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Allgemeine Prinzipien der Notfallmedizin 17

Analgesie und Narkose im Kindesalter


Jost Kaufmann, Michael Laschat, Frank Wappler

Übersicht
Einleitung 17 Muskelrelaxanzien 23
Grundsätzliche Überlegungen 17 Benzodiazepine 24
Nichtopioid-Analgetika 20 Analgesie oder Narkoseführung
Opioide 22 in typischen Situationen 25
Sedativa und Narkotika 22
Sonderdruck für private Zwecke des Autors

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Einleitung Infobox 1

Besonderheiten der Medikamentengabe bei Kindern


Für die meisten Notärzte sind Kindernotfälle eine be- ■ individuelle, gewichtsbezogene Medikamenten-
sondere Herausforderung. Sehr deutlich wird dies in dosierung
den aktuellen Reanimationsleitlinien des ERC zum ■ altersabhängige Pharmakodynamik und ‑kinetik
Ausdruck gebracht [1]. In deren Einleitung wird fest- ■ altersabhängige Dosierungsempfehlungen
gestellt, dass lebensbedrohliche Situationen bei Kin- ■ altersabhängige Nebenwirkungen und Zulassungen
dern wesentlich seltener vorkommen als bei Erwach-
senen und dass die den Notfall Versorgenden meist
über nur begrenzte Erfahrungen mit Kindern verfügen.
Die Versorgung von Kindernotfällen weist jedoch delegierbare ärztliche Aufgabe handelt. Die Medika-
einige Besonderheiten auf (Infobox 1). mente dosiert man schrittweise bis zur gewünsch-
ten Wirkung. Dieses Prinzip der Titration, also einer
wirkungsbeobachtenden Dosisanpassung, erfordert
einen raschen Wirkungseintritt der Medikamente.
Grundsätzliche Überlegungen Daher ist eine rektale oder orale Verabreichung nicht
geeignet.
Einfluss auf Schutzreflexe, Atmung und Kreislauf.
Alle Opioidanalgetika und Sedativa beeinflussen die Wenn man Opioidanalgetika oder Sedativa ver-
Vigilanz und die Schutzreflexe und erfordern daher eine abreicht, muss die Bereitschaft zur Atemwegsiche-
eindeutige Indikation. Zusätzlich können sie sich unter- rung und Kreislaufunterstützung gegeben sein.
schiedlich stark auf Atmung und Kreislauf auswirken.
Daher wird mit der Verabreichung von Opioidanal- Pharmakokinetische Besonderheiten. Analgetika und
getika oder Sedativa eine Überwachung der Vital- Sedativa dosiert man bei Kindern üblicherweise nach
parameter erforderlich. Des Weiteren müssen alle dem Körpergewicht. Alle Medikamente, deren Wir-
Möglichkeiten zum Absaugen, zur Sicherung der kung rasch eintritt und die man i. v. oder intraossär
Atemwege und zur medikamentösen Unterstützung verabreicht, verteilen sich zunächst im Extrazellulär-
des Kreislaufs gegeben sein. Unstrittig ist damit aus volumen (EZV). Für die Unterschiede der Dosierungs-
unserer Sicht auch, dass es bei der Opioidanalgesie, empfehlungen für verschiedene Altersstufen ist daher
Sedierung oder Narkose bei Kindern um eine nicht v. a. der Anteil des EZV am Gesamtkörpergewicht ent-

Notfallmedizin up2date 7 ⎢ 2012 ⎢ DOI: [Link] ⎢ VNR 2760512012137992817


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18 Analgesie und Narkose im Kindesalter

scheidend, der mit dem Alter abnimmt. So ist in Bezug


Infobox 2
auf das Körpergewicht der Gesamtwassergehalt beim
Neugeborenen 30% größer und das Extrazellulärvolu- Gründe für präklinische Dosierungsfehler
men fast doppelt so groß wie beim Volljährigen [2]. ■ Gewicht nicht bekannt oder falsch geschätzt
■ Fehler bei der gewünschten gewichtsbezogenen
Bei adipösen Kindern ist der proportionale Anteil Dosierung
des EZV am Körpergewicht geringer, sodass eine ■ Berechnungsfehler der gewünschten Dosis
gewichtsadaptierte Dosierung zu einer Überdosie- ■ mangelhafte Angabe der gewünschten Dosis
rung führen kann [3]. ■ falsche Verdünnung/Vorbereitung des Medikaments
■ Verwechslung von Volumen (ml) und Dosis (z. B. mg)
Daher sollte man bei adipösen Kindern Analgetika und
Sedativa eher vorsichtig dosieren – ideal wäre eine
Dosierung am Normalgewicht der Altersklasse.
dern zwingend das Wiegen des Kindes vor einer Medi-
Für die je nach Alter unterschiedliche Wirkdauer sind kamentengabe [8]. In vielen Fällen können die Eltern
hauptsächlich 2 Komponenten wichtig. Zum einen ist das Gewicht des Kindes nennen, was laut einer Unter-
der Körperfettanteil verantwortlich für einen Wir- suchung meist auch sehr zuverlässig ist. Die alters-
kungsverlust durch Umverteilung. Bei Frühgeborenen bezogene Gewichtsschätzung hat bei einer Überprü-
wird der Anteil an Fettgewebe von ca. 3 –4% des Kör- fung dagegen am schlechtesten abgeschnitten [9].
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pergewichts nahezu ausschließlich vom Gehirn gestellt Beispielsweise führte die von der American Heart As-
[4], weswegen kein Wirkungsverlust durch Umver- sociation (AHA) im Kinderreanimations-Training (APLS)
teilung in lipophiles Gewebe stattfinden kann. Schon genannte Formel „Gewicht = (Alter + 4) × 2“ in nur 34 %
beim reif geborenen Säugling beträgt der Anteil an der Fälle zu einer korrekten Schätzung.
Fettgewebe rund 10%, was sich beim normgewichtigen
Erwachsenen noch nahezu verdoppelt. Zum anderen Die nach der Angabe der Eltern nächstbeste Quelle ist
verfügt das Neugeborene nur über 10% der metabo- eine längenbezogene Schätzung (s. u.). Dabei ermittelt
lischen Kapazität eines Erwachsenen, die somit erheb- man anhand der Körperlänge über Perzentilen ein
lich eingeschränkt ist. Beim Kleinkind ist die metabo- durchschnittliches Gewicht – also das Idealgewicht. Mit
lische Aktivität im Gegensatz dazu vorübergehend diesem Verfahren erhält man in immerhin 61 % der
höher als beim Erwachsenen [2]. Fälle einen Wert, der maximal 10% vom tatsächlichen
Gewicht des Kindes abweicht. Das ermittelte Ideal-
Ursachen von Dosierungsfehlern. Bei elektiven Medi- gewicht ist für die Dosierung von Notfallmedikamen-
kamentenverordnungen wurde in einem Kinderkran- ten dem gewogenen Gewicht sogar überlegen, da es bei
kenhaus eine Rate potenziell bedrohlicher Verord- adipösen Kindern das EZV genauer wiedergibt [3].
nungsfehler beobachtet, die 3-mal höher lag [5] als in
einer vergleichbaren Untersuchung bei Erwachsenen Das standardisierte Notarzteinsatzprotokoll der DIVI, in
[6]. Neben dem zeitlichen Druck, der durch die Notfall- dem die Erfassung von 203 Parametern vorgesehen ist,
situation entsteht, gibt es bei der präklinischen Versor- enthält kein Feld für die Angabe des Körpergewichts
gung aber im Gegensatz zu einem Kinderkrankenhaus [10, 11]. Der Notarzt sollte dem Gewicht des Kindes
weder pädiatrisch geschultes Personal noch für Kinder dennoch eine zentrale Bedeutung beimessen. Zusätz-
optimierte Behandlungsabläufe. Kontrollmechanismen lich sollte man das Gewicht einschließlich der Infor-
durch mehrere Personen mit vergleichbarer Kom- mationsquelle oder der verwendeten Schätzmethode
petenz, wie sie in der Klinik zu finden sind, fallen dokumentieren und der weiterbehandelnden Einheit
ebenso weg. Diese Problematik zeigte auch eine pro- übergeben.
spektive Untersuchung, bei der präklinisch i. v. oder in-
traossär verabreichtes Adrenalin zur Reanimation un- Die Auswahl und die Dosierung von Notfall-
tersucht wurde. Nur in 34% der Fälle war die Dosierung medikamenten muss man bei Kindern an das
korrekt [7]. Weitere Gründe für präklinische Dosie- Körpergewicht und die Altersgruppe anpassen.
rungsfehler sind in Infobox 2 zusammengestellt.
Hilfsmittel zur Gewichtsermittlung und Dosisfin-
Bestimmung des Körpergewichts. In der präkli- dung. Es wurde mehrfach nachgewiesen, dass Erfah-
nischen Versorgung kommt es vor, dass das Gewicht rung und Ausbildung die Fehlerrate reduzieren können.
des Kindes unbekannt ist. Verschiedene Autoren for- Beispielsweise halbierte sich nach der Einführung eines

Notfallmedizin up2date 7 ⎢ 2012


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Allgemeine Prinzipien der Notfallmedizin 19

Unterrichts über die pädiatrische Verordnung von


Infobox 3
Medikamenten die Rate an Verschreibungsfehlern [12].
Ebenso ergab sich ein positiver Effekt durch den Einsatz Intranasale Gabe von Analgetika und Sedativa
einer Tabelle, in der außer der gewichts- und alters- Publizierte Erfahrungen mit der intranasalen Verabreichung mit einem
bezogenen Dosierung in Milligramm auch die Medi- Zerstäuber liegen für folgende Analgetika und Sedativa vor:
kamentenkonzentration (mg/ml) und das zu appli- ■ Midazolam, Lorazepam
zierende Volumen angegeben waren [13]. Derartige ■ Fentanyl, Sufentanil, Naloxon
Hilfsmittel ersetzten jedoch nicht die individuelle ärzt- ■ Ketanest
liche Entscheidung.

Das „pädiatrische Notfalllineal“ ([Link])


unterstützt den Notarzt bei allen aufgezeigten Pro- semi-elektive Indikationen festgestellt [17]. Bei einem
blempunkten der Medikamentenverordnung. Es ver- Kind, das nicht bewusstlos ist, kann man durch eine
eint die Möglichkeit einer präzisen Gewichtsschätzung vorhergehende Infiltration der Haut und des Periosts
bei Kindern mit einer Auflistung von Normwerten, einen intraossären Zugang schmerzarm anlegen. Die
passenden Ausrüstungsgegenständen und gewichts- technische Durchführung wird durch Systeme, die mit
bezogenen Medikamentendosierungen. Dabei werden einem Akkubohrer vergleichbar sind, erheblich er-
auch leitlinienkonforme Mindest- und Höchstmengen leichtert (z. B. „EZ‑IO Intraossär-Bohrer“ der Firma
beachtet. Zusätzlich bietet es Anleitungen zur Medika- Vidacare).
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mentenvorbereitung, wodurch viele Fehlermöglich-
keiten entfallen. Intranasaler „Zugang“. Zur Analgesie oder Sedierung
bietet sich als weitere Alternative die Verabreichung
Das in den USA verbreitete „Broselow-Tape“ nutzt das über die Nasenschleimhaut mit einem Zerstäuber an
gleiche Prinzip wie das „pädiatrische Notfalllineal“, ist („mucosal atomization device“, MAD). Aufgrund der
dort bereits etabliert und wurde in mehreren Studien starken Vaskularisierung der Nasenschleimhaut und
evaluiert [14, 15]. Beispielsweise verdoppelte sich ihrer direkten Nähe zum Gehirn kommt es zu einem
durch den Einsatz des Lineals die Rate einer korrekten raschen Wirkungseintritt, der mit einer i. v. Verabrei-
Dosierung von Adrenalin zur Reanimation [7]. In den chung vergleichbar ist [18]. Da der venöse Abfluss der
Leitlinien zur Kinderreanimation der American Heart Nasenschleimhaut die Leber umgeht, findet kein „First-
Association (AHA) aus dem Jahr 2010 wird festgestellt, Pass“-Metabolismus statt, und die meisten Medika-
dass durch den Einsatz eines solchen Lineals Fehler bei mente erreichen eine Bioverfügbarkeit, die derjenigen
der Medikamentendosierung oder bei der Wahl der bei venöser Verabreichung nahekommt. Daher ist es oft
passenden Ausrüstungsgegenstände (z. B. Endotrache- möglich, für die intranasale Applikation eine ähnliche
altubus) seltener vorkommen und der Gebrauch daher Dosierung zu wählen wie für die i. v. Gabe. Bei der Ver-
zu empfehlen ist [16]. abreichung muss man aber einen speziellen Aufsatz
verwenden, der eine hinreichend feine Zerstäubung
Intraossärer Zugang. Zur Verabreichung von Notfall- der Injektionslösung gewährleistet (z. B. „MAD Nasal“
medikamenten ist in den meisten Fällen wie beim Er- der Firma Wolfe Tory Medical Inc., Salt Lake City, Utah,
wachsenen eine i. v. Gabe die Methode der Wahl. Aller- USA. Vertrieb über LMA Deutschland GmbH, Bonn). Die
dings kann es bei einem gut genährten Säugling, der Gesamtmenge sollte man immer auf beide Nasenlöcher
aufgrund einer Hypovolämie und/oder Unterkühlung verteilen, um die maximale Schleimhautoberfläche zu
zentralisiert ist, unmöglich sein, einen peripheren nutzen. Das verabreichte Volumen sollte außerdem
Venenzugang zu legen. möglichst 0,2 –0,3 ml pro Nasenseite betragen und 1 ml
nicht überschreiten [18].
Gemäß den Kinder-Reanimationsleitlinien des ERC
sollte man bei einem kritisch kranken Kind, bei dem Größere Mengen an Sekret oder Blut können eine
die Kanülierung einer peripheren Vene nicht ge- ausreichende Absorption aus der Nase verhindern,
lingt, spätestens nach 1 min auf einen intraossären sodass entweder zuvor eine Reinigung notwendig
Zugang wechseln [1]. wird oder ein anderer Applikationsweg gewählt
werden muss.
Der wissenschaftliche Arbeitskreis Kinderanästhesie
der DGAI hat aufgrund des geringen damit verbunde- Ein grundsätzlicher Nachteil der intranasalen Ver-
nen Risikos eine Indikation auch für dringliche und abreichung von Medikamenten ist, dass bei Komplika-

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20 Analgesie und Narkose im Kindesalter

tionen oder Nebenwirkungen kein Zugangsweg für Ibuprofen ist stärker wirksam als Paracetamol, hat eine
deren Behandlung zur Verfügung steht. Die erreichte hohe therapeutische Breite und liegt in unterschied-
Schmerzfreiheit oder Sedierung sollte man daher nut- lichsten Zubereitungen vor – auch als sehr gut schme-
zen, um einen venösen Zugang zu legen. ckender und von den Kindern hervorragend akzeptier-
ter Saft. Dosierung s. Tab. 1.
Weitere Applikationswege. Mit weiteren alternativen
Verabreichungsformen von Analgetika oder Sedativa Ibuprofen ist erst ab dem 6. Lebensmonat zugelassen,
wie Bukkaltabletten, Lutschern oder der inhalativen aber in der Neonatologie seit Langem im Einsatz und
Verabreichung gibt es noch keine ausreichende Erfah- im Rahmen von Studien zur Therapie eines persistie-
rung, um daraus Empfehlungen für notfallmedizinische renden Ductus arteriosus Botalli sehr gut untersucht
Indikationen bei Kindern abzuleiten. [22]. Somit würde es sich bei einer Verwendung unter
6 Monaten zwar um einen „off label use“ handeln, dem
Schmerzwahrnehmung und Schmerzerfassung. jedoch eine breite und gut dokumentierte klinische
Kindern fehlt altersabhängig die Möglichkeit zur Erfahrung gegenübersteht. Die Verordnung bei Säug-
differenzierten Wahrnehmung und Mitteilung ihrer lingen unter 6 Monaten ist daher in begründeten Aus-
Beschwerden, wobei nachweislich auch bei kleinsten nahmen vertretbar.
Kindern eine bewusste Schmerzwahrnehmung statt-
findet [19]. Zur quantitativen Beurteilung von Schmer- Absolut kontraindiziert ist Ibuprofen bei Neugebo-
zen bei Säuglingen und Kleinkindern hat die KUSS- renen, die eine duktusabhängige Kreislaufsituation
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Skala (Kindliche Unbehagen- und Schmerz-Skala) die haben und bei denen daher ein Verschluss des
weiteste Verbreitung und wissenschaftliche Akzeptanz Ductus arteriosus mit dem Leben nicht zu verein-
erfahren. Ungefähr ab dem 5. Lebensjahr kann ein Kind baren ist.
nach Anleitung die Gesichterskala im Sinne einer mo-
difizierten visuellen Analogskala anwenden. Bei größe- Metamizol. Metamizol vermittelt seine Wirkung über
ren Kindern und Jugendlichen kann man die bei Er- eine Hemmung der Zyklooxygenase. Es besitzt die höchs-
wachsenen üblichen numerischen Ratingskalen te Potenz der peripheren Analgetika und wirkt stark
einsetzen. antipyretisch, jedoch nur schwach antiphlogistisch. Auf-
grund seiner spasmolytischen Eigenschaften ist es be-
sonders beim viszeralen Schmerz und Koliken geeignet.

Nichtopioid-Analgetika Vorsicht ist bei der Gabe von Metamizol bei


Allergie- oder Asthmaanamnese oder instabilem
Paracetamol. Nach rektaler Gabe wird die maximale Kreislauf geboten.
analgetische Wirkung nach 2 –3 h erreicht, nach i. v.
Gabe nach 1 –2 h. Aufgrund der geringen Wirksamkeit, Aufgrund seiner blutdrucksenkenden Eigenschaft sollte
der langen Anschlagzeit und den möglichen Neben- man Metamizol über mindestens 15 min und unter
wirkungen ist Paracetamol kaum sinnvoll zur Analgesie Blutdrucküberwachung verabreichen. Dosierung
im Rettungsdienst. s. Tab. 1.

Azetylsalizylsäure. ASS ist aufgrund der Gefahr des Auch wenn eine Agranulozytose durch Metamizol ein
Reye-Syndroms bis zum Alter von 6 Jahren nicht zuge- extrem seltenes Ereignis ist, sind genaue Daten dazu
lassen und sollte auch bei älteren Kindern nur unter bisher nicht bekannt [23, 24]. Bei einer epidemiologi-
strenger Indikationsstellung verabreicht werden. schen Untersuchung trat eine Agranulozytose in einem
von 1439 Fällen auf [25], wobei eine deutliche Über-
Ibuprofen. Diese Substanz verursacht keine relevante schätzung diskutiert wird. Dennoch ist der Stellenwert
Veränderungen der Blutungsneigung [20, 21]. Magen- der genannten Probleme mit Metamizol nicht eindeu-
schleimhautschäden sind bei einer Anwendung bis zu tig zu beurteilen, was 2009 zu einer Warnmeldung des
einer Woche sehr unwahrscheinlich. Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte
(BfArM) geführt hat [26]. Auch die Arzneimittelkom-
Eine Nierenschädigung ist bei vorgeschädigten mission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) hat 2011 er-
Nieren oder einer Exsikkose möglich – daher ist neut bekräftigt, dass die vom BfArM formulierten Re-
Ibuprofen bei nierenkranken und/oder exsikkierten geln bei der Verabreichung von Metamizol zu beachten
Kindern kontraindiziert. sind (Infobox 4) [24].

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Allgemeine Prinzipien der Notfallmedizin 21

Infobox 4 Tabelle 1

Voraussetzungen für die Verordnung von Metamizol Dosierungsempfehlungen für Nichtopioid-Analgetika.

(gemäß BfArM und AkdÄ)


Wirkstoff, Applikationsform Dosis, Dosierungsintervall
■ Gabe über mindestens 15 min unter Kreislauf-
überwachung Ibuprofen (z. B. Nurofen, Dolormin)
■ Verordnung nur bei starken Schmerzen rektal, oral:
■ Verordnung bei Fieber nur, wenn andere Medika-
■ Säuglinge, Kleinkinder, Kinder ■ 7 –10 mg/kgKG
mente nicht helfen
■ ggf. Wiederholung nach 4 –6 h
■ nach längerfristiger Einnahme Blutbildkontrolle
■ Tageshöchstdosis: 30 mg/kgKG/d
■ Aufklärung über das Risiko der Agranulozytose und
■ ab 15. Lebensjahr ■ 7 –10 mg/kgKG
deren klinische Warnzeichen
■ ggf. Wiederholung nach 12 h
■ Tageshöchstdosis: 40 mg/kgKG/d (max. 2,4 g)

Metamizol (z. B. Novalgin)


Davon unabhängig besitzt Metamizol eine gute kli-
i. v., oral:
nische Wirkung und es liegen breite Erfahrungen auch
bei der Verwendung bei Kindern vor, sodass gegen die ■ ab 3 Monaten, Einzelgaben ■ 15 –20 mg/kgKG
Warnungen der BfArM wiederholt vehement protes- ■ ggf. Wiederholung nach 4 –6 h
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tiert wurde [27]. Metamizol bietet v. a. aufgrund seiner ■ Tageshöchstdosis: 60 –75 mg/kgKG/d (max. 5 g)
deutlich stärkeren Wirkung einen erheblichen Vorteil ■ kontinuierlich ■ 2,5 –3 mg/kgKG/h
gegenüber allen anderen NSAID. Es kann daher unter
Beachtung der zugelassenen Indikationen und nach Esketamin (z. B. Ketanest S, Ampullen mit 5 mg/ml und 25 mg/ml)
dokumentierter Risikoaufklärung bei starken Schmer- Analgesie:
zen und therapieresistentem Fieber durchaus empfoh-
■ rektal ■ 10 mg/kgKG
len werden.
■ i. m. ■ 2 –3 mg/kgKG
■ i. v. ■ 0,25 –0,5 mg/kgKG
Ketamin. Ketamin ist ein Zyklohexanonderivat, das
■ intranasal mit Zerstäuber ■ 0,5 –1 mg/kgKG
antagonistisch am NMDA‑Rezeptor wirkt und ein
potentes Analgetikum und Sedativum ist. Mit dem Narkose:
Substanznamen „Ketamin“ wird eine Mischung beider ■ i. m. ■ 5 –10 mg/kgKG
Enantiomere bezeichnet. Unter der Bezeichnung ■ i. v. ■ 1 –2 mg/kgKG
„Esketamin“ versteht man das reine S‑Enantiomer,
welches für die klinische Wirkung verantwortlich ist. Ketamin (z. B. Ketamin, Ampullen mit 10 mg/ml und 50 mg/ml)

Analgesie:
Die Plasmahalbwertszeit liegt bei 2 –4 h, das Wir-
■ rektal ■ 15 –20 mg/kgKG
kungsende kommt v. a. durch eine Umverteilung zu-
■ i. m. ■ 4 –6 mg/kgKG
stande. Die Wirkung tritt bei i. v. Gabe innerhalb von
■ i. v. ■ 0,5 –1 mg/kgKG
30 s ein, nach i. m. Gabe innerhalb von 3 –5 min-typi-
■ intranasal mit Zerstäuber ■ 1 –2 mg/kgKG
scherweise an einem spontanen Nystagmus zu erken-
nen. Narkose:

■ i. m. ■ 10 –20 mg/kgKG
Ketamin hat eine ausgeprägte analgetische Wirkung ■ i. v. ■ 2 –4 mg/kgKG
ohne nennenswerte Kreislaufdepression, v. a. aufgrund
der Freisetzung endogener Katecholamine. Bei analge-
tischer Dosierung und langsamer Applikation kommt
es auch zu keiner Atemdepression. Ketamin führt aber Im Rettungsdienst sind sowohl Ketamin als auch Eske-
häufig zu einer Hypersalivation und kann eine Brady- tamin in Gebrauch. Für eine vergleichbare Wirkung ist
kardie auslösen – beide Nebenwirkungen sind mit von Ketamin die doppelte Dosis im Vergleich zum
Parasympathikolytika meist gut zu beherrschen. Als Esketamin notwendig. Bei intranasaler Verabreichung
Kontraindikationen gelten Herzinsuffizienz, Hyper- muss man aufgrund der Bioverfügbarkeit von 50% die
tonie, erhöhter Hirndruck, Augenverletzungen und doppelte der jeweils üblichen i. v. Dosis verabreichen
Glaukom. (Tab. 1).

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22 Analgesie und Narkose im Kindesalter

Ketamin und Esketamin sind in 2 unterschiedlichen Morphin. Der Wirkungseintritt ist bei Morphin lang-
Konzentrationen erhältlich, weswegen man vor samer als bei Piritramid. Morphin führt außerdem zu
jeder Verabreichung sorgfältig prüfen muss, dass einer Histaminfreisetzung. Seine Verwendung in der
Substanz und Konzentration korrekt sind. Pädiatrie bietet keine Vorteile gegenüber Piritramid
[30]. Dosierung s. Tab. 2.
Bisher konnte nicht eindeutig geklärt werden, ob Keta-
nest und/oder die verwendeten Konservierungsmittel Fentanyl. Synthetisches Opioid mit einer Wirkstärke,
neurotoxische Nebenwirkungen haben können [28], die der 125-fachen von Morphin entspricht. Aufgrund
weswegen man die intranasale Gabe bei Kindern noch dieser großen Potenz muss man es zur Analgesie unter
nicht pauschal empfehlen kann [4]. Dennoch stellt sie erhaltener Spontanatmung sehr vorsichtig titrieren.
in verzweifelten Lagen unter Abwägung von Alterna- Auch zur nasalen Applikation mit einem Zerstäuber ist
tiven eine mögliche Option dar. Fentanyl sehr gut geeignet. Eine Untersuchung verglich
bei Kindern mit schmerzhaften Frakturen Fentanyl
(1,7 µg/kgKG nasal) mit Morphin (0,1 mg/kgKG i. v.). Bei
vergleichbarer Analgesie setzte die Wirkung beim nasal
Opioide applizierten Fentanyl deutlich schneller ein [18]. Eine
Atemdepression wurde in dieser Untersuchung nicht
Piritramid. Bei Piritramid handelt es sich um einen beobachtet. Beim Gebrauch zur präklinischen Anal-
reinen Opioidagonist, der synthetisch hergestellt wird. gesie handelt es sich um eine nicht zugelassene An-
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Daher sind seltener Allergien als bei Morphin zu er- wendung. Dosierung s. Tab. 2.
warten. Es verursacht keine Histaminfreisetzung und
weniger Übelkeit als andere ähnlich potente Opioide.
Seine analgetische Potenz liegt bei 0,7, und die Wirk-
dauer beträgt bei nicht frühgeborenen Säuglingen
Sedativa und Narkotika
4 –6 h [29]. Piritramid ist das in Deutschland am
häufigsten verwendete Opioid zur postoperativen Thiopental. Thiopental ist ein Barbiturat, das seit Jahr-
Schmerztherapie. Bei Früh- und Neugeborenen ist wie zehnten in der pädiatrischen Anästhesie, Notfall- und
bei allen anderen Opioiden die Wirkdauer deutlich Intensivmedizin eingesetzt wird. Es wirkt agonistisch
verlängert. Dosierung s. Tab. 2. auf den GABA‑A‑Rezeptor und wird hepatisch elimi-
niert. Nach einer Initialdosis ist die Wirkzeit aufgrund
Tabelle 2 einer Umverteilung nur kurz. Barbiturate sind lipophil
Dosierungsempfehlungen für Opioide. und werden zu einem erheblichen Anteil protein-
gebunden. Sie können daher bei einem Ikterus die nicht
Wirkstoff, Applikationsform Dosis, Dosierungsintervall plasmaeiweißgebundene Fraktion des Bilirubins erhö-
hen und damit einen Kernikterus provozieren. Alle
Piritramid (z. B. Dipidolor)
Barbiturate senken den Hirndruck und können als Ne-
Analgesie (i. v.) 0,05 mg/kgKG benwirkung eine Atem- und Kreislaufdepression ver-
Narkose (i. v.) ■ Bolus: 0,1 –0,2 mg/kgKG ursachen – durch Vasodilatation und negative Inotro-
■ Wiederholungsdosis: 0,05 mg/kgKG pie besonders bei hypovolämischen Kindern. Weitere
mögliche Nebenwirkungen sind eine Histaminaus-
Morphin schüttung und ein Bronchospasmus. Relativ häufig be-
Analgesie (i. v.) 0,05 mg/kgKG obachtet man nach der Einleitung einen Schluckauf,
was besonders beim nicht relaxierten Patienten zu
Narkose (i. v.) ■ Bolus: 0,1 –0,2 mg/kgKG

Beatmungsproblemen führen kann. Dosierung s. Tab. 3.
Wiederholungsdosis: 0,05 mg/kgKG

Fentanyl (Ampullen mit 50 µg/ml) Da Thiopental stark alkalisch ist, kann es bei Para-
vasaten zu schweren Gewebeschäden kommen,
Analgesie:
weswegen man nur sichere venöse Zugänge zur
i. v. 0,25 –0,5 µg/kgKG
Applikation verwenden darf.
intranasal mit Zerstäuber 1,5 µg/kgKG (0,03 ml/kgKG)

Narkose (i. v.) ■ Bolus: 1 –2 µg/kgKG Bei einer Vermischung mit Säuren kommt es zum Aus-
■ Wiederholungsdosis: 0,5 –1 µg/kgKG flocken, was Zugänge und zentrale Katheter unbrauchbar
machen kann. Zugänge muss man daher vor und nach

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Allgemeine Prinzipien der Notfallmedizin 23

Thiopental immer gründlich mit physiologischer Koch- Tabelle 3


salzlösung spülen. Als Kontraindikationen gelten schwe-
Dosierungsempfehlungen für Sedativa und Narkotika.
re Herzinsuffizienz, Porphyrie, Ikterus und Asthma.

Wirkstoff, Applikationsform Dosis, Dosierungsintervall


Propofol. Wahrscheinlich wirkt Propofol wie auch
Thiopental über den GABA‑A‑Rezeptor mit einer Hem- Thiopental (z. B. Trapanal)
mung der Freisetzung der exzitatorischen Aminosäure Narkoseeinleitung (i. v.):
Glutamat. Darüber hinaus hemmt Propofol den Na- ■ Neugeborene ■ 3 –5 mg/kgKG
triumeinstrom in die Zelle über den Natriumkanal. ■ Säuglinge ■ 7 –10 mg/kgKG
■ Kleinkinder, Kinder ■ 5 –7 mg/kgKG
Da die Clearance bei Neugeborenen nur ein Drittel
derjenigen bei Erwachsenen beträgt, ist bei ihnen Propofol (z. B. Disoprivan)
eine längere Wirkdauer von Propofol möglich.
Sedierung (i. v.) 1 –2 mg/kgKG (4 –6 mg/kgKG/h)

Narkoseeinleitung (i. v.):


Bei einer Dosierung von 2 mg/kgKG zur Einleitung
■ Neugeborene ■ 1 –2 mg/kgKG
einer Sedierung tritt ohne zusätzliche zentral dämp-
■ Säuglinge ■ 3 –4 mg/kgKG
fende Substanzen meist kein Atemstillstand ein. An-
■ Kleinkinder, Kinder ■ 2 –3 mg/kgKG
fängliche Bewegungen als Reaktion auf Berührung –
besonders bei nicht prämedizierten Kindern – sind
Etomidat (z. B. Hypnomidat)
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subkortikaler Herkunft, da die Dämpfung zunächst nur
Narkoseeinleitung (i. v.) 0,2 –0,3 mg/kgKG
den Kortex betrifft [31]. Erst nach wenigen Minuten
werden auch subkortikale Strukturen gedämpft.
Dosierung s. Tab. 3.

Propofol enthält Bestandteile von Sojaöl und Hühnerei die Nebennierenfunktion sowie auf die Mortalität und
(Ovolecithin). Bei einer Sojaallergie sollte man es daher Morbidität [33], sodass auch in diesen Fällen von Eto-
nicht verwenden. Eine Hühnereiallergie beruht midat abzuraten ist.
dagegen auf Reaktionen gegen Eiweiße und ist daher
keine Kontraindikation. Propofol wirkt vagusstimulie- Der Einsatz von Etomidat bedarf daher immer einer
rend und führt zu einem Injektionsschmerz. Bei der gründlichen Abwägung und einer eindeutigen Indi-
Narkoseeinleitung bei Frühgeborenen kam eine erheb- kation.
liche Kreislaufsuppression schon bei einer Dosierung
von 1 mg/kgKG vor, sodass diese Anwendungsbeob-
achtung vorzeitig abgebrochen wurde [32]. Zugelassen
ist die Substanz zur Sedierung und Narkose erst ab
Muskelrelaxanzien
einem Alter von über einem Monat.
Succinylcholin. Succinylcholin ist das einzige heute noch
Neben einer Sojaallergie sind auch mitochondriale verwendete depolarisierende Muskelrelaxans und sollte
Stoffwechselerkrankungen eine Kontraindikation Ausnahmesituationen vorbehalten bleiben, in denen eine
gegen Propofol. sofortige Relaxierung erforderlich ist (Dosierung [Link]. 4).
Insbesondere bei Kindern mit schweren Verbrennungen,
Etomidat. Etomidat wirkt sehr schnell und zeigt kaum Lähmungen, Weichteiltraumen, Kompartment-Syndrom,
kardiozirkulatorische Nebenwirkungen. Daher wurde Sepsis sowie neuromuskulären Erkrankungen kann es zu
es typischerweise zur Einleitung bei Patienten mit ein- einer lebensbedrohlichen Kaliumausschüttung und
geschränkter kardialer Leistungsfähigkeit verwendet Herzrhythmusstörungen kommen. Weitere Kontra-
(Dosierung s. Tab. 3). Der Injektionsschmerz ist ver- indikationen bestehen bei Disposition zu maligner
gleichbar mit dem vom Propofol. Etomidat supprimiert Hyperthermie und Cholinesterasemangel.
die Nebennierenrinde und vermindert den Kortisol-
spiegel für ca. 72 h. Besonders bei kritisch kranken Vecuronium. Vecuronium wird in der Pädiatrie oft be-
Kindern und bei septischem Schock ist es daher unge- vorzugt, weil es die geringsten vegetativen Nebenwir-
eignet. Beim hämorrhagischen Schock wurde bei fast kungen hat und keine relevante Histaminausschüttung
allen Kindern eine Nebennierenrindeninsuffizienz be- verursacht. Im Rettungsdienst ist es noch aus einem
obachtet – vermutet wird ein erheblicher Einfluss auf anderen Grund beliebt, denn es liegt in Pulverform vor

Notfallmedizin up2date 7 ⎢ 2012


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24 Analgesie und Narkose im Kindesalter

Tabelle 4 diese Substanz präklinisch meist nicht vorgehalten


wird. Dadurch erfährt Rocuronium eine zusätzliche
Dosierungsempfehlungen für Muskelrelaxanzien.
Indikation, nämlich bei der Versorgung von Kindern
mit schwierigem Atemweg. Aufgrund der sehr sauren
Wirkstoff, Applikationsform Dosis, Dosierungsintervall
Lösung verursacht es bei einer Injektion in eine kleine
Succinylcholin (z. B. Lysthenon intravenös) Vene bei nicht ausreichender Narkosetiefe erhebliche
■ Säuglinge ■ 2 –3 mg/kgKG Schmerzen.
■ Kleinkinder, Kinder ■ 1,5 –2 mg/kgKG
Rocuronium darf man keinesfalls mit alkalischen
Vecuronium (z. B. Norcuron intravenös) Lösungen mischen (z. B. Barbiturate).
■ Säuglinge ■ 0,15 –0,2 mg/kgKG
■ Kleinkinder, Kinder ■ 0,1 mg/kgKG Typische Nebenwirkung ist eine Erhöhung der Herzfre-
quenz, insbesondere bei höherer Dosis. Eine Histamin-
Rocuronium (Esmeron intravenös) ausschüttung kommt vor.
■ Neugeborene ■ 0,3 mg/kgKG
■ Säuglinge, Kleinkinder ■ 0,5 mg/kgKG
■ zur schnellen Narkoseeinleitung ■ 1 –1,2 mg/kgKG
Benzodiazepine
Sonderdruck für private Zwecke des Autors

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Diazepam. Diazepam erreicht 30 –90 min nach oraler
Tabelle 5 Gabe seinen maximalen Plasmaspiegel und hat eine
Dosierungsempfehlungen für Benzodiazepine [4]. Plasmahalbwertszeit von 20 –80 min (bei Neugebore-
nen bis 100 min). Die i. m. Injektion ist schmerzhaft und
Wirkstoff, Applikationsform Dosis, Dosierungsintervall zeigt eine sehr individuelle Pharmakokinetik mit einem
Plasmaspiegel, der nur 60% dessen nach oraler Gabe
Diazepam (Valium)
entspricht. Daher ist eine i. m. Injektion nicht zu emp-
Sedierung: fehlen [4]. Geeignete Applikationswege und Dosierun-
■ rektal ■ 0,3 –1,0 mg/kgKG gen sind in Tab. 5 zusammengestellt.
■ oral ■ 0,2 –0,3 mg/kgKG
■ i. v. ■ 0,1 –0,2 mg/kgKG Midazolam. Midazolam ist das am weitesten verbrei-
tete Benzodiazepin in der pädiatrischen Anästhesie
Midazolam (Dormicum) und Intensivmedizin. Seine Plasmahalbwertszeit be-
Sedierung: trägt altersabhängig 1,4 –6,4 h. Nach oraler oder rek-
■ rektal ■ 0,75 –1,0 mg/kgKG taler Gabe ist mit einer maximalen Wirkung nach 10 –
■ oral ■ 0,3 –0,5 mg/kgKG 30 min zu rechnen. Nach intranasaler Gabe erreicht die
■ i. v. ■ 0,05 –0,1 mg/kgKG Wirkung nach 10 –15 min ein Maximum, wobei die
■ intranasal ■ 0,1 –0,2 mg/kgKG
Applikation schmerzhaft ist und einen bitteren Ge-
schmack für mehrere Tage verursachen kann [34]. Nach
Narkoseeinleitung:
einer i. v. Bolusgabe tritt die klinische Wirkspitze nach
■ i. v. ■ 0,1 –0,2 mg/kgKG 4,8 min ein, weswegen man bei der Titrierung der Dosis
oder bei der Narkoseeinleitung diese Frist abwarten
muss [35]. Bei höheren Dosierungen und v. a. in Kom-
und ist dadurch unproblematisch zu lagern. Die An- bination mit Opioiden ist mit einer Atemdepression zu
schlagzeit beträgt 2 –3 min, die Wirkdauer ca. 30 min. rechnen. Dosierung s. Tab. 5.
Dosierung s. Tab. 4.
Bei Kindern mit Obstruktionen der oberen Atemwege
Rocuronium. Das derzeit am schnellsten wirkende oder einer eingeschränkten Muskelarbeit (z. B. Prader-
nicht depolarisierende Muskelrelaxans ist Rocuronium. Willi-Syndrom) besteht auch in regulären Dosierungen
Dadurch ist es das Mittel der Wahl für eine schnelle ohne weitere Medikamente die Gefahr einer Atemde-
Narkoseeinleitung („rapid sequence induction“, Tab. 4). pression, daher ist hier zwingend eine Überwachung
Eine weitere Besonderheit ist, dass es einen Antagonis- erforderlich. Paradoxe Reaktionen im Sinne von Agita-
ten gibt, der die Wirkung sehr schnell und zuverlässig tionszuständen sind mit Flumazenil (Anexate) termi-
vollständig aufhebt (Sugammadex, z. B. Bridion), wobei nierbar [36].

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Allgemeine Prinzipien der Notfallmedizin 25

Kreislaufinstabiles Kind zur Narkose/Intubation:


Analgesie oder Narkoseführung
■ Fentanyl i. v. 2 µg/kgKG, dann Esketamin i. v. 1 –2 mg/
in typischen Situationen kgKG
■ ggf. Relaxierung mit Vecuronium i. v. 0,2 mg/kgKG
Es kann für identische präklinische Situationen ver- (ggf. auch Rocuronium)
schiedene vernünftige Wege geben, die Patienten ad-
äquat und sicher zu versorgen. Eine Entscheidung für
eine der möglichen Methoden darf und sollte auch
nach persönlichen Erfahrungen oder Vorlieben getrof-
fen werden. Die folgenden stichwortartigen Vorschläge Kernaussagen
sollen ein mögliches Grundkonzept für typische prä-
Analgesie und Narkose bei präklinischen Notfällen im Kindesalter sind eine
klinische Situationen aufzählen. Der verordnende Arzt
besondere Herausforderung für den Rettungsdienst. Grund dafür ist v. a. die
muss dieses Konzept in jedem Einzelfall auf Kontra-
erforderliche Kenntnis über altersspezifische Kontraindikationen und Dosie-
indikationen und patientenspezifische Besonderheiten
rungen der Medikamente. Man muss eine individuelle, gewichtsbezogene
überprüfen.
Dosis korrekt berechnen. Hierzu stehen Hilfsmittel zur Verfügung, die bekannt
sein und genutzt werden sollten.
Analgesie beim „tapferen“, gut führbaren Kleinkind mit
erheblichen Schmerzen (Fraktur, Verbrühung):
■ Dipidolor i. v. in Schritten von 0,05 mg/kgKG alle
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2 min bis Schmerzfreiheit
■ Fentanyl intranasal 1,5 µg/kgKG mit einem Zerstäuber

Analgesie beim sehr wehrigen Kind mit erheblichen


Schmerzen:
■ Fentanyl intranasal 1,5 µg/kgKG mit einem Zer-
stäuber
■ Esketamin i. m. 2 –3 mg/kgKG, nach Wirkungseintritt
i. v. Zugang legen

Sedierung beim sehr wehrigen Kind mit Exsikkose oder


schwerer Infektion (drohendes Kreislaufversagen),
daher Sedierung und Volumentherapie dringend not-
wendig:
■ Esketamin i. m. 2 –3 mg/kg, nach Wirkungseintritt
i. v. oder intraossären Zugang legen

Analgosedierung bei starken Schmerzen:


■ Midazolam i. v. 0,05 mg/kgKG, nach 3 –4 min
Esketamin i. v. 0,5 mg/kgKG

Narkose/Intubation beim nicht nüchternen Kind


(schnelle Einleitung):
■ Fentanyl i. v. 2 µg/kgKG, dann altersabhängig Thio-
pental i. v. 3 –5 mg/kgKG oder Propofol 1 –3 mg/kgKG
■ Relaxierung mit Esmeron i. v. 1,0 –1,2 mg/kgKG,
intermittierende zarte Maskenbeatmung unter Ab-
saugbereitschaft, dann Intubation

Narkose/Intubation beim kreislaufstabilen, nüchternen


Kind:
■ Fentanyl i. v. 2 µg/kgKG, dann Propofol 2 –3 mg/kgKG
■ Maskenbeatmung und ggf. Relaxierung mit Vecuro-
nium 0,2 mg/kgKG

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26 Analgesie und Narkose im Kindesalter

Über die Autoren Frank Wappler

Prof. Dr. med. Ausbildung zum Facharzt


Jost Kaufmann für Anästhesie und Habilitation am Kli-
nikum Hamburg-Eppendorf. Direktor
Dr. med. Ausbildung zum Facharzt für der Klinik für Anästhesiologie und ope-
Anästhesie und für Kinder- und Jugend- rative Intensivmedizin am Klinikum der
medizin an der Universitätsklinik Köln. Universität Witten/Herdecke sowie
Seit 2009 in der Kinderanästhesie am Chefarzt der Abteilung für Kinderanäs-
Kinderkrankenhaus der Stadt Köln. Seit thesie am Kinderkrankenhaus Amster-
2010 Oberarzt. Seit 2001 nebenberuf- damer Straße in Köln. Präsidiumsmitglied der Deutschen
liche Tätigkeit als bodengebundener Akademie für Anästhesiologische Fortbildung (DAAF), Mit-
Notarzt und auf dem Intensivtransport- glied der Leitlinien-Kommission der Deutschen Gesellschaft
und Rettungshubschrauber Christoph Rheinland im Auftrag für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) sowie Dele-
der Berufsfeuerwehr der Stadt Köln. Forschungs- und Inte- gierter der DGAI bei der Arbeitsgemeinschaft der Wissen-
ressenschwerpunkte: pädiatrische Notfallmedizin, Anästhe- schaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF).
sie und Endoskopie. Studien zu Medikamentensicherheit bei Mitglied des Subkomitees Patientensicherheit der European
pädiatrischen Notfällen und zum pädiatrischen Atemweg. Society of Anaesthesiology (ESA).
Entwickler des „pädiatrischen Notfalllineals“.

Korrespondenzadresse
Sonderdruck für private Zwecke des Autors

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Dr. Jost Kaufmann
Michael Laschat Abteilung Kinderanästhesie
Kinderkrankenhaus
Dr. med. Ausbildung zum Facharzt für Kliniken der Stadt Köln gGmbH
Anästhesie am Klinikum Traunstein. Seit Amsterdamer Straße 59
1993 in der Kinderanästhesie am Kin- 50735 Köln
derkrankenhaus der Stadt Köln. Seit Telefon: 02 21/89 07-1 51 99
2005 Leitender Oberarzt und Leiter des Fax: 02 21/89 07-54 94
Bereichs Endoskopie der Abteilung für E-Mail: kaufmannj@[Link]
Kinderanästhesie am Kinderkranken-
haus Amsterdamer Straße. Tätigkeits-
schwerpunkt: endoskopische Diagnostik und Therapie der
Atemwege und des Ösophagus. Studie zum schwierigen
Atemweg bei Kindern.

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Allgemeine Prinzipien der Notfallmedizin 27

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Notfallmedizin up2date 7 ⎢ 2012


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28 Analgesie und Narkose im Kindesalter

CME‑Fragen

1
Welche Aussage zu den Grundregeln A Man sollte immer individuell gewichtsbezogen dosieren.
der präklinischen Analgesie und B Es gibt altersabhängig Unterschiede bei der empfohlenen Dosis.
Sedierung bei Kindern ist falsch? C Es bestehen altersgruppenabhängige Kontraindikationen.
D In der pädiatrischen Notfallmedizin ist die rektale Gabe von Medikamenten zu bevorzugen.
E Wann immer möglich, sollte man eine Medikation titrierend verabreichen.

2
Was muss man bei der Sedierung A Säuglinge brauchen meist eine geringere Dosierung pro Kilogramm Körpergewicht als
von Säuglingen beachten? Erwachsene.
B Eine Beeinflussung von Atmung oder Kreislauf kommt bei Säuglingen kaum vor.
C Bei Frühgeborenen kommt es nach einer Initialdosis von Sedativa zu einem ausgeprägten
Wirkungsverlust durch Umverteilung.
D Die Gefahr von Medikamentenfehldosierungen ist bei Säuglingen größer als bei Erwachsenen.
E Bei Kindern ist eine intraossäre Nadel aufgrund der noch fehlenden Vaskularisierung des
Knochenmarks nicht möglich.

3
Welche Aussage zur intranasalen A Die Bioverfügbarkeit der meisten Medikamente ist nach intranasaler Gabe ähnlich wie nach
Verabreichung von Medikamenten i. v. Gabe.
mit einem Zerstäuber ist falsch? B Die Medikamente kann man mit jeder normalen Spritze in die Nase einbringen.
C Intranasal verabreichtes Fentanyl wirkt evtl. schneller als i. v. verabreichtes Morphin.
D Nach dem Wirkungseintritt der intranasalen Verabreichung sollte man einen Venenzugang legen.
E Sekrete in der Nase stören die Resorption intranasal verabreichter Medikamente.

4
Welche Aussagen zur Schmerz- A Kleinkinder können in der Regel den Schmerz genau lokalisieren und beschreiben.
wahrnehmung und -äußerung B Kleinkinder empfinden noch keine Schmerzen.
von Kindern ist richtig? C Man kann Schmerzen bei Kindern nicht messen.
D Ungefähr ab dem 5. Lebensjahr können Kinder eine modifizierte visuelle Analogskala
(Gesichterskala) zur Quantifizierung der Schmerzen verwenden.
E Numerische Ratingskalen (NRS) kann man erst bei Erwachsenen verwenden.

5
Welche Aussage zu Nichtopioid- A Paracetamol ist in den meisten Situationen als Notfall-Analgetikum ungeeignet.
Analgetika ist falsch? B Ibuprofen erhöht die Gefahr von Blutungen nicht.
C Metamizol kann einen erheblichen Blutdruckabfall verursachen.
D Die Verabreichung von Metamizol bedarf keiner Aufklärung des Patienten/der Sorgeberechtigten.
E Ketanest ist ein potentes Analgetikum und Sedativum.

CME
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7/2012 | Notfallmedizin up2date 29

CME‑Fragen Analgesie und Narkose im Kindesalter

6
Welche Aussage zur Verwendung A Es gibt 2 Enantiomere von Ketamin, wobei beide gleich wirksam sind.
von Ketamin ist richtig? B Der Wirkungseintritt von Ketamin ist unabhängig von der Art der Verabreichung.
C Eine intranasale Gabe von Ketamin ist unproblematisch möglich.
D Meist tritt mit dem Beginn der Sedierung durch Ketamin ein typischer, spontaner Nystagmus auf.
E Esketamin wird in einer einheitlichen Konzentration im Handel angeboten.

7
Welche Aussage zu Opioidanalgetika A Bei Piritramid ist nicht mit einer wesentlichen Histaminfreisetzung zu rechnen.
ist falsch? B Morphin hat gegenüber anderen Opioiden keine Vorteile in der Pädiatrie.
C Fentanyl ist zur intranasalen Applikation ungeeignet.
D Die Wirkdauer der meisten Opioide ist bei Neugeborenen und Säuglingen erheblich verlängert.
E Nach der Verabreichung von Opioiden ist eine Überwachung von Vitalparametern erforderlich.

8
Welche Aussage zu den A Barbiturate binden Bilirubin und sind daher beim Neugeborenenikterus besonders günstig.
Eigenschaften von Sedativa B Wenn es bei der Verabreichung von Barbituraten zu einem Paravasat kommt, sind keine Gewe-
und Narkotika ist richtig? beschäden zu erwarten.
C Propofol ist in jeder Altersstufe in einer Dosierung von 4 mg/kgKG unproblematisch einsetzbar.
D Propofol dämpft zunächst isoliert den Hirnstamm, erst nach wenigen Minuten auch den Kortex.
E Etomidat kann nach einmaliger Gabe zu einer klinisch bedeutsamen Nebennierenrinden-
insuffizienz führen.

9
Welche Aussage zu A Succinylcholin sollte bei der Versorgung von Kindern Ausnahmen vorbehalten bleiben.
Muskelrelaxanzien ist falsch? B Mit der Gabe von Succinylcholin kann es zu erheblichen kardialen Rhythmusstörungen kommen.
C Vecuronium zeigt ein ausgeprägtes vegetatives Nebenwirkungsprofil.
D Die Wirkung von Rocuronium kann man mit Sugammadex innerhalb kürzester Zeit aufheben.
E Die Injektionslösung von Rocuronium ist stark sauer.

10
Welche Aussage zur Rolle des A Altersbezogene Schätzformeln sind im Vergleich zu anderen Methoden am präzisesten.
Körpergewichts bei der notfall- B Bei adipösen Kindern ist die längenbezogene Schätzung des Idealgewichts besonders nachteilig.
medizinischen Medikamenten- C Wenn immer möglich, sollte man zuverlässige Eltern nach dem Gewicht des Kindes fragen.
versorgung von Kindern ist richtig? D Es ist unnötig, das geschätzte Gewicht des Kindes im Notarzteinsatzprotokoll zu dokumentieren,
da das Kind in der Klinik gewogen wird.
E Bei adipösen Kindern ist die Gewichtsschätzung zu unzuverlässig, man gibt daher grundsätzlich
die Hälfte der Erwachsenendosis.

CME

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