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Serail

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DIE ENTFÜHRUNG

AUS DEM SERAIL


Deutsche Singspiel.

Text
Christoph Friedrich Bretzner
Johann Gottlieb Stephanie
Musik
Wolfgang Amadeus Mozart

Uraufführung: 16. Juli 1782, Wien.

[Link] 1 / 44
Informazioni Die Entführung aus dem Serail

Cara lettrice, caro lettore, il sito internet [Link] è dedicato ai libretti


d'opera in lingua italiana. Non c'è un intento filologico, troppo complesso per essere
trattato con le mie risorse: vi è invece un intento divulgativo, la volontà di far
conoscere i vari aspetti di una parte della nostra cultura.

Motivazioni per scrivere note di ringraziamento non mancano. Contributi e


suggerimenti sono giunti da ogni dove, vien da dire «dagli Appennini alle Ande».
Tutto questo aiuto mi ha dato e mi sta dando entusiasmo per continuare a migliorare e
ampliare gli orizzonti di quest'impresa. Ringrazio quindi:
chi mi ha dato consigli su grafica e impostazione del sito, chi ha svolto le operazioni
di aggiornamento sul portale, tutti coloro che mettono a disposizione testi e materiali
che riguardano la lirica, chi ha donato tempo, chi mi ha prestato hardware, chi mette a
disposizione software di qualità a prezzi più che contenuti.
Infine ringrazio la mia famiglia, per il tempo rubatole e dedicato a questa
attività.

I titoli vengono scelti in base a una serie di criteri: disponibilità del materiale, data
della prima rappresentazione, autori di testi e musiche, importanza del testo nella
storia della lirica, difficoltà di reperimento.
A questo punto viene ampliata la varietà del materiale, e la sua affidabilità, tramite
acquisti, ricerche in biblioteca, su internet, donazione di materiali da parte di
appassionati. Il materiale raccolto viene analizzato e messo a confronto: viene
eseguita una trascrizione in formato elettronico.
Quindi viene eseguita una revisione del testo tramite rilettura, e con un sistema
automatico di rilevazione sia delle anomalie strutturali, sia della validità dei lemmi.
Vengono integrati se disponibili i numeri musicali, e individuati i brani più
significativi secondo la critica.
Viene quindi eseguita una conversione in formato stampabile, che state leggendo.

Grazie ancora.

Dario Zanotti

Libretto n. 4, prima stesura per [Link]: giugno 2013.


Ultimo aggiornamento: 18/02/2016.

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Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Personen

PERSONEN

SELIM, Bassa .......... ANDERE

KONSTANZE, Geliebte des Belmonte .......... SOPRAN

BLONDE, Mädchen der Konstanze .......... SOPRAN

BELMONTE .......... TENOR

PEDRILLO, Bedienter des Belmonte und


Aufseher über das Landhaus des Bassa .......... TENOR

OSMIN, Aufseher über das Landhaus des


Bassa .......... BASS

KLAAS, ein Schiffer .......... ANDERE

EIN STUMMER .......... ANDERE

Wache, chor der Janitscharen.

Die Szene ist auf dem Landgut des Bassa.

[Link] 3 / 44
Erster Aufzug Die Entführung aus dem Serail

ERSTER AUFZUG

Erster Auftritt
Platz vor dem Palast des Bassa am Ufer des Meeres.
Belmonte allein.
[Nr. 1 ­ Arie]
BELMONTE

Hier soll ich dich denn sehen;


Konstanze! dich mein Glück!
Laß Himmel es geschehen!
Gib mir die Ruh zurück.
Ich duldete der Leiden
O Liebe! allzuviel!
Schenk mir dafür nun Freuden
Und bringe mich ans Ziel!
BELMONTE

Aber wie soll ich in den Palast kommen? Wie sie sehen? Wie
sprechen? ~

Zweiter Auftritt
Belmonte, Osmin.
[Nr. 2 ­ Lied und Duett]
OSMIN
(mit einer Leiter, welche er an einen Baum vor der Tür des Palastes lehnt,
hinaufsteigt und Feigen abnimmt)
Wer ein Liebchen hat gefunden,
Die es treu und redlich meint,
Lohn' es ihr durch tausend Küsse,
Mach ihr all das Leben süße,
Sei ihr Tröster, sei ihr Freund.
Trallalera, trallalera.

BELMONTE Vielleicht, daß ich durch diesen Alten etwas erfahre. He, Freund!
ist das nicht das Landhaus des Bassa Selim?

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Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Erster Aufzug

OSMIN
Doch sie treu sich zu erhalten,
Schließ' er Liebchen sorglich ein:
Denn die losen Dinger haschen
Jeden Schmetterling, und naschen
Gar zu gern von fremdem Wein.
Trallalera, trallalera.

BELMONTE He, Alter, he! ~ hört Ihr nicht? ~ Ist hier des Bassa Selim Palast?

OSMIN
(sicht ihn an, dreht sich herum und singt wie zuror)
Sonderlich beim Mondenscheine,
Freunde, nehmt sie wohl in acht!
Oft lauscht da ein junges Herrchen,
Kirrt und lockt das kleine Närrchen,
Und dann Treue gute Nacht.
Trallalera, trallalera.
BELMONTE Verwünscht seist du samt deinem Liede!
Ich bin dein Singen nun schon müde;
So hör doch nur ein einzig Wort!
OSMIN Was Henker laßt ihr euch gelüsten,
Euch zu ereifern, euch zu brüsten?
Was wollt ihr? Hurtig! ich muß fort.
BELMONTE Ist das des Bassa Selim Haus?
OSMIN He? ~
BELMONTE Ist das des Bassa Selim Haus?
OSMIN Das ist des Bassa Selim Haus. ~
(will fort)
BELMONTE So wartet doch ~
OSMIN Ich kann nicht weilen.
BELMONTE Ein Wort ~
OSMIN Geschwind denn ich muß eilen.
BELMONTE Seid ihr in sienen Diensten Freund?
OSMIN He? ~
BELMONTE Seid ihr in sienen Diensten Freund?
OSMIN Ich bin in seinen Diensten, Freund.
BELMONTE Wie kann ich den Pedrill wohl sprechen,
der hier in seinen Diensten steht?

[Link] 5 / 44
Erster Aufzug Die Entführung aus dem Serail

OSMIN Den Schurken? ­ der den Hals soll brechen?


Seht selber zu; wenn's anders geht.
(will fort)
BELMONTE Was für ein alter grober Bengel!
(für sich)
OSMIN (ihn betrachtend, auch für sich)
Das ist just so ein Galgenschwengel!
BELMONTE Ihr irrt, es ist ein braver Mann.
OSMIN So brav, daß man ihn spießen kann.
BELMONTE Ihr müßt ihn wahrlich nicht recht kennen.
OSMIN Recht gut; ich ließ' ihn heut verbrennen.
BELMONTE Es ist fürwahr ein guter Tropf.
OSMIN Auf einen Pfahl gehört sein Kopf.
(will fort)
BELMONTE So bleibet doch!
OSMIN Was wollt ihr noch?
BELMONTE Ich möchte gerne...
OSMIN So hübsch von ferne
(spöttisch) Ums Haus 'rum schleichen
Und Mädchen stehlen? ~
Fort, eures gleichen
Braucht man hier nicht.
BELMONTE Ihr seid besessen!
Sprecht voller Galle
Mir so vermessen
Ins Angesicht!
OSMIN Nur nicht in Eifer!
Ich kenn' euch schon.
BELMONTE Schont euren Geifer.
Laßt euer Drohn.
OSMIN Schert euch zum Teufel
Ihr kriegt, ich schwöre
Sonst ohne Gnade die Bastonade:
Noch habt ihr Zeit.
BELMONTE Es bleibt kein Zweifel
Ihr seid von Sinnen
Welch ein Betragen
Auf meine Fragen
Seid doch gescheit.
(ab)

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Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Erster Aufzug

Dritter Auftritt
Osmin, hernach Pedrillo.

OSMIN Könnt' ich mir doch noch so einen Schurken auf die Nase setzen,
wie den Pedrillo; so einen Gaudieb, der Tag und Nacht nichts tut,
als nach meinen Weibern herumzuschleichen und zu schnobern,
ob's nichts für seinen Schnabel setzt. Aber ich laure ihm sicher
auf den Dienst, und wohl bekomm dir die Prügelsuppe, wenn ich
dich einmal beim Kanthaken kriege! ~ Hätt' er sich nur beim
Bassa nicht so eingeschmeichelt, er sollte den Strick längst um
den Hals haben.
PEDRILLO Nun wie steht's, Osmin? Ist der Bassa noch nicht zurück?
OSMIN Sieh darnach, wenn du's wissen willst.
PEDRILLO Schon wieder Sturm im Kalender? Hast du das Geicht Feigen für
mich gepfückt?
OSMIN Gift für dich, verwünschter Schmarotzer!
PEDRILLO Was in aller Welt ich dir nur getan haben muß, daß du beständig
mit mir zankst. Laß uns doch einmal Friede machen.
OSMIN Friede mit dir? Mit so einem schleichenden spitzbübischen
Paßauf, der nur spioniert, wie er mir eins versetzen kann?
Erdrosseln möcht' ich dich!
PEDRILLO Aber sag nur, warum? Warum?

[Nr. 3 ­ Arie]
OSMIN
Solche hergelaufne Laffen
Die nur nach den Weibern gaffen,
Mag ich vor den Teufel nicht.
Denn ihr ganzes Tun und Lassen
Ist, uns auf den Dienst zu passen,
Doch mich trügt kein solch Gesicht!
Eure Tücken, eure Ränke,
Eure Finten, eure Schwänke,
Sind mir ganz bekannt.
Mich zu hintergehen,
Müßt ihr früh aufstehen,
Ich hab auch Verstand.
Drum beim Barten des Propheten!
Ich studiere Tag und Nacht,
Ruh nicht bis ich dich seh' töten,
Nimm dich wie du willst in acht.

[Link] 7 / 44
Erster Aufzug Die Entführung aus dem Serail

PEDRILLO Was bist du für ein grausamer Kerl, und ich hab dir nichts getan.
OSMIN Du hast ein Galgengesicht, das ist genug.
OSMIN

Erst geköpft,
Dann gehangen,
Dann gespießt
Auf heiße Stangen;
Dann verbrannt,
Dann gebunden,
Und getaucht;
Zuletzt geschunden.
(geht ins Haus)

Vierter Auftritt
Pedrillo, hernach Belmonte.

PEDRILLO Geh nur, verwünschter Aufpasser; es ist noch nicht aller Tage
Abend. Wer weiß, wer den andern überlistet. Und dir
mißtrauischem, gehässigem Menschenfeind eine Grube zu
graben, sollte ein wahres Fest für mich sein.
BELMONTE Pedrillo, guter Pedrillo!
PEDRILLO Ach mein bester Herr! Ist's möglich? Sind Sie's wirklich? Bravo,
Madame Fortuna, bravo, das heißt doch Wort gehalten! Schon
verzweifelte ich, ob einer meiner Briefe Sie getroffen hätte.
BELMONTE Sag, guter Pedrillo, lebt meine Konstanze noch?
PEDRILLO Lebt, und noch hoff' ich für Sie. Seit dem schrecklichen Tage, an
welchem das Glück uns einen so häßlichen Streich spielte und
unser Schiff von den Seeräubern erobern ließ, haben wir
mancherlei Drangsal erfahren. Glücklicher Weise traf sich's
noch, daß der Bassa Selim uns alle drei kaufte: Ihre Konstanze
nämlich, meine Blonde, und mich. Er ließ uns sogleich hier auf
sein Landhaus bringen. Donna Konstanze ward seine auserwählte
Geliebte.
BELMONTE Ah! Was sagst du?
PEDRILLO Nun, nur nicht so hitzig! Sie ist noch nicht in die schlimmsten
Hände gefallen. Der Bassa ist ein Renegat und hat noch so viel
Delikatesse, keine seiner Weiber zu seiner Liebe zu zwingen, und
soviel ich weiß, spielt er noch immer den unerhörten Liebhaber.
BELMONTE Wär es möglich? Wär Konstanze noch treu?

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Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Erster Aufzug

PEDRILLO Sicher noch, lieber Herr! Aber wie's mit meinem Blondchen
steht, weiß der Himmel! Das arme Ding schmachtet bei einem
alten häßlichen Kerl, dem sie der Bassa geschenkt hat; und
vielleicht ­ ach, ich darf gar nicht daran denken!
BELMONTE Doch nicht der alte Kerl, der soeben ins Haus ging?
PEDRILLO Eben der.
BELMONTE Und dies ist der Liebling des Bassa?
PEDRILLO Liebling, Spion und Ausbund aller Spitzbuben, der mich mit den
Augen vergiften möchte, wenn's möglich wäre.
BELMONTE O guter Pedrillo, was sagst du?
PEDRILLO Nur nicht gleich verzagt! Unter uns gesagt: ich hab auch einen
Stein im Brett beim Bassa. Durch mein bißchen Geschick in der
Gärtnerei hab ich seine Gunst weggekriegt, und dadurch hab ich
so ziemlich Freiheit, die tausend andere nicht haben würden. Da
sonst jede Mannsperson sich entfernen muß, wenn eine seiner
Weiber in den Garten kommt, kann ich bleiben; sie reden sogar
mit mir, und er sagt nichts darüber. Freilich mault der alte
Osmin, besonders, wenn mein Blondchen ihrer Gebieterin folgen
muß.
BELMONTE Ist's möglich? Du hast sie gesprochen? ~ O sag, sag! Liebt sie
mich noch?
PEDRILLO Hm! Daß Sie daran zweifeln! Ich dächte, Sie kennten die gute
Konstanze mehr als zu gut, hätten Proben genug ihrer Liebe.
Doch damit dürfen wir uns gar nicht aufhalten. Hier ist bloß die
Frage, wie's anzufangen ist, hier wegzukommen?
BELMONTE O da hab ich für alles gesorgt! Ich hab hier ein Schiff in einiger
Entfernung vom Hafen, das uns auf den ersten Wink einnimmt,
und ~
PEDRILLO Ah, sachte, sachte! Erst müssen wir die Mädels haben, ehe wir zu
Schiffe gehen, und das geht nicht so husch, husch, wie Sie
meinen!
BELMONTE O lieber guter Pedrillo, mach nur, daß ich sie sehen, daß ich sie
sprechen kann! Das Herz schlägt mir vor Angst und Freude! ~
PEDRILLO Pfiffig müssen wir das Ding anfangen, und rasch müssen wir's
ausführen, damit wir den alten Aufpasser übertölpeln. Bleiben
Sie hier in der Nähe. Jetzt wird der Bassa bald von einer
Lustfahrt auf dem Wasser zurückkommen. Ich will Sie ihm als
einen geschickten Baumeister vorstellen, denn Bauen und
Gärtnerei sind seine Steckenpferde. Aber lieber, goldner Herr,
halten Sie sich in Schranken; Konstanze ist bei ihm ~
BELMONTE Konstanze bei ihm? Was sagst du? Ich soll sie sehen?

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Erster Aufzug Die Entführung aus dem Serail

PEDRILLO Gemach, gemach ums Himmels willen, lieber Herr, sonst


stolpern wir! Ah, ich glaube, dort seh ich sie schon angefahren
kommen. Gehn Sie nur auf die Seite, wenn er kommt; ich will
ihm entgegen gehen.
(geht ab)

Fünfter Auftritt
Belmonte allein; dann Pedrillo.

BELMONTE Konstanze! dich wiederzusehen, dich!

[Nr. 4 ­ Arie]
BELMONTE

O wie ängstlich, o wie feurig,


Klopft mein liebevolles Herz!
Und des Wiedersehens Zähre,
Lohnt der Trennung bangen Schmerz.
Schon zittr' ich und wanke,
Schon zag ich und schwanke,
Es hebt sich die schwellende Brust.
Ist das ihr Lispeln? Es wird mir so bange.
War das ihr Seufzen? Es glüht mir die Wange.
Täuscht mich die Liebe, War es ein Traum?

PEDRILLO (kommt hurtig gelaufen)


Geschwind, geschwind auf die Seite und versteckt! Der Bassa
kommt.
(Belmonte versteckt sich)

Sechster Auftritt
Bassa Selim und Konstanze kommen in einem Lustschiffe angefahren,
vor welchem ein anderes Schiff mit Janitscharenmusik voraus landet.
Die Janitscharen stellen sich am Ufer in Ordnung,
stimmen folgenden Chor an und entfernen sich dann.
[Nr. 5 ­ Chor der Janitscharen]
CHOR DER JANITSCHAREN
Singt dem großen Bassa Lieder
Töne feuriger Gesang;
Und vom Ufer halle wieder
Unsrer Lieder Jubelklang.

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Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Erster Aufzug

EINE ODER ZWO Iº


STIMMEN Weht ihm entgegen
Kühlende Winde
Ebne dich sanfter
Wallende Flut.
IIº
Singt ihm entgegen
Fliegende Chöre,
Singt ihm der Liebe
Freuden ins Herz!
CHOR DER JANITSCHAREN
Singt dem großen Bassa Lieder
Töne feuriger Gesang;
Und vom Ufer halle wieder
Unsrer Lieder Jubelklang.
(Janitscharen ab)

Siebenter Auftritt
Selim, Konstanze.

SELIM Immer noch traurig, geliebte Konstanze? Immer in Tränen? Sieh,


dieser schöne Abend, diese Reizende Gegend, diese bezaubernde
Musik, meine zärtliche Liebe für dich. Sag, kann nichts von
allem dich endlich beruhigen, endlich dein Herz rühren? Sieh, ich
könnte befehlen, könnte grausam mit dir verfahren, dich
zwingen.
(Konstanze seufzt.)
SELIM

Aber nein, Konstanze; dir selbst will ich dein Herz zu danken
haben, dir selbst!
KONSTANZE Großmütiger Mann! O daß ich es könnte, daß ich's erwidern
könnte ­ aber ­
SELIM Sag, Konstanze, sag, was hält dich zurück?
KONSTANZE Du wirst mich hassen.
SELIM Nein, ich schwöre dir's. Du weißt, wie sehr ich dich liebe,
wieviel Freiheit ich dir vor allen meinen Weibern gestatte; dich
wie meine einzige schätze.
KONSTANZE O so verzeih!
(Während des Gesanges geht der Bassa unwillig hin und her.)

[Link] 11 / 44
Erster Aufzug Die Entführung aus dem Serail

[Nr. 6 ­ Arie]
KONSTANZE

Ach ich liebte,


War so glücklich;
Kannte nicht der Liebe Schmerz.
Schwur ihm Treue,
Dem Geliebten,
Gab dahin mein ganzes Herz.
Doch wie schnell schwand meine Freude,
Trennung war mein banges Los;
Und nun schwimmt mein Aug' in Tränen,
Kummer ruht in meinem Schoß.
KONSTANZE

Ach, ich sagt es wohl, du würdest mich hassen. Aber verzeih,


verzeih dem liebekranken Mädchen! Du bist ja so großmütig, so
gut. Ich will dir dienen, deine Sklavin sein bis ans Ende meines
Lebens, nur verlange nicht ein Herz von mir, das auf ewig
versagt ist.
SELIM Ha, Undankbare! Was wagst du zu bitten?
KONSTANZE Töte mich, Selim, töte mich, nur zwinge mich nicht, meineidig
zu werden! Noch zuletzt, wie mich der Seeräuber aus den Armen
meines Geliebten riß, schwur ich aufs feierlichste ­
SELIM Halt ein, nicht ein Wort! Reize meinen Zorn nicht noch mehr.
Bedenke, daß du in meiner Gewalt bist ­
KONSTANZE Ich bin es, aber du wirst dich ihrer nicht bedienen, ich kenne dein
gutes, dein mitleidvolles Herz. Hätte ich's sonst wagen können,
dir das meinige zu entdecken? ­
SELIM Wag es nicht, meine Güte zu mißbrauchen ­
KONSTANZE Nur Aufschub gönne mir, Herr, nur Zeit, meinen Schmerz zu
vergessen ­
SELIM Wie oft schon gewährt ich dir diese Bitte ­
KONSTANZE Nur noch diesmal!
SELIM Es sei, zum letzten Male! Geh, Konstanze, geh! Besinne dich
eines Bessern, und morgen ­
KONSTANZE (im Abgehn)
Unglückliches Mädchen! O Belmonte, Belmonte!

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Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Erster Aufzug

Achter Auftritt
Selim, Pedrillo, Belmonte.

SELIM Ihr Schmerz, ihre Tränen, ihre Standhaftigkeit bezaubern mein


Herz immer mehr, machen mir
ihre Liebe nur noch wünschenswerter. Ha! wer wollte gegen ein
solches Herz Gewalt brauchen? Nein, Konstanze, nein, auch
Selim hat ein Herz, auch Selim kennt Liebe!
PEDRILLO Herr! verzeih, daß ich es wage, dich in deinen Betrachtungen zu
stören!
SELIM Was willst du, Pedrillo?
PEDRILLO Dieser junge Mann, der sich in Italien mit vielem Fleiß auf die
Baukunst gelegt, hat von deinem Reichtum gehört, und kommt
her, dir als Baumeister seine Dienste anzubieten.
BELMONTE Herr! könnte ich so glücklich sein, durch meine geringen
Fähigkeiten deinen Beifall zu verdienen!
SELIM Hm! Du gefällst mir. Ich will sehen, was du kannst.
(zum Pedrillo)
Sorge für seinen Unterhalt. Morgenz werde ich dich wieder rufen
lassen.
(geht ab)

Neunter Auftritt
Belmonte, Pedrillo.

PEDRILLO Ha! Triumph, Triumph, Herr! Der erste Schritt war getan.
BELMONTE Ach, laß mich zu mir selbst kommen! Ich habe sie gesehen, hab'
das gute, treue, beste Mädchen gesehen! O Konstanze,
Konstanze! Was könnt ich für dich tun, was für dich wagen?
PEDRILLO Ha! Gemach, gemach, bester Herr! Stimmen Sie den Ton ein
bißchen herab; Verstellung wird uns weit bessere Dienste leisten.
Wir sind nicht in unserm Vaterlande. Hier fragen sie den Henker
darnach, ob's einen Kopf mehr oder weniger in der Welt gibt.
Bastonade und Strick um Hals sind hier wie ein Morgenbrot.
BELMONTE Ach, Pedrillo, wenn du die Liebe kenntest!
PEDRILLO Hm! Als wenn's mit unser einem gar nichts wäre. Ich habe so gut
meine zärtlichen Stunden als andere Leute. Und denken Sie denn,
daß mir's nicht auch im Bauche grimmt, wenn ich mein
Blondchen von so einem alten Spitzbuben, wie der Osmin ist,
bewacht sehen muß?
BELMONTE O, wenn es möglich wäre, sie zu sprechen ­

[Link] 13 / 44
Erster Aufzug Die Entführung aus dem Serail

PEDRILLO Wir wollen sehen, was zu tun ist. Kommen Sie nur mit mir in den
Garten, aber um alles in der Welt, vorsichtig und fein. Denn hier
ist alles Aug und Ohr.
(Sie wollen in den Palast, Osmin kommt ihnen in der Tür entgegen, und hält sie zurück.)

Zehnter Auftritt
Vorige, Osmin.

OSMIN Wohin?
PEDRILLO Hinein!
OSMIN Was will das Gesicht? Zurück mit dir, zurück!
(zu Belmonte)
PEDRILLO Ha, gemach, Meister Grobian, gemach! Er ist in des Bassa
Diensten.
OSMIN In des Henkers Diensten mag er sein! Er soll nicht herein!
PEDRILLO Er soll aber herein!
OSMIN Kommt mir nur einen Schritt über die Schwelle ­
BELMONTE Unverschämter! Hast du nicht mehr Achtung für einen Mann
meines Standes?
OSMIN Ei, Ihr mögt mir vom Stande sein! Fort, fort, oder ich will euch
Beine machen.
PEDRILLO Alter Dummkopf! Es ist ja der Baumeister, den der Bassa
angenommen hat.
OSMIN Meinethalben sei er Stockmeister, nur komm er mir nicht zu
nahe. Ich müßte nicht sehen, daß es so ein Kumpan deines
Gelichters ist, und daß das so eine abgeredete Karte ist, uns zu
überlisten. Der Bassa ist weich wie Butter, mit dem könnt ihr
machen was ihr wollt, aber ich habe eine feine Nase. Gaunerei
ist's um den ganzen Kram, mit euch fremden Gesindel; und ihr
abgefeimten Betrüger habt lange ein Plänchen angelegt, eure
Pfiffe auszuführen; aber wart' ein bißchen! Osmin schläft nicht.
Wär ich Bassa, ihr wär't längst gespießt. Ja, schneid't nur
Gesichter, lacht nur höhnisch in den Bart hinein!
PEDRILLO Ereifere dich nicht so, Alter, es hilft dir doch nichts. Sieh, soeben
werden wir hinein spazieren.
OSMIN Ha, das will ich sehen!
(stellt sich vor die Türe)
PEDRILLO Mach keine Umstände.
BELMONTE Weg, Niederträchtiger!

14 / 44 [Link]
Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Erster Aufzug

[Nr. 7 ­ Terzett]
OSMIN Marsch! Marsch! Marsch! trollt euch fort!
Sonst soll die Bastonade
Euch gleich zu Diensten stehn.
BELMONTE UND Ei! das wär ja schade;
PEDRILLO Mit uns so umzugehn!
OSMIN Kommt nur nicht näher, sonst schlag' ich drein.
BELMONTE, PEDRILLO Weg von der Türe. Wir gehn hinein.
OSMIN Marsch fort! Ich schlage drein!
BELMONTE UND Platz fort! Wir gehn hinein.
PEDRILLO
(sie stoßen ihn weg und gehn hinein)

[Link] 15 / 44
Zweiter Aufzug Die Entführung aus dem Serail

ZWEITER AUFZUG

Erster Auftritt
Garten am Palast des Bassa Selim; an der Seite Osmins Wohnung.
Osmin, Blonde.

BLONDE O des Zankens, Befehlens und Murrens wird auch kein Ende!
Einmal für allemal: das steht mir nicht an! Denkst du alter
Murrkopf etwa eine türkische Sklavin vor dir zu haben, die bei
deinen Befehlen zittert? O da irrst du dich sehr! Mit europäichen
Mädchen springt man nicht so herum; denen begegnet man ganz
anders.

[Nr. 8 ­ Arie]
BLONDE

Durch Zärtlichkeit und Schmeicheln,


Gefälligkeit und Scherzen,
Erobert man die Herzen
Der guten Mädchen leicht.
Doch mürrisches Befehlen,
Und Poltern, Zanken, Plagen
Macht daß in wenig Tagen
So Lieb' als Treu' entweicht.

OSMIN Ei seht doch mal, was das Mädchen vorschreiben kann!


Zärtlichkeit? Schmeicheln? Es ist mir wie pure Zärtlichkeit! Wer
Teufel hat dir das Zeug in den Kopf gesetzt? Hier sind wir in der
Türkei, und da geht's aus einem andern Tone. Ich dein Herr, du
meine Sklavin; ich befehle, du mußt gehorchen!
BLONDE Deine Sklavin? Ich deine Sklavin? Ha, ein Mädchen eine
Sklavin! Noch einmal sag mir das, noch einmal!
OSMIN (für sich)
Ich möchte toll werden, was das Mädchen für ein starrköpfiges
Ding ist.
(laut)
Du hast doch wohl nicht vergessen, daß dich der Bassa mir zur
Sklavin geschenkt hat?
BLONDE Bassa hin, Bassa her! Mädchen sind keine Ware zum
Verschenken!
Ich bin eine Engländerin, zur Freiheit geboren; und trotz jedem,
der mich zu etwas zwingen will!

16 / 44 [Link]
Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Zweiter Aufzug

OSMIN (beiseite)
Gift und Dolch über das Mädchen! Beim Mahomet, sie macht
mich rasend. Und doch lieb ich die Spitzbübin, trotz ihres tollen
Kopfes!
(laut)
Ich befehle dir, augenblicklich mich zu lieben!
BLONDE Hahaha! Komm mir nur ein wenig näher, ich will dir fühlbare
Beweise davon geben.
OSMIN Tolles Ding! Weißt du, daß du mein bist und ich dich dafür
züchtigen kann?
BLONDE Wag's nicht, mich anzurühren, wenn dir deine Augen lieb sind.
OSMIN Wie? Du unterstehst dich ­
BLONDE Das ist was zu unterstehen! Du bist der Unverschämte, der sich
zuviel Freiheit herausnimmt. So ein altes häßliches Gesicht
untersteht sich, einem Mädchen wie ich, jung, schön, zur Freude
geboren, wie einer Magd zu befehlen! Wahrhaftig, das stünde
mir an! Uns gehört das Regiment; ihr seid unsere Sklaven und
glücklich, wenn ihr Verstang genug habt, euch die Ketten zu
erleichtern.
OSMIN Bei meinem Bart, sie ist toll! Hier, hier in der Türkei?
BLONDE Türkei hin, Türkei her! Weib ist Weib, sie sei wo sie wolle! Sind
eure Weiber solche Närrinnen, sich von euch unterjochen zu
lassen, desto schlimmer für sie; in Europa verstehen sie das Ding
besser. Laß mich nur einmal Fuß hier gefaßt haben, sie sollen
bald anders werden.
OSMIN Beim Allah, die wär imstande, uns allen die Weiber rebellisch zu
machen! Aber ­
BLONDE Aufs Bitten müßt ihr euch legen, wenn ihr etwas von uns erhalten
wollt; besonders Liebhaber deines Gelichters.
OSMIN Freilich, wenn ich Pedrillo wär, so ein Drahtpüppchen wie er, da
wär ich vermutlich willkommen, denn euer Mienenspiel hab ich
lange weg.
BLONDE Erraten, guter Alter, erraten! Das kannst du dir wohl einbilden,
daß mir der niedliche Pedrillo lieber ist, wie dein
Blasebalggesicht. Also wenn du klug wärst ­
OSMIN Sollt ich dir die Freiheit geben, zu tun und zu machen, was du
wolltest, he?
BLONDE Besser würdest du immer dabei fahren: denn so wirst du sicher
betrogen.
OSMIN Gift und Dolch! Nun reißt mir die Geduld! Den Augenblick
hinein ins Haus! Und wo du's wagst ­
BLONDE Mach mich nicht lachen.

[Link] 17 / 44
Zweiter Aufzug Die Entführung aus dem Serail

OSMIN Ins Haus, sag ich!


BLONDE Nicht von der Stelle!
OSMIN Mach nicht, daß ich Gewalt brauche.
BLONDE Gewalt werd' ich mit Gewalt vertreiben. Meine Gebieterin hat
mich hier in den Garten bestellt; sie ist die Geliebte des Bassa,
sein Augapfel, sein alles; und es kostet mich ein Wort, so hast du
fünfzig auf die Fußsohlen. Also geh!
OSMIN (für sich)
Das ist ein Satan! Ich muß nachgeben, so wahr ich ein
Muselmann bin; sonst könnte ihre Drohung eintreffen.

[Nr. 9 ­ Duett]
OSMIN

Ich gehe, doch rate ich dir


Den Schurken Pedrillo zu meiden.
BLONDE O pack dich, befiehl nicht mit mir,
Du weißt ja, ich kann es nicht leiden.
OSMIN Versprich mir...
BLONDE Was fällt dir da ein!
OSMIN Zum Henker!
BLONDE Fort, laß mich allein.
OSMIN Wahrhaftig kein Schritt von der Stelle,
Bis du zu gehorchen mir schwörst.
BLONDE Nicht so viel du armer Geselle,
Und wenn du der Großmogul wärst.
OSMIN O Engländer! seid ihr nicht Toren,
Ihr laßt euern Weibern den Willen.
Wie ist man geplagt und geschoren
Wenn solch eine Zucht man erhält;
BLONDE Ein Herz, so in Freiheit geboren
Läßt niemals sich sklavisch behandeln
Bleibt, wenn schon die Freiheit verloren,
Noch stolz auf sie, lachet der Welt!
Nun troll' dich.
OSMIN So sprichst du mit mir?
BLONDE Nicht anders.
OSMIN Nun bleib ich erst hier.
BLONDE Ein andermal. Jetzt mußt du gehen.
OSMIN Wer hat solche Frechheit gesehen!
BLONDE (stellt sich, als wollte sie ihm die Augen auskratzen)
Es ist um die Augen geschehen
Wofern du noch länger verweilst.

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Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Zweiter Aufzug

OSMIN (furchtsam zurückweichend)


Nur ruhig, ich will ja gern gehen,
Bevor du gar Schläge erteilst.
(geht ab)

Zweiter Auftritt
Blonde, Konstanze.

BLONDE Wie traurig das gute Mädchen daher kommt! Freilich tut's weh,
den Geliebten zu verlieren und Sklavin zu sein. Es geht mir wohl
auch nicht viel besser; aber ich habe doch noch das Vergnügen,
meinen Pedrillo manchmal zu sehen, ob's gleich auch mager und
verstohlen genug geschehen muß; doch wer kann wider den
Strom schwimmen!

[Nr. 10 ­ Rezitativ und Arie]


KONSTANZE (ohne Blonde zu bemerken)
Welcher Wechsel herrscht in meiner Seele
Seit dem Tag da uns das Schicksal trannte
O Belmont! hin sind die Freuden,
Die ich sonst an deiner Seite kannte;
Banger Sehnsuchts Leiden
Wohnen nun dafür in der beklemmten Brust.
KONSTANZE

Traurigkeit ward mir zum Lose,


Weil ich dir entrissen bin.
Gleich der wurmzernagten Rose,
Gleich dem Gras im Wintermoose,
Welkt mein banges Leben hin.
Selbst der Luft darf ich nicht sagen
Meiner Seele bittern Schmerz,
Denn unwillig ihn zu tragen,
Haucht sie alle meine Klagen
Wieder in mein armes Herz.

BLONDE Ach mein bestes Fräulein! Noch immer so traurig?


KONSTANZE Kannst du fragen, die du meinen Kummer weißt? Wieder ein
Abend, und noch keine Nachricht, noch keine Hoffnung! Und
morgen ­ ach Gott, ich darf nicht daran denken!
BLONDE Heitern Sie sich wenigstens ein bißchen auf. Sehn Sie, wie schön
der Abend ist, wie blühend uns alles entgegenlacht, wie freudig
uns die Vögel zu ihrem Gesang einladen! Verbannen Sie die
Grillen, und fassen Sie Mut!
KONSTANZE Wie glücklich bist du, Mädchen, bei deinem Schicksal so
gelassen zu sein! O daß ich es auch könnte!
[Link] 19 / 44
Zweiter Aufzug Die Entführung aus dem Serail

BLONDE Das steht nur bei Ihnen, hoffen Sie ­


KONSTANZE Wo nicht der mindeste Schein von Hoffnung mehr zu erblicken
ist?
BLONDE Hören Sie nur: ich verzage mein Lebentag nicht, es mag auch
eine Sache noch so schlimm aussehen. Denn wer sich immer das
Schlimmste vorstellt, ist auch wahrhaftig am schlimmsten dran.
KONSTANZE Und wer sich immer mit Hoffnung schmeichelt und zuletzt
betrogen sieht, hat alsdann nichts mehr übrig als die
Verzweiflung.
BLONDE Jedes nach seiner Weise. Ich glaube bei der meinigen am besten
zu fahren. Wie bald kann Ihr Belmonte mit Lösegeld erscheinen
oder uns listiger Weise entführen? Wären wir die ersten
Frauenzimmer, die den türkischen Vielfraßen entkämen? Dort
seh ich den Bassa.
KONSTANZE Laß uns ihm aus den Augen gehn.
BLONDE Zu spät. Er hat Sie schon gesehen. Ich darf aber getrost aus dem
Wege trollen, er schaffte mich ohnehin fort.
(im Weggehen)
Courage! wir kommen gewiß noch in unsre Heimat!

Dritter Auftritt
Konstanze, Selim.

SELIM Nun Konstanze, denkst du meinem Begehren nach? Der Tag ist
bald verstrichen, morgen mußt du mich lieben, oder ­
KONSTANZE Muß? Welch albernes Begehren! Als ob man die Liebe
anbefehlen könnte wie eine Tracht Schläge! Aber freilich, wie ihr
Türken zu Werke geht, läßt sich's auch allenfalls befehlen. Aber
ihr seid wirklich zu beklagen. Ihr kerkert die Gegenstände eurer
Begierden ein und seid zufrieden, eure Lüste zu büßen.
SELIM Und glaubst du etwa, unsere Weiber wären weniger glücklich als
in euren Ländern?
KONSTANZE Die nichts besseres kennen!
SELIM Auf diese Art wäre wohl keine Hoffnung, daß du je anders
denken wirst.
KONSTANZE Herr! Ich muß dir frei gestehen, denn was soll ich dich länger
hinhalten, mich mit leerer Hoffnung schmeicheln, daß du dich
durch mein Bitten erweichen ließest, ich werde stets so denken
wie jetzt; dich verehren, aber ­ lieben? Nie.
SELIM Und du zitterst nicht vor der Gewalt, die ich über dich habe?

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Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Zweiter Aufzug

KONSTANZE Nicht im geringsten. Sterben ist alles, was ich zu erwarten habe,
und je eher dies geschieht, je lieber wird es mir sein.
SELIM Elende! Nein! nicht sterben, aber Martern von aller Arten ­
KONSTANZE Auch die will ich ertragen; du erschreckst mich nicht; ich erwarte
alles.

[Nr. 11 ­ Arie]
KONSTANZE

Martern aller Arten


Mögen meiner warten.
Ich verlache Qual und Pein.
Nichts soll mich erschüttern,
Nur dann würd' ich zittern,
Wenn ich untreu könnte sein.
Laß dich bewegen,
verschone mich;
Des Himmels Segen
belohne dich!
Doch du bist entschlossen.
Willig unverdrossen
Wähl' ich jede Pein und Not.
Ordne nur, gebiete,
Lärme, tobe, wüte,
Zuletzt befreit mich doch der Tod!
(geht ab)

Vierter Auftritt
Selim allein.
SELIM

Ist das ein Traum? Wo hat sie auf einmal den Mut her, sich so
gegen mich zu betragen? Hat sie vielleicht Hoffnung, mir zu
entkommen? Ha, das will ich verwehren!
(will fort)
Doch das ist's nicht, dann würde sie sich eher verstellen, mich
einzuschläfern versuchen ­ Ja! es ist Verzweiflung! Mit Härte
richt' ich nicht aus, mit Bitten auch nicht, also, was Drohen und
Bitten nicht vermögen, soll die List zuwege bringen.
(geht ab)

[Link] 21 / 44
Zweiter Aufzug Die Entführung aus dem Serail

Fünfter Auftritt
Blonde allein.
BLONDE

Kein Bassa, keine Konstanze mehr da? Sind sie miteinander eins
worden? Schwerlich, das gute Kind hängt zu sehr an ihrem
Belmonte! Ich bedaure sie von Grund meines Herzens. Sie ist zu
empfindsam für ihre Lage. Freilich, hätt ich meinen Pedrillo
nicht an der Seite, wer weiß, wie mir's ginge! Doch würd ich
nicht so zärteln wie sie. Die Männer verdienen's wahrlich nicht,
daß man ihrenthalben sich zu Tode grämt. Vielleicht würd ich
muselmännisch denken.

Sechster Auftritt
Blonde, Pedrillo.

PEDRILLO Bst, bst! Blondchen! Ist der Weg rein?


BLONDE Komm nur, komm! Der Bassa ist wieder zurück. Und meinem
Alten habe ich eben den Kopf ein bißchen gewaschen. Was hast
du denn?
PEDRILLO O, Neuigkeiten, die dich entzücken werden.
BLONDE Nun? Hurtig heraus damit!
PEDRILLO Erst, liebes Herzens­Blondchen, laß dir vor allen Dingen einen
recht herzlichen Kuß geben; du weißt ja, wie gestohlnes Gut
schmeckt.
BLONDE Pfui, pfui! Wenn das deine Neuigkeiten alle sind ­
PEDRILLO Närrchen, mach darum keinen Lärm, der alte spitzbübische
Osmin lauert uns sicher auf den Dienst.
BLONDE Nun? Und die Neuigkeiten?
PEDRILLO Sind, daß das Ende unserer Sklaverei vor der Tür ist.
(er sieht sorgfältig um)
Belmonte, Konstanzes Geliebter, ist angekommen, und ich hab'
ihn unter dem Namen eines Baumeisters hier im Palast
eingeführt.
BLONDE Ah, was sagst du? Belmonte da?
PEDRILLO Mit Leib und Seele!
BLONDE Ha, das muß Konstanze wissen!
(will fort)
PEDRILLO Hör nur, Blondchen, hör nur erst: Er hat ein Schiff hier in der
Nähe in Bereitschaft, und wir haben beschlossen, euch diese
Nacht zu entführen.

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Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Zweiter Aufzug

BLONDE O allerliebst, allerliebst! Herzens­Pedrillo, das verdient einen


Kuß! Geschwind, geschwind zu Konstanze!
(will fort)
PEDRILLO Halt nur, halt, und laß erst mit dir reden. Um Mitternacht kommt
Belmonte mit einer Leiter zu Konstanzes Fenster, und ich zu dem
deinigen, und dann geht's heidi davon!
BLONDE O vortrefflich! Aber Osmin?
PEDRILLO Hier ist ein Schlaftrunk für den alten Schlaukopf, den misch ihm
fein manierlich ins Getränke, verstehst du? Ich habe dort auch
schon ein Fläschchen angefüllt. Geht's hier nicht, wird's dort
wohl gehen.
BLONDE Sorg nicht für mich! Aber kann Konstanze ihren Geliebten nicht
sprechen?
PEDRILLO Sobald es vollends finster ist, kommt er hier in den Garten. Nun
geh' und bereite Konstanzen vor; ich will hier Belmonten
erwarten. Leb wohl, Herzchen, leb wohl!
BLONDE Leb wohl, guter Pedrillo! Ach, was werd ich für Freude
anrichten!

[Nr. 12 ­ Arie]
BLONDE

Welche Wonne, welche Lust


Herrscht nunmehr in meiner Brust!
Ohne Aufschub will ich springen
Und ihr gleich die Nachricht bringen
Und mit Lachen und mit Scherzen
Ihrem schwachen feigen Herzen
Freud und Jubel prophezeihn.
(geht fort)

Siebenter Auftritt
Pedrillo allein.
PEDRILLO

Ah, daß es schon vorbei wäre! daß wir schon auf offner See
wären, unsre Mädels im Arm, und dies verwünschte Land im
Rücken hätten! Doch sei's gewagt; entweder jetzt oder niemals.
Wer zagt, verliert!

[Link] 23 / 44
Zweiter Aufzug Die Entführung aus dem Serail

[Nr. 13 ­ Arie]
PEDRILLO

Frisch zum Kampfe!


Frisch zum Streite!
Nur ein feiger Tropf verzagt.
Sollt' ich zittern?
Sollt' ich zagen?
Nicht mein Leben mutig wagen?
Nein, ach nein es sei gewagt!
Frisch zum Kampfe!
Frisch zum Streite!
Nur ein feiger Tropf verzagt.

Achter Auftritt
Pedrillo, Osmin.

OSMIN Ha! Geht's hier so lustig zu? Es muß dir verteufelt wohl gehen.
PEDRILLO Ei, wer wird so ein Kopfhänger sein; es kommt beim Henker da
nichts bei heraus! Das haben die Pedrillos von jeher in ihrer
Familie gehabt. Fröhlichkeit und Wein versüßt die härteste
Sklaverei. Freilich könnt ihr armen Schlucker das nicht
begreifen, daß es so ein herrlich Ding um ein Gläschen guten
alten Lustigmacher ist. Wahrhaftig, da hat euer Vater Mahomet
einen verzweifelten Bock geschossen, daß er euch den Wein
verboten hat. Wenn das verwünschte Gesetz nicht wäre, du
müßtest ein Gläschen mit mir trinken, du möchtest wollen oder
nicht.
(für sich)
Vielleicht beißt er an: er trinkt ihn gar zu gern.
OSMIN Wein mit dir? Ja Gift ­
PEDRILLO Immer Gift und Dolch, und Dolch und Gift! Laß doch den alten
Groll einmal fahren und sei vernünftig. Sieh einmal, ein Paar
flaschen Zypernwein! ­ Ah ­
(er zeigt ihm zwei Flaschen, wovon die eine größer als die andere ist)
Die sollen mir vortrefflich schmecken!
OSMIN (für sich)
Wenn ich trauen dürfte?
PEDRILLO Das ist ein Wein, das ist ein Wein!
(er setzt sich nach türkischer Art auf die Erde und trinkt aus der kleinen Flasche)
OSMIN Kost einmal die große Flasche auch.

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Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Zweiter Aufzug

PEDRILLO Denkst wohl gar, ich habe Gift hineingetan? Ha, laß dir keine
grauen Haare wachsen! Es verlohnte sich der Mühe, daß ich
deinetwegen zum Teufel führe. Da sieh, ob ich trinke.
(er trinkt aus der großen Flasche ein wenig)
Nun, hast du noch Bedenken? Traust mir noch nicht? Pfui,
Osmin, sollst dich schämen! Da nimm!
(er gibt ihm die große Flasche)
Oder willst du die kleine?
OSMIN Nein, laß nur, laß nur! Aber wenn du mich verrätst ­
(sieht sich sorgfältig um)
PEDRILLO Als wenn wir einander nicht weiter brauchten. Immer frisch!
Mahomet liegt längst auf'm Ohr und hat nötiger zu tun, als sich
um deine Flasche Wein zu bekümmern.

[Nr. 14 ­ Duett]
PEDRILLO

Vivat Bacchus! Bacchus lebe!


Bacchus war ein braver Mann!
OSMIN Ob ich's wage? Ob ich's trinke?
Ob's wohl Allah sehen kann?
PEDRILLO Was hilft das Zaudern?
Hinunter, hinunter!
Nicht lange nicht lange gefragt!
OSMIN Nun wär's geschehen, nun wär's hinunter;
Das heiß ich, das heiß ich gewagt!
PEDRILLO, OSMIN Es leben die Mädchen,
Die Blonden, die Braunen,
Sie leben hoch!
PEDRILLO Das schmeckt trefflich!
OSMIN Das schmeckt herrlich!
PEDRILLO, OSMIN Ah! Das heiß' ich Göttertrank!
Vivat Bacchus! Bacchus lebe!
Der den Wein erfand!

PEDRILLO Wahrhaftig, daß muß ich gestehen, es geht doch nichts über den
Wein! Wein ist mir lieber, als Geld und Mädchen. Bin ich
verdrießlich, mürrisch, launisch: hurtig nehm ich meine Zuflucht
zur Flasche, und kaum seh ich den ersten Boden: weg ist all mein
Verdruß! Meine Flasche macht mir kein schiefes Gesicht, wie
mein Mädchen, wenn ihr der Kopf nicht auf dem rechten Fleck
steht. Und schwatzt mir von Süßigkeiten der Liebe und des
Ehestandes, was Ihr wollt: Wein auf der Zunge geht über alles!
(Osmin fängt bereits an, die Wirkung des Weins und des Schlaftrunks zu spüren,
und wird bis zum Ende des Auftritts immer schläfriger und träger, doch darf's
der Schauspieler nicht übertreiben und muß nur immer halb träumend und
schlaftrunken bleiben)

[Link] 25 / 44
Zweiter Aufzug Die Entführung aus dem Serail

OSMIN Das ist wahr ­ Wein ­ Wein ­ ist ein schönes Getränk; und unser
großer ­ Prophet mag mir's nicht übel nehmen ­ Gift und Dolch,
es ist doch eine hübsche Sache um den Wein! ­ Nicht ­ Bruder
Pedrillo?
PEDRILLO Richtig, Bruder Osmin, richtig!
OSMIN Man wird gleich so ­ munter...
(er nickt zuweilen)
­ so vergnügt ­ so aufgeräumt. ­ Hast du nichts mehr, Bruder?
(er langt auf eine lächerliche Art nach einer zweiten Flasche, die Pedrillo ihm reicht)
PEDRILLO Hör du, Alter, trink mir nicht zu viel, es kommt einem in den
Kopf.
OSMIN Trag doch keine ­ Sorge, ich bin so ­ so ­ nüchtern wie möglich. ­
Aber das ist wahr, ­
(er fängt an, auf der Erde hin und her zu wanken)
es schmeckt ­ vortrefflich!
PEDRILLO (für sich)
Es wirkt, Alter, es wirkt!
OSMIN Aber verraten mußt du mich nicht ­ Brüderchen ­ verraten ­ denn
­ wenn's Mahomet nein, nein ­ der Bassa wüßte ­ denn siehst du ­
liebes Blondchen ­ ja oder nein!
PEDRILLO (für sich)
Nun wird's Zeit, ihn fortzuschaffen!
(laut)
Nun komm, Alter, komm, wir wollen schlafen gehn!
(er hebt ihn auf)
OSMIN Schlafen? ­ Schämst du dich nicht? Gift und Dolch! Wer wird
denn so schläfrig sein ­ es ist ja kaum Morgen ­
PEDRILLO Ho, ho, die Sonne ist schon hinunter! Komm, komm, daß uns der
Bassa nicht überrascht!
OSMIN (im Abführen)
Ja, ja ­ eine Flasche ­ guter ­ Bassa ­ geht über ­ alles! ­ Gute
Nacht ­ Brüderchen ­ gute Nacht.
(Pedrillo führt ihn hinein, kommt aber gleich wieder zurück)

Neunter Auftritt
Pedrillo, hernach Belmonte, Konstanze, Blonde.

PEDRILLO Gute Nacht ­ Brüderchen ­ gute Nacht! Hahahaha, alter


(macht's Osmin nach) Eisenfresser, erwischt man dich so? Gift und Dolch! Du hast
deine Ladung! Nur fürcht ich, ist's noch zu zeitig am Tage; bis
Mitternacht sind noch drei Stunden, und da könnt er leicht wieder
ausgeschlafen haben. ­ Ach kommen Sie, kommen Sie, liebster
Herr! Unser Argus ist blind, ich hab ihn tüchtig zugedeckt.

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Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Zweiter Aufzug

BELMONTE O daß wir glücklich wären! Aber sag: ist Konstanze noch nicht
hier?
PEDRILLO Eben kommt sie da den Gang herauf. Reden Sie alles mit ihr ab,
aber fassen Sie sich kurz, denn der Verräter schläft nicht immer.
(Während der Unterredung des Belmonte mit Konstanze unterhält sich Pedrillo mit Blonde, der er durch
Pantomime den ganzen Auftritt mit dem Osmin vormacht und jenem nachahmt; zuletzt unterrichtet er sie
ebenfalls, daß er um Mitternacht mit einer Leiter unter ihr Fenster kommen wolle, um sie zu entführen)

(einander im Arme)
Beide
KONSTANZE O mein Belmonte!
BELMONTE O Konstanze!

KONSTANZE Ist's möglich? Nach so viel Tagen der Angst, nach so viel
ausgestandenen Leiden, dich wieder in meinen Armen.
BELMONTE O dieser Augenblick versüßt allen Kummer, macht mich all
meinen Schmerz vergessen.
KONSTANZE Hier will ich an deinem Busen liegen und weinen! Ach, jetzt fühl
ich's, die Freude hat auch ihre Tränen!

[Nr. 15 ­ Arie]
BELMONTE
Wenn der Freude Tränen fließen
Lächelt Liebe dem Geliebten hold;
Von den Wangen sie zu küssen
Ist der Liebe schönster größter Sold.
Ach Konstanze! dich zu sehen
Dich voll Wonne, voll Entzücken
An mein treues Herz zu drücken,
Lohnt fürwahr nicht Krösus Pracht.
Daß wir uns niemals wiederfinden!
So därfen wir nicht erst empfinden
Welchen Schmerz die Trennung macht.
BELMONTE

Ich hab' hier ein Schiff in Bereitschaft; und Mitternacht, wenn


alles schläft, komm' ich an dein Fenster, und dann sei die Liebe
unser Schutzengel!
KONSTANZE Mit tausend Freuden! Was wollt ich nicht mit dir wagen? ich
erwarte dich ­
PEDRILLO Also, liebes Blondchen, paß ja hübsch auf, hörst du's?
BLONDE Sorge für mich nicht. Das war' das erste Abenteuer, das ein
Mädchen verschlafen hätte.

[Link] 27 / 44
Zweiter Aufzug Die Entführung aus dem Serail

PEDRILLO Du wirst's schon merken, wenn du so was Gesungenes hörst,


wie's so meine Art des Abends immer ist; dann paß auf, und dann
mit einem Sprung ins Schiff ­ Nur hübsch Mut gefaßt und nicht
verzagt: Wer alles zu verlieren hat, muß alles wagen.
KONSTANZE Wenn es aber nur glücklich abläuft!
BELMONTE Wir wollen's hoffen; die Liebe wird unsre Geleiterin sei.

[Nr. 16 – Quartett]
Beide
KONSTANZE Ach Belmonte! ach, mein Leben!
BELMONTE Ach, Konstanze! ach, mein Leben!
KONSTANZE Ist es möglich? Welch Entzücken!
Dich an meine Brust zu drücken
Nach so vieler Tage Leid.
BELMONTE Welche Wonne dich zu finden!
Nun muß aller Kummer schwinden!
O wie ist mein Herz erfreut.
KONSTANZE Sieh, die Freudentränen fließen.
BELMONTE Holde! laß hinweg sie küssen!
KONSTANZE Daß es doch die letzte sei.
BELMONTE Ja, noch heute wirst du frei.
PEDRILLO Also Blondchen, hast's verstanden?
Alles ist zur Flucht vorhanden
Um Schlag Zwölfe sind wir da.
BLONDE Unbesorgt, es wird nichts fehlen
Die Minute werd' ich zählen
Wär der Augenblick schon da.
BELMONTE, Endlich scheint die Hoffnungssonne
KONSTANZE, Hell durchs trübe Firmament.
PEDRILLO, BLONDE Voll Entzücken, Freud und Wonne,
Sehn wir unsrer Leiden End'.
BELMONTE Doch ach, bei aller Lust
Empfindet meine Brust
Noch manch geheime Sorgen!
KONSTANZE Was ist es Liebster, sprich,
Geschwind erkläre dich,
O halt mir nichts verborgen.
BELMONTE Man sagt... du seist ­
(sieht Konstanze stillschweigend furchtsam an)
KONSTANZE Nun weiter?
(sieht Belmonte stillschweigend furchtsam an)

28 / 44 [Link]
Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Zweiter Aufzug

PEDRILLO (zeigt, daß er es wagt, gehenkt zu werden)


Doch Blondchen, ach! die Leiter!
Bist du wohl soviel wert?
BLONDE Hans Narr! schnappt's bei dir über?
Ei hättest du nur lieber
Die Frage umgekehrt.
PEDRILLO Doch Herr Osmin ­
BLONDE Laß hören ­
KONSTANZE Willst du dich nicht erklären?
BELMONTE Ich will. Doch zürne nicht,
Wenn ich nach dem Gerücht
So ich gehört, es wage
Dich zitternd, bebend frage,
Ob du den Bassa liebst?
PEDRILLO Hat nicht Osmin etwan,
Wie man fast glauben kann
Sein Recht als Herr probieret
Und bei dir exerzieret?
Dann wär's ein schlechter Kauf!
KONSTANZE O! wie du mich betrübst!
(sie weint)
BLONDE Da nimm die Antwort drauf.
(gibt dem Pedrillo eine Ohrfeige)
PEDRILLO Nun bin ich aufgeklärt!
BELMONTE (kniend)
Konstanze! ach vergib!
BLONDE (geht zornig von Pedrillo)
Du bist mich gar nicht wert.
KONSTANZE Ob ich dir treu verblieb!
BLONDE Der Schlingel frägt sich an,
(zu Konstanze) Ob ich ihm treu geblieben?
KONSTANZE Dem Belmont sagte man,
(zu Blonde) Ich soll den Bassa lieben!
PEDRILLO (halt sich die Wange)
Daß Blonde ehrlich sei,
Schwör' ich bei allen Teufeln.
BELMONTE Konstanze ist mir treu,
(zu Pedrillo) Daran ist nicht zu zweifeln.
KONSTANZE, BLONDE Wenn unsrer Ehre wegen
Die Männer Argwohn hegen
Verdächtig auf uns sehn,
Das ist nicht auszustehn.

[Link] 29 / 44
Zweiter Aufzug Die Entführung aus dem Serail

BELMONTE, PEDRILLO Sobald sich Weiber kränken


Daß wir sie untreu denken
Dann sind sie wahrhaft treu
Von allem Vorwurf frei.
PEDRILLO Liebstes Blondchen ach! verzeihe
Sieh, ich bau' auf deine Treue,
Mehr jetzt als auf meinen Kopf.
BLONDE Nein, das kann ich dir nicht schenken
Mich mit so was zu verdenken
Mit dem alten dummen Tropf!
BELMONTE Ach Konstanze! ach mein Leben,
Könntest du mir doch vergeben
Daß ich diese Frage tat.
KONSTANZE Belmont! wie? du konntest glauben
Daß man dir dies Herz könnt' rauben?
Das nur dir geschlagen hat.
BELMONTE, PEDRILLO Ach verzeihe! Ich bereue!
KONSTANZE, BLONDE Ich verzeihe deiner Reue.
ALLE Wohl, es sei nun abgetan!
Es lebe die Liebe!
Nur sie sei uns teuer
Nichts fache das Feuer
Der Eifersucht an.

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Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Dritter Aufzug

DRITTER AUFZUG

Erster Auftritt
Vor dem Palast des Bassa Selim; auf einer Seite der Palast des Bassa,
gegenüber die Wohnung des Osmin, hinten Aussicht aufs Meer. Es ist
Mitternacht.
Pedrillo, Klaas, der eine Leiter bringt.

PEDRILLO Hier lieber Klaas, hier leg sie indes nur nieder und hole die
zweite vom Schiff. Aber nur hübsch leise, daß nicht viel Lärm
gemacht wird, es geht hier auf Tod und Leben.
KLAAS Laß mich nur machen, ich versteh das Ding auch ein bißchen;
wenn wir sie nur erst an Bord haben.
PEDRILLO Ach lieber Klaas, wenn wir mit unsrer Beute glücklich nach
Spanien kommen, ich glaube, Don Belmonte läßt dich in Gold
einfassen.
KLAAS Das möchte wohl ein bißchen zu warm aufs Fell gehn; doch das
wird sich schon geben. Ich hole die Leiter.
(geht ab)

PEDRILLO Ach, wenn ich sagen sollte, daß mir's Herz nicht klopfte, so sagt
ich eine schreckliche Lüge. Die verzweifelten Türken verstehn
nicht den mindesten Spaß; und ob der Bassa gleich ein Renegat
ist, so ist er, wenn's aufs Kopfab ankommt, doch ein völliger
Türke.
(Klaas bringt die zweite Leiter)
PEDRILLO So, guter Klaas, und nun lichte die Anker und spanne alle Segel
auf, denn eh eine halbe Stunde vergeht, hast du deine völlige
Ladung.
KLAAS Bring sie nur hurtig, und dann laß mich sorgen.
(geht ab)

Zweiter Auftritt
Belmonte, Pedrillo.

PEDRILLO Ach, ich muß Atem holen! ­ Es zieht mir's Herz so eng
zusammen, als wenn ich's größte Schelmstück vorhätte! ­ Ach,
wo mein Herr auch bleibt!
BELMONTE Pedrillo! Pedrillo!
(ruft leise)
PEDRILLO Wie gerufen!

[Link] 31 / 44
Dritter Aufzug Die Entführung aus dem Serail

BELMONTE Ist alles fertig gemacht?


PEDRILLO Alles! Jetzt will ich ein wenig um den Palast herum spionieren,
wie's aussieht. Singen Sie indessen eins. Ich habe das so alle
Abende getan; und wenn Sie da auch jemand gewahr wird, oder
Ihnen begegnet, denn alle Stunden macht hier eine
Janitscharenwache die Runde, so hat's nichts zu bedeuten, sie
sind das von mir schon gewohnt; es ist fast besser, als wenn man
Sie so still hier fände.
BELMONTE Laß mich nur machen, und komm bald wieder.
(Pedrillo geht ab)

Dritter Auftritt
Belmonte allein.
BELMONTE

O Konstanze, Konstanze, wie schlägt mir das Herz! Je näher der


Augenblick kommt, desto ängstlicher zagt meine Seele. Ich
fürchte und wünsche, bebe und hoffe. O Liebe, sei du meine
Leiterin!

[Nr. 17 ­ Arie]
BELMONTE

Ich baue ganz auf deine Stärke,


Vertrau, o Liebe! deiner Macht!
Denn ach! Was wurden nicht für Werke
Schon oft durch dich zu Stand gebracht.
Was aller Welt unmöglich scheint,
Wird durch die Liebe doch vereint.

Vierter Auftritt
Belmonte und Petrillo; später Konstanze.

PEDRILLO Alles liegt auf dem Ohr. Es ist alles so ruhig, so stille als den Tag
nach der Sündflut.
BELMONTE Nun, so laß uns befreien. Wo ist die Leiter?
PEDRILLO Nicht so hitzig. Ich muß erst das Signal geben.
BELMONTE Was hindert dich denn, es nicht zu tun? Mach fort.
PEDRILLO (sieht nach der Uhr)
Eben recht, Schlag zwölf. Gehen Sie dort an die Ecke, und geben
Sie wohl acht, daß wir nicht überrascht werden.
BELMONTE Zaudre nur nicht!
(geht ab)

32 / 44 [Link]
Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Dritter Aufzug

PEDRILLO (indem er seine Mandoline hervorholt)


Es ist doch um die Herzhaftigkeit eine erzläppische Sache. Wer
keine hat, schafft sich mit aller Mühe keine an! Was mein Herz
schlägt! Mein Papa muß ein Erzpoltron gewesen sein.
(fängt an zu spielen)
Nun so sei es denn gewagt!
(singt und akkompagniert sich)

[Nr. 18 ­ Romanze]
PEDRILLO

In Mohrenland gefangen war


Ein Mädel hübsch und fein;
Sah rot und weiß, war schwarz von Haar,
Seufzt Tag und Nacht und weinte gar,
Wollt' gern erlöset sein.
PEDRILLO

Noch geht alles gut, es rührt sich noch nichts.


PEDRILLO

Da kam aus fremdem Land daher


Ein junger Rittersmann;
Den jammerte das Mädchen sehr;
Jach, rief er, wag ich Kopf und Ehr,
Wenn ich sie retten kann.

BELMONTE (kommt hervor)


Mach ein Ende, Pedrillo.
PEDRILLO An mir liegt es nicht, daß sie sich noch nicht zeigen. Entweder
schlafen sie fester als jemals, oder der Bassa ist bei der Hand.
Wir wollen's weiter versuchen. Bleiben Sie nur auf Ihrem Posten.

(Pedrillo hustet einigemal, Konstanze öffnet das Fenster)


PEDRILLO

Ich komm zu dir in finstrer Nacht,


Laß, Liebchen, husch mich ein!
Ich fürchte weder Schloß nach Wacht;
Holla, horch auf, um Mitternacht
Sollst du erlöset sein.
Gesagt, getan; Glock zwölfe stand
Der tapfre Ritter da;
Sanft reicht sie ihm die weiche Hand;
Früh man die leere Zelle fand;
Fort war sie, Hopsasa!

PEDRILLO Sie macht auf, Herr! Sie macht auf!


BELMONTE Ich komme, ich komme!

KONSTANZE (oben am Fenster)


Belmonte!

[Link] 33 / 44
Dritter Aufzug Die Entführung aus dem Serail

BELMONTE Konstanze, hier bin ich; hurtig die Leiter!


(Pedrillo stellt die Leiter an Konstanzes Fenster, Belmonte steigt hinein; Pedrillo hält die Leiter)
PEDRILLO Was das für einen abscheulichen Spektakel macht.
(hält die Hand aufs Herz)
Es wird immer ärger, weil es nun ernst wird. Wenn sie mich hier
erwischten, wie schön würden sie mit mir abtrollen, zum
Kopfabschlagen, zum Spießen oder zum Hängen. Je nu, der
Anfang ist einmal gemacht, jetzt ist's nicht mehr aufzuhalten, es
geht nun schon einmal aufs Leben oder auf den Tod los!
(Belmonte kommt mit Konstanze unten zur Tür heraus)
BELMONTE Nun, holder Engel, nun hab ich dich wieder, ganz wieder! Nichts
soll uns mehr trennen.
KONSTANZE Wie ängstlich schlägt mein Herz, kaum bin ich imstande, mich
aufrecht zu halten, wenn wir nur glücklich entkommen!
PEDRILLO Nur fort! nicht geplaudert, sonst könnt es freilich schief gehen,
wenn wir da lange Rat halten und seufzen!
(stößt Belmonte und Konstanze fort)
Nur frisch nach dem Strande zu! Ich komme gleich nach.
(Belmonte und Konstanze ab)
PEDRILLO

Nun, Kupido, du mächtiger Herzensdieb, halte mir die Leiter und


hülle mich samt meiner Gerätschaft in einen dicken Nebel ein!
(er hat unter der Zeit die Leiter an Blondes Fenster gelegt und ist hinaufgestiegen)
Blondchen, Blondchen, mach auf um Himmels willen, zaudre
nicht, es ist um Hals und Kragen zu tun!
(es wird das Fenster geöffnet, er steigt hinein)

Fünfter Auftritt
Osmin und ein schwarzer Stummer öffnen die Tür von Osmins Haus,
wo Pedrillo hineingestiegen ist. Osmin, noch halb schlaftrunken, hat
eine Laterne. Der Stumme gibt Osmin durch Zeichen zu verstehen, daß
es nicht richtig sei, daß er Leute gehört habe u. s. w.
Pedrillo, Blonde; dann Belmonte und Konstanze; Wache.

OSMIN Lärmen hörtest du? Was kann's denn geben? Vielleicht


Schwärmer? Geh, spioniere, bringe mir Antwort.
(der Stumme lauscht ein wenig herum; endlich wird er die Leiter an Osmins Fenster gewahr, erschrickt und
zeigt sie Osmin, der wie im Taumel, mit der Laterne in der Hand an seine Haustür gelehnt, steht und nickt)
OSMIN

Gift und Dolch! Was ist das? Wer kann ins Haus steigen? Das
sind Diebe, oder Mörder.
(er tummelt sich herum; weil er aber noch halb schlaftrunken ist, stößt er sich hier
und da)
Hurtig, hole die Wache! Ich will unterdessen lauern.
(der Stumme ab. Osmin setzt sich auf die Leiter, mit der Laterne in der Hand, und nickt ein. Pedrillo kommt
rückwärts wieder zum Fenster herausgestiegen und will die Leiter wieder herunter, Blonde oben am Fenster,
wird Osmin gewahr und ruft Pedrillo zu)

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Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Dritter Aufzug

BLONDE O Himmel, Pedrillo! Wir sind verloren!


PEDRILLO (sieht sich um, und sowie er Osmin gewahr wird, stutzt er, besieht ihn und steigt
wieder zum Fenster hinein)
Ach, welcher Teufel hat sich wider uns verschworen!
OSMIN (auf dem Leiter dem Pedrillo nach, ruft)
Blondchen, Blondchen!
PEDRILLO (im Hineinsteigen zu Blonde)
Zurück, nur zurück!
OSMIN (steigt wieder zurück)
Wart, Spitzbube, du sollst mir nicht entkommen. Hilfe! Hilfe!
Wache! Hurtig, hier gibt's Räuber, herbei, herbei!
(Pedrillo kommt mit Blonde unten zur Haustür heraus, sieht schüchtern nach der Leiter und schleicht sich dann
mit Blonde darunter weg)
PEDRILLO UND (im Abgehen)
BLONDE O Himmel, steh uns bei, sonst sind wir verloren!
OSMIN Zu Hilfe, zu Hilfe! Geschwind!
(er will nach)

WACHE (mit Fackeln, halten Osmin auf)


Halt, halt! Wohin?
OSMIN Dorthin, dorthin.
WACHE Wer bist du?
OSMIN Nur nicht lange gefragt, sonst entkommen die Spitzbuben. Seht
ihr denn nicht? Hier ist noch die Leiter.
WACHE Das sehn wir, kannst nicht du sie angelegt haben?
OSMIN Gift und Dolch! Kennt ihr mich denn nicht? Ich bin Oberaufseher
der Gärten beim Bassa. Wenn ihr noch lange fragt, so hilft euer
Kommen nichts.
(ein Teil der Wache bringt Pedrillo und Blonde zurück)
OSMIN

Ah endlich! Gift und Dolch! Seh' ich recht? Ihr beide? Warte,
spitzbübischer Pedrillo, dein Kopf soll am längsten festgestanden
sein.
PEDRILLO Brüderchen, Brüderchen, wirst doch Spaß verstehn? Ich wollt dir
dein Weibchen nur ein wenig spazieren führen, weil du heute
dazu nicht aufgelegt bist.
(heimlich zu Osmin)
Du weißt schon wegen des Zypernweins.
OSMIN Schurke, glaubst du mich zu betäuben? Hier verstehe ich keinen
Spaß. Dein Kopf muß herunter, so wahr ich ein Muselmann bin.
PEDRILLO Und hast du einen Nutzen dabei? Wenn ich meinen Kopf
verliere, sitzt deiner um so viel fester?
(ein anderer Teil der Wache, auch mit Fackeln, bringt Belmonte und Konstanze)
BELMONTE (widersetzt sich noch)
Schändliche, laßt mich los!

[Link] 35 / 44
Dritter Aufzug Die Entführung aus dem Serail

WACHE Sachte, junger Herr, sachte! Uns entkommt man nicht so


geschwinde.
OSMIN Sieh da, die Gesellschaft wird immer stärker! Hat der Herr
Baumeister auch wollen spazieren gehen? O ihr Spitzbuben!
(zu Belmonte)
Hatte ich heute nicht recht, daß ich dich nicht ins Haus lassen
wollte? Nun wird der Bassa sehen, was für sauberes Gelichter er
um sich hat.
BELMONTE Das beiseite! Laß hören, ob mit euch ein vernünftig Wort zu
sprechen ist? Hier ist ein Beutel mit Zechinen, er ist euer, und
noch zweimal so viel; laßt mich los.
KONSTANZE Laßt euch bewegen!
OSMIN Ich glaube, ihr seid besessen? Euer Geld brauchen wir nicht, das
bekommen wir ohnehin: eure Köpfe wollen wir.
(zur Wache)
Schleppt sie fort zum Bassa!
BELMONTE, Habt doch Erbarmen, laßt euch bewegen!
KONSTANZE
OSMIN Um nichts in der Welt! Ich habe mir längst so einen Augenblick
gewünscht. Fort, fort!
(die Wache führt Belmonte und Konstanze fort, samt Pedrillo und Blonde)

[Nr. 19 ­ Arie]
OSMIN

(allein)
O, wie will ich triumphieren,
Wenn sie euch zum Richtplatz führen
Und die Hälse schnüren zu;
Hüpfen will ich, lachen, springen
Und ein Freudenliedchen singen,
Denn nun hab' ich vor euch Ruh.
Schleicht nur säuberlich und leise
Ihr verdammten Haremsmäuse,
Unser Ohr entdeckt euch schon.
Und eh' ihr uns könnt entspringen,
Seht ihr euch in unsern Schlingen,
Und erhaschet euren Lohn.
(geht ab)

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Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Dritter Aufzug

Sechster Auftritt
Zimmer des Bassa.
Selim mit Gefolge, hernach Osmin, Belmonte, Konstanze und Wache.

SELIM (zu einem Offizier)


Geht, unterrichtet euch, was der Lärm im Palast bedeutet. Er hat
uns im Schlaf aufgeschreckt, und laßt mir Osmin kommen.
(der Offizier will abgehen, indem kommt Osmin, zwar hastig, doch noch ein wenig schläfrig)
OSMIN Herr, verzeih, daß ich es so früh wage, deine Ruhe zu stören!
SELIM Was gibt's, Osmin, was gibt's? Was bedeutet der Aufruhr?
OSMIN Herr, es ist die schändlichste Verräterei in deinem Palast ­
SELIM Verräterei?
OSMIN Die niederträchtigen Christensklaven entführen uns ­ die Weiber.
Der große Baumeister, den du gestern auf Zureden des Verräters
Pedrillo aufnahmst, hat deine ­ schöne Konstanze entführt.
SELIM Konstanze? Entführt? Ah, setzt ihnen nach!
OSMIN O s'ist schon dafür gesorgt! Meiner Wachsamkeit ­ hast du es zu
danken, daß ich sie wieder beim Schopf gekriegt habe. Auch mir
selbst hatte der ­ spitzbübische Pedrillo eine gleiche Ehre
zugedacht, und er hatte mein Blondchen schon beim Kopf, um
mit ihr ­ in alle Welt zu reisen. Aber Gift und Dolch, er soll mir's
entgelten! Sieh, da bringen sie sie!
(Belmonte und Konstanze werden von der Wache hereingeführt)
SELIM Ah, Verräter! Ist's möglich? Ha, du heuchlerische Sirene! War
das der Aufschub, den du begehrtest? Mißbrauchtest du so die
Nachsicht, die ich dir gab, um mich zu hintergehen?
KONSTANZE Ich bin strafbar in deinen Augen, Herr, es ist wahr; aber es ist
mein Geliebter, mein einziger Geliebter, dem lang schon dieses
Herz gehört. O nur für ihn, nur um seinetwillen fleht ich um
Aufschub. O laß mich sterben! Gern, gern will ich den Tod
erdulden; aber schone nur sein Leben ­
SELIM Und du wagt's, Unverschämte, für ihn zu bitten?
KONSTANZE Noch mehr: für ihn zu sterben!
BELMONTE Ha, Bassa! Noch nie erniedrigte ich mich zu bitten, noch nie hat
dieses Knie sich vor einem Menschen gebeugt: aber sieh, hier
lieg ich zu deinen Füßen und flehe dein Mitleid an. Ich bin von
einer großen spanischen Familie, man wird alles für mich zahlen.
Laß dich bewegen, bestimme ein Lösegeld für mich und
Konstanze so hoch du willst. Mein Name ist Lostados.
SELIM (staunend)
Was hör' ich! Der Kommandant von Oran, ist er dir bekannt?
BELMONTE Das ist mein Vater.

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Dritter Aufzug Die Entführung aus dem Serail

SELIM Dein Vater? Welcher glückliche Tag! Den Sohn meines ärgsten
Feindes in meiner Macht zu haben! Kann was angenehmeres
sein? Wisse, Elender! Dein Vater, dieser Barbar ist schuld, daß
ich mein Vaterland verlassen mußte. Sein unbiegsamer Geiz
entriß mir eine Geliebte, die ich höher als mein Leben schätzte.
Er brachte mich um Ehrenstellen, Vermögen, um alles. Kurz, er
zernichtete mein ganzes Glück. Und dieses Mannes einzigen
Sohn habe ich nun in meiner Gewalt! Sage, er an meiner Stelle,
was würde er tun?
BELMONTE (ganz niedergedrückt)
Mein Schicksal würde zu beklagen sein.
SELIM Das soll es auch sein. Wie er mit mir verfahren ist, will ich mit
dir verfahren. Folge mir, Osmin, ich will dir Befehle zu ihren
Martern geben.
(zu der Wache)
Bewacht sie hier.
(ab)

Siebenter Auftritt
Belmonte, Konstanze.
[Nr. 20 ­ Rezitativ und Duett]
BELMONTE Welch ein Geschick! o Qual der Seele!
Hat sich denn alles wider mich verschworen!
Ach, Konstanze! Durch mich bist du verloren!
Welch eine Pein!
KONSTANZE Laß, ach, Geliebter! laß dich das nicht quälen.
Was ist der Tod? Ein Übergang zur Ruh!
Und dann, an deiner Seite,
Ist er Vorgeschmack der Seligkeit.
BELMONTE Engelsseele! Welch holde Güte!
Du flößest Trost in mein erschüttert Herz,
Du linderst mir den Todesschmerz
Und ach! ich reiße dich ins Grab.
BELMONTE

Meinetwegen sollst du sterben!


Ach Konstanze! Kann ich's wagen,
Noch die Augen aufzuschlagen?
Ich bereite dir den Tod!
KONSTANZE Belmont! du stirbst meinetwegen!
Ich nur zog dich ins Verderben
Und ich soll nicht mit dir sterben?
Wonne ist mir dies Gebot!

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Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Dritter Aufzug

BELMONTE UND Edle Seele! dir zu leben


KONSTANZE Ist mein Wunsch und all mein Streben.
Ohne dich ist mir's nur Pein,
Länger auf der Welt zu sein.
BELMONTE Ich will alles gerne leiden.
KONSTANZE Ruhig sterb' ich, und mit Freuden...
Beide
BELMONTE Weil ich dir zur Seite bin.
Um dich, Geliebte,
Geb' ich gern mein Leben hin.
O welche Seligkeit!
Mit dem Geliebten sterben
Ist seliges Entzücken!
Mit wonnevollen Blicken
Verläßt man da die Welt.
KONSTANZE Weil ich dir zur Seite bin.
Um dich, Geliebter,
Geb' ich gern mein Leben hin.
O welche Seligkeit!
Mit der Geliebten sterben
Ist seliges Entzücken!
Mit wonnevollen Blicken
Verläßt man da die Welt.

Achter Auftritt
Pedrillo und Blonde werden von einem andern Teil der Wache
hereingeführt; und die Vorigen.

PEDRILLO Ach, Herr, wir sind hin! An Rettung ist nicht mehr zu denken.
Man macht schon alle Zubereitungen, um uns aus der Welt zu
schaffen. Es ist erschrecklich, was sie mit uns anfangen wollen!
Ich, wie ich im Vorbeigehen gehört habe, soll in Öl gesotten und
dann gespießt werden. Das ist ein sauber Traktament! Ach,
Blondchen, Blondchen, was werden sie wohl mit dir anfangen?
BLONDE Das gilt mir nun ganz gleich. Da es einmal gestorben sein muß,
ist mir alles recht.
PEDRILLO Welche Standhaftigkeit! Ich bin doch von gutem altchristlichen
Geschlecht aus Spanien, aber so gleichgültig kann ich beim Tode
nicht sein! Weiß der Teufel... Gott sei bei mir, wie kann mir auch
jetzt der Teufel auf die Zunge kommen?

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Dritter Aufzug Die Entführung aus dem Serail

Neunter Auftritt
Die Vorigen, bassa Selim, Osmin (voll Freuden) und Gefolge.

SELIM Nun, Sklave! Elender Sklave! Zitterst du? Erwartest du dein


Urteil?
BELMONTE Ja, Bassa, mit so vieler Kaltblütigkeit, als Hitze du es
aussprechen kannst. Kühle deine Rache an mir, tilge das Unrecht,
so mein Vater dir angetan; ich erwarte alles und tadle dich nicht.
SELIM Es muß also wohl deinem Geschlechte ganz eigen sein,
Ungerechtigkeiten zu begehen, weil du das für so ausgemacht
annimmst? Du betrügst dich. Ich habe deinen Vater viel zu sehr
verabscheut, als daß ich je in seine Fußtapfen treten könnte.
Nimm deine Freiheit, nimm Konstanzen, segle in dein Vaterland,
sage deinem Vater, daß du in meiner Gewalt warst, daß ich dich
freigelassen, um ihm sagen zu können, es wäre ein weit größer
Vergnügen eine erlittene Ungerechtigkeit durch Wohltaten zu
vergelten, als Laster mit Lastern tilgen.
BELMONTE Herr! Du setzest mich in Erstaunen...
SELIM (ihn verächtlich ansehend)
Das glaub ich. Zieh damit hin, und werde du wenigstens
menschlicher als dein Vater, so ist meine Handlung belohnt.
KONSTANZE Herr! vergib! Ich schätzte bisher deine edle Seele, aber nun
bewundre ich...
SELIM Still! Ich wünsche für die Falschheit, so Sie an mir begangen, daß
Sie es nie bereuen möchten, mein Herz ausgeschlagen zu haben.
(im Begriff abzugehen)
PEDRILLO (tritt ihm in den Weg und fällt ihm zu Füßen)
Herr! Dürfen wir beide Unglückliche es auch wagen, um Gnade
zu flehen? Ich war von Jugend auf ein treuer Diener meines
Herrn.
OSMIN Herr, beim Allah, laß dich ja nicht von dem verwünschten
Schmarotzer hintergehn! Keine Gnade! Er hat schon hundertmal
den Tod verdient.
SELIM Er mag ihn also in seinem Vaterlande suchen.
(zur Wache)
Man begleite alle viere an das Schiff.
(gibt Belmonte ein Papier)
Hier ist euer Paßport.
OSMIN Wie! Meine Blonde soll er auch mitnehmen?
SELIM (scherzhaft)
Alter, sind dir deine Augen nicht lieb? Ich sorge besser für dich
als du denkst.
OSMIN Gift und Dolch! Ich möchte bersten.

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Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Dritter Aufzug

SELIM Beruhige dich. Wen man durch Wohltun nicht für sich gewinnen
kann, den muß man sich vom Halse schaffen.

[Nr. 21 ­ Vaudeville]
BELMONTE Nie werd' ich deine Huld verkennen
Mein Dank bleibt ewig dir geweiht;
An jedem Ort, zu jeder Zeit
Werd' ich dich groß und edel nennen.
ALLE Wer so viel Huld vergessen kann,
Den seh' man mit Verachtung an.
KONSTANZE Nie werd' ich im Genuß der Liebe
Vergessen, was der Dank gebeut;
Mein Herz, der Liebe nun geweiht
Hegt auch dem Dank geweihte Triebe.
ALLE Wer so viel Huld vergessen kann,
Den seh' man mit Verachtung an.
PEDRILLO Wenn ich es je vergessen könnte,
Wie nah' ich am Erdrosseln war,
Und all der anderen Gefahr;
Ich lief, als ob der Kopf mir brennte.
ALLE Wer so viel Huld vergessen kann,
Den seh' man mit Verachtung an.
BLONDE Herr Bassa, ich sag' recht mit Freuden
Viel Dank für Kost und Lagerstroh.
Doch bin ich recht von Herzen froh
Daß er mich läßt von hinnen scheiden.
(auf Osmin zeigend)
Denn seh er nur das Tier dort an,
Ob man so was ertragen kann.
OSMIN
Verbrennen sollte man die Hunde
Die uns so schändlich hintergehn;
Es ist nicht länger auszustehn.
Mir starrt die Zunge fast im Munde
Um ihren Lohn zu ordnen an:
Erst geköpft,
dann gehangen,
dann gespießt
auf heiße Stangen;
dann vebrannt,
dann gebunden,
und getaucht;
zuletzt geschunden.
(läuft voll Wut ab)

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Dritter Aufzug Die Entführung aus dem Serail

KONSTANZE, BELMONTE, BLONDE, PEDRILLO


Nichts ist so häßlich als die Rache;
Hingegen menschlich, gütig sein,
Und ohne Eigennutz verzeihn.
Ist nur der großen Seelen Sache!
Wer dieses nicht erkennen kann,
Den seh' man mit Verachtung an.
CHOR DER JANITSCHAREN
Bassa Selim lebe lange!
Ehre sei sein Eigentum!
Seine holde Scheitel prange
Voll von Jubel, voll von Ruhm.

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Bretzner­Stephanie / W. A. Mozart, 1782 Index

INDEX
Personen..................................................3 [Nr. 11 ­ Arie]..................................21
Erster Aufzug..........................................4 Vierter Auftritt.................................21
Erster Auftritt.....................................4 Fünfter Auftritt.................................22
[Nr. 1 ­ Arie]......................................4 Sechster Auftritt...............................22
Zweiter Auftritt..................................4 [Nr. 12 ­ Arie]..................................23
[Nr. 2 ­ Lied und Duett].....................4 Siebenter Auftritt..............................23
Dritter Auftritt....................................7 [Nr. 13 ­ Arie]..................................24
[Nr. 3 ­ Arie]......................................7 Achter Auftritt..................................24
Vierter Auftritt...................................8 [Nr. 14 ­ Duett].................................25
Fünfter Auftritt.................................10 Neunter Auftritt................................26
[Nr. 4 ­ Arie]....................................10 [Nr. 15 ­ Arie]..................................27
Sechster Auftritt...............................10 [Nr. 16 – Quartett]............................28
[Nr. 5 ­ Chor der Janitscharen].........10 Dritter Aufzug.......................................31
Siebenter Auftritt..............................11 Erster Auftritt...................................31
[Nr. 6 ­ Arie]....................................12 Zweiter Auftritt................................31
Achter Auftritt..................................13 Dritter Auftritt..................................32
Neunter Auftritt................................13 [Nr. 17 ­ Arie]..................................32
Zehnter Auftritt................................14 Vierter Auftritt.................................32
[Nr. 7 ­ Terzett]................................15 [Nr. 18 ­ Romanze]..........................33
Zweiter Aufzug.....................................16 Fünfter Auftritt.................................34
Erster Auftritt...................................16 [Nr. 19 ­ Arie]..................................36
[Nr. 8 ­ Arie]....................................16 Sechster Auftritt...............................37
[Nr. 9 ­ Duett]...................................18 Siebenter Auftritt..............................38
Zweiter Auftritt................................19 [Nr. 20 ­ Rezitativ und Duett]..........38
[Nr. 10 ­ Rezitativ und Arie]............19 Achter Auftritt..................................39
Dritter Auftritt..................................20 Neunter Auftritt................................40
[Nr. 21 ­ Vaudeville]........................41

[Link] 43 / 44
Stücke vielsagend Die Entführung aus dem Serail

STÜCKE VIELSAGEND
Hier soll ich dich denn sehen (Belmonte) .................................................................... 4
Ich baue ganz auf deine Stärke (Belmonte) ................................................................ 32
In Mohrenland gefangen war (Pedrillo) ..................................................................... 33
Martern aller Arten (Konstanze) ................................................................................ 21
Meinetwegen sollst du sterben! (Belmonte und Konstanze) ...................................... 38
Nie werd' ich deine Huld verkennen (Alle) ................................................................ 41
O wie ängstlich, o wie feurig (Belmonte) .................................................................. 10
Solche hergelaufne Laffen (Osmin) ............................................................................. 7
Traurigkeit ward mir zum Lose (Konstanze) ............................................................. 19

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