugschrift Nr. 16). Leipzig 1913.
Geschlecht 34). Frankfurt a.M. 2001. 6 Ludwig Klages: Mensch und Erde. In: Freideutsche Jugend.
2 Vgl. kritisch gegenüber der Geselligkeitskultur des Kaiser- Jena 1913, S. 89–107; wieder in: Hoher Meißner 1913. Der Erste
reichs u.a. Elisabeth Busse-Wilson: Liebe und Kameradschaft. In: Deutsche Jugendtag in Dokumenten, Deutungen und Bildern.
Die freideutsche Jugendbewegung. Gotha 1920, S. 50–58; wieder Hrsg. von Winfried Mogge/Jürgen Reulecke (Edition Archiv der
in: Grundschriften der deutschen Jugendbewegung. Hrsg. von Deutschen Jugendbewegung 5). Köln 1988, S. 171–189, bes. S. 188.
Werner Kindt (Dokumentation der Jugendbewegung 1). Düssel- 7 Hoher Meißner 1913 (wie Anm. 6), S. 189.
dorf/Köln 1963, S. 327–334 . 8 Der genaue Wortlaut ist nicht überliefert. Angaben über den
3 Vgl. Das politische Zeremoniell im Deutschen Kaiserreich Inhalt stützen sich auf den etwa 10 Jahre später von Knud Ahl-
1871–1918. Hrsg. von Andreas Biefang/Michael Epkenhans/Klaus born (Freischar) rekonstruierten Text. Thomas Fenske: Der Verlust
Tenfelde. Berlin 2008. des Jugendreiches. Die bürgerliche Jugendbewegung und die
4 Vgl. u.a. Frigga Tiletschke/Christel Liebold: Aus grauer Städte Herausforderung des Ersten Weltkrieges. In: Jahrbuch des Archivs
Mauern. Bürgerliche Jugendbewegung in Bielefeld 1900–1933 der deutschen Jugendbewegung 16, 1986/87, S. 200–201.
(Schriften der Historischen Museen der Stadt Bielefeld 7). Biele- 9 Vgl. Joachim Radkau: Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland
feld 1995, S. 113–121. zwischen Bismarck und Hitler. München/Wien 1998, S. 389.
„Mit uns zieht Jugendbewegung oder Jugendpflege? Dass der Wandervogel zusam-
men mit der Freideutschen Jugend des Hohen Meißner von 1913
verbänden kam es nun geradezu zu einem Boom an neuen Liedern und Liederbüchern. Lieder wie
etwa „Aus grauer Städte Mauern“, „Wildgänse rauschen durch die Nacht“, „Wilde Gesellen, vom
Sturmwind durchweht“, „Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen“, „Wenn die bunten Fah-
nen wehen“ kannte wohl der größte Teil der damals Heranwachsenden.5 Bemerkenswert ist da-
bei die Tatsache, dass sich ein beträchtlicher Teil der neu geschaffenen Lieder an die männliche
Jugend richtete und oft männerbündische Wir-Gefühle beschworen wurden. Hinzuweisen ist in
diesem Zusammenhang daher besonders auf eine spezielle Untergruppe dieser Lieder, verfasst
meist von jungen Männern mit Fronterfahrungen, die in sentimentalen Texten und Melodien
die soldatische Aufopferungsbereitschaft ebenso wie die Leidens- und Todeserfahrung besangen
und sowohl bei den Angehörigen der Frontgeneration als auch bei der nachwachsenden Alters-
gruppe der Kriegskinder starke Gefühle auslösten: Ein besonders charakteristisches Beispiel für
diesen Typus ist das 1920 von dem Pfadfinderführer Hans Riedel (1889–1971) verfasste und von
dem engagierten Liedermacher und Liederbuchherausgeber Robert Götz (1892–1978) vertonte
Lied „Es klappert der Huf am Stege“, dessen erste Strophe mit den Zeilen endet: „Wir reiten und
reiten und singen, im Herzen die bitterste Not. Die Sehnsucht will uns bezwingen, doch wir rei-
ten die Sehnsucht tot.“ 6
1 Siehe dazu das zeitgenössische Urteil von Karl Korn: Die 5 Das wohl damals mit am weitesten verbreitete „St. Georg –
Arbeiterjugendbewegung. Einführung in die Geschichte, II. Teil. Liederbuch deutscher Jugend“ (erschienen ab 1929) ist von
Berlin 1923, bes. S. 158–159. Helmut König wegen seiner inhaltlichen Vielfalt und großen
2 Das Weimar der arbeitenden Jugend. Berlin/Magdeburg 1920, Verbreitung als „der wohl legitimste Nachfolger des Zupfgeigen-
S. 5–6. hansl“ charakterisiert worden; dazu und zur damaligen jugendbe-
3 Ebd., S. 72, dort ist das Lied erstmals mit seinen sechs wegten Liedszene Helmut König: Der Zupfgeigenhansl und seine
Strophen abgedruckt. Die Melodie stammt von dem Chorleiter der Nachfolger. In: Auf dem Weg. Festschrift für Peter Lampasiak zum
Hamburger Arbeiterjugend Michael Englert. – Zur Verbreitung achtzigsten Geburtstag. Hrsg. von Ilse Wellershoff-Schuur/Kay
des Liedes bis heute siehe Hermann Kurzke: „Wann wir schreiten Schweigmann-Greve. Hannover 2008, S. 13–42, bes. S. 23ff.
Seit an Seit“. Eine Liedkarriere. In: Good-Bye Memories? Lieder im 6 Jürgen Reulecke: „Wir reiten die Sehnsucht tot“ oder:
Generationengedächtnis des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Barbara Melancholie als Droge. In: Good-Bye Memories? 2007 (Anm. 3),
Stambolis/Jürgen Reulecke. Essen 2007, S. 43–49. S. 115–136.
4 Text von dem sozialistischen Wanderlehrer Jürgen Brand,
Melodie von Michael Englert; dazu Barbara Boock: „Wir sind jung,
die Welt ist offen …“. Über die Überlieferungs- und Melodiege-
schichte eines Liedes. In: Good-Bye Memories? 2007 (Anm. 3),
S. 137–146.
51
Jürgen Reulecke
Otto Paust (1897–1975), Kriegsfreiwilliger seit Kriegsbeginn, beschwört mit diesen Zeilen eine
Stimmungslage, in der sich viele junge Soldaten, die vorher die Frontsoldatenkameradschaft
als eine Art emotionaler Heimat erlebt hatten, unmittelbar nach Kriegsende befanden. Und in
einem Gedicht von Fritz Woike (1890–1962) ist zu lesen, zerbrochen seien jetzt „Schild und Ehre“:
„Schwer in den Herzen brennt die dumpfe Schmach […] zur Heimat fliehn, die keine Heimat ha-
ben; zur grauen Zukunft zieht das graue Heer.“ 1 Desillusioniert und entwurzelt von der Front
zurückgekommen, suchte jedoch bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit eine beträchtliche
Zahl dieser jungen Leute nach Möglichkeiten, das emotionale Vakuum zu überwinden und eine
neue „Heimat“ in Absetzung von einer Gesellschaft von Menschen zu finden, die – so ihr Ein-
druck – in bedrückender Weise „auf dem Lande ebensowenig wie in der Stadt“ dieselben wie vor
dem Krieg waren: Harte Herzen, verbitterte Gesichter, raffgierige Hände, Not, Angst, Misstrauen
seien weit verbreitet, denn das einst „vielgepriesene ,Stahlbad’ war keine Heilquelle; es war eine
Flut aus verpesteten Schlünden“ – so heißt es unter der Überschrift „Heimat“ in einem Beitrag
zu der seit Ende 1919 von zwei Meißnerfahrern von 1913, Walter Hammer (1888–1966) und Knud
Ahlborn (1888–1977), herausgegebenen Zeitschrift „Junge Menschen“.2 Eine Möglichkeit für die Abb. 1: Jugendbewegte auf Burg
entwurzelten jungen Frontsoldaten, neuen Halt und Sinn sowie die Fortsetzung der kämpferi- Ludwigstein, Fotografie, 1921
schen Männergemeinschaft zu finden, boten die jetzt entstehenden Freikorps unter der Führung
junger Offiziere des ehemaligen kaiserlichen Heeres, die mit ihren Führerqualitäten, ihrem oft
landsknechthaften Auftreten und Charisma eine Gefolgschaft um sich scharten. Ihre bevorzug-
ten kämpferischen Einsatzgebiete waren die innenpolitischen Unruheherde in Bayern, Sachsen,
Schlesien, im Ruhrgebiet und im Baltikum. Einige Freikorps waren jedoch auch zum Schutz der
Nationalversammlung in Weimar bereit, so das Freikorps des Generals Maercker (1865–1924),
dem sich zum Beispiel der ehemalige Hamburger Wandervogel und später als Sponsor der Ju-
gendbewegung bekannt gewordene Alfred C. Toepfer (1894–1993) angeschlossen hatte.
1 Zitiert nach: Rufe in das Reich. Die heldische Dichtung von 11 Dazu Walter Laqueur: Die deutsche Jugendbewegung (1962).
Langemarck bis in die Gegenwart. Hrsg. von Herbert B
öhme. 2. unveränd. Aufl. Köln 1983, S. 141.
Berlin 1934, S. 33–34. – Woike engagierte sich nach einer 12 So der 1898 geborene Ludwig Voggenreiter; hier zitiert
schweren Verwundung in der Inneren Mission; Paust wurde später nach Hermann Siefert: Der bündische Aufbruch 1919–1923.
zu einem einflussreichen NS-Journalisten. Bad Godesberg 1963, S. 35.
2 Georg Schulze-Moering: Heimat. In: Junge Menschen 2, 1921, 13 Zitiert nach Harry Pross: Jugend, Eros, Politik. Die Geschichte
H. 10, S. 152. – Siehe zur Zeitschrift „Junge Menschen“ Gudrun der deutschen Jugendverbände. Bern/München/Wien 1964, S. 206.
Fiedler: Jugend im Krieg. Bürgerliche Jugendbewegung, Erster 14 Hier zitiert nach Theodor Litt: Führen oder Wachsenlassen.
Weltkrieg und sozialer Wandel 1914–1923 (Edition Archiv der deut- 13. Aufl. Stuttgart 1967, S. 20.
schen Jugendbewegung 6). Köln 1989, S. 166–175. 15 Flugblatt, hier zitiert nach dem Abdruck in: Junge Men-
3 Siehe hierzu und zum Folgenden Jürgen Reulecke: „Ich möch- schen 4, 1923, H. 8, S. 17.
te einer werden so wie die …“. Männerbünde im 20. Jahrhundert. 16 Abgedruckt in: Die Wandervogelzeit. Hrsg. von Werner Kindt
Frankfurt a.M./New York 2001, bes. S. 80–88. (Dokumentation der Jugendbewegung 2). Düsseldorf/Köln 1968,
4 Zitat Hermann Küglers nach Fiedler 1989 (Anm. 2), S. 167. – S. 614–619.
Zu den Mädchenbünden und zur „Mädchenfrage“ in der Nach- 17 Dazu Reinhard Preuß: Verlorene Söhne des Bürgertums. Linke
kriegszeit Marion de Ras: Körper, Eros und weibliche Kultur. Mäd- Strömungen in der deutschen Jugendbewegung 1913–1919. Köln
chen im Wandervogel und in der Bündischen Jugend 1900–1933. 1991, bes. Kap. 5: Von der Kritik zur politischen Aktion, S. 173–225.
Pfaffenweiler 1988. – Irmgard Klönne: Mädchen und Frauen in der 18 Die deutsche Jugendbewegung 1920 bis 1933. Die bündische
deutschen Jugendbewegung. Pfaffenweiler 1990, bes. S. 129–138. Zeit. Hrsg. von Werner Kindt (Dokumentation der Jugendbewe-
5 Ein Brief Rathenaus. In: Junge Menschen 3, 1922, H. 13/14, S. 177. gung 3). Düsseldorf/Köln 1974, S. 327.
6 Siehe dazu Hermann Giesecke: Vom Wandervogel bis zur Hitler- 19 Dazu Hermann Schafft: Meißnertag 1923. In: Die deutsche Ju-
jugend. München 1981, S. 93–95. – Es sei hier darauf hingewiesen, dass gendbewegung 1920 bis 1933 (Anm. 18), S. 274–279. – Siehe auch die
gleichzeitig der Soziologe Herman Schmalenbach einen vielbeachteten Rede Oppenheimers mit dem Titel „Volk in Not!“ in: Freideutscher
Aufsatz veröffentlicht hatte, in dem er den „Bund“ als eine dritte Bund. Hrsg. von der Kanzlei des Freideutschen B
undes. Keitum
autonome Größe zwischen das von Ferdinand Tönnies herausgear- auf Sylt 1923, S. 1–6. – Allgemein dazu Laqueur 1983 (Anm. 11), das
beitete Gegensatzpaar Gemeinschaft/Gesellschaft setzte: Herman Unterkapitel „Das Ende des Anfangs“, S. 137–147.
Schmalenbach: Die soziologische Kategorie des Bundes. In: Die Diosku- 20 Dazu die Beispiele in: Jugendbewegt geprägt. Essays zu
ren (Jahrbuch für Geisteswissenschaften 1). München 1922, S. 35–105. autobiographischen Texten von Werner Heisenberg, Robert Jungk
7 Siehe dazu Sozialistische Jugend im 20. Jahrhundert. Studien und vielen anderen. Hrsg. von Barbara Stambolis (Formen der
zur Entwicklung und politischen Praxis der Arbeiterjugendbewe- Erinnerung 52). Göttingen 2013.
gung in Deutschland. Hrsg. von Heinrich Eppe/Ulrich Herrmann. 21 Ignaz Wrobel (= Kurt Tucholsky): Alte Wandervögel. In: Die
Weinheim/München 2008, besonders die Beiträge von Heinrich Weltbühne 22, Nr. 25 vom 22.06.1926, S. 966–969. – Siehe auch
Eppe und Bodo Brücher. Kurt Tucholsky: Die tote Last. In: Die Weltbühne 22, Nr. 48 vom
8 Karl Korn: Die Arbeiterjugendbewegung, T. II. Berlin 1923, S. 172. 30.11.1926, S. 856-857.
9 Anonym: Die Generation unserer Väter. In: Junge Menschen
3, 1922, H. 4, S. 51. Bildnachweis
10 Paul Federn: Zur Psychologie der Revolution: Die vaterlose Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen · Abb. 1–4
Gesellschaft. In: Der österreichische Volkswirt 11, 1919, S. 585–590.
Musik bewegt
Zu Lied und Musik der Jugend- und Singbewegung bis zum Zweiten Weltkrieg
Im ausgehenden 19. Jahrhundert diente in Preußens Schulen das gemeinsame Singen patrioti-
scher Lieder zur Disziplinierung und Mäßigung der Schüler.1 Eine Gegenwelt hierzu entstand
1896 am Gymnasium Steglitz. Der Leiter des Schulchors Max Pohl (1869–1928), der eigentlich
Latein, Griechisch und Deutsch unterrichtete, brachte den Pennälern die weltlichen Lieder des
13. bis 19. Jahrhunderts nahe, die sie auf Wanderungen und Fahrten mit ihrem Stenografielehrer
Hermann Hoffmann (1875–1955) sangen. Diese Lieder waren in musikwissenschaftlichen Edi-
tionen veröffentlicht2 und wurden nach damaligem Usus als „klassische Volkslieder“ apostro-
phiert. Was als bürgerliche Musikpflege erscheint, ist bei genauerem Hinsehen ein bewusster
Traditionsbruch: Rousseaus Forderung „Zurück zur Natur“ hatte seit der Spätaufklärung das
Bürgertum in die von Menschenhand gestaltete Natur der Parks, Landschaftsgärten und Pro-
menaden geführt.3 Die Steglitzer „Wandervögel“ hingegen wollten das Ursprüngliche ergründen
und suchten die ungestaltete Natur. Sie entflohen dem Alltag, der Schule und Erwachsenenwelt
und stellten sich der „Unausweichlichkeit des ‚Erhabenen’“.4
Dieses Konzept jugendlicher Lebensgestaltung lag gewissermaßen „in der Luft“. Zur künst-
lerischen Neuorientierung im Fin de Siècle hatte Hermann Bahr (1863–1934) schon 1891 fest-
gestellt: „Die Sprache ist alt und verbraucht und ihre Sätze für jedes Gefühl kennen wir lange,
bevor wir das Gefühl selber noch kennen: wir haben ihre Gewohnheit und sie wirken auf uns
nicht mehr. Wenn wir später ein solches Gefühl selber erfahren, dessen Formel uns lange ver-
traut ist, dann verlangen wir einen anderen Ausdruck, an dem eine neue und frische Empfindung
sein soll.“ 5 Diese „neue und frische Empfindung“ für ihre Gefühle fanden die Jugendlichen in
frühneuzeitlichen Liedern wie „Ich fahr dahin, wann es muß sein“ aus dem Lochamer Liederbuch
(1451–1453) oder „Ich armes Maidlein klag mich sehr“ aus dem 1549 gedruckten ersten Band von
Georg Forsters „Frischen teutschen Liedlein“, die beide 1909 Eingang in den „Zupfgeigenhansl“
fanden. Weitere Lieder und Tänze lernten die Wandervögel auf ihren Fahrten kennen. Vielfach
haben sie diese aufgezeichnet und in Rundbriefen einem größeren Kreis zugänglich gemacht.
Einige dieser Kollektaneen bildeten die Grundlagen für gedruckte Liederbücher und „Wander-
vogel-Alben“. Das einflussreichste war der schon erwähnte „Zupfgeigenhansl“, dessen Verbrei-
tungsgebiet weit über den Wandervogel mit seinen 50.000 Mitgliedern hinausreichte. Diese
kamen überwiegend aus der bürgerlichen Mittelschicht,6 und entsprechend heterogen zeigen
sich die regionalen Liederbücher der Wandervogel-Vereine. Das 1914 erschienene Heft „Wander-
Musik bewegt 67
vögel“ beispielsweise enthält 182 Lieder, darunter auch das zur Volksweise gewordene „Ännchen
von Tharau“ Friedrich Silchers (1789–1860) oder Felix Mendelssohn Bartholdys (1809–1847) „Auf
Flügeln des Gesanges“.7 Adolf Häseler hingegen nahm in sein „Wandervogel-Album“ Bearbeitun-
gen aus Opern und Operetten auf, beispielsweise Walter Kollos (1878–1940) „Die Männer sind
alle Verbrecher“ aus der 1913 uraufgeführten Operette „Wie einst im Mai“.8
Ein solch breites Spektrum war dem ehemaligen Steglitzer Wandervogel und damaligen Hei-
delberger Medizinstudenten Hans Breuer (1883–1918) zuwider. Als Herausgeber des „Zupfgeigen-
hansl“ lehnte er Schlager- und Operettentitel wegen deren flachen, bald abgesungenen Weisen ab.
Stattdessen verwies er auf die „unverwüstliche Lebenskraft“ der „echten“ Volkslieder: „Was der
Zeit getrotzt, das muß einfach gut sein.“ 9 Der Begriff „Schlager“ war seit den 1860er Jahren mit
dem Wiener Volkssängertum verbunden und um 1900 zum werbewirksamen Kennzeichen saisonal
kommerziellen Erfolgs geworden.10 Breuer unterstrich also die Ernsthaftigkeit des ausgewählten
Wandervogel-Repertoires und grenzte es zugleich von der Unterhaltungsmusik ab. Obwohl weite
Teile von Wandervogel und Jugendbewegung kaum Interesse an der zeitgenössischen Kunstmusik
hatten, fanden beide in ihrer Distanzierung zur Unterhaltungsmusik zusammen.11
Die Suche nach dem einfachen Leben in Wandervogel und Jugendbewegung korrespondier-
te mit den leicht ausführbaren Sätzen der meisten Liederbücher, die neben der Singstimme als
jedermann zugänglichem Musikinstrument eine akkordische Begleitung für Gitarre, im Jargon
„Zupfgeige“ oder „Klampfe“ genannt, oder Mandoline enthalten. Die Gitarre war seit dem frühen
19. Jahrhundert bevorzugtes Begleitinstrument für das Lied,12 und Breuer erkor sie im Früh-
jahr 1909 zur Standardausrüstung der Wanderfahrten: „Sie
macht viel Pläsier unterwegs und öffnet Tür und Tor dem
Herberg suchenden Bachanten.“ 13 Parallel zur Entdeckung
der frühneuzeitlichen Lieder im Wandervogel erwachte
im Musikleben das Interesse an alten Musikinstrumenten
und folgerichtig fand die Laute im Wandervogel und den
bündischen Gruppen ihre zeitgemäße Aneignung mit mo-
derner Bauform und Gitarrenstimmung (Abb. 1). Um mög-
lichst breitflächig das gitarrebegleitete Singen zu etablie-
ren, enthalten die meisten Liederbücher kurze Anleitungen
zum Gitarre- und Lautenspiel. Es folgten Periodika wie
beispielsweise die 1917 von Richard Möller (1897–1918)
herausgegebene Zeitschrift „Die Laute – Monatsschrift zur
Pflege des deutschen Liedes und guter Hausmusik“. Nach
dessen Tod übernahm sie Fritz Jöde (1887–1970), der 1922
den Titel in „Die Musikantengilde. Blätter der Erneuerung aus dem Geiste der Jugend“ änder- Abb. 1: Werbeanzeige für Zupf-
te. 1919 gründete er die „Neudeutsche Musikergilde“, die er später in „Musikantengilde“ umbe- instrumente der „Sächsischen
Musikinstrumenten-Manufaktur
nannte. Anders als der Wandervogel nutzte er historische und nachempfundene Instrumente und Schuster & Co. Markneukirchen“,
proklamierte „im Anschluss an August Halm den ‚Dienst an der Kunst‘ als Zielvorstellung“.14 Aus in: Das Landheim, Bugra 1914.
der engen personellen Verbindung mit dem Wandervogel entwickelte sich zwischen den Welt- Das Wandervogellandheim auf
der Buchgewerbe-Ausstellung in
kriegen unter anderem die Sing- und Musikbewegung, deren gesellschaftliches Engagement in Leipzig 1914. Leipzig 1914
den Jugendmusikschulen fortlebt (Abb. 2). (vgl. [Link]. 202)
Während die Unterbringung auf den Fahrten entindividualisierend wirkte, stärkten Kluft
und gemeinsames Musizieren die Gemeinschaft.15 In Wandervogel, Jugend- und Singbewegung
diente das gemeinschaftliche Musizieren der Erziehung des Individuums zum „ganzen Men-
schen“ und im Sinne Nietzsches fungierte das gesungene Wort als Bastion gegen die nivellie-
renden Einflüsse der Zivilisation. 1903 begrüßte die Bevölkerung in den deutschsprachigen
Breisgau, feststellte: „Das Aussprechen der Gefühle, hier im Gesang mit Worten eines anderen,
entlastet den Einzelnen von dem sonst zu starken Drucke, unter dem er leiden und verküm-
mern würde.“18 Das Kriegserlebnis und der anschließende Kollaps der bisherigen Werteordnung
führten schließlich zu einer Neuorientierung. Der Jugendbewegung verbundene Frontkämpfer
verarbeiteten das erlebte Grauen oftmals in Liedtexten, die in fernen Zeiten und Gegenden, etwa
bei den Kosaken und Reitervölkern, spielen. Ihr Erleben gaben sie somit chiffriert an die nächste
Generation weiter.19
In den Gruppen der Jugendbewegung und den Bünden diente das gemeinsame Lied nicht
dem individuellen ästhetischen Genuss. Die Texte bezogen ihre Legitimation aus dem unmittelba-
ren Dasein, das der Einzelne im gemeinsamen Singen mitvollziehend erleben sollte.20 Allerdings
mehrten sich Klagen über die Formen des Gesangs. So bemängelte Leo Kestenberg (1882–1962),
Musikreferent im Preußischen Kultusministerium, zum Beispiel, dass das Singen „oft der Aus-
druck zügellosen Übermuts [sei], der sich in musikalisch reichlich roher Form äußert“.21 Solchem
Wildwuchs begegnete der promovierte mährische Germanist und Volksliedforscher Julius Jani-
czek (1887–1956), der sich eingedeutscht Walther Hensel nannte. Mit großer Sorgfalt widmete
er sich dem „echten deutschen Volkslied“, betrieb Feldforschungen und klassifizierte die Lieder
in fünf Kategorien, um gut und schlecht zu unterscheiden.22 Gemeinsam mit seiner ersten Frau
Olga (1885–1977), einer Sängerin und Stimmbildnerin, die im anthroposophischen Sinne Gesang
als Mittel zur Bildung von Persönlichkeit und Gemeinschaft einsetzte,23 hielt er erstmals 1923 in
Finkenstein bei Mährisch Trübau (Moravská Třebová, Tschechische Republik) eine streng regle-
mentierte Singwoche ab. Diese war nur auf Einladung zugänglich und hatte rund 70 Teilnehmer
aus Deutschland, Böhmen, Schlesien und Österreich angezogen. Von nachhaltigem Eindruck auf
die Teilnehmer war das abschließende offene Singen an der Pestsäule auf dem Marktplatz in
Mährisch Trübau,24 das in der Folge Nachahmer in zahlreichen deutschen Städten fand und die
Musik bewegt 69
Singbewegung fest in der Gesellschaft verankerte (Abb. 3). Hensel lebte zwischen 1930 und dem
Münchner Abkommen 1938 in Stuttgart, wo Hans Grischkat (1903–1977) engagiert und zugleich
energisch diese Singbegeisterung mit der Bach-Renaissance verband.25 Durch seinen Schüler
Helmut Rilling (geb. 1933) lebt diese Tradition mit der 1954 gegründeten Gächinger Kantorei und
der 1981 ins Leben gerufenen „Internationalen Bach-Akademie Stuttgart“ fort.
Hensel und seinen sudetendeutschen Gefolgsleuten war die Pflege deutschen Liedguts in
der 1918 entstandenen Tschechoslowakei zentrale Aufgabe. Auf das politisch motivierte Zurück-
drängen der deutschen Sprache und den allmählichen Verlust der Lieder reagierte er mit Kampf-
schriften, Liederbüchern und nicht zuletzt dem offenen Singen. Teile der bündischen Jugend
sahen die Grenzlandfahrten ins Sudetenland hingegen als politische Mission. Sie sammelten
Lieder und Tänze, kartierten ihre Funde mit den jeweiligen Bevölkerungsdaten und notierten
akribisch, wo Juden wohnten. Diese Daten übergaben sie der „Mittelstelle für Jugendgrenzland-
arbeiten“, die die Zeitschrift „Volk und Reich“ herausgab und später den Nationalsozialisten
ausreichend Material für die Judenverfolgung in die Hände spielte.26 Eine pauschale Verkürzung
der Jugend- und Singbewegung mit ihren zahlreichen Untergruppen auf solche Aktionen wäre
jedoch verfehlt, denn vielerorts setzten nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten
gerade die bündischen Gruppen mit ihren Liedern den Zwängen und Repressalien des Nazi-
regimes Widerstände entgegen. Dies zeigen hinreichend die „Gefährlichen Lieder“ der unange-
passten Jugend im Rheinland,27 der „Edelweißpiraten“ oder der Deutschen Jungenschaft 1929,
die dj.1.11.28 Deren Mitglied Hans Scholl (1918–1943) schrieb während seines Arbeitsdienstes im
Mai 1937 seiner Mutter über das Lied in der Gemeinschaft: „Und doch singen wir immer wieder
aus ganzem Herzen, und es ist ein Trost, seinen innersten Gefühlen im Liede wenigstens Luft
schaffen zu können.“ 29
Den braunen Machthabern waren die Lieder der Jugend- und Singbewegung suspekt. Seit
Mitte der 1920er Jahre hatten Konzerte der Donkosaken die Liedproduktion der Jugend- und
Singbewegung beeinflusst. So wurden insbesondere die „slawischen Melismen“ (Silben, die
über zwei, seltener drei Töne gesungen werden), wie sie bei-
spielsweise in dem Lied „Platoff preisen wir den Helden“ be-
gegnen, zum charakteristischen Kennzeichen dieser „gefähr-
lichen“ Lieder mit ihren bisweilen melancholischen Texten.30
In der Hitlerjugend und dem Bund deutscher Mädel hingegen
schworen die Nationalsozialisten die Jugendlichen unter an-
derem mit Liedtexten ihres Reichsjugendführers Baldur von
Schirach (1907–1974) wie beispielsweise „Es dröhnen Trom-
meln durch das Land“ mit einer Melodie von Georg Blumen-
saat (1901–1945) 31 auf den erstarkenden Militarismus ein.
Eine andere Liaison bestand zwischen der Jugend- und
Singbewegung und der akademischen Musikwissenschaft.
Wilibald Gurlitt (1889–1963), Neffe des am Gymnasium Steglitz
tätigen Reformpädagogen und Wandervogels Ludwig Gurlitt
(1855–1931), gründete 1920 an der Universität Freiburg im
Breisgau ein Musikwissenschaftliches Seminar, dem er ein studentisches „Collegium Musicum“ Abb. 3: Walther Hensel mit Sänger
angliederte. Mit seinen Studenten musizierte er auf historischen Streich- und Tasteninstrumen- innen und Sängern während
einer Singwoche in Saalhausen,
ten sowie nachgebauten Blockflöten,32 um „der Gegenwart durch gemeinschaftliches Musizieren Fotografie Julius Groß, 1925
Kräfte aus einer geistesmächtigeren Vergangenheit zuzuführen, nach denen sie suchte.“33 Die
Blockflöte eroberte sich seit Mitte der 1920er Jahre vor allem in Neukonstruktionen von Peter
Harlan (1898–1966) einen Platz im jugend- und singbewegten Musikleben.34 In öffentlichen Ver-
Baden-Baden zum Bruch mit Jöde und Höckner kam, war Hindemith als Autor weiterhin in deren
Zeitschriften präsent.37
Die Verquickung von Jugendbewegung und pädagogischer Musik mit den Nationalsozi-
alisten geißelte Theodor W. Adorno (1903–1969) in seiner 1956 publizierten „Kritik des Musi-
kanten“.38 Wortgewandt bezog er gegen die Jugendbewegung Stellung, blieb in seinen Angriffen
gegen den Freiburger Musikpädagogen und promovierten Philosophen Erich Doflein (1900–1977)
aber konkrete Angaben schuldig. Im Umgang mit Joseph Müller-Blattau (1895–1976) hingegen,
der Adornos 1960 veröffentlichte Mahler-Monografie lobend besprochen hatte, zeigte er sich von
seiner Eitelkeit geblendet und weniger sensibel.39 Zwischen 1933 und 1945 zählte Müller-Blattau
zu den überzeugten Gefolgsleuten der Nationalsozialisten und ebnete deren Ideologie den Weg
in die Musikwissenschaft. Adornos Abneigung gegen die Jugend- und Singbewegung sowie de-
ren Protagonisten kategorisierte der Musikwissenschaftler Albrecht Riethmüller (geb. 1947):
„1. jugendmusikbewegt plus Nazi (schlimmste Kategorie), 2. jugendmusikbewegt (fast ebenso
schlimm), 3. Nazi solo (zwar auch schlimm, aber ohne den extra Hass der beiden anderen Kate-
gorien). Mit anderen Worten: Mit Blockwärtern kann man notfalls leben, mit Blockflöten nicht.
Und die Musikwissenschaft bestand für ihn aus Blockflöten, sonst nichts.“ 40
Ob Blockflöte oder Klampfe: Die Musik der Jugend- und Singbewegung war bis zum Zweiten
Weltkrieg umfassend in der Gesellschaft verankert. Vor allem in der Zwischenkriegsära fanden
Jugend- und Singbewegung mit ihren zahlreichen Untergruppen durch den Einsatz des „göttlichen
Instruments“ Stimme (Walther Hensel) regen Zuspruch: Der Gesang kommt ohne teure Musikin-
strumente aus und ein geschickter Chorleiter vermag in kurzer Zeit hörbare Erfolge zu erzielen.
Ein gesellschaftlich relevantes Erbe der Jugendbewegung sind bis heute die Jugendmusikschulen.
1 Dorothea Kolland: Jugendmusikbewegung. In: Handbuch der 3 Hans-Peter Reinecke: „Kultur“. Anmerkungen zur Evolution
deutschen Reformbewegungen 1880–1933. Hrsg. von Diethart eines Etiketts sozialer Identifikation. In: Musik befragt, Musik
Kerbs/Jürgen Reulecke. Wuppertal 1998, S. 379–394, bes. S. 384. – vermittelt. Peter Rummenhöller zum 60. Geburtstag. Hrsg. von
Dorothea Kolland: Die Jugendmusikbewegung. „Gemeinschafts- Thomas Ott/Heinz von Loesch. Augsburg 1996, S. 140–149.
musik“ – Theorie und Praxis. Stuttgart 1979. 4 Roland Eckert: Gemeinschaft, Kreativität und Zukunftshoffnun-
2 Beispielsweise Rochus von Liliencron: Die historischen Volks- gen. Der gesellschaftliche Ort der Jugendbewegung im 20. Jahr-
lieder der Deutschen vom 13. bis 16. Jahrhundert, 5 Bde. Leipzig hundert. In: Historische Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs
1865–1869. – Franz Magnus Böhme: Altdeutsches Liederbuch. der deutschen Jugendbewegung N.F. 5, 2008, S. 25–40, bes. S. 31.
Volkslieder der Deutschen nach Wort und Weise aus dem 12. bis 5 Hermann Bahr: Russische Reise. Dresden/Leipzig 1891,
zum 17. Jahrhundert. Leipzig 1877. S. 103–104.
Musik bewegt 71
6 Der Zupfgeigenhansl. Hrsg. vom Deutschen Bunde für 25 Klaus Peter Leitner: Fritz Jöde und Walther Hensel. Zwei
Jugendwandern durch Hans Breuer. Leipzig 1909. – Wolfgang Wege der Jugendmusikbewegung. In: Musik in Baden-Württem-
Kaschuba: Volkslied und Volksmythos. Der „Zupfgeigenhansl“ als berg 1, 1994, S. 41–71.
Lied- und Leitbuch der deutschen Jugendbewegung. In: Jahrbuch 26 Vgl. Szeskus 1966 (Anm. 16), S. 5–7.
für Volksliedforschung 34, 1989, S. 41–55, bes. S. 42. 27 Doris Werheid/Jörg Seyffarth/Jan Krauthäuser: Gefährliche
7 Wandervögel. 182 Lieder für 1 oder 2 Singstimmen mit Lieder. Lieder und Geschichten der unangepassten Jugend im
Gitarre, auch mit Mandolinenbegleitung ad. lib. Leipzig [um 1914], Rheinland 1933–1945. Hrsg. vom Dokumentationszentrum der
S. 12–13. Stadt Köln. Köln 2010.
8 Lieder zur Gitarre. Wandervogel-Album, Bd. II. Hrsg. von 28 Siehe den Vorspann zu „Sie werden Männer, die ihr Reich
Adolf Häseler. Hamburg o.J. [vor 1919], S. 48–50. erringen“ von Jürgen Reulecke in diesem Band.
9 Zupfgeigenhansl 1909 (Anm. 6), Vorwort. 29 Hans Scholl/Sophie Scholl. Briefe und Aufzeichnungen. Hrsg.
10 Markus Bandur: Schlager. In: Terminologie der Musik im von Inge Jens. München 1994, S. 14.
20. Jahrhundert. Hrsg. von Hans Heinrich Eggebrecht. Stuttgart 30 Das Lied mit Hinweisen zu seiner Rezeption in: Werheid/
1995, S. 384–395. Seyffarth/Krauthäuser 2010 (Anm. 27), S. 80.
11 Vgl. Tibor Kneif: Über funktionale und ästhetische Musik- 31 Unsre Fahne flattert uns voran. Eine Sammlung von Marsch-,
kultur. In: Jahrbuch des Staatlichen Instituts für Musikforschung Volks- und Landsknechtsliedern. Hrsg. von Hans Dosse. Berlin 1934.
Preußischer Kulturbesitz 2, 1970, S. 108–122, bes. S. 110. 32 Hermann Moeck: Zur „Nachgeschichte“ und Renaissance der
12 Siehe Dieter Klöckner: Gitarre. III. 20. Jahrhundert. In: Die Blockflöte. In: Tibia 3, 1978, S. 13–20, 79–88, bes. S. 19–20. – Die
Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil Bd. 3. 2. neubearb. Vorlagen stammten aus dem Germanischen Nationalmuseum,
Aufl. Kassel/Basel/Weimar 1995, Sp. 1329–1394, bes. Sp. 1362. – Nürnberg. Sie waren von Hieronymus F. Kinsecker (Inv. Nr. MI 98,
Josef Bauer: Die Gitarre und das Wiederaufleben des Gitarre- MI 101, MI 102) und Johann Schell (Inv. Nr. MI 95) gefertigt, eine
spiels. In: Zeitschrift für Instrumentenbau 24, 1903/1904, Nr. 7, weitere Blockflöte war nicht inventarisiert. Eine Tenorblockflöte
S. 183–184. hatte Gurlitt aus dem Museum Heyer in Köln entliehen.
13 Zitiert nach Maike Mumm: Der Wandervogel in Heidelberg. 33 Lebenslauf im Nachlass Gurlitts. Dazu ausführlich Markus
Hans Breuer und die Entstehung des Zupfgeigenhansl 1908. In: Zepf: Musikwissenschaft. In: Die Freiburger Philosophische Fakul-
Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 13, 2009, S. 67–89, tät 1920–1960. Mitglieder – Strukturen – Vernetzungen. Hrsg. von
bes. S. 79. Eckhard Wirbelauer. Freiburg i. Br. 2007, S. 409–436.
14 Erich Reimer: „Musikant“ und „Musik“. Zur Geschichte einer 34 Moeck 1978 (Anm. 32), S. 79–88. Zu Harlans Flöten siehe
wechselvollen Beziehung. In: Musik. Zu Begriff und Konzepten. [Link]. 203.
Hrsg. von Michael Beiche/Albrecht Riethmüller. Stuttgart 2006, 35 Karl-Heinz Reinfandt: Jöde, Fritz. In: Die Musik in Geschichte
S. 43–56, bes. S. 54. und Gegenwart, Personenteil Bd. 9. 2. neubearb. Aufl. Kassel/Ba-
15 Eckert 2008 (Anm. 4), S. 26 u. 31. sel/Weimar 2003, Sp. 1074–1076.
16 Zur Terminologie siehe Peter Brandt: Volk. In: Historisches 36 Matthias Kruse: Paul Hindemith und seine Beziehungen zur
Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter†/Karlfried Jugendmusikbewegung. In: Musik und kulturelle Identität. Hrsg.
Gründer/Gottfried Gabriel, Bd. 11. Basel 2001, Sp. 1080–1090, bes. von Detlef Altenburg/Rainer Bayreuther. Bd. 2: Symposien B.
Sp. 1084. – Zum „Bund der Deutschen in Böhmen“ siehe Reinhard Kassel/Basel 2012, S. 557–563, bes. S. 558.
Szeskus: Die Finkensteiner Bewegung. Diss. Leipzig 1966 [Hoch- 37 Vergleiche Kruse 2012 (Anm. 36), S. 560.
schulschrift], S. 1–11. 38 Theodor W. Adorno: Kritik des Musikanten. In: Dissonanzen.
17 Edmund Neuendorff: Wandervogel und Judentum. In: Der Wiederabgedruckt in: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften,
Kunstwart 27, 1914, Bd. 3, S. 297–300, bes. S. 299. Bd. 14. Hrsg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt a.M. 1973, 3. Aufl.
18 Zitiert nach Jürgen Reulecke: „Wir reiten die Sehnsucht 1990, S. 67–107. – Theodor W. Adorno – Erich Doflein. Briefwech-
tot“ oder: Melancholie als Droge. Anmerkungen zum bündi- sel. Mit einem Radiogespräch von 1951 und drei Aufsätzen Erich
schen Liedgut. In: Männergeschichte – Geschlechtergeschichte. Dofleins. Hrsg. von Andreas Jacob. Hildesheim/Zürich 2006. –
Männlichkeit im Wandel der Moderne. Hrsg. von Thomas Kühne. Reimer 2006 (Anm. 14), S. 52–56.
Frankfurt a.M./New York 1996, S. 156–173, bes. S. 163. 39 Michael Custodis: Theodor W. Adorno und Joseph Müller-
19 Vgl. Reulecke 1996 (Anm. 18), S. 160–164. Blattau: Strategische Partnerschaft. In: Archiv für Musikwissen-
20 Siehe Stephen Hinton: Alte Musik als Hebamme einer neuen schaft 66, 2009, S. 185–208.
Musikästhetik der zwanziger Jahre. In: Bach, Händel, Schütz. Alte 40 Zitiert nach Custodis 2009 (Anm. 39), S. 196.
Musik als ästhetische Gegenwart. Bericht über den internationa-
len musikwissenschaftlichen Kongress Stuttgart 1985. Hrsg. von Bildnachweis
Dietrich Berke/Dorothee Hanemann, 2 Bde. Kassel/Basel/London Privatarchiv · Abb. 4
1987, Bd. 2, S. 325–330, bes. S. 325, 328. Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen · Abb. 1+2
21 Zitiert nach Heinz Antholz: Jugendbewegung. In: Die Musik (Fotos: Monika Runge, GNM), 3
in Geschichte und Gegenwart, Sachteil Bd. 4. 2. neubearb. Aufl.
Kassel/Basel/Weimar 1996, Sp. 1569–1587, bes. Sp. 1572.
22 Dazu Szeskus 1966 (Anm. 16), S. 33–45.
23 Klaus-Peter Koch: Hensel, Familie. In: Lexikon zur deutschen
Musikkultur: Böhmen, Mähren, Sudetenschlesien. Hrsg. von
Werner Hader, Bd. 1. München 2000, Sp. 948–952, bes. Sp. 948.
24 Karl Vötterle: Haus unterm Stern. 3. Aufl. Kassel/Basel 1963,
S. 49–52, bes. S. 51.
Die wehende Fahne im Wind, von einem Jungen der wandernden Gruppe vorangetragen, gehört
bis heute zu den bekanntesten Symbolen der Jugendbewegung. Varianten dazu sind der vor ei-
nem Zelt aufgestellte Wimpel, die um eine Fahne gescharte Gruppe auf dem Berggipfel im Ge-
genlicht oder das „bunte Fahnenmeer“ bei einem gemeinsamen Aufmarsch verschiedener Bünde.1
Immer repräsentiert die Fahne die Gemeinschaft, zu der sie gehört, und vermittelt nach außen,
worauf sich diese bezieht. Sie ist Teil der Selbstdarstellung einer Gruppe, zu der weitere sym-
bolische Elemente wie Abzeichen und eine gemeinsame Kleidung hinzukommen können. Diese
aus dem Militär stammende kulturelle Praxis ist seit dem 19. Jahrhundert in vielen Vereinen
und Verbänden gepflegt und weiterentwickelt worden, hat aber in Deutschland durch den über-
steigerten Fahnenkult des Nationalsozialismus einen nachhaltigen Bruch erfahren. In den Ju-
gendbünden wurden nach 1945 die aus dem Wandervogel und der bündischen Jugendbewegung
bekannten Rituale im Gebrauch der Fahnen infrage gestellt. Auch wenn manches wiederbelebt
wurde, sind die überlieferten Fahnen aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts doch Relikte
einer vergangenen Epoche.
Bereits die Bünde des Wandervogel im Kaiserreich in ihrer lokalen und regionalen, aber
auch untereinander konkurrierenden Gliederung statteten sich mit großen Fahnen aus, während
sich die einzelnen Fahrtengemeinschaften kleinere Wimpel zulegten. Charakteristisch für die
Gestaltung der Fahnen im Wandervogel war dabei die einheitliche Verwendung des sogenannten
Greifen, die von dem Darmstädter Maler Hermann Pfeiffer (1883–1964) stammende Darstellung
eines auffliegenden Vogels mit weiten Schwingen, langem Hals und Schnabel, die er für den
Titel der zentralen Zeitschrift „Wandervogel. Illustrierte Monatsschrift für deutsches Jugend-
wandern“ gestaltet hatte.2 Dieser stilisierte Kranich, zuweilen auch als Reiher identifiziert, hat
mit der aus der Heraldik stammenden Bezeichnung „Greif“, dort eine Mischung aus Adler und
Löwe, dem die Attribute wehrhaft und stolz beigelegt sind, wenig gemein. Für den Wandervogel
symbolisierte der große Zugvogel Aufbruchsgeist, Fahrtenleben und Unterwegssein. Schon die
auf den allerersten Wandervogel-Fahnen gewählten Motive der Schneegans oder der Schwalbe
stehen für diesen Deutungshorizont. Der Pfeiffer‘sche Greif ist zu dem Zeichen des Wandervogel
schlechthin geworden – er findet sich nicht nur auf Fahnen, sondern allenthalben auf Anste-
ckern, Manschettenknöpfen, Mobiliar und kunsthandwerklichen Produkten aller Art.3 Die Zug-
vogel-Darstellung wurde als Inbegriff des Namens „Wandervogel“ angesehen; nie wieder ist den
sich ausdrücklich von der alten schwarz-weiß-roten Fahne, gab sich scheinbar politisch neutral
und brachte doch mit dem ganz in Schwarz gehaltenen seidenen Fahnentuch seine Haltung klar
zum Ausdruck. Wie auch bei anderen Freikorps und bei den späteren Nationalrevolutionären stand
das Schwarz für die Kritik an der Schmach des verlorenen Krieges und der Erniedrigung Deutsch-
lands durch den Versailler Vertrag (Abb. 2).18
Jugendburgen
Jugendburgen 83
Mehrere Initiativen erfolgten nahezu gleichzeitig; angesichts der häufigen Treffen verschiedener
Jugendbünde und -gruppen ist dies sicherlich kein Zufall.
Vermutlich verwendete der Pädagoge Gustav Wyneken (1875–1964) 15 erstmals 1918 den Be-
griff „Jugendburg“ in einem Beitrag für das Jahrbuch „Tätiger Geist“.16 Wyneken war Gründer der
Reformschule Wickersdorf in Thüringen und hatte 1913 am Meißnertreffen, das mit einer Zusam-
menkunft auf Burg Hanstein begann, teilgenommen. Er hoffte, stärkeren Einfluss auf die Jugend-
bewegung zu gewinnen. In waldreicher und gebirgiger Umgebung sollte laut seiner Schrift ein
großes Haus gefunden werden, etwa ein Bauernhaus oder ein altes Schloss.17 Es sollte zunächst als
eine Art Ferienheim dienen und sowohl Massenunterkünfte als auch behagliche Zimmer für den
längeren Aufenthalt haben, dazu seien Räume für Versammlungen und diverse Veranstaltungen
wie Vorträge, Musik, Schauspiel oder Tanz erforderlich sowie ruhige Räume mit Arbeitsplätzen
und einer Bücherei, gegebenenfalls ein Atelier und ein Ausstellungsraum.18 Mit dieser Idee vertrat
Wyneken tatsächlich etwas Neues, bisher nicht Dagewesenes. Möglicherweise resultieren daraus
Formulierungen in seinem Aufsatz, die von Selbstbewusstsein, aber auch Konkurrenzangst zeugen.
„Im gesamten Umkreis der Jugendbewegung und ihrer Freunde“ sah er nur eine Person, die einen
solchen „Sammelpunkt der Jugend ins Leben rufen“ könne, nämlich sich selbst.19 Obwohl er an-
fänglich die Begriffe „Bauernhaus“ und „Schloss“ nannte, sprach er im
Folgenden nur noch von der Jugendburg. Angeblich stand er bereits
vor dem Kauf eines Anwesens auf eigene Kosten; dieser Hinweis könn-
te ein Versuch gewesen sein, um entsprechende Initiativen Anderer
zu bremsen. Die geplante Jugendburg solle sein „persönliches Eigen-
tum“ oder zumindest seiner „persönlichen Leitung unbedingt über-
geben sein“, damit solle man „sich abfinden“.20 Ob man eine solche
Jugendburg als „selbstbestimmt“ bezeichnen kann, sei dahingestellt.
Tatsächlich sind Wyneken der Erwerb einer Burg und somit die Grün-
dung einer Jugendburg nicht gelungen.
Der früheste konkrete Plan, eine Burg für eine Gemeinschaft
aus der Jugendbewegung zu erwerben, dürfte von Enno Narten
(1889–1973) stammen. Er lernte Burg Hanstein sowie die gegenüber-
liegende Burg Ludwigstein an der Werra21 kennen, als die Technische Hochschule Hannover eine Abb. 1: Paul Haferkorn und Her-
geologische Exkursion zum Hanstein durchführte. Dort brachte ihn sein Professor, Hans Stille mann Hering, Bauplan für Burg
Ludwigstein, 1920 (vgl. [Link]. 143)
(1876–1966), auf den Gedanken, den ruinösen Ludwigstein für die Wandervogel-Bewegung zu
nutzen.22 Während des Ersten Weltkriegs entschloss sich Narten, diesen Vorschlag umzusetzen.
Nach Kriegsende veröffentlichte er einen Spendenaufruf zum Erwerb der Burg.23 Darin beschrieb
er die Ziele, die er mit der Burg verbinden wollte, verwendete aber noch nicht die Bezeichnung
„Jugendburg“. Zunächst dachte Narten an ein „Erinnerungsmal für unsere Gefallenen“. Dazu
wollte er Unterkunfts- sowie Versammlungsräume und eine Wohnung für einen Wärter schaffen.
Die Burg sollte allen Bünden und Wanderern beiderlei Geschlechts offenstehen. Am 4. April 1920
erfolgte die Gründung der „Vereinigung zum Erwerb und zur Erhaltung der Burg Ludwigstein
bei Witzenhausen an der Werra“.24
Innerhalb eines Vierteljahres waren rund 50.000 Mark an Spendengeldern gesammelt wor-
den (vgl. [Link]. 146). Architekt Paul Haferkorn aus Göttingen, zuvor Gauleiter des Wandervogel,
wurde mit den Planungen betraut. Ihn unterstützte Hermann Hering (1879–1945), ebenfalls aus
Göttingen.25 Noch vor dem Erwerb der Burg begann man mit den Erneuerungsarbeiten (Abb. 1).
Bereits im ersten Jahr kamen rund 3.000 Besucher auf die Burg.26
Die Kernburg ist nahezu rechtwinklig, die Ringmauer bildet zugleich die Außenmau-
er der Gebäude. Neben dem Eingang an der südwestlichen Schmalseite steht der runde Berg-
einige Jahre auf sich warten. 1924 erhielt Rudolf Schwarz (1897–1961) den Auftrag zu Entwürfen
für Rothenfels.34 Er gestaltete die Innenräume im Stil der Neuen Sachlichkeit um, was einerseits
eine noch heute modern, sachlich und nüchtern wirkende Architektur hervorrief, andererseits zur
Zerstörung wertvoller Substanz führte, so etwa der eines spätromanischen Kamins im Ostturm der
Burg sowie gotischer und barocker Ausstattungsteile. Die „Burg“ wurde von Schwarz nur als Hülle
verstanden, mit der historischen Innenarchitektur ist er äußerst radikal umgegangen: „Wir fanden,
Jugendburgen 85
dass die ganze Burg aus einer solchen ‚Fülle der Armut’ neu erstehen müsse. […] Weil wir etwas
ganz Neues erproben wollten, fanden wir den Mut, das Alte zu zerstören.“ 35
Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg kam es zur weiteren Spaltung der inzwischen
zwei großen Vereinigungen, des Wandervogel und des Alt-Wandervogel. Letzterer war 1904 als
Abspaltung des Wandervogel gegründet worden. Vor diesem Hintergrund bildeten sich immer
wieder kleinere Gruppierungen, die sich entweder als Teil des Wandervogel sahen oder sich aus
diesem herauslösten. Die dem Alt-Wandervogel angehörenden Zwillingsbrüder Karl (1896–1974)
und Robert Oelbermann (1896–1941) gründeten in der Neujahrsnacht 1919/20 nahe dem Dorf
Neroth (Gerolstein/Eifel, Rheinland-Pfalz) einen Jugendbund. Robert Oelbermann forderte
eine „unbedingte Adelsherrschaft, eine Herrschaft der Besten“, und erklärte die mitwirkenden
Freunde zu „Roten Rittern“. Man nannte sich „Die Nerommen“.36 Oelbermann vertrat ein bedin-
gungsloses Führerprinzip, gepaart mit völkischen Auffassungen, was ihn aber später nicht vor
nationalsozialistischer Verfolgung schützen sollte. Mädchen wurden aus seiner Gruppe ausge-
schlossen.37 Die Untergliederung des Nerother Wandervogel nahm er nicht in Gaue und Gruppen,
sondern in Orden vor, die Mitglieder waren Ordensritter.38 Abb. 5: Werbeschrift für die
Seit 1921 verselbständigte sich die neuerliche Abspaltung unter dem Namen „Nerother Rheinische Jugendburg. Bonn 1921
(vgl. [Link]. 135)
Wandervogel“. Sie wollte als Träger einer „Rheinischen Jugendburg“ fungieren (Abb. 5). Be-
reits 1920 hatten die Brüder Oelbermann die Burgruine Waldeck bei Dorweiler (heute Rhein-
Hunsrück-Kreis) entdeckt. Sie gewannen den Architekten Karl Buschhüter (1872–1956) für die
Anfertigung von Ausbauplänen für ihre Jugendburg; 39 sie wurden am 2./3. Juli 1921 auf einem
„Jugendburgtag“ des „Bundes zur Errichtung der Rheinischen Jugendburg, eines Ehrendenk-
mals für die gefallenen Helden“ vorgestellt (Abb. 6).40 Erste Entwürfe sollen angeblich bereits
1919 entstanden sein,41 doch vermutlich waren es nur Gedankenskizzen und keine ausgearbei-
teten Zeichnungen, denn sie sind nicht bekannt oder gar veröffentlicht. Die publizierten Pläne
Buschhüters beziehen sich auf den Standort der Unterburg.
Burg Waldeck bestand aus zwei Ruinen, einer Ober- und einer Unterburg (Abb. 7). Die Unter-
burg wurde 1688 von französischen Truppen zerstört, ein barocker Neubau wurde 1720 über einem
Teil der Kernburg-Ruine errichtet und im Laufe des 19. Jahrhunderts seinerseits zerstört. 1920/21
war die Ruine des Barockbaus erhalten, große Fensteröffnungen zeigen das geringe Alter dieses Abb. 6: Ehrenhain der deutschen
Bauteils an. Separat stand der runde Bergfried, vor dem sich eine große trapezförmige, terrassierte Jugendbewegung, 2012
Fläche, von einer hohen Mauer umgeben, befand, wahrscheinlich der Platz der mittelalterlichen
Kernburg, die nach 1700 nur noch als Bastion oder als Barockgarten vorgesehen war.42 Der Torweg
trennte die Hauptburg von einem dicht am Hang stehenden schmalen Seitenflügel.
Die Pläne Buschhüters von 1920/21 greifen die erhaltene Grundrissanlage auf, auch wenn
der Gesamtentwurf einen geradezu gigantischen Neubau mit einem großen zweitürmigen Mit-
telbau und einem sich dahinter, auf der Talseite anschließenden Wohn- oder Versammlungs-
bau zeigt. Das stark überhöhte Haupt-
gebäude sollte den Fensterbändern
nach über vier Geschossen ein riesiges
Steildach mit wenigstens drei nutzba-
ren Dachgeschossen erhalten. Daran
würde auf der Seite zur Bastion ein
zweigeschossiges Gebäude angrenzen
und schließlich der große, die Bastion
Abb. 7: Willi Wagner, Grundriss,
nutzende längsrechteckige Hof mit ei-
Schloss Waldeck, um 1960, in:
ner U-förmigen Fachwerkgalerie. Diese Rheinische Kunststätten 1966,
sollte der Ansicht auf der Titelseite der H. 2/3, S. 30
Jugendburgen 87
Der preußische Provinzialkonservator lehnte die Überbauung der Burgruine ab, sodass
auch der Verkauf der Ruine durch den Kreis nicht zustande kam. Offensichtlich wurde allerdings
ihre Nutzung durch die Nerother Wandervögel weiterhin toleriert. Ein Foto von 1922 zeigt das
Gebäude für die Bauhütten-Gemeinschaft hinter der barocken Schlossruine. Zum Pfingsttreffen
dieses Jahres wurden Zelte auf der „Bastion“ der Unterburg aufgestellt.45
Dagegen konnte man die Oberburg, von der nur noch eine Mauer und der Stumpf des Berg-
frieds erhalten waren, samt zugehörigem Vorburggelände 1922 kaufen. Die Grundsteinlegung für
die „Rheinische Jugendburg“ erfolgte am 5. August des Jahres.46 1924 kam es zum Kauf von zwei
Militärbaracken, von welchen eine als „Wirtschaftshütte“ beziehungsweise neue Bauhütte auf
das Gelände vor der Oberburg („Turmfeld“) transloziert wurde. Es handelte sich um einen einstö-
ckigen Fachwerkbau aus weiß gestrichenem Holzwerk und flachem Satteldach „in schwedischem
Baustil“.47 Daneben gab es ein kleines Waschhaus mit Sauna, ferner einen zweiten länglichen
Fachwerkbau auf einem hohen Steinsockel, das Stallgebäude. Nach dem Brand der „Wirtschafts-
hütte“ 1926 wurde noch im selben Jahr eine größere Bauhütte als Fachwerkbau errichtet.
1927 konnte das erste Haus der Jugendburg in Angriff genommen werden, 1930 wurde es
eingeweiht.48 Das längliche Haus mit Satteldach ist vor allem durch die Holzstützen an beiden
Seiten gekennzeichnet, daher als „Säulenhaus“ benannt. Ursprünglich war nur das untere Dach-
geschoss ausgebaut. 1977 brannte das Gebäude ab. Der heutige Nachfolgebau wurde bis 1979
mit einem zweistöckigen Dachgeschoss errichtet. Auffallend ist, dass die Holzstützen nicht in
gleichmäßigen Abständen stehen, sondern entsprechend den Eingängen und Fenstern immer ein
schmales und ein breites Joch im Wechsel aufweisen.49
Die Nationalsozialisten verboten die bündische Jugend und internierten Robert Oelber-
mann trotz dessen völkischer Gesinnung im KZ Dachau, wo er 1941 starb. Sein Zwillingsbruder
Karl nahm den Burgenbau 1954 wieder auf, „trotz großer Widerstände“, wie es heute auf einer
Gedenktafel am Burgtor heißt. Da er sich jedoch vehement gegen Neuerungen sperrte und seine
politische Einstellung ähnlich der seines Bruders eher im nationalen und völkischen Spektrum
lag, spaltete sich die Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V. (ABW) von den Nerother Wandervö-
geln ab. Sie errichtete oberhalb der Oberburg Waldeck in der Nachkriegszeit mehrere Neubauten.
Die Burgruine gehört dem Nerother Wandervogel, der allerdings kaum mehr durch ein ak-
tives Vereinsleben geprägt ist. Die heutige „Burg“ entstand erst lange nach Ende des Zweiten
Weltkriegs. Zunächst schachtete man 1957/59 den Halsgraben vor der Burg aus und errichte-
te eine Brücke mit Parabelbogen im Stile Buschhüters.50 Baubeginn der „Burg“ war um 1968,
bis 1974 wurde sie nach Plänen des Kölner Architekten J. Rohé erbaut. Es handelt sich um ein
Satteldachgebäude von schlichter Grundform mit einem kleineren Seitenflügel. Der mittelalter-
liche Mauerrest blieb neben dem Neubau erhalten. Vor der „Burg“ befindet sich ein Torhaus und
zwischen beiden liegt ein Graben, insoweit an mittelalterliche Burgen erinnernd. Das Torhaus
erhielt als bislang letzte Baumaßnahme 1990 ein neues Holztor. Heute ist die „Burg“ unzugäng-
lich und durch einen Zaun abgeschottet.
Neben diesen drei eindeutig als Jugendburg zu benennenden Anlagen gibt es weitere, die in
der Literatur gelegentlich oder von den Bauherren beziehungsweise den heutigen Nutzern als sol-
che bezeichnet werden. So die „Jugendburg Eichenkreuz“ bei Wedemark in Niedersachsen, die 1926
bis 1928 als Neubau im Stil einer viereckigen Burg mit Bergfried errichtet wurde. Bauherr war die
Vahrenwalder Kirchengemeinde. Für den Bau kamen Steine der Zeppelinhalle in Hannover zum
Einsatz, die nach dem Versailler Vertrag abgebrochen werden musste.51 Tatsächlich ist es aber kei-
ne Jugendburg, sondern ein kirchliches Landheim für Jugendliche, das 2001/03 unter Erhaltung
der Außenansichten völlig erneuert wurde. Auch bei Burg Hohnstein im gleichnamigen Ort in der
Sächsischen Schweiz handelt es sich um einen 1925 erfolgten Ausbau der Burg zu einer Jugend-
Jugendburgen 89
Die vielleicht wichtigste neuere Gründung ist die nieder-
österreichische Burg Streitwiesen (Abb. 10). Die Gründer, ehe-
malige Pfadfinder, erwarben sie 1972 und berufen sich nach-
drücklich auf die Ideale der Jugendburg. Sie wollen hier eine
konfessionell und parteipolitisch unabhängige „überbündi-
sche Begegnungsstätte“ schaffen.56
Fazit
Obwohl der Begriff „Jugendburg“ so prägend ist, dass
man heute gerne Dutzende Bauwerke darunter subsumieren
möchte, gibt es nur wenige Bauten aus der Zwischenkriegszeit,
bei denen es sich tatsächlich um Jugendburgen handelt, insbe-
sondere Ludwigstein, Rothenfels und Waldeck. Einige wenige
weitere entstanden im Zusammenwirken mit kirchlichen Institutionen, sind aber ähnlich den Abb. 10: Ehemalige Burgkapelle
drei genannten soweit selbstbestimmt und verfolgen die gleichen Aufgaben wie die bündischen der Burg Streitwiesen, um 2010
Jugendburgen, sodass man sie ebenfalls unter dem Begriff der „Jugendburg“ fassen kann. Insge-
samt liegt die Zahl der Jugendburgen bei kaum mehr als einem Dutzend. Baulich überwiegen die
mittelalterlichen Burgen, die durch Modernisierung der Innenräume und Hinzufügung einzelner
Nebengebäude der neuen Funktion angepasst wurden, gegenüber den vollständigen Neubauten.
Zur Entwicklung eines eigenständigen Architekturtyps kam es aufgrund der geringen Zahl von
Bauten und der sehr unterschiedlichen Vorgeschichte dieser Anlagen nicht. Deutlich zu unter-
scheiden sind bei den Jugendburgen die NS-Ordensburgen einerseits und die Jugendherbergs-
burgen andererseits.
1 Mein herzlicher Dank für zahlreiche Anregungen und die 6 Alexander Thon/Ulrich Stefan: Hambacher Schloss. Kästen-
Durchsicht des Textes gebührt Prof. Dr. Uwe Puschner, Berlin. burg – Maxburg (Schnell Kunstführer 1336). 5. neubearb. Aufl.
2 Die Definition, eine „Jugendburg [sei] eine als Jugendher- Regensburg 2005, S. 6.
berge genutzte Burg“, wie sie Reclams Wörterbuch der Burgen, 7 Richard Wagner: Mein Leben, Bd. 1. München 1911, S. 489.
Schlösser und Festungen. Hrsg. von Horst Wolfgang Böhme/Rein- 8 Literatur zum Historismus im Burgenbau siehe Mythos Burg
hard F
riedrich. Stuttgart 2004, S. 160–161. – Michael Losse: Kleine 2010 (Anm. 3).
Burgenkunde. Euskirchen 2011, S. 114, behaupten, ist falsch. Hierauf 9 Heinrich Ulrich Seidel: Der Weg zur ersten Jugendherber-
wies bereits Gabriele Nina Strickhausen-Bode: Stahls Stahleck. ge im westfälischen Altena. In: 100 Jahre Jugendherbergen
Ernst Stahl (1882–1957) und der Neuaufbau von Burg Stahleck am 1909–2009. Anfänge – Wandlungen – Rück- und Ausblicke. Hrsg.
Rhein – eine Jugendherberge der Rheinprovinz im Kontext von von Jürgen Reulecke/Barbara Stambolis. Essen 2009, S. 43–56.
Historismus und Heimatschutz, Jugendbewegung und Jugend- 10 Seidel 2009 (Anm. 9). S. 52.
burgidee. Diss. Marburg 2005 (Veröffentlichung der Deutschen 11 1912 laut [Link]/[Link]
Burgenvereinigung Reihe A: Forschungen 12). Braubach 2007, S. 64 [05.12.2012], 1914 laut [Link]/kultur-freizeit/
hin, die allerdings in früheren Artikeln selbst noch keine scharfe burg-altena/[Link]/ [20.11.2012] – Seidel 2009 (Anm. 9). S. 52.
Trennung zwischen Jugendherbergen und Jugendburgen vornahm: 12 Jens Friedhoff: Theiss-Burgenführer Sauerland und Sieger-
Gabriele Nina Bode: Die „Jugendburg“ Freusburg. Aspekte der land. 70 Burgen und Schlösser. Stuttgart 2002, S. 22–25.
Umnutzung und des Heimatschutzes in einer Burg im Westerwald. 13 Michael Buddrus: Schirrmann, Richard. In: Neue Deut-
In: Burgen und Schlösser im Westerwald. Historische Wohn- und sche Biographie, Bd. 23. Berlin 2007, S. 13–15. – Vgl. auch Ernst
Wehrbauten zwischen Sieg, Lahn, Dill und Rhein. Hrsg. von Andreas Stahl: Jugendherbergen in geschichtlichen Baudenkmälern. In:
Bingener/Jutta Heiligendorff. Hachenburg 1999, S. 83–91. Jugendherbergen. Rheinischer Verein für Denkmalpflege und
3 Vgl. Mythos Burg. Hrsg. von G. Ulrich Großmann. [Link]. Heimatschutz 20, 1927, H. 3, S. 25–101.
Germanisches Nationalmuseum. Nürnberg/Dresden 2010. 14 Irrtümlich in aktuellen Verzeichnissen z.B. URL:http://
4 Nina Günster: Blicke auf die Burg. Zeichnungen und Aqua- [Link]/wiki/Jugendburg [20.11.12] als „Jugendburg“
relle des 19. Jahrhunderts aus den Beständen Karl August von bezeichnet.
Cohausen und Botho Graf zu Stolberg-Wernigerode im Germani- 15 Almut Körting: Gustav Wyneken, die Jugendkulturbewegung
schen Nationalmuseum. Nürnberg 2010, S. 104–107. und die Idee der Jugendburg. In: Hotte Schneider: Die Waldeck.
5 So äußert sich Friedrich Gottschalck: Die Ritterburgen und Lieder, Fahrten, Abenteuer. Die Geschichte der Burg Waldeck von
Bergeschlösser Deutschlands, 9 Bde. Halle 1810, Bd. 1. 1911 bis heute. Potsdam 2005, S. 33–37.
Jugendburgen 91
Claudia Selheim
Die Anfänge
Am 4. November 1901 lud der Jurastudent und Wandervogel Karl Fischer (1881–1941)
je fünf Honoratioren und Schüler in einen Hinterraum des Steglitzer Rathauses ein. Ziel des Tref-
fens war die Gründung eines Ausschusses für Schülerfahrten. Unter den geladenen, der Jugend
nahestehenden Gästen befand sich auch der Schriftsteller und Sozialreformer Heinrich Sohnrey
(1859–1948), der seit 1894 mit seiner Familie in Steglitz lebte und dessen Söhne Wandervögel wa-
ren. Obwohl von ihm keine direkte Beeinflussung auf die Gruppierung ausging, fügte sich sein Tun
offenbar in das Konzept des Bundes ein. Sohnrey zog es immer wieder in die Umgebung Berlins,
wo er Überlieferungen, Märchen, Sagen, Bemerkungen zum Aberglauben oder Brauchtum sammel-
te und festhielt.1 Einen Namen machte sich der Initiator der evangelischen Dorfkirchenbewegung
und Geschäftsführer des Deutschen Vereins für ländliche Wohlfahrts- und Heimatpflege als Her-
ausgeber der Zeitschrift „Das Land. Ein Wegweiser für die Pflege des Schönen und des Heimatsinns
auf dem Land“, die zwischen 1892 und 1932 in Berlin erschien. Sie war zu Beginn des 20. Jahrhun-
derts ein wichtiger Titel, wenn es um Fragen der „Volkskunst“ ging. Das Erwandern von Kultur-
landschaften sowie das Wahrnehmen von „Heimatkunst“, wie es sich hinter Sohnreys Wirken ver-
birgt, bildete wiederholt ein Thema in den Periodika und Büchern der Jugendbewegung.
den und keiner Organisation verpflichtet. Man unterstützte die Weimarer Republik und wollte
die Mitglieder zu „neuen Menschen“ erziehen. Die Schlesische Jungmannschaft setzte sich für
Großfahrten ein, weil sie das durch den Krieg veränderte Europa einerseits über die Jugend er-
schließen und andererseits ihr fremde Kulturen in ihren unterschiedlichen Facetten nahe brin-
gen wollte. Ein Aspekt galt der Volksbildung. Seit 1926 konnten im Boberhaus in Löwenberg
Personen unterschiedlicher Schichten, vom Arbeiter bis zum Studenten, ein breit gefächertes,
internationales Bildungsangebot wahrnehmen. Ferner führte man bündische „Arbeitslager“
durch, die auf körperliche Arbeit, Bildung und musische Betätigung setzten. Ziel war letztlich
der verantwortlich handelnde Mensch sowie die Völkerverständigung. Meyer-Heisig, der 1922
die zur Zusammenführung der verschiedenen schlesischen Bünde wichtige Großfahrt nach Sie-
benbürgen mitgemacht hatte, verdankte diesem Umfeld einen Teil seiner Sozialisation.35 Der
Kunsthistoriker arbeitete seit 1931 an den Breslauer Kunstsammlungen. Ihm oblag dort später
der Bereich Volkskultur und er versuchte den meist aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen-
den Sachzeugnissen der damaligen Auffassung gemäß lange Kontinuitätslinien nachzuweisen.
Schon im Oktober 1945 trat er seinen Dienst am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg an.
Eine Vielzahl der von ihm getätigten Neuerwerbungen für die volkskundliche Sammlung stammt
aus Regionen wie Schlesien, die in Folge des Zweiten Weltkriegs nicht zur Bundesrepublik gehör-
ten. Diese Ausweitung der Sammlung hing zwar auch mit den vom Museum 1951 eingerichteten
Heimatgedenkstätten zusammen, in denen Exponate deutscher Kultur aus den Ostgebieten ge-
zeigt wurden. Ferner ergänzten Objekte aus den Sprachinseln und Siebenbürgen fortan die
Sammlung. Möglicherweise brachte Meyer-Heisig hier seine als Jugendlicher auf Fahrten ge-
wonnenen Kenntnisse über andere Kulturen und deren Objektivationen ein, denn sie waren der
„Keim für sein späteres Interesse am volkstümlichen Leben und an bäuerlicher Überlieferung.“ 36
Mit Ludwig Grote als Generaldirektor und Erich Meyer-Heisig als Sammlungsleiter waren
zwei durch die Jugendbewegung geprägte Wissenschaftler kurz nach dem Zweiten Weltkrieg am
Germanischen Nationalmuseum tätig. Aufgeschlossenheit gegenüber allen Sammlungen, Neugier-
de und Pragmatismus kennzeichneten beide. Bereits 1966 war in einem Nachruf auf Erich Meyer-
Heisig zu lesen: „[...] für die Wissenschaftsgeschichte der Volkskunde wird sich früher oder später
die Frage nach der Bedeutung der Jugendbewegung für das Ideengut des Faches stellen.“ 37
1 Günther Köhler: Steglitz um die Jahrhundertwende. Preußens 2 Oskar Schwindrazheim: Von alter und neuer Heimatkunst.
größtes Dorf, ein zentraler Ort des Bildungsbürgertums. In: Der In: Der Wanderer 3, 1908, S. 183–187, 209–213, 252–255. – Hans
Wandervogel. Es begann in Steglitz... Hrsg. von Gerhard Ille/Gün- Breuer: Karl Fischer. Ein Erinnerungsblatt aus dem Jahre 1910.
ter Köhler. Berlin 1987, S. 9–27, bes. S. 18. – Gerd Busse: Zwischen In: Das große Wandervogelbuch. Rudolstadt 1917, S. 26–28, bes.
Hütte und Schloss. Heinrich Sohnrey. Schriftsteller • Sozialrefor- S. 27. – Schwindrazheim publizierte u.a. auch in der Zeitschrift
mer • Volkskundler. Holzminden 2009, bes. S. 81–84. „Das Land“.
„Sie werden „Die grauen Nebel hat das Licht durchdrungen, und die düstern Tage sind
dahin. Wir sehen eine blaue Schar von Jungen an der lauten Stadt vorüber-
Männer,
ziehn.“1 Was in diesem zu Beginn der 1930er Jahre entstandenen Liedtext,
aus dem auch der Titel zum vorliegenden Beitrag stammt, wie eine Anspie-
lung auf das viel gesungene Lied „Aus grauer Städte Mauern“ beziehungs-
Weltwirtschaftskrise nahm nun eine mit viel Begeisterung, mit neuen Ideen und Stilformen aus-
gestattete dritte Jugendbewegungswelle ihren Anfang, die der Jungenschaft. Dabei ging es nicht
zuletzt auch um eine Generationenablösung: Viele Heranwachsende aus der Altersgruppe der
im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg Geborenen besaßen inzwischen keine engere Beziehung
mehr zum „Tandaradei“ der Volks- und neuen Wanderlieder ebenso wie zur Melancholie der auf
Kriegserfahrungen zurückgehenden Jungmännerbundlieder, obwohl sie solche Lieder weiterhin
gerne sangen. Eine idealistisch überhöhte Vorstellung von einem heldischen Jungmänner- und
Soldatentum bestimmte stattdessen viele der neu geschaffenen Lieder, wobei zusätzlich entspre-
chende ausländische Lieder in deutscher Übersetzung eine Rolle spielten, etwa „Platoff preisen
wir den Helden“ aus dem Repertoire des in diesen Kreisen verehrten Donkosakenchores von Serge
Jaroff (1896–1985). Jugendbewegte Angehörige der Geburtsjahrgänge ab etwa 1907 wie zum Bei-
spiel Werner Helwig (1905–1985), Eberhard Koebel und Erich „Olka“ Scholz (1911–2000) liefer-
ten – ebenso wie auf andere Weise eine Reihe von NS-Autoren, allen voran Baldur von Schirach
(1907–1974) – von nun an Texte, die alle ein neues kämpferisches Jungmännerbild beschworen.
Typisch für eine veränderte Stimmungslage in der Altersgruppe der jetzt etwa 25-jährigen Lie-
dermacher sind zum Beispiel folgende Zeilen aus dem dj.1.11-Lied „Silberglänzende Trompete“:
„Feige Friedensträume spielen mit den sonnverbrannten Söhnen. Seid Soldaten! Zehn bleiche
Männer woll’n nach Haus, ein Wink, – sie treten aus der Reihe. Das alte Heer ist wieder jung, die
Trommel spricht: Appell ist aus!“ 3 Und noch nachdrücklicher wird die neue Maxime in einer Stro-
phe des Liedes „Die Seidenfahne“ mit den Worten besungen: „Spar uns nicht, wir sind bereit, das
Leben ist nicht mehr als Maienblüte. Werft es hin und Hass und Neid wäscht unser Blut weg für
alle Zeit!“ 4 Die in manchen vorher entstandenen Liedern anklingenden bedrückenden Erfahrun-
gen der etwa zehn bis fünfzehn Jahre älteren Frontsoldatengeneration sind offenbar nun beiseite
geschoben worden. Aber auch noch ein zweites Erfahrungsfeld der Jugendbewegungsbünde der
1920er Jahre wurde in den Jungenschaften, allen voran von „Tusk“, zurückgewiesen: der Trend, die
Bünde zu Lebensbünden werden zu lassen. Ein Zentralbegriff der Jungenschaften lautete näm-
lich „Selbsterringung“: Dem in einer „Jungenschaftshorte“ heranwachsenden „Selbsterringenden“
wurde zur Aufgabe gemacht, „sich selbst hinauf zum Licht“ zu bringen und beim Übergang in den
Status des jungen Erwachsenen selbstständig, das heißt ohne den Einfluss eines ihn gängelnden
Lebensbundes oder eines ihn ständig lenkenden Führers zu einem Mann zu werden, der dann
zwecks Schaffung eines neues Reiches zum kämpferischen Einsatz bereit war.5 Deshalb lautet
die letzte Strophe des einleitend zitierten dj.1.11-Liedes vorausweisend: „Sie werden Männer, die
ihr Reich erringen, die es schützen vor dem großen Feind. – Die Augen strahlen und die Lieder
klingen, und die Herzen sind im Kampf vereint.“
Die erwähnten Liedzeilen aus dem Umfeld der Jungenschaften, also der dj.1.11 und einiger
benachbarter Bünde haben zwar partiell zeittypische, aber letztlich doch recht extreme und – aus
der Rückschau mit dem Wissen um das weitere Schicksal der angesprochenen Altersgruppe –
auch bedrückende Perspektiven beschworen. Allerdings sollte nicht unterschätzt werden, wie
sehr das „Jungenschaftliche“ unmittelbar oder durch die Vermittlung von Kennern der Szene für
viele junge Männer damals prägend war und zum Teil zu Widerständigkeit gegen das NS-Regime
bis hin zu den Aktivitäten der Weißen Rose um die Geschwister Scholl einerseits und der soge-
nannten Edelweißpiraten mit ihren Liedern andererseits geführt hat.6
1 Zuerst abgedruckt in: Lieder der Eisbrechermannschaft. 6 Ausführlich zum anfänglichen jungenschaftlichen Einfluss,
Neue Lieder auf deutschen Straßen, Vorwort von tusk besonders „Tusks“, auf viele NS-Jungvolkgruppen zum Beispiel
(Eberhard Koebel). Plauen, Juli 1933, S. 4. die Autobiografie des späteren Gründers der Humanistischen
2 Aus der inzwischen breiten Literatur zur dj.1.11 sei hier nur Union Gerhard Szczesny: Als die Vergangenheit Gegenwart
genannt: Helmut Grau: dj.1.11. Struktur und Wandel eines subkultu- war. Frankfurt a.M./Berlin 1990. Siehe auch Jan Krauthäuser/
rellen Milieus. Frankfurt a.M. 1976. – Außerdem: tusk. Gesammelte Doris Werheid/Jörg Seyffarth: Gefährliche Lieder. Lieder und
Schriften und Dichtungen. Hrsg. von Fritz Schmidt. 2., überarb. Geschichten der unangepassten Jugend im Rheinland 1933–1945.
Aufl. Stuttgart 1996. – Fritz Schmidt: Um tusk und dj.1.11. 75 Jahre Köln 2010.
Deutsche Jungenschaft vom 1. November 1929. Edermünde 2006.
3 Abdruck des Liedes in: Lieder der Eisbrechermannschaft 1933
(Anm. 1), S. 10.
4 Abdruck des Liedes in: Soldatenchöre der Eisbrechermann-
schaft. Hrsg. von tusk. Plauen 1934, S. 11.
5 Siehe dazu Eberhard Koebel: Der gespannte Bogen. Eine
Flugschrift zur deutschen Jungenschaft. Wiederabdruck in: tusk.
Gesammelte Schriften 1996 (Anm. 2), S. 193–203.
99
Jürgen Reulecke
Soziale Bewegungen werden nachweislich oft nach etwa zehn bis fünfzehn Jahren durch Ange-
hörige der inzwischen nachgewachsenen Altersgruppe wenn nicht revolutioniert, so doch re-
formiert und neu ausgerichtet. Der nach dem Kriegsende 1918/19 meist von jungen Frontsolda-
ten bestimmte „bündische Aufbruch“ 1 war zwar für Angehörige der Frontgeneration des Ersten
Weltkriegs für die Folgejahre durchaus attraktiv, nicht jedoch für die aus der Generation der
Kriegsjugendlichen und -kinder stammenden junge Leute; sie nahmen neue geistige Horizonte
in den Blick, setzten in ihren Gruppen andere inhaltliche Akzente und erfanden zudem eigene,
später in diesem Essay näher erläuterte Stilformen.2 Allerdings zeigte nun dieser dritte jugend-
bewegte „Aufbruch“ nur kurze Zeit in den jugendbündischen Kreisen Wirkungen, denn Baldur
von Schirach (1907–1974) sorgte nach der NS-Machtergreifung für das Verbot der bündischen
Jugend insgesamt und vor allem der als starke Konkurrenz für die Hitlerjugend beurteilten Jun-
genschaftsbewegung, die er für „kulturbolschewistisch“ hielt. Noch 1936 hieß es in einem inter-
nen NS-Bericht, diese habe „sich zum Ziel gesetzt, […] Hitlerjugend und Deutsches Jungvolk von
innen heraus zu zersetzen, um sie ihren Zielen dienstbar zu machen.“3
Der Ausdruck „Jungenschaft“ hatte sich zwar bereits im Laufe der 1920er Jahre als Be-
zeichnung für jugendbewegte Gruppen der etwa 12- bis 18-jährigen Jungen durchgesetzt, so
zum Beispiel in der Deutschen Freischar, im Deutschen Pfadfinderbund und auch im CVJM, dem
Christlichen Verein Junger Männer. Als Begriff bekam „Jungenschaft“ am 1. November 1929 je-
doch eine bemerkenswerte neue Präzisierung, als der damals 22-jährige Eberhard „Tusk“ Koebel
aus Stuttgart (1907–1955) als eine Art Protestbewegung gegen die inzwischen durchweg von äl-
teren Führern geleiteten Bünde der Jugendbewegung die „Deutsche Jungenschaft vom 1. Novem-
ber 1929“ (dj.1.11) ins Leben rief. Er polemisierte damit nicht zuletzt vehement gegen das sich
mehr und mehr durchsetzende Prinzip des Lebensbundes in der Deutschen Freischar und in den
meisten übrigen Wandervogel- und Pfadfinderbünden, das heißt die lebenslange Verbundenheit
der Mitglieder. Mit der Gründung dieser dj.1.11 begann die dritte Phase der bürgerlichen Ju-
gendbewegung nach der ersten, der des Wandervogel beziehungsweise der Freideutschen Jugend
in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, und der zweiten, der der „Bündischen Jugend“ seit den
frühen 1920er Jahren: In allen drei Fällen war einer der wichtigsten Gründe für den jeweiligen
Neuaufbruch eine Art „Aufstand der Jungen gegen die Alten“. Parallel zur dj.1.11 und zum Teil in
Kontakt mit ihr entstanden gleichzeitig ähnliche Bünde, beispielsweise die „jungentrucht“ von
auch in der damaligen bürgerlichen Jugendbewegung waren wohl weniger als 100.000 Personen
engagiert, doch beschränkten sich die Anstoß gebenden Wirkungen der verschiedenen Jungen-
schaftsbünde, allen voran der dj.1.11, nicht nur auf die bündische Szene um 1930, sondern ohne
Zweifel darüber hinaus ganz erheblich auf viele Gruppen der konfessionellen Jugendverbände
ebenso wie der Arbeiterjugendbewegung. Sie sollten zudem noch nach 1945 das Wiederaufleben
der Jugendbewegung stark mitbestimmen. Dieses Urteil bezieht sich zum einen auf die her-
ausfordernden Botschaften, den klaren direkten Sprachstil und die eigenwillige Ästhetik, nicht
lenken“ würden und die ausschließlich jungmännliche Selbsterziehung in der Jungenschaft die
Voraussetzung zur späteren Beteiligung an der Schaffung eines „neuen Reiches“ sei.8
In der Anfangsphase des „Dritten Reiches“ versuchten viele Jugendbewegte, sich mit
dem Regime zu arrangieren und ihre bündischen Ideen mit den Forderungen des National-
sozialismus in Verbindung zu bringen.9 Es entstanden jedoch
gleichzeitig diverse von der Jungenschaft und deren Stilformen
geprägte ‚Gegenmilieus‘ in unangepassten Gruppen, die sich
der Gleichschaltung widersetzten und Freiräume jugendlichen
Eigenlebens für sich behaupten konnten. Zudem waren anfangs
auch manche Gruppen des Jungvolks von bündischen Traditio-
nen beziehungsweise Vorbildern erheblich beeinflusst: In seiner
Autobiografie hat zum Beispiel der Journalist Gerhard Szczezny
(1918–2002), der spätere Gründer der Humanistischen Union, ausführlich dargestellt, welche Abb. 3: Gürtel mit Koppelschloss,
„außerordentliche Wirkung“ „Tusk“ und der Jungenschaftsstil auf seine Königsberger Jung- dj.1.11, Horte Berlin, um 1932
(vgl. [Link]. 187)
volkgruppe ebenso wie auf viele weitere Kreise des Jungvolks ausgeübt habe. Es sei vor allem
der „individualethische Individualismus“, also „der kulturell-ästhetisch anspruchsvolle, an
die Selbstdisziplin größere Anforderungen stellende dj.1.11 Stil“ gewesen, der davon geprägte
junge Leute in der Folgezeit gegen „alle Totalitätsansprüche stellenden Politizismen immun“
gemacht habe.10 Dieses jungenschaftliche Gegenmilieu, zunehmend durch die Gestapo verfolgt,
bestimmte neben weiteren illegal fortbestehenden bündischen Gruppen auch die Szene der
widerständigen „Edelweißpiraten“ im Rheinland ebenso wie Kreise der katholischen „Sturm-
schar“. In einem Bericht der Mönchengladbacher Staatsanwaltschaft aus dem Jahre 1935 heißt
es etwa, Gruppen dieser Art übten eine erheblich stärkere Anziehungskraft auf die Jungen aus
Juden jugendbewegt1
„Jugendbewegt“ waren auch viele Juden, die in Europa im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts,
also in der Entstehungszeit der Jugendbewegung, aufgewachsen sind. Die Anfänge der jüdischen
Jugendbewegung liegen in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg. Die Jugendkultur, die sich
im deutschen Bürgertum seit der Kaiserzeit verbreiten konnte, hatte auch den jüdischen Teil
erfasst. Als dann Juden aus dem Wandervogel ausgestoßen wurden und sich unter ihnen ein
jüdisches (National-)Bewusstsein bildete, entstand eine jüdische Jugendbewegung. Ihre Mitglie-
der orientierten sich an den schon bestehenden Vergemeinschaftungen, jedoch traten bereits vor
und deutlicher nach dem Ersten Weltkrieg jüdische Inhalte und Traditionen in den Vordergrund.
Als erste Jugendgruppe wurde 1909 der „Verband jüdischer Jugendvereine Deutschlands“
gegründet, ein Jahr später die „jüdisch-liberalen Jugendvereine“ und 1912 folgte die jüdische Ant-
wort auf den Wandervogel: der jüdische Wanderbund „Blau-Weiß“. Bereits 14 Jahre zuvor war „Bar
Kochba“, der erste deutsch-jüdische Sportverein, in Berlin ins Leben gerufen worden. Sowohl bei
„Blau-Weiß“ als auch bei „Bar Kochba“ handelte es sich um die organisierte jüdische Jugend, die
auf eine ablehnende, ausdrücklich antisemitische Haltung in ihrer Umgebung reagierte und sich
dabei (national)jüdischer Symbole bediente, zum Beispiel erfuhren nationale historische Helden-
gestalten eine neue Wertschätzung.
Die bereits genannten und auch die später gegründeten jüdischen Gruppierungen lassen
sich in zwei Kategorien einteilen – einerseits in diejenigen mit einem nationaljüdischen (zionis-
tischen) und andererseits in die mit einem assimilatorischen Programm. Während „Blau-Weiß“
mit dem Zionismus sympathisierte, standen die liberalen Jugendvereine oder die 1916 gegrün-
deten „Kameraden“ diesem ablehnend gegenüber.
Die jüdische Jugendbewegung erlebte in wenigen Jahren starke Veränderungen: „Blau-
Weiß“ war bereits in den 1920er Jahren zerstritten und zerrieben, während sich die „Kameraden“
zu Beginn der 1930er Jahre spalteten und eine Gruppe, die „Werkleute“, den Weg zum Zionismus
und nach Palästina fand. Angemerkt sei, dass es die Spaltung zwischen Zionisten und Antizio-
nisten beziehungsweise Assimilanten, die für die jüdische Jugendbewegung kennzeichnend ist,
sogar innerhalb des jüdisch-orthodoxen Bundes „Esra“ (gegr. 1919) gab. Der Aufstieg des Natio-
nalsozialismus führte jedoch in der jüdischen Jugendbewegung wie auch im deutschen Juden-
tum mehr und mehr zu einer pro-zionistischen Haltung (Abb. 1).
Seit dem Ersten Weltkrieg gewann außerdem ein weiterer Unterschied an Bedeutung, näm-
lich der zwischen bürgerlicher und sozialistischer Jugendbewegung. Die in Galizien gegründe-
te sozialistische Gruppe „Hashomer Hazair“ mit ihrer Forderung nach einem „neuen jüdischen
Deutsche Wurzeln
Anders als die deutsche Jugendkultur, die im Wesentlichen ab 1933 in die
Hitlerjugend mündete, ging die deutsch-jüdische entweder in Auschwitz verloren, weil ihre Ver-
treter dort und an anderen Orten des Schreckens ermordet wurden, oder ihre Mitglieder ent-
schieden sich zwischen 1933 und 1941 – als die Auswanderung aus Deutschland noch möglich
war – für das Exil. Das, was ab 1933 geschah, führte nicht nur zu einer tiefen Zäsur in der Ge-
schichte der jüdischen Jugendbewegung, sondern auch zu einem Erinnerungsbruch.2
Der Historiker Shmuel „Muki“ Zur äußerte in einer 1993 aus Anlass des 60. Gründungstages
der deutsch-jüdischen Gruppe „Habonim“ gehaltenen Rede: „Insgesamt war die Jugendbewegung
ein enormes historisches Fiasko. Nur in einer Ecke der Welt hat sie etwas Dauerhaftes geschaffen
– im zionistischen Unternehmen.“ Damit meinte er, dass die deutsch-jüdische Jugendbewegung
nicht in Deutschland, sondern lediglich im zionistischen Judentum erfolgreich gewesen sei.3 Dies
führte auf dem Weg von Deutschland nach Israel dazu, dass neue Bilder die alten überschatten
konnten. Die Frage der Erinnerungsbrüche ist deshalb außerordentlich komplex.
Um das zu veranschaulichen, soll ein Beispiel angeführt werden: Wie kam es zur Ge-
staltung des im Folgenden beschriebenen Plakats in den 1940er Jahren? Es hing lange Zeit an
der Wand des Rothschild Boulevards 12 in Tel Aviv. In der Mitte des Plakats befindet sich die
Landkarte Groß-Israels aus der Sicht der rechts gerichteten Zionisten (Revisionisten): ein sich
auf beide Ufer des Jordan erstreckendes Gebiet, in der Mitte das Jordantal, bedeckt von einem
Gewehr, daneben die Parole „Nur so“. Es handelt sich also um ein typisches Produkt der re-
visionistischen paramilitärischen Organisation „Ezel“ (bzw. „Irgun“). Allerdings sind auf dem
Plakat noch zwei weitere fett gedruckte Zeilen in hebräischer Sprache zu lesen: „Der Gott, der
Eisen wachsen ließ, er wollte keine Knechte.“ Ob es Wladimir Jabotinsky (1880–1940) war, der
Ideologe der Revisionisten, der diesen Satz aus dem deutschen Arsenal in deren Propaganda
hineintrug, oder ein ehemaliger jugendbewegter Zionist aus Deutschland, ist unklar. Kaum
ein Revisionist wusste, wer Ernst Moritz Arndt (1769–1860) war, aber die Verbindung dieser
Die Nation
Angeblich war die Kluft zwischen Juden, die zu einer zionistischen, also national
jüdischen Gruppe und denen, die zu einer „assimilierten“ Gruppe gehörten, vor allem bezüglich
ihrer Auffassungen zur „Nation“ besonders tief: hier die jüdische Nation, dort die deutsche. Doch
auch bei jenen, die sich zur neu erfundenen jüdischen Nation bekannten, waren Sprache,
Symbolik und sogar die Inhalte des deutschen Nationalismus eine zentrale Quelle. Die bereits
erwähnte „Judaisierung“ des Vaterlandsliedes von Arndt ist in diesem Zusammenhang ein gutes
Beispiel. Der Zionist Walter Preuß (1895–1984) gab in seiner Autobiografie „Ein Ring schließt
sich. Von der Assimilation zur Chaluziuth“ zu, dass die „radikalzionistische Erziehung in der
Maccabäa [...] auf seltsame Weise mit deutscher Gedankenwelt verbunden“ gewesen sei. „Ich er-
innere mich, dass jener Erziehungskurs, der mich [als junger Student im ‚Bund jüdischer
Studenten’] mehr als anderes beeinflusste, der Kurs über Nationalismus unter der [...] Leitung
von Kurt Blumenfeld [später Leiter der zionistischen Organisation in Deutschland], angelehnt
[war] [...] an Fichtes ‚Reden an die deutsche Nation‘“.4 Was die erste deutsch-jüdische, eigentlich
zionistische Gruppe „Blau-Weiß“ betrifft, war Preuß überzeugt: „Der Blau-Weiß war geboren aus
dem Geiste der deutschen Jugendbewegung“, und dieser Geist beruhte auf „Fahrt, Feuer, Lied,
Ton, Tracht, Haltung“.5
Nur stellte sich von Beginn an die Frage: Wie konnte in der Jugendbewegung etwas Deut-
sches für jüdisch gehalten werden? Moses Calvary (1876–1944), ehemaliger Wandervogel und
dann Blau-Weiß-Mitglied, formulierte bereits im Jahr 1916 diese Frage: Das Wandern sei doch
deutsch, „wie könne es die Intensität unseres Judentums steigern?“ Man solle „die jüdischen Ten-
denzen innerhalb des ihnen gegebenen Rahmens zu jüdischen Erlebnissen reifen lassen“, lautete
seine Antwort.6 Dem Tenor nach wiederholte Calvary das, was er bereits zwei Jahre vorher ge-
schrieben hatte: „Auch euer Wandern, obwohl nicht auf rein jüdischen Instinkten erwachsen, soll
euch helfen, den Mut zu euch zu finden.“ 7 So wurde die deutsche Art, die Wurzeln des eigenen
Volkes durch das Wandern zu entdecken, auf deutschem Boden sogar von der jüdisch-nationalen
Jugend übernommen, um ein nationaljüdisches Bewusstsein zu begründen. Noch extremer kam
diese Denkart in dem orthodoxen Bund „Esra“ (deutsch: Hilfe) zum Ausdruck. Zwar ging man
dort von der Fremdheit in der deutschen Gesellschaft aus, befürwortete aber das Wandern, das
den Einfluss der jüdischen Lehre auf das Leben der Juden stärken sollte.8
Man versuchte also, in den vertrauten Rahmen neue Inhalte und Erlebnisse einzufügen.
Dass die Unterscheidung zwischen Form und Inhalt, Rahmen und Essenz schwierig ist, ist auch
aus anderen Zusammenhängen bekannt. In den „Blau-Weiß-Blättern“ erschien kurz vor Kriegs-
beginn 1914 ein Aufsatz mit dem Titel „Der jüdische Held“, in dem der Verfasser nach dessen
Idealbild suchte: Am Ende blieb für ihn „nur Dietrich von Bern […], der germanische Mann“. Er
stellte sich selbst die Frage: „Woher das käme, dass ein germanischer Volkstyp unser Mannes
ideal geworden ist?“ und fand die Antwort darin, dass Dietrich im Vergleich zu den prominenten
Personen des jüdischen Mittelalters diesen eindeutig überlegen sei und deswegen zum Vorbild
des jüdischen Helden Bar Kochba werden musste. Wären die Blau-Weiß-Mitglieder nicht Pro-
dukte der deutschen Erziehung gewesen, wäre der Autor auch nicht auf die Idee gekommen, den
Gotenkönig Dietrich als mustergültigen Herrscher zu stilisieren.9
Die Ideologie
Die jüdische Jugend stand in der Weimarer Republik wie die deutsche Gesellschaft
insgesamt im Zeichen der Konfrontation zwischen Stadt und Land, Moderne und Romantik, Kapita-
lismus und Sozialismus, Nationalismus und Internationalismus. Wollte ein jüdischer Jugendlicher
einer jüdischen Jugendbewegung angehören oder nicht – mit dieser Frage musste er sich befassen.
In einem programmatischen Aufsatz in den „Blau-Weiß-Blättern“ unter der Überschrift „Was wir
wollen“ wurde die Richtung bereits vor dem Krieg vorgegeben: „Wir wollen [...] die Großstadtjugend
– und die jüdische Jugend ist ja nun mal besonders eine Großstadtjugend – [...] durch die Berührung
mit der freien Natur zu freien und gesunden Menschen […] machen.“ Was das Jüdische in diesem
Prozess ausmachen sollte, wurde in dem Programm folgendermaßen erläutert: Wir wandern „nicht
am Sabbat, kochen in unserem Hordentopf koscher [...] grüßen uns und die anderen mit dem jüdi-
schen Ruf Schalom etc.“ 12 Die jüdisch-orthodoxe Gruppe „Esra“ formulierte Ähnliches überraschen-
derweise noch pointierter: „Unsere Zivilisation, das Zeitalter der Maschine, das Stadtleben – all das
steht im Widerspruch zur Natur und muss auch im Judentum verneint und bekämpft werden.“ 13
Die Landschaft
Stark geprägt war die deutsch-jüdische Jugend, gleich in welcher Gruppierung
sie aktiv war, auch von der deutschen Landschaft sowie von den deutschen Landschaftsbildern
und -vorstellungen. Schließlich bildete das Wandern im Wald oder auf der Heide in allen jüdi-
schen Jugendgruppen die populärste Beschäftigung (Abb. 3).21
Diese Landschaften konnten sich paradoxerweise auch in „jüdische Landschaften“ verwan-
deln. Nennen wir ein Beispiel: Seit dem 19. Jahrhundert waren bekanntlich der Rhein („Deutsch-
lands Fluss, nicht Deutschlands Grenze“) und die „Wacht am Rhein“ in hohem Maße national
aufgeladen. Dieses Symbol „Rhein“ konnten sowohl Juden in Deutschland als auch die nach
Palästina ausgewanderten ganz bewusst weiter
in ihrer Erinnerung an Deutschland behalten; sie
ersetzten den Rhein durch einen jüdischen Fluss –
den Jordan. Der Verfasser der später zur National-
hymne gewordenen „Hatikva“, Herz Imber (1856–
1909), schrieb noch vor dem Ersten Weltkrieg das
Lied „Die Wacht am Jordan“. Die aus dem Hebrä-
ischen übersetzten ersten Zeilen lassen eindeutig
die Worte von Max Schneckenburger (1819–1849)
erkennen: „Wie Donnerhall vom Himmel, wie ein
feuriger Ruf, kommt der Ruf aus Jerusalem: Eilt
in das Land der Väter. Zum Jordan, zum Jordan.“
In Palästina gab es am Jordan tatsächlich eine
neue Kolonie namens Mismar Ha‘Jarden, „Wacht
am Jordan“. Die aus Deutschland immigrierte Ju-
gend, die auf „deutsche Art“ wandern und singen
gelernt hatte, musste nur die Vorzeichen wechseln, die Essenz blieb unverändert. Es war auch Abb. 3: Frankfurter Gruppe des
kein Zufall, dass die revisionistische Jugendbewegung in Palästina ihre Zeitschrift „Wacht am Jugendbundes „Blau-Weiß“ am
Lagerfeuer, Fotografie, 1924
Jordan“ nannte, eine Zeitschrift, die im Jahr 1935 sogar bereit war, eine positive Bewertung des
Faschismus vorzunehmen.22 Da für die wandernde Jugendbewegung Wald und Flora so wichtige
Anhaltspunkte waren, gehörten die deutsche Eiche und die deutsche Tanne auch zur deutsch-
jüdischen Landschaft. Aber bereits in Deutschland, und vor allem nach der Auswanderung,
musste man sich an die palästinensische Landschaft anpassen – der Baum und der Wald blie-
ben als nationale Ikonen, nur wurden jetzt die Zeder oder die Orangenplantagen zum jüdischen
Ersatz für das deutsche Original.
Der Übergang – oder Wechsel – zur palästinensischen Landschaft hat nicht nur mit der
Natur, sondern auch mit den in der Landschaft situierten Denkmälern zu tun. Das Zusammen-
wirken von Geografie und Geschichte, das sich in Palästina anbot, resultierte aus einem Bruch
mit den deutschen Traditionen, in denen man aufgewachsen war. Auch hier war die Mischung
neu, nicht aber das Muster. So präsentierten sich Massada, Betar, Tel Chai als neue Erinne-
rungsorte, doch erinnerten diese spezifisch jüdisch-israelischen Orte an deutsche Stätten und
Mythen. Betar, unweit von Jerusalem, war Bar Kochbas letzte Festung, als er den Aufstand
gegen Rom in den Jahren 132 bis 135 wagte, und er fungierte letztendlich im nationaljüdi-
Erinnerungstransfer
Über ihre Vergangenheit in der Jugendbewegung in Deutschland haben die
nach Palästina emigrierten deutschen Juden später verschiedenartig Auskunft gegeben. Jutta
Hetkamp hat diese Erinnerungen systematisch, mit Hilfe von Fragebögen, untersucht. Im Nach-
hinein sagten zwei ehemalige Mitglieder der „Kameraden“: „Uns allen war [als wir in Deutsch-
land waren] klar, daß wir Deutsche sind“ und „Wir waren natürlich Deutsche wie alle anderen,
wir hatten nur eine andere Religion“. Diese Einstellung war auch bei „Ostjuden“, die zum „Blau-
Weiß“ gehörten, ausgeprägt: Ich „war nicht weniger von deutscher Kultur wie mein Nachbar, der
aus einer assimilierten Familie stammt“.23
Die Interviewten gaben offen zu, dass sich in der individuellen Erinnerung typische
Elemente der früheren Jugendbewegung niederschlugen. Sie erinnerten sich, „sehr stark an die
Meißnerformel gebunden“ gewesen zu sein und betonten unter anderem, welchen Einfluss Stefan
George (1868–1933) gehabt habe. Aber auch die Erinnerung an die politischen Auseinanderset-
zungen im Deutschland der 1930er Jahre – vor und nach dem 30. Januar 1933 – blieben lebendig
und es wurde versucht, rückwirkend eine Kontinuität zu konstruieren: Mitglieder der Jugendor-
ganisation „Hashomer Hatzair“ erwähnten die Auseinandersetzung mit den Rot-Front-Gruppen
innerhalb der deutsch-jüdischen Jugend, die „ganz treudeutsch“ waren, und behaupteten, „die
Bekämpfung dieser Abwanderung in die verschiedenen sozialistischen und kommunistischen
Formationen [...] mit Erfolg geführt“ zu haben.24 Auch eine Szene, die während eines Bundes-
tages des „Jung-Jüdischen Wanderbundes“ (JJWB) 1930 auf Burg Ludwigstein stattfand, bei
der Angehörige der Hitlerjugend verprügelt wurden, zählte ebenso zum kollektiven Gedächtnis
beziehungsweise zum Mythos und zur Erinnerung an den Punkt, an dem sich in der deutschen
Jugendbewegung die Wege schieden – der eine, der in den Nationalsozialismus, und der andere,
der nach Israel führte.
Dieses Bild der bereits in Deutschland vorbereiteten Brücke zur zukünftigen Verwirk-
lichung der Ideale in Eretz Israel gehörte genauso zur Erinnerungskonstruktion wie das
retrospektiv konstruierte Bild einer intensiven Beschäftigung mit dem Thema Eretz Israel
überhaupt, auch dort, wo es dafür keine Beweise aus den 1920er Jahren gibt.25 Dass das „Dritte
Reich“ die Juden ausgestoßen hat und die Jugend zum Auswandern zwang, erklärt den psycho
logischen Mechanismus, der die Erinnerung an eine Entscheidung schafft, die angeblich vor
1933 getroffen wurde, das heißt nicht nur aus der NS-Politik resultierte. Doch war diese Kon-
struktion eine versuchte Antwort auf das große Problem dieser Gruppe im neuen Land – die
gescheiterte Integration in die neue Gesellschaft. Für die Jugend wie für die Erwachsenen in
Palästina, die die Auswanderer aus Nazi-Deutschland integrieren sollten, waren die einge-
wanderten deutschen Juden zu deutsch und zu wenig zionistisch. Eine Teilnehmerin an der
60-Jahrfeier der „Habonim“ beklagte die mangelnde Bereitschaft der Kibbuz-Bewegung der
1930er Jahre, spezielle Kibbuzim für deutsche Einwanderer mit ihrem „besonderen kulturel-
len und bildungsmässigen Hintergrund“ zu erlauben. Sie warf der Kibbuzim-Bewegung sogar
den Versuch der erzwungenen Assimilierung der deutschen Juden vor, während ein anderer
Teilnehmer von der Diaspora, dem schmerzhaften „Galuth-Leben im Lande“ (Eretz Israel), also
von der Isolation innerhalb der neuen Gesellschaft sprach!26 Dort ausgestoßen, hier missver-
standen und isoliert – ein doppeltes Trauma.
„Wir waren im Grunde unpolitisch“ – so erinnerten sich nach 1945, wenn nach dem Verhältnis
der einstigen Jugendbünde zur Weimarer Republik und zum „Dritten Reich“ gefragt wurde, die
meisten jugendbewegten Veteranen an ihre Jugendzeiten und ihr Leben in den damaligen Grup-
pen. Diese Aussage ist aufschlussreich, sie verweist zunächst einmal auf das Eigenverständnis
derjenigen, die sie machten, vielleicht auch auf deren Wunsch, dass Erinnerungen an erlebnis-
reiche Jahre in der jugendlichen Gemeinschaft nicht durch Debatten über Politikhistorie getrübt
werden sollten. Vielfach verband sich damit in der Haushistoriografie bürgerlicher Jugendbe-
wegung nach dem Ende des „Dritten Reiches“ auch das Argument, mit dem Jahre 1933 sei ja das
„Bündische“ durch staatlichen Zwang an sein Ende gekommen, insofern mache es wenig Sinn,
dessen Nähe, Distanz oder Widerspruch zum Nationalsozialismus zu erforschen und darüber zu
streiten, die Lebenszeit der Bünde sei zu kurz gewesen, um politische Relevanz hervorzubringen.
Plausibel ist sicherlich, dass auch in den Zeiten der Weimarer Republik Jugendliche im
Alter von 14 bis 18 Jahren – und die stellten den Großteil der Angehörigen bündischer Gruppen –
vorrangig andere Interessen hatten, als sich mit Fragen der großen Politik auseinanderzusetzen
und hier ihren Standpunkt zu bestimmen. Aber dennoch geschah auch in Bünden ohne partei
politische Orientierung so etwas wie politische Sozialisation, mehr oder weniger ausdrücklich,
vermittelt über Semantik und Symbolik, über die Formen des Gruppenlebens, über das Angebot
von „Kultliteratur“, auch über das Repertoire an Liedern und über die Auswahl von Fahrten
zielen. Im „Unpolitischen“ steckte sehr häufig Politisches. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Es
hatte einen politisch sozialisierenden Effekt, ob in der Gruppenbücherei einer deklariert „un-
politischen“ Gruppe Bücher des sozialkritischen pazifistischen Schriftstellers Leonhard Frank
(1882–1961) oder solche von Ernst Jünger (1895–1998) zu finden waren,1 ob die Großfahrt zu den
Volksdeutschen nach Bulgarien oder zu den Lappen in Nordskandinavien führte.
Ein Blick weiter zurück: Im Wandervogelleben vor 1914 war die Welt der Politik noch weit-
gehend außen vor geblieben, jugendromantische Bedürfnisse bestimmten die Gruppenmentalität.
Der Erste Weltkrieg bedeutete auch in dieser Hinsicht einen Epochenbruch – die Zeit einer gesell-
schaftlich „naiven“ Jugendbewegung war damit vorbei, alle Bünde kamen unter den Druck der
Politisierung der deutschen Gesellschaft, ganz gleich, ob sie diesen als „Aufruf zur (gesellschaft
lichen) Tat“ empfanden oder auf ihn reagierten mit der Suche nach einem „Land der Jugend“ außer-
halb gesellschaftlicher Konflikte, also dem politikbewussten Willen zum „Unpolitischen“.
Schon während des Ersten Weltkriegs und dann verstärkt an dessen Ende, traten im
Milieu der Freideutschen Jugend gesellschaftspolitische Fragen und Differenzen auf, vor allem
sich um die Zeitschrift „Junge Menschen“ des Wandervogels und Meißnerfahrers Walter Hösterey
(1888–1966), genannt Walter Hammer (Abb. 1).4 Hier trafen sich republikanische, antimilitaristi-
sche, nicht an Parteien gebundene sozialistische und lebensreformerische Ideen; und „Siedlungen“,
soziale Experimente einer kommunitären Lebens- und Arbeitsweise „aus dem Geist der Jugendbe-
wegung“, präsentierten sich hier ebenso wie Alternativen zur staatlichen Schulpädagogik.5
Es veränderten sich dann in der Weimarer Republik die Bedingungen, unter denen jugend-
bewegte Gruppen und Bünde agierten, durch die folgenden gesellschaftlichen Prozesse:
Erstens trat neben die bürgerliche Jugendbewegung, wie sie im Wandervogel und bei den
Freideutschen ihren Ausdruck gefunden hatte, die Arbeiterjugendbewegung. Während des Ers-
ten Weltkriegs hatten sich immer mehr Arbeiterjugendvereine aus der Vormundschaft der So-
zialdemokratischen Partei gelöst, mit ihrem Jugendtag in Weimar 1920 bekannten sie sich zur
Jugendbewegung und gaben sich den neuen Namen „Sozialistische Arbeiterjugend“ (SAJ). Die SAJ
entwickelte eine eigenständige jugendkulturelle Praxis, Mädchen waren in ihr gleichberechtigt,
mit den „Roten Falken“ entstand innerhalb dieses Verbandes auch eine Gliederung, die pfadfinde-
rische Formen aufgriff. Zur Arbeiterjugendbewegung gehörten aber auch kleinere Bünde, die sich
nicht an der SPD, auch nicht an der KPD orientierten, so unter anderem die „Freie Sozialistische
Jugend“ , anarchistisch-syndikalistische Gruppierungen und die Jugendgruppen des Arbeitertou-
In der bürgerlichen Jugendbewegung herrschte nach dem 30. Januar 1933 die Neigung vor, sich
der „nationalen Revolution“ einzugliedern, aber unter Wahrung der bündischen Eigenständig-
keit. Die Idee von einem „Führerstaat“ hatte für die meisten Bündischen nichts Negatives, den
Bruch mit „Versailles“ wollten auch sie, und der Nationalsozialismus erschien ihnen zwar als
etwas ordinär, aber doch „jugendlich“ im Vergleich zu den „Altparteien“. In der Tat hatte ja die
NSDAP in den letzten Jahren der Weimarer Republik gerade Jungwähler an sich gezogen, und
in der SA, ihrer „Sturmabteilung“, marschierten Massen von jungen Männern.13 Das hatte mehr
Charme als der altbackene Stil des deutschnationalen Soldatenbundes „Stahlhelm“. Dass die
NSDAP androhte, den „Marxismus auszurotten“, galt im bündischen Milieu überwiegend nicht
als bedenklich, die Organisationen der Arbeiterbewegung waren Teil einer politischen Kultur,
die von vielen Bündischen als fremdartig empfunden wurde. Und so kam es im Frühjahr 1933
zu allerlei Zustimmungserklärungen von Führern freier Bünde für den neuen Staat, auch zu Ein-
tritten in die NS-Organisationen. Nicht anders war es bei den evangelischen Jugendbünden, bei
der Turnerjugend und anderen bürgerlichen Jugendorganisationen. Die katholischen Jugendver-
bände hingegen konnten unter Berufung auf das Reichskonkordat zwischen dem Vatikan und
der Regierung Hitler noch einige Jahre legal tätig sein, wenn auch schon heftig drangsaliert von
den hitlerstaatlichen Behörden. Sie standen dem Nationalsozialismus kritisch bis ablehnend
gegenüber, in der Weimarer Republik hatten sie sich an der Zentrumspartei orientiert, die 1933
aufgelöst werden musste (Abb. 2).14
Manche jugendbewegten katholischen Gruppierungen hatten sich auch friedenspolitisch
engagiert und nach links hin geöffnet; in der NS-Zeit gab es sogar Kontakte zwischen einigen
katholischen Jugendführern und dem verbotenen Kommunistischen Jugendverband, was 1937
zum Prozess wegen „Hochverrat“ vor dem Volksgerichtshof führte.
Die Hoffnung der Bünde aus der bürgerlichen Jugendbewegung, sie würden im neu-
en Staat neben der Hitlerjugend fortbestehen können, wurde enttäuscht. Ihr Sammelverband
„Großdeutscher Bund“, mit dem Vizeadmiral Adolf von Trotha (1868–1940) als „Schutzpatron“,
wurde im Juni 1933 aufgelöst; Baldur von Schirach (1907–1974), als Führer der Hitlerjugend
zum „Jugendführer des Deutschen Reiches“ ernannt, initiierte das behördliche Verbot der bün-
Im „Jungdeutschen Manifest“, einer programmatischen Schrift aus dem Jahre 1927, wandte sich
Artur Mahraun (1890–1950), der Gründer des 1920 ins Leben gerufenen Jungdeutschen Ordens,
an die diesem Verband nahestehende Jugend mit dem Appell, es gehe nun verstärkt um die „sitt-
liche Kraft“ all derer, die sich als „Vaterlandsverteidiger“ verstünden, und zwar im engeren Sinne
als Soldaten im Dienste der Nation. Mahraun, der seine Ordensgründung als politische Kraft
im außerparlamentarischen Raum in einem weiten Feld von Gruppierungen verstand, die der
Weimarer Republik skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden, schrieb in diesem Zusammen-
hang, die „deutsche Wehrbewegung“, zu der er ausdrücklich den Jungdeutschen Orden rechnete,
habe „lange genug geglaubt, durch Soldatenspielerei und militärische Geheimbünde der Pflege
der Wehrkraft zu dienen.“ Ihr „wahres Feld der Arbeit“ jedoch sei „die geistige und seelische
Rüstung der wehrhaften Jugend.“ 1 Mahrauns Jungdeutscher Orden kann, wie im Folgenden ge-
zeigt wird, als exemplarischer Verband jenes breiten Spektrums von Formationen gelten, die die
Weimarer Republik gleichsam von innen her auszuhöhlen begannen, die sich dabei zunehmend
der Bedeutung der nachwachsenden Jugend bewusst waren und diese intensiv umwarben, wo-
bei sie zeittypische jugendbündische Gedanken und Aktionsformen aufnahmen. Der Jungdeut-
sche Orden spiegelt nicht nur den in Parteien wie außerparlamentarisch agierenden Gruppie-
rungen gleichermaßen geführten ‚Kampf um die Jugend‘ wider, sondern auch die Attraktivität
der Jugendbewegung und ihrer damaligen Lebens- und Kommunikationsformen.
Auf seinem Gründungskonvent in Kassel gab sich der Jungdeutsche Orden „Richtlinien
und Satzungen“, in denen er erklärte, „frei von Standes- und Parteiengegensätzen“ für die Aus-
söhnung der Deutschen und den Wiederaufstieg des Reiches arbeiten zu wollen.2 Wie viele an-
dere Gruppen forderte der Jungdeutsche Orden die Errichtung eines „Dritten Reiches“, jedoch
keineswegs im nationalsozialistischen Verständnis. Mahrauns Pläne sahen einen demokratisch
und christlich aufgebauten Volksstaat unter einer starken Führungspersönlichkeit vor. Er wollte
so die klassenübergreifende Volksgemeinschaft verwirklichen und Klassenkampf sowie Stan-
desdünkel überwinden.3
Anfänglich waren die Übergänge zwischen bürgerlichem Verein und Wehrverband noch flie-
ßend. Beispielsweise war der Orden 1920 auf Seiten der Reichsregierung in die Niederwerfung
der sich im Anschluss an den gescheiterten Kapp-Putsch erhebenden Arbeiter involviert und 1921
wurden 3.500 Mitglieder zu den Grenzkämpfen nach Oberschlesien entsandt.4 In den folgenden
ist mehr
war unser Kamerad und Begleiter im Kampf um die Straße; es hat unsere
Herzen in Kundgebung und Feier emporgerissen, und es begleitet noch
heute Leben und Arbeit unserer Jugend.“ 1 Ein Lied spielte dabei eine
gefordert, der Jugend keine Sonderrolle mehr zugebilligt und deren feste „Einordnung […] in
Volk und Staat als ,Stand der jungen Mannschaft’“ verlangt: Hitler als der „größte der Propheten
unserer Zeit“ sei es, der als Führer die Jugend „zur gläubigen Bejahung ihres Staates und dessen
Leitung“ bringen werde, denn: „Teig ist das Volk in des Führers Hand. Er kann es kneten; und
was er daraus formen wird, liegt an ihm.“ Was dann daraus folge, sei Sache des Glaubens und
der Hoffnung.6 Rauch ist ein Beispiel dafür, wie zu Beginn des „Dritten Reiches“ eine beträcht-
liche Zahl in der Jugendbewegung geprägter jüngerer Männer Hoffnung darauf setzte, dass die
auch in der Jugendbewegungsszene zu beobachtende „Zerrüttung und Aufspaltung des gesam-
ten Volkes“ jetzt ein Ende finden und von nun an „Manneskraft den Staat mit Besonnenheit, Reife
und Maß“ aufbauen werde7 – ein Irrtum, wie Rauch später feststellen musste. Auch Fritz Jöde
(1887–1970) argumentierte mit Blick auf den Niedergang „seiner“ Jugendmusikbewegung 1933
ähnlich wie Rauch: Eine singende Jugend sei einst ausgezogen, um „ihr Volk zu suchen, und
als sie es fand, ging sie in ihm unter und wurde mit ihm zum singenden Volk.“ 8 Allerdings gab
es durchaus widerständige Jugendbewegungskreise, die nicht nur verbotenes Liedgut weiter
pflegten, sondern Hitlerjugend-Lieder verballhornten und kritische neue Lieder schufen. Breiter
bekannt geworden ist zum Beispiel das Lied „Es tropft von Helm und Säbel“, das der Dichter
Manfred Hausmann (1898–1986) im Herbst 1935 verfasst und einer illegalen Jungenschaftsgrup-
pe aus Dresden gewidmet hat, mit den Zeilen: „Sie haben uns verraten, die mit uns wollten sein.
Ihr lieben Kameraden, wir sind nun ganz allein. Wir wissen nicht mehr weiter von Schmach und
Qual umloht. Wir sind verlorne Reiter, wir reiten in den Tod.“ 9
1 Zitat aus der Zeitschrift „Musik in Jugend und Volk“, 1942, 6 Karl Rauch: Schluß mit „junger Generation“. Leipzig 1933,
S. 221. S. 44, 47.
2 Zum Folgenden vor allem Kurt Schilde: „Unsre Fahne flattert 7 Rauch 1933 (Anm. 6), S. 45, 55. – Siehe zu den positiven
uns voran!“. Die Karriere des Liedes aus dem Film „Hitlerjunge Stellungnahmen Jugendbewegter zum NS-Regime den Sammel-
Quex“. In: Good-Bye Memories? Lieder im Generationengedächt- band: Deutsche Jugend. 30 Jahre Geschichte einer Bewegung.
nis des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Barbara Stambolis/Jürgen Hrsg. von Will Vesper. Berlin 1934. Darin auch der Beitrag von
Reulecke. Essen 2007, S. 185–197. Karl Rauch: Vom Buchhandel und vom Schrifttum der Jugendbe-
3 Michael Buddrus: Totale Erziehung für den totalen Krieg. Hit- wegung, S. 301–320 sowie von Fritz Jöde: Deutsche Jugendmusik,
lerjugend und nationalsozialistische Jugendpolitik, 2 Bde. (Texte S. 259–300.
und Materialien zur Zeitgeschichte 13/1-2). München 2003, Bd. 1, 8 Deutsche Jugend 1934 (Anm. 7), S. 300.
bes. S. 140–174. 9 Wiederabdruck in dem Liederbuch „Codex Patomomomensis“.
4 Unser Liederbuch. Lieder der Hitler-Jugend (1934), hier zitiert 2. Aufl. Hamburg 2012, S. 155. – Siehe zu den Liedern aus Wider-
nach der 3. Aufl. München 1939, S. 214–215. Das erste Lied darin standskreisen: Jan Krauthäuser/Doris Werheid/Jörg Seyffarth:
von Werner Altendorf (geb. 1906) beginnt mit den programmati- Gefährliche Lieder. Lieder und Geschichten der unangepassten
schen Zeilen „Ein junges Volk steht auf, zum Sturm bereit! Reißt Jugend im Rheinland 1933–1945. Köln 2010. – Stefan Krolle:
die Fahnen höher, Kameraden!“, S. 8. Musisch-kulturelle Etappen der deutschen Jugendbewegung von
5 Unser Liederbuch 1934/1939 (Anm. 4), S. 5. – Parallel zu 1919–1964. Eine Regionalstudie (Geschichte der Jugend 26). Müns-
diesem offiziellen HJ-Liederbuch brachte die Reichsjugendfüh- ter 2004, bes. S. 166–272. – Wolfgang Lindner: Jugendbewegung
rung ein spezielles BdM-Liederbuch heraus: Wir Mädel singen. als Äußerung lebensideologischer Mentalität (im Spiegel ihrer
Wolfenbüttel/Berlin 1936. Liedertexte). Hamburg 2003, bes. S. 431–459.
127
Alexander Schmidt
Unter dem Titel „Gegner von Gestern“ setzte sich 1934 der nationalsozialistische Reichsjugend-
führer Baldur von Schirach (1907–1974) im vierten Kapitel seines Buches „Die Hitlerjugend – Idee
und Gestalt“ mit der „Wandervogelbewegung von einst“ und den „Resten der einstigen ‚Bünde‘“
auseinander.1 Diese ideologische Selbstdarstellung der Ziele der Hitlerjugend liest sich wie eine
gehässige, durchgängig aggressive und manchmal bemüht gönnerhafte Abrechnung mit der deut-
schen Jugendbewegung. Einleitend glaubte von Schirach feststellen zu können: „Das, was man
früher als deutsche Jugendbewegung bezeichnete, ist tot.“ Dennoch widmete er der Auseinander-
setzung mit diesem angeblich Toten ganze Kapitel des Buches, wobei er vor allem die Führer der
bündischen Jugend angriff. Zum Treffen der Bünde auf dem Hohen Meißner 1913 schrieb er: „Das
Beste an den Reden des hohen Meißner waren die Menschen, die ihnen zuhörten.“ Akzeptierte von
Schirach die Jugendbewegung vor dem Ersten Weltkrieg noch als gültigen Ausdruck der damaligen
Zeit, so sah er die sich in verschiedenen Bünden und Zirkeln auffächernde Jugendbewegung nach
1918 als wertlos an – weil sie die angeblichen Lehren des Krieges nicht gezogen habe. Zwar räumte
von Schirach ein, dass die Hitlerjugend „die ein oder andere Form“ aus der Jugendbewegung über-
nommen habe, ihre inhaltliche Ausrichtung sei aber aus der „Front des Weltkrieges“ gewonnen.2
Die Ziele und das Auftreten der bündischen Jugendbewegung nach 1918 sowie den Charakter
ihrer Führer suchte von Schirach ins Lächerliche zu ziehen. Ihre Besonderheit habe ausschließlich
darin bestanden, „dass sie sich grundsätzlich nie die Haare schneiden ließen“. Sie hätten keine
Einstellung zur Technik und damit auch keine Beziehung zum „Arbeiterjungen“ gehabt. Dies sei ein
wesentliches Versäumnis, denn: „Unsere Zeit verlangt nicht nach einer Romantik höherer Schüler
am Lagerfeuer.“ 3
Neben dem angeblich fehlenden Wehrgedanken störte sich von Schirach an einem elemen-
taren Kennzeichen der bündischen Jugendbewegung: dem Gedanken, einem kleinen, elitären
Bund von außergewöhnlichen jungen Menschen anzugehören, der sich von der Welt der Erwach-
senen abgrenzt. Wesentlich war dabei für die bündische Jugend unter anderem das Gemein-
schaftserlebnis der Fahrt, was von Schirach verächtlich kommentierte: „Während die bündi-
schen Führer am Lagerfeuer saßen und schöne Lieder sangen, haben wir in den Maschinensälen
der Fabriken die Jungarbeiterschaft aufgerufen. Dadurch wurde es möglich, hunderttausender
dieser Arbeiter später jenes Erlebnis der Fahrt zu schenken, das die bündische Auslesejugend
als Trägerin höherer Weihen ihrem kleinen Kreis vorbehielt.“ 4 Von Schirachs Behauptung, die
deutsche Jugendbewegung habe nichts mit der Hitlerjugend zu tun, wurde auch in anderen offi-
ziellen Propagandaschriften wiederholt.5
Jugendbewegung, erstmals von dieser wirklich beachtet. Beim Reichsparteitag 1929 trat der
Unterschied zwischen Hitlerjugend und bündischer Jugend deutlich zutage. Das Massenzeltla-
ger auf der Russenwiese im Südosten Nürnbergs für, so die NS-Propaganda, 2.500 Hitlerjungen
hatte kaum mehr etwas gemein mit Fahrt und Lager der Jugendbewegung. Es herrschte Drill und
Zwang vor, auch wenn Hitler beim Besuch des Lagers festgestellt haben soll: „Warum baut ihr
Zelte, warum kommt ihr hierher, warum habt ihr gedarbt und euer Geld geopfert? […] Es ist der
lebendige deutsche Idealismus!“ 38
Die Auftritte der Hitlerjugend bei den „Tagen der Hitlerjugend“ während der Reichspartei-
tage im Nürnberger Stadion, das als „Stadion der Hitlerjugend“ bezeichnet wurde, sollten nach
außen hin demonstrieren, dass es nur noch eine einheitliche Jugend in Deutschland gab, die
geschlossen hinter ihrem Führer stand (Abb. 2). Diesen Grundgedanken der Inszenierung im Sta-
dion betonte die nationalsozialistische Propaganda immer wieder, so etwa beim Reichsparteitag
1938: „Die HJ läuft in das vordere freie Mittelfeld, vor die Tribüne, und jetzt laufen aus dem
Hintergrund weitere 800 Hitlerjungen vor und von beiden Seiten in die freigebliebenen Räume.
Die Front ist geschlossen. Die Gemeinschaft steht wie aus einem Guss.“ 39
1933 sollen bereits 60.000 Jugendliche an Hitler vorbeimarschiert sein. Es war im Nürn-
berger Stadion, wo Hitler forderte, die deutschen Jungen sollten „flink wie Windhunde, zäh wie
Leder und hart wie Krupp-Stahl“ 40 sein. Ab 1935 fand zudem alljährlich der Marsch der Hitler
jugend („Adolf Hitler-Marsch“) aus vielen Teilen Deutschlands nach Nürnberg zum Reichspartei
tag und von dort weiter nach Landsberg am Lech statt (Abb. 3). In der damaligen „Stadt der
Hitlerjugend“ bekamen die Teilnehmer ein Exemplar von „Mein Kampf“ ausgehändigt. 1936 be-
hauptete Baldur von Schirach vor Adolf Hitler und den angetretenen HJ-Formationen im Nürn-
berger Stadion, dass er die deutsche Jugend „in Zucht und Ordnung“ zusammengeschlossen und
in mühevoller Arbeit eine Form dafür gefunden habe.41 Abb. 3: Plakat, Adolf Hitler-Marsch
Willkürlich inszeniert, nicht „gefunden“, war für die Hitlerjugend in Nürnberg die soge- der deutschen Jugend 1938
nannte „Burg der Jugend“. Als „Jugendburg Kaiserstallung“ wurde der mächtige, das Stadtbild
Nürnberg als Teil der Burganlage prägende Bau 1938 zu einer „Reichsjugendherberge“ umgebaut:
„In vielen, vielen Gruppen strömen sie zusammen die Jungen und Mädel aus allen Gauen des
Reiches, um in Nürnberg, der Stadt der Reichsparteitage, das große Treffen aller Deutschen [...]
zu erleben. Und wenn sie einen Tag lang durch die engen Gassen der Stadt gestreift sind, wenn
1 Baldur von Schirach: Die Hitlerjugend. Idee und Gestalt. 17 Michael Jovy: Jugendbewegung und Nationalsozialismus.
Berlin 1934, S. 48–65, bes. S. 48. Zusammenhänge und Gegensätze. Versuch einer Klärung.
2 Alle vorangehenden Zitate bei Schirach 1934 (Anm. 1), S. 15. Eingeleitet von Arno Klönne. Münster 1984. [Erstdruck des
3 Alle Zitate bei Schirach 1934 (Anm. 1), S. 49. maschinenschriftlichen Typoskripts von 1952]
4 Schirach 1934 (Anm. 1), S. 50. 18 Jovy 1984 (Anm. 17), S. 129.
5 Vgl. z. B.: HJ marschiert! Das neue Hitler-Jugend-Buch. 19 Arno Klönne: Gedächtnisschwächen – Jugendbewegung und
Hrsg. von Wilhelm Fanderl. Berlin o.J. [1933], S. 10, 44. Erinnerungsarbeit. In: Historische Jugendforschung. Jahrbuch
6 Vgl. zur Geschichte der Arbeiterjugendbewegung u.a.: Erich des Archivs der deutschen Jugendbewegung N.F. 5, 2008,
Eberts: Arbeiterjugend 1904–1945. Sozialistische Erziehungsge- S. 20–22, bes. S. 21.
meinschaft – Politische Organisation. Frankfurt a.M. 1980. – Sozia- 20 So Arno Klönne in der Einleitung zu Jovy 1984 (Anm. 17),
listische Jugend im 20. Jahrhundert. Studien zur Entwicklung und S. XI. – Vgl. auch Klönne 2003 (Anm. 7), S. 114–125.
politischen Praxis der Arbeiterjugendbewegung in Deutschland. 21 Kater 1977 (Anm. 7), S. 174.
Hrsg. von Heinrich Eppe/Ulrich Herrmann. München 2008. 22 Vgl. hierzu von Hellfeld 1987 (Anm. 7), S. 65–72.
7 Vgl. zur Geschichte der HJ grundlegend: Arno Klönne: Jugend 23 Christoph Schubert-Weller: Hitler-Jugend. Vom „Jungsturm
im Dritten Reich. Die Hitlerjugend und ihre Gegner. 3. überarb. Adolf Hitler“ zur Staatsjugend im Dritten Reich. Weinheim/Mün-
Aufl. Köln 2003. – Michael H. Kater: Hitlerjugend. Darmstadt chen 1993, S. 82.
2005. – Vgl. zur grundsätzlichen Problematik der Beziehung von 24 Vgl. Schubert-Weller 1993 (Anm. 23), S. 82–95. – von Hellfeld
bündischer Jugend und HJ: Michael H. Kater: Bürgerliche 1987 (Anm. 7), S. 73–76.
Jugendbewegung und Hitlerjugend in Deutschland 1926–1939. 25 Vgl. Reulecke 1993 (Anm. 7).
In: Archiv für Sozialgeschichte 17, 1977, S. 127–174. – Ulrike Treziak: 26 Vgl. Treziak 1986 (Anm. 7), S. 108–112.
Deutsche Jugendbewegung am Ende der Weimarer Republik. 27 Hermann Glaser: Spießer-Ideologie. Von der Zerstörung
Zum Verhältnis von Bündischer Jugend und Nationalsozialismus. des deutschen Geistes im 19. und 20. Jahrhundert und dem
Frankfurt a.M. 1986. – Matthias von Hellfeld: Bündische Jugend Aufstieg des Nationalsozialismus. Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1979,
und Hitlerjugend. Zur Geschichte von Anpassung und Widerstand S. 139–141, bes. S. 140.
1930–1939. Köln 1987. – Jürgen Reulecke: „Hat die Jugend- 28 Wilfried Ferchhoff: Jugendkulturen in der NS-Zeit. In: Die
bewegung den Nationalsozialismus vorbereitet?“ Zum Umgang Kultur der 30er und 40er Jahre. Hrsg. von Werner Faulstich.
mit einer falschen Frage. In: Politische Jugend in der Weimarer München 2009, S. 71–89, bes. S. 73. – Arno Klönne: Zur Traditions-
Republik. Hrsg. von Wolfgang R. Krabbe. Bochum 1993, S. 222–243. pflege nicht geeignet. Wie die deutsche Öffentlichkeit nach 1945
8 Walter Kost: Die bündischen Elemente in der deutschen mit der Geschichte jugendlicher Opposition im „Dritten Reich“
politischen Gegenwartsideologie. Greifswald 1934. umging. In: Piraten, Swings und Junge Garde. Jugendwiderstand
9 Max Nitzsche: Bund und Staat. Wesen und Formen der im Nationalsozialismus. Hrsg. von Wilfried Breyvogel. Bonn 1991,
bündischen Ideologie. Würzburg 1942, S. 61. S. 295–310, bes. S. 298.
10 Deutsche Jugend. 30 Jahre Geschichte einer Bewegung. 29 Vgl. Jugendbewegung, Antisemitismus und rechtsradikale
Hrsg. von Will Vesper. Berlin 1934. Politik. Vom „Freideutschen Jugendtag“ bis zur Gegenwart. Hrsg.
11 Deutsche Jugend 1934 (Anm. 10), S. VII. Auf S. VI heißt es zum von Gideon Botsch/Josef Haverkamp. Berlin 2013. Der Band konn-
Autor des Gedichts fälschlicherweise: „Das Gedicht ‚Die Fackel‘, te für diesen Beitrag leider nicht mehr berücksichtigt werden.
dessen Verfasser unbekannt ist, wurde in den Bünden der Jugend 30 Gideon Botsch: Deutsche Jugendbewegung. In: Handbuch
mündlich überliefert.“ des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegen-
12 Hans Friedrich Blunck: Vom Wandervogel zur SA. wart. Bd. 5: Organisationen, Institutionen, Bewegungen. Hrsg. von
In: Deutsche Jugend 1934 (Anm. 10), S. 1–7, bes. S. 1–2. Wolfgang Benz. Berlin/Boston 2012, S. 152–154, bes. S. 154. – Vgl.
13 Luise Fick: Die deutsche Jugendbewegung. Jena 1939, S. 216. Jürgen Klein: Verführte Jugend. Eine Fallstudie zur Geschichte
14 Fick 1939 (Anm. 13), S. 217. – Vgl. die Auseinandersetzung mit der „vaterländischen Jugendbewegung“ vor 1933 und ihres
den Thesen von Luise Fick bei Reulecke 1993 (Anm. 7), S. 233–234. Beitrages zum Untergang der Weimarer Republik am Beispiel des
15 Vgl. Fick 1939 (Anm. 13), S. 216–224. Vereins „Jung-Bergedorf“. Schwarzenbek 2005.
16 Vgl. Irmgard Klönne: Kontinuitäten und Brüche: Weibliche 31 Schreiben Schirachs an die Amtsleiter der NSDAP vom
Jugendbewegung und Bund deutscher Mädel. In: Die BDM- 8.3.1933, abgedruckt in: Deutsche Jugend 1933–1945. Eine
Generation. Weibliche Jugendliche in Deutschland und Österreich Dokumentation. Hrsg. von Karl Heinz Jahnke/Michael Buddrus.
im Nationalsozialismus. Hrsg. von Dagmar Reese. Berlin 2007, Hamburg 1989, S. 62–63, bes. S. 62.
S. 41–85, bes. S. 41. 32 Vgl. Deutsche Jugend 1989 (Anm. 31), S. 69–72.
Zielgerichteter Widerstand gegen das NS-Regime war das Geschäft einer winzigen Minder-
heit: In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre schätzte die Geheime Staatspolizei den Anteil ihrer
„Gegner“ unter der deutschen Bevölkerung von rund 70 Millionen auf 0,2 Prozent – umgerechnet
etwa 140.000. Treffender lässt sich die begriffliche Zuspitzung „Widerstand ohne Volk“ aus den
1950er Jahren kaum ausschmücken.1 Die Hauptlast der politisch motivierten Opposition trugen
die politischen Gruppierungen und Organisationen der Arbeiterbewegung. Die einige Hundert
umfassende Zahl der anderen Widerständigen aus den Reihen der oppositionellen Jugendbünde,
der nationalrevolutionären Zusammenschlüsse und der „alten Eliten“ war kaum von Relevanz.2
Protestaktionen und Widerstandshandlungen gegen das NS-Regime waren also Taten weni-
ger Zivilcouragierter. Erheblich höher war die Zahl der Nonkonformen und Verweigerer. Mannig-
faltige Kritik und ‚Meckerei‘ vertrugen sich durchaus mit der teilweisen Akzeptanz des Regimes
oder zumindest mit einer passiven Hinnahme der Obrigkeit. Die Stabilität des Hitler-Staates
gefährdeten diese kleinen Unbotmäßigkeiten und Verweigerungsformen nicht. Nicht eine vitale
Volksopposition war das Signum der NS-Gesellschaft vor wie auch nach Stalingrad, sondern eine
weiter durchaus anhaltende Konsensbekundung zu Führertum und Volksgemeinschaftsgedanken.
Letztendlich lag es im Ermessen der einzelnen Person, sich unter den totalitären Bedin-
gungen der NS-Diktatur nonkonform zu verhalten oder sich einzelnen Inanspruchnahmen durch
das Regime zu verweigern, oder aber einen Karriereweg vom Verweigerer über den Protestler
zum Widerstandskämpfer zu vollziehen. Wie graduell unterschiedlich sich die Form abweichen-
den Verhaltens auch ausdrückte, sie war nicht unerheblich begründet in den bisherigen Lebens-
wegen der Betreffenden.
Im Folgenden stehen nicht der Teil der Jugendbewegung, der sich mit dem NS-System
arrangierte oder dieses mittrug, im Mittelpunkt, sondern drei Biografien von Akteuren, die sich
– in unterschiedlichem Maße jugendbewegt sozialisiert beziehungsweise beeinflusst – in den
Jahren 1933 bis 1945 mit dem Nationalsozialismus an der Macht konfrontiert sahen:
• der im Wandervogel geprägte Pädagoge Adolf Reichwein,
• der vom Quickborn beeinflusste katholische Geistliche Carl Klinkhammer
• und der Arbeiterjunge und Navajo Heinz Kasten.3
Alle drei sind mit einer Portion „Eigen-Sinn“ ausgestattet. Auf die Arenen der Jugendbewegung
übertragen meint dies den Versuch, „in spezifischen Konstellationen und Situationen“ die Verwei-
gerung des „Hinnehmen[s] oder Mitmachen[s]“.4 Nicht die Auflehnung, sondern das hartnäckige,
Das gemeinsame Singen war ein Ausdruck des Zusammengehörigkeitsgefühls und des Mutma-
chens, das den Gestapobeamten schwer aufstieß.40
Die Bezeichnung „Navajo“ war ursprünglich eine zumeist von Hitlerjugend-Angehörigen
vorgenommene Außenzuschreibung und allgemeine Etikettierung von Angehörigen informeller
Jugendgruppen, die von den Jugendlichen als Selbstbezeichnung adaptiert wurde. Einem Nach-
richten-HJ-Gefolgschaftsführer zufolge wurde „jede jugendliche Person, die ein bunt kariertes
Hemd, sehr kurze Hose, Stiefel mit übergeschlagenen Strümpfen“ trage, von der Hitlerjugend als
Navajo angesehen.
Zu den traditionellen Gruppierungen der bürgerlichen Jugendbewegung, seit Ende der
1920er Jahre unter dem Begriff „Bündische Jugend“ zusammengefasst, hatten die Nava-
jos oder auch Kittelbachpiraten – wie sie im Düsseldorfer Raum genannt wurden – schon
nach vier Jahren nationalsozialistischer Herrschaft keine personellen Traditionslinien mehr
(Abb. 3).
Zwar beriefen sich die Jugendlichen auf den Nerother Wandervogel, die Kölner Ringpfadfin-
der beziehungsweise den „Bund der Kittelbachpiraten“. Doch geschah dies, weil man sich damit
unter den Gleichaltrigen einen besonderen Eindruck verschaffen konnte, da diese Jugendbün-
de nach anfänglicher Tolerierung in der Herrschaftssicherungsphase des Regimes besonderen
Nachstellungen seitens der nationalsozialistischen Akteure ausgesetzt waren.
Viele Navajos entstammten dem kommunistischen Milieu: Ihre Eltern oder zum Teil auch
sie selbst hatten sich in kommunistischen Organisationen und Verbänden wie dem Jung-Sparta-
kus organisiert – hier scheint auch die Ablehnung des „Deutschen Grußes“ herzurühren.
Da das NS-Regime mit dem Streifendienst der Hitlerjugend eine Art Hilfspolizei für die
„Kleinen“ eingeführt hatte, die den Jugendlichen außerhalb der Hitlerjugend nachsetzte, war
eine Fülle von Auseinandersetzungen die Folge. So kam es zum Beispiel am Kölner Appellhof-
platz im Sommer 1936 zu einer wüsten Schlägerei zwischen eigensinnigen Navajos und Strei-
fendienstangehörigen, nachdem die ‚HJ-Möchtegern-Polizisten‘ Navajos, die sie ohne Ausweis
antrafen, dem Polizeirevier überstellen wollten.41
Bis Mitte der 1930er Jahre existierte keine allgemein gültige Definition der Bezeichnung
„Navajo“. Mit dem Verbot der bündischen Jugend vom Februar 1936 wurde dann versucht,
die Navajo-Gruppen eben diesen zuzuordnen und deren Angehörige zumindest temporär aus
der Volksgemeinschaft zu exkludieren. Fortan wurde ein „bündischer Verhaltensstil“ unter der
großstädtischen Jugend ausgemacht.42 Auch Heinz Kasten wurde Opfer dieser Verfolgungsstra-
tegie: Vom Sondergericht für den Oberlandesgerichtsbezirk in Köln wurde er am 18. Dezember
1937 zu sechs Wochen Gefängnis wegen Vergehens gegen § 4 der Verordnung des Reichspräsi-
denten „zum Schutz von Volk und Staat vom 28.2.1933 in Verbindung mit der Anordnung der
Preußischen Geheimen Staatspolizei vom 8.2.1936“ 43 [Verbot aller Gruppen und Vereine der
bündischen Jugend] verurteilt. Durch die erlittene mehrwöchige Untersuchungshaft galt die
gegen den Jungen ausgesprochene Strafe als verbüßt.
Resümee
Der Eigen-Sinn der drei vorgestellten Protagonisten in der Arena der nationalsozialis-
tischen Volksgemeinschaft nährte sich aus unterschiedlichen Momenten: Adolf Reichwein war
lebensgeschichtlich vor allem geprägt aus seiner Zeit im Wandervogel; Carl Klinkhammer durch
seine Werkstudentenzeit und Sozialisation im Quickborn; Heinz Kasten durch sein Mitwirken in
der informellen Jugendgruppe der Navajos. Die beiden ersten speisten sich aus dem Erlebnis der
Toleranz, der Gebundenheit an (auch) universelle Werte, der dritte aus der Solidarität seiner
Quartierfreundesgruppe. Die drei Akteure erfahren die Volksgemeinschaftsideologie in den
eigenen Handlungsfeldern als hohle Phrase:
• Adolf Reichwein, der anfangs im NS-Staat – wie auch viele Sozialdemokraten – zu überwintern
sucht, findet später zum aktiven politischen Widerstand. Seine aus den jugendbewegten Jahren
hochgehaltene Grundhaltung der Akzeptanz des Anderen und die damit verbundene Suche nach
geistiger Auseinandersetzung ist die Grundvoraussetzung für sein Ringen um gemeinsame
Handlungsoptionen von differenten Oppositions- und Widerstandsgruppen;
• Carl Klinkhammer, verortet im Milieu des streitbaren Katholizismus in der Weimarer Republik
und zur Gruppe der jungen, durchaus eigen-sinnigen Kapläne gehörig, bringt der NS-Diktatur
von Beginn an Widerstand entgegen. In ihm bündelt sich in der Zeit zwischen 1933 und 1945
kontinuierlich die Verweigerung des „Hinnehmens“ und „Mitmachens“, eben „Eigensinn“;
Bei den ersten beiden Protagonisten bezogen sich Toleranz und Eigensinn auf ein moralisches
Fundament der jugendbewegten Erfahrung, dem jungen Navajo jedoch dienten die Entnah-
men aus dem jugendbewegten/bündischen Formensemble lediglich zur Herausstellung eines
eigenen Stils in Abgrenzung zur in der Zeit geschaffenen Staatsjugend. Hier stand nicht eine
Werteorientierung, sondern die jugendkulturelle Divergenz im Vordergrund. Jugendliche dieser
Richtung haben sich der Formensprache der Jugendbewegung lediglich bedient – und sich im
Übrigen auch nicht auf einen Lebensentwurf festlegen lassen. Ablehnung (in diesem Fall von
Offerten der Hitlerjugend) und Anpassung (etwa die später erfolgten Freiwilligmeldungen zur
Waffen-SS) lösten einander ab.46
Während sich der Eigen-Sinn des Navajos Heinz Kasten später nicht einmal mehr in
Anekdoten verliert, sondern im Eisberg der Geschichte verborgen bleibt, wachsen sich die
Lebensgeschichten von Adolf Reichwein und Carl Klinkhammer zu Biografien aus – woran der
beide prägende Einfluss der Jugendbewegung wesentlichen Anteil hatte.
Bildnachweis
Privatarchiv · Abb. 1
Fotoarchiv Ruhr Museum, Essen · Abb. 2
„Und wieder Trotz der äußerst bedrückenden Lebensverhältnisse nach Ende des Zwei-
ten Weltkriegs stellten für viele Angehörige der jüngeren Generation, die
erblüht nach
nun spürten, wie sehr sie ihrer Jugend beraubt worden waren, die frühen
Nachkriegsjahre eine Phase des „Hungers nach einer neuen Welt“ 1 und
engagierten Bemühens um einen kulturellen Neuaufbruch dar: Es ging
Nebel und
ihnen darum, das erlebte Kriegsgrauen zu verdrängen und sich lebens-
volle Horizonte auch musisch-künstlerisch zu erschließen. Selbst in klei-
nen Orten bildeten sich neue Theater-, Volkstanz- und Singegruppen, und
Nacht ein auch die vom NS-Regime massiv unterdrückte jugendbündische Vielfalt
entstand wieder. Jetzt waren es vor allem kurz vor dem Ersten Weltkrieg
und um 1920 Geborene, die – so hat es einer der damals wirkungsvolls-
strahlender ten jugendbewegten Anreger aus dieser Altersgruppe, Walter „Tejo“ Scherf
(1920–2010), ausgedrückt – bereit waren, sich intensiv „um die Jugend zu
kümmern […] und ihr das zu geben, was ihr in großen Teilen die national-
Tag im Lande“ sozialistische Herrschaft verwehrt und vorenthalten hat.“ 2 In der Wieder-
belebung der in den 1920er Jahren verbreiteten Volks- und Fahrtenlieder
der bündischen Jugend, nicht zuletzt aber in vielen neuen Liedern spiegel-
Jürgen Reulecke te sich der Wunsch nach abenteuerlichen Aufbrüchen und beglückenden Erfahrungen von Freiheit
und Weite wider. Typisch dafür war jenes Lied von Alfred Zschiesche (1908–1992), das mit der hier als
Titel gewählten Zeile beginnt und in der ersten Strophe bereits die Sehnsucht beschwört, „nach Ne-
bel und Nacht“ endlich wieder „zu sprengen Fesseln und Bande“ und „die Weite zu gewinnen“. Zschie-
sche, der schon Anfang der 1930er Jahre das geradezu zum Volkslied gewordene Stück „Wenn die
bunten Fahnen wehen“ geschaffen hatte, war – während des NS-Regimes zunächst als Mitglied des
Nerother Wandervogel verfolgt – schwer verwundet aus dem Krieg zurückgekommen. Er gehörte zu
den Liedermachern neuer Lieder, zu denen auch einige zählten, die in den 1930er Jahren NS-Lieder
– wie Hans Baumann (1914–1988) mit seinem Lied „Es zittern die morschen Knochen“ 3 – verfasst hat-
ten, jetzt aber in ihren Schöpfungen nur noch naturbezogene Fröhlichkeit, Wanderlust und Fernweh
beschworen. Beispiele von Baumann dafür sind „Von allen blauen Hügeln reitet der Tag ins Land“
sowie „Und die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit“. Der Mitbegründer der ehemaligen Jugendmusikbe-
wegung Walther Hensel (1887–1956) schuf den Text des viel gesungenen Liedes „Im Frühtau zu Berge
wir ziehn, fallera“, Richard Grüßung (1913–1994) hatte „Die Weite, die grenzenlos in sich das Leben
verschließt“ verfasst, und auf Jens Rohwer (1914–1994) geht das Lied „Wer nur den lieben langen
Tag“ 4 zurück. Solche Lieder waren bis etwa 1960 in vielen Gruppen der freien Jugendbewegung weit
verbreitet, darüber hinaus in den großen kirchlichen Jugendorganisationen und im Musikunterricht
der Volksschulen: In dem seit 1953 in großen Auflagen erscheinenden Liederbuch des Christlichen
Vereins Junger Männer (CVJM) „Die Mundorgel“ finden sich viele Lieder dieses Typs.5
148 „Und wieder erblüht nach Nebel und Nacht ein s trahlender Tag im Lande“
e - bel und Nacht ein s trah- len-der Tag im Lan - de
Bezogen sich die bisherigen Hinweise im Wesentlichen auf eine zwar auf jugendbewegte
Ursprünge zurückgehende, in den Nachkriegsjahren jedoch breit entfaltete allgemeine Singe-
kultur, so ist anzumerken, dass sich davon – abgesehen von einer grundsätzlichen Kritik am
„Gift der blauen Blume“ – schon früh eine der Tradition der Jungenschaft verpflichtete Reihe
von Impulsgebern abgesetzt hat. So warnte Walter Scherf vor den vielen „Händlern mit Ersatz-
waren“ und den „Jahrmärkten leichthin angebotener, aber gänzlich unzureichender Stoffe, Vor-
spiegelungen, Scharlatanerie“: Auf das „dick aufgetragene romantische Zeug einer sentimentalen
Zeit“ sollten die bündischen Jugendgruppen nicht hereinfallen, sondern sich diesem mit dem
Singen von „einfachen Liedern von den Steppen und Strömen, Prärien und großen Wäldern, von
den Hirten, Jägern, Bauern und Fischern in anderen Kulturkreisen dem verbreiteten Talmi“ ent-
gegenstellen.6 Walter „Tejo“ Scherf, Werner „Hussa“ Helwig (1905–1985), Karl Christian „Teut“
Müller (1900–1975) und später Erich „Olka“ Scholz (1911–2000) sowie die Herausgeber des seit
1952 erscheinenden bekannten Liederbuchs „Der Turm“ Konrad Schilling und Helmut König und
noch andere sorgten mit der Verbreitung vieler Lieder aus fremden Kulturen und mit eigenen
Liedschöpfungen dafür, dass es noch einmal zu einer neuen jugendbewegten Liedkultur kam –
mit nachhaltigen Wirkungen auf die damals heranwachsende Kriegskindergeneration bis weit
in die 1960er Jahre hinein:7 Der Start der seit 1964 auf der Burg Waldeck im Hunsrück stattfin-
denden Festivals „Chansons Folklore International“ gehört in diese Linie.8 Sie wurden geradezu
„zu einem Brennpunkt der kulturellen und politischen Kontroversen in den dynamischen 1960er
Jahren“,9 ehe dann dort 1969 der Ruf ertönte: „Stellt die Gitarren in die Ecke und diskutiert!“ 10
1 Rolf Schörken: Die Niederlage als Generationserfahrung. 7 Zu Scherf siehe Düsseldorff 1996 (Anm. 2), zu Helwig siehe
Weinheim/München 2004, S. 128–132. Richard Bersch: Pathos und Mythos. Studien zum Werk Werner
2 Karl Düsseldorff: Persönliche Eindrücke und Rückblicke von Helwigs. Frankfurt a.M. 1992; zu Müller siehe Torsten Mergen:
Walter Scherf. In: Jugend zwischen Selbst- und Fremdbestim- Der Kampf um das Recht der Musen. Leben und Werk von Karl
mung. Hrsg. von Burkhard Dietz/Ute Lange/Manfred Wahle. Christian Müller alias Teut Ansold (1900–1975). Göttingen 2012;
Bochum 1996, S. 179–202, Zitat S. 181. zu Scholz siehe Fritz Schmidt u.a.: Der jugendbewegte Schrift-
3 Zu Baumann und diesem Lied siehe Winfried Mogge: „Und steller Erich Scholz-olka (1911–2000). Schwalbach/Ts. 2011. – Zum
heute gehört uns Deutschland …“. Entstehung und Nachwirkung „Turm“ siehe Konrad Schilling (unter Mitarbeit von Horst Zeller):
eines Liedes 1933–1993. In: Lieder im Generationengedächtnis des Der Turm. Idee – Anspruch – Wirkung – Ergebnis. In: Der Ring wird
20. Jahrhunderts. Hrsg. von Barbara Stambolis/Jürgen Reulecke. geschlossen, der Abendwind weht. Festschrift für Helmut (helm)
Essen 2007, S. 175–184. König. Hrsg. von Roland Eckert u.a. Berlin 2010, S. 31–92.
4 Siehe Helmut König: „Wer nur den lieben langen Tag“. 8 Hotte Schneider: Die Waldeck. Lieder, Fahrten, Abenteuer.
Gedankenkreise um das Lied von Jens Rohwer. In: Lieder im Die Geschichte der Burg Waldeck von 1911 bis heute. Potsdam
Generationengedächtnis 2007 (Anm. 3), S. 275–290. 2005. – Michael Kleff: Die Burg Waldeck 1964–1969. Chansons
5 Hierzu und zum Folgenden Helmut König: Der Zupfgeigen- Folklore International, Hambergen 2008. – Detlef Siegfried: Time
hansl und seine Nachfolger. In: Auf dem Weg. Festschrift zu Peter Is on My Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugend-
Lampasiaks achtzigstem Geburtstag. Hrsg. von Ilse Wellershoff- kultur der 60er Jahre. Göttingen 2006, darin bes. S. 571–600.
Schuur/Kay Schweigmann-Greve. Hannover 2008, S. 23–30. 9 Siehe den Beitrag „Chanson Folklore International“ von
6 Walter Scherf: Unsere Lieder (1952), Wiederabdruck in: Walter Detlef Siegfried im vorliegenden Band.
Scherf: Lautlos wandert der große Bär. Heidenheim 1982, S. 64. 10 Zitiert nach Schneider 2005 (Anm. 8), S. 363.
149
Hans-Ulrich Thamer
„Wir wollen miteinander wieder anfangen“, schrieb im Dezember 1945 Theodor Heuss (1884–1963),
damals Kultusminister des Landes Württemberg, in seinem Geleitwort zur ersten Ausgabe der
Zeitschrift „Das junge Wort“, einer der vielen, meist kurzlebigen Zeitschriften, die für die „junge
Generation“ sprechen wollten (Abb. 1).1 Das „Miteinander“ bezog der spätere Bundespräsident
auf die Begegnung der Generationen mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen und mentalen
Prägungen. Es ließ sich aber auch auf die Begegnung der unterschiedlichen Biografien und
Erinnerungen während der NS-Zeit beziehen. Dazu gehörten – in der jungen Generation, ganz
ähnlich wie in der Welt der Erwachsenen – die Erfahrungen und Verstrickungen einstiger
Jungvolkführer und Mitläufer wie die völlig anderen Lebensgeschichten von Angehörigen des
Jugendwiderstandes und der Emigration.
Bei ihrer Suche nach einem neuen Anfang orientierten sich diejenigen, die noch über eine
jugendbewegte Erfahrung oder Erinnerung verfügten, an jugendbündischen Traditionen, von
denen sie sich vertraute Orientierungen versprachen. Heimabende und Singetreffen, Fahrt
und Zeltlager, aber auch Wimpel und Kluft wurden als Elemente der Kommunikation und
Selbstidentifikation wie selbstverständlich übernommen, freilich mit dem Bedürfnis verbun-
den, sie von allzu eindeutigen Verhaltensmustern der HJ-Erziehung zu reinigen. Diese war
durch einen maßlosen militärischen Drill und durch einen absoluten, zur willenlosen Unter-
ordnung ausufernden Führergehorsam zu definieren, aber in der Praxis der jugendbewegten
Gruppen auf den ersten Blick nicht ohne Weiteres zu erkennen. Denn Uniformen und militäri-
sche Hierarchien waren schon Elemente der zunehmenden Militarisierung jugendbündischer
Gruppenformen der 1920er Jahre gewesen. Darum war in der Debatte um Führung und Ge-
meinschaft, wie sie in dieser Zeit geführt wurde, der Gedanke eines Führerkultes nicht fremd.
Auch die bündischen Lebensformen der Weimarer Republik, an die man anknüpfte,
waren in sich bereits vielschichtig und ambivalent.2 Neben der jungenschaftlichen Betonung
der Autonomie und Selbstverwirklichung in der kleinen Gruppe hatten sich auch schon in Abb. 1: Titelblatt der Zeitschrift
den 1920er Jahren „scoutistische“, militärisch-hierarchische Wert- und Verhaltensmuster mit „Unser Schiff“, 1946
(vgl. [Link]. 249)
stärker individualistisch-autonomen Momenten, die noch aus dem Vorkriegs-Wandervogel
stammten, in unterschiedlicher Ausprägung und Mischung zu dem vermengt, was man dann
„bündisch“ nannte.
Diese verwirrenden und miteinander verschlungenen Traditionslinien sollten sich auch
in der kurzen bündischen Blütezeit der 1950er Jahre fortsetzen. Die Vielfalt der Traditionen,
die wiederbelebt wurden, war nur für die Mitglieder und Insider von Bedeutung; nach außen
150 „Und wieder erblüht nach Nebel und Nacht ein s trahlender Tag im Lande“
wirkte die bündische Jugend noch einmal durch ihre Gemeinschaftsformen, vor allem durch
ihre Fahrten, Lieder und Rituale. Sie bestimmten das Lebensgefühl und das Gruppenleben und
waren vor allem für die Jüngeren in den Bünden attraktiv und prägend. Diesem Erlebnis der
Gemeinschaft und der Zugehörigkeit, die auch die eigene Individualität förderte, konnten die
Debatten und Streitigkeiten der Älteren um die eine oder andere Tradition und Vorbildhaftigkeit
nichts anhaben. Das galt auch für den erneuerten
organisationspolitischen Streit, dem man schon in
den 1920er Jahren begegnen konnte, ob man einen
gesellschaftlich einflussreichen „Großbund“ anstre-
ben oder sich auf die im eigenen Selbstverständnis
„unpolitischere“ Form des autonomen Jungenbun-
des beschränken sollte. Unabhängig von diesen
endlosen Debatten der Älteren zählte auch in der
zweiten Nachkriegszeit für die Jüngeren, die meist
aus bürgerlichem Hause stammten und die in der
Gruppe, vor allem wenn sie vaterlos aufwachsen
mussten, eine zweite Identität suchten, das Lebens-
gefühl der Gemeinsamkeit und der kreativen Indi-
vidualität, die das Leben in der Gruppe vermittelte:
auf den großen Fahrten wie im Zeltlager, durch ge-
meinsames Singen und romantisch-geheimnisvolle
Rituale (Abb. 2 u. 3). Daran hielt man, unabhängig von politischen Einflussnahmen und Verän- Abb. 2: Osterlager der Deutschen
derungen, fest und das galt unabhängig von allen Abspaltungen und Fraktionsbildungen für Jungenschaft Marburg in
Neckarsteinach, Fotografie, 1948
beinahe alle Gruppen und Bünde. Daraus speiste sich dann auch der Wille zur Gemeinsamkeit (vgl. [Link]. 250)
und Einheit, aber ebenso zur Bewahrung der Autonomie.
Dass sich in die Gemengelagen der unterschiedlichen Erfahrungen und Traditionen auch
nationalsozialistische Denk- und Verhaltensmuster eingegraben und in das alltägliche Gruppen
leben beigemengt hatten, war nach den Lebensbedingungen in der totalitären Konsensdiktatur
nicht weiter verwunderlich und stand den Zeitgenossen des Zusammenbruchs, auch als Mög-
lichkeit der Integration der Belasteten und Mitläufer, meist sehr viel deutlicher vor Augen als
den Nachgeborenen.3 Diese sollten erst in den unruhigen und „kritischen“ 1960er Jahren dar-
auf aufmerksam werden. Ihren Ausdruck fand diese Gemengelage auch in der Art und Weise,
wie man darüber sprach: Da war die Rede davon, dass man nicht „alles Vergangene“ als „über-
holt verschmähen und verfemen“ solle. In einer Jugendzeitschrift wurde eine heftige Debatte
darüber geführt, ob „denn alle Einrichtungen der HJ wirklich so verbrecherisch“ waren. Statt-
dessen plädierte man für einen „Jugendbund, der die Begriffe von Führung und Gefolgschaft,
von Treue und Opferbereitschaft wieder zu dem machen soll, was sie in ihrem Ursprung waren:
Begriffe des Wertvollsten und Entscheidendsten im Leben einer Jugend überhaupt.“ 4 Auch in Abb. 3: Titelblatt der Zeitschrift
den jugendbewegten Bünden sprach man davon, die überkommenen und nun neu gedeuteten „Am Lagerfeuer“, 1947
(vgl. [Link]. 249)
Traditionen von dem Missbrauch durch den Nationalsozialismus befreien zu wollen, um sich
von der „ großen Schuld rein zu waschen“.
Anfangs führten die inzwischen erwachsenen Jugendbewegten, ehemalige NS-Mitglieder,
Mitläufer, Antifaschisten und Remigranten, die sich beispielsweise 1947 zum Altenberger Kon-
vent trafen, eine sehr offene und ehrliche Diskussion über die eigenen Erfahrungen und Verfeh-
lungen mit dem Ziel einer „geistigen Überwindung des Nationalsozialismus.“ 5 Ähnlich wurde
in den Ludwigstein-Berichten von 1948 der „Geist des gegenseitigen unbedingten Vertrauens“
hervorgehoben, der „es möglich machte, rückhaltlos persönlichste Bekenntnisse abzulegen und
152 „Und wieder erblüht nach Nebel und Nacht ein s trahlender Tag im Lande“
Potenzial ihrer jugendbündischen Autonomie mehr nach innen. Sie zogen damit die ihnen eigene
Konsequenz, die sich allein schon aus der Kontinuität ihrer Lebens- und Gruppenformen ergab.
Fahrt und Lager führten sie nicht in die Gesellschaft, sondern „hinein in den Wald.“ 10 Man berief
sich auf die deutsche und bündische Tradition des „Unpolitischen“ und mied politische Themen,
vor allem wenn sie als parteipolitisch vermittelt (und damit verfälscht) galten. Politik wurde im
allgemeinen politischen Diskurs vom Staat her gedacht und weniger vom Individuum.11
Solche Verhaltensformen und Mentalitäten, die eng mit dem Autoritarismus und dem
Ordnungsbedürfnis der 1950er Jahre verbunden waren und in der Regel für die Väter wie für
die Söhne galten, waren nicht für alle jugendbündischen Wieder- und Neubegründungen glei-
chermaßen gültig, aber sie prägten anfangs sicherlich den Mainstream. Zeitzeugen und His-
toriker unterscheiden innerhalb dieses verworrenen und verwirrenden Spektrums der Bünde
und Gruppen zwischen vier mehr oder weniger klar organisierten, idealtypischen Richtungen
bündischer Jugend,12 die sich – meist auf lokaler Ebene – zugleich in Konkurrenz zu anderen
konfessionellen oder parteipolitischen Jugendgruppen befanden und trotz ihrer Minderheiten-
position für einige wenige Jahre noch einmal,13 ähnlich wie in den 1920er Jahren, mit ihren
aufsehenerregenden Fahrten nach Lappland wie nach Korsika und Griechenland, mit ihren frem-
den Liedern und auffälligen Symbolen, weit über das eigene Milieu hinaus stilbildend wirkten.
Da gab es wiederbegründete Wandervogelgruppen, die mit ihrem Gruppenstil den Gegensatz
zur bündischen Jugend noch einmal reproduzierten. Daneben bestanden Pfadfinderbünde, die
wegen ihrer anderen Wurzeln auch nach 1945 nicht vollständig in der Geschichte bündischer
Jugendbewegungen aufgingen und folglich zwischen einer Wiederbelebung des hierarchisch
organisierten Scoutismus und der bündisch-autonomen Elemente schwankten.14 Sie besaßen
in der von den westlichen Besatzungsmächten kontrollierten unmittelbaren Nachkriegszeit
den Vorteil, dass sie besser in das Konzept von Jugendpolitik und in die Lizenzierungspraxis
passten. Zudem entwickelten sie sehr bald ein im Vergleich zu den autonomen Bündischen
ausgeprägteres Organisationsgefüge, das sie weniger anfällig gegenüber Fraktionsbildungen
und Abspaltungen, dafür aber auch weniger offen für kritische Anregungen und Fragen machte.
Drittens gab es schließlich die Jungenschaftskreise, die in unterschiedlichem Maße und – wenn
es um die legendäre Gründerfigur Eberhard „Tusk“ Koebel (1907–1955) ging – begleitet von
heftigen Kontroversen, an die Tradition von dessen dj.1.11, der Deutschen Jungenschaft vom
1.11.1929, anknüpften. Sie waren nach dem Urteil von Arno Klönne (geb. 1931) im jugendbeweg-
ten Umfeld besonders attraktiv, weil sie in ihrer Praxis jugendkulturellen Bedürfnissen beson-
ders entgegenkamen. Im deutlichen Unterschied zu den Pfadfindern verfügten sie jedoch auch
über wenig stabile Organisationsformen und Regelhaftigkeiten. Wenn sie diese auch um den
Preis einer gelegentlichen Kurzlebigkeit ihrer Gruppen ablehnten, waren sie damit umgekehrt
der zunehmenden Individualisierung und damit dem neuen Lebensgefühl der jungen Genera-
tion der frühen 1960er Jahre sehr viel näher als so mancher Pfadfinder. Das Bedürfnis nach
Unabhängigkeit und Vielfalt prägte auch die vierte Gruppierung, die nach Klönne als „Bündische
Freischar“ zu bezeichnen ist und die „eher eine Föderation recht unterschiedlicher Gruppen als
ein stilistisch geschlossener Bund“ war.15
Zur Identität (und auch Abgrenzung) bündischer Gruppen trug schließlich auch ihre trot-
zige Selbstbehauptung bei, mit der sie ihr Gruppenleben gegen die neue Form der Jugendkultur
verteidigten. Was sie an der neuen Jugendkultur, wie sie von den Besatzungsmächten und den
deutschen Behörden gefördert wurde, störte, beschrieb ein Mitglied einer „Jungen Kamerad-
schaft“ aus dem Pfadfinderbund „Großer Jäger“: „Als wir nach dem Zusammenbruch 1945 wieder
in die Schule gingen, forderte man uns auf, uns in einem Schülerklub zusammenzuschließen.
Schallplattenabende, Vorlesungen und Vorträge, Diskussionen über englische Kommunalpolitik
154 „Und wieder erblüht nach Nebel und Nacht ein s trahlender Tag im Lande“
seine musisch-intellektuelle Ausrichtung jungenschaftliche Traditionen aus der Zeit um 1930
fortsetzte, sie aber mit Liedern aus der internationalen Folklore, mit neuen Gestaltungsformen
seiner Publikationen und seines Auftretens sowie seiner Kluft verband und „modernisierte“.21
Vor allem waren es hier studentische Mitglieder, die für einen offenen Diskussionsstil sorgten,
der sich von dem Autoritarismus der Pfadfinder deutlich abhob. Hinzuweisen ist darüber hin-
aus, dass die Jungenschaftsbewegung insgesamt bis weit in die 1960er Jahre hinein innerhalb
der gesamten jugendbewegten Szene eine bemerkenswerte Vielfalt von „autonomen“ Gruppierun-
gen von Hamburg bis Aachen, Kassel, Nürnberg bis zum „Hortenring“ im Rhein-Wupper-Raum
präsentierte. Der „Hortenring“ war insofern eine Besonderheit, als er weitgehend aus Jungen der
Arbeiterschicht bestand, die zum Teil früh politische Impulse aufnahmen, so zum Beispiel im
Umfeld der Ostermarschbewegung zu Beginn der 1960er Jahre.22
Das breite, aber zugleich recht heterogene jugendbewegte
Spektrum jener Jahre wurde für viele sichtbar und erkennbar bei
dem Meißnerfest von 1963, das aus Anlass der 50. Wiederkehr des
„Ersten Freideutschen Jugendtages“ von 1913 von den Älteren der
Jugendbewegung und den Jüngeren gemeinsam, wenn auch oft in
getrennten Veranstaltungsprogrammen, begangen wurde.23 Die-
ses Treffen von 1963 wurde in vielfacher Hinsicht zu einem Wen-
depunkt. Es war noch einmal eine große „Heerschau“ und Selbst-
darstellung der jugendbündischen Gruppen, die sich durch den
erneuten Versuch einer überbündischen Sammlung, den „Ring
junger Bünde“, der Öffentlichkeit wie den Herausforderungen
durch die modernen Jugendkulturen stellen wollten (Abb. 5). De-
ren übermächtiger Konkurrenz war man sich bewusst, zumal sie
dazu herausforderte, das Eigene jugendbündischer, autonomer
Lebensformen noch einmal zu formulieren. Auch den vom Natio
nalsozialismus belasteten Teilen der Tradition versuchte man
sich zu stellen, was durch die eindrucksvolle Rede des Berliner
Theologen Helmut Gollwitzer (1908–1993) angestoßen wurde. In
den Resonanzen dieser Rede deuteten sich zwar auch die Spannungen und Spaltungen inner- Abb. 5: Kohtenlager und G ruppen
halb der wiederbelebten Jugendbewegung an, in der es nach wie vor Unbelehrbare gab, doch auf dem Hohen Meißner,
Fotografie Helmut Kalle, 1963
sie verstärkte gleichzeitig den Willen zur Öffnung zu Politik und Gesellschaft und zu einem
entspannteren Umgang mit der allgemeinen gesellschaftlichen Tendenz zu mehr Liberalisierung
und Individualisierung, was nicht zuletzt von einem erneuten Generationenwechsel bestärkt
wurde. Bündische Jungenschaften und Teile der Pfadfinder begaben sich auf den Weg „heraus
aus dem Wald, hinein in die Gesellschaft.“ 24 Die Unruhe der 1960er Jahre hatte auch die Jugend-
bewegung erfasst.
Dieser Weg, der in einer zunehmenden Polarisierung und Politisierung mündete, sollte frei-
lich die Existenz vieler autonomer Gruppen infrage stellen bzw. aufheben, und selbst Großbün-
de, wie den Bund deutscher Pfadfinder, vor heftige innere Auseinandersetzungen um Reform und
Wandel führen. Die unruhigen 1960er Jahre, symbolisiert schließlich durch das Jahr 1968, ließen
erkennen, dass die Geschichte der Nachkriegsjugendbewegung immer mehr zu einer „Restge-
schichte“ 25 wurde; dass die stilbildende Kraft, die einst die bündische Jugend ausgezeichnet und
die damit über das eigene Milieu hinaus gewirkt hatte, mittlerweile verblasst war.
156 „Und wieder erblüht nach Nebel und Nacht ein s trahlender Tag im Lande“
Helga Gotschlich
Am 4. November 1989 füllten Zuschauer zu später Stunde das Schweriner Theater. Sie hatten
vermutlich tagsüber den Rundfunk- und Fernsehübertragungen der Massenkundgebungen in
Berlin gelauscht – diesem vielfach selbst gedachten, wiederholt vor sich hin geflüsterten oder
herab geschluckten Zorn der Redner, ihren energischen Forderungen nach Veränderung.
Auf der Bühne erschienen Hand in Hand die Darsteller des Abends. Frauen und Männer in
schlichter Kleidung. Alle gehörten zu einer Generation, die in den späten Vierzigern FDJ-Lieder
gesungen hatten, die sie nun leise, nuanciert betont anstimmten. Sie schienen bereits mit der
ersten Liedzeile in sich hinein und ihrer Vergangenheit nach zu lauschen, Bilder heraufzube-
schwören: „Das neue Leben / muss anders werden / als dieses Leben / als diese Zeit.“
Besser als jeder Kommentar, verdeutlichten die ernüchterten, vom „realen Sozialismus“
gekennzeichneten Gesichter der inzwischen in die Jahre Gekommenen, was aus den Zukunfts
visionen und dem Elan, mit dem junge Menschen damals der „eigenen Kraft vertrauend“ in
ein „anderes Deutschland“ aufbrachen, geworden war. Das „Publikum im Saal klatschte, raste,
jubelte an diesen unglaublichen Abend eines unglaublichen Tages“, hieß es in der Presse.1
Die Lieder hatten an Momente erinnert, in denen in der Wirrnis eines kollabierten Gesell
schaftsgefüges und vor dem Hintergrund der unendlich scheinenden Trümmerwüste Nach-
kriegsdeutschlands anfangs noch eine verschwindend kleine Minderheit der Mädchen und
Jungen beschlossen hatte, „sich nicht aufzugeben“ und schon, um überleben zu können, „selbst-
bestimmt und eigenverantwortlich anzupacken“. Sie hatten es künftig besser machen wollen
als ihre Eltern und Großeltern und sich in den folgenden Wochen, Monaten, Jahren von einer
neu etablierten Obrigkeit in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) manchmal sogar allzu gern
eine besondere „Mission“ beim „gesellschaftlichen Wandel“ einreden lassen, mit der sie dann
als Mitglieder der Freien Deutschen Jugend (FDJ) „Zukunftsträger einer erneuerten, gerechten
Gesellschaft“ sein sollten und in der „Pflicht“ schienen.
Dabei erinnerten sich interviewte Zeitzeugen, als ehemalige „FDJler der ersten Stunde“
Jahrzehnte später nach den jugendbewegten Anfängen in der SBZ befragt,2 sehr betont an
ihr allererstes, eher spontanes Aufeinandertreffen. Ihre kleinen, losen Gemeinschaften glichen
anfangs eher „Selbsthilfegruppen notleidender junger Menschen“, die noch ausschließlich
auf das eigene alltägliche Überleben konzentriert blieben – bevor sich daraus Gruppen der
„Antifa-Jugend“ entwickelten, in denen man sich dann regelmäßiger zusammenfand und die
158 „Und wieder erblüht nach Nebel und Nacht ein s trahlender Tag im Lande“
wie es anderen ging, die wie er diesem „Schlamassel“ entronnen waren. In einem Interview
konnte er noch 50 Jahre später aus dem Gedächtnis den ersten Satz des Referenten, der damals
umringt von jungen Leuten im kleinen Kellerraum Platz genommen hatte, sinngemäß wieder-
holen: „Nachdem es keine jugendlichen Heldentoten mehr gibt, könnte das Leben für uns noch
lang werden.“ Gemeinschaftlich war man dann zu dem Schluss gelangt, dieses Überleben als
Chance zu begreifen und Neues anzupacken. Jürgen D.: „Gemeinsam beschlossen wir, dass es
besser wird […]“.6
Noch blieb offen, ob die Aktionsbereitschaft junger Leute mit ihren „Eingebungen“ und
Initiativen nur für den Augenblick unter Gleichaltrigen wahrgenommen wurde und der spürbare
Elan kurz aufflackernd alsbald wieder verlosch. Es konnte daraus aber auch eine autonome und
pluralistische Jugendbewegung erwachsen, die sich dann mit eigenen Interessen und Anschau-
ungen länger behauptete und in der Nachkriegsgesellschaft bedeutsam sein würde.
Diese Alternative beschäftigte vermutlich die jugendlichen Akteure, die das eigene Handeln
kaum zweifelnd hinterfragten, in der SBZ weit weniger, als die Sowjetische Militäradministration
Deutschland (SMAD) und Funktionäre der Parteien – KPD, SPD, LDPD, CDU – die nach dem Befehl
Nr. 2 der SMAD vom 10. Juni 1945 in der SBZ wieder legal entstanden waren. Sie erkannten in
diesen, dem Leben zugewandten jungen Menschen ein offenbar freigesetztes Lern- und Wand-
lungspotenzial, das sie möglichst mit eigenen Intentionen beeinflussen und – gerade weil die
Lang- oder Kurzlebigkeit des jugendlichen Schwungs nicht abschätzbar schien – unter Kontrolle
bringen wollten. Ohnehin war jede der Parteien auch auf die eigene Nachhut bedacht.
Die Liberaldemokraten (LDPD) suchten zunächst der Verselbständigung Jugendlicher ent-
gegenzuwirken und betonten die Verantwortung der Elternhäuser, der Schulen und der Organe
staatlicher Jugendpflege bei der notwendigen „Umerziehung der Jugend“,7 während die Christ-
demokraten (CDU) aus ähnlichen Erwägungen die junge Generation an traditionelle Werte wie
Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft, auch an „Ehrfurcht, Demut, Bescheidenheit“ 8 erinnerten.
Nicht im Widerspruch dazu beklagten Sozialdemokraten (SPD) die noch nachwirkende Nazi
ideologie in den Köpfen der Heranwachsenden und die „verkümmerte“ Moral. Sie hoben hervor,
dass eine „geistige Urteilsfähigkeit“ 9 in der Jugend erst geweckt werden müsse. Während die
Kommunisten (KPD) schon am 23. Juni 1945 zu erkennen glaubten, dass „in den Herzen der
jungen Generation […] der neue Geist seine Wurzeln“ 10 schlage und sich mit dieser Redeweise
wahrscheinlich am ehesten Einfluss auf die Jugendlichen versprachen.
Führende Persönlichkeiten der KPD hatten bereits im sowjetischen Exil die „Einheitsfront-
taktik“ und daraus ableitbare noch vage jugendpolitische Vorstellungen für eine organisatori-
sche Vereinigung junger Menschen bedacht, die sie auf antifaschistisch-demokratischer Basis
gemeinsam mit allen Parteien unter eigener Führung initiieren wollten. Allerdings konnten sie
die tatsächliche Nachkriegssituation in Deutschland kaum im Voraus auch nur ahnen. Der Jung-
kommunist Heinz Keßler (geb. 1920)11 erinnerte sich später: „Als ich im Mai 1945 aus der Sowjet
union nach Berlin kam, war ich erst mal fassungslos. Ein einziger Trümmerhaufen. Er rauchte
noch. [...] Zwischen den Gesteinen sah ich Jugendliche in abgerissenen Klamotten und mit einer
einzigen Frage: ,Wo krieg ich was zu fressen her‘. In Moskau hatte ich mir vorgestellt, wie es
sein würde – danach. […] Aber nun fragte ich mich bloß immer: Wie sollen wir hier ’ne Übersicht
kriegen? Was ist zu tun?“ 12 Während Heinz Keßler auf Kundgebungsplätzen und in Versamm-
lungen mit zündenden Worten um eine „einheitliche freie Jugend“ warb und dabei durchaus
auch den Zusammenschluss der spontanen Gruppen im Auge behielt, wurden KPD-Mitglieder,
die den Nationalsozialismus in Deutschland überlebt hatten und einen separaten kommunisti-
schen Jugendverband begründen wollten, von den Spitzenfunktionären ihrer Partei rigoros auf
die überparteiliche „Einheitsfronttaktik“ festgelegt.
160 „Und wieder erblüht nach Nebel und Nacht ein s trahlender Tag im Lande“
nalsozialismus und am Zweiten Weltkrieg freizusprechen“ sei und im antifaschistisch-demokra-
tischen Sinne „umerzogen“ werden müsse.
Wenn nun tatsächlich zu diesen gleichlautenden Standpunkten eine Verständigung da und
dort möglich war, hatten alle vier Parteien Probleme, geeignetes Personal zu finden, das sie in
den jugendpolitischen Leitungsgremien und Funktionen der SBZ-Länder und -Kommunen plat-
zieren konnten. Selbst die langfristig schon während der Emigration angedachten „Funktions-
verteilungspläne“ der Kommunisten scheiterten in der SBZ am „Erfordernis der Stunde“, das
dann den Einsatz des vorgesehenen Leitungskaders an anderer Stelle notwendig machte. So war
beispielsweise der Kommunist Hans Mahle (1911–1999) als leitender Jugendfunktionär vorge-
sehen. Mit der Gruppe Walter Ulbricht aus Moskau nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er
aber am 12. Mai 1945 angewiesen, die Leitung des Berliner Rundfunks zu übernehmen. Mahle
erinnerte sich später daran, in jenen Maitagen in der Frankfurter Allee einem Mann in Sträflings-
kleidung begegnet zu sein, „der ihm bekannt vorkam […] Es war der gerade aus dem Zuchthaus
Brandenburg-Görden befreite Erich Honecker, mit dem er vor 1933 gemeinsam im Jugendver-
band gearbeitet hatte. Mahle, eben auf dem Weg zu Walter Ulbricht, ließ ihn in seinen Wagen
einsteigen.“ 16 So verdankte selbst Erich Honecker (1912–1994) eher einem Zufall seine oberste
Funktion im Zentralen Jugendausschuss und später in der FDJ.
Von allem Gerangel um den Einfluss auf die „Nachhut“ spürten die Mädchen und Jungen
im Alltag kaum etwas. Wenn sich die Jugendlichen an der Basis nun unter einem „antifaschisti-
schem Etikett“ – umgangssprachlich verkürzt formuliert als Antifa-Jugend – trafen, entsprach
das durchaus ihrer Grundhaltung. Um an eine „bessere Zukunft“ glauben zu lernen, wollten sie
gestrige Ideologien und die Politik des Nationalsozialismus „hinter sich lassen“, möglichst „ver-
gessen“, damit „aufräumen“. Hans M. erinnert sich: „[…] ein Leben ohne Krieg und Faschismus.
Von mehr war damals nicht die Rede, und das war schon viel, nicht nur angesichts des geistigen
und seelischen Elends, sondern auch der Trümmer und der bitteren Not ringsum.“ 17 Insofern
wurden gelegentlich Redeweisen politischer Exponenten in der SBZ unter Jugendlichen populär,
die sie in ihrer antifaschistischen Grundhaltung bestätigten und die damit ihr Tun bestärkten.
Eindruck hinterließen Widerstandskämpfer – die dem Nazi-Regime getrotzt, Konzentrations
lager (KZ) oder Gefängnisse überlebt hatten, vereinzelt bereits aus der Emigration zurückgekehrt
waren – und nun zu Gast vor der Antifa-Jugend das Wort nahmen.
Nach vorsichtiger Schätzung beteiligten sich im Sommer 1945 bereits 5 bis 15 Prozent der
jungen Generation in der SBZ mit regional unterschiedlicher Intensität an den Initiativen der
Antifa-Jugend. Es ist nicht bekannt, dass sich Jugendliche von den übergeordneten Ausschüssen
oder in der „Obhut“ der Volksbildungsämter bevormundet oder gar in ihrem Tun eingeschränkt
sahen. Eher war das Gegenteil der Fall. Mädchen und Jungen gestalteten die ihnen zugewiese-
nen Räume für ihre Gruppen, nutzten kostenlos Säle für die nach dem Krieg wieder erlaubten
Tanzveranstaltungen, wurden vom Amt bei Sport und Spiel mit bescheidenen Mitteln materiell
unterstützt und genossen den geförderten Zugang in die wieder eröffneten Kulturstätten. Es
entwickelten sich mit Heimatabenden, am Lagerfeuer und beim Wandern gesellige Formen des
Zusammenseins, die an jugendbewegte Zeiten in der Vorkriegszeit erinnerten. Dem jugendlichen
Tatendrang entsprachen auch Ernteeinsätze der Antifa-Jugend, die ‚Enttrümmerungsaktionen‘
oder praktische Hilfsmaßnahmen für bedürftige Familien oder verwaiste Kinder und alle nur
möglichen aktivistischen Bewegungen zur Linderung der existenziellen Nöte in der Bevölkerung.
Ganz gleich, ob diese Initiativen aus eigenem Antrieb erfolgten oder von der jeweilig zustän-
digen Stadtbehörde, von jugendpolitischen Funktionären der Parteien oder auch von lokalen
Militärkommandanturen initiiert und gestützt wurden, förderten sie den Gemeinschaftsgeist
der Antifa-Jugend und bestärkten das Empfinden der daran Beteiligten, miteinander sinnvoll
162 „Und wieder erblüht nach Nebel und Nacht ein s trahlender Tag im Lande“
der „Namensänderung“ kaum Notiz nahm: „Etwas anderes war es
in unseren Augen nicht. Das Leben ging weiter.“ 23
Mit dem „Ersten Parlament der Freien Deutschen Jugend“
vom 8. bis 10. Juni 1946 in Brandenburg an der Havel kamen die
in der SBZ noch immer umstrittenen Gründungsinitiativen zum
Abschluss (Abb. 2). 633 Delegierte, darunter einige geladene west-
deutsche Vertreter, waren angereist, um Satzungen und Statuten
zu debattieren und in geheimer Wahl zu verabschieden. Im Pro-
gramm wurden „die Erhaltung der Einheit Deutschlands“ und
die „Gewinnung der deutschen Jugend für die großen Ideale
der Freiheit, des Humanismus, einer kämpferischen Demokra-
tie, des Völkerfriedens und der Völkerfreundschaft“ postuliert.
Damit war die FDJ perspektivisch ein gesamtdeutsches Angebot. Auch in seiner Grundsatzrede Abb. 2: Delegierte des Ersten
betonte Erich Honecker, als Erster Vorsitzender der FDJ, dass in der „überparteilichen demokra- Parlaments der FDJ vor dem
Eingang der Stadthalle
tischen Organisation […]“ alle „positiven Kräfte“ der jungen Generation „mitarbeiten“ könnten.24 Brandenburgs, Fotografie, 1946.
Als besondere Verfechterin einer „freiheitlichen und demokratischen Jugendbewegung“ begrüßte BArch, BildY 1-12B523-2528
die Delegierte des Parlaments und Zweite Vorsitzende der FDJ Edith Baumann (1909–1973)25 die
Organisationsgründung und sah darin den „Beginn einer neuen Epoche der deutschen Jugend-
bewegung“. Wenige Monate später hielt sie vor Absolventen einer Jugendhochschule der FDJ, die
nördlich von Berlin am Bogensee, auf dem Besitz des ehemaligen Propagandaministers Joseph
Goebbels (1897–1945), entstanden war, eine Rede, in der sie erneut dazu aufforderte, die „guten
Traditionen der deutschen Jugendbewegung“ des 20. Jahrhunderts „hochzuhalten“.26
Populär wurde unter Jugendlichen vor allem Erich Honecker mit seinen eingeforderten
Grundrechten der jungen Generation, die er vor dem Parlament erläutert hatte. „Auf welche Rechte
haben wir Anspruch?“, hatte er in seinem Referat abschließend gefragt und selbst darauf, seine
ausführlichere Darstellung zusammenfassend, geantwortet: „Vier Rechte
sind es: die politischen Rechte, das Recht auf Arbeit und Erholung, das
Recht auf Bildung und das Recht auf Freude und Frohsinn“ 27 (Abb. 3).
Nach den offiziellen Presseberichten in der SBZ wirkte das Erste
Parlament der FDJ mobilisierend auf die junge Generation und wie
eine „Manifestation jugendlicher Einigkeit und Aufbaubereitschaft“.
Dabei lasen die wenigsten jungen Leute Wort für Wort das publizierte
FDJ- Programm oder das gedruckte Parlamentsprotokoll mit Gruß-
worten „ausländischer Organisationen“,28 aber sie sprachen noch
Jahrzehnte später als Zeitzeugen von den „mitreißenden, geradezu ma-
gisch formulierten vier geforderten Rechten“, mit denen sie sich den
„Neubeginn“ aus „eigener Kraft“ zutrauten: „Wir hatten unsere Lage
erkannt, wer sollte uns da noch aufhalten?“, erinnerten sie sich sinngemäß übereinstimmend. Abb. 3: Erich Honecker als Erster
Nachdrückliche Wahrheiten ließen sich plötzlich scheinbar einfach auf einen Punkt bringen. FDJ-Vorsitzender mit dem Fahrrad
unterwegs zur Arbeit in den
Die Antifa-Jugend legalisierte sich alsbald schon als FDJ-ler der ersten Stunden. Zum Jahres Zentralrat, Fotografie, 1946.
wechsel 1946/47 zählte die FDJ in der SBZ bereits mehr als 400.000 Mitglieder, jeder siebte Jugend- BArch, BildY 10-EH22-1338-71
liche der Geburtsjahrgänge 1921 bis 1932 gehörte dazu. Der Zustrom hielt noch rasant an,29 obwohl
sich die FDJ-Arbeit an der Basis und vornehmlich in den Wohngebieten, noch in geringem Unfang
in den Betrieben und Bildungseinrichtungen, sehr unterschiedlich, abhängig von mehr oder weniger
ambitionierten und befähigten oder auch „von oben“ instruierten J
ugendfunktionären entfaltete.
Diese „Unschuld des Beginns“ als Gruppenzustand der FDJ-Basis gab es nur für eine kurze
Zeitspanne und ist chronologisch schwer einzugrenzen. Die Geschichtsschreibung weist auf
1 Die Freie Deutsche Jugend stürmt Berlin. Ein FDJ-Lieder- 18 Helga Gotschlich: Aufbruch in ein „anderes“ Deutschland.
Abend. Begleitheft zur Amigo-CD [o.J.]. In: Gotschlich u.a. 1996 (Anm. 2), S. 63–120, bes. S. 117.
2 Zur Befindlichkeit und zum Selbstverständnis der FDJ- 19 Mählert 1995 (Anm. 7), S. 95. – Noack 1996 (Anm. 13), S. 25.
Gründergeneration wurden in der SBZ keine repräsentativen 20 Mählert 1995 (Anm. 7), S. 95. – Michael Herms/Carla Popp:
Erhebungen durchgeführt. Vorliegende „Stimmungsberichte“ Westarbeit der FDJ, 1946–1949. Eine Dokumentation. Berlin 1997.
aus jener Zeit sind nur bedingt realistisch. Von Mitarbeitern und 21 Mählert 1995 (Anm. 7), S. 89.
Mitarbeiterinnen des Instituts für zeitgeschichtliche Jugend- 22 Mählert 1995 (Anm. 7), S. 96.
forschung (IzJ) Berlin wurde 1990–1993 eine umfängliche 23 Gerhard Kirner: Lehr- und Wanderjahre. In: Unser Zeichen
Zeitzeugenbefragung tontechnisch aufgezeichnet und teilweise war die Sonne 1996 (Anm. 15), S. 204.
wissenschaftlich ausgewertet. Darauf bezieht sich die Darstellung 24 Rede Erich Honeckers. In: Erstes Parlament der F
reien
der Situation. Helga Gotschlich u.a.: Das neue Leben muss anders Deutschen Jugend. Brandenburg an der Havel, Pfingsten
werden… Studien zur Gründung der FDJ (Die Freie Deutsche 1946. Berlin [1947], S. 45–52, bes. S. 45. – Ehemals besoldeten
Jugend, Beiträge zur Geschichte einer Massenorganisation 3). HJ-Funktionären war der Beitritt in die FDJ verwehrt.
Berlin 1996. – Helga Gotschlich: Und der eignen Kraft vertrauend. 25 Edith Baumann: bis 1931 Mitglied des Vorstandes der SAJ,
Aufbruch in die DDR – 50 Jahre danach. Berlin 1999. dann im SAP-Reichsvorstand, 1933–1936 im Nazi-Deutschland
3 Gotschlich 1999 (Anm. 2), S. 185. inhaftiert, 1945 SPD–Mitglied und nach der Vereinigung der SPD/
4 Gotschlich 1999 (Anm. 2), S. 80. KPD Mitglied der SED, 1946–1949 stellvertretende Vorsitzende
5 Gotschlich 1999 (Anm. 2), S. 74. der FDJ, seit 1949 Funktionärin der SED. Sie war von 1947 bis 1953
6 Gotschlich 1999 (Anm. 2), S. 184. mit Erich Honecker verheiratet, 1973 verstarb sie.
7 Ulrich Mählert: Die Freie Deutsche Jugend 1945–1949. 26 Edith Baumann: Die Geschichte der deutschen Jugend
Paderborn u.a. 1995, S. 35. bewegung. Berlin o.J. [1947], S. 32.
8 Mählert 1995 (Anm. 7), S. 35. 27 Rede Erich Honeckers 1947 (Anm. 24).
9 Mählert 1995 (Anm. 7), S. 34. 28 Unter den Grußworten befand sich ein Schreiben von
10 Deutsche Volkszeitung vom 23.06.1945. FDJ-lern aus Großbritannien, die als Emigranten ihre Organisation
11 Heinz Keßler: Jung-Spartakusbund, 1940 Wehrmacht, 1941 1939 gegründet hatten. Darüber war unter der Jugend in Deutsch-
Übertritt zur Roten Armee, Antifa-Schule, Gründungsmitglied des land kaum etwas bekannt. 1935 entstand die FDJ in Paris, 1938 in
NKFD, 1945 Rückkehr nach Deutschland, KPD, Leiter des Haupt Prag. Selbst die Mehrheit der Delegierten auf dem Brandenburger
jugendausschusses von Groß-Berlin, ab 1946 im Parteivorstand Parlament dürfte davon erstmals erfahren haben. Erich Honecker
der SED, mehrere Funktionen in der DDR, 1985 Verteidigungs hatte im Vorfeld der FDJ-Gründung und des Parlaments mit Horst
minister, Armeegeneral, ab 1986 Mitglied des Politbüros der SED. Brasch, sowie der FDJ in London, Kontakt. Siehe auch: Herms/
12 Gotschlich 1999 (Anm. 2), S. 77. Lange/Noack: Zur Geschichte der Freien Deutschen Jugend.
13 Gert Noack: Die Gründung der Freien Deutschen Jugend. In: Gotschlich 1996 (Anm. 2), S. 173.
In: Gotschlich u.a. 1996 (Anm. 2), S. 9–62, bes. S. 19. 29 Vgl. DDR-Jugend. Ein statistisches Handbuch.
14 Mählert 1995 (Anm. 7), S. 47. Hrsg. von Edeltraud Schulze. Berlin 1995, S. 181.
15 Mählert 1995 (Anm. 7), S. 57. – Hans Modrow: Vorwort.
In: Unser Zeichen war die Sonne. Gelebtes und Erlebtes. Bildnachweis
Hrsg. von Hans Modrow. Berlin 1996, S. 7-9, bes. S. 8. Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR
16 Katharina Riege: Einem Traum verpflichtet. Hans Mahle – im Bundesarchiv, Berlin · Abb. 1, 2, 3
eine Biographie. Hamburg 2003, S. 197.
17 Modrow 1996 (Anm. 15), S. 7.
164 „Und wieder erblüht nach Nebel und Nacht ein s trahlender Tag im Lande“
Bernd Lindner
In all den 40 Jahren DDR gab es Jugendliche, die nicht bereit waren, sich dem Machtanspruch
der SED-Führung und ihres Einheitsjugendverbandes Freie Deutsche Jugend (FDJ) unterzuord-
nen. Möglichkeiten, diesen Widerspruch öffentlich auszuleben, waren in den ersten beiden Jahr-
zehnten der DDR aber nur begrenzt vorhanden. Zwar hatte die KPD-Führung unmittelbar nach
Kriegsende erklärt, sie verzichte auf einen eigenen kommunistischen Jugendverband zugunsten
„einer einheitlichen, freien Jugend“,1 die als außerparteiliche Massenorganisation Jugendliche
unterschiedlicher Weltanschauung und Glaubens in einem breiten antifaschistischen und anti-
militaristischen Bündnis vereint. Und Edith Baumann (1909–1973), stellvertretende Vorsitzende
der am 7. März 1946 (wieder) gegründeten FDJ,2 beschrieb diese noch 1947 als eine gesamt-
deutsche Jugendorganisation, in der sich „die politische Aufgeschlossenheit und jugendliche
Kampfbereitschaft, die sich von den Burschenschaften bis zum kommunistischen Jugendver-
band erhalten hat, mit dem naturverbundenen Leben der Wandervogelgruppen und der christli-
chen Toleranz der konfessionellen Verbände (Quickborn)“ vereint.3 Doch streifte die FDJ bereits
innerhalb weniger Jahre die pluralistischen Elemente des Anfangs ab, um sich zielgerichtet
zu einer Staatsjugendorganisation unter dem Kuratel der SED zu entwickeln. Eine Wiederauf
nahme jugendbewegter Ideen und Lebensformen wurde vom ersten Vorsitzenden der FDJ, Erich
Honecker (1912–1994), schon bald als „Flucht in die jugendbewegte Romantik“ 4 verunglimpft.
Verdeckter Widerstand
Offener Widerspruch, gar der Ausbau alternativer Jugendverbände ge-
gen das „Organisationsmonopol der FDJ“ 5 wurden ab dem Jahreswechsel 1948/49 nicht nur
nicht mehr geduldet, sondern – im engen Zusammenspiel mit der sowjetischen Besatzungs-
macht – zunehmend kriminalisiert und verfolgt. Bürgerliche Parteien wie die National-Demokra-
tische Partei Deutschlands (NDPD) und die Demokratische Bauernpartei Deutschlands (DBD)
zogen sich „schrittweise – und nicht ohne Widerstände an der Basis – aus der Jugendarbeit zu-
rück.“ 6 Gegen unbeugsame, junge Mitglieder der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands
(LDPD), wie den Vorsitzenden des Leipziger Studentenrates Wolfgang Natonek (1919–1994) oder
den Rostocker Studenten Arno Esch (1928–1951), wurden drakonische Strafen verhängt. Natonek
wurde im März 1949 wegen seiner Kritik an der mangelnden Meinungsfreiheit in der Sowjetischen
Besatzungszone (SBZ) zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Sieben Jahre davon musste er ab
Junge Gemeinde
Vergleichsweise wenigen Anfechtungen war anfangs die kirchliche Jugendar-
beit in der SBZ und frühen DDR ausgesetzt. Die Kirchenpolitik der sowjetischen Militäradminis-
tration kennzeichnete zuerst „großes Entgegenkommen“, auch wenn sie „gegen die Wiederein-
richtung des umfangreichen kirchlichen Verbands- und Vereinswesen von vor 1933“ war.12
Dennoch bemühte sie sich, kirchliche Kräfte in die Jugendarbeit vor Ort einzubinden. Die Bereit-
schaft der Kirchenleitung, dafür auf gewachsene innerkirchliche Strukturen der Jugendarbeit zu
verzichten, fand unter Geistlichen wie Gläubigen ein geteiltes Echo. So lassen sich nach 1945 vor
allem in Sachsen nicht nur Reste der christlichen Pfadfinderschaft (C.P.) sondern auch „einzelne
Belege von Jugendarbeit mit Pfadfindercharakter“ nachweisen, wie die neu eingeführte „Arbeits-
form der ‚Lebensgestaltungswochen‘“, die „an die frühere Tradition der ‚Pfadfinderwochen‘“ an-
knüpfte.13 Mit diesen Rudimenten allein ließ sich jedoch keine konstante kirchliche Jugendarbeit
aufbauen, zeigte sich doch bald, dass „das Ja zur Kirche […] gerade für Jugendliche einer kon-
kreten Identifikationsform“ bedurfte.14 Dies war die Junge Gemeinde (JG).15 Bei ihr handelte es
sich um keine eigenständige Organisation, sondern um eine Form der evangelischen Gemeinde-
arbeit. Dennoch hatte die JG eine eigene Zeitschrift „Die Stafette“ und ein gemeinsames Abzei-
chen: die stilisierte Weltkugel mit aufgesetztem Kreuz.
„Zum Aufgabenbereich der Jungen Gemeinde gehört neben der Betreuung der Jugend in
besonderen Gottesdiensten und Jugendversammlungen mit Bibelarbeit, Singen, Verkündigungs-
spiel und Aussprachen über die Fragen christlicher Lebensgestaltung auch die Sammlung der
166 „Und wieder erblüht nach Nebel und Nacht ein s trahlender Tag im Lande“
Jugend in Bibelfreizeiten von kürzerer und längerer Dauer.“ 16 Gerade diese ‚Rüstzeiten‘ und
überregionale Treffen übten auf viele, nach Zielen und Orientierungen jenseits der parteipoli-
tischen Vereinnahmung durch die FDJ suchenden Jugendliche eine große Anziehungskraft aus.
Gleichzeitig waren die von der JG lokal veranstalteten geselligen Zusammenkünfte, Laienspiele,
Ausflüge und Wanderungen wichtige Unterhaltungsangebote für die Heranwachsenden in der
Tristesse der Nachkriegsjahre. Viele Jugendliche erlebten bei der gemeinsamen Bibellektüre
die JG aber auch als „eine lebhafte Gemeinschaft von Menschen, die miteinander reden, die
Bibel mitreden lassen und so für ihr Leben Anregungen bekommen“, wie sich Hansjürgen Schulz
(geb. 1931) – später Direktor des Evangelischen Predigerseminars in Wittenberg – erinnert.17
Das stach dem FDJ-Zentralrat ins Auge. Im Sommer 1952 musste er konstatieren, dass
die JG in vielen kleineren Ortschaften „der Mitgliederzahl der Grundeinheiten der FDJ gleich-
kommt.“ 18 Und ein Bericht zur Tätigkeit der JG an den höherbilden-
den Schulen stellte fest, dass es nicht wenige Oberschulen gab, „an
denen um 50, ja sogar bis zu 70 Prozent aller Schüler der Jungen
Gemeinde angehören.“ 19 Selbst ein erheblicher Teil der FDJ-ler sei
Mitglied der JG. Allein in Sachsen war die Zahl der christlichen
Gruppen von Oktober 1950 bis Oktober 1951 von 492 auf 776 ge-
wachsen.20 Heute wird von 110.000 21 bis zu über 125.000 jungen
Menschen22 ausgegangen, die damals in der DDR regelmäßig in der
JG zusammenkamen (Abb. 1).
Nur wenige Funktionäre, wie der Generalinspekteur der Volks-
polizei Willi Seifert (1915−1986), waren bereit zuzugeben, dass die
Hauptursache für das Anwachsen der JG in der schlechten FDJ-
Arbeit vor Ort lag. Sie verstünde es nicht, „ein reges Gruppenleben
zu entfalten und die kulturelle Massenarbeit, besonders in den Dörfern, zu fördern.“ 23 Derselbe Abb. 1: Überregionales Treffen
Funktionär zögerte zugleich aber nicht, der JG zu unterstellen, damit gezielt einen „Ansatz zu einer der Jungen Gemeinde am Himmel
fahrtstag in Sehlis bei Leipzig,
Zersplitterung der einheitlichen Jugendorganisation“ zu suchen.24 In einem anderen SED-Bericht Fotografie Manfred Augustin,
wurde JG-Mitgliedern vorgeworfen, die Jugend an den Oberschulen „durch offene Provokationen Anfang 1950er Jahre
und Störungen im Unterricht und in der FDJ-Arbeit“ zu spalten. Eine weitverbreitete Methode sei
dabei „das Aufzwingen von Diskussionen“ und „die Veröffentlichung pazifistischer Losungen, die
auf Bibelsprüchen basieren“. Durch „raffinierte Taktik“ gelänge es ihnen, sich „als scheinbare akti-
ve FDJler“ in die Leitungen der Grundeinheiten „einzuschleichen“ 25 und sie zu unterwandern. Der
Klassenkampf war in den Schulen angekommen!
Ende 1952 begann eine konzertierte Aktion von SED, FDJ, staatlichen Medien und Sicher-
heitsorganen gegen die evangelische Jugendarbeit. Sie nutzte den Umstand, dass die Jugend-
kammer-Ost der evangelischen Kirche ihren Sitz in Westberlin hatte, um eine „Entlarvung“ der
JG „als einer Tarnorganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage, die von westdeutschen
und amerikanischen imperialistischen Kräften dirigiert wird“,26 einzuleiten. Der Maßnahmen
katalog des SED-Politbüros enthielt Zielstellungen wie
• die Abschaffung des Religionsunterrichts,
• die Nicht-Zulassung von aktiven JG-Mitgliedern zum Studium,
• das Verbot „jede[r] Tätigkeit von Jugendlichen aller Religionsgemeinschaften […], die über den
Rahmen der in der Verfassung garantierten Religionsausübung hinausgeht (wie z.B. Jugendwan-
derungen, Zeltlager, Rüstzeitlager, Laienspiele, Laienchöre, christliche Akademien usw.)“ – auch
innerhalb der Kirchen,
• das Verbot, das „sogenannte Bekenntniszeichen“ 27 [das Kugelkreuz] öffentlich zu tragen und
• die Einstellung der kirchlichen Jugendzeitschriften.
„Beatgeneration“-Ost
Die einschneidenden Erfahrungen der Anfangsjahre führten bei den
Jugendlichen zur weitgehenden politischen Abstinenz. Selbst westliche Quellen vermuteten
damals unter der Jugend der DDR nur 15 Prozent strikte Systemgegner. Sie konnten aber auch
nur eine Minderheit von Parteigängern des SED-Staates ausmachen – sei es als „überzeugte
Aktivisten“ (5 Prozent) oder als „opportunistische Karrieristen” (10 Prozent).35 Zwei Drittel der
Vertreter der Aufbaugeneration hätten sich demzufolge lediglich im, nicht aber mit dem Sozialis
mus arrangiert. Der SED gelang es von Beginn an nicht, viele Jugendliche über eine formale
Mitgliedschaft in der FDJ hinaus, an das ideologische System der DDR zu binden.
168 „Und wieder erblüht nach Nebel und Nacht ein s trahlender Tag im Lande“
Zugleich befanden sich alle Jugendgenerationen, die die DDR hervorgebracht hat,36 im
Wartestand, weil die Hebel der politischen Macht bis zum Ende dieses Staates fest in den Hän-
den der noch vor dem Ersten Weltkrieg geborenen ‚Alten Garde‘ lagen. Der politische Gestal-
tungsraum blieb für nachwachsende Generationen dadurch stets begrenzt. Um ihrer Generation
dennoch ein eigenständiges Profil zu geben, wichen sie immer häufiger ins Feld der Kultur und
Kunst aus. Hier wurden Freiräume erkämpft und zunehmend auch behauptet.37 Hier konnten sie
ihre „symbolischen Proteste“ 38 ausleben und kreative Innovationen ausprägen; auch weil das
kulturelle Aufbegehren Jugendlicher in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weltweit eine
neue Dimension bekam. Hauptaustragungsort war die Populärkultur. Musik, Mode und Körper-
styling erwiesen sich als besonders geeignet für Gegenentwürfe zu den tradierten Werten der
Eltern. Die Mediatisierung der Gesellschaft sicherte zudem neuen Jugendkulturen eine grenz-
überschreitende Verbreitung. Und so ‚sickerte’ ab Mitte der 1950er Jahre via Radio und auch
Fernsehen erst der Rock’n’Roll und dann der Beat in die Jugendkultur der DDR ein.
Was haben SED und FDJ nicht alles versucht, um dagegen anzukämpfen: Von Verboten über
ideologische Kampagnen gegen die „transatlantische Veitstanzmusik“ 39 bis hin zur Kreation eigener
Modetänze. Alles ohne nennenswerten Erfolg.40 Die Jugendlichen fanden sich weiterhin auf den
Straßen großer Städte und vor Kinos zusammen. Zur Bezeichnung ihrer Freizeitbünde gebrauchten
sie in Leipzig interessanterweise auch den Begriff der „Meute” 41, den sie von den jugendbewegten
„Leipziger Meuten” 42 während des Dritten Reiches übernommen hatten. Bands, die sich allein dem
Rock’n’Roll verschrieben, fehlten in den 1950er Jahren noch weitgehend. Meist blieb es bei gele-
gentlichen Rock’n’Roll-Einlagen im Standardprogramm der Tanzorchester.43 Ihren Unmut dagegen
trugen die jugendlichen Fans auch auf die Straße. Im Mai 1958 zogen 100 Mitglieder eines illegalen
Rock and Roll-Klubs aus der Kleinstadt Schmölln mit dem Transparent „Elvis Presley – das Idol!
Wir wollen nur noch Rock and Roll!“ zum Gasthof des Dörfchens Ponitz. Acht von ihnen wurden in
einem Verfahren wegen „Landfriedensbruchs“ zu Gefängnis bis zu zwei Jahren verurteilt.44 Noch
drakonischer fielen die Strafen gegen 25 Jugendliche der „Wahrener Meute“ aus, die unter Skan-
dierung vergleichbarer Losungen im April 1959 aus dem Norden Leipzigs Richtung Stadtzentrum
zogen. Ihr „Rädelsführer“ erhielt viereinhalb Jahre Gefängnis.45
Doch nicht nur in Leipzig kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen. Weitere ‚Halb-
starken-Randale’ fanden in Weimar, Rostock, Ostberlin oder Halle statt.46 Und wieder rief die
parteigelenkte Presse nach Zucht und Ordnung: „Die ‚Slims’, ‚Killer’ und ‚Knacker’ müssen über-
all, wo sie die Hand zu heben wagen, die Faust der Öffentlichkeit zu spüren bekommen, nicht nur
die der Volkspolizei.“ 47
Den Klügeren unter den Funktionären war jedoch spätestens nach dem Mauerbau im
August 1961 klar, dass allein mit Druck von oben die dringend benötigte innere Stabilisierung
der DDR nicht erreicht werden konnte. Das eröffnete Chancen für eine partielle Liberalisie-
rung der Gesellschaft. Wissenschaftler, Künstler wie auch jüngere SED- und FDJ-Funktionäre
strebten einen offenen Diskurs mit den Jugendlichen an. „Habt Mut zum eigenen Denken!“,48
rief ihnen das im September 1963 verabschiedete Jugendkommuniqué der SED zu. Auch in der
Freizeit wurden ihnen seltener als bisher Steine in den Weg gelegt: „Welchen Takt die Jugend
wählt, ist ihr überlassen: Hauptsache, sie bleibt taktvoll!“ 49 Gitarrengruppen, die im Zeichen
des Beat auch in der DDR überall aus dem Boden geschossen waren, wurden offiziell gefördert.
Der FDJ-Zentralrat legte im April 1965 sogar ein eigenes Konzept „zur Arbeit mit den Gitarren-
gruppen“ vor. Schon dessen erster Satz ließ aufhorchen: „Mit dem Big Beat und damit verbun-
denen Gitarren-Sounds haben sich neue Elemente der Tanzmusik entwickelt, deren wesent
liche Ursache im neuen Lebensgefühl […] der Jugend, zu finden ist. Diesem liegen die Prozesse
der technischen Revolution in der ganzen Welt zugrunde […]“ 50
170 „Und wieder erblüht nach Nebel und Nacht ein s trahlender Tag im Lande“
1 In: Jugend auf neuem Wege. Hrsg. vom Zentraljugendaus- 29 Bericht des Pfarramtes Reinberg an das Evangelische
schuss für die sowjetische Besatzungszone. Berlin 1945, S. 15. Konsistorium Greifswald vom 17. Februar 1953. Evangelisches Zentral-
2 Vorläuferorganisationen gleichen Namens wurden bereits archiv Berlin (ZA 5121/09), Signatur: EZA 4/771.
im Exil zwischen 1936 und 1939 in Paris, Prag und Großbritannien 30 Zum Realitätsgehalt verschiedener Angaben, „die zwischen
gegründet. 3000 und 300 schwanken“, vgl. Ueberschär 2003 (Anm. 13), S. 198.
3 Edith Baumann: Die Geschichte der deutschen Jugendbewe- 31 Ueberschär 2003 (Anm. 13), S. 199.
gung. Berlin 1947, S. 32. 32 Hartmut Zwahr: Umbruch durch Ausbruch und Aufbruch:
4 So Arno Klönne im Disput mit Jürgen Reulecke: Die DDR auf dem Höhepunkt der Staatskrise 1989. In: Sozial
„Restgeschichte“ und „neue Romantik“. Ein Gespräch über Bündische geschichte der DDR. Hrsg. von Hartmut Kaelble/Jürgen Kocka/
Jugend in der Nachkriegszeit. In: Jugend vor einer Welt in Trümmern. Hartmut Zwahr. Stuttgart 1994, S. 426–465, bes. S. 443.
Hrsg. von Franz-Werner Kersting (Materialien zur historischen 33 Zur Abfolge der Jugendgenerationen in der DDR und der
Jugendforschung). Weinheim/München 1998, S. 87–103, bes. S. 95. Stellung der Aufbaugeneration darin vgl. Bernd Lindner: „Bau auf,
5 Peter Skyba: Vom Hoffnungsträger zum Sicherheitsrisiko. Freie Deutsche Jugend“ – und was dann? Kriterien für ein Modell der
Jugend in der DDR und Jugendpolitik der SED 1949 – 1961. Jugendgenerationen der DDR. In: Generationalität und Lebensge-
Köln 2000, S. 54. schichte im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Jürgen Reulecke. München
6 Ulrich Mählert/Gerd-Rüdiger Stephan: Blaue Hemden – Rote 2003, S. 187–215, bes. S. 201–204.
Fahnen. Die Geschichte der Freien Deutschen Jugend. 34 Fritz Dorgerloh: Geschichte der evangelischen Jugendarbeit,
Opladen 1996, S. 65. Teil 1: Junge Gemeinde in der DDR. Hannover 1999, S. 70.
7 Vgl. Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur. 35 Ernst Richert: Sozialistische Universität.
Hrsg. von Hans-Joachim Veen. München 2000, S. 263. Berlin (West) 1967, S. 247. Die Ergebnisse beruhen auf Befragungen
8 Lexikon Opposition 2000 (Anm. 7), S. 121. von nach Westberlin geflohenen Jugendlichen.
9 Lexikon Opposition 2000 (Anm. 7), S. 373. 36 Vgl. Lindner 2003 (Anm. 34), S. 199–211.
10 Demokratie jetzt oder nie! Diktatur – Widerstand – Alltag. Hrsg. 37 Bernd Lindner: Das eigentliche Gestaltungsfeld. Kulturelle
von Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland / Prägungen der Jugendgenerationen in der DDR. In: Deutschland
Zeitgeschichtliches Forum Leipzig. Leipzig 2008, S. 71. Archiv 1, 2005, S. 49–56.
11 Vgl. dazu: Demokratie 2008 (Anm. 10), S. 70. – Zum Thema 38 Albrecht Göschel: Kontrast und Parallele – kulturelle und
insgesamt vgl. [Link]. politische Identitätsbildung ostdeutscher Generationen.
12 Mählert/Stephan 1996 (Anm. 6), S. 23. Stuttgart 1999, S. 308.
13 Ellen Ueberschär: Junge Gemeinde im Konflikt. Evangelische 39 Junge Welt vom 31.10.1958, Titelseite.
Jugendarbeit in SBZ und DDR 1945–1961. Stuttgart 2003, S. 154. 40 Ausführlich dazu Bernd Lindner: DDR – Rock & Pop.
14 Ueberschär 2003 (Anm. 13), S. 169. Köln 2008, S. 14–35.
15 Die Junge Union, die Jugendgruppe der katholischen Kirche, 41 Yvonne Liebing: All you need is Beat. Jugendsubkulturen in
fand im protestantisch geprägten Ostdeutschland vergleichsweise Leipzig 1957–1968. Leipzig 2005, bes. S. 32–49.
wenig Resonanz. 42 Alexander Lange: Meuten – Broadway-Cliquen – Junge Garde.
16 Aus: Stellungnahme des Evangelisch-Lutherischen Leipziger Jugendgruppen im Dritten Reich. Köln 2010.
Landeskirchenamtes Sachsen zu den Presseangriffen gegen die 43 Vgl. Lindner 2008 (Anm. 41), S. 16–19.
Junge Gemeinde. Dresden 1953. Stiftung Archiv der Parteien und 44 Vgl. Liebing 2005 (Anm. 42), S. 39.
Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-BArch), 45 Liebing 2005 (Anm. 42), S. 36.
DY 24/A 11.882; zitiert nach: Mählert/Stephan 1996 (Anm. 6), S. 23. 46 Vgl. Lindner 2008 (Anm. 41), S. 25–26.
17 Hansjürgen Schulz: Ich sage lieber Kneipe als Kathedrale. 47 Gisela Karau: Wohin gehen Deine Kinder?
In: Manfred Müller: Protestanten. Begegnung mit Zeitgenossen. In: BZ am Abend vom 28.12.1957.
Halle a.d. Saale/Leipzig 1990, S. 13. 48 Der Jugend Vertrauen und Verantwortung beim umfassenden
18 Abteilung Verbandsorgane-Information, Berlin, den 24. Juli Aufbau des Sozialismus. Berlin 1963, S. 22.
1952. Information Nr. 52 über die Arbeit der „Jungen Gemeinde“. 49 Der Jugend Vertrauen 1963 (Anm. 49), S. 34.
SAPMO-BArch, DY 24/A 11.893; zitiert nach: Mählert/Stephan 1996 50 In: Standpunkt der Abteilung Kultur zur Arbeit mit den
(Anm. 6), S. 92. Gitarrengruppen, vom 20. April 1965, S. 1.
19 SAPMO-BArch, DY 11.893, Bl. 105–123. 51 Dem Missbrauch der Jugend keinen Raum!
20 Informationsbericht des Landesvorstandes der FDJ Sachsen In: Leipziger Volkszeitung (LVZ) vom 20.10.1965.
vom 3. Dezember 1951. SAPMO-BArch, DY24 11894, Bl. 03. 52 Die Zahl der protestierenden Jugendlichen ist nicht mehr
21 Andrea Herz: Wenn Streik auch Aufstand ist. 17. Juni 1953 in genau zu ermitteln, da sich hunderte FDJ- und SED-Funktionäre
Thüringen. Erfurt 2013, S. 7. sowie Sicherheitskräfte in Zivil unter sie gemischt hatten.
22 [Link], Stichwort: Junge Gemeinde. Stellenweise wurden bis zu 2.500 Menschen auf dem Wilhelm-
23 Bericht vom 28. Februar 1952. SAPMO-BArch, Leuschner-Platz gezählt.
DY24 11894, Bl. 14–15. 53 Peter Washeim: Flugblätter gegen Beatverbot. In: Rock. Jugend
24 Ebd. und Musik in Deutschland. Hrsg. von Stiftung Haus der Geschichte
25 Informationsbericht des ZK der SED vom 16. Dezember 1952 der Bundesrepublik Deutschland/Zeitgeschichtliches Forum Leipzig
über „Die Tätigkeit der Jungen Gemeinde an den Oberschulen der und Bundeszentrale für politische Bildung. Berlin 2005, S. 50.
DDR”. SAPMO-BArch, DY30/NL NY 4182/1097. 54 Vgl. Lindner 2008 (Anm. 41), bes. S. 58–59.
26 Anlage Nr. 2 zum Protokoll des SED-Politbüros Nr. 5/53 vom
27. Januar 1953. SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/259, Bl. 2–6, bes. 2. Bildnachweis
27 Alle Zitate ebd. Haus der Geschichte, Bonn · Abb. 1, 2
28 Ebd. BStU – Archiv der Außenstelle Leipzig · Abb. 3
unsre Lieder“
Wandel vollzogen hat, ist zwar eine triviale Feststellung, doch ist be-
merkenswert, dass er zugleich, was die gesamte Lied- und Singekultur
der nun heranwachsenden Generation angeht, ganz erhebliche Kon-
sequenzen hatte, deren Ausgangspunkt im Titelzitat angedeutet ist.1
Jürgen Reulecke Obwohl es bereits seit der Wandervogelzeit vor dem Ersten Weltkrieg immer wieder ein Kom-
men und Gehen von „Moden“ im jeweils bevorzugten Liederschatz ebenso wie im Singestil der
jugendbewegten Gruppierungen gegeben hatte, führte jetzt der Appell der „68er“, das tradierte
Liedgut ad acta zu legen und das bisherige Singen endlich aufzugeben, zu vielfältigen und bis
heute nachwirkenden Folgen. Seither hat sich die populäre Liedkultur bis hin zum Singen im
Schulunterricht deutlich gewandelt: Die bis in die 1960er Jahre hinein weitgehend unreflek-
tiert gesungenen Lieder und die allgemein übliche Form des Singens, die schon 1956 Theodor
W. Adorno (1903–1969) ironisch als „sanktioniertes Schutzgebiet der Irrationalität“ bezeichnet
hatte,2 galten im Kontext der sich radikal äußernden Zeitkritiker Ende der 1960er Jahre als nicht
mehr akzeptabler Bereich der allgemeinen Jugendkultur. In einem Lied aus dem Jahre 1968 hat
einer der profilierten Beobachter und zugleich Beteiligten, der Liedermacher Franz-Josef Degen-
hardt (1931–2011), nach Jahren, in denen er eindrucksvolle Balladen und ähnliches geschaffen
und vorgetragen hatte, die Motive dafür auf den Punkt gebracht.
Typisches hat Degenhardt auch in einer weiteren Strophe seines Chansons angesprochen:
Drei traditionsreiche und weitverbreitete Lieder sind es, die er hier exemplarisch vorführt. „Ein
Heller und ein Batzen“ war ein Jungmännertrinklied, das seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu-
nächst in den studentischen Burschenschaften, dann auch in vielen Jugendgruppen gesungen
wurde. Das Liebeslied vom „Feinsliebchen“, um 1815 entstanden, wurde 1908 von Hans Breuer
(1883–1918) in sein seither in vielen Auflagen nachgedrucktes Wandervogelliederbuch „Der Zupf-
geigenhansl“ aufgenommen. Und die Zeile vom „schrillen Schrei nach Norden“ ist der dritten
Strophe des Liedtextes „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ von Walter Flex (1887–1917) aus
dessen 1916 herausgekommenen Bestseller „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ entnommen,
vertont von dem aus dem Wandervogel stammenden Liedermacher Robert Götz (1892–1978).
Diese drei Lieder – drei Traditionsstränge also − waren in der allgemeinen Liedkultur bis in
die frühen 1960er Jahre hinein für viele Angehörige mehrerer Jugendgenerationen prägend, ge-
meinschaftsstiftend und emotionalisierend gewesen. Seit Ende der 1960er Jahre jedoch, als die
Gitarren in die Ecke gestellt wurden,5 leben sie zwar noch im Erinnerungsbestand der heutigen
Senioren weiter, sind aber ansonsten vergessen oder haben, wie das bei dem Flex-Lied von den
Wildgänsen in der jüngeren Vergangenheit mehrfach der Fall war, scharfe Kontroversen über
dessen Sinn und Inhalt ausgelöst.6
1 Das Zitat entstammt einem Flugblatt im Kontext des Waldeck- 4 Susanne Beyer: Das Jaulen der Trauerklöße. In: Der Spiegel,
Festivals des Jahres 1968, siehe dazu Detlef Siegfried: Time Is on Nr. 52 vom 22.12.2000, S. 120.
My Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur 5 Siehe zum Kontext Hotte Schneider: Die Waldeck. Lieder,
der 60er Jahre. Göttingen 2006, S. 589–590. – Siehe auch dessen Fahrten, Abenteuer. Die Geschichte der Burg Waldeck von 1911 bis
Beitrag „Chanson Folklore International“ von Detlef Siegfried in heute. Potsdam 2005, S. 363.
diesem Band. – Ähnliche damalige Slogans lauteten: „Singen lenkt 6 Zu diesem Lied: Gerhard Kurz: „Wildgänse rauschen durch die
von der Revolution ab“ und – so Degenhardt – „Zwischentöne sind Nacht“. Graue Romantik im Lied von Walter Flex.
bloß Krampf im Klassenkampf“. In: Good-Bye Memories? Lieder im Generationengedächtnis des
2 Theodor W. Adorno: Dissonanzen. Musik in der verwalteten 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Barbara Stambolis/Jürgen Reulecke.
Welt. 2. Aufl. Göttingen 1958, S. 63. Essen 2007, S. 79–97. – Wilhelm Schepping: „Wildgänse rauschen
3 Abgedruckt in: Franz-Josef Degenhardt: Kommt an den Tisch durch die Nacht“. Neue Erkenntnisse zu einem alten Lied. Ebd.,
unter Pflaumenbäumen. Reinbek 1986, Lied Nr. 51. S. 99–114.
173
Stefan Hemler
Die „langen sechziger Jahre“ gelten als wichtige Umbruchsphase in der Nachkriegsgeschichte.1
Tiefgreifende Veränderungsprozesse kamen in Gang, freilich nicht ohne dass soziale, politische
und ideologische Konflikte vehement ausgetragen wurden. Die „Unruhe der Jugend“, von der in
der Bundesrepublik um 1968 viel die Rede war,2 artikulierte sich in den frühen 1960er Jahren noch
nicht in einer Protestbewegung. Sie wurde allerdings in einzelnen Protestmanifestationen sichtbar,
wie etwa kleineren studentischen Demonstrationen wegen der „Spiegel-Affäre“ im Herbst 1962 oder
den erheblich größeren Kundgebungen zur „Aktion Bildungsnotstand“ 1965.3 Protagonisten aus der
Jugendbewegung standen hier zwar nur selten in den vorderen Reihen, aber sie blieben auch kei-
neswegs immer abseits, wie der Blick auf die Ostermärsche und die „Schwabinger Krawalle“ zeigt.
Als Auslöser der „Schwabinger Krawalle“, jenem Jugendprotest-Ereignis, das vom 21. bis
25. Juni 1962 München in Atem hielt, gelten fünf Mitglieder einer Jungenschaft.4 Sie betätig-
ten sich in ihrer Freizeit gemeinsam in einer der Münchener Gruppen des 1960 gegründeten
„Bundes deutscher Jungenschaften“ (BdJ).5 Ihre Horte war Ende der 1950er Jahre, also schon
vor Entstehung des BdJ, auf Initiative des Verlagskaufmannslehrlings Hans „Sitka“ Wunderlich
(geb. 1941) gebildet worden. Wunderlich hatte davor bereits in einer anderen Münchener Gruppe
mitgewirkt, die sich zur „Autonomen deutschen Jungenschaft“ zählte und zu der auch der später
auf der Burg Waldeck bekannt gewordene Liedermacher Christof Stählin (geb. 1942) gehörte.6
Der erweiterte Kreis der Horte bestand aus bis zu 15 Jungen.7 Sie interessierten sich besonders
für die Ideen der Deutschen Jungenschaft vom 1.11.1929 (dj.1.11), jedoch hatte keine der dj.1.11
nahestehenden Zusammenschlüsse in München eine Gruppe. Hingegen war mit dem damaligen
Doktoranden und späteren Soziologie-Professor Roland Eckert (geb. 1937) der erste Bundesfüh-
rer des in Süddeutschland aufblühenden BdJ in München ansässig. Mit ihm standen die Horten-
mitglieder in regem Kontakt.8
Am 21. Juni 1962 zog zu fortgeschrittener Abendstunde ein Teil der Gruppe in die Leopold-
straße, um sich in einem ihrer Stammlokale, dem „Schwabinger Nest“, ein Eis zu gönnen. Hier
fassten nun der junge Schreiner, die beiden Lehrlinge und die zwei Gymnasiasten den Entschluss,
sich wenige Meter von dem Café entfernt als Straßenmusikanten zu versuchen.9 Ihre musikali-
schen Darbietungen stießen bei den Passanten auf „begeisterte“ Reaktionen,10 vielleicht auch des-
halb, weil das Quintett stimmungsvolle russische Volkslieder wie etwa „Ty morjak“ intonierte,11
die unter Jungenschaftlern sehr beliebt waren. Kurz nach halb elf wurden die gitarrenbegleiteten
ren auf der Bank „die Störung des Fußgängerverkehrs [...] erkannt und zumindest billigend in
Kauf genommen“, was „den Tatbestand einer in Mittäterschaft begangenen Übertretung des gro-
ben Unfugs“ erfülle (Abb. 1).21
Die fünf Jungenschaftler spielten also über die Tatsache hinaus, dass die polizeiliche
Unterbindung ihrer Straßenmusik zum Protestanlass wurde, keine aktive Rolle im Ereignis-
verlauf. Dennoch könnte man sich angesichts der Bedeutung der Musik bei den „Schwabinger
Krawallen“ fragen, ob hier vielleicht Jugendbewegungseinflüsse von Belang gewesen sind.
Musik war nämlich bereits in der Vorphase des Protestereignisses, das heißt bei aktenkund-
lich gewordenen frühsommerlichen Zwischenfällen 1962, die rückblickend im Zusammenhang
mit den fünf „Krawall“-Nächten gesehen werden können, immer im Spiel gewesen. Das erste
dieser Ereignisse, bei dem sich die Münchener Polizei am 5. Juni genötigt fühlte, mit Streifen-
wagen und Gummiknüppeln auszurücken, war ein gut besuchtes Jazzkonzert in der Ludwig-
Maximilians-Universität, das durch Zugabeforderungen über Gebühr verlängert wurde.22 Und
am 20. Juni wurde einem Presseberichterstatter zufolge auf dem Schwabinger Wedekindplatz
zur Gitarrenmusik barfuß Twist getanzt, bevor die Macht der Ordnungshüter für Ruhe sorg-
te.23 Twisttänzer fielen den Beobachtern auch während der Hauptphase der Proteste, also den
fünf Nächten vom 21. bis 25. Juni, so sehr ins Auge, dass in der Literatur bisweilen von
„Twistkrawallen“ die Rede ist.24
Die frühen 1960er Jahre stellen in der Geschichte der Jugendbewegung das Ende einer letzten
kurzen Blütezeit dar, die in der Nachkriegszeit zunächst zu beobachten war. Um 1960 gehörten
ca. 140.000 Kinder und Jugendliche den drei großen Pfadfinderbünden an, geschätzte 10.000 bis
20.000 Mitglieder zählten die freien Bünde.39 Trotz ihrer überschaubaren Größe waren letztere
dennoch stilistisch tonangebend, weswegen diese Phase auch als die „Wiederbelebung“ der jun-
genschaftlich-autonomen „dritten Welle“ der Jugendbewegung bezeichnet werden kann.40 Wie
Eckard Holler festgestellt hat, dominierte in der Nachkriegs-Jugendbewegung zwar durchaus
eine „antifaschistische und antimilitaristische Grundstimmung“, zugleich aber gab man sich
auch betont unpolitisch.41 Die Gruppen beschäftigten sich zwar teilweise mit aktuellen Proble-
men der Zeit, leiteten hieraus jedoch nur selten politische Aktivitäten ab.
Dass in der Forschungsliteratur so für den ersten Ostermarsch in Norddeutschland 1960
keine nennenswerte Unterstützung aus der Jugendbewegung registriert wird, überrascht insofern
nicht. Allerdings zeigt bereits ein Blick in die Vorstandslisten der Ostermarschbewegung, dass
an ihr zwei wichtige Persönlichkeiten mit jugendbewegtem Hintergrund beteiligt waren. Vor-
standsmitglied Arno Klönne (geb. 1931) hatte bis 1957 eine Jungenschaftsgruppe in Paderborn
geleitet; der 1964 ins Amt gekommene Geschäftsführer Klaus Vack (geb. 1935) kam selbst aus der
Naturfreundejugend. An der Ausweitung des Themenspektrums der Kampagne für Abrüstung
waren Klönne und Vack zusammen mit Andreas Buro (geb. 1928), der 1964 Hans-Konrad Tempel
als KfA-Sprecher ablöste, maßgeblich beteiligt.42
Zu den „befreundeten Organisationen“ der Ostermarschbewegung, die in ihrem Vorstand
stimmberechtigte Delegierte entsenden konnten, gehörten auch drei Jugendorganisationen: der
Obwohl unter den zehntausenden Ostermarschierern der ersten Hälfte der 1960er Jahre nur
eine Minderheit der Jugend zuzurechnen war, von der sich vermutlich ein verhältnismäßig klei-
ner Teil zur Jugendbewegung zählte, bestimmte dieser überschaubare Teilnehmerkreis aber
offenbar doch „das Erscheinungsbild der bundesdeutschen Märsche ganz wesentlich“.57 Aus dem
todernsten Trauermarsch nach Bergen-Hohne 1960 wurde in den folgenden Jahren ein lebendig
durch die Republik ziehender Protest, der mit jugendbewegtem Folk wie auch Skiffle- und Jazz-
musik begleitet wurde (Abb. 3).
Dieser jugendbewegt-verwestlichte Proteststil scheint auch das verbindende Element
zwischen den sonst in ihren Lebenswelten separierten Teilnehmern aus der Arbeiterjugend-
bewegung und der bürgerlich-bündischen Jugend gewesen zu sein.58 Mit ihrer Erlebnis- und
Gemeinschaftsorientierung übten die Ostermärsche auf junge Menschen aus unterschiedlicher
sozialer Herkunft eine Anziehungskraft aus. Dies trug im Verlauf der sechziger Jahre zur Ver
jüngung des Teilnehmerspektrums der KfA noch vor ihrer Verschmelzung mit der 68er-Bewe-
gung bei. Arno Klönnes These, dass „der fast erstaunliche Erfolg der Ostermarschbewegung
ohne das speziell jugendlich-jugendbewegte Element nicht denkbar gewesen“ sei,59 erscheint vor
diesem Hintergrund plausibel. Der Stilwandel bei den Ostermärschen in Richtung einer „bunten
Protestgeschichte“ 60 mit jugendlichem Spaßfaktor weist dabei bereits auf den hedonistischen
Proteststil der 68er-Bewegung und der Neuen Sozialen Bewegungen voraus. Ähnlichkeiten gibt
es auch zu den „Schwabinger Krawallen“, wenn man sie als einen erlebnisbetonten Jugendprotest
zur Eroberung des öffentlichen Raums der Straße interpretiert.61 Anders als beim Ostermarsch
wurden allerdings in Schwabing 1962 inhaltliche Ziele nur sehr vage erkennbar. Dennoch scheint
es mit Blick auf die Bedeutung von Jugendbewegungs-Elementen bei den Ostermärsche dann
doch weniger überraschend zu sein, dass nicht nur Twist-Klänge, sondern auch jungenschaft
liche Musikdarbietungen zum Anlass für das allgemeine Aufbegehren einer städtischen Jugend-
szene gegen obrigkeitsstaatliche Einschränkungen werden konnten.
Wie deutlich geworden ist, hatte die Jugendbewegung durchaus einen erkennbaren Anteil
am Protest der frühen 1960er Jahre. Wenngleich eigenständige Impulse von ihr ausgingen, war
sie aber dennoch nicht einer der maßgeblichen Träger des Protests. Ein Teil von ihr gehörte aller-
dings durchaus zum gesellschaftlichen Resonanzboden der aufkommenden „Unruhe der Jugend“.
Dass beim Mitschwingen der Jugendbewegung im Sound der Revolte auch eigenständige neue
Klänge entstanden, davon durften sich die Besucher der Festivals der Burg Waldeck überzeu-
gen.62 Ebenso wie der hedonistisch-jugendbewegte Proteststil überlebte auch der Protestsong
die 68er-Krise der bündischen Jugend und konnte so von den Neuen Sozialen Bewegungen der
1970er und 1980er Jahre aufgegriffen werden.
Die Burg Waldeck, Treffpunkt der Jugendbewegung seit 1910 und seit den 1920er Jahren Ort
des Siedlungsprojekts „Rheinische Jugendburg” des Nerother Wandervogel, wurde einer größe-
ren Öffentlichkeit in den 1960er Jahren bekannt, als sie mit den Festivals „Chanson Folklore
International“ einer internationalen Kulturbewegung einen deutschen Fokus gab und ihm
über Radio und Fernsehen Resonanz verschaffte.1 Liedermacher wie Franz Josef Degenhardt
(1931–2011), Dieter Süverkrüp (geb. 1934) und Walter Mossmann (geb. 1941) wurden hier groß,
während gleichzeitig internationale Folkstars wie Phil Ochs (1940–1976) oder Odetta (1930–2008)
den Anschluss an die Entwicklung in anderen Ländern vermittelten. Mehr noch als die großen
Namen lebten die Waldeck-Festivals jedoch von der massenhaften Selbsttätigkeit, dem Engage-
ment, der Diskutier- und Spielfreude seines zumeist studentischen und gymnasialen Publikums.
Dass die Verknüpfung deutscher und internationaler musikalischer Innovationen mit politischer
Note ausgerechnet an einem Traditionsort der Jugendbewegung stattfand, haben schon zeit-
genössisch manche Kommentatoren mit Verwunderung registriert. Bei genauerer Betrachtung
ist dies so erstaunlich nicht, denn die Festivals entstanden auf Initiative eines „studentischen
Arbeitskreises” des linken Flügels der früheren Jugendbewegung, der sich ursprünglich poli-
tischen Problemen widmete, aber mit der musikalischen Bearbeitung von Fragen der Zeit eine
Kulturbewegung förderte, die weit über den bündischen Ursprungskern hinausging. Mit den
Festivals wurde die Waldeck zu einem Brennpunkt der kulturellen und politischen Kontroversen
in den dynamischen 1960er Jahren.
Die Festivals auf der Burg Waldeck 1964 bis 1969 183
neuen musikalischen Formen wie Beat und Underground zum Durchbruch verhelfen wollten –
Rolf-Ulrich Kaiser (geb. 1943), Tom Schroeder (geb. 1938) und Reinhard Hippen (1942–2010). Ihre
kulturellen und politischen Konzepte waren zum Teil radikaler als die der Festivalgründer, wie
sich in Konflikten zeigte, die seit 1967 die Veranstaltungen prägten.
Schon die Motive, die zur Gründung des Festivals führten, waren politischer Natur. Zum
einen wurde damit ein Impuls aus den USA aufgegriffen, wo sich im Kontext des studentischen
„Free-Speech-Movement“ eine von jungen Leuten getragene Songbewegung entfaltet hatte, die
mobilisierend wirkte und die politischen Anliegen der Studierenden in die Öffentlichkeit trans-
portierte. Zum anderen sollte das Festival die innereuropäischen Grenzen überwinden: „Gesang
zwischen den Fronten“ lautete die programmatische Formel, die nicht nur auf die Blocksituation
des Kalten Krieges anspielte, sondern auch die Vorstellung eines dritten Weges zwischen Stali-
nismus und Kapitalismus widerspiegelte.
Von Beginn an wurde die Waldeck zum Sammelpunkt der westdeutschen Liedermacher-
Szene, insbesondere ihres politischen Teils, für den Degenhardt & Co. standen. Allerdings
greift eine Sichtweise zu kurz, die allein auf die politische Opposition abhebt. „Zeitkritik” und
„Engagement” waren vielmehr Elemente einer weit umfas-
senderen Kulturrevolution, die sich auch auf die Lebensweise
erstreckte, auf die Gestaltung von Freizeit und Arbeit, das
Verhältnis der Geschlechter, den geistigen Horizont und die
kulturellen Ausdrucksformen. Auf der Waldeck wurde der po-
litische Fokus versetzt und diffus gehalten vor allem durch
die folkloristischen, satirischen und lebensweltlich-anarchi-
schen Impulse wie sie etwa in den Songs von John Pearse
(1939–2008), Hannes Wader (geb. 1942) oder Schobert & Black
sichtbar wurden. Das Ungefähr-Oppositionelle, das sich nicht
allein auf das Politische festlegte, machte die eigentliche An-
ziehungskraft der Waldeck aus (Abb. 1).
Die Idee, ein Festival zu gründen, lag in der Luft – zumal
nachdem das Newport Folkfestival an der US-Ostküste sich
seit 1959 zu einem Anziehungspunkt der jungen Intelligenz entwickelt hatte und weit über die Abb. 1: Katja Ebstein zwischen
Grenzen der USA ausstrahlte. Waldeck war nicht als große Publikumsveranstaltung gedacht, Hein und Oss Kröher als Zuhörer
im Waldeck-Publikum, Fotografie,
sondern sollte in erster Linie die vereinzelten Künstler zum Erfahrungsaustausch zusammen- 1965
bringen – ähnlich wie die Gruppe 47, nur eben auf dem Gebiet von Chanson und Folklore. Erst
in zweiter Linie wurde an ein Publikum gedacht – ein kleiner, handverlesener Kreis von fach-
kundigen Leuten, der die Debatte der Künstler anregen und reflektieren sollte.3 Dieses Konzept
war elitär, es setzte sich ab von den „rein kommerzialisierten Schlagerfestivals“ und misstraute
den konsumistischen Neigungen des Publikums. Die Pfingsttage seien „in erster Linie für den
jungen Künstler gedacht und erst dann für den Konsumenten!“,4 hielten die Veranstalter fest.
Der deutschen Folk- und Liedermacherszene gab diese Initiative einen entscheidenden Anstoß.
Eine kleine Gruppe junger Intellektueller aus dem linksbündischen Sektor verhalf Künstlern, die
abseits des etablierten Kulturbetriebs eben erst dabei waren, mit alten und neuen musikalischen
Formen und Inhalten zu experimentieren, zu einer Probebühne und bot ihnen einen öffentlichen
Resonanzraum. Dieser Raum sollte so weit wie möglich gefasst sein – nicht durch ein Publikum
vor Ort, sondern durch die Vermittlung der Massenmedien. An einer Übertragung durch Radio
und Fernsehen waren die Veranstalter schon bei der Planung des ersten Festivals interessiert,
nicht zuletzt deshalb, weil sie die finanzielle Basis absichern sollte. Staatliche Zuschüsse wur-
den auch in den Folgejahren nicht gezahlt, sodass das Festival sich selbst tragen musste. Zum
Die Festivals auf der Burg Waldeck 1964 bis 1969 185
sich darauf verständigt, als Gegenbewegung gegen die vor allem durch
ausländische Einflüsse verursachte Ausbreitung und Verflachung des
Folk- und Protestsongs das Schwergewicht auf deutschsprachige Ge-
genwartslieder zu verlagern – „ausländische“ Chansons und Folklore
sollten „nur noch zugelassen werden, wenn sie von hochqualifizierten
Interpreten dargeboten werden“.9 Diese Engführung löste nicht nur in
der Öffentlichkeit Irritationen aus, sondern führte auch zu Dissonanzen
unter den Waldeck-Aktivisten. Die Zahl der Teilnehmer lag mit etwa 1200
wie gewünscht erheblich unter dem Vorjahresniveau und konzentrierte
sich auf einen, wie Jürgen Jekewitz beobachtete, „vielschichtigen Kreis
von Kennern und Liebhabern der modernen Folklore und des modernen
Chansons“ – ein deutlich älteres Publikum als im Vorjahr.10 In der Presse
wurde dies als Rückzugsbewegung interpretiert, die nicht recht passen
wollte zu der explosionsartigen Ausbreitung, die Folk und Protestsong
inzwischen erfahren hatten.11 Reginald Rudorf rügte, man habe sich gar
nicht erst bemüht, die Idylle des Baybachtals durch amerikanische Sze-
nestars wie Bob Dylan (geb. 1941) oder Joan Baez (geb. 1941) zu beleben – angeblich, weil diese, Abb. 2: Massenmediale Ver
wie aus dem Kreis der Veranstalter verlautete, „kommerziell festgelegt“ seien. „Alles Popähnliche breitung per Schallplatte, Cover,
Burg Waldeck – Festival 1967
wurde vermieden“, so resümierte Rudorf zugespitzt, „nur das chemisch gereinigte Traditionslied Chanson Folklore International
volkstümlicher Vegetarier hatte eine Chance auf der Sangesbörse in Waldeck“ (Abb. 2). (vgl. [Link]. 279)
Die etwas älteren ABW-ler um Kerbs wollten im Grunde eine Waldeck nach klassischem
Intellektuellengeschmack: klein, fein und möglichst einflussreich. Die nicht aus der Jugendbewe-
gung stammenden, jüngeren „Kräfte von linksaußen“ 12 um Kaiser, die als Mittzwanziger noch eine
starke Beziehung zum textlich anspruchsvollen Lied hatten, aber auch für den neuen Sound emp-
fänglich waren, hatten sehr viel weniger Vorbehalte gegen das Populäre. Hinzu kam ein Dissens
über die Frage, inwieweit Beatmusik an sich eine politische Botschaft transportierte. Kerbs hatte
sich von jenen distanziert, die den Beat als eine „per se antifaschistische Musik“ betrachteten.13
Das sahen diejenigen anders, die in den Ursprüngen der Beatmusik in den Katakomben Liver-
pools oder Hamburgs den musikalischen Ausdruck einer Rebellion ausmachten, die auch durch
kommerzielle Ausbeutung nicht destruiert werden konnte. Es kam darauf an, das revolutionäre
Potenzial der neuen Stile zu erkennen und ihnen in die Diskotheken zu verhelfen. Kommerzialisie-
rung war kein Teufelszeug, sondern das entscheidende Medium, um die Massen zu erreichen. Der
artige kulturrevolutionäre Überlegungen gewannen an Gewicht, als unmittelbar nach dem Ende
des Festivals, seit dem 2. Juni 1967, eine politische Bewegung entstand, die den Zusammenhang
von politischer Radikalisierung und Massenkultur auf eine ganz neue Bedeutungsebene hob und
jede Art von esoterischem Gepussel am Rande der Gesellschaft vollends absurd erscheinen ließ.
Die überzeugendste Konsequenz aus dieser Tatsache zogen die Veranstalter der „Internationalen
Essener Songtage“ – Kaiser und seine Leute –, die 1968 das lauschige Grün des Baybachtals verlie-
ßen und der Mischung aus revolutionärer Politik und revolutionärer Ästhetik eine urbane Bühne
im größten industriellen Ballungsraum des Landes errichteten. Mit 40.000 Besuchern wurde dieses
illegitime Waldeck-Kind zum bis dahin größten Underground-Festival in Europa.
Politisierung 1968
Auf der Waldeck nahm indessen der Einfluss der Politik zu. Es konnte gar
nicht anders sein, denn seit dem Treffen im Vorjahr hatte sich die Studentenbewegung voll ent-
faltet; nur vier Tage nach seinem Ende war in Berlin Benno Ohnesorg (1940–1967) erschossen
worden. Das Festival von 1968 stand in vielerlei Hinsicht unter äußerem und inneren Druck. Es
Die Festivals auf der Burg Waldeck 1964 bis 1969 187
läuft.“ 17 Ähnlich lautete die Manöverkritik nach den Essener Songtagen – nicht zuletzt von Seiten
einer Gruppe um Rolf Schwendter, die 1969 versuchte, als Konsequenz aus der 68er-Waldeck und
den Songtagen nicht mehr ein Festival, sondern einen „Workshop“ abzuhalten, dessen Hauptziel
die inhaltliche Arbeit war.18
„Waldeck 69 Gegenkultur”
Das sechste Festival, unter dem Titel „Waldeck 69 Gegenkultur“ ab-
gehalten vom 10. bis 14. September 1969, war das letzte in dieser Reihe und zugleich eines der
interessantesten, weil es die Transformationen der linksoppositionellen Kulturszene besonders
deutlich machte und zeigte, wie sehr der Umbruch der späten 1960er Jahre einen seiner Ur-
sprungsorte verändert hatte und schließlich hinter sich ließ. Die Bewertungen dieses Treffens
sind auffällig disparat, aus den Kreisen der ABW wird es eher negativ, als eine „Art Abgesang“
einer ansonsten erfolgreichen Reihe angesehen.19 Tatsächlich war es, gemessen an den Maß
stäben der Veranstalter, durchaus erfolgreich. Denn wegen des gewollten „reinen Werkstatt
charakters“ 20 war das Treffen durch einen hohen Anteil theoretischer Diskussion gekennzeichnet,
die zwar nicht zu den gewünschten Synergien führte, aber durchaus Folgewirkungen hatte. Dass
abseits des offiziellen Programms viel subkulturelles Jugendleben stattfand, gehörte ebenfalls
zu den gemeinschaftsbildenden, wenn auch weniger erhofften Effekten. Allerdings spielten nun
Folk und chansonorientierter Protestsong nur noch eine untergeordnete Rolle. Hüsch und
Süverkrüp erschienen gar nicht erst – ebenso wie britische und amerikanische
Künstler –, Degenhardt kam nur zu Informationszwecken. Lediglich Wader und
Reinhard Mey (geb. 1942) traten auf, wirkten aber nach Klaus Theweleits Aus-
kunft wie „Überbleibsel aus Existentialisten-Kellern, die vergeblich ein Air von
Melancholie zu verbreiten suchen“.21 Statt dessen wurde das Festival, wie
Reginald Rudorf pointiert beschrieb, „vom Popgetöse donnernd überhallt“.22 Die
„übersteuerte Verstärkermusik von Jimi-Hendrix-Gitarren und Fugs-Anklängen“,
die den Sound des Gegenkultur-Treffens bestimmte, kam von Bands wie Xhol
Caravan oder Checkpoint Charly – Formationen, die elektrisch verstärkte Musik
nach britischer und amerikanischer Façon machten.
Das Treffen markierte insofern das Ende der alten Waldeck, als ein Großteil
des Publikums, das das Festival bis 1968 angezogen hatte, hier keinen Platz mehr
fand. Es war gleichzeitig eine Weiterentwicklung des ursprünglichen Konzepts,
weil es sehr viel dezidierter als im Vorjahr die neuen kulturellen und politischen
Impulse aufnahm, die aus der Gesellschaft selbst kamen. Dies war eine Folge des
Differenzierungsprozesses, der sich nach der großen Verschmelzung von 1967
schon im darauf folgenden Jahr angekündigt hatte. Es setzten sich damit die
jenigen durch, die besonders nah an den aktuellen Tendenzen in der Jugendkul-
tur, aber nicht unbedingt an der alten Jugendbewegung waren. „Waldeck 69“ war
zugleich der letzte große Sammelpunkt der westdeutschen Gegenkultur in ihren verschiedenen Abb. 4: Titelblatt der Zeitschrift
Facetten und der ambitionierteste Versuch, ihre kulturelle Komponente politisch aufzuwerten „song“, 1969, in: Hotte Schneider,
Die Waldeck. Lieder, Fahrten,
und unter diesem Vorzeichen eine Vereinheitlichung herbeizuführen (Abb. 4). Abenteuer. Die Geschichte der
Als Versuch, das Profil einer Gegenkultur schärfer zu umreißen, wirkten die Anstöße von Burg Waldeck von 1911 bis heute.
„Waldeck 69“ fort im „Workshop Subkultur“, der an einer Verständigung der verschiedenen sub- Potsdam 2005, S. 376
kulturellen Gruppen weiter arbeitete und sich im Laufe des Jahres 1970 mehrfach traf, sowie in
einem von Diethart Kerbs 1971 herausgegebenen Sammelband, der eine „hedonistische Linke“
theoretisch legitimieren sollte. Auf der praktischen Ebene flossen die Waldecker und Essener
Erfahrungen ein in eine Reihe neuer Festivals, die sich von den rein kommerziellen Pop-Veran-
1 Dieser Text fasst die Ergebnisse meiner Studien zusammen: 12 So Jürgen Jekewitz über Kaiser, Schroeder und Hippen;
Detlef Siegfried: Time Is on My Side. Konsum und Politik in der Impuls, Nr. 9, 1967, unpag.
westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre. Göttingen 2006, 13 Diethart Kerbs: Eröffnungsrede zum IV. Festival „Chanson
2. Aufl. Göttingen 2008, S. 571–600. – Vgl. auch Holger Böning: Folklore International“ Burg Waldeck im Hunsrück, 24.05.1967.
Der Traum von einer Sache. Aufstieg und Fall der Utopie im AABW, Redner.
politischen Lied der Bundesrepublik und der DDR. Bremen 2004, 14 Die Zeit vom 28.06.1968.
S. 59–85. – Hotte Schneider: Die Waldeck. Lieder, Fahrten, 15 Basisgruppe Waldeck-Festival: Thesen zur politischen
Abenteuer. Die Geschichte der Burg Waldeck von 1911 bis heute. Funktion der Chanson- und Liedbewegung. In: Festival-Nachrich-
Potsdam 2005, S. 313–377. – Michael Kleff: Die Burg Waldeck Festi- ten, Nr. 3 vom 16.06.1968, S. 5.
vals 1964–1969. Chansons Folklore International. Hambergen 2008. 16 Festival-Nachrichten, Nr. 4 vom 17.06.1968, S. 3.
2 Adressenliste, o.D. Archiv der Arbeitsgemeinschaft Burg 17 Diethart Kerbs: Gedanken zum V. Waldeck-Festival, o.D.
Waldeck (AABW), Festivals 64/65. [Februar 1968]. AABW, Redner.
3 Dies und das Folgende in Kerbs’ Eröffnungsrede zum ersten 18 Die „Essener Song-Tage-Resolution“, abgedruckt in: Song,
Festival 1964; Diethart Kerbs: Gesang zwischen den Fronten. Nr. 8, 1968, S. 21.
In: Neue Sammlung 4, 1964, S. 437–442. – Vgl. auch Arbeits 19 So eine Teilnehmerin im Rückblick, zitiert nach Wahlers 2003
gemeinschaft Burg Waldeck e.V. [Konzept und Plan], 18.02.1964. (Anm. 5), S. 87.
AABW, Festivals 64/65. 20 Song, Nr. 2, 1969, S. 8.
4 Siegfried 2008 (Anm. 1), S. 576. 21 Die Zeit vom 19.09.1969.
5 Corinna Wahlers: Die Entwicklung des politischen Singens 22 Frankfurter Rundschau vom 27.09.1969.
in den 1960er Jahren unter besonderer Berücksichtigung der 23 Jürgen Jekewitz. In: Der „Wohltemperierte“ Baybach-Bote,
Festivals auf Burg Waldeck. Mag. Siegen 2003, S. 27. [Manuskript] Nr. 15 vom Jahreswechsel 1969/70, S. 2.
6 Die Zeit vom 10.06.1966; Allgemeine Zeitung vom 08.06.1966.
7 So jedenfalls die Beobachtungen von Martin Degenhardt, Bildnachweis
Rolf-Ulrich Kaiser und Hilmar Bachor, Allgemeine Zeitung vom Foto: Joachim Lischke · Abb. 1
8.6.1966; Echo der Zeit vom 19.6.1966; Sendemanuskript WDR, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., Dorweiler, Archiv,
21.6.1966. AABW, Festivals 64/65. Fotos: Monika Runge, GNM · Abb. 2, 3
8 Protokoll der Abschlussdiskussion des II. Festivals auf Burg
Waldeck, 30.05.1965. Deutsches Kabarettarchiv, Mainz (DKA),
LN/H/5,2.
9 Extrakt der Arbeitssitzung „Festival 1966 und 1967“,
17.07.1966. DKA, LN/H/5,2.
10 Impuls, Nr. 9, 1967, [Link]. Die Zahl in der Frankfurter
Rundschau vom 10.06.1967.
11 So besonders pointiert Reginald Rudorf in der Frankfurter
Rundschau vom 10.06.1967 (dort auch das nachfolgende Zitat). –
Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt vom 23.07.1967. – Vgl. Die
Zeit vom 02.06.1967.
Die Festivals auf der Burg Waldeck 1964 bis 1969 189
Hans-Ulrich Thamer
Das „Jahrhundert der Jugend“ ist auch ein „Jahrhundert der Bilder“. Unsere Vorstellungen von
Jugend als Ausdruck von Dynamik und Bewegung, von Hoffnung und Zukunft sind an Bilder ge-
heftet. Bilder, die das eigene Erleben aufgreifen; Bilder, die diese Erfahrungen repräsentieren
und deuten, die erfunden und transportiert werden, die sich im kollektiven Gedächtnis festge-
setzt haben. Bilder, die durch audiovisuelle Medien wie durch klassische Printmedien, durch neue
Illustrations- und Reproduktionstechniken und digitale Bilderfluten verbreitet wurden.
Das „Jahrhundert der Jugend“ hat jedoch viele Facetten. Die sozialen Bewegungen, die die
Erfahrungen und Erwartungen der Jugend repräsentieren – von der Wandervogelbewegung bis
zur neuen Frauenbewegung –, können ebenso für Emanzipation, Freiheit und Individualisierung,
für Autonomie und Gemeinschaft stehen wie für Verführung, Massenmobilisierung, Gewalt und
Diktatur. In ihrer raschen Abfolge, im Ineinander und Gegeneinander der sozialen und kulturel-
len Bewegungen der Jugend finden sich die Ambivalenzen und Widersprüche des 20. Jahrhun-
derts wie in einem Brennglas gebündelt. Sie alle sind Ausdruck ihrer jeweiligen Zeitumstände
und -deutungen; sie haben sich in ihrer Widersprüchlichkeit teilweise aufgelöst, teilweise neu
formiert oder überlagert. Am Ende des Jahrhunderts und nach dem Ende der Ost-West-Spaltung
beziehungsweise deutschen Teilung entstand bei vielen Betrachtern, bei Publizisten und Histo-
rikern, bei bildenden Künstlern wie bei Schriftstellern das Bedürfnis, die vielen isolierten und
durch die politisch-kulturellen Gegensätze voneinander getrennten Eindrücke und Erinnerun-
gen in ein Gesamttableau zu bringen, das wie bei einem Vogelflug die Widersprüche und kurz-
lebigen Zeit-Abschnitte aus größerer Entfernung zu einer größeren Gesamtschau und zu einer
Gesamtdeutung zusammenfügt.
In dem 44-teiligen Bilderzyklus ‚Jugend‘ hat Heribert C. Ottersbach (geb. 1960) diese Erwar-
tungen und Erfahrungen, die sich über ein ganzes Jahrhundert mit Jugend verbinden können,
zu einem möglichen Gesamtbild zusammengefügt und unterschiedliche Zeitebenen, Erinnerun-
gen an die hoffnungsvollen Anfänge und Verheißungen des Jahrhunderts mit Schreckensbildern
der totalitären Versuchung und Unterwerfung zusammen und nebeneinander gestellt. Der
Bilderzyklus vereint die verschiedensten Zeiträume und Zeitabläufe; er vergegenwärtigt das Un-
gleichzeitige, die auf die Zukunft gerichtete Erwartung, die sich mit der Evokation von Jugend
verbindet, wie die Wiederkehr vergangener Jugendwelten mit ihren verwandten Erwartungen
und Haltungen. Es entsteht ein Konvolut verschiedenster Bilder, die aus unterschiedlichen
dritten Bild in derselben Reihe die Aufbahrung des Leichnams des Revolutionsführers, der nach
seiner Hinrichtung von Journalisten identifiziert und präsentiert werden sollte. Wieder dient
eine klassische Bildvorlage, die „Anatomie-Kunde“ von Rembrandt, als ikonografischer Verweis
und als Erinnerungs- beziehungsweise Deutungsangebot. Schließlich erscheint er auf einem
Poster als Ikone der Protestbewegung. Die vierte Reihe vereint widersprüchliche Erinnerungen
an die unruhigen 1960er und 1970er Jahre: Wiederum Bilder von demonstrierenden Jugendli-
chen, die sich zur Beschwörung ihrer Gemeinsamkeit und Solidarität gegenseitig unterhaken,
daneben Bilder von einem Teach-In, auf dem vermutlich Rudi Dutschke (1940–1979) auftrat; von
Gudrun Ensslin (1940–1977) und Andreas Baader (1943–1977); schließlich vom Attentat auf Rudi
Dutschke. Viele dieser Bilder sind zu Ikonen geworden, von denen allein schon ein Ausschnitt,
ein kleines Relikt ausreicht, um bei dem Betrachter, dem Zeitgenossen wie dem Nachgeborenen,
die Erinnerung an einen Vorgang zu wecken, um den Gesamtzusammenhang, aus dem der Aus-
schnitt stammt, zu ergänzen beziehungsweise zu assoziieren. Das gilt besonders eindringlich
für die beiden Bilder vom Dutschke-Attentat, die sich auf die Präsentation eines auf dem Boden
liegenden Fahrrades und eines Paars Schuhe beschränken können.
Die Verwendung von Farbe verstärkt diesen Eindruck. Wir sehen die einstigen Pressefotos
nicht im vertrauten Grau oder Schwarz-Weiß wieder. Mal werden die Bilder in ein grelles Rot
getaucht, dann, wie beim Attentat auf Rudi Dutschke oder dem Porträt der Weißen Rose, in ein
graues Dunkel oder ein gefährliches Grau-Rot. Dann wieder in ein bengalisches Licht, das auf
die verzückte Gemeinde fällt.
Sicherlich wird der Betrachter, gerade nach dem Besuch der historischen Ausstellung zur
Jugendbewegung, in diesem Bilderzyklus viele Bilder von Jugend vermissen: das Verlangen
nach Selbstbestimmung und Selbstorganisation, nach dem Naturerlebnis und nach Distanz
zur parteipolitischen Welt. Oder er wird manche Bilder anders lesen, den Kontext der jewei-
ligen Gruppenbildung, ihren programmatischen Anspruch und politischen Ort beachten und
unterscheiden. Ottersbach hingegen hat, wenn man die Bilanz seiner Collage zieht, Jugendbe-
wegungen und Jugendkulte vor allem in ihren Ritualen und Gesten, in ihrer Bereitschaft zur
Hingabe und Ekstase, zur pseudoreligiösen Inszenierung und Bereitschaft zur Gefolgschaft
gezeigt; er hat bei seiner Auswahl den Bildern der Diktaturen und der 1960er Jahre ein Über-
Heribert C. Ottersbach,
Ohne Titel (Jugend), 1994/95
gewicht verliehen und hat darum selbst den autonomen und individualistischen Aufbruch
der Wandervogeljugend in eine assoziative Verbindung mit Gruppenformierungen gebracht,
die sich von einem ästhetisierenden Gemeinschaftskult haben leiten und verführen lassen. Er
sieht in der spontanen Selbstdarstellung der autonomen Gruppe bereits die spätere Entwick-
lung zu einem kollektiven Einordnungs- und Unterwerfungsakt, er sieht das Vorher im Lichte
des Nachher und stellt zeitlich und auch inhaltlich differierende Gruppen vor allem aufgrund
ihrer Körpersprache, ihres Habitus nebeneinander und konstruiert im Wissen um die späteren
Gefährdungen der Jugendkulturen eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die freilich der
Offenheit von Geschichte und den Gefühlen und Hoffnungen historischer Akteure und eini-
ger Gruppen nicht immer gerecht wird. Das mag der Zeiterfahrung des Künstlers geschuldet
sein, die ihre ersten Prägungen in den politisierten 1960er und 1970er Jahren erfahren haben
dürfte. Umgekehrt ergänzt der Bilderzyklus die Darstellung der Ausstellung um Aspekte, die
dort nicht gezeigt werden konnten und die zusammen mit den Bildern von Aufbruch, Autono-
mie und Gemeinschaftsbildung der Jugend auch die Gefahren und Perversionen von Gemein-
schafts- und Führerkulten verdeutlichen und sich zu einem äußerst widersprüchlichen und
ambivalenten Gesamtbild verdichten, dessen Unvollkommenheit und Subjektivität der Künst-
ler mit seinem Bilderzyklus zeigen wollte.
1 Ottersbach selbst sprach von einem „Selbstbedienungsladen“, zitiert bei Eckhart Gillen: Scherbenlese des Jahrhunderts. Zu Heri-
der sich ihm aus der Kunstgeschichte, der Kulturgeschichte, der bert C. Ottersbach. In: Deutschlandbilder. Kunst aus einem geteilten
politischen Geschichte zur Verfügung stellte und aus der er durch Land. Hrsg. von Eckhart Gillen. [Link]. 47. Berliner Festwochen,
Erinnerung eine Auswahl traf. Dazu Heribert C. Ottersbach: Martin-Gropius-Bau, Berlin. Köln 1997, S. 385–389, bes. S. 385.
Erinnerte Bilder. Mit einem Text von Karin Thomas. Ostfildern 1995,
S. 65; zitiert bei Karin Thomas: Vernetzte Zeiten. Über Gerhard Bildnachweis
Richter, Anselm Kiefer, Heribert C. Ottersbach, Neo Rauch. © Heribert C. Ottersbach, Foto: Carl-Victor Dahmen, Köln
In: Kunstforum 150, April/Juni 2000, S. 298–309, bes. S. 306. © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
2 Eckhart Gillen im Gespräch mit Heribert C. Ottersbach.
In: Wider die Vollendung. Hrsg. von Klaus Honnef.
[Link]. Rheinisches Landesmuseum, Bonn. Bonn 1993;
Das kleine rote Buch mit den Worten des Vorsitzenden Mao Tse-tung (1893–1976), eine Ausgabe
der BRAVO, eine alte Musikkassette – diese und andere Objekte finden sich zum Ende der Ausstel-
lung in einem überdimensionalen Setzkasten. Sie sind erste Beiträge für ein Tableau der Jugend-
kulturen, das mit eigenen Objekten zu vollenden die Besucherinnen und Besucher aufgefordert
sind. Damit soll in einer partizipativen Herangehensweise die Bandbreite der Jugendkulturen
ebenso sichtbar werden wie charakteristische Binnendifferenzierungen. Für die Betrachterinnen
und Betrachter bietet die Zusammenstellung Raum für individuelle Erinnerungen, historische
Einordnungen und rückblickende Bewertungen.
Abgrenzung gegenüber der Elterngeneration, die Gemeinschaft mit Gleichaltrigen, das Er-
proben und Entwickeln eigener Fähigkeiten wie das Ausloten von Grenzbereichen und nicht
zuletzt Gedanken über die individuellen Lebensentwürfe beschäftigen Jugendliche heute wie
vor 100 Jahren. Dies kann sie in die verschiedenen Jugendorganisationen führen oder zu eher
lockeren Gemeinschaften, die sich über Kleidung, Musik, Sprache und Auftreten definieren.
In allem jedoch nehmen Jugendkulturen Bezug auf die technischen, wirtschaftlichen, ge-
sellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. Jugendliche passen sich diesen an, inso-
weit sie diese für ihre Bedürfnisse nutzen können. Und sie opponieren gegen Bestehendes, um
im Sinne ihrer Wertvorstellungen Veränderungen zu bewirken. Daher stellt „die Jugend […] für
die Gesellschaft eine Art Frühwarnsystem dar, denn sie reagiert auf gesellschaftliche Verände-
rungen schneller – weil sie es muss.“ 1
Vieles von dem, was sich in den heutigen Jugendkulturen wiederfindet, lässt sich zu seinen
Ursprüngen in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren zurückführen. Hip-Hop und
Punk haben hier ebenso ihre Wurzeln wie die politische Protestkultur der Neuen Sozialen Be-
wegung. „Mit den Stichworten Individualisierung, Pluralisierung und Flexibilisierung fassen
wir eine Transformation der Gesellschaft nach dem großen Boom, die aus sich heraus neue An
forderungen, eine neue Dynamik und veränderte Erwartungen im Rahmen der Alltagskultur und
der privaten Lebensführung hervorbrachte.“ 2 Diese Auswirkungen werden mit Blick auf die Ent-
wicklung der Jugendkulturen besonders deutlich.
Einen hohen Stellenwert besitzen die technischen Entwicklungen vor allem in der Unterhal-
tungs- und Kommunikationselektronik. Bereits Rock’n‘Roll und Beat lebten von der Kraft elek-
trisch verstärkter Gitarren. Künstlich erzeugte Synthesizer-Klänge bereicherten die Rockmusik
der siebziger Jahre ebenso wie die Musik in den immer zahlreicher werdenden Diskotheken. Und
„Techno“ schließlich revolutionierte die Musikszene total, setzte den kreativen DJ mit Computer
ckend betrachtet sicher naive Sicht auf die Kulturrevolution in China. Aber die Beliebtheit
unter linken Jugendlichen leitete sich ohnehin weniger aus den gesammelten Weisheiten ab,
als vielmehr vom symbolischen Gehalt. Die Maobibel stand für den Aufstand der Jugend gegen
etablierte Strukturen und Bonzentum (Abb. 1). Es beflügelte revolutionäre Träume und war ein
Fördern durch Erfahrenere, überhaupt die ganze Lernkultur, die bei solchen Treffs zu beobach-
ten ist, muss jede Lehrkraft vor Neid erblassen lassen.
Auf solche Erfahrungen mögen die Musiker der Hamburger Gruppe Tocotronic zurückgeblickt
haben, als sie 1995 das Lied schrieben „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ (Abb. 3).
Nicht die klassische Jugendbewegung ist damit gemeint, sie dient nur noch als historische
Reverenz. Es ist etwas anderes. Nicht alleine dastehen in einer Kleinstadt, sondern zu etwas
dazuzugehören, einer Clique, einer Szene. Die Gruppe gleichgesinnter Jugendlicher ist es, oder
bezogen auf die Jugendzeit der Musiker in den achtziger Jahren, ein deutscher Versuch, etwas
wie „My Generation“ zu schreiben.9
In dieser Interpretation werden Jugendbewegungen und Jugendkulturen sicher noch lange
bestehen. Inwieweit wir ihnen ihre Selbständigkeit lassen und sie als Frühwarnsystem für ge-
sellschaftliche Veränderungen wahrnehmen und begreifen, bleibt allerdings fraglich. Die aktu-
ellen Bildungsdiskussionen, die vor allem von der Sorge um künftige Rentenzahlungen getragen
sind, lassen Zweifel berechtigt erscheinen.
1 Klaus Farin: Jugendkulturen in Deutschland. Bonn 2011, S. 193. 7 Farin 2011 (Anm. 1), S. 86–87.
2 Anselm Doering-Manteuffel: Langfristige Ursprünge und 8 Bernd Lindner: Zwischen Integration und Distanzierung.
dauerhafte Auswirkungen. Zur historischen Einordnung der siebziger Jugendgenerationen in der DDR in den sechziger und siebziger
Jahre. In: Ende der Zuversicht? Die siebziger Jahre als Geschichte. Jahren. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 45, 2003, S. 33–39,
Hrsg. von Konrad H. Jarausch. Göttingen 2008, S. 313–329, hier S. 33.
hier S. 324. 9 URL: [Link]
3 Farin 2011 (Anm. 1), S. 167–169. [Link] [29.12.2012].
4 Werner Faulstich: Die Anfänge einer neuen Kulturperiode:
Der Computer und die digitalen Medien. In: Kulturgeschichte Bildnachweis
des 20. Jahrhunderts. Die Kultur der achtziger Jahre. Hrsg. von Privatarchiv, Fotos: Monika R
unge, GNM · Abb. 1, 2
Werner Faulstich. München 2005, S. 231–242. © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg,
5 Klaus Farin: Jugendkulturen zwischen Kommerz und Politik. Foto: Monika Runge, GNM · Abb. 3
Bad Tölz 1998.
6 Gerhard Paul: „Chinas Mona Lisa“ – Zur Geschichte des
Mao-Porträts und seiner globalen Rezeption. In: Aus Politik und
Zeitgeschichte, H. 39, 2010, S. 22–29.
198
Exkurs
199
Barbara Stambolis
200 Exkurs
Prominente Jugendbewegte und ihre Lebenserzählungen
Viele Menschen, die in jugendbeweg-
ten Gruppen groß geworden sind, haben sich rückblickend ausdrücklich in ihnen generationell
verortet beziehungsweise die Jugendbewegung generationengeschichtlich gedeutet. So hat eine
ganze Reihe von Angehörigen der „Kriegsjugend“ und „Kriegskindergeneration des Ersten Welt-
kriegs“ in ihrer Adoleszenz vor 1914 und/oder in der Weimarer Republik nicht nur dem einen
oder anderen Jugendbund angehört, vielmehr belegen autobiografische Zeugnisse, dass zahlrei-
che von ihnen aus der Rückschau glauben, an einem „jugendlichen Aufbruch“ mit weitreichenden
gesellschaftlichen Folgen teilgehabt zu haben. In – umfangreicheren oder kürzeren – bilanzie-
renden Lebensrückblicken, Reden oder Interviews sprechen sie von prägenden menschlichen
Begegnungen, von „Haltungen“ oder durch die Jugendbewegung maßgeblich mit beeinflussten
intellektuellen Lebensentwürfen. In ihren Selbstreflexionen kreisen sie gedanklich um „Men-
schenbilder“, das heißt Ansichten und Überzeugungen über die Sinnhaftigkeit des Lebens sowie Abb. 2: Helmut Gollwitzer (rechts),
Aufgaben und Verantwortlichkeit des Menschen in der Gesellschaft, denen – so ihre Überzeu- Sommersonnenwende, Fotografie,
1927
gung – jugendbewegte „Welt- und Selbstsichten“ zugrunde liegen.1
Unter denjenigen, die sich rückblickend zu ihren Erfahrungen als Heranwachsende äußerten,
befinden sich zahlreiche Persönlichkeiten, deren Namen und gesellschaftlicher Einfluss zwar
bekannt sind, deren jugendbewegte
Abb. 3: Helmut Gollwitzer während
Prägungen zumeist jedoch kaum ge- seiner Rede bei der 50-Jahrfeier
läufig sein dürften. Einige Beispiele des Freideutschen Jugendtreffens
seien, in der Reihenfolge ihrer Ge- auf dem Hohen Meißner, Fotogra-
fie, 1963
burtsjahrgänge, genannt: Alexander
Rüstow (1885–1963), einer der Väter
unten, Abb. 4: Johannes Rau
der sozialen Marktwirtschaft; Wil- (vorne, zweiter von rechts),
helm Flitner (1889–1990), einfluss- Schüler-Bibelkreis-Gruppe, Foto-
reicher Pädagoge (Abb. 1); Manfred grafie, Anfang 1950er Jahre
wurden zu Leitsternen meiner Existenz.“ 3 Der Pädagoge Adolf Reichwein (1899–1944), Wander-
vogel und Mitglied einer aus der Jugendbewegung hervorgegangenen studentischen Gruppe,
schreibt unmittelbar vor seiner Hinrichtung wegen seiner Beteiligung am Widerstand gegen das
NS-Regime im Oktober 1944: „Dass meine Gedanken auch immer wieder um das eigene Leben
kreisen, brauche ich kaum zu sagen. […] Das eine drängt sich beim Überfliegen der Jahrzehnte
auf: wie reich und schön diese Zeiten für mich gewesen sind. Das Schwere, etwa des vorigen
Krieges, tritt ganz dahinter zurück. Um so stärker strahlt die ländlich gesunde ungebundene
Jugend, die 10 Jahre im ‚Wandervogel‘ mit den weiten und nahen Fahrten, die Jugendfreund-
schaften, die glückliche Studentenzeit in Frankfurt und Marburg mit neuen unzertrennlichen
Freundschaften, dann das mit Begeisterung erfüllte Berufsleben in der Volksbildung […]“ 4 Einer
derjenigen, die trotz ihrer Widerständigkeit überlebten, Harald Poelchau (1903–1972), der evan-
gelischen Jugendbewegung verbunden, erklärt ebenfalls, seine Prägungen aus der bündischen
Zeit seien ihm lebenslang wichtig gewesen. In seinem autobiografischen Rückblick „Die Ordnung
der Bedrängten“ heißt es: „Die neun Klassengenossen, die es zusammen bis zum Abitur schafften,
haben sich nie wiedergesehen. Aber die freiwillige Gruppe eigener jugendlicher Entscheidung
hielt für das ganze Leben“ 5 (Abb. 6).
Dass manche Jugendbewegte sich in ihren bilanzierenden Lebenserzählungen mit Fragen
nach ihrer Verantwortung vor der Geschichte schwer taten, liegt auf der Hand. Einige haben sich
ansatzweise kritisch damit auseinandergesetzt, dass sie sich in ihrer Jugend nach „Führung“
sehnten und dabei dann auch teilweise „verführt“ wurden. Die Lebenswege „Jugendbewegter“
lassen sich jedenfalls kaum auf einen einfachen Nenner bringen.
202 Exkurs
Initiativen für eine im weitesten Sinne „humanere Zukunft“. Sie haben in der deutschen Nach-
kriegsgesellschaft in verantwortungsvollen Stellen und in einigen Fällen sogar in hochrangigen
Schlüsselpositionen Einfluss genommen, sich durch vielfältige Beteiligungen an konkreten
Planungen und nicht zuletzt mit Hilfe intensiver freundschaftlicher und kollegialer Vernetzungen
eingemischt, zumeist ohne dabei laut von gemeinsamen jugendbewegten „Wurzeln“ zu sprechen.
Ein gewisses Einverständnis über Herkunft, Prägung und eine gemeinsame Kommunikations-
grundlage stellten jedoch den Ausgangspunkt für das „Netzwerk“ und die daraus erwachsenden
Arbeitszusammenhänge wie auch gesellschaftspolitischen Initiativen der ehemaligen Jugend
bewegten dar. Spuren solcher Einflussnahme „aus jugendbewegtem Geiste“ finden sich unter ande-
rem in der Geschichte der Studienstiftung des deutschen Volkes und des Deutschen Akademischen
Austauschdienstes, im Beirat Innere Führung der Bundeswehr oder im Deutschen Ausschuss für
das Erziehungs- und Bildungswesen, um nur einige Beispiele zu nennen.6 Sie lassen sich auf jeden
Fall noch bis weit in die 1960er Jahre hinein belegen.
1 Jugendbewegt geprägt. Essays zu autobiographischen Texten 10 Vgl. Generations in Conflict. Youth Revolt and Generation
von Werner Heisenberg, Robert Jungk und vielen anderen. Hrsg. Formation in Germany 1770–1868. Hrsg. von Marc Roseman.
von Barbara Stambolis (Formen der Erinnerung 52). Göttingen 2013. Cambridge 1995.
2 Barbara Stambolis: Werner Heisenberg. In: Jugendbewegt 11 Arno Klönne: Fahrt ohne Ende. Geschichte einer Jungenschaft.
geprägt 2013 (Anm. 1), S. 369–380. Colmar 1951, S. 11.
3 Dirk van Laak: Robert Jungk (Robert Baum). In: Jugendbewegt 12 Autobiografischer Text, verfasst für das Treffen des Mindener
geprägt 2013 (Anm. 1), S. 395–404, bes. S. 398. Kreises in Bad Liebenzell im Mai 2011: Arno Klönne, Jahrgang 1931, S. 9.
4 Brief an Renate Reichwein vom 16.10.1944, zitiert nach
Alfons Kenkmann: Adolf Reichwein. In: Jugendbewegt geprägt 2013 Bildnachweis
(Anm. 1), S. 545–556, bes. S. 555–556. Evangelisches Zentralarchiv, Berlin · Abb. 2
5 Harald Poelchau: Die Ordnung der Bedrängten. Berlin 1963, Privatarchiv Christina Rau, Berlin · Abb. 4
S. 16–17. Archiv Harald S. Poelchau, Dallas · Abb. 6
6 In der „Sozialen Arbeit“ dürften vor allem auch jugendbewegt Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen · Abb. 3, 5
beeinflusste Frauen ein Wirkungsfeld gefunden haben. Privatarchiv Martha Hörmann, [Ort unbekannt] · Abb. 1
7 Barbara Stambolis: Einleitung. In: Jugendbewegt geprägt 2013
(Anm. 1), S. 13–42.
8 Vgl. Historische Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs der
deutschen Jugendbewegung N.F. 5, 2008.
9 Arno Klönne/Jürgen Reulecke: „Restgeschichte“ und „neue
Romantik“. Ein Gespräch über Bündische Jugend in der Nachkriegs
zeit. In: Jugend vor einer Welt in Trümmern. Erfahrungen und
Verhältnisse der Jugend zwischen Hitler- und Nachkriegsdeutsch-
land. Hrsg. von Franz-Werner Kersting (Materialien zur h
istorischen
Jugendforschung). Weinheim/München 1998, S. 87–103. – Vgl. auch:
Barbara Stambolis im Gespräch mit Arno Klönne und Jürgen
Reulecke über „Restgeschichte“. In: Historische Jugendforschung.
Jahrbuch des Archivs der d
eutschen Jugendbewegung N.F. 8, 2011,
S. 400–413.
204 Exkurs
Hans-Ulrich Thamer
Auch wenn die Jugendbewegung in einer Art unbegrenzter Gegenwart ihre eigene Lebenswelt im-
mer wieder neu zu begründen versuchte und sich dabei ganz der Zukunft verschrieb, entwickelten
ihre Gruppen sehr bald ein Bedürfnis nach Erzählung und Erinnerung. Denn das Erinnern gehört
in allen sozialen Bewegungen zur Stiftung einer Gemeinschaft und zur Begründung der eigenen
Identität nach innen wie nach außen. Die Wandervögel hielten in Tagebüchern und Chroniken
ihre Fahrtenerlebnisse fest und erzählten von ihren Feiern und Nestabenden. Das konnte für das
Bewusstsein und den Habitus der Heranwachsenden eine starke individuelle, persönlichkeits
prägende Wirkung haben, wie wir aus vielen Autobiografien und anderen Selbstzeugnissen ehema-
liger Jugendbewegter wissen.1 Das Erlebnis von Fahrt und Feier war aber ebenso entscheidend für
die Integrationskraft einer jugendbündischen Gruppe, die sich einzig und allein auf das Gemein-
schaftserlebnis stützte, kaum aber auf ein festes Organisationsgerüst einer gesellschaftlichen
Großgruppe. Mit immer wiederkehrenden Erzählungen von Fahrten, Lagern und Festen wollten
die Wandervögel und später die Bündischen darum die Erinnerung an ihr Gemeinschaftserlebnis
und für ihre Gemeinschaft bewahren sowie sich ständig vergegenwärtigen.
Dabei war man sich schon sehr früh bewusst, dass das unmittelbare Erlebnis und das
gesprochene Wort oder das gemeinsame Lied eine größere Wirkung ausüben würden als das
geschriebene Wort und die nachträgliche Erzählung.2 Noch unmittelbar vom Erlebnis der Fahrt
geprägt waren die handschriftlichen Berichte in den Fahrtenbüchern einzelner Wandervogel
gruppen, die ihre Erinnerungen mit Fotos oder Zeichnungen schmückten (vgl. [Link]. 20). Auch die
Bundesmitteilungen sowie die Zeitschriften der Wandervogelbünde und Jungenschaften waren
reich an Fahrtenberichten, die die Kommunikation und den Zusammenhalt zwischen den regio-
nal mitunter weit verstreuten Gruppen herstellen und auch den Wettstreit über die entferntesten
und abenteuerlichsten Fahrtenziele anstacheln sollten. Ernst Buske (1894–1930), Bundesführer
des „Alt-Wandervogel, Deutsche Jungenschaft“, fasste im September 1924 voller Zufriedenheit
die Großfahrten seines Bundes und deren nationalpädagogischen Zweck zusammen: „Aus allen
Gauen sind die Scharen ausgezogen, das Vaterland und die Welt im wahrsten Sinne des Wortes
zu ‚erwandern‘. Die Ostpreußen zogen ins Weserland; die Schlesier nach Ungarn, Rumänien, Bul-
garien; die Berliner und Märker nach Kärnten und Steiermark; die Hanseaten, Harz, Elbe und
Mecklenburg nach Ostpreußen.“ Auffallend sind die Fahrtenziele, die zu einem großen Teil, auch
auf dem Höhepunkt der sozialen und wirtschaftlichen Krisen des Jahres 1923/24, ins Ausland
führten. „Besonders eindrucksvoll“, konstatiert auch Buske, „müssen die Auslandsfahrten ge-
wesen sein. […] Der Blick über die Grenzen, das Erleben des fremden und eigenen Volkstums
206 Exkurs
Spendenaufrufe und Sammelaktionen belegen den Entschluss zur Selbst-
hilfe und Selbstdarstellung (Abb. 2). Durch die Verbindung von Krieger-
denkmal und Jugendburg wollte man vermeiden, dass der Erinnerungsort
zu einem „toten Denkmal“ würde, sondern ein „Hort frischen Lebens und
echten Frohsinns, wo die wandernde Jugend Ruhe und Erquickung finden
kann und gleichzeitig in Ehrfurcht der gefallenen Helden gedenkt.“ 7
Dasselbe Motiv stand hinter dem Ausbau der Schlossruine Waldeck
im Hunsrück durch den Architekten Karl Buschhüter (1872–1956) zu einer
Jugendburg,8 die der Nerother Wandervogel zum Mittelpunkt seines
„Ordens“, aber auch zum Ehrenmal für die Gefallenen des Krieges machte.
Robert Oelbermann (1896–1941), unbestrittener Führer des 1920 gegründeten
Bundes, formulierte in aller Deutlichkeit die romantische und antizivilisa-
torische Idee, die hinter der Rheinischen Jugendburg stand. Die Nerother
wollten ein Bauwerk errichten, um „aus sich heraus Formen und Werke [zu]
schaffen […] die ihrem Wesen und Gedanken einen hehren Ausdruck verlei-
hen“ sollten. „Gleich einem Dom soll es künden, als lebendiges organisches
Werk, von dem hohen Sinn der Jugend, von Opferfreudigkeit, von Liebe und
Treue“, bis es schließlich „der Nachwelt künden wird von dem adeligen
Leben der neuen Jugend, des neuen Menschen. So schaffen wir auch dem
Heldenmut und Opfertod unserer gefallenen Brüder, die für eine gemein
same Idee ihr Herzblut gaben, den hehrsten Ausdruck und das treueste Zeichen, daß wir ihrer Abb. 2: Plakat „Gebt für die
stets gedenken und daß sie uns stets Vorbild sind.“ 9 Jugendburg Ludwigstein“, 1922/25
(vgl. [Link]. 146)
Dass mit den bescheidenen finanziellen Mitteln der Jugendbünde ein solches Bauwerk vie-
le Jahre bis zur Fertigstellung brauchen würde, wussten nicht nur die Nerother. Das hatte sich
auch bei der Burg Ludwigstein erwiesen. Bevor dort 1933 ein Gedenkraum eingerichtet wurde,
der die Bedeutung der Burg als Ehrenmal hätte verdeutlichen können, wurde eine „Wanderer-
stube“ geschaffen und vor allem die ebenfalls 1920 beschlossene Gründung eines „Reichsar-
chivs der deutschen Jugendbewegung“ verwirklicht, mit dem die Jugendbewegung ihr kultu-
relles Gedächtnis begründen und ihre Bedeutung dokumentieren wollte. Die Einrichtung der
geplanten „Weihestätte“ hingegen verzögerte sich bis 1933. Als die zum Gedenkraum verwandel-
te „Steinkammer“, ein massiv gemauerter Raum mit einem Tonnengewölbe, im November 1933
eingeweiht werden konnte, waren nicht mehr nur die Repräsentanten der einstigen bündischen
Jugend, sondern auch Vertreter der Hitlerjugend anwesend, die die Burg in eine Gauführerschule
verwandelt hatte.10
Der Raum war mit fast fünfzig Fahnen und Wimpeln, die mit hölzernen Stäben zum Zeichen
der Trauer an die Wand gelehnt worden waren, ausgeschmückt. Sie wurden dort im Namen und
als Zeichen der jugendbewegten Bünde aufgestellt. Ein Wandspruch von Christian Morgenstern
verlieh dem symbolischen Opfergedenken den gewünschten Sinn: „Die Gefällten sind es / auf
denen das Leben steht.“ Ein Gedicht von Baldur von Schirach (1907–1974) und das Absingen
des Deutschland- wie des Horst-Wessel-Liedes gaben der nationalsozialistischen Deutung ihr
Gewicht. Sie fand über die Einweihungsfeier hinaus ihren sichtbaren Ausdruck in einer stei-
nernen Ehrentafel, die 1940 am Burgturm angebracht wurde und das Gefallenengedenken der
Jugendbewegung vollends in den heroischen Opferkult des Nationalsozialismus transformierte.
Anknüpfungspunkt war der Langemarck-Mythos, der auch bei den Bündischen in zahlreichen
Feiern bekräftigt wurde: „7000 Kameraden aus allen Bünden der Deutschen Jugendbewegung
haben im Weltkrieg 1914–18 treu ihrer Gesinnung den Eid für das Vaterland mit dem Tod besie-
gelt“, lautete die Inschrift auf der mit Todes-Runen versehenen Tafel.
Auch der mitunter bestimmenden Rolle der Älteren, bis hin zu den Eltern- und Freundes-
kreisen, die als Förderer und Protektoren wirkten, tat die Kampagne gegen den Lebensbund-
gedanken und die Transformation der in die Jahre gekommenen Jugendbewegten in Erinne-
rungsgemeinschaften keinen Abbruch. Die Debatte um die Rolle der Älteren und damit um die
Bedeutung der Erinnerung für die Jugendbewegung sollte jedoch, ähnlich wie die Mädchen-
frage, ein Dauerthema der Jugendgruppen in der bündischen Zeit bis 1933 bleiben. Erst die
Hitlerjugend hielt eine scheinbare Lösung bereit, indem sie trotz der unverkennbaren Politik der
Gleichschaltung älteren Jugendbewegten auch die verführerische Chance zur Übernahme einer
meist ehrenamtlichen Führungsposition und damit eine Perspektive bot.16
Die spezifischen Formen der jugendbewegten Erinnerungskultur wurden durch die
Gleichschaltung eher ins Private abgedrängt, sofern sie nicht, wie das Beispiel der Jugendburg
Ludwigstein zeigt, unter die Jugendpolitik des NS-Regimes gezwungen wurde. Wie groß das
208 Exkurs
Bedürfnis nach gemeinsamer Erinnerung und nach Wiederbegründung auch oder gerade nach
dem Ende der NS-Diktatur und nach den vom Nationalsozialismus erzwungenen unterschied-
lichsten Lebens- und Überlebenswegen war, zeigen die Kreise und Zirkel, in denen sich viele
ehemalige Angehörige der Generation der Wandervögel und studentischen Freischaren bald
nach 1945 wieder zusammenfanden. Sie diskutierten und stritten noch einmal über die Frage
Lebensbund oder jungenschaftlicher Aktivismus und entschieden sich nach den Brüchen und
privaten Katastrophen, die sie oft erlebt hatten, meistens für die Form der institutionalisier-
ten Erinnerungsgemeinschaft, die die eigene Erfahrung nutzt, um sich über die zurückliegenden
Jahrzehnte und das eigene Verhalten in der Diktatur oder gegen sie Rechenschaft abzulegen, um
auf diesen Erfahrungen aufbauend sich aber zugleich drängenden Gegenwartsfragen zu stellen.17
Formen privater Erinnerung begegnen uns vor allem im familiären und häuslichen Bereich,
und diese setzen sich ungebrochen über alle politischen Systembrüche und Diktaturen fort. Zu den
Monumenten der Erinnerung gehören neben unzähligen Fotoalben und Tagebüchern, die meist im
privaten Bereich verbleiben, auch Zeugnisse der Sachkultur,
die die Erinnerung und die jugendbewegte Prägung sichtbar
machen. Ehepaare, die sich in den jugendbündischen Grup-
pen gefunden und einen gemeinsamen Lebensweg beschritten
hatten, demonstrierten die prägende Wirkung ihrer Zeit in
den Gruppen des Wandervogel oder der bündischen Jugend
durch die Gestaltung oder den Schmuck privater Wohnungs-
einrichtungen, auf selbstgestalteten Bildern und schließlich
auch auf Grabmalen. Ein rustikaler Schrank, den sich ein
Wandervogel-Ehepaar hatte anfertigen lassen (Abb. 3), zeigt
auf den sechs Feldern der Schranktüren neben den Wappen
der Geburts- oder Heimatorte zwei unterschiedlich gestaltete Greif-Vögel, die Symbole des Wan- Abb. 4: Wimpel des Kronacher
dervogel. Die Erinnerung an die Wandervogelzeit sollte auch über den Tod hinaus bewahrt werden: Bundes, Ortsgruppe Weimar,
1920er Jahre (vgl. [Link]. 273)
Auf einem schlichten Holz-Grabmal aus den frühen 1960er Jahren wird die Zugehörigkeit zum und
die Verbundenheit eines Medizinalrates und seiner Frau mit dem Wandervogel ebenfalls durch ein
Wandervogel-Symbol bekundet und für jedermann sichtbar gemacht.18
Auch persönliche Ausrüstungsgegenstände, die durch Schmuckelemente aus den Gegen-
ständen des alltäglichen Gebrauchs herausgehoben und durch Aufbewahren, Austausch und
Weiterreichen in den Rang von Erinnerungsstücken erhoben werden, haben sich in privaten
Nachlässe erhalten und sind als Schenkungen in das Archiv der Jugendbewegung, den Ort der
Erinnerung, gekommen. Ein Lautenband, das 1912 dem Wandervogel-Führer und Schöpfer des
„Zupfgeigenhansl“ Hans Breuer (1883–1918) zum Geschenk gemacht wurde und nach dessen Tod
im Ersten Weltkrieg schließlich als Geburtstagsgeschenk an Alfred C. Toepfer (1894–1993), eben-
falls Meißnerfahrer von 1913 und später einflussreicher Mäzen der Jugendbewegung, weiter
gegeben wurde, avencierte auf diese Weise zum Erinnerungsstück, das den Beschenkten ehren
und die jugendbewegte Erfahrung als wichtigen Abschnitt in dessen Biografie herausstellen
sollte.19 Ein ehemaliges Mitglied der Ortsgruppe Weimar des Kronacher Bundes verband mit
einem Fahrtenwimpel seiner Gruppe, den er durch die Wirrnisse der Zeiten gerettet und 1984 an
das Archiv übergeben hatte, die Erinnerung an zahlreiche Natur- und Gemeinschaftserlebnisse,
die er und seine Gruppe in den 1920er und 1930er Jahren bei den Fahrten und Wanderungen
durch Thüringen erfuhren (Abb. 4). Sein liebevoller Bericht lässt ahnen, welchen Symbolwert der
Wimpel mit dem Wandervogel-Greifen für die Gruppe hatte. Die demonstrative Erinnerung soll
die Geschichte, die sich mit diesen unscheinbaren Objekten verbindet, davor bewahren, nur noch
„Restgeschichte“ zu sein.
210 Exkurs
Alfons Kenkmann
Ein Blick in die kulturellen Veranstaltungskalender der jüngsten Zeit macht deutlich: Jugend ist
ein äußerst beliebtes Sujet in Ausstellungsvorhaben. Drei Beispiele mögen genügen. „Haus der
Geschichte zeigt Ausstellung zur Jugend in Deutschland“ titelte das Bonner Bundes-Museum
zur Bewerbung seiner Ausstellung „Mit 17... Jungsein in Deutschland“,1 die es vom 16. Juli 2011
bis zum 9. April 2012 präsentierte. Die um Wochen verlängerte Ausstellung beschäftige sich
„mit diesem – für Eltern und Kinder – schwierigen Lebensabschnitt“.2 Zur Förderung des bi
nationalen Verständnisses wird die Folie Jugend ebenfalls herangezogen, wie die zweisprachige
Ausstellung „Enfance mon amour. Die Jugend in der französischen Literatur“ unterstreicht, die
vom 4. November 2011 bis zum 5. Januar 2012 in der Württembergischen Landesbibliothek in
Stuttgart gezeigt wurde.3 Darüber hinaus heißt seit 2012 eine in Berlin sehr pädagogisch aus-
gerichtete Ausstellung „7x jung. Dein Trainingsplatz für Zusammenhalt und Respekt“,4 die vor
allem „eher bildungsbenachteiligte Jugendliche und die Vielfalt der familiären und kulturellen
Hintergründe in der Einwanderungsgesellschaft“ in den Blick zu nehmen gedenkt. Das Ausstel-
lungsvorhaben soll „eine Wirksamkeit gegen Antisemitismus, Diskriminierung und Ausgrenzung
entfalten, Mut machen zu eigenem Handeln – und zugleich eine Brücke in die Zeit des National
sozialismus bauen, ganz bewusst auch um die Frage zu stellen: Welche Bedeutung hat die Erin-
nerung an diese Zeit in unserer heutigen Gesellschaft?“ 5
100 Jahre Jugend als Gegenstand im musealen Raum? Welche spezifischen Zugänge zum
Thema sind in den Ausstellungsinszenierungen erkennbar? Welche wissenschaftlichen, politi-
schen wie gesellschaftlichen Forschungen und Trends spiegeln sich in den Narrationen? Der
folgende Versuch einer schlaglichtartigen Bestandsaufnahme konzentriert den Blick vor allem
auf jene Ausstellungen, die sich explizit auf das Thema Jugend beziehen und eine größere
Öffentlichkeit erreicht haben.6
Präsentation „Das junge Deutschland“. 8 Das preußische Finanzministerium hatte den für diese
Thematik ungewöhnlichen Ausstellungsort zur Verfügung gestellt.
„Die Ausstellung ‚Das junge Deutschland‘ will“ – so die Kuratoren – „ein möglichst umfas-
sendes Bild der gegenwärtigen Lage deutscher Jugend geben. Dieses Bild soll aber nicht zerfallen
in zusammenhanglose Einzelbilder, die in ihrer Fülle und Art den Besucher verwirren, sondern
soll von dem leitenden Gedanken gestaltet sein, dass Beruf und Freizeitbewegung, das Leben in
der Familie und im Jugendbunde, Spiel und Leibesübungen, Bildung und gegenseitige Hilfe der
Jugend getragen werden von einem in der Form hundertfach verschiedenen, in seinem Wesen aber
einheitlichen, ursprünglichen Kulturwillen der Jugend!“ 9 Ziel der Auftraggeber war es, „einen mög-
lichst umfassenden Überblick über die gesamte kulturelle, soziale und gesundheitliche und bevöl-
kerungspolitische Lage der jungen Generation [zu] bieten.“ 10 Den Veranstaltern sei, um das Projekt
zum Erfolg zu bringen, „eine starke Unterordnung unter die gemeinsame Idee“ abverlangt worden.
Es sei trotz aller „unbestreitbar vorhandenen Spannungen“ ein gemeinsames Produkt entstanden.11
Erstmalig wurde diese Ausstellung vom Reichsausschuss der deutschen Jugendver
bände mit seinen vier Millionen Mitgliedern, der „Spitzenorganisation der großen Verbände der
Jugendbewegung und Jugendpflege“, umgesetzt.12 Das bedeutete, dass nicht die Sozialgeschichte
der Jugend im Vordergrund stand, sondern eine Selbstdarstellung der gesamten Bandbreite der
Jugendverbände von den Gruppen der bündischen Jugend, der Sport- und berufsständischen
Verbände über die konfessionellen bis hin zu den staatspolitischen und sozialistischen.13 Beglei-
tend wurde zur Ausstellung, da man sich „nicht mit einer bildhaften Schau begnügen“ wollte,
„weil es unmöglich ist, das Wesen und den Willen der jungen Generation lediglich flächenhaft
und vom Leben abgelöst darzustellen“, in das Beiprogramm eine Fülle von Veranstaltungen auf-
genommen, um auch „Spiel, Tanz und Lied der Jugend selber“ und deren „lebendigen […] Geist“
zur Geltung zu bringen.14 Das überaus breite Angebot reichte von den Ostpreußischen Volks- und
Fischertänzen oder Spiel- und Tanzkreisen über die Marionettenspiele der Fichte-Hochschulge-
meinde, dem „Tellspiel“ der Oberrealschule Lübeck bis hin zum Auftritt des „Sprechchors der
Sozialistischen Arbeiterjugend“ Hamburg.15 Auch referierten deutsche und ausländische Jugend-
führer zu Fragen der Jugendbewegung und Jugendpflege; selbst das Leitmedium Film durfte
nicht fehlen, wie der Einsatz von Filmvorführungen im Beiprogramm unterstreicht. Was in die-
ser objektfernen Gesamt- und Nabelschau der organisierten Jugend fehlt, ist der Blick auf die
informelle Jugend außerhalb der Verbände, Organisationen und Bünde, die immerhin die andere
Hälfte jugendlichen Daseins in den 1920er Jahren ausmachte.
212 Exkurs
Die Exposition wurde mit eigens hergestellten Postkarten mit der Aufforderung „Besucht
die Ausstellung der deutschen Jugend“ beworben (Abb. 1). Das damalige Marketing im Umfeld
der Schau kann sich auch heute noch sehen lassen. Zum Merchandising gehörte der freie Ein-
tritt für erwerbslose Jugendliche oder das Angebot von Sonderzügen mit Vorzugskonditionen für
Fahrt und Verpflegung; sogar Jugendlichen aus dem Ausland wurden Fahrpreisermäßigungen
für die Anreise geboten.16
Propagandistische Indienstnahme
Drittes Reich
Ausstellungen mit Jugendbezug dienten auch nach dem Ende der ersten deutschen
Demokratie der Einflussnahme auf junge Menschen. Gleichzeitig leisteten sie während des
„Dritten Reiches“ ihren spezifischen Beitrag zur Selbstdarstellung der nationalsozialistischen
Jugendorganisationen. Hierzu wurden eigens Wanderschauen auf den Weg gebracht, wie zum
Beispiel die Ausstellung „Schafft Heime“,17 eine „Ausstellung über den Heimbau der Hitler-
Jugend“, die auf Befehl Hitlers, nachdem ihm in der Reichskanzlei Modelle und Pläne von künf-
tigen HJ-Heimen vorgestellt worden waren, reichsweit in jedem Gebiet der Hitlerjugend gezeigt
wurde. Sie sollte – wie es im Vorwort von Baldur von Schirach (1907–1974) heißt – die in der
Hitlerjugend „geleistete Arbeit“ dokumentieren und „die noch zu lösenden Aufgaben“ benennen.
Ein geeignetes Heim sei die „Voraussetzung für die Gemeinschaftsarbeit der Hitler-Jugend“.18
Auf dem 9. Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg wurde die Präsentation „Jahr der Heimbe-
schaffung“ in der Zeit vom 6. bis 13. September 1937 das erste Mal gezeigt.19 Auch während des
Zweiten Weltkriegs initiierte die Hitlerjugend Ausstellungen „im totalen Einsatz zur Erringung
eines kompromisslosen Endsieges gegen Bolschewismus und Plutokratie“.20 So sollte die auf den
Salzburger HJ-Kulturtagen präsentierte Ausstellung „Meisterwerke Salzburger Kunst“ die
Jugend mahnen, sich den „edelsten Schöpfungen germanisch-deutscher Künstler aus Jahrtau-
senden einer großen geschichtlichen Vergangenheit […] würdig zu erweisen, sich in Ehrfurcht zu
ihnen zu bekennen und für ihren Bestand zu kämpfen gegen Materialismus und Unkultur.“ 21 Die
Mangelgesellschaft an der Heimatfront und die Luftangriffe der Alliierten in der zweiten Hälfte
der nationalsozialistischen Diktatur ließen jedoch Wander- und solitäre Schauen zum Thema
Jugend zu einem wenig genutzten Medium werden.
DDR
Nach der Besatzungszeit nahm die Funktionalisierung der Jugend für die Zwecke der
Parteipolitik in der DDR ihren Fortgang. Dass sie zunächst nicht im Zentrum der musealen
Sammlung und Darbietung stand, zeigt das geringe Ausmaß jugendhistorischer Objektsicherung
in den Museen der DDR bis zu Beginn der 1960er Jahre. Lediglich die nur teilweise neuen städ-
tischen Kreis- und Heimatmuseen hatten in ihren Sammlungen Objekte aus der Arbeiterjugend-
bewegung deponiert.22 Explizit in den Sammlungsbeständen ausgewiesen waren vor allem
Objekte aus dem Zeichenrepertoire der Arbeiterjugendbewegung wie Abzeichen, Wimpel, Fahnen
und Kleidungsstücke – zum Beispiel die Bluse eines Angehörigen der Kommunistischen Jugend-
internationale.23 Diese Fundstücke wurden bei Bedarf in die lokalen Ausstellungen zur Geschichte
der Arbeiterbewegung eingebracht. Gleiches gilt für die Dauerausstellung „Sozialistisches Vater-
land DDR“, die 1974 im Museum für Deutsche Geschichte in Berlin erstmals präsentiert wurde
und in drei Zugriffe aufgeteilt war: „1945–1949“, „1949–1961/62“ und „1962–Gegenwart“.24 Auch
hier wurden, was überrascht, nur vereinzelt Objekte zum Jugendthema präsentiert. Das Thema
Jugend spielte in dieser Vorzeigeschau kaum eine nennenswerte Rolle. Wenn jugendhistorische
Objekte präsentiert wurden, dann entstammten sie dem Formenensemble sozialistischer und
214 Exkurs
Ein neuer Blick in der Bundesrepublik
Anders als in der DDR wurde das Thema Jugend in der
Bundesrepublik bis Mitte der 1970er Jahre sehr selten in Ausstellungen thematisiert, sieht man
von eher kleineren Sonderschauen zur sozialistischen Jugend ab.33 Zwar wandte man sich den
studentischen Protesten zu – aber zum einen nicht unter dem Zugriff Jugend und zum anderen
erst zum 40-jährigen Jubiläum.34 Jugendsubkulturen wie die „Existentialisten“ und „Halbstarken“
gerieten zunächst gar nicht in das Blickfeld von Kuratoren.
Mit dem Aufkommen der Neuen Sozialen Bewegungen, der „neuen Jugendbewegung“ im
Rahmen der Ökologie-, Friedens-, Antimilitarismus- und Hausbesetzerbewegung, deren Ange-
hörige für sich das individuelle Widerstandsrecht gegen vermeintlich falsche Entscheidungen
seitens der Legislative und Exekutive beanspruchten, erhielt die museale Aufbereitung jugend
historischer Themen einen enormen Schub. Zunächst favorisiert war der Zugang über die Hin-
führung zum inhaltlichen Zugriff „Jugend im ‚Dritten Reich‘“. Nicht unschuldig daran war ein
in Teilen der Geschichtswissenschaft vollzogener Paradigmenwechsel hin zu einer Verhaltens-
geschichte der NS-Zeit. Ziel war das Schreiben einer Wirkungsgeschichte des NS-Regimes „von
unten“ aus dem Blickwinkel der betroffenen Bevölkerung. Mit der Perspektiverweiterung auf den
Alltag geriet dann auch zunehmend in der Bundesrepublik das Jugendthema in das Blickfeld,
zunächst bezogen auf das „Dritte Reich“ mit der Hitlerjugend und erstmals auch der jugend
lichen Opposition gegen diese. Ein erstes Beispiel für eine solche Unternehmung ist die von
Heinz Boberach im Bundesarchiv Koblenz mitverantwortete Ausstellung „Jugend im NS-Staat“
aus dem Jahre 1978.35 Als typische Archivausstellung brachte sie über die eingesetzten Fotos
Momente einer frühen Visual History in die Präsentation. Bezeichnend für dieses Genre, musste
sie gänzlich ohne dreidimensionale Objekte auskommen. Die Dokumentation ist in der Zeit noch
die prägende Form der Jugendausstellung. Im selben Jahr wählte das Historische Museum
Frankfurt mit dem hauseigenen Projekt „Arbeiterjugend in Frankfurt 1904–1945. Material zu
einer verschütteten Kulturgeschichte“ einen diachronen Zugriff, der bewusst das Epochenjahr
1933 überschritt.36
Der Triumphzug der Geschichte „von unten“ hatte zum Ergebnis, „dass allerorten von den
Geschichtsinitiativen in vorgeblich resistenten Milieus Tausende von ‚roten Großvätern‘ und
‚schwarzen Standhaften‘ entdeckt wurden“,37 die in den 1930er Jahren Jugendliche und junge
Erwachsene gewesen waren. Ihre Lebensgeschichten finden sich in der Fülle von Publikationen,
die in den 1970er und 1980er Jahren unter den paradigmatischen Titeln „Widerstand und Ver-
folgung in …“ erschienen.38 Dieser Perspektivwechsel sollte sich in jugendhistorischen Sonder-
schauen niederschlagen, die nun nicht mehr solitär dastanden. In den urbanen Zentren wurde
sich diesem spezifischen Thema vor allem im Kontext des 50. Jahrestages der „Machtergreifung“
Hitlers über Ausstellungen angenähert. Ein typisches Beispiel hierfür ist die im Herbst 1983
präsentierte Ausstellung „Jugendorganisationen und Jugendopposition in Berlin-Kreuzberg
1933–1945“,39 gezeigt im U-Bahnhof „Schlesisches Tor“, die vor allem auf die im Kontext des
Jubiläums betriebenen alltags- und lokalhistorischen Forschungen aufbauen konnte.
Die 1980er Jahre wurden dann zum Jahrzehnt der intensiven Beschäftigung mit dem Sujet
Jugend in unterschiedlichen Ausstellungen. Hierzu zählten noch kurz vor der Wiedervereini-
gung geschichtspolitisch auf den Weg gebrachte wie „Jugend in der DDR“ 40 der Ost-Akademie
Lüneburg wie auch klassische, der Dokumentation verpflichtete Unternehmungen zur Jugend-
bewegung wie die Schau „Von Steglitz in die Welt“ 41, die im Rahmen der 750-Jahr-Feier Berlins
finanziert und ebenfalls 1987 erstmals gezeigt wurde und den Steglitzer Wandervogel in den
Mittelpunkt des Bemühens stellte. Noch im gleichen Jahr eröffnete die Ausstellung „Jugend im
nationalsozialistischen Frankfurt“.42 Weiterhin hatte eine Realisation des Frankfurter Histori-
216 Exkurs
im Unauffälligen, neben dem ganzen Rummel, im Nichtausstellbaren die Hoffnung liegt.“ 49 Und
die Berliner Tageszeitung schwadronierte: „Gäbe es nicht den Katalog […], die tönende Stuttgar-
ter Pappdeckel-Schau hinterließe mit Sicherheit überwiegend konsternierte Betrachter.“ 50
Die zweite thematisch einschlägige Sonderschau war hingegen regionalgeschichtlich ausge-
richtet. Ihr Titel: „Land der Hoffnung – Land der Krise: Jugendkulturen im Ruhrgebiet 1900–1987“,
erstmals präsentiert im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte vom 27. November
1987 bis zum 4. Februar 1988.51 Die an sich sehr ansprechende Präsentation, die eine bemerkens-
werte Aufklärungsarbeit über die jugendkulturelle Entwicklung an Emscher und Ruhr entfaltete,
verblüfft jedoch in einem zentralen Aspekt: Sie berücksichtigt nicht die große Bedeutung der
Antikonzeptiva („Anti-Baby-Pille“) für die Aushandlung der Geschlechterbeziehungen unter den
Jugendlichen Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre (Abb. 2).
Jugend sells
In den 1990er Jahren kann dann von einer zweiten Welle jugendhistorischer Aneig-
nungen gesprochen werden, die sich aber zunehmend vom Zugriff „Subkultur“ emanzipierten und
Jugend generell in den Blick nahmen.52 Das Bundesland Bayern eröffnete den Reigen mit der Aus-
stellung „Schön ist die Jugendzeit …? Das Leben junger Leute in Bayern 1899–2001“ – präsentiert an
30 Orten in Bayern bis in das Jahr 1996.53 Es folgte vom 13. Mai bis zum 19. Oktober 1997 „Mit 17 …
Jugendliche in Hannover von 1900 bis heute“ im Historischen Museum Hannover und im Histori-
schen Museum Bielefeld vom 19. November 1995 bis zum 18. Februar 1996 die Sonderschau „‚Aus
grauer Städte Mauern‘. Bürgerliche Jugendbewegung in Bielefeld 1900–1933“.54 Den Blick auf
Jugendliche als Amateurfotografen in DDR und BRD richtete das Projekt „Blende auf“, die vom
15. November 1995 bis zum 21. Januar 1996 im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
in Bonn gezeigt wurde.55 15 Jahre später tourt eine der Jugendkultur des Hip-Hop in der DDR ver-
pflichtete Wanderausstellung „The Early Days – die Geschichte der HipHop-Kultur in der DDR“ vor
allem durch die neuen Bundesländer.56 Auf keinen Fall dürfen auch jugendhistorische Expositionen
aus dem Kontext der historischen „Graswurzel-“ und „Geschichtswerkstättenbewegung“ vergessen
werden. Gelungene Beispiele hierfür sind zum Beispiel die Ausstellungen der Galerie Morgenland
aus Hamburg-Eimsbüttel, die stadtteilbezogene Zugriffe über „Jugendliche im Zweiten Weltkrieg“ 57
und „Lebenswelten Eimsbütteler Jugendlicher in den 50er Jahren“ 58 erarbeitete.
Zudem gab es nach der Jahrtausendwende auch „Ausreißer-Ausstellungen“, die dem
Jugendkultur-Paradigma fernblieben und eher den schon vergessen geglaubten traditionellen
jugendorganisatorischen Zugriff zum Leben erweckten. Diese Initiativen kamen vor allem aus
dem Kontext der parteipolitischen Jugendorganisationen.59
„Jugend sells“ – diesem Gedanken waren wohl auch die Kuratoren der Stiftung Haus der
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nahe, als sie die Sonderschau „Rock! Jugend und
Musik in Deutschland“ konzipierten und in Ansätzen auf der Ebene der musikalischen Rezeption
Momente der deutsch-deutschen Verflechtungsgeschichte offenlegten. Sie wurde erstmals vom
17. Dezember 2005 bis zum 17. April 2006 im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig gezeigt.60
Auch der künstlerische Zugriff machte vor dem Thema nicht halt, wie die ambitionierte
Präsentation „Die Jugend von heute. The Youth of Today“ Mitte der 2000er Jahre in der Schirn
Kunsthalle Frankfurt unterstreicht.61 Ganz zu schweigen vom Trend zu rein fotogeschichtlichen
Ausstellungen, die über äußerst karge wissenschaftliche Kommentierungen nicht hinauskommen.62
Dass Jugendausstellungen sich eines besonderen Zuspruchs erfreuten, mag vor allem in einem
generationenübergreifenden Interesse begründet sein, richteten sie sich doch „an Jugendliche und
Erwachsene gleichermaßen“.63 Bei den Dokumentationen und Inszenierungen – so brachten es die
Kuratoren von „Schock und Schöpfung“ auf den Punkt − „geraten die verschiedenen Generationen
1 Der anschließende und letzte Ausstellungsort war vom 13. Juli 7 Ausstellung Unsere Jugend. Führer durch die Ausstellung,
bis 4. November 2012 das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig. Leider Essen Ruhr Mai-Juli 1914. Zusammengestellt und bearbeitet von
erschien kein Ausstellungskatalog. Offensichtlich wurde hier – ohne Gerdes und Koch. Essen 1914.
entsprechenden Hinweis – ein Ausstellungstitel des Historischen 8 Daneben hat es noch Adaptionen des Themas gegeben, die als
Museums Hannover aus dem Jahr 1995 adaptiert. Appendixe an der Peripherie größerer Schauen präsentiert wurden.
2 Zur Ausstellung siehe Homepage Stiftung Haus der Geschichte Zwei Beispiele können genannt werden: Erstens das idealtypisch
der Bundesrepublik Deutschland. Presse, URL: [Link] ausgestaltete sogenannte Wandervogelheim im Rahmen der „Inter-
news-details/mit-17-jung-sein-in-deutschland/ [20.03.2013]. nationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik“ in Leipzig
3 Konzipiert von der Bibliothèque Nationale et Universitaire de im Frühjahr 1914, in dem die „ausgestellten Arbeiten […] zeigen
Strasbourg und der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart. [sollten], daß der Wandervogel nicht nur wandert, kocht und im Heu
4 Ausstellung der nichtstaatlichen Organisation „Gesicht schläft“. Vgl. [Erich Matthes]: Das Wandervogelheim auf der Buch-
Zeigen!“, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzt. Sie wird seit gewerbeausstellung in Leipzig 1914. Zitiert nach Justus H. U
lbricht:
2012 in den S-Bahn-Bögen 416–422, S-Bahnhof Bellevue in Berlin Lebensbücher, nicht Lesebücher!. Buchhandelsgeschichtliche
präsentiert. Ansichten der bildungsbürgerlichen Reformbewegungen um 1900.
5 Jan Krebs: Ein positiver Lern-Ort. In: 7x jung. Dein Trainings- In: Das bewegte Buch. Buchwesen und soziale, nationale und
platz für Zusammenhalt und Respekt. In: Gesicht Zeigen! Berlin kulturelle Bewegungen um 1900. Hrsg. von Mark Lehmstedt/Andreas
2012, S. 4–6. – Zur Thematisierung der staatlicherseits betriebenen Herzog. Wiesbaden 1999, S. 135–151, bes. S. 137. Zweitens die im
strategischen Maßnahmen gegenüber jugendlicher Devianz und Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht in Berlin 1915 gezeigte
Gewalthaftigkeit siehe auch die Ausstellung „Are the kids alright“, propagandistisch ausgerichtete Schau „Schule und Krieg“, die
die in Leipzig auf dem Westwerk-Gelände vom 27. März bis zum „an anschaulichen Beispielen zeigen [sollte], welche Wirkung der
26. April 2009 gezeigt wurde, und die Ausstellung „Abgerippt“ des [I. Welt]Krieg auf die Erziehung, Bildung und Betätigung der Jugend
Frankfurter Künstlers Oguz Sen, der im Mai 2012 über Fotos und überhaupt bisher ausgeübt hat und voraussichtlich weiter ausüben
Graffiti Zugänge zu den Jugendgangs aus dem Frankfurt der wird“. Vgl. Schule und Krieg. Sonderausstellung im Zentralinstitut
1980er und 1990er Jahre verschafft. für Erziehung und Unterricht Berlin. Ausführliche Beschreibung mit
6 Damit rücken Ausstellungen, die das Thema Jugend nur als 49 Abbildungen auf Tafeln und im Text. Berlin 1915, S. 5.
eines unter vielen berücksichtigen, nicht in den Fokus der Betrach- 9 Junges Deutschland. Ausstellung der deutschen Jugend.
tung. Vgl. Vorwärts – und nicht vergessen. Arbeiterkultur in Hamburg [Link]. Schloss Bellevue. Berlin 1927, S. 2.
um 1930. Materialien zur Geschichte der Weimarer Republik. 10 Junges Deutschland 1927 (Anm. 9), S. 1.
Hrsg. von der Projektgruppe Arbeiterkultur Hamburg. [Link]. 11 Junges Deutschland 1927 (Anm. 9), S. 1.
Kulturbehörde der Freien Stadt Hamburg. Berlin 1982. – Gleiches gilt 12 Junges Deutschland 1927 (Anm. 9), S. 3.
für Ausstellungen, die einer breiteren Öffentlichkeit eher verschlossen 13 Vgl. Detlev J.K. Peukert: Jugend zwischen Krieg und Krise.
bleiben, wie es beim Archiv der deutschen Jugendbewegung der Fall Lebenswelten von Arbeiterjungen in der Weimarer Republik.
ist. Vgl. etwa Sven Reiß: Neue Dauerausstellung im Archiv der deut- Köln 1987, S. 221.
schen Jugendbewegung. In: Historische Jugendforschung. Jahrbuch 14 Peukert 1987 (Anm. 13), S. 3.
des Archivs der Jugendbewegung N.F. 4, 2007, S. 235–249. 15 Peukert 1987 (Anm. 13), S. 3–4.
218 Exkurs
16 Vgl. Peukert 1987 (Anm. 13), S. 6–8. 38 Vgl. Kenkmann 2008 (Anm. 37).
17 Programm für die Ausstellung über den Heimbau der 39 Kurt Schilde: Jugendorganisationen und Jugendopposition in
Hitler-Jugend. Hrsg. von der Reichsjugendführung. Berlin 1937, S. 4. Berlin-Kreuzberg 1933–1945. Eine Dokumentation. [Link]. Verein
18 Programm Heimbau 1937 (Anm. 17), S. 4. zur Förderung der Interkulturellen Jugendarbeit im SO 36 e.V.
19 Artur Axmann: Hitler-Jugend 1933–1943. Die Chronik eines Berlin 1983.
Jahrzehnts. Berlin 1943, S. 29. 40 Jugend in der DDR: Text- und Materialsammlung.
20 Friedrich Rainer: Zum Geleit. Geleitwort des Gauleiters und Hrsg. von der Ost-Akademie Lüneburg e.V. Lüneburg 1987.
Reichsstatthalters in Salzburg. Ausstellung Meisterwerke Salzburger 41 Der Wandervogel: es begann in Steglitz. Beiträge zur
Kunst. Veranstaltet vom Salzburger Museum Carolino Augusteum. Geschichte der deutschen Jugendbewegung. Hrsg. von Gerhard Ille/
In: Salzburger Kulturtage der Hitler-Jugend 1943. Salzburg 1943, Günter Köhler u.a. Berlin 1987.
unpaginiert. 42 Ausstellungsdokumentation. Zeitzeugenerinnerungen.
21 Rainer 1943 (Anm. 20), unpaginiert. Publikum. [Link]. Historisches Museum Frankfurt am Main.
22 In Delitzsch, Dresden (Deutsches Hygiene-Museum), Frankfurt a.M. 1987.
Tangermünde, Wolmirstedt, Weißenfels, Zeitz, Stadtilm, Gera (Karl- 43 Walter (1926–1945) an der Ostfront. Leben und Lebens
Liebknecht-Haus), Zeulenroda. Vgl. Handbuch der Museen und bedingungen eines Frankfurter Jungen im III. Reich.
wissenschaftlichen Sammlungen in der DDR. Hrsg. von H.A. Knorr. Bearb. von Cornelia Rühlig /Jürgen Stehen, Ausst. Kat. Historisches
Fachstelle für Heimatmuseen beim Ministerium für Kultur. Museum Frankfurt am Main. Frankfurt a.M. 1983.
Halle a.d. Saale 1963, S. 159, 163, 209, 216, 249, 281, 294, 371. 44 Die Weiße Rose: Ausstellung über den Widerstand von Studen-
Wahrscheinlich verbergen sich hinter der Bezeichnung „Arbeiter ten gegen Hitler. München 1942/43. [Link]. Weiße-Rose-Stiftung.
bewegung“ weitere Objekte mit Jugendbezug. München o. J. – Martin Guse: „Wir hatten noch gar nicht angefangen
23 Vgl. Handbuch der Museen 1963 (Anm. 22), zu leben“. Eine Ausstellung zu den Jugend-Konzentrationslagern
S. 159, 209, 249, 294. Moringen und Uckermark 1940–1945. Hrsg. von Lagergemeinschaft
24 Ausstellung Sozialistisches Vaterland DDR. Hrsg. vom Museum und Gedenkstätteninitiative KZ-Moringen e.V./Hans-Böckler-Stiftung.
für Deutsche Geschichte Berlin. Berlin 1976. S. 3–37, 38–73, 74–120. Moringen 1992. – Verführt, verleitet, verheizt. Das kurze Leben
25 Ausstellung Sozialistisches Vaterland 1976 (Anm. 24), S. 7. des Hitlerjungen Paul B. Mappe mit Nachdruck der Tafeln der
26 Ausstellung Sozialistisches Vaterland 1976 (Anm. 24), S. 96. gleichnamigen Sonderausstellung des Dokumentationszentrums
27 Jugend und Jugendobjekte im Sozialismus. Malerei, Grafik Reichsparteitagsgelände. Hrsg. von Museen der Stadt Nürnberg.
und Plastik von bildenden Künstlern der DDR. [Link]. S
tädtische Nürnberg 2007. – Siehe auch die in Verbindung mit der Ausstellung
Museen Karl-Marx-Stadt. Karl-Marx-Stadt 1976. „Von Navajos und Edelweißpiraten – Unangepasstes Jugendver
28 Jugend und Jugendobjekte 1976 (Anm. 27), S. 2–3. halten in Köln 1933 bis 1945“ im NS-Dokumentationszentrum, Köln,
29 Jugend in der Kunst. Malerei – Grafik – Plastik der DDR. 2004 entstandene Publikation: Es war in Schanghai. Kölner Bands
[Link]. Altes Museum Berlin. Berlin 1979. interpretieren Lieder der Edelweißpiraten. Ein Projekt des Vereins
30 Berit Möller: Erinnerungsbericht als Schülerin von 1974–1984 EL-DE-Haus e.V. in Kooperation mit dem NS-Dokumentationszentrum.
an der Wilhelm-Pieck-Schule Schwarza (Thüringen). Königsee 2012. Hrsg. von Martin Rüther/Jan Ü. Krauthäuser/Rainer G. Ott. Köln
[Unveröffentlichtes Manuskript] 2004. – Jugendkonzentrationslager für Mädchen und junge Frauen
31 Jugend in der Kunst 1979 (Anm. 29). und späteres Vernichtungslager Uckermark. [Link]. Hamburger
32 Jugend im Sozialismus. Ausstellung anläßlich des 70. Jahres Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark. Hamburg
tages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. 2010. – Siehe auch den zusätzlich von Sascha Lange eingerichteten
Hrsg. von der Akademie der Künste der Deutschen Demokratischen Ausstellungsraum zur Jugendopposition der sogenannten Leipziger
Republik. Berlin 1987. Meuten im Schulmuseum Leipzig. Dazu Sascha Lange: Die Leipziger
33 Hier hat sich besonders das Archiv der Arbeiterjugend Meuten. Jugendopposition im Nationalsozialismus. Eine Dokumenta-
bewegung in Oer-Erkenschwick hervorgetan. tion. Leipzig 2012.
34 Vgl. Die 68er. Kurzer Sommer – lange Wirkung. Hrsg. von 45 Und sie werden nicht mehr frei – Jugend im Nationalsozialis-
Andreas Schwab. [Link]. Historisches Museum Frankfurt am mus. Ausstellungsleporello des Landesarchivs N
ordrhein-Westfalen,
Main (Schriften des Historischen Museums Frankfurt am Main 27). Abteilung Ostwestfalen-Lippe. Detmold 2012. Die A
usstellung wurde
Frankfurt a.M. 2008. – 1968: Die große Unschuld. Hrsg. von 2011 im Historischen Centrum Hagen gezeigt, 2012 war sie im
Thomas Kellein. Begleitpublikation zur Ausstellung in der Kunsthalle Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Detmold, zu sehen.
Bielefeld. Köln 2009. – Zum Nachklang der Studentenbewegung: 46 So aktuell „Jugendopposition in der DDR“. Eine Plakatausstel-
Wem gehört die Stadt? Manifestationen neuer sozialer Bewegungen lung der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. und der Bundesstiftung
im München der 1970er Jahre. Hrsg. von Manfred Wegner/ zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sowie die mittels z weier biografi-
Ingrid Scherf/Michael Hoffer. Begleitpublikation zur Ausstellung im scher Zugänge von Marina Böttcher und Uwe Kulisch konzipierte und
Münchener Stadtmuseum. München 2013. seit 2009 reisende interaktive W
anderausstellung „Von Liebe und
35 Auf Grundlage der Ausstellung erschien Heinz Boberach: Zorn. Jung sein in der Diktatur“. Sie wurde in den neuen Bundeslän-
Jugend unter Hitler (Fotografierte Zeitgeschichte). Düsseldorf 1982. dern, vor allem in Thüringen, präsentiert.
36 Arbeiterjugend in Frankfurt 1904–1945. Material zu einer 47 Schock und Schöpfung. Jugendästhetik im 20. Jahrhundert.
verschütteten Kulturgeschichte. Mit Beiträgen von Wolfgang Hrsg. von Willi Bucher/Klaus Pohl. [Link]. Deutscher Werkbund e.V.
Abendroth, Georg Stiehle und Detlef Hoffmann. [Link]. Darmstadt/Württembergischer Kunstverein Stuttgart.
Historisches Museum Frankfurt am Main. Frankfurt a.M. 1978. Darmstadt/Neuwied 1986.
37 Vgl. Alfons Kenkmann: Zwischen Nonkonformität und 48 Tilmann Osterwald: Vorwort. In: Schock und Schöpfung 1986
Widerstand. Abweichendes Verhalten unter nationalsozialistischer (Anm. 47), S. 4.
Herrschaft. In: Das „Dritte Reich“. Eine Einführung. Hrsg. von 49 Helmut Schrödel: Von der Rebellion zur Retusche. Zur Stuttgar-
Dietmar Süß/Winfried Süß. München 2008, S. 14–162, bes. S. 158. ter Ausstellung „Schock und Schöpfung“. In: Die Zeit 15, 1986, S. 57.
220 Exkurs
Katalog
221
Sehnsucht Jugend
Im Jahr 1890 entließ der 31-jährige
Kaiser Wilhelm II. den betagten Reichs-
kanzler Otto von Bismarck aus dem
Amt. Dieser Generationenwechsel bil-
dete die Grundlage einer alles erfassen-
den Aufbruchsstimmung im Deutschen
Reich. Der Ausweg aus den politischen,
wirtschaftlichen, sozialen und kulturel-
len Problemen wurde allein der jungen
Altersgruppe zugetraut. Mit ihr ver-
band man Kreativität und Zukunft.
Auch die bildenden Künstler forderten
vehement eine Erneuerung, den Bruch
mit der künstlerischen Tradition. So
erfuhr vor allem der jugendliche Akt be-
sondere Aufmerksamkeit. Häufig wurde
er im Orantengestus als Rückenfigur
inszeniert. Als Sinnbild von Natürlich-
keit und Vitalität propagierte das Motiv
ein neues Lebensgefühl im Einklang mit
der Natur oder dem Universum.
1 • (Abb. S. 11)
Jugend
Abbildung aus Ernst Seger (1868–1939) · Grunewald bei Berlin,
1897 · Bronze, gegossen · 159,5 x 144 x 58 cm
urheberrechtlichen Gründen Bez. auf der Plinthe: E. Seger; Gießerstempel:
AKTIEN=GESELLSCHAFT vormals [Link]
unkenntlich gemacht BECKuSOHN BERLIN-FRIEDRICHSHAGEN
Berlin, Sammlung Karl H. Knauf
222 Katalog
gemeinsam mit der straffen Haltung scheint der Jüngling seinen drahtigen zugewandten Aufbruch des Menschen
des wohlgeformten Körpers sowie einer Körper mit ekstatischem Blick zwi- zur Selbstbestimmung und die Über-
der Orantenhaltung entlehnten Gestik schen Himmel und Erde spannen zu windung lebensfeindlicher Kräfte, die
ein Höchstmaß an Vitalität, Sinnlichkeit wollen. Offenbar steht das pathetische von drei am Boden sich windenden
und Daseinsfreude. Der nackte zum Ges- Motiv, das auch in einer etwa gleich- Schlangen symbolisiert werden.
tus der vorbehaltlosen Öffnung gestal- zeitig entstandenen Kohlezeichnung F. M. Kammel
tete Leib ist somit Sinnbild des Indivi- überliefert ist, im Zusammenhang
duums, das sich aller als unnatürlich mit den Versuchen des jungen Malers, Max Klinger. Zeichnungen, Zustandsdrucke, Zyklen.
empfundenen zivilisatorischen Zwänge eine bildkünstlerische Chiffre für den Hrsg. von Jo-Anna Birnie Danzker/Tilman Falk.
entledigt, Metapher eines neuen, nicht von Friedrich Nietzsche (1844–1900) München/New York 1996, S. 154–155. – Max Klinger.
zuletzt auch sexuellen Bewusstseins proklamierten Übermenschen bzw. Die druckgraphischen Folgen. [Link]. Staatliche
und Personifikation des unbezähmba- den „Genius“, das Genie zu erfinden. Kunsthalle Karlsruhe. Karlsruhe 2007, S. 138.
ren Willens zur grundlegenden Neuge- Er bediente sich dabei der damals vi-
staltung von Kultur und Leben. Seger rulenten Metapher des Adoranten. Die
betrachtete die Plastik als sein erstes Diagonale, aufstrebende Stellung der
eigenständiges Werk. Sie begründete Figur und bloße, auf die Zehenspitzen
seinen Erfolg als Bildhauer und seinen reduzierte Bodenhaftung des Körpers
zeitgenössischen Ruhm als Meister sind eigentümliche Ausdrucksmittel
des weiblichen Aktes. Neben einem ur- für den an den ersehnten „neuen Men-
sprünglich im Scheitniger Park in Bres- schen“ gestellten Anspruch, sich souve-
lau auf einem Steinsockel positionierten rän über die fesselnde Beschränktheit
Guss stand ein Exemplar im Garten der des irdischen Daseins zu erheben sowie
dortigen Villa des namhaften Sozialhy- Sinn und Art des Menschseins geistig
gienikers Albert Neisser (1855–1916). neu zu formulieren. F. M. Kammel
Bemerkenswerte Popularität erfuhr das
Bildwerk zudem aufgrund der Präsenta- Max Ackermann (1887–1975). Die Suche nach dem
tion auf den Großen Berliner Kunstaus- Ganzen. Hrsg. von Wolfgang Meighörner. [Link].
stellungen 1898 und 1899 sowie auf den Zeppelin Museum Friedrichshafen. Lindenberg
Expositionen im Münchner Glaspalast 2004, bes. S. 32 u. [Link]. 14.
1899 und 1908. Seine weite Rezepti-
on durch die Verbreitung in Form von
53 bzw. 26 cm hohen für den privaten 3 • (Abb. S. 11)
Raum bestimmten Reduktionen, die Und doch!
das Berliner Unternehmen Gladenbeck Max Klinger (1857–1920) · aus: Vom Tode. II. Teil,
bis in die 1930er Jahre goss, bezeugen Opus XIII · Leipzig, 1898 · Radierung, Kupferstich,
zweifellos die auf der erotischen Quali- Aquatinta auf Japanpapier · 61,2 x 46,1 cm
tät fußende Popularität des Motivs wie Köln, Wallraf-Richartz-Museum, 9086
seine Wertschätzung als Repräsentant
eines Lebensgefühls. F. M. Kammel Mit ekstatisch empor gestreckten 4
Armen schreitet ein nackter Jüng- 4•
Walter Nickel: Die öffentlichen Denkmäler und Brun ling der aufgehenden Sonne entgegen. Betender Knabe
nen Breslaus. Breslau 1938, S. 88. – Van Ham Kunst Während die Flur noch im Dunkel liegt, Deutschland, um 1900 · Gipshohlguss, Reduktion
auktionen. Alte und Neuere Meister 258. Auktion. setzen die Strahlen des Gestirns einen vom knapp doppelt so großen Original abweichend
Köln 2007, Lot 639, S. 20–21. am linken Bildrand aufragenden Fels mit flach profiliertem Sockel und Feigenblatt,
und den Himmel, das von Erwartung Imitation einer Bronze-Edelpatina, an den Füßen
2• gezeichnete Antlitz und den gespannten retuschiert · H. 70,7 cm
Der Gottsucher Körper der Gestalt in eine dramatische GNM, Pl.K. 1690
Max Ackermann (1887–1975) · Stuttgart, um 1912 Beleuchtung. Das achte Blatt der im
Malerei auf Leinwand · 163 x 84 cm Wesentlichen bereits 1888 konzipierten, Der „Betende Knabe“ gehört zu den be-
Bietigheim-Bissingen, Max-Ackermann-Archiv weitgehend 1898 geschaffenen und 1910 kanntesten antiken Großbronzen. Das
(MAA), Ensslin-Bayer GmbH, ACK 2767 vollendeten, dem Tod des Menschen heute in der Berliner Antikensammlung
gewidmeten Folge, ist eine Metapher des aufbewahrte Original ist die im 1. Jh.
Das wohl im Jahr seines Wechsels entschlossenen Aufbegehrens gegen das v. Chr. entstandene römische Kopie ei-
von der Münchner an die Stuttgarter menschliche Schicksal. Auf das Titelblatt nes Kunstwerks aus dem Umkreis des
Akademie entstandene, in Formenspra- des Zyklus rekapitulierend, das diesel- griechischen Bildhauers Lysipp (um
che und Farbigkeit an der expressiven be Figur allerdings entschieden kleiner 400 v. Chr.), das einen um den Sieg be-
Jugendstilmalerei Ferdinand Hodlers und in unsicher tastendem Gestus zeigt, tenden Athleten zeigt. Vervielfältigung
(1853–1918) orientierte Gemälde Acker- setzt Klinger die Gestalt hier das Format erfuhr die von Friedrich dem Großen
manns zeigt einen von herb anmutender füllend und beherrschend ins Zentrum. (1712–1786) 1747 erworbene und bis
Leiblichkeit geprägten männlichen Akt Als überhöhtes Zeichen repräsentiert zu ihrer Überführung 1787 ins Berliner
mit inbrünstig ausgebreiteten Armen. der Jüngling den ersehnten kraftvollen, Stadtschloss und 1830 ins Alte Museum
Auf einem schroffen Felsgipfel stehend, den lichten Mächten des Universums im östlichen Gitterpavillon von Schloss
224 Katalog
Sanssouci in Potsdam aufgestellte Bron- 5• Fritz Löffler: Gemütlichkeit und Dämonie. Dresdner
zeplastik bereits um 1800 in Gestalt von Die Glut Malerei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Abgüssen und Nachbildungen. Mit dem Sascha Schneider (1870–1927) · Meißen, 1904 Dresden 1999, S. 62. – Rolf Günther: Traumdunkel.
rasanten Aufstieg des Großbürgertums Malerei auf Leinwand · 302 x 227 cm Der Symbolismus in Sachsen 1870–1920. Freital
setzte um 1870/80 ein weiterer Popula- Chemnitz, Kunstsammlungen Chemnitz, 548 2005, S. 56. – Nackte Männer von 1800 bis heute.
risierungsschub des Bildwerks ein, der Hrsg. von Tobias G. Natter/Elisabeth Leopold.
seinen Höhepunkt um 1900 erlebte. Der Nackte athletische Jünglinge tragen [Link]. Leopold Museum, Wien. München 2012,
antike Adorant mit seinen vermutlich eine monumentale Schale, auf deren Abb. S. 267. – Silke Opitz: Vom Ideenmaler zum
im 17. Jahrhundert ergänzten Armen Rand sich eine junge Frau mit energisch Körperbildner. Sascha Schneiders Weimarer Zeit
bildete damals vor allem eine ästhetisch gestrecktem Körper und langem wehen- und sein plastisches Werk. In: Sascha Schneider.
legitimierte Projektionsfläche für die den Haupthaar erhebt. Einem Adoran- Ideenmaler und Körperbildner. Hrsg. von Silke Opitz.
virulenten Sehnsüchte nach einer neuen ten gleich breitet sie ihre Arme in einer [Link]. Kunsthalle „Harry Graf Kessler“, Weimar.
Art von Leben sowie einem natürlichen ekstatischen Geste der Anbetung und Weimar 2013, Abb. S. 81.
Verhältnis zum Körper und wurde zum dem Ausdruck völliger Hingabe aus und
Ausdruck der Verheißung einer neuar- lenkt den Blick ins Universum. Die mus- 6 • (Abb. S. 11)
tigen gesellschaftlichen Harmonie. Er kulösen Körper und die auf die Nackte Januskopf
war eine Symbolfigur für den ersehnten gerichteten Gesichter reflektieren – wie Entwurf Titelblatt: Reinhold Max Eichler (1872–1947)
„neuen Menschen“, einen Topos, der der gesamte Hintergrund – eine ver- in: Jugend – Münchner illustrierte Wochenschrift für
unterschiedliche soziale, religiöse und mutlich in der Schale brodelnde Glut, Kunst und Leben 5, 1900, H. 1 · 29,7 x 24,2 cm
sexuelle Idealvorstellungen umfasste. aus der Fontänen schießen und die das GNM, Bibliothek, 4° Zk 20
Daher bildete er nicht zuletzt die Matrix Geschehen in feurigen Glanz taucht. Sa-
für zahlreiche Werke zeitgenössischer scha Schneider, einer der bedeutendsten Mit einem Januskopf, der zurück in eine
Künstler des Jugendstils und des Sym- Vertreter des Symbolismus in Sachsen, erstarrte Vergangenheit und vorwärts in
bolismus, etwa Ferdinand Hodlers, Max schuf das monumentale Gemälde im eine blühende Zukunft blickt, eröffnete
Klingers, Sascha Schneiders, Ludwig Jahr seines Wechsels von Meißen an die die Zeitschrift „Jugend“ mit dem Titel-
Habichs oder Hugo Höppeners, gen. Großherzogliche Kunstschule in Weimar. blatt ihres Januarhefts 1900 das neue
Fidus, die den jungen Menschen als Unmittelbar nach Vollendung präsen- Jahrhundert, das bald zum „Jahrhun-
Sinnbild für Aufbruch und Hoffnung im tierte er es in der Großen Kunstaus- dert der Jugend“ erklärt werden sollte.
Sinne der elementaren Umgestaltung stellung in Dresden, wo dem Maler ein Die Wochenschrift wurde, obwohl sich
der als destruktiv und dekadent erleb- eigener Raum mit 24 Werken gewidmet ihr Inhalt und ihre Gestaltung keines-
ten Kultur der Moderne thematisierten. war. Schneider, der vor allem als Illust- wegs auf diese stilistische Ausprägung
Neben R epliken in Originalgröße fand rator der Werke Karl Mays (1842–1912) reduzieren lassen, zum Namensgeber
die populäre Figur damals auch Verbrei- bekannt ist, als früher Prophet des Kör- der Kunstrichtung Jugendstil. Zugleich
tung in Gestalt von Reduktionen, die eine perkults und sexueller Exzentriker gilt, gab sie der Erwartung eines kulturellen
Integration in die in ihren Dimensionen schuf mit dieser ebenso effektvoll wie Aufbruchs, der sich mit dem Begriff
beschränkten Wohnräume des Klein- und pathetisch inszenierten Komposition „Jugend“ verband, einen sichtbaren Aus-
Bildungsbürgertums ermöglichten. Sie eine pseudoreligiöse Metapher für die druck. H.-U. Thamer
konnten dort sowohl als Repräsentanten Urkräfte des Lebens. Seine Idealbilder
humanistischer Bildung als auch ästhe- junger heroischer Körper sind Ausdruck
tische Demonstrationen lebensreformeri- der von ihm propagierten Vereinigung
scher oder theosophischer G esinnungen vollkommener physischer und geistiger
dienen. Abgüsse und Reduktionen Schönheit. Seine monumentale Allegorie
wurden ab Ende des 19. Jahrhunderts feiert die Kraft der Jugend und die sexu-
von mehreren deutschen Gipsformerei elle Begierde als schöpferischen Urtrieb.
en hergestellt. Die Kölner Kunstanstalt Unverhohlen bezeichnen seine Gestalten
August Gerber z.B. bot um 1900 Gips- den Menschen als verlangendes Ge-
abgüsse in drei Formaten, sowohl mit schöpf. Im Verein mit seinem sinnbild-
einer Bronze als auch mit einer Marmor haften, auf das Verhältnis der Geschlech-
imitierenden Farbfassung an, außerdem ter bezogenen Titel bezeichnet das Bild
den Separatabguss der Büste. Mit der die rückhaltlose Bejahung des sinnlichen
sonst unüblichen Ergänzung eines das Lebens sowie die Sehnsucht der nach-
Geschlecht verhüllenden Feigenblatts wachsenden Generation nach neuen
gibt sich dieser in einer bisher nicht geistigen Gesetzen und stellt so zugleich
identifizierten Manufaktur gefertigte eine künstlerisch formulierte Heraus-
Gips in besonderer Weise als ein auf forderung an die damals herrschenden
breite Akzeptanz orientiertes Massen- bürgerlichen Moralvorstellungen dar.
produkt zu erkennen. F. M. Kammel F. M. Kammel
Frank Matthias Kammel: Ein immerwährendes Rolf Günther/Klaus Hoffmann: Sascha Schneider
Gebet. Zu einer Reduktion des „Betenden Knaben“ & Karl May. Eine Künstlerfreundschaft. Freital 1989,
in der Abgusssammlung. In: Monatsanzeiger 261, S. 48. – Hans-Gerd Röder: Sascha Schneider, ein
2002, S. 2–3. Maler für Karl May. Bamberg 1995, S. 14, Abb. 6. –
226 Katalog
10 •
Plakat „Kongress für Biologische
Hygiene zu Hamburg 1912“
Entwurf: Hugo Höppener, gen. Fidus (1868–1948)
Druck: Hollerbaum und Schmidt, Berlin · 1912
Lithografie · 70,5 x 45,8 cm
GNM, Die Nürnberger Plakatsammlung – eine Stiftung
der GfK und NAA im Germanischen Nationalmuseum,
NAA 5649
13
13 •
Wandervogel-Aushängeschild
Entwurf: Hermann Pfeiffer (1883–1964) · Aus
führung: Hans Lißner (1886–1964) · Leipzig, 1909
Blei, geschnitten · 109 x 94,5 cm
Witzenhausen, AdJb, G 7 Nr. 146
228 Katalog
aus einer Inschrift auf einem Berliner 14
Grabstein. Spätestens 1901, als in Berlin- Programm des Wandervogel Heidelberg
Steglitz der Wandervogel ins Leben geru- 1912 · Lithografie · 23 x 15,7 cm
fen wurde, ging das Zugvogelmotiv eine GNM, Graphische Sammlung, HB 32384, Kapsel 1330a
enge Verbindung mit der Jugendbewe-
gung ein. Stellte zunächst Hans Thoma Programmzettel machten die Aktivitäten
(1839–1924) den Jugendlichen das Signet der Wandervögel unter den Mitgliedern
eines Zugvogels zur Verfügung, so nutz- publik. Heidelberg war mit seinen drei
ten sie seit 1907/08 das von Hermann Gruppen die Hochburg des Wandervogel
Pfeiffer entworfene. Es wurde nicht nur in Süddeutschland. Das Blatt veran-
gedruckt, sondern auch im Auftrag des schaulicht, wie viele Veranstaltungen
Verlegers Erich Matthes (1888–1970) von allein im Juni 1912 angesetzt waren.
Hans Lißner für ein Aushängeschild in Das Angebot umfasste sieben Fahrten,
Blei geschnitten. Dieses diente u.a. als eine Sonnwendfeier sowie einen Nest-
Werbung auf der Buch- und Grafikmesse abend. Alle Programmpunkte waren mit
in Leipzig 1914 an dem farbenfrohen, Zeit- und Kostenaufwand verbunden.
zerlegbaren Wandervogellandheim aus Dies erklärt, weshalb die schon früh ins
Holz, das Matthes finanziert hatte. Das Erwerbsleben eingebundene Arbeiter-
Haus bot zugleich Ausstellungsfläche für jugend kaum am Wandervogelleben
die kunstgewerblichen und grafischen partizipieren konnte. M. Gruninger
Arbeiten der Wandervögel sowie für die 16.1
der ihnen nahestehenden Künstler (z.B. 16 •
Fidus, Rudolf Sievers). Ferner zeigte man Auf Fahrt
zahlreiche Bücher, auch aus dem 1913
in Leipzig gegründeten, der völkischen 1. Ratschläge zur Ausrüstung für
Bewegung nahestehenden Verlag Erich Wandervogel-Fahrten
Matthes, der Wortführer einer jungen Druck: Hubert & Co., Göttingen · 1910
Generation werden und den „germani- 14,2 x 11,2 cm · Bez.: „Alt=Wandervogel“ / Bund
schen Gedanken und die Volkstumsbe- für Jungendwandern, E.V., Göttingen
wegung fördern“ wollte. 1915 wurde das Witzenhausen, AdJb, A 4 Nr. 1 (6a)
Haus an den Weinbrenner Hugo Asbach
(1868–1935) verkauft. 2. Spirituskocher
1919 gelangte das Schild in die Bundes- Um 1910 · Aluminium, Leder · H. 15 cm, Dm. 17 cm
kanzlei des Wandervogel in Hartenstein Bez.: Wandervogel (mit Schutzmarke)
im Erzgebirge, einem Zentrum verlegeri- 15 Privatbesitz
scher Aktivitäten der Jugendbewegung. 15 •
Der Verlagsleiter Karl Dietz (1890–1964) Fahne des Wandervogel e.V. Lübeck Die Broschüre trägt die Widmung
zog 1921 mit dem Verlag und dem 1908 (?) · Grund: Wolle, rot, beige; Stickerei: einer jungen Frau an eine andere aus
Versand nach Rudolstadt. Der Greif schwarz, rot, beige/Grund: Wolle, blau; Stickerei: dem Kriegsjahr 1915 zum Andenken an
schmückte fortan die dortigen Räume beige; Kordel, umlaufend, rot-beige; Bindebänder die gemeinsame Herbstfahrt. Auf acht
des Greifenverlags, die sich ab 1926 45 x 70 cm Seiten enthält sie fünf Hauptkapitel,
auf der Heidecksburg befanden. Als Be- Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 19 die über den dauerhaften, farbechten
triebsluftschutzwart konnte Dietz das Anzug, den zweckmäßig gepackten
Schild über den Krieg retten und so hing Die Fahne zeigt auf der Vorderseite die Rucksack, die Poststationen, die Zelt
es in dem weiterexistierenden Greifen- Farben des Wandervogel e.V.: silberner ausrüstung sowie die Gegenstände,
verlag. Schließlich übergab der in der Greif auf blauem Grund. Das Wappen- die auf die Gruppe verteilt werden
DDR anerkannte Karl Dietz es der Burg tier, ein stilisierter Zugvogel, ist eine sollen, handeln. U.a. wird auf längeren
Ludwigstein, wo es im Rittersaal hängt auf den Darmstädter Grafiker Hermann Fahrten empfohlen, dreckige Wäsche
und einen (beinahe vergessenen) Teil der Pfeiffer (1883–1964) zurückgehende nach Hause zu schicken und frische
Erinnerungsgeschichte der deutschen Neuschöpfung der Wandervögel, dem zu empfangen. Mithin waren auch die
Jugendbewegung bildet. C. Selheim die Bezeichnung „Greif“ willkürlich, Wandervögel, die die Flucht aus den
ohne Bezug auf die klassische Heraldik, Städten mit der zunehmenden Indust-
Carsten Wurm/Jens Henkel/Gabriele Ballon: Der zugeordnet wurde. Die Rückseite ist rialisierung antraten, Nutznießer des
Greifenverlag in Rudolstadt 1919–1993. Verlagsge in den Lübecker Stadtfarben Weiß-Rot Fortschritts mit dem dichten Netz an
schichte und Bibliographie (Veröffentlichungen des gestaltet, auf die das Stadtwappen mit Post- und Bahnstationen.
Leipziger Arbeitskreises zur Geschichte des Buchwe dem die Reichsfreiheit symbolisieren- Der Kochkessel gehörte zu den auf
sens – Schriften und Zeugnisse zur Buchgeschichte den Doppeladler gestickt ist. Überlie- die Gruppe zu verteilenden Utensili-
15). Wiesbaden 2001, bes. S. 20–22. – Winfried Mogge: fert wurde das Stück zusammen mit en, wodurch das Gemeinschaftsgefühl
„Ihr Wandervögel in der Luft...“. Fundstücke zur Wan neun weiteren Lübecker Fahnen von gestärkt werden sollte. Doch anfangs
derung eines romantischen Bildes und zur Selbstin Kurt Werner Hesse (geb. 1910), später bereiteten viele Wandervögel ihr Essen
szenierung einer Jugendbewegung. Würzburg 2009, Inhaber des Verlages „deutsche jugend für sich auf einem Spirituskocher zu.
bes. S. 27–52. presse agentur“ (dipa). S. Rappe-Weber C. Selheim
230 Katalog
machte Fischer im Herbst 1904 vorüber
gehend Halle an der Saale zur neuen
Zentralstelle und übernahm die dortigen
Wandervögel als erste neue Gruppe in
den Alt-Wandervogel. 1909 waren 140
Hallenser Schüler als Wandervögel regis-
triert; auch eine Mädchengruppe gab es.
Damals wanderten die Schüler noch in
ihren Schuluniformen, wie das Foto zeigt;
der typische Wandervogelstil hielt erst
später Einzug. E. Hack/S. Rappe-Weber
21 •
Fotoalbum des Steglitzer
Wandervogel e.V.
1904 · Gewebe, Pappe, Papier · 11,5 x 15,5 cm
Witzenhausen, AdJb, F 3 Nr. 317
21
232 Katalog
25 26
führe das gemischte Wandern dazu, gänzt werden. Themen rund um die Kör- bund-Ausstellungen präsentiert. Zwei-
dass die Mädchen „verbengelten“ und perertüchtigung wechselten mit solchen mal hintereinander gewann er den Villa
„verwilderten.“ B. Stambolis zu den Wandervögeln, den Pfadfindern Romana-Preis, der ihn nach Florenz und
und der Jugendwehr. Den jungen Samm- Umgebung führte. 1912 berief Olde ihn
Barbara Stambolis: Weiblichkeit im Männerbund. lern beiderlei Geschlechts aus meist als Hilfslehrer an die Kasseler Akademie.
Von „lieblichen Jungfrauen“ zu „verbengelten gut situierten Familien – denn nur diese Dort unterhielt Höger Kontakte zum
Gestalten“. In: Historische Jugendforschung. Ar konnten sich das Luxusgut Schokolade Wandervogel, was sich in Zeichnungen,
chiv der deutschen Jugendbewegung N.F. 7, 2010, leisten – demonstrierte man einerseits Gemälden und Skulpturen niederschlug.
S. 55–74, Abb. S. 62. ihre Bedeutung für die deutsche Zukunft, Die Anregung zu dem Bild „Wandervö-
anderseits bereitete man sie auf das Le- gel“ bekam er allerdings beim Anblick
26 • ben mit und im Krieg vor. C. Selheim einer auf einer Mauer rastenden Gruppe
Stollwerck-Alben „Jungdeutschland“ in Basel. 1916 vollendete er das Gemälde,
H. Bousset: Jungdeutschland (Stollwerck Sammel- Detlef Lorenz: Reklamekunst um 1900. Künstlerlexi wozu ihm junge Männer im Atelier Mo-
Album 15). Köln u.a. 1915 · Kunstleder, Pappe, kon für Sammelbilder. Berlin 2000, S. 18–27, 220–221. dell standen. Die Kasseler Gruppe des
Karton, Papier · 26,5 x 22,8 cm Wandervogel lehnte das monumentale
Witzenhausen, AdJb, B 241/036 27 • Werk allerdings ab, da es ihr zu ruhig
Wandervögel und südlich erschien.
Seit 1897 legte die 1839 in Köln gegrün- Otto Höger (1881–1918) · 1916 · Malerei auf Leinwand Noch vor Högers Tod Ende 1918 stellte
dete Schokoladenfabrik Stollwerck ihren 177 x 265 cm · Bez.: O. Höger. 1916. es der Mediziner K.E.F. Schmitz der
durch Automaten vertriebenen Produkten Hamburg, Hamburger Kunsthalle, HK-3525 Öffentlichkeit mit einem kommentierten
Sammelbildchen bei, die man in Alben Kunstdruck vor. Für den Autor verkör-
kleben konnte. Dienten die bunten Bilder Der gebürtige Hamburger Otto Höger perten die Jünglinge in „vollendeter
vornehmlich dem Kaufanreiz, der Mar- besuchte die dortige Kunstgewerbeschu- Jugendschönheit und Kraft“ geradezu
kenwerbung und der allgemeinen Ge- le und absolvierte eine Lehre als Dekora- ein deutsches Volksideal. Der Wander-
schmacksbildung, so zeigten die letzten tionsmaler bevor er zwischen 1906 und vogel zeige die Begeisterung für diese
Serien die nationale Gesinnung des Un- 1910 Malerei an der Weimarer Kunst- Ideale, deren Idee Höger erfasst habe.
ternehmens. Das vorletzte, künstlerisch akademie bei Hans Olde (1855–1917) Schmitz wünschte, dass das Gemälde
wenig anspruchsvolle Album trug den und später bei Ludwig von Hofmann der Jugend zum Vorbild werden würde.
Titel „Jungdeutschland“ und nahm Bezug (1861–1945) studierte. Von August 1909 Zu dessen Bekanntheit trugen zahlreiche
auf den 1911 unter dem Vorsitz des Gene- bis April 1910 unterrichtete er Zeich- Postkarten bei. Das Bild gelangte erst
ralfeldmarschalls Colmar von der Goltz nen an der von dem Reformpädagogen 1947 durch die Schwester des Künstlers
(1843–1916) gegründeten Jungdeutsch- Gustav Wyneken (1875–1964) geleiteten an die Hamburger Kunsthalle. Bis dahin
landbund, dem auch der Vorsitzende der Freien Schulgemeinde Wickersdorf in war es dem Blick des Publikums ebenso
Pfadfinder angehörte. Ziel des Bundes Thüringen. entzogen wie Autoren, die sich mit dem
war die Wehrerziehung der Jugend. Högers Gemälde waren stark von denen Wandervogel beschäftigten. C. Selheim
Das Album hat 24 Bildseiten mit je sechs Hans von Marées (1837–1937) geprägt,
Bildchen, sog. Gruppen, die durch einen die Skulpturen von denen Sascha K[arl] E[itel] F[riedrich] Schmitz: Otto Höger –
Kommentar, ein Gedicht oder einen Text Schneiders (1870–1927). Seine Arbeiten Wandervogel. In: Meister der Farbe 14, 1917, H. V,
auf den gegenüberliegenden Seiten er- wurden 1910 und 1911 auf Künstler- No. 946. – Marcus Andrew Hurttig: Die Gemälde der
Klassischen Moderne (Die Sammlungen der Ham Der henkelseitigen Aufschrift zufolge
burger Kunsthalle 4). Köln 2010, bes. S. 209. – Im schenkte am 28. April 1908 ein Otto
Sein beglückt. Otto Höger 1881 Hamburg – Rastatt Hämmerling einem gewissen Hugo
1918. H.W. Fichter Kunsthandel. Frankfurt a.M. 2012, diesen zylindrischen Bierkrug. Beide
bes. S. 27–28, 69–71. genannten Personen sind anonym, doch
dürfte wenigsten für den Beschenkten
28 • eine Mitgliedschaft in einer Wandervo-
Bierkrug gel-Gruppierung angenommen werden,
1908 · Gelbgefärbtes Feinsteinzeug, eingedreht, worauf drei Elemente der Wandervogel
gepresster Henkel; außen Bleiglasur, innen Porzel bewegung hinweisen: Das Bildmotiv
lananguss; Bemalung und Beschriftung von Hand mit einem typisch gekleideten Wander-
in Schwarz und Farbe; Zinndeckel · H. 19,8 cm, Dm. vogel, der die Aussicht in ein Flusstal
9,5 cm · Bez.: Wohl auf die Luft […]; Der Wandervogel; mit aufgehender Sonne genießt. Die
Seinem lieben Hugo [Link].08. / Otto Hämmerling entlang der Mündungszone geschrie-
Witzenhausen, AdJb, G 11 Nr. 53 bene Anfangszeile des 1859/61 ent-
standenen Frankenliedes „Wohl auf die
Luft geht frisch und rein!“, das durch
die Jugendbewegung neue Populari-
tät erlangte und in Schwindrazheims
Flugschrift von 1909 als sinnstiftendes
Wanderlied zum Erkunden der Natur
angeführt ist. Schließlich der Wappen-
schild in Form einer Tartsche mit den
Farben des Wandervogel Gold–Rot–
Grün. Gleichwohl die Wandervogelbe-
wegung Alkoholabstinenz propagierte, 29
ist von einem Konsum alkoholischer 29 •
Getränke auszugehen, wie auch dieser Postkarte „Alter Stall“
Bierkrug zu belegen vermag. Hans Breuer (1883–1918) · Marburg, 1903 (gelaufen)
Ch. Dippold Karton, Feder in Schwarz · 14 x 9,2 cm · Bez.: Marburg
/ Alter Stall / Ketzerbach (?) […]
Oskar Schwindrazheim: Jugendwanderungen GNM, Graphische Sammlung, HB 32382, Kapsel 1330a
(Dürerbund. 56. Flugschrift zur ästhetischen Kultur).
München 1909, S. 4. Hans Breuer verschickte die selbst gestal-
tete Postkarte im Juni 1903 aus Marburg
an seinen Vater Carl (1852–1942). In die-
sem Jahr begann er dort Medizin, Kunst-
geschichte und Philosophie zu studieren.
28
234 Katalog
Sujets, wie das auf dieser Karte dar- neoromantisch-jugendlichen Zeitgeist Charlotte Ziegler: Die literarischen Quellen des
gestellte Gehöft, und die Technik der unmittelbar korrespondierte. Suchten „Zupfgeigenhansl“. Eine volkskundliche Untersu
Federzeichnung waren bei den Wan- Wandervogel- und Jugendbewegung chung. Diss. Göttingen 1950. – Wolfgang Kaschuba:
dervögeln weit verbreitet und dienten damals nach Gegenwelten zum wilhel- Volkslied und Volksmythos. Der „Zupfgeigenhansl“
besonders der Illustration von Postkar- minischen Bürgertum, so bot ihnen der als Lied- und Leitbuch der deutschen Jugendbewe
ten und Fahrtenbüchern. Zur Anferti- „Zupfgeigenhansl“ eine musikalische gung. In: Jahrbuch für Volksliedforschung 34, 1989,
gung waren lediglich Feder und Tinte Vision dazu. Das von „Hans Breuer S. 41–55. – Helm König: Der „Zupfgeigenhansl“ und
notwendig, die die Mobilität auf den unter Mitwirkung vieler Wandervögel“ seine Nachfolger. Drei Phasen der Jugendbewegung
Wanderungen nicht einschränkten. herausgegebene Liederbuch markiert im Spiegel repräsentativer Liederbücher. In: „Mit
M. Gruninger den Übergang vom spontanen Sin- uns zieht die neue Zeit...“. Der Wandervogel in
gen der Wandergruppen hin zu einem der deutschen Jugendbewegung. Hrsg. von Ulrich
wegweisenden Konzept: Volkslied statt Herrmann. Weinheim 2006, S. 232–275.
Kunstlied, Gitarre statt Klavier, Natur
statt Salon, alte und „echte“ Lieder 31
statt modisch-kommerzieller Novi- Gerahmtes Lautenband
täten, ungezwungenes Singen in der Anna Krecker · 1912 · Band: Seide, Kettrips, rot;
Gruppe beim Wandern und am Lager- Stickerei: Seide, Stielstich, gelb; Rahmen: Holz, Glas,
feuer statt Männerchor und burschen- Karton · 82,5 x 12,5 cm · Bez.: Ein Musi wohlbestellt,
schaftlicher Gelage. mir noch viel besser g’fällt. Anna Krecker. 1912
Bis zur 10. Auflage 1913 veränderte Witzenhausen, AdJb, G 7 Nr. 96
und erweiterte Breuer das Liedreper-
toire kontinuierlich. Im Wesentlichen Die bunten Bänder befestigte man an
speiste es sich aus dem Fundus der den Lauten und Gitarren der wandern-
„Volkslied“-Forschung des 19. Jahr- den und musizierenden Jugend. Oft
hunderts, zumal aus dem „Deutschen handelte es sich um Freundschaftsga-
Liederhort“, Leipzig 1893/94. Die ben, die in Handarbeit gefertigt wurden
ideellen und sozialen Leitlinien der mit und individuelle Botschaften enthielten.
dem „Zupfgeigenhansl“ einhergehen- Dieses Lautenband schenkte Anna
den (Gebrauchs-)Ästhetik gab Breuer Krecker 1912 Hans Breuer (1883–1918),
seinen Adressaten über die immer einem Gefährten der Heidelberger
wieder neuen Vorworte an die Hand, Wandergruppe. Der Mediziner Breuer
wobei sein Credo in den Jahren vor war einer der prägendsten Persönlich-
dem Ersten Weltkrieg einen zunehmend keiten der Jugendbewegung und Führer
völkischen und nationalistischen Ein- des 1907 gegründeten „Wandervogel
30 schlag bekam. Mit diesem musikalisch- Deutscher Bund für Jugendwandern“.
30 • ideologischen Rüstzeug im Tornister Gemeinsam mit Hans Lißner (1886–
Der Zupfgeigenhansl marschierte der Wandervogel in den 1964) leitete er die legendäre „Heidel-
Hans Breuer: Der Zupfgeigenhansl. Darmstadt 1909 Krieg – und viele aus seinen Reihen berger Pachantey“. Nachdem Breuer
18,2 x 12,9 cm fielen ihm zum Opfer, 1918 auch Hans bei Verdun gefallen war, erhielt Anna
GNM, Bibliothek, 8° Mx 190/2 Breuer. Krecker das Band zurück und ließ es
Breuers „Zupfgeigenhansl“ lebte indes später der Familie Speiser zukommen,
Der 1909 erstmals erschienene „Zupf- fort und erfuhr zahlreiche weitere Auf mit welcher sie wohl ebenfalls durch
geigenhansl“ sollte eines der einfluss- lagen, obwohl sich das Repertoire nun die Heidelberger Wanderjahre verbun-
reichsten Liederbücher des 20. Jahr- nicht mehr änderte. Neue Entwicklun- den war. Schließlich erhielt der um die
hunderts werden. Es war ein Kultbuch gen der Jugendbewegung spiegelten Jugendbewegung verdiente Alfred C.
der Jugendbewegung und entwickelte sich nach 1918 in neuen Liederbüchern. Toepfer (1894–1993) das Lautenband
sich rasch zu einem Bestseller. Er- Gleichwohl blieb der „Zupfgeigenhansl“ als Geburtsgeschenk. E. Hack
schienen die ersten drei Auflagen Symbol und Repräsentant jugendbe-
1909/10 noch im Selbstverlag, wurde wegter Liedkultur. Sein besonderer 32 •
das Liederbuch ab 1911 vom renom- Stellenwert liegt darin, dass er Aus- Laute
mierten Leipziger Musikverlag Fried- gangspunkt für die weitreichende Re- Markneukirchen (?), um 1920 · Corpus: 11 Ahorn
rich Hofmeister übernommen. 1915 Popularisierung jener alten Lieder war, späne mit schwarz gebeizten Zwischenadern;
waren bereits über 200.000 Exemplare welche die „Volkslied“-Sammler und umlaufende Gegenkappe: Ahorn; Decke: Nadelholz;
verkauft, 1930 wurde die Marke von Forscher des 19. Jahrhunderts zusam- Hals: Erle (?); Einlegearbeit: Eiche, dunkel gebeiztes
850.000 überschritten. mengetragen hatten. Diese Entwicklung Laubholz; Steg: Ahorn · 9 Bünde, Wirbelkasten mit
Basis für den beispiellosen Erfolg des prägte das gesamte 20. Jahrhundert: einfacher Schraubenmechanik, 6 Einzelsaiten
„Zupfgeigenhansl“ war die implizite von der Jugendmusikbewegung über die Gesamtlänge: 93,9 cm; Corpuslänge: 51,8 cm;
Botschaft, die mit diesem Liederbuch schulische Musikpädagogik bis hin zum Corpusbreite: 32,5 cm; schwingende Saitenlänge:
einherging. Denn es war nicht bloß Folkrevival der 1970er Jahre – dessen 62,5 cm
eine Zusammenstellung von Liedern, damals erfolgreichste Gruppe sich be- GNM, MI 996
sondern nahm eine zivilisationskriti- zeichnenderweise den Namen „Zupfgei-
sche Programmatik auf, die mit dem genhansel“ gab. E. John
1. Sofa
Kirschbaum massiv; Holme in Seitenlehnen: Laub
holz schwarz lackiert; Streifenvelours, Synthetik
faser, hellgrün; Posamentenborte, schwarz
89 x 183,5 x ca. 70 cm; Sitzhöhe: ca. 50 cm
2. Zwei Sessel
Kirschbaum massiv; Holme in Seitenlehnen: Laub
holz schwarz lackiert; Streifenvelours, Synthetik
faser, hellgrün; Posamentenborte, schwarz
84,7 x 68,5 x ca. 55 cm; Sitzhöhe: ca. 51 cm
3. Zwei Stühle
Kirschbaum massiv; Sprossen in Rückenlehne:
Laubholz schwarz lackiert; Rohrgeflecht
84,5 x 43,5 x 47 cm; Sitzhöhe: ca. 44,5 cm
4. Tisch
Säulen: Kirschbaum massiv; Tischplatte, Zarge, Fuß
gestell: Kirschbaum furniert; Fußklötze, Säulenbasis
und –kapitell: Laubholz, schwarz lackiert; Eckklötze
in der Zarge: Kiefer · H. 77,5 cm, Dm. 80 cm
5. Notenständer
Kirschbaum massiv; Sprossen: Laubholz, schwarz
lackiert · ca. 160 x 49,5 x ca. 32 cm
236 Katalog
finanzierten Neobiedermeiermöbeln
durchaus konservativ-bürgerlich ein-
richtete. Den Frühstückstisch deckte
man mit blauem „Bauerngeschirr“,
wodurch sowohl ein Hang zur Einfach-
heit als auch die von Breuer geschätzte
Heimatkunst zum Ausdruck kommt.
C. Selheim
35 •
Porträtrelief von Elisabeth Breuer
Um 1913 oder nach 1917 · Ton, hellrötlich; Steingut
glasur auf der Oberseite · Dm. 36 cm
Witzenhausen, AdJb, G 7 Nr. 142
36 •
Fahne des Pfadfinderkorps Bonn
1. Fahne
Um 1912 · Grund: Leinen, Baumwolle, beige;
Stickerei: Seide, rot, violett; Karabinerhaken
60 x 60 cm 36.1
Witzenhausen, AdJb, N 157 Nr. 23
Hans-Egon von Gottberg: Äußeres vor Innerem? sie Markttrends im Konsumgüterbe-
2. Fotografie Abzeichen oder Geist? Online-Ressource in: Forum reich aus. Derartige Uhren dürften als
Um 1912/13 · 16,5 x 23,3 cm für Pfadfindergeschichte 1, 2011, S. 5–6, URL: http:// Geschenke an jugendliche Pfadfinder
Witzenhausen, AdJb, N 157 Nr. 26 [Link]/tl-files/pgw-Zeitung/forum01.2011. gedacht gewesen sein. Schlenker &
pdf [22.05.2012]. Kienzle produzierte auch Taschenuhren
Die Fahne trägt auf der einen Seite mit Wandervogel- und Jungdeutschland-
den Schriftzug „Pfadfinder Bonn“ und 37 Motiven. Kienzle-Uhren waren ein Mas-
umseitig neben einem gestickten Eichen- Taschenuhr mit einer Pfadfinderszene senprodukt. Th. Eser
zweig den Wahlspruch „Darum sei der Wohl Uhrenfabriken Schlenker & Kienzle, Schwen
Eichenzweig unser Bundeszeichen“. Ein ningen am Neckar · um 1913/14 · Blech, geprägt, 38 •
Gruppenbild mit den Bonner Pfadfin- versilbert; Uhrglas und Zeiger fehlen · Dm. 5 cm Pfadfinderbuch für junge Mädchen
dern vor einem Kriegerdenkmal zeigt (ohne Aufzug) · Bez.: Pfadfinder / Allzeit bereit! Pfadfinderbuch für junge Mädchen. Ein anregender,
außer der Fahne den Offizier Hans-Egon Privatbesitz praktischer Leitfaden für die heranwachsende, vor
von Gottberg (1893–1914). Er war der wärtsstrebende weibliche Jugend. Hrsg. von Elise
Hauptfeldmeister dieses Pfadfinder- Mit dem Trompetensignal des sog. von Hopffgarten. München 1912 · 22,3 x 14,6 cm
korps, das schon 1912, also ein Jahr Pfadfinderpfiffs ruft ein erwachsener Witzenhausen, AdJb, B 220/023
nach der Gründung des deutschen Pfad- Ranger in militärisch geprägter Uniform
finderbundes ins Leben gerufen worden seine Rotte zusammen. Ein halbwüch- „Unsere Mädchen zu einem körperlich
war. Die Bedeutung von Fahnen als siger Wölfling bereitet am Lagerfeuer und sittlich kräftigen Geschlecht zu
Symbol schätzte von Gottberg aufgrund das Essen zu. Die Szene spielt im Wald. entwickeln“, war das erklärte Ziel der
ihres Wiedererkennungseffekts hoch ein. Lagerfeuerromantik und diszipliniertes Pfadfinderinnenbewegung, dem die
So habe Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) Agieren in der Gruppe bilden den ikono- Gründung des „Deutschen Pfadfinder-
am Bonner Hauptbahnhof die dortigen grafischen Unterton, während der Um- bundes für junge Mädchen“ und die
Pfadfinder sowohl an ihrem Gruß als schrifttext den Pfandfindergruß zitiert. Herausgabe des „Pfadfinderbuches für
auch an ihrer Fahne erkannt. Schon kurz nach der Gründung der junge Mädchen“ im Jahr 1912 dienten.
C. Selheim Pfadfinder in Deutschland 1911 lösten Elise von Hopffgarten (1869– nach 1937),
238 Katalog
Stellenwert beigemessen: Die dargestell-
ten Pfadfinder sollten die Kinder zum
Kauf der Schokolade animieren und so
für die Wehrerziehung werben, wodurch
Kommerz und Propaganda miteinander
verschmolzen. M. Gruninger
41
Stollwerck-Alben „Jungdeutschland“
H. Bousset: Jungdeutschland (Stollwerck
Sammel-Album 15). Köln u.a. 1915 · Kunstleder,
Pappe, Karton, Papier · 26,5 x 22,8 cm
Privatbesitz
(vgl. [Link]. 26)
42 •
Jung-Deutschland’s Pfadfinderspiel
Idee: F. Jorre und Hauptmann Hueg · Titelgrafik:
Siegmund von Suchodolski (1875–1935) · Hersteller:
O. & M. Hausser, Ludwigsburg · 1912 · Pappe, Papier;
Holz, z.T. bemalt · Karton: 44,5 x 34,7 x 4,8 cm
Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Spielzeug
museum, 1971.661
38 39 „Jungdeutschlands Schlachtenspiel“
zählt zu den ersten Produkten der 1912
die in der bürgerlichen Frauenbewegung Muscheln – vortrefflich, daß die kleinen von den Brüdern Otto (1879–1955) und
engagiert war, versammelte zehn Auto- Herrschaften danach Ausschau halten!“ Max Hausser (gest. 1915) in Ludwigsburg
rinnen und sieben Autoren, die ein ge- Die Lithografien auf den beiden Klapp- gegründeten Spielwarenfabrik. Das ab-
schlechtsspezifisches Modell der Pfad- deckeln zeigen Szenen aus dem Pfadfin- strakt gestaltete Strategiespiel für zwei
finderinnenerziehung entwarfen. Unter derleben. Ch. Dippold Parteien (Schwarz und Weiß) besteht in
dem Leitbild der „Pfadfinderinnen auf der vorliegenden Ausgabe B aus zwei
dem Gebiete der Frauenbewegung“ wird Oskar Schwindrazheim: Jugendwanderungen großformatigen Plänen und etwa 250
darin ein breites Spektrum als weiblich (Dürerbund. 56. Flugschrift zur ästhetischen Kultur). Spielelementen, mit denen historische
verstandener Aufgabengebiete beschrie- München 1909, S. 9, 34. – Frigga Tiletschke/Christel Gefechte nachgespielt und neue Kampf-
ben: von häuslichen Beschäftigungen Liebold: Aus grauer Städte Mauern. Bürgerliche konstellationen erdacht werden konnten.
über Gartenbau, Tanz, Selbstverteidi- Jugendbewegung in Bielefeld 1900–1933. [Link]. Zur Ausstattung gehörten neben jeweils
gung und Wandern bis zu Kinderfür- Historisches Museum Bielefeld (Schriften der His 60 Spielfiguren auch Landschafts- und
sorge, dazu Wissen über das Vaterland, torischen Museen der Stadt Bielefeld 7). Bielefeld Architekturelemente wie Flüsse, Bäume,
die Kolonien und die Geschichte und 1995, bes. S. 45, 113–127. Häuser, eine Kirche und ein Schloss. Ein
Organisation des Pfadfindens. Mit der Anleitungsheft mit kriegsgeschichtlichen
Forderung nach Bildungs- und Berufs- 40 Übungsbeispielen sollte den jugendli-
perspektiven öffnete das Buch neue Becher für Schokolade chen Brettspielern preußisch-deutsche
Wege für Mädchen, soweit diese im Deutsche Automaten Gesellschaft Stollwerck & Co. Kriegskunst nahebringen.
Rahmen der ‚natürlichen‘ Bestimmung vor 1914 · Weißblech, lithografiert, lackiert, gebogen Die „Deutsche Spielwarenzeitung“
als Ehefrauen und Mütter blieben. H. 8 cm, Dm. 5,5 cm befand 1912, dass das „gediegene Spiel“
S. Rappe-Weber Privatbesitz den Ideen der Jungdeutschland-Bewe-
gung sehr entgegen komme, „indem es
39 • Der Kölner Schokoladenhersteller Stoll nicht nur die vaterländischen Ideale in
Botanisiertrommel werck begann ab 1887 seine Produkte die Herzen der Jugend pflanzt, sondern
1911–1914 · Weißblech, lithografiert, lackiert, geprägt, über Verkaufsautomaten anzubieten. es den jungen Leuten auch ermöglicht,
gebogen; Band · 12 x 31 cm (ohne Band) 1894 wurde eigens die Deutsche Auto- ihre im Gelände bei Übungen erworbene
Privatbesitz maten Gesellschaft Stollwerck & Co. ge- Gefechtstaktik beim Spiel an gemütli-
gründet. Gegen große Kritik von Kirchen chen Winterabenden zu Hause oder in
Die Botanisiertrommel diente zur Auf- und um die Volksgesundheit besorgter Jugendheimen theoretisch anzuwenden.“
nahme von zu Studienzwecken gesam- Politiker behauptete sich die Geschäfts H. Schwarz
melten Pflanzen. Oskar von Schwindraz- idee, welche auch sonntags den Kauf
heim (1865–1952) lobte 1909 in seiner von Schokolade ermöglichte. Der in den Deutsche Spielwarenzeitung 1912, H. 18, S.19–21. –
Flugschrift zu Jugendwanderungen die Reichsfarben gestaltete Becher zeigt Heike Hoffmann: Erziehung zur Moderne. Ein Bran
Mitbringsel von Ausflügen jugendbeweg- Pfadfinder während des Geländespiels. chenportrait der Spielwarenindustrie in der entste
ter Gruppen: „Gesteinsproben, Kristalle, Vor dem Ersten Weltkrieg wurde der henden Massenkonsumgesellschaft. Diss. Tübingen
merkwürdige Pflanzen, Versteinerungen, Wehrertüchtigung der Jugend ein großer 1998, bes. S. 154–178. [Hochschulschrift]
43
Programm zum Internationalen Nationalistischer Jubel
Pfadfinderlager in Ijmuiden – Holland
1913 · Papier, bedruckt · 26,9 x 20 cm
Witzenhausen, AdJb, N 157 Nr. 25 Nach seiner Niederlage in der Völker- Auf der Luisenburg bei Wunsiedel, dem
schlacht bei Leipzig 1813 hatte Napoleon ältesten Freilichttheater Deutschlands,
Im Juli 1913 luden die niederländischen die Vorherrschaft über Europa verloren, war im Sommer 1913, kurz vor dem
Pfadfinder zu einem internationalen Deutschland war von der französischen 100. Jahrestag der Völkerschlacht bei
Pfadfinderlager in das Seebad Ijmuiden Besatzung befreit. Vielen Kreisen galt Leipzig, wieder das Heimatfestspiel
ein, dem 1.000 Jungen folgten. Das Pro- das Ereignis als Geburtsstunde eines „Die Losburg“ zu sehen. Das von dem
grammheft enthielt neben dem Ablauf deutschen Nationalgefühls. Lehrer Ludwig Hacker (1847–1929)
Lagerplan und -regeln. Anlass des Tref- 100 Jahre später hatte sich in Deutsch- verfasste, 1890 uraufgeführte Stück
fens waren die Feiern zur Wiedererlan- land wie in ganz Europa ein extremer thematisierte Bilder aus der örtlichen
gung der Unabhängigkeit von Napoleon Nationalismus ausgebreitet. So standen Geschichte und Sagenwelt. Mit dem
100 Jahre zuvor. Aus dem Deutschen die sich im Reich über Wochen hinzie- Schirmherrn Ernst von Possart (1841–
Reich reisten als offizielle Vertreter 22 henden Feierlichkeiten zum hundertsten 1921) und dem Regisseur Fritz Basil
Pfadfinder aus Bonn unter dem Ober- Jubiläum der Völkerschlacht im Zeichen (1862–1938), bei dem später Heinz Rüh-
feldmeister Hans-Egon von Gottberg des Hurrapatriotismus. Die Einweihung mann und sogar Adolf Hitler Schau-
(1893–1914) an. Internationale Kontakte des vom Bürgertum initiierten Völker- spielunterricht nahmen, wirkte in der
standen bei den Pfadfindern seit der schlachtdenkmals in Leipzig bildete hier- Saison 1913 namhafte Theaterpromi-
Gründung stärker im Vordergrund als bei den Höhepunkt. Tausende Jugend- nenz aus München mit. Das dem Anlass
bei den Wandervögeln, wobei allerdings liche und uniformierte Korpsstudenten entsprechend patriotisch gestaltete,
eine Gruppe des Alt-Wandervogel schon nahmen an dem Fest teil. Sie fügten sich aber anachronistische Werbeplakat
1909 englische boy-scouts besucht hatte. in das starre Zeremoniell, das an militä- zeigt einen Angriff „deutscher“ Infan-
C. Selheim rische Aufmärsche erinnerte. teristen mit der schwarz-rot-goldenen
Fahne, die allerdings während der Be-
Ernst Werner Ludwig: Internationales Pfadfinder freiungskriege noch nicht üblich war.
lager in Ijmuiden – Holland 1913. In: PM-Forum 3, M. Nuding
2006, H. 2, S. 2–3. 44 •
Plakat „Hundertjahrfeier der Ludwig Hacker: Die Geschichte des Losburg-Fest
Befreiungskriege“ spiels. Wunsiedel 1924. – Franz Josef Görtz/Hans
Druck: Vereinigte Kunstanstalten AG Kaufbeuren, Sarkowicz: Heinz Rühmann 1902–1994. Der Schau
München · 1913 · Druck · 86,5 x 59,7 cm spieler und sein Jahrhundert. München 2001,
GNM, Die Nürnberger Plakatsammlung – eine Stif S. 23. – Hans Hattenhauer: Deutsche Nationalsym
tung der GfK und NAA im Germanischen National bole. Geschichte und Bedeutung. 4. Aufl. München
museum, NAA 6349 2006, S. 28–66.
240 Katalog
45 • 46 •
Medaillen auf die Einweihung des Vivatband zur Erinnerung an die
Völkerschlachtdenkmals Hundertjahrfeier der Völkerschlacht
Hersteller: Heinrich Schneider (1859–1926), groß Entwurf: Erich Gruner (1881–1966) · Herausgeber:
herzoglich-hessischer Hofjuwelier, Leipzig · 1913 G. G. Winkel (1857–1937) · Verlag: Gräfe und Unzer,
Bronze, geprägt · Dm. 3,8 cm, Gewicht 24 g Königsberg · Druck: Leipzig · 1913 · Kette: Seide, gelb;
Monogramm: BM Schuss: Baumwolle, gelb, schwarz bedruckt
32 x 5,5 cm · Bez.: Zur Erinnerung / an die / Hundert
Vorderseite jahrfeier / der / Völkerschlacht / 1813 1913. / VIVAT!
Bez.: DEUTSCHER PATRIOTENBUND / VÖLKER / VIVAT! / VIVAT! / VIVAT! / Singt Tedeum, löst die
SCHLACHT – / DENKMAL BEI / LEIPZIG / 1913 Stücke, / Schießt Victoria, blickt zurücke / Hundert
Jahr auf Leipzigs Schlacht! / Denn aus Pulverdampf
Rückseite und Blitzen / Und dem Krachen der Haubitzen /
Bez.: 1813 / Der HERR IST DER RECHTE KRIEGS Ward geboren Deutschland Macht!
MANN HERR IST SEIN NAME Witzenhausen, AdJb, G 7 Nr. 51
GNM, Münzkabinett, Med 13678, 13679 Vivatbänder zählen in der Regel zu den
Gedenkbändern, die oft an erfolgreiche
Zur Einweihung des Völkerschlacht- Schlachten erinnerten. Sie erlebten ihre
denkmals gab der Deutsche Patrioten- Blütezeit im 18. Jahrhundert. Ihre Erfor-
bund verschiedene Medaillen in hoher schung regte der Jurist und Regierungs-
Auflage heraus. Die vorliegenden Ex- rat Gustav Gotthilf Winkel an. Anlässlich
emplare zeigen auf der einen Seite eine der Hundertjahrfeier der Befreiungskrie-
Außenansicht des Monuments, auf der ge setzte er sich für die Wiederbelebung
anderen einen geharnischten Ritter mit von Vivatbändern ein und gab acht her
gezogenem Schwert, dessen Wappen- aus, eines speziell zur Einweihung des
schild an den Deutschen Orden erinnert. Völkerschlachtdenkmals in Leipzig am
Das Motiv greift die Figur des Erzengels 18. Oktober 1913. Es erinnerte ihre Besit-
Michael auf, die das Schlachtrelief an zer über den Tag hinaus an die patrioti-
der Basis des Denkmals beherrscht. schen Feierlichkeiten, denen u.a. Kaiser
Dieser Bezug auf den apokalyptischen Wilhelm II. (1859–1941) und zahlreiche
Bezwinger Satans und Schutzpatron der Korpsstudenten beiwohnten.
Deutschen sowie die martialische Um- C. Selheim
schrift – ein Zitat aus der Lutherbibel
(2. Mose 15,3) – heben den Befreiungs- Vivat-Vivat-Vivat! Widmungs- und Gedenkbänder aus
kriege gegen Napoleon in eine quasi- drei Jahrhunderten. Bearb. von Konrad Vanja. Ausst.
religiöse Sphäre. M. Nuding Kat. Museum für deutsche Volkskunde, Staatliche
Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Berlin
Steffen Poser: Der Weg des freien Zusammenwirkens (Schriften des Museums für Deutsche Volkskunde
patriotisch tätiger Kräfte. Der Deutsche Patrioten Berlin 12). Berlin 1985, [Link]. 23,5. – Völkerschlacht
bund. In: Völkerschlachtdenkmal. Hrsg. von Volker denkmal. Hrsg. von Volker Rodekamp. Leipzig 2003,
Rodekamp. Leipzig 2003, S. 116–133, bes. S. 128. – Abb. S. 115.
Manfred Müller: St. Michael – „der Deutschen Schutz
patron“? Zur Verehrung des Erzengels in Geschichte
und Gegenwart. 2. Aufl. Grevenbroich 2005.
45 46
1. Völkerschlachtdenkmal
1913 · Farbdruck · 8,9 x 13,9 cm
Bez.: Völkerschlachtdenkmal / Leipzig
GNM, DKA, NL Bruno Schmitz, I, B-5
48 •
Blick auf das Festgelände während der
Einweihungsfeier des Völkerschlacht-
denkmals in Leipzig am 18. Oktober
Foto: Titzenthaler & Vogel, Leipzig · 1913 · in:
Illustrirte Zeitung 141, 23. Oktober 1913, Nr. 3669,
S. 706–707 · Handeinband, Halbleder; Leder, Mar
morpapier, Pappe, Papier · 40,5 x 31,5 cm
GNM, Bibliothek, 2° L. 2723
242 Katalog
Meißnerfest die politisch-intellektuelle Sinndeutung
durch die Reden und publizistische Un-
terstützung der Mäzene längst nicht die
Der Freideutsche Jugendtag fand im Resonanz und Wirkung weit über den
Oktober 1913 auf dem Hohen Meißner Tag hinaus erhalten. H.-U. Thamer
bei Kassel statt. Er war die Gegen-
veranstaltung zur Jubiläumsfeier der Hoher Meißner 1913. Der Erste Deutsche Jugendtag
Völkerschlacht in Leipzig. Erstmals in Dokumenten, Deutungen und Bildern. Hrsg. von
seit dem Wartburgfest 1817 demons- Winfried Mogge/Jürgen Reulecke (Edition Archiv
trierten Jugendliche für ihre Ideale. der deutschen Jugendbewegung 5). Köln 1988.
Die Freideutsche Jugend, ein lockerer
Zusammenschluss von Studierenden 50 •
und ehemaligen Studenten, organisierte Lichtgebet
das Fest. Mehr als 2.000 Wandervögel, Hugo Höppener, gen. Fidus (1868–1948) · 1922
Schüler, Studenten und Lebensreformer Malerei auf Leinwand · 168 x 119 cm
trafen sich. Dem Hurrapatriotismus und Witzenhausen, AdJb, K 1 Nr. 1
starren Zeremoniell in Leipzig setzten
sie Freiheit und Natur gegenüber. Der Als „Ikone der Lebensreform“ ist Fidus’
Sprecher der Jüngeren, Knud Ahlborn, „Lichtgebet“ bezeichnet worden. In der
entwickelte mit Teilnehmern die Meiß- Tat scheint die naturmystisch-weihevolle
nerformel als gemeinsames Band der Stimmung des Bildes jenes erneuerungs-
Jugendbewegung. Vereint sollte die Ju- hungrige Lebensgefühl zu verkörpern,
gend nach eigener Bestimmung, eigener 49.3 das die lebensreformerische Bewegung
Verantwortung und in innerer Wahrhaf- im späten Kaiserreich und in der Weima-
tigkeit ihr Leben gestalten. rer Republik zum Ausdruck brachte.
betrachtet wurde, sich auf sich „selbst Das Bildmotiv des nackten blonden Jüng
besinnen“ und sich zu einer „neuen, ed- lings, der mit ausgebreiteten Armen die
len deutschen Jugendkultur zusammen- „heilende“ Kraft der Sonne empfängt, hat
49 • schließen“ müsse. Zugleich wollte man eine lange und komplexe Entstehungs-
Schriften zum Freideutschen sich vom „billigen Patriotismus“ der geschichte. Erst die sechste Fassung, die
Jugendtag 1913 Väter und von „bestimmten politischen Fidus 1913 schuf, kam unter dem Titel
Formeln“ abgrenzen und zur Hundert- „Lichtgebet“ in Umlauf und begründete
1. Einladung zum Freideutschen Jugendtag auf dem jahrfeier der Völkerschlacht zu einem die große Popularität des Bildes. Für
Hohen Meißner am 11.–12. Oktober 1913 · Typendruck Alternativfest auf dem Hohen Meißner viele Käufer mag es ein diffus formulier-
22,5 x 16 cm treffen, das den Charakter eines „Natur- tes, aber suggestiv umgesetztes Heilver-
Witzenhausen, AdJb, A 104 Nr. 1 festes“ annehmen sollte. Die Initiative sprechen enthalten haben. Der Künstler
zu der Gegenveranstaltung, die sich selbst, der unzählige Anfragen nach
2. Freideutsche Jugend. Zur Jahrhundertfeier auf gegen die hurrapatriotische Feier zur weiteren Reproduktionen des „Lichtge-
dem Hohen Meißner 1913. Hrsg. von Arthur Kracke. Einweihung des Völkerschlachtdenk- bets“ erhielt, empfand das Bild hingegen
Jena 1913 · 22 x 14,3 cm mals in Leipzig richtete, ging nicht von zunehmend als Fluch.
Witzenhausen, AdJb, B 214/009 den Wandervogelbünden, sondern von „Im Lichtkleid“, das heißt nackt, ist
jugendbewegten Studentenverbindun- der Jüngling auf dem Bild dargestellt.
3. Freideutscher Jugendtag 1913. Reden von Gott gen aus und wurde von erwachsenen Seine Körperhaltung ist einem antiken
fried Traub, Knud Ahlborn, Gustav Wyneken, Ferdi Vertretern der Lebensreformbewegung, Adoranten entlehnt, womit Fidus an
nand Avenarius. Hrsg. von Christian Schneehagen. wie dem Verleger Eugen Diederichs die in bürgerlichen Kreisen gepflegte
Hamburg 1913 · 23,3 x 16,1 cm (1867–1930) aus Jena, dem Schulrefor- pantheistische Spiritualität appellierte
Witzenhausen, AdJb, B 214/011 mer Gustav Wyneken (1875–1964) und und sich dadurch einen weiteren Ab-
dem Kunsterzieher Ferdinand Avenarius satzmarkt jenseits der jugendbewegten
Die Aufrufe zum Freideutschen Ju- (1856–1923), unterstützt. Sie verstan- Wandervögel sicherte. Der Schatten, den
gendtag auf dem Hohen Meißner, die den sich nicht nur als Förderer der der Betende auf den Felsen wirft, lässt
im Sommer 1913 in der „Wandervogel seit mehr als zehn Jahren bestehenden an den gekreuzigten Christus denken,
Führerzeitung“ und danach in ande- Jugendbewegung, sondern wollten eine den der vor Lebenskraft strotzende
ren Publikationen den Bünden der Art geistige Patronage ausüben, indem Jüngling quasi hinter sich gelassen hat,
Jugendbewegung und der Öffentlich- sie ihre nitzscheanischen Vorstellungen um sich dem Leben zuzuwenden. Die
keit eine „Jahrhundertfeier auf dem von der dynamischen Kraft der Jugend naturreligiöse Gestimmtheit sowie eine
Hohen Meißner“ ankündigten, hatten auf den Wandervogel übertrugen. Umge- allgemeine Aufbruchstimmung, die sich
eine zweifache Stoßrichtung: In einem kehrt hätte das erste Treffen der 3.000 Fidus im Zuge seiner Hinwendung zu
leidenschaftlichen und eindringlichen Teilnehmer, die aus organisatorisch lebensreformerischem und später auch
Aufruf an die „gesamte gleichgesinnte zersplitterten Gruppen kamen und sich zu völkischem Gedankengut angeeignet
Jugend“ meldete man den Anspruch – ohne sich wirklich zusammenzuschlie- hatte, sind im „Lichtgebet“ auf eine
an, dass die Jugend, die bisher nur als ßen – mit der Meißnerformel zu einer wirkungsmächtige Formel gebracht
„Anhängsel der älteren Generation“ „Freideutschen Jugend“ bekannten, ohne worden. R. Prügel
Meißnerfest 243
Abbildung aus
urheberrechtlichen Gründen
unkenntlich gemacht
50
244 Katalog
SeelenReich. Die Entwicklung des deutschen
Symbolismus 1870–1920. Hrsg. von Ingrid Ehrhardt/
Simon Reynolds. [Link]. Schirn-Kunsthalle,
Frankfurt a.M./Birmingham Museum and Art Gallery,
Birmingham/Prins Eugen Waldemarsudde, Stock
holm. München 2000, S. 74–75. – Die Lebensreform.
Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst
um 1900. Hrsg. von Kai Buchholz u.a. [Link].
Institut Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darm Abbildung aus
stadt 2001, Bd. 2, Abb. S. 203 u. [Link]. 4.2. – Meike
Sophia Baader: Naturreligiöse Gestimmtheit und urheberrechtlichen Gründen
jugendbewegte Aufbruchsgeste. Bildgedächtnis der
Jugendbewegung und „mentales Gepäck“: Fidus unkenntlich gemacht
„Lichtgebet“. In: Historische Jugendforschung.
Archiv der deutschen Jugendbewegung N.F. 5,
2008, S.153–168. – Marina Schuster: Lichtgebet.
Die Ikone der Lebensreform- und Jugendbewegung.
In: Das Jahrhundert der Bilder 1900 bis 1949. Hrsg.
von Gerhard Paul. Göttingen 2009, S. 140–147.
51 • (Abb. S. 41) 52 53
Postkarten „Lichtgebet“ 52 •
Hugo Höppener, gen. Fidus (1868–1948) · ab 1913 Plakat „Fidus der Lichtgläubige“ Gruppen symbolisieren. Während der
Autotypie · 13,9 x 8,6 cm Druck: Buchdruckerei Karl Pfeiffer jun. verklärte Blick der jungen Männer sich
Witzenhausen, AdJb, K 2 Nr. 11 1926 · Linoldruck · 38 x 27,5 cm auf unbestimmte Ferne richtet, blicken
Witzenhausen, AdJb, N 38 Nr. 564 die zwei nackten weiblichen Gestalten
Fidus, der selbst nicht an dem Fest der den Betrachter unvermittelt an. In ihren
Freideutschen Jugend auf dem Hohen Fidus nutzte das Medium des Licht- Händen halten sie eine Girlande aus
Meißner teilnahm, vermarktete dort die bildvortrags äußerst intensiv und auch Eichenlaub, die wohl für die heroisch
im Selbstverlag erschienenen Postkarten erfolgreich, um seine lebensreforme- überzeichneten Wächter bestimmt ist.
seines heute als Schlüsselbild der Ju- rischen Gedanken zu verbreiten. 1923 Umfasst wird die Szene von einem reich
gendbewegung geltenden „Lichtgebets“ übernahm ein Jünger von Fidus, Paul verzierten, vegetabilen Rahmen, in des-
in der sechsten Fassung aus dem Jahr Isenfels (1888–1974), diese Aufgabe, sen Mitte die Sonne, eines der beliebten
1913. Bildete das „Lichtgebet“ quasi ein um den viel beschäftigten Meister zu Motive des Künstlers, ihre Strahlen
Andachtsbild unter Jugendbewegten, entlasten. Sein 1926 gehaltener Vortrag aussendet. R. Prügel
so wurde sein Haus in Woltersdorf bei wurde mit einem von Fidus entworfenen
Berlin nach dem Ersten Weltkrieg zu Plakat beworben. Es zeigt, als zentrale Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung
deren Wallfahrtsort. Hermann Glaser Bildkomposition und Rahmung zu- von Leben und Kunst um 1900. Hrsg. von Kai Buch-
bezeichnete Fidus’ Kunst als „Monte gleich, das so häufig verwendete Motiv holz u.a. [Link]. Institut Mathildenhöhe, Darm
Verita der kleinen Leute“. des Lotusblatts. Isenfels, der zeitweilig stadt, 2. Bde. Darmstadt 2001, Bd. 2, Abb. S. 317
In den 1920er Jahren sicherte der Mitglied der Künstlerkolonie in Nidden u. [Link]. 4.176.
Absatz der Drucke und Postkarten dem (Nida, Litauen) war, machte sich im glei-
Künstler in diesen Kreisen geradezu das chen Jahr mit den in Buchform erschie- 54 •
Überleben, jedoch fand das „Lichtgebet“ nenen fotografischen Aufnahmen von Album mit Postkarten von Fidus
zunehmend Anklang im rechten Flügel Ausdruckstänzerinnen einen Namen. Ab 1925 · Karton, Textilband · 25,7 x 18 cm
der bündischen Jugend. Nach Aussagen R. Prügel Bez.: Meister Fidus
eines Pfarrers hing es als populärer Privatbesitz
Wandschmuck in jedem zehnten bürger- 53 •
lichen Haushalt. C. Selheim Hohe Wacht Es waren die massenhaft verbreiteten
Hugo Höppener, gen. Fidus (1868–1948) Reproduktionen, die wesentlich zur
Janos Frecot/Johann Friedrich Geist/Diethart Erkner bei Berlin, 1913 · Druck · 44 x 34 cm Popularität des Werkes von Hugo Höp-
Kerbs: Fidus 1868–1948. Zur ästhetischen Praxis Witzenhausen, AdJb, N 38 Nr. 539 pener, gen. Fidus (1868–1948), beitrugen.
bürgerlicher Fluchtbewegungen. 2. Aufl. Hamburg Vertrieben wurden die Schriften, Drucke
1997, bes. S. 288–301. – Die Lebensreform. Ent In der anlässlich des Meißnerfestes und Postkarten über den 1912 von ihm
würfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1913 herausgegebenen Festschrift selbst gegründeten Verlag. In der Jugend-
1900. Hrsg. von Kai Buchholz u.a. [Link]. Insti wurde die „Hohe Wacht“ als Illustra- bewegung fand das Programm vornehm
tut Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darmstadt tion veröffentlicht. Sie geht auf eine lich bei Mädchengruppen Anklang. So
2001, Bd. 2, Abb. S. 318 u. [Link]. 4.177. – Marina eigens für diesen Anlass entworfene stammt auch das „Meister Fidus“ be
Schuster: Lichtgebet. Die Ikone der Lebensre Federzeichnung von Fidus zurück. Das zeichnete Album von Ilse, Mitglied der
form- und Jugendbewegung. In: Das Jahrhundert wehrhafte Auftreten der bewaffneten Wandervogelortsgruppe Innsbruck, die
der Bilder. 1900 bis 1949. Hrsg. von Gerhard Paul. Jünglinge soll die Geschlossenheit es als 17-Jährige 1925 zu Weihnachten
Göttingen 2009, S. 140–147. der teilnehmenden jugendbewegten bekommen hat.
Meißnerfest 245
Die Haltung des unbekleideten Jüng-
lings, der aufrecht in der Bildmitte
steht und die Arme ausbreitet, ist eng
mit dem Motiv des Adoranten aus dem
„Lichtgebet“ verwandt. Die mystisch-
religiöse Grundstimmung ist um einen
weiteren, sexuell konnotierten Aspekt
erweitert. Der nach oben strebende
Jüngling „entspringt“ dem Schoß einer
nackten Frau, die seine Beine in einer
zärtlich-flehentlichen Geste umklam-
mert. Unter dem Komplex „Mutterschaft
als Mysterium“ ist das Bild gedeutet
worden. Geburt und das Streben nach
Göttlichkeit – symbolisch dargestellt
durch die Hagal-Rune am oberen Bild-
rand – sind hier in einer bedeutungs-
schweren Bildallegorie zusammenge-
fügt. R. Prügel
246 Katalog
58
Tempeltanz der Seele I
Hugo Höppener, gen. Fidus (1868–1948)
1924 · Druck · 28 x 20 cm
Witzenhausen, AdJb, N 38 Nr. 541
Meißnerfest 247
„Die Gartenlaube“ berichtete Kurt Aram
(1869–1934) wohlwollend, man solle die
Jugend feiern lassen, ihr Kritik an der
Gehorsamserziehung in den Schulen und
auch einen Anspruch auf jugendliche
Freiräume zugestehen. Diese Revolte sei
eine „Freiheitsbewegung“, die keine ge-
sellschaftliche Gefahr bedeute. Lediglich
an dem auf dem Meißner herrschenden
lockeren Umgang der Geschlechter übte
Aram Kritik. B. Stambolis
62
248 Katalog
Papier oder Kunststoff. Statt steifer Zy- ses des Freideutschen Jugendtages, der die später für Mary Wigman (1886–1973)
linder verzichtete man am liebsten ganz sich im Juli desselben Jahres in Jena und die Laban-Schule in Zürich arbeitete,
auf Kopfbedeckungen, und an die Stelle unter der Leitung von Lotte Frucht und gab Anweisungen zum neuen „Tanzkleid“.
von Schnürbrust und Korsett sollte – zu- Christian Schneehagen (1891–1918) Skizzen der Kleidungsstücke, Fotos von
mal bei der sportlichen Jugend – ein gut konstituiert hatte. In elf Beiträgen Trägern und Trägerinnen der neuen
trainiertes „Muskelkorsett“ treten. Für plädierten die Herausgeber und sechs Gewänder sowie Annoncen für Stoffe,
den Wärme- und Kälteausgleich wurden weitere Autoren für eine formal wie in Kleidung und Zubehör „nach den in die-
Stoffe „lockerer Webart“ propagiert, der sie tragenden Gesinnung gesunde, sem Buche angeführten Grundsätzen“
als Fußbekleidung breite Schuhformen natürliche und schöne Kleidung, die an ergänzen die Texte.
und speziell für „Schweißfußbegabte“ die Stelle der von Zwängen und Ver- Die zweite Auflage des Büchleins er-
Zehenkammerstrümpfe. Mit dem Bei- bildungen bestimmten Modekleidung schien 1914 im Freideutschen Jugend-
trag, dem diese Zitate entnommen sind, treten sollte. Bei der Ausarbeitung verlag Adolf Saal. Der Buchhändler
beteiligte sich Knud Ahlborn selbst an orientierte man sich offensichtlich an Adolf Saal (1886–1969) hatte sich in
der Programmschrift „Unsere Kleidung“, dem Manifest „Neue Männer Kleidung“ Hamburg erst kurz vor dem Jugendtag
indem er unter Berufung auf die Medi- der 1911 in Berlin gegründeten „Gesell- selbständig gemacht und publizierte
ziner und Kleiderreformer Gustav Jäger schaft für Reform der Männertracht“, hauptsächlich Schriften der liberalen,
(1832–1917), Heinrich Lahmann (1860– aus dem Schneehagen „Die 10 Gebote sozialistischen und proletarischen Ju-
1905) und Sebastian Kneipp (1821–1897) der Trachten-Reform“ übernahm. Der gendbewegung. Seine erste Publikation
gesundheitliche, ästhetische und ideo Arzt Knud Ahlborn (1888–1977) schrieb war der offizielle Band mit den Reden
logische Argumente verband. Auch die über „Gesundheitsgemäße Kleidung“, des Meißnerfestes. J. Zander-Seidel
häufig als Forum für Kleiderfragen ge Lotte Frucht über das „Wanderkleid
nutzten „Gaublätter“ der Wandervögel für Mädchen“, das wie alle damaligen Gretel Wagner: Reformversuche in der Männer
beschrieben „schönfarbige Kittel zu kur- Reformen der Frauenkleidung mit dem kleidung. In: Waffen- und Kostümkunde 26, 1984,
zen glatten Hosen“ als Gegenentwürfe Korsett brach. Weitere Themen waren H. 1, S. 17–36, bes. S. 23–26. – Marion Grob: Das
zur dunklen Einheitstracht bürgerlicher Schuhwerk und Kopfbedeckungen; die Kleidungsverhalten jugendlicher Protestgruppen
Gehröcke und Anzüge. J. Zander-Seidel Schneiderin Maya Chrusecz (geb. 1890), in Deutschland im 20. Jahrhundert am Beispiel
des Wandervogel und der Studentenbewegung (Bei-
Hermann Pfeiffer/Christian Schneehagen: Fußbe träge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland 47).
kleidung. In: Unsere Kleidung. Hrsg. von Lotte Münster 1985, S. 118–119. – Die Lebensreform. Ent
Frucht/Christian Schneehagen. 2. Aufl. Hamburg würfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um
1914, Abb. 2. – Knud Ahlborn: Gesundheitsgemäße 1900. Hrsg. von Kai Buchholz u.a. [Link]. Institut
Kleidung. In: Ebd., S. 16–24. – Gretel Wagner: Reform Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darmstadt 2001,
versuche in der Männerkleidung. In: Waffen- und Bd. 2, Abb. S. 312 u. [Link]. 4.167. – Winfried Mogge:
Kostümkunde 26, 1984, H. 1, S. 17–36. – Streusand „Ihr Wandervögel in der Luft…“. Fundstücke zur Wan
büchse, März/April 1917, S. 24, zit. nach: Marion Grob: derung eines romantischen Bildes und zur Selbstin
Das Kleidungsverhalten jugendlicher Protestgrup szenierung einer Jugendbewegung. Würzburg 2009,
pen in Deutschland im 20. Jahrhundert am Beispiel S. 110 (zu Adolf Saal). – Jugend gestern und heute.
des Wandervogel und der Studentenbewegung (Bei- Bearb. von Ursula Katharina Nauderer. [Link].
träge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland 47). Bezirksmuseum Dachau. Dachau 2012, bes. S. 77.
Münster 1985, S. 151. – Die Lebensreform. Entwürfe
zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900. 64 •
Hrsg. von Kai Buchholz u.a. [Link]. Institut Mat Brauner und schwarzer
hildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darmstadt 2001, Zehenkammerschuh
Bd. 2, Abb. S. 312 u. [Link]. 4.166. Um 1910 · Leder · 9 x 10 x 28 cm (braun) · 8 x 9,5 x
28 cm (schwarz)
63 • Mülheim an der Ruhr, Salzgitter AG, Konzernarchiv/
Unsere Kleidung Mannesmann-Archiv
Unsere Kleidung. Anregungen zur neuen Männer-
und Frauentracht. Für den freideutschen Jugendtag Die Fußgesundheit spielte in den Klei-
1913. Hrsg. von Lotte Frucht/Christian Schneehagen. dungsreformen um 1900 eine wichtige
1. Aufl. Leipzig: Verlag des Bundes Deutscher Rolle. Neben Schädigungen des Rump-
Wanderer 1913 / 2. Aufl. Hamburg: Freideutscher fes durch Korsett und einengende Mode-
Jugendverlag Adolf Saal 1914 · 22,8 x 16,1 cm kleidung waren Missbildungen der Füße
Witzenhausen, AdJb, B 415/002 durch zu enge und zu schmale Schuhe
GNM, Bibliothek, [Kapsel] 8° Lr 191/17 ein Hauptthema. Seit dem 19. Jahrhun-
dert forderten Ärzte und Anatomen wie
Die 48 Seiten starke Broschüre war der Züricher Professor Georg Hermann
Programmschrift und Ratgeber zur von Meyer (1815–1892) breite Schuh-
Schaffung einer neuen Kleidung der formen, die den Zehen ihre natürliche
Freideutschen Jugend. Sie erschien Stellung beließen.
zum Meißnerfest im Oktober 1913 auf
Veranlassung des Kleidungsausschus-
63
Meißnerfest 249
2. Werbeanzeige
In: Der Fackelreiter. Monatshefte für Freiheit, Fort
schritt, Frieden und Recht 1, 1928 · 21,4 x 14,9 cm
Witzenhausen, AdJb, Z 300/1370
65 •
Fahne eines vegetarischen Bundes
250 Katalog
66 •
Serakreis
Jugend
im Kriegstaumel
1. Fahne
Entwurf: Willy „Emil“ Pastor (1867–1933) · Ausfüh
rung: Maria Brinckmann (1869–1936) · 1913 · Seide, Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach,
bestickt · 142 x 99 cm meldeten sich viele Wandervögel und
Jena, Stadtmuseum Jena, VII 270, T. 1058 Pfadfinder freiwillig. Trotz des Willens,
ihr Leben nach eigener Bestimmung
2. Gruppenfoto auf dem Freideutschen Jugendtag und Verantwortung zu führen sowie
1913 · 7,7 x 10,7 cm ihrer gesellschaftskritischen Ansichten,
Witzenhausen, AdJb, F 4 Nr. 80 betrachteten sie die „Große Fahrt“ in
den Krieg als Pflicht und Abenteuer.
Der freistudentische Serakreis grün- Schnell folgte auf die erste Begeisterung
dete sich 1908 in Jena unter Beteili- Ernüchterung angesichts der Schrecken
gung des bekannten Verlegers Eugen des industrialisierten Krieges. Dieser
Diederichs (1867–1930). Am Wander- hatte keine Ähnlichkeit mit den roman-
vogel orientiert, übernahm die Gruppe tischen und verklärten Vorstellungen
lebensreformerische Elemente, wie der Jugendlichen. Oft dienten sie als
bequeme Kleidung und gesunde Ernäh- Unteroffiziere oder Offiziere. Ihrem eli-
rung. Die Mitgliedschaft stand beiden tären Bewusstsein entsprechend wollten
Geschlechtern offen und das Mitein- sie Führungsstärke demonstrieren und
ander war relativ frei. Man pflegte alte Vorbild für die einfachen Soldaten sein.
Volkslieder und -tänze, führte Theater- Sie schlossen sich im Feld-Wandervogel
stücke auf und erfreute sich an Kunst zusammen und gingen auch an der Front
und Literatur. Neben den Fahrten und „auf Fahrt“. Sehr viele von ihnen fielen.
Gruppenabenden bestand der Höhe-
punkt jedes Jahres in der Abhaltung
eines Sonnwendfeuers.
1913 nahm der Kreis an dem Freideut- 67 •
schen Jugendtag auf dem Hohen Meiß- Vivatband
ner teil. Als Diederichs dort mit seiner Entwurf: Franz Hoffmann-Fallersleben (1855–1927)
Idee einer gemeinsamen freideutschen Verlag/Kunsthandlung: Amsler & Ruthardt, Berlin
Fahne gescheitert war, gab er ohne 1914 · Baumwolle, Seide, Atlasbindung, rot, schwarz
Rücksprache mit seiner Gruppe eine bedruckt · 41 x 6,5 cm · Bez.: VIVAT / 20. Oct. 1914
Fahne für den Serakreis in Auftrag. / DIXMUIDEN / HOCH / DIE JUNGEN REGIMEN
Maria Brinckmann, Lehrerin für Sti- TER ! ; Das Lieder der Deutschen / Deutschland,
ckerei und Weberei an der Hamburger Deutschland über alles; / Über alles in der Welt, /
Kunstgewerbeschule, fertigte sie nach Wenn es stets zu Schutz und Trutze / Brüderlich
dem Entwurf des „radikal-völkischen“ zusammenhält, / Von der Maas bis an die Memel
Kunst- und Kulturkritikers Willy Pas / Von der Etsch bis an den Belt – / Deutschland,
tor. Anders als bei Diederichs und Deutschland über alles, / Über alles in der Welt! /
Pastor spielte eine völkische Ideologie Hoffmann von Fallersleben [...] ZUM BESTEN DES
im Serakreis selbst keine Rolle. Da ROTEN KREUZES […]
viele Mitglieder im Ersten Weltkrieg GNM, Gew 4312
gefallen waren, löste sich die Gruppe
kurz nach Kriegsende auf. Vivatbänder aus der Zeit des Ersten
M. Gruninger Weltkriegs waren reine Spendenbelege
und Sammelobjekte. Das Band erin-
Siegfried Walter: Der Garten. Lebensentwürfe nach nert an den Beginn der ersten Flan-
der Natur. In: Der neue Mensch. Obsessionen des dernschlacht. Nachdem die deutsche
20. Jahrhunderts. Hrsg. von Nicola Lepp. [Link]. Armee Dixmuiden (Diksmuide, Belgien)
Deutsches Hygiene-Museum, Dresden. Ostfildern- erreichte, wurde die Region durch das
Ruit 1999, S. 142–173, bes. S. 156. – Justus H. Ulbricht: Öffnen der Schleusen der Yser geflutet.
Lichtgeburten. Neuheidnische und ‚neugermani An den Kämpfen nahmen viele frisch
sche’ Tendenzen innerhalb der Lebensreform. In: ausgebildete, junge Regimenter – dar-
Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von unter zahlreiche Wandervögel – teil, die
Leben und Kunst um 1900. Hrsg. von Kai Buchholz. dort ihr Leben ließen. Die Wiedergabe
[Link]. Institut Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. der ersten Strophe des Liedes der Deut-
Darmstadt 2001, Bd. 2, S. 133–134, Abb. S. 137 u. Kat. schen von August Heinrich Hoffman von
Nr. 2.133. Fallersleben (1798–1874) auf dem Band
ist einerseits als patriotisches Moment
67
252 Katalog
72
71 73
73 •
Kriegs-Fahrt ter nationaler Größe aufgewachsen. Idealismus bald eine nicht minder
Kriegs-Fahrt. Wandervogel-Feldbriefe. Leipzig 1915 Viele junge Männer meldeten sich im starke Ernüchterung folgte. Ab No-
19 x 13,5 cm Sommer 1914 freiwillig zum Militär- vember 1914 nahmen Schilderungen
Witzenhausen, AdJb, B 207/083 dienst in der Illusion, sie gingen auf angesichts des Todes „der jungen Frei-
eine „große Fahrt“, aus der sie bald willigen bei Langemarck“ breiten Raum
Zahlreiche Mitglieder von Wander- siegreich wieder heimkehren würden. in Feldpostbriefen ein. Die Erschütte-
vogelbünden teilten die zeittypische Doch es herrschte auch Skepsis, nicht rung angesichts des allgegenwärtigen
Kriegsbegeisterung weiter Bevölke- zuletzt unter Jugendbewegten, ob Krieg Massensterbens und des Todes von
rungskreise und vieler junger Men- das geeignete Mittel sei, die ersehn- Freunden spielte später in der Erin-
schen am Vorabend des Ersten Welt- ten gesellschaftlichen Veränderungen nerung an den Ersten Weltkrieg eine
kriegs. Sie waren mit soldatischen herbeizuführen. Aus Kriegsbriefen von entscheidende Rolle. B. Stambolis
Vorbildern und Werten sowie poli- Wandervögeln geht hervor, dass ihrem
tischen Vorstellungen von erträum- zu Kriegsbeginn stark ausgeprägten
78.2
254 Katalog
Der Lehrer und Schriftsteller Walter Flex
(1887–1917) gilt als Dichter der Jugend-
bewegung, obwohl er ihr nie angehörte.
Sein autobiografische Züge aufweisender,
erstmals 1916 erschienener Roman „Der
Wanderer zwischen beiden Welten“ zählt
zu den erfolgreichsten Büchern der Wei-
marer Zeit. Flex verarbeitete hierin den
Verlust eines guten Freundes im Ersten
Weltkrieg. Vor einem naturreligiösen
und lebensreformerischen Hintergrund
idealisiert und heroisiert er die Person
Ernst Wurches (1894–1915). Gerade die
Beschreibung des Verhältnisses zwischen
den beiden Hauptprotagonisten an der
Front kann als Idealvorstellung einer in
den Bereich der Homoerotik hineinrei-
chenden Männerfreundschaft gelten.
In dem Buch ist zudem das Gedicht
77 „Wildgänse rauschen durch die Nacht“
aufgenommen, das als Lied in der bün-
dischen Jugend, der Wehrmacht sowie
später in der Bundeswehr und in Schu-
len beliebt war. Hier sind bereits einige
Gedichte veröffentlicht, die sich in dem
1917 publizierten Gedichtband „Im Felde
zwischen Tag und Nacht“ finden.
M. Gruninger
79 •
Wappenschild
Berlin, 1917 · Nadelholz, stabverleimt, lackiert;
Eisen · 78 x 54 x 3 cm
Privatbesitz
1. Gedenktafel
Um 1920 · Bronze · 29,6 x 40 cm · Bez.: Unseren /
Helden / Gruppe Dresden / 1914 / 1918
Witzenhausen, AdJb, G 11 Nr. 44
2. Fotoalbum
Um 1920 · Karton, geprägt, Kordel · 24,7 x 31,9 cm
Witzenhausen, AdJb, F 3 Nr. 545
256 Katalog
bild eines jungen Deutschen“. Dessen
Neuauflage 1934 löste überschwäng
liche Reaktionen aus. Die Jugendbewe-
gung idealisierte Noack als Held, wel-
cher aus dem Wandervogel kommend
sein Leben für das Vaterland gab. In der
Mitte der 1920er Jahre ließen die Eltern
eine Marmorbüste ihres Sohnes durch
den Bildhauer Hans Krückeberg anferti-
gen, einen Gipsabguss stifteten sie der
Jugendburg Ludwigstein 1926 für den
Gedenkraum für gefallene Wandervögel.
M. Gruninger
84 •
Wandererstube auf der Burg Ludwigstein
83.1
Kriegserinnerung 257
Jugendbünde über Krieg, Revolution
und Neubeginn zu wahren und das
Erbe der ersten Wandervogelgenera
tion weiterzutragen. Mit der nach 1933
erschienenen Postkarte, auf der die
Gestaltungselemente Fenster, Kerzen,
Kränze, Fahnen – und am Rande auch
das Hakenkreuzsymbol – deutlich zu
sehen sind, behauptete die Vereinigung
Jugendburg Ludwigstein gegen den
ausschließlichen Anspruch der Natio-
nalsozialisten ihr Anrecht darauf, das
Erbe der Weltkriegstoten aus den Rei-
hen der Wandervögel zu vertreten.
S. Rappe-Weber
87 • (Abb. S. 47)
Buntglasfenster des Gedenkraums
auf Burg Ludwigstein
Entwurf: O. Brenneisen · Hannover, 1933
Glas, Blei, Holz · 163 x 110 cm
Witzenhausen, Burg Ludwigstein
258 Katalog
dieser Sakralisierung und Heroisierung
des Kriegstodes entspricht die Gestal-
tung einer grundsätzlichen Wendung des
Totenkultes am Ende der 1920er Jahre,
bei dem sich die Trauer mit der Versi-
cherung verbindet, dass die Opfer nicht
umsonst gewesen und Voraussetzung für
alles Leben und ein neues Menschentum
seien. Dieser politisch-ideologischen
Programmatik verlieh der Wandspruch
„Die Gefällten sind es auf denen das
Leben steht“ von Christian Morgenstern
(1871–1914) zusätzlich Ausdruck. Daher
ist es auch nicht verwunderlich, dass
der Raum mit seinem Glasfenster nach
der nationalsozialistischen Machtüber- Abbildung aus
nahme in Anwesenheit von HJ-Führern,
die mittlerweile die Kontrolle über die urheberrechtlichen Gründen
Burg übernommen hatten, eingeweiht
wurde. H.-U. Thamer unkenntlich gemacht
88 • (Abb. S. 46)
Langemarckheft
Der Falke. Monatsschrift der Adler und Falken. Deut
sche Jugendwanderer e.V. 1932, H. 4/5 · 23,3 x 15,5 cm
Witzenhausen, AdJb, Z 100/1003
Kriegserinnerung 259
Ein Meer aus Fahnen
Wie kaum ein anderes Symbol reprä
sentieren Fahnen und Wimpel die bün
dische Gemeinschaft und Vielfalt in
der Öffentlichkeit. Genutzt bei Bundes
treffen, Märschen und im Kaiserreich
bei Nationalfesten, bildeten sie einen
Teil der Selbstdarstellung einer Gruppe.
Die Fahnenweihe spielte eine ebenso
große Rolle wie der Eid auf die Fahne,
ihr Bewachen im Lager oder ihr Tragen.
Nach 1918 kamen neue Gruppen und
Zeichen auf. Einige, teilweise völkisch
orientierte Bünde griffen vermehrt Ru
nen und Hakenkreuze auf, christliche
die von ihnen interpretierte Kreuzsym-
bolik. Schwarzes Fahnentuch versinn-
bildlichte die Erniedrigung Deutschlands
durch den Versailler Vertrag. Dem Fah-
nenkult der Hitlerjugend versuchte die
bündische Jugend die durch Mannigfal-
tigkeit gekennzeichneten Fahnenmeere
entgegenzuhalten.
90 •
Fahne des Alt-Wandervogel, Ortsgruppe
Berlin-Steglitz
Entwurf: Rudolf W. „Simson“ Reichel · Stickerei:
Mädchen der AWV-Gruppe Steglitz · 1923/24 · Grund:
Wolle, leinwandbindig, grün; Applikation: Wolle, lein
wandbindig, rot; Stickerei: Seide, Languettenstich,
gelb, beige; Bindebänder: Baumwolle, schwarz · 73 x
70 cm · Bez. (beidseitig): Hie guet allwege Stegelitz
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 11
260 Katalog
91 •
Fahne einer Wandervogelgruppe
Sachsen, 1920er Jahre · Grund: Leinen, naturfarben;
Fransen aus dem Grundgewebe gezogen; Oberkante
Tunnel; Motiv aufgemalt · 66 (mit Fransen) x 50 cm
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 307
92 •
Fahne des Bayerischen Wandervogel
Um 1910 (?) · Grund: Baumwolle, leinwandbindig,
weiß; Applikationen: blau, schwarz, gelb, mit Tam
bourierstich fixiert · 48 x 140 cm (mit Schlaufen)
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 288
94
In den Wandervogelbünden stellte der 93 • 94 •
Sport keinen Selbstzweck dar, sollte Fahne des Wandervogel e.V. Berlin-West Fahne der Rabenklaue
die körperliche Ertüchtigung hier doch Vor 1933 · Grund: Leinen, blau; Applikation: Baum Hunsrück, um 1925 · Grund: Baumwolle, leinwand
– anders als in den Turn- und Sportver- wolle, gelb/Grund: Baumwolle, blau; Applikation: bindig, rot; Besatz: Baumwolle, blau, Wolle, lein
einen – v.a. über das Wandern selbst Baumwolle, gelb/Bindebänder: Baumwolle, dunkel wandbindig, blau; Stickerei: weiß · 96 x 172 cm (mit
vermittelt werden. Aus dem Wandern braun · 37 x 37 cm Schlaufen)
heraus ergaben sich sportliche und Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 15 Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V.,
spielerische Betätigungen wie der Lauf, Archiv
das Klettern, das Schwimmen oder das Zur Überlieferungsgeschichte der Fah-
Geländespiel. Erst als der Wandervogel ne ist – allerdings ohne genaue Datie In den „Weistümern des Bundes“ legte
nach pfadfinderischem Vorbild vermehrt rungen – festgehalten, dass sie vor der Bundesführer Robert Oelbermann
Lager veranstaltete, standen auch Wett- 1933 im Berliner Wandervogel verwen- (1896–1941) die Organisationsstruktur
kämpfe auf dem Programm, bei denen det wurde. Dafür ist ihre Emblematik des Nerother Wandervogel dar: „Jeder
die Sieger als Belohnung eine Fahne ungewöhnlich. Sowohl die Farben Orden und jedes Fähnlein führt sein
erringen konnten – trotz der Vorbehalte Gelb bzw. Gold auf blauem Grund, die Banner oder Wimpel, auf dem die ei-
gegen einen „Götzendienst an der Zahl“ als arische Farben galten, wie auch die genen Wappen getragen werden. Diese
(Klingel), den Sportplatz, Uhr und Maß- Kombination der beiden Elemente Pflug werden durch den Wappenspruch vom
band repräsentierten. S. Rappe-Weber und Hakenkreuz stehen eindeutig für Bundesführer geweiht. Das gemeinsa-
die germanisch-völkische Ideologie, die me Bundeswappen ist der Wildschwan.
Erich Klingel: Das Wandern in Verbindung mit über Gruppierungen wie den „Greifen- Die Bundesfarben sind blau-rot.“
Leibesübungen aller Art. Vortrag auf dem Reichs bund“ und Personen wie den Pädagogen Der Bund war also nicht in Gaue, son
herbergstag in Düsseldorf am 19. September 1926. Wilhelm Schwaner (1863–1944), zu- dern in Orden unterteilt. Nach Ansicht
Hilchenbach [1930]. – Jugend gestern und heute. gleich Herausgeber der Zeitschrift „Der Paul Lesers (1899–1984) war das der
Bearb. von Ursula Katharina Nauderer. [Link]. Volkserzieher“, an den Wandervogel „Königsweg“ für die Nerother. So ent-
Bezirksmuseum Dachau. Dachau 2012, bes. S. 79. herangetragen wurden, ohne dass es zu wickelte sich eine große Vielfalt von
einer vollständigen Übernahme dieses Orden „mit eigenem Leben“, die Oelber-
Gedankengutes kam. S. Rappe-Weber mann auch förderte. Auf den jährlichen
95
Fahne der Freischar Bielefeld
1925/33 · 52,8 x 38 cm
Bielefeld, Stadtarchiv, 270/2 Nr. 9
262 Katalog
99 •
Fahne der Hansischen Jungenschaft
Vor 1933 und nach 1945 · Grund: Wolle, leinwandbin
dig, rot, beige; Aufdruck: schwarz; Tunnel mit Kordel
und Karabinerhaken · 72 x 91 cm
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 77
100 •
Fahne der Pfadfinder-Landesmark
Mittelelbe, Magdeburg
Vor 1925 · Grund: Baumwolle, schwarz; Applikation:
Baumwolle, weiß/Grund: Baumwolle, ocker; Applika
tion: Flechtband, schwarz · 77 x 128 cm
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 145
264 Katalog
105 •
Fahne des Jungkreuzbundes
Duisburg (?) 1920/30er Jahre · Grund: Baumwolle,
schwarz; Applikation: Baumwolle, gelb · 155 x 151 cm
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 303
106 •
Fahne des Bundes Deutscher Bibelkreise 105
1920er Jahre · Grund: Wolle, schwarz, Tunnel; Einla
ge: Baumwolle, schwarz; Stickerei: Tambourierstich,
weiß · 34 x 107 cm
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 126
3. Fotoalbum
1931 (?) · Pappe · 23 x 32,5 cm
Bielefeld, Stadtarchiv, 270/2 Nr. 28
266 Katalog
Vor dem Ersten Weltkrieg mussten sich
Mädchen und Frauen ihre Beteiligung
am Wandervogel und damit emanzipa-
tive Spielräume hart erkämpfen. Nach
1918 wurden weibliche Gruppen ein
selbstverständlicher Teil vieler Bünde,
die sich als „Volk im Kleinen“ verstan-
den und sich daher der Aufnahme von
Mädchen und Frauen stärker öffneten.
Die Führung und Gestaltung der Bünde
waren aber weiterhin deutlich von
Männern dominiert, und auch die sol-
datischen Leitbilder waren für Männer
und Jungen konzipiert. Parallel dazu
etablierte sich das Ideal einer im Stil-
len heroischen Frau, die als Gefährtin
des Mannes und Erzieherin der Kinder
ihren Teil zum Wiederaufstieg des Vol-
kes beitragen sollte. Das galt auch für
den Jungnationalen Bund, der einen
hohen Anteil von Mädchen aufwies. In
dem Fahrtenbuch ist der Besuch einer
Mädchengruppe des „Junabus“ auf der 111
Burg Ludwigstein dokumentiert, einem
zentralen Treffpunkt der Jugendbewe- von Erwachsenen bei den Pfadfindern schied 1921 als Jungnationaler Bund
gung seit den 1920er Jahren. eine maßgebliche Rolle. Dem entsprach aus. Der Deutschnationale Jugendbund,
R. Ahrens eine straffere Organisation als in jugend- seit 1924 Großdeutscher Jugendbund,
bewegten Gruppen. Der DPB entwickelte vollzog unter Führung des Admirals
Marion E. P. de Ras: Körper, Eros und weibliche Kul sich zu einer überregionalen Organisa- Adolf von Trotha (1868–1940) dieselbe
tur. Mädchen im Wandervogel und in der Bündischen tion mit mehreren zehntausend Mitglie- Entwicklung etwas langsamer. 1930
Jugend 1900–1933. Pfaffenweiler 1988, S. 216–241. dern, deren Ziel es auch war, Kontakte vereinigten sich beide Bünde wieder
unter Jugendlichen über die nationalen zur Freischar junger Nation, einer der
Grenzen hinaus zu pflegen, wie eine Rei- stärksten Organisationen in der bündi-
he von Fahrtenbüchern deutlich werden schen Jugend.
lässt. Aufwendige Vorbereitungen waren Eine Gruppe der Freischar führte 1932
erforderlich, so mussten insbesondere eine „Grenzlandfahrt“ nach Ostpreußen
Reiserouten zusammengestellt und durch. Bei der Fahrt mit einem polni-
Unterkünfte organisiert werden. Diese schen Zug äußerten die Freischärler ihr
Reisen bedeuteten weitgehende „Hori- Ressentiment gegen das als Feind wahr-
zonterweiterungen“ für die Teilnehmer, genommene Polen, indem sie Zugabteile
zumal in der Zwischenkriegszeit natio- mit Toilettenschildern versahen und das
nales Denken und „Horizontverengun- Emblem der Polnischen Staatsbahnen
gen“ verbreitet waren. E. Hack (PKP) als Trophäe aus dem Sitzbezug
schnitten. Solche rüden Streiche zeigen
111 • eine Fahrtenrealität, die offensichtlich
110 Fahrtenbuch der Freischar junger mit dem Idealbild des unbeugsamen,
110 • Nation, Bund Westmark aber disziplinierten Deutschordensrit-
Bericht der Lettlandfahrt einer 1931–1933 · Handeinband, Ganzgewebe; Gewebe, ters kollidierte, an dem sich der bündi-
Freilingsgruppe Papier · 30 x 22,5 cm sche „Grenzlandkampf“ orientierte.
1931 · Handeinband; Karton, Kordel, Papier · 33,3 x Witzenhausen, AdJb, CH 235 R. Ahrens
30,1 cm · Bez.: Baltenfahrt
Witzenhausen, AdJb, CH 1 Nr. 551 Neben Wandervögeln und Pfadfindern Hie junge Nation. Hrsg. vom Jungnationalen Bund.
gab es noch einen dritten Traditions- Berlin-Charlottenburg 1929. – Vom Werden des
Dieses Fahrtenbuch gehörte dem strang, aus dem sich Anfang der 1920er Bundes [des Großdeutschen Jugendbundes]. Hrsg.
späteren Buchillustrator Dieter Evers Jahre die bündische Jugend entwickelte: von Hans Lades (Reihe der Bundesschriften 2). o.O.
aus Wiesbaden, Mitglied im Deutschen Den dezidiert politischen Deutschnatio- o.J. [nach 1929].
Pfadfinderbund (DPB). Im Unterschied nalen Jugendbund, der in der Endphase
zur Jugendbewegung, die die Selbster des Ersten Weltkriegs als Schülerver 112
ziehung Jugendlicher in kleinen, weit band zur Entlastung militärischer Fahrtenbuch einer Großfahrt
gehend altershomogenen Gruppen Dienststellen gegründet worden war. 1934 · Handeinband, Ganzgewebe; Gewebe, Pappe,
anstrebte, spielte die Idee der Erzie- Eine Fraktion orientierte sich schon Papier · 20,8 x 17,1 cm
hungsgemeinschaft unter Anleitung früh an der Jugendbewegung und Witzenhausen, AdJb, CH 1 Nr. 573
268 Katalog
115 117
gründete, auf das Erlebnis der nordi- Der 1921 gegründete Nerother Wan- das eine Auswahlkriterium, Fahrten-
schen Einsamkeit hin, eine neue jungen- dervogel wollte sich deutlich von den erfahrung das andere. Zudem musste
schaftliche Gemeinschaft, die dj.1.11, übrigen Bünden abheben. Robert Oel- jeder Teilnehmer 500 Mark zahlen. Am
die von der Deutschen Freischar ausge bermann (1896–1941) entwickelte daher 13. Mai 1931 starteten 13 Weltfahrer
schlossen wurde. Der vom Verfasser mit anderen das Barett. Die Führer der im Alter von 15 bis 28 Jahren zu einer
handgesetzte Fahrtenbericht revolutio- einzelnen Orden und Fähnlein wur- „Studienfahrt“, wie es in dem amtli-
nierte mit seinen Thesen und dem neuen den in der Höhle zu Neroth/Eifel zum chen Papier hieß. Finanziert wurde sie
Stil der Jungenschaft in kurzer Zeit die Ritter geschlagen und per Schwur dem weiter durch Theateraufführungen und
gesamte bündische Jugendbewegung. Bundesführer Oelbermann zur Gefolg- Konzerte.
Mit seinen Vorstellungen des vorausset- schaftstreue verpflichtet. Die Knappen Der Frankfurter Handelsschullehrer
zungslosen Sich-Selbst-Erringens und als weitere Bundesmitglieder trugen Wolf Kaiser war Oelbermanns Adjutant
der Forderung nach einem „wahren“, nicht wie die Ritter das rote, sondern und Dolmetscher der Gruppe. Walter
„echten“ Leben wandte sich „Tusk“ gegen in den Anfangsjahren farbig unter- Kesper und Anton Gdanietz oblag der
die bestehenden Bünde und gegen die schiedliche Barette, schließlich blaue. Bühnenaufbau, letzterer brachte zudem
Gesellschaft der Erwachsenen. Seine akti- Frauen aus dem Dorf Dorweiler nahe sängerische Qualitäten ein. Der Kunst-
vistisch-revolutionäre Ideologie, die ganz der Burg Waldeck nähten sie. Die Koppel student Karl Riediger leitete den Chor,
dem Zeitgeist der Wende zu den 1930er aus Messing an den breiten Gürteln malte Plakate und war der beste Schau-
Jahren entsprach, kam in dem Dreischritt fertigten die Nerother zum Teil selbst. spieler der Gruppe. Karl Mohri, Walde-
seiner Thesen zum Ausdruck: „Jugend ist Zu ihren Merkmalen gehörten ferner ein mar Hartmann und Robert Ritter waren
Entwicklung. Entwicklung ist Haß gegen Halstuch, welches nach den Farben des für das Filmen und Fotografieren zu-
den bisherigen Zustand und die Liebe jeweiligen Ordens gestaltet war, und zu ständig, der Lehrer Richard Lohmann
zum besseren Menschen. Das wieder ist offiziellen Anlässen ein weißes Hemd. für die Öffentlichkeitsarbeit. Heni
die Revolution.“ H.-U. Thamer Andere Gruppen konnten die Nerother Pohl betreute die zuweilen vorhande-
so leicht erkennen. S. Krolle nen Kraftfahrzeuge, der Masseur Carl
116 Vath die Kranken. Die beiden jüngsten
Nerother Wandervogel 117 • Teilnehmer Hans Grumann und Karl
Sammelpass der Nerother Weltfahrer Rumpelt, 15 und 16 Jahre alt, trugen
1. Barett mit Nerother-Abzeichen 1931–1933 die Fahne.
Um 1930 · Samt, dunkelrot; Besatz: Kordel; Koblenz, 16. April 1931 (ausgestellt) · Handeinband, Die Weltfahrt führte die jungen Leute
Abzeichen: Metall · Dm. 24 cm Gewebestreifen; Gewebe, Pappe, Papier · 32,2 x 21,1 cm u.a. nach Madrid, Lissabon, Madeira,
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., Teneriffa, Brasilien, Argentinien, Chile,
Archiv Archiv Bolivien, Peru, Panama, Mexiko, in die
USA, nach Japan und China. Sie legten
2. Gürtel mit Koppelschloss von Paul Leser Als Lohn für den einjährigen Arbeits- rund 32.500 km per Schiff, Bahn, Bus
(1899–1984) · um 1930 · Leder, schwarz; Wollfilz, dienst an der Jugendburg Waldeck und zu Fuß zurück. Als die Weltfahrer
dunkelblau; Metall · L. 102 cm stellte der Bundesführer des Nerother am 22. Oktober 1933 wieder in Deutsch-
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., Wandervogel Robert Oelbermann eine land eintrafen, hatte sich die politische
Archiv Weltfahrt in Aussicht. Sympathie war Situation gänzlich geändert, weshalb
118 •
Wikingerfahrten der Nerother
Serie von Künstlerpostkarten · um 1930 · Druck
15 x 10,5 cm
119 •
Die Nerother in Südamerika sehr gut. Die Gruppe stellte Robert Oel-
bermann (1896–1941) immer selbst zu-
1. Plakat „Nerother filmen Südamerika“ sammen. Jedoch konnten sich alle Mit-
1933 · Druck · 83,5 x 55,7 cm glieder bewerben und schulpflichtige
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., Jungen erhielten eine Sondererlaubnis
Archiv der Schulbehörde. Willi Jahn (geb. 1917)
fasste den Ausleseprozess wie folgt
2. Durch Südamerika. Erlebnisse und Eindrücke auf zusammen: „Der Nerother Wandervogel
einer Fahrt des Nerother Bundes durch die Welt. hat sich dadurch ausgezeichnet, dass er
In: Der Herold 1932, H. 1 · 23 x 15,8 cm Jungen nach seinen Prinzipien sog. Elite
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., ausgesucht hat. Die Elite bestand nicht
Archiv darin, dass sie Schüler einer Höheren
Schule gewesen sein mussten. Einmal
Das Plakat und die Zeitschrift belegen tüchtig für die Fahrt zu sein, zweitens
die für die Weimarer Republik fernen auch geistig sehr rege, das war eines
Ziele, welche die Nerother aufsuchten. der großen Kriterien, und dann kam das
Sie unternahmen von allen Bünden die Wichtigste hinzu und in der Kamerad-
spektakulärsten Großfahrten, die sie schaft verpflichtet wurden [sic!].“
u.a. nach Indien, in die Sowjetunion, in Die Nerother drehten mit ihrem Kamera-
den Orient, aber auch nach Südamerika mann Karl Mohri (1906–1978) 24 Filme,
führten. Die Fahrten vermarkteten sie wovon die UFA sechs als Kurzfilme in
118.2
270 Katalog
Unter sich
Von den Pfadfindern übernahmen bün-
dische Jugendgruppen nach dem Ersten
Weltkrieg das Zeltlager. Es wurde zum
zentralen Gemeinschaftserlebnis. Diese
Lager ersetzten mit ihren vom Militär
entlehnten Elementen der Erziehung
und Ausbildung, mit Sport und Spiel
die vormals schweifende Fahrt. Bei ihr
hatte noch die Sorge um den richtigen
Weg, das Essen und das Nachtquartier
die Jugendlichen beschäftigt.
Zeltlager konnten von kleinen Grup-
pen organisiert werden oder brachten
einen ganzen Bund zusammen. Sie
gaben die Möglichkeit zur Identifika-
tion mit ihm. Die von den Bünden im
Rahmen ihrer Bundestage abgehal-
tenen Großlager vereinten Tausende
120 Teilnehmer. Es waren eindrucksvolle,
organisatorische und logistische Leis
großen Kinos zeigte, so auch die Strei musste sich die Leinenhaut erst mit tungen. Oft hielten Fahrtenbücher
fen „Deutsche Jungens wandern durch Wasser vollsaugen, bevor sie wasser- gemeinsame Erlebnisse fest.
Griechenland“ (1930) und „Unter den dicht wurde.
Indianern Südamerikas“(1932). Darüber Erich Heine und seine Wanderschar-
hinaus spielten sie während ihrer Fahr- Freunde fuhren wiederholt mit dem
ten in den Theatern Stücke der Schrift- Zug an die östlich von Bielefeld gelege- 121 •
steller Martin Luserke (1880–1968) oder nen Flüsse Werre und Weser, um dort Tanz um ein Sonnwendfeuer
Franz Johannes Weinrich (1897–1978). Bootstouren zu starten. Heine machte A. Paul Weber (1893–1980) · 1932 · Malerei auf Lein
Insgesamt sahen auf der 1931 begonne- die Erfahrung, dass Anfang der 1920er wand · 100 x 151 cm
nen Weltfahrt des Nerother Wandervo- Jahre eine Gruppe, die ihre Faltboote Hamburg, Alfred Toepfer Stiftung F.V.S.
gel über 10.000 Menschen seine Auffüh- zusammensteckte, noch ein bestaunens-
rungen oder erlebten dessen Konzerte. wertes Ereignis bei der einheimischen Zu den Bildern, die den zentralen Ver-
S. Krolle Bevölkerung war. sammlungsraum der Jugendherberge im
Die Massenproduktion von Faltbooten thüringischen Schwarzburg schmückten,
120 • hatte in Deutschland nämlich erst 1919 gehört das Gemälde „Tanz um ein Sonn-
Faltboot begonnen, als der Schneidermeister wendfeuer“. Es zeigt das traditionell am
Klepperwerke GmbH, Rosenheim · 1920 · Esche, Johann Klepper (1868–1949) zusammen 21. Juni stattfindende Fest, das mit der
Leinen, teils beschichtet · 430 x 75 cm mit Karl Stich seine Firma in Rosenheim Entzündung eines großen Feuers endet.
Bielefeld, Historisches Museum Bielefeld, 2013/7/1 gründete. Zwar kaufte Klepper bereits Im 19. Jahrhundert erfuhr das Sonnen-
1907 vom Faltboot-Pionier Alfred Hein- wendfeuer als ein auf vorchristliche,
Das Einsitzer-Faltboot gehörte dem rich die Lizenz zum Bau von dessen angeblich „germanische“ Zeiten zurück-
Bielefelder Erich Heine (geb. 1901). Der Modell „Delphin“, doch eignete sich dies gehendes Ritual eine vielfache Neubele-
spätere Werkzeugmacher trat 1914 dem noch nicht zur Massenfertigung. bung. Im völkisch gesinnten Milieu sowie
Wandervogel bei und wechselte 1920 zu U. Schlicht in naturreligiösen Kreisen wurde das
den Wanderscharen e.V. Deren Mitglie- Ereignis mystisch-weihevoll praktiziert.
der rekrutierten sich vorwiegend aus Wilhelm Mogge: Im Schnittpunkt zwischen Bürger Auch in der Wandervogelbewegung
Volksschülern, Handwerkslehrlingen tum und Arbeiterbewegung. Entstehung und Aus spielte es eine wichtige Rolle. Das Ver-
sowie jungen Arbeitern und verfolgten wirkungen der Wanderscharen e.V. In: Jahrbuch des sammeln um ein hell flackerndes, wär-
ein sozialistisches Lebensbild, ohne Archivs der Deutschen Jugendbewegung 10, 1978, mendes Feuer ging mit einem gemein-
zur organisierten Arbeiterjugend ge- S. 130–139. – Frigga Tiletschke/Christel Liebold: Aus schaftlichen „archaischen“ Naturerleben
zählt werden zu können. Ebenfalls 1920 grauer Städte Mauern. Bürgerliche Jugendbewe einher und stärkte so den Zusammen-
erwarb Heine das Boot, das aus einem gung in Bielefeld 1900–1933. [Link]. Historisches halt der Gruppe.
zerlegbaren Eschenholzgerüst und Museum Bielefeld (Schriften der Historischen Muse Die im Halbkreis um das Feuer stehen-
einer Leinenhaut besteht. Mittels einer en der Stadt Bielefeld 7). Bielefeld 1995. den Wandervögel sind von A. Paul Weber
Kniehebeltechnik konnte der Kajak in- nicht individuell, sondern als kompakte,
nerhalb von maximal 15 Minuten leicht in konzentrischen Reihen gegliederte
aufgebaut werden und die Bootshaut Masse dargestellt. Ihre Blicke richten
die notwendige Spannung erhalten. An- sich ausnahmslos auf den hellen Licht-
ders als später verwendete Materialien schein in der rechten Bildhälfte.
272 Katalog
„Kibbo Kift“ von John Hargrave stand die Figur einer „Sesam“ – ein
(1894–1982) und der amerikanischen Zauberwort mit der Bedeutung „Öffne
Woodcraft-Bewegung von E. T. Seton dich“ – genannten Gottheit, die zusätz-
(1860–1946). Aufbauend auf intensivem lich zu dem auf der Fahne abgebildeten
Naturerleben, Zeltlager, handwerkli- Knoten die Gemeinschaft der „Sesam-
cher Betätigung und der Nachahmung brüder“ symbolisierte. In dem farbig
indianischen Stammeslebens wollte gefassten Holzkopf nahm diese Figur
Seton in der Jugend archaische Emp- Gestalt an. Dieser „Sesam“ wurde im
findungen wiederbeleben und damit flackernden Feuerschein angebetet,
eine ganzheitliche Erziehung initiieren. besungen und umtanzt: „Sesam, wir
Diese Überlegungen griff Hargrave loben Dich!“. Der Wandervogel-Führer
später für eine umfassende Kritik an Werner Kindt (1898–1981) verbreitete
den englischen Pfadfindern auf und diese Geschichte in seinem Zeltlager-
gründete 1920 seinen eigenen Bund buch 1925. S. Rappe-Weber
„Kindred of the Kibbo Kift“ mit indiani-
scher Stammeserziehung als Leitbild. Werner Kindt: Das Zeltlagerbuch des Wandervogels
Auf die deutschen Verhältnisse wurde Gau Nordmark. Potsdam 1925.
dieses Konzept durch Ludwig Habbel
(1894–1964), den Gründer des Neupfad- 126 •
finderbundes übertragen. Indianische Führerbesprechung im Burghof –
Mythen, Symbole und Rituale flossen in Pfingsten 1921
das Leben der Pfadfinderstämme ein; 125.2 Gretl Wolfinger (1891–1954) · aus: Gretl Wolfinger/
intensiv-freundschaftliche Verhältnisse, Hermann Wilhelm: Nörten. Der Bundestag des
die durchaus mit homoerotischen Emp- in der Natur, aber auch der Dynamik Wandervogel V.B. Eine Mappe. Nürnberg 1921
findungen gepaart sein konnten, bilde- in der Gruppe Gleichaltriger stellte, Druck · 20,5 x 29 cm
ten sich zwischen Gruppenführern und gewann man gleichermaßen Freiheit Witzenhausen, AdJb, A 7 Nr. 1
Geführten aus. – Die Selbstbezeichnung gegenüber der Enge der Stadt und der
als „Hirschvolk“ und die Darstellung Autorität der Erwachsenenwelt. Nach Bundestage gehörten in den meisten
eines Indianer-Tipis im Fahrtenbuch 1918 hielten neue Bedürfnisse in den Verbänden der deutschen Jugendbe-
zeigen, wie sich die Neupfadfinder aus Jugendgruppen Einzug, entsprechend wegung zu den zentralen Ereignissen.
Rosswein in Sachsen seit 1919 mit dem dem freieren Jugendleben in der Wei- Meist an Pfingsten trafen sich die
Naturvolk-Ideal identifizierten. marer Republik. Als neue Form, in der verschiedenen Orts- und Landesgrup-
S. Rappe-Weber der Anspruch auf Austausch und Besin- pen eines Bundes zu gemeinsamen
nung Platz fand, galt das Zeltlager. So Gesang, Tanz und Spiel, Aussprachen
Sven Reiß/Susanne Rappe-Weber: Zur Ausstellung wie Zeltbau, eine feste Tageseinteilung und Feuerreden. Stand auf Fahrten
„Hundert Jahre Pfadfinden in Deutschland“. In: und sportliche Aktivitäten gehörte das üblicherweise die kleine Gruppe im
Historische Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs Aufstellen des Gruppenwimpels zur Mittelpunkt, waren die Bundestage
der Deutschen Jugendbewegung N.F. 6, 2009, Einrichtung des Lagers. Feste des großen Gemeinschaftserle-
S. 234–249, bes. S. 242. Die Führung des Wandervogel-Gaus bens mit Gleichgesinnten. Beliebte Orte
Nordmark erfand dazu eine roman- hierfür waren abseits der Städte gele-
125 • tisch-schöne Gruppengeschichte, die gene Burgen und Ruinen. Die farbige
Wandervogel e.V. Gau Nordmark von den Jugendlichen aufgegriffen und Steinzeichnung zeigt dies exemplarisch
Hamburg, Gruppe Sesambrüder oder weitergesponnen wurde. Im Zentrum am 3. Bundestag des Wandervogel V.B.
Sesamhorde
1. Wimpel
Um 1920 · Grund: Baumwolle, schwarz; Stickerei:
Baumwolle, ocker, rot, blau, weiß; Bindebänder
28 x 60 cm
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 21
2. Fahnenspitze
Entwurf: Grossinger · um 1920 · Holz, geschnitzt,
bemalt; Gewinde · 17 x 11,5 cm · Bez.: SeSAM
Witzenhausen, AdJb, G 7 Nr. 75
274 Katalog
ein Grundstück mit Kotten. Dieser Ort und Hans Fahrenberger aus Coburg, Frigga Tiletschke/Christel Liebold: Aus grauer
stellte in seiner Blütezeit zwischen 1925 die Mitglieder im „Jung-Wandervogel, Städte Mauern. Bürgerliche Jugendbewegung in
und 1933 eine Besonderheit im Grenz- Bund für Jugendwandern“ bzw. im Bielefeld 1900–1933. [Link]. Historisches Muse
bereich zwischen Jugendbewegung und „Wandervogel, Deutscher Bund für um Bielefeld (Schriften der Historischen Museen
öffentlicher Jugendpflege dar. Jugendwanderungen“ waren. der Stadt Bielefeld 7). Bielefeld 1995, S. 172–189,
In Greten Venn begegneten sich Mitglie- Als Heranwachsende um 1900 in den bes. S. 177, 180.
der der bürgerlichen Jugendbewegung ersten Wandervogelgruppen in ihrer
und der Arbeiterjugend, das Denken in freien Zeit, oft auch über mehrere Tage 133
Klassen wurde hier aufgehoben, nicht „auf Fahrt“ gingen, suchten sie sich Entwurf für die Wandgestaltung eines
zuletzt durch gemeinsames Singen und sog. Nester, einfache Unterkünfte, die Nestes
Volkstänze. Bündische Jugendliche ohne sie liebevoll ausgestalteten. Kamerad- Um 1928/29 · Karton, Wasserfarben · 13,2 x 9,5 cm
eigenes Heim hatten so in der Senne schaftliches Haushalten und Wirt- Bielefeld, Stadtarchiv, 270/2 Nr. 13, 38 (?)
ein festes Ziel. Wandervögel, Fahrende schaften wurde geschult, menschliches
Gesellen und Wanderscharen kamen u.a. Miteinander und das Sozialverhalten Für die wöchentlichen Treffen hatten
dorthin und fanden auf dem Gelände untereinander gefördert. Gäste waren fast alle bündischen Gruppen ein sog.
auch Platz für ihre Zelte und Kohten. willkommen und in den Nestbüchern Nest. Dort trafen sich die Jugendlichen,
1930 konnte mit staatlicher Unterstüt- hielt man gemeinsame Erlebnisse um die nächsten Fahrten und Wande-
zung zudem ein Neubau errichtet wer- fest. Bevorzugt wurde eine einsame rungen zu besprechen und um im Win-
den. Mit Hilfe eines Darlehns von Lina Lage mit Schwimmgelegenheit in der ter den Kontakt aufrecht zu erhalten; es
Oetker (1867–1945), Frau des bekannten näheren Umgebung. Mangels eigener wurde gesungen, musiziert, diskutiert
Unternehmensgründers, erfolgte 1933 Landheime bestand auch die Möglich- und gelesen.
die Privatisierung, um den Besitz vor keit Nutzungsrechte an fremden zu Die Heimabende der Bielefelder Sektion
dem Zugriff der Nationalsozialisten zu erwerben. E. Hack des Großdeutschen Jugendbundes hat-
retten. Greten Venn diente nun vorwie- ten zunächst in den Elternhäusern der
gend als Mütter-, Jugend- und Kinderer- 132 Mitglieder stattgefunden. Schließlich
holungsstätte. C. Selheim Mitgliedskartei der Ortsgruppe Biele- bekamen sie kurz vor Weihnachten 1928
feld des Großdeutschen Jugendbundes den ehemaligen Pulverschuppen vor der
Frigga Tiletschke/Christel Liebold: Aus grauer Städte Um 1930 · 8 x 14,5 x 8,5 cm Sparrenburg, den die Jungen renovier-
Mauern. Bürgerliche Jugendbewegung in Bielefeld Bielefeld, Stadtarchiv, 270/2 Nr. 84 ten. Der Entwurf für einen Wandan-
1900–1933. [Link]. Historisches Museum Bielefeld strich in Schwarz-Weiß-Rot demonst-
(Schriften der Historischen Museen der Stadt Biele Als 1925 eine Bielefelder Ortsgruppe rierte die deutschnationale Gesinnung
feld 7). Bielefeld 1995, S. 265–275. – Christel Liebold: des Großdeutschen Jugendbundes des Bundes. C. Liebold
„Es wird zuviel geredet, ... aber es wird zu wenig gegründet wurde, rekrutierten sich ihre
getan“. Die Schulleiterin und Jugendpflegerin Emmy Angehörigen vornehmlich aus Gymna- Frigga Tiletschke/Christel Liebold: Aus grauer Städte
Mertgen (1880–1959). In: Frauen in der Bielefelder siasten. Im Ratsgymnasium warb die Mauern. Bürgerliche Jugendbewegung in Bielefeld
Geschichte. Hrsg. von Bärbel Sunderbrink. Bielefeld Bundesleitung um neue Mitglieder, die 1900–1933. [Link]. Historisches Museum Bielefeld
2010, S. 135–141. meist aus bekannten Bielefelder Famili- (Schriften der Historischen Museen der Stadt Biele
en stammten, darunter Söhne von Ärz- feld 7). Bielefeld 1995, bes. S. 183.
ten, Juristen, Fabrikanten, Studienräten
und höheren Verwaltungsbeamten. Die 134
Gesinnung in den Elternhäusern war Nester auf Postkarten
konservativ und national. Fotograf: Julius Groß (1892–1986) · um 1915 · Druck
Deren soziale Stellung spiegelte sich in
den teilweise nach preußischen Gene- 1. Nest · 12,8 x 8,1 cm
ralen benannten Gruppen des Bundes Witzenhausen, AdJb, N 65 Nr. 10
wider: bei den Roten Husaren und den
Blauen Ulanen waren überwiegend 2. Potsdamer Stadtnest · 11 x 8,1 cm
Kaufmanns- und Fabrikantenkinder; Witzenhausen, AdJb, N 65 Nr. 12
die von Lehrern, leitenden Angestellten
und Beamten v.a. in den Gefolgschaften 3. Nest · 11 x 8,1 cm
Sickingen und Schill; für die Schüler Witzenhausen, AdJb, N 65 Nr. 13
131 der Helmholtz-Oberrealschule war die
131 • Gefolgschaft York eingerichtet worden. 4. Nest · 13,6 x 8,7 cm
Fotoalbum des Wandervogel, 1933 hatte die Ortsgruppe laut Mit- Witzenhausen, AdJb, N 65 Nr. 18
Ortsgruppe Coburg gliedskartei 86 aktive Angehörige. Bis
1911–1924 · Karton, gefalzt · 22,5 x 27 cm dahin waren 22 Jugendliche freiwillig 5. Berliner Nest · 13,4 x 8,1 cm
Witzenhausen, AdJb, F 3 Nr. 108 oder unfreiwillig ausgeschieden. Wer Witzenhausen, AdJb, N 65 Nr. 20
sich der straffen Organisation nicht
In dem Album ist auf einem Aquarell unterordnen wollte oder nicht regelmä- 6. Nest · 8,4 x 10,7 cm
aus dem Jahr 1913 das Landheim des ßig erschien, konnte auf einem Thing Witzenhausen, AdJb, N 65 Nr. 22
Coburger Wandervogel in Rottenbach „wegen völliger Interesselosigkeit raus-
zu sehen. Es stammt von Elisabeth geschmissen“ werden. C. Liebold (vgl. [Link]. 205)
276 Katalog
Arta Valstar/Dieter C. Schütz. Bonn 1985, S. 73–86. – Mit der Anlage verband Buschhüter Buschhüter ambitionierte Pläne erstellte.
Walfried Pohl: Der Krefelder Architekt Karl Busch sein Ideal des geldlosen Wirtschaftens. So vertrieb das Werbeamt des Jugend-
hüter 1872–1956 (Krefelder Studien 4). Krefeld 1987, So sollte der Bau Erneuerungsstätte burgbundes verschiedene Postkarten
S. 7–388, bes. S. 71. jugendlichen Wesens, Jugendherberge, mit Motiven der geplanten Burg, eine Ge-
Schullandheim, Fortbildungsschule samt- und eine Detailansicht, sowie dazu
für Bauleute und Landwirte, Volks- passende Schatzmarken. Die Mitglieder
hochschule, Kulturhaus, Sportarena, sollten möglichst viele Karten verkaufen,
Festspielhaus, Kultstätte, Ehrenmal, um zusätzliche Mittel für das Projekt zu
Verwaltungssitz, Bauernhof und Wirt- requirieren. Dazu diente auch die veran-
schaftsbetrieb mit Handwerkern sein. staltete eigene Lotterie.
In der Werbebroschüre für die „Rhei- M. Gruninger
nische Jugendburg“ ([Link]. 135) hielt
er „Nötiges über Baukunst“ fest und Robert Oelbermann: Die Rheinische Jugendburg. In:
merkte u.a. an, dass die aus dem Wan- Wandervogel. Monatsschrift für deutsches Jugend
dervogel stammende Jugend auch im wandern 5/6, 1921, S. 113–117, bes. S. 113, 115. – Hotte
Bau den „Ausdruck ihres neuen Lebens“ Schneider: Die Waldeck. Lieder, Fahrten, Abenteuer.
stürmisch verlange. C. Selheim Die Geschichte der Burg Waldeck von 1911 bis heute.
Potsdam 2005, S. 43.
Karl Buschhüter: Nötiges über Baukunst. In: Die
Rheinische Jugendburg. Werbeschrift für die Rhei
nische Jugendburg. Hrsg. vom Bund zur Errichtung
der Rheinischen Jugendburg. Bonn 1921, S. 9–12. –
Ders.: Die Burg. In: Ebd., S. 13–20. – Walfried Pohl:
Der Krefelder Architekt Karl Buschhüter 1872–1956
(Krefelder Studien 4). Krefeld 1987, S. 1–388, bes.
S. 60–69.
140 •
Werbemittel für die Rheinische
139 Jugendburg
139 •
Plakatentwurf für einen Vortrag über 1. Postkarte
Baukunst und Jugendburg Entwurf: Karl Buschhüter (1872–1956) · 1920er Jahre
Karl Buschhüter (1872–1956) · 1920er Jahre Druck · 15,3 x 10 cm
Transparentpapier, Feder in Schwarz · 70 x 49,5 cm Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–
Berlin, Werkbundarchiv – Museum der Dinge 128/117
Jugendburgen 277
dem Bund zugewiesen worden, nachdem
der Provinzialkonservator die Überbau-
ung der Fundamente untersagt hatte.
Gerahmt wird der Entwurf zur Jugend-
burg von einem Mischwesen, das oben
als zur Seite schauender Greifvogel und
unten als in sich zusammengesunkenes,
seinen Rachen aufreißendes Ungeheuer
mit Krallen dargestellt ist. C. Selheim
278 Katalog
ausgebessert, Kachelöfen gesetzt, Räume
verputzt worden. Man verzeichnete rund
9.000 Übernachtungen.
Anders als in den vorliegenden Entwür-
fen wurde als Wetterfahne schließlich
ein frei fliegender Zugvogel, „Wandervo-
gel-Greif“, ohne Rahmen und Jahreszahl
realisiert. Das Motiv wiederholte sich
auf einem blauen Banner mit weißem
Greif, das ebenfalls 1925 auf dem Turm
neu aufgezogen wurde. Der Jugendburg-
Gründer Enno Narten (1889–1973) hatte
tatsächlich fast alle großen Bünde für
die Unterstützung seines Projektes
gewonnen. Zudem bekannten sich der
Kronacher Bund, der Bund Deutscher
Wanderer, das Deutsche Jugendher-
bergswerk, der Wandervogel e.V. sowie
der Verlag Junge Menschen zur Unter-
stützung der Burg. Als gemeinsames
Emblem der Jugendbewegung hatte sich
der Wandervogel-Greif durchgesetzt, ge-
rade weil sich die Bünde untereinander
in Stil und Programmatik sehr unter-
schiedlich gaben und obwohl sie sich
überwiegend vom romantischen Ideal
des Wandervogel in der Vorkriegszeit
längst abgelöst hatten. S. Rappe-Weber
145 •
Notgeldscheine
1921/22 · Papier, bedruckt · 6,5 x 9 cm
Witzenhausen, AdJb, A 211 Nr. 9
Jugendburgen 279
Bekedorf in Hannover-Linden auf ten im Innenhof. Ihre Kluft – Reform-
Grundlage von Fotografien von G. Utke kleider bzw. Fahrtenhemden mit Schil-
hergestellt wurde. Bildthemen sind die lerkragen – weist beide Geschlechter
gelungene Instandsetzung des Fach- als Wandervögel aus. S. Rappe-Weber
werks und der Fenster im Innenhof der
Burg sowie die spektakuläre Lage in
ländlicher Umgebung an der Werra mit
Sicht auf die Gegenburg Hanstein im
Eichsfeld. S. Rappe-Weber
149 •
147 Postkarten von der Jugendburg
147 • Ludwigstein
Fotoalbum mit Aufnahmen von
Jugendherbergen 1. Jugendburg Ludwigstein im Werratal
Um 1920 · Ganzgewebe; Gewebe, Kordel, Pappe, Carl Eberth (1882–1955) · um 1930 · Druck
Karton, Transparentpapier · 26,5 x 38,5 cm 9 x 14,2 cm
Witzenhausen, AdJb, N 65 Nr. 1 Witzenhausen, AdJb, A 211 Nr. 136
Die von Julius Groß (1892–1986) stam- 2. Jugendburg Ludwigstein im Werratal – Gruppe
mende Fotografie zeigt einen Wander- im Burginnenhof
vogel mit Gitarre, der in der kalten Carl Eberth (1882–1955) · um 1930 · Druck
Jahreszeit allein auf einer Wiese unter 14,2 x 9 cm
Bäumen Rast macht und vom Meißner Witzenhausen, AdJb, A 211 Nr. 136
her den Blick auf die nahe gelegene Burg
Ludwigstein richtet. Nicht die Gruppe, Zum Konzept der Jugendburg Ludwig-
sondern der Einzelne, der sich dem Ziel stein als überbündischer Einrichtung
seiner Wanderung zu Fuß allmählich nä- gehörten nicht zuletzt gemeinsame 150
hert und sich dabei Zeit zu betrachtender Veranstaltungen von Mädchen- und 150 •
Einkehr nimmt, ist hier das Thema – ein Jungenbünden. Zwar hatte sich in den Postkarte „Jugendburg Ludwigstein –
durchaus häufiges Motiv in der Kunst. meisten Bünden die Geschlechtertren- Abend am Kamin“
Erst auf der Burg erwarten ihn ein Dach nung bei Fahrten und Wanderungen Nach 1933 · Druck · 14,6 x 10,5 cm
über dem Kopf, ein Kamin und Gesellig- durchgesetzt; Versammlungen, Bundes- Witzenhausen, AdJb, A 211 Nr. 136
keit unter Gleichgesinnten. Noch ver- tage oder Feste wurden aber durchaus
weilt er unterwegs und widmet sich dem übergreifend ausgerichtet, zumal die Mit der Inszenierung einer Gruppe
Anblick des erhabenen, mittelalterlichen Mädchen insgesamt bis zu einem Drittel uniformierter, zur Gitarre singender
Gemäuers, wie es die für den Wandervo- der Mitglieder in den Jugendbünden Hitlerjungen vor dem lodernden Ka-
gel programmatische Aufforderung zum stellten. Unter den jungen Erwachsenen min, in dem ein offen brodelnder Topf
„Wandern und Schauen“ verlangt. der Jugendbewegung überwogen ohne hängt, okkupieren die Nationalsozialis-
S. Rappe-Weber hin gemischtgeschlechtliche Zusam- ten symbolisch das Erbe der bündi-
menschlüsse. Diesem Bild entsprechen schen Jugend, wie es sich in der freien
148 • (Abb. S. 85) die Aufnahmen des Kasseler Fotografen Jugendburg Ludwigstein seit 1920
Burginnenhof Carl Eberth, die als Werbepostkarten manifestiert hatte. So ist auch die Be-
aus: Jugendburg Ludwigstein nach photographi für die Burg Ludwigstein in Umlauf nennung als „Jugendburg Ludwigstein“
schen Aufnahmen von G. Utke. Hannover 1930 gebracht wurden. Sie zeigen ein gesel- und „Abend am Kamin“ zu verstehen.
Druck: Hannoversche Lichtdruckanstalt G. Bekedorf liges Miteinander junger Frauen und In vielen Einzelheiten wird die bün-
Fotografie · 22,4 x 28 cm Männer: einmal beim gemeinsamen, dische Gruppe nachgeahmt. Und doch
Witzenhausen, AdJb, F 2 Nr. 32 von der Gitarre begleiteten Singen im verweisen die demonstrativ zur Schau
rustikal eingerichteten Kamin- und gestellte Hakenkreuzbinde am Oberarm
Zehn Jahre nachdem die Vereinigung Landgrafenzimmer, einmal beim War- und der „kernige“ Ausdruck der Gruppe
Jugendburg Ludwigstein unter dem auf den Beginn einer neuen Zeit, die
Vorsitz Enno Nartens (1889–1973) die das vermeintlich Alte, wie es etwa die
Burg erworben hatte, waren die Reno- Fotos von Carl Eberth (1882–1955) zei-
vierungsarbeiten weit vorangekommen. gen ([Link]. 149), abgelöst hat. Die Ein-
Die Jugendburg hatte sich einen festen richtung einer HJ-Gebietsführerschule
Platz im Leben der Jugendbünde aber 1933 und schließlich die Eingliederung
auch als einfache und zugleich schön in das gleichgeschaltete Jugendher-
gestaltete Herberge für viele Besucher- bergswerk dienten dazu, die Ideale der
gruppen aus Nah und Fern gesichert. Jugendburg und das Mahnmal für die
Dieses Selbstverständnis spiegelt die Weltkriegstoten in den Dienst des Natio
Bildmappe wider, die 1930 von der Han nalsozialismus zu stellen.
noverschen Lichtdruckanstalt Gustav S. Rappe-Weber
149.1
280 Katalog
Jugendherbergen
Auf den Lehrer Richard Schirrmann
geht die Idee zurück, ein flächende-
ckendes Netz von günstigen Übernach-
tungsmöglichkeiten für wandernde
Schüler und Jugendliche im Deutschen
Reich zu schaffen. Die erste provisori-
sche Jugendherberge entstand 1907 in
Altena im Sauerland, 1909 folgte die
Gründung des Jugendherbergswerks und
1912 wurde in der Stadt auch die erste
offizielle Herberge eröffnet. Schirrmann
wollte die Jugend auf Wanderungen
unterrichten und körperlich ertüchtigen.
Seit 1913 erhielt er finanzielle Unterstüt-
zung vom Jungdeutschlandbund, auch
um militärische Tugenden zu stärken.
1921 gab es bereits über 1.000 Jugend-
herbergen. Reichsweite Spendensamm- 151
lungen dienten der Finanzierung und
Werbung. Neben Schulklassen nutzten chen Kreisen angehörende bündische Linie Jugendherbergen auf. Erwähnt
besonders Angehörige der Jugendbewe- Jugend zu Gast, sondern auch die in den sind neben der Ausstattung nahe gele-
gung diese günstigen Quartiere. Industriestädten lebenden Kinder und gene Sportstätten, Kirchen, Postämter
Jugendlichen unterer sozialer Schichten. und Bahnhöfe. Landkarten zeigen Orte
1925 gab Schirrmann einen Leitfaden mit Jugendherbergen. Ferner finden sich
für bauliche Richtlinien zur Errichtung Auszüge aus der Hausordnung für Deut-
151 • von Jugendherbergen heraus. Nach In- sche Jugendherbergen, Anzeigen, ein
Entwurf für eine Musterjugendherberge krafttreten des Dawesplanes 1924 er Schulferienkalender, Ratschläge für die
Richard Schirrmann (1874–1961) · Bearbeiter: folgte ein Ausbau des Herbergsnetzes, richtige Ernährung, Angaben zu Fahr-
Architekt Gerhard · Wetter an der Ruhr, 1924/25 wobei zunächst an der beliebten Eifel- preisermäßigungen und ein umfangrei-
Pause (?) · 55,6 x 71 cm wanderstrecke Musterjugendherbergen ches Literaturverzeichnis. Mehrmals
Witzenhausen, AdJb, A 201 Nr. 166 realisiert wurden. sind Aufrufe zum Wandern zu lesen,
Manche Jugendliche betrachteten den darunter einer des Altenaer Lehrers
Nach Eröffnung der ersten Jugendher- Neubau und Unterhalt von Jugendher- Richard Schirrmann (1874–1961), dem
berge in Altena im Sauerland 1909, die bergen als Teil der Aufbauarbeit nach Begründer des Jugendherbergswerkes.
auf Anraten des Pädagogen Richard dem Krieg, zumal sie im Jugendwandern Der Verband definierte seinen Zweck
Schirrmann begründet worden war, sowohl das Gegengewicht zu der „ent- in der Ermöglichung des allgemeinen
beschäftigte sich dieser weiter mit der arteten Asphaltkultur“ der Großstädte Jugendwanderns, die Schaffung von
Gestaltung von günstigen Unterkünf- sahen als auch die „heilende Kraft“ für Übernachtungsstätten für junge Wande-
ten für Schüler und Jugendliche. Nach das „deutsche Volk“. C. Selheim
seinen Vorstellungen sollte es ein Netz
von 10.000 nach Möglichkeit im Grünen Kuno Becker: Wandern und Jugendherbergen. In:
gelegenen Jugendherbergen geben. Ne- Deutsche Kunstschau und Messe. Bearb. vom Ring
ben der Bevorzugung von leer stehenden Deutscher Jugend. Berlin 1924, S. 35–37. – Barbara
Burgen, die so zugleich im Sinne des Stambolis: Jugendherbergen: wie sie aussahen und
aufkommenden Heimatschutzes erhalten aussehen sollten. In: 100 Jahre Jugendherbergen
werden konnten, galt es idealtypische 1909–2009. Anfänge – Wandlungen – Rück- und
Neubauten zu planen. Der Entwurf Ausblicke. Hrsg. von Jürgen Reulecke/Barbara
der Musterjugendherberge basiert auf Stambolis. Essen 2009, S. 111–125.
Ideen Schirrmanns aus einer Zeit, als es
reichsweit etwa 2.000 Herbergen gab. 152 •
Das zweistöckige Gebäude war zweck- Reichs-Herbergsverzeichnis
mäßig unterteilt und bot Platz für 116 Reichs-Herbergsverzeichnis 1927/28. Hrsg. vom Ver
Betten, davon 52 für Mädchen. Ein Brau- band für Deutsche Jugendherbergen. 15. Ausgabe.
sebad im Keller diente der Hygiene. Die Hilchenbach 1927 · 15 x 12 cm
Herbergen sollten hell und ästhetisch Herdorf, Sammlung Hans Ermert
ansprechend, doch einfach eingerichtet
sein, nicht zuletzt, um auf ihre Nutzer Die Broschüre eignete sich hervorragend
geschmacksbildend zu wirken. Denn zur Vorbereitung und als Begleiter mehr-
hier war nicht nur die meist bürgerli- tägiger Wanderungen. Sie listet in erster
152
Jugendherbergen 281
rer als das Mittel dazu. Das jährlich er- Die soziale Unausgewogenheit dieser
scheinende Herbergsverzeichnis wurde Maßnahme führte zu einem Untersu-
1912 zum ersten Mal herausgegeben. Die chungsausschuss. Politiker des Zen-
erfolgreiche Entwicklung des „Unterneh- trums, der SPD und anderer Parteien
mens Jugendherbergen“ verdeutlichen bemühten sich um eine soziale Er-
in der Broschüre aufgeführte Zahlen: gänzung der Industrieentschädigung
Während es 1911 lediglich 17 Herbergen zugunsten der Gemeinden, des Mittel-
gab, waren es 15 Jahre später 2.300; be- stands und der Arbeiterschaft.
zogen auf jene Jahre wurden 3.000 bzw. 1926 bewilligte der Reichstag einen
2,1 Millionen Übernachtungen gezählt. Fond von 30 Millionen Reichsmark
Die Geburt der Idee zur Errichtung von zur Entschädigung von Betrieben,
im Abstand eines Tagesmarsches vonein- Handwerk und Landwirtschaft sowie
ander entfernten Wanderunterkünften Angestellten und Arbeitern. Dabei
für die Jugend soll Schirrmann 1909 sollten die Gewerkschaften zehn Mil-
auf einer mehrtägigen Wanderung mit lionen Reichsmark erhalten und damit
seinen Schülern von Altena nach Aachen Einrichtungen unterstützen, die allen
in einer Gewitternacht gehabt haben. Arbeitern und nicht nur ihren Mitglie-
A. Zelck dern zugutekamen. Die sozialdemokra-
tischen Gewerkschaften erhielten hier- 154
153 • für rund fünf Millionen Reichsmark,
Die Deutschen Gewerkschaften der die christlichen drei und die liberalen Kurze Texte erläutern die Motive. Vor-
Deutschen Jugend Gewerkvereine eine. Eine weitere Mil- angestellt sind jeweils ein Vorwort von
Gedenktafel · 1928 · Bronze · 75 x 55,5 cm lion verwaltete ein mehrheitlich aus Vertretern des Gaus Sachsen sowie der
Bez.: Entfernt / 1933 / Erneuert / 1950 Gewerkschaftsvertretern bestehendes Hartwig & Vogel A.-G. aus Dresden, be-
Herdorf, Sammlung Hans Ermert Kuratorium, das davon 750.000 Reichs- kannt unter dem Markennamen Tell. Die
mark für den Bau und Unterhalt von Bilder waren Erzeugnissen der Firma,
Die alliierte Besetzung des Ruhrgebiets Jugendherbergen verwendete. wie Schokolade, Kakao und Desserts, bei-
1923 und der darauf folgende passive Hierauf bezieht sich die Tafel, die an gelegt. Das Unternehmen zählte zeitwei-
Widerstand verursachten enorme volks jeder der elf neu errichteten Jugend- se zu den größten Schokoladenfabriken
wirtschaftliche Schäden. Die Hyperin- herbergen angebracht wurde: Sinsen, Deutschlands. Die Beigabe zu den weit
flation schädigte breite Volksschichten Niederwenigern, Glörtalsperre, Langen- verbreiteten Produkten war eine hervor-
– Massenarbeitslosigkeit und Verelen- berg, Brodenbach, Weiskirchen, Wisper- ragende Reklame für Jugendherbergen.
dung waren die Folge. Erst der Abbruch tal, Carl-Ulrich-Heim, Neustadt/Haardt, Vermutlich floss ein Teil des Verkaufser-
des passiven Widerstands und eine Wäh Kaiserslautern, Sohlberg. Das gleiche löses dem Jugendherbergswerk zu.
rungsreform ebneten den Weg zur wirt Motiv wurde auch als Plakette gefertigt. Das Sammelalbum, Teil eines zwei-
schaftlichen Erholung. Die Gestaltung verweist mit Wimpel, bändigen Werks, gehörte zu einer breit
Bereits in der zweiten Hälfte des Jahres Gitarre und Blumenstrauß auf zentrale angelegten Werbekampagne, die den
1924 erhielten elf Ruhrkonzerne von der Inhalte der Jugendbewegung (Gemein- Pionieren des Jugendherbergswerkes
Reichsregierung Schadenersatzzahlun- schaft, Liedgut und Naturerlebnis) eben wichtig war, um die Idee des flächen-
gen von etwa 700 Millionen Reichsmark. so wie mit den Schornsteinen auf die deckenden Herbergsnetzes für die
Fabrikarbeiterschaft, die die Gelder be- wandernde Jugend zu realisieren. Sie
reitgestellt hat. T. Brehm zielte darauf ab, eine große Öffentlich
keit für die Sache zu begeistern. Die
Fritz Blaich: Der „30-Millionen-Fonds“: Die Ausein Kampagnen hatten stets auch das
andersetzung um eine soziale Ruhrentschädigung Jugendwandern zum Inhalt, das eine
1925–1927. In: Blätter für deutsche Landesgeschichte weite Ausbreitung in der Bevölkerung
113, 1977, S. 450–476. erfahren sollte. Sie richteten sich an
unterschiedliche Adressaten: Es galt,
154 • Eltern und Jugend zu sensibilisieren,
Sammelalbum Förderer in Politik, Verwaltungen,
Deutsche Jugendherbergen. Hrsg. von der Hartwig Industrie, Wirtschaft, Kirche, Gesund-
& Vogel A.-G. Dresden 1932 · Handeinband, Halbge heits- und Schulwesen zu gewinnen
webe; Gewebe, Pappe, Papier, Transparentpapier sowie Helfer bzw. Mitarbeiter zu mobi-
28,7 x 28,8 cm lisieren. A. Zelck
GNM, Bibliothek, 4° Fx 193/1
Über Stock und Stein – 100 Jahre Jugendherber
In das Album sind farbige Sammelbilder gen. Bearb. von Heinrich Ulrich Seidel/Agnes Zelck.
eingeklebt, fast ausschließlich Ansichten [Link]. Museen Burg Altena. Lüdenscheid 2009,
von Jugendherbergen aus den insgesamt bes. S. 85.
26 damals existierenden Gauen, – so hie-
ßen die Landesverbände des Jugendher-
bergswerkes bis Mitte der 1930er Jahre.
153
282 Katalog
Rundfunk beteiligte sich, indem er Vor- herbergen vom 20. bis 27. Mai 1933. Seit
träge, Berichte und Diskussionen über Beginn der 1920er Jahre veranstaltete
Jugendherbergen sendete. Der Reinerlös das Jugendherbergswerk nicht nur ein-
wurde vorwiegend für die Ausstattung zelne Werbetage, sondern ganze Wochen.
und den Neubau von Jugendherbergen Wie jene zeichneten sie sich durch ein
verwendet. Von Jahr zu Jahr beteiligten buntes Programm aus Reden, Umzügen,
sich immer mehr Ortsgruppen an der Tanzvorführungen, Spendensammlungen
Kampagne. Nachdem nach der Macht- etc. aus. Der Appell auf dem Plakat bein-
übernahme durch die Nationalsozialis- haltet einen seit Beginn der Jugendher-
ten das Jugendherbergswerk im April bergsbewegung formulierten Kerngedan-
1933 „gleichgeschaltet“ worden war, ken: Die Herbergen sollen allen jungen
wurde der Aktionstag noch bis 1941 Wanderern offen stehen. Denn „[…] wenn
beibehalten. Die neue Führung benötig- wir ohne Unterschied von Schule und
te Geld: Nach Aufgabe einiger hundert Stand wandern, warum sollen wir nicht
kleinerer, behelfsmäßig eingerichteter in gemeinsamer Herberge nächtigen!“,
Jugendherbergen, beabsichtigte sie, argumentierte der Initiator des Jugend-
große, für den Massenbetrieb konzi- herbergswesens Richard Schirrmann
pierte Bauten zu errichten. Annähernd (1874–1961) in seiner grundlegenden
155 300 von ihnen wurden in der Tat reali- Schrift „Volksschülerherbergen“. Vermut-
siert. Sie nahmen vor allem Großgrup- lich entstand das Plakat vor der „Gleich-
155 • pen der Hitlerjugend auf. A. Zelck schaltung“ des Jugendherbergswerkes
Sammelbüchsen im April 1933 durch die Hitlerjugend. Da-
Über Stock und Stein – 100 Jahre Jugendherbergen. für spricht die längere Vorbereitungszeit
1. Jede Jugendherberge ist ein Elternhaus Bearb. von Heinrich Ulrich Seidel/Agnes Zelck. eines solchen einwöchigen Großereignis-
Um 1930 · Weißblech, lackiert; Papier, bedruckt [Link]. Museen Burg Altena. Lüdenscheid 2009, ses. Das Blatt wurde in der Graphischen
H. 15 cm, Dm. 8 cm bes. S. 85–86. Anstalt der Friedrich Krupp AG in Essen
Herdorf, Sammlung Hans Ermert gedruckt. Die Industrie hatte von Anfang
an das Jugendherbergswerk finanziell
2. Schafft uns Jugendherbergen und – insbesondere in der Zeit der Infla-
1938 · Weißblech, lackiert; Papier, bedruckt tion – mit Sachspenden unterstützt.
H. 21 cm (mit aufgestelltem Henkel), Dm. 10 cm A. Zelck
Herdorf, Sammlung Hans Ermert
Richard Schirrmann: Vom Jugendwandern und
Ansichten von Jugendherbergen und welchen Sinn ich mir davon verspreche: Volksschü
Spendenaufrufe zieren die beiden lerherbergen. Menden 1909. Nachdr. 1949, S. 30.
Sammelbüchsen. Auf der einen ist die
Burg Monschau abgebildet, in der seit 157 •
dem 22. August 1930 eine Jugendher- Plakat „Schafft uns Jugendherbergen“
berge untergebracht war, und dazu Entwurf: Ludwig Hohlwein (1874–1949), München
der Spruch: „Jede Jugendherberge ist Druck: Universum-Verlagsanstalt GmbH, Berlin
ein / Elternhaus / Helft bauen“. Die 1934 (?) · Offsetdruck · 59 x 42 cm · Bez.: Schafft
andere zeigt die ehemalige Kaiserstal uns Jugendherbergen / Wir sind die Garanten der
lung in Nürnberg, in der 1938 eine Zukunft / Lest die offizielle Werbe- und Aufklä
Jugendherberge eröffnet wurde, und rungsschrift! […]
den Text „Schafft uns Jugendherber- Gessertshausen, Schwäbisches Volkskundemuseum
gen / Reichswerbe- und Opfertag 1938“. Oberschönenfeld, 23212
Geldsammlungen führte das Jugendher-
bergswerk bereits in den 1920er Jahren Mit Ludwig Hohlwein entwarf das
durch. Sammelbüchsen als Hilfs- und Plakat ein schon vor 1914 berühmter
gleichzeitig Werbemittel bei Haus- und Werbegrafiker, der mit den Erkennt-
Straßensammlungen setzte es seit dem 156 nissen der „Reklamewissenschaft“ der
ersten Reichswerbe- und Opfertag am 156 • 1920er Jahre bestens vertraut war. Am
21. September 1930 ein. An einem nun Plakat „Schafft u. unterstützt deut- 1. Mai 1933 trat Hohlwein der NSDAP
reichsweit einheitlichen Termin wurde sche Jugendherbergen für die gesamte bei. Er gehörte zu denjenigen, die das
alljährlich für das Jugendherbergswerk wandernde Jugend“ Bild des NS-Regimes in der Massen-
geworben und gesammelt. Der Tag Druck: Graphische Anstalt der Friedrich Krupp AG, propaganda prägten. Im charakteristi-
hatte den Charakter eines Volksfestes. Essen · 1933 · Druck · 60 x 42 cm schen Hohlwein-Stil ist die Träger- und
Neben Kundgebungen, Umzügen von Herdorf, Sammlung Hans Ermert Identifikationsfigur der Werbebotschaft
Fahnen- und Fackelträgern sowie von nach vorn ins Zentrum gerückt und in
Wandergruppen konnten auch Theater- Das Plakat warb für Spenden im Rahmen perspektivischer Untersicht dargestellt.
vorstellungen und Tanzaufführungen einer Straßen- und Hauslistensammlung Es ist ein „Pimpf“ des „Deutschen Jung-
gehören. Die Presse berichtete und der anlässlich der Werbewoche für Jugend- volks in der Hitlerjugend“ (DJ) im Rang
Jugendherbergen 283
Abbildung aus
urheberrechtlichen Gründen
unkenntlich gemacht
157
284 Katalog
eines Jungenschaftsführers, wie die
rotweiße Schnur anzeigt. Er trägt die
DJ-Winteruniform und das zum „Gro-
ßen Dienst“, der u.a. mehrtägige Fahrten
umfasste, gehörende Marschgepäck. Der
rechte Arm ist zum „Deutschen Gruß“
erhoben. Hohlweins „Pimpf“ verkörpert
bereits die von Hitler 1938 in der sog.
Reichenberger Rede beschworene „[…] Abbildung aus
neue Jugend, die dressieren wir schon
von ganz klein an für diesen neuen urheberrechtlichen Gründen
Staat.“ Als Instrument einer Politik, der
es um die ‚totale‘ Erfassung der Jugend unkenntlich gemacht
ging, förderten die Nationalsozialisten
das Jugendherbergswesen.
Der Reichsverband für Deutsche Jugend-
herbergen war faktisch seit 1933 gleich-
geschaltet und der Reichsjugendführung
unterstellt; die Schaltstellen besetzten
HJ-Führer. Beibehalten wurden die be-
reits in der Weimarer Republik jährlich
durchgeführten „Reichswerbe- und Op- 159
ferwochen“, die Mittel für den Bau neuer
Einrichtungen beschaffen sollten. Die 158 • von drei Jugendherbergen. Zwei dieser
während des „Dritten Reiches“ gebauten Einladung zur Weihe der Jugendher Bauten wurden in deutschen Grenz- und
Jugendherbergen waren Großanlagen, berge Hans Breuer-Haus in Schwarzburg Sprachregionen errichtet: die Herberge
nicht zuletzt als HJ-Schulungsstätten 1932 · Offsetdruck · 15 x 21,5 cm auf dem Knivsberg in Nordschleswig
gedacht. Damit standen sie dem NS-typi GNM, Graphische Sammlung, HB 32385, Kapsel 1218 und die in Bernstein im österreichischen
schen Lagerwesen – den Schulungs-, Burgenland. Die dritte Unterkunft im
Erziehungs- und vormilitärischen Trai- Die Initiative zum Bau der Jugendher- thüringischen Schwarzburg stand hin-
ningslagern für die Jugend – zumindest berge ging von dem Hamburger Kauf- gegen für „das Haus der Mitte im Reiche
nahe. E. Plößl mann Alfred C. Toepfer (1894–1993) aus. der Deutschen“, wie der aus der Jugend-
Seine Intention war die Erneuerung des bewegung stammende Hjalmar Kutzleb
Martin Kipp/Gisela Kipp-Miller: Erkundungen im deutschen Volkstums als Mittel zum (1885–1959) ergriffen schrieb.
Halbdunkel. Einundzwanzig Studien zur Berufser Wiederaufstieg des Reiches. Schwer- Verstärkt wurde die symbolische Topo-
ziehung und Pädagogik im Nationalsozialismus. punkte seiner Stiftungstätigkeit waren grafie dieser Bauten durch ein suggesti-
2. Aufl. Frankfurt a.M. 1995, S. 152. – Eva Kraus: daher Projekte in den deutschen Grenz- ves bildliches Ausstattungsprogramm,
Jugendherbergswerk und Nationalsozialismus. In: gebieten sowie in den nach dem Ersten mit dessen Durchführung Toepfer den
100 Jahre Jugendherbergen 1909–2009. Anfän Weltkrieg abgetrennten Reichsteilen. Künstler und Wandervogel A. Paul Weber
ge – Wandlungen – Rück- und Ausblicke. Hrsg. von Die Einladung zur „Weihe“ der Jugend- beauftragte. Dieser malte insgesamt
Jürgen Reulecke/Barbara Stambolis. Essen 2009, herberge in Schwarzburg richtete sich über 70 Jugendherbergs-Bilder. Für die
S. 175–185. – Jürgen Reulecke: Verengungen und an die Jugendbünde. Benannt wurde sie in Grenznähe postierten Bauten wählte
ideologische Vereinnahmungen: Zur Nutzung der nach dem im Krieg getöteten Wander- er Motive und Szenen, die sich den „weit
Jugendherbergen durch das NS-Regime. In: Ebd., vogel Hans Breuer (1883–1918). Die verstreuten Volksgenossen“ jenseits der
S. 195–207. – Typographie des Terrors. Plakate in Ehrung gefallener Jugendbewegter und Grenzen annahmen. Sie bringen eine
München von 1933 bis 1945. Bearb. von Thomas das Singen von Liedern wie „Und wenn politische Gesinnung zum Ausdruck, die
Weidner/Henning Rader. [Link]. Münchner wir marschieren“ oder „Kein schönrer der nationalkonservative Auftraggeber
Stadtmuseum, München. Heidelberg/Berlin 2012. Tod ist in der Welt“ verdeutlichen die und der befreundete Maler geteilt haben
kriegsverherrlichenden Tendenzen des müssen.
veranstaltenden Gaues Thüringen e.V. Auch die Ausstattung der Jugendher-
im Reichsverband für Deutsche Jugend- berge in Schwarzburg war von völkisch-
herbergen. M. Gruninger nationaler Emphase durchdrungen. Der
im Tagesraum präsentierte Hauptzyklus
159 • stellte in idealtypischen Szenen Alltag
Wanderer und Rituale der Wandervögel dar. Zu den
A. Paul Weber (1893–1980) · 1932 · Malerei auf markantesten Bildern zählt die Darstel-
Leinwand · 100 x 151 cm lung eines Wanderers, der aus weiter
Hamburg, Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. Höhe in ein wolkenbedecktes Tal blickt.
Breitbeinig dastehend, den Wanderstock
Der Hamburger Kaufmann und passi- in den hinter dem Rücken verschränkten
onierte Wandervogel Alfred C. Toepfer Händen fest umklammert, füllt er die ge-
(1894–1993) finanzierte 1928 den Bau samte Bildmitte aus. Seine kontemplative
158
Jugendherbergen 285
Haltung im Angesicht der atemberauben-
den Landschaft ist als Handlungsanwei-
ge schuf A. Paul Weber (1893–1980) ein
Porträt, das Breuer in Ausübung seines
Hellmuth und Else
sung an den Betrachter zu verstehen. Die Berufs, mit einem Skalpell in der Hand Lehmann
Dominanz dieser Rückenfigur nimmt dem zeigt. Es hing an exponierter Stelle im
Gemälde jedoch viel von der beabsichtig- Flur der Jugendherberge. Trotz seines Vom Wandervogel geprägt
ten erhabenen Stimmung. Es verherrlicht vordergründig neusachlichen Ansat-
sowohl die unberührte Natur als auch zes ist dieses Porträt ein Andachtsbild
den Wandervogel, der sie zu bezwingen für den im Kriegseinsatz bei Verdun 161 •
vermag. (vgl. auch [Link]. 121) R. Prügel umgekommenen Arzt. Hinter seinem 1. Else Vogel beim Musizieren mit Wandervögeln
Rücken sind die Gestalten von verwun- Um 1920 · Fotografie · 8,8 x 11,8 cm
Hjalmar Kutzleb: Die Hans Breuer-Jugendherberge deten und bandagierten Soldaten zu Leonberg, Almut Reichenbecher
in Schwarzburg im Thüringer Wald. Wittingen 1933, erkennen. Ihre Mimik lässt nichts vom
S. 5. – Winfried Mogge: Bilder aus jugendbewegtem Schmerz und Leid der Verwundeten 2. Hellmuth Lehmann mit Wandervögeln
Erleben. In: Der Eisbrecher 1987, H. 4, S. 277–280. – erkennen, sondern porträtiert sie als Um 1920 · Fotografie · 8,9 x 11,8 cm
Helmut Schumacher/Klaus J. Dorsch: A. Paul Weber. entspannt pausierende, ihre Heilung Leonberg, Almut Reichenbecher
Leben und Werk in Texten und Bildern. Hamburg/ abwartende Kämpfer.
Berlin/Bonn 2003, S. 126–129. Der Großteil der Bilder, die Weber für 3. Wandervogelkittel von Hellmuth Lehmann
Schwarzburg schuf, ist 1945 zerstört Um 1920 · Baumwolle, blau; Hand-, Maschinennäherei
160 • worden. Über deren Thematik geben L. 74 cm
Postkarten nach Gemälden von A. Paul farbige Postkarten Aufschluss, die im Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1993–315
Weber Auftrag des damaligen Dachverbandes
Verlag: Gau Thüringen e.V. im Reichsverband Deut deutscher Jugendherbergen gedruckt 4. Brotbeutel von Hellmuth Lehmann
scher Jugendherbergen · um 1930 · Druck wurden. Eine hält eine junge Frau fest Um 1913 · Grund: Baumwolle, leinwandbindig, weiß;
– der abgelegte Rucksack beschreibt sie Stickerei: rot; Tunnel, Zugband · 33,5 x 20 cm
1. Hans Breuer als Arzt im Krieg als Wandervogel – die über das Lager- Bez.: W.V. / H. Lehmann. / 2brücken
14,8 x 10,8 cm feuer gebeugt Essen zubereitet. Dieser Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–122
narrative Faden wird in der nächsten
2. Mädchen beim Abkochen Karte gewissermaßen weitergesponnen. 5. Halbstiefel von Else Lehmann
14,8 x 10,8 cm Darauf ist ein offensichtlich satter Um 1920/30 · Leder, Absatz beschlagen, Metallösen,
Wanderer zu erkennen, der nach der Schnürriemen, Stoff gefüttert · L. 28 cm
3. Wanderer bei der Rast im Wald Mahlzeit im Wald ruht. Motive wie Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1993–314a, b
14,8 x 10,8 cm diese, die Frauen am Herd und Männer
als (sich ausruhende) Akteure zeigen, 6. Halbschuhe von Else Lehmann
4. Marschierende Soldaten entsprachen dem wertkonservativen Um 1920 · Leder, Absatz Gummi, Metallösen, Schnür
10,8 x 14,8 cm Geschlechterverständnis der Zeit. Mit riemen · L. 26,2 cm
der letzten Karte, die den Auszug der Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1993–313a, b
Witzenhausen, AdJb, N 52 Nr. 7 kriegsfreiwilligen Wandervögel he-
roisierend darstellt, schließt sich der 7. Else Lehmann: Über die Unsitte des Stöckel
Die 1932 fertiggestellte Jugendherber- gedankliche Kreis zu dem Gedächtnis- schuhs. In: Deutsche Frauenkleidung und Frauen
ge in Schwarzburg wurde nach dem bild Breuers. R. Prügel kultur 24, 1928, H. 6, S. 174 · 28,5 x 22,2 cm
Wandervogel Hans Breuer (1883–1918) GNM, Bibliothek, 4° Zl 72
benannt. Dieser zählte zu den bekann- Winfried Mogge: Bilder aus jugendbewegtem
testen Persönlichkeiten der Wandervo- Erleben. In: Der Eisbrecher 1987, H. 4, S. 277–280. – 8. Altblockflöte von Else Lehmann
gelbewegung und hatte sich auch als Helmut Schumacher/Klaus J. Dorsch: A. Paul Weber. Firma Kehr, Zwota · um 1930 · Corpus: exotisches,
Herausgeber des „Zupfgeigenhansl“ Leben und Werk in Texten und Bildern. Hamburg/ dunkles Holz, gedrechselt; Ringe: Neusilber
einen Namen gemacht. Für die Herber- Berlin/Bonn 2003, S. 126–129. L. 38,7 cm, klingende L. 33,9 cm
GNM, MI 999
9. Postkarte
Um 1915 · Druck · 9 x 14 cm · Bez.: Landheim der
Zweibrücker Wandervögel.
GNM, VK 4402
Abbildung aus
10. Postkarte
urheberrechtlichen Gründen 1919 · Druck · 9,2 x 14,4 cm · Bez.: Die Weihermühle
bei Thaleischweiler – Landheim der Zweibrücker
unkenntlich gemacht Wandervögel seit 1919
GNM, VK 4403
286 Katalog
12. Max Maurenbrecher: Glaube und Deutschtum.
Gottesdienste, Andachten und religiöse Aufsätze,
4 Bde. Lichterfelde/Dresden 1924–1927 · 18 x 13,2 cm
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–125/8
161.4
288 Katalog
einigung „Adler und Falken“ ins Leben
gerufen hatte. Der Autor übernahm
Quickborn
die Schirmherrschaft über die „Fal-
kenschaft“, die das volkskundlich- Der katholische Jugendbund Quick-
bewahrende Element betonte. Schon born ging aus einem 1909 in Schlesien
bald zählte der Bund 1.000 Mitglieder. gegründeten abstinenten Schülerzirkel
Eine seiner Aktivitäten bestand in der hervor. Die Hinwendung zur Jugend-
Durchführung der Wanderausstellung bewegung nach dem Ersten Weltkrieg
„Tausend Jahre deutscher Osten“, in war ein Ausbruch aus der katholischen
der Modelle, Trachten, Bilder, Briefe Verbandsenge. Man verstand jedoch
und Urkunden gezeigt wurden. Die den Freiheitsanspruch anders als
Schau war erstmals Pfingsten 1930 in die protestantisch-weltlich geprägte
Gelnhausen zu sehen. Als sie im März Freideutsche Jugend. Religion blieb
1931 in Ludwigshafen präsentiert wur- Verpflichtung.
de, hielt Hellmuth Lehmann die Eröff- Zentrum des Quickborn ist seit 1919
nungsrede, in der es u.a. hieß: „[...] Die Burg Rothenfels. Wichtiger Mentor
Deutsche Falkenschaft ist einer jener des koedukativen Bundes wurde in den
Kulturbünde, die fernab der täglichen 1920er Jahren der Theologe Romano
Politik eine Kulturarbeit zu leisten ver- Guardini. Damals kam es zu einer stär
suchen […]“ Diese Arbeit konzentrierte keren Betonung der liturgischen Be
sich vor allem auf das Grenz- und Aus- wegung und zur modernen Gestaltung
landsdeutschtum in der Bukowina, wo der Burgkapelle durch den Architekten
man das „Deutschtum“ erhalten wollte. Rudolf Schwarz. Der bis heute existie-
Dies geschah, wie Lehmann ausführte, rende Quickborn ist einer der jugend- 163
durch Büchersendungen, Lehrlingsaus und kulturgeschichtlich interessantes-
tausch, Wandergruppen und den Auf- ten Bünde der Weimarer Republik. In den dem Fahrtenbuch vorangestellten
bau einer deutschen Schule. Richtlinien wird die Zugehörigkeit des
Kotzde-Kottenrodt verkehrte auch pri- Quickborn zur Jugendbewegung betont.
vat bei den beiden Medizinern. In deren Zudem werden die Pflege von Volkslied
Gästebuch trug er 1928 quasi einen 162 und -tanz, die Bedeutung der Einfach-
Aufruf zum Handeln ein: „Deutschland Banner des Quickborn, Gau Baden heit, des Wanderns und der Abstinenz
blutet aus hundert Wunden – müssen Offenburg, 1928 (?) · Grund: Baumwolle, schwarz, herausgestellt.
wir uns nicht selber daran wagen, es weiß; Motiv intarsiert; Schlaufen · 158 x 178 cm Die „freie“ Jugendbewegung bestritt
zu retten?“ Aus dem Jahr 1932 sind Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg wiederholt die Zugehörigkeit des Quick-
mehrere Wahlaufrufe von ihm zuguns- Rothenfels e.V. born zu dieser. Der Priester und spätere
ten der NSDAP bekannt und so verwun Bundesleiter des Quickborn, Romano
dert es nicht, wenn der seit 1927 in Das badische Gaubanner des Quick- Guardini (1885–1968), kritisierte das
Edingen am Neckar praktizierende Arzt born mit dem Sonnenkreuz wurde bis freie Wandervogelwesen und die Meiß-
Hellmuth Lehmann – auf Wunsch des 1933 bei Gemeinschaftsveranstaltun- nerformel. In Auseinandersetzung mit
Ortsgruppenleiters, wie er festhielt – gen, Gottesdiensten und Prozessionen Max Bondy (1882–1951) von der Frei-
bereits im Mai 1933, der Partei beitrat. getragen. 1929 gestaltete Ernst Fuhry deutschen Jugend sah Guardini die An-
C. Selheim (1903–1976), der ab 1925 die Kunstge- erkennung Gottes als höchste Autorität
werbeschule München besucht hatte, und die Freiheit des Einzelnen nicht als
Die deutsche Jugendbewegung 1920 bis 1933. Die die Titelseite des Heftes „Zehn Jahre Widerspruch, sondern als zwei notwen-
bündische Zeit. Hrsg. von Werner Kindt (Dokumenta Rothenfels“, auf der das bis heute gül dige Pole des Lebens an. Die Quickborner
tion der Jugendbewegung 3). Düsseldorf/Köln 1974, tige Zeichen des Bundes zu sehen ist. wurden wegen ihrer Ansichten und ihres
S. 862–870, bes. S. 868. – Rainer Y: Schenkungen Die Sonne gilt als Leben und Freude Lebensstiles nicht nur von der Jugendbe-
für die Kostüm- und Textilsammlung. In: Tätigkeits spendendes Zeichen und das Kreuz als wegung, sondern auch von katholischer
bericht 1993. Württembergisches Landesmuseum Symbol christlicher Hoffnung. 1930 Seite angegriffen.
Stuttgart. Stuttgart 1994, S. 25–26, bes. S. 26. – wählte man Fuhry, der später als Fuß- M. Barbers
Hermann Walther Lehmann: Chronik der Familie balltrainer und Sportredakteur be-
Lehmann. Heidelberg 1996. [unveröffentl. Manu kannt wurde, auf Burg Rothenfels zum 164
skript] – Freud und Leid in Dur und Moll. Musikkultur ersten Reichsführer der Quickborn- Die Tage auf Burg Rothenfels
in Baden-Württemberg. Bearb. von Irmgard Müsch/ Jungenschaft. M. Barbers Hermann Hoffmann: Die Tage auf Burg Rothenfels.
Josef M. Wagner. [Link]. Badisches Landesmuse Der erste deutsche Quickborntag. Burg Rothenfels
um Karlsruhe. Stuttgart 2010, S. 63. 163 • a.M. 1919 · 23,9 x 17,7 cm
Fahrtenbuch der Quickborngruppe Witzenhausen, AdJb, B 215/107
Seitenstetten, Niederösterreich
1922–1927 · Handeinband, Ganzgewebe; Gewebe, Das Buch berichtet über den ersten
Pappe, Papier, Kleisterpapier · 23,8 x 15 cm deutschen Quickborntag vom 10. bis
Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg 13. August 1919 auf der im Februar des
Rothenfels e.V., A 2 Se 1,1 Jahres durch den Bund erworbenen
Quickborn 289
Burg Rothenfels. Die rund 500 Teilneh
mer erlebten und gestalteten einen
begeisterten Aufbruch. Sie diskutierten
grundsätzliche Fragen wie die Absti
nenz von Alkohol und Nikotin und
stärkten ihr Gemeinschaftsgefühl durch
ernste Arbeit, Fest, Spiel, Musik und neu
gestaltetes religiöses Leben. Am nach-
haltigsten wirkte wohl die Ansprache
von Hermann Hoffmann (1878–1972)
„Vom dreifachen Recht der Jugend“ auf
Jugend, Freiheit und Freude, die neben
anderen Beiträgen veröffentlicht wurde. 168
Diese Zusammenkunft 1919 bildete den
Auftakt der dann jährlich auf Burg Ro- 166 • (Abb. S. 85) waren die Aufräumarbeiten, die provi
thenfels stattfindenden Bundestage. Der Deutsches Quickbornhaus – Burg sorische Instandhaltung des Daches, das
1920 mit 1.500 Teilnehmern veranstaltete Rothenfels am Main Legen von Wasserleitungen sowie die
Bundestag handelte sowohl über Auto- Leporello · Rothenfels, 1919 · Karton, perforiert Einrichtung von Sanitäranlagen, Schlaf-
rität und Freiheit als auch über Fragen 14,5 x 9,5 cm räumen und einer Küche. An ein gestal-
des Verhältnisses zwischen Jungen und Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg terisches Konzept, wie es später der
Mädchen. 1921 thematisierte er Fragen Rothenfels e.V. Architekt Rudolf Schwarz (1897–1961)
der Gemeinschaft gegenüber Gruppe vorlegte, dachte man noch nicht, nur an
und Einzelnem. M. Barbers Das Leporello mit 12 Postkarten, die den weiteren Ausbau. C. Selheim
Ansichten und Raumaufnahmen der
Winfried Mogge: „Dies uralt Haus auf Felsengrund…“. Burg Rothenfels zeigen, gehört zu den Winfried Mogge: „Dies uralt Haus auf Felsengrund...“.
Rothenfels am Main: Geschichte und Gestalt einer fünf Dingen, die von den Quickborn- Rothenfels am Main: Geschichte und Gestalt einer
unterfränkischen Burg. Würzburg 2012, Abb. S. 131. Mitgliedern stets benutzt werden soll- unterfränkischen Burg. Würzburg 2012, S. 273–285.
ten, wie ein Handzettel empfahl (Kat.
165 Nr. 165). Besucher der Burg konnten die 168 •
Handzettel „Für alle Quickborner und Karten zudem als Andenken kaufen. Der stille Tag
Quickbornerinnen!“ Die verschiedenen Quickborngaue Felix Messerschmid (1904–1981): Der stille Tag.
Druck: Konrad Triltsch, Würzburg · 1920 · Typen richteten sich eigene Räume auf der Die Vorträge von Romano Guardini. Dritte Deutsche
druck · 22 x 13,5 cm Burg ein. Eine der Postkarten zeigt Quickborntagung auf Burg Rothenfels im Ernting
Witzenhausen, AdJb, A 130 Nr. 1 eine Kemenate im oberen Bereich des 1921 · Handschrift; Handeinband, Halbgewebe;
Südturms, die damals als Schlafraum Gewebe, Papier, Kleisterpapier · 16,5 x 21,5 cm
Mit solchen Handzetteln machte der diente. Sie wurde vom Gau Schlesien Witzenhausen, AdJb, A 130 Nr. 1 (4a)
Verlag des Quickborn, der bis 1925/26 gestaltet und hieß deshalb „Schlesier-
bestand, seine Veröffentlichungen unter kemenate“. M. Barbers Der spätere Lehrer und Bildungspoliti-
Mitgliedern bekannt. Unterteilt in fünf ker Felix Messerschmid dokumentierte
Kategorien, wie „Was soll ich gelesen 167 mit diesem handschriftlichen und illus-
haben?“ und „Was soll ich stets bei mir Spendenbeleg trierten Buch drei Reden des Priesters
tragen?“, wurden sie beworben. 1920 · Karton, bedruckt · 21,8 x 13,3 cm · Bez.: und Religionsphilosophen Romano
Der Zettel führt wichtige Quickborn- Grosser Baustein / für das Deutsche Quickborn Guardini (1885–1968), die dieser anläss-
schriften, Flugblätter und Postkarten haus / Burg Rothenfels am Main / Zum weiteren lich der dritten Quickborntagung auf
auf. Themenschwerpunkte bildeten die Ausbau unserer Burg [...] Burg Rothenfels im August 1921 hielt.
Abstinenz von Alkohol und Nikotin, Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg In den Vorträgen „Ernst machen“, „Der
das religiöse Leben, der neue Lebens- Rothenfels e.V. natürliche Sinn“ und „Der Katholische
stil der Jugend, das Wandern, „rechte Sinn“ erläuterte der spätere Führer des
Mädchenart“, der Bund Quickborn und Auf der Karte sind zwei junge Wanderer Quickborn seine Ansichten zur Jugend,
die Burg Rothenfels. Groß war auch zu sehen, wobei sich der eine an einen dem Verhältnis der Gemeinschaft gegen-
das Angebot für Mädchen: Sie sollten Fels lehnt, der andere kniet vor der aus über dem Individuum, zu den Einflüssen
besonders die Flugblätter der Päda- dem Stein über einen Hahn fließenden der Jugendbewegung und zum Glauben.
gogin Seraphie Schaneng (1895–1988) Quelle. Im Hintergrund erkennt man die Für Guardini waren der Katholizismus
„Deutsches Mädchen – wach auf!“ und Silhouette der Burg Rothenfels. Als der und eine selbstbestimmte Jugend die
von Maria Stephan „Sollen Mädchen 1909 gegründete Bund Quickborn auf Stützpfeiler seiner Lehre. So hielt Mes-
wandern?“ verbreiten. der Suche nach einem Ort in der Mitte serschmid fest: „Unsere Aufgabe ist den
Religiöse Themen bedienten z.B. die Deutschlands war, konnte er 1919 die Geist der Jugendbewegung zu fassen,
Priester Bernhard Strehler (1872–1945) Burg Rothenfels am Main erwerben. Der dass er wirksam werde das ganze Leben
und Eugen Kretschmer (1873–1959). Theologe, Musiker und Lehrer Klemens hindurch. In den Jugendjahren, als der
Letzterer hatte auf dem ersten deut- Neumann (1873–1928) wurde wegen gesunde Sinn, in den Jahren der Reise
schen Quickborntag 1919 die Festpre- der anfallenden Arbeiten für ein Jahr als der reisende Sinn, und im Alter die
digt gehalten. M. Barbers vom Schuldienst freigestellt. Erstes Ziel Weisheit.“
290 Katalog
Der Quickborn als Gemeinschaft, die
sich der Liturgie im kirchlichen Ge-
meindeleben widmete und die Religion
als heilige Pflicht ansah, wurde von der
Amtskirche mit Argwohn betrachtet –
nicht zuletzt aufgrund des Zusammen-
kommens von Mädchen und Jungen
im Bund. Guardini sah die Religion als
das Mittel, wieder näher an die Jugend
heranzurücken: „Wir sollen leben nicht
aus uns heraus, sondern aus Gott. Tun
wir so, so wächst Quickborn mit der
Kirche zusammen. Solange Quickborn
den katholischen Sinn hat, ist er unzer-
störbar.“ Messerschmid selbst betonte
vor allem die geistigen Anregungen, die
er durch Guardini auf Burg Rothenfels
erfahren habe. M. Gruninger
Quickborn 291
171
292 Katalog
172 173.1
2. Musikanten mit Klemens Neumann 173 • vielen, zum Teil sehr guten Liederbü-
1919 · Fotografie · 16,3 x 22,7 cm Der Spielmann chern an, welche die neue Wanderbewe-
Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg gung hervorgebracht hat. Doch ist die
Rothenfels e.V. 1. Der Spielmann. Liederbuch für Jugend und Volk. Betonung des Volkstümlichen nicht so
5. Aufl. Burg Rothenfels a.M. 1924 · 17,2 x 12,5 cm weit gegangen, daß nicht auch gute Lie-
„Klemens Neumann unser Spielmann. Witzenhausen, AdJb, B 932/066 der neueren Ursprungs darin Aufnahme
Viel tausend leuchtende junge Augen ha- gefunden hätten, wenn sie nur einem
ben an ihm gehangen, wenn er die Fiedel 2. Werbeblatt für das Volksliederbuch „Der Spiel Bedürfnisse der singenden Jugend ent-
hob und viel hundert alte, von Arbeit mann“ · um 1930 · Typendruck · 30,4 x 23,6 cm sprachen.“ In der Absicht, sich deutlich
und Leid des Lebens zerfurchte Gesich- Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg von der Verherrlichung des Trinkens,
ter sind wieder froh geworden, wenn Rothenfels e.V., A 0/6 dem Gegröhle von „Alkoholpoesie“ der
sie ihn anschauten, der singend und fie- Studenten und den „seichten Operet-
delnd stand inmitten fröhlicher Jugend. Das 1920 erstmals unter dem Titel „Der tenschlagern“ abzusetzen, umfasste es
[...] er hatte eine Wundergeige, die all Spielmann“ herausgegebene Liederbuch Wander-, Volks- und Kirchenlieder.
dem Reichtum Ausdruck geben konnte, ist die dritte Auflage der von Klemens K. Martius
die jubeln und singen und lachen und Neumann (1873–1928) zusammengestell-
weinen und staunen und beten konnte.“ ten „Quickborn-Lieder“. Die Sammlung Elisabeth Hallmann: Klemens Neumann, der Spiel
Klemens Neumann (1873–1928) erhielt verstand sich als das Singbuch „[…] der mann der deutschen Jugend. In: Die Singgemeinde 5,
1898 die Priesterweihe. Als Kaplan und ganzen katholischen Jugend und des 1928/29, S. 63. – Buchumschläge 1890–1960. Um
Religionslehrer wirkte er in Liegnitz katholischen Volkes [und] trug den Sinn schlag- und Einbandgestaltungen Aachener Künstler.
(Legnica, Polen) und ab 1903 in Neiße für das Volkslied wieder in weite Kreise Bearb. von Adam C. Oellers/Roland Rappmann/
(Nysa, Polen), wo er 1914 die Grenz-Volks und erfüllte innerhalb der katholischen Hermann-Josef Reudenbach. [Link]. Suermondt-
hochschule „Heimgarten“, das erste ka- Jugend eine ähnliche Aufgabe wie der Ludwig-Museum, Aachen/Bibliothek der RWTH,
tholische Volksbildungswerk, begründete. ,Zupfgeigenhansl‘ im Wandervogel.“ Aachen/Bischöfliche Diözesanbibliothek, Aachen.
Für die Jugend des Quickborn wurde er Zunächst vom „Deutschen Quickborn- Eupen 1998.
zur Identifikationsfigur, die er zum Wan- haus“ herausgegeben, erschien „Der
dern, zum Volkstanz – beispielsweise auf Spielmann“ seit 1930 im Mainzer Mat- 174
der Rothenfelser „Reigenwiese“ – und thias-Grünewald-Verlag in zahlreichen Postkarte „Knabe mit Schwert“
Laienspiel anleitete. Auflagen bis 1978 und, wie das Werbe- Um 1930 · Druck · 14,7 x 10,5 cm · Bez.: HERR, mach
Er gilt zudem als einer der Wegberei- blatt zeigt, für verschiedene Instrumen- mich stark gegen mich und tapfer für dich
ter der Finkensteiner Bewegung, die talbegleitungen. Die charakteristische, Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg
sich seit 1923 vom Sudentenland über bis zuletzt beibehaltene Titelvignette Rothenfels e.V.
ganz Deutschland ausbreitete und auf hatte der Frankfurter Grafiker Walter
Grundlage des gemeinsamen Singens Clemens Schmidt (1890–1979) entwor- Die katholische Jugendorganisation
und Laienmusizierens eine musikali- fen. Die Illustration des Einbandes der Quickborn, die sich seit den 1920er
sche und gesellschaftliche Erneuerung Auflage von 1924 stammt von dem Kir- Jahren an Verhaltensformen der bündi-
anstrebte. K. Martius chenmaler Anton Wendling (1891–1965). schen Jugend orientierte, verstand das
Im Vorwort schreibt Neumann: „Der Bekenntnis zum katholischen Glauben
Elisabeth Hallmann: Klemens Neumann, der Spiel Spielmann, ein Volksliederbuch für die und einer entsprechenden christlichen
mann der deutschen Jugend. In: Die Singgemeinde deutsche Jugend, schließt sich in be- Lebensführung als ihr Hauptanliegen.
5, 1928/29, S. 63, 126–129, bes. S. 126. wußter Pflege des Volkstümlichen den Daneben teilte der Quickborn mit großen
Quickborn 293
Teilen der übrigen bündischen Jugend
auch ein zunehmend aktivistisches und
Jungdeutscher Orden Ab Mitte der 1920er Jahre hatte die
Jugend des Jungdeutschen Ordens be
militantes Lebens- und Gesellschafts- gonnen, sich von den Erwachsenen zu
verständnis. Das Schwert war Symbol Der Berufsoffizier Artur Mahraun grün- emanzipieren, selbstbestimmt zu agie-
für die besonders propagierten Werte dete 1920 den Jungdeutschen Orden, ren und die ihr zugedachte Funktion als
der Entschiedenheit und Unbedingtheit, dessen Aufbau sich am Deutschen Orden Rekrutendepot abzulegen. Auf ihrem
die vor allem in der jüngeren Generation orientierte. Er sah die Organisation als Weg zur bündischen Jugend übernahm
vertreten wurden. H.-U. Thamer außerparlamentarische politische Kraft sie Stilelemente der Jugendbewegung,
und Teil der „Wehrbewegung“. Als rechter wie Fahrt, Kluft und große Zeltlager.
Wehrverband lehnte der Orden anfangs Die 34 Aufnahmen des Fotoalbums
die Weimarer Republik ab. Später arran- entstanden Ende Juli 1931 bei einem
gierte er sich mit der neuen Staatsform Lager der Jungdeutschen Jugend in
und verteidigte sie gegen den National Annenhöhe in Schleswig-Holstein, das
sozialismus. unter Leitung des Journalisten und
Der Ordensnachwuchs, die Jungdeutsche Führers der Ordensjugend Erich Eg-
Jugend, galt als vormilitärische Schu- geling (1902–1984) stattfand. Es stand
lungsorganisation und hatte Elemente ganz im Zeichen der Jugendbewegung.
der Jugendbewegung übernommen. Ab M. Gruninger
Abbildung aus Mitte der 1920er Jahre löste sich die
Jungdeutsche Jugend vom Einfluss der Christel Liebold: Jungdeutscher Orden und Jugend
urheberrechtlichen Gründen Erwachsenen. Obwohl sie im engeren bewegung. In: Hart & Zart. Die Trachtenpuppen des
Sinne nicht zur Jugendbewegung gehör- Jungdeutschen Ordens. [Link]. Historisches
unkenntlich gemacht te, unterstützte sie Bestrebungen zur Museum Bielefeld u.a. Münster 2003, S. 52–69,
Einigung aller bündischen Gruppen und bes. S. 62.
beanspruchte die Führungsrolle.
178
Marmorplatte
1920 · Marmor · 11 x 25 cm · Bez.: Treudeutsch
176 • (Abb. S. 121) Allewege! / 1920 / Bruderschaft Eisleben.
Wimpel der Jungdeutschen Jugend, Minden, Preußen-Museum NRW, WES 106/97
Berlin
1927–1933 · Grund: Baumwolle, weiß; Stickerei: Im Zentrum der Platte steht das an das
175 Baumwolle, schwarz; Besatz: Kordel, schwarz, weiß; Malteserkreuz erinnernde Kreuz des
175 • Tunnel; Karabinerhaken · 48 x 80 cm Jungdeutschen Ordens, der sich vor
Marschierende Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 111 allem in der Anfangszeit in seiner Orga-
Entwurf Titelblatt: A. Paul Weber (1893–1980) nisation und manchen Begrifflichkeiten
in: Sudetendeutscher Quickborn – Jungenblatt 6, Der mit einem Schwenkel versehene eng an den Deutschen Orden anlehnte.
1933/34 · 22,6 x 15,4 cm weiße Wimpel zeigt den Umriss eines Die Grußformel „Treudeutsch Allewe-
Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg Kopfes im Profil mit Ritterhelm, darü- ge!“ war bereits im 19. Jahrhundert in
Rothenfels e.V. ber ein dreischenkliges, sechsspitziges völkisch-nationalen Kreisen und Bur-
Kreuz, das gestalterisch an das Malte- schenschaften verbreitet. G. Renda
Das Titelblatt der Zeitschrift „Sude serkreuz erinnert. Im 1920 gegründeten
tendeutscher Quickborn“ verdeutlicht, Jungdeutschen Orden waren mehrheit- Gerhard Renda: Geschichte des Jungdeutschen
dass sich auch konfessionelle Bünde lich ehemalige Frontkämpfer organi- Ordens. In: Hart & Zart. Die Trachtenpuppen des
kaum der zunehmenden gesellschaft siert, die sich unter dem Gründer Artur Jungdeutschen Ordens. [Link]. Historisches
lichen Militarisierung entziehen konn- Mahraun (1890–1950) der nationalen Museum Bielefeld u.a. Münster 2003, S. 24–51,
ten und den martialischen Gestus zu Erneuerung verschrieben. Unter Be- 138, Abb. S. 26.
Beginn der 1930er Jahre übernahmen. rufung auf die soldatischen Tugenden
Marschierende Jungen in Uniformen Preußens wurde das Ideal des wehr- 179 •
mit Fahnen wurden zu viel verwende- haften, loyalen Kämpfers innerhalb ei- Reliefplatte
ten Motiven, die sich in zahlreichen ner bündischen Gemeinschaft gepflegt. Entwurf: Eberhard Encke (1881–1936) · Ausführung:
Bünden – gleich welcher politischen Im Lauf der 1920er Jahre veränderte Kunstgießerei Lauchhammer · 1934 · Gusseisen
Ausrichtung – fanden. M. Gruninger Mahraun mit dem Jungdeutschen 14,5 x 9,5 cm · Bez.: 1934 / EHRE UND FRIEDEN
Orden seine Position zugunsten der Bielefeld, Historisches Museum Bielefeld, 91/85/1
Demokratie. S. Rappe-Weber
Das geschwärzte Relief zeigt einen
177 • (Abb. S. 123) Ordensritter, gewappnet mit einer Mi-
Fotoalbum mit Aufnahmen eines Lagers schung aus Platten- und Schuppenpan-
der Jungdeutschen Jugend zer, der sich hinter einem mannshohen
1931 · Baumwolle, Karton, Papier · 12,5 x 18 cm Schild mit Ordenskreuz nach rechts
Bielefeld, Historisches Museum Bielefeld, 2001/38/1 wendet. Den rechten Arm, gestützt auf
das Schwert, hält er nach hinten und
294 Katalog
Nachdem die Schwesternschaften
einzelner Ordensballeien eine gewisse
Anzahl von Puppen gefertigt hatten,
wurden diese bei lokalen Ausstellun-
gen präsentiert. Bei überregionalen
Treffen des Ordens kam auch die ganze
Sammlung, die ständig ergänzt wurde,
zur Geltung. Die Trachtenpflege als ein
Kernthema der Heimatschutzbewe-
gung bewirkte, dass die Puppen auf
breites Interesse stießen und mittelbar
für die Anschauungen des Jungdeut-
schen Ordens warben. Fernziel der
Schwesternschaften war ein stationä-
res Trachtenpuppenmuseum. Durch die
Auflösung des Ordens 1933 wurde die
Sammlung jedoch zerstreut, der größte
noch zusammenhängende Bestand
gelangte in das Bielefelder Museum.
G. Renda
296 Katalog
Alwiß Rosenberg „übersetzte“ die von Liedes „Die Zither lockt, die Geige klingt“
ihm kreierte „Artam-Rune“ mit „Hüter von Rudolph Baumbach (1840–1905), das
der Scholle“. I. Wiwjorra u.a. in den Liederbüchern „Sankt Georg.
Lieder der deutschen Jugend“ (Plauen
Peter Schmitz: Die Artamanen. Landarbeit und Sied 1935) und „Uns geht die Sonne nicht
lung bündischer Jugend in Deutschland 1924–1935. unter. Lieder der Hitler Jugend“ (1934)
Bad Neustadt a.d. Saale 1985, S. 44–45. – Karlheinz veröffentlicht ist (siehe auch Lied Nr. 5).
Weißmann: Schwarze Fahnen, Runenzeichen. Die 2. „Wir wollen zu Land ausfahren, / über
Entwicklung der politischen Symbolik der deutschen die Fluren weit [...]“ ist der Beginn des
Rechten zwischen 1890 und 1945. Düsseldorf 1991, gleichnamigen Liedes von Hjalmar „Ho-
S. 44–45. rant“ Kutzleb (1885–1959) aus dem Jahr
1911, u.a. veröffentlicht in „Fahrtenlie-
185 • der. Gesammelt und zusammengestellt
Gitarre eines Artamanenführers von Fritz Sotke. 5. Aufl. Iserlohn 1925,
Hersteller: Karl Ernst, Markneukirchen · nach 1920 S. 25 (siehe auch Lied Nr. 5).
Decke: Nadelholz; Zargen, Boden und vermutlich 3. „NACH OSTLAND [Zeichnung Schwert
Hals: Ahorn; Kopf: Wirbelmechanik, darauf künst mit Wappenschild der Artamanen] /
liche Edelweißblüte; eingelegte Messingbünde; Hals, WOLLEN WIR FAHREN.“ ist der Beginn
Wirbelkasten: schwarz gebeizt; Zargen, Boden: eines Liedes der Flamen, das der Über-
orangebraun lackiert · L. ges. 92,2 cm; L. Corpus lieferung zufolge bei der Kolonisation
44,6 cm; B. Corpus 29,9 cm; H. Zargen 7–6,3 cm; des Flämings im heutigen Branden-
schwingende Saitenlänge: 60 cm · Bez. auf Papier burg und Sachsen-Anhalt zu Beginn
etikett: Karl Ernst, / Markneukirchen, Sa. / Streich-, des 12. Jahrhunderts gesungen wurde.
Zupf- und Blasinstrumente in höchster Vollendung. / Die seit dem ausgehenden 19. Jahr-
Reinschwingende Saiten, / alles Zubehör und hundert rezipierte Textfassung ist von
184 Musikalien. Karl Koopmann (1839–1905) und wurde
184 • Witzenhausen, AdJb, G 9 Nr. 8 u.a. durch Max Reger (1873–1916) als
Wappenbild vierstimmiger Männerchor für das 1906
Um 1930 · Nadelholz, bemalt; Metall; Hanfseil Die leicht erlernbare Gitarre erlaubt durch Kaiser Wilhelm II. (1859–1941)
60,2 x 40 x 3,8 cm · Bez.: Bund „Artam“ sowohl das Spiel von Melodien als auch angeregte Chorbuch mit Volksliedern,
Witzenhausen, AdJb, G 11 Nr. 5 eine akkordische Begleitung, weshalb das sog. Kaiserliederbuch, vertont.
sie im 19. Jahrhundert zu einer belieb- 4. „Wollen [sic!] uns auf die Fahrt bege-
Die von den Artamanen verwendete Em- ten Liedbegleiterin avancierte. Diese ben, / das ist unser schönstes Leben!“.
blematik ist ein Spiegel ihrer ideologi- einfach ausgestattete Wandergitarre Die Zeile ist aus dem ersten Vers des
schen Inhalte: So sind die sog. arischen des Artamanenführers Wilhelm Schmid anonym um 1840 überlieferten fränki-
Farben Blau und Gold im Wappenbild entstand in der Werkstatt von Karl schen Liedes „Auf du junger Wanders-
ein Gleichnis der zum Rassenideal er- Ernst, Markneukirchen, der im März mann“. Die 1923 im Bärenreiter-Verlag
hobenen „germanischen“ Merkmale der 1920 mit dem Musiker und „Klampfen- gedruckte Vertonung von Walther Hen-
blauen Augen und der blonden Haare. bauer“ Peter Harlan (1898–1966) das sel (1887–1956) eroberte sich seit den
Der „Große Wagen“ oder „Große Bär“, sog. „Klampfenamt der Wandervogel- späten 1920er Jahren einen Stammplatz
das markanteste Sternbild des nördli- kanzlei Hartenstein“ gegründet hatte. in den meisten Liederbüchern.
chen Nachthimmels (unten), dient der Es war ein Vertrieb und Reparaturbe- 5. „Fort geht die Fahrt / durch den wil-
Auffindung des Polarsterns (oben). Diese trieb für Zupf- und Streichinstrumente, den Verhau, / uns geht die Sonne / nicht
Richtungsbestimmung symbolisiert aus dem Ernst bereits nach 15 Monaten unter!“ bildet den Schluss des dritten
die weltanschauliche Hinwendung zum ausschied. Verses aus dem Lied „Wilde Gesellen
Norden. Die Gebrauchsspuren auf dem Korpus vom Sturmwind durchweht“ von Fritz
Die „Artamrune“ ist eine erfundene, aus sowie Heu und Strohfasern im Innern Sotke (1902–1970). Von dem zunächst im
zwei Teilen bestehende Binderune, für zeugen vom häufigen Gebrauch der Gi- zweiten Band der „Heimat- und Fahr-
die es kein historisches Vorbild gibt. Ihre tarre. Auf der Decke sind fünf Inschrif- tenlieder der wandernden Jugend“ in
Bedeutung geht auf die völkischen Rune- ten mit geschwärzten Buchstaben und Plauen 1925 veröffentlichten Lied gab
nesoteriker Guido (von) List (1848–1919) Abbildungen eingeritzt, die – mehr oder die letzte Liedzeile 1934 dem Liederheft
und Rudolf John Gorsleben (1883–1930) weniger korrekt – Liedzeilen zitieren. „Uns geht die Sonne nicht unter. Lieder
zurück: Die „Ar-Rune“ soll Licht, Adler, Diese Lieder finden sich im Repertoire der Hitler Jugend“ den Namen. M. Zepf
Herr oder auch Acker bedeuten; die fast aller Gruppen der Jugend- und
Rune (im älteren Futhark mit dem Singbewegung. Dieter Klöckner: Gitarre. 20. Jahrhundert. In: Die
Wortwert Elhaz oder Algiz für Elch) Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine
wird „Man-Rune“ oder auch „Lebens 1. „Ich bin wie du, Landfahrerin., [sic!] / Enzyklopädie der Musik. Hrsg. von Ludwig Finscher.
rune“ bezeichnet. ein fahrender Gesell!“, darunter die 2. neu bearb. Aufl. Kassel/Basel/Weimar 1995, Bd. 3,
Vor dem Hintergrund dieser Teilbedeu- Zeichnung eines Hutes mit Feder, wie Sp. 1329–1394, bes. Sp. 1362. – Peter Thalheimer: Die
tungen sollte die „Artamrune“ den „erd- er von Wandervögeln vor dem Ersten Blockflöte in Deutschland 1920–1945. Instrumenten
verbundenen Menschen“ versinnbild- Weltkrieg gern getragen wurde. Die Zei- bau und Aspekte zur Spielpraxis (Tübinger Beiträge
lichen. Der Artamanen-Bundesführer len stammen aus dem vierten Vers des zur Musikwissenschaft 32). Tutzing 2010, S. 128.
Artamanen 297
Horst Schenk-Mischke
Mitglied der dj.1.11, Horte Berlin
298 Katalog
e.V. und Ring junger Bünde e.V. Witzenhausen 1989,
S. 108–109. – Walter Sauer: Vom „Lichtgebet“ zum
„Fahnenträger“. Menschenbilder und Menschenbild
nisse der Jugendbewegung. In: Der Eisbrecher 28,
1987, H. 4, S. 270–276, Abb. S. 275.
187 •
Privates von Horst Schenk-Mischke
1. Mütze
1932 · Wolle · 23 x 18 cm
Witzenhausen, AdJb, G 4 Nr. 102
2. Schiffchen
Rüsthaus Tadep, Berlin-Charlottenburg · 1932 · Woll
tuch, dunkelblau; Futter: Baumwolle, leinwandbindig,
mehrfarbig · 12 x 28 cm
Witzenhausen, AdJb, G 4 Nr. 101
3. Bommeln
1932 · Kordel, Baumwolle, rot, blau, gedreht · L. 18 cm
Witzenhausen, AdJb, G 4 Nr. 99
4. Armbinde
1932 · Grund: Baumwolle, leinwandbindig, blau;
Applikation: Baumwolle, Atlasbindung, rot, grau;
Stickerei: Baumwolle, weiß · 8,5 x 16 cm
Witzenhausen, AdJb, G 4 Nr. 100 187.1, 3, 4
5. Gürtel mit Koppelschloss (Abb. S. 102) suchte, fühlte sich angesprochen und Jugendbünde großen Wert; die Jungen-
Rüsthaus Tadep, Berlin-Charlottenburg · 1932 beschloss kurz darauf zusammen mit schaft machte da keine Ausnahme.
Leder, Metall · L. 106,5 cm den Mitgliedern seines Pfadfinderfähn- Im November verbrachte Horst zusam-
Witzenhausen, AdJb, G 6 Nr. 153 leins: „Wir treten bei Tusk in dj.1.11 ein“. men mit drei Kameraden eine eiskalte
Fast täglich notierte er in dem Jugend- Nacht im offenen Feuerzelt, der Kohte,
6. Großfahrt nach Skandinavien kalender seine Erlebnisse in Schule, bei der sie sich die ganze Nacht über mit
1932 · Fotografie · 12 x 9 cm Elternhaus und Freizeit. „Lange gearbei- Schlafen und dem Bewachen des Feuers
Witzenhausen, AdJb, N 42 Nr. 13 tet“ heißt es da häufig, ein Verweis auf abgewechselt hatten. Bald gehörte er
das ernsthafte Bemühen des Jungen, der der Führungsriege an, die sich in der
7. Deutscher Jungenkalender 1931–32. Jahrbuch für 1933 das Abitur ablegte. „Rot-Grauen Garnison“ traf, einer in
die bündische Jugend Deutschlands. Plauen 1931 „Tusk“ hatte 1929 die dj.1.11, die „deut- demselben Jahr von Koebel gegründe-
15,5 x 11 cm sche Jungenschaft vom 1. November ten Jugendwohngemeinschaft in Berlin.
Witzenhausen, AdJb, N 42 Nr. 14 1929“ gegründet, ein Jugendbund neuen Horst „keilte“ neue Jungenschafter,
Typs, der sich durch ein elitäres Aus- beteiligte sich an Straßenaktionen am
8. Fahne der dj.1.11, Horte Berlin wahlverfahren der Mitglieder, ein inten- Alexanderplatz und wurde schließ-
1932 · Grund: Leinen, blau; Einsatz: Leinen, rot; sives Gruppenleben und einen besonde- lich Silvester wegen des Tragens eines
Applikationen: Leinen, weiß · 127 x 186 cm ren Kleidungsstil auszeichnete. Koebel dj.1.11-Koppelschlosses – was im Rah-
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 330 prägte den Bund durch die Heraus- men der Notverordnung als Störung der
gabe innovativ gestalteter Bücher und öffentlichen Sicherheit und Ordnung
Die Objekte gehörten Horst Schenk- Zeitschriften, neue Lieder sowie durch ausgelegt werden konnte – für einige
Mischke (1914–2004), der, einer bürger- Großfahrten u.a. nach Lappland und Stunden von der Polizei verhaftet („ge-
lichen Berliner Familie entstammend, Russland. Horst Schenk-Mischke nahm lacht wie noch nie in meinem Leben“).
zunächst Mitglied im Deutschen Pfad- voller Begeisterung an allen Formen Sein Leben hatte sich intensiviert und
finderbund und im Bund deutscher Ko- der Freizeitgestaltung teil: „Mit Polli, er war entschlossen, dieses Gefühl
lonialpfadfinder war, bevor er 1931 bei Gerhard und Heinz zu Tusk ins Petri- mit in das neue Jahr zu nehmen: „Für
einem Vortrag Eberhard „Tusk“ Koebel Gemeindehaus. Fabelhafter Abend! tusk dj.1.11 ins Jahr 1932!“ steht am Ende
kennenlernte. Dieser hatte unter dem entwickelt seine Pläne! Hervorragend! des Kalenders.
Titel „Nowaja Semlja. Fahrt ins nördliche Heil dj.1.11!“ Der Junge besorgte sich Horst wuchs als einziger Sohn bei
Eismeer“ von einer Fahrt nach Sibirien eine Ausrüstung mit Mütze, Schiffchen, Mutter und Stiefvater auf, die seinen
berichtet und die jugendlichen Zuhörer Bommel und Armbinde, lernte die neuen Aktivitäten durchaus aufgeschlossen
mit seinem fordernden, kantigen Stil Lieder und Säbelfechten. Auf eine exklu- gegenüber standen, in ihrer Toleranz
gepackt. Horst, der gerade nach einer sive, einheitliche Kleidung legten in der von der oben skizzierten Dynamik
Alternative zu seinem bisherigen Bund Endphase der Weimarer Republik viele schließlich aber überfordert wurden:
300 Katalog
dem Bildhintergrund nach vorn strö-
menden Zug von Männern, Frauen und
Kindern des „guten deutschen Volkes“
empfängt. Die gesamte Szenerie spielt
in einer grünen Frühlingslandschaft vor
wolkenlosem Himmel.
Franz Stassen, dem Bayreuther Kreis
um Richard Wagners (1813–1883) Sohn
Siegfried Wagner (1869–1930) zugehörig,
illustriert hier eine irreale Welt. Sein
elitäres, national-konservatives und ras-
sistisches Weltbild überträgt er im Sinne
eines pseudoreligiösen und germano-
philen Idealismus in sein Werk, in dem
sich Elemente des christlichen Glaubens
mit esoterisch-spiritistischen Fragmen-
ten und abstrakten Gedanken zu einem
quasi modernen Andachtsbild mischen.
Das starke Gegeneinander von Gut und
Böse richtet sich an ein bürgerliches
Publikum, das durch seine zunehmende
Individualisierung und Subjektivierung
an eine religiöse Erneuerung des Le-
bens glaubte. Auch im Kreis völkisch-
religiöser Bünde fand Stassens Kunst
Anklang. M. Uliarczyk
189 •
Die heilige Stunde
Ludwig Fahrenkrog (1867–1952) · um 1920 · Öldruck
48 x 75 cm · Eichenzell, Hessische Hausstiftung,
Schlossmuseum Darmstadt, DA H 21492
Glaube 301
und sich dem Lichtspektakel als einer
göttlichen Epiphanie ergeben. Für die
zu dieser Gruppe gehörige Mutter mit
Kind stand die Ehefrau des Künstlers
nebst seinem Sohn Rolf-Ludwig Modell.
Das Bild sakralisiert ein Naturereignis
und rekurriert auf die Naturseligkeit
der um 1900 wiederentdeckten deut-
schen Romantik. Es reflektiert die
Grundstimmung der von Fahrenkrog,
dem Mitbegründer der Germanischen
Glaubens-Gemeinschaft, favorisierten
neuheidnischen pantheistisch orientier-
ten, anthropozentrisch und diesseitig
geprägten Religiosität, die Natur und
den selbstbestimmten, physisch wie
psychisch starken Menschen miteinan-
der in Beziehung setzte und dem Licht
als Urgewalt zentrale Bedeutung bei-
maß. Die von der hohen Zahl in Gestalt
von Drucken, Postkarten und Diapo-
sitiven verbreiteter Reproduktionen 190 191
bezeugte Popularität des „lebensrefor-
merischen Andachtsbildes“ (Ulbricht) die Schriftleitung und verlieh dem 191 •
fußt nicht zuletzt auf der Qualität des Titel eine neue Form, indem er ihn mit Das Deutsche Buch
Motivs als Projektionsfläche esoteri- dem Bild eines athletischen Jünglings Das Deutsche Buch. Berlin 1923 · 23,6 x 15,6 cm
schen und freireligiösen Gedankenguts, vor einer Strahlenglorie zierte. Das GNM, DKA, NL Ludwig Fahrenkrog, I, B-58
das völkisch und liberal gesinnte Teile Motiv rekurriert auf die Figur des aus
des Bürgertums ab der Jahrhundert- der nordischen Mythologie bekann- Aus dem nach der Wende vom 19. zum
wende beherrschte. F. M. Kammel ten Lichtgottes, die er in seinem 1905 20. Jahrhundert entstehenden völkisch-
geschaffenen und 1908 als Holzschnitt religiösen Organisations- und Bezie-
Justus H. Ulbricht: Lichtgeburten. Neuheidnische verbreiteten Gemälde „Baldur segnet hungsgeflecht ging 1913 die „Germani-
und ,neugermanische‘ Tendenzen innerhalb der die Fluren“ entwickelt hatte. Aufgrund sche Glaubens-Gemeinschaft“ hervor,
Lebensreform. In: Die Lebensreform. Entwürfe der Adorantengeste erscheint sie nun die – ähnlich anderer neopaganer Grup-
zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900. als personifizierte Lebensrune; die mit pierungen – einer „arteigenen Religion“
Hrsg. von Kai Buchholz u.a. [Link]. Institut Schwingen bewehrten Arme gemahnen zum Durchbruch verhelfen wollte und
Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darmstadt 2001, an die im Œuvre des Meisters ebenfalls sich hierbei an rassen- und germaneni-
Bd. 2, S. 133–134, Abb. S. 135, [Link]. 2.123. – Claus virulenten Vorstellungen Luzifers. Das deologischen Vorstellungen orientierte.
Wolfschlag: Ludwig Fahrenkrog. Das goldene Tor. durch die Verschmelzung verschiedener Diese Rückwärtsgewandtheit ging ein-
Ein deutscher Maler zwischen Jugendstil und Ger ikonografischer Elemente entstandene her mit einer Sehnsucht nach Aufbruch
manenglaube. Dresden 2006, S. 38–40. – Marina Lichtgeschöpf bleibt zwar ambivalent, und Erneuerung, die sie mit den Gemein-
Schuster: Lichtgebet. Die Ikone der Lebensre stellt aber zweifellos eine an dieser schaften der Jugendbewegung teilte, zu
form- und Jugendbewegung. In: Das Jahrhundert Stelle programmatisch gemeinte Chiffre denen enge Verflechtungen existierten.
der Bilder 1900 bis 1949. Hrsg. von Gerhard Paul. für den von Fahrenkrog propagierten, Der maßgebliche Mitbegründer, der „Ma-
Göttingen 2009, S. 144. durch die seelische Einigung mit Gott lerdichter“ Ludwig Fahrenkrog (1867–
sich selbst erlösenden Menschen dar. 1952), ist Bearbeiter der Textsammlung
190 • Da dem Künstler Flügel als Symbole „Das Deutsche Buch“ (2. Aufl. Berlin-
Der deutsche Dom der Tatkraft, der aufwärts strebenden Steglitz 1921; 3. Aufl. Leipzig 1923). Es
Der deutsche Dom. Blätter für nordische Art und Grenzüberwindung, des Genies und des enthält vor allem Bekenntnisartikel zu
deutschen Glauben 1928, H. 1 · Entwurf Titelblatt: Aufschwingens „zu höheren Sphären“ verschiedenen Aspekten „germanischer“
Ludwig Fahrenkrog (1867–1952) · 22,4 x 16 cm bedeuteten, wie er in seinem Aufsatz Religion, Aufrufe, Verfassung und Sat-
GNM, DKA, NL Ludwig Fahrenkrog, I, B-59d „Flügel“ im Juliheft 1928 darlegte, meint zung der Germanischen Glaubens-Ge-
das Motiv das himmelstürmende, im meinschaft, Anleitungen zur Kultpraxis
Die im wechselnd in Rostock und Leip- „Germanentum“ Selbsterfüllung und und einen historischen Rückblick der
zig ansässigen Wölund-Verlag edierte Selbsterlösung findende Geschöpf, den Gruppierung. Die von Fahrenkrog und
Zeitschrift „Der deutsche Dom“ bekun- Menschen „der Sieger zu sein begehrt verschiedenen Gesinnungsgenossen
dete ihre völkisch-religiöse Ausrichtung und – siegt“. F. M. Kammel verfassten Texte sind eingerahmt von
mit dem Untertitel „Blätter für nordische seinen Zeichnungen. I. Wiwjorra
Art und deutschen Glauben“. Ab 1928
war sie zugleich das Mitteilungsblatt Winfried Mogge: Ludwig Fahrenkrog und die Germa
der Germanischen Glaubens-Gemein- nische Glaubens-Gemeinschaft. In: Die Lebensre
schaft. Ludwig Fahrenkrog übernahm form. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und
302 Katalog
Kunst um 1900. Hrsg. von Kai Buchholz u.a. Ausst.
Kat. Institut Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darm
stadt 2001, Bd. 1, S. 429–432, bes. S. 430–431. – Uwe
Puschner: Die völkische Bewegung im wilhelmini
schen Kaiserreich. Sprache – Rasse – Religion. Darm
stadt 2001, S. 240–249. – Sabine Kühn: „Germania
erwache, sei frei“ – Wilhelm Schwaner, Ludwig Fah
renkrog und die Begründung eines neuheidnischen
Kultes. In: Arminius/Hermann und die Deutschen.
Ein nationaler Mythos. Hrsg. von Volker Losemann.
[Link]. Universitätsbibliothek Marburg. Marburg
2009, S. 141–153.
192 •
Germanische Glaubens-Gemeinschaft
1. Thorhammer
Um 1912/13 · Holz, Messing · 36 x 12,5 cm
Witzenhausen, AdJb, N 96 Nr. 22
192.1
Glaube 303
Zentrum stellte er die Frau und glaubte
auserkoren zu sein, einen neuen Messias
zu zeugen. Ähnlich wie viele seiner Zeit-
genossen war er davon überzeugt, dass
die Jugend dazu bestimmt sei, das Reich
in eine glückliche Zukunft zu führen.
Muck gewann mehr und mehr Anhänger.
So tanzten er und seine Neue Schar in
Erfurt mit 10.000 Menschen. Muck, der
eine handwerkliche Siedlungskommune
anstrebte, zog sich im Winter mit seiner
Gruppe auf die Leuchtenburg zurück
und verkaufte selbst gefertigte Drech-
selarbeiten. Aufgrund des innerhalb der
Neuen Schar herrschenden freizügigen
sexuellen Umgangs wurde die Gruppe
jedoch bald von der Burg verwiesen und
zerfiel. M. Gruninger
194 •
Der einsame Tempel
Hugo Höppener, gen. Fidus (1868–1948) · 1928
Malerei auf Karton · 101 x 78 cm
Witzenhausen, AdJb, N 38 Nr. 578
304 Katalog
Männerfreundschaften?
Im Kaiserreich und in der Weimarer Re-
publik war Sexualität tabuisiert, weshalb
gemischte Jugendgruppen nicht gern
gesehen waren. Viele Männer beharrten
aufgrund homoerotischer Gefühle auf
einer Trennung der Geschlechter. Die
Mädchen in der Jugendbewegung waren
meist in eigenen Gruppen aktiv. Der
Philosoph und Wandervogel Hans Blüher
stellte die homoerotische Züge tragende
Männerfreundschaft als Keimzelle des
Staates heraus. Nur der Männerbund
sei ein Garant für gesellschaftliche
Entwicklung und kulturelle Erneuerung.
In den Jungenbünden wurde die Män-
nerfreundschaft überhöht, das Ideal
des erwachsenen Führers und der ihm
ergebenen Jungen verbreitet. Dabei
kam es auch zu Missbrauchsfällen.
Gerade die Wilhelminische Gesellschaft
verspottete den Wandervogel mitunter
als „Päderastenklub“.
1912 veröffentlichte der 24-jährige Hans „Männerhelden“, deren erotische und se- Claudia Bruns: Politik des Eros. Der Männerbund in
Blüher (1888–1955) drei Schriften über xuelle Interessen vollständig beim männ- Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880–1934).
die Wandervogelbewegung, der er in lichen Geschlecht liegen. Blüher orien- Köln/Weimar/Wien 2008.
seiner Jugend selbst angehört hatte. Er tierte sich sowohl an der noch jungen
entwarf zunächst in zwei Bänden unter Psychoanalyse als auch an Männerbund- 196 •
dem Titel „Wandervogel. Geschichte theorien und der griechischen Päderastie. Zwei Jungen
einer Jugendbewegung“ das romantisch- Zudem stand er in Kontakt mit führenden Peter Martin Lampel (1894–1965) · 1927 · Malerei auf
pathetische Bild einer Jugend, die sich Vertretern der Sexualwissenschaften, Leinwand · 87 x 68 cm
gegen Schule und Elternhaus auflehnte. wo sein Werk auf reges Interesse stieß. Witzenhausen, AdJb, K 1 Nr. 17
Zeitnah mit dem zweiten Band erschien So konnte als Autor des ersten Vorworts
„Die deutsche Wandervogelbewegung der Sexualforscher Magnus Hirschfeld Bei dem Gemälde handelt es sich um
als erotisches Phänomen“. In diesem (1868–1935) gewonnen werden, von dem eines von mehreren Porträts, die Peter
Werk vertritt Blüher die These, dass sich Blüher jedoch seit der zweiten Auf- Martin Lampel um 1927 als Hospitant
der Wandervogel als Bewegung im Kern lage distanzierte. Innerhalb des Wan- in einem Jugendfürsorgeheim anfertig-
auf mann-männlicher Erotik basiere. dervogel löste das Buch zunächst meist te. Sie dienten als Illustration für den
Diese will er jedoch nicht einzig auf den Abwehrreaktionen aus, stieß dann aber Reportageband „Jungen in Not“, der den
sexuellen Trieb zum Geschlechtsakt be- in den männerbündischen Gemeinschaf- Alltag von Fürsorgezöglingen realitäts-
schränkt wissen, sondern sieht zudem ten der 1920er Jahre auf reges Interesse. nah schilderte und die Missstände in der
einen nach sozialer Bindung streben- Kritisch bleibt aus heutigem Rückblick staatlichen Heimerziehung offen zutage
den Trieb. Der Mann sei dadurch in der neben völkischen und frauenabwerten- treten ließ. Das darauf basierende The-
Lage, das gleichgeschlechtliche sexuelle den Äußerungen die Tatsache, dass das aterstück „Revolte im Erziehungshaus“
Begehren in kulturelle Bahnen zu „sub- Buch leicht pädosexuell Übergriffigen als löste 1928 einen Skandal aus und brach-
limieren“. „Centren und Wirbelpunkte“ Teil der Legitimationsstrategie dienen te Lampel den Durchbruch als Autor.
(S. 30) bilden für Blüher im Wandervogel konnte und kann. S. Reiß Als Anhänger der Jugendbewegung, die
Männerfreundschaften? 305
bereits seit langem eine grundlegende im handgeschriebenen Fahrtenbuch von den Orden der „Deutschritter“ zum
Reform der Jugendfürsorge forderte, Paul Leser. Aus der Jugendkulturbewe- Schutz des Bundes in die Hitlerjugend
trat Lampel für eine freie, an jugendli- gung um den Reformpädagogen Gustav und leitete ab 1933 die „Oberbannspiel-
cher Mitsprache orientierte Erziehung Wyneken (1875–1964) kommend, war schar des Oberbannes Grenzland West
ein. Er kritisierte die Zwangsinternie- er eines der Gründungsmitglieder des der HJ“. Die Originalcollage aus dem
rung in den Fürsorgeanstalten und den Nerother Wandervogel. Zu den festge- Jahr 1936 stellten die Düsseldorfer
repressiven Umgang der Heimerzieher schriebenen Grundsätzen dieses Bundes Beamten Georg Hirtschulz und Wilhelm
mit den sexuellen Bedürfnissen der gehörte als zweites „Weistum“ eine Schaefer (geb. 1900) zusammen. Nach
Jugendlichen. „starke Freundesliebe“, „aus der das Le- der Verhaftung vieler Bündischer 1936
Die offene Thematisierung sexueller ben des Bundes erwächst und Taten und fälschten sie zudem gezielt einen von
Fragen und homoerotischer Praktiken Werke schafft“ (Schneider). Zwischen zwei in Haft geschriebenen Briefen
unter den Fürsorgezöglingen galt der einer rein geistigen und homoerotischen von Robert Oelbermann (1896–1941)
Öffentlichkeit als Indiz für die Homo- Auslegung changierend, blieb das, was zur „Gleichgeschlechtlichen Liebe“ und
sexualität Lampels und brachte ihm eine „starke Freundesliebe“ ausmache, schufen somit die Matrix für dessen
den Vorwurf ein, seine Zuneigung zu strittig und diffus. S. Reiß Verfolgung.
den porträtierten Jungen sei weniger Der Kriminalfall Fritz „Schimmel“
sozialpolitisch, als vielmehr sexuell Hans Fritzsche: Das Lagerbuch. Leipzig 1925. – Hotte Sellwig konkretisiert am Beispiel des
motiviert. Im Nationalsozialismus Schneider: Die Waldeck. Lieder, Fahrten, Abenteuer. 13-Jährigen die Verfolgung Jugendli-
wurde dem Künstler und Dramaturg Die Geschichte der Burg Waldeck von 1911 bis heute. cher, die nach dem Verbot der bündi-
– seit 1922 NSDAP-Mitglied – wegen Potsdam 2005, S. 78. – Achim Freudenstein/Arno schen Jugend am 8. Februar 1936 wie-
eines Vergehens nach § 175 StGB der Klönne: Bilder Bündischer Jugend: Fotodokumente derholt einsetzte. Fritz Sellwig wurde
Prozess gemacht. A. Harms von den 1920er Jahren bis in die Illegalität. Eder von der Düsseldorfer Gestapo ohne
münde 2010, Abb. S. 79. Haftbefehl aus seinem Elternhaus
Winfried Mogge: Lebenserneuerung durch den Geist abgeholt, nachdem eine Hausdurchsu-
der Jugend. In: Schock und Schöpfung. Jugendästhe 198 • chung ergebnislos verlaufen war. Die
tik im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Willi Bucher/Klaus Fotocollage Gestapo sah ihn als Kronzeugen im
Pohl. Darmstadt/Neuwied 1986, S. 420–424, Abb. In: Kriminalität und Gefährdung der Jugend. Lage Sinne homosexueller Handlungen nach
S. 423. bericht bis zum Stande vom 1. Januar 1941. Hrsg. von §175 mit einem „Führer“ des Nerother
Wilhelm Knopp. Berlin o. J. [ca. 1941] · 21,5 x 17,3 cm Wandervogel. Die Fotomontage der
197 • Bez.: Die Entwicklung eines bündischen Leib- / pimp Gestapobeamten diente als Beweis.
Jugendlicher Führer und Zögling fen vom Eintritt in den Bund bis zum Endstadium Im Gefängnis erzwangen die Beamten
der / homosexuellen Verseuchung unter Androhung der Überweisung in
1. Postkarte (Abb. S. 62) Erlangen, Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, eine Erziehungsanstalt ein Geständ-
Entwurf: Karl Bloßfeld (1892–1972) · Druck: Reinhard 04PA/DD 4750 K72 nis, das der Junge vor dem Richter in
Nuschke Verlag, Leipzig · 1923–1930 · Lithografie einem öffentlichen Prozess 1936 mutig
14,9 x 10,4 cm · Bez. auf der Rückseite: In dem Buch sind die Nerother Georg widerrief. Trotzdem wurde die Foto-
Jugendland=Bildpostkarten=Reihe 2 Wassmann (geb. 1913) und Fritz Sellwig montage in dieser 1941 erschienenen
GNM, Graphische Sammlung, HB 32383, Kapsel 1331 (geb. 1923) aus Düsseldorf abgebildet. Publikation noch als Propagandamittel
Wassmann führte als Ordenskanzler publiziert.
2. Zeichnung aus dem Fahrtenbuch von Paul Leser In den Nachkriegsprozessen gegen
(1899–1984) die Beamten belegte das Düsseldorfer
Um 1930 · Ganzleder; Leder, Karton, Papier, Bunt Gericht 1954 seine Positionen durch
papier · 18,3 x 14,6 cm Zeugenaussagen sowie Akten. Es kam
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., zu einer unmissverständlichen Ausfüh-
Archiv rung, die über das geforderte Strafmaß
der Staatsanwaltschaft von drei Jah-
Das ideale Verhältnis von Nähe und Dis- ren Zuchthaus und Ehrverlust hinaus-
tanz zwischen Erziehern und Zöglingen ging und den Angeklagten Schaefer zu
war im frühen 20. Jahrhundert eines der vier Jahren verurteilte. S. Krolle
zentralen Themen der Reformpädagogik.
Dies galt auch für die Jugendbünde, in
denen vielfach nur wenig ältere Grup-
penführer leitende Funktion einnah-
men. Der jugendbewegte Illustrator und
Exlibriskünstler Karl Bloßfeld widmete
sich dem Thema in einer seiner Grafiken.
Die hier auf einer Postkarte dargestellte
Zeichnung erschien ursprünglich als
Innentitelbild des vom Ringpfadfinder
Hans Fritzsche (1891–1941) 1925 heraus-
gegebenen „Lagerbuches“ ([Link]. 122).
Als Nachzeichnung findet sich die Grafik
198
306 Katalog
Musik bewegt
Musik war von Beginn an ein tragen-
des Element der Jugendbewegung. Die
Jugendlichen besannen sich auf alte
Instrumente und entdeckten vergessene
Volkslieder neu. Es gab keinen Gruppen
abend und keine Fahrt ohne Gesang und
Musik. In der Weimarer Zeit ersetzten oft
Kampf- und Marschlieder die Volkslieder,
Trommeln lösten Gitarren ab. Abbildung aus
Die Musik des Wandervogel beeinflusste
die entstehende Jugendmusikbewegung. urheberrechtlichen Gründen
Diese wollte alte Volkslieder bewahren.
Einfach gehaltene Stücke sollten jedem unkenntlich gemacht
das Erlernen eines Instruments ermög
lichen. Wichtige Personen der Jugendmu-
sikbewegung waren die Musikpädagogen
Fritz Jöde und Walther Hensel. Sie stell-
ten Liederbücher zusammen, gründeten
Chöre und veranstalteten Singtreffen,
die gemeinschaftsbildend und als Gegen
bewegung zu Schlager und Jazz wirken
sollten.
199
199 • Über seinen Bruder Hermann, der einige 200 •
Wandervogel/Lautengesang Jahre früher nach Stuttgart gekommen Der Prager Spielmann
Max Ackermann (1887–1975) · 1914 · Malerei auf war, fand er 1914 zur Wandervogelbe- Der Prager Spielmann. Alte und neue Weisen, zu
Sperrholz · 82 x 88 cm wegung. Ihr lebensreformerischer An- singen und auf allerlei Instrumenten zu spielen,
Bietigheim-Bissingen, Max-Ackermann-Archiv satz, aber auch ihre Affinität zur Musik zusammengestellt von Walther Hensel (Dr. Julius
(MAA), Ensslin-Bayer GmbH, ACK 0447 übten eine starke Anziehungskraft auf Janiczek) (Singbüchlein aus dem Böhmerland 1).
den Künstler aus und veranlassten ihn Eger 1919 · Karton, Papier · 30,8 x 23,1 cm
Auf der Suche nach neuen künstleri- letztlich, dieses Bild zu malen. Dessen Witzenhausen, AdJb, B 934/136
schen Wegen kam der in Ilmenau auf- stilistische Mittel sind der kubistisch-
gewachsene Maler und Grafiker Max futuristischen Malerei entlehnt. Die auf Julius Janiczek (1887–1956) war in
Ackermann 1912 nach Stuttgart. Die- einer Gitarre spielende Frau und ihre Mährisch Trübau (Moravská Třebová,
sem, für den Werdegang des Künstlers Begleiterinnen sind von einem kristal- Tschechische Republik) geboren und
wichtigen Schritt war 1906 ein kurzer linen, farbig strukturierten Strahlen- hatte in seiner Jugend prägende Eindrü-
Aufenthalt im Atelier von Henry van de kranz umfasst, der göttliche Erleuch- cke der deutschen Kultur erhalten. Als
Velde (1863–1957) in Weimar sowie die tung assoziiert, zugleich aber auch als Germanist beschäftigte er sich eingehend
Ausbildung zum Maler an den Akade- kompositorisches Element dient. Die mit der deutschen Sprache und wählte
mien in Dresden und München zwi- hier erprobte Bildlösung blieb ein Ex- seinen Vornamen nach dem Minnesänger
schen 1908 und 1910 vorangegangen. periment, das Ackermann nicht weiter Walther von der Vogelweide (1170–1230).
In Stuttgart trat er dem Kreis um den verfolgte. Eine gewisse, „musikalische“ Seinen Nachnamen, ein Diminutiv zu
an der Kunstakademie unterrichtenden Auffassung von Malerei, die ganz im Jan – Johann, übertrug er entsprechend
Adolf Hölzel (1853–1934) bei. Von ihm Sinne Hölzels mit Kontrapunkten, Har- als „Hensel“ ins Deutsche. Das Titelblatt
erhielt Ackermann in den Folgejahren monien und Klangfarben arbeitet und des im Herbst 1919 erschienenen „Prager
die entscheidenden Impulse. Das von in späteren Jahren kennzeichnend für Spielmanns“ trägt beide Namen. Gewid-
Hölzel postulierte „Primat der künstle- das Œuvre Ackermanns werden sollte, met sind die 14 Kompositionen seiner
rischen Mittel“, in der subtile Farbkom- scheint sich jedoch bereits in diesem ersten Frau, der Sängerin Olga Pokorny-
positionen und abstrakte Formvolumen Frühwerk anzudeuten. R. Prügel Hensel (1885–1977).
über Bildsujet und Narration gestellt Der Titel spielt auf Wilhelm Müllers
wurden, führte Ackermann in seinem Antje von Graevenitz: Absolute Kunst: Anspruch (1794–1827) Gedicht „Der Prager Musi-
Konzept der „absoluten Malerei“ konse- und Wirklichkeit in der Kunsttheorie von Max kant“ an, der mit seiner Geige in die Welt
quent weiter. Ackermann. In: Max Ackermann – Die Suche nach zieht. Entsprechend hat Hensel die meis
Die ersten Jahre in Stuttgart standen dem Ganzen. Hrsg. von Wolfgang Meighörner. Ausst. ten der hier abgedruckten Kompositionen
für den Maler noch ganz im Zeichen der Kat. Zeppelin Museum Friedrichshafen. Lindenberg für Gesang und Violinbegleitung gesetzt.
künstlerisch-geistigen Neuorientierung. 2004, S. 28–39, bes. S. 32, Abb. S. 225, [Link]. 18. Im Vorwort betont er die führende Rolle
308 Katalog
Land, so findet man auf jeder Singwoche,
in so vielen Kreisen, Schulklassen [...]
Blockflöten auftauchen, so, als wären
sie auf einen geheimnisvollen Ruf hin
mit einem Male von ihrem jahrhunderte
langen Schlaf aufgewacht“ (Reusch). Mit
zehn Jahren schloss sich Harlan dem
Wandervogel an, um bald darauf von
seiner „Leidenschaft zu diesen köstli-
chen Instrumenten“ getrieben, bei einem
Gitarrenbauer in Markneukirchen eine
Lehre zu beginnen.
Zwei Ereignisse lenkten sein Interesse
auf die Blockflöte: Für die Rekonstruk-
tion der Praetorius-Orgel durch Wili-
bald Gurlitt (1889–1963) am Freiburger
Musikwissenschaftlichen Seminar hat-
te man sich klanglich an zeitgenössi-
schen Holzblasinstrumenten orientiert.
Die zweite Anregung erhielt er durch
Arnold Dolmetsch (1858–1940), dessen
Haselmere-Festival er 1925 oder 1926
besuchte und der sich mit dem Bau
von Blockflöten beschäftigte. Harlan
gewann in Markneukirchen eingesesse-
ne Instrumentenbauer, wie Kurt Jacob,
Martin Kehr u.a. dafür, seine Vorstel-
lungen umzusetzen. Es entstanden bald
Blockflöten in Serie unterschiedlicher
Grundtöne und Stimmlagen. Auf seinen
Konzertreisen warb Harlan als charis-
matischer Musiker und Fabulierer für
seine musikalischen Ideen und gleich-
zeitig für den großräumigen Vertrieb
seiner Instrumente.
In allem was er unternahm, verstand
er sich als Pionier, der freimütig seine
„plumpvertraulichen Fehler“ zugestand.
Im Falle der Blockflöte war dies die sog. 203, 204
„deutsche Griffweise“, die er, einmal in
Umlauf gesetzt, nie mehr ganz zurück- 204 • Das unsignierte Instrument steht den
nehmen konnte. K. Martius Blockflöte in Tenorlage Blockflötenmodellen Peter Harlans
Markneukirchen (?), um 1930 · 3-teilig, Siebenfin (1898–1966) nahe. Dieser erkannte in
Interview von Fritz Jöde mit Peter Harlan. Tondoku gergriff Ton c1; Tropenholz, Grenadill (?); Zwingen: der Distanz der Blockflöte zur Musik-
ment des Archivs der Jugendmusikbewegung, Ton Neusilber (?) · L. 57,5 cm, klingende L. 52 cm kultur des 19. Jahrhunderts das Poten-
band Nr. 13. o.J. [1950er Jahre]. – Fritz Reusch: Von GNM, MI 964 zial des Instruments für das Umfeld
unseren Blockflöten. In: Der Kreis 7, 1927, zit. nach: der Jugendmusikbewegung und des
Die deutsche Jugendmusikbewegung in Dokumen Die Blockflöte in Tenorlage stammt aus Wandervogel. Die Flöte ist mit der von
ten ihrer Zeit von den Anfängen bis 1933. Hrsg. vom einem Satz von fünf Blockflöten unter- ihm entwickelten „deutschen“ Griffwei-
Archiv der Jugendmusikbewegung e.V. Hamburg. schiedlicher Lagen, die dem Ehepaar se zu spielen: Durch eine Verkleinerung
Wolfenbüttel/Zürich 1980, S. 367. – Michael Philipp: Walter und Martha Herzog gehörten. des fünften Grifflochs, das gleichzeitig
Neuerwerbsbericht. In: Anzeiger des Germanischen Beide waren in verschiedenen Jugend tiefer gesetzt wurde, kann die Grund-
Nationalmuseums 1994, S. 221–222. – Peter Thalhei bewegungen aktiv: Während Walter skala des Instruments ohne Gabelgriff
mer: Die Blockflöte in Deutschland 1920–1945. Ins- Herzog (1912–1993) in seiner Kindheit gespielt werden. Ziel war es, den ersten
trumentenbau und Aspekte zur Spielpraxis (Tübin Mitglied des evangelischen Bundes Zugang zum Instrument zu vereinfachen,
ger Beiträge zur Musikwissenschaft 32). Tutzing christlicher Jugend war, engagierte wenngleich daraus Schwierigkeiten für
2010, S. 50–66, 221, 225. sich Martha Herzog (1911–2007) ab den andere Tonarten resultieren. K. Leiska
frühen 1930er Jahren im katholischen
Quickborn. Die musische Prägung ihres Peter Thalheimer: Die Blockflöte in Deutschland
Engagements zeigte sich nicht zuletzt 1920–1945. Instrumentenbau und Aspekte zur Spiel
in der Teilnahme an verschiedenen praxis (Tübinger Beiträge zur Musikwissenschaft 32).
Singwochen. Tutzing 2010.
310 Katalog
208 • (Abb. S. 96)
Truhe
Entwurf: A. Paul Weber (1893–1980) · Ausführung:
Firma Anton Hestermann, Wietzendorf · 1934
Nadelholz, Messing · 67,8 x 126,7 x 62 cm
Suderburg, Museumsdorf Hösseringen, UeL 12-338
312 Katalog
Jugend ohne Wahl
Als Jugendorganisation der NSDAP hat-
te die Hitlerjugend bereits vor 1933 über
100.000 Mitglieder und damit mehr als
die bündische Jugend. Reichsjugendfüh-
rer Baldur von Schirach bekämpfte die
bürgerliche Jugendbewegung. Dennoch
übernahm die HJ viele Elemente, wie
Fahrt oder Zeltlager.
Nach der Machtergreifung wurde die
HJ Staatsjugend. Sie diente der Wehr
ertüchtigung und der Vermittlung der
nationalsozialistischen Weltanschau-
ung. Ab 1936/39 war der Dienst in der
HJ Pflicht. Etwa 98 Prozent der Jugend
gehörte ihr an. Alle anderen Jugend-
gruppen löste das Regime auf.
Zum Ende des Zweiten Weltkriegs leis-
213 teten die Hitlerjungen verstärkt bei der
Trümmerbeseitigung oder als Flakhelfer
Bilder für jedermann. Wandbilddrucke 1840–1940. schriftsteller August Trinius (eigentlich Dienst. Die Begeisterung vieler Jungen
Bearb. von Christa Pieske. [Link]. Museum für Carl Freiherr von Küster, 1851–1919). nutzte die Waffen-SS und stellte 1943
deutsche Volkskunde, Staatliche Museen zu Berlin – Mit zahlreichen Veröffentlichungen die Panzerdivision „Hitlerjugend“ auf.
Preußischer Kulturbesitz, Berlin (Schriften des Mu lenkte der „Thüringer Wandersmann“
seums für Deutsche Volkskunde Berlin 15). München die Reiselust des Bildungsbürgertums
1988, S. 224, Abb. 31b. auf das „grüne Herz Deutschlands“ – 215 •
eine Trinius-Formulierung, die bis heu- Der Hitlerjunge Quex
214 • te Werberelevanz besitzt. H. Schwarz
Mit Rucksack und Laute 1. Plakat „Hitlerjunge Quex – Ein Film vom Opfer
Hersteller: Verlag J. W. Spear & Söhne, Nürnberg- Helmut Schwarz/Marion Faber: Die Spielmacher. geist der deutschen Jugend“
Doos · um 1922 · Pappe, Papier, bedruckt; Spiel J.W. Spear & Söhne. Geschichte einer Spielefabrik. Entwurf: Siegfried Karl Trieb (1899–1947) · 1933
figuren: Bleizinnlegierung, bemalt; Würfel: Holz Nürnberg 1997, Taf. 28. – Thomas Schwämmlein: Offsetdruck · 135 x 91,5 cm
Karton: 22 x 31 x 2,5 cm August Trinius – Annäherungen an einen Fremdge München, Münchner Stadtmuseum, PC 8/33
Privatbesitz wordenen. Zum 150. Geburtstag des ,Thüringer Wan
dersmannes‘. In: Jahrbuch Landkreis Sonneberg 6, 2. Karl Aloys Schenzinger: Der Hitlerjunge Quex.
Spieleverlage sind Seismografen des 2001, S. 123–126. Berlin/Leipzig 1932 · 20,2 x 13,3 cm
Zeitgeistes. Ein typisches Beispiel GNM, Bibliothek, 8° Om 193/109
hierfür ist das Spiel „Mit Rucksack
und Laute“ aus dem 1879 gegründeten Der Hitlerjunge Quex, die von dem
Spear-Spieleverlag. Auf dem Schach- Schriftsteller Karl Aloys Schenzinger
teldeckel genießt ein Trio munterer (1886–1962) im Auftrag von HJ-Führer
Wandervögel sang- und klangvoll die Baldur von Schirach (1907–1974)
sommerliche Natur. Im Spiel selbst geschaffene Romanfigur, gehörte zu
erkunden bis zu sechs wanderlustige, den populärsten Märtyrerfiguren des
mit dem Zug angereiste Brettspieler Nationalsozialismus. Schenzinger, der
mittels hübsch gestalteter Zinnfiguren als Sanitätsoffizier im Ersten Welt-
das bayerisch anmutende Voralpen- krieg gedient und sich nach einem
land. Sie würfeln sich dabei durch erfolglosen Zwischenspiel als Filmema-
einen 100 Felder umfassenden, humor- cher in den USA 1925 in Deutschland
voll illustrierten Parcours. Markierte 214 wieder in dem ungeliebten Beruf als
Ereignisfelder beschleunigen oder Kassenarzt im Berliner Arbeiterbezirk
hemmen den Verlauf, bis der glückliche Wedding niedergelassen hatte, mach-
Gewinner als Erster in einem idylli- te sich schließlich vor allem als Autor
schen Biergarten einkehren darf. von Abenteuerromanen einen Namen.
Die Wandervogelbewegung bildet den Nachdem er schon 1931 deutliche Sym-
kulturhistorischen Hintergrund für pathien für den Nationalsozialismus
dieses Spiel. Sein Titel bezieht sich auf hatte erkennen lassen, schuf er nun
das 1916 erschienene Wanderbuch „Mit in Anlehnung an das Schicksal des im
Laute und Rucksack. Eine Thüringer Straßenkampf erstochenen Hitlerjungen
Sommerfahrt“. Verfasser war der Reise- Herbert Norkus (1916–1932) und um die
314 Katalog
Verhältnisse des Berliner Arbeitermili- 216 Die Gruppierungen der Jugendmusik-
eus wissend die Heldenfigur des Heini Die Fahne ist mehr als der Tod und Singbewegung waren mit unter-
Völker. Von einer kommunistischen Die Fahne ist mehr als der Tod. Schulungsdienst schiedlichen Verlagen verbunden. Fritz
Jugendorganisation umworben findet der Hitler-Jugend 6, 1941 · 21,9 x 15,2 cm Jöde (1887–1970) publizierte seine Lieder
dieser den Weg zur Hitlerjugend, weil GNM, Bibliothek, [Kapsel] 8° Fg 194/2 und Texte bei Georg Kallmeyer (1875–
er die dort vertretenen Parolen von 1945) in Wolfenbüttel, der 1916 Allein-
Deutschtum und Heldentum, aber auch Die Ausweitung der Hitlerjugend zur inhaber des Zwißler-Verlags geworden
die Disziplin und Ordnungsliebe als Staatsjugend und das Bedürfnis nach war; 1947 übernahm ihn Karl Heinrich
attraktiv erachtet. Dort erhält er den Normierung und Kontrolle der Heim- Möseler (1912–1984).
Spitznamen Quex (für Quecksilber) für abende veranlasste die HJ-Führung, Unter Jödes Leitung erschienen zwi-
seinen Einsatz im Straßenkampf gegen neben Führerschulungsbriefen, die der schen 1928 und 1939 bei Kallmeyer in
die Kommunisten. Beim Verteilen von „weltanschaulichen Schulung“ dienten, monatlicher Folge die Liedfaltblätter
Flugblättern in seinem alten Kiez wird auch Heimabendmappen, später den „Die Singstunde“. Ein- und zweistim-
er von Kommunisten erstochen. Der „Schulungsdienst der Hitler-Jugend“, mige Lieder sollten „Jugend und Volk
Propagandaroman, der 1932 zunächst herauszugeben. Sie gaben die Themen […] für das offene Singen in Haus,
als Fortsetzungsroman im „Völkischen vor und entsprechend sollten dazu Schule, Jugendkreis und Bund“ dienen
Beobachter“ erschienen war, wurde Lieder eingeübt werden. Der Inhalt der (S. 4). Jöde stand den Nationalsozialis-
noch im selben Jahr als Buch veröffent- Schulungsbriefe, die ab 1937 einem fes- ten ablehnend gegenüber, konnte sich
licht und erreichte bis 1945 eine Auflage ten Jahrgangsschulungsplan folgten, ihrem Einfluss aber nicht entziehen. Die
von einer halben Million verkaufter zeigt die Absicht der Indoktrination, Titelillustration von Heft 67 zeigt einen
Exemplare. die noch durch passende Lieder vertieft Holzschnitt Oscar von Zaborsky-Wahl-
Mit dem bezeichnenden Untertitel „Ein werden sollte. Die Themen gehörten stättens (1898–1959) mit marschieren-
Film vom Opfergeist der deutschen Ju zum ideologischen Kern des Natio- den Hitlerjungen, angeführt von einem
gend“ produzierte der Regisseur Hans nalsozialismus und forderten zum Querpfeifer und Leinentrommler. Das
Steinhoff (1882–1945) auf der Grundlage weltanschaulichen Kampf sowie zum Liedblatt enthält sieben Lieder, die nach
des Romans einen nationalsozialisti- Opfertod auf. Die Mappen und Schu- dem Ersten Weltkrieg in der bündischen
schen Propagandafilm, der bereits am lungsbriefe trugen Titel wie: „Der Weg Jugend entstanden waren, im Juni 1934
11. September 1933 uraufgeführt wurde. nach Osten“, „Die Reinerhaltung des jedoch für „Jungvolk“, „Hitler-Jugend“
Dieser bot Baldur von Schirach die Mög- Blutes“, „Kampf dem Weltfeind Bol- und dem „Bund deutscher Mädel“ bean-
lichkeit, erstmals das von ihm getextete schewismus“ oder „Die Fahne ist mehr sprucht wurden. M. Zepf
Kampflied „Unsre Fahne uns voran!“ zu als der Tod“. H.-U. Thamer
präsentieren. Obwohl der Streifen von Kurzgefaßtes Tonkünstler-Lexikon. Für Musiker und
der staatlichen Filmprüfstelle mit dem Freunde der Musik. Begr. von Paul Frank. Neu bearb.
Prädikat „Künstlerisch besonders wert- und erg. von Wilhelm Altmann. Fortgef. von Bur
voll“ versehen wurde, wuchs auch in NS- chard Bulling u.a., Teil 2: Ergänzungen und Erweite
Parteikreisen die Überzeugung, dass der rungen seit 1937. 15. Aufl. Wilhelmshaven, Bd. 1: 1974,
„Hitlerjunge Quex“ wie die anderen 1933 Bd. 2: 1978. – Karl-Heinz Reinfandt: Jöde, Fritz. In:
entstandenen Propagandafilme in ihrer Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine
Anlage doch zu plump und durchsichtig Enzyklopädie der Musik. Personenteil. Hrsg. von
wären. Joseph Goebbels (1897–1945) Ludwig Finscher. 2. neu bearb. Aufl. Kassel/Basel/
veranlasste das zu dem Urteil, „die Bewe- Weimar 2003, Bd. 9, Sp. 1074–1076.
gung gehöre auf die Straße und nicht auf
die Leinwand“. H.-U. Thamer 218 •
Ventilfanfaren
Karsten Witte: Der Apfel und der Stamm. Jugend
und Propagandafilm am Beispiel „Hitlerjunge Quex“ 1. a Ventilfanfaren in d mit Périnet-Druckventilen
(1933). In: Schock und Schöpfung. Jugendästhetik Firma Gebr. Stowasser, Graslitz (Kraslice, Tschechi
im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Willi Bucher/Klaus sche Republik) · 1941 · Messing, Silber, Perlmutt (?)
Pohl. Darmstadt/Neuwied 1986, S. 302–307. – Kurt L. 71,8–72,8 cm, L. 77,8–79 cm (mit Mundstück),
Schilde: „Unsre Fahne flattert und voran!“ Die Kar Dm. Schallstück 11,7 cm
rieren der Lieder aus dem Film „Hitlerjunge Quex“. GNM, MI 770–773
In: Good-bye memories? Lieder im Generationenge
dächtnis des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Barbara 1. b Koffer
Stambolis/Jürgen Reulecke. Essen 2007, S. 185–197. Holz, Kunstleder, schwarz, Metallbeschläge, -schlös
– Ders.: „Hitlerjunge Quex“ – Welturaufführung am 217 ser; Griff mit grauer Kunstfaser umwickelt; Futter:
11. September 1933 in München. Blick hinter die 217 • Wollfilz, blau · 18,5 x 77 x 59,5 cm
Kulissen des NS-Propagandafilms. In: Geschichte in Jugend im Gleichschritt GNM, MI 770
Wissenschaft und Unterricht 2008, H. 10, S. 540– Jugend im Gleichschritt. Neuere Fahrtenlieder.
550. – Typographie des Terrors. Plakate in München Hrsg. von Fritz Jöde (Die Singstunde 67). Wolfen 2. Fanfarentuch des ersten Nürnberger Fanfarenzuges
1933 bis 1945. Bearb. von Thomas Weidner/Henning büttel 1934 · 19 x 13 cm 1933 · Grund: Baumwolle, schwarz; Applikation: Baum
Rader. [Link]. Münchner Stadtmuseum, Mün GNM, Bibliothek, 8° Mz 192/6 [67] wolle, weiß/Grund: Baumwolle, weiß; Applikation:
chen. Heidelberg/Berlin 2012, S. 36–37.
316 Katalog
Die Fotografie vom „Parteitag der Frei-
heit“ der NSDAP 1935 in Nürnberg zeigt
eine Formation auf Landsknechtstrom-
meln spielender Hitlerjungen in Uniform.
Das Bild ist Teil des Sammelalbums
„Adolf Hitler. Bilder aus dem Leben des
Führers“. Es leitet einen Artikel ein, in
dem der Reichsjugendführer Baldur
von Schirach (1907–1974) die Treue der
Hitlerjugend zum Führer Adolf Hitler
(1889–1945) preist. Auch sei im National-
sozialismus das Generationenproblem
zwischen Jung und Alt, das die Jugend-
organisationen vor 1933 geprägt habe,
überwunden. Von Schirach verurteilt des
Weiteren nicht alle früheren Jugendbün-
de, hält aber deren Auflösung zugunsten
des Aufgehens in die große Gemeinschaft
der Hitlerjugend für gerechtfertigt.
221 Sammelbilder und -alben als Werbemit-
221 • 222 tel der Tabak- und Zigarettenindustrie
Aufstellbogen „Hitler-Jugend und Die Hitler-Jugend kamen um die Wende zum 20. Jahrhun-
Jungvolk“ Baldur von Schirach: Die Hitler-Jugend. Idee und dert in Mode. Ihre Popularität in weiten
Verlag: Josef Scholz, Mainz · um 1934 · Offsetdruck Gestalt. Leipzig 1934 · 21 x 14,3 cm Kreisen der Bevölkerung nutzten nach
33 x 42,2 cm · Bez.: Hitler-Aufstellbogen Nr. 806 Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Dokumenta 1933 die Nationalsozialisten, um ihre
Karlsruhe, Badisches Landesmuseum Karlsruhe, tionszentrum Reichsparteitagsgelände Ideologie und den Kult um Adolf Hitler
2009/527 zu verbreiten. Mit zwei Millionen Exem-
Baldur von Schirach (1907–1974), der plaren gehörte das hier angesprochene
Der Verlag Josef Scholz geht auf eine am 30. Oktober 1931 zum Reichsjugend Album zu den zehn auflagenstärksten
Wiesbadener Papierhandlung zurück. führer der NSDAP ernannt worden war, Publikationen des „Dritten Reiches“.
Bereits 1829 wurde das Geschäft nach gelang es, sich in dem Prozess der natio- U. Schlicht
Mainz verlegt. Bis in die Mitte des nalsozialistischen Machteroberung auch
20. Jahrhunderts gehörte Scholz zu den im NS-Regime eine halbstaatliche Posi- Christoph Köck: Die Vereinnahmung der Nation.
erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuch- tion als „Jugendführer des Deutschen In: Die Eroberung der Welt. Sammelbilder vermitteln
verlagen. Doch die Einbrüche in Folge Reiches“ zu erobern. Zur Rechtfertigung Zeitbilder. Hrsg. von Dorle Weyers/Christoph Köck
der Weltwirtschaftskrise 1929 führten seines Machtanspruchs verfasste von (Schriften des LWL-Freilichtmuseums Detmold, West
dazu, dass sich das Unternehmen dem Schirach, der sich gerne als „Sänger der fälisches Landesmuseum für Volkskunde 9). Detmold
Zeitgeist anpasste und schon bald na Bewegung“ feiern ließ, die Schrift „Die 1992, S. 98–117, bes. S. 109–113. – Hiron Kämper:
tionalsozialistisches Gedankengut im Hitler-Jugend“, die ihrer Aufgabe einer Nichts als blauer Dunst? Zigarettensammelbilder als
Kinderzimmer verbreitete. 1934 nennt Programmschrift aber nicht gerecht wur- Medien historischer Sinnbildung – Quellenkundliche
das Verlagsverzeichnis sechs Hitler-Auf- de. Die deutsche Jugendbewegung vom Skizzen zu einem bislang ungehobenen Schatz. In:
stellbogen, die der Jugend nicht nur Ge- Wandervogel bis zur bündischen Jugend Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 59, 2008,
schicklichkeit lehrten, sondern ihr auch wird bei von Schirach zum konfusen H. 9, S. 492–508.
Symbole des Regimes nahebrachten. und zu keiner festen Organisationsbil-
Der „Hitler-Jugend und Jungvolk“ betitel- dung fähigen Vorläufer der Hitlerjugend 224 •
te Bogen zeigt u.a. das Kriegsspielen, das degradiert, und diese in geschichtsklit- BdM-Mädel und Hitlerjunge
Marschieren, ein Zeltlager, aber auch den ternder Perversion der genuinen Vorstel- Entwurf: Richard Förster (1873–1956) · Ausführung:
im Juni 1933 zum Reichsjugendführer er- lungen der Wandervogeltradition als die Porzellanmanufaktur Allach, München-Allach
nannten Baldur von Schirach (1907–1974), eigentliche Vollendung des jugendbeweg- 1936–1938 · Porzellan, glasiert
der den Text des Liedes „Unsre Fahne flat ten Aufbruchs dargestellt.
tert uns voran!“ geschrieben hatte. H.-U. Thamer 1. BdM-Mädel
C. Selheim 32,9 x 8,5 x 8,5 cm · Bez. auf der Unterseite:
223 R. FÖRSTER / Allach / 59
Sigrid Metken: Feine Mainzer Aufstellbilder. In: Spiel Die jüngsten Trommler der Nation Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Dokumen
mit! Papierspiele aus dem Verlag Jos. Scholz Mainz. Auswahl und künstlerische Bearbeitung der Bilder: tationszentrum Reichsparteitagsgelände
[Link]. Gutenberg-Museum, Mainz. Mainz 2006, Heinrich Hoffmann (1885–1957) · in: Adolf Hitler.
S. 76–83, bes. S. 79. – Vom Minnesang zur Popaka Bilder aus dem Leben des Führers. Hrsg. vom 2. Hitlerjunge
demie. Musikkultur in Baden-Württemberg. Bearb. Cigaretten-Bilderdienst [Reemtsma]. Hamburg- 27 x 8 x 14 cm · Bez. auf der Unterseite: R. FÖRSTER /
von Markus Zepf. [Link]. Badisches Landesmuse Bahrenfeld 1936 · Halbgewebe; Gewebe, Papier Allach / 31
um Karlsruhe. Karlsruhe 2010, [Link]. V.39. 31,3 x 24,6 cm Bielefeld, Historisches Museum Bielefeld,
GNM, Bibliothek, 4° B HIT 45/16 2009/046/001
318 Katalog
Abbildung aus
urheberrechtlichen Gründen
unkenntlich gemacht
225
228 •
Jungmädelbluse
1935/40 · Grund: Celluloseregenerat, leinwandbindig,
weiß; Baumwollband; Knöpfe: Kunststoff · L. 54 cm
GNM, T 6606
320 Katalog
sie wurden aber durchaus manchmal
ermahnt, wenn sie sich nicht an die
strengen Kleidungsvorschriften hielten.
A. Kregeloh
231
Gürtel mit Koppelschloss
1933–1945 · Leder, Messing, geprägt · L. 102 cm
Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Dokumen
tationszentrum Reichsparteitagsgelände, DZO 35
322 Katalog
unter dem Titel „Jungbann J stürmt
Hersbruck.“ Im Jungvolk waren Jungen
Paul B. 9. Bilderrahmen mit Fotografien von Paul Bayer
Nach 1943 · Karton, Samt, bedruckt, bezogen;
(„Pimpfe“) bis zum 14. Lebensjahr zu- Das kurze Leben eines Besatzborte, Metallfäden, gewebt; Glas
sammengefasst, ehe diese in die eigent- Nürnberger Hitlerjungen 40 x 46,5 cm
liche Hitlerjugend übertreten sollten.
Angeblich tausend Jungen des Nürnber- 10. Mappe mit Zeichnungen
ger Jungbanns J stürmten mit selbst- Um 1936 · Papier, Buntstifte · Mappe: 18,4 x 13,6 cm
geschnitzten Holzsäbeln und Schildern
Barrikaden im Umland, dann den Mi- 11. Luftschutz tut not!
chelsberg bei Hersbruck und schließlich Um 1936 · Papier, Buntstifte · 33,5 x 26,5 cm
die Stadt selbst. Bei der Abschlusskund-
gebung auf dem Hersbrucker Marktplatz 12. Zeichenheft der 4. Klasse
sprachen örtliche HJ-Funktionäre und Um 1936 · Karton, Papier, Buntstifte · 22,1 x 17,5 cm
der Hersbrucker Bürgermeister. Sie en-
dete mit Sieg-Heil Rufen auf Adolf Hitler 13. Hein Schlecht: Die Panzerabwehrschlacht bei
(1889–1945), Julius Streicher (1885–1946) Arras. Berlin/Leipzig 1940
und Baldur von Schirach (1907–1974) Abbildung aus 21 x 13,5 cm
sowie dem gemeinsamen Singen des HJ-
Liedes „Unsre Fahne flattert uns voran!“. urheberrechtlichen Gründen 14. Paul Althaus: Luther als Vater des evangelischen
Organisator des Geländespiels war der Kirchenliedes. Berlin 1937
Nürnberger Jungbannführer Willi Bau- unkenntlich gemacht 20,4 x 13,8 cm
er, der dabei von Abteilungen der Wehr-
macht bezüglich der Essensversorgung 15. Unser Kriegs-Liederbuch. Hrsg. von der Reichs
und Logistik unterstützt wurde. Die SS jugendführung. München o.J. [1940]
stellte Schiedsrichter für die Kämpfe. 10,4 x 7,5 cm
Derartige Spiele dienten nicht nur der
militaristischen Wehrerziehung im Kin- 16. Dienstbefehl
desalter, sondern wurden auch propagan- 22. Mai 1942 · 29,7 x 20,9 cm
distisch verwertet. Über die ungewöhn-
lich aufwendige Veranstaltung ließ die 17. Kondolenzschreiben von Gauleiter Karl Holz an
Reichspropagandastelle der NSDAP einen Generaldirektor Bayer
Film herstellen ([Link]. 237). A. Schmidt Foto aus 238.9 11. März 1943 · 29,7 x 20,9 cm
238 •
237 1. Karton mit HJ-Uniform 18. Todesanzeige für Paul Bayer
Einladung zum Film „Jungbann J Nach 1943 · Pappe · 25 x 36 x 24,5 cm · Bez. auf dem 10. März 1943 · 10 x 16,4 cm
stürmt Hersbruck“ Deckel: Mehrere Blusen u. / Mützen v. Paulchen. / u.
1939 · 21 x 15 cm Maskensachen / HJ-Uniform! 19. Die aufgebahrte Leiche von Paul Bayer
Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Dokumenta 1943 · Fotografie · 9 x 8,5 cm
tionszentrum Reichsparteitagsgelände, DZ Ph 1269 2. Uniformhemd
Um 1940 · Grund: Wolle, dunkelblau; Applikation: Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Spielzeug
Der von der NSDAP-Reichspropaganda Baumwolle, schwarz, gelb, weiß, rot; Knöpfe: Metall, museum
leitung, Amtsleitung Film, hergestellte, silberfarbig · L. 62 cm
heute als verschollen geltende „Filmbe- Es sind nur wenige Fragmente einer un-
richt vom Kampf der Nürnberger Pimpfe 3. Uniformhemd vollendeten Jugend, die sich vor einigen
um Hersbruck“ – so der Untertitel – er- Um 1940 · Grund: Baumwolle, hellbraun; Knöpfe: Jahren bei der Sichtung eines Nachlas-
lebte seine Uraufführung im Nürnberger hellbraun · L. 85 cm ses in einem unscheinbaren Pappkarton
Ufa-Palast am 19. Februar 1939. Idee und fanden: Uniformjacke, kurze schwarze
Spielleitung verantwortete der Nürnber- 4. Uniformhemd Hose, braune Hemden, z.T. mit „Sig-
ger Jungbannführer Willi Bauer. Für Ka- Um 1940 · Grund: Baumwolle, hellbraun; Knöpfe: Runen“, eine schwarze Schiffchenmüt-
mera, Schnitt und Gestaltung zeichnete hellbraun · L. 94 cm ze; Fotos aus Kindheit und Schulzeit,
der dortige Fotograf und Besitzer eines Schreibhefte, Zeichnungen und schließ-
Fotofachgeschäfts in der Theatergasse 5. Schiffchen lich Dokumente – der Mitgliedsausweis
Karl Hilz verantwortlich. Um 1940 · Wolle, schwarz · 11 x 28 cm der Hitlerjugend, Durchschläge von
Der Schmalfilm wurde auch für Heim- Befehlen, einige Briefe und Postkarten
abende der Hitlerjugend verliehen, 6. Schirmkappe an Freunde, dann Todesanzeigen und
gemeinsam mit einer Gestaltungsvor- Um 1940 · Wolle, schwarz · 9 x 16 cm die Trauerrede eines Schulleiters. Vier
schrift, in der es u.a. hieß: „Immer drauf Schüler des Nürnberger Melanchthon-
und drein geschlagen. Kerl sein gilt‘s in 7. Halstuch Gymnasiums waren am 8. März 1943
allen Lagen. Werden Schläge eingesteckt, Um 1940 · 37 x 112 cm als Flakhelfer bei einem Bombenangriff
sich dann neu die Kampfwut weckt. […] ums Leben gekommen. Sie starben den
Erst wenn alle Fugen krachen, können 8. Mitglieds-Ausweis der Hitler-Jugend Heldentod, wie man es damals nannte,
Pimpfe richtig lachen.“ A. Schmidt 1936 · Karton · 12,5 x 8,3 cm im Alter von 17 Jahren.
Paul B. 323
Paul Bayer wurde am 22. Januar 1926 in
Würzburg als Sohn von Lydia und Paul
Bayer geboren. Sein Vater war Direktor
des dortigen Elektrizitätswerks, ab
1933 Generaldirektor der „Werke und
Bahnen der Stadt der Reichsparteitage
Nürnberg“. Paul Bayer jun. wurde nach
der Volksschule am 20. April 1936 in
das hiesige Melanchthon-Gymnasium
aufgenommen. Sein Interesse für Waffen Abbildung aus
und den Bau von Panzermodellen war
wohl dem Zeitgeist ebenso geschuldet urheberrechtlichen Gründen
wie sein Eintritt ins Jungvolk im Okto-
ber 1936. Das „Gesetz über die Hitler- unkenntlich gemacht
Jugend“ vom 1. Dezember erhob die
Hitlerjugend zur einzigen Erziehungs
instanz außerhalb von Elternhaus und
Schule. Sie versprach den Kindern Ab-
wechslung vom Leben in familiären und
schulischen Zwängen. Aktivitäten wie
die jährliche „große Fahrt“, feierliche
Aufzüge und Paraden in der Öffentlich-
keit oder Geländespiele machten sie für
viele Jungen und Mädchen zunächst
attraktiv. Auch das Gefühl, ernst genom-
men zu werden, und den „Dienst“ in der
Hitlerjugend über Schule und Eltern-
haus setzen zu können, spielte eine gro-
ße Rolle. Dabei fanden vormilitärische
Geländeübungen, die unverhohlen der
militärischen Ausbildung dienten, mehr
Anklang als die „Heimabende“ mit einer
oft bemüht wirkenden weltanschauli-
chen Schulung. Die NS-Ideologie mit ih- Abbildung aus
rem aggressiven Rassismus bestimmte
auch die Erziehungsideale der Hitler- urheberrechtlichen Gründen
jugend. Sie hießen Gefolgschaftstreue,
Kameradschaft, Pflichterfüllung und Ge- unkenntlich gemacht
horsam. Willensstärke, Angriffslust und
Körperkraft zählten mehr als Geist, weil
sie ganz konkret der „Rassenpflege“ und
dem „Kampf nach außen“ dienten. Jun-
gen sollten zu soldatischem Opfergeist
erzogen werden, die in „Glaube und
Schönheit“ heranwachsenden Mädchen
als Ehefrauen und Mütter den „rassisch
reinen“ Nachwuchs sichern.
Im jährlichen Ablauf der nationalso- 238.12
zialistischen Propagandafeiern war
auch die Hitlerjugend in viele Großver-
anstaltungen eingebunden. Hier lenkte
man die Begeisterungsfähigkeit junger
Menschen geschickt in einen blinden
Glauben an Hitler um. Höhepunkt war Abbildung aus
die Teilnahme an den Reichsparteitagen.
Aus allen Teilen Deutschlands zogen auf urheberrechtlichen Gründen
dem „Adolf Hitler-Marsch der deutschen
Jugend“ Abordnungen zum „Tag der unkenntlich gemacht
HJ“ nach Nürnberg (und danach noch
weiter nach Landsberg, dem Ort von
Hitlers früherer Festungshaft). Der Weg
hatte nur ein Ziel – den Führer. Der Ein-
238.19
324 Katalog
druck des Massentreffens überwältigte
viele der jungen Teilnehmer. Sie glaubten
dem Fanatismus. In der Heimat stattete
man den „Volkssturm“ – alte Männer
Unangepasste Jugend
fest, ein wichtiger Teil der „Volksgemein- und Kinder – mit Panzerfäusten aus
schaft“ zu sein. Doch die Dynamik der und schickte ihn gegen heranrückende Große Teile der bündischen Jugend stan-
Aufbaujahre der Hitlerjugend erstarrte Panzer. Selbst als alles verloren war, den dem Nationalsozialismus nahe. Viele
bald in schematisch ablaufenden, sich sollten Hitlerjungen als „Werwölfe“ den wechselten begeistert in die Hitlerjugend.
immer wiederholenden Pflichtprogram- Feind noch aus dem Hinterhalt bekämp- Andere fühlten sich trotz ideologischer
men. Neben Sondereinsätzen wie Auf- fen – ein Missbrauch bis zum letzten Nähe von deren Zwang und der straffen
märschen und Straßensammlungen für Augenblick. Auch die jungenhafte Tech- Organisation abgestoßen. Sie wollten
das Winterhilfswerk stand alle drei bis nikbegeisterung Paul Bayers war schnell ihr selbstbestimmtes Jugendleben nicht
vier Tage ein „Dienst“ auf dem Plan. Vie- in eine undistanzierte Faszination für aufgeben.
le Mitglieder leisteten ihn zunehmend Waffen gemündet. An dem in letzter Nach der Eingliederung der Jugend-
widerwillig, insbesondere an den oft als Konsequenz herbeigesehnten „Abenteu- bünde in die Hitlerjugend regte sich
langweilig empfundenen Heimabenden. er Krieg“ drängte er sich teilzunehmen vereinzelt Protest. Selten wurde daraus
Gleichgültig und doch gefügig begeg- und teilte seine Begeisterung auf einer ein aktiver Widerstand. Verbreiteter
nete man dem Druck, mit dem die Füh- Postkarte mit: „Liebe Anneliese! Seit war eine Verweigerungshaltung. Viele
rung auf Pflichterfüllung bestand. Aber dem 15. 2. [1943] bin ich als Luftwaffen- Jugendliche hielten auch nach 1933
den unablässigen Drill und Mangel an helfer bei einer Flakbatterie im Süden den Kontakt zu den früheren Gruppen
selbst gestalteter Freizeit empfanden Nürnbergs eingesetzt. Tolle Sache!“ Zwei mitgliedern. Sie gingen illegal auf Fahrt
immer mehr HJ-Angehörige als lästig. Wochen später starb er einen sinnlosen oder zeigten durch Kleidung und Liedgut
Lediglich die Spezialeinheiten wie die Tod. H.-Ch. Täubrich ihre Ablehnung. Bekannt wurden die
Motor-, Marine-, Nachrichten- oder eher dem proletarischen Milieu zugehö-
Flieger-HJ übten wegen ihrer techni- Verführt. Verleitet. Verheizt. Hitlerjugend als Schick rigen Edelweißpiraten. Aus ihren Kreisen
schen Möglichkeiten eine ungebroche- sal. Hrsg. vom Dokumentationszentrum Reichspartei gab es zum Teil gewaltsame Widerstands-
ne Anziehungskraft aus. Ein Motorrad tagsgelände. München 2005 [CD-ROM]. aktionen.
zu fahren war für den, der vielleicht
nicht einmal ein Fahrrad besaß, ein
Traum, der hier Wirklichkeit wurde.
Hinter allem stand ein Ziel: Wehrer-
tüchtigung und unentwegte Förderung
der Wehrfreudigkeit. Offensichtlich
wurde dies beim Schießen. Waffen fas-
zinierten Jungen ganz besonders, und
so musste man sie nicht lange überre-
den. Jährlich erhielten 1,5 Millionen
Hitlerjungen eine Schießausbildung.
Während des Krieges übernahmen Jun-
gen und Mädchen der Hitlerjugend viele
Dienste. Sie verteilten Propagandama-
terial und Lebensmittelkarten, sam-
melten Geld und Wertstoffe, arbeiteten
als Rotkreuz- und Nachrichtenhelfer/
innen. Nach den ersten Bombenangrif-
fen wurde die Hitlerjugend verstärkt
zu Aufräum- und Luftschutzaktionen
herangezogen. In der „Reichsjugendher-
berge“ in der Nürnberger Kaiserstallung
lag seit 1942 die kasernierte „Einsatz-
gefolgschaft Luginsland“, 150 zwischen
15- und 16-jährige Hitlerjungen mit 239.3
einer harten Feuerwehrausbildung. 239 •
Insgesamt 1.960 HJ-Mitglieder standen Liederbücher
1943 „im ständigen Einsatz zum Schutz
der Stadt Nürnberg.“ Im letzten Kriegs- 1. Heijo, der Fahrwind weht. Lieder der Nerother.
jahr mobilisierten Wehrmachts- und Hrsg. von Karl Oelbermann/Walter Tetzlaff. Plauen
Parteiführung die letzten Reserven. Die 1933 · 17,6 x 12 cm
aus Halbwüchsigen bestehende Divi- Witzenhausen, AdJb, B 932/105
sion „Hitlerjugend“ wurde 1944 an der
Westfront fast vollständig aufgerieben. 2. Lieder der Eisbrechermannschaft. Hrsg. von der
Da sie nichts anderes kannten, kämpf- dj.1.11/Eberhard Koebel. Plauen 1933 · 21 x 14,8 cm
ten die nur unzureichend ausgebildeten Witzenhausen, AdJb, B 932/199
Angehörigen des HJ-Verbands mit blin-
326 Katalog
löster Pfadfinderbünde dazu eine Ge-
legenheit. Der Internationalismus der
Weltpfadfinderbewegung kollidierte mit
dem völkischen Nationalismus des NS-
Regimes, das, nachdem im Mai 1937 das
Verbot der Bünde noch einmal bekräftigt
worden war, Gestapo-Spitzel ins Nach-
barland schickte. Der Zweite Weltkrieg
setzte solchen internationalen Aktivitä-
ten ein Ende. E. Conze
243 •
Fahrtenbuch von Günter Platz
1937 · Ganzgewebe; Gewebe, Kordel, Pappe, Karton
22,3 x 28,2 cm
Witzenhausen, AdJb, N 138 Nr. 1
Abbildung aus
Das Fahrtenbuch von Günter Platz aus
urheberrechtlichen Gründen Bonn dokumentiert seine erste Fahrt mit
drei Freunden im Jahre 1937 zur Pariser
unkenntlich gemacht Weltausstellung und nach Südfrank-
reich. Es blieb vor dem Zugriff der Gesta-
po verschont, obwohl diese nach Bewei-
sen sog. bündischer Umtriebe suchte.
Günter Platz wurde 1915 in Düsseldorf
geboren und lebte seit 1920 mit seiner
Familie in Bonn. Sein Vater Hermann
war ein führendes Mitglied des katho-
lischen Bundes Quickborn. Schon früh
trat Günter Platz in den Bonner Quick-
born ein, wo er 1932 die Führung der
mitbegründeten Gruppe „Roter Ring“
am dortigen Beethoven-Gymnasium
übernahm. Ab 1935 plante er Auslands-
fahrten mit seinen bündischen Freun-
den. Mit diesen selbstorganisierten und
-bestimmten Fahrten distanzierte er
242.1 sich ausdrücklich von der Hitlerjugend.
Auf der Frankreichreise 1937 entstan-
Der deutsche Pfadfinder Heinz „Nolle“ den erste Kontakte zu dem Emigran-
Ellon (1914–1995) nahm 1937 am fünften ten Karl Otto Paetel (1906–1975), der
Treffen der Weltpfadfinderbewegung, im Pariser Widerstand aktiv war. Da
Jamboree genannt, in den Niederlanden sich Günter Platz immer reserviert zu
teil. Bis Kriegsbeginn 1939 konnten sich politischen Diskussionen verhalten und
im europäischen Ausland bündische die Politisierung bündischer Gruppen
Gruppen treffen und dort auf Fahrt ge generell abgelehnt hatte, wurde er von
hen, was in Deutschland längst verboten den Nationalsozialisten nicht festge-
war. Auch ihre Kluft konnten sie dort nommen, wie andere seiner Kameraden.
Abbildung aus tragen. In Deutschland selbst waren E. Hack
die meisten Jugendbünde schon 1933
urheberrechtlichen Gründen aufgelöst, ihre Mitglieder in die Hit-
lerjugend überführt worden. Geschützt
unkenntlich gemacht durch das Konkordat zwischen dem
Deutschen Reich und dem Heiligen Stuhl
konnten katholische Verbände noch bis
1936 weiterexistieren. An vielen Orten
jedoch versuchten Bündische, sich der
Staatsjugend zu entziehen und – meist
in kleinen Gruppen – eigene Unterneh-
mungen durchzuführen. Das Jamboree
der weltweiten Scout-Bewegung in den
Niederlanden bot Angehörigen aufge-
242.4 243
328 Katalog
Eine Restgeschichte? tisch belasteten Hauptstadt Berlin –
sollte den Willen zur Mittlerrolle eines
vögel um Gelder und Gäste für „ihren“
Ludwigstein. Enno Narten (1889–1973),
neutralen Deutschlands in Europa der Initiator der Idee vom Ludwigstein
Nach 1945 wollte ein Teil der Jugend demonstrieren. Als Werbung für seine als Jugendburg und Ehrenmal, hielt, wie
an bündische Traditionen anknüpfen. Pläne lud er zu einem Jugendtag auf schon in den 1920er Jahren, Werbevor-
Doch waren ihre Biografien durch das dem Meißner im Jahr 1947 ein. träge mit Bildern vom Ausbau der Burg.
„Dritte Reich“ sehr verschieden. Bün- H.-U. Thamer Für einen dieser Vorträge erstellte der
dische Gruppen übernahmen Elemente Kunstmaler Ernst-August Rademacher
der Jugendbewegung wie Heimabende, Hans-Ulrich Thamer: Das Meißner-Fest der Freideut 1949 vorliegende Tuschzeichnung. Sie
Fahrten, Lager etc., die aber von HJ-Ver- schen Jugend 1913 als Erinnerungsort der deutschen zeigt die beiden Burgen Ludwigstein
haltensmustern gereinigt werden sollten. Jugendbewegung. In: Historische Jugendforschung. und Hanstein sowie den Blick in das
Manche Jugendzeitschrift plädierte für Jahrbuch des Archivs der Deutschen Jugendbewe Werratal. S. Reiß
die Rehabilitierung der Begriffe „Füh- gung N.F. 5, 2008, S. 169–190, bes. S. 180–181.
rung“, „Gefolgschaft“, „Treue“, weil man Ernst-August Rademacher (Göttingen 1881 – Holz
sie für die Orientierung junger Menschen minden 1962). Bearb. von Matthias Seeliger. Ausst.
wichtig fand. Andere Kreise sahen die Kat. Stadtarchiv und Stadtmuseum, Holzminden.
Jugend als Träger eines Neuanfangs, da Holzminden 1993.
alte Werte immer mehr in Frage gestellt
wurden. 249 •
Bündische Jugendliche verteidigten ihr Jugendzeitschriften der Nachkriegszeit
autonomes Gruppenleben gegen neue
Formen der oft amerikanischen Jugend- 1. Horizont. Halbmonatsschrift für junge
kultur. Trotzdem blieb es eine Restge- Menschen 1945/46
schichte. Eine stilbildende Kraft war 30,5 x 21,4 cm
der Nachkriegsjugendbewegung nicht Witzenhausen, AdJb, Z 300/1680
beschieden.
2. Unser Schiff. Monatsheft der „Turmwarte“
Göttingen 1946, H. 1 (Abb. S. 150)
247 21,9 x 15,2 cm
Deutschlands neue Gestalt in einer Witzenhausen, AdJb, Z 300/2732
suchenden Welt
Ulrich Noack: Deutschlands neue Gestalt in einer 3. Der Ruf. Unabhängige Blätter der jungen
suchenden Welt. Frankfurt a.M. 1946 · 20,5 x 14,7 cm Generation 1, 1946, H. 5
Witzenhausen, AdJb, B 142/004 37,7 x 27 cm
Witzenhausen, AdJb, Z 300/2407
Der Würzburger Professor für Mittlere
und Neuere Geschichte, Ulrich Noack 248 4. Pinguin 1, 1946, H. 1
(1899–1974), der 1946 als politischer 248 • 30,2 x 22,3 cm
Berater des hessischen Ministerpräsi Plakat „Die Jugendburg Ludwigstein“ Witzenhausen, AdJb, Z 300/2297
denten Karl Geiler (1878–1953) tätig Ernst-August Rademacher (1881–1962) · 1949
war und bald darauf den Nauheimer Karton, Tusche, koloriert · 51,3 x 36,6 cm 5. Der Wandervogel. Jugendgemeinschaft
Kreis ins Leben rief, propagierte als Witzenhausen, AdJb, Ü 1 Nr. 1 „Lübecker Wandervogel“ 1946, Nr. 1
Zeichen eines politischen Neubeginns 30 x 24,7 cm
die Gründung einer neuen Hauptstadt Nach Ende des Zweiten Weltkriegs Witzenhausen, AdJb, Z 300/2812
auf dem Hohen Meißner. Er verstand bemühten sich die früheren Mitglie-
sich als Repräsentant der jungen der des 1941 verbotenen „Freundes- 6. Der Wandervogel. Jugendgemeinschaft
Generation und bereicherte mit seinen und Förderkreises für das Ehrenmal „Lübecker Wandervogel“ 1946, Nr. 2
verfassungspolitischen Plänen, die in Jugendburg Ludwigstein“ um deren 30 x 24,7 cm
der Nachfolge der Paulskirche wie des Rückgewinnung. Die vom Reichssi- Witzenhausen, AdJb, Z 300/2812
Hohen Meißners stehen sollten, die cherheitshauptamt attestierte staats-
jugendbewegte Tradition der Meißner- gefährdende Ausrichtung begünstigte 7. Rotgraue Staffette 1947
feste um eine politisch-utopische Va- nun die Wiederzulassung des Kreises. 20,9 x 14,9 cm
riante. Die Bundeshauptstadt mit dem Schon 1946 wurde die Burg erneut Be- Witzenhausen, AdJb, Z 300/2387
Namen „Hohermeißner“, über deren gegnungsstätte der früheren Angehö-
Anlage sich Noack ebenfalls Gedanken rigen der deutschen Jugendbewegung 8. Am Lagerfeuer 1947, H. 3 (Abb. S. 151)
machte, sollte höchstens 300.000 Ein- und Fahrtenziel der neu entstehenden 20,2 x 16,6 cm
wohner haben und geistig-kultureller jungen Fahrtenbünde. So gründeten Witzenhausen, AdJb, Z 300/1038
Mittelpunkt des deutschen, neutralis- sich dort 1951 die Deutsche Jugend
tischen Föderativstaates werden. Ihre des Ostens als Verband der Vertriebe- 9. Das Ziel. Zeitschrift
geopolitische Lage mitten in Deutsch- nen-Jugend und 1953 der pazifistische der jungen Generation 1947, Nr. 15
land – und mitten in einer unberührten Zugvogel, Deutscher Fahrtenbund. Un- 33 x 24,8 cm
Natur, fern ab von der historisch-poli ermüdlich warben die älteren Wander- Witzenhausen, AdJb, Z 300/2917
330 Katalog
der wiederbegründeten Jugendbewegung
angeboten. Erst jetzt erfuhr die Kohte
– für kurze Zeit – eine große Breitenwir-
kung, was sich auch daran zeigt, dass
sich Kohten nur aus der Nachkriegszeit
erhalten haben. H.-U. Thamer
252
252 •
„Affe“
Hersteller: Lederwerke Sedina, Finkenwalde · 1937
Leder, Fell, Metall, Baumwollfutter · 42 x 36 x 13 cm
Witzenhausen, AdJb, N 157 Nr. 9
332 Katalog
schen „Umtrieben“. Diese Erfahrungen
kommunizierte er als Mitverfasser des
Nach 1945 knüpften viele Nerother an
die Tradition vor dem Zweiten Welt-
Freie Deutsche Jugend
Fahrtenhandbuches „Neue Segel“ (1950) krieg an und präsentierten erneut Filme
und als Gruppenleiter. Ihm ging es um von ihren Fahrten in das europäische Die FDJ wurde im März 1946 in der
authentische Erlebnisse am Rande des Ausland, nach Afrika und Südamerika. Sowjetischen Besatzungszone ge-
Erlaubten, die einer Jungengruppe spe- 1957 führten sie öffentlich den von gründet. In der frühen Nachkriegszeit
zifische Erfahrungen von Zusammenge- Ferdinand Falk gedrehten Tonfilm „Wir war sie eher eine „Selbsthilfegruppe
hörigkeit, Abenteuer und Eigenverant- fahren nach Island“ vor. Des Weiteren notleidender junger Menschen“. Doch
wortung vermittelten. 1950 lösten die zeigten sie Dias und spielten Lieder, die bald folgten der Ausbau zur Staatsju-
„Grenzverletzungen“ der Bonner Jun- sie unterwegs aufzeichneten und tra- gend und der Abbau von individuellen
gen bei ihrer Italiengroßfahrt ein brei- dierten. Durch die öffentlichen Auffüh- Freiheiten. Ihre Aufgabe war die Beleh-
tes Medienecho aus; das „Fahrtenbuch rungen finanzierten sie ihre Fahrten und rung der Jugend im Sinne der sozialis-
Italien“ dokumentiert das unbefangene sammelten Geld zum Bau der „Jungen- tischen Ideologie. Obwohl sich die FDJ
Vergnügen der Jungen auf Fahrt. bleibe“ auf dem Gelände der Trutzburg als antibürgerlich und antifaschistisch
S. Rappe-Weber Waldeck, die Ende der 1970er Jahre verstand, übernahm sie viele Elemente
fertig gestellt wurde. S. Krolle der Jugendbewegung.
259 • Die FDJ war mit der Zeit in allen Berei-
Plakat „Wir fahren nach Island – Ein 260 chen des täglichen Lebens anzutreffen.
Farbtonfilm des Nerother Wandervogel“ Nerother Landsknechtstrommel Sie initiierte Sport- und Freizeitveran-
1957 · Druck, auf Sperrholzplatte aufgezogen · 76,7 x Nach 1945 · H. 54 cm, Dm. 42 cm staltungen, betrieb Diskotheken und
29,9 cm · Bez.: Erlebnisbericht einer Großfahrt / Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., hatte eigene Rundfunksendungen. Offi-
unter Leitung von / Karl Oelbermann Archiv ziell war ein Beitritt nicht verpflichtend,
Witzenhausen, AdJb, Ü 1 Nr. 4 jedoch u.a. bei der Studien- oder Ausbil-
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es dungsplatzvergabe entscheidend.
kaum noch Landsknechtstrommeln
im Nerother Wandervogel und diese
gewannen, wie auch die Fanfaren, eher 261
aus Reminiszenz wieder an Bedeu- Plakat „..und meine Freizeit gehört
tung. Einige der älteren Gruppenfüh- der Freien Deutschen Jugendbewegung
rer versuchten nahtlos an die Zeit vor FDJ“
1933 anzuknüpfen. Dies gelang aber Entwurf: Gerhard Benzig (1903–1974) · Druck:
in den wenigsten Fällen. Der bekannte Schleppers und Ludwig, Bautzen · 1946 · Lithografie
Nerother Georg Zierenberg (1911–1963) 66 x 52,2 cm
fasste die Situation 1947 beispielhaft Berlin, Deutsches Historisches Museum, P 90/2272
zusammen: „Ich glaube kaum, daß man
das geistige Bedürfnis der boys auf Unter sowjetischer Besatzung wurde
Dauer mit vermotteter Kosaken-Ro- am 7. März 1946 die Freie Deutsche
mantik befriedigen kann.“ S. Krolle Jugend gegründet. Anders als in den
1950er Jahren waren die Angebote der
Stefan Krolle: Musisch-kulturelle Etappen der deut Organisation für Jugendliche beiderlei
schen Jugendbewegung von 1919–1964. Eine Regio Geschlechts in der Zusammenbruchsge-
nalstudie (Geschichte der Jugend 26). Münster sellschaft nach Kriegsende hoch attrak-
2004, S. 275. tiv. Schon in kurzer Zeit erhielt die Freie
Deutsche Jugend tausendfachen Zulauf.
Es waren nicht die politischen Offerten,
sondern vor allem die Freizeitangebote
wie Wanderungen und Zeltlager, Tanz-
abende und Skifreizeiten, die Jugendli-
che anzogen. Von sehr großer Bedeutung
für die Attraktivität der Mitgliedschaft
war nach den Erfahrungen in der Hitler-
jugend des „Dritten Reiches“ der mögliche
Kontakt zum jeweils anderen Geschlecht.
Das Plakat von Benzig greift nichts von
dem auf. A. Kenkmann
262 •
Plakat „Komm zu uns – Werde Mitglied
der FDJ“
Entwurf: A. Grimmer · 1955 · Druck · 84 x 59,9 cm
Leipzig, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig,
PL 55/60
259
264 •
Weltfestspiele der Jugend und Studenten
1954/55
Werner Tübke (1929–2004) · 1954 · Malerei auf
Leinwand · 88 x 109 cm
Halle a.d. Saale, Stiftung Moritzburg – Kunstmuse
um des Landes Sachsen-Anhalt, I/1942 b
334 Katalog
266 •
Plastiktüte
1969 · Polyethylen, thermoverschweißt, bedruckt,
gestanzt · 39,5 x 30 cm · Bez.: FDJ
Berlin, Deutsches Historisches Museum, MK 71/61
264
336 Katalog
271 • (Abb. S. 208) Lebenslauf von Rudolf und Hertha Prochaska. Zu in den 1920er Jahren, an denen sie „mit
Schrank mit Wandervogelmotiven sammengestellt von Eckhard Prochaska. GNM, DKA, fröhlichem Gesang“ von Weimar aus in
Entwurf: Eckhard Prochaska (1909–1969) NL Rudolf Prochaska, II, A-1. das Landheim in Tonndorf bei Bad Berka
1949/50 · Kiefer, z.T. bemalt; Schmiedeeisen gewandert waren. S. Rappe-Weber
167,5 x 133,5 x 58 cm 272
GNM, VK 4274 Festhemd der bündischen Jugend
Um 1930 · Grund: Leinen, Baumwolle, Panama
Der Schrank gehörte einem aus dem bindung, weiß; Knöpfe: Perlmutt · L. 93 cm
Sudetenland stammenden Ehepaar, Witzenhausen, AdJb, G 4 Nr. 2
das seit 1949 in Fürth lebte. Damals
entwarf der Ehemann das Möbelstück, Aufgrund seiner „Heiligkeit“ trug der
das neben den Beschlägen einzig sechs ursprüngliche Besitzer, ein Ringpfad-
quadratische Füllungen mit Malereien finder, das Hemd nur an Festtagen. Er
als Schmuck aufweist. Seine sachliche bezog es um 1930 vom Rüsthaus in
Konstruktion knüpft an die Möbelge- Plauen. Dies gehörte zu dem 1920 von
staltung der 1930er Jahre an, die Male- Günther Wolff (1901–1944) gegründe-
rei an den Heimatstil der Zeit. ten Verlag, dessen Publikationen in
Die rechte Schranktür zeigt heute von der bündischen Jugend sehr gefragt
oben nach unten folgende Motive: eine waren. 1925 erwarb er das Rüsthaus-
stilisierte Schneegans als Symbol des Dürerhaus, das sich dem Versand von
Alt-Wandervogel, das Wappen von Ausrüstung für die jungen Wanderer
Brünn (Brno, Tschechische Republik) verschrieben hatte. Zu den teilweise
sowie die Silhouette der Stadt; die linke noch aus Heeresbeständen stammen-
das Symbol des Wandervogel, das Wap- den Artikeln zählte auch Kleidung. Das
pen von Landskron (Lanškroun, Tsche- Festhemd wurde geschont und gut ver- 274
chische Republik) – zeitweise durch das wahrt. Der Bruder des Trägers schickte 274 •
von Fürth ersetzt – und Bauwerke aus es nach dem 50. Meißner Jubiläum an Grabmal für das Ehepaar Fulda
der Stadt. In den 1970er Jahren hatte die das Archiv der deutschen Jugendbewe- Entwurf: Ruprecht Fulda · 1961 · Eiche, Kupferblech
Ehefrau jedoch die beiden unteren Fel- gung mit dem jugendbewegten Aufruf 134 x 67,5 (max.) x 12,5 cm
der völlig übermalen lassen. Hier waren „Immer weiter vorwärts in Geist und Witzenhausen, AdJb, G 11 Nr. 27
ursprünglich eine Gitarre mit Lieder- Tat“. C. Selheim
buch bzw. zwei Trommeln zu sehen. Grabmäler gehören als materielle Mani
Mithin war der Bezug zum Wandervogel Wolfgang Hess: Der Günther-Wolff-Verlag in Plauen festierung des Gedenkens an Verstor-
in der Entstehungszeit des Schrankes und die bündische Jugend im III. Reich. Plauen 1993, bene zur hiesigen Erinnerungskultur.
viel deutlicher als heute. Der Mann war bes. S. 17–21. Individuelle Gestaltungsmöglichkeiten
ebenso wie seine Geschwister Mitglied boten – neben repräsentativen Funktio-
im Brünner Wandervogel. Mit dem Be 273 • (Abb. S. 209) nen – die Möglichkeit, zentrale Elemente
ginn des Architekturstudiums an der Wimpel des Kronacher Bundes, Orts- des gelebten Lebens der Verstorbenen
Technischen Hochschule in Brünn 1927 gruppe Weimar symbolhaft darzustellen. Das Grabmal
trat er in die dortige Freischar ein, die 1920er Jahre · Grund: Baumwolle, schwarz; Stickerei: von Dr. Leopold „Polt“ Fulda (1887–1961)
sich in dem in der Tschechoslowakei Baumwolle, dunkelgelb/Grund: Baumwolle, ocker; und seiner Frau Martha „Häni“ Fulda,
entstehenden Volkstumskampf für die Stickerei: Baumwolle, schwarz, rot; Bindebänder: geborene Haenichen (1894–1961), zeugt
Behauptung des Deutschtums einsetzte. schwarz, ocker · 29 x 70 cm durch die zwei geschnitzten Wander-
Der Student engagierte sich für das Lai- Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 28 vogelabzeichen von der lebenslangen
enspiel und nahm seit 1928 an verschie- Verbundenheit des Ehepaares mit der
denen Großfahrten, u.a. nach Ungarn, Der gemischtgeschlechtliche „Kro- Jugendbewegung. Beide gehörten bereits
Siebenbürgen und ins Deutsche Reich nacher Bund der alten Wandervögel vor dem Ersten Weltkrieg dem Wander-
teil. Seine spätere Ehefrau war zunächst e.V.“ war 1920 gegründet worden, um vogel an und waren später Mitglieder im
im Landskroner, dann im Brünner Wan- jungen Erwachsenen, die dem Jugend- Kronacher Bund der alten Wandervögel.
dervogel. In diesem Umfeld lernten sich bund entwachsen waren, neue Mög- Der Arzt Leopold Fulda war innerhalb
beide kennen. Die das Paar prägende Zeit lichkeiten der Vergemeinschaftung der Jugendbewegung neben Führungs-
im Wandervogel bestimmte maßgeblich im Stil des Wandervogel zu eröffnen. tätigkeiten besonders durch sein 1921
die Ikonografie des Schrankes, wie die Entsprechend wurde der Wimpel vor- erstmals erschienenes, humorvolles
Vogelsymbolik und die Instrumente ver- derseitig mit dem typischen „Greifen“ medizinisches Handbuch „Der g’wampet
deutlichen. Distanzierte sich der Mann gestaltet, während die Rückseite das Feldscher“ bekannt geworden. Inner-
zunehmend von dieser Lebensphase, so Weimaraner Wappen mit dem schwar- halb des Kronacher Bundes gründete
spielte sie für die Frau weiterhin eine zen Löwen auf goldenem Grund inmit- er die Ärztegilde als berufsständischen
wichtige Rolle. Der Schrank entwickelte ten von roten Herzen zeigt. Die einsti- Zusammenschluss. Neben ihm gehörten
sich für sie nach dem Tod des Mannes gen Besitzer, Fritz Girschner und seine weitere seiner Geschwister aktiv der
1969 zu einem bedeutenden Träger ihrer Frau Klara, die den Wimpel bis 1984 in Wandervogelbewegung an. Das Ehepaar
Erinnerungskultur – vor allem an die der DDR aufbewahrt hatten, erinner- Fulda kam 1961 bei einem Verkehrsun-
verlorene Heimat. C. Selheim ten sich später an viele Wochenenden fall ums Leben. S. Reiß
338 Katalog
Barry N. Schwartz: Kontext, Wert und Richtung. In: In der westdeutschen Gesellschaft fan-
Robert E. L. Masters/Jean Houston: Psychedelische den die der Jugendbewegung Naheste-
Kunst. München/Zürich 1969, S. 141–180, bes. S. 162– henden in der populären Musik keinen
165. – Eckard Holler: 1968: Fünftes Festival (von Mitt- adäquaten musikalischen Ausdruck,
woch, 12. Juni, bis Montag, 17. Juni). Lied 68’. In: weshalb mit alten Volks- und Protest-
Michael Kleff: Die Burg Waldeck Festivals 1964–1969. liedern in Kombination mit interna-
Chansons – Folklore international. 2. Aufl. Hambergen tionalen Künstlern, wie der Folk- und
2008, S. 59–64, Abb. S. 60. Blues-Sängerin Odetta (1930–2008), ein
Abbildung aus eigener Weg beschritten werden sollte.
279 Die Musiker – viele von ihnen aus der
urheberrechtlichen Gründen Schallplatten mit Liedern der Festivals Jugendbewegung stammend – deckten
„Chanson Folklore International“ eine große Bandbreite ab. So trug Peter
unkenntlich gemacht Pappe, Vinyl · 32 x 32 cm Rohland Lieder der Landstreicher, der
1848er Revolution und jiddische Lieder
1. Zwischen null Uhr null und Mitternacht – vor, Karl Wolfram Stücke aus dem Mit-
Baenkel-Songs 63 telalter sowie der Renaissance und Hein
Franz-Josef Degenhardt (1931–2011) · 1963 & Oss Arbeiter-, Soldaten-, Wander- und
Freiheitslieder. Franz Josef Degenhardt
2. Wolfram singt aus sieben Jahrhunderten zur nahm an allen Festivals teil und war
Theorbe, Radleier und Laute einer der prägenden Musiker im Bereich
Karl Wolfram (1913–1989) · 1964 des politischen Liedes nach dem Zwei-
277 ten Weltkrieg.
3. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern Der Einzelgesang der Festivalinterpreten
Margot Fürst: Grieshaber. Die Druckgraphik. Werk Franz-Josef Degenhardt (1931–2011) · 1965 löste den überkommenen Gruppenge-
verzeichnis 1932–1965. Stuttgart 1986, Bd. 1, S. 200– sang ab. Die neuen Lieder verblieben nur
201, Nr. 65/7. – HAP Grieshaber. Bearb. von Petra 4. Landstreicherballaden punktuell im Repertoire, konnten sich in
von Olschowski. [Link]. Staatsgalerie Stuttgart. Peter Rohland (1933–1966), Wolfgang „Schobert“ der Mehrzahl im Liedhorizont nicht fest
Stuttgart 1999, S. 240, Nr. P 39, Abb. S. 227. – Hotte Schulz (1941–1992) · 1965 verankern, da die Liedtradierung in den
Schneider: Die Waldeck. Lieder, Fahrten, Abenteuer. Gruppen zurückging. Das übergroße Me-
Die Geschichte der Burg Waldeck von 1911 bis heute. 5. Wolfram singt Carl Michael Bellmann-Lieder dienecho führte zu einem relativ starken
Potsdam 2005, bes. S. 329. – Oss und Hein Kröher: Karl Wolfram (1913–1989) · 1965 Absatz der Schallplatten. S. Krolle
1965: Zweites Festival (von Mittwoch, 26. Mai, bis
Dienstag, 1. Juni). Chanson Folklore International. In: 6. Chansons, Gedichte, Geschichten Michael Kleff: Die Burg Waldeck Festivals 1964–1969.
Michael Kleff: Die Burg Waldeck Festivals 1964–1969. Hanns Dieter Hüsch (1925–2005) · 1966 Chansons – Folklore international. 2. Aufl. Hamber
Chansons – Folklore international. 2. Aufl. Hamber gen 2008.
gen 2008, S. 30–35, Abb. S. 31. 7. Soldatenlieder
Hein & Oss (geb. 1927) · 1966 280 • (vgl. Beitrag S. 190–193)
278 • (Abb. S. 187) Ohne Titel (Jugend)
Plakat 8. Burg Waldeck – Festival 1967 Chanson Folklore Heribert C. Ottersbach (geb. 1960) · 1994/95
„Chanson Folklore International 5“ International (Abb. S. 186) Mischtechnik auf Leinwand · Je 42 x 57 cm (44-teilig)
Entwurf: Peter Jürgen Bertsch · 1968 · Druck 1967 Privatbesitz
60 x 84 cm
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., Der Bilderzyklus fügt Erwartungen und
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V.,
Archiv Archiv (Nr. 1–5, 7, 8) Erfahrungen, die sich fast über ein Jahr-
Dommershausen, Dieter Krolle (Nr. 6) hundert mit Jugend verbinden, zu einem
1968 schuf Peter Bertsch ein Plakat für Tableau. Basis sind historische Fotografi-
das fünfte auf Burg Waldeck veranstaltete Das Festival „Chanson Folklore Interna- en, die aus- und abgeschnitten, übermalt
Festival „Chanson Folklore International“. tional“, das seit 1964 auf Burg Waldeck und überdruckt wurden. Das verändert
Sein Entwurf verzichtet auf eine bildliche stattfand, hatte entscheidenden Einfluss die Vorlagen und bietet neue Assoziatio-
Darstellung und konzentriert sich auf auf die bundesrepublikanische Folklore- nen. Ordnungskriterien der Collage, die
die Gestaltungselemente Farbe und Typo- Welle der 1960er Jahre. Die Arbeitsgemein- einem Zusammenschnitt aus Pressebe-
grafie. Großformatige Buchstaben und schaft Burg Waldeck e.V. als Veranstalter richten gleicht, sind u.a. Gesten, Rituale,
Zahlen informieren über Name, Ort und griff erstmals die neue Darbietungsform Körpersprache, Verhaltensmuster oder
Termin der Veranstaltung und entwickeln des Festivals auf. Handlungsorte. So spannt sich der Bogen
mit den kontrastreichen Farbflächen Aus dem anvisierten „Jugendreich“ der von jugendbewegten Gruppen, wie der
zugleich eine organische Energie unab- 1920er Jahre formierte sich ein von allen Deutschen Jungenschaft oder einem jü-
hängig vom Zeichencharakter der Schrift. Generationen getragener Freiraum, der als disch-zionistischen Bund, über Mitglieder
Bertsch verarbeitet hier Impulse der musisch-kulturelles Zentrum diente. Die der Hitlerjugend hin zu Widerständlern
psychedelischen Kunst, die in Musik und zunehmende Politisierung und Dogmati- im „Dritten Reich“. Szenen der unruhigen
Design der 1960er Jahre, der Gestaltung sierung in den 1960er Jahren verdrängte 1960/70er Jahre geben Aufnahmen von
von Plattencovern und Plakaten, maßgeb- diese Impulse und ließ die jahrzehnte großen Revolutionären, Rudi Dutschke
lich an Einfluss gewann. S. Gropp lange Tradition der Liedpflege abreißen. und der RAF wieder. H.-U. Thamer
14 13 B 7 4
15 11
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Die Autoren
341
Bildnachweis
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Berlin, Werkbundarchiv – Museum der Dinge Georg Janßen · [Link]. 32; Fotos: Monika Runge
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Bielefeld, Historisches Museum, Fotos: Axel Grüne 71, 74, 154, 158, 190, 191, 192.2, 203, 204, 207, 218.1,
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© bpk/Kunstsammlungen Chemnitz, Foto: Bertram Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände,
Kober, Punctum Fotografie GmbH, Leipzig · [Link]. 5 Fotos: Monika Runge, GNM · [Link]. 218.2, 224.1, 227,
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118, 119, 240, 241, 244, 276, 277 Spielzeugmuseum, Fotos: Monika Runge, GNM
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Hamburg, Alfred Toepfer Stiftung F.V.S., Foto: H. Zwietasch · [Link]. 161.3, 161.4, 161.6
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© bpk/Hamburger Kunsthalle, Foto: Elke Walford [Link]. 54
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Heppenheim, Odenwaldschule · [Link]. 11 [Link]. 210
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© Hessische Hausstiftung, Schlossmuseum GNM · [Link]. 13, 15, 21, 24, 26, 28, 35, 36, 46, 50,
Darmstadt · [Link]. 189 52, 53, 55, 61, 62, 65, 66, 68, 75, 77, 82, 83, 85, 86,
Karlsruhe, Badisches Landesmuseum, Fotos: 89, 90, 91, 92, 93, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 105, 106,
Thomas Goldschmidt · [Link]. 212, 221 109, 110, 111, 113, 124, 125, 126, 131, 140, 144, 145, 146,
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Mülheim an der Ruhr, Salzgitter AG, Konzern 252, 253, 258, 259, 269, 274
archiv/Mannesmann-Archiv, Foto: Michael Kowalski,
Deutsches Medizinhistorisches Museum, Ingolstadt © VG Bild-Kunst, Bonn 2013 · Titelbild, [Link]. 2, 10,
[Link]. 64 50, 53, 55, 89, 121, 157, 159, 160, 175, 194, 199, 225,
242, 264, 277
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Abkürzungen
Abb. Abbildung
AdJb Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen
Aufl. Auflage
[Link]. Ausstellungskatalog
B. Breite
Bd. Band
bearb. bearbeitet
bes. besonders
Bez. Bezeichnung
Bl. Blatt
bzw. beziehungsweise
ca. circa
d.h. das heißt
Diss. Dissertation
Dm. Durchmesser
ebd. ebenda
erw. erweiterte
etc. et cetera
gen. genannt
ges. gesamt
GNM Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
H. Höhe
hrsg. herausgegeben
[Link]. Inventarnummer
Jh. Jahrhundert
[Link]. Katalognummer
L. Länge
N.F. Neue Folge
Nr. Nummer
o.J. ohne Jahr
o.O. ohne Ort
S. Seite
sog. sogenannt
Taf. Tafel
T. Tiefe
u. und
u.a. unter anderem
umgearb. umgearbeitet
usw. und so weiter
verm. vermutlich
vgl. vergleiche
zit. zitiert
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