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Aufbruch Der Jugend: Deutsche Jugendbewegung Zwischen Selbstbestimmung Und Verführung

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Aufbruch

der Jugend
Deutsche
Jugendbewegung
zwischen
Selbstbestimmung
und Verführung
Aufbruch der Jugend
Deutsche Jugendbewegung zwischen Selbstbestimmung und Verführung
Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg · 26. September 2013 bis 19. Januar 2014
Verlag des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 2013
Aufbruch
der Jugend
Deutsche
Jugendbewegung
zwischen
Selbstbestimmung
und Verführung
Impressum

Ausstellungskatalog des Germanischen Nationalmuseums Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek


Herausgegeben von Generaldirektor G. Ulrich Großmann Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im
Internet über [Link] abrufbar.
Projektleitung
Claudia Selheim ISBN 978-3-936688-77-1

Externes wissenschaftliches Komitee © Verlag des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 2013


Alfons Kenkmann
Historisches Seminar der Universität Leipzig
Susanne Rappe-Weber Ausstellung
Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen
Jürgen Reulecke Idee und Grundkonzept
Historisches Institut der Justus-Liebig-Universität Gießen Hans-Ulrich Thamer
Barbara Stambolis
Historisches Institut der Universität Paderborn Gesamtleitung
Hans-Ulrich Thamer Claudia Selheim
Exzellenzcluster „Religion und Politik” an der
Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Wissenschaftlicher Volontär
Moritz Gruninger
W i s s e n s c h a f t l i c h e s Te a m i m
Germanischen Nationalmuseum Praktikantinnen
Thomas Brehm, G. Ulrich Großmann, Frank Matthias Kammel, Eva-Maria Kocher, Daniela Sandner, Alexandra Taschner
Claudia Selheim
Konservatorische Betreuung im GNM
Institut für Kunsttechnik und Konservierung
Katalog Oliver Mack, Ilona Stein und Roland Damm, Annika Dix, Christina Erhard,
Bettina Guggenmos, Frank Heydecke, Petra Kress, Klaus Martius,
Mitherausgegeben von Sabine Martius, Christiane Meinert, Martin Meyer, Markus Raquet,
Claudia Selheim, Barbara Stambolis Benjamin Rudolph, Arlett Seidel, Martin Tischler

Textredaktion Externe Restauratorin


Claudia Selheim, Barbara Stambolis und Manfred Knedlik, Monika Uliarczyk Magdalena Verenkotte-Engelhardt, Nürnberg
unter Mitwirkung von Ingrid Wambsganz
Ausstellungsgestaltung
Bildredaktion Thomas Kaiser, Gestaltung für Museum und Theater, Berlin
Monika Uliarczyk
Ausstellungsgrafik
Editorische Betreuung Claudia Wagner, Berlin
Christine Dippold
Übersetzung der Ausstellungstexte
Praktikantinnen Karen Christenson, Nürnberg
Kirsten Brand, Julia Riß
Ausstellungsreferat
Fotoarbeiten Anne-Cathrin Schreck, Anja Löchner und die Mitarbeiter des Referats
Monika Runge sowie im Bildnachweis angegeben
Kunsttransporte
Abbildungen auf dem Einband Schenker Deutschland AG · hasenkamp – Internationale Transporte GmbH
Titel: Hugo Höppener, gen. Fidus, Lichtgebet, 1922, [Link]. 50 Kroll Art & Projects GmbH, Berlin
Rückseite: Wandervogel-Aushängeschild, 1909, [Link]. 13
Ausstellungstechnik
Grafische Gestaltung Horst Gollwitzer, Frank Stolpmann und die Mitarbeiterinnen und
Elisabeth Dötzer, Wolfgang Gillitzer, Lucie Huster ­Mitarbeiter des Technischen Büros
[Link]
Satz aus Egyptienne, Interstate Museumspädagogische Vermittlung
Druck auf LuxoArt Samt 135g/m2 Thomas Brehm, Jessica Mack-Andrick, Anna Scherbaum, Pamela Straube

Handschrift der Noten Werbegrafik


Eddie McGuire, Glasgow (GB) [Link]

Druck und Weiterverarbeitung Wissenschaftsmanagement, Marketing


Delp Druck + Medien GmbH, Bad Windsheim Andrea Langer

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit


Sonja Mißfeldt
Unser herzlicher Dank gilt allen Leihgebern

Altenburg, Lindenau-Museum Mülheim an der Ruhr, Salzgitter AG, Konzernarchiv/Mannesmann-Archiv


Bamberg, Mathias König München, Collegium Carolinum
Berlin, Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf von Berlin, Kulturamt, Fachbereich München, Münchner Stadtmuseum
Kultur, Wandervogel-Archiv Berlin-Steglitz München, Sammlung Dr. Röschinger
Berlin, Deutsches Historisches Museum Münster, Prof. Norbert Nowotsch
Berlin, Sammlung Karl H. Knauf Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Dokumentationszentrum
Berlin, Dr. Stephan Schrölkamp ­Reichsparteitagsgelände
Berlin, Werkbundarchiv – Museum der Dinge Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Spielzeugmuseum
Bielefeld, Historisches Museum Bielefeld Nürnberg, Christine Reinsch
Bielefeld, Jugendlandheim Greten Venn e.V. Oranienburg, Eden Gemeinnützige Obstbau-Siedlung eG
Bielefeld, Stadtarchiv Reutlingen, Dr. Walter Sauer
Bietigheim-Bissingen, Max-Ackermann-Archiv (MAA), Ensslin-Bayer GmbH Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg Rothenfels e.V.
Bochum, Norbert Tautorat Schwalmtal, Pfadfinder-Geschichtswerkstatt e.V., Pfadfindermuseum
Bonn, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland Stuttgart, Landesmuseum Württemberg
Chemnitz, Kunstsammlungen Chemnitz Stuttgart, Dr. Rainer Y
Dommershausen, Dieter Krolle Suderburg, Museumsdorf Hösseringen
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., Archiv Tübingen, Universitätsbibliothek Tübingen
Dresden, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kunstfonds Warburg-Scherfede, Dokumentationsstelle für kirchliche Jugendarbeit,
Düsseldorf, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen Jugendhaus Hardehausen
Erlangen, Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg Werdau, Stadt- und Dampfmaschinenmuseum
Gessertshausen, Schwäbisches Volkskundemuseum Oberschönenfeld Witzenhausen, Archiv der deutschen Jugendbewegung
Halle an der Saale, Stiftung Moritzburg – Kunstmuseum des Landes Zörbig, Wiltrud Dübner
Sachsen-Anhalt
Hamburg, Alfred Toepfer Stiftung F.V.S.
Hamburg, Hamburger Kunsthalle
Heppenheim, Archiv der Odenwaldschule
Herdorf, Sammlung Hans Ermert
Hessische Hausstiftung, Schlossmuseum Darmstadt
Jena, Stadtmuseum Jena
Kaarst, Hansdieter Wittke
Karlsruhe, Badisches Landesmuseum Karlsruhe
Köln, Wallraf-Richartz-Museum und Fondation Corboud
Leipzig, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Leonberg, Almut Reichenbecher
Meißen, Heiko Hahnewald
Minden, Preußen-Museum NRW
Inhalt

8 Vorwort „Wir wollen zu Land 73 Kranich, Lilie, Rune und


G. Ulrich Großmann ­ausfahren“ Kreuz. Gestaltung und
Gebrauch der Fahnen in der
10 Was ist Jugendbewegung? 34 Vorspann ­deutschen Jugendbewegung
Barbara Stambolis Jürgen Reulecke Susanne Rappe-Weber

19 Nach Sonnenaufgang. 36 Autonomie und Selbstbe­ 82 Jugendburgen


Jugend als ­Sinnbild ­kultureller stimmung: der Wander­vogel G. Ulrich Großmann
Erneuerung um 1900 vor dem Ersten ­Weltkrieg
Frank Matthias Kammel Barbara Stambolis 92 Der Wandervogel – eine
­Quelle der ­Volkskunde
28 Im Zeichen von ‚Natürlichkeit’: 43 „In unsere Spiele brach der Claudia Selheim
Lebensreformerische Krieg…“. Kriegserfahrung und
Gesellschafts­kritik und -erinnerung
­Zukunftsentwürfe Barbara Stambolis „Sie werden Männer,
Barbara Stambolis die ihr Reich erringen“

„Mit uns zieht die neue Zeit“ 98 Vorspann


Jürgen Reulecke
50 Vorspann
Jürgen Reulecke 100 Die Jungenschaft seit Ende
der 1920er Jahre: der Start
52 Der jugendbewegte Neuauf- in eine dritte jugendbewegte
bruch nach 1918: die bündische Phase
Jugend und ihre Formen der Jürgen Reulecke
Vergemeinschaftung
Jürgen Reulecke 105 Juden jugendbewegt
Moshe Zimmermann
58 Geschlechterverhältnisse,
Sexualität und Erotik in der 113 Die Bündischen unter dem
bürgerlichen Jugend­bewegung Druck der Politisierung
Meike Sophia Baader Arno Klönne

67 Musik bewegt. Zu Lied und 120 Formationen jenseits von


Musik der Jugend- und Sing- ­Parteien und J­ugendbünden:
bewegung bis zum Zweiten der Jungdeutsche Orden und
Weltkrieg seine J
­ ugendorganisation
Markus Zepf Moritz Gruninger
„Ja, die Fahne ist mehr 165 Zwischen festem Glauben Exkurs
als der Tod“ und harten Beats.
Unangepasste Jugendliche 200 Jugendbewegte Generationen
126 Vorspann in der frühen DDR und ­Biografien
Jürgen Reulecke Bernd Lindner Barbara Stambolis

128 „Gegner von Gestern“? 205 Jugendbewegung als


Jugendbewegung und „Tot sind unsre Lieder“ Erinnerungs­gemeinschaft
­Hitlerjugend Hans-Ulrich Thamer
Alexander Schmidt 172 Vorspann
Jürgen Reulecke 211 Das Museum und die
137 Jugendbewegter Eigensinn ­Geschichte der Jugend.
unter den Bedingungen der 174 „Ty morjak“ in ­Schwabing, Ein Rückblick auf Ausstellun-
­NS-Volks­gemeinschaft „Strontium 90“ beim gen im 20. Jahrhundert
Alfons Kenkmann ­Ostermarsch. Die Jugend­ Alfons Kenkmann
bewegung im Protest der
frühen 1960er Jahre
„Und wieder erblüht nach Stefan Hemler 221 Katalog
Nebel und Nacht ein
­strahlender Tag im Lande“ 183 Chanson Folklore International. 340 Ausstellungsplan
Die Festivals auf der Burg 34 1 Die Autoren
148 Vorspann Waldeck 1964 bis 1969 342 Bildnachweis
Jürgen Reulecke Detlef Siegfried 343 Abkürzungen

150 Wiederbegründung und kurze 190 Das „Jahrhundert der


jugend­bündische ‚Blütezeit‘ ­Jugend“. Zum Bilderzyklus
nach 1945 von ­Heribert C. Ottersbach
Hans-Ulrich Thamer Hans-Ulrich Thamer

157 „Das neue Leben muss 194 Aufbruch in die Gegenwart


anders w­ erden …“. Aufbruch Thomas Brehm
der FDJ in der Sowjetischen
­Besatzungszone
Helga Gotschlich
Vorwort

Im Oktober 2013 jährt sich zum 100. Mal die Wiederkehr des Festes der Freideutschen Jugend
auf dem Hohen Meißner bei Kassel, der ersten Massenveranstaltung der deutschen Jugend seit
dem Wartburgfest 1817. Hier trafen sich neben Wandervögeln weitere unabhängige, vielfach
von den Ideen der Lebensreformbewegung beeinflusste Jugendverbände, die schon damals als
„Jugendbewegung“ bezeichnet wurden. Diese bürgerliche Jugendbewegung, der in ihren Hoch-
zeiten während der 1920er Jahre bis zu 100.000 Mitglieder angehörten, steht im Mittelpunkt der
Ausstellung.
Die Freideutsche Jugend plante das Meißnerfest als Gegenveranstaltung zu den offiziellen
Feierlichkeiten des wilhelminischen Bürgertums in Leipzig zur Einweihung des monumentalen
Völkerschlachtdenkmals. Stand bei letzterem die Begeisterung für ein historisches Ereignis im
Mittelpunkt, so war das Fest auf dem Hohen Meißner mit über 2.000 Teilnehmern ganz auf die
Zukunft, auf den Aufbruch der Jugend, ausgerichtet. Damals wurde auch die Meißnerformel ent-
worfen, zu deren Kernaussagen die Selbstbestimmung und die eigene Verantwortung der Jugend
zählen. Diese Selbstverständniserklärung wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts von der bündi-
schen Jugend immer wieder neu interpretiert.
Die Jugendbewegung war von Beginn an sowohl eine Erlebnis- als auch eine Erinnerungs-
gemeinschaft. Doch trotz dieses wichtigen Faktors der Erinnerung stellt sich die Frage nach
der Möglichkeit ihrer musealen Präsentation anhand originaler Sachzeugnisse. So wies schon
der Soziologe Arno Klönne auf „Gedächtnislücken“ in der Geschichtsschreibung dieser sozialen
Bewegung hin. Als eine Ursache nannte er den Umstand, dass als Quelle die Kleinpublizistik der
Bünde diene, diese aber immer nur die Äußerungen derjenigen umfasse, denen diese Form der
Mitteilung zusagte. Ähnlich schwierig verhält es sich mit der Sachkultur der Jugendbewegung,
zumal diese im weitesten Sinne zur Alltagskultur gehört, die erst seit den 1970er Jahren verstärkt
Eingang in Museen gefunden hat. Man trifft also im Falle der Jugendbewegung auf „Objektlü-
cken“. Häufig sind es die Archive – allen voran das bereits 1920 gegründete Archiv der deutschen
Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein in Witzenhausen –, die Fahnen, ­Wimpel, Chroniken,
Fahrten- und Liederbücher, Fotografien sowie die zahlreichen zeitgenössischen ­Publikationen
sammelten. Die überlieferten Realien verzerren jedoch gelegentlich das von der Geschichtsfor-
schung gezeichnete Bild. Bünde wie die Deutsche Freischar, die mitgliederstärkste Gruppe nach
1926, oder die dj.1.11, die im November 1929 ins Leben gerufene Deutsche Jungen­schaft, die
besonders stilbildend auf andere Gruppen, selbst auf die Hitlerjugend, wirken ­sollte, lassen sich

8 Aufbruch der Jugend


nur durch wenige Objekte in der Ausstellung präsentieren. Dass diese dennoch ­realisiert werden
konnte, hat das Germanische Nationalmuseum vor allem der Kooperation mit Historikern aus
dem Wissenschaftlichen Beirat des Archivs der deutschen Jugendbewegung zu verdanken. Die
Kooperationspartner sind Alfons Kenkmann, Susanne Rappe-Weber, Jürgen R­eulecke, Barbara
Stambolis und Hans-Ulrich Thamer. Sie alle beschäftigen sich seit vielen ­Jahren in ihren Studien
mit dem Thema Jugendbewegung, teilweise sind sie sogar selbst durch diese beeinflusst oder gar
geprägt worden. Ihr Wissen haben sie dankenswerterweise in jeweils mehreren Beiträgen und
Katalognummern in den vorliegenden Band einfließen lassen. Ferner gaben sie viele Anregungen
zur Ausstellung und stellten Verbindungen zu weiteren Autoren her. So gelingt es, durch die
Essays einen Überblick über die wichtigsten Etappen der deutschen Jugendbewegung zu geben.
Besonders Susanne Rappe-Weber, Leiterin des Archivs der deutschen Jugendbewegung,
zeichnete gemeinsam mit Claudia Selheim, Leiterin der Sammlungen Volkskunde sowie Spiel-
zeug im Germanischen Nationalmuseum, der die Federführung des Projekts im Haus oblag,
in weiten Teilen für die Objektauswahl verantwortlich. Unterstützt wurden sie dabei von dem
­Volontär Moritz Gruninger. Zur Realisierung der Ausstellung und des Katalogs trug ­tatkräftig
Monika ­Uliarczyk bei. Beratend standen dem Projekt im Haus Thomas Brehm und Frank ­Matthias
­Kammel zur Seite. Mein Dank gilt ausdrücklich den beiden Mitherausgeberinnen der vorliegen-
den Publikation, Barbara Stambolis und Claudia Selheim, sowie den über 50 Autoren. Begleitet
­wurde die Redaktion von Manfred Knedlik und Ingrid Wambsganz, die editorische Betreuung
oblag Christine Dippold vom Verlag des Museums.
Zum Gelingen der Ausstellung trugen neben der Leiterin des Ausstellungsreferats Anne-
Cathrin Schreck und ihres Teams die zahlreichen Kolleginnen und Kollegen des Instituts für
Kunsttechnik und Konservierung unter Leitung von Oliver Mack bei. Letztere erhielten Unter-
stützung durch die auswärtige Textilrestauratorin Magdalena Verenkotte-Engelhardt. Allen sei
für die Ausdauer gedankt, die sie dem sehr inhomogenen Material entgegenbrachten. Zudem
lieferten viele von ihnen technische Angaben zu den Objekten. Die Ausstellungsgestaltung über-
nahm in bereits mehrfach bewährter Weise im Hause Thomas Kaiser aus Berlin.

G. Ulrich Großmann

9
Barbara Stambolis

Was ist Jugendbewegung?

Entstehungshintergründe: ‚Jugend‘ um 1900


Im neuzeitlichen Europa nahmen zahlreiche Be-
wegungen die Bezeichnung ‚Jung‘ für sich in Anspruch; bei dem ‚jungen Italien‘ oder ‚jungen
Deutschland‘ etwa handelte es sich um literarische oder politische Kreise und Gruppierungen,
die mit diesem Attribut ihren wie auch immer im Einzelnen zu bestimmenden reformerischen
Impetus zum Ausdruck brachten. Erst um 1900 jedoch entwickelte sich Jugendlichkeit zu einem
„Zauberwort“,1 zum Inbegriff von Dynamik und Zukunftsorientiertheit, Gesundheit und Stärke
gegenüber Alter, Müdigkeit, Krankheit, Dekadenz und Verfall. Jugend sei „Daseinsfreude, Genuss-
fähigkeit, Hoffnung und Liebe, Glaube an die Menschen“, hieß es beispielsweise, ebenso wie:
„Jugend ist Leben, ­Jugend ist Farbe, ist Form und Licht“ (Abb. 1 u. 2).2 ‚Jugend‘ entfaltete als Me-
tapher eine große Anziehungs- und – wie sich erst später herausstellen sollte – in den folgenden
Jahrzehnten sogar eine ausgesprochene Verführungskraft. Dieser „Aufbruch“ in ein als „Jahrhun-
dert der Jugend“ bezeichnetes neues Säkulum ging indes nicht nur mit optimistischen Fort-
schrittshoffnungen, sondern auch mit tiefgreifenden sozialen und mentalen Verunsicherungen
einher, die nicht zuletzt von Ahnungen und Ängsten begleitet waren, das neue Jahrhundert werde
sich als katastrophenreich erweisen. Auf der Titelseite der Januarausgabe der Zeitschrift
­„Jugend“ des Jahres 1900 findet sich bezeichnenderweise ein J
­ anuskopf (Abb. 3).
Um 1900 wurde ‚Jugend‘ nicht allein in bis dahin ungekannter Weise symbolisch aufge-
laden; vielmehr standen auch zunehmend junge Leute, das heißt Heranwachsende sowohl der
Arbeiterklasse als auch des Bürgertums, ganz konkret im Mittelpunkt politischen, gesellschaft-
lichen und nicht zuletzt pädagogischen Interesses. Zum einen blickten erschreckte Zeitgenossen
beunruhigt auf eine angeblich „zuchtlose“ und „verwahrloste“ erwerbstätige Jugend, die von den
Folgen der Industrialisierung und Verstädterung sichtbar betroffen war: „Halbstarke“, das heißt
junge Männer, die ihre Freizeit rauchend und herumlungernd an Straßenecken verbrachten, sei-
en „der geschworene Feind der Ordnung“ 3 und müssten in jedem Falle diszipliniert werden. Weit-
sichtige Pädagogen sprachen sich jedoch damals gegen Strafe und Strenge als pädagogisches
Allheilmittel aus und forderten vor allem „jugendpflegerische Maßnahmen“. In dieser Hinsicht
waren sie sich mit weiteren kritischen Beobachtern wie etwa dem Pädagogen Ludwig Gurlitt
(1855–1931) einig, die eine andere Gruppe Jugendlicher im Blick hatten: Heranwachsende aus
dem Bürgertum, die unter autoritären Strukturen in höheren Schulen erheblich zu leiden hat-
ten, an denen es vorrangig um ‚Dressur‘ mit dem Ziel der Erzeugung unterwürfiger Untertanen
ging. Aus diesen Zusammenhängen entstand um 1900 im Rahmen vielfältiger Reformbewegun-

10 Aufbruch der Jugend


links oben, Abb. 1: Ernst Seger,
Jugend, 1897 (vgl. [Link]. 1)

rechts oben, Abb. 2: Max Klinger,


Und doch!, 1898 (vgl. [Link]. 3)

unten, Abb. 3: Januskopf auf dem


­Titelblatt der Zeitschrift „Jugend“,
1900 (vgl. [Link]. 6)

Was ist Jugendbewegung? 11


gen – wie im Folgenden zu zeigen sein wird – die „Jugendbewegung“ im engeren Sinne, eine
spezifisch deutsche Reaktion auf die Umbrucherfahrungen infolge von Industrialisierung, Ver-
städterung und Massenzivilisation, wenngleich die ihr zugrunde liegenden Erfahrungen auch
Kennzeichen der europäischen Gesellschaft der Jahrhundertwende darstellten.4

Jugend „in Bewegung“ – „Jugendbewegung“


Während proletarische Jugendliche tendenziell als
gefährlich angesehen wurden, erschienen die ersten höheren Schüler, die sich in ihrer freien Zeit
im „Wandervogel“ wenigstens stunden- oder tageweise väterlicher Kontrolle und den rigorosen
Anforderungen der höheren Schule mit ihrem Drill und ihrer Gehorsamserziehung entzogen,5 wohl
zumeist nur als ein wenig ‚verrückt‘ beziehungsweise vorübergehend ‚außer Rand und Band‘ gera-
ten zu sein. Aus den ersten dieser Wanderfahrten von Gymnasiasten, die
ihren Ausgang 1896 in Berlin-Steglitz nahmen und die bald in Deutsch-
land, Österreich und der Schweiz Verbreitung fanden, gingen Gruppen
hervor, in denen um 1900 bereits der Name „Wandervogel“ auftauchte,
der der Bewegung mit ihren in der Folge hochgradig unübersichtlichen
Abspaltungen und Wiedervereinigungen ihren Namen gab und etwa
auch unter damaligen Studierenden in ausdrück­licher Abgrenzung von
den studentischen Verbindungen auf große Resonanz stieß (Abb. 4).
Kaum war der Wandervogel entstanden, war auch bereits von
„Jugendbewegung“ die Rede. In Aufrufen, Rundbriefen, Traktaten und
Zeitschriften tauchte dieses Stichwort nur wenige Jahre, nachdem die ersten Schüler ‚auf Fahrt‘ Abb. 4: Beutel mit Zeltzubehör
gegangen waren, auf. 1910 erschien etwa eine Schrift unter dem Titel „Die bürgerliche Jugend-
6 von Hugo Elias Schomburg, vor
1914 (vgl. [Link]. 17)
bewegung“ 7 oder 1912 die „Geschichte des Wandervogels“, deren Autor Hans Blüher (1888–1955)
im Vorwort ausdrücklich ankündigte, „die Geschichte einer Jugendbewegung zu schreiben.“ 8 Da-
mit waren auch schon Deutungen der jungen Bewegung in die Welt gesetzt – heute würde man
sagen: Sie wurde etikettiert oder ‚gelabelt‘.
Die Jugendbewegung wurde also nicht erst aus späterer Sicht als ‚Bewegung‘ bezeichnet,
sondern sie war Teil eines breiten Spektrums lebensreformerischer Aufbruchs- und Erneuerungs-
initiativen, die sich als ‚Bewegungen‘ verstanden. In Kenntnis der Geschichte des 20. Jahrhunderts
wird zumeist davon ausgegangen, dass soziale Bewegungen – zu denen vor allem die Arbeiter- und
die Frauenbewegung, aber auch die Friedensbewegung und andere mehr gehören – gesellschaftli-
che Veränderungen zum Ziel haben, soziale Reformen anstreben und deshalb nicht zuletzt gegen
Ungleichbehandlungen und Benachteiligungen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen pro-
testieren. Das gilt für die ‚alten‘ wie ‚neuen‘ sozialen Bestrebungen trotz aller Unterschiede, die
zwischen diesen bestehen. Im Zusammenhang mit der Jugendbewegung als sozialer Bewegung
lassen sich unter anderem folgende Fragen stellen: Gegen welche Missstände protestierte, oppo-
nierte oder rebellierte die Jugendbewegung? Inwiefern gingen von ihr gesellschaftliche Beunru-
higungen aus? Worin lag das ‚Unerhörte‘, das ‚Provozierende‘ und das vielleicht auch heute noch
nachvollziehbar ‚Faszinierende‘ des Jugendbewegten vor dem Ersten Weltkrieg?
Die meisten wissenschaftlichen Interpreten sind sich zwar sicher, dass es sich nicht um
eine „Revolution der Bürgerkinder“ gehandelt habe,9 einige haben jedoch die Auffassung ver-
treten, die Jugendbewegung der Jahrhundertwende sei als Teil einer „zivilisationskritischen
Protestbewegung“ oder einer „bildungsbürgerlichen Kulturrevolte“ zu verstehen.10 Jugendpro-
test sei ein „Kennzeichen des 20. Jahrhunderts“, hieß es zudem wiederholt,11 und nicht zuletzt
wurde die Jugendbewegung auch im Kontext von Generationskonflikten gedeutet. Diese haben
in der Tat bereits im Deutschen Kaiserreich eine nicht unerhebliche Rolle gespielt, mehr noch

12 Aufbruch der Jugend


die 1920er Jahre erschüttert und vor allem dann um 1930 zu einer Legitimationskrise des politi-
schen Systems von Weimar maßgeblich beigetragen.12

Gesellschaftlicher Umgang mit den Herausforderungen jugendlichen Aufbruchs


Parallel zu den
Jahrhundertfeierlichkeiten in Erinnerung an die Leipziger Völkerschlacht im Oktober 1913 fanden
Angehörige und Förderer der Jugendbewegung sich zu einem – an anderer Stelle ausführ­licher
erläuterten13 – Fest in der Nähe von Kassel auf einer Bergkuppe namens Meißner zu­sammen und
gaben ihrem Selbstverständnis als „Jugend im Aufbruch“ mit folgenden bedeutungsoffenen Wor-
ten Ausdruck, die fortan als Kernsatz der sogenannten Meißnerformel viel zitiert wurde: „Die Frei-
deutsche Jugend will nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaf-
tigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen
ein.“ 14 Die öffentlichen Reaktionen waren gespalten. In der auflagenstarken Familienzeitschrift
„Die Gartenlaube“, in der über die Feierlichkeiten in Leipzig und auf dem Meißner berichtet wurde,
hieß es zum Beispiel, man müsse der Jugend ein solches Fest unbedingt zubilligen, zumal das
„Freideutsche Jugendtreffen“ ja „nicht als gefährlich“ einzustufen sei. Es bestehe zwar ein gewis-
ses Misstrauen vonseiten Erwachsener gegen diese „Freiheitsbewegung“ der Jugend und es sei
auch noch nicht klar zu erkennen, wie sich diese „Revolte“ gegen die Zwänge der Schule entwickeln
werde. Dennoch: Die Art und Weise, wie die Jugendbewegung auf dem Meißner gefeiert habe, und
die Tatsache, dass sie ihren Anspruch auf jugendliche Freiräume zum Wandern nutze, stelle nun
wirklich „keinen Missbrauch der Freiheit“ dar. Bedenklich sei lediglich „die gar so radikale Selbst-
verständlichkeit, mit der Mädchen und Knaben […] beieinander“ gewesen seien.15
Solche Vermutungen, die Jugendbewegung werde möglicherweise ‚Unordnung‘ stiften, lösten
im Bayerischen Landtag sogar zu Beginn des Jahres 1914 eine Parlaments-Debatte aus:16 Es war
dort – wieder einmal – von „Bewegung“ die Rede,17 und im Februar wurde schließlich in der Mün-
chener Tonhalle eine öffentliche Sitzung anberaumt, zu der wohl rund 1.000 Zuhörer erschienen,
um das Phänomen Jugendbewegung zu diskutieren. Unter anderem sprachen der Pädagoge und
jugendbewegte Mentor Knud Ahlborn (1888–1977) sowie der Heidelberger Soziologe Alfred Weber
(1868–1958). Letzterer versuchte auf sachliche Weise, den Kern der „Bewegung“ auf den Punkt zu
bringen: Es handele sich um einen „Strom“, der sich in der „Bewegung des Wanderns“ ebenso Bahn
gebrochen habe wie in der „Beratung“ höherer Schüler und Studenten auf dem Meißner durch
wohlwollende ältere Fürsprecher der Jugend. Der Strom „quelle hervor“ und suche nach einer For-
mel, nach etwas, was sie zusammenhalte; die Anhänger der Jugendbewegung wollten weder die
Autorität des Staates noch der Schule untergraben. Weber beruhigte ausdrücklich auch die Eltern,
deren Angst vor Autoritäts- und Kontrollverlust bei ihren Kindern unbegründet sei.18 Seine Rede
wirkt nach nunmehr fast 100 Jahren in erster Linie wie ein Plädoyer für die Jugendbewegung:
Weber warb für Verständnis gegenüber der Begeisterung und dem Idealismus, mit dem junge Men-
schen ‚aus grauer Städte Mauern‘ aufbrachen, um in Gruppen Gleichaltriger ihren Erfahrungs-
horizont zu erweitern.

Adoleszenz: Pädagogische Diskurse und psychologische Deutungen um 1900


Eine ganze Reihe
von Pädagogen legte damals den Finger auf schul- und bildungspolitische Wunden und Erzie-
hungsmissstände des Kaiserreichs. Im Mittelpunkt stand die Kritik an einer Schule, die von
Hypotheken einer langen Tradition der Autoritäts- und Gehorsamserziehung belastet war; zent-
rale Stichworte sind in diesem Zusammenhang: „Seelenmorde in den Schulen“, „Zwangsschule“,
„Stoffschule“, „Buchschule“ oder „Lernschule“. Der bereits erwähnte Ludwig Gurlitt, hier stell-

Was ist Jugendbewegung? 13


vertretend für weitere ähnliche Stimmen genannt, sah sich dabei ausdrücklich als Teil einer
breiten „modernen“ beziehungsweise „neuen Bewegung“. Er fasste die Kritik an der Schule des
Deutschen Kaiserreichs mit folgenden Worten zusammen: „Mit dem endlosen Schuldrill, den
Examensnöten, mit der unehrlichen Anbetung von erstorbenen Formeln in Glauben und Politik
und mit der Anbetung des äußeren Erfolges, mit dem altklassischen Identitätsschwindel, mit
aller brutalen Vergewaltigung der Menschen, mit der feigen Unterwürfigkeit und erlogenen De-
mut, mit dem Lug- und Trugsystem, durch das sich die überbürdete und gehetzte Jugend mit den
sog. Schulpflichten abfindet, mit all dem morschen Plunder wollen wir aufräumen.“ 19
Wunschvorstellungen von einer Schule mit kind- und jugendgerechten Entwicklungs- und
Entfaltungsmöglichkeiten fanden Eingang in reformpädagogische Diskurse und wurden vor dem
Ersten Weltkrieg vor allem in privaten Versuchsschulen in die Praxis umgesetzt, wie in der 1906
eröffneten „Hauslehrerschule“ Berthold Ottos (1859–1933) in Berlin-Lichterfelde, in der 1910
als Landerziehungsheim von Paul (1870–1961) und Edith Geheeb (1885–1982) ins Leben gerufe-
nen Odenwaldschule oder in den Landerziehungsheimen von Hermann Lietz (1868–1919), 1898
in ­Ilsenburg im Harz, gefolgt 1901 von Haubinda bei Hildburghausen in Thüringen und 1904 in
Schloss Bieberstein in der Rhön. Sowohl in ländlichen als auch städtischen Umgebungen entwi-
ckelten sich mehr oder weniger stark nach außen wirkende Zentren der Kritik und Reform. Dazu
zählen Bremen oder Hamburg mit einem Kreis von Volksschullehrern, mit angeregt durch den Leh-
rer und Kunsthistoriker Alfred Lichtwark (1852–1914). Auch Thüringen erwies sich bereits um 1900
als fruchtbarer Nährboden für Reformkonzepte, in die sich vornehmlich die Gründung der Freien
Schulgemeinde Wickersdorf, als „Insel der Jugend“ und „pädagogische Insel“ bezeichnet, einfügt.
Ihr geistiger Vater Gustav Wyneken (1875–1964), aus späterer Sicht als Pädagoge umstritten, für
die Jugendbewegung jedoch ein zentraler Impulsgeber, war es auch, der den Begriff „Jugendkul-
tur“ in Umlauf brachte: Jugend sei eben nicht nur ein Übergangsstadium zwischen Kindheit und
Erwachsensein, sondern eine eigenständige Lebensphase mit eigenen Stil- und Lebensformen.
Es gab wiederholt wohlmeinend unterstützende, zugleich aber vereinnahmende ‚Partei-
ergreifungen‘ für die Jugend, die zumeist auf zeitgenössischen pädagogischen, soziologischen
und entwicklungspsychologischen Erkenntnissen der Jugendforschung aufbauten, welche um
die Jahrhundertwende eine ausgesprochene Blütezeit erlebte. Unter anderem traten Wissen-
schaftler auf den Plan, die Adoleszenz als Lebensabschnitt beschrieben, der von besonderen
Herausforderungen gekennzeichnet sei: von Aufbruchsbedürfnissen, der Sehnsucht nach Hori-
zonterweiterung, von einem kritischen Blick auf die Gesellschaft und einer ausgeprägten Iden-
titätssuche, zu der auch Grenzüberschreitungen im weitesten Sinne gehörten. Die „Erarbeitung
einer Geschlechtsrolle, […] das Eingehen tiefer Beziehungen zu Gleichaltrigen, die Entwicklung
eines positiven Körper-Selbst“20 stellt lediglich einen Aspekt von ‚Adoleszenz‘ dar, auf den unter
anderem der Pädagoge und Psychologe Friedrich Wilhelm Foerster (1869–1966) in seiner 1904
erstmals erschienenen „Jugendlehre“ einging.21 Er hatte mit seiner Deutung von ‚Adoleszenz‘ im
Zusammenhang mit Stichworten wie ‚Selbstbestimmung‘, ‚Autonomie‘ und ‚Freiheit‘ zweifellos
einen ‚Nerv‘ jugendbewegten Selbstverständnisses getroffen. Foerster hat zudem – wie nicht
zuletzt auch der Pädagoge Theodor Litt (1880–1962) – spätere Diskurse über Kernsätze jugendbe-
wegten und pfadfinderischer Selbstdeutung mit beeinflusst, in denen es um den Vorrang eigen-
verantwortlichen Handelns des Einzelnen oder die Orientierung an hierarchischen Strukturen
und „Führern“ ging. Mit anderen Worten: Wissenschaftlich wurde Adoleszenz vor dem Ersten
Weltkrieg vielfältig erforscht, vor allem als Experimentierraum und -zeit für Heranwachsende,
um ‚sich selbst‘ zu finden. Mit Fragen der Handlungsspielräume für Heranwachsende beschäf-
tigte sich nicht zuletzt der Psychoanalytiker Siegfried Bernfeld (1892–1953),22 dem wiederum
grundlegende Überlegungen des amerikanischen Psychologen George Stanley Hall (1844–1924)

14 Aufbruch der Jugend


bekannt waren, der − bereits 1904 mit einschlägigen Veröffentlichungen hervorgetreten − auch
als ‚Vater der Adoleszenz-Forschung‘ gilt.23

Wandel und Facetten der Jugendbewegung 1918–1945


Selbstverständlich kann nicht von der Ju-
gendforschung in der Entstehungszeit der Jugendbewegung gesprochen werden, es gab zudem
auch nicht den Jugendlichen schlechthin, und es kann nicht von der Jugendbewegung die Rede
sein.24 Wie viele Heranwachsende in dem einen oder anderen Bund Mitglied waren, also die Bewe-
gung repräsentieren, geht aus folgenden Zahlen hervor. Angefangen von etwa 25.000 Angehörigen
von Wandervogel-Bünden 1914 dürfte die „Bündische Jugend“ zwischen 1918 und 1933 unter Ein-
beziehung einiger bündisch-konfessioneller, jüdischer und pfadfinderischer Gruppierungen unge-
fähr 90.000 Mitglieder umfasst haben. In der Forschung werden weitgehend übereinstimmend
mehrere Phasen in der Geschichte der Jugendbewegung genannt, an denen bis heute auch Unter-
scheidungen jugendbewegter Erfahrungs-Generationen ausgerichtet sind. Chronologisch an den
gängigen Zäsuren in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts orientiert (1914/18 – 1933 –
1945) hat sich folgende Differenzierung als sinnvoll erwiesen: (1.) die „Wandervogelzeit“, (2.) die
„bündische Zeit“, (3.) die Jahre gegen Ende der Weimarer Republik und dann der nationalsozialis-
tischen Herrschaft mit vielfältigen Formen jugendbewegt inspirierter Resistenz und Opposition
sowie (4.) eine Phase jugendlicher „Selbstorganisation“ nach 1945 bis in die 1960er Jahre.
Die Jugendbewegung der Zwischenkriegszeit bis zum Jahre 1933 mit ihrer unübersehbaren
Zahl von Gruppen, Abspaltungen und Neugründungen unterscheidet sich mit Blick auf Erfah-
rungen, Verunsicherungen sowie Leitbilder und Habituelles beziehungsweise gemeinschaftsstif-
tende Symbole und Rituale stark von den Anfangsjahren vor 1914.25 Die Betonung des ‚Männ-
lichen‘ und ‚Männerbündischen‘ gilt als eines der entscheidenden Kennzeichen bündischer
Jugendbewegungsgeschichte. Kosaken und Samurai, die ritterliche ‚Ordensgemeinschaft‘, sol-
datisch heroische Tugenden, das Auftreten in Kluft mit Fahnen und anderes mehr werden in der
Regel als Zeichen des Stilwandels angeführt. Ästhetisch gesehen ‚neue‘ kreative Ausdrucksmittel
verweisen dabei auf eine ‚neue‘ Altersgruppe, die der Jugendbewegung nach 1918 ihren ‚Stempel
aufdrückte‘, das heißt sie veränderte und auf ihre Weise ‚zeitgemäß‘ und attraktiv machte. Diese
‚jugendbewegte Generation‘ hatte Krieg und Nachkriegsjahre mit all ihren Begleit- und Folge­
erscheinungen, vielfältigen Formen von Gewalt im außerparlamentarischen Raum, ‚Unordnung‘
im Sinne von wachsender beruflicher Unsicherheit oder Perspektivlosigkeit erfahren und suchte
vor diesem Hintergrund nach eigenen Wegen der Identitätsfindung und ‚Selbstwerdung‘. Mit
der jungen parlamentarischen Demokratie, die überwiegend von alten Männern getragen wur-
de, konnten sich Jugendliche zumeist nicht identifizieren. Bekannt ist, dass Schüler sich offen
an antirepublikanischen militanten Kundgebungen beteiligten und dass die ‚Politik der Straße‘,
zum Beispiel während der Ruhrbesetzung in der ersten Hälfte der 1920er Jahre und verstärkt
dann wieder ab 1929/30, an die Stelle von Argumentation und parlamentarischen Entscheidun-
gen trat. Die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge lassen sich an dieser Stelle nur ansatzweise
skizzieren: Alarmierend wirkte beispielsweise die Verwicklung von Gymnasiasten in die Vor-
gänge um die Ermordung des Zentrumspolitikers Matthias Erzberger (1875–1921) 1921 und des
Außenministers Walther Rathenau (1867–1922) im Jahre 1922. Der Boykott von Verfassungsfei-
ern durch antirepublikanische Schülergruppen gehörte ebenfalls zu den wiederkehrenden, be-
unruhigenden Zeichen, dass die Demokratie bei Teilen der Jugend nicht hoch im Kurs stand.
In der Endphase der Weimarer Republik warben dann die extremen Parteien der Rechten und
Linken mit Schlagworten wie „Macht Platz ihr Alten“ um Jungwähler, und die staatstragenden
Parteien verloren zunehmend an Rückhalt in jüngeren Altersgruppen. Soziale Krisenerscheinun-

Was ist Jugendbewegung? 15


gen globalen Ausmaßes mit besonders einschneidenden Wirkungen auf dem Arbeitsmarkt für
Jugendliche tangierten die Arbeiterjugend, Jugendliche des Klein- und des Bildungsbürgertums.
Dass die radikalen Parteien, nicht zuletzt die Nationalsozialisten, von dieser Entwicklung profi-
tierten, steht außer Frage. Die Hitlerjugend bediente sich zwar jugendbewegter Formtraditionen
der bündischen Zeit; die unmittelbare Vorreiterrolle der Jugendbewegung für die Hitlerjugend
ist jedoch eine inzwischen wiederholt und überzeugend widerlegte These.26
Das Spektrum jugendbewegter Haltungen und Verhaltensweisen zwischen 1933 und 1945
ist ausgesprochen breit. So gab es einerseits „bündische Umtriebe“, nonkonformes Verhalten,
Widerständigkeit im engeren Sinne und andererseits unauffällige Anpassung sowie auch – zu-
mindest zeitweise – überzeugtes aktives „Mitmachen“ im Dienste des Regimes. Beispielhaft für
unangepasstes Verhalten sind nicht zuletzt die Edelweißpiraten, die an Rhein und Ruhr beson-
ders verbreitet waren und für die Stichworte wie „jugendliche Subkultur“ oder ‚ein Leben gegen
den Strom‘ kennzeichnend sind.27 In Ego-Dokumenten von Zeitzeugen manifestiert sich die Sub­
stanz dieser Gruppen am eindringlichsten, und zwar in Berichten über Fahrten, Lagerfeuer und
in Erinnerungen an Lieder, die prägend waren. Es geht in erster Linie um ein sich in Kleingrup-
pen ausformendes Lebensgefühl und ein lebensweltliches Ausloten von Handlungsspielräumen
und -grenzen unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur, in der die Gestapo
maßgeblich mitbestimmte, wer als abweichlerisch und auszugrenzen anzusehen war.28

Nach 1945: Wiederaufleben bündischer Vergemeinschaftungen


Die Hoffnung nach Ende des
Zweiten Weltkriegs, es werde eine ‚neue‘ Jugendbewegung aus dem Geist der ‚alten‘ entstehen,
die nicht den Verführungen und Versuchungen der vorangegangenen Jahrzehnte ausgesetzt und
diesen dann teilweise auch erlegen war, war unter Jugendbewegten nach dem Ende der national-
sozialistischen Diktatur und den Schrecken des Zweiten Weltkriegs durchaus vorhanden. Das
jugendbewegte Spektrum nach 1945 umfasste wiedergegründete Wandervogelgruppen, Pfadfin-
derbünde, Jungenschaftskreise und die Bündische Freischar, es gab also gewisse organisatori-
sche Kontinuitäten. Im Mittelpunkt des Gruppenlebens standen – erneut – die ‚große Fahrt‘ und
das ‚Lager‘; Wimpel, Fahnen oder die ‚Kluft‘ gehörten ebenso in den jugendbündischen Alltag wie
die Übernachtung in der Kohte und das gemeinschaftsstiftende Singen am Feuer. Eine Gruppe
Älterer, unter ihnen zum Beispiel Walter „Tejo“ Scherf (1920–2010), holte in der Jugendbewegung
nach dem Zweiten Weltkrieg wohl auch ihre Jugend nach, um die sie im „Dritten Reich“ betrogen
worden war; vielen war dabei bewusst, dass Uniformierung und das Strammstehen für ‚Führer
und Volk‘ ein belastendes Erbe darstellte, von dem es sich zu verabschieden galt. Lieder von
Hans Baumann (1914–1988) wie „Es zittern die morschen Knochen“ oder „Hohe Nacht der klaren
Sterne“ erschienen nun nicht mehr singbar und sind Beispiele für die wachsende Distanz gegen-
über belasteten Traditionen. Aus der Geschichte, vielfach auch der individuellen, zu lernen und
künftige Generationen vor Verführungen und Katastrophen zu bewahren, war vielen Jugendbe-
wegten nach 1945 ein zentrales Anliegen, wobei sie nicht selten davon ausgingen, es lasse sich
an Lebensformen und Leitbilder der Zwischenkriegszeit anknüpfen. Angehörige jener um 1930
geborenen „Kerngruppe der ‚skeptischen Generation‘“,29 die das „Dritte Reich“ und den Zweiten
Weltkrieg erlebt hatte, haben nach 1945 ideologische Verengungen sowie Vereinnahmungen, von-
seiten welcher Gruppen und Interessen auch immer, zumeist abgelehnt. Diejenigen in dieser Al-
tersgruppe, die Jugendbewegungs- und in einer nicht unerheblichen Zahl auch HJ-Erfahrungen
hatten, haben ‚Selbstbestimmung‘ und ‚Autonomie‘ besonders betont. Sie haben nicht nur in ju-
gendbewegten Gruppen, sondern auch in der Jugendarbeit, an Schulen und Hochschulen sowie
in politischen Gremien diese Auffassung vertreten: Die Jugend brauche jugendgemäße Freiräu-

16 Aufbruch der Jugend


me, und zwar unter allgemeinen Bedingungen des Aufwachsens, die „nichts zu schaffen“ hatten
„mit der Welt des Antretens, der Marschübungen und des Kommandierens“.30
Nach 1945 geborene Jugendliche mussten erst lernen, nationale Grenzen zu überschreiten;
mit Altersgenossen aus Frankreich und anderen europäischen Ländern traten sie nur allmählich
wieder in Verbindung, wobei der Kalte Krieg die Kontakte zur Freien Deutschen Jugend (FDJ)
in der DDR erheblich erschwerte. Die Jugendbewegung nach 1945 war insofern ein ‚Kind ihrer
Zeit‘, als ihre Vorstellungen und Handlungsweisen die westeuropäischen Annäherungsprozesse
ebenso widerspiegeln wie die ideologische Verhärtung der politischen Positionen in Ost und
West in den Jahren des Kalten Krieges. Ihre Mitglieder begannen, auf ihren Großfahrten – zum
Teil in Anknüpfung an Traditionen aus der Zwischenkriegszeit – ihren Horizont über die Grenzen
hinweg zu erweitern, unsicher zunächst, weil Europa kein selbstverständlicher Erfahrungsraum
war. Gruppen von Jungenschaftern zum Beispiel unternahmen ab 1946 wieder Großfahrten ins
Ausland, beispielsweise nach Italien, später nach Schweden, Finnland, nach Griechenland, in
die Türkei oder in den Mittleren Osten, mit wenig Geld und unter heute geradezu abenteuerlich
anmutenden Bedingungen. Sie verstanden sich weder als Jugendtouristen noch wollen sie heute
rückblickend mit späteren „Backpackern“ gleichgesetzt werden.
Dem jugendkulturellen Mainstream der späten 1940er und 1950er Jahre folgten die meis-
ten Jugendbewegten nicht. Als der Starclub in Hamburg 1962/63 Besucherrekorde feierte und
die Beatles ihre erste Single herausbrachten, hatte die historische Jugendbewegung ihre einstige
Anziehungskraft bereits deutlich eingebüßt. Und als 1963 Jugendbewegte die 50-Jahrfeier des
legendären Freideutschen Treffens auf dem Meißner begingen, stellten Redner der älteren Ge-
neration fest, für die „Jugendbewegung alten Stils“ sei „kein Platz mehr.“31 Auch Jüngere hatten
ihre Zweifel, ob es in Zukunft gelingen werde, bündische Lebensformen attraktiv zu erhalten.
In der Zeitschrift „Der Spiegel“, also aus Außensicht auf das Phänomen, hieß es pointiert, die
Jugendbewegung sei tot, sie trage nur noch „sektiererische Züge“.32

Das Ende einer Jahrhundertgeschichte?


Die Jugendbewegung erlebte zwar in den 1960er Jahren,
vor allem mit den Festivals „Chanson Folklore International“ (1964–1968) auf der Burg Waldeck im
Hunsrück, eine gewisse Spätblüte,33 jugendbewegte Einflüsse lassen sich darüber hinaus in verschie-
denen neuen sozialen Bewegungen, zum Beispiel der Friedens-, der Anti-Atomkraft- und der Dritte-
Welt-Bewegung nachweisen. Auch gab es Berührungsflächen mit den entstehenden, sich demokra-
tisch und pluralistisch ausdifferenzierenden Jugendkulturen, beispielsweise mit der 68er
Studentenbewegung. Für die folgenden Jahrzehnte wird jedoch zumeist nicht nur von Jugendkultu-
ren, sondern auch im Plural von Jugendbewegungen gesprochen. Auf diese treffen zumeist ähnliche
Beschreibungsmerkmale zu wie auf die meisten neuen sozialen Bewegungen: Die Mitglieder kommen
in ihnen locker, unverbindlich, temporär und ohne feste organisatorische Strukturen zusammen. In
diversen Szenen und sub- und gegenkulturellen Milieus fanden und finden Jugendliche seither Expe-
rimentierfelder in einer unüberschaubaren Angebotsbreite. Von nonkonformen Sub- und Teilkulturen
auf Mehrheitseinstellungen in der Jugend schließen zu wollen, führt hier allerdings zu unzulässigen
Pauschalaussagen. Ähnliches gilt für undifferenzierte Vergleiche zwischen den Visionen eines ‚neuen
Menschen‘ und einer ‚neuen Jugend‘ um 1900 mit solchen auch seit den 1960er Jahren hin und wieder
gebrauchten Schlagworten.34 Gegenwärtig jedenfalls positioniert sich im Kommen und Gehen der
Geschlechter eine um 1930 geborene, von der Jugendbewegung beeinflusste Altersgruppe und einige
noch einmal rund zehn Jahre jüngere in jenem jugendbewegten Generationenspiel, das gegen Ende
des 19. Jahrhunderts begann. Sie diskutieren vor allem, seit wann die Jugendbewegung nur noch als
eine Art „Restgeschichte“ 35 – weitgehend ohne gesellschaftliche Relevanz – betrachtet werden könne.

Was ist Jugendbewegung? 17


1 Mit uns zieht die neue Zeit. Der Mythos der Jugend. Hrsg. 21 Friedrich Wilhelm Foerster: Jugendlehre, Ein Buch für Kinder,
von Thomas Koebner/Rolf-Peter Janz/Frank Trommler. Frankfurt Lehrer und Geistliche (1904), hier zitiert nach der Aufl. Berlin
a.M. 1985. – Barbara Stambolis: Mythos Jugend: Leitbild und 1909, S. 604.
Krisensymptom. Ein Aspekt der politischen Kultur im 20. Jahrhun- 22 Peter Dudek: „Er war halt genialer als die anderen“.
dert. Schwalbach/Ts. 2003. ­B­­io­graphische Annäherungen an Siegfried Bernfeld (1892–1953).
2 Aus der Zeitschrift „Jugend“ 1896, zitiert nach: Winfried Gießen 2012.
Speitkamp: Jugend in der Neuzeit. Deutschland vom 16. bis 23 George Stanley Hall: Adolescence, its Psychology and its
20. Jahrhundert. Göttingen 1998, S. 131. relations top Physiology, Anthropology, Sociology, Sex, Crime and
3 Der Hamburger Pastor Clemens Schultz in einer Broschü- Education, 2 Bde. New York 1904.
re aus dem Jahr 1912, hier zitiert aus: Schock und Schöpfung. 24 Christina Benninghaus: Die Jugendlichen. In: Der Mensch des
Jugendästhetik im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Willi Bucher/Klaus 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Ute Frevert/Heinz-Gerhard Haupt.
Pohl. Darmstadt/Neuwied 1986, S. 393. Frankfurt a.M./New York 1999, S. 230–253.
4 Jahrhundertwende. Der Aufbruch in die Moderne 1880–1930. 25 Hans-Ulrich Thamer: Jugendmythos und Gemeinschaftskul-
Hrsg. von August Nitschke u.a., 2 Bde. Reinbek 1990. – Joachim tur. Bündische Leitbilder und Rituale in der Jugendbewegung der
Radkau: Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Weimarer Republik. In: Geschichte zwischen Wissenschaft und
Bismarck und Hitler. München 1998. Politik. Festschrift für Michael Stürmer. Hrsg. von Eckart Conze/
5 Vgl. Walter Laqueur: Die deutsche Jugendbewegung: Eine Ulrich Schlie/Harald Seubert. Baden-Baden 2003, S. 268–285, bes.
historische Studie (1962). 2. unveränd. Aufl. Köln 1978 (engl. Aus- S. 278: „Der Begriff des Bündischen […] betonte im Unterschied
gabe unter dem Titel: Young Germany. A History of the German zu dem der Gemeinschaft die Unabhängigkeit des Individuums,
Youth Movement. New York 1962). – Zur Einordnung in den Kon- das aufgrund einer Werteverbundenheit und selbstbestimmter
text der Jahrhundertwende: Handbuch der deutschen Reformbe- Freundschaften eine spezifische Vergemeinschaftungsform (in der
wegungen 1880–1933. Hrsg. von Diethart Kerbs/Jürgen Reulecke. Regel von Männern) behauptete, in der enge Bindungen und die
Wuppertal 1998. – Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung Unterordnung unter einen charismatischen Führer die Bewahrung
von Leben und Kunst um 1900. Hrsg. von Kai Buchholz u.a. Ausst. der individuellen Autonomie behaupten sollten.“
Kat. Institut Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darmstadt 2001. 26 Arno Klönne: Jugend im Dritten Reich. Die Hitler-Jugend und
6 Z.B.: Der Aufbruch. Monatsblätter aus der Jugendbewegung. ihre Gegner. 3. überarb. Aufl. Köln 2003.
Jena 1915. 27 Alfons Kenkmann: Wilde Jugend. Lebenswelt großstädtischer
7 Karl Korn: Die bürgerliche Jugendbewegung. Berlin 1910. Jugendlicher zwischen Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus
8 Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewe- und Währungsreform. Essen 2002.
gung. Berlin-Tempelhof 1912. 28 Gefährliche Lieder. Lieder und Geschichten der
9 Michael Fritz/Benno Hafeneger u.a.: „… und fahr’n wir ohne u­nangepassten Jugend im Rheinland 1933–1945. Hrsg. vom
Wiederkehr“. Ein Lesebuch zur Kriegsbegeisterung junger Männer, ­NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Köln 2010.
Bd. 1: Der Wandervogel. Frankfurt a.M. 1990, S. 160. 29 Helmut Schelsky: Die skeptische Generation. Eine Soziologie
10 Gudrun Fiedler: Jugend im Krieg. Bürgerliche Jugendbe- der deutschen Jugend. Düsseldorf/Köln 1957. – Vgl. Franz-Werner
wegung, Erster Weltkrieg und sozialer Wandel 1914–1923 (Edition Kersting: Helmut Schelskys „Skeptische Generation“ von 1957.
Archiv der deutschen Jugendbewegung 6). Köln 1989, S. 25. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 50, 2002, S. 465–495.
11 Jürgen Reulecke: Jugendprotest – ein Kennzeichen des 30 Arno Klönne: Autobiografischer Text, verfasst für das Treffen
20. Jahrhunderts? In: Jugendprotest und Generationenkonflikt in des Mindener Kreises im Mai 2011.
Europa im 20. Jahrhundert. Deutschland, England, Frankreich und 31 Hans Joachim Schoeps: Vor fünfzig Jahren: Hoher Meißner.
Italien im Vergleich. Hrsg. von Dieter Dowe. Bonn 1986, S. 1–11. In: Die Zeit vom 11.10.1963.
12 Vgl. Hans Mommsen: Generationskonflikt und Jugendrevolte 32 Lasst die Köpfe, nicht die Beine zählen. Spiegel-Report über
in der Weimarer Republik. In: Mythos der Jugend (Anm. 1), S. 50-67. organisierte Jugendliche in der Bundesrepublik. In: Der Spiegel
13 Siehe den Beitrag „Autonomie und Selbstbestimmung: der Nr. 42, 1963, S. 77.
Wandervogel vor dem Ersten Weltkrieg“ in diesem Band. 33 Detlef Siegfried: Time Is on My Side. Konsum und Politik in
14 Vgl. Hoher Meißner 1913. Der Erste Deutsche Jugendtag in Do- der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre. Göttingen 2006,
kumenten, Deutungen und Bildern. Hrsg. von Winfried Mogge/Jürgen S. 743–744.
Reulecke (Edition der deutschen Jugendbewegung 5). Köln 1988. 34 Siegfried 2006 (Anm. 33), S. 58. Der ‚neue Mensch‘ sollte, so
15 Kurt Aram: Jugendbewegung. In: Die Gartenlaube 46, 1913, 1970 in der Zeitschrift „Twen“, „sensibel, offen, informiert“ sein,
S. 113–114, bes. S. 114. „befreit von den verordneten Sitten, der freudlosen Arbeit und
16 Die Freideutsche Jugend im Bayerischen Landtag. Bericht. der ungefragten Autorität.“
Hamburg 1914. 35 Arno Klönne/Jürgen Reulecke: „Restgeschichte“ und „neue Ro-
17 Wortlaut auszugsweise in: Die Wandervogelzeit. Hrsg. von mantik“. Ein Gespräch über Bündische Jugend in der Nachkriegszeit.
Werner Kindt (Dokumentation der Jugendbewegung 2). Düssel- In: Jugend vor einer Welt in Trümmern. Erfahrungen und Verhältnis-
dorf/Köln 1968, S. 523–532. se der Jugend zwischen Hitler- und Nachkriegsdeutschland. Hrsg.
18 Wortlaut auszugsweise in: Die Wandervogelzeit 1968 (Anm. 17). von Franz-Werner Kersting (­Materialien zur historischen Jugendfor-
19 Ludwig Gurlitt: Der Deutsche und sein Vaterland. 2. Aufl. schung). Weinheim/München 1998, S. 87–103, bes. S. 101–102.
Berlin 1902, S. 98–99. – Ders.: Der Deutsche und seine Schule.
Erinnerungen, Beobachtungen und Wünsche eines Lehrers. Bildnachweis
2. Aufl. Berlin 1906, S. VIII–IX. Sammlung Karl H. Knauf, Berlin, Foto: Bernd Sinterhauf · Abb. 1
20 Jürgen Zinnecker: Jugend. In: Historisches Wörterbuch der © Rheinisches Bildarchiv Köln · Abb. 2
Pädagogik. Hrsg. von Dietrich Benner/Jürgen Oelkers. Weinheim/ © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, Foto: M. Runge · Abb. 3
Basel 2004, S. 482–896, bes. S. 484. Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen,
Foto: Monika Runge, GNM · Abb. 4

18 Aufbruch der Jugend


Frank Matthias Kammel

Nach Sonnenaufgang
Jugend als Sinnbild kultureller Erneuerung um 1900

Am 20. März 1890 entließ Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) Otto von Bismarck (1815–1898) aus dem
Amt des Reichskanzlers. Der erfahrene, damals 75-jährige Politiker und „Architekt“ des Deut-
schen Reichs wurde nach fast zwei Regierungsjahrzehnten von einem 31-Jährigen entmachtet.
Im sogenannten Dreikaiserjahr 1888 hatte der junge Monarch seinen nur 99 Tage regierenden
Vater beerbt und den Platz seines noch im 18. Jahrhundert geborenen Großvaters eingenom-
men. Der mit diesem Generationensprung verbundene Wechsel und die kaiserliche Proklama-
tion eines die gewachsene Bedeutung des neuen, 1871 gegründeten Staatsgebildes innerhalb
Europas demonstrierenden „Neuen Kurses“ bildeten nach einer kurzen Phase der Bestürzung
über die Vertreibung des Patriarchen die Grundlage einer alle Lebensbereiche erfassenden Auf-
bruchstimmung. Der von diesen Ereignissen ausgelöste Modernisierungsschub führte zu einer
Beschleunigung des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens, die von vielen Seiten als
schwungvolle, aber von Verunsicherungen begleitete Entwicklung wahrgenommen wurde.
Der junge Heidelberger Akademiker Max Weber (1864–1920) konnte sich bereits zum Jahres-
ende 1889 des Eindrucks nicht erwehren, er sitze „in einem Eisenbahnzuge von großer Geschwin-
digkeit, wäre aber im Zweifel, ob auch die nächste Weiche richtig gestellt werden würde“.1 Und Hil-
degard von Spitzemberg (1843–1914), die Gattin des württembergischen Gesandten in Berlin und
eine der scharfsichtigsten Beobachterinnen des geistigen Lebens in der Hauptstadt, notierte zum
Jahreswechsel 1890/91 in ihr Tagebuch: „Das letzte Jahrzehnt des Jahrhunderts treten wir an im Zei-
chen der jungen Generation, die mit ihrem jungen Kaiser unerwartet früh ans Ruder gekommen, mit
vollen Segeln in das bewegte Zeitenmeer hinaustreibt.“2 Obgleich die bekannte Berliner Salonnière
alle mit diesem Vorgang verbundenen Unwägbarkeiten in der unmittelbar an ihre Feststellung an-
gefügten Frage nach dem „Wohin?“ dieser Entwicklung zusammenfasste, bezeugt ihre Einschätzung
das überwältigende Maß an Hoffnung, das man auf die Jugend setzte. Der Ausweg aus politischen
und wirtschaftlichen, vor allem aber sozialen und kulturellen Problemen, die aufgrund von rasanter
Industrialisierung, damit einhergehender Urbanisierung und Veränderung aller bisherigen Lebens-
gewohnheiten großer Teile der Bevölkerung in den unmittelbar vorhergehenden Jahrzehnten ange-
wachsen waren, – eine Lebensreform – wurde zumindest von weitsichtigen Köpfen allein der jungen
Altersgruppe zugetraut. Demografisch stellte sie ohnehin eine immense Potenz dar. Die sowohl im
historischen als auch im europäischen Vergleich enorm hohen Wachstumsraten der deutschen Be-
völkerung hatten zu einer bis dahin ungekannten Verjüngung der Population im Reich geführt.3

Jugend als Sinnbild kultureller Erneuerung um 1900 19


Energisch erstritt sich die jüngere Generation zu Beginn der letzten Dekade des Jahrhun-
derts die Führung tatsächlich auf kultureller und intellektueller Ebene. Vehement artikulierten
Künstler und Künstlergruppen die Ablehnung des dominierenden Ästhetizismus und forderten,
wenngleich in unterschiedlicher Weise, eine Erneuerung der Einheit von Kunst und Leben.4 In
der Literaturgeschichte gilt das Jahr 1890 als Wendemarke der Entwicklung von einer zwei Jahr-
zehnte lang von zunehmender Trivialisierung geprägten Lyrik zu ästhetisch anspruchsvoller
Dichtung, die von jungen Kräften getragen wurde.5 Dramen junger Autoren erschütterten nun
die in Konventionen erstarrte Bürgerwelt: Im Herbst 1889 war Gerhart Hauptmanns (1862–1946)
sozialkritisches Stück „Vor Sonnenaufgang“ von Skandalen begleitet uraufgeführt worden. Das
Werk des damals 27-jährigen Dichters verhalf dem Naturalismus zum Durchbruch und verlieh
bisher zumindest in der deutschen Dramatik unvorstellbaren Themen Bühnenreife.
1891 erschien in Zürich, wiewohl erst 1906 auf die Bühne gebracht, Frank Wedekinds (1864–
1918) gesellschaftskritische Tragödie „Frühlings Erwachen“. Zwei Jahre später verhalf das Lie-
besdrama „Jugend“ seinem Autor Max Halbe (1862–1944) über Nacht zu Berühmtheit. Beide Stü-
cke schildern tragische, rigider Sexualmoral und repressiver Erziehung geschuldete Schicksale
von Heranwachsenden. Im Gegensatz zur Dekadenzliteratur, die etwa mit dem 1901 in deutscher
Übersetzung erschienenen Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde (1854–1900)
oder den Bühnenstücken Hugo von Hofmannsthals (1874–1929) die Sehnsüchte nach ewiger
­Jugend und somit ein verlorenes Ideal thematisierten, problematisierten diese Werke den Lebens-
abschnitt als Akt der menschlichen Bewusstwerdung. In Wedekinds Drama gehen zwar zwei der
Hauptfiguren an den Spannungen zwischen sexueller Neugier, psychischer Labilität und sozialer
Konvention zugrunde, Melchior, ein mental starker Jüngling aber wendet sich trotz allem dem Le-
ben zu, das ihm in Gestalt eines geheimnisvollen Fremden begegnet. Appellativ schlug das Stück
mit jugendlicher Lebensbejahung und dem Willen zur Verwirklichung der Sehnsucht nach Erfül-
lung neue, gegen die kulturellen Verfallserscheinungen des Fin de siècle opponierende Leitgedan-
ken der Daseinsbestimmung an. Die Jugend, mit der aufbauend auf seit Ende des 18. Jahrhun-
derts entfalteten Vorstellungen zunächst Natürlichkeit, Zwanglosigkeit und Nonkonformismus
assoziiert wurden, entwickelte sich zum Bedeutungsträger für die Erneuerung einer in Zwängen
erstarrten, dem Menschsein vermeintlich feindlichen Bürgerlichkeit. Mit dem revolutionierenden
Geist der Jugend verband man einen Gegenentwurf zu der von Max Nordau (1849–1923) in seinem
Bestseller „Entartung“ 1893 als „Siechling“ bezeichneten Dekadenzkultur.6
Jugend avancierte zum Schlachtruf der kulturellen Neuausrichtung und zum modernen
Lebensmodell, zur „Chiffre für einen Mythos“, mit dem sich Kreativität und Zukunft verband.7
Der Münchner Maler Hans Olde (1855–1917) zum Beispiel begriff seine Generation 1887 als „eine
junge kampfbereite Partei“, die sich im „erbitterten Kampf mit dem Geselchten“ befinde.8 Und
Max Liebermann (1847–1935) etwa bekundete seine Hoffnungen auf die Erneuerung der Kunst
anlässlich der ersten, 1898 eröffneten Ausstellung der Berliner Secession „im Vertrauen auf die
siegreiche Kraft der Jugend“.9 Die in München 1896 gegründete Kulturzeitschrift „Jugend“, einer
der Motoren der Umgestaltung von Kunst und Leben und die Taufpatin des nach ihr benannten
Stils, verband mit der zum Titel gekürten Parole „Daseinsfreude, Genussfähigkeit, Hoffnung und
Liebe, Glaube an den Menschen“, denn das Wort Jugend gehöre zu den „Zaubersprüchen, die un-
ser Herz aufhellen mit einem Schlag“.10 Sie proklamierte die Gegenwart zum „Morgen einer kern-
gesunden Zeit“, und Fritz von Ostini (1861–1927) rief seinen Lesern im Leitartikel der Erstausga-
be aufmunternd zu, „es ist eine Lust zu leben!“ 11 Zahlreiche Illustrationen dieser Wochenschrift
huldigten dem jungen Lebensgefühl und jugendlicher Lebensfreude. Auf ihren Titelblättern
prangen und räkeln sich entsprechende Idealfiguren, gelegentlich sogar laszive Gestalten. Vor
allem die humorvollen, von Ludwig von Zumbusch (1861–1927) gelieferten Motive thematisieren

20 Aufbruch der Jugend


darüber hinaus den Streit der Generationen, den stets die jüngere siegreich besteht. So zeigt
etwa der Umschlag des 12. Hefts des ersten Jahrgangs einen zwergenhaft verknöcherten Glatz-
kopf im Frack, den zwei junge Frauen in ihre Mitte nehmen und gegen seinen Willen schwungvoll
mit sich reißen (Abb. 1). Und auf Heft 28 attackiert eine nackte Schönheit höchst wirkungsvoll
einen verschrobenen bärtigen Philister, der den dünnen Stamm eines blühenden Bäumchens mit
seinem Fuchsschwanz zu kappen versucht.
Den Antagonismus jener auf diese Weise symbolisierten Lebenshaltungen behandelten
damals zahlreiche Künstler. Das um 1898 entstandene Gemälde „Alter und Jugend“ von Georg
Lühring (1868–1957) zum Beispiel, das bedeutendste Werk jenes jungen Münchner
Akademieabsolventen, kontrastiert mit junger Frau und fast erblindetem Greis in
einer Frühlingslandschaft nicht nur glühende Vitalität mit Resignation und körper-
licher Schwäche.12 Seine Version des alten Topos vom Ungleichen Paar symbolisiert
den stillen Sieg einer jungen über eine alte Kultur. Der bekannte, zwei Jahre später
von Karl Wilhelm Diefenbach (1851–1913) geschaffene „Sonnenaufgang“ visualisiert
diesen Tenor noch unverblümter. Das vom Künstler selbst mit dem vielsagenden Titel
„Die Jugend triumphiert über das Alter“ versehene Bild zeigt einen Felsen in Gestalt
eines Greisenhauptes, auf dem ein kindliches Paar die Sonne anbetet, das Sinnbild
durchgöttlichter Natur.13 Jugend meint hier, wie in Zumbuschs Satiren durch Kont-
rastierung prononciert, ein ästhetisches Programm und markiert den Bruch mit dem
bisherigen Lebensgefühl ebenso wie mit der künstlerischen Tradition.
Erst zwei Jahrzehnte waren vergangen, dass der im 19. Jahrhundert ­typischen
sentimentalen Idyllisierung des Alters mit der gesetzlichen, von Bismarck erzwun-
genen Rentenversicherung eine wirtschaftliche Absicherung des versorgten Ruhe­
stands zur Seite gestellt worden war. Noch hallte die von Arthur ­Schopenhauer
(1788–1860) 1851 in seinen „Aphorismen zur Lebensweisheit“ geäußerte Maxime, das Alter sei Abb. 1: Ludwig von Zumbusch,
der eigentliche Glückszustand des Menschen, in aller Ohren.14 Und anhaltend glorifizierte die ­Titelblatt der Zeitschrift ­„Jugend“,
1896
Literatur mit ihren Fiktionen vom Großen Alten das Genie des Alters.15 Ganz im Gegensatz
dazu erhoben die Künste nun lautstark die Jugend zum idealen Lebensmodell, zum Richtmaß
der Gesellschaft schlechthin. Das neue Leitbild setzte Kraft an die Stelle von Autorität, Vitali-
tät an jene von Würde und tauschte Erfahrung gegen Mut und Lebensdurst aus. Das hohe die-
ser Apotheose der Jugend eigene Maß an Provokation wird etwa angesichts der Erinnerungen
Stefan Zweigs (1881–1942) an jene Zeit deutlich. Der Schriftsteller besann sich aller möglicher
damals in klein- und bildungsbürgerlichen Kreisen Wiens gebrauchter „Maskierungen“, deren
Zweck allein darin bestand, „älter zu erscheinen. Die Zeitungen empfahlen Mittel, um den Bart-
wuchs zu beschleunigen, vierundzwanzig- oder fünfundzwanzigjährige junge Ärzte, die eben
das medizinische Examen absolviert hatten, trugen mächtige Bärte und setzten sich, auch
wenn es ihre Augen gar nicht nötig hatten, goldene Brillen auf, nur damit sie bei ihren ersten
Patienten den Eindruck der ‚Erfahrenheit’ erwecken könnten. Man legte sich lange schwarze
Gehröcke zu und einen gemächlichen Gang und wenn möglich ein leichtes Embonpoint, um
diese erstrebenswerte Gesetztheit zu verkörpern, und wer ehrgeizig war, mühte sich, dem der
Unsolidität verdächtigten Zeitalter der Jugend wenigstens äußerlich Absage zu leisten.“ 16
Zweig lässt keinen Zweifel daran, dass diese Inszenierungen von Seriosität auf ­Irrita­tionen
basierende Gegenentwürfe zu Vorstellungen und Imaginationen eines zwangloseren und un-
konventionelleren Lebens darstellten. Dazu gehörte nicht zuletzt die moderne Bildwelt der
­Sezessionen, die sich mit emotional aufgeladenen Sujets, heller, kräftiger Palette und großer
lustvoller Geste von der kulturellen Schwüle der vorangegangenen zwei Jahrzehnte abgrenzte
und auf diese Weise dem Leben zujubelte, genauer einer neu definierten Form des Lebens, das

Jugend als Sinnbild kultureller Erneuerung um 1900 21


Abbildung aus
urheberrechtlichen Gründen
unkenntlich gemacht

Abb. 2: Ludwig von Hofmann,


Frühlingssturm, um 1895

im Einklang mit der Natur stand. Motive des Tanzes und Reigens in freier Landschaft beispiels-
weise gaben nicht zuletzt dem Versuch Ausdruck, das Dasein als rauschendes Fest der Sinne
zu begreifen. Paradiesmotive und die Thematisierung des Frühlings zielten auf Vorstellungen
eines glück­lichen Einklangs mit der Natur und dem Anbruch einer alles erneuernden Epoche.17
­Darüber hinaus erfuhr der jugendliche Akt in sämtlichen Gattungen eine bis dahin nicht gekann-
te Aufmerksamkeit. Die Ästhetisierung des Körpers stand augenscheinlich im Dienst der Propa-
gierung eines neuen Lebensgefühls. So wie bereits in der frühen Neuzeit als Proportionstypen
besonders geschätzte Antiken, der Antinous vom Belvedere, der Idolino oder die Venus Medici,
zu Signaturen irdischer Vollkommenheit deklariert worden waren,18 avancierte nun der junge
schlanke Leib zum Sinnbild von Natürlichkeit und Vitalität, das „Körperlichkeitsmuster eines
Lebensalters“ zur Chiffre einer neuen Dimension des Menschen.
Ebenmäßig geformte Gestalten bevölkern die formal vom Neoklassizismus Adolf von Hilde-
brands (1847–1921) und seines Münchner Kreises geprägte Bildwelt, wie die der Symbolisten
und Jugendstilkünstler. Als Wunschbilder des im Einklang mit der Natur lebenden Menschen
spiegeln sie ein neues Körperbewusstsein und den Akt der Selbstbefreiung aus den Zwängen
der Zivilisation. Arbeiten wie Max Beckmanns (1884–1950) „Junge Männer am Meer“ von 1905
reflektieren die ersehnte Neujustierung der menschlichen Existenz, in der sich „Hedonismus und
Weltflucht, Sensualität und Daseinsfreude, die Auflösung aller Lebensproblematik und Gegen-
sätzlichkeit in einer harmonischen [...] Einheit“ verbinden.19 Ludwig von Hofmanns (1861–1945)
bekanntes Gemälde „Frühlingssturm“ von 1894/95, das Klaus Wolbert als eines der „Programm-
bilder“ der Lebensreform bezeichnete, schildert drei einander umarmende Menschen, die glück-
lichen Gesichts und zielsicheren Blicks gegen den tosenden Meerwind anstürmend der Sonne
zueilen (Abb. 2).20 Optimistische Aufbruchstimmung und Vorstellungen von einer sich energisch
verjüngenden Kultur, der Lebensbejahung als Revolution, paaren sich hier mit der Propagierung
eines neuartigen Verhältnisses zwischen den Geschlechtern und der erlösenden Vereinigung der

22 Aufbruch der Jugend


Kreatur mit dem Universum. Während im Zentrum dieser halbwüchsigen Trinität ein nackter,
von zwei blühenden Mädchen flankierter Jüngling steht und somit die aktive Rolle männlicher
Kraft beschworen wird, fokussiert Sascha Schneiders (1870–1927) Monumentalgemälde „Glut“
das eben erblühte, als Reflektor einer geheimnisvollen elementaren Energie dienende Weib als
Quelle des Lebens und als Allegorie von Urtrieben ([Link]. 5).21 Auch Ernst Seger (1868–1939)
personifizierte mit seiner als „Jugend“ bezeichneten Bronze eines adoleszenten Mädchens die
Erweckung rauschhafter Kräfte, die Sehnsucht nach beglückender Veränderung des sich eksta-
tisch mit dem Universum vereinenden Geschöpfs (vgl. [Link]. 1).
Die bildhafte Inszenierung von Jugend schuf eine mythische Wirklichkeit und verzauberte
die Welt in einem ähnlichen Maße wie es die Generation zuvor getan hatte, formal und inhaltlich
jedoch auf vollkommen verschiedene Weise. An die Stelle schwüler Symbolik und lasziver Figür-
lichkeit traten vielfach von vitaler Frische und Kraft geprägte Gestalten. Jünglinge und Mädchen
verdrängten die Femme fatale, die von artifiziellen Phantasien entworfene Metapher der raffi-
nierten, verführerisch lüsternen Frau, die den Mann und damit die Gesellschaft schlechthin ins
Unglück stürzt und vernichtet. Sie stellten Identifikationsfiguren dar, deren Nacktheit als „Organ
des Spirituellen, des Beseelten, des Inspirierten und des Erleuchteten“ fungierte.22 Mit dem jun-
gen, unverbrauchten Menschen wurde den rationalistischen Auswüchsen in Wirtschaft und Ge-
sellschaft und der geistigen Dekadenz des Fin de siècle ein Sinnbild von Natürlichkeit, Reinheit,
Frische, Zukunft und Erneuerung entgegengestellt, die Allegorie eines modernen Lebensmodells,
die Metapher des neuen Menschen.
Auch die „Ikone der Lebensreform- und Jugendbewegung“ schlechthin operierte mit dem
Bild des Jünglings. Das von Hugo Höppener, gen. Fidus (1868–1948), ab 1892 in mehreren Varian-
ten geschaffene, schon ab etwa 1900 Kultstatus einnehmende und dann bis weit in die erste Hälf-
te des 20. Jahrhunderts außerordentlich populäre „Lichtgebet“ schildert ihn als den dem Him-
mel und der Sonne zugewandten Adoranten ([Link]. 50).23 Der der Antike entlehnte ([Link]. 4),24
vom Christentum tradierte Orantengestus, eine bis heute gebräuchliche religiöse Würdeformel,
erfuhr die Steigerung zur exaltierten Gebärde.25 In Kombination mit dem Motiv des ätherischen
Epheben und der aus der Romantik bekannten Sehnsuchtsmetapher der Rückenfigur vor weitem
Himmel wurde sie zu einer Bildformel verschmolzen, deren Aussageabsicht in einer pseudoreli-
giösen Verehrung des Lebens bestand. In der Gestalt des beseelten Körpers, der hingebungsvoll
in der Natur aufzugehen scheint oder mit dem Kosmos zu verschmelzen sucht, artikulierten
sich alternative Daseinsentwürfe, „Gegenmodelle zur hässlichen Industriegesellschaft und zur
Großstadt mit all ihren Modernisierungserscheinungen“.26 Blicke in die Unendlichkeit, wie sie
etwa Ferdinand Hodler (1853–1918) malte,27 oder Anbeter der Sonne und des Universums, von zi-
vilisatorisch unberührten Ausgangspunkten, wie Felsgipfeln und Gestaden, Bergen und Wiesen,
den Gestirnen zugewandte Jungmännerakte wurden in zahlreichen, darunter weithin bekannten
Werken Höppeners sowie Max Klingers (1857–1920) ([Link]. 3), Ludwig Fahrenkrogs (1867–1952)
([Link]. 189) oder Max Ackermanns (1887–1975) ([Link]. 2) inszeniert.
Darüber hinaus verwirklichte die Bildhauerkunst das Motiv des jungen nackten Körpers Abb. 3: Ludwig Habich, Denkmal
als Rezipienten göttlichen Lichts vielfach auf monumentale Weise. Ludwig Habich (1872–1949) für Gottfried Schwab, 1905

zum Beispiel wählte es 1905 für das Denkmal des Schriftstellers Gottfried Schwab (1851–1903)
auf der Darmstädter Mathildenhöhe (Abb. 3). Während dieser sehnige, sportive Typ, der seinen
Körper gelöst und souverän präsentiert, stark naturalistische Züge trägt, ist ein 1912 vom selben
Künstler geschaffener Jüngling, der sich, das Pathos der Gebärde steigernd, von den Knien zu
erheben scheint, neoklassizistisch geprägt und formal deutlicher am antiken Vorbild des „Beten-
den Knaben“ von Sanssouci orientiert.28 Dagegen weist die für die Terrasse von Schloss Eckberg
bei Dresden von Sascha Schneider 1910 gefertigte, knapp lebensgroße Aktfigur des „Sonnenan-

Jugend als Sinnbild kultureller Erneuerung um 1900 23


beters“ mit ihrer archaisch geschlossenen Kontur eine noch stärkere Stilisierung und daher eine
besonders hoheitsvolle kultische Ausstrahlung auf.29
Die „verklärte Physis“ solcher Figuren erbot sich gemeinsam mit der den Strahlen der Sonne
entgegen geschickten „religiösen Urgebärde“ als geeignete Chiffre für unterschiedlichste Bedeu-
tungsinversionen.30 Das Adorantenmotiv ist nicht eindeutig konnotiert und sein Sinn so relativ,
dass es je nach Ausdrucksdimension und Verwendungszusammenhang justiert werden und wahl-
weise als Verkörperung eines neues Menschengeschlechts oder Bezeichnung der Sehnsucht nach
Freiheit gelten, Sinnbild freier Religiosität sein oder Hommage an die Jugend bedeuten konnte
und daher von der Freikörperkultur ebenso vereinnahmt wurde wie im Sinn des vollkommenen
Übermenschen Friedrich Nietzsches (1844–1900),31 von „Germanengläubigen“ wie von Anhängern
der Jugendbewegung und schließlich auch in der Warenwerbung seinen Auftritt haben sollte.32
Bei aller Unterschiedlichkeit eint diese Figurationen allerdings, die von der Kraft des erwa-
chenden Mannes symbolisierte Sehnsucht nach Veränderung und die Modifizierung der Pathos-
formel des kreatürlichen Bittflehens zum Instrument aktiver Selbsterlösung. Die in esoterischen
Kreisen oft auch als personifizierte Lebensrunen gedeuteten Lichtgestalten sind somit letzten
Endes Idole der sich selbst befreienden Kreatur, die beflügelt und in Lichtaureolen gefasst etwa
bei Ludwig Fahrenkrog in den 1920er Jahren zum Sinnbild des Menschen stilisiert wird, „der
Sieger zu sein begehrt und – siegt“ ([Link]. 190).33
Bezeichnenderweise setzte die fränkische Malerin und Schriftstellerin Sophie Hoech­ Abb. 4: Sophie Hoechstetter,
stetter (1873–1943) eben diese an einen Genius gemahnende Bildformel der emporstrebenden ­Vignette mit Adorant, 1914

Selbstüberwindung schon 1914 ein, um Wille und Notwendigkeit der für


„die Befreiung“ im Felde stehenden Soldaten in ein Symbol zu fassen, als
Zeichen des „Geistes von Potsdam“, dem sich „Männer- und Jünglings-
gesichter“ in Würde, Ernst und „einer großen Fassung“ gestellt hätten
(Abb. 4).34 Und Friedrich Rittelmeyer (1872–1938), Esoteriker und Mitbe-
gründer der Christengemeinschaft, bemühte die Metapher des Lichts, in
dem sich das Irdische ins Göttliche, die Natur- in die Seelenwelt verliere
und das alles veredele, angesichts der unausweichlichen Katastrophe
von 1918 im Sinne einer Beschwörung und Verklärung der massenhaften
Opfertode des verlustreichen und in der Niederlage endenden Krieges.35
Die Vorstellung der Überwindung des alten, überlebten Europa
durch die Jugend war nun auf zuvor ungeahnte Weise Wirklichkeit ge-
worden. Angesichts des Ersten Weltkriegs, der sie in die Schützengräben
und auf die Schlachtfelder des Kontinents geführt hatte, stellte sich der
Aufbruch als Illusion heraus. Spätestens damals verloren gemeinsam
mit ihr auch die entsprechenden Metaphern der Erneuerung ihre Un-
schuld. So wie sich das beschworene Erwachen in den Zusammenbruch
aller Visionen verkehrte, wandelte sich auch die Bildwelt. In jener des
Krieges tauchte die formal dem Orantengestus eng verwandte Haltung
der erhobenen Hände vielfach schon ab 1914 auf. Nur sind die emporge-
streckten Glieder nicht mehr den Gestirnen zugewandt, sondern bilden
die Gebärde des Kapitulierenden, Entwaffneten, der Resignation, der
peinlichen Unterlegenheit und der bedingungslosen Unterordnung. Schon bald nach Kriegsbe- Abb. 5: Tafel aus der Zeitschrift
ginn avancierte sie in zunehmendem Maße zu einem der wesentlichen Bestandteile karikierender „Der Kunstwart“ mit Karikaturen
auf das deutsche Heer, 1918
Darstellungen des deutschen Heeres in der Presse der Entente-Staaten (Abb. 5). Es ist bezeich-
nend, dass solche in „feindlichen Zeitungsblättern“ abgedruckte Darstellungen gerade von dem
Schriftsteller Ferdinand ­Avenarius (1856–1923) gesammelt wurden, dem Herausgeber der in der

24 Aufbruch der Jugend


Abb. 6: Anton Hanak,
Der letzte Mensch, 1917

Lebensreformbewegung engagierten und auch für die Jugendbewegung bedeutsamen Zeitschrift


„Kunstwart“.36 Er sah in diesen Metaphern des „schwächlichen Feiglings“ und des „teutonischen
Tölpels“ betrügerische und närrische „Zerrbilder“, weil sie seinen Hoffnungen auf die von der
Jugend neugestaltete Zukunft eine ihm nicht akzeptabel scheinende und daher abzulehnende
Wirklichkeit entgegenstellten.37
Aus den athletischen Epheben seiner Visionen waren schwerfällige, von unförmigen Mili-
tärmänteln, groben Stiefeln und Pickelhauben bekleidete Gestalten geworden, die ihre Arme gen
Himmel reißen und deren Gesichter von Angst und Borniertheit gezeichnet sind. Als Identifika­
tionsfiguren konzipierte, schlanke und dem Aufgang der Sonne zugewandte Jünglinge waren
den bitteren Spiegelbildern einer erschreckenden Lächerlichkeit, behäbigen Tornisterträgern
mit Schnauzbärten gewichen, die aufgerissenen Auges und Mundes auf Bajonette und in Ge-
wehrmündungen starren.
Eine im April 1915 im Nachrichtenblatt der französischen Marine „Le Rive rouge“ abge-
druckte Karikatur zum Beispiel zeigt einen entwaffneten deutschen Landser mit erhobenen Ar-
men und abgeknickten, den hängenden Flügeln eines armseligen Vogels ähnlichen Händen. Im
Aussagekern bildet die Labilität der Geste dieser ironischen Skizze eine seltsame Affinität zu
einem gänzlich verschiedenen, zur gleichen Zeit in Wien im Entstehen begriffenen Werk, der als
„Der letzte Mensch“ bekannten Plastik von Anton Hanak (1875–1934) (Abb. 6). Der der dortigen
Secession angehörende Künstler, der dem Ideal der alles erneuernden Jugend in den Jahren vor
Kriegsbeginn mit lebensgroßen Jünglings- und Mädchenakten gehuldigt hatte, die vielsagen-
de Titel wie „Das Gebet“, „Die Verklärte“ oder „Der Neuerer“ trugen,38 begann schon 1914 mit
der Arbeit an einer symbolträchtigen Figur, die 1917 vollendet und in unmittelbarem Anschluss
mehrfach präsentiert werden sollte.39 Im Gegensatz zu jenen vor Lebenskraft strotzenden Ide-
algestalten eignen diesem seltsamen Jüngling eine drahtige verletzliche Leiblichkeit, gesenktes
Haupt und labiler, einen bevorstehenden Sturz suggerierender Stand; seine Arme streckt er ins
Leere greifend und tastend zur Seite.

Jugend als Sinnbild kultureller Erneuerung um 1900 25


Einhellig erfassten die Zeitgenossen die Bronze in der Intention des Künstlers als Sinn-
bild des Zusammenbruchs, der Haltlosigkeit der vom Krieg seelisch zerstörten, an Gott und den
Menschen irre gewordenen Kreatur. In dem jenen Jahren typischen verbalen Pathos wurde die
überlebensgroße Plastik im Frühjahr 1919 von Hugo Haberfeld (1875–nach 1938) kommentiert:
„Der Boden wankt unter den zitternden Füßen eines ehemals edlen, jetzt ausgemergelten Kör-
pers, und das Entsetzen über den unmittelbar bevorstehenden Höllensturz teilt sich den aus
den Gelenken geratenen Beinen, dem haltlos zusammenbrechenden Körper mit, huscht über die
tastend mit aneinander gepressten Fingern und verzweifelt mit der offenen Hand ins Leere grei-
fenden Arme, um in der unendlich wehen Linie des hoffnungslos gesenkten Hauptes wie stum-
mes Weinen zu erstarren.“ 40
Der Wiener Galerist und Kunstkenner verglich die Gestalt ob der Haltung der Arme außer-
dem mit dem Gekreuzigten. Vielmehr legt diese Komposition allerdings nahe, die Figur als resi-
gnierten Adoranten zu begreifen. Der Jüngling, „haltlos nach oben, haltlos nach unten, ohne jede
Kraft“, wie sein Schöpfer 1923 selbst erklärte, erscheint mehr denn der Gottessohn, dessen Opfer
die Menschheit erlöste, als ein gescheiterter Lichtpriester, dessen Siegesbitte obsolet geworden
ist: „Rings um ihn ist alles leer. Der Mensch hat den Menschen vergessen“.41
Als einer Ikone des Zusammenbruchs war dem Jüngling der deklamatorische Gestus, den
man der metaphorischen Inszenierung von Jugend nahezu eine Generation lang verbunden hat-
te, nicht mehr gemäß. Das normative Pathos des klassischen Körperideals und seine zeitgenös-
sischen Adaptionen waren zur symbolischen Suggestion der Lösung elementarer Daseinsfragen
unbrauchbar geworden. Der Adorant ließ seine Arme sinken. Für einen kurzen Moment der
Geschichte hatte die Jugend als Metapher einer hellen, glanzvollen Zukunft den Sinn verloren
und ausgedient.

1 Marianne Weber: Max Weber. Ein Lebensbild. Heidelberg 1950, 11 Fritz von Ostini: Anti–Fin de siècle. In: Jugend. Illustrierte
S. 142. Wochenschrift für Kunst und Leben 3, 1898, Nr. 1, S. 2.
2 Das Tagebuch der Baronin Spitzemberg. Hrsg. von Rudolf 12 Rolf Günther: Traumdunkel. Der Symbolismus in Sachsen
Vierhaus. Göttingen 1960, S. 284. 1870–1920. Dresden o.J. [2005], S. 91–93, Abb. S. 92.
3 Joseph Ehmer: Bevölkerungsgeschichte und historische 13 Claudia Wagner: Lieber sterben, als meine Ideale verleugnen!
Demographie 1800–2000 (Enzyklopädie Deutsche Geschichte 71). Karl Wilhelm Diefenbach (1851–1913). In: Karl Wilhelm Diefenbach
München 2004, S. 7–9, 23–25. (1851–1913). Lieber sterben, als meine Ideale verleugnen! Hrsg. von
4 Vgl. Klaus von Beyme: Das Zeitalter der Avantgarden. Kunst Michael Buhrs/Claudia Wagner. [Link]. Wien Museum, Wien.
und Gesellschaft 1905–1955. München 2005, S. 23–33. München 2011, S. 9–199, bes. S. 134, Abb. 113.
5 Peter Sprengel: Geschichte der deutschen Literatur 14 Hannelore Schlaffer: Das Alter. Ein Traum von Jugend.
1900–1918. Von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten ­Frankfurt a.M. 2003, S. 11.
Weltkriegs. München 2004, S. 533–536. 15 Schlaffer 2003 (Anm. 14), S. 56–57.
6 Max Nordau: Entartung. Berlin 1893, S. 6. – Philipp Blom: Der 16 Stefan Zweig. Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines
taumelnde Kontinent. Europa 1900–1914. München 2011, S. 212–216. Europäers. Frankfurt a.M. 1970, S. 50–51.
7 Jürgen Reulecke: Jugend – Endeckung oder Erfindung. 17 Franziska Windt: Frühlings Erwachen in der Kunst um 1900.
Zum Jugendbegriff vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute. In: Frühlings Erwachen in der Kunst um 1900. Bearb. von Franziska
In: Schock und Schöpfung. Jugendästhetik im 20. Jahrhundert. Windt. [Link]. Hessisches Landesmuseum. Darmstadt 1997,
Darmstadt/Neuwied 1986, S. 21–25, bes. S. 21. – Vgl. Peter Ulrich S. 8–14, bes. S. 11–12.
Hein: Ästhetische Leitbilder der Jugendbewegung und die 18 Peter Gerlach: Proportion, Körper, Leben. Quellen, Entwürfe
Vergesellschaftung der Kunst. In: Die Lebensreform. Entwürfe und Kontoversen. Köln 1990, S. 51–80.
zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900. Hrsg. von Kai 19 Ernst-Gerhard Güse: Das Frühwerk Max Beckmanns. Zur
Buchholz u.a. [Link]. Institut Mathildenhöhe, Darmstadt. 2 Bde. Thematik seiner Bilder aus den Jahren 1900–1914. Frankfurt a.M.
Darmstadt 2001, Bd. 1, S. 211–214. 1977, S. 19–23. – Simon Reynolds: Sehnsucht nach Arkadien. In:
8 Hildegard Gantner: Hans Olde 1855–1917. Diss. Tübingen 1970, Seelenreich. Die Entwicklung des deutschen Symbolismus 1870–
S. 24. 1920. Hrsg. von Hans Henrik Brummer/Ingrid Erhardt. [Link].
9 Zitiert nach Nicolas Teeuwisse: Vom Salon zur Secession. Schirn-Kunsthalle, Frankfurt. München/London/New York 2000,
Berlin 1986, S. 246–247. S. 79–108, bes. S. 55–57. – Schloßmuseum Weimar. München/Berlin
10 Fritz von Ostini: Jugend! Jugend! In: Jugend. Illustrierte 2007, S. 164–165. – Uwe M. Schneede: Max Beckmann. Der Maler
­Wochenschrift für Kunst und Leben 1, 1896, Nr. 1, S. 4–5, bes. S. 4. seiner Zeit. München 2009, S. 17–19.

26 Aufbruch der Jugend


20 Hermann Beenken: Das neunzehnte Jahrhundert in der deut- 32 Klaus Wolbert: Deutsche Innerlichkeit. Die Wiederentdeckung
schen Malerei. München 1944, S. 232–235. – Richard Hamann/Jost Caspar David Friedrichs um 1900 und die Verbildlichung des refor-
Hermand: Stilkunst um 1900. Berlin 1967, S. 274–275. – Windt 1997 merischen Naturverhältnisses. In: Die Lebensreform (Anm. 7), Bd. 2,
(Anm. 17), Nr. 17, S. 52–53. – Klaus Wolbert: Die Lebensreform. S. 189–197, bes. S. 190–192. – Schuster 2009 (Anm. 23), S. 145–146.
Ein Zugang über die Kunst. In: Die Lebensreform (Anm. 7), Bd. 2, 33 Ludwig Fahrenkrog: Flügel. In: Der deutsche Dom 7, 1928,
S. 9–10, bes. S. 9. – Günther 2005 (Anm. 12), S. 40–51. H. 7/9, S. 3–6, bes. S. 4.
21 Andreas Dehner: Sascha Schneider: Freiheit und Schönheit. 34 Sophie Hoechstetter: Die Befreiung. In: Der Bücherwurm. Mo-
Licht- und Körperkult in der Kunst der Reformbewegung. In: Hy- natsschrift für Bücherfreunde 4, 1914, H. 10, S. 259–261, bes. S. 259.
gienebewegung in Dresden. Karriere einer Idee (Dresdner Hefte. 35 Friedrich Rittelmeyer: Vom Licht. In: Deutscher Wille des
Beiträge zur Kulturgeschichte 108). Dresden 2011, S. 40–49. Kunstwarts 31, 1918, 3. Viertel, S. 85.
22 Gottfried Küenzlen: Der neue Mensch. Eine Untersuchung 36 Zu Avenarius und dem Kunstwart siehe Gerhard Kratzsch:
zur säkularen Religionsgeschichte der Moderne. In: Müde Helden. Kunstwart und Dürerbund. Ein Beitrag zur Geschichte der Gebil-
Ferdinand Hodler, Aleksandr Dejneka, Neo Rauch. Hrsg. von deten im Zeitalter des Imperialismus. Göttingen 1969, S. 142–158.
Hubertus Gaßner u.a. [Link]. Hamburger Kunsthalle. München – Klaus Wolbert: „Deutsche Innerlichkeit“. Die Wiederentdeckung
2012, S. 68–72 (Teil 1), 88–91 (Teil 2). im deutschen Imperialismus. In: Caspar David Friedrich und die
23 Janos Frecot/Johann Friedrich Geist/Diethard Kerbs: Fidus deutsche Nachwelt. Aspekte zum Verhältnis von Mensch und Na-
1868–1945. Zur ästhetischen Praxis bürgerlicher Fluchtbewegun- tur in der bürgerlichen Gesellschaft. Hrsg. von Werner Hofmann.
gen. München 1972, S. 288–301. – Winfried Mogge: „Jauchzend Frankfurt a.M. 1974, S. 34–55, bes. S. 45–46.
grüßt er die Sonne!“ Fidus und die Jugendbewegung. In: Unweit 37 Ferdinand Avenarius: Das jämmerliche deutsche Heer. Zum
von Eden. Hrsg. von Uta Grund. Potsdam 2000, S. 21–38. – Rey- Volksbetrug in Frankreich. In: Deutscher Wille des Kunstwarts 31,
nolds 2000 (Anm. 19), S. 74–76. – Marina Schuster: Künstler der 1918, 3. Viertel, S. 64, mit mehreren Tafeln. ¬ Vgl. Ferdinand Ave-
Jugendbewegung. Vom Jugendstil zum Konstruktivismus. In: narius: Das Bild als Narr. Die Karikatur in der Völkerverhetzung,
Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung 19, 2004, was sie aussagt – und was sie verrät. München 1918, S. 66–87,
S. 69–85, bes. S. 69–73. – Marina Schuster: Lichtgebet. Die Ikone bes. S. 77–79, 82, 87.
der Lebensreform- und Jugendbewegung. In: Das Jahrhundert 38 Anton Hanak 1875–1934. [Link]. Österreichisches Museum
der Bilder 1900 bis 1949. Hrsg. von Gerhard Paul. Göttingen 2009, für Angewandte Kunst. Wien 1969, Nr. 5, 10, 12. – Sabine Agger-
S. 141–147 (ausführlich mit der älteren Literatur). mann-Bellenberg: Bildhauerei zwischen Historismus und Moderne.
24 Vgl. Heinz Demisch: Erhobene Hände: Geschichte einer Gebär- Zum bildhauerischen Werk von Anton Hanak vor 1915. In: Anton
de in der bildenden Kunst. Stuttgart 1984, bes. S. 123–130. – Jörg Hanak (1875–1934). Hrsg. von Franz Grassegger/Wolfgang Krug.
Kuhn: Der ‚Betende Knabe von Sanssouci’. Die Rezeptionsgeschichte Wien/Köln/Weimar 1997, S. 38–111, bes. S. 72–98.
des Knaben vom 18. Jahrhundert bis heute. In: Der Betende Knabe. 39 Wolfgang Krug: Die modernen Niobiden. Hanaks auftragsun-
Original und Experiment. Hrsg. von Gerhard Zimmer/Nele Hacklän- abhängige Plastik. Ein Figurenzyklus der Sehnsüchte und Leiden.
der. Frankfurt a.M. 1997, S. 35–49. – Stephanie Gerlach: Der Betende In: Anton Hanak 1997 (Anm. 38), S. 131–218, bes. S. 149–155.
Knabe. Ein Werk aus dem Alten Museum. Berlin 2002, S. 9–12. 40 Neues Wiener Journal, 23. Mai 1919. Zitiert nach Krug 1997
25 Vgl. dazu die von Daniel Chodowiecki 1779 und 1780 im Göttin- (Anm. 39), S. 154.
ger Taschenkalender veröffentlichte Kupferstichfolge „Natürliche 41 Zitiert nach Krug 1997 (Anm. 39), S. 149.
und affectierte Handlungen des Lebens“, die die Gebärde unter
die höfisch-affektierten Gesten ordnet. – Vgl. Bürgerliches Leben Bildnachweis
im 18. Jahrhundert. Daniel Chodowiecki 1726–1801. Zeichnungen Institut Mathildenhöhe, Städtische Kunstsammlung
und Druckgraphik. Hrsg. von Klaus Gallwitz/Margret Stuffmann. Darmstadt · Abb. 2, 3
[Link]. Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt. Frankfurt a.M. 1978, © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg,
S. 127, Nr. 150. – Ilsebill Barta: Der disziplinierte Körper. Bürgerliche Fotos: Monika R
­ unge · Abb. 1, 4, 5
Körpersprache und ihre geschlechtspezifische Differenzierung am Belvedere, Wien · Abb. 6
Ende des 18. Jahrhunderts. In: Frauen – Bilder. Männer – Mythen. © VG Bild-Kunst, Bonn 2013 · Abb. 2
Hrsg. von Ilsebill Barta u.a. Berlin 1987, S. 84–106.
26 Schuster 2009 (Anm. 23), S. 145.
27 Jura Büschweiler: Zu Hodlers Blick ins Unendliche. In: Fer-
dinand Hodler. Hrsg. von Rudolf Koella. [Link]. Kunsthalle der
Hypo-Kunststiftung, München. München 1999, S. 56–66.
28 Klaus Wolbert: Die Verarbeitung reformerischer Körperkon-
zepte in der Kunst um 1900. In: Die Lebensreform (Anm. 7), Bd. 2,
S. 341–344, bes. S. 343.
29 Der „Neue Mensch“. Obsessionen des 20. Jahrhunderts.
Hrsg. von Nicola Lepp/Martin Roth/Klaus Vogel. [Link]. Deut-
sches Hygiene-Museum, Dresden. Ostfildern 1999, S. 102.
30 Vgl. Hilke Peckmann: Ausdruck und Innerlichkeit. Der Körper
als Ausdruck seelischer Stimmungen. In: Die Lebensreform
(Anm. 7), Bd. 2, S. 153–154.
31 Klaus Wolbert: Körper. Zwischen animalischer Leiblichkeit
und ästhetisierender Verklärung der Physis. In: Die Lebensreform
(Anm. 7), Bd. 2, S. 339–340, bes. S. 340.

Jugend als Sinnbild kultureller Erneuerung um 1900 27


Barbara Stambolis

Im Zeichen von ‚Natürlichkeit’:


Lebensreformerische Gesellschaftskritik und Zukunftsentwürfe

Das „Signum der Epoche“


Rasante industrielle und wissenschaftliche sowie technische Ent-
wicklungen hatten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem ausgeprägten Zu-
kunftsoptimismus und einer Revolutionierung des Weltbildes beigetragen, der zufolge nahezu
alles machbar schien. Gleichzeitig mehrten sich aber auch die Anzeichen, dass dieser ‚Fort-
schritt‘ massive negative soziale, mentale und ökologische Auswirkungen haben werde. Ausge-
sprochen pessimistisch umriss nicht zuletzt der Psychologe und Philosoph Ludwig Klages
(1872–1956) solche Perspektiven. Er gehörte zu denjenigen, die in besonders deutlicher Weise das
vorherrschende Vertrauen auf Wissenschaft, Technik und Urbanität als Ausdruck menschlichen
Fortschritts im Sinne „bedrohliche[r] Selbsttäuschung“ 1 kritisierten. Der Fortschritt habe den
Menschen „Machtzuwachs“, nicht jedoch „Wertzuwachs“ eingebracht. „Zerrissen“ sei „der Zu-
sammenhang zwischen Menschenschöpfung und Erde“. Andere kritische Stimmen prangerten
konkret Umweltverschmutzung, die ungesunde Lebensweise breiter Bevölkerungskreise, bei-
spielsweise Alkohol- und Nikotingenuss, als Folgen von Verstädterung und Industrialisierung
an. Nervosität wurde als Zivilisationskrankheit und modernes Leiden erkannt, ausgelöst durch
Stressfaktoren wie Lärm und eine immense ‚Beschleunigung‘ in allen Lebensbereichen.
Im Gegenzug gegen die wachsende Bedrohung von Mensch und Natur infolge von In-
dustrialisierung, Verstädterung und kapitalistischer Wirtschaftsweise entstand eine Fülle
lebensreformerischer Initiativen. Auf kulturkritischen Ansätzen der Jahrhundertwende, die
grundlegende, allerdings nur vage und utopisch anmutende Veränderungen der Gesellschaft
sowie Hoffnungen auf einen wie auch immer im Einzelnen zu verstehenden „neuen Menschen“
beinhalteten,2 baute eine Vielzahl dieser alternativ-lebensreformerischen Bewegungen auf.3
Ihre Initiatoren und Mitstreiter warben mit Stichworten wie „Licht, Luft und Sonne“ für Brei-
tensport, Freibäder, das Wandern in freier Natur, gesunde Ernährung und anderes mehr, die
auch im 21. Jahrhundert noch aktuell anmuten. Nicht übersehen werden dürfen jedoch die
damals zeitspezifischen Akzente, die deutlich machen, wie sehr sich die reformerischen Argu-
mentationsweisen um 1900 und um 2000 unterscheiden. Anders als heute kreisten die dama-
ligen öffentlichen Diskurse und gesellschaftlichen Debatten um die Abwehr von Krankheiten
zwecks Stärkung der ‚Nation‘ und ‚Volkskraft‘ in den Bereichen Wirtschaft, Wehrtüchtigkeit
sowie Moral und Sitte. Nur ein ‚gesundes‘ Volk könne ökonomisch und politisch erfolgreich

28 Aufbruch der Jugend


sein, und nur eine körperlich, seelisch und geistig gesunde Jugend sei in der Lage, die gesell-
schaftlichen Probleme im Zuge der Modernisierung zu meistern sowie Deutschlands Zukunft
zu sichern. Dass darüber hinaus auch rassen- und sozialhygienische Verblendungen mit un-
heilvollen Auswirkungen in den darauf folgenden Jahrzehnten entstanden, sei an dieser Stelle
lediglich angedeutet, zugleich aber auch darauf hingewiesen, dass die ideologischen Grundle-
gungen der nationalsozialistischen ‚Volksgemeinschaft‘ und die menschenverachtende natio-
nalsozialistische Politik keineswegs gradlinig aus Volks- und Volksgesundheits-Vorstellungen
der Jahrhundertwende abzuleiten sind.4

Lebensreformerische Facetten
Einige Facetten der Lebensreform seien im Folgenden genannt,
wobei Befürworter des Wanderns, Initiatoren des Naturschutzes, Propagandisten einer Klei-
dungsreform, Anhänger des Vegetarismus oder Kämpfer gegen Alkohol- und Nikotingenuss
zum Beispiel sich gleichermaßen für eine ‚Rückkehr zur Natur‘ im weitesten Sinne einsetzten.5
Sie verschrieben sich mit jeweils unterschiedlichen Akzentsetzungen der Reformierung des
Lebensstils und der Lebensweisen und gründeten zu diesen Zwecken zahlreiche Vereinigungen
und Einrichtungen, nicht selten als eingetragene Vereine.6 Besonders breite Resonanz fanden
unter anderem kleidungsreformerische Bestrebungen, die vielfach als individuelle Befreiung
von einengenden Modeerscheinungen wie dem Korsett verstanden wurden, das Atmung und
innere Organe schädigte. Reformkleidung versprach eine Steigerung der Beweglichkeit und
eine neue Körper- und damit Selbstwahrnehmung.
Die Ernährungsreform mit einer ganzen Bandbreite von Richtungen und besonders eine
Variante, der Vegetarismus, gehören ebenso in das weite Spektrum lebensreformerischer An-
sätze der Jahrhundertwende. Im Mittelpunkt stand hier eine naturgemäße, einfache Lebens-
weise; zu den zentralen Forderungen gehörte die Reduktion des Fleischverzehrs und der gänz-
liche Verzicht auf diesen sowie die Bevorzugung von wenig verarbeiteten und naturbelassenen
pflanzlichen Produkten, insbesondere Obst und Gemüse (Abb. 1). Als Reformargumente galten
Hinweise auf Zivilisationskrankheiten wie Gicht, Übergewicht oder Rheuma, zudem ‚Ehrfurcht
vor dem Leben‘ und die moralische Ablehnung des Tötens von Tieren. Hugo Höppener, gen. Fidus
(1868–1948), hat einige solcher Kampagnen werbewirksam unterstützt.7 Nicht zuletzt Fruchtsäf-
te, deren Genuss an die Stelle alkoholischer Getränke treten sollte, fanden breiten Zuspruch. Er-
nährungsreformer und Anhänger der Antialkoholbewegung argumentierten in vielerlei Hinsicht
ähnlich, wobei letztere stärker sozialreformerisch dachten und im Alkohol eines der Hauptübel
krankmachender Lebensbedingungen sahen. Während sich gesellschaftsreformerische Erwä-
gungen nicht zuletzt auch mit Überlegungen zu Bodenreform und der grundlegenden Umvertei- Abb. 1: Plakat, „Gesunde Kraft“
lung natürlicher Ressourcen verbanden und ebenfalls breitere Bevölkerungskreise im Blick hat- Fleisch=Ersatz, nach 1911
(vgl. [Link]. 9)
ten, waren konkrete Siedlungsprojekte nicht selten zwar stark beachtet, aber in erster Linie Orte
für Aussteiger und Bohemiens mit einem Hang zu lebensreformerisch utopischen Experimenten.
Der Monte Verita bei Ascona am oberen Lago Maggiore war zweifellos ein solches landschaftli-
ches und klimatisches Mikroparadies.8 Seinen Ruf und seine Ausstrahlung verdankte der Monte
Verita außer Gustav Arthur (Gusto) Gräser (1879–1958) und Hermann Hesse (1877–1962) einer
Reihe prominenter Besucher, unter ihnen beispielsweise die Schriftsteller Stefan George (1868–
1933) und Gerhart Hauptmann (1862–1946) oder die Tänzerinnen Mary Wigman (1886–1973) und
Isadora Duncan (1877–1927).
Eine besonders langlebige Gegenwelt zur Stadt stellte ferner die Obstbaukolonie Eden in
der Nähe von Oranienburg bei Berlin dar, die sich seit ihren Anfängen als „Sammelpunkt sittlich
strebender Menschen“ verstand und in der über Jahrzehnte Träume von Lebens-, Boden- und

Lebensreformerische Gesellschaftskritik und Zukunftsentwürfe 29


Abb. 2: Fahne eines vegetarischen
Bundes, um 1913 (vgl. [Link]. 65)

Wirtschaftsreform ‚gelebt‘ wurden, getragen vom Gedanken selbstbestimmter Einheit von Ar-
beiten, Wirtschaften und Wohnen (Abb. 2).9 Die jugendbewegt mitinspirierten ­Anfänge genos-
senschaftlicher Siedlungen in Palästina, aus denen die heute noch bestehenden Kibbuzim in
Israel hervorgingen, sind ein weiteres Beispiel für solche dauerhaften alternativen Lebenswei-
sen. Andere, vor allem nach Ende des Ersten Weltkriegs gegründete Landkommunen wie etwa
der Barkenhoff in Worpswede – der besonders mit den Namen Heinrich Vogeler (1872–1942)
oder Leberecht ­Migge (1881–1935) verbunden ist – oder die Siedlung Blankenburg bei Donau-
wörth – maßgeblich mitinitiiert von den Jugendbewegten Alfred Kurella (1895–1975) und Hans
Koch (1897–1995) – existierten hingegen nur wenige Jahre.

Jugendbewegung und Lebensreform


Das Freideutsche Jugendtreffen auf dem Meißner 1913
und die damals formulierte Meißnerformel sind die wohl augenfälligsten Beispiele für Zusam-
menhänge zwischen Jugendbewegung und Lebensreform. Diese Formel schließt mit dem Satz:
„Alle gemeinsamen Veranstaltungen der Freideutschen Jugend sind alkohol-
und nikotinfrei“, der unmittelbar neben die programmatische Formulierung
des Vorstandes der Obstbaukolonie Eden gestellt werden kann: „Die Bewohner
dieser Siedlung meiden den Alkohol und den Tabak“ (Abb. 3). In einer anderen
– noch rigoroser klingenden – Variante heißt es: „Wir rauchen nicht und trin-
ken nicht und sind der Jugend ein Vorbild.“ 10 Wie stark lebensreformerische
Aspekte bei dem Meißnerereignis eine Rolle spielten, zeigt sich ferner daran,
dass Ludwig Klages‘ bereits zitierte Schrift „Mensch und Erde“ 1913 nicht nur
als eigenständiger Beitrag, sondern auch in der Festschrift zum Freideutschen
Jugendtreffen auf dem Hohen Meißner erschien.11 Unter den älteren Teilneh-
mern des Festes finden sich Personen wie der oben genannte Künstler und
‚Aussteiger‘ Gusto Gräser (Abb. 4), ein Mitgründer der Siedlung auf dem Monte
Verita, oder der eigenwillige Reformer und spätere Wanderprediger Friedrich Muck-Lamberty Abb. 3: Schild mit Verhaltens­
(1891–1984) sowie der Kolonialoffizier, Lebensreformer und Pazifist Hans Paasche (1881–1920). regeln für Besucher, Anfang
20. Jh. (vgl. [Link]. 8)
Hugo Höppener wiederum, dessen „Lichtgebet“ als Postkarte 1913 massenhaft verbreitet wur-
de, war Schüler des Malers, Sozialreformers und Landkommune-Gründers Karl Wilhelm Die-

30 Aufbruch der Jugend


fenbach (1851–1913). Zu den jüngeren Reformern gehören vor allem Lotte Frucht und Christian
Schneehagen (1891–1918), die mit einer eigens für das freideutsche Fest verfassten Schrift zur
Kleiderreform hervortraten.12 Sie propagierten Bewegungsfreiheit, bequeme wetterfeste Klei-
dung unter Rückgriff auf bäuerliche Vorbilder und waren sich darin mit Hans Paasche einig, der
ebenfalls vehement gegen die Unnatur falscher Bekleidung und modischer Versklavung antrat.
In der fiktiven „Forschungsreise“ eines Afrikaners „ins innerste Deutschland“ (1912/13) ließ er
diesen mit dem Blick des Fremden über das „Rauchstinken“, über Nahrungs- und Bekleidungs-
unsitten, krankmachende Arbeits- und Lebensgewohnheiten berichten. Auch über das Jugend-
fest auf dem Meißner – im Kontrast zur allgemeinen Lebensweise im Deutschen Kaiserreich −
schrieb der Afrikaner namens Lukanga Mukara in einem dieser erfundenen Briefe nach Hause:
Endlich sei er jungen Menschen begegnet, die „gehen konnten […] und springen; sprechen, lachen
und singen. Sie hatten kein Leibgerüst und keine Zwangsschuhe. Sie trugen keine Steißfedern
wilder Tiere auf dem Kopfe. Ihr eignes Haar hing in goldenen Flechten über den Rücken, und
Kränze roter Beeren schmückten die Köpfe.“ 13 Jugendbewegte popularisierten also engagiert die
zentralen Anliegen der Kleiderreformer und trugen darüber hinaus mit eigenen Vorstellungen zu
­deren Verbreitung bei, indem die jungen Männer
unter anderem Schillerkragen trugen, die Mäd-
chen weite Röcke und Mädchen wie Jungen –
anders als viele lebensreformerische ‚Sandalen-
träger‘ – feste Wanderschuhe bevorzugten.
Manche Väter und Mütter hätten ihre ju-
gendbewegten Söhne wohl lieber in einer Stu-
dentenverbindung als bei den Wandervögeln
gesehen, auch wenn sie ein gewisses Verständ-
nis für die Ablehnung der vom Alkohol- und
Nikotingenuss bestimmten Geselligkeit stu-
dentischer Korporationen hatten (Abb. 5). Eine
besorgte Mutter meinte etwa, „mit viel gutem
Willen“ müsse sich doch ein Mittelweg zwi-
schen „Couleur und dem belächelten Wander-
vogel finden lassen.“ 14 Der Vater gab zu beden-
ken, es müsste doch auch Verbindungen „ohne
Sauf- und Paukzwang“ geben, und fürchtete offenbar stärkere gesundheitliche Schäden durch Abb. 4: Der Lebensreformer
das Wandern als durch ungesunde studentische Trinksitten: Der Sohn von Bekannten habe sich ­Gustav ­Arthur (Gusto) Gräser
­während des Freideutschen
bereits im Wandervogel „Rheumatismus zugezogen“, und werde wohl auch bald schon „von Gicht ­Jugendtages, Fotografie Julius
geplagt“ werden. Der Sohn jedoch ließ sich nicht von seiner Begeisterung für die Jugendbewe- Groß, 1913 (vgl. [Link]. 59)
gung abbringen und schrieb seinen Eltern im Mai 1914: „Im Wandervogel fühle ich mich sehr
wohl. Wir sitzen ohne Nikotin und Alkohol, bei reiner Luft und Kakao zusammen, unterhalten
uns und singen fröhliche Volkslieder, die nicht alle im Kommersbuch stehen.“ An den Fahrten, so
ist aus weiteren Briefen zu ersehen, nahmen offenbar auch Mädchen in bunten „Kattunkleidern“
teil und beteiligten sich an Spielen im Freien wie Steinstoßen, Hindernisrennen, Tauziehen und
anderem mehr.
Die spätere Kindergärtnerin und Publizistin Margarete Buber-Neumann (1901–1989), die
mit 14 Jahren erste Begegnungen mit dem Wandervogel hatte, berichtete ebenfalls von Mädchen
in Lodenmänteln und genagelten Stiefeln, von ihrer Befreiung durch eine „natürliche“ Lebens-
weise, von gesteigertem weiblichen Selbstbewusstsein durch „Wandervogelverrücktheiten“ wie
das Baden in einem eiskalten See, um „zu beweisen, wie fern“ sie bereits „aller anerzogenen

Lebensreformerische Gesellschaftskritik und Zukunftsentwürfe 31


Zimperlichkeit“ gewesen sei.15 Doch nicht nur ‚befreiend modern‘ konnten die weiblichen Erfah-
rungen im Wandervogel sein. Das oberste lebensreformerische Gebot der Natürlichkeit begüns-
tigte vielmehr auch rückwärts gewandte – zumeist männliche – Kritik an der auf diese Weise
drohenden Vermännlichung junger Frauen, die auch in Karikaturen ihren Niederschlag fand. In
den 1920er Jahren mündete diese Kritik nicht selten in die Ablehnung sportlicher Kurzhaarfri-
suren, wie folgendes Gedicht aus Pfadfinderkreisen von 1928 deutlich werden lässt: „Frisch und
schlank, gesund und schön / mag ich unsre Mädel sehn / und mit langem offenem Haar, / wie es
deutsche Sitte war. / Auch mit schmucken langen Zöpfen, / Ringelkranz, Dutt, Schneckenköpfen /
lieb ich unsre Mädel sehr, / schau bewundernd hinterher. / Doch mit abgeschnittnen Zöpfen, /
mit entstellten Zwitterköpfen, / mit vermännlichtem Gesicht / mag ich deutsche Mädel nicht. /
Lasst sie Blut und Wasser schwitzen! Deutsche Männer – lasst sie sitzen!“16 Mit anderen Worten:
In der Jugendbewegung wie in der Lebensreform finden sich ‚emanzipatorische‘ und ‚konser-
vativ rückwärts‘ gewandte Vorstellungen, Verstiegenes und Pragmatisches, ‚linke‘ und ‚rechte‘,
‚völkische‘ wie human-weltoffene Tendenzen.

Abb. 5: Illustration, „Frei-deutsche


Jugend-Bewegung“ in der Zeit-
schrift „Jugend“, 1914

32 Aufbruch der Jugend


1 Ludwig Klages: Mensch und Erde. Sieben Abhandlungen 11 In: Freideutsche Jugend. Zur Jahrhundertfeier auf dem
(1913). 5. Aufl. Jena 1937, S. 11. ­Hohen Meißner 1913. Jena 1913. Wieder abgedruckt in: Hoher
2 Vgl. Jürgen Oelkers: Von der Welt des Émile zur Erziehungs- Meißner 1913. Der Erste Freideutsche Jugendtag in D
­ okumenten,
diktatur. In: Der Neue Mensch. Obsessionen des 20. Jahrhunderts. Deutungen und Bildern. Hrsg. von Winfried Mogge/Jürgen
Hrsg. von Nicola Lepp/Martin Roth/Klaus Vogel. Ostfildern-Ruit ­Reulecke (Edition Archiv der deutschen Jugendbewegung 5).
1999, S. 37–47. Köln 1988, S. 89–107.
3 Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880–1933. 12 Unsere Kleidung. Anregungen zur neuen Männer- und
Hrsg. von Diethart Kerbs/Jürgen Reulecke. Wuppertal 1998, Frauen­tracht. Für den Freideutschen Jugendtag herausgegeben
besonders die Beiträge im Abschnitt Lebensreform/Selbstreform, von Christian Schneehagen und Lotte Frucht. Leipzig 1913.
S. 73-154. 13 Hans Paasche: Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga
4 Vgl. Matthias Weipert: „Mehrung der Volkskraft“: Die Debatte Mukara ins innerste Deutschland (1921). Nachdruck Bremen 1996.
über Bevölkerung, Modernisierung und Nation 1890–1933. Pader- Entstanden sind die Briefe bereits vor dem Ersten Weltkrieg.
born u.a. 2006. 14 Hier und im Folgenden: Alfred Kröhl: Aus dem Briefwechsel
5 Wolfgang R. Krabbe: Lebensreform/Selbstreform. In: Kerbs/ eines Geraer Wandervogels mit seinen Eltern im Greifswalder
Reulecke 1998 (Anm. 3), S. 73–75. – Ulrich Linse: Das „natürliche“ Sommersemester 1914. In: Jahrbuch des Archivs der deutschen
Leben. Die Lebensreform. In: Die Erfindung des Menschen. Schöp- Jugendbewegung 8, 1976, S. 144–154.
fungsträume und Körperbilder 1500–2000. Hrsg. von Richard van 15 Margarete Buber-Neumann: Von Potsdam nach M
­ oskau.
Dülmen. Wien 1998, S. 435–456. ­Stationen eines Irrweges. Stuttgart 1957, S. 36. – Vgl. ­Barbara
6 Kerbs/Reulecke 1998 (Anm. 3), Einleitung der Herausgeber, Stambolis: Weiblichkeit im Männerbund: von ‚lieblichen
S. 11. J­ungfrauen’ zu ‚verbengelten Gestalten’. In: Historische
7 Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben ­Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs der deutschen
und Kunst um 1900. Hrsg. von Kai Buchholz u.a. [Link]. Institut J­ugendbewegung N.F. 7, 2010, S. 55–74.
Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darmstadt 2001, bes. Bd. 1, Abb. 16 Robert Below: Unsere Mädel. In: Die Pfadfinderin 6, 1928,
S. 379: Fidus: Du sollst nicht töten, 1892. H. 5, S. 41. – Vgl. Historische Jugendforschung. Jahrbuch des
8 Vgl. Monte Verita: Berg der Wahrheit. Lokale Anthropologie Archivs der deutschen Jugendbewegung N.F. 7, 2010.
als Beitrag zur Wiederentdeckung einer neuzeitlichen sakralen
Topographie. Berlin 1979. – Hermann Glaser: Die Kultur der wilhel- Bildnachweis
minischen Zeit. Topographie einer Epoche. Frankfurt a.M. 1984. Eden Gemeinnützige Obstbau-Siedlung eG, Oranienburg-Eden
9 Vgl. Zurück, o Mensch, zur Mutter Erde. Landkommunen in Abb. 1, 3
Deutschland 1890–1933. Hrsg. von Ulrich Linse. München 1983, Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen,
S. 60. Fotos: Monika Runge, GNM · Abb. 2, 4
10 Gabriele Riedle: Paradies sucht Zukunft. In: Die Zeit vom
11.09.1992 (über die Obstbaukolonie Eden).

Lebensreformerische Gesellschaftskritik und Zukunftsentwürfe 33


„Wir ­wollen „Durch dich bekam unser Sein in der Zeit zum ersten Mal Klang und Wort im Ge-
dicht“ – gemeint hat der Schriftsteller Werner Helwig (1905–1985), welcher der

zu Land
­Jugendbewegung eng verbunden war, mit diesem 1960 verfassten Zuruf den kurz
vorher verstorbenen Hjalmar Kutzleb (1885–1959) und dessen 1910/11 entstande-
nes vierstrophiges Gedicht „Ausfahrt“ 1 mit den Anfangszeilen: „Wir wollen zu Land

aus­fahren“
ausfahren über die Fluren weit, aufwärts zu den klaren Gipfeln der Einsamkeit.“ 2
Kutzleb, ein aus Gotha stammender begeisterter und begeisternder Wandervogel-
führer, seit 1904 als junger Germanist ein eifriger Volksliedsammler, hatte – an-
geregt durch die gut 100 Jahre vorher von dem Romantiker Novalis (1772–1801)
Jürgen Reulecke beschworene Sehnsucht nach der „blauen Blume“ – einen Liedtext verfasst, der mit seiner ein-
gängigen, 1912 von Kurt von Burkersroda (1893–1917) geschaffenen Melodie wie kein anderer am
Anfang der nun beginnenden, schließlich sich immens ausbreitenden Produktion eigener Jugend-
bewegungslieder stand: In geradezu idealer Weise beschwor das Gedicht eine jugendliche Auf-
bruchsehnsucht und ein romantisches Naturverständnis ebenso wie ein spezielles Wir-Gefühl, das
damals die sich – im konkreten wie im übertragenen Sinn – auf „Ausfahrt“ begebenden Wander-
vögel und jungen Freideutschen bestimmte. Zwar enthält der Kutzleb’sche Text auch anrührend-
romantische Sagen- und Märchenanklänge, doch geht es hier im Grunde um die Kernfrage der
damaligen jugendbewegten Identitätssuche, nämlich darum, wie ein Mitglied einer Wandervogel-
gruppe seinen individuellen Weg in die Welt – in der Ferne ebenso wie zu Hause – findet und so
zu einem „Selbst“ wird: ein Thema, das nicht zuletzt in vielfältiger Weise rings um das Treffen auf
dem Hohen Meißner im Oktober 1913 breit diskutiert wurde.
Der Erfolg des hier angesprochenen Liedes beruhte auch auf der Tatsache, dass es ­neben
einer Reihe weiterer von den Wandervögeln und Freideutschen vor dem Ersten Weltkrieg er-
fundener und dann später vielfältig bis in die großen Jugendverbände nachgeahmter Gesel-
lungsformen und Stilmittel nicht zuletzt das gemeinsame Singen von besinnlichen ebenso wie
von mitreißenden Liedern war, das einen beträchtlichen Teil des jugendbewegten Gruppenlebens
ausmachte. Anfangs begeisterte viele Wandervögel vor allem die Wiederentdeckung alter Volks-
lieder, die insbesondere in dem Liederbuch „Der Zupfgeigenhansl“ abgedruckt waren, das der
von Beginn an zum Berlin-Steglitzer Wandervogel gehörende, dann als Student ähnlich wie Kutz-
leb intensiv Volkslieder sammelnde Hans Breuer (1883–1918) im Frühjahr 1909 herausbrachte.
Es wurde anschließend bis in die jüngste Zeit immer wieder neu aufgelegt – etwa eine Million
Exemplare dürften inzwischen gedruckt sein – und enthielt neben Liebes-, Tanz-, Landstraßen-,
Scherz- und Abschiedsliedern auch Soldatenlieder.3 Parallel dazu erschienen weitere Volkslied-
sammlungen, so das 1911 von Frank Fischer (1884–1914) publizierte „Wandervogel-Liederbuch“
und die von Hanns Heeren (1893–1964) 1913/14 geschaffenen Liederbücher „Neuer Liederborn.

34 „Wir wollen zu Land ausfahren“


Wir wol - len zu Land aus - fah - ren

Lieder zur Laute“ und „Rosmarin und Rosen. Anspruchlose Weisen“. Meist ging es den jugend-
bewegten Sängern jedoch nicht um die Pflege einer besonderen Singekultur, sondern in erster
Linie um das mit dem Singen − zur „Klampfe“ − verbundene Gemeinschaftserlebnis, nicht zu-
letzt bei sogenannten „Klotzmärschen“, das heißt den Wanderungen durch Feld und Wald. Neu-
geschaffene, eigene Lieder tauchten in den genannten Liederbüchern zunächst fast gar nicht
auf: Nach dem frühen Start mit Kutzlebs Lied „Ausfahrt“ nahm erst im Lauf des Ersten Welt-
kriegs die jugendbewegte Eigenproduktion von Liedern zu, wobei der wohl berühmteste im
Krieg entstandene Liedtext „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ von Walter Flex (1887–1917)
aus dessen Bestseller „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ von 1916/17 stammt, vertont
wenig später von dem jungen Frontsoldaten und Wandervogel Robert Götz (1892–1972).4 Als
Reaktion auf die Erfahrungen mit dem nicht allzu qualitätvollen Singen in den Wandervogel-
gruppen kam es in der Folgezeit – in breiter Form allerdings erst nach Kriegsende – zu Bestre-
bungen, neben den Jugendbewegungsbünden auch eine Jugendmusikbewegung mit dem Ziel
ins Leben zu rufen, in Singe- und Musikwochen und mit Hilfe besonderer Singeleiterkurse eine
eigenständige musische Jugendkultur zu schaffen.5 Wie kein anderes war jedoch das Lied „Wir
wollen zu Land ausfahren“ musikalisch wie textlich typisch für den jugendbewegten Aufbruch
vor dem Ersten Weltkrieg.

1 Werner Helwig: Die blaue Blume des Wandervogels (1960). 4 Publiziert wurde das Lied jedoch erst in einem 1924 von Götz
2., überarb. Neuaufl. Baunach 1998, S. 152. – Zur Biographie herausgebrachten Liederbuch. Zur Entstehung und Deutung die-
­Kutzlebs: Hinrich Jantzen: Namen und Werke, Bd. 2. ses Liedes: Gerhard Kurz: „Wildgänse rauschen durch die Nacht“.
Frankfurt a.M. 1974, S. 217–222. Graue Romantik im Lied von Walter Flex. In: Good-Bye Memories?
2 Zuerst mit Noten abgedruckt in seiner, später geringfügig ver- Lieder im Generationengedächtnis des 20. Jahrhunderts. Hrsg.
änderten, Urfassung in der Zeitschrift „Jung-Wandervogel“, 1912, von Barbara Stambolis/Jürgen Reulecke. Essen 2007, S. 79–97. –
S. 18–19. Siehe dazu Hjalmar Kutzleb: Vom Werden eines Liedes. Wilhelm Schepping: „Wildgänse rauschen durch die Nacht“. Neue
In: Wandervogel und Freideutsche Jugend. Hrsg. von Gerhard Erkenntnisse zu einem alten Lied. Ebd., S. 99–114.
Ziemer/Hans Wolf. Bad Godesberg 1961, S. 278–282. 5 Initiatoren dieser Bewegung waren zum Beispiel Fritz Jöde,
3 Helmut König: Der Zupfgeigenhansl und seine Nachfolger. Walther Hensel und Georg Götsch.
In: Auf dem Weg. Festschrift zu Peter Lampasiaks achtzigstem
Geburtstag. Hrsg. von Ilse Wellershoff-Schuur/Kay Schweigmann-
Greve. Hannover 2008, S. 13–43.

35
Barbara Stambolis

Autonomie und Selbstbestimmung:


der Wandervogel vor dem Ersten Weltkrieg

Anfänge und Ursprungslegenden


Fast zeitgleich entwickelte sich unter Schülern höherer Schu-
len um 1900, zunächst in Berlin und Hamburg, dann an vielen weiteren Orten in Deutschland,
Österreich und der Schweiz eine bis dahin nicht übliche Form des Jugendwanderns (Abb. 1). In
Steglitz bei Berlin organisierten Hermann Hoffmann (1875–1955) und Karl Fischer (1881–1941)
mit einem Schülerverein ab 1896 Wanderun-
gen in die Natur, und zwar ‚spontan‘ und aus
eigenem Antrieb, das heißt nicht auf Betreiben
und unter Anleitung von Erwachsenen. Wenn-
gleich die Mitwirkung von reformorientierten
Lehrern und teilweise auch wohlwollenden
Elternhäusern nicht zu leugnen ist, sollten die
Stichworte ‚selbstbestimmt‘ und ‚autonom‘
fortan eine wichtige Rolle im Selbstverständ-
nis Jugendbewegter spielen. Zahlreiche junge
Menschen, die im Deutschen Kaiserreich auf-
wuchsen, wünschten sich, der damals übli-
chen Drill- und Gehorsamserziehung in Schu-
le und Elternhaus, dem engmaschigen Netz
elterlicher Einflussnahme und Kontrolle und
den Zwängen gesellschaftlicher Konvention zu
entfliehen. Sie sehnten sich nach Freiräumen, in denen sie sich entfalten und anderen Jugendli- Abb. 1: Chronik der Wandervogel-
chen begegnen konnten. Ihre Fahrten am Wochenende oder in den Ferien sollten kein touristi- Ortsgruppe Halle a.d.S., 1902–1909
(vgl. [Link]. 20)
sches Wandern sein; programmatisch hieß es etwa 1908: „Es gibt zweierlei Wandern: als ‚Tou-
rist’ und als ‚Wandervogel’. [...] Tourist ist, wer mit sportsmäßigen, ästhetischen und anderen
Ansprüchen an sein Gebiet herantritt [...]. Sein Weg ist durch Führer und Gasthöfe bestimmt, er
will gutes Wetter, Aussicht, gute Bahnverbindung haben, er will in seiner schlimmen Abart den
Sonnenuntergang auf dem dazu bestimmten Berge sehen. [...] Das alles brauchen wir nicht.“ 1
Worauf es im Wandervogel ankam: auf unmittelbare Naturerfahrung und intensive Gemein-
schaftserfahrungen. In einer frühen Erlebnisschilderung finden sich folgende exemplarische

36 „Wir wollen zu Land ausfahren“


Sätze: „Da saßen wir einmal im Taunus beim flackernden Feuer, brauten Tee und strichen Schmalz
aufs schwarze Bauernbrot. Von weit her schrie eine Eule – unserm Jüngsten wurde schon recht
bange ums Herz. Denn wir waren ganz einsam im dichten Wald, und der sollte auch unser Nacht-
lager sein. Wohl war nicht sehr weit von uns ein altes Schloss […] und ein komfortables Kurhotel.
Aber der Herr Hotelier hatte uns nicht in das Heu oder Stroh nehmen wollen – Hoteliers und
Wandervögel sind sich nun mal nicht recht hold.“2
Nachzuweisen ist das Wort „Wandervögel“ bereits in dem Gedicht mit dem Titel „Früh-
lingsnacht“ von Joseph von Eichendorff (1788–1857). Zur Bezeichnung für eine Bewegung, und
zwar schon in deren unmittelbaren Anfängen, wurde der „Wandervogel“ jedoch erst um 1900:
Aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums des Wandervogel im Jahre 2001 wurde eine Legende
rekonstruiert, der zufolge am Abend des 4. November 1901 in jenem Hinterzimmer des Steglitzer
Ratskellers, in dem der „Ausschuss für Schülerfahrten“ gegründet wurde, auch die Namensfin-
dung „Wandervogel“ erfolgt sein soll, inspiriert von einem Gedicht, in dem es heißt: „Ihr Wan-
dervögel in der Luft, im Ätherglanz, im Sonnenduft, in blauen Himmelswellen, euch grüß‘ ich
als Gesellen! Ein Wandervogel bin ich auch, mich trägt ein frischer Lebenshauch, und meines
Sanges Gabe ist meine liebste Habe.“3 Einer Variante dieses Ursprungsmythos zufolge hat der
aus Hagen in Westfalen stammende Mechanikerlehrling Wolfgang Meyen (1884–1949), der an
der Gründungsversammlung in Steglitz am 4. November 1901 teilgenommen hatte, den Namen
„Wandervogel“ vorgeschlagen, weil er sich an einen Grabstein in Berlin-Dahlem mit der Inschrift
erinnert haben soll: „Wer hat euch Wandervögeln die Wissenschaft geschenkt, dass ihr auf Land
und Meeren nie falsch den Flügel lenkt? Dass ihr die alte Palme im Süden wieder wählt, dass
ihr die alten Linden im Norden nie verfehlt?“ 4 Was die Bewegung ausmachte, hat der Soziologe
Arno Klönne folgendermaßen treffend auf den Punkt gebracht: „Wandervogel – das Wort steht
für einen Entwurf jugendlichen Gruppenlebens, in dem der Drang nach eigenen Erfahrungen
bestimmend ist, in dem frei gewählte Freundschaft zusammenhält, in dem Offenheit herrscht
für unbekannte Horizonte [...]. Mit dem Leben in den Gruppen und auf den Fahrten des Wan-
dervogels haben vor hundert Jahren junge Menschen ihre eigenen Möglichkeiten entdeckt und
ausprobiert. Das war die Substanz.“ 5

Wandervogelleben: kleine Gemeinschaften auf Fahrt


Mit anderen Heranwachsenden auf Fahrt
zu gehen, sich zu bewähren und Gemeinschaft zu erleben, gehört zweifellos zu den grundlegen-
den Erfahrungen vieler Mitglieder jugendbewegter Gruppen. In eine solche aufgenommen wurde
in der Regel, wer „gekeilt“, das heißt als in Frage kommendes neues Mitglied angesprochen wor-
den war. Wer dazugehören wollte, hatte sich zumeist Schwellenritualen zu unterziehen, die auch
in anderen männerbündischen Gruppierungen üblich waren; sie sind in der Jugendbewegung
allerdings weitaus weniger martialisch gehandhabt worden als etwa in den Studentenverbin-
dungen, nicht zuletzt den schlagenden. Hans Blüher (1888–1955), jugendbewegter Theoretiker
einer männerbündischen Gesellschaft,6 hielt beispielsweise in seinem Bericht über seine eigene
Aufnahme in den „Wandervogel – Ausschuss für Schülerfahrten“ im Jahre 1902 fest: „Ich wurde
vorgestellt und mit ‚Heil!’ begrüßt. ‚Willst du’, sprach Karl Fischer mit kultischem Ernst, ‚nach-
dem du erfahren hast, wer wir sind und was wir wollen, angehören als Fuchs zunächst dem
löblichen Stande der Fahrenden Scholaren?’ – ‚Ja, das will ich!’ ‚Willst du Treue geloben diesem
Stande, der den Namen Wandervogel trägt […]’“ 7 Zur Initiation im Wandervogel zählte ferner die
Grenzen der Belastbarkeit überschreitendes „Probewandern“. Wie Hans-Ulrich Thamer betont
hat, verweisen die Aufnahmerituale auf Veränderungen vom Wandervogel hin zu hierarchische-
ren Strukturen der Jugendbewegung in der bündischen Zeit nach 1918 und vor allem in der

Der Wandervogel vor dem Ersten Weltkrieg 37


Endphase der Weimarer Republik. Feierliche Aufnahmerituale vor der Gruppe und einer Fahne,
bei denen gar dem Novizen Insignien der Zugehörigkeit wie eine Uniform, eine Gürtelschnalle
(ein Koppelschloss) oder – nach einer Probezeit – eine Kordel überreicht wurden, gab es im Wan-
dervogel vor 1914 noch nicht.8 Wie Wandervögel auf Heranwachsende wirkten, die ihnen erst-
mals begegneten, wird aus Schüleraufsätzen deutlich, die 1916 in der „Zeitschrift für ­angewandte
Psychologie“ kommentiert wiedergegeben wurden. Da schrieb ein 13-Jähriger: „Ich sah ein gro-
ßes Lager von Wandervögel. Es waren viele Zelte aufgeschlagen und darunter schliefen alle. Es
war 4 Uhr nachts da wachten sie allmelich auf. Dann zündeten sie ein großes Feuer an und stell-
ten frei Pfähle auf und hänkten einen großen Kessel darunter […] Jetzt verspeisten sie ihr Früh-
stück und dann gingen sie fort. Bald kamen sie in einen Wald, […] plötzlich jachten alle einen
Hasen nach und jetzt war er in die Falle. Einer hielt ihm bei den Löffel fest und jetzt wurde er
geschlachtet. Am Mittag wurde er gebraten und verspeist. Das Fell wurde verkauft und sie beka-
men 40 Pf. dafür.“ 9
Berichte über abenteuerliche Fahrten, die Neugier auf Fremdes, die Entdeckung von
Landschaften und das Miteinander am Feuer standen im Mittelpunkt des Wandervogellebens.
Fahrten- und Nestbücher einer ganzen Reihe von Wandervogelgruppen dokumentieren die Er-
lebnisse ihrer Mitglieder.10 Die Gruppen veranstalteten zum einen Unternehmungen in der je-
weils näheren Umgebung, zum anderen brachen sie auch in die Ferne auf. Das Fichtelgebirge
oder der Böhmerwald gehörten zu den bevorzugten Landschaften. Sehnsucht nach Ungebun-
denheit und Abenteuer mögen wichtige Motive gewesen sein, außerdem wohl auch Flucht aus
autoritären Elternhäusern und Schulen. „Kosmopolitische Weite und Heimatflucht“ wird der
Jugendbewegung rückblickend durchaus zu Recht bescheinigt.11

Ästhetik: ‚Nestwärme in erkalteter Gesellschaft‘


In der fotografischen Überlieferung zur Ge-
schichte der Jugendbewegung ist eine Fülle von Ansichten der Landheime und „selbstgebauten
Nester“ dokumentiert, wie die Unterkünfte oft genannt wurden, die sich Wandervogelgruppen ein-
richteten. Sie geben aber auch den Blick auf durchaus bürgerliche Interieur-Details frei, unter-
scheiden sich jedoch in ihrer Reduzierung auf einfache, bäuerlich anmutende und auf Notwendig-
Funktionelles reduzierte Einrichtungsgegenstände deutlich von den dekorativ überladenen
bürgerlichen Wohnzimmern der wilhelminischen Zeit. Sie zeugen von einem Sinn für die Bewah-
rung bäuerlicher Lebensweisen, die für viele kulturkritische Bewegungen, beispielsweise die Hei-
matbewegung, bezeichnend ist und die zweifellos mit der Verklärung eines ‚einfachen Lebens‘
einherging. Manche erscheinen uns heute wie Aufnahmen aus Innenräumen in Freilichtmuseen,
die untergegangenes Kulturgut und längst vergangene Lebensumgebungen veranschaulichen.
Die Landheime lagen meistens in landschaftlich schöner Umgebung, und die Innenauf-
nahmen zeigen vielfach kleine jugendliche Gruppen, musizierend um ein Feuer versammelt.
Die Fotografien der Räume korrespondieren häufig mit solchen, die Fachwerkhäuser, Bauern­
katen oder Höfe als Gesamtansicht abbilden. Julius Groß (1892–1986), der ‚Wandervogel­
fotograf‘, verstand es in professioneller Weise und mit einer spezifischen Bildästhetik, jugend-
liche Refugien abzulichten, die noch heute nostalgisch im Sinne von „Nestwärme in erkalteter
Gesellschaft“ wahrgenommen werden können.12 Seinen Fotografien lag stets die Intention mit
zugrunde, Bilder mit Erinnerungswert zu schaffen, die jugendbewegtes Leben ästhetisch stili-
sierten. Über die Rolle, die Mädchen zugestanden wurde, schrieb der Pädagoge Wilhelm Flitner
(1889–1990) in seinen Erinnerungen treffend: „Besonders durch die Mädchen im Wandervogel
wurden neue Bräuche und Sitten in Familien getragen, die bisher in den Konventionen der
Gründerzeit gelebt hatten. Dass man wieder lernte, einen Tisch zu decken; dass man gelun-

38 „Wir wollen zu Land ausfahren“


gen geformtes Geschirr heimischer Töpfereien, handgewebte Tücher, Wachskerzen und echten
Schmuck verwandte, auch in wirtschaftlich engen Verhältnissen doch eine kultivierte Häus-
lichkeit pflegte […]; dass manche Mädchen wieder sich Kleider selbst schneiderten […]; dass
es üblich wurde, einander Briefe zu schreiben […]; auf den anderen eingehend – alles das wur-
de ein Lebensstil, der weitgehend unabhängig von sozialen Rängen oder Reichtümern war“ 13
(Abb. 2).

Mädchen und Jungen


Die Gründung
des Bundes der Wanderschwestern
1905 und des Deutschen Mädchen-
Wanderbundes 1914 lassen erkennen,
dass der Wandervogel keine rein
männerbündische Bewegung war. Vor
dem Ersten Weltkrieg gab es sogar
bereits zahlreiche Gruppen junger
Frauen und Mädchen in Wandervo-
gel-Bünden. Obwohl das 20. Jahrhun-
dert ja nicht nur ein Jahrhundert der
Jugend, sondern auch ein Zeitalter
des Feminismus sein sollte,14 fanden
jedoch heftige Diskussionen um die
Aufnahme von Mädchen in jugend-
bündischen Gruppen statt. Der Päda-
goge, Psychologe und Pazifist Friedrich Wilhelm Foerster (1869–1966), der mit seinen Schriften Abb. 2: Nest der Braunschweiger
einen weitreichenden Einfluss auf die Jugendbewegung hatte und auch ihr kritischer Kommen- Wandervögel, Fotografie Julius
Groß, vor 1913
tator war, charakterisierte die Adoleszenzprobleme für Mädchen und Jungen ganz unterschied-
lich.15 Während man Mädchen schonen solle, gelte es Jungen körperlich und moralisch abzuhär-
ten und ihnen ein weites Feld der Selbsterprobung zu überlassen. Foerster wandte sich etwa mit
folgenden Worten direkt an die männliche Jugend: „Den Zugvögeln im Herbst muss ähnlich zu-
mute sein, wenn plötzlich in ihr gewöhnliches Leben der Wandertrieb hineinfällt und sie treibt,
sich mit großem Lärmen und Schreien auf hohen Bäumen zu sammeln. Bei manchen Knaben
äußert sich ja auch tatsächlich dieser Zustand in einem großen Triebe in die Ferne.“16 Warnen
hingegen müsse er die Mädchen vor einem „laute[n] und burschikose[n] Nachahmen männlicher
Lebenssitten“, das allenthalben um sich greife.17
Mancher jungen Frau hat der Wandervogel Möglichkeiten geboten, wenn auch nur für kur-
ze Zeit, den Zwängen bürgerlicher Erziehung zu entkommen, jedoch bei weitem nicht in dem
Maße wie männlichen Jugendlichen. Eine typisch weibliche, dem bürgerlichen Milieu entspre-
chende Kindheit und Jugend – einschließlich einer kurzen Jugendbewegungsphase – hat die
deutsch-jüdische, in Auschwitz ermordete Schriftstellerin Else Uri (1877–1943) in ihrem Mäd-
chenbuch-Klassiker „Nesthäkchen“ beschrieben, in dem in mehreren Folgen das Leben einer
Tochter aus bürgerlichem Haus, um 1904 geboren, geschildert wird. Annemarie Braun, der Hel-
din der Nesthäkchen-Reihe, wird zwischen ihrer Kindheit und ihrem Erwachsensein als verhei-
ratete Frau und Mutter nur eine sehr kurze Zeit mit adoleszenten Freiheiten zugestanden, die als
„Wilde-Hummel-Phase“ im Elternhaus beginnt und ihren Höhepunkt während ihres einjährigen
Studiums in Tübingen erreicht, bevor die Protagonistin die traditionellen weiblichen Pflichten
erwarten.18 Sie gehört in dieser kurzen „Periode des Losgebundenseins“,19 die Mädchen aus dem

Der Wandervogel vor dem Ersten Weltkrieg 39


Bürgertum zugestanden wurde, zu den Gründerinnen eines fiktiven „Schwäbischen Wanderbun-
des“, der die Erfahrungen und den Freiraum von Mädchen im Wandervogel vor und sicher auch
noch unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg treffend umschreibt.

Der Erste Freideutsche Jugendtag auf dem Hohen Meißner 1913


Im Oktober 1913 brachen etwa
2.000 bis 3.000 junge Menschen zum Hohen Meißner in Nordhessen auf, einem 600 Meter über
dem Werratal gelegenen Bergrücken östlich von Kassel, und veranstalteten dort am 11./12. des
Monats den „Ersten Freideutschen Jugendtag“, ein Schlüsselereignis in der Geschichte der Ju-
gendbewegung. Es nahmen Mitglieder von insgesamt zwölf lebensreformerisch und reformpäd-
agogisch inspirierten Gruppen unter Beteiligung einer Reihe älterer Anreger und Förderer teil,
die die etwa 25.000 Mitglieder damaliger Gruppen repräsentierten: Wandervögel, zudem Studie-
rende, die sich in jugendbewegtem Selbstverständnis in der Akademischen Freischar (gegründet
1907), dem Bund abstinenter Studenten (1902) oder der Akademischen Vereinigung (1912) zusam-
mengefunden hatten. Zu den Akteuren des Freideutschen Jugendtags gehörten nicht zuletzt der
Pädagoge Gustav Wyneken (1875–1964), der Arzt und Gründer der Volkshochschule Klappholttal
auf Sylt, Knud Ahlborn (1888–1977) und der Lebensreformer Hans Paasche (1881–1920).
Das Jahr 1913: Deutschland steuerte auf einen Krieg zu, der einerseits herbeigesehnt und
andererseits prophetisch als Katastrophe vorausgeahnt wurde. Von nationaler Euphorie getra-
gen, erinnerte die politische Öffentlichkeit an das Jahr 1813. In der Nähe Leipzigs wurde am
18. Oktober nach rund 15 Jahren Bauzeit das Völkerschlachtdenkmal eingeweiht, nicht weit
entfernt von dem Schlachtfeld, auf dem 1813 rund 500.000 Soldaten (Franzosen, Russen, Preu-
ßen, Österreicher, Engländer und Schweden) gekämpft und viele ihr Leben gelassen hatten. Die
Festlichkeiten in Anwesenheit des Kaisers, im Wesentlichen von nationalen Vereinen wie den
Turnern getragen und von studentischen Verbindungen unterstützt, bildeten den Höhepunkt
einer ganzen Reihe von nationalen Feiern
in Berlin und in der Provinz, nicht zuletzt
veranstaltet in zahlreichen Schulen. Die
wuchtig-quadratische, mit zwölf riesigen
Kriegergestalten sowie Allegorien von
Tapferkeit, Opferfreudigkeit, Glaubens-
stärke und Volkskraft versehene, mit na-
tionalreligiöser Symbolik in hohem Maße
aufgeladene „architektonische Burg“ ver-
lieh der nationalen Selbstdarstellung des
Kaiserreichs ebenso Ausdruck wie das
Motto: „Lasset uns kämpfen, bluten und
sterben für Deutschlands Einheit und
Macht.“ 20
Auf dem Meißner herrschte am
11./12. Oktober 1913 allerdings nicht die
allgemein am Vorabend des Ersten Welt-
kriegs verbreitete hurrapatriotische At-
mosphäre. Hier sollte vielmehr ein „Fest der Jugend“ stattfinden. Veranstalter und Teilnehmer Abb. 3: Ansprache von Gustav
knüpften damit bewusst an die Feste der deutschen Nationalbewegung des frühen 19. Jahrhun- ­Wyneken, Fotografie Julius Groß,
1913
derts an, bei denen – anders als die Nationalfeste des Kaiserreichs – Freiheit noch für wichtiger
erachtet wurde als nationale Einheit. Auf dem Meißner hingegen sollte – bewusst als Gegenver-

40 „Wir wollen zu Land ausfahren“


anstaltung gegen die nationalen Feiern in Erinnerung an das Jahr 1813 – ein Fest der Jugend,
in der Tradition der ‚Feste eines freien Volkes unter freiem Himmel‘ zu Beginn des 19. Jahrhun-
derts, zum Beispiel auf der Wartburg 1817 oder in Hambach 1832, stattfinden. So erinnerte sich
eine Teilnehmerin, die dem Serakreis angehörte, mit folgenden Worten an ein „festlich buntes
Bild“ im Oktobernebel: „Wettkämpfe und Reigentänze überall. Mittags wurde in Gruppen abge-
kocht, und der Rauch der Feuerstätten mischte sich mit den aufsteigenden Nebeln. Man ging von
Gruppe zu Gruppe und traf überall Freunde“ 21 (Abb. 3).
In manchen späteren Deutungen erscheint der ‚Meißner 1913‘ als eine Art Woodstock der
Jugendbewegung, ein open-air-event mit beachtlicher Ausstrahlung. Dieses Ereignis ist jedoch
wohl eher mit einer ‚Wallfahrt‘ im weltlichen Sinne zu vergleichen, die im Kontrast zu den da-
maligen Pilgerfahrten zu ‚Pilgerstätten der Nation‘ stand: Die An- und Abreise, das symbolische
Handeln am Festort, Reden, Tänze und Gesang boten alle Voraussetzungen dafür, im säkularen
Sinne von einem ‚Handlungsspiel Wallfahrt‘ zu sprechen. In der Wahrnehmung der Teilnehmer
sollte der Aufenthalt an diesem in der Rückschau geradezu als ‚heilig‘ angesehenen Ort in vielen
Fällen als unbeschwertes Atemholen, abgelöst von den Bedrängnissen des Alltags und des her-
aufziehenden Krieges erscheinen. Einen quasi-religiösen Charakter erhielt das Meißnertreffen Abbildung aus
1913 nicht zuletzt durch die Rede Wynekens: Die Zukunft liege „durch eine dichte Nebelwand urheberrechtlichen Gründen
verhüllt“, es sei, als höre man dennoch „durch den Nebel hindurch von einem fernen Zeitenjen- unkenntlich gemacht
seits oder von der Ewigkeit her die Stimme der Gerechtigkeit und der Schönheit.“ 22
Wyneken
beschwor schließlich prophetisch seine Zuhörer, sich würdig zu erweisen, „Krieger des Lichts
zu werden.“ 23 Hugo Höppeners, gen. Fidus (1868–1948), Darstellung „Lichtgebet“ drängt sich als
Visualisierung dieses Satzes geradezu auf, was auch immer mit der Licht-Krieger-Metapher ge-
meint war (Abb. 4).
In hohem Maße bedeutungsoffen war nicht zuletzt die „Formel“, mit der die Freideutsche
Jugendbewegung am Vorabend des Meißnertreffens 1913 ihr Selbstverständnis auf den Punkt zu
bringen versucht hatte. Ihr Wortlaut: „Die Freideutsche Jugend will nach eigener Bestimmung, Abb. 4: Auf dem Hohen Meißner
vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Frei- vertriebene Postkarte von Fidus’
Lichtgebet, ab 1913 (vgl. [Link]. 51)
heit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein. Zur gegenseitigen Verständigung werden
Freideutsche Jugendtage abgehalten. Alle gemeinsamen Veranstaltungen der Freideutschen Ju-
gend sind alkohol- und nikotinfrei.“ Als „Meißnerformel“ erlangte sie im Selbstverständnis der
Jugendbewegung eine nachhaltige Bedeutung. Das gilt zum einen für diejenigen, die 1913 unter
anderem dabei waren: eine ganze Reihe gesellschaftlich und wissenschaftlich einflussreicher
Persönlichkeiten, deren jugendbewegte Prägung nur teilweise geläufig sein dürfte, etwa der Pä-
dagoge Hans Bohnenkamp (1893–1977), der Pädagoge und Psychoanalytiker Siegfried Bernfeld
(1892–1953), der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Rudolf Carnap (1891–1970), der Sozio-
loge, Historiker und Philosoph Hans Freyer (1887–1969), der Bevölkerungswissenschaftler Hans
Harmsen (1899–1989), der Schriftsteller Manfred Hausmann (1898–1986), der Kulturpolitiker
und Schriftsteller Alfred Kurella (1895–1975), der Theologe Hermann Schafft (1883–1959), der
Unternehmer Alfred C. Toepfer (1894–1993), der Politiker Herbert Weichmann (1896-1983) oder
der Verleger Friedrich Wolf (1888–1953).24
Zum anderen gilt das auch für eine große Gruppe, die nicht ausdrücklich 1913 dabei ge-
wesen waren, aber vielleicht 1923 oder in anderen Meißner-Jubiläumskontexten auf die Meiß-
nerformel und ihre möglichen Deutungen Bezug nahmen. Der Diskurs kreiste dabei zumeist
um Themen wie ‚Autorität und Freiheit‘, ‚Führen und Wachsenlassen‘, Führung und Verfüh-
rung, Individuum und Gemeinschaft oder Anpassung versus Aufbegehren und Rebellion, um
nur einige Varianten zu nennen. Die Formel ist sogar als „Confessio Augustana“ der Jugend-
bewegung bezeichnet worden.25 Jugendbewegte fühlten sich ihr verpflichtet und deuteten die

Der Wandervogel vor dem Ersten Weltkrieg 41


Sätze je nach politischem Standort, gesellschaftlichen Erfahrungen, vor dem Hintergrund von
Kriegen und Katastrophen immer wieder neu. In der Selbstwahrnehmung und Lebenssinnkon-
struktion vieler ehemals Jugendbewegter spielte sie bis in hohe Alter eine Rolle. Sie wurde in
bilanzierenden Lebenserzählungen reflektiert und diente einem vielfach unausgesprochenen
Einverständnis bezüglich eines gemeinsamen ‚Werte-Nenners‘. Es handelt sich um besonders
langlebige und häufig zitierte Kernsätze im Selbstverständnis einer sozialen Bewegung des
20. Jahrhunderts.

1 Frank Fischer: Oratio pro domo. In: Nachrichtenblatt des 14 Ute Frevert: Die Zukunft der Geschlechterordnung. In: Das
­Wandervogel, H. 4, 1908, hier zitiert nach Frank Fischer: Wandern neue Jahrhundert. Europäische Zeitdiagnosen und Zukunftsent-
und Schauen. Gesammelte Aufsätze. Hartenstein 1921, S. 11. würfe um 1900. Hrsg. von Ute Frevert (Geschichte und Gesell-
2 Otto Bojarzin: Vom Wandern und vom bunten Rock. Skizzen schaft, Sonderheft 18). Göttingen 2000, S. 146–184.
und Erzählungen. Wolfenbüttel 1916, S. 30–31. 15 Friedrich Wilhelm Foerster: Jugendlehre. Ein Buch für Kinder,
3 Otto Roquette: Wandervögel. In: Liederbuch des Deutschen Lehrer und Geistliche (1904), zitiert nach der Aufl. Berlin 1909,
Volkes. Hrsg. von Carl Hase/Felix Dahn/Carl Reinecke. Neuaufl. S. 604.
Leipzig 1883, Lied Nr. 95. 16 Foerster 1909 (Anm. 15), S. 618–619.
4 Der Stein befindet sich auf dem Grab von Kaethe Branco, geb. 17 Foerster 1909 (Anm. 15), S. 20.
Helmholtz. 18 Else Uri: Nesthäkchen fliegt aus dem Nest. Berlin 1921
5 Zitiert in: Barbara Stambolis: Zugvögel – oder: die Schwie- (umgearbeitete Ausgabe u.a. Stuttgart 1984).
rigkeit, mentale Topografien und Befindlichkeiten als Orte der 19 Elisabeth Busse-Wilson: Liebe und Kameradschaft (1919).
Erinnerung festzuschreiben. In: Historische Jugendforschung. In: Grundschriften der deutschen Jugendbewegung. Hrsg. von
Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung N.F. 5, Werner Kindt (Dokumentation der Jugendbewegung 1). Düssel-
2008, S. 137–152, bes. S. 140. dorf/Köln 1963, S. 327–334.
6 Vgl. Jürgen Reulecke: Das Jahr 1902 und die Ursprünge der 20 Zitiert bei George L. Mosse: Die Nationalisierung der Massen.
Männerbundideologie in Deutschland. In: „Ich möchte einer wer- Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1976, S. 84.
den so wie die …“. Männerbünde im 20. Jahrhundert. Hrsg. von 21 Aufzeichnungen Martha Hörmanns, S. 55. AdJb, N 123,1
Jürgen Reulecke. Frankfurt a.M. 2001, S. 35–46. (Nachlass Hörmann). – Zum Serakreis: Meike G. Werner: Moderne
7 Hans Blüher: Werke und Tage. Geschichte eines Denkers. in der Provinz. Kulturelle Experimente im Fin de Siècle. Begleit-
München 1953, S. 186–187. band zur Ausst. „Moderne in der Provinz“, Städtische Museen
8 Hans-Ulrich Thamer: Jugendmythos und Gemeinschaftskult. Jena. Göttingen 2003.
Bündische Leitbilder und Rituale in der Jugendbewegung der 22 Die Rede Wynekens. In: Hoher Meißner 1913. Der Erste Deut-
Weimarer Republik. In: Geschichte zwischen Wissenschaft und sche Jugendtag in Dokumenten, Deutungen und Bildern. Hrsg. von
Politik. Hrsg. von Eckart Conze/Ulrich Schlie/Harald Seubert. Winfried Mogge/Jürgen Reulecke (Edition Archiv der deutschen
Baden-Baden 2003, S. 268–285, bes. S. 282. Jugendbewegung 5). Köln 1988, S. 293–306. Vgl. Walter Laqueur:
9 Theodor Valentiner: Die Phantasie im freien Aufsatze der Die deutsche Jugendbewegung. Eine historische Studie. Köln
Kinder und Jugendlichen (Zeitschrift für angewandte Psychologie, 1978, S. 44–51.
Beihefte 13). Leipzig 1916, S. 90–103: Das Wandervogelbild, 23 So wörtlich in der Rede Gustav Wynekens (Anm. 22), S. 297. –
bes. S. 94. Vgl. Barbara Stambolis: Mythen und Heilserwartungen mit
10 Hans Wolf: Fahrt in den Böhmerwald – Sommer 1911. In: politischen Wirkungen zwischen Jahrhundertwende und Drittem
Jahrbuch des Archivs der Deutschen Jugendbewegung 8, 1976, Reich. Morgenlandfahrer und andere Sinnsucher. In: Jahrbuch des
S. 114–123, bes. S. 119. Archivs der deutschen Jugendbewegung 20, 2002–2003, S. 70–93.
11 Joachim H. Knoll: Typisch deutsch? Die Jugendbewegung. 24 Vgl. Jugendbewegt geprägt. Essays zu Essays zu autobio-
Ein essayistischer Deutungsversuch. In: Typisch deutsch: Die graphischen Texten von Werner Heisenberg, Robert Jungk und
Jugendbewegung. Beiträge zu einer Phänomengeschichte. Hrsg. vielen anderen. Hrsg. von Barbara Stambolis (Formen der Erinne-
von Joachim H. Knoll/Julius H. Schoeps. Opladen 1988, S. 11–35, rung 52). Göttingen 2013.
bes. S. 11. 25 Grundschriften der deutschen Jugendbewegung 1963
12 Winfried Mogge: Bilder aus dem Wandervogelleben. Die (Anm. 19), S. 343.
bürgerliche Jugendbewegung in Fotos von Julius Groß (Edition
Archiv der deutschen Jugendbewegung 1). Köln 1986, S. 7. Bildnachweis
Vgl. Nestwärme in erkalteter Gesellschaft – Ashrams, Kom- Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen · Abb. 1
munen, ­Kibbuzim und was sonst noch? Hrsg. von Gerd-Klaus (Foto: Monika Runge, GNM), 2, 3
­Kaltenbrunner. Freiburg [Link]. 1980. © VG Bild-Kunst, Bonn 2013 · Abb. 4
13 Wilhelm Flitner: Erinnerungen 1889–1945 (Gesammelte
­Schriften 11). Paderborn 1986, S. 156.

42 „Wir wollen zu Land ausfahren“


Barbara Stambolis

„In unsere Spiele brach der Krieg…“. K


­ riegserfahrung und -erinnerung

Spiel und Ernst: soldatische Männlichkeit um 1900


Kinder und Jugendliche, die im Deutschen
Kaiserreich aufwuchsen, wussten in der Regel von klein auf, was Drill und Gehorsam bedeute-
ten.1 Ihre Erziehung in Elternhaus und Schule war – vor allem in vielen bürgerlichen Haushalten
und den höheren Schulen – von Härte und Disziplin geprägt. Jungen hatten sich an soldatischen
Vorbildern zu orientieren, an Tugenden wie ‚Heldenmut‘ und ‚Opferbereitschaft‘ im Kampf für
das Vaterland. Mädchen sollten sich ebenfalls patriotischen Pflichten widmen, indem sie sich
etwa auf ihre Rolle vorbereiteten, in Frauenvereinen ehrenamtlich nach dem ­Motto ‚Helfen, Hei-
len, Trösten‘ tätig zu sein oder an der Seite eines Mannes auf dem gesellschaftlichen Parkett eine
gute Figur zu machen.2 In der Öffentlichkeit waren facettenreiche Varianten des Militärischen
allgegenwärtig, die den Heranwachsenden, Jungen wie Mädchen, im Hinblick auf die künftigen
Lebensaufgaben Anschauungsmaterial boten. Imperiales monarchisches und militärisches Ge-
präge bestimmten öffentliche Feste, und zwar mit einem breiten Spektrum politischer Symbole
wie den ‚deutschen‘ Farben auf Fahnen und Emblemen oder dem ‚Hoch‘ auf Kaiser und Reich. Als
Beispiele sind die Kaisergeburtstage, die monarchischen Jubiläen oder der Sedantag zum Ge-
dächtnis des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 zu nennen. In diese Zusammenhänge fügen
sich nicht zuletzt auch jene Feiern ein, die am 18. Oktober 1913 zur Erinnerung an die Befrei-
ungskriege zu Beginn des 19. Jahrhunderts veranstaltet wurden und die ihren Höhepunkt mit
der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals bei Leipzig erreichten.3
Das ‚zeremonielle Spiel‘ mit erträumter und gefeierter nationaler Größe, unter anderem bei
Paraden, Aufmärschen und Umzügen, war also für Jugendliche um 1900 ebenso selbstverständ-
lich wie das hohe Ansehen, das Militär und Militärisches genossen. Die Übergänge zwischen
Spiel und Ernst, dem Paradieren und Säbelrasseln einerseits und dem tatsächlichen Kampf auf
dem ‚Felde der Ehre‘ andererseits, waren zweifellos fließend. Bei Schießübungen von Krieger-
und Schützenvereinen werden die Grenzüberschreitungen ebenso sichtbar wie bei den Kriegs-
spielen, die nicht nur in Jugendabteilungen nationalistischer Vereine und Verbände, sondern
auch in manchen Wandervogelgruppen vor 1914 veranstaltet wurden und bei denen die Beteilig-
ten in erster Linie den Umgang mit Waffen einübten. An der viel zitierten ‚Kriegsbegeisterung‘
vor dem Ersten Weltkrieg hatten Jugendliche, die sich in großer Zahl im Sommer 1914 freiwillig
zum Militärdienst meldeten, zweifellos ihren Anteil. Überdies gab es unter denjenigen, die zu
jung für den Krieg waren, viele, die sich in naiver Weise geradezu danach sehnten, die Wirklich-
keit des Soldatenlebens kennen zu lernen und sich zu Kriegshilfsdiensten meldeten.4

Kriegserfahrung und -erinnerung 43


Kriegserwartungen und -erfahrungen
Kriegsfurcht und -sehnsucht beziehungsweise positiv ge-
stimmte Kriegserwartung kennzeichnen gleichermaßen die Jahre vor Ausbruch des Ersten Welt-
kriegs. Auf erstere bezogen ist beispielsweise Alfred Kubins (1877–1959) künstlerische Vorausahnung
der kommenden Kriegskatastrophe; er zeichnete den personifizierten Krieg als alles vernichtende
Schreckgestalt, so 1907 in der Lithografie „Der Krieg“, die einen überdimensionalen Krieger mit
­einem gewaltigen Fuß, mit dem dieser buchstäblich alles Lebendige zertritt, zeigt. Kubin war keines-
wegs der einzige, der warnende Zeichen setzte: Nicht zuletzt Bertha von Suttners (1843–1914) Buch
„Die Waffen nieder!“ aus dem Jahre 1889 oder die Antikriegsschrift des Schriftstellers und Schulre-
formers Wilhelm Lamszus (1881–1965) mit dem Titel „Das Menschenschlachthaus“ sind ebenfalls in
diesem Zusammenhang zu nennen. Deutlich warnend äußerte sich auch Hans Paasche (1881–1920),
einer der Wortführer der Lebensreform vor 1914, der vor allem durch seine 1912/13 entstandene
Kritik an der deutschen Gesellschaft unter der Überschrift „Die Forschungsreise des Afrikaners
Lukanga Mukara ins Innerste Deutschlands“ bekannt wurde. Er plädierte für eine umfassende Re-
form der Gesellschaft, eine gerechte Verteilung der Güter und ein menschenwürdigeres Leben. Vor
allem betonte er, Krieg solle vermieden und den Kriegstreibern auf verantwortlichen Positionen und
an den Stammtischen der Kriegervereine Einhalt geboten werden. Unblutig vielmehr müssten gegen
krank machende Zivilisations- und Industrialisierungsfolgen „Siege“ errungen werden. Paasche
schrieb 1913 in der lebensreformerischen Zeitschrift „Vortrupp“ wörtlich: „Es braucht nicht Mord,
um zu siegen, und es wird einst Denkmäler setzen, die nicht auf Massengräbern stehen. Heldenscha-
ren wird man nennen und […] Gedenktage […] kennen. Tage, an denen der Geist deutscher Mensch-
heit Siege erfocht auf unblutigen Schlachtfeldern.“ 5 In Kenntnis der weiteren Entwicklung des
20. Jahrhunderts, das als „Jahrhundert der Jugend“ ausgerufen worden war, jedoch ein katastrophen­
reiches Jahrhundert der Kriege werde sollte, wirken diese Sätze aus jugendbewegt-lebensreformeri-
schem Kontext visionär vorausahnend. Deutliche Worte fand 1913 auch der Philosoph Ludwig Kla-
ges (1872–1956), wenngleich in seinen Äußerungen in exemplarischer Weise das zeittypische
Schwanken zwischen Kriegsfurcht und -hoffnung deutlich wird. Er sprach einerseits von einem
„Kriegsgespenst“, „geharnischt, mit bleichem Totengesicht und blutigen Haaren.“ 6 Andererseits
glaubte er, es werde ein „unerhörter Kampf zwischen Altem und Neuem beginnen“, der zu begrüßen
sei, denn dessen Ausgang komme einem umfassenden Reinigungs- und Erneuerungsakt gleich. Kla-
ges formulierte diesen Gedanken gleichsam als Vision: „Wunder werden zuletzt geschehen um der
Gerechten willen, bis endlich die neue und doch ewig alte Sonne durch die Gräuel bricht; die Donner
rollen nur noch fernab an den Bergen, die weiße Taube kommt durch die blaue Luft geflogen, und die
Erde hebt sich verweint wie eine befreite Schöne in neuer Glorie empor.“ 7
Bezeichnend für den Zwiespalt, in dem sich nicht zuletzt viele junge Männer, unter ih-
nen zahlreiche Angehörige der Jugendbewegung, unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Welt-
kriegs befanden, ist ein Telegramm, das jugendbewegte Studenten am 28. Juli 1914 an Kaiser
Wilhelm II. schickten und in dem sie mitteilten, das Verhängnis eines europäischen Krieges müs-
se vermieden werden.8 Dieser Appell hinderte die Unterzeichner jedoch nicht, sich nur wenig
später freiwillig als Soldaten zu melden. In der politisch aufgeheizten Atmosphäre vor Kriegs-
ausbruch konnten sich die meisten Zeitgenossen letztlich offenbar nicht von der dominierenden
Auffassung distanzieren, Deutschland müsse seinen „Platz an der Sonne“ oder seine „Zukunft
auf dem Wasser“ auch mit den kriegerischen Mitteln behaupten und erweitern, Forderungen, die
deutlich mit einer zunehmenden „Verhärtung des Männerideals“ einhergingen.9
Martha Hörmann (1881–1977), Chronistin des jugendbewegt-lebensreformerischen Serakrei-
ses, erinnerte sich an den Sommer des Jahres 1914 als letzten Friedenssommer mit Sommerfesten,
Kahnfahrten und Wanderungen, aber auch an die Ermordung des österreichischen Thronfolgers in

44 „Wir wollen zu Land ausfahren“


Abb. 1a–c: Erich Krems als
­Wandervogel, Soldat und seine
Todesanzeige

Sarajewo im Juni und dann an jene Tage Ende Juli 1914, als fast nur noch vom Krieg gesprochen
worden sei: Ein Fieber habe alle ergriffen, es seien fast nur noch Soldatenlieder gesungen worden,
ohne die Bedeutung mancher Strophe zu begreifen.10 Viele Jugendbewegte hätten die „große Fahrt“
und den Ernst des Krieges zunächst nicht zu unterscheiden vermocht. Carl Zuckmayer (1896–1977),
Mitglied einer Mainzer Wandervogelgruppe und Soldat im Ersten Weltkrieg, sah rückblickend das
Absurde darin, dass die jugendbewegten jungen Männer 1914 „Freiheit“ geschrien hätten, als sie
sich „in die Zwangsjacke der preußischen Uniform stürzten.“ Sie hätten sich plötzlich als Männer
gefühlt, „der Gefahr, dem nackten Leben gegenübergestellt – die Drohung des frühen Todes er-
schien uns dagegen gering.“ 11 Auch aus der Sicht von Christian Schneehagen (1891–1918), einem
der Mitinitiatoren des Meißnerfestes von 1913, ging es im Krieg – und das noch um das Jahresen-
de 1914/15 – vor allem darum, dem „großen Wollen vom Hohen Meißner“ treu zu bleiben und ein
„guter Soldat“ ebenso wie „ein echter Freideutscher“ zu sein.12 Allerdings machte Ernüchterung
der Begeisterung vielfach bereits wenige Monate nach Kriegsausbruch Platz. Dafür ein Beispiel:
In der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 1914 fiel Peter Kollwitz (1896–1914), der jüngere Sohn
von ­Käthe Kollwitz (1867–1945) in Belgien; ein 17-jähriger Regimentskamerad und Freund, Erich
Krems (1898–1916), gab die Nachricht an seinen verehrten Lehrer Gustav Wyneken (1875–1964)
weiter (Abb. 1a–c). In einem Brief schrieb er, wie er sich als „Feldgrauer“ erlebte: wie ehrenhaft ihm
der Dienst für das Vaterland zunächst erschienen sei und dass junge Soldaten bei Mädchen beson-
ders beliebt seien. Ab November 1914 nahmen jedoch bereits Schilderungen der Grausamkeit auf
den Schlachtfeldern und angesichts des Todes „der jungen Freiwilligen bei Langemarck“ breiten
Raum in Feldpostbriefen und auch in der öffentlichen Kriegsberichterstattung ein. Im April 1915
teilte Krems aus Flandern mit: „Man ist ja hier schon so verhärtet gegen Tod und grausamstes Leid
des Menschen. Gestern Nacht sah [ich; B.S.] wieder drei Menschen sterben, und die nur nahe uns,
– und weiter hin nach […] waren wohl viele, viele, viele noch – und [es] war doch eine milde Früh-
lingsnacht, drin alle Vögel sangen und von den Sternen Schönheit troff auf alle Qual des Landes
und der Menschen.“ Es könne ja leider keine Rede vom „Glanz des schönen Todes“ sein, von dem
die Freiwilligen geträumt hatten.13 Krems schrieb – ähnlich wie viele junge Männer aus der Kriegs-
generation des Ersten Weltkriegs, die auch als „verlorene Generation“ oder „Generation of 1914“ 14
bezeichnet wird – erschüttert: „Das Gefühl ist allgemein: Welch sinnloses, fürchterliches Ding der
Krieg ist! Wie ihn keiner gewollt, nicht der Belgier, der auf mich zielt, nicht der Engländer, auf den
ich anlege.“ 15 Käthe Kollwitz notierte in ihr Tagebuch: „Peter, Erich, Richard, alle stellten ihr Leben
unter die Idee der Vaterlandsliebe. Dasselbe taten die englischen, die russischen, die französischen

Kriegserfahrung und -erinnerung 45


Jünglinge. […] Ist also die Jugend in all diesen Ländern betrogen worden? Hat man ihre Fähigkeit
zur Hingabe benutzt, um den Krieg zustande zu bringen? […] Ist es ein Massenwahnsinn gewesen?
Und wann und wie wird das Aufwachen sein.“ 16
Langemarck und Ypern stehen in diesen Zusammenhängen symbolisch für die zahlreichen
Opfer des Stellungskriegs und der deutschen Kriegsniederlage in Flandern und Nordfrankreich,
die fortan als „Opfergang der deutschen Jugend“ in die Geschichte und vor allem in die Erinne-
rung an den Ersten Weltkrieg eingehen sollte, eine Niederlage, die in der „Kriegserzählung“ in
einen Sieg umgedeutet wurde.17 Die Toten (von den rund 10.000 Mitgliedern des Wandervogel e.V.
ist jedes vierte nicht aus dem Krieg zurückgekehrt) seien nicht umsonst gestorben, sondern leb-
ten – so die Botschaft – mit einem Auftrag an die noch Lebenden weiter; letztere hätten ein „Erbe“
zu übernehmen und ein „Werk“ zu vollenden.18

Kriegserinnerung: Legendenbildung, Erinnerungsorte und Gedenkweisen


Der Mythos Lange-
marck etablierte sich schnell und hatte auch in der Selbstdeutung der Jugendbewegung in der
Weimarer Republik seinen festen Platz, sei es als Friedensmahnung oder – weitaus häufiger – als
Auftrag, Unvollendetes zu vollenden (Abb. 2). Friedrich Kreppel (geb. 1903) zum Beispiel warnte
in einer Rede bei einer Langemarck-Feier der bündischen Jugend 1923 in der Rhön unter dem
Motto „Nie wieder Langemarck“ davor, sich von dem um sich greifenden Langemarck-Kult ver-
einnahmen zu lassen, und berief sich dabei in folgender Weise auf die Meißnerformel: „Unser
Erbe ist das eiserne Willenswort der Brüder vom Hohen Meißner – wir werden, ihm getreu, be-
wusst und klaren Sinnes und in der Verantwortung vor unserem Gewissen allein unser Leben
und unser Sterben gestalten.“ 19 Wilhelm Flitner (1889–1990), selbst jugendbewegt und Kriegs-
freiwilliger, nahm 1927 auf die zu diesem Zeitpunkt bereits fest etablierte Erzählung Bezug, die
die tatsächlichen Ereignisse längst überformt hatte: „Ein unge-
heures Totenopfer“ habe die Freideutsche Jugend gebracht,
nicht zuletzt „in den Freiwilligenregimentern, die 1914 am
Yserkanal zusammengeschossen wurden“.20
Im Zentrum der Kriegserinnerung stand ohne Zweifel –
nicht nur, aber nicht zuletzt in der Jugendbewegung – die auto-
biografisch gefärbte Erzählung „Der Wanderer zwischen beiden
Welten“ von Walter Flex (1887–1917),21 in deren Mittelpunkt das
Kriegserleben und der Tod Ernst Wurches (1894–1915) steht,
eines jugendbewegten Freundes von Flex. Das Werk, 1916/17
erstmals erschienen, erfuhr zahlreiche Auflagen und erlangte
mit der Vertonung des darin enthaltenen „Wildgänse rauschen
durch die Nacht“ durch Robert Götz (1892–1978) ab 1924 zu-
sätzliche Verbreitung. Wie so viele Lieder erwies sich dieses als
bedeutungsoffen und immer wieder neu deutbar.22 Es konnte
als Ausdruck von Trauer um den Tod idealistischer junger Menschen, jedoch auch im Sinne hero- Abb. 2: Langemarckheft der
ischer Aufopferung „für Volk und Vaterland“ gelesen und gesungen werden. ­Zeitschrift „Der Falke“, 1932
(vgl. [Link]. 88)
Der bereits an anderer Stelle erwähnte Serakreis veröffentlichte 1919 zum Gedächtnis
„Briefe der gefallenen Freunde“ 23 und veranstaltete in diesem Jahr eine Gedächtnisfeier auf dem
Hohen Leeden in der Nähe von Jena.24 Als sich die Überlebenden des Kreises dort trafen, um ih-
rer Toten zu gedenken, war es Hans Freyer (1887–1969), der die Inschrift für den Gedenkstein an
die Gefallenen des Bundes ­verfasste.25 Sie lautet: „In unsere Spiele brach der Krieg / Ihr Edelsten
seid hingemäht / als Opfer wem? / Wir wissen’s nicht / der Kranz des Fests / mit Kränzen nicht /

46 „Wir wollen zu Land ausfahren“


des Siegs vertauscht. / Freunde im Grab / Ihr seid Statthalter / unseres Todes, Statthalter / Eurer
Kraft sind wir / im Licht Gebliebenen, / und Euer Wille wird / in unserem Bauwerk sein.“
Nicht nur Bücher, Lieder und Gedenksteine mit Inschriften sollten die Erinnerung an die
Toten des Ersten Weltkriegs wachhalten: Die Burg Ludwigstein an der Werra östlich von Kassel
wurde 1920 von Mitgliedern der Jugendbewegung ausdrücklich als „Ehrenmal zum Gedächt-
nis der im Ersten Weltkrieg gefallenen Wandervögel“ 26 erworben und in den folgenden Jahren
ausgebaut. 1926, als dort eine „Wandererstube“ eingeweiht wurde, gab es bereits eine ganze
Reihe von Postkarten mit Ludwigstein-Ansichten, mit denen für den Ausbau des „Ehrenmals der Abbildung aus

­Wandervögel“ geworben wurde ([Link]. 84). urheberrechtlichen Gründen

Zu den Erinnerungsorten, die in jugendbewegtem Zusammenhang nach Ende des ­Ersten unkenntlich gemacht

Weltkriegs dem Gedenken an Gefallene aus den eigenen Reihen gewidmet war, zählt neben
­Rothenfels27 und einigen anderen Burgen, wie etwa der Leuchtenburg in Thüringen, als eines
der prominentesten Beispiele die Burgruine Waldeck.28 Robert Oelbermann (1896–1941), einer
der Ideengeber und Initiatoren des Projekts „Rheinische Jugendburg“, wie sein Bruder Karl
(1896–1974) Kriegsfreiwilliger des Ersten Weltkriegs und Träger des Eisernen Kreuzes, wollte
ähnlich wie die Jugendbewegten auf der Burg Ludwigstein „kein totes steinernes Denkmal mit Abb. 3: A. Paul Weber, Junge vor
Lorbeerkränzen“ errichten, sondern ihm schwebte vielmehr ein ‚lebendiger‘ Gedächtnisort vor. Kranz und Kreuz, Original gemalt
für die Hans Breuer-Jugendher-
Die – nicht verwirklichten – Pläne erinnern an utopische Architekturentwürfe mit einem „Hang berge in Schwarzburg, Postkarte,
zum Gesamtkunstwerk“, für die es um 1900 und auch nach 1918 zahlreiche Beispiele gibt.29 nach 1932 (vgl. [Link]. 121, 159)
Der jugendbewegten Toten des Ersten Weltkriegs wurde zudem an einer Reihe weiterer
Orte gedacht, zum Beispiel in der Hans Breuer-Jugendherberge in Schwarzburg im Thüringer
Wald, einer Stiftung des Unternehmers, Wandervogels und Meißnerfahrers des Jahres 1913
­Alfred C. Toepfer (1894–1993).30 Zwischen 1929 und 1933 gestaltete der Künstler A. Paul Weber
(1893–1980) drei von Toepfer geförderte Herbergen in durchaus programmatischer Weise.31 Ei-
nes der Wandbilder in der Jugendherberge, die nach dem bei Verdun ums Leben
gekommenen Wandervogelführer Hans Breuer (1883–1918) benannt ist, sollte in
besonderer Weise die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg wachhalten (Abb. 3).
Die Gestaltungsmöglichkeiten für das Gedenken an die Kriegstoten aus der
Jugendbewegung entsprachen zeittypischen Formen und Vorlieben, die sich auch
in Entwürfen für einen Gedenkraum auf der Burg Ludwigstein aus dem Jahre
1926 widerspiegeln, der jedoch erst im Oktober 1933 eingeweiht wurde.32 In den
Berichten über diese Einweihung wiederholen sich folgende bezeichnende Stich-
worte: Es war von der „Flamme vom Hohen Meißner“ die Rede, von Langemarck
und Verdun; und es wurden Namen genannt wie die bereits erwähnten Walter
Flex und Ernst Wurche, zudem Hans Breuer und hin und wieder auch Otger Gräff
(1893–1918), denen als jugendbewegten Gefallenen des Ersten Weltkriegs an die-
sem Ort eine besondere Rolle zukam. Im Zeremoniell der Einweihungsfeierlich-
keiten standen Lieder, eine Fahne des Kriegswandervogel und bereits deutlich
die Zeichen der nationalsozialistischen Herrschaft im Mittelpunkt, die mit der
Beteiligung der Hitlerjugend oder dem Absingen des Deutschland- und des Horst-
Wessel-Liedes, für NS-Feiern in dieser Kombination typisch, ihre Schatten warf.
Zum Gefallenen-Gedenkraum auf dem Ludwigstein und der beabsichtig-
ten weihevollen, ja geradezu sakralen Wirkung des eigens für den Gedenkzweck
in die Außenwand eingelassenen Glasfensters, das ein mit der Spitze nach unten gerichtetes Abb. 4: Fenster im Gefallenen-­
Schwert zeigt (Abb. 4), berichtete ein Anwesender kurz nach dem Ereignis: „Fast geblendet sind Gedenkraum auf Burg Ludwig-
stein, um 1933 (vgl. [Link]. 87)
unsere Augen von all dem glitzernden, gleißenden Licht, das durch das ‚Denkmal-Fenster‘ in
den Raum fließt. In tiefer Nische liegt dieses Fenster, blau mit einem schweren, breiten, gelben

Kriegserfahrung und -erinnerung 47


Kreuz, in das ein stahlblaues Schwert eingelassen ist. Und hier strömt Licht herein, scheint sich
in tausend Kristallen des Fensters zu brechen, mischt sich mit dem gelb-warmen Schein zweier
Wachskerzen […] und fällt mit dem unirdischen Glanz seiner Strahlen auf die gegenüberliegende
Wand, auf die erzgeschmiedeten Zahlen 1914–1918.“ 33 Krieger, die Wache halten und sich auf ihr
Schwert stützen, gehören zu gängigen Formen der Darstellung des Totengedenkens auf Tafeln
und figürlichen Kriegerdenkmälern; sie zieren nicht zuletzt auch das Völkerschlachtdenkmal bei
Leipzig. Krieger- und Schwertsymbolik versinnbildlichten zumeist die Botschaft, die Gefallenen
seien nicht umsonst eines gewaltsamen Todes gestorben. Der Sinn des Opfertodes wird von den
Lebenden gestiftet, die das „Vermächtnis“ hüten und das Opfer als Verpflichtung betrachten. Auf
diese Weise wurde auch auf dem Ludwigstein ‚Gedächtnispolitik‘ betrieben, das heißt, bewusst
nicht nur an die gefallenen „Kriegswandervögel“ erinnert, sondern es wurde auch das „Geden-
ken derer, die in ihrem Sinne nach dem Kriege gestorben“ waren − und zwar wieder im „Dienste
des Vaterlandes“ umgekommen waren − gepflegt.34 Helmut Noack (1900–1919), ein junger Wan-
dervogel, der durch seinen Tod im Selbstmordkommando eines Freikorps im Baltikum zu einer
Symbolfigur der nationalen Bünde der Weimarer Zeit geworden war, ließ sich ohne Weiteres in
diese Form des Gedenkens integrieren. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs dann verstärkte noch
einmal das Bedürfnis, an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs zu erinnern: Es wurde eine Ge-
denktafel mit der Inschrift „Jugendburg Ludwigstein. Ehrenmal der gefallenen Wandervögel“ am
Burgeingang angebracht und die „Wandererstube“ in „Schneehagen-Stube“ umbenannt.35
Erinnerung trägt bekanntlich die Fähigkeit zur Metamorphose in sich: Nach 1945 gab es
erneut Initiativen, der Kriegstoten zu gedenken, des Zweiten oder des Ersten und des Zweiten
Weltkriegs.36 Auf Burg Ludwigstein wurden im Gedenkraum regelmäßig Kränze niedergelegt;
­Jugendbewegte trauerten dort um den Verlust von Freunden, zumeist persönlich und spontan;
sie suchten Trost, ohne an den politischen Totenkult der Zwischenkriegszeit anzuknüpfen. Je
mehr sich der Ludwigstein zu einem Tagungs- und Begegnungsort entwickelte, umso fragwür-
diger erwiesen sich jetzt die Gestaltung des Fahnenraumes und die 1940 angebrachte Gedenk-
tafel.37 Im Jahre 1987 wurde eine zweite Tafel hinzugefügt, die der Erklärung der ersten dienen
sollte. Ein Pfad zum Meißner wurde „Schneehagenweg“ genannt, der Fahnen- bzw. Gedenkraum
auf der Burg Ludwigstein 2007 neu gestaltet. In besonderer Weise wurde und wird nun vor
allem von Seiten der Jugendbildungsstätte auf der Burg an Hans Paasche als Pazifist erinnert:
Ein Raum in der Burg sowie eine Linde unterhalb des Ludwigsteins tragen seinen Namen und
außerdem wird seiner mit einer ganzen Reihe von Aktionen gedacht.38

1 Vgl. „Ich möchte einer werden so wie die …“. Männerbünde 5 Hans Paasche: Das Vaterland hat gerufen. Sonderdruck aus:
im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Jürgen Reulecke (Geschichte und Vortrupp, 2, Nr. 2 (Vortrupp-Flugschrift Nr. 16). Leipzig 1913.
Geschlecht 34). Frankfurt a.M. 2001. 6 Ludwig Klages: Mensch und Erde. In: Freideutsche Jugend.
2­  Vgl. kritisch gegenüber der Geselligkeitskultur des Kaiser- Jena 1913, S. 89–107; wieder in: Hoher Meißner 1913. Der Erste
reichs u.a. Elisabeth Busse-Wilson: Liebe und Kameradschaft. In: Deutsche Jugendtag in Dokumenten, Deutungen und Bildern.
Die freideutsche Jugendbewegung. Gotha 1920, S. 50–58; wieder Hrsg. von Winfried Mogge/Jürgen Reulecke (Edition Archiv der
in: Grundschriften der deutschen Jugendbewegung. Hrsg. von Deutschen Jugendbewegung 5). Köln 1988, S. 171–189, bes. S. 188.
Werner Kindt (Dokumentation der Jugendbewegung 1). Düssel- 7 Hoher Meißner 1913 (wie Anm. 6), S. 189.
dorf/Köln 1963, S. 327–334 . 8 Der genaue Wortlaut ist nicht überliefert. Angaben über den
3 Vgl. Das politische Zeremoniell im Deutschen Kaiserreich Inhalt stützen sich auf den etwa 10 Jahre später von Knud Ahl-
1871–1918. Hrsg. von Andreas Biefang/Michael Epkenhans/Klaus born (Freischar) rekonstruierten Text. Thomas Fenske: Der Verlust
Tenfelde. Berlin 2008. des Jugendreiches. Die bürgerliche Jugendbewegung und die
4 Vgl. u.a. Frigga Tiletschke/Christel Liebold: Aus grauer Städte Herausforderung des Ersten Weltkrieges. In: Jahrbuch des Archivs
Mauern. Bürgerliche Jugendbewegung in Bielefeld 1900–1933 der deutschen Jugendbewegung 16, 1986/87, S. 200–201.
(Schriften der Historischen Museen der Stadt Bielefeld 7). Biele- 9 Vgl. Joachim Radkau: Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland
feld 1995, S. 113–121. zwischen Bismarck und Hitler. München/Wien 1998, S. 389.

48 „Wir wollen zu Land ausfahren“


10 Nachlass Martha Hörmann, AdJb, Tagebuchaufzeichnungen. wie Felix Messerschmid schrieb. Felix Messerschmid: Bund und
11   Carl Zuckmayer: Als wär’s ein Stück von mir (1966), hier Burg – Zeichen einst und jetzt. In: 60 Jahre Burg Rothenfels
zitiert nach der Taschenbuchausgabe Frankfurt a.M. 1980, S. 168. (­Rothenfelser Schriften 6). Rothenfels 1979, S. 92–104, bes. S. 93. –
12 Christian Schneehagen: Weihnachten im Feldlazarett. In: Frei- Felix Messerschmid: Bilanz einer Jugendbewegung: Quickborn und
deutsche Jugend, H. 2, 1915, S. 33–34. An die Meißnerformel er- Rothenfels von den Anfängen bis 1939. In: Frankfurter Hefte 24,
innerten auch Teilnehmer eines Kriegstreffens der Freideutschen 1969, S. 786–797. – Vgl. zu Rothenfels Günter C. Behrmann: Felix
im August 1917. Vgl. Wilhelm Flitner: Der Krieg und die Jugend. Messerschmid. In: Jugendbewegt geprägt. Essays zu autobiogra-
In: Geistige und sittliche Wirkungen des Krieges in Deutschland phischen Texten von Werner Heisenberg, Robert Jungk und vielen
(Wirtschafts-und Sozialgeschichte des Weltkrieges. Deutsche anderen. Hrsg von Barbara Stambolis (Formen der Erinnerung 52).
Serie 3). Stuttgart u.a. 1927, S. 217–356, bes. S. 300. Göttingen 2013, S. 473–486. – Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz:
13 Aus einem Feldpostbrief von Erich Krems, der im März 1916 Romano Guardini und der Quickborn. In: Jugendbewegt geprägt,
vor Verdun fiel, im Nachlass Wyneken, AdJb N. 35. S. 325–340.
14 Robert Wohl: The Generation of 1914. Cambridge 1980. 28 Siehe den Beitrag „Jugendburgen“ von G. Ulrich Großmann
15 Feldpostbrief von Erich Krems (Anm. 13). in diesem Band. – Vgl. Die Rheinische Jugendburg. Werbeschrift
16 Käthe Kollwitz: Die Tagebücher. Hrsg. von Jutta Bohnke- für die Rheinische Jugendburg hrsg. zum Jugendburgtag in
Kollwitz. Berlin 1989, S. 279 (Eintrag vom 11.10.1916); vgl. auch ihre Bonn am 2. und 3. Juli 1921/Bund zur Errichtung der Rheinischen
zeichnerischen Darstellungen „Die Freiwilligen“ aus dem Jahre ­Jugendburg. Bonn 1921.
1920. 29 Vgl. Der Hang zum Gesamtkunstwerk. Europäische Utopien
17 Vgl. Uwe-K. Ketelsen: „Die Jugend von Langemarck“. Ein seit 1800. Hrsg. von Harald Szeemann. [Link]. Kunsthaus
poetisch-politisches Motiv der Zwischenkriegszeit. In: „Mit uns Zürich. Zürich 1983.
zieht die neue Zeit“. Der Mythos der Jugend. Hrsg. von Thomas 30 Barbara Stambolis: Jugendherbergen: wie sie aussahen und
Koebner/Rolf-Peter Janz/Frank Trommler. Frankfurt a.M. 1985, aussehen sollten. In: 100 Jahre Jugendherbergen 1909–2009.
S. 68–96. – Gerd Krumeich: Langemarck. In: Deutsche Erinne- Anfänge – Wandlungen – Rück- und Ausblicke. Hrsg. von Jürgen
rungsorte. Hrsg. von Etienne François/Hagen Schulze. München Reulecke/Barbara Stambolis. Essen 2009, S. 127–136.
2001, Bd. 3, S. 292–309. 31 Vgl. Helmut Schumacher: A. Paul Weber. Das illustrierte
18 Vgl. Barbara Stambolis: Mythos Jugend. Leitbild und Krisen- Werk. Lübeck 1984, S. 136–137. – Helmut Schumacher: A. Paul
symptom. Ein Aspekt der politischen Kultur im 20. Jahrhundert Weber. Werkverzeichnis der Gebrauchsgraphik. Lübeck 1990.
(Edition Archiv der deutschen Jugendbewegung 11). Schwalbach/ 32 Vgl. Gedenkbuch für die im Weltkrieg 1914–1918 gefallenen
Ts. 2003, S. 104–106. – Arndt Weinrich: Der Weltkrieg als Erzieher. Deutschen Wanderer, Bund Deutscher Wanderer, AdJb, A 211,
Jugend zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus. Nr. 114, sowie: Totenbuch des Bundes Deutscher Wanderer, AdJb
Essen 2013, S. 65–124. A 211, Nr. 115. – Namen und Werke. Biographien und Beiträge zur
19 Friedrich Kreppel: Nie wieder Langemarck, Rede 1923, hier Soziologie der Jugendbewegung, Bd. I. Hrsg. von Hinrich Jantzen
zitiert aus: Grundschriften der deutschen Jugendbewegung 1963 (Quellen und Beiträge zur Geschichte der Jugendbewegung 12).
(Anm. 2), S. 436–437, bes. S. 437. – Vgl. Jürgen Reulecke: Wir rei- Frankfurt a.M. 1972, S. 264–265.
ten die Sehnsucht tot. In: Männerbünde 2001 (Anm. 1). – Good-Bye 33 Broschüre: Den gefallenen Wandervögeln 1914–1918 (2. Rund-
Memories? Lieder im Generationengedächtnis des 20. Jahrhun- brief des Freundeskreises Deutscher Wandervögel, Dezember
derts. Hrsg. von Barbara Stambolis/Jürgen Reulecke. Essen 2007. 1933). Die Initiative war maßgeblich vom Bund der Wandervögel
20 Wilhelm Flitner: Die Jugendbewegung im Krieg. In: Geistige und Kronacher ausgegangen, die Pfingsten 1933 beschlossen, die
und sittliche Wirkungen des Krieges in Deutschland. Hrsg. von erforderlichen Mittel aus den eigenen Reihen aufzubringen.
Otto Baumgarten u.a. Stuttgart 1927, S. 292–302, bes. S. 293. 34 Vgl. AdJb, N 23.
21 Vgl. Jürgen Reulecke: Eine junge Generation im Schützen- 35 Vgl. AdJb, A 211, 43, 44, sowie Der Wanderer 34, 1939, H. 3–4.
graben. „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ von Walter Flex 36 Sein zum Tode. Hrsg. von Wolfgang Kroug (Leben und
(1916/17). In: Literatur, die Geschichte schrieb. Hrsg. von Dirk van ­Sterben der Unvollendeten 2/3). Bad Godesberg 1955.
Laak. Göttingen 2011, S. 151–164. 37 AdJb, A 211, 65.
22 Gerhard Kurz: „Wildgänse rauschen durch die Nacht“. Graue 38 Bereits im Jahre 1921 wurde eine Linde in der Nähe der Burg
Romantik im Lied von Walter Flex. In: Good-Bye Memories 2007 Ludwigstein „Paasche-Linde“ genannt. Nachdem dieser Baum
(Anm. 19), S. 79–97. – Wilhelm Schepping: „Wildgänse rauschen 2002 umgestürzt war, wurde ein neuer gepflanzt, um die Erinne-
durch die Nacht“. Neue Erkenntnisse zu einem alten Lied. In: rung an Hans Paasche in dieser Weise fortzusetzen.
Good-Bye Memories 2007 (Anm. 19), S. 99–114.
23 Sera in Memoriam. Jena 1919. Bildnachweis
24 Gedächtnisfeier zur Friedenssonnenwende auf dem Hohen Burg Ludwigstein, Foto: Monika Runge, GNM · Abb. 4
Leeden 1919. Jena 1919. Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen · Abb. 1a–c,
25 Vgl. Hoher Meißner 1913 (Anm. 6), S. 59, sowie: Die Wander- 2 (Foto: Monika Runge, GNM), 3
vogelzeit. Dokumentation der Jugendbewegung, Bd. II. Hrsg. von © VG Bild-Kunst, Bonn 2013 · Abb. 3
Werner Kindt. Düsseldorf/Köln 1968, S. 483.
26 In seiner ursprünglichen Form abgebildet u.a. in: Gerhard
Ziemer/Hans Wolf: Wandervogelbildatlas. Bad Godesberg 1963,
S. 208.
27 Siehe auch die Geschichte der Burg Rothenfels, nach dem
Ersten Weltkrieg als Eigentum des „Vereins der Quickbornfreun-
de e.V“ erworben und Zentrum der unabhängigen katholischen
Jugendbewegung, Inbegriff einer „secessio in montem sacrum“,

Kriegserfahrung und -erinnerung 49


Mit uns zieht

„Mit uns zieht Jugendbewegung oder Jugendpflege? Dass der Wandervogel zusam-
men mit der Freideutschen Jugend des Hohen Meißner von 1913

die neue Zeit“


eine „Jugendbewegung“ war, stand und steht außer Zweifel. In den
ebenfalls vor dem Ersten Weltkrieg gebildeten sozialistischen Ar-
beiterjugendvereinen überwog jedoch zunächst die „Jugendpflege“,
das heißt der lenkende Einfluss politisch engagierter Erwachsener.
Jürgen Reulecke In den ersten Nachkriegsjahren, so lautet ein Urteil von Zeitzeugen, sei dann „das Zünglein der
Waage so auf die Seite der Jugend, der Bewegung“ ausgeschlagen wie vorher auf die Seite der
Pflege.1 Ein herausragendes und höchst richtungweisendes Ereignis in diesem Zusammenhang
war der „Reichsjugendtag der Arbeiterjugend“ Ende August 1920 in Weimar. In Nachahmung von
Formen der bürgerlichen Jugendbewegung zogen die jungen Leute aus der Arbeiterschicht trotz
der nur kurze Zeit zurückliegenden „Vergangenheit des Grausens“ mit „Blumen im Haar, Liedern
auf den Lippen“, stolz, stark und aufrecht durch die Straßen und wanderten, wie es damals hieß,
„im Jubel einem Neuen, Großen entgegen, das ihr junges Herz ersehnte in bangen Tagen.“ 2 Auch
jetzt war es wieder ein Lied, das von nun an zunächst in der Arbeiterjugendbewegung, dann
in vielen Gruppen der bündischen Jugend sowie in den großen Jugendverbänden und noch in
der Hitlerjugend gesungen wurde und die jugendliche Aufbruchstimmung in der unmittelba-
ren Nachkriegszeit um 1920 beschwor. Der Text des Liedes „Wann wir schreiten Seit’ an Seit’“
war zwar von dem Hamburger Volksschullehrer Hermann Claudius (1878–1980), einem Urenkel
des Dichters ­Matthias Claudius (1740–1815) und Teilnehmer am Meißnerfest, bereits 1913 ver-
fasst worden, wurde jedoch erst 1920 von einer Hamburger Gruppe der Arbeiterjugend vor dem
großen Publikum in Weimar mitreißend vorgetragen und sofort begeistert aufgenommen: Die
Schlusszeile der ersten Strophe „Mit uns zieht die neue Zeit!“ lieferte von nun an das zentrale
Motto für den Aufbruch einer sich neu orientieren wollenden Jugendbewegungsgeneration. Man
habe in Weimar, so hieß es, zwar viele Lieder gesungen, „Kampflieder, Volkslieder, Wanderlieder
[…] aber das Lied ‚Wann wir schreiten Seit’ an Seit’‘ erhob sich doch immer wieder über unsere
Reihen, sieghaft, kraftvoll.“ 3 Eine entsprechende Gefühligkeit vermittelt das Lied offenbar heute
immer noch, wenn es zum Beispiel – wie im Jahre 2012 – bei SPD-Parteitagen gesungen wird. Be-
merkenswert ist, dass die hier beschworene Aufbruchstimmung auch in einer Reihe weiterer da-
mals geschaffener und dann weit verbreiteter Lieder im Mittelpunkt steht, so etwa in dem Lied
„Wir sind jung; die Welt ist offen. O du weite, schöne Welt! Uns’re Sehnsucht, unser Hoffen zieht
hinaus in Wald und Feld.“ 4 Die gleichzeitig viele Anhänger findende Jugendmusikbewegung, ver-
treten durch Personen wie Fritz Jöde (1887–1970), Walther Hensel (1887–1956) und Georg Götsch
(1895–1956), pflegte Lieder dieser Art und fügte dem Spektrum in der Folgezeit auch eine Reihe
eigener Lieder hinzu. In der immer breiter und heterogener werdenden jugendbewegten Szene
seit Beginn der 1920er Jahre und gleichzeitig in den großen kirchlichen und sonstigen Jugend-

50 „Mit uns zieht die neue Zeit“


die neu - e Zeit

verbänden kam es nun geradezu zu einem Boom an neuen Liedern und Liederbüchern. Lieder wie
etwa „Aus grauer Städte Mauern“, „Wildgänse rauschen durch die Nacht“, „Wilde Gesellen, vom
Sturmwind durchweht“, „Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen“, „Wenn die bunten Fah-
nen wehen“ kannte wohl der größte Teil der damals Heranwachsenden.5 Bemerkenswert ist da-
bei die Tatsache, dass sich ein beträchtlicher Teil der neu geschaffenen Lieder an die männliche
Jugend richtete und oft männerbündische Wir-Gefühle beschworen wurden. Hinzuweisen ist in
diesem Zusammenhang daher besonders auf eine spezielle Untergruppe dieser Lieder, verfasst
meist von jungen Männern mit Fronterfahrungen, die in sentimentalen Texten und Melodien
die soldatische Aufopferungsbereitschaft ebenso wie die Leidens- und Todeserfahrung besangen
und sowohl bei den Angehörigen der Frontgeneration als auch bei der nachwachsenden Alters-
gruppe der Kriegskinder starke Gefühle auslösten: Ein besonders charakteristisches Beispiel für
diesen Typus ist das 1920 von dem Pfadfinderführer Hans Riedel (1889–1971) verfasste und von
dem engagierten Liedermacher und Liederbuchherausgeber Robert Götz (1892–1978) vertonte
Lied „Es klappert der Huf am Stege“, dessen erste Strophe mit den Zeilen endet: „Wir reiten und
reiten und singen, im Herzen die bitterste Not. Die Sehnsucht will uns bezwingen, doch wir rei-
ten die Sehnsucht tot.“ 6

1 Siehe dazu das zeitgenössische Urteil von Karl Korn: Die 5 Das wohl damals mit am weitesten verbreitete „St. Georg –
Arbeiterjugendbewegung. Einführung in die Geschichte, II. Teil. Liederbuch deutscher Jugend“ (erschienen ab 1929) ist von
Berlin 1923, bes. S. 158–159. ­Helmut König wegen seiner inhaltlichen Vielfalt und großen
2 Das Weimar der arbeitenden Jugend. Berlin/Magdeburg 1920, Verbreitung als „der wohl legitimste Nachfolger des Zupfgeigen-
S. 5–6. hansl“ charakterisiert worden; dazu und zur damaligen jugendbe-
3 Ebd., S. 72, dort ist das Lied erstmals mit seinen sechs wegten Liedszene Helmut König: Der Zupfgeigenhansl und seine
Strophen abgedruckt. Die Melodie stammt von dem Chorleiter der Nachfolger. In: Auf dem Weg. Festschrift für Peter Lampasiak zum
Hamburger Arbeiterjugend Michael Englert. – Zur Verbreitung achtzigsten Geburtstag. Hrsg. von Ilse Wellershoff-Schuur/Kay
des Liedes bis heute siehe Hermann Kurzke: „Wann wir schreiten Schweigmann-Greve. Hannover 2008, S. 13–42, bes. S. 23ff.
Seit an Seit“. Eine Liedkarriere. In: Good-Bye Memories? Lieder im 6 Jürgen Reulecke: „Wir reiten die Sehnsucht tot“ oder:
Generationengedächtnis des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Barbara Melancholie als Droge. In: Good-Bye Memories? 2007 (Anm. 3),
Stambolis/Jürgen Reulecke. Essen 2007, S. 43–49. S. 115–136.
4 Text von dem sozialistischen Wanderlehrer Jürgen Brand,
­Melodie von Michael Englert; dazu Barbara Boock: „Wir sind jung,
die Welt ist offen …“. Über die Überlieferungs- und Melodiege-
schichte eines Liedes. In: Good-Bye Memories? 2007 (Anm. 3),
S. 137–146.

51
Jürgen Reulecke

Der jugendbewegte Neuaufbruch nach 1918:


die bündische Jugend und ihre Formen der Vergemeinschaftung

„Wir schauen fremd uns in der Heimat um,


gehören nicht in Freude und Genuss,
gehören nicht in Alltagsmenschentum:
um uns ist noch der kalte Todesgruß.“

Otto Paust (1897–1975), Kriegsfreiwilliger seit Kriegsbeginn, beschwört mit diesen Zeilen eine
Stimmungslage, in der sich viele junge Soldaten, die vorher die Frontsoldatenkameradschaft
als eine Art emotionaler Heimat erlebt hatten, unmittelbar nach Kriegsende befanden. Und in
einem Gedicht von Fritz Woike (1890–1962) ist zu lesen, zerbrochen seien jetzt „Schild und Ehre“:
„Schwer in den Herzen brennt die dumpfe Schmach […] zur Heimat fliehn, die keine Heimat ha-
ben; zur grauen Zukunft zieht das graue Heer.“ 1 Desillusioniert und entwurzelt von der Front
zurückgekommen, suchte jedoch bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit eine beträchtliche
Zahl dieser jungen Leute nach Möglichkeiten, das emotionale Vakuum zu überwinden und eine
neue „Heimat“ in Absetzung von einer Gesellschaft von Menschen zu finden, die – so ihr Ein-
druck – in bedrückender Weise „auf dem Lande ebensowenig wie in der Stadt“ dieselben wie vor
dem Krieg waren: Harte Herzen, verbitterte Gesichter, raffgierige Hände, Not, Angst, Misstrauen
seien weit verbreitet, denn das einst „vielgepriesene ,Stahlbad’ war keine Heilquelle; es war eine
Flut aus verpesteten Schlünden“ – so heißt es unter der Überschrift „Heimat“ in einem Beitrag
zu der seit Ende 1919 von zwei Meißnerfahrern von 1913, Walter Hammer (1888–1966) und Knud
Ahlborn (1888–1977), herausgegebenen Zeitschrift „Junge Menschen“.2 Eine Möglichkeit für die Abb. 1: Jugendbewegte auf Burg
entwurzelten jungen Frontsoldaten, neuen Halt und Sinn sowie die Fortsetzung der kämpferi- Ludwigstein, Fotografie, 1921

schen Männergemeinschaft zu finden, boten die jetzt entstehenden Freikorps unter der Führung
junger Offiziere des ehemaligen kaiserlichen Heeres, die mit ihren Führerqualitäten, ihrem oft
landsknechthaften Auftreten und Charisma eine Gefolgschaft um sich scharten. Ihre bevorzug-
ten kämpferischen Einsatzgebiete waren die innenpolitischen Unruheherde in Bayern, Sachsen,
Schlesien, im Ruhrgebiet und im Baltikum. Einige Freikorps waren jedoch auch zum Schutz der
Nationalversammlung in Weimar bereit, so das Freikorps des Generals Maercker (1865–1924),
dem sich zum Beispiel der ehemalige Hamburger Wandervogel und später als Sponsor der Ju-
gendbewegung bekannt gewordene ­Alfred C. Toepfer (1894–1993) angeschlossen hatte.

52 „Mit uns zieht die neue Zeit“


Die Diskussion um die gesellschaftliche Bedeutung des Männerbündischen – ausgelöst
durch ein 1902 erschienenes Werk von Heinrich Schurtz (1863−1903) mit dem Titel „Altersklas-
sen und Männerbünde“ – erreichte nun eine erhebliche Zuspitzung, wobei einer der Wortführer
der in der Steglitzer Wandervogelgruppe bis 1909 aktive Hans Blüher (1888–1955) war.3 In seinen
damals viel beachteten und provozierenden Schriften hatte er im Anschluss an Schurtz plakativ
die These vertreten, dass erst der Männerbund den Mann zu voller schöpferischer Fähigkeit
befreie, während die Familie letztlich nur destruktiv auf ihn wirke. Seine Folgerung daraus,
die auf viel Zustimmung nicht zuletzt in jugendbewegten Kreisen, aber auch auf massive Kri-
tik stieß, lautete, dass aus diesem Grunde die Elite des
Volkes durch die „Schule des Männerbundes“ gehen und
von einem mannmännlichen Eros bestimmt sein müsse.
Eine konkrete Umsetzung einer solchen Männerbund-
ideologie vollzog sich nach Kriegsende außer in den
Freikorps und einer Reihe paramilitärischer Verbände
wie zum Beispiel dem von Artur Mahraun (1890–1950)
Anfang 1920 gegründeten Jungdeutschen Orden in weit-
gehendem Umfang auch in vielen der sich um Neuori-
entierung bemühenden Gruppierungen der bürgerli-
chen Jugendbewegung, die nach der Vorkriegsphase des
Wandervogel und der Freideutschen nun in ihre zweite
Phase eintrat. Obwohl Mädchen nicht nur in einigen
Wandervogelbünden und Gruppierungen der Freideut-
schen Jugend wie etwa dem Serakreis Mitglieder waren,
sondern es inzwischen auch eine Reihe eigenständiger
weiblicher Wandervogelbünde gab und Wandervogelmädchen während des Krieges an vielen Abb. 2: ­Jugendbewegte beim
Orten dafür gesorgt hatten, dass die Wandervogelgruppen weiter bestehen konnten, trat von nun ­Musizieren am Lagerfeuer,
­Fotografie Julius Groß,
an der männerbündische Charakter der Jugendbewegung immer deutlicher hervor – dies nach Anfang 1920er Jahre
dem Motto: „Mädchen machen zufrieden, aber nicht revolutionär!“ In vielen Bünden wurden die
Mädchen jetzt ausgeschlossen, denn – so hieß es – in gemischten Gruppen würden die Jungen
„verweichlicht mädchenhaft“ und die Mädchen „verburscht“.4 Auch die äußeren Formen und Or-
ganisationsstrukturen der Bünde begannen sich nun immer deutlicher zu verändern: Wachsende
Uniformierung, Disziplinierung und Ideologisierung bestimmten das Auftreten nach außen wie
auch die inneren Verhältnisse (Abb. 1 u. 2). Waren die Wandervogelgruppen der Vorkriegszeit
meist locker miteinander kooperierende, überschaubare, von Spontaneität und bunter Vielfalt
geprägte Netzwerke gewesen, deren Gemeinschaftserlebnis im Wesentlichen von den gemeinsa-
men Wanderfahrten bestimmt war, so setzte sich jetzt als zentrale Organisationsform und als
Leitbild der „Bund“ durch. Der Begriff „Bund“ war bisher eher undifferenziert benutzt worden;
jetzt wurde ihm ein präziser Inhalt zugewiesen: Der Bund galt von nun an als eine Art in sich
geschlossener Jugendstaat, wobei mit Jugend nicht mehr eine bestimmte Altersgruppe, sondern
all jene Menschen gemeint waren, deren „Tätigkeit“ – so hat es Walther Rathenau (1867−1922)
den Lesern der Zeitschrift „Junge Menschen“ in einem Brief zugerufen – „in die Zukunft weist“.5
Bestehend aus Jungenschaft, Jungmannschaft und Mannschaft integrierte der jugendbewegte
Bund mehrere Altersgruppen, bildete also einen „Lebensbund“ und wurde in seiner Idealform
als aristokratisches, ständisch organisiertes Gegenmodell zu den politischen Parteien und damit
zum sich angeblich ständig selbst diskreditierenden parlamentarischen System der Weimarer Re-
publik verstanden.6 Dies weist darauf hin, dass man nur noch eher eingeschränkt seit den frühen
1920er Jahren von einer Jugendbewegung im engeren Sinn sprechen kann: Junge Erwachsene, oft

Die bündische Jugend und ihre Formen der Vergemeinschaftung 53


Kriegsheimkehrer wie zum Beispiel die Zwillingsbrüder Robert (1896−1941) und Karl Oelbermann
(1896−1974), die im Rheinland den „Nerother Wandervogel“ gründeten, dominierten die Bünde und
versuchten die Heranwachsenden für ihre männerbündischen und weltanschaulichen beziehungs-
weise oft auch recht diffusen weltverbessernden Lehren zu begeistern. Die einzelnen Bünde wa-
ren hierarchisch aufgebaut und orientierten sich mehr oder weniger spielerisch an idealisierten
männerbündischen Vorbildern: an germanischen Stämmen, am mittelalterlichen Rittertum, an den
Kreuzritterorden, am Leben der Landsknechte und – später in der Jungenschaft um 1930 – auch an
den Kosakenhorden, während das Wandervogel-Vorbild der wandernden Handwerksburschen eher
zurücktrat. An die Stelle der Volkslieder des „Zupfgeigenhansl“ und mancher Studentenlieder traten
jetzt alte oder nachgedichtete Reiter-, Landsknechts- und Seeräuberlieder, die auch beim Marschie-
ren gesungen werden konnten. Das vielgesungene Lied „Jenseits des Tales standen ihre Zelte“ – den
Text hatte der Dichter Börries Freiherr von Münchhausen (1874−1945) um 1907 verfasst – mag wohl
deshalb eines der beliebtesten dieser neuen Lieder gewesen sein, weil es das innere Hin- und Her-
gerissensein eines jungen Königs zwischen der Sehnsucht nach einer Marketenderin und der Treue
zum soldatischen Jungmännerbund besonders anrührend zum Ausdruck brachte. Neben Gitarren
bestimmten jetzt zunehmend Fanfaren und Trommeln das Bild der in Mode kommenden bündi-
schen Aufmärsche statt wie beim Wandervogel Geigen, Flöten und Mandolinen. Großfahrten, die im
Laufe der 1920er Jahre einzelne „Horden“ bis nach Lappland und donauabwärts bis zum Schwar-
zen Meer führten, beherrschten zwar die Sommermonate, doch gewannen nun vor allem große Zelt-
lager, bei denen der jeweilige Bundesführer „Heerschau“ abhielt, eine zentrale Bedeutung für den
Zusammenhalt der Bünde (Abb. 3). Unter dem Einfluss der sich jetzt zur Jugendbewegung zählenden
Pfadfinderbünde erhielt zudem eine einheitliche Kluft mit Abzeichen und Symbolen, die den Rang
des Einzelnen in der Bundeshierarchie widerspiegelten, ebenso eine wachsende Bedeutung wie das
Einüben von „Waldläuferkünsten“ mit entsprechenden Prüfungen.
Die freie Jugendbewegung, die also mit solchen Formen ab etwa 1920 in ihre zweite Pha-
se eintrat, war ein im Wesentlichen großstädtisch-bildungsbürgerliches Phänomen und hat mit
ihren Gruppen kaum mehr als drei bis fünf Prozent der in erster Linie männlichen Jugendlichen
zwischen 12 bis 18 Jahren erfasst. Die Ausstrahlungskraft ihrer Ideen, Umgangsformen und Stil-
mittel war jedoch immens und wirkte sich in vielfacher Hinsicht auf die konfessionellen Jugend-
verbände, auf jugendliche Sportvereine und auch auf manche politische Jugendorganisationen Abb. 3: Hans Fritzsche, Das
aus. Lediglich die sozialistische Jugend versuchte trotz der Übernahme einzelner jugendbewegter ­Lagerbuch, 2. Aufl. Leipzig 1925
(vgl. [Link]. 122)
Stilformen Gegenmodelle gegen den Jungmännerbundgedanken und das dort gepflegte charisma-
tische Führertum zu entwickeln. So veranstalteten zwar auch die „Roten Falken“ große Zeltlager,
doch legten sie diese als „Kinderrepubliken“ an, in denen in bewusster Absetzung von den hierar-
chischen und latent militanten Lagerregeln der bündischen Jugend demokratische Lebensformen
eingeübt werden sollten, die sich nicht – wie es bei vielen Gruppierungen der bündischen Jugend
zu beobachten war – gegen die Vätergeneration richteten.7 Die proletarische Jugendbewegung, so
betonte 1923 der Herausgeber der Zeitschrift „Arbeiter-Jugend“ Karl Korn (1865–1942) ersetze in-
folge ihres Zieles, eine kämpferische Massenorganisation zu werden, im Gegensatz zur bürger-
lichen Jugendbewegung „den vergötterten Führer des Wandervogelschwarms oder des freideut-
schen Problematikerklubs […] durch den Funktionär, der sich schulen lässt.“ 8
Damit ist das Thema „Führer“ angesprochen, das mit erheblichen Folgen für die nächsten
zwei Jahrzehnte ein weiteres zentrales Charakteristikum der zweiten Jugendbewegungsphase
darstellt. Ein Ausgangpunkt dabei war eine weit verbreitete Schuldzuweisung an die Vätergene-
ration, womit die „Wilhelminer“, das heißt, die männlichen Angehörigen der um 1860 geborenen
Altersgruppe gemeint waren. Sie galten als eine „bankrotte Generation“, weil sie zwar um 1890
ein „herrlich blühendes Reich“ übernommen, dieses Erbe jedoch innerhalb weniger Jahrzehnte

54 „Mit uns zieht die neue Zeit“


verwirtschaftet und nur noch einen Konkurs hinterlassen hätten. Eine unüberbrückbare und
gefährliche Spannung zwischen der Generation der Kriegsschuldigen und der der Kriegsteil-
nehmer sei die Folge, und es erhebe sich jetzt der Ruf nach einer „Führerjugend“.9 Gleichzeitig
brachte der Wiener Psychoanalytiker Paul Federn (1871−1950), ein Schüler von ­Sigmund Freud
(1856−1939), den seither vielfältig benutzten Begriff „vaterlose Gesellschaft“ in die Diskussi-
on: Die Auflösung des traditionellen Vater-Sohn-Verhältnisses könne, so Federn, zu der verhäng-
nisvollen psychischen Situation führen, dass die vaterlosen Söhne nur darauf warteten, dass
sich ihnen eine geeignete Person als Führer anbiete, der sie sich dann bedingungslos anschlie-
ßen könnten.10 Insbesondere die jüngere Generation unter den Pfadfindern, die bisher wegen
ihres stark jugendpflegerischen, von Erwachsenen geprägten paramilitärischen Stils von den
Wandervögeln und Freideutschen nur als „arme Verwandte der Jugendbewegung“, die sich mit
„Wehrkraftspielerei“ beschäftigten, gesehen worden waren,11 begann sich bei einem größeren
Treffen Mitte 1919 auf Schloss Prunn bei Kelheim in der Nähe von Regensburg als Teil der
freien Jugendbewegung zu verstehen. Vor allem setzte man sich hier unter Zurückweisung der
freideutschen Meißnerformel des Jahres 1913, die nur auf die Selbsterziehung des Einzelnen
ausgerichtet gewesen sei, mit der Führerfrage auseinander. Den Anfang stellte ein Gelöbnis bei
dem Prunner Treffen dar, in dem es unter anderem hieß: „Wir wollen unseren Führern, denen
wir vertrauen, Gefolgschaft leisten.“ Von nun an sollte es nicht mehr um eine quasi adminis­
trative Einsetzung von „Feldmeistern“ gehen, sondern um die Suche nach „geborenen“ Führern,
denn es sei unsinnig, „Ehrgeiz anzustacheln, um gute Führer zu bekommen. Wer Führer ist, wird
sich trotz aller Hemmungen durchsetzen“: Es sei ein Irrtum und eine „naturwidrige Maßnah-
me“, Führer durch „Führerabstufungen und Führerernennungen“ gewinnen zu wollen.12 Ein Jahr
nach dem Treffen in Schloss Prunn präzisierten die „Neupfadfinder“ deshalb bei einem Treffen
in Potsdam ihre Selbstdefinition mit den Worten: „Die Neupfadfinderschaft ruht auf den Säulen
brüderlicher Gemeinschaft, treuer Gefolgschaft, verantwortungsvollen Führertums. Unsere Le-
bensweise ist herb und kraftvoll. Der neue Mensch und das neue Reich stehen als Ziel vor ihr.“ 13
­Diese Prinzipien waren es dann auch, die nicht nur die Pfadfinderbünde, sondern gleichermaßen
die Nachfolgebünde des Wandervogel und der Freideutschen bestimmen sollten. Die meisten
von ihnen ­schlossen sich schließlich 1926 unter der Führung des jungen Juristen Ernst Buske
(1896–1930), der als Frontsoldat schwer verwundet worden war, zu einer Art „Hochbund“, der
„Deutschen Freischar“, zusammen, die um 1930 rund 12.000 Mitglieder zählte, darunter etwa
zehn Prozent Mädchen und junge Frauen. Dieser „Bündischen Jugend“ bescheinigte 1927 der
bekannte Reformpädagoge und Kulturphilosoph Theodor Litt (1880–1962) in seiner programma-
tischen Schrift „Führen oder Wachsenlassen“, dass sie sich inzwischen von dem ehemals breit
vertretenen Prinzip des individuellen Wachsenlassens abgewandt und angesichts einer „verwor-
renen Gegenwart“ der Idee des Führens zugewandt habe: Der Führer, so Litt, wisse, „wo das Ziel
liegt, er kennt den Weg, auf dem man zum Ziel gelangt, und schreitet kraft dieser Überlegenheit
denen voran, die solchen Wissens ermangeln.“ 14 Dass damit Verhaltenserwartungen angedeutet
sind, die wenige Jahre später die Hitlerjugend unter Baldur von Schirach (1907–1974) nach ihrem
Motto „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ radikal zugespitzt hat, liegt auf der Hand.
Mit den beiden Stichworten Jungmännerbund und Führertum sind zwei zentrale Aspek-
te angesprochen worden, die für die Weiterentwicklung der bündischen Jugend in den 1920er
Jahren immer stärker prägend wurden. Aber noch ein weiterer Aspekt war von Bedeutung, weil
er ebenfalls eine ganz erhebliche Herausforderung für die jugendbewegten jungen Leute nach
Kriegsende darstellte: die Auseinandersetzung um eine politische Orientierung der Bünde. Im Hin-
blick auf die längerfristige Entwicklung der deutschen Jugendbewegung führte der Versuch einer
Einigung in dieser Richtung bei einer großen Tagung Ende August 1923 auf der Burg Ludwigstein

Die bündische Jugend und ihre Formen der Vergemeinschaftung 55


und dem Hohen Meißner aus Anlass der zehnjährigen Wiederkehr des Meißnertreffens von 1913
zu einer bedeutsamen Weichenstellung. Der vorbereitende Ausschuss, zu dem viele freideutsche
Meißnerfahrer von 1913, allen voran Knud Ahlborn gehörten, hatte dazu eingeladen, bei diesem
Treffen Perspektiven zu entwickeln, wie in den Jugendgemeinschaften sowie in Politik, Volkswirt-
schaft, Kunst usw. der Aufbau eines „neuen Volksstaates“ in die Wege geleitet werden könne. Man
wolle – so hieß es in dem offiziellen Aufruf – der aufkommenden neuen Welt zeigen, wie von nun an
das tief gedemütigte Deutschland „alle seine Kräfte wertschaffender, wahrhaft völkischer Arbeit
widmen und dem Aufbau einer besseren Menschheitsordnung dienen“ werde.15 Bereits unmittel-
bar nach Kriegsende hatten mehr als ein Dutzend Freideutsche, darunter Knud Ahlborn, Arnold
Bergstraesser (1896–1964), Karl Bittel (1892–1969), Rudolf Carnap (1890–1970) und Karl August
Wittfogel (1896–1988), einen „Aufruf an die Freideutsche Jugend“ gerichtet, in dem unter Bezug
auf die Meißnerformel von 1913 der Sozialismus als der entscheidende Weg in eine demokrati-
sche Zukunft beschworen wurde,16 doch war schon in den letzten beiden Kriegsjahren sichtbar
geworden, dass sich unter den Freideutschen mehrere Fronten im Spektrum zwischen „völkisch“
und „sozialistisch“ herausgebildet hatten. Vor allem „Jugendreformer“, die Reformen im Rahmen
der bestehenden Gesellschaftsordnung anstrebten, auf der einen Seite und gesellschaftskritische
„Jugendradikale“ auf der anderen standen sich gegenüber. Zu den letzteren gehörte eine Reihe
von jungen Leuten, die sich nach Kriegsende dem Kommunismus zuwandten und nun auf die Ju-
gendbewegung Einfluss zu nehmen versuchten, so vor allem Karl Bittel, Alfred Kurella (1895–1975)
und Karl August Wittfogel.17 Bei einem Treffen der Wandervogelführer
im August 1919 auf Burg Lauenstein ist auch von den Wandervogel-
bünden versucht worden, mit der Gründung einer „jungdeutschen Be-
wegung“ einen Mittelweg zwischen den Gegensätzen zu finden, indem
ein „Bekenntnis“ formuliert wurde, das darauf hinauslief, „unter Über-
windung der äußeren Gegensätze eine wahrhafte Volksgemeinschaft
aller Deutschen“ schaffen zu wollen – dies mit Hilfe von jugendbewegt
geprägten „eigenwüchsigen Menschen“.18 Ähnlich reagierten wenig
später Knud Ahlborn und Ferdinand Goebel (1886–1966), die mit der
Gründung eines Freideutschen Bundes 1921 und dessen Aufruf zum
Meißnerereignis 1923 den bei einem Führertreffen in Jena im April
1919 unübersehbar gewordenen Niedergang der Freideutschen Bewe-
gung beenden wollten. Doch davon konnte dann angesichts der auf
dem Ludwigstein und Hohen Meißner zutage tretenden politischen Gegensätze keine Rede mehr Abb. 4: Franz Oppenheimer
sein. Wittfogel sprach von einem „Ferkelstall von Ideen“, für die sich weder zu leben noch zu ster- ­während des Freideutschen
Jugendtreffens auf dem Hohen
ben lohne. Andere hielten dagegen, dass es eine Todesgefahr für die gesamte Jugendbewegung sei, Meißner, Fotografie, 1923
wenn man sich in den politischen Parteienkampf hineinziehen lasse, und der als renommierter
Nationalökonom eingeladene, deutlich ältere Franz Oppenheimer (1864–1943) glaubte in einer Art
„neuer Bergpredigt“ der Menschheit die „gute Botschaft“ bringen zu können, wie man in Zukunft
mit Hilfe der „genossenschaftlichen Siedlung“ dem „Volk in Not“ durch einen Kampf gegen das
herrschende Klassen- und Bodenmonopol „Ordnung und Freiheit“ verschaffen könne (Abb. 4).19
Mit dem Treffen von 1923 endete im Grunde der von den Freideutschen nach 1918 unternom-
mene Versuch, eine Gesellschaftsreform aus dem Geist der Jugendbewegung in die Wege zu leiten:
Nun älter geworden, zogen sich viele Akteure enttäuscht ins Privatleben zurück und widmeten
sich ihrer Karriere; manche engagierten sich wie die Kommunisten in Parteien; andere gründe-
ten lebensreformerische Siedlungen und Landschulheime − so Ahlborn und Goebel die Siedlung
Klappholttal auf der Insel Sylt. Viele Wandervogelgruppen bestanden jedoch unbeeindruckt von
den zitierten Auseinandersetzungen weiter, und vor allem die Pfadfinderbünde gewannen von nun

56 „Mit uns zieht die neue Zeit“


an erheblichen Einfluss, sodass das bunte jugendbewegte Gruppen- und Fahrtenleben für viele
Heranwachsende auch weiterhin eine bemerkenswerte prägende Rolle spielte.20 Die Jugendmusik­
bewegung konnte sich jetzt ebenfalls weiter ausbreiten. Das jugendbewegte Gesamtspektrum,
­Mitte der 1920er Jahre recht heterogen, gewann jedoch ab 1926 durch jenen bereits erwähnten
Zusammenschluss einer größeren Zahl von Bünden zur „Deutschen Freischar“ ebenso eine neue
Qualität wie durch das Entstehen verschiedener betont nationalistischer und schließlich extrem
rechts orientierter Verbände. Dass die Jugendbewegung in ihrer zweiten Phase von den Zeitge-
nossen breit wahrgenommen worden ist – positiv-lobend ebenso wie kritisch-abwertend – sei
noch angemerkt: Ihre Anregungen im Bereich von Pädagogik, Kunst und Kultur, von jugendlichem
Gemeinschafts­leben und individueller Selbsterziehung wurden durchaus geschätzt, doch hatten
intellektuelle Zeitkritiker wie etwa Kurt Tucholsky (1890−1935) den Eindruck einer ­weitgehenden
Wirkungs­losigkeit und „toten Last“: Sie sei unter dem immer stärker werdenden Einfluss der
­„Alten“ nur zu dem geworden, „was deutsche Organisationswut, Reglementstorheit, Gruppenspie-
lerei immer gewesen sind: Selbstzweck.“ 21 Tucholskys Argumente waren zwar bewusst provozie-
rend und abwertend scharf formuliert, doch gab es nun zunehmend auch in der nachwachsenden
jugend­bewegten ­Altersgruppe der Kriegskinder des Ersten Weltkriegs – geboren um 1907/10 – ganz
erhebliche kritische Einschätzungen, die schließlich dazu führten, dass es seit Ende 1929 zu einer
dritten Jugendbewegungswelle kam: der Welle der Jungenschaft.

1 Zitiert nach: Rufe in das Reich. Die heldische Dichtung von 11 Dazu Walter Laqueur: Die deutsche Jugendbewegung (1962).
Langemarck bis in die Gegenwart. Hrsg. von Herbert B
­ öhme. 2. unveränd. Aufl. Köln 1983, S. 141.
­Berlin 1934, S. 33–34. – Woike engagierte sich nach einer 12 So der 1898 geborene Ludwig Voggenreiter; hier zitiert
­schweren Verwundung in der Inneren Mission; Paust wurde später nach Hermann Siefert: Der bündische Aufbruch 1919–1923.
zu einem einflussreichen NS-Journalisten. Bad Godesberg 1963, S. 35.
2 Georg Schulze-Moering: Heimat. In: Junge Menschen 2, 1921, 13 Zitiert nach Harry Pross: Jugend, Eros, Politik. Die Geschichte
H. 10, S. 152. – Siehe zur Zeitschrift „Junge Menschen“ Gudrun der deutschen Jugendverbände. Bern/München/Wien 1964, S. 206.
Fiedler: Jugend im Krieg. Bürgerliche Jugendbewegung, Erster 14 Hier zitiert nach Theodor Litt: Führen oder Wachsenlassen.
Weltkrieg und sozialer Wandel 1914–1923 (Edition Archiv der deut- 13. Aufl. Stuttgart 1967, S. 20.
schen Jugendbewegung 6). Köln 1989, S. 166–175. 15 Flugblatt, hier zitiert nach dem Abdruck in: Junge Men-
3 Siehe hierzu und zum Folgenden Jürgen Reulecke: „Ich möch- schen 4, 1923, H. 8, S. 17.
te einer werden so wie die …“. Männerbünde im 20. Jahrhundert. 16 Abgedruckt in: Die Wandervogelzeit. Hrsg. von Werner Kindt
Frankfurt a.M./New York 2001, bes. S. 80–88. (Dokumentation der Jugendbewegung 2). Düsseldorf/Köln 1968,
4 Zitat Hermann Küglers nach Fiedler 1989 (Anm. 2), S. 167. – S. 614–619.
Zu den Mädchenbünden und zur „Mädchenfrage“ in der Nach- 17 Dazu Reinhard Preuß: Verlorene Söhne des Bürgertums. Linke
kriegszeit Marion de Ras: Körper, Eros und weibliche Kultur. Mäd- Strömungen in der deutschen Jugendbewegung 1913–1919. Köln
chen im Wandervogel und in der Bündischen Jugend 1900–1933. 1991, bes. Kap. 5: Von der Kritik zur politischen Aktion, S. 173–225.
Pfaffenweiler 1988. – Irmgard Klönne: Mädchen und Frauen in der 18 Die deutsche Jugendbewegung 1920 bis 1933. Die bündische
deutschen Jugendbewegung. Pfaffenweiler 1990, bes. S. 129–138. Zeit. Hrsg. von Werner Kindt (Dokumentation der Jugendbewe-
5 Ein Brief Rathenaus. In: Junge Menschen 3, 1922, H. 13/14, S. 177. gung 3). Düsseldorf/Köln 1974, S. 327.
6 Siehe dazu Hermann Giesecke: Vom Wandervogel bis zur Hitler- 19 Dazu Hermann Schafft: Meißnertag 1923. In: Die deutsche Ju-
jugend. München 1981, S. 93–95. – Es sei hier darauf hingewiesen, dass gendbewegung 1920 bis 1933 (Anm. 18), S. 274–279. – Siehe auch die
gleichzeitig der Soziologe Herman Schmalenbach einen vielbeachteten Rede Oppenheimers mit dem Titel „Volk in Not!“ in: ­Freideutscher
Aufsatz veröffentlicht hatte, in dem er den „Bund“ als eine dritte Bund. Hrsg. von der Kanzlei des Freideutschen B
­ undes. Keitum
autonome Größe zwischen das von Ferdinand Tönnies herausgear- auf Sylt 1923, S. 1–6. – Allgemein dazu Laqueur 1983 (Anm. 11), das
beitete Gegensatzpaar Gemeinschaft/Gesellschaft setzte: Herman Unterkapitel „Das Ende des Anfangs“, S. 137–147.
­Schmalenbach: Die soziologische Kategorie des Bundes. In: Die Diosku- 20 Dazu die Beispiele in: Jugendbewegt geprägt. Essays zu
ren (Jahrbuch für Geisteswissenschaften 1). München 1922, S. 35–105. autobiographischen Texten von Werner Heisenberg, Robert Jungk
7 Siehe dazu Sozialistische Jugend im 20. Jahrhundert. Studien und vielen anderen. Hrsg. von Barbara Stambolis (Formen der
zur Entwicklung und politischen Praxis der Arbeiterjugendbewe- Erinnerung 52). Göttingen 2013.
gung in Deutschland. Hrsg. von Heinrich Eppe/Ulrich Herrmann. 21 Ignaz Wrobel (= Kurt Tucholsky): Alte Wandervögel. In: Die
Weinheim/München 2008, besonders die Beiträge von Heinrich Weltbühne 22, Nr. 25 vom 22.06.1926, S. 966–969. – Siehe auch
Eppe und Bodo Brücher. Kurt Tucholsky: Die tote Last. In: Die Weltbühne 22, Nr. 48 vom
8 Karl Korn: Die Arbeiterjugendbewegung, T. II. Berlin 1923, S. 172. 30.11.1926, S. 856-857.
9 Anonym: Die Generation unserer Väter. In: Junge Menschen
3, 1922, H. 4, S. 51. Bildnachweis
10 Paul Federn: Zur Psychologie der Revolution: Die vaterlose Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen · Abb. 1–4
Gesellschaft. In: Der österreichische Volkswirt 11, 1919, S. 585–590.

Die bündische Jugend und ihre Formen der Vergemeinschaftung 57


Meike Sophia Baader

Geschlechterverhältnisse, Sexualität und Erotik


in der bürgerlichen Jugendbewegung

Historische Rahmungen: Recht, Zugang zu Bildungsinstitutionen, Sexualität


Geschlechterver-
hältnisse, Sexualität, Homosexualität und Erotik waren wichtige Themen in der bürgerlichen
Jugendbewegung, und sie waren eng miteinander verbunden. Allerdings wurden sie unter-
schiedlich offen beziehungsweise verdeckt verhandelt. Zudem waren sie zumeist mit der Frage
verknüpft, was Männlichkeit und Weiblichkeit in einem essenziellen Sinne auszeichne, wer oder
was Männer und Frauen also ihrem Wesen nach seien. Viele der Debatten um die Geschlechter in
der Jugendbewegung orientierten sich an einem solch essentialistischen Paradigma. Um die
vielfältigen Diskussionen und heterogenen Positionen historisch einzuordnen, sei zunächst an
einige grundsätzliche politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen erinnert. Diese sol-
len hier in aller Kürze unter drei Aspekten in den Blick genommen werden: Recht, Zugang zu
Bildungsinstitutionen und Sexualität. In der frühen Phase der bürgerlichen Jugendbewegung –
also in der Phase des Wandervogel um 1900 − befinden wir uns in einer Zeit, in der Frauen noch
kein Wahlrecht hatten; dies wurde erst mit der Weimarer Reichsverfassung 1919 als aktives und
passives Wahlrecht mit der Formulierung „Männer und Frauen verfügen über die gleichen
staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten“ durchgesetzt. Diese Rechtsposition ist jedoch noch
nicht gleichbedeutend mit dem Gleichberechtigungsgrundsatz, wie er dann 1949 im Grundge-
setz der Bundesrepublik verankert werden sollte. Volljährig waren Jugendliche im Kaiserreich
und in der Weimarer Republik mit 21 Jahren.
Bezogen auf die Bildungsinstitutionen und die -abschlüsse wurden Mädchen – insbeson-
dere durch das Engagement der bürgerlichen Frauenbewegung, die vor allem eine Frauenbil-
dungsbewegung war – seit den späten 1890er Jahren in vereinzelten Einrichtungen zum Abitur
und dann seit 1900 in manchen Ländern, etwa in Baden, zum Universitätsstudium zugelassen,
während dies in Preußen und Thüringen bis 1908 beziehungsweise 1912 auf sich warten ließ.
Das höhere Schulwesen und auch die jugendlichen Freizeitvereine, etwa die der Kirchen, waren
um 1900 nach Geschlechtern getrennt, sodass das außerfamiliale Leben der bürgerlichen Jugend
damals stark geschlechtersegregiert war. Koedukative weiterführende Schulen, zum Beispiel die
1910 gegründete, reformpädagogisch ausgerichtete Odenwaldschule, gingen in dieser Frage
dann neue Wege und wurden unter dieser Perspektive auch öffentlich beobachtet. An der Oden-
waldschule gehörte das Prinzip der Koedukation zu den pädagogischen Grundüberzeugungen,

58 „Mit uns zieht die neue Zeit“


und genau dies traf das Motiv vieler Eltern − insbesondere von Müttern −, ihre Kinder in diese
Einrichtung zu schicken, denn sie betrachteten das nach Geschlechtern getrennte Aufwachsen
ihrer Töchter und Söhne als überkommen. Kritiker hingegen sahen die Gefahr identitätsschä-
digender Nivellierung eines Unterschiedes zwischen den Geschlechtern. Außerdem bestand
die Befürchtung, dass es zu sexuellen Kontakten zwischen den Schülerinnen und Schülern
kommen könne. Dies fand als Standardfrage „passiert denn da nichts?“ von Besuchern der
Odenwaldschule ihren Ausdruck. Eltern zeigten sich insbesondere anlässlich von Schulfahrten
und Wanderungen besorgt.1 Derartige koedukative weiterführende Schulen waren jedoch für
bürgerliche Jugendliche des Kaiserreiches singulär. Die Regel waren hingegen separate Welten
von jungen Männern und Frauen, von denen auch Romane und Autobiografien berichteten.
So schreibt etwa der in Wien geborene Stefan Zweig (1881–1942) in seinen Erinnerungen „Die
Welt von Gestern“ (1944) über seine bürgerliche Jugendzeit: „Dass etwa ein paar junge Leute
gleichen Standes, aber verschiedenen Geschlechtes, unbewacht einen Ausflug hätten unterneh-
men dürfen, war völlig undenkbar − oder vielmehr, der erste Gedanke war, da könnte dabei
etwas ‚passieren’“.2 Bezüglich der Sexualität spricht Zweig für die Zeit um 1900 von einer
„unehrlichen und unpsychologischen Moral des Schweigens und Verdeckens […], die wie ein
Alp auf unserer Jugend gelastet hat“.3 „Diese ‚gesellschaftliche Moral`, die einerseits das Vor-
handensein der Sexualität und ihren natürlichen Ablauf privatim voraussetzte, andererseits
öffentlich um keinen Preis anerkennen wollte, war aber sogar doppelt verlogen. Denn während
sie bei jungen Männern ein Auge zukniff und sie mit dem anderen sogar zwinkernd ermutigte,
‚sich die Hörner abzulaufen’, wie man in dem gutmütig spottenden Familienjargon jener Zeit
sagte, schloss sie gegenüber der Frau ängstlich beide Augen und stellten sich blind. […] Um
die jungen Mädchen zu schützen, ließ man sie nicht einen Augenblick allein.“ 4 Tatsächlich war
diese Doppelmoral sogar in zweifacher Hinsicht gedoppelt, nämlich zum einen bezogen auf
das Geschlecht, und zum anderen auf die soziale Klasse. Denn bei wem sollten sich die jungen
Männer denn „die Hörner ablaufen“? Das konnten nur die Frauen und Mädchen sein, die nicht
der eigenen Schicht angehörten. Für sie galt der „Schutz“ nicht.
Gleichgeschlechtliche Liebe war in Deutschland beziehungsweise in der Bundesrepublik
bekanntlich bis in die 1970er Jahre verboten. Und noch ein grundsätzlicher Umstand aus der
Geschichte der Sexualität ist bedeutsam für die historische Einordnung der jugendbewegten De-
batten um Sexualität. Aufklärung war weit davon entfernt, Teil schulisch vermittelten Wissens
zu sein. Die „bürgerliche Sexualerziehung“ habe lediglich „in der Verhinderung von Gelegen-
heit“ der Begegnung zwischen den Geschlechtern bestanden.5 Als Schulfach gab es Sexualkunde
in der Bundesrepublik erst seit 1968. Verhütungsmittel standen Jugendlichen um 1900 kaum
zur Verfügung. Zwar begann man 1914 in Deutschland mit der seriellen Produktion von „Prä-
servativen“ durch den Kondomfabrikanten Fromm (1883–1945), ihre Verbreitung wurde durch
seuchenhygienische Argumente seitens der Ärzteschaft unterstützt, und Kondome wurden im
Ersten Weltkrieg an die deutschen Soldaten verteilt, aber eine öffentliche Werbung für Kondome
wurde − nach langen politischen Auseinandersetzungen seit 1916 − mit einer Gesetzgebung von
1927 gesetzlich verboten. Insbesondere Hinweise auf die empfängnisverhütende Funktion wa-
ren untersagt, da sie als „öffentliche Aufforderung zur Unzucht“ gedeutet wurden.6 Der Schutz
der Jugend war eines der zentralen Argumente, das die Gegner öffentlicher Werbung anführten.
Diese Ausgangssituation sollten wir uns verdeutlichen, wenn wir die in der Jugendbewegung
um 1900 umfassend diskutierte Frage nach dem gemischt- und dem gleichgeschlechtlichen Wan-
dern, nach Männlichkeit und Weiblichkeit, Sexualität und Homosexualität in ihren historischen
Zusammenhängen und Kontexten verstehen wollen. Allerdings erscheint dann die Weimarer Re-
publik in puncto Sexualität durchaus zweigeteilt. Neben der in vielerlei Hinsicht restriktiv fort-

Geschlechterverhältnisse, Sexualität und Erotik in der bürgerlichen Jugendbewegung 59


geschriebenen Gesetzeslage, zeichnete sie sich durch Aufbruchsbewegungen hinsichtlich einer
freieren Liebe und Sexualität aus. So etablierten sich etwa die Sexualwissenschaften, und die
Weimarer Republik wies ein dichtes Netz an Sexualberatungsstellen − jedenfalls in den größeren
Städten − auf.7 Für das großstädtische Leben in der Weimarer Republik diagnostizierte Walter
Laqueur gar „eine Sexwelle“.8
Die Frage nach den Geschlechterverhältnissen und der Sexualität in der Jugendbewegung
von 1900 bis 1933 umfasst also einen Zeitraum, indem einerseits beide Themen intensiv und
höchst kontrovers diskutiert wurden, der aber auch durch einschneidende Veränderungs- und
Wandlungsprozessen gekennzeichnet war. Diese lassen sich bezogen auf die Mädchen und Frauen
in der Jugendbewegung auch als geschlechterpolitische Verschiebungen von Exklusion über Öff-
nungen und partielle Einschließungen hin zu neuen Restriktionen und Ausschlüssen beschreiben.

Eros und Männerbund


Die bürgerliche Jugendbewegung, darin sind sich viele Analysen einig, ist
grundsätzlich ein stark männlich und männerbündisch konnotiertes Phänomen.9 Was als ju-
gendliche Wanderbewegung und „Ausschuss für Schülerfahrten“ 1896 und einige Jahre später
als „Steglitzer Wandervogel“ 1901 von männlichen Gymnasiasten in Berlin-Steglitz initiiert wur-
de, blieb strukturell gesehen eine eher männlich, bürgerlich und städtisch geprägte Erschei-
nung. Die Gründung des Bundes der Wanderschwestern 1905 unter der Leitung der Schriftstel-
lerin Marie Luise Becker (1871–1960) führte zu vielen kontroversen Diskussionen über die Ge-
schlechterfrage und die Anerkennung von Mädchen als Wandervögel und 1907 schließlich zur
Spaltung des Wandervogel. 1914 erfolgte dann die Gründung des „Deutsche[n] Mädchen-
Wanderbund[es]“. Mädchen und Frauen blieben in der Jugendbewegung eher ein Fall von „Be-
sonderung“ und „Abweichung“ denn von Selbstverständlichkeit, wie es sich auch in der polemi-
schen Frage des Historiografen der Jugendbewegung, Hans Blüher (1888–1955), „Wie kam das
Weib dann doch an die Lagerfeuer der Jugendbewegung?“, ausdrückte.10 Nach dem Ersten Welt-
krieg, in der sogenannten bündischen Phase, die sich durch eine verstärkte Forcierung der Män-
nerbundidee auszeichnete, sind die Zahlen der Mädchen dann auch wieder rückläufig. „Obwohl
Mädchen in einigen Organisationen auch weiterhin Mitglied sein konnten und sogar einzelne
eigenständige Mädchenbünde existierten, trat der männliche Charakter der Jugendbewegung
immer deutlicher hervor.“ 11 Der größte Zusammenschluss verschiedener Bünde der Weimarer
Republik, die Deutsche Freischar, zählte etwa 15 Prozent Mädchen und Frauen.12
Bedeutsam für das grundsätzliche und explizite Selbstverständnis der Jugendbewegung
als männliches Phänomen waren die Schriften Hans Blühers. Der Schriftsteller und Laienanaly-
tiker Blüher, der 1902 mit 14 Jahren in den Berlin-Steglitzer „Wandervogel – Ausschuss für Schü-
lerfahrten“ aufgenommen wurde, publizierte im Jahre 1912 drei Bände zur Jugendbewegung,
mit denen er sich als Chronist der Bewegung positionierte. Im dritten Band „Die deutsche Wan-
dervogelbewegung als erotisches Phänomen. Ein Beitrag zur Erkenntnis der sexuellen Inversion“
− mit einem Vorwort des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld (1868–1935) − popularisier-
te Blüher die Idee des Männerbundes, die 1902 erstmals bei dem Ethnologen Heinrich Schurz
(1863–1903) Erwähnung fand, und die − von Blüher ausgehend − dann ab 1912 Verbreitung in Abb. 1: Hans Blüher, Die ­deutsche
„Politik, Wissenschaft und Jugendkultur“ erfuhr (Abb. 1).13 Blüher vertrat die Position, dass die Wandervogelbewegung als
­erotisches Phänomen. Berlin 1912
Gesellschaft gerade nicht auf der Familie, sondern auf dem ihr entgegen gesetzten Männerbund (vgl. [Link]. 195)
basiere. Dieser sei durch homoerotische und homosexuelle Verbindungen zwischen Männern
zusammengehalten. Seine hohe Wertschätzung mann-männlicher Homosexualität war zugleich
mit einem massiven Antifeminismus und Antisemitismus verbunden. Frauen und Juden werden
in dieser Perspektive als „das Andere des Männerbundes“ gesetzt.14 Blühers antifeministische

60 „Mit uns zieht die neue Zeit“


Tiraden müssen als Gegenreaktion auf eine stärker werdende Frauenbewegung in Deutschland
seit der Jahrhundertwende verstanden werden. Ebenfalls 1912 wurde der „Deutsche Bund zur
Bekämpfung der Frauenemanzipation“ gegründet.15 Für die Jugendbewegung war mit den durch
Blüher prominent gesetzten Deutungen, Zuweisungen und Exklusionen eine Abwertung der ihr
zugehörigen Frauen und Mädchen verbunden, die in seinen Schriften der Lächerlichkeit preisge-
geben wurden. Marie Luise Becker als Begründerin des Mädchenwanderns wurde dabei gezielt
angegriffen. Außerdem wurde durch die Idee des Männerbundes der Bund als Vergemeinschaf-
tungs- und Geselligkeitsform der Jugendbewegung vergeschlechtlicht beziehungsweise männ-
lich konnotiert.16

Mann-männliche Homosexualität und Homoerotik


Homosexualität, der zeitgenössische Begriff
lautete auch „Inversion“, wurde in der Jugendbewegung – im Anschluss an Blühers Positionen –
als mann-männliche Homosexualität verhandelt und war als kontroverses Thema sowohl mani-
fest als auch latent präsent, selbst wenn die Wandervogel-Bundesleitung Blühers Positionen
zurückwies.17 Mit der Relation von mann-männlicher Homosexualität und Männerbund war je-
doch ein Muster vorgegeben, an das angeknüpft werden konnte, und auf das sich Jugendbeweg-
te in ihrer adoleszenten Suche nach sexuellen Orientierungen und sexueller Identität auch bezo-
gen haben. Hierfür steht etwa ein Auszug aus den Tage- und Fahrtenbüchern Victor Gudenbergs,
in denen die Erlebnisse während der jugendbewegten Ausflüge und Unternehmungen festgehal-
ten wurden. Das Anlegen eines solchen Fahrtenbuches gehörte zu den Ritualen in den jugend­
bewegten Gruppen und Bünden. Gudenberg (geb. 1896) kam aus Göttingen und war 17 Jahre alt,
als er Ostern 1913 folgende Zeilen verfasste: „Ebenso, wie bei dem vorigen Fahrtenblatt will ich
auch jetzt zum besseren Verständnis dieser Fahrten für spätere Zeiten ein paar Worte über meine
Stellung zum Wandervogel niederschreiben, Worte, die nur für mich selbst bestimmt sind. Für
meine Stellung zum Wandervogel ist vor allem Blühers ‚Geschichte der Wandervogelbewegung’
von großer Bedeutung und hier wieder besonders der dritte Teil dieser überaus scharfsinnigen
Abhandlung ‚Der Wandervogel als erotisches Phänomen’. Er hat mir in einem Nu die Augen ge-
öffnet und mich vieles deutlich sehen lassen, ging doch meine Unwissenheit vor dem Lesen
dieses Buches so weit, daß ich in meiner Dummheit Homosexualität von homo=Mensch ableitete
und mir gar nichts dabei dachte. Unter oder zwischen welchen der 5 Typen, die Hans Blüher da
aufstellt, ich mich selbst unterbringen soll, ist mir noch nicht ganz klar. Jedenfalls glaube ich
auf Grund der Fahrten, die ich dann seit dem 16. H. selbst führte, daß ich wohl ein wenig inver-
tiert bin, wenn auch beileibe nicht voll invertiert, kleine Mädchen gefallen mir immer noch. Ich
habe dann für alle diese Fragen einen tüchtigen Lehrmeister in S. Fabus gefunden, von dem ich
nachher ein Gedicht aufschreiben werde, das er mir gegeben hat. In ihm habe ich gleich ein in-
teressantes Beispiel vor mir, an dem ich vieles lerne. Das Leben im E. V., dem ich nun als neuge-
backener Führer angehöre, ist ein sehr gemütliches, kameradschaftlich und ‚liebevoll’. Wie schon
gesagt habe ich alle Fahrten dieses Buches mit wissenden Augen gemacht und vieles gesehen,
was ich leider nicht so ohne weiteres niederschreiben kann. Dem [Link] Blüher stimme ich im
Großen und Ganzen zu. Habe auch schon mit einer ganzen Reihe von Jungs Freundschaft ge-
macht, sind ja auch hübsche Bengel darunter (Patzlee, Siebert, usw.). Soeben habe ich das alte
Fahrtenbuch feierlich erbrochen und festgestellt, daß sich, wenn man von der natürlichen Ent-
wickelung und Reifung absieht im Grunde wenig verändert hat, so daß ich auch jetzt mit einem
‚ehrlich gemeinten’ Heil dieses neue Büchlein einleiten kann. Gegeben den 2ten Ostermond 1913
Victor Gudenberg.“ 18 Deutlich wird an diesem Zitat zum einen, wie selbstverständlich sich Ju-
gendbewegte auf Blüher bezogen. Offensichtlich wird zum anderen das Spannungsfeld zwischen

Geschlechterverhältnisse, Sexualität und Erotik in der bürgerlichen Jugendbewegung 61


Unwissenheit in sexuellen Fragen, dem Nichtvorhandensein offizieller Fo-
ren der Aufklärung, den Grenzen des Sagbaren sowie den eigenen Such-
und Orientierungsbewegungen. Auch Werner Kindt (1898–1981), Heraus-
geber einer Quellensammlung zur Jugendbewegung, schrieb in seinem
unveröffentlichten Tagebuch, dass Homosexualität in der Jugendbewe-
gung ein großes Thema war,19 das teilweise auch als adoleszentes Über-
gangsphänomen diskutiert wurde.20 (Abb. 2) Zugleich war die Diskussion
um Homosexualität in der Jugendbewegung Anlass für Kampagnen, in de-
nen jugendbewegte Jugendliche – etwa mit rassifizierenden Argumenten
– stigmatisiert wurden.
Die Chronistin der Jugendbewegung, Elisabeth Busse-Wilson
(1890–1974), ebenfalls psychoanalytisch geschult, und vehemente
­Kritikerin von Hans Blüher und dessen Männerbundidee, bezifferte in
ihrer Schrift „Stufen der Jugendbewegung“ die Zahl von Jünglingen, die
sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlten, mit etwa 30 Prozent.21
­Neben Blüher attackierte sie auch Stefan George (1868–1933) sowie
­Gustav Wyneken, dem sie „Heldenverehrung“ und „Führerkult“ vorwarf,
und dessen Idee des „pädagogischen Eros“ sie gleichfalls einer scharfen
Kritik unterzog.22
Gustav Wyneken (1875–1964), Sohn eines evangelischen Pfarrers,
hatte evangelische Theologie in Jena studiert und leitete seit 1906 − mit
mehreren Unterbrechungen – bis 1920 das Landerziehungsheim Wickers­
dorf. Wyneken, der 1913 als Sprecher auf dem Hohen Meißner auftrat, war unter anderem Abb. 2: Karl Bloßfeld (1892–1975),
Verfasser der Schrift „Was ist Jugendkultur?“ und veröffentlichte 1921 die Schrift „Eros“.23 Zwei Bündische in Kluft mit Pfeil
und Bogen, Postkarte, 1920–1930
Darin legitimiert er einen durchaus sexualisierten „pädagogischen Eros“ im Rückgriff auf die (vgl. [Link]. 197)
Antike und Platons Ideen zum „pädagogischen Eros“, wie dieser sie im „Gastmahl“ entwickelt
hatte. Zugleich verteidigte sich Wyneken mit dieser Schrift selbst, da gegen ihn 1921 Anklage
„wegen Sittlichkeitsverbrechen nach § 174“ geführt wurde. Es wurde ihm vorgeworfen, Schüler,
mit denen er in einer sogenannten „Kameradschaft“ in Wickersdorf zusammenlebte, sexuell
belästigt und missbraucht zu haben, weshalb er zu einem Jahr Gefängnis und Übernahme der
Kosten verurteilt wurde. In diesem Prozess wurde Blüher als Gutachter hinzugezogen, der dort
Wynekens Schrift „Eros“ kommentierte. Der Umstand, dass in der Schule in Wickersdorf Blü-
hers Buch „Zur Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft“ (1917) gelesen wurde, spielte
wiederum in dem Prozess eine Rolle.24 Der Prozess wie auch die Eros-Schrift von Wyneken
wurden in der Jugendbewegung und ihren Kreisen diskutiert und kommentiert.25 Auffällig ist
dabei, dass das Thema auf einer „geistigen Ebene“ verhandelt wurde. Es ging – wie im Falle
des Jugendbewegten Erich Mohr (1895–1960) – mit allgemeinen Reflektionen über die Antike
einher, die das Thema verdeckten, sowie mit einer „rassisch“ begründeten Differenzbehaup-
tung zwischen „antiker Leibesbejahung“ und „nordländischer“. „Wir [als Nordländer, M.S.B]
entscheiden uns gegen orientalische Weichlichkeit und südländisches Sichgehenlassen, geistig
wie leiblich. Wir meinen, dass die neue Jugend ganz tief aufrichtig und von Grund aus eine
neue Heiligung des Leibes sich erringen – und dennoch die Unantastbarkeit dieses Leibes sich
bewahren muss“.26 Bezogen auf Wynekens Verurteilung wird abschließend der Staat als „un-
geistig“ verurteilt. „Hier aber wurde es [das Leben, M.S. B] vergewaltigt und darum erheben wir
gegen den Ungeist dieses Staates unsere Stimme und klagen an!“ 27 Wyneken und sein „pädago-
gischer Eros“ wurden hier als geistige Idee verteidigt, indem in puncto Körper und Sexualität
mit „Rassen“-Differenz zwischen Nord- und Südländern und Orientalismus argumentiert wird,

62 „Mit uns zieht die neue Zeit“


womit auch latent zum Antisemitismus aufgerufen wird. Damit wird der Themenkomplex ei-
nerseits rassifiziert und andererseits bleibt die Differenz zwischen Homo- und Pädosexualität
unbenannt.

Mädchen und Frauen in der Jugendbewegung


Bei aller Bedeutung, die Hans Blüher und der Män-
nerbundidee zukam, sollte dies zweierlei nicht überdecken. Zum einen, dass das Kaiserreich und
Weimar auch andere Männlichkeitskonstruktionen diskutierten,28 zum anderen, dass Mädchen
und Frauen in der bürgerlichen Jugendbewegung sich die Vergemeinschaftungsformen der Ju-
gendbewegung auf eigenständige Weise aneigneten und ihre eigenen Räume und Praktiken hervor-
brachten. Und schließlich gab es mit Elisabeth Busse-Wilson auch eine weibliche Historiografin
der Jugendbewegung, die kritisch auf Blüher wie auf Wyneken blickte, und in der Geschichts-
schreibung der Jugendbewegung bis heute wesentlich weniger erwähnt wird. Grundsätzlich
scheint es, dass die Mädchen und Frauen in der Jugendbewegung eine geringere Nähe zur Frauen-
bewegung aufwiesen als dies von der frühen Frauengeschichtsschreibung zunächst angenommen
wurde. Die wechselseitige Kenntnisnahme erweist sich jedoch als nicht sehr ausgeprägt.29
Studien zu Mädchen und Frauen in der bürgerlichen Jugendbewegung haben gezeigt, dass
diese sich intensiv auf die Idee einer weiblichen Natur beriefen und die Idee der Keuschheit und
des Aufschubes der sexuellen Erfüllung bis zur Ehe für ihr Selbstverständnis stark machten. Diese
Keuschheits- und Reinheitsideologie bis zur Eheschließung kritisierte auch der Arzt und Sexual-
wissenschaftler Max Hodan (1894–1946) als Element der typisch bürgerlichen Doppelmoral für die
Geschlechter in seinem Buch „Bub und Mädel“ (1924). Für das Verhältnis zum anderen Geschlecht
war in der Jugendbewegung die Idee der Kameradschaft, die Erotik überdeckend,
leitend. Diese war zugleich mit Askese-Vorstellungen verbunden. Die Ideologie der
erotischen Askese sei der Preis für die Idee der Kameradschaft, so Busse-Wilson, die
die zum Teil völlig „erotiklose“ Stimmung zwischen den Geschlechtern in der Jugend-
bewegung kritisierte. Diese führte sie jedoch auch auf die Männerbundidee zurück.30
Gleichwohl machten die Mädchen und Frauen in der Jugendbewegung Er-
fahrungen der Aneignung neuer Räume und Verhaltensweisen, die sich auf den
Umgang mit der Natur, auf Sport und Bewegung, auf Kleidungsstil und Mode,
aber auch auf den Kontakt mit dem anderen Geschlecht bezogen. Vor allem aber
schufen sie sich ein eigenes Jugendmoratorium, das heißt, sie beanspruchten eine
­selbstgestaltete Jugendphase jenseits der Familie, zu denen gleichgeschlechtliche
und ­gegengeschlechtliche Freundschaften und Kameradschaften gehörten und
möglicherweise auch homoerotische und homosexuelle Erfahrungen, von denen wir
aber aus den schriftlichen Quellen bislang wenig wissen. Ein dem Diskurs über
mann-männliche Homosexualität vergleichbarer machtvoller Diskurs über gleich-
geschlechtliche weibliche Sexualität lässt sich in den schriftlichen Dokumenten der
bürgerlichen Jugendbewegung nicht ausmachen. Allerdings gibt es einige Zeich-
nungen von Ida Teichmann (geb. 1875) in der Zeitschrift „Junge Menschen“ aus dem
Jahre 1921, die das Thema verhandeln (Abb. 3).31
Mit dem Recht auf ein eigenes weibliches Jugendmoratorium war auch ein Recht auf Gene- Abb. 3: Ida Teichmann (geb. 1875),
rationendifferenz gegenüber ihren Müttern, – also anders als die Mütter zu sein − verbunden. 32 Frühlingsblüten, in: Junge Men-
schen 1921
Dennoch blieben die Erfahrungen von Mädchen und Frauen in der Jugendbewegung wider-
sprüchlich. Ohne Zweifel konnten sie im Rahmen jugendbewegter Gruppen, gemeinsamer Er-
fahrungen, Aktivitäten und performativer Praktiken, Handlungsformen und -spielräume entwi-
ckeln, die mit traditionellen, Mädchen und Frauen zugeschriebenen Verhaltensweisen brachen.

Geschlechterverhältnisse, Sexualität und Erotik in der bürgerlichen Jugendbewegung 63


Damit eigneten sie sich möglicherweise sogar einen neuen Habitus an, jedenfalls über­wanden
sie bestimmte durch Erziehung tradierte Verhaltensmuster. Die sozialisatorische Bedeutung je-
ner Erfahrungen sind aus der Perspektive der Akteurinnen vielfach beschrieben worden. Sie be-
ginnen bei der Kleidung: „Wir stachen natürlich sehr ab, in der Zeit, in der Trippelschuhe dran
waren, trugen die Wandervogel-Mädchen schwere Schuhe“.33 Sie bezogen sich auf die Aneignung
von Erfahrungen, die bis dahin Männern vorbehalten waren: „Was soll es einem kernigen deut-
schen Wandermädchen schaden, Wolldecke oder Schlafsack wie die Jungen zu benutzen, um
auf Heu oder Stroh zu schlafen?“ 34 Margarete Buber-Neumann (1901–1989) berichtete: „Einmal
machte eine Gruppe Mädchen des Potsdamer Wandervogels mitten im Winter eine ‚Fahrt’ und
wir kamen, als es bereits dunkelte, an einen See, der eine dünne Eisdecke trug. Das brachte
uns auf den Gedanken, dass wir jetzt Gelegenheit hatten, zu beweisen wie fern wir von der an-
erzogenen Zimperlichkeit waren. Wir brauchten uns nur in das eisige Wasser zu stürzen. Und
das taten wir. Unser Ruhm ließ die Ortsgruppe
der Jungen nicht ruhen, bis sie am nächsten Mor-
gen ebenfalls in die Spree gesprungen waren“.35
Zu den Aneignungsformen zählte also auch, aktiv
mit dem anderen Geschlecht zu konkurrieren und
dieses gar zu übertreffen. Derartige Beschrei-
bungen unterstreichen auf der Ebene der Selbst-
beschreibungen, dass Geschlecht − auch in den
jugendbewegten Aushandlungsprozessen − eine
relationale Kategorie ist. Zudem fällt auf, dass
sich diese Aneignungsprozesse und das „doing-
gender“ vor allem auf der Ebene des Körpers, des
Habitus, des Sports und des Performativen be-
wegten. Neue Handlungsspielräume bedeuteten
also insbesondere neue Bewegungsspielräume
und Praktiken des Körpers (Abb. 4). Abb. 4: Wandervogelmädchen
Die Aneignungs- und Aushandlungsprozesse brachten die Ausgestaltung eines „psycho-so- beim ­Speerwerfen, Fotografie
­Julius Groß, Postkarte, 1909–1932
zialen Moratoriums“ auch für weibliche Jugendliche mit sich, das, wie Erik Erikson (1902–1994)
es 1970 beschrieb, auch als Zeit „von Abenteuern“ gelten durfte.36 Diesen spezifischen Konnex
zwischen „Jugend“ und „Abenteuer“ stellte bereits Georg Simmel (1858–1918) in seinem Text zum
„Abenteuer“ aus dem Jahre 1911 her, der die Verbindung von Jugend, Abenteuer und Romantik
herausarbeitet und sich auch als Reflex auf die Jugendbewegung lesen lässt.37 Dabei handelt es
sich bei der bürgerlichen Jugendbewegung historisch nicht um die ersten Jugendorganisationen
für Mädchen in Deutschland, wie in der Literatur gerne behauptet wird.38 Das Innovative ist hin-
gegen das Insistieren auf einem weiblichen jugendlichen Moratorium des „Noch-nicht“ jenseits
von Verpflichtungen, das Recht auf Generationendifferenz, auf Selbstgestaltung und Abenteuer
sowie der gemischtgeschlechtliche Umgang in selbstverantworteten Jugendgruppen, ein Mora-
torium, das wie Erikson betont ein „selektives Gewährenlassen“ seitens der Erwachsenen und
der Gesellschaft voraussetzt.39
Allerdings waren die jugendbewegten Erfahrungen der Frauen und Mädchen auf „dünnem
Eis“ angesiedelt − um das Bild von Margarete Buber-Neumann aufzugreifen −, sie waren prekär
und widersprüchlich und bewegten sich zwischen Männerbund, Kameradschaftskonzept, den
Aneignungsprozessen jugendbewegter Erlebnisformen, der Ausgestaltung eines weiblichen Mo-
ratoriums sowie normativen Weiblichkeits- und Männlichkeitsentwürfen. So nahmen etwa in
der bündischen Phase, die mit einer Erstarkung „normativer Männlichkeit“ einherging, nicht nur

64 „Mit uns zieht die neue Zeit“


die weiblichen Mitgliederzahlen anteilig ab, sondern die Handlungsspielräume der Mädchen
wurden tendenziell wieder eingeschränkt. Die Begeisterung der Mädchen über die Ausweitung
ihrer Handlungsspielräume und ihre Partizipationsformen in der Jugendbewegung ist jedoch
nicht gleichzusetzen mit einem grundsätzlichen Eintreten für politische Partizipation und ega-
litäre Positionen, für Ideen von Geschlechtergerechtigkeit und für diejenigen der Frauenbewe-
gung. Vielen Mädchen und Frauen in der Jugendbewegung stellte sich die neue Jugendphase als
unpolitisch verstandene Vorbereitungszeit auf den eigentlichen Zweck der weiblichen Biografie,
auf Ehe und Familie, dar. Zudem waren auch die Frauen und Mädchen in der Jugendbewegung
− darin der bürgerlichen Frauenbewegung vergleichbar − nicht vor konservativen, nationalen,
völkischen, antisemitischen und rassehygienischen Orientierungen gefeit.
Dass sie wenig an grundsätzlichen Ideen zur Emanzipation interessiert und unpolitisch
gewesen seien, moniert die Schriftstellerin, Journalistin und Fotografin Annemarie Schwarzen-
bach (1908–1942), eine Freundin von Klaus (1906–1949) und Erika Mann (1905–
1969), in die sich Schwarzenbach verliebte (Abb. 5). Sie beschrieb zwar einerseits,
dass sie im Wandervogel, in dem sie von 1924 bis 1925 Mitglied war, mit bewe-
genden Themen wie Freundschaft, Kameradschaft, Natur und Technologiekritik
in Berührung kam, andererseits kritisierte sie, dass die Mädchen dem Männer-
bund wenig entgegensetzen würden und nicht wirklich an einer Änderung der
Geschlechterrollen interessiert seien. Schwarzenbach beklagte, dass die Mäd-
chen „halb losgelöst und doch abhängig von den Buben“40 blieben. Über eine ge-
meinsame Veranstaltung von Jungen- und Mädchengruppen im Jahre 1925 be-
merkte sie: „In der Diskussion war kein Mädchen fähig, wirklich eine Meinung zu
vertreten oder eine persönliche Kraft zu beweisen. Dass die Buben uns im Spiel
weit überlegen sind, ist weiter nicht merkwürdig. Aber im Allgemeinen sind wir
Mädchen absolut nicht unter den Buben stehend. Ich meine, die jungen Mädchen
zwischen 15 und 21 brauchen sich wahrhaftig nicht vor der Überlegenheit des
männlichen Geschlechtes fürchten. Aber im Wandervogel ja. Es gibt hundert Er-
klärungen, aber keine Entschuldigung dafür.“ 41 Sie forderte die Mädchen auf, sich nicht nur mit Abb. 5: Annemarie Schwarzenbach
„Romantik, Fahrten und Singabende[n]“ zu befassen. 42 am Zürichsee, Fotografie, 1933

Bilanzieren lässt sich abschließend, dass „Geschlechterverhältnisse“ und „Sexualität“


Schlüsselthemen zu Anfang des 20. Jahrhunderts waren. In der Jugendbewegung wurden sie
wie in einem Brennglas diskutiert. Was die Sexualität betrifft, gibt es jedoch in der Jugendbe-
wegung ein auffälliges Missverhältnis zwischen latenter Präsenz einerseits und mangelnden
Foren andererseits, in denen sich Jugendliche sexuelles Wissen aneignen und sich über ihre
Such- und Orientierungsbewegungen austauschen konnten. Sexualität war nur verdeckt präsent,
auch wenn „das Sexualproblem“ in der Weimarer Zeit stärker in den Fokus rückte.43 Wie die Ju-
gendlichen der Jugendbewegung mit diesen Spannungsverhältnissen umgegangen sind, müsste
noch genauer erforscht werden.

Geschlechterverhältnisse, Sexualität und Erotik in der bürgerlichen Jugendbewegung 65


1 Zur Koedukation im Spiegel von Elternbriefen siehe Christl hungsheimen. In: Sexualisierte Gewalt, Macht und ­Pädagogik. Hrsg.
Stark: Idee und Gestalt einer Schule im Urteil des Elternhauses. Eine Werner Thole/Meike Baader/Werner Helsper u.a. Opladen/Berlin/
Dokumentation über die Odenwaldschule zur Zeit ihres G
­ ründers Toronto 2012, S. 27–44. – Zu der Reaktion der E
­ ltern, der Kollegen-
und Leiters Paul Geheeb (1910–1934). Diss. Heidelberg 1998 [Hoch- schaft und der Öffentlichkeit siehe Peter ­Dudek: Versuchsacker für
schulschrift], S. 299–309. eine neue Jugend. Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906–1945.
2 Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Bad Heilbrunn 2009, S. 276–287.
­Europäers. Frankfurt a.M. 1997, S. 94. 25 Sonderdrucke der Zeitschrift „Vivos voco“ Nr. 9 und Nr. 10. –
3 Zweig 1997 (Anm. 2), S. 90. Attentus: Zum Wyneken- Problem. In: Vivos voco. Zeitschrift für
4 Zweig 1997 (Anm. 2), S. 97. neues Deutschtum 1921, H. 7, S. 423–425. – Erich Mohr: Zu W
­ ynekens
5 Elisabeth Busse-Wilson: Stufen der Jugendbewegung. Ein Verurteilung. In: Vivos voco 1921, H. 7, S. 383–385.
Abschnitt aus der ungeschriebenen Geschichte Deutschlands. Jena 26 Mohr 1921 (Anm. 25), S. 384–385.
1925, S. 96. 27 Mohr 1921 (Anm. 25), S. 385.
6 Götz Aly/Michael Sontheimer: Fromms. Wie der jüdische 28 Siehe dazu Toni Tholen: Geschlechterkonstruktionen und
Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel. Jugendbewegung in literarischen Texten um und nach 1900. In:
­Frankfurt a.M. 2007, S. 25. Historische Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs der deutschen
7 Atina Grossmann: Reforming Sex. The German Movement for Jugendbewegung N.F. 7, 2010, S. 143–155.
Birth Control and Abortion Reform 1920–1950. New York 1997. 29 Kerstin Wolff: Wie die bürgerliche Frauenbewegung über Mäd-
8 Aly/Sontheimer 2007(Anm. 6), S. 15. – Walter Laqueur: W
­ eimar. chen und Frauen aus der Jugendbewegung schreibt. Eine Zeitschrif-
Die Kultur der Republik. Frankfurt a.M. 1977. tenanalyse. In: Historische Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs
9 Siehe hierzu Claudia Bruns: Eros, Macht und Männlichkeit. Män- der deutschen Jugendbewegung N.F. 7, 2010, S. 156–168.
nerbündische Konstruktionen in der deutschen Jugendbewegung 30 Busse-Wilson 1925 (Anm. 5), S. 95.
zwischen Emanzipation und Reaktion. In: Historische Jugendfor- 31 Ida Teichmann: Das Lied, Frühlingsblüten, Traum. In: Junge
schung. Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung N.F. Menschen. Blatt der deutschen Jugend, Stimme des neuen Jugend-
7, 2010, S. 25–54. – Barbara Stambolis: Weiblichkeit im Männerbund: willens 2, 1921, H. 15. – Siehe dazu auch Andresen 1997 (Anm. 20),
von „lieblichen Jungfrauen“ zu „verbengelten Gestalten“. In: S. 218–225.
Historische Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs der deutschen 32 Busse-Wilson 1925 (Anm. 5), S. 94–102. – Baader 2011 (Anm. 9),
Jugendbewegung N.F. 7, 2010, S. 55–74. – M
­ eike Sophia Baader: „Wie S. 85.
kam das Weib nun schließlich doch an die Lagerfeuer der Jugend- 33 Maria M., die in der Zeit vor 1914 mit 12 Jahren in den Wander-
bewegung?“ Gesellungs-, Vergemeinschaftungs- und Beziehungs- vogel Kiel eingetreten war, zitiert nach Fred Grimm: „Wir wollen eine
formen als Geschlechterkonstruktionen um 1900. In: Historische andere Welt“. Jugend in Deutschland 1900–2010. Eine private Ge-
Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbe- schichte aus Tagebüchern, Briefen, Dokumenten. Berlin 2010, S. 39.
wegung N.F. 7, 2010, S. 75–95. 34 Berta Erdlen, Hamburger Wandervogel-Führerin in der Zeit vor
10 Hans Blüher: Das Buch Peregrina. In: Ders.: Werke und Tage. 1914; zitiert nach Grimm 2010 (Anm. 33), S. 39.
Geschichte eines Denkers. München 1953, S. 422. 35 Margarete Buber-Neumann: Von Potsdam nach Moskau. Stutt-
11 Jürgen Reulecke: Männerbund versus Familie. Bürgerliche gart 1957, S. 26.
Jugendbewegung und Familie in Deutschland im ersten Drittel des 36 Erik Erikson: Jugend und Krise. Die Psychodynamik im ­sozialen
20. Jahrhunderts. In: „Mit uns zieht die Neue Zeit“. Der Mythos Wandel. Stuttgart 1970, S. 161–162.
Jugend. Hrsg. von Thomas Koebner/Rolf Peter Janz/Frank Trommler. 37 Georg Simmel: Das Abenteuer und andere Essays.
Frankfurt a.M. 1985, S. 199–223, bes. S. 213. ­Frankfurt a.M. 2010, S. 39–57, bes. S. 51– 57.
12 Reulecke 1985 (Anm. 11), S. 214. 38 Dies hat Petra Brinkmeier in ihrer Dissertation zu den
13 Claudia Bruns: Politik des Eros. Der Männerbund in Wissenschaft, Evangelischen Jungfrauenvereinen ausführlich gezeigt: Weibliche
Politik und Jugendkultur (1880–1934). Köln/Weimar/Wien 2008. Jugendpflege zwischen Geselligkeit und Sittlichkeit. Zur Geschichte
14 Bruns 2008 (Anm. 13), S. 324. des Verbandes der evangelischen Jungfrauenvereine (1890–1918).
15 Bruns 2011 (Anm. 9). Potsdam 2003. – Exemplarisch für die Behauptung, es handele sich
16 Baader 2011 (Anm. 9). um die ersten weiblichen Jugendorganisationen jenseits des Eltern-
17 Bruns 2011 (Anm. 9), S. 37. hauses: Antje Harms: Antisemitismus und völkisches Denken im
18 Victor Gudenberg: Tage- und Fahrtenbücher. Archiv der deut- Deutschen Mädchen-Wanderbund. In: Historische Jugendforschung.
schen Jugendbewegung, CH 1, Nr. 14. Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung N.F. 2, 2005,
19 Jürgen Oelkers: Eros und Herrschaft. Die dunklen Seiten der S. 197–212, bes. S. 199.
Reformpädagogik. Weinheim 2012, S. 257. – Zu Kindt siehe Ulfried 39 Erikson 1970 (Anm. 36), S. 161–162.
Geuter: Homosexualität in der Jugendbewegung. Jungenfreund- 40 Zitiert nach Areti Georgiadou: „Das Leben zerfetzt sich mir
schaft und Sexualität im Diskurs von Jugendbewegung, Psycho- in tausend Stücke“. Annemarie Schwarzenbach. Eine Biographie.
analyse und Jugendpsychologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Frankfurt a.M. 1996, S. 58.
Frankfurt a.M. 1994. 41 Annemarie Schwarzenbach. In: Der Wandervogel, Oktober 1925,
20 Sabine Andresen: Mädchen und Frauen in der bürgerlichen Ju- H. 3/4, zitiert nach Georgiadou 1996 (Anm. 40), S. 58.
gendbewegung. Soziale Konstruktion von Mädchenjugend. Neuwied 42 Zitiert nach Georgiadou 1996 (Anm. 40), S. 58.
1997, S. 214. 43 Buber-Neumann 1957 (Anm. 35), S. 27.
21 Busse-Wilson 1925 (Anm. 5), S. 68.
22 Busse-Wilson 1925 (Anm. 5). Bildnachweis
23 Gustav Wyneken: Eros. Lauenburg 1921. Schweizerisches Literaturarchiv, Bern · Abb. 5
24 Oelkers 2012 (Anm. 19), S. 238–249, dort ausführlich zu dem © Germanisches Nationalmuseum, Foto: Monika Runge · Abb. 2
Prozess gegen Wyneken. – Zu den Aussagen der Opfer im Verfahren Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen · Abb. 1
siehe Jürgen Oelkers: Pädagogischer Eros in deutschen Landerzie- (Foto: Monika Runge, GNM), 4

66 „Mit uns zieht die neue Zeit“


Markus Zepf

Musik bewegt
Zu Lied und Musik der Jugend- und Singbewegung bis zum Zweiten Weltkrieg

Im ausgehenden 19. Jahrhundert diente in Preußens Schulen das gemeinsame Singen patrioti-
scher Lieder zur Disziplinierung und Mäßigung der Schüler.1 Eine Gegenwelt hierzu entstand
1896 am Gymnasium Steglitz. Der Leiter des Schulchors Max Pohl (1869–1928), der eigentlich
Latein, Griechisch und Deutsch unterrichtete, brachte den Pennälern die weltlichen Lieder des
13. bis 19. Jahrhunderts nahe, die sie auf Wanderungen und Fahrten mit ihrem Stenografielehrer
Hermann Hoffmann (1875–1955) sangen. Diese Lieder waren in musikwissenschaftlichen Edi-
tionen veröffentlicht2 und wurden nach damaligem Usus als „klassische Volkslieder“ apostro-
phiert. Was als bürgerliche Musikpflege erscheint, ist bei genauerem Hinsehen ein bewusster
Traditionsbruch: Rousseaus Forderung „Zurück zur Natur“ hatte seit der Spätaufklärung das
Bürgertum in die von Menschenhand gestaltete Natur der Parks, Landschaftsgärten und Pro-
menaden geführt.3 Die Steglitzer „Wandervögel“ hingegen wollten das Ursprüngliche ergründen
und suchten die ungestaltete Natur. Sie entflohen dem Alltag, der Schule und Erwachsenenwelt
und stellten sich der „Unausweichlichkeit des ‚Erhabenen’“.4
Dieses Konzept jugendlicher Lebensgestaltung lag gewissermaßen „in der Luft“. Zur künst-
lerischen Neuorientierung im Fin de Siècle hatte Hermann Bahr (1863–1934) schon 1891 fest-
gestellt: „Die Sprache ist alt und verbraucht und ihre Sätze für jedes Gefühl kennen wir lange,
bevor wir das Gefühl selber noch kennen: wir haben ihre Gewohnheit und sie wirken auf uns
nicht mehr. Wenn wir später ein solches Gefühl selber erfahren, dessen Formel uns lange ver-
traut ist, dann verlangen wir einen anderen Ausdruck, an dem eine neue und frische Empfindung
sein soll.“ 5 Diese „neue und frische Empfindung“ für ihre Gefühle fanden die Jugendlichen in
frühneuzeitlichen Liedern wie „Ich fahr dahin, wann es muß sein“ aus dem Lochamer Liederbuch
(1451–1453) oder „Ich armes Maidlein klag mich sehr“ aus dem 1549 gedruckten ersten Band von
Georg Forsters „Frischen teutschen Liedlein“, die beide 1909 Eingang in den „Zupfgeigenhansl“
fanden. Weitere Lieder und Tänze lernten die Wandervögel auf ihren Fahrten kennen. Vielfach
haben sie diese aufgezeichnet und in Rundbriefen einem größeren Kreis zugänglich gemacht.
Einige dieser Kollektaneen bildeten die Grundlagen für gedruckte Liederbücher und „Wander-
vogel-Alben“. Das einflussreichste war der schon erwähnte „Zupfgeigenhansl“, dessen Verbrei-
tungsgebiet weit über den Wandervogel mit seinen 50.000 Mitgliedern hinausreichte. Diese
­kamen überwiegend aus der bürgerlichen Mittelschicht,6 und entsprechend heterogen zeigen
sich die regionalen Liederbücher der Wandervogel-Vereine. Das 1914 erschienene Heft „Wander-

Musik bewegt 67
vögel“ beispielsweise enthält 182 Lieder, darunter auch das zur Volksweise gewordene „Ännchen
von Tharau“ Friedrich Silchers (1789–1860) oder Felix Mendelssohn Bartholdys (1809–1847) „Auf
Flügeln des Gesanges“.7 Adolf Häseler hingegen nahm in sein „Wandervogel-Album“ Bearbeitun-
gen aus Opern und Operetten auf, beispielsweise Walter Kollos (1878–1940) „Die Männer sind
alle Verbrecher“ aus der 1913 uraufgeführten Operette „Wie einst im Mai“.8
Ein solch breites Spektrum war dem ehemaligen Steglitzer Wandervogel und damaligen Hei-
delberger Medizinstudenten Hans Breuer (1883–1918) zuwider. Als Herausgeber des „Zupfgeigen-
hansl“ lehnte er Schlager- und Operettentitel wegen deren flachen, bald abgesungenen Weisen ab.
Stattdessen verwies er auf die „unverwüstliche Lebenskraft“ der „echten“ Volkslieder: „Was der
Zeit getrotzt, das muß einfach gut sein.“ 9 Der Begriff „Schlager“ war seit den 1860er Jahren mit
dem Wiener Volkssängertum verbunden und um 1900 zum werbewirksamen Kennzeichen saisonal
kommerziellen Erfolgs geworden.10 Breuer unterstrich also die Ernsthaftigkeit des ausgewählten
Wandervogel-Repertoires und grenzte es zugleich von der Unterhaltungsmusik ab. Obwohl weite
Teile von Wandervogel und Jugendbewegung kaum Interesse an der zeitgenössischen Kunstmusik
hatten, fanden beide in ihrer Distanzierung zur Unterhaltungsmusik zusammen.11
Die Suche nach dem einfachen Leben in Wandervogel und Jugendbewegung korrespondier-
te mit den leicht ausführbaren Sätzen der meisten Liederbücher, die neben der Singstimme als
jedermann zugänglichem Musikinstrument eine akkordische Begleitung für Gitarre, im Jargon
„Zupfgeige“ oder „Klampfe“ genannt, oder Mandoline enthalten. Die Gitarre war seit dem frühen
19. Jahrhundert bevorzugtes Begleitinstrument für das Lied,12 und Breuer erkor sie im Früh-
jahr 1909 zur Standardausrüstung der Wanderfahrten: „Sie
macht viel Pläsier unterwegs und öffnet Tür und Tor dem
Herberg suchenden Bachanten.“ 13 Parallel zur Entdeckung
der frühneuzeitlichen Lieder im Wandervogel erwachte
im Musikleben das Interesse an alten Musikinstrumenten
und folgerichtig fand die Laute im Wandervogel und den
bündischen Gruppen ihre zeitgemäße Aneignung mit mo-
derner Bauform und Gitarrenstimmung (Abb. 1). Um mög-
lichst breitflächig das gitarrebegleitete Singen zu etablie-
ren, enthalten die meisten Liederbücher kurze Anleitungen
zum Gitarre- und Lautenspiel. Es folgten Periodika wie
beispielsweise die 1917 von Richard Möller (1897–1918)
herausgegebene Zeitschrift „Die Laute – Monatsschrift zur
Pflege des deutschen Liedes und guter Hausmusik“. Nach
dessen Tod übernahm sie Fritz Jöde (1887–1970), der 1922
den Titel in „Die Musikantengilde. Blätter der Erneuerung aus dem Geiste der Jugend“ änder- Abb. 1: Werbeanzeige für Zupf-
te. 1919 gründete er die „Neudeutsche Musikergilde“, die er später in „Musikantengilde“ umbe- instrumente der „Sächsischen
Musikinstrumenten-Manufaktur
nannte. Anders als der Wandervogel nutzte er historische und nachempfundene Instrumente und Schuster & Co. Markneukirchen“,
proklamierte „im Anschluss an August Halm den ‚Dienst an der Kunst‘ als Zielvorstellung“.14 Aus in: Das Landheim, Bugra 1914.
der engen personellen Verbindung mit dem Wandervogel entwickelte sich zwischen den Welt- Das Wandervogellandheim auf
der Buchgewerbe-Ausstellung in
kriegen unter anderem die Sing- und Musikbewegung, deren gesellschaftliches Engagement in Leipzig 1914. Leipzig 1914
den ­Jugendmusikschulen fortlebt (Abb. 2). (vgl. [Link]. 202)
Während die Unterbringung auf den Fahrten entindividualisierend wirkte, stärkten Kluft
und gemeinsames Musizieren die Gemeinschaft.15 In Wandervogel, Jugend- und Singbewegung
diente das gemeinschaftliche Musizieren der Erziehung des Individuums zum „ganzen Men-
schen“ und im Sinne Nietzsches fungierte das gesungene Wort als Bastion gegen die nivellie-
renden Einflüsse der Zivilisation. 1903 begrüßte die Bevölkerung in den deutschsprachigen

68 „Mit uns zieht die neue Zeit“


Sudetengebieten den ersten Wandervogel-Verein als Verbündeten im Kampf gegen die sprach-
liche Überfremdung. Er stand in der Tradition des 1894 gegründeten „Bundes der Deutschen
in Böhmen“, der eine „Erweckung des völkischen Selbstgefühls“ mit deutlich antisemitischen
Tendenzen verfolgte und auf eine Herstellung Großdeutschlands zielte.16 Im Deutschen Reich
hingegen drang am Vorabend des Ersten Weltkriegs eine Diskussion um die Aufnahme von
­Juden in den Wandervogel an die Öffentlichkeit. Der
Bundesleiter des Wandervogel, Edmund Neuendorff
(1875–1961), überließ es letztlich den jeweiligen Orts-
gruppen, „Juden, die ihr nach ihrem Menschwerte ge-
eignet scheinen,“ aufzunehmen oder abzulehnen: „Das
Wesen des Wandervogels ist ganz und gar deutsch
und wurzelt in deutscher Vergangenheit. Daher ist es
verständlich, daß Juden mit besonders ausgeprägten
Rasseneigentümlichkeiten, die für diese Vergangenheit
naturgemäß kein Verständnis haben, nicht in den Wan-
dervogel passen werden.“17 Auf das Lied­repertoire hatte
diese Selektion weniger Einfluss, als das gemeinsame
Wandern von Jungen und Mädchen.
Seit August 1914 begleiteten der „Zupfgeigenhansl“
und seine Gefährten viele Wandervögel und jugend-
bewegte Soldaten ins Feld. Das Lied erfüllte auch hier,
gleichgültig ob alleine oder in der Gruppe, eine disziplinierende Funktion, wie 1916 der Volks- Abb. 2: Wandervögel aus Krefeld,
kundler John Meier (1864–1953), der Gründer des Deutschen Volksliedarchivs in Freiburg im Fotografie, um 1920

Breisgau, feststellte: „Das Aussprechen der Gefühle, hier im Gesang mit Worten eines anderen,
entlastet den Einzelnen von dem sonst zu starken Drucke, unter dem er leiden und verküm-
mern würde.“18 Das Kriegserlebnis und der anschließende Kollaps der bisherigen Werteordnung
führten schließlich zu einer Neuorientierung. Der Jugendbewegung verbundene Frontkämpfer
verarbeiteten das erlebte Grauen oftmals in Liedtexten, die in fernen Zeiten und Gegenden, etwa
bei den Kosaken und Reitervölkern, spielen. Ihr Erleben gaben sie somit chiffriert an die nächste
Generation weiter.19
In den Gruppen der Jugendbewegung und den Bünden diente das gemeinsame Lied nicht
dem individuellen ästhetischen Genuss. Die Texte bezogen ihre Legitimation aus dem unmittelba-
ren Dasein, das der Einzelne im gemeinsamen Singen mitvollziehend erleben sollte.20 Allerdings
mehrten sich Klagen über die Formen des Gesangs. So bemängelte Leo Kestenberg (1882–1962),
Musikreferent im Preußischen Kultusministerium, zum Beispiel, dass das Singen „oft der Aus-
druck zügellosen Übermuts [sei], der sich in musikalisch reichlich roher Form äußert“.21 Solchem
Wildwuchs begegnete der promovierte mährische Germanist und Volksliedforscher Julius Jani-
czek (1887–1956), der sich eingedeutscht Walther Hensel nannte. Mit großer Sorgfalt widmete
er sich dem „echten deutschen Volkslied“, betrieb Feldforschungen und klassifizierte die Lieder
in fünf Kategorien, um gut und schlecht zu unterscheiden.22 Gemeinsam mit seiner ersten Frau
Olga (1885–1977), einer Sängerin und Stimmbildnerin, die im anthroposophischen Sinne Gesang
als Mittel zur Bildung von Persönlichkeit und Gemeinschaft einsetzte,23 hielt er erstmals 1923 in
Finkenstein bei Mährisch Trübau (Moravská Třebová, Tschechische Republik) eine streng regle-
mentierte Singwoche ab. Diese war nur auf Einladung zugänglich und hatte rund 70 Teilnehmer
aus Deutschland, Böhmen, Schlesien und Österreich angezogen. Von nachhaltigem Eindruck auf
die Teilnehmer war das abschließende offene Singen an der Pestsäule auf dem Marktplatz in
Mährisch Trübau,24 das in der Folge Nachahmer in zahlreichen deutschen Städten fand und die

Musik bewegt 69
Singbewegung fest in der Gesellschaft verankerte (Abb. 3). Hensel lebte zwischen 1930 und dem
Münchner Abkommen 1938 in Stuttgart, wo Hans Grischkat (1903–1977) engagiert und zugleich
energisch diese Singbegeisterung mit der Bach-Renaissance verband.25 Durch seinen Schüler
Helmut Rilling (geb. 1933) lebt diese Tradition mit der 1954 gegründeten Gächinger Kantorei und
der 1981 ins Leben gerufenen „Internationalen Bach-Akademie Stuttgart“ fort.
Hensel und seinen sudetendeutschen Gefolgsleuten war die Pflege deutschen Liedguts in
der 1918 entstandenen Tschechoslowakei zentrale Aufgabe. Auf das politisch motivierte Zurück-
drängen der deutschen Sprache und den allmählichen Verlust der Lieder reagierte er mit Kampf-
schriften, Liederbüchern und nicht zuletzt dem offenen Singen. Teile der bündischen Jugend
sahen die Grenzlandfahrten ins Sudetenland hingegen als politische Mission. Sie sammelten
Lieder und Tänze, kartierten ihre Funde mit den jeweiligen Bevölkerungsdaten und notierten
akribisch, wo Juden wohnten. Diese Daten übergaben sie der „Mittelstelle für Jugendgrenzland-
arbeiten“, die die Zeitschrift „Volk und Reich“ herausgab und später den Nationalsozialisten
ausreichend Material für die Judenverfolgung in die Hände spielte.26 Eine pauschale Verkürzung
der Jugend- und Singbewegung mit ihren zahlreichen Untergruppen auf solche Aktionen wäre
jedoch verfehlt, denn vielerorts setzten nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten
gerade die bündischen Gruppen mit ihren Liedern den Zwängen und Repressalien des Nazi-
regimes Widerstände entgegen. Dies zeigen hinreichend die „Gefährlichen Lieder“ der unange-
passten Jugend im Rheinland,27 der „Edelweißpiraten“ oder der Deutschen Jungenschaft 1929,
die dj.1.11.28 Deren Mitglied Hans Scholl (1918–1943) schrieb während seines Arbeitsdienstes im
Mai 1937 seiner Mutter über das Lied in der Gemeinschaft: „Und doch singen wir immer wieder
aus ganzem Herzen, und es ist ein Trost, seinen innersten Gefühlen im Liede wenigstens Luft
schaffen zu können.“ 29
Den braunen Machthabern waren die Lieder der Jugend- und Singbewegung suspekt. Seit
Mitte der 1920er Jahre hatten Konzerte der Donkosaken die Liedproduktion der Jugend- und
Singbewegung beeinflusst. So wurden insbesondere die „slawischen Melismen“ (Silben, die
über zwei, seltener drei Töne gesungen werden), wie sie bei-
spielsweise in dem Lied „Platoff preisen wir den Helden“ be-
gegnen, zum charakteristischen Kennzeichen dieser „gefähr-
lichen“ Lieder mit ihren bisweilen melancholischen Texten.30
In der Hitlerjugend und dem Bund deutscher Mädel hingegen
schworen die Nationalsozialisten die Jugendlichen unter an-
derem mit Liedtexten ihres Reichsjugendführers Baldur von
­Schirach (1907–1974) wie beispielsweise „Es dröhnen Trom-
meln durch das Land“ mit einer Melodie von Georg Blumen-
saat (1901–1945) 31 auf den erstarkenden Militarismus ein.
Eine andere Liaison bestand zwischen der Jugend- und
Singbewegung und der akademischen Musikwissenschaft.
­Wilibald Gurlitt (1889–1963), Neffe des am Gymnasium Steglitz
tätigen Reformpädagogen und Wandervogels Ludwig Gurlitt
(1855–1931), gründete 1920 an der Universität Freiburg im
Breisgau ein Musikwissenschaftliches Seminar, dem er ein studentisches „Collegium Musicum“ Abb. 3: Walther Hensel mit Sänger­
angliederte. Mit seinen Studenten musizierte er auf historischen Streich- und Tasteninstrumen- innen und Sängern während
einer Singwoche in Saalhausen,
ten sowie nachgebauten Blockflöten,32 um „der Gegenwart durch gemeinschaftliches Musizieren ­Fotografie Julius Groß, 1925
Kräfte aus einer geistesmächtigeren Vergangenheit zuzuführen, nach denen sie suchte.“33 Die
Blockflöte eroberte sich seit Mitte der 1920er Jahre vor allem in Neukonstruktionen von Peter
Harlan (1898–1966) einen Platz im jugend- und singbewegten Musikleben.34 In öffentlichen Ver-

70 „Mit uns zieht die neue Zeit“


anstaltungen suchte Gurlitt den Laien einen Zugang zu zeitgenössischer
Musik zu verschaffen. Bei den Donaueschinger Musiktagen lernte er 1921
Paul Hindemith (1895–1963) kennen. Dieser zählte zur gemäßigten Moder-
ne, hatte während des Krieges als Musiker mit Laien gearbeitet und suchte
nun durch entsprechende Kompositionen deren musikalisches Fortkommen
zu fördern. Dies führte 1926 zu einer engen Zusammenarbeit mit Fritz Jöde,
der von 1923 bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten eine Professur
für Chorleitung und Volksmusikerziehung an der Staatlichen Akademie für
Kirchen- und Schulmusik in Berlin bekleidete und im gleichen Jahr in Berlin-
Charlottenburg die erste Jugendmusikschule eröffnete.35 Jödes „Musikanten-
gilde“ war mit rund einer Million Mitglieder die größte Laienmusikgruppe
der Jugendbewegung und entsprechend attraktiv für Hindemith,36 der vergebens hoffte, aus ihren Abb. 4: Musizierende Jugend­
Reihen Kompositionsaufträge zu erhalten. In enger Zusammenarbeit mit deren Wortführer Hilmar liche der „Musikantengilde“ mit
­handschriftlicher Widmung von
Höckner (1891–1968) schrieb er für dessen Schulorchester verschiedene Werke, beispielsweise die Hilmar Höckner an Wilibald Gurlitt
„Spielmusik für Streichorchester, Flöten und Oboen“, op. 43/1, deren technisches Niveau er den auf der Rückseite, Fotografie
Laienmusikern anpasste (Abb. 4). Obwohl es 1929 im Umfeld der deutschen Kammermusiktage in Walther Rothe, 1927

Baden-Baden zum Bruch mit Jöde und Höckner kam, war Hindemith als Autor weiterhin in deren
Zeitschriften präsent.37
Die Verquickung von Jugendbewegung und pädagogischer Musik mit den Nationalsozi-
alisten geißelte Theodor W. Adorno (1903–1969) in seiner 1956 publizierten „Kritik des Musi-
kanten“.38 Wortgewandt bezog er gegen die Jugendbewegung Stellung, blieb in seinen Angriffen
gegen den Freiburger Musikpädagogen und promovierten Philosophen Erich Doflein (1900–1977)
aber konkrete Angaben schuldig. Im Umgang mit Joseph Müller-Blattau (1895–1976) hingegen,
der Adornos 1960 veröffentlichte Mahler-Monografie lobend besprochen hatte, zeigte er sich von
seiner Eitelkeit geblendet und weniger sensibel.39 Zwischen 1933 und 1945 zählte Müller-Blattau
zu den überzeugten Gefolgsleuten der Nationalsozialisten und ebnete deren Ideologie den Weg
in die Musikwissenschaft. Adornos Abneigung gegen die Jugend- und Singbewegung sowie de-
ren Protagonisten kategorisierte der Musikwissenschaftler Albrecht Riethmüller (geb. 1947):
„1. jugendmusikbewegt plus Nazi (schlimmste Kategorie), 2. jugendmusikbewegt (fast ebenso
schlimm), 3. Nazi solo (zwar auch schlimm, aber ohne den extra Hass der beiden anderen Kate-
gorien). Mit anderen Worten: Mit Blockwärtern kann man notfalls leben, mit Blockflöten nicht.
Und die Musikwissenschaft bestand für ihn aus Blockflöten, sonst nichts.“ 40
Ob Blockflöte oder Klampfe: Die Musik der Jugend- und Singbewegung war bis zum Zweiten
Weltkrieg umfassend in der Gesellschaft verankert. Vor allem in der Zwischenkriegsära fanden
Jugend- und Singbewegung mit ihren zahlreichen Untergruppen durch den Einsatz des „göttlichen
Instruments“ Stimme (Walther Hensel) regen Zuspruch: Der Gesang kommt ohne teure Musikin-
strumente aus und ein geschickter Chorleiter vermag in kurzer Zeit hörbare Erfolge zu erzielen.
Ein gesellschaftlich relevantes Erbe der Jugendbewegung sind bis heute die Jugendmusikschulen.

1 Dorothea Kolland: Jugendmusikbewegung. In: Handbuch der 3 Hans-Peter Reinecke: „Kultur“. Anmerkungen zur Evolution
deutschen Reformbewegungen 1880–1933. Hrsg. von Diethart eines Etiketts sozialer Identifikation. In: Musik befragt, Musik
Kerbs/Jürgen Reulecke. Wuppertal 1998, S. 379–394, bes. S. 384. – vermittelt. Peter Rummenhöller zum 60. Geburtstag. Hrsg. von
Dorothea Kolland: Die Jugendmusikbewegung. „Gemeinschafts- Thomas Ott/Heinz von Loesch. Augsburg 1996, S. 140–149.
musik“ – Theorie und Praxis. Stuttgart 1979. 4 Roland Eckert: Gemeinschaft, Kreativität und Zukunftshoffnun-
2 Beispielsweise Rochus von Liliencron: Die historischen Volks- gen. Der gesellschaftliche Ort der Jugendbewegung im 20. Jahr-
lieder der Deutschen vom 13. bis 16. Jahrhundert, 5 Bde. Leipzig hundert. In: Historische Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs
1865–1869. – Franz Magnus Böhme: Altdeutsches Liederbuch. der deutschen Jugendbewegung N.F. 5, 2008, S. 25–40, bes. S. 31.
Volkslieder der Deutschen nach Wort und Weise aus dem 12. bis 5 Hermann Bahr: Russische Reise. Dresden/Leipzig 1891,
zum 17. Jahrhundert. Leipzig 1877. S. 103–104.

Musik bewegt 71
6 Der Zupfgeigenhansl. Hrsg. vom Deutschen Bunde für 25 Klaus Peter Leitner: Fritz Jöde und Walther Hensel. Zwei
Jugendwandern durch Hans Breuer. Leipzig 1909. – Wolfgang Wege der Jugendmusikbewegung. In: Musik in Baden-Württem-
Kaschuba: Volkslied und Volksmythos. Der „Zupfgeigenhansl“ als berg 1, 1994, S. 41–71.
Lied- und Leitbuch der deutschen Jugendbewegung. In: Jahrbuch 26 Vgl. Szeskus 1966 (Anm. 16), S. 5–7.
für Volksliedforschung 34, 1989, S. 41–55, bes. S. 42. 27 Doris Werheid/Jörg Seyffarth/Jan Krauthäuser: Gefährliche
7 Wandervögel. 182 Lieder für 1 oder 2 Singstimmen mit Lieder. Lieder und Geschichten der unangepassten Jugend im
Gitarre, auch mit Mandolinenbegleitung ad. lib. Leipzig [um 1914], Rheinland 1933–1945. Hrsg. vom Dokumentationszentrum der
S. 12–13. Stadt Köln. Köln 2010.
8 Lieder zur Gitarre. Wandervogel-Album, Bd. II. Hrsg. von 28 Siehe den Vorspann zu „Sie werden Männer, die ihr Reich
Adolf Häseler. Hamburg o.J. [vor 1919], S. 48–50. ­erringen“ von Jürgen Reulecke in diesem Band.
9 Zupfgeigenhansl 1909 (Anm. 6), Vorwort. 29 Hans Scholl/Sophie Scholl. Briefe und Aufzeichnungen. Hrsg.
10 Markus Bandur: Schlager. In: Terminologie der Musik im von Inge Jens. München 1994, S. 14.
20. Jahrhundert. Hrsg. von Hans Heinrich Eggebrecht. Stuttgart 30 Das Lied mit Hinweisen zu seiner Rezeption in: Werheid/
1995, S. 384–395. Seyffarth/Krauthäuser 2010 (Anm. 27), S. 80.
11 Vgl. Tibor Kneif: Über funktionale und ästhetische Musik- 31 Unsre Fahne flattert uns voran. Eine Sammlung von Marsch-,
kultur. In: Jahrbuch des Staatlichen Instituts für Musikforschung Volks- und Landsknechtsliedern. Hrsg. von Hans Dosse. Berlin 1934.
Preußischer Kulturbesitz 2, 1970, S. 108–122, bes. S. 110. 32 Hermann Moeck: Zur „Nachgeschichte“ und Renaissance der
12 Siehe Dieter Klöckner: Gitarre. III. 20. Jahrhundert. In: Die Blockflöte. In: Tibia 3, 1978, S. 13–20, 79–88, bes. S. 19–20. – Die
Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil Bd. 3. 2. neubearb. Vorlagen stammten aus dem Germanischen Nationalmuseum,
Aufl. Kassel/Basel/Weimar 1995, Sp. 1329–1394, bes. Sp. 1362. – Nürnberg. Sie waren von Hieronymus F. Kinsecker (Inv. Nr. MI 98,
­Josef Bauer: Die Gitarre und das Wiederaufleben des Gitarre- MI 101, MI 102) und Johann Schell (Inv. Nr. MI 95) gefertigt, eine
spiels. In: Zeitschrift für Instrumentenbau 24, 1903/1904, Nr. 7, weitere Blockflöte war nicht inventarisiert. Eine Tenorblockflöte
S. 183–184. hatte Gurlitt aus dem Museum Heyer in Köln entliehen.
13 Zitiert nach Maike Mumm: Der Wandervogel in Heidelberg. 33 Lebenslauf im Nachlass Gurlitts. Dazu ausführlich Markus
Hans Breuer und die Entstehung des Zupfgeigenhansl 1908. In: Zepf: Musikwissenschaft. In: Die Freiburger Philosophische Fakul-
Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 13, 2009, S. 67–89, tät 1920–1960. Mitglieder – Strukturen – Vernetzungen. Hrsg. von
bes. S. 79. Eckhard Wirbelauer. Freiburg i. Br. 2007, S. 409–436.
14 Erich Reimer: „Musikant“ und „Musik“. Zur Geschichte einer 34 Moeck 1978 (Anm. 32), S. 79–88. Zu Harlans Flöten siehe
wechselvollen Beziehung. In: Musik. Zu Begriff und Konzepten. [Link]. 203.
Hrsg. von Michael Beiche/Albrecht Riethmüller. Stuttgart 2006, 35 Karl-Heinz Reinfandt: Jöde, Fritz. In: Die Musik in Geschichte
S. 43–56, bes. S. 54. und Gegenwart, Personenteil Bd. 9. 2. neubearb. Aufl. Kassel/Ba-
15 Eckert 2008 (Anm. 4), S. 26 u. 31. sel/Weimar 2003, Sp. 1074–1076.
16 Zur Terminologie siehe Peter Brandt: Volk. In: Historisches 36 Matthias Kruse: Paul Hindemith und seine Beziehungen zur
Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter†/Karlfried Jugendmusikbewegung. In: Musik und kulturelle Identität. Hrsg.
Gründer/Gottfried Gabriel, Bd. 11. Basel 2001, Sp. 1080–1090, bes. von Detlef Altenburg/Rainer Bayreuther. Bd. 2: Symposien B.
Sp. 1084. – Zum „Bund der Deutschen in Böhmen“ siehe Reinhard Kassel/Basel 2012, S. 557–563, bes. S. 558.
Szeskus: Die Finkensteiner Bewegung. Diss. Leipzig 1966 [Hoch- 37 Vergleiche Kruse 2012 (Anm. 36), S. 560.
schulschrift], S. 1–11. 38 Theodor W. Adorno: Kritik des Musikanten. In: Dissonanzen.
17 Edmund Neuendorff: Wandervogel und Judentum. In: Der Wiederabgedruckt in: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften,
Kunstwart 27, 1914, Bd. 3, S. 297–300, bes. S. 299. Bd. 14. Hrsg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt a.M. 1973, 3. Aufl.
18 Zitiert nach Jürgen Reulecke: „Wir reiten die Sehnsucht 1990, S. 67–107. – Theodor W. Adorno – Erich Doflein. Briefwech-
tot“ oder: Melancholie als Droge. Anmerkungen zum bündi- sel. Mit einem Radiogespräch von 1951 und drei Aufsätzen Erich
schen Liedgut. In: Männergeschichte – Geschlechtergeschichte. ­Dofleins. Hrsg. von Andreas Jacob. Hildesheim/Zürich 2006. –
Männlichkeit im Wandel der Moderne. Hrsg. von Thomas Kühne. Reimer 2006 (Anm. 14), S. 52–56.
Frankfurt a.M./New York 1996, S. 156–173, bes. S. 163. 39 Michael Custodis: Theodor W. Adorno und Joseph Müller-
19 Vgl. Reulecke 1996 (Anm. 18), S. 160–164. Blattau: Strategische Partnerschaft. In: Archiv für Musikwissen-
20 Siehe Stephen Hinton: Alte Musik als Hebamme einer neuen schaft 66, 2009, S. 185–208.
Musikästhetik der zwanziger Jahre. In: Bach, Händel, Schütz. Alte 40 Zitiert nach Custodis 2009 (Anm. 39), S. 196.
Musik als ästhetische Gegenwart. Bericht über den internationa-
len musikwissenschaftlichen Kongress Stuttgart 1985. Hrsg. von Bildnachweis
Dietrich Berke/Dorothee Hanemann, 2 Bde. Kassel/Basel/London Privatarchiv · Abb. 4
1987, Bd. 2, S. 325–330, bes. S. 325, 328. Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen · Abb. 1+2
21 Zitiert nach Heinz Antholz: Jugendbewegung. In: Die Musik (Fotos: Monika Runge, GNM), 3
in Geschichte und Gegenwart, Sachteil Bd. 4. 2. neubearb. Aufl.
Kassel/Basel/Weimar 1996, Sp. 1569–1587, bes. Sp. 1572.
22 Dazu Szeskus 1966 (Anm. 16), S. 33–45.
23 Klaus-Peter Koch: Hensel, Familie. In: Lexikon zur deutschen
Musikkultur: Böhmen, Mähren, Sudetenschlesien. Hrsg. von
­Werner Hader, Bd. 1. München 2000, Sp. 948–952, bes. Sp. 948.
24 Karl Vötterle: Haus unterm Stern. 3. Aufl. Kassel/Basel 1963,
S. 49–52, bes. S. 51.

72 „Mit uns zieht die neue Zeit“


Susanne Rappe-Weber

Kranich, Lilie, Rune und Kreuz


Gestaltung und Gebrauch der Fahnen in der deutschen Jugendbewegung

Die wehende Fahne im Wind, von einem Jungen der wandernden Gruppe vorangetragen, gehört
bis heute zu den bekanntesten Symbolen der Jugendbewegung. Varianten dazu sind der vor ei-
nem Zelt aufgestellte Wimpel, die um eine Fahne gescharte Gruppe auf dem Berggipfel im Ge-
genlicht oder das „bunte Fahnenmeer“ bei einem gemeinsamen Aufmarsch verschiedener Bünde.1
Immer repräsentiert die Fahne die Gemeinschaft, zu der sie gehört, und vermittelt nach außen,
worauf sich diese bezieht. Sie ist Teil der Selbstdarstellung einer Gruppe, zu der weitere sym-
bolische Elemente wie Abzeichen und eine gemeinsame Kleidung hinzukommen können. Diese
aus dem Militär stammende kulturelle Praxis ist seit dem 19. Jahrhundert in vielen Vereinen
und Verbänden gepflegt und weiterentwickelt worden, hat aber in Deutschland durch den über-
steigerten Fahnenkult des Nationalsozialismus einen nachhaltigen Bruch erfahren. In den Ju-
gendbünden wurden nach 1945 die aus dem Wandervogel und der bündischen Jugendbewegung
bekannten Rituale im Gebrauch der Fahnen infrage gestellt. Auch wenn manches wiederbelebt
wurde, sind die überlieferten Fahnen aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts doch Relikte
einer vergangenen Epoche.
Bereits die Bünde des Wandervogel im Kaiserreich in ihrer lokalen und regionalen, aber
auch untereinander konkurrierenden Gliederung statteten sich mit großen Fahnen aus, während
sich die einzelnen Fahrtengemeinschaften kleinere Wimpel zulegten. Charakteristisch für die
Gestaltung der Fahnen im Wandervogel war dabei die einheitliche Verwendung des sogenannten
Greifen, die von dem Darmstädter Maler Hermann Pfeiffer (1883–1964) stammende Darstellung
eines auffliegenden Vogels mit weiten Schwingen, langem Hals und Schnabel, die er für den
Titel der zentralen Zeitschrift „Wandervogel. Illustrierte Monatsschrift für deutsches Jugend-
wandern“ gestaltet hatte.2 Dieser stilisierte Kranich, zuweilen auch als Reiher identifiziert, hat
mit der aus der Heraldik stammenden Bezeichnung „Greif“, dort eine Mischung aus Adler und
Löwe, dem die Attribute wehrhaft und stolz beigelegt sind, wenig gemein. Für den Wandervogel
symbolisierte der große Zugvogel Aufbruchsgeist, Fahrtenleben und Unterwegssein. Schon die
auf den allerersten Wandervogel-Fahnen gewählten Motive der Schneegans oder der ­Schwalbe
stehen für diesen Deutungshorizont. Der Pfeiffer‘sche Greif ist zu dem Zeichen des Wandervogel
schlechthin geworden – er findet sich nicht nur auf Fahnen, sondern allenthalben auf Anste-
ckern, Manschettenknöpfen, Mobiliar und kunsthandwerklichen Produkten aller Art.3 Die Zug-
vogel-Darstellung wurde als Inbegriff des Namens „Wandervogel“ angesehen; nie wieder ist den

Gestaltung und Gebrauch der Fahnen in der deutschen Jugendbewegung 73


Jugendbünden eine solch originelle Neuschöpfung gelungen, die Eingang in den Kanon gemein-
samer nationaler Erinnerungsorte gefunden hat.
Das Symbol war überzeugend, entsprechend funktionierte die Verbreitung „von unten“;
eine allgemeine Anordnung zur Verwendung des Greifen auf den Fahnen hat es nicht gegeben.
Sie weisen daher hinsichtlich Farbe, Hintergrund, Größe und Ausfertigung eine große Vielfalt
auf. Die Bundesfarben des Wandervogel, Grün-Rot-Gold, waren erklärtermaßen mit Blick auf
die Schwarz-Rot-Goldene Fahne der Burschenschaftstradition gewählt, aber um das Natur re-
präsentierende Grün variiert worden.4 Diese Farben finden sich auf den Bundesfahnen und vie-
len Abzeichen; als Einheitsfarbe für die Fahnen sind sie nicht anzusehen.5 Im Wandervogel e.V.
erhob sich der silberne Greif auf blauem, im Alt-Wandervogel häufig ein schwarzer Greif auf
grünem Grund.6 Die Farben und Symbole für die Fahnenrückseite
wurden meist aus dem lokalen oder regionalen Bezugsfeld, also
den Städten und Ländern der Wandervogel-Gruppen gewählt.
Noch fand in dem aus dem Bürgertum stammenden, unpolitisch
eingestellten Wandervogel auch die Farbe Rot Verwendung, ob-
wohl diese sich um 1900 als Farbe der Arbeiter und der Arbeiter-
bewegung etabliert hatte.
Gelegenheiten, um die Fahnen und Wimpel öffentlich zu
präsentieren, ergaben sich im Kaiserreich bei größeren Treffen,
wie etwa Bundestagen, die mit gemeinsamen Märschen durch
die Stadt begangen wurden oder bei nationalen Festen wie dem
Sedantag oder Kaisergeburtstag. Daran beteiligten sich die Wan-
dervögel, mehrheitlich als Schüler an Gymnasien und höheren Schulen in das öffentliche Leben Abb. 1: Wimpel, um den sich im
eingebunden, unterschiedlich intensiv. Sie reihten sich damit in das Spektrum bürgerschaftlicher Ersten Weltkrieg Feldwandervögel
sammelten
Vereine ein, die seit dem 19. Jahrhundert zunehmend öffentlich auftraten und dazu ursprünglich
militärische Formen und Symbole aufgriffen.7 Die neue Fahne am zugehörigen Fahnenstock oder
-speer wurde dem Bund oder der Ortsgruppe im Rahmen einer Fahnenweihe feierlich übergeben;
Fahnennägel und -bänder schmückten als Gabe befreundeter Gruppen den Stock, der wiederum
von einer metallenen Spitze gekrönt sein konnte. Träger der Fahne zu sein galt als besondere Ehre,
die durch die Einrahmung von Fahnenbegleitern noch unterstrichen wurde.8 Innerhalb des Bundes
kam dem Schwur auf die Fahne, dem Fahneneid, große Bedeutung für die Aufnahme und Bestäti-
gung der Mitglieder zu. Im Zeltlager oblag es der Speerwacht, das Ehrenzeichen vor Übergriffen
zu schützen. Diese quasimilitärische Praxis war über die Kriegervereine in das Bürgertum gelangt
und wurde von vielen Vereinen mit großer Ernsthaftigkeit betrieben; im Wandervogel traten aber
noch spielerische und freie Formen im Gebrauch der Fahne hinzu.
Das zeigte sich etwa bei den im Wandervogel beliebten Geländespielen, die als „Kriegs-
spiel“ bezeichnet wurden, jedoch durchaus ohne militärischen Charakter auskamen: „Für unser
Kriegsspiel ist eine gute Entwicklung seit einigen Jahren im Fluß […] ‚ohne Militär‘, mit wenig
‚Soldat‘, mit etwas ‚Landsknecht‘ und mit viel ‚Wandervogel‘“, hieß es 1912 in der niedersächsi-
schen Ausgabe der Zeitschrift „Wandervogel“.9 Dementsprechend wurde dann auch der „Große
Kampf um die heilige Fahne. Gemeinheit!“ mit einiger Ironie ausgetragen.10 Der Wandervogel
verstand es, an den Ernst des Rituals einer Fahnenwache anzuknüpfen und dabei den Wett-
kampf der Jungengruppen aus der soldatischen Sphäre zu lösen und in ein jugendliches Spiel
zu überführen. Angesichts der allgemeinen Wertschätzung alles Militärischen im Kaiserreich
zeigt sich gerade darin ein Element autonomer Jugendkultur. Entsprechend spärlich statteten
sich die Meißnerfahrer des Jahres 1913 mit kleinen Wimpeln aus und setzten sich damit von der
Fahnenparade am Völkerschlachtdenkmal in Leipzig ab.

74 „Mit uns zieht die neue Zeit“


Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs ging diese Unbefangenheit verloren. Ein Wander­
vogel-Wimpel konnte nun zum „Feldzeichen“ werden, wie bei dem Berliner Erwin Pohl (geb. 1893)
aus dem Wandervogel e.V., der seinen roten Greifen auf weißem Grund 1917 mit zu seiner
Flieger­einheit nahm und ihn dann nicht nur im Quartier und am Flugplatz, sondern auch bei
Soldatentreffen in Belgien und Frankreich „flattern“ ließ (Abb. 1).11 Das „Feldzeichen“ bot den
Mitgliedern des Feld-Wandervogel, die sich nun im Dienst für das Vaterland wiederfanden, eine
besondere Gemeinschaft inmitten der militärischen Ränge und Gepflogenheiten, der Öde und
der Todesgefahr.12 Der Zusammenhalt wurde durch Zuspruch aus der Heimat gestärkt; für die
Kommunikation und Organisation von Hilfslieferungen zeichneten vielfach junge Frauen verant-
wortlich, die neue Aufgaben in den Wandervogel-Bünden übernahmen. Auch der „Rote Greif“ war
eine Einzelanfertigung, die von einer Wandervogel-Kameradin Pohls hergestellt worden war. Es
war üblich, das Nähen und Besticken der Fahnen bei den Mädchen und Frauen aus den Bünden
in Auftrag zu geben.13 In diesem Fall stellte es einen besonderen Dienst für die an die Front ein-
berufenen Wandervogel-Freunde dar.
Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs löste sich die im Symbol des Greifen noch wahr-
nehmbare Einheit der Jugendbewegung im Wandervogel auf. Längst hatten sich „Akademische
­Freischaren“ aus den Schülergemeinschaften gelöst, gruppierten sich ältere Wandervögel zu
neuen Gemeinschaften, nahmen völkische und esoterische Lebensreformer und Erzieher Ein-
fluss auf die Jugendbünde. Eine Vielzahl neuer Zeichen auf den Fahnen kündete davon, wobei der
Greif seinen Platz inmitten der Vielfalt behauptete: weiterhin flatterte im Landheim „am offenen
Giebelfenster dieser Wimpel im frischen Wind und dann beim Wandern inmitten der herrlichen
Landschaft“.14 Dieses Motiv unbedarfter Freude in den Reihen der jugendbewegten Bünde durch-
zog auch die Epoche der Weimarer Republik, die im Übrigen von einem tiefgreifenden politischen
Fahnen- und Farbenstreit geprägt war, der um die Bewertung des Kriegsendes, den Untergang
der Monarchie und die Einrichtung neuer demokratischer Institutionen kreiste.15 Zwar votierte
die Nationalversammlung 1919 mehrheitlich für eine neue Reichsflagge in den Farben Schwarz-
Rot-Gold und stellte damit den neuen Staat in eine Traditionslinie mit dem gemeinsamen Kampf
von Bürgern und Proletariern für Demokratie in der Märzrevolution von 1848.16 Doch blieben die
Farben der Monarchie Schwarz-Weiß-Rot in der Handelsflagge erhal-
ten, und das Verbot der „alten“ Reichskriegsflagge, die zum Symbol der
politischen Rechten wurde, konnte nur mühsam durchgesetzt werden.
Nach Kriegsende formierten sich einige der aufgelösten militäri-
schen Einheiten zu Freikorps, die zunächst von der Regierung in den
Kampf gegen politische Gegner eingebunden wurden, sich aber zuneh-
mend verselbständigten und sich als kaum kontrollierbare Feinde der
Republik formierten. Zu diesem Spektrum gehörte auch die „Sturm­
abteilung Roßbach“, noch 1918 von Leutnant Gerhard Roßbach (1893–
1967) gegründet und in Kämpfen im Baltikum eingesetzt. Roßbach, der
später den Wehrjugendbund „Schilljugend“, den „Bund Ekkehard“ und
die „Spielschar Ekkehard“ gründete und sich damit explizit der Jugend-
bewegung zuordnete, ließ 1919 eine neue Fahne für seine Sturmabteilung in einer öffentlichen Abb. 2: Fahne des Bund ­Ekkehard,
Zeremonie im westpreußischen Pluskowenz (Pluskow˛esy, Polen) feierlich weihen.17 Er distanzierte um 1920

sich ausdrücklich von der alten schwarz-weiß-roten Fahne, gab sich scheinbar politisch neutral
und brachte doch mit dem ganz in Schwarz gehaltenen seidenen Fahnentuch seine Haltung klar
zum Ausdruck. Wie auch bei anderen Freikorps und bei den späteren Nationalrevolutionären stand
das Schwarz für die Kritik an der Schmach des verlorenen Krieges und der Erniedrigung Deutsch-
lands durch den Versailler Vertrag (Abb. 2).18

Gestaltung und Gebrauch der Fahnen in der deutschen Jugendbewegung 75


Nicht nur die Freikorps, sondern auch die Veteranenverbände, allen voran der 1919 gegrün-
dete „Bund der Frontsoldaten Stahlhelm“, trugen dazu bei, dass die inszenatorische Selbstdar-
stellung der Wehrverbände mit Aufmärschen, Saalversammlungen und anderen Großveranstal-
tungen im öffentlichen Raum Präsenz bekam.19 Von allen Seiten wurde symbolisch aufgerüstet.
Die Sozialdemokraten und die Kommunisten organisierten sich im „Reichsbanner Schwarz-Rot-
Gold“ beziehungsweise „Rote-Frontkämpferbund“. Den schwarzen Fahnen setzten sie das Rot der
Arbeiterschaft entgegen. Man verwendete nun eine einheitliche Bekleidung und demonstrierte
so Stärke und Entschlossenheit gegenüber dem Gegner.20 An der um sich greifenden Konfron-
tation, dem Aufbau eines radikalen Freund-Feind-Schemas unter Zuhilfenahme symbolischer
Formen beteiligte sich auch die bündische Jugend.
So wählte der 1920 von Wilhelm Kotzde-Kottenrodt (1878–1948) gegründete völkische Bund
der „Adler und Falken“, in dem auch Teile des früheren Wandervogel e.V. aufgingen, heraldische
Darstellungen dieser Greifvögel als Bundessymbol, häufig silbern auf schwarzem Grund, ergänzt
durch Runenzeichen: „Der fliegende Adler oder der stoßende Adler […] sind Vorschrift für alle.
Form, Farbe und Spruch sind der Wahl der Horte überlassen“, hieß es in der Bundeszeitschrift
„Der Adler“.21 Vorgeschrieben wurde auch die Verwendung der deutschen Frakturschrift bei al-
len Drucksachen anstelle der bis dahin gebräuchlichen lateinischen Buchstaben.22 Die einzelnen
Ortsgruppen, sogenannte Horten, griffen diese Gestaltungsrichtlinien auf und setzten sie kreativ
um: in Eisenach und Naumburg stickten Mädchen des Bundes das Wappen ihrer Städte auf die
Rückseite, in Gandersheim gestalteten die Angehörigen des „Mädchenhorst Roswitha“ diesen
Schriftzug in Fraktur auf ihrem Wimpel.23 Völkische Kreise hatten die Runen und insbesondere
das Hakenkreuz bereits vor dem Krieg für sich entdeckt. Sie knüpften damit an pseudowissen-
schaftliche Theorien der Runenforschung an, wonach es sich dabei um arische beziehungsweise
altgermanische Urzeichen handelte, die unmittelbar dem Ursprung des deutschen Volkes ent-
stammten und dessen Wesen widerspiegelten.24 Hakenkreuze waren gelegentlich schon vor 1918
auf Fahnen im Wandervogel verwendet worden, hatten aber durchaus Anstoß erregt.25 Über den
Pädagogen Wilhelm Schwaner (1863–1944), den Künstler Hugo Höppener, gen. Fidus (1868–1948),
den Schriftsteller Hermann Löns (1866–1914) und andere verbreitete sich dieses Zeichen in die
Jugendbünde, zusammen mit dem zugehörigen Gedankengut wie der Überlegenheit der arischen
Rasse, der vermeintlich notwendigen Ausgrenzung der Juden aus dem gesellschaftlichen Leben
und dem Sendungsauftrag des deutschen Volkes.26 Nicht nur rezeptiv, sondern auch forschend
sollte die Jugend die germanische Volkskultur aufgreifen; ausdrückliche Aufträge gingen an die
Wandergruppen, während ihrer Fahrten nach „alten Zeichen“ an Häusern, Gräbern oder Wegzei-
chen zu suchen und diese zu sammeln, um sie dann für die Gegenwart wiederzubeleben.27
Verstärkung erfuhr die Jugendbewegung durch die Pfadfinderverbände, die ihre militaris-
tische Orientierung aus der Vorkriegszeit aufgegeben hatten, und nun, vom Wandervogel beein-
flusst, stärker auf ein enges, mithin bündisches Gruppenleben setzten. Es kam zu gemeinsamen
Veranstaltungen, wo nun Pfadfinderzeichen, wie das aus dem Kaiserreich stammende „Schach-
brett“ und die international gebräuchliche Lilie, auf Fahnen und Wimpeln Einzug hielten. Die
Pfadfinder waren kein einheitlicher Verband, zudem verwendeten regionale und lokale Gliede-
rungen eigene Zeichen – entsprechend breit ist die Vielfalt der Farb- und ­Gestaltungsvarianten.28
Als ab 1921 weder das Symbol der Kaiserzeit noch ein internationales Abzeichen opportun
­waren, verwendete der Deutsche Pfadfinderbund vorübergehend ein ganz neues Zeichen, den
„Pfadfinder im Rund“, auch „Mann im Mond“ genannt.29 Allgemein verfügten die Pfadfinder
durch ihre Zugehörigkeit zu der in England beheimateten Weltpfadfinderbewegung über bessere
Verbindungen ins Ausland als der Wandervogel, sichtbar im Erwerb ausländischer Abzeichen
und Fahnen bei gemeinsamen Treffen, etwa den Jamborees.30

76 „Mit uns zieht die neue Zeit“


In der Deutschen Freischar, 1926 als Zusammenschluss von Wandervögeln und ­Pfadfindern
gegründet, kamen dann beide Symbollinien zusammen. Die unter Mühen errungene Einheit
­sollte in einer gemeinsamen Bundesfahne und Kluft sichtbar werden. 1928 wurden daher an-
lässlich des Bundestreffens als einheitliche Tracht das „blau-graue Landsgemeindehemd“ und
dazu möglichst „eine mausgraue Rippelsamthose“ festgelegt. Zu beschaffen war diese Kleidung
nur über ein zentrales Amt, damit „keine Belieferung Außenstehender erfolgen kann“.31 Zuvor
war schon eine Liliendarstellung für die Bundesfahnen eingeführt worden. Hinzu kam ein ge-
meinsamer Wimpel, der Balkenkreuzwimpel, der ein schwarzes Kreuz auf weißem Grund zeig-
te, als Fahnenzusatz für die „sachgemäße Gestaltung der gemeinsamen Grenzlandarbeit“, der
nur bei Fahrten in das Ausland zu verwenden war, dort aber ausdrücklich nicht, wie es unter
Pfadfindern durchaus üblich war, verschenkt werden durfte.32 Einen solchen Wimpel nutzten
die meisten Bünde bereits seit 1922. Funktion und Bedeutung der gemeinsamen Zeichen muss-
ten gerade in der aus verschiedenen Bünden zusammengesetzten Freischar begründet werden:
Von den Zeichen gehen danach ‚Zauber‘ und ‚Bann‘ aus; sie heben das „Verehrungswürdige der
Gemeinschaftsmitte gebührend“ hervor.33 Es kam darauf an, diesen Zeichen im Gruppenleben
den entsprechenden Platz einzuräumen; entsprechend empfahl das „Deutsche Lagerhandbuch“:
„Inmitten der Zelte steht der Fahnenmast, daneben hat das Lagerfeuer seinen Platz“.34 Ob dann
jedes Mitglied die Deutungen der Lager- beziehungsweise Bundesleitung kannte und akzeptierte,
wie die an die Reichsgeschichte anknüpfende Ordenssymbolik des Balkenwimpels, wie von dem
Neupfadfinder Martin Voelkel (1884–1950) umfassend ausgeführt,35 war demgegenüber nachran-
gig.36 Gleichwohl boten Schriften und mehr noch Lieder Erklärungen zur Fahnensymbolik eines
Bundes, die den Einzelnen durchaus erreichten.37
Inhaltlich, nicht nur stilistisch markant war die Wahl der Kreuzsymbolik in den christ­
lichen Bünden. Seit im Zuge der kirchlichen Erneuerung die Jugendarbeit in der katholischen und
evange­lischen Kirche einen festen Platz erhielt, fand das seinen Ausdruck in Fahnen mit christ­
lichen Symbolen. Die mit den Kirchen nur assoziierten christlichen Bünde, die sich zur bündischen
Jugend zählten, distanzierten sich mit der Wahl eigener Kreuzinterpretationen
auch symbolisch von den kirchlichen Großorganisationen. Dafür steht – mit
­Variationen – das schwarze Kreuz auf einem Sonnenkreis auf grauem Leinen
des katholischen Quickborn wie auch das weiße Kreuz aus dem Bund deutscher
Bibelkreise (Abb. 3). Die jüdische Jugend hatte bereits vor dem Krieg, als sich im
Wandervogel der Antisemitismus ausbreitete, mit eigenen Gründungen unter
der Farbe „Blau-Weiß“ eine eigene Identität ausgebildet, die sich nach 1918 aus-
differenzierte. In Bünden, die der Arbeiterbewegung und ihren Parteien nahe-
standen, war die Farbe Rot ein Muss; charakteristisch für die Ausrichtung der
aus Österreich stammenden Naturfreundejugend, die als Verband ­preisgünstige
Erholungsmöglichkeiten für die Arbeiterjugend organisierte, sind die Alpen­
rosen über einem ineinander geschlagenen Paar Hände.
In innovativer Weise gestaltete der Grafiker Eberhard „Tusk“ Koebel
(1907–1955) bei der Gründung der dj.1.11, einer elitären, gleichermaßen auf
den Prinzipien von Selbsterziehung und Gefolgschaft basierenden Jugendgemeinschaft, Farben Abb. 3: Fahrradwimpel der Süd-
und Zeichen für seinen neuen Bund. Das Bundeszeichen, der Falke auf grauem Grund über drei westdeutschen Jungenschaft als
Splittergruppe des Quickborn,
stilisierten Wellen, von Koebel und seinem Freund Fritz Stelzer (1905–1968) 1930 entworfen, 1920er Jahre
weist über die üblichen Bezüge hinaus.38 In der Farbe Grau sah „Tusk“ selbst Ferne und Aufbruch
symbolisiert, aber sie stand auch für Freiheit und Autonomie.39
In den letzten Jahren der Weimarer Republik verschärften sich die Auseinandersetzungen
zwischen den politischen Lagern und zogen die unabhängigen Jugendbünde in die Konflikte.

Gestaltung und Gebrauch der Fahnen in der deutschen Jugendbewegung 77


Die Jugendverbände der Parteien, darunter die seit 1926 bestehende Hitlerjugend, traten massiv
auf Straßen und Plätzen auf. Deren paramilitärische Praktiken, zu denen ein ausgeprägter Fah-
nenkult gehörte, nötigten die Jugendbünde zum Nachrüsten. Nicht zuletzt hatten die Bemühungen
um einen Zusammenschluss aller Bünde, 1930 etwa in der „Freischar junger ­Nation“, und schließ-
lich 1933 kurzlebig im „Großdeutschen Bund“ mit den Gründungsmitgliedern Deutsche Freischar,
Deutscher Pfadfinderbund, Ringgemeinschaft Deutscher Pfadfinder, Geusen und Freischar junger
Nation, ihren Grund darin, im politischen Kampf die
Stimme der unabhängigen Jugend und ihr Beharren
auf Eigenständigkeit zu Gehör zu bringen. Die „Fahnen-
meere“ bei Aufmärschen der bündischen Jugend in den
1930er Jahren bezeugen die Vielstimmigkeit der Bewe-
gung, die schließlich im Juni 1933, nach Auflösung des
Bundeslagers des Großdeutschen Bundes in der Lüne-
burger Heide durch den Reichs­jugendführer Baldur von
Schirach (1907–1974) verboten und durch das Emblem
der Hitlerjugend ersetzt wurde (Abb. 4).
Zwar gab es in der bündischen Jugend große
Schnitt­mengen mit der nationalsozialistischen Ideo-
logie, doch machte sich gerade an der Fahnenfrage
die Eigenständigkeit der Bünde fest. An vielen Orten
verbrannte die Hitlerjugend Fahnen, die sie aus den
­Reihen ihrer Gegner erbeutet hatte.40 Dem kamen man-
che Jugendbünde zuvor, indem sie ihre Abzeichen selbst vernichteten.41 An einem symbolischen Abb. 4: Aufmarsch beim Bundes-
Ort wie der Jugendburg Ludwigstein akzeptierte der dort beheimatete Bund deutscher Wanderer lager des Großdeutschen Bundes,
Fotografie, 1933
Ostern 1933 bereits den Vorrang der Hakenkreuzfahne über der Burg, zog die eigene Bundesfah-
ne nur noch unterhalb auf, holte sie am Ende der Tagung feierlich wieder ein und stellte sich
mit „dem neuen Gruß“ dem „Sturm der Zeit“.42 Andere Bünde versteckten ihre Fahne erfolgreich
vor den neuen Machthabern. Viele Geschichten zu den über die Verbotszeit geretteten Fahnen
künden vom eigenständigen Geist der bündischen Jugend gegenüber Hitler.43 Manche Fahne
wurde nicht nur bewahrt, sondern ausdrücklich noch weiter gezeigt. Der Tübinger Wandervogel
Martin Roller (1894–1971) hisste die Fahne seines Bundes, so erinnerte sich sein Sohn, immer
dann, wenn Wandervogelfreunde zu Besuch kamen. Als einmal der Ortsgruppenleiter der NSDAP
erschien und seinen Parteigenossen aufforderte, lieber ein Hakenkreuz zu hissen, widersprach
dieser, ließ das grüne Tuch mit gelbem Greif und Tübinger Wappen noch viele Jahre wehen –
ohne weitere Folgen.44 Die Eskalation blieb in diesem Fall aus; der nicht politisch konnotierte
Greif des Wandervogel im Privathaus eines erwachsenen Parteimitglieds war zwar anstößig, ließ
sich aber offenkundig in den Nationalsozialismus integrieren. – Für jugendliche Widerstands-
gruppen, die sich zum Teil aus den Jungenschaften und anderen Bünden rekrutierten, galt das
selbstverständlich nicht.45 Hier reichte schon ein abweichender Stil in Kleidung und Haltung, um
als oppositionell gebrandmarkt zu werden.46
Die Fahnenideologie der NS-Zeit war von neuen Liedern und Flaggensprüchen geprägt, die
den Einzelnen in die bedingungslose Pflicht für die Gemeinschaft riefen. Mit Sprüchen wie „Die
Fahne steil im Sturme weht, des Volkes junge Mannschaft steht – trutz Tod und Streit – bereit“
oder „Wer auf die Fahne des Führers schwört, hat nichts mehr, was ihm selber gehört“, wurde
Druck erzeugt, Loyalität erzwungen, Kampfgeist wach gerufen.47 Die Hitlerjugend bereitete ihre
Mitglieder auf einen zukünftigen Krieg vor und nutzte die vertraute Ehrerbietung gegenüber der
Fahne für eine umfassende Vereinnahmung der Jugend aus.

78 „Mit uns zieht die neue Zeit“


Mit dem verlorenen Krieg gingen nach 1945 die alten Fahnen unter: die Hakenkreuzfahne
ohnehin und mit ihr die missbrauchten, symbolischen Handlungen der Fahnenehrung. In der
Nachkriegszeit konnten erst allmählich Fahnen in den neuen Organisationen, darunter auch die
Jugendbünde, wieder Einzug halten. Dabei musste ein Traditionsabbruch überwunden und ganz
neu erklärt werden, wie eine Fahne gestaltet und korrekt zu verwenden war, darüber hinaus auch,
in welchem Geist sie wehen sollte: „Freude, Freundschaft, Fahrten und Freiheit“ – im Fahrten­
buch der Wandernden Volksjugend aus Wilhelmshaven wurden diese, anlässlich der Wimpel­
weihe 1949 verkündeten Bestimmungen festgehalten.48 Umfassend setzte sich Walter „Tejo“
Scherf (1920–2010), seit 1949 Bundesführer der Deutschen Jungenschaft, mit den Kenntnislücken
in den jungen Bünden auseinander, gab in seiner Handbuchreihe „Neue Fährte“ Anleitungen,
wie ein Wimpel genäht, die Zeichen dafür gewählt und heraldisch richtig ausgeführt, wie der
Fahnenmast beim Lager ohne Kitsch, aber in bevorzugter Lage aufgestellt werden sollten. „Für
das Zeichen, unter dem ich lebe, stehe ich gerade“ 49, mahnte er den Einzelnen zur Verantwortung,
sicher auch mit Blick auf das in unverantwortlicher Weise gebrauchte Hakenkreuz. Besonders in
den Pfadfinderbünden hielten Fahnen in pädagogisch-spielerischer Weise wieder Einzug. Eine
bunte Formen- und Farbenvielfalt, dazu Tiere, Schiffe, abstrakte Zeichen, indianische und asiati-
sche Symboliken, fand nun neben Lilie und Kreuz auf den Fahnen und Wimpeln Platz.
Charakteristisch für die Protestkulturen in dieser Zeit, angefangen mit den Ostermär-
schen der 1960er Jahre, waren eher Banner mit allgemeinen Zeichen wie der Friedenstaube und
Spruchtafeln; Fahnen, die einzelne Vereine oder Verbände symbolisierten, sah man seltener.50
Wo sie wehten, konnten sie wieder zum Stein des Anstoßes werden, so auf der Burg Waldeck, als
beim dortigen linken Festival „Lied 68 – Chanson Folklore International“ der Nerother Wander-
vogel als jugendbündischer Eigentümer der Burg unter seinem Bundesführer Karl Oelbermann
(1896–1974) die roten Fahnen marxistisch-kommunistisch studentischer Aktionsgruppen erbeu-
tete und verbrannte.51
Dem Traditionsbruch in zwei Schüben folgte die Musealisierung der Fahnen. Viele davon
gelangten in das Ludwigsteiner Archiv, allein im Jahr 1980 elf Stück aus der Zeit vor 1933.52 Seit
dem Bestehen der Jugendburg als Ehrenmal waren vereinzelt immer wieder Fahnen abgegeben
worden, um diese stellvertretend für den Bund oder die Gruppe in das Gedenken an die Toten
der Weltkriege einzubeziehen. Nun ging es aber um die Möglichkeit, mit der Abgabe der Fahne
die Erinnerung an die Existenz einer Gruppe über das Ableben ihrer letzten Mitglieder hinaus
festzuhalten. Dies gilt in besonderer Weise für Objekte, die aus der DDR zur Burg ­Ludwigstein
gelangten.53 Inzwischen umfasst die Fahnensammlung mehr als 350 Stücke und stellt eine ­eigene
Objektgruppe im Archiv der deutschen Jugendbewegung dar.54 Während die einzelne Fahne
als Trägerin der Bundesfarben beziehungsweise des Bundesabzeichens Identität vermittelte,
­gehörten viele Jugendbewegte im Lauf ihrer Jugendjahre unterschiedlichen Bünden an, ohne
dass sich gleich die Frage nach der Identität stellte. Die „bündische“ Laufbahn des späteren
Architekten Artur Achstetter (geb. 1915) wies beispielsweise sieben Stationen auf: Quickborn,
Südwest­deutsche Jungenschaft, dj.1.11, Graues Korps, DPB, Großdeutscher Bund und bis 1936
noch Reichsschaft Deutscher Pfadfinder.55 Als er im Alter von 72 Jahren die Fahnen all dieser
Bünde, die er bis dahin aufbewahrt hatte, an das Ludwigsteiner Archiv abgab, hoffte er, dass
man dort „mit den mir heiligen Dingen“ etwas anfangen könne.56 Nicht mehr die einzelne, einen
einzelnen Bund repräsentierende Fahne, sondern deren Gesamtheit als Sammlung, die für eine
prägende Phase im eigenen Lebenslauf steht, stellte eine Art Heiligtum dar, das nun in einem auf
Dauer eingerichteten, institutionellen Archiv angemessen aufbewahrt werden sollte.

Gestaltung und Gebrauch der Fahnen in der deutschen Jugendbewegung 79


1 Vgl. entsprechende Abbildungen in Gerhard Ziemer/Hans 16 Steffi Bahro: Woher kommen die deutschen Farben? In:
Wolf: Wandervogel und freideutsche Jugend. Bad Godesberg Farben der Geschichte 2007 (Anm. 7), S. 75–76. – Zeitgenössisch
1961. – Gerhard Ziemer/Hans Wolf: Wandervogel-Bildatlas. auch: Ernst Schultze: Die Geschichte von Schwarz-Rot-Gold.
Bad Godesberg 1963. Beiträge zur deutschen Flaggenfrage. Berlin 1922.
2 Ulrike Holtrup: Rituale und Symbole in der deutschen Jugend- 17 AdJb, A 56 Nr. 1, Zeitung „Bote für das Culmerland“, Nr. 123
bewegung. Münster 1993 [unveröffentlichte Hausarbeit], S. 62–66. vom 04.10.1919, Art. „Fahnenweihe bei der Sturmabteilung
3 Das Archiv der deutschen Jugendbewegung (AdJb) auf Burg Roßbach“.
Ludwigstein verwahrt eine Fülle dieser Objekte. Vgl. auch Barbara 18 Zur Verwendung schwarzer Fahnen vgl. Karlheinz Weißmann:
Stambolis: „Zugvögel“ oder: die Schwierigkeit, jugendbewegte Schwarze Fahnen, Runenzeichen. Die Entwicklung der politischen
Orte der Erinnerung festzuschreiben. In: Historische Forschung. Symbolik der deutschen Rechten 1890–1945. Düsseldorf 1991,
Jahrbuch des Archivs der Jugendbewegung N.F. 5, 2008, S. 114–115.
S. 137–152. 19 Alexandra Hillringhaus: Propaganda und Provokation.
4 Vgl. Hans Wolf: Wie kommt der Wandervogel zu den Farben Politische Uniformen in Deutschland zwischen den Weltkriegen.
Grün-Rot-Gold? In: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugend- In: Die zivile Uniform als symbolische Kommunikation. Kleidung
bewegung 4, 1972, S. 20–27. – Siehe auch das Wandervogel-Bun- zwischen Repräsentation, Imagination und Konsumption in Europa
deslied. In: Wandervogel. Illustrierte Monatsschrift 1, 1904, S. 1; vom 18. bis zum 21. Jahrhundert. Hrsg. von Elisabeth Hackspiel-
zitiert nach Holtrup 1993 (Anm. 2), S. 57. Mikosch/Stefan Haas (Studien zur Geschichte des Alltags 24).
5 Auch in der Erstausgabe des Zupfgeigenhansl war der München 2006, S. 209–226, bes. S. 214.
Pfeiffer'sche Greif abgebildet; Der Zupfgeigenhansl. Bearb. von 20 Hillringhaus 2006 (Anm. 19).
Hans Breuer. o. O. 1909. – Hans Breuer forderte in der Ausgabe von 21 Der Adler. Blätter für junges Deutschtum, für Jugendfreude
1911 im Vorwort: „Lasst die Banner fliegen, die grün-rot-goldenen, und Jugendwandern, 1920, S. 98.
lasst wehen die schwarzen Greifenwimpel“; Der Zupfgeigenhansl. 22 Musterzeichnung für eine Fahne. In: Der Adler. Blätter für
Liederbuch. Hrsg. von Hans Breuer, 4. Aufl., Leipzig 1911, S. VII. junges Deutschtum, für Jugendfreude und Jugendwandern, 1920,
6 Das Wandervogel-Buch. Hrsg. von Heinrich Emil Schomburg/ S. 126.
Georg Koetschau. Leipzig 1912, S. 16; nach Holtrup 1993 (Anm. 2), 23 AdJb, G 1 Nrn. 33, 84, 85.
S. 66. 24 Weißmann 1991 (Anm. 18), S. 50–51. – Vgl. auch Malcolm
7 Vgl. Berno Bahro: Fahnen fürs ‚Civil‘: Vereine. In: Farben der Quinn: The Swastika. Constructing the Symbol. London 1994.
Geschichte: Fahnen und Flaggen. Bearb. von Daniel Hohrath. 25 Belegt ist, dass die Berliner Polizei 1918 verlangte, das
[Link]. Deutsches Historisches Museum, Berlin. Berlin 2007, ­Hakenkreuz von der Wimpelstange zu entfernen, als dieses
S. 66. ­Symbol beim Aufmarsch des Bundestag des Alt-Wandervogel
8 Walter Hostert: Militärische Vereine in Lüdenscheid und durch die Straßen getragen wurde; AdJb, CH 1 Nr. 44, S. 49v.
Umgebung. In: Fahne und Verein. Lüdenscheider Vereine und 26 Vgl. Erich Schwandt: Runenzeichen. Die Bedeutung der
ihre Fahnen von den Anfängen bis 1933. Bearb. von Eckhard Trox. Runen für die deutsche Jugend, ihre Geschichte und ihre Deutun-
[Link]. Museen der Stadt Lüdenscheid (Forschungen zur Ge- gen. Leipzig 1923; darin unter Berufung auf Guido von List (Das
schichte der Stadt Lüdenscheid 2). Lüdenscheid 1993, S. 65–108, Geheimnis der Runen. Leipzig 1908) Erklärungen wie „Das Ha-
bes. S. 98. kenkreuz ist für uns das Zeichen des Lebenssieges […] in diesem
9 Fritz Maaßen: Kriegsspiel. In: Sachsenspiegel. Wandervogel- Sinne ist es deutscher Jugend Heilszeichen“, S. 17–18.
Gaublatt der Niedersachsen, Mai 1912, S. 4. Die Schriftleitung 27 Eine volkskulturelle Sammlung von Sagen, Bräuchen, Sprich-
hatte Enno Narten. wörtern und Zeichen enthält z.B. die „jungnationale“ Zeitschrift
10 Bericht über die Sonnenwendfeier und Einweihung des Mädel im Bunde, H. 11, Ernting (= August) 1926.
Landheims Celle. In: Wandervogel-Gaublatt der Niedersachsen, 28 Überliefert sind auch viele Pfadfinderfahnen, die weder
Mai 1912, S. 63. Schachbrett noch Lilie aufweisen; vgl. AdJb, G 1 Nrn. 139, 141, 142,
11 AdJb, G 1 Nr. 14; Brief des Eigentümers Erwin Pohl vom 143, 144, 145, 321. – Im Handbuch „Jugend heraus“ wird ebenfalls
30.05.1979. die Vielfalt der Gestaltungsmöglichkeiten betont: Jugend heraus!
12 Zum Feld-Wandervogel vgl. Gudrun Fiedler: Jugend im Krieg. Kleines Handbuch für die Pfadfinderarbeit. Hrsg. von Heinrich und
Bürgerliche Jugendbewegung. Erster Weltkrieg und S
­ ozialer Wan- Ludwig Voggenreiter. Potsdam 1927, S. 24.
del 1914–1923 (Edition Archiv der deutschen J
­ ugendbewegung 6). 29 Vgl. AdJb, G 2 Nr. 107, Abzeichen des Deutschen Pfadfinder-
Köln 1989. bundes 1919.
13 Beispiele in: AdJb, G 1 Nr. 83, 84, 114, 138, 307, 314, 320. 30 Überliefert sind über den Bund der Reichspfadfinder
14 AdJb, G 1 Nr. 28, Wimpel der Ortsgruppe Weimar des (1925–1932) zwei englische „Boy Scout Wimpel“; AdJb, G 1 Nrn. 153
­Kronacher Bundes (vor 1926); Brief der Eigentümer Fritz und und 154. – 1909 hatten bereits deutsche Wandervögel englischen
Klara Girschner 1984. Boy Scouts einen Besuch abgestattet, noch vor der Etablierung
15 AdJb, G 1 Nr. 151 enthält eine ironisch formulierte „Über- der ersten Pfadfinderbünde. Vgl. Otto Lensch: Englandfahrt des
eignungsurkunde“, die der Stifter bei der Übergabe eines ­Alt-Wandervogel (7. Juli bis 13. August 1909). Berlin o.J.; AdJb, A 4
neuen Fähnleins an die Ortsgruppe Pirna des Bundes deutscher Nr. 2, Berichte von der Englandfahrt des Alt-Wandervogel 1909 .
Neupfadfinder 1922 ausgestellt hatte. An anderer Stelle findet 31 Deutsche Freischar, 1928, S. 173.
sich das spöttische Motiv eines kotenden Spatzen – 1920 in der 32 Deutsche Freischar 1928 (Anm. 31), S. 169.
Zeitschrift „Einspruch“ mit Blick auf die Geistlosigkeit in den 33 Jugend heraus 1927 (Anm. 28), S. 25.
untereinander konkurrierenden Wandervogelbünden – gedruckt 34 Deutsches Lagerhandbuch. Bd. 2: Leben im Lager. Hrsg. von
auf einer Fahne; AdJb, G 1 Nr. 54. Walther Riem. Potsdam 1928, S. 34.

80 „Mit uns zieht die neue Zeit“


35 Martin Voelkel: Die Wiedergeburt des Reichsgedankens aus 50 Immer diese Jugend! Ein zeitgeschichtliches Mosaik. 1945
dem Geist der Jugend. In: Ders.: Hie Ritter und Reich! Gesammelte bis heute. Hrsg. vom Deutschen Jugendinstitut. München 1985,
Aufsätze. Berlin 1923, S. 42–56. S. 425–449.
36 Holtrup 1993 (Anm. 2), S. 67–68. 51 Vgl. Hotte Schneider: Die Waldeck. Lieder, Fahrten, Abenteu-
37 Die Bedeutung der Roten Fahnen wird im Jugend-Liederbuch er. Die Geschichte der Burg Waldeck von 1911 bis heute. Potsdam
der Arbeiterjugend in einer Reihe von Gesängen erläutert: 2005, S. 362: „Die Parole heißt Fahnen klauen, beschlagnahmen
Jugend-Liederbuch. Bearb. von August Albrecht. Berlin 1929, und verbrennen. Man kennt das schon aus Zeltlagern“.
S. 15, 27, 31, 33, 35, 46, 47. 52 Die zeitliche Zuordnung „vor 1933“ scheint so offensichtlich
38 Holtrup 1993 (Anm. 2), S. 72. gewesen zu sein, dass nähere Angaben zu Herkunft und Datierung
39 Holtrup 1993 (Anm. 2), S. 74. kaum registriert wurden.
40 Dokumentiert ist z.B., dass 1934 bei einem Überfall der Hit- 53 Vgl. AdJb, G 1 Nr. 28: Weimaraner Ortsgruppe des Kron-
lerjugend auf die Katholische Sturmschar in Berlin „mehr als 100 acher Bundes; Nr. 145: Fahne des Deutschen Pfadfinderbundes,
banner auch staatliche hoheitszeichen entrissen und entehrt wur- Landesmark Mittelelbe 1925–1933; Nr. 192: Fahne der „Fahrten-
den“; in: Deutsche Jugend 1933–1945. Eine Dokumentation. Hrsg. gemeinschaft Wanderfalken“, die 1946 im thüringischen Apolda
von Karl Heinz Jahnke/Michael Buddrus. Hamburg 1989, S. 85. gegründet, 1956 aber zwangsaufgelöst wurde.
41 Vgl. zum Verbrennen der Freischar-Fahne die literarische, 54 Nachgewiesen wird die Sammlung in der öffentlich
letztlich affirmative Schilderung von Karl Köster: Die v
­ erlorene ­zugänglichen Datenbank [Link].
Rotte. Stuttgart 1934, S. 91, die die Szene schon auf dem 55 Die bis Mai 1934 noch nicht verbotene Reichsschaft
Umschlagbild zeigt: „Und langsam senkte der Fähnrich die alte ­Deutscher Pfadfinder diente der Hitlerjugend als Vehikel, um
zerfetzte Fahne mit der Lilie, die der Gruppe seit langem Symbol eine Anerkennung in der internationalen Scout Association zu
ihres Lebens war, in das Lagerfeuer“. Ähnlich angelegt, mit dem erhalten, was aber nicht gelang.
Kampf um die Fahne als durchgehendem Motiv vgl. Paul Jordan: 56 AdJb, Korrespondenz vom 11.11.1987. Auch die zehn Stücke
Vom Balkenkreuz zu Hitlers Fahnen. Weg einer Jungengruppe im umfassende Fahnensammlung von Kurt Werner Hesse (geb. 1910),
Dritten Reich. Stuttgart u.a. 1933. später Inhaber des Verlag „deutsche jugendpresseagentur“ (dipa),
42 Ernst Gaebel: Beiheft zu der Zeitschrift „Der Wanderer“, geht auf seine eigene jugendbewegte Karriere in Lübeck, begin-
August 1933, S. B 6. Der Schriftleiter Gaebel rief dazu auf, von nend in einer Wandervogelhorde 1920, zurück.
nun an „die unsichtbare Fahne und die unsichtbare Flamme“ der
einstigen Gemeinschaft zu tragen und zu hüten. – Ebd., S. B 5. Bildnachweis
43 AdJb, G 1 Nr. 14: Der Berliner Wimpel vom Wandervogel e.V. Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen, Fotos:
blieb seit 1933 „eingemottet“; Nr. 33: Den Wimpel der „Adler Barbara Krippner · Abb. 1, 2, 3, 4
und Falken“ hatte die Näherin und Besitzerin still „verwahrt“;
Nr. 37: Der Berliner „Deutschwandervogel“ entfernte 1934 aus
„Tarnungsgründen“ den Mittelteil der Fahne; Nr. 86: Die Fahne
der nordmärkischen „Freischar junger Nation“ brannte beim
letzten Lagerfeuer 1933 kräftig an; Nr. 100: Über den Wimpel der
„Deutschjugend e.V.“ heißt es, er habe drei „NS-Haussuchungen
in München“ überstanden; Nr. 110: Die Fahne des „Jungdeutschen
Ordens“ war noch im Arbeitsdienstlager 1935 in Gebrauch, wurde
dann aber versteckt; Nr. 127: Der Besitzer verweigerte 1933 die
Herausgabe seines Wimpels der „Evangelischen Jungenschaft
Wolfenbüttel“ im „Bund deutscher Bibelkreise“, als eine
HJ-Abordnung an der Haustür erschien; Nr. 148: Die Leipziger
Fahne des „Bundes deutscher Ringpfadfinder“ wurde im Versteck
1933–1945 von Mäusen angefressen; Nr. 152: Die sächsische
Gaufahne des „Bundes deutscher Neupfadfinder“ konnte nur
zerschnitten aufbewahrt werden.
44 AdJb, G 1 Nr. 47.
45 Umfassend zum jugendlichen Widerstand und Eigenleben
im NS-Staat vgl. Alfons Kenkmann: Wilde Jugend. Lebenswelt
großstädtischer Jugendlicher zwischen Weltwirtschaftskrise,
Nationalsozialismus und Währungsreform. Essen 1996.
46 Vgl. Michael Buddrus: Totale Erziehung für den totalen Krieg.
Hitlerjugend und nationalsozialistische Jugendpolitik, 2 Bde.
(Texte und Materialien zur Zeitgeschichte 13/1-2). München 2003,
Bd. 1, S. 463.
47 Harald Caspers: Fahne im Morgenwind. Flaggensprüche und
Tageslosungen. Potsdam 1935, S. 11, 12.
48 AdJb, CH 1 Nr. 489, S. 17.
49 Walter Scherf: Das große Lagerbuch. 2. Aufl. Recklinghausen
1960, S. 308–310.

Gestaltung und Gebrauch der Fahnen in der deutschen Jugendbewegung 81


G. Ulrich Großmann

Jugendburgen

Einleitung – Was ist eine Jugendburg?


Jugendburgen sind Gebäude bündischer, selbstverwalte-
ter Jugendorganisationen.1 Die zu Versammlungs- und Übernachtungsstätten ausgebauten Bur-
gen oder Neubauten in burgenähnlicher Form und charakteristischer Lage besitzen Schlafsäle,
Gemeinschafts- sowie Seminarräume für Veranstaltungen von Arbeitsgruppen.
Jugendburgen sind nicht zu verwechseln mit Jugendherbergsburgen, die der Unterkunft
Jugendlicher auf Reisen dienen.2 Jugendherbergen können zwar auch Seminar- und Gemein-
schaftsräume aufweisen, sind aber keine Versammlungsstätten bündischer oder anderer orga-
nisierter Jugendgruppen. Es gibt auch Jugendburgen mit vermietbaren Jugendherbergsräumen,
doch ist dies allenfalls eine zusätzliche Einrichtung zur besseren Finanzierung und leichteren
Kontaktaufnahme zu nicht-bündischen Jugendlichen.

Entwicklung und Geschichte


Die große Mehrheit der Burgen entstand im Mittelalter und hat in
den Jahrzehnten um 1700 ihre Funktion als verteidigungsfähiger Wohnbau des Adels verloren.
Damals wurden viele Burgen aufgegeben, falls man sie nicht als privaten Wohnsitz oder als Ver-
waltungssitz weiter nutzen konnte. Die meisten uns heute bekannten Ruinen gerieten erst im
18. und frühen 19. Jahrhundert in diesen Zustand. Ebenfalls um 1700 setzten das historische
Interesse an Burgen und der Burgentourismus ein, wie sich vor allem an Veröffentlichungen
dieser Zeit erkennen lässt.3 Die Popularität von Burgen als romantische Orte stieg in den Jahren
um 1800, als beispielsweise Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) die Wartburg besuchte.
Studenten der Universität Heidelberg nutzten die Kästenburg – im 19. Jahrhundert als Maxburg
sowie als Hambacher Schloss bezeichnet – als Ziel von Wochenendausflügen; einige der ­frühesten
Zeichnungen von Botho Graf zu Stolberg (1805–1881) belegen dies beispielhaft: 1827 besuchte er
diese Burg, den Trifels sowie Scharfeneck.4
Sah man um 1800 in Burgen, trotz aller romantischen Begeisterung für die Ruinen, bauli-
che Dokumente der Unterdrückung,5 wurden sie nun zu Identifikationsorten freiheitsliebender
Bürger. 1814 hatten freiheitsliebende Bürger anlässlich des ersten Jahrestages der Leipziger
Völkerschlacht bei der Kästenburg ein Gedenkfeuer entzündet.6 Studenten aus allen Ländern
des Deutschen Bundes unternahmen auf Einladung der Burschenschaft Jena zum Reformations­
jubiläum 1817 einen Zug auf die Wartburg. 1832 trafen sich rund 30.000 Menschen am ­Hambacher
Schloss. Da man gegen den ausdrücklichen Willen der bayerischen Obrigkeit handelte, wurde

82 „Mit uns zieht die neue Zeit“


das Treffen als Volksfest angekündigt. Die Veranstaltungen beinhalteten Demonstrationen für
mehr Freiheiten und eine Einigung Deutschlands zu einem Nationalstaat. Diese Ereignisse dürf-
ten in besonderem Maße dafür ausschlaggebend gewesen sein, dass man Burgen nicht mehr nur
als Ausdruck feudaler Unterdrückung ansah, sondern sie für unterschiedliche Zwecke verein-
nahmte. Selbst Richard Wagner (1813–1883) besuchte 1849 auf seiner Flucht von Dresden nach
Frankreich die noch unrestaurierte Wartburg.7 Allerdings hatte nicht nur das Bürgertum, son-
dern auch der Hochadel die Burg wiederentdeckt, wie Renovierungen und Ausbauten, ja sogar
völlige Neubauten zeigen.8
Die Jugendbewegung nahm ihren Ausgang kurz vor 1900 in Steglitz bei Berlin. Seit 1896
wurden vom dortigen Gymnasium aus Wanderungen durchgeführt, die einige der damaligen
Schüler, allen voran Karl Fischer (1881–1941), 1901 zur Gründung des Wandervogel anregten.
Damit setzte eine Bewegung ein, die Naturerlebnis und Selbstbestimmung Jugendlicher in den
Mittelpunkt rückte. Allerdings sollte es in den folgenden drei Jahrzehnten zu immer neuen Grup-
pierungen, Spaltungen, Vereinsgründungen und unterschiedlichsten Organisationsformen mit
einem breiten politischen Spektrum kommen. Nur wenige der Gruppen waren an einem festen
Domizil interessiert, um es in Eigenleistung und mit Spendenmitteln zur dauerhaften eigenen
Nutzung zu erwerben und auszubauen. In Jugendburgen wollten sich Jugendliche und Jugend-
gruppen treffen, um sich weiterzubilden, zu diskutieren und sicher auch zu feiern.
Als Wanderziele boten sich Burgen, insbesondere weithin sichtbare Höhenburgen, eher an
als Bauernhöfe in den Dörfern oder Neubauten in den Städten, auch wenn Strohlager in Scheu-
nen anfänglich durchaus zu den üblichen Schlafplätzen gehörten. Burgen als dauerhafte Treff-
punkte zu erwerben, war dagegen zunächst nicht die Absicht der Bünde. Selbst die Übernach-
tung dort stand anfangs nicht zur Diskussion.
Erste Ideen für die Schaffung von Übernachtungsmöglichkeiten erwuchsen in schulischen
Kreisen: Die Anregung zum Ausbau einer Burg als günstige Übernachtungsstätte für Jugend-
liche stammt von dem Lehrer Richard Schirrmann (1874–1961) in Altena. Im Rahmen seines
Unterrichts legte er großen Wert auf Wanderungen, auf denen er seinen Schülern die Natur, aber
wohl auch die regionale Geschichte erklärte.9 Mehrtägige Ausflüge scheiterten oft an den fehlen-
den preiswerten Quartieren. Als der Landrat Fritz Thomée (1862–1944) 1906 die Rekonstruktion
und den Ausbau der Burg Altena vorschlug, um dort ein Museum, eine Gaststätte und Räume
für kulturelle Veranstaltungen entstehen zu lassen, empfahl ihm Schirrmann, der damals das
Museum ehrenamtlich betreute, zusätzlich die Einrichtung einer festen Jugendherberge. Zuvor
hatte Schirrmann 1907 eine Übernachtungsmöglichkeit für Jugendliche in einer Gastwirtschaft
in Altena geschaffen.10 1911/12 wurde in der Burg die erste Jugendherberge Deutschlands (und
weltweit!) bezogen, jedoch erst 1914 offiziell eröffnet.11 Über der Ruine eines Wohnbaues der
Kernburg war ein Neubau entstanden, dessen Untergeschoss die Jugendherberge aufnahm. Heu-
te dienen diese Räumlichkeiten als Jugendherbergs-Museum, die Jugendherberge selbst ist in
einem Bau neben dem äußeren Tor untergebracht. Die Pläne für den Ausbau stammen von dem
Aachener Architekten Georg Frentzen (1854–1923).12 Damit war der Grundstock für die Entste-
hung des Jugendherbergswerks gelegt. Bis zum Ersten Weltkrieg gelang Schirrmann die Grün-
dung von 372 Jugendherbergen.13 Trotz der zeitlichen Parallele aber handelt es sich bei den
Jugendherbergen und den Jugendburgen um unterschiedliche Entwicklungen.
Manche Jugendherberge stand tatsächlich in Kontakt mit der Wandervogel-Bewegung, an-
dere werden in neueren Publikationen irrtümlich als Jugendburg bezeichnet. Dazu gehört etwa
die 1922 in der ehemals landgräflichen Burg Hessenstein bei Vöhl-Ederbringhausen in Nordhes-
sen eingerichtete Jugendherberge.14 Die erste Jugendburg wurde erst nach dem Ersten Weltkrieg
gegründet. Auf wen diese Idee letztlich zurückzuführen ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.

Jugendburgen 83
Mehrere Initiativen erfolgten nahezu gleichzeitig; angesichts der häufigen Treffen verschiedener
Jugendbünde und -gruppen ist dies sicherlich kein Zufall.
Vermutlich verwendete der Pädagoge Gustav Wyneken (1875–1964) 15 erstmals 1918 den Be-
griff „Jugendburg“ in einem Beitrag für das Jahrbuch „Tätiger Geist“.16 Wyneken war Gründer der
Reformschule Wickersdorf in Thüringen und hatte 1913 am Meißnertreffen, das mit einer Zusam-
menkunft auf Burg Hanstein begann, teilgenommen. Er hoffte, stärkeren Einfluss auf die Jugend-
bewegung zu gewinnen. In waldreicher und gebirgiger Umgebung sollte laut seiner Schrift ein
großes Haus gefunden werden, etwa ein Bauernhaus oder ein altes Schloss.17 Es sollte zunächst als
eine Art Ferienheim dienen und sowohl Massenunterkünfte als auch behagliche Zimmer für den
längeren Aufenthalt haben, dazu seien Räume für Versammlungen und diverse Veranstaltungen
wie Vorträge, Musik, Schauspiel oder Tanz erforderlich sowie ruhige Räume mit Arbeitsplätzen
und einer Bücherei, gegebenenfalls ein Atelier und ein Ausstellungsraum.18 Mit dieser Idee vertrat
Wyneken tatsächlich etwas Neues, bisher nicht Dagewesenes. Möglicherweise resultieren daraus
Formulierungen in seinem Aufsatz, die von Selbstbewusstsein, aber auch Konkurrenzangst zeugen.
„Im gesamten Umkreis der Jugendbewegung und ihrer Freunde“ sah er nur eine Person, die einen
solchen „Sammelpunkt der Jugend ins Leben rufen“ könne, nämlich sich selbst.19 Obwohl er an-
fänglich die Begriffe „Bauernhaus“ und „Schloss“ nannte, sprach er im
Folgenden nur noch von der Jugendburg. Angeblich stand er bereits
vor dem Kauf eines Anwesens auf eigene Kosten; dieser Hinweis könn-
te ein Versuch gewesen sein, um entsprechende Initiativen Anderer
zu bremsen. Die geplante Jugendburg solle sein „persönliches Eigen-
tum“ oder zumindest seiner „persönlichen Leitung unbedingt über-
geben sein“, damit solle man „sich abfinden“.20 Ob man eine solche
Jugendburg als „selbstbestimmt“ bezeichnen kann, sei dahingestellt.
Tatsächlich sind Wyneken der Erwerb einer Burg und somit die Grün-
dung einer Jugendburg nicht gelungen.
Der früheste konkrete Plan, eine Burg für eine Gemeinschaft
aus der Jugendbewegung zu erwerben, dürfte von Enno Narten
(1889–1973) stammen. Er lernte Burg Hanstein sowie die gegenüber-
liegende Burg Ludwigstein an der Werra21 kennen, als die Technische Hochschule Hannover eine Abb. 1: Paul Haferkorn und Her-
geologische Exkursion zum Hanstein durchführte. Dort brachte ihn sein Professor, Hans Stille mann Hering, Bauplan für Burg
Ludwigstein, 1920 (vgl. [Link]. 143)
(1876–1966), auf den Gedanken, den ruinösen Ludwigstein für die Wandervogel-Bewegung zu
nutzen.22 Während des Ersten Weltkriegs entschloss sich Narten, diesen Vorschlag umzusetzen.
Nach Kriegsende veröffentlichte er einen Spendenaufruf zum Erwerb der Burg.23 Darin beschrieb
er die Ziele, die er mit der Burg verbinden wollte, verwendete aber noch nicht die Bezeichnung
„Jugendburg“. Zunächst dachte Narten an ein „Erinnerungsmal für unsere Gefallenen“. Dazu
wollte er Unterkunfts- sowie Versammlungsräume und eine Wohnung für einen Wärter schaffen.
Die Burg sollte allen Bünden und Wanderern beiderlei Geschlechts offenstehen. Am 4. April 1920
erfolgte die Gründung der „Vereinigung zum Erwerb und zur Erhaltung der Burg Ludwigstein
bei Witzenhausen an der Werra“.24
Innerhalb eines Vierteljahres waren rund 50.000 Mark an Spendengeldern gesammelt wor-
den (vgl. [Link]. 146). Architekt Paul Haferkorn aus Göttingen, zuvor Gauleiter des Wandervogel,
wurde mit den Planungen betraut. Ihn unterstützte Hermann Hering (1879–1945), ebenfalls aus
Göttingen.25 Noch vor dem Erwerb der Burg begann man mit den Erneuerungsarbeiten (Abb. 1).
Bereits im ersten Jahr kamen rund 3.000 Besucher auf die Burg.26
Die Kernburg ist nahezu rechtwinklig, die Ringmauer bildet zugleich die Außenmau-
er der Gebäude. Neben dem Eingang an der südwestlichen Schmalseite steht der runde Berg-

84 „Mit uns zieht die neue Zeit“


fried, der zur Hälfte aus dem Grundrissviereck herausragt. Dahinter befindet
sich rechts der ehemalige Wohnflügel, links das frühere Stallgebäude, heute
­„Rittersaal“. Die südöstliche Rückseite wird von dem sogenannten ehemali-
gen Wirtschaftsgebäude eingenommen, dem großen Kamin nach tatsächlich
aber Burgküche und Hofstube. Die Bausubstanz gehört, abgesehen von Berg-
fried und Außenmauern, weitgehend dem 16. Jahrhundert und den Jahren
um 1700 an und besteht aus Fachwerk. Der ab 1920 vorgenommene Ausbau
betraf zunächst drei Räume am Bergfried („im Turm“), wo man eine Küche und
einen Schlafraum einbaute, ein weiterer Raum war damals nur über eine Lei-
ter zugänglich. Im Sommer 1921 wurde das Fachwerk des südlichen Flügels
abgetragen, Teile des Fachwerks wurden zum Wiederaufbau ausgewechselt,
größere Teile der Fachwerkkonstruktion blieben erhalten. 1922 kam es zur offiziellen Übergabe Abb. 2: Burg­innenhof der Burg
der Burg, die Regierung überließ sie der Vereinigung zur Erhaltung der Burg Ludwigstein letzt- Ludwigstein, Fotografie G. Utke,
1930 (vgl. [Link]. 148)
lich kostenfrei.27 In diesem Jahr folgte der Innenausbau. Gleichzeitig ist die „Kanzlei“ gleich
links des Tores ausgebaut worden, über der sich die Schlafkammer des Burgwarts befand, heute
ist der Raum neben dem Tor selbst ein Schlafsaal. Eine neue Küche war ebenfalls 1922 im Bau.
Weitere Schlafsäle und Veranstaltungsräume waren seinerzeit geplant, insbesondere im Nord-
flügel, konnten aber erst nach Ende der Inflation 1924 verwirklicht werden (Abb. 2).28
Nach der nationalsozialistischen Gleichschaltung und Übernahme der Burg durch die
­Hitlerjugend 1933 konnte die Vereinigung Burg Ludwigstein sie ab 1945 wieder nutzen. Aller-
dings hielten die Erfahrungen des „Dritten Reichs“ den Verein nicht davon ab, 1959 den ehemali-
gen Wandervogel und Nationalsozialisten Erich Kulke (1908−1997) zum Vorsitzenden zu wählen.29
Burgarchitekt wurde Jürgen Jaeckel aus Hannover. Die Gebäude nördlich und nordwestlich der
Kernburg entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg für den wachsenden Raumbedarf der Jugend-
burg. Der große Querflügel ist der 1963 als Archiv und Jugendherberge eingeweihte Meißnerbau. Abb. 3: Hauptgebäude der Burg
In den folgenden Jahren wurden die Räume der Kernburg modernisiert. Zuletzt fügte man in den Rothenfels, um 2010

Jahren 2010 bis 2012 den Enno-Narten-Bau hinzu.


Zeitlich parallel zur Jugendburg Ludwigstein entstand die
Idee zu jener in Rothenfels (Abb. 3).30 Spätestens seit Frühsom-
mer 1918 trat der „Quickborn“, aus einem 1909 gegründeten ka-
tholischen Abstinentenverein höherer Schüler hervorgegangen,
in Verhandlungen mit Fürst Aloys von Löwenstein-Wertheim-
Rosenberg (1871–1952) zum Kauf einer Wiese für den Bau eines
Vereinshauses. Daraus entwickelte sich rasch die Möglichkeit
zum Erwerb der Burg Rothenfels selbst, der 1919 vollzogen wur-
de (Abb. 4).31 Für den katholischen Bund Quickborn sollte hier ein
„Gegenstück zu der von Gustav Wyneken als ‚Mittelpunkt der mo-
nistischen, linksliberalen’ Freideutschen Jugend geplanten ‚Deut-
schen Jugend­burg’“ entstehen.32 Der spätere Burgleiter ­Romano
­Guardini ­(1885–1968) nannte Rothenfels ein „Sinnbild der unsichtbaren Burg, die allein den Gral Abb. 4: Schlafsaal auf Burg
umschließt“ und bezog sich damit auf die Parzifal-Sage. Der Ausbau der Burg ließ auch hier noch
33 ­Rothenfels, 1919 (vgl. [Link]. 166)

einige Jahre auf sich warten. 1924 erhielt Rudolf Schwarz (1897–1961) den Auftrag zu Entwürfen
für Rothenfels.34 Er gestaltete die Innenräume im Stil der Neuen Sachlichkeit um, was einerseits
eine noch heute modern, sachlich und nüchtern wirkende Architektur hervorrief, andererseits zur
Zerstörung wertvoller Substanz führte, so etwa der eines spätromanischen Kamins im Ostturm der
Burg sowie gotischer und barocker Ausstattungsteile. Die „Burg“ wurde von Schwarz nur als Hülle
verstanden, mit der historischen Innenarchitektur ist er äußerst radikal umgegangen: „Wir fanden,

Jugendburgen 85
dass die ganze Burg aus einer solchen ‚Fülle der Armut’ neu erstehen müsse. […] Weil wir etwas
ganz Neues erproben wollten, fanden wir den Mut, das Alte zu zerstören.“ 35
Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg kam es zur weiteren Spaltung der inzwischen
zwei großen Vereinigungen, des Wandervogel und des Alt-Wandervogel. Letzterer war 1904 als
Abspaltung des Wandervogel gegründet worden. Vor diesem Hintergrund bildeten sich immer
wieder kleinere Gruppierungen, die sich entweder als Teil des Wandervogel sahen oder sich aus
diesem herauslösten. Die dem Alt-Wandervogel angehörenden Zwillingsbrüder Karl (1896–1974)
und ­Robert Oelbermann (1896–1941) gründeten in der Neujahrsnacht 1919/20 nahe dem Dorf
Neroth (Gerolstein/Eifel, Rheinland-Pfalz) einen Jugendbund. Robert Oelbermann forderte
eine „unbedingte Adelsherrschaft, eine Herrschaft der Besten“, und erklärte die mitwirkenden
Freunde zu „Roten Rittern“. Man nannte sich „Die Nerommen“.36 Oelbermann vertrat ein bedin-
gungsloses Führerprinzip, gepaart mit völkischen Auffassungen, was ihn aber später nicht vor
nationalsozialistischer Verfolgung schützen sollte. Mädchen wurden aus seiner Gruppe ausge-
schlossen.37 Die Untergliederung des Nerother Wandervogel nahm er nicht in Gaue und Gruppen,
sondern in Orden vor, die Mitglieder waren Ordensritter.38 Abb. 5: Werbeschrift für die
Seit 1921 verselbständigte sich die neuerliche Abspaltung unter dem Namen „Nerother ­Rheinische Jugendburg. Bonn 1921
(vgl. [Link]. 135)
Wandervogel“. Sie wollte als Träger einer „Rheinischen Jugendburg“ fungieren (Abb. 5). Be-
reits 1920 hatten die Brüder Oelbermann die Burgruine Waldeck bei Dorweiler (heute Rhein-
Hunsrück-Kreis) entdeckt. Sie gewannen den Architekten Karl Buschhüter (1872–1956) für die
Anfertigung von Ausbauplänen für ihre Jugendburg; 39 sie wurden am 2./3. Juli 1921 auf einem
­„Jugendburgtag“ des „Bundes zur Errichtung der Rheinischen Jugendburg, eines Ehrendenk-
mals für die gefallenen Helden“ vorgestellt (Abb. 6).40 Erste Entwürfe sollen angeblich bereits
1919 entstanden sein,41 doch vermutlich waren es nur Gedankenskizzen und keine ausgearbei-
teten Zeichnungen, denn sie sind nicht bekannt oder gar veröffentlicht. Die publizierten Pläne
Buschhüters beziehen sich auf den Standort der Unterburg.
Burg Waldeck bestand aus zwei Ruinen, einer Ober- und einer Unterburg (Abb. 7). Die Unter-
burg wurde 1688 von französischen Truppen zerstört, ein barocker Neubau wurde 1720 über einem
Teil der Kernburg-Ruine errichtet und im Laufe des 19. Jahrhunderts seinerseits zerstört. 1920/21
war die Ruine des Barockbaus erhalten, große Fensteröffnungen zeigen das geringe Alter dieses Abb. 6: Ehrenhain der deutschen
Bauteils an. Separat stand der runde Bergfried, vor dem sich eine große trapezförmige, terrassierte Jugendbewegung, 2012

Fläche, von einer hohen Mauer umgeben, befand, wahrscheinlich der Platz der mittelalterlichen
Kernburg, die nach 1700 nur noch als Bastion oder als Barockgarten vorgesehen war.42 Der Torweg
trennte die Hauptburg von einem dicht am Hang stehenden schmalen Seitenflügel.
Die Pläne Buschhüters von 1920/21 greifen die erhaltene Grundrissanlage auf, auch wenn
der Gesamtentwurf einen geradezu gigantischen Neubau mit einem großen zweitürmigen Mit-
telbau und einem sich dahinter, auf der Talseite anschließenden Wohn- oder Versammlungs-
bau zeigt. Das stark überhöhte Haupt-
gebäude sollte den Fensterbändern
nach über vier Geschossen ein riesiges
Steildach mit wenigstens drei nutzba-
ren Dachgeschossen erhalten. Daran
würde auf der Seite zur Bastion ein
zweigeschossiges Gebäude angrenzen
und schließlich der große, die Bastion
Abb. 7: Willi Wagner, Grundriss,
nutzende längsrechteckige Hof mit ei-
Schloss Waldeck, um 1960, in:
ner U-förmigen Fachwerkgalerie. Diese Rheinische Kunststätten 1966,
sollte der Ansicht auf der Titelseite der H. 2/3, S. 30

86 „Mit uns zieht die neue Zeit“


Werbeschrift zufolge, die zu einem Jugendburgtag 1921 erarbeitet wurde, elf, auf der im Innern
abgedruckten Schnittzeichnung jedoch 24 Arkaden lang sein. Die im Prospekt veröffentlichte
„Vorder-Ansicht“ (richtig: Hofansicht!) zeigt das hohe Giebelhaus von den beiden Haupttürmen
eingefasst, die durch eine Brücke verbunden sind. Doppelturmanlagen gehören zu Dom- und
Klosterkirchen, im mittelalterlichen Burgenbau sind sie selten.43 Schräg abfallende Gänge füh-
ren zu Seitenflügeln, ein weiterer schräger Gang zu einem tiefer gelegenen Gebäude, der soge-
nannten Jungenbleibe und zu dem Mädelnest. Stilistisch ist das Bauwerk durch den Heimat-
stil und den frühen Expressionismus beeinflusst,
letzterer zeigt sich etwa in den Parabelbögen un-
ter den schrägen Gängen (Abb. 8). Buschhüter war
offenbar der erste Architekt, der derartige Bögen
verwendete, die ein halbes Jahrzehnt später zum
typischen expressionistischen Architekturmotiv
werden sollten wie zum Beispiel in der Limburger
Pallottinerkirche.
In der Werbeschrift stellen die Autoren
­Robert ­Oelbermann, Karl Buschhüter und Erich
Floeren das Projekt in teilweise schwülstigen
Worten vor. Oelbermann schildert die Vorteile der
­Burgruine Waldeck hinsichtlich ihrer Fläche und
der Möglichkeit, im Umfeld Steine und Holz für den Ausbau zu gewinnen (Abb. 9). Der Eigentümer, Abb. 8: Karl Buschhüter, Gesamt­
der Kreis Simmern, habe angeblich dem Verkauf bereits zugestimmt, sodass man zu Pfingsten ein ansicht für die Rheinische Jugend­
burg, in: Werbeschrift für die
erstes Treffen mit zahlreichen Jugendlichen in der Burgruine veranstalten könne.44 Erich ­Floeren Rheinische Jugendburg. Bonn 1921
wiederholt die Aufgaben der geplanten Jugendburg, gibt jedoch zu bedenken, dass man aufgrund (vgl. [Link]. 135)
der noch fehlenden schriftlichen Fixierung des Verkaufs gegebenenfalls einen anderen Standort su-
chen müsse. Zunächst solle eine Jugendherberge, eine Wanderschänke und eine Wohnung für einen
(vermutlich kriegsversehrten) Betreuer errichtet werden, anschließend die übrigen Baulichkeiten.

Abb. 9: Fotoalbum, Leben und


Treiben auf der Jugendburg,
1924–1926 (vgl. [Link]. 142)

Jugendburgen 87
Der preußische Provinzialkonservator lehnte die Überbauung der Burgruine ab, sodass
auch der Verkauf der Ruine durch den Kreis nicht zustande kam. Offensichtlich wurde allerdings
ihre Nutzung durch die Nerother Wandervögel weiterhin toleriert. Ein Foto von 1922 zeigt das
Gebäude für die Bauhütten-Gemeinschaft hinter der barocken Schlossruine. Zum Pfingsttreffen
dieses Jahres wurden Zelte auf der „Bastion“ der Unterburg aufgestellt.45
Dagegen konnte man die Oberburg, von der nur noch eine Mauer und der Stumpf des Berg-
frieds erhalten waren, samt zugehörigem Vorburggelände 1922 kaufen. Die Grundsteinlegung für
die „Rheinische Jugendburg“ erfolgte am 5. August des Jahres.46 1924 kam es zum Kauf von zwei
Militärbaracken, von welchen eine als „Wirtschaftshütte“ beziehungsweise neue Bauhütte auf
das Gelände vor der Oberburg („Turmfeld“) transloziert wurde. Es handelte sich um einen einstö-
ckigen Fachwerkbau aus weiß gestrichenem Holzwerk und flachem Satteldach „in schwedischem
Baustil“.47 Daneben gab es ein kleines Waschhaus mit Sauna, ferner einen zweiten länglichen
Fachwerkbau auf einem hohen Steinsockel, das Stallgebäude. Nach dem Brand der „Wirtschafts-
hütte“ 1926 wurde noch im selben Jahr eine größere Bauhütte als Fachwerkbau errichtet.
1927 konnte das erste Haus der Jugendburg in Angriff genommen werden, 1930 wurde es
eingeweiht.48 Das längliche Haus mit Satteldach ist vor allem durch die Holzstützen an beiden
Seiten gekennzeichnet, daher als „Säulenhaus“ benannt. Ursprünglich war nur das untere Dach-
geschoss ausgebaut. 1977 brannte das Gebäude ab. Der heutige Nachfolgebau wurde bis 1979
mit einem zweistöckigen Dachgeschoss errichtet. Auffallend ist, dass die Holzstützen nicht in
gleichmäßigen Abständen stehen, sondern entsprechend den Eingängen und Fenstern immer ein
schmales und ein breites Joch im Wechsel aufweisen.49
Die Nationalsozialisten verboten die bündische Jugend und internierten Robert Oelber-
mann trotz dessen völkischer Gesinnung im KZ Dachau, wo er 1941 starb. Sein Zwillingsbruder
Karl nahm den Burgenbau 1954 wieder auf, „trotz großer Widerstände“, wie es heute auf einer
Gedenktafel am Burgtor heißt. Da er sich jedoch vehement gegen Neuerungen sperrte und seine
politische Einstellung ähnlich der seines Bruders eher im nationalen und völkischen Spektrum
lag, spaltete sich die Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V. (ABW) von den Nerother Wandervö-
geln ab. Sie errichtete oberhalb der Oberburg Waldeck in der Nachkriegszeit mehrere Neubauten.
Die Burgruine gehört dem Nerother Wandervogel, der allerdings kaum mehr durch ein ak-
tives Vereinsleben geprägt ist. Die heutige „Burg“ entstand erst lange nach Ende des Zweiten
Weltkriegs. Zunächst schachtete man 1957/59 den Halsgraben vor der Burg aus und errichte-
te eine Brücke mit Parabelbogen im Stile Buschhüters.50 Baubeginn der „Burg“ war um 1968,
bis 1974 wurde sie nach Plänen des Kölner Architekten J. Rohé erbaut. Es handelt sich um ein
­Satteldachgebäude von schlichter Grundform mit einem kleineren Seitenflügel. Der mittelalter-
liche Mauerrest blieb neben dem Neubau erhalten. Vor der „Burg“ befindet sich ein Torhaus und
zwischen beiden liegt ein Graben, insoweit an mittelalterliche Burgen erinnernd. Das Torhaus
erhielt als bislang letzte Baumaßnahme 1990 ein neues Holztor. Heute ist die „Burg“ unzugäng-
lich und durch einen Zaun abgeschottet.
Neben diesen drei eindeutig als Jugendburg zu benennenden Anlagen gibt es weitere, die in
der Literatur gelegentlich oder von den Bauherren beziehungsweise den heutigen Nutzern als sol-
che bezeichnet werden. So die „Jugendburg Eichenkreuz“ bei Wedemark in Niedersachsen, die 1926
bis 1928 als Neubau im Stil einer viereckigen Burg mit Bergfried errichtet wurde. Bauherr war die
Vahrenwalder Kirchengemeinde. Für den Bau kamen Steine der Zeppelinhalle in Hannover zum
Einsatz, die nach dem Versailler Vertrag abgebrochen werden musste.51 Tatsächlich ist es aber kei-
ne Jugendburg, sondern ein kirchliches Landheim für Jugendliche, das 2001/03 unter Erhaltung
der Außenansichten völlig erneuert wurde. Auch bei Burg Hohnstein im gleichnamigen Ort in der
Sächsischen Schweiz handelt es sich um einen 1925 erfolgten Ausbau der Burg zu einer Jugend-

88 „Mit uns zieht die neue Zeit“


herberge. Die Neuerburg in Rheinland-Pfalz schließlich ist eine 1930 gegründete Jugendherberge
des katholischen Bundes Neudeutschland. In der Burg Hohensolms bei Wetzlar wurde bereits 1921
ein Bundesheim der „christdeutschen Jugend“ eingerichtet, das sich seit 1952 in Trägerschaft der
evangelischen Kirche befindet; im mittelfränkischen Wernfels richtete der Christliche Verein Jun-
ger Männer (CVJM) auf der dortigen Burg 1925 eine Jugendherberge ein.52
Der Nationalsozialismus machte sich die Idee der Jugendburg zunutze. Mit der ursprüng-
lichen Planung der neuen Burg Waldeck hatten Bauherren und Architekt bereits einen Entwurf
von imposanten Größendimensionen vorgelegt und dabei auch bewusst nur den Standort der
Burg, nicht deren Gestaltung übernommen. Die von Robert Ley (1890–1945) nach 1933 konzipier-
ten drei NS-Ordensburgen Krössinsee, Vogelsang und Sonthofen dürfen selbstverständlich nicht
mit Jugendburgen verwechselt werden, denn sie sind Einrichtungen des Staates beziehungs-
weise der NSDAP zur ideologischen Ausbildung ihres männlichen Parteinachwuchses. Robert
Ley schreibt dazu: „Diese drei Burgen sind von Grund auf neu erbaut. Wo sie stehen, war vorher
nichts. Ich wollte keine alten Burgen und Schlösser umbauen. Denn ich bin der Überzeugung,
dass man diese neue, gewaltige Weltanschauung Adolf Hitlers nicht in alten, modrigen und ver-
staubten Gebäuden predigen und lehren kann. [...] Diese Burgen mussten in Wirkung und Größe
den Gedanken entsprechen, die in ihnen verkündet wurden. [...] Diese Burgen mussten denjeni-
gen, die in ihnen zu nationalsozialistischen Führern erzogen werden sollen, jeden Tag von neuem
ein Sinnbild der Größe und der Würde der nationalsozialistischen Weltanschauung sein.“ 53 Die
Ordensburgen sind kasernenartige Gebäudegruppierungen mit einem zentralen Baukomplex für
die Ausbildungsräume; Vogelsang gipfelt zudem in einem hohen Turm. Von Selbstbestimmung
der Jugendlichen kann in diesen Bauwerken trotz einzelner architektonischer Parallelen keine
Rede sein. Dies gilt auch für Bauten der Hitlerjugend oder des Bundes deutscher Mädel (BdM)
wie die 1935 ausgebaute Burg Camburg in Thüringen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg überwogen Neugründungen als Begegnungsstätten kirchli-
cher Bünde und Vereinigungen wie „Burg“ Feuerstein bei Ebermannstadt in Bayern, ursprünglich
als kriegswichtiger Industriebau 1941/42 zur Tarnung gegen Luftangriffe in Form einer Burg
errichtet.54 Seit 1946 befindet sie sich in christlicher Trägerschaft. Die „Jugendburg“ Gemen ist
eine Begegnungsstätte der katholischen Kirche im Münsterland (seit 1946); die Anregung dazu
stammte von Kardinal Clemens August Graf von Galen (1878–1946). In Schloss Mansfeld (Sach-
sen-Anhalt) traf sich ab 1947 das evangelische Jungmännerwerk (heute CVJM), heute ist die
bedeutende Frührenaissanceburg eine christliche Jugendbildungsstätte. Schloss Rotenberg bei
Rauenberg (Baden-Württemberg) wurde 1937 aus Privatbesitz an die NSDAP verkauft und nach
dem Zweiten Weltkrieg als Jugendheim genutzt. 1951 gründeten die im Landesjugendausschuss
Baden vertretenen Organisationen einen Verein „Jugendburg Rotenberg e.V.“, der 1954 die Burg
übernehmen konnte.55 Die Schönburg bei Oberwesel (Rheinland-Pfalz) dient seit 1951 dem Kol-
pingwerk als „Jugendburg“, im eigentlichen Sinn also als Jugendherberge. Burg Schwaneck bei
Pullach im Isartal (Bayern) wurde bis 1843 für den zuvor geadelten Bildhauer Ludwig (von)
Schwanthaler (1802–1848) errichtet. 1955 gelangte sie an den Landkreis München und fungiert
seit 1956 als Jugendherberge und Jugendbildungsstätte. Die mittelalterliche Burg ­Hohenkrähen
bei Singen (Hohentwiel) wurde ab 1956 als „Jugendburg“ durch die Pfadfinderschaft „Graue
Reiter“ genutzt; auch Schloss Ebersberg bei Stuttgart ist seit 1966 eine Begegnungsstätte der
Pfadfinderschaft. Burg Rieneck (Unterfranken) wurde 1959 vom Verband christlicher Pfadfinder
ausgebaut. Weitere Bauten sind nach dem Zweiten Weltkrieg nur vorübergehend als Jugendburg
genutzt worden wie Burg Balduinstein, Rheinland-Pfalz, die 1974 von den Nerother Wander­
vögeln gemietet und 1979 erworben wurde. Neben der Burgruine entstanden dort neue Gemein-
schaftsbauten zur Nutzung als „überbündische Begegnungsstätte“.

Jugendburgen 89
Die vielleicht wichtigste neuere Gründung ist die nieder-
österreichische Burg Streitwiesen (Abb. 10). Die Gründer, ehe-
malige Pfadfinder, erwarben sie 1972 und berufen sich nach-
drücklich auf die Ideale der Jugendburg. Sie wollen hier eine
konfessionell und parteipolitisch unabhängige „überbündi-
sche Begegnungsstätte“ schaffen.56

Fazit
Obwohl der Begriff „Jugendburg“ so prägend ist, dass
man heute gerne Dutzende Bauwerke darunter subsumieren
möchte, gibt es nur wenige Bauten aus der Zwischenkriegszeit,
bei denen es sich tatsächlich um Jugendburgen handelt, insbe-
sondere Ludwigstein, Rothenfels und Waldeck. Einige wenige
weitere entstanden im Zusammenwirken mit kirchlichen Institutionen, sind aber ähnlich den Abb. 10: Ehemalige Burgkapelle
drei genannten soweit selbstbestimmt und verfolgen die gleichen Aufgaben wie die bündischen der Burg Streitwiesen, um 2010

Jugendburgen, sodass man sie ebenfalls unter dem Begriff der „Jugendburg“ fassen kann. Insge-
samt liegt die Zahl der Jugendburgen bei kaum mehr als einem Dutzend. Baulich überwiegen die
mittelalterlichen Burgen, die durch Modernisierung der Innenräume und Hinzufügung einzelner
Nebengebäude der neuen Funktion angepasst wurden, gegenüber den vollständigen Neubauten.
Zur Entwicklung eines eigenständigen Architekturtyps kam es aufgrund der geringen Zahl von
Bauten und der sehr unterschiedlichen Vorgeschichte dieser Anlagen nicht. Deutlich zu unter-
scheiden sind bei den Jugendburgen die NS-Ordensburgen einerseits und die Jugendherbergs-
burgen andererseits.

1 Mein herzlicher Dank für zahlreiche Anregungen und die 6 Alexander Thon/Ulrich Stefan: Hambacher Schloss. Kästen-
Durchsicht des Textes gebührt Prof. Dr. Uwe Puschner, Berlin. burg – Maxburg (Schnell Kunstführer 1336). 5. neubearb. Aufl.
2 Die Definition, eine „Jugendburg [sei] eine als Jugendher- Regensburg 2005, S. 6.
berge genutzte Burg“, wie sie Reclams Wörterbuch der Burgen, 7 Richard Wagner: Mein Leben, Bd. 1. München 1911, S. 489.
Schlösser und Festungen. Hrsg. von Horst Wolfgang Böhme/Rein- 8 Literatur zum Historismus im Burgenbau siehe Mythos Burg
hard F
­ riedrich. Stuttgart 2004, S. 160–161. – Michael Losse: Kleine 2010 (Anm. 3).
Burgenkunde. Euskirchen 2011, S. 114, behaupten, ist falsch. Hierauf 9 Heinrich Ulrich Seidel: Der Weg zur ersten Jugendherber-
wies bereits Gabriele Nina Strickhausen-Bode: Stahls Stahleck. ge im westfälischen Altena. In: 100 Jahre Jugendherbergen
Ernst Stahl (1882–1957) und der Neuaufbau von Burg Stahleck am 1909–2009. Anfänge – Wandlungen – Rück- und Ausblicke. Hrsg.
Rhein – eine Jugendherberge der Rheinprovinz im Kontext von von Jürgen Reulecke/Barbara Stambolis. Essen 2009, S. 43–56.
Historismus und Heimatschutz, Jugendbewegung und Jugend- 10 Seidel 2009 (Anm. 9). S. 52.
burgidee. Diss. Marburg 2005 (Veröffentlichung der Deutschen 11 1912 laut [Link]/[Link]
Burgenvereinigung Reihe A: Forschungen 12). Braubach 2007, S. 64 [05.12.2012], 1914 laut [Link]/kultur-freizeit/
hin, die allerdings in früheren Artikeln selbst noch keine scharfe burg-altena/[Link]/ [20.11.2012] – Seidel 2009 (Anm. 9). S. 52.
Trennung zwischen Jugendherbergen und Jugendburgen vornahm: 12 Jens Friedhoff: Theiss-Burgenführer Sauerland und Sieger-
Gabriele Nina Bode: Die „Jugendburg“ Freusburg. Aspekte der land. 70 Burgen und Schlösser. Stuttgart 2002, S. 22–25.
Umnutzung und des Heimatschutzes in einer Burg im Westerwald. 13 Michael Buddrus: Schirrmann, Richard. In: Neue Deut-
In: Burgen und Schlösser im Westerwald. Historische Wohn- und sche Biographie, Bd. 23. Berlin 2007, S. 13–15. – Vgl. auch Ernst
Wehrbauten zwischen Sieg, Lahn, Dill und Rhein. Hrsg. von Andreas Stahl: Jugendherbergen in geschichtlichen Baudenkmälern. In:
Bingener/Jutta Heiligendorff. Hachenburg 1999, S. 83–91. Jugendherbergen. Rheinischer Verein für Denkmalpflege und
3 Vgl. Mythos Burg. Hrsg. von G. Ulrich Großmann. [Link]. Heimatschutz 20, 1927, H. 3, S. 25–101.
Germanisches Nationalmuseum. Nürnberg/Dresden 2010. 14 Irrtümlich in aktuellen Verzeichnissen z.B. URL:http://
4 Nina Günster: Blicke auf die Burg. Zeichnungen und Aqua- [Link]/wiki/Jugendburg [20.11.12] als „Jugendburg“
relle des 19. Jahrhunderts aus den Beständen Karl August von bezeichnet.
­Cohausen und Botho Graf zu Stolberg-Wernigerode im Germani- 15 Almut Körting: Gustav Wyneken, die Jugendkulturbewegung
schen Nationalmuseum. Nürnberg 2010, S. 104–107. und die Idee der Jugendburg. In: Hotte Schneider: Die Waldeck.
5 So äußert sich Friedrich Gottschalck: Die Ritterburgen und Lieder, Fahrten, Abenteuer. Die Geschichte der Burg Waldeck von
Bergeschlösser Deutschlands, 9 Bde. Halle 1810, Bd. 1. 1911 bis heute. Potsdam 2005, S. 33–37.

90 „Mit uns zieht die neue Zeit“


16 Gustav Wyneken: Die Jugendburg. In: Tätiger Geist! Zweites 38 Vgl. ausführlich, jedoch unkritisch Werner Kindt: Die
der Ziel-Jahrbücher. München 1918, S. 354–374. deutsche Jugendbewegung 1920 bis 1933. Die bündische Zeit
17 Parallel dazu gab er am 30.06.1918 in der Volkszeitung Berlin (Dokumentation der Jugendbewegung 3). Düsseldorf/Köln 1974,
eine Annonce zum Kauf einer Burg für eine zukünftige Jugend- S. 211–224.
burg auf. Vgl. Körting 2005 (Anm. 15), S. 35. 39 Walfried Pohl: Der Krefelder Architekt Karl Buschhüter
18 Wyneken 1918 (Anm. 16), S. 360-361. 1872–1956. In: Krefelder Architekten (Krefelder Studien 4). Krefeld
19 Wyneken 1918 (Anm. 16), S. 361. 1987, S. 7–388.
20 Wyneken 1918 (Anm. 16), S. 362. 40 Werbeschrift für die Rheinische Jugendburg. Zum Jugend­
21 Die ausführlichste Beschreibung der mittelalterlichen Burg burgtag in Bonn am 2. und 3. Juli 1921. Hrsg. vom Bund zur
bei Friedrich Bleibaum: Kreis Witzenhausen. Festschrift zum ­Errichtung der Rheinischen Jugendburg. [Bonn] 1921.
150jährigen Bestehen des Kreises Witzenhausen (Handbuch des 41 Kurt Hoppstädter: Burg und Schloss Waldeck im Hunsrück.
Hessischen Heimatbundes 4). Marburg 1971, S. 188–190. – Zur Ge- Ein geschichtlicher Rückblick. Ottweiler 1957, S. 67. Dem schließt
schichte der Wiedereinrichtung nach 1945 kurz Peter Loges: Burg sich Strickhausen-Bode 2007 (Anm. 2), S. 194 an.
Ludwigstein. Treffpunkt der Jugend. In: Wegweiser durch den 42 Werner Bornheim gen. Schilling: Rheinische Höhenburgen,
Werra-Meißner-Kreis. Bearb. von Erich Fischer. 6. Aufl. Eschwege Bd. 3 (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Heimatschutz/
1974. S. 170–174. Jahrbuch 2). Neuss 1964, Taf. 610–613.
22 Hinrich Jantzen: Geschichte des Ludwigsteins 1415–1960. 43 Beispiele sind Rochlitz in Sachsen und Hirschberg in Bayern.
Burg Ludwigstein 1960, S. 20–21, unter Verweis auf Werner Helwig: 44 Werbeschrift 1921 (Anm. 40), unpaginiert, Beitrag R. Oelber-
Die blaue Blume des Wandervogels. Vom Aufstieg, Glanz und Sinn mann.
einer Jugendbewegung. Gütersloh 1960. 45 Schneider 2005 (Anm. 15), S. 62 (Foto), S. 63 u. S. 65 (Foto).
23 Aus dem Tagebuch Enno Nartens zum Meißnertreffen 1913. 46 Schneider 2005 (Anm. 15), S. 64. Die entsprechenden An-
In: Gedenkheft für die 50-Jahrfeier des „Bundes Deutscher Wan- gaben bei Pohl 1987 (Anm. 39), S. 67 vermischen mehrere Daten
derer“ Pfingsten 1955 auf der Burg Ludwigstein. Hrsg. von Emma und Bauten.
Schubmehl. Göttingen 1963, S. 31. 47 Schneider 2005 (Anm. 15), S. 85.
24 Karl Kollmann: Burg Ludwigstein Witzenhausen (Schnell 48 Abbildung der Baustelle: Schneider 2005 (Anm. 15), S. 95. –
Kunstführer 1496). 3. neu bearb. Aufl. Regensburg 2006, S. 6. Hoppstädter 1957 (Anm. 41), S. 76–77.
25 Jan Volker Wilhelm: Das Baugeschäft und die Stadt. Stadt- 49 Bauhütte und Säulenhaus werden in den Publikationen häu-
planung, Grundstückgeschäfte und Bautätigkeit in Göttingen fig verwechselt. Der Bauhütte von 1922 in der Unterburg folgte die
1861–1924 (Studien zur Geschichte der Stadt Göttingen 24). von 1924 auf dem Gelände vor der Oberburg, diese brannte 1926
Göttingen 2006. Das Verzeichnis im Anhang (S. 434) nennt für ab, wurde umgehend wiedererrichtet und steht noch heute.
1920 Paul Haferkorn in Göttingen sowie Dipl.-Ing. Hermann Hering 50 Schneider 2005 (Anm. 15), S. 398.
als Inhaber des Architekturbüros Otto Krege. 51 Festschrift „60 Jahre Eichenkreuzburg“. Hrsg. von Evangeli-
26 Jantzen 1960 (Anm. 22), S. 25. scher Stadtjugenddienst Hannover. Hannover 1988.
27 Heinrich Lücke: Burgen, Schlösser und Herrensitze im Ge- 52 Daniel Burger: Burg Wernfels – Ein Kompaktbau des 13. Jahr-
biete der unteren Werra, H. 3. Parensen 1924, S. 1–7 (Ludwigstein), hunderts. In: Marburger Correspondenzblatt zur Burgenforschung
hier S. 6–7. 5, 2005/06, 2007, S. 5–26.
28 Jantzen 1960 (Anm. 22), S. 31–32. 53 Robert Ley: Der Weg zur Ordensburg (Sonderdruck des
29 Zu Kulke vgl. Klaus Freckmann: Hausforschung im Dritten Reichsorganisationsleiters der NSDAP für das Führerkorps der
Reich. In: Zeitschrift für Volkskunde 78, 1982, S. 169–186. – Partei, ihrer Gliederungen und den angeschlossenen Verbänden).
G. Ulrich Großmann: Völkisch und national – Der „Beitrag“ der Berlin 1936, unpaginiert [S. 4–5].
Hausforschung. Wiederaufleben der Runenkunde des SS-Ahnen- 54 G. Ulrich Großmann: Die Burgenstraße. Führer zu Burgen und
erbes. In: Völkisch und national. Zur Aktualität alter Denkmuster Schlössern von Mannheim bis Prag. Petersberg 2008, S. 122–124.
im 21. Jahrhundert. Hrsg. von Uwe Puschner/G. Ulrich Großmann. 55 Ulrich Schubert/Werner Kaiser/Burkhardt Fehrlen: Der Be-
Darmstadt 2009, S. 31–64. zirksjugendring Baden 1946–1989. Baden 1988. – Vgl. B. v. Teuffel:
30 Katja Marmetschke: „Nicht mehr Jugendbewegung, sondern Die Geschichte der Burg. [Link]/Geschich-
Kulturbewegung!“ Die Zeitschrift Schildgenossen in der Weimarer [Link]. – [Link]/[Link]. –
Republik. In: Le milieu intellectuel catholique en Allemagne, sa [Link]/[Link] [05.12.2012].
presse et ses réseaux (1871–1963)/Das katholische Intellektuellen- 56 [Link]/DasProjekt/[Link] [05.12.2012].
milieu in Deutschland, seine Presse und seine Netzwerke (1871–
1963). Hrsg. von Michel Grunewald/Uwe Puschner (Convergences
40). Bern u.a. 2006, S. 281–317, zu Rothenfels S. 288 ff. Bildnachweis
31 Winfried Mogge: „Dies uralt Haus auf Felsengrund“ Rothen- Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., Dorweiler, Archiv,
fels am Main: Geschichte und Gestalt einer unterfränkischen Burg. Foto: Monika Runge, GNM · Abb. 9
Würzburg 2012, S. 126–127. G. Ulrich Großmann, Fürth · Abb. 3, 6, 10
32 Mogge 2012 (Anm. 31), S. 127. Vereinigung der Freunde von Burg Rothenfels e.V., Rothenfels,
33 Mogge 2012 (Anm. 31), S. 127. Foto: Monika Runge, GNM · Abb. 4
34 Wolfgang Pehnt: Die Plangestalt des Ganzen. Der Architekt Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen,
und Stadtplaner Rudolf Schwarz (1897–1961) und seine Zeitgenos- Fotos: Monika Runge, GNM · Abb. 1, 2, 5, 8
sen. Köln 2011, hier S. 11–19 und 187–188.
35 Pehnt 2011 (Anm. 34), S. 14 bzw. 16.
36 Körting 2005 (Anm. 15), S. 37.
37 Schneider 2005 (Anm. 15), S. 39.

Jugendburgen 91
Claudia Selheim

Der Wandervogel – eine Quelle der Volkskunde

Die Anfänge
Am 4. November 1901 lud der Jurastudent und Wandervogel Karl Fischer (1881–1941)
je fünf Honoratioren und Schüler in einen Hinterraum des Steglitzer Rathauses ein. Ziel des Tref-
fens war die Gründung eines Ausschusses für Schülerfahrten. Unter den geladenen, der Jugend
nahestehenden Gästen befand sich auch der Schriftsteller und Sozialreformer Heinrich Sohnrey
(1859–1948), der seit 1894 mit seiner Familie in Steglitz lebte und dessen Söhne Wandervögel wa-
ren. Obwohl von ihm keine direkte Beeinflussung auf die Gruppierung ausging, fügte sich sein Tun
offenbar in das Konzept des Bundes ein. Sohnrey zog es immer wieder in die Umgebung Berlins,
wo er Überlieferungen, Märchen, Sagen, Bemerkungen zum Aberglauben oder Brauchtum sammel-
te und festhielt.1 Einen Namen machte sich der Initiator der evangelischen Dorfkirchenbewegung
und Geschäftsführer des Deutschen Vereins für ländliche Wohlfahrts- und Heimatpflege als Her-
ausgeber der Zeitschrift „Das Land. Ein Wegweiser für die Pflege des Schönen und des Heimatsinns
auf dem Land“, die zwischen 1892 und 1932 in Berlin erschien. Sie war zu Beginn des 20. Jahrhun-
derts ein wichtiger Titel, wenn es um Fragen der „Volkskunst“ ging. Das Erwandern von Kultur-
landschaften sowie das Wahrnehmen von „Heimatkunst“, wie es sich hinter Sohnreys Wirken ver-
birgt, bildete wiederholt ein Thema in den Periodika und Büchern der Jugendbewegung.

Wandervogel und Volkskunst


In der seit 1906 herausgegebenen Zeitschrift „Der Wanderer“, dem
Mitteilungsorgan des „Hamburger Wandervereins“, dem späteren „Bund deutscher Wanderer“,
welchem in erster Linie höhere Schüler und junge Kaufleute angehörten, fand man zum Beispiel
1908 den sich über mehrere Ausgaben erstreckenden Beitrag „Von alter und neuer Heimatkunst“
des Hamburger Künstlers, Sammlers und Pädagogen Oskar Schwindrazheim (1865–1952), aus
dessen Schriften auch Karl Fischer den Wandervögeln vorlas.2 Schwindrazheim, zeitweise Lehrer
an der Altonaer Handwerker- und Kunstgewerbeschule, beobachtete wie die meisten seiner Zeit-
genossen die sichtbaren Veränderungen an Möbeln, Gebrauchsgütern, Bauwerken und anderen
kulturellen Erscheinungen infolge der Industrialisierung und der daraus in vielen Bereichen
resultierenden Massenproduktion. Die Relikte einer vermeintlich bäuerlichen Kultur,3 die er zu-
gleich entdeckte, betrachtete er sowohl als Quelle der Geschmacksbildung eines breiten Publi-
kums als auch als Vorbilder für zeitgenössische Künstler und Handwerker. In der „Heimatkunst“
sah er einen „Grundstein für eine gesunde, neue deutsche Kunst der Zukunft“,4 nachdem im His-
torismus vergangene Kunststile rezipiert worden waren. Die ‚bäuerliche Kunst’ war für ihn teil-

92 „Mit uns zieht die neue Zeit“


weise noch „urgermanisch“, wiewohl er eingestand, dass manche Kunstrichtung diese beein-
flusst habe.
Der Geschmacksbildung galten auch die von Schwindrazheim herausgegebenen „Beiträge
zu einer Volkskunst“. In der zwischen 1891 und 1893 existierenden Zeitschrift fand der damals
noch junge Begriff „Volkskunst“ seinen Niederschlag, auch wenn der Autor selbst häufiger „Bau-
ernkunst“ oder „Heimatkunst“ schrieb und offenbar keine klare Terminologie bereithielt. 1904 er-
schien sein Buch „Deutsche Bauernkunst“, das ein breites Spektrum vermeintlich bäuerlicher Ge-
genstände aus vielen deutschen Regionen wiedergibt, die er durchwandert hatte. Daher war es nur
konsequent, dass er für das in mehreren Auflagen publizierte „Zunftbuch der fahrenden Gesellen“
neben dem Artikel „Deutsche Kleinode“ auch diejenigen „Vom Wandern, Weilen und künstlerischen
Schauen“ und „Skizziert beim Wandern“ verfasste.5 Diese Abhandlungen plädieren an das genaue
Wahrnehmen, Beobachten und Erforschen der Umgebung durch den Wanderer, gleich ob es sich
um Natur oder Architektur handelte. Einen besonderen Anreiz stellten für Schwindrazheim selbst
in Deutschland gelegene, wenig bekannte alte Orte und Städte dar. Die Bedeutung dieser trotz allen
Fortschritts erhaltenen „Kleinode“ sah er in ihrer visuellen Einflussnahme auf künftige Städtepla-
ner, denen die Bürgerhäuser „ein großes Museum schönster Aeußerungen deutscher Volkskunst“
präsentierten und Vorbilder sein konnten.6 Um den Erhalt städtebaulicher Merkmale machte er
sich keine Sorgen mehr, denn „die Wanderlust unserer Jugend ist nicht zum wenigsten von der
Lust entzündet, die alten Städte bis zu den verstecktesten, kleinsten und bescheidensten kennen-
zulernen! Und das wird eine der festesten Gründe sein dafür, daß die Reste von jetzt ab stehenblei-
ben werden [...]“ 7 Die Orte sollten ihm zufolge auf den Betrachter so wirken, als habe er beispiels-
weise ein Buch von Wilhelm Heinrich Riehl (1823–1897) gelesen, dem Autodidakten als Historiker
und den die Regionen erkundenden Wanderer. Letzterer wünschte sich, dass seine Methode des
Wanderstudiums von der Jugend übernommen würde und sie zu eigenen Forschungen und Er-
kundungen anrege. Dies gelang dem Verfasser des „Wanderbuchs“ offenbar, denn seit der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts waren viele Schüler und Studenten dadurch motiviert worden, eigene
Wanderforschungen zu betreiben.8 Und noch im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wurde in
Kreisen der Jugendbewegung die Parole „Mehr Riehl und weniger Eichendorff!“ vertreten.9 Mithin
wundert es nicht, dass wiederholt Ausschnitte beziehungsweise Ratschläge aus seinem Werk in
den Zeitschriften und Büchern der Bünde bis in die 1920er Jahre hinein abgedruckt wurden.10 Die
Gruppe, die Riehls „Handwerksgeheimnisse“ beherrschte und in seinem Sinne wanderte, konnte
„etwas für die Erweiterung des geistigen Gesichtskreises“ tun.11
Doch der wandernden Jugend wurden auch die in der Regel rückwärtsgewandte Tendenzen
aufgreifenden Schriften wie die „Kunst-Wanderbücher“ von Schwindrazheim für den Rucksack
empfohlen.12 Die von diesem favorisierte „heimatfrohe“ und „kunstsinnige“ Jugend sollte die
wechselnden Bauernhaustypen bewusst wahrnehmen, Museen für gewinnbringende Vergleiche
besuchen und für bestimmte Gegenden typische Produkte als Andenken erwerben.13 Letztere
Ansicht vertrat auch der Wandervogel Hans Lißner (1886–1964): „[...] ich kenne keine besseren
und vernünftigeren Mitbringsel von Wanderfahrten, als eben Erzeugnisse dieser Gewerbe, die ja
so oft auch den Stempel ihrer Herkunft in Geschmack und Gebrauch aufweisen und eindringli-
cher als Bilder die Erinnerung befruchten.“14 Diese Einstellung teilte offenbar sein Freund Hans Abb. 1: Kännchen aus dem Haus
Breuer (1883–1917), Mitbegründer der Heidelberger Pachantey und Herausgeber des „Zupfgei- Breuer, Marburger aufgelegte
Ware, vor 1850 (vgl. [Link]. 206)
genhansl“, der vermutlich während seiner Marburger Studentenzeit Irdenware aus der Region
gekauft hatte (Abb. 1). Zudem erfreute er sich später an einem blauen „Bauerngeschirr“.15
Eine besondere Aufmerksamkeit für das ländliche Umfeld und dessen kulturelle Objekti-
vationen kann den zumeist ‚aus grauer Städte Mauern’ aufbrechenden Jugendlichen nur bedingt
attestiert werden, wie das Beispiel Bauernhäuser belegt. Manchen Wandervogel mögen Publika­

Der Wandervogel – eine Quelle der Volkskunde 93


tionen zu einem Zeitschriftenbeitrag motiviert haben. So schrieb 1911 ein Fritz Koch über das
niedersächsische Haus und Albin H. Seifert (1890–1972) über das oberbayerische Bauernhaus.16
Beide Autoren stützten sich auf zusätzliche Informationen, wie die „Patriotischen Phantasien“
des Osnabrücker Staatsmannes und Aufklärers Justus Möser (1720–1794) oder aber auf Ausfüh-
rungen zu Tölzer Schränken.17 Ein Anreiz zum Beobachten mag ein vom
Wandervogel organisiertes Preisausschreiben zum Thema Bauernhaus
gewesen sein, das allerdings mit 20 Einsendungen nur auf geringe Re-
sonanz stieß. Die Redaktion konnte sich des Eindrucks nicht verwehren,
dass die Bauernhäuser „von den meisten Wandervögeln nur als Schlaf-
stätten und Futterkrippen benutzt werden.“18 An vielen Orten waren es
jedoch Wandervögel, die neben ihrem Stadtnest ein fern der Zivilisation,
in der Natur gelegenes altes Bauernhaus als Landheim mieteten oder
kauften und es mit vom „Bauerntischler“ gefertigten Mobiliar, alten
„Bauernmöbeln, Bauerntellern und Bauerntassen“ ausstatteten.19 Oft
ließen sie sich die Dinge schenken, erwarben sie beim Trödler oder beim
„Kleintöpfer ihrer Gegend“, den sie so wirtschaftlich unterstützten.20
Mithin verwundert es nicht, dass die Einrichtung der Nester oder Land-
heime auf den überlieferten Fotografien wie die ‚Bauernstube’ in einem damaligen Heimatmuse- Abb. 2: Landheim ­Hanschenland
um oder einer volkskundlichen Abteilung eines Museums wirkten, auch wenn den Wandervögeln der ­Berliner Wandervögel,
­Aufnahme Julius Groß, Postkarte,
geraten wurde, für ihre Unterkünfte kein Geschirr zu sammeln (Abb. 2). um 1915 (vgl. [Link]. 205)

Der Wandervogel im (Forschungs-)Feld


Die noch am Anfang stehende universitäre volkskundli-
che Forschung erkannte bald das Potenzial der jungen Wanderer für ihre Belange. 1911 erschien in
der Zeitschrift „Wandervogel“ im Namen der Vereine für Volkskunde ein von ihrem Vorsitzenden,
dem Leipziger Germanisten und Volkskundler Eugen Mogk (1854–1939) unterzeichneter „Aufruf an
Euch Wandervögel zur Mitarbeit.“ 21 Mogk sah den Vorteil der jungen Leute in deren unmittelbaren
Kontakten zur ländlichen Bevölkerung, in deren Höfen sie oft übernachteten. Auf dem Land
herrschte seiner Meinung nach noch keine „Überkultur“ und es galt hier, in Notizen zu sammeln,
„was an Liedern, Sprichwörtern, Sagen, Aberglauben, Sitten und Gebräuchen in unserem Volk noch
fortlebt, alte schlichte Gebäude [...], Gebrauchsgegenstände [...], kurz alles was euch als Stadtkin-
der auf euren Wanderungen fremd vorkommt.“ Obwohl Mogk erkannt hatte, dass die „Volkskunst“
das „Losungswort“ der Zeit war, traten die Realien – „die Äußerungen der Volksseele“ – hier in den
Hintergrund zugunsten der mündlichen Überlieferungen, eben der „geistigen Erzeugnisse“ des
Volkes, welches er vorwiegend mit dem „Bauern“ gleichsetzte, obgleich er für eine Ausweitung des
Begriffs „Volk“ eintrat. Es ist nicht bekannt, ob diese Aufforderung Reaktionen hervorrief, doch
gesammelt wurde, wie die Inhalte verschiedener Liederbücher aus der Jugendbewegung ebenso
zeigen wie der 1913 unter anderem von dem damaligem Anhänger des Serakreises Ludwig Grote
(1893–1974) unterzeichnete „Aufruf zum Sammeln deutscher Volkstänze“,22 übrigens war er nach
dem Zweiten Weltkrieg Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums.
1913 war in einer Anzeige zu lesen, dass überall dort, wo es Vorlesungen zur Volkskunde
gäbe, Wandervögel säßen und es das „anständige Studium für Wandervögel“ sei, denn nicht zu-
letzt sollte aus der Jugendbewegung eine Kulturbewegung werden.23 Der Ausbruch des Ersten
Weltkriegs lenkte die Interessen der Jugendlichen auf andere Felder, obwohl vereinzelt weiter
Berichte aus dem volkskundlichen Kanon Eingang in die Zeitschriften fanden.
Veränderte Grenzen nach dem Krieg, insbesondere im Osten, und die auch dadurch bedingte
zunehmende Politisierung der Bünde führten zu einem Boom der Fahrten in deutschsprachige

94 „Mit uns zieht die neue Zeit“


Siedlungen Ost- und Südosteuropas, deren Ziel auch die Kontaktaufnahme mit Deutschen au-
ßerhalb der Staatsgrenzen, vor allem in den sogenannten Sprachinseln war.24 Hinter derartigen
Fahrten standen zuweilen auch Expansions- und Revisionsinteressen. Als Beispiel sei eine der
Bielitzer Wandervögel erwähnt. Das ehemals in der Habsburgermonarchie gelegene oberschle-
sische Bielitz (Bielsko-Biała, Polen) war nach dem Krieg zu einer deutschsprachigen Enklave in
Polen geworden. Die dortigen Wandervögel Walter Kuhn (1903–1983), Alfred Karasek (1902–1970),
Viktor Kauder (1899–1975) und Josef Lanz (1902–1981) wandten sich der Heimatforschung zu, die
in den 1920er Jahren einen hohen Stellenwert hatte. Sie publizierten 1923 das Heft „Die deutsche
Sprachinsel Bielitz-Biala“.25 1926 brachen Lanz, Karasek und Kuhn gemeinsam mit Mitgliedern
der schlesischen Jungmannschaft nach Wolhynien auf, einer deutschen Sprachinsel, die nach dem
Krieg durch die Grenze zur Sowjetunion durchschnitten und deren Westteil an Polen gefallen war.
Die Bielitzer Wandervögel machten in der durch Not geprägten Region Feldforschungen ganz in
der Folge Wilhelm Heinrich Riehls,26 wobei sich Karasek auf die „volklichen Überlieferungen“ wie
Sagen fokussierte und nach Reliktformen suchte; Kuhns Gebiet war die Siedlungsgeschichte. Die
Darstellung der Überlegenheit der deutschen Bevölkerung in kultureller Hinsicht gestaltete sich
für die jungen Forscher als schwierig, zudem konstatierten sie ein kaum ausgeprägtes deutsches
Nationalbewusstsein.27 Sie vertraten ein Konzept, nach dem die Kultur des einstigen Mutterlan-
des in den Sprachinseln isoliert in ihrer „urtümlichen Art“ bestünde. In ihren Augen hatten sich
in diesen „Reliktgebieten“ Traditionen ‚deutscher Art’ erhalten.
Die Wandervögel arbeiteten mit Fragebögen, sprachen mit sogenannten Experten und Bau-
ern vor Ort, untersuchten in einem unglaublichen Tempo 30 Orte in 30 Tagen und fühlten sich als
Kulturbringer, was bei der Bevölkerung allerdings auf wenig Resonanz stieß. Sie wollten nicht
zuletzt durch das Sammeln und Aufzeichnen auf das Kollektiv, also die deutschsprachigen Be-
wohner, einwirken und eine gemeinsame „völkisch-deutsche Identität“ in Polen etablieren.28 Zu-
dem glaubten die Bielitzer Wandervögel, dass diese sich auf Dauer nur mit Beistand behaupten
könne. Das Forschungsfeld Wolhynien, über das sie sogleich publizierten, war durch sie besetzt.
Später belegte Kuhn in Graz Volkskunde bei Rudolf Meiringer (geb. 1859) und Viktor ­Geramb
(1884–1958),29 seit 1928 studierten er und Karasek in Wien Volkskunde bei Arthur ­Haberlandt (1889–
1964). Kuhn arbeitete über die deutschen Sprachinseln in Galizien und erhielt 1936 einen Ruf als
Professor für Volkskunde an die Universität Breslau, wo ihm 1939 der Nikolaus Copernicus-Preis
der Johann Wolfgang Goethe-Stiftung für Persönlichkeiten aus dem Deutschtum verliehen wurde.30
Ein von dem Wandervogel und Kaufmann Alfred C. Toepfer (1894–1993) gestifteter Preis, 31 den auch
Kuhns Freund Karasek, der das Studium nicht abschloss, erhielt.32 Letzterer bekleidete wichtige
Funktionen in der Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft, die in Österreich den nationalsozi-
alistischen Machtaufbau unterstützte, und trat bereits 1933 in die dort noch verbotene NSDAP ein.
Während des Krieges war er unter anderem als Gebietsbevollmächtigter für die Zwangsumsiedlung
der Deutschstämmigen in Wolhynien zuständig, bei der Kuhn eine beratende Rolle innehatte.
1926, als die Bielitzer Wandervögel die Großfahrt nach Wolhynien unternahmen, schrieb
der Direktor des Museums für Deutsche Volkskunde in Berlin Konrad Hahm (1892–1943): „Man
kann fast von einer Volkskunstmode sprechen, die aber, auf den ernsten Grundlagen der Jugend-
bewegung und des technischen Interesses der Zeit ruhend, nicht äußerlich etwas manifesteren
will, sondern aus wiedererworbenem Können heraus und selbständig die formalen und geistigen
Werte unserer Überlieferung aufsucht, um sie für die zeitgenössische Ausdrucksform neu zu
beleben.“ 33 Dabei richtete Hahm seinen Blick besonders auf die Grenzgebiete, wo das handwerk-
liche Können „Träger kultureller Grenzdeutschtumspflege“ werden und die Wirtschaftskraft
stärken könnte. Auch ein Künstler wie A. Paul Weber (1893–1980) griff für seine kunsthandwerk-
lichen Erzeugnisse, wie Truhen, zeitgenössische, in der ‚Volkskunst’ wurzelnde Ausdrucksfor-

Der Wandervogel – eine Quelle der Volkskunde 95


men auf (Abb. 3). Im Auftrag Alfred C. Toepfers, der als Mäzen auch die
Grenzpolitik der bündischen Bewegung unterstützte, stattete Weber
unter anderem die Jugendherbergen in Bernstein/Burgenland und auf
dem Knivsberg in Nordschleswig (heute Dänemark) aus.
Abbildung aus
Jugendbewegt ins Museum urheberrechtlichen Gründen
In den 1920er Jahren wurde auch Erich
unkenntlich gemacht
Meyer-Heisig (1907–1964), der spätere Leiter der Sammlung Volkskunde
im Germanischen Nationalmuseum, durch das Leben in einem Grenzge-
biet, nämlich Schlesien, geprägt. Der gebürtige Breslauer gehörte seit
ihrem Entstehen der Schlesischen Jungmannschaft an, die von Hans
Dehmel (1896–1985) mit dem Ziel einer sich an Aufgaben bewährenden, realitätsbezogenen Tat- Abb. 3: A. Paul Weber, Truhe, 1934
Gemeinschaft gegründet worden war. Sie war weder parteipolitisch noch konfessionell gebun-
34 (vgl. [Link]. 208)

den und keiner Organisation verpflichtet. Man unterstützte die Weimarer Republik und wollte
die Mitglieder zu „neuen Menschen“ erziehen. Die Schlesische Jungmannschaft setzte sich für
Großfahrten ein, weil sie das durch den Krieg veränderte Europa einerseits über die Jugend er-
schließen und andererseits ihr fremde Kulturen in ihren unterschiedlichen Facetten nahe brin-
gen wollte. Ein Aspekt galt der Volksbildung. Seit 1926 konnten im Boberhaus in Löwenberg
Personen unterschiedlicher Schichten, vom Arbeiter bis zum Studenten, ein breit gefächertes,
internationales Bildungsangebot wahrnehmen. Ferner führte man bündische „Arbeitslager“
durch, die auf körperliche Arbeit, Bildung und musische Betätigung setzten. Ziel war letztlich
der verantwortlich handelnde Mensch sowie die Völkerverständigung. Meyer-Heisig, der 1922
die zur Zusammenführung der verschiedenen schlesischen Bünde wichtige Großfahrt nach Sie-
benbürgen mitgemacht hatte, verdankte diesem Umfeld einen Teil seiner Sozialisation.35 Der
Kunsthistoriker arbeitete seit 1931 an den Breslauer Kunstsammlungen. Ihm oblag dort später
der Bereich Volkskultur und er versuchte den meist aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen-
den Sachzeugnissen der damaligen Auffassung gemäß lange Kontinuitätslinien nachzuweisen.
Schon im Oktober 1945 trat er seinen Dienst am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg an.
Eine Vielzahl der von ihm getätigten Neuerwerbungen für die volkskundliche Sammlung stammt
aus Regionen wie Schlesien, die in Folge des Zweiten Weltkriegs nicht zur Bundesrepublik gehör-
ten. Diese Ausweitung der Sammlung hing zwar auch mit den vom Museum 1951 eingerichteten
Heimatgedenkstätten zusammen, in denen Exponate deutscher Kultur aus den Ostgebieten ge-
zeigt wurden. Ferner ergänzten Objekte aus den Sprachinseln und Siebenbürgen fortan die
Sammlung. Möglicherweise brachte Meyer-Heisig hier seine als Jugendlicher auf Fahrten ge-
wonnenen Kenntnisse über andere Kulturen und deren Objektivationen ein, denn sie waren der
„Keim für sein späteres Interesse am volkstümlichen Leben und an bäuerlicher Überlieferung.“ 36
Mit Ludwig Grote als Generaldirektor und Erich Meyer-Heisig als Sammlungsleiter waren
zwei durch die Jugendbewegung geprägte Wissenschaftler kurz nach dem Zweiten Weltkrieg am
Germanischen Nationalmuseum tätig. Aufgeschlossenheit gegenüber allen Sammlungen, Neugier-
de und Pragmatismus kennzeichneten beide. Bereits 1966 war in einem Nachruf auf Erich Meyer-
Heisig zu lesen: „[...] für die Wissenschaftsgeschichte der Volkskunde wird sich früher oder später
die Frage nach der Bedeutung der Jugendbewegung für das Ideengut des Faches stellen.“ 37

1 Günther Köhler: Steglitz um die Jahrhundertwende. Preußens 2 Oskar Schwindrazheim: Von alter und neuer Heimatkunst.
größtes Dorf, ein zentraler Ort des Bildungsbürgertums. In: Der In: Der Wanderer 3, 1908, S. 183–187, 209–213, 252–255. – Hans
Wandervogel. Es begann in Steglitz... Hrsg. von Gerhard Ille/Gün- Breuer: Karl Fischer. Ein Erinnerungsblatt aus dem Jahre 1910.
ter Köhler. Berlin 1987, S. 9–27, bes. S. 18. – Gerd Busse: Zwischen In: Das große Wandervogelbuch. Rudolstadt 1917, S. 26–28, bes.
Hütte und Schloss. Heinrich Sohnrey. Schriftsteller • Sozialrefor- S. 27. – Schwindrazheim publizierte u.a. auch in der Zeitschrift
mer • Volkskundler. Holzminden 2009, bes. S. 81–84. „Das Land“.

96 „Mit uns zieht die neue Zeit“


3 Die Gegenstände waren, wie damals gerne angenommen, meist 21 Eugen Mogk: Aufruf an Euch Wandervögel zur Mitarbeit. In: Wan-
nicht von Bauern hergestellt worden, sondern von Handwerkern. dervogel. Monatsschrift für deutsches Jugendwandern 6, 1911, S. 310. –
4 Schwindrazheim 1908 (Anm. 2), S. 183. Zu Mogk: Elisabeth Karg-Gasterstädt: Eugen Mogk und die Volkskunde.
5 Oskar Schwindrazheim: Vom Wandern, Weilen und künstleri- In: Mitteldeutsche Blätter für Volkskunde 16, 1941, S. 96–104.
schen Schauen. In: Zunftbuch der fahrenden Gesellen. Hamburg 22 Der Serakreis war ein freistudentischer Kreis um den
1927, S. 11–19. – Ders.: Deutsche Kleinode. Ebd., S. 105–118. – Ders.: Verleger Eugen Diederichs (1867–1930), der vor allem Volkslieder
Skizziert beim Wandern. Ebd., S. 205–209. und -tänze pflegte. – Aufruf zum Sammeln deutscher Volkstänze.
6 Schwindrazheim 1927 (Anm. 5), S. 116. In: Wandervogel. Monatsschrift für deutsches Jugendwandern 8,
7 Schwindrazheim 1927 (Anm. 5), S. 118. 1913, S. 249–250. – Hermann Mittgau: Ludwig Grote. In: Jahrbuch
8 Kirsten Wiese: Erwanderte Kulturlandschaften. Die Vermittlung des Archivs der deutschen Jugendbewegung 7, 1975, S. 165–167.
von Kulturgeschichte in Theodor Fontanes „Wanderungen durch 23 Friedrich Wilhelm Rittinghaus: Handbücher zur Volkskunde
die Mark Brandenburg“ und Wilhelm Heinrich Riehls „Wanderbuch“ aus dem Verlag von Wilhelm Heims, Leipzig. In: Wandervogel 1913
(Kulturgeschichtliche Forschungen 28). München 2006, S. 101. (Anm. 22), S. 165–166, bes. S. 165.
9 Kurt Schönfeld: Wandern und Volkstum. Wilhelm Heinrich Riehl. 24 Zur engen Verbindung zwischen Wandervogel und der wissen-
In: Zunftbuch 1927 (Anm. 5), S. 293–297, bes. S. 293. Der Autor erinnerte schaftlichen Laufbahn verschiedener, um 1900 geborener Volkskund-
an seinen Aufruf, der damals schon über ein Jahrzehnt zurücklag. ler siehe Heinke M. Kalinke: Wandervögel und Volkskunde: „Bewegtes“
10 Mosen: Vom Sinn des Wanderns. In: Wandervogel. Monats­ aus der Fachgeschichte der Zwischenkriegszeit. In: Mobilitäten. Europa
schrift für deutsches Jugendwandern 6, 1911, S. 183–184. – in Bewegung als Herausforderung kulturanalytischer Forschung. 37.
­Schönfeld 1927 (Anm. 9). – Die Dreiteilung in der Volkskunde Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde in Freiburg im
Deutschlands. Thesen zur deutschen Landes- und Volkskunde. Breisgau vom 27. bis 30. September 2009. Hrsg. von Reinhard Johler/
In: Zunftbuch 1927 (Anm. 5), S. 34–41. Max Matter/Sabine Zinn-Thomas. Münster u.a. 2011, S. 408–417. – Die
11 Felix Simon: Aus Riehls Wanderbuch. In: Wandervogel. Bedeutung der Jugendbewegung für die „Sprachinselforschung“
­Monatsschrift für deutsches Jugendwandern 10, 1915, S. 141–143. – erwähnt auch Walter Kuhn: Eine Jugend für die Sprachinselforschung.
Wiese 2006 (Anm. 8), S. 146–147. Erinnerungen. In: Jahrbuch der schlesischen Friedrich-Wilhelms-
12 Walter Serno: Wandern im Dienste der Kunst. In: Der Wan- Universität zu Breslau 23, 1982, S. 225–278, bes. S. 248.
derer 2, 1907, S. 36–40, bes. S. 37. – Vgl. auch die Anzeige in: Der 25 Walter Kuhn: Der Bielitz-Bialer Wandervogel. Geschichte einer
Wanderer 2, 1907, S. 76. Jugendbewegung in einer deutschen Sprachinsel. In: Jahrbuch des Ar-
13 Oskar Schwindrazheim: Jugendwanderungen (Dürerbund – chivs der deutschen Jugendbewegung 9, 1977, S. 147–160, bes. S. 155.
56. Flugschrift zur ästhetischen Kultur). München 1909, bes. S. 34. 26 Heinke M. Kalinke: „Teamwork“ – zur volkskundlichen Feldfor-
14 Hans Lißner: Der Töpfer. In: Wandervogel. Monatsschrift schung in Ost- und Südosteuropa in den 1920er und 1930er Jahren:
für deutsches Jugendwandern 6, 1911, S. 142–144, bes. S. 144. Als Alfred Karasek und der Bielitzer Kreis. In: Jahrbuch für deutsche
Gewerbe zählte er Töpferei, Glasbläserei, Holzdrechslerei, Schnit- und osteuropäische Volkskunde 42, 1999, S. 20–43, bes. S. 35–36.
zerei, Steinschleiferei, Gerberei, Weberei auf. 27 Kuhn 1982 (Anm. 24), S. 239.
15 Hans Breuer – Wirken und Wirkungen. Zusammengestellt von 28 Kalinke 1999 (Anm. 26), bes. S. 23, 34.
Hans Speiser (Schriftenreihe des Archivs der deutschen Jugend- 29 Geramb zählte zu den älteren Freunden der Wandervögel
bewegung 2). Burg Ludwigstein 1977, bes. S. 87, Abb. S. 39. und schrieb zudem eine Biografie über Wilhelm Heinrich Riehl.
16 Fritz Koch: Deutsche Bauernhäuser. Das niedersächsische Haus. 30 Ausführlich zu Kuhn: Alexander Pinwinkler: Walter Kuhn (1903–
In: Wandervogel. Monatsschrift für deutsches Jugendwandern 6, 1983) und der Bielitzer „Wandervogel e.V.“. Historisch-volkskundliche
1911, S. 98. – Albin H. Seifert: Unser Bauernhaus. Ebd., S. 233–238. Es „Sprachinselforschung“ zwischen völkischem Pathos und politischer
ist naheliegend, dass es sich bei dem Autor um Alwin Seifert handelt, Indienstnahme. In: Zeitschrift für Volkskunde 105, 2009, S. 29–51.
der sich vor allem als Landschaftsplaner im Nationalsozialismus ei- 31 Kuhn 1982 (Anm. 24), S. 268.
nen Namen machte, an der TU München lehrte und später Ratgeber 32 Karasek gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Initi-
für biologischen Gartenbau schrieb. 1943 veröffentliche er ganz in atoren der Kommission für Volkskunde der Heimatvertriebenen
der Tradition seines Aufsatzes im Wandervogel das Buch: Das echte in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde. Nach Kalinke 1999
Haus im Gau Tirol-Vorarlberg. Eine Untersuchung über Wesen und (Anm. 26), S. 36–37.
Herkunft des alpenländischen Flachdachhauses und die Grundsät- 33 Konrad Hahm: Heimatpflege und Kulturpolitik. In: Deutsche
ze einer Wiedergeburt im Geiste unserer Zeit (Alpenschriften 1). Frauenkleidung und Frauenkultur 22, 1926, H. 4, S. 107–111, bes. S. 110.
Innsbruck 1943. – Zu Seifert u.a.: Charlotte Reitsam: Das Konzept der 34 Jürgen von der Trappen: Die Schlesische Jungmannschaft
„bodenständigen Gartenkunst“ Alwin Seiferts. Fachliche Hintergrün- in den Jahren von 1922 bis 1932. Ein Beitrag zur Geschichte der
de und Rezeption bis in die Nachkriegszeit. Frankfurt a.M. u.a. 2001. deutschen Jugendbewegung. Diss. Essen 1996 [Hochschulschrift].
17 Seifert bezog sein Wissen um das Ende des Absatzes von 35 Meyer-Heisig trat erst 1938 in die NSDAP ein. – Vgl. Sühnebe-
Tölzer Schränken in den 1860er Jahren auf den Münchner Dulten scheid, Nürnberg 19.12.1947. In: Personalakte Meyer-Heisig. GNM,
in seinen Beitrag ein, Kenntnisse, die erst Jahre später durch Historisches Archiv, GNM-Akten Nr. 9923.
die volkskundliche Forschung publik wurden. Vgl. Ingolf Bauer: 36 Ernst Schlee: Erich Meyer-Heisig zum Gedächtnis. In: Hessi-
Von „Tölzer Art“ zur „Volkskunst“. In: Zeitschrift für bayerische sche Blätter für Volkskunde 57, 1966, S. 253–255, bes. S. 253.
Landesgeschichte 60, 1997, S. 803–818, bes. S. 806. 37 Schlee 1966 (Anm. 36), S. 253.
18 Das deutsche Bauernhaus. Ergebnis unseres Preisausschrei-
bens. In: Wandervogel. Monatsschrift für deutsches Jugendwan- Bildnachweis
dern 6, 1911, S. 281–282, bes. S. 281. © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg,
19 Otto Winter: Heimstätten für die deutsche Jugend. Städtische Foto: Monika Runge · Abb. 1
und ländliche Jugendheime – Jungdeutschland-, Wandervogel- und Museumsdorf Hösseringen, Suderburg-Hösseringen · Abb. 3
Pfadfinderheime (Koehlers Lehrerbibliothek 7). Leipzig 1914. Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen · Abb. 2
20 Lißner 1911 (Anm. 14), S. 144. © VG Bild-Kunst, Bonn 2013 · Abb. 3

Der Wandervogel – eine Quelle der Volkskunde 97


Sie

„Sie werden „Die grauen Nebel hat das Licht durchdrungen, und die düstern Tage sind
dahin. Wir sehen eine blaue Schar von Jungen an der lauten Stadt vorüber-

Männer,
ziehn.“1 Was in diesem zu Beginn der 1930er Jahre entstandenen Liedtext,
aus dem auch der Titel zum vorliegenden Beitrag stammt, wie eine Anspie-
lung auf das viel gesungene Lied „Aus grauer Städte Mauern“ beziehungs-

die ihr Reich


weise wie eine Beschreibung von Wetterbedingungen vor dem Beginn einer
Fahrt klingt, war durchaus metaphorisch gemeint: Es ging um eine klare Ab-
setzung von den bestehenden „grauen“, das heißt, als inzwischen allzu ange-

­erringen“ passt beurteilten Verhältnissen in der damaligen ­Jugendbewegungsszene,


und um die Beschwörung eines quasi revolutionären Neuaufbruchs – an-
gestoßen vor allem durch die von Eberhard „Tusk“ Koebel (1907–1955)
im Herbst 1929 ins Leben gerufene „dj.1.11“ (Deutsche Jungenschaft vom
Jürgen Reulecke 1.11.1929). Trotz der aktuellen bedrückenden Gesellschaftsprobleme infolge der beginnenden
2

Weltwirtschaftskrise nahm nun eine mit viel Begeisterung, mit neuen Ideen und Stilformen aus-
gestattete dritte Jugendbewegungswelle ihren Anfang, die der Jungenschaft. Dabei ging es nicht
zuletzt auch um eine Generationenablösung: Viele Heranwachsende aus der Altersgruppe der
im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg Geborenen besaßen inzwischen keine engere Beziehung
mehr zum „Tandaradei“ der Volks- und neuen Wanderlieder ebenso wie zur Melancholie der auf
Kriegserfahrungen zurückgehenden Jungmännerbundlieder, obwohl sie solche Lieder weiterhin
gerne sangen. Eine idealistisch überhöhte Vorstellung von einem heldischen Jungmänner- und
Soldatentum bestimmte stattdessen viele der neu geschaffenen Lieder, wobei zusätzlich entspre-
chende ausländische Lieder in deutscher Übersetzung eine Rolle spielten, etwa „Platoff preisen
wir den Helden“ aus dem Repertoire des in diesen Kreisen verehrten Donkosakenchores von Serge
Jaroff (1896–1985). Jugendbewegte Angehörige der Geburtsjahrgänge ab etwa 1907 wie zum Bei-
spiel Werner Helwig (1905–1985), Eberhard Koebel und Erich „Olka“ Scholz (1911–2000) liefer-
ten – ebenso wie auf andere Weise eine Reihe von NS-Autoren, allen voran Baldur von ­Schirach
(1907–1974) – von nun an Texte, die alle ein neues kämpferisches Jungmännerbild beschworen.
Typisch für eine veränderte Stimmungslage in der Altersgruppe der jetzt etwa 25-jährigen Lie-
dermacher sind zum Beispiel folgende Zeilen aus dem dj.1.11-Lied ­„Silberglänzende Trompete“:
­„Feige Friedensträume spielen mit den sonnverbrannten Söhnen. Seid Soldaten! Zehn bleiche
Männer woll’n nach Haus, ein Wink, – sie treten aus der Reihe. Das alte Heer ist wieder jung, die
Trommel spricht: Appell ist aus!“ 3 Und noch nachdrücklicher wird die neue Maxime in einer Stro-
phe des Liedes „Die Seidenfahne“ mit den Worten besungen: „Spar uns nicht, wir sind bereit, das
Leben ist nicht mehr als Maienblüte. Werft es hin und Hass und Neid wäscht unser Blut weg für
alle Zeit!“ 4 Die in manchen vorher entstandenen Liedern anklingenden bedrückenden Erfahrun-
gen der etwa zehn bis fünfzehn ­Jahre älteren Frontsoldaten­generation sind offenbar nun beiseite

98 „Sie werden Männer, die ihr Reich erringen“


wer-den Män - ner, die ihr Reich er - ring - en

geschoben worden. Aber auch noch ein zweites Erfahrungsfeld der Jugendbewegungsbünde der
1920er ­Jahre wurde in den Jungenschaften, allen voran von „Tusk“, zurückgewiesen: der Trend, die
Bünde zu Lebensbünden werden zu lassen. Ein Zentralbegriff der Jungenschaften lautete näm-
lich „Selbsterringung“: Dem in einer „Jungenschaftshorte“ heranwachsenden „Selbster­ringenden“
wurde zur Aufgabe gemacht, „sich selbst hinauf zum Licht“ zu bringen und beim Übergang in den
Status des jungen Erwachsenen selbstständig, das heißt ohne den Einfluss eines ihn gängelnden
Lebensbundes oder eines ihn ständig lenkenden Führers zu einem Mann zu werden, der dann
zwecks Schaffung eines neues Reiches zum kämpferischen Einsatz bereit war.5 Deshalb lautet
die letzte Strophe des einleitend zitierten dj.1.11-Liedes vorausweisend: „Sie werden Männer, die
ihr Reich erringen, die es schützen vor dem großen Feind. – Die Augen strahlen und die Lieder
klingen, und die Herzen sind im Kampf vereint.“
Die erwähnten Liedzeilen aus dem Umfeld der Jungenschaften, also der dj.1.11 und einiger
benachbarter Bünde haben zwar partiell zeittypische, aber letztlich doch recht extreme und – aus
der Rückschau mit dem Wissen um das weitere Schicksal der angesprochenen Altersgruppe –
auch bedrückende Perspektiven beschworen. Allerdings sollte nicht unterschätzt werden, wie
sehr das „Jungenschaftliche“ unmittelbar oder durch die Vermittlung von Kennern der Szene für
viele junge Männer damals prägend war und zum Teil zu Widerständigkeit gegen das NS-Regime
bis hin zu den Aktivitäten der Weißen Rose um die Geschwister Scholl einerseits und der soge-
nannten Edelweißpiraten mit ihren Liedern andererseits geführt hat.6

1 Zuerst abgedruckt in: Lieder der Eisbrechermannschaft. 6 Ausführlich zum anfänglichen jungenschaftlichen Einfluss,
Neue Lieder auf deutschen Straßen, Vorwort von tusk ­besonders „Tusks“, auf viele NS-Jungvolkgruppen zum Beispiel
(Eberhard ­Koebel). Plauen, Juli 1933, S. 4. die Autobiografie des späteren Gründers der Humanistischen
2 Aus der inzwischen breiten Literatur zur dj.1.11 sei hier nur Union Gerhard Szczesny: Als die Vergangenheit Gegenwart
genannt: Helmut Grau: dj.1.11. Struktur und Wandel eines subkultu- war. Frankfurt a.M./Berlin 1990. Siehe auch Jan Krauthäuser/
rellen Milieus. Frankfurt a.M. 1976. – Außerdem: tusk. Gesammelte Doris Werheid/Jörg Seyffarth: Gefährliche Lieder. Lieder und
Schriften und Dichtungen. Hrsg. von Fritz Schmidt. 2., überarb. Geschichten der unan­gepassten Jugend im Rheinland 1933–1945.
Aufl. Stuttgart 1996. – Fritz Schmidt: Um tusk und dj.1.11. 75 Jahre Köln 2010.
Deutsche Jungenschaft vom 1. November 1929. Edermünde 2006.
3 Abdruck des Liedes in: Lieder der Eisbrechermannschaft 1933
(Anm. 1), S. 10.
4 Abdruck des Liedes in: Soldatenchöre der Eisbrechermann-
schaft. Hrsg. von tusk. Plauen 1934, S. 11.
5 Siehe dazu Eberhard Koebel: Der gespannte Bogen. Eine
Flugschrift zur deutschen Jungenschaft. Wiederabdruck in: tusk.
Gesammelte Schriften 1996 (Anm. 2), S. 193–203.

99
Jürgen Reulecke

Die Jungenschaft seit Ende der 1920er Jahre:


der Start in eine dritte jugendbewegte Phase

Soziale Bewegungen werden nachweislich oft nach etwa zehn bis fünfzehn Jahren durch Ange-
hörige der inzwischen nachgewachsenen Altersgruppe wenn nicht revolutioniert, so doch re-
formiert und neu ausgerichtet. Der nach dem Kriegsende 1918/19 meist von jungen Frontsolda-
ten bestimmte „bündische Aufbruch“ 1 war zwar für Angehörige der Frontgeneration des Ersten
Weltkriegs für die Folgejahre durchaus attraktiv, nicht jedoch für die aus der Generation der
Kriegsjugendlichen und -kinder stammenden junge Leute; sie nahmen neue geistige Horizonte
in den Blick, setzten in ihren Gruppen andere inhaltliche Akzente und erfanden zudem eigene,
später in diesem Essay näher erläuterte Stilformen.2 Allerdings zeigte nun dieser dritte jugend-
bewegte „Aufbruch“ nur kurze Zeit in den jugendbündischen Kreisen Wirkungen, denn Baldur
von Schirach (1907–1974) sorgte nach der NS-Machtergreifung für das Verbot der bündischen
Jugend insgesamt und vor allem der als starke Konkurrenz für die Hitlerjugend beurteilten Jun-
genschaftsbewegung, die er für „kulturbolschewistisch“ hielt. Noch 1936 hieß es in einem inter-
nen NS-Bericht, diese habe „sich zum Ziel gesetzt, […] Hitlerjugend und Deutsches Jungvolk von
innen heraus zu zersetzen, um sie ihren Zielen dienstbar zu machen.“3
Der Ausdruck „Jungenschaft“ hatte sich zwar bereits im Laufe der 1920er Jahre als Be-
zeichnung für jugendbewegte Gruppen der etwa 12- bis 18-jährigen Jungen durchgesetzt, so
zum Beispiel in der Deutschen Freischar, im Deutschen Pfadfinderbund und auch im CVJM, dem
Christlichen Verein Junger Männer. Als Begriff bekam „Jungenschaft“ am 1. November 1929 je-
doch eine bemerkenswerte neue Präzisierung, als der damals 22-jährige Eberhard „Tusk“ ­Koebel
aus Stuttgart (1907–1955) als eine Art Protestbewegung gegen die inzwischen durchweg von äl-
teren Führern geleiteten Bünde der Jugendbewegung die „Deutsche Jungenschaft vom 1. Novem-
ber 1929“ (dj.1.11) ins Leben rief. Er polemisierte damit nicht zuletzt vehement gegen das sich
mehr und mehr durchsetzende Prinzip des Lebensbundes in der Deutschen Freischar und in den
meisten übrigen Wandervogel- und Pfadfinderbünden, das heißt die lebenslange Verbundenheit
der Mitglieder. Mit der Gründung dieser dj.1.11 begann die dritte Phase der bürgerlichen Ju-
gendbewegung nach der ersten, der des Wandervogel beziehungsweise der Freideutschen Jugend
in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, und der zweiten, der der „Bündischen Jugend“ seit den
frühen 1920er Jahren: In allen drei Fällen war einer der wichtigsten Gründe für den jeweiligen
Neuaufbruch eine Art „Aufstand der Jungen gegen die Alten“. Parallel zur dj.1.11 und zum Teil in
Kontakt mit ihr entstanden gleichzeitig ähnliche Bünde, beispielsweise die „jungentrucht“ von

100 „Sie werden Männer, die ihr Reich erringen“


Karl Christian „Teut“ Müller (1900–1975), das von Alfred „Fred“ Schmid (1899–1969) gegründete
„graue corps“ sowie der Jungenbund „südlegion“ unter Rudi Pallas (1907–1952). In ihrem Auftre-
ten, in den Formen ihres Gruppenlebens, vor allem aber von ihrem inneren Anspruch her besaß
die dj.1.11 „Tusks“ in der Endphase der Weimarer Republik große Anziehungskraft. Dazu trugen
unter anderem ihre Betonung des Männlich-Soldatischen, ihre Vorliebe für Kosaken­romantik,
ihr Auftreten in einer speziellen Kluft und die charismatische Ausstrahlung Eberhard Koebels
bei. Die einzelne Gruppe, von ihm jetzt „Horte“ genannt, war die zentrale Basis, um unter den
um etwa 1915/20 geborenen Jungen einen Typ zu erzeugen, den er mit dem programmatischen
Begriff „Selbsterringung“ in Verbindung brachte.4 Gemeint ist damit der Lebensstil des von
ihm nachdrücklich als Ideal charakterisierten „Selbsterringenden“, dem er ironisch-kritisch die
„Wiederholenden“ entgegensetzte – all jene Zeitgenossen, die bloß irgendwie „wuchern, vege­
tieren, dies zu Millionen, in größtmöglicher Bequemlichkeit, ohne eigene Gedanken, sondern Vor-
gekautes und Eingeschärftes wiederholend […].“ Selbsterringende dagegen müssten sich ihren
Weg „selbst“, das heißt selbstständig und autonom suchen, denn: „Lehrer, Eltern, Werkmeister
können uns vieles zeigen, aber nicht alles. Wir müssen selbst suchen. Die alten Leute haben
unser Land von Misserfolg zu Misserfolg geführt. Unsere Aufgabe ist nicht nachzubeten, was
sie versprechen, sondern selbst neue, bessere Wege zu suchen.“ Die bisherige Jugendbewegung,
seinerzeit gestartet mit großen Ideen, sei inzwischen völlig ungefährlich und harmlos geworden.
Die dj.1.11 dagegen müsse jetzt einen Kampf wie ein Vierteljahrhundert vorher der Wandervogel
beginnen: Sie kenne „keine vorsichtige Taktik, sondern nur das freie Wort, die Wahrheit und die
Leistung.“ Und „Tusk“ fügte diesem Programm abschließend das selbstsichere Urteil hinzu: „Ein
neuer Aufstand der Jugend! Er wird siegen!“5
In gewisser Weise wurden hier Stichworte der Meißnerformel des Jahres 1913 aufgegrif-
fen, mit der die Freideutsche Jugend ihrem Selbstverständnis Ausdruck verliehen hatte; auch im
Oktober 1913 war es um eine eigene Bestimmung, um Selbstverantwortung und um selbstbe-
stimmte Wahrhaftigkeit gegangen! Mit jener Formel von 1913 und jetzt – knapp zwei Jahrzehnte
später – mit dem Appell „Tusks“ an die „Selbsterringenden“ ist eine Ausprägung einer hiermit
erneut auf den Punkt gebrachten bündischen Lebensform angesprochen. Eine gegensätzliche
Perspektive hatten nach dem Ersten Weltkrieg die sich von nun an von einer „Jugendpflege“
abwendenden und zur freien Jugendbewegung bekennenden Pfadfinder programmatisch in die
Welt gesetzt, als sie bei einem großen Pfadfindertreffen 1919 auf Schloss Prunn bei Kelheim
in ihr hier formuliertes Gelöbnis – in deutlicher Distanzierung von der Meißnerformel – den
programmatischen Satz aufnahmen: „Wir wollen unseren Führern, denen wir vertrauen, Gefolg-
schaft leisten.“ 6 Gehorsam gegenüber Führern, die von sich behaupteten, eine Idee am reinsten
zu verkörpern, lehnte die dj.1.11 dagegen ab. „Tusk“ ging es nicht um die Erzeugung einer führer­
treuen Gefolgschaft, sondern um eine individuelle Wegsuche, bei der der „Hortenführer“ Orien-
tierungsmöglichkeiten vorlebte, bis der Heranwachsende beim Übergang ins Erwachsenenalter
sein „Selbst“ gefunden hatte (Abb. 1).
Die Mitgliederzahl in den verschiedenen Gruppierungen jener dritten Welle der Jugend- Abb. 1: Eberhard „Tusk“ Koebel,
bewegung Anfang der 1930er Jahre dürfte insgesamt nur einige Tausend betragen haben − und dj.1.11, Schwaben, Fotografie, 1933/34

auch in der damaligen bürgerlichen Jugendbewegung waren wohl weniger als 100.000 Personen
engagiert, doch beschränkten sich die Anstoß gebenden Wirkungen der verschiedenen Jungen-
schaftsbünde, allen voran der dj.1.11, nicht nur auf die bündische Szene um 1930, sondern ohne
Zweifel darüber hinaus ganz erheblich auf viele Gruppen der konfessionellen Jugendverbände
ebenso wie der Arbeiterjugendbewegung. Sie sollten zudem noch nach 1945 das Wiederaufleben
der Jugendbewegung stark mitbestimmen. Dieses Urteil bezieht sich zum einen auf die her-
ausfordernden Botschaften, den klaren direkten Sprachstil und die eigenwillige Ästhetik, nicht

Die Jungenschaft seit Ende der 1920er Jahre 101


zuletzt der Publikationen, sodann auf die inhaltliche Gestaltung
der Hortentreffen und die Einführung einer von Großfahrten aus
Lappland mitgebrachten speziellen Zeltform mit innerer Feuer-
stelle, der Kohte, weiterhin auf einen speziellen Kleidungsstil
(z.B. auf die „Juja“ = Jungenschaftsjacke), auf das Stockfechten
und Bogenschießen und schließlich auf das Liedgut sowie den
Stil des jungenschaftlichen Musizierens. Neben eigenen Liedern,
von denen eine Reihe von „Tusk“ selbst stammte, waren es bei-
spielsweise mit der Balalaika begleitete Kosakenlieder in Nach-
ahmung des die Jungenschaft damals begeisternden Donkosa-
kenchores von Serge Jaroff (1896–1985) und das Bemühen um ein
diszipliniertes eigenes Chorsingen.7 Hinzu kam gleichzeitig noch
die Entdeckung des Zen-Buddhismus und der Lehren der altjapa-
nischen Samurai (Abb. 2, 3, 4).
„Tusk“ glaubte zeitweise, im Zusammenwirken mit Karl
Christian „Teut“ Müller und weiteren Jungenschaftskreisen ei-
nen übergreifenden großen Jungenbund, ein eigenes „Jungen-
reich“, schaffen zu können, doch dominierte in der Jungenschaft
letztlich eine elitäre, rein männerbündische Ordensvorstellung,
in der Mädchen nicht vorkamen. Diese Tendenz war besonders
ausgeprägt im „grauen corps“ Alfred „Fred“ Schmids und in der
„südlegion“ mit engen Kontakten zu Kreisen um Stefan George
(1868–1933). In diesem Zusammenhang von massiver „Frauenfeindlichkeit“ sprechen zu wollen, Abb. 2: Oskar Just, Der Fahnen­
ist wohl überzogen, wenngleich die Auffassung bestand, dass Mädchen „von der Revolution ab- träger, 1931 (vgl. [Link]. 186)

lenken“ würden und die ausschließlich jungmännliche Selbsterziehung in der Jungenschaft die
Voraussetzung zur späteren Beteiligung an der Schaffung eines „neuen Reiches“ sei.8
In der Anfangsphase des „Dritten Reiches“ versuchten viele Jugendbewegte, sich mit
dem Regime zu arrangieren und ihre bündischen Ideen mit den Forderungen des National-
sozialismus in Verbindung zu bringen.9 Es entstanden jedoch
gleichzeitig diverse von der Jungenschaft und deren Stilformen
geprägte ‚Gegenmilieus‘ in unangepassten Gruppen, die sich
der Gleichschaltung widersetzten und Freiräume jugendlichen
Eigenlebens für sich behaupten konnten. Zudem waren anfangs
auch manche Gruppen des Jungvolks von bündischen Traditio-
nen beziehungsweise Vorbildern erheblich beeinflusst: In seiner
Autobiografie hat zum Beispiel der Journalist Gerhard Szczezny
(1918–2002), der spätere Gründer der Humanistischen Union, ausführlich dargestellt, welche Abb. 3: Gürtel mit Koppelschloss,
„außerordentliche Wirkung“ „Tusk“ und der Jungenschaftsstil auf seine Königsberger Jung- dj.1.11, Horte Berlin, um 1932
(vgl. [Link]. 187)
volkgruppe ebenso wie auf viele weitere Kreise des Jungvolks ausgeübt habe. Es sei vor allem
der „individualethische Individualismus“, also „der kulturell-ästhetisch anspruchsvolle, an
die Selbstdisziplin größere Anforderungen stellende dj.1.11 Stil“ gewesen, der davon geprägte
junge Leute in der Folgezeit gegen „alle Totalitätsansprüche stellenden Politizismen immun“
gemacht habe.10 Dieses jungenschaftliche Gegenmilieu, zunehmend durch die Gestapo verfolgt,
bestimmte neben weiteren illegal fortbestehenden bündischen Gruppen auch die Szene der
widerständigen „Edelweißpiraten“ im Rheinland ebenso wie Kreise der katholischen „Sturm-
schar“. In einem Bericht der Mönchengladbacher Staatsanwaltschaft aus dem Jahre 1935 heißt
es etwa, Gruppen dieser Art übten eine erheblich stärkere Anziehungskraft auf die Jungen aus

102 „Sie werden Männer, die ihr Reich erringen“


als die Hitlerjugend: „Jeder Junge wird fasziniert von der Seltsamkeit des in diesen Bünden
herrschenden Brauchtums. Sie tragen bei ihren Heimabenden Russenkittel. Sie singen Lieder
in einem seltsamen fremden Rhythmus […]“ 11
Exemplarisch, bemerkenswert und folgenreich war der jungenschaftliche Einfluss auf den
zunächst in Ulm als Jungvolk-Fähnleinführer engagierten Hans Scholl (1918–1943), der wie seine
Schwester Sophie (1921–1943) früh die von „Tusk“ eingeführten Stilformen kennen gelernt hatte.
Eine Begegnung im November 1935 mit dem Kölner dj.1.11er Ernst Reden (1914–1942) brachte
ihn mit „Tusk“ in engere Verbindung: Scholl gründete dann in Ulm die illegale dj.1.11-­Gruppe
­„Trabanten“, was nach einer Großfahrt im Sommer 1936 nach Lappland in der Tusk’schen Tra-
dition und aufgrund von Beziehungen zur illegalen katholischen Quickborn-Jungenschaft
„Grauer Orden“ im November 1937 zu Scholls erster Verhaftung führte.12 Über die Quickborn-
Jungenschaft war es übrigens auch zu engeren Kontakten mit dem Saarbrückener Mitglied des
„Grauen ­Ordens“ Willi Graf (1918–1943) gekommen. Helle Hirsch (1916–1937), einer ­Stuttgarter
­dj.1.11-Horte angehörend, in Berlin 1937 hingerichtet wegen seiner engen Kontakte zu Otto
­Strassers (1897–1974) verbotener „Schwarzen Front“, wie auch die führenden Mitglieder der Mün-
chener Weiße Rose-Gruppe Hans Scholl und Willi Graf leisteten offenen Widerstand gegen das
NS-Regime und bezahlten ihr Engagement mit dem Leben. Wie der Historiker Günter ­Hockerts
treffend schreibt, trennte Hans Scholl im Juni 1942, als er mit Alexander Schmorell (1917–1943)
das erste Flugblatt der Weißen Rose verfasste, inzwischen „ein weiter Entwicklungsabstand von
seiner bündischen Zeit.“ Einige „Verhaltensdispositionen“, die bei Hans Scholl in seiner bün-
dischen ­Phase „herausgebildet oder verstärkt worden“
seien, hätten seinen „Schritt in den aktiven ­Widerstand
zwar keinesfalls determiniert – dazu bedurfte es vielmehr
vielfältiger weiterer Prägekräfte –, aber sie hätten diesen
Schritt begünstigt. Dies gilt für das elitäre Selbstver-
ständnis, das – gepaart mit Führungswillen und Verant-
wortungsbereitschaft – in den ersten vier Flugblättern
der Weißen Rose deutlich zum Ausdruck kommt; ebenso
für den Mut, in der Kategorie des ‚trotzdem‘ zu denken
und wohl auch für die Neigung zum moralischen Rigo-
rismus. Hinzu kommt die hohe Bedeutung eines Freund-
schaftsbunds für sein Denken und Handeln.“13
Solche – vielfältig ergänzbaren – Hinweise auf
­jugend­bewegte Einzelschicksale, hier aus dem jungen-
schaftlichen Umfeld in den frühen 1930er Jahren, ver-
stärken das inzwischen allgemein akzeptierte Argument,
dass die Jugendbewegung nicht, wie zeitweise behauptet worden ist, als ein direkter Vorläufer Abb. 4: Jungenschaftslager
und Wegbereiter der nationalsozialistischen Jugendpolitik zu verstehen ist. Ihr Spektrum war mit Kohten auf Burg W ­ aldeck,
­Fotografie, Anfang 1930er Jahre
breit und höchst widersprüchlich und verweist auf einen um 1930 in besonders herausfor- (vgl. [Link]. 244)
dernd-verführerischer Weise vorhandenen jungmännlichen „Konflikt“ in der Adoleszenzphase,
einen Konflikt – so hat es Gerhard Szczesny im Rückblick auf seine jungenschaftliche Prägung
ausgedrückt – „zwischen einem romantisch-idealistisch heroischen Lebensdrang und einer
rationalistisch-pragmatisch-permissiven Lebensplanung, zwischen dem Ideal des einsam,
furcht- und rücksichtslos nach Wahrheit und Schönheit strebenden Ritters, der Ungeheuer
bezwingt und Menschheitsrätsel löst, und dem sich meldenden Wunsch nach Teilhabe und
Mitwirkung an einem ganz normalen Dasein […]“ 14

Die Jungenschaft seit Ende der 1920er Jahre 103


1 Siehe dazu Hermann Siefert: Der bündische Aufbruch 9 Deutsche Jugend. 30 Jahre einer Bewegung. Hrsg. von Will
1919–1923. Bad Godesberg 1963. Vesper. Berlin 1934. In diesem Band hat sich eine größere Zahl
2 Seit Anfang der 1960er Jahre startete eine immer breiter ehemaliger Jugendbewegter entsprechend positiv zum National-
werdende historische Aufarbeitung der Jugendbewegungsge- sozialismus geäußert.
schichte und der hier angesprochenen Zusammenhänge. Dazu 10 Gerhard Szczesny: Als die Vergangenheit Gegenwart war.
vor allem Walter Z. Laqueur: Die deutsche Jugendbewegung. 2. erw. Aufl. Frankfurt a.M./Berlin 1991, S. 66–85, Zitate S. 68, 71.
Eine historische Studie (1962). 2., unveränd. Aufl. Köln 1983. – 11 Zitiert nach: Gefährliche Lieder. Lieder und Geschichten der
Harry Pross: Jugend, Eros, Politik. Die Geschichte der deutschen unangepassten Jugend im Rheinland 1933–1945. Hrsg. von Doris
Jugendverbände. Bern u.a. 1964. – Gleichzeitig begann eine Werheid/Jörg Seyffarth/Jan Krauthäuser. Köln 2010, S. 12. –
umfangreiche Aufarbeitung von „Quellenschriften“: Dokumenta- Vgl. zu solchen Erfahrungen auch Walter Scherf: Dreiunddreißig
tion der Jugendbewegung. Hrsg. von Werner Kindt. Bd. 1: Grund- war ich dreizehn. Edermünde 2001. – Allgemein dazu Alfons
schriften der deutschen Jugendbewegung. Düsseldorf/Köln 1963; ­Kenkmann: Wilde Jugend. Lebenswelt großstädtischer Jugend-
Bd. 2: Wandervogelzeit. Düsseldorf/Köln 1968; Bd. 3: Die deutsche licher zwischen Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus und
­Jugendbewegung 1920 bis 1933. Die bündische Zeit. Düsseldorf/ Währungsreform. Essen 1996.
Köln 1974. – Viele, auch deutlich distanziert-kritische Publikatio- 12 Dazu Ulrich Herrmann: Vom HJ-Führer zur Weißen Rose.
nen folgten bis in die jüngste Zeit. Gut lesbar und umsichtig ver- Hans Scholl vor dem Stuttgarter Sondergericht 1937/38. Wein-
fasst ist die 1993 in erster Auflage erschienene Zusammenschau heim/Basel 2012, darin vor allem Eckard Holler: Hans Scholl und
von Florian Malzacher/Matthias Daenschel: Jugendbewegung für die Ulmer ,Trabanten’, S. 38–67.
Anfänger. 2., erw. Aufl. Stuttgart 2004, bes. S. 99–118. 13 Günter Hockerts: Hans Scholl. In: Jugendbewegt geprägt.
3 Zitiert nach Winfried Mogge: Der gespannte Bogen. Essays zu autobiographischen Texten von Werner Heisenberg,
In: Gedächtnisheft für tusk, der vor 75 Jahren geboren ­Robert Jungk und vielen anderen. Hrsg. von Barbara ­Stambolis
wurde (puls 9, Dokumentationsschrift der Jugendbewegung). (Formen der Erinnerung 52). Göttingen 2013, S. 643–654,
­Heidenheim 1982, S. 31. bes. S. 653.
4 Siehe hierzu und zum Folgenden vor allem „Tusks“ „Flug- 14 Szczesny 1991 (Anm. 10), S. 83.
schrift zur Deutschen Jungenschaft“ mit dem Titel „Der gespann-
te Bogen“, erschienen Anfang 1931 als Sonderheft der Zeitschrift Bildnachweis
„Tyrker“, wieder abgedruckt in: tusk. Gesammelte Schriften und Privatarchiv, Foto: Monika Runge, GNM · Abb. 2
Dichtungen. Hrsg. von Fritz Schmidt. 2. Aufl. Stuttgart 1996, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., Dorweiler, Archiv · Abb. 4
S. 193–202. Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen · Abb. 1,
5 Alle Zitate tusk 1996 (Anm. 4), S. 200, 201, 204. 3 (Foto: Monika Runge, GNM)
6 Siehe den Vorspann zu „Mit uns zieht die neue Zeit“ von
Jürgen Reulecke in diesem Band. – Ausführlich dazu Jürgen
Reulecke: „Führen oder Wachsenlassen“. Zum jugendbewegten
Männerbund in den Jahren um und nach dem Ersten Weltkrieg.
In: Pfadfinden. Eine globale Erziehungs- und Bildungsidee aus
interdisziplinärer Sicht. Hrsg. von Eckart Conze/Matthias D. Witte.
Heidelberg 2012, S. 37–52.
7 Siehe Lieder der Eisbrechermannschaft. Hrsg. von Eberhard
Koebel. Plauen 1932, Nachdruck Heidenheim 1970. – Soldaten­
chöre der Eisbrechermannschaft. Hrsg. von Eberhard Koebel.
Plauen 1934.
8 Dazu Marion E.P. de Ras: Körper, Eros und weibliche Kultur.
Mädchen im Wandervogel und in der Bündischen Jugend
1900–1933. Pfaffenweiler 1988, dort zu „Tusk und die Rotgraue
­Aktion“ und zum „Grauen Corps“, S. 90–99. – Vgl. außerdem
Irmgard Klönne: „Ich spring’ in diesem Ringe“. Mädchen und
Frauen in der deutschen Jugendbewegung. Pfaffenweiler 1990,
bes. S. 129–138.

104 „Sie werden Männer, die ihr Reich erringen“


Moshe Zimmermann

Juden jugendbewegt1

„Jugendbewegt“ waren auch viele Juden, die in Europa im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts,
also in der Entstehungszeit der Jugendbewegung, aufgewachsen sind. Die Anfänge der jüdischen
Jugendbewegung liegen in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg. Die Jugendkultur, die sich
im deutschen Bürgertum seit der Kaiserzeit verbreiten konnte, hatte auch den jüdischen Teil
erfasst. Als dann Juden aus dem Wandervogel ausgestoßen wurden und sich unter ihnen ein
jüdisches (National-)Bewusstsein bildete, entstand eine jüdische Jugendbewegung. Ihre Mitglie-
der orientierten sich an den schon bestehenden Vergemeinschaftungen, jedoch traten bereits vor
und deutlicher nach dem Ersten Weltkrieg jüdische Inhalte und Traditionen in den Vordergrund.
Als erste Jugendgruppe wurde 1909 der „Verband jüdischer Jugendvereine Deutschlands“
gegründet, ein Jahr später die „jüdisch-liberalen Jugendvereine“ und 1912 folgte die jüdische Ant-
wort auf den Wandervogel: der jüdische Wanderbund „Blau-Weiß“. Bereits 14 Jahre zuvor war „Bar
Kochba“, der erste deutsch-jüdische Sportverein, in Berlin ins Leben gerufen worden. Sowohl bei
„Blau-Weiß“ als auch bei „Bar Kochba“ handelte es sich um die organisierte jüdische Jugend, die
auf eine ablehnende, ausdrücklich antisemitische Haltung in ihrer Umgebung reagierte und sich
dabei (national)jüdischer Symbole bediente, zum Beispiel erfuhren nationale historische Helden-
gestalten eine neue Wertschätzung.
Die bereits genannten und auch die später gegründeten jüdischen Gruppierungen lassen
sich in zwei Kategorien einteilen – einerseits in diejenigen mit einem nationaljüdischen (zionis-
tischen) und andererseits in die mit einem assimilatorischen Programm. Während „Blau-Weiß“
mit dem Zionismus sympathisierte, standen die liberalen Jugendvereine oder die 1916 gegrün-
deten „Kameraden“ diesem ablehnend gegenüber.
Die jüdische Jugendbewegung erlebte in wenigen Jahren starke Veränderungen: „Blau-
Weiß“ war bereits in den 1920er Jahren zerstritten und zerrieben, während sich die „Kameraden“
zu Beginn der 1930er Jahre spalteten und eine Gruppe, die „Werkleute“, den Weg zum Zionismus
und nach Palästina fand. Angemerkt sei, dass es die Spaltung zwischen Zionisten und Antizio-
nisten beziehungsweise Assimilanten, die für die jüdische Jugendbewegung kennzeichnend ist,
sogar innerhalb des jüdisch-orthodoxen Bundes „Esra“ (gegr. 1919) gab. Der Aufstieg des Natio-
nalsozialismus führte jedoch in der jüdischen Jugendbewegung wie auch im deutschen Juden-
tum mehr und mehr zu einer pro-zionistischen Haltung (Abb. 1).
Seit dem Ersten Weltkrieg gewann außerdem ein weiterer Unterschied an Bedeutung, näm-
lich der zwischen bürgerlicher und sozialistischer Jugendbewegung. Die in Galizien gegründe-
te sozialistische Gruppe „Hashomer Hazair“ mit ihrer Forderung nach einem „neuen jüdischen

Juden jugendbewegt 105


Menschen“ besaß besonders in Polen nach 1918 eine
große Anziehungskraft. Sie war in den meisten jüdi-
schen Diasporaländern in Europa – seit 1931 auch
in Deutschland – aktiv. Sozialistisch orientiert wa-
ren auch die Bünde „Gordonia“ und „Habonim“. „Bnei
­Akiba“ (wörtlich: die Söhne des Rabbi Akibas) hinge-
gen war eine orthodoxe und bürgerlich-zionistische
Bewegung, während jüdische Pfadfinder eher im
bürgerlichen Lager zu finden waren. Die im Zionis-
mus verwurzelten radikalen Nationalisten wieder-
um – auch Revisionisten genannt – gründeten 1923
unter dem Namen „Betar“ eine bürgerlich-nationale
Gruppierung, die sich vor allem in Polen, aber auch
in anderen Ländern, wie in Deutschland, ausbreitete
und die später in Palästina eine wichtige Rolle spielte.
Das Spektrum innerhalb der jüdischen Jugendbewegung war also ausgesprochen breit. Aus den Abb. 1: Bundeslager des Jugend-
unterschiedlichen Bünden und Gruppen sollten schließlich in den Jahren der nationalsozialisti- bundes „Blau-Weiß“ in Elperts­
hofen, Fotografie, 1923/24
schen Diktatur, zunächst in Deutschland, dann besonders in den vom Deutschen Reich besetzten
Gebieten, Stützen der Selbstbehauptung und des Widerstandes erwachsen, bis die in Europa
verbliebenen Mitglieder der Shoah zum Opfer fielen.

Deutsche Wurzeln
Anders als die deutsche Jugendkultur, die im Wesentlichen ab 1933 in die
Hitlerjugend mündete, ging die deutsch-jüdische entweder in Auschwitz verloren, weil ihre Ver-
treter dort und an anderen Orten des Schreckens ermordet wurden, oder ihre Mitglieder ent-
schieden sich zwischen 1933 und 1941 – als die Auswanderung aus Deutschland noch möglich
war – für das Exil. Das, was ab 1933 geschah, führte nicht nur zu einer tiefen Zäsur in der Ge-
schichte der jüdischen Jugendbewegung, sondern auch zu einem Erinnerungsbruch.2
Der Historiker Shmuel „Muki“ Zur äußerte in einer 1993 aus Anlass des 60. Gründungs­tages
der deutsch-jüdischen Gruppe „Habonim“ gehaltenen Rede: „Insgesamt war die Jugend­bewegung
ein enormes historisches Fiasko. Nur in einer Ecke der Welt hat sie etwas Dauerhaftes geschaffen
– im zionistischen Unternehmen.“ Damit meinte er, dass die deutsch-jüdische Jugendbewegung
nicht in Deutschland, sondern lediglich im zionistischen Judentum erfolgreich gewesen sei.3 Dies
führte auf dem Weg von Deutschland nach Israel dazu, dass neue Bilder die alten überschatten
konnten. Die Frage der Erinnerungsbrüche ist deshalb außerordentlich komplex.
Um das zu veranschaulichen, soll ein Beispiel angeführt werden: Wie kam es zur Ge-
staltung des im Folgenden beschriebenen Plakats in den 1940er Jahren? Es hing lange Zeit an
der Wand des Rothschild Boulevards 12 in Tel Aviv. In der Mitte des Plakats befindet sich die
Landkarte Groß-Israels aus der Sicht der rechts gerichteten Zionisten (Revisionisten): ein sich
auf beide Ufer des Jordan erstreckendes Gebiet, in der Mitte das Jordantal, bedeckt von einem
Gewehr, daneben die Parole „Nur so“. Es handelt sich also um ein typisches Produkt der re-
visionistischen paramilitärischen Organisation „Ezel“ (bzw. „Irgun“). Allerdings sind auf dem
Plakat noch zwei weitere fett gedruckte Zeilen in hebräischer Sprache zu lesen: „Der Gott, der
Eisen wachsen ließ, er wollte keine Knechte.“ Ob es Wladimir Jabotinsky (1880–1940) war, der
Ideologe der Revisionisten, der diesen Satz aus dem deutschen Arsenal in deren Propaganda
hineintrug, oder ein ehemaliger jugendbewegter Zionist aus Deutschland, ist unklar. Kaum
ein Revisionist wusste, wer Ernst Moritz Arndt (1769–1860) war, aber die Verbindung dieser

106 „Sie werden Männer, die ihr Reich erringen“


zionistischen Gruppe zum deutschen nationalistischen Gedankengut ist hier unumstritten.
Um die Erinnerung an die Geschichte der Jugendbewegung in Israel mit der in Deutschland
zu vergleichen beziehungsweise konfrontieren zu können, gibt es mehrere Möglichkeiten: die
Verortung im Kontext der Nation, im ideologischen Rahmen oder im geografischen und ikono-
grafischen Raum.

Die Nation
Angeblich war die Kluft zwischen Juden, die zu einer zionistischen, also national­
jüdischen Gruppe und denen, die zu einer „assimilierten“ Gruppe gehörten, vor allem bezüglich
ihrer Auffassungen zur „Nation“ besonders tief: hier die jüdische Nation, dort die deutsche. Doch
auch bei jenen, die sich zur neu erfundenen jüdischen Nation bekannten, waren Sprache,
­Symbolik und sogar die Inhalte des deutschen Nationalismus eine zentrale Quelle. Die bereits
erwähnte „Judaisierung“ des Vaterlandsliedes von Arndt ist in diesem Zusammenhang ein gutes
Beispiel. Der Zionist Walter Preuß (1895–1984) gab in seiner Autobiografie „Ein Ring schließt
sich. Von der Assimilation zur Chaluziuth“ zu, dass die „radikalzionistische Erziehung in der
Maccabäa [...] auf seltsame Weise mit deutscher Gedankenwelt verbunden“ gewesen sei. „Ich er-
innere mich, dass jener Erziehungskurs, der mich [als junger Student im ‚Bund jüdischer
­Studenten’] mehr als anderes beeinflusste, der Kurs über Nationalismus unter der [...] Leitung
von Kurt Blumenfeld [später Leiter der zionistischen Organisation in Deutschland], angelehnt
[war] [...] an Fichtes ‚Reden an die deutsche Nation‘“.4 Was die erste deutsch-jüdische, eigentlich
zionistische Gruppe „Blau-Weiß“ betrifft, war Preuß überzeugt: „Der Blau-Weiß war geboren aus
dem Geiste der deutschen Jugendbewegung“, und dieser Geist beruhte auf „Fahrt, Feuer, Lied,
Ton, Tracht, Haltung“.5
Nur stellte sich von Beginn an die Frage: Wie konnte in der Jugendbewegung etwas Deut-
sches für jüdisch gehalten werden? Moses Calvary (1876–1944), ehemaliger Wandervogel und
dann Blau-Weiß-Mitglied, formulierte bereits im Jahr 1916 diese Frage: Das Wandern sei doch
deutsch, „wie könne es die Intensität unseres Judentums steigern?“ Man solle „die jüdischen Ten-
denzen innerhalb des ihnen gegebenen Rahmens zu jüdischen Erlebnissen reifen lassen“, lautete
seine Antwort.6 Dem Tenor nach wiederholte Calvary das, was er bereits zwei Jahre vorher ge-
schrieben hatte: „Auch euer Wandern, obwohl nicht auf rein jüdischen Instinkten erwachsen, soll
euch helfen, den Mut zu euch zu finden.“ 7 So wurde die deutsche Art, die Wurzeln des eigenen
Volkes durch das Wandern zu entdecken, auf deutschem Boden sogar von der jüdisch-nationalen
Jugend übernommen, um ein nationaljüdisches Bewusstsein zu begründen. Noch extremer kam
diese Denkart in dem orthodoxen Bund „Esra“ (deutsch: Hilfe) zum Ausdruck. Zwar ging man
dort von der Fremdheit in der deutschen Gesellschaft aus, befürwortete aber das Wandern, das
den Einfluss der jüdischen Lehre auf das Leben der Juden stärken sollte.8
Man versuchte also, in den vertrauten Rahmen neue Inhalte und Erlebnisse einzufügen.
Dass die Unterscheidung zwischen Form und Inhalt, Rahmen und Essenz schwierig ist, ist auch
aus anderen Zusammenhängen bekannt. In den „Blau-Weiß-Blättern“ erschien kurz vor Kriegs-
beginn 1914 ein Aufsatz mit dem Titel „Der jüdische Held“, in dem der Verfasser nach dessen
Idealbild suchte: Am Ende blieb für ihn „nur Dietrich von Bern […], der germanische Mann“. Er
stellte sich selbst die Frage: „Woher das käme, dass ein germanischer Volkstyp unser Mannes­
ideal geworden ist?“ und fand die Antwort darin, dass Dietrich im Vergleich zu den prominenten
Personen des jüdischen Mittelalters diesen eindeutig überlegen sei und deswegen zum Vorbild
des jüdischen Helden Bar Kochba werden musste. Wären die Blau-Weiß-Mitglieder nicht Pro-
dukte der deutschen Erziehung gewesen, wäre der Autor auch nicht auf die Idee gekommen, den
Gotenkönig Dietrich als mustergültigen Herrscher zu stilisieren.9

Juden jugendbewegt 107


Dass die deutsche Jugendbewegung als Vorbild für die nationaljüdische, ja für die zio-
nistische Bewegung insgesamt fungierte, bestreiten selbst israelische Zionisten nicht mehr. Als
der Erste Weltkrieg 1914 ausbrach und die Entscheidung „jüdisch oder deutsch“ im Kontext des
Nationalismus zu treffen war, meinte der an der belgischen Front kämpfende Blau-Weiße Karl
Glaser, so wie die meisten deutschen Zionisten, „die Liebe zum jüdischen Volk“ widerspreche „der
Liebe zum deutschen Vaterlande nicht“.10 Kein Wunder also, dass bei der Einwanderung nach
Palästina seit 1933 und in der Erinnerung dieser nationaljüdischen Immigranten die Spuren der
deutschen Jugendbewegung beziehungsweise der nationaldeutschen Gesinnung trotz allem, was
Juden in Deutschland widerfahren ist, zu finden waren und diese die ehemaligen Angehörigen
der nationaljüdischen Jugendbewegung weiterhin herausforderten.
Unter dem Eindruck der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg und des anschwellen-
den Antisemitismus versuchte die Mehrheit der deutschen Juden, die dem „Centralverein der
deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens“ nahestand, die „Kameraden“ und den „Verband der
jüdischen Jugendvereine“ (VdjJ) als Gegenpol zu „Blau-Weiß“ und den zionistischen Sportver-
einen aufzubauen. Dass der VdjJ es „seinen Mitgliedern zur heiligen Pflicht [macht], ihre ganze
Kraft für den Wiederaufbau des Vaterlands einzusetzen“, betrachteten Mitglieder der „Kamera-
den“ jedoch als unzureichend, da manche darunter den Aufbau Palästinas hätten verstehen kön-
nen. Doch nicht nur die „Kameraden“, sondern auch der VdjJ plädierten eindeutig dafür, junge
Juden als Deutsche und selbstbewusste Juden zugleich zu erziehen.11 Das heißt nicht, dass sie
keine Zweifel an ihrer deutschen Identität hatten, denn in der Weimarer Republik wurden Ju-
den mit dem völkischen Nationalismus und Antisemitismus konfrontiert. Diese Zweifel änderten
gleichwohl nichts an der deutschen Grundhaltung.
Während der Weimarer Republik gab es auch eine nicht nationalistische Variante der
„deutschen Gesinnung“ unter jungen Juden. Sie konnten jugendbewegt, deutsch und sozialis-
tisch sein, was einen alternativen Übergang zum nationaljüdischen Ziel ermöglichte. Etwa zehn
Jahre nach Gründung der „Kameraden“ näherte sich ein Teil der Bewegung dem linken, sozialis-
tischen Flügel der Zionisten an – was die Auswanderung nach Palästina in die Wege leiten konn-
te. So unterschiedlich die zionistischen und nicht-zionistischen Bünde in Deutschland waren
– beide trugen mit der Auswanderung nach Palästina die verschiedenen Formen und Inhalte der
deutschen Jugendbewegung in sich und erlebten im neuen Land den gleichen Erinnerungsbruch,
den Bruch mit den deutschen Wurzeln ihrer Erziehung, mit ihrer Jugendbewegtheit und mit der
„Treue zum deutschen Vaterland“.

Die Ideologie
Die jüdische Jugend stand in der Weimarer Republik wie die deutsche Gesellschaft
insgesamt im Zeichen der Konfrontation zwischen Stadt und Land, Moderne und Romantik, Kapita-
lismus und Sozialismus, Nationalismus und Internationalismus. Wollte ein jüdischer Jugendlicher
einer jüdischen Jugendbewegung angehören oder nicht – mit dieser Frage musste er sich befassen.
In einem programmatischen Aufsatz in den „Blau-Weiß-Blättern“ unter der Überschrift „Was wir
wollen“ wurde die Richtung bereits vor dem Krieg vorgegeben: „Wir wollen [...] die Großstadtjugend
– und die jüdische Jugend ist ja nun mal besonders eine Großstadtjugend – [...] durch die Berührung
mit der freien Natur zu freien und gesunden Menschen […] machen.“ Was das Jüdische in diesem
Prozess ausmachen sollte, wurde in dem Programm folgendermaßen erläutert: Wir wandern „nicht
am Sabbat, kochen in unserem Hordentopf koscher [...] grüßen uns und die anderen mit dem jüdi-
schen Ruf Schalom etc.“ 12 Die jüdisch-orthodoxe Gruppe „Esra“ formulierte Ähnliches überraschen-
derweise noch pointierter: „Unsere Zivilisation, das Zeitalter der Maschine, das Stadtleben – all das
steht im Widerspruch zur Natur und muss auch im Judentum verneint und bekämpft werden.“ 13

108 „Sie werden Männer, die ihr Reich erringen“


Wie ein roter Faden zieht sich durch die Phraseologie der jüdischen Jugendbewegung zwar
die Abgrenzung gegenüber der nicht-jüdischen Umwelt, die aber umso mehr zeigt, wie stark
der nicht-jüdische Kontext die Denk- und Handlungsweise ihrer Mitglieder weiter bestimm-
te! Noch im Jahr 1925, ein halbes Jahrzehnt nach Gründung der Weimarer Republik, wurde in
blau-weißen Kreisen behauptet: „Ein heiliges dreifaches Nein. Ein Nein, das wir der verlogenen
bürgerlichen Gesellschaft um uns entgegenschleudern. Der Gesellschaft im Allgemeinen und
der jüdischen Gesellschaft im Besonderen.“14 Sollte nun, nach der eventuellen Auswanderung in
Palästina diese Ideologie praktiziert werden? Kurz nach dem Weltkrieg gab derselbe Verfasser
in einem Traktat zur Jugenderziehung zu: „Wir versuchen alles [...], um uns ein Judentum zu
rekonstruieren“, da eben im Zustand der Judenemanzipation „das eigentliche Galuth [deutsch:
Diaspora]“ begonnen habe und deshalb der Erziehungsstoff dem Juden nicht mehr jüdisch, also
„ein wesensfremder“ sei. „Sozialismus, Pazifismus, Religion“ seien demnach die „Produkte dieses
Galuth“ und deshalb galten sie nach der Vorstellung derer, die das Judentum (re)konstruieren
wollten, als größte Gefahr für den Zionismus.15 Mit anderen Worten: Angestrebt wurde die totale
Ablehnung dieser Werte. Nur war der Zionismus selbst ebenso ein Ergebnis des Galuth und der
Teilnahme an der nicht zu überwindenden Assimilation. So konnte ausgerechnet die in der jüdi-
schen Religion tief verankerte Gruppe „Misrachi Jugend“ sowohl für ein jüdisches Volkstum als
auch für die Unterstützung des Sozialismus plädieren (Abb. 2).16
Als diese Jugendlichen später nach Eretz Israel auswanderten,17 mussten sie sich weiter-
hin mit dieser Problematik auseinandersetzen: Hatten tatsächlich Sozialismus, Pazifismus etc.
keine Bedeutung im Vergleich zum eindimensionalen Nationalismus? Wie war dieser jüdische
Nationalismus – zunehmend auf den arabischen Nationalismus bezogen – mit dem anti-bürger-
lichen Protest in Einklang zu bringen? War der von einigen „Kameraden“ empfohlene völkische,
„neue Nationalismus“ und die Ablehnung, nicht nur des konservativen (Hugenbergschen), son-
dern auch des liberalen Nationalismus bei den ausgewanderten Juden nicht zur unerträglichen
Belastung geworden?18 Die Auswanderung verursachte also mehrere Konflikte mit der jugend­ Abb. 2: Werner T. ­Angress
bewegten Erinnerung – Sozialismus versus Nationalismus, deutsche versus palästinensische (1920–2010), 1933/34 ­Mitglied
im Schwarzen Fähnlein,
Wanderlandschaften, anti-bürgerliche Kritik versus einer im Grunde bürgerlichen Kultur in der ­Fotografie, 1936/37
neuen Heimat. Nach 1933 beziehungsweise nach 1945 mag auch die während des Ersten Welt-
kriegs registrierte Begeisterung – „Das war Romantik [...] das Lebendigwerden der Blutgemein-
schaft“ 19 – höchst problematisch geworden sein.
Eine Gruppe, die dieser Bruch besonders hart traf, war die „Kameraden“. Sie ­wandelte
sich nicht nur vor dem Hintergrund der späten Phase der Weimarer Republik von rechts nach
links, sondern entschied sich für einen zionistischen Sozialismus, und zwar in Palästina.
Die ideologische Herausforderung dieser Gruppe war umso größer, weil ein anderer Teil der
­„Kameraden“ gleichzeitig weit nach rechts driftete. Mit einer Jugend, die sich bewusst auf
die Seite der Faschisten stellte, durfte es, so ein Vertreter der linken „Kameraden“, Hermann
Menachem Gerson (1908–1989), keine Gemeinsamkeit mehr geben. Als Gerson nach 1933 nach
Palästina auswanderte, war er auf eine andere Weise mit demselben Problem konfrontiert – als
er dort auf den zionistischen Faschismus traf. Die Erfahrung mit dem deutschen Faschismus
hatte ihn als Dreißigjährigen veranlasst, das erste hebräische Buch über das Thema zu ver-
öffentlichen. „Uns Juden [...] hat das faschistische Regime die größte Katastrophe [er benutzt
bereits 1939 den Begriff Shoah!] gebracht. […] Daher muss die Tatsache verwundern, dass sich
der Faschismus trotzdem auch im jüdischen Volk etablieren konnte, in Form des ‚reinen Natio­
nalismus‘ der Revisionisten, [...] eine Nachahmung des europäischen Faschismus: Die heuch-
lerische Ideologie der ‚nationalen Einheit‘, der brennende Hass auf die Arbeiterbewegung, das
‚Führerprinzip‘ und der politische Irrationalismus. Wir dürfen die Gefahr dieser ­Bewegung

Juden jugendbewegt 109


nicht unterschätzen.“ 20 Eindeutig spielte bei dieser Mahnung die Auseinandersetzung mit der
jüdischen Jugendbewegung in der Weimarer Republik eine entscheidende Rolle, im Angesicht
der konkreten Herausforderung – der in Europa wie auch im Lande Israel agierenden revisio-
nistischen Gruppe „Betar“.

Die Landschaft
Stark geprägt war die deutsch-jüdische Jugend, gleich in welcher Gruppierung
sie aktiv war, auch von der deutschen Landschaft sowie von den deutschen Landschaftsbildern
und -vorstellungen. Schließlich bildete das Wandern im Wald oder auf der Heide in allen jüdi-
schen Jugendgruppen die populärste Beschäftigung (Abb. 3).21
Diese Landschaften konnten sich paradoxerweise auch in „jüdische Landschaften“ verwan-
deln. Nennen wir ein Beispiel: Seit dem 19. Jahrhundert waren bekanntlich der Rhein („Deutsch-
lands Fluss, nicht Deutschlands Grenze“) und die „Wacht am Rhein“ in hohem Maße national
aufgeladen. Dieses Symbol „Rhein“ konnten sowohl Juden in Deutschland als auch die nach
Palästina ausgewanderten ganz bewusst weiter
in ihrer Erinnerung an Deutschland behalten; sie
ersetzten den Rhein durch einen jüdischen Fluss –
den Jordan. Der Verfasser der später zur National-
hymne gewordenen „Hatikva“, Herz Imber (1856–
1909), schrieb noch vor dem Ersten Weltkrieg das
Lied „Die Wacht am Jordan“. Die aus dem Hebrä-
ischen übersetzten ersten Zeilen lassen eindeutig
die Worte von Max Schneckenburger (1819–1849)
erkennen: „Wie Donnerhall vom Himmel, wie ein
feuriger Ruf, kommt der Ruf aus Jerusalem: Eilt
in das Land der Väter. Zum Jordan, zum Jordan.“
In Palästina gab es am Jordan tatsächlich eine
neue Kolonie namens Mismar Ha‘Jarden, „Wacht
am Jordan“. Die aus Deutschland immigrierte Ju-
gend, die auf „deutsche Art“ wandern und singen
gelernt hatte, musste nur die Vorzeichen wechseln, die Essenz blieb unverändert. Es war auch Abb. 3: Frankfurter Gruppe des
kein Zufall, dass die revisionistische Jugendbewegung in Palästina ihre Zeitschrift „Wacht am Jugendbundes „Blau-Weiß“ am
Lagerfeuer, Fotografie, 1924
Jordan“ nannte, eine Zeitschrift, die im Jahr 1935 sogar bereit war, eine positive Bewertung des
Faschismus vorzunehmen.22 Da für die wandernde Jugendbewegung Wald und Flora so wichtige
Anhaltspunkte waren, gehörten die deutsche Eiche und die deutsche Tanne auch zur deutsch-­
jüdischen Landschaft. Aber bereits in Deutschland, und vor allem nach der Auswanderung,
musste man sich an die palästinensische Landschaft anpassen – der Baum und der Wald blie-
ben als nationale Ikonen, nur wurden jetzt die Zeder oder die Orangenplantagen zum jüdischen
­Ersatz für das deutsche Original.
Der Übergang – oder Wechsel – zur palästinensischen Landschaft hat nicht nur mit der
Natur, sondern auch mit den in der Landschaft situierten Denkmälern zu tun. Das Zusammen-
wirken von Geografie und Geschichte, das sich in Palästina anbot, resultierte aus einem Bruch
mit den deutschen Traditionen, in denen man aufgewachsen war. Auch hier war die Mischung
neu, nicht aber das Muster. So präsentierten sich Massada, Betar, Tel Chai als neue Erinne-
rungsorte, doch erinnerten diese spezifisch jüdisch-israelischen Orte an deutsche Stätten und
Mythen. Betar, unweit von Jerusalem, war Bar Kochbas letzte Festung, als er den Aufstand
gegen Rom in den Jahren 132 bis 135 wagte, und er fungierte letztendlich im nationaljüdi-

110 „Sie werden Männer, die ihr Reich erringen“


schen Gedächtnis als Hermann-Ersatz. Tel Chai, ein kleiner Ort im Norden Israels, in dem eine
­Gruppe von Zionisten im Kampf gefallen ist, bot sich als Langemarck-Ersatz.

Erinnerungstransfer
Über ihre Vergangenheit in der Jugendbewegung in Deutschland haben die
nach Palästina emigrierten deutschen Juden später verschiedenartig Auskunft gegeben. Jutta
Hetkamp hat diese Erinnerungen systematisch, mit Hilfe von Fragebögen, untersucht. Im Nach-
hinein sagten zwei ehemalige Mitglieder der „Kameraden“: „Uns allen war [als wir in Deutsch-
land waren] klar, daß wir Deutsche sind“ und „Wir waren natürlich Deutsche wie alle anderen,
wir hatten nur eine andere Religion“. Diese Einstellung war auch bei „Ostjuden“, die zum „Blau-
Weiß“ gehörten, ausgeprägt: Ich „war nicht weniger von deutscher Kultur wie mein Nachbar, der
aus einer assimilierten Familie stammt“.23
Die Interviewten gaben offen zu, dass sich in der individuellen Erinnerung typische
­Elemente der früheren Jugendbewegung niederschlugen. Sie erinnerten sich, „sehr stark an die
Meißnerformel gebunden“ gewesen zu sein und betonten unter anderem, welchen Einfluss ­Stefan
George (1868–1933) gehabt habe. Aber auch die Erinnerung an die politischen Auseinanderset-
zungen im Deutschland der 1930er Jahre – vor und nach dem 30. Januar 1933 – ­blieben lebendig
und es wurde versucht, rückwirkend eine Kontinuität zu konstruieren: Mitglieder der Jugendor-
ganisation „Hashomer Hatzair“ erwähnten die Auseinandersetzung mit den Rot-Front-Gruppen
innerhalb der deutsch-jüdischen Jugend, die „ganz treudeutsch“ waren, und behaupteten, „die
Bekämpfung dieser Abwanderung in die verschiedenen sozialistischen und kommunistischen
Formationen [...] mit Erfolg geführt“ zu haben.24 Auch eine Szene, die während eines Bundes-
tages des „Jung-Jüdischen Wanderbundes“ (JJWB) 1930 auf Burg Ludwigstein stattfand, bei
der Angehörige der Hitlerjugend verprügelt wurden, zählte ebenso zum kollektiven ­Gedächtnis
beziehungsweise zum Mythos und zur Erinnerung an den Punkt, an dem sich in der deutschen
Jugendbewegung die Wege schieden – der eine, der in den Nationalsozialismus, und der andere,
der nach Israel führte.
Dieses Bild der bereits in Deutschland vorbereiteten Brücke zur zukünftigen Verwirk-
lichung der Ideale in Eretz Israel gehörte genauso zur Erinnerungskonstruktion wie das
­retrospektiv konstruierte Bild einer intensiven Beschäftigung mit dem Thema Eretz Israel
überhaupt, auch dort, wo es dafür keine Beweise aus den 1920er Jahren gibt.25 Dass das „Dritte
Reich“ die Juden ausgestoßen hat und die Jugend zum Auswandern zwang, erklärt den psycho­
logischen Mechanismus, der die Erinnerung an eine Entscheidung schafft, die angeblich vor
1933 getroffen wurde, das heißt nicht nur aus der NS-Politik resultierte. Doch war diese Kon-
struktion eine versuchte Antwort auf das große Problem dieser Gruppe im neuen Land – die
gescheiterte Integration in die neue Gesellschaft. Für die Jugend wie für die Erwachsenen in
Palästina, die die Auswanderer aus Nazi-Deutschland integrieren sollten, waren die einge-
wanderten deutschen Juden zu deutsch und zu wenig zionistisch. Eine Teilnehmerin an der
60-Jahrfeier der „Habonim“ beklagte die mangelnde Bereitschaft der Kibbuz-Bewegung der
1930er Jahre, spezielle Kibbuzim für deutsche Einwanderer mit ihrem „besonderen kulturel-
len und bildungsmässigen Hintergrund“ zu erlauben. Sie warf der Kibbuzim-Bewegung sogar
den Versuch der erzwungenen Assimilierung der deutschen Juden vor, während ein anderer
Teilnehmer von der Diaspora, dem schmerzhaften „Galuth-Leben im Lande“ (Eretz Israel), also
von der Isolation innerhalb der neuen Gesellschaft sprach!26 Dort ausgestoßen, hier missver-
standen und isoliert – ein doppeltes Trauma.

Juden jugendbewegt 111


1  Es handelt sich hier um die leicht überarbeitete 12  Georg Todtmann: Was wir wollen. In: Blau-Weiß-Blätter,
­Fassung des folgenden Aufsatzes von Moshe Zimmermann: Mai 1914, S. 2–3.
­Erinnerungsbrüche – Jüdische Jugendbewegung: von der Wacht 13  Doron 1973 (Anm. 2), S. 193–194.
am Rhein zur Wacht am Jordan. In: Historische Jugendforschung. 14  Ferdinand Ostertag: Worte zur Eröffnung des Bundestages in
Jahrbuch des A
­ rchivs der deutschen Jugendbewegung N.F. 5, Gr.-Obisch. In: Blau-Weiß-Blätter (Führerheft) 1, August 1918, H. 5,
2008, S. 49–58. S. 83–85, bes. S. 83. – Blau-Weiß-Blätter N.F. 1925, Sonderheft 2.
2  Zur deutsch-jüdischen Jugendbewegung: Jutta Hetkamp: 15  Ferdinand Ostertag: Erziehungsreferat, gehalten auf dem
Die jüdische Jugendbewegung in Deutschland 1913–1933 (Anpas- Jugendtag. In: Blau-Weiß-Blätter (Führerheft) 1, Januar 1919, H. 6,
sung, Selbstbehauptung, Widerstand 4). Münster 1994. – Jutta 103–118.
Hetkamp: Ausgewählte Interviews von Ehemaligen der jüdischen 16  Doron 1973 (Anm. 2), S. 218–219.
Jugendbewegung in Deutschland von 1913–1933 (Anpassung, 17  Bekannte Mitglieder der Blau-Weißen: Walter Moses, Joseph
Selbstbehauptung, Widerstand 5). Münster 1994. – Walter Marcus, Felix Rosenblüth, Georg Strauß; der Kameraden: Hermann
Laqueur: Die deutsche Jugendbewegung. Köln 1978. – Hermann Gerson, Max Katz, Franz Marx; des JJWB: Giora Lotan, Richard
Meier-Cronemeyer: Jüdische Jugendbewegung. 1. Teil. In: Germa- Markel.
nia Judaica. Mitteilungsblatt der Kölner Bibliothek zur Geschichte 18  Doron 1973 (Anm. 2), S. 164.
des deutschen Judentums N.F. 27/28, 1969, S. 1–123. – Bernhard 19  Karl Glaser: Der Blau-Weißtag in Lockwitz. In: Blau-Weiß-
Trefz: Jugendbewegung und Juden in Deutschland. Frankfurt a.M. Blätter, August 1916, S. 23–28, bes. S. 27.
1999. – Hannah Weiner: Youth in Ferment Within a Complacent 20  Menachem Gerson: Der Faschismus. Tel Aviv 1939
Community. Zionist Youth Movements and Hechalutz in Germany. (in ­hebräischer Sprache).
Tel Aviv 1996 (in hebräischer Sprache) – Yehoyakim Doron: The 21  Hetkamp, Die jüdische Jugendbewegung 1994 (Anm. 2),
Jewish youth movements in Germany 1909–1933. Jerusalem 1973 S. 167.
(in hebräischer Sprache). 22  Vgl. Esther Stein-Ashkenazy: Be-Erets Yisrael 1925–1947.
3  60-jähriges Jubiläum der „Habonim“ Deutschland. Auszüge Jerusalem 1997 (in hebräischer Sprache), S. 25, 38.
aus Ansprachen anlässlich des Treffens ehemaliger Mitglieder 23  Vgl Hetkamp, Ausgewählte Interviews 1994 (Anm. 2),
der „Habonim-Noar Chaluzi“ Deutschland am 4. Oktober 1993 S. 87–107.
im Kibbuz Givat Brenner Israel. Hrsg. von Jaakov Sack/Chaim 24  Hetkamp: Die jüdische Jugendbewegung 1994 (Anm. 2),
­Seeligman/Givat Brenner. Ramat Efal 1994, S. 13. S. 132–133.
4  Walter Preuß: Ein Ring schließt sich. Von der Assimilation 25  Hetkamp: Die jüdische Jugendbewegung 1994 (Anm. 2),
zur Chaluziuth. Tel Aviv 1950, S. 68–69. S. 117.
5  Preuß 1950 (Anm. 4), S. 72. 26  Vgl Muki Zur: Kibbuz Ein Gev. In: Habonim 1994 (Anm. 3),
6  Vgl. Moses Calvary: Blau Weiß. Anmerkungen zum jüdischen S. 13–16.
Jugendwandern. In: Der Jude 1, Nr. 7 (Oktober 1916), S. 451–457.
7  Moses Calvary: „Laubhüttenfest“. In: Blau-Weiß-Blätter, Bildnachweis
­Oktober 1914, S. 3–5, bes. S. 5. Privatarchiv · Abb. 2
8  Doron 1973 (Anm. 2), S. 194. Salomon Ludwig Steinheim-Institut, Gidal-Bildarchiv, Essen · Abb. 1, 3
9  Rudolf Pick: Der jüdische Held. In: Blau-Weiß-Blätter, August
1914, S. 2–4.
10  Karl Glaser: Liebe Blau-Weiße! In: Blau-Weiß-Blätter,
­Dezember 1914, S. 4–5, bes. S. 5.
11  Erich Schlesinger: KC und Jugendbewegung. In: KC-Blätter,
November/Dezember 1919, S. 173–175.

112 „Sie werden Männer, die ihr Reich erringen“


Arno Klönne

Die Bündischen unter dem Druck der Politisierung

„Wir waren im Grunde unpolitisch“ – so erinnerten sich nach 1945, wenn nach dem Verhältnis
der einstigen Jugendbünde zur Weimarer Republik und zum „Dritten Reich“ gefragt wurde, die
meisten jugendbewegten Veteranen an ihre Jugendzeiten und ihr Leben in den damaligen Grup-
pen. Diese Aussage ist aufschlussreich, sie verweist zunächst einmal auf das Eigenverständnis
derjenigen, die sie machten, vielleicht auch auf deren Wunsch, dass Erinnerungen an erlebnis-
reiche Jahre in der jugendlichen Gemeinschaft nicht durch Debatten über Politikhistorie getrübt
werden sollten. Vielfach verband sich damit in der Haushistoriografie bürgerlicher Jugendbe-
wegung nach dem Ende des „Dritten Reiches“ auch das Argument, mit dem Jahre 1933 sei ja das
„Bündische“ durch staatlichen Zwang an sein Ende gekommen, insofern mache es wenig Sinn,
dessen Nähe, Distanz oder Widerspruch zum Nationalsozialismus zu erforschen und darüber zu
streiten, die Lebenszeit der Bünde sei zu kurz gewesen, um politische Relevanz hervorzubringen.
Plausibel ist sicherlich, dass auch in den Zeiten der Weimarer Republik Jugendliche im
Alter von 14 bis 18 Jahren – und die stellten den Großteil der Angehörigen bündischer Gruppen –
vorrangig andere Interessen hatten, als sich mit Fragen der großen Politik auseinanderzusetzen
und hier ihren Standpunkt zu bestimmen. Aber dennoch geschah auch in Bünden ohne partei­
politische Orientierung so etwas wie politische Sozialisation, mehr oder weniger ausdrücklich,
vermittelt über Semantik und Symbolik, über die Formen des Gruppenlebens, über das Angebot
von „Kultliteratur“, auch über das Repertoire an Liedern und über die Auswahl von Fahrten­
zielen. Im „Unpolitischen“ steckte sehr häufig Politisches. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Es
hatte einen politisch sozialisierenden Effekt, ob in der Gruppenbücherei einer deklariert „un-
politischen“ Gruppe Bücher des sozialkritischen pazifistischen Schriftstellers Leonhard Frank
(1882–1961) oder solche von Ernst Jünger (1895–1998) zu finden waren,1 ob die Großfahrt zu den
Volksdeutschen nach Bulgarien oder zu den Lappen in Nordskandinavien führte.
Ein Blick weiter zurück: Im Wandervogelleben vor 1914 war die Welt der Politik noch weit-
gehend außen vor geblieben, jugendromantische Bedürfnisse bestimmten die Gruppenmentalität.
Der Erste Weltkrieg bedeutete auch in dieser Hinsicht einen Epochenbruch – die Zeit einer gesell-
schaftlich „naiven“ Jugendbewegung war damit vorbei, alle Bünde kamen unter den Druck der
Politisierung der deutschen Gesellschaft, ganz gleich, ob sie diesen als „Aufruf zur (gesellschaft­
lichen) Tat“ empfanden oder auf ihn reagierten mit der Suche nach einem „Land der Jugend“ außer-
halb gesellschaftlicher Konflikte, also dem politikbewussten Willen zum „Unpolitischen“.
Schon während des Ersten Weltkriegs und dann verstärkt an dessen Ende, traten im
­Milieu der Freideutschen Jugend gesellschaftspolitische Fragen und Differenzen auf, vor allem

Die Bündischen unter dem Druck der Politisierung 113


als ­gegensätzliche Konsequenzen aus der Erfahrung dieser modernen „Völkerschlacht“: Auf der
einen Seite entwickelten sich pazifistische und weltbürgerliche Tendenzen, auf der anderen Nei-
gungen zu einem soldatisch-heroischen, national-völkischen Leitbild. Die zweitgenannte Rich-
tung bot auch einen Raum für antisemitische Einstellungen, die ansatzweise schon vor 1914 im
Wandervogel aufgekommen waren.
Alle Bemühungen Anfang der 1920er Jahre, die nun jungen Erwachsenen aus dem Kreis
und Umkreis der Meißnerfahrer von 1913 weiterhin „freideutsch“ zusammenzuhalten, scheiter-
ten vor allem an politischen Trennungen. Allerdings gab es auch in den Jahren danach immer
wieder Versuche, den Dialog zwischen „links“ und „rechts“ unter Menschen, die eine jugendbe-
wegte Herkunft hatten, aufrechtzuerhalten oder wieder neu zu arrangieren, unter Berufung auf
die „Gemeinsamkeit vom Hohen Meißner“. Es finden sich viele biografische Hin-
weise darauf, dass gerade Menschen aus der Jugendbewegung, auch wenn sie feste
politische Bindungen eingegangen waren, sich darin oftmals nicht so ganz linien-
treu verhielten, mitunter auch im politischen Sinne zu „Wanderern zwischen den
Welten“ wurden.2
Die militärische Niederlage des Deutschen Reiches im Weltkrieg, die revo-
lutionäre Bewegung im eigenen Land, das Ende der Monarchie, die Errichtung
einer parlamentarischen Demokratie, die Regelungen des Versailler Vertrags, die
gewalttätigen sozialen und politischen Auseinandersetzungen in den ersten Jah-
ren der Weimarer Republik, auch die Inflation von 1923 – all diese Ereignisse und
Entwicklungen erzeugten einen extremen gesellschaftlichen Spannungszustand,
steigerten den Zeitdruck bei politischen Entschlüssen, zwangen zu persönlichen
politischen Entscheidungen und brachten scharfe Polarisierungen hervor. Davon
blieb auch die Jugendbewegung keineswegs unberührt. Exemplarisch: Aktivis-
tisch gesonnene junge Leute, die aus dem Wandervogel und der Freideutschen
Jugend kamen, fühlten sich 1919 vor die Frage gestellt, ob sie sich einem natio­
nalistischen Freikorps oder – im Zeichen der Internationale – einer radikalen
­Organisation der Linken anschließen sollten.3
Für einige Jahre noch hatte eine jugendbewegte Richtung erheblichen Einfluss, die einen Abb. 1: Titelblatt der Zeitschrift
eigenen Weg im politischen Spektrum ging, später aber fast in Vergessenheit geriet; sie gruppierte „Junge Menschen“, 1920

sich um die Zeitschrift „Junge Menschen“ des Wandervogels und Meißnerfahrers ­Walter Hösterey
(1888–1966), genannt Walter Hammer (Abb. 1).4 Hier trafen sich republikanische, antimilitaristi-
sche, nicht an Parteien gebundene sozialistische und lebensreformerische Ideen; und „Siedlungen“,
soziale Experimente einer kommunitären Lebens- und Arbeitsweise „aus dem Geist der Jugendbe-
wegung“, präsentierten sich hier ebenso wie Alternativen zur staatlichen Schulpädagogik.5
Es veränderten sich dann in der Weimarer Republik die Bedingungen, unter denen jugend-
bewegte Gruppen und Bünde agierten, durch die folgenden gesellschaftlichen Prozesse:
Erstens trat neben die bürgerliche Jugendbewegung, wie sie im Wandervogel und bei den
Freideutschen ihren Ausdruck gefunden hatte, die Arbeiterjugendbewegung. Während des Ers-
ten Weltkriegs hatten sich immer mehr Arbeiterjugendvereine aus der Vormundschaft der So-
zialdemokratischen Partei gelöst, mit ihrem Jugendtag in Weimar 1920 bekannten sie sich zur
­Jugendbewegung und gaben sich den neuen Namen „Sozialistische Arbeiterjugend“ (SAJ). Die SAJ
entwickelte eine eigenständige jugendkulturelle Praxis, Mädchen waren in ihr gleichberechtigt,
mit den „Roten Falken“ entstand innerhalb dieses Verbandes auch eine Gliederung, die pfadfinde-
rische Formen aufgriff. Zur Arbeiterjugendbewegung gehörten aber auch kleinere Bünde, die sich
nicht an der SPD, auch nicht an der KPD orientierten, so unter anderem die „Freie Sozialistische
Jugend“ , anarchistisch-syndikalistische Gruppierungen und die Jugendgruppen des Arbeitertou-

114 „Sie werden Männer, die ihr Reich erringen“


ristenverbandes „Naturfreunde“ sowie der Freien Gewerkschaften. Auch im Organisationsfeld der
Kommunistischen Partei existierten Gruppen, die jugendbewegte Prägung hatten.6
Zweitens drangen Gruppenstil und kulturelle Praktiken der Jugendbewegung in den
1920er Jahren in großem Umfang in die traditionellen Strukturen der Jugendpflege ein, von den
nationalerzieherischen Verbänden und den Pfadfinderorganisationen über die Wanderclubs oder
die Turnerjugend bis zu den kirchlichen Jugendverbänden. Beispielsweise wurde eines der quer
durch die Bünde beliebtesten jugendbewegten Liederbücher dieser Zeit, „Unsere Lieder“, vom
Sauerländischen Gebirgsverein herausgebracht.7 Jugendbewegt zu sein, wurde zum dominanten
jugendkulturellen Angebot dieser Zeit.8
Drittens breitete sich in der Ideenwelt der Weimarer Republik der Glaube an eine ge-
schichtliche Sendung der jungen Generation aus, die Hoffnung, von dieser sei eine „Regenerati-
on“ im sozialen Leben und in der Politik zu erwarten, eine Lösung der Probleme, mit denen die
deutsche Gesellschaft belastet war.
Unter diesen Umständen gerieten Jugendbünde und -verbände, auch wenn sie sich partei-
politisch nicht festlegen wollten, in einen Sog der Politisierung, auch in das Risiko, für Zwecke
politischer Machtstrategien instrumentalisiert zu werden.
Im bürgerlichen Sektor der Jugendbewegung setzte sich Mitte der 1920er Jahre ein Stil
durch, der die pädagogischen Entdeckungen des Wandervogel mit pfadfinderischen Gewohnhei-
ten zusammenbrachte, von „Bündischer Jugend“ wurde nun gesprochen. Politisch reichte deren
Spektrum von Neigungen zur „Konservativen Revolution“ über Sympathien für liberale Ideen
bis zu einer Öffnung nach links hin,9 in der Endphase der Weimarer Republik in den Reihen der
„deutschen jungenschaft vom 1.11.“ praktiziert. Es überwogen jedoch Gefühlswelten, denen die
Weimarer Demokratie fremd erschien und in denen eine politische Ordnung erhofft wurde, die
auf diese oder jene Weise „rechts“ von der bestehenden ihren Ort haben sollte. Das musste nicht
Anerkennung des ideologischen und organisatorischen Anspruchs der zur Macht drängenden
NSDAP bedeuten, schon gar nicht Bundesgenossenschaft mit deren „Hitlerjugend“-Verband, der
bis 1933 der jugendbewegten Kultur fern stand. Spezifische politische Vorstellungen Jugend-
bewegter, die von rechts her auf eine Alternative zur Weimarer Republik drängten, kamen zur
Geltung etwa in der Zeitschrift „Tat“, verlegt bei Eugen Diederichs (1867–1930);10 in der Schluss-
phase der Weimarer Republik erreichte dieses Monatsblatt eine hohe Auflage und gab im jungen
Bildungsbürgertum den intellektuellen Ton an. Einen Hintergrund in der Jugendbewegung hat-
ten auch die kleinen, untereinander konkurrierenden nationalrevolutionären oder nationalbol-
schewistischen Gruppen, die „linken Leute von rechts“.11 Sie befanden sich jedoch im bündischen
Milieu insgesamt in einer Minderheitsposition, ebenso wie diejenigen, deren Weg frühzeitig zur
NSDAP führte. Mehrheitlich wurde Abstand zum direkten politischen Engagement gehalten, das
Weimarer Politikmodell als „veraltet“ angesehen, die Parteienkonkurrenz und der Parlamenta-
rismus als eher abstoßend. Undeutliche Begriffe eigener Politikhoffnungen herrschten vor, wie
etwa „Erneuerung von Volk und Staat“ und „Wiederherstellung nationaler Würde“, diese zumeist
gedacht als Werk politischer „Führung“, getragen von einer „geistigen Elite“.12
Der Umbruch im politischen System 1933 kam für die Jugendbünde überraschend und
wurde auch hier im ersten Augenblick in seiner Tragweite nicht begriffen. Die Organisationen
der Arbeiterjugendbewegung hatten schon in den Jahren davor ständig den Konflikt mit den Na-
tionalsozialisten geführt; sie waren von vornherein als Gegner des neuen Staates definiert und
wurden rasch unter Verfolgung gesetzt und verboten.
Zunächst gab es hier in großer Zahl Gruppen, die in der Illegalität ihre Aktivitäten fortzu-
setzen und Agitation gegen das neue Regime zu betreiben versuchten; die brutalen Zugriffe des
Staates zerschlugen bald diese Form jugendlichen Widerstandes.

Die Bündischen unter dem Druck der Politisierung 115


Abb. 2: Treffen der katholischen
Jugend Berlins, Fotografie, 1931

In der bürgerlichen Jugendbewegung herrschte nach dem 30. Januar 1933 die Neigung vor, sich
der „nationalen Revolution“ einzugliedern, aber unter Wahrung der bündischen Eigenständig-
keit. Die Idee von einem „Führerstaat“ hatte für die meisten Bündischen nichts Negatives, den
Bruch mit „Versailles“ wollten auch sie, und der Nationalsozialismus erschien ihnen zwar als
etwas ordinär, aber doch „jugendlich“ im Vergleich zu den „Altparteien“. In der Tat hatte ja die
NSDAP in den letzten Jahren der Weimarer Republik gerade Jungwähler an sich gezogen, und
in der SA, ihrer „Sturmabteilung“, marschierten Massen von jungen Männern.13 Das hatte mehr
Charme als der altbackene Stil des deutschnationalen Soldatenbundes „Stahlhelm“. Dass die
NSDAP androhte, den „Marxismus auszurotten“, galt im bündischen Milieu überwiegend nicht
als bedenklich, die Organisationen der Arbeiterbewegung waren Teil einer politischen Kultur,
die von vielen Bündischen als fremdartig empfunden wurde. Und so kam es im Frühjahr 1933
zu allerlei Zustimmungserklärungen von Führern freier Bünde für den neuen Staat, auch zu Ein-
tritten in die NS-Organisationen. Nicht anders war es bei den evangelischen Jugendbünden, bei
der Turnerjugend und anderen bürgerlichen Jugendorganisationen. Die katholischen Jugendver-
bände hingegen konnten unter Berufung auf das Reichskonkordat zwischen dem Vatikan und
der Regierung Hitler noch einige Jahre legal tätig sein, wenn auch schon heftig drangsaliert von
den hitlerstaatlichen Behörden. Sie standen dem Nationalsozialismus kritisch bis ablehnend
gegenüber, in der Weimarer Republik hatten sie sich an der Zentrumspartei orientiert, die 1933
aufgelöst werden musste (Abb. 2).14
Manche jugendbewegten katholischen Gruppierungen hatten sich auch friedenspolitisch
engagiert und nach links hin geöffnet; in der NS-Zeit gab es sogar Kontakte zwischen einigen
katholischen Jugendführern und dem verbotenen Kommunistischen Jugendverband, was 1937
zum Prozess wegen „Hochverrat“ vor dem Volksgerichtshof führte.
Die Hoffnung der Bünde aus der bürgerlichen Jugendbewegung, sie würden im neu-
en Staat neben der Hitlerjugend fortbestehen können, wurde enttäuscht. Ihr Sammelverband
„Großdeutscher Bund“, mit dem Vizeadmiral Adolf von Trotha (1868–1940) als „Schutzpatron“,
wurde im Juni 1933 aufgelöst; Baldur von Schirach (1907–1974), als Führer der Hitlerjugend
zum „Jugendführer des Deutschen Reiches“ ernannt, initiierte das behördliche Verbot der bün-

116 „Sie werden Männer, die ihr Reich erringen“


Abb. 3: Großdeutscher Bund,
Lager in der Lüneburger Heide,
Fotografie, Juni 1933

dischen ­Jugendorganisationen, ihre Gruppen mussten in die Hitlerjugend überführt werden.


Der Großdeutsche Bund hatte sich im März 1933 aus verschiedenen bündischen Gruppierungen
(u.a. Deutscher Pfadfinderbund, Deutsche Freischar und Geusen) gebildet, um die Eigenständig-
keit gegenüber der Hitlerjugend zu bewahren. Das Lager in Munster wurde vorzeitig zwangs-
aufgelöst, der Bund am 17. Juni 1933 durch Baldur von Schirach verboten (Abb. 3). Lediglich die
„Reichsschaft Deutscher Pfadfinder“ blieb noch bis 1934 zugelassen, die Führung der Hitler­
jugend hatte sich dadurch Kontakte zu ausländischen Scoutverbänden erhofft.
Die NSDAP und ihre obersten Jugendfunktionäre waren gleich ab 1933 darauf aus, der
Hitlerjugend ein Monopol bei der Erziehung Jugendlicher außerhalb von Elternhaus und Schule
zu verschaffen und zugleich den sozialisatorischen Einfluss dieser Konkurrenten zu mindern.
Gesetzlich wurde dieser Anspruch 1936 festgeschrieben, 1939 der „Dienst“ in der Staatsjugend-
organisation zur Pflicht erklärt.15
In den ersten Jahren des „Dritten Reiches“ entwickelte sich die Hitlerjugend in raschem
­Tempo zu einem Massenverband, erstens durch die Eingliederung von Gruppen aus den aufgelös-
ten oder verbotenen Jugendorganisationen, zweitens aber auch durch den freiwilligen Zustrom
bis dahin nicht organisierter Jugendlicher. Entscheidend war dabei die Übernahme der Formen
des Gruppenlebens, die sich in der Jugendbewegung, vor allem in deren bündischer Phase, her-
ausgebildet hatten. Fahrten und Heimabende, Lagerfeuerabende und Singetreffen im Kreis Gleich-
altriger wurden nun zu einem staatlich gestützten Angebot auch für diejenigen Jugendlichen, die
bisher dazu keinen Zugang hatten.16 Anziehungsfähigkeit lag darin insbesondere für Mädchen, die
in „männerbündischen“ Gruppierungen der Jugendbewegung vor 1933 nicht zugelassen waren.17
„Jugend von Jugend geführt“ hieß die Parole der Hitlerjugend, und vordergründig hatte
sie ihre Realität; aber in den Kommandohöhen der nationalsozialistischen ­Jugendorganisation
wurde vorgegeben, wohin und wie zu führen war. Für eine Weile hielt sich der bündische Stil
des Gruppenlebens vor allem im „Jungvolk“ und bei den „Jungmädeln“ der Hitlerjugend, also in
den Gliederungen für die 10- bis 14-Jährigen; zunehmend wurden jedoch solche Erbschaften
„hinausgesäubert“. Ein Kuriosum ist bezeichnend dafür: Das HJ-Liederbuch mit der höchsten
Auflage hatte den Titel „Uns geht die Sonne nicht unter“, entnommen war er dem ­Refrain des

Die Bündischen unter dem Druck der Politisierung 117


Liedes „Wilde Gesellen“. Das Liederbuch erschien zuerst 1934, in späteren Auflagen blieb der
Titel, aber das Lied selbst wurde nicht mehr abgedruckt, es war zu wandervogelromantisch.18
Ab 1935/36 kamen Gruppen, die in der Hitlerjugend ihre bündische Jugendkultur bei-
behalten wollten, zunehmend in Konflikt mit den Anweisungen der hauptamtlichen Funkti-
onäre. Darin steckte auch so etwas wie erzwungene Politisierung. Der Weg von Hans Scholl
(1918–1943) vom begeisterten Jungvolkführer zum renitenten Anführer einer illegalen bün-
dischen Gruppe ist ein Beispiel dafür.19 Daneben gab es vielerorts bündische Gruppen, die
sich auf die Eingliederung in die Hitlerjugend gar nicht erst eingelassen hatten und heimlich
ihren Zusammenhalt und ihre Aktivitäten aufrechterhielten; die staatliche Verfolgung solcher
„bündischen Umtriebe“ legte an Schärfe zu, es kam zu zahllosen Strafverfahren, auch zur Ein-
weisung bündischer Führer in Konzentrationslager. Die Geheime Staatspolizei musste eine be-
sondere Dienststelle für die reichsweite Jagd auf illegale Bündische einrichten. Als besonders
„zersetzend“ galten ihr Anknüpfungen an die Bünde „deutsche jungenschaft vom 1.11.“ und
„Nerother Wandervogel“, „Kulturbolschewismus“ und „Kosmopolitismus“ wurde ihnen vorge-
worfen. Selbst manche Lieder aus der Jugendbewegung vor 1933 wurden nun als Indizien für
„staatsfeindliche Gesinnung“ gewertet.20
In einigen Regionen breiteten sich noch in den Kriegsjahren spontan gebildete, sogenannte
„wilde“ Gruppen Jugendlicher aus, die an Überlieferungen aus der bündischen Jugend anknüpften,
zum Teil als „Edelweißpiraten“ etikettiert. Sie hatten ihre eigenen, abgelegenen Treffpunkte an den
Wochenenden, aber mitunter traten sie auch mit ihren Gesängen und Instrumenten offen in der
städtischen Szene auf, den Anspruch der Staatsjugendorganisation auf ihr „Revier“ durchkreuzend.21
Es handelte sich hier nicht um politisch profilierten Widerstand. Aber der NS-Staat sah
in diesem jugendromantischen Willen zur Autonomie eine Gefährdung seiner Erziehungsmacht,
Gefahren auch für die „Wehr- und Arbeitswilligkeit“. So hatte der jugendbewegte Wunsch nach
„eigener Bestimmung“ dann doch seine Sprengkraft in Zeiten eines Staates, der die Jugendgene-
ration zum Gleichschritt verpflichten wollte.

118 „Sie werden Männer, die ihr Reich erringen“


1 Vgl. Arno Klönne: Es begann 1913. Jugendbewegung in der 13 Siehe Peter Longerich: Die braunen Bataillone. Geschichte
deutschen Geschichte. Erfurt 2013. der SA. München 1989.
2 Ein Beispiel dafür ist der politische Lebenslauf von Harro 14 Vgl. Georg Pahlke: Trotz Verbot nicht tot. Katholische Jugend
Schulze-Boysen, dessen Weg vom Jungdeutschen Orden über in ihrer Zeit 1933–1945. Paderborn 1995. – „Was wißt ihr von der
den jugendbewegten „Gegner”-Kreis in den Widerstand Erde...”. Dokumente katholischer Jugendbewegung. Hrsg. von
(„Rote Kapelle”) führte. Hans Böhner/Arno Klönne. Witzenhausen 1995.
3 Siehe Reinhard Preuß: Verlorene Söhne des Bürgertums. 15 Siehe Klönne (Anm. 9), S. 29–38.
Köln 1991. 16 Vgl. Michael H. Kater: Hitler-Jugend. Darmstadt 2005.
4 Siehe Jürgen Kolk: Mit dem Symbol des Fackelreiters. 17 Irmgard Klönne: Jugend weiblich und bewegt. Mädchen und
Walter Hammer (1888–1966). Verleger der Jugendbewegung. Frauen in deutschen Jugendbünden. Stuttgart 2000.
Pionier der Widerstandsforschung. Berlin 2013. 18 Zu den bündischen Liedern in der NS-Zeit siehe Doris
5 Vgl. Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880–1933. Werheid/Jörg Seyffarth/Jan Krauthäuser: Gefährliche Lieder.
Hrsg. von Diethart Kerbs/Jürgen Reulecke. Wuppertal 1998, darin Lieder und Geschichten der unangepassten Jugend im Rheinland
die Kapitel: Gemeinschaft und Gesellschaft, S. 155–244 sowie: 1933–1945. Köln 2010.
Erziehung und Bildung, S. 315–354. 19 Vgl. Hans Günter Hockerts: Hans Scholl. In: Jugendbewegt
6 Sozialistische Jugend im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Heinrich geprägt. Essays zu autobiographischen Texten von Werner
Eppe/Ulrich Herrmann. Weinheim/München 2008, S. 43–64. ­Heisenberg, Robert Jungk und vielen anderen. Hrsg. von
7 Siehe dazu: Autobiographisches aus der jugendbewegten Barbara Stambolis (Formen der Erinnerung 52). Göttingen 2013,
­Szene links von der SPD bei Franz Hammer: Traum und Wirklich- S. 643–655.
keit. Die Geschichte einer Jugend. Berlin 1982. 20 Klönne (Anm. 9), S. 260–261.
8 Dazu: Politische Jugend in der Weimarer Republik. Hrsg. von 21 Siehe Klönne 2013 (Anm. 1). – Kurt Schilde: Jugend­opposition
Wolfgang Krabbe. Bochum 1993. 1933–1945. Berlin 2007.
9 Dazu Arno Klönne: Jugend im Dritten Reich. Die Hitler-Jugend
und ihre Gegner. Köln 2009. Bildnachweis
10 Vgl. Klaus Fritzsche: Politische Romantik und Sammlung Hans Ermert, Herdorf, Foto: Monika Runge, GNM · Abb. 2
­Gegenrevolution. Frankfurt a.M. 1976. Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen · Abb. 3
11  Dazu Arno Klönne: „Rechts oder links”? Zur Geschichte der
Nationalrevolutionäre und Nationalbolschewisten. In: Konserva-
tismus in Geschichte und Gegenwart. Hrsg. von Richard Faber.
Würzburg 1991, S. 43–55.
12 Vgl. Stefan Breuer/Ina Schmidt: Die Kommenden. Eine
­Zeitschrift der Bündischen Jugend (1926–1933) (Edition Archiv
der deutschen Jugendbewegung 15). Schwalbach/Taunus 2009.

Die Bündischen unter dem Druck der Politisierung 119


Moritz Gruninger

Formationen jenseits von Parteien und Jugendbünden:


der Jungdeutsche Orden und seine Jugendorganisation

Im „Jungdeutschen Manifest“, einer programmatischen Schrift aus dem Jahre 1927, wandte sich
Artur Mahraun (1890–1950), der Gründer des 1920 ins Leben gerufenen Jungdeutschen Ordens,
an die diesem Verband nahestehende Jugend mit dem Appell, es gehe nun verstärkt um die „sitt-
liche Kraft“ all derer, die sich als „Vaterlandsverteidiger“ verstünden, und zwar im engeren Sinne
als Soldaten im Dienste der Nation. Mahraun, der seine Ordensgründung als politische Kraft
im außerparlamentarischen Raum in einem weiten Feld von Gruppierungen verstand, die der
Weimarer Republik skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden, schrieb in diesem Zusammen-
hang, die „deutsche Wehrbewegung“, zu der er ausdrücklich den Jungdeutschen Orden rechnete,
habe „lange genug geglaubt, durch Soldatenspielerei und militärische Geheimbünde der Pflege
der Wehrkraft zu dienen.“ Ihr „wahres Feld der Arbeit“ jedoch sei „die geistige und seelische
­Rüstung der wehrhaften Jugend.“ 1 Mahrauns Jungdeutscher Orden kann, wie im Folgenden ge-
zeigt wird, als exemplarischer Verband jenes breiten Spektrums von Formationen gelten, die die
­Weimarer Republik gleichsam von innen her auszuhöhlen begannen, die sich dabei zunehmend
der Bedeutung der nachwachsenden Jugend bewusst waren und diese intensiv umwarben, wo-
bei sie zeittypische jugendbündische Gedanken und Aktionsformen aufnahmen. Der Jungdeut-
sche Orden spiegelt nicht nur den in Parteien wie außerparlamentarisch agierenden Gruppie-
rungen gleichermaßen geführten ‚Kampf um die Jugend‘ wider, sondern auch die Attraktivität
der ­Jugendbewegung und ihrer damaligen Lebens- und Kommunikationsformen.
Auf seinem Gründungskonvent in Kassel gab sich der Jungdeutsche Orden „Richtlinien
und Satzungen“, in denen er erklärte, „frei von Standes- und Parteiengegensätzen“ für die Aus-
söhnung der Deutschen und den Wiederaufstieg des Reiches arbeiten zu wollen.2 Wie viele an-
dere Gruppen forderte der Jungdeutsche Orden die Errichtung eines „Dritten Reiches“, jedoch
keineswegs im nationalsozialistischen Verständnis. Mahrauns Pläne sahen einen demokratisch
und christlich aufgebauten Volksstaat unter einer starken Führungspersönlichkeit vor. Er wollte
so die klassenübergreifende Volksgemeinschaft verwirklichen und Klassenkampf sowie Stan-
desdünkel überwinden.3
Anfänglich waren die Übergänge zwischen bürgerlichem Verein und Wehrverband noch flie-
ßend. Beispielsweise war der Orden 1920 auf Seiten der Reichsregierung in die Niederwerfung
der sich im Anschluss an den gescheiterten Kapp-Putsch erhebenden Arbeiter involviert und 1921
wurden 3.500 Mitglieder zu den Grenzkämpfen nach Oberschlesien entsandt.4 In den folgenden

120 „Sie werden Männer, die ihr Reich erringen“


Jahren bestand weiter eine enge Bindung an die Reichswehr; auch stellte der Orden einen Teil der
inoffiziellen Heeresreserve.5 Mit wahrscheinlich über 200.000 Angehörigen war er Mitte der 1920er
Jahre eine der größten paramilitärischen Vereinigungen der Weimarer Republik.6
Mahrauns Prägung durch den Kasseler Wandervogel, dem er mehrere Jahre bis zu seinem
Eintritt in das Preußische Heer 1908 angehört hatte, und seine Erfahrungen als Frontsoldat
im Ersten Weltkrieg flossen in die Konzeption des Jungdeutschen Ordens ein.7 Wie auch in den
Jugendbünden üblich, sah er bei den Mitgliedern keine Rang- oder Standesunterschiede, er be-
urteilte sie nach Charakter und Leistung8 und baute die Gemeinschaft in Anlehnung an das
historische Vorbild des Deutschen Ordens auf. Nicht nur die Organisationsstruktur übernahm er
von diesem, sondern auch Bezeichnungen wie Bruder oder Meister, die in einer langen männer-
bündischen Tradition stehen, sowie rituelle Handlungen.9
Mahraun wollte den Wiederaufbau seines „geliebten Vater-
landes“ mit Hilfe von „gut deutsch denkenden“ Frontkämpfern
­vorantreiben.10 Zahlreiche ehemalige Soldaten, unter ihnen viele
aus der Jugendbewegung, pflegten einen Kriegs- und Totenkult, der
seinen Niederschlag unter anderem in öffentlichen Aufzügen, in
der Wertschätzung von Fahnen und Symbolen und in der Betonung
eines heroischen Männlichkeitsideals fand (Abb. 1).
Wegen seiner Selbstinszenierung unter Rückgriff auf Elemente
aus Freikorps, Ritterorden und politischen Vereinen wurde der Ver-
band anfangs von der Öffentlichkeit „zwischen Mittelalterromantik,
Geheimbündelei und Wehrverband“ wahrgenommen.11 Die Ordens-
brüder rekrutierten sich vor allem aus der protestantischen Mittelschicht. Besonders erfolgreich Abb. 1: Wimpel der Jungdeutschen
war der Orden in Teilen Westfalens, Hessens, Thüringens und Sachsens sowie in geringerem Um- Jugend, Berlin, 1927–1933
(vgl. [Link]. 176)
fang in den norddeutschen und ostelbischen Gebieten. Die Katholische Kirche stellte sich gegen ihn,
da er für ein „überkonfessionelles Christentum“ stand.12
Zunächst gehörten dem Orden nur Männer an. Im Januar 1921 gründete Charlotte ­Mahraun
(1893–1977), die Ehefrau Artur Mahrauns, in Kassel die Jungdeutsche Schwesternschaft als
Frauenabteilung.13 Diese war eher sozial und kulturell als politisch engagiert und beteiligte sich
unter anderem an den vom Orden während der Inflationszeit eingerichteten Suppenküchen.14
Besonders die Mädchengruppen waren von der Jugendbewegung beeinflusst, weshalb sie schon
früh reformorientierte, weite und bequeme Kleidung trugen.15
Gerade in Bezug auf die Kleidung wurden die Unterschiede zwischen den Männern und
Frauen sichtbar, da erstere konsequent auf eine Uniformierung setzten. Aufgrund des solda-
tischen Habitus, der Bewaffnung, den Kontakten zu antirepublikanischen Gruppen und eines
­ausgeprägten Antisemitismus erschien der Jungdeutsche Orden vielen, vor allem sozialdemokra-
tischen Landesregierungen als bedrohlich und wurde zu Beginn der 1920er Jahre unter anderem
in Preußen verboten. Doch obwohl er die Weimarer Republik lediglich als eine kurzlebige Über-
gangsphase ansah, war er bereit, sie gegen einen drohenden Umsturz, ob von rechts oder links,
zu verteidigen.16 Diese Einstellung unterschied ihn von zahlreichen anderen ­rechtsradikalen
Gruppierungen, zum Beispiel dem Frontkämpferbund Stahlhelm.
Die Wahl Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg (1847–1934) 1925 zum Reichspräsi-
denten wurde vom Orden aufgrund von dessen militärischer Vergangenheit und konservativen
Ansichten begrüßt. Sie führte dazu, dass der Orden seine reservierte Haltung gegenüber der
Republik endgültig ablegte.17 Allerdings verfolgte Mahraun weiterhin eigene politische Pläne für
das Deutsche Reich. Gerade im „Jungdeutschen Manifest“ wurde seine Ablehnung der Parteien­
demokratie wie auch des Kapitalismus deutlich.18 Stattdessen sollte sich der Volkswille über

Der Jungdeutsche Orden und seine Jugendorganisation 121


Wahlen von Führern in sogenannten Nachbarschaften als „Grundzelle“ des Staates ausdrücken.
Aus den Reihen der Nachbarschaftsführer würden wiederum die Vertreter für die nächsthöhere
Ebene gewählt werden; und dieses Prinzip werde sich dann, so glaubte man, von den Kommunen
über die Kreise und Länder bis zur Staatsspitze fortsetzen.
Trotz seiner Vorbehalte gegenüber dem Parteienwesen wollte der Orden mit der 1929 ge-
gründeten „Volksnationalen Reichsvereinigung“ den von den großen Parteien enttäuschten, poli-
tisch gemäßigteren Wählern ein Auffangbecken bieten.19 Er reagierte damit auf die zunehmenden
Erfolge der Nationalsozialisten. Auch wenn es politische Übereinstimmungen zwischen diesen
und dem Orden, wie den Antikapitalismus oder die Stärkung der Wehrkraft gab, lehnte Mahr-
aun deren Radikalität und diktatorische Bestrebungen ab.20 Die Reichsvereinigung verband sich
1930 für die Reichstagswahlen kurzzeitig und wenig erfolgreich mit dem rechten Flügel der
liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) zur Deutschen Staatspartei21 – ein Schritt, der
für Proteste und Austritte der Rechten im Orden und der Linken in der DDP sorgte. Als die Na-
tionalsozialisten 1933 die Macht im Reich erlangten, wurde der Orden wie fast alle anderen
politischen Gruppierungen bekämpft und löste sich im Juli des Jahres auf, um einem Verbot von
Seiten des Staates zuvorzukommen.22
Bereits im Gründungsjahr des Jungdeutschen Ordens 1920 erfolgte der Aufbau einer
­Jugendorganisation, die von der Ordensführung aber lediglich als Zwischenschritt auf dem Weg
in die Erwachsenenabteilung angesehen wurde. Dies änderte sich, als Ende des Jahres der aus
der Jugendbewegung kommende Weltkriegsoffizier Erich Weiß die etwa 40 Gruppen der Ordens-
jugend übernahm. Er führte für die 16- bis 20-jährigen Jungen die aus dem Wandervogel be-
kannten Fahrten und Heimabende ein.23 Nachdem Weiß den Orden 1922 aufgrund politischer
Differenzen mit Mahraun verließ, fielen auch die Jugendgruppen auseinander. Im Zuge der
­Re­organisation der Jugendabteilung wurden dann Junggefolgschaften (16- bis 20-Jährige) und
Jungtrupps (12- bis 16-Jährige) aufgebaut.24 Für Mädchen folgte die Jungdeutsche Mädchen-
schaft (14- bis 20-Jährige).25 Da im Rahmen der Wehrbewegung in nationalen Kreisen die Sorge
wuchs, die Jugend könne, wegen der durch den Versailler Vertrag aufgehobenen Wehrpflicht,
nicht ausreichend auf einen kommenden Krieg vorbereitet sein, rückte die Wehrertüchtigung
in den Mittelpunkt der Jugendarbeit. Die Ordensjugend wurde dementsprechend zu einer vor­
militärischen Schulungsorganisation umgestaltet.26 Damit waren jedoch besonders die aus dem
Wandervogel kommenden Jugendführer unzufrieden, zumal das Gruppenleben stark an den Vor-
gaben der Erwachsenen ausgerichtet war. Die Leiter vor Ort wollten mit den Jungen „auf Fahrt“
gehen und legten Wert auf einen ungezwungenen Ton innerhalb der Gruppen.27 Die Jugend be-
gann die ihnen von der Ordensführung zugedachte Funktion als „Rekrutendepot“ abzulehnen
und eigene Ansätze zu entwickeln. Allerdings reichte die Anziehungskraft der Organisation wei-
ter aus, um diese Jugendführer, die außerhalb des Verbandes wesentlich leichter neue Gruppen
hätten gründen können, im Orden zu halten.
Deutlich sichtbar wurden die Bestrebungen nach mehr Unabhängigkeit der Ordens­
jugend erstmals anlässlich der Ostern 1926 stattfindenden Jugendführerschulung in Mellen-
dorf nahe Hannover. Der Wunsch, zur Jugendbewegung zu gehören, zeigte sich schon bei dem
­Titel der Veranstaltung: „Von der Jugendabteilung zur Jugendbewegung“. Der oberste Führer der
­Ordensjugend, Generalleutnant a.D. Fritz Salzenberg (1866–1940) erklärte: „Wir hatten bisher
eine Jugendorganisation, wir hatten Jugendabteilungen, […]. Jetzt soll daraus eigenes Jugend­
leben erwachsen, weil die Jugend etwas Besonderes ist.“ 28 Jugendführer Ernst Helmers forderte:
„Wir Jungdeutschen wollen der neuen Jugendbewegung vorangehen.“ 29
Die Jugendgruppen des Ordens hatten offenbar auf einen Impuls wie aus Mellendorf nur
gewartet und griffen ihn begeistert auf. So war 1927 von der Junggefolgschaft Göttingen zu

122 „Sie werden Männer, die ihr Reich erringen“


hören: „Die Jungmann[en] von 12 bis 16 Jahren sol-
len jungdeutsche Pfadfinder sein, die im Jugend-
bewußtsein erzogen werden. Die Jungbrüder von
16 bis 20 Jahren sollen jungdeutsche Wandervögel
sein, die in strenger Manneszucht wandern, alle
zusammen aber jungdeutsche Vorkämpfer für die
Volksgemeinschaft aller Deutschen im kommenden
dritten Reich.“ 30 Die Jugendlichen sahen sich als
Teil der bündischen Jugend, und Führungskräfte
begannen von einer „Jungdeutschen Jugendbewe-
gung“ zu sprechen.31
Die Übernahme bündischer Merkmale ­bedeutete
jedoch noch nicht, nun Teil der Jugendbewegung zu
sein. Die Ordensjugend befreite sich aber weitgehend
von dem Einfluss der Erwachsenen und betrachtete
sich nach 1926 als eigenständig. Schon bald war es
nicht mehr selbstverständlich, im Alter von 20 Jah-
Abb. 2: Titelblatt der Zeitschrift
ren in die Erwachsenenorganisation des Ordens zu
„Jungdeutsche Jugend“, 1930
wechseln, wenn einem deren politischer Kurs nicht
zusagte.32 Fritz Salzenberg schrieb: „Unsere Jugend hat erkannt, daß sie selbst den Hauptanteil
beim Suchen nach ihrem richtigen Wege zu tragen hat. Sie fühlt die Kraft in sich, unter eigener
Führung zu marschieren. Sie will nicht mehr nach beliebigem Gutdünken älterer Generationen ge-
leitet, nicht bewegt werden nach Gesetzen des Drill und der Uniform.“ 33 Die Jungdeutsche Jugend
wolle sich aus eigener Entscheidung heraus den Vorgaben der Ordensführung unterordnen, nicht
aus Zwang. Die Anweisungen der Älteren sollten nicht mehr kritiklos übernommen, sondern über-
dacht und eigene Ansätze gefunden werden.34 Es ging ihnen darum, „im Rahmen der Gesamtheit
des Ordens eigene Pflichten zu erfüllen und besondere Aufgaben anzupacken.“ 35 (Abb. 2).
Trotz der starken Betonung der Gemeinsam­
keiten mit der Jugendbewegung – in vielen ­Schriften
und Reden der Ordensjugend ein Hauptthema –
und der Absicht, die Jugendgruppen als frei und
selbstbestimmt erscheinen zu lassen, blieben sie
dennoch als Teil des Ordens eng mit den Aktivitä-
ten der Erwachsenen verbunden. Das Vorhanden-
sein eines Bundes mit allen Altersstufen wurde als
Vorteil angesehen, da die Mitglieder nicht ab einem
bestimmten Alter den Bund verlassen mussten.36
Der spätere Hochschulprofessor und konservative
Pu­blizist Klaus Hornung (geb. 1927) schrieb 1958:
„Das eigentlich bündische Leben mit Zeltlager, La-
gerfeuer und Grenzlandfahrten wurde besonders
von der Ordensjugend gepflegt, während Wander-
dienst, Wehrsport, Kleinkaliberschießen vor allem im Sommer einen Hauptteil der Arbeit auch Abb. 3: Zeltlager Annenhöhe
in den Bruderschaften der Erwachsenen bildete. Das sonntägliche Wandern […] vereinigte die der Jungdeutschen Jugend,
­Fotografie, 1931 (vgl. [Link]. 177)
Jugend und die Älteren, ebenso wie die Katastropheneinsätze und soziale Aktionen“ 37 (Abb. 3).
Die Ordensjugend unterstützte Bestrebungen zur Einigung aller jugendbewegten Gruppen
in einem übergeordneten Zusammenschluss. Darin sah sie jedoch nur ein Etappenziel38 auf dem

Der Jungdeutsche Orden und seine Jugendorganisation 123


Weg zur Sammlung aller „vaterlandsliebenden Bünde“ unter der Führung der Jungdeutschen
Jugend.39 Der Journalist Erich Eggeling (1902–1984), ab 1930 oberster Führer der Ordensjugend,
erklärte: „Aus der bündischen Jugend muß durch unseren Angriff und unseren Willen die Forde-
rung nach der ‚deutschen Staatsjugend’ erhoben werden […].“ 40
Das wachsende Selbstbewusstsein der Jungdeutschen Jugend mag durch die Resonanz,
die sie in manchen Bünden fand, zusätzlich gestärkt worden sein,41 wenngleich in der Jugendbe-
wegung die politischen Ziele des Ordens zumeist als unrealistisch eingeschätzt wurden.42
Die zunehmende Selbstsicherheit in Reihen der Jungdeutschen Jugend und ihre Hin-
wendung zur Jugendbewegung stießen nicht überall im Orden auf Zustimmung. Die Jungen
mussten sich ihre Selbstverantwortung erkämpfen, da viele Erwachsene den Status quo erhal-
ten wollten.43 Der Ordensführer Mahraun nahm zu den Entwicklungen in den Jugendgruppen
eine ambivalente Haltung ein. Er verfolgte die Veränderungen wohlwollend, und 1929 bestä-
tigte die Ordensführung mit der „Jugendordnung des Jungdeutschen Ordens“ den Wandel von
der Wehr- zur bündischen Jugend.44 Auf dem Pfingsttreffen 1930 in Goslar, der ersten ­großen
Zusammenkunft der Jungdeutschen Jugend auf Reichsebene, erklärte Mahraun diese als
­„mündig“,45 doch vergaß er nie die Herkunft des Ordens aus den Wehrverbänden zu betonen
und gerade im Konflikt mit dem Nationalsozialismus wurden explizit die Jugendabteilungen
auf den Kampf eingeschworen – oft zum Missfallen der Jugendführer der Ortsgruppen. So
forderte Mahraun dazu auf, die Jugend im Sinne des Wehrgedankens zu erziehen und schrieb:
„Nicht reine Traditionspflege, nicht ungeistiges Landsknechttum schaffen die Grundlagen für
die Wehrhaftigkeit unseres Volkes, sondern: Feldgrauer Geist in bündischem Kleid!“ 46 Und
auch der Jugendführer Erich Eggeling gab die Devise aus: „Im Jahr 1933 wollen wir wehrhafte
Soldaten für Deutschlands Zukunft sein.“ 47
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Jungdeutsche Orden von der Jugend­
bewegung und den dortigen Erfahrungen seiner Mitglieder (Selbstbestimmung, ­Naturromantik,
Gemeinschaftsgefühl) beeinflusst wurde. Auch wenn der Orden nicht zur Jugendbewegung
­zählte, orientierte er sich an ihr und verdeutlicht zugleich deren große Wirkung in den 1920er
Jahren. Jugendbewegte Anklänge zeigen sich bereits im Denken ihres Gründers Mahraun, vor
allem dann aber in der Jungdeutschen Jugend, in ihren Autonomiebestrebungen, ihren Ver­
gemeinschaftungsformen und in spezifischen jugendbündischen, an idealisiertem Frontsolda-
tentum sowie Ritter- und Ordensromantik orientierten Gemeinschaftsvorstellungen. Trotz der
hier umrissenen Nähe zur Jugendbewegung bleibt festzuhalten: Die Jungdeutsche Jugend hatte
zwar innerhalb des Jungdeutschen Ordens eine Sonderstellung, kann jedoch nicht zur Jugend-
bewegung im engeren Sinne gerechnet werden.

124 „Sie werden Männer, die ihr Reich erringen“


1  Artur Mahraun: Das Jungdeutsche Manifest. Volk gegen 28  Rüstzeug I für Jugendarbeit. Bericht der ersten Jugendfüh-
Kaste und Geld. Sicherung des Friedens durch Neubau des rerschulung in Mellendorf, Ostern 1926, S. 5. Zitiert nach: Heinrich
Staates. Berlin 1928, S. 151. Wolf: Der Jungdeutsche Orden in seinen mittleren Jahren
2  Heinrich Wolf: Die Entstehung des Jungdeutschen Ordens 1925–1928 (Beiträge zur Geschichte des Jungdeutschen Ordens 3).
und seine frühen Jahre 1918–1922 (Beiträge zur Geschichte des Bd. 2. München 1978, S. 102.
Jungdeutschen Ordens 1). München 1970, S. 14. 29  Rüstzeug I 1926 (Anm. 28), S. 2.
3  Klaus Hornung: Der Jungdeutsche Orden (Beiträge zur 30  Nachrichtenblatt der Junggefolgschaft des Jungdeutschen
Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 14). Ordens Göttingen, 1927, Nr. 4, S. 3.
Düsseldorf 1958, S. 131. 31  Jungdeutsche Jugend, 1929, H. 2, S. 7.
4  Wolf 1970 (Anm. 2), S. 10, 24. 32  Jungdeutsche Jugend, 1930, H. 5, S. 74.
5  Heinrich Wolf: Der Jungdeutsche Orden in seinen mittleren 33  Der Jungdeutsche. Tageszeitung des Jungdeutschen Ordens
Jahren 1922–1925 (Beiträge zur Geschichte des Jungdeutschen vom 13. Mai 1928. Beilage Deutsche Jugend. Zitiert nach: Wolf
Ordens 2). Bd.1. München 1972, S. 46. 1978 (Anm. 28), S. 172.
6  Gerhard Renda: Treudeutsch – allewege! Der Jungdeutsche 34  Jungdeutsche Jugend, 1929, H. 2, S. 6.
Orden und Westfalen. In: Jahrbuch Westfalen. Westfälischer 35  Jungdeutsche Jugend, 1931, H. 11, S. 210.
Heimatkalender N.F. 59, 2005, S. 18–24, bes. S. 21. – Artur Mahraun 36  Nachrichtenblatt 1927 (Anm. 30), S. 1–2.
sprach 1949 von lediglich 37.000 Mitgliedern; URL: [Link] 37  Hornung 1958 (Anm. 3), S. 58.
[Link]/spiegel/print/[Link] [02.05.2013]. – Clifton 38  Liebold 2003 (Anm. 27), S. 66.
Greer Ganyard hält allerdings 200.000 bis zu einer Million 39  Nachrichtenblatt 1927 (Anm. 30), S. 2.
Ordensangehörige für glaubhafter; Clifton Greer Ganyard: Artur 40  Jungdeutsche Jugend, 1930, H. 8, S. 115.
Mahraun and the Young German Order. An Alternative to National 41  Das freundschaftliche Verhältnis führte auch zu Zusammen­
Socialism in Weimar Political Culture. Lewiston u.a. 2008, S. 116. arbeiten zwischen den Bünden und dem Jungdeutschen Orden.
7  Ganyard 2008 (Anm. 6), S. 76, 101, 107. So wurde als politisches Organ der Jugendbewegung innerhalb
8  Wolf 1970 (Anm. 2), S. 14. der Deutschen Staatspartei eine Reichsgruppe Bündische
9  Gerhard Renda: Geschichte des Jungdeutschen Ordens. Jugend, bestehend beispielsweise aus Mitgliedern der Deutschen
In: Hart & Zart. Die Trachtenpuppen des Jungdeutschen Ordens. Freischar und der Pfadfinder, gegründet; Hornung 1958 (Anm. 3),
[Link]. Historisches Museum Bielefeld u.a. Münster 2003, S. 102. – Als der Orden während der Weltwirtschaftskrise
S. 24–51, bes. S. 25–26. einen A
­ rbeitsdienst für erwerbslose Jugendliche einrichtete,
10  Jungdeutscher Orden (Bund gut deutschgesinnter Front- ­kooperierte er unter anderem mit dem Boberhaus, dem Grenz-
soldaten und der in ihrem Geiste heranwachsenden Jugend). schulheim der Deutschen Freischar in Schlesien; Kessler 1976
Richtlinien und Satzungen. Cassel 1920, S. 3. Zitiert nach: Wolf (Anm. 22), S. 113.
1970 (Anm. 2), S. 14. 42  Liebold 2003 (Anm. 27), S. 66–67.
11  Renda 2003 (Anm. 9), S. 25–26. 43  Jungdeutsche Jugend, 1930, H. 5, S. 73.
12  Renda 2005 (Anm. 6), S. 21. 44  Alexander Kessler: Der Jungdeutsche Orden in den
13  Wolf 1970 (Anm. 2), S. 23, 31. Jahren der Entscheidung 1928–30 (Beiträge zur Geschichte des
14  Renda 2003 (Anm. 9), S. 30. ­Jung­deutschen Ordens 4). Bd. 1. München 1974, S. 69–70.
15  Robert Werner/Walther Ballerstedt: Jungdeutsche Ordens­ 45  Liebold 2003 (Anm. 27), S. 58.
jugend. In: Werner Kindt: Die deutsche Jugendbewegung 1920 bis 46  Jungdeutsche Jugend, 1933, H. 1, S. 1.
1933. Die bündische Zeit (Dokumentation der Jugendbewegung 3). 47  Jungdeutsche Jugend, 1933, H. 1, S. 3.
Düsseldorf/Köln 1974, S. 976–992, bes. S. 976.
16  Hornung 1958 (Anm. 3), S. 30–31. Bildnachweis
17  Renda 2003 (Anm. 9), S. 34. Historisches Museum Bielefeld, Bielefeld · Abb. 3
18  Barbara Stambolis: Mythos Jugend – Leitbild und Krisen- Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen,
symptome. Ein Aspekt der politischen Kultur (Edition Archiv der Foto: Monika Runge, GNM · Abb. 1
Deutschen Jugendbewegung 11). Schwalbach/Ts. 2003, S. 46.
19  Hornung 1958 (Anm. 3), S. 82–83, 87.
20 Renda 2003 (Anm. 9), S. 47.
21  Michael H. Kater: Bürgerliche Jugendbewegung und
Hitler­jugend in Deutschland von 1926 bis 1939. In: Jahrbuch
der Friedrich-Ebert-Stiftung (Archiv für Sozialpolitik 17), 1977,
S. 127–174, bes. S. 139.
22  Alexander Kessler: Der Jungdeutsche Orden in den Jahren
der Entscheidung 1931–1933 (Beiträge zur Geschichte des­­
­Jungdeutschen Ordens 5). Bd. 2. München 1976, S. 100, 320–321.
23  Wolf 1970 (Anm. 2), S. 23.
24  Werner/Ballerstedt 1974 (Anm. 15), S. 979.
25  Nachrichtenblatt der Junggefolgschaft des Jungdeutschen
Ordens Göttingen, 1927, Nr. 3, S. 3.
26  Wolf 1970 (Anm. 2), S. 23.
27  Christel Liebold: Jungdeutscher Orden und Jugendbewe-
gung. In: Hart & Zart 2003 (Anm. 9), S. 52–69, bes. S. 56.

Der Jungdeutsche Orden und seine Jugendorganisation 125


„Ja, die ­Fahne Noch im Herbst 1942 verkündete Artur Axmann (1913–1996), seit 1940
Reichsjugendführer: „Am Anfang unserer Kulturarbeit steht das Lied. Es

ist mehr
war unser Kamerad und Begleiter im Kampf um die Straße; es hat unsere
Herzen in Kundgebung und Feier emporgerissen, und es begleitet noch
heute Leben und Arbeit unserer Jugend.“ 1 Ein Lied spielte dabei eine

als der Tod“


herausragende Rolle: Es war der am 11. September 1933 im Münchener
Ufa-Palast im Beisein von Adolf Hitler (1889–1945) und Hermann Göring
(1893–1946), von Rudolf Hess (1894–1987), Julius Streicher (1885–1946)
und weiteren NS-Größen uraufgeführte Film „Hitlerjunge Quex“, in dem
Jürgen Reulecke „Unsre Fahne flattert uns voran!“ mit der hier im Titel zitierten Schlusszeile erstmalig zu hören
war.2 Von nun an machte diese „Hymne der Hitlerjugend“ im „Dritten Reich“ eine geradezu atem-
beraubende Karriere. Der von dem Komponisten Hans-Otto Borgmann (1901–1977) vertonte Text
war von Baldur von Schirach (1907–1974) – er war von Hitler im Juni 1933 zum „Jugendführer
des Deutschen Reiches“ ernannt worden − ausdrücklich für diesen auf einen 1932 erschienenen
Roman von Karl Aloys Schenzinger (1886–1962) zurückgehenden und von dem Regisseur Hans
Steinhoff (1882–1945) produzierten Film verfasst worden. Bei den seit der „Machtergreifung“ für
die Hitlerjugend (HJ) neugeschaffenen Liedern ging es wie bei der „HJ-Kulturarbeit“ insgesamt
von Beginn an vor allem um eine spezielle „Seelenformung“ und eine darauf ausgerichtete „solda-
tische Erziehung“, bei der nicht mehr ein Selbstwerden des Individuums im Mittelpunkt stand,
sondern nach dem HJ-Motto „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ die bedingungslose Bereitschaft
zur Unterwerfung unter den Führer.3 Die immer wieder beschworene Metapher dafür war die
vorausflatternde Fahne, die, so Baldur von Schirach, in „die neue Zeit“ beziehungsweise „in die
Ewigkeit“ führte und „mehr als der Tod“ war. Zeilen wie die in dem ebenfalls in der Hitlerjugend
viel gesungenen Lied „Jetzt müssen wir marschieren“, geschaffen 1933 von Herbert Napiersky
(1904–1987): „Wissen wir auch nicht, wohin es geht, wenn nur die Fahne vor uns weht“, oder „Und
keiner ist da, der feige verzagt, der müde nach dem Weg uns fragt“ in seinem Lied „Es dröhnet
der Marsch der Kolonne“ sind typisch für die Bereitschaft zur völligen Selbstauslieferung, die
dem Heranwachsenden in der Hitlerjugend anerzogen werden sollte.4 Pathetische Geleitworte
von Hitler und von Schirach zu dem Ende der 1930er Jahre vom Leiter des HJ-Hauptamtes Musik
Wolfgang Stumme (1910–1994) herausgegebenen offiziellen HJ-Liederbuch „Lieder der Hitler-Ju-
gend“ belegen die dem Singen zugewiesene Bedeutung: Er kenne – so Schirach – „kein reicheres
Zeugnis unseres Glaubens, auch nichts, was so tief, so einfach unser Wesen offenbart.“ 5
Schlagworte wie „Jahrhundert der Jugend“, „Aufstand“ beziehungsweise „Sendung der jun-
gen Generation“ spielten nun keine Rolle mehr; in aller Deutlichkeit hat etwa der von den bün-
dischen Neupfadfindern kommende und 1933 die Machtergreifung Hitlers anfangs unkritisch
begrüßende Schriftsteller und Verleger Karl Rauch (1897–1966) „Schluß mit ,junger Generation’“

126 „Ja, die Fahne ist mehr als der Tod“


Ja, die ­ Fah - ne ist mehr als der Tod

gefordert, der Jugend keine Sonderrolle mehr zugebilligt und deren feste „Einordnung […] in
Volk und Staat als ,Stand der jungen Mannschaft’“ verlangt: Hitler als der „größte der Propheten
unserer Zeit“ sei es, der als Führer die Jugend „zur gläubigen Bejahung ihres Staates und dessen
Leitung“ bringen werde, denn: „Teig ist das Volk in des Führers Hand. Er kann es kneten; und
was er daraus formen wird, liegt an ihm.“ Was dann daraus folge, sei Sache des Glaubens und
der Hoffnung.6 Rauch ist ein Beispiel dafür, wie zu Beginn des „Dritten Reiches“ eine beträcht-
liche Zahl in der Jugendbewegung geprägter jüngerer Männer Hoffnung darauf setzte, dass die
auch in der Jugendbewegungsszene zu beobachtende „Zerrüttung und Aufspaltung des gesam-
ten Volkes“ jetzt ein Ende finden und von nun an „Manneskraft den Staat mit Besonnenheit, Reife
und Maß“ aufbauen werde7 – ein Irrtum, wie Rauch später feststellen musste. Auch Fritz Jöde
(1887–1970) argumentierte mit Blick auf den Niedergang „seiner“ Jugendmusikbewegung 1933
ähnlich wie Rauch: Eine singende Jugend sei einst ausgezogen, um „ihr Volk zu suchen, und
als sie es fand, ging sie in ihm unter und wurde mit ihm zum singenden Volk.“ 8 Allerdings gab
es durchaus widerständige Jugendbewegungskreise, die nicht nur verbotenes Liedgut weiter
pflegten, sondern Hitlerjugend-Lieder verballhornten und kritische neue Lieder schufen. Breiter
bekannt geworden ist zum Beispiel das Lied „Es tropft von Helm und Säbel“, das der Dichter
Manfred Hausmann (1898–1986) im Herbst 1935 verfasst und einer illegalen Jungenschaftsgrup-
pe aus Dresden gewidmet hat, mit den Zeilen: „Sie haben uns verraten, die mit uns wollten sein.
Ihr lieben Kameraden, wir sind nun ganz allein. Wir wissen nicht mehr weiter von Schmach und
Qual umloht. Wir sind verlorne Reiter, wir reiten in den Tod.“ 9

1  Zitat aus der Zeitschrift „Musik in Jugend und Volk“, 1942, 6  Karl Rauch: Schluß mit „junger Generation“. Leipzig 1933,
S. 221. S. 44, 47.
2  Zum Folgenden vor allem Kurt Schilde: „Unsre Fahne flattert 7  Rauch 1933 (Anm. 6), S. 45, 55. – Siehe zu den positiven
uns voran!“. Die Karriere des Liedes aus dem Film „Hitlerjunge ­Stellungnahmen Jugendbewegter zum NS-Regime den Sammel-
Quex“. In: Good-Bye Memories? Lieder im Generationengedächt- band: Deutsche Jugend. 30 Jahre Geschichte einer Bewegung.
nis des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Barbara Stambolis/Jürgen Hrsg. von Will Vesper. Berlin 1934. Darin auch der Beitrag von
Reulecke. Essen 2007, S. 185–197. Karl Rauch: Vom Buchhandel und vom Schrifttum der Jugendbe-
3  Michael Buddrus: Totale Erziehung für den totalen Krieg. Hit- wegung, S. 301–320 sowie von Fritz Jöde: Deutsche Jugendmusik,
lerjugend und nationalsozialistische Jugendpolitik, 2 Bde. (Texte S. 259–300.
und Materialien zur Zeitgeschichte 13/1-2). München 2003, Bd. 1, 8  Deutsche Jugend 1934 (Anm. 7), S. 300.
bes. S. 140–174. 9  Wiederabdruck in dem Liederbuch „Codex Patomomomensis“.
4  Unser Liederbuch. Lieder der Hitler-Jugend (1934), hier zitiert 2. Aufl. Hamburg 2012, S. 155. – Siehe zu den Liedern aus Wider-
nach der 3. Aufl. München 1939, S. 214–215. Das erste Lied darin standskreisen: Jan Krauthäuser/Doris Werheid/Jörg Seyffarth:
von Werner Altendorf (geb. 1906) beginnt mit den programmati- Gefährliche Lieder. Lieder und Geschichten der unangepassten
schen Zeilen „Ein junges Volk steht auf, zum Sturm bereit! Reißt Jugend im Rheinland 1933–1945. Köln 2010. – Stefan Krolle:
die Fahnen höher, Kameraden!“, S. 8. Musisch-kulturelle Etappen der deutschen Jugendbewegung von
5  Unser Liederbuch 1934/1939 (Anm. 4), S. 5. – Parallel zu 1919–1964. Eine Regionalstudie (Geschichte der Jugend 26). Müns-
diesem offiziellen HJ-Liederbuch brachte die Reichsjugendfüh- ter 2004, bes. S. 166–272. – Wolfgang Lindner: Jugendbewegung
rung ein spezielles BdM-Liederbuch heraus: Wir Mädel singen. als Äußerung lebensideologischer Mentalität (im Spiegel ihrer
Wolfenbüttel/Berlin 1936. Liedertexte). Hamburg 2003, bes. S. 431–459.

127
Alexander Schmidt

„Gegner von Gestern“? Jugendbewegung und Hitlerjugend

Unter dem Titel „Gegner von Gestern“ setzte sich 1934 der nationalsozialistische Reichsjugend-
führer Baldur von Schirach (1907–1974) im vierten Kapitel seines Buches „Die Hitlerjugend – Idee
und Gestalt“ mit der „Wandervogelbewegung von einst“ und den „Resten der einstigen ‚Bünde‘“
aus­einander.1 Diese ideologische Selbstdarstellung der Ziele der Hitlerjugend liest sich wie eine
gehässige, durchgängig aggressive und manchmal bemüht gönnerhafte Abrechnung mit der deut-
schen Jugendbewegung. Einleitend glaubte von Schirach feststellen zu können: „Das, was man
früher als deutsche Jugendbewegung bezeichnete, ist tot.“ Dennoch widmete er der Auseinander-
setzung mit diesem angeblich Toten ganze Kapitel des Buches, wobei er vor allem die Führer der
bündischen Jugend angriff. Zum Treffen der Bünde auf dem Hohen Meißner 1913 schrieb er: „Das
Beste an den Reden des hohen Meißner waren die Menschen, die ihnen zuhörten.“ Akzeptierte von
Schirach die Jugendbewegung vor dem Ersten Weltkrieg noch als gültigen Ausdruck der damaligen
Zeit, so sah er die sich in verschiedenen Bünden und Zirkeln auffächernde Jugendbewegung nach
1918 als wertlos an – weil sie die angeblichen Lehren des Krieges nicht gezogen habe. Zwar räumte
von Schirach ein, dass die Hitlerjugend „die ein oder andere Form“ aus der Jugendbewegung über-
nommen habe, ihre inhaltliche Ausrichtung sei aber aus der „Front des Weltkrieges“ gewonnen.2
Die Ziele und das Auftreten der bündischen Jugendbewegung nach 1918 sowie den ­Charakter
ihrer Führer suchte von Schirach ins Lächerliche zu ziehen. Ihre Besonderheit habe ausschließlich
darin bestanden, „dass sie sich grundsätzlich nie die Haare schneiden ließen“. Sie hätten keine
Einstellung zur Technik und damit auch keine Beziehung zum „Arbeiterjungen“ gehabt. Dies sei ein
wesentliches Versäumnis, denn: „Unsere Zeit verlangt nicht nach einer ­Romantik höherer Schüler
am Lagerfeuer.“ 3
Neben dem angeblich fehlenden Wehrgedanken störte sich von Schirach an einem elemen-
taren Kennzeichen der bündischen Jugendbewegung: dem Gedanken, einem kleinen, elitären
Bund von außergewöhnlichen jungen Menschen anzugehören, der sich von der Welt der Erwach-
senen abgrenzt. Wesentlich war dabei für die bündische Jugend unter anderem das Gemein-
schaftserlebnis der Fahrt, was von Schirach verächtlich kommentierte: „Während die bündi-
schen Führer am Lagerfeuer saßen und schöne Lieder sangen, haben wir in den Maschinensälen
der Fabriken die Jungarbeiterschaft aufgerufen. Dadurch wurde es möglich, hunderttausender
dieser Arbeiter später jenes Erlebnis der Fahrt zu schenken, das die bündische Auslesejugend
als Trägerin höherer Weihen ihrem kleinen Kreis vorbehielt.“ 4 Von Schirachs Behauptung, die
deutsche Jugendbewegung habe nichts mit der Hitlerjugend zu tun, wurde auch in anderen offi-
ziellen Propagandaschriften wiederholt.5

128 „Ja, die Fahne ist mehr als der Tod“


In welchem Ausmaß die Hitlerjugend tatsächlich die Jungarbeiterschaft der Maschinen­säle
erreicht hat, sei hier dahingestellt. Jedenfalls nahmen weder von Schirach noch große Teile der
bündischen Jugendbewegung die nur als Parteijugend gesehenen Organisationen der Arbeiter-
jugend in dem Sinne ernst, dass sich eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der großen Masse
der Jugendlichen wirklich lohnen würde. Von Schirach widmete zwar in seinem Buch den kon-
fessionellen Jugendverbänden ein Kapitel, die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ – Die Falken)
oder der Kommunistische Jugendverband Deutschland (KJVD) kommen jedoch nicht vor.6 Sieht
man von seinem polemischen und selbstbezogenen Ton ab, so zeigt sich eine erste Gemeinsam-
keit von Hitlerjugend und großen Teilen der Jugendbewegung: Beide vertraten in ihrer Ideologie
und in ihrem Selbstverständnis eine Haltung, die politische, insbesondere sozialistische oder
kommunistische Überzeugungen als bloßes parteipolitisches Engagement abtat und ­glaubte, in
einem elitären oder nationalistischen Sinn weit über den (tages-)politischen Machtkämpfen zu
stehen. Das Eigentliche, in einem Fall der Bund, im anderen Fall das Ideal einer deutschen Ein-
heitsjugend im nationalsozialistischen Staat, entzog sich einem demokratischen Prozess.

„Ich gab Dir die Fackel im Sprunge“ –


die Jugendbewegung als Wegbereiterin der H
­ itlerjugend?
Die 1934 formulierte Geschichts­
deutung Baldur von Schirachs einer vollständigen geistig-inhaltlichen Unabhängigkeit der
Hitler­jugend von der Jugendbewegung scheint nicht wirklich durchgedrungen zu sein und ent-
sprach auch nicht der historischen Realität.7 So versuchte einerseits eine 1934 veröffentlichte
Dissertation bündische Elemente in der aktuellen Ideologie des Nationalsozialismus zu ent­
decken.8 Andererseits konnte man 1942 noch immer mit einer Arbeit promoviert werden, welche
das Anliegen verfolgte, „die sich um die ‚bündische Idee‘ gruppierenden Kräfte […] von der
­nationalsozialistischen Bewegung abzugrenzen“, um damit „Vorstellungen zu korrigieren, die
heute weithin gültig sind: vor allem den Anspruch einer geistigen Ahnherrschaft [der Jugend­
bewegung].“ 9 Die von Schirach postulierte vollständige große Distanz der Hitlerjugend zur
­Jugendbewegung – abgesehen von der Übernahme mancher Formen und Veranstaltungsfor­
mate – entsprach also bereits damals nicht immer der Wahrnehmung im nationalsozialistisch
ausgerichteten Wissenschaftsbetrieb der Universitäten. Darüber hinaus bestanden unmittelbar
nach 1933 zahlreiche ehemalige Mitglieder der Jugendbewegung darauf, dass die Hitlerjugend
auf deren Gedankengut aufbaue und somit die Jugendbewegung wesentliche Verdienste am
­Aufbau des nationalsozialistischen Staates und der neuen „Staatsjugend“ Hitlerjugend habe.
Die vom nationalsozialistischen Schriftsteller Will Vesper (1882–1962) im Jahr 1934 her­
ausgegebene Textsammlung „Deutsche Jugend“ vereint führende, namhafte Mitglieder aus
­Wandervogel und bündischer Jugend zu einer Art Ehrenrettung.10 Man kann den Band auch
als Antwort auf von Schirachs im gleichen Jahr erschienenes Buch „Die Hitlerjugend. Idee
und ­Gestalt“ lesen. Eingeleitet wird er mit dem Gedicht „Die Fackel“ von Wolfgang Frommel
(1902–1986), welches eine Fackelübergabe feiert und mit der Verszeile „Ich gab Dir die Fackel
im Sprunge“ beginnt.11 Der später ins niederländische Exil geflohene Frommel hatte mit dem
überzeugten Nationalsozialisten Vesper wenig gemeinsam. Vesper wollte durch die Auswahl des
Gedichtes offensichtlich betonen, was auch die nachfolgenden Beiträge zu beweisen suchen,
nämlich dass die Hitlerjugend die Erbin der Jugendbewegung sei. 21 Autoren und Autorinnen,
allesamt in der deutschen Jugendbewegung aktiv – und einige wenige später mit führenden
Funktionen im NS-Staat bekleidet – zogen hier aus ihrer Sicht positive Traditionslinien von der
Jugendbewegung zu Hitlerjugend, SA und SS. Das prominenteste Beispiel ist der als „Mitglied
der in Hamburg entstandenen Wanderbewegung“ vorgestellte Schriftsteller und erste Präsident

Jugendbewegung und Hitlerjugend 129


der national­sozialistischen „Reichsschriftumskammer“ Hans Friedrich Blunck (1888–1961). Er
bezeichnete SA und SS als „kameradschaftliche Bünde“ und behauptete: „Keiner von den jungen
SA-Männern hat ohne Geist und Gedankengut der sogenannten bündischen Jugendbewegung
den Marsch durch die Straßen getan.“ 12
In der ‚wissenschaftlichen‘ Literatur aus der NS-Zeit wurde durchaus die Leistung der
Jugendbewegung als Wegbereiterin der Hitlerjugend betont: „Vorpolitische Jugendbewegung
und politische Hitler-Jugend stehen also letztlich nicht gegeneinander, vertreten nicht zwei
verschiedene Weltanschauungen mit gleichem Gültigkeitsanspruch, sondern beide sind Aus-
druck der gleichen Grundanschauung in verschiedenen geschichtlichen Entwicklungsstadien,
in verschiedenen Reifestufen.“ 13 Die Konsequenz aus dieser Sichtweise war, dass die deutsche
Jugendbewegung im nationalsozialistischen Staat „ausgelöscht“ werden musste.14 Der in der
NS-Zeit häufiger gebrauchte Begriff der „Aufhebung“ der Jugendbewegung sollte verdeutlichen,
dass neben dem offiziellen Ende, dem Verbot der Bünde, eben Teile der jugendbewegten Kultur in
der Hitlerjugend weiterhin bewahrt und somit dort „aufgehoben“ seien.15 Selbst lange nach 1945
wollte etwa eine ehemalige hohe BdM-Führerin den Bund deutscher Mädel durchaus als Teil der
Jugendbewegung verstanden wissen.16
Die historische Jugendforschung nach 1945 richtete zunächst vor allem den Blick auf die
ideologischen und formalen Kontinuitäten zwischen Jugendbewegung und Hitlerjugend. Eine
wichtige erste Pionierstudie zu Jugendbewegung und Nationalsozialismus stammt aus dem Jahr
1952 von Michael Jovy (1920–1984).17 Jovy war selbst aktiv in der bündischen Jugend, auch nach
1933, weshalb er zu einer Zuchthausstrafe verurteilt und in das Strafbatallion 999 geschickt wur-
de. Vor diesem biografischen Hintergrund als Verfolgter des NS-Regimes ist es verständlich, dass
er die „Aufhebung“ der Jugendbewegung vor allem als „Usurpation der Begriffs- und Formenwelt
der Jugendbewegung durch die NSDAP“ deutete.18 Auf erweiterter Quellenbasis und mit größerem
zeitlichen Abstand stellt sich der Zusammenhang allerdings anders dar, wie vor allem der Sozio-
loge und Politikwissenschaftler Arno Klönne (geb. 1931) betont hat, der einerseits selbst Jung-
volkerfahrungen, andererseits während des Zweiten Weltkriegs Verbindungen zur katholischen
Jugendbewegung hatte und Gründer der „Jungenschaft Paderborn“ (später unter dem Namen
„dj.1.11 paderborn“) war: „Die nach 1945 bei Altjugendbewegten weit verbreitete Formel, das Jahr
1933 habe das ‚Ende der Bünde‘ bedeutet (auch dies trifft so rigoros nicht zu), ­führte historiogra-
fisch zur Vernachlässigung eines hochinteressanten Sachverhaltes: Die bündische Jugendkultur
erlebte in der ersten Phase des ‚Dritten Reiches‘ eine regelrechte Blüte – zum Teil freilich im orga-
nisatorischen Rahmen des ‚Deutschen Jungvolks‘ und des ‚Jungmädelbundes‘ als Gliederungen
der Hitlerjugend, daneben – und damit konkurrierend – auch in katholischen Jugendverbänden
[…].“ 19 An anderer Stelle stellt Klönne darüber hinaus fest: „Die bürgerliche deutsche Jugendbe-
wegung bis 1933 war in ihren politischen Denkweisen und Gefühlswelten überwiegend so weit
in der Nähe des Nationalsozialismus, dass sie sich 1933 als Teil der ‚nationalen Erhebung‘ ver-
stehen musste.“ 20 Teile der Jugendbewegung, insbesondere in ersten ­Jahren nach 1933, sahen
sich im nationalsozialistischen Staat „aufgehoben“. Die oben angeführte ­Publikation von Will
Vesper ist dafür ein deutlicher Beleg. In umfassender Weise hat Michael H. Kater publizistische
Äußerungen zum Zusammenhang von bürgerlicher Jugendbewegung und Hitlerjugend analysiert
und herausgearbeitet, dass die Hitlerjugend „integrierend unter den Bündischen gewirkt hat, und
zwar schon lange vor dem 30. Januar 1933.“ 21 Wesentliche Teile der bündischen Jugendbewegung
stellten sich wohl eine Art Arbeitsteilung mit der Hitlerjugend vor, bei der sie, ganz im Stil wie vor
1933, eine personelle und geistige Elite bilden wollten.22
Die Haltung der Hitlerjugend gegenüber der bündischen Jugend hatte in erster Linie
machtpolitische Gründe. Gefordert war die absolute Unterwerfung unter den Alleinvertretungs-

130 „Ja, die Fahne ist mehr als der Tod“


anspruch der Hitlerjugend als Staatsjugend. „Die Abgrenzung der HJ gegen die Bünde war ins-
gesamt keine ideologische Abgrenzung. Hier gab es wenig abzugrenzen.“ 23 Viele maßgebliche
Akteure der bündischen Jugendbewegung begrüßten, teilweise begeistert, die nationalsozialis-
tische Machtergreifung. Dieser Gesamteindruck bleibt auch, wenn man die Vielfalt der Gruppen
sowie ihre unterschiedlichen Positionen in Betracht zieht.24
Hat die deutsche Jugendbewegung damit also „den Nationalsozialismus“ vorbereitet? Zu
Recht wurde diese Fragestellung wegen ihrer pauschalierenden Allgemeinheit als wenig ziel-
führend kritisiert.25 Dennoch hat sich genau über diese Frage in der Nachkriegszeit eine heftige
Kontroverse entwickelt. Festzuhalten bleibt jedoch, dass der deutschen Jugendbewegung kei-
neswegs eine derartige Schlüsselrolle bei der Entstehung des nationalsozialistischen Staates
zukommen kann. Wesentlich sinnvoller ist die Frage nach der ideologischen und politischen Aus-
richtung der Jugendbewegung, auch in der Differenzierung nach einzelnen Gruppen, insbeson-
dere hinsichtlich ihrer Haltung zur (Weimarer) Demokratie.26 Hermann Glaser hat bereits Anfang
der 1960er Jahre in seiner vielbeachteten Studie „Spießer-Ideologie“ der Jugendbewegung unter
der Überschrift „Hordenromantik“ eine antidemokratische, der Moderne gegenüber feindliche
Lebensform vorgehalten: „Viele bedeutsame Männer haben später ihre ‚jugendbewegte‘ Zeit in
Rückerinnerungssentimentalität ‚vergoldet‘ [...]. Dies ändert nichts an der Tatsache, dass der
Geist der Jugendbewegung im wesentlichen antihumanitär war; er half mit, die Weimarer Repu-
blik zu unterminieren; 1932 gab es nur eine kleine Gruppe, die sich zu ihr bekannte.“ 27
Jenseits der Übernahmen der Hitlerjugend von äußerlichen Formen und inhaltlichen For-
maten der Jugendbewegung (unter anderem Hemd, Schar, Fahrt, Fahne, Heimabend) stimmten
große Teile der Jugendbewegung und der Hitlerjugend im politischen Bereich überein. Zu den
Überzeugungen vieler bündischer Gruppierungen vor 1933 gehörten „keineswegs homogene
Sichtweisen von schwelendem, teils aber auch offenem Antisemitismus, von antirepublika-
nischem Demokratieansinnen, von ‚Führer und Gefolgschaft‘, von ‚Ehre und Treue‘, von ‚Blut
und Boden‘“ sowie Vorstellungen einer „‚nationalen Erhebung‘, der ‚Besinnung aufs Völkische‘
und der Idee der antimodernistischen mythischen und geordneten, quasi natürlichen Volksge-
meinschaft.“ 28 Forderungen wie Austritt aus dem Völkerbund, Ausweisung von Juden und an-
dere antisemitische Auslassungen, die Ablehnung der Weimarer Demokratie, der Kampf gegen
den Versailler Vertrag waren bei Hitlerjugend und Jugendbewegung, aber auch in weiten Teilen
der deutschen Gesellschaft bereits vor 1933 populär.29 Festzuhalten bleibt jedoch, dass man die
­Jugendbewegung insgesamt nicht als antisemitische Bewegung betrachten kann, „wohl aber
­einige ihrer Bünde und einzelne Repräsentanten.“ 30
Weniger eine direkte Vorläuferschaft zur Hitlerjugend oder gar eine „Vorbereitung des
­Nationalsozialismus“ gehören zum problematischen historischen Erbe der Jugendbewegung, son-
dern die Ablehnung der Weimarer Demokratie und damit die Mitwirkung an ihrem Untergang.

Bündische Jugendliche als Verfolgte des nationalsozialistischen Regimes


Trotz der ideologi-
schen Nähe und gemeinsamer antidemokratischer Überzeugungen von bündischer Jugendbewe-
gung und Nationalsozialismus scheiterte am Alleinvertretungsanspruch der Hitlerjugend eine
organisatorische Weiterführung der – so von Schirach – „samt und sonders größenwahnsinnigen
Bünde und Grüppchen der Jugendbewegung.“ 31 Nach seiner Ernennung zum „Jugendführer des
Deutschen Reiches“ am 17. Juni 1933 erfolgten eine umfassende Gleichschaltung der Jugendar-
beit und das Verbot zahlreicher Gruppierungen, zuerst der Arbeiterjugendbewegung, dann auch
konfessioneller Jugendverbände sowie bündischer Gruppen. Bereits in der zweiten Anordnung
von Schirachs verbot er die Gruppen des Großdeutschen Bundes und zog dessen Besitz ein, eine

Jugendbewegung und Hitlerjugend 131


Maßnahme, die trotz Beschwerde des Führers des Bundes, Adolf von Trotha (1868–1940), bei
Reichspräsident Paul von Hindenburg (1847–1937) von Adolf Hitler (1889–1945) bestätigt
­wurde.32 Die Verbote bündischer Gruppierungen wurden mehrfach wiederholt. Schließlich legte
das „Gesetz über die Hitlerjugend“ vom 1. Dezember 1936 die Zusammenfassung der gesamten
deutschen Jugend in der Hitlerjugend fest – eine nie vollständig erfüllte gesetzliche Vorgabe.33
Der aggressive und totalitäre Alleinvertretungsanspruch der Hitlerjugend drückte sich
auch in gewalttätigen Aktionen gegen bündische Jugendliche und Jugendgruppen aus. Ein
­Beispiel hierfür ist der Mord an dem Plauener Hitlerjugendführer Karl „Gey“ Lämmermann
(1914–1934), der, ursprünglich aus der bündischen Jugend kommend und anderen HJ-Aktivisten
intellektuell und moralisch überlegen, von rivalisierenden Kreisen in der Hitlerjugend ermordet
wurde (Abb. 1).34 Obwohl es, wie bereits Jovy 1952 festgestellt hat, keinen „organisierten Wider-
stand der deutschen Jugendbewegung oder der Bünde insgesamt“ 35 gegeben hat – und im NS-
Staat auch nicht geben konnte –, befanden sich Hitlerjugend und staatliche Stellen bis zum Ende
des Nationalsozialismus in einer permanenten Auseinandersetzung mit einzelnen Gruppen und
Grüppchen, die bündische, jugendbewegte Wurzeln hatten und sich nicht in die Hitlerjugend ein-
binden ließen. Teilweise betrieben diese Gruppen auch organisierten Widerstand. Die Bandbreite
reichte dabei von jugendlichen Cliquen, welche die bündische Kultur weiter pflegten, über Teile
der weiterbestehenden katholischen Jugendbewegung bis hin zu Widerstandskreisen wie den
Edelweißpiraten oder dem Kreis der Weißen Rose.36

Abb. 1: Seite aus dem Fotoalbum


über Karl „Gey“ Lämmermann
(unten rechts)

„Nürnberg“ – Jugend vor und gegen Hitler


Nürnberg war für die NS-Bewegung und damit auch
für die Hitlerjugend eine wichtige und durch die nationalsozialistische Propaganda symbolisch
aufgeladene Stadt. Es war Gauleiter Julius Streicher (1885–1946) aus Nürnberg, auf dessen Vor-
schlag hin die Hitlerjugend 1926 ihren Namen erhielt. Beim Reichsparteitag 1929 konnte der
damalige Chef der Hitlerjugend Kurt Gruber (1926–1931) über 2.000 Hitlerjungen präsentieren,

132 „Ja, die Fahne ist mehr als der Tod“


die an Hitler vorbeimarschierten. Sein späterer Nachfolger Baldur von Schirach und Alfred Abb. 2: Appell der Hitlerjugend im
­Rosenberg (1893–1946) organisierten bei diesem Parteitag ein Treffen mit Vertretern der völki- Nürnberger Stadion beim Reichs-
parteitag 1938, in: Reichstagung
schen Jugendverbände in der bündischen Jugend, um Wege zu einer Gemeinsamkeit zu suchen – in Nürnberg 1938. Der Parteitag
ein Vorhaben, welches an der kompromisslosen Haltung der Hitlerjugend und Hitlers ­scheiterte.37 Großdeutschland. Hrsg. von Hanns
Um 1929 wurde die Hitlerjugend, bis dahin eher bedeutungslos verglichen mit der bündischen Kerrl. Berlin 1939

Jugendbewegung, erstmals von dieser wirklich beachtet. Beim Reichsparteitag 1929 trat der
Unterschied zwischen Hitlerjugend und bündischer Jugend deutlich zutage. Das Massenzeltla-
ger auf der Russenwiese im Südosten Nürnbergs für, so die NS-Propaganda, 2.500 Hitlerjungen
hatte kaum mehr etwas gemein mit Fahrt und Lager der Jugendbewegung. Es herrschte Drill und
Zwang vor, auch wenn Hitler beim Besuch des Lagers festgestellt haben soll: „Warum baut ihr
Zelte, warum kommt ihr hierher, warum habt ihr gedarbt und euer Geld geopfert? […] Es ist der
lebendige deutsche Idealismus!“ 38
Die Auftritte der Hitlerjugend bei den „Tagen der Hitlerjugend“ während der Reichspartei-
tage im Nürnberger Stadion, das als „Stadion der Hitlerjugend“ bezeichnet wurde, sollten nach
außen hin demonstrieren, dass es nur noch eine einheitliche Jugend in Deutschland gab, die
geschlossen hinter ihrem Führer stand (Abb. 2). Diesen Grundgedanken der Inszenierung im Sta-
dion betonte die nationalsozialistische Propaganda immer wieder, so etwa beim Reichsparteitag
1938: „Die HJ läuft in das vordere freie Mittelfeld, vor die Tribüne, und jetzt laufen aus dem
Hintergrund weitere 800 Hitlerjungen vor und von beiden Seiten in die freigebliebenen Räume.
Die Front ist geschlossen. Die Gemeinschaft steht wie aus einem Guss.“ 39
1933 sollen bereits 60.000 Jugendliche an Hitler vorbeimarschiert sein. Es war im Nürn-
berger Stadion, wo Hitler forderte, die deutschen Jungen sollten „flink wie Windhunde, zäh wie
Leder und hart wie Krupp-Stahl“ 40 sein. Ab 1935 fand zudem alljährlich der Marsch der Hitler­
jugend („Adolf Hitler-Marsch“) aus vielen Teilen Deutschlands nach Nürnberg zum Reichspartei­
tag und von dort weiter nach Landsberg am Lech statt (Abb. 3). In der damaligen „Stadt der
Hitlerjugend“ bekamen die Teilnehmer ein Exemplar von „Mein Kampf“ ausgehändigt. 1936 be-
hauptete Baldur von Schirach vor Adolf Hitler und den angetretenen HJ-Formationen im Nürn-
berger Stadion, dass er die deutsche Jugend „in Zucht und Ordnung“ zusammengeschlossen und
in mühevoller Arbeit eine Form dafür gefunden habe.41 Abb. 3: Plakat, Adolf Hitler-Marsch
Willkürlich inszeniert, nicht „gefunden“, war für die Hitlerjugend in Nürnberg die soge- der deutschen Jugend 1938

nannte „Burg der Jugend“. Als „Jugendburg Kaiserstallung“ wurde der mächtige, das Stadtbild
Nürnberg als Teil der Burganlage prägende Bau 1938 zu einer „Reichsjugendherberge“ umgebaut:
„In vielen, vielen Gruppen strömen sie zusammen die Jungen und Mädel aus allen Gauen des
Reiches, um in Nürnberg, der Stadt der Reichsparteitage, das große Treffen aller Deutschen [...]
zu erleben. Und wenn sie einen Tag lang durch die engen Gassen der Stadt gestreift sind, wenn

Jugendbewegung und Hitlerjugend 133


sie auf den weiten Feldern des Reichsparteitagsgeländes die Größe unseres Reiches empfunden
haben, dann kehren sie müden Schrittes langsam zu dem Burgberg zurück, auf dem die Kaiserburg
und auch die Reichsjugendherberge steht.“ 42 Baldur von Schirach stand in der neuen „Jugendburg“
ein eigenes Wohn- und Schlafzimmer mit einer Wandvertäfelung aus 400 Jahre ­alten Holzbrettern,
die beim Umbau angefallen waren, zur Verfügung.
Allerdings war nur ein verschwindend kleiner Teil von Jugend-
lichen während des Reichsparteitags in der Reichsjugendherberge
untergebracht. Das große Lager der Hitlerjugend befand sich am
Rand des Reichsparteitagsgeländes im Nürnberger Südosten, die
Teilnehmer des „Adolf-Hitler-Marsches“ hatten ein eigenes Lager in
Fürth. Den BdM hielt man von der männlich dominierten Veranstal-
tung Reichsparteitag weitgehend fern und brachte die Mädchen und
jungen Frauen in Bamberg unter. Nicht die Burg, sondern das Lager
war bestimmender Rahmen für die Hitlerjugend beim Reichspar-
teitag. Mit Freiheit, Naturerlebnis und großer Fahrt hatte die Atmo-
sphäre im HJ-Lager Langwasser allerdings nur mehr wenig zu tun.
Das Verhalten im Lager regelte eine rigide Dienstordnung, die unter
anderem jeglichen „Stadturlaub“, also eine Besichtigung Nürnbergs,
den Teilnehmern der Hitlerjugend wegen Überfüllung der Stadt un-
tersagte. Befehle, die über Lautsprecher bekannt gegeben wurden,
waren „schnellstens“ auszuführen, „peinlichste Sauberkeit und Ord-
nung“ hatten zu herrschen und „Massenansammlungen“ bei Promi-
nenten sowie „Auto­grammjägereien und aufdringliches Photografie-
ren“ waren verboten.43 Man bot neben den offiziellen Appellen und
Aufmärschen aber auch ein Freizeitprogramm mit Freiluftkino an.
Ausgerichtet war das Lager auf einen großen Fahnenhügel mit 1.800
Fahnen der Hitlerjugend und einem „Ehrenmal“ mit den Namen der
21 „Gefallenen“ der Hitlerjugend (Abb. 4).44
Beim Reichsparteitag 1938 transportierten 44 Sonderzüge Jugendliche aus ganz Deutsch- Abb. 4: Totengedenken im
land und Österreich nach Nürnberg. Auftritte der Hitlerjugend im Parteitagsprogramm waren ­HJ-Lager Langwasser vor dem
„Ehrenmal“ der „Gefallenen der
zunächst ein Zug vorbei am Hotel Deutscher Hof, von dessen Balkon Hitler die Marschkolon- HK“, Fotografie, 1938
nen grüßte, dann eine HJ-Führertagung im Rathaussaal und schließlich vor allem der Appell
der Hitlerjugend im städtischen Stadion. Geboten wurden außerdem Vorführungen im HJ-Lager
Langwasser, ein Großkonzert von HJ-Spielmannszügen auf dem Adolf-Hitler-Platz (Hauptmarkt)
und ein Sportfest des BdM in Bamberg. Sechs Tage nach dem Parteitag in Nürnberg endete das
Programm mit dem Abschluss des Marsches der Hitlerjugend in Landsberg am Lech.45 Die Kund-
gebungen sollten dem In- und Ausland „Geist und Haltung der deutschen Jugend“ vorführen.
„Wer hier versagt, ist nicht würdig, auch noch länger in der HJ zu verbleiben“ – so die HJ-Dienst-
ordnung für den Reichsparteitag 1938.46
Nürnberg war aber nicht nur Schauplatz der Massenkundgebungen der Hitlerjugend,
sondern auch Ziel eines Sprengstoffanschlags aus Kreisen der bündischen Jugend. Der Jugend­
liche Helmut „Helle“ Hirsch (1916–1937) war wegen seiner jüdischen Herkunft nicht mit seiner
bündischen Gruppierung ins Jungvolk gewechselt und selbst nach Prag übersiedelt, um Archi-
tektur zu studieren. Dort instrumentalisierte ihn die von der NSDAP abgespaltene Gruppe um
Otto ­Strasser (1897–1974) für einen Sprengstoffanschlag auf das Nürnberger Reichsparteitags­
gelände, der, schon im Vorfeld verraten, scheiterte. Hirsch wurde vom Volksgerichtshof zum Tod
verurteilt und hingerichtet.47

134 „Ja, die Fahne ist mehr als der Tod“


Das Beispiel Nürnberg zeigt nicht nur den extremen und nicht verwirklichten Anspruch
der Hitlerjugend, die Staatsjugend des nationalsozialistischen Deutschlands zu sein, sondern
auch, dass alle Versuche von bündischer Seite, in oder außerhalb dieser Massenorganisation
bündische Kultur weiter zu pflegen, schwierig, gefährdet und letztlich zum Scheitern verurteilt
waren. Daher hatte die deutsche Jugendbewegung dem nationalsozialistischen Staat nicht wirk-
lich etwas entgegenzusetzen, auch wenn Widerstandsaktionen belegen, dass sie sich nicht voll-
ständig von den Nationalsozialisten ‚aufheben‘ ließ.

1  Baldur von Schirach: Die Hitlerjugend. Idee und Gestalt. 17  Michael Jovy: Jugendbewegung und Nationalsozialismus.
Berlin 1934, S. 48–65, bes. S. 48. Zusammenhänge und Gegensätze. Versuch einer Klärung.
2  Alle vorangehenden Zitate bei Schirach 1934 (Anm. 1), S. 15. ­Eingeleitet von Arno Klönne. Münster 1984. [Erstdruck des
3  Alle Zitate bei Schirach 1934 (Anm. 1), S. 49. ­maschinenschriftlichen Typoskripts von 1952]
4  Schirach 1934 (Anm. 1), S. 50. 18  Jovy 1984 (Anm. 17), S. 129.
5  Vgl. z. B.: HJ marschiert! Das neue Hitler-Jugend-Buch. 19  Arno Klönne: Gedächtnisschwächen – Jugendbewegung und
Hrsg. von Wilhelm Fanderl. Berlin o.J. [1933], S. 10, 44. Erinnerungsarbeit. In: Historische Jugendforschung. Jahrbuch
6  Vgl. zur Geschichte der Arbeiterjugendbewegung u.a.: Erich des Archivs der deutschen Jugendbewegung N.F. 5, 2008,
Eberts: Arbeiterjugend 1904–1945. Sozialistische Erziehungsge- S. 20–22, bes. S. 21.
meinschaft – Politische Organisation. Frankfurt a.M. 1980. – Sozia- 20  So Arno Klönne in der Einleitung zu Jovy 1984 (Anm. 17),
listische Jugend im 20. Jahrhundert. Studien zur Entwicklung und S. XI. – Vgl. auch Klönne 2003 (Anm. 7), S. 114–125.
politischen Praxis der Arbeiterjugendbewegung in Deutschland. 21  Kater 1977 (Anm. 7), S. 174.
Hrsg. von Heinrich Eppe/Ulrich Herrmann. München 2008. 22  Vgl. hierzu von Hellfeld 1987 (Anm. 7), S. 65–72.
7  Vgl. zur Geschichte der HJ grundlegend: Arno Klönne: Jugend 23  Christoph Schubert-Weller: Hitler-Jugend. Vom „Jungsturm
im Dritten Reich. Die Hitlerjugend und ihre Gegner. 3. überarb. Adolf Hitler“ zur Staatsjugend im Dritten Reich. Weinheim/Mün-
Aufl. Köln 2003. – Michael H. Kater: Hitlerjugend. Darmstadt chen 1993, S. 82.
2005. – Vgl. zur grundsätzlichen Problematik der Beziehung von 24  Vgl. Schubert-Weller 1993 (Anm. 23), S. 82–95. – von Hellfeld
bündischer Jugend und HJ: Michael H. Kater: Bürgerliche 1987 (Anm. 7), S. 73–76.
Jugendbewegung und Hitlerjugend in Deutschland 1926–1939. 25  Vgl. Reulecke 1993 (Anm. 7).
In: Archiv für Sozialgeschichte 17, 1977, S. 127–174. – Ulrike Treziak: 26  Vgl. Treziak 1986 (Anm. 7), S. 108–112.
Deutsche Jugendbewegung am Ende der Weimarer Republik. 27  Hermann Glaser: Spießer-Ideologie. Von der Zerstörung
Zum Verhältnis von Bündischer Jugend und Nationalsozialismus. des deutschen Geistes im 19. und 20. Jahrhundert und dem
Frankfurt a.M. 1986. – Matthias von Hellfeld: Bündische Jugend Aufstieg des Nationalsozialismus. Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1979,
und Hitlerjugend. Zur Geschichte von Anpassung und Widerstand S. 139–141, bes. S. 140.
1930–1939. Köln 1987. – Jürgen Reulecke: „Hat die Jugend- 28  Wilfried Ferchhoff: Jugendkulturen in der NS-Zeit. In: Die
bewegung den Nationalsozialismus vorbereitet?“ Zum Umgang Kultur der 30er und 40er Jahre. Hrsg. von Werner Faulstich.
mit einer falschen Frage. In: Politische Jugend in der Weimarer München 2009, S. 71–89, bes. S. 73. – Arno Klönne: Zur Traditions-
­Republik. Hrsg. von Wolfgang R. Krabbe. Bochum 1993, S. 222–243. pflege nicht geeignet. Wie die deutsche Öffentlichkeit nach 1945
8  Walter Kost: Die bündischen Elemente in der deutschen mit der Geschichte jugendlicher Opposition im „Dritten Reich“
­politischen Gegenwartsideologie. Greifswald 1934. umging. In: Piraten, Swings und Junge Garde. Jugendwiderstand
9  Max Nitzsche: Bund und Staat. Wesen und Formen der im Nationalsozialismus. Hrsg. von Wilfried Breyvogel. Bonn 1991,
­bündischen Ideologie. Würzburg 1942, S. 61. S. 295–310, bes. S. 298.
10  Deutsche Jugend. 30 Jahre Geschichte einer Bewegung. 29  Vgl. Jugendbewegung, Antisemitismus und rechtsradikale
Hrsg. von Will Vesper. Berlin 1934. Politik. Vom „Freideutschen Jugendtag“ bis zur Gegenwart. Hrsg.
11  Deutsche Jugend 1934 (Anm. 10), S. VII. Auf S. VI heißt es zum von Gideon Botsch/Josef Haverkamp. Berlin 2013. Der Band konn-
Autor des Gedichts fälschlicherweise: „Das Gedicht ‚Die Fackel‘, te für diesen Beitrag leider nicht mehr berücksichtigt werden.
dessen Verfasser unbekannt ist, wurde in den Bünden der Jugend 30  Gideon Botsch: Deutsche Jugendbewegung. In: Handbuch
mündlich überliefert.“ des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegen-
12  Hans Friedrich Blunck: Vom Wandervogel zur SA. wart. Bd. 5: Organisationen, Institutionen, Bewegungen. Hrsg. von
In: Deutsche Jugend 1934 (Anm. 10), S. 1–7, bes. S. 1–2. Wolfgang Benz. Berlin/Boston 2012, S. 152–154, bes. S. 154. – Vgl.
13  Luise Fick: Die deutsche Jugendbewegung. Jena 1939, S. 216. Jürgen Klein: Verführte Jugend. Eine Fallstudie zur Geschichte
14  Fick 1939 (Anm. 13), S. 217. – Vgl. die Auseinandersetzung mit der „vaterländischen Jugendbewegung“ vor 1933 und ihres
den Thesen von Luise Fick bei Reulecke 1993 (Anm. 7), S. 233–234. Beitrages zum Untergang der Weimarer Republik am Beispiel des
15  Vgl. Fick 1939 (Anm. 13), S. 216–224. Vereins „Jung-Bergedorf“. Schwarzenbek 2005.
16  Vgl. Irmgard Klönne: Kontinuitäten und Brüche: Weibliche 31  Schreiben Schirachs an die Amtsleiter der NSDAP vom
Jugendbewegung und Bund deutscher Mädel. In: Die BDM- 8.3.1933, abgedruckt in: Deutsche Jugend 1933–1945. Eine
Generation. Weibliche Jugendliche in Deutschland und Österreich Dokumentation. Hrsg. von Karl Heinz Jahnke/Michael Buddrus.
im Nationalsozialismus. Hrsg. von Dagmar Reese. Berlin 2007, Hamburg 1989, S. 62–63, bes. S. 62.
S. 41–85, bes. S. 41. 32  Vgl. Deutsche Jugend 1989 (Anm. 31), S. 69–72.

Jugendbewegung und Hitlerjugend 135


33  Vgl. u.a.: Jugendkriminalität und Jugendopposition im 39  Der Parteitag Großdeutschlands vom 5. bis 12. September
­NS-Staat. Ein sozialgeschichtliches Dokument. Hrsg. und einge- 1938. Offizieller Bericht über den Verlauf des Reichsparteitags
leitet von Arno Klönne. Münster 1981, S. 121–138. – Arno Klönne: mit sämtlichen Kongressreden. München 1938, S. 176. – Vgl. zu
Jugendprotest und Jugendopposition. Von der HJ-Erziehung zum den Nürnberger Reden: Joachim Schmitt-Sasse: „Der Führer ist
Cliquenwesen der Kriegszeit. In: Bayern in der NS-Zeit. Herrschaft immer der Jüngste“. Nazi-Reden an die deutsche Jugend. In: „Mit
und Gesellschaft in Konflikt. Bd. IV. Hrsg. von Martin Broszat/Elke uns zieht die neue Zeit“. Der Mythos Jugend. Hrsg. von Thomas
Fröhlich/Anton Grossmann. München/Wien 1981, S. 527–620, bes. Koebner/Rolf-Peter Janz/Frank Trommler. Frankfurt a.M. 1985,
S. 581–588. – P
­ iraten, Swings und junge Garde 1991 (Anm. 28). – S. 128–149.
Deutsche Jugend 1989 (Anm. 31), S. 425–488. – Klönne 2003 40  Die HJ auf dem Reichsparteitag 1938 (Anm. 38), S. 9.
(Anm. 7), S. 150–297. – Alfons Kenkmann: Wilde Jugend. Lebens- 41  Die HJ auf dem Reichsparteitag 1938 (Anm. 38), S. 9.
welt großstädtischer Jugendlicher zwischen Weltwirtschaftskrise, 42  Alle Zitate aus: Die Jugendburg. Erzählungen der Heimat.
Nationalsozialismus und Währungsreform. Essen 1996. Hrsg. von Heinz Görz. Bielefeld 1942, S. 9.
34  Vgl. von Hellfeld 1987 (Anm. 7), S. 157–158. – Wolfgang 43  Werner Kley: HJ-Dienstordnung auf dem Reichsparteitag
Hess: Der Mord an Karl Lämmermann am 1. Juli 1934 in Plauen. 1938. In: Die HJ auf dem Reichsparteitag 1938 (Anm. 38), S. 24–25,
Plauen 1993. – Album mit Fotos und Zeitungsausschnitten „Gey“, bes. S. 25.
­Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände DZ-Ph 1197. 44  Werner Kley: HJ-Zeltlager Langwasser. In: Die HJ auf dem
35  Jovy 1984 (Anm. 17), S. 157. Reichsparteitag 1938 (Anm. 38), S. 26–27, bes. S. 26.
36  Vgl. neben Klönne 2003 (Anm. 7) und Breyvogel 1991 45  Vgl. zum Programm: Die HJ auf dem Reichsparteitag 1938
(Anm. 28): Detlev Peukert: Die Edelweisspiraten. Protestbewegun- (Anm. 38), S. 14–17.
gen jugendlicher Arbeiter im Dritten Reich. Eine Dokumentation. 46  Kley 1938 (Anm. 43), S. 24–25, bes. S. 25.
Köln 1980. – Paulus Buscher: Bündische Jugend in Illegalität und 47  Vgl. von Hellfeld 1987 (Anm. 7), S. 169–170. – Alexander
Widerstand 1933–1945. In: Schock und Schöpfung. ­Jugendästhetik Schmidt: Geländebegehung. Das Reichsparteitagsgelände in
im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Willi Bucher/Klaus Pohl. Darmstadt/ Nürnberg. Nürnberg 2005, S. 136–137. – puls 15 (oktober 1987).
Neuwied 1986, S. 314–319. – Sophie Scholl. Die letzten Tage. Hrsg. das helle-hirsch-heft. dokumentationsschrift der deutschen
von Fred Breinersdorfer. Frankfurt a.M. 2005. – Fritz Schmidt: jugendbewegung.
Mord droht den Männern auf der andern Seite: Bedrohung und
Ermordung jugendbewegter Menschen im Dritten Reich. Edermün- Bildnachweis
de 2003. – Hans Günter Hockerts: Hans Scholl. In: Jugendbewegt Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände,
geprägt. Essays zu autobiographischen Texten von Werner Nürnberg · Abb. 1, 2, 4
Heisenberg, Robert Jungk und vielen anderen. Hrsg. von Barbara Stadtarchiv, Nürnberg, A 28 Nr. 1938/3 · Abb. 3
Stambolis (Formen der Erinnerung 52). Göttingen 2013,
S. 643–655. – Bernhard Schäfers: Willi Graf: Jugendwiderstand
aus dem Geist christlicher und humanitärer Verantwortung.
Ebd., S. 295–304.
37  Vgl. Schubert-Weller 1993 (Anm. 23), S. 28. – H
­ annsjoachim
W. Koch: Geschichte der Hitlerjugend. Ihre Ursprünge und
Entwicklung 1922–1945. Percha 1979, S. 112.
38  Die Hitler-Jugend auf den Parteitagen. In: Die HJ auf dem
Reichsparteitag 1938 Nürnberg. Sonderausgabe der Zeitschrift
Unsere Fahne. Hrsg. von der Reichsjugendführung der NSDAP.
Berlin 1938, S. 8–9, bes. S. 8.

136 „Ja, die Fahne ist mehr als der Tod“


Alfons Kenkmann

Jugendbewegter Eigensinn unter den Bedingungen der NS-Volksgemeinschaft

Zielgerichteter Widerstand gegen das NS-Regime war das Geschäft einer winzigen Minder-
heit: In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre schätzte die Geheime Staatspolizei den Anteil ihrer
„­Gegner“ unter der deutschen Bevölkerung von rund 70 Millionen auf 0,2 Prozent – umgerechnet
etwa 140.000. Treffender lässt sich die begriffliche Zuspitzung „Widerstand ohne Volk“ aus den
1950er Jahren kaum ausschmücken.1 Die Hauptlast der politisch motivierten Opposition trugen
die politischen Gruppierungen und Organisationen der Arbeiterbewegung. Die einige Hundert
umfassende Zahl der anderen Widerständigen aus den Reihen der oppositionellen Jugendbünde,
der nationalrevolutionären Zusammenschlüsse und der „alten Eliten“ war kaum von Relevanz.2
Protestaktionen und Widerstandshandlungen gegen das NS-Regime waren also Taten weni-
ger Zivilcouragierter. Erheblich höher war die Zahl der Nonkonformen und Verweigerer. Mannig-
faltige Kritik und ‚Meckerei‘ vertrugen sich durchaus mit der teilweisen Akzeptanz des ­Regimes
oder zumindest mit einer passiven Hinnahme der Obrigkeit. Die Stabilität des Hitler-Staates
gefährdeten diese kleinen Unbotmäßigkeiten und Verweigerungsformen nicht. Nicht eine vitale
Volksopposition war das Signum der NS-Gesellschaft vor wie auch nach Stalingrad, sondern eine
weiter durchaus anhaltende Konsensbekundung zu Führertum und Volksgemeinschaftsgedanken.
Letztendlich lag es im Ermessen der einzelnen Person, sich unter den totalitären Bedin-
gungen der NS-Diktatur nonkonform zu verhalten oder sich einzelnen Inanspruchnahmen durch
das Regime zu verweigern, oder aber einen Karriereweg vom Verweigerer über den Protestler
zum Widerstandskämpfer zu vollziehen. Wie graduell unterschiedlich sich die Form abweichen-
den Verhaltens auch ausdrückte, sie war nicht unerheblich begründet in den bisherigen Lebens-
wegen der Betreffenden.
Im Folgenden stehen nicht der Teil der Jugendbewegung, der sich mit dem NS-System
­arrangierte oder dieses mittrug, im Mittelpunkt, sondern drei Biografien von Akteuren, die sich
– in unterschiedlichem Maße jugendbewegt sozialisiert beziehungsweise beeinflusst – in den
Jahren 1933 bis 1945 mit dem Nationalsozialismus an der Macht konfrontiert sahen:
• der im Wandervogel geprägte Pädagoge Adolf Reichwein,
• der vom Quickborn beeinflusste katholische Geistliche Carl Klinkhammer
• und der Arbeiterjunge und Navajo Heinz Kasten.3

Alle drei sind mit einer Portion „Eigen-Sinn“ ausgestattet. Auf die Arenen der ­Jugendbewegung
übertragen meint dies den Versuch, „in spezifischen Konstellationen und Situationen“ die Verwei-
gerung des „Hinnehmen[s] oder Mitmachen[s]“.4 Nicht die Auflehnung, sondern das hart­näckige,

Jugendbewegter Eigensinn unter den Bedingungen der NS-Volksgemeinschaft 137


gelegentlich unauffällig-stumme, mitunter aber auch lautstark-nachdrückliche Beharren auf
­eigener Zeit, auf eigenem Raum erweist sich in dieser Sicht als Ausdruck der Beharrlichkeit
eines ‚eigenen Sinnes‘, zu dem auch „offene Auseinandersetzungen mit direkten oder indirekten
Kontrollversuchen oder eigensinnige Distanzierungen“ zählen.5
Dem „Eigen-Sinn“ der genannten Protagonisten soll unter den Bedingungen der national-
sozialistischen Volksgemeinschaft in den Jahren 1933 bis 1945 nachgegangen werden, wobei
der Volksgemeinschaftsbegriff in seiner erfahrungsgeschichtlichen Dimension zugrunde gelegt
wird. Er umschrieb „die Hoffnungen und Erwartungen […], die viele Deutsche an das ­Regime
hefteten.“ Gleichzeitig stellten die „Inklusion der Volksgenossen sowie [die] Exklusion der
­‚Gemeinschaftsfremden‘ […] die beiden Seiten der Volksgemeinschaft dar“.6

Adolf Reichwein (1898–1944)


Dass der erste Akteur, Adolf Reichwein, seine Sozialisation in der
Jugendbewegung für die eigene Biografie als extrem prägend empfand, wird nicht zuletzt in der
Ausnahmesituation deutlich, als ihm seine Hinrichtung bevorstand (Abb. 1).7
Reichwein, der von April 1929 bis März 1930 Persönlicher Referent und Pressestellenleiter
von Carl Heinrich Becker (1876–1933), dem Preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und
Volksbildung gewesen war, und im Frühjahr 1930 den Ruf als Professor an die Pädagogische
Akademie in Halle erhalten hatte, verlor diese Stelle auch aufgrund seiner gerade zweieinhalb-
jährigen SPD-Mitgliedschaft im April 1933.
Trotz des Wissens um seine Nähe zur Sozialdemokratie erhielt Adolf Reichwein am
1. ­Oktober 1933 eine Lehrerstelle an einer einklassigen Dorfschule im brandenburgischen
­Tiefensee, an der er unter den Bedingungen der NS-Herrschaft gar ein „Schulmodell Tiefensee“
entwickelte. Im Mai 1939 übernahm er dann die Leitung der Abteilung „Schule und Museum“
am Museum für Deutsche Volkskunde in Berlin. Nicht zuletzt war es diese neue Stelle, die es
ihm über zahlreiche Vortragsreisen und Kursteilnah-
men ermöglichte, sich an dem sich organisierenden
Widerstand um den „Kreisauer Kreis“ zu beteiligen.
Reichwein wurde am 4. Juli 1944 verhaftet und nach
dreieinhalb Monaten schlimmster Misshandlungen
am 20. Oktober 1944 in einem Schauprozess vor dem
„Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt und noch am
gleichen Tage hingerichtet.8
Auch Adolf Reichwein war ein Kind seiner Zeit,
der Visionen von „wachsenden Stoßtrupp[s] einsatzbe-
reiter ‚bürgerlicher‘ Jugend“ 9 für die Arbeiterbildung
hatte, die ihm offensichtlich leicht von den Lippen
gingen. „Dörfliches Leben“, „Jugendbewegung“ und
„Frontkameradschaft“ waren mehr als Etappen einer
individuellen „Sozialgeschichte des Aufwachsens“.10
Sie waren Erfahrungsarenen, die von zentraler Bedeutung für die Gestaltung seines Lebens Abb. 1: Adolf Reichwein (vorne,
sein sollten. Eine Kindheit zwischen Stall und Schule sorgte für die nötige Erdung des späteren dritter von rechts) während einer
Wanderung der Akademischen
Kommunikators Reichwein auf allen seinen beruflichen Tätigkeitsfeldern: sei es anfänglich im Vereinigung in der Umgebung von
Vorbereitungsdienst für das Lehramt an Volksschulen, in der thüringischen Arbeiterbildung, an Marburg, Fotografie, 1920
der Volkshochschule Jena und im Volkshochschulheim am Beutheberg, als Lehrer an der Volks-
schule in Tiefensee und in der frühen Museumspädagogik am Staatlichen Museum für Deutsche
Volkskunde.

138 „Ja, die Fahne ist mehr als der Tod“


In seinen didaktischen Konzepten ließ Reichwein Momente jugendbewegten Anspruchs
mit reformerischen Konzeptionen eins werden. Da in der Weimarer Verfassung 1919 das arbeits-
unterrichtliche Prinzip in Anlehnung an das Konzept Georg Kerschensteiners (1854–1932) ex-
plizit festgelegt worden war,11 waren den Methoden des gemeinsamen Lernens keine Grenzen
gesetzt. Das Aufgreifen dieses Ansatzes zieht sich durch das gesamte pädagogische Wirken Adolf
Reichweins an seinen unterschiedlichen beruflichen Stationen. Seine Lehrmethoden waren auf
eine anthropologisch-ganzheitliche Perspektive hin ausgerichtet. Bildung „müsse mehr sein“, so
erinnert Fritz Borinski (1903–1988) an Reichweins pädagogische Prämissen, „als bloße Wissens-
vermittlung und formale intellektuelle Schulung. Sie müsse auf den ganzen Menschen gehen, auf
seinen Charakter“,12 womit Adolf Reichwein einen wesentlichen Impuls der Jugendbewegung in
den Bereich der Bildung transferiert hatte.
Nicht nur Adolf Reichwein, auch weitere Mitglieder des Kreisauer Kreises waren von der
bürgerlichen Jugendbewegung geprägt: So Adam Trott zu Solz (1909–1944), Carl Dietrich von
Trotha (1907–1952), Harald Poelchau (1903–1972), Eugen Gerstenmaier (1906–1986) und Alfred
Delp (1907–1945).13 Auch spielte für nicht wenige die Erfahrung des Ersten Weltkriegs eine zen-
trale Rolle: Unter anderem waren zum Beispiel Wilhelm Leuschner (1890–1944), Hermann Maaß
(1897–1944) und Julius Leber (1891–1945) neben Adolf Reichwein Kriegsteilnehmer, „die sich be-
wusst auf den Boden der Weimarer Reichsverfassung stellten und als Mitglieder des Zentrums
und der SPD gegen den Nationalsozialismus kämpften.“ 14
Wie unschwer zu erkennen ist, fühlten sich viele Kreisauer durch gemeinsame Erfahrun-
gen miteinander verbunden. Hier gab es einen Vertrauensvorsprung, der mit dem engen Um-
feld des militärischen Widerstands erst einmal mühselig in vielen Diskussionsrunden herge-
stellt werden musste. Als „Schulfachmann“ des Kreisauer Kreises entwickelte Adolf Reichwein
schon früh Konzeptpapiere für eine umfassende Bildungsreform in der „Nach-Hitler-Zeit“, die
jugendbewegte Gedanken der „Autonomie“ und der „Selbsttätigkeit“ aufgreifen. In Einzel- und
Gruppengesprächen versuchten sich die Kreisauer konzeptionell, inhaltlich und personell zu
verständigen. „Jeder muss von den eigenen Voraussetzungen her auf den anderen mit anderer
Herkunft und Mentalität zugehen, ihn zu verstehen suchen und die möglichen Übereinstimmun-
gen formulieren. Und in der Tat: es lässt sich nachweisen, dass man wochen-und monatelang zu
jeder Tages- und Nachtzeit miteinander diskutiert hat – manchmal kontrovers und bis an den
Rand des Bruches –‚ um programmatische Konsenstexte verabschieden zu können.“15 Trotz aller
Bereitschaft zur Diskussion unter konspirativen Bedingungen vermochten sich die pädagogi-
schen Visionen Reichweins unter den Kreisauern jedoch nicht durchzusetzen.16 Hatte sich dieser
auch inhaltlich wesentlich mehr Aufnahmebereitschaft für seine Thesen versprochen, so blieb
er einer der treibenden Kräfte für das Zugehen der Kreisauer auf den kommunistischen Wider-
stand. An einen Besuch Reichweins in Straßburg im Mai 1943 erinnert sich der Staatsrechtler
Ernst Rudolf Huber (1903–1990) in einem Brief an Hellmut Becker (1913–1993) im Juli 1950: „Wir
sprachen über die bevorstehende Invasion, er [Adolf Reichwein] sagte darüber zu reden, sei sinn-
los, da vorher etwas Entscheidendes geschehen werde. Da ich begriff, was er meinte, war meine
sofortige Gegenfrage: Wer soll denn die Staatsgewalt übernehmen? Antwort: ein Direktorium aus
Männern der verschiedensten Richtungen. Ich: Dann müssten ausser Goerdeler-Beck auch Sozi-
alisten beteiligt sein. Er: dafür ist gesorgt; man muss aber auch die Kommunisten heranziehen.
Darüber dann längeres Gespräch.“ 17
Es sollten letztendlich die von Reichwein betriebenen Kontakte zu kommunistischen
Widerstandszirkeln sein, die ihn aufgrund eines eingeschleusten Spitzels in die Fänge der
Geheimen Staatspolizei brachten und zu seiner Hinrichtung am 20. Oktober 1944 in Berlin-
Plötzensee führten.

Jugendbewegter Eigensinn unter den Bedingungen der NS-Volksgemeinschaft 139


Zurück bleiben die Erinnerungen an eine beeindruckende Persönlichkeit mit Vorbild­
charakter im Privaten, Beruflichen, Zwischenmenschlichen und Politischen. Seine ehemalige
Mitstreiterin an der Pädagogischen Akademie, Elisabeth Blochmann (1892–1972), erkannte in
ihm den „Typus des Erziehers, den man in jenen Jahren mehr als je gebraucht hätte, weil er
politisch sah und doch den Menschen nicht vergaß, weil er die Welt im Grossen kannte und die
internationalen Spannungen verstand […]. Seine Entfernung aus dem Amt im April 1933 ließ die
studentische Jugend wahrlich verwaist, und das zu einem Zeitpunkt, wo sie mehr denn je nach
tapferer und wahrhaftiger Führung verlangte.“ 18

Carl Klinkhammer (1903–1997)


Geboren 1903 in Aachen, wuchs Carl Klinkhammer in einem
­katholischen Elternhaus auf.19 Schon als Jugendlicher leistete er karitative Dienste in den Laza-
rettzügen, die in Aachen Station machten. Nach der Reifeprüfung studierte er zunächst in Inns-
bruck, dann in Bonn. Das Studium musste von ihm zum Teil selbst finanziert werden. ­Klinkhammer
berichtete in einem Interview 1993: „ […] in den Jahren 23 da war große Hungersnot und mein
Vater konnte das Studium von drei Jungen nicht alleine schaffen, wir mussten mitarbeiten. […]
Und ich hatte Gelegenheit in der Nähe von Aachen […] im Bergbau angenommen zu werden. Ich
war körperlich nicht sehr stark, […] aber die Arbeiter haben dann dem ‚armen Studentchen‘ – sie
meinten mich – etwas geholfen, z.B. […] musste [ich] immer wieder die Kohlen, die abgehauen
waren, […] in einem Korb sammeln und dann […] durch den Stollen hindurch zu einem Wagen
[tragen]. Und diesen Wagen, wenn der voll war, mußte ich den auf Schienen in einem Zug zusam-
menführen. Das war so eine schwere Arbeit, ich konnte den Wagen kaum wegbekommen. Aber da
habe ich es erlebt, dass [mir] Arbeiter [immer wieder halfen]. […] Da ist mir aufgegangen, was ich
bis damals eigentlich noch nicht so richtig empfunden hatte, was ich jetzt sagen will, klingt
­komisch, dass auch Arbeiter ein Herz haben, und das hat mich so tief beeindruckt, dass ich das
mein Leben lang nicht verloren habe.” 20
Neben der erfahrenen Solidarität im Bergarbeiteralltag prägte ihn vor allem sein Engage-
ment in der katholischen Jugendbewegung – bei den „Quickbornern“ – jener ­beeindruckenden
„Synthese von Katholizismus und Jugendbewegung“.21 Die unternommenen Fahrten führten
ihn nach Italien, zum Nordkap, nach Gibraltar sowie nach Marokko und ließen ihn zu einem
­frühen „Kosmopoliten“ werden. Die Quickbornzeit beeinflusste essentiell die spätere Jugend­
arbeit Klinkhammers. Auch sein Interesse, die verschiedenen Kirchen zusammenzubringen und
die Ökumene voranzutreiben, wurde während dieser jugendbewegten Zeit initiiert. Der Tradition
der sogenannten roten Kapläne22 verpflichtet, die „die Kluft zwischen akademischer Jugend und
den Arbeitern zu überwinden suchten“ 23 und bemüht um engen Konnex zu den katholischen
Arbeitervereinen,24 stürzte er sich mit Elan schon Ende der 1920er Jahre in den Kampf gegen
„einen modernen Atheismus, der rechts wie links zu finden war“ 25 – den Nationalsozialismus und
den Kommunismus. In der von ihm praktizierten großstädtischen Jugendseelsorge verschmol-
zen seine Erfahrungen aus der Werkstudentenzeit, seine Begeisterung für die Jugendbewegung
und sein Engagement in den katholischen Arbeitervereinen. Hierauf gründete die Faszination, Abb. 2: Carl Klinkhammer während
die er als junger Kaplan zu Beginn der 1930er Jahre zunächst in Essen besonders auf Jüngere einer Veranstaltung im Zirkusbau
Bügler, Essen, Fotografie Willy van
ausübte (Abb. 2).26 Heekern, 1949
Klinkhammer traf in seinen Reden und Ansprachen stets den Nerv der vor allem jungen
Katholiken. So heißt es im Protokollbuch des Katholischen Gesellenvereins Recklinghausen über
einen seiner Vorträge im nördlichen Ruhrgebiet am 26. Mai 1932: „Unser […] organisierter und
glänzend verlaufener Klinkhammerabend, ein Bombenerfolg in jeder Beziehung trotz schlimms-
ter Quertreibereien von kleinlichen ‚Führern‘ im eigenen kath. Lager.“ 27 Klinkhammer blieb an

140 „Ja, die Fahne ist mehr als der Tod“


seiner ersten Pfarrstelle ein streitbarer Geselle – und das auch in Zeiten polarisierter politischer
Auseinandersetzung. Bei Saalschlachten wurde er mitunter körperlich sehr stark angegangen,
wie er erzählte: „[…] die Nationalsozialisten, die waren sehr schlimm.“ Auf einer der „letzte[n]
große[n] Versammlung[en], die die da gehalten hatte[n], da haben sie mich mit Gewalt, also mit
Fußtritten rausgesetzt. Und dann, wie Hitler ans Ruder gekommen war, da habe ich immer noch
gesprochen. [...] So an einem Sonntagmorgen, waren wir alle überrascht, daß die katholische […]
Düsseldorfer Volkszeitung […] anstelle des Sonntagsartikels von Pater Friedrich Muckermann
[…] auf der ersten Seite an der üblichen Stelle eine Rede oder einen Artikel von Hermann Göring
[gesetzt hatte]. Und das hatte ich zum Anlass genommen, dass da etwas nicht in Ordnung geht.
Man hat also den katholischen Jesuitenpater mit seinem Artikel beiseite geschoben und dann
den Göring neu schreiben lassen. Der in seinem Artikel gesagt hatte, wie bedeutsam er für die
Freiheit der Presse gearbeitet hat und allen Unflat beseitigt habe und hat […] den Satz gebraucht:
er habe den Augiasstall der katholischen Presse ausgemistet. Da habe ich da[s] ergänzt um an
dessen Stelle seinen eigenen Mist abzuladen.“ 28
Wegen dieser und weiterer Reden wurde gegen Klinkhammer ein Redeverbot im Polizei-
bezirk Groß-Essen verhängt, er wurde zeitweise in Schutzhaft genommen und am 27. November
1933 von der Zweiten Strafkammer des Landgerichts in Essen zu einer Gesamtstrafe von sechs
Monaten Gefängnis verurteilt.
Aufgrund des zusätzlich erteilten Redeverbots in Essen zog Klinkhammer nach Köln, wo er
vom Kölner Erzbischöflichen Generalvikariat aus der „aktiven Seelsorge und jedem Verkehr mit
dem Publikum herausgezogen“ 29 mit dem Zelebrieren von Messen seinen Lebensunterhalt ver-
diente. Später engagierte er sich für die Trinkerheilstätte in Meitingen und übernahm 1937 eine
Stelle als Kaplan in der katholischen Diaspora Waldfischbach im späteren Rheinland-Pfalz.30
Auch hier fiel er durch Kritik an antikirchlichen Aktionen sowie an der Verweltlichung urtheo-
logischer Begriffe (Ewigkeit, Martyrium etc.) seitens der NS-Akteure auf. Vom Sondergericht in
Frankenthal wurde Klinkhammer am 7. Juli 1937 „wegen fortgesetzten Kanzelmissbrauchs in
Tateinheit mit fortgesetztem Vergehen gegen das Heimtückegesetz“ 31 zu acht Monaten Gefängnis
verurteilt, die er in Frankenthal und Zweibrücken absaß.
1940 wurde er gegen seinen Willen – aber mit Unterstützung des Episkopats − zur Wehr-
macht eingezogen. Dort – so die Vertreter der Kirchenverwaltung − könne er in einer Sanitätsein-
heit „so viel Gutes tun wie nie zuvor“.32 Am „Unternehmen Barbarossa“ nahm Klinkhammer von
Beginn an teil.33 Weil er vor Sewastopol Wehrmachtsangehörigen eine Weihnachtsgeschichte er-
zählte – sie enthielt eine Legende aus dem Ersten Weltkrieg, in der generell Kritik am Krieg geführt
wurde – entging er nur knapp einer standrechtlichen Erschießung wegen angeblicher „Wehrkraft-
zersetzung“. Anstatt hingerichtet zu werden, wurde er einer Strafkompagnie zugeteilt, deren Ein-
sätze er mit ebenso viel Glück überlebte wie die Flucht mit den letzten Evakuierungstransporten
von Ostpreußen nach Schleswig-Holstein, wo er in britische Kriegsgefangenschaft geriet.
Der Nationalsozialismus war besiegt; wichtig war ihm nun der Kampf gegen den Kom-
munismus, wie die Diktion eines im April 1947 veröffentlichten Beitrags Klinkhammers in der
Zeitschrift „Neues Abendland“ verdeutlicht: „Die Ideen des Ostens bestürmen mit ­faszinierender
Gewalt das materiell völlig verarmte und wirtschaftlich ruinierte Herzvolk des Abendlandes.
Mit den gleichen ‚Wundern‘, die im letzten Jahrzehnt der germanische und der romanische
­Faschismus vollbracht haben, beginnt man heute schon das deutsche Volk erneut zu blenden.
Auf diesem Kampffeld zwischen Ost und West wird die deutsche Jugend in den kommenden
Jahren die Entscheidung mit herbeizuführen haben [...]. Möglich, daß der eben beendete ­letzte
Weltkrieg nur das Vorgefecht einer unausbleiblichen, gewiß unblutigen Auseinandersetzung
zwischen ­Asien und dem Abendland sein wird.“ 34

Jugendbewegter Eigensinn unter den Bedingungen der NS-Volksgemeinschaft 141


Das Hauptinteresse Klinkhammers galt auch in der Nachkriegszeit unüberseh- und ­-hörbar
wie vormals in der Weimarer Republik der großstädtischen Seelsorge, wobei die ­Jugend unver-
ändert seine besondere Zuwendung erfuhr. Mit betreuerischen Maßnahmen – hier zahlten sich
die Quickborn-Erfahrungen aus – versuchte er Desorientierungserscheinungen und ‚Verwahr­
losungstendenzen‘ in Teilen der Jugend zu begegnen. In derselben Tradition steht seine expo-
nierte Stellung in der Kampagne gegen „Schmutz“ und „Schund“ wie auch bei den Aktionen gegen
den Film „Die Sünderin“.35
Bei Klinkhammer waren es die Jahre im Quickborn, die sein transnationales ­Denken
anregten, aber auch sein späteres Eintreten für die Ökumene vorbereiteten, indem der
­Quickborn unter der geistigen Führung Romano Guardinis (1885–1968) die liturgische Be-
wegung mit ihren Forderungen nach dem Einsatz der Volkssprache im Gottesdienst und
der deutschen Gemeinschaftsmesse in der Weimarer Republik verbreitete. Forderungen, die
­nahezu erst 40 Jahre später mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil verwirklicht wurden.36
Die Quickborn- und Werkstudentenzeit hatten Carl Klinkhammer in herausragendem Maße
für sein späteres Engagement in der Jugendarbeit und seine Aufsässigkeit gegenüber den
NS-Akteuren qualifiziert.

Heinz Kasten (geb. 1922)37


Am 20. Oktober 1937 wurde der 15-jährige Heinz Kasten von ­einem
Gestapobeamten verhaftet und vernommen. Was erfahren wir über den Jungen? Weshalb wurde
er inhaftiert?
Heinz Kasten war mit seinen Eltern im Sommer 1937 in die Nähe des Kölner Waidmarktes
gezogen. Sein Vater arbeitete zu dieser Zeit im Reichsautobahnenprogramm, der Junge selbst
in Köln als Markthallenarbeiter. Kasten war von 1932 bis 1935 Mitglied in der Hitlerjugend
gewesen. Nachdem ihm als stellvertretendem Fähnleinführer immer wieder andere Jungen
vorgesetzt und er „immer weiter zurückgedrängt wurde“, habe er das Interesse an der Hitler-
jugend verloren und sei deshalb auch ausgeschlossen worden. In seinem Quartier kam er in
Kontakt mit Jugendlichen, die ihren alltäglichen Treffpunkt am Waidmarkt hatten. Laut Ver-
nehmungsprotokoll fiel es Heinz schnell auf, dass es sich bei den Jugendlichen „um eine Clique
besonderer Art handelte, zumal sie sich selbst Nerother nannten, oder auch Navajos.“ 38 Des
Weiteren ist dem Protokoll zu entnehmen, dass sie sich mit einer „besondere[n] Art des Hän-
dedrückens“ sowie „Ahoi“ begrüßten und den Hitlergruß nicht anwendeten. „Wenn schon einer
der Jungens ‚Heil Hitler‘ sagt[e]“, so Heinz in seiner Vernehmung, „so sieht man dies als Un-
sinn an, weil der Gruß verpönt ist. Auch die besondere Kleidung ist nicht etwa vorgeschrieben,
sondern zwanglos. Jedoch sieht jeder zu, dass er möglichst ein kariertes Hemd, kurze Hose
mit Reißverschluss und halbhohe Stiefel mit übergelegten Strümpfen trägt. Als Abzeichen für
die Mitglieder der Clique gilt ein Kraftriemen mit Totenkopf.“ Zudem habe die Waidmarkt-
Clique mit bündischem Outfit keinen Führer. Bei dieser Aussage blieb Heinz, mochte der ver-
nehmende Gestapobeamte auch noch so beharrlich nach Hintermännern suchen. „Auch die
anderen Gruppen am Rhein“ hätten seines Wissens „keine feste Führung“. Trotzdem bestehe
„ein fester Zusammenhalt, auch unter den einzelnen Gruppen.“ Mit Hitlerjugend-Angehörigen
„woll[t]en die sog. […] Navajos nichts zu tun haben. Es heisst, dass man sich von HJ-Streifen
und HJ-Angehörigen nichts sagen lassen wolle und sie gegebenenfalls verprügele“. Trotzdem
bestehe keine „bestimmte politische Richtung.“ Die Navajos vom Waidmarkt wollten vielmehr
eine Gruppe für sich sein, „gemeinsame Fahrten machen“; „niemand“ solle ihnen „hineinreden
dürfe[n].“ Es solle „eine feste Kameradschaft bestehn; wenn dem einen etwas geschehe, soll[te]
ihn der andere rächen.“

142 „Ja, die Fahne ist mehr als der Tod“


An den Fahrten der Navajos hatte Heinz ebenso teilgenommen wie er auch die Lieder
der Gruppe auf seiner eigenen Klampfe begleitet hatte. Noch nach ihrer Festnahme hatten die
­Jugendlichen in den Polizeizellen insbesondere ihr ‚Navajo-Lied‘ gesungen:

„So ging es uns vor Madagaskar


Den Navajos zur See
Die Pest die konnte uns nicht schrecken,
denn unser Glaube siegt.“39

Das gemeinsame Singen war ein Ausdruck des Zusammengehörigkeitsgefühls und des Mutma-
chens, das den Gestapobeamten schwer aufstieß.40
Die Bezeichnung „Navajo“ war ursprünglich eine zumeist von Hitlerjugend-Angehörigen
vorgenommene Außenzuschreibung und allgemeine Etikettierung von Angehörigen informeller
Jugendgruppen, die von den Jugendlichen als Selbstbezeichnung adaptiert wurde. Einem Nach-
richten-HJ-Gefolgschaftsführer zufolge wurde „jede jugendliche Person, die ein bunt kariertes
Hemd, sehr kurze Hose, Stiefel mit übergeschlagenen Strümpfen“ ­trage, von der Hitlerjugend als
Navajo angesehen.
Zu den traditionellen Gruppierungen der bürgerlichen Jugendbewegung, seit Ende der
1920er Jahre unter dem Begriff „Bündische Jugend“ zusammengefasst, hatten die Nava-
jos oder auch Kittel­bachpiraten – wie sie im Düsseldorfer Raum genannt wurden – schon
nach vier Jahren nationalsozialistischer Herrschaft keine personellen Traditionslinien mehr
(Abb. 3).
Zwar beriefen sich die Jugendlichen auf den Nerother Wandervogel, die Kölner Ringpfadfin-
der beziehungsweise den „Bund der Kittelbachpiraten“. Doch geschah dies, weil man sich damit
unter den Gleichaltrigen einen besonderen Eindruck verschaffen konnte, da diese Jugendbün-
de nach anfänglicher Tolerierung in der Herrschaftssicherungsphase des Regimes besonderen
Nachstellungen seitens der nationalsozialistischen Akteure ausgesetzt waren.
Viele Navajos entstammten dem kommunistischen Milieu: Ihre Eltern oder zum Teil auch
sie selbst hatten sich in kommunistischen Organisationen und Verbänden wie dem Jung-Sparta-
kus organisiert – hier scheint auch die Ablehnung des „Deutschen Grußes“ herzurühren.
Da das NS-Regime mit dem Streifendienst der Hitlerjugend eine Art Hilfspolizei für die
„Kleinen“ eingeführt hatte, die den Jugendlichen außerhalb der Hitlerjugend nachsetzte, war
eine Fülle von Auseinandersetzungen die Folge. So kam es zum Beispiel am Kölner Appellhof-
platz im Sommer 1936 zu einer wüsten Schlägerei zwischen eigensinnigen Navajos und Strei-
fendienstangehörigen, nachdem die ‚HJ-Möchtegern-Polizisten‘ Navajos, die sie ohne Ausweis
antrafen, dem Polizeirevier überstellen wollten.41
Bis Mitte der 1930er Jahre existierte keine allgemein gültige Definition der Bezeichnung
„Navajo“. Mit dem Verbot der bündischen Jugend vom Februar 1936 wurde dann versucht,
die Navajo-Gruppen eben diesen zuzuordnen und deren Angehörige zumindest temporär aus
der Volksgemeinschaft zu exkludieren. Fortan wurde ein „bündischer Verhaltensstil“ unter der
großstädtischen Jugend ausgemacht.42 Auch Heinz Kasten wurde Opfer dieser Verfolgungsstra-
tegie: Vom Sondergericht für den Oberlandesgerichtsbezirk in Köln wurde er am 18. Dezember
1937 zu sechs Wochen Gefängnis wegen Vergehens gegen § 4 der Verordnung des Reichspräsi-
denten „zum Schutz von Volk und Staat vom 28.2.1933 in Verbindung mit der Anordnung der
Preußischen Geheimen Staatspolizei vom 8.2.1936“ 43 [Verbot aller Gruppen und Vereine der
bündischen Jugend] verurteilt. Durch die erlittene mehrwöchige Untersuchungshaft galt die
gegen den Jungen ausgesprochene Strafe als verbüßt.

Jugendbewegter Eigensinn unter den Bedingungen der NS-Volksgemeinschaft 143


Gegen den Alleinvertretungsanspruch der nationalsozialistischen Staatsjugend, die Hitler-
jugend, richtete sich der Protest Heinz Kastens. Mit eigener Kluft, eigenen Liedern und auch in
körperlichen Auseinandersetzungen versuchten er und seine Navajo-Freunde ihr Freizeit­terrain,
ihr Revier gegen die Ansprüche der Hitlerjugend zu behaupten. Im weiteren Verlauf der NS-Herr-
schaft wurden ähnliche Jugendcliquen abhängig von der Region als „Bündische“, „Edelweißpira-
ten“, „Meuten“ bezeichnet (Abb. 4).
Angehörige dieser informellen Jugendgruppen zerstörten HJ-Aushängekästen und blie-
ben kollektiv dem Dienst in der Hitler­jugend unter den Bedingungen des später einsetzenden
Luftkrieges fern, da er ihnen aufgrund der Einberufung der älteren Hitler­jugend-Führer und
der zerstörten Infrastruktur kaum noch attraktive Angebote machen konnte. Bei dieser Form
des Jugendprotestes handelt es sich um eine partielle Ablehnung des NS-Regimes, denn der
unter männlichen Facharbeitern stark verbreitete Machismo, die Technikbegeisterung sowie
die jugendliche Abenteuerlust ließen diese vielfach eine Zugehörigkeit zur ­Waffen-SS ­suchen.
Von 14- bis 16-jährigen Jugendlichen eine ausgereifte Strategie zum Sturz eines ­totalitären Re-
gimes zu erwarten, hieße Erwartungen an Jugendliche zu stellen, die diese schon wegen ihres
Alters nicht hätten erfüllen können. Die gegen die sogenannten Rädelsführer erteilten Gefäng-
nisstrafen und vielfach ausgesprochenen Einweisungen in die Fürsorgeerziehungs­anstalten
unterstreichen, wie sehr die nationalsozialistischen Akteure in der zweiten Hälfte des Welt-
kriegs durch die Verweigerung und den Protest der „Edelweißpiraten“, „Meuten“ etc. ihren An-
spruch auf die alleinige Erziehung der Jugend gefährdet sahen.44 Für einen differenzierten
Blick fehlte den drohenden militärischen Zusammenbruch vor Augen die Zeit, weshalb den
Jugendlichen vorschnell in den staatspolizeilichen Ermittlungsberichten und den Land- und
Sondergerichtsurteilen unterstellt wurde, sie führten – nach 1918 – den zweiten Dolchstoß im
Rücken der Kämpfenden an der Front. Unter einer solchen Prämisse wurde die Aufsässigkeit
der subkulturellen Jugendlichen in den Augen der nationalsozialistischen Ermittlungs- und
Verfolgungsinstanzen zum politischen Sabotageakt.45

Resümee
Der Eigen-Sinn der drei vorgestellten Protagonisten in der Arena der nationalsozialis-
tischen Volksgemeinschaft nährte sich aus unterschiedlichen Momenten: Adolf Reichwein war
lebensgeschichtlich vor allem geprägt aus seiner Zeit im Wandervogel; Carl Klinkhammer durch
seine Werkstudentenzeit und Sozialisation im Quickborn; Heinz Kasten durch sein Mitwirken in
der informellen Jugendgruppe der Navajos. Die beiden ersten speisten sich aus dem Erlebnis der
Toleranz, der Gebundenheit an (auch) universelle Werte, der dritte aus der Solidarität seiner
Quartierfreundesgruppe. Die drei Akteure erfahren die Volksgemeinschaftsideologie in den
­eigenen Handlungsfeldern als hohle Phrase:

• Adolf Reichwein, der anfangs im NS-Staat – wie auch viele Sozialdemokraten – zu überwintern
sucht, findet später zum aktiven politischen Widerstand. Seine aus den jugendbewegten ­Jahren
hochgehaltene Grundhaltung der Akzeptanz des Anderen und die damit verbundene Suche nach
geistiger Auseinandersetzung ist die Grundvoraussetzung für sein Ringen um gemeinsame
Handlungsoptionen von differenten Oppositions- und Widerstandsgruppen;

• Carl Klinkhammer, verortet im Milieu des streitbaren Katholizismus in der Weimarer ­Republik
und zur Gruppe der jungen, durchaus eigen-sinnigen Kapläne gehörig, bringt der NS-Diktatur
von Beginn an Widerstand entgegen. In ihm bündelt sich in der Zeit zwischen 1933 und 1945
kontinuierlich die Verweigerung des „Hinnehmens“ und „Mitmachens“, eben „Eigensinn“;

144 „Ja, die Fahne ist mehr als der Tod“


• Heinz Kasten, schon einer anderen Geburtskohorte angehörig, zählt zur starken Minderheit
der Jugendlichen, die das traditionelle Formenensemble der Jugendbewegung adaptiert und mit
den eigenen Vorstellungen jugendlichen Zusammenlebens amalgamiert. Die Alltagskultur der
Navajos wirkte stilbildend auf Jugendliche vor allem im großstädtischen Arbeitermilieu.

Bei den ersten beiden Protagonisten bezogen sich Toleranz und Eigensinn auf ein moralisches
Fundament der jugendbewegten Erfahrung, dem jungen Navajo jedoch dienten die Entnah-
men aus dem jugendbewegten/bündischen Formensemble lediglich zur Herausstellung eines
eigenen Stils in Abgrenzung zur in der Zeit geschaffenen Staatsjugend. Hier stand nicht eine
Werte­orientierung, sondern die jugendkulturelle Divergenz im Vordergrund. Jugendliche dieser
Richtung haben sich der Formensprache der Jugendbewegung lediglich bedient – und sich im
Übrigen auch nicht auf einen Lebensentwurf festlegen lassen. Ablehnung (in diesem Fall von
Offerten der Hitlerjugend) und Anpassung (etwa die später erfolgten Freiwilligmeldungen zur
Waffen-SS) lösten einander ab.46
Während sich der Eigen-Sinn des Navajos Heinz Kasten später nicht einmal mehr in
­Anekdoten verliert, sondern im Eisberg der Geschichte verborgen bleibt, wachsen sich die
­Lebensgeschichten von Adolf Reichwein und Carl Klinkhammer zu Biografien aus – woran der
beide prägende Einfluss der Jugendbewegung wesentlichen Anteil hatte.

Jugendbewegter Eigensinn unter den Bedingungen der NS-Volksgemeinschaft 145


1  Ian Kershaw: „Widerstand ohne Volk?“ Dissens und ­Widerstand 17  Zitiert nach Ulrich Raulff: Kreis ohne Meister. Stefan Georges
im Dritten Reich. In: Der Widerstand gegen den National­sozialismus. Nachleben. 2. Aufl. München 2010, S. 475.
Die deutsche Gesellschaft und der ­Widerstand gegen Hitler. 18  Elisabeth Blochmann: Adolf Reichwein als Professor an der
Hrsg. von Jürgen Schmädeke/Peter Steinbach (­Publikationen der Pädagogischen Akademie Halle 1930–1933. [Verfasst 1950].
Historischen Kommission zu Berlin). In: Reichwein 2011–2013 (Anm. 9), Bd. 3, S. 443–444, bes. S. 443.
München 1994, S. 779–798. 19  Die Darlegung der Lebensgeschichte folgt in Teilen Alfons
2  Vgl. Alfons Kenkmann: Zwischen Nonkonformität und Wider- Kenkmann: Kämpfer und Außenseiter: Der „rote Ruhrkaplan“
stand. Abweichendes Verhalten unter nationalsozialistischer Carl Klinkhammer. In: Verfolgung und Lebensgeschichte. Diktatur­
Herrschaft. In: Das „Dritte Reich“. Eine Einführung. Hrsg. von erfahrungen unter nationalsozialistischer und stalinistischer Herr-
Dietmar Süß/Winfried Süß. München 2008, S. 143–162, bes. S. 151–152. schaft in Deutschland. Hrsg. von Friedhelm Boll. Berlin 1997,
3  Die biografische Zuspitzung folgt Überlegungen, die ich in S. 43–61. – Zum Teil hagiografisch Bruno Kammann: Carl
­einem Vortrag auf der Tagung „Die Jugendbewegung und ihre ­Klinkhammer. Ruhrkaplan, Sanitätssoldat und Bunkerpastor.
Wirkung in Politik, Gesellschaft und Kunst 1913–2013“ im Deutschen 1903–1997 (Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte
Literaturarchiv Marbach am 8. März 2013 entwickelt habe. und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens 55). Essen 2001.
4  Alf Lüdtke: Eigen-Sinn. Fabrikalltag, Arbeitererfahrungen 20  Videointerview Alfons Kenkmann mit Carl Klinkhammer,
und Politik vom Kaiserreich bis in den Faschismus. Hamburg 1993, Düsseldorf, 5. Januar 1993. Das Interview wurde vier Jahre vor dem
S. 377–378. Tod Klinkhammers in mehreren Sitzungen im Auftrag der Mahn- und
5  Lüdtke 1993 (Anm. 4), S. 381. Gedenkstätte der Landeshauptstadt Düsseldorf und des Hauses der
6  Michael Wildt: Geschichte des Nationalsozialismus. Göttingen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, durchgeführt.
2008, S. 13–15. 21  Michael Hirschfeld: Katholisches Milieu und Vertrieben.
7  Die Ausführungen zu Adolf Reichwein orientieren sich an Eine Fallstudie am Beispiel des Oldenburger Landes 1945–1965
Alfons Kenkmann: Adolf Reichwein. In: Jugendbewegt geprägt. (Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte
Essays zu autobiographischen Texten von Werner Heisenberg, ­Ostdeutschlands 33). Köln 2002, S. 376. – Siehe auch Heinz H
­ ürten:
Robert Jungk und vielen anderen. Hrsg. von Barbara Stambolis Deutsche Katholiken 1918–1945. Paderborn u.a. 1992, S. 69–73. –
(Formen der Erinnerungen 52). Göttingen 2013, S. 357–368. Besonders beim Quickborn in der Weimarer Republik gab es einen
8  Zu den biografischen Ausführungen siehe Ullrich Amlung: starken linkskatholischen Flügel, siehe Martin ­Stankowski: Links-
Kurze biographische Skizze Adolf Reichweins. In: Adolf Reichwein katholizismus nach 1945. Die Presse oppositioneller Katholiken in
1898–1944. Reformpädagoge, Volkskundler, Widerstandskämpfer. der Auseinandersetzung für eine demokratische und sozialistische
Vorträge im Rahmen einer Akademischen Feierstunde anlässlich der Gesellschaft. Köln o. J. [1976], S. 8.
Übergabe des Adolf-Reichwein-Archivs am 1. Dezember 1989. Hrsg. 22  Heiner Budde: Man nannte sie „rote“ Kapläne. Priester an der
von Ullrich Amlung/Walter Wagner. Marburg 1990, S. 45–49. – Chris- Seite der Arbeiter. Skizzen zur christlichen Sozialtradition. Köln
tian Salzmann: Zur Biografie von Adolf Reichwein. In: Pädagogik und 1989. – Heiner Budde: Die „roten“ Kapläne. Priester an der Seite
Widerstand. Pädagogik und Politik im Leben von Adolf Reichwein. der Arbeiter. Skizzen aus christlicher Sozialtradition. Köln 1978.
Hrsg. von Christian Salzmann (Sonderheft der Schriftenreihe des 23  Interview Alfons Kenkmann mit Carl Klinkhammer, ­Düsseldorf,
Fachbereichs 3, Universität Osnabrück). ­Osnabrück 1984, S. 17–24. 2. Dezember 1994.
9  Adolf Reichwein: Jungarbeitererziehung durch Auslands­reisen. 24  Vgl. hierzu Claus Haffert: Die katholischen Arbeitervereine
In: Der Zwiespruch. Zeitung der jungen Generation 13, 1931; Westdeutschlands in der Weimarer Republik. Essen 1994.
zitiert nach Adolf Reichwein: Pädagogische Schriften. 5 Bde. 25  Videointerview Alfons Kenkmann mit Carl Klinkhammer,
Bad Heilbrunn 2011–2013, Bd. 3, S. 238–241, bes. S. 239. Düsseldorf, 5. Januar 1993.
10  Helmut Fend: Sozialgeschichte des Aufwachsens. ­ 26  Siehe auch: „Der schwarze Bolschewik“. In: Bernhard P
­ arisius:
Bedingungen des Aufwachsens und Jugendgestalten im Lebenswege im Revier. Essen 1984, S. 92–112.
­zwanzigsten Jahrhundert. Frankfurt a.M. 1988. 27  Archiv der Kolpingfamilie Recklinghausen-Zentral,
11  Georg Kerschensteiner: Der Begriff der Arbeitsschule. ­Tagebuch-Chronik No 1, Eintrag Nr. 154.
­München 1912. 28  Videointerview Alfons Kenkmann mit Carl Klinkhammer,
12  Fritz Borinski: Adolf Reichwein – sein Beitrag zur Arbeiter- und ­Düsseldorf, 6. Januar 1995. – Zu den Konflikten zwischen den neuen
Erwachsenenbildung. In: Adolf Reichwein 1898–1944. Erinnerungen, nationalsozialistischen Machthabern und Friedrich Muckermann
Forschungen, Impulse. Hrsg. von Wilfried Huber/Albert Krebs. siehe Friedrich Muckermann: Im Kampf zwischen zwei Epochen.
Paderborn u.a. 1981, S. 63–86, bes. S. 77. Lebenserinnerungen. Bearb. von Nikolaus Junk (Veröffentlichungen
13  Günter Brakelmann: Der Kreisauer Kreis, ein Überblick. der Kommission für Zeitgeschichte. Reihe A: Quellen 15). 3. Aufl.
In: 20. Juli 1944. Aufstand des schlechten Gewissens. Texte und Mainz 1985, S. 551–573.
Bilder der gemeinsamen Veranstaltungsreihe des Evangelischen 29  Bericht des Essener Polizeipräsidenten an die Staats­polizei­
Forums Münster e.V., des Geschichtsortes Villa ten Hompel und der stelle beim Regierungspräsidenten in Düsseldorf vom 2. März 1934.
Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster e.V. Düsseldorf, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland,
Hrsg. von Andreas Determann/Jörg Simonsmeier/Christoph Spieker. Bestand Gestapo-Personenakten (RW 58), Bd. 61359, Bl. 16.
Münster 2004, S. 7–17, bes. S. 8. 30  Siehe Bericht an die Geheime Staatspolizei, Staatspolizei­
14  Brakelmann 2004 (Anm. 13), S. 8. stelle Neustadt an der Weinstrasse vom 21. Juni 1937. ­Landes­archiv
15  Brakelmann 2004 (Anm. 13), S. 9. Speyer, H 42/XV C 1/213, unpaginiert.
16  Vgl. Ullrich Amlung: „… in der Entscheidung gibt es keine 31  Essener Allgemeine vom 09.07.1937.
Um­wege“. Adolf Reichwein 1898–1944. Reformpädagoge, Sozialist, 32  Interview Alfons Kenkmann mit Carl Klinkhammer, ­Düsseldorf,
Widerstandskämpfer. 3. aktualisierte u. erw. Aufl. Marburg 2003, 25. März 1993.
S. 76–77.

146 „Ja, die Fahne ist mehr als der Tod“


33  Zum katholischen Blick auf die Sowjetunion siehe Heribert
Smolinsky: Das katholische Rußlandbild in Deutschland nach dem
Ersten Weltkrieg und im „Dritten Reich“. In: Das Rußlandbild im
Dritten Reich. Hrsg. von Hans-Erich Volkmann. Köln u.a. 1994,
S. 323–355.
34  Carl Klinkhammer: Jugend im Umbruch. In: Neues Abend-
land 2, 1947, April, S. 33–35, bes. S. 35.
35  Die Vorfälle um „Die Sünderin” sind sehr gut dokumentiert.
Düsseldorf, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland,
Bestände NW 34/4, NW 156/306 u. NW 179/1020.
36  Karl-Jürgen Miesen: Sonnenscheins Sohn. Biographische
Skizze über Carl Klinkhammer. In: Kirche in der Großstadt. ­Fest­gabe
für Carl Klinkhammer zum 80. Geburtstag. Hrsg. von Hans
Waldenfels/Josef Jäger. Düsseldorf 1983, S. 126–167, ­bes. S. 131–132.
37  Der Name ist anonymisiert.
38  Staatspolizeiliche Vernehmung Heinz Kasten, 20. Oktober 1937.
Düsseldorf, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland,
Bestand Staatsanwaltschaft beim Landgericht ­Düsseldorf (Rep. 17),
Bd. 248, Bl. 17–18.
39  Ebd.
40  Ebd.
41  Alfons Kenkmann: Wilde Jugend. Lebenswelt großstädtischer
Jugendlicher zwischen Weltwirtschaftskrise, N
­ ationalsozialismus
und Währungsreform (Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landes-
geschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens 42). Essen
1996, bes. S. 125.
42  Kenkmann 1996 (Anm. 41), S. 79.
43  Urteil des Sondergerichts für den Oberlandesgerichts­­bezirk
Köln vom 18. Dezember 1937. Düsseldorf, Landesarchiv Nordrhein-
Westfalen, Abteilung Rheinland, Bestand Staatsanwaltschaft beim
Landgericht Düsseldorf (Rep. 17), Bd. 249, Bl. 320–346,
bes. Bl. 320–321.
44  Zu den Leipziger Meuten grundlegend Alexander Lange:
Meuten – Broadway-Cliquen – Junge Garde. Leipziger Jugend-
gruppen im Dritten Reich (Geschichte und Politik in Sachsen 27).
Köln/Weimar/Wien 2010. – Alexander Lange: Leipziger Meuten und
Broadway-Cliquen: Jugendopposition im Nationalsozialismus.
In: Kohte, Kanu, Kino und Kassette. Jugend zwischen Wilhelm II.
und Wiedervereinigung. Hrsg. von Leonard Schmieding/Alfons
Kenkmann. Leipzig 2012, S. 101–119.
45  Vgl. Kenkmann 2008 (Anm. 2), S. 147–148.
46  Das Moment der Adaption von Angeboten der national­
sozialistischen Bewegung aufseiten der subkulturellen Jugendlichen
bleibt in der aktuellen Rezeption meist außen vor, da sich diese zu
sehr auf Köln, und hier insbesondere auf den nicht verallgemein-
erbaren Sonderfall einer Köln-Ehrenfelder Jugendgruppe Köln
­bezieht. Siehe etwa Elisabeth Zöller: Wir tanzen nicht nach Führers
Pfeife. Ein Tatsachen-Thriller [!!! A.K.] über die Edelweiss­piraten.
München 2012.

Bildnachweis
Privatarchiv · Abb. 1
Fotoarchiv Ruhr Museum, Essen · Abb. 2

Jugendbewegter Eigensinn unter den Bedingungen der NS-Volksgemeinschaft 147


Und wie - der ­ er - blüht nach N

„Und wieder Trotz der äußerst bedrückenden Lebensverhältnisse nach Ende des Zwei-
ten Weltkriegs stellten für viele Angehörige der jüngeren Generation, die

­erblüht nach
nun spürten, wie sehr sie ihrer Jugend beraubt worden waren, die frühen
Nachkriegsjahre eine Phase des „Hungers nach einer neuen Welt“ 1 und
engagierten Bemühens um einen kulturellen Neuaufbruch dar: Es ging

Nebel und
ihnen darum, das erlebte Kriegsgrauen zu verdrängen und sich lebens-
volle Horizonte auch musisch-künstlerisch zu erschließen. Selbst in klei-
nen Orten bildeten sich neue Theater-, Volkstanz- und Singegruppen, und

Nacht ein auch die vom NS-Regime massiv unterdrückte jugendbündische Vielfalt
entstand wieder. Jetzt waren es vor allem kurz vor dem Ersten Weltkrieg
und um 1920 Geborene, die – so hat es einer der damals wirkungsvolls-

­strahlender ten jugendbewegten Anreger aus dieser Altersgruppe, Walter „Tejo“ Scherf
(1920–2010), ausgedrückt – bereit waren, sich intensiv „um die Jugend zu
kümmern […] und ihr das zu geben, was ihr in großen Teilen die national-

Tag im Lande“ sozialistische Herrschaft verwehrt und vorenthalten hat.“ 2 In der Wieder-
belebung der in den 1920er Jahren verbreiteten Volks- und Fahrtenlieder
der bündischen Jugend, nicht zuletzt aber in vielen neuen Liedern spiegel-
Jürgen Reulecke te sich der Wunsch nach abenteuerlichen Aufbrüchen und beglückenden Erfahrungen von Freiheit
und Weite wider. Typisch dafür war jenes Lied von Alfred Zschiesche (1908–1992), das mit der hier als
Titel gewählten Zeile beginnt und in der ersten Strophe bereits die Sehnsucht beschwört, „nach Ne-
bel und Nacht“ endlich wieder „zu sprengen Fesseln und Bande“ und „die Weite zu gewinnen“. Zschie-
sche, der schon Anfang der 1930er Jahre das geradezu zum Volkslied gewordene Stück „Wenn die
bunten Fahnen wehen“ geschaffen hatte, war – während des NS-Regimes zunächst als Mitglied des
Nerother Wandervogel verfolgt – schwer verwundet aus dem Krieg zurückgekommen. Er gehörte zu
den Liedermachern neuer Lieder, zu denen auch einige zählten, die in den 1930er Jahren NS-Lieder
– wie Hans Baumann (1914–1988) mit seinem Lied „Es zittern die morschen Knochen“ 3 – verfasst hat-
ten, jetzt aber in ihren Schöpfungen nur noch naturbezogene Fröhlichkeit, Wanderlust und Fernweh
beschworen. Beispiele von Baumann dafür sind „Von allen blauen Hügeln reitet der Tag ins Land“
sowie „Und die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit“. Der Mitbegründer der ehemaligen Jugendmusikbe-
wegung Walther Hensel (1887–1956) schuf den Text des viel gesungenen Liedes „Im Frühtau zu Berge
wir ziehn, fallera“, Richard Grüßung (1913–1994) hatte „Die Weite, die grenzenlos in sich das Leben
verschließt“ verfasst, und auf Jens Rohwer (1914–1994) geht das Lied „Wer nur den lieben langen
Tag“ 4 zurück. Solche Lieder waren bis etwa 1960 in vielen Gruppen der freien Jugendbewegung weit
verbreitet, darüber hinaus in den großen kirchlichen Jugendorganisationen und im Musikunterricht
der Volksschulen: In dem seit 1953 in großen Auflagen erscheinenden Liederbuch des Christlichen
Vereins Junger Männer (CVJM) „Die Mundorgel“ finden sich viele Lieder dieses Typs.5

148 „Und wieder ­erblüht nach Nebel und Nacht ein s­ trahlender Tag im Lande“
e - bel und Nacht ein ­s trah- len-der Tag im Lan - de

Bezogen sich die bisherigen Hinweise im Wesentlichen auf eine zwar auf jugendbewegte
Ursprünge zurückgehende, in den Nachkriegsjahren jedoch breit entfaltete allgemeine Singe-
kultur, so ist anzumerken, dass sich davon – abgesehen von einer grundsätzlichen Kritik am
„Gift der blauen Blume“ – schon früh eine der Tradition der Jungenschaft verpflichtete Reihe
von Impulsgebern abgesetzt hat. So warnte Walter Scherf vor den vielen „Händlern mit Ersatz-
waren“ und den „Jahrmärkten leichthin angebotener, aber gänzlich unzureichender Stoffe, Vor-
spiegelungen, Scharlatanerie“: Auf das „dick aufgetragene romantische Zeug einer sentimentalen
Zeit“ sollten die bündischen Jugendgruppen nicht hereinfallen, sondern sich diesem mit dem
Singen von „einfachen Liedern von den Steppen und Strömen, Prärien und großen Wäldern, von
den Hirten, Jägern, Bauern und Fischern in anderen Kulturkreisen dem verbreiteten Talmi“ ent-
gegenstellen.6 Walter „Tejo“ Scherf, Werner „Hussa“ Helwig (1905–1985), Karl Christian „Teut“
Müller (1900–1975) und später Erich „Olka“ Scholz (1911–2000) sowie die Herausgeber des seit
1952 erscheinenden bekannten Liederbuchs „Der Turm“ Konrad Schilling und Helmut König und
noch andere sorgten mit der Verbreitung vieler Lieder aus fremden Kulturen und mit eigenen
Liedschöpfungen dafür, dass es noch einmal zu einer neuen jugendbewegten Liedkultur kam –
mit nachhaltigen Wirkungen auf die damals heranwachsende Kriegskindergeneration bis weit
in die 1960er Jahre hinein:7 Der Start der seit 1964 auf der Burg Waldeck im Hunsrück stattfin-
denden Festivals „Chansons Folklore International“ gehört in diese Linie.8 Sie wurden geradezu
„zu einem Brennpunkt der kulturellen und politischen Kontroversen in den dynamischen 1960er
Jahren“,9 ehe dann dort 1969 der Ruf ertönte: „Stellt die Gitarren in die Ecke und diskutiert!“ 10

1 Rolf Schörken: Die Niederlage als Generationserfahrung. 7 Zu Scherf siehe Düsseldorff 1996 (Anm. 2), zu Helwig siehe
­Weinheim/München 2004, S. 128–132. Richard Bersch: Pathos und Mythos. Studien zum Werk Werner
2 Karl Düsseldorff: Persönliche Eindrücke und Rückblicke von Helwigs. Frankfurt a.M. 1992; zu Müller siehe Torsten Mergen:
Walter Scherf. In: Jugend zwischen Selbst- und Fremdbestim- Der Kampf um das Recht der Musen. Leben und Werk von Karl
mung. Hrsg. von Burkhard Dietz/Ute Lange/Manfred Wahle. ­Christian Müller alias Teut Ansold (1900–1975). Göttingen 2012;
Bochum 1996, S. 179–202, Zitat S. 181. zu Scholz siehe Fritz Schmidt u.a.: Der jugendbewegte Schrift-
3  Zu Baumann und diesem Lied siehe Winfried Mogge: „Und steller Erich Scholz-olka (1911–2000). Schwalbach/Ts. 2011. – Zum
heute gehört uns Deutschland …“. Entstehung und Nachwirkung „Turm“ siehe Konrad Schilling (unter Mitarbeit von Horst Zeller):
eines Liedes 1933–1993. In: Lieder im Generationengedächtnis des Der Turm. Idee – Anspruch – Wirkung – Ergebnis. In: Der Ring wird
20. Jahrhunderts. Hrsg. von Barbara Stambolis/Jürgen Reulecke. geschlossen, der Abendwind weht. Festschrift für Helmut (helm)
Essen 2007, S. 175–184. König. Hrsg. von Roland Eckert u.a. Berlin 2010, S. 31–92.
4 Siehe Helmut König: „Wer nur den lieben langen Tag“. 8 Hotte Schneider: Die Waldeck. Lieder, Fahrten, Abenteuer.
­Gedankenkreise um das Lied von Jens Rohwer. In: Lieder im Die Geschichte der Burg Waldeck von 1911 bis heute. Potsdam
­Generationengedächtnis 2007 (Anm. 3), S. 275–290. 2005. – Michael Kleff: Die Burg Waldeck 1964–1969. Chansons
5 Hierzu und zum Folgenden Helmut König: Der Zupfgeigen- ­Folklore International, Hambergen 2008. – Detlef Siegfried: Time
hansl und seine Nachfolger. In: Auf dem Weg. Festschrift zu Peter Is on My Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugend-
Lampasiaks achtzigstem Geburtstag. Hrsg. von Ilse Wellershoff- kultur der 60er Jahre. Göttingen 2006, darin bes. S. 571–600.
Schuur/Kay Schweigmann-Greve. Hannover 2008, S. 23–30. 9 Siehe den Beitrag „Chanson Folklore International“ von
6 Walter Scherf: Unsere Lieder (1952), Wiederabdruck in: Walter Detlef Siegfried im vorliegenden Band.
Scherf: Lautlos wandert der große Bär. Heidenheim 1982, S. 64. 10 Zitiert nach Schneider 2005 (Anm. 8), S. 363.

149
Hans-Ulrich Thamer

Wiederbegründung und kurze jugendbündische ‚Blütezeit’ nach 1945

„Wir wollen miteinander wieder anfangen“, schrieb im Dezember 1945 Theodor Heuss (1884–1963),
damals Kultusminister des Landes Württemberg, in seinem Geleitwort zur ersten Ausgabe der
Zeitschrift „Das junge Wort“, einer der vielen, meist kurzlebigen Zeitschriften, die für die ­„junge
Generation“ sprechen wollten (Abb. 1).1 Das „Miteinander“ bezog der spätere B­undespräsident
auf die Begegnung der Generationen mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen und ­mentalen
Prägungen. Es ließ sich aber auch auf die Begegnung der unterschiedlichen Biografien und
Erinnerungen während der NS-Zeit beziehen. Dazu gehörten – in der jungen Generation, ganz
ähnlich wie in der Welt der Erwachsenen – die Erfahrungen und Verstrickungen einstiger
Jungvolkführer und Mitläufer wie die völlig anderen Lebensgeschichten von Angehörigen des
J­ugendwiderstandes und der Emigration.
Bei ihrer Suche nach einem neuen Anfang orientierten sich diejenigen, die noch über eine
jugendbewegte Erfahrung oder Erinnerung verfügten, an jugendbündischen Traditionen, von
denen sie sich vertraute Orientierungen versprachen. Heimabende und Singetreffen, Fahrt
und Zeltlager, aber auch Wimpel und Kluft wurden als Elemente der Kommunikation und
Selbstidentifikation wie selbstverständlich übernommen, freilich mit dem Bedürfnis verbun-
den, sie von allzu eindeutigen Verhaltensmustern der HJ-Erziehung zu reinigen. Diese war
durch einen maßlosen militärischen Drill und durch einen absoluten, zur willenlosen Unter-
ordnung ausufernden Führergehorsam zu definieren, aber in der Praxis der jugendbewegten
Gruppen auf den ersten Blick nicht ohne Weiteres zu erkennen. Denn Uniformen und militäri-
sche Hierarchien waren schon Elemente der zunehmenden Militarisierung jugendbündischer
Gruppenformen der 1920er Jahre gewesen. Darum war in der Debatte um Führung und Ge-
meinschaft, wie sie in dieser Zeit geführt wurde, der Gedanke eines Führerkultes nicht fremd.
Auch die bündischen Lebensformen der Weimarer Republik, an die man anknüpfte,
­waren in sich bereits vielschichtig und ambivalent.2 Neben der jungenschaftlichen Betonung
der ­Autonomie und Selbstverwirklichung in der kleinen Gruppe hatten sich auch schon in Abb. 1: Titelblatt der Zeitschrift
den 1920er Jahren „scoutistische“, militärisch-hierarchische Wert- und Verhaltensmuster mit „Unser Schiff“, 1946
(vgl. [Link]. 249)
stärker individualistisch-autonomen Momenten, die noch aus dem Vorkriegs-Wandervogel
stammten, in unterschiedlicher Ausprägung und Mischung zu dem vermengt, was man dann
„bündisch“ nannte.
Diese verwirrenden und miteinander verschlungenen Traditionslinien sollten sich auch
in der kurzen bündischen Blütezeit der 1950er Jahre fortsetzen. Die Vielfalt der Traditionen,
die wiederbelebt wurden, war nur für die Mitglieder und Insider von Bedeutung; nach ­außen

150 „Und wieder ­erblüht nach Nebel und Nacht ein s­ trahlender Tag im Lande“
wirkte die bündische Jugend noch einmal durch ihre Gemeinschaftsformen, vor allem durch
ihre Fahrten, Lieder und Rituale. Sie bestimmten das Lebensgefühl und das Gruppenleben und
waren vor allem für die Jüngeren in den Bünden attraktiv und prägend. Diesem Erlebnis der
Gemeinschaft und der Zugehörigkeit, die auch die eigene Individualität förderte, konnten die
Debatten und Streitigkeiten der Älteren um die eine oder andere Tradition und Vorbildhaftigkeit
nichts anhaben. Das galt auch für den erneuerten
organisationspolitischen Streit, dem man schon in
den 1920er Jahren begegnen ­konnte, ob man einen
gesellschaftlich einflussreichen „Großbund“ anstre-
ben oder sich auf die im eigenen Selbstverständnis
„unpolitischere“ Form des autonomen Jungenbun-
des beschränken ­sollte. Unabhängig von diesen
endlosen Debatten der ­Älteren zählte auch in der
zweiten Nachkriegszeit für die Jüngeren, die meist
aus bürgerlichem Hause stammten und die in der
Gruppe, vor allem wenn sie vaterlos aufwachsen
mussten, eine zweite Identität suchten, das Lebens-
gefühl der Gemeinsamkeit und der kreativen Indi-
vidualität, die das Leben in der Gruppe vermittelte:
auf den großen Fahrten wie im Zeltlager, durch ge-
meinsames Singen und romantisch-geheimnisvolle
Rituale (Abb. 2 u. 3). Daran hielt man, unabhängig von politischen Einflussnahmen und Verän- Abb. 2: Osterlager der ­Deutschen
derungen, fest und das galt unabhängig von allen Abspaltungen und Fraktionsbildungen für Jungenschaft Marburg in
­Neckarsteinach, Fotografie, 1948
beinahe alle Gruppen und Bünde. Daraus speiste sich dann auch der Wille zur Gemeinsamkeit (vgl. [Link]. 250)
und Einheit, aber ebenso zur Bewahrung der Autonomie.
Dass sich in die Gemengelagen der unterschiedlichen Erfahrungen und Traditionen auch
nationalsozialistische Denk- und Verhaltensmuster eingegraben und in das alltägliche Gruppen­
leben beigemengt hatten, war nach den Lebensbedingungen in der totalitären Konsensdiktatur
nicht weiter verwunderlich und stand den Zeitgenossen des Zusammenbruchs, auch als Mög-
lichkeit der Integration der Belasteten und Mitläufer, meist sehr viel deutlicher vor Augen als
den Nachgeborenen.3 Diese sollten erst in den unruhigen und „kritischen“ 1960er Jahren dar-
auf aufmerksam werden. Ihren Ausdruck fand diese Gemengelage auch in der Art und Weise,
wie man darüber sprach: Da war die Rede davon, dass man nicht „alles Vergangene“ als „über-
holt verschmähen und verfemen“ solle. In einer Jugendzeitschrift wurde eine heftige Debatte
­darüber geführt, ob „denn alle Einrichtungen der HJ wirklich so verbrecherisch“ waren. Statt-
dessen ­plädierte man für einen „Jugendbund, der die Begriffe von Führung und Gefolgschaft,
von Treue und Opferbereitschaft wieder zu dem machen soll, was sie in ihrem Ursprung waren:
Begriffe des Wertvollsten und Entscheidendsten im Leben einer Jugend überhaupt.“ 4 Auch in Abb. 3: Titelblatt der Zeitschrift
den ­jugendbewegten Bünden sprach man davon, die überkommenen und nun neu gedeuteten „Am Lagerfeuer“, 1947
(vgl. [Link]. 249)
Traditionen von dem Missbrauch durch den Nationalsozialismus befreien zu wollen, um sich
von der „­ großen Schuld rein zu waschen“.
Anfangs führten die inzwischen erwachsenen Jugendbewegten, ehemalige NS-Mitglieder,
Mitläufer, Antifaschisten und Remigranten, die sich beispielsweise 1947 zum Altenberger Kon-
vent trafen, eine sehr offene und ehrliche Diskussion über die eigenen Erfahrungen und Verfeh-
lungen mit dem Ziel einer „geistigen Überwindung des Nationalsozialismus.“ 5 Ähnlich wurde
in den Ludwigstein-Berichten von 1948 der „Geist des gegenseitigen unbedingten Vertrauens“
hervorgehoben, der „es möglich machte, rückhaltlos persönlichste Bekenntnisse abzulegen und

Wiederbegründung und kurze jugendbündische ‚Blütezeit’ nach 1945 151


anzuhören.“(Abb. 4). Man verstand es als „Wunder, dass es in dieser Zeit voll gegenseitigem
Hass, Misstrauen und Korruption doch noch eine Gemeinschaft gibt, […] die uns wieder hoffen
lässt, dass es möglich ist, einmal wieder andere Zeiten zu erleben.“ 6 Die Distanz zum National­
sozialismus, die mehr oder weniger selbstverständlich war, blieb relativ abstrakt oder wurde
recht allgemein formuliert; allzu genau wollte man nicht nachfragen.
Dass man sich sehr rasch und eindeutiger mit Opfern wie Anne Frank
(1929–1945), deren Tagebuch bei den Gruppentreffen gelesen wurde,
oder mit Widerständlern wie aus dem Kreis der Weißen Rose identi-
fizieren mochte und konnte, gehörte ganz selbstverständlich zum ju-
gendlichen Orientierungs- und Identifikationsbedürfnis und wurde
sofort in den Kanon politischer Bildung und jugendlicher, auch jugend-
bündischer Erziehung aufgenommen; nach der Verantwortung für das
Schicksal der Opfer und das Verhalten der wenigen Mutigen musste
man dann nicht fragen.
Überall, bei den jugendbündischen Treffen wie in den intellek-
tuellen Diskursen in Publizistik und Theater, wurde die Jugend – wie
schon einmal ein halbes Jahrhundert vorher – als Träger eines neuen
Anfangs beschworen. In den vielen Reden an die Jugend, die zwischen
1945 und 1950 gehalten oder in Zeitschriften publiziert wurden, spie-
gelten sich das Selbstverständnis und die Zukunftserwartungen einer
Gesellschaft, deren wache Geister sich nach einem Neuanfang sehn-
ten.7 Einen solchen sollte die Jugend wagen, nachdem alle anderen
sinnstiftenden Wertbegriffe wie „Vaterland“, „Staat“ und „Ehre“ mehr als fragwürdig geworden Abb. 4: Treffen des Freideutschen
waren. Jugend müsse sich selbst finden. Sie brächte, ungeformt wie sie nun einmal wäre, für die Kreises auf Burg Ludwigstein,
Fotografie, 1948
Suche nach neuen Formen bessere Voraussetzungen mit als die ältere Generation. Was man der
Jugend an Erwartungen mit auf den Weg gab, waren jedoch Vorstellungen, die dem eigenen Den-
ken und eigenen Wertmustern entsprangen. Bei den jugendbündischen Treffen war es die Suche
nach „innerer Wahrhaftigkeit“, die man ganz im Sinne der Meißnerformel von 1913 beschwor. In
den öffentlichen Schriften und Reden an die Jugend empfahlen die Wortführer der Dreißig- und
Vierzigjährigen der jungen Generation, ihre Suche an den Werten eines christlichen Humanis-
mus oder eines „sauberen Sozialismus“ 8 zu orientieren. Das waren die Programme, die bald zu
den Leitbegriffen der entstehenden Jugendverbände der Kirchen, Parteien und der staatlichen
Jugendpflege wurden. Im Alltag ihrer Organisationen verschwand mehr und mehr das Angebot
an die jüngere Generation, sich selbst zu finden und sich dafür Zeit zu nehmen. Spätestens in den
1950er Jahren wurde aus dem Angebot ein Anforderungskatalog an die junge Generation, deren
„Kräfte in richtige Bahnen“ gelenkt werden müssten. Es gebe, so der damalige Innenminister
Gerhard Schröder (1910–1989) vor dem Bundesjugendring im November 1953, „ewige Gesetze des
Lebens und der Geschichte“, die auch die Jugend anerkennen müsse. Dazu gehörten Nation und
Familie, die „seelischen Behausungen der Menschen im Großen“ wie im Kleinen, deren „Leid“ als
Folge der deutschen Teilung auch die Jugend in sich aufnehmen und deren Existenz sie notfalls
auch mit Waffengewalt verteidigen müsse.9 Was ein halbes Jahrzehnt zuvor noch auf dem kri-
tischen Prüfstand der intellektuellen Debatten stand, schien nun wieder allgemein akzeptiert.
Die autonomen jugendbewegten Gruppen, die gegenüber den mächtigeren Jugendverbän-
den zahlenmäßig eine kleine Minderheit bildeten, und sich aufgrund ihres bürgerlich-elitären
Selbstverständnisses von den Massenorganisationen der Jugendverbände und der Jugendpflege
fernhielten, blieben von diesem Wandel der politischen Mentalitäten, der auch mit den neuen
Erfahrungen des Kalten Krieges zu tun hatte, sicherlich nicht unbeeinflusst, doch sie lenkten das

152 „Und wieder ­erblüht nach Nebel und Nacht ein s­ trahlender Tag im Lande“
Potenzial ihrer jugendbündischen Autonomie mehr nach innen. Sie zogen damit die ihnen eigene
Konsequenz, die sich allein schon aus der Kontinuität ihrer Lebens- und Gruppenformen ergab.
Fahrt und Lager führten sie nicht in die Gesellschaft, sondern „hinein in den Wald.“ 10 Man berief
sich auf die deutsche und bündische Tradition des „Unpolitischen“ und mied politische Themen,
vor allem wenn sie als parteipolitisch vermittelt (und damit verfälscht) galten. Politik wurde im
allgemeinen politischen Diskurs vom Staat her gedacht und weniger vom Individuum.11
Solche Verhaltensformen und Mentalitäten, die eng mit dem Autoritarismus und dem
­Ordnungsbedürfnis der 1950er Jahre verbunden waren und in der Regel für die Väter wie für
die Söhne galten, waren nicht für alle jugendbündischen Wieder- und Neubegründungen glei-
chermaßen gültig, aber sie prägten anfangs sicherlich den Mainstream. Zeitzeugen und His-
toriker unterscheiden innerhalb dieses verworrenen und verwirrenden Spektrums der Bünde
und Gruppen zwischen vier mehr oder weniger klar organisierten, idealtypischen Richtungen
bündischer Jugend,12 die sich – meist auf lokaler Ebene – zugleich in Konkurrenz zu anderen
konfessionellen oder parteipolitischen Jugendgruppen befanden und trotz ihrer Minderheiten-
position für einige wenige Jahre noch einmal,13 ähnlich wie in den 1920er Jahren, mit ihren
aufsehenerregenden Fahrten nach Lappland wie nach Korsika und Griechenland, mit ihren frem-
den Liedern und auffälligen Symbolen, weit über das eigene Milieu hinaus stilbildend wirkten.
Da gab es ­wiederbegründete Wandervogelgruppen, die mit ihrem Gruppenstil den Gegensatz
zur bündischen­ ­Jugend noch einmal reproduzierten. Daneben bestanden Pfadfinderbünde, die
wegen ihrer anderen Wurzeln auch nach 1945 nicht vollständig in der Geschichte bündischer
Jugendbewegungen aufgingen und folglich zwischen einer Wiederbelebung des hierarchisch
­organisierten ­Scoutismus und der bündisch-autonomen Elemente schwankten.14 Sie besaßen
in der von den westlichen Besatzungsmächten kontrollierten unmittelbaren Nachkriegszeit
den Vorteil, dass sie besser in das Konzept von Jugendpolitik und in die Lizenzierungspraxis
passten. Zudem entwickelten sie sehr bald ein im Vergleich zu den autonomen Bündischen
­ausgeprägteres Organisationsge­füge, das sie weniger anfällig gegenüber Fraktionsbildungen
und Abspaltungen, dafür aber auch weniger offen für kritische Anregungen und Fragen ­machte.
­Drittens gab es schließlich die ­Jungenschaftskreise, die in unterschiedlichem Maße und – wenn
es um die legendäre Gründer­figur Eberhard „Tusk“ Koebel (1907–1955) ging – begleitet von
heftigen Kontroversen, an die Tradition von dessen dj.1.11, der Deutschen Jungenschaft vom
1.11.1929, anknüpften. Sie waren nach dem Urteil von Arno Klönne (geb. 1931) im jugendbeweg-
ten Umfeld besonders attraktiv, weil sie in ihrer Praxis jugendkulturellen Bedürfnissen beson-
ders entgegenkamen. Im deutlichen Unterschied zu den Pfadfindern verfügten sie jedoch auch
über wenig stabile ­Organisationsformen und Regelhaftigkeiten. Wenn sie diese auch um den
Preis einer gelegentlichen Kurzlebigkeit ihrer Gruppen ablehnten, waren sie damit umgekehrt
der zunehmenden Individualisierung und damit dem neuen Lebensgefühl der jungen Genera-
tion der frühen 1960er ­Jahre sehr viel näher als so mancher Pfadfinder. Das Bedürfnis nach
Unabhängigkeit und Vielfalt ­prägte auch die vierte Gruppierung, die nach Klönne als „Bündische
Freischar“ zu bezeichnen ist und die „eher eine Föderation recht unterschiedlicher Gruppen als
ein stilistisch geschlossener Bund“ war.15
Zur Identität (und auch Abgrenzung) bündischer Gruppen trug schließlich auch ihre trot-
zige Selbstbehauptung bei, mit der sie ihr Gruppenleben gegen die neue Form der Jugendkultur
verteidigten. Was sie an der neuen Jugendkultur, wie sie von den Besatzungsmächten und den
deutschen Behörden gefördert wurde, störte, beschrieb ein Mitglied einer „Jungen Kamerad-
schaft“ aus dem Pfadfinderbund „Großer Jäger“: „Als wir nach dem Zusammenbruch 1945 wieder
in die Schule gingen, forderte man uns auf, uns in einem Schülerklub zusammenzuschließen.
Schallplattenabende, Vorlesungen und Vorträge, Diskussionen über englische Kommunal­politik

Wiederbegründung und kurze jugendbündische ‚Blütezeit’ nach 1945 153


und demokratische Vorbilder sowie jugendgemäße Geselligkeitsveranstaltungen bieten so
manchen aber nicht die Erfüllung seiner Wünsche. So sammelt Günter einige Jungen um sich,
die zwar noch nicht genau wissen, was sie wollen, die sich aber darin einig werden, dass der
Schüler­klub sie mit seinem Programm in keiner Weise anspricht hat.“ 16
Was die „Jungen Kameraden“ mehr faszinierte, war die Möglichkeit zur Selbstgestaltung
einer Gemeinschaft mit einer eigenen Symbolwelt, wie sie ihnen zunächst von einem älteren
Gruppenführer vermittelt wurde. „Wir geben uns den von Günter vorgeschlagenen Namen ‚Junge
Kameradschaft‘ und als Zeichen die in einem aufrechtstehenden gleichseitigen Dreieck aus einer
Schale emporsteigenden Flamme. Die Ecken des Dreiecks sollen dabei Körper, Geist und Seele
darstellen, deren harmonische Bindung untereinander durch die Gleichseitigkeit betont wird.
Die aus der Schale lodernde Flamme symbolisiert das Feuer, das in unserem Kreise brennt, uns
in seinen Bann zieht und eigennützige Interessen verzehrend uns zu einer inneren Gemeinschaft
zusammenschweißen soll.“ 17
Zur Selbstfindung und Bekräftigung der neuen Gruppe ging man ein paar Wochen ­später
zur ersten Fahrt auf den Meißner, den „heiligen Berg“ der Jugendbewegung. Diese Erinnerung
­eines „Jungen Kameraden“ aus Hannoversch-Münden nennt die romantischen Werte, denen
in der Trümmergesellschaft die jugendlichen Träume galten: das Verlangen nach einer neuen
„Geistig­keit“, das Bedürfnis nach Gemeinschaft und symbolischer Selbstvergewisserung des
­eigenen Wertesystems durch Rituale, Lieder und Fahrten. Die politikfernen romantischen ­Lieder,
die man beim Wandern und im Lager sang, die Spiele und Tänze sowie die Feste und Feiern
mit ihren Feuerrunden erfüllten, anders als Jugendklubs und Jugendringe das tun konnten, ein
Stück nachgeholter Jugendträume, eine „gewisse Sehnsüchtigkeit“,18 von der viele Zeitzeugen
berichten.
Vor allem das gemeinsame Singen von Liedern diente der emotionalen Stiftung von
­Gemeinschaft. Was und wie etwas gesungen wurde, sagt mehr über die Erlebniswelt und das
Selbstverständnis, über Traditionsorientierung und Wandel aus als programmatische ­Texte
von den Älteren der Jugendbewegung. Anfangs dominierte im Liedgut der Rückgriff auf die
­Traditionen des Wandervogel und der bündischen Jugend. Danach lebten aber auch viele Lieder
weiter, die einen verschlungenen Weg hinter sich hatten, vom „Zupfgeigenhansl“ zu HJ-Lieder­
büchern, durch die diese Lieder, vermittelt vor allem von Hans Baumann (1914−1988) unter Ver-
wendung alter Melodien mit neuen, NS-konformen Texten, große Verbreitung gefunden hatten.
Sie ­waren so wirkungsmächtig, dass sie auch nach 1945 zunächst weitergesungen und von keiner
„Reinigungskommission“ beanstandet wurden.19 Seit den 1950er Jahren lässt sich jedoch eine
schrittweise Emanzipation von dieser Tradition des Liedgutes beobachten. Texte und Melodien
wurden internationaler, ausländische Volkslieder wurden aufgenommen und bald sang man in
den ­Jugendbünden Kosakenlieder, Lieder griechischer Bauern oder spanischer Freiheitskämpfer.
­Außerdem tauchten auf der Suche nach dem Fremden authentische Spirituals und der Jazz auf.
Der Nerother Wandervogel wurde in dieser Hinsicht ein wichtiger Impulsgeber für viele bündi-
sche Gruppen und fand auch eine breite Resonanz über die Grenzen jugendbündischer Kulturen
hinaus. Allerdings wurden die Differenzen und Spannungen in und zwischen den jugendbeweg-
ten Gruppen immer deutlicher, hinter denen sich weltanschauliche Lager abzuzeichnen began-
nen. Die Musik aus den USA beispielsweise wurde von völkisch-nationalistischen Gruppen als
„Negermusik“ diffamiert und es wurde heftig darüber gestritten, ob man sich dem Siegeszug des
„Jimmy- und Meckitums made in USA“, der mit der „Verwandlungspsychose seit 1945“ begonnen
habe, widersetzen müsse.20
Zu den auffälligen und wirkungsvollsten Neugründungen und jugendbündischen Samm-
lungsbewegungen der späten 1950er Jahre gehörte der Bund deutscher Jungenschaft, der durch

154 „Und wieder ­erblüht nach Nebel und Nacht ein s­ trahlender Tag im Lande“
seine musisch-intellektuelle Ausrichtung jungenschaftliche Traditionen aus der Zeit um 1930
fortsetzte, sie aber mit Liedern aus der internationalen Folklore, mit neuen Gestaltungsformen
seiner Publikationen und seines Auftretens sowie seiner Kluft verband und „modernisierte“.21
Vor allem waren es hier studentische Mitglieder, die für einen offenen Diskussionsstil sorgten,
der sich von dem Autoritarismus der Pfadfinder deutlich abhob. Hinzuweisen ist darüber hin-
aus, dass die Jungenschaftsbewegung insgesamt bis weit in die 1960er Jahre hinein innerhalb
der gesamten jugendbewegten Szene eine bemerkenswerte Vielfalt von „autonomen“ Gruppierun-
gen von Hamburg bis Aachen, Kassel, Nürnberg bis zum „Hortenring“ im Rhein-Wupper-Raum
­präsentierte. Der „Hortenring“ war insofern eine Besonderheit, als er weitgehend aus Jungen der
Arbeiterschicht bestand, die zum Teil früh politische Impulse aufnahmen, so zum Beispiel im
Umfeld der Ostermarschbewegung zu Beginn der 1960er Jahre.22
Das breite, aber zugleich recht heterogene jugendbewegte
Spektrum jener Jahre wurde für viele sichtbar und erkennbar bei
dem Meißnerfest von 1963, das aus Anlass der 50. Wiederkehr des
„Ersten Freideutschen Jugendtages“ von 1913 von den ­Älteren der
Jugendbewegung und den Jüngeren gemeinsam, wenn auch oft in
getrennten Veranstaltungsprogrammen, begangen wurde.23 Die-
ses Treffen von 1963 wurde in vielfacher Hinsicht zu einem Wen-
depunkt. Es war noch einmal eine große „Heerschau“ und Selbst-
darstellung der jugendbündischen Gruppen, die sich durch den
erneuten Versuch einer überbündischen Sammlung, den „Ring
junger Bünde“, der Öffentlichkeit wie den Herausforderungen
durch die modernen Jugendkulturen stellen wollten (Abb. 5). De-
ren übermächtiger Konkurrenz war man sich bewusst, zumal sie
dazu herausforderte, das Eigene jugendbündischer, autonomer
Lebensformen noch einmal zu formulieren. Auch den vom Natio­
nalsozialismus belasteten Teilen der Tradition versuchte man
sich zu stellen, was durch die eindrucksvolle Rede des Berliner
Theologen Helmut Gollwitzer (1908–1993) angestoßen wurde. In
den Resonanzen dieser Rede deuteten sich zwar auch die Spannungen und Spaltungen inner- Abb. 5: Kohtenlager und G ­ ruppen
halb der wiederbelebten Jugendbewegung an, in der es nach wie vor Unbelehrbare gab, doch auf dem Hohen Meißner,
­Fotografie Helmut Kalle, 1963
sie verstärkte gleichzeitig den Willen zur Öffnung zu Politik und Gesellschaft und zu einem
entspannteren Umgang mit der allgemeinen gesellschaftlichen Tendenz zu mehr Liberalisierung
und Individualisierung, was nicht zuletzt von einem erneuten Generationenwechsel bestärkt
wurde. Bündische Jungenschaften und Teile der Pfadfinder begaben sich auf den Weg „heraus
aus dem Wald, hinein in die Gesellschaft.“ 24 Die Unruhe der 1960er Jahre hatte auch die Jugend-
bewegung erfasst.
Dieser Weg, der in einer zunehmenden Polarisierung und Politisierung mündete, sollte frei-
lich die Existenz vieler autonomer Gruppen infrage stellen bzw. aufheben, und selbst Großbün-
de, wie den Bund deutscher Pfadfinder, vor heftige innere Auseinandersetzungen um Reform und
Wandel führen. Die unruhigen 1960er Jahre, symbolisiert schließlich durch das Jahr 1968, ließen
erkennen, dass die Geschichte der Nachkriegsjugendbewegung immer mehr zu einer „Restge-
schichte“ 25 wurde; dass die stilbildende Kraft, die einst die bündische Jugend ausgezeichnet und
die damit über das eigene Milieu hinaus gewirkt hatte, mittlerweile verblasst war.

Wiederbegründung und kurze jugendbündische ‚Blütezeit’ nach 1945 155


1 Theodor Heuß: Geleitworte. In: Das junge Wort 1, 1945, 17 Pfadfinderbund 1961 (Anm. 16), S. 34.
Nr. 1, S. 2. 18 Klaus von Bismarck: Jugend 1945. Meine Anfänge im
2 Dazu Hans-Ulrich Thamer: Autonomie und Gemeinschaft. Jugendhof Vlotho. In: Jugend vor einer Welt in Trümmern.
Wertmuster und Lebensformen der deutschen Jugendbewegung ­Erfahrungen und Verhältnisse der Jugend zwischen Hitler-
vom Wandervogel bis zur Bündischen Jugend. In: Recherches und Nachkriegsdeutschland. Hrsg. von Franz-Werner Kersting
germaniques. Sonderheft 6: Mouvements de jeunesse/Jeunes en (­Materialien zur historischen Jugendforschung).
mouvement. Hrsg. von Marc Cluet/Monique Mombert. Strasbourg Weinheim/München 1998, S. 271–282.
2009, S. 71–82. 19 Die wichtigen Hinweise zum Liedgut verdanke ich vor allem
3 Dazu die Thesen von Hermann Lübbe: Der Nationalsozi- Jürgen Reulecke, dem ich für die Durchsicht dieses Textes danke.
alismus im deutschen Nachkriegsbewußtsein. In: Historische 20 AdJb, A 204/1, Alfred Zitzmann: Deutscher Jungsturm
Zeitschrift 236, 1983, S. 579–599. (Selbstdefinition zur Publikation im Verbände-Archiv „dipa“).
4 Sämtliche Zitate aus den Jugendzeitschriften der Nachkriegs- 21 „Die klare Luft gibt’s heute umsonst…“. Der Bund deutscher
zeit bei Hans-Ulrich Thamer: „Tradition und Erbe“. Wiederbe- Jungenschaften. Hrsg. von Fritz Schmidt/Bernd Gerhard. Heiden-
gründungen und Verwandlungen jugendbündischer Denk- und heim 1986. – Hermann Korte: Eine kurze Geschichte des Bundes
Lebensformen in der westdeutschen Trümmergesellschaft. In: His- deutscher Jungenschaften aus persönlicher Perspektive.
torische Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs der deutschen In: Historische Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs der
Jugendbewegung N.F. 1, 2004, S. 14–32, bes. S. 19. ­deutschen Jugendbewegung N.F. 4, 2007, S. 67– 73.
5 Winfried Mogge: Der Altenberger Konvent 1947. Aufbruch 22 Frdl. Hinweis von Jürgen Reulecke.
einer jugendbewegten Gemeinschaft in die Nachkriegszeit. 23 Dazu Hans-Ulrich Thamer: Das Meißner-Fest der Freideut-
In: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung 18, schen Jugend 1913 als Erinnerungsort der deutschen Jugend-
1993–98, S. 391–418. bewegung. In: Historische Jugendforschung. Jahrbuch des
6 Freideutscher Rundbrief 4, 1948, S. 16; zitiert nach Heinrich Archivs der deutschen Jugendbewegung N.F. 5, 2008, S. 169–190,
Ulrich Seidel: Aufbruch und Erinnerung. Der Freideutsche Kreis bes. S. 181–188. – Vgl. in ebd.: Jürgen Reulecke: Hoher Meißner
als Generationseinheit im 20. Jahrhundert (Edition Archiv der 1913–2003: Zum Umgang mit einem Jubiläum. Ein essayistischer
deutschen Jugendbewegung 9). Witzenhausen 1996, S. 42. Annäherungsversuch, S. 191–214.
7 Dazu Jürgen Reulecke: „Laßt der Jugend Zeit!“ Jugend und 24 Conze 2012 (Anm. 10), S. 79.
Jugendpolitik nach 1945. In: Jürgen Reulecke: „Ich möchte einer 25 Arno Klönne/Jürgen Reulecke: „Restgeschichte“ und „neue
werden so wie die…“. Männerbünde im 20. Jahrhundert. Romantik“. Ein Gespräch über Bündische Jugend in der Nach-
Frankfurt a.M. 2001, S. 195–214. kriegszeit. In: Jugend vor einer Welt in Trümmern 1998 (Anm. 18),
8 Reulecke 2001 (Anm. 7), S. 206. S. 87–106.
9 Gerhard Schröder: Was erwartet der Staat von seiner
­Jugend? In: Ders.: Freie Jugend im freien Staat (Schriftenreihe Bildnachweis
der Bundes­zentrale für Heimatdienst 27). Bonn 1958, S. 9–16, Mindener Kreis · Abb. 2
bes. S. 13; zitiert nach Reulecke 2001 (Anm. 7), S. 198–199. Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen · Abb. 4, 5
10 So die treffende Charakterisierung von Eckart Conze:
„Pädagogisierung“ als Liberalisierung. Der Bund Deutscher
Pfadfinder (BDP) im gesellschaftlichen Wandel der Nachkriegs-
zeit (1945–1970). In: Pfadfinden. Eine globale Erziehungs- und
Bildungsidee aus interdisziplinärer Sicht. Hrsg. von Eckart Conze/
Matthias D. Witte. Wiesbaden 2012, S. 67–84.
11 Conze 2012 (Anm. 10), S. 73.
12 Dazu vor allem Arno Klönne: Außerschulische Pädagogik
im „Geiste der Jugendbewegung“. Anknüpfungen an jugend­
bündische Traditionen nach 1945. In: Ein neuer Anfang.
Politische Jugend- und Erwachsenenbildung. Hrsg. von Paul
­Ciupke/Franz-Josef Jelich. Essen 1999, S. 29–123.
13 Dazu das Fallbeispiel der jugendbündischen Gruppen in
Minden bei Bettina Joergens: Männlichkeiten. Deutsche Jungen-
schaft, CVJM und Naturfreundejugend in Minden, 1945–1955.
Potsdam 2005.
14 Dazu Conze 2012 (Anm. 10), S. 70.
15 Klönne 1999 (Anm. 12), S. 29–31.
16 Pfadfinderbund Großer Jäger Chronik 1945–1960. Hrsg. von
Horst Schweitzer. O.O. [Kassel], o.J. [1961], unpag. [S. 34].

156 „Und wieder ­erblüht nach Nebel und Nacht ein s­ trahlender Tag im Lande“
Helga Gotschlich

„Das neue Leben muss anders werden …“


Aufbruch der FDJ in der Sowjetischen Besatzungszone

Am 4. November 1989 füllten Zuschauer zu später Stunde das Schweriner Theater. Sie hatten
vermutlich tagsüber den Rundfunk- und Fernsehübertragungen der Massenkundgebungen in
Berlin gelauscht – diesem vielfach selbst gedachten, wiederholt vor sich hin geflüsterten oder
herab geschluckten Zorn der Redner, ihren energischen Forderungen nach Veränderung.
Auf der Bühne erschienen Hand in Hand die Darsteller des Abends. Frauen und Männer in
schlichter Kleidung. Alle gehörten zu einer Generation, die in den späten Vierzigern FDJ-Lieder
gesungen hatten, die sie nun leise, nuanciert betont anstimmten. Sie schienen bereits mit der
ersten Liedzeile in sich hinein und ihrer Vergangenheit nach zu lauschen, Bilder heraufzube-
schwören: „Das neue Leben / muss anders werden / als dieses Leben / als diese Zeit.“
Besser als jeder Kommentar, verdeutlichten die ernüchterten, vom „realen Sozialismus“
gekennzeichneten Gesichter der inzwischen in die Jahre Gekommenen, was aus den Zukunfts­
visionen und dem Elan, mit dem junge Menschen damals der „eigenen Kraft vertrauend“ in
ein „anderes Deutschland“ aufbrachen, geworden war. Das „Publikum im Saal klatschte, raste,
­jubelte an diesen unglaublichen Abend eines unglaublichen Tages“, hieß es in der Presse.1
Die Lieder hatten an Momente erinnert, in denen in der Wirrnis eines kollabierten Gesell­
schaftsgefüges und vor dem Hintergrund der unendlich scheinenden Trümmerwüste Nach-
kriegsdeutschlands anfangs noch eine verschwindend kleine Minderheit der Mädchen und
Jungen beschlossen hatte, „sich nicht aufzugeben“ und schon, um überleben zu können, „selbst-
bestimmt und eigenverantwortlich anzupacken“. Sie hatten es künftig besser machen wollen
als ihre Eltern und Großeltern und sich in den folgenden Wochen, Monaten, Jahren von einer
neu etablierten Obrigkeit in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) manchmal sogar allzu gern
eine besondere „Mission“ beim „gesellschaftlichen Wandel“ einreden lassen, mit der sie dann
als Mitglieder der Freien Deutschen Jugend (FDJ) „Zukunftsträger einer erneuerten, gerechten
Gesellschaft“ sein sollten und in der „Pflicht“ schienen.
Dabei erinnerten sich interviewte Zeitzeugen, als ehemalige „FDJler der ersten Stunde“
Jahrzehnte später nach den jugendbewegten Anfängen in der SBZ befragt,2 sehr betont an
ihr allererstes, eher spontanes Aufeinandertreffen. Ihre kleinen, losen Gemeinschaften glichen
anfangs eher „Selbsthilfegruppen notleidender junger Menschen“, die noch ausschließlich
auf das eigene alltägliche Überleben konzentriert blieben – bevor sich daraus Gruppen der
„Antifa-­Jugend“ entwickelten, in denen man sich dann regelmäßiger zusammenfand und die

Aufbruch der FDJ in der Sowjetischen Besatzungszone 157


später als Vorläufer der FDJ galten. Der damals 16-jährige Jürgen D. gab rückblickend zu
­Protokoll: „Wir sehnten uns in dieser desolaten Welt so sehr nach Menschlichkeit und Wärme
und rückten zusammen.“ 3
Ganz zu Anfang, also unmittelbar nach Kriegsende, fanden sich die Jugendlichen oft mehr-
mals in der Woche an Orten, die sich „zufällig gerade mal so dafür boten“: unter dem windigen
Vorsprung einer Ruine, im Kellerlädchen des im Krieg gefallenen Schuhmachers, im wackligen
Geräteschuppen, auch unweit des Massengrabes gefallener Soldaten auf der Wiese am Fluss
oder sonst wo. Die meisten trugen dürftige Kleidung, waren von Entbehrungen, überstandenen
Strapazen oder Krankheiten gezeichnet, wurden von traumatischen Erlebnissen immer wieder
heimgesucht und gerieten dabei nicht selten ins Schlottern. Darunter waren oft Jugendliche, die
sich eben von familiären Bindungen zu lösen begannen oder ohnehin in den Wirren der Zeit auf
sich gestellt umherirrten und Anschluss unter Gleichaltrigen suchten. Wie sie rückschauend in
Interviews versichern, hatten die „Mädels und Jungs dann miteinander geredet und geschwatzt,
manchmal sogar gelacht“, nur um die „eigenen, oft quälenden Bilder vom erlebten Kriegsge­
schehen aus dem Kopf zu kriegen“, Erinnerungen an gestern zu verdrängen, mitunter auch, um
aus einer Lethargie und einem Insichgekehrtsein herauszufinden. Für ihr Zusammensein ­suchte
anfangs keiner der Beteiligten nach verbalen Erklärungen mit hochtrabenden ­Wendungen.
­Gemeinschaftlich konzentrierte man sich sehr pragmatisch auf die existenziellen Fragen des
Überlebens im Nachkriegsalltag. Dabei waren mitunter für den Obdachlosen die Bleibe in der
Nacht, für den Hungernden Brot, für den Frierenden ein Kleidungsstück zu „beschaffen“ und
die solidarische Hilfe untereinander ohnehin dringlicher erschienen, als der erst nach und nach
einsetzende Gedankenaustausch über die aktuelle Lage im krisengebeutelten, ruinierten, von
ehemaligen Kriegsgegnern besiegten und schuldig gewordenen Deutschland, in dem sich die
heimische Bevölkerung mit der Befehlsgewalt der Besatzungsmächte zu arrangieren und einzu-
richten hatte und auch ihre eigene Zukunft höchst ungewiss schien.
Es dauerte Wochen und oft länger, bis diese Jugendlichen im Nachkriegsdeutschland den
schmerzlich empfundenen Verlust der eigenen intentionalen Handlungsfähigkeit gemeinschaft-
lich durch einen Aktivismus des Neubeginns zu überwinden glaubten, dabei aneinander Halt
und miteinander nach einer ihrem weiteren Leben Sinn versprechenden Orientierung suchten.
Dort, wo eben noch Tod und Verwüstung gehaust hatten, setzten sie mit noch höchst unklaren
Vorstellungen auf ein „anderes Leben“, in dem es vor allem keinen Krieg geben sollte. Obwohl sie
dabei kaum mehr als ihre Hoffnungen in die Waagschale zu werfen hatten, fühlten sich immer
mehr junge Leute, die möglichst nicht zurück, aber vorwärts schauen wollten, angezogen.
Auch der Zeitzeuge Peter K. erinnerte sich Jahrzehnte später daran, als 16-jähriger Junge
und sehr mit sich allein im Flüchtlingstreck zufällig auf die Behelfsbaracke mit gleichaltrigen
Mädchen und Jungen gestoßen zu sein, in deren Gemeinschaft er wieder an eine Zukunft zu
glauben begann.4 Etwa zeitgleich hatte sich der damals 14-jährige Georg G. mit seinen Freunden
im Hinterzimmer der Berliner Eckkneipe getroffen und gab rückschauend zu Protokoll: „Das
eiserne Kanonenöfchen spendete kärgliche Wärme, wenn wir was Brennbares beschafft hatten.
Bei Stromsperre war`s dunkel. Wir saßen gedrängelt und hungrig beieinander. Die Kleidung zer-
schlissen, die Schuhe selbst repariert. Mein Bruder, der an der Ostfront mit 19 Jahren gefallen
war, hatte einen Pullover hinterlassen. Den trug ich, darüber die von Muttern zeitgemäß umge-
schneiderte Kluft aus der HJ. Keiner stieß sich daran. Ulrich F., der meines Bruders Freund ge-
wesen war, hatte nur noch ein Bein. Er war ein Kriegsversehrter. Wir alle entwickelten ein Gefühl
füreinander, ohne Übersetzung in eine intellektuelle Form.“ 5
Jürgen D. war auf die Jugendgruppe aufmerksam geworden, als er die Einladung im
Schaukasten an der Straßenecke las: „Ein Heimkehrer erzählt“. Er hatte dann wissen wollen,

158 „Und wieder ­erblüht nach Nebel und Nacht ein s­ trahlender Tag im Lande“
wie es anderen ging, die wie er diesem „Schlamassel“ entronnen waren. In einem Interview
konnte er noch 50 Jahre später aus dem Gedächtnis den ersten Satz des Referenten, der damals
umringt von jungen Leuten im kleinen Kellerraum Platz genommen hatte, sinngemäß wieder-
holen: „Nachdem es keine jugendlichen Heldentoten mehr gibt, könnte das Leben für uns noch
lang werden.“ ­Gemeinschaftlich war man dann zu dem Schluss gelangt, dieses Überleben als
Chance zu begreifen und Neues anzupacken. Jürgen D.: „Gemeinsam beschlossen wir, dass es
besser wird […]“.6
Noch blieb offen, ob die Aktionsbereitschaft junger Leute mit ihren „Eingebungen“ und
Initiativen nur für den Augenblick unter Gleichaltrigen wahrgenommen wurde und der spürbare
Elan kurz aufflackernd alsbald wieder verlosch. Es konnte daraus aber auch eine autonome und
pluralistische Jugendbewegung erwachsen, die sich dann mit eigenen Interessen und Anschau-
ungen länger behauptete und in der Nachkriegsgesellschaft bedeutsam sein würde.
Diese Alternative beschäftigte vermutlich die jugendlichen Akteure, die das eigene Handeln
kaum zweifelnd hinterfragten, in der SBZ weit weniger, als die Sowjetische ­Militäradministration
Deutschland (SMAD) und Funktionäre der Parteien – KPD, SPD, LDPD, CDU – die nach dem Befehl
Nr. 2 der SMAD vom 10. Juni 1945 in der SBZ wieder ­legal entstanden waren. Sie erkannten in
diesen, dem Leben zugewandten jungen Menschen ein ­offenbar freigesetztes Lern- und Wand-
lungspotenzial, das sie möglichst mit eigenen Intentionen beeinflussen und – gerade weil die
Lang- oder Kurzlebigkeit des jugendlichen Schwungs nicht abschätzbar schien – unter Kontrolle
bringen wollten. Ohnehin war jede der Parteien auch auf die eigene Nachhut bedacht.
Die Liberaldemokraten (LDPD) suchten zunächst der Verselbständigung Jugendlicher ent-
gegenzuwirken und betonten die Verantwortung der Elternhäuser, der Schulen und der Organe
staatlicher Jugendpflege bei der notwendigen „Umerziehung der Jugend“,7 während die Christ-
demokraten (CDU) aus ähnlichen Erwägungen die junge Generation an traditionelle Werte wie
Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft, auch an „Ehrfurcht, Demut, Bescheidenheit“ 8 erinnerten.
Nicht im Widerspruch dazu beklagten Sozialdemokraten (SPD) die noch nachwirkende Nazi­
ideologie in den Köpfen der Heranwachsenden und die „verkümmerte“ Moral. Sie hoben hervor,
dass eine „geistige Urteilsfähigkeit“ 9 in der Jugend erst geweckt werden müsse. Während die
Kommunisten (KPD) schon am 23. Juni 1945 zu erkennen glaubten, dass „in den Herzen der
jungen Generation […] der neue Geist seine Wurzeln“ 10 schlage und sich mit dieser Redeweise
wahrscheinlich am ehesten Einfluss auf die Jugendlichen versprachen.
Führende Persönlichkeiten der KPD hatten bereits im sowjetischen Exil die „Einheitsfront-
taktik“ und daraus ableitbare noch vage jugendpolitische Vorstellungen für eine organisatori-
sche Vereinigung junger Menschen bedacht, die sie auf antifaschistisch-demokratischer Basis
gemeinsam mit allen Parteien unter eigener Führung initiieren wollten. Allerdings konnten sie
die tatsächliche Nachkriegssituation in Deutschland kaum im Voraus auch nur ahnen. Der Jung-
kommunist Heinz Keßler (geb. 1920)11 erinnerte sich später: „Als ich im Mai 1945 aus der Sowjet­
union nach Berlin kam, war ich erst mal fassungslos. Ein einziger Trümmerhaufen. Er rauchte
noch. [...] Zwischen den Gesteinen sah ich Jugendliche in abgerissenen Klamotten und mit einer
einzigen Frage: ,Wo krieg ich was zu fressen her‘. In Moskau hatte ich mir vorgestellt, wie es
sein würde – danach. […] Aber nun fragte ich mich bloß immer: Wie sollen wir hier ’ne Übersicht
kriegen? Was ist zu tun?“ 12 Während Heinz Keßler auf Kundgebungsplätzen und in Versamm-
lungen mit zündenden Worten um eine „einheitliche freie Jugend“ warb und dabei durchaus
auch den Zusammenschluss der spontanen Gruppen im Auge behielt, wurden KPD-Mitglieder,
die den Nationalsozialismus in Deutschland überlebt hatten und einen separaten kommunisti-
schen ­Jugendverband begründen wollten, von den Spitzenfunktionären ihrer Partei rigoros auf
die überparteiliche „Einheitsfronttaktik“ festgelegt.

Aufbruch der FDJ in der Sowjetischen Besatzungszone 159


Die Vertreter der übrigen Parteien konnten im Frühjahr und Sommer 1945 in ihren „Reden
über und an die junge Generation“ kaum auf vorbedachte jugendpolitische Konzepte für das
Nachkriegsdeutschland zurückgreifen. Wie sich zeigte, ließen sich aber auch nach herkömm­
lichem Muster aus Zeiten der Weimarer Republik unter der Befehlsgewalt der SMAD in der SBZ
jeweils eigene Jugendverbände in ihrem Gefolge in keinem Fall wieder neu gründen.13
Es blieb zudem höchst zweifelhaft, ob die sich „im Aufbruch“ wähnenden Jugendlichen
die parteipolitische Landschaft in der SBZ überhaupt differenziert wahrnahmen. Rückblickend
ist nicht mehr nachvollziehbar, in welchem Maße den Parteifunktionären ein direkter Einfluss
auf die Jugendlichen vor Ort gelang, ob sie die jungen Menschen gelegentlich auf Kundgebungs-
plätzen oder mit ihrer Presse erreichten. Zeitungen erschienen nur in geringer Auflagenhöhe,
sodass der Interessierte froh sein musste, am Kiosk überhaupt eines der Blätter, ganz gleich
welcher Provenienz, zu ergattern. Zudem hatte die SMAD in der SBZ die Abgabe aller Radiogeräte
in eingerichteten Sammelstellen verfügt, was sich nun selbst für die eigenen Befehlshaber als
Fehler erwies. So konnte über den Äther beispielsweise auch der am 31. Juli 1945 von der SMAD
herausgebrachte Befehl zur Zusammenführung aller Jugendgruppen und -initiativen in betont
„überparteilichen“ Antifaschistischen Jugendausschüssen (Antifa-Jugend)14 der Länder in der
SBZ und zur Bildung eines in Berlin zu begründenden „Zentralen Jugendausschusses“ jugend-
liche Hörer nur bedingt erreichen. Einige entdeckten den „Befehl“ in der Zeitung der SMAD, der
„Täglichen Rundschau“. Vielfach lasen sie ihn in den Mitteilungsblättern der öffentlichen Schau-
kästen oder hörten davon in einer „Mund-zu-Mund-Propaganda“.
Die Jugendgruppen waren in der Folge damit formal legalisiert und mit ihrer Einordnung
in die „Antifa-Jugendausschüsse“ weisungsgemäß der Obhut und Fürsorge zuständiger Volksbil-
dungsämter großer und mittlerer Städte anzuvertrauen. Der zu schaffende Zentrale Jugendaus-
schuss sollte nach dieser Logik der Berliner „Zentralverwaltung für Volksbildung“ unterstellt wer-
den. Zu diesem Zeitpunkt besetzten allerdings die Kommunisten und Sozialdemokraten bereits die
maßgeblichen Funktionen in den Volksbildungsämtern der SBZ, die nun von der SMAD angewiesen
wurden, bürgerliche Bündnispartner mitverantwortlich einzubeziehen. Das unterstrichen die Aus-
führungsbestimmungen zur Schaffung der Antifa-Jugendausschüsse, nach denen zuständige Re-
ferenten in den Volksbildungsämtern „möglichst vor 1933“ in einem der pluralistischen Verbände
der „antifaschistischen Jugendbewegung tätig gewesen sein“ sollten, also nicht unbedingt einer
kommunistischen oder sozialdemokratischen Jugendorganisation angehört haben mussten. Man
argumentierte dabei mit den Erfahrungen aus der Geschichte, die gezeigt hatten, dass untereinan-
der rivalisierende oder auch nur nebeneinander bestehende Jugendverbände und Gruppierungen
zu früherer Zeit die Interessen junger Menschen oft in entscheidenden Momenten nicht durchzu-
setzen vermochten und ein Zusammenschluss mehr Erfolg versprach.15
An der „von oben“ gesteuerten Gründung des Zentralen Jugendausschusses am 1./2. Sep-
tember 1945 beteiligten sich dennoch nur die Kommunisten und Sozialdemokraten paritätisch,
während die bürgerlichen Parteien kaum oder gar nicht am Geschehen teilhatten oder ihm noch
kontrovers, oft misstrauisch begegneten. Besonders die Kirchen sahen mit der Konzentration
aller Initiativen in den Antifa-Jugendausschüssen unter spürbarer Hegemonie der Kommu-
nisten ihre eigenständige Jugendarbeit in den Gemeinden gefährdet. Die SMAD forderte umso
nachdrücklicher auch im Sinne ihrer „deutschlandweit angestrebten antifaschistisch-demokra-
tischen Ordnung“ von den Jugendpolitikern der KPD und der SPD, alles daran zu setzen, diese
Bedenken der potenziellen „Bündnispartner“ zu zerstreuen und die Vertreter der LDPD, der CDU
und der Kirchen in die Verantwortung des Zentralen Jugendausschusses einzubeziehen.
Eine Grundlage dafür boten übereinstimmende Einschätzungen der Parteien zum „schänd-
lichen Missbrauch der Jugend im Dritten Reich“, die „von Schuld an den Verbrechen des Natio-

160 „Und wieder ­erblüht nach Nebel und Nacht ein s­ trahlender Tag im Lande“
nalsozialismus und am Zweiten Weltkrieg freizusprechen“ sei und im antifaschistisch-demokra-
tischen Sinne „umerzogen“ werden müsse.
Wenn nun tatsächlich zu diesen gleichlautenden Standpunkten eine Verständigung da und
dort möglich war, hatten alle vier Parteien Probleme, geeignetes Personal zu finden, das sie in
den jugendpolitischen Leitungsgremien und Funktionen der SBZ-Länder und -Kommunen plat-
zieren konnten. Selbst die langfristig schon während der Emigration angedachten „Funktions-
verteilungspläne“ der Kommunisten scheiterten in der SBZ am „Erfordernis der Stunde“, das
dann den Einsatz des vorgesehenen Leitungskaders an anderer Stelle notwendig machte. So war
beispielsweise der Kommunist Hans Mahle (1911–1999) als leitender Jugendfunktionär vorge-
sehen. Mit der Gruppe Walter Ulbricht aus Moskau nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er
aber am 12. Mai 1945 angewiesen, die Leitung des Berliner Rundfunks zu übernehmen. Mahle
erinnerte sich später daran, in jenen Maitagen in der Frankfurter Allee einem Mann in Sträflings-
kleidung begegnet zu sein, „der ihm bekannt vorkam […] Es war der gerade aus dem Zuchthaus
Brandenburg-Görden befreite Erich Honecker, mit dem er vor 1933 gemeinsam im Jugendver-
band gearbeitet hatte. Mahle, eben auf dem Weg zu Walter Ulbricht, ließ ihn in seinen Wagen
einsteigen.“ 16 So verdankte selbst Erich Honecker (1912–1994) eher einem Zufall seine oberste
Funktion im Zentralen Jugendausschuss und später in der FDJ.
Von allem Gerangel um den Einfluss auf die „Nachhut“ spürten die Mädchen und Jungen
im Alltag kaum etwas. Wenn sich die Jugendlichen an der Basis nun unter einem „antifaschisti-
schem Etikett“ – umgangssprachlich verkürzt formuliert als Antifa-Jugend – trafen, entsprach
das durchaus ihrer Grundhaltung. Um an eine „bessere Zukunft“ glauben zu lernen, wollten sie
gestrige Ideologien und die Politik des Nationalsozialismus „hinter sich lassen“, möglichst „ver-
gessen“, damit „aufräumen“. Hans M. erinnert sich: „[…] ein Leben ohne Krieg und Faschismus.
Von mehr war damals nicht die Rede, und das war schon viel, nicht nur angesichts des geistigen
und seelischen Elends, sondern auch der Trümmer und der bitteren Not ringsum.“ 17 Insofern
wurden gelegentlich Redeweisen politischer Exponenten in der SBZ unter Jugendlichen populär,
die sie in ihrer antifaschistischen Grundhaltung bestätigten und die damit ihr Tun bestärkten.
Eindruck hinterließen Widerstandskämpfer – die dem Nazi-Regime getrotzt, Konzentrations­
lager (KZ) oder Gefängnisse überlebt hatten, vereinzelt bereits aus der Emigration zurückgekehrt
waren – und nun zu Gast vor der Antifa-Jugend das Wort nahmen.
Nach vorsichtiger Schätzung beteiligten sich im Sommer 1945 bereits 5 bis 15 Prozent der
jungen Generation in der SBZ mit regional unterschiedlicher Intensität an den Initiativen der
Antifa-Jugend. Es ist nicht bekannt, dass sich Jugendliche von den übergeordneten Ausschüssen
oder in der „Obhut“ der Volksbildungsämter bevormundet oder gar in ihrem Tun eingeschränkt
sahen. Eher war das Gegenteil der Fall. Mädchen und Jungen gestalteten die ihnen zugewiese-
nen Räume für ihre Gruppen, nutzten kostenlos Säle für die nach dem Krieg wieder erlaubten
Tanzveranstaltungen, wurden vom Amt bei Sport und Spiel mit bescheidenen Mitteln materiell
unterstützt und genossen den geförderten Zugang in die wieder eröffneten Kulturstätten. Es
entwickelten sich mit Heimatabenden, am Lagerfeuer und beim Wandern gesellige Formen des
Zusammenseins, die an jugendbewegte Zeiten in der Vorkriegszeit erinnerten. Dem jugendlichen
Tatendrang entsprachen auch Ernteeinsätze der Antifa-Jugend, die ‚Enttrümmerungsaktionen‘
oder praktische Hilfsmaßnahmen für bedürftige Familien oder verwaiste Kinder und alle nur
möglichen aktivistischen Bewegungen zur Linderung der existenziellen Nöte in der Bevölkerung.
Ganz gleich, ob diese Initiativen aus eigenem Antrieb erfolgten oder von der jeweilig zustän-
digen Stadtbehörde, von jugendpolitischen Funktionären der Parteien oder auch von lokalen
Militärkommandanturen initiiert und gestützt wurden, förderten sie den Gemeinschaftsgeist
der Antifa-Jugend und bestärkten das Empfinden der daran Beteiligten, miteinander sinnvoll

Aufbruch der FDJ in der Sowjetischen Besatzungszone 161


„unterwegs“ zu sein (Abb. 1).18 Die Jugendzeitschrift „Neues Leben“, die seit dem 1. November 1945
in der SBZ erscheinen konnte, reflektierte Erfolge, die allerdings von den kommunalen Gegebenhei-
ten abhängig und sehr unterschiedlich ausfielen.
Es bleibt dahingestellt, in welchem Maß die zunehmend in Bewegung geratene Antifa-­
Jugend zu erkennen vermochte, dass die Protagonisten der Jugendausschüsse bereits den Weg zur
„freien“ deutschen Einheitsjugendorganisation bedachten und verfolgten, in der all ihre Initiativen
aufgehen sollten, – ob das Vorhaben an der Basis diskutiert, ein Für und Wider erwogen wur-
de oder auch nicht. Nachgewiesen sind die Initiativen „von oben“, mit denen insbesondere Kom-
munisten vorschnellten und die SMAD zu überzeugen suchten. Angedacht war die FDJ zunächst
als eine gesamtdeutsche Dachorganisation der Jugendbewegung. Immerhin hatten zuständige
­Militärbehörden und Ämter in den Westzonen im Sommer/Herbst 1945 Jugendvereinigungen mit
unterschiedlichen Namen – „Volksjugend“, „Freie Jugend“, „Freie demokratische
Jugend“, „Freie deutsche Jugend“, Freier Jugendbund“ und andere mehr – zuge-
lassen, zu deren Initiatoren der Zentrale Jugendausschuss in Berlin verschiede-
nen Orts eine Verbindung hergestellt oder angestrebt hatte und die nun in das
Gründungsgeschehen einbezogen werden sollten. Einige Jugendfunktionäre der
Westzonen hatten durchaus Bereitschaft für den gesamtdeutschen Zusammen-
halt signalisiert, zugleich aber waren auch immer wieder aus diesen Reihen
streitbare Stimmen gegen die kommunistische Vorstellung von einer Einheits-
jugendorganisation vernehmbar, die durch öffentlich geführte Auseinanderset-
zungen um die gerade in Gang gesetzte Vereinigung der KPD und SPD zur SED
noch bestärkt wurden. Dann aber schienen ohnehin alle zeitnahen Pläne für die
einheitliche Jugendbewegung mit einer „FDJ-Reichsleitung“,19 noch dazu unter
kommunistischer Hegemonie, unrealistisch. Denn mit einer Zustimmung der
westlichen Besatzungsmächte, die ein pluralistisches und möglichst unpoliti-
sches Verbandsleben der Jugend mit lokal begrenztem Wirkungsradius in ihren
jeweiligen Zonen befürworteten, war vorerst ganz offensichtlich nicht zu rechnen. Darüber hinaus Abb. 1: Trümmereinsatz der
zeichneten sich politische Differenzen der Besatzungsmächte zu übergeordneten Deutschland­ ­Jugend, Fotografie, 1946.
BArch, BildY 1-12C120-11004
fragen ab, sodass zumindest Pläne für die sofortige Zusammenführung jugendbewegter Initiativen
aller vier Zonen in der FDJ auch „auf Weisung der SMAD“ fallengelassen wurden.20
Allerdings überforderte es zur Jahreswende1945/46 die Phantasie der Jugendfunktionäre
in Ost und West, sich ein dauerhaft zerklüftetes Deutschland im Schlepptau politischer Besat-
zungsmächte oder auch eine deutsche Zweistaatlichkeit perspektivisch vorzustellen. Die Initia-
toren der FDJ rechneten eher damit, dass alsbald schon im wiedervereinigten Deutschland ihr
Einheitskonzept doch noch aufgehen werde. Aus dieser Grundhaltung suchten sie bereits beste-
hende Verbindungen zu Jugendgruppen in den Westzonen auszubauen, konkretisierten aber zu-
nächst ihre FDJ-Gründungskonzepte vornehmlich in der SBZ. Hinderlich erwiesen sich auch hier
noch immer schwelende Zweifel, Vorbehalte und Misstrauen potenzieller Bündnispartner der
bürgerlichen Parteien und Vertreter der Kirchen. Die immer wieder aufflammenden Kontroversen
waren noch nicht bis ins Letzte ausgetragen worden, als Kommunisten Anfang des Jahres 1946
Eile an den Tag legten, mit der SMAD Schritte zur Gründung der FDJ festlegten und einleiteten.21
Die KPD-Führung wies in einem Rundschreiben ihre Genossen an, die Jugendlichen dafür
zu „mobilisieren“.22 Die interviewten Zeitzeugen versichern rückblickend allerdings glaubhaft,
dass die am 7. März 1946 in der „Täglichen Rundschau“ verkündete Lizensierung der „Freien
Deutschen Jugend“ – die „demokratische Jugendliche in der Sowjetzone vom 14. bis zum 25. Le-
bensjahr vereinigen“ sollte, an der Basis vielfach Überraschung auslöste oder auch zunächst als
wenig „bedeutsam“ empfunden wurde. So auch Gerhard K., der, zur Antifa-Jugend gehörend, von

162 „Und wieder ­erblüht nach Nebel und Nacht ein s­ trahlender Tag im Lande“
der „Namensänderung“ kaum Notiz nahm: „Etwas anderes war es
in unseren Augen nicht. Das Leben ging weiter.“ 23
Mit dem „Ersten Parlament der Freien Deutschen Jugend“
vom 8. bis 10. Juni 1946 in Brandenburg an der Havel kamen die
in der SBZ noch immer umstrittenen Gründungsinitiativen zum
Abschluss (Abb. 2). 633 Delegierte, darunter einige geladene west-
deutsche Vertreter, waren angereist, um Satzungen und Statuten
zu debattieren und in geheimer Wahl zu verabschieden. Im Pro-
gramm wurden „die Erhaltung der Einheit Deutschlands“ und
die „Gewinnung der deutschen Jugend für die großen Ideale
der ­Freiheit, des Humanismus, einer kämpferischen Demokra-
tie, des Völkerfriedens und der Völkerfreundschaft“ postuliert.
Damit war die FDJ p­erspektivisch ein gesamtdeutsches Angebot. Auch in seiner Grundsatzrede Abb. 2: Delegierte des ­Ersten
betonte Erich Honecker, als Erster Vorsitzender der FDJ, dass in der „überparteilichen demokra- ­Parlaments der FDJ vor dem ­
Eingang der Stadthalle
tischen Organisation […]“ alle „positiven Kräfte“ der jungen Generation „mitarbeiten“ könnten.24 ­Brandenburgs, Fotografie, 1946.
Als ­besondere Verfechterin einer „freiheitlichen und demokratischen Jugendbewegung“ begrüßte BArch, BildY 1-12B523-2528
die Delegierte des Parlaments und Zweite Vorsitzende der FDJ Edith Baumann (1909–1973)25 die
Organisationsgründung und sah darin den „Beginn einer neuen Epoche der deutschen Jugend-
bewegung“. Wenige Monate später hielt sie vor Absolventen einer Jugendhochschule der FDJ, die
nördlich von Berlin am Bogensee, auf dem Besitz des ehemaligen Propagandaministers Joseph
Goebbels (1897–1945), entstanden war, eine Rede, in der sie erneut dazu aufforderte, die „guten
Traditionen der deutschen Jugendbewegung“ des 20. Jahrhunderts „hochzuhalten“.26
Populär wurde unter Jugendlichen vor allem Erich Honecker mit seinen eingeforderten
Grundrechten der jungen Generation, die er vor dem Parlament erläutert hatte. „Auf welche Rechte
haben wir Anspruch?“, hatte er in seinem Referat abschließend gefragt und selbst darauf, seine
ausführlichere Darstellung zusammenfassend, geantwortet: „Vier Rechte
sind es: die politischen Rechte, das Recht auf Arbeit und Erholung, das
Recht auf Bildung und das Recht auf Freude und Frohsinn“ 27 (Abb. 3).
Nach den offiziellen Presseberichten in der SBZ wirkte das Erste
Parlament der FDJ mobilisierend auf die junge Generation und wie
eine „Manifestation jugendlicher Einigkeit und Aufbaubereitschaft“.
Dabei lasen die wenigsten jungen Leute Wort für Wort das publizierte
FDJ- Programm oder das gedruckte Parlamentsprotokoll mit Gruß-
worten „ausländischer Organisationen“,28 aber sie sprachen noch
Jahrzehnte später als Zeitzeugen von den „mitreißenden, geradezu ma-
gisch formulierten vier geforderten Rechten“, mit denen sie sich den
„Neubeginn“ aus „eigener Kraft“ zutrauten: „Wir hatten unsere Lage
erkannt, wer sollte uns da noch aufhalten?“, erinnerten sie sich sinngemäß übereinstimmend. Abb. 3: Erich Honecker als Erster
Nachdrückliche Wahrheiten ließen sich plötzlich scheinbar einfach auf einen Punkt bringen. FDJ-Vorsitzender mit dem Fahrrad
unterwegs zur Arbeit in den
Die Antifa-Jugend legalisierte sich alsbald schon als FDJ-ler der ersten Stunden. Zum Jahres­ ­Zentralrat, Fotografie, 1946.
wechsel 1946/47 zählte die FDJ in der SBZ bereits mehr als 400.000 Mitglieder, jeder ­siebte Jugend- BArch, BildY 10-EH22-1338-71
liche der Geburtsjahrgänge 1921 bis 1932 gehörte dazu. Der Zustrom hielt noch rasant an,29 obwohl
sich die FDJ-Arbeit an der Basis und vornehmlich in den Wohngebieten, noch in geringem Unfang
in den Betrieben und Bildungseinrichtungen, sehr unterschiedlich, abhängig von mehr oder weniger
ambitionierten und befähigten oder auch „von oben“ instruierten J
­ ugendfunktionären entfaltete.
Diese „Unschuld des Beginns“ als Gruppenzustand der FDJ-Basis gab es nur für eine ­kurze
Zeitspanne und ist chronologisch schwer einzugrenzen. Die Geschichtsschreibung weist auf

Aufbruch der FDJ in der Sowjetischen Besatzungszone 163


­einen Wandlungsprozess, den die FDJ bis zum Ende des Jahres 1948 in der SBZ durchlief. Es
ist dabei schwer zu sagen, wann einzelne, gelegentlich noch kompromissbereit ­scheinende FDJ-
Spitzenfunktionäre ausschließlich zu botmäßigen Erfüllungsgehilfen eines autoritären Staats-
gebildes mutierten. Nach und nach nahmen in den Gruppen der FDJ partikuläre Interessen­
lagen überhand, griffen am Ende nur noch die von einer Partei gesteuerten Regeln und Vorgaben,
­wurden Herrschaftsallüren und Bevormundung spürbar, gehörten zum FDJ-Alltag Anpas-
sungsstrategien, Privilegien, Disziplinarverfahren. Das später behauptete „Wir“ war nur noch
­Agitation, sodass alles im Rückblick wie eine Lüge erscheinen könnte.
Aber es hat diese impulsiven Momente der in Bewegung geratenen jungen Menschen – an
die sich an jenem 4. November 1989 auch die Sänger auf der Schweriner Theaterbühne vielleicht
etwas melancholisch erinnerten und damit Anteil am intellektuellen Aufbruch in der „Noch-
DDR“ nahmen – in der SBZ tatsächlich gegeben. Diese einfachen Lieder konnten nicht befohlen
werden: „Das neue Leben/ muss anders werden/ als dieses Leben/ als diese Zeit […]“ und „Wir
sind jung, und das ist schön […]“. Sie unterscheiden sich von späteren, gedrechselten Auftrags-
werken und vertonten Texten in den Liederbüchern der FDJ.

1  Die Freie Deutsche Jugend stürmt Berlin. Ein FDJ-Lieder- 18  Helga Gotschlich: Aufbruch in ein „anderes“ Deutschland.
Abend. Begleitheft zur Amigo-CD [o.J.]. In: Gotschlich u.a. 1996 (Anm. 2), S. 63–120, bes. S. 117.
2  Zur Befindlichkeit und zum Selbstverständnis der FDJ- 19  Mählert 1995 (Anm. 7), S. 95. – Noack 1996 (Anm. 13), S. 25.
Gründer­generation wurden in der SBZ keine repräsentativen 20  Mählert 1995 (Anm. 7), S. 95. – Michael Herms/Carla Popp:
Erhebungen durchgeführt. Vorliegende „Stimmungsberichte“ Westarbeit der FDJ, 1946–1949. Eine Dokumentation. Berlin 1997.
aus jener Zeit sind nur bedingt realistisch. Von Mitarbeitern und 21  Mählert 1995 (Anm. 7), S. 89.
Mitarbeiterinnen des Instituts für zeitgeschichtliche Jugend- 22  Mählert 1995 (Anm. 7), S. 96.
forschung (IzJ) Berlin wurde 1990–1993 eine umfängliche 23  Gerhard Kirner: Lehr- und Wanderjahre. In: Unser Zeichen
Zeitzeugenbefragung tontechnisch aufgezeichnet und teilweise war die Sonne 1996 (Anm. 15), S. 204.
wissenschaftlich aus­gewertet. Darauf bezieht sich die Darstellung 24  Rede Erich Honeckers. In: Erstes Parlament der F
­ reien
der Situation. Helga Gotschlich u.a.: Das neue Leben muss anders ­Deutschen Jugend. Brandenburg an der Havel, Pfingsten
werden… Studien zur Gründung der FDJ (Die Freie Deutsche 1946. Berlin [1947], S. 45–52, bes. S. 45. – Ehemals besoldeten
Jugend, Beiträge zur Geschichte einer Massenorganisation 3). ­HJ-Funktionären war der Beitritt in die FDJ verwehrt.
Berlin 1996. – Helga Gotschlich: Und der eignen Kraft vertrauend. 25  Edith Baumann: bis 1931 Mitglied des Vorstandes der SAJ,
Aufbruch in die DDR – 50 Jahre danach. Berlin 1999. dann im SAP-Reichsvorstand, 1933–1936 im Nazi-Deutschland
3  Gotschlich 1999 (Anm. 2), S. 185. inhaftiert, 1945 SPD–Mitglied und nach der Vereinigung der SPD/
4  Gotschlich 1999 (Anm. 2), S. 80. KPD Mitglied der SED, 1946–1949 stellvertretende Vorsitzende
5  Gotschlich 1999 (Anm. 2), S. 74. der FDJ, seit 1949 Funktionärin der SED. Sie war von 1947 bis 1953
6  Gotschlich 1999 (Anm. 2), S. 184. mit Erich Honecker verheiratet, 1973 verstarb sie.
7  Ulrich Mählert: Die Freie Deutsche Jugend 1945–1949. 26  Edith Baumann: Die Geschichte der deutschen Jugend­
­Paderborn u.a. 1995, S. 35. bewegung. Berlin o.J. [1947], S. 32.
8  Mählert 1995 (Anm. 7), S. 35. 27  Rede Erich Honeckers 1947 (Anm. 24).
9  Mählert 1995 (Anm. 7), S. 34. 28  Unter den Grußworten befand sich ein Schreiben von
10  Deutsche Volkszeitung vom 23.06.1945. ­FDJ-lern aus Großbritannien, die als Emigranten ihre Organisation
11  Heinz Keßler: Jung-Spartakusbund, 1940 Wehrmacht, 1941 1939 gegründet hatten. Darüber war unter der Jugend in Deutsch-
Übertritt zur Roten Armee, Antifa-Schule, Gründungsmitglied des land kaum etwas bekannt. 1935 entstand die FDJ in Paris, 1938 in
NKFD, 1945 Rückkehr nach Deutschland, KPD, Leiter des Haupt­ Prag. Selbst die Mehrheit der Delegierten auf dem Brandenburger
jugendausschusses von Groß-Berlin, ab 1946 im Parteivorstand Parlament dürfte davon erstmals erfahren haben. Erich Honecker
der SED, mehrere Funktionen in der DDR, 1985 Verteidigungs­ hatte im Vorfeld der FDJ-Gründung und des Parlaments mit Horst
minister, Armeegeneral, ab 1986 Mitglied des Politbüros der SED. Brasch, sowie der FDJ in London, Kontakt. Siehe auch: Herms/
12  Gotschlich 1999 (Anm. 2), S. 77. Lange/Noack: Zur Geschichte der Freien Deutschen Jugend.
13  Gert Noack: Die Gründung der Freien Deutschen Jugend. In: Gotschlich 1996 (Anm. 2), S. 173.
In: Gotschlich u.a. 1996 (Anm. 2), S. 9–62, bes. S. 19. 29  Vgl. DDR-Jugend. Ein statistisches Handbuch.
14  Mählert 1995 (Anm. 7), S. 47. Hrsg. von Edeltraud Schulze. Berlin 1995, S. 181.
15  Mählert 1995 (Anm. 7), S. 57. – Hans Modrow: Vorwort.
In: Unser Zeichen war die Sonne. Gelebtes und Erlebtes. Bildnachweis
Hrsg. von Hans Modrow. Berlin 1996, S. 7-9, bes. S. 8. Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR
16  Katharina Riege: Einem Traum verpflichtet. Hans Mahle – im Bundesarchiv, Berlin · Abb. 1, 2, 3
eine Biographie. Hamburg 2003, S. 197.
17  Modrow 1996 (Anm. 15), S. 7.

164 „Und wieder ­erblüht nach Nebel und Nacht ein s­ trahlender Tag im Lande“
Bernd Lindner

Zwischen festem Glauben und harten Beats


Unangepasste Jugendliche in der frühen DDR

In all den 40 Jahren DDR gab es Jugendliche, die nicht bereit waren, sich dem Machtanspruch
der SED-Führung und ihres Einheitsjugendverbandes Freie Deutsche Jugend (FDJ) unterzuord-
nen. Möglichkeiten, diesen Widerspruch öffentlich auszuleben, waren in den ersten beiden Jahr-
zehnten der DDR aber nur begrenzt vorhanden. Zwar hatte die KPD-Führung unmittelbar nach
Kriegsende erklärt, sie verzichte auf einen eigenen kommunistischen Jugendverband zugunsten
„einer einheitlichen, freien Jugend“,1 die als außerparteiliche Massenorganisation Jugendliche
unterschiedlicher Weltanschauung und Glaubens in einem breiten antifaschistischen und anti-
militaristischen Bündnis vereint. Und Edith Baumann (1909–1973), stellvertretende Vorsitzende
der am 7. März 1946 (wieder) gegründeten FDJ,2 beschrieb diese noch 1947 als eine gesamt-
deutsche Jugendorganisation, in der sich „die politische Aufgeschlossenheit und jugendliche
Kampfbereitschaft, die sich von den Burschenschaften bis zum kommunistischen Jugendver-
band erhalten hat, mit dem naturverbundenen Leben der Wandervogelgruppen und der christli-
chen Toleranz der konfessionellen Verbände (Quickborn)“ vereint.3 Doch streifte die FDJ bereits
innerhalb weniger Jahre die pluralistischen Elemente des Anfangs ab, um sich zielgerichtet
zu einer Staatsjugendorganisation unter dem Kuratel der SED zu entwickeln. Eine Wiederauf­
nahme jugendbewegter Ideen und Lebensformen wurde vom ersten Vorsitzenden der FDJ, Erich
­Honecker (1912–1994), schon bald als „Flucht in die jugendbewegte Romantik“ 4 verunglimpft.

Verdeckter Widerstand
Offener Widerspruch, gar der Ausbau alternativer Jugendverbände ge-
gen das „Organisationsmonopol der FDJ“ 5 wurden ab dem Jahreswechsel 1948/49 nicht nur
nicht mehr geduldet, sondern – im engen Zusammenspiel mit der sowjetischen Besatzungs-
macht – zunehmend kriminalisiert und verfolgt. Bürgerliche Parteien wie die National-Demokra-
tische Partei Deutschlands (NDPD) und die Demokratische Bauernpartei Deutschlands (DBD)
zogen sich „schrittweise – und nicht ohne Widerstände an der Basis – aus der Jugendarbeit zu-
rück.“ 6 Gegen unbeugsame, junge Mitglieder der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands
(LDPD), wie den Vorsitzenden des Leipziger Studentenrates Wolfgang Natonek (1919–1994) oder
den Rostocker Studenten Arno Esch (1928–1951), wurden drakonische Strafen verhängt. Natonek
wurde im März 1949 wegen seiner Kritik an der mangelnden Meinungsfreiheit in der ­Sowjetischen
Besatzungszone (SBZ) zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Sieben Jahre davon musste er ab­

Unangepasste Jugendliche in der frühen DDR 165


büßen.7 Esch, Jugendreferent im Zentralvorstand der LDPD, kostete sein Eintreten gegen den
FDJ-Führungsanspruch und für Gewaltenteilung sogar das Leben. Im Juli 1950 wurde er von
einem sowjetischen Militärtribunal wegen „Spionage und Bildung einer konterrevolutionären
Organisation“ zum Tode verurteilt und ein Jahr später in Moskau hingerichtet.8
Unter diesen Bedingungen waren Opposition und Widerstand in der SBZ und frühen DDR
nur verdeckt möglich. Dennoch fanden sich regional immer wieder Jugendliche zusammen, um mit
Flugblatt- und Störaktionen öffentlich auf das herrschende politische Unrecht hinzuweisen. Meist
bereits nach wenigen symbolischen Widerstandsakten enttarnt, traf sie die ganze Härte der – eben-
falls – gleichgeschalteten Justiz. So die 19 Oberschüler, Lehrlinge und jungen Arbeiter aus Werdau,
die ihren Widerstand in der Tradition der „Weißen Rose“ sahen.9 In Flugblattaktionen hatten sie im
Oktober 1950 die Manipulation der ersten Volkskammerwahlen sowie Willkürurteile gegen andere
oppositionelle Jugendliche kritisiert. Sie erhielten dafür insgesamt 130 Jahre Zuchthaus.
Das Verteilen von Flugblättern allein reichte einer anderen Gruppe in Altenburg bei ­Leipzig
nicht. Um einen größeren Adressatenkreis auf die undemokratische Entwicklung in der DDR auf-
merksam machen zu können, bauten ihre Mitglieder einen Störsender. Damit überdeckten sie im
Dezember 1949 die Ausstrahlung der Ansprache des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck (1876–1960)
zum 70. Geburtstag von Josef W. Stalin (1878–1953). Statt der Elogen auf den ‚großen Sowjet­
führer‘ war im staatlichen Rundfunk – wenn auch nur für Minuten und regional begrenzt – zu
hören: „Stalin ist ein Massenmörder!“ und „Wir fordern freie demokratische Wahlen!“. Diese
­Aktion kostete vier der mutigen Jugendlichen – Siegfried Flack, Ludwig Hayne, Wolfgang Oster-
mann und Joachim Näther – das Leben. Sie wurden Ende 1950 in Moskau hingerichtet.10
Eine Ausnahme innerhalb des Jugendwiderstandes der DDR stellt der „Eisenberger Kreis“
dar, dessen Mitgliedern es über fünf Jahre (1953–1958) gelang, mit der Verteilung von Flug­
blättern, dem Anbringen von Losungen an Gebäuden und Zügen sowie dem Anzünden eines
Schießstandes der paramilitärischen Gesellschaft für Sport und Technik (GST) ihre politische
Absage an die DDR öffentlich zu machen.11

Junge Gemeinde
Vergleichsweise wenigen Anfechtungen war anfangs die kirchliche Jugendar-
beit in der SBZ und frühen DDR ausgesetzt. Die Kirchenpolitik der sowjetischen Militäradminis-
tration kennzeichnete zuerst „großes Entgegenkommen“, auch wenn sie „gegen die Wiederein-
richtung des umfangreichen kirchlichen Verbands- und Vereinswesen von vor 1933“ war.12
Dennoch bemühte sie sich, kirchliche Kräfte in die Jugendarbeit vor Ort einzubinden. Die Bereit-
schaft der Kirchenleitung, dafür auf gewachsene innerkirchliche Strukturen der Jugendarbeit zu
verzichten, fand unter Geistlichen wie Gläubigen ein geteiltes Echo. So lassen sich nach 1945 vor
allem in Sachsen nicht nur Reste der christlichen Pfadfinderschaft (C.P.) sondern auch „einzelne
Belege von Jugendarbeit mit Pfadfindercharakter“ nachweisen, wie die neu eingeführte „Arbeits-
form der ‚Lebensgestaltungswochen‘“, die „an die frühere Tradition der ‚Pfadfinderwochen‘“ an-
knüpfte.13 Mit diesen Rudimenten allein ließ sich jedoch keine konstante kirchliche Jugend­arbeit
aufbauen, zeigte sich doch bald, dass „das Ja zur Kirche […] gerade für Jugendliche einer kon-
kreten Identifikationsform“ bedurfte.14 Dies war die Junge Gemeinde (JG).15 Bei ihr handelte es
sich um keine eigenständige Organisation, sondern um eine Form der evangelischen Gemeinde-
arbeit. Dennoch hatte die JG eine eigene Zeitschrift „Die Stafette“ und ein gemeinsames Abzei-
chen: die stilisierte Weltkugel mit aufgesetztem Kreuz.
„Zum Aufgabenbereich der Jungen Gemeinde gehört neben der Betreuung der Jugend in
besonderen Gottesdiensten und Jugendversammlungen mit Bibelarbeit, Singen, Verkündigungs-
spiel und Aussprachen über die Fragen christlicher Lebensgestaltung auch die Sammlung der

166 „Und wieder ­erblüht nach Nebel und Nacht ein s­ trahlender Tag im Lande“
Jugend in Bibelfreizeiten von kürzerer und längerer Dauer.“ 16 Gerade diese ‚Rüstzeiten‘ und
überregionale Treffen übten auf viele, nach Zielen und Orientierungen jenseits der parteipoli-
tischen Vereinnahmung durch die FDJ suchenden Jugendliche eine große Anziehungskraft aus.
Gleichzeitig waren die von der JG lokal veranstalteten geselligen Zusammenkünfte, Laienspiele,
Ausflüge und Wanderungen wichtige Unterhaltungsangebote für die Heranwachsenden in der
Tristesse der Nachkriegsjahre. Viele Jugendliche erlebten bei der gemeinsamen Bibellektüre
die JG aber auch als „eine lebhafte Gemeinschaft von Menschen, die miteinander reden, die
­Bibel mitreden lassen und so für ihr Leben Anregungen bekommen“, wie sich Hansjürgen Schulz
(geb. 1931) – später Direktor des Evangelischen Predigerseminars in Wittenberg – erinnert.17
Das stach dem FDJ-Zentralrat ins Auge. Im Sommer 1952 musste er konstatieren, dass
die JG in vielen kleineren Ortschaften „der Mitgliederzahl der Grundeinheiten der FDJ gleich-
kommt.“ 18 Und ein Bericht zur Tätigkeit der JG an den höherbilden-
den Schulen stellte fest, dass es nicht wenige Oberschulen gab, „an
denen um 50, ja sogar bis zu 70 Prozent aller Schüler der ­Jungen
Gemeinde angehören.“ 19 Selbst ein erheblicher Teil der FDJ-ler sei
Mitglied der JG. Allein in Sachsen war die Zahl der christlichen
Gruppen von Oktober 1950 bis Oktober 1951 von 492 auf 776 ge-
wachsen.20 Heute wird von 110.000 21 bis zu über 125.000 jungen
Menschen22 ausgegangen, die damals in der DDR regelmäßig in der
JG zusammenkamen (Abb. 1).
Nur wenige Funktionäre, wie der Generalinspekteur der Volks-
polizei Willi Seifert (1915−1986), waren bereit zuzugeben, dass die
Hauptursache für das Anwachsen der JG in der schlechten FDJ-­
Arbeit vor Ort lag. Sie verstünde es nicht, „ein reges Gruppenleben
zu entfalten und die kulturelle Massenarbeit, besonders in den ­Dörfern, zu fördern.“ 23 Derselbe Abb. 1: Überregionales Treffen
Funktionär zögerte zugleich aber nicht, der JG zu unterstellen, damit gezielt einen „Ansatz zu einer der Jungen Gemeinde am Himmel­
fahrtstag in Sehlis bei Leipzig,
Zersplitterung der einheitlichen Jugendorganisation“ zu suchen.24 In einem anderen SED-Bericht ­Fotografie Manfred Augustin,
wurde JG-Mitgliedern vorgeworfen, die Jugend an den Oberschulen „durch offene Provokationen Anfang 1950er Jahre
und Störungen im Unterricht und in der FDJ-Arbeit“ zu spalten. Eine weitverbreitete Methode sei
dabei „das Aufzwingen von Diskussionen“ und „die Veröffentlichung pazifistischer Losungen, die
auf Bibelsprüchen basieren“. Durch „raffinierte Taktik“ gelänge es ­ihnen, sich „als scheinbare akti-
ve FDJler“ in die Leitungen der Grundeinheiten „einzuschleichen“ 25 und sie zu unterwandern. Der
Klassenkampf war in den Schulen angekommen!
Ende 1952 begann eine konzertierte Aktion von SED, FDJ, staatlichen Medien und Sicher-
heitsorganen gegen die evangelische Jugendarbeit. Sie nutzte den Umstand, dass die Jugend-
kammer-Ost der evangelischen Kirche ihren Sitz in Westberlin hatte, um eine „Entlarvung“ der
JG „als einer Tarnorganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage, die von westdeutschen
und amerikanischen imperialistischen Kräften dirigiert wird“,26 einzuleiten. Der Maßnahmen­
katalog des SED-Politbüros enthielt Zielstellungen wie
• die Abschaffung des Religionsunterrichts,
• die Nicht-Zulassung von aktiven JG-Mitgliedern zum Studium,
• das Verbot „jede[r] Tätigkeit von Jugendlichen aller Religionsgemeinschaften […], die über den
Rahmen der in der Verfassung garantierten Religionsausübung hinausgeht (wie z.B. Jugendwan-
derungen, Zeltlager, Rüstzeitlager, Laienspiele, Laienchöre, christliche Akademien usw.)“ – auch
innerhalb der Kirchen,
• das Verbot, das „sogenannte Bekenntniszeichen“ 27 [das Kugelkreuz] öffentlich zu tragen und
• die Einstellung der kirchlichen Jugendzeitschriften.

Unangepasste Jugendliche in der frühen DDR 167


All dies zielte darauf ab, die Existenz der JG in der DDR zu beenden. Um das brachiale
Vorgehen des Staates zu legitimieren, wurde der Generalstaatsanwalt beauftragt, „in einigen
Bezirks- beziehungsweise Kreisstädten der DDR – nicht in Berlin – in kurzen Zeitabständen
hintereinander (Zeitdauer insgesamt 14 Tage) drei bis vier öffentliche Prozesse […] durch­
zuführen, in denen klar die kriegshetzerische und Agenten- und Sabotagetätigkeit von Mit-
gliedern und Funktionären der Jungen Gemeinde nachgewiesen wird.“ Diese Prozesse sollten
von der Presse durch „Enthüllungen über die staatsfeindliche und demoralisierende Tätigkeit
der Jungen Gemeinde [möglichst] durch ehemalige Mitglieder und Funktionäre der Jungen
Gemeinde selbst“ 28 vorbereitet werden. Den Anfang machte ein am 17. April 1953 erschienenes
Extrablatt der FDJ-Tageszeitung „Junge Welt“. Als Headline diente ihm die wörtliche Übernah-
me von Formulierungen aus dem oben genannten Maßnahmeplan des SED-Politbüros. Fotos
von Schaukästen der JG sollten diese als „Hetztafeln“ einer „illegalen“ Organisation brandmar-
ken. Zugleich erklärten Jugendliche in der Zeitung ihren Austritt aus der JG. Da dies aber kaum
das gewünschte Echo bei den jungen Christen zeitigte, setzte landesweit Druck auf sie ein, die
JG zu verlassen. Ansonsten würden „sie und ihre beruflich tätigen Mütter aus ihren Stellungen
entlassen.“ 29 Oberschüler, die sich nicht von der JG lossagten, wurden der Schule verwiesen.
Insgesamt wurden binnen weniger Wochen rund 700 Oberschüler vom Unterricht relegiert.30
Nicht wenige kamen dem durch eine Flucht nach Westberlin zuvor beziehungsweise gingen
nach ihrem Schulrauswurf in den Westen. Kirchliche Kreise rechneten „im Mai 1953 mit 100
Oberschülern und Oberschülerinnen aus den Jungen Gemeinden der DDR, die monatlich nach
Westberlin kommen würden.“ 31
Auch wenn die SED-Kampagne gegen die JG Anfang Juni 1953 auf Geheiß der sowjetischen
Führung abrupt abgebrochen wurde und die relegierten Schüler offiziell wieder in die Schulen
zurückkehren durften, konnte das die Absicht vieler Jugendlicher, die DDR für immer zu verlas-
sen, nicht mehr stoppen. Der gescheiterte Volksaufstand vom 17. Juni verschärfte die Situation
noch. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre gingen vorzugsweise Menschen „aus der jungen
Generation, die sich einen Neuanfang ‚drüben’ zutraute[n].” 32 Der Anteil der 16- bis 25-Jährigen
unter den DDR-Flüchtlingen erreichte im vierten Quartal 1956 mit 43,2 Prozent seinen Höhe-
punkt; bei einem Jugendanteil von lediglich 15,8 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Zwischen
1949 und 1961 verließen insgesamt 2,8 Millionen Menschen die DDR. Dass im ersten Jahrzehnt
der DDR dennoch die Aufbaugeneration33 und nicht die ausstiegsbereiten Heranwachsenden die
Deutungshoheit über die Jugend erringen konnte, hat gerade im Verweigerungspotenzial der
‚Aussteiger‘ seine Ursache. Durch ihren Weggang in den Westen enthoben sie sich der Möglich-
keit direkter Einflussnahme. Dass dies nicht immer freiwillig geschah, zeigt das Beispiel der JG.
Denn trotz der Rücknahme aller Parteibeschlüsse machte sich in ihren Reihen „nach dieser Zeit
vielerorts eine Erschlaffung bemerkbar” und die JG erreichte nie mehr die Zahlenstärke, die „sie
vor den Auseinandersetzungen gehabt hatte.” 34

„Beatgeneration“-Ost
Die einschneidenden Erfahrungen der Anfangsjahre führten bei den
­Jugendlichen zur weitgehenden politischen Abstinenz. Selbst westliche Quellen vermuteten
­damals unter der Jugend der DDR nur 15 Prozent strikte Systemgegner. Sie konnten aber auch
nur eine Minderheit von Parteigängern des SED-Staates ausmachen – sei es als „überzeugte
­Aktivisten“ (5 Prozent) oder als „opportunistische Karrieristen” (10 Prozent).35 Zwei Drittel der
Vertreter der Aufbaugeneration hätten sich demzufolge lediglich im, nicht aber mit dem Sozialis­
mus arrangiert. Der SED gelang es von Beginn an nicht, viele Jugendliche über eine formale
Mitgliedschaft in der FDJ hinaus, an das ideologische System der DDR zu binden.

168 „Und wieder ­erblüht nach Nebel und Nacht ein s­ trahlender Tag im Lande“
Zugleich befanden sich alle Jugendgenerationen, die die DDR hervorgebracht hat,36 im
Wartestand, weil die Hebel der politischen Macht bis zum Ende dieses Staates fest in den Hän-
den der noch vor dem Ersten Weltkrieg geborenen ‚Alten Garde‘ lagen. Der politische Gestal-
tungsraum blieb für nachwachsende Generationen dadurch stets begrenzt. Um ihrer Generation
dennoch ein eigenständiges Profil zu geben, wichen sie immer häufiger ins Feld der Kultur und
Kunst aus. Hier wurden Freiräume erkämpft und zunehmend auch behauptet.37 Hier konnten sie
ihre „symbolischen Proteste“ 38 ausleben und kreative Innovationen ausprägen; auch weil das
kulturelle Aufbegehren Jugendlicher in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weltweit eine
neue Dimension bekam. Hauptaustragungsort war die Populärkultur. Musik, Mode und Körper-
styling erwiesen sich als besonders geeignet für Gegenentwürfe zu den tradierten Werten der
Eltern. Die Mediatisierung der Gesellschaft sicherte zudem neuen Jugendkulturen eine grenz-
überschreitende Verbreitung. Und so ‚sickerte’ ab Mitte der 1950er Jahre via Radio und auch
Fernsehen erst der Rock’n’Roll und dann der Beat in die Jugendkultur der DDR ein.
Was haben SED und FDJ nicht alles versucht, um dagegen anzukämpfen: Von Verboten über
ideologische Kampagnen gegen die „transatlantische Veitstanzmusik“ 39 bis hin zur ­Kreation ­eigener
Modetänze. Alles ohne nennenswerten Erfolg.40 Die Jugendlichen fanden sich weiterhin auf den
Straßen großer Städte und vor Kinos zusammen. Zur Bezeichnung ihrer Freizeitbünde gebrauchten
sie in Leipzig interessanterweise auch den Begriff der „Meute” 41, den sie von den jugendbewegten
„Leipziger Meuten” 42 während des Dritten Reiches übernommen hatten. Bands, die sich allein dem
Rock’n’Roll verschrieben, fehlten in den 1950er Jahren noch weitgehend. Meist blieb es bei gele-
gentlichen Rock’n’Roll-Einlagen im Standardprogramm der Tanzorchester.43 Ihren Unmut dagegen
trugen die jugendlichen Fans auch auf die Straße. Im Mai 1958 zogen 100 Mitglieder eines illegalen
Rock and Roll-Klubs aus der Kleinstadt Schmölln mit dem Transparent „Elvis Presley – das Idol!
Wir wollen nur noch Rock and Roll!“ zum Gasthof des Dörfchens Ponitz. Acht von ihnen wurden in
einem Verfahren wegen „Landfriedensbruchs“ zu Gefängnis bis zu zwei ­Jahren verurteilt.44 Noch
drakonischer fielen die Strafen gegen 25 Jugendliche der ­„Wahrener ­Meute“ aus, die unter Skan-
dierung vergleichbarer Losungen im April 1959 aus dem Norden Leipzigs Richtung Stadtzentrum
zogen. Ihr „Rädelsführer“ erhielt viereinhalb Jahre Gefängnis.45
Doch nicht nur in Leipzig kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen. Weitere ‚Halb-
starken-Randale’ fanden in Weimar, Rostock, Ostberlin oder Halle statt.46 Und wieder rief die
parteigelenkte Presse nach Zucht und Ordnung: „Die ‚Slims’, ‚Killer’ und ‚Knacker’ müssen über-
all, wo sie die Hand zu heben wagen, die Faust der Öffentlichkeit zu spüren bekommen, nicht nur
die der Volkspolizei.“ 47
Den Klügeren unter den Funktionären war jedoch spätestens nach dem Mauerbau im
August 1961 klar, dass allein mit Druck von oben die dringend benötigte innere Stabilisierung
der DDR nicht erreicht werden konnte. Das eröffnete Chancen für eine partielle Liberalisie-
rung der Gesellschaft. Wissenschaftler, Künstler wie auch jüngere SED- und FDJ-Funktionäre
strebten einen offenen Diskurs mit den Jugendlichen an. „Habt Mut zum eigenen Denken!“,48
rief ihnen das im September 1963 verabschiedete Jugendkommuniqué der SED zu. Auch in der
Freizeit wurden ihnen seltener als bisher Steine in den Weg gelegt: „Welchen Takt die Jugend
wählt, ist ihr überlassen: Hauptsache, sie bleibt taktvoll!“ 49 Gitarrengruppen, die im Zeichen
des Beat auch in der DDR überall aus dem Boden geschossen waren, wurden offiziell gefördert.
Der FDJ-Zentralrat legte im April 1965 sogar ein eigenes Konzept „zur Arbeit mit den Gitarren-
gruppen“ vor. Schon dessen erster Satz ließ aufhorchen: „Mit dem Big Beat und ­damit verbun-
denen Gitarren-Sounds haben sich neue Elemente der Tanzmusik entwickelt, deren wesent­
liche Ursache im neuen Lebensgefühl […] der Jugend, zu finden ist. Diesem liegen die Prozesse
der technischen Revolution in der ganzen Welt zugrunde […]“ 50

Unangepasste Jugendliche in der frühen DDR 169


Doch bereits im Herbst war alles wieder vorbei. Die ­alten
Genossen im Politbüro und in den SED-Bezirksleitungen hat-
ten Angst vor der eigenen Courage bekommen und setzten
zum Kahlschlag an. Allein in Leipzig verboten sie 90 Prozent
der rund 60 Beatbands, darunter die Lokalmatadoren Butlers,
­Shatters und Guitarmen (Abb. 2). In einem ganzseitigen Arti-
kel der ­Leipziger Volkszeitung (LVZ) wurden sie als kriminelle,
geldgeile und vom Westen ferngesteuerte Unholde dargestellt.
Ihr Aussehen und Auftreten wurde harsch kritisiert: „Sie tragen
lange […] vor Schmutz nur so starrende Haare […] gebärden sich
bei ihren Darbietungen wie Affen, stoßen unartikulierte Laute
aus, […] verrenken die Gliedmaßen auf unsittliche Art.“ 51
Doch nahmen die Beatfans all dies nicht einfach hin. Am
31. Oktober 1965 versammelten sich zwischen 350 und 600 von
ihnen in der Leipziger Innenstadt,52 um gegen das Verbot der Gruppen zu protestieren. Aufgeru- Abb. 2: Die Beatgruppe „The
fen zum Protest wurden sie durch ein mit einem Kindersetzkasten gefertigtes Flugblatt (Abb. 3). ­Butlers“ gehörte vor ihrem Verbot
Mitte der 1960er Jahre zu den
Es stammte von zwei 16-jährigen Oberschülern. 30 Jahre später berichtete einer von ihnen – beliebtesten Bands in Leipzig,
Peter Washeim – im Gespräch mit dem Autoren über ihre Motivation: „Es war nicht die Musik Fotografie Alfred Pieske, um 1965
als solche, die mich dazu bewegt hat, es war die Unverschämtheit, eben einfach eine Sache zu
verbieten […] Menschen zu bevormunden, und das hat mich gestört!“ 53 Sie hatten 200 Flugblätter
gedruckt und in der Dunkelheit verteilt. Erst später bekamen sie mit, dass zahlreiche ­Varianten
des Aufrufs in der Stadt kreisten; meist sogar
­politischer angelegt als ihr Flugblatt.
Die Beatdemo wurde von Sicherheitskräften
brutal mit Schlagstöcken, Hundestaffel und Was-
serwerfer aufgelöst. 267 Jugendliche wurden ver-
haftet und in umliegende Braunkohlentagebaue
Abb. 3: Flugblatt, mit dem zwei
verbracht, wo sie ohne Urteil bis zu drei Wochen Leipziger Oberschüler die Beat-
Schwerstarbeit leisten mussten. Die Urheber der Freunde der Stadt zum Protest
Flugblattaktion wurden verraten. Drei Wochen wa- gegen das Verbot der dortigen
Gitarrenbands aufriefen, 1965
ren sie in U-Haft und danach ihren Abiturplatz los.
Der Höhepunkt der Verbotswelle, das 11. Plenum des ZK der SED, Mitte Dezember 1965,
stand da noch aus. Es beendete die Beat-Förderpolitik jäh. Nahezu drei Jahre herrschte offiziell
Funkstille, während dessen beatbegeisterte Jugendliche weiter nach Wegen in die Öffentlichkeit
suchten. Sie fanden sie durch die Kreation der Rockmusik mit deutschen Texten.54

170 „Und wieder ­erblüht nach Nebel und Nacht ein s­ trahlender Tag im Lande“
1 In: Jugend auf neuem Wege. Hrsg. vom Zentraljugendaus- 29 Bericht des Pfarramtes Reinberg an das Evangelische
schuss für die sowjetische Besatzungszone. Berlin 1945, S. 15. ­Kon­sistorium Greifswald vom 17. Februar 1953. Evangelisches Zentral-
2 Vorläuferorganisationen gleichen Namens wurden bereits archiv Berlin (ZA 5121/09), Signatur: EZA 4/771.
im Exil zwischen 1936 und 1939 in Paris, Prag und Großbritannien 30 Zum Realitätsgehalt verschiedener Angaben, „die zwischen
gegründet. 3000 und 300 schwanken“, vgl. Ueberschär 2003 (Anm. 13), S. 198.
3 Edith Baumann: Die Geschichte der deutschen Jugendbewe- 31 Ueberschär 2003 (Anm. 13), S. 199.
gung. Berlin 1947, S. 32. 32 Hartmut Zwahr: Umbruch durch Ausbruch und Aufbruch:
4 So Arno Klönne im Disput mit Jürgen Reulecke: Die DDR auf dem Höhepunkt der Staatskrise 1989. In: Sozial­
„­Restgeschichte“ und „neue Romantik“. Ein Gespräch über Bündische geschichte der DDR. Hrsg. von Hartmut Kaelble/Jürgen Kocka/
Jugend in der Nachkriegszeit. In: Jugend vor einer Welt in Trümmern. Hartmut Zwahr. Stuttgart 1994, S. 426–465, bes. S. 443.
Hrsg. von Franz-Werner Kersting (­Materialien zur historischen 33 Zur Abfolge der Jugendgenerationen in der DDR und der
Jugendforschung). Weinheim/München 1998, S. 87–103, bes. S. 95. Stellung der Aufbaugeneration darin vgl. Bernd Lindner: „Bau auf,
5 Peter Skyba: Vom Hoffnungsträger zum Sicherheitsrisiko. Freie Deutsche Jugend“ – und was dann? Kriterien für ein Modell der
Jugend in der DDR und Jugendpolitik der SED 1949 – 1961. Jugendgenerationen der DDR. In: Generationalität und Lebensge-
Köln 2000, S. 54. schichte im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Jürgen Reulecke. München
6 Ulrich Mählert/Gerd-Rüdiger Stephan: Blaue Hemden – Rote 2003, S. 187–215, bes. S. 201–204.
Fahnen. Die Geschichte der Freien Deutschen Jugend. 34 Fritz Dorgerloh: Geschichte der evangelischen Jugendarbeit,
Opladen 1996, S. 65. Teil 1: Junge Gemeinde in der DDR. Hannover 1999, S. 70.
7 Vgl. Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur. 35 Ernst Richert: Sozialistische Universität.
Hrsg. von Hans-Joachim Veen. München 2000, S. 263. Berlin (West) 1967, S. 247. Die Ergebnisse beruhen auf Befragungen
8 Lexikon Opposition 2000 (Anm. 7), S. 121. von nach Westberlin geflohenen Jugendlichen.
9 Lexikon Opposition 2000 (Anm. 7), S. 373. 36 Vgl. Lindner 2003 (Anm. 34), S. 199–211.
10 Demokratie jetzt oder nie! Diktatur – Widerstand – Alltag. Hrsg. 37 Bernd Lindner: Das eigentliche Gestaltungsfeld. Kulturelle
von Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland / Prägungen der Jugendgenerationen in der DDR. In: Deutschland
Zeitgeschichtliches Forum Leipzig. Leipzig 2008, S. 71. Archiv 1, 2005, S. 49–56.
11 Vgl. dazu: Demokratie 2008 (Anm. 10), S. 70. – Zum Thema 38 Albrecht Göschel: Kontrast und Parallele – kulturelle und
insgesamt vgl. [Link]. politische Identitätsbildung ostdeutscher Generationen.
12 Mählert/Stephan 1996 (Anm. 6), S. 23. Stuttgart 1999, S. 308.
13 Ellen Ueberschär: Junge Gemeinde im Konflikt. Evangelische 39 Junge Welt vom 31.10.1958, Titelseite.
Jugendarbeit in SBZ und DDR 1945–1961. Stuttgart 2003, S. 154. 40 Ausführlich dazu Bernd Lindner: DDR – Rock & Pop.
14 Ueberschär 2003 (Anm. 13), S. 169. Köln 2008, S. 14–35.
15 Die Junge Union, die Jugendgruppe der katholischen Kirche, 41 Yvonne Liebing: All you need is Beat. Jugendsubkulturen in
fand im protestantisch geprägten Ostdeutschland vergleichsweise Leipzig 1957–1968. Leipzig 2005, bes. S. 32–49.
wenig Resonanz. 42 Alexander Lange: Meuten – Broadway-Cliquen – Junge Garde.
16 Aus: Stellungnahme des Evangelisch-Lutherischen Leipziger Jugendgruppen im Dritten Reich. Köln 2010.
­Landeskirchenamtes Sachsen zu den Presseangriffen gegen die 43 Vgl. Lindner 2008 (Anm. 41), S. 16–19.
Junge Gemeinde. Dresden 1953. Stiftung Archiv der Parteien und 44 Vgl. Liebing 2005 (Anm. 42), S. 39.
Massen­organisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-BArch), 45 Liebing 2005 (Anm. 42), S. 36.
DY 24/A 11.882; zitiert nach: Mählert/Stephan 1996 (Anm. 6), S. 23. 46 Vgl. Lindner 2008 (Anm. 41), S. 25–26.
17 Hansjürgen Schulz: Ich sage lieber Kneipe als Kathedrale. 47 Gisela Karau: Wohin gehen Deine Kinder?
In: Manfred Müller: Protestanten. Begegnung mit Zeitgenossen. In: BZ am Abend vom 28.12.1957.
Halle a.d. Saale/Leipzig 1990, S. 13. 48 Der Jugend Vertrauen und Verantwortung beim umfassenden
18 Abteilung Verbandsorgane-Information, Berlin, den 24. Juli Aufbau des Sozialismus. Berlin 1963, S. 22.
1952. Information Nr. 52 über die Arbeit der „Jungen Gemeinde“. 49 Der Jugend Vertrauen 1963 (Anm. 49), S. 34.
SAPMO-BArch, DY 24/A 11.893; zitiert nach: Mählert/Stephan 1996 50 In: Standpunkt der Abteilung Kultur zur Arbeit mit den
(Anm. 6), S. 92. ­Gitarrengruppen, vom 20. April 1965, S. 1.
19 SAPMO-BArch, DY 11.893, Bl. 105–123. 51 Dem Missbrauch der Jugend keinen Raum!
20 Informationsbericht des Landesvorstandes der FDJ Sachsen In: Leipziger Volkszeitung (LVZ) vom 20.10.1965.
vom 3. Dezember 1951. SAPMO-BArch, DY24 11894, Bl. 03. 52 Die Zahl der protestierenden Jugendlichen ist nicht mehr
21 Andrea Herz: Wenn Streik auch Aufstand ist. 17. Juni 1953 in genau zu ermitteln, da sich hunderte FDJ- und SED-Funktionäre
Thüringen. Erfurt 2013, S. 7. sowie Sicherheitskräfte in Zivil unter sie gemischt hatten.
22 [Link], Stichwort: Junge Gemeinde. Stellenweise wurden bis zu 2.500 Menschen auf dem Wilhelm-
23 Bericht vom 28. Februar 1952. SAPMO-BArch, Leuschner-Platz gezählt.
DY24 11894, Bl. 14–15. 53 Peter Washeim: Flugblätter gegen Beatverbot. In: Rock. Jugend
24 Ebd. und Musik in Deutschland. Hrsg. von Stiftung Haus der Geschichte
25 Informationsbericht des ZK der SED vom 16. Dezember 1952 der Bundesrepublik Deutschland/Zeitgeschichtliches Forum Leipzig
über „Die Tätigkeit der Jungen Gemeinde an den Oberschulen der und Bundeszentrale für politische Bildung. Berlin 2005, S. 50.
DDR”. SAPMO-BArch, DY30/NL NY 4182/1097. 54 Vgl. Lindner 2008 (Anm. 41), bes. S. 58–59.
26 Anlage Nr. 2 zum Protokoll des SED-Politbüros Nr. 5/53 vom
27. Januar 1953. SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/259, Bl. 2–6, bes. 2. Bildnachweis
27 Alle Zitate ebd. Haus der Geschichte, Bonn · Abb. 1, 2
28 Ebd. BStU – Archiv der Außenstelle Leipzig · Abb. 3

Unangepasste Jugendliche in der frühen DDR 171


„Tot sind Dass sich seit Beginn der 1960er Jahre, zugespitzt dann rückblickend
oft nur auf die Jahre 1967/68 bezogen, ein beachtlicher generationeller

­unsre ­Lieder“
Wandel vollzogen hat, ist zwar eine triviale Feststellung, doch ist be-
merkenswert, dass er zugleich, was die gesamte Lied- und Singekultur
der nun heranwachsenden Generation angeht, ganz erhebliche Kon-
sequenzen hatte, deren Ausgangspunkt im Titelzitat angedeutet ist.1
Jürgen Reulecke Obwohl es bereits seit der Wandervogelzeit vor dem Ersten Weltkrieg immer wieder ein Kom-
men und Gehen von „Moden“ im jeweils bevorzugten Liederschatz ebenso wie im Singestil der
jugendbewegten Gruppierungen gegeben hatte, führte jetzt der Appell der „68er“, das tradierte
Liedgut ad acta zu legen und das bisherige Singen endlich aufzugeben, zu vielfältigen und bis
heute nachwirkenden Folgen. Seither hat sich die populäre Liedkultur bis hin zum Singen im
Schulunterricht deutlich gewandelt: Die bis in die 1960er Jahre hinein weitgehend unreflek-
tiert gesungenen Lieder und die allgemein übliche Form des Singens, die schon 1956 Theodor
W. ­Adorno (1903–1969) ironisch als „sanktioniertes Schutzgebiet der Irrationalität“ bezeichnet
hatte,2 galten im Kontext der sich radikal äußernden Zeitkritiker Ende der 1960er Jahre als nicht
mehr akzeptabler Bereich der allgemeinen Jugendkultur. In einem Lied aus dem Jahre 1968 hat
einer der profilierten Beobachter und zugleich Beteiligten, der Liedermacher Franz-Josef Degen-
hardt (1931–2011), nach Jahren, in denen er eindrucksvolle Balladen und ähnliches geschaffen
und vorgetragen hatte, die Motive dafür auf den Punkt gebracht.

„Tot sind unsre Lieder, unsre alten Lieder.


Lehrer haben sie zerbissen,
Kurzbehoste sie verklampft,
braune Horden totgeschrien,
Stiefel in den Dreck gestampft.“ 3

Zugespitzt ausgedrückt: Degenhardts Chanson markiert exemplarisch eine ­bemerkenswerte


Wendemarke, nach der innerhalb kurzer Zeit das bisherige in Jugendgruppen und in ­vielen
­Familien, zum Teil auch in den Schulen tradierte Liedgut als nicht mehr akzeptabel galt,
­sodass die nach 1968 Heranwachsenden den Facettenreichtum der bisherigen jugendlichen
Liedkultur kaum noch erlebt haben. Was übrig blieb, sei nur noch – so war 2000 im „Spiegel“
zu lesen – „das Jaulen von Trauerklößen“ gewesen, denn die Deutschen hätten inzwischen das
Singen verlernt.4

172 „Tot sind unsre ­Lieder“


Tot sind uns - re ­ Lie - der

Typisches hat Degenhardt auch in einer weiteren Strophe seines Chansons angesprochen:

„Ja, wo sind die Lieder, unsre alten Lieder?


Nicht für’n Heller oder Batzen
mag Feinsliebchen barfuß ziehn,
und kein schriller Schrei nach Norden
will aus einer Kehle fliehn.“

Drei traditionsreiche und weitverbreitete Lieder sind es, die er hier exemplarisch vorführt. „Ein
Heller und ein Batzen“ war ein Jungmännertrinklied, das seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu-
nächst in den studentischen Burschenschaften, dann auch in vielen Jugendgruppen gesungen
wurde. Das Liebeslied vom „Feinsliebchen“, um 1815 entstanden, wurde 1908 von Hans Breuer
(1883–1918) in sein seither in vielen Auflagen nachgedrucktes Wandervogelliederbuch „Der Zupf-
geigenhansl“ aufgenommen. Und die Zeile vom „schrillen Schrei nach Norden“ ist der dritten
Strophe des Liedtextes „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ von Walter Flex (1887–1917) aus
dessen 1916 herausgekommenen Bestseller „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ entnommen,
vertont von dem aus dem Wandervogel stammenden Liedermacher Robert Götz (1892–1978).
Diese drei Lieder – drei Traditionsstränge also − waren in der allgemeinen Liedkultur bis in
die frühen 1960er Jahre hinein für viele Angehörige mehrerer Jugendgenerationen prägend, ge-
meinschaftsstiftend und emotionalisierend gewesen. Seit Ende der 1960er Jahre jedoch, als die
Gitarren in die Ecke gestellt wurden,5 leben sie zwar noch im Erinnerungsbestand der heutigen
Senioren weiter, sind aber ansonsten vergessen oder haben, wie das bei dem Flex-Lied von den
Wildgänsen in der jüngeren Vergangenheit mehrfach der Fall war, scharfe Kontroversen über
dessen Sinn und Inhalt ausgelöst.6

1 Das Zitat entstammt einem Flugblatt im Kontext des Waldeck- 4 Susanne Beyer: Das Jaulen der Trauerklöße. In: Der Spiegel,
Festivals des Jahres 1968, siehe dazu Detlef Siegfried: Time Is on Nr. 52 vom 22.12.2000, S. 120.
My Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur 5 Siehe zum Kontext Hotte Schneider: Die Waldeck. Lieder,
der 60er Jahre. Göttingen 2006, S. 589–590. – Siehe auch dessen Fahrten, Abenteuer. Die Geschichte der Burg Waldeck von 1911 bis
Beitrag „Chanson Folklore International“ von Detlef Siegfried in heute. Potsdam 2005, S. 363.
diesem Band. – Ähnliche damalige Slogans lauteten: „Singen lenkt 6 Zu diesem Lied: Gerhard Kurz: „Wildgänse rauschen durch die
von der Revolution ab“ und – so Degenhardt – „Zwischentöne sind Nacht“. Graue Romantik im Lied von Walter Flex.
bloß Krampf im Klassenkampf“. In: Good-Bye Memories? Lieder im Generationengedächtnis des
2 Theodor W. Adorno: Dissonanzen. Musik in der verwalteten 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Barbara Stambolis/Jürgen Reulecke.
Welt. 2. Aufl. Göttingen 1958, S. 63. Essen 2007, S. 79–97. – Wilhelm Schepping: „Wildgänse rauschen
3 Abgedruckt in: Franz-Josef Degenhardt: Kommt an den Tisch durch die Nacht“. Neue Erkenntnisse zu einem alten Lied. Ebd.,
unter Pflaumenbäumen. Reinbek 1986, Lied Nr. 51. S. 99–114.

173
Stefan Hemler

„Ty morjak“ in Schwabing, „Strontium 90“ beim Ostermarsch


Die Jugendbewegung im Protest der frühen 1960er Jahre

Die „langen sechziger Jahre“ gelten als wichtige Umbruchsphase in der Nachkriegsgeschichte.1
Tiefgreifende Veränderungsprozesse kamen in Gang, freilich nicht ohne dass soziale, politische
und ideologische Konflikte vehement ausgetragen wurden. Die „Unruhe der Jugend“, von der in
der Bundesrepublik um 1968 viel die Rede war,2 artikulierte sich in den frühen 1960er Jahren noch
nicht in einer Protestbewegung. Sie wurde allerdings in einzelnen Protestmanifestationen sichtbar,
wie etwa kleineren studentischen Demonstrationen wegen der „Spiegel-Affäre“ im Herbst 1962 oder
den erheblich größeren Kundgebungen zur „Aktion Bildungsnotstand“ 1965.3 Protagonisten aus der
Jugendbewegung standen hier zwar nur selten in den vorderen Reihen, aber sie blieben auch kei-
neswegs immer abseits, wie der Blick auf die Ostermärsche und die „Schwabinger Krawalle“ zeigt.
Als Auslöser der „Schwabinger Krawalle“, jenem Jugendprotest-Ereignis, das vom 21. bis
25. Juni 1962 München in Atem hielt, gelten fünf Mitglieder einer Jungenschaft.4 Sie betätig-
ten sich in ihrer Freizeit gemeinsam in einer der Münchener Gruppen des 1960 gegründeten
„Bundes deutscher Jungenschaften“ (BdJ).5 Ihre Horte war Ende der 1950er Jahre, also schon
vor Entstehung des BdJ, auf Initiative des Verlagskaufmannslehrlings Hans „Sitka“ Wunderlich
(geb. 1941) gebildet worden. Wunderlich hatte davor bereits in einer anderen Münchener Gruppe
mitgewirkt, die sich zur „Autonomen deutschen Jungenschaft“ zählte und zu der auch der später
auf der Burg Waldeck bekannt gewordene Liedermacher Christof Stählin (geb. 1942) gehörte.6
Der erweiterte Kreis der Horte bestand aus bis zu 15 Jungen.7 Sie interessierten sich besonders
für die Ideen der Deutschen Jungenschaft vom 1.11.1929 (dj.1.11), jedoch hatte keine der dj.1.11
nahestehenden Zusammenschlüsse in München eine Gruppe. Hingegen war mit dem damaligen
Doktoranden und späteren Soziologie-Professor Roland Eckert (geb. 1937) der erste Bundesfüh-
rer des in Süddeutschland aufblühenden BdJ in München ansässig. Mit ihm standen die Horten-
mitglieder in regem Kontakt.8
Am 21. Juni 1962 zog zu fortgeschrittener Abendstunde ein Teil der Gruppe in die Leopold-
straße, um sich in einem ihrer Stammlokale, dem „Schwabinger Nest“, ein Eis zu gönnen. Hier
fassten nun der junge Schreiner, die beiden Lehrlinge und die zwei Gymnasiasten den Entschluss,
sich wenige Meter von dem Café entfernt als Straßenmusikanten zu versuchen.9 Ihre musikali-
schen Darbietungen stießen bei den Passanten auf „begeisterte“ Reaktionen,10 vielleicht auch des-
halb, weil das Quintett stimmungsvolle russische Volkslieder wie etwa „Ty morjak“ intonierte,11
die unter Jungenschaftlern sehr beliebt waren. Kurz nach halb elf wurden die gitarrenbegleiteten

174 „Tot sind unsre ­Lieder“


Gesänge jedoch jäh unterbrochen: Ein Streifenwagen hielt an der Straßenecke. Zwei Polizeibeamte
forderten die Musikanten zum Einsteigen auf.12 Allerdings fanden nicht alle fünf auf der Rückbank
des Polizeiautos Platz. Aus Sorge vor der Schelte seines strengen Vaters nutzte der zuerst eingestie-
gene Klaus „Hauke“ Olbrich (geb. 1943) die Gelegenheit und entwischte durch die gegenüberliegen-
de Wagentür.13 Und als der letzte der Reihe, Michael „Mauko“ Erber (geb. 1944), bemerkte, dass das
Fahrzeug bereits voll besetzt war, zog er es vor, die Gitarren im „Schwabinger Nest“ in Sicherheit
zu bringen und den Gang der Ereignisse von dort aus zu beobachten.14
Wie die Süddeutsche Zeitung berichtete, hatte sich nach Eintreffen der Polizei im Nu „ein klei-
ner Menschenauflauf“ gebildet: „Die Mehrzahl der Versammelten protestierte gegen die Festnahme,
abschätzige Bemerkungen fielen, und ehe sich die Polizeibeamten der drängenden Menge erwehren
konnten, hatte jemand aus einem Hinterreifen des Funkstreifenwagens die Luft entweichen las-
sen.”15 Was zu diesem Zeitpunkt noch keiner ahnen konnte: Aus dem Vorfall an der Schwabinger
Leopoldstraße sollten sich tagelange Auseinandersetzungen zwischen einer aufbegehrenden Ju-
gendszene und der städtischen Polizei entwickeln: Die „Schwabinger Krawalle“ hatten begonnen.

Waren die „Schwabinger Krawalle“ ein jugendbewegtes Protestereignis?


Der eingangs geschil-
derte „Krawall“-Auftakt am 21. Juni 1962 lässt sich als Verlaufsmuster in folgender Weise zu-
sammenfassen: Ausgangspunkt war ein nächtliches Musikspiel im Freien, das herbeigerufene
Streifenbeamte zu unterbinden versuchten. Das als Festnahme gedeutete Einschreiten gegen die
Musikanten stieß in einer rasch anwachsenden Menge auf Unmut. Es kam bald zu Rangeleien
mit der Polizei. Bemerkenswert ist, dass es den Protestierern gelang, über einen längeren Zeit-
raum die Kontrolle über die Straße zu gewinnen.
In den vier Nächten darauf waren ohne einen solchen Anstoß wie der Musikanten-Fest-
nahme jeweils ähnliche Folgeereignisse zu beobachten, wobei die Beteiligten die Leopoldstraße
stundenlang okkupierten. So hieß es zum Beispiel in einem Bericht der Süddeutschen Zeitung
über die letzte Protestnacht: „Eine Gruppe von etwa 200 bis 300 Halbstarken [...] drang langsam
auf die Straße vor und blockierte den Verkehr. Durchpreschende Autos wurden mit Flaschen be-
worfen und mit Stiefeln getreten. Die Neugierigen rückten zaghaft auf die Fahrbahn nach.“ 16 Die
Verkehrsblockade wurde zum Teil offenbar koordiniert per Trillerpfeifensignal vorgenommen.17
Unter die Zuschauer am Straßenrand mischten sich später nach Erinnerung des damaligen AStA-
Vorsitzenden der Ludwig-Maximilians-Universität sogar, wie er sagte, „alte Omas und Leute aus
den Wohnungen mit Klappstühlen“.18 Die Einsatzkräfte versuchten Abend für Abend die Straße
zu räumen und vermeintliche oder tatsächliche „Störer“ zu ergreifen. Allerdings brachten die
Wahllosigkeit der Festnahmen und die überharten Schlagstockeinsätze in zunehmendem Maße
die liberale Öffentlichkeit gegen die Polizeieinsätze auf.
Die fünf Musikanten traten bei den weiteren Protestereignissen ab dem 22. Juni nicht mehr
öffentlich in Erscheinung, wenngleich sie sich bei den „Folgekrawallen“ unter die Schaulustigen
mischten – „aus Neugier“, wie sich Wolfram Kunkel (geb. 1943) und Michael Erber erinnern.19
Dennoch geriet die Gruppe bei der Münchener Polizei wegen des Interesses für russische Kul-
tur ernsthaft in den Verdacht der „kommunistischen Umtriebe“. Schließlich war es jedoch der
bayerische Staatsschutz selbst, der den Musikanten ihre gegenüber den Behörden beteuerten
harmlosen Absichten bestätigte: In einem internen Schreiben wurde am 4. Juli 1962 konstatiert,
das Quintett sei „lediglich aus Freude am Spiel“ aufgetreten, „und zwar ohne jede Veranlassung
dritter Personen“.20 Dementsprechend unterstellte das Amtsgericht München in seinen Strafbe-
fehlen, in denen die fünf Jungenschaftler zu Geldbußen von 20 bis 40 Mark verurteilt wurden,
auch nur ­verkehrsbehindernde Absichten. So habe beispielsweise Michael Erber beim Musizie-

Die Jugendbewegung im Protest der frühen 1960er Jahre 175


Abb. 1: Strafbefehl des Amts­
gerichts München für Michael
Erber, 12.07.1962

Abb. 2: Hans Wunderlich, Wolfram


Kunkel und Michael Erber bei
einer Nachinszenierung in der
­Leopoldstraße für die Fernsehre-
portage „Achtung Polizei! Prügel-
knaben?“, Fotografie, 23.10.1963

ren auf der Bank „die ­Störung des Fußgängerverkehrs [...] erkannt und zumindest billigend in
Kauf genommen“, was „den Tatbestand einer in Mittäterschaft begangenen Übertretung des gro-
ben Unfugs“ erfülle (Abb. 1).21
Die fünf Jungenschaftler spielten also über die ­Tatsache hinaus, dass die polizeiliche
Unterbindung ihrer Straßenmusik zum Protestanlass wurde, keine aktive Rolle im Ereignis-
verlauf. Dennoch könnte man sich angesichts der Bedeutung der Musik bei den „Schwabinger
Krawallen“ fragen, ob hier vielleicht Jugendbewegungseinflüsse von Belang gewesen sind.
Musik war nämlich bereits in der Vorphase des Protestereignisses, das heißt bei aktenkund-
lich gewordenen frühsommerlichen Zwischenfällen 1962, die rückblickend im Zusammenhang
mit den fünf „Krawall“-Nächten gesehen werden können, immer im Spiel gewesen. Das erste
dieser Ereignisse, bei dem sich die Münchener Polizei am 5. Juni genötigt fühlte, mit Streifen-
wagen und Gummiknüppeln auszurücken, war ein gut besuchtes Jazzkonzert in der Ludwig-
Maximilians-Universität, das durch Zugabeforderungen über Gebühr verlängert wurde.22 Und
am 20. Juni wurde einem Presseberichterstatter zufolge auf dem Schwabinger Wedekindplatz
zur Gitarrenmusik barfuß Twist getanzt, bevor die Macht der Ordnungshüter für Ruhe sorg-
te.23 Twisttänzer fielen den Beobachtern auch während der Hauptphase der Proteste, also den
fünf Nächten vom 21. bis 25. Juni, so sehr ins Auge, dass in der Literatur bisweilen von
„Twistkrawallen“ die Rede ist.24

176 „Tot sind unsre ­Lieder“


Mehr Jazz und Twist als Folk und Folklore – auch die Klangspuren der „Schwabinger
­Krawalle“ weisen nicht in Richtung der Jugendbewegung. Die aus einer Jungenschaft kommen-
den fünf Straßenmusikanten waren absichtslose Auslöser eines generationell-jugendkulturellen
Konfliktsignals und nicht die bewussten Signalgeber, als die sie bisweilen in der medialen Ereig-
nisrückschau erschienen sind (Abb. 2).

Aufstieg und Niedergang der Ostermarschbewegung in den 1960er Jahren


Anders gelagert ­waren
die Beziehungsverhältnisse zwischen Jugendbewegung und Protest im Falle der Ostermarsch­
bewegung. Jugendbewegte Akteure waren hier in der Entstehungsphase noch nicht ­beteiligt. Die
deutsche Ostermarschbewegung geht vielmehr auf andere Ursachen aus den späten 1950er
­Jahren zurück.25 Nachdem die SPD 1957 die Bundestagswahlen erneut verloren hatte, wollte sie
ihrem Widerstand gegen eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr mit den Mitteln des außer-
parlamentarischen Protests Nachdruck verleihen. Wie schon zu Zeiten der „Ohne-mich-Bewe-
gung“ gegen den Aufbau der Bundeswehr wurden die Sozialdemokraten auch hier in ihrem Vor-
gehen durch entsprechende Umfragen ermutigt. Diese signalisierten eine hohe Zustimmung für
die Ziele der „Kampf-dem-Atomtod“-Bewegung (KdA).26 Obgleich die KdA 1958 mehrere Groß-
kundgebungen mit bis zu 150.000 Teilnehmern organisierte, konnte die SPD aus den Mobilisie-
rungserfolgen kein politisches Kapital schlagen – im Gegenteil: Bei den Landtagswahlen in
Nordrhein-Westfalen unterlag sie überraschend der CDU. Im Rahmen ihrer nun einsetzenden
Neuorientierung entschloss sich die Sozialdemokratie nicht nur zur Beendigung des außerparla-
mentarischen Protestkurses, sondern zu einem grundlegenden Kurswechsel, der sich in der Ver-
abschiedung des „Godesberger ­Programms“ 1959 dokumentierte.27
Die Anfang 1960 entstandene Ostermarschbewegung ­knüpfte an die Reste der KdA an, doch
wurden ihre Aktionen nun von der ­Godesberg-SPD bekämpft. Insofern war es kein Zufall, dass
die neue Bewegung alsbald zu einem „Sammelpunkt derjenigen [wurde], die sich mit der Haltung
der SPD immer weniger identifizieren konnten“, und sich schließlich sogar „zum Schmelztie-
gel der bundesdeutschen Neuen ­Linken“ weiterentwickelte.28 Auch der Mitbegründer und erste
Sprecher der Bewegung, Hans-Konrad Tempel (geb. 1932), hatte bei den Sozialdemokraten seine
politische Heimat gefunden. Er war als überzeugter ­Pazifist aber auch Mitglied der SPD-nahen
Vereinigten Kriegsdienst­gegner (VK). Zusammen mit norddeutschen Sektionen der beiden ande-
ren pazifistischen Organisationen in Westdeutschland, der Internationale der Kriegsdienstgeg-
ner (IdK) und der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG), können die VK als maßgebliche Träger
des ersten Ostermarsches im März 1960 gelten. Der Antrieb für die Organisation dieses Stern-
marsches von Hamburg, Bremen, Braunschweig, Lüneburg und Hannover zum Raketenübungs-
gelände der Bundeswehr in Bergen-Hohne war aber wohl nicht allein Frustration über den
verteidigungspolitischen Schwenk der Sozialdemokratie. Ermutigend wirkte auch das Vorbild
einer neuen britischen Protestbewegung, die Tempel selbst 1959 kennen gelernt hatte: die Oster-
märsche der Campaign for Nuclear Disarmament (CND), die seit 1958 jährlich von London zum
Atomwaffenlaboratorium in Aldermaston durchgeführt wurden.29 Diese Aktionen versuchten die
deutschen Pazifisten in ihre Heimat zu übertragen. Wenngleich sie mit „Ostermarsch der Atom-
waffengegner“ 1961 einen eigenständigen Namen für ihre Organisation wählten,30 übernahmen
sie vom britischen Vorbild das eigentlich aus den Buch­staben CND stilisiert zusammengesetzte
„Peace“-Logo ( ) auf ihren Plakaten.31
Trotz des global wirksamen Bezugsrahmens der atomaren Bedrohung im Kalten Krieg waren
transnationale Verbindungen für die weitere Entwicklung der Ostermarschbewegung in Deutsch-
land jedoch weniger bedeutsam als die „nationalen Protesttraditionen“, wie Holger Nehring festge-

Die Jugendbewegung im Protest der frühen 1960er Jahre 177


stellt hat.32 In Großbritannien wie auch in den meisten anderen Ländern, in denen Friedensbewe-
gungen seit dem Ende der 1950er Jahre aktiv geworden waren, führte nämlich das Zustandekommen
eines Moratoriums für überirdische Atombombentests 1963 zur Beruhigung der Proteste.33 Hin­
gegen stiegen die Teilnehmerzahlen bei den Ostermärschen in Deutschland, die sich von Beginn
allgemein gegen Atomrüstung und Militarismus positioniert hatten, bis 1964 auf rund 100.000 an.34
Bereits 1962 hatte die Bewegung ihren Namen zu „Ostermarsch der Atomwaffengegner –
Kampagne für Abrüstung“ erweitert. 1963 wurde die Reihenfolge der beiden Namensbestand-
teile getauscht und als Namenskürzel „KfA“ gebräuchlich.35 1968 taufte sich die KfA schließ-
lich in „Kampagne für Demokratie und Abrüstung (KfDA)“ um.36 Wie diese Namensänderungen
andeuten, vergrößerte die Ostermarschbewegung im Verlauf ihres Bestehens das thematische
Spektrum und entwickelte sich „Mitte der 60er Jahre zu einem Kristallisationspunkt der außer-
parlamentarischen Opposition“.37 Die KfA fungierte zeitweilig als Koordinationsstelle für den
Protest gegen die geplante Notstandsgesetzgebung und den Vietnamkrieg. Allerdings verlor sie
schon bald ihre Führungsrolle in der Linksopposition an die aktiveren studentischen Gruppen,
welche die Richtung der 68er-Bewegung zunehmend selbst bestimmen wollten.
Im Zuge des Aufschwungs der 68er-Bewegung 1967/68 stiegen auch bei den Ostermärschen
die Zahlen der Kundgebungsteilnehmer nochmals an, 1968 sogar auf circa 300.000. Überschattet
wurden die Ostermärsche 1968 jedoch vom Attentat auf Rudi Dutschke (1940–1979). An vielen
Hochschulorten verbanden sich die Kundgebungen mit Demonstrationen oder Blockadever­
suchen, um die Auslieferung der Springer-Presse zu unterbinden. Nachdem die Ostermarschbe-
wegung sich immer enger mit dem 68er-Protest verwoben hatte, führte nun auch dessen Zerfall
zum Niedergang der KfDA.38 Erst mit dem Wiedererstarken der Friedensbewegung in den frühen
1980er Jahren lebte die Protesttradition der Ostermärsche wieder auf.

„Bunte Protestgeschichte“: Jugendbewegung und Ostermarsch in den frühen Sechzigern

Die frühen 1960er Jahre stellen in der Geschichte der Jugendbewegung das Ende einer letzten
kurzen Blütezeit dar, die in der Nachkriegszeit zunächst zu beobachten war. Um 1960 gehörten
ca. 140.000 Kinder und Jugendliche den drei großen Pfadfinderbünden an, geschätzte 10.000 bis
20.000 Mitglieder zählten die freien Bünde.39 Trotz ihrer überschaubaren Größe waren letztere
dennoch stilistisch tonangebend, weswegen diese Phase auch als die „Wiederbelebung“ der jun-
genschaftlich-autonomen „dritten Welle“ der Jugendbewegung bezeichnet werden kann.40 Wie
Eckard Holler festgestellt hat, dominierte in der Nachkriegs-Jugendbewegung zwar durchaus
eine „antifaschistische und antimilitaristische Grundstimmung“, zugleich aber gab man sich
auch betont unpolitisch.41 Die Gruppen beschäftigten sich zwar teilweise mit aktuellen Proble-
men der Zeit, leiteten hieraus jedoch nur selten politische Aktivitäten ab.
Dass in der Forschungsliteratur so für den ersten Ostermarsch in Norddeutschland 1960
keine nennenswerte Unterstützung aus der Jugendbewegung registriert wird, überrascht ­insofern
nicht. Allerdings zeigt bereits ein Blick in die Vorstandslisten der Ostermarsch­bewegung, dass
an ihr zwei wichtige Persönlichkeiten mit jugendbewegtem Hintergrund beteiligt waren. Vor-
standsmitglied Arno Klönne (geb. 1931) hatte bis 1957 eine Jungenschaftsgruppe in Paderborn
geleitet; der 1964 ins Amt gekommene Geschäftsführer Klaus Vack (geb. 1935) kam selbst aus der
Naturfreundejugend. An der Ausweitung des Themenspektrums der Kampagne für Abrüstung
waren Klönne und Vack zusammen mit Andreas Buro (geb. 1928), der 1964 ­Hans-Konrad Tempel
als KfA-Sprecher ablöste, maßgeblich beteiligt.42
Zu den „befreundeten Organisationen“ der Ostermarschbewegung, die in ihrem Vorstand
stimmberechtigte Delegierte entsenden konnten, gehörten auch drei Jugendorganisationen: der

178 „Tot sind unsre ­Lieder“


1961 wegen seiner linksoppositionellen Tendenzen von der SPD verstoßene Sozialistische Deut-
sche Studentenbund (SDS), der der IdK zugeordnete Internationale Studentische Arbeitskreis der
Kriegsdienstgegner (IAK, später ISK), und als einziger jugendbewegter Verband die Naturfreun-
dejugend,43 die sich ab 1961 in Hessen und Baden-Württemberg an Ostermärschen beteiligte.44
Aus der Arbeiterjugendbewegung waren zunächst auch die „Falken“ dabei, mussten dann aber auf
Druck der SPD offiziell ihre Mitwirkung an der KfA aufgeben, wenngleich nicht unterbunden wer-
den konnte, dass Falken-Mitglieder in großer Zahl weiterhin aktiv an den Märschen teilnahmen.45
Eine Brücke von der KfA zur Jugendbewegung stellte außerdem die von Arno Klönne zu-
sammen mit Jürgen Seifert (1928–2005) und Karl Hermann Tjaden (geb. 1935) seit 1957 heraus­
gegebene Zeitschrift „pläne“ dar, die in sympathisierender Absicht ausführlich über die Oster-
märsche berichtete.46 1961 entstand dazu ein gleichnamiges Platten-Label, das in den 1960er
und 1970er Jahren namhafte Künstler der linken Liedermacher- und Folkszene wie Dieter
­Süverkrüp (geb. 1934) oder Hannes Wader (geb. 1942) unter Vertrag hatte. Auf einer der ersten
„pläne“-Platten, den 1963 erschienenen „Ostersongs 62/63. Lieder zum Ostermarsch“, findet sich
Gerd ­Semmers (1919–1967) deutsche Fassung von „Strontium 90“, die auf den Märschen gerne
gesungen wurde.47 Ebenso wie die publizistische Darstellung von Protestinhalten trug sicherlich
auch die Popularisierung von Protestsongs dazu bei, die Ostermarschbewegung unter Jugend­
lichen bekannt zu machen.
Wohl die größte Aufmerksamkeit innerhalb der bündischen Jugendbewegung erreich-
ten die Ostermärsche im „Hortenring“, einem Zusammenschluss autonomer Jungenschaften in
Nordrhein-Westfalen, die sich selbst in der Tradition der dj.1.11 der späten Weimarer Republik
sahen.48 Nach dem Ostermarsch 1961, über den „pläne“ in einer Sondernummer ausführlich be-
richtet hatte,49 kam es im Hortenring zu kontrovers geführten Diskussionen, in denen es auch
darum ging, ob sich die Jungenschaft an einem derartigen Protest beteiligen sollte.50 Im April
1962 schlossen sich allerdings offenbar nur fünf Hortenring-Mitglieder in Duisburg dem Oster-
marsch West an,51 der über Essen und Bochum nach Dortmund führte. Ein Jahr später war die
Gruppe nach umfangreicheren Vorbereitungen deutlich angewachsen: „am ostermontag standen
15 jungenschaftler des hortenringes bei der abschlußkundgebung des marsches west 63 auf dem
dortmunder marktplatz“, schrieb einer der Teilnehmer nicht ohne Stolz in seinem mitglieder-
internen Bericht.52 Ein Teil der Gruppe hatte zuvor auch an einer Sitzblockade auf der Düssel-
dorfer Königsallee teilgenommen. Protestiert wurde hier gegen das Einreiseverbot für britische
Marschteilnehmer, die am Flughafen der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt festgehal-
ten wurden. Die Blockierer mussten zwar eine vorübergehende Festnahme erdulden, fühlten sich
von dieser Erfahrung dem Hortenring-Berichterstatter zufolge aber bestärkt: „als sie am abend
freigelassen wurden, eilten alle wieder zum ostermarsch, um gegen die bombe, die gewaltpolitik
und für ein leben in freiheit, für den besseren menschen zu kämpfen.“ 53
Erwähnung finden in demselben Text ferner „freunde aus der c.p. [christlichen Pfadfin-
derschaft], von den nerothern und aus der quickbornjungenschaft“, die an der Kundgebung in
Dortmund teilnahmen. Wie sich Norbert Schwarte (geb. 1944) erinnert, gab es beim Nerother
Wandervogel einige Mitglieder, die mit den Zielen der Ostermarschbewegung sympathisierten
oder gar zu ihren Protestzügen dazustießen – allerdings nicht als Gruppe, sondern nur ­„privat“.54
Auch aus weiteren jungenschaftlichen Zusammenschlüssen beteiligten sich offensichtlich ein-
zelne Mitglieder an den Ostermärschen. Wenngleich zum Teil Diskussionen über die Proteste
geführt wurden, sah man ein derartiges politisches Engagement nicht als Aufgabe der Gruppe
an, sondern stellte es in das Ermessen jedes einzelnen Jungenschaftlers.55 „Meine Teilnahme am
Ostermarsch […] fand im Jungwandervogel nicht wirklich Einzug. Es war die Welt ‚außerhalb‘,
gehörte nicht zur Gruppe“, schreibt beispielsweise Eike Seidel (geb. 1949) rückblickend.56

Die Jugendbewegung im Protest der frühen 1960er Jahre 179


Abb. 3: Mitglieder des Horten-
rings auf dem Ostermarsch West
von Duisburg nach Dortmund,
­Fotografie, 1964

Obwohl unter den zehntausenden Ostermarschierern der ersten Hälfte der 1960er Jahre nur
eine Minderheit der Jugend zuzurechnen war, von der sich vermutlich ein verhältnismäßig klei-
ner Teil zur Jugendbewegung zählte, bestimmte dieser überschaubare Teilnehmerkreis aber
­offenbar doch „das Erscheinungsbild der bundesdeutschen Märsche ganz wesentlich“.57 Aus dem
­todernsten Trauermarsch nach Bergen-Hohne 1960 wurde in den folgenden Jahren ein ­lebendig
durch die Republik ziehender Protest, der mit jugendbewegtem Folk wie auch Skiffle- und Jazz-
musik begleitet wurde (Abb. 3).
Dieser jugendbewegt-verwestlichte Proteststil scheint auch das verbindende Element
­zwischen den sonst in ihren Lebenswelten separierten Teilnehmern aus der Arbeiterjugend-
bewegung und der bürgerlich-bündischen Jugend gewesen zu sein.58 Mit ihrer Erlebnis- und
Gemeinschaftsorientierung übten die Ostermärsche auf junge Menschen aus unterschiedlicher
sozialer Herkunft eine Anziehungskraft aus. Dies trug im Verlauf der sechziger Jahre zur Ver­
jüngung des Teilnehmerspektrums der KfA noch vor ihrer Verschmelzung mit der 68er-Bewe-
gung bei. Arno Klönnes These, dass „der fast erstaunliche Erfolg der Ostermarschbewegung
ohne das ­speziell jugendlich-jugendbewegte Element nicht denkbar gewesen“ sei,59 erscheint vor
­diesem Hintergrund plausibel. Der Stilwandel bei den Ostermärschen in Richtung einer „bunten
Protest­geschichte“ 60 mit jugendlichem Spaßfaktor weist dabei bereits auf den hedonistischen
­Proteststil der 68er-Bewegung und der Neuen Sozialen Bewegungen voraus. Ähnlichkeiten gibt
es auch zu den „Schwabinger Krawallen“, wenn man sie als einen erlebnisbetonten Jugendprotest
zur Eroberung des öffentlichen Raums der Straße interpretiert.61 Anders als beim Ostermarsch
wurden allerdings in Schwabing 1962 inhaltliche Ziele nur sehr vage erkennbar. Dennoch scheint
es mit Blick auf die Bedeutung von Jugendbewegungs-Elementen bei den Ostermärsche dann
doch weniger überraschend zu sein, dass nicht nur Twist-Klänge, sondern auch jungenschaft­
liche Musikdarbietungen zum Anlass für das allgemeine Aufbegehren einer städtischen Jugend-
szene gegen obrigkeitsstaatliche Einschränkungen werden konnten.
Wie deutlich geworden ist, hatte die Jugendbewegung durchaus einen erkennbaren Anteil
am Protest der frühen 1960er Jahre. Wenngleich eigenständige Impulse von ihr ausgingen, war
sie aber dennoch nicht einer der maßgeblichen Träger des Protests. Ein Teil von ihr ­gehörte aller-
dings durchaus zum gesellschaftlichen Resonanzboden der aufkommenden „Unruhe der ­Jugend“.
Dass beim Mitschwingen der Jugendbewegung im Sound der Revolte auch eigenständige neue
Klänge entstanden, davon durften sich die Besucher der Festivals der Burg Waldeck überzeu-
gen.62 Ebenso wie der hedonistisch-jugendbewegte Proteststil überlebte auch der ­Protestsong
die 68er-Krise der bündischen Jugend und konnte so von den Neuen Sozialen Bewegungen der
1970er und 1980er Jahre aufgegriffen werden.

180 „Tot sind unsre ­Lieder“


1 Arthur Marwick: The Sixties. Cultural Revolution in Britain, 24 Werner Lindner: Jugendprotest seit den fünfziger Jahren.
France, Italy and the United States, c. 1958 – c. 1974. Dissens und kultureller Eigensinn. Opladen 1996, S. 87. – Knut
Oxford 1999, bes. S. 7. Hickethier: Protestkultur und alternative Lebensformen.
2 Vgl. Franz-Werner Kersting: „Unruhediskurs“. Zeitgenössische In: Die Kultur der 60er Jahre. Hrsg. von Werner Faulstich.
Deutungen der 68er-Bewegung. In: Demokratisierung und gesell- Paderborn 2003, S. 11–30, bes. S. 16.
schaftlicher Aufbruch. Hrsg. von Matthias Frese/Julia Paulus/Karl 25 Zur Geschichte der Ostermarschbewegung vgl. Karl A. Otto:
Teppe. Paderborn u.a. 2003, S. 715–740. Vom Ostermarsch zur APO. Geschichte der außerparlamentarischen
3 Vgl. Manfred Liebel: Die öffentlichen Reaktionen in der Opposition in der Bundesrepublik 1960–1970. Frankfurt a.M./New
­Bundesrepublik. In: Jürgen Seifert: Die Spiegel-Affäre, 2 Bde. Olten/ York 1977. – Guido Grünewald: Zur Geschichte des Ostermarsches
Freiburg 1966, Bd. 2, S. 37–240, bes. S. 155–169. – Gerhard Bauß: der Atomwaffengegner. In: Blätter für deutsche und internationale
Die Studentenbewegung der sechziger Jahre in der Bundesrepublik Politik 27, 1982, H. 3, S. 303–322. – Jan Wienecke/Fritz Krause:
und Westberlin. Köln 1977, S. 29–30. Unser Marsch ist eine gute Sache: Ostermärsche damals – heute.
4 Vgl. „Schwabinger Krawalle“. Protest, Polizei und Öffentlichkeit Frankfurt a.M. 1982. – Holger Nehring: Die Anti-Atomwaffen-Proteste
zu Beginn der 60er Jahre. Hrsg. von Gerhard Fürmetz. Essen 2006. in der Bundesrepublik und in Großbritannien. Zur Entwicklung der
– Stefan Hemler: Auftakt eines kulturrevolutionären Umbruchs? Ostermarschbewegung 1957–1964. In: vorgänge. Zeitschrift für
Die „Schwabinger Krawalle“ 1962. In: Historische Jugendforschung. ­Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik 42, 2003, Nr. 4, S. 22–31.
Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung N.F. 4, 2007, 26 Vgl. Michael Geyer: Der Kalte Krieg, die Deutschen und die
S. 74–101. Die nachfolgenden Darlegungen zur Rolle der Jugend­ Angst. Die westdeutsche Opposition gegen Wiederbewaffnung und
bewegung bei den „Schwabinger Krawallen“ stellen größtenteils Kernwaffen. In: Nachkrieg in Deutschland. Hrsg. von Klaus Naumann.
eine Zusammenfassung meiner dortigen Ausführungen dar. Hamburg 2001, S. 267–318, bes. S. 302–305.
5 Zu den Anfängen des BdJ vgl. Diethart Kerbs: Zur Geschichte 27 Vgl. Otto 1977 (Anm. 25), S. 56–64. – Andreas Buro: Es begann
und Gestalt der deutschen Jungenschaft. In: Neue Sammlung 6, schon vor dem Ostermarsch. In: vorgänge. Zeitschrift für Bürger-
1966, S. 146–170, bes. S. 154–162. – Die klare luft gibt’s heute rechte und Gesellschaftspolitik 22, 1983, H. 4/5, S. 103–110,
umsonst… Der Bund deutscher Jungenschaften. Hrsg. von Fritz bes. S. 104–106. – Nehring 2003 (Anm. 25), S. 25–26.
Schmidt/Bernd Gerhard. Heidenheim 1986, bes. S. 52–72. 28 Holger Nehring: Die Proteste gegen Atomwaffen in der
6 Mündliche Auskunft von Hans Wunderlich am 26.01.2008. Bundesrepublik und in Großbritannien, 1957–1964 – ein Vergleich
7 Archiv des Instituts für Zeitgeschichte, München, ED 750, zweier sozialer Bewegungen. In: Mitteilungsblatt des Instituts für
APO-Archiv/Heinz Koderer, Interview von Esther Arens und Heinz soziale Bewegungen 31, 2004, S. 81–107, bes. S. 95.
Koderer mit Dr. Michael Erber, Wolfram Kunkel und Hans ­Wunderlich 29 Vgl. Otto 1977 (Anm. 25), S. 67–73. – Grünewald 1982 (Anm. 25),
am 01.06.2002. S. 304–305.
8 Mündliche Auskunft von Dr. Michael Erber am 19.06.2002 30 Otto 1977 (Anm. 25), S. 79.
und 27.01.2008. Bekannt waren Mitglieder der Horte auch mit dem 31 Allerdings wurde im deutschen Protestkontext das ursprünglich
damaligen Leiter der Internationalen Jugendbibliothek in München, als betont „sachliches“ Buchstaben-Logo konzipierte P
­ eace-Zeichen
Walter Scherf (1920–2010). Er war 1949/50 Bundesführer der sich als zum Symbol für eine „Todesrune“ umgedeutet. Vgl. Holger Nehring:
unpolitischere dj.1.11-Nachfolgerin verstehenden „Deutschen Jungen- Politics, Symbols and the Public Sphere: The Protests against
schaft“ gewesen; vgl. Helmut Grau: dj.1.11. Struktur und Wandel eines Nuclear Weapons in Britain and West G
­ ermany, 1958–1963.
subkulturellen jugendlichen Milieus in vier Jahrzehnten. In: Zeithistorische Forschungen/­Studies in Contemporary History,
Frankfurt a.M. 1976, S. 52–53. Online-Ausgabe, 2, 2005, Nr. 2, URL: [Link]
9 Interview Erber/Kunkel/Wunderlich 2002 (Anm. 7). [Link]/16126041-Nehring-2-2005 [01.03.2013], Abschnitt 14.
10 So Wolfram Kunkels Erinnerung im Interview Erber/Kunkel/ 32 Nehring 2003 (Anm. 25), S. 23.
Wunderlich 2002 (Anm. 7). 33 Vgl. Michael Frey: The International Peace Movement.
11 Mündliche Auskunft von Dr. Michael Erber am 21.02.2013. In: 1968 in Europe. A History of Protest and Activism, 1956–1977.
12 Interview Erber/Kunkel/Wunderlich 2002 (Anm. 7). Hrsg. von Martin Klimke/Joachim Scharloth. New York/Basing­stoke
13 Mündliche Auskunft von Klaus Olbrich am 24.01.2008. 2008, S. 33–44, bes. S. 41.
14 Interview Erber/Kunkel/Wunderlich 2002 (Anm. 7). 34 Vgl. die tabellarischen Angaben bei Grünewald 1982 (Anm. 25),
15 Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 23./24.06.1962, S. 9. S. 314.
16 SZ vom 27.06.1962, S. 15. 35 Vgl. Otto 1977 (Anm. 25), S. 118–124.
17 Münchner Merkur vom 25.06.1962, S. 11. 36 Grünewald 1982 (Anm. 25), S. 320.
18 Interview mit Prof. Dr. Gundolf Seidenspinner (1939–2008) 37 Grünewald 1982 (Anm. 25), S. 318.
am 18.10.1999. 38 Otto 1977 (Anm. 25), S. 145–179. – Grünewald 1982 (Anm. 25),
19 Interview Erber/Kunkel/Wunderlich 2002 (Anm. 7). S. 320–322. – Buro 1983 (Anm. 27), S. 106–107.
20 Bayerisches Hauptstaatsarchiv, München, MInn 97954, 39 David Reinicke: Abschied vom Männerbund. Kulturelle Praxis
DD 2 (Eibler) an den Leiter der Kriminalpolizei vom 04.07.1962. jugendbewegter Gruppen 1945–65. In: Historische Jugendforschung.
21 Privatarchiv Dr. Michael Erber, München, Strafbefehl des Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung N.F. 7, 2010,
Amtsgerichts München, Abteilung Jugendgericht, gegen Michael S. 213–229, bes. S. 214.
Erber vom 12. Juli 1962 (Az: 1 Cs 609/62 jug.1). 40 Jürgen Reulecke: Der „Hortenring“ im Ruhrgebiet in den
22 Vgl. SZ vom 07.06.1962, S. 13. – Abendzeitung (Nachtausgabe) frühen 1960er Jahren. In: „Hier gibt es Jungen, die nicht einmal ein
vom 06.06.1962, S. 1. – Staatsarchiv München, Polizeidirektion eigenes Bett haben“ – tusks KPD-Eintritt 1932 und die Jungenschaft-
München 11129, Bericht des Polizeipräsidiums München vom liche Linke nach 1945. Hrsg. von Eckard Holler (Beiträge zur Jugend-
26.07.1962 über Vorfälle in Schwabing, S. 1–2. und Jungenschaftsbewegung 6). Berlin 2012, S. 103–112, bes. S. 103.
23 SZ vom 22.06.1962.

Die Jugendbewegung im Protest der frühen 1960er Jahre 181


41 Eckard Holler: Linke Strömungen in den autonomen 59 Mündliche Auskunft von Arno Klönne am 26.10.2012. –
­Jungenschaften nach 1945. In: Hier gibt es Jungen 2012 In etwas modifizierter Weise hat Klönne kürzlich in einem Beitrag
(Anm. 40), S. 55–70, bes. S. 56. ­formuliert: „Teilnehmer aus jungenschaftlich-bündischen Gruppen
42 Vgl. Nehring 2004 (Anm. 28), S. 96–97. trugen ­wesentlich bei zum wachsenden Erfolg des Ostermarsches
43 Otto 1977 (Anm. 25), S. 79. im Rhein-Ruhr-Gebiet; Antimilitarismus war hier das leitende Motiv.“
44 So die Erinnerung von Arno Klönne; mündliche Auskunft Arno Klönne: Links und frei. Erinnerung an die Jahre nach dem
am 26.10.2012. Krieg: In: Hier gibt es Jungen 2012 (Anm. 40), S. 71–73, bes. S. 73.
45 Vgl. Otto 1977 (Anm. 25), S. 139–140. – Heiner Halberstadt: 60 So eine Formulierung von Arno Klönne; mündliche Auskunft
Protest gegen Remilitarisierung, „Kampf dem Atomtod“ und die am 26.10.2012.
Ostermarsch-Bewegung in Westdeutschland. In: Protestierende 61 Vgl. Roland Roth: „Die Macht liegt auf der Straße”. Zur Bedeu-
Jugend. Jugendopposition und politischer Protest in der tung des Straßenprotests für die neuen sozialen Bewegungen.
deutschen Nachkriegsgeschichte. Hrsg. von Ulrich Herrmann. In: Straße und Straßenkultur. Interdisziplinäre Beobachtungen eines
Weinheim/München 2002, S. 313–328, bes. S. 326. öffentlichen Sozialraumes in der fortgeschrittenen Moderne. Hrsg.
46 Vgl. Reulecke 2012 (Anm. 40), S. 109. – Ca. 800 bis 900 von Hans-Jürgen Hohm. Konstanz 1997, S. 195–214, bes. S. 202–204.
Bezieher der Zeitschrift waren in den 1960er Jahren nach einer 62 Vgl. Detlef Siegfried: Time Is on My Side. Konsum und Politik
Einschätzung von Arno Klönne aus dem Jahr 1968 bündischen in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre.
und jungenschaftlichen Gruppen zuzurechnen; Göttingen 2006, S. 571–600.
vgl. Holler 2012 (Anm. 41), S. 58.
47 Das englische Original aus dem Jahre 1960 stammte von Bildnachweis
Fred Dallas (geb. 1931); vgl. Andreas Michalke: Atomkraft war noch Privatarchiv Eckard Holler, Berlin · Abb. 3
nie cool. In: Jungle World vom 24.03.2011, Privatarchiv Dr. Michael Erber, München · Abb. 1, 2
URL: [Link] [1.3.2013].
48 Vgl. Reulecke 2012 (Anm. 40).
49 pläne, Nr. 4/5, 1961: „Sondernummer: Ostermarsch der
Atomwaffengegner 1961“ (Standort: Bibliothek des Instituts für
Zeitgeschichte, München).
50 Vgl. Reulecke 2012 (Anm. 40), S. 107. – Hinweise auf die internen
Auseinandersetzungen finden sich auch in Artikeln der Druckschrift
„stufe“, die der Hortenring Anfang der 1960er Jahre unter seinen
Mitgliedern verbreitete (Standort: Privatarchiv von Erdmann Linde,
Bochum, dem ich für zahlreiche Auskünfte sowie die Überlassung von
Materialien danke): An die dj.1.11 (Bund). In: stufe III [Februar 1962];
kämpfen und wachsen! In: stufe IV [Mai 1962].
51 ostermarsch 1962. In: stufe IV [Mai 1962].
52 om 63. In: stufe 9 [Sommer 1963]. – Reulecke 2012, S. 110,
zufolge hatten sich „nach ersten Beteiligungen 1962 ab Ostern 1963
immer mehr komplette Horten daran [am Ostermarsch] beteiligt“.
Demnach müsste die Zahl der Hortenring-Jungenschaftler unter-
wegs, vor der Abschlusskundgebung in Dortmund, offenbar größer
gewesen sein.
53 om 63. In: stufe 9 [Sommer 1963].
54 Mündliche Auskunft von Norbert Schwarte am 19.10.2012.
55 In diesem Sinne die Auskünfte von Roland Eckert zur Haltung
des BdJ gegenüber den Ostermärschen, mündliche Auskunft am
19.10.2012. Auch in der Karlsruher Jungenschaft der politischen
Fragen aufgeschlossener gegenüberstehenden d.j.e.V. wollte man
sich nach Erinnerung von Eckard Holler (geb. 1941) in den frühen
1960er Jahren noch nicht zu einer Befürwortung der Ostermärsche
durchringen, wenngleich sich mehrere Gruppenmitglieder an den
Protesten beteiligten; mündliche Auskunft am 20.10.2012.
56 Eike Seidel: Der „Ring Bündischer Jugend“ (RBJ) in Hamburg
1971–1976. Bündische Jugend in der 68er-Bewegung und danach.
In: Hier gibt es Jungen 2012 (Anm. 40), S. 127–143, bes. S. 129.
57 Nehring 2004 (Anm. 28), S. 105.
58 Vgl. Nehring 2004 (Anm. 28), S. 104–105.

182 „Tot sind unsre ­Lieder“


Detlef Siegfried

Chanson Folklore International


Die Festivals auf der Burg Waldeck 1964 bis 1969

Die Burg Waldeck, Treffpunkt der Jugendbewegung seit 1910 und seit den 1920er Jahren Ort
des Siedlungsprojekts „Rheinische Jugendburg” des Nerother Wandervogel, wurde einer größe-
ren Öffentlichkeit in den 1960er Jahren bekannt, als sie mit den Festivals „Chanson ­Folklore
International“ einer internationalen Kulturbewegung einen deutschen Fokus gab und ihm
über Radio und Fernsehen Resonanz verschaffte.1 Liedermacher wie Franz Josef Degenhardt
(­1931–2011), Dieter Süverkrüp (geb. 1934) und Walter Mossmann (geb. 1941) wurden hier groß,
während gleichzeitig internationale Folkstars wie Phil Ochs (1940–1976) oder Odetta (1930–2008)
den Anschluss an die Entwicklung in anderen Ländern vermittelten. Mehr noch als die großen
Namen lebten die Waldeck-Festivals jedoch von der massenhaften Selbsttätigkeit, dem Engage-
ment, der Diskutier- und Spielfreude seines zumeist studentischen und gymnasialen Publikums.
Dass die Verknüpfung deutscher und internationaler musikalischer Innovationen mit politischer
Note ausgerechnet an einem Traditionsort der Jugendbewegung stattfand, haben schon zeit-
genössisch manche Kommentatoren mit Verwunderung registriert. Bei genauerer Betrachtung
ist dies so erstaunlich nicht, denn die Festivals entstanden auf Initiative eines „studentischen
Arbeitskreises” des linken Flügels der früheren Jugendbewegung, der sich ursprünglich poli-
tischen Problemen widmete, aber mit der musikalischen Bearbeitung von Fragen der Zeit eine
Kulturbewegung förderte, die weit über den bündischen Ursprungskern hinausging. Mit den
Festivals wurde die Waldeck zu einem Brennpunkt der kulturellen und politischen Kontroversen
in den dynamischen 1960er Jahren.

Gruppe 47 der Musik


Die Initiative kam von den jüngeren Mitgliedern der „Arbeitsgemeinschaft
Burg Waldeck” (ABW), ihrem „studentischen Arbeitskreis“, der aus etwa 25 Personen bestand.2
Hier gaben Leute den Ton an, die in der Nachkriegsjugendbewegung sozialisiert und etwas älter
als die späteren Aktivisten der Studentenbewegung waren. Ihr intellektueller Kopf war Diethart
Kerbs (1937–2013), der nach einem geistes- und sozialwissenschaftlichen Studium 1963 als
­Assistent am Pädagogischen Seminar der Universität Göttingen eine wissenschaftliche Karriere
begann. Weil die Waldeck seit 1965 weit über ihren bündischen Kern hinaus zu einem Anzie-
hungspunkt für junge Intellektuelle wurde, stießen zu diesem Kreis in der zweiten Hälfte der
1960er Jahre auch jüngere Leute, die nichts mit der Jugendbewegung zu tun hatten, aber den

Die Festivals auf der Burg Waldeck 1964 bis 1969 183
neuen musikalischen Formen wie Beat und Underground zum Durchbruch verhelfen wollten –
Rolf-Ulrich Kaiser (geb. 1943), Tom Schroeder (geb. 1938) und Reinhard Hippen (1942–2010). Ihre
­kulturellen und politischen Konzepte waren zum Teil radikaler als die der Festivalgründer, wie
sich in Konflikten zeigte, die seit 1967 die Veranstaltungen prägten.
Schon die Motive, die zur Gründung des Festivals führten, waren politischer Natur. Zum
einen wurde damit ein Impuls aus den USA aufgegriffen, wo sich im Kontext des studentischen
„Free-Speech-Movement“ eine von jungen Leuten getragene Songbewegung entfaltet hatte, die
mobilisierend wirkte und die politischen Anliegen der Studierenden in die Öffentlichkeit trans-
portierte. Zum anderen sollte das Festival die innereuropäischen Grenzen überwinden: „Gesang
zwischen den Fronten“ lautete die programmatische Formel, die nicht nur auf die Blocksituation
des Kalten Krieges anspielte, sondern auch die Vorstellung eines dritten Weges zwischen Stali-
nismus und Kapitalismus widerspiegelte.
Von Beginn an wurde die Waldeck zum Sammelpunkt der westdeutschen Liedermacher-
Szene, insbesondere ihres politischen Teils, für den Degenhardt & Co. standen. Allerdings
greift eine Sichtweise zu kurz, die allein auf die politische Opposition abhebt. „Zeitkritik” und
„­Engagement” waren vielmehr Elemente einer weit umfas-
senderen Kulturrevolution, die sich auch auf die ­Lebensweise
erstreckte, auf die Gestaltung von Freizeit und Arbeit, das
Verhältnis der Geschlechter, den geistigen Horizont und die
kulturellen Ausdrucksformen. Auf der Waldeck wurde der po-
litische Fokus versetzt und diffus gehalten vor allem durch
die folkloristischen, satirischen und lebensweltlich-anarchi-
schen Impulse wie sie etwa in den Songs von John Pearse
(1939–2008), ­Hannes Wader (geb. 1942) oder Schobert & Black
sichtbar wurden. Das Ungefähr-Oppositionelle, das sich nicht
allein auf das Politische festlegte, machte die eigentliche An-
ziehungskraft der Waldeck aus (Abb. 1).
Die Idee, ein Festival zu gründen, lag in der Luft – zumal
nachdem das Newport Folkfestival an der US-Ostküste sich
seit 1959 zu einem Anziehungspunkt der jungen Intelligenz entwickelt hatte und weit über die Abb. 1: Katja Ebstein zwischen
Grenzen der USA ausstrahlte. Waldeck war nicht als große Publikumsveranstaltung gedacht, Hein und Oss Kröher als Zuhörer
im Waldeck-Publikum, Fotografie,
sondern sollte in erster Linie die vereinzelten Künstler zum Erfahrungsaustausch zusammen- 1965
bringen – ähnlich wie die Gruppe 47, nur eben auf dem Gebiet von Chanson und Folklore. Erst
in zweiter Linie wurde an ein Publikum gedacht – ein kleiner, handverlesener Kreis von fach-
kundigen Leuten, der die Debatte der Künstler anregen und reflektieren sollte.3 Dieses Konzept
war elitär, es setzte sich ab von den „rein kommerzialisierten Schlagerfestivals“ und misstraute
den konsumistischen Neigungen des Publikums. Die Pfingsttage seien „in erster Linie für den
jungen Künstler gedacht und erst dann für den Konsumenten!“,4 hielten die Veranstalter fest.
Der deutschen Folk- und Liedermacherszene gab diese Initiative einen entscheidenden Anstoß.
Eine kleine Gruppe junger Intellektueller aus dem linksbündischen Sektor verhalf Künstlern, die
abseits des etablierten Kulturbetriebs eben erst dabei waren, mit alten und neuen musikalischen
Formen und Inhalten zu experimentieren, zu einer Probebühne und bot ihnen einen öffentlichen
Resonanzraum. Dieser Raum sollte so weit wie möglich gefasst sein – nicht durch ein Publikum
vor Ort, sondern durch die Vermittlung der Massenmedien. An einer Übertragung durch Radio
und Fernsehen waren die Veranstalter schon bei der Planung des ersten Festivals interessiert,
nicht zuletzt deshalb, weil sie die finanzielle Basis absichern sollte. Staatliche Zuschüsse wur-
den auch in den Folgejahren nicht gezahlt, sodass das Festival sich selbst tragen musste. Zum

184 „Tot sind unsre ­Lieder“


ersten, noch sehr experimentell angelegten Treffen kamen mit etwa 400 Besuchern zwar mehr
als erwartet, doch handelte es sich weitgehend um die Klientel, die erreicht werden sollte. Ein
beträchtlicher Teil der Besucher soll noch aus bündischen Zusammenhängen gekommen sein.5
In einer sehr zeittypischen Dialektik waren diejenigen, die die kulturindustrielle Ausbreitung
des Neuen beklagten, an eben diesem Verbreiterungsprozess entscheidend ­beteiligt. Die Ein-
beziehung der Medien und der Aufbau ­einer eigenen Zeitschrift namens „Song” zeigten, dass es
die Initiatoren mit ihrem Sendungsbewusstsein ernst meinten. Die Gesellschaft sollte verändert
werden, und dazu ­bedurfte es der medialen Verbreitung.

1966/67: Folk und Underground


Nachdem sich die Teilnehmerzahl 1965 schon verdoppelt hatte,
strömten 1966 so viele Menschen auf die Waldeck, dass die Grenzen des Möglichen überschritten
waren. Um die 3.000 sollen das dritte Waldeck-Festival besucht haben – „vorwiegend sehr junge
Leute in vorwiegend olivgrüner Ami-Kluft, Cordhosen und Blue jeans“, wie Klaus Budzinski be-
obachtete, intellektuell, „leger und städtisch“, so Martin Degenhardts Eindruck.6 Ein Impuls für
diesen Besucherzustrom war im Folklore-Boom zu finden, der aus den USA kam, 1965 die Bun-
desrepublik erreichte und durch die in diesem Jahr erstmals über alle Massenmedien ­verbreitete
Nachricht vom Waldeck-Festival auf einen deutschen Nukleus stieß, an dem sich diese neue Strö-
mung sammelte. Die Massenresonanz erschreckte die Veranstalter, die, ohnehin skeptisch gegen-
über jeder „Masse” und insbesondere gegenüber der kommerziell vermittelten Popmusik, die je-
den kritischen Inhalt fraß, nun gegensteuerten. Tatsächlich war gar nicht ausgemacht, dass aus
der großen Masse der Zuströmenden automatisch auf deren mangelndes Problembewusstsein
geschlossen werden konnte. Es fanden sich weder radikale Verweigerer noch abhängige Konsu-
menten auf der Burg ein, sondern ein in der überwiegenden Mehrzahl nicht nur intellektuelles,
sondern auch sachkundiges, kritisches und interventionsfreudiges Publikum.7
Das Publikum widerlegte die Vorstellung, dass ein Massenzulauf zwangsläufig zu einer Ver-
wässerung der Inhalte führen musste. Vielmehr zeigte sich, dass in der Bundesrepublik ein gesell-
schaftskritisches Potenzial heranwuchs, das nach Kristallisationspunkten für die eigenen Stile
Ausschau hielt und unter anderem auf dieser entlegenen Burgruine fündig wurde. Allein die so
unerwartet entstandene Masse sprengte nicht nur die Kapazität des Geländes und die Leistungs-
grenzen der ehrenamtlichen Organisatoren, sie veränderte auch die Qualität der Veranstaltung
auf eine Weise, die nicht gewollt war. 1965 hatte man den Gedanken erörtert, das Festival in eine
urbane Region zu verlegen, um der gewachsenen, vornehmlich städtisch beheimateten Klientel
entgegenzukommen. Er wurde verworfen – denn eine politische und kommerzielle Manipulation
der Besucher sei auf der Waldeck besser zu verhindern.8 Tatsächlich machte für die Veranstalter
von der ABW ein Festival nur Sinn, wenn es auch auf der Waldeck stattfand, von ihnen zu bewälti-
gen war und in einem überschaubaren Rahmen blieb, der möglichst viel Erfahrungsaustausch und
Diskussion zuließ. Aus diesen Gründen entschieden sie sich nach der Erfahrung von 1966 dafür,
den Zulauf für das Festival 1967 zu drosseln, indem sie mit Voranmeldungen arbeiteten und die
Veranstaltung nicht über Pfingsten abhielten, sondern erst eine Woche später, als sich ein Großteil
der Klientel schon wieder in den Seminaren und Arbeitsstätten befand.
1966 und 1967 erweiterte sich das Spektrum dessen, was man als „gesellschaftlich
­engagiertes Lied“ bezeichnen könnte, erheblich. Es umfasste nicht mehr nur Volkslied, ­Chanson
und zeitkritisches Lied, sondern auch die elektrisch verstärkte und mit heterogenen Elementen
aus Folk, Blues und Rock’n’Roll operierende und gleichzeitig textlich anspruchsvolle Populär­
musik. Allerdings wurde die Frage, inwieweit sich die Veranstalter diesen neueren ­Tendenzen
gegenüber öffnen sollten, zum Streitpunkt des Festivals 1967. Schon im Vorfeld hatten sie

Die Festivals auf der Burg Waldeck 1964 bis 1969 185
sich darauf verständigt, als Gegenbewegung gegen die vor allem durch
ausländische Einflüsse verursachte Ausbreitung und Verflachung des
Folk- und Protestsongs das Schwergewicht auf deutschsprachige Ge-
genwartslieder zu verlagern – „ausländische“ Chansons und Folklore
sollten „nur noch zugelassen werden, wenn sie von hochqualifizierten
Interpreten dargeboten werden“.9 Diese Engführung löste nicht nur in
der Öffentlichkeit Irritationen aus, sondern führte auch zu Dissonanzen
unter den Waldeck-Aktivisten. Die Zahl der Teilnehmer lag mit etwa 1200
wie gewünscht erheblich unter dem Vorjahresniveau und konzentrierte
sich auf einen, wie Jürgen Jekewitz beobachtete, „vielschichtigen Kreis
von Kennern und Liebhabern der modernen Folklore und des modernen
Chansons“ – ein deutlich älteres Publikum als im Vorjahr.10 In der Presse
wurde dies als Rückzugsbewegung interpretiert, die nicht recht passen
wollte zu der explosionsartigen Ausbreitung, die Folk und Protestsong
inzwischen erfahren hatten.11 Reginald Rudorf rügte, man habe sich gar
nicht erst bemüht, die Idylle des Baybachtals durch amerikanische Sze-
nestars wie Bob Dylan (geb. 1941) oder Joan Baez (geb. 1941) zu beleben – angeblich, weil diese, Abb. 2: Massenmediale Ver­
wie aus dem Kreis der Veranstalter verlautete, „kommerziell festgelegt“ seien. „Alles Popähnliche breitung per Schallplatte, Cover,
Burg Waldeck – Festival 1967
wurde vermieden“, so resümierte Rudorf zugespitzt, „nur das chemisch gereinigte Traditionslied Chanson Folklore International
volkstümlicher Vegetarier hatte eine Chance auf der Sangesbörse in Waldeck“ (Abb. 2). (vgl. [Link]. 279)
Die etwas älteren ABW-ler um Kerbs wollten im Grunde eine Waldeck nach klassischem
­Intellektuellengeschmack: klein, fein und möglichst einflussreich. Die nicht aus der Jugendbewe-
gung stammenden, jüngeren „Kräfte von linksaußen“ 12 um Kaiser, die als Mittzwanziger noch eine
starke Beziehung zum textlich anspruchsvollen Lied hatten, aber auch für den neuen Sound emp-
fänglich waren, hatten sehr viel weniger Vorbehalte gegen das Populäre. Hinzu kam ein Dissens
über die Frage, inwieweit Beatmusik an sich eine politische Botschaft transportierte. Kerbs hatte
sich von jenen distanziert, die den Beat als eine „per se antifaschistische Musik“ betrachteten.13
Das sahen diejenigen anders, die in den Ursprüngen der Beatmusik in den Katakomben Liver-
pools oder Hamburgs den musikalischen Ausdruck einer Rebellion ausmachten, die auch durch
kommerzielle Ausbeutung nicht destruiert werden konnte. Es kam darauf an, das revolutionäre
Potenzial der neuen Stile zu erkennen und ihnen in die Diskotheken zu verhelfen. Kommerzialisie-
rung war kein Teufelszeug, sondern das entscheidende Medium, um die Massen zu erreichen. Der­
artige kulturrevolutionäre Überlegungen gewannen an Gewicht, als unmittelbar nach dem Ende
des Festivals, seit dem 2. Juni 1967, eine politische Bewegung entstand, die den Zusammenhang
von politischer Radikalisierung und Massenkultur auf eine ganz neue Bedeutungsebene hob und
jede Art von esoterischem Gepussel am Rande der Gesellschaft vollends absurd erscheinen ließ.
Die überzeugendste Konsequenz aus dieser Tatsache zogen die Veranstalter der „Internationalen
­Essener Songtage“ – Kaiser und seine Leute –, die 1968 das lauschige Grün des Baybachtals verlie-
ßen und der Mischung aus revolutionärer Politik und revolutionärer Ästhetik eine urbane ­Bühne
im größten industriellen Ballungsraum des Landes errichteten. Mit 40.000 Besuchern wurde ­dieses
­illegitime Waldeck-Kind zum bis dahin größten Underground-Festival in Europa.

Politisierung 1968
Auf der Waldeck nahm indessen der Einfluss der Politik zu. Es konnte gar
nicht anders sein, denn seit dem Treffen im Vorjahr hatte sich die Studentenbewegung voll ent-
faltet; nur vier Tage nach seinem Ende war in Berlin Benno Ohnesorg (1940–1967) erschossen
worden. Das Festival von 1968 stand in vielerlei Hinsicht unter äußerem und inneren Druck. Es

186 „Tot sind unsre ­Lieder“


fand statt vom 12. bis 17. Juni – noch im Nachklang der Osterkrawalle und unmittelbar nach den
Pariser Mai-Unruhen, die atmosphärisch auch östlich des Rheins fortwirkten (Abb. 3). Hinzu
kam als zweites Moment, dass die jüngeren Kulturradikalen aus Köln und Mainz mit Volldampf
an den Essener Songtagen arbeiteten, die als urbanes Gegenfestival konzipiert waren. Einge-
klemmt zwischen einer von hier kaum beeinflussbaren politischen Radikalisierungsdynamik auf
der ­einen, einer ebenfalls jenseits der Festwiese entstandenen urbanen Massenkultur auf der
­anderen Seite, stand die Legitimität der Waldeck auf dem Spiel. Was hatte sie überhaupt bewirkt,
was konnte sie bewirken, wenn in ihren beiden Interessenfeldern Politik und Kultur plötzlich
derart starke Kräfte am Werk waren, die auf sie einwirkten wie Schraubzwingen? Ein Teil der
Presse sah das Waldeck-Festival gar schon „von der Geschichte überholt“.14 Der Konflikt von 1968
konzentrierte sich ganz auf die Frage, inwieweit intellektuelle Differenzierung in Form des zeit-
kritischen Liedes oder gar der Folklore überhaupt noch angemessen sei. Kritik allein genügte
nicht mehr, die Zeit des Handelns war gekommen. Diese Dynamik verschob die Perspektive auto-
matisch: von einem abseits des Alltagstrubels gelegenen ruhigen Ort der Reflexion hin zu den
gepflasterten Straßen, auf denen sich die politische Aktion abspielte. Ein dritter Faktor bestand
in der schieren Zahl der Besucher, die mit 5.000 den Rekord von 1966 weit übertraf, aber auch
der Frage nach den kritischen Potentialen dieser Masse neue Nahrung gab.
Geprägt wurde das Festival von einigen Teilnehmern, die an die Stelle des Kunstvortrags
die Diskussion setzen wollten. Dies bedeutete keine Aufhebung des ursprünglichen Festival­
konzepts, sondern seine Radikalisierung zu einer Seite hin: seine hedonistischen und diskursi-
ven Elemente sollten beiseite treten, die politische Intervention ganz in den Mittelpunkt ­rücken.
Im Flugblatt einer „Basisgruppe Waldeck-Festival“ wurde dieses Konzept skizziert: Seit 1964
hatten die Chansons der Waldeck dazu beigetragen, ein Bewusstsein von den gesellschaft­lichen
Missständen zu erzeugen. Nun käme es darauf an, dieses kritische Bewusstsein in ­Aktion um-
zusetzen.15 Doch statt dessen ziehe die „Chansonbewegung […] Kräfte ab, die an der Front drin-
gend gebraucht werden. Ihre Beibehaltung ist ein
Versuch, den Prozess an einer Stelle zu stoppen
und zur Sub- oder Kontrastkultur zu verdingli-
chen. Auch als Kontrastkultur aber ist sie in das
System integriert und wird von ihm freundlich
gehätschelt – wie die Fernseh- und Rundfunk-
aufnahmen zeigen.“ Das Flugblatt gipfelte in dem
Aufruf: „Stellt die Gitarren in die Ecke und disku-
tiert!“ Praktisch schlugen sich diese Intentionen
vielfach nieder. Die Veranstaltung mit Hanns Die-
ter Hüsch (1925–2005) wurde unterbrochen und
geriet zu einem Tribunal gegen den Künstler. Die
Konzerte von Degenhardt und Mossmann wurden
zugunsten der Diskussion verkürzt.
Während des Festivals 1968 war kritisiert
worden, dass sich auf der Waldeck große ­Massen
von Besuchern einfanden, „die ohne ­größere
Anstrengung progressiv sein wollen“. Ohne inhaltliche Arbeit aber sei keine Revolution zu Abb. 3: Plakat, Burg Waldeck
­machen.16 Auch hatte Kerbs bereits im Vorfeld dafür plädiert, „das Festival-Image auf der Wal- ­Festival in Pop Art-Optik, 1968
(vgl. [Link]. 278)
deck immer mehr abzubauen und das Image einer Waldeck-Werkwoche für Chanson-Folklore
etc. aufzubauen“: „Lieber ein zahlenmäßig kleines Festival, auf dem gute Referate und Diskus-
sionen möglich sind, als ein großes Meeting mit ­Superkonzerten, nach denen alles auseinander

Die Festivals auf der Burg Waldeck 1964 bis 1969 187
läuft.“ 17 Ähnlich lautete die Manöverkritik nach den Essener Songtagen – nicht zuletzt von Seiten
einer Gruppe um Rolf Schwendter, die 1969 versuchte, als Konsequenz aus der 68er-Waldeck und
den Song­tagen nicht mehr ein Festival, sondern einen „Workshop“ abzuhalten, dessen Hauptziel
die ­inhaltliche Arbeit war.18

„Waldeck 69 Gegenkultur”
Das sechste Festival, unter dem Titel „Waldeck 69 Gegenkultur“ ab-
gehalten vom 10. bis 14. September 1969, war das letzte in dieser Reihe und zugleich eines der
interessantesten, weil es die Transformationen der linksoppositionellen Kulturszene besonders
deutlich machte und zeigte, wie sehr der Umbruch der späten 1960er Jahre einen seiner Ur-
sprungsorte verändert hatte und schließlich hinter sich ließ. Die Bewertungen dieses Treffens
sind auffällig disparat, aus den Kreisen der ABW wird es eher negativ, als eine „Art Abgesang“
einer ansonsten erfolgreichen Reihe angesehen.19 Tatsächlich war es, gemessen an den Maß­
stäben der Veranstalter, durchaus erfolgreich. Denn wegen des gewollten „reinen Werkstatt­
charakters“ 20 war das Treffen durch einen hohen Anteil theoretischer Diskussion ­gekennzeichnet,
die zwar nicht zu den gewünschten Synergien führte, aber durchaus Folgewirkungen hatte. Dass
abseits des offiziellen Programms viel subkulturelles Jugendleben stattfand, gehörte ebenfalls
zu den gemeinschaftsbildenden, wenn auch weniger erhofften Effekten. Allerdings spielten nun
Folk und chansonorientierter Protestsong nur noch eine untergeordnete Rolle. Hüsch und
­Süverkrüp erschienen gar nicht erst – ebenso wie britische und amerikanische
Künstler –, Degenhardt kam nur zu Informationszwecken. Lediglich Wader und
Reinhard Mey (geb. 1942) traten auf, wirkten aber nach Klaus Theweleits Aus-
kunft wie „Überbleibsel aus Existentialisten-Kellern, die vergeblich ein Air von
Melancholie zu verbreiten suchen“.21 Statt dessen wurde das Festival, wie
­Reginald Rudorf pointiert beschrieb, „vom Popgetöse donnernd überhallt“.22 Die
„übersteuerte Verstärkermusik von Jimi-Hendrix-Gitarren und Fugs-Anklängen“,
die den Sound des Gegenkultur-Treffens bestimmte, kam von Bands wie Xhol
Caravan oder Checkpoint Charly – Formationen, die elektrisch verstärkte Musik
nach britischer und amerikanischer Façon machten.
Das Treffen markierte insofern das Ende der alten Waldeck, als ein Großteil
des Publikums, das das Festival bis 1968 angezogen hatte, hier keinen Platz mehr
fand. Es war gleichzeitig eine Weiterentwicklung des ursprünglichen Konzepts,
weil es sehr viel dezidierter als im Vorjahr die neuen kulturellen und politischen
Impulse aufnahm, die aus der Gesellschaft selbst kamen. Dies war eine Folge des
Differenzierungsprozesses, der sich nach der großen Verschmelzung von 1967
schon im darauf folgenden Jahr angekündigt hatte. Es setzten sich damit die­
jenigen durch, die besonders nah an den aktuellen Tendenzen in der Jugendkul-
tur, aber nicht unbedingt an der alten Jugendbewegung waren. „Waldeck 69“ war
zugleich der letzte große Sammelpunkt der westdeutschen Gegenkultur in ihren verschiedenen Abb. 4: Titelblatt der Zeitschrift
Facetten und der ambitionierteste Versuch, ihre kulturelle Komponente politisch aufzuwerten „song“, 1969, in: Hotte Schneider,
Die Waldeck. Lieder, Fahrten,
und unter diesem Vorzeichen eine Vereinheitlichung herbeizuführen (Abb. 4). Abenteuer. Die Geschichte der
Als Versuch, das Profil einer Gegenkultur schärfer zu umreißen, wirkten die Anstöße von Burg Waldeck von 1911 bis heute.
„Waldeck 69“ fort im „Workshop Subkultur“, der an einer Verständigung der verschiedenen sub- Potsdam 2005, S. 376

kulturellen Gruppen weiter arbeitete und sich im Laufe des Jahres 1970 mehrfach traf, sowie in
einem von Diethart Kerbs 1971 herausgegebenen Sammelband, der eine „hedonistische Linke“
theoretisch legitimieren sollte. Auf der praktischen Ebene flossen die Waldecker und Essener
Erfahrungen ein in eine Reihe neuer Festivals, die sich von den rein kommerziellen Pop-Veran-

188 „Tot sind unsre ­Lieder“


staltungen dadurch absetzten, dass sie eine bunte Mischung aus bekannten und weniger be-
kannten Künstlern, Kleinkunst und Diskussion unter starker Publikumsbeteiligung anboten. Am
deutlichsten spiegelten sich diese Einflüsse im Mainzer „Open-Ohr“-Festival wider, das seit 1975
jährlich zu Pfingsten abgehalten wird. Die Reihe der Festivals auf der Burg Waldeck ging zu Ende,
weil sich die Kombination aus politischem Anspruch und Unterhaltung so sehr ausdifferenziert
hatte, dass sie nicht mehr nur an einem Ort zu konzentrieren war, sondern an vielen Orten und
Szenen gleichzeitig stattfand. Es war nicht mehr nur eine kleine Schar von Interessierten, die
bundesweit zusammenkam, um ihre musikalischen Präferenzen zu pflegen. Statt dessen versorg-
ten Medien, professionelle Konzertveranstalter, Aktionsbündnisse, politische Organisationen
und Jugendzentren ein sehr viel größer gewordenes Publikum vor Ort mit einer Vielzahl kul-
tureller Veranstaltungen. Die Waldeck war ein bedeutender Katalysator dieses Verbreiterungs-
prozesses, ein Brennpunkt, an dem immer wieder kontrovers über die Gegenwartstendenzen in
der Gesellschaft und ihre Folgen für eine anspruchsvolle Kultur gehandelt wurde. Sie hatte eine
„Vorreiterfunktion“ 23 nicht nur für die Wiederentdeckung des demokratischen Volksliedes und
der jiddischen Folklore oder für den Durchbruch des politischen Liedes, sondern sie stellte die
Wirkungsmacht von sozialen Verhaltensformen wie Toleranz, Selbsttätigkeit und experimentelle
Kreativität unter Beweis, die sich als zukunftsträchtig erweisen sollten.

1 Dieser Text fasst die Ergebnisse meiner Studien zusammen: 12 So Jürgen Jekewitz über Kaiser, Schroeder und Hippen;
Detlef Siegfried: Time Is on My Side. Konsum und Politik in der Impuls, Nr. 9, 1967, unpag.
westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre. Göttingen 2006, 13 Diethart Kerbs: Eröffnungsrede zum IV. Festival „Chanson
2. Aufl. Göttingen 2008, S. 571–600. – Vgl. auch Holger Böning: Folklore International“ Burg Waldeck im Hunsrück, 24.05.1967.
Der Traum von einer Sache. Aufstieg und Fall der Utopie im AABW, Redner.
­politischen Lied der Bundesrepublik und der DDR. Bremen 2004, 14 Die Zeit vom 28.06.1968.
S. 59–85. – Hotte Schneider: Die Waldeck. Lieder, Fahrten, 15 Basisgruppe Waldeck-Festival: Thesen zur politischen
­Abenteuer. Die Geschichte der Burg Waldeck von 1911 bis heute. ­Funktion der Chanson- und Liedbewegung. In: Festival-Nachrich-
Potsdam 2005, S. 313–377. – Michael Kleff: Die Burg Waldeck Festi- ten, Nr. 3 vom 16.06.1968, S. 5.
vals 1964–1969. Chansons Folklore International. Hambergen 2008. 16 Festival-Nachrichten, Nr. 4 vom 17.06.1968, S. 3.
2 Adressenliste, o.D. Archiv der Arbeitsgemeinschaft Burg 17 Diethart Kerbs: Gedanken zum V. Waldeck-Festival, o.D.
Waldeck (AABW), Festivals 64/65. [Februar 1968]. AABW, Redner.
3 Dies und das Folgende in Kerbs’ Eröffnungsrede zum ersten 18 Die „Essener Song-Tage-Resolution“, abgedruckt in: Song,
Festival 1964; Diethart Kerbs: Gesang zwischen den Fronten. Nr. 8, 1968, S. 21.
In: Neue Sammlung 4, 1964, S. 437–442. – Vgl. auch Arbeits­ 19 So eine Teilnehmerin im Rückblick, zitiert nach Wahlers 2003
gemeinschaft Burg Waldeck e.V. [Konzept und Plan], 18.02.1964. (Anm. 5), S. 87.
AABW, Festivals 64/65. 20 Song, Nr. 2, 1969, S. 8.
4 Siegfried 2008 (Anm. 1), S. 576. 21 Die Zeit vom 19.09.1969.
5 Corinna Wahlers: Die Entwicklung des politischen Singens 22 Frankfurter Rundschau vom 27.09.1969.
in den 1960er Jahren unter besonderer Berücksichtigung der 23 Jürgen Jekewitz. In: Der „Wohltemperierte“ Baybach-Bote,
­Festivals auf Burg Waldeck. Mag. Siegen 2003, S. 27. [Manuskript] Nr. 15 vom Jahreswechsel 1969/70, S. 2.
6 Die Zeit vom 10.06.1966; Allgemeine Zeitung vom 08.06.1966.
7 So jedenfalls die Beobachtungen von Martin Degenhardt, Bildnachweis
Rolf-Ulrich Kaiser und Hilmar Bachor, Allgemeine Zeitung vom Foto: Joachim Lischke · Abb. 1
8.6.1966; Echo der Zeit vom 19.6.1966; Sendemanuskript WDR, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., Dorweiler, Archiv,
21.6.1966. AABW, Festivals 64/65. Fotos: Monika Runge, GNM · Abb. 2, 3
8 Protokoll der Abschlussdiskussion des II. Festivals auf Burg
Waldeck, 30.05.1965. Deutsches Kabarettarchiv, Mainz (DKA),
LN/H/5,2.
9 Extrakt der Arbeitssitzung „Festival 1966 und 1967“,
17.07.1966. DKA, LN/H/5,2.
10 Impuls, Nr. 9, 1967, [Link]. Die Zahl in der Frankfurter
­Rundschau vom 10.06.1967.
11 So besonders pointiert Reginald Rudorf in der Frankfurter
Rundschau vom 10.06.1967 (dort auch das nachfolgende Zitat). –
Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt vom 23.07.1967. – Vgl. Die
Zeit vom 02.06.1967.

Die Festivals auf der Burg Waldeck 1964 bis 1969 189
Hans-Ulrich Thamer

Das „Jahrhundert der Jugend“


Zum Bilderzyklus von Heribert C. Ottersbach

Das „Jahrhundert der Jugend“ ist auch ein „Jahrhundert der Bilder“. Unsere Vorstellungen von
­Jugend als Ausdruck von Dynamik und Bewegung, von Hoffnung und Zukunft sind an Bilder ge-
heftet. Bilder, die das eigene Erleben aufgreifen; Bilder, die diese Erfahrungen repräsentieren
und deuten, die erfunden und transportiert werden, die sich im kollektiven Gedächtnis festge-
setzt ­haben. Bilder, die durch audiovisuelle Medien wie durch klassische Printmedien, durch neue
­Illustrations- und Reproduktionstechniken und digitale Bilderfluten verbreitet wurden.
Das „Jahrhundert der Jugend“ hat jedoch viele Facetten. Die sozialen Bewegungen, die die
Erfahrungen und Erwartungen der Jugend repräsentieren – von der Wandervogelbewegung bis
zur neuen Frauenbewegung –, können ebenso für Emanzipation, Freiheit und Individualisierung,
für Autonomie und Gemeinschaft stehen wie für Verführung, Massenmobilisierung, Gewalt und
Diktatur. In ihrer raschen Abfolge, im Ineinander und Gegeneinander der sozialen und kulturel-
len Bewegungen der Jugend finden sich die Ambivalenzen und Widersprüche des 20. Jahrhun-
derts wie in einem Brennglas gebündelt. Sie alle sind Ausdruck ihrer jeweiligen Zeitumstände
und -deutungen; sie haben sich in ihrer Widersprüchlichkeit teilweise aufgelöst, teilweise neu
formiert oder überlagert. Am Ende des Jahrhunderts und nach dem Ende der Ost-West-Spaltung
beziehungsweise deutschen Teilung entstand bei vielen Betrachtern, bei Publizisten und Histo-
rikern, bei bildenden Künstlern wie bei Schriftstellern das Bedürfnis, die vielen isolierten und
durch die politisch-kulturellen Gegensätze voneinander getrennten Eindrücke und Erinnerun-
gen in ein Gesamttableau zu bringen, das wie bei einem Vogelflug die Widersprüche und kurz-
lebigen Zeit-Abschnitte aus größerer Entfernung zu einer größeren Gesamtschau und zu einer
Gesamtdeutung zusammenfügt.
In dem 44-teiligen Bilderzyklus ‚Jugend‘ hat Heribert C. Ottersbach (geb. 1960) diese Erwar-
tungen und Erfahrungen, die sich über ein ganzes Jahrhundert mit Jugend verbinden können,
zu einem möglichen Gesamtbild zusammengefügt und unterschiedliche Zeitebenen, Erinnerun-
gen an die hoffnungsvollen Anfänge und Verheißungen des Jahrhunderts mit Schreckens­bildern
der totalitären Versuchung und Unterwerfung zusammen und nebeneinander gestellt. Der
­Bilderzyklus vereint die verschiedensten Zeiträume und Zeitabläufe; er vergegenwärtigt das Un-
gleichzeitige, die auf die Zukunft gerichtete Erwartung, die sich mit der Evokation von ­Jugend
verbindet, wie die Wiederkehr vergangener Jugendwelten mit ihren verwandten Erwartungen
und Haltungen. Es entsteht ein Konvolut verschiedenster Bilder, die aus unterschiedlichen

190 „Tot sind unsre ­Lieder“


­Zeiten und Räumen stammen und hier durch Zerschneiden, durch Collagen zusammengestellt
beziehungsweise geordnet werden. Dennoch bleibt alles ein Fragment und lässt sich nicht zu
­einem geschlossenen Bild zusammenfügen. Es sind und bleiben Erinnerungsstücke, Bildreste
und Schnipsel. Sie stehen für eigene Erinnerungen und Deutungen, sie wecken beim Durch­
stöbern Assoziationen, die schließlich über die Auswahl entscheiden. Sie machen das Subjektive,
das dem Erinnern immer inhärent ist, zum Prinzip, indem der Künstler seine eigene Auswahl und
seine eigene Anordnung, die er vorgenommen hat, mit seiner ästhetischen Konstruktion in einen
neuen Zusammenhang rückt.
Ottersbach hat keine neuen Bilder erfunden, sondern Bilder im Repertoire der klassischen
Kunstgeschichte wie der Bildgeschichte des 20. Jahrhunderts wiedergefunden und sich ihrer
bedient.1 Er hat Fotos nicht nur ausgewählt und in Ausschnitten präsentiert, er hat sie nicht
nur ausgeschnitten und abgeschnitten, sondern auch übermalt und überdruckt. Das verändert
die Erinnerung an die Herkunft noch einmal und setzt neue Assoziationen frei. Denn die Bilder
sind nicht nach traditionellen und wissenschaftlich-normativ gesicherten Kriterien sortiert: Sie
sind nicht chronologisch, nicht quellenkritisch oder nach einer vermeintlich objektiven politi-
schen Systemzugehörigkeit oder Kausalität geordnet, sondern nach Bildmotiven, nach Gesten
und Ritualen, nach Körpersprachen und Verhaltensmustern, nach unterschiedlichen politischen
und sozialen Repräsentationen und Handlungsorten. Dadurch entsteht ein Gesamtbild der Ähn-
lichkeit und des Kontrastes, der Vielfalt und Widersprüchlichkeit. „Eine Annäherung“, so der
Künstler in einer Selbstinterpretation, die postmodernem Denken entspricht, „ist nur über das
Fragment möglich, weil es das große ganze nicht gibt.“ 2
Neben Bilderinnerungen an Jugendgruppen, die sich beim Singen oder im getragenen
oder im ekstatischen Tanz zu einer Gruppe formieren, stehen Gruppen in religiös-ekstatischer
Verzückung oder im sakralisierten Bekenntnis. Besonders auffällig wird diese Haltung bei den
protestierenden Westberliner Studenten von 1968 in der obersten Reihe, die sich um ein Holz-
kreuz gruppieren. An anderer Stelle zeigt sich eine Gruppe in lockerer Formation vor „grauer
Städte Mauern“, die dem Einzelnen noch Entfaltung und Freiraum verspricht, so wie das im
Wandervogel oder anderen autonomen bündischen Gruppen der Fall war. Daneben dann eine
als geschlossene marschierende und uniformierte Gruppe von singenden Halstuchträgern oder
eine zum Gruppenbild um eine rote Fahne aufgebaute und geordnete Gruppe, die Geschlossen-
heit und ­Totalität einer politisch gleichgeschalteten Staatsjugend signalisiert. Immer wieder
tauchen Fahnen auf, in der obersten Reihe wie in der zweiten Reihe von oben, die den Marsch
der ­Jugend zu einer geschlossenen Ordnung formieren und auf eine Richtung orientieren, etwa
in der Choreografie eines HJ-Aufmarsches und einer FDJ-Masseninszenierung, die mehrfach
­zitiert wird. Aber auch die marschierende Mädchengruppe, die sich um Fahnen und Banner
schart und vermutlich in einen kirchlichen Zusammenhang gehört, verrät etwas von der Sug-
gestion der Massenmobilisierung und Zugehörigkeit zu einer geschlossenen Gemeinschaft. Auch
die ­jüdisch-zionistische Gruppe, die hinter einer riesigen Fahne, stolz und aufrecht getragen von
zwei Fahnenträgern, marschiert, wird zum Zeugnis.
Dazwischen entdecken wir Jugendliche in der Geborgenheit der kleinen Gruppe, im ver-
trauten Gespräch und im Widerstand, wie die Mitglieder der studentischen Opposition gegen
Hitler, die Weiße Rose. In der dritten Reihe stehen sich tanzende Gruppen, junge Frauen bei
Gymnastikübungen im Sportdress und Massenchoreografien mit Bildern des politischen Kultes
gegenüber. Dreimal taucht in dieser und in der vierten Reihe der Che-Guevara-Kult der sozial­
radikalen Protestbewegungen der 1960er Jahre auf, als pseudo-religiös drapierte Ikone des Pro-
testes und der Führerverklärung. In der dritten Reihe ganz links reitet der Held, Che Guevara
(1928–1967), auf einem Esel wie Christus beim Einzug in Jerusalem ein. Dann entdecken wir im

Zum Bilderzyklus von Heribert C. Ottersbach 191


Abbildung aus
urheberrechtlichen Gründen
unkenntlich gemacht

dritten Bild in derselben Reihe die Aufbahrung des Leichnams des Revolutionsführers, der nach
seiner Hinrichtung von Journalisten identifiziert und präsentiert werden sollte. Wieder dient
eine klassische Bildvorlage, die „Anatomie-Kunde“ von Rembrandt, als ikonografischer Verweis
und als Erinnerungs- beziehungsweise Deutungsangebot. Schließlich erscheint er auf einem
Poster als Ikone der Protestbewegung. Die vierte Reihe vereint widersprüchliche Erinnerungen
an die unruhigen 1960er und 1970er Jahre: Wiederum Bilder von demonstrierenden Jugendli-
chen, die sich zur Beschwörung ihrer Gemeinsamkeit und Solidarität gegenseitig unterhaken,
daneben Bilder von einem Teach-In, auf dem vermutlich Rudi Dutschke (1940–1979) auftrat; von
­Gudrun Ensslin (1940–1977) und Andreas Baader (1943–1977); schließlich vom Attentat auf Rudi
Dutschke. Viele dieser Bilder sind zu Ikonen geworden, von denen allein schon ein Ausschnitt,
ein kleines Relikt ausreicht, um bei dem Betrachter, dem Zeitgenossen wie dem Nachgeborenen,
die Erinnerung an einen Vorgang zu wecken, um den Gesamtzusammenhang, aus dem der Aus-
schnitt stammt, zu ergänzen beziehungsweise zu assoziieren. Das gilt besonders eindringlich
für die beiden Bilder vom Dutschke-Attentat, die sich auf die Präsentation eines auf dem Boden
liegenden Fahrrades und eines Paars Schuhe beschränken können.
Die Verwendung von Farbe verstärkt diesen Eindruck. Wir sehen die einstigen Pressefotos
nicht im vertrauten Grau oder Schwarz-Weiß wieder. Mal werden die Bilder in ein grelles Rot
getaucht, dann, wie beim Attentat auf Rudi Dutschke oder dem Porträt der Weißen Rose, in ein
graues Dunkel oder ein gefährliches Grau-Rot. Dann wieder in ein bengalisches Licht, das auf
die verzückte Gemeinde fällt.
Sicherlich wird der Betrachter, gerade nach dem Besuch der historischen Ausstellung zur
Jugendbewegung, in diesem Bilderzyklus viele Bilder von Jugend vermissen: das Verlangen
nach Selbstbestimmung und Selbstorganisation, nach dem Naturerlebnis und nach Distanz
zur parteipolitischen Welt. Oder er wird manche Bilder anders lesen, den Kontext der jewei-
ligen Gruppenbildung, ihren programmatischen Anspruch und politischen Ort beachten und
unterscheiden. Ottersbach hingegen hat, wenn man die Bilanz seiner Collage zieht, Jugendbe-
wegungen und Jugendkulte vor allem in ihren Ritualen und Gesten, in ihrer Bereitschaft zur
Hingabe und Ekstase, zur pseudoreligiösen Inszenierung und Bereitschaft zur Gefolgschaft
gezeigt; er hat bei seiner Auswahl den Bildern der Diktaturen und der 1960er Jahre ein Über-

192 „Tot sind unsre ­Lieder“


Abbildung aus
urheberrechtlichen Gründen
unkenntlich gemacht

Heribert C. Ottersbach,
Ohne Titel (Jugend), 1994/95

gewicht verliehen und hat darum selbst den autonomen und individualistischen Aufbruch
der Wandervogeljugend in eine assoziative Verbindung mit Gruppenformierungen gebracht,
die sich von einem ästhetisierenden Gemeinschaftskult haben leiten und verführen lassen. Er
sieht in der spontanen Selbstdarstellung der autonomen Gruppe bereits die spätere Entwick-
lung zu einem kollektiven Einordnungs- und Unterwerfungsakt, er sieht das Vorher im Lichte
des Nachher und stellt zeitlich und auch inhaltlich differierende Gruppen vor allem aufgrund
ihrer Körpersprache, ihres Habitus nebeneinander und konstruiert im Wissen um die späteren
Gefährdungen der Jugendkulturen eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die freilich der
Offenheit von Geschichte und den Gefühlen und Hoffnungen historischer Akteure und eini-
ger Gruppen nicht immer gerecht wird. Das mag der Zeiterfahrung des Künstlers geschuldet
sein, die ihre ersten Prägungen in den politisierten 1960er und 1970er Jahren erfahren haben
dürfte. Umgekehrt ergänzt der Bilderzyklus die Darstellung der Ausstellung um Aspekte, die
dort nicht gezeigt werden konnten und die zusammen mit den Bildern von Aufbruch, Autono-
mie und Gemeinschaftsbildung der Jugend auch die Gefahren und Perversionen von Gemein-
schafts- und Führerkulten verdeutlichen und sich zu einem äußerst widersprüchlichen und
ambivalenten Gesamtbild verdichten, dessen Unvollkommenheit und Subjektivität der Künst-
ler mit seinem Bilderzyklus zeigen wollte.

1 Ottersbach selbst sprach von einem „Selbstbedienungsladen“, zitiert bei Eckhart Gillen: Scherbenlese des Jahrhunderts. Zu Heri-
der sich ihm aus der Kunstgeschichte, der Kulturgeschichte, der bert C. Ottersbach. In: Deutschlandbilder. Kunst aus einem geteilten
politischen Geschichte zur Verfügung stellte und aus der er durch Land. Hrsg. von ­Eckhart Gillen. [Link]. 47. Berliner Festwochen,
Erinnerung eine Auswahl traf. Dazu Heribert C. Ottersbach: Martin-­Gropius-Bau, Berlin. Köln 1997, S. 385–389, bes. S. 385.
Erinnerte Bilder. Mit einem Text von Karin Thomas. Ostfildern 1995,
S. 65; zitiert bei Karin Thomas: Vernetzte Zeiten. Über Gerhard Bildnachweis
Richter, Anselm Kiefer, Heribert C. Ottersbach, Neo Rauch. © Heribert C. Ottersbach, Foto: Carl-Victor Dahmen, Köln
In: Kunstforum 150, April/Juni 2000, S. 298–309, bes. S. 306. © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
2 Eckhart Gillen im Gespräch mit Heribert C. Ottersbach.
In: Wider die Vollendung. Hrsg. von Klaus Honnef.
[Link]. Rheinisches Landesmuseum, Bonn. Bonn 1993;

Zum Bilderzyklus von Heribert C. Ottersbach 193


Thomas Brehm

Aufbruch in die Gegenwart

Das kleine rote Buch mit den Worten des Vorsitzenden Mao Tse-tung (1893–1976), eine Ausgabe
der BRAVO, eine alte Musikkassette – diese und andere Objekte finden sich zum Ende der Ausstel-
lung in einem überdimensionalen Setzkasten. Sie sind erste Beiträge für ein Tableau der Jugend-
kulturen, das mit eigenen Objekten zu vollenden die Besucherinnen und Besucher auf­gefordert
sind. Damit soll in einer partizipativen Herangehensweise die Bandbreite der Jugendkulturen
ebenso sichtbar werden wie charakteristische Binnendifferenzierungen. Für die Betrachterinnen
und Betrachter bietet die Zusammenstellung Raum für individuelle Erinnerungen, historische
Einordnungen und rückblickende Bewertungen.
Abgrenzung gegenüber der Elterngeneration, die Gemeinschaft mit Gleichaltrigen, das Er-
proben und Entwickeln eigener Fähigkeiten wie das Ausloten von Grenzbereichen und nicht
zuletzt Gedanken über die individuellen Lebensentwürfe beschäftigen Jugendliche heute wie
vor 100 Jahren. Dies kann sie in die verschiedenen Jugendorganisationen führen oder zu eher
lockeren Gemeinschaften, die sich über Kleidung, Musik, Sprache und Auftreten definieren.
In allem jedoch nehmen Jugendkulturen Bezug auf die technischen, wirtschaftlichen, ge-
sellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. Jugendliche passen sich diesen an, inso-
weit sie diese für ihre Bedürfnisse nutzen können. Und sie opponieren gegen Bestehendes, um
im Sinne ihrer Wertvorstellungen Veränderungen zu bewirken. Daher stellt „die Jugend […] für
die Gesellschaft eine Art Frühwarnsystem dar, denn sie reagiert auf gesellschaftliche Verände-
rungen schneller – weil sie es muss.“ 1
Vieles von dem, was sich in den heutigen Jugendkulturen wiederfindet, lässt sich zu ­seinen
Ursprüngen in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren zurückführen. Hip-Hop und
Punk haben hier ebenso ihre Wurzeln wie die politische Protestkultur der Neuen Sozialen Be-
wegung. „Mit den Stichworten Individualisierung, Pluralisierung und Flexibilisierung fassen
wir eine Transformation der Gesellschaft nach dem großen Boom, die aus sich heraus neue An­
forderungen, eine neue Dynamik und veränderte Erwartungen im Rahmen der Alltagskultur und
der privaten Lebensführung hervorbrachte.“ 2 Diese Auswirkungen werden mit Blick auf die Ent-
wicklung der Jugendkulturen besonders deutlich.
Einen hohen Stellenwert besitzen die technischen Entwicklungen vor allem in der Unterhal-
tungs- und Kommunikationselektronik. Bereits Rock’n‘Roll und Beat lebten von der Kraft elek-
trisch verstärkter Gitarren. Künstlich erzeugte Synthesizer-Klänge bereicherten die Rockmusik
der siebziger Jahre ebenso wie die Musik in den immer zahlreicher werdenden ­Diskotheken. Und
„Techno“ schließlich revolutionierte die Musikszene total, setzte den kreativen DJ mit ­Computer

194 „Tot sind unsre ­Lieder“


an die Stelle von Bands und Instrumenten und begeistert so eine große Jugendszene in Clubs
und Partytreffs.3 Die Love-Parade wurde bis zu ihrem tragischen Ende in Duisburg 2010 zum
vielbeachteten Massenspektakel der Technobegeisterten.
Auch die Verbreitungs- und Speichermedien veränderten sich in den letzten Jahrzehnten
rasant. Bereits die seit den siebziger Jahren immer stärker genutzte Compact Cassette erlaubte
individuelle Musikzusammenstellungen sowie preiswertes Kopieren aus Radiosendungen und
von Schallplatten. Musik wurde so noch stärker als zuvor Ausdruck des eigenen Lebensgefühls,
das man mit Geistesverwandten teilen konnte. Zugleich konnte man sich der Kommerzialisierung
jugendlichen Lebensgefühls durch das Kopieren der Lieblingsmusik wenigstens ein Stück weit
entziehen. Die rasche Entwicklung der elektronischen Speichermedien verstärkt diesen Trend.
Legale und illegale Tauschbörsen im Netz, Plattformen wie YouTube und soziale ­Netzwerke er-
leichtern den Austausch und die Verbreitung der gerade angesagten Titel.
Spielkonsolen wiederum vermittelten neue Techniken und schufen Gemeinschaften Gleich-
gesinnter, die in den heutigen virtuellen Spielwelten ganz eigene Zusammengehörigkeiten finden.4
Waren feste Szenetreffpunkte lange Zeit unverzichtbar, wollte man mit Gleichgesinnten reden,
trinken, etwas unternehmen, so lassen sich in Zeiten einer preiswerten mobilen Kommunika­
tionstechnologie und virtueller sozialer Netzwerke Treffen spontan organisieren. Reale Gemein-
schaftserlebnisse und virtuelle Gruppenbildungen ergänzen einander.
Weil Jugendliche technischen Neuerungen gegenüber besonders aufgeschlossen sind,
ist dieser Wirtschaftszweig im Wortsinne ein junger. Zugleich sind Jugendliche bevorzugte
­Adressaten der Werbung für die Kommunikations- und Unterhaltungselektronik. Doch der Kom-
merz spielt nicht nur bei den Medien eine große Rolle.5 Jugendkulturen generell unterliegen
einer Kommerzialisierung, wenn sie eine marktrelevante Größe erreicht haben. Was in kleinen
Clubs entsteht, sich zunächst im Verborgenen weiterentwickelt, zum Kennzeichen verschwore-
ner ­Gemeinschaften wird, wird einhergehend mit einer größeren Verbreitung kom-
merzialisiert. Kleidung wird Mode, die Marke tritt an die Stelle des Stils. Erfolg und
Vermarktung gehen in der Regel Hand in Hand. Wie auch sonst sollten sich ­Produkte
gleich welcher Art in einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft mas-
senhaft verbreiten. Damit wird die Zugänglichkeit für diejenigen, die mit der Szene
­sympathisieren, sicher erleichtert. Zugleich schleift sich im Mainstream das Profil ab,
wird im schlimmsten Fall Attitüde oder modisches Accessoire und verliert an Glaub-
würdigkeit. Die Abgrenzung gegenüber den Etablierten, den Älteren wird schwierig,
wenn gerade diese gewinnend und gewinnbringend das Material für die Abgren-
zungsversuche liefern und managen.
Diese Wechselbeziehungen zeigt besonders deutlich die Jugendzeitschrift
BRAVO. Immer am Mainstream orientiert, sorgte diese größte Jugendzeitschrift im
deutschsprachigen Raum mit ihren Starschnitten für die Wandgestaltung vieler
­Jugendzimmer. Und sie reagierte auf die Emanzipation jugendlicher Sexualität seit den
siebziger Jahren mit beratenden Kolumnen, die wiederum wesentlich zur sexuellen
Aufklärung ganzer Generationen beigetragen und die sexuelle Emanzipation vorange-
trieben haben. Auch mit den jeweiligen politischen Rahmenbedingungen korrespondie-
ren Jugendszenen und Jugendkulturen. Im Setzkasten findet sich hierzu eine Reihe von Objekten. Abb. 1: Worte des Vorsitzenden
So steht das kleine rote Buch mit den Worten des Vorsitzenden Mao für eine rückbli- Mao Tse-tung, Peking 1967

ckend betrachtet sicher naive Sicht auf die Kulturrevolution in China. Aber die Beliebtheit
unter linken Jugendlichen leitete sich ohnehin weniger aus den gesammelten Weisheiten ab,
als vielmehr vom symbolischen Gehalt. Die Maobibel stand für den Aufstand der Jugend gegen
etablierte Strukturen und Bonzentum (Abb. 1). Es beflügelte revolutionäre Träume und war ein

Aufbruch in die Gegenwart 195


probates Mittel der Provokation. Andy Warhol (1928–1987) machte dann aus Mao endgültig
eine Ikone der Popkultur.6
Folgenreicher waren die Anfänge der modernen ökologischen Bewegung in den siebziger
Jahren, die gerade auf Jugendliche eine große Anziehungskraft ausübte.7 In Reaktion auf die erste
Ölkrise 1973 beschloss die Bundesregierung den Ausbau der Kernenergie. Dagegen formierte sich
in den folgenden Jahren ein immer stärkerer Widerstand zunächst lokaler Initiativen, die aber
auch auf bundesweite Unterstützung bauen konnten. Die Auseinandersetzungen um Wyhl, Bruns-
büttel und die geplante Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf wurden zentrale Schauplätze
jugendlicher Politisierung, die 1980 in die Etablierung einer neuen Partei „Die Grünen“ münde-
te. Die zum Teil äußerst gewalttätigen Ausschreitungen und die entsprechenden Reaktionen von
­Polizei und Bundesgrenzschutz förderten die Radikalisierung eines Teils der Jugendlichen.
Mit der Verschärfung des Kalten Krieges zwischen den Supermächten USA und UdSSR in
den achtziger Jahren wuchsen die Ängste um Frieden und Wohlergehen. Wie nah die Welt zeit-
weise am Abgrund stand, wie begründet die Furcht vor dem nuklearen Desaster war, wurde erst
Jahrzehnte später enthüllt. Die in West wie Ost entstehenden Friedensbewegungen fanden unter
Jugendlichen starke Resonanz und trugen zur allgemeinen Politisierung bei.
Politisch ist jedoch nicht nur das Engagement für etwas, politisch ist auch eine Verweige-
rungshaltung grundsätzlicher Art. In diesem Sinne ist der Punk eine radikale politische Position
gegenüber allem, was mit herrschenden Strukturen zusammenhängt. Mitte der siebziger Jahre
in den USA entstanden, kam er über London einige Jahre später aufs Festland. Hart, kompro-
misslos und kämpferisch wendet er sich gegen die Konsumkultur ebenso wie gegen Kriegsgefahr
und die Zerstörung der Lebensgrundlagen. Die Härte der Musik findet ihre Entsprechung in
Sprache, Kleidung und Auftreten. Punk ist nicht bloß Musik, Punk ist Lebenseinstellung.
Ähnliches gilt für den Hip-Hop, der seine Ursprünge ebenfalls in den USA hat. Auch er
entwickelte sich aus dem Untergrund heraus und konnte sich trotz aller Kommerzialisierungs-
tendenzen in den jeweiligen Jugendszenen seinen rebellischen Charakter bewahren (Abb. 2).

Abb. 2: Glide-Handschuh und


­Silicon Spray eines Hip-Hoppers
aus der DDR, 1980er Jahre

196 „Tot sind unsre ­Lieder“


Mit Erich Honeckers (1912–1994) Amtsantritt als Generalsekretär des Zentral­komitees der
SED 1971 entspannte sich auch in der DDR zunächst das gesellschaftliche und kulturelle Klima.
Die Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 demonstrierten Internationalität und Welt-
offenheit. Doch sie konnten ebenso wenig wie Club-Cola und Jeans aus volkseigener Produktion
darüber hinwegtäuschen, dass letztlich nur erlaubt blieb, was sich in den ideologischen Rahmen
einpasste und den Herrschaftsanspruch der SED nicht in Frage stellte. So waren Hip-Hop und
Punk besonders radikale Möglichkeiten, sich der Vereinnahmung durch Staatsjugend und poli-
tischen Mainstream zu entziehen. Die Orientierung an der Kultur des Westens, der amerikani-
schen Subkultur im Besonderen war Ausdruck des Protests gegen die herrschenden Verhältnisse.
Unterschlupf für diese Gruppen boten im real existierenden Sozialismus bestenfalls die Kirchen.
Von offizieller Seite zur Kenntnis genommen wurden die oppositionellen Jugendszenen sehr
wohl, aber eher mit hilflosem Unverständnis. „Die Jugend war die erste Altersgruppe, die die
SED für sich vereinnahmen konnte, und sie war zugleich die erste, die ihr aus dem Ruder lief.“ 8
Große Politik, Gesellschafts- ja Weltveränderung und individuelle Probleme jugendlicher
Existenz treffen sich in der populären Musik der jeweiligen Zeit. Nichts schafft vergleichbare
emotionale Bindungen, nichts vermag in der Rückschau mehr die Erinnerung zu beflügeln, wohl
kaum etwas anderes hilft so nachhaltig, sich von der Elterngeneration abzugrenzen. Wer mit Bob
Dylan (geb. 1941), den Rolling Stones und Frank Zappa (1940–1993) groß geworden ist, vermag
die musikalischen Qualitäten von Punk, Heavy Metal und Techno wohl nur noch intellektuell
nachzuvollziehen. Jede ­Jugendkultur hat ihre eigenen musikalischen Ausdrucksformen, die mit
den diversen Jugend- und Szenesprachen korrespondieren.
Lassen sich Jugendkulturen des vergangenen Jahrhunderts anhand ihrer Musik und deren
Entwicklungen darstellen, stehen wir in der Gegenwart vor einer schwer zu sortierenden Anzahl
höchst unterschiedlicher Szenen, die sich ständig verändern. Zwei Lieder mögen abschließend
helfen, den Blick zu schärfen.
Mit ihrem Welthit „Forever Young“ lieferte die deutsche Gruppe Alphaville 1984 das
­passende Lied zu einem Generationen-Dilemma. Endete früher Jugend spätestens mit dem Ein-
tritt in das Berufsleben und der Familiengründung, will heute die Gesellschaft als Ganzes jung
sein, jung bleiben. Dies betrifft nicht nur Rockstars im Rentenalter, die Erfolge feiern wie in
alten ­Zeiten. Anti-Aging ist das Zauberwort schlechthin. Dies mag mit dem tiefgreifenden Um-
bruch seit den siebziger Jahren zusammenhängen, dessen ganzes Ausmaß wir noch nicht erfas-
sen können. Vielleicht liegt es auch nur an einer publizistischen Dominanz der 68er-Generation,
die ihre Wertvorstellungen geschickt tradiert. Es bleibt die Herausforderung für Jugendliche in
diesem Klima allgemeiner Jugendlichkeit ihre Eigenständigkeit gegenüber den Erwachsenen zu
ent­wickeln und gegen Kommerzialisierung und andere Vereinnahmungen zu behaupten.
Einen Ausweg bieten sicher die mobilen Kommunikationsmittel, in deren Nutzung Jugend-
liche den Erwachsenen in der Regel überlegen sind und die für Jugendliche einen geradezu exis-
tenziellen Wert besitzen. Mobiltelefon und/oder Smartphone erlauben besondere Gruppenstruk-
turen und -bindungen. Der Flashmob, der über Facebook verabredet wird, die angesagte Party,
der Event, den man nicht versäumen darf, alles wird mit all jenen geteilt, mit denen man es tei-
len möchte. Die Bewegung ist virtuell, einerseits, dabei fest auf die eigenen Bedürfnisse fixiert,
­sowie flexibel hinsichtlich der Rahmenbedingungen, an die man sich problemlos anpassen kann.
Zugleich ersetzt die virtuelle Struktur nicht die reale Welt. Wer auf einem Skateboard
­fahren lernen möchte, muss dies real tun. Das beste virtuelle Simulationsprogramm oder gute
Ratschläge aus einem Internetforum können helfen, ersetzen jedoch nicht das Ausprobieren und
Üben. Dafür trifft man sich mit Gleichgesinnten, übt, gibt und erhält Ratschläge und übt weiter,
findet Kritik und Anerkennung und übt. Die Ausdauer und Frustrationstoleranz, das Fordern und

Aufbruch in die Gegenwart 197


Abb. 3: T-Shirt mit Titel
„Ich ­möchte Teil einer Jugend­
bewegung sein“ der Gruppe
Tocotronic, nach 1995

Fördern durch Erfahrenere, überhaupt die ganze Lernkultur, die bei solchen Treffs zu beobach-
ten ist, muss jede Lehrkraft vor Neid erblassen lassen.
Auf solche Erfahrungen mögen die Musiker der Hamburger Gruppe Tocotronic zurückgeblickt
haben, als sie 1995 das Lied schrieben „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ (Abb. 3).
Nicht die klassische Jugendbewegung ist damit gemeint, sie dient nur noch als historische
­Reverenz. Es ist etwas anderes. Nicht alleine dastehen in einer Kleinstadt, sondern zu etwas
dazuzugehören, einer Clique, einer Szene. Die Gruppe gleichgesinnter Jugendlicher ist es, oder
bezogen auf die Jugendzeit der Musiker in den achtziger Jahren, ein deutscher Versuch, etwas
wie „My Generation“ zu schreiben.9
In dieser Interpretation werden Jugendbewegungen und Jugendkulturen sicher noch lange
bestehen. Inwieweit wir ihnen ihre Selbständigkeit lassen und sie als Frühwarnsystem für ge-
sellschaftliche Veränderungen wahrnehmen und begreifen, bleibt allerdings fraglich. Die aktu-
ellen Bildungsdiskussionen, die vor allem von der Sorge um künftige Rentenzahlungen getragen
sind, lassen Zweifel berechtigt erscheinen.

1  Klaus Farin: Jugendkulturen in Deutschland. Bonn 2011, S. 193. 7 Farin 2011 (Anm. 1), S. 86–87.
2 Anselm Doering-Manteuffel: Langfristige Ursprünge und 8 Bernd Lindner: Zwischen Integration und Distanzierung.
­dauer­hafte Auswirkungen. Zur historischen Einordnung der siebziger ­Jugendgenerationen in der DDR in den sechziger und siebziger
­Jahre. In: Ende der Zuversicht? Die siebziger Jahre als Geschichte. Jahren. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 45, 2003, S. 33–39,
Hrsg. von Konrad H. Jarausch. Göttingen 2008, S. 313–329, hier S. 33.
hier S. 324. 9 URL: [Link]
3 Farin 2011 (Anm. 1), S. 167–169. [Link] [29.12.2012].
4 Werner Faulstich: Die Anfänge einer neuen Kulturperiode:
Der Computer und die digitalen Medien. In: Kulturgeschichte Bildnachweis
des 20. Jahrhunderts. Die Kultur der achtziger Jahre. Hrsg. von Privatarchiv, Fotos: Monika R
­ unge, GNM · Abb. 1, 2
Werner Faulstich. München 2005, S. 231–242. © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg,
5 Klaus Farin: Jugendkulturen zwischen Kommerz und Politik. Foto: Monika ­Runge, GNM · Abb. 3
Bad Tölz 1998.
6 Gerhard Paul: „Chinas Mona Lisa“ – Zur Geschichte des
Mao-Porträts und seiner globalen Rezeption. In: Aus Politik und
Zeitgeschichte, H. 39, 2010, S. 22–29.

198
Exkurs

199
Barbara Stambolis

Jugendbewegte Generationen und Biografien

Altersgruppen und ihre jugendbewegten Erfahrungen


Die Erfahrungen der Menschen, die gegen
Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurden, unterscheiden sich grundlegend von denen, die im
Ersten Weltkrieg Kinder waren. Gesellschaftliche und politische Zäsuren und Umbrüche, insbe-
sondere die beiden Weltkriege und ihre Folgen sowie die nationalsozialistische Diktatur, haben
die altersgruppenspezifischen Bedingungen des Aufwachsens im 20. Jahrhundert in recht kurzen
historischen Zeitabständen immer wieder verändert. Sicherlich lässt sich kaum pauschal von der
Generation des Ersten Weltkriegs, der Nachkriegs-, der skeptischen, der Hitlerjugend- oder der
Kriegskindergeneration des Zweiten Weltkriegs sprechen. Angesichts der tiefgreifenden
­Einschnitte des 20. Jahrhunderts sind jedoch „Generationenetiketten“ – auch im Zusammenhang
mit der Geschichte der Jugendbewegung – durchaus hilfreich. Wenn von der „Kriegsgeneration
des Ersten Weltkriegs“ die Rede ist, so umfasst diese zunächst einmal ganz allgemein jene Men-
schen, die – etwa zwischen 1890 und 1900 geboren – als Heranwachsende noch das Kaiserreich
erlebt hatten und dann entscheidend vom Ersten Weltkrieg geprägt wurden. Eine weitere Alters-
gruppe, die „­Weimarer“ oder „Nachkriegsgeneration des Ersten Weltkriegs“, un-
gefähr die Geburtsjahrgänge zwischen 1900/1902 und 1910/1914 umfassend
und in dieser vor allem der männliche Teil, hatte zwar keine Fronterfahrungen,
war jedoch nicht minder vom Ersten Weltkrieg sowie den folgenden Unsicher-
heiten und gesellschaftlichen Umbruchserfahrungen beeinflusst. Von diesen zu
unterscheiden sind ferner die zwischen 1910/1914 und 1918/1920 geborenen
„Kriegskinder des Ersten Weltkriegs“. Ihre Erlebnis- und Erfahrungswelten so-
wie die einer vierten Altersgruppe, zwischen 1918/1920 und 1930/1933 geboren,
nicht selten „HJ“- oder „BdM-Generation“ genannt, und schließlich auch einer
fünften, der „Kriegskindergeneration des Zweiten Weltkriegs“ – die Jahre 1930
bis 1945 umfassend –, heben sich wiederum in vielerlei Hinsicht von denen der
zuvor genannten ab. Bezogen auf diese allgemeinen generationellen „Labels“
wäre die Wandervogelzeit der „Kriegsgeneration des Ersten Weltkriegs“, die
bündische Zeit der „Weimarer“ oder „Nachkriegsgeneration des Ersten Weltkriegs“ zuzuordnen. Abb. 1: Hans Kremser, Wilhelm
Vielfältige Formen jugendbewegt inspirierter Resistenz und Opposition, aber auch Hitlerjugend- ­Flitner, Julius Frankenberger,
­Lotte und Fritz von Baussnern
Erfahrungen erlebten dann die genannte dritte und vierte Altersgruppe. Jugend­bewegte aus der (von links), Fotografie, 1911
„Kriegskindergeneration des Zweiten Weltkriegs“ schließlich blicken – als fünfte Gruppe – auf eine
Phase jugendlicher „Selbstorganisation“ nach 1945 bis in die 1960er Jahre zurück.

200 Exkurs
Prominente Jugendbewegte und ihre Lebenserzählungen
Viele Menschen, die in jugendbeweg-
ten Gruppen groß geworden sind, haben sich rückblickend ausdrücklich in ihnen generationell
verortet beziehungsweise die Jugendbewegung generationengeschichtlich gedeutet. So hat eine
ganze Reihe von Angehörigen der „Kriegsjugend“ und „Kriegskindergeneration des Ersten Welt-
kriegs“ in ihrer Adoleszenz vor 1914 und/oder in der Weimarer Republik nicht nur dem einen
oder anderen Jugendbund angehört, vielmehr belegen autobiografische Zeugnisse, dass zahlrei-
che von ihnen aus der Rückschau glauben, an einem „jugendlichen Aufbruch“ mit weitreichenden
gesellschaftlichen Folgen teilgehabt zu haben. In – umfangreicheren oder kürzeren – bilanzie-
renden Lebensrückblicken, Reden oder Interviews sprechen sie von prägenden menschlichen
Begegnungen, von „Haltungen“ oder durch die Jugendbewegung maßgeblich mit beeinflussten
intellektuellen Lebensentwürfen. In ihren Selbstreflexionen kreisen sie gedanklich um „Men-
schenbilder“, das heißt Ansichten und Überzeugungen über die Sinnhaftigkeit des Lebens sowie Abb. 2: Helmut Gollwitzer (rechts),
Aufgaben und Verantwortlichkeit des Menschen in der Gesellschaft, denen – so ihre Überzeu- Sommersonnenwende, Fotografie,
1927
gung – jugendbewegte „Welt- und Selbstsichten“ zugrunde liegen.1
Unter denjenigen, die sich rückblickend zu ihren Erfahrungen als Heranwachsende ­äußerten,
befinden sich zahlreiche Persönlichkeiten, deren Namen und gesellschaftlicher Einfluss zwar
bekannt sind, deren jugendbewegte
Abb. 3: Helmut Gollwitzer während
­Prägungen zumeist jedoch kaum ge- seiner Rede bei der 50-Jahrfeier
läufig sein dürften. Einige Beispiele des Freideutschen Jugendtreffens
seien, in der Reihenfolge ihrer Ge- auf dem Hohen Meißner, Fotogra-
fie, 1963
burtsjahrgänge, genannt: Alexander
Rüstow (1885–1963), einer der Väter
unten, Abb. 4: Johannes Rau
der sozialen Marktwirtschaft; Wil- ­(vorne, zweiter von rechts),
helm Flitner (1889–1990), einfluss- ­Schüler-Bibelkreis-Gruppe, Foto-
reicher Pädagoge (Abb. 1); Manfred grafie, Anfang 1950er Jahre

Hausmann (1898–1986), Schriftstel-


links unten, Abb. 5: Werner
ler; Helmut Gollwitzer (1908–1993), ­Heisenberg bei den Neupfadfin-
Theologe (Abb. 2 u. 3); Johannes Rau dern, Fotografie, 1926
(1931–2006), Politiker und einstiger
Bundespräsident (Abb. 4).
Der Physiker und Nobelpreisträger Werner
Heisenberg (1901–1976), in seiner Jugend bei den
Neupfadfindern, stellte sogar die These auf, ohne
seine jugendbewegten Erfahrungen seien seine
späteren nobelpreiswürdigen wissenschaftlichen
Erkenntnisse nicht denkbar (Abb. 5). In seiner Auto­
biografie „Der Teil und das Ganze“ beschreibt er
die Atmosphäre in seiner Gruppe, die Offenheit der
Gespräche, das Vertrauen darauf, ernst genommen
zu werden und ungeschützt auch sehr Persönliches
mitteilen zu können, beispielsweise auch über Gott
und die Welt zu spekulieren oder gefühlvoll zu träu-
men.2 Der Zukunftsforscher Robert Jungk (1913–
1994), Mitglied des deutsch-jüdischen Wanderbundes Kameraden, reflektiert: „Die Erinnerung an
die kleine, durch persönliche Freundschaft und einen eigenen beispielhaften Lebensstil verbun-
dene Gruppe und die Liebe zur schon damals vom industriellen Aufschwung bedrohten Natur

Jugendbewegte Generationen und Biografien 201


Abb. 6: Harald ­Poelchau
als S
­ tudent, Tübingen,
Fotografie, 1924

wurden zu Leitsternen meiner Existenz.“ 3 Der Pädagoge Adolf Reichwein (1899–1944), Wander-
vogel und Mitglied einer aus der Jugendbewegung hervorgegangenen studentischen Gruppe,
schreibt unmittelbar vor seiner Hinrichtung wegen seiner Beteiligung am Widerstand gegen das
NS-Regime im Oktober 1944: „Dass meine Gedanken auch immer wieder um das eigene Leben
kreisen, brauche ich kaum zu sagen. […] Das eine drängt sich beim Überfliegen der Jahrzehnte
auf: wie reich und schön diese Zeiten für mich gewesen sind. Das Schwere, etwa des vorigen
­Krieges, tritt ganz dahinter zurück. Um so stärker strahlt die ländlich gesunde ungebundene
Jugend, die 10 Jahre im ‚Wandervogel‘ mit den weiten und nahen Fahrten, die Jugendfreund-
schaften, die glückliche Studentenzeit in Frankfurt und Marburg mit neuen unzertrennlichen
Freundschaften, dann das mit Begeisterung erfüllte Berufsleben in der Volksbildung […]“ 4 ­Einer
derjenigen, die trotz ihrer Widerständigkeit überlebten, Harald Poelchau (1903–1972), der evan-
gelischen Jugendbewegung verbunden, erklärt ebenfalls, seine Prägungen aus der bündischen
Zeit seien ihm lebenslang wichtig gewesen. In seinem autobiografischen Rückblick „Die ­Ordnung
der Bedrängten“ heißt es: „Die neun Klassengenossen, die es zusammen bis zum Abitur ­schafften,
haben sich nie wiedergesehen. Aber die freiwillige Gruppe eigener jugendlicher Entscheidung
hielt für das ganze Leben“ 5 (Abb. 6).
Dass manche Jugendbewegte sich in ihren bilanzierenden Lebenserzählungen mit Fragen
nach ihrer Verantwortung vor der Geschichte schwer taten, liegt auf der Hand. Einige haben sich
ansatzweise kritisch damit auseinandergesetzt, dass sie sich in ihrer Jugend nach „Führung“
sehnten und dabei dann auch teilweise „verführt“ wurden. Die Lebenswege ­„Jugendbewegter“
lassen sich jedenfalls kaum auf einen einfachen Nenner bringen.

Verpflichtung zu sozialer und gesellschaftlicher Verantwortung


Helmut Gollwitzer zum ­Beispiel
hat wiederholt dazu Stellung genommen, was einen Jugendbewegten ausmache und woran er zu
erkennen sei: Die große Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, ist für ihn ein solches Merk-
mal. Nach den Erfahrungen des „Dritten Reiches“ in Deutschland und/oder den Jahren der
­Emigration haben Jugendbewegte nach 1945, vielfach auf der Grundlage eines solchen Selbstver-
ständnisses, an ihre – weitergedachten – jugendbewegten Beeinflussungen angeknüpft und diese
dann jüngeren Altersgruppen zu vermitteln versucht: mit zahlreichen Appellen, Überlegungen und

202 Exkurs
Initiativen für eine im weitesten Sinne „humanere Zukunft“. Sie haben in der deutschen Nach-
kriegsgesellschaft in verantwortungsvollen Stellen und in einigen Fällen sogar in hochrangigen
Schlüsselpositionen Einfluss genommen, sich durch vielfältige Beteiligungen an konkreten
­Planungen und nicht zuletzt mit Hilfe intensiver freundschaftlicher und kollegialer Vernetzungen
eingemischt, zumeist ohne dabei laut von gemeinsamen jugendbewegten „Wurzeln“ zu sprechen.
Ein gewisses Einverständnis über Herkunft, Prägung und eine gemeinsame Kommunikations-
grundlage stellten jedoch den Ausgangspunkt für das „Netzwerk“ und die daraus erwachsenden
Arbeitszusammenhänge wie auch gesellschaftspolitischen Initiativen der ehemaligen Jugend­
bewegten dar. Spuren solcher Einflussnahme „aus jugendbewegtem Geiste“ finden sich unter ande-
rem in der Geschichte der Studienstiftung des deutschen Volkes und des Deutschen Akademischen
Austauschdienstes, im Beirat Innere Führung der Bundeswehr oder im Deutschen Ausschuss für
das Erziehungs- und Bildungswesen, um nur einige Beispiele zu nennen.6 Sie lassen sich auf jeden
Fall noch bis weit in die 1960er Jahre hinein belegen.

„Restgeschichte“ – Anmerkungen zum Ende der Jugendbewegung


An eine geschichtliche Be-
deutung der Jugendbewegung haben viele ihrer Angehörigen früh geglaubt: Sie sei ein „macht-
voller Kulturfaktor“ und habe deshalb nicht nur „ein Recht darauf“, sondern auch „kommenden
Geschlechtern gegenüber die Pflicht“, sich als historische Bewegung zu verstehen und zu
­deuten. Es wurde bereits nach dem Ersten Weltkrieg ein Archiv der Jugendbewegung auf Burg
Ludwigstein aufgebaut und nach dem Zweiten Weltkrieg neu begründet. Prominente wie der
Soziologe Arnold Bergstraesser (1896–1964), die Pädagogen Hans Bohnenkamp (1893–1970)
und Felix ­Messerschmid (1904–1981), die Theologen Walter Dirks (1901–1991) und Romano
­Guardini (1886–1965), die Politiker Eugen Gerstenmaier (1906–1986), Erich Ollenhauer (1901–
1963) oder Carlo Schmid (1896–1979) haben Forschungsprojekte unterstützt, um die Jugend­
bewegung „in die Geschichte zu stellen“.7 Nicht selten wurden daraus dann sogar ­„Botschaften“
abgeleitet, etwa anlässlich der Meißner-Erinnerungsfeste 1963 und 1988. Bei manchen in die
Jahre kommenden einstigen Jugendbewegten verstärkte sich zudem allmählich der Wunsch,
Nachgeborenen die Jugendbewegung zu erklären und zu deuten. Aus den jugendbewegten Er-
fahrungsgenerationen erwuchs außerdem eine Reihe von Erinnerungsgemeinschaften, die sich
regelmäßig trafen und – in einigen Fällen – noch treffen.8 Sie vergewisserten und vergewissern
sich ihrer Gemeinsamkeiten und stellen sich einer Reihe von Fragen, die auch schon nach 1945
und dann in den 1960er Jahren verstärkt formuliert worden waren: Was macht die Substanz
der Jugendbewegung aus? Was unterscheidet die um 1930 und die um 1940 Geborenen in ihren
jugendbewegten generationellen Prägungen? Wann verlor die Jugendbewegung gesellschaft-
lich an Bedeutung? Ist sie für die Zeit nach 1945 oder erst seit den 1960er Jahren als „Rest­
geschichte“ 9 zu bezeichnen?
Gegenwärtig scheinen wir uns an einer Schwelle zu befinden, an der eine um 1930 ge­
borene, von der Jugendbewegung beeinflusste Altersgruppe und einige noch einmal rund zehn
Jahre Jüngere darüber nachdenken, seit wann diese Bewegung nur noch als eine Art „Rest-
geschichte“ – weitgehend ohne gesellschaftliche Relevanz – betrachtet werden könne, es also
auch keine vergleichbare Fortsetzung des für die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts
in seinen gesellschaftlichen Wirkungen über weite Strecken überaus anregenden „Generati-
onenspiels“ 10 geben werde. Arno Klönne (geb. 1931), Soziologe und Politikwissenschaftler, in
den 1960er Jahren unter anderem einer der Sprecher der Ostermarschbewegung, der zunächst
während des Zweiten Weltkriegs erste Verbindungen zur katholischen Jugendbewegung un-
terhielt, hat wiederholt einen Zusammenhang von Leben und Werk, frühen Erfahrungen und

Jugendbewegte Generationen und Biografien 203


­späteren wissenschaftlichen Interessen sowie politischem und gesellschaftlichem Engage-
ment hergestellt. Bereits 1951, also im Alter von 20 Jahren, hat er in dem auflagenstarken
Spurbuch-Verlag unter dem Titel „Fahrt ohne Ende“ Erlebnisse, die durchaus exemplarisch
für Jungen seiner Altersgruppe gewesen sein dürften, einem breiteren jugendlichen Publikum
vermittelt. Eine solche jugendbewegte Adoleszenz-Erfahrung kommt darin in den folgenden,
was den Stil angeht, zeittypisch pathetischen Sätzen zum Ausdruck: „Fahrtenjungen! Irgend
etwas hat sie gerufen: in die Weite, in die Freiheit, auf Fahrt! […] Sie gehen ihren eigenen Weg.
Sie sind – auf Fahrt. Und ihr Ziel liegt noch jenseits der Wolken, in die sie ihre Pfeile richten.
Und manchmal wissen die Jungen: die Fahrt zu diesen Zielen wird nie zu Ende gehen. Dann
wissen sie, dass diese Fahrt ein Leben lang dauern wird, werden sie immer ‚unterwegs‘ sein.
Unterwegs zu Zielen, die sich recht oft nur unscheinbar von denen unterscheiden, zu denen sie
in ihren Knabenträumen einst unterwegs waren. Im Grunde sind es die gleichen Ziele – wenn
sie selbst die gleichen geblieben sind. Denn wenn wir es recht verstehen, dann ist unser gan-
zes Leben hier auf unserer Erde nur eine einzige große Fahrt. Eine Fahrt ohne Ende.“ 11 Wenige
Wochen nach seinem 80. Geburtstag 2011, also 60 Jahre später, teilte Klönne mit, er empfinde
es „als lebenslänglich wirksamen Glücksfall“, die Jugendbewegung „erlebt“ zu haben.12
Ob es − der historischen Jugendbewegung (für Heranwachsende) vergleichbar − lebens­
prägende Impulse, die für Berufsentscheidungen oder weltanschauliche Weichenstellungen,
grundlegende Maßstäbe für Denken und Handeln unter anderem mehr wichtig wurden, auch in
anderen sozialen Bewegungen im 20. Jahrhundert gegeben hat, ist eine Frage, die sich in diesem
Zusammenhang stellt, hier jedoch nicht zu beantworten ist.

1 Jugendbewegt geprägt. Essays zu autobiographischen Texten 10 Vgl. Generations in Conflict. Youth Revolt and Generation
von Werner Heisenberg, Robert Jungk und vielen anderen. Hrsg. Formation in Germany 1770–1868. Hrsg. von Marc Roseman.
von Barbara Stambolis (Formen der Erinnerung 52). Göttingen 2013. Cambridge 1995.
2 Barbara Stambolis: Werner Heisenberg. In: Jugendbewegt 11 Arno Klönne: Fahrt ohne Ende. Geschichte einer Jungenschaft.
geprägt 2013 (Anm. 1), S. 369–380. Colmar 1951, S. 11.
3 Dirk van Laak: Robert Jungk (Robert Baum). In: Jugendbewegt 12 Autobiografischer Text, verfasst für das Treffen des Mindener
geprägt 2013 (Anm. 1), S. 395–404, bes. S. 398. Kreises in Bad Liebenzell im Mai 2011: Arno Klönne, Jahrgang 1931, S. 9.
4 Brief an Renate Reichwein vom 16.10.1944, zitiert nach
Alfons Kenkmann: Adolf Reichwein. In: Jugendbewegt geprägt 2013 Bildnachweis
(Anm. 1), S. 545–556, bes. S. 555–556. Evangelisches Zentralarchiv, Berlin · Abb. 2
5 Harald Poelchau: Die Ordnung der Bedrängten. Berlin 1963, Privatarchiv Christina Rau, Berlin · Abb. 4
S. 16–17. Archiv Harald S. Poelchau, Dallas · Abb. 6
6 In der „Sozialen Arbeit“ dürften vor allem auch jugendbewegt Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen · Abb. 3, 5
beeinflusste Frauen ein Wirkungsfeld gefunden haben. Privatarchiv Martha Hörmann, [Ort unbekannt] · Abb. 1
7 Barbara Stambolis: Einleitung. In: Jugendbewegt geprägt 2013
(Anm. 1), S. 13–42.
8 Vgl. Historische Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs der
deutschen Jugendbewegung N.F. 5, 2008.
9 Arno Klönne/Jürgen Reulecke: „Restgeschichte“ und „neue
Romantik“. Ein Gespräch über Bündische Jugend in der Nachkriegs­
zeit. In: Jugend vor einer Welt in Trümmern. Erfahrungen und
Verhältnisse der Jugend zwischen Hitler- und Nachkriegsdeutsch-
land. Hrsg. von Franz-Werner Kersting (­Materialien zur h
­ istorischen
Jugendforschung). Weinheim/München 1998, S. 87–103. – Vgl. auch:
Barbara Stambolis im Gespräch mit Arno Klönne und Jürgen
Reulecke über „Restgeschichte“. In: Historische Jugendforschung.
Jahrbuch des Archivs der d
­ eutschen Jugendbewegung N.F. 8, 2011,
S. 400–413.

204 Exkurs
Hans-Ulrich Thamer

Jugendbewegung als Erinnerungsgemeinschaft

Auch wenn die Jugendbewegung in einer Art unbegrenzter Gegenwart ihre eigene Lebenswelt im-
mer wieder neu zu begründen versuchte und sich dabei ganz der Zukunft verschrieb, ­entwickelten
ihre Gruppen sehr bald ein Bedürfnis nach Erzählung und Erinnerung. Denn das Erinnern gehört
in allen sozialen Bewegungen zur Stiftung einer Gemeinschaft und zur Begründung der eigenen
Identität nach innen wie nach außen. Die Wandervögel hielten in Tagebüchern und Chroniken
ihre Fahrtenerlebnisse fest und erzählten von ihren Feiern und Nestabenden. Das konnte für das
Bewusstsein und den Habitus der Heranwachsenden eine starke individuelle, persönlichkeits­
prägende Wirkung haben, wie wir aus vielen Autobiografien und anderen Selbstzeugnissen ehema-
liger Jugendbewegter wissen.1 Das Erlebnis von Fahrt und Feier war aber ebenso entscheidend für
die Integrationskraft einer jugendbündischen Gruppe, die sich einzig und allein auf das Gemein-
schaftserlebnis stützte, kaum aber auf ein festes Organisationsgerüst einer gesellschaftlichen
Großgruppe. Mit immer wiederkehrenden Erzählungen von Fahrten, Lagern und Festen wollten
die Wandervögel und später die Bündischen darum die Erinnerung an ihr Gemeinschaftserlebnis
und für ihre Gemeinschaft bewahren sowie sich ständig vergegenwärtigen.
Dabei war man sich schon sehr früh bewusst, dass das unmittelbare Erlebnis und das
gesprochene Wort oder das gemeinsame Lied eine größere Wirkung ausüben würden als das
geschriebene Wort und die nachträgliche Erzählung.2 Noch unmittelbar vom Erlebnis der Fahrt
geprägt waren die handschriftlichen Berichte in den Fahrtenbüchern einzelner Wandervogel­
gruppen, die ihre Erinnerungen mit Fotos oder Zeichnungen schmückten (vgl. [Link]. 20). Auch die
Bundesmitteilungen sowie die Zeitschriften der Wandervogelbünde und Jungenschaften ­waren
reich an Fahrtenberichten, die die Kommunikation und den Zusammenhalt zwischen den regio-
nal mitunter weit verstreuten Gruppen herstellen und auch den Wettstreit über die entferntesten
und abenteuerlichsten Fahrtenziele anstacheln sollten. Ernst Buske (1894–1930), ­Bundesführer
des „Alt-Wandervogel, Deutsche Jungenschaft“, fasste im September 1924 voller Zufriedenheit
die Großfahrten seines Bundes und deren nationalpädagogischen Zweck zusammen: „Aus allen
Gauen sind die Scharen ausgezogen, das Vaterland und die Welt im wahrsten Sinne des ­Wortes
zu ‚erwandern‘. Die Ostpreußen zogen ins Weserland; die Schlesier nach ­Ungarn, Rumänien, Bul-
garien; die Berliner und Märker nach Kärnten und Steiermark; die Hanseaten, Harz, Elbe und
Mecklenburg nach Ostpreußen.“ Auffallend sind die Fahrtenziele, die zu einem großen Teil, auch
auf dem Höhepunkt der sozialen und wirtschaftlichen Krisen des Jahres 1923/24, ins Ausland
führten. „Besonders eindrucksvoll“, konstatiert auch Buske, „müssen die Auslandsfahrten ge-
wesen sein. […] Der Blick über die Grenzen, das Erleben des fremden und eigenen Volkstums

Jugendbewegung als Erinnerungsgemeinschaft 205


weiten den Gesichtskreis und lassen die Liebe zur Heimat nur tiefer verwurzeln.“ Und auch die
Bedeutung der Fahrten für das Gemeinschaftsleben hebt er hervor: „Die Fahrten haben z.T. das
erfreuliche Ergebnis gehabt, daß die einzelnen Jungenschaften miteinander in nähere Berüh-
rung gekommen sind und Freundschaft geschlossen haben.“3
Zu einem besonderen, quasi-religiösen und missionarischen Erlebnis versuchte schließ-
lich Eberhard „Tusk“ Koebel (1907–1955) seine beiden legendären Lappland-Fahrten von 1927
und 1929 zu stilisieren, die er, wie Johannes der Täufer, der in die Wüste zog, mit dem Mythos
der Trennung von der Welt und der Rückkehr in die Welt als Gereinigter und Geläuterter umgab
und dies in Erzählungen und stilbildenden Fahrtenutensilien, wie der Kohte, kommunizierte.
Das wurde zum Vorbild für viele vergleichbare Fahrten und Initiationserlebnisse.4
Nicht selten versuchten die Verfasser von Gruppenchroniken und Fahrtenberichten die
Kluft zwischen unmittelbarem und emotionalem Erlebnis einerseits und rückblickender, sehr
viel nüchterner schriftlicher Chronik andererseits durch visuelle Eindrücke zu überbrücken,
ohne dass sie damit die ästhetische Qualität der publizistischen Hervorbringungen von „Tusk“
erreichten. Auch schon vor 1929 wurden die Fahrtenbücher mit eigenen Zeichnungen oder mit
Fotos, mit Schmuckelementen auf dem Einband oder in den Texten möglichst individuell gestal-
tet. Seit Ende der 1920er Jahren haben nicht wenige Jugendbünde ihre Fahrten- und Lagererleb-
nisse in Schmalfilm-Aufnahmen festgehalten.5
Auch Gründungserzählungen und Gründungsorte, an die man immer wieder zurückkehrte,
dienten der Selbstvergewisserung und Erinnerung der Bünde. Man hatte sich eigene Traditionen
geschaffen, die man sichern wollte. Der Serakreis, ein lebensreformerischer, freideutscher Zirkel
um den Verleger Eugen Diederichs (1867–1974), legte ein Archiv an, in das eigene Zeitschriften
und Chroniken, Briefe und Zeichnungen abgelegt wurden.6 Was für alle Archive gilt, sollte auch
mit diesem Bemühen um eine Selbst-Archivierung geschaffen und gesichert werden: das kollek-
tive Gedächtnis einer sozialen Gruppe.
Mit den widersprüchlichen und sich tief in das Bewusstsein eingrabenden, teilweise trau-
matisierenden Erfahrungen des Ersten Weltkriegs nahm das Bedürfnis nach Erinnerung deut-
lich zu. Es war Teil des allgemeinen Gedenkens an die
Gefallenen des Krieges, zeigte aber auch spezifische
Elemente einer jugendbewegten Erinnerungskultur.
Denn der Krieg bedeutete einen tiefen Einschnitt nicht
nur in das Leben und die Erfahrungswelt vieler Wan-
dervögel, sondern sollte auch Selbstverständnis und
Lebensformen ihrer Gemeinschaft verändern. Bereits
während des Krieges wurden Kriegstagebücher und
Zeitschriften des „Feld-Wandervogel“ publiziert, die
den Zusammenhang zwischen den Wandervögeln im
Felde und in der Heimat herstellen und das Bewusst-
sein der Gemeinsamkeit bewahren sollten (Abb. 1).
Bald nach Kriegsende entstand in vielen Jugend­
bünden zudem das Bedürfnis, aus eigener Kraft zum
Gedenken an die Gefallenen aus den eigenen Gruppen
einen Erinnerungsort zu schaffen, der zugleich Mit-
telpunkt jugendbündischen Lebens sein sollte oder schon war. Auf Initiative von Enno Narten Abb. 1: Postkarte, Zum Gedenken
(1899–1973), seit 1908 Mitglied des Alt-Wandervogel, bildete sich im April 1920 die „Vereinigung an die Weihe der Wandererstube
auf Burg Ludwigstein, 1926
Burg Ludwigstein“ und erwarb die Burgruine mit dem Ziel, sie zum Ehrenmal für die Gefalle- (vgl. [Link]. 84)
nen aus dem Wandervogel, aber auch zum Symbol ihres Willens zum Neuaufbau zu machen.

206 Exkurs
­Spendenaufrufe und Sammelaktionen belegen den Entschluss zur Selbst-
hilfe und Selbstdarstellung (Abb. 2). Durch die Verbindung von Krieger-
denkmal und Jugendburg wollte man vermeiden, dass der Erinnerungsort
zu ­einem „toten Denkmal“ würde, sondern ein „Hort frischen Lebens und
­echten Frohsinns, wo die wandernde Jugend Ruhe und Erquickung finden
kann und gleichzeitig in Ehrfurcht der gefallenen Helden gedenkt.“ 7
Dasselbe Motiv stand hinter dem Ausbau der Schlossruine ­Waldeck
im Hunsrück durch den Architekten Karl Buschhüter (1872–1956) zu ­einer
­Jugendburg,8 die der Nerother Wandervogel zum Mittelpunkt ­seines
­„Ordens“, aber auch zum Ehrenmal für die Gefallenen des Krieges ­machte.
Robert ­Oelbermann (1896–1941), unbestrittener Führer des 1920 ­gegründeten
Bundes, formulierte in aller Deutlichkeit die romantische und antizivilisa-
torische Idee, die hinter der Rheinischen Jugendburg stand. Die Nerother
­wollten ein Bauwerk errichten, um „aus sich heraus Formen und Werke [zu]
schaffen […] die ihrem Wesen und Gedanken einen hehren Ausdruck verlei-
hen“ sollten. „Gleich einem Dom soll es künden, als lebendiges organisches
Werk, von dem hohen Sinn der Jugend, von Opferfreudigkeit, von Liebe und
Treue“, bis es schließlich „der Nachwelt künden wird von dem adeligen
­Leben der neuen Jugend, des neuen Menschen. So schaffen wir auch dem
Heldenmut und Opfertod unserer gefallenen Brüder, die für eine gemein­
same Idee ihr Herzblut gaben, den hehrsten Ausdruck und das treueste Zeichen, daß wir ihrer Abb. 2: Plakat „Gebt für die
stets gedenken und daß sie uns stets Vorbild sind.“ 9 ­Jugendburg Ludwigstein“, 1922/25
(vgl. [Link]. 146)
Dass mit den bescheidenen finanziellen Mitteln der Jugendbünde ein solches Bauwerk vie-
le Jahre bis zur Fertigstellung brauchen würde, wussten nicht nur die Nerother. Das hatte sich
auch bei der Burg Ludwigstein erwiesen. Bevor dort 1933 ein Gedenkraum eingerichtet wurde,
der die Bedeutung der Burg als Ehrenmal hätte verdeutlichen können, wurde eine „Wanderer-
stube“ geschaffen und vor allem die ebenfalls 1920 beschlossene Gründung eines „Reichsar-
chivs der deutschen Jugendbewegung“ verwirklicht, mit dem die Jugendbewegung ihr kultu-
relles Gedächtnis begründen und ihre Bedeutung dokumentieren wollte. Die Einrichtung der
geplanten „Weihestätte“ hingegen verzögerte sich bis 1933. Als die zum Gedenkraum verwandel-
te „Steinkammer“, ein massiv gemauerter Raum mit einem Tonnengewölbe, im November 1933
eingeweiht werden konnte, waren nicht mehr nur die Repräsentanten der einstigen bündischen
­Jugend, sondern auch Vertreter der Hitlerjugend anwesend, die die Burg in eine Gauführerschule
verwandelt hatte.10
Der Raum war mit fast fünfzig Fahnen und Wimpeln, die mit hölzernen Stäben zum Zeichen
der Trauer an die Wand gelehnt worden waren, ausgeschmückt. Sie wurden dort im Namen und
als Zeichen der jugendbewegten Bünde aufgestellt. Ein Wandspruch von Christian Morgenstern
verlieh dem symbolischen Opfergedenken den gewünschten Sinn: „Die Gefällten sind es / auf
denen das Leben steht.“ Ein Gedicht von Baldur von Schirach (1907–1974) und das Absingen
des Deutschland- wie des Horst-Wessel-Liedes gaben der nationalsozialistischen Deutung ihr
Gewicht. Sie fand über die Einweihungsfeier hinaus ihren sichtbaren Ausdruck in einer stei-
nernen Ehrentafel, die 1940 am Burgturm angebracht wurde und das Gefallenengedenken der
Jugendbewegung vollends in den heroischen Opferkult des Nationalsozialismus transformierte.
Anknüpfungspunkt war der Langemarck-Mythos, der auch bei den Bündischen in zahlreichen
Feiern bekräftigt wurde: „7000 Kameraden aus allen Bünden der Deutschen Jugendbewegung
haben im Weltkrieg 1914–18 treu ihrer Gesinnung den Eid für das Vaterland mit dem Tod besie-
gelt“, lautete die Inschrift auf der mit Todes-Runen versehenen Tafel.

Jugendbewegung als Erinnerungsgemeinschaft 207


Auch die Wandervögel und Neupfadfinder hatten den zehnten Jahrestag des Kriegsausbruchs
im Jahre 1924 schon dazu genutzt, um auf dem Heidelstein in der Rhön des „heldischen Opfer­todes“
der Kriegsfreiwilligen von 1914 zu gedenken und ihre „reine Begeisterung, ihr hohes Ehr- und Pflicht-
gefühl“ als „unvertilgbares und kostbares Vermächtnis“ zu verklären.11 Allein die Tatsache, dass es
kritische Stimmen zum Verlauf der Langemarck-Feier gab und dass diese auch publiziert wurden,
zeigt einen wichtigen Unterschied zur Erinnerungspolitik des Nationalsozialismus und verdeut-
licht die Offenheit und den Pluralismus, die die Erinnerungskultur der bündischen Jugend prägten.
Mehr noch, ursprünglich hatte bis 1933 unterhalb der Burg Ludwigstein, die nun von den National­
sozialisten zur „Trutzburg“ gegen die Weimarer Demokratie erhoben wurde, ein Natur-Denkmal die
politische Ambiguität, aber auch die Polarisierung der Jugendbewegung veranschaulicht: Die alte
Paasche-Linde, die 1921 von republikfreundlichen Jugendbewegten der Erinnerung an den Marine­
offizier, Lebensreformer, Antikolonialisten und Pazifisten Hans Paasche (1881–1920) gewidmet
­wurde, der 1920 von Reichswehrsoldaten heimtückisch erschossen worden war.12
Mit der dritten Phase der Jugendbewegung, die seit 1929 vor
allem von der charismatischen Führerfigur Eberhard „Tusk“ Koebel
bestimmt wurde, erfuhr die alte Debatte um die Verwandlung der
­Jugendbewegung in einen Lebensbund und damit in eine spezifische
Erinnerungsgemeinschaft eine neue Zuspitzung. „Tusk“ forderte die
Rückbesinnung auf das Prinzip des Jungenbundes und formulierte
in einer Ausschließlichkeit, die charakteristisch für den allgemeinen
Mentalitätswandel und die verstärkte Wertschätzung der Leitvorstel-
lungen der Entschiedenheit und des Aktivismus der späten 1920er
Jahre war: „Man kann sich nur einer Sache hingeben: ­entweder der
Idee des Lebensbundes oder der Jungenschaft.“ 13
Jungenschaft, das bedeutete für ihn das Nicht-Akademische,
Spontane, das den „Lebensbündlern“ im Dialog unterlegen sein
musste, aber jene Vitalität verkörperte, die nicht nur er sich für die
Erneuerung der Jugendbünde wünschte. Der neu entflammte Wille
zur Tat und zur „Tatgemeinschaft“ stand zumindest verbal in einen
schroffen Gegensatz zur Erfahrung der Erinnerungsgemeinschaft.14
Die mittlerweile zahlreichen Erinnerungsorte, die Jugendburgen und
legendären Versammlungsorte bis hin zu den gruppenspezifischen,
lokalen Erinnerungsformen der jugendbündischen Bewegung gerie-
ten dadurch allerdings nicht in Bedrängnis und auch „Tusks“ dj.1.11 oder verwandte Gruppen, Abb. 3: Schrank mit Wandervogel-
wie das Graue Corps, inszenierten ihre (neuen) Erinnerungsformen weiter. 15 motiven, 1949/50 (vgl. [Link]. 271)

Auch der mitunter bestimmenden Rolle der Älteren, bis hin zu den Eltern- und Freundes-
kreisen, die als Förderer und Protektoren wirkten, tat die Kampagne gegen den Lebensbund-
gedanken und die Transformation der in die Jahre gekommenen Jugendbewegten in Erinne-
rungsgemeinschaften keinen Abbruch. Die Debatte um die Rolle der Älteren und damit um die
Bedeutung der Erinnerung für die Jugendbewegung sollte jedoch, ähnlich wie die Mädchen-
frage, ein Dauerthema der Jugendgruppen in der bündischen Zeit bis 1933 bleiben. Erst die
Hitler­jugend hielt eine scheinbare Lösung bereit, indem sie trotz der unverkennbaren Politik der
Gleichschaltung älteren Jugendbewegten auch die verführerische Chance zur Übernahme einer
meist ehrenamtlichen Führungsposition und damit eine Perspektive bot.16
Die spezifischen Formen der jugendbewegten Erinnerungskultur wurden durch die
Gleichschaltung eher ins Private abgedrängt, sofern sie nicht, wie das Beispiel der Jugendburg
­Ludwigstein zeigt, unter die Jugendpolitik des NS-Regimes gezwungen wurde. Wie groß das

208 Exkurs
Bedürfnis nach gemeinsamer Erinnerung und nach Wiederbegründung auch oder gerade nach
dem Ende der NS-Diktatur und nach den vom Nationalsozialismus erzwungenen unterschied-
lichsten Lebens- und Überlebenswegen war, zeigen die Kreise und Zirkel, in denen sich ­viele
ehemalige Angehörige der Generation der Wandervögel und studentischen Freischaren bald
nach 1945 wieder zusammenfanden. Sie diskutierten und stritten noch einmal über die Frage
Lebensbund oder ­jungenschaftlicher Aktivismus und entschieden sich nach den Brüchen und
privaten ­Katastrophen, die sie oft erlebt hatten, meistens für die Form der institutionalisier-
ten Er­innerungsgemeinschaft, die die eigene Erfahrung nutzt, um sich über die zurückliegenden
Jahrzehnte und das eigene Verhalten in der Diktatur oder gegen sie Rechenschaft abzulegen, um
auf diesen Erfahrungen aufbauend sich aber zugleich drängenden Gegenwartsfragen zu stellen.17
Formen privater Erinnerung begegnen uns vor allem im familiären und häuslichen Bereich,
und diese setzen sich ungebrochen über alle politischen Systembrüche und Diktaturen fort. Zu den
Monumenten der Erinnerung gehören neben unzähligen Fotoalben und Tagebüchern, die meist im
privaten Bereich verbleiben, auch Zeugnisse der Sachkultur,
die die Erinnerung und die jugendbewegte Prägung sichtbar
machen. Ehepaare, die sich in den jugendbündischen Grup-
pen gefunden und einen gemeinsamen Lebensweg beschritten
hatten, demonstrierten die prägende Wirkung ihrer Zeit in
den Gruppen des Wandervogel oder der bündischen Jugend
durch die Gestaltung oder den Schmuck privater Wohnungs-
einrichtungen, auf selbstgestalteten Bildern und schließlich
auch auf Grabmalen. Ein rustikaler Schrank, den sich ein
Wandervogel-Ehepaar hatte anfertigen lassen (Abb. 3), zeigt
auf den sechs Feldern der Schranktüren neben den Wappen
der Geburts- oder Heimatorte zwei unterschiedlich gestaltete Greif-Vögel, die Symbole des Wan- Abb. 4: Wimpel des Kronacher
dervogel. Die Erinnerung an die Wandervogelzeit sollte auch über den Tod hinaus bewahrt werden: Bundes, Ortsgruppe Weimar,
1920er Jahre (vgl. [Link]. 273)
Auf einem schlichten Holz-Grabmal aus den frühen 1960er Jahren wird die Zugehörigkeit zum und
die Verbundenheit eines Medizinalrates und seiner Frau mit dem Wandervogel ebenfalls durch ein
­Wandervogel-Symbol bekundet und für jedermann sichtbar gemacht.18
Auch persönliche Ausrüstungsgegenstände, die durch Schmuckelemente aus den Gegen-
ständen des alltäglichen Gebrauchs herausgehoben und durch Aufbewahren, Austausch und
Weiterreichen in den Rang von Erinnerungsstücken erhoben werden, haben sich in privaten
Nachlässe erhalten und sind als Schenkungen in das Archiv der Jugendbewegung, den Ort der
Erinnerung, gekommen. Ein Lautenband, das 1912 dem Wandervogel-Führer und Schöpfer des
„Zupfgeigenhansl“ Hans Breuer (1883–1918) zum Geschenk gemacht wurde und nach dessen Tod
im Ersten Weltkrieg schließlich als Geburtstagsgeschenk an Alfred C. Toepfer (1894–1993), eben-
falls Meißnerfahrer von 1913 und später einflussreicher Mäzen der Jugendbewegung, weiter­
gegeben wurde, avencierte auf diese Weise zum Erinnerungsstück, das den Beschenkten ehren
und die jugendbewegte Erfahrung als wichtigen Abschnitt in dessen Biografie herausstellen
sollte.19 Ein ehemaliges Mitglied der Ortsgruppe Weimar des Kronacher Bundes verband mit
einem Fahrtenwimpel seiner Gruppe, den er durch die Wirrnisse der Zeiten gerettet und 1984 an
das Archiv übergeben hatte, die Erinnerung an zahlreiche Natur- und Gemeinschaftserlebnisse,
die er und seine Gruppe in den 1920er und 1930er Jahren bei den Fahrten und Wanderungen
durch Thüringen erfuhren (Abb. 4). Sein liebevoller Bericht lässt ahnen, welchen Symbolwert der
Wimpel mit dem Wandervogel-Greifen für die Gruppe hatte. Die demonstrative Erinnerung soll
die Geschichte, die sich mit diesen unscheinbaren Objekten verbindet, davor bewahren, nur noch
„Restgeschichte“ zu sein.

Jugendbewegung als Erinnerungsgemeinschaft 209


1 Dazu: Jugendbewegt geprägt. Essays zu autobiographischen 12 Dazu Stephan Sommerfeld: Die Paasche-Linde auf
Texten von Werner Heisenberg, Robert Jungk und vielen a
­ nderen. dem ­Ludwigstein – mehr als ein Baum. In: Historische
Hrsg. von Barbara Stambolis (Formen der Erinnerung 52). ­Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs der deutschen
­Göttingen 2013. ­Jugendbewegung N.F. 5, 2008, S. 95–108.
2 Dieser Einschränkung waren sich auch die Herausgeber 13 Tusk, Jungenschaft oder Lebensbund? In: Tyrker. Persönliche
und Verfasser der dreibändigen, von Werner Kindt edierten Mitteilungen von Eberhard Koebel, Nr. 1, Amtsblatt von dj.1.11,
„Dokumentation der Jugendbewegung“, die in den Jahren 1963 Berlin, 30. Januar 1930; abgedruckt in: Die deutsche Jugend­
bis 1974 entstand, bewusst. Vgl. dazu Hans Raupach: Lebens- bewegung 1974 (Anm. 2), S. 1211.
formen, Führungsstil und Aktivitätsspielraum der deutschen 14 Vgl. dazu Wilhelm Hauer: Wesen und Aufbau einer Mann-
Jugendbünde in der Zeit der Weimarer Republik. In: Die deutsche schaft des Bundes. Vortrag gehalten auf dem Bundestag der
Jugendbewegung 1920 bis 1933. Die bündische Zeit. Quellenschrif- Deutschen Freischar in Barby, Pfingsten 1929. In: Deutsche
ten herausgegeben im Auftrag des Gemeinschaftswerkes Archiv Freischar 1929/30, H. 1; in Auszügen abgedruckt in: Die deutsche
und Dokumentation der Jugendbewegung (Dokumentation der Jugendbewegung 1974 (Anm. 2), S. 1097–1104, bes. S. 1103.
Jugendbewegung 3). Hrsg. von Werner Kindt. Köln 1974, S. 1745. 15 Dazu Hans-Ulrich Thamer: Autonomie und Gemeinschaft.
3 Ernst Buske: Aus Bund und Bewegung. In: Bundesmitteilungen. Wertmuster und Lebensformen der deutschen Jugendbewegung
Rundbriefe der Bundesleitung des Alt-Wandervogel, Deutsche vom Wandervogel bis zur Bündischen Jugend. In: Mouvements de
Jungenschaft Nr. 3, September 1924; abgedruckt in: Die deutsche jeunesse – Jeunes en mouvement. Hrsg. von Marc Cluet/Monique
Jugendbewegung 1974 (Anm. 2), S. 75. Mombert (Recherches Germaniques, Sonderheft 6). Strasbourg
4 Dazu Kay Tjaden: Rebellion der Jungen. Die Geschichte von 2009, S. 71–82, bes. S. 80–81.
tusk und der dj.1.11. Frankfurt a.M. 1958. – Winfried Mogge: „Der 16 So die zugespitzte These von Michael Kater: Bürgerliche
gespannte Bogen“. Jugendbewegung und Nationalsozialismus. ­Jugend und Hitlerjugend in Deutschland von 1926 bis 1939.
Eine Zwischenbilanz. In: Jahrbuch des Archivs der deutschen In: Archiv für Sozialgeschichte 17, 1977, S. 127–174.
Jugendbewegung 13, 1981, S. 11–34. 17 Als eindrückliches Beispiel dafür der Freideutsche Kreis. Dazu
5 Dazu die Film-Edition des Instituts für den Wissenschaftlichen Heinrich Ulrich Seidel: Aufbruch und Erinnerung. Der Freideutsche
Film Göttingen: Deutsche Jugendbewegung 1912–1933. 3 Teile. Kreis als Generationseinheit im 20. Jahrhundert (Edition Archiv
Bearbeitung und Publikation von Walter Hubatsch. Göttingen 1979. der Jugendbewegung 9). Witzenhausen 1996.
6 Dazu Meike G. Werner: Ambivalenzen kultureller Praxis in 18 Vgl. [Link]. 274.
der Jugendbewegung. Das Beispiel des freideutschen Jenenser 19 Vgl. [Link]. 31.
Serakreises um den Verleger Eugen Diederichs vor dem Ersten
Weltkrieg. In: Jahrbuch für Historische Bildungsforschung 1, 1993, Bildnachweis
S. 245–264, bes. S. 245, 253. – Meike G. Werner: Jugendbewegung © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg,
als Reform der studentisch-akademischen Jugendkultur. Selbst- Foto: Monika ­Runge · Abb. 3
erziehung – Selbstbildung – neue Geselligkeit. Die Jenaer Freistu- Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen · Abb. 1,
dentenschaft und der Serakreis. In: „Mit uns zieht die neue Zeit…“. 2+4 (Fotos: Monika Runge, GNM)
Der Wandervogel in der deutschen Jugendbewegung. Hrsg. von
Ulrich Herrmann. Weinheim/München 2006, S. 171–203.
7 Hugo von Waldeyer-Hartz: Burg Ludwigstein im Werratal. Die
Burg der deutschen Jugendwanderer. Berlin 1924, S. 34; zitiert
nach Ulrich Linse: Der Wandervogel. In: Deutsche Erinnerungs­
orte, 3 Bde. Hrsg. von Étienne François/ Hagen Schulze. München
2001, Bd. 3, S. 531–548, bes. S. 544.
8 Vgl. den Beitrag „Jugendburgen“ von G. Ulrich Großmann
in diesem Band.
9 Robert Oelbermann: Die Rheinische Jugendburg. In: Wander-
vogel (Gelbe Zeitung) 1921, H. 5/6; abgedruckt in: Die deutsche
Jugendbewegung 1974 (Anm. 2), S. 216–218, bes. S. 218.
10 Dazu der Beitrag „In unsere Spiele brach der Krieg“ von
Barbara Stambolis in diesem Band. Die Gestaltung des Gedenk­
raumes, der nach dem Zweiten Weltkrieg unversehrt weiter
genutzt wurde, erfuhr 1987 eine Erneuerung und inhaltliche
Überarbeitung, indem nun mit der Hinzufügung des Namens Helle
Hirsch an einen jugendbewegten Widerstandskämpfer gegen
den Nationalsozialismus erinnert und damit die Ambivalenz im
­Verhalten der Jugendbewegung zum Nationalsozialismus ange-
deutet wurde.
11 Werner Kindt: „An die bündische Jugend“. Aufruf
vom 8. ­Februar 1924. In: Der junge Wandervogel, H. III/IV,
­November 1924; abgedruckt in: Die deutsche Jugendbewegung
1974 (Anm. 2), S. 139–144, bes. S. 139.

210 Exkurs
Alfons Kenkmann

Das Museum und die Geschichte der Jugend


Ein Rückblick auf Ausstellungen im 20. Jahrhundert

Ein Blick in die kulturellen Veranstaltungskalender der jüngsten Zeit macht deutlich: Jugend ist
ein äußerst beliebtes Sujet in Ausstellungsvorhaben. Drei Beispiele mögen genügen. „Haus der
Geschichte zeigt Ausstellung zur Jugend in Deutschland“ titelte das Bonner Bundes-Museum
zur Bewerbung seiner Ausstellung „Mit 17... Jungsein in Deutschland“,1 die es vom 16. Juli 2011
bis zum 9. April 2012 präsentierte. Die um Wochen verlängerte Ausstellung beschäftige sich
„mit diesem – für Eltern und Kinder – schwierigen Lebensabschnitt“.2 Zur Förderung des bi­
nationalen Verständnisses wird die Folie Jugend ebenfalls herangezogen, wie die zweisprachige
Ausstellung „Enfance mon amour. Die Jugend in der französischen Literatur“ unterstreicht, die
vom 4. November 2011 bis zum 5. Januar 2012 in der Württembergischen Landesbibliothek in
Stuttgart gezeigt wurde.3 Darüber hinaus heißt seit 2012 eine in Berlin sehr pädagogisch aus-
gerichtete Ausstellung „7x jung. Dein Trainingsplatz für Zusammenhalt und Respekt“,4 die vor
allem „eher bildungsbenachteiligte Jugendliche und die Vielfalt der familiären und kulturellen
Hintergründe in der Einwanderungsgesellschaft“ in den Blick zu nehmen gedenkt. Das Ausstel-
lungsvorhaben soll „eine Wirksamkeit gegen Antisemitismus, Diskriminierung und Ausgrenzung
entfalten, Mut machen zu eigenem Handeln – und zugleich eine Brücke in die Zeit des National­
sozialismus bauen, ganz bewusst auch um die Frage zu stellen: Welche Bedeutung hat die Erin-
nerung an diese Zeit in unserer heutigen Gesellschaft?“ 5
100 Jahre Jugend als Gegenstand im musealen Raum? Welche spezifischen Zugänge zum
Thema sind in den Ausstellungsinszenierungen erkennbar? Welche wissenschaftlichen, politi-
schen wie gesellschaftlichen Forschungen und Trends spiegeln sich in den Narrationen? Der
folgende Versuch einer schlaglichtartigen Bestandsaufnahme konzentriert den Blick vor ­allem
auf jene Ausstellungen, die sich explizit auf das Thema Jugend beziehen und eine größere
­Öffentlichkeit erreicht haben.6

Frühe Nabelschau zur Lage der jungen Generation


Im Jahr 1914 wurde in Essen unter dem
­Titel „Unsere Jugend. Ausstellung für Gesundheitspflege, Erziehung, Jugendpflege und Kunst“
zum ersten Mal im 20. Jahrhundert „Jugend“ in einer Ausstellung öffentlich wahrgenommen.
Hierzu wurde ein eigener Katalog, in der Zeit ein „Führer durch die Ausstellung“ aufgelegt.7 Im
Berliner Schloss Bellevue folgte als nächste vom 12. August bis zum 23. September 1927 die

Das Museum und die Geschichte der Jugend 211


Abb. 1: Besucht die Ausstellung
der deutschen Jugend, Postkarte,
1927

­Präsentation „Das junge Deutschland“. 8 Das preußische Finanzministerium hatte den für diese
Thematik ungewöhnlichen Ausstellungsort zur Verfügung gestellt.
„Die Ausstellung ‚Das junge Deutschland‘ will“ – so die Kuratoren – „ein möglichst umfas-
sendes Bild der gegenwärtigen Lage deutscher Jugend geben. Dieses Bild soll aber nicht zerfallen
in zusammenhanglose Einzelbilder, die in ihrer Fülle und Art den Besucher verwirren, sondern
soll von dem leitenden Gedanken gestaltet sein, dass Beruf und Freizeitbewegung, das Leben in
der Familie und im Jugendbunde, Spiel und Leibesübungen, Bildung und gegenseitige Hilfe der
Jugend getragen werden von einem in der Form hundertfach verschiedenen, in seinem Wesen aber
einheitlichen, ursprünglichen Kulturwillen der Jugend!“ 9 Ziel der Auftraggeber war es, „einen mög-
lichst umfassenden Überblick über die gesamte kulturelle, soziale und gesundheitliche und bevöl-
kerungspolitische Lage der jungen Generation [zu] bieten.“ 10 Den Veranstaltern sei, um das Projekt
zum Erfolg zu bringen, „eine starke Unterordnung unter die gemeinsame Idee“ abverlangt worden.
Es sei trotz aller „unbestreitbar vorhandenen Spannungen“ ein gemeinsames Produkt entstanden.11
Erstmalig wurde diese Ausstellung vom Reichsausschuss der deutschen Jugendver­
bände mit seinen vier Millionen Mitgliedern, der „Spitzenorganisation der großen Verbände der
­Jugendbewegung und Jugendpflege“, umgesetzt.12 Das bedeutete, dass nicht die Sozialgeschichte
der Jugend im Vordergrund stand, sondern eine Selbstdarstellung der gesamten Bandbreite der
Jugendverbände von den Gruppen der bündischen Jugend, der Sport- und berufsständischen
Verbände über die konfessionellen bis hin zu den staatspolitischen und sozialistischen.13 Beglei-
tend wurde zur Ausstellung, da man sich „nicht mit einer bildhaften Schau begnügen“ wollte,
„weil es unmöglich ist, das Wesen und den Willen der jungen Generation lediglich flächenhaft
und vom Leben abgelöst darzustellen“, in das Beiprogramm eine Fülle von Veranstaltungen auf-
genommen, um auch „Spiel, Tanz und Lied der Jugend selber“ und deren „lebendigen […] Geist“
zur ­Geltung zu bringen.14 Das überaus breite Angebot reichte von den Ostpreußischen Volks- und
Fischertänzen oder Spiel- und Tanzkreisen über die Marionettenspiele der Fichte-Hochschulge-
meinde, dem „Tellspiel“ der Oberrealschule Lübeck bis hin zum Auftritt des „Sprechchors der
Sozialistischen Arbeiterjugend“ Hamburg.15 Auch referierten deutsche und ausländische Jugend-
führer zu Fragen der Jugendbewegung und Jugendpflege; selbst das Leitmedium Film durfte
nicht fehlen, wie der Einsatz von Filmvorführungen im Beiprogramm unterstreicht. Was in die-
ser objektfernen Gesamt- und Nabelschau der organisierten Jugend fehlt, ist der Blick auf die
informelle Jugend außerhalb der Verbände, Organisationen und Bünde, die immerhin die andere
Hälfte jugendlichen Daseins in den 1920er Jahren ausmachte.

212 Exkurs
Die Exposition wurde mit eigens hergestellten Postkarten mit der Aufforderung „Besucht
die Ausstellung der deutschen Jugend“ beworben (Abb. 1). Das damalige Marketing im Umfeld
der Schau kann sich auch heute noch sehen lassen. Zum Merchandising gehörte der freie Ein-
tritt für erwerbslose Jugendliche oder das Angebot von Sonderzügen mit Vorzugskonditionen für
Fahrt und Verpflegung; sogar Jugendlichen aus dem Ausland wurden Fahrpreisermäßigungen
für die Anreise geboten.16

Propagandistische Indienstnahme
Drittes Reich
Ausstellungen mit Jugendbezug dienten auch nach dem Ende der ersten deutschen
Demokratie der Einflussnahme auf junge Menschen. Gleichzeitig leisteten sie während des
­„Dritten Reiches“ ihren spezifischen Beitrag zur Selbstdarstellung der nationalsozialistischen
Jugendorganisationen. Hierzu wurden eigens Wanderschauen auf den Weg gebracht, wie zum
Beispiel die Ausstellung „Schafft Heime“,17 eine „Ausstellung über den Heimbau der Hitler-­
Jugend“, die auf Befehl Hitlers, nachdem ihm in der Reichskanzlei Modelle und Pläne von künf-
tigen HJ-Heimen vorgestellt worden waren, reichsweit in jedem Gebiet der Hitlerjugend gezeigt
wurde. Sie sollte – wie es im Vorwort von Baldur von Schirach (1907–1974) heißt – die in der
Hitler­jugend „geleistete Arbeit“ dokumentieren und „die noch zu lösenden Aufgaben“ benennen.
Ein geeignetes Heim sei die „Voraussetzung für die Gemeinschaftsarbeit der Hitler-­Jugend“.18
Auf dem 9. Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg wurde die Präsentation „Jahr der Heimbe-
schaffung“ in der Zeit vom 6. bis 13. September 1937 das erste Mal gezeigt.19 Auch während des
Zweiten Weltkriegs initiierte die Hitlerjugend Ausstellungen „im totalen Einsatz zur Erringung
eines kompromisslosen Endsieges gegen Bolschewismus und Plutokratie“.20 So sollte die auf den
Salzburger HJ-Kulturtagen präsentierte Ausstellung „Meisterwerke Salzburger Kunst“ die
­Jugend mahnen, sich den „edelsten Schöpfungen germanisch-deutscher Künstler aus Jahrtau-
senden einer großen geschichtlichen Vergangenheit […] würdig zu erweisen, sich in Ehrfurcht zu
ihnen zu bekennen und für ihren Bestand zu kämpfen gegen Materialismus und Un­kultur.“ 21 Die
Mangelgesellschaft an der Heimatfront und die Luftangriffe der Alliierten in der zweiten Hälfte
der nationalsozialistischen Diktatur ließen jedoch Wander- und solitäre Schauen zum Thema
Jugend zu einem wenig genutzten Medium werden.

DDR
Nach der Besatzungszeit nahm die Funktionalisierung der Jugend für die Zwecke der
Partei­politik in der DDR ihren Fortgang. Dass sie zunächst nicht im Zentrum der musealen
Sammlung und Darbietung stand, zeigt das geringe Ausmaß jugendhistorischer Objektsicherung
in den Museen der DDR bis zu Beginn der 1960er Jahre. Lediglich die nur teilweise neuen städ-
tischen Kreis- und Heimatmuseen hatten in ihren Sammlungen Objekte aus der Arbeiterjugend-
bewegung deponiert.22 Explizit in den Sammlungsbeständen ausgewiesen waren vor allem
­Objekte aus dem Zeichenrepertoire der Arbeiterjugendbewegung wie Abzeichen, Wimpel, Fahnen
und Kleidungsstücke – zum Beispiel die Bluse eines Angehörigen der Kommunistischen Jugend-
internationale.23 Diese Fundstücke wurden bei Bedarf in die lokalen Ausstellungen zur ­Geschichte
der Arbeiterbewegung eingebracht. Gleiches gilt für die Dauerausstellung „Sozialistisches Vater-
land DDR“, die 1974 im Museum für Deutsche Geschichte in Berlin erstmals präsentiert wurde
und in drei Zugriffe aufgeteilt war: „1945–1949“, „1949–1961/62“ und „1962–Gegenwart“.24 Auch
hier wurden, was überrascht, nur vereinzelt Objekte zum Jugendthema präsentiert. Das Thema
Jugend spielte in dieser Vorzeigeschau kaum eine nennenswerte Rolle. Wenn jugendhistorische
Objekte präsentiert wurden, dann entstammten sie dem Formenensemble sozialistischer und

Das Museum und die Geschichte der Jugend 213


kommunistischer Jugendorganisationen beziehungsweise waren sie spezifische Kunstwerke mit
realsozialistischem Kunstverstand: Von der „Fahne der ‚Gruppe Osten‘ des Kommunistischen
Jugendverbandes Deutschland. 5. Stadtbezirk Berlin, 1928“, die „die Zeit des Faschismus sorg­
fältig verborgen“ überstand,25 im Ausstellungsteil 1945–1949 über „FDJ-Kleidung, getragen zum
1. Deutschlandtreffen der Jugend, Mai 1950“ im zweiten Teil der Dauerschau bis hin zur Plastik
„Lesender Jungarbeiter“ 26 von Gisela Thiele-Richter (1916– 2000) im letzten Ausstellungsbereich,
den Zeitraum von 1962 bis zur Gegenwart umfassend. In den Ausstellungskabinetten spiegeln
sich die Sammlungsvorgaben wider, die auf die Hinterlassenschaften der Jugendzusammen-
schlüsse von zunächst der KPD, später dann der FDJ ausgerichtet waren.
Nach dem „Woodstock des Ostens“, den 10. Weltjugendfestspielen 1973, fand das Thema
­Jugend in der DDR vor allem im Kontext von Kunstausstellungen Berücksichtigung. Zu erinnern ist
in diesem Zusammenhang an die Exposition „Jugend und Jugendobjekte im Sozialismus. ­Malerei,
Grafik und Plastik von bildenden Künstlern der DDR“, die die Städtischen Museen Karl-Marx-
Stadt (heute: Chemnitz) vom 17. bis 30. Mai 1976 präsentierten.27 Die Ausstellung war entstanden
„als kulturell-künstlerischer Beitrag in Vorbereitung des 30. Jahrestages und des XI. Parteitages
der SED“ und sollte „besonders die Beziehungen der bildenden Künstler zum Leben und zu den
Leistungen der jungen Generation“ in der DDR entfalten. Ziel des Veranstaltungsbündnisses des
Bezirksvorstandes des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), der FDJ-Bezirksleitung,
des Verbandes Bildender Künstler in der DDR und des Rates des Bezirks Karl-Marx-Stadt war es,
„die schöpferische Arbeit der Jugend, ihren Tatendrang und […] ihre Entwicklung zu sozialisti-
schen Persönlichkeiten […] sichtbar zu machen.“ 28 Drei Jahre später, im Kontext des 30-jährigen
Bestehens der DDR, vom 30. Mai bis zum 1. Juli 1979, wurde der künstlerische Zugang auf das Feld
Jugend von der Bezirks- auf die zentrale Ebene gehoben. Nun war es ein Bündnis von Ministeri-
um für Kultur der DDR, Zentralrat der Freien Deutschen Jugend und Verband Bildender Künstler
der DDR, die sich dem Thema unter dem Titel „Jugend in der Kunst. Malerei-Grafik-Plastik der
DDR“ als „Ausstellung zum nationalen Jugendfestival der DDR“ widmeten.29 Indem bei den häufig
­präsentierten zeitgenössischen Werken die Figuration der Abstraktion vorgezogen wurde, entspra-
chen diese Ausstellungen zum Thema Jugend der ideologisch gewünschten künstlerischen Aneig-
nung der realsozialistischen deutschen Realität. Den Sonderschauen gemeinsam war der Blick auf
die Jugend als Garant der Zukunft des politischen Systems.
Eine spezifische Form von Öffentlichkeitsarbeit betrieb die FDJ darüber hinaus an den
S­chulen, indem sie in den obligatorischen Schaukästen nicht über anstehende Veranstaltungen
wie Festwochen und Klassenwettbewerbe informierte, sondern die Auskünfte auch „stetig“ mit
„Wimpel[n], Pionierkäppie[s] und -Halstuch umrahmt[e]“,30 um auf diese Art und Weise über ­Objekte
die symbolische Repräsentation der Parteijugend (her)auszustellen. Symbolische Repräsentatio-
nen dieser Art indizieren nicht nur räumlich, sondern ebenfalls intellektuell ein „Klein-Klein“.
In den 1980er Jahren wurde dann die Ebene der Kunst kurzzeitig wieder verlassen, das
Thema Jugend hatte auf Ausstellungsebene in der DDR aber gleichwohl Konjunktur. So wurden
auf 750 Quadratmetern im Foyer des Museums für Deutsche Geschichte in Berlin am Vorabend
des XI. SED-Parteitages 40 Jahre FDJ-Geschichte unter dem Titel „Vorwärts, Freie Deutsche
­Jugend“ ausgestellt.31 Im Jahr 1987, zwei Jahre vor der Wiedervereinigung, griff man erneut
auf die künstlerische Aneignung des Themas zurück. „Jugend im Sozialismus“ hieß die Zusam-
menstellung von Kunstwerken, die „anläßlich des 70. Jahrestages der Großen Sozialistischen
Oktober­revolution“ gemeinsam von der Akademie der Künste der UDSSR und der Akademie der
Künste der DDR in Berlin präsentiert wurde.32 Dargeboten in einer Zeit, in der eine große Min-
derheit von Jugendlichen über das marode politische System mit den Füßen abstimmte und auf
unterschiedlichen Wegen in den Westen zu gelangen suchte.

214 Exkurs
Ein neuer Blick in der Bundesrepublik
Anders als in der DDR wurde das Thema Jugend in der
Bundesrepublik bis Mitte der 1970er Jahre sehr selten in Ausstellungen thematisiert, sieht man
von eher kleineren Sonderschauen zur sozialistischen Jugend ab.33 Zwar wandte man sich den
studentischen Protesten zu – aber zum einen nicht unter dem Zugriff Jugend und zum anderen
erst zum 40-jährigen Jubiläum.34 Jugendsubkulturen wie die „Existentialisten“ und ­„Halbstarken“
gerieten zunächst gar nicht in das Blickfeld von Kuratoren.
Mit dem Aufkommen der Neuen Sozialen Bewegungen, der „neuen Jugendbewegung“ im
Rahmen der Ökologie-, Friedens-, Antimilitarismus- und Hausbesetzerbewegung, deren Ange-
hörige für sich das individuelle Widerstandsrecht gegen vermeintlich falsche ­Entscheidungen
­seitens der Legislative und Exekutive beanspruchten, erhielt die museale Aufbereitung jugend­
historischer Themen einen enormen Schub. Zunächst favorisiert war der Zugang über die Hin-
führung zum inhaltlichen Zugriff „Jugend im ‚Dritten Reich‘“. Nicht unschuldig daran war ein
in Teilen der Geschichtswissenschaft vollzogener Paradigmenwechsel hin zu einer Verhaltens-
geschichte der NS-Zeit. Ziel war das Schreiben einer Wirkungsgeschichte des NS-Regimes „von
unten“ aus dem Blickwinkel der betroffenen Bevölkerung. Mit der Perspektiverweiterung auf den
Alltag geriet dann auch zunehmend in der Bundesrepublik das Jugendthema in das Blickfeld,
zunächst bezogen auf das „Dritte Reich“ mit der Hitlerjugend und erstmals auch der jugend­
lichen Opposition gegen diese. Ein erstes Beispiel für eine solche Unternehmung ist die von
Heinz ­Boberach im Bundesarchiv Koblenz mitverantwortete Ausstellung „Jugend im NS-Staat“
aus dem Jahre 1978.35 Als typische Archivausstellung brachte sie über die eingesetzten Fotos
Momente einer frühen Visual History in die Präsentation. Bezeichnend für dieses Genre, ­musste
sie gänzlich ohne dreidimensionale Objekte auskommen. Die Dokumentation ist in der Zeit noch
die prägende Form der Jugendausstellung. Im selben Jahr wählte das Historische Museum
Frankfurt mit dem hauseigenen Projekt „Arbeiterjugend in Frankfurt 1904–1945. Material zu
einer verschütteten Kulturgeschichte“ einen diachronen Zugriff, der bewusst das Epochenjahr
1933 überschritt.36
Der Triumphzug der Geschichte „von unten“ hatte zum Ergebnis, „dass allerorten von den
Geschichtsinitiativen in vorgeblich resistenten Milieus Tausende von ‚roten Großvätern‘ und
‚schwarzen Standhaften‘ entdeckt wurden“,37 die in den 1930er Jahren Jugendliche und junge
Erwachsene gewesen waren. Ihre Lebensgeschichten finden sich in der Fülle von Publikationen,
die in den 1970er und 1980er Jahren unter den paradigmatischen Titeln „Widerstand und Ver-
folgung in …“ erschienen.38 Dieser Perspektivwechsel sollte sich in jugendhistorischen Sonder-
schauen niederschlagen, die nun nicht mehr solitär dastanden. In den urbanen Zentren wurde
sich diesem spezifischen Thema vor allem im Kontext des 50. Jahrestages der „Machtergreifung“
Hitlers über Ausstellungen angenähert. Ein typisches Beispiel hierfür ist die im Herbst 1983
präsentierte Ausstellung „Jugendorganisationen und Jugendopposition in Berlin-Kreuzberg
1933–1945“,39 gezeigt im U-Bahnhof „Schlesisches Tor“, die vor allem auf die im Kontext des
­Jubiläums betriebenen alltags- und lokalhistorischen Forschungen aufbauen konnte.
Die 1980er Jahre wurden dann zum Jahrzehnt der intensiven Beschäftigung mit dem Sujet
Jugend in unterschiedlichen Ausstellungen. Hierzu zählten noch kurz vor der Wiedervereini-
gung geschichtspolitisch auf den Weg gebrachte wie „Jugend in der DDR“ 40 der Ost-Akademie
Lüneburg wie auch klassische, der Dokumentation verpflichtete Unternehmungen zur Jugend-
bewegung wie die Schau „Von Steglitz in die Welt“ 41, die im Rahmen der 750-Jahr-Feier Berlins
finanziert und ebenfalls 1987 erstmals gezeigt wurde und den Steglitzer Wandervogel in den
Mittelpunkt des Bemühens stellte. Noch im gleichen Jahr eröffnete die Ausstellung „Jugend im
nationalsozialistischen Frankfurt“.42 Weiterhin hatte eine Realisation des Frankfurter Histori-

Das Museum und die Geschichte der Jugend 215


schen Museums sehr großen Erfolg, die vor allem biografisch arbeitete: „Walter *1926 †1945.
Leben und Lebensbedingungen eines Frankfurter Jungen im III. Reich“.43 Sie wurde nicht nur in
den Frankfurter Stadtteilen angenommen, sondern auch im gesamten Rhein-Main-Gebiet und
darüber hinaus im westdeutschen Raum.
Einen besonderen thematischen Zugriff zum Thema Jugend leisteten darüber hinaus die seit
den 1980er Jahren auf den Weg gebrachten Dokumentationszentren und Gedenkstätten an die Zeit
nationalsozialistischer Gewaltherrschaft. Hier wurde an den authentischen Orten der Geschichte
der jugendlichen Opfer des NS-Regimes und ihres Beharrens auf jugendliche Nonkonformität ge-
dacht.44 Dass die Schwerpunktsetzung auf die nationalsozialistische Zeit bis heute trägt, belegen
weitere Projekte wie die vom Historischen Centrum Hagen konzipierte Ausstellung „Und sie werden
nicht mehr frei – Jugend im Nationalsozialismus“, die besonders das Schicksal „jugendliche[r] Opfer
des NS-Regimes“ aufgreift.45 Eine Parallele ist nach der Wiedervereinigung dann bei der Darlegung
der Jugendopposition in der DDR feststellbar, die bis heute ihren Niederschlag in zumeist biogra-
fisch ausgerichteten „Plakat-“ und „interaktiven Wanderausstellungen“ findet.46
Ein wesentlich größeres Interesse erweckten jedoch Vorhaben, die das Thema unter dem
Deutungs­paradigma „Sub-“ beziehungsweise „Jugendkultur“ in den Fokus nahmen. Zu erinnern
ist in diesem Kontext an zwei Ausstellungen mit guter öffentlicher Resonanz, die das Thema
in einem Längsschnitt zwischen der Jahrhundertwende 1900 und den 1980er Jahren darzu-
bieten versuchten. Diese erste, stark mit Objekten und Inszenierungen arbeitende Schau – zu-
nächst präsentiert in Stuttgart 1986 – trug den Titel „Schock und Schöpfung. Jugendästhetik
im 20. Jahrhundert“.47 In ihr wurde den Machern zufolge Jugendästhetik „dargestellt als prä-
gende oder abhängige Kraft oder Opfer ­unserer Kultur in allen erdenklichen, in ausufernden, in
zwingenden oder gezwungenen, in sprengenden Ausdrucksformen des Menschen: Gestik, Mode,
Sprache, Wohnen; im privaten und ­öffentlichen Raum, auf der Straße. Dargestellt in der Ausstel-
lung als wachsende und sich ­verändernde, als belebte, alles in der Zeit durchdringende Kultur-
landschaft“.48 In den Feuilletons trug mancher Ausstellungs­be­sucher anderes mit nach Hause:
„Die Zeit“ meinte anmerken zu ­müssen, dass „Jugend nicht nur aus Bewegungen oder Cliquen,
sondern aus Jugendlichen, Einzelnen ­[bestehe]. Das hätte die Stuttgarter Ausstellung beinahe
vergessen. Nicht jeder ist ein Karl Moor und will Räuberhauptmann spielen. […] Möglich, dass

Abb. 2: Katholikentag in Essen,


Fotografie Anton Tripp, 1968

216 Exkurs
im Unauffälligen, neben dem ganzen Rummel, im Nichtausstell­baren die Hoffnung liegt.“ 49 Und
die Berliner ­Tageszeitung ­schwadronierte: „Gäbe es nicht den Katalog […], die tönende Stuttgar-
ter Papp­deckel-Schau hinterließe mit ­Sicherheit überwiegend konsternierte Betrachter.“ 50
Die zweite thematisch einschlägige Sonderschau war hingegen regionalgeschichtlich ausge-
richtet. Ihr Titel: „Land der Hoffnung – Land der Krise: Jugendkulturen im Ruhrgebiet 1900–1987“,
erstmals präsentiert im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte vom 27. November
1987 bis zum 4. Februar 1988.51 Die an sich sehr ansprechende Präsentation, die eine bemerkens-
werte Aufklärungsarbeit über die jugendkulturelle Entwicklung an Emscher und Ruhr ­entfaltete,
verblüfft jedoch in einem zentralen Aspekt: Sie berücksichtigt nicht die große Bedeutung der
Anti­konzeptiva („Anti-Baby-Pille“) für die Aushandlung der Geschlechterbeziehungen unter den
­Jugendlichen Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre (Abb. 2).

Jugend sells
In den 1990er Jahren kann dann von einer zweiten Welle jugendhistorischer Aneig-
nungen gesprochen werden, die sich aber zunehmend vom Zugriff „Subkultur“ emanzipierten und
Jugend generell in den Blick nahmen.52 Das Bundesland Bayern eröffnete den Reigen mit der Aus-
stellung „Schön ist die Jugendzeit …? Das Leben junger Leute in Bayern 1899–2001“ – präsentiert an
30 Orten in Bayern bis in das Jahr 1996.53 Es folgte vom 13. Mai bis zum 19. Oktober 1997 „Mit 17 …
Jugendliche in Hannover von 1900 bis heute“ im Historischen Museum Hannover und im Histori-
schen Museum Bielefeld vom 19. November 1995 bis zum 18. Februar 1996 die Sonderschau „‚Aus
grauer Städte Mauern‘. Bürgerliche Jugendbewegung in Bielefeld 1900–1933“.54 Den Blick auf
­Jugendliche als Amateurfotografen in DDR und BRD richtete das Projekt „Blende auf“, die vom
15. November 1995 bis zum 21. Januar 1996 im Haus der Geschichte der Bundesrepublik ­Deutschland
in Bonn gezeigt wurde.55 15 Jahre später tourt eine der Jugendkultur des Hip-Hop in der DDR ver-
pflichtete Wanderausstellung „The Early Days – die Geschichte der HipHop-Kultur in der DDR“ vor
allem durch die neuen Bundesländer.56 Auf keinen Fall dürfen auch jugendhistorische Expositionen
aus dem Kontext der historischen „Graswurzel-“ und „Geschichtswerkstättenbewegung“ vergessen
werden. Gelungene Beispiele hierfür sind zum Beispiel die Ausstellungen der Galerie Morgenland
aus Hamburg-Eimsbüttel, die stadtteilbezogene Zugriffe über „Jugendliche im Zweiten Weltkrieg“ 57
und „Lebenswelten Eimsbütteler Jugendlicher in den 50er Jahren“ 58 erarbeitete.
Zudem gab es nach der Jahrtausendwende auch „Ausreißer-Ausstellungen“, die dem
­Jugendkultur-Paradigma fernblieben und eher den schon vergessen geglaubten traditionellen
­jugendorganisatorischen Zugriff zum Leben erweckten. Diese Initiativen kamen vor allem aus
dem Kontext der parteipolitischen Jugendorganisationen.59
„Jugend sells“ – diesem Gedanken waren wohl auch die Kuratoren der Stiftung Haus der
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nahe, als sie die Sonderschau „Rock! Jugend und
Musik in Deutschland“ konzipierten und in Ansätzen auf der Ebene der musikalischen Rezeption
Momente der deutsch-deutschen Verflechtungsgeschichte offenlegten. Sie wurde erstmals vom
17. Dezember 2005 bis zum 17. April 2006 im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig gezeigt.60
Auch der künstlerische Zugriff machte vor dem Thema nicht halt, wie die ­ambitionierte
­Präsentation „Die Jugend von heute. The Youth of Today“ Mitte der 2000er Jahre in der Schirn
Kunsthalle Frankfurt unterstreicht.61 Ganz zu schweigen vom Trend zu rein fotogeschichtlichen
Ausstellungen, die über äußerst karge wissenschaftliche Kommentierungen nicht hinauskommen.62
Dass Jugendausstellungen sich eines besonderen Zuspruchs erfreuten, mag vor allem in ­einem
generationenübergreifenden Interesse begründet sein, richteten sie sich doch „an Jugendliche und
Erwachsene gleichermaßen“.63 Bei den Dokumentationen und Inszenierungen – so brachten es die
Kuratoren von „Schock und Schöpfung“ auf den Punkt − „geraten die verschiedenen Generationen

Das Museum und die Geschichte der Jugend 217


aneinander; die Söhne sehen, wie die Väter jung waren, die Mütter, an Bilder und Vorstellungen der
eigenen Jugend erinnert, sehen die Töchter vielleicht anders. So wird ein Beziehungsgeflecht deut-
lich, an dem mehr erscheint als der immerwährende, immer gleiche Generationenkonflikt.“ 64
Ältere Besucherinnen und Besucher kommen, weil sie einen Rückblick in die eigene ­Jugend
suchen und die Präsentationen einen spezifischen Zugang bieten: „Sehr gut! Schön um sich ohne
Geschichtsbücher zu erinnern“ 65 war zum Beispiel der Kommentar eines 44-Jährigen nach dem
Besuch der Ausstellung „Mit 17 … Jugendliche in Hannover von 1900 bis heute“ im Historischen
Museum Hannover. Sind Jugendliche erst einmal in der Exposition – gleichwohl sie in der Regel
nur extrinsisch von außen über Lehrer und Jugendbildner zum Ausstellungsbesuch „getragen“
­werden – gelangen sie ohne Umstände zum Vergleich ihrer Lebenswelten mit denen der histo-
rischen Pendants. Die Besucherinnen und Besucher ersehnten sich die Begegnung mit diesen
nahezu herbei. Der Song der deutschen Band Tocotronic aus dem Jahre 1995 „Ich möchte Teil
einer Jugendbewegung sein“ enthält einen mächtigen Wahrheitskern: Er artikuliert ein fürwahr
anthropologisches Verlangen. Ein Begehren, das offenkundig nicht wenige junge Interessierte
nach dem Besuch einer Schau zur Jugendgeschichte in sich tragen. „Mit 17 …“ hat man eben
noch Träume. Diese auch unter Berücksichtigung der Migrations- und transnationalen Perspek-
tive museal zu inszenieren, bleibt eine zentrale Aufgabe künftiger Kuratoren.

1 Der anschließende und letzte Ausstellungsort war vom 13. Juli 7 Ausstellung Unsere Jugend. Führer durch die Ausstellung,
bis 4. November 2012 das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig. Leider ­Essen Ruhr Mai-Juli 1914. Zusammengestellt und bearbeitet von
erschien kein Ausstellungskatalog. Offensichtlich wurde hier – ohne Gerdes und Koch. Essen 1914.
entsprechenden Hinweis – ein Ausstellungstitel des Historischen 8 Daneben hat es noch Adaptionen des Themas gegeben, die als
Museums Hannover aus dem Jahr 1995 adaptiert. Appendixe an der Peripherie größerer Schauen präsentiert wurden.
2 Zur Ausstellung siehe Homepage Stiftung Haus der Geschichte Zwei Beispiele können genannt werden: Erstens das idealtypisch
der Bundesrepublik Deutschland. Presse, URL: [Link] ausgestaltete sogenannte Wandervogelheim im Rahmen der „Inter-
news-details/mit-17-jung-sein-in-deutschland/ [20.03.2013]. nationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik“ in Leipzig
3 Konzipiert von der Bibliothèque Nationale et Universitaire de im Frühjahr 1914, in dem die „ausgestellten Arbeiten […] zeigen
Strasbourg und der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart. [sollten], daß der Wandervogel nicht nur wandert, kocht und im Heu
4 Ausstellung der nichtstaatlichen Organisation „Gesicht schläft“. Vgl. [Erich Matthes]: Das Wandervogelheim auf der Buch-
Zeigen!“, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzt. Sie wird seit gewerbeausstellung in Leipzig 1914. Zitiert nach Justus H. U
­ lbricht:
2012 in den S-Bahn-Bögen 416–422, S-Bahnhof Bellevue in Berlin ­Lebensbücher, nicht Lesebücher!. Buchhandelsgeschichtliche
präsentiert. ­Ansichten der bildungsbürgerlichen Reformbewegungen um 1900.
5 Jan Krebs: Ein positiver Lern-Ort. In: 7x jung. Dein Trainings- In: Das bewegte Buch. Buchwesen und soziale, nationale und
platz für Zusammenhalt und Respekt. In: Gesicht Zeigen! Berlin kulturelle Bewegungen um 1900. Hrsg. von Mark Lehmstedt/­Andreas
2012, S. 4–6. – Zur Thematisierung der staatlicherseits betriebenen Herzog. Wiesbaden 1999, S. 135–151, bes. S. 137. Zweitens die im
strategischen Maßnahmen gegenüber jugendlicher Devianz und Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht in Berlin 1915 gezeigte
Gewalthaftigkeit siehe auch die Ausstellung „Are the kids alright“, ­propagandistisch ausgerichtete Schau „Schule und Krieg“, die
die in Leipzig auf dem Westwerk-Gelände vom 27. März bis zum „an anschaulichen Beispielen zeigen [sollte], welche Wirkung der
26. April 2009 gezeigt wurde, und die Ausstellung „Abgerippt“ des [I. Welt]Krieg auf die Erziehung, Bildung und Betätigung der Jugend
Frankfurter Künstlers Oguz Sen, der im Mai 2012 über Fotos und überhaupt bisher ausgeübt hat und voraussichtlich weiter ausüben
Graffiti Zugänge zu den Jugendgangs aus dem Frankfurt der wird“. Vgl. Schule und Krieg. Sonderausstellung im Zentralinstitut
1980er und 1990er Jahre verschafft. für Erziehung und Unterricht Berlin. Ausführliche Beschreibung mit
6 Damit rücken Ausstellungen, die das Thema Jugend nur als 49 Abbildungen auf Tafeln und im Text. Berlin 1915, S. 5.
­eines unter vielen berücksichtigen, nicht in den Fokus der Betrach- 9 Junges Deutschland. Ausstellung der deutschen Jugend.
tung. Vgl. Vorwärts – und nicht vergessen. Arbeiterkultur in Hamburg [Link]. Schloss Bellevue. Berlin 1927, S. 2.
um 1930. Materialien zur Geschichte der Weimarer Republik. 10 Junges Deutschland 1927 (Anm. 9), S. 1.
Hrsg. von der Projektgruppe Arbeiterkultur Hamburg. [Link]. 11 Junges Deutschland 1927 (Anm. 9), S. 1.
Kulturbehörde der Freien Stadt Hamburg. Berlin 1982. – Gleiches gilt 12 Junges Deutschland 1927 (Anm. 9), S. 3.
für Ausstel­lungen, die einer breiteren Öffentlichkeit eher verschlossen 13 Vgl. Detlev J.K. Peukert: Jugend zwischen Krieg und Krise.
bleiben, wie es beim Archiv der deutschen Jugendbewegung der Fall Lebenswelten von Arbeiterjungen in der Weimarer Republik.
ist. Vgl. etwa Sven Reiß: Neue Dauerausstellung im Archiv der deut- Köln 1987, S. 221.
schen Jugendbewegung. In: Historische Jugendforschung. Jahrbuch 14 Peukert 1987 (Anm. 13), S. 3.
des Archivs der Jugendbewegung N.F. 4, 2007, S. 235–249. 15 Peukert 1987 (Anm. 13), S. 3–4.

218 Exkurs
16 Vgl. Peukert 1987 (Anm. 13), S. 6–8. 38 Vgl. Kenkmann 2008 (Anm. 37).
17 Programm für die Ausstellung über den Heimbau der 39  Kurt Schilde: Jugendorganisationen und ­Jugendopposition in
Hitler-Jugend. Hrsg. von der Reichsjugendführung. Berlin 1937, S. 4. Berlin-Kreuzberg 1933–1945. Eine Dokumentation. [Link]. Verein
18 Programm Heimbau 1937 (Anm. 17), S. 4. zur Förderung der Interkulturellen Jugendarbeit im SO 36 e.V.
19 Artur Axmann: Hitler-Jugend 1933–1943. Die Chronik eines Berlin 1983.
Jahrzehnts. Berlin 1943, S. 29. 40 Jugend in der DDR: Text- und Materialsammlung.
20 Friedrich Rainer: Zum Geleit. Geleitwort des Gauleiters und Hrsg. von der Ost-Akademie Lüneburg e.V. Lüneburg 1987.
Reichsstatthalters in Salzburg. Ausstellung Meisterwerke Salzburger 41 Der Wandervogel: es begann in Steglitz. Beiträge zur
Kunst. Veranstaltet vom Salzburger Museum Carolino Augusteum. ­Geschichte der deutschen Jugendbewegung. Hrsg. von Gerhard Ille/
In: Salzburger Kulturtage der Hitler-Jugend 1943. Salzburg 1943, Günter Köhler u.a. Berlin 1987.
unpaginiert. 42 Ausstellungsdokumentation. Zeitzeugenerinnerungen.
21 Rainer 1943 (Anm. 20), unpaginiert. Publikum. [Link]. Historisches Museum Frankfurt am Main.
22 In Delitzsch, Dresden (Deutsches Hygiene-Museum), Frankfurt a.M. 1987.
Tangermünde, Wolmirstedt, Weißenfels, Zeitz, Stadtilm, Gera (Karl- 43 Walter (1926–1945) an der Ostfront. Leben und Lebens­
Liebknecht-Haus), Zeulenroda. Vgl. Handbuch der Museen und bedingungen eines Frankfurter Jungen im III. Reich.
wissenschaftlichen Sammlungen in der DDR. Hrsg. von H.A. Knorr. Bearb. von Cornelia Rühlig /Jürgen Stehen, Ausst. Kat. Historisches
Fachstelle für Heimatmuseen beim Ministerium für Kultur. Museum Frankfurt am Main. Frankfurt a.M. 1983.
Halle a.d. Saale 1963, S. 159, 163, 209, 216, 249, 281, 294, 371. 44 Die Weiße Rose: Ausstellung über den Widerstand von Studen-
Wahrscheinlich verbergen sich hinter der Bezeichnung „Arbeiter­ ten gegen Hitler. München 1942/43. [Link]. Weiße-Rose-Stiftung.
bewegung“ weitere Objekte mit Jugendbezug. München o. J. – Martin Guse: „Wir hatten noch gar nicht angefangen
23 Vgl. Handbuch der Museen 1963 (Anm. 22), zu leben“. Eine Ausstellung zu den Jugend-Konzentrationslagern
S. 159, 209, 249, 294. Moringen und Uckermark 1940–1945. Hrsg. von Lagergemeinschaft
24 Ausstellung Sozialistisches Vaterland DDR. Hrsg. vom Museum und Gedenkstätteninitiative KZ-Moringen e.V./Hans-Böckler-Stiftung.
für Deutsche Geschichte Berlin. Berlin 1976. S. 3–37, 38–73, 74–120. Moringen 1992. – Verführt, verleitet, verheizt. Das kurze Leben
25 Ausstellung Sozialistisches Vaterland 1976 (Anm. 24), S. 7. des Hitlerjungen Paul B. Mappe mit Nachdruck der Tafeln der
26 Ausstellung Sozialistisches Vaterland 1976 (Anm. 24), S. 96. gleichnamigen Sonderausstellung des Dokumentationszentrums
27 Jugend und Jugendobjekte im Sozialismus. Malerei, Grafik Reichsparteitagsgelände. Hrsg. von Museen der Stadt Nürnberg.
und Plastik von bildenden Künstlern der DDR. [Link]. S
­ tädtische Nürnberg 2007. – Siehe auch die in Verbindung mit der Ausstellung
Museen Karl-Marx-Stadt. Karl-Marx-Stadt 1976. „Von Navajos und Edelweißpiraten – Unangepasstes Jugendver­
28 Jugend und Jugendobjekte 1976 (Anm. 27), S. 2–3. halten in Köln 1933 bis 1945“ im NS-Dokumentations­zentrum, Köln,
29 Jugend in der Kunst. Malerei – Grafik – Plastik der DDR. 2004 entstandene Publikation: Es war in Schanghai. Kölner Bands
[Link]. Altes Museum Berlin. Berlin 1979. interpretieren Lieder der Edelweißpiraten. Ein Projekt des Vereins
30 Berit Möller: Erinnerungsbericht als Schülerin von 1974–1984 EL-DE-Haus e.V. in Kooperation mit dem NS-Doku­mentationszentrum.
an der Wilhelm-Pieck-Schule Schwarza (Thüringen). Königsee 2012. Hrsg. von Martin Rüther/Jan Ü. Krauthäuser/Rainer G. Ott. Köln
[Unveröffentlichtes Manuskript] 2004. – Jugendkonzentrationslager für Mädchen und junge Frauen
31 Jugend in der Kunst 1979 (Anm. 29). und späteres Vernichtungslager Uckermark. [Link]. Hamburger
32 Jugend im Sozialismus. Ausstellung anläßlich des 70. Jahres­ Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark. Hamburg
tages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. 2010. – Siehe auch den zusätzlich von Sascha Lange eingerichteten
Hrsg. von der Akademie der Künste der Deutschen Demokratischen Ausstellungsraum zur Jugendopposition der sogenannten Leipziger
Republik. Berlin 1987. Meuten im Schulmuseum Leipzig. Dazu Sascha Lange: Die Leipziger
33 Hier hat sich besonders das Archiv der Arbeiterjugend­ Meuten. Jugendopposition im ­Nationalsozialismus. Eine Dokumenta-
bewegung in Oer-Erkenschwick hervorgetan. tion. Leipzig 2012.
34 Vgl. Die 68er. Kurzer Sommer – lange Wirkung. Hrsg. von 45 Und sie werden nicht mehr frei – Jugend im Nationalsozialis-
Andreas Schwab. [Link]. Historisches Museum Frankfurt am mus. Ausstellungsleporello des Landesarchivs N
­ ordrhein-West­falen,
Main (Schriften des Historischen Museums Frankfurt am Main 27). Abteilung Ostwestfalen-Lippe. Detmold 2012. Die A
­ usstellung wurde
Frankfurt a.M. 2008. – 1968: Die große Unschuld. Hrsg. von ­ 2011 im Historischen Centrum Hagen gezeigt, 2012 war sie im
Thomas Kellein. Begleitpublikation zur Ausstellung in der Kunsthalle Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Detmold, zu sehen.
Bielefeld. Köln 2009. – Zum Nachklang der Studentenbewegung: 46 So aktuell „Jugendopposition in der DDR“. Eine Plakatausstel-
Wem gehört die Stadt? Manifestationen neuer sozialer Bewegungen lung der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. und der Bundesstiftung
im München der 1970er Jahre. Hrsg. von Manfred Wegner/ zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sowie die mittels z­ weier biografi-
Ingrid Scherf/Michael Hoffer. Begleitpublikation zur ­Ausstellung im scher Zugänge von Marina Böttcher und Uwe Kulisch konzipierte und
Münchener Stadtmuseum. München 2013. seit 2009 reisende inter­aktive W
­ anderausstellung „Von Liebe und
35 Auf Grundlage der Ausstellung erschien Heinz Boberach: Zorn. Jung sein in der Diktatur“. Sie wurde in den neuen Bundeslän-
­Jugend unter Hitler (Fotografierte Zeitgeschichte). Düsseldorf 1982. dern, vor allem in Thüringen, präsentiert.
36 Arbeiterjugend in Frankfurt 1904–1945. Material zu einer 47 Schock und Schöpfung. Jugendästhetik im 20. Jahrhundert.
verschütteten Kulturgeschichte. Mit Beiträgen von Wolfgang Hrsg. von Willi Bucher/Klaus Pohl. [Link]. Deutscher Werkbund e.V.
Abendroth, Georg Stiehle und Detlef Hoffmann. [Link]. Darmstadt/Württembergischer Kunstverein Stuttgart.
­Historisches Museum Frankfurt am Main. Frankfurt a.M. 1978. Darmstadt/Neuwied 1986.
37 Vgl. Alfons Kenkmann: Zwischen Nonkonformität und 48 Tilmann Osterwald: Vorwort. In: Schock und Schöpfung 1986
Widerstand. Abweichendes Verhalten unter nationalsozialistischer (Anm. 47), S. 4.
Herrschaft. In: Das „Dritte Reich“. Eine Einführung. Hrsg. von 49 Helmut Schrödel: Von der Rebellion zur Retusche. Zur Stuttgar-
­Dietmar Süß/Winfried Süß. München 2008, S. 14–162, bes. S. 158. ter Ausstellung „Schock und Schöpfung“. In: Die Zeit 15, 1986, S. 57.

Das Museum und die Geschichte der Jugend 219


50 Mathias Bröckers: Die Zeit ist schneller als der Geist. „Schock 61 Die Jugend von heute. The Youth of Today. Hrsg. von Max
und Schöpfung“ – Eine Ausstellung auf der Spur der Jugend- und Hollein. [Link]. Schirn Kunsthalle Frankfurt. Frankfurt a.M. 2006.
Subkultur im 20. Jahrhundert. In: Die Tageszeitung vom 29.03.1986. 62 Für immer jung. 50 Jahre Deutscher Jugendfotopreis.
51 Land der Hoffnung – Land der Krise. Jugendkulturen im Hrsg. von Juliane Haubold-Stolle/Christin Pschichholz. [Link].
Ruhrgebiet 1900–1987. Hrsg. von Wilfried Breyvogel/Heinz-­Hermann Deutsches Historisches Museum. Berlin 2011. – The Rolling Stones. Das
Krüger. Dortmund u.a. 1987. legendäre erste Deutschland-Konzert in Münster am 11. ­September
52 Eher wenige Bezüge zu historischen Jugendgesellungen in 1965. Bearb. von Axel Schollmeier/Willi H
­ änscheid. [Link].
Deutschland bot die ansonsten in ihrem anthropologischen Zugriff Stadtmuseum Münster. Münster 2005. – Auch aktuell die Sonderaus­
überzeugende Ausstellung; vgl. Männerbande – Männerbünde. Zur stellung „Kindheit in der Nachkriegszeit“. F
­ oto­grafien amerikanischer
Rolle des Mannes im Kulturvergleich. Hrsg. von Gisela Völger/Karin Beobachter, 30. September bis 25. November 2012 im Kreismuseum
von Welck. [Link]. Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde, Wewelsburg.
Köln, 2 Bde. Köln 1990; hier vor allem die Beiträge von René König: 63 Osterwald 1986 (Anm. 48), S. 4.
Blickwandel in der Problematik der Männerbünde, Bd. 1, 64 Willi Bucher/Klaus Pohl: Zum Buch zur Ausstellung.
S. XXVII–XXXII, u. Jürgen Reulecke: Das Jahr 1902 und die Ursprünge In: Schock und Schöpfung 1986 (Anm. 47), S. 9–10, bes. S. 10.
der Männerbund-Ideologie in Deutschland, Bd. 1, S. 3–10. – Auch das 65 Urban 1998 (Anm. 54), S. 368.
zehn Jahre später umgesetzte Ausstellungsgroßunternehmen des
Instituts Mathildenhöhe zur Lebensreformbewegung behandelte das Bildnachweis
Feld der Jugend nur marginal. Von 1.213 Seiten des zweibändigen Privatarchiv Alfons Kenkmann, Leipzig · Abb. 1
Ausstellungskatalogs widmen sich nur eine Handvoll Autoren dem Fotoarchiv Ruhr Museum, Essen · Abb. 2
Jugendthema; vgl. Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung
von Leben und Kunst um 1900. Hrsg. von Kai Buchholz u.a.
[Link]. Institut Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darmstadt 2001.
53 „Schön ist die Jugendzeit …?“ Das Leben junger Leute in
Bayern 1899–2001. Hrsg. von Harald Parigger.
[Link]. Haus der Bayerischen Geschichte. Augsburg 1994.
54 Andreas Urban: „Mit 17 …“. Jugendliche in Hannover von 1900
bis heute. Ein Fallbeispiel für besucherorientierte Museums­arbeit.
In: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung 18,
1993–1998, S. 349–374. – Zuletzt „Jugend gestern und heute”,
präsentiert im Bezirksmuseum Dachau vom 30. März 2012 bis zum
13. Januar 2013. Vgl. Jugend – gestern und heute. Bearb. von Ursula
Katharina Nauderer. [Link]. Bezirksmuseum Dachau. Dachau
2012. – Christel Liebold: Aus grauer Städte Mauern. Bürgerliche
Jugendbewegung in Bielefeld 1900–1933. Dokumentation einer
Ausstellung. In: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugend­
bewegung 18, 1993–1998, S. 375–390.
55 Blende auf. Jugendfotografie in Deutschland von 1960 bis 1995.
Hrsg. von Jan Schmolling. [Link]. Stiftung Haus der Geschichte
der Bundesrepublik Deutschland, Bonn. Pulheim-Brauweiler 1995.
56 Konzeption von Leonard Schmieding, Heiko Hahnewald u.a.
57 Präsentiert 1992.
58 Präsentiert 1997. Siehe auch Außer Rand und Band.
­Eimsbütteler Jugend in den 1950er Jahren.
Hrsg. von Galerie Morgenland. Hamburg 1997.
59 Exemplarisch: Selbstbehauptung, Widerstand und Ver­folgung.
„Die sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken“ in Berlin
1945 bis 1961. Hrsg. von Falco Werkentin. [Link]. (­Schriftenreihe
des Berliner Landesbeauftragten für die Unter­lagen des
Staatssicherheits­dienstes der ehemaligen DDR 28). Berlin 2008.
60 Rock! Jugend und Musik in Deutschland. Hrsg. von Barbara
Hammerschmitt. [Link]. Stiftung Haus der Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland/Zeitgeschichtliches Forum Leipzig.
Bonn/Leipzig 2005. – Im westfälischen Gronau, der Geburtsstadt
des deutschen Rockbarden Udo Lindenberg (geb. 1946), nahe der
niederländischen Grenze, wurde von der Stadt 2004 ein
„rock’ n’ popmuseum“ eröffnet, dessen Überleben heute nur
alljährlich mit enormen zusätzlichen Mitteln aus dem klammen
städtischen Haushalt gesichert werden kann.

220 Exkurs
Katalog

221
Sehnsucht Jugend
Im Jahr 1890 entließ der 31-jährige
Kaiser Wilhelm II. den betagten Reichs-
kanzler Otto von Bismarck aus dem
Amt. Dieser Generationenwechsel bil-
dete die Grundlage einer alles erfassen-
den Auf­bruchsstimmung im Deutschen
Reich. Der Ausweg aus den politischen,
wirtschaftlichen, sozialen und kulturel-
len Problemen wurde allein der jungen
Altersgruppe zugetraut. Mit ihr ver-
band man Kreativität und Zukunft.
Auch die bildenden Künstler forderten
vehement eine Erneuerung, den Bruch
mit der künstlerischen Tradition. So
erfuhr vor allem der jugendliche Akt be-
sondere Aufmerksamkeit. Häufig wurde
er im Orantengestus als Rückenfigur
inszeniert. Als Sinnbild von Natürlich-
keit und Vitalität propagierte das Motiv
ein neues Lebensgefühl im Einklang mit
der Natur oder dem Universum.

1 • (Abb. S. 11)
Jugend
Abbildung aus Ernst Seger (1868–1939) · Grunewald bei Berlin,
1897 · Bronze, gegossen · 159,5 x 144 x 58 cm
urheberrechtlichen Gründen Bez. auf der Plinthe: E. Seger; Gießerstempel:
AKTIEN=GESELLSCHAFT vormals [Link]­
unkenntlich gemacht BECKuSOHN BERLIN-FRIEDRICHSHAGEN
Berlin, Sammlung Karl H. Knauf

Ernst Segers „Jugend“, ein lebensgroßer


Mädchenakt mit offenem Haupthaar
und horizontal ausgebreiteten Armen,
der kindlich anmutendes Antlitz und
ausgereiften Leib miteinander kombi-
niert, ist plastisch gestaltetes Sinnbild
der Adoleszenz und damit Gestalt ge-
wordene Vision, Ideal- und Wunschbild
sowie Ausdruck des Lebensgefühls einer
Generation, die alle zivilisatorischen
Entfremdungen zu überwinden, Mensch
und Natur wieder miteinander zu ver-
söhnen, Körper und Geist in eine verlo-
ren geglaubte Einheit zu bringen suchte.
Mit dem scheinbar nachfedernd auf
die Plinthe gesetzten rechten Fuß des
Mädchens wandelte der in Breslau aka-
demisch ausgebildete und 1894 in den
damaligen Berliner Vorort Grunewald
übersiedelte Künstler den klassischen
Kontrapost in das Bild einer momentan
zum Stehen kommenden Bewegung ab
und verlieh der Gestalt somit ein hohes
Maß an spontaner Präsenz. Erhobenes
Antlitz und offener Blick der streng
frontal gegebenen Figur suggerieren
2

222 Katalog
gemeinsam mit der straffen Haltung scheint der Jüngling seinen drahtigen zugewandten Aufbruch des Menschen
des wohlgeformten Körpers sowie einer Körper mit ekstatischem Blick zwi- zur Selbstbestimmung und die Über-
der Orantenhaltung entlehnten Gestik schen Himmel und Erde spannen zu windung lebensfeindlicher Kräfte, die
ein Höchstmaß an Vitalität, Sinnlichkeit wollen. Offenbar steht das pathetische von drei am Boden sich windenden
und Daseinsfreude. Der nackte zum Ges- Motiv, das auch in einer etwa gleich- Schlangen symbolisiert werden.
tus der vorbehaltlosen Öffnung gestal- zeitig entstandenen Kohlezeichnung F. M. Kammel
tete Leib ist somit Sinnbild des Indivi- überliefert ist, im Zusammenhang
duums, das sich aller als unnatürlich mit den Versuchen des jungen Malers, Max Klinger. Zeichnungen, Zustandsdrucke, Zyklen.
empfundenen zivilisatorischen Zwänge eine bildkünstlerische Chiffre für den Hrsg. von Jo-Anna Birnie Danzker/Tilman Falk.
entledigt, Metapher eines neuen, nicht von Friedrich Nietzsche (1844–1900) München/New York 1996, S. 154–155. – Max Klinger.
zuletzt auch sexuellen Bewusstseins proklamierten Übermenschen bzw. Die druckgraphischen Folgen. [Link]. Staatliche
und Personifikation des unbezähmba- den „Genius“, das Genie zu erfinden. Kunsthalle Karlsruhe. Karlsruhe 2007, S. 138.
ren Willens zur grundlegenden Neuge- Er bediente sich dabei der damals vi-
staltung von Kultur und Leben. Seger rulenten Metapher des Adoranten. Die
betrachtete die Plastik als sein erstes Diagonale, aufstrebende Stellung der
eigenständiges Werk. Sie begründete Figur und bloße, auf die Zehenspitzen
seinen Erfolg als Bildhauer und seinen reduzierte Bodenhaftung des Körpers
zeitgenössischen Ruhm als Meister sind eigentümliche Ausdrucksmittel
des weiblichen Aktes. Neben einem ur- für den an den ersehnten „neuen Men-
sprünglich im Scheitniger Park in Bres- schen“ gestellten Anspruch, sich souve-
lau auf einem Steinsockel positionierten rän über die fesselnde Beschränktheit
Guss stand ein Exemplar im Garten der des irdischen Daseins zu erheben sowie
dortigen Villa des namhaften Sozialhy- Sinn und Art des Menschseins geistig
gienikers Albert Neisser (1855–1916). neu zu formulieren. F. M. Kammel
Bemerkenswerte Popularität erfuhr das
Bildwerk zudem aufgrund der Präsenta- Max Ackermann (1887–1975). Die Suche nach dem
tion auf den Großen Berliner Kunstaus- Ganzen. Hrsg. von Wolfgang Meighörner. [Link].
stellungen 1898 und 1899 sowie auf den Zeppelin Museum Friedrichshafen. Lindenberg
Expositionen im Münchner Glaspalast 2004, bes. S. 32 u. [Link]. 14.
1899 und 1908. Seine weite Rezepti-
on durch die Verbreitung in Form von
53 bzw. 26 cm hohen für den privaten 3 • (Abb. S. 11)
Raum bestimmten Reduktionen, die Und doch!
das Berliner Unternehmen Gladenbeck Max Klinger (1857–1920) · aus: Vom Tode. II. Teil,
bis in die 1930er Jahre goss, bezeugen Opus XIII · Leipzig, 1898 · Radierung, Kupferstich,
zweifellos die auf der erotischen Quali- Aquatinta auf Japanpapier · 61,2 x 46,1 cm
tät fußende Popularität des Motivs wie Köln, Wallraf-Richartz-Museum, 9086
seine Wertschätzung als Repräsentant
eines Lebensgefühls. F. M. Kammel Mit ekstatisch empor gestreckten 4
Armen schreitet ein nackter Jüng- 4•
Walter Nickel: Die öffentlichen Denkmäler und Brun­ ling der aufgehenden Sonne entgegen. Betender Knabe
nen Breslaus. Breslau 1938, S. 88. – Van Ham Kunst­ Während die Flur noch im Dunkel liegt, Deutschland, um 1900 · Gipshohlguss, Reduktion
auktionen. Alte und Neuere Meister 258. Auktion. setzen die Strahlen des Gestirns einen vom knapp doppelt so großen Original abweichend
Köln 2007, Lot 639, S. 20–21. am linken Bildrand aufragenden Fels mit flach profiliertem Sockel und Feigenblatt,
und den Himmel, das von Erwartung Imitation einer Bronze-Edelpatina, an den Füßen
2• gezeichnete Antlitz und den gespannten retuschiert · H. 70,7 cm
Der Gottsucher Körper der Gestalt in eine dramatische GNM, Pl.K. 1690
Max Ackermann (1887–1975) · Stuttgart, um 1912 Beleuchtung. Das achte Blatt der im
Malerei auf Leinwand · 163 x 84 cm Wesentlichen bereits 1888 konzipierten, Der „Betende Knabe“ gehört zu den be-
Bietigheim-Bissingen, Max-Ackermann-Archiv weitgehend 1898 geschaffenen und 1910 kanntesten antiken Großbronzen. Das
(MAA), Ensslin-Bayer GmbH, ACK 2767 vollendeten, dem Tod des Menschen heute in der Berliner Antikensammlung
gewidmeten Folge, ist eine Metapher des aufbewahrte Original ist die im 1. Jh.
Das wohl im Jahr seines Wechsels entschlossenen Aufbegehrens gegen das v. Chr. entstandene römische Kopie ei-
von der Münchner an die Stuttgarter menschliche Schicksal. Auf das Titelblatt nes Kunstwerks aus dem Umkreis des
Akademie entstandene, in Formenspra- des Zyklus rekapitulierend, das diesel- griechischen Bildhauers Lysipp (um
che und Farbigkeit an der expressiven be Figur allerdings entschieden kleiner 400 v. Chr.), das einen um den Sieg be-
Jugendstilmalerei Ferdinand Hodlers und in unsicher tastendem Gestus zeigt, tenden Athleten zeigt. Vervielfältigung
(1853–1918) orientierte Gemälde Acker- setzt Klinger die Gestalt hier das Format erfuhr die von Friedrich dem Großen
manns zeigt einen von herb anmutender füllend und beherrschend ins Zentrum. (1712–1786) 1747 erworbene und bis
Leiblichkeit geprägten männlichen Akt Als überhöhtes Zeichen repräsentiert zu ihrer Überführung 1787 ins Berliner
mit inbrünstig ausgebreiteten Armen. der Jüngling den ersehnten kraftvollen, Stadtschloss und 1830 ins Alte Museum
Auf einem schroffen Felsgipfel stehend, den lichten Mächten des Universums im östlichen Gitterpavillon von Schloss

Sehnsucht Jugend 223


5

224 Katalog
Sanssouci in Potsdam aufgestellte Bron- 5• Fritz Löffler: Gemütlichkeit und Dämonie. Dresdner
zeplastik bereits um 1800 in Gestalt von Die Glut Malerei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Abgüssen und Nachbildungen. Mit dem Sascha Schneider (1870–1927) · Meißen, 1904 Dresden 1999, S. 62. – Rolf Günther: Traumdunkel.
rasanten Aufstieg des Großbürgertums Malerei auf Leinwand · 302 x 227 cm Der Symbolismus in Sachsen 1870–1920. Freital
setzte um 1870/80 ein weiterer Popula- Chemnitz, Kunstsammlungen Chemnitz, 548 2005, S. 56. – Nackte Männer von 1800 bis heute.
risierungsschub des Bildwerks ein, der Hrsg. von Tobias G. Natter/Elisabeth Leopold.
seinen Höhepunkt um 1900 erlebte. Der Nackte athletische Jünglinge tragen [Link]. Leopold Museum, Wien. München 2012,
antike Adorant mit seinen vermutlich eine monumentale Schale, auf deren Abb. S. 267. – Silke Opitz: Vom Ideenmaler zum
im 17. Jahrhundert ergänzten Armen Rand sich eine junge Frau mit energisch Körperbildner. Sascha Schneiders Weimarer Zeit
bildete damals vor allem eine ästhetisch gestrecktem Körper und langem wehen- und sein plastisches Werk. In: Sascha Schneider.
legitimierte Projektionsfläche für die den Haupthaar erhebt. Einem Adoran- Ideenmaler und Körperbildner. Hrsg. von Silke Opitz.
virulenten Sehnsüchte nach einer neuen ten gleich breitet sie ihre Arme in einer [Link]. Kunsthalle „Harry Graf Kessler“, Weimar.
Art von Leben sowie einem natürlichen ekstatischen Geste der Anbetung und Weimar 2013, Abb. S. 81.
Verhältnis zum Körper und wurde zum dem Ausdruck völliger Hingabe aus und
Ausdruck der Verheißung einer neuar- lenkt den Blick ins Universum. Die mus- 6 • (Abb. S. 11)
tigen gesellschaftlichen Harmonie. Er kulösen Körper und die auf die Nackte Januskopf
war eine Symbolfigur für den ersehnten gerichteten Gesichter reflektieren – wie Entwurf Titelblatt: Reinhold Max Eichler (1872–1947)
„neuen Menschen“, einen Topos, der der gesamte Hintergrund – eine ver- in: Jugend – Münchner illustrierte Wochenschrift für
unter­schiedliche soziale, religiöse und mutlich in der Schale brodelnde Glut, Kunst und Leben 5, 1900, H. 1 · 29,7 x 24,2 cm
sexuelle Idealvorstellungen umfasste. aus der Fontänen schießen und die das GNM, Bibliothek, 4° Zk 20
Daher bildete er nicht zuletzt die Matrix Geschehen in feurigen Glanz taucht. Sa-
für zahlreiche Werke zeitgenössischer scha Schneider, einer der bedeutendsten Mit einem Januskopf, der zurück in eine
Künstler des Jugendstils und des Sym- Vertreter des Symbolismus in Sachsen, erstarrte Vergangenheit und vorwärts in
bolismus, etwa Ferdinand Hodlers, Max schuf das monumentale Gemälde im eine blühende Zukunft blickt, eröffnete
Klingers, Sascha Schneiders, Ludwig Jahr seines Wechsels von Meißen an die die Zeitschrift „Jugend“ mit dem Titel-
­Habichs oder Hugo Höppeners, gen. Großherzogliche Kunstschule in Weimar. blatt ihres Januarhefts 1900 das neue
Fidus, die den jungen Menschen als Unmittelbar nach Vollendung präsen- Jahrhundert, das bald zum „Jahrhun-
Sinnbild für Aufbruch und Hoffnung im tierte er es in der Großen Kunstaus- dert der Jugend“ erklärt werden sollte.
Sinne der elementaren Umgestaltung stellung in Dresden, wo dem Maler ein Die Wochenschrift wurde, obwohl sich
der als destruktiv und dekadent erleb- eigener Raum mit 24 Werken gewidmet ihr Inhalt und ihre Gestaltung keines-
ten Kultur der Moderne thematisierten. war. Schneider, der vor allem als Illust- wegs auf diese stilistische Ausprägung
Neben R ­ epliken in Originalgröße fand rator der Werke Karl Mays (1842–1912) reduzieren lassen, zum Namensgeber
die populäre Figur damals auch Verbrei- bekannt ist, als früher Prophet des Kör- der Kunstrichtung Jugendstil. Zugleich
tung in Gestalt von Reduktionen, die eine perkults und sexueller Exzentriker gilt, gab sie der Erwartung eines kulturellen
Integration in die in ihren Dimensionen schuf mit dieser ebenso effektvoll wie Aufbruchs, der sich mit dem Begriff
beschränkten Wohnräume des Klein- und pathetisch inszenierten Komposition „Jugend“ verband, einen sichtbaren Aus-
Bildungsbürgertums ermöglichten. Sie eine pseudoreligiöse Metapher für die druck. H.-U. Thamer
konnten dort sowohl als Repräsentanten Urkräfte des Lebens. Seine Idealbilder
humanistischer Bildung als auch ästhe- junger heroischer Körper sind Ausdruck
tische Demonstrationen lebensreformeri- der von ihm propagierten Vereinigung
scher oder theosophischer G ­ esinnungen vollkommener physischer und geistiger
dienen. Abgüsse und Reduktionen Schönheit. Seine monumentale Allegorie
wur­den ab Ende des 19. Jahrhunderts feiert die Kraft der Jugend und die sexu-
von mehreren deutschen Gipsformer­ei­ elle Begierde als schöpferischen Urtrieb.
en hergestellt. Die Kölner Kunstanstalt Unverhohlen bezeichnen seine Gestalten
August Gerber z.B. bot um 1900 Gips- den Menschen als verlangendes Ge-
abgüsse in drei Formaten, sowohl mit schöpf. Im Verein mit seinem sinnbild-
einer Bronze als auch mit einer Marmor haften, auf das Verhältnis der Geschlech-
imitierenden Farbfassung an, außerdem ter bezogenen Titel bezeichnet das Bild
den Separatabguss der Büste. Mit der die rückhaltlose Bejahung des sinnlichen
sonst unüblichen Ergänzung eines das Lebens sowie die Sehnsucht der nach-
Geschlecht verhüllenden Feigenblatts wachsenden Generation nach neuen
gibt sich dieser in einer bisher nicht geistigen Gesetzen und stellt so zugleich
identifizierten Manufaktur gefertigte eine künstlerisch formulierte Heraus-
Gips in besonderer Weise als ein auf forderung an die damals herrschenden
breite Akzeptanz orientiertes Massen- bürgerlichen Moralvorstellungen dar.
produkt zu erkennen. F. M. Kammel F. M. Kammel

Frank Matthias Kammel: Ein immerwährendes Rolf Günther/Klaus Hoffmann: Sascha Schneider
Gebet. Zu einer Reduktion des „Betenden Knaben“ & Karl May. Eine Künstlerfreundschaft. Freital 1989,
in der Abgusssammlung. In: Monatsanzeiger 261, S. 48. – Hans-Gerd Röder: Sascha Schneider, ein
2002, S. 2–3. Maler für Karl May. Bamberg 1995, S. 14, Abb. 6. –

Sehnsucht Jugend 225


Aufruhr und Umbruch enge Verbindungen zur Jugendbewe-
gung, so besuchte z.B. Trude Marschke
1917 mit ihrer Wandervogelgruppe den
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun- Landgemeindetag in Eden.
derts entwickelte sich als Reaktion auf Die drei Bäume im Wappen von Eden
die Industrialisierung u.a. die Lebens- stehen für Boden-, Wirtschafts- und
reformbewegung. Vor allem junge Lebensreform, bis heute ist das Ziel
Men­schen aus dem Bürgertum wollten der Siedlung das Erringen sozialer
negativen Umwelteinflüssen und der Gerechtigkeit. Dabei werden das „ein­
Hektik der Großstadt mit einer Rückbe- fache Leben“ sowie eine auf ökologi-
sinnung auf die Natur und einer gesün- schem Gleichgewicht beruhende Land-
deren Lebensweise begegnen. Wichtige wirtschaft in den Vordergrund gerückt.
Strömungen waren Antialkoholismus, M. Gruninger
Freikörperkultur, Naturheilkunde und
Vegetarismus. Die Kleidung sollte Hilke Peckmann: Der Mensch im Zustand ursprüng­
zwanglos, bequem und funktional sein. licher Nacktheit. Reformkonzept und Thema in der
Zudem wandten sich einige Jugendliche Kunst. In: Die Lebensreform. Entwürfe zur Neuge­
gegen die starren bürgerlichen Sittlich- staltung von Leben und Kunst um 1900. Hrsg. von
keitsvorstellungen. Ferner erlangten Kai Buchholz u.a. [Link]. Institut Mathildenhöhe,
Siedlungsprojekte wie die Obstbaukolo- Darmstadt, 2 Bde. Darmstadt 2001, Bd. 2, S. 217–256,
nie Eden bei Berlin Bekanntheit, die auf Abb. S. 248, 251, [Link]. 4.81, 4.110.
ökologische Landwirtschaft setzte. Die
Jugendbewegung übernahm viele Anre- 9 • (Abb. S. 29)
gungen der Lebensreformbewegung. Plakat „Gesunde Kraft“
8.1 Allein-Hersteller F. Kiel Oranienburg in der Mark
8• nach 1911 · Farblithografie · 52 x 37,5 cm · Bez.:
Obstbaukolonie Eden „Gesunde / Kraft“ / Fleisch= / Ersatz
7 Oranienburg, Eden Gemeinnützige Obstbau-
Eine Sorgenfreie Zukunft 1. Saftgöttin Siedlung eG
August Bethmann/August Engelhardt: Eine Sor­ Anfang 20. Jh. · Holz, geschnitzt
genfreie Zukunft. Das neue Evangelium. Tief- und 105 x 67 (max.) x 19 cm · Bez.: Eden / Frucht=Säfte Ab 1908 nahm die „Vegetarische Obst­
Weitblicke für die Auslese der Menschheit – zur Be­ Oranienburg, Eden Gemeinnützige Obstbau- bau-Kolonie Eden e.G.m.b.H.“ eine von
herzigung für alle – zur Überlegung und Anregung. Siedlung eG dem Schriftsteller Fritz Kiel entwickel-
5., völlig umgearb. und erw. Aufl. Insel Kabakon te vegetarische Kraftnahrung in ihr
bei Herbertshöhe 1906 · Handeinband (?); Gewebe, 2. Schild mit Verhaltensregeln für Sortiment auf. Bei der Marke „Gesunde
Pappe, Papier · 22,9 x 15,6 cm Besucher (Abb. S. 30) Kraft“ handelte es sich um eine mit
GNM, Bibliothek, 8° Gs 1324qn Anfang 20. Jh. · Blech, emailliert · 28 x 35 cm Gewürzkräutern versetzte Bratenmasse
Oranienburg, Eden Gemeinnützige Obstbau- aus Körner- und Hülsenfrüchten, die
Der Nürnberger August Engelhardt Siedlung eG als Fleischersatz zur Herstellung von
(1875–1919), aus der Lebensreformbewe- Frikadellen und Hackbraten dienen
gung kommend, war ein Anhänger des 3. Fotoalbum von Trude „Maruschka“ Marschke konnte. Dieses gesündere und billigere
Vegetarismus und Nudismus. Um nach 1915–1918 · Karton, Kordel, Transparentpapier „Pflanzenfleisch“ wurde in Zeiten von
seinen Idealen leben zu können, wan- 23,5 x 30,5 cm Fleischnot auch über den Kreis der
derte er in die deutschen Südseekoloni- Witzenhausen, AdJb, F 3 Nr. 353 Vegetarier hinaus angenommen und
en aus. Dort entwickelte er die Idee des 1911 auf der Internationalen Hygiene-
Kokovorismus: Durch eine Ernährung Die heute noch bestehende genossen- Ausstellung in Dresden prämiert. Das
fast ausschließlich auf Basis von Kokos- schaftliche Obstbausiedlung Eden wur- Plakat wirbt mit einer markanten, be-
nüssen und viel Sonneneinwirkung auf de 1893 in Oranienburg zur Produktion wachsenen Felsformation. Sie kann als
nackter Haut sollte ein transzendenter vegetarischer Lebensmittel gegründet. Sinnbild für die elementare, natürliche
Zustand der Unsterblichkeit erreicht Anfangs auf den Verkauf von Obst Kraft verstanden werden, der rotglüh­
werden. Auf seiner Plantage versammelte und Säften spezialisiert, kamen später ende Hintergrund für eine anbrechende
er einige Anhänger um sich, unter ihnen Erzeugnisse wie Honig, Pflanzensäfte neue Zeit. Y. Doosry
August Bethmann(1864–1906), welcher und die bis heute erhältliche Eden-
die Lehren Engelhardts publizierte. Man- Pflanzen-Butter hinzu. 1923 zählte die Der neue Mensch. Obsessionen des 20. Jahrhun­
gelernährung und ungeklärte Todes­fälle Gemeinschaft etwa 1.000 Personen, fast derts. Hrsg. von Nicola Lepp. [Link]. Deutsches
sorgten jedoch bald für das Ende der alle standen der Lebensreformbewe- Hygiene-Museum, Dresden. Ostfildern-Ruit 1999,
als Sonnenorden bezeichneten Gemein- gung nahe. Die Mitglieder der Genos- Nr. 2/36. – Die Lebensreform. Entwürfe zur Neuge­
schaft. M. Gruninger senschaft erzogen ihre Kinder reform- staltung von Leben und Kunst um 1900. Hrsg. von
pädagogisch in einer eigenen Schule Kai Buchholz u.a. [Link]. Institut Mathildenhöhe,
und lehnten Alkohol und Tabak ab, was Darmstadt, 2 Bde. Darmstadt 2001, Bd. 2, Abb. S. 536
Besuchern bereits am Siedlungsein- u. [Link]. 7.125. – URL: [Link]
gang bekannt gegeben wurde. Es gab [Link] [05.04.2013].

226 Katalog
10 •
Plakat „Kongress für Biologische
Hygiene zu Hamburg 1912“
Entwurf: Hugo Höppener, gen. Fidus (1868–1948)
Druck: Hollerbaum und Schmidt, Berlin · 1912
Lithografie · 70,5 x 45,8 cm
GNM, Die Nürnberger Plakatsammlung – eine Stiftung
der GfK und NAA im Germanischen Nationalmuseum,
NAA 5649

Organisator des 1912 ausgetragenen


„Kon­gresses für biologische Hygiene“ in
Hamburg war die Biologisch-Medizini-
sche Gesellschaft, ein Zusammenschluss
von lebensreformerisch orientierten
Medizinern unter Leitung des Medizinal-
rats Franz Bachmann. Auf dem Kongress
wurden Erkenntnisse und Erfahrungen
im Umgang mit naturheilkundlichen
Verfahren sowie mit der sog. biologischen Abbildung aus
Medizin erörtert. Letztere war mit der
Lebensreform als Neuerungsbewegung urheberrechtlichen Gründen
geistig eng verbunden. Als Gegenreaktion
zur Schulmedizin, die Krankheiten als unkenntlich gemacht
Störungen im Organsystem und Patienten
als „Fälle“ betrachtete, plädierten die Ver-
fechter der biologischen Medizin für ein
ganzheitliches Heilverfahren, bei dem die
Persönlichkeit des Erkrankten und seine
individuellen Bedürfnisse zu berück-
sichtigen seien. Wie die Beiträge in den
Kongressakten aber zu erkennen geben,
spielten nicht nur medizinische Fürsorge,
sondern auch eugenische und rassenhygi-
enische Überlegungen eine zentrale Rolle.
Fidus, der auf dem Kongress einen Licht-
bildvortrag hielt, entwarf das Plakat im
Auftrag der Biologisch-Medizinischen Ge-
sellschaft. Ein hellhäutiger, „nordischer“
Mensch streift seine Fesseln ab und
richtet den Blick auf das sternenbekrönte
Firmament. Das Plakat enthält ein Be-
freiungsversprechen, das von einer nicht
näher präzisierten, himmlischen Macht 10
auszugehen scheint. Ein erster Plakatent-
wurf, der eine erwachende Psyche zeigte,
wurde von den Organisatoren verworfen.
Das Motiv des sich aufrichtenden, „ger-
manischen“ Jünglings fand dagegen den
erhofften Anklang. R. Prügel

1. Kongreß für biologische Hygiene. Vorarbeiten und


Verhandlungen. Hamburg 1913. – Gunter Mann: [Fidus:
Jugendstilplakat-Kongreß für Biologische Hygiene
zu Hamburg 1912]. In: Medizinhistorisches Journal 5,
1970, H. 2, S. 161–163. – Die Lebensreform. Entwürfe
zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900.
Hrsg. von Kai Buchholz u.a. [Link]. Institut Mathil­
denhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darmstadt 2001, Bd. 2,
Abb. S. 464 u. [Link]. 6.59. – Uwe Heyll: Wasser, Fasten,
Luft und Licht. Die Geschichte der Naturheilkunde in
Deutschland. Frankfurt a.M. 2006, S. 202–209.
11

Aufruhr und Umbruch 227


11 •
Postkarte eines Spielzimmers in der
Der Architekt und Stadtplaner Profes-
sor Conrad Sutter zog 1905 als Ausstei-
Der Wandervogel
Odenwaldschule ger aus der bürgerlichen Gesellschaft
Um 1912/13 · Lichtdruck · 9 x 14 cm von Mainz auf Schloss Lichtenberg, wo Steglitzer Gymnasiasten begannen 1896
Heppenheim, Archiv der Odenwaldschule er sich bald der Spielzeugproduktion unter der Leitung des Studenten Hermann
widmete. Er wollte einfache, formschö- Hoffmann durch Brandenburg zu wandern.
Im April 1910 gründete Paul Geheeb ne Holzspielsachen zur frühzeitigen Ge- Hoffmanns früherer Schüler Karl Fischer
(1870–1961) die Odenwaldschule. Der schmackserziehung produzieren. Diese überführte 1901 den eher lockeren Ver-
studierte Theologe war von den reform- von Drechslern meist nach Sutters Ent- bund in einen Verein: den Wandervogel.
pädagogischen Ideen Hermann Lietz’ würfen gefertigten Erzeugnisse zeigte Da Jugendlichen Vereinsgründungen
(1868–1927) beeinflusst worden, an er anlässlich der Landesausstellung untersagt waren, stand dem Zusammen-
dessen Schule er auch arbeitete. 1906 1908 in seinem Haus in der Künstlerko- schluss ein Eltern- und Freundeskreis vor.
rief er gemeinsam mit Gustav Wyneken lonie in Darmstadt. Im folgenden Jahr Die aus bürgerlichen Schichten stammen-
(1875–1964) die Freie Schulgemeinde wurden sie auf der Leipziger Messe dem den Jugendlichen wollten ihre Zeit mit
Wickersdorf ins Leben. Dort lernte er Fachpublikum vorgestellt. 1913 waren Gleichaltrigen ohne die Kontrolle durch
seine spätere Frau, Edith Cassirer (1885– die Spielsachen auf der Berliner Ausstel- Erwachsene verbringen. Beeinflusst von
1982), kennen, mit der er gemeinsam die lung „Das Kind“ ebenso präsent wie auf der Lebensreformbewegung suchten sie
Odenwaldschule aufbaute. Für die von der Weltausstellung in Gent, wo sie den dem Großstadtleben zu entfliehen. „Aus
beiden angestrebte koedukative Erzie- Grand Prix erhielten. grauer Städte Mauern“ kommend gingen
hung bot sich das als liberal geltende Seit 1909 nutzte Sutter Teile der im sie in der Natur „auf Fahrt“.
Großherzogtum Hessen-Darmstadt an. Odenwald gelegenen Burg Breuberg Vor dem Ersten Weltkrieg hatten alle
In ländlicher Abgeschiedenheit sollten für sein Projekt „Hessische Spielsa- Wandervogelgruppen zusammen mehrere
Kinder verschiedenen Alters Verant- chen“. Vorbilder lieferte u.a. Hermann tausend Mitglieder im deutschsprachigen
wortung für sich und die Gemeinschaft Pfeiffer (1883–1964), der Illustrator des Raum. Sie bildeten die Erste Welle der
übernehmen und sich zu eigenständi- Liederbuchs „Der Zupfgeigenhansl“. Jugendbewegung.
gen Menschen entwickeln. Die Kleinsten Zu den Mitarbeitern zählten Schnitzer
konnten sich in einem eigenen Raum aus der strukturschwachen Rhön und
der Einrichtung mit Reformspielzeug dem Odenwald. Mit diesen und seiner
beschäftigen. C. Selheim Familie bildete er bis 1913 eine Le-
bensgemeinschaft, wie sie in reform-
12 • orientierten Kreisen beliebt war. Der
Ziehtiere Leiter der Odenwaldschule Paul Geheeb
Werkstätten von Conrad Sutter (1856–1927) (1870–1961) griff für die jüngeren Kin-
1908–1913 · Holz, gedrechselt, geschnitzt, farbig der seiner Einrichtung auf derartige
gefasst, lackiert reformpädagogische, in der Region her-
gestellte Künstlerspielwaren zurück.
1. Elefant C. Selheim
24,8 x 13,8 x 26,5 cm
GNM, LGA 9668 Urs Latus: Kunststücke. Holzspielzeugdesign vor
1914 (Schriften des Spielzeugmuseums Nürnberg
2. Löwe 3). Nürnberg 1998, S. 101–105. – Rosemarie Beck:
15,3 x 17 x 23 cm Conrad Sutter, Architekt, Künstler und Spielzeug­
GNM, LGA 9666 gestalter – Zum Drechslerhandwerk im Odenwald
(Teil 1). In: Der Odenwald 48, 2001, H. 4, S. 127–171.

13
13 •
Wandervogel-Aushängeschild
Entwurf: Hermann Pfeiffer (1883–1964) · Aus­
führung: Hans Lißner (1886–1964) · Leipzig, 1909
Blei, geschnitten · 109 x 94,5 cm
Witzenhausen, AdJb, G 7 Nr. 146

Über die Herleitung der Bezeichnung


Wandervogel für jugendbewegte Grup-
pen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt
es zwei Hauptlegenden. Die eine leitet
den Namen aus dem 1851 entstandenen
Lied „Ihr Wandervögel in der Luft“ von
Otto Roquette (1824–1896) ab; die andere
12.1

228 Katalog
aus einer Inschrift auf einem Berliner 14
Grabstein. Spätestens 1901, als in Berlin- Programm des Wandervogel Heidelberg
Steglitz der Wandervogel ins Leben geru- 1912 · Lithografie · 23 x 15,7 cm
fen wurde, ging das Zugvogelmotiv eine GNM, Graphische Sammlung, HB 32384, Kapsel 1330a
enge Verbindung mit der Jugendbewe-
gung ein. Stellte zunächst Hans Thoma Programmzettel machten die Aktivitäten
(1839–1924) den Jugendlichen das Signet der Wandervögel unter den Mitgliedern
eines Zugvogels zur Verfügung, so nutz- publik. Heidelberg war mit seinen drei
ten sie seit 1907/08 das von Hermann Gruppen die Hochburg des Wandervogel
Pfeiffer entworfene. Es wurde nicht nur in Süddeutschland. Das Blatt veran-
gedruckt, sondern auch im Auftrag des schaulicht, wie viele Veranstaltungen
Verlegers Erich Matthes (1888–1970) von allein im Juni 1912 angesetzt waren.
Hans Lißner für ein Aushängeschild in Das Angebot umfasste sieben Fahrten,
Blei geschnitten. Dieses diente u.a. als eine Sonnwendfeier sowie einen Nest-
Werbung auf der Buch- und Grafikmesse abend. Alle Programmpunkte waren mit
in Leipzig 1914 an dem farbenfrohen, Zeit- und Kostenaufwand verbunden.
zerlegbaren Wandervogellandheim aus Dies erklärt, weshalb die schon früh ins
Holz, das Matthes finanziert hatte. Das Erwerbsleben eingebundene Arbeiter-
Haus bot zugleich Ausstellungsfläche für jugend kaum am Wandervogelleben
die kunstgewerblichen und grafischen partizipieren konnte. M. Gruninger
Arbeiten der Wandervögel sowie für die 16.1
der ihnen nahestehenden Künstler (z.B. 16 •
Fidus, Rudolf Sievers). Ferner zeigte man Auf Fahrt
zahlreiche Bücher, auch aus dem 1913
in Leipzig gegründeten, der völkischen 1. Ratschläge zur Ausrüstung für
Bewegung nahestehenden Verlag Erich Wander­­­vogel-Fahrten
Matthes, der Wortführer einer jungen Druck: Hubert & Co., Göttingen · 1910
Generation werden und den „germani- 14,2 x 11,2 cm · Bez.: „Alt=Wandervogel“ / Bund
schen Gedanken und die Volkstumsbe- für Jungendwandern, E.V., Göttingen
wegung fördern“ wollte. 1915 wurde das Witzenhausen, AdJb, A 4 Nr. 1 (6a)
Haus an den Weinbrenner Hugo Asbach
(1868–1935) verkauft. 2. Spirituskocher
1919 gelangte das Schild in die Bundes- Um 1910 · Aluminium, Leder · H. 15 cm, Dm. 17 cm
kanzlei des Wandervogel in Hartenstein Bez.: Wandervogel (mit Schutzmarke)
im Erzgebirge, einem Zentrum verlegeri- 15 Privatbesitz
scher Aktivitäten der Jugendbewegung. 15 •
Der Verlagsleiter Karl Dietz (1890–1964) Fahne des Wandervogel e.V. Lübeck Die Broschüre trägt die Widmung
zog 1921 mit dem Verlag und dem 1908 (?) · Grund: Wolle, rot, beige; Stickerei: einer jungen Frau an eine andere aus
Versand nach Rudolstadt. Der Greif schwarz, rot, beige/Grund: Wolle, blau; Stickerei: dem Kriegsjahr 1915 zum Andenken an
schmückte fortan die dortigen Räume beige; Kordel, umlaufend, rot-beige; Bindebänder die gemeinsame Herbstfahrt. Auf acht
des Greifenverlags, die sich ab 1926 45 x 70 cm Seiten enthält sie fünf Hauptkapitel,
auf der Heidecksburg befanden. Als Be- Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 19 die über den dauerhaften, farbechten
triebsluftschutzwart konnte Dietz das Anzug, den zweckmäßig gepackten
Schild über den Krieg retten und so hing Die Fahne zeigt auf der Vorderseite die Rucksack, die Poststationen, die Zelt­
es in dem weiterexistierenden Greifen- Farben des Wandervogel e.V.: silberner ausrüstung sowie die Gegenstände,
verlag. Schließlich übergab der in der Greif auf blauem Grund. Das Wappen- die auf die Gruppe verteilt werden
DDR anerkannte Karl Dietz es der Burg tier, ein stilisierter Zugvogel, ist eine sollen, handeln. U.a. wird auf längeren
Ludwigstein, wo es im Rittersaal hängt auf den Darmstädter Grafiker Hermann Fahrten empfohlen, dreckige Wäsche
und einen (beinahe vergessenen) Teil der Pfeiffer (1883–1964) zurückgehende nach Hause zu schicken und frische
Erinnerungsgeschichte der deutschen Neuschöpfung der Wandervögel, dem zu empfangen. Mithin waren auch die
Jugendbewegung bildet. C. Selheim die Bezeichnung „Greif“ willkürlich, Wandervögel, die die Flucht aus den
ohne Bezug auf die klassische Heraldik, Städten mit der zunehmenden Indust-
Carsten Wurm/Jens Henkel/Gabriele Ballon: Der zugeordnet wurde. Die Rückseite ist rialisierung antraten, Nutznießer des
Greifenverlag in Rudolstadt 1919–1993. Verlagsge­ in den Lübecker Stadtfarben Weiß-Rot Fortschritts mit dem dichten Netz an
schichte und Bibliographie (Veröffentlichungen des gestaltet, auf die das Stadtwappen mit Post- und Bahnstationen.
Leipziger Arbeitskreises zur Geschichte des Buchwe­ dem die Reichsfreiheit symbolisieren- Der Kochkessel gehörte zu den auf
sens – Schriften und Zeugnisse zur Buchgeschichte den Doppeladler gestickt ist. Überlie- die Gruppe zu verteilenden Utensili-
15). Wiesbaden 2001, bes. S. 20–22. – Winfried Mogge: fert wurde das Stück zusammen mit en, wodurch das Gemeinschaftsgefühl
„Ihr Wandervögel in der Luft...“. Fundstücke zur Wan­ neun weiteren Lübecker Fahnen von gestärkt werden sollte. Doch anfangs
derung eines romantischen Bildes und zur Selbstin­ Kurt Werner Hesse (geb. 1910), später bereiteten viele Wandervögel ihr Essen
szenierung einer Jugendbewegung. Würzburg 2009, Inhaber des Verlages „deutsche jugend für sich auf einem Spirituskocher zu.
bes. S. 27–52. presse agentur“ (dipa). S. Rappe-Weber C. Selheim

Der Wandervogel 229


Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von eine entsprechende Ausstattung mit Zu- findlicher Inhalt musste in zusätzliche
Leben und Kunst um 1900. Hrsg. von Kai Buchholz behör wie Regenpelerine, Kochgeschirr, Säckchen aus Wachs- oder Gummituch
u.a. [Link]. Institut Mathildenhöhe, Darmstadt, Schlafdecke und dergleichen zugelegt, gepackt werden. A. Kregeloh
2 Bde. Darmstadt 2001, Bd. 2, Abb. S. 320 u. [Link]. wie sie bereits 1910 von zahlreichen
4.204. Firmen in der zentralen Wandervogel- Friedrich Schlünz: Wanderkleidung. In: Wanderer 5,
Zeitschrift angeboten wurde. Die Wan- 1910, S. 312–314. – Heiner Hesse: Über unser Gepäck.
17 • dervögel trugen die Zeltbahn tagsüber In: Wandervogel 6, 1911, S. 277–278. – Maike Mumm:
Umhang und Zeltzubehör von Hugo „als Schärpe quer über die Brust“ und 100 Jahre Zupfgeigenhansl. Resümee einer Ausstel­
Elias „Burkhart“ Schomburg sorgten damit für viel Aufsehen im In- lung. In: Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der
und Ausland. Schomburgs Zeltfahrten Stadt 2011, Jg. 15, 2010, S. 261–276, bes. S. 266. – URL:
1. Umhang führten 1913 bis nach Lappland. Nach [Link]
Vor 1914 (?) · Zelttuch · L. 123 cm dem Ersten Weltkrieg organisierte er die -%[Link] [15.01.2013].
Witzenhausen, AdJb, G 5 Nr. 81 Verteilung von Zeltbahnen und anderem
„Outdoor-Gerät“ aus Heeresbeständen 19 •
2. Beutel mit Zeltstangen (Abb. S. 12) an den Wandervogel. S. Rappe-Weber Plakat „Dr. Dessauer’s Touring
Vor 1914 (?) · Zelttuch, Leder, Holz, Metall Apotheke“
L. 40 cm Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Entwurf: Carl Kunst (1884–1912) · Ausführung: Kunst­
Witzenhausen, AdJb, G 5 Nr. 79 Leben und Kunst um 1900. Hrsg. von Kai Buchholz anstalt Hugo Bestehorn, Magdeburg-N. · um 1910
u.a. [Link]. Institut Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Lithografie · 75,7 x 49,8 cm
3. Zeltbahnen (Abb. S. 12) Bde. Darmstadt 2001, Bd. 2, Abb. S. 311–312, [Link]. GNM, Die Nürnberger Plakatsammlung – eine Stif­
Vor 1914 (?) · Grund: Baumwolle, leinwandbindig, 4.156, 4.158, 4.159. – Jugend gestern und heute. tung der GfK und NAA im Germanischen National­
grau, beige; Knöpfe u. Ösen: Metall; Kordel Bearb. von Ursula Katharina Nauderer. [Link]. museum, NAA 1485
165 x 165 cm Bezirksmuseum Dachau. Dachau 2012, bes. S. 79.
Witzenhausen, AdJb, G 5 Nr. 76 Die in München ansässige chemisch-
18 pharmazeutische Fabrik Wilhelm Nat-
Das Fahrtenleben bildete den Mittel- Wandervogel-Rucksack terer brachte Anfang des 20. Jahrhun-
punkt der Wandervogel-Kultur. Die Um 1910 · Leinen, Leder, Metall · 52 x 50 x 20 cm derts eine 16,5 x 9 x 2 cm messende,
mehrtägigen, manchmal auch mehrwö- Berlin, Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf von Berlin, also Platz sparende Reiseapotheke auf
chigen Touren verlangten den Gruppen Kulturamt, Fachbereich Kultur, Wandervogel-Archiv den Markt. Die Blechkästchen fanden
Gemeinschaftsgeist, Improvisationsta- Berlin-Steglitz großen Anklang, wie der Mediziner und
lent und die Lösung praktischer Pro­ Zupfgeigenhansl-Herausgeber Hans
bleme ab. Für diese Art des Reisens gab In den ersten Jahren trugen die Wan- Breuer (1883–1918) in der Zeitschrift
es zu Beginn des 20. Jahrhunderts keine dervögel ihre Schulkleidung zum Wan- „Wandervogel“ 1911 wissen ließ. So
Vorbilder, vieles musste neu erfunden dern und nutzten kleine Lederranzen verwies er auf die guten Erfahrungen,
oder aus anderen Bereichen wie dem Mi- oder Jagdtaschen als Gepäck. Nachdem die Alpen- und Sportvereine, Flieger
litär adaptiert werden. Als Quartier für auch längere Fahrten unternommen und Sanitätskolonnen mit der hand­
die Nacht nutzten die Gruppen zunächst wurden, setzte sich der geräumigere lichen Apotheke gemacht hatten, wes-
Scheunen, Hütten, Dachböden, die von Rucksack durch, auf den eine Decke, halb er sich für ihre Einführung im
den dörflichen Eigentümern gastfrei zur Schuhe, eine Gitarre, eine zusammen- Wandervogel als „rechter Rucksack-
Verfügung gestellt wurden. Gasthäuser gelegte Zeltbahn oder der „Hordenkes- doktor“ aussprach. C. Selheim
kamen wegen der Kosten und des für die sel“, ein großer Kochtopf, aufgebunden
Wandervögel anstößigen Alkohol- und werden konnten. Der Haken unten Hans Breuer: Dr. Dessauers Touring-Apotheke.
Tabakkonsums nur ausnahmsweise in am Riemen hielt die Feldflasche oder In: Wandervogel. Monatsschrift für deutsches
Betracht; ebenso die wenig zünftige Un- Anderes griffbereit. Ab der zweiten Jugendwandern 6, 1911, S. 155.
terbringung in Häusern bei befreundeten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren
Familien. Größere Planungssicherheit Rucksäcke aufgrund ihrer Leichtigkeit 20 • (Abb. S. 36)
boten „Standquartiere“ oder Landheime, und Robustheit bei Bergwanderern in Chronik der Wandervogel-Ortsgruppe
d.h. von den Gruppen vor Ort gesuch- den Alpen weit verbreitet und hat- Halle an der Saale
te und unterhaltene Behausungen, die ten den Tornister abgelöst. Dennoch 1902–1909 · Handeinband; Gewebe, Karton, Papier
von auswärtigen Wandervögeln belegt verführte ihr Fassungsvermögen dazu, 21,7 x 16,9 cm
werden konnten. Jugendherbergen sie zu schwer zu beladen, weshalb es Witzenhausen, AdJb, CH 1 Nr. 87
innerhalb größerer Häuser oder Burgen Anleitungen für die Wandervögel zum
stellten die nächste Komfortstufe in sinnvollen Packen gab. Der Rucksack Karl Fischer (1881–1941), der 1901 in
dieser Entwicklung dar. Demgegenüber sollte weder beim Laufen noch bei Berlin-Steglitz den „Wandervogel, Aus­
gewährleistete das Übernachten im Zelt Kriegsspielen behindern oder beim schuß für Schülerfahrten“ ins Leben
größtmögliche Flexibilität in der Fahr- Betreten einer Stadt einen unordent- gerufen hatte, geriet aufgrund seines
tenplanung, wenn die Gruppe bereit war, lichen Eindruck vermitteln. Gepäck- autoritären Führungsstils dort bereits
dieses zusätzliche Gepäck aus Zeltbah- firmen boten verschiedene Leder- und 1904 ins Abseits und gründete den Alt-
nen und -stangen auf dem Rucksack zu Leinenmodelle mit unterschiedlichen Wandervogel. Dieser Bund vereinigte
tragen. Der Lüdenscheider Lehrer und Ausstattungen für Wanderer oder für 1912 rund 15.000 Mitglieder, genannt
Wander­vogelpionier Hugo Elias „Burk- Jäger an. Dieser Rucksack besteht aus Scholaren, und 5.000 erwachsene Unter-
hart“ Schomburg (1880–1976) hatte sich Leinen ohne Regenschutz. Wasseremp- stützer. Nach seinem Weggang aus Berlin

230 Katalog
machte Fischer im Herbst 1904 vorüber­
gehend Halle an der Saale zur neuen
Zentralstelle und übernahm die dortigen
Wandervögel als erste neue Gruppe in
den Alt-Wandervogel. 1909 waren 140
Hallenser Schüler als Wandervögel regis-
triert; auch eine Mädchengruppe gab es.
Damals wanderten die Schüler noch in
ihren Schuluniformen, wie das Foto zeigt;
der typische Wandervogelstil hielt erst
später Einzug. E. Hack/S. Rappe-Weber

Wanderheil! Eine Sammlung von Wanderfahrt-


Berichten und allgemeinen Aufsätzen über das
Wandern. Hrsg. von Kurt Diete. Halle a.d.S. 1909.

21 •
Fotoalbum des Steglitzer
Wandervogel e.V.
1904 · Gewebe, Pappe, Papier · 11,5 x 15,5 cm
Witzenhausen, AdJb, F 3 Nr. 317

Im Steglitzer Wandervogel e.V., gegrün-


det 1904 von Siegfried Copalle (1882–
1957) und weiteren Mitstreitern, wur-
den neue Gemeinschaftsformen erprobt.
Zuvor hatte Karl Fischer (1881–1941)
als charismatischer, aber autoritärer
„Oberbachant“ die Regeln für den Wan-
dervogel diktiert. Nun ver­abschiedete
man eine Satzung und es erschien ein
gemeinsames Liederbuch. Die Gruppe
strebte das „sinnvolle Wandern“, also
ein bewusstes Erleben der Natur anstelle
bloßen Marschierens, an. Das Verweilen
der Jungen am Ostseestrand steht für
diese neue Orientierung ebenso wie das
Bild der gemeinsamen Unterkunft die
Zusammengehörigkeit der Gruppe sym-
bolisiert. E. Hack/S. Rappe-Weber

Gerhard Ille/Günter Köhler: Der Wandervogel.


Es begann in Steglitz. Berlin 1987.
19

21

Der Wandervogel 231


22 wieder, die die ehemaligen Wandervö- den Geschmack wusste. Als einfach
Fotoalbum von Hans Blüher gel als Erinnerungsgemeinschaft bei reproduzierbare Techniken empfahl er
Um 1905 · 20,5 x 28 cm Kaffee und Kuchen zeigt. Autografie, Lithografie sowie Zinkät-
Witzenhausen, AdJb, F 3 Nr. 162 S. Rappe-Weber zung und stellte als beispielhaft einen
Linoleumschnitt von Wilhelm Ohler aus
Hans Blüher (1888–1955) gehörte 1902 Wandervogel. Blatt für Jugendwandern in Bayern Hanau vor. Dieser hatte zunächst die
zu den ersten Mitgliedern der Wander- 1911, H. 1–10. dortige Zeichenakademie besucht bevor
vogelgruppe am Gymnasium Berlin- er in Berlin Malerei, Architektur und
Steglitz unter ihrem Führer Karl Fischer Bildhauerei studierte.
(1881–1941). 1905 gewann er den Ritter- Darüber hinaus bildeten die Karten für
gutsbesitzer Wilhelm Jansen (1866– die in die Ferne schweifenden Wander-
1943) für die Bewegung, der später für vögel einerseits ein Mittel zur Kommuni-
den ersten Skandal um Homosexualität kation mit der Heimat und andererseits
im Wandervogel sorgte. erweiterten sie aufgrund der Ortsansich-
Das Album enthält Bilder von Grup- ten ihren Horizont, nicht zuletzt weil
penfahrten in den Jahren 1905 und sie getauscht werden sollten. Mit ihnen
1906, die den 17-jährigen Blüher u.a. in finanzierten Gruppen neben eigenen
den Schwarzwald, an den Bodensee, in Projekten auch zuweilen die Tätigkeit
die Rhön, nach Hamburg und auf die des Roten Kreuzes im Ersten Weltkrieg.
Halligen geführt haben. Die Fotografien C. Selheim
zeigen Wandervogelgruppen bei der
Rast, Landschaften, Städtearchitektur Bilder-Postkarten. In: Wandervogel. Monatsschrift
und dazwischen Genreporträts „deut- für deutsches Jugendwandern 6, 1911, H. 3, S. 78–79.
scher Völker“, etwa „Schwabendirn-
deln“, schwäbische Flachsbauern oder 25 •
holsteinische Bauern. „Wandervögel“
S. Rappe-Weber Karikatur: Harry Jaeger · in: Ulk. Wochenbeilage zum
Berliner Tageblatt 45, 1916, H. 34, S. 1–2 · 31 x 24 cm
Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Erlangen, Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg,
Leben und Kunst um 1900. Hrsg. von Kai Buchholz 24.2 H00/4 HIST 123 d [44/45]
u.a. [Link]. Institut Mathildenhöhe, Darmstadt, 24 •
2 Bde. Darmstadt 2001, Bd. 2, Abb. S. 315, [Link]. Wandervogel-Postkarten Die Jugendbewegung eröffnete seit
4.171b. ihren Anfängen nicht nur männlichen,
1. Wandervogel Marburg sondern auch weiblichen Heranwach-
23 1915 (gelaufen) · 13,7 x 9 cm senden Handlungs- und Bewegungs-
Fotoalbum des Wandervogel Nürnberg spielräume. Zurecht betonte die Päd-
1910–1917, 1958 · Kunstleder, Kordel, Pappe, Karton 2. Wandervogel Ortsgruppe Hanau agogin und kritische Kommentatorin
28,1 x 39,4 cm Entwurf: Wilhelm Ohler (1888–1975) · 1911/15 Elisabeth Busse-Wilson (1890–1974)
Witzenhausen, AdJb, F 3 Nr. 351 (gelaufen) · 13,7 x 8,5 cm im Jahr 1919: Es handele sich bei der
Jugendbewegung um einen Männer­
Die Ortsgruppe des Nürnberger Wan- 3. Wandervogel Ortsgruppe Grünberg, Hessen bund, aber in diesem bestünden andere
dervogel wurde erst im Oktober 1910 1912 (gelaufen) · 9,2 x 14,2 cm Regeln im Umgang der Geschlechter als
gegründet, wobei die Kolonie Eben- im allgemeinen im bürgerlichen Leben,
see als dessen Wiege gilt. Allein der 4. Altwandervogel Oldenburg G. anders als auf dem gesellschaftlichen
Rektor der Oberrealschule stand der 1917 (gelaufen) · 13,7 x 8,9 cm Parkett, auf dem der Mann der Frau
Gründung aufgeschlossen gegenüber, „unter der Maske ritterlicher Liebens-
fürchtete man doch, die neue Art zu 5. Alt-Wandervogel Stralsund würdigkeit“ und mit „konventionellen
wandern könne eine unerwünschte Entwurf: Gerhard Handschuck · 1913 (gelaufen) Aufmerksamkeiten“ begegne. Dennoch
„Abenteurerlust in den Jungen“ wecken. 7,8 x 12,8 cm waren bereits die ersten Mädchen-
Gleichwohl lud der Ortsgruppenleiter wandervogelgruppen vor dem Ersten
Louis Schinkel bereits 1911 alle baye- Witzenhausen, AdJb, PK Nr. 2–6 Weltkrieg heftiger, zumeist männli-
rischen Wandervögel zu einem „fröhli- cher Kritik ausgesetzt. Die Karikatur
chen Treiben“ nach Nürnberg ein. Auch 1911 galt ein Beitrag in der Zeitschrift in der Wochenbeilage zum Berliner
von einer Horde Wanderschwestern ist „Wandervogel“ den von den Bünden und Tageblatt aus dem Jahre 1916 bietet
bald die Rede. Ortsgruppen herausgegebenen „Bilder- hierfür ein Beispiel. Solche Reakti-
Die Gruppe zog es in die Fränkische Postkarten“. Die Postkarte als visuelles onen auf den Anblick „wandernder“
Schweiz, den Spessart und den Baye- Medium erfreute sich damals größter und „klotzender“ Mädchen konnten
rischen Wald, aber auch die romanti- Beliebtheit und wurde häufig gesam- sich gängiger Stereotypen des „Un-
schen Städtchen Rothenburg ob der melt. Der ungenannte Autor plädierte weiblichen“ bedienen. Das Beste einer
Tauber und Sulzfeld waren Ziele. Eine für qualitätvolle, selbst entworfene „Bubenhorde“ gehe, so einige zeitnahe
Seite des Albums gibt „Die selben aber künst­lerische Karten, nicht zuletzt weil Kommentare, durch die Anwesenheit
nicht die gleichen Gestalten“ 1958 er um deren erzieherischen Einfluss auf von Mädchen verloren und zugleich

232 Katalog
25 26

führe das gemischte Wandern dazu, gänzt werden. Themen rund um die Kör- bund-Ausstellungen präsentiert. Zwei-
dass die Mädchen „verbengelten“ und perertüchtigung wechselten mit solchen mal hintereinander gewann er den Villa
„verwilderten.“ B. Stambolis zu den Wandervögeln, den Pfadfindern Romana-Preis, der ihn nach Florenz und
und der Jugendwehr. Den jungen Samm- Umgebung führte. 1912 berief Olde ihn
Barbara Stambolis: Weiblichkeit im Männerbund. lern beiderlei Geschlechts aus meist als Hilfslehrer an die Kasseler Akademie.
Von „lieblichen Jungfrauen“ zu „verbengelten gut situierten Familien – denn nur diese Dort unterhielt Höger Kontakte zum
Gestalten“. In: Historische Jugendforschung. Ar­ konnten sich das Luxusgut Schokolade Wandervogel, was sich in Zeichnungen,
chiv der deutschen Jugendbewegung N.F. 7, 2010, leisten – demonstrierte man einerseits Gemälden und Skulpturen niederschlug.
S. 55–74, Abb. S. 62. ihre Bedeutung für die deutsche Zukunft, Die Anregung zu dem Bild „Wandervö-
anderseits bereitete man sie auf das Le- gel“ bekam er allerdings beim Anblick
26 • ben mit und im Krieg vor. C. Selheim einer auf einer Mauer rastenden Gruppe
Stollwerck-Alben „Jungdeutschland“ in Basel. 1916 vollendete er das Gemälde,
H. Bousset: Jungdeutschland (Stollwerck Sammel- Detlef Lorenz: Reklamekunst um 1900. Künstlerlexi­ wozu ihm junge Männer im Atelier Mo-
Album 15). Köln u.a. 1915 · Kunstleder, Pappe, kon für Sammelbilder. Berlin 2000, S. 18–27, 220–221. dell standen. Die Kasseler Gruppe des
Karton, Papier · 26,5 x 22,8 cm Wandervogel lehnte das monumentale
Witzenhausen, AdJb, B 241/036 27 • Werk allerdings ab, da es ihr zu ruhig
Wandervögel und südlich erschien.
Seit 1897 legte die 1839 in Köln gegrün- Otto Höger (1881–1918) · 1916 · Malerei auf Leinwand Noch vor Högers Tod Ende 1918 stellte
dete Schokoladenfabrik Stollwerck ihren 177 x 265 cm · Bez.: O. Höger. 1916. es der Mediziner K.E.F. Schmitz der
durch Automaten vertriebenen Produkten Hamburg, Hamburger Kunsthalle, HK-3525 Öffentlichkeit mit einem kommentierten
Sammelbildchen bei, die man in Alben Kunstdruck vor. Für den Autor verkör-
kleben konnte. Dienten die bunten Bilder Der gebürtige Hamburger Otto Höger perten die Jünglinge in „vollendeter
vornehmlich dem Kaufanreiz, der Mar- be­suchte die dortige Kunstgewerbeschu- Jugendschönheit und Kraft“ geradezu
kenwerbung und der allgemeinen Ge- le und absolvierte eine Lehre als Dekora- ein deutsches Volksideal. Der Wander-
schmacksbildung, so zeigten die letzten tionsmaler bevor er zwischen 1906 und vogel zeige die Begeisterung für diese
Serien die nationale Gesinnung des Un- 1910 Malerei an der Weimarer Kunst- Ideale, deren Idee Höger erfasst habe.
ternehmens. Das vorletzte, künstlerisch akademie bei Hans Olde (1855–1917) Schmitz wünschte, dass das Gemälde
wenig anspruchsvolle Album trug den und später bei Ludwig von Hofmann der Jugend zum Vorbild werden würde.
Titel „Jungdeutschland“ und nahm Bezug (1861–1945) studierte. Von August 1909 Zu dessen Bekanntheit trugen zahlreiche
auf den 1911 unter dem Vorsitz des Gene- bis April 1910 unterrichtete er Zeich- Postkarten bei. Das Bild gelangte erst
ralfeldmarschalls Colmar von der Goltz nen an der von dem Reformpädagogen 1947 durch die Schwester des Künstlers
(1843–1916) gegründeten Jungdeutsch- Gustav Wyneken (1875–1964) geleiteten an die Hamburger Kunsthalle. Bis dahin
landbund, dem auch der Vorsitzende der Freien Schulgemeinde Wickersdorf in war es dem Blick des Publikums ebenso
Pfadfinder angehörte. Ziel des Bundes Thüringen. entzogen wie Autoren, die sich mit dem
war die Wehrerziehung der Jugend. Högers Gemälde waren stark von denen Wandervogel beschäftigten. C. Selheim
Das Album hat 24 Bildseiten mit je sechs Hans von Marées (1837–1937) geprägt,
Bildchen, sog. Gruppen, die durch einen die Skulpturen von denen Sascha K[arl] E[itel] F[riedrich] Schmitz: Otto Höger –
Kommentar, ein Gedicht oder einen Text Schneiders (1870–1927). Seine Arbeiten Wandervogel. In: Meister der Farbe 14, 1917, H. V,
auf den gegenüberliegenden Seiten er- wurden 1910 und 1911 auf Künstler- No. 946. – Marcus Andrew Hurttig: Die Gemälde der

Der Wandervogel 233


Der Zupfgeigenhansl
Der Wandervogel und Arzt Hans Breuer
gab 1909 das Liederbuch „Der Zupfgei-
genhansl“ heraus. Es entwickelte sich zu
einem der einflussreichsten Liederbücher
des 20. Jahrhunderts. Bis zum Zweiten
Weltkrieg erreichte es eine Auflage von
fast einer Million. Benannt wurde das
Buch nach der Zupfgeige, einer mund-
artlichen Bezeichnung für Laute. Breuer
stellte darin vor allem Volkslieder aus
dem 16. bis 18. Jahrhundert aus anderen
Liederbüchern zusammen. Ausschlagge-
bend für den Erfolg war die zivilisations-
kritische Programmatik der gesammel-
ten Stücke, die mit den neoromantischen
Ansichten nicht nur der Wandervögel
übereinstimmten. Der Maler Hermann
Pfeiffer illustrierte das Liederbuch. Seine
Scherenschnitte prägten für Jahre die
27 Veröffentlichungen der Jugendbewegung.

Klassischen Moderne (Die Sammlungen der Ham­ Der henkelseitigen Aufschrift zufolge
burger Kunsthalle 4). Köln 2010, bes. S. 209. – Im schenkte am 28. April 1908 ein Otto
Sein beglückt. Otto Höger 1881 Hamburg – Rastatt Hämmerling einem gewissen Hugo
1918. H.W. Fichter Kunsthandel. Frankfurt a.M. 2012, diesen zylindrischen Bierkrug. Beide
bes. S. 27–28, 69–71. genannten Personen sind anonym, doch
dürfte wenigsten für den Beschenkten
28 • eine Mitgliedschaft in einer Wandervo-
Bierkrug gel-Gruppierung angenommen werden,
1908 · Gelbgefärbtes Feinsteinzeug, eingedreht, worauf drei Elemente der Wandervogel­
gepresster Henkel; außen Bleiglasur, innen Porzel­ bewegung hinweisen: Das Bildmotiv
lananguss; Bemalung und Beschriftung von Hand mit einem typisch gekleideten Wander-
in Schwarz und Farbe; Zinndeckel · H. 19,8 cm, Dm. vogel, der die Aussicht in ein Flusstal
9,5 cm · Bez.: Wohl auf die Luft […]; Der Wandervogel; mit aufgehender Sonne genießt. Die
Seinem lieben Hugo [Link].08. / Otto Hämmerling entlang der Mündungszone geschrie-
Witzenhausen, AdJb, G 11 Nr. 53 bene Anfangszeile des 1859/61 ent-
standenen Frankenliedes „Wohl auf die
Luft geht frisch und rein!“, das durch
die Jugendbewegung neue Populari-
tät erlangte und in Schwindrazheims
Flugschrift von 1909 als sinnstiftendes
Wanderlied zum Erkunden der Natur
angeführt ist. Schließlich der Wappen-
schild in Form einer Tartsche mit den
Farben des Wandervogel Gold–Rot–
Grün. Gleichwohl die Wandervogelbe-
wegung Alkoholabstinenz propagierte, 29
ist von einem Konsum alkoholischer 29 •
Getränke auszugehen, wie auch dieser Postkarte „Alter Stall“
Bierkrug zu belegen vermag. Hans Breuer (1883–1918) · Marburg, 1903 (gelaufen)
Ch. Dippold Karton, Feder in Schwarz · 14 x 9,2 cm · Bez.: Marburg
/ Alter Stall / Ketzerbach (?) […]
Oskar Schwindrazheim: Jugendwanderungen GNM, Graphische Sammlung, HB 32382, Kapsel 1330a
(Dürer­­bund. 56. Flugschrift zur ästhetischen Kultur).
München 1909, S. 4. Hans Breuer verschickte die selbst gestal-
tete Postkarte im Juni 1903 aus Marburg
an seinen Vater Carl (1852–1942). In die-
sem Jahr begann er dort Medizin, Kunst-
geschichte und Philosophie zu studieren.
28

234 Katalog
Sujets, wie das auf dieser Karte dar- neoromantisch-jugendlichen Zeitgeist Charlotte Ziegler: Die literarischen Quellen des
gestellte Gehöft, und die Technik der unmittelbar korrespondierte. Suchten „Zupfgeigenhansl“. Eine volkskundliche Untersu­
Federzeichnung waren bei den Wan- Wandervogel- und Jugendbewegung chung. Diss. Göttingen 1950. – Wolfgang Kaschuba:
dervögeln weit verbreitet und dienten damals nach Gegenwelten zum wilhel- Volkslied und Volksmythos. Der „Zupfgeigenhansl“
besonders der Illustration von Postkar- minischen Bürgertum, so bot ihnen der als Lied- und Leitbuch der deutschen Jugendbewe­
ten und Fahrtenbüchern. Zur Anferti- „Zupfgeigenhansl“ eine musikalische gung. In: Jahrbuch für Volksliedforschung 34, 1989,
gung waren lediglich Feder und Tinte Vision dazu. Das von „Hans Breuer S. 41–55. – Helm König: Der „Zupfgeigenhansl“ und
notwendig, die die Mobilität auf den unter Mitwirkung vieler Wandervögel“ seine Nachfolger. Drei Phasen der Jugendbewegung
Wanderungen nicht einschränkten. herausgegebene Liederbuch markiert im Spiegel repräsentativer Liederbücher. In: „Mit
M. Gruninger den Übergang vom spontanen Sin- uns zieht die neue Zeit...“. Der Wandervogel in
gen der Wandergruppen hin zu einem der deutschen Jugendbewegung. Hrsg. von Ulrich
wegweisenden Konzept: Volkslied statt Herrmann. Weinheim 2006, S. 232–275.
Kunstlied, Gitarre statt Klavier, Natur
statt Salon, alte und „echte“ Lieder 31
statt modisch-kommerzieller Novi- Gerahmtes Lautenband
täten, ungezwungenes Singen in der Anna Krecker · 1912 · Band: Seide, Kettrips, rot;
Gruppe beim Wandern und am Lager- Stickerei: Seide, Stielstich, gelb; Rahmen: Holz, Glas,
feuer statt Männerchor und burschen- Karton · 82,5 x 12,5 cm · Bez.: Ein Musi wohlbestellt,
schaftlicher Gelage. mir noch viel besser g’fällt. Anna Krecker. 1912
Bis zur 10. Auflage 1913 veränderte Witzenhausen, AdJb, G 7 Nr. 96
und erweiterte Breuer das Liedreper-
toire kontinuierlich. Im Wesentlichen Die bunten Bänder befestigte man an
speiste es sich aus dem Fundus der den Lauten und Gitarren der wandern-
„Volkslied“-Forschung des 19. Jahr- den und musizierenden Jugend. Oft
hunderts, zumal aus dem „Deutschen handelte es sich um Freundschaftsga-
Liederhort“, Leipzig 1893/94. Die ben, die in Handarbeit gefertigt wurden
ideellen und sozialen Leitlinien der mit und individuelle Botschaften enthielten.
dem „Zupfgeigenhansl“ einhergehen- Dieses Lautenband schenkte Anna
den (Gebrauchs-)Ästhetik gab Breuer Krecker 1912 Hans Breuer (1883–1918),
seinen Adressaten über die immer einem Gefährten der Heidelberger
wieder neuen Vorworte an die Hand, Wandergruppe. Der Mediziner Breuer
wobei sein Credo in den Jahren vor war einer der prägendsten Persönlich-
dem Ersten Weltkrieg einen zunehmend keiten der Jugendbewegung und Führer
völkischen und nationalistischen Ein- des 1907 gegründeten „Wandervogel
30 schlag bekam. Mit diesem musikalisch- Deutscher Bund für Jugendwandern“.
30 • ideologischen Rüstzeug im Tornister Gemeinsam mit Hans Lißner (1886–
Der Zupfgeigenhansl marschierte der Wandervogel in den 1964) leitete er die legendäre „Heidel-
Hans Breuer: Der Zupfgeigenhansl. Darmstadt 1909 Krieg – und viele aus seinen Reihen berger Pachantey“. Nachdem Breuer
18,2 x 12,9 cm fielen ihm zum Opfer, 1918 auch Hans bei Verdun gefallen war, erhielt Anna
GNM, Bibliothek, 8° Mx 190/2 Breuer. Krecker das Band zurück und ließ es
Breuers „Zupfgeigenhansl“ lebte indes später der Familie Speiser zukommen,
Der 1909 erstmals erschienene „Zupf- fort und erfuhr zahlreiche weitere Auf­ mit welcher sie wohl ebenfalls durch
geigenhansl“ sollte eines der einfluss- lagen, obwohl sich das Repertoire nun die Heidelberger Wanderjahre verbun-
reichsten Liederbücher des 20. Jahr- nicht mehr änderte. Neue Entwicklun- den war. Schließlich erhielt der um die
hunderts werden. Es war ein Kultbuch gen der Jugendbewegung spiegelten Jugendbewegung verdiente Alfred C.
der Jugendbewegung und entwickelte sich nach 1918 in neuen Liederbüchern. Toepfer (1894–1993) das Lautenband
sich rasch zu einem Bestseller. Er- Gleichwohl blieb der „Zupfgeigenhansl“ als Geburtsgeschenk. E. Hack
schienen die ersten drei Auflagen Symbol und Repräsentant jugendbe-
1909/10 noch im Selbstverlag, wurde wegter Liedkultur. Sein besonderer 32 •
das Liederbuch ab 1911 vom renom- Stellenwert liegt darin, dass er Aus- Laute
mierten Leipziger Musikverlag Fried- gangspunkt für die weitreichende Re- Markneukirchen (?), um 1920 · Corpus: 11 Ahorn­
rich Hofmeister übernommen. 1915 Popularisierung jener alten Lieder war, späne mit schwarz gebeizten Zwischenadern;
waren bereits über 200.000 Exemplare welche die „Volkslied“-Sammler und umlaufende Gegenkappe: Ahorn; Decke: Nadelholz;
verkauft, 1930 wurde die Marke von Forscher des 19. Jahrhunderts zusam- Hals: Erle (?); Einlegearbeit: Eiche, dunkel gebeiztes
850.000 überschritten. mengetragen hatten. Diese Entwicklung Laubholz; Steg: Ahorn · 9 Bünde, Wirbelkasten mit
Basis für den beispiellosen Erfolg des prägte das gesamte 20. Jahrhundert: einfacher Schraubenmechanik, 6 Einzelsaiten
„Zupfgeigenhansl“ war die implizite von der Jugendmusikbewegung über die Gesamtlänge: 93,9 cm; Corpuslänge: 51,8 cm;
Botschaft, die mit diesem Liederbuch schulische Musikpädagogik bis hin zum Corpusbreite: 32,5 cm; schwingende Saitenlänge:
einherging. Denn es war nicht bloß Folkrevival der 1970er Jahre – dessen 62,5 cm
eine Zusammenstellung von Liedern, damals erfolgreichste Gruppe sich be- GNM, MI 996
sondern nahm eine zivilisationskriti- zeichnenderweise den Namen „Zupfgei-
sche Programmatik auf, die mit dem genhansel“ gab. E. John

Der Zupfgeigenhansl 235


33 •
Sitzgarnitur aus dem Haus Breuer
Um 1913

1. Sofa
Kirschbaum massiv; Holme in Seitenlehnen: Laub­
holz schwarz lackiert; Streifenvelours, Synthetik­
faser, hellgrün; Posamentenborte, schwarz
89 x 183,5 x ca. 70 cm; Sitzhöhe: ca. 50 cm

2. Zwei Sessel
Kirschbaum massiv; Holme in Seitenlehnen: Laub­
holz schwarz lackiert; Streifenvelours, Synthetik­
faser, hellgrün; Posamentenborte, schwarz
84,7 x 68,5 x ca. 55 cm; Sitzhöhe: ca. 51 cm

3. Zwei Stühle
Kirschbaum massiv; Sprossen in Rückenlehne:
Laubholz schwarz lackiert; Rohrgeflecht
84,5 x 43,5 x 47 cm; Sitzhöhe: ca. 44,5 cm

4. Tisch
Säulen: Kirschbaum massiv; Tischplatte, Zarge, Fuß­
gestell: Kirschbaum furniert; Fußklötze, Säulenbasis
und –kapitell: Laubholz, schwarz lackiert; Eckklötze
in der Zarge: Kiefer · H. 77,5 cm, Dm. 80 cm

5. Notenständer
Kirschbaum massiv; Sprossen: Laubholz, schwarz
lackiert · ca. 160 x 49,5 x ca. 32 cm

GNM, HG 13321, 1–7

Die mehrteilige Sitzgarnitur aus dem


Haushalt von Hans und Lies Breuer be-
steht aus einem runden Tisch mit einem
Mittelfuß aus vier schlanken Säulen,
einem Sofa, zwei Sesseln, zwei Stühlen
und einem Notenständer. Auf einem Foto
von 1913 sieht man ([Link]. 34), dass
die Sessel, vermutlich aber die gesamte
Garnitur in dem Breuer‘schen Haus in
Gräfenroda Aufstellung fanden. In jenem
Jahr heiratete Hans Breuer (1883–1918)
die elf Jahre jüngere, ebenfalls im Wan-
dervogel organisierte Elisabeth Riegler
(1894–1917) in Heidelberg und eröffnete
eine Arztpraxis in der thüringischen
32 Kleinstadt.
Die Formen der Kirschholz furnierten
Der als „Klampfe“ oder „Zupfgeige“ be­ Harlan (1898–1966). Ein besonderes Möbel sind dem Biedermeier entlehnt
zeichneten Gitarre, dem Hauptinstru- Schmuckelement neben der ornamen- und bilden ein schönes Beispiel für die
ment der Wandervogelbewegung, trat tierten, geschnitzten Rosette bildet ein Rückbesinnung auf diesen Stil um und
oft die heute sog. Wandervogellaute zwischen Steg und Schallloch eingeleg- nach der Jahrhundertwende. Ausgangs-
zur Seite, eine Gitarre, deren bauchiges tes Bildfeld in der Art der Schattenrisse punkt für das sog. Zweite Biedermeier
Corpus den Lauten der Renaissance- des „Zupfgeigenhansl“ von Hermann war eine Ausstellung zum 80-jährigen
und Barockzeit nachempfunden war. Pfeiffer (1883–1964): Ein Wirt, durch Jubiläum des Wiener Kongresses. Im
Spieltechnisch und der Stimmung Gasthaus-Ausleger und Zapfhahn zu Zuge dieser Präsentation beschäftigte
nach blieb sie, selbst wenn sie durch erkennen, reicht zwei ankommenden man sich mit der Zeit um 1815 und sah
zusätzliche Basssaiten der Theorbe – Rucksack, Laute und Wanderstab tra- – fälschlicherweise – im Biedermeier
ähnelte, eine Gitarre. Das Instrument genden – Wandervögeln ein Weinglas. den schlichten, bürgerlichen Stil, der
stammt aus dem Nachlass von Peter K. Martius dem herrschaftlich geprägten Empire

236 Katalog
finanzierten Neobiedermeiermöbeln
durchaus konservativ-bürgerlich ein-
richtete. Den Frühstückstisch deckte
man mit blauem „Bauerngeschirr“,
wodurch sowohl ein Hang zur Einfach-
heit als auch die von Breuer geschätzte
Heimatkunst zum Ausdruck kommt.
C. Selheim

Hans Breuer – Wirken und Wirkungen. Zusammen­


gestellt von Hans Speiser (Schriftenreihe des
Archivs der deutschen Jugendbewegung 2). Burg
Ludwigstein 1977, Abb. S. 39.

35 •
Porträtrelief von Elisabeth Breuer
Um 1913 oder nach 1917 · Ton, hellrötlich; Steingut­
glasur auf der Oberseite · Dm. 36 cm
Witzenhausen, AdJb, G 7 Nr. 142

Das große, runde Relief zeigt in der Mitte


33 Elisabeth Breuer (1894–1917) im Profil.
Der scharf geschnittene Umriss des nach
gegenüberstand. Dass dieser Gegen- Biedermeierzeit. Zimmeraquarelle aus fürstlichen links gewandten Kopfes hebt sich deut-
satz nicht der Realität entsprach und Schlössern im Besitz des Hauses Hessen. [Link]. lich vom unebenen Untergrund ab. Über
biedermeierliche Möbel durchaus im Museum Schloss Fasanerie, Eichenzell/Deutsches dem Ohr fällt die große runde blütenar-
nicht offiziellen Wohnbereich des ho- Historisches Museum, Berlin/Schlossmuseum, tige Verzierung auf, die einen mehrfach
hen Adels Verwendung fanden, wie z.B. Darmstadt/Staatliche Museen Kassel. Petersberg gedrehten Haarzopf darstellen soll.
„Zimmerbilder“ belegen, wurde lange 2004. – Biedermeier. Die Erfindung der Einfachheit. Auf einem alten Foto ([Link]. 34) sieht
nicht wahrgenommen bzw. geriet in [Link]. Milwaukee Art Museum, Milwaukee/Alber­ man die junge Frau im Profil am Kaffee­
Vergessenheit. Vielmehr wollte man das tina, Wien/Deutsches Historisches Museum, Berlin/ tisch sitzend. Es könnte ein Impuls zur
Biedermeier um 1900 als bürgerlichen Musée du Louvre, Paris. Ostfildern 2006. Produktion gewesen sein. Möglich ist,
Reformstil verstehen, dessen Wieder­ dass es ein plastisches Vorbild gab. In
aufgreifen nach dem Historismus jedem Fall handelt es sich um ein Einzel-
einerseits an die „gute alte Zeit“ mit stück. Denkbar wäre seine Anfertigung
dem Aufleben eines selbstbewussten als Hochzeitsgeschenk. Nicht ausschlie-
Bürgertums anknüpfte und der ande- ßen lässt sich aber auch die Herstellung
rerseits neue Impulse für den moder- zur Erinnerung an Elisabeth nach ihrem
nen Möbelbau gab. frühen Tod. S. Glaser
Den Mittelpunkt eines biedermeier-
lichen Wohnraums bildeten eine um Else Frobenius: Das Mädel in der Jugendbewegung.
einen Tisch angeordnete Polsterbank In: Westermanns Monatshefte 843, 1926, S. 318. –
und Stühle mit und ohne Armlehnen. Maike Mumm: Der Wandervogel in Heidelberg. Hans
Im Zweiten Biedermeier wurden diese Breuer und die Entstehung des Zupfgeigenhansl
Ensembles jedoch um Sessel ergänzt, 1908. In: Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der
eine in diesem Zusammenhang neue Stadt 2009, Jg. 13, 2008, S. 67–89.
Möbelform. Die Einrichtung des Wohn- 34
zimmers von Hans und Lies Breuer 34 •
in diesem Stil zeugt von einer eher Fotoalbum von Hans und Elisabeth
konservativen Einstellung des Ehepaa- Breuer
res, denn 1913 hatte die kurze Periode 1913 · Karton, Kordel · 13,2 x 19,8 cm
des Neobiedermeier ihren Zenit bereits Witzenhausen, AdJb, N 52 Nr. 20
deutlich überschritten. P. Krutisch
Das kleine Fotoalbum vermittelt einen
Hans Breuer – Wirken und Wirkungen. Zusammenge­ Eindruck von den Wohnräumen des
stellt von Hans Speiser (Schriftenreihe des Archivs Mediziners Hans Breuer (1883–1918),
der deutschen Jugendbewegung 2). Burg Ludwig­ der das Liederbuch „Der Zupfgeigen-
stein 1977, Abb. S. 39. – Thomas Heyden: Bieder­ hansl“ herausgegeben hat, und seiner
meier als Erzieher. Studien zum Neubiedermeier in Frau Elisabeth (1894–1917). Seit 1913
Raumkunst und Architektur 1896–1910. Weimar 1994. lebte das frisch verheiratete Paar im
– Hans Ottomeyer/Andreas Schlapka: Biedermeier. In­ thüringischen Gräfenroda, wo es sich
terieurs und Möbel. München 2000. – Interieurs der mit den von Breuers Schwiegereltern
35

Der Zupfgeigenhansl 237


Die Pfadfinder
Die Pfadfinder entstanden 1907 in
Eng­land. In Deutschland gründeten die
Offiziere Alexander Lion und Maximilian
Bayer 1911 den Deutschen Pfadfinder-
bund als übergeordneten Zusammen-
schluss der im ganzen Land entstehen-
den Gruppen.
Lions jüdischer Glaube und der engli-
sche Ursprung der Bewegung führten
zu Anfeindungen aus antisemitischen
sowie nationalistischen Kreisen. Daher
stand im Unterschied zu anderen Län-
dern bei den Pfadfindern im Deutschen
Reich die vormilitärische Ausbildung im
Vordergrund. Friedrich Ludwig Jahn, der
Schöpfer der Turnbewegung, wurde zum
Vorbild stilisiert. Die Pfadfinder waren
Mitglied des Jungdeutschlandbundes,
der Dachorganisation aller Gruppen, die
die Jugend im Sinne des Wehrgedankens
erziehen wollte. 1914 gab es rund 90.000
Pfadfinder in Deutschland.

36 •
Fahne des Pfadfinderkorps Bonn

1. Fahne
Um 1912 · Grund: Leinen, Baumwolle, beige;
Stickerei: Seide, rot, violett; Karabinerhaken
60 x 60 cm 36.1
Witzenhausen, AdJb, N 157 Nr. 23
Hans-Egon von Gottberg: Äußeres vor Innerem? sie Markttrends im Konsumgüterbe-
2. Fotografie Abzeichen oder Geist? Online-Ressource in: Forum reich aus. Derartige Uhren dürften als
Um 1912/13 · 16,5 x 23,3 cm für Pfadfindergeschichte 1, 2011, S. 5–6, URL: http:// Geschenke an jugendliche Pfadfinder
Witzenhausen, AdJb, N 157 Nr. 26 [Link]/tl-files/pgw-Zeitung/forum01.2011. gedacht gewesen sein. Schlenker &
pdf [22.05.2012]. Kienzle produzierte auch Taschenuhren
Die Fahne trägt auf der einen Seite mit Wandervogel- und Jungdeutschland-
den Schriftzug „Pfadfinder Bonn“ und 37 Motiven. Kienzle-Uhren waren ein Mas-
umseitig neben einem gestickten Eichen- Taschenuhr mit einer Pfadfinderszene senprodukt. Th. Eser
zweig den Wahlspruch „Darum sei der Wohl Uhrenfabriken Schlenker & Kienzle, Schwen­
Eichenzweig unser Bundeszeichen“. Ein ningen am Neckar · um 1913/14 · Blech, geprägt, 38 •
Gruppenbild mit den Bonner Pfadfin- versilbert; Uhrglas und Zeiger fehlen · Dm. 5 cm Pfadfinderbuch für junge Mädchen
dern vor einem Kriegerdenkmal zeigt (ohne Aufzug) · Bez.: Pfadfinder / Allzeit bereit! Pfadfinderbuch für junge Mädchen. Ein anregender,
außer der Fahne den Offizier Hans-Egon Privatbesitz praktischer Leitfaden für die heranwachsende, vor­
von Gottberg (1893–1914). Er war der wärtsstrebende weibliche Jugend. Hrsg. von Elise
Hauptfeldmeister dieses Pfadfinder- Mit dem Trompetensignal des sog. von Hopffgarten. München 1912 · 22,3 x 14,6 cm
korps, das schon 1912, also ein Jahr Pfad­­­­­finderpfiffs ruft ein erwachsener Witzenhausen, AdJb, B 220/023
nach der Gründung des deutschen Pfad- Ranger in militärisch geprägter Uniform
finderbundes ins Leben gerufen worden seine Rotte zusammen. Ein halbwüch- „Unsere Mädchen zu einem körperlich
war. Die Bedeutung von Fahnen als siger Wölfling bereitet am Lagerfeuer und sittlich kräftigen Geschlecht zu
Symbol schätzte von Gottberg aufgrund das Essen zu. Die Szene spielt im Wald. entwickeln“, war das erklärte Ziel der
ihres Wiedererkennungseffekts hoch ein. Lagerfeuerromantik und diszipliniertes Pfadfinderinnenbewegung, dem die
So habe Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) Agieren in der Gruppe bilden den ikono- Gründung des „Deutschen Pfadfinder-
am Bonner Hauptbahnhof die dortigen grafischen Unterton, während der Um- bundes für junge Mädchen“ und die
Pfadfinder sowohl an ihrem Gruß als schrifttext den Pfandfindergruß zitiert. Herausgabe des „Pfadfinderbuches für
auch an ihrer Fahne erkannt. Schon kurz nach der Gründung der junge Mädchen“ im Jahr 1912 dienten.
C. Selheim Pfadfinder in Deutschland 1911 lösten Elise von Hopffgarten (1869– nach 1937),

238 Katalog
Stellenwert beigemessen: Die dargestell-
ten Pfadfinder sollten die Kinder zum
Kauf der Schokolade animieren und so
für die Wehrerziehung werben, wodurch
Kommerz und Propaganda miteinander
verschmolzen. M. Gruninger

41
Stollwerck-Alben „Jungdeutschland“
H. Bousset: Jungdeutschland (Stollwerck
Sammel-Album 15). Köln u.a. 1915 · Kunstleder,
Pappe, Karton, Papier · 26,5 x 22,8 cm
Privatbesitz
(vgl. [Link]. 26)

42 •
Jung-Deutschland’s Pfadfinderspiel
Idee: F. Jorre und Hauptmann Hueg · Titelgrafik:
Siegmund von Suchodolski (1875–1935) · Hersteller:
O. & M. Hausser, Ludwigsburg · 1912 · Pappe, Papier;
Holz, z.T. bemalt · Karton: 44,5 x 34,7 x 4,8 cm
Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Spielzeug­
museum, 1971.661

38 39 „Jungdeutschlands Schlachtenspiel“
zählt zu den ersten Produkten der 1912
die in der bürgerlichen Frauenbewegung Muscheln – vortrefflich, daß die kleinen von den Brüdern Otto (1879–1955) und
engagiert war, versammelte zehn Auto- Herrschaften danach Ausschau halten!“ Max Hausser (gest. 1915) in Ludwigsburg
rinnen und sieben Autoren, die ein ge- Die Lithografien auf den beiden Klapp- gegründeten Spielwarenfabrik. Das ab-
schlechtsspezifisches Modell der Pfad- deckeln zeigen Szenen aus dem Pfadfin- strakt gestaltete Strategiespiel für zwei
finderinnenerziehung entwarfen. Unter derleben. Ch. Dippold Parteien (Schwarz und Weiß) besteht in
dem Leitbild der „Pfadfinderinnen auf der vorliegenden Ausgabe B aus zwei
dem Gebiete der Frauenbewegung“ wird Oskar Schwindrazheim: Jugendwanderungen großformatigen Plänen und etwa 250
darin ein breites Spektrum als weiblich (Dürerbund. 56. Flugschrift zur ästhetischen Kultur). Spielelementen, mit denen historische
verstandener Aufgabengebiete beschrie- München 1909, S. 9, 34. – Frigga Tiletschke/Christel Gefechte nachgespielt und neue Kampf-
ben: von häuslichen Beschäftigungen Liebold: Aus grauer Städte Mauern. Bürgerliche konstellationen erdacht werden konnten.
über Gartenbau, Tanz, Selbstverteidi- Jugendbewegung in Bielefeld 1900–1933. [Link]. Zur Ausstattung gehörten neben jeweils
gung und Wandern bis zu Kinderfür- Historisches Museum Bielefeld (Schriften der His­ 60 Spielfiguren auch Landschafts- und
sorge, dazu Wissen über das Vaterland, torischen Museen der Stadt Bielefeld 7). Bielefeld Architekturelemente wie Flüsse, Bäume,
die Kolonien und die Geschichte und 1995, bes. S. 45, 113–127. Häuser, eine Kirche und ein Schloss. Ein
Organisation des Pfadfindens. Mit der Anleitungsheft mit kriegsgeschichtlichen
Forderung nach Bildungs- und Berufs- 40 Übungsbeispielen sollte den jugendli-
perspektiven öffnete das Buch neue Becher für Schokolade chen Brettspielern preußisch-deutsche
Wege für Mädchen, soweit diese im Deutsche Automaten Gesellschaft Stollwerck & Co. Kriegskunst nahebringen.
Rahmen der ‚natürlichen‘ Bestimmung vor 1914 · Weißblech, lithografiert, lackiert, gebogen Die „Deutsche Spielwarenzeitung“
als Ehefrauen und Mütter blieben. H. 8 cm, Dm. 5,5 cm befand 1912, dass das „gediegene Spiel“
S. Rappe-Weber Privatbesitz den Ideen der Jungdeutschland-Bewe-
gung sehr entgegen komme, „indem es
39 • Der Kölner Schokoladenhersteller Stoll­ nicht nur die vaterländischen Ideale in
Botanisiertrommel werck begann ab 1887 seine Produkte die Herzen der Jugend pflanzt, sondern
1911–1914 · Weißblech, lithografiert, lackiert, geprägt, über Verkaufsautomaten anzubieten. es den jungen Leuten auch ermöglicht,
gebogen; Band · 12 x 31 cm (ohne Band) 1894 wurde eigens die Deutsche Auto- ihre im Gelände bei Übungen erworbene
Privatbesitz maten Gesellschaft Stollwerck & Co. ge- Gefechtstaktik beim Spiel an gemütli-
gründet. Gegen große Kritik von Kirchen chen Winterabenden zu Hause oder in
Die Botanisiertrommel diente zur Auf- und um die Volksgesundheit besorgter Jugendheimen theoretisch anzuwenden.“
nahme von zu Studienzwecken gesam- Politiker behauptete sich die Geschäfts­ H. Schwarz
melten Pflanzen. Oskar von Schwindraz- idee, welche auch sonntags den Kauf
heim (1865–1952) lobte 1909 in seiner von Schokolade ermöglichte. Der in den Deutsche Spielwarenzeitung 1912, H. 18, S.19–21. –
Flugschrift zu Jugendwanderungen die Reichsfarben gestaltete Becher zeigt Heike Hoffmann: Erziehung zur Moderne. Ein Bran­
Mitbringsel von Ausflügen jugendbeweg- Pfadfinder während des Geländespiels. chenportrait der Spielwarenindustrie in der entste­
ter Gruppen: „Gesteinsproben, Kristalle, Vor dem Ersten Weltkrieg wurde der henden Massenkonsumgesellschaft. Diss. Tübingen
merkwürdige Pflanzen, Versteinerungen, Wehrertüchtigung der Jugend ein gro­ßer 1998, bes. S. 154–178. [Hochschulschrift]

Die Pfadfinder 239


42 44

43
Programm zum Internationalen Nationalistischer Jubel
Pfadfinderlager in Ijmuiden – Holland
1913 · Papier, bedruckt · 26,9 x 20 cm
Witzenhausen, AdJb, N 157 Nr. 25 Nach seiner Niederlage in der Völker- Auf der Luisenburg bei Wunsiedel, dem
schlacht bei Leipzig 1813 hatte Napoleon ältesten Freilichttheater Deutschlands,
Im Juli 1913 luden die niederländischen die Vorherrschaft über Europa verloren, war im Sommer 1913, kurz vor dem
Pfadfinder zu einem internationalen Deutschland war von der französischen 100. Jahrestag der Völkerschlacht bei
Pfadfinderlager in das Seebad Ijmuiden Besatzung befreit. Vielen Kreisen galt Leipzig, wieder das Heimatfestspiel
ein, dem 1.000 Jungen folgten. Das Pro- das Ereignis als Geburtsstunde eines „Die Losburg“ zu sehen. Das von dem
grammheft enthielt neben dem Ablauf deutschen Nationalgefühls. Lehrer Ludwig Hacker (1847–1929)
Lagerplan und -regeln. Anlass des Tref- 100 Jahre später hatte sich in Deutsch- verfasste, 1890 uraufgeführte Stück
fens waren die Feiern zur Wiedererlan- land wie in ganz Europa ein extremer thematisierte Bilder aus der örtlichen
gung der Unabhängigkeit von Napoleon Nationalismus ausgebreitet. So standen Geschichte und Sagenwelt. Mit dem
100 Jahre zuvor. Aus dem Deutschen die sich im Reich über Wochen hinzie- Schirmherrn Ernst von Possart (1841–
Reich reisten als offizielle Vertreter 22 henden Feierlichkeiten zum hundertsten 1921) und dem Regisseur Fritz Basil
Pfadfinder aus Bonn unter dem Ober- Jubiläum der Völkerschlacht im Zeichen (1862–1938), bei dem später Heinz Rüh-
feldmeister Hans-Egon von Gottberg des Hurrapatriotismus. Die Einweihung mann und sogar Adolf Hitler Schau-
(1893–1914) an. Internationale Kontakte des vom Bürgertum initiierten Völker- spielunterricht nahmen, wirkte in der
standen bei den Pfadfindern seit der schlachtdenkmals in Leipzig bildete hier- Saison 1913 namhafte Theaterpromi-
Gründung stärker im Vordergrund als bei den Höhepunkt. Tausende Jugend- nenz aus München mit. Das dem Anlass
bei den Wandervögeln, wobei allerdings liche und uniformierte Korpsstudenten entsprechend patriotisch gestaltete,
eine Gruppe des Alt-Wandervogel schon nahmen an dem Fest teil. Sie fügten sich aber anachronistische Werbeplakat
1909 englische boy-scouts besucht hatte. in das starre Zeremoniell, das an militä- zeigt einen Angriff „deutscher“ Infan-
C. Selheim rische Aufmärsche erinnerte. teristen mit der schwarz-rot-goldenen
Fahne, die allerdings während der Be-
Ernst Werner Ludwig: Internationales Pfadfinder­ freiungskriege noch nicht üblich war.
lager in Ijmuiden – Holland 1913. In: PM-Forum 3, M. Nuding
2006, H. 2, S. 2–3. 44 •
Plakat „Hundertjahrfeier der Ludwig Hacker: Die Geschichte des Losburg-Fest­
Befreiungskriege“ spiels. Wunsiedel 1924. – Franz Josef Görtz/Hans
Druck: Vereinigte Kunstanstalten AG Kaufbeuren, Sarkowicz: Heinz Rühmann 1902–1994. Der Schau­
München · 1913 · Druck · 86,5 x 59,7 cm spieler und sein Jahrhundert. München 2001,
GNM, Die Nürnberger Plakatsammlung – eine Stif­ S. 23. – Hans Hattenhauer: Deutsche Nationalsym­
tung der GfK und NAA im Germanischen National­ bole. Geschichte und Bedeutung. 4. Aufl. München
museum, NAA 6349 2006, S. 28–66.

240 Katalog
45 • 46 •
Medaillen auf die Einweihung des Vivatband zur Erinnerung an die
Völkerschlachtdenkmals Hundertjahrfeier der Völkerschlacht
Hersteller: Heinrich Schneider (1859–1926), groß­ Entwurf: Erich Gruner (1881–1966) · Herausgeber:
herzoglich-hessischer Hofjuwelier, Leipzig · 1913 G. G. Winkel (1857–1937) · Verlag: Gräfe und Unzer,
Bronze, geprägt · Dm. 3,8 cm, Gewicht 24 g Königsberg · Druck: Leipzig · 1913 · Kette: Seide, gelb;
Monogramm: BM Schuss: Baumwolle, gelb, schwarz bedruckt
32 x 5,5 cm · Bez.: Zur Erinnerung / an die / Hundert­
Vorderseite jahrfeier / der / Völkerschlacht / 1813 1913. / VIVAT!
Bez.: DEUTSCHER PATRIOTENBUND / VÖLKER­ / VIVAT! / VIVAT! / VIVAT! / Singt Tedeum, löst die
SCHLACHT – / DENKMAL BEI / LEIPZIG / 1913 Stücke, / Schießt Victoria, blickt zurücke / Hundert
Jahr auf Leipzigs Schlacht! / Denn aus Pulverdampf
Rückseite und Blitzen / Und dem Krachen der Haubitzen /
Bez.: 1813 / Der HERR IST DER RECHTE KRIEGS­ Ward geboren Deutschland Macht!
MANN HERR IST SEIN NAME Witzenhausen, AdJb, G 7 Nr. 51

GNM, Münzkabinett, Med 13678, 13679 Vivatbänder zählen in der Regel zu den
Gedenkbändern, die oft an erfolgreiche
Zur Einweihung des Völkerschlacht- Schlachten erinnerten. Sie erlebten ihre
denkmals gab der Deutsche Patrioten- Blütezeit im 18. Jahrhundert. Ihre Erfor-
bund verschiedene Medaillen in hoher schung regte der Jurist und Regierungs-
Auflage heraus. Die vorliegenden Ex- rat Gustav Gotthilf Winkel an. Anlässlich
emplare zeigen auf der einen Seite eine der Hundertjahrfeier der Befreiungskrie-
Außenansicht des Monuments, auf der ge setzte er sich für die Wiederbelebung
anderen einen geharnischten Ritter mit von Vivatbändern ein und gab acht her­
gezogenem Schwert, dessen Wappen- aus, eines speziell zur Einweihung des
schild an den Deutschen Orden erinnert. Völkerschlachtdenkmals in Leipzig am
Das Motiv greift die Figur des Erzengels 18. Oktober 1913. Es erinnerte ihre Besit-
Michael auf, die das Schlachtrelief an zer über den Tag hinaus an die patrioti-
der Basis des Denkmals beherrscht. schen Feierlichkeiten, denen u.a. Kaiser
Dieser Bezug auf den apokalyptischen Wilhelm II. (1859–1941) und zahlreiche
Bezwinger Satans und Schutzpatron der Korpsstudenten beiwohnten.
Deutschen sowie die martialische Um- C. Selheim
schrift – ein Zitat aus der Lutherbibel
(2. Mose 15,3) – heben den Befreiungs- Vivat-Vivat-Vivat! Widmungs- und Gedenkbänder aus
kriege gegen Napoleon in eine quasi- drei Jahrhunderten. Bearb. von Konrad Vanja. Ausst.
religiöse Sphäre. M. Nuding Kat. Museum für deutsche Volkskunde, Staatliche
Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Berlin
Steffen Poser: Der Weg des freien Zusammenwirkens (Schriften des Museums für Deutsche Volkskunde
patriotisch tätiger Kräfte. Der Deutsche Patrioten­ Berlin 12). Berlin 1985, [Link]. 23,5. – Völkerschlacht­
bund. In: Völkerschlachtdenkmal. Hrsg. von Volker denkmal. Hrsg. von Volker Rodekamp. Leipzig 2003,
Rodekamp. Leipzig 2003, S. 116–133, bes. S. 128. – Abb. S. 115.
Manfred Müller: St. Michael – „der Deutschen Schutz­
patron“? Zur Verehrung des Erzengels in Geschichte
und Gegenwart. 2. Aufl. Grevenbroich 2005.

45 46

Nationalistischer Jubel 241


47 •
Postkarten zur Einweihung des
Völkerschlachtdenkmals

1. Völkerschlachtdenkmal
1913 · Farbdruck · 8,9 x 13,9 cm
Bez.: Völkerschlachtdenkmal / Leipzig
GNM, DKA, NL Bruno Schmitz, I, B-5

2. Völkerschlachtdenkmal mit Porträtmedaillons


1913 · Farbdruck · 8,9 x 13,9 cm · Bez.: Zur Ehre
Gottes, des Reiches, der Helden, des Volkes. […]
GNM, DKA, NL Bruno Schmitz, I, B-5

Die Postkarten erschienen 1913 anläss- 47.1


lich der Einweihung des Völkerschlacht-
denkmals in Leipzig. Auf beiden Karten (1858–1916), den Thieme vor allem durch Die Fotografien stammen von E. Hoenisch
steht das Monument im Mittelpunkt. eine Krypta ergänzte. Das Unternehmen und Edgar Titzenthaler (1887–1955), letz-
Einmal flankieren zwei „Freiheitswäch- finanzierte sich im Wesentlichen durch terer ist vor allem durch seine Berliner
ter“ der Denkmalkrone das Bauwerk, auf Spenden und Einnahmen einer zweck- Fotografien bis heute bekannt. Aufnah-
der anderen Karte sind es die Porträt- gebundenen Lotterie. Dem Deutschen men von der Einweihungsfeier wurden
medaillons des entwerfenden Architek- Patriotenbund gelang es, ihm bereits auch als Postkarten vertrieben.
ten Bruno Schmitz (1858–1916) und des während der Baukampagne nationale T. Brehm
Hofrates Clemens Thieme (1861–1945), Bedeutung zu verleihen, die in der Jahr-
Gründer des Deutschen Patriotenbundes, hundertfeier gipfelte. Völkerschlachtdenkmal. Hrsg. von Volker Rodekamp.
sowie die Wappen der Stadt Leipzig und Die 1843 gegründete „Illustrirte Zeitung“ Leipzig 2003. – Titzenthaler. Vier Fotografen, drei
des Deutschen Reiches. widmete dem Denkmal am 16. Okto­ber Generationen, 100 Jahre Fotografie. Bearb. von
Nach der Freigabe des Denkmals für eine Sondernummer, die „jedem Deut- Michael Stöneberg/Doris Weiler-Streichsbier. Ausst.
das Publikum übernahm der Bund den schen und vor allem der Jugend die Kat. Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte
Verkauf von Andenken und veranstaltete Erinnerung an die glorreiche Zeit“ wach Oldenburg. Oldenburg 2008, bes. S. 114–115.
Führungen sowie Konzerte. Für den Er- halten sollte. Die Ausgabe vom 23. Okto­
halt und weitere geplante Ausbaumaß- ber berichtet von den Festveranstaltun-
nahmen, z.B. eine Kampfbahn, wurden gen, an denen schlagende Studenten-
auch zukünftig große Summen benötigt. verbindungen ebenso teilnahmen wie
M. Gruninger Abordnungen der Deutschen Turner-
schaft. Der allgemeine Jubel ließ sich
Völkerschlachtdenkmal. Hrsg. von Volker Rodekamp. unter dem Motto „Ein Volk, Ein Kaiser,
Leipzig 2003. Ein Reich!“ zusammenfassen.

48 •
Blick auf das Festgelände während der
Einweihungsfeier des Völkerschlacht-
denkmals in Leipzig am 18. Oktober
Foto: Titzenthaler & Vogel, Leipzig · 1913 · in:
Illus­trirte Zeitung 141, 23. Oktober 1913, Nr. 3669,
S. 706–707 · Handeinband, Halbleder; Leder, Mar­
morpapier, Pappe, Papier · 40,5 x 31,5 cm
GNM, Bibliothek, 2° L. 2723

In Anwesenheit aller deutschen Fürsten


und hochrangiger Vertreter Österreichs,
Russlands und Schwedens weihte Kai-
ser Wilhelm II. (1859 –1941) am 18. Okto-
ber 1913 in Leipzig das Völkerschlacht-
denkmal ein. Es erinnert an die größte
Schlacht der Befreiungskriege, die mit
der Niederlage Napoleons endete. Auf
Initiative des Deutschen Patriotenbun-
des und seines Vorsitzenden Clemens
Thieme (1861–1945) wurde 1895 der
Grundstein gelegt. Der Entwurf für das
Denkmal stammt von Bruno Schmitz
48

242 Katalog
Meißnerfest die politisch-intellektuelle Sinndeutung
durch die Reden und publizistische Un-
terstützung der Mäzene längst nicht die
Der Freideutsche Jugendtag fand im Resonanz und Wirkung weit über den
Oktober 1913 auf dem Hohen Meißner Tag hinaus erhalten. H.-U. Thamer
bei Kassel statt. Er war die Gegen-
veranstaltung zur Jubiläumsfeier der Hoher Meißner 1913. Der Erste Deutsche Jugendtag
Völkerschlacht in Leipzig. Erstmals in Dokumenten, Deutungen und Bildern. Hrsg. von
seit dem Wartburgfest 1817 demons- Winfried Mogge/Jürgen Reulecke (Edition Archiv
trierten Jugendliche für ihre Ideale. der deutschen Jugendbewegung 5). Köln 1988.
Die Freideutsche Jugend, ein lockerer
Zusammenschluss von Studierenden 50 •
und ehemaligen Studenten, organisierte Lichtgebet
das Fest. Mehr als 2.000 Wandervögel, Hugo Höppener, gen. Fidus (1868–1948) · 1922
Schüler, Studenten und Lebensreformer Malerei auf Leinwand · 168 x 119 cm
trafen sich. Dem Hurrapatriotismus und Witzenhausen, AdJb, K 1 Nr. 1
starren Zeremoniell in Leipzig setzten
sie Freiheit und Natur gegenüber. Der Als „Ikone der Lebensreform“ ist Fidus’
Sprecher der Jüngeren, Knud Ahlborn, „Lichtgebet“ bezeichnet worden. In der
entwickelte mit Teilnehmern die Meiß- Tat scheint die naturmystisch-weihevolle
nerformel als gemeinsames Band der Stimmung des Bildes jenes erneuerungs-
Jugendbewegung. Vereint sollte die Ju- hungrige Lebensgefühl zu verkörpern,
gend nach eigener Bestimmung, eigener 49.3 das die lebensreformerische Bewegung
Verantwortung und in innerer Wahrhaf- im späten Kaiserreich und in der Weima-
tigkeit ihr Leben gestalten. rer Republik zum Ausdruck brachte.
betrachtet wurde, sich auf sich „selbst Das Bildmotiv des nackten blonden Jüng­­
besinnen“ und sich zu einer „neuen, ed- lings, der mit ausgebreiteten Armen die
len deutschen Jugendkultur zusammen- „heilende“ Kraft der Sonne empfängt, hat
49 • schließen“ müsse. Zugleich wollte man eine lange und komplexe Entstehungs-
Schriften zum Freideutschen sich vom „billigen Patriotismus“ der geschichte. Erst die sechste Fassung, die
Jugendtag 1913 Väter und von „bestimmten politischen Fidus 1913 schuf, kam unter dem Titel
Formeln“ abgrenzen und zur Hundert- „Lichtgebet“ in Umlauf und begründete
1. Einladung zum Freideutschen Jugendtag auf dem jahrfeier der Völkerschlacht zu einem die große Popularität des Bildes. Für
Hohen Meißner am 11.–12. Oktober 1913 · Typendruck Alternativfest auf dem Hohen Meißner viele Käufer mag es ein diffus formulier-
22,5 x 16 cm treffen, das den Charakter eines „Natur- tes, aber suggestiv umgesetztes Heilver-
Witzenhausen, AdJb, A 104 Nr. 1 festes“ annehmen sollte. Die Initiative sprechen enthalten haben. Der Künstler
zu der Gegenveranstaltung, die sich selbst, der unzählige Anfragen nach
2. Freideutsche Jugend. Zur Jahrhundertfeier auf gegen die hurrapatriotische Feier zur weiteren Reproduktionen des „Lichtge-
dem Hohen Meißner 1913. Hrsg. von Arthur Kracke. Einweihung des Völkerschlachtdenk- bets“ erhielt, empfand das Bild hingegen
Jena 1913 · 22 x 14,3 cm mals in Leipzig richtete, ging nicht von zunehmend als Fluch.
Witzenhausen, AdJb, B 214/009 den Wandervogelbünden, sondern von „Im Lichtkleid“, das heißt nackt, ist
jugendbewegten Studentenverbindun- der Jüngling auf dem Bild dargestellt.
3. Freideutscher Jugendtag 1913. Reden von Gott­ gen aus und wurde von erwachsenen Seine Körperhaltung ist einem antiken
fried Traub, Knud Ahlborn, Gustav Wyneken, Ferdi­ Vertretern der Lebensreformbewegung, Adoranten entlehnt, womit Fidus an
nand Avenarius. Hrsg. von Christian Schneehagen. wie dem Verleger Eugen Diederichs die in bürgerlichen Kreisen gepflegte
Hamburg 1913 · 23,3 x 16,1 cm (1867–1930) aus Jena, dem Schulrefor- pantheistische Spiritualität appellierte
Witzenhausen, AdJb, B 214/011 mer Gustav Wyneken (1875–1964) und und sich dadurch einen weiteren Ab-
dem Kunsterzieher Ferdinand Avenarius satzmarkt jenseits der jugendbewegten
Die Aufrufe zum Freideutschen Ju- (1856–1923), unterstützt. Sie verstan- Wandervögel sicherte. Der Schatten, den
gendtag auf dem Hohen Meißner, die den sich nicht nur als Förderer der der Betende auf den Felsen wirft, lässt
im Sommer 1913 in der „Wandervogel seit mehr als zehn Jahren bestehenden an den gekreuzigten Christus denken,
Führerzeitung“ und danach in ande- Jugendbewegung, sondern wollten eine den der vor Lebenskraft strotzende
ren Publikationen den Bünden der Art geistige Patronage ausüben, indem Jüngling quasi hinter sich gelassen hat,
Jugendbewegung und der Öffentlich- sie ihre nitzscheanischen Vorstellungen um sich dem Leben zuzuwenden. Die
keit eine „Jahrhundertfeier auf dem von der dynamischen Kraft der Jugend naturreligiöse Gestimmtheit sowie eine
Hohen Meißner“ ankündigten, hatten auf den Wandervogel übertrugen. Umge- allgemeine Aufbruchstimmung, die sich
eine zweifache Stoßrichtung: In einem kehrt hätte das erste Treffen der 3.000 Fidus im Zuge seiner Hinwendung zu
leidenschaftlichen und eindringlichen Teilnehmer, die aus organisatorisch lebensreformerischem und später auch
Aufruf an die „gesamte gleichgesinnte zersplitterten Gruppen kamen und sich zu völkischem Gedankengut angeeignet
Jugend“ meldete man den Anspruch – ohne sich wirklich zusammenzuschlie- hatte, sind im „Lichtgebet“ auf eine
an, dass die Jugend, die bisher nur als ßen – mit der Meißnerformel zu einer wirkungsmächtige Formel gebracht
„Anhängsel der älteren Generation“ „Freideutschen Jugend“ bekannten, ohne worden. R. Prügel

Meißnerfest 243
Abbildung aus
urheberrechtlichen Gründen
unkenntlich gemacht

50

244 Katalog
SeelenReich. Die Entwicklung des deutschen
Symbolismus 1870–1920. Hrsg. von Ingrid Ehrhardt/
Simon Reynolds. [Link]. Schirn-Kunsthalle,
Frankfurt a.M./Birmingham Museum and Art Gallery,
Birmingham/Prins Eugen Waldemarsudde, Stock­
holm. München 2000, S. 74–75. – Die Lebensreform.
Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst
um 1900. Hrsg. von Kai Buchholz u.a. [Link].
Institut Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darm­ Abbildung aus
stadt 2001, Bd. 2, Abb. S. 203 u. [Link]. 4.2. – Meike
Sophia Baader: Naturreligiöse Gestimmtheit und urheberrechtlichen Gründen
jugendbewegte Aufbruchsgeste. Bildgedächtnis der
Jugendbewegung und „mentales Gepäck“: Fidus unkenntlich gemacht
„Lichtgebet“. In: Historische Jugendforschung.
Archiv der deutschen Jugendbewegung N.F. 5,
2008, S.153–168. – Marina Schuster: Lichtgebet.
Die Ikone der Lebensreform- und Jugendbewegung.
In: Das Jahrhundert der Bilder 1900 bis 1949. Hrsg.
von Gerhard Paul. Göttingen 2009, S. 140–147.

51 • (Abb. S. 41) 52 53
Postkarten „Lichtgebet“ 52 •
Hugo Höppener, gen. Fidus (1868–1948) · ab 1913 Plakat „Fidus der Lichtgläubige“ Gruppen symbolisieren. Während der
Autotypie · 13,9 x 8,6 cm Druck: Buchdruckerei Karl Pfeiffer jun. verklärte Blick der jungen Männer sich
Witzenhausen, AdJb, K 2 Nr. 11 1926 · Linoldruck · 38 x 27,5 cm auf unbestimmte Ferne richtet, blicken
Witzenhausen, AdJb, N 38 Nr. 564 die zwei nackten weiblichen Gestalten
Fidus, der selbst nicht an dem Fest der den Betrachter unvermittelt an. In ihren
Freideutschen Jugend auf dem Hohen Fidus nutzte das Medium des Licht- Händen halten sie eine Girlande aus
Meißner teilnahm, vermarktete dort die bildvortrags äußerst intensiv und auch Eichenlaub, die wohl für die heroisch
im Selbstverlag erschienenen Postkarten erfolgreich, um seine lebensreforme- überzeichneten Wächter bestimmt ist.
seines heute als Schlüsselbild der Ju- rischen Gedanken zu verbreiten. 1923 Umfasst wird die Szene von einem reich
gendbewegung geltenden „Lichtgebets“ übernahm ein Jünger von Fidus, Paul verzierten, vegetabilen Rahmen, in des-
in der sechsten Fassung aus dem Jahr Isenfels (1888–1974), diese Aufgabe, sen Mitte die Sonne, eines der beliebten
1913. Bildete das „Lichtgebet“ quasi ein um den viel beschäftigten Meister zu Motive des Künstlers, ihre Strahlen
Andachtsbild unter Jugendbewegten, entlasten. Sein 1926 gehaltener Vortrag aussendet. R. Prügel
so wurde sein Haus in Woltersdorf bei wurde mit einem von Fidus entworfenen
Berlin nach dem Ersten Weltkrieg zu Plakat beworben. Es zeigt, als zentrale Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung
deren Wallfahrtsort. Hermann Glaser Bildkomposition und Rahmung zu- von Leben und Kunst um 1900. Hrsg. von Kai Buch­-
bezeichnete Fidus’ Kunst als „Monte gleich, das so häufig verwendete Motiv ­­holz u.a. [Link]. Institut Mathildenhöhe, Darm­
Verita der kleinen Leute“. des Lotusblatts. Isenfels, der zeitweilig stadt, 2. Bde. Darmstadt 2001, Bd. 2, Abb. S. 317
In den 1920er Jahren sicherte der Mitglied der Künstlerkolonie in Nidden u. [Link]. 4.176.
Absatz der Drucke und Postkarten dem (Nida, Litauen) war, machte sich im glei-
Künstler in diesen Kreisen geradezu das chen Jahr mit den in Buchform erschie- 54 •
Überleben, jedoch fand das „Lichtgebet“ nenen fotografischen Aufnahmen von Album mit Postkarten von Fidus
zunehmend Anklang im rechten Flügel Ausdruckstänzerinnen einen Namen. Ab 1925 · Karton, Textilband · 25,7 x 18 cm
der bündischen Jugend. Nach Aussagen R. Prügel Bez.: Meister Fidus
eines Pfarrers hing es als populärer Privatbesitz
Wandschmuck in jedem zehnten bürger- 53 •
lichen Haushalt. C. Selheim Hohe Wacht Es waren die massenhaft verbreiteten
Hugo Höppener, gen. Fidus (1868–1948) Reproduktionen, die wesentlich zur
Janos Frecot/Johann Friedrich Geist/Diethart Erkner bei Berlin, 1913 · Druck · 44 x 34 cm Popularität des Werkes von Hugo Höp-
Kerbs: Fidus 1868–1948. Zur ästhetischen Praxis Witzenhausen, AdJb, N 38 Nr. 539 pener, gen. Fidus (1868–1948), beitrugen.
bürgerlicher Fluchtbewegungen. 2. Aufl. Hamburg Vertrieben wurden die Schriften, Drucke
1997, bes. S. 288–301. – Die Lebensreform. Ent­ In der anlässlich des Meißnerfestes und Postkarten über den 1912 von ihm
würfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1913 herausgegebenen Festschrift selbst gegründeten Verlag. In der Jugend-
1900. Hrsg. von Kai Buchholz u.a. [Link]. Insti­ wurde die „Hohe Wacht“ als Illustra- bewegung fand das Programm vornehm­
tut Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darmstadt tion veröffentlicht. Sie geht auf eine lich bei Mädchengruppen An­klang. So
2001, Bd. 2, Abb. S. 318 u. [Link]. 4.177. – Marina eigens für diesen Anlass entworfene stammt auch das „Meister Fidus“ be­
Schuster: Lichtgebet. Die Ikone der Lebensre­ Federzeichnung von Fidus zurück. Das zeichnete Album von Ilse, Mitglied der
form- und Jugendbewegung. In: Das Jahrhundert wehrhafte Auftreten der bewaffneten Wandervogelortsgruppe Innsbruck, die
der Bilder. 1900 bis 1949. Hrsg. von Gerhard Paul. Jünglinge soll die Geschlossenheit es als 17-Jährige 1925 zu Weihnachten
Göttingen 2009, S. 140–147. der teilnehmenden jugendbewegten bekommen hat.

Meißnerfest 245
Die Haltung des unbekleideten Jüng-
lings, der aufrecht in der Bildmitte
steht und die Arme ausbreitet, ist eng
mit dem Motiv des Adoranten aus dem
„Lichtgebet“ verwandt. Die mystisch-
religiöse Grundstimmung ist um einen
weiteren, sexuell konnotierten Aspekt
erweitert. Der nach oben strebende
Jüngling „entspringt“ dem Schoß einer
nackten Frau, die seine Beine in einer
zärtlich-flehentlichen Geste umklam-
mert. Unter dem Komplex „Mutterschaft
als Mysterium“ ist das Bild gedeutet
worden. Geburt und das Streben nach
Göttlichkeit – symbolisch dargestellt
durch die Hagal-Rune am oberen Bild-
rand – sind hier in einer bedeutungs-
schweren Bildallegorie zusammenge-
fügt. R. Prügel

Janos Frecot/Johann Friedrich Geist/Diethart


Kerbs: Fidus 1868–1948. Zur ästhetischen Praxis
54 bürgerlicher Fluchtbewegungen. 2. Aufl. Hamburg
1997, S. 284. – SeelenReich. Die Entwicklung des
Das Mappenwerk besteht aus losen Kar- Szene. In Fidus’ Auffassung, die er mit deutschen Symbolismus 1870–1920. Hrsg. von Ingrid
tons mit eingesteckten Postkarten nach zahlreichen Lebensreformern seiner Zeit Ehrhardt/Simon Reynolds. [Link]. Schirn-Kunst­
Werken von Fidus. Es enthält auch nach teilte, verkörpert die Frau das „Prinzip halle, Frankfurt a.M./Birmingham Museum and Art
1925 erschienene Karten: Die Beschenk- Erde“, das Verharrende, Schwere, wäh- Gallery, Birmingham/Prins Eugen Waldemarsudde,
te hat also weiterhin gesammelt. Die rend der Mann für das Aufstrebende, Stockholm. München 2000, S. 76.
Mappe umfasst heute 83 der über 200 sich von dem Irdischen Lösende steht.
erschienenen Fiduskarten. Das „Lichtge- Der Geschlechterkampf ist hier als 57
bet“ ist in zwei Varianten vertreten. geistig-ideeller Konflikt zwischen zwei Ostermondnacht
Ilse Hermans, wie der Wandervogel nach Lebenshaltungen inszeniert. R. Prügel Hugo Höppener, gen. Fidus (1868–1948)
der Verehelichung mit einem Landwirt Erkner bei Berlin, 1915 · Druck · 40,2 x 49,6 cm
hieß, schrieb 1970 in einem Brief von der Witzenhausen, AdJb, N 38 Nr. 539
„herrlichen Zeit“ ihrer Jugend und vom
„freien, naturgebundenen Leben“. Über Die Bildidee zur „Ostermondnacht“
ihr Album sinniert sie: „Ich habe noch- geht auf ein Aquarell zurück, das Fidus
mals die Karten alle angeschaut, sicher- 1913 gemalt haben soll und das, wie in
lich mit anderen Augen, als vor guten 40 anderen vergleichbaren Fällen, mit-
Jahren; aber ich habe mich noch mal so tels grafischer Reproduktionen große
richtig gefreut“. R. Y Verbreitung in den Folgejahren fand.
Über die Rückenansichten eines nack-
Janos Frecot/Johann Friedrich Geist/Diethart Kerbs: Abbildung aus ten Paares, das an den schwungvollen,
Fidus 1868–1948. Zur ästhetischen Praxis bürgerlicher reich verzierten Rahmen lehnt, wird der
Fluchtbewegungen. München 1972. urheberrechtlichen Gründen Blick des Betrachters auf eine nächtli-
che Landschaft gelenkt. Der Vollmond
55 • unkenntlich gemacht durchbricht den wolkenverhangenen
Die Erde Himmel über einer Waldlichtung und
Hugo Höppener, gen. Fidus (1868–1948) erzeugt eine atmosphärisch-dramati-
1893 · Druck · 55,6 x 41,5 cm sche Lichtstimmung. Der rechte Arm
Witzenhausen, AdJb, N 38 Nr. 539 der Frau und die Linke des Mannes
sind wie zum Gruß erhoben; ihr Blick
Der in Untersicht dargestellte Felsen, auf ist dem sich offenbarenden Mond zu-
dem der Jüngling in Fidus’ berühmtem gewandt. Mit dieser Bildkomposition,
„Lichtgebet“ ([Link]. 50) steht, findet sich die zentrale Motive aus dem „Licht-
in diesem Bild wieder. Vor einem unruhi- 55 gebet“ – Rückenfigur, Wolkenhimmel,
gen Himmel scheint sich eine dramatisch 56 Grußgestus – aufnimmt, scheint der
aufgeladene Abschiedsszene zwischen Aufschwung Künstler an den Erfolg seiner berühm-
einer Frau und einem Mann abzuspielen. Hugo Höppener, gen. Fidus (1868–1948) testen Arbeit anknüpfen zu wollen und
Der Titel des Werks „Die Erde“ gibt einen 1911 · Druck · 39,5 x 30 cm sie in einer etwas erweiterten Fassung
möglichen Hinweis für die Deutung der Witzenhausen, AdJb, N 38 Nr. 543 zu paraphrasieren. R. Prügel

246 Katalog
58
Tempeltanz der Seele I
Hugo Höppener, gen. Fidus (1868–1948)
1924 · Druck · 28 x 20 cm
Witzenhausen, AdJb, N 38 Nr. 541

1894 schuf Fidus eine Folge von vier


Radierungen, die eine unbekleidete
junge Frau in ausdrucksvollen Tanzbe-
wegungen zeigten. Erstmals wurden sie
in einem 1902 erschienenen Mappen-
werk unter dem Titel „Tänze“ veröffent-
licht. Die Darstellungen, insbesondere
Blatt I, fanden unter der Bezeichnung
„Tempeltanz der Seele“ durch das Me-
dium der Postkarte rasche Verbreitung.
Einer Aussage des Künstlers zufolge
übernahm er 1910 die Bildmotive für
die Ausstattung eines Musikzimmers in
Berlin. 1924 ver­­öffentlichte Fidus seinen
Zyklus von Tanzfiguren als Broschüre mit
einem erläuternden Text zur Einführung.
Darin betont er die zentrale Funktion 60
der Farbkreise, vor denen die Frau ihren
Tanz vollführt. Als erstes Blatt der Folge versehen. Das Album umfasst sowohl dem Meißner auf dem Programm. Die
eröffnet die vor dem verhalten blauen Fotografien teilnehmender Gruppen wie geläufigen Formen des Rundtanzes von
Farbkreis stehende Figur, „von anheben- der Deutschen Freischar, des Serakrei- Mädchen und Jungen, mit Singen und
dem Getöne gebannt“ (Fidus 1924) den ses und der Wandervögel als auch nam- wenigen Instrumenten von ihnen selbst
Reigen des Ausdruckstanzes und wirft hafter Meißnerfahrer. Dazu zählen u.a. musikalisch begleitet, gingen auf die
Gewand und Gürtel von sich. R. Prügel der Verleger Eugen Diederichs (1867– „im Volk“ überlieferten Tänze zurück.
1930) vom Serakreis, der Pazifist Hans Diese sollten nunmehr systematisch,
Fidus (Hugo Höppener): Zum Tempeltanz der Seele. Paasche (1881–1920), der Mediziner entsprechend ihren regionalen Ausprä-
Berlin 1924. – Jugend gestern und heute. Bearb. und Mitorganisator des Freideutschen gungen beschrieben und damit vor dem
von Ursula Katharina Nauderer. [Link]. Bezirks­ Jugendtages Knud Ahlborn (1888–1977) Vergessen bewahrt werden.
museum Dachau. Dachau 2012, bes. S. 67. und der Reformpädagoge und um die S. Rappe-Weber/C. Selheim
Entstehung der Meißnerformel ver-
59 • diente Gustav Wyneken (1875–1964). 60 •
Fotos zum Freideutschen Jugendtag Die immer wieder im Kontext dieses Der Jugendtag auf dem hohen Meißner
1913 Freideutschen Jugendtages und in der Kurt Aram: Jugendbewegung. In: Die Gartenlaube.
Geschichte der Jugendbewegung repro- Illustriertes Familienblatt, 1913, H. 26, S. 972–975,
1. Fotoalbum duzierten wenigen, hier enthaltenden hier S. 974–975 · 31,1 x 24,5 cm · Bez.: Der Jugend­
Kunstleder, Kordel; Leder, Pappe, Karton Fotos trugen maßgeblich zur Fixierung tag auf dem hohen Meißner. / Für die „Gartenlaube“
16,5 x 24,7 cm des Ereignisses im Bildgedächtnis bei. gezeichnet von Wilhelm Thielmann.
Witzenhausen, AdJb, F 3 Nr. 357 Gusto Gräser (1879–1951), dem als GNM, Bibliothek, 4° L. 2658
Künstler, Freidenker und Lebensrefor-
2. Gusto Gräser in einer Diskussionsrunde mer schon ein Ruf vorauseilte, erregte Das Erste Freideutsche Jugendtreffen
(Abb. S. 31) unter den Jugendlichen einiges Aufse- auf dem Hohen Meißner war, wie es
Fotografie · 7,2 x 10,6 cm hen. Mit „Stirnriemen“ und „Fruchthän- Wilhelm Thielmann (1868–1924) in seiner
Witzenhausen, AdJb, F 3 Nr. 357 gematte“ sei er aufgetreten, notierte Zeichnung festhält, ein Fest, bei dem im
der Student und Wandervogel Frank Freien am Feuer gesungen und getanzt
3. Friedel Christaller beim Volkstanz Fischer (1884–1914) in seinem Tagebuch. wurde. Damit sollte bewusst an die
Fotografie · 7,7 x 10,6 cm Gräser trug am Feuer hymnische Verse Tradition in der Zeit der nationalen Auf-
Witzenhausen, AdJb, F 3 Nr. 357 vor und warb für eine neue Lebenshal- bruchsstimmung zu Beginn des 19. Jahr-
tung. Mit seinem radikalen Anspruch an hunderts angeknüpft werden. Zugleich
Folgender Schmutztitel leitet das 32 eine authentische, naturgemäße Lebens- stand das Meißnertreffen in deutlichem
Fotografien beinhaltende Album ein: weise faszinierte er die reformorientier- Gegensatz zu den zahlreichen politi-
„[Dies] Büchlein soll zeigen Leben und ten Kreise, darunter den Schriftsteller schen Feierlichkeiten in Erinnerung an
Treiben / [si]ch zugetragen hat [auf] dem Hermann Hesse (1877–1962). das Jahr der Völkerschlacht bei Leipzig
Hohen Meissner, Helmes“. Der im hes- Der Volkstanz gehörte fast von Be- 1813, bei denen nationalistische Töne
sischen Mittelgebirge gelegene Meiß- ginn an zu den gemeinschaftlichen beherrschend waren. Die öffentliche
ner wurde erst seit dem Freideutschen Aktivitäten der Wandervögel bei ihren Resonanz auf das Freideutsche Treffen
Jugendtag 1913 mit dem Zusatz „Hoher“ Feiern und stand auch beim Fest auf war groß. In der Familienzeitschrift

Meißnerfest 247
„Die Gartenlaube“ berichtete Kurt Aram
(1869–1934) wohlwollend, man solle die
Jugend feiern lassen, ihr Kritik an der
Gehorsamserziehung in den Schulen und
auch einen Anspruch auf jugendliche
Freiräume zugestehen. Diese Revolte sei
eine „Freiheitsbewegung“, die keine ge-
sellschaftliche Gefahr bedeute. Lediglich
an dem auf dem Meißner herrschenden
lockeren Umgang der Geschlechter übte
Aram Kritik. B. Stambolis

62

Märchen der Brüder Grimm Frau Holle 62 •


gelebt haben soll, war nüchtern: „Schö- Kittel eines Wander- und Tanzanzugs
ne Lage, großer Festplatz, Gelegenheit der Freideutschen Jugend
für Feuer, kein großer Zulauf von Frem- Um 1913· Leinen · 73 x 60 cm
den“. Diese Entscheidung für den kahlen Witzenhausen, AdJb, G 4 Nr. 1
Berg im nordhessischen Mittelgebirge
war ein Sieg des Wandervogelgedan- Den Kittel trug – der Überlieferung
kens. Im Unterschied zu Vertretern der nach – Knud Ahlborn (1888–1977) beim
Lebensreformbewegung wollte man ein Freideutschen Jugendtag 1913. Ein
„Naturfest“ und kein „Kulturfest“ feiern. Foto in der Broschüre „Unsere Klei-
Bestimmend sollten die Naturerfahrun­ dung“ ([Link]. 63) zeigt den jungen
gen des Wandervogel sein, die man auf Arzt mit einem gleichartigen Oberteil
den Wanderungen gewonnen hatte und über einer weißen, langärmeligen
61 mit denen sich die jugendbewegte Ge- Bluse mit offenem Kragen, dazu eine
meinschaft begründete. Wenn heute der Kniehose aus graublauem Waschsamt
61 • Weg, den im Herbst 1913 viele Teilneh- und braune Strümpfe. Den gegürteten
Christian Schneehagen mer des Meißnerfestes von der Burg Kittel des „Wander- und Tanzanzugs“
Otto Jung (1867–1935) · 1914 · Malerei auf Leinwand Ludwigstein zum Meißner nahmen, als aus „grobem graublauen Leinen“ zieren
196 x 104 cm Schneehagenweg bezeichnet wird, dann „waschbare, handgedruckte, schwarze
Witzenhausen, AdJb, K 1 Nr. 3 auch deswegen, weil Schneehagens Borden“, deren mäandernde Rundmo-
Schicksal stellvertretend für das vieler tive sich bei dem erhaltenen Exemplar
Der Student Christian Schneehagen Wandervögel steht, die nicht aus dem wiederfinden. Der Gürtel ist verloren;
(1891–1918), der aus Barsinghausen bei Ersten Weltkrieg zurückkamen. Er fiel von der Schnürung des Ausschnitts
Hannover stammte und der Deutschen am 25. April 1918 bei Bailleul in Flan- sind nur noch Nahtspuren erkennbar.
Akademischen Freischar angehörte, hat- dern. H.-U. Thamer Farbige Leinenkittel waren ein Leitmo-
te die Festleitung für das Meißnerfest tiv der Kleidungsreform der Jugendbe-
übernommen. Zuvor war sein Vorschlag Paula Messer-Platz: Otto Jung. In: Westermanns Mo­ wegung, die den Zwängen der bürger-
einstimmig angenommen worden, das natshefte 61, 1917, H. 122, 2. Teil, S. 671–678. – Walter lichen Mode mit losen Zuschnitten,
Alternativfest auf dem Meißner zu bege- Schnerring: Der Stuttgarter Maler aus Balingen Otto Halsfreiheit und frischen Farben be­
hen. Die Begründung Schneehagens für Jung. Ein schwäbischer Lenbach? In: Heimatkundliche gegnete. Offene „Klappkrägen“ ersetzten
die Auswahl des Festortes, wo nach dem Blätter Balingen 38, 1991, Nr. 5, S. 785–786. die „gesteiften Halsröhren“ aus Leinen,

248 Katalog
Papier oder Kunststoff. Statt steifer Zy- ses des Freideutschen Jugendtages, der die später für Mary Wigman (1886–1973)
linder verzichtete man am liebsten ganz sich im Juli desselben Jahres in Jena und die Laban-Schule in Zürich arbeitete,
auf Kopfbedeckungen, und an die Stelle unter der Leitung von Lotte Frucht und gab Anweisungen zum neuen „Tanzkleid“.
von Schnürbrust und Korsett sollte – zu- Christian Schneehagen (1891–1918) Skizzen der Kleidungsstücke, Fotos von
mal bei der sportlichen Jugend – ein gut konstituiert hatte. In elf Beiträgen Trägern und Trägerinnen der neuen
trainiertes „Muskelkorsett“ treten. Für plädierten die Herausgeber und sechs Gewänder sowie Annoncen für Stoffe,
den Wärme- und Kälteausgleich wurden weitere Autoren für eine formal wie in Kleidung und Zubehör „nach den in die-
Stoffe „lockerer Webart“ propagiert, der sie tragenden Gesinnung gesunde, sem Buche angeführten Grundsätzen“
als Fußbekleidung breite Schuhformen natürliche und schöne Kleidung, die an ergänzen die Texte.
und speziell für „Schweißfußbegabte“ die Stelle der von Zwängen und Ver- Die zweite Auflage des Büchleins er-
Zehenkammerstrümpfe. Mit dem Bei- bildungen bestimmten Modekleidung schien 1914 im Freideutschen Jugend-
trag, dem diese Zitate entnommen sind, treten sollte. Bei der Ausarbeitung verlag Adolf Saal. Der Buchhändler
beteiligte sich Knud Ahlborn selbst an orientierte man sich offensichtlich an Adolf Saal (1886–1969) hatte sich in
der Programmschrift „Unsere Kleidung“, dem Manifest „Neue Männer Kleidung“ Hamburg erst kurz vor dem Jugendtag
indem er unter Berufung auf die Medi- der 1911 in Berlin gegründeten „Gesell- selbständig gemacht und publizierte
ziner und Kleiderreformer Gustav Jäger schaft für Reform der Männertracht“, hauptsächlich Schriften der liberalen,
(1832–1917), Heinrich Lahmann (1860– aus dem Schneehagen „Die 10 Gebote sozialistischen und proletarischen Ju-
1905) und Sebastian Kneipp (1821–1897) der Trachten-Reform“ übernahm. Der gendbewegung. Seine erste Publikation
gesundheitliche, ästhetische und ideo­­ Arzt Knud Ahlborn (1888–1977) schrieb war der offizielle Band mit den Reden
logische Argumente verband. Auch die über „Gesundheitsgemäße Kleidung“, des Meißnerfestes. J. Zander-Seidel
häufig als Forum für Kleiderfragen ge­ Lotte Frucht über das „Wanderkleid
nutzten „Gaublätter“ der Wandervögel für Mädchen“, das wie alle damaligen Gretel Wagner: Reformversuche in der Männer­
beschrieben „schönfarbige Kittel zu kur- Reformen der Frauenkleidung mit dem kleidung. In: Waffen- und Kostümkunde 26, 1984,
zen glatten Hosen“ als Gegenentwürfe Korsett brach. Weitere Themen waren H. 1, S. 17–36, bes. S. 23–26. – Marion Grob: Das
zur dunklen Einheitstracht bürgerlicher Schuhwerk und Kopfbedeckungen; die Kleidungsverhalten jugendlicher Protestgruppen
Gehröcke und Anzüge. J. Zander-Seidel Schneiderin Maya Chrusecz (geb. 1890), in Deutschland im 20. Jahrhundert am Beispiel
des Wandervogel und der Studentenbewegung (Bei­­­­-
Hermann Pfeiffer/Christian Schneehagen: Fußbe­ träge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland 47).
kleidung. In: Unsere Kleidung. Hrsg. von Lotte Münster 1985, S. 118–119. – Die Lebensreform. Ent­
Frucht/Christian Schneehagen. 2. Aufl. Hamburg würfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um
1914, Abb. 2. – Knud Ahlborn: Gesundheitsgemäße 1900. Hrsg. von Kai Buchholz u.a. [Link]. Institut
Kleidung. In: Ebd., S. 16–24. – Gretel Wagner: Reform­ Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darmstadt 2001,
versuche in der Männerkleidung. In: Waffen- und Bd. 2, Abb. S. 312 u. [Link]. 4.167. – Winfried Mogge:
Kostümkunde 26, 1984, H. 1, S. 17–36. – Streusand­ „Ihr Wandervögel in der Luft…“. Fundstücke zur Wan­
büchse, März/April 1917, S. 24, zit. nach: Marion Grob: derung eines romantischen Bildes und zur Selbstin­
Das Kleidungsverhalten jugendlicher Protestgrup­ szenierung einer Jugendbewegung. Würzburg 2009,
pen in Deutschland im 20. Jahrhundert am Beispiel S. 110 (zu Adolf Saal). – Jugend gestern und heute.
des Wandervogel und der Studentenbewegung (Bei­­­­- Bearb. von Ursula Katharina Nauderer. [Link].
träge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland 47). Bezirksmuseum Dachau. Dachau 2012, bes. S. 77.
Münster 1985, S. 151. – Die Lebensreform. Entwürfe
zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900. 64 •
Hrsg. von Kai Buchholz u.a. [Link]. Institut Mat­ Brauner und schwarzer
hildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darmstadt 2001, Zehenkammerschuh
Bd. 2, Abb. S. 312 u. [Link]. 4.166. Um 1910 · Leder · 9 x 10 x 28 cm (braun) · 8 x 9,5 x
28 cm (schwarz)
63 • Mülheim an der Ruhr, Salzgitter AG, Konzernarchiv/
Unsere Kleidung Mannesmann-Archiv
Unsere Kleidung. Anregungen zur neuen Männer-
und Frauentracht. Für den freideutschen Jugendtag Die Fußgesundheit spielte in den Klei-
1913. Hrsg. von Lotte Frucht/Christian Schneehagen. dungsreformen um 1900 eine wichtige
1. Aufl. Leipzig: Verlag des Bundes Deutscher Rolle. Neben Schädigungen des Rump-
Wanderer 1913 / 2. Aufl. Hamburg: Freideutscher fes durch Korsett und einengende Mode-
Jugendverlag Adolf Saal 1914 · 22,8 x 16,1 cm kleidung waren Missbildungen der Füße
Witzenhausen, AdJb, B 415/002 durch zu enge und zu schmale Schuhe
GNM, Bibliothek, [Kapsel] 8° Lr 191/17 ein Hauptthema. Seit dem 19. Jahrhun-
dert forderten Ärzte und Anatomen wie
Die 48 Seiten starke Broschüre war der Züricher Professor Georg Hermann
Programmschrift und Ratgeber zur von Meyer (1815–1892) breite Schuh-
Schaffung einer neuen Kleidung der formen, die den Zehen ihre natürliche
Freideutschen Jugend. Sie erschien Stellung beließen.
zum Meißnerfest im Oktober 1913 auf
Veranlassung des Kleidungsausschus-
63

Meißnerfest 249
2. Werbeanzeige
In: Der Fackelreiter. Monatshefte für Freiheit, Fort­
schritt, Frieden und Recht 1, 1928 · 21,4 x 14,9 cm
Witzenhausen, AdJb, Z 300/1370

Abbildung aus Der Freideutsche Jugendtag 1913 wur-


de nicht von den Wandervogelbünden
urheberrechtlichen Gründen gestaltet, sondern von einer Vielzahl
lebensreformerischer, reformpädago-
unkenntlich gemacht gischer, kulturkritischer und jugend-
bewegter Gruppierungen, die sich in
der Freideutschen Jugend zusammen-
geschlossen hatten. Innerhalb des
Wandervogel e.V. war in den Jahren
64 vor 1913 eine Auseinandersetzung um
die Frage entbrannt, ob man künftig
1907 meldete Max Mannesmann (1857– allein das Wandern in den Mittelpunkt
1915), einer der Gründungsväter des rücken oder weitergehende reforme-
gleichnamigen Industriekonzerns, ein rische Anliegen, wie sie in den Positi-
Patent für den Zehenkammerschuh onen der „Freideutschen Jugend“ zum
an. Bei diesem war jede Zehe durch Ausdruck kamen, mittragen solle. Daher
eine Zwischenwand von der anderen kam es unmittelbar vor dem Jugend-
getrennt, was das Wundlaufen ver- tag zu einer Absage der Wandervogel- 65.2
hindern und die Muskulatur stärken Bundesleitung, obwohl ganze Gaue und
sollte. In Verbindung mit wollgestrick- Ortsgruppen schließlich doch auf dem
ten „Zehenstrümpfen“, die seit 1880 Meißner vertreten waren. Prägend für Rudolf Kneip: Wandervogel ohne Legenden.
zur „Normalkleidung“ des Mediziners das Fest wurden jedoch die kulturkri- Die Geschichte eines pädagogischen Phänomens.
und Kleidungsreformers Gustav Jaeger tischen Bünde junger Erwachsener, die Heidenheim a.d. Brenz 1984, S. 104. – Der neue
(1832–1917) gehörten, sollten sie zudem sich etwa für eine vegetarische Ernäh- Mensch. Obsessionen des 20. Jahrhunderts. Hrsg.
Schweißfüße verhindern. rung und den Verzicht auf Alkohol sowie von Nicola Lepp. [Link]. Deutsches Hygiene-
In der Programmschrift zur neuen Klei- andere Rauschmittel aussprachen und Museum, Dresden. Ostfildern-Ruit 1999, S. 156. –
dung der Freideutschen Jugend ([Link]. das mit einer Fahne zum Ausdruck Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von
63) beschrieb Christian Schneehagen brach­­ten. Die spätere Anzeige im „Fa- Leben und Kunst um 1900. Hrsg. von Kai Buchholz
(1891–1918) Zehenkammerschuhe und ckelreiter“ verweist dagegen auf die u.a. [Link]. Institut Mathildenhöhe, Darmstadt,
Zehenstrümpfe als „beachtenswerten Verlockungen, die Schweinefleisch und 2 Bde. Darmstadt 2001, Bd. 2, Abb. S. 531 u. Kat.
Reformversuch“. Im Anhang annon- Alkoholgenuss weiterhin darstellten. Nr. 7.108.
cierte ein 1911 auf der Internationalen S. Rappe-Weber
Hygienemesse in Dresden ausgezeich-
netes „Zehenkammer-Schuhgeschäft“
aus Düsseldorf und empfahl sich so
den potenziellen neuen Kunden.
J. Zander-Seidel

Hermann Pfeiffer/Christian Schneehagen: Fuß­


bekleidung. In: Unsere Kleidung. Anregungen zur
neuen Männer- und Frauentracht. Für den frei­
deutschen Jugendtag 1913. Hrsg. von Lotte Frucht/
Christian Schneehagen. 2., Aufl. Hamburg 1914,
S. 27–32, bes. S. 31–32. – Schritt für Schritt. Die
Geburt des modernen Schuhs. Bearb. von Nike U.
Breyer. [Link]. Deutsches Medizinhistorisches
Museum Ingolstadt. Ingolstadt 2012, S. 66–67.

65 •
Fahne eines vegetarischen Bundes

1. Fahne (Abb. S. 30)


Um 1913 · Grund: Baumwolle, Hanf (?), beige, schwarz;
Applikationen: Baumwolle, farbig bemalt/Applikatio­
nen: Baumwolle, beige, chemische Formel aufgemalt;
Stickerei: Baumwolle, Stielstich, schwarz · 39 x 51 cm
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 250
66.2

250 Katalog
66 •
Serakreis
Jugend
im Kriegstaumel
1. Fahne
Entwurf: Willy „Emil“ Pastor (1867–1933) · Ausfüh­
rung: Maria Brinckmann (1869–1936) · 1913 · Seide, Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach,
bestickt · 142 x 99 cm meldeten sich viele Wandervögel und
Jena, Stadtmuseum Jena, VII 270, T. 1058 Pfadfinder freiwillig. Trotz des Willens,
ihr Leben nach eigener Bestimmung
2. Gruppenfoto auf dem Freideutschen Jugendtag und Verantwortung zu führen sowie
1913 · 7,7 x 10,7 cm ihrer gesellschaftskritischen Ansichten,
Witzenhausen, AdJb, F 4 Nr. 80 betrachteten sie die „Große Fahrt“ in
den Krieg als Pflicht und Abenteuer.
Der freistudentische Serakreis grün- Schnell folgte auf die erste Begeisterung
dete sich 1908 in Jena unter Beteili- Ernüchterung angesichts der Schrecken
gung des bekannten Verlegers Eugen des industrialisierten Krieges. Dieser
Diederichs (1867–1930). Am Wander- hatte keine Ähnlichkeit mit den roman-
vogel orientiert, übernahm die Gruppe tischen und verklärten Vorstellungen
lebensreformerische Elemente, wie der Jugendlichen. Oft dienten sie als
bequeme Kleidung und gesunde Ernäh- Unteroffiziere oder Offiziere. Ihrem eli-
rung. Die Mitgliedschaft stand beiden tären Bewusstsein entsprechend wollten
Geschlechtern offen und das Mitein- sie Führungsstärke demonstrieren und
ander war relativ frei. Man pflegte alte Vorbild für die einfachen Soldaten sein.
Volkslieder und -tänze, führte Theater- Sie schlossen sich im Feld-Wandervogel
stücke auf und erfreute sich an Kunst zusammen und gingen auch an der Front
und Literatur. Neben den Fahrten und „auf Fahrt“. Sehr viele von ihnen fielen.
Gruppenabenden bestand der Höhe-
punkt jedes Jahres in der Abhaltung
eines Sonnwendfeuers.
1913 nahm der Kreis an dem Freideut- 67 •
schen Jugendtag auf dem Hohen Meiß- Vivatband
ner teil. Als Diederichs dort mit seiner Entwurf: Franz Hoffmann-Fallersleben (1855–1927)
Idee einer gemeinsamen freideutschen Verlag/Kunsthandlung: Amsler & Ruthardt, Berlin
Fahne gescheitert war, gab er ohne 1914 · Baumwolle, Seide, Atlasbindung, rot, schwarz
Rücksprache mit seiner Gruppe eine bedruckt · 41 x 6,5 cm · Bez.: VIVAT / 20. Oct. 1914
Fahne für den Serakreis in Auftrag. / DIXMUIDEN / HOCH / DIE JUNGEN REGIMEN­
Maria Brinckmann, Lehrerin für Sti- TER ! ; Das Lieder der Deutschen / Deutschland,
ckerei und Weberei an der Hamburger Deutschland über alles; / Über alles in der Welt, /
Kunstgewerbeschule, fertigte sie nach Wenn es stets zu Schutz und Trutze / Brüderlich
dem Entwurf des „radikal-völkischen“ zusammenhält, / Von der Maas bis an die Memel
Kunst- und Kulturkritikers Willy Pas­ / Von der Etsch bis an den Belt – / Deutschland,
tor. Anders als bei Diederichs und Deutschland über alles, / Über alles in der Welt! /
Pastor spielte eine völkische Ideologie Hoffmann von Fallersleben [...] ZUM BESTEN DES
im Serakreis selbst keine Rolle. Da ROTEN KREUZES […]
viele Mitglieder im Ersten Weltkrieg GNM, Gew 4312
gefallen waren, löste sich die Gruppe
kurz nach Kriegsende auf. Vivatbänder aus der Zeit des Ersten
M. Gruninger Weltkriegs waren reine Spendenbelege
und Sammelobjekte. Das Band erin-
Siegfried Walter: Der Garten. Lebensentwürfe nach nert an den Beginn der ersten Flan-
der Natur. In: Der neue Mensch. Obsessionen des dernschlacht. Nachdem die deutsche
20. Jahrhunderts. Hrsg. von Nicola Lepp. [Link]. Armee Dixmuiden (Diksmuide, Belgien)
Deutsches Hygiene-Museum, Dresden. Ostfildern- erreichte, wurde die Region durch das
Ruit 1999, S. 142–173, bes. S. 156. – Justus H. Ulbricht: Öffnen der Schleusen der Yser geflutet.
Lichtgeburten. Neuheidnische und ‚neugermani­ An den Kämpfen nahmen viele frisch
sche’ Tendenzen innerhalb der Lebensreform. In: ausgebildete, junge Regimenter – dar-
Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von unter zahlreiche Wandervögel – teil, die
Leben und Kunst um 1900. Hrsg. von Kai Buchholz. dort ihr Leben ließen. Die Wiedergabe
[Link]. Institut Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. der ersten Strophe des Liedes der Deut-
Darmstadt 2001, Bd. 2, S. 133–134, Abb. S. 137 u. Kat. schen von August Heinrich Hoffman von
Nr. 2.133. Fallersleben (1798–1874) auf dem Band
ist einerseits als patriotisches Moment
67

Jugend im Kriegstaumel 251


zu betrachten, andererseits tradierte es Gudrun Fiedler: Jugend im Krieg. Bürgerliche 71 •
die Legende, nach der die jungen Solda- Jugendbewegung, Erster Weltkrieg und sozialer Deutsche Jugend!
ten dieses Lied singend in die Schlacht Wandel 1914–1923 (Edition Archiv der deutschen Druck: Hubert & Co., G.m.b.H., Göttingen · 1914–1918
gezogen sind, und trug so zum Mythos Jugendbewegung 6). Köln 1989, bes. S. 68. Lithografie · 46 x 29,5 cm · Bez.: Deutsche Jugend!
von Langemarck bei. C. Selheim / Denkt bei Euren Wanderungen an den Ernst / der
69 Zeit und meidet alles Auffällige in Be= / nehmen
Vivat-Vivat-Vivat! Widmungs- und Gedenkbänder Der Zupfgeigenhansl und Kleidung! Laßt unnützen / Schmuck und lautes
aus drei Jahrhunderten. Bearb. von Konrad Vanja. Hans Breuer: Der Zupfgeigenhansl. 24. Aufl. Leipzig Wesen! Meidet Alkohol / und Tabak auf der Wande­
[Link]. Museum für deutsche Volkskunde, Staat­ 1915 · 17,2 x 12,3 cm · Bez.: FELDZUGEXEMPLAR rung! Singt an= / ständige Lieder. Unterlaßt aber
liche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, GESTIFTET VOM VERLEGER / UND DEN WANDER­ Singen und / laute Fröhlichkeit dort, wo es Andere
Berlin (Schriften des Museums für Deutsche Volks­ VÖGELN / NICHT VERKÄUFLICH stören / könnte. Euer Betragen soll Euch Liebe und
kunde Berlin 12). Berlin 1985, [Link]. 28,34. GNM, Bibliothek, 8° Mx 190/2 / Achtung erwerben. Schont Wiesen und / Felder,
(vgl. [Link]. 30) Wald und Strauch! Denn das Land / ist heilig, und
alles was es trägt. / Schützt unsere deutsche
70 Heimat! […]
Aufruf an den Wandervogel GNM, Graphische Sammlung, HB 32386, Kapsel 1331
Text: Hans Breuer (1883–1918) · Kalligrafie: Käthe
Nöldechen-Nasse (1892–1983) · 1940 · Tusche auf Ein von verschiedenen Bünden unter­
Karton · 59,6 x 43,2 cm · Bez.: Aufruf an den Wan­ zeichneter Aufruf an die deutsche
dervogel / Der Krieg hat dem Wandervogel recht Jugend appelliert an deren rücksichts-
gegeben, / hat seine tiefe nationale Grundidee los volles Verhalten bei Wanderungen, sei
von allem / Beiwerk stark und licht in unsere Mitte es hinsichtlich der Kleidung oder des
gestellt. / Wir müssen immer deutscher werden. Singens. Ein besonderes Augenmerk
Wandern / ist der deutscheste aller eingeborenen galt dem Schutz der Natur und der
Triebe, ist un= / ser Grundwesen, ist der Spiegel Heimat, wobei Aspekte der noch jungen
unseres National= / charakters überhaupt. Und Heimatschutzbewegung aufgegriffen
nun laßt Euch / nicht irre machen! Jetzt erst recht wurden. M. Gruninger
gewandert! Er= / wandert Euch, was deutsch ist.
Wachst und werdet / stark an Euren Wandervogel! Gerhard Ziemer/Hans Wolf: Wandervogel und Frei­
Werdet Männer, / festzustehen und Euren Platz auf deutsche Jugend. Bad Godesberg 1961, Abb. S. 411.
der Erde zu be= / haupten! Das ist heilige Pflicht vor
Euren / Brüdern, die gefallen sind; ihr Leben floß 72 •
dahin, / damit Ihr weiter bautet. Und Eure Arbeit sei Kriegs-Fahrend Volk
/ ihr Denkmal! Draußen aber, an der Brust= / wehr, Kriegs-Fahrend Volk – Österreichischer Wander­
lehnen schweigend die Feldgrauen in der / Morgen­ vogel 1915, 1. Folge · Entwurf Titelblatt: W. Berg­
sonne, spähen wohl hinüber, wo Tod und / Wunde mann · 21,7 x 14,5 cm
aus den Stahlschilden bricht. – Bald wird / Mittag München, Collegium Carolinum, ZA 786
sein. Wandervögel, an die Arbeit. / Hans Breuer –
Mai 1915 – Stellung vor Badonviller In den ersten Monaten des Weltkriegs
68 Witzenhausen, AdJb, Ü 1 Nr. 3 wurde der Zug in den Krieg noch als
68 • „große Fahrt“ innerhalb der Jugendbe-
Erkennungszeichen eines Der zu den prägenden Führungsper- wegung idealisiert. Zahlreiche wehrfähi-
Feld-Wandervogels sönlichkeiten im Wandervogel zählende ge Wandervögel meldeten sich freiwillig.
1915–1918 · Kordel: Seide, gelb, rot, grün; Seele: Hans Breuer stellte diesen Text 1915 der Die anfangs positiven Ansichten zum
Wolle, gedreht · L. 14 cm Kriegsausgabe des Liederbuchs „Der Krieg lassen sich am Titelblatt der hier
Witzenhausen, AdJb, G 2 Nr. 4 Zupfgeigenhansl“ voran. Seit dem ersten vorliegenden Zeitschrift des 1911 ge-
Vorwort verstärkten sich darin nationale gründeten österreichischen Wandervogel
Während des Ersten Weltkriegs wuchs Tendenzen, um schließlich zu dominie- beobachten. Es zeigt zwei Ansichten des-
der Wunsch unter jugendbewegten ren. Das Plakat zeichnete die aus dem selben Mannes; einmal als Wandervogel
Soldaten, im Feld mit Gleichgesinnten Wandervogel stammende Kalligrafin mit Gitarre und einmal als Soldat mit
zusammenzutreffen. Als Erkennungszei- Käthe Nöldechen-Nasse während des Gewehr. Das Blatt drückt den nahtlosen
chen bürgerte sich eine kurze grün- Zweiten Weltkriegs 1940. In dieser Zeit Übergang vom Jugendbewegten zum
rot-goldene Schnur ein, die die jungen gehörte sie zusammen mit ihrem Mann Soldaten aus. M. Gruninger
Männer im dritten Knopfloch von oben Waldemar Nöldechen (1894–1980) zum
an ihrer Uniformjacke trugen. 1916 ent- engeren Kern des Freundes- und Förder- Gudrun Fiedler: Die große Fahrt in den Krieg –
stand schließlich der Feld-Wandervogel, kreises für das Ehrenmal Jugendburg Jugendbewegung, Militär, Fronterlebnis. In: Jahr­
der über die Kriegsschauplätze verteilt Ludwigstein. S. Reiß buch des Archivs der Deutschen Jugendbewegung
168 feste Treffpunkte für Wandervögel 16, 1988, S. 183–196, bes. S. 189. – Helmut Blazek:
und Freideutsche organisierte. Hans Breuer: Der Zupfgeigenhansl. 32. Aufl. Männerbünde. Eine Geschichte von Faszination und
C. Selheim Leipzig 1915. Macht. Berlin 1999, S. 167.

252 Katalog
72

71 73

73 •
Kriegs-Fahrt ter nationaler Größe aufgewachsen. Idealismus bald eine nicht minder
Kriegs-Fahrt. Wandervogel-Feldbriefe. Leipzig 1915 Viele junge Männer meldeten sich im starke Ernüchterung folgte. Ab No-
19 x 13,5 cm Sommer 1914 freiwillig zum Militär- vember 1914 nahmen Schilderungen
Witzenhausen, AdJb, B 207/083 dienst in der Illusion, sie gingen auf angesichts des Todes „der jungen Frei-
eine „große Fahrt“, aus der sie bald willigen bei Langemarck“ breiten Raum
Zahlreiche Mitglieder von Wander- siegreich wieder heimkehren würden. in Feldpostbriefen ein. Die Erschütte-
vogelbünden teilten die zeittypische Doch es herrschte auch Skepsis, nicht rung angesichts des allgegenwärtigen
Kriegsbegeisterung weiter Bevölke- zuletzt unter Jugendbewegten, ob Krieg Massensterbens und des Todes von
rungskreise und vieler junger Men- das geeignete Mittel sei, die ersehn- Freunden spielte später in der Erin-
schen am Vorabend des Ersten Welt- ten gesellschaftlichen Veränderungen nerung an den Ersten Weltkrieg eine
kriegs. Sie waren mit soldatischen herbeizuführen. Aus Kriegsbriefen von entscheidende Rolle. B. Stambolis
Vorbildern und Werten sowie poli- Wandervögeln geht hervor, dass ihrem
tischen Vorstellungen von erträum- zu Kriegsbeginn stark ausgeprägten

Jugend im Kriegstaumel 253


77 •
„Tippelbuch“ von Trude „Maruschka“
Marschke
1917–1921 · Handeinband, Ganzgewebe; Gewebe,
Lederlitze, Karton, Papier · 17,5 x 13,5 cm
Witzenhausen, AdJb, CH 1 Nr. 120

Dieses Wanderbuch gehörte Trude


„Ma­­ruschka“ Marschke in Berlin, die
Mit­glied im Wandervogel e.V. und später
im „Bund der alten Wandervögel Mark
Brandenburg“ war. Die 1896 Geborene
war Bilanzbuchhalterin im Reichsklub
der Deutschen Volkspartei. Sie engagier-
te sich im Wandervogel, u.a. als letzter
„Nestwart“ der im März 1919 aufgelösten
Wandervogel-Soldatengilde Groß-Berlin
und in der Gruppe „Fähnlein Neuruppin“.
74 75 Während des Ersten Weltkriegs setzte
74 • sie sich besonders für die Aufrechter-
Der „Schüdderump“ Zur Erinnerung an gemeinschaftliche haltung des Kontakts zwischen Berliner
Rudolf Sievers (1885–1918) · Aus dem Mappenwerk: Unternehmungen wurden in einer gan- Mitgliedern des Wandervogel und den-
Frankreich 1915. Zeichnungen aus dem Felde. Wolfen­ zen Reihe von jugendbewegten Bünden jenigen ein, die als Soldaten eingezogen
büttel 1915 · Gummidruckverfahren · 31,9 x 24 cm Gruppenbücher geführt, auch „Nestbü- worden waren oder sich freiwillig zum
Bez.: Der Schüdderump 1915; Rud. Sievers cher“ genannt. In ihnen hielt man chro- Kriegsdienst gemeldet hatten. E. Hack
GNM, Bibliothek, 4° Kz SIE 86/1 nikartig Etappen von Wanderungen, Zu­­­-
sammenkünften und besondere Ereig- 78 •
Der Künstler Rudolf Sievers hatte seit nisse fest. Anders als in persönlichen Bücher von Walter Flex
1912 die Schriftleitung der Zeitschrift Fahrtenbüchern waren „Nestbücher“
Wandervogel inne. Er gehörte zu jenen gemeinschaftliche Arbeiten, oftmals 1. Walter Flex: Der Wanderer zwischen beiden
Kriegsfreiwilligen, die in den Ersten mit kunstvoll gestalteten Einträgen von Welten. Ein Kriegserlebnis. 24. Aufl. München 1918
Weltkrieg zogen und die Schrecken an Teilnehmern und Gästen versehen. Das 18,1 x 12,2 cm
der Westfront erlebten. Diese gab er hier überlieferte „Nestbuch“ gehörte ei- Witzenhausen, AdJb, B 861/117
in zwölf Bleistiftzeichnungen wieder, nem Wandervogel namens Hans Winzer.
die meist Vernichtung und Zerstörung Die gezeigte Zeichnung mit Kriegsmotiv 2. Walter Flex: Im Felde zwischen Nacht und Tag.
dokumentieren. So auch bei diesem stammt von Lothar Reif. E. Hack Gedichte von Walter Flex. 3. Aufl. München 1918
Blatt: der Tod sitzt als Kutscher auf dem 19,2 x 12,8 cm
Leiterwagen, „auf den er seine überrei- 76 Witzenhausen, AdJb, B 861/075
che Beute allzu früh hingeschlachteten „Thing- und Denkmalbuch“ der
Lebens geladen hat.“ Als das Mappen- Ortsgruppe Erfurt im Wandervogel
werk erschien, sah man der künstleri- Deutscher Bund
schen Entwicklung Sievers mit großen 1915–1920 · Halbgewebe; Gewebe, Pappe, Papier
Erwartungen entgegen und selbst der 16,2 x 11 cm
Kunsthistoriker und Generaldirektor Witzenhausen, AdJb, CH 1 Nr. 211/3
der Berliner Museen Wilhelm von Bode
(1845–1929) verglich ihn mit Ludwig Das „Nestbuch“ (Thing- und Denkmal-
Richter (1803–1884) oder den Worps­ buch) aus dem Besitz von Walter Diet-
weder Künstlern, doch auch Sievers fiel rich in Witzenhausen dokumentiert die
in der Nähe von Laon. C. Selheim Zusammenkünfte der Ortsgruppe Erfurt
im Wandervogel Deutscher Bund. Ihm
Karl Storck: Rudolf Sievers. In: Wandervogel. Mo­ gehörte eine ganze Reihe von jungen
natsschrift für deutsches Jugendwandern 10, 1915, freiwilligen Kriegsteilnehmern an. Sie
H. 10, S. 15–18, bes. S. 17. verloren auch während des Ersten Welt-
kriegs, als ihr anfänglicher Idealismus
75 • allmählich Ernüchterung und Enttäu-
Zunft-Buch der Ortsgruppe Berlin- schung Platz machte, nicht den Kontakt.
Lichterfelde im Alt-Wandervogel Nach 1918 zählte dieser Bund zu den
1915–1917 · Halbleder, Metallbeschlag; Leder, maßgeblichen Initiatoren einer ausge-
Gewebe, Pappe, Karton · 23 x 40 cm prägten Gedenkkultur. Er fühlte sich
Witzenhausen, AdJb, CH 1 Nr. 26 dem Gedenken der gefallenen Freunde
intensiv verpflichtet. E. Hack

78.2

254 Katalog
Der Lehrer und Schriftsteller Walter Flex
(1887–1917) gilt als Dichter der Jugend-
bewegung, obwohl er ihr nie angehörte.
Sein autobiografische Züge aufweisender,
erstmals 1916 erschienener Roman „Der
Wanderer zwischen beiden Welten“ zählt
zu den erfolgreichsten Büchern der Wei-
marer Zeit. Flex verarbeitete hierin den
Verlust eines guten Freundes im Ersten
Weltkrieg. Vor einem naturreligiösen
und lebensreformerischen Hintergrund
idealisiert und heroisiert er die Person
Ernst Wurches (1894–1915). Gerade die
Beschreibung des Verhältnisses zwischen
den beiden Hauptprotagonisten an der
Front kann als Idealvorstellung einer in
den Bereich der Homoerotik hineinrei-
chenden Männerfreundschaft gelten.
In dem Buch ist zudem das Gedicht
77 „Wildgänse rauschen durch die Nacht“
aufgenommen, das als Lied in der bün-
dischen Jugend, der Wehrmacht sowie
später in der Bundeswehr und in Schu-
len beliebt war. Hier sind bereits einige
Gedichte veröffentlicht, die sich in dem
1917 publizierten Gedichtband „Im Felde
zwischen Tag und Nacht“ finden.
M. Gruninger

Justus H. Ulbricht: Der Mythos vom Heldentod. Ent­


stehung und Wirkung von Walter Flex’ „Der Wanderer
zwischen beiden Welten“. In: Jahrbuch des Archivs
der Deutschen Jugendbewegung 16, 1988, S. 111–156,
bes. S. 123. – Lars Koch: Der Erste Weltkrieg als kul­
turelle Katharsis – Anmerkungen zu den Werken von
Walter Flex. In: Jahrbuch des Archivs der Deutschen
Jugendbewegung 20, 2005, S. 178–195, bes. S. 179.

79 •
Wappenschild
Berlin, 1917 · Nadelholz, stabverleimt, lackiert;
Eisen · 78 x 54 x 3 cm
Privatbesitz

Der Wappenschild aus dem Jahr 1917


zeigt das 1913 eingeführte Bundeszei-
chen des Deutschen Pfadfinderbundes,
das die Flagge des Armee-Oberkomman-
dos zum Vorbild hat. Darüber findet sich
der Pfadfindergruß „Gut Pfad“, darunter
das Pfadfindermotto „Allzeit bereit“.
Der Wappenschild gehört zu den sog.
Kriegsnagelungen, die seit 1915 Spen-
den zugunsten von Kriegswaisen und
-hinterbliebenen erbringen sollten. Hier
sammelten wahrscheinlich Mitglieder
einer Berliner Pfadfindergruppe. Jeder
Nagel war mit einer meist vorgegebe-
nen Spende verbunden und die Aktion
beendet, wenn das Motiv oder die Figur
vollständig mit Nägeln verziert war.
Die wohl bekannteste Kriegsnagelung
79

Jugend im Kriegstaumel 255


stellte 1915 ein überdimensionales
Standbild Generalfeldmarschalls von
„Beim Melden“ im militärischen Geiste
statt (Das Pfadfinderbuch, 1911). Sie
Kriegserinnerung
Hindenburg im Berliner Tiergarten identifizierten sich mit den vaterlän-
dar. T. Brehm dischen Zielen, gerade auch im Krieg. 1914 zogen viele Wandervögel begeistert
Die Verwendung des Eisernen Kreuzes, in den Ersten Weltkrieg. Die überproporti-
Berlin, Berlin. Die Ausstellung zur Geschichte der Symbol der preußischen Militärtradi­ onal hohen Verluste unter ihnen bewirk­
Stadt. Hrsg. von Gottfried Korff/Reinhard Rürup. tion seit 1813, auf dem Abzeichen zeugt ten nach dem Krieg eine ausgeprägte
[Link]. Martin-Gropius-Bau, Berlin. Berlin 1987, davon. Zum Tragen waren nur diejenigen Erinnerungskultur. Besonders der Mythos
bes. S. 359. – Dietlinde Munzel-Everling: Kriegsnage­ berechtigt, die nach Kriegsbeginn „treu von Langemarck fand in der Jugendbewe-
lungen in Schulen. Wiesbaden 2010. beim Bund blieben“ oder ihm während gung der Weimarer Republik seinen fes-
des Krieges beitraten. S. Rappe-Weber ten Platz. Er diente als Friedensmahnung
und häufiger noch als Appell, sich nicht
Der Feldmeister 1916, S. 18. mit dem Versailler Vertrag abzufinden.
Im Zentrum der Kriegserinnerung stand
81 • die 1916 erschienene Erzählung „Der
Pfadfinderkorps Frankfurt am Main Wanderer zwischen beiden Welten“ von
Fotoalbum · 1914–1916 · Kunstleder, Pappe, Karton, Walter Flex. Doch nicht nur Bücher, Lie-
Papier · 22,8 x 39 cm · Privatbesitz der und Gedenksteine hielten die Erinne-
rung wach, sondern auch Jugendburgen
Der Deutsche Pfadfinderbund mit stark wie die Burg Ludwigstein bei Kassel.
scoutistisch-militärischer Ausrichtung Sie wurde ausdrücklich als „Ehrenmal
wurde am 18. Januar 1911 als erster zum Gedächtnis der im Ersten Weltkrieg
deutscher Pfadfinderbund gegründet. gefallenen Wandervögel“ erworben und
80 Das Datum fiel mit der 40. Wiederkehr mit einem sakral gestalteten Raum
80 • der Reichsgründung zusammen. Es weist versehen.
Pfadfinder-Kriegsabzeichen mit zugleich auf die nationale und staats-
Eisernem Kreuz treue Orientierung des Bundes hin. Dass
Ab 1916 · Samt, Metall · 3 x 3 cm seine Mitglieder nicht nur aus dem Bil-
Schwalmtal, Pfadfinder-Geschichtswerkstatt e.V., dungsbürgertum stammen, unterschei-
Pfadfindermuseum det einige seiner Gruppen, wie z.B. dieses
aus Lehrlingen bestehende Frankfurter
Der Deutsche Pfadfinder-Bund hatte be- Pfadfinderkorps, unter sozialgeschichtli-
reits vor dem Ersten Weltkrieg das engli- chem Aspekt vom bürgerlichen Wander-
sche Programm des Scouting, wie es von vogel. Seinem Gründer, dem Fabrikanten
dem Gründer Sir Robert Baden-Powell Adolf Haeffner, war das Album gewidmet.
(1857–1941) in seinem Buch „Scouting for Erst nach dem Ersten Weltkrieg nähern
Boys“ von 1908 entwickelt worden war, sich die Wandervogelbewegung und Teile
im Sinne einer vormilitärischen Ertüchti- der Pfadfinder in ihrer kulturellen Praxis
gung der männlichen Jugend umgeformt. einander an und entwickeln sich gemein-
Die Übungen und Spiele der Pfadfinder sam zur bündischen Jugend. 82.2
fanden „Im Feld“, „Beim Kundschaften“, H.-U. Thamer 82 •
Gedenktafel der Fahrenden Gesellen

1. Gedenktafel
Um 1920 · Bronze · 29,6 x 40 cm · Bez.: Unseren /
Helden / Gruppe Dresden / 1914 / 1918
Witzenhausen, AdJb, G 11 Nr. 44

2. Fotoalbum
Um 1920 · Karton, geprägt, Kordel · 24,7 x 31,9 cm
Witzenhausen, AdJb, F 3 Nr. 545

Die Erinnerung an den Krieg bedeutete


für die Jugendbewegung zugleich die
Bewältigung von Verlust und die Selbst-
verpflichtung, das Werk der Gefallenen
zu vollenden. Monumente wie diese Ge-
denktafel, die die Dresdener Gruppe der
Fahrenden Gesellen mit dem Bundes-
zeichen, der Kornblume, sowie Lorbeer-
und Eichenranken schmückte und in
der Nähe ihres Gruppenheims an einem
81

256 Katalog
bild eines jungen Deutschen“. Dessen
Neuauflage 1934 löste überschwäng­
liche Reaktionen aus. Die Jugendbewe-
gung idealisierte Noack als Held, wel-
cher aus dem Wandervogel kommend
sein Leben für das Vaterland gab. In der
Mitte der 1920er Jahre ließen die Eltern
eine Marmorbüste ihres Sohnes durch
den Bildhauer Hans Krückeberg anferti-
gen, einen Gipsabguss stifteten sie der
Jugendburg Ludwigstein 1926 für den
Gedenkraum für gefallene Wandervögel.
M. Gruninger

Winfried Mogge: Ringende Jugend. Leben und Tod


des Wandervogels Helmut Noack. In: Schock und
Schöpfung. Jugendästhetik im 20. Jahrhundert.
Hrsg. von Willi Bucher/Klaus Pohl. Darmstadt/Neu­
wied 1986, S. 394–397, bes. S. 397.

84 •
Wandererstube auf der Burg Ludwigstein

1. Totenbuch für die gefallenen Mitglieder des Bundes


Deutscher Wanderer
Hans Michael Bungter/Johanna Focken · 1926
82.1 Handeinband, Ganzleder; Leder, Gewebe, Karton,
Papier · 35 x 27,5 cm
Stein anbrachte, förderten die Rituali- Helmut Noack (1900–1919), einziges Witzenhausen, AdJb, A 211 Nr. 114
sierung des Gedenkens. Typisch waren Kind einer großbürgerlichen Familie,
in diesem Zusammenhang ernste Feier- trat mit 13 Jahren in den Berliner Wan- 2. Kerzenständer
stunden mit Gesang, Rezitation, etwa dervogel ein, welcher ihn stark beein- Um 1926 · Stahl, geschmiedet · H. 50 cm, Dm. 32 cm
von Texten Walter Flex’, und „schlich- flusste. Im Ersten Weltkrieg wandelte Witzenhausen, AdJb, G 7 Nr. 147
ter“ Ansprache. Mit dem Verblassen der sich sein Berufswunsch vom Natur-
kon­­kreten Erinnerung an tote Freunde wissenschaftler zum Offizier, um als 3. Postkarte (Abb. S. 206)
gewannen zunehmend stereotype Ideal- „Erzieher des Volkes“ zu wirken. Druck: Hofdruckerei H. Hohmann, Darmstadt · 1926
bilder „des Frontsoldaten“ Raum. Ab 1918 diente Noack an der Westfront Autotypie · 10,2 x 15 cm · Bez.: Zum Gedenken an die
R. Ahrens und glaubte, seine Bestimmung im Mi- Weihe der Wanderer= / stube auf Burg Ludwigstein
litär gefunden zu haben. Er wurde zum am 18. Juli 1926
Alt-Wandervogel 14, 1919, H. 5, Maien „Unseren Leutnant befördert und mit dem Eiser- Witzenhausen, AdJb, A 211 Nr. 137
Toten“, S. 37. – Martin Georgi: Unser Heldenhain. nen Kreuz ausgezeichnet. Revolution
In: Der fahrende Gesell 8, 1920, H. 12, Julmond und Kriegsniederlage desillusionierten 1920 erwarben Mitglieder der Jugendbe-
(Dezember), S. 173–174. ihn. Daraufhin sah er seine Zukunft nur wegung die Burg Ludwigstein östlich von
in den Freikorps. Bei Abwehrkämpfen in Kassel. Sie bauten diese in den folgenden
83 • Bauska (Lettland) fiel Helmut Noack im Jahren zum „Ehrenmal zum Gedächtnis
Helmut Noack Mai 1919. der im Ersten Weltkrieg gefallenen Wan-
Seine Eltern veröffentlichten 1921 seine dervögel“ aus und richteten dort 1926
1. Helmut Noack: Ringende Jugend. Lebensbild Briefe, Tagebuchblätter und Gedichte in eine „Wandererstube“ ein, die diesem
eines jungen Deutschen. Briefe, Tagebuchblätter dem Buch „Ringende Jugend. Lebens- Andenken gewidmet war. Die Postkarte
und Gedichte. 3. Aufl. Berlin/Leipzig 1934 zeigt deren zentrale Gegenstände: ein
Ganzgewebe; Gewebe, Pappe, Papier · 18,9 x 13,2 cm Totenbuch, in dem namentlich an viele
Witzenhausen, AdJb, B 813/025 gefallene Jugendbewegte erinnert wur-
de, dazu ein schmiedeeiserner sieben-
2. Büste armiger Leuchter, der Wimpel mit dem
Hans Krückeberg (1878–1952) · Berlin, 1926 Emblem des Bundes der Wanderer, des
Gips­abguss · H. 55,5 cm Hauptinitiators dieser Gedenk­initiative,
Witzenhausen, AdJb, G 8 Nr. 5 sowie einen Blumenstrauß. Der Gesamt-
eindruck ist eher persönlich und fast
schon intim – vor allem im Vergleich mit
der in den Folgejahren dort gepflegten
Kriegserinnerung. B. Stambolis

83.1

Kriegserinnerung 257
Jugendbünde über Krieg, Revolution
und Neubeginn zu wahren und das
Erbe der ersten Wandervogelgenera­
tion weiterzutragen. Mit der nach 1933
erschienenen Postkarte, auf der die
Gestaltungselemente Fenster, Kerzen,
Kränze, Fahnen – und am Rande auch
das Hakenkreuz­symbol – deutlich zu
sehen sind, behaup­­tete die Vereinigung
Jugendburg Ludwigstein gegen den
ausschließlichen Anspruch der Natio-
nalsozialisten ihr Anrecht darauf, das
Erbe der Weltkriegstoten aus den Rei-
hen der Wandervögel zu vertreten.
S. Rappe-Weber

87 • (Abb. S. 47)
Buntglasfenster des Gedenkraums
auf Burg Ludwigstein
Entwurf: O. Brenneisen · Hannover, 1933
Glas, Blei, Holz · 163 x 110 cm
Witzenhausen, Burg Ludwigstein

Seit dem Erwerb und dem Ausbau der


Burg Ludwigstein oberhalb der Werra
durch die Wandervogelbünde im Jahre
1920 bestand die Idee, die künftige
Jugendburg auch zu einem „Ehrenmal“
für die im Weltkrieg gefallenen Ange-
hörigen des Wandervogel zu machen.
Nach verschiedenen Vorstufen wurde
im November 1933 der Gedenkraum
eingeweiht. Seinen sinnstiftenden
85.2 Mittel­punkt bildete das von O. Brenn­
85 • eisen gestaltete Buntglasfenster an
Pläne zur Gestaltung des Gedenkraums vom Hohen Meißner“ und dem „Ver- der Stirnseite des Raumes. Es zeigt vor
auf Burg Ludwigstein mächtnis“ der Toten, betont durch eine blauem Hintergrund ein zum Zeichen
Kriegswandervogel-Fahne und das in der Trauer gesenktes, von einem gelben
1. Entwurf mit fünf Ansichten die Außenwand eingelassene Glasfens- Kreuz umrahmtes Schwert. Damit erhält
Paul Haferkorn u. Hermann Hering (1879–1945) ter, das ursprünglich sternförmig an- das Fenster eine sakrale Würde- und
Göttingen, März 1926 · Pause (?) · 28,1 x 52,7 cm gelegt, jetzt ein mit seiner Spitze nach Trauerform und impliziert zugleich eine
Bez.: Jugendburg Ludwigstein / Gedenkraum […] unten gerichtetes Schwert in einem Heroisierung des Totengedenkens. Mit
Witzenhausen, AdJb, Ü 2 Nr. 5 Kreuz zeigt. Auch die aus diesem Anlass
gehaltenen Ansprachen und gesungenen
2. Entwurf mit fünf Ansichten Lieder verweisen auf den zunehmend
Paul Haferkorn · Göttingen, 21. August 1933 NS-ideologisch vereinnahmten Gedenk-
Pause (?) · 49 x 42,7 cm · Bez.: Jugendburg / und Erinnerungsort. B. Stambolis
Ludwigstein / Gedenkraum […]
Witzenhausen, AdJb, Ü 2 Nr. 4 86 •
Postkarte „Gedenkraum
Die festliche Einweihung eines bereits der gefallenen Wandervögel“
1926 im Entwurf von Hermann Hering Fotograf: Julius Groß (1892–1986) · Druck:
und Paul Haferkorn vorliegenden Ge- Heinrich Schiele, Regensburg · nach 1933
denkraums auf der Burg Ludwigstein Autotypie · 14,7 x 10,7 cm
für die aus dem Ersten Weltkrieg nicht Witzenhausen, AdJb, A 211 Nr. 137
zurückgekehrten Wandervögel mit
ausgeprägt auratischem und sakralem Der Gedenkraum der Burg Ludwigstein
Charakter erfolgte erst nach der natio­ zur Erinnerung an das Schicksal der
nalsozialistischen Machtergreifung ge­fallenen Wandervögel des Ersten Welt-
1933. Bei den Einweihungsfeierlichkei- kriegs diente der persönlichen Trauer
ten galten die Treuegelöbnisse der An- der überlebenden Freunde und Kamera-
wesenden der Bewahrung der „Flamme den, aber auch dazu, die Kontinuität der
86

258 Katalog
dieser Sakralisierung und Heroisierung
des Kriegstodes entspricht die Gestal-
tung einer grundsätzlichen Wendung des
Totenkultes am Ende der 1920er Jahre,
bei dem sich die Trauer mit der Versi-
cherung verbindet, dass die Opfer nicht
umsonst gewesen und Voraussetzung für
alles Leben und ein neues Menschentum
seien. Dieser politisch-ideologischen
Programmatik verlieh der Wandspruch
„Die Gefällten sind es auf denen das
Leben steht“ von Christian Morgenstern
(1871–1914) zusätzlich Ausdruck. Daher
ist es auch nicht verwunderlich, dass
der Raum mit seinem Glasfenster nach
der nationalsozialistischen Machtüber- Abbildung aus
nahme in Anwesenheit von HJ-Führern,
die mittlerweile die Kontrolle über die urheberrechtlichen Gründen
Burg übernommen hatten, eingeweiht
wurde. H.-U. Thamer unkenntlich gemacht
88 • (Abb. S. 46)
Langemarckheft
Der Falke. Monatsschrift der Adler und Falken. Deut­
sche Jugendwanderer e.V. 1932, H. 4/5 · 23,3 x 15,5 cm
Witzenhausen, AdJb, Z 100/1003

Mit der „Langemarckfeier“ in der Rhön


1924 wurde die Kontinuitätslinie von
den Kriegsfreiwilligen des Jahres 1914
zur Jugendbewegung der 1920er Jahre
fest in der Vorstellungswelt der Bünde
verankert. Die „Adler und Falken“, die
das soldatische Element seit 1928 be-
sonders entschieden in ihr Bundesleben 89
integrierten, organisierten nicht nur die
Herausgabe eines aufwendigen Erinne- (1878–1948) der Wandervogelbewegung „Falken“ spiegelt die für die späten Jahre
rungsheftes als Gemeinschaftsprojekt nahe. Sie waren 1920 als Reaktion auf der Weimarer Republik vorzugsweise im
mit anderen Bünden, sondern auch an­ den Zerfall des Wandervogel e.V. entstan- Lager der nationalen Rechten übliche
strengende „Langemarck-Gepäckmär- den und verstanden sich als ein völkisch Tendenz zur Heroisierung des Kriegs-
sche“. Beides diente der Verinnerlichung geprägter Jugendbund mit dem Ziel der erlebnisses wider. Im Vordergrund sind
eines Ideals, das die bereitwillige und „Erneuerung des deutschen Menschen“ Bündische in strengen und geschlosse-
freudige Hingabe des eigenen Lebens im auf der Grundlage einer deutschen nen Marschkolonnen zu sehen, über und
Dienste der größeren Sache als selbst- Kultur und in strikter Abgrenzung von hinter ihnen, mehr schemenhaft, die Sol-
verständlich verlangte. R. Ahrens „artfremden Einflüssen“. Der Bund zählte daten des Ersten Weltkriegs. Sie tragen
in kurzer Zeit etwa 3.000 Mitglieder. den erst 1916 eingeführten Stahlhelm,
Rudolf G. Binding: Deutsche Jugend vor den Toten Zu seiner wirkungsvollen Kulturarbeit der in der Nachkriegszeit zum Symbol
des Krieges. Dessau 1924. – Gerd Krumeich: Lan­ gehörten die Übernahme von Elementen für die Härte und Entschlossenheit der
gemarck. In: Deutsche Erinnerungsorte. Hrsg. von der Jugendmusikbewegung und die Her- Soldaten wurde. Die Bildkomposition
Etienne François/Hagen Schulze, 3 Bde. München ausgabe zahlreicher Broschüren im eige- vermittelt die Botschaft, dass die Kämp-
2001, Bd. 3, S. 292–309. nen Verlag, in dem auch Künstler, die den fer der Gegenwart den toten Helden von
„Adlern und Falken“ nahestanden, ihre Langemarck und den anderen Schlacht-
89 • Kunstwerke veröffentlichten. In diesem feldern des Weltkriegs verpflichtet seien.
Marschierende Kolonne Buch war auch A. Paul Weber, dessen Um diese Zielrichtung zu verdeutlichen,
A. Paul Weber (1893–1980) · in: Der Falke. Monats­ Zeichnung „Marschierende Kolonne“ im lässt der Künstler die Kolonnen von
schrift der Adler und Falken. Deutsche Jugendwan­ Sonderheft zu einer Langemarckfeier pu- rechts nach links, d.h. nach Westen, zu
derer e.V. 1932, H. 4/5, S. 62 · 23,3 x 15,5 cm bliziert wurde. Der Zeichner und Maler den einstigen (und künftigen) Schlacht-
Tübingen, Universitätsbibliothek, 16 E 5335 Weber, der von 1906 bis 1914 dem Jung- feldern marschieren. H.-U. Thamer
Wandervogel angehört hatte, besaß in
Die „Adler und Falken, Deutsche Jung- politischer Hinsicht einen völkisch-natio­ Helmut Schumacher/Klaus J. Dorsch: A. Paul Weber.
wanderer e.V.“ standen durch ihren nalrevolutionären und antisemitischen Leben und Werk in Texten und Bildern. Hamburg/
Gründer Wilhelm Kotzde-Kottenrodt Hintergrund. Seine Zeichnung für den Berlin/Bonn 2003, S. 79, Abb. 92.

Kriegserinnerung 259
Ein Meer aus Fahnen
Wie kaum ein anderes Symbol reprä­
sentieren Fahnen und Wimpel die bün­
dische Gemeinschaft und Vielfalt in
der Öffentlichkeit. Genutzt bei Bundes­
treffen, Märschen und im Kaiserreich
bei Nationalfesten, bildeten sie einen
Teil der Selbstdarstellung einer Gruppe.
Die Fahnenweihe spielte eine ebenso
große Rolle wie der Eid auf die Fahne,
ihr Bewachen im Lager oder ihr Tragen.
Nach 1918 kamen neue Gruppen und
Zeichen auf. Einige, teilweise völkisch
orientierte Bünde griffen vermehrt Ru­
nen und Hakenkreuze auf, christliche
die von ihnen interpretierte Kreuzsym-
bolik. Schwarzes Fahnentuch versinn-
bildlichte die Erniedrigung Deutschlands
durch den Versailler Vertrag. Dem Fah-
nenkult der Hitlerjugend versuchte die
bündische Jugend die durch Mannigfal-
tigkeit gekennzeichneten Fahnenmeere
entgegenzuhalten.

90 •
Fahne des Alt-Wandervogel, Ortsgruppe
Berlin-Steglitz
Entwurf: Rudolf W. „Simson“ Reichel · Stickerei:
Mädchen der AWV-Gruppe Steglitz · 1923/24 · Grund:
Wolle, leinwandbindig, grün; Applikation: Wolle, lein­
wandbindig, rot; Stickerei: Seide, Languettenstich,
gelb, beige; Bindebänder: Baumwolle, schwarz · 73 x
70 cm · Bez. (beidseitig): Hie guet allwege Stegelitz
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 11

Der auf der Fahne verwendete Wahl- 91


spruch war der seinerzeit in Branden-
burg verbreitete Gruß „Hie gut Bran-
denburg allewege“, der auch als Lied
bzw. Militärmarsch bekannt war, und
wandelt ihn mit Bezug auf den Berliner
Stadtteil Steglitz, einer bis 1920 selbst-
ständigen Gemeinde, ab. Das dortige
Gymnasium stellt die Keimzelle dar,
wo sich, angeregt von Hermann Hoff-
mann (1875–1955), 1901 unter Leitung
Karl Fischers (1881–1941) der Wander-
vogel gründete. Nach heftigem Streit
über dessen autoritären Führungsstil
teilte sich der junge Verein bereits
1904 in den Wandervogel e.V. und dem
weiterhin Karl Fischer ergebenen Alt-
Wandervogel. Die Fahne entwarf der 90 93
spätere Archi­tekt Rudolf W. Reichel,
der u.a. 1929/30 in Kreuzberg das Haus
des deutschen Metallarbeiterverbandes
gestaltete. S. Rappe-Weber

260 Katalog
91 •
Fahne einer Wandervogelgruppe
Sachsen, 1920er Jahre · Grund: Leinen, naturfarben;
Fransen aus dem Grundgewebe gezogen; Oberkante
Tunnel; Motiv aufgemalt · 66 (mit Fransen) x 50 cm
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 307

Auf dem aus den 1920er Jahren stam-


menden Wimpel sind der Wandervogel-
Greif, nach der Vorlage des Künstlers
Hermann Pfeiffer (1883–1964), und die
Lilien des Pfadfindertums zusammen
dargestellt. Viele Wandervogelgruppen,
so auch diejenigen im sächsischen 92
Chem­­nitz, dem Wohnort der Vorbesit­zer,
Antonie (1913–2000) und Kurt Werner
(1904–1989), übernahmen im Gruppen-
und Fahrtenleben, in Stil und Auftre-
ten viele Elemente der Pfadfinder. Der
kurzlebige, 1926 gegründete „Bund der
Wandervögel und Pfadfinder“ steht für
die Überwindung der vor dem Krieg völ-
lig getrennt agierenden Jugendgruppen.
Der Wimpel wurde später in der DDR
bei den Freundschaftstreffen der ehe-
maligen Jugendbewegten in Jena und
Chemnitz verwendet. S. Rappe-Weber

92 •
Fahne des Bayerischen Wandervogel
Um 1910 (?) · Grund: Baumwolle, leinwandbindig,
weiß; Applikationen: blau, schwarz, gelb, mit Tam­
bourierstich fixiert · 48 x 140 cm (mit Schlaufen)
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 288
94
In den Wandervogelbünden stellte der 93 • 94 •
Sport keinen Selbstzweck dar, sollte Fahne des Wandervogel e.V. Berlin-West Fahne der Rabenklaue
die körperliche Ertüchtigung hier doch Vor 1933 · Grund: Leinen, blau; Applikation: Baum­ Hunsrück, um 1925 · Grund: Baumwolle, leinwand­
– anders als in den Turn- und Sportver- wolle, gelb/Grund: Baumwolle, blau; Applikation: bindig, rot; Besatz: Baumwolle, blau, Wolle, lein­
einen – v.a. über das Wandern selbst Baumwolle, gelb/Bindebänder: Baumwolle, dunkel­ wandbindig, blau; Stickerei: weiß · 96 x 172 cm (mit
vermittelt werden. Aus dem Wandern braun · 37 x 37 cm Schlaufen)
heraus ergaben sich sportliche und Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 15 Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V.,
spielerische Betätigungen wie der Lauf, Archiv
das Klettern, das Schwimmen oder das Zur Überlieferungsgeschichte der Fah­­­-
Geländespiel. Erst als der Wandervogel ne ist – allerdings ohne genaue Datie­ In den „Weistümern des Bundes“ legte
nach pfadfinderischem Vorbild vermehrt rungen – festgehalten, dass sie vor der Bundesführer Robert Oelbermann
Lager veranstaltete, standen auch Wett- 1933 im Berliner Wandervogel verwen- (1896–1941) die Organisationsstruktur
kämpfe auf dem Programm, bei denen det wurde. Dafür ist ihre Emblematik des Nerother Wandervogel dar: „Jeder
die Sieger als Belohnung eine Fahne un­ge­wöhnlich. Sowohl die Farben Orden und jedes Fähnlein führt sein
erringen konnten – trotz der Vorbehalte Gelb bzw. Gold auf blauem Grund, die Banner oder Wimpel, auf dem die ei-
gegen einen „Götzendienst an der Zahl“ als arische Farben galten, wie auch die genen Wappen getragen werden. Diese
(Klingel), den Sportplatz, Uhr und Maß- Kombination der beiden Elemente Pflug werden durch den Wappenspruch vom
band repräsentierten. S. Rappe-Weber und Hakenkreuz stehen eindeutig für Bundesführer geweiht. Das gemeinsa-
die germanisch-völkische Ideologie, die me Bundeswappen ist der Wildschwan.
Erich Klingel: Das Wandern in Verbindung mit über Gruppierungen wie den „Greifen- Die Bundesfarben sind blau-rot.“
Leibesübungen aller Art. Vortrag auf dem Reichs­ bund“ und Personen wie den Pädago­gen Der Bund war also nicht in Gaue, son­
herbergstag in Düsseldorf am 19. September 1926. Wilhelm Schwaner (1863–1944), zu- dern in Orden unter­teilt. Nach Ansicht
Hilchenbach [1930]. – Jugend gestern und heute. gleich Herausgeber der Zeitschrift „Der Paul Lesers (1899–1984) war das der
Bearb. von Ursula Katharina Nauderer. [Link]. Volkserzieher“, an den Wandervogel „Königsweg“ für die Nerother. So ent-
Bezirksmuseum Dachau. Dachau 2012, bes. S. 79. herangetragen wurden, ohne dass es zu wickelte sich eine große Vielfalt von
einer vollständigen Übernahme dieses Or­­den „mit eigenem Leben“, die Oelber-
Gedankengutes kam. S. Rappe-Weber mann auch förderte. Auf den jährlichen

Ein Meer aus Fahnen 261


Bundestagen mit über 1.000 Jungen
be­­rauschten sich diese an dem gemein-
samen Gesang und dem Fahnenmeer,
welches identitätsstiftend war.
Zu einem der frühesten Orden zählte der
von Paul Leser geführte, der Rabenklaue.
Noch im Mai 1933 kam es zu einem Or-
denstag der Rabenklaue im hessischen
Oberems, auf dem die Situation des Bun-
des besprochen wurde. S. Krolle

Hotte Schneider: Die Waldeck. Lieder, Fahrten,


Abenteuer. Die Geschichte der Burg Waldeck von
1911 bis heute. Potsdam 2005, S. 78–79, Abb. S. 161.

95
Fahne der Freischar Bielefeld
1925/33 · 52,8 x 38 cm
Bielefeld, Stadtarchiv, 270/2 Nr. 9

Jede Gruppe des Großdeutschen Jugend- 97


bundes besaß eine eigene Fahne; die der
Ortsgruppe Bielefeld zeigt auf einer Seite
das Bundeszeichen, auf der anderen die
Sparren des Stadtwappens. Neben der
Identifikation mit dem Bund dienten Fah­­-
nen auch als Zeichen der Heimatverbun-
denheit. Bei jedem Zeltlager wurde mor-
gens feierlich die Fahne gehisst, kein
Bundestag und keine Wanderung fanden
ohne sie statt. Konnte die Gruppe ihre
Zerstörung z.B. bei einem Kriegsspiel
nicht verhindern, war dies ein schwerer
Schlag für das Ansehen und Selbstbe- 96 98
wusstsein der Jungen. C. Liebold
97 • 98 •
96 • Wimpel der Deutschen Freischar Wimpel der Gruppe Rixdorf, Sippe Teja,
Wimpel der „Adler und Falken“, 1926–1933 · Grund: Baumwolle, schwarz; Deutsche Freischar
Horst Weißensee Applikation: Baumwolle, beige, rot · 66 (mit Band Berlin-Neukölln, 1933 (?) · Grund: Baumwolle, weiß;
Berlin-Weißensee, 1927/30 · Grund: Baumwolle, gelb; und Kordel) x 144 cm Applikation: Baumwolle, rot, schwarz; Bindebänder
Applikation: Baumwolle, blau; Stickerei: Platt-, Stiel­ Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 55 28 x 50 cm
stich, schwarz; Motiv: Baumwolle, Plattstich, weiß, Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 59
gelb; Bindebänder · 31 x 60 cm Der schwarze Wimpel mit der Rune
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 295 „Wolfsangel“ und der Freischar-„Lilie“ Während die Freischar-„Lilie“ die Bun-
repräsentiert einen der großen unab- deszugehörigkeit der Berlin-Neuköllner
Der von dem Lehrer und Schriftsteller hängigen Jugendbünde der Weimarer Gruppe bezeugt, verweist die Krone auf
Wilhelm Kotzde-Kottenrodt (1878–1948) Zeit, die Deutsche Freischar. Gegründet die Namenswahl der Sippe. Teja war
1920 gegründete Bund der „Adler und 1926 stand er mit rund 10.000 Mitglie- der letzte König der Ostgoten, der 552
Falken“, der Mädchen- und Jungengrup- dern, darunter ein signifikanter Anteil im Kampf gegen übermächtige oströ-
pen einschloss, gehörte zu den größeren von Mädchen und Frauen, für die libe- mische Truppen fiel. Überliefert wurde
Einheiten der bündischen Jugend mit rale Ausrichtung der bündischen Ju- diese Geschichte in dem Bestseller
einem explizit völkischen Programm, gend. Unter seinem Führer Ernst Buske von Felix Dahn (1834–1912) „Kampf um
das über die Schriften Kotzdes vermittelt (1894–1930), ursprünglich Alt-Wander- Rom“, erstmals 1876 erschienen, der die
wurde. Der Ausgangspunkt der „Adler vogel in Pommern, baute der Bund die Gotenkönige im Sinne der germanischen
und Falken“ im Wandervogel und der geläufigen Formen des Wanderns aus. Volkstumsideologie als Vorfahren und
Anspruch, der neuen Zeit die An­liegen Die Fahrten, die bis in das europäische Vorbilder der Deutschen entwickelte. Im
der Jugend wie eine Fackel vor­anzu­­ Ausland führten, wurden durch Vor- rechten Spektrum der Weimarer Repub-
tragen, kommen im Wimpel der Berlin- und Nachbereitung zu Bildungsreisen lik, zu dem Teile der bündischen Jugend
Weißenseer Gruppe deutlich zum erweitert; die Entwicklung des Einzel- zählten, erfreute sich der Roman Ende
Aus­druck ebenso wie der Aufruf zur nen förderte man in Schulungsprogram- der 1920er Jahre großer Beliebtheit.
Selbst­erziehung des Einzelnen, „Furcht- men, etwa im Boberhaus in Schlesien. S. Rappe-Weber
los und treu!“ zu sein. S. Rappe-Weber S. Rappe-Weber

262 Katalog
99 •
Fahne der Hansischen Jungenschaft
Vor 1933 und nach 1945 · Grund: Wolle, leinwandbin­
dig, rot, beige; Aufdruck: schwarz; Tunnel mit Kordel
und Karabinerhaken · 72 x 91 cm
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 77

Das Bundeszeichen im kleinen roten Feld


der Fahne, der Gösch, sowie die Farb-
gestaltung in Grau, Rot und Schwarz
verweisen auf die Zugehörigkeit der
Jungenschaftsgruppe zu der 1929 von
Eberhard „Tusk“ Koebel (1907–1955)
gegründeten autonomen Jungenschaft
„dj.1.11“, während der geometrisch
konstruierte Adler im Hauptfeld für
die Ortsgruppe in Hamburg steht. Der
ornithologisch bewanderte Führer
„Tusk“ hatte sich mit der Lebensweise
der Falken und anderer Raubvögel be-
schäftigt, bevor er deren Gewandtheit,
Mut und Klugheit als erstrebenswerte
Eigenschaften der Jugend propagierte.
Auch die anderen Zeichen und Farben
waren mit Bedacht gewählt; die damit
verbundenen Ideale wie Ferne und Auf-
bruch (Grau) oder Gleichmut und Be-
ständigkeit (Wellen) flossen über Reden
und Schriften in das elitär konzipierte 99
Gruppenleben ein. S. Rappe-Weber

100 •
Fahne der Pfadfinder-Landesmark
Mittelelbe, Magdeburg
Vor 1925 · Grund: Baumwolle, schwarz; Applikation:
Baumwolle, weiß/Grund: Baumwolle, ocker; Applika­
tion: Flechtband, schwarz · 77 x 128 cm
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 145

Die schwarze Speerspitze auf weißem


Grund war seit 1922 das Abzeichen des
Deutschen Pfadfinderbundes, trotz vieler
Abspaltungen einer der großen Jugend-
bünde. Die rückseitige Wolfsangel ist frei
gestaltet. Die Fahne selbst wurde vom 100 101
letzten Landesmarkführer Otto Recht
(geb. 1900) bis 1981 in Wegenstedt, Kreis 101 • verbände und Horste“ erwarteten, die
Haldensleben, aufbewahrt. Über die Sturmbanner der Pfadfinder dann „in offenem Bogen“ Aufstellung
ambitionierte Zeitschrift „Speerwacht“ Vor 1933 · Grund: Wolle, naturfarben, schwarz, be­ nahmen, formierten sich die Pfadfinder
fand das Speersymbol Verbreitung über druckt; Tunnel mit Kordel, Ösen bildend · 100 x 108 cm als entschlossene Gemeinschaft, die
den Bund hinaus. So wurde die Früh- Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 144 ihren Platz im Staat behauptete. Später
jahrsausgabe des Jahres 1933 in 5.000 zog diese Anordnung dann in Marsch-
Exemplaren kostenlos auf dem letzten Das große Banner des Deutschen Pfad- formation auf einen „Thingplatz“ über
Lager des Großdeutschen Bundes vor finderbundes hatte seinen Platz bei offi- der Stadt, um „vor dem Wald der Ban-
dem endgültigen Verbot der Jugend­ ziellen Anlässen und repräsentierte die ner und Wimpel“ über ihre „gemeinsam
bünde verteilt. S. Rappe-Weber ganze zeremonielle Würde des Bundes. heilbringende Idee“ und deren Verbrei-
Wenn sich etwa die Delegierten eines tung in das Volk zu beraten.
Alexander Lange: Meuten – Broadway-Cliquen – großen Führertreffens in einer Schul- S. Rappe-Weber
Junge Garde. Leipziger Jugendgruppen im Dritten aula in „eiserner Stille“ versammelten,
Reich (Geschichte und Politik in Sachsen 27). Köln stehend den „Reichsvogt“, den „Kanz- Die Pfingstführerwoche des Deutschen Pfadfinder­
2010, S. 50–51. ler“ und deren Bannerträger mit „allen bundes Dresden 1923. In: Führerblätter des Deut­
Bannern und Wimpeln der Landes- schen Pfadfinderbundes 1924, H. 1, S. 10, 41.

Ein Meer aus Fahnen 263


102 •
Bundesbanner des Bundes der
Reichspfadfinder
1928 · Grund: Baumwolle, leinwandbindig, schwarz,
beige/Grund: Baumwolle, Atlasbindung, gelb,
schwarz; Applikationen aufgenäht; Karabinerhaken
101 x 163 cm (mit Schlaufen)
Schwalmtal, Pfadfinder-Geschichtswerkstatt e.V.,
Pfadfindermuseum

Seit 1928 besaß der 1925 gegründete


Bund der Reichspfadfinder ein Bundes­
banner, das auf der einen Seite eine
Lilie und auf der anderen einen an den
Reichsadler erinnernden Adler zeigt.
Auf den jährlich stattfindenden Bun-
deslagern wurde es dem im Wettkampf
besten Gau übergeben. So gelangte es 102
zur Wintersonnenwende 1932 an die in
Dülken ansässigen Sturmfalken unter
ihrem Kornett Hans van Kempen, der
es zu Beginn des „Dritten Reiches“
ver­steckte. Dann boten ihm 1934 zwei
ehemalige Pfadfinder, inzwischen Mit-
glieder der SS, an, das Banner nach Aa-
chen zum Bundesführer Karl Wappen
zu bringen. Dieser verwahrte es fortan,
obwohl er dies bei Befragungen bestritt
und erklärte, es sei verbrannt worden.
Bei seiner kriegsbedingten Umsiede-
lung nach Thüringen nahm er es 1944
ebenso mit wie bei seiner Rückkehr
nach Aachen. 1959 überreichte er das
Banner wieder Hans van Kempen, der
nun die Führung des neuen Stammes
„Adler“ im Bund deutscher Pfadfinder
innehatte. C. Selheim

Manfred Hube: Ein Bundesbanner auf der Flucht. In: 103


Scouting 1, 1998, S. 14–15.
Dynamik. Umseitig sieht man auf blau­ Auf der einen Seite des Wimpels ist auf
103 • em Grund ein weißes Dreieck mit gelbem gelbem Grund eine weiße Blume mit acht
Thüringer Gaubanner des Quickborn Kreuz, auf das von allen Seiten Sonnen- Blütenblättern appliziert, darüber ist
1928 · Grund: Baumwolle, leinwandbindig, blau; strahlen andeutende gelbe Pfeile zielen. der Stadtname Gotha in Blau gestickt.
Applikation: weiß, ocker; Konturen gestickt/Grund: Das Banner, das ein verloren gegangenes Die andere Seite zeigt auf blaugrauem
Baumwolle, Atlasbindung, schwarz; Applikation: früheres ersetzte, wurde das erste Mal Grund ein gelbes Kreuz vor einer in
Baumwolle, grün, rot; Konturen gestickt · 78 x 118 cm beim Katholikentag 1928 in Magdeburg Gold strahlenden Sonne sowie in gelber
Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg getragen. 1930 kam es beim Jungen- Stickerei den Bundesnamen Quickborn.
Rothenfels e.V. schaftslager in der Nähe von Finster- Das „Sonnenkreuz“ des Quickborn wur-
bergen im Thüringer Wald zum Einsatz. de zu Beginn der 1920er Jahre noch auf
Das Banner des katholischen, im Jahr Bei der letzten Pfingsttagung 1933 auf unterschiedliche Weise dargestellt.
1909 in Neiße (Nysa, Polen) gegründeten der Georgsburg bei Erfurt musste es ein- Bei dem Wimpel der Gothaer Gruppe
Bundes Quickborn zeigt auf schwarzem geholt werden, da die Hitlerjugend das handelt es sich um den ältesten des
Grund ein grünes, gleichschenkliges Treffen massiv störte. M. Barbers Thüringer Gaues. Er wurde beim ers-
Dreieck mit gelben Linien, möglicherwei- ten mitteldeutschen Quickborntag in
se einen Wald andeutend, und davor ein 104 Gotha im Juli 1921 von Hermann Hoff-
züngelndes rotes Feuer. Dieses war in Wimpel des Quickborn Gotha mann (1878–1972), Priester und einer
der Jugendbewegung ein Symbol für die 1921 · Grund: Baumwolle, Atlasbindung, blau, gelb; der Vor­stände des „Vereins der Quick-
dem Feuer verschworene Gemeinschaft, Applikation; Stickerei: Plattstich, gelb, blau; Binde­ bornfreunde“, geweiht. M. Barbers
die sich darum versammelte, was ihr Zu- bänder: Baumwolle, beige · 33 x 78 cm
sammengehörigkeitsbewusstsein stärkte; Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg
es war aber auch ein Zeichen für ihre Rothenfels e.V.

264 Katalog
105 •
Fahne des Jungkreuzbundes
Duisburg (?) 1920/30er Jahre · Grund: Baumwolle,
schwarz; Applikation: Baumwolle, gelb · 155 x 151 cm
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 303

Der Jungkreuzbund zählt zu einer Viel-


zahl kleinerer katholisch-bündischer
Gruppierungen, die sich außerhalb der
Kirchenorganisation für ein christlich
geprägtes Jugendleben und eine Erneu-
erung gottesdienstlicher und gemeind-
licher Praxis engagierten. Bezugspunkte
bildeten etwa Sonnenwendfest und
Gottesdienst, Volksgemeinschaft und
Heiliges Land, Grenzlandfahrt und Wall-
fahrt, Naturerleben und Dankgebet und
dergleichen. Der Jungkreuzbund war vor
allem im Rheinland, in Westfalen und
Schlesien vertreten. Diese Fahne stammt
aus Duisburg von einer siebenköpfigen
Geschwisterschar, die im Jungkreuzbund
aktiv war. Die Bundesleitung hatte ein
Pfarrer inne. Die einzelnen Gaue wurden
jeweils von einer Frau und einem Mann
geleitet. S. Rappe-Weber

Im Ringen um die Gemeinschaft. Bundestag des


Jungkreuzbund 1927. Düsseldorf 1927.

106 •
Fahne des Bundes Deutscher Bibelkreise 105
1920er Jahre · Grund: Wolle, schwarz, Tunnel; Einla­
ge: Baumwolle, schwarz; Stickerei: Tambourierstich,
weiß · 34 x 107 cm
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 126

Der schwarze „Landsknechtswimpel“


mit der Losung „Jesus-Vaterland“
stammt aus dem Nachlass des Grün-
ders der „Hermann-Schar, Christliches
Jungvolk“, Karl-Otto Paetel (1906–
1975). Der spätere Journalist und NS-
Gegner aus Berlin hatte früh Anschluss
an einen recht frommen evangelischen
Bibelkreis gefunden und diesen – unter
dem Eindruck jugendbewegter Freihei-
ten – nach einigen Jahren wieder ver-
lassen, um nach eigenen Vorstellungen
im Geiste des „heimlichen Christ“ die 106
Hermann-Schar mit Bezug zum germa-
nischen Erbe als einen eigenen Kreis
zu begründen. „Es war eine rauschhafte
Zeit, von nicht allzuviel Ideologie be-
einträchtigt. Irgendwann schauten wir
auf unseren Wimpel und benannten
uns um in ,Christlicher Wandervogel‘“,
schrieb Paetel rückblickend.
S. Rappe-Weber

Karl Otto Paetel: Reise ohne Uhrzeit. Autobiogra­


phie. Worms 1982, S. 127.

Ein Meer aus Fahnen 265


Entdeckung neuer Territorien außerhalb des Reiches mit
Schwerpunkt im nahen Osteuropa. Die
dem Versailler Vertrag abgetretenen
und die von „Volksdeutschen“ besiedel-
Welten Bündischen sahen sich als Nachfolger ten Gebiete führten die Gruppen dieser
des Deutschen Ritterordens, von dem Bünde einen Balkenkreuzwimpel über
sie die Aufgabe zur „Kolonisation“ im ihrer Gruppenfahne. Das Balkenkreuz
Auf gemeinsamen Fahrten stärkten Sinne des „Deutschtums“ übernommen wurde später auch das Bundeszeichen
Ju­gendbünde ihr Gruppengefühl. Viele hätten. Der in Liedern und Bildern ver- der Freischar junger Nation (1930) und
begaben sich auf sog. Großfahrten, die arbeitete Aufruf, „nach Ostland zu rei- des Großdeutschen Bundes (1933), die
ihren Mitgliedern ein Zusammentreffen ten“, trug deutlich aggressive Züge und damit ihren Anspruch dokumentier-­
und einen Austausch mit Bewohnern stilisierte gleichzeitig die Bündischen ten, die bündische Jugend zu einen.
anderer Länder und deren kaum bekann­ zu kriegerisch-aufopferungsvollen Aris- Das Kreuz weist also auf dreierlei hin:
ten Kulturen ermöglichen sollten. tokraten. R. Ahrens Auf den politischen Standpunkt der
Bevor­zugtes Fahrtenziel vieler Gruppen Bünde, die aktiv gegen die Versailler
wurden die von Deutschen bewohnten Walter Propping: Baltikum. In: Die Heerfahrt 13, 1931, Ordnung ankämpften; auf das Gefühl
Gebiete außerhalb des Deutschen Rei- H. 11. – Hermann Siefert: Der bündische Aufbruch einer Zu­sammengehörigkeit, auch
ches mit einem Schwerpunkt im nahen 1918–1923. Bad Godesberg 1963, S. 148–164. wenn ein Zusammenschluss zunächst
Osteuropa. nicht erreicht werden konnte; und auf
Der Nerother Wandervogel unternahm das Ethos, das für jeden einzelnen
in der Zwischenkriegszeit sehr spek- wegweisend wurde, nämlich das eines
takuläre Fahrten. Sie führten u.a. nach kampf- und opferbereiten Ordensrit-
Indien, in die Sowjetunion, den Orient ters, der Einordnung mit Überlegenheit
und nach Südamerika. Die Teilneh- verband.
mer finanzierten die Fahrten zum Teil Ein weiteres Zeichen akzentuierte noch
selbst, ferner mit Theateraufführun- stärker den Protest, den die Bünde
gen, Konzerten und durch das Drehen gegen den Versailler Vertrag einlegten.
von Filmen. Solche Reisen waren für Zum zehnten Jahrestag des Waffenstill-
Jugendliche eine Horizonterweiterung. standes von 1918 rief der Führer des
Jungnationalen Bundes, Walther Kayser
(1901– verm. 1944), dazu auf, künftig
bei allen Veranstaltungen ein schwar-
108.3 zes Tuch „als Fahne des Widerstandes
108 • und des Freiheitskampfes“ zu zeigen.
Balkenkreuzwimpel Der Aufruf stieß bei einer Reihe von
Bünden auf Zustimmung, sodass sich
1. Balkenkreuzwimpel, Deutsche Freischar, Leipzig die Schwarze Fahne als zweites gemein-
1928–1930 sames Symbol der Bünde etablierte,
Grund: Baumwolle, Ripsbindung; Besatz: Ripsband, allerdings mit geringerer Verbreitung
beige · 13 x 83 cm als das Balkenkreuz. R. Ahrens
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 62
Freiheit und Sendung. In: Der Weiße Ritter 4, 1923,
2. Balkenkreuzwimpel, Pfadfinder H. 8/9. – Walther Kayser: An den Bund. In: Der Zwie­
1927 · Grund: Cellulosefaser, beige; Besatz: Rips­ spruch 10, 1928, Bl. 45.
band, schwarz · 9,5 x 139 cm
Schwalmtal, Pfadfinder-Geschichtswerkstatt e.V.,
Pfadfindermuseum

3. Fotoalbum
1931 (?) · Pappe · 23 x 32,5 cm
Bielefeld, Stadtarchiv, 270/2 Nr. 28

Beim Wartburgfest 1922 und beim


„Grenzfeuer“ im Fichtelgebirge 1923
107 kam eine Reihe von Bünden unter-
107 • schiedlicher Tradition zusammen, die
Aufruf zur Ostlandfahrt nun durch ihre gemeinsame Zielset-
1931 · Druck · 32,8 x 21 cm · Bez.: Nach Ost-land zung nahe zusammenrückten und sich 109
geht / unser Ritt zur bündischen Jugend formierten. 109 •
Bielefeld, Stadtarchiv, 270/2 Nr. 13, 173 Als gemeinsames Symbol wählten sie Fahrtentagebuch des Jungnationalen
das Zeichen des mittelalterlichen Deut­ Bund Gelnhausen, Gruppe Volker
Bevorzugtes Fahrtengebiet der Bünde schen Ritterordens: Ein schwarzes Bal­ 1923/24 · Handeinband, Halbleder; Leder, Papier,
wurden im Rahmen der „Grenzland- kenkreuz auf weißem Grund. Bei den fol- geprägt, Klebefolie · 21,3 x 17,2 cm
arbeit“ die von Deutschen bewohnten genden „Grenzlandfahrten“ in die nach Witzenhausen, AdJb, CH 670

266 Katalog
Vor dem Ersten Weltkrieg mussten sich
Mädchen und Frauen ihre Beteiligung
am Wandervogel und damit emanzipa-
tive Spielräume hart erkämpfen. Nach
1918 wurden weibliche Gruppen ein
selbstverständlicher Teil vieler Bünde,
die sich als „Volk im Kleinen“ verstan-
den und sich daher der Aufnahme von
Mädchen und Frauen stärker öffneten.
Die Führung und Gestaltung der Bünde
waren aber weiterhin deutlich von
Männern dominiert, und auch die sol-
datischen Leitbilder waren für Männer
und Jungen konzipiert. Parallel dazu
etablierte sich das Ideal einer im Stil-
len heroischen Frau, die als Gefährtin
des Mannes und Erzieherin der Kinder
ihren Teil zum Wiederaufstieg des Vol-
kes beitragen sollte. Das galt auch für
den Jungnationalen Bund, der einen
hohen Anteil von Mädchen aufwies. In
dem Fahrtenbuch ist der Besuch einer
Mädchengruppe des „Junabus“ auf der 111
Burg Ludwigstein dokumentiert, einem
zentralen Treffpunkt der Jugendbewe- von Erwachsenen bei den Pfadfindern schied 1921 als Jungnationaler Bund
gung seit den 1920er Jahren. eine maßgebliche Rolle. Dem entsprach aus. Der Deutschnationale Jugendbund,
R. Ahrens eine straffere Organisation als in jugend- seit 1924 Großdeutscher Jugendbund,
bewegten Gruppen. Der DPB entwickelte vollzog unter Führung des Admirals
Marion E. P. de Ras: Körper, Eros und weibliche Kul­ sich zu einer überregionalen Organisa- Adolf von Trotha (1868–1940) dieselbe
tur. Mädchen im Wandervogel und in der Bündischen tion mit mehreren zehntausend Mitglie- Entwicklung etwas langsamer. 1930
Jugend 1900–1933. Pfaffenweiler 1988, S. 216–241. dern, deren Ziel es auch war, Kontakte vereinigten sich beide Bünde wieder
unter Jugendlichen über die nationalen zur Freischar junger Nation, einer der
Grenzen hinaus zu pflegen, wie eine Rei- stärksten Organisationen in der bündi-
he von Fahrtenbüchern deutlich werden schen Jugend.
lässt. Aufwendige Vorbereitungen waren Eine Gruppe der Freischar führte 1932
erforderlich, so mussten insbesondere eine „Grenzlandfahrt“ nach Ostpreußen
Reiserouten zusammengestellt und durch. Bei der Fahrt mit einem polni-
Unterkünfte organisiert werden. Diese schen Zug äußerten die Freischärler ihr
Reisen bedeuteten weitgehende „Hori- Ressentiment gegen das als Feind wahr-
zonterweiterungen“ für die Teilnehmer, genommene Polen, indem sie Zugabteile
zumal in der Zwischenkriegszeit natio- mit Toilettenschildern versahen und das
nales Denken und „Horizontverengun- Emblem der Polnischen Staatsbahnen
gen“ verbreitet waren. E. Hack (PKP) als Trophäe aus dem Sitzbezug
schnitten. Solche rüden Streiche zeigen
111 • eine Fahrtenrealität, die offensichtlich
110 Fahrtenbuch der Freischar junger mit dem Idealbild des unbeugsamen,
110 • Nation, Bund Westmark aber disziplinierten Deutschordensrit-
Bericht der Lettlandfahrt einer 1931–1933 · Handeinband, Ganzgewebe; Gewebe, ters kollidierte, an dem sich der bündi-
Freilingsgruppe Papier · 30 x 22,5 cm sche „Grenzlandkampf“ orientierte.
1931 · Handeinband; Karton, Kordel, Papier · 33,3 x Witzenhausen, AdJb, CH 235 R. Ahrens
30,1 cm · Bez.: Baltenfahrt
Witzenhausen, AdJb, CH 1 Nr. 551 Neben Wandervögeln und Pfadfindern Hie junge Nation. Hrsg. vom Jungnationalen Bund.
gab es noch einen dritten Traditions- Berlin-Charlottenburg 1929. – Vom Werden des
Dieses Fahrtenbuch gehörte dem strang, aus dem sich Anfang der 1920er Bundes [des Großdeutschen Jugendbundes]. Hrsg.
späteren Buchillustrator Dieter Evers Jahre die bündische Jugend entwickelte: von Hans Lades (Reihe der Bundesschriften 2). o.O.
aus Wiesbaden, Mitglied im Deutschen Den dezidiert politischen Deutschnatio- o.J. [nach 1929].
Pfad­finderbund (DPB). Im Unterschied nalen Jugendbund, der in der Endphase
zur Jugendbewegung, die die Selbster­ des Ersten Weltkriegs als Schülerver­ 112
ziehung Jugendlicher in kleinen, weit­­­­ band zur Entlastung militärischer Fahrtenbuch einer Großfahrt
gehend altershomogenen Gruppen Dienst­stellen gegründet worden war. 1934 · Handeinband, Ganzgewebe; Gewebe, Pappe,
an­­strebte, spielte die Idee der Erzie- Eine Fraktion orientierte sich schon Papier · 20,8 x 17,1 cm
hungsgemeinschaft unter Anleitung früh an der Jugendbewegung und Witzenhausen, AdJb, CH 1 Nr. 573

Entdeckung neuer Welten 267


Um vor allem Großstadtkindern den zufällig und wollten sich in den folgen- Im August 1925 gründete der 21-jähri-
Aufenthalt in der Natur zu ermöglichen, den Jahren durch ihre Reisen in den ge Bankkaufmann Helmut Düspohl in
entstand vor dem Ersten Weltkrieg der Sommerferien ein möglichst umfassen- Bielefeld eine Ortsgruppe des Großdeut-
Gedanke, Herbergen einzurichten, in des Bild von den Lebensverhältnissen schen Jugendbundes. Dessen Geschichte
denen Lehrer mit ihren Schülern und dieser Auslandsdeutschen im multieth- hatte im Oktober 1918 begonnen, als Ber-
auch wandernde Gruppen Jugendlicher nischen Südosteuropa verschaffen. Die liner Gymnasiasten sich als letzte Reser-
kostengünstig übernachten konnten. Gruppen der Sächsischen Jungenschaft ven für den Fronteinsatz zur Verfügung
An der Verbreitung des Jugendherbergs- setzten sich überwiegend aus (Real-) stellen wollten. In der Folge entstand
gedankens hatte der Lehrer Richard Gymnasiasten zusammen. Angeleitet der Deutschnationale Jugendbund, von
Schirrmann (1874–1961) maßgeblichen wurden sie von Oberstufenschülern dem sich 1921 der Jungnationale Bund
Anteil. Dieses Fahrtenbuch dokumentiert und Studenten, die ebenfalls als Schüler abspaltete. Vizeadmiral a.D. Adolf von
Unternehmungslust und Verbundenheit Mitglieder der Jungenschaft oder deren Trotha (1868–1940) wurde Bundesführer
junger Menschen auf ihren gemeinsa- Vorgängerorganisation, des Sächsischen des Deutschnationalen Bundes, der im
men Reisen. Es gehörte Siegfried Paul Wandervogel e.V., gewesen waren. Den August 1924 in Großdeutscher Jugend-
aus Annaberg-Buchholz im Erzgebirge, reinen Jungengruppen, die sich in die bund umbenannt wurde. Im zunächst
Mitglied im Deutschen Pfadfinderbund, reichsweite Deutsche Freischar integ- sehr militärisch geprägten Gruppenleben
Fähnlein „Ermunduren“. E. Hack rierten, ging es bei ihren Freizeitaktivi- setzten sich langsam bündische Formen
täten darum, ihrer Adoleszenz Raum zu durch wie Bilder von Zeltlagern, Jungen
geben, ihren Horizont zu erweitern und in Kluft und Märschen sowie ausgewähl-
sich so neben Elternhaus und Schule te Liedzeilen in diesem Fahrtenbuch
einen weiteren Lebensmittelpunkt zu des Wölflingslagers aus dem Jahr 1931
schaffen – im Gruppenleben zu Hause belegen.
wie auch auf Fahrt im In- und Ausland. Im Mai 1930 schlossen sich der Groß-
F. Hövelmans deutsche Jugendbund und die Deut-
sche Freischar unter Führung von
Rudolf Kneip u.a.: Jugend zwischen den Kriegen. Tro­thas zusammen, der Jungnationale
Eine Sammlung von Aussagen und Dokumenten. Bund folgte im Juni. Bereits im Okto­
Heidenheim a.d. Brenz 1967. – Friederike Hövelmans: ber schied die Deutsche Freischar
Grenzlandfahrten und Schüler- und Studentenaus­ aus dem Verbund aus. Großdeutscher
tausch als Selbsterfahrung und Bildungsformate. Jugendbund und Jungnationaler Bund
113 Das Beispiel der Sächsischen Jungenschaft. In: His­ gründeten nun die Freischar junger
113 • torische Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs der Nation. Als letzten Versuch, sich gegen
Fotoalbum einer Südslawienfahrt der Deutschen Jugendbewegung N.F. 8, 2011, S. 77–92. die Hitlerjugend zu behaupten, muss
Sächsischen Jungenschaft der Zusammenschluss von Deutschem
Mitte 1920er Jahre · Gewebe, Kordel, Pappe, Karton, Pfadfinderbund, Freischar junger Na-
Transparentpapier · 14,5 x 21,5 cm tion, Deutscher Freischar, Jungsturm,
Witzenhausen, AdJb, A 84 Nr. 58 Geusen und fast aller kleineren Bünde
zum Großdeutschen Bund unter von
Die im Fotoalbum von Theo Kügler Trotha im April 1933 gesehen werden.
enthaltenen Aufnahmen entstanden Am Pfingstsonntag 1933 fand die letzte
während einer Südslawienfahrt der große Kundgebung des Bundes statt, am
Sächsischen Jungenschaft. Neben 17. Juni 1933 löste Baldur von Schirach
verschiedenen Landschaftsaufnah- (1907–1974) als erste Amtshandlung den
men und Städteansichten dokumen- Großdeutschen Bund auf. C. Liebold
tieren die Bil­der das Zusammentref-
fen der deutschen Jugendlichen mit 115 •
unterschied­lichen Bewohnern Südost­ Fahrtbericht 29
europas und deren bis dahin kaum Eberhard Köbel: Fahrtbericht 29 (Lappland).
be­kannten Kulturen. So begegneten sie Potsdam 1930 · 20,8 x 15 cm
z.B. kroatischen und bosnischen Pfad- Witzenhausen, AdJb, B 282/045
findern, mit denen sie sich austausch-
ten, oder sog. Auslandsdeutschen. Wie Eberhard Koebel (1907–1955), der sich
die Siedlung Neudorf bei Vinkovci zunächst noch Köbel schrieb und nach
(Vinkovačko Novo Selo, Kroatien) gab seiner legendären Lapplandfahrt den
es zahlreiche deutschstämmige Dörfer bündischen Namen „Tusk“, der Deutsche,
und Landstriche, deren Bewohner sich erhielt, stilisierte seine Begegnung mit
durch den Zerfall der Österreich-Un- 114 den Lappen zum prägenden Erlebnis von
garischen Monarchie nach dem Ersten 114 • Natur und Urtümlichkeit. Der Grafiker
Weltkrieg als ethnische Minderheit in Fahrtenbuch des Wölflingslagers des und Gauführer Schwaben der Deutschen
neugegründeten Staaten wiederfanden. Großdeutschen Jugendbundes Freischar, der für die bündische Jugend
Auf solche Siedlungen stießen die Ju- 1931 · Pappe, Papier, Fotos · 28,8 x 22,3 cm der Weimarer Republik repräsentativen
gendlichen bei ihren Fahrten ab 1920 Bielefeld, Stadtarchiv, 270/2 Nr. 21 Großorganisation der Jugendbewegung,

268 Katalog
115 117

gründete, auf das Erlebnis der nordi- Der 1921 gegründete Nerother Wan- das eine Auswahlkriterium, Fahrten-
schen Einsamkeit hin, eine neue jungen- dervogel wollte sich deutlich von den erfahrung das andere. Zudem musste
schaftliche Gemeinschaft, die dj.1.11, übrigen Bünden abheben. Robert Oel- jeder Teilnehmer 500 Mark zahlen. Am
die von der Deutschen Freischar ausge­ bermann (1896–1941) entwickelte daher 13. Mai 1931 starteten 13 Weltfahrer
schlossen wurde. Der vom Verfasser mit anderen das Barett. Die Führer der im Alter von 15 bis 28 Jahren zu einer
handgesetzte Fahrtenbericht revolutio- einzelnen Orden und Fähnlein wur- „Studienfahrt“, wie es in dem amtli-
nierte mit seinen Thesen und dem neuen den in der Höhle zu Neroth/Eifel zum chen Papier hieß. Finanziert wurde sie
Stil der Jungenschaft in kurzer Zeit die Ritter geschlagen und per Schwur dem weiter durch Theateraufführungen und
gesamte bündische Jugendbewegung. Bundesführer Oelbermann zur Gefolg- Konzerte.
Mit seinen Vorstellungen des vorausset- schaftstreue verpflichtet. Die Knappen Der Frankfurter Handelsschullehrer
zungslosen Sich-Selbst-Erringens und als weitere Bundesmitglieder trugen Wolf Kaiser war Oelbermanns Adjutant
der Forderung nach einem „wahren“, nicht wie die Ritter das rote, sondern und Dolmetscher der Gruppe. Walter
„echten“ Leben wandte sich „Tusk“ gegen in den Anfangsjahren farbig unter- Kesper und Anton Gdanietz oblag der
die bestehenden Bünde und gegen die schiedliche Barette, schließlich blaue. Bühnenaufbau, letzterer brachte zudem
Gesellschaft der Erwachsenen. Seine akti- Frauen aus dem Dorf Dorweiler nahe sängerische Qualitäten ein. Der Kunst-
vistisch-revolutionäre Ideologie, die ganz der Burg Waldeck nähten sie. Die Koppel student Karl Riediger leitete den Chor,
dem Zeitgeist der Wende zu den 1930er aus Messing an den breiten Gürteln malte Plakate und war der beste Schau-
Jahren entsprach, kam in dem Dreischritt fertigten die Nerother zum Teil selbst. spieler der Gruppe. Karl Mohri, Walde-
seiner Thesen zum Ausdruck: „Jugend ist Zu ihren Merkmalen gehörten ferner ein mar Hartmann und Robert Ritter waren
Entwicklung. Entwicklung ist Haß gegen Halstuch, welches nach den Farben des für das Filmen und Fotografieren zu-
den bisherigen Zustand und die Liebe jeweiligen Ordens gestaltet war, und zu ständig, der Lehrer Richard Lohmann
zum besseren Menschen. Das wieder ist offiziellen Anlässen ein weißes Hemd. für die Öffentlichkeitsarbeit. Heni
die Revolution.“ H.-U. Thamer Andere Gruppen konnten die Nerother Pohl betreute die zuweilen vorhande-
so leicht erkennen. S. Krolle nen Kraftfahrzeuge, der Masseur Carl
116 Vath die Kranken. Die beiden jüngsten
Nerother Wandervogel 117 • Teilnehmer Hans Grumann und Karl
Sammelpass der Nerother Weltfahrer Rumpelt, 15 und 16 Jahre alt, trugen
1. Barett mit Nerother-Abzeichen 1931–1933 die Fahne.
Um 1930 · Samt, dunkelrot; Besatz: Kordel; Koblenz, 16. April 1931 (ausgestellt) · Handeinband, Die Weltfahrt führte die jungen Leute
Abzeichen: Metall · Dm. 24 cm Gewebestreifen; Gewebe, Pappe, Papier · 32,2 x 21,1 cm u.a. nach Madrid, Lissabon, Madeira,
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., Teneriffa, Brasilien, Argentinien, Chile,
Archiv Archiv Bolivien, Peru, Panama, Mexiko, in die
USA, nach Japan und China. Sie legten
2. Gürtel mit Koppelschloss von Paul Leser Als Lohn für den einjährigen Arbeits- rund 32.500 km per Schiff, Bahn, Bus
(1899–1984) · um 1930 · Leder, schwarz; Wollfilz, dienst an der Jugendburg Waldeck und zu Fuß zurück. Als die Weltfahrer
dunkelblau; Metall · L. 102 cm stellte der Bundesführer des Nerother am 22. Oktober 1933 wieder in Deutsch-
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., Wandervogel Robert Oelbermann eine land eintrafen, hatte sich die politische
Archiv Weltfahrt in Aussicht. Sympathie war Situation gänzlich geändert, weshalb

Entdeckung neuer Welten 269


sich Vath in Shanghai niederließ. Der
Landwirt Gdanietz blieb bereits 1932
in Peru, um sich dort eine wirtschaftli-
che Existenz aufzubauen. C. Selheim

Hotte Schneider: Die Waldeck. Lieder, Fahrten, Aben­


teuer. Die Geschichte der Burg Waldeck von 1911 bis
heute. Potsdam 2005, S. 125–185.

118 •
Wikingerfahrten der Nerother
Serie von Künstlerpostkarten · um 1930 · Druck
15 x 10,5 cm

1. Über der alten Heerstraße


2. Capri
3. „Unterm Schwanenbanner“

Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V.,


Archiv

Die ersten Publikationen des Nerother


Wandervogel waren die Zeitschrift „Der
Herold“, die Hefte „Die gewappnete Schar“
und das Buch „Unter Toreros und Frem-
denlegionären“. Neben diesen Werken
verkaufte der Bund u.a. Postkarten zur
Finanzierung seiner Jugendburg. Diese
Druckerzeugnisse erhöhten den Bekannt-
heitsgrad des Jugendburggedankens.
Die Postkartenserien fanden einen guten
Absatz, da die Nerother ihre Fahrtenziele
in Vorträgen vorstellten, die für den Erleb­
nishorizont der damaligen Bevölkerung
unerreichbar schienen. Am Ende der Wei-
marer Republik, als die sechsteilige Serie
erschien, zählte der Nerother Wandervo-
gel 1.500 bis 3.000 Mitglieder.
S. Krolle 119.1

119 •
Die Nerother in Südamerika sehr gut. Die Gruppe stellte Robert Oel-
bermann (1896–1941) immer selbst zu-
1. Plakat „Nerother filmen Südamerika“ sammen. Jedoch konnten sich alle Mit-
1933 · Druck · 83,5 x 55,7 cm glieder bewerben und schulpflichtige
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., Jungen erhielten eine Sondererlaubnis
Archiv der Schulbehörde. Willi Jahn (geb. 1917)
fasste den Ausleseprozess wie folgt
2. Durch Südamerika. Erlebnisse und Eindrücke auf zusammen: „Der Nerother Wandervogel
einer Fahrt des Nerother Bundes durch die Welt. hat sich dadurch ausgezeichnet, dass er
In: Der Herold 1932, H. 1 · 23 x 15,8 cm Jungen nach seinen Prinzipien sog. Elite
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., ausgesucht hat. Die Elite bestand nicht
Archiv darin, dass sie Schüler einer Höheren
Schule gewesen sein mussten. Einmal
Das Plakat und die Zeitschrift belegen tüchtig für die Fahrt zu sein, zweitens
die für die Weimarer Republik fernen auch geistig sehr rege, das war eines
Ziele, welche die Nerother aufsuchten. der großen Kriterien, und dann kam das
Sie unternahmen von allen Bünden die Wichtigste hinzu und in der Kamerad-
spektakulärsten Großfahrten, die sie schaft verpflichtet wurden [sic!].“
u.a. nach Indien, in die Sowjetunion, in Die Nerother drehten mit ihrem Kamera-
den Orient, aber auch nach Südamerika mann Karl Mohri (1906–1978) 24 Filme,
führten. Die Fahrten vermarkteten sie wovon die UFA sechs als Kurzfilme in
118.2

270 Katalog
Unter sich
Von den Pfadfindern übernahmen bün-
dische Jugendgruppen nach dem Ersten
Weltkrieg das Zeltlager. Es wurde zum
zentralen Gemeinschaftserlebnis. Diese
Lager ersetzten mit ihren vom Militär
entlehnten Elementen der Erziehung
und Ausbildung, mit Sport und Spiel
die vormals schweifende Fahrt. Bei ihr
hatte noch die Sorge um den richtigen
Weg, das Essen und das Nachtquartier
die Jugendlichen beschäftigt.
Zeltlager konnten von kleinen Grup-
pen organisiert werden oder brachten
einen ganzen Bund zusammen. Sie
gaben die Möglichkeit zur Identifika-
tion mit ihm. Die von den Bünden im
Rahmen ihrer Bundestage abgehal-
tenen Großlager ver­­einten Tausende
120 Teilnehmer. Es wa­ren eindrucksvolle,
organisatorische und logistische Leis­
großen Kinos zeigte, so auch die Strei­ musste sich die Leinenhaut erst mit tungen. Oft hielten Fahrtenbücher
fen „Deutsche Jungens wandern durch Wasser voll­saugen, bevor sie wasser- gemeinsame Erlebnisse fest.
Grie­chenland“ (1930) und „Unter den dicht wurde.
Indianern Südamerikas“(1932). Darüber Erich Heine und seine Wanderschar-
hinaus spielten sie während ihrer Fahr- Freunde fuhren wiederholt mit dem
ten in den Theatern Stücke der Schrift- Zug an die östlich von Bielefeld gelege- 121 •
steller Martin Luserke (1880–1968) oder nen Flüsse Werre und Weser, um dort Tanz um ein Sonnwendfeuer
Franz Johannes Weinrich (1897–1978). Bootstouren zu starten. Heine machte A. Paul Weber (1893–1980) · 1932 · Malerei auf Lein­
Insgesamt sahen auf der 1931 begonne- die Erfahrung, dass Anfang der 1920er wand · 100 x 151 cm
nen Weltfahrt des Nerother Wandervo- Jahre eine Gruppe, die ihre Faltboote Hamburg, Alfred Toepfer Stiftung F.V.S.
gel über 10.000 Menschen seine Auffüh- zusammensteckte, noch ein bestaunens-
rungen oder erlebten dessen Konzerte. wertes Ereignis bei der einheimischen Zu den Bildern, die den zentralen Ver-
S. Krolle Bevölkerung war. sammlungsraum der Jugendherberge im
Die Massenproduktion von Faltbooten thüringischen Schwarzburg schmückten,
120 • hatte in Deutschland nämlich erst 1919 gehört das Gemälde „Tanz um ein Sonn-
Faltboot begonnen, als der Schneidermeister wendfeuer“. Es zeigt das traditionell am
Klepperwerke GmbH, Rosenheim · 1920 · Esche, Johann Klepper (1868–1949) zusammen 21. Juni stattfindende Fest, das mit der
Leinen, teils beschichtet · 430 x 75 cm mit Karl Stich seine Firma in Rosenheim Entzündung eines großen Feuers endet.
Bielefeld, Historisches Museum Bielefeld, 2013/7/1 gründete. Zwar kaufte Klepper bereits Im 19. Jahrhundert erfuhr das Sonnen-
1907 vom Faltboot-Pionier Alfred Hein- wendfeuer als ein auf vorchristliche,
Das Einsitzer-Faltboot gehörte dem rich die Lizenz zum Bau von dessen angeblich „germanische“ Zeiten zurück-
Bielefelder Erich Heine (geb. 1901). Der Mo­­dell „Delphin“, doch eignete sich dies gehendes Ritual eine vielfache Neubele-
spätere Werkzeugmacher trat 1914 dem noch nicht zur Massenfertigung. bung. Im völkisch gesinnten Milieu sowie
Wandervogel bei und wechselte 1920 zu U. Schlicht in naturreligiösen Kreisen wurde das
den Wanderscharen e.V. Deren Mitglie- Ereignis mystisch-weihevoll praktiziert.
der rekrutierten sich vorwiegend aus Wilhelm Mogge: Im Schnittpunkt zwischen Bürger­ Auch in der Wandervogelbewegung
Volksschülern, Handwerkslehrlingen tum und Arbeiterbewegung. Entstehung und Aus­ spielte es eine wichtige Rolle. Das Ver-
sowie jungen Arbeitern und verfolgten wirkungen der Wanderscharen e.V. In: Jahrbuch des sammeln um ein hell flackerndes, wär-
ein sozialistisches Lebensbild, ohne Archivs der Deutschen Jugendbewegung 10, 1978, mendes Feuer ging mit einem gemein-
zur organisierten Arbeiterjugend ge- S. 130–139. – Frigga Tiletschke/Christel Liebold: Aus schaftlichen „archaischen“ Naturerle­ben
zählt werden zu können. Ebenfalls 1920 grauer Städte Mauern. Bürgerliche Jugendbewe­ einher und stärkte so den Zusammen-
erwarb Heine das Boot, das aus einem gung in Bielefeld 1900–1933. [Link]. Historisches halt der Gruppe.
zerlegbaren Eschenholzgerüst und Museum Bielefeld (Schriften der Historischen Muse­ Die im Halbkreis um das Feuer stehen-
einer Leinenhaut besteht. Mittels einer en der Stadt Bielefeld 7). Bielefeld 1995. den Wandervögel sind von A. Paul Weber
Kniehebeltechnik konnte der Kajak in- nicht individuell, sondern als kompakte,
nerhalb von maximal 15 Minuten leicht in konzentrischen Reihen gegliederte
aufgebaut werden und die Bootshaut Masse dargestellt. Ihre Blicke richten
die notwen­dige Spannung erhalten. An- sich ausnahmslos auf den hellen Licht-
ders als später verwendete Materialien schein in der rechten Bildhälfte.

Unter sich 271


Anschaulich erzählen die Jungen von
ihren Erlebnissen: den Kämpfen mit
dem Aufbau der Zelte, den Schwierigkei-
ten beim Feuer machen oder Abkochen.
Einen großen Teil der Berichte nehmen
die oft emotionalen Schilderungen der
feierlichen Rituale wie Sonnwendfeuer,
Fahnenaufzüge und das Abhalten eines
Abbildung aus Thing ein. Viele Fotos und Zeichnungen
haben humorvolle Beschriftungen, teil-
urheberrechtlichen Gründen weise finden sich auch markige Sprüche
oder der Bundesschwur „Wenn alle un-
unkenntlich gemacht treu werden, so bleiben wir doch treu!“.
In den Wintermonaten lasen die Jungen
während der Heimabende aus solchen
Büchern vor und erlebten ihre Fahrten
und Lager erneut. „Und wenn der Win-
ter ins Land zieht, wenn es draußen
stürmt und schneit, hört ihr auf den
Heimstunden erzählen von Fahrt und
Lager. Beim trüben Schein einer Lampe
121 lauscht ihr den Worten eures Führers.
– Dann erwacht in euch ein Sehnen nach
Möglicherweise ist die skizzenhafte Fritzsche, der Führer der Ringpfad- jenem freien Leben, euer Herz klopft
Ausführung der Personen dem großen finder, das bündische Lager in seinem stärker und ihr möchtet ins Freie hin-
Zeitdruck geschuldet, unter dem der vielgelesenen Handbuch dar. Organisa- ausstürmen.“ C. Liebold
Maler während dieses Auftrags stand. torische Hinweise, Zeltbau, Versorgung
In den wild lodernden Flammen, deren und Hygiene kommen darin zur Spra-
Farbgebung von weiß nach rot chan- che, vor allem aber die möglichen Aus-
giert, kommt die Vorliebe Webers für bildungsaktivitäten: Sport, Spiele und
den expressionistischen Duktus deut- Wettkämpfe; Naturkunde, künstlerische
lich zum Ausdruck. Als markanter Farb- Betätigung und bündische Ethik; „Pio-
kontrast steht die bläulich-schwarze, nierarbeiten“ wie Hütten- oder Brücken-
lediglich angedeutete Gebirgslandschaft, bau. Lager konnten von den kleinsten
die als Kulisse für das nächtliche Spek- Gruppen abgehalten werden, oder sie
takel dient. (vgl. auch [Link]. 159) brachten einen ganzen Bund zusammen
R. Prügel und schufen damit Möglichkeiten zur
nachhaltigen Identifikation. Die Groß-
Winfried Mogge: Bilder aus jugendbewegtem lager, die die Bünde im Rahmen ihrer
Erleben. In: Der Eisbrecher 1987, H. 4, S. 277–280. – jährlichen oder alle zwei Jahre stattfin-
Helmut Schumacher/Klaus J. Dorsch: A. Paul Weber. denden Bundestage abhielten, konnten
Leben und Werk in Texten und Bildern. Hamburg/ mehrere Tausend Teilnehmer vereinen
Berlin/Bonn 2003, S. 126–129. – es waren eindrucksvolle organisato­
rische und logistische Leistungen.
122 • (Abb. S. 54) R. Ahrens
Das Lagerbuch
Hans Fritzsche: Das Lagerbuch. 2. Aufl. Leipzig 1925 Ulrich Linse: Lebensformen der bürgerlichen und 124
19 x 12,5 cm der proletarischen Jugendbewegung. In: Jahrbuch
Witzenhausen, AdJb, B 221/069 des Archivs der Deutschen Jugendbewegung 10, 124 •
1978, S. 24–58, bes. S. 44–54. Aus dem Leben einer Neupfadfinder-
Wie die Wandervögel die Fahrt als gruppe
Praxisform in die bündische Jugend 123 Fahrtenbuch · Rosswein, 1919–1932 · Streckmappe;
einbrachten, steuerten die Pfadfinder Fähnleinbuch der Roten Husaren, Pappe, Papier, Pergament, Metallbeschlag
das Zeltlager bei. Im Gegensatz zur Gruppe des ehem. Großdeutschen 21 x 16,9 cm
schweifenden Fahrt, bei der die Sorge Jugendbundes Witzenhausen, AdJb, CH 554
um den richtigen Weg, um Essen und Bielefeld, 1930/31 · Pappe, Papier, Fotos · 28,5 x 23 cm
Nachtquartier die Gruppe beschäftig- Bielefeld, Stadtarchiv, 270/2 Nr. 18 Impulse für die Erneuerung der ur-
te, diente das Lager mit seinen vom sprünglich militärisch orientierten
Militär übernommenen Elementen Jede Gruppe führte ein Fahrtenbuch, Pfadfinderbewegung nach dem Ersten
der Erziehung und Ausbildung. Nicht worin mit Aufsätzen, Zeichnungen Weltkrieg kamen aus der Annäherung
als „Promenadenausflug“, sondern als oder Fotos die Fahrten, Zeltlager und an den deutschen Wandervogel, aber
„Stätte geregelter Arbeit“ stellte Hans Wanderungen dokumentiert wurden. auch aus der Rezeption des englischen

272 Katalog
„Kibbo Kift“ von John Hargrave stand die Figur einer „Sesam“ – ein
(1894–1982) und der amerikanischen Zauberwort mit der Bedeutung „Öffne
Woodcraft-Bewegung von E. T. Seton dich“ – genannten Gottheit, die zusätz-
(1860–1946). Aufbauend auf intensivem lich zu dem auf der Fahne abgebildeten
Naturerleben, Zeltlager, handwerkli- Knoten die Gemeinschaft der „Sesam-
cher Betätigung und der Nachahmung brüder“ symbolisierte. In dem farbig
indianischen Stammeslebens wollte gefassten Holzkopf nahm diese Figur
Seton in der Jugend archaische Emp- Gestalt an. Dieser „Sesam“ wurde im
findungen wiederbeleben und damit flackernden Feuerschein angebetet,
eine ganzheitliche Erziehung initiieren. besungen und umtanzt: „Sesam, wir
Diese Überlegungen griff Hargrave loben Dich!“. Der Wandervogel-Führer
später für eine umfassende Kritik an Werner Kindt (1898–1981) verbreitete
den englischen Pfadfindern auf und diese Geschichte in seinem Zeltlager-
gründete 1920 seinen eigenen Bund buch 1925. S. Rappe-Weber
„Kindred of the Kibbo Kift“ mit indiani-
scher Stammeserziehung als Leitbild. Werner Kindt: Das Zeltlagerbuch des Wandervogels
Auf die deutschen Verhältnisse wurde Gau Nordmark. Potsdam 1925.
dieses Konzept durch Ludwig Habbel
(1894–1964), den Gründer des Neupfad- 126 •
finderbundes übertragen. Indianische Führerbesprechung im Burghof –
Mythen, Symbole und Rituale flossen in Pfingsten 1921
das Leben der Pfadfinderstämme ein; 125.2 Gretl Wolfinger (1891–1954) · aus: Gretl Wolfinger/
intensiv-freundschaftliche Verhältnisse, Hermann Wilhelm: Nörten. Der Bundestag des
die durchaus mit homoerotischen Emp- in der Natur, aber auch der Dynamik Wandervogel V.B. Eine Mappe. Nürnberg 1921
findungen gepaart sein konnten, bilde- in der Gruppe Gleichaltriger stellte, Druck · 20,5 x 29 cm
ten sich zwischen Gruppenführern und gewann man gleichermaßen Freiheit Witzenhausen, AdJb, A 7 Nr. 1
Geführten aus. – Die Selbstbezeichnung gegenüber der Enge der Stadt und der
als „Hirschvolk“ und die Darstellung Autorität der Erwachsenenwelt. Nach Bundestage gehörten in den meisten
eines Indianer-Tipis im Fahrtenbuch 1918 hielten neue Bedürfnisse in den Verbänden der deutschen Jugendbe-
zeigen, wie sich die Neupfadfinder aus Jugendgruppen Einzug, entsprechend wegung zu den zentralen Ereignissen.
Rosswein in Sachsen seit 1919 mit dem dem freieren Jugendleben in der Wei- Meist an Pfingsten trafen sich die
Naturvolk-Ideal identifizierten. marer Republik. Als neue Form, in der verschiedenen Orts- und Landesgrup-
S. Rappe-Weber der Anspruch auf Austausch und Besin- pen eines Bundes zu gemeinsamen
nung Platz fand, galt das Zeltlager. So Gesang, Tanz und Spiel, Aussprachen
Sven Reiß/Susanne Rappe-Weber: Zur Ausstellung wie Zeltbau, eine feste Tageseinteilung und Feuerreden. Stand auf Fahrten
„Hundert Jahre Pfadfinden in Deutschland“. In: und sportliche Aktivitäten gehörte das üblicherweise die kleine Gruppe im
Historische Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs Aufstellen des Gruppenwimpels zur Mittelpunkt, waren die Bundestage
der Deutschen Jugendbewegung N.F. 6, 2009, Einrichtung des Lagers. Feste des großen Gemeinschaftserle-
S. 234–249, bes. S. 242. Die Führung des Wandervogel-Gaus bens mit Gleichgesinnten. Beliebte Orte
Nordmark erfand dazu eine roman- hierfür waren abseits der Städte gele-
125 • tisch-schöne Gruppengeschichte, die gene Burgen und Ruinen. Die farbige
Wandervogel e.V. Gau Nordmark von den Jugendlichen aufgegriffen und Steinzeichnung zeigt dies exemplarisch
Hamburg, Gruppe Sesambrüder oder weitergesponnen wurde. Im Zentrum am 3.  Bundestag des Wandervogel V.B.
Sesamhorde

1. Wimpel
Um 1920 · Grund: Baumwolle, schwarz; Stickerei:
Baumwolle, ocker, rot, blau, weiß; Bindebänder
28 x 60 cm
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 21

2. Fahnenspitze
Entwurf: Grossinger · um 1920 · Holz, geschnitzt,
bemalt; Gewinde · 17 x 11,5 cm · Bez.: SeSAM
Witzenhausen, AdJb, G 7 Nr. 75

Für den Wandervogel stellte die Aus-


richtung von Zeltlagern etwas ganz
Neues dar, hatte man doch vor dem
Krieg auf die „Fahrt“ als zentrales
Gemeinschaftserlebnis gesetzt. Indem
man sich unterwegs der Einsamkeit
126

Unter sich 273


(Völkischer Bund), der 1921 auf der
Burgruine Hardenberg bei Nörten in
Zweck: Leistungsschau und Werbung
für die eigenen Ideen, Spendenakquise
Freiheit im Nest
Niedersachsen stattfand. Sie entstammt sowie Mitgliederrekrutierung. Typisch
einer kleinen Kunstmappe, die von der war die Konzentration auf deutsche Bei den sog. Nestern handelte es sich
„Bund-Gemeinde Werkschar Werns- Kultur mit Volksliedern, Hans Sachs- zum Beispiel um Speicher – oft von El-
bach“ erstellt wurde und im eigenen Spielen sowie Sprechchören mit histo- tern zur Verfügung gestellt –, um Räu-
Verlag „Der Bund“ erschien. Zeichnerin rischen Themen. Die Vorführung eines me in Stadttoren oder um Landheime.
ist Margret „Gretl“ Wolfinger, die nach Films dagegen war nur wenigen Grup- Letztere waren vielfach einfache, alte
einer Ausbildung an der Königlichen pen möglich und daher eine besondere Bauernhäuser. An diesen Rückzugsor-
Kunstgewerbeschule Nürnberg 1907 bis Attraktion, die zudem darauf verweist, ten schufen sich jugendbewegte Gruppen
1911 zunächst als Zeichenlehrerin tätig dass es in den Bünden bei aller Kritik Gegenwelten. Hier diskutierten sie,
war, bevor sie sich als freischaffende an den als negativ empfundenen Ten- sangen, lasen vor und planten Fahrten.
Künstlerin neben der Fertigung von denzen der Modernisierung auch eine Sie führten dort ein einfaches, von
Lithografien und Aquarellen besonders selektive Begeisterung für bestimmte bürgerlichen (Wohn-)Zwängen freies
der Buchillustration widmete. S. Reiß neue Entwicklungen gab. R. Ahrens Leben. Die Ausstattung bestimmten
sie selbst. Diese Orte der gemeinsa-
Nürnberger Künstlerlexikon. Bildende Künstler, Felix Wankel: Deutsche Jugend und Technik. In: men Verantwortung und Gestaltung
Kunsthandwerker, Gelehrte, Sammler, Kultur­ Die Kommenden 1, 1926, 49. F. – Diskussion. In: Die richteten sie zuweilen mit altem, dem
schaffende und Mäzene vom 12. bis zur Mitte des Kommenden 2, 1927, 23./24. F. – Frigga Tiletschke/ bäuerlichen Umfeld zuzurechnenden
20. Jahrhunderts. Hrsg. von Manfred H. Grieb, Christel Liebold: Aus grauer Städte Mauern. Bür­ und landschaftsgebundenen Mobiliar
4 Bde. München 2007, Bd. 3, S. 1703. gerliche Jugendbewegung in Bielefeld 1900–1933. und Geschirr ein. Fast verbindlich war
[Link]. Historisches Museum Bielefeld (Schriften in den Räumen ein an der Wand hän-
127 der Historischen Museen der Stadt Bielefeld 7). gendes Zupfinstrument.
Fahrtenbuch des Großdeutschen Bielefeld 1995, bes. S. 172–189.
Jugendbundes
Bielefeld, 1928 · Pappe, Papier, Fotos · 27,2 x 21,5 cm 129 130
Bielefeld, Stadtarchiv, 270/2 Nr. 19 Plakat „Einladung zum Lichtbilder­ Mobiliar aus dem Jugendlandheim
vortrag über Zeltlagerleben“ Greten Venn
Während eines Bundeslagers bereite- 1927 · Papier, Tusche · 22,8 x 31,3 cm
ten die Teilnehmer überwiegend süße Bielefeld, Stadtarchiv, 270/2 Nr. 76 1. Tisch
Gerichte zu. Reis, Gries, Haferflocken Um 1930 · Holz · 78 x 71 x 149 cm
und Nudeln konnten sie in größeren Der Lichtbildervortrag des Theologie- Bielefeld, Jugendlandheim Greten Venn e.V.
Mengen in wenigen Töpfen kochen. studenten Max Störzinger (1907–1944)
Hinzu kamen mitunter Hülsenfrüchte, diente einerseits der Mitgliederrekrutie- 2. Leuchter
Kartoffeln und haltbare Lebensmittel rung, andererseits der Aufklärung der 1935 · Holz, bemalt, Eisen · H. 29 cm, Dm. 73 cm
wie Backobst und Rosinen. Bei kürze- Eltern über die Aktivitäten ihrer Kinder. Bez.: Für Emmy Mertgen und ihren Sennekotten
ren Lagern brachten die Jungen alle Das Lagerleben des Großdeutschen Ju- „Greten Venn“ 1935 gewidmet von Geigenhelmut
Nahrungsmittel außer Brot mit. gendbundes war, wie bei vielen anderen und seinen Helfern in Leipzig-. 1 Mose 3.2
Zusätzlich führte jeder in oder auf Bünden der Zeit, straff organisiert. Der Bielefeld, Jugendlandheim Greten Venn e.V.
seinem Affen einen Schlafsack oder Tag begann mit dem Fahnenaufzug am
eine Decke, Kochgeschirr, Wäschebeu- Morgen, begleitet von Fanfaren- oder Tisch und Leuchter stammen aus dem
tel, Waschzeug sowie Bücher mit sich. Trommelklängen, dem die Jungen in fast bei Bielefeld gelegenen Jugendlandheim
Dazu kamen Teile des Gruppengutes militärischer Haltung beiwohnen muss- Greten Venn in der Senne. Es geht auf
wie Zeltbahnen und -stangen, Koch- ten. Trotz der geforderten Disziplin war die Initiative der Pädagogin und Jugend-
töpfe, Fahnen und Musikinstrumente. für die meisten ein Zeltlageraufenthalt pflegerin Emmy Mertgen (1880–1959)
So lag das Gewicht der Rucksäcke zwi­ ein besonderes Erlebnis. Die Freizeit zurück, die Ideen der Wandervogelbewe-
schen 25 und 35 Pfund. Überschüsse wurde mit Wanderungen, Geländespie- gung und der Reformpädagogik anhing.
in der Gruppenkasse wurden für die len und Singen verbracht. C. Liebold Die von ihr geleitete Vorschule besuch-
nächste Fahrt oder die Anschaffung ten auch viele Mitglieder des Bielefelder
von neuen Zeltbahnen und Kochtöpfen, Wandervogel und die Meißnerformel
wie in dem Fahrtenbuch zu lesen ist, bildete das Glaubensbekenntnis ihrer
verwendet. C. Liebold Arbeit, weshalb sie die Jugend zu „inne-
rer Wahrhaftigkeit und eigener Verant-
128 wortung“ erziehen wollte.
Plakat „Bundesabend, Freischar junger 1919 wurde unter maßgeblicher Betei-
Nation, Gruppe Bielefeld“ ligung von Emmy Mertgen der Verein
1931 · Karton, Wasserfarben · 48,6 x 64,6 cm „Bielefelder Jugendheime“ gegründet,
Bielefeld, Stadtarchiv, 270/2 Nr. 13, 192 dessen Mitglieder – sechs Frauen und
ein Mann – dem Wandervogel verbunden
Gruppenabende, wie hier von einer star- waren. Als Vereinszweck gaben sie die
ken Ortsgruppe eines der größten Bünde „Förderung der parteilosen Jugendbe-
angekündigt, hatten einen vierfachen wegung“ an und erwarben in der Senne

274 Katalog
ein Grundstück mit Kotten. Dieser Ort und Hans Fahrenberger aus Coburg, Frigga Tiletschke/Christel Liebold: Aus grauer
stellte in seiner Blütezeit zwischen 1925 die Mitglieder im „Jung-Wandervogel, Städte Mauern. Bürgerliche Jugendbewegung in
und 1933 eine Besonderheit im Grenz- Bund für Jugendwandern“ bzw. im Bielefeld 1900–1933. [Link]. Historisches Muse­
bereich zwischen Jugendbewegung und „Wandervogel, Deutscher Bund für um Bielefeld (Schriften der Historischen Museen
öffentlicher Jugendpflege dar. Jugendwanderungen“ waren. der Stadt Bielefeld 7). Bielefeld 1995, S. 172–189,
In Greten Venn begegneten sich Mitglie- Als Heranwachsende um 1900 in den bes. S. 177, 180.
der der bürgerlichen Jugendbewegung ersten Wandervogelgruppen in ihrer
und der Arbeiterjugend, das Denken in freien Zeit, oft auch über mehrere Tage 133
Klassen wurde hier aufgehoben, nicht „auf Fahrt“ gingen, suchten sie sich Entwurf für die Wandgestaltung eines
zuletzt durch gemeinsames Singen und sog. Nester, einfache Unterkünfte, die Nestes
Volkstänze. Bündische Jugendliche ohne sie liebevoll ausgestalteten. Kamerad- Um 1928/29 · Karton, Wasserfarben · 13,2 x 9,5 cm
eigenes Heim hatten so in der Senne schaftliches Haushalten und Wirt- Bielefeld, Stadtarchiv, 270/2 Nr. 13, 38 (?)
ein festes Ziel. Wandervögel, Fahrende schaften wurde geschult, menschliches
Gesellen und Wanderscharen kamen u.a. Miteinander und das Sozialverhalten Für die wöchentlichen Treffen hatten
dorthin und fanden auf dem Gelände untereinander gefördert. Gäste waren fast alle bündischen Gruppen ein sog.
auch Platz für ihre Zelte und Kohten. willkommen und in den Nestbüchern Nest. Dort trafen sich die Jugendlichen,
1930 konnte mit staatlicher Unterstüt- hielt man gemeinsame Erlebnisse um die nächsten Fahrten und Wande-
zung zudem ein Neubau errichtet wer- fest. Bevorzugt wurde eine einsame rungen zu besprechen und um im Win-
den. Mit Hilfe eines Darlehns von Lina Lage mit Schwimmgelegenheit in der ter den Kontakt aufrecht zu erhalten; es
Oetker (1867–1945), Frau des bekannten näheren Umgebung. Mangels eigener wurde gesungen, musiziert, diskutiert
Unternehmensgründers, erfolgte 1933 Landheime bestand auch die Möglich- und gelesen.
die Privatisierung, um den Besitz vor keit Nutzungsrechte an fremden zu Die Heimabende der Bielefelder Sektion
dem Zugriff der Nationalsozialisten zu erwerben. E. Hack des Großdeutschen Jugendbundes hat-
retten. Greten Venn diente nun vorwie- ten zunächst in den Elternhäusern der
gend als Mütter-, Jugend- und Kinderer- 132 Mitglieder stattgefunden. Schließlich
holungsstätte. C. Selheim Mitgliedskartei der Ortsgruppe Biele- bekamen sie kurz vor Weihnachten 1928
feld des Großdeutschen Jugendbundes den ehemaligen Pulverschuppen vor der
Frigga Tiletschke/Christel Liebold: Aus grauer Städte Um 1930 · 8 x 14,5 x 8,5 cm Sparrenburg, den die Jungen renovier-
Mauern. Bürgerliche Jugendbewegung in Bielefeld Bielefeld, Stadtarchiv, 270/2 Nr. 84 ten. Der Entwurf für einen Wandan-
1900–1933. [Link]. Historisches Museum Bielefeld strich in Schwarz-Weiß-Rot demonst-
(Schriften der Historischen Museen der Stadt Biele­ Als 1925 eine Bielefelder Ortsgruppe rierte die deutschnationale Gesinnung
feld 7). Bielefeld 1995, S. 265–275. – Christel Liebold: des Großdeutschen Jugendbundes des Bundes. C. Liebold
„Es wird zuviel geredet, ... aber es wird zu wenig gegründet wurde, rekrutierten sich ihre
getan“. Die Schulleiterin und Jugendpflegerin Emmy Angehörigen vornehmlich aus Gymna- Frigga Tiletschke/Christel Liebold: Aus grauer Städte
Mertgen (1880–1959). In: Frauen in der Bielefelder siasten. Im Ratsgymnasium warb die Mauern. Bürgerliche Jugendbewegung in Bielefeld
Geschichte. Hrsg. von Bärbel Sunderbrink. Bielefeld Bundesleitung um neue Mitglieder, die 1900–1933. [Link]. Historisches Museum Bielefeld
2010, S. 135–141. meist aus bekannten Bielefelder Famili- (Schriften der Historischen Museen der Stadt Biele­
en stammten, darunter Söhne von Ärz- feld 7). Bielefeld 1995, bes. S. 183.
ten, Juristen, Fabrikanten, Studienräten
und höheren Verwaltungsbeamten. Die 134
Gesinnung in den Elternhäusern war Nester auf Postkarten
konservativ und national. Fotograf: Julius Groß (1892–1986) · um 1915 · Druck
Deren soziale Stellung spiegelte sich in
den teilweise nach preußischen Gene- 1. Nest · 12,8 x 8,1 cm
ralen benannten Gruppen des Bundes Witzenhausen, AdJb, N 65 Nr. 10
wider: bei den Roten Husaren und den
Blauen Ulanen waren überwiegend 2. Potsdamer Stadtnest · 11 x 8,1 cm
Kaufmanns- und Fabrikantenkinder; Witzenhausen, AdJb, N 65 Nr. 12
die von Lehrern, leitenden Angestellten
und Beamten v.a. in den Gefolgschaften 3. Nest · 11 x 8,1 cm
Sickingen und Schill; für die Schüler Witzenhausen, AdJb, N 65 Nr. 13
131 der Helmholtz-Oberrealschule war die
131 • Gefolgschaft York eingerichtet worden. 4. Nest · 13,6 x 8,7 cm
Fotoalbum des Wandervogel, 1933 hatte die Ortsgruppe laut Mit- Witzenhausen, AdJb, N 65 Nr. 18
Ortsgruppe Coburg gliedskartei 86 aktive Angehörige. Bis
1911–1924 · Karton, gefalzt · 22,5 x 27 cm dahin waren 22 Jugendliche freiwillig 5. Berliner Nest · 13,4 x 8,1 cm
Witzenhausen, AdJb, F 3 Nr. 108 oder unfreiwillig ausgeschieden. Wer Witzenhausen, AdJb, N 65 Nr. 20
sich der straffen Organisation nicht
In dem Album ist auf einem Aquarell unterordnen wollte oder nicht regelmä- 6. Nest · 8,4 x 10,7 cm
aus dem Jahr 1913 das Landheim des ßig erschien, konnte auf einem Thing Witzenhausen, AdJb, N 65 Nr. 22
Coburger Wandervogel in Rottenbach „wegen völliger Interesselosigkeit raus-
zu sehen. Es stammt von Elisabeth geschmissen“ werden. C. Liebold (vgl. [Link]. 205)

Freiheit im Nest 275


Jugendburgen wickeln. Die Fahrt am Wochenende zur
Burg sollte den „jugendfrische[n] Kampf
Verfechter der Jugendburg-Idee gilt und
Robert Oelbermann zu dem Plan einer
gegen Großstadtgetriebe und Alltagslas- Jugendburg im Hunsrück inspirierte.
Jugendburgen sind selbstverwaltete ten“ unterstützen. S. Krolle Im Hintergrund ist die ab 1926 gebaute
Gebäude bündischer Jugendorganisatio- Bauhütte zu erkennen. C. Selheim
nen. Meist handelt es sich um ausgebau- Stefan Krolle: Musisch-kulturelle Etappen der
te Burgen. Ruinen waren beliebt, auch deutschen Jugendbewegung von 1919–1964. Eine Hotte Schneider: Die Waldeck. Lieder, Fahrten,
wegen des aufkommenden Heimat- und Regionalstudie (Geschichte der Jugend 26). Müns­ Abenteuer. Die Geschichte der Burg Waldeck von
Denkmalschutzes. Zählten Burgen be- ter 2004, bes. S. 58–60. 1911 bis heute. Potsdam 2005, Abb. S. 88–89.
reits nach 1800 zu Identifikationsorten
freiheitsliebender Bürger, so entsprach 136 138
der Wunsch nach Freiheit auch den Idea- Satzungen des Bundes zur Errichtung Land-Werte-schafft nicht
len der Jugendbewegung. der Rheinischen Jugendburg eines „Landwirtschaft“
Den Begriff „Jugendburg“ brachte der Ehrendenkmals für die gefallenen [Karl Buschhüter]: Land-Werte-schafft nicht „Land­
Reformpädagoge Gustav Wyneken auf. Helden wirtschaft“ – eine Kritik, die in ihrem Negativen das
Er verband damit ein Quartier sowie ei- Um 1920 · Typendruck · 31,9 x 22,7 cm Positive zeigt, als den reziproken Wert. o.O. [Krefeld]
nen Ort für bündische Veranstaltungen, Witzenhausen, AdJb, A 19 Nr. 3 1924 · 25 x 15,4 cm
jedoch nicht zwingend eine Burg. Den Witzenhausen, AdJb, B 410/136
ersten konkreten Plan hatte der Wan- Der Bund zur Errichtung der Rheini-
dervogel Enno Narten während des Ers- schen Jugendburg wurde am 23. Juli Der Krefelder Architekt Karl Buschhü-
ten Weltkriegs. 1920 rief er zum Erwerb 1920 zum offiziellen Verein. Die Burgru- ter (1872–1956) gehört zu jenen Akti-
der Burg Ludwigstein bei Kassel auf. Sie ine Waldeck im Hunsrück sollte sowohl visten der Lebensreformbewegung, die
sollte wie die „Rheinische Jugendburg“ Mittelpunkt des Nerother Wandervogel ihre Ideale auch an sich selbst umset-
im Hunsrück zugleich Denkmal für ge- werden, als auch Ehrendenkmal für die zen wollten. Der „philosophierende und
fallene Wandervögel sein. im Weltkrieg gefallenen Wandervögel. dichtende Baumeister“ mit wallendem
Robert Oelbermann (1896–1941), der Haupthaar und Bart strebte nach einer
Führer des Bundes, schrieb 1921, dass Selbstversorgung mit Lebensmitteln
das Denkmal „[…] der Nachwelt von den aus dem eigenen Garten. Seine Lebens-
135 • (Abb. S. 86/87) heroischen Taten der Jugend erzählen und Wirkungsstätte, das „Teut-Heim“
Die Rheinische Jugendburg […]“ solle. Auch für apolitische Bünde wurde um 1912 zu einem Anziehungs-
Werbeschrift für die Rheinische Jugendburg. Hrsg. wie die Nerother war das Heldenge- punkt der Jugendbewegung, die den
vom Bund zur Errichtung der Rheinischen Jugend­ denken ein wichtiger Bestandteil der charismatischen Lebenskünstler zu
burg. Bonn 1921 · Karton, Papier · 24,3 x 15,8 cm Identität. M. Gruninger ihrem Idol erhob. So kamen auch die
Witzenhausen, AdJb, B 290/044 Brüder Oelbermann in Kontakt zu dem
Robert Oelbermann: Die Rheinische Jugendburg. Reform-Architekten, der Pläne für die
Einen ersten Aufruf für die Jugend- In: Wandervogel. Monatsschrift für deutsches Jugendburg des Nerother Wandervogel
burg veröffentlichte Robert Oelber- Jugendwandern 5/6, 1921, S. 113–117. vorlegte.
mann (1896–1941) 1919 in der Zeit- Buschhüter verfasste darüber hinaus
schrift „Wandervogel“: „[…] Der Krieg eine Reihe von lebensreformerischen
ist nun zu Ende, und da ist es Zeit auch Schriften, die mit ihrem romantischen
unserer gefallenen Brüder zu geden- Antikapitalismus, Rassismus und
ken, wie wir dieses während des Krie- Germanozentrismus auf den Kontext
ges oft gelobten […]. Wir, die Jugend, der völkischen Ideologie verweisen.
sind die Träger dieser neuen Welt. […] Dazu gehört auch seine anonym unter
Wir rheinischen Wandervögel wollen „Ihmselbst“ veröffentlichte Broschüre
unseren Brüdern im Reich zeigen, daß „Land-Werte-schafft nicht ‚Landwirt-
wir trotz der feindlichen Besetzung schaft‘“ von 1924.
deutsch bleiben, und die Burg soll das Wie zahlreiche weitere Publikationen
zum Ausdruck bringen.“ zeichnet diese sich durch eine krypti-
Schließlich erschien anlässlich des im 137 sche Sprache mit eigenwilliger Ortho-
Juli 1921 in Bonn abgehaltenen Jugend- 137 • grafie in Verbindung mit einer privaten
burgtages diese Werbeschrift, in der Oel- Gustav Wyneken, Robert und Karl Etymologie aus. Diese Formulierungen
bermann wiederholt über den Jugend- Oelbermann sind „authentischer Ausdruck einer ei-
burggedanken schrieb, der Architekt Karl Nach 1926 · Fotografie · 9,2 x 13,3 cm genwilligen Persönlichkeit“, zeugen „von
Buschhüter (1872–1956) über die Bau- Witzenhausen, AdJb, P1 Oelbermann, Robert einer gewissen poetischen Kraft“, sind
kunst im allgemeinen und die geplante und Karl aber „rational nur schwer zugänglich“.
Burg im speziellen sowie Erich Floeren I. Wiwjorra
über die Realisierung. Die Jugend wurde Die Fotografie zeigt neben den Zwil-
aufgerufen „neue Kraft“ auf der Burg zu lingsbrüdern Robert (1896–1941) und Walfried Pohl: Karl Buschhüter als Siedlungsarchi­
sammeln und ihre „Liebe zum Heimat- Karl Oelbermann (1896–1974) den tekt. In: Von Hildebrand bis Kricke. Beiträge zur
land“ im Geländespiel, in der Pflege des Reformpädagogen Gustav Wyneken Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. Schülergabe
Volkstums und bei Wanderungen zu ent- (1875–1964), der im Allgemeinen als für Eduard Trier zum 7. Februar 1985. Hrsg. von

276 Katalog
Arta Valstar/Dieter C. Schütz. Bonn 1985, S. 73–86. – Mit der Anlage verband Buschhüter Buschhüter ambitionierte Pläne erstellte.
Walfried Pohl: Der Krefelder Architekt Karl Busch­ sein Ideal des geldlosen Wirtschaftens. So vertrieb das Werbeamt des Jugend-
hüter 1872–1956 (Krefelder Studien 4). Krefeld 1987, So sollte der Bau Erneuerungsstätte burgbundes verschiedene Postkarten
S. 7–388, bes. S. 71. jugendlichen Wesens, Jugendherberge, mit Motiven der geplanten Burg, eine Ge-
Schullandheim, Fortbildungsschule samt- und eine Detailansicht, sowie dazu
für Bauleute und Landwirte, Volks- passende Schatzmarken. Die Mitglieder
hochschule, Kulturhaus, Sportarena, sollten möglichst viele Karten verkaufen,
Festspielhaus, Kultstätte, Ehrenmal, um zusätzliche Mittel für das Projekt zu
Verwaltungssitz, Bauernhof und Wirt- requirieren. Dazu diente auch die veran-
schaftsbetrieb mit Handwerkern sein. staltete eigene Lotterie.
In der Werbebroschüre für die „Rhei- M. Gruninger
nische Jugendburg“ ([Link]. 135) hielt
er „Nötiges über Baukunst“ fest und Robert Oelbermann: Die Rheinische Jugendburg. In:
merkte u.a. an, dass die aus dem Wan- Wandervogel. Monatsschrift für deutsches Jugend­
dervogel stammende Jugend auch im wandern 5/6, 1921, S. 113–117, bes. S. 113, 115. – Hotte
Bau den „Ausdruck ihres neuen Lebens“ Schneider: Die Waldeck. Lieder, Fahrten, Abenteuer.
stürmisch verlange. C. Selheim Die Geschichte der Burg Waldeck von 1911 bis heute.
Potsdam 2005, S. 43.
Karl Buschhüter: Nötiges über Baukunst. In: Die
Rheinische Jugendburg. Werbeschrift für die Rhei­
nische Jugendburg. Hrsg. vom Bund zur Errichtung
der Rheinischen Jugendburg. Bonn 1921, S. 9–12. –
Ders.: Die Burg. In: Ebd., S. 13–20. – Walfried Pohl:
Der Krefelder Architekt Karl Buschhüter 1872–1956
(Krefelder Studien 4). Krefeld 1987, S. 1–388, bes.
S. 60–69.

140 •
Werbemittel für die Rheinische
139 Jugendburg
139 •
Plakatentwurf für einen Vortrag über 1. Postkarte
Baukunst und Jugendburg Entwurf: Karl Buschhüter (1872–1956) · 1920er Jahre
Karl Buschhüter (1872–1956) · 1920er Jahre Druck · 15,3 x 10 cm
Transparentpapier, Feder in Schwarz · 70 x 49,5 cm Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–
Berlin, Werkbundarchiv – Museum der Dinge 128/117

Das Plakat des Architekten Karl Busch- 2. Los


hüter wirbt für einen Vortrag von ihm 1920er Jahre · Lithografie (?) · 10,1 x 14,7 cm
selbst über „Baukunst und Jugend- Bez.: RHEINISCHE JUGENDBURG / VERLOSUNG /
burg“, den er an verschiedenen Orten Für WANDERVÖGEL und FREUNDE / ZU GUNSTEN
halten wollte, wie der Vordruck zeigt. der JUGENDBURGSPENDE […] 141
Nachweislich trug er ihn 1926 in der Witzenhausen, AdJb, A 19 Nr. 3 141 •
Krefelder Stadthalle vor. Die dortigen Titelentwurf für die Zeitschrift
Wandervögel schätzten Buschhüter, Die vom Nerother Wandervogel beab- „Der Herold“
weil er der Lebensreform- und Sied- sichtigte Errichtung der Rheinischen Karl Buschhüter (1872–1956) · um 1930 · Karton,
lungsbewegung nahestand und sie Jugendburg auf der Burgruine Wald­eck Tusche in Rot, Wasserfarben · 24,5 x 17,2 cm
seine Ansichten teilten. Sein am Stadt- im Hunsrück war sehr kostenintensiv Berlin, Werkbundarchiv – Museum der Dinge
rand gelegenes „Dürer-“ oder „Teut- und kaum von den Jugendlichen allein
Heim“ bildete seit 1912 ein Zentrum zu tragen, zumal der Architekt Karl Zwischen 1922 und 1932 gab der Nero-
der Krefelder Jugendbewegung, wes- ther Wandervogel als Periodikum den
halb auch die Brüder Oelbermann auf „Herold“ heraus, der das Bundesleben
den Architekten aufmerksam wurden, mit Fahrten und Heimatabenden wi-
als sie die „Rheinische Jugendburg“ derspiegelte. Der Name der Zeitschrift
auf dem Gelände der Burg Waldeck griff die Symbolik und die Heraldik des
realisieren wollten. Mittelalters auf. 1930 schmückte den
Buschhüter erhob für sich den Anspruch Titel eine von Karl Buschhüter entwor-
bereits 1914, also vor dem Reformpäda- fene Grafik. In ihrem Zentrum steht die
gogen Gustav Wyneken (1875–1964), den Vorderansicht der von dem Architekten
Gedanken der Jugendburg entwickelt zu geplanten „Rheinischen Jugendburg“
haben. Die Entwürfe für die Burg Wal- auf dem Drachenkopf. Dieser Bauplatz
deck stellte er 1921 öffentlich vor. oberhalb der Burgruine Waldeck war
140.2

Jugendburgen 277
dem Bund zugewiesen worden, nachdem
der Provinzialkonservator die Überbau-
ung der Fundamente untersagt hatte.
Gerahmt wird der Entwurf zur Jugend-
burg von einem Mischwesen, das oben
als zur Seite schauender Greifvogel und
unten als in sich zusammengesunkenes,
seinen Rachen aufreißendes Ungeheuer
mit Krallen dargestellt ist. C. Selheim

Walfried Pohl: Der Krefelder Architekt Karl Busch­


hüter 1872–1956 (Krefelder Studien 4). Krefeld 1987,
S. 7–388, bes. S. 194–196, Abb. S. 195. – Stefan Krolle:
Musisch-kulturelle Etappen der deutschen Jugend­
bewegung von 1914–1964 (Geschichte der Jugend
26). Münster 2004, S. 119–126.

142 • (Abb. S. 87)


Fotoalbum mit Aufnahmen der Burg
Waldeck
1924–1926 · Karton, Kordel · 23 x 32 cm
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V.,
Archiv

Das Album zeigt vor allem Fotografien 144


der Burg Waldeck. Sie war das Kraftfeld
des Nerother Wandervogel und bot den Als Enno Narten (1889–1973) und seine verantwortlich, sondern übernahm auch
Jungen einen „Freiraum“. Unbeirrt zogen Mitstreiter 1920 das Eigentum an der die Innenausstattung. Er, „der selbst
die Gruppen zur Burg, der Boden wurde Burg Ludwigstein vom Kasseler Regie- in der Jugendbewegung wurzelt und
bewirtschaftet, der Bau stetig erweitert. rungspräsidenten Gustav Springorum ihrem gesunden Empfinden auch für
Hier sangen sie im Wettstreit an Feuern, (1862–1927) übernahmen, standen sie Architektur und Raumkunst“ Ausdruck
hörten die Geschichten der letzten Fahr- vor der Aufgabe, einen seit nahezu 250 verlieh, hatte dabei offenkundig den
ten und fuhren als Nerother gestärkt in Jahren kaum noch genutzten Fach- Zeitgeschmack getroffen: dem „farben-
die Städte zurück, in denen die Orden werkbau mit steinerner Außenmauer prächtigen, stilvollen“ Saal hafte „etwas
oder Fähnlein beheimatet waren. für die Zwecke einer Jugendbegeg- Weihevolles“ an. Hier sei ein Künstler
In den „Weistümern“ hatte Robert nungsstätte herzurichten. Mit der am Werk gewesen, der eine stilgerechte
Oelbermann (1896–1941) das Leben im Bauplanung wurde der Architekt Paul Ausstattung beschafft habe: geflochtene
Bund geregelt: „[…] Jugendleben heißt: Haferkorn aus Göttingen beauftragt, Stühle an eichenen Tischen, schlichter
‚Suchen, Ringen, Wachsen, Erkennen, der 1919 ein bereits etabliertes Büro Wandschmuck und ein Kachelofen. In
Erkämpfen.‘ Die Form und Gestaltung übernommen hatte und mit Dipl.-Ing. der Jugendburg Ludwigstein fand die
ändert sich daher ständig und schreitet Hermann Hering zusammenarbeite- Jugendbewegung eine bauliche und
vorwärts; sie ist Bewegung. Forderung: te. Haferkorn selbst war Mitglied im ästhetische Gestaltung, die noch heute
der Bund darf sich nie in eine Form Göttinger Wandervogel, ebenso wie der sichtbar ist. S. Rappe-Weber
so fest einpressen lassen, daß er sich Architekt Karl Laabs (1896–1979), der
nicht mehr bewegen kann.“ S. Krolle sich im Vorstand der Vereinigung an Jahresbericht der Vereinigung zur Erhaltung der
der Renovierung der Burg Ludwigstein Burg Ludwigstein e.V. 6, 1925. – Unter dem Greifen­
Hotte Schneider: Die Waldeck. Lieder, Fahrten, beteiligte. Der von Haferkorn geleitete banner. Der Ludwigstein als Hort der deutschen
Abenteuer. Die Geschichte der Burg Waldeck von Umbau war behutsam und bewahrte die Jugendbewegung. In: Casseler Post, 28.09.1926.
1911 bis heute. Potsdam 2005, S. 78–79. mittelalterliche Anmutung des Innen-
hofes. Entsprechend den Bedürfnissen 144 •
143 • der neuen Bewohner entstand anstel- Entwürfe für Wetterfahnen
Entwürfe für Burg Ludwigstein le der ehemaligen Stallungen auf der 1920 · Pause · 41,6 x 47,8 cm
1. Ansicht von Nordost und Südwest (Abb. S. 84) Nordwestseite des Hofes mit Hilfe eines Witzenhausen, AdJb, Ü 2 Nr. 6
Paul Haferkorn u. Hermann Hering (1879–1945) Fensters ein großer Saal mit Bühne,
Göttingen, 1920 · Pause (?), koloriert · 44,2 x 64,4 cm heute „Rittersaal“ genannt. Zudem wur- Als die neue Wetterfahne im Sommer
Witzenhausen, AdJb, Ü 2 Nr. 1 den Lagerräume, Werkstätten, Toiletten 1925 auf die Turmhaube des Ludwigstei-
und Schlafsäle für Mädchen und Jungen ner Bergfrieds aufgesetzt wurde, lagen
2. Grundriss vom Erdgeschoss vor und nach den geschaffen. Unter wirtschaftlichen fünf Jahre intensiver Renovierungsar-
Umbaumaßnahmen Aspekten war der Verkaufsraum für Bü- beiten hinter den Verantwortlichen der
Paul Haferkorn u. Hermann Hering (1879–1945) cher, Ton-, Drechsel- und Schmuckwaren Vereinigung Jugendburg Ludwigstein.
Göttingen, 1926 · Pause (?) · 73,6 x 50,1 cm besonders wichtig. Haferkorn war nicht In demselben Jahr hatte die Elektrizi-
Witzenhausen, AdJb, Ü 2 Nr. 3 nur für die Planung und Bauleitung tät Einzug gehalten, waren alle Dächer

278 Katalog
ausgebessert, Kachelöfen gesetzt, Räume
verputzt worden. Man verzeichnete rund
9.000 Übernachtungen.
Anders als in den vorliegenden Entwür-
fen wurde als Wetterfahne schließlich
ein frei fliegender Zugvogel, „Wandervo-
gel-Greif“, ohne Rahmen und Jahreszahl
realisiert. Das Motiv wiederholte sich
auf einem blauen Banner mit weißem
Greif, das ebenfalls 1925 auf dem Turm
neu aufgezogen wurde. Der Jugendburg-
Gründer Enno Narten (1889–1973) hatte
tatsächlich fast alle großen Bünde für
die Unterstützung seines Projektes
gewonnen. Zudem bekannten sich der
Kronacher Bund, der Bund Deutscher
Wanderer, das Deutsche Jugendher-
bergswerk, der Wandervogel e.V. sowie
der Verlag Junge Menschen zur Unter-
stützung der Burg. Als gemeinsames
Emblem der Jugendbewegung hatte sich
der Wandervogel-Greif durchgesetzt, ge-
rade weil sich die Bünde untereinander
in Stil und Programmatik sehr unter-
schiedlich gaben und obwohl sie sich
überwiegend vom romantischen Ideal
des Wandervogel in der Vorkriegszeit
längst abgelöst hatten. S. Rappe-Weber

145 •
Notgeldscheine
1921/22 · Papier, bedruckt · 6,5 x 9 cm
Witzenhausen, AdJb, A 211 Nr. 9

Im und nach dem Ersten Weltkrieg


kam es aufgrund des Metallbedarfs
der Kriegsindustrie und der Inflation 146
zu einem Kleingeldmangel. Der Ma- 146 •
terialwert der Münzen war über den Werbung für die Jugendburg Bei   reichsweiten „Opferwochen“ ver-
Nominalwert gestiegen und Städte wie Ludwigstein anstalteten Jugendbünde gemeinsame,
Kommunen behalfen sich mit der Her- öffentliche Spendenaktionen zugunsten
ausgabe von Notgeld. 1. Plakat „Gebt für die Jugendburg Ludwigstein“ des Ludwigsteins. Hierfür entstand
Die Emission von Scheinen durch die (Abb. S. 207) eigenes Werbematerial wie das Plakat
Jugendburg Ludwigstein erfolgte in den Druck: J. C. König & Ebhardt, Hannover · 1922/25 „Gebt für die Jugendburg Ludwigstein“.
Jahren 1921 und 1922. Die Gemeinden Druck · 39,6 x 29,7 cm Als nach anfänglicher Begeisterung
und Unternehmen, die Notgeld heraus- Witzenhausen, AdJb, Ü 1 Nr. 7 das Engagement und die Spendenbe-
gaben, setzten bei der Gestaltung oft reitschaft zurückgingen, sollte 1927
auf regionale Besonderheiten. 2. Plakat „Ludwigstein Lotterie – Die Lotterie eine offizielle Lotterie die verbliebenen
M. Gruninger der Jugend“ Baukosten einspielen. Sie wurde ein
Entwurf: Schwabacher (?) · Druck: Otto Elsner finanzielles Desaster: Der Verkauf lief
K.-G., Berlin, 1927 · Druck · 69,8 x 46,6 cm schleppend, beim Vertrieb durch die Ju-
Witzenhausen, AdJb, Ü 1 Nr. 11 gendbünde kam es zu Geldunterschla-
gungen und gegen das Lotteriebüro
Seit Jugendbewegte nach dem Ersten musste ein langwieriger Prozess wegen
Weltkrieg mit dem Ausbau der Burg Betrugs geführt werden. Die Burg war
Ludwigstein zu einer gemeinsamen nach Ablauf der Lotterie verschuldet und
Jugendburg begannen, waren sie in zahlungsunfähig, die Trägervereinigung
hohem Maße auf Spendengelder ange- stand vor der Auflösung. Erst staatliche
wiesen. Zwar erwirtschaftete die Burg Unterstützung rettete die Situation, hatte
Eigeneinnahmen durch den Herbergs- aber zur Folge, dass die weitere Arbeit
betrieb, diese reichten jedoch nicht auf der Burg unter Regierungsaufsicht
zur Deckung der hohen Baukosten. gestellt wurde. S. Reiß
145

Jugendburgen 279
Bekedorf in Hannover-Linden auf ten im Innenhof. Ihre Kluft – Reform-
Grund­lage von Fotografien von G. Utke kleider bzw. Fahrtenhemden mit Schil-
hergestellt wurde. Bildthemen sind die lerkragen – weist beide Geschlechter
gelungene Instandsetzung des Fach- als Wandervögel aus. S. Rappe-Weber
werks und der Fenster im Innenhof der
Burg sowie die spektakuläre Lage in
ländlicher Umgebung an der Werra mit
Sicht auf die Gegenburg Hanstein im
Eichsfeld. S. Rappe-Weber

149 •
147 Postkarten von der Jugendburg
147 • Ludwigstein
Fotoalbum mit Aufnahmen von
Jugendherbergen 1. Jugendburg Ludwigstein im Werratal
Um 1920 · Ganzgewebe; Gewebe, Kordel, Pappe, Carl Eberth (1882–1955) · um 1930 · Druck
Karton, Transparentpapier · 26,5 x 38,5 cm 9 x 14,2 cm
Witzenhausen, AdJb, N 65 Nr. 1 Witzenhausen, AdJb, A 211 Nr. 136

Die von Julius Groß (1892–1986) stam- 2. Jugendburg Ludwigstein im Werratal – Gruppe
mende Fotografie zeigt einen Wander- im Burginnenhof
vogel mit Gitarre, der in der kalten Carl Eberth (1882–1955) · um 1930 · Druck
Jahreszeit allein auf einer Wiese unter 14,2 x 9 cm
Bäumen Rast macht und vom Meißner Witzenhausen, AdJb, A 211 Nr. 136
her den Blick auf die nahe gelegene Burg
Ludwigstein richtet. Nicht die Gruppe, Zum Konzept der Jugendburg Ludwig-
sondern der Einzelne, der sich dem Ziel stein als überbündischer Einrichtung
seiner Wanderung zu Fuß allmählich nä- gehörten nicht zuletzt gemeinsame 150
hert und sich dabei Zeit zu betrachtender Veranstaltungen von Mädchen- und 150 •
Einkehr nimmt, ist hier das Thema – ein Jungenbünden. Zwar hatte sich in den Postkarte „Jugendburg Ludwigstein –
durchaus häufiges Motiv in der Kunst. meisten Bünden die Geschlechtertren- Abend am Kamin“
Erst auf der Burg erwarten ihn ein Dach nung bei Fahrten und Wanderungen Nach 1933 · Druck · 14,6 x 10,5 cm
über dem Kopf, ein Kamin und Gesellig- durchgesetzt; Versammlungen, Bundes- Witzenhausen, AdJb, A 211 Nr. 136
keit unter Gleichgesinnten. Noch ver- tage oder Feste wurden aber durchaus
weilt er unterwegs und widmet sich dem übergreifend ausgerichtet, zumal die Mit der Inszenierung einer Gruppe
Anblick des erhabenen, mittelalterlichen Mädchen insgesamt bis zu einem Drittel uni­­formierter, zur Gitarre singender
Gemäuers, wie es die für den Wandervo- der Mitglieder in den Jugendbünden Hitlerjungen vor dem lodernden Ka-
gel programmatische Aufforderung zum stellten. Unter den jungen Erwachsenen min, in dem ein offen brodelnder Topf
„Wandern und Schauen“ verlangt. der Jugendbewegung überwogen ohne­ hängt, okkupieren die Nationalsozialis-
S. Rappe-Weber hin gemischtgeschlechtliche Zusam- ten symbolisch das Erbe der bündi-
menschlüsse. Diesem Bild entsprechen schen Jugend, wie es sich in der freien
148 • (Abb. S. 85) die Aufnahmen des Kasseler Fotografen Jugendburg Ludwigstein seit 1920
Burginnenhof Carl Eberth, die als Werbepostkarten manifestiert hatte. So ist auch die Be-
aus: Jugendburg Ludwigstein nach photographi­ für die Burg Ludwigstein in Umlauf nennung als „Jugendburg Ludwigstein“
schen Aufnahmen von G. Utke. Hannover 1930 gebracht wurden. Sie zeigen ein gesel- und „Abend am Kamin“ zu verstehen.
Druck: Hannoversche Lichtdruckanstalt G. Bekedorf liges Miteinander junger Frauen und In vielen Einzelheiten wird die bün-
Fotografie · 22,4 x 28 cm Männer: einmal beim gemeinsamen, dische Gruppe nachgeahmt. Und doch
Witzenhausen, AdJb, F 2 Nr. 32 von der Gitarre begleiteten Singen im verweisen die demonstrativ zur Schau
rustikal eingerichteten Kamin- und gestellte Hakenkreuzbinde am Oberarm
Zehn Jahre nachdem die Vereinigung Landgrafenzimmer, einmal beim War- und der „kernige“ Ausdruck der Gruppe
Jugendburg Ludwigstein unter dem auf den Beginn einer neuen Zeit, die
Vorsitz Enno Nartens (1889–1973) die das vermeintlich Alte, wie es etwa die
Burg erworben hatte, waren die Reno- Fotos von Carl Eberth (1882–1955) zei-
vierungsarbeiten weit vorangekommen. gen ([Link]. 149), abgelöst hat. Die Ein-
Die Jugendburg hatte sich einen festen richtung einer HJ-Gebietsführerschule
Platz im Leben der Jugendbünde aber 1933 und schließlich die Eingliederung
auch als einfache und zugleich schön in das gleichgeschaltete Jugendher-
gestaltete Herberge für viele Besucher- bergswerk dienten dazu, die Ideale der
gruppen aus Nah und Fern gesichert. Jugendburg und das Mahnmal für die
Dieses Selbstverständnis spiegelt die Weltkriegstoten in den Dienst des Na­tio­
Bildmappe wider, die 1930 von der Han­ nalsozialismus zu stellen.
noverschen Lichtdruckanstalt Gustav S. Rappe-Weber
149.1

280 Katalog
Jugendherbergen
Auf den Lehrer Richard Schirrmann
geht die Idee zurück, ein flächende-
ckendes Netz von günstigen Übernach-
tungsmöglichkeiten für wandernde
Schüler und Jugendliche im Deutschen
Reich zu schaffen. Die erste provisori-
sche Jugendherberge entstand 1907 in
Altena im Sauerland, 1909 folgte die
Gründung des Jugendherbergswerks und
1912 wurde in der Stadt auch die erste
offizielle Herberge eröffnet. Schirrmann
wollte die Jugend auf Wanderungen
unterrichten und körperlich ertüchtigen.
Seit 1913 erhielt er finanzielle Unterstüt-
zung vom Jungdeutschlandbund, auch
um militärische Tugenden zu stärken.
1921 gab es bereits über 1.000 Jugend-
herbergen. Reichsweite Spendensamm- 151
lungen dienten der Finanzierung und
Werbung. Neben Schulklassen nutzten chen Kreisen angehörende bündische Linie Jugendherbergen auf. Erwähnt
besonders Angehörige der Jugendbewe- Jugend zu Gast, sondern auch die in den sind neben der Ausstattung nahe gele-
gung diese günstigen Quartiere. Indus­triestädten lebenden Kinder und gene Sportstätten, Kirchen, Postämter
Jugendlichen unterer sozialer Schichten. und Bahnhöfe. Landkarten zeigen Orte
1925 gab Schirrmann einen Leitfaden mit Jugendherbergen. Ferner finden sich
für bauliche Richtlinien zur Errichtung Auszüge aus der Hausordnung für Deut-
151 • von Jugendherbergen heraus. Nach In­- sche Jugendherbergen, Anzeigen, ein
Entwurf für eine Musterjugendherberge kraft­treten des Dawesplanes 1924 er­ Schulferienkalender, Ratschläge für die
Richard Schirrmann (1874–1961) · Bearbeiter: folgte ein Ausbau des Herbergsnetzes, richtige Ernährung, Angaben zu Fahr-
Architekt Gerhard · Wetter an der Ruhr, 1924/25 wobei zunächst an der beliebten Eifel- preisermäßigungen und ein umfangrei-
Pause (?) · 55,6 x 71 cm wanderstrecke Musterjugendherbergen ches Literaturverzeichnis. Mehrmals
Witzenhausen, AdJb, A 201 Nr. 166 realisiert wurden. sind Aufrufe zum Wandern zu lesen,
Manche Jugendliche betrachteten den da­runter einer des Altenaer Lehrers
Nach Eröffnung der ersten Jugendher- Neubau und Unterhalt von Jugendher- Richard Schirrmann (1874–1961), dem
berge in Altena im Sauerland 1909, die bergen als Teil der Aufbauarbeit nach Begründer des Jugendherbergswerkes.
auf Anraten des Pädagogen Richard dem Krieg, zumal sie im Jugendwandern Der Verband definierte seinen Zweck
Schirrmann begründet worden war, sowohl das Gegengewicht zu der „ent- in der Ermöglichung des allgemeinen
beschäftigte sich dieser weiter mit der arteten Asphaltkultur“ der Großstädte Jugendwanderns, die Schaffung von
Gestaltung von günstigen Unterkünf- sahen als auch die „heilende Kraft“ für Übernachtungsstätten für junge Wande-
ten für Schüler und Jugendliche. Nach das „deutsche Volk“. C. Selheim
seinen Vorstellungen sollte es ein Netz
von 10.000 nach Möglichkeit im Grünen Kuno Becker: Wandern und Jugendherbergen. In:
gelegenen Jugendherbergen geben. Ne- Deutsche Kunstschau und Messe. Bearb. vom Ring
ben der Bevorzugung von leer stehenden Deutscher Jugend. Berlin 1924, S. 35–37. – Barbara
Burgen, die so zugleich im Sinne des Stambolis: Jugendherbergen: wie sie aussahen und
auf­kommenden Heimatschutzes erhalten aussehen sollten. In: 100 Jahre Jugendherbergen
werden konnten, galt es idealtypische 1909–2009. Anfänge – Wandlungen – Rück- und
Neubauten zu planen. Der Entwurf Ausblicke. Hrsg. von Jürgen Reulecke/Barbara
der Musterjugendherberge basiert auf Stambolis. Essen 2009, S. 111–125.
Ideen Schirrmanns aus einer Zeit, als es
reichsweit etwa 2.000 Herbergen gab. 152 •
Das zweistöckige Gebäude war zweck- Reichs-Herbergsverzeichnis
mäßig unterteilt und bot Platz für 116 Reichs-Herbergsverzeichnis 1927/28. Hrsg. vom Ver­
Betten, davon 52 für Mädchen. Ein Brau- band für Deutsche Jugendherbergen. 15. Ausgabe.
sebad im Keller diente der Hygiene. Die Hilchenbach 1927 · 15 x 12 cm
Herbergen sollten hell und ästhetisch Herdorf, Sammlung Hans Ermert
ansprechend, doch einfach eingerichtet
sein, nicht zuletzt, um auf ihre Nutzer Die Broschüre eignete sich hervorragend
geschmacksbildend zu wirken. Denn zur Vorbereitung und als Begleiter mehr-
hier war nicht nur die meist bürgerli- tägiger Wanderungen. Sie listet in erster
152

Jugendherbergen 281
rer als das Mittel dazu. Das jährlich er- Die soziale Unausgewogenheit dieser
scheinende Herbergsverzeichnis wurde Maßnahme führte zu einem Untersu-
1912 zum ersten Mal herausgegeben. Die chungsausschuss. Politiker des Zen-
erfolgreiche Entwicklung des „Unterneh- trums, der SPD und anderer Parteien
mens Jugendherbergen“ verdeutlichen bemühten sich um eine soziale Er-
in der Broschüre aufgeführte Zahlen: gänzung der Industrieentschädigung
Während es 1911 lediglich 17 Herbergen zugunsten der Gemeinden, des Mittel-
gab, waren es 15 Jahre später 2.300; be- stands und der Arbeiterschaft.
zogen auf jene Jahre wurden 3.000 bzw. 1926 bewilligte der Reichstag einen
2,1 Millionen Übernachtungen gezählt. Fond von 30 Millionen Reichsmark
Die Geburt der Idee zur Errichtung von zur Entschädigung von Betrieben,
im Abstand eines Tagesmarsches vonein- Handwerk und Landwirtschaft sowie
ander ent­fernten Wanderunterkünften Angestellten und Arbeitern. Dabei
für die Jugend soll Schirrmann 1909 sollten die Gewerkschaften zehn Mil-
auf einer mehrtägigen Wanderung mit lionen Reichsmark erhalten und damit
seinen Schülern von Altena nach Aachen Einrichtungen unterstützen, die allen
in einer Gewitternacht gehabt haben. Arbeitern und nicht nur ihren Mitglie-
A. Zelck dern zugutekamen. Die sozialdemokra-
tischen Gewerkschaften erhielten hier- 154
153 • für rund fünf Millionen Reichsmark,
Die Deutschen Gewerkschaften der die christlichen drei und die liberalen Kurze Texte erläutern die Motive. Vor-
Deutschen Jugend Gewerkvereine eine. Eine weitere Mil- angestellt sind jeweils ein Vorwort von
Gedenktafel · 1928 · Bronze · 75 x 55,5 cm lion verwaltete ein mehrheitlich aus Vertretern des Gaus Sachsen sowie der
Bez.: Entfernt / 1933 / Erneuert / 1950 Gewerkschaftsvertretern bestehendes Hartwig & Vogel A.-G. aus Dresden, be-
Herdorf, Sammlung Hans Ermert Kuratorium, das davon 750.000 Reichs- kannt unter dem Markennamen Tell. Die
mark für den Bau und Unterhalt von Bilder waren Erzeugnissen der Firma,
Die alliierte Besetzung des Ruhrgebiets Jugendherbergen verwendete. wie Schokolade, Kakao und Desserts, bei-
1923 und der darauf folgende passive Hierauf bezieht sich die Tafel, die an gelegt. Das Unternehmen zählte zeitwei-
Widerstand verursachten enorme volks­ jeder der elf neu errichteten Jugend- se zu den größten Schokoladenfabriken
wirtschaftliche Schäden. Die Hyperin- herbergen angebracht wurde: Sinsen, Deutschlands. Die Beigabe zu den weit
flation schädigte breite Volksschichten Niederwenigern, Glörtalsperre, Langen- verbreiteten Produkten war eine hervor-
– Massenarbeitslosigkeit und Verelen- berg, Brodenbach, Weiskirchen, Wisper- ragende Reklame für Jugendherbergen.
dung waren die Folge. Erst der Abbruch tal, Carl-Ulrich-Heim, Neustadt/Haardt, Vermutlich floss ein Teil des Verkaufser-
des passiven Widerstands und eine Wäh­­­ Kaiserslautern, Sohlberg. Das gleiche löses dem Jugendherbergswerk zu.
rungsreform ebneten den Weg zur wirt­ Motiv wurde auch als Plakette gefertigt. Das Sammelalbum, Teil eines zwei-
schaftlichen Erholung. Die Gestaltung verweist mit Wimpel, bändigen Werks, gehörte zu einer breit
Bereits in der zweiten Hälfte des Jahres Gitarre und Blumenstrauß auf zentrale angelegten Werbekampagne, die den
1924 erhielten elf Ruhrkonzerne von der Inhalte der Jugendbewegung (Gemein- Pionieren des Jugendherbergswerkes
Reichsregierung Schadenersatzzahlun- schaft, Liedgut und Naturerlebnis) eben­­­ wichtig war, um die Idee des flächen-
gen von etwa 700 Millionen Reichsmark. so wie mit den Schornsteinen auf die deckenden Herbergsnetzes für die
Fabrikarbeiterschaft, die die Gelder be- wandernde Jugend zu realisieren. Sie
reitgestellt hat. T. Brehm zielte darauf ab, eine große Öffentlich­
keit für die Sache zu begeistern. Die
Fritz Blaich: Der „30-Millionen-Fonds“: Die Ausein­ Kampagnen hatten stets auch das
andersetzung um eine soziale Ruhrentschädigung Jugendwandern zum Inhalt, das eine
1925–1927. In: Blätter für deutsche Landesgeschichte weite Ausbreitung in der Bevölkerung
113, 1977, S. 450–476. erfahren sollte. Sie richteten sich an
unterschiedliche Adressaten: Es galt,
154 • Eltern und Jugend zu sensibilisieren,
Sammelalbum Förderer in Politik, Verwaltungen,
Deutsche Jugendherbergen. Hrsg. von der Hartwig In­dustrie, Wirtschaft, Kirche, Gesund-
& Vogel A.-G. Dresden 1932 · Handeinband, Halbge­ heits- und Schulwesen zu gewinnen
webe; Gewebe, Pappe, Papier, Transparentpapier sowie Helfer bzw. Mitarbeiter zu mobi-
28,7 x 28,8 cm lisieren. A. Zelck
GNM, Bibliothek, 4° Fx 193/1
Über Stock und Stein – 100 Jahre Jugendherber­
In das Album sind farbige Sammelbilder gen. Bearb. von Heinrich Ulrich Seidel/Agnes Zelck.
eingeklebt, fast ausschließlich Ansichten [Link]. Museen Burg Altena. Lüdenscheid 2009,
von Jugendherbergen aus den insgesamt bes. S. 85.
26 damals existierenden Gauen, – so hie-
ßen die Landesverbände des Jugendher-
bergswerkes bis Mitte der 1930er Jahre.
153

282 Katalog
Rundfunk beteiligte sich, indem er Vor- herbergen vom 20. bis 27. Mai 1933. Seit
träge, Berichte und Diskussionen über Beginn der 1920er Jahre veranstaltete
Jugendherbergen sendete. Der Reinerlös das Jugendherbergswerk nicht nur ein-
wurde vorwiegend für die Ausstattung zelne Werbetage, sondern ganze Wochen.
und den Neubau von Jugendherbergen Wie jene zeichneten sie sich durch ein
verwendet. Von Jahr zu Jahr beteiligten buntes Programm aus Reden, Umzügen,
sich immer mehr Ortsgruppen an der Tanzvorführungen, Spendensammlungen
Kampagne. Nachdem nach der Macht- etc. aus. Der Appell auf dem Plakat bein-
übernahme durch die Nationalsozialis- haltet einen seit Beginn der Jugendher-
ten das Jugendherbergswerk im April bergsbewegung formulierten Kerngedan-
1933 „gleichgeschaltet“ worden war, ken: Die Herbergen sollen allen jungen
wurde der Aktionstag noch bis 1941 Wanderern offen stehen. Denn „[…] wenn
beibehalten. Die neue Führung benötig- wir ohne Unterschied von Schule und
te Geld: Nach Aufgabe einiger hundert Stand wandern, warum sollen wir nicht
kleinerer, behelfsmäßig eingerichteter in gemeinsamer Herberge nächtigen!“,
Jugendherbergen, beabsichtigte sie, argumentierte der Initiator des Jugend-
große, für den Massenbetrieb konzi- herbergswesens Richard Schirrmann
pierte Bauten zu errichten. Annähernd (1874–1961) in seiner grundlegenden
155 300 von ihnen wurden in der Tat reali- Schrift „Volksschülerherbergen“. Vermut-
siert. Sie nahmen vor allem Großgrup- lich entstand das Plakat vor der „Gleich-
155 • pen der Hitlerjugend auf. A. Zelck schaltung“ des Jugendherbergswerkes
Sammelbüchsen im April 1933 durch die Hitlerjugend. Da-
Über Stock und Stein – 100 Jahre Jugendherbergen. für spricht die längere Vorbereitungszeit
1. Jede Jugendherberge ist ein Elternhaus Bearb. von Heinrich Ulrich Seidel/Agnes Zelck. eines solchen einwöchigen Großereignis-
Um 1930 · Weißblech, lackiert; Papier, bedruckt [Link]. Museen Burg Altena. Lüdenscheid 2009, ses. Das Blatt wurde in der Graphischen
H. 15 cm, Dm. 8 cm bes. S. 85–86. Anstalt der Friedrich Krupp AG in Essen
Herdorf, Sammlung Hans Ermert gedruckt. Die Industrie hatte von Anfang
an das Jugendherbergswerk finanziell
2. Schafft uns Jugendherbergen und – insbesondere in der Zeit der Infla-
1938 · Weißblech, lackiert; Papier, bedruckt tion – mit Sachspenden unterstützt.
H. 21 cm (mit aufgestelltem Henkel), Dm. 10 cm A. Zelck
Herdorf, Sammlung Hans Ermert
Richard Schirrmann: Vom Jugendwandern und
Ansichten von Jugendherbergen und welchen Sinn ich mir davon verspreche: Volksschü­
Spendenaufrufe zieren die beiden lerherbergen. Menden 1909. Nachdr. 1949, S. 30.
Sammelbüchsen. Auf der einen ist die
Burg Monschau abgebildet, in der seit 157 •
dem 22. August 1930 eine Jugendher- Plakat „Schafft uns Jugendherbergen“
berge untergebracht war, und dazu Entwurf: Ludwig Hohlwein (1874–1949), München
der Spruch: „Jede Jugendherberge ist Druck: Universum-Verlagsanstalt GmbH, Berlin
ein / Elternhaus / Helft bauen“. Die 1934 (?) · Offsetdruck · 59 x 42 cm · Bez.: Schafft
andere zeigt die ehemalige Kaiserstal­ uns Jugendherbergen / Wir sind die Garanten der
lung in Nürnberg, in der 1938 eine Zukunft / Lest die offizielle Werbe- und Aufklä­
Jugendherberge eröffnet wurde, und rungsschrift! […]
den Text „Schafft uns Jugendherber- Gessertshausen, Schwäbisches Volkskundemuseum
gen  / Reichswerbe- und Opfertag 1938“. Oberschönenfeld, 23212
Geldsammlungen führte das Jugendher-
bergswerk bereits in den 1920er Jahren Mit Ludwig Hohlwein entwarf das
durch. Sammelbüchsen als Hilfs- und Pla­­kat ein schon vor 1914 berühmter
gleichzeitig Werbemittel bei Haus- und Werbegrafiker, der mit den Erkennt-
Straßensammlungen setzte es seit dem 156 nissen der „Reklamewissenschaft“ der
ersten Reichswerbe- und Opfertag am 156 • 1920er Jahre bestens vertraut war. Am
21. September 1930 ein. An einem nun Plakat „Schafft u. unterstützt deut- 1. Mai 1933 trat Hohlwein der NSDAP
reichsweit einheitlichen Termin wurde sche Jugendherbergen für die gesamte bei. Er gehörte zu denjenigen, die das
alljährlich für das Jugendherbergswerk wandernde Jugend“ Bild des NS-Regimes in der Massen-
geworben und gesammelt. Der Tag Druck: Graphische Anstalt der Friedrich Krupp AG, propaganda prägten. Im charakteristi-
hatte den Charakter eines Volksfestes. Essen · 1933 · Druck · 60 x 42 cm schen Hohlwein-Stil ist die Träger- und
Neben Kundgebungen, Umzügen von Herdorf, Sammlung Hans Ermert Identifikationsfigur der Werbebotschaft
Fahnen- und Fackelträgern sowie von nach vorn ins Zentrum gerückt und in
Wandergruppen konnten auch Theater- Das Plakat warb für Spenden im Rahmen perspektivischer Untersicht dargestellt.
vorstellungen und Tanzaufführungen einer Straßen- und Hauslistensammlung Es ist ein „Pimpf“ des „Deutschen Jung-
gehören. Die Presse berichtete und der anlässlich der Werbewoche für Jugend- volks in der Hitlerjugend“ (DJ) im Rang

Jugendherbergen 283
Abbildung aus
urheberrechtlichen Gründen
unkenntlich gemacht

157

284 Katalog
eines Jungenschaftsführers, wie die
rotweiße Schnur anzeigt. Er trägt die
DJ-Winteruniform und das zum „Gro-
ßen Dienst“, der u.a. mehrtägige Fahrten
umfasste, gehörende Marschgepäck. Der
rechte Arm ist zum „Deutschen Gruß“
erhoben. Hohlweins „Pimpf“ verkörpert
bereits die von Hitler 1938 in der sog.
Reichenberger Rede beschworene „[…] Abbildung aus
neue Jugend, die dressieren wir schon
von ganz klein an für diesen neuen urheberrechtlichen Gründen
Staat.“ Als Instrument einer Politik, der
es um die ‚totale‘ Erfassung der Jugend unkenntlich gemacht
ging, förderten die Nationalsozialisten
das Jugendherbergswesen.
Der Reichsverband für Deutsche Jugend-
herbergen war faktisch seit 1933 gleich-
geschaltet und der Reichsjugendführung
unterstellt; die Schaltstellen besetzten
HJ-Führer. Beibehalten wurden die be-
reits in der Weimarer Republik jährlich
durchgeführten „Reichswerbe- und Op- 159
ferwochen“, die Mittel für den Bau neuer
Einrichtungen beschaffen sollten. Die 158 • von drei Jugendherbergen. Zwei dieser
während des „Dritten Reiches“ gebauten Einladung zur Weihe der Jugendher­ Bauten wurden in deutschen Grenz- und
Jugendherbergen waren Großanlagen, berge Hans Breuer-Haus in Schwarzburg Sprachregionen errichtet: die Herberge
nicht zuletzt als HJ-Schulungsstätten 1932 · Offsetdruck · 15 x 21,5 cm auf dem Knivsberg in Nordschleswig
gedacht. Damit standen sie dem NS-typi­ GNM, Graphische Sammlung, HB 32385, Kapsel 1218 und die in Bernstein im österreichischen
schen Lagerwesen – den Schulungs-, Burgenland. Die dritte Unterkunft im
Er­­ziehungs- und vormilitärischen Trai- Die Initiative zum Bau der Jugendher- thüringischen Schwarzburg stand hin-
ningslagern für die Jugend – zumindest berge ging von dem Hamburger Kauf- gegen für „das Haus der Mitte im Reiche
nahe. E. Plößl mann Alfred C. Toepfer (1894–1993) aus. der Deutschen“, wie der aus der Jugend-
Seine Intention war die Erneuerung des bewegung stammende Hjalmar Kutzleb
Martin Kipp/Gisela Kipp-Miller: Erkundungen im deutschen Volkstums als Mittel zum (1885–1959) ergriffen schrieb.
Halbdunkel. Einundzwanzig Studien zur Berufser­ Wiederaufstieg des Reiches. Schwer- Verstärkt wurde die symbolische Topo-
ziehung und Pädagogik im Nationalsozialismus. punkte seiner Stiftungstätigkeit waren grafie dieser Bauten durch ein suggesti-
2. Aufl. Frankfurt a.M. 1995, S. 152. – Eva Kraus: daher Projekte in den deutschen Grenz- ves bildliches Ausstattungsprogramm,
Jugendherbergswerk und Nationalsozialismus. In: gebieten sowie in den nach dem Ersten mit dessen Durchführung Toepfer den
100 Jahre Jugendherbergen 1909–2009. Anfän­ Weltkrieg abgetrennten Reichsteilen. Künstler und Wandervogel A. Paul Weber
ge – Wandlungen – Rück- und Ausblicke. Hrsg. von Die Einladung zur „Weihe“ der Jugend- beauftragte. Dieser malte insgesamt
Jürgen Reulecke/Barbara Stambolis. Essen 2009, herberge in Schwarzburg richtete sich über 70 Jugendherbergs-Bilder. Für die
S. 175–185. – Jürgen Reulecke: Verengungen und an die Jugendbünde. Benannt wurde sie in Grenznähe postierten Bauten wählte
ideologische Vereinnahmungen: Zur Nutzung der nach dem im Krieg getöteten Wander- er Motive und Szenen, die sich den „weit­
Jugendherbergen durch das NS-Regime. In: Ebd., vogel Hans Breuer (1883–1918). Die verstreuten Volksgenossen“ jenseits der
S. 195–207. – Typographie des Terrors. Plakate in Ehrung gefallener Jugendbewegter und Grenzen annahmen. Sie bringen eine
München von 1933 bis 1945. Bearb. von Thomas das Singen von Liedern wie „Und wenn poli­tische Gesinnung zum Ausdruck, die
Weidner/Henning Rader. [Link]. Münchner wir marschieren“ oder „Kein schönrer der nationalkonservative Auftraggeber
Stadtmuseum, München. Heidelberg/Berlin 2012. Tod ist in der Welt“ verdeutlichen die und der befreundete Maler geteilt haben
kriegsverherrlichenden Tendenzen des müssen.
veranstaltenden Gaues Thüringen e.V. Auch die Ausstattung der Jugendher-
im Reichsverband für Deutsche Jugend- berge in Schwarzburg war von völkisch-
herbergen. M. Gruninger nationaler Emphase durchdrungen. Der
im Tagesraum präsentierte Hauptzyklus
159 • stellte in idealtypischen Szenen Alltag
Wanderer und Rituale der Wandervögel dar. Zu den
A. Paul Weber (1893–1980) · 1932 · Malerei auf markantesten Bildern zählt die Darstel-
Leinwand · 100 x 151 cm lung eines Wanderers, der aus weiter
Hamburg, Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. Höhe in ein wolkenbedecktes Tal blickt.
Breitbeinig dastehend, den Wanderstock
Der Hamburger Kaufmann und passi- in den hinter dem Rücken verschränkten
onierte Wandervogel Alfred C. Toepfer Händen fest umklammert, füllt er die ge-
(1894–1993) finanzierte 1928 den Bau samte Bildmitte aus. Seine kontemplative
158

Jugendherbergen 285
Haltung im Angesicht der atemberauben-
den Landschaft ist als Handlungsanwei-
ge schuf A. Paul Weber (1893–1980) ein
Porträt, das Breuer in Ausübung seines
Hellmuth und Else
sung an den Betrachter zu verstehen. Die Berufs, mit einem Skalpell in der Hand Lehmann
Dominanz dieser Rückenfigur nimmt dem zeigt. Es hing an exponierter Stelle im
Gemälde jedoch viel von der beabsichtig- Flur der Jugendherberge. Trotz seines Vom Wander­vogel geprägt
ten erhabenen Stimmung. Es verherrlicht vordergründig neusachlichen Ansat-
sowohl die unberührte Natur als auch zes ist dieses Porträt ein Andachtsbild
den Wandervogel, der sie zu bezwingen für den im Kriegseinsatz bei Verdun 161 •
vermag. (vgl. auch [Link]. 121) R. Prügel umgekommenen Arzt. Hinter seinem 1. Else Vogel beim Musizieren mit Wandervögeln
Rücken sind die Gestalten von verwun- Um 1920 · Fotografie · 8,8 x 11,8 cm
Hjalmar Kutzleb: Die Hans Breuer-Jugendherberge deten und bandagierten Soldaten zu Leonberg, Almut Reichenbecher
in Schwarzburg im Thüringer Wald. Wittingen 1933, erkennen. Ihre Mimik lässt nichts vom
S. 5. – Winfried Mogge: Bilder aus jugendbewegtem Schmerz und Leid der Verwundeten 2. Hellmuth Lehmann mit Wandervögeln
Erleben. In: Der Eisbrecher 1987, H. 4, S. 277–280. – erkennen, sondern porträtiert sie als Um 1920 · Fotografie · 8,9 x 11,8 cm
Helmut Schumacher/Klaus J. Dorsch: A. Paul Weber. entspannt pausierende, ihre Heilung Leonberg, Almut Reichenbecher
Leben und Werk in Texten und Bildern. Hamburg/ abwartende Kämpfer.
Berlin/Bonn 2003, S. 126–129. Der Großteil der Bilder, die Weber für 3. Wandervogelkittel von Hellmuth Lehmann
Schwarzburg schuf, ist 1945 zerstört Um 1920 · Baumwolle, blau; Hand-, Maschinennäherei
160 • worden. Über deren Thematik geben L. 74 cm
Postkarten nach Gemälden von A. Paul farbige Postkarten Aufschluss, die im Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1993–315
Weber Auftrag des damaligen Dachverbandes
Verlag: Gau Thüringen e.V. im Reichsverband Deut­ deutscher Jugendherbergen gedruckt 4. Brotbeutel von Hellmuth Lehmann
scher Jugendherbergen · um 1930 · Druck wurden. Eine hält eine junge Frau fest Um 1913 · Grund: Baumwolle, leinwandbindig, weiß;
– der abgelegte Rucksack beschreibt sie Stickerei: rot; Tunnel, Zugband · 33,5 x 20 cm
1. Hans Breuer als Arzt im Krieg als Wandervogel – die über das Lager- Bez.: W.V. / H. Lehmann. / 2brücken
14,8 x 10,8 cm feuer gebeugt Essen zubereitet. Dieser Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–122
narrative Faden wird in der nächsten
2. Mädchen beim Abkochen Karte gewissermaßen weitergesponnen. 5. Halbstiefel von Else Lehmann
14,8 x 10,8 cm Darauf ist ein offensichtlich satter Um 1920/30 · Leder, Absatz beschlagen, Metallösen,
Wanderer zu erkennen, der nach der Schnürriemen, Stoff gefüttert · L. 28 cm
3. Wanderer bei der Rast im Wald Mahlzeit im Wald ruht. Motive wie Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1993–314a, b
14,8 x 10,8 cm diese, die Frauen am Herd und Männer
als (sich ausruhende) Akteure zeigen, 6. Halbschuhe von Else Lehmann
4. Marschierende Soldaten entsprachen dem wertkonservativen Um 1920 · Leder, Absatz Gummi, Metallösen, Schnür­
10,8 x 14,8 cm Geschlechterverständnis der Zeit. Mit riemen · L. 26,2 cm
der letzten Karte, die den Auszug der Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1993–313a, b
Witzenhausen, AdJb, N 52 Nr. 7 kriegsfreiwilligen Wandervögel he-
roisierend darstellt, schließt sich der 7. Else Lehmann: Über die Unsitte des Stöckel­
Die 1932 fertiggestellte Jugendherber- gedankliche Kreis zu dem Gedächtnis- schuhs. In: Deutsche Frauenkleidung und Frauen­
ge in Schwarzburg wurde nach dem bild Breuers. R. Prügel kultur 24, 1928, H. 6, S. 174 · 28,5 x 22,2 cm
Wandervogel Hans Breuer (1883–1918) GNM, Bibliothek, 4° Zl 72
benannt. Dieser zählte zu den bekann- Winfried Mogge: Bilder aus jugendbewegtem
testen Persönlichkeiten der Wandervo- Erleben. In: Der Eisbrecher 1987, H. 4, S. 277–280. – 8. Altblockflöte von Else Lehmann
gelbewegung und hatte sich auch als Helmut Schumacher/Klaus J. Dorsch: A. Paul Weber. Firma Kehr, Zwota · um 1930 · Corpus: exotisches,
Herausgeber des „Zupfgeigenhansl“ Leben und Werk in Texten und Bildern. Hamburg/ dunkles Holz, gedrechselt; Ringe: Neusilber
einen Namen gemacht. Für die Herber- Berlin/Bonn 2003, S. 126–129. L. 38,7 cm, klingende L. 33,9 cm
GNM, MI 999

9. Postkarte
Um 1915 · Druck · 9 x 14 cm · Bez.: Landheim der
Zweibrücker Wandervögel.
GNM, VK 4402
Abbildung aus
10. Postkarte
urheberrechtlichen Gründen 1919 · Druck · 9,2 x 14,4 cm · Bez.: Die Weihermühle
bei Thaleischweiler – Landheim der Zweibrücker
unkenntlich gemacht Wandervögel seit 1919
GNM, VK 4403

11. Max Maurenbrecher: Das Leid. Eine Auseinander­


setzung mit der Religion. Jena 1912 · 21,6 x 14,8 cm
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–125/3
160.4

286 Katalog
12. Max Maurenbrecher: Glaube und Deutschtum.
Gottesdienste, Andachten und religiöse Aufsätze,
4 Bde. Lichterfelde/Dresden 1924–1927 · 18 x 13,2 cm
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–125/8

13. Max Maurenbrecher: Über Friedrich Nietzsche


zum deutschen Evangelium, 2 Bde. Dresden 1926/27
18,3 x 13,1 cm
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–125/2

14. Max Maurenbrecher: Der Heiland der Deutschen.


Der Weg der Volkstum schaffenden Kirche. Göttingen
1930 · 23,9 x 14,3 cm
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–125/1

15. Walter Flex: Im Felde zwischen Nacht und Tag.


Gedichte. München 1918 · 19,2 x 13 cm
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–124/13

16. Walter Flex: Der Wanderer zwischen beiden Wel­


ten. Ein Kriegserlebnis. München 1918 · 18,9 x 13,3 cm
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–124/15

17. Walter Flex: Sonne und Schild. Kriegsgesänge


und Gedichte. Braunschweig 1918 · 18,8 x 12,5 cm
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–124/16

18. Walter Flex: Für Dich, mein Vaterland! Eine Aus­


wahl aus den Kriegsbriefen. München o.J.
18,8 x 12,1 cm
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–124/14

19. Gustav Wyneken: Der Gedankenkreis der Freien


Schulgemeinde. Jena 1919 · 23,3 x 15,9 cm
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–124/24

20. Wilhelm Kotzde: Die Pilgerin. Eine Geschichte


vom Rhein. Stuttgart 1924 · 20,1 x 14,1 cm
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–124/3 161.3

21. Wilhelm Kotzde: Die Burg im Osten. Das Schicksal


einer Ritterschaft. Stuttgart 1925 · 20,9 x 14,8 cm
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–124/2

22. Wilhelm Kotzde: Wolfram. Ein Wartburgroman.


Stuttgart 1927 · 20 x 14,3 cm
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–124/6

23. Wilhelm Kotzde: Die liebe Frau von der Geduld.


Gütersloh 1928 · 20,5 x 14,5 cm
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–124/5

24. Wilhelm Kotzde: Das Schicksal der Alheidis. 161.6


Flarchheim/Thüringen 1929 · 20,1 x 14,4 cm
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–124/4

25. 1000 Jahre deutscher Osten! Die deutsche


Falkenschaft. Blätter eines deutschen Bundes. Wei­
ßenfels a.d. Saale 1930 · 22,9 x 15 cm
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–126/9

161.4

Hellmuth und Else Lehmann 287


Die einschneidenden Erlebnisse im Feld
bewogen Hellmuth Lehmann, Medizin
zu studieren. Else Vogel, die gleich zu
Kriegsbeginn einen Sanitätskurs belegt
hatte, hatte dieses Studium bereits im
Wintersemester 1917/18 in Heidelberg
aufgenommen. Beide lernten sich hier
über den Wandervogel kennen. Lehmann
wollte diesen neu beleben und war aktiv
im „Deutsch-Wandervogel“, der 1922 in
„Wandervogel, Deutscher Bund“ umbe-
nannt wurde, wie dieser als nunmehri-
161.1 161.2 ger Leiter des Westmarkgaus in dessen
Bundesmitteilungen wissen ließ. Die
26. Wilhelm Kotzde: Der Reiter Gottes. Ein Lebens­ sonders geht sie auf die Predigten und Namensänderung geschah „in bewuß-
bild aus den Glaubenskriegen. Stuttgart 1930 Bücher des Theologen Max Maurenbre- tem Gegenüberstellen zum früheren
19,9 x 14,2 cm cher (1874–1930) ein. 1906 trat dieser E.V., der ‚Deutscher Jugendbund’ hieß,
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–124/1 aus der evangelischen Kirche aus und da wir den Lebensbund betonen.“
war zwischen 1911 und 1916 an der Den Bund der Ehe gingen Else und
27. Wilhelm Kotzde-Kottenrodt: Blutende Zeit. Ein Freireligiösen Gemeinde in Mannheim Hell­muth Lehmann 1924 ein. Gesunde
Weg aus den Fesseln zur Freiheit. Stuttgart 1935 tätig. Unter dem 16. November 1914 Ernährung, Abstinenz von Nikotin und
20,8 x 13,7 cm notierte Else über seine Predigt u.a.: Alkohol, vernünftige Kleidung zählten
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, 1994–124/9 „Man müsse daran denken, wenn ein ebenso wie das Singen und Wandern zu
Sohn, Bruder oder Gatte gefallen sei, den im Wandervogel geformten Idealen,
Die Eheleute Else (1898–1992) und was für einen Wert das für die Nach- die sie später ihren gemeinsamen Kin­
Hellmuth Lehmann (1896–1946) waren kommenschaft habe.“ Ferner sagte dern vermittelten. 1928 verfasste die
beide durch die Wandervogelbewegung Mau­renbrecher, dass man nur von der Ärztin einen in diesen Kontext passen-
geprägt, was ihren späteren, gemein- Größe Deutschlands sprechen solle. den Artikel „Über die Unsitte des Stö-
samen Lebensentwurf entscheidend Zum Jahreswechsel appellierte er an ckelschuhs“ in der Zeitschrift „Deutsche
beeinflussen sollte. die Opferbereitschaft eines jeden für Frauenkleidung und Frauenkultur“.
Hellmuth Lehmann, als Sohn eines Bank- das Vaterland. Der letzte Eintrag am Führte sie vor allem gesundheitliche
direktors in Zweibrücken gebo­ren, trat 17. September 1916 gilt der Abschieds­ Argumente gegen den Stöckelschuh an,
während seiner Gymnasial­­zeit ebenso in predigt des Theologen, der wieder der so betrachtete sie ihn auch als eine für
den Wandervogel ein wie die aus Mann- evangelischen Kirche beitrat. Ferner die „deutschen Frauen und Mädchen
heim stammende Else Vogel. Als Tochter wurde der Nationalist nun Mitglied der unwürdige Modetorheit.“ Damit stand
eines Eisenbahnoberinspektors wuchs Deutschen Vaterlandspartei und des sie z.B. in der Folge des Mediziners
sie in wesentlich bescheideneren Verhält­ Alldeutschen Verbandes. Die nationale Knud Ahlborn (1888–1977), der sich
nissen auf als ihr späterer Ehemann. Gesinnung teilte Else Vogel offenbar schon 1913 in einer Broschüre zum Frei-
Elses Vater war nicht nur die Ausbildung mit Maurenbrecher. deutschen Jugendtag auf dem Hohen
seiner Söhne ein Anliegen, sondern auch Hellmuth Lehmann nahm wie viele Wan­­ Meißner gegen Absätze und ungesun-
die der Tochter, sodass sie das Gymna- dervögel im Herbst 1914 an den Gefech- des Schuhwerk aussprach ([Link]. 64).
sium besuchen konnte. Im Elternhaus ten in Flandern teil und hielt Verschie- Hellmuth Lehmann hingegen setzte sich
zählten Selbstdisziplin und Härte gegen denes fest, u.a. den Tod eines Freundes, nach der Weltwirtschaftskrise 1929 in
sich selbst zu den geforderten Tugenden, dessen Grab er besuchte: „Ein paar Wo­­- der von dem völkischen Verleger Eugen
zudem legte man Wert auf eine gesunde, chen später stand ich allein an grauem Diederichs herausgegebenen Monats-
rohkostreiche Ernährung im Sinne der Regentage auf dem Soldatenfriedhof schrift „Die Tat“ 1931 mit dem Volks-
Lebensreformbewegung. Deshalb war in Comines, den Helm in der Hand. Auf elend und besonders mit der Unterer-
die Schülerin wohl auch Mitglied in einer schlichten Tafel an der Wand nährung von Arbeitslosen und deren
einer Schülervereinigung gegen Alko- Na­­men über Namen. Da lagen sie alle gesundheitlichen Folgen auseinander.
holkonsum. die Kameraden meiner Knabenjahre, 1929 schloss sich das Ehepaar einer
Aufgrund des Ersten Weltkriegs, des und die nicht hier waren, waren meist neuen Gruppierung für Erwachsene,
„Europäischen Krieges“ wie Else Vogel draußen auf dem Felde. Mitten unter nämlich der „Deutschen Falkenschaft“
ihn nannte, begann sie an ihrem 16.  Ge­ ihnen der Freund. Tränen rannen mir an, die die „kulturelle Volkstumsar-
burtstag, der auf den 7. August 1914 ungetrocknet über das Gesicht und ich beit“ und Erneuerung des Deutschtums
fiel, ein Tagebuch zu schreiben, welches gelobte mir: Walter, ich will so leben, ins Zentrum rückte, der Haltung des
sie bis 1916 führte. Darin heißt es am daß ich Deiner würdig werde!“ Hell- Wandervogel verbunden war und ein
Anfang: „[...] es ist etwas Grosses, eine muth Lehmann geriet in französische politisches Engagement ihrer Mitglie-
solche Zeit miterleben zu dürfen.“ Kriegsgefangenschaft, aus der er erst der ablehnte. Die Gruppe war von dem
Folgen die Einträge 1914 noch relativ 1920 entlassen wurde. Die Lektüre der völkisch ausgerichteten Schriftsteller
dicht aufeinander, so werden sie 1915 Werke von Walter Flex (1887–1917) mag Wilhelm Kotzde-Kottenrodt (1878–
sehr sporadisch und für das Jahr 1916 mit seinen eigenen Kriegserfahrungen 1948) gegründet worden, der bereits
findet sich nur noch ein einziger. Be- zusammenhängen. 1920 die jugendbewegt völkische Ver-

288 Katalog
einigung „Adler und Falken“ ins Leben
gerufen hatte. Der Autor übernahm
Quickborn
die Schirmherrschaft über die „Fal-
kenschaft“, die das volkskundlich- Der katholische Jugendbund Quick-
bewahrende Element betonte. Schon born ging aus einem 1909 in Schlesien
bald zählte der Bund 1.000 Mitglieder. gegründeten abstinenten Schülerzirkel
Eine seiner Aktivitäten bestand in der hervor. Die Hinwendung zur Jugend-
Durchführung der Wanderausstellung bewegung nach dem Ersten Weltkrieg
„Tausend Jahre deutscher Osten“, in war ein Ausbruch aus der katholischen
der Modelle, Trachten, Bilder, Briefe Verbandsenge. Man verstand jedoch
und Urkunden gezeigt wurden. Die den Freiheitsanspruch anders als
Schau war erstmals Pfingsten 1930 in die protestantisch-weltlich geprägte
Gelnhausen zu sehen. Als sie im März Freideutsche Jugend. Religion blieb
1931 in Ludwigshafen präsentiert wur- Verpflichtung.
de, hielt Hellmuth Lehmann die Eröff- Zentrum des Quickborn ist seit 1919
nungsrede, in der es u.a. hieß: „[...] Die Burg Rothenfels. Wichtiger Mentor
Deutsche Falkenschaft ist einer jener des koedukativen Bundes wurde in den
Kulturbünde, die fernab der täglichen 1920er Jahren der Theologe Romano
Politik eine Kulturarbeit zu leisten ver- Guardini. Damals kam es zu einer stär­
suchen […]“ Diese Arbeit konzentrierte keren Betonung der liturgischen Be­
sich vor allem auf das Grenz- und Aus- wegung und zur modernen Gestal­tung
landsdeutschtum in der Bukowina, wo der Burgkapelle durch den Architekten
man das „Deutschtum“ erhalten wollte. Rudolf Schwarz. Der bis heute existie-
Dies geschah, wie Lehmann ausführte, rende Quickborn ist einer der jugend- 163
durch Büchersendungen, Lehrlingsaus­ und kulturgeschichtlich interessantes-
tausch, Wandergruppen und den Auf- ten Bünde der Weimarer Republik. In den dem Fahrtenbuch vorangestellten
bau einer deutschen Schule. Richtlinien wird die Zugehörigkeit des
Kotzde-Kottenrodt verkehrte auch pri- Quickborn zur Jugendbewegung betont.
vat bei den beiden Medizinern. In deren Zudem werden die Pflege von Volkslied
Gästebuch trug er 1928 quasi einen 162 und -tanz, die Bedeutung der Einfach-
Aufruf zum Handeln ein: „Deutschland Banner des Quickborn, Gau Baden heit, des Wanderns und der Abstinenz
blutet aus hundert Wunden – müssen Offenburg, 1928 (?) · Grund: Baumwolle, schwarz, herausgestellt.
wir uns nicht selber daran wagen, es weiß; Motiv intarsiert; Schlaufen · 158 x 178 cm Die „freie“ Jugendbewegung bestritt
zu retten?“ Aus dem Jahr 1932 sind Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg wie­derholt die Zugehörigkeit des Quick-
mehrere Wahlaufrufe von ihm zuguns- Rothenfels e.V. born zu dieser. Der Priester und spätere
ten der NSDAP bekannt und so verwun­ Bundesleiter des Quickborn, Romano
dert es nicht, wenn der seit 1927 in Das badische Gaubanner des Quick- Guardini (1885–1968), kritisierte das
Edingen am Neckar praktizierende Arzt born mit dem Sonnenkreuz wurde bis freie Wandervogelwesen und die Meiß-
Hellmuth Lehmann – auf Wunsch des 1933 bei Gemeinschaftsveranstaltun- nerformel. In Auseinandersetzung mit
Ortsgruppenleiters, wie er festhielt – gen, Gottesdiensten und Prozessionen Max Bondy (1882–1951) von der Frei-
bereits im Mai 1933, der Partei beitrat. getragen. 1929 gestaltete Ernst Fuhry deutschen Jugend sah Guardini die An-
C. Selheim (1903–1976), der ab 1925 die Kunstge- erkennung Gottes als höchste Autorität
werbeschule München besucht hatte, und die Freiheit des Einzelnen nicht als
Die deutsche Jugendbewegung 1920 bis 1933. Die die Titelseite des Heftes „Zehn Jahre Widerspruch, sondern als zwei notwen-
bündische Zeit. Hrsg. von Werner Kindt (Dokumenta­ Rothenfels“, auf der das bis heute gül­ dige Pole des Lebens an. Die Quickborner
tion der Jugendbewegung 3). Düsseldorf/Köln 1974, tige Zeichen des Bundes zu sehen ist. wurden wegen ihrer Ansichten und ihres
S. 862–870, bes. S. 868. – Rainer Y: Schenkungen Die Sonne gilt als Leben und Freude Lebensstiles nicht nur von der Jugendbe-
für die Kostüm- und Textilsammlung. In: Tätigkeits­ spen­dendes Zeichen und das Kreuz als wegung, sondern auch von katholischer
bericht 1993. Württembergisches Landesmuseum Symbol christlicher Hoffnung. 1930 Seite angegriffen.
Stuttgart. Stuttgart 1994, S. 25–26, bes. S. 26. – wähl­­te man Fuhry, der später als Fuß­- M. Barbers
Hermann Walther Lehmann: Chronik der Familie balltrainer und Sportredakteur be-
Lehmann. Heidelberg 1996. [unveröffentl. Manu­ kannt wurde, auf Burg Rothenfels zum 164
skript] – Freud und Leid in Dur und Moll. Musikkultur ersten Reichsführer der Quickborn- Die Tage auf Burg Rothenfels
in Baden-Württemberg. Bearb. von Irmgard Müsch/ Jungenschaft. M. Barbers Hermann Hoffmann: Die Tage auf Burg Rothenfels.
Josef M. Wagner. [Link]. Badisches Landesmuse­ Der erste deutsche Quickborntag. Burg Rothenfels
um Karlsruhe. Stuttgart 2010, S. 63. 163 • a.M. 1919 · 23,9 x 17,7 cm
Fahrtenbuch der Quickborngruppe Witzenhausen, AdJb, B 215/107
Seitenstetten, Niederösterreich
1922–1927 · Handeinband, Ganzgewebe; Gewebe, Das Buch berichtet über den ersten
Pappe, Papier, Kleisterpapier · 23,8 x 15 cm deutschen Quickborntag vom 10. bis
Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg 13. August 1919 auf der im Februar des
Rothenfels e.V., A 2 Se 1,1 Jahres durch den Bund erworbenen

Quickborn 289
Burg Rothenfels. Die rund 500 Teilneh­
mer erlebten und gestalteten einen
be­­geisterten Aufbruch. Sie diskutierten
grundsätzliche Fragen wie die Absti­
nenz von Alkohol und Nikotin und
stär­kten ihr Gemeinschaftsgefühl durch
ernste Arbeit, Fest, Spiel, Musik und neu
gestaltetes religiöses Leben. Am nach-
haltigsten wirkte wohl die Ansprache
von Hermann Hoffmann (1878–1972)
„Vom dreifachen Recht der Jugend“ auf
Jugend, Freiheit und Freude, die neben
anderen Beiträgen veröffentlicht wurde. 168
Diese Zusammenkunft 1919 bildete den
Auftakt der dann jährlich auf Burg Ro- 166 • (Abb. S. 85) waren die Aufräumarbeiten, die provi­
thenfels stattfindenden Bundestage. Der Deutsches Quickbornhaus – Burg sorische Instandhaltung des Daches, das
1920 mit 1.500 Teilnehmern veranstaltete Rothenfels am Main Legen von Wasserleitungen sowie die
Bundestag handelte sowohl über Auto- Leporello · Rothenfels, 1919 · Karton, perforiert Einrichtung von Sanitäranlagen, Schlaf-
rität und Freiheit als auch über Fragen 14,5 x 9,5 cm räumen und einer Küche. An ein gestal-
des Verhältnisses zwischen Jungen und Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg terisches Konzept, wie es später der
Mädchen. 1921 thematisierte er Fragen Rothenfels e.V. Architekt Rudolf Schwarz (1897–1961)
der Gemeinschaft gegenüber Gruppe vorlegte, dachte man noch nicht, nur an
und Einzelnem. M. Barbers Das Leporello mit 12 Postkarten, die den weiteren Ausbau. C. Selheim
Ansichten und Raumaufnahmen der
Winfried Mogge: „Dies uralt Haus auf Felsengrund…“. Burg Rothenfels zeigen, gehört zu den Winfried Mogge: „Dies uralt Haus auf Felsengrund...“.
Rothenfels am Main: Geschichte und Gestalt einer fünf Dingen, die von den Quickborn- Rothenfels am Main: Geschichte und Gestalt einer
unterfränkischen Burg. Würzburg 2012, Abb. S. 131. Mitgliedern stets benutzt werden soll- unterfränkischen Burg. Würzburg 2012, S. 273–285.
ten, wie ein Handzettel empfahl (Kat.
165 Nr. 165). Besucher der Burg konnten die 168 •
Handzettel „Für alle Quickborner und Karten zudem als Andenken kaufen. Der stille Tag
Quickbornerinnen!“ Die verschiedenen Quickborngaue Felix Messerschmid (1904–1981): Der stille Tag.
Druck: Konrad Triltsch, Würzburg · 1920 · Typen­ richteten sich eigene Räume auf der Die Vorträge von Romano Guardini. Dritte Deutsche
druck · 22 x 13,5 cm Burg ein. Eine der Postkarten zeigt Quickborntagung auf Burg Rothenfels im Ernting
Witzenhausen, AdJb, A 130 Nr. 1 eine Kemenate im oberen Bereich des 1921 · Handschrift; Handeinband, Halbgewebe;
Südturms, die damals als Schlafraum Gewebe, Papier, Kleisterpapier · 16,5 x 21,5 cm
Mit solchen Handzetteln machte der diente. Sie wurde vom Gau Schlesien Witzenhausen, AdJb, A 130 Nr. 1 (4a)
Verlag des Quickborn, der bis 1925/26 gestaltet und hieß deshalb „Schlesier-
bestand, seine Veröffentlichungen unter kemenate“. M. Barbers Der spätere Lehrer und Bildungspoliti-
Mitgliedern bekannt. Unterteilt in fünf ker Felix Messerschmid dokumentierte
Kategorien, wie „Was soll ich gelesen 167 mit diesem handschriftlichen und illus-
haben?“ und „Was soll ich stets bei mir Spendenbeleg trierten Buch drei Reden des Priesters
tragen?“, wurden sie beworben. 1920 · Karton, bedruckt · 21,8 x 13,3 cm · Bez.: und Religionsphilosophen Romano
Der Zettel führt wichtige Quickborn- ­Grosser Baustein / für das Deutsche Quickborn­ Guardini (1885–1968), die dieser anläss-
schriften, Flugblätter und Postkarten haus / Burg Rothenfels am Main / Zum weiteren lich der dritten Quickborntagung auf
auf. Themenschwerpunkte bildeten die Ausbau unserer Burg [...] Burg Rothenfels im August 1921 hielt.
Abstinenz von Alkohol und Nikotin, Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg In den Vorträgen „Ernst machen“, „Der
das religiöse Leben, der neue Lebens- Rothenfels e.V. natürliche Sinn“ und „Der Katholische
stil der Jugend, das Wandern, „rechte Sinn“ erläuterte der spätere Führer des
Mädchenart“, der Bund Quickborn und Auf der Karte sind zwei junge Wanderer Quickborn seine Ansichten zur Jugend,
die Burg Rothenfels. Groß war auch zu sehen, wobei sich der eine an einen dem Verhältnis der Gemeinschaft gegen-
das Angebot für Mädchen: Sie sollten Fels lehnt, der andere kniet vor der aus über dem Individuum, zu den Einflüssen
besonders die Flugblätter der Päda- dem Stein über einen Hahn fließenden der Jugendbewegung und zum Glauben.
gogin Seraphie Schaneng (1895–1988) Quelle. Im Hintergrund erkennt man die Für Guardini waren der Katholizismus
„Deutsches Mädchen – wach auf!“ und Silhouette der Burg Rothenfels. Als der und eine selbstbestimmte Jugend die
von Maria Stephan „Sollen Mädchen 1909 gegründete Bund Quickborn auf Stützpfeiler seiner Lehre. So hielt Mes-
wandern?“ verbreiten. der Suche nach einem Ort in der Mitte serschmid fest: „Unsere Aufgabe ist den
Religiöse Themen bedienten z.B. die Deutschlands war, konnte er 1919 die Geist der Jugendbewegung zu fassen,
Priester Bernhard Strehler (1872–1945) Burg Rothenfels am Main erwerben. Der dass er wirksam werde das ganze Leben
und Eugen Kretschmer (1873–1959). Theologe, Musiker und Lehrer Klemens hindurch. In den Jugendjahren, als der
Letzterer hatte auf dem ersten deut- Neumann (1873–1928) wurde wegen gesunde Sinn, in den Jahren der Reise
schen Quickborntag 1919 die Festpre- der anfallenden Arbeiten für ein Jahr als der reisende Sinn, und im Alter die
digt gehalten. M. Barbers vom Schuldienst freigestellt. Erstes Ziel Weisheit.“

290 Katalog
Der Quickborn als Gemeinschaft, die
sich der Liturgie im kirchlichen Ge-
meindeleben widmete und die Religion
als heilige Pflicht ansah, wurde von der
Amtskirche mit Argwohn betrachtet –
nicht zuletzt aufgrund des Zusammen-
kommens von Mädchen und Jungen
im Bund. Guardini sah die Religion als
das Mittel, wieder näher an die Jugend
heranzurücken: „Wir sollen leben nicht
aus uns heraus, sondern aus Gott. Tun
wir so, so wächst Quickborn mit der
Kirche zusammen. Solange Quickborn
den katholischen Sinn hat, ist er unzer-
störbar.“ Messerschmid selbst betonte
vor allem die geistigen Anregungen, die
er durch Guardini auf Burg Rothenfels
erfahren habe. M. Gruninger

Das Königs-Banner. Der dritte deutsche Quickborn­


tag. Hrsg. von Hermann Hoffmann. Burg Rothenfels
a.M. 1921. – Günter C. Behrmann: Felix Messerschmid.
In: Jugendbewegt geprägt. Essays zu autobiographi­
schen Texten von Werner Heisenberg, Robert Jungk 169
und vielen anderen. Hrsg. von Barbara Stambolis
(Formen der Erinnerung 52). Göttingen 2013, Werkkunstschule war und vermutlich Altenberge 1992, S. 113. – Rudolf Schwarz 1897–1961.
S. 473–486, bes. S. 481. die Ausführung übernommen hat, findet Architekt einer anderen Moderne. Bearb. von Wolf­
sich darauf kein Hinweis. Sollte er den gang Pehnt/Hilde Strohl. [Link]. Museum für
169 • Kelch tatsächlich angefertigt haben, Angewandte Kunst, Köln u.a. Ostfildern-Ruit 1997,
Abendmahlskelch kann das nicht vor 1929 geschehen S. 38. – Rudolf Schwarz: Kirchenbau. Welt vor der
Entwurf: Rudolf Schwarz (1897–1961) · Ausfüh­ sein. Das in seiner Form auf das We- Schwelle. 1. Aufl. Heidelberg 1960. Nachdr. Regens­
rung: Fritz Schwerdt (1901–1979) · um 1929 · Silber, sentliche reduzierte liturgische Gerät burg 2007, S. 12. – Elisabeth Peters: Fritz Schwerdt.
vergoldet · Kelch: H. 19 cm; Fuß: Dm. 13,5 cm; Cuppa: besitzt einen runden, flach gewölbten „Brauchbares, dienendes Gerät“. In: Fritz Schwerdt –
Dm. 15 cm; Patene: Dm. 15 cm; Kelchlöffel: L. 8 cm; Fuß mit eingraviertem Kreuz und einen Wegbereiter moderner Sakralkunst. [Link]. Dom­
Futteral: 25 x 20 x 19,8 cm konischen, durch einen schmalen, pro- schatzkammer, Aachen. Aachen 2010, S. 4–16.
Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg filierten Ring gegliederten Schaft, der
Rothenfels e.V. die trichterförmige Cuppa trägt. Zum 170 •
Kelch gehören eine schlichte Patene mit Madonna
Von 1924 an erfolgten auf Burg Ro- graviertem Kreuz sowie ein Kelchlöffel. Anton Wendling (1891–1965) · 1920er Jahre
thenfels angeregt durch den Theolo­gen Aufbewahrt wird die dreiteilige Garnitur Holzschnitt · 51 x 38 cm
Romano Guardini (1885–1968) und in einem hochrechteckigen, mit einem Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg
den Architekten Rudolf Schwarz ein- bündig abschließenden Deckel versehe- Rothenfels e.V.
schneidende Umbaumaßnahmen. Diese nen Futteral.
betrafen ab 1927 den Rittersaal und die Der Kelch kam bei den wöchentlich Seit 1927 war Romano Guardini (1885–
Burgkapelle, deren barockes und histo- stattfindenden Abendmahlsmessen 1968) Bundesleiter des Quickborn. Er
ristisches Inventar entfernt und deren und hohen kirchlichen Feiertagen auf beauftragte Rudolf Schwarz (1897–1961)
Wände im Stil der Neuen Sachlichkeit der Burg zum Einsatz. Dort feierte der mit dem Ausbau von Burg Rothenfels,
weiß gestrichen wurden. Das Interieur Quickborn als katholischer Bund die die der katholischen Jugendbewegung
sowie liturgisches Gerät gestalteten Messen auf Anregung Romano Guar­ als Veranstaltungsstätte und geistiges
Lehrer und Schüler der Aachener Werk- dinis unter aktiver Beteiligung der Zentrum dienen sollte. Für die dortige
kunstschule, die Rudolf Schwarz seit Ge­­­meinde und wurde somit neben dem Kapelle, die im Sinne einer liturgischen
1927 leitete. Jugendverband Neudeutschland füh- Reform errichtet wurde, schuf Anton
Schwarz arbeitete eigenen Angaben rend in der liturgischen Bewegung. Wendling 1927/28 Glasfenster. Die von
zufolge bereits 1924 ein halbes Jahr B. Schübel Guardini formulierte besondere Vereh-
lang an einem Entwurf für einen Abend­ rung der Gottesmutter fand in Marien-
mahlskelch. Ob es sich bei dem auf Godehard Ruppert: Burg Rothenfels. Ein Beitrag zur feiern und Maiandachten des Quickborn
Burg Rothenfels bis heute verwendeten Geschichte der Jugendbewegung und ihres Einflus­ ihren Ausdruck. Durch neue Formen der
Gefäß um das der Überlieferung nach ses auf die katholische Kirche (Rothenfelser Schrif­ Volksfrömmigkeit sollte der Mensch zu
1924 für Guardini entworfene handelt, ten 5). Rothenfels 1979, S. 53. – Walter Zahner: einer Einheit mit seiner Umwelt, mit Na-
ist nicht eindeutig geklärt. Im Nachlass Rudolf Schwarz – Baumeister der Neuen Gemeinde. tur und Kunst, Ehe und Familie geführt
des Goldschmieds Fritz Schwerdt, der Ein Beitrag zum Gespräch zwischen Liturgietheolo­ werden. In dieser Atmosphäre katho-
von 1929 bis 1933 Schüler der Aachener gie und Architektur in der Liturgischen Bewegung. lischer Erneuerung verlieh Wendling

Quickborn 291
171

ter, der mit beiden Armen jeweils eine


von einem Giebel bekrönte Säule stemmt
und unter dieser Last auf die Knie fällt,
wodurch das Bild erdrückend wirkt.
Schon 1924 verglich man den Künstler
in der Zeitschrift „Das Heilige Feuer“
mit der Jugend auf dem Hohen Meißner
1913, weil er aus eigener Verantwor-
tung heraus neue Wege ging. Wendlings
Botschaft war – wie auch hier – nicht
rein christlich, sondern auch politisch
aufgeladen. C. Selheim

Werner Lenartz: Anton Wendling. Der Weg und das


Wollen eines jungen Künstlers. In: Das heilige Feuer
170 12, 1924, S. 159–161. – Wilhelm Geißler: Kunst und
Künstler in der Jugendbewegung. Ein Beitrag zur
Geschichte der Jugendbewegung (Schriftenreihe
dem traditionellen Bild der Madonna Der von Wilhelm Geißler (1895–1977) des Archivs der deutschen Jugendbewegung 1).
eine eigene Prägung. Dabei nutzte er die im Namen der „Neudeutschen Künst- o.O. [Witzenhausen] 1975, bes. S. 19. – Carsten Wurm/
expressive Wirkung des Holzschnitts lergilden“ für das Jahr 1920 erstmals Jens Henkel/Gabriele Ballon: Der Greifenverlag in
und entwickelte aus dem kontrastrei- herausgegebene Greifenkalender gehör- Rudolstadt 1919–1993. Verlagsgeschichte und Biblio­
chen Miteinander der schwarzen Druck- te mit einer Auflage von 8.000 Stück zu graphie (Veröffentlichungen des Leipziger Arbeits­
farbe mit dem hellen Papierton eine be­- den erfolgreichsten Publikationen des kreises zur Geschichte des Buchwesens – Schriften
­rührende Darstellung der in Anbetung Greifenverlages. Er richtete sich mit der und Zeugnisse zur Buchgeschichte 15). Wiesbaden
ihres Kindes tief versunkenen Mutter- wiedergegebenen Schwarzweißkunst, 2001, bes. S. 227. – Peter Pfister: Anton Wendling
gottes. S. Gropp die das Druckverfahren verbilligte und und der Holzschnitt. In: Anton Wendling. Facetten­
sich künstlerisch auf das Wesentliche reiche Formstrenge. Hrsg. von Myriam Wierschowski.
Johannes Binkowski: Jugend als Wegbereiter. Der konzentrierte, an breite Kreise der Ju- [Link]. Deutsches Glasmalerei-Museum, Linnich.
Quickborn von 1909 bis 1945. Stuttgart/Aalen 1981, gendbewegung und trug zur Bekannt- Linnich 2009, S. 99–109, bes. S. 99.
S. 198–199, 204. – Anton Wendling. Facettenreiche heit mancher Künstler, die oft aus
Formstrenge. Hrsg. von Myriam Wierschowski. dieser stammten, bei. 172 •
[Link]. Deutsches Glasmalerei-Museum, Linnich. Wiederholt vertreten waren die expres- Klemens Neumann, der Spielmann
Linnich 2009, S. 221, Nr. 24, Abb. S. 153. siven Holzschnitte von Anton Wendling
(1891–1965), dessen „Spartakus“ 1921 1. Violine
171 • das Titelblatt des Abreißkalenders Klingenthal (?), Vogtland, um 1850 (?) · Decke:
Greifenkalender schmückte. Es handelt sich um den ers- Nadelholz; Zargen und Boden: Ahorn; Zubehörteile:
Greifenkalender 1921. Für die Neudeutschen Künst­ ten bekannten Holzschnitt des vor allem Ebenholz · L. ges. 59 cm; B. Corpus 20,6 cm
lergilden. Hrsg. von Willi Geißler. Rudolstadt 1920 durch seine Glasmalereien geschätzten Warburg-Scherfede, Dokumentationsstelle für
23,5 x 15,3 cm Künstlers, den er später als „Samson“ kirchliche Jugendarbeit, Jugendhaus Hardehausen,
Witzenhausen, AdJb, B 972/002 bezeichnete. Das Blatt zeigt einen Arbei- G-4-0001

292 Katalog
172 173.1

2. Musikanten mit Klemens Neumann 173 • vielen, zum Teil sehr guten Liederbü-
1919 · Fotografie · 16,3 x 22,7 cm Der Spielmann chern an, welche die neue Wanderbewe-
Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg gung hervorgebracht hat. Doch ist die
Rothenfels e.V. 1. Der Spielmann. Liederbuch für Jugend und Volk. Betonung des Volkstümlichen nicht so
5. Aufl. Burg Rothenfels a.M. 1924 · 17,2 x 12,5 cm weit gegangen, daß nicht auch gute Lie-
„Klemens Neumann unser Spielmann. Witzenhausen, AdJb, B 932/066 der neueren Ursprungs darin Aufnahme
Viel tausend leuchtende junge Augen ha- gefunden hätten, wenn sie nur einem
ben an ihm gehangen, wenn er die Fiedel 2. Werbeblatt für das Volksliederbuch „Der Spiel­ Bedürfnisse der singenden Jugend ent-
hob und viel hundert alte, von Arbeit mann“ · um 1930 · Typendruck · 30,4 x 23,6 cm sprachen.“ In der Absicht, sich deutlich
und Leid des Lebens zerfurchte Gesich- Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg von der Verherrlichung des Trinkens,
ter sind wieder froh geworden, wenn Rothenfels e.V., A 0/6 dem Gegröhle von „Alkoholpoesie“ der
sie ihn anschauten, der singend und fie- Studenten und den „seichten Operet-
delnd stand inmitten fröhlicher Jugend. Das 1920 erstmals unter dem Titel „Der tenschlagern“ abzusetzen, umfasste es
[...] er hatte eine Wundergeige, die all Spielmann“ herausgegebene Liederbuch Wander-, Volks- und Kirchenlieder.
dem Reichtum Ausdruck geben konnte, ist die dritte Auflage der von Klemens K. Martius
die jubeln und singen und lachen und Neumann (1873–1928) zusammengestell-
weinen und staunen und beten konnte.“ ten „Quickborn-Lieder“. Die Sammlung Elisabeth Hallmann: Klemens Neumann, der Spiel­
Klemens Neumann (1873–1928) erhielt verstand sich als das Singbuch „[…] der mann der deutschen Jugend. In: Die Singgemeinde 5,
1898 die Priesterweihe. Als Kaplan und ganzen katholischen Jugend und des 1928/29, S. 63. – Buchumschläge 1890–1960. Um­
Religionslehrer wirkte er in Liegnitz katholischen Volkes [und] trug den Sinn schlag- und Einbandgestaltungen Aachener Künstler.
(Legnica, Polen) und ab 1903 in Neiße für das Volkslied wieder in weite Kreise Bearb. von Adam C. Oellers/Roland Rappmann/
(Nysa, Polen), wo er 1914 die Grenz-Volks­ und erfüllte innerhalb der katholischen Hermann-Josef Reudenbach. [Link]. Suermondt-
hochschule „Heimgarten“, das erste ka- Jugend eine ähnliche Aufgabe wie der Ludwig-Museum, Aachen/Bibliothek der RWTH,
tholische Volksbildungswerk, begründete. ,Zupfgeigenhansl‘ im Wandervogel.“ Aachen/Bischöfliche Diözesanbibliothek, Aachen.
Für die Jugend des Quickborn wurde er Zunächst vom „Deutschen Quickborn- Eupen 1998.
zur Identifikationsfigur, die er zum Wan- haus“ herausgegeben, erschien „Der
dern, zum Volkstanz – beispielsweise auf Spielmann“ seit 1930 im Mainzer Mat- 174
der Rothenfelser „Reigenwiese“ – und thias-Grünewald-Verlag in zahlreichen Postkarte „Knabe mit Schwert“
Laienspiel anleitete. Auflagen bis 1978 und, wie das Werbe- Um 1930 · Druck · 14,7 x 10,5 cm · Bez.: HERR, mach
Er gilt zudem als einer der Wegberei- blatt zeigt, für verschiedene Instrumen- mich stark gegen mich und tapfer für dich
ter der Finkensteiner Bewegung, die talbegleitungen. Die charakteristische, Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg
sich seit 1923 vom Sudentenland über bis zuletzt beibehaltene Titelvignette Rothenfels e.V.
ganz Deutschland ausbreitete und auf hatte der Frankfurter Grafiker Walter
Grundlage des gemeinsamen Singens Clemens Schmidt (1890–1979) entwor- Die katholische Jugendorganisation
und Laienmusizierens eine musikali- fen. Die Illustration des Einbandes der Quickborn, die sich seit den 1920er
sche und gesellschaftliche Erneuerung Auflage von 1924 stammt von dem Kir- Jahren an Verhaltensformen der bündi-
anstrebte. K. Martius chenmaler Anton Wendling (1891–1965). schen Jugend orientierte, verstand das
Im Vorwort schreibt Neumann: „Der Bekenntnis zum katholischen Glauben
Elisabeth Hallmann: Klemens Neumann, der Spiel­ Spielmann, ein Volksliederbuch für die und einer entsprechenden christlichen
mann der deutschen Jugend. In: Die Singgemeinde deutsche Jugend, schließt sich in be- Lebensführung als ihr Hauptanliegen.
5, 1928/29, S. 63, 126–129, bes. S. 126. wußter Pflege des Volkstümlichen den Daneben teilte der Quickborn mit großen

Quickborn 293
Teilen der übrigen bündischen Jugend
auch ein zunehmend aktivistisches und
Jungdeutscher Orden Ab Mitte der 1920er Jahre hatte die
Ju­gend des Jungdeutschen Ordens be­
militantes Lebens- und Gesellschafts- gonnen, sich von den Erwachsenen zu
verständnis. Das Schwert war Symbol Der Berufsoffizier Artur Mahraun grün- emanzipieren, selbstbestimmt zu agie-
für die besonders propagierten Werte dete 1920 den Jungdeutschen Orden, ren und die ihr zugedachte Funktion als
der Entschiedenheit und Unbedingtheit, dessen Aufbau sich am Deutschen Orden Rekrutendepot abzulegen. Auf ihrem
die vor allem in der jüngeren Generation orientierte. Er sah die Organisation als Weg zur bündischen Jugend übernahm
vertreten wurden. H.-U. Thamer außerparlamentarische politische Kraft sie Stilelemente der Jugendbewegung,
und Teil der „Wehrbewegung“. Als rechter wie Fahrt, Kluft und große Zeltlager.
Wehrverband lehnte der Orden anfangs Die 34 Aufnahmen des Fotoalbums
die Weimarer Republik ab. Später arran- entstanden Ende Juli 1931 bei einem
gierte er sich mit der neuen Staatsform Lager der Jungdeutschen Jugend in
und verteidigte sie gegen den National­ Annenhöhe in Schleswig-Holstein, das
sozialismus. unter Leitung des Journalisten und
Der Ordensnachwuchs, die Jungdeut­sche Führers der Ordensjugend Erich Eg-
Jugend, galt als vormilitärische Schu- geling (1902–1984) stattfand. Es stand
lungsorganisation und hatte Elemente ganz im Zeichen der Jugendbewegung.
der Jugendbewegung übernommen. Ab M. Gruninger
Abbildung aus Mitte der 1920er Jahre löste sich die
Jungdeutsche Jugend vom Einfluss der Christel Liebold: Jungdeutscher Orden und Jugend­
urheberrechtlichen Gründen Erwachsenen. Obwohl sie im engeren bewegung. In: Hart & Zart. Die Trachtenpuppen des
Sinne nicht zur Jugendbewegung gehör- Jungdeutschen Ordens. [Link]. Historisches
unkenntlich gemacht te, unterstützte sie Bestrebungen zur Museum Bielefeld u.a. Münster 2003, S. 52–69,
Eini­gung aller bündischen Gruppen und bes. S. 62.
beanspruchte die Führungsrolle.
178
Marmorplatte
1920 · Marmor · 11 x 25 cm · Bez.: Treudeutsch
176 • (Abb. S. 121) Allewege! / 1920 / Bruderschaft Eisleben.
Wimpel der Jungdeutschen Jugend, Minden, Preußen-Museum NRW, WES 106/97
Berlin
1927–1933 · Grund: Baumwolle, weiß; Stickerei: Im Zentrum der Platte steht das an das
175 Baumwolle, schwarz; Besatz: Kordel, schwarz, weiß; Malteserkreuz erinnernde Kreuz des
175 • Tunnel; Karabinerhaken · 48 x 80 cm Jungdeutschen Ordens, der sich vor
Marschierende Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 111 allem in der Anfangszeit in seiner Orga-
Entwurf Titelblatt: A. Paul Weber (1893–1980) nisation und manchen Begrifflichkeiten
in: Sudetendeutscher Quickborn – Jungenblatt 6, Der mit einem Schwenkel versehene eng an den Deutschen Orden anlehnte.
1933/34 · 22,6 x 15,4 cm weiße Wimpel zeigt den Umriss eines Die Grußformel „Treudeutsch Allewe-
Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg Kopfes im Profil mit Ritterhelm, darü- ge!“ war bereits im 19. Jahrhundert in
Rothenfels e.V. ber ein dreischenkliges, sechsspitziges völkisch-nationalen Kreisen und Bur-
Kreuz, das gestalterisch an das Malte- schenschaften verbreitet. G. Renda
Das Titelblatt der Zeitschrift „Sude­ serkreuz erinnert. Im 1920 gegründeten
tendeutscher Quickborn“ verdeutlicht, Jungdeutschen Orden waren mehrheit- Gerhard Renda: Geschichte des Jungdeutschen
dass sich auch konfessionelle Bünde lich ehemalige Frontkämpfer organi- Ordens. In: Hart & Zart. Die Trachtenpuppen des
kaum der zunehmenden gesellschaft­ siert, die sich unter dem Gründer Artur Jungdeutschen Ordens. [Link]. Historisches
lichen Militarisierung entziehen konn- Mahraun (1890–1950) der nationalen Museum Bielefeld u.a. Münster 2003, S. 24–51,
ten und den martialischen Gestus zu Erneuerung verschrieben. Unter Be- 138, Abb. S. 26.
Beginn der 1930er Jahre übernahmen. rufung auf die soldatischen Tugenden
Marschierende Jungen in Uniformen Preußens wurde das Ideal des wehr- 179 •
mit Fahnen wurden zu viel verwende- haften, loyalen Kämpfers innerhalb ei- Reliefplatte
ten Motiven, die sich in zahlreichen ner bündischen Gemeinschaft gepflegt. Entwurf: Eberhard Encke (1881–1936) · Ausführung:
Bünden – gleich welcher politischen Im Lauf der 1920er Jahre veränderte Kunstgießerei Lauchhammer · 1934 · Gusseisen
Ausrichtung – fanden. M. Gruninger Mahraun mit dem Jungdeutschen 14,5 x 9,5 cm · Bez.: 1934 / EHRE UND FRIEDEN
Or­den seine Position zugunsten der Bielefeld, Historisches Museum Bielefeld, 91/85/1
Demokratie. S. Rappe-Weber
Das geschwärzte Relief zeigt einen
177 • (Abb. S. 123) Ordensritter, gewappnet mit einer Mi-
Fotoalbum mit Aufnahmen eines Lagers schung aus Platten- und Schuppenpan-
der Jungdeutschen Jugend zer, der sich hinter einem mannshohen
1931 · Baumwolle, Karton, Papier · 12,5 x 18 cm Schild mit Ordenskreuz nach rechts
Bielefeld, Historisches Museum Bielefeld, 2001/38/1 wendet. Den rechten Arm, gestützt auf
das Schwert, hält er nach hinten und

294 Katalog
Nachdem die Schwesternschaften
ein­zelner Ordensballeien eine gewisse
Anzahl von Puppen gefertigt hatten,
wurden diese bei lokalen Ausstellun-
gen präsentiert. Bei überregionalen
Treffen des Ordens kam auch die ganze
Sammlung, die stän­­­­­­dig ergänzt wurde,
zur Geltung. Die Trach­tenpflege als ein
Kernthema der Heimatschutzbewe-
gung bewirkte, dass die Puppen auf
breites Interesse stießen und mittelbar
für die Anschauungen des Jungdeut-
schen Ordens warben. Fernziel der
Schwesternschaften war ein stationä-
res Trachtenpuppenmuseum. Durch die
Auflösung des Ordens 1933 wurde die
Sammlung jedoch zerstreut, der größte
noch zusammenhängende Bestand
gelangte in das Bielefelder Museum.
G. Renda

Hart & Zart. Die Trachtenpuppen des Jungdeut­


schen Ordens. [Link]. Historisches Museum
Bielefeld u.a. Münster 2003, bes. S. 127, 133–134,
179 180.1 Abb. S. 96, 146.

umfängt damit eine frontal gesehene, 3. Fotoalbum


erheblich kleinere Frauengestalt. Diese Um 1930 · Baumwolle, Karton, Papier · 19 x 27 cm
ist durch ein bodenlanges, plissiertes Bielefeld, Historisches Museum Bielefeld,
Kleid, einen Nimbus und eine brennende 2010/046/001
Kerze in den Händen als übernatürliches
Wesen oder Allegorie charakterisiert. Die Schon ein Jahr nach Gründung des
Unterschrift „Ehre und Frieden“ gibt die Jungdeutschen Ordens, also 1921,
Deutung der Figuren vor: Der Ordensrit- schlossen sich Ehefrauen und Schwes-
ter stellt die Ehre dar, die den wehrlo- tern von Ordensmitgliedern, die in
sen Frieden mit seinem Hoffnungslicht Bruderschaften organisiert waren,
beschirmt. Die Datierung 1934 des von entsprechend in Schwesternschaften
dem Berliner Bildhauer Eberhard Encke zusammen. Sie unterstützten zwar
geschaffenen Reliefs gibt Rätsel auf, generell die politischen Ziele der Män-
denn der Jungdeutsche Orden hatte sich ner, jedoch „in dem Rahmen, der der
bereits im Juni 1933 auf Druck der Natio- Frauen Eigenart gezogen ist“, wie es in
nalsozialisten aufgelöst. G. Renda der Verfassung der Schwesternschaf-
ten heißt. Neben karitativen Aufgaben
Gerhard Renda: Geschichte des Jungdeutschen widmeten sie sich der Brauchtums-
Ordens. In: Hart & Zart. Die Trachtenpuppen des und Kulturpflege. Durch die Beschäf-
Jungdeutschen Ordens. [Link]. Historisches tigung mit Volkstanz und -lied war
Museum Bielefeld u.a. Münster 2003, S. 24–51, eine enge Verbindung zur Trachten-
138, Abb. S. 139. pflege gegeben. Einer Anregung der
Thüringer Trachtenforscherin Luise
180 • Gerbing (1855–1927) folgend, began-
Trachtenpuppen nen Schwesternschaften aus dieser
Kämmer & Reinhardt, Waltershausen i. Th. · um 1930 Region 1926 mit der Anfertigung von
Modell 717/50 · Gliedergelenkkörper: Holz, Masse; Trachtenpuppen. Diese sollten die im
Kopf: Celluloid, Mohairperücke; Textilien, Pelz, Perlen Verschwinden begriffenen Volkstrachten
möglichst originalgetreu dokumentieren.
1. Bückeburger Sonntagstracht Die Jung­deutschen Schwestern verwen-
H. 56 cm deten nach Möglichkeit Originalstoffe
Bielefeld, Historisches Museum Bielefeld, B 613 und zogen erhaltene Trachten, bildliche
Vorlagen und die Aussagen ehemali-
2. Bremer Bürgerin ger Trachtenträgerinnen zu Rate. Von
H. 54 cm Thüringen ausgehend fand der Gedan-
Bielefeld, Historisches Museum Bielefeld, B 679 ke bald in anderen Regionen Anklang.

Jungdeutscher Orden 295


Artamanen 182
Flugblatt
Hersteller: Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden
Die Anfänge der Artamanen, eines 1925 (?) · 28,7 x 22,1 cm · Bez.: Wir sind Artamanen,
radikalen, völkischen Siedlungsbundes, freiwilliger / Arbeitsdienst in der Landwirtschaft […]
reichen bis in das Jahr 1923 zurück. Berlin, Deutsches Historisches Museum, Do 88/414l
Als Anhänger einer agrarromantischen
Utopie rekrutierten sie sich aus dem Anknüpfend an einen 1923 veröffentli-
Netzwerk der völkischen Bünde, der chen Aufruf des Rassezuchtideologen
Wehrverbände und aus Teilen der Ju- Willibald Hentschel (1858–1947) zur
gendbewegung. Ihr Einsatz für einen Grün­dung ländlicher Siedlungsgemein-
freiwilligen Arbeitsdienst in der Land- schaften initiierten die völkischen Publi-
wirtschaft zielte auf eine Gründung zisten Bruno Tanzmann (1878–1939) und
ländlicher Siedlungsgemeinschaften. Wilhelm Kotzde-Kottenrodt (1878–1948)
„Rassisch-genetisch hochwertige junge einen „freiwilligen Arbeitsdienst“, deren
Deutsche“ sollten sich vor allem in den erste 30-köpfige Schar sich im Frühjahr
deutschen Ostgebieten ansiedeln, um 1924 unter Führung des Agrarideologen
dort der Landflucht und dem Zustrom August Georg Kenstler (1899–1942) auf
polnischer Saisonarbeiter entgegenzu- dem sächsischen Rittergut Limbach bei
treten. Die Artamanen selbst sahen sich Wilsdruff westlich von Dresden zusam-
als Teil der bündischen Jugend. Diese menfand. Der Name des 1926 als „Artam
betrachtete sie als eigenwilligen, aber e.V.“ konstituierten radikal-völkischen
dennoch zur Jugendbewegung gehören- Siedlungsbundes basiert auf Hentschels 183
den Bund. Deutungen arischer Sittlichkeitsvorstel-
lungen. Die Artamanen appellierten an Die Zeitschrift „Blut und Boden“ wur­
jugendbewegten Idealismus, germanen- de 1929 bis 1934 von dem aus Sieben-
und rassenideologische Vorstellungen bürgen stammenden Agrarideologen,
und zielten auf die Umsetzung antiurba- Siedlungsaktivisten und Mitbegründer
ner und agrarromantischer Siedlungs- der Artamanen August Georg Kenstler
utopien. Hinzu kamen antislawische (1899–1942) herausgegeben. Kenstler
Ressentiments, weshalb sie besonders inspirierte maßgeblich den NS-Land-
in den von Ost-West-Migration und wirtschaftsminister und „Reichsbauern-
Landflucht gezeichneten deutschen Ost- führer“ Richard Walther Darré (1895–
provinzen die Präsenz polnischer Sai- 1953), der – ebenfalls Artamane – 1930
sonlandarbeiter zurückdrängen wollten. mit seinem Buch „Neuadel aus Blut und
Eng mit den Artamanen verknüpft war Boden“ die Blut-und-Boden-Metapher
181 die Bauernhochschulbewegung, die in den allgemeinen Sprachgebrauch des
181 • Tanzmann in der Gartenstadt Hellerau Nationalsozialismus einbrachte. Schon
Wimpel der Artamanen bei Dresden nach dänischem Vorbild in den 1920er Jahren findet sich das
Um 1930 · Grund: Baumwolle, rot; Applikation: propagierte. Unter Berufung auf ein Begriffspaar bei den rechtskonserva-
Baumwolle, weiß; Stickerei: schwarz · 40 x 105 cm ganzheitliches Bildungsideal sollte tiven Schriftstellern Oswald Spengler
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 119 sich die Landbevölkerung auf eine (1880–1936) und August Winnig (1878–
„Wiedergeburt der nordischen völki- 1956), wird jedoch erst bei Kenstler und
Im Zentrum des Artamanen-Bundes schen Kultur“ besinnen. I. Wiwjorra Darré zum Synonym völkischer Pro-
stand die Organisation freiwilliger grammatik: Das „Blut“ verweist auf die
Arbeitsdiensteinsätze auf dem Land Michael H. Kater: Die Artamanen: Völkische Jugend „Rasse“ und Abstammung, der „Boden“
für junge Männer und Frauen. Im Jahr in der Weimarer Republik. In: Historische Zeitschrift steht für „Lebensraum“, Ernährung und
1929 arbeiteten auf etwa 270 Höfen 213, 1971, S. 577–638. – Peter Schmitz: Die Artama­ bäuerliche Idylle. I. Wiwjorra
über 2.300 Artamanen. Programmatisch nen. Landarbeit und Siedlung bündischer Jugend in
standen sie dem Nationalsozialismus Deutschland 1924–1935. Bad Neustadt a.d. Saale 1985, Mathias Eitenbenz: „Blut und Boden“. Zu Funktion
nahe: mit der Beschäftigung deutscher S. 29–30. – Justus H. Ulbricht: Völkische Erwachse­ und Genese der Metaphern des Agrarismus und
Kräfte sollten polnische Landarbeiter nenbildung. In: Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ Bio­logismus in der nationalsozialistischen Bauern­
verdrängt, mit der Ansiedlung deut- 1871–1918. Hrsg. von Uwe Puschner. München u.a. propaganda R. W. Darrés. Berlin u.a. 1993, bes.
scher Siedler in Ostpreußen deutsche 1999, S. 252–276, bes. S. 265–269. S. 2–3. – Anna Bramwell: Blut und Boden. In: Deut­
Expansionsziele im Osten unterstützt sche Erinnerungsorte. Hrsg. von Étienne François/
werden. 1934 gingen die Artamanen in 183 • Hagen Schulze, 3 Bde. München 2001, Bd. 3, S. 380–
den „Landdienst der Hitlerjugend“ über. Blut und Boden 391. – Johann Böhm: August Georg Kenstler, Her­
Ähre und Hakenkreuz auf dem Wim- Blut und Boden – Monatsschrift für wurzelstarkes ausgeber der Monatsschrift „Blut und Boden“ und
pel der sächsischen Artamanenschaft Bauerntum, deutsche Wesensart und nationale aktiver Vorkämpfer der nationalsozialistischen Ag­
Kriebstein zeigen diese Verbindung. Freiheit 1, 1929 · 24,6 x 17 cm rarpolitik. In: Halbjahresschrift für südosteuropäische
S. Rappe-Weber Witzenhausen, AdJb, Z 100/1153 Geschichte, Literatur und Politik 15, 2003, S. 19–43.

296 Katalog
Alwiß Rosenberg „übersetzte“ die von Liedes „Die Zither lockt, die Geige klingt“
ihm kreierte „Artam-Rune“ mit „Hüter von Rudolph Baumbach (1840–1905), das
der Scholle“. I. Wiwjorra u.a. in den Liederbüchern „Sankt Georg.
Lieder der deutschen Jugend“ (Plauen
Peter Schmitz: Die Artamanen. Landarbeit und Sied­ 1935) und „Uns geht die Sonne nicht
lung bündischer Jugend in Deutschland 1924–1935. unter. Lieder der Hitler Jugend“ (1934)
Bad Neustadt a.d. Saale 1985, S. 44–45. – Karlheinz veröffentlicht ist (siehe auch Lied Nr. 5).
Weißmann: Schwarze Fahnen, Runenzeichen. Die 2. „Wir wollen zu Land ausfahren, / über
Entwicklung der politischen Symbolik der deutschen die Fluren weit [...]“ ist der Beginn des
Rechten zwischen 1890 und 1945. Düsseldorf 1991, gleichnamigen Liedes von Hjalmar „Ho-
S. 44–45. rant“ Kutzleb (1885–1959) aus dem Jahr
1911, u.a. veröffentlicht in „Fahrtenlie-
185 • der. Gesammelt und zusammengestellt
Gitarre eines Artamanenführers von Fritz Sotke. 5. Aufl. Iserlohn 1925,
Hersteller: Karl Ernst, Markneukirchen · nach 1920 S. 25 (siehe auch Lied Nr. 5).
Decke: Nadelholz; Zargen, Boden und vermutlich 3. „NACH OSTLAND [Zeichnung Schwert
Hals: Ahorn; Kopf: Wirbelmechanik, darauf künst­ mit Wappenschild der Artamanen] /
liche Edelweißblüte; eingelegte Messingbünde; Hals, WOLLEN WIR FAHREN.“ ist der Beginn
Wirbelkasten: schwarz gebeizt; Zargen, Boden: eines Liedes der Flamen, das der Über-
orange­braun lackiert · L. ges. 92,2 cm; L. Corpus lieferung zufolge bei der Kolonisation
44,6 cm; B. Corpus 29,9 cm; H. Zargen 7–6,3 cm; des Flämings im heutigen Branden-
schwingende Saitenlänge: 60 cm · Bez. auf Papier­ burg und Sachsen-Anhalt zu Beginn
etikett: Karl Ernst, / Markneukirchen, Sa. / Streich-, des 12. Jahrhunderts gesungen wurde.
Zupf- und Blasinstrumente in höchster Vollendung. / Die seit dem ausgehenden 19. Jahr-
Reinschwingende Saiten, / alles Zubehör und hundert rezipierte Textfassung ist von
184 Musikalien. Karl Koopmann (1839–1905) und wurde
184 • Witzenhausen, AdJb, G 9 Nr. 8 u.a. durch Max Reger (1873–1916) als
Wappenbild vierstimmiger Männerchor für das 1906
Um 1930 · Nadelholz, bemalt; Metall; Hanfseil Die leicht erlernbare Gitarre erlaubt durch Kaiser Wilhelm II. (1859–1941)
60,2 x 40 x 3,8 cm · Bez.: Bund „Artam“ sowohl das Spiel von Melodien als auch angeregte Chorbuch mit Volksliedern,
Witzenhausen, AdJb, G 11 Nr. 5 eine akkordische Begleitung, weshalb das sog. Kaiserliederbuch, vertont.
sie im 19. Jahrhundert zu einer belieb- 4. „Wollen [sic!] uns auf die Fahrt bege-
Die von den Artamanen verwendete Em- ten Liedbegleiterin avancierte. Diese ben, / das ist unser schönstes Leben!“.
blematik ist ein Spiegel ihrer ideologi- einfach ausgestattete Wandergitarre Die Zeile ist aus dem ersten Vers des
schen Inhalte: So sind die sog. arischen des Artamanenführers Wilhelm Schmid anonym um 1840 überlieferten fränki-
Farben Blau und Gold im Wappenbild entstand in der Werkstatt von Karl schen Liedes „Auf du junger Wanders-
ein Gleichnis der zum Rassenideal er- Ernst, Markneukirchen, der im März mann“. Die 1923 im Bärenreiter-Verlag
hobenen „germanischen“ Merkmale der 1920 mit dem Musiker und „Klampfen- gedruckte Vertonung von Walther Hen-
blauen Augen und der blonden Haare. bauer“ Peter Harlan (1898–1966) das sel (1887–1956) eroberte sich seit den
Der „Große Wagen“ oder „Große Bär“, sog. „Klampfenamt der Wandervogel- späten 1920er Jahren einen Stammplatz
das markanteste Sternbild des nördli- kanzlei Hartenstein“ gegründet hatte. in den meisten Liederbüchern.
chen Nachthimmels (unten), dient der Es war ein Vertrieb und Reparaturbe- 5. „Fort geht die Fahrt / durch den wil-
Auffindung des Polarsterns (oben). Die­­se trieb für Zupf- und Streichinstrumente, den Verhau, / uns geht die Sonne / nicht
Richtungsbestimmung symbolisiert aus dem Ernst bereits nach 15 Monaten unter!“ bildet den Schluss des dritten
die weltanschauliche Hinwendung zum ausschied. Verses aus dem Lied „Wilde Gesellen
Norden. Die Gebrauchsspuren auf dem Korpus vom Sturmwind durchweht“ von Fritz
Die „Artamrune“ ist eine erfundene, aus sowie Heu und Strohfasern im Innern Sotke (1902–1970). Von dem zunächst im
zwei Teilen bestehende Binderune, für zeugen vom häufigen Gebrauch der Gi- zweiten Band der „Heimat- und Fahr-
die es kein historisches Vorbild gibt. Ihre tarre. Auf der Decke sind fünf Inschrif- tenlieder der wandernden Jugend“ in
Bedeutung geht auf die völkischen Rune- ten mit geschwärzten Buchstaben und Plauen 1925 veröffentlichten Lied gab
nesoteriker Guido (von) List (1848–1919) Abbildungen eingeritzt, die – mehr oder die letzte Liedzeile 1934 dem Liederheft
und Rudolf John Gorsleben (1883–1930) weniger korrekt – Liedzeilen zitieren. „Uns geht die Sonne nicht unter. Lieder
zurück: Die „Ar-Rune“ soll Licht, Adler, Diese Lieder finden sich im Repertoire der Hitler Jugend“ den Namen. M. Zepf
Herr oder auch Acker bedeuten; die fast aller Gruppen der Jugend- und
Rune (im älteren Futhark mit dem Singbewegung. Dieter Klöckner: Gitarre. 20. Jahrhundert. In: Die
Wortwert Elhaz oder Algiz für Elch) Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine
wird „Man-Rune“ oder auch „Lebens­ 1. „Ich bin wie du, Landfahrerin., [sic!] / Enzyklopädie der Musik. Hrsg. von Ludwig Finscher.
rune“ bezeichnet. ein fahrender Gesell!“, darunter die 2. neu bearb. Aufl. Kassel/Basel/Weimar 1995, Bd. 3,
Vor dem Hintergrund dieser Teilbedeu- Zeichnung eines Hutes mit Feder, wie Sp. 1329–1394, bes. Sp. 1362. – Peter Thalheimer: Die
tungen sollte die „Artamrune“ den „erd- er von Wandervögeln vor dem Ersten Blockflöte in Deutschland 1920–1945. Instrumenten­
verbundenen Menschen“ versinnbild- Weltkrieg gern getragen wurde. Die Zei- bau und Aspekte zur Spielpraxis (Tübinger Beiträge
lichen. Der Artamanen-Bundesführer len stammen aus dem vierten Vers des zur Musikwissenschaft 32). Tutzing 2010, S. 128.

Artamanen 297
Horst Schenk-Mischke
Mitglied der dj.1.11, Horte Berlin

186 • (Abb. S. 102)


Der Fahnenträger
Oskar Just (1896–1964) · 1931 · Malerei auf Leinwand
100 x 80 cm · Privatbesitz

Der sudetendeutsche Porträt- und Land-


schaftsmaler Oskar Just hat mit seinem
Gemälde das Selbstverständnis und das
Menschenbild des Jungenschaftsbundes
dj.1.11 festgehalten. Bei dem Dargestell-
ten handelt es sich um Wolf-Rainer „Ma-
rio“ Rall (1914–1939), der als Mitglied
der Stuttgarter Rominshorte, der Kern-
gruppe der dj.1.11, an einer der legendär-
en Lapplandfahrten von Eberhard „Tusk“
Koebel (1907–1955) teilgenommen hat
und Fahnenträger des Bundes war. Sein
charismatischer Gau- und Bundesführer
„Tusk“ widmete ihm 1933 seine Schrift
„Heldenfibel“, in der die zeittypischen
hero­isierten Männlichkeitsvorstellungen
exemplarisch entwickelt werden.
Auf dem Gemälde ist ein schlanker, ernst
und entschlossen blickender Jüngling
in einer blau-schwarzen Jungenschafts-
jacke zu sehen, dessen linke Hand am
Gürtel liegt. Dieser hat ein Koppelschloss
und wird durch einen über die rechte
Schulter geführten Fangriemen gehalten.
Das Bild war in Jungenschaftskreisen
bekannt, weil der Wiedergegebene die
Entschiedenheit und die Idee des „vorur-
teilslosen Selbsterringenden“, mithin die
Ideale der von „Tusk“ geprägten Jungen-
schaften, ebenso veranschaulichte wie
die Fahne des Bundes ([Link]. 187). Was
den neuen Menschen, so wie „Tusk“ ihn
recht vage proklamierte, auszeichnen
sollte, waren unbedingter Gehorsam,
Gemeinschaft, Dienst und Aktion. Das
entsprach der in der Jugendbewegung
der späten Weimarer Republik übli-
chen Gefühlswelt und sprachlichen
Agitation. In dem von „Tusk“ geprägten
Stil sowie dem Zeichensystem seiner
Publikationen und seiner Grafik kamen
diese pathetischen und radikalen Ent­
würfe eines „Aufstandes der Jungen“,
die zugleich Gegenentwürfe zur Gesell­
schaftsverfassung der Weimarer Repub-
lik bildeten, sichtbar zum Ausdruck.
H.-U. Thamer

Karl Groh: Der Fahnenträger. Bretagne 1942. – Meis­


sner Dokumentation. Hrsg. vom Verein zur Vorberei­
tung und Durchführung des Meißnertreffens 1988
185

298 Katalog
e.V. und Ring junger Bünde e.V. Witzenhausen 1989,
S. 108–109. – Walter Sauer: Vom „Lichtgebet“ zum
„Fahnenträger“. Menschenbilder und Menschenbild­
nisse der Jugendbewegung. In: Der Eisbrecher 28,
1987, H. 4, S. 270–276, Abb. S. 275.

187 •
Privates von Horst Schenk-Mischke

1. Mütze
1932 · Wolle · 23 x 18 cm
Witzenhausen, AdJb, G 4 Nr. 102

2. Schiffchen
Rüsthaus Tadep, Berlin-Charlottenburg · 1932 · Woll­
tuch, dunkelblau; Futter: Baumwolle, leinwandbindig,
mehrfarbig · 12 x 28 cm
Witzenhausen, AdJb, G 4 Nr. 101

3. Bommeln
1932 · Kordel, Baumwolle, rot, blau, gedreht · L. 18 cm
Witzenhausen, AdJb, G 4 Nr. 99

4. Armbinde
1932 · Grund: Baumwolle, leinwandbindig, blau;
Applikation: Baumwolle, Atlasbindung, rot, grau;
Stickerei: Baumwolle, weiß · 8,5 x 16 cm
Witzenhausen, AdJb, G 4 Nr. 100 187.1, 3, 4

5. Gürtel mit Koppelschloss (Abb. S. 102) suchte, fühlte sich angesprochen und Jugendbünde großen Wert; die Jungen-
Rüsthaus Tadep, Berlin-Charlottenburg · 1932 beschloss kurz darauf zusammen mit schaft machte da keine Ausnahme.
Leder, Metall · L. 106,5 cm den Mitgliedern seines Pfadfinderfähn- Im November verbrachte Horst zusam-
Witzenhausen, AdJb, G 6 Nr. 153 leins: „Wir treten bei Tusk in dj.1.11 ein“. men mit drei Kameraden eine eiskalte
Fast täglich notierte er in dem Jugend- Nacht im offenen Feuerzelt, der Kohte,
6. Großfahrt nach Skandinavien kalender seine Erlebnisse in Schule, bei der sie sich die ganze Nacht über mit
1932 · Fotografie · 12 x 9 cm Elternhaus und Freizeit. „Lange gearbei- Schlafen und dem Bewachen des Feuers
Witzenhausen, AdJb, N 42 Nr. 13 tet“ heißt es da häufig, ein Verweis auf abgewechselt hatten. Bald gehörte er
das ernsthafte Bemühen des Jungen, der der Führungsriege an, die sich in der
7. Deutscher Jungenkalender 1931–32. Jahrbuch für 1933 das Abitur ablegte. „Rot-Grauen Garnison“ traf, einer in
die bündische Jugend Deutschlands. Plauen 1931 „Tusk“ hatte 1929 die dj.1.11, die „deut- demselben Jahr von Koebel gegründe-
15,5 x 11 cm sche Jungenschaft vom 1. November ten Jugendwohngemeinschaft in Berlin.
Witzenhausen, AdJb, N 42 Nr. 14 1929“ gegründet, ein Jugendbund neuen Horst „keilte“ neue Jungenschafter,
Typs, der sich durch ein elitäres Aus- beteiligte sich an Straßenaktionen am
8. Fahne der dj.1.11, Horte Berlin wahlverfahren der Mitglieder, ein inten- Alexander­platz und wurde schließ-
1932 · Grund: Leinen, blau; Einsatz: Leinen, rot; sives Gruppenleben und einen besonde- lich Silvester wegen des Tragens eines
Applikationen: Leinen, weiß · 127 x 186 cm ren Kleidungsstil auszeichnete. Koebel dj.1.11-Koppel­schlosses – was im Rah-
Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 330 prägte den Bund durch die Heraus- men der Notverordnung als Störung der
gabe innovativ gestalteter Bücher und öffentlichen Sicherheit und Ordnung
Die Objekte gehörten Horst Schenk- Zeitschriften, neue Lieder sowie durch ausgelegt wer­den konnte – für einige
Mischke (1914–2004), der, einer bürger- Großfahrten u.a. nach Lappland und Stunden von der Polizei verhaftet („ge-
lichen Berliner Familie entstammend, Russland. Horst Schenk-Mischke nahm lacht wie noch nie in meinem Leben“).
zunächst Mitglied im Deutschen Pfad- voller Begeisterung an allen Formen Sein Leben hatte sich intensiviert und
finderbund und im Bund deutscher Ko- der Freizeitgestaltung teil: „Mit Polli, er war entschlossen, dieses Gefühl
lonialpfadfinder war, bevor er 1931 bei Gerhard und Heinz zu Tusk ins Petri- mit in das neue Jahr zu nehmen: „Für
einem Vortrag Eberhard „Tusk“ Koebel Gemeindehaus. Fabelhafter Abend! tusk dj.1.11 ins Jahr 1932!“ steht am Ende
kennenlernte. Dieser hatte unter dem entwickelt seine Pläne! Hervorragend! des Kalenders.
Titel „Nowaja Semlja. Fahrt ins nördli­­che Heil dj.1.11!“ Der Junge besorgte sich Horst wuchs als einziger Sohn bei
Eismeer“ von einer Fahrt nach Si­­­bi­­­rien eine Ausrüstung mit Mütze, Schiffchen, Mutter und Stiefvater auf, die seinen
berichtet und die jugendlichen Zuhörer Bommel und Armbinde, lernte die neuen Aktivitäten durchaus aufgeschlossen
mit seinem fordernden, kantigen Stil Lieder und Säbelfechten. Auf eine exklu- gegenüber standen, in ihrer Toleranz
gepackt. Horst, der gerade nach einer sive, einheitliche Kleidung legten in der von der oben skizzierten Dynamik
Alternative zu seinem bisherigen Bund Endphase der Weimarer Republik viele schließlich aber überfordert wurden:

Horst Schenk-Mischke 299


„Furchtbarer Krach zuhause; ich soll
aus dj.1.11 austreten“, notierte er. Nach
Gruppen gab es an vielen Orten. U.a. hat-
te sein späterer Freund Georg Neemann
Glaube
längeren Diskussionen ließen sie sich noch eine Zeitlang nach 1933 eine solche
davon überzeugen, einen Elternabend Gruppe „ehemaliger Nerother, dj.1.11er, Ende des 19. Jahrhunderts bildeten sich
der Jungenschaft zu besuchen. Dort Jungsozialisten, Reichspfadfinder und religiöse Gruppierungen, die für eine
präsentierte sich Horst inmitten der republikanischer Pfadfinder“ angeführt. Rückbesinnung auf die germanische Göt-
Jungen mit Sprechchor, Theater und Horsts jugendbündische Phase ging in terwelt eintraten. Einige kombinierten
Singen. Das überzeugte seine Eltern da- dieser Zeit zu Ende. Er studierte einige christliche, naturreligiöse, völkische und
von, dass er sich einer sinnvollen Sache Semester Jura, wechselte dann zur Post, lebensreformerische Elemente. Trotz
widmete: „Alles in Butter, Eltern be- heiratete, bekam zwei Kinder und wurde der Rückwärtsgewandtheit glaubten sie,
geistert; heil dj.1.11!“. Hochemotionale 1939 Soldat. ähnlich der eng mit ihnen verbundenen
Ausdrücke wie diese finden sich nur im Immerhin gelang es Horst über den Jugendbewegung, für Aufbruch und
Zusammenhang mit „Tusk“ im Kalen- Krieg hinweg, die Fahne der Berliner Erneuerung zu stehen. Tempelansich-
der; sonst überwiegt die nüchterne dj.1.11-Horte zu bewahren. Und er be- ten und Orantengestus waren beliebte
Sprache des Chronisten. 1932 beteiligte teiligte sich nach 1945 noch intensiv an Motive.
sich Horst mit seiner Horte an einer Versuchen, den nach London emigrier- In der Notzeit nach dem Ersten Welt-
Jungenschaftsfahrt nach Schweden. ten Eberhard „Tusk“ Koebel zur Rück- krieg verbanden selbsternannte Predi-
Nicht nur im Handeln, auch in den poli­ kehr nach Deutschland zu bewegen. ger Gesellschafts- und Zivilisationskri-
tischen Überzeugungen stellte sich Horst Er wollte mit einigen Mitstreitern, das tik mit diffusen religiösen Ansichten.
auf die Seite des Jungenschaftsführers jugendbündische Erbe aus der Weima- Viele erwarteten die Geburt eines neuen
Eberhard „Tusk“ Koebel. Schon vor sei- rer Republik wiederbeleben. Als 1950 Messias, einige wie Friedrich Muck-Lam-
nem Übertritt hatte er die Wahlkämpfe, das legendäre Hortenheim der dj.1.11 in berty versuchten ihn selbst zu zeugen.
u.a. zum gescheiterten Volksentscheid Berlin aufgelöst werden musste, holte Der wirtschaftliche Aufschwung Mitte
über die Auflösung des Landtags in Preu- er die Möbel dort ab und bot sie Koebel, der 1920er Jahre ließ die Sektenbegeis-
ßen im August 1931, beobachtet, und der inzwischen in Ost-Berlin ansässig terung abklingen.
die Zersplitterung der Parteien beklagt. war, zur Ausstattung eines neuen Grup-
In der Jungenschaft Koebels war man penhauses an. Privat pflegte er noch bis
überzeugt, die Zukunft auf seiner Seite zu seinem Tod die Erinnerung an seine
zu haben und allein aus dem Vorrecht erlebnisreichen Jugendjahre in einer 188 •
der jungen Generation das Schicksal intensiven, von einer charismatischen Das Sonnenpaar
der Nation zum Besseren wenden zu Persönlichkeit geführten Gemeinschaft, Franz Stassen (1869–1949) · um 1920 · Malerei auf
können: „wir sind vorkämpfer der neu- indem er die übrig gebliebenen Dinge Holz · 120 x 120 cm
en zeit, der einst alle zujubeln werden, bewahrte. S. Rappe-Weber Altenburg, Lindenau-Museum, 2069
streiter für die zukunft zu sein, das
macht uns stolz!“. Zu dieser Überzeu- Susanne Rappe-Weber: „Komm zu uns…“. Ein Brief­ Die 1859 von Charles Darwin (1809–
gung bekannte sich Horst in der Zeit- wechsel um die Wiederbelebung der Deut­schen 1882) publizierte Evolutionstheorie
schrift für seine Horte „Hochofen“. Als Jungenschaft im Jahr 1947. In: Die Kunst des Vernet­ avancierte durch literarische und
solchen interpretierte er seine eigene zens. Festschrift für Wolf Hempel. Hrsg. von Botho sozialtheoretische Schriften im ersten
Tätigkeit als Redakteur, der aus den Brachmann u.a. Berlin 2006, S. 55–68. Viertel des 20. Jahrhunderts zunehmend
eingelieferten Beiträgen die wertvollen zu einer rassenhygienischen Ideologie
Inhalte zu einer herausragenden Zeit- und arischen Überlegenheitspose. Vor
schrift zusammenfügte. diesem geistigen Hintergrund entstand
Das Verbot der unabhängigen Jugend- Franz Stassens Gemälde als Teil des
bünde, das die Nationalsozialisten im Zyklus „Weltenwerdens Walterin“.
Juni 1933 erließen, traf auch die dj.1.11. Den Mittelpunkt bildet ein in idealer
Koebel hatte, obwohl er sich zwischen- Nacktheit dargestelltes Paar, das erha-
zeitlich uneindeutig verhielt, aus seiner ben auf einem marmornen Thron unter
Gegnerschaft zum Nationalsozialismus einem mit roten und weißen Rosen
keinen Hehl gemacht und inspirierte umblühten Rankenbogen positioniert
viele seiner jungen Gefolgsleute zum Wi- ist. Der Mann, blondgelockt und blau-
derstand und zur Illegalität. Auch Horst äugig, wendet sich mit pathetischem,
Schenk-Mischke galt den neuen Macht- mahnend-abweisendem Gestus einer
habern als politisch unzuverlässig. Zwar ungeordnet über sich selbst stolpern-
schloss er sich für einige Zeit der Hitler- den Meute dunkelhäutiger, muskulöser,
jugend an, wurde dort aber nach eigener mit Gold und Geschmeide dekorierter
Aussage im Januar 1935 ausgeschlossen. Barbaren zu, die sinnbildlich für die
Man verdächtigte ihn, den ehemaligen „brutalen, raffgierigen und unzüchtigen
„kommunistisch-intellektuellen Jugend- Farbigen“ stehen. Die Frau hingegen,
führer“, an der illegalen Weiterführung brünett, rein und schön, legt ihren Arm
von dj.1.11 beteiligt zu sein, so Horst hingebungsvoll um die Hüfte des Man-
später. Solche von den Nationalsozialis- nes, während sie mit einer einladenden
ten als „bündische Umtriebe“ verfolgten Handbewegung einen unendlichen, aus
187.7

300 Katalog
dem Bildhintergrund nach vorn strö-
menden Zug von Männern, Frauen und
Kindern des „guten deutschen Volkes“
empfängt. Die gesamte Szenerie spielt
in einer grünen Frühlingslandschaft vor
wolkenlosem Himmel.
Franz Stassen, dem Bayreuther Kreis
um Richard Wagners (1813–1883) Sohn
Siegfried Wagner (1869–1930) zugehörig,
illustriert hier eine irreale Welt. Sein
elitäres, national-konservatives und ras-
sistisches Weltbild überträgt er im Sinne
eines pseudoreligiösen und germano-
philen Idealismus in sein Werk, in dem
sich Elemente des christlichen Glaubens
mit esoterisch-spiritistischen Fragmen-
ten und abstrakten Gedanken zu einem
quasi modernen Andachtsbild mischen.
Das starke Gegeneinander von Gut und
Böse richtet sich an ein bürgerliches
Publikum, das durch seine zunehmende
Individualisierung und Subjektivierung
an eine religiöse Erneuerung des Le-
bens glaubte. Auch im Kreis völkisch-
religiöser Bünde fand Stassens Kunst
Anklang. M. Uliarczyk

Franz Stassen 1869–1949. Maler, Zeichner, Illus­


trator. Leben und Werk. Bearb. von Anton Merk.
[Link]. Museum Hanau, Schloss Philippsruhe.
Hanau 1999. – Kai Buchholz: Biologismus, Rassen­
hygiene und Völker­schauen. In: Die Lebensreform.
Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst 188
um 1900. Hrsg. von Kai Buchholz u.a. [Link]. In­
stitut Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darmstadt
2001, Bd. 2, S. 461–462, Abb. S. 463, [Link]. 6.58.

189 •
Die heilige Stunde
Ludwig Fahrenkrog (1867–1952) · um 1920 · Öldruck
48 x 75 cm · Eichenzell, Hessische Hausstiftung,
Schlossmuseum Darmstadt, DA H 21492

Der Öldruck reproduziert eines der be-


kanntesten, 1918 geschaffenen Gemäl-
de Fahrenkrogs. Ein nackter Adorant
huldigt in leichter Schrittstellung und
mit energisch gespanntem Körper der
aufgehenden, eine grünende Flur mit
Licht überflutenden Sonne. Der athleti-
sche Rückenakt ist als Identifikationsfi-
gur konzipiert und fungiert als bildhaf-
te Aufforderung an den Betrachter, sich
dem Gegenstand der Anbetung eben-
falls zuzuwenden. Neben einer zweiten
nackten, im Habitus der Unterwerfung 189
auf den Boden gebreiteten Gestalt kni-
en Personen verschiedenen Alters und
Geschlechts in andächtiger Haltung,
ge­senkten Blicks oder mit verklärtem
Gesicht im Bildvordergrund, die die „Ge-
meinde“ des „Lichtpriesters“ darstellen

Glaube 301
und sich dem Lichtspektakel als einer
göttlichen Epiphanie ergeben. Für die
zu dieser Gruppe gehörige Mutter mit
Kind stand die Ehefrau des Künstlers
nebst seinem Sohn Rolf-Ludwig Modell.
Das Bild sakralisiert ein Naturereignis
und rekurriert auf die Naturseligkeit
der um 1900 wiederentdeckten deut-
schen Romantik. Es reflektiert die
Grundstimmung der von Fahrenkrog,
dem Mitbegründer der Germanischen
Glaubens-Gemeinschaft, favorisierten
neuheidnischen pantheistisch orientier-
ten, anthropozentrisch und diesseitig
geprägten Religiosität, die Natur und
den selbstbestimmten, physisch wie
psychisch starken Menschen miteinan-
der in Beziehung setzte und dem Licht
als Urgewalt zentrale Bedeutung bei-
maß. Die von der hohen Zahl in Gestalt
von Drucken, Postkarten und Diapo-
sitiven verbreiteter Reproduktionen 190 191
bezeugte Popularität des „lebensrefor-
merischen Andachtsbildes“ (Ulbricht) die Schriftleitung und verlieh dem 191 •
fußt nicht zuletzt auf der Qualität des Titel eine neue Form, indem er ihn mit Das Deutsche Buch
Motivs als Projektionsfläche esoteri- dem Bild eines athletischen Jünglings Das Deutsche Buch. Berlin 1923 · 23,6 x 15,6 cm
schen und freireligiösen Gedankenguts, vor einer Strahlenglorie zierte. Das GNM, DKA, NL Ludwig Fahrenkrog, I, B-58
das völkisch und liberal gesinnte Teile Motiv rekurriert auf die Figur des aus
des Bürgertums ab der Jahrhundert- der nordischen Mythologie bekann- Aus dem nach der Wende vom 19. zum
wende beherrschte. F. M. Kammel ten Lichtgottes, die er in seinem 1905 20. Jahrhundert entstehenden völkisch-
geschaffenen und 1908 als Holzschnitt religiösen Organisations- und Bezie-
Justus H. Ulbricht: Lichtgeburten. Neuheidnische verbreiteten Gemälde „Baldur segnet hungsgeflecht ging 1913 die „Germani-
und ,neugermanische‘ Tendenzen innerhalb der die Fluren“ entwickelt hatte. Aufgrund sche Glaubens-Gemeinschaft“ hervor,
Lebensreform. In: Die Lebensreform. Entwürfe der Adorantengeste erscheint sie nun die – ähnlich anderer neopaganer Grup-
zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900. als personifizierte Lebensrune; die mit pierungen – einer „arteigenen Religion“
Hrsg. von Kai Buchholz u.a. [Link]. Institut Schwingen bewehrten Arme gemahnen zum Durchbruch verhelfen wollte und
Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darmstadt 2001, an die im Œuvre des Meisters ebenfalls sich hierbei an rassen- und germaneni-
Bd. 2, S. 133–134, Abb. S. 135, [Link]. 2.123. – Claus virulenten Vorstellungen Luzifers. Das deologischen Vorstellungen orientierte.
Wolfschlag: Ludwig Fahrenkrog. Das goldene Tor. durch die Verschmelzung verschiedener Diese Rückwärtsgewandtheit ging ein-
Ein deutscher Maler zwischen Jugendstil und Ger­ ikonografischer Elemente entstandene her mit einer Sehnsucht nach Aufbruch
manenglaube. Dresden 2006, S. 38–40. – Marina Lichtgeschöpf bleibt zwar ambivalent, und Erneuerung, die sie mit den Gemein-
Schuster: Lichtgebet. Die Ikone der Lebensre­ stellt aber zweifellos eine an dieser schaften der Jugendbewegung teilte, zu
form- und Jugendbewegung. In: Das Jahrhundert Stelle programmatisch gemeinte Chiffre denen enge Verflechtungen existierten.
der Bilder 1900 bis 1949. Hrsg. von Gerhard Paul. für den von Fahrenkrog propagierten, Der maßgebliche Mitbegründer, der „Ma-
Göttingen 2009, S. 144. durch die seelische Einigung mit Gott lerdichter“ Ludwig Fahrenkrog (1867–
sich selbst erlösenden Menschen dar. 1952), ist Bearbeiter der Textsammlung
190 • Da dem Künstler Flügel als Symbole „Das Deutsche Buch“ (2. Aufl. Berlin-
Der deutsche Dom der Tatkraft, der aufwärts strebenden Steglitz 1921; 3. Aufl. Leipzig 1923). Es
Der deutsche Dom. Blätter für nordische Art und Grenzüberwindung, des Genies und des enthält vor allem Bekenntnisartikel zu
deutschen Glauben 1928, H. 1 · Entwurf Titelblatt: Aufschwingens „zu höheren Sphären“ verschiedenen Aspekten „germanischer“
Ludwig Fahrenkrog (1867–1952) · 22,4 x 16 cm bedeuteten, wie er in seinem Aufsatz Religion, Aufrufe, Verfassung und Sat-
GNM, DKA, NL Ludwig Fahrenkrog, I, B-59d „Flügel“ im Juliheft 1928 darlegte, meint zung der Germanischen Glaubens-Ge-
das Motiv das himmelstürmende, im meinschaft, Anleitungen zur Kultpraxis
Die im wechselnd in Rostock und Leip- „Germanentum“ Selbsterfüllung und und einen historischen Rückblick der
zig ansässigen Wölund-Verlag edierte Selbsterlösung findende Geschöpf, den Gruppierung. Die von Fahrenkrog und
Zeitschrift „Der deutsche Dom“ bekun- Menschen „der Sieger zu sein begehrt verschiedenen Gesinnungsgenossen
dete ihre völkisch-religiöse Ausrichtung und – siegt“. F. M. Kammel verfassten Texte sind eingerahmt von
mit dem Untertitel „Blätter für nordische seinen Zeichnungen. I. Wiwjorra
Art und deutschen Glauben“. Ab 1928
war sie zugleich das Mitteilungsblatt Winfried Mogge: Ludwig Fahrenkrog und die Germa­
der Germanischen Glaubens-Gemein- nische Glaubens-Gemeinschaft. In: Die Lebensre­
schaft. Ludwig Fahrenkrog übernahm form. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und

302 Katalog
Kunst um 1900. Hrsg. von Kai Buchholz u.a. Ausst.
Kat. Institut Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darm­
stadt 2001, Bd. 1, S. 429–432, bes. S. 430–431. – Uwe
Puschner: Die völkische Bewegung im wilhelmini­
schen Kaiserreich. Sprache – Rasse – Religion. Darm­
stadt 2001, S. 240–249. – Sabine Kühn: „Germania
erwache, sei frei“ – Wilhelm Schwaner, Ludwig Fah­
renkrog und die Begründung eines neuheidnischen
Kultes. In: Arminius/Hermann und die Deutschen.
Ein nationaler Mythos. Hrsg. von Volker Losemann.
[Link]. Universitätsbibliothek Marburg. Marburg
2009, S. 141–153.

192 •
Germanische Glaubens-Gemeinschaft

1. Thorhammer
Um 1912/13 · Holz, Messing · 36 x 12,5 cm
Witzenhausen, AdJb, N 96 Nr. 22

2. Upland. Zeitschrift der Germanisch-Deutschen


Religionsgemeinschaft 1912 192.2 193.2
30,6 x 23,7 cm
GNM, DKA, NL Ludwig Fahrenkrog, I, B-59a Der Thorhammer aus ihrem Besitz war 193 •
an der Kultstätte Hermannstein im Die Neue Schar
Hammer-Amulette als Symbol des ger- hessischen Upland angebracht. Neben
manischen Gottes Thor sind vor allem seiner Funktion als Identifikationssym- 1. Einladung zu einem Vortrag der Neuen Schar in
in Skandinavien während der Zeit des bol und Bekenntniszeichen diente er als Jena am 27. August 1920
Glaubenswechsels aus archäologischen Signum Thors bei Kulthandlungen als Druck: Druckerei Ruebsam und Söhne, Erfurt
Funden bekannt. Im ausgehenden Weiheinstrument. Mit seiner Präsenta­ 1920 · Typendruck · 22,5 x 16,2 cm
19. Jahrhundert wurden sie als heidni- tion in Verbindung mit der Rezitation Witzenhausen, AdJb, A 17 Nr. 1
sche Reaktion auf die parallel nach- von Eddasprüchen oder anderen Weihe-
gewiesenen Kreuzanhänger und damit formeln sollte der Schutz des Himmels- 2. Tanz der Neuen Schar
auf den neuen Glauben angesehen. und Sturmgottes beschworen werden. Eisenach, 1920 · Fotografie · 11 x 7,7 cm
Wahrscheinlich vor dem Hintergrund I. Wiwjorra Witzenhausen, AdJb, F 1 Nr. 59/22
dieser Interpretation als religiöses
Bekenntniszeichen wurde der Thor- Karlheinz Weißmann: Schwarze Fahnen, Runen­ Friedrich Muck-Lamberty (1891–1984)
hammer als Zeichen nichtchristlicher zeichen. Die Entwicklung der politischen Symbolik zählt zu den sog. Inflationsheiligen. Die
Selbstidentifikation von der völkischen der deutschen Rechten zwischen 1890 und 1945. Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bis zur
Bewegung adaptiert, die sich durch Düsseldorf 1991, S. 46–47. – Egon Wamers: Hammer Einführung der Reichsmark 1924 wurde
Germanenideologie und in Teilen durch und Kreuz. Typologische Aspekte einer nordeuro­ von vielen Menschen als Notzeit empfun-
eine Hinwendung zu einem „arteigenen“ päischen Amulettsitte aus der Zeit des Glaubens­ den. Besonders die Mittelschicht machte
Glauben auszeichnete. Der Hammer wechsels. In: Rom und Byzanz im Norden. Mission gesellschaftliche Missstände, wie die
gehört neben dem Hakenkreuz zu den und Glaubenswechsel im Ostseeraum während des Vergnügungssucht, aus, welche abgestellt
frühesten politischen Symbolen der Völ- 8.–14. Jahrhunderts. Hrsg. von Michael Müller-Wille werden müssten, um eine „neue Zeit“
kischen. Auch die seit 1913 bestehende (Akademie der Wissenschaften und der Literatur, anbrechen zu lassen.
Germanische Glaubens-Gemeinschaft – Mainz. Abhandlungen der Geistes- und Sozialwis­ Bekannt wurde Muck 1920, als er mit
vormals Germanisch-Deutsche Religi- senschaftlichen Klasse 3). Stuttgart 1997, Bd. 1, der Neuen Schar, einer Gruppe Jugend-
onsgemeinschaft – führte Hammer und S. 83–107. – Sabine Kühn: „Germania erwache, sei bewegter, zu einem Zug durch Franken
Hakenkreuz in ihrem Emblem. frei“ – Wilhelm Schwaner, Ludwig Fahrenkrog und und Thüringen aufbrach. Zuvor hatte
die Begründung eines neuheidnischen Kultes. In: er auf einem Wandervogeltreffen in
Arminius/Hermann und die Deutschen. Ein natio­ Kro­nach seine Ziele verkündet, die aus
naler Mythos. Hrsg. von Volker Losemann. Ausst. Absagen an Alkohol, Tabak und Amerika-
Kat. Universitätsbibliothek Marburg. Marburg 2009, nismus einerseits und dem Einsatz für
S. 141–153. eine Erneuerung deutscher Kultur zum
Zwecke eines Wiederaufstiegs Deutsch-
lands andererseits bestanden. Muck
kom­binierte Elemente der Lebensreform,
des Völkischen sowie des Katholizis-
mus und verbreitete seine Lehre mittels
Predigten und alter Volkstänze. In ihr

192.1

Glaube 303
Zentrum stellte er die Frau und glaubte
auserkoren zu sein, einen neuen Messias
zu zeugen. Ähnlich wie viele seiner Zeit-
genossen war er davon überzeugt, dass
die Jugend dazu bestimmt sei, das Reich
in eine glückliche Zukunft zu führen.
Muck gewann mehr und mehr Anhänger.
So tanzten er und seine Neue Schar in
Erfurt mit 10.000 Menschen. Muck, der
eine handwerkliche Siedlungskommune
anstrebte, zog sich im Winter mit seiner
Gruppe auf die Leuchtenburg zurück
und verkaufte selbst gefertigte Drech-
selarbeiten. Aufgrund des innerhalb der
Neuen Schar herrschenden freizügigen
sexuellen Umgangs wurde die Gruppe
jedoch bald von der Burg verwiesen und
zerfiel. M. Gruninger

Ulrich Linse: Barfüßige Propheten. Erlöser der


zwanziger Jahre. Berlin 1983, S. 97–128, Abb. S. 103.

194 •
Der einsame Tempel
Hugo Höppener, gen. Fidus (1868–1948) · 1928
Malerei auf Karton · 101 x 78 cm
Witzenhausen, AdJb, N 38 Nr. 578

„Unsere kommenden Tempel werden


wundersame Darstellungen einheitli-
cher Gefühlserlebnisse sein. Nicht einer
begrifflichen Gottheit werden sie in
schematischem Einerlei errichtet sein,
[…] sondern wie Dichtungen werden
sie dieses oder jenes Seelenstreben und
-erleben ausdrücken durch ihre Grund-
form, Bauart, Zierart und Farbe. Jeder 194
Tempel wird in seiner einzigen Eigenart
dastehen, machtvoll, drohend, zierlich, hellen, himmlischen Gelb- und Blautö-
lockend oder verträumt, eingegliedert nen überstrahlt. Dass die Gegenüberstel-
in die charaktervolle Umgebung, der er lung als Metapher für verschiedene Sta-
entwächst.“ dien menschlicher Bewusstseins­ebenen
So erläutert Fidus in einem 1912 eingesetzt ist, verdeutlicht der unter den
er­schienen Artikel seine Vorstellun- schmalen Fenstern umlaufende Figu-
gen von künftigen Kultbauten. Ohne renfries. Auf ihm erscheinen, zwischen
Gebundenheit an traditionell-religiö­se kauernden Gestalten, links eine männ-
Vorstellungen sollten sie alternative liche und rechts eine weibliche Figur –
Orientierungen bieten. Das Gemälde beide nackt. Der Mann steht, breitbeinig
von 1928 gewährt den Blick in das geerdet, mit nach unten gestreckten Ar-
Innere eines dieser von Fidus seit den men, sie hat ihre in „Lichtgebethaltung“
1890er Jahren entworfenen, aber nie erhoben und bringt damit die Sehnsucht
realisierten Tempels: Wir sehen einen nach einer höheren, Erleuchtung verhei-
vegetabil dekorierten Rundbau, dessen ßenden Sphäre zum Ausdruck. R. Y
Kuppel von schlanken ägyptisierenden
Säulen getragen wird. Im Zentrum steht Rainer Y: Fidus, der Tempelkünstler. Interpretation
ein mit weißer Blüte bekröntes Zelt. Mit im kunsthistorischen Zusammenhang mit Katalog
der primitiven Nomadenbehausung und der utopischen Architekturentwürfe, Teil I: Text.
der artifiziellen, eklektizistischen Rotun- Göppingen 1985 , S. 143–147. – Die Lebensreform.
de werden zwei Entwicklungsstufen von Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst
Architektur vorgeführt. Dieser Evolution um 1900. Hrsg. von Kai Buchholz u.a. [Link].
entspricht die farbliche Gestaltung: Das Institut Mathildenhöhe, Darmstadt, 2 Bde. Darm­
erdverbundene Dunkelbraun wird von stadt 2001, Bd. 2, Abb. S. 84, [Link]. 2.22

304 Katalog
Männerfreundschaften?
Im Kaiserreich und in der Weimarer Re-
publik war Sexualität tabuisiert, weshalb
gemischte Jugendgruppen nicht gern
gesehen waren. Viele Männer beharrten
aufgrund homoerotischer Gefühle auf
einer Trennung der Geschlechter. Die
Mädchen in der Jugendbewegung waren
meist in eigenen Gruppen aktiv. Der
Philosoph und Wandervogel Hans Blüher
stellte die homoerotische Züge tragende
Männerfreundschaft als Keim­­­zelle des
Staates heraus. Nur der Männerbund
sei ein Garant für gesellschaftliche
Entwicklung und kulturelle Erneuerung.
In den Jungenbünden wurde die Män-
nerfreundschaft überhöht, das Ideal
des erwachsenen Führers und der ihm
ergebenen Jungen verbreitet. Dabei
kam es auch zu Missbrauchsfällen.
Gerade die Wilhelminische Gesellschaft
verspottete den Wandervogel mitunter
als „Päderastenklub“.

195 • (Abb. S. 60)


Die deutsche Wandervogelbewegung
als erotisches Phänomen
Hans Blüher: Die deutsche Wandervogelbewegung
als erotisches Phänomen. Ein Beitrag zur Erkenntnis
der sexuellen Inversion. Berlin-Tempelhof 1912
Handeinband, Pappe; Marmorpapier, Pappe, Papier
21,5 x 14,5 cm
Witzenhausen, AdJb, B 860/007 196

1912 veröffentlichte der 24-jährige Hans „Männerhelden“, deren erotische und se- Claudia Bruns: Politik des Eros. Der Männerbund in
Blüher (1888–1955) drei Schriften über xuelle Interessen vollständig beim männ- Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880–1934).
die Wandervogelbewegung, der er in lichen Geschlecht liegen. Blüher orien- Köln/Weimar/Wien 2008.
seiner Jugend selbst angehört hatte. Er tierte sich sowohl an der noch jungen
entwarf zunächst in zwei Bänden unter Psychoanalyse als auch an Männerbund- 196 •
dem Titel „Wandervogel. Geschichte theorien und der griechischen Päderastie. Zwei Jungen
einer Jugendbewegung“ das romantisch- Zudem stand er in Kontakt mit führenden Peter Martin Lampel (1894–1965) · 1927 · Malerei auf
pathetische Bild einer Jugend, die sich Vertretern der Sexualwissenschaften, Leinwand · 87 x 68 cm
gegen Schule und Elternhaus auflehnte. wo sein Werk auf reges Interesse stieß. Witzenhausen, AdJb, K 1 Nr. 17
Zeitnah mit dem zweiten Band erschien So konnte als Autor des ersten Vorworts
„Die deutsche Wandervogelbewegung der Sexualforscher Magnus Hirschfeld Bei dem Gemälde handelt es sich um
als erotisches Phänomen“. In diesem (1868–1935) gewonnen werden, von dem eines von mehreren Porträts, die Peter
Werk vertritt Blüher die These, dass sich Blüher jedoch seit der zweiten Auf- Martin Lampel um 1927 als Hospitant
der Wandervogel als Bewegung im Kern lage distanzierte. Innerhalb des Wan- in einem Jugendfürsorgeheim anfertig-
auf mann-männlicher Erotik basiere. dervogel löste das Buch zunächst meist te. Sie dienten als Illustration für den
Diese will er jedoch nicht einzig auf den Abwehrreaktionen aus, stieß dann aber Reportageband „Jungen in Not“, der den
sexuellen Trieb zum Geschlechtsakt be- in den männerbündischen Gemeinschaf- Alltag von Fürsorgezöglingen realitäts-
schränkt wissen, sondern sieht zudem ten der 1920er Jahre auf reges Interesse. nah schilderte und die Missstände in der
einen nach sozialer Bindung streben- Kritisch bleibt aus heutigem Rückblick staatlichen Heimerziehung offen zutage
den Trieb. Der Mann sei dadurch in der neben völkischen und frauenabwerten- treten ließ. Das darauf basierende The-
Lage, das gleichgeschlechtliche sexuelle den Äußerungen die Tatsache, dass das aterstück „Revolte im Erziehungshaus“
Begehren in kulturelle Bahnen zu „sub- Buch leicht pädosexuell Übergriffigen als löste 1928 einen Skandal aus und brach-
limieren“. „Centren und Wirbelpunkte“ Teil der Legitimationsstrategie dienen te Lampel den Durchbruch als Autor.
(S. 30) bilden für Blüher im Wandervogel konnte und kann. S. Reiß Als Anhänger der Jugendbewegung, die

Männerfreundschaften? 305
bereits seit langem eine grundlegende im handgeschriebenen Fahrtenbuch von den Orden der „Deutschritter“ zum
Reform der Jugendfürsorge forderte, Paul Leser. Aus der Jugendkulturbewe- Schutz des Bundes in die Hitlerjugend
trat Lampel für eine freie, an jugendli- gung um den Reformpädagogen Gustav und leitete ab 1933 die „Oberbannspiel-
cher Mitsprache orientierte Erziehung Wyneken (1875–1964) kommend, war schar des Oberbannes Grenzland West
ein. Er kritisierte die Zwangsinternie- er eines der Gründungsmitglieder des der HJ“. Die Originalcollage aus dem
rung in den Fürsorgeanstalten und den Nerother Wandervogel. Zu den festge- Jahr 1936 stellten die Düsseldorfer
repressiven Umgang der Heimerzieher schriebenen Grundsätzen dieses Bundes Beamten Georg Hirtschulz und Wilhelm
mit den sexuellen Bedürfnissen der gehörte als zweites „Weistum“ eine Schaefer (geb. 1900) zusammen. Nach
Jugendlichen. „starke Freundesliebe“, „aus der das Le- der Verhaftung vieler Bündischer 1936
Die offene Thematisierung sexueller ben des Bundes erwächst und Taten und fälschten sie zudem gezielt einen von
Fragen und homoerotischer Praktiken Werke schafft“ (Schneider). Zwischen zwei in Haft geschriebenen Briefen
unter den Fürsorgezöglingen galt der einer rein geistigen und homoerotischen von Robert Oelbermann (1896–1941)
Öffentlichkeit als Indiz für die Homo- Auslegung changierend, blieb das, was zur „Gleichgeschlechtlichen Liebe“ und
sexualität Lampels und brachte ihm eine „starke Freundesliebe“ ausmache, schufen somit die Matrix für dessen
den Vorwurf ein, seine Zuneigung zu strittig und diffus. S. Reiß Verfolgung.
den porträtierten Jungen sei weniger Der Kriminalfall Fritz „Schimmel“
sozialpolitisch, als vielmehr sexuell Hans Fritzsche: Das Lagerbuch. Leipzig 1925. – Hotte Sellwig konkretisiert am Beispiel des
motiviert. Im Nationalsozialismus Schneider: Die Waldeck. Lieder, Fahrten, Abenteuer. 13-Jährigen die Verfolgung Jugendli-
wur­de dem Künstler und Dramaturg Die Geschichte der Burg Waldeck von 1911 bis heute. cher, die nach dem Verbot der bündi-
– seit 1922 NSDAP-Mitglied – wegen Potsdam 2005, S. 78. – Achim Freudenstein/Arno schen Jugend am 8. Februar 1936 wie-
eines Vergehens nach § 175 StGB der Klönne: Bilder Bündischer Jugend: Fotodokumente derholt einsetzte. Fritz Sellwig wurde
Prozess gemacht. A. Harms von den 1920er Jahren bis in die Illegalität. Eder­ von der Düsseldorfer Gestapo ohne
münde 2010, Abb. S. 79. Haftbefehl aus seinem Elternhaus
Winfried Mogge: Lebenserneuerung durch den Geist ab­geholt, nachdem eine Hausdurchsu-
der Jugend. In: Schock und Schöpfung. Jugendästhe­ 198 • chung ergebnislos verlaufen war. Die
tik im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Willi Bucher/Klaus Fotocollage Gestapo sah ihn als Kronzeugen im
Pohl. Darmstadt/Neuwied 1986, S. 420–424, Abb. In: Kriminalität und Gefährdung der Jugend. Lage­ Sinne homosexueller Handlungen nach
S. 423. bericht bis zum Stande vom 1. Januar 1941. Hrsg. von §175 mit einem „Führer“ des Nerother
Wilhelm Knopp. Berlin o. J. [ca. 1941] · 21,5 x 17,3 cm Wandervogel. Die Fotomontage der
197 • Bez.: Die Entwicklung eines bündischen Leib- / pimp­ Gestapobeamten diente als Beweis.
Jugendlicher Führer und Zögling fen vom Eintritt in den Bund bis zum Endstadium Im Gefängnis erzwangen die Beamten
der / homosexuellen Verseuchung unter Androhung der Überweisung in
1. Postkarte (Abb. S. 62) Erlangen, Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, eine Erziehungsanstalt ein Geständ-
Entwurf: Karl Bloßfeld (1892–1972) · Druck: Reinhard 04PA/DD 4750 K72 nis, das der Junge vor dem Richter in
Nuschke Verlag, Leipzig · 1923–1930 · Lithografie einem öffentlichen Prozess 1936 mutig
14,9 x 10,4 cm · Bez. auf der Rückseite: In dem Buch sind die Nerother Georg widerrief. Trotzdem wurde die Foto-
Jugendland=Bildpostkarten=Reihe 2 Wassmann (geb. 1913) und Fritz Sellwig montage in dieser 1941 erschienenen
GNM, Graphische Sammlung, HB 32383, Kapsel 1331 (geb. 1923) aus Düsseldorf abgebildet. Publikation noch als Propagandamittel
Wassmann führte als Ordenskanzler publiziert.
2. Zeichnung aus dem Fahrtenbuch von Paul Leser In den Nachkriegsprozessen gegen
(1899–1984) die Beamten belegte das Düsseldorfer
Um 1930 · Ganzleder; Leder, Karton, Papier, Bunt­ Gericht 1954 seine Positionen durch
papier · 18,3 x 14,6 cm Zeugenaussagen sowie Akten. Es kam
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., zu einer unmissverständlichen Ausfüh-
Archiv rung, die über das geforderte Strafmaß
der Staatsanwaltschaft von drei Jah-
Das ideale Verhältnis von Nähe und Dis- ren Zuchthaus und Ehrverlust hinaus-
tanz zwischen Erziehern und Zöglingen ging und den Angeklagten Schaefer zu
war im frühen 20. Jahrhundert eines der vier Jahren verurteilte. S. Krolle
zentralen Themen der Reformpädagogik.
Dies galt auch für die Jugendbünde, in
denen vielfach nur wenig ältere Grup-
penführer leitende Funktion einnah-
men. Der jugendbewegte Illustrator und
Exlibriskünstler Karl Bloßfeld widmete
sich dem Thema in einer seiner Grafiken.
Die hier auf einer Postkarte dargestellte
Zeichnung erschien ursprünglich als
Innentitelbild des vom Ringpfadfinder
Hans Fritzsche (1891–1941) 1925 heraus-
gegebenen „Lagerbuches“ ([Link]. 122).
Als Nachzeichnung findet sich die Grafik
198

306 Katalog
Musik bewegt
Musik war von Beginn an ein tragen-
des Element der Jugendbewegung. Die
Jugendlichen besannen sich auf alte
Instrumente und entdeckten vergessene
Volkslieder neu. Es gab keinen Gruppen­
abend und keine Fahrt ohne Gesang und
Musik. In der Weimarer Zeit ersetzten oft
Kampf- und Marschlieder die Volkslieder,
Trommeln lösten Gitarren ab. Abbildung aus
Die Musik des Wandervogel beeinflusste
die entstehende Jugendmusikbewegung. urheberrechtlichen Gründen
Diese wollte alte Volkslieder bewahren.
Einfach gehaltene Stücke sollten jedem unkenntlich gemacht
das Erlernen eines Instruments ermög­
lichen. Wichtige Personen der Jugendmu-
sikbewegung waren die Musikpädagogen
Fritz Jöde und Walther Hensel. Sie stell-
ten Liederbücher zusammen, gründeten
Chöre und veranstalteten Singtreffen,
die gemeinschaftsbildend und als Gegen­
be­wegung zu Schlager und Jazz wirken
sollten.

199
199 • Über seinen Bruder Hermann, der einige 200 •
Wandervogel/Lautengesang Jahre früher nach Stuttgart gekommen Der Prager Spielmann
Max Ackermann (1887–1975) · 1914 · Malerei auf war, fand er 1914 zur Wandervogelbe- Der Prager Spielmann. Alte und neue Weisen, zu
Sperrholz · 82 x 88 cm wegung. Ihr lebensreformerischer An- singen und auf allerlei Instrumenten zu spielen,
Bietigheim-Bissingen, Max-Ackermann-Archiv satz, aber auch ihre Affinität zur Musik zusammengestellt von Walther Hensel (Dr. Julius
(MAA), Ensslin-Bayer GmbH, ACK 0447 üb­ten eine starke Anziehungskraft auf Janiczek) (Singbüchlein aus dem Böhmerland 1).
den Künstler aus und veranlassten ihn Eger 1919 · Karton, Papier · 30,8 x 23,1 cm
Auf der Suche nach neuen künstleri- letztlich, dieses Bild zu malen. Dessen Witzenhausen, AdJb, B 934/136
schen Wegen kam der in Ilmenau auf- stilistische Mittel sind der kubistisch-
gewachsene Maler und Grafiker Max futuristischen Malerei entlehnt. Die auf Julius Janiczek (1887–1956) war in
Ackermann 1912 nach Stuttgart. Die- einer Gitarre spielende Frau und ihre Mährisch Trübau (Moravská Třebová,
sem, für den Werdegang des Künstlers Begleiterinnen sind von einem kristal- Tschechische Republik) geboren und
wichtigen Schritt war 1906 ein kurzer linen, farbig strukturierten Strahlen- hatte in seiner Jugend prägende Eindrü-
Aufenthalt im Atelier von Henry van de kranz umfasst, der göttliche Erleuch- cke der deutschen Kultur erhalten. Als
Velde (1863–1957) in Weimar sowie die tung assoziiert, zugleich aber auch als Germanist beschäftigte er sich ein­gehend
Ausbildung zum Maler an den Akade- kompositorisches Element dient. Die mit der deutschen Sprache und wählte
mien in Dresden und München zwi- hier erprobte Bildlösung blieb ein Ex- seinen Vornamen nach dem Minnesänger
schen 1908 und 1910 vorangegangen. periment, das Ackermann nicht weiter Walther von der Vogelweide (1170–1230).
In Stuttgart trat er dem Kreis um den verfolgte. Eine gewisse, „musikalische“ Seinen Nachnamen, ein Diminutiv zu
an der Kunstakademie unterrichtenden Auffassung von Malerei, die ganz im Jan – Johann, übertrug er entsprechend
Adolf Hölzel (1853–1934) bei. Von ihm Sinne Hölzels mit Kontrapunkten, Har- als „Hensel“ ins Deutsche. Das Titelblatt
erhielt Ackermann in den Folgejahren monien und Klangfarben arbeitet und des im Herbst 1919 erschienenen „Prager
die entscheidenden Impulse. Das von in späteren Jahren kennzeichnend für Spielmanns“ trägt beide Namen. Gewid-
Hölzel postulierte „Primat der künstle- das Œuvre Ackermanns werden sollte, met sind die 14 Kompositionen seiner
rischen Mittel“, in der subtile Farbkom- scheint sich jedoch bereits in diesem ersten Frau, der Sängerin Olga Pokorny-
positionen und abstrakte Formvolumen Frühwerk anzudeuten. R. Prügel Hensel (1885–1977).
über Bildsujet und Narration gestellt Der Titel spielt auf Wilhelm Müllers
wurden, führte Ackermann in seinem Antje von Graevenitz: Absolute Kunst: Anspruch (1794–1827) Gedicht „Der Prager Musi­-
Konzept der „absoluten Malerei“ konse- und Wirklichkeit in der Kunsttheorie von Max ­k­ant“ an, der mit seiner Geige in die Welt
quent weiter. Ackermann. In: Max Ackermann – Die Suche nach zieht. Entsprechend hat Hensel die meis­­
Die ersten Jahre in Stuttgart standen dem Ganzen. Hrsg. von Wolfgang Meighörner. Ausst. ten der hier abgedruckten Kompositionen
für den Maler noch ganz im Zeichen der Kat. Zeppelin Museum Friedrichshafen. Lindenberg für Gesang und Violinbegleitung gesetzt.
künstlerisch-geistigen Neuorientierung. 2004, S. 28–39, bes. S. 32, Abb. S. 225, [Link]. 18. Im Vorwort betont er die führende Rolle

Musik bewegt 307


Im Gegensatz zum „leeren“ Schallloch
der Gitarre waren die lautenförmigen
Instrumente wie ihre Vorbilder der Re-
naissance- und Barockzeit mit vielfäl-
tig gestalteten Rosetten verziert. Statt
einer einfachen Volute besitzt dieses
Instrument, wie die Werbeschrift zeigt,
einen geschnitzten Knabenkopf mit
Hut. Einen weiteren Schmuck bilden die
bunten Lautenbänder, die oft zwischen
gestickten Blüten und Ranken Liedan-
fänge oder Liedzeilen als Motto tragen.
Nur relativ selten nutzten die Wander-
vögel die Laute als Fahrten-Instrument,
vielmehr scheint sie zum häuslichen
Singen gedient zu haben. Von hier spal-
tete sich die Bewegung des ambitionier-
teren Lautenspiels ab. Diese begegnet
200 beispielsweise in den anspruchsvolle-
ren Begleitempfehlungen des „Zupfgei-
der deutschen Kultur, die bis zur Grün- für das Volkslied werben. Der auf genhansl“ des Münchner Kammervirtu-
dung der Tschechoslowakei 1918 Lehr- Seite zwei gedruckte Satz Hensels zu osen Heinrich Scherrer (1865–1937) in
meisterin in Böhmen und Mähren war „Auf du junger Wandersmann“ war der vierten Auflage 1911 und führt nach
und nun „ungastlich die Tür“ gewiesen der Beginn von Vötterles Tätigkeit als dem Vorbild der sog. Lautensänger zur
bekam (Einleitung, S. IV). M. Zepf Musikverleger. Offiziell gründen konnte künstlerischen Liedbegleitung sowie
er den Bärenreiter-Verlag aber erst am der Beschäftigung mit Lautensätzen der
Wilhelm Müller: Gedichte. Vollständige kritische Tag seiner Volljährigkeit, dem 12. April Renaissance. Sie beeinflusste auch den
Aus­gabe, mit Einleitung und Anmerkungen besorgt 1924. Namensgeber ist der Stern Alkor Instrumentenbau. K. Martius
von James Taft Hatfield. Berlin 1906, S. 41. – Klaus- im Stern­bild Großer Bär. Sinnfällig
Peter Koch: Art.: Hensel, Familie. In: Lexikon zur kombinierte 1923 der Münchner Grafi- 203 •
deutschen Musikkultur: Böhmen, Mähren, Sudeten­ ker Bruno Goldschmitt (1881–1964) die- Blockflöten
schlesien. Hrsg. von Werner Hader. München 2000, se Elemente im offiziellen Verlags­logo: 1. Blockflöte auf d1
Bd. 1, Sp. 948–952. Der junge Karl Vötterle reitet unter Emil Martin Kehr (1884–1960) · Markneukirchen,
einem Stern auf einem Bären. M. Zepf 1929–1936 · 3-teilig: 2 Kopfstücke (1: mit Schnabel;
201 2: mit Windkappe, Anblasrohr), Rohr, Fuß; deutsche
Finkensteiner Blätter Karl Vötterle: Haus unterm Stern. Über Entstehen, Griffweise; 1 Klappe in Säulchenlagerung für c1
Walther Hensel: Finkensteiner Blätter. Ein leben­ Zerstörung und Wiederaufbau des Bärenreiter- Kopf, Windkappe, Corpus: Cocobolo; Klappe, Zwin­
diges Liederbuch in monatlicher Folge. Augsburg- Werkes. Kassel/Basel 1963. gen: Neusilber; Anblasrohr: Messing · L. 56,9 cm,
Aumühle 1923/24 · Ganzgewebe; Gewebe, Pappe, klingende L. 50,1 cm · Bez. auf beiden Kopfstücken
Papier · 13,8 x 19,8 cm 202 • mit Schlagstempel: PETER HARLAN / MARKNEU­
Witzenhausen, AdJb, B 934/160 Laute KIRCHEN
GNM, MI 594
Der promovierte Germanist Walther 1. Laute mit Lautenbändern
Hensel (1887–1956) setzte sich für Wohl Vogtland, um 1920 · Corpus: Ahornspäne mit 2. Blockflöte auf c1
die Erforschung und Erhaltung des schwarz gebeizten Zwischenadern; umlaufende Emil Martin Kehr (1884–1960) · Markneukirchen,
deutschsprachigen Volkslieds in Böh- Gegenkappe: Ahorn; Decke: Nadelholz, Randverzie­ um 1938 · 3-teilig: Kopf, Rohr, Fuß; deutsche Griff­
men und Mähren ein. Während er im rung mit Zierspan, stufenartig vertiefte, geschnitzte weise; 1 Klappe in Wulstlagerung für c1 · Corpus:
Umgang mit Menschen als schwieriger Rosette aus Holz, Bakelit (?) · L. ges. 93,9 cm; Zapatero-Buchsbaum, gelblich lackiert; Block: Nuss­
Charakter galt, strahlte er als Chorlei- L. Corpus 51,8 cm; B. Corpus 32,5 cm; schwingende baum (?); Klappe, Zwingen: Messing · L. 63,2 cm,
ter große Anziehungskraft aus. Saitenlänge: 62,5 cm klingende L. 56,9 cm · Bez. auf der Rückseite des
Im Sommer 1923 fand in Finkenstein bei Privatbesitz Kopfstückes mit Schlagstempel: PETER HARLAN /
Mährisch Trübau (Moravská Třebová, MARKNEUKIRCHEN
Tschechische Republik) die erste Sing­ 2. Werbeanzeige „Die Sächsische Musikinstrumenten- GNM, MI 595
woche statt, an der auch der junge Manufaktur Schuster & Co. Markneukirchen“
Wandervogel Karl Vötterle (1903–1975) (Abb. S. 68) Peter Harlan (1898–1966) gilt als einer
teilnahm. In Augsburg absolvierte die- In: Das Landheim, Bugra 1914. Das Wandervogel­ der deutschen Protagonisten der Wie-
ser eine Lehre zum Buchhändler und landheim auf der Buchgewerbe-Ausstellung in derentdeckung der Blockflöte. Sie fand
entwickelte in Finkenstein den Plan Leipzig 1914. Leipzig 1914 · 22,6 x 16 cm im Umfeld der Musikantengilden und
einer Loseblattsammlung für Hensels Witzenhausen, AdJb, B 280/004 der Schulmusikbewegung eine ähnlich
Kompositionen. Die „Finkensteiner weite Verbreitung wie die Gitarre: „Mit
Blätter“ sollten mit programmatischen den Blockflöten ist das eine merkwürdi-
Texten Hensels als Elementarschule ge Sache. Kommt man heute durch das

308 Katalog
Land, so findet man auf jeder Singwoche,
in so vielen Kreisen, Schulklassen [...]
Blockflöten auftauchen, so, als wären
sie auf einen geheimnisvollen Ruf hin
mit einem Male von ihrem jahrhunderte­
langen Schlaf aufgewacht“ (Reusch). Mit
zehn Jahren schloss sich Harlan dem
Wandervogel an, um bald darauf von
seiner „Leidenschaft zu diesen köstli-
chen Instrumenten“ getrieben, bei einem
Gitarrenbauer in Markneukirchen eine
Lehre zu beginnen.
Zwei Ereignisse lenkten sein Interesse
auf die Blockflöte: Für die Rekonstruk-
tion der Praetorius-Orgel durch Wili-
bald Gurlitt (1889–1963) am Freiburger
Musikwissenschaftlichen Seminar hat-
te man sich klanglich an zeitgenössi-
schen Holzblasinstrumenten orientiert.
Die zweite Anregung erhielt er durch
Arnold Dolmetsch (1858–1940), dessen
Haselmere-Festival er 1925 oder 1926
besuchte und der sich mit dem Bau
von Blockflöten beschäftigte. Harlan
gewann in Markneukirchen eingesesse-
ne Instrumentenbauer, wie Kurt Jacob,
Martin Kehr u.a. dafür, seine Vorstel-
lungen umzusetzen. Es entstanden bald
Blockflöten in Serie unterschiedlicher
Grundtöne und Stimmlagen. Auf seinen
Konzertreisen warb Harlan als charis-
matischer Musiker und Fabulierer für
seine musikalischen Ideen und gleich-
zeitig für den großräumigen Vertrieb
seiner Instrumente.
In allem was er unternahm, verstand
er sich als Pionier, der freimütig seine
„plumpvertraulichen Fehler“ zugestand.
Im Falle der Blockflöte war dies die sog. 203, 204
„deutsche Griffweise“, die er, einmal in
Umlauf gesetzt, nie mehr ganz zurück- 204 • Das unsignierte Instrument steht den
nehmen konnte. K. Martius Blockflöte in Tenorlage Blockflötenmodellen Peter Harlans
Markneukirchen (?), um 1930 · 3-teilig, Siebenfin­ (1898–1966) nahe. Dieser erkannte in
Interview von Fritz Jöde mit Peter Harlan. Tondoku­ gergriff Ton c1; Tropenholz, Grenadill (?); Zwingen: der Distanz der Blockflöte zur Musik-
ment des Archivs der Jugendmusikbewegung, Ton­ Neusilber (?) · L. 57,5 cm, klingende L. 52 cm kultur des 19. Jahrhunderts das Poten-
band Nr. 13. o.J. [1950er Jahre]. – Fritz Reusch: Von GNM, MI 964 zial des Instruments für das Umfeld
unseren Blockflöten. In: Der Kreis 7, 1927, zit. nach: der Jugendmusikbewegung und des
Die deutsche Jugendmusikbewegung in Dokumen­ Die Blockflöte in Tenorlage stammt aus Wandervogel. Die Flöte ist mit der von
ten ihrer Zeit von den Anfängen bis 1933. Hrsg. vom einem Satz von fünf Blockflöten unter- ihm entwickelten „deutschen“ Griffwei-
Archiv der Jugendmusikbewegung e.V. Hamburg. schiedlicher Lagen, die dem Ehepaar se zu spielen: Durch eine Verkleinerung
Wolfenbüttel/Zürich 1980, S. 367. – Michael Philipp: Walter und Martha Herzog gehörten. des fünften Grifflochs, das gleichzeitig
Neuerwerbsbericht. In: Anzeiger des Germanischen Beide waren in verschiedenen Jugend­ tiefer gesetzt wurde, kann die Grund-
Nationalmuseums 1994, S. 221–222. – Peter Thalhei­ bewegungen aktiv: Während Walter skala des Instruments ohne Gabelgriff
mer: Die Blockflöte in Deutschland 1920–1945. Ins- Herzog (1912–1993) in seiner Kindheit gespielt werden. Ziel war es, den ersten
trumentenbau und Aspekte zur Spielpraxis (Tübin­ Mitglied des evangelischen Bundes Zugang zum Instrument zu vereinfachen,
ger Beiträge zur Musikwissenschaft 32). Tutzing christ­licher Jugend war, engagierte wenngleich daraus Schwierigkeiten für
2010, S. 50–66, 221, 225. sich Martha Herzog (1911–2007) ab den andere Tonarten resultieren. K. Leiska
frühen 1930er Jahren im katholischen
Quickborn. Die musische Prägung ihres Peter Thalheimer: Die Blockflöte in Deutschland
Engagements zeigte sich nicht zuletzt 1920–1945. Instrumentenbau und Aspekte zur Spiel­
in der Teilnahme an verschiedenen praxis (Tübinger Beiträge zur Musikwissenschaft 32).
Singwochen. Tutzing 2010.

Musik bewegt 309


Wandervögel und mehrt entstehenden Einrichtungen von
Heimatmuseen erinnern. Fast obligat
207 •
Henkeltopf und Krug
Heimatgefühle war in den Räumen eine an der Wand
hängende Gitarre. C. Selheim 1. Henkeltopf
Bunzlau oder Naumburg am Quais, Mitte 19. Jh.
Den Wandervögeln wurden als „vernünf- Anne Feuchter: Domus rustica contra domus hoch gebrannte Irdenware, frei gedreht, Henkel
tige“ Andenken an ihre Fahrten die für aesthetica. Wohnformen der Jugendbewegung als angarniert, Reliefauflagen, Lehm-, Feldspatglasur
bestimmte Gegenden typischen Produk- architektonisches Gegenmodell. In: Schock und H. 16 cm, Dm. 13 cm
te empfohlen. Dazu zählten zum Beispiel Schöpfung. Jugendästhetik im 20. Jahrhundert. GNM, VK 3189
keramische Erzeugnisse. Die Jugendli- Hrsg. von Willi Bucher/Klaus Pohl. Darmstadt/Neu­
chen entdeckten unterwegs jedoch auch wied 1986, S. 425–429. – Winfried Mogge: Bilder aus 2. Krug
Gegenstände sog. Heimatkunst wie dem Wandervogel-Leben. Die bürgerliche Jugend­ Bunzlau oder Naumburg am Quais, Mitte 19. Jh.
ländliches Mobiliar. Es konnte sowohl bewegung in Fotos von Julius Groß (1892–1986) hoch gebrannte Irdenware, frei gedreht, Henkel
der Einrichtung der Nester dienen als (Edition Archiv der deutschen Jugendbewegung 1). angarniert, Reliefauflagen, Lehm-, Feldspatglasur
auch Gestaltungsvorlage für manchen 2. Aufl. Köln 1991, bes. S. 106. H. 26 cm, Dm. 16 cm
aus der Jugendbewegung stammenden GNM, VK 3188
Künstler bilden. 206 • (Abb. S. 93)
Die Wandervögel selbst regten wiederum Kännchen aus dem Haus Breuer Wandervögel und Jugendbewegte lehn­
einige Künstler und Kunstgewerbeschaf- ten den oftmals überladenen Einrich-
fende an. So entstanden besonders in den 1. Kännchen tungsstil mit modischem, massenge-
1920er Jahren vor allem Porzellanfigu- Marburg, vor 1850 · Irdenware, glasiert; Auflagen­ fertigtem Hausrat ihres Zuhauses ab.
ren, die das Thema der wandernden, sin- dekor · H. 11,2 cm, Dm. 7,4 cm Ihre Nester zeichneten sich durch eine
genden und musizierenden Wandervögel Witzenhausen, AdJb, G 7 Nr. 140 Einfachheit aus, die sie ideell mit bäu-
aufgriffen. Auch andere Gewerbezweige, erlichem Leben verbanden. Handwerk-
wie die Druck- und Spielzeugindustrie, 2. Kännchen lich Hergestelltes besaß einen hohen
setzten auf die Zugkraft dieses Motivs. Marburg, um 1900 · Irdenware, glasiert; Auflagen­ Stellenwert und war Ausdruck von
dekor · H. 13,8 cm, Dm. 10 cm Distinktion gegenüber bürgerlichen
Witzenhausen, AdJb, G 7 Nr. 139 Lebenswelten.
Die beiden von Hand gedrehten und mit
205 • (Abb. S. 94) Der Herausgeber des „Zupfgeigenhansl“ Auflagen verzierten Gefäße gehörten ei-
Postkarte „Landheim Hanschenland Hans Breuer (1883–1918) erwarb die nem Ehepaar, die beide in ihrer böh-
der Berliner Wandervögel“ Kännchen wohl als Andenken an seine misch-mährischen Heimat seit Ende der
Julius Groß (1892–1986) · um 1915 · 8,7 x 13,5 cm Studentenzeit in Marburg an der Lahn. 1920er Jahre Mitglieder des Alt-Wander-
Witzenhausen, AdJb, F 1 Nr. 4/7 Es handelt sich um ein als Souvenir vogel bzw. der Freischar Brünn waren
zusammengestelltes Gefäßpaar Marbur- ([Link]. 271). Ursprünglich dürften der
Der Fotograf Julius Groß gehörte selbst ger aufgelegter Ware, das beispielhaft Krug und der Henkeltopf in bäuerlichen
dem Wandervogel an. In der Zeitschrift die Entwicklung des Spitzenerzeugnisses Haushalten der Umgebung von Lands-
„Der Wandervogel“ sah man schon früh der vor Ort hergestellten Töpferware kron (Lanškroun, Tschechische Republik)
die Fotografie als ein dem Skizzieren dokumentiert. Das zylindrische Gefäß im ostböhmischen Teil der historischen
ebenbürtiges Mittel zum Festhalten entstand vor 1850 und vertritt den in Region Schönhengstgau Verwendung
von Landschaften und Orten an. Groß, diesem Zeitraum am weitesten verbreite- gefunden haben.
der mit seinem Einmannbetrieb als ten Kannentyp als Beispiel für ländlich- Ch. Dippold
„Wandervogel-Lichtbildamt“ firmierte, bäuerliches Repräsentationsgeschirr.
konnte von diesem Genre alleine nicht Die Kanne mit dem leicht gebauchten Sabine Zühlcke: Erwerbsbericht. In: Anzeiger des
leben, doch sind gerade jene Fotogra- Gefäßkörper stammt aus der Zeit um Germanischen Nationalmuseums 2006, S. 273–274. –
fien visuelle Dokumente der Jugend- 1900. An ihrer Farbigkeit und ihren Lebenslauf von Rudolf und Hertha Prochaska. Zu­
bewegung, vor allem bis zum Zweiten plastischen Verzierungen lässt sich das sammengestellt von Eckhard Prochaska. GNM, DKA,
Weltkrieg. Ein Aspekt seines Werks Vorbild zwar noch ablesen, doch stellen NL Rudolf Prochaska, II, A-1.
fokussiert die von den Gruppen ge- beide Gestaltungselemente in Kombina-
schaffenen Gegenwelten, ihre „Nester“ tion mit der anderen Gefäßform keine
und Landheime, wo sie diskutierten, Nachahmung oder Variation dar, sondern
sangen, vorlasen und Fahrten planten. eine Weiterentwicklung. Diese wurde not-
Hier oblag den Jugendlichen die Ein- wendig, weil sich in der zweiten Hälfte
richtung und sie führten ein einfaches, des 19. Jahrhunderts die Kundschaft für
von bürgerlichen (Wohn-)Zwängen aufgelegte Ware geändert hatte. Mit dem
befreites Leben. Diese Orte der gemein- anwachsenden Tourismus im Lahntal
samen Verantwortung richteten sie oft und den gestiegenen Studentenzahlen der
mit altem, aus dem bäuerlichen Umfeld Philipps-Universität ab 1866 fertigten die
stammendem und landschaftsgebun- Töpfer für diese Kunden einfacher deko-
denem Mobiliar und Geschirr ein, rierte Gefäße als Souvenirs mit historisti-
weshalb sie auch an die damals ver- schem Lokalkolorit. T. Schindler
207

310 Katalog
208 • (Abb. S. 96)
Truhe
Entwurf: A. Paul Weber (1893–1980) · Ausführung:
Firma Anton Hestermann, Wietzendorf · 1934
Nadelholz, Messing · 67,8 x 126,7 x 62 cm
Suderburg, Museumsdorf Hösseringen, UeL 12-338

Der aus der Jugendbewegung stam-


mende, vor allem als Grafiker bekann-
te Künstler A. Paul Weber arbeitete
wiederholt für den Kaufmann Alfred C.
Toepfer (1894–1993), der als Mäzen die
Grenzpolitik der bündischen Bewegung
unterstützte. Er beauftragte Weber mit
der Ausstattung von Jugendherbergen
in Grenzgebieten und von Bauernhöfen.
Zu diesen gehörte der 1644 erbaute,
1932 von Toepfer erworbene Brümmer-
hof in der Nähe von Soltau, der als Mus-
terbetrieb dienen und an dem u.a. das
Niederdeutsche gepflegt werden sollte.
Seit 1933 lebte Weber im Haupthaus.
Dort plante er die komplette Innenein- 209 210
richtung für die Anlage bis hin zu Stof-
fen und Beschlägen. Obwohl Toepfers 209 • 210 •
Einfluss dabei nicht unterschätzt wer- Zwei Wandervögel Wandervogel
den darf, so spiegelt sich in den vielen Entwurf: Anton Büschelberger (1869–1934) Porzellanfabrik Fraureuth · 1918–1924
Skizzen Webers seine Vorliebe für Aus­führung: Porzellanmanufaktur Karl Ens, Rudol­ Porzellan, weiß, Staffierung in Farbe · H. 20 cm
Erzeugnisse der „Volkskunst“ wider. stadt · um 1917 · Porzellan, Aufglasurmalerei; Holz Modellnummer: 1212
Knechte und Mägde Toepfers erhiel- 28 x 21 x 14,5 cm · Marke im Schrägkreuz in Blau Werdau, Stadt- und Dampfmaschinenmuseum,
ten ein Ehestandsdarlehen, wenn sie auf der Unterseite: ENS P. 200/05
Möbel nach Entwürfen des Künstlers Witzenhausen, AdJb, G 8 Nr. 16
erwarben. Zur Verlobung einer Magd des Die Figur einer jungen Frau ist in dyna-
Brümmerhofes entstand 1934 die Zwei- Die Figurengruppe entstand nach mischer Schrittstellung auf einem ovalen
feldertruhe mit spiegelgleichen floralen einem Entwurf des Bildhauers Anton Sockel mit strukturierter Oberfläche
Motiven. Eine besonders rustikale Note Büschelberger. Die feine Modellierung positioniert. Die für die Stabilität wich-
erhielt das zu diesem Zeitpunkt hinsicht­ des Künstlers ist besonders an den tige Mittelstütze verbarg der Modelleur
lich seiner Form längst altmodische Fingern und den Gesichtern erkennbar. geschickt unter dem wadenlangen Kleid
Möb­elstück durch die dicken Ziernägel Farbliche Akzente in der sonst unauf- der Dargestellten. Das Muster ihres
in den Stollen. Diese Art von „Bauernmö- fälligen grau-braunen Farbstaffierung ausgeschnittenen Kleides bildet sich aus
beln“ ist ein deutlicher Ausdruck gegen der Gruppe bilden die Krawatte des eingeritzten Kreisen. Voranschreitend
den urbanen Lebensstil und veranschau- rechten Jungen, das Kappenfutter und spielt sie auf einer Gitarre, an deren Hals
licht in ihrer vermeintlichen Zeitlosigkeit der Schultergurt seiner Gitarre, die je- bunte Lautenbänder hängen.
antimoderne Tendenzen. C. Selheim weils violett gehalten sind, so wie das Die Figur wurde in mehreren unter-
Instrument selbst mit seiner gelben schiedlichen Farbfassungen hergestellt.
Hans-Jürgen Vogtherr: A. Paul Webers Zeit auf dem Einfassung. Den Sockelrand ziert ein Neben der weißen, wie im vorliegenden
Brümmerhof von 1933 bis 1936. In: Museumsdorf Goldstreifen. Bei einer weiteren Aus- Fall, bot die Fabrik Fraureuth die Plastik
Hösseringen – Landwirtschaftsmuseum Lüneburger formung dieser Porzellanplastik wurde auch mit grünem oder gelbem Kleid
Heide (Materialien zum Museumsbesuch 10). Uelzen auf eine kräftige Farbgebung, wie sie an. Varianten gab es außerdem bei der
1988. – Helmut Schumacher/Klaus J. Dorsch: A. Paul hier vorliegt, verzichtet. Sockelgestaltung. Außer einer weißen un-
Weber. Leben und Werk in Texten und Bildern. Ham­ Ihre grau-braune Staffierung entsprach bemalten Oberfläche konnte die Struktur
burg/Berlin/Bonn 2003, bes. S. 132–144. der üblicherweise getragenen Jungen- goldene oder schwarze Höhungen auf-
kleidung. S. Glaser weisen. Das Wandervogelmädchen blieb
bis mindestens 1924 im Programm der
Marion Grob: Das Kleidungsverhalten jugendlicher Fraureuther Porzellanfabrik. Die spätere
Protestgruppen in Deutschland im 20. Jahrhundert Wallendorfer Produktion in Lichte funkti-
(Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland onierte die Figur zu einem BdM-Mädchen
47). Münster 1985, S. 102–103. – Dieter Zühlsdorff: mit Hakenkreuzkleid um. S. Glaser
Markenlexikon. Porzellan- und Keramik-Report
1885–1935. Stuttgart 1988, S. 30, Nr. 1/1.1329 u. Susanne Fraas: „Wachgeküsst“. Verborgene Schätze
S. 636, Nr. 1330. der Fraureuther Porzellanfabrik. Hohenberg/Eger
2003, S. 201–202, Abb. 715.

Wandervögel und Heimatgefühle 311


211 •
Wandteller
Villeroy & Boch, Dresden · vor 1930 · Ton, gelblich;
Unterseite: hellgelb; Oberseite: grün, z.T. geritzt,
bemalt, glasiert; zwei Löcher im Standring eingesto­
chen · Dm. 41,5 cm · Marken in Unterglasurbraun: VB
einbeschrieben in D; gepresste Zeichen senkrecht:
4, DC, W, 5
Privatbesitz

Der große, flache Teller zeigt, die ge­


samte Fläche einnehmend, zwei wan-
dernde Mädchen mit Rucksäcken. Die
beiden Figuren sind in Schrittbewegung
nach rechts gewandt dargestellt. Das
Mädchen im Vordergrund spielt auf ei-
ner Gitarre, an deren Hals bunte Bänder
flattern. Ihre etwas verdeckte Beglei-
tung im Hintergrund hält ebenfalls eine
Gitarre in den Armen. Ein Schäferhund
läuft den Wandernden voraus. Sie tragen 212
hell- bzw. dunkelviolette, locker fallende
Kleider mit Blümchenmuster und Riem- Jugendbewegung – eine Bestandsaufnahme. In: ten und konsumorientierten Gesellschaft
chenschuhe. Else Frobenius (1875–1952) Jahrbuch des Archivs der Deutschen Jugendbe­ setzte, machte die Kommerzialisierung
hatte in einem Aufsatz von 1926 die wegung 15, 1984/85, S. 13–36. – Dieter Zühlsdorff: auch vor ihm nicht Halt. Davon zeugt die
„Zunfttracht“ der wandernden Mädchen Markenlexikon. Porzellan- und Keramik-Report in Serie von mehreren Tausend Exempla-
beschrieben. Danach bestehe sie aus 1885–1935. Stuttgart 1988, S. 120, Nr.1/1.2588. ren produzierte Majolika-Gruppe.
kurzen Jäckchen und gereihten Röcken. Ch. Dippold
Ihr Haar trügen sie zu zwei Zöpfen ge- 212 •
flochten und über den Ohren aufgerollt. Wandervögel Nicola Moufang: Die Großherzogliche Majolika Ma­
Dieser Beschreibung entsprechen die Entwurf: Adolf Nieder (geb. 1873) · Ausführung: nufaktur in Karlsruhe. Grindelburg 1920, S. 94, Abb.
beiden dargestellten Jugendlichen zwar Großherzogliche Majolika Manufaktur, Karlsruhe S. 167. – Monika Bachmayer/Peter Schmitt: Karlsru­
nur bedingt, dennoch ist ihr Erschei- 1920–1922 · Ton, gebrannt, bemalt, glasiert her Majolika 1901 bis 2001. 100 Jahre Kunstkeramik
nungsbild eindeutig und dokumentiert 18 x 25,5 x 14,5 cm · Seriennummer: 1652 des 20. Jahrhunderts. Karlsruhe 2001, S. 221.
das Ansinnen der Mädchen, auch als Karlsruhe, Badisches Landesmuseum Karlsruhe,
Teil der Jugendbewegung wahrgenom- M 198 213 •
men zu werden. Der Teller, von dem nur Wandervögel
wenige Ausformungen bekannt sind, Drei sich die Hände reichende weibliche Wilhelm Ebbinghaus (1864–1951) · Druck: Kunstan­
wurde im Dresdener Filialwerk von und eine die Gitarre spielende männli- stalt Mähl & Klemm, Dresden · um 1924 · Farben­
Villeroy und Boch hergestellt. S. Glaser che Figur sowie einen Hund arrangierte druck · 38 x 57 cm
der Düsseldorfer Bildhauer Adolf Nieder Witzenhausen, AdJb, K 1 Nr. 19
Else Frobenius: Das Mädel in der Jugendbewegung. in seiner als Wandervögel betitelten Ke-
In: Westermanns Monatshefte 843, 1926, S. 313–321. ramik. Durch die ausladende Schrittstel- Vor dem Hintergrund einer Mittelge-
– Magdalena Musial: Die Mädchenbünde in der lung und die überzeichnete Mimik mit birgslandschaft wandern drei junge
zum Gesang geöffneten Mündern sowie Frauen und drei Männer in bequemer
den in den Nacken geworfenen Köpfen Kleidung auf einem Feldweg. Einer der
schuf der Künstler eine dynamisch und Männer spielt eine mit Bändern ver-
humorvoll wirkende Kleinplastik. Die zierte Laute, ein für viele Wandervogel­
musizierenden Wandervögel stellt er in gruppen charakteristisches Attribut.
ihrem charakteristischen, von städtisch- Die im Bild festgehaltene Bewegung in
bürgerlicher Mode sich distanzierenden der Natur galt als wichtiges Kriterium
Äußeren dar: Die Mädchen in schlich- für eine gelungene künstlerische Dar-
ten, den Körper umspielenden langen stellung von Wandervögeln.
Gewändern mit offenen, zu Schnecken Der Verlag versprach sich bei der Auf-
oder Nest geflochtenen Haaren; den nahme des Motivs in sein Programm
Jüngling in mittelalterlich anmuten- gewiss Absatzchancen, die er vermut-
dem Kittel, Beinlingen und Umhang. lich bei ehemaligen Mitgliedern dieser
Adolf Nieder, der nur kurz für die Karls­ Gruppe sah – auch wenn diesen in ihren
ruher Majolika Manufaktur arbeitete, Zeitschriften z.B. die Kunst der Expres­
greift ein in bürgerlichen Kreisen nachge- sionisten nahegelegt wurde und nicht
fragtes Thema auf. Obwohl der Wander- die sich an ein breites Publikum richten-
vogel einen Gegenpol zur industrialisier- de Genremalerei. C. Selheim
211

312 Katalog
Jugend ohne Wahl
Als Jugendorganisation der NSDAP hat-
te die Hitlerjugend bereits vor 1933 über
100.000 Mitglieder und damit mehr als
die bündische Jugend. Reichsjugendfüh-
rer Baldur von Schirach bekämpfte die
bürgerliche Jugendbewegung. Dennoch
übernahm die HJ viele Elemente, wie
Fahrt oder Zeltlager.
Nach der Machtergreifung wurde die
HJ Staatsjugend. Sie diente der Wehr­
er­tüchtigung und der Vermittlung der
nationalsozialistischen Weltanschau-
ung. Ab 1936/39 war der Dienst in der
HJ Pflicht. Etwa 98 Prozent der Jugend
gehörte ihr an. Alle anderen Jugend-
gruppen löste das Regime auf.
Zum Ende des Zweiten Weltkriegs leis-
213 teten die Hitlerjungen verstärkt bei der
Trümmerbeseitigung oder als Flakhelfer
Bilder für jedermann. Wandbilddrucke 1840–1940. schriftsteller August Trinius (eigentlich Dienst. Die Begeisterung vieler Jungen
Bearb. von Christa Pieske. [Link]. Museum für Carl Freiherr von Küster, 1851–1919). nutzte die Waffen-SS und stellte 1943
deutsche Volkskunde, Staatliche Museen zu Berlin – Mit zahlreichen Veröffentlichungen die Panzerdivision „Hitlerjugend“ auf.
Preußischer Kulturbesitz, Berlin (Schriften des Mu­ lenkte der „Thüringer Wandersmann“
seums für Deutsche Volkskunde Berlin 15). München die Reiselust des Bildungsbürgertums
1988, S. 224, Abb. 31b. auf das „grüne Herz Deutschlands“ – 215 •
eine Trinius-Formulierung, die bis heu- Der Hitlerjunge Quex
214 • te Werberelevanz besitzt. H. Schwarz
Mit Rucksack und Laute 1. Plakat „Hitlerjunge Quex – Ein Film vom Opfer­
Hersteller: Verlag J. W. Spear & Söhne, Nürnberg- Helmut Schwarz/Marion Faber: Die Spielmacher. geist der deutschen Jugend“
Doos · um 1922 · Pappe, Papier, bedruckt; Spiel­ J.W. Spear & Söhne. Geschichte einer Spielefabrik. Entwurf: Siegfried Karl Trieb (1899–1947) · 1933
figuren: Bleizinnlegierung, bemalt; Würfel: Holz Nürnberg 1997, Taf. 28. – Thomas Schwämmlein: Offsetdruck · 135 x 91,5 cm
Karton: 22 x 31 x 2,5 cm August Trinius – Annäherungen an einen Fremdge­ München, Münchner Stadtmuseum, PC 8/33
Privatbesitz wordenen. Zum 150. Geburtstag des ,Thüringer Wan­
dersmannes‘. In: Jahrbuch Landkreis Sonneberg 6, 2. Karl Aloys Schenzinger: Der Hitlerjunge Quex.
Spieleverlage sind Seismografen des 2001, S. 123–126. Berlin/Leipzig 1932 · 20,2 x 13,3 cm
Zeitgeistes. Ein typisches Beispiel GNM, Bibliothek, 8° Om 193/109
hierfür ist das Spiel „Mit Rucksack
und Laute“ aus dem 1879 gegründeten Der Hitlerjunge Quex, die von dem
Spear-Spieleverlag. Auf dem Schach- Schriftsteller Karl Aloys Schenzinger
teldeckel genießt ein Trio munterer (1886–1962) im Auftrag von HJ-Führer
Wandervögel sang- und klangvoll die Baldur von Schirach (1907–1974)
sommerliche Natur. Im Spiel selbst geschaffene Romanfigur, gehörte zu
erkunden bis zu sechs wanderlustige, den populärsten Märtyrerfiguren des
mit dem Zug angereiste Brettspieler Nationalsozialismus. Schenzinger, der
mittels hübsch gestalteter Zinnfiguren als Sanitätsoffizier im Ersten Welt-
das bayerisch anmutende Voralpen- krieg gedient und sich nach einem
land. Sie würfeln sich dabei durch erfolglosen Zwischenspiel als Filmema-
einen 100 Felder umfassenden, humor- cher in den USA 1925 in Deutschland
voll illustrierten Parcours. Markierte 214 wieder in dem ungeliebten Beruf als
Ereignisfelder beschleunigen oder Kassenarzt im Berliner Arbeiterbezirk
hemmen den Verlauf, bis der glückliche Wedding niedergelassen hatte, mach-
Gewinner als Erster in einem idylli- te sich schließlich vor allem als Autor
schen Biergarten einkehren darf. von Abenteuerromanen einen Namen.
Die Wandervogelbewegung bildet den Nachdem er schon 1931 deutliche Sym-
kulturhistorischen Hintergrund für pathien für den Nationalsozialismus
dieses Spiel. Sein Titel bezieht sich auf hatte erkennen lassen, schuf er nun
das 1916 erschienene Wanderbuch „Mit in Anlehnung an das Schicksal des im
Laute und Rucksack. Eine Thüringer Straßenkampf erstochenen Hitlerjungen
Sommerfahrt“. Verfasser war der Reise- Herbert Norkus (1916–1932) und um die

Jugend ohne Wahl 313


215.1

314 Katalog
Verhältnisse des Berliner Arbeitermili- 216 Die Gruppierungen der Jugendmusik-
eus wissend die Heldenfigur des Heini Die Fahne ist mehr als der Tod und Singbewegung waren mit unter-
Völker. Von einer kommunistischen Die Fahne ist mehr als der Tod. Schulungsdienst schiedlichen Verlagen verbunden. Fritz
Jugendorganisation umworben findet der Hitler-Jugend 6, 1941 · 21,9 x 15,2 cm Jöde (1887–1970) publizierte seine Lieder
dieser den Weg zur Hitlerjugend, weil GNM, Bibliothek, [Kapsel] 8° Fg 194/2 und Texte bei Georg Kallmeyer (1875–
er die dort vertretenen Parolen von 1945) in Wolfenbüttel, der 1916 Allein-
Deutschtum und Heldentum, aber auch Die Ausweitung der Hitlerjugend zur inhaber des Zwißler-Verlags geworden
die Disziplin und Ordnungsliebe als Staatsjugend und das Bedürfnis nach war; 1947 übernahm ihn Karl Heinrich
attraktiv erachtet. Dort erhält er den Normierung und Kontrolle der Heim- Möseler (1912–1984).
Spitznamen Quex (für Quecksilber) für abende veranlasste die HJ-Führung, Unter Jödes Leitung erschienen zwi-
seinen Einsatz im Straßenkampf gegen neben Führerschulungsbriefen, die der schen 1928 und 1939 bei Kallmeyer in
die Kommunisten. Beim Verteilen von „weltanschaulichen Schulung“ dienten, monatlicher Folge die Liedfaltblätter
Flugblättern in seinem alten Kiez wird auch Heimabendmappen, später den „Die Singstunde“. Ein- und zweistim-
er von Kommunisten erstochen. Der „Schulungsdienst der Hitler-Jugend“, mige Lieder sollten „Jugend und Volk
Propagandaroman, der 1932 zunächst herauszugeben. Sie gaben die Themen […] für das offene Singen in Haus,
als Fortsetzungsroman im „Völkischen vor und entsprechend sollten dazu Schule, Jugendkreis und Bund“ dienen
Beobachter“ erschienen war, wurde Lieder eingeübt werden. Der Inhalt der (S. 4). Jöde stand den Nationalsozialis-
noch im selben Jahr als Buch veröffent- Schulungsbriefe, die ab 1937 einem fes- ten ablehnend gegenüber, konnte sich
licht und erreichte bis 1945 eine Auflage ten Jahrgangsschulungsplan folgten, ihrem Einfluss aber nicht entziehen. Die
von einer halben Million verkaufter zeigt die Absicht der Indoktrination, Titelillustration von Heft 67 zeigt einen
Exemplare. die noch durch passende Lieder vertieft Holzschnitt Oscar von Zaborsky-Wahl-
Mit dem bezeichnenden Untertitel „Ein werden sollte. Die Themen gehörten stättens (1898–1959) mit marschieren-
Film vom Opfergeist der deutschen Ju­ zum ideologischen Kern des Natio- den Hitlerjungen, angeführt von einem
gend“ produzierte der Regisseur Hans nalsozialismus und forderten zum Querpfeifer und Leinentrommler. Das
Steinhoff (1882–1945) auf der Grundlage weltanschaulichen Kampf sowie zum Liedblatt enthält sieben Lieder, die nach
des Romans einen nationalsozialisti- Opfertod auf. Die Mappen und Schu- dem Ersten Weltkrieg in der bündischen
schen Propagandafilm, der bereits am lungsbriefe trugen Titel wie: „Der Weg Jugend entstanden waren, im Juni 1934
11. September 1933 uraufgeführt wurde. nach Osten“, „Die Reinerhaltung des jedoch für „Jungvolk“, „Hitler-Jugend“
Dieser bot Baldur von Schirach die Mög- Blutes“, „Kampf dem Weltfeind Bol- und dem „Bund deutscher Mädel“ bean-
lichkeit, erstmals das von ihm getextete schewismus“ oder „Die Fahne ist mehr sprucht wurden. M. Zepf
Kampflied „Unsre Fahne uns voran!“ zu als der Tod“.   H.-U. Thamer
präsentieren. Obwohl der Streifen von Kurzgefaßtes Tonkünstler-Lexikon. Für Musiker und
der staatlichen Filmprüfstelle mit dem Freunde der Musik. Begr. von Paul Frank. Neu bearb.
Prädikat „Künstlerisch besonders wert- und erg. von Wilhelm Altmann. Fortgef. von Bur­
voll“ versehen wurde, wuchs auch in NS- chard Bulling u.a., Teil 2: Ergänzungen und Erweite­
Par­teikreisen die Überzeugung, dass der rungen seit 1937. 15. Aufl. Wilhelmshaven, Bd. 1: 1974,
„Hitlerjunge Quex“ wie die anderen 1933 Bd. 2: 1978. – Karl-Heinz Reinfandt: Jöde, Fritz. In:
entstandenen Propagandafilme in ihrer Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine
Anlage doch zu plump und durchsichtig Enzyklopädie der Musik. Personenteil. Hrsg. von
wären. Joseph Goebbels (1897–1945) Ludwig Finscher. 2. neu bearb. Aufl. Kassel/Basel/
ver­anlasste das zu dem Urteil, „die Bewe- Weimar 2003, Bd. 9, Sp. 1074–1076.
gung gehöre auf die Straße und nicht auf
die Leinwand“. H.-U. Thamer 218 •
Ventilfanfaren
Karsten Witte: Der Apfel und der Stamm. Jugend
und Propagandafilm am Beispiel „Hitlerjunge Quex“ 1. a Ventilfanfaren in d mit Périnet-Druckventilen
(1933). In: Schock und Schöpfung. Jugendästhetik Firma Gebr. Stowasser, Graslitz (Kraslice, Tschechi­
im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Willi Bucher/Klaus sche Republik) · 1941 · Messing, Silber, Perlmutt (?)
Pohl. Darmstadt/Neuwied 1986, S. 302–307. – Kurt L. 71,8–72,8 cm, L. 77,8–79 cm (mit Mundstück),
Schilde: „Unsre Fahne flattert und voran!“ Die Kar­ Dm. Schallstück 11,7 cm
rieren der Lieder aus dem Film „Hitlerjunge Quex“. GNM, MI 770–773
In: Good-bye memories? Lieder im Generationenge­
dächtnis des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Barbara 1. b Koffer
Stambolis/Jürgen Reulecke. Essen 2007, S. 185–197. Holz, Kunstleder, schwarz, Metallbeschläge, -schlös­
– Ders.: „Hitlerjunge Quex“ – Welturaufführung am 217 ser; Griff mit grauer Kunstfaser umwickelt; Futter:
11. September 1933 in München. Blick hinter die 217 • Wollfilz, blau · 18,5 x 77 x 59,5 cm
Kulissen des NS-Propagandafilms. In: Geschichte in Jugend im Gleichschritt GNM, MI 770
Wissenschaft und Unterricht 2008, H. 10, S. 540– Jugend im Gleichschritt. Neuere Fahrtenlieder.
550. – Typographie des Terrors. Plakate in München Hrsg. von Fritz Jöde (Die Singstunde 67). Wolfen­ 2. Fanfarentuch des ersten Nürnberger Fanfarenzuges
1933 bis 1945. Bearb. von Thomas Weidner/Henning büttel 1934 · 19 x 13 cm 1933 · Grund: Baumwolle, schwarz; Applikation: Baum­
Rader. [Link]. Münchner Stadtmuseum, Mün­ GNM, Bibliothek, 8° Mz 192/6 [67] wolle, weiß/Grund: Baumwolle, weiß; Applikation:
chen. Heidelberg/Berlin 2012, S. 36–37.

Jugend ohne Wahl 315


der Hitlerjugend entwickelte 1940 der
Wiener Trompeter Helmut Wobisch
(1912–1980) mit der Firma Stowasser
eine leicht spielbare „Heroldstrompete“.
Charakteristisch sind neben dem ver­
silberten Knauf (nach Ehe-Vorbild) die
vier Ventile, die die Grundstimmung
der Trompete von Ton D bis auf Ton Fis
erhöhen. Die beiden Ringe am Mundrohr
dienen der Befestigung eines Fahnen-
tuchs. Da eine der vier Trompeten in bau-
technischen Details und der Signierung
abweicht, stammt sie wohl aus einer
anderen Fertigungsserie. M. Zepf
218.1
Christian Ahrens: Eine Erfindung und ihre Folgen.
Baumwolle, schwarz, rot; Druckknöpfe · 57 x 55 cm Blechblasinstrumente mit Ventilen. Kassel/Basel
Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Dokumenta­ 1986. – Karl Hachenberg: Die Entwicklung einer
tionszentrum Reichsparteitagsgelände, DZO 28 Patent-Trompete im Spannungsfeld zwischen künst­
lerischer Anforderung und politischer Ambition 220
Die Trompete galt seit dem Mittelal- 1940–1942. In: Anzeiger des Germanischen National­ 220 •
ter als herrschaftliches Signal- und museums 2005, S. 173–185. – Lars Laubhold: Magie Bilderbuch
Musikinstrument. Ihr durchdringender der Macht. Eine quellenkritische Studie zu Johann Bilderbuch für die Deutsche Jugend. Esslingen 1933
Klang regelte den militärischen Tages- Ernst Altenburgs „Versuch einer Anleitung zur he­ 29 x 14,5 cm
lauf, rief bei Hofe zur Tafel und sorgte roisch-musikalischen Trompeter- und Pauker-Kunst“ Berlin, Deutsches Historisches Museum, R 02/1232
in der Kirche für eine festliche Musik. (Halle 1795) (Salzburger Stier 2). Würzburg 2009.
Allerdings kann sie nur die sog. Natur- Das 10-seitige Büchlein des 1831 ge-
töne erzeugen, die keine durchgehende 219 gründeten J.F. Schreiber-Verlags, dessen
Tonleiter ergeben. Um alle zwölf Töne Trommel Nachfolgeunternehmen noch heute in
der chromatischen Skala nutzen zu Gustav Porschorter · Leipzig, um 1937 · Metall, Esslingen existiert, fällt durch seine
können, konstruierten im 19. Jahrhun- Holz, Leder · 29 x 14,5 cm Form auf. Das Motiv des Buchdeckels,
dert Instrumentenbauer Ventile, die Bonn, Stiftung Haus der Geschichte der Bundes­ die Darstellung eines Jungvolk-Tromm-
durch Fingerdruck Röhren zuschaltbar republik Deutschland, 1988/4/016 lers in Uniform, ist an der rechten
machen und den Grundton erniedrigen. Schnittkante ausgestanzt.
Nach 1933 griffen die Machthaber für Trommeln gehören in Europa primär in In einem knappen, gereimten Text wird
repräsentative Anlässe gern auf die den Kontext militärischer Traditionen. ein Ausflug des Jungvolks geschildert.
Form der Langtrompete zurück (Kat. Auch ins Symphonieorchester wurden Eine Wanderung in der Natur, Spiel, Mu-
Nr. 230). Vorbilder waren die Instru- sie zunächst als Elemente einer ein- sik, Zeltlager, nicht zuletzt die uneinge-
mente der Familien Ehe in Nürnberg deutig kriegerischen Klangwelt einge- schränkte Treue zum Führer Adolf Hitler
und Leichamschneider in Wien, den führt. Diese kämpferische Konnotation (1889–1945) sind die Themen, die auch
im 17. und 18. Jahrhundert führen- des Instrumentes war innerhalb der bildlich umgesetzt werden. Hervorgeho-
den Trompetenbauern. Zur Förderung Hitlerjugend beabsichtigt. So wurden ben wird die Bedeutung von Fahnen, die
des künstlerischen Trompetenspiels diese Trommeln gezielt bei Spielen zur schon für das Jungvolk identitätsstif-
Wehrertüchtigung eingesetzt. Mithilfe tend sein sollen.
des Lederriemens konnten sie um den Das Bilderbuch vermittelte in erster
Oberkörper gehängt und mit den Holz- Linie einen romantisch verklärten Ein-
schlägeln in beiden Händen im Gehen druck vom Leben in der Hitlerjugend.
oder Stehen gespielt werden. Die fünf Es richtete sich wohl vor allem an Jun-
metallenen Schrauben, die parallel zu gen im Alter von etwa 10 Jahren. Anders
den Zargen verlaufen, dienen dazu, das als ab 1936 war zum Erscheinungszeit-
Schlag- und das Resonanzfell zu span- punkt des Buches 1933 die Mitglied-
nen. Die Verwendung von Spannschrau- schaft in Jungvolk und Hitlerjugend
ben anstelle von Leinen, mit denen ab diesem Lebensjahr noch freiwillig,
ähnliche Trommeln gestimmt wurden, sodass u.a. mit so gestalteten Publika-
ermöglicht eine niedrige Bauweise mit tionen für den Eintritt in die national-
geringer Zargenhöhe im Verhältnis zum sozialistischen Jugendorganisationen
Durchmesser der Felle. Die Saiten, die geworben wurde. U. Schlicht
über dem Resonanzfell verlaufen, erzeu-
gen den typischen schnarrenden Klang. Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und
K. Leiska Verbrechen. Hrsg. von Hans-Ulrich Thamer/Simone
Erpel. [Link]. Deutsches Historisches Museum,
Berlin. Dresden 2010, [Link]. 98.
218.2

316 Katalog
Die Fotografie vom „Parteitag der Frei-
heit“ der NSDAP 1935 in Nürnberg zeigt
eine Formation auf Landsknechtstrom-
meln spielender Hitlerjungen in Uniform.
Das Bild ist Teil des Sammelalbums
„Adolf Hitler. Bilder aus dem Leben des
Führers“. Es leitet einen Artikel ein, in
dem der Reichsjugendführer Baldur
von Schirach (1907–1974) die Treue der
Hitlerjugend zum Führer Adolf Hitler
(1889–1945) preist. Auch sei im National-
sozialismus das Generationenproblem
zwischen Jung und Alt, das die Jugend-
organisationen vor 1933 geprägt habe,
überwunden. Von Schirach verurteilt des
Weiteren nicht alle früheren Jugendbün-
de, hält aber deren Auflösung zugunsten
des Aufgehens in die große Gemeinschaft
der Hitlerjugend für gerechtfertigt.
221 Sammelbilder und -alben als Werbemit-
221 • 222 tel der Tabak- und Zigarettenindustrie
Aufstellbogen „Hitler-Jugend und Die Hitler-Jugend kamen um die Wende zum 20. Jahrhun-
Jungvolk“ Baldur von Schirach: Die Hitler-Jugend. Idee und dert in Mode. Ihre Popularität in weiten
Verlag: Josef Scholz, Mainz · um 1934 · Offsetdruck Gestalt. Leipzig 1934 · 21 x 14,3 cm Kreisen der Bevölkerung nutzten nach
33 x 42,2 cm · Bez.: Hitler-Aufstellbogen Nr. 806 Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Dokumenta­ 1933 die Nationalsozialisten, um ihre
Karlsruhe, Badisches Landesmuseum Karlsruhe, tionszentrum Reichsparteitagsgelände Ideologie und den Kult um Adolf Hitler
2009/527 zu verbreiten. Mit zwei Millionen Exem-
Baldur von Schirach (1907–1974), der plaren gehörte das hier angesprochene
Der Verlag Josef Scholz geht auf eine am 30. Oktober 1931 zum Reichsjugend­ Album zu den zehn auflagenstärksten
Wiesbadener Papierhandlung zurück. führer der NSDAP ernannt worden war, Publikationen des „Dritten Reiches“.
Bereits 1829 wurde das Geschäft nach gelang es, sich in dem Prozess der natio- U. Schlicht
Mainz verlegt. Bis in die Mitte des nalsozialistischen Machteroberung auch
20. Jahrhunderts gehörte Scholz zu den im NS-Regime eine halbstaatliche Posi- Christoph Köck: Die Vereinnahmung der Nation.
erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuch- tion als „Jugendführer des Deutschen In: Die Eroberung der Welt. Sammelbilder vermitteln
verlagen. Doch die Einbrüche in Folge Reiches“ zu erobern. Zur Rechtfertigung Zeitbilder. Hrsg. von Dorle Weyers/Christoph Köck
der Weltwirtschaftskrise 1929 führten seines Machtanspruchs verfasste von (Schriften des LWL-Freilichtmuseums Detmold, West­
dazu, dass sich das Unternehmen dem Schirach, der sich gerne als „Sänger der fälisches Landesmuseum für Volkskunde 9). Detmold
Zeitgeist anpasste und schon bald na­ Bewegung“ feiern ließ, die Schrift „Die 1992, S. 98–117, bes. S. 109–113. – Hiron Kämper:
tio­nalsozialistisches Gedankengut im Hitler-Jugend“, die ihrer Aufgabe einer Nichts als blauer Dunst? Zigarettensammelbilder als
Kinderzimmer verbreitete. 1934 nennt Programmschrift aber nicht gerecht wur- Medien historischer Sinnbildung – Quellenkundliche
das Verlagsverzeichnis sechs Hitler-Auf- de. Die deutsche Jugendbewegung vom Skizzen zu einem bislang unge­hobenen Schatz. In:
stellbogen, die der Jugend nicht nur Ge- Wandervogel bis zur bündischen Jugend Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 59, 2008,
schicklichkeit lehrten, sondern ihr auch wird bei von Schirach zum konfusen H. 9, S. 492–508.
Symbole des Regimes nahebrachten. und zu keiner festen Organisationsbil-
Der „Hitler-Jugend und Jungvolk“ betitel- dung fähigen Vorläufer der Hitlerjugend 224 •
te Bogen zeigt u.a. das Kriegsspielen, das degradiert, und diese in geschichtsklit- BdM-Mädel und Hitlerjunge
Marschieren, ein Zeltlager, aber auch den ternder Perversion der genuinen Vorstel- Entwurf: Richard Förster (1873–1956) · Ausführ­ung:
im Juni 1933 zum Reichsjugendführer er- lungen der Wandervogeltradition als die Porzellanmanufaktur Allach, München-Allach
nannten Baldur von Schirach (1907–1974), eigentliche Vollendung des jugendbeweg- 1936–1938 · Porzellan, glasiert
der den Text des Liedes „Unsre Fahne flat­ ten Aufbruchs dargestellt.
tert uns voran!“ geschrieben hatte. H.-U. Thamer 1. BdM-Mädel
C. Selheim 32,9 x 8,5 x 8,5 cm · Bez. auf der Unterseite:
223 R. FÖRSTER / Allach / 59
Sigrid Metken: Feine Mainzer Aufstellbilder. In: Spiel Die jüngsten Trommler der Nation Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Dokumen­
mit! Papierspiele aus dem Verlag Jos. Scholz Mainz. Auswahl und künstlerische Bearbeitung der Bilder: tationszentrum Reichsparteitagsgelände
[Link]. Gutenberg-Museum, Mainz. Mainz 2006, Heinrich Hoffmann (1885–1957) · in: Adolf Hitler.
S. 76–83, bes. S. 79. – Vom Minnesang zur Popaka­ Bilder aus dem Leben des Führers. Hrsg. vom 2. Hitlerjunge
demie. Musikkultur in Baden-Württemberg. Bearb. Cigaretten-Bilderdienst [Reemtsma]. Hamburg- 27 x 8 x 14 cm · Bez. auf der Unterseite: R. FÖRSTER /
von Markus Zepf. [Link]. Badisches Landesmuse­ Bahrenfeld 1936 · Halbgewebe; Gewebe, Papier Allach / 31
um Karlsruhe. Karlsruhe 2010, [Link]. V.39. 31,3 x 24,6 cm Bielefeld, Historisches Museum Bielefeld,
GNM, Bibliothek, 4° B HIT 45/16 2009/046/001

Jugend ohne Wahl 317


Hitlergruß erhoben. Ihr in die Zukunft
gerichteter Blick folgt dieser aufsteigen-
den Diagonale. Nach der Gleichschal-
tung und Auflösung der meisten deut-
schen Jugendverbände 1933 warben die
Nationalsozialisten verstärkt um die
Eingliederung aller Kinder und Jugend-
lichen in die Jugendorganisationen der
NSDAP. Die Hitlerjugend und ihre Unter-
organisationen – Jungvolk, Jungmädel,
Bund Deutscher Mädel – übernahmen
aus der Tradition der Jugendbewegung
zwar manche Formen der Aktivität und
Geselligkeit, stellten ihre Arbeit aber
ganz in den Dienst der nationalsozia-
listischen Ideologie. Koedukative Ideen
wurden verworfen zugunsten strenger
Geschlechtertrennung. Bei Wanderun-
gen, Ausflügen, Volkstanz, Gymnastik
und Sport, bei Hand- und Bastelarbeiten
sollten die deutschen Mädel körperliche
und hauswirtschaftliche Ertüchtigung
erfahren. Y. Doosry

224.1 224.2 Glaube und Schönheit. Ein Bildbuch von den


17–21jährigen Mädeln. Hrsg. von Clementine zu Cas­
Die weiße Porzellanfigur „Hitlerjunge“ sollte die Jugend als „Zukunftsträger tell. München 1940. – Ludwig Hohlwein 1874–1949.
stellt einen schlanken Jüngling in der des deutschen Volkes“ darstellen, wie Ein Meister deutscher Plakatkunst. Hrsg. von Volker
HJ-Uniform dar, der mit zwei Trommel- es 1936 in einem Artikel der Zeitschrift Duvigneau. [Link]. Münchner Stadtmuseum.
stöcken auf einer Landsknechtstrom- „Kunst im Deutschen Reich“ hieß. München 1970, [Link]. 238. – Plakate in München
mel spielt, wie sie auch auf zeitgenös- U. Schlicht 1840–1940. Eine Dokumentation zur Geschichte und
sischen Fotos zu sehen ist. Inoffiziell Wesen des Plakats in München. Aus den Beständen
trägt die Figur deshalb die Bezeichnung Gabriele Huber: Die Porzellan-Manufaktur Allach- der Plakatsammlung des Münchner Stadtmuseums.
„HJ-Trommler“. Die Plastik ist auf einer München GmbH – eine „Wirtschaftsunternehmung“ Bearb. von Volker Duvigneau/Gude Suckale Redlef­
ovalen Standfläche montiert. der SS zum Schutz der „deutschen Seele“. Marburg sen. [Link]. Münchner Stadtmuseum. München
Das Pendant bildet die Figur eines Fah- 1992, bes. S. 73–74, 199–200. 1975, [Link]. 649. – Ludwig Hohlwein. Plakate der
nen tragenden BdM-Mädels in Uniform. Jahre 1906–1920 aus der Graphischen Sammlung
Beide Figuren stammen aus den Werk- 225 • Staatsgalerie Stuttgart. Bestandskatalog. Bearb.
stätten der Porzellanmanufaktur Allach Plakat „Bund Deutscher Mädel in der von Christian Schneegass. Stuttgart-Bad Cannstatt
(PMA), die 1936 von Heinrich Himmler Hitlerjugend“ 1985, [Link]. 350. – Ludwig Hohlwein 1874–1949.
(1900–1945) als SS-Betrieb übernommen Entwurf: Ludwig Hohlwein (1874–1949) · Druck: Kunstgewerbe und Reklamekunst. Hrsg. von Volker
wurde. Chromolithographische Kunstanstalt A. G., München Duvigneau/Norbert Götz. [Link]. Münchner
Die Entwürfe schuf der in St. Peters- um 1933/34 · Farblithografie · 122 x 83,5 cm Stadtmuseum. München 1996, [Link]. 297. – Typo­
burg geborene Bildhauer und Medail- München, Münchner Stadtmuseum, P C 14/50 graphie des Terrors. Plakate in München 1933–1945.
leur Richard Förster, der kurz nach Hrsg. von Thomas Weidner/Henning Rader. Ausst.
1900 durch die Gestaltung verschiede- Bereits während der Weimarer Repu- Kat. Münchner Stadtmuseum. Heidelberg/Berlin
ner Kriegerdenkmale bekannt wurde, blik stellte Ludwig Hohlwein seine Ar- 2012, S. 38–39.
seit 1936 für die PMA arbeitete und beit in den Dienst nationalistischer und
1937 in die NSDAP eintrat. nationalsozialistischer Organisationen. 226
Die Auflage des Hitlerjungen belief sich Das Plakat für den BdM stammt aus Ulla, ein Hitlermädel
auf 400, die des BdM-Mädchens, von den ersten Jahren der NS-Zeit. Es zeigt Helga Knöpke-Joest: Ulla, ein Hitlermädel. Leipzig
dem es zwei unterschiedliche Varianten eine mit rassistischem Pathos aufgela- 1933 · 19,2 x 13,2 cm
gab, auf 100, wobei sie jeweils staffiert dene, moderne Walküre. Das kurze blon- Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Dokumen­
und weiß produziert wurden. Insbeson- de Haar, die gesunde Gesichtsfarbe und tationszentrum Reichsparteitagsgelände
dere die Auflagenhöhe des Hitlerjungen das energische Kinn entsprechen dem
war für PMA-Verhältnisse erstaunlich nationalsozialistischen Rasseideal, wie Erzählt wird die Geschichte der 13-jäh-
hoch. Neben dem freien Verkauf hat es auch in der BdM-Propagandaschrift rigen Ulla, die durch ihren Cousin mit
der Reichsführer SS einige Exemplare „Glaube und Schönheit“ wiederkehrt. dem Nationalsozialismus in Berührung
verschenken lassen. In heroisierender Untersicht vor flat- kommt. Schnell beginnt sie mit einer
Figuren der Hitlerjugend fanden sich ternden Hakenkreuzfahnen dargestellt, Freundin eine BdM-Gruppe aufzubauen
häufig in Jugendherbergen und HJ-Hei- hält sie ihre Fahnenstange in der Rech- und den Kampf gegen alle „Feinde“ auf-
men. Ihre heroisch wirkende Gestaltung ten und hat den linken (!) Arm wie zum zunehmen. So verhindern sie z.B., dass

318 Katalog
Abbildung aus
urheberrechtlichen Gründen
unkenntlich gemacht

225

Jugend ohne Wahl 319


eine Burgruine von einem Juden gekauft besitzers Friedrich Monninger (1839– Jutta Zander-Seidel: Kleiderwechsel. Frauen-,
werden kann und unterstützen die Par- 1923), gehörte zum engsten Kreis der Männer- und Kinderkleidung des 18. bis 20. Jahr­
tei im Wahlkampf gegen die KPD. Neben Nürn­berger NS-Bewegung. Die Druckerei hunderts (Die Schausammlungen des Germanischen
Freizeitaktivitäten, wie einem Zeltlager, produzierte bereits zu Anfang der 1920er Nationalmuseums 1). Nürnberg 2002, S. 182–183,
wird auch der Mord an einem Freund Jahre nationalsozialistische Zeitungen. Abb. 186. – Claudia Gottfried: Kletterweste, Schlips
durch Kommunisten thematisiert. Der Ihr Sohn Willy Liebel (1897–1945) war und Knoten – Uniformen für HJ und BDM. In: Glanz
Roman endet mit dem Reichsjugendtag von 1933 bis 1945 Nürnberger Oberbür- und Grauen. Mode im „Dritten Reich“. Bearb. von
1932 in Potsdam, wo Hitler und von germeister. A. Schmidt Claudia Gottfried. [Link]. LVR-Industriemuseum
Schirach zu den Jugendlichen sprechen. Ratingen. Ratingen 2012, S. 64–67, bes. S. 67.
Solche Bücher sollten die Jugend für Alexander Schmidt: Geländebegehung. Das
den Nationalsozialismus begeistern. Die Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Nürnberg
Romanfigur verkörpert daher den ge- 2005, S. 147. – Matthias Klaus Braun: Hitlers liebster
wünschten neuen Mädchen-Typus einer Bürgermeister Willy Liebel (1897–1945) (Nürnber­ger
initiativen und nach den NS-Idealen Werk­stücke zur Stadt- und Landesgeschichte 71).
agierenden Kameradin. M. Gruninger Nürnberg 2012, S. 519–520.

228 •
Jungmädelbluse
1935/40 · Grund: Celluloseregenerat, leinwandbindig,
weiß; Baumwollband; Knöpfe: Kunststoff · L. 54 cm
GNM, T 6606

Zur nationalsozialistischen „Bundes-


tracht“ der Mädchen gehörten weiße Blu-
sen, für den Sommer waren dies Sport-
blusen mit offenem Kragen und kurzen 229
Ärmeln. Je zwei Knöpfe, in die „BDM-JM“ 229 •
für „Bund deutscher Mädel – Jungmädel“ Lederknoten
und ein Eichenlaubmuster eingeprägt 1935–1940 · Leder, geflochten · Dm. 4 cm · Bez. auf
sind, verschließen die beiden Brustta- dem Etikett: Halstuchknoten / nach Vorschrift /
schen. Die Knöpfe auf Gürtelhöhe zum 031974 / RZM
Befestigen am dunkelblauen Rock fehlen, GNM, T 8266
was zeigt, dass auch Kleidungsstücke,
die nicht ganz den strengen Vorschriften Sowohl der Hitlerjugend als auch den
entsprachen, zum Einsatz kamen. Das Mädchen des BdM diente ein unter
dreieckige Gauverbands-Abzeichen auf dem Kragen getragenes schwarzes
dem Oberarm und das metallene HJ- Halstuch, gehalten von einem Leder-
Abzeichen auf der linken Tasche fehlen knoten, als gemeinsames Zeichen der
227 ebenso. Ohne die Abzeichen durfte die Zugehörigkeit. Der Knoten hatte die
227 • Bluse auch zu „Zivilzwecken“ getragen Form eines Türkischen Bundes und
Gertrud wächst ins Dritte Reich werden. A. Kregeloh wurde als „Großer Knoten“, das heißt
Anna Liebel-Monninger: Gertrud wächst ins Dritte in einer etwas breiteren Variante, zum
Reich. Eine Geschichte um den Reichsparteitag. Diensthemd und als „Kleiner Knoten“
Langensalza 1942 · 21 x 14,8 cm zum Dienstrock kombiniert. Das Pa-
Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Dokumen— pieretikett der Reichszeugmeisterei
tationszentrum Reichsparteitagsgelände kennzeichnet ihn als „Halstuchknoten
nach Vorschrift“. Übernommen wurde
Das 1943 in zweiter Auflage erschie- er aus der Wanderkleidung der bündi-
nene Kinderbuch erzählt eine Liebes- schen Jugend und der Pfadfinder, die
geschichte während eines Nürnberger ihn auch heute noch verwenden.
Reichsparteitags. Die Hauptfigur Ger- A. Kregeloh
trud lernt einen jungen Nationalsozia­
listen kennen und entflieht durch die Herbert Knötel: Die Uniformen der H.J. Vorschrift
Ehe mit ihm der traditionell konservativ und Vorbild für die Bekleidung und Ausrüstung der
geprägten heimischen Enge. Gertrud Hitler-Jugend des Deutschen Jungvolks in der H.J.,
erfasst und begrüßt – im Gegensatz zur des Bundes Deutscher Mädel in der H.J. und der
alten Generation – die neue nationalso- Jungmädel im B.D.M. in der H.J. Hamburg 1934,
zialistische Bewegung. Die Buchillust- S. 13. – Ingeborg Weber-Kellermann: Der Kinder neue
rationen stammen von dem Nürnberger Kleider. 200 Jahre deutsche Kindermoden in ihrer
Grafiker Josef Sauer (1893–1967). sozialen Zeichensetzung. Frankfurt a.M. 1985, S. 202.
Anna Liebel-Monninger (1869–1950),
Jour­nalistin und Tochter des Druckerei-
228

320 Katalog
sie wurden aber durchaus manchmal
ermahnt, wenn sie sich nicht an die
strengen Kleidungsvorschriften hielten.
A. Kregeloh

Glanz und Grauen. Mode im „Dritten Reich“. Bearb.


von Claudia Gottfried. [Link]. LVR-Industriemu­
seum Ratingen. Ratingen 2012, Abb. S. 66.

231
Gürtel mit Koppelschloss
1933–1945 · Leder, Messing, geprägt · L. 102 cm
Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Dokumen­
tationszentrum Reichsparteitagsgelände, DZO 35

Der dunkelbraune Ledergürtel gehörte


zur Uniform der männlichen Hitler-
jugend. Eine „Sig-Rune“ als Zeichen
für das Deutsche Jungvolk ist in den
Verschluss aus Messing geprägt. Mit
Karabinern wurde meist ein schmaler
230 lederner Schulterriemen am Koppel 232.1
eingehakt. Von der linken Körperseite
230 • über die rechte Schulter geführt, über-
Die Uniformen der H.J. nahm er die Funktion eines Hosenträ- Nach dem Ersten Weltkrieg hielten Ju-
Herbert Knötel: Die Uniformen der H.J. Vorschrift gers, wenn bei sportlichen Betätigun- gendliche vermehrt Zeltlager ab. Zum
und Vorbild für die Bekleidung und Ausrüstung der gen der Gürtel weniger fest geschnallt Herstellen der hölzernen Zeltstangen
Hitler-Jugend des Deutschen Jungvolks in der H.J., wurde. Weiteren Utensilien wie dem oder zum Säubern von Feuerholz erwies
des Bundes Deutscher Mädel in der H.J. und der Fahr­tenmesser, Tornisterträgern, Siche- sich ein Fahrtenmesser als ebenso un-
Jungmädel im B.D.M. in der H.J. Hamburg 1934 rungslichtern oder einem Spaten konnte erlässlich wie auf Wanderungen. Diese
Karton, Papier · 22,6 x 16,5 cm das Koppel ebenfalls zur Befestigung Neuerung kam in den 1920er Jahren in
Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Dokumen­ dienen. Im Winter trug man es daher den Bünden der bürgerlichen Jugendbe-
tationszentrum Reichsparteitagsgelände auch über Rock oder Mantel. wegung auf. Die Hitlerjugend adaptierte
A. Kregeloh das Fahrtenmesser, wobei es kein obliga-
Die erste Auflage dieses Uniformbuchs torischer Bestandteil ihrer Uniform war.
der Hitlerjugend wurde bereits 1933 von Herbert Knötel: Die Uniformen der H.J. Vorschrift Bis 1938 trugen die Messer die Inschrift
der Reichsjugendführung der ­NSDAP und Vorbild für die Bekleidung und Ausrüstung der „Blut und Ehre“. M. Gruninger
herausgegeben. Es beschreibt die ver- Hitler-Jugend des Deutschen Jungvolks in der H.J.,
schiedenen Uniformteile und Abzeichen des Bundes Deutscher Mädel in der H.J. und der
sowie die dazugehörigen Dienstgrade. Jungmädel im B.D.M. in der H.J. Hamburg 1934, S. 8,
Die Tragweisen für unterschiedliche 14. – Ingeborg Weber-Kellermann: Der Kinder neue
Einsatzarten und Jahreszeiten ver- Kleider. 200 Jahre deutsche Kindermoden in ihrer
deutlichen Beispielbilder, die von den sozialen Zeichensetzung. Frankfurt a.M. 1985, S. 202.
an mehreren ähnlichen Publikationen
beteiligten Uniformkennern Herbert 232 •
Knötel d.J. (1893–1963), Paul Pietsch und Fahrtenmesser
Claus Becker gezeichnet wurden. Die
idealisierten Darstellungen der Kinder 1. Fahrtenmesser mit Scheide zum Dienstanzug
und Jugendlichen sowie der Untertitel eines Kameradschaftsführers in der Flieger-HJ
des Buches „Vorschrift und Vorbild“ Zwilling J. A. Henckels AG, Solingen · 1939
regten oftmals zum Nachahmen an Messer: Metall, geschliffen, emailliert, geprägt;
und schürten den Wunsch dazuzuge- Scheide: Leder, schwarz, Metall, Baumwolle, weiß
hören. Das Tragen der Uniformen sollte 25 x 6,5 cm
gesellschaftliche Unterschiede aufheben Berlin, Deutsches Historisches Museum, U 93/
und neben dem Gemeinschafts- auch 224.2.a-b
das Ehrgefühl stärken. Auf der anderen
Seite erleich­terte es die Eingliederung 2. Werbetafel „Original Fahrtenmesser nach Vor­
in ein hierarchisch aufgebautes System schrift für Hitlerjugend und Deutsches Jungvolk“
und die damit verbundene politische Zwilling J. A. Henckels AG, Solingen · um 1936
Indoktrination. In vielen Fällen konnten Pappe, bedruckt · 29,4 x 20,6 cm
sich die Kinder und Jugendlichen nicht Berlin, Deutsches Historisches Museum,
die vollständige Ausstattung leisten, DG 90/6004
232.2

Jugend ohne Wahl 321


233 236
233 •
Gesunde Jugend – Gesundes Volk Hans-Walter Schmuhl: Das „Dritte Reich“ als Elemente dieser Erziehung waren für
Illustration: Eberhard Brauchle · Aus: Alfred Vogel: biopolitische Entwicklungsdiktatur. Innere Logik der Jungen die wehrsportliche Ertüchtigung,
Erblehre und Rassenkunde in bildlicher Darstellung. nationalsozialistischen Genozidpolitik. In: Tödliche der Antisemitismus und die bedingungs-
Stuttgart 1938, Taf. 46 · 29,5 x 39 cm · Bez.: „Ihr Medizin. Rassenwahn im Nationalsozialismus. Hrsg. lose Gefolgschaft gegenüber dem Regime
müßt lernen, hart zu sein, Entbehrungen auf / euch von Margret Kampmeyer. [Link]. Jüdisches und dessen Führer.
zu nehmen, ohne jemals zusammenzubrechen!“ / Museum, Berlin. Berlin 2009, S. 8–21. Die Hitlerjugend übernahm bereits vor
(Hitler, Reichsparteitag 1935) 1933 viele Elemente der Jugendbewe-
GNM, Bibliothek, 2° Nw 328tgo 234 gung und formte sie in ihrem Sinne um.
Fotoalbum der BdM Jungmädel-Gruppe Gemeinsames Singen am Lagerfeuer
Die Mappe für den Schulunterricht be- „Nibelungen“, Jungmädelschaft „Caub“ gehörte ebenso dazu wie die unifor-
steht aus 71 Tafeln. Was auf den ers­ten 1935–1936 · Ganzgewebe; Gewebe, Kordel, Pappe, mierte Kleidung. Sogar das Vokabular
Abbildungen noch nach einer naturkund- Karton, Transparentpapier · 16 x 24,2 cm der Jugendbewegung wurde adaptiert.
lichen Behandlung der Mendel’schen Witzenhausen, AdJb, F 3 Nr. 591 Es wurden „Fahrten“ organisiert, die
Vererbungslehre aussieht, entpuppt nicht allein dem Erkunden der Natur
sich bald als aggressiver Rassismus ge- In dem seit 1930 bestehenden national- dienten, sondern auch Geländeübungen
gen Juden und sog. Erbkranke im Sinne sozialistischen „Bund deutscher Mädel“ umfassten. Die „Großfahrt“ erstreckte
des Nationalsozia­lismus. Nach Vogel waren 10- bis 18-jährige Mädchen orga- sich bei den Jugendbünden als beson-
müsse der biologische Grundsatz in der nisiert. Nach 1933 wurden zunehmend deres Ereignis über ein, zwei Wochen
Pflanzen- und Tierwelt, nach dem sich mehr Mitglieder in dieser, der Hitlerju- und hatte ferne Regionen zum Ziel. Da
jeweils nur die Stärksten durchsetzen, gend parallelen, Parteijugendorganisa­ die Möglichkeiten für Auslandsfahrten
auch für Menschen gelten. Er hält die tion erfasst. Attraktiv waren nicht zuletzt beschränkt waren, bot die schroffe Na-
arischen Deutschen für die überlegene die Freizeit-, vor allem die Sportange- tur des Bayerischen Waldes der Hitler-
Rasse. bote, die das Fotoalbum des BdM-Mäd- jugend eine Alternative. T. Brehm
Noch harmlos wirkt Tafel 46. Unter der chens Erika Baumann festhält. E. Hack
zentralen Zeichnung eines Jungen in 236 •
HJ-Uniform zeigen vier kleinere zu den 235 Jungbann J stürmt Hersbruck
Themen „Sport“, „Schwimmen“, „Wan- Erinnerung an die Großfahrt In: Hersbrucker Zeitung. Heimatblatt des Bezirks
dern“ und „HJ-Heim“, was offenbar zur Fotoalbum · 1935 · Holz, Pappe, Papier · 8 x 11 cm Hersbruck, Sonderausgabe zum Großgeländespiel
Gesundheit der Jugend beitragen soll. Leipzig, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, des Jungbanns J, 11. Juni 1938 · 46,8 x 31,5 cm
Abgesehen vom „HJ-Heim“ sind dies F/2011/279 Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Dokumentati­
Aktivitäten, die in allen Organisationen onszentrum Reichsparteitagsgelände, DZ Ph 1269
der Jugendbewegung gepflegt wurden. Die Hitlerjugend war die Nachwuchs-
Ein markiger Spruch über das Ideal der organisation der NSDAP und während Auf der historischen Grundlage einer
Härte, der Hitler zugesprochen wird, der NS-Diktatur die einzig zugelassene Schlacht um Hersbruck 1634 während
schließt die Bildtafel ab. Ein erläutern­ Jugendorganisation. Nach dem Führer- des Dreißigjährigen Krieges veranstal-
der Text verweist lediglich auf die  Be­ prinzip aufgebaut, diente sie der Be­ teten das Nürnberger und das Hersbru-
deu­tung der Jugenderziehung im Partei- einflussung der Jugend im Sinne der cker Jungvolk vom 10. bis zum 12. Juni
programm der NSDAP. U. Schlicht totalitären Ideologie. Wesentliche 1938 ein großangelegtes Geländespiel

322 Katalog
unter dem Titel „Jungbann J stürmt
Hersbruck.“ Im Jungvolk waren Jungen
Paul B. 9. Bilderrahmen mit Fotografien von Paul Bayer
Nach 1943 · Karton, Samt, bedruckt, bezogen;
(„Pimpfe“) bis zum 14. Lebensjahr zu- Das kurze Leben eines Besatzborte, Metallfäden, gewebt; Glas
sammengefasst, ehe diese in die eigent- Nürnberger Hitlerjungen 40 x 46,5 cm
liche Hitlerjugend übertreten sollten.
Angeblich tausend Jungen des Nürnber- 10. Mappe mit Zeichnungen
ger Jungbanns J stürmten mit selbst- Um 1936 · Papier, Buntstifte · Mappe: 18,4 x 13,6 cm
geschnitzten Holzsäbeln und Schildern
Barrikaden im Umland, dann den Mi- 11. Luftschutz tut not!
chelsberg bei Hersbruck und schließlich Um 1936 · Papier, Buntstifte · 33,5 x 26,5 cm
die Stadt selbst. Bei der Abschlusskund-
gebung auf dem Hersbrucker Marktplatz 12. Zeichenheft der 4. Klasse
sprachen örtliche HJ-Funktionäre und Um 1936 · Karton, Papier, Buntstifte · 22,1 x 17,5 cm
der Hersbrucker Bürgermeister. Sie en-
dete mit Sieg-Heil Rufen auf Adolf Hitler 13. Hein Schlecht: Die Panzerabwehrschlacht bei
(1889–1945), Julius Streicher (1885–1946) Arras. Berlin/Leipzig 1940
und Baldur von Schirach (1907–1974) Abbildung aus 21 x 13,5 cm
sowie dem gemeinsamen Singen des HJ-
Liedes „Unsre Fahne flattert uns voran!“. urheberrechtlichen Gründen 14. Paul Althaus: Luther als Vater des evangelischen
Organisator des Geländespiels war der Kirchenliedes. Berlin 1937
Nürnberger Jungbannführer Willi Bau- unkenntlich gemacht 20,4 x 13,8 cm
er, der dabei von Abteilungen der Wehr-
macht bezüglich der Essensversorgung 15. Unser Kriegs-Liederbuch. Hrsg. von der Reichs­
und Logistik unterstützt wurde. Die SS jugendführung. München o.J. [1940]
stellte Schiedsrichter für die Kämpfe. 10,4 x 7,5 cm
Derartige Spiele dienten nicht nur der
militaristischen Wehrerziehung im Kin- 16. Dienstbefehl
desalter, sondern wurden auch propagan- 22. Mai 1942 · 29,7 x 20,9 cm
distisch verwertet. Über die ungewöhn-
lich aufwendige Veranstaltung ließ die 17. Kondolenzschreiben von Gauleiter Karl Holz an
Reichs­propagandastelle der NSDAP einen Generaldirektor Bayer
Film herstellen ([Link]. 237).        A. Schmidt Foto aus 238.9 11. März 1943 · 29,7 x 20,9 cm
238 •
237 1. Karton mit HJ-Uniform 18. Todesanzeige für Paul Bayer
Einladung zum Film „Jungbann J Nach 1943 · Pappe · 25 x 36 x 24,5 cm · Bez. auf dem 10. März 1943 · 10 x 16,4 cm
stürmt Hersbruck“ Deckel: Mehrere Blusen u. / Mützen v. Paulchen. / u.
1939 · 21 x 15 cm Maskensachen / HJ-Uniform! 19. Die aufgebahrte Leiche von Paul Bayer
Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Dokumenta­ 1943 · Fotografie · 9 x 8,5 cm
tionszentrum Reichsparteitagsgelände, DZ Ph 1269 2. Uniformhemd
Um 1940 · Grund: Wolle, dunkelblau; Applikation: Nürnberg, museen der stadt nürnberg, Spielzeug­
Der von der NSDAP-Reichspropaganda­ Baumwolle, schwarz, gelb, weiß, rot; Knöpfe: Metall, museum
leitung, Amtsleitung Film, hergestellte, silberfarbig · L. 62 cm
heute als verschollen geltende „Filmbe- Es sind nur wenige Fragmente einer un-
richt vom Kampf der Nürnberger Pimpfe 3. Uniformhemd vollendeten Jugend, die sich vor einigen
um Hersbruck“ – so der Untertitel – er- Um 1940 · Grund: Baumwolle, hellbraun; Knöpfe: Jahren bei der Sichtung eines Nachlas-
lebte seine Uraufführung im Nürnberger hellbraun · L. 85 cm ses in einem unscheinbaren Pappkarton
Ufa-Palast am 19. Februar 1939. Idee und fanden: Uniformjacke, kurze schwarze
Spielleitung verantwortete der Nürnber- 4. Uniformhemd Hose, braune Hemden, z.T. mit „Sig-
ger Jungbannführer Willi Bauer. Für Ka- Um 1940 · Grund: Baumwolle, hellbraun; Knöpfe: Runen“, eine schwarze Schiffchenmüt-
mera, Schnitt und Gestaltung zeichnete hellbraun · L. 94 cm ze; Fotos aus Kindheit und Schulzeit,
der dortige Fotograf und Besitzer eines Schreibhefte, Zeichnungen und schließ-
Fotofachgeschäfts in der Theatergasse 5. Schiffchen lich Dokumente – der Mitgliedsausweis
Karl Hilz verantwortlich. Um 1940 · Wolle, schwarz · 11 x 28 cm der Hitlerjugend, Durchschläge von
Der Schmalfilm wurde auch für Heim- Befehlen, einige Briefe und Postkarten
abende der Hitlerjugend verliehen, 6. Schirmkappe an Freunde, dann Todesanzeigen und
ge­­­meinsam mit einer Gestaltungsvor- Um 1940 · Wolle, schwarz · 9 x 16 cm die Trauer­rede eines Schulleiters. Vier
schrift, in der es u.a. hieß: „Immer drauf Schüler des Nürnberger Melanchthon-
und drein geschlagen. Kerl sein gilt‘s in 7. Halstuch Gymnasiums waren am 8. März 1943
allen Lagen. Werden Schläge eingesteckt, Um 1940 · 37 x 112 cm als Flakhelfer bei einem Bombenangriff
sich dann neu die Kampfwut weckt. […] ums Leben gekommen. Sie starben den
Erst wenn alle Fugen krachen, können 8. Mitglieds-Ausweis der Hitler-Jugend Heldentod, wie man es damals nannte,
Pimpfe richtig lachen.“ A. Schmidt 1936 · Karton · 12,5 x 8,3 cm im Alter von 17 Jahren.

Paul B. 323
Paul Bayer wurde am 22. Januar 1926 in
Würzburg als Sohn von Lydia und Paul
Bayer geboren. Sein Vater war Direktor
des dortigen Elektrizitätswerks, ab
1933 Generaldirektor der „Werke und
Bahnen der Stadt der Reichsparteitage
Nürnberg“. Paul Bayer jun. wurde nach
der Volksschule am 20. April 1936 in
das hiesige Melanchthon-Gymnasium
aufgenommen. Sein Interesse für Waffen Abbildung aus
und den Bau von Panzermodellen war
wohl dem Zeitgeist ebenso geschuldet urheberrechtlichen Gründen
wie sein Eintritt ins Jungvolk im Okto-
ber 1936. Das „Gesetz über die Hitler- unkenntlich gemacht
Jugend“ vom 1. Dezember erhob die
Hitlerjugend zur einzigen Erziehungs­
instanz außerhalb von Elternhaus und
Schule. Sie versprach den Kindern Ab-
wechslung vom Leben in familiären und
schulischen Zwängen. Aktivitäten wie
die jährliche „große Fahrt“, feierliche
Aufzüge und Paraden in der Öffentlich-
keit oder Geländespiele machten sie für
viele Jungen und Mädchen zunächst
attraktiv. Auch das Gefühl, ernst genom-
men zu werden, und den „Dienst“ in der
Hitlerjugend über Schule und Eltern-
haus setzen zu können, spielte eine gro-
ße Rolle. Dabei fanden vormilitärische
Geländeübungen, die unverhohlen der
militärischen Ausbildung dienten, mehr
Anklang als die „Heimabende“ mit einer
oft bemüht wirkenden weltanschauli-
chen Schulung. Die NS-Ideologie mit ih- Abbildung aus
rem aggressiven Rassismus bestimmte
auch die Erziehungsideale der Hitler- urheberrechtlichen Gründen
jugend. Sie hießen Gefolgschaftstreue,
Kameradschaft, Pflichterfüllung und Ge- unkenntlich gemacht
horsam. Willensstärke, Angriffslust und
Körperkraft zählten mehr als Geist, weil
sie ganz konkret der „Rassenpflege“ und
dem „Kampf nach außen“ dienten. Jun-
gen sollten zu soldatischem Opfergeist
erzogen werden, die in „Glaube und
Schönheit“ heranwachsenden Mädchen
als Ehefrauen und Mütter den „rassisch
reinen“ Nachwuchs sichern.
Im jährlichen Ablauf der nationalso- 238.12
zialistischen Propagandafeiern war
auch die Hitlerjugend in viele Großver-
anstaltungen eingebunden. Hier lenkte
man die Begeisterungsfähigkeit junger
Menschen geschickt in einen blinden
Glauben an Hitler um. Höhepunkt war Abbildung aus
die Teilnahme an den Reichsparteitagen.
Aus allen Teilen Deutschlands zogen auf urheberrechtlichen Gründen
dem „Adolf Hitler-Marsch der deutschen
Jugend“ Abordnungen zum „Tag der unkenntlich gemacht
HJ“ nach Nürnberg (und danach noch
weiter nach Landsberg, dem Ort von
Hitlers früherer Festungshaft). Der Weg
hatte nur ein Ziel – den Führer. Der Ein-
238.19

324 Katalog
druck des Massentreffens überwältigte
viele der jungen Teilnehmer. Sie glaubten
dem Fanatismus. In der Heimat stattete
man den „Volkssturm“ – alte Männer
Unangepasste Jugend
fest, ein wich­tiger Teil der „Volksgemein- und Kinder – mit Panzerfäusten aus
schaft“ zu sein. Doch die Dynamik der und schickte ihn gegen heranrückende Große Teile der bündischen Jugend stan-
Aufbaujahre der Hitlerjugend erstarrte Panzer. Selbst als alles verloren war, den dem Nationalsozialismus nahe. Viele
bald in schematisch ablaufenden, sich sollten Hitlerjungen als „Werwölfe“ den wechselten begeistert in die Hitlerjugend.
immer wiederholenden Pflichtprogram- Feind noch aus dem Hinterhalt bekämp- Andere fühlten sich trotz ideologischer
men. Neben Sondereinsätzen wie Auf- fen – ein Missbrauch bis zum letzten Nähe von deren Zwang und der straffen
märschen und Straßensammlungen für Augenblick. Auch die jungenhafte Tech- Organisation abgestoßen. Sie wollten
das Winterhilfswerk stand alle drei bis nikbegeisterung Paul Bayers war schnell ihr selbstbestimmtes Jugendleben nicht
vier Tage ein „Dienst“ auf dem Plan. Vie- in eine undistanzierte Faszination für aufgeben.
le Mitglieder leisteten ihn zunehmend Waffen gemündet. An dem in letzter Nach der Eingliederung der Jugend-
widerwillig, insbesondere an den oft als Konsequenz herbeigesehnten „Abenteu- bünde in die Hitlerjugend regte sich
langweilig empfundenen Heimabenden. er Krieg“ drängte er sich teilzunehmen vereinzelt Protest. Selten wurde daraus
Gleichgültig und doch gefügig begeg- und teilte seine Begeisterung auf einer ein aktiver Widerstand. Verbreiteter
nete man dem Druck, mit dem die Füh- Postkarte mit: „Liebe Anneliese! Seit war eine Verweigerungshaltung. Viele
rung auf Pflichterfüllung bestand. Aber dem 15. 2. [1943] bin ich als Luftwaffen- Jugendliche hielten auch nach 1933
den unablässigen Drill und Mangel an helfer bei einer Flakbatterie im Süden den Kontakt zu den früheren Gruppen­
selbst gestalteter Freizeit empfanden Nürnbergs eingesetzt. Tolle Sache!“ Zwei mitgliedern. Sie gingen illegal auf Fahrt
immer mehr HJ-Angehörige als lästig. Wochen später starb er einen sinnlosen oder zeigten durch Kleidung und Liedgut
Lediglich die Spezialeinheiten wie die Tod. H.-Ch. Täubrich ihre Ablehnung. Bekannt wurden die
Motor-, Marine-, Nachrichten- oder eher dem proletarischen Milieu zugehö-
Flieger-HJ übten wegen ihrer techni- Verführt. Verleitet. Verheizt. Hitlerjugend als Schick­ rigen Edelweißpiraten. Aus ihren Kreisen
schen Möglichkeiten eine ungebroche- sal. Hrsg. vom Dokumentationszentrum Reichspartei­ gab es zum Teil gewaltsame Widerstands-
ne Anziehungskraft aus. Ein Motorrad tagsgelände. München 2005 [CD-ROM]. aktionen.
zu fahren war für den, der vielleicht
nicht einmal ein Fahrrad besaß, ein
Traum, der hier Wirklichkeit wurde.
Hinter allem stand ein Ziel: Wehrer-
tüchtigung und unentwegte Förderung
der Wehrfreudigkeit. Offensichtlich
wurde dies beim Schießen. Waffen fas-
zinierten Jungen ganz besonders, und
so musste man sie nicht lange überre-
den. Jährlich erhielten 1,5 Millionen
Hitlerjungen eine Schießausbildung.
Während des Krieges übernahmen Jun-
gen und Mädchen der Hitlerjugend viele
Dienste. Sie verteilten Propagandama-
terial und Lebensmittelkarten, sam-
melten Geld und Wertstoffe, arbeiteten
als Rotkreuz- und Nachrichtenhelfer/
innen. Nach den ersten Bombenangrif-
fen wurde die Hitlerjugend verstärkt
zu Aufräum- und Luftschutzaktionen
herangezogen. In der „Reichsjugendher-
berge“ in der Nürnberger Kaiserstallung
lag seit 1942 die kasernierte „Einsatz-
gefolgschaft Luginsland“, 150 zwischen
15- und 16-jährige Hitlerjungen mit 239.3
einer harten Feuerwehrausbildung. 239 •
Insgesamt 1.960 HJ-Mitglieder standen Liederbücher
1943 „im ständigen Einsatz zum Schutz
der Stadt Nürnberg.“ Im letzten Kriegs- 1. Heijo, der Fahrwind weht. Lieder der Nerother.
jahr mobilisierten Wehrmachts- und Hrsg. von Karl Oelbermann/Walter Tetzlaff. Plauen
Parteiführung die letzten Reserven. Die 1933 · 17,6 x 12 cm
aus Halbwüchsigen bestehende Divi- Witzenhausen, AdJb, B 932/105
sion „Hitlerjugend“ wurde 1944 an der
Westfront fast vollständig aufgerieben. 2. Lieder der Eisbrechermannschaft. Hrsg. von der
Da sie nichts anderes kannten, kämpf- dj.1.11/Eberhard Koebel. Plauen 1933 · 21 x 14,8 cm
ten die nur unzureichend ausgebildeten Witzenhausen, AdJb, B 932/199
Angehörigen des HJ-Verbands mit blin-

Unangepasste Jugend 325


3. Kameraden singt! Lieder der Bauhütte. Auch nach der Auflösung des Nerother
Hrsg. von Robert Oelbermann. Plauen 1935 Wandervogel 1933/34 und des Verbotes
17,5 x 12 cm der Bünde 1936 gab es weiter Fahrten ins
Witzenhausen, AdJb, B 932/102 Ausland. Viele Nerother hielten ihre Kon-
takte bis dahin fast vollständig aufrecht.
Lieder und das gemeinsame Singen Mit Beginn der völlig überraschenden
spielten in allen sozialen Bewegungen und brutalen Verfolgung ebbten sie ab.
der Moderne, von der Arbeiterbewegung Die unterwanderten HJ-Gruppen löste
bis zur Jugendbewegung, eine zentrale der HJ-Streifendienst zusammen mit
Rolle: Sie bildeten den emotionalen Kitt der Gestapo auf. Illegale Grenzübertritte
der Gemeinschaft, der auch eine Oppo- führten Nerothergruppen noch 1934
sitionsbewegung zusammenhielt. Neben nach Albanien, England, Island, Italien,
der Botschaft der Zusammengehörigkeit 240 Belgien, Griechenland und in die Tür-
und Solidarität konnten sie auch das kei. 1935 brachen sie nach Afrika auf.
Lebensgefühl und die Vorstellungswelt (1899–1984) den Orden der Pachanten, Die „Afrikafahrer“ wollten Filme drehen
einer Gruppe bestimmen, ohne dass der gezielt die Hitlerjugend im Frank- und sie an die UFA verkaufen.
man auf eine zusätzliche schriftliche furter Raum unterlief. Im KZ Sachsenhausen informierte Ro­­­bert
Überlieferung und aufwendige Texte Die Nerother gestalteten ihre Liederbü- Oelbermann (1896–1941) Willi Knoob
angewiesen war. Schon der Wandervogel cher oft selbst. In einem fand sich auch (1914–1984), dass ihn die Nerother – dar-
schuf sich als Mittel der Gruppeniden- das Lied der Pachanten mit dem Text unter Otto Wenzel (1906–1996) – in Afrika
tität ein gemeinsames Liederbuch, den von Leser, das das nonkonforme Verhal- erwarten würden. Sie trafen sich tatsäch-
„Zupfgeigenhansl“. Diese Tradition setzte ten der Jungen aufzeigt: „1. Zum Henker lich in Mombasa. Die Briten internierten
sich bis an das Ende der Zeit der bündi- mit der schlappen Bande, die feig zu- die Nerother mehrere Jahre im „Camp
schen Jugend 1933 und darüber hinaus rückweicht vor der / Not. Jetzt geht der Andalusia“ in Südafrika. S. Krolle
im Untergrund fort. Die Liederbücher Kampf um Ehr und Schande, wir sind
begründeten teilweise auch das Charis- das letzte Aufge- / bot. In harter Zeit da
ma ihrer Führer. Das gilt für die dj.1.11 müssen Knaben – Hei, mutiger als Män-
unter Führung von Eberhard „Tusk“ ner sein. / Der Trotz, den wir im Leibe
Koebel (1907–1955) wie für die Brüder haben den kriegt der Teufel selbst nicht
Oelbermann beim Nerother Wander- klein. // 2. Wir pfeifen auf den ganzen
vogel. Das waren bezeichnenderweise Schwindel, Beruf und Schule, Stellung,
auch die jugendbewegten Gruppen, die Geld / Und tobt auch das Parteigesindel,
sich dem Gleichschaltungs- und Ver- Hussa! Der Bund ist unsere Welt. / Der
folgungsdruck der Nationalsozialisten Bund, dem wir die Treue halten in böser
nach 1933 für einige Zeit, auf unter- wie in guter Zeit. / Wir weichen keinen
schiedliche Weise, mit einem gewissen Kampfgewalten: Wir stehen fest, wir
Erfolg widersetzten und nach dem Ende sind bereit!“
des „Dritten Reiches“ aus ihrer Unan- Dieses Lied wurde auch gesungen, um 241
gepasstheit eine starke Legitimation zu provozieren. Die Gestapo überwachte
zogen. die Nerother Gruppen, die sich in ihrem 242 •
Zur Wirkung der Lieder gehörte mitun­ Verhalten zwischen Konformität und Jamboree in Bloemendaal-Vogelenzang
ter auch die Gestaltung der Liederbü- Widerstand bewegten. Unter ihnen gab
cher, die seit dem „Zupfgeigenhansl“ es Mitglieder mit einer sehr erfolgrei- 1. Plakat „Nederland – Wereld Jamboree Bloemen­
durch ihr Layout und ihre Grafik ihre chen Karriere in der NSDAP, andere hin- daal-Vogelenzang“
Identität schufen. Besonders wirkungs- gegen wurden ins KZ überführt, kamen Entwurf: Jan Lavies (1902–2005) · 1937 · Druck
voll erwies sich die Buchgestaltung in das Strafbataillon 999 oder flohen 81 x 60 cm
von Eberhard „Tusk“ Koebel, der als ge- aus Deutschland. S. Krolle Privatbesitz
lernter Grafiker über eine stilbildende
Ingeniosität verfügte. H.-U. Thamer Wolfram Becker: Ein weltweit anerkannter Wis­ 2. Wimpel
senschaftler. Paul Leser (1899–1984). In: Jahrbuch 1937 · Grund: Wolle, leinwandbindig, bedruckt, grün,
240 • des Archivs der Deutschen Jugendbewegung 15, orange · 20 x 31,5 cm
Fahne der Pachanten 1984/85, S. 365–372, bes. S. 370. – Hotte Schnei­ Schwalmtal, Pfadfinder-Geschichtswerkstatt e.V.,
Um 1935 · Grund: Baumwolle, leinwandbindig, der: Die Waldeck. Lieder, Fahrten, Abenteuer. Die Pfadfindermuseum
schwarz; Applikation: rot, schwarz, Kontur in Gelb Geschichte der Burg Waldeck von 1911 bis heute.
77 x 109 cm Potsdam 2005, S. 182–183. 3. Fotoalbum von Heinz Ellon
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., 1937 · Halbgewebe; Gewebe, Pappe, Karton, Papier,
Archiv 241 • Transparentpapier · 18 x 24,5 cm
Fotoalbum von Otto Wenzel Privatbesitz
Nach der ersten Selbstauflösung des Um 1935 · Ganzgewebe; Gewebe, Kordel, Pappe,
Nerother Wandervogel im Juni 1933 Karton, Transparentpapier · 12,3 x 19 cm 4. Zwei Postkarten von Heinz Ellon an seine Eltern
gründeten im November desselben Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., 1937 · Druck · 9 x 14 cm
Jahres Wolf Kaiser und Paul Leser Archiv Privatbesitz

326 Katalog
löster Pfadfinderbünde dazu eine Ge-
legenheit. Der Internationalismus der
Weltpfadfinderbewegung kollidierte mit
dem völkischen Nationalismus des NS-
Regimes, das, nachdem im Mai 1937 das
Verbot der Bünde noch einmal bekräf­tigt
worden war, Gestapo-Spitzel ins Nach-
barland schickte. Der Zweite Weltkrieg
setzte solchen internationalen Aktivitä-
ten ein Ende. E. Conze

243 •
Fahrtenbuch von Günter Platz
1937 · Ganzgewebe; Gewebe, Kordel, Pappe, Karton
22,3 x 28,2 cm
Witzenhausen, AdJb, N 138 Nr. 1
Abbildung aus
Das Fahrtenbuch von Günter Platz aus
urheberrechtlichen Gründen Bonn dokumentiert seine erste Fahrt mit
drei Freunden im Jahre 1937 zur Pariser
unkenntlich gemacht Weltausstellung und nach Südfrank-
reich. Es blieb vor dem Zugriff der Gesta-
po verschont, obwohl diese nach Bewei-
sen sog. bündischer Umtriebe suchte.
Günter Platz wurde 1915 in Düsseldorf
geboren und lebte seit 1920 mit seiner
Familie in Bonn. Sein Vater Hermann
war ein führendes Mitglied des katho-
lischen Bundes Quickborn. Schon früh
trat Günter Platz in den Bonner Quick-
born ein, wo er 1932 die Führung der
mitbegründeten Gruppe „Roter Ring“
am dortigen Beethoven-Gymnasium
übernahm. Ab 1935 plante er Auslands-
fahrten mit seinen bündischen Freun-
den. Mit diesen selbstorganisierten und
-bestimmten Fahrten distanzierte er
242.1 sich ausdrücklich von der Hitlerjugend.
Auf der Frankreichreise 1937 entstan-
Der deutsche Pfadfinder Heinz „Nolle“ den erste Kontakte zu dem Emigran-
Ellon (1914–1995) nahm 1937 am fünften ten Karl Otto Paetel (1906–1975), der
Treffen der Weltpfadfinderbewegung, im Pariser Widerstand aktiv war. Da
Jamboree genannt, in den Niederlanden sich Günter Platz immer reserviert zu
teil. Bis Kriegsbeginn 1939 konnten sich politischen Diskussionen verhalten und
im europäischen Ausland bündische die Politisierung bündischer Gruppen
Gruppen treffen und dort auf Fahrt ge­ generell abgelehnt hatte, wurde er von
hen, was in Deutschland längst verbo­ten den Nationalsozialisten nicht festge-
war. Auch ihre Kluft konnten sie dort nommen, wie andere seiner Kameraden.
Abbildung aus tragen. In Deutschland selbst waren E. Hack
die meisten Jugendbünde schon 1933
urheberrechtlichen Gründen aufgelöst, ihre Mitglieder in die Hit-
lerjugend überführt worden. Geschützt
unkenntlich gemacht durch das Konkordat zwischen dem
Deutschen Reich und dem Heiligen Stuhl
konnten katholische Verbände noch bis
1936 weiterexistieren. An vielen Orten
jedoch versuchten Bündische, sich der
Staatsjugend zu entziehen und – meist
in kleinen Gruppen – eigene Unterneh-
mungen durchzuführen. Das Jamboree
der weltweiten Scout-Bewegung in den
Niederlanden bot Angehörigen aufge­-
242.4 243

Unangepasste Jugend 327


wurden verhört und eingesperrt, einige Jugendbewegung als Symbol genutzte
starben als Opfer der Nazijustiz. Wil- Edelweiß zurück. Die jungen Leute
helm Mogge (1912–1989), Alt-Wander- über­nahmen die von den Behörden als
vogel und Quickborner, der das Adress- Provokation gedachte Bezeichnung. Die
buch anlegte, schrieb über die illegalen Edelweißpiraten setzten bündisches
Kontakte innerhalb des Bundes, dass Leben in der Illegalität fort, rebellierten
wohl keiner „in Vereinzelung gestanden“ gegen räumliche Enge, strikte Regeln
habe: „Ganz eng geknüpft war das Netz sowie gegen staatliche Zwangsmaß-
der Verbindungen hin und her im Lande nahmen. Besonders aktiv waren sie an
und hinaus an alle Fronten. Bei mir in Rhein und Ruhr.
Riga liefen fast alle Fäden zusammen, Als Erkennungszeichen diente den
und bis gegen Ende des Krieges die mehreren Tausend Piraten das Edel-
244 Post­verbindungen zusammenbrachen, weiß. Bevor der staatliche Verfolgungs-
244 • (Abb. S. 103) stand ich mit mehreren hundert unserer druck auf die nonkonformen Gruppen
Fotoalbum von „Piotr“ Fulle Soldaten in ständiger brieflicher Verbin- zu massiv wurde, konnte das schwer
Um 1935 · Halbleder; Leder, Pappe, Karton, Papier, dung. Illegale Rundbriefe erschienen, erhältliche Abzeichen noch offen, z.B.
Transparentpapier · 30 x 24,5 cm jährlich fanden hier und dort Soldaten- an der Mütze oder an der Brust getra­
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., treffen statt [...]“ Der damalige Bundes- gen werden. Später wurde es unter
Archiv leiter Heinrich Bachmann (1900–1946) den Rockaufschlägen versteckt. Da
gründete während des Krieges neue sich die Beschaffungsschwierigkeiten
Das Album enthält Fotografien der Arbeitsgemeinschaften und Gruppen, durch den Bombenkrieg verstärkten,
Hitlerjugend und der dj.1.11, der Deut- die vielfach Ansatzpunkte bei der Wie- nutzen viele Edelweißpiraten statt-
schen Jungenschaft. Die Wohnung des derbegründung des Bundes nach dem dessen Stecknadeln; entweder eine mit
ehemaligen Besitzers durchsuchte die Weltkrieg boten. M. Barbers weißem Kopf, also in der Farbe eines
Gestapo. Unentdeckt blieb ein Kof- Edelweißes, oder drei in den Farben
fer mit verbotenen, publizierten und Wilhelm Mogge: Von Vierzehnheiligen zum Lud­ Schwarz-Rot-Gold. Diese Farbkombi-
selbst gestalteten Liederbüchern sowie wigstein. In: Quickborn-Tage auf Burg Ludwigstein nation war eine bewusste Provoka­
das Fotoalbum. Da die nationalsozia- (4.–10. August 1947). Hrsg. von Wilhelm Mogge. tion, da sie die Weimarer Demokratie
listischen Behörden in der Regel die Altenberg 1948, S. 3–7, bes. S. 4. symbolisierte. Weitere Nadeln gaben
Lieder- und Fahrtenbücher, aber auch die jeweilige Gruppenzugehörigkeit an.
die Publi­kationen des Günther Wolff Die Stecknadeln trug man unter dem
Verlages in Plauen und Fotos beschlag- Revers des linken Rockaufschlages.
nahmten, klebten Jugendliche zur Tar- Neben dem Edelweißabzeichen und den
nung auf die ersten Seiten ihrer Alben Stecknadeln wurde noch das Totenkopf­
Fotos der Hitlerjugend oder der SS. Der emblem als Symbol genutzt, seltener
HJ-Streifendienst überprüfte häufig ein fünfzackiger Sowjet-Stern. Trotz der
die Rucksäcke bündischer Gruppen. In Gefahr, durch die Abzeichen verraten zu
diesen Fällen zeigten sie die unverfäng- werden, dienten sie als Erkennungszei-
lichen Abbildungen der Bücher und chen, als Mittel der Identifikation und
konnten sie so vor der Konfiszierung zur Abgrenzung gegenüber der Hitler­
bewahren. Viele Nerother Gruppen un- jugend. M. Gruninger
terwanderten gezielt die Hitlerjugend
im Rheinland, im Ruhrgebiet und im 246 Alfons Kenkmann: Wilde Jugend. Lebenswelt groß­
Frankfurter Raum. S. Krolle 246 • städtischer Jugendlicher zwischen Weltwirtschafts­
Erkennungszeichen der Edelweißpiraten krise, Nationalsozialismus und Währungsreform
245 in einer Akte (Düsseldorfer Schriften zur neueren Landesge­
Geheimes Adressbuch Köln, 1943 · Papier, Metall, Kunststoff · 14,7 x 20,8 cm schichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens
Ab 1939 · Ganzgewebe; Gewebe, Karton, Papier Bez.: Anlage zum Bericht vom 7.11.1943 / Eselweiß­ 42). Essen 1996.
14,8 x 10,5 cm abzeichen in Form bunter Stecknadeln.
Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg Düsseldorf, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen,
Rothenfels e.V., A 11 Nr. 6 Abteilung Rheinland-Düsseldorf, RWK Nr. 739

Im August 1939 wurden der Quickborn Unter dem Oberbegriff „Edelweißpira­


und die Vereinigung der Freunde von ten“ fassten die Behörden Ende der
Burg Rothenfels durch die Gestapo auf­ 1930er Jahre unangepasste Jugendgrup-
gelöst und die Burg beschlagnahmt. Der pen zusammen – zu dieser Zeit waren
Bund lebte im Geheimen weiter, man die Bünde der Jugendbewegung endgül-
hielt Verbindung untereinander und tig verboten und mit der „Jugenddienst-
führte einzelne getarnte Treffen durch, pflicht“ wurden alle Jugendlichen in
z.B. als Einkehrtage auf der Wies bei die Hitlerjugend gezwungen. Der Name
Steingaden in Oberbayern mit mehr geht auf die rechtsradikale Gruppe der
als 400 Teilnehmern. Viele Quickborner Kölner Kittelbachpiraten und das in der

328 Katalog
Eine Restgeschichte? tisch belasteten Hauptstadt Berlin –
sollte den Willen zur Mittlerrolle eines
vögel um Gelder und Gäste für „ihren“
Ludwigstein. Enno Narten (1889–1973),
neutralen Deutschlands in Europa der Initiator der Idee vom Ludwigstein
Nach 1945 wollte ein Teil der Jugend de­monstrieren. Als Werbung für seine als Jugendburg und Ehrenmal, hielt, wie
an bündische Traditionen anknüpfen. Pläne lud er zu einem Jugendtag auf schon in den 1920er Jahren, Werbevor-
Doch waren ihre Biografien durch das dem Meißner im Jahr 1947 ein. träge mit Bildern vom Ausbau der Burg.
„Dritte Reich“ sehr verschieden. Bün- H.-U. Thamer Für einen dieser Vorträge erstellte der
dische Gruppen übernahmen Elemente Kunstmaler Ernst-August Rademacher
der Jugendbewegung wie Heimabende, Hans-Ulrich Thamer: Das Meißner-Fest der Freideut­ 1949 vorliegende Tuschzeichnung. Sie
Fahrten, Lager etc., die aber von HJ-Ver- schen Jugend 1913 als Erinnerungsort der deutschen zeigt die beiden Burgen Ludwigstein
haltensmustern gereinigt werden sollten. Jugendbewegung. In: Historische Jugendforschung. und Hanstein sowie den Blick in das
Manche Jugendzeitschrift plädierte für Jahrbuch des Archivs der Deutschen Jugendbewe­ Werratal. S. Reiß
die Rehabilitierung der Begriffe „Füh- gung N.F. 5, 2008, S. 169–190, bes. S. 180–181.
rung“, „Gefolgschaft“, „Treue“, weil man Ernst-August Rademacher (Göttingen 1881 – Holz­
sie für die Orientierung junger Menschen minden 1962). Bearb. von Matthias Seeliger. Ausst.
wichtig fand. Andere Kreise sahen die Kat. Stadtarchiv und Stadtmuseum, Holzminden.
Jugend als Träger eines Neuanfangs, da Holzminden 1993.
alte Werte immer mehr in Frage gestellt
wurden. 249 •
Bündische Jugendliche verteidigten ihr Jugendzeitschriften der Nachkriegszeit
autonomes Gruppenleben gegen neue
Formen der oft amerikanischen Jugend- 1. Horizont. Halbmonatsschrift für junge
kultur. Trotzdem blieb es eine Restge- Menschen 1945/46
schichte. Eine stilbildende Kraft war 30,5 x 21,4 cm
der Nachkriegsjugendbewegung nicht Witzenhausen, AdJb, Z 300/1680
beschieden.
2. Unser Schiff. Monatsheft der „Turmwarte“
Göttingen 1946, H. 1 (Abb. S. 150)
247 21,9 x 15,2 cm
Deutschlands neue Gestalt in einer Witzenhausen, AdJb, Z 300/2732
suchenden Welt
Ulrich Noack: Deutschlands neue Gestalt in einer 3. Der Ruf. Unabhängige Blätter der jungen
suchenden Welt. Frankfurt a.M. 1946 · 20,5 x 14,7 cm Generation 1, 1946, H. 5
Witzenhausen, AdJb, B 142/004 37,7 x 27 cm
Witzenhausen, AdJb, Z 300/2407
Der Würzburger Professor für Mittlere
und Neuere Geschichte, Ulrich Noack 248 4. Pinguin 1, 1946, H. 1
(1899–1974), der 1946 als politischer 248 • 30,2 x 22,3 cm
Berater des hessischen Ministerpräsi­ Plakat „Die Jugendburg Ludwigstein“ Witzenhausen, AdJb, Z 300/2297
denten Karl Geiler (1878–1953) tätig Ernst-August Rademacher (1881–1962) · 1949
war und bald darauf den Nauheimer Karton, Tusche, koloriert · 51,3 x 36,6 cm 5. Der Wandervogel. Jugendgemeinschaft
Kreis ins Leben rief, propagierte als Witzenhausen, AdJb, Ü 1 Nr. 1 „Lübecker Wandervogel“ 1946, Nr. 1
Zeichen eines politischen Neubeginns 30 x 24,7 cm
die Gründung einer neuen Hauptstadt Nach Ende des Zweiten Weltkriegs Witzenhausen, AdJb, Z 300/2812
auf dem Hohen Meißner. Er verstand bemühten sich die früheren Mitglie-
sich als Repräsentant der jungen der des 1941 verbotenen „Freundes- 6. Der Wandervogel. Jugendgemeinschaft
Generation und bereicherte mit seinen und Förderkreises für das Ehrenmal „Lübecker Wandervogel“ 1946, Nr. 2
verfassungspolitischen Plänen, die in Jugendburg Ludwigstein“ um deren 30 x 24,7 cm
der Nachfolge der Paulskirche wie des Rückgewinnung. Die vom Reichssi- Witzenhausen, AdJb, Z 300/2812
Hohen Meißners stehen sollten, die cherheitshauptamt attestierte staats-
jugendbewegte Tradition der Meißner- gefährdende Ausrichtung begünstigte 7. Rotgraue Staffette 1947
feste um eine politisch-utopische Va- nun die Wiederzulassung des Kreises. 20,9 x 14,9 cm
riante. Die Bundeshauptstadt mit dem Schon 1946 wurde die Burg erneut Be- Witzenhausen, AdJb, Z 300/2387
Namen „Hohermeißner“, über deren gegnungsstätte der früheren Angehö-
Anlage sich Noack ebenfalls Gedanken rigen der deutschen Jugendbewegung 8. Am Lagerfeuer 1947, H. 3 (Abb. S. 151)
machte, sollte höchstens 300.000 Ein- und Fahrtenziel der neu entstehenden 20,2 x 16,6 cm
wohner haben und geistig-kultureller jungen Fahrtenbünde. So gründeten Witzenhausen, AdJb, Z 300/1038
Mittelpunkt des deutschen, neutralis- sich dort 1951 die Deutsche Jugend
tischen Föderativstaates werden. Ihre des Ostens als Verband der Vertriebe- 9. Das Ziel. Zeitschrift
geopolitische Lage mitten in Deutsch- nen-Jugend und 1953 der pazifistische der jungen Generation 1947, Nr. 15
land – und mitten in einer unberührten Zug­­vogel, Deutscher Fahrtenbund. Un- 33 x 24,8 cm
Natur, fern ab von der historisch-poli­ ermüdlich warben die älteren Wander- Witzenhausen, AdJb, Z 300/2917

Eine Restgeschichte? 329


10. Start. Illustriertes Blatt nellen Selbstverständnis folgten, wie schirr ebenfalls aus ehemaligen Mili-
der jungen Generation 3, 1948, Nr. 21 der „Horizont“ und der „Fährmann“, der tärbeständen kamen. Bei der Wahl der
46,9 x 31,7 cm zur Sammlung der katholischen Jugend Fahrtenkleidung war man erfinderisch
Privatbesitz aufrief. Für einen deutlichen Neubeginn und griff auf alte Windjacken, umgear-
plädierte der „Pinguin“, der von 1946 bis beitete HJ-Jacken oder Wehrmachtsuni-
11. Feuer 12, 1948 1953 erschien und von dem Schriftstel- formen zurück. Kohte und Fahnen waren
21 x 14,7 cm ler Erich Kästner (1899–1974) konzipiert, als sichtbare Zeichen Symbole für die
Witzenhausen, AdJb, Z 300/1457 anfangs auch von ihm herausgegeben, Wiederherstellung jungenschaftlicher
wurde. Erklärtes Ziel des „Pinguins“ war Gemeinschaft und zugleich Identifikati-
Die kurze Blüte eines breiten Spekt- es, Jugendliche und junge Erwachsene, onsobjekte. Für nicht wenige Jugendliche
rums von Jugendzeitschriften, die trotz die im Nationalsozia­lismus aufgewach- waren Heimabende, Fahrten und auch
einer permanenten Papierknappheit sen waren, an die Demokratie und die Lager, die vielfach erst durch die Unter-
und materiellen Not zwischen 1946 und Welt außerhalb Deutschlands heranzu- stützung von Erwachsenen möglich wur-
1948/49 erschienen, ist nicht nur Folge führen. den, trotz der notwendigen Bescheiden-
eines großen Lesehungers und Orientie- Die Jugend bekam von der Mehrheit heit attraktiver als die neu entstehenden,
rungsbedürfnisses, sondern entspringt der Zeitschriftenautoren den Rat, sich von den Besatzungsmächten geförderten
auch dem pädagogischen Bestreben der nicht voreilig auf eine vorgefertigte Jugendclubs und Amerika-Häuser.
Erwachsenen, die junge Generation auf Meinung festzulegen. Auch die Verfech- H.-U. Thamer
den richtigen Weg zu bringen. Man sah ter einer neuen Jugendkultur glaubten
sie zwar als Opfer nationalsozialisti- geistige Orientierungshilfen anbieten 251
scher Verführung, betrachtete Versuche und vor drohenden zivilisatorischen Kohte des Bundes Deutscher Pfad­
jugendbewegter Selbstorganisation und Abgründen warnen zu müssen. Überein- finder, Landesmark Westfalen, Stamm
Wiederbegründung teilweise aber auch stimmend beschworen sie die Jugend, Kreuzfahrer
mit einem großen Misstrauen. Viele ähnlich wie schon 50 Jahre zuvor, als Um 1950 · Zeltplane, schwarz; Leder; Seil; Holz
Autoren und Leserbriefschreiber sorg- Träger eines neuen Anfangs, der auch Dm. 440 cm
ten sich um den geistigen Zustand der andere Formen annehmen könnte oder Bochum, Norbert Tautorat
Jugend und projizierten, getragen von müsste als in der vornationalsozialis-
dem allgemeinen Verlangen nach Umer- tischen Vergangenheit. Nachdem alte Zu den wichtigsten Erfindungen von
ziehung, ihre eigenen Erfahrungen und Wertbegriffe, wie Vaterland, Staat und Eberhard „Tusk“ Koebel (1907–1955), die
Erwartungen auf die junge Generation. Ehre in ihrer Geltung brüchig geworden stilbildend auf die gesamte Jugendbe-
Das politisch-kulturelle Spektrum der waren, müsse die junge Generation sich wegung wirkten, gehörte die Kohte, das
Zeitschriften, die von den alliierten Be- selbst finden und neue Wege beschrei- Fahrtenzelt einer Gruppe, das in beson-
satzungsbehörden eine Lizenz benötig- ten. Wie andere literarisch-politische derer Weise gemeinschaftsstiftend war
ten, war relativ breit. Es gab welche, wie Blätter der Nachkriegszeit mussten auch und dem Anspruch der Naturnähe be-
„Das Junge Wort“, die sich direkt auf die viele der Jugendzeitschriften nach der sonders nahekam. Seine Bekanntschaft
Tradition der Jugendbewegung bezogen Währungs­reform von 1948 ihr Erschei- mit dem Feuerzelt der Lappen brachte
und ferner Nachrichten aus den jugend- nen einstellen. H.-U. Thamer den Grafiker „Tusk“ nach 1929 dazu, ein
bündischen Gruppierungen brachten; entsprechendes Gemeinschaftszelt zu
daneben existierten aber auch solche, 250 • (Abb. S. 151) entwerfen, das 10 bis 15 Personen auf-
die einem christlichen, überkonfessio­ Osterlager der dj Marburg nehmen konnte und das zum Übernach-
Fotograf: H. H. Bauer · 1948 · Reproduktion ten wie zum Kochen diente, vor allem
Mindener Kreis aber auch das Zuhause einer Gruppe auf
der Fahrt war. Bald wurde die Kohte,
Schon bald nach Kriegsende und in­ die meist noch als Zeichen der Indivi-
mitten einer Trümmergesellschaft dualität einer Gruppe bemalt wurde, zu
gingen die wiederbegründeten jugend- deren vielbesungenen Symbol, das sie
bündischen Gruppen, dank großer auch von anderen Jugendorganisationen
Improvisationsfähigkeiten, erneut auf und ihren fest organisierten Großla-
Fahrt und trafen sich zu einem Lager, gern mit entsprechenden Großzelten
so beispielsweise 1948 oberhalb von abgrenzte und sich für die mehr oder
Neckarsteinach. Wie selbstverständ- weniger spontane Lagerbildung – solan-
lich griffen sie dabei auf die bekannten ge es keine Probleme mit der Forstver-
Stilelemente und Lebensformen der waltung gab – eignete.
vornationalsozia­listischen Zeit zurück. Auch wenn der Siegeszug der Kohte als
Auch wenn noch 1948 die von Eberhard Symbol der bündischen Jugend durch
„Tusk“ Koebel (1907–1955) und seiner die NS-Machtergreifung und Gleich-
dj.1.11 in den frühen 1930er Jahren schaltung der Jugendbünde unterbro-
eingeführten Kohte, die nun nach den chen wurde, fand sie sich nach 1945 sehr
Massenzeltlagern der Hitlerjugend eine bald als beliebteste Zeltform wieder und
große Renaissance erlebte, aus alten wurde nach anfänglichen Improvisatio-
Wehrmachtszeltplanen zusammenge- nen innerhalb kurzer Zeit von Zeltfabri-
stückelt war und Tornister und Kochge- ken und speziellen Einrichtungshäusern
249.11

330 Katalog
der wiederbegründeten Jugendbewegung
angeboten. Erst jetzt erfuhr die Kohte
– für kurze Zeit – eine große Breitenwir-
kung, was sich auch daran zeigt, dass
sich Kohten nur aus der Nachkriegszeit
erhalten haben. H.-U. Thamer

252
252 •
„Affe“
Hersteller: Lederwerke Sedina, Finkenwalde · 1937
Leder, Fell, Metall, Baumwollfutter · 42 x 36 x 13 cm
Witzenhausen, AdJb, N 157 Nr. 9

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wur-


de der Tornister als militärischer Aus-
rüstungsgegenstand entwickelt und
bis zum Zweiten Weltkrieg verwendet.
Vorteile waren die schnelle Erreich-
barkeit der verstauten Sachen und der
wasserabweisende Fellbezug, der ihm
den Namen „Affe“ gab. Er erlaubte ein
freies Bewegen der Arme, sogar wenn
Kochgeschirr und Zeltbahn aufge-
schnallt waren. Schon früh benutzten
auch zivile Wanderer Tornister, und in
der Jugendbewegung waren sie weit
verbreitet. Dieser Affe etwa wurde von
seinem Besitzer, einem Pfadfinder, 1947 253
in Düsseldorf aus Wehrmachtsbestän-
den gekauft. A. Kregeloh streng nach Geschlechtern getrennt „Boyscout – Be Prepared“. Die Gürtel-
waren. Die junge Frau hatte sich fest schnalle erin­nert an den Englandauf-
253 • vorgenommen, Akela – also Gruppenlei- enthalt der jungen Frau 1957, wo sie
Kleid einer Pfadfinderin terin – für 8- bis 12-jährige Jungen, die u.a. eine Wölflingsmeute leitete und
1950er Jahre · Kleid: Baumwolle, Köperbindung, „Wölflinge“, zu werden, was ihr auch mit ihr am Jubiläums-Jamboree in
blau, Druckknöpfe, Reißverschluss; Halstuch: Baum­ bei der Düsseldorfer Gruppe „Cornstalk“ Sutton Coldfield teilnahm. Hatte der
wolle, leinwandbindig, gelb, Fellring; Gürtel: Leder, um 1953 gelang. Da es für Mädchen in Bund Deutscher Pfadfinder (BDP) ihr
Metall, geprägt · L. 109 cm der Bundesrepublik damals noch nicht die Teilnahme an dem Treffen unter-
Witzenhausen, AdJb, N 157 Nr. 24 üblich war, Hosen zu tragen, schneiderte sagt, so wurde er ihr von britischer
sie sich um 1955 ein Kleid, dessen weiter Seite erlaubt. Ein Anhänger sowie ein
Der Bruder der 1939 geborenen Träge- Rock durchaus modische Tendenzen der in den Ledergurt eingeprägtes Schiff
rin des Kleides baute nach dem Zweiten Zeit aufnimmt. mit dem begleitenden Schriftzug „Noer
Weltkrieg im Ruhrgebiet sowie im Die Schnalle des zum Kleid getrage- 1962“ weisen auf das vierte Bundesla-
Düsseldorfer Raum verschiedene Pfad- nen Ledergürtels zeigt das englische ger des BDP in dem schleswig-holstei-
findergruppen auf, die damals noch Pfadfindersymbol mit der Umschrift nischen Ort hin. C. Selheim

Eine Restgeschichte? 331


254 • klinge, die sich gut und oft nachschleifen
Landestotem der Wölflingsstufe, ließ. Die Messer wurden bevorzugt von
Landesmark Schleswig-Holstein Großfahrten nach Skandinavien mitge-
Entwurf: „Sukuru“ Pootemans · 1954 · Holz, gefasst, bracht, waren aber auch in Deutschland
z.T. bemalt; Leder; Textil; Metall · 164 x 25 cm erhältlich. Die Fahrtennamen, wie hier
Schwalmtal, Pfadfinder-Geschichtswerkstatt e.V., auf der Lederscheide eingebrannt, ver-
Pfadfindermuseum wiesen auf Eigenheiten oder den eigent-
lichen Namen des Trägers, vergleichbar
Stärker als andere Gruppierungen mit einem Spitznamen. N. Nowotsch
lehnte sich der 1949 gegründete Bund
Deutscher Pfadfinder an das Vorbild des 257
angelsächsischen Scoutismus an. Dazu Fahrtenbuch
gehörte ein klarer Altersstufenaufbau. 1963 · Handeinband; Karton, Papier · 15 x 21 cm
Schon Robert Baden-Powell (1857–1941), Münster, Prof. Norbert Nowotsch
der englische Gründer der Weltpfadfin-
derbewegung, nannte junge Pfadfinder Das Gruppenfahrtenbuch „Lotos 1“
im Alter von etwa sieben bis elf Jahren ent­stand als gemeinsame Arbeit und
„Wölflinge“ (Wolf Cubs) und unterlegte Abschlussbericht der Großfahrt nach
der Erziehungsarbeit dieser Altersstufe Norwegen der Nordlandhorte Marl. Es
Rudyard Kiplings „Dschungelbücher“, zeigt das allgemeine kulturelle Inter­
insbesondere die Erzählung des bei den esse in der Jungenschaft, schildert aber
Wölfen aufgewachsenen Jungen „Mowgli“. auch, elterntauglich modifiziert, riskante
Das „Totem“ mit dem Wolfskopf wieder- Momente der Fahrt, wie in den Ausfüh-
um ist der Kultur der indigenen – indi- rungen über „Das sterbende Dorf am
anischen – Bevölkerung Nordamerikas Hornsjoen“. Zusätzlich gab es individu-
entlehnt und symbolisiert die Gemein- elle Fahrtenbücher und das gemeinsam
schaft der Gruppe. E. Conze gefüllte Wachbuch während der ab-
wechselnden nächtlichen Feuerwachen
255 im Gemeinschaftszelt, der Kohte oder
Trinkgefäß „Bombilla“ Jurte. N. Nowotsch
1960er Jahre · Bambusrohr, getuscht, lackiert;
Leder · H. 14,3 cm, Dm. 6 cm
Münster, Prof. Norbert Nowotsch

Bei vielen Gruppen der Jungenschaft


war es üblich, Gebrauchsgegenstände
und Kleidungsstücke nicht zu kaufen,
sondern selbst herzustellen. Trinkge-
fäße wurden üblicherweise aus halben
Kokosnussschalen gefertigt, ein dickes
Bambusrohr wie hier war eine absolute
Seltenheit. Bei dem dafür allgemein
üblichen Begriff „Bombilla“ handelte es 258.1
sich um eine Verwechslung, dieser Name 258 •
bezeichnet in Südamerika das Trinkrohr. Italienfahrt
Die Schale, meist aus einem Kürbis,
und somit der Kokosnuss ähnlich, hieß 1. Karl von den Driesch: Fahrtenbuch Italien.
„Mate“ oder „Guampa“. N. Nowotsch Opladen 1951
14 x 21,3 cm
256 Witzenhausen, AdJb, B 282/062
Fahrtenmesser mit Scheide
Finnland (?), um 1961 · Holz, Stahl, Messing; Leder, 2. „Bleibt so, wie ihr seid!“
Brandzeichnung · L. 23 cm · Bez. auf der Scheide: In: Neue Illustrierte 5, 1950, H. 39, S. 6–7 · 39 x 29 cm
NORRE Witzenhausen, AdJb, N 42 Nr. 8
Münster, Prof. Norbert Nowotsch
Karl von den Driesch (1926–2011) führte
Dieses Messer, auf Finnisch „Pukko“, seit 1948 eine Horte der Deutschen
setzte sich gezielt gegen die üblichen Jungenschaft mit zwölf Jungen in Bad
Fahrtenmesser, oft mit Hirschhorngriff, Godesberg. Er hatte 1935 noch An-
stilistisch ab. Neben der spezifisch ge- schluss an eine Nerother Gruppe im
formten Lederscheide und dem Birken- Untergrund gefunden und beteiligte
holzgriff hatte es eine sehr dicke Stahl- sich als Hitlerjunge an einigen bündi-
254

332 Katalog
schen „Umtrieben“. Diese Erfahrungen
kommunizierte er als Mitverfasser des
Nach 1945 knüpften viele Nerother an
die Tradition vor dem Zweiten Welt-
Freie Deutsche Jugend
Fahrtenhandbuches „Neue Segel“ (1950) krieg an und präsentierten erneut Filme
und als Gruppenleiter. Ihm ging es um von ihren Fahrten in das europäische Die FDJ wurde im März 1946 in der
authentische Erlebnisse am Rande des Ausland, nach Afrika und Südamerika. Sowjetischen Besatzungszone ge-
Erlaubten, die einer Jungengruppe spe- 1957 führten sie öffentlich den von gründet. In der frühen Nachkriegszeit
zifische Erfahrungen von Zusammenge- Ferdinand Falk gedrehten Tonfilm „Wir war sie eher eine „Selbsthilfegruppe
hörigkeit, Abenteuer und Eigenverant- fahren nach Island“ vor. Des Weiteren notleidender junger Menschen“. Doch
wortung vermittelten. 1950 lösten die zeigten sie Dias und spielten Lieder, die bald folgten der Ausbau zur Staatsju-
„Grenzverletzungen“ der Bonner Jun- sie unterwegs aufzeichneten und tra- gend und der Abbau von individuellen
gen bei ihrer Italiengroßfahrt ein brei- dierten. Durch die öffentlichen Auffüh- Freiheiten. Ihre Aufgabe war die Beleh-
tes Medienecho aus; das „Fahrtenbuch rungen finanzierten sie ihre Fahrten und rung der Jugend im Sinne der sozialis-
Italien“ dokumentiert das unbefangene sammelten Geld zum Bau der „Jungen- tischen Ideologie. Obwohl sich die FDJ
Vergnügen der Jungen auf Fahrt. bleibe“ auf dem Gelände der Trutzburg als antibürgerlich und antifaschistisch
S. Rappe-Weber Waldeck, die Ende der 1970er Jahre verstand, übernahm sie viele Elemente
fertig gestellt wurde. S. Krolle der Jugendbewegung.
259 • Die FDJ war mit der Zeit in allen Berei-
Plakat „Wir fahren nach Island – Ein 260 chen des täglichen Lebens anzutreffen.
Farbtonfilm des Nerother Wandervogel“ Nerother Landsknechtstrommel Sie initiierte Sport- und Freizeitveran-
1957 · Druck, auf Sperrholzplatte aufgezogen · 76,7 x Nach 1945 · H. 54 cm, Dm. 42 cm staltungen, betrieb Diskotheken und
29,9 cm · Bez.: Erlebnisbericht einer Großfahrt / Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., hatte eigene Rundfunksendungen. Offi-
unter Leitung von / Karl Oelbermann Archiv ziell war ein Beitritt nicht verpflichtend,
Witzenhausen, AdJb, Ü 1 Nr. 4 jedoch u.a. bei der Studien- oder Ausbil-
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es dungsplatzvergabe entscheidend.
kaum noch Landsknechtstrommeln
im Nerother Wandervogel und diese
gewannen, wie auch die Fanfaren, eher 261
aus Reminiszenz wieder an Bedeu- Plakat „..und meine Freizeit gehört
tung. Einige der älteren Gruppenfüh- der Freien Deutschen Jugendbewegung
rer versuchten nahtlos an die Zeit vor FDJ“
1933 anzuknüpfen. Dies gelang aber Entwurf: Gerhard Benzig (1903–1974) · Druck:
in den wenigsten Fällen. Der bekannte Schleppers und Ludwig, Bautzen · 1946 · Lithografie
Nerother Georg Zierenberg (1911–1963) 66 x 52,2 cm
fasste die Situation 1947 beispielhaft Berlin, Deutsches Historisches Museum, P 90/2272
zusammen: „Ich glaube kaum, daß man
das geistige Bedürfnis der boys auf Unter sowjetischer Besatzung wurde
Dauer mit vermotteter Kosaken-Ro- am 7. März 1946 die Freie Deutsche
mantik befriedigen kann.“ S. Krolle Jugend gegründet. Anders als in den
1950er Jahren waren die Angebote der
Stefan Krolle: Musisch-kulturelle Etappen der deut­ Organisation für Jugendliche beiderlei
schen Jugendbewegung von 1919–1964. Eine Regio­ Geschlechts in der Zusammenbruchsge-
nalstudie (Geschichte der Jugend 26). Münster sellschaft nach Kriegsende hoch attrak-
2004, S. 275. tiv. Schon in kurzer Zeit erhielt die Freie
Deutsche Jugend tausendfachen Zulauf.
Es waren nicht die politischen Offerten,
sondern vor allem die Freizeitangebote
wie Wanderungen und Zeltlager, Tanz-
abende und Skifreizeiten, die Jugendli-
che anzogen. Von sehr großer Bedeutung
für die Attraktivität der Mitgliedschaft
war nach den Erfahrungen in der Hitler­­-
j­ugend des „Dritten Reiches“ der mögliche
Kontakt zum jeweils anderen Geschlecht.
Das Plakat von Benzig greift nichts von
dem auf. A. Kenkmann

262 •
Plakat „Komm zu uns – Werde Mitglied
der FDJ“
Entwurf: A. Grimmer · 1955 · Druck · 84 x 59,9 cm
Leipzig, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig,
PL 55/60
259

Freie Deutsche Jugend 333


auf Großveranstaltungen entwickelt
worden waren. In Ostberlin marschier-
ten am Tag des Deutschlandtreffens
700.000 Jugendliche in acht Stunden
an einer Ehrentribüne im Lustgarten
vorbei. A. Kenkmann

264 •
Weltfestspiele der Jugend und Studenten
1954/55
Werner Tübke (1929–2004) · 1954 · Malerei auf
Leinwand · 88 x 109 cm
Halle a.d. Saale, Stiftung Moritzburg – Kunstmuse­
um des Landes Sachsen-Anhalt, I/1942 b

Der am Beginn seiner Karriere stehen-


de Maler Werner Tübke erhielt 1954
von der Staatlichen Kommission für
Kunstangelegenheiten den Auftrag,
das in Ostberlin veranstaltete, zweite
„Deutschlandtreffen der Jugend“ in
einem Bild festzuhalten. Das auf Initia-
tive der Freien Deutschen Jugend orga­
nisierte Treffen brachte rund 500.000
Teilnehmer in die Stadt. Auch Tübke
besuchte die Veranstaltung und skiz-
zierte die Szenen „spontan, systemlos,
lustbetont“, so die Aussage des Malers
(nach Sandberg 1957, S. 92).
Das Deutschlandtreffen der Jugend war
nach dem Vorbild der 1947 initiierten, in-
ternationalen „Weltfestspiele der Jugend
und Studenten“ entstanden und verstand
sich als ergänzende Veranstaltung auf
nationaler Ebene, die sich insbesondere
der deutsch-deutschen Frage zuwandte.
262 Mit dem länder- und systemübergreifen-
den Fest, an dem auch Jugendliche aus
263 der Bundesrepublik teilnahmen, suchten
Plakat „Deutschlandtreffen der Jugend die Organisatoren eine, im Sinne der
In den 1950er Jahren musste die Freie – Für Einheit, Frieden, nationale Unab- sozialistischen Ideologie gestaltete, kul-
Deutsche Jugend ihre Werbemaßnah- hängigkeit und ein besseres Leben!“ turelle Annäherung der beiden Staaten.
men intensivieren. Dies geschah in einer 1950 · Druck · 83,7 x 59 cm Die erste Feier 1950 führte zu einem
Zeit, als sie ihren Alleinvertretungs- Berlin, Deutsches Historisches Museum, Bestand offenen Schlagabtausch zwischen Ost-
anspruch in der Jugend mit starken Zeughaus, P 59/66 und Westdeutschland und ebnete den
Maßnahmen gegen alternative Jugend- politischen Weg des damaligen FDJ-
gesellungen wie die Junge Gemeinde der Das Pfingsten 1950 durchgeführte Vorsitzenden Erich Honecker (1912–
Evangelischen Kirche als auch gegen erste „Deutschlandtreffen der Ju- 1994). Das letzte binationale Deutsch-
das oppositionelle Milieu an den Ober- gend“ hatte zum Ziel, Jugendliche aus landtreffen fand 1964 statt.
schulen durchzusetzen suchte. Gleich- der DDR und der Bundesrepublik in Zwischen 1954 und 1956 schuf Tübke
zeitig hatten die ideologischen Vorgaben der Arena des Kalten Krieges für die insgesamt sechs Fassungen zu diesem
der SED die Ausstrahlungskraft der Deutschland­politik der SED einzuneh- Thema und gab ihnen den neutralen
Freien Deutschen Jugend auf Jugendli- men und zu mobilisieren. Zu dieser Titel „Festliche Szene“. Die erste Bild­
che erheblich verblassen lassen. Nicht Zeit war die Freie Deutsche Jugend variante zeigt eine große Menschen-
mit der marschierenden FDJ-Kolonne auch in Westdeutschland noch zuge- menge, zwischen der sich eine an den
wurde um sie gebuhlt, sondern durch lassen. Die Art und Weise, mit der die Händen festhaltende Volkstanzgruppe
Rückgriff auf das Formenensemble der FDJ-Leitung diese Großveranstaltung scheinbar mühelos hindurchschlängelt.
Jugendbewegung sollten die Heranwach- bewarb, verweist auf das Aufgreifen Die Tänzer tragen bezeichnenderweise
senden für den Eintritt in die einzige von Traditionen, wie sie in den Mobi- hessische Trachten aus der Schwalm –
offiziell in der DDR zugelassene Jugend- lisierungskampagnen sozialistischer ein Aspekt, der den integra­tiven, gesamt­­-
organisation gewonnen werden. und kommunistischer Jugendorgani- deutschen Ansatz des Jugendtreffs un-
A. Kenkmann sationen seit Mitte der 1920er Jahre terstreichen soll. Stilistisch ist dieses

334 Katalog
266 •
Plastiktüte
1969 · Polyethylen, thermoverschweißt, bedruckt,
gestanzt · 39,5 x 30 cm · Bez.: FDJ
Berlin, Deutsches Historisches Museum, MK 71/61

Plastiktüten dieser Art wurden insbe-


sondere bei großen Veranstaltungen
der Freien Deutschen Jugend – etwa
zum Pfingsttreffen – ausgegeben. Sie
ent­hielten in der Regel Kekse, einen
Abbildung aus Apfel, eine Kuba-Apfelsine, ein paniertes
Schnitzel oder ähnliches. Wie schon zu
urheberrechtlichen Gründen Zeiten der Wandervögel konnte damit
auf Massenverpflegungsmaßnahmen vor
unkenntlich gemacht Ort verzichtet werden. Jeder Teilnehmer
trug seinen Proviant bei sich und konnte
seine Mahlzeiten je nach Bedarf und
unabhängig von zentralen Verpflegungs-
einrichtungen einnehmen. S. Glaser

Ralf Ulrich: DDR-Design 1949–1989. Köln 2004,


bes. S. 148.

264

Frühwerk der intensiven Auseinanderset- Jubelbilder in der Presse. Die Hemden


zung Tübkes mit dem Werk von Wilhelm griffen zurück auf die farbigen Arbeits-
Leibl (1844–1900) geschuldet. Dessen blusen der Proletarier, die 1830 zum
stimmungsvollen Realismus übernahm Symbol der Revolutionäre geworden
auch der Maler für diese Auftragsarbeit, waren. Auch die 1922 gegründete So-
die eine staatlich gelenkte Jugendver- zialistische Arbeiterjugend trug blaue
anstaltung als fröhliche und Einheit Blusen. Seit 1948 war das „Blauhemd“
stiftende Feier inszenierte. R. Prügel die offizielle Orga­nisationskleidung
der Freien Deutschen Jugend und das
Herbert Sandberg: Vom Suchen und Finden. Werner Tragen Pflicht bei bestimmten Anläs-
Tübkes Gemälde „Festliche Szene“. In: Bildende sen, etwa zu den Demonstrationen am
Kunst 1957, H. 2, S. 92–94. – Malerei in der DDR 1. Mai. Nach dem Mauerbau verweiger-
1945–1970. Bestandskatalog (Staatliche Galerie ten dies viele FDJ-Mitglieder, weil das
Moritzburg 1). Halle a.d.S. 1987, bes. S. 73. – Günter Hemd ein sichtbares Zeichen der Nähe
Meißner: Werner Tübke. Leipzig 1989, S. 45–46. zur SED war. Unter den Jugendlichen
war es nie wirklich beliebt, sie zogen es
265 oftmals erst kurz vor Versammlungen an.
Kleidungsstücke Auf dem linken Ärmel befindet sich das 266
Emblem der Freien Deutschen Jugend 267
1. Hemd mit der aufgehenden Sonne. Das Hemd Landsknechtstrommel der Jungen
1950 · Grund: Baumwolle, leinwandbindig, blau; ist mit Schulterklappen versehen, es gab Pioniere
Applikation; Knöpfe: Kunststoff, geprägt · L. 89 cm jedoch keine Rangabzeichen. DDR, um 1949 · Holz, Leder, Metall · H. 47,5 cm,
Berlin, Deutsches Historisches Museum, U 71/370 Das Koppelschloss trägt das FDJ-Em- Dm. 37 cm · Bez.: SEID BEREIT!
blem zusammen mit der Devise „Bereit Bonn, Stiftung Haus der Geschichte der Bundes­
2. Koppelschloss zur Arbeit und zur Verteidigung des republik Deutschland, 1990/10/709
1952 · Aluminium, geprägt, profiliert · 5 x 6,5 cm Friedens“. Diese war zwischen 1950 und
Berlin, Deutsches Historisches Museum, U 74/132 1956 auch der Titel des Sportleistungs- Trommeln, insbesondere Landsknechts­
abzeichens der DDR, das von der Freien trommeln sind in Europa primär Teil
Erstmals trat 1948 eine Delegation der Deutschen Jugend unterstützt wurde. „kriegerischer“ Traditionen. Typisch
Freien Deutschen Jugend zum 30. Jah- A. Kregeloh dafür ist eine kontrastreiche Bemalung
restag der Gründung des Komsomol, der Spannreifen im Zackenmuster, die
der Jugendorganisation der KPdSU, mit Stefan Wolle: Das Blauhemd der FDJ. In: Erin­ Zargen werden mit Wappen oder he-
blauen Hemden auf. Schon 1950 waren nerungsorte der DDR. Hrsg. von Martin Sabrow. raldischen Farben versehen. Die Zarge
diese weit verbreitet und prägten die München 2009, S. 229–240. zeigt das Emblem der Pionierorganisa-

Freie Deutsche Jugend 335


tion „Ernst Thälmann“ mit der Losung
„Seid bereit!“, auf die mit „Immer be-
Die Erinnerung bleibt sen mit „Heimarbeiten, Rundgesprächen,
Singen und Musizieren, ja auch Tanzen“
reit!“ zu antworten war. Verwendet wur- und war überzeugt, „daß wir Alten
de das Instrument bei Versammlungen, Verschrieb sich die Jugendbewegung und Jungen zu einer echten Wesensge-
die an militärische Formen angelehnt auch ganz der Zukunft, so spielte die meinschaft zusammenwuchsen“. Einen
waren, wie etwa dem Fahnenappell. Es Erinnerung seit ihren Anfängen eine Widerspruch zum Prinzip jugendlicher
wurde mit Schlägeln in beiden Händen zentrale Rolle. Sie war gemeinschafts- Selbsterziehung sah er darin nicht.
gespielt. Die in mehreren Bahnen zwi- und identitätsstiftend. Davon zeugen Zu derselben Zeit brachte er sich seit
schen den beiden Reifen verlaufende Erzählungen, Fahrtenbücher und Foto­ 1909 an der Seite der Gründer Richard
Leine dient der Spannung des oberen alben gemeinsamer Unternehmungen. Schirrmann (1874–1961) und Wilhelm
Schlag- und des unteren Resonanz- In Folge des Ersten Weltkriegs wuchs Münker (1874–1970) in den Aufbau des
fells. Sie wird durch Verschieben der das Bedürfnis an das Gedenken. Bünde Jugendherbergswerkes ein, indem er
Lederschlaufen reguliert, wodurch die schufen viele öffentliche Erinnerungs- die Einrichtung neuer Jugendherbergen
Trommel gestimmt werden kann. Die orte. Im „Dritten Reich“ wurde die ju- unterstützte, die Idee des gemeinschaft­
mit Filz bezogenen Schlägel erzeugen gendbewegte Erinnerungskultur zuneh- lichen Wanderns mit Publikationen
einen etwas dumpferen Ton als die für mend in den privaten Bereich gedrängt. („Auf Schneeschuhen und zu Fuß durchs
Landsknechtstrommeln ebenfalls übli- Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden Sauerland“, 1912; „Schülerausflüge“,
chen Holzschlägel. K. Leiska auf Betreiben ehemaliger Wandervögel 1920) sowie besonderen Fortbildungen
und Angehöriger der studentischen Frei- für Lehrkräfte und andere Multipli-
scharen institutionalisierte Erinnerungs- katoren („Hauptwanderführerwoche“)
gemeinschaften. Doch existieren aus verbrei­tete. 1911 zog er nach Lübeck
dieser Zeit auch private Sachzeugnisse, und setzte seine Tätigkeiten fort. Weder
die die bündische Prägung in der Jugend- die Weltkriege noch die politischen Um-
bewegung belegen. brüche unterbrachen den Wirkungskreis
des überzeugten Wanderers, Natur-
schützers und Pädagogen Schomburg,
der sich seit 1925 „Burkhart“, der tap­
fere, kühne Beschützer, nannte. Sinnbild
seiner im Wandervogel begründeten
Freund­schaftsnetzwerke ist das vorlie­
gende Unterschriftenbuch der „alten
Wandervögel“ zu seinem 50. Geburtstag
268 am 22. Mai 1930. S. Rappe-Weber
268 •
Im Pionierblasorchester Lucka Burkhart Schomburg: Erinnerungen aus neun Jahr­
Manfred Haußig · frühe 1970er Jahre · Malerei zehnten (Schriftenreihe des Sternbergkreises e.V. 10).
auf Hartfaser · 70,5 x 94 cm Bielefeld 1970.
Dresden, Staatliche Kunstsammlungen Dresden,
Kunstfonds, L 02929 269 270
Wandteller
Im Sommer 1960 von Ludwig Hermann 269 • Walter Seemann · 1942 · Messing, getrieben
Taube gegründet, zählte das Pionier- Autografenmappe für Hugo Elias Dm. 20,2 cm
orchester Lucka zu den bedeutendsten „Burkhart“ Schomburg Witzenhausen, AdJb, G 7 Nr. 14
Jugendblasorchestern in der DDR. Das 1930 · Handeinband; Pergament, Kordel, Pappe,
Ensemble wurde 1963 ins „Zentrale Papier · 29,1 x 38 cm Der handgetriebene Messingteller mit
Pionierblasorchester“ der DDR berufen Witzenhausen, AdJb, CH 343 stilisiertem Wandervogelgreif wurde
und gehörte 1969 zu den Gründungsmit- vom Silberschmied Walter Seemann
gliedern des Zentralen Musikkorps der Hugo Elias „Burkhart“ Schomburg für Gertrud Gebhardt gefertigt. Beide
Freien Deutschen Jugend. Damit waren (1880–1976) hatte erst 1908 im Alter gehörten, wie die spätere Besitzerin Lu-
die Mitglieder des Pionierorchesters von 28 Jahren als bereits promovierter cie Sckerl (1896–1989), dem Kronacher
„Lucka“ an zentraler Stelle an der musi- Oberlehrer für das Fach Englisch am Bund an. Dieser hatte sich 1920 als
kalischen Vorbereitung und Begleitung Realgymnasium in Lüdenscheid zum Sammelbecken älterer Wandervögel aus
sämtlicher propagandistischer Großver- Wandervogel gefunden. Nach ersten der Vorkriegszeit gebildet. Auch wenn
anstaltungen von der Freien Deutschen Kontakten zu bestehenden Gruppen, in 1933 die Selbstauflösung beschlossen
Jugend und der SED eingebunden. denen er sich mit seinem schon länger wurde, blieben frühere Freundeskreise
A. Kenkmann gehegten Interesse an der Natur und am bestehen. So organisierte sich ein
Wandern wiederfand, gründete er eine Kreis älterer Berliner Wandervögel als
eigene, geschlechtergemischte Horte des „Wander-Stammgruppe Walter See-
„Wandervogel Deutscher Bund“ an sei- mann“ innerhalb der NS-Organisation
ner Schule. Er teilte das Gruppenleben „Kraft durch Freude“. Aus dieser Zeit
der Jugendlichen in einem als Nest um- stammt der Wandteller, der rückseitig
gebauten Kotten im Nachbarort Heller- das Datum „6.6.1942“ trägt. S. Reiß

336 Katalog
271 • (Abb. S. 208) Lebenslauf von Rudolf und Hertha Prochaska. Zu­ in den 1920er Jahren, an denen sie „mit
Schrank mit Wandervogelmotiven sammengestellt von Eckhard Prochaska. GNM, DKA, fröhlichem Gesang“ von Weimar aus in
Entwurf: Eckhard Prochaska (1909–1969) NL Rudolf Prochaska, II, A-1. das Landheim in Tonndorf bei Bad Berka
1949/50 · Kiefer, z.T. bemalt; Schmiedeeisen gewandert waren. S. Rappe-Weber
167,5 x 133,5 x 58 cm 272
GNM, VK 4274 Festhemd der bündischen Jugend
Um 1930 · Grund: Leinen, Baumwolle, Panama­
Der Schrank gehörte einem aus dem bindung, weiß; Knöpfe: Perlmutt · L. 93 cm
Su­­detenland stammenden Ehepaar, Witzenhausen, AdJb, G 4 Nr. 2
das seit 1949 in Fürth lebte. Damals
entwarf der Ehemann das Möbelstück, Aufgrund seiner „Heiligkeit“ trug der
das neben den Beschlägen einzig sechs ursprüngliche Besitzer, ein Ringpfad-
quadratische Füllungen mit Malereien finder, das Hemd nur an Festtagen. Er
als Schmuck aufweist. Seine sachliche bezog es um 1930 vom Rüsthaus in
Konstruktion knüpft an die Möbelge- Plauen. Dies gehörte zu dem 1920 von
staltung der 1930er Jahre an, die Male- Günther Wolff (1901–1944) gegründe-
rei an den Heimatstil der Zeit. ten Verlag, dessen Publikationen in
Die rechte Schranktür zeigt heute von der bündischen Jugend sehr gefragt
oben nach unten folgende Motive: eine waren. 1925 erwarb er das Rüsthaus-
stilisierte Schneegans als Symbol des Dürerhaus, das sich dem Versand von
Alt-Wandervogel, das Wappen von Ausrüstung für die jungen Wanderer
Brünn (Brno, Tschechische Republik) verschrieben hatte. Zu den teilweise
sowie die Silhouette der Stadt; die linke noch aus Heeresbeständen stammen-
das Symbol des Wandervogel, das Wap- den Artikeln zählte auch Kleidung. Das
pen von Landskron (Lanškroun, Tsche- Festhemd wurde geschont und gut ver- 274
chische Republik) – zeitweise durch das wahrt. Der Bruder des Trägers schickte 274 •
von Fürth ersetzt – und Bauwerke aus es nach dem 50. Meißner Jubiläum an Grabmal für das Ehepaar Fulda
der Stadt. In den 1970er Jahren hatte die das Archiv der deutschen Jugendbewe- Entwurf: Ruprecht Fulda · 1961 · Eiche, Kupferblech
Ehefrau jedoch die beiden unteren Fel- gung mit dem jugendbewegten Aufruf 134 x 67,5 (max.) x 12,5 cm
der völlig übermalen lassen. Hier waren „Immer weiter vorwärts in Geist und Witzenhausen, AdJb, G 11 Nr. 27
ursprünglich eine Gitarre mit Lieder- Tat“. C. Selheim
buch bzw. zwei Trommeln zu sehen. Grabmäler gehören als materielle Mani­
Mithin war der Bezug zum Wandervogel Wolfgang Hess: Der Günther-Wolff-Verlag in Plauen festierung des Gedenkens an Verstor-
in der Entstehungszeit des Schrankes und die bündische Jugend im III. Reich. Plauen 1993, bene zur hiesigen Erinnerungskultur.
viel deutlicher als heute. Der Mann war bes. S. 17–21. Individuelle Gestaltungsmöglichkeiten
ebenso wie seine Geschwister Mitglied boten – neben repräsentativen Funktio-
im Brünner Wandervogel. Mit dem Be­ 273 • (Abb. S. 209) nen – die Möglichkeit, zentrale Elemente
ginn des Architekturstudiums an der Wimpel des Kronacher Bundes, Orts- des gelebten Lebens der Verstorbenen
Technischen Hochschule in Brünn 1927 gruppe Weimar symbolhaft darzustellen. Das Grabmal
trat er in die dortige Freischar ein, die 1920er Jahre · Grund: Baumwolle, schwarz; Stickerei: von Dr. Leopold „Polt“ Fulda (1887–1961)
sich in dem in der Tschechoslowakei Baumwolle, dunkelgelb/Grund: Baumwolle, ocker; und seiner Frau Martha „Häni“ Fulda,
entstehenden Volkstumskampf für die Stickerei: Baumwolle, schwarz, rot; Bindebänder: geborene Haenichen (1894–1961), zeugt
Behauptung des Deutschtums einsetzte. schwarz, ocker · 29 x 70 cm durch die zwei geschnitzten Wander-
Der Student engagierte sich für das Lai- Witzenhausen, AdJb, G 1 Nr. 28 vogelabzeichen von der lebenslangen
enspiel und nahm seit 1928 an verschie- Verbundenheit des Ehepaares mit der
denen Großfahrten, u.a. nach Ungarn, Der gemischtgeschlechtliche „Kro- Jugendbewegung. Beide gehörten bereits
Siebenbürgen und ins Deutsche Reich nacher Bund der alten Wandervögel vor dem Ersten Weltkrieg dem Wander-
teil. Seine spätere Ehefrau war zunächst e.V.“ war 1920 gegründet worden, um vogel an und waren später Mitglieder im
im Landskroner, dann im Brünner Wan- jungen Er­­­­­­­­­­wachsenen, die dem Jugend- Kronacher Bund der alten Wandervögel.
dervogel. In diesem Umfeld lernten sich bund ent­wachsen waren, neue Mög- Der Arzt Leopold Fulda war innerhalb
beide kennen. Die das Paar prägende Zeit lichkeiten der Vergemeinschaftung der Jugendbewegung neben Führungs-
im Wandervogel bestimmte maßgeblich im Stil des Wandervogel zu eröffnen. tätigkeiten besonders durch sein 1921
die Ikonografie des Schrankes, wie die Entsprechend wurde der Wimpel vor- erstmals erschienenes, humorvolles
Vogelsymbolik und die Instrumente ver- derseitig mit dem typischen „Greifen“ me­dizinisches Handbuch „Der g’wampet
deutlichen. Distanzierte sich der Mann gestaltet, während die Rückseite das Feldscher“ bekannt geworden. Inner-
zunehmend von dieser Lebensphase, so Weimaraner Wappen mit dem schwar- halb des Kronacher Bundes gründete
spielte sie für die Frau weiterhin eine zen Löwen auf goldenem Grund inmit- er die Ärztegilde als berufsständischen
wichtige Rolle. Der Schrank entwickelte ten von roten Herzen zeigt. Die einsti- Zusammenschluss. Neben ihm gehörten
sich für sie nach dem Tod des Mannes gen Besitzer, Fritz Girschner und seine weitere seiner Geschwister aktiv der
1969 zu einem bedeutenden Träger ihrer Frau Klara, die den Wimpel bis 1984 in Wandervogelbewegung an. Das Ehepaar
Erinnerungskultur – vor allem an die der DDR aufbewahrt hatten, erinner- Fulda kam 1961 bei einem Verkehrsun-
verlorene Heimat. C. Selheim ten sich später an viele Wochenenden fall ums Leben. S. Reiß

Die Erinnerung bleibt 337


Schwabinger Krawalle Chanson Folklore Nach einer Lithografenlehre und einem
Studium an der Kunstgewerbeschule
International Bielefeld sammelte Breker Erfahrungen
in Druckereien, die in die spätere Lehr-
tätigkeit, u.a. von 1954 bis 1969 an der
Das Musikfestival „Chanson Folklore Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf,
International“ fand von 1964 bis 1969 einflossen.
auf Burg Waldeck, einem traditionellen Optisches Signal seines spontan ent­
Treffpunkt der Jugendbewegung, statt. standenen Plakats sind in Reihen
Es war das erste Open-Air-Festival in ge­­­staffelte und bewegt dargestellte,
der Bundesrepublik. Seine Organisatoren stilisierte Vögel. Sie scheinen, einan-
gehörten der Nachkriegsjugendbewegung der zugewandt, mit ihren geöffneten
an, die sich mit der aktuellen populären Schnäbeln angeregt zu kommunizie­ren.
Musik nicht identifizieren konnten. Ihr Ihren Körper bildet Breker durch einen
Programm bot dem französischen Chan- Fingerabdruck. In ihrer heiteren Unbe-
son und der amerikanischen Folkszene schwertheit sollen sie das Anliegen des
wie auch westdeutschen Liedermachern Festivals nach „Freiraum“, verbunden
ein neues Forum an. Diese Internationa- mit musikalischer Gestaltungskraft und
lität war Zeichen für den gewollten An- Liedpflege vermitteln. Der Vogel mit sei-
schluss an Europa. Das Festival erfreute nem sehr hohen Wiedererkennungswert
sich bei einem jungen, diskutierfreudigen ist heute noch das Symbol des Peter
Publikum großer Popularität und wurde Rohland – Singewettstreits auf Burg
so zu einem Ort des kulturellen und poli- Waldeck. I. Wambsganz
tischen Diskurses.
Walter Breker. Marken und „Marken“. Walter Breker
und die Gebrauchsgrafik 1904–1980. Hrsg. von Hans
276 • Peter Willberg. Berlin 1984. – Hotte Schneider: Die
Plakat Waldeck. Lieder, Fahrten, Abenteuer. Die Geschichte
„Chanson Folklore International“ der Burg Waldeck von 1911 bis heute. Potsdam 2005,
Entwurf: Walter Breker (1904–1980) · 1965 · Druck bes. S. 319–320. – Oss und Hein Kröher: 1965: Zwei­
60,5 x 39,5 cm tes Festival (von Mittwoch, 26. Mai, bis Dienstag, 1.
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., Juni). Chanson Folklore International. In: Michael
Archiv Kleff: Die Burg Waldeck Festivals 1964–1969. Chan­
sons – Folklore international. 2. Aufl. Hambergen
Mit Walter Breker übernahm 1964 ein 2008, S. 30–35, Abb. S. 30.
bedeutender Grafiker die Gestaltung des
275 Festivalplakats, das bis 1966 mit leich- 277 •
275 • ten Veränderungen verwendet wurde. Plakat
Gitarre „Chanson Folklore International“
Um 1960 · Holz · 100 x 36,5 x 11 cm Entwurf: HAP Grieshaber (1909–1981) · 1965
München, Münchner Stadtmuseum, MUS-2008/1 Holzschnitt (Nr. 77 von 150 Stück) · 66 x 48,7 cm
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V.,
Die Gitarre stammt aus dem Besitz von Archiv
Hans „Sitka“ Wunderlich (geb. 1946).
Der damalige Verlagskaufmannslehrling Das von HAP Grieshaber geschaffene
gehörte neben vier weiteren Jungen zu Künstlerplakat in der Technik des Holz-
einer Münchner Gruppe des „Bundes schnitts mit einer Auflage von nur 150
deutscher Jungenschaften“. Am Abend Exemplaren entstand 1965 für das auf
des 21. Juni 1962 musizierten die fünf Burg Waldeck veranstaltete Festival
auf der Schwabinger Leopoldstraße, san- „Chanson Folklore International“. Als
gen u.a. russische Volkslieder und trafen Werbefigur für das Festival, das als
auf ein interessiertes Publikum. Doch „Wiege des neuen deutschen Chansons“
die Polizei griff ein und forderte die Ju- gilt, tritt ein Musiker mit Gitarre auf
gendlichen auf, in einen Streifenwagen – offenbar ein Vertreter jener Lieder-
einzusteigen. Viele der Anwesenden pro- macher, die das Waldeck-Publikum mit
testierten spontan, und bis zum 25. Juni eigenen Kompositionen u.a. zu aktu-
kam es zu Unruhen größeren Ausmaßes, ellem Zeitgeschehen begeisterten. Die
den „Schwabinger Krawallen“. In deren sorgfältige Gestaltung und die konse-
Verlauf gab es 201 Festnahmen. Die quente Verbindung der Elemente Bild
Jugenschaftler wurden wegen groben und Text mittels großer Farbflächen
Unfugs zu Geldstrafen verurteilt. verleihen dem Plakat als Werbeträger
C. Selheim eine große Prägnanz. S. Gropp
276

338 Katalog
Barry N. Schwartz: Kontext, Wert und Richtung. In: In der westdeutschen Gesellschaft fan-
Robert E. L. Masters/Jean Houston: Psychedelische den die der Jugendbewegung Naheste-
Kunst. München/Zürich 1969, S. 141–180, bes. S. 162– henden in der populären Musik keinen
165. – Eckard Holler: 1968: Fünftes Festival (von Mitt­- adäquaten musikalischen Ausdruck,
woch, 12. Juni, bis Montag, 17. Juni). Lied 68’. In: weshalb mit alten Volks- und Protest-
Michael Kleff: Die Burg Waldeck Festivals 1964–1969. liedern in Kombination mit interna-
Chansons – Folklore international. 2. Aufl. Hambergen tionalen Künstlern, wie der Folk- und
2008, S. 59–64, Abb. S. 60. Blues-Sängerin Odetta (1930–2008), ein
Abbildung aus eigener Weg beschritten werden sollte.
279 Die Musiker – viele von ihnen aus der
urheberrechtlichen Gründen Schallplatten mit Liedern der Festivals Jugendbewegung stammend – deckten
„Chanson Folklore International“ eine große Bandbreite ab. So trug Peter
unkenntlich gemacht Pappe, Vinyl · 32 x 32 cm Rohland Lieder der Landstreicher, der
1848er Revolution und jiddische Lieder
1. Zwischen null Uhr null und Mitternacht – vor, Karl Wolfram Stücke aus dem Mit-
Baenkel-Songs 63 telalter sowie der Renaissance und Hein
Franz-Josef Degenhardt (1931–2011) · 1963 & Oss Arbeiter-, Soldaten-, Wander- und
Freiheitslieder. Franz Josef Degenhardt
2. Wolfram singt aus sieben Jahrhunderten zur nahm an allen Festivals teil und war
Theorbe, Radleier und Laute einer der prägenden Musiker im Bereich
Karl Wolfram (1913–1989) · 1964 des politischen Liedes nach dem Zwei-
277 ten Weltkrieg.
3. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern Der Einzelgesang der Festivalinterpreten
Margot Fürst: Grieshaber. Die Druckgraphik. Werk­ Franz-Josef Degenhardt (1931–2011) · 1965 löste den überkommenen Gruppenge-
verzeichnis 1932–1965. Stuttgart 1986, Bd. 1, S. 200– sang ab. Die neuen Lieder verblieben nur
201, Nr. 65/7. – HAP Grieshaber. Bearb. von Petra 4. Landstreicherballaden punktuell im Repertoire, konnten sich in
von Olschowski. [Link]. Staatsgalerie Stuttgart. Peter Rohland (1933–1966), Wolfgang „Schobert“ der Mehrzahl im Liedhorizont nicht fest
Stuttgart 1999, S. 240, Nr. P 39, Abb. S. 227. – Hotte Schulz (1941–1992) · 1965 verankern, da die Liedtradierung in den
Schneider: Die Waldeck. Lieder, Fahrten, Abenteuer. Gruppen zurückging. Das übergroße Me-
Die Geschichte der Burg Waldeck von 1911 bis heute. 5. Wolfram singt Carl Michael Bellmann-Lieder dienecho führte zu einem relativ starken
Potsdam 2005, bes. S. 329. – Oss und Hein Kröher: Karl Wolfram (1913–1989) · 1965 Absatz der Schallplatten. S. Krolle
1965: Zweites Festival (von Mittwoch, 26. Mai, bis
Dienstag, 1. Juni). Chanson Folklore International. In: 6. Chansons, Gedichte, Geschichten Michael Kleff: Die Burg Waldeck Festivals 1964–1969.
Michael Kleff: Die Burg Waldeck Festivals 1964–1969. Hanns Dieter Hüsch (1925–2005) · 1966 Chansons – Folklore international. 2. Aufl. Hamber­
Chansons – Folklore international. 2. Aufl. Hamber­ gen 2008.
gen 2008, S. 30–35, Abb. S. 31. 7. Soldatenlieder
Hein & Oss (geb. 1927) · 1966 280 • (vgl. Beitrag S. 190–193)
278 • (Abb. S. 187) Ohne Titel (Jugend)
Plakat 8. Burg Waldeck – Festival 1967 Chanson Folklore Heribert C. Ottersbach (geb. 1960) · 1994/95
„Chanson Folklore International 5“ International (Abb. S. 186) Mischtechnik auf Leinwand · Je 42 x 57 cm (44-teilig)
Entwurf: Peter Jürgen Bertsch · 1968 · Druck 1967 Privatbesitz
60 x 84 cm
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., Der Bilderzyklus fügt Erwartungen und
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V.,
Archiv Archiv (Nr. 1–5, 7, 8) Erfahrungen, die sich fast über ein Jahr-
Dommershausen, Dieter Krolle (Nr. 6) hundert mit Jugend verbinden, zu einem
1968 schuf Peter Bertsch ein Plakat für Tableau. Basis sind historische Fotografi-
das fünfte auf Burg Waldeck veranstaltete Das Festival „Chanson Folklore Interna- en, die aus- und abgeschnitten, übermalt
Festival „Chanson Folklore International“. tional“, das seit 1964 auf Burg Wald­eck und überdruckt wurden. Das verändert
Sein Entwurf verzichtet auf eine bildliche stattfand, hatte entscheidenden Einfluss die Vorlagen und bietet neue Assoziatio-
Darstellung und konzentriert sich auf auf die bundesrepublikanische Folklore- nen. Ordnungskriterien der Collage, die
die Gestaltungselemente Farbe und Typo- Welle der 1960er Jahre. Die Arbeitsgemein- einem Zusammenschnitt aus Pressebe-
grafie. Großformatige Buchstaben und schaft Burg Waldeck e.V. als Veranstalter richten gleicht, sind u.a. Gesten, Rituale,
Zahlen informieren über Name, Ort und griff erstmals die neue Darbietungsform Körpersprache, Verhaltensmuster oder
Termin der Veranstaltung und entwickeln des Festivals auf. Handlungsorte. So spannt sich der Bogen
mit den kontrastreichen Farbflächen Aus dem anvisierten „Jugendreich“ der von jugendbewegten Gruppen, wie der
zugleich eine organische Energie unab- 1920er Jahre formierte sich ein von allen Deutschen Jungenschaft oder einem jü-
hängig vom Zeichencharakter der Schrift. Generationen getragener Freiraum, der als disch-zionistischen Bund, über Mitglieder
Bertsch verarbeitet hier Impulse der musisch-kulturelles Zentrum diente. Die der Hitlerjugend hin zu Widerständlern
psychedelischen Kunst, die in Musik und zunehmende Politisierung und Dogmati- im „Dritten Reich“. Szenen der unruhigen
Design der 1960er Jahre, der Gestaltung sierung in den 1960er Jahren verdrängte 1960/70er Jahre geben Aufnahmen von
von Plattencovern und Plakaten, maßgeb- diese Impulse und ließ die jahrzehnte­ großen Revolutionären, Rudi Dutschke
lich an Einfluss gewann. S. Gropp lange Tradition der Liedpflege abreißen. und der RAF wieder. H.-U. Thamer

Chanson Folklore International 339


Thomas Kaiser

Ausstellungsplan „Aufbruch der Jugend“

14 13 B 7 4
15 11

16

10 6 5

17.3 17.2
17.1
17.5
17 12
18 17.4 9 8 3
C 21
20 26

27 28
19 2

F A
D 22 30
29
23
1

E 31
24 25

A „Wir wollen zu Land ausfahren“ 1. Sehnsucht Jugend 17.2. Jungdeutscher Orden


2. Aufruhr und Umbruch 17.3. Artamanen
B „Mit uns zieht die neue Zeit“ 3. Der Wandervogel 17.4. Horst, Mitglied der dj.1.11
4. Der Zupfgeigenhansl 17.5. Jüdisch jugendbewegt
C „Sie werden Männer, die ihr Reich erringen“ 5. Die Pfadfinder 18. Glaube
6. Nationalistischer Jubel 19. Männerfreundschaften?
D „Ja, die Fahne ist mehr als der Tod“ 7. Meißner Fest 20. Musik bewegt
8. Jugend im Kriegstaumel 21. Wandervögel und Heimatgefühle
E„
 Und wieder erblüht nach Nebel und Nacht 9. Kriegserinnerung 22. Jugend ohne Wahl
ein strahlender Tag im Lande“ 10. Ein Meer aus Fahnen 23. Das kurze Leben des Hitlerjungen Paul B.
11. Entdeckung neuer Welten 24. Unangepasste Jugend
F „Tot sind unsre Lieder“ 12. Unter sich 25. Eine Restgeschichte?
13. Freiheit im Nest 26. Freie Deutsche Jugend
14. Jugendburgen 27. Die Erinnerung bleibt
15. Jugendherbergen 28. Schwabinger Krawalle
16. Vom Wandervogel geprägt 29. Chanson Folklore International
17. Bündische Vielfalt 30. Jugend?
17.1. Quickborn 31. Aufbruch in die Gegenwart

340
Die Autoren

Rüdiger Ahrens Klaus Martius


Meike Sophia Baader Norbert Nowotsch
Meinulf Barbers Matthias Nuding
Thomas Brehm Elisabeth Plößl
Eckart Conze Roland Prügel
Christine Dippold Susanne Rappe-Weber
Yasmin Doosry Sven Reiß
Thomas Eser Gerhard Renda
Silvia Glaser Jürgen Reulecke
Helga Gotschlich Thomas Schindler
Stephanie Gropp Udo Schlicht
G. Ulrich Großmann Alexander Schmidt
Moritz Gruninger Birgit Schübel
Elke Hack Helmut Schwarz
Antje Harms Claudia Selheim
Stefan Hemler Detlef Siegfried
Friederike Hövelmans Barbara Stambolis
Eckhard John Hans-Christian Täubrich
Frank Matthias Kammel Hans-Ulrich Thamer
Alfons Kenkmann Monika Uliarczyk
Arno Klönne Ingrid Wambsganz
Anja Kregeloh Ingo Wiwjorra
Stefan Krolle Rainer Y
Petra Krutisch Jutta Zander-Seidel
Katharine Leiska Agnes Zelck
Christel Liebold Markus Zepf
Bernd Lindner Moshe Zimmermann

341
Bildnachweis

Altenburg, Lindenau-Museum, Foto: Bertram Kober, München, Collegium Carolinum e.V., Foto: Reiner
Punctum Fotografie GmbH, Leipzig · [Link]. 188 Just · [Link]. 72
Berlin, Deutsches Historisches Museum © Münchner Stadtmuseum · [Link]. 215, 225, 275
[Link]. 220, 232, 261, 266 Münster, LWL-Museumsamt für Westfalen, Fotos:
Berlin, Privatarchiv, Fotos: Monika Runge, GNM Greta Schüttemeyer · [Link]. 179, 180
[Link]. 39, 79, 81, 214, 242 © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, Foto:
Berlin, Werkbundarchiv – Museum der Dinge Georg Janßen · [Link]. 32; Fotos: Monika Runge
[Link]. 139, 141 [Link]. 4, 10, 12, 19, 29, 30, 33, 44, 45, 47, 48, 60, 67,
Bielefeld, Historisches Museum, Fotos: Axel Grüne­ 71, 74, 154, 158, 190, 191, 192.2, 203, 204, 207, 218.1,
wald · [Link]. 120, 224.2 228, 229, 233
Bielefeld, Stadtarchiv · [Link]. 107, 108, 114 Nürnberg, museen der stadt nürnberg,
© bpk/Kunstsammlungen Chemnitz, Foto: Bertram Dokumen­tationszentrum Reichsparteitagsgelände,
Kober, Punctum Fotografie GmbH, Leipzig · [Link]. 5 Fotos: Monika Runge, GNM · [Link]. 218.2, 224.1, 227,
Dorweiler, Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V., 230, 236
Archiv, Fotos: Monika Runge, GNM · [Link]. 94, 117, Nürnberg, museen der stadt nürnberg,
118, 119, 240, 241, 244, 276, 277 Spielzeugmuseum, Fotos: Monika Runge, GNM
Dresden, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, [Link]. 42, 238
Kunstfonds, Foto: Herbert Boswank · [Link]. 268 Nürnberg, Privatarchiv, Foto: Monika Runge, GNM
Düsseldorf, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, [Link]. 211
Abteilung Rheinland-Düsseldorf · [Link]. 246 Oranienburg, Eden Gemeinnützige Obstbau-
Erlangen, Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg Siedlung eG · [Link]. 8
[Link]. 25, 198 Rothenfels, Vereinigung der Freunde von Burg
Gessertshausen, Schwäbisches Volkskundemuseum Rothenfels e.V., Fotos: Monika Runge, GNM
Oberschönenfeld, Foto: Andreas Brücklmair [Link]. 103, 104, 163, 169, 170, 172
[Link]. 157 Schwalmtal, Pfadfinder-Geschichtswerkstatt e.V.,
Halle a.d. Saale, Stiftung Moritzburg – Kunst­museum Pfadfindermuseum, Fotos: Monika Runge, GNM
des Landes Sachsen-Anhalt, Foto: Klaus E. Göltz [Link]. 80, 102, 254
[Link]. 264 Stuttgart, Landesmuseum Württemberg,
Hamburg, Alfred Toepfer Stiftung F.V.S., Foto: H. Zwietasch · [Link]. 161.3, 161.4, 161.6
Fotos: Monika Runge, GNM · [Link]. 121, 159 Stuttgart, Privatarchiv, Foto: Monika Runge, GNM
© bpk/Hamburger Kunsthalle, Foto: Elke Walford [Link]. 54
[Link]. 27 Werdau, Stadt- und Dampfmaschinenmuseum
Heppenheim, Odenwaldschule · [Link]. 11 [Link]. 210
Herdorf, Sammlung Hans Ermert, Fotos: Monika Witzenhausen, Archiv der deutschen Jugend­
Runge, GNM · [Link]. 152, 153, 155, 156 bewegung · [Link]. 34, 137; Fotos: Monika Runge,
© Hessische Hausstiftung, Schlossmuseum GNM · [Link]. 13, 15, 21, 24, 26, 28, 35, 36, 46, 50,
Darmstadt · [Link]. 189 52, 53, 55, 61, 62, 65, 66, 68, 75, 77, 82, 83, 85, 86,
Karlsruhe, Badisches Landesmuseum, Fotos: 89, 90, 91, 92, 93, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 105, 106,
Thomas Goldschmidt · [Link]. 212, 221 109, 110, 111, 113, 124, 125, 126, 131, 140, 144, 145, 146,
Leipzig, Stadtgeschichtliches Museum · [Link]. 262 147, 149, 150, 151, 160, 168, 171, 173, 181, 183, 184, 185,
Leonberg, Privatarchiv · [Link]. 161.1, 161.2 187, 192.1, 193, 194, 196, 200, 209, 213, 243, 248, 249,
Mülheim an der Ruhr, Salzgitter AG, Konzern­ 252, 253, 258, 259, 269, 274
archiv/Mannesmann-Archiv, Foto: Michael Kowalski,
­Deutsches Medizinhistorisches Museum, Ingolstadt © VG Bild-Kunst, Bonn 2013 · Titelbild, [Link]. 2, 10,
[Link]. 64 50, 53, 55, 89, 121, 157, 159, 160, 175, 194, 199, 225,
242, 264, 277

342
Abkürzungen

Abb. Abbildung
AdJb Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen
Aufl. Auflage
[Link]. Ausstellungskatalog
B. Breite
Bd. Band
bearb. bearbeitet
bes. besonders
Bez. Bezeichnung
Bl. Blatt
bzw. beziehungsweise
ca. circa
d.h. das heißt
Diss. Dissertation
Dm. Durchmesser
ebd. ebenda
erw. erweiterte
etc. et cetera
gen. genannt
ges. gesamt
GNM Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
H. Höhe
hrsg. herausgegeben
[Link]. Inventarnummer
Jh. Jahrhundert
[Link]. Katalognummer
L. Länge
N.F. Neue Folge
Nr. Nummer
o.J. ohne Jahr
o.O. ohne Ort
S. Seite
sog. sogenannt
Taf. Tafel
T. Tiefe
u. und
u.a. unter anderem
umgearb. umgearbeitet
usw. und so weiter
verm. vermutlich
vgl. vergleiche
zit. zitiert

Wenn nicht anders angegeben, erfolgen die Maßangaben


in der Reihenfolge Höhe x Breite x Tiefe.

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