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Neuere deutsche Literatur II. - 10.10.

2024

1. Zum Gegenstandsbereich der Neueren Deutschen Literatur


• „Neuere deutsche Literatur“: Literatur nach der „Älteren deutschen
Literatur“
• Grenzziehung zwischen den beiden Epochen unklar:
• Ende mittelhochdeutsche/frühneuhochdeutsche Sprachphase:
Mitte/Ende 14. Jahrhundert
• Erfindung des Buchdrucks (Gutenberg, 1450er Jahre):
Medienrevolution mit vergleichbaren Auswirkungen wie die
Digitalisierung heute
• Luthers Bibelübersetzung (1522, 1534): Erneuerung der deutschen
Sprache und Literatur
• Auch ältere Werke, wie Gryphius' Sonette (Dreißigjähriger Krieg, 17.
Jh.), zählen zur Neueren deutschen Literatur
• Beschäftigung mit Gegenwartsliteratur an Universitäten begann erst in
den 1970er Jahren
• Jochen Vogt: Seminare über Kafka waren in den 1960er Jahren noch
selten; Examensarbeiten über Brecht fast unmöglich

2. Was heißt „neuere“ Literatur?


• "Deutsche" Literatur bedeutet eigentlich "deutschsprachige" Literatur
und umfasst Werke aus verschiedenen Ländern, nicht nur aus
Deutschland.
• Beispiele berühmter Autoren:
Arthur Schnitzler (Wiener Moderne, in Wien geboren und gestorben)
Rainer Maria Rilke (geboren in Prag, lebte in vielen europäischen Städten)
Peter Handke (wuchs in Kärnten auf, hat slowenischsprachige Wurzeln)

Unterschiedliche historische Kontexte in Österreich und Deutschland:


• Ein "großes deutsches Reich" war für österreichische Autor*innen
irrelevant, da sie bereits in der Habsburgermonarchie lebten.
• 1938 war für Österreich ein einschneidendes Jahr (Anschluss an
Hitlerdeutschland), während es in der deutschen Literaturgeschichte
keine besondere Bedeutung hat.
• Viele jüdische, kommunistische, sozialdemokratische, antifaschistische
Autor*innen mussten fliehen (z.B. Jura Soyfer, Hermann Broch).

3. Warum „deutsche“ Literatur?

Notwendigkeit der Differenzierung:


• Österreichische, Schweizer, DDR-Literatur und die Literatur
deutschsprachiger Minderheiten (z.B. Herta Müller, geboren im
rumänischen Banat) gehören zur "deutschsprachigen Literatur".
• Schweizer Literatur wird in mindestens vier Sprachen verfasst.
• Slowenischsprachige Werke, z.B. von Maja Haderlap und Florjan Lipuš,
zählen zur österreichischen Literatur.

Frage nach nationalen Zuordnungen in einer globalisierten Welt:


- Autor*innen wie Julya Rabinowich, Dimitré Dinev oder Vladimir Vertlib
wurden nicht in Österreich geboren, haben Deutsch nicht als Erstsprache,
prägen aber die österreichische Literatur.

Die Frage ist: Was ist Literatur?

2. új szakasz – 1. lap
Die Frage ist: Was ist Literatur?
Im Fachbereich der Literaturwissenschaft besteht die erste Herausforderung
oder das Vergnügen darin, sich den Forschungsgegenstand durch Lesen zu
erschließen.

Ernst Jandl: schtzngrmm (1957)


- Als der Text erschien, galt er nicht als Gegenstand der
Literaturwissenschaft.
• Skandalöser Text: Keine Reime, keine klaren Wörter oder Sätze
• Konzentration auf Rhythmus und Verdichtung.
• Lautes Lesen entfaltet die volle Wirkung; Jandl nannte seine Werke
„Sprechgedichte“.
• Zerstörungskraft des Krieges: Vokale fehlen, die Sprache wird
beschädigt, das Rattern von Maschinengewehren wird lautmalerisch
dargestellt.
• Heute ist die „Konkrete Poesie“ ein wichtiger Forschungsgegenstand,
schließt an historische Avantgarde und Dadaismus an.

Christian Morgenstern: Fisches Nachtgesang (1905)


• Keine sprachlichen Zeichen, sondern nur Grundformen von Schrift
(Bögen und Geraden).
• Visuelles Gedicht ohne Text, passend zur Stummheit von Fischen.
• Testet die Grenzen dessen, was Literatur sein kann.

Kristina Bach: Atemlos durch die Nacht (2013)


• Berühmt durch Helene Fischer.
• Enthält Endreime, Strophen, Refrain, Metaphern und Vergleiche, aber
eher Phrasen und Klischees.
• Unterhaltungsliteratur, die auch in der Literaturwissenschaft analysiert
werden kann (seit Ende der 1960er-Jahre).

4. Was ist Literatur?


- **Schrift als Voraussetzung**: Literatur erfordert schriftliche Fixierung;
mündliche Literatur wird als Oxymoron betrachtet. Vorschriftliche Zeiten
kennen „mündliche Dichtung“.

- **Weite Definition (1)**: Beinhaltet auch Ratgeber- und Fachliteratur,


wenig relevant für die Literaturwissenschaft.

- **Zirkelhafte Definition (2)**: Literatur wird definiert als das, was


Gegenstand der Literaturwissenschaft ist; abhängig von Perspektive und
Theorie.
- **Fiktionalität** als zentrales Kriterium: Literatur bezieht sich nicht direkt
auf die Wirklichkeit (z.B. Kafkas *Die Verwandlung*).
- Gegenbegriff: **Faktuale Literatur** (z.B. Zeitungsartikel,
Anklageschriften).

- **Poetizität**: Texte mit Kunstcharakter, geprägt von sprachlicher Dichte


und Komplexität, die über Alltagssprache hinausgehen.
- Der Begriff **Poesie** leitet sich vom Griechischen „poiesis“ (Dichten,
Verfertigen) ab.
- **Dichtkunst** und **Literarizität**: Konzepte, die durch Abweichung von
Alltagssprache charakterisiert sind (vgl. Viktor Šklovskijs „Entautomatisierung
der Wahrnehmung“).

- **Wertungsfrage**: Literarische Texte werden oft aufgrund ihres


**kulturellen Werts** diskutiert (z.B. Goethe wird als literarisch hochwertig

2. új szakasz – 2. lap
**kulturellen Werts** diskutiert (z.B. Goethe wird als literarisch hochwertig
betrachtet, Helene Fischer nicht).

- **Offener Begriff**: Literatur ist ein „offener Begriff“ (Simone Winko),


dessen Merkmale nicht endgültig festgelegt sind und sich historisch wandeln.

- **Historisierung**:
- Im **Barock** und früher galten feste Regeln für Dichtung (z.B. normative
Poetik).
- Heute ist die Definition von Literatur **flexibler**, abhängig von
historischen und theoretischen Perspektiven.

5. Historisierung: Was war wann Literatur?


Historische Veränderbarkeit der Kriterien für Literatur/Dichtung:
Im Barock und früher existierten klare Regeln, wie ein Text gestaltet sein
musste, um als Dichtung zu gelten.
Diese Regeln nennt man normative Poetik, die bereits bei Aristoteles und
Horaz beginnt.

Martin Opitz’ Buch von der Deutschen Poeterey (1624):


Opitz schuf Regeln, um die deutsche Dichtung neben der dominierenden
lateinischen und französischen Literatur zu etablieren.
Besonders wichtig: Ständeklausel.
Für Theatertexte wurde etwa die sogenannte Ständeklausel formuliert. Nur
Figuren von hohem gesellschaftlichen Rang dürfen Hauptfiguren sein.
Komödie: Figuren von niedrigem Rang dürfen vorkommen, z.B. Diener oder
Schurken.

Aufhebung der Ständeklausel


Gotthold Ephraim Lessings Emilia Galotti (1772): Die Titelheldin ist eine
Bürgerliche – ein Bruch mit der Ständeklausel.

Deskriptive Poetik in der Gegenwart:


- Anstelle von normativen Vorgaben wird heute beschrieben, welche
Formen von Literatur in der Literaturgeschichte vorkommen.
- Dennoch gibt es weiterhin Vorstellungen darüber, was als Literatur oder
„literarischer Text“ gilt – diese sind teils bewusst, teils unbewusst.

2. új szakasz – 3. lap
6. Kanon
- Bezeichnet eine Auswahl an Werken/Autor*innen, die als vorbildlich und
zeitlos gelten.
- Ursprünglich bezogen auf heilige Schriften, seit Ende des 18. Jahrhunderts
auf Literatur angewendet.
- Beispiel: Goethe, Schiller, Lessing** gehören zum Kanon der
deutschsprachigen Literatur.

Kanon als Selektionsprozess:


- Der Kanon entsteht nicht „natürlich“, sondern ist das Ergebnis eines
historischen Selektionsprozesses.
- Beispiel: Georg Büchner wurde erst nach seinem Tod (1837) als
bedeutender Autor entdeckt, vor allem durch die Naturalisten und
Expressionisten um 1900.

Kanon ist veränderlich:


- Autor*innen können in den Kanon aufgenommen werden oder daraus
verschwinden.
- Beispiel: Friedrich Rückert war im 19. Jahrhundert ein bekannter Lyriker,
heute weitgehend vergessen.

Kanonisierung konkretisiert sich:


- In Lehrplänen, Universitätskursen, Theaterspielplänen, lieferbaren Büchern
und in Literaturlexika.

In der jeweiligen Zusammensetzung von Kanones spiegeln sich


literaturexterne wie
literaturinterne Faktoren. So sind in der Forschung immer wieder
Ausschließungsmechanismen durch literaturexterne, also politisch-kulturelle
Faktoren im Prozess der Kanonisierung beschrieben worden, z.B.:

• Weibliche Autorschaft wurde oft weniger beachtet (z.B. Sophie


Mereau-Brentano, Bettine von Arnim).
• Politische Positionen: Kommunisten im Westen oder „dekadente
Literatur“ im Ostblock (z.B. Kommunisten im Westen oder ‚dekadente
Literatur‘ im Ostblock: Kafka);
• Zensur.

Literaturinterne Faktoren:
-Normative Poetiken: Texte, die nicht den Regeln entsprachen, wurden
weniger beachtet.
-Ästhetische Programme: Wer gegen Moden schreibt, hat geringere
Chancen zur Kanonisierung.
- Ausschluss bestimmter Genres: Dialektliteratur, Unterhaltungsliteratur,
Science-Fiction, Fan-Fiction.

Bevorzugte Gattungen:
- In der Antike: Tragödien als wichtigste Dichtungsform.
- Bis ins 19. Jahrhundert: Roman galt als minderwertige Gattung im Vergleich
zur Lyrik.
- Seit den 1960er-Jahren: Romane und Kurzgeschichten dominieren den
Literaturunterricht.

2. új szakasz – 4. lap

Common questions

Auf Basis von KI

"Entautomatisierung der Wahrnehmung," or "defamiliarization of perception," refers to the artistic process of presenting familiar things in an unfamiliar or strange way to enhance perception. This concept applies to contemporary poetry, which often aims to disrupt common linguistic conventions and expectations by employing complex language and artistic innovation, much like the aims of "Konkrete Poesie" discussed in the document , where rhythm and visual elements deviate from traditional forms to deepen engagement with the text .

The document discusses how perspectives on valuable literature are historically and culturally contingent. Traditional criteria often favored canonical authors like Goethe, Schiller, and Lessing due to their perceived cultural and aesthetic value. However, this valuation has evolved to include varied genres and media, reflecting broader cultural narratives. The inclusion of popular and entertainment literature, like Kristina Bach's works, into literary studies showcases ongoing shifts towards a more inclusive appreciation of diverse narrative forms .

During the Baroque period, Martin Opitz’s normative poetics were instrumental in setting formal standards for German literature, which sought to elevate German works to the level of Latin and French literature. His rules dictated structural and thematic qualities, such as the "Ständeklausel," which restricted main characters in tragedies to high-ranking individuals. This imposed formality both guided and limited creative expression, showcasing literature as a dynamic reflection of its societal norms .

National identity significantly influences the boundaries of 'deutschsprachige Literatur,' encompassing works from German-speaking countries as well as diaspora writers. It highlights the historical fluidity and geopolitical variations, as seen with Austrian authors during the Habsburg era who shared a linguistic bond with Germany but experienced distinct historical realities. The narrative of national identity intertwines with literary contributions from diverse backgrounds, demonstrating how literature can reflect and extend beyond national borders .

The invention of the printing press by Gutenberg in the 1450s revolutionized the dissemination of literature, comparable in impact to the digital revolution today. It marked a shift in how literature was produced and consumed, facilitating wider access to texts and contributing to significant cultural and linguistic developments, such as Luther's Bible translation, which played a crucial role in shaping the modern German language .

Poetical language distinguishes literary texts from factual literature through its emphasis on artistic expression and complexity beyond everyday language. Literature employs devices like metaphors and dense narrative structures to evoke imagination, creativity, and emotional depth, challenging readers to engage with the world experientially, as opposed to factual literature that conveys information directly and literally .

The classification issue highlights the inclusivity and complexity within "Neue Deutsche Literatur," acknowledging works from various German-speaking countries like Austria and Switzerland, as well as from German-speaking minorities. Despite Germany's political and historical significance, authors like Arthur Schnitzler and Rainer Maria Rilke from Austria, or Swiss authors writing in multiple languages, contribute to the rich tapestry of "deutschsprachige Literatur" . Moreover, authors from diverse backgrounds, such as those with Slavic roots like Peter Handke, further demonstrate the intersectionality and fluid borders within this literary classification .

Lessing's 'Emilia Galotti' marked a pivotal shift in German literary tradition by challenging the 'Ständeklausel'—a rule that confined high-born individuals to the protagonist roles in tragedies. By elevating a bourgeois character to the main role, Lessing demonstrated the capacity for literature to reflect and instigate social change, paving the way for more inclusive narratives that broke from rigid conventions of class hierarchy in literature .

"Konkrete Poesie" challenges traditional literature by redefining linguistic constructs and focusing on visual and auditory stimuli over textual coherence. Works like Ernst Jandl's emphasize sound, form, and reader interaction over conventional narratives, mirroring avant-garde movements such as Dada. This approach questions and expands the definition of literature by encouraging interpretation beyond mere verbal semantics to include experiential and emotional responses .

The literary canon has been historically exclusive due to various literature-external and -internal factors. Exclusion often stemmed from societal biases, such as gender (female authors historically overlooked) and political ideologies (e.g., communist writers), along with normative poetics that marginalized nonconforming works. Conversely, adherence to aesthetic norms, societal relevance, and the shifting dynamics of literary criticism influence inclusion, as demonstrated by the eventual recognition of authors like Georg Büchner .

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