Der Distelfink
Der Distelfink
Der Distelfink
Buch
Es passiert, als Theo Decker dreizehn Jahre alt ist. An dem Tag, an dem er
mit seiner Mutter ein New Yorker Museum besucht, verändert ein schreck-
liches Unglück sein Leben für immer. Er verliert sie unter tragischen Um-
ständen und bleibt allein und auf sich gestellt zurück, denn sein Vater hat die
Familie schon längst im Stich gelassen. Theo versinkt in tiefer Trauer, die ihn
lange nicht mehr loslässt. Auch das Gemälde, das seit dem fatalen Ereignis
verbotenerweise in seinem Besitz ist und ihn an seine Mutter erinnert, kann
ihm keinen Trost spenden. Ganz im Gegenteil: Mit jedem Jahr, das vergeht,
kommt er immer weiter von seinem Weg ab und droht, in kriminelle Kreise
abzurutschen. Und das Gemälde, das ihn auf merkwürdige Weise fasziniert,
scheint ihn geradezu in eine Welt der Lügen und falschen Entscheidungen zu
ziehen, in einen Sog, der ihn unaufhaltsam mit sich reißt …
6. Auflage
Taschenbuchausgabe November 2015
Copyright © 2013 by Tay, Ltd.
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: Design von Keith Hayes unter Verwendung
des Gemäldes »Der Distelfink« 1654 (Öl auf Leinwand)
von Carel Fabritius (1622-54), Mauritshuis, Den Haag,
Die Niederlande, The Bridgeman Art Library;
Redaktion: Frauke Brodd
TH · Herstellung: Han
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck
Printed in Germany
ISBN: 978-3-442-47360-1
[Link]
Für Mutter,
für Claude
I
Das Absurde befreit nicht, es bindet.
Albert Ca m us
KAPIT EL 1
Junger Mann
mit Totenschädel
I
11
terdam, ich hatte fast nichts von der Stadt gesehen, und dennoch
vermittelte mir schon das Zimmer in seiner tristen, zugigen, unpo
lierten Schönheit ein akutes Gefühl von Nordeuropa, wie ein Mi
niaturmodell der Niederlande: weiße Tünche und protestantische
Rechtschaff enheit, durchmischt mit farbenfrohen luxuriösen Stof
fen, geliefert von Handelsschiffen aus dem Orient. Ich verbrachte
unvernünft ig viel Zeit damit, ein winziges Paar goldgerahmter Öl
bilder zu betrachten, die über dem Sekretär hingen. Das eine zeigte
Bauern beim Eislaufen auf einem zugefrorenen Teich bei einer Kir
che, das andere ein Segelschiff auf stolzer Fahrt über die raue, win
terliche See: dekorative Reproduktionen, nichts Besonderes, aber ich
studierte sie, als enthielten sie die Chiffre eines geheimen Schlüssels
zum Herzen der alten flämischen Meister. Draußen klopfte Graupel
an die Fensterscheiben und rieselte auf die Gracht herab, und trotz
schweren Brokats und weicher Teppiche lag im winterlichen Licht
doch ein frostiger Ton von 1943: Entbehrung und Knappheit, dün
ner Tee ohne Zucker, hungrig zu Bett.
Jeden Morgen in aller Frühe, wenn draußen noch alles schwarz
war, bevor die Extrabesetzung ihren Dienst antrat und die Lobby
sich füllte, ging ich die Treppe hinunter, um die Zeitungen zu holen.
Das Hotelpersonal bewegte sich mit gedämpft en Stimmen und lei
sen Schritten, und ihre Blicke glitten kühl über mich hinweg, als sä
hen sie mich gar nicht richtig, den Amerikaner aus der 27, der tags
über nie herunterkam, und ich redete mir zur Beruhigung ein, dass
der Nachtportier (dunkler Anzug, Bürstenhaarschnitt, Hornbrille)
wahrscheinlich einigen Aufwand betreiben würde, um Ärger abzu
wenden und Aufsehen zu vermeiden.
Die Herald Tribune brachte keine Meldung über mein Problem,
aber die holländischen Zeitungen waren voll davon, dichte Blöcke
von ausländischen Druckbuchstaben, aufreizend knapp außerhalb
dessen, was ich verstehen konnte. Onopgeloste moord. Onbekende.
Ich ging nach oben und wieder ins Bett (voll bekleidet, weil es im
Zimmer so kalt war) und breitete die Zeitungen auf der Bettdecke
aus: Fotos von Polizeiwagen, Absperrband, und sogar die Bildunter
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schriften waren nicht zu entziffern. Zwar tauchte mein Name nicht
auf, aber ich bekam nicht heraus, ob sie vielleicht doch eine Beschrei
bung von mir hatten oder ob sie der Öffentlichkeit Informationen
vorenthielten.
Das Zimmer. Der Heizkörper. Een Amerikaan met een strafblad.
Das olivgrüne Wasser der Gracht.
Weil mir kalt und übel war und weil ich die meiste Zeit nicht
wusste, was ich tun sollte (ich hatte nicht nur warme Sachen, son
dern auch ein Buch vergessen), verbrachte ich fast den ganzen Tag
im Bett. Mitten am Nachmittag schien es Nacht zu werden. Oft däm
merte ich, umgeben vom Knistern der verstreuten Zeitungen, im
Halbschlaf vor mich hin, und meine Träume waren größtenteils von
der gleichen unbestimmbaren Bangigkeit getrübt, die auch durch die
wachen Stunden sickerte: Gerichtsverhandlungen, geplatzte Koff er
auf dem Rollfeld, meine Kleider überall verstreut, und endlose Flug
hafenkorridore, durch die ich zu Flugzeugen rannte, von denen ich
wusste, ich würde sie nie erwischen.
Dank meines Fiebers hatte ich viele und extrem lebhafte Träu
me, in denen ich mich schweißnass hin- und herwälzte und kaum
wusste, ob es Tag oder Nacht war, aber in der letzten und schlimms
ten dieser Nächte träumte ich von meiner Mutter. Es war ein kur
zer, geheimnisvoller Traum, der sich eher anfühlte wie eine Heimsu
chung. Ich war in Hobies Laden – besser gesagt, in einem spukhaft en
Traumraum, eingerichtet wie eine skizzenhaft e Version des Ladens –,
als sie plötzlich hinter mir auftauchte und ich sie in einem Spiegel
sah. Bei ihrem Anblick war ich gelähmt vor Glück. Sie war es, bis ins
kleinste Detail, bis zum Muster ihrer Sommersprossen. Sie lächelte
mich an, schöner und doch nicht älter, mit ihrem schwarzen Haar
und dem komisch aufwärtsgekräuselten Mund, kein Traum, sondern
eine Erscheinung, die den ganzen Raum erfüllte: eine Kraft für sich,
eine lebendige Andersheit. Und so gern ich es wollte, ich wusste, ich
konnte mich nicht umdrehen. Sie direkt anzusehen wäre ein Verstoß
gegen die Regeln ihrer Welt und der meinen. Sie war auf dem einzi
gen Weg zu mir gekommen, der ihr offenstand, und für einen langen,
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stillen Augenblick trafen sich unsere Blicke im Spiegel. Aber gerade,
als sie anscheinend etwas sagen wollte – in einer Kombination aus
Erheiterung, Zuneigung und Verdruss –, schob sich eine Dunstwol
ke zwischen uns, und ich wachte auf.
II
Alles hätte sich zum Besseren gewendet, wenn sie am Leben geblie
ben wäre. Aber sie starb, als ich klein war, und obwohl ich an allem,
was mir seitdem passiert ist, zu hundert Prozent selbst schuld bin,
verlor ich doch mit ihr den Blick für jede Art von Orientierungs
punkt, der mir den Weg zu einem glücklicheren Ort hätte zeigen
können, hinein in ein erfüllteres oder zuträglicheres Leben.
Ihr Tod also der Grenzstein. Vorher und Nachher. Und auch wenn
es so viele Jahre später ein trostloses Eingeständnis ist, habe ich doch
nie wieder jemanden kennengelernt, der mir wie sie das Gefühl gab
geliebt zu werden. In ihrer Gesellschaft erwachte alles zum Leben.
Sie verströmte ein verzaubertes Theaterlicht, und was man durch
ihre Augen sah, leuchtete in kräftigeren Farben als sonst. Ich er
innere mich, dass ich ein paar Wochen vor ihrem Tod spätabends
in einem italienischen Restaurant im Village war und wie sie mich
am Ärmel packte angesichts der plötzlichen, beinahe schmerzhaf
ten Schönheit einer Geburtstagstorte mit brennenden Kerzen, die
in einer Prozession aus der Küche hereingetragen wurde, ein matter
Lichtschein, der flackernd über die dunkle Decke huschte, und wie
die Torte im Kreis der Familie auf den Tisch gestellt wurde und das
Gesicht einer alten Lady selig leuchten ließ, während ringsum gelä
chelt wurde und die Kellner mit den Händen auf dem Rücken zu
rückwichen – ein gewöhnliches Geburtstagsessen, wie man es über
all in einem preiswerten Downtown-Restaurant zu sehen bekommen
kann, und ich bin sicher, ich würde mich gar nicht daran erinnern,
wenn sie nicht so kurz danach gestorben wäre, aber nach ihrem Tod
habe ich immer wieder daran gedacht, und wahrscheinlich werde ich
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mein Leben lang daran denken – an diese Runde im Kerzenschein,
ein tableau vivant des täglichen, alltäglichen Glücks, das ich verlor,
als ich sie verlor.
Und sie war schön. Das ist eigentlich zweitrangig, aber sie war es.
Als sie frisch aus Kansas nach New York gekommen war, arbeitete sie
als Teilzeit-Model, obwohl ihr Unbehagen vor der Kamera zu groß
war, als dass sie es gut gekonnt hätte: Was immer sie Besonderes an
sich hatte, es fand seinen Weg nicht auf den Film.
Aber sie war ganz und gar sie selbst: eine Rarität. Ich kann mich
nicht entsinnen, jemals einen Menschen gesehen zu haben, der wirk
lich Ähnlichkeit mit ihr gehabt hätte. Sie hatte schwarzes Haar, hel
le Haut, die im Sommer von Sommersprossen gesprenkelt war, und
porzellanblaue Augen, in denen helles Licht leuchtete, und in ihren
schrägen Wangenknochen lag eine so exzentrische Mischung aus
Naturvolk und keltischem Zwielicht, dass die Leute manchmal ver
muteten, sie stamme aus Island. In Wahrheit war sie halb Irin, halb
Cherokee und kam aus einer Kleinstadt in Kansas an der Grenze
zu Oklahoma, und sie brachte mich gern zum Lachen, indem sie
sich selbst als Okie bezeichnete, obwohl sie hochglänzend, nervös
und elegant wie ein Rennpferd war. Auf Fotos kommt dieser exoti
sche Charakter leider ein bisschen zu hart und unerbittlich zum Vor
schein – die Sommersprossen mit Make-up übertüncht, das Haar im
Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden wie bei einem
Edelmann in der Geschichte vom Prinzen Genji –, und was überhaupt
nicht herüberkommt, ist ihre Wärme, ihre unberechenbare Fröhlich
keit, die ich an ihr am meisten liebte. An der Stille, die sie auf Bil
dern ausstrahlt, wird deutlich, wie sehr sie der Kamera misstraute;
sie scheint sich auf wachsam tigerhaft e Weise gegen einen Angriff zu
wappnen. Aber im Leben war sie nicht so. Sie bewegte sich mit er
regender Flinkheit, mit plötzlichen, leichten Gebärden, und hockte
immer auf der Stuhlkante wie ein lang gestreckter, eleganter Sumpf
vogel, der gleich erschrocken davonflattern wird. Ich liebte ihr San
delholzparfüm, so rau und unerwartet, und ich liebte das Rascheln
ihrer gestärkten Bluse, wenn sie sich herunterbeugte, um mich auf
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die Stirn zu küssen. Wenn sie lachte, wollte man wegwerfen, was
immer man tat, und ihr die Straße hinunter folgen. Wo sie hinkam,
schauten die Männer sie aus dem Augenwinkel an, und manchmal
warfen sie ihr Blicke zu, die mich ein bisschen störten.
Ihr Tod war meine Schuld. Andere Leute versichern mir immer
ein bisschen vorschnell, dass dem nicht so wäre, und jawohl, nur ein
Kind, wer hätte das ahnen können, schrecklicher Unfall, einfach Pech,
hätte jedem passieren können – das alles ist wahr, und ich glaube
kein Wort davon.
Es passierte in New York, am 10. April, vor vierzehn Jahren. (So
gar meine Hand sperrt sich gegen das Datum. Beim Schreiben muss
te ich Druck ausüben, nur damit der Stift sich weiter über das Papier
bewegte. Es war immer ein völlig normaler Tag, aber jetzt ragt er aus
dem Kalender wie ein rostiger Nagel.)
Wäre der Tag planmäßig verlaufen, hätte er sich anonym in den
Himmel verflüchtigt, spurlos wie der Rest meines achten Schuljahrs.
Was wüsste ich jetzt noch davon? Wenig oder gar nichts. Aber na
türlich ist die Textur jenes Morgens noch klarer zugegen als die des
heutigen Tages, bis hin zu der mit Feuchtigkeit beladenen Luft. In
der Nacht hatte es geregnet, ein schreckliches Unwetter; Geschäft e
standen unter Wasser, und zwei U-Bahn-Stationen waren geschlos
sen. Wir beide warteten auf dem pitschnassen Teppich vor unserem
Apartmentgebäude, während ihr Lieblingsportier, Goldie, der sie
anbetete, mit erhobenem Arm in Richtung 57th Street zurückging
und nach einem Taxi pfiff. Autos rauschten in schmutzig aufsprü
henden Tropfenschleiern vorüber. Dicke Regenwolken wälzten sich
über Hochhaustürme, rissen auf und umzingelten die klaren blauen
Flecken am Himmel. Unten auf der Straße, unter den Auspuffgasen,
war der Wind feucht und weich wie im Frühling.
»Ah, das ist besetzt, Lady«, rief Goldie durch den tosenden Stra
ßenlärm und trat beiseite, als ein Taxi spritzend um die Ecke kam
und sein Licht abschaltete. Er war der kleinste unter den Portiers, ein
schmächtiger, dünner, lebhaft er kleiner Kerl, ein hellhäutiger Puerto
Ricaner und ehemaliger Federgewicht-Boxer. Sein Gesicht war zwar
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vom Trinken aufgedunsen (manchmal, wenn er zur Nachtschicht er
schien, roch er nach J&B), aber er war immer noch drahtig, musku
lös und flink – dauernd alberte er herum, dauernd machte er eine
Zigarettenpause unten an der Ecke, trat von einem Fuß auf den an
deren, blies sich auf die weißbehandschuhten Hände, wenn es kalt
war, und erzählte Witze auf Spanisch, sodass die anderen Portiers
sich kaputtlachten.
»Sie ganz eilig heute Morgen?«, fragte er meine Mutter. Auf sei
nem Namensschild stand BURT D., aber alle nannten ihn Goldie,
wegen seines Goldzahns und weil sein Nachname, de Oro, auf Spa
nisch »Gold« bedeutete.
»Nein, wir haben reichlich Zeit, es geht schon.« Aber sie sah er
schöpft aus, und ihre Hände zitterten, als sie sich das Tuch neu um
den Hals schlang, weil es im Wind knatternd flatterte.
Goldie war es wohl auch aufgefallen, denn er schaute mit leiser
Missbilligung zu mir herüber (ich hatte mich still hinter den Pflanz
kübel aus Beton vor der Hauswand verzogen und betrachtete alles,
nur nicht sie).
»Ihr fahrt nicht mit der Bahn?«, fragte er mich.
»Oh, wir haben ein paar Gänge zu erledigen«, sagte meine Mutter
nicht sehr überzeugend, als sie begriff, dass ich nicht wusste, was ich
sagen sollte. Normalerweise achtete ich nicht weiter auf das, was sie
anhatte, aber was sie an diesem Morgen trug (einen weißen Trench
coat, ein zartes, pinkfarbenes Tuch, schwarzweiße Slipper), hat sich
so tief in mein Gedächtnis eingegraben, dass es mir jetzt schwerfällt,
mich noch anders an sie zu erinnern.
Ich war dreizehn. Mir graut bei der Erinnerung daran, wie hölzern
wir an diesem Morgen miteinander umgingen, so steif, dass selbst der
Portier es bemerkte. Bei jeder anderen Gelegenheit hätten wir ganz
vertrauensvoll miteinander geplaudert, aber an diesem Morgen hat
ten wir uns nicht viel zu sagen, denn ich war von der Schule suspen
diert worden. Sie hatten sie am Tag zuvor im Büro angerufen; sie war
schweigsam und wütend nach Hause gekommen, und das Schreckli
che war, ich kannte den Grund für meine Suspendierung noch nicht
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mal. Allerdings war ich zu fünfundsiebzig Prozent sicher, dass Mr.
Beeman auf seinem Weg von seinem Büro zum Lehrerzimmer exakt
im falschen Augenblick aus dem Fenster am Treppenabsatz im ersten
Stock geschaut und mich auf dem Schulgelände hatte rauchen sehen.
(Genauer gesagt, er hatte mich mit Tom Cable herumstehen sehen, als
der rauchte, was aber in meiner Schule praktisch auf denselben Ver
stoß hinauslief.) Meine Mutter konnte das Rauchen nicht ausstehen.
Ihre Eltern – zu gern hörte ich Geschichten über sie, und sie waren
unfairerweise gestorben, bevor ich Gelegenheit hatte, sie kennenzu
lernen – waren leutselige Pferdetrainer gewesen, die im Westen um
herreisten und ihren Lebensunterhalt mit der Aufzucht von Morgan-
Pferden verdienten: Cocktails trinkende, Canasta spielende muntere
Vögel, die jedes Jahr zum Kentucky-Derby fuhren und Zigaretten in
silbernen Dosen im Haus aufbewahrten. Eines Tages, als sie aus den
Stallungen kam, krümmte meine Großmutter sich vornüber und fing
an, Blut zu husten, und während der restlichen Teenagerzeit meiner
Mutter hatten Sauerstoffflaschen auf der Veranda gestanden, und die
Schlafzimmerjalousien waren unten geblieben.
Doch – wie ich befürchtete, und zwar nicht ohne Grund – Toms
Zigarette war nur die Spitze des Eisbergs. Ich hatte schon seit ei
ner Weile Ärger in der Schule. Es fing an – oder besser gesagt, der
Schneeball kam ins Rollen –, als mein Vater ein paar Monate zuvor
abgehauen war und meine Mutter und mich alleingelassen hatte. Wir
hatten ihn nie besonders gemocht, und meine Mutter und ich waren
die meiste Zeit viel glücklicher ohne ihn, aber andere Leute waren
anscheinend schockiert und bestürzt, als er uns so unvermittelt ver
ließ (ohne Geld, Kindesunterhalt oder Nachsendeadresse), und die
Lehrer meiner Schule an der Upper West Side hatten so viel Mitleid
mit mir gehabt und waren so eifrig bemüht gewesen, mir Verständ
nis und Unterstützung zu zeigen, dass sie mir – einem Stipendiaten –
alle möglichen Zugeständnisse und Fristverlängerungen und zwei
te und dritte Chancen einräumten. Im Laufe der Monate ließen sie
mich immer weiter an der langen Leine laufen, bis ich es schließlich
schaffte, mich daran in ein sehr tiefes Loch abzuseilen.
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Also waren wir beide – meine Mutter und ich – zu einer Konfe
renz in die Schule gerufen worden. Die Sitzung sollte erst um halb
zwölf anfangen, aber weil meine Mutter zwangsläufig den Vormittag
hatte freinehmen müssen, waren wir schon früh unterwegs zur West
Side – zum Frühstücken (und, wie ich vermutete, zu einem ernst
haften Gespräch) und damit sie ein Geburtstagsgeschenk für eine
Arbeitskollegin kaufen konnte. In der Nacht zuvor war sie bis halb
drei auf gewesen; sie hatte mit angespanntem Gesicht im Schein des
Computerbildschirms gesessen, E-Mails geschrieben und versucht,
für ihren arbeitsfreien Vormittag im Büro Klarschiff zu machen.
»Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht«, sagte Goldie soeben ziemlich
aufgebracht zu meiner Mutter, »aber ich sage, es reicht jetzt mit die
sem feuchten Frühling. Regen, Regen …« Pantomimisch fröstelnd
zog er seinen Kragen zusammen und schaute in den Himmel.
»Ich glaube, heute Nachmittag soll es aufklaren.«
»Ja, ich weiß, aber ich bin jetzt bereit für den Sommer.« Er rieb
sich die Hände. »Die Leute verlassen die Stadt, sie hassen ihn, be
schweren sich über die Hitze, aber ich – ich bin ein Tropenvogel. Je
heißer, je besser. Immer her damit!« Er klatschte in die Hände und
ging auf den Fersen rückwärts die Straße hinunter. »Und – ich sag
Ihnen: Was ich am besten finde, ist die Ruhe hier draußen, die dann
kommt. So im Juli? Das Gebäude ist leer und verschlafen, und alle
sind weg, wissen Sie?« Er schnippte mit den Fingern, als ein Taxi vor
beiraste. »Das ist mein Urlaub.«
»Aber werden Sie denn hier draußen nicht gebraten?« Genau das
hatte mein distanzierter Dad an ihr nicht ausstehen können: ihre
Neigung, Gespräche mit Kellnerinnen anzufangen, mit Portiers und
mit den keuchenden alten Knackern in der Reinigung. »Ich meine,
im Winter können Sie doch wenigstens einen Extramantel anzie
hen …«
»Hören Sie, haben Sie im Winter schon mal an der Tür gearbei
tet? Ich sage Ihnen, es wird kalt. Egal, wie viele Mäntel und Mützen
Sie anziehen. Sie stehen hier draußen, Januar, Februar, und der Wind
weht vom Fluss herein? Brrr.«
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Aufgeregt nagte ich an meinem Daumennagel und starrte den
Taxis hinterher, die an Goldies erhobenem Arm vorbeisausten. Ich
wusste, die Wartezeit bis zu der Konferenz um halb zwölf würde
qualvoll werden, und ich hatte alle Mühe, dazustehen und nicht mit
verfänglichen Fragen herauszuplatzen. Ich hatte keine Ahnung, wo
mit sie uns überfallen würden, wenn sie uns erst in ihrem Büro hät
ten; schon das Wort »Konferenz« ließ an eine Zusammenkunft von
Autoritätspersonen denken, an Anschuldigungen, Konfrontationen,
an einen möglichen Schulverweis. Der Verlust meines Stipendiums
wäre eine Katastrophe. Wir waren pleite, seit mein Dad weg war,
wir hatten kaum noch das Geld für die Miete. Und vor allem: Ich
war krank vor Sorge, Mr. Beeman könnte irgendwie herausgekriegt
haben, dass Tom Cable und ich in leere Ferienhäuser eingebrochen
waren, bei meinen Besuchen bei ihm draußen in den Hamptons. Ich
sage eingebrochen, obwohl wir kein Schloss geknackt und auch sonst
nichts beschädigt hatten (Toms Mutter war Immobilienmaklerin,
und wir klauten einfach die Ersatzschlüssel von dem Brett in ihrem
Büro). Hauptsächlich hatten wir Schränke durchstöbert und Schub
laden durchwühlt, aber wir ließen auch ein paar Sachen mitgehen:
Bier aus dem Kühlschrank, Spiele für die Xbox, eine DVD (Jet Li,
Entfesselt) und auch Geld, insgesamt ungefähr 92 Dollar, zerknüll
te Fünfer und Zehner aus einem Glas in einer Küche, jede Menge
Kleingeld aus den Wäschekammern.
Immer wenn ich daran dachte, wurde mir schlecht. Meine Besu
che bei Tom waren Monate her, aber auch wenn ich mir immer wie
der einredete, Mr. Beeman könne unmöglich wissen, dass wir in den
Häusern gewesen waren – woher auch? –, ging meine Fantasie mit
mir durch und schwirrte panisch im Zickzack hin und her. Ich war
entschlossen, Tom nicht zu verraten (obwohl ich nicht völlig sicher
war, dass er mich nicht verraten hatte), aber damit saß ich in der
Zwickmühle. Wie hatte ich so blöd sein können? Einbruch war ein
Verbrechen; dafür ging man in den Knast. In der Nacht zuvor hatte
ich stundenlang unter Qualen wach gelegen, mich hin- und herge
worfen und zugesehen, wie der Regen in unregelmäßigen Böen ge
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gen meine Fensterscheibe klatschte, und ich hatte mich gefragt, was
ich sagen würde, wenn man mich deswegen zur Rede stellte. Aber
wie sollte ich mich verteidigen, wenn ich nicht mal wusste, was sie
wussten?
Goldie seufzte tief, ließ die Hand sinken und ging, die Schuhspit
zen angehoben, rückwärts auf den Absätzen zu meiner Mutter zu
rück.
»Unglaublich«, er behielt die Straße mit einem angeödeten Blick
im Auge, »wir haben Hochwasser unten in SoHo, das haben Sie ge
hört, oder, und Carlos sagt, drüben bei der UNO sind ein paar Stra
ßen gesperrt.«
Düster beobachtete ich die Horden von Angestellten, die aus dem
Crosstown-Bus quollen, freudlos wie ein Schwarm Hornissen. Viel
leicht hätten wir mehr Glück, wenn wir zwei Straßen weiter nach
Westen gingen, aber meine Mutter und ich kannten Goldie gut ge
nug, um zu wissen, dass er beleidigt wäre, wenn wir auf eigene Faust
loszögen. Genau in diesem Moment – so plötzlich, dass wir alle er
schraken – schleuderte ein Taxi mit brennender Dachleuchte quer
über die Fahrspur auf uns zu und ließ einen Wasserfächer aufsprit
zen, der nach Kloake roch.
»Pass doch auf!«, schrie Goldie, als das Taxi sich durch die Pfüt
zen pflügte und zum Stehen kam, und dann bemerkte er, dass mei
ne Mutter keinen Schirm hatte. »Warten Sie«, sagte er und wollte in
den Hausflur laufen, zu der Kollektion von verlorenen und verges
senen Schirmen, die er in einem Messingeimer vor dem Kamin auf
bewahrte und an Regentagen neu verteilte.
»Nein«, rief meine Mutter und wühlte in ihrer Handtasche nach
dem winzigen, bunt gestreiften Knirps, »lassen Sie nur, Goldie, ich
hab schon …«
Goldie sprang zurück an den Randstein und schloss die Taxitür
hinter ihr. Dann bückte er sich und klopfte ans Fenster.
»Einen gesegneten Tag«, sagte er.
21
III
Ich betrachte mich gern als sensiblen Menschen (wie wir es vermut
lich alle tun), und während ich all das zu Papier bringe, ist die Versu
chung groß, einen Schatten ins Bild zu schraf fi eren, der sich über den
Himmel schiebt. Aber ich war blind und taub für die Zukunft. Meine
einzige, erdrückende Sorge war die Besprechung in der Schule. Ich
hatte Tom angerufen, um ihm (flüsternd am Festnetztelefon, denn
sie hatte mir mein Handy weggenommen) zu erzählen, dass ich von
der Schule suspendiert worden war, doch er klang nicht besonders
überrascht. »Hör zu«, unterbrach er mich, »sei nicht so blöd, Theo,
kein Mensch weiß was davon, du musst einfach deine verdammte
Klappe halten«, und bevor ich noch ein Wort hervorbringen konnte,
sagte er: »Tut mir leid, ich muss Schluss machen.« Dann legte er auf.
Im Taxi wollte ich das Fenster einen Spalt weit öffnen, um ein biss
chen Luft hereinzulassen, aber es klemmte. Es roch, als hätte jemand
auf dem Rücksitz schmutzige Windeln gewechselt oder vielleicht tat
sächlich selbst geschissen und dann versucht, den Gestank mit ei
nem Paket Kokosnuss-Luft erfrischer, der nach Sonnenöl duft ete, zu
überdecken. Die Sitze waren schmierig und mit Klebeband geflickt,
die Stoßdämpfer praktisch nicht mehr vorhanden. Immer wenn wir
über eine Delle fuhren, klapperten meine Zähne wie der religiöse
Firlefanz, der am Rückspiegel baumelte: Medaillons, ein tanzendes
Miniatur-Krummschwert an einer Plastikkette und ein turbantra
gender bärtiger Guru, der mit durchdringendem Blick und segnend
erhobener Hand nach hinten starrte.
Am Rande der Park Avenue standen Kolonnen von roten Tulpen
in Habtachtstellung, als wir vorbeijagten. Bollywood-Pop – zu einem
leisen, beinahe unterschwelligen Wimmern heruntergedreht – glüh
te in hypnotisierenden Spiralen an der Schwelle meines Gehörs. An
den Bäumen kamen die ersten Blätter zum Vorschein. Lieferboten
von D’Agostino und Gristedes schoben Karren voller Lebensmittel
vor sich her, gehetzte Business-Frauen in hochhackigen Schuhen
stürmten den Gehweg entlang und zerrten widerstrebende Kinder
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gartenkinder hinter sich her, ein uniformierter Arbeiter fegte den
Dreck aus der Gosse auf ein Kehrblech mit einem langen Stiel, An
wälte und Börsenmakler streckten die flachen Hände vor sich aus
und schauten stirnrunzelnd zum Himmel. Als wir die Straße hinauf
rumpelten (meine Mutter sah elend aus und klammerte sich haltsu
chend an die Armlehne), starrte ich hinaus zu den magenkranken
Werktagsgesichtern (sorgenvoll aussehende Leute in Regenmänteln,
die in grauen Scharen über die Kreuzungen wimmelten, die Kaffee
aus Pappbechern tranken, in ihre Mobiltelefone sprachen und sich
verstohlen umblickten), und ich bemühte mich nach besten Kräft en,
nicht an all die unangenehmen Varianten zu denken, die das Schick
sal jetzt für mich bereithalten konnte: Ein paar davon drehten sich
um Jugendgericht oder Gefängnis.
Das Taxi bog plötzlich scharf in die 86th Street ab. Meine Mutter
rutschte gegen mich und griff nach meinem Arm, und ich sah, dass
ihr Gesicht feucht und weiß wie ein Stockfisch war.
»Ist dir schlecht vom Fahren?«, fragte ich und vergaß für einen
Augenblick meine eigenen Sorgen. Ihren kläglichen, starren Ge
sichtsausdruck kannte ich nur allzu gut. Ihre Lippen waren fest zu
sammengepresst, die Stirn glänzte, und die Augen waren glasig und
groß.
Sie wollte etwas sagen – aber dann schlug sie die Hand vor den
Mund, als das Taxi an der Ampel ruckartig bremste und uns bei
de nach vorn und dann rückwärts gegen die Sitzlehne schleuderte.
»Warte«, sagte ich, und dann beugte ich mich vor und klopfte an
die fettige Plexiglasscheibe, sodass der Fahrer (ein Sikh mit Turban)
erschrocken hochfuhr.
»Hören Sie«, rief ich durch das Gitter, »es genügt schon, wir stei
gen hier aus, okay?«
Der Sikh (ich sah ihn in dem mit Girlanden behängten Rückspie
gel) starrte mich ungerührt an. »Ihr wollt hier anhalten.«
»Ja, bitte.«
»Aber das ist nicht die Adresse, die ihr mir gegeben habt.«
»Ich weiß. Aber es ist gut.« Ich sah mich nach meiner Mutter um.
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Ihre Wimperntusche war verschmiert, und sie sah verwelkt aus, als
sie in ihrer Handtasche nach ihrem Portemonnaie suchte.
»Alles okay mit ihr?«, fragte der Taxifahrer zweifelnd.
»Ja, ja, alles okay. Wir müssen nur aussteigen, danke.«
Mit zitternden Händen holte meine Mutter ein Knäuel feucht aus
sehender Dollarscheine heraus und schob sie durch das Gitter. Der
Sikh schob seine Hand hindurch und kassierte sie ein (den Blick re
signiert abgewandt), und ich stieg aus und hielt ihr die Tür auf.
Meine Mutter stolperte ein wenig, als sie auf den Randstein trat,
und ich hielt ihren Arm fest. »Alles in Ordnung?«, fragte ich scheu,
als das Taxi davonraste. Wir waren an der oberen Fifth Avenue, bei
den herrschaftlichen Häusern mit Blick auf den Park.
Sie holte tief Luft, wischte sich über die Stirn und drückte mei
nen Arm. »Puh«, sagte sie und wedelte sich mit der flachen Hand
vor dem Gesicht. Ihre Stirn glänzte, und ihr Blick war immer noch
ein bisschen unstet. Sie hatte das leicht zerzauste Aussehen eines
Seevogels, den der Wind vom Kurs abgebracht hat. »Entschuldige,
ich habe immer noch weiche Knie. Gott sei Dank sind wir raus aus
diesem Taxi. Es geht gleich wieder, ich brauche nur ein bisschen fri
sche Luft.«
Die Leute strömten an der windigen Ecke um uns herum und vor
bei: Schulmädchen in Uniform, die uns lachend und rennend aus
wichen, Kindermädchen mit komplizierten Kinderwagen, in denen
Babys paar weise und zu dritt saßen. Ein gehetzter, anwaltsmäßig
aussehender Vater schob sich an uns vorbei und zog seinen kleinen
Sohn am Handgelenk mit sich. »Nein, Braden«, hörte ich ihn zu dem
Jungen sagen, der traben musste, um Schritt zu halten, »so darfst du
nicht denken. Wichtiger ist es, einen Job zu haben, der dir gefällt …«
Wir traten beiseite, um der Seifenlauge auszuweichen, die ein
Hausmeister vor seinem Gebäude aus dem Eimer auf den Gehweg
kippte.
»Sag mal«, meine Mutter drückte die Fingerspitzen an ihre Schlä
fen, »lag das an mir, oder war dieses Taxi unglaublich …«
»Unglaublich eklig? Hawaiian Tropic-Sonnenöl und Babykacke?«
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»Ehrlich«, sie fächelte sich Luft ins Gesicht, »ohne dieses ständi
ge Stop-and-go wäre alles okay gewesen. Mir ging’s absolut gut, und
dann kam es auf einmal über mich.«
»Warum fragst du auch nie, ob du vorn sitzen darfst?«
»Du klingst genau wie dein Vater.«
Verlegen schaute ich weg – ich hatte es selbst gehört: die Andeu
tung seines aufreizenden, allwissenden Tonfalls. »Gehen wir rüber
zur Madison und suchen was, wo du dich hinsetzen kannst«, sagte
ich. Ich hatte einen Mordshunger, und dort war ein Schnellrestau
rant, das mir gefiel.
Aber sie schüttelte den Kopf, und fast überlief sie ein Schauder,
eine sichtbare Welle der Übelkeit. »Luft.« Sie tupfte sich die ver
schmierte Wimperntusche unter den Augen weg. »Die frische Luft
tut gut.«
»Na klar«, sagte ich ein bisschen zu hastig und darauf erpicht, ihr
entgegenzukommen. »Von mir aus.«
Ich strengte mich an, liebenswürdig zu sein, aber meine Mutter –
durchgerüttelt und benommen – registrierte meinen Tonfall, und sie
beobachtete mich ganz genau und versuchte herauszufinden, was ich
dachte. (Eine weitere schlechte Angewohnheit, in die wir dank des
jahrelangen Zusammenlebens mit meinem Vater verfallen waren:
Beide versuchten wir, die Gedanken des anderen zu lesen.)
»Was ist?«, fragte sie, »gibt es da etwas, wo du hinwillst?«
»Ähm, nein, eigentlich nicht.« Ich wich einen Schritt zurück und
sah mich bestürzt um. Ich hatte zwar Hunger, aber ich sah mich nicht
in der Position, meinen Kopf durchzusetzen.
»Mir geht’s gleich wieder gut. Lass mir nur einen Augenblick Zeit.«
»Vielleicht …« Ich kniff gestresst die Augen zusammen: Was woll
te sie, was würde ihr gefallen? »Wie wär’s denn, wenn wir uns in den
Park setzen?«
Zu meiner Erleichterung nickte sie. »Na schön«, sagte sie in dem
Ton, den ich immer als ihre Mary-Poppins-Stimme bezeichnete.
»Aber nur, bis ich wieder Luft bekomme.« Wir machten uns auf den
Weg zum Übergang an der 79th Street, vorbei an Buschskulpturen
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in barocken Pflanzbottichen und massiven Haustüren mit schmie
deeisernen Gitterschnörkeln. Das Licht war zu einem industriellen
Grau verblasst, und der Wind war schwer wie der Dampf aus einem
Teekessel. Auf der anderen Straßenseite, vor dem Park, stellten Ma
ler ihre Stände auf, entrollten Leinwände und pinnten ihre Aquarell
darstellungen der St. Patrick’s Cathedral und der Brooklyn Bridge an
die Stelltafeln.
Wir gingen schweigend nebeneinander her. Meine Gedanken
schwirrten geschäftig um meine eigenen Nöte herum (hatten Toms
Eltern auch einen Anruf bekommen? Warum hatte ich nicht daran
gedacht, ihn zu löchern?), aber auch um die Frage, was ich mir zum
Frühstück bestellen würde, sobald ich es geschafft hätte, sie in das
Schnellrestaurant zu bugsieren (Western Omelett mit Fritten und
einer Scheibe Speck, und sie würde nehmen, was sie immer nahm,
Roggentoast mit pochierten Eiern und eine Tasse schwarzen Kaffee),
und ich achtete kaum darauf, wohin wir gingen, als mir klar wurde,
dass sie soeben etwas gesagt hatte. Sie sah nicht mich an, sondern
schaute in den Park, und ihr Gesichtsausdruck ließ mich an einen
berühmten französischen Film denken, dessen Titel ich nicht kannte
und in dem verstörte Leute durch windige Straßen gingen und eine
Menge redeten, aber anscheinend nicht miteinander.
»Was hast du gesagt?«, fragte ich nach einem Augenblick der Ver
wirrung und ging schneller, um sie einzuholen. »Sei schläfrig …«
Sie sah mich verblüfft an, als hätte sie vergessen, dass ich da war.
Der weiße Mantel, der im Wind flatterte, ließ sie noch mehr wie ein
langbeiniger Ibis aussehen – als würde sie gleich ihre Flügel entfal
ten und über den Park hinaussegeln.
»Ich soll schläfrig sein?«
»Oh.« Ihr Gesicht wurde ausdruckslos, und dann schüttelte sie
den Kopf und lachte kurz auf ihre scharfe, kindliche Art. »Nein, nicht
›sei schläfrig‹. Ich habe Zeitschleife gesagt.«
Es war seltsam, so etwas zu sagen, aber ich wusste doch, was sie
damit meinte, oder zumindest glaubte ich, es zu wissen: dieses Frös
teln der Unverbundenheit, fehlende Sekunden auf dem Gehweg, ein
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Zeitsprung wie ein Schluckauf, ein paar herausgeschnittene Bilder
aus einem Film.
»Nein, nein, Puppy, es ist nur die Gegend hier.« Sie wuschelte mir
durchs Haar, und ich musste auf eine schiefe, halb verlegene Art
grinsen: Puppy – Welpe – war mein Babyname, und ich mochte ihn
nicht mehr, ebenso wenig wie das Haarewuscheln, aber auch wenn
es mich verlegen machte, war ich doch froh zu sehen, dass ihre Stim
mung sich gebessert hatte. »Passiert immer hier oben. Wenn ich hier
oben bin, komme ich mir vor, als wäre ich wieder achtzehn und ge
rade aus dem Bus gestiegen.«
»Hier?«, sagte ich zweifelnd und ließ zu, dass sie mich bei der Hand
hielt, was ich normalerweise nicht erlaubt hätte. »Das ist komisch.«
Ich wusste alles über die erste Zeit meiner Mutter in Manhattan, ein
gutes Stück weit weg von der Fifth Avenue: in der Avenue B, in einer
Ein-Zimmer-Wohnung über einer Bar, wo Penner in der Haustür
schliefen und Kneipenschlägereien sich auf die Straße ergossen und
eine verrückte alte Lady namens Mo zehn oder zwölf illegale Katzen
in einem abgesperrten Treppenhaus im obersten Stock hielt.
Sie zuckte die Achseln. »Ja, aber hier oben ist es immer noch ge
nauso wie am ersten Tag, als ich es gesehen habe. An der Lower East
Side – na, du weißt ja, wie es da unten ist, dauernd was Neues, aber
für mich ist es eher dieses Rip-van-Winkle-Gefühl, immer weiter
und weiter weg. An manchen Tagen bin ich aufgewacht, und es war,
als hätten sie über Nacht die Ladenfassaden neu geordnet. Alte Res
taurants geschlossen, eine trendige Bar, wo immer die Reinigung
gewesen war …«
Ich schwieg respektvoll. Der Lauf der Zeit beschäftigte sie neu
erdings häufiger, vielleicht, weil ihr Geburtstag bevorstand. Ich bin
zu alt für diese Nummer, hatte sie vor ein paar Tagen gesagt, als wir
zusammen die Wohnung durchstöberten. Wir hatten unter den So
fakissen gewühlt und die Taschen von Jacken und Mänteln durch
sucht, um genug Kleingeld für den Botenjungen vom Deli zusam
menzukratzen.
Sie bohrte die Hände in die Manteltaschen. »Hier oben ist es sta
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biler«, sagte sie. Es klang unbeschwert, aber ich sah den Nebel in ih
ren Augen; offensichtlich hatte sie nicht gut geschlafen, dank mir.
»Upper Park ist eine der wenigen Gegenden, wo man noch erken
nen kann, wie die Stadt in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts
ausgesehen hat. Gramercy Park auch und ein Teil des Village. Aber
als ich gerade nach New York gekommen war, dachte ich, diese Ge
gend hier sei Edith Wharton und Franny und Zooey und Frühstück
bei Tiffany in einem.«
»Franny und Zooey war die West Side.«
»Ja, aber ich war zu dumm, um das zu wissen. Ich kann nur sagen,
es war ein ziemlicher Unterschied zur Lower East Side, wo Obdach
lose in Mülltonnen Feuer machten. Hier oben war es am Wochen
ende wie verzaubert – ein Spaziergang durch ein Museum – allein
durch den Central Park zu zockeln …«
»Zockeln?« So vieles von dem, was sie sagte, klang in meinen Au
gen exotisch, und zockeln hörte sich an wie irgendein Pferdeaus
druck aus ihrer Kindheit, ein träger Trott vielleicht, eine Pferdegang
art zwischen Schritt und Trab.
»Ach, du weißt schon, zu bummeln und zu stromern, wie ich es
tue. Ich hatte kein Geld, aber Löcher in den Strümpfen, und lebte
von Hafergrütze. Ob du es glaubst oder nicht, an manchen Wochen
enden bin ich zu Fuß hier heraufgegangen. Hab mein U-Bahn-Geld
für die Rückfahrt gespart. Damals hatte sie noch die Marken, keine
Karten. Und obwohl man doch eigentlich bezahlen muss, um in ein
Museum zu gehen? Die ›erbetene Spende‹? Na, ich schätze, ich muss
damals viel frecher gewesen sein, aber vielleicht hatten sie auch nur
Mitleid mit mir, weil – o nein!«, sagte sie in einem veränderten Ton
und blieb unvermittelt stehen, sodass ich sie ein paar Schritte hinter
mir ließ, ohne es zu merken.
»Was ist?« Ich machte kehrt. »Was ist los?«
»Ich hab was gespürt.« Sie streckte die flache Hand aus und schau
te zum Himmel. »Du auch?«
Und während sie noch redete, schwand das Licht. Der Himmel
verdunkelte sich in Sekundenschnelle, der Wind raschelte in den
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Bäumen im Park, und die jungen Blätter an den Bäumen standen
zart und gelb vor schwarzen Wolken.
»Herrgott, das musste ja so kommen«, sagte meine Mutter. »Gleich
wird’s gießen.« Sie beugte sich über die Straße hinaus und spähte
nach Norden. Kein Taxi.
Ich nahm ihre Hand wieder. »Komm«, sagte ich, »auf der anderen
Seite haben wir mehr Glück.«
Ungeduldig warteten wir das letzte Blinken der Fußgängeram
pel ab. Papierfetzen wirbelten durch die Luft und segelten die Stra
ße hinunter. »Hey, da kommt ein Taxi«, sagte ich und schaute die
Fifth Avenue hinauf. Im selben Augenblick stürzte ein Geschäfts
mann zum Randstein und hob die Hand, und das Taxilicht erlosch.
Auf der anderen Straßenseite zogen die Maler hastig Plastikplanen
über ihre Bilder. Wir rannten hinüber, und gerade als wir auf der an
deren Seite ankamen, klatschte mir ein dicker Regentropfen auf die
Wange. Vereinzelte braune Kleckse – weit auseinander, so groß wie
Zehn-Cent-Stücke – platzten auf dem Gehweg auf.
»Oh, Mist!«, rief meine Mutter. Sie fummelte in ihrer Tasche he
rum und suchte den Schirm, der kaum groß genug für eine Person
war, von zweien ganz zu schweigen.
Und dann ging es los. Kalte Regenschleier wehten seitwärts heran,
breite Böen brandeten durch die Baumwipfel und ließen die Marki
sen auf der anderen Straßenseite flattern. Meine Mutter kämpft e mit
dem ulkigen kleinen Regenschirm und versuchte ohne großen Er
folg, ihn aufzurichten. Die Leute auf der Straße und im Park hielten
sich Zeitungen und Aktentaschen über die Köpfe und hasteten die
Treppe zum Portikus des Museums hinauf, weil man nur dort Schutz
vor dem Regen fand. Und es hatte etwas Festliches, Glückliches, wie
wir beide unter dem kümmerlichen, bunt gestreiften Schirm die
Stufen hinaufsprangen, schnell schnell schnell, vor aller Augen, als
flüchteten wir vor etwas Schrecklichem, statt ihm geradewegs in die
Arme zu laufen.
29
IV
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brannte darauf, die verlorene Zeit nachzuholen. »Die reine Selig
keit, ein vollkommener Himmel«, hatte sie, bis zum Hals in Kunst
büchern, mir immer wieder versichert und stets dieselben alten Dias
angestarrt (Manet, Vuillard), bis sie ihr vor den Augen verschwam
men. (»Es ist verrückt«, sagte sie dann, »aber ich wäre absolut glück
lich damit, den Rest meines Lebens immer wieder dasselbe halbe
Dutzend Bilder anzuschauen. Ich wüsste keinen besseren Weg in
den Wahnsinn.«)
Das College war das zweite wichtige Ereignis für sie in New York –
und in ihren Augen wahrscheinlich das wichtigste. Und wenn das
dritte nicht gewesen wäre (die Begegnung und anschließende Hoch
zeit mit meinem Vater, alles in allem kein so glückliches Ereignis wie
die beiden ersten), hätte sie höchstwahrscheinlich ihr Masterdiplom
erworben und dann promoviert. Wenn sie ein paar Stunden Zeit
für sich hatte, ging sie immer geradewegs ins Frick, ins MoMa oder
ins Met, und als wir jetzt unter dem tropfenden Portikus des Muse
ums standen und über die dunstige Fifth Avenue hinweg auf die Re
gentropfen starrten, die weiß auf dem Asphalt aufspritzten, war ich
nicht sonderlich überrascht, als sie den Regenschirm ausschüttelte
und sagte: »Vielleicht sollten wir hineingehen und ein bisschen he
rumstöbern, bis es aufh ört.«
»Ähm …« Was ich wollte, war ein Frühstück.
Sie warf einen Blick auf die Uhr. »Warum nicht? Ein Taxi kriegen
wir hier niemals.«
Sie hatte recht. Aber ich hatte einen Mordshunger. Wann wer
den wir etwas essen?, dachte ich missmutig und folgte ihr die Trep
pe hinauf. Vermutlich würde sie nach der Konferenz so wütend auf
mich sein, dass das Essen komplett gestrichen würde. Dann müsste
ich mich zu Hause mit einem Granola oder so was zufriedengeben.
Aber im Museum war es immer, als wäre Feiertag, und als wir erst
drin waren, umgeben vom fröhlichen Getöse der Touristen, fühlte
ich mich seltsam isoliert von dem, was auch immer der Tag noch für
mich bereithalten mochte. Im großen Saal war es laut, und es stank
nach nassen Mänteln. Eine durchnässte Truppe von asiatischen Se
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nioren rauschte an uns vorbei und hinter einer stewardessenmäßig
adretten Führerin her. Triefende Pfadfinderinnen steckten an der
Garderobe tuschelnd die Köpfe zusammen, und vor der Informa
tion stand eine Reihe von Kadetten der Militärakademie in ihren
grauen Ausgehuniformen, ohne Mützen, die Hände auf dem Rü
cken verschränkt.
Für mich – ein Großstadtkind, immer umgeben von den Mauern
der Wohnung – war das Museum hauptsächlich wegen seiner unge
heuren Größe interessant: ein Palast, dessen Räume sich endlos an
einanderreihten und immer verlassener aussahen, je weiter man vor
drang. Einige der vernachlässigten Schlafgemächer und mit Kordeln
abgesperrten Salons in den Tiefen der Abteilung für europäisches
Kunsthandwerk lagen wie in einen tiefen Zauber versunken, als habe
seit Jahrhunderten niemand mehr einen Fuß hineingesetzt. Seit ich
angefangen hatte, allein mit der U-Bahn zu fahren, ging ich zu gern
allein dorthin und streifte umher, bis ich mich verirrte; ich wander
te immer weiter in das Labyrinth der Galerien, bis ich manchmal in
vergessene Säle mit Rüstungen und Porzellan geriet, die ich nie zuvor
gesehen hatte (und teilweise auch niemals wiederfand).
Während ich in der Kassenschlange hinter meiner Mutter wartete,
legte ich den Kopf in den Nacken und schaute starr zu dem mäch
tigen Deckengewölbe zwei Stockwerke über mir hinauf. Wenn ich
angestrengt genug hinaufstarrte, bekam ich manchmal das Gefühl,
dort oben herumzuschweben wie eine Feder – ein Trick aus früher
Kindheit, den ich immer weniger beherrschte, je älter ich wurde.
Unterdessen angelte meine Mutter – rotnasig und atemlos von un
serem Sprint durch den Regen – nach ihrem Portemonnaie. »Wenn
wir fertig sind, springe ich vielleicht noch schnell in den Muse
umsshop«, sagte sie. »Ich bin sicher, das Letzte, was Mathilde sich
wünscht, ist ein Kunstbuch, aber sie wird sich kaum groß darüber
beklagen können, ohne dass es dumm klingt.«
»Igitt«, sagte ich. »Das Geschenk ist für Mathilde?« Mathilde war
Art Director in der Werbeagentur, in der meine Mutter arbeitete.
Sie war die Tochter eines französischen Großimporteurs für Stoff e,
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jünger als meine Mutter und notorisch pingelig: Sie neigte zu Wut
anfällen, wenn der Fahrzeugservice oder das Catering nicht ihren
Ansprüchen genügte.
»Yep.« Wortlos reichte sie mir einen Streifen Kaugummi, den ich
annahm, und warf die Packung wieder in ihre Handtasche. »Ich mei
ne, das ist doch total Mathildes Ding – das passende Geschenk, das
nicht viel Geld kosten sollte. Der perfekte, preiswerte Briefbeschwe
rer vom Flohmarkt. Was vermutlich fantastisch wäre, wenn einer von
uns die Zeit hätte, nach Downtown zu fahren und den Flohmarkt
abzusuchen. Letztes Jahr, als Pru an der Reihe war …? Sie hat Panik
gekriegt, ist in der Mittagspause zu Saks gerannt und hat am Ende
zusätzlich zu dem, was sie ihr mitgegeben hatten, noch fünfzig Dol
lar von ihrem eigenen Geld draufgelegt, um eine Sonnenbrille zu
kaufen, Tom Ford, glaube ich, und Mathilde musste trotzdem noch
ihren Spruch über Amerikaner und Konsumkultur loswerden. Dabei
ist Pru nicht mal Amerikanerin, sondern Australierin.«
»Hast du mit Sergio darüber geredet?«, fragte ich. Sergio – selten
im Büro, aber oft in der Society-Presse mit Leuten wie Donatella
Versace – war der millionenschwere Eigentümer der Firma, in der
meine Mutter arbeitete. »Mit Sergio über etwas reden« entsprach
etwa der Frage: »Was würde Jesus tun?«
»Sergios Vorstellung von einem Kunstband ist Helmut Newton.
Oder vielleicht dieses Coff eetable-Buch, das Madonna vor einiger
Zeit herausgebracht hat.«
Ich wollte fragen, wer Helmut Newton war, aber dann hatte ich
eine bessere Idee. »Wieso schenkst du ihr keine Metro Card?«
Meine Mutter verdrehte die Augen. »Glaub mir, genau das wär’s.«
Kürzlich hatte es Aufruhr in der Firma gegeben, als Mathilde mit
dem Auto in einen Stau geraten und bei einem Goldschmied in Wil
liamsburg gestrandet war.
»Quasi anonym. Leg ihr eine auf den Schreibtisch, eine alte Mo
natskarte, ohne Guthaben. Nur um zu sehen, was sie macht.«
»Ich kann dir sagen, was sie macht.« Meine Mutter schob ihren
Mitgliedsausweis unter dem Fenster des Kartenschalters durch. »Sie
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feuert ihre Assistentin und wahrscheinlich die Hälfte der Leute in
der Kreativabteilung.«
Die Werbeagentur, in der sie arbeitete, war auf Accessoires für
Frauen spezialisiert. Unter den aufgeregten und leicht bösarti
gen Augen Mathildes beaufsichtigte meine Mutter den ganzen Tag
Fotoshootings mit Kristallohrringen, die auf Ver wehungen von
künstlichem Festtagsschnee glitzerten, und Krokohandtaschen,
die unbeaufsichtigt auf den Rücksitzen verlassener Limousinen in
himmlischen Lichtkränzen leuchteten. Sie war gut in dem, was sie
tat; sie arbeitete lieber hinter der Kamera als davor, und ich weiß, es
war ein Kick für sie, wenn sie ihre Arbeit auf Postern in der U-Bahn
und Plakatwänden am Times Square sah. Aber bei allem Glanz und
Glamour ihres Jobs (Champagnerfrühstücke und Präsentpakete
von Bergdorf) gehörten doch auch lange Überstunden dazu, und
im Zentrum des Ganzen gab es eine Leere, die sie – das wusste ich –
traurig machte. Eigentlich wäre sie lieber wieder zur Schule gegan
gen, aber natürlich wussten wir beide, dass die Chancen dafür jetzt
schlecht standen, nachdem mein Vater abgehauen war.
»Okay.« Sie wandte sich vom Schalter ab und reichte mir mein
Abzeichen. »Hilf mir, die Zeit im Auge zu behalten, ja? Es ist eine
Riesenausstellung«, sie deutete auf ein Plakat: PORT R ÄT UND
STILLL EBEN: NÖRDL IC HE MEIST ERW ERK E DES GOLDEN EN
ZEITA LT ERS , »und wir können bei einem Besuch nicht alles sehen,
aber es gibt ein paar Sachen …«
Ihre Stimme verwehte, als ich hinter ihr die große Treppe hinauf
stieg, hin- und hergerissen zwischen der vorausschauenden Notwen
digkeit, in ihrer Nähe zu bleiben, und dem Drang, mich ein paar
Schritte zurückzuhalten und so zu tun, als gehörte ich nicht zu ihr.
»Ich finde es grässlich, hier so durchzurennen«, sagte sie eben, als
ich sie oben an der Treppe eingeholt hatte, »aber andererseits ist es
natürlich eine Ausstellung, in die man sowieso zwei oder drei Mal
gehen muss. Da ist die Anatomiestunde, und die müssen wir natür
lich sehen, aber was ich wirklich sehen möchte, ist ein winziges, sel
ten gezeigtes Bild von einem Maler, der Vermeers Lehrer war. Der
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größte der alten Meister, von dem man nie etwas gehört hat. Die
Frans-Hals-Gemälde sind auch eine große Sache. Hals kennst du
doch, oder? Der fröhliche Trinker? Und die Vorsteherinnen des Alt
männerhauses?«
»Ja, genau«, sagte ich zögernd. Von den Bildern, die sie aufgezählt
hatte, kannte ich nur die Anatomiestunde. Ein Detail daraus war auf
dem Plakat zur Ausstellung abgebildet: fahles Fleisch, Schwarz in
vielen Schattierungen, alkoholkrank aussehende Zuschauer mit blut
unterlaufenen Augen und roten Nasen.
»Sachen aus dem Grundkurs Malerei«, sagte meine Mutter. »Hier,
jetzt nach links.«
Oben war es eisig kalt, und meine Haare waren noch nass vom
Regen. »Nein, nein, hier entlang.« Sie griff nach meinem Ärmel. Die
Ausstellung zu finden war kompliziert, und als wir durch die beleb
ten Galerien wanderten (uns durch große Gruppen schlängelten,
rechts abbogen, links abbogen, unseren Weg durch verwirrend an
gelegte und beschilderte Labyrinthe zurück suchten), erschienen in
unregelmäßigen Abständen und an unerwarteten Stellen große, düs
tere Reproduktionen der Anatomiestunde wie unheilvolle Wegwei
ser, immer derselbe alte Leichnam mit dem enthäuteten Arm, und
darunter rote Pfeile: Operationssaal, hier entlang.
Ich war nicht sehr begeistert von der Aussicht auf eine Menge
Bilder mit Holländern, die in dunklen Kleidern herumstanden, und
als wir durch die Glastür traten – aus hallenden Korridoren in tep
pichgedämpfte Stille –, dachte ich zuerst, wir seien im falschen Saal
gelandet. An den Wänden leuchtete der warme, matte Dunst des
Wohlstands, die typische Reife des Alten, aber im nächsten Moment
brach alles auseinander und wurde zu Klarheit und Farbe und pu
rem Nordlicht. Porträts, Interieurs, Stillleben, manche winzig, an
dere majestätisch: Damen mit Ehemännern, Damen mit Schoß
hündchen, einsame Schönheiten in bestickten Gewändern und
prachtvolle Kaufl eute, Solitäre mit Juwelenschmuck und Pelz. Ver
wüstete Banketttafeln, übersät von geschälten Äpfeln und Walnuss
schalen, drapierte Tapisserien und Silber, Trompe-l’Œil-Malereien
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mit krabbelnden Insekten und gestreiften Blumen. Und je tiefer wir
hineinwanderten, desto seltsamer und schöner wurden die Bilder.
Geschälte Zitronen, deren Rinde an der Messerschneide leicht ver
härtet war. Der grünliche Schatten eines Schimmelflecks. Licht auf
dem Rand eines halbvollen Weinglases.
»Das hier gefällt mir auch«, flüsterte meine Mutter und kam vor
einem eher kleinen und besonders spukhaften Stillleben an meine
Seite. Ein weißer Schmetterling schwebte vor einem dunklen Hin
tergrund über einer roten Frucht. Der Hintergrund – ein schweres
Schokoladenschwarz – war von einer komplizierten Wärme, die an
volle Lagerräume denken ließ, an Geschichte, an das Vergehen der
Zeit.
»Sie verstanden es wirklich, diesen schmalen Bereich herauszu
arbeiten, diese niederländischen Maler – Reife, die in Fäulnis über
geht. Die Frucht ist perfekt, aber sie wird nicht halten, sie wird bald
vergehen. Und sieh mal, besonders hier« – sie langte über meine
Schulter und malte mit dem Finger in die Luft –, »dieser Teil hier,
der Schmetterling.« Die Unterseite des Flügels war so puderig und
zart, dass es aussah, als würde die Farbe verschmieren, sobald sie sie
berührte. »Wie wunderschön er damit spielt. Stille mit einem beben
den Hauch von Bewegung.«
»Wie lange hat er gebraucht, um das zu malen?«
Meine Mutter, die ein bisschen zu nah hinter mir gestanden hatte,
trat einen Schritt zurück, um das Bild zu betrachten, ohne von dem
kaugummikauenden Wärter Notiz zu nehmen, dessen Aufmerksam
keit sie erregt hatte und der jetzt ihren Rücken anstarrte.
»Na ja, die Holländer haben das Mikroskop erfunden«, sagte sie.
»Sie waren Juweliere und Linsenschleifer. Sie wollen alles so detail
liert wie möglich haben, denn immer wenn du Fliegen oder andere
Insekten in einem Stillleben siehst oder ein welkes Blütenblatt, einen
schwarzen Fleck auf einem Apfel, sendet der Maler dir eine geheime
Botschaft. Er sagt dir, dass lebende Dinge nicht von Dauer sind. Al
les ist vorübergehend. Tod im Leben. Darum heißen Stillleben auch
natures mortes. Vielleicht siehst du ihn nicht gleich bei all der Schön
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heit und Blüte, den kleinen verfaulten Fleck. Aber wenn du genauer
hinschaust – da ist er.«
Ich beugte mich hinunter, um die Erklärung zu lesen, die in dis
kreten Lettern auf die Wand gedruckt war, und erfuhr, dass der Ma
ler – Adriaen Coorte, Geburts- und Todesdatum unsicher – zu Leb
zeiten unbekannt gewesen war und sein Werk erst in den 1950er
Jahren Anerkennung gefunden hatte. »Hey«, sagte ich. »Mom, hast
du das gesehen?«
Aber sie war schon weitergegangen. Es war kalt und still in den
Räumen mit ihren abgesenkten Decken, anders als in der großen
Halle mit ihrem palasthaften Echo. Die Ausstellung war mäßig voll,
aber trotzdem war sie erfüllt von der Atmosphäre eines bedächtig
sich schlängelnden Nebengewässers, einer gewissen, wie vakuum
versiegelten Ruhe: lange Seufzer und übertriebenes Ausatmen wie
in einem Raum voller Studenten bei einer Klausur. Ich folgte mei
ner Mutter, die im Zickzack von einem Bild zum nächsten ging, von
Blumen zu Kartentischen und weiter zu Früchten, viel schneller, als
sie sonst durch eine Ausstellung spazierte. Sie ignorierte viele der Ex
ponate (unseren vierten Silberkrug oder toten Fasan) und steuerte
ohne Zögern auf andere zu (»Hals zum Beispiel. Er ist manchmal so
kitschig mit seinen Trinkern und Dirnen, aber wenn er trifft, dann
trifft er. Nichts von dieser peniblen Präzision – er arbeitet nass in
nass, Strich auf Strich, alles so schnell. Gesichter und Hände – wirk
lich ausgezeichnet wiedergegeben, denn er weiß schon, wo das Auge
sich hingezogen fühlt, aber sieh dir die Kleider an, so locker, beinahe
skizziert. Sieh nur diese offene und moderne Pinselarbeit!«). Wir ver
brachten einige Zeit vor dem Hals-Porträt eines jungen Mannes mit
einem Totenschädel (»Sei mir nicht böse, Theo, aber was würdest du
sagen, wem er ähnlich sieht? Jemandem«, sie zupfte an den Haaren
auf meinem Hinterkopf, »jemandem, der einen Haarschnitt nötig
hat?«) und vor zwei großen Porträts mit Of fizieren beim Festmahl,
die, wie sie mir sagte, sehr, sehr berühmt waren und einen riesigen
Einfluss auf Rembrandt gehabt hatten (»Van Gogh hat Hals auch ge
liebt. Irgendwo schreibt er über Hals und sagt: Frans Hals hat nicht
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weniger als neunundzwanzig Nuancen von Schwarz! Oder waren es
siebenundzwanzig?«). Ich folgte ihr mit dem benommenen Gefühl
von verlorener Zeit, entzückt darüber, wie vertieft sie in die Ausstel
lung war und anscheinend gar nicht merkte, wie die Minuten im Flu
ge vergingen. Ich hatte das Gefühl, unsere halbe Stunde müsse fast
vorüber sein, aber trotzdem wollte ich trödeln und sie ablenken in
der kindischen Hoffnung, die Zeit werde verstreichen, und wir wür
den die Konferenz ganz versäumen.
»Ja, Rembrandt«, sagte meine Mutter. »Alle behaupten immer, die
ses Bild handele von Vernunft und Aufklärung, von der Morgen
dämmerung wissenschaftlicher Forschung und so weiter, aber für
mich ist es unheimlich, wie höflich und förmlich sie alle sind und
sich um den Tisch herumdrängen wie bei einem Buffet auf einer
Cocktailparty. Aber – siehst du die beiden verwirrten Kerle dahin
ten? Sie sehen den Leichnam gar nicht an, sie sehen uns an. Dich und
mich. Als ob sie uns sähen, wie wir hier vor ihnen stehen – zwei Leu
te aus der Zukunft. Verblüfft. ›Was macht ihr denn hier?‹ Sehr natu
ralistisch. Aber dann wiederum« – sie fuhr mit dem Finger durch die
Luft und an den Konturen der Leiche entlang – »ist der Tote gar nicht
sehr naturalistisch gemalt, wenn du genau hinschaust. Er strahlt ei
nen gespenstischen Glanz aus, siehst du? Fast wie die Obduktion ei
nes Aliens. Siehst du, wie er die Gesichter der Männer beleuchtet, die
auf ihn hinabschauen? Als leuchtete in ihm eine eigene Lichtquelle?
Er malt ihn mit dieser radioaktiven Note, weil er unseren Blick da
rauf lenken will – weil er uns ins Auge springen soll. Und hier« – sie
zeigte auf die enthäutete Hand –, »siehst du, wie er die Aufmerksam
keit auf die Hand lenkt, indem er sie so groß malt, unproportional
groß zum Rest des Körpers? Er hat sie sogar umgedreht, sodass der
Daumen auf der falschen Seite ist, siehst du? Na, das hat er nicht aus
Versehen getan. Die Haut der Hand ist weg, das sehen wir sofort,
denn es ist sehr schlimm, aber indem er den Daumen auf die ande
re Seite dreht, lässt er es noch schlimmer aussehen, und auch wenn
wir nicht den Finger darauflegen können, nehmen wir doch unter
schwellig wahr, dass hier etwas wirklich nicht in Ordnung ist, nicht
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richtig. Ein sehr raffinierter Trick.« Wir standen hinter einer Gruppe
von asiatischen Touristen. Es waren so viele Köpfe, dass ich das Bild
kaum richtig betrachten konnte, aber das störte mich andererseits
nicht besonders, denn ich hatte dieses Mädchen gesehen.
Sie hatte mich auch gesehen. Wir hatten einander beäugt, als wir
durch die Galerien wanderten. Ich hätte nicht mal genau sagen kön
nen, was so interessant an ihr war, denn sie war jünger als ich und
sah ein bisschen seltsam aus, ganz anders als die Mädchen, in die ich
mich normalerweise verknallte – kühle, ernste Schönheiten, die sich
mit verachtungsvollem Blick auf dem Flur umsahen und mit größe
ren Jungen ausgingen. Dieses Mädchen hatte leuchtend rotes Haar.
Ihre Bewegungen waren flink, ihre Gesichtszüge scharf und boshaft
und seltsam, und ihre Augen hatten eine merkwürdige Farbe, ein
goldenes Honigbienenbraun. Sie war zu dünn, bestand fast nur aus
Ellenbogen und sah auf eine gewisse Weise beinahe unscheinbar aus,
und doch hatte sie etwas an sich, das meinen Magen flattern ließ. Sie
schwenkte einen verschrammten Flötenkoffer mit sich herum – ein
Mädchen aus der Stadt? Auf dem Weg zum Musikunterricht? Viel
leicht nicht, dachte ich und ging hinten um sie herum, um meiner
Mutter in die nächste Galerie zu folgen; ihre Kleidung war ein biss
chen zu nichtssagend und vorstädtisch, und wahrscheinlich war sie
eher eine Touristin. Aber sie bewegte sich mit größerer Sicherheit als
die meisten Mädchen, die ich kannte, und der listig gelassene Blick,
den sie über mich hinweggleiten ließ, als sie sich vorbeischob, mach
te mich wahnsinnig.
Ich blieb hinter meiner Mutter und hörte ihr nur mit halbem Ohr
zu, als sie so plötzlich vor einem Gemälde stehen blieb, dass ich sie
beinahe angerempelt hätte.
»Oh, Verzeihung!«, sagte sie, ohne mich anzusehen, und trat einen
Schritt zurück, um Platz zu machen. Ihr Gesicht sah aus, als habe je
mand einen Scheinwerfer darauf gerichtet.
»Das ist es, von dem ich gesprochen habe«, sagte sie. »Ist es nicht
unglaublich?«
Ich neigte ihr den Kopf zu wie ein aufmerksamer Zuhörer, wäh
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rend mein Blick zu dem Mädchen zurückwanderte. Sie war in Beglei
tung eines komischen alten, weißhaarigen Typen. Nach den scharfen
Gesichtszügen zu urteilen, war er mit ihr verwandt, ihr Großvater
vielleicht: Pepita-Jacke, lange schmale Schnürschuhe, glänzend wie
Glas. Seine Augen standen dicht beieinander, er hatte eine schna
belartige Hakennase, und er hinkte – ja, sein ganzer Körper hatte
Schlagseite, und die eine Schulter war höher als die andere. Wäre die
se Schiefneigung noch stärker ausgeprägt gewesen, hätte man ihn als
Buckligen bezeichnen können. Trotzdem hatte er etwas Elegantes an
sich. Und es war klar, dass er das Mädchen anbetete; man sah es da
ran, wie er amüsiert und kameradschaftlich neben ihr herhumpelte
und sorgfältig darauf achtete, wohin er die Füße setzte, während er
ihr den Kopf zuneigte.
»Das ist ungefähr das erste Bild, das ich jemals wirklich geliebt
habe«, sagte meine Mutter gerade. »Du wirst es nicht glauben, aber
es war in einem Buch, das ich als Kind immer aus der Bücherei
entliehen habe. Ich saß dann auf dem Boden vor meinem Bett und
starrte es an, stundenlang, fasziniert – dieses kleine Kerlchen! Und
ich meine, tatsächlich ist es ja unglaublich, wie viel man über ein
Gemälde lernen kann, wenn man eine Menge Zeit mit einer Re
produktion verbringt, selbst wenn es keine besonders gute ist. Es
fing damit an, dass ich den Vogel liebte, wie man ein Haustier liebt
oder so etwas, und am Ende liebte ich die Art und Weise, wie er ge
malt war.« Sie lachte. »Die Anatomiestunde war übrigens in dem
selben Buch, aber sie hat mir eine Heidenangst eingejagt. Ich habe
das Buch immer zugeschlagen, wenn ich es aus Versehen auf die
ser Seite öffnete.«
Das Mädchen und der alte Mann waren neben uns stehen geblie
ben. Befangen beugte ich mich vor und schaute mir das Bild an. Es
war klein, das kleinste Bild der Ausstellung und das schlichteste: ein
gelber Fink vor einem einfachen hellen Hintergrund, der zweigdün
ne Fuß an eine Stange gekettet.
»Er war Rembrandts Schüler und Vermeers Lehrer«, sagte meine
Mutter. »Und dieses eine kleine Bild ist im Grunde das Missing Link
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zwischen den beiden. Dieses klare, reine Tageslicht – daran sieht
man, woher Vermeer die Beschaffenheit seines Lichts bezogen hat.
Natürlich wusste ich als Kind nichts von dieser historischen Bedeu
tung, und sie interessierte mich auch nicht. Aber sie ist da.«
Ich trat zurück, um besser sehen zu können. Das kleine Geschöpf
erschien unvermittelt und sachlich, ohne jede Sentimentalität, und
etwas an der adretten, kompakten Art, wie es in sich selbst steckte –
seine helle Farbe, der wache, aufmerksame Blick –, ließ mich an Bil
der denken, die ich gesehen hatte, die meine Mutter als kleines Mäd
chen zeigten: ein Fink mit dunkler Haube und festem Blick.
»Es war eine berühmte Tragödie in der niederländischen Ge
schichte«, sagte meine Mutter. »Ein großer Teil der Stadt wurde zer
stört.«
»Wobei?«
»In der Katastrophe von Delft. Bei der Fabritius ums Leben kam.
Hast du gehört, wie die Lehrerin vorhin den Kindern davon erzählt
hat?«
Ich hatte es gehört. Da war ein Trio von gespenstischen Land
schaftsbildern gewesen, von einem Maler namens Egbert van der
Poel, verschiedene Ansichten der gleichen, glimmenden Ödnis:
abgebrannte Hausruinen, eine Windmühle mit zerfetzten Segeln,
kreisende Krähen am rauchverhangenen Himmel. Eine amtlich
aussehende Lady mit lauter Stimme hatte einer Gruppe von Mittel
schulkindern erklärt, dass im siebzehnten Jahrhundert in Delft eine
Schießpulverfabrik explodiert und dass der Maler von der Zerstö
rung seiner Stadt so verfolgt und besessen gewesen war, dass er sie
immer wieder gemalt hatte.
»Egbert war Fabritius’ Nachbar, und nach der Pulverexplosion
verlor er irgendwie den Verstand, aber Fabritius wurde getötet und
sein Atelier zerstört. Zusammen mit fast allen seinen Bildern außer
diesem hier.« Anscheinend wartete sie darauf, dass ich etwas sagte,
aber als von mir nichts kam, fuhr sie fort. »Er war einer der größten
Maler seiner Zeit, in einer der größten Epochen der Malerei. Sehr,
sehr berühmt zu Lebzeiten. Aber es ist traurig, denn von seinen Bil
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dern haben vielleicht nur fünf oder sechs überlebt, von seinem gan
zen Werk. Der Rest ist verloren – alles, was er je gemalt hat.«
Das Mädchen und der Großvater trödelten still neben uns herum
und hörten meiner Mutter zu, was ein bisschen peinlich war. Ich
schaute weg, und dann – weil ich nicht widerstehen konnte – schau
te ich wieder hin. Sie standen sehr dicht neben uns, so nah, dass ich
die Hand ausstrecken und sie hätte berühren können. Sie zupft e und
klopfte am Ärmel des alten Mannes herum und zog an seinem Arm,
um ihm etwas ins Ohr zu flüstern.
»Jedenfalls, wenn du mich fragst, ist dies das außergewöhnlichste
Bild in der ganzen Ausstellung. Fabritius macht etwas deutlich, das
er ganz allein entdeckt hat, das vor ihm kein Maler auf der ganzen
Welt wusste, nicht einmal Rembrandt.«
Sehr leise – so leise, dass ich es kaum hören konnte – flüsterte das
Mädchen: »Er musste sein ganzes Leben lang so leben?«
Das hatte ich mich auch schon gefragt. Der gefesselte Fuß, die
Kette, das war schrecklich. Ihr Großvater murmelte irgendetwas zur
Antwort, aber meine Mutter (die sie anscheinend überhaupt nicht
bemerkte, obwohl sie direkt neben uns standen) trat zurück und
sagte: »Ein so geheimnisvolles, so einfaches Bild. Ganz zart – es lädt
dich ein näher z utreten, nicht wahr? All die toten Fasane dahinten,
und dann dieses kleine, lebende Geschöpf.«
Ich gestattete mir noch einen verstohlenen Blick zu dem Mäd
chen hinüber. Sie stand auf einem Bein und hatte die Hüfte nach
außen geschwenkt. Dann – ganz plötzlich – drehte sie sich um und
sah mir in die Augen. Mein Herz setzte verwirrt einmal aus, und ich
schaute weg.
Wie hieß sie? Warum war sie nicht in der Schule? Ich hatte ver
sucht, den gekritzelten Namen auf dem Flötenkoffer zu lesen, aber
obwohl ich mich so weit hinüberbeugte, wie ich es, ohne aufzufallen,
wagen konnte, gelang es mir nicht, die Marker-Striche zu entziffern,
dick und gezackt, mehr Zeichnung als Schrift, wie auf einen U-Bahn-
Wagen gesprayt. Der Nachname war kurz, nur vier oder fünf Buch
staben, und der erste sah aus wie ein R – oder ein P?
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»Menschen sterben, natürlich«, sagte meine Mutter jetzt. »Aber es
ist so herzzerreißend und unnötig, wie wir Dinge verlieren. Durch
pure Nachlässigkeit. Durch Kriege, Brände. Das Parthenon, als Mu
nitionslager verwendet. Ich glaube, dass es uns überhaupt gelingt,
etwas aus der Geschichte zu retten, ist ein Wunder.«
Der Großvater war an ein paar Bildern vorbei weitergewandert,
aber das Mädchen trödelte ein paar Schritte weit hinter ihm und
warf immer wieder einen Blick zurück zu meiner Mutter und mir.
Eine wunderschöne Haut: milchweiß, Arme wie aus Marmor. Sie
sah entschieden sportlich aus, aber zu blass für eine Tennisspie
lerin. Vielleicht war sie Ballerina oder Turnerin oder sogar Turm
springerin, die spätabends in schattendunklen Schwimmhallen
trainierte – Echos und Lichtreflexe, dunkle Kacheln. Steilflug mit
gewölbter Brust und gestreckten Zehen hinunter bis zum Grund
des Beckens, ein lautloses Puff, ein schwarz glänzender Badeanzug,
schäumende Luftblasen, die an der schmalen, straffen Gestalt ent
langströmen.
Wieso diese zwanghaft e Beschäft igung mit jemandem? War es
normal, sich auf diese besonders lebhafte, fiebrige Weise auf eine
Fremde zu konzentrieren? Ich nahm es nicht an. Es war unvorstell
bar, dass irgendein x-beliebiger Passant auf der Straße sich in einem
ähnlichen Ausmaß für mich interessieren könnte. Aber es war der
Hauptgrund dafür, dass ich mit Tom in diese Häuser gegangen war:
Ich war fasziniert von Fremden, wollte wissen, was sie aßen, wel
che Filme sie anschauten, was für Musik sie hörten, ich wollte unter
ihre Betten schauen und in ihre geheimen Schubladen und Nacht
tische und in die Taschen ihrer Mäntel. Oft sah ich interessant aus
sehende Leute auf der Straße und dachte dann tagelang ruhelos an
sie, stellte mir ihr Leben vor, dachte mir Geschichten über sie in der
U-Bahn oder im Crosstown-Bus aus. Jahre waren vergangen, und
ich hatte immer noch nicht aufgehört, an die beiden dunkelhaari
gen Kinder – Bruder und Schwester – in den Uniformen der katho
lischen Schule zu denken, die ich in Grand Central gesehen hatte,
wo sie buchstäblich versuchten, ihren Vater an den Ärmeln seines
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Jacketts aus einer schmuddeligen Bar zu zerren. Auch das zerbrech
liche, zigeunerhaft e Mädchen im Rollstuhl vor dem Carlyle Hotel
hatte ich nicht vergessen, das atemlos auf Italienisch mit dem flau
schigen Hund auf seinem Schoß geredet hatte, während hinter ihr
ein smarter Typ mit Sonnenbrille (Vater? Bodyguard?) offenbar eine
geschäftliche Verhandlung am Telefon führte. Seit Jahren drehte ich
diese Fremden im Kopf hin und her und fragte mich, wer sie wa
ren und wie sie lebten, und ich wusste, jetzt würde ich nach Hau
se gehen und über dieses Mädchen und ihren Großvater genau
so nachdenken. Der alte Mann hatte Geld, das sah man an seiner
Kleidung. Warum waren die beiden allein? Woher kamen sie? Viel
leicht gehörten sie zu einer großen alten, komplizierten New Yorker
Familie – Musiker, Akademiker, eine von diesen kunstbeflissenen
West-Side-Familien, die man oben rings um die Columbia Univer
sity oder in den Matinees im Lincoln Center sehen konnte. Oder –
so anheimelnd und zivilisiert, wie der alte Knabe aussah – vielleicht
war er gar nicht ihr Großvater. Vielleicht war er ein Musiklehrer,
und sie war das Flöte spielende Wunderkind, das er in irgendeiner
Kleinstadt entdeckt und nach New York gebracht hatte, damit es in
der Carnegie Hall spielte …
»Theo?«, sagte meine Mutter plötzlich. »Hast du nicht gehört?«
Ihre Stimme brachte mich wieder zu mir. Wir waren im letzten
Raum der Ausstellung. Dahinter war der Ausstellungsshop – Post
karten, Registrierkasse, Stapel von hochglänzenden Kunstbüchern –,
und meine Mutter hatte die Zeit unglücklicherweise doch nicht aus
den Augen verloren.
»Wir sollten nachsehen, ob es noch regnet«, sagte sie. »Ein biss
chen Zeit haben wir noch«, sie sah auf die Uhr und schaute an mir
vorbei zum EXIT-Schild, »aber ich glaube, ich gehe lieber nach un
ten, wenn ich noch etwas für Mathilde finden will.«
Ich bemerkte, dass das Mädchen meine Mutter beobachtete, als
sie sprach; ihr Blick wanderte neugierig über ihren glatten schwar
zen Pferdeschwanz und den weißen Satin-Trenchcoat mit dem Gür
tel um die Taille, und es überlief mich prickelnd, als ich meine Mut
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ter einen Moment lang so sah, wie das Mädchen sie sah: als Fremde.
Sah sie auch den winzigen Höcker oben auf der Nase, die sie sich als
Kind bei einem Sturz vom Baum gebrochen hatte? Oder die schwar
zen Ringe um die hellblaue Iris, die ihren Augen etwas leicht Wildes
verliehen, wie bei einem jagenden Geschöpf mit scharfem Blick, al
lein in der weiten Prärie?
»Weißt du …« Meine Mutter sah sich noch einmal um. »Wenn du
nichts dagegen hast, würde ich vielleicht noch mal zurücklaufen und
einen kurzen Blick auf die Anatomiestunde werfen, bevor wir gehen.
Ich hab’s nicht aus der Nähe sehen können, und vielleicht schaffe ich
es nicht noch einmal herzukommen, ehe es abgehängt wird.« Mit
geschäftig klappernden Absätzen ging sie los und warf dann einen
Blick zurück, als wollte sie sagen: Kommst du nicht?
Es kam so unerwartet, dass ich einen Sekundenbruchteil lang
überhaupt nicht wusste, was ich sagen sollte. »Äh«, sagte ich und
fasste mich wieder, »ich warte im Shop auf dich.«
»Okay«, rief sie. »Kauf mir zwei Postkarten, ja? Ich bin gleich wie
der da.«
Weg war sie, bevor ich noch ein Wort sagen konnte. Mit klopfen
dem Herzen und außerstande, mein Glück zu fassen, sah ich dem
weißen Satin-Trenchcoat nach, der sich rasch entfernte. Das war sie,
die Chance, mit dem Mädchen zu sprechen, aber was kann ich zu
ihr sagen, dachte ich hektisch, was kann ich sagen? Ich vergrub die
Hände in den Taschen, atmete ein oder zwei Mal durch, um mich
zu sammeln, und mit hell sprudelnder Aufregung im Bauch dreh
te ich mich um.
Zu meiner Bestürzung war sie verschwunden. Das heißt, ver
schwunden war sie nicht; ich sah ihren Rotkopf widerwillig (so
schien es mir) durch den Raum schweben. Ihr Großvater hatte sich
bei ihr untergehakt und flüsterte ihr mit großer Begeisterung etwas
zu, während er sie zu einem Bild an der Wand gegenüber schleppte.
Ich hätte ihn umbringen können. Nervös schaute ich zum leeren
Eingang hinüber. Dann bohrte ich die Hände noch tiefer in die Ta
schen und spazierte auffällig – und mit glühendem Gesicht – quer
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durch den ganzen Raum. Die Uhr tickte; meine Mutter würde je
den Augenblick zurück sein, und auch wenn ich wusste, ich hatte
nicht den Mut, auf sie loszumarschieren und wirklich etwas zu sa
gen, konnte ich sie doch wenigstens noch mal eingehend betrach
ten. Es war nicht allzu lange her, dass ich mit meiner Mutter spät
abends Citizen Kane gesehen hatte; ich war sehr begeistert von der
Vorstellung, man könne im Vorübergehen eine bezaubernde Frem
de wahrnehmen und sich für den Rest des Lebens an sie erinnern.
Eines Tages wäre ich vielleicht auch wie der alte Mann in dem Film,
ich würde mich im Sessel zurücklehnen, den Blick in die Ferne rich
ten und sagen: »Weißt du, das ist jetzt sechzig Jahre her, und ich habe
das Mädchen mit den roten Haaren nie wiedergesehen, aber soll ich
dir was sagen? In der ganzen Zeit ist nicht ein Monat vergangen, in
dem ich nicht an sie gedacht hätte.«
Ich hatte den Raum mehr als zur Hälfte durchschritten, als etwas
Merkwürdiges passierte. Ein Museumswärter rannte an der off enen
Tür des Ausstellungsshops vorbei. Er trug etwas auf den Armen.
Das Mädchen sah es auch. Ihre goldbraunen Augen sahen mich
an, erschrocken, fragend.
Plötzlich kam ein zweiter Wärter aus dem Shop gestürmt. Er hat
te die Arme erhoben und schrie.
Köpfe fuhren hoch. Jemand hinter mir sagte mit merkwürdig fla
cher Stimme: Oh! Im nächsten Moment erschütterte eine gewaltige,
ohrenbetäubende Explosion den Raum.
Der alte Mann taumelte mit ausdruckslosem Gesicht seitwärts.
Sein ausgestreckter Arm – die knotigen Finger gespreizt – ist das
Letzte, woran ich mich erinnern kann. Fast genau im selben Augen
blick kam ein schwarzer Blitz, Trümmer rauschten und wirbelten
um mich herum, und ein brüllender, heißer Wind schlug mir ent
gegen und schleuderte mich durch den Raum. Danach wusste ich
eine Zeitlang nichts mehr.
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V
Ich weiß nicht, wie lange ich ohnmächtig war. Als ich zu mir kam,
lag ich flach auf dem Bauch in einem Sandkasten auf irgendeinem
dunklen Spielplatz – in einer verlassenen Gegend, die ich nicht kann
te. Eine Bande von harten kleinen Jungen drängte sich um mich, und
sie traten mir in die Rippen und an den Hinterkopf. Mein Hals war
zur Seite verdreht, und es hatte mir den Atem verschlagen, aber das
war nicht das Schlimmste: Ich hatte Sand im Mund, ich atmete Sand.
Die Jungen murrten hörbar. Steh auf, Arschloch.
Seht ihn euch an, seht ihn an.
Er hat keine verdammte Ahnung.
Ich rollte mich herum und warf die Arme über den Kopf, und
dann erkannte ich – mit einem schwerelosen, surrealen Ruck –, dass
da niemand war.
Einen Moment lang war ich wie gelähmt und konnte mich nicht
rühren. Alarmglocken schrillten gedämpft in der Ferne. So seltsam
es auch erschien, ich hatte den Eindruck, im ummauerten Innenhof
eines gottverlassenen Sozialwohnungsblocks zu liegen.
Jemand hatte mich ziemlich gründlich verprügelt. Alles tat mir
weh, meine Rippen schmerzten, und mein Kopf fühlte sich an, als
hätte man mich mit einem Bleirohr geschlagen. Ich bewegte den Un
terkiefer hin und her und griff in die Tasche, um zu sehen, ob ich
Geld für die Heimfahrt hatte, als mich jäh die Erkenntnis überkam,
dass ich keine Ahnung hatte, wo ich war. Steif lag ich da, in dem zu
nehmenden Bewusstsein, dass hier etwas schlimm aus den Fugen ge
raten war. Mit dem Licht stimmte etwas nicht und mit der Luft auch
nicht; sie roch beißend und scharf, ein chemischer Dunst, der mir
in der Kehle brannte. Der Kaugummi in meinem Mund war sandig,
und als ich mich – mit pochendem Schädel – herumrollte, um ihn
auszuspucken, blinzelte ich unversehens durch Rauchschleier und
sah etwas, das so fremdartig war, dass ich es ein paar Augenblicke
lang nur anstarrte.
Ich lag in einer zerklüfteten weißen Höhle. Streifen und Fetzen
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baumelten von der Decke. Der Boden war holprig übersät von Hau
fen einer grauen Substanz wie Mondgestein und bestreut mit zerbro
chenem Glas und Kies und Wirbeln von bunt zusammengewürfel
tem Müll, von Ziegeln und Schlacke und papierartigem Zeug, alles
überstäubt von feiner Asche wie vom ersten Reif. Hoch oben leuch
teten zwei Lampen durch den Staub wie aus dem Lot geratene Auto
scheinwerfer im Nebel, schielend, die eine nach oben gerichtet, die
andere zur Seite, wo sie schräge Schatten warf.
Meine Ohren dröhnten und mein Körper ebenfalls, ein äußerst
verstörendes Gefühl: Knochen, Hirn, Herz, alles vibrierte wie eine
klingende Glocke. Leise, irgendwo in weiter Ferne, gellte das mecha
nische Kreischen von Alarmsirenen, gleichmäßig und unpersönlich.
Ich konnte kaum unterscheiden, ob das Geräusch aus meinem In
nern oder von außen kam. Ich hatte das übermächtige Gefühl, al
lein zu sein, in frostiger Erstarrung. Nichts ergab Sinn, in keiner
Richtung.
In einer Kaskade von Sand, die Hand an eine nicht ganz senkrech
te Fläche gestützt, stand ich auf und verzog das Gesicht vor Kopf
schmerzen. Die Neigung des Raums, in dem ich mich befand, fühl
te sich zutiefst und von Grund auf falsch an. Auf einer Seite hingen
Staub und Rauch wie ein stiller, undurchsichtiger Schleier. Auf der
anderen kam ein Haufen von zerbrochenem Material in steilem
Durcheinander von oben herab, wo das Dach oder die Decke hätte
sein müssen.
Mein Kiefer tat weh, ich hatte Platzwunden im Gesicht und an
den Knien, und mein Mund fühlte sich an wie Sandpapier. Blin
zelnd schaute ich mich im Chaos um und sah einen Tennisschuh,
Verwehungen von bröseliger Substanz mit dunklen Flecken, einen
verbogenen Gehstock aus Aluminium. Schwankend stand ich da,
halb erstickt und schwindlig, ohne zu wissen, wohin ich gehen oder
was ich tun sollte, als ich plötzlich das Klingeln eines Telefons zu
hören glaubte.
Einen Moment lang war ich nicht sicher; ich lauschte angestrengt,
aber dann ging es wieder los, matt und lang gezogen, ein bisschen
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unheimlich. Unbeholfen kämpfte ich mich durch die Verwüstung –
stieß staubige Kinderhandtaschen und Rucksäckchen um, riss die
Hände zurück, als sie heiße Objekte und Scherben von zerbroche
nem Glas berührten, und war zunehmend alarmiert, als ich fühlte,
wie der Schutt unter meinen Füßen an manchen Stellen nachgab,
und angesichts der weichen, reglosen Klumpen am Rande meines
Gesichtsfelds.
Auch als ich irgendwann sicher war, dass ich niemals ein Telefon
gehört, sondern das Klingen in meinen Ohren mich getäuscht hat
te, suchte ich weiter, mit gedankenloser, roboterhaft er Intensität ge
fangen in den mechanischen Bewegungen des Suchens. Zwischen
Schreibstift en, Handtaschen, Portemonnaies, zerbrochenen Bril
len, Hotel-Schlüsselkarten, Puderdosen, Parfümsprays und rezept
pflichtigen Medikamenten (Roitman, Andrea – Alprazolam 0,25 mg)
wühlte ich eine Schlüsselring-Taschenlampe und ein nicht funktio
nierendes Telefon (halb aufgeladen, keine Balken) ans Licht und warf
beides in eine faltbare Nylon-Einkaufstasche, die ich in einer Da
menhandtasche gefunden hatte.
Ich schnappte nach Luft, halb erstickt vom Mörtelstaub, und mein
Kopf tat so weh, dass ich kaum sehen konnte. Ich wollte mich hin
setzen, aber es gab nichts zum Sitzen.
Dann sah ich eine Flasche Wasser. Mein Blick huschte sofort zu
rück und strich über die Trümmerlandschaft, bis ich sie wieder sah,
ungefähr fünf Schritte weit entfernt, halb vergraben in einem Hau
fen Schutt: nur die Andeutung eines Etiketts im vertrauten Kühl
schrankblau.
Gefühllos und schwerfällig, als stapfte ich durch tiefen Schnee,
watete ich in Schlangenlinien durch die Trümmer, und Brocken zer
brachen unter meinen Füßen mit scharfem Krachen wie Eis. Aber
ich war noch nicht sehr weit gekommen, als ich aus dem Augenwin
kel eine Bewegung auf dem Boden sah, auffällig in der Stille, eine
Verschiebung von Weiß auf Weiß.
Ich blieb stehen. Dann watete ich ein paar Schritte näher heran.
Es war ein Mann, flach auf dem Rücken, von Kopf bis Fuß weiß vom
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