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Der Distelfink

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DONNA TARTT

Der Distelfink
Buch

Es passiert, als Theo Decker dreizehn Jahre alt ist. An dem Tag, an dem er
mit seiner Mutter ein New Yorker Museum besucht, verändert ein schreck-
liches Unglück sein Leben für immer. Er verliert sie unter tragischen Um-
ständen und bleibt allein und auf sich gestellt zurück, denn sein Vater hat die
Familie schon längst im Stich gelassen. Theo versinkt in tiefer Trauer, die ihn
lange nicht mehr loslässt. Auch das Gemälde, das seit dem fatalen Ereignis
verbotenerweise in seinem Besitz ist und ihn an seine Mutter erinnert, kann
ihm keinen Trost spenden. Ganz im Gegenteil: Mit jedem Jahr, das vergeht,
kommt er immer weiter von seinem Weg ab und droht, in kriminelle Kreise
abzurutschen. Und das Gemälde, das ihn auf merkwürdige Weise fasziniert,
scheint ihn geradezu in eine Welt der Lügen und falschen Entscheidungen zu
ziehen, in einen Sog, der ihn unaufhaltsam mit sich reißt …

Weitere Informationen zu Donna Tartt


sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin
finden Sie am Ende des Buches.
Donna Tartt
Der
Distelfink
Roman

Ins Deutsche übertragen


von Rainer Schmidt und Kristian Lutze
Die Ori­gi­nal­aus­ga­be er­schien 2013 un­ter dem Ti­tel
»The Goldf­inch« bei Litt­le, Brown and Com­pa­ny, New York.
Das Ge­mäl­de Der Dis­tel­fink (1654, Öl auf Lein­wand) von
Carel Fab­ritius wur­de ab­ge­druckt mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung.
Co­py­right © The Bridg­eman Art Lib­rary Limi­ted.
Aus­zü­ge aus dem pol­ni­schen Lied »Ach, śpij kocha­nie«,
Co­py­right © Lud­wik Star­ski und Hen­ryk Wars 1938,
wur­den ver­wen­det mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung von Al­lan Star­ski.
Die Gedichtzeilen von Walt Whitman sind aus: »Walt Whitmans Werk
in 2 Bänden«, zweiter Band, ausgewählt, übertragen und eingeleitet
von Hans Reisiger, Berlin: S. Fischer Verlag, 1922.

Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich


geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und
Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor.
Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Penguin Random House Verlagsgruppe FSC® N001967

6. Auflage
Taschenbuchausgabe November 2015
Copyright © 2013 by Tay, Ltd.
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: Design von Keith Hayes unter Verwendung
des Gemäldes »Der Distelfink« 1654 (Öl auf Leinwand)
von Carel Fabritius (1622-54), Mauritshuis, Den Haag,
Die Niederlande, The Bridgeman Art Library;
Redaktion: Frauke Brodd
TH · Herstellung: Han
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck
Printed in Germany
ISBN: 978-3-442-47360-1

[Link]
Für Mut­ter,
für Claude
I
Das Ab­sur­de be­freit nicht, es bin­det.
Al­bert Ca ­m us
KA­PI­T EL 1

Jun­ger Mann
mit To­ten­schä­del
I

Noch wäh­rend mei­nes Auf­ent­halts in Ams­ter­dam träum­te ich zum


ers­ten Mal seit Jah­ren von mei­ner Mut­ter. Über eine Wo­che war ich
nun schon in mei­nem Ho­tel ein­ge­sperrt und hat­te es nicht ge­wagt,
je­man­den an­zu­ru­fen oder vor die Tür zu ge­hen. Die harm­lo­ses­ten
Ge­räu­sche brach­ten mein Herz ins Stol­pern und Tau­meln: die Auf­
zug­glo­cke, das Rat­tern des Mi­ni­barwa­gens, so­gar die Kirch­turm­
uhren, wenn sie zur vol­len Stun­de schlu­gen – Wes­ter­to­ren, Kri­jt­
berg –, denn in ihr Dröh­nen war ein dunk­ler Un­ter­ton ge­wirkt, eine
un­heil­vol­le Vor­ah­nung wie aus ei­nem Mär­chen. Tags­ü­ber saß ich am
Fußen­de des Bet­tes und ver­such­te, die hol­län­di­schen Fern­seh­nach­
rich­ten zu ent­schlüs­seln (ein hoff­nungs­lo­ses Un­ter­fan­gen, denn ich
konn­te kein Wort Nie­der­län­disch), und wenn ich ka­pi­tu­liert hat­te,
setz­te ich mich ans Fens­ter, schau­te auf die Gracht hi­naus und trug
da­bei mei­nen Ka­mel­haar­man­tel über mei­ner Klei­dung – ich hat­te
New York ei­lig ver­las­sen, mit lau­ter Sa­chen, die nicht warm ge­nug
wa­ren, nicht ein­mal im In­ne­ren des Ho­tels.
Drau­ßen herrsch­te über­all mun­te­res Trei­ben. Es war Weih­nach­
ten; abends fun­kel­ten Lich­ter an den Grach­ten­brü­cken, und rot­
wan­gi­ge da­mes en he­ren, de­ren Schals im ei­si­gen Wind flat­ter­ten,
rum­pel­ten mit ih­ren Rä­dern über das Kopf­stein­pflas­ter und hat­ten
Tan­nen­bäu­me auf die Ge­päck­trä­ger ge­bun­den. Nach­mit­tags spiel­te
eine A­ma­teur­ka­pel­le Weih­nachts­lie­der, die ble­chern und zer­brech­
lich in der Win­ter­luft schweb­ten.
Cha­o­ti­sche Zim­mer­ser­vicetab­letts, zu vie­le Zi­ga­ret­ten, lau­war­
mer Wod­ka aus dem Duty-Free. In die­sen rast­lo­sen Ta­gen des Ein­
ge­sperrt­seins lern­te ich je­den Zen­ti­me­ter mei­nes Zim­mers ken­nen,
ge­nau wie ein Häft­ling sei­ne Zel­le. Ich war zum ers­ten Mal in Ams­

11
ter­dam, ich hat­te fast nichts von der Stadt ge­se­hen, und den­noch
ver­mit­tel­te mir schon das Zim­mer in sei­ner tris­ten, zu­gi­gen, un­po­
lier­ten Schön­heit ein aku­tes Ge­fühl von Nord­eu­ro­pa, wie ein Mi­
ni­a­tur­mo­dell der Nie­der­lan­de: wei­ße Tün­che und pro­tes­tan­ti­sche
Recht­schaf­f en­heit, durch­mischt mit far­ben­fro­hen lu­xu­ri­ö­sen Stof­
fen, ge­lie­fert von Han­dels­schif­fen aus dem Ori­ent. Ich ver­brach­te
un­ver­nünf­t ig viel Zeit da­mit, ein win­zi­ges Paar gold­ge­rahm­ter Öl­
bil­der zu be­trach­ten, die über dem Sek­re­tär hin­gen. Das eine zeig­te
Bau­ern beim Eis­lau­fen auf ei­nem zu­ge­fro­re­nen Teich bei ei­ner Kir­
che, das an­de­re ein Se­gel­schiff auf stol­zer Fahrt über die raue, win­
ter­li­che See: de­ko­ra­ti­ve Re­pro­duk­ti­o­nen, nichts Be­son­de­res, aber ich
stu­dier­te sie, als ent­hiel­ten sie die Chiff­re ei­nes ge­hei­men Schlüs­sels
zum Her­zen der al­ten flä­mi­schen Meis­ter. Drau­ßen klopf­te Grau­pel
an die Fens­ter­schei­ben und rie­sel­te auf die Gracht he­rab, und trotz
schwe­ren Bro­kats und wei­cher Tep­pi­che lag im win­ter­li­chen Licht
doch ein fros­ti­ger Ton von 1943: Ent­beh­rung und Knapp­heit, dün­
ner Tee ohne Zu­cker, hung­rig zu Bett.
Je­den Mor­gen in al­ler Frü­he, wenn drau­ßen noch al­les schwarz
war, be­vor die Ext­ra­be­set­zung ih­ren Dienst an­trat und die Lob­by
sich füll­te, ging ich die Trep­pe hi­nun­ter, um die Zei­tun­gen zu ho­len.
Das Ho­tel­per­so­nal be­weg­te sich mit ge­dämpf­t en Stim­men und lei­
sen Schrit­ten, und ihre Bli­cke glit­ten kühl über mich hin­weg, als sä­
hen sie mich gar nicht rich­tig, den Ame­ri­ka­ner aus der 27, der tags­
ü­ber nie her­un­ter­kam, und ich re­de­te mir zur Be­ru­hi­gung ein, dass
der Nacht­por­ti­er (dunk­ler An­zug, Bürs­ten­haar­schnitt, Horn­bril­le)
wahr­schein­lich ei­ni­gen Auf­wand be­trei­ben wür­de, um Är­ger ab­zu­
wen­den und Auf­se­hen zu ver­mei­den.
Die He­rald Trib­une brach­te kei­ne Mel­dung über mein Pro­blem,
aber die hol­län­di­schen Zei­tun­gen wa­ren voll da­von, dich­te Blö­cke
von aus­län­di­schen Druck­buch­sta­ben, auf­rei­zend knapp au­ßer­halb
des­sen, was ich ver­ste­hen konn­te. Onop­ge­los­te mo­ord. On­bek­en­de.
Ich ging nach oben und wie­der ins Bett (voll be­klei­det, weil es im
Zim­mer so kalt war) und brei­te­te die Zei­tun­gen auf der Bett­de­cke
aus: Fo­tos von Po­li­zei­wa­gen, Ab­sperr­band, und so­gar die Bild­un­ter­

12
schrif­ten wa­ren nicht zu ent­zif­fern. Zwar tauch­te mein Name nicht
auf, aber ich be­kam nicht he­raus, ob sie viel­leicht doch eine Be­schrei­
bung von mir hat­ten oder ob sie der Öf­fent­lich­keit In­for­ma­ti­o­nen
vor­ent­hiel­ten.
Das Zim­mer. Der Heiz­kör­per. Een Am­eri­kaan met een ­strafb­lad.
Das oliv­grü­ne Was­ser der Gracht.
Weil mir kalt und übel war und weil ich die meis­te Zeit nicht
wuss­te, was ich tun soll­te (ich hat­te nicht nur war­me Sa­chen, son­
dern auch ein Buch ver­ges­sen), ver­brach­te ich fast den gan­zen Tag
im Bett. Mit­ten am Nach­mit­tag schien es Nacht zu wer­den. Oft däm­
mer­te ich, um­ge­ben vom Knis­tern der ver­streu­ten Zei­tun­gen, im
Halb­schlaf vor mich hin, und mei­ne Träu­me wa­ren größ­ten­teils von
der glei­chen un­be­stimm­ba­ren Ban­gig­keit ge­trübt, die auch durch die
wa­chen Stun­den si­cker­te: Ge­richts­ver­hand­lun­gen, ge­platz­te Kof­f er
auf dem Roll­feld, mei­ne Klei­der über­all ver­streut, und end­lo­se Flug­
ha­fen­kor­ri­do­re, durch die ich zu Flug­zeu­gen rann­te, von de­nen ich
wuss­te, ich wür­de sie nie er­wi­schen.
Dank mei­nes Fie­bers hat­te ich vie­le und ext­rem leb­haf­te Träu­
me, in de­nen ich mich schweiß­nass hin- und herwälz­te und kaum
wuss­te, ob es Tag oder Nacht war, aber in der letz­ten und schlimms­
ten die­ser Näch­te träum­te ich von mei­ner Mut­ter. Es war ein kur­
zer, ge­heim­nis­vol­ler Traum, der sich eher an­fühl­te wie eine Heim­su­
chung. Ich war in Ho­bies La­den – bes­ser ge­sagt, in ei­nem spuk­haf­t en
Traum­raum, ein­ge­rich­tet wie eine skiz­zen­haf­t e Ver­si­on des La­dens –,
als sie plötz­lich hin­ter mir auf­tauch­te und ich sie in ei­nem Spie­gel
sah. Bei ih­rem An­blick war ich ge­lähmt vor Glück. Sie war es, bis ins
kleins­te De­tail, bis zum Mus­ter ih­rer Som­mer­spros­sen. Sie lä­chel­te
mich an, schö­ner und doch nicht äl­ter, mit ih­rem schwar­zen Haar
und dem ko­misch auf­wärtsge­kräu­sel­ten Mund, kein Traum, son­dern
eine Er­schei­nung, die den gan­zen Raum er­füll­te: eine Kraft für sich,
eine le­ben­di­ge An­ders­heit. Und so gern ich es woll­te, ich wuss­te, ich
konn­te mich nicht um­dre­hen. Sie di­rekt an­zu­se­hen wäre ein Ver­stoß
ge­gen die Re­geln ih­rer Welt und der mei­nen. Sie war auf dem ein­zi­
gen Weg zu mir ge­kom­men, der ihr of­fen­stand, und für ei­nen lan­gen,

13
stil­len Au­gen­blick tra­fen sich un­se­re Bli­cke im Spie­gel. Aber ge­ra­de,
als sie an­schei­nend et­was sa­gen woll­te – in ei­ner Kom­bi­na­ti­on aus
Er­hei­te­rung, Zu­nei­gung und Ver­druss –, schob sich eine Dunst­wol­
ke zwi­schen uns, und ich wach­te auf.

II

Al­les hät­te sich zum Bes­se­ren ge­wen­det, wenn sie am Le­ben ge­blie­
ben wäre. Aber sie starb, als ich klein war, und ob­wohl ich an al­lem,
was mir seit­dem pas­siert ist, zu hun­dert Pro­zent selbst schuld bin,
ver­lor ich doch mit ihr den Blick für jede Art von O­ri­en­tie­rungs­
punkt, der mir den Weg zu ei­nem glück­li­che­ren Ort hät­te zei­gen
kön­nen, hi­nein in ein er­füll­te­res oder zu­träg­li­che­res Le­ben.
Ihr Tod also der Grenz­stein. Vor­her und Nach­her. Und auch wenn
es so vie­le Jah­re spä­ter ein trost­lo­ses Ein­ge­ständ­nis ist, habe ich doch
nie wie­der je­man­den ken­nen­ge­lernt, der mir wie sie das Ge­fühl gab
ge­liebt zu wer­den. In ih­rer Ge­sell­schaft er­wach­te al­les zum Le­ben.
Sie ver­ström­te ein ver­zau­ber­tes The­a­ter­licht, und was man durch
ihre Au­gen sah, leuch­te­te in kräf­ti­ge­ren Far­ben als sonst. Ich er­
in­ne­re mich, dass ich ein paar Wo­chen vor ih­rem Tod spät­a­bends
in ei­nem ita­li­e­ni­schen Res­tau­rant im Vil­la­ge war und wie sie mich
am Är­mel pack­te an­ge­sichts der plötz­li­chen, bei­na­he schmerz­haf­
ten Schön­heit ei­ner Ge­burts­tags­tor­te mit bren­nen­den Ker­zen, die
in ei­ner Pro­zes­si­on aus der Kü­che her­ein­ge­tra­gen wur­de, ein mat­ter
Licht­schein, der fla­ckernd über die dunk­le De­cke husch­te, und wie
die Tor­te im Kreis der Fa­mi­lie auf den Tisch ge­stellt wur­de und das
Ge­sicht ei­ner al­ten Lady se­lig leuch­ten ließ, wäh­rend rings­um ge­lä­
chelt wur­de und die Kell­ner mit den Hän­den auf dem Rü­cken zu­
rück­wi­chen – ein ge­wöhn­li­ches Ge­burts­tags­es­sen, wie man es über­
all in ei­nem preis­wer­ten Down­town-Res­tau­rant zu se­hen be­kom­men
kann, und ich bin si­cher, ich wür­de mich gar nicht da­ran er­in­nern,
wenn sie nicht so kurz da­nach ge­stor­ben wäre, aber nach ih­rem Tod
habe ich im­mer wie­der da­ran ge­dacht, und wahr­schein­lich wer­de ich

14
mein Le­ben lang da­ran den­ken – an die­se Run­de im Ker­zen­schein,
ein tab­leau viv­ant des täg­li­chen, all­täg­li­chen Glücks, das ich ver­lor,
als ich sie ver­lor.
Und sie war schön. Das ist ei­gent­lich zweit­ran­gig, aber sie war es.
Als sie frisch aus Kan­sas nach New York ge­kom­men war, ar­bei­te­te sie
als Teil­zeit-Mo­del, ob­wohl ihr Un­be­ha­gen vor der Ka­me­ra zu groß
war, als dass sie es gut ge­konnt hät­te: Was im­mer sie Be­son­de­res an
sich hat­te, es fand sei­nen Weg nicht auf den Film.
Aber sie war ganz und gar sie selbst: eine Ra­ri­tät. Ich kann mich
nicht ent­sin­nen, je­mals ei­nen Men­schen ge­se­hen zu ha­ben, der wirk­
lich Ähn­lich­keit mit ihr ge­habt hät­te. Sie hat­te schwar­zes Haar, hel­
le Haut, die im Som­mer von Som­mer­spros­sen ge­spren­kelt war, und
por­zel­lan­blaue Au­gen, in de­nen hel­les Licht leuch­te­te, und in ih­ren
schrä­gen Wan­gen­kno­chen lag eine so ex­zent­ri­sche Mi­schung aus
Na­tur­volk und kel­ti­schem Zwie­licht, dass die Leu­te manch­mal ver­
mu­te­ten, sie stam­me aus Is­land. In Wahr­heit war sie halb Irin, halb
Chero­kee und kam aus ei­ner Klein­stadt in Kan­sas an der Gren­ze
zu Ok­la­ho­ma, und sie brach­te mich gern zum La­chen, in­dem sie
sich selbst als Okie be­zeich­ne­te, ob­wohl sie hoch­glän­zend, ner­vös
und ele­gant wie ein Renn­pferd war. Auf Fo­tos kommt die­ser exo­ti­
sche Cha­rak­ter lei­der ein biss­chen zu hart und un­er­bitt­lich zum Vor­
schein – die Som­mer­spros­sen mit Make-up über­tüncht, das Haar im
Na­cken zu ei­nem Pfer­de­schwanz zu­sam­men­ge­bun­den wie bei ei­nem
Edel­mann in der Ge­schich­te vom Prin­zen Gen­ji –, und was über­haupt
nicht he­rü­ber­kommt, ist ihre Wär­me, ihre un­be­re­chen­ba­re Fröh­lich­
keit, die ich an ihr am meis­ten lieb­te. An der Stil­le, die sie auf Bil­
dern aus­strahlt, wird deut­lich, wie sehr sie der Ka­me­ra miss­trau­te;
sie scheint sich auf wach­sam ti­ger­haf­t e Wei­se ge­gen ei­nen An­griff zu
wapp­nen. Aber im Le­ben war sie nicht so. Sie be­weg­te sich mit er­
re­gen­der Flink­heit, mit plötz­li­chen, leich­ten Ge­bär­den, und hock­te
im­mer auf der Stuhl­kan­te wie ein lang ge­streck­ter, ele­gan­ter Sumpf­
vo­gel, der gleich er­schro­cken da­von­flat­tern wird. Ich lieb­te ihr San­
del­holz­par­füm, so rau und un­er­war­tet, und ich lieb­te das Ra­scheln
ih­rer ge­stärk­ten Blu­se, wenn sie sich he­run­ter­beug­te, um mich auf

15
die Stirn zu küs­sen. Wenn sie lach­te, woll­te man weg­wer­fen, was
im­mer man tat, und ihr die Stra­ße hi­nun­ter fol­gen. Wo sie hin­kam,
schau­ten die Män­ner sie aus dem Au­gen­win­kel an, und manch­mal
war­fen sie ihr Bli­cke zu, die mich ein biss­chen stör­ten.
Ihr Tod war mei­ne Schuld. An­de­re Leu­te ver­si­chern mir im­mer
ein biss­chen vor­schnell, dass dem nicht so wäre, und ja­wohl, nur ein
Kind, wer hät­te das ah­nen kön­nen, schreck­li­cher Un­fall, ein­fach Pech,
hät­te je­dem pas­sie­ren kön­nen – das al­les ist wahr, und ich glau­be
kein Wort da­von.
Es pas­sier­te in New York, am 10. Ap­ril, vor vier­zehn Jah­ren. (So­
gar mei­ne Hand sperrt sich ge­gen das Da­tum. Beim Schrei­ben muss­
te ich Druck aus­ü­ben, nur da­mit der Stift sich wei­ter über das Pa­pier
be­weg­te. Es war im­mer ein völ­lig nor­ma­ler Tag, aber jetzt ragt er aus
dem Ka­len­der wie ein ros­ti­ger Na­gel.)
Wäre der Tag plan­mä­ßig ver­lau­fen, hät­te er sich ano­nym in den
Him­mel ver­flüch­tigt, spur­los wie der Rest mei­nes ach­ten Schul­jahrs.
Was wüss­te ich jetzt noch da­von? We­nig oder gar nichts. Aber na­
tür­lich ist die Tex­tur je­nes Mor­gens noch kla­rer zu­ge­gen als die des
heu­ti­gen Ta­ges, bis hin zu der mit Feuch­tig­keit be­la­de­nen Luft. In
der Nacht hat­te es ge­reg­net, ein schreck­li­ches Un­wet­ter; Ge­schäf­t e
stan­den un­ter Was­ser, und zwei U-Bahn-Sta­ti­o­nen wa­ren ge­schlos­
sen. Wir bei­de war­te­ten auf dem pitsch­nas­sen Tep­pich vor un­se­rem
A­part­ment­ge­bäu­de, wäh­rend ihr Lieb­lings­por­ti­er, Gol­die, der sie
an­be­te­te, mit er­ho­be­nem Arm in Rich­tung 57th Street zu­rück­ging
und nach ei­nem Taxi pfiff. Au­tos rausch­ten in schmut­zig auf­sprü­
hen­den Trop­fen­schlei­ern vo­rü­ber. Di­cke Re­gen­wol­ken wälz­ten sich
über Hoch­hau­stür­me, ris­sen auf und um­zin­gel­ten die kla­ren blau­en
Fle­cken am Him­mel. Un­ten auf der Stra­ße, un­ter den Aus­puff­ga­sen,
war der Wind feucht und weich wie im Früh­ling.
»Ah, das ist be­setzt, Lady«, rief Gol­die durch den to­sen­den Stra­
ßen­lärm und trat bei­sei­te, als ein Taxi sprit­zend um die Ecke kam
und sein Licht ab­schal­te­te. Er war der kleins­te un­ter den Por­ti­ers, ein
schmäch­ti­ger, dün­ner, leb­haf­t er klei­ner Kerl, ein hell­häu­ti­ger Pu­er­to
Ri­ca­ner und ehe­ma­li­ger Fe­der­ge­wicht-Bo­xer. Sein Ge­sicht war zwar

16
vom Trin­ken auf­ge­dun­sen (manch­mal, wenn er zur Nacht­schicht er­
schien, roch er nach J&B), aber er war im­mer noch drah­tig, mus­ku­
lös und flink – dau­ernd al­ber­te er he­rum, dau­ernd mach­te er eine
Zi­ga­ret­ten­pau­se un­ten an der Ecke, trat von ei­nem Fuß auf den an­
de­ren, blies sich auf die weiß­be­hand­schuh­ten Hän­de, wenn es kalt
war, und er­zähl­te Wit­ze auf Spa­nisch, so­dass die an­de­ren Por­ti­ers
sich ka­putt­lach­ten.
»Sie ganz ei­lig heu­te Mor­gen?«, frag­te er mei­ne Mut­ter. Auf sei­
nem Na­mens­schild stand BURT D., aber alle nann­ten ihn Gol­die,
we­gen sei­nes Gold­zahns und weil sein Nach­na­me, de Oro, auf Spa­
nisch »Gold« be­deu­te­te.
»Nein, wir ha­ben reich­lich Zeit, es geht schon.« Aber sie sah er­
schöpft aus, und ihre Hän­de zit­ter­ten, als sie sich das Tuch neu um
den Hals schlang, weil es im Wind knat­ternd flat­ter­te.
Gol­die war es wohl auch auf­ge­fal­len, denn er schau­te mit lei­ser
Miss­bil­li­gung zu mir he­rü­ber (ich hat­te mich still hin­ter den Pflanz­
kü­bel aus Be­ton vor der Haus­wand ver­zo­gen und be­trach­te­te al­les,
nur nicht sie).
»Ihr fahrt nicht mit der Bahn?«, frag­te er mich.
»Oh, wir ha­ben ein paar Gän­ge zu er­le­di­gen«, sag­te mei­ne Mut­ter
nicht sehr über­zeu­gend, als sie be­griff, dass ich nicht wuss­te, was ich
sa­gen soll­te. Nor­ma­ler­wei­se ach­te­te ich nicht wei­ter auf das, was sie
an­hat­te, aber was sie an die­sem Mor­gen trug (ei­nen wei­ßen Trench­
coat, ein zar­tes, pink­far­be­nes Tuch, schwarz­wei­ße Slip­per), hat sich
so tief in mein Ge­dächt­nis ein­ge­gra­ben, dass es mir jetzt schwer­fällt,
mich noch an­ders an sie zu er­in­nern.
Ich war drei­zehn. Mir graut bei der Er­in­ne­rung da­ran, wie höl­zern
wir an die­sem Mor­gen mit­ei­nan­der um­gin­gen, so steif, dass selbst der
Por­ti­er es be­merk­te. Bei je­der an­de­ren Ge­le­gen­heit hät­ten wir ganz
ver­trau­ens­voll mit­ei­nan­der ge­plau­dert, aber an die­sem Mor­gen hat­
ten wir uns nicht viel zu sa­gen, denn ich war von der Schu­le sus­pen­
diert wor­den. Sie hat­ten sie am Tag zu­vor im Büro an­ge­ru­fen; sie war
schweig­sam und wü­tend nach Hau­se ge­kom­men, und das Schreck­li­
che war, ich kann­te den Grund für mei­ne Sus­pen­die­rung noch nicht

17
mal. Al­ler­dings war ich zu fünf­und­sieb­zig Pro­zent si­cher, dass Mr.
Bee­man auf sei­nem Weg von sei­nem Büro zum Leh­rer­zim­mer exakt
im fal­schen Au­gen­blick aus dem Fens­ter am Trep­pen­ab­satz im ers­ten
Stock ge­schaut und mich auf dem Schul­ge­län­de hat­te rau­chen se­hen.
(Ge­nau­er ge­sagt, er hat­te mich mit Tom Cable he­rum­ste­hen se­hen, als
der rauch­te, was aber in mei­ner Schu­le prak­tisch auf den­sel­ben Ver­
stoß hi­naus­lief.) Mei­ne Mut­ter konn­te das Rau­chen nicht aus­ste­hen.
Ihre El­tern – zu gern hör­te ich Ge­schich­ten über sie, und sie wa­ren
un­fair­er­wei­se ge­stor­ben, be­vor ich Ge­le­gen­heit hat­te, sie ken­nen­zu­
ler­nen – wa­ren leut­se­li­ge Pfer­de­trai­ner ge­we­sen, die im Wes­ten um­
her­reis­ten und ih­ren Le­bens­un­ter­halt mit der Auf­zucht von Mor­gan-
Pfer­den ver­dien­ten: Cock­tails trin­ken­de, Ca­nas­ta spielen­de mun­te­re
Vö­gel, die je­des Jahr zum Ken­tu­cky-Der­by fuh­ren und Zi­ga­ret­ten in
sil­ber­nen Do­sen im Haus auf­be­wahr­ten. Ei­nes Ta­ges, als sie aus den
Stal­lun­gen kam, krümm­te mei­ne Groß­mut­ter sich vorn­ü­ber und fing
an, Blut zu hus­ten, und wäh­rend der rest­li­chen Teen­ager­zeit mei­ner
Mut­ter hat­ten Sau­er­stoff­fla­schen auf der Ve­ran­da ge­stan­den, und die
Schlaf­zim­mer­ja­lou­si­en wa­ren un­ten ge­blie­ben.
Doch – wie ich be­fürch­te­te, und zwar nicht ohne Grund – Toms
Zi­ga­ret­te war nur die Spitze des Eis­bergs. Ich hat­te schon seit ei­
ner Wei­le Är­ger in der Schu­le. Es fing an – oder bes­ser ge­sagt, der
Schnee­ball kam ins Rol­len –, als mein Va­ter ein paar Mo­na­te zu­vor
ab­ge­hau­en war und mei­ne Mut­ter und mich all­ein­ge­las­sen hat­te. Wir
hat­ten ihn nie be­son­ders ge­mocht, und mei­ne Mut­ter und ich wa­ren
die meis­te Zeit viel glück­li­cher ohne ihn, aber an­de­re Leu­te wa­ren
an­schei­nend scho­ckiert und be­stürzt, als er uns so un­ver­mit­telt ver­
ließ (ohne Geld, Kin­des­un­ter­halt oder Nach­sen­de­a­d­res­se), und die
Leh­rer mei­ner Schu­le an der Up­per West Side hat­ten so viel Mit­leid
mit mir ge­habt und wa­ren so eif­rig be­müht ge­we­sen, mir Ver­ständ­
nis und Un­ter­stüt­zung zu zei­gen, dass sie mir – ei­nem Sti­pen­di­a­ten –
alle mög­li­chen Zu­ge­ständ­nis­se und Frist­ver­län­ge­run­gen und zwei­
te und drit­te Chan­cen ein­räum­ten. Im Lau­fe der Mo­na­te lie­ßen sie
mich im­mer wei­ter an der lan­gen Lei­ne lau­fen, bis ich es schließ­lich
schaff­te, mich da­ran in ein sehr tie­fes Loch ab­zu­sei­len.

18
Also wa­ren wir bei­de – mei­ne Mut­ter und ich – zu ei­ner Kon­fe­
renz in die Schu­le ge­ru­fen wor­den. Die Sit­zung soll­te erst um halb
zwölf an­fan­gen, aber weil mei­ne Mut­ter zwangs­läu­fig den Vor­mit­tag
hat­te frei­neh­men müs­sen, wa­ren wir schon früh un­ter­wegs zur West
Side – zum Früh­stü­cken (und, wie ich ver­mu­te­te, zu ei­nem ernst­
haf­ten Ge­spräch) und da­mit sie ein Ge­burts­tags­ge­schenk für eine
Ar­beits­kol­le­gin kau­fen konn­te. In der Nacht zu­vor war sie bis halb
drei auf ge­we­sen; sie hat­te mit an­ge­spann­tem Ge­sicht im Schein des
Com­pu­ter­bild­schirms ge­ses­sen, E-Mails ge­schrie­ben und ver­sucht,
für ih­ren ar­beits­frei­en Vor­mit­tag im Büro Klarschiff zu ma­chen.
»Ich weiß nicht, wie es Ih­nen geht«, sag­te Gol­die so­e­ben ziem­lich
auf­ge­bracht zu mei­ner Mut­ter, »aber ich sage, es reicht jetzt mit die­
sem feuch­ten Früh­ling. Re­gen, Re­gen …« Pan­to­mi­misch frös­telnd
zog er sei­nen Kra­gen zu­sam­men und schau­te in den Him­mel.
»Ich glau­be, heu­te Nach­mit­tag soll es auf­kla­ren.«
»Ja, ich weiß, aber ich bin jetzt be­reit für den Som­mer.« Er rieb
sich die Hän­de. »Die Leu­te ver­las­sen die Stadt, sie has­sen ihn, be­
schwe­ren sich über die Hit­ze, aber ich – ich bin ein Tro­pen­vo­gel. Je
hei­ßer, je bes­ser. Im­mer her da­mit!« Er klatsch­te in die Hän­de und
ging auf den Fer­sen rück­wärts die Stra­ße hi­nun­ter. »Und – ich sag
Ih­nen: Was ich am bes­ten fin­de, ist die Ruhe hier drau­ßen, die dann
kommt. So im Juli? Das Ge­bäu­de ist leer und ver­schla­fen, und alle
sind weg, wis­sen Sie?« Er schnipp­te mit den Fin­gern, als ein Taxi vor­
bei­ras­te. »Das ist mein Ur­laub.«
»Aber wer­den Sie denn hier drau­ßen nicht ge­bra­ten?« Ge­nau das
hat­te mein dis­tan­zier­ter Dad an ihr nicht aus­ste­hen kön­nen: ihre
Nei­gung, Ge­sprä­che mit Kell­ne­rin­nen an­zu­fan­gen, mit Por­ti­ers und
mit den keu­chen­den al­ten Kna­ckern in der Rei­ni­gung. »Ich mei­ne,
im Win­ter kön­nen Sie doch we­nigs­tens ei­nen Ext­ra­man­tel an­zie­
hen …«
»Hö­ren Sie, ha­ben Sie im Win­ter schon mal an der Tür ge­ar­bei­
tet? Ich sage Ih­nen, es wird kalt. Egal, wie vie­le Män­tel und Müt­zen
Sie an­zie­hen. Sie ste­hen hier drau­ßen, Ja­nu­ar, Feb­ru­ar, und der Wind
weht vom Fluss he­rein? Brrr.«

19
Auf­ge­regt nag­te ich an mei­nem Dau­men­na­gel und starr­te den
Ta­xis hin­ter­her, die an Gol­dies er­ho­be­nem Arm vor­bei­saus­ten. Ich
wuss­te, die War­te­zeit bis zu der Kon­fe­renz um halb zwölf wür­de
qual­voll wer­den, und ich hat­te alle Mühe, da­zu­ste­hen und nicht mit
ver­fäng­li­chen Fra­gen he­raus­zu­plat­zen. Ich hat­te kei­ne Ah­nung, wo­
mit sie uns über­fal­len wür­den, wenn sie uns erst in ih­rem Büro hät­
ten; schon das Wort »Kon­fe­renz« ließ an eine Zu­sam­men­kunft von
Au­to­ri­täts­per­so­nen den­ken, an An­schul­di­gun­gen, Kon­fron­ta­ti­o­nen,
an ei­nen mög­li­chen Schul­ver­weis. Der Ver­lust mei­nes Sti­pen­di­ums
wäre eine Ka­tast­ro­phe. Wir wa­ren plei­te, seit mein Dad weg war,
wir hat­ten kaum noch das Geld für die Mie­te. Und vor al­lem: Ich
war krank vor Sor­ge, Mr. Bee­man könn­te ir­gend­wie he­raus­ge­kriegt
ha­ben, dass Tom Cable und ich in lee­re Fe­ri­en­häu­ser ein­ge­bro­chen
wa­ren, bei mei­nen Be­su­chen bei ihm drau­ßen in den Hamp­tons. Ich
sage ein­ge­bro­chen, ob­wohl wir kein Schloss ge­knackt und auch sonst
nichts be­schä­digt hat­ten (Toms Mut­ter war Im­mo­bi­li­en­mak­le­rin,
und wir klau­ten ein­fach die Er­satz­schlüs­sel von dem Brett in ih­rem
Büro). Haupt­säch­lich hat­ten wir Schrän­ke durch­stö­bert und Schub­
la­den durch­wühlt, aber wir lie­ßen auch ein paar Sa­chen mit­ge­hen:
Bier aus dem Kühl­schrank, Spie­le für die Xbox, eine DVD (Jet Li,
Ent­fes­selt) und auch Geld, ins­ge­samt un­ge­fähr 92 Dol­lar, zer­knüll­
te Fün­fer und Zeh­ner aus ei­nem Glas in ei­ner Kü­che, jede Men­ge
Klein­geld aus den Wä­sche­kam­mern.
Im­mer wenn ich da­ran dach­te, wur­de mir schlecht. Mei­ne Be­su­
che bei Tom wa­ren Mo­na­te her, aber auch wenn ich mir im­mer wie­
der ein­re­de­te, Mr. Bee­man kön­ne un­mög­lich wis­sen, dass wir in den
Häu­sern ge­we­sen wa­ren – wo­her auch? –, ging mei­ne Fan­ta­sie mit
mir durch und schwirr­te pa­nisch im Zick­zack hin und her. Ich war
ent­schlos­sen, Tom nicht zu ver­ra­ten (ob­wohl ich nicht völ­lig si­cher
war, dass er mich nicht ver­ra­ten hat­te), aber da­mit saß ich in der
Zwick­müh­le. Wie hat­te ich so blöd sein kön­nen? Ein­bruch war ein
Ver­bre­chen; da­für ging man in den Knast. In der Nacht zu­vor hat­te
ich stun­den­lang un­ter Qua­len wach ge­le­gen, mich hin- und her­ge­
wor­fen und zu­ge­se­hen, wie der Re­gen in un­re­gel­mä­ßi­gen Böen ge­

20
gen mei­ne Fens­ter­schei­be klatsch­te, und ich hat­te mich ge­fragt, was
ich sa­gen wür­de, wenn man mich des­we­gen zur Rede stell­te. Aber
wie soll­te ich mich ver­tei­di­gen, wenn ich nicht mal wuss­te, was sie
wuss­ten?
Gol­die seufz­te tief, ließ die Hand sin­ken und ging, die Schuh­spit­
zen an­ge­ho­ben, rück­wärts auf den Ab­sät­zen zu mei­ner Mut­ter zu­
rück.
»Un­glaub­lich«, er be­hielt die Stra­ße mit ei­nem an­ge­ö­de­ten Blick
im Auge, »wir ha­ben Hoch­was­ser un­ten in SoHo, das ha­ben Sie ge­
hört, oder, und Car­los sagt, drü­ben bei der UNO sind ein paar Stra­
ßen ge­sperrt.«
Düs­ter be­ob­ach­te­te ich die Hor­den von An­ge­stell­ten, die aus dem
Cross­town-Bus quol­len, freud­los wie ein Schwarm Hor­nis­sen. Viel­
leicht hät­ten wir mehr Glück, wenn wir zwei Stra­ßen wei­ter nach
Wes­ten gin­gen, aber mei­ne Mut­ter und ich kann­ten Gol­die gut ge­
nug, um zu wis­sen, dass er be­lei­digt wäre, wenn wir auf ei­ge­ne Faust
los­zö­gen. Ge­nau in die­sem Mo­ment – so plötz­lich, dass wir alle er­
schra­ken – schleu­der­te ein Taxi mit bren­nen­der Dach­leuch­te quer
über die Fahr­spur auf uns zu und ließ ei­nen Was­ser­fä­cher auf­sprit­
zen, der nach Klo­a­ke roch.
»Pass doch auf!«, schrie Gol­die, als das Taxi sich durch die Pfüt­
zen pflüg­te und zum Ste­hen kam, und dann be­merk­te er, dass mei­
ne Mut­ter kei­nen Schirm hat­te. »War­ten Sie«, sag­te er und woll­te in
den Haus­flur lau­fen, zu der Kol­lek­ti­on von ver­lo­re­nen und ver­ges­
se­nen Schir­men, die er in ei­nem Mes­sing­ei­mer vor dem Ka­min auf­
be­wahr­te und an Re­gen­ta­gen neu ver­teil­te.
»Nein«, rief mei­ne Mut­ter und wühl­te in ih­rer Hand­ta­sche nach
dem win­zi­gen, bunt ge­streif­ten Knirps, »las­sen Sie nur, Gol­die, ich
hab schon …«
Gol­die sprang zu­rück an den Rand­stein und schloss die Ta­xi­tür
hin­ter ihr. Dann bück­te er sich und klopf­te ans Fens­ter.
»Ei­nen ge­seg­ne­ten Tag«, sag­te er.

21
III

Ich be­trach­te mich gern als sen­sib­len Men­schen (wie wir es ver­mut­
lich alle tun), und wäh­rend ich all das zu Pa­pier brin­ge, ist die Ver­su­
chung groß, ei­nen Schat­ten ins Bild zu schraf ­fi e­ren, der sich über den
Him­mel schiebt. Aber ich war blind und taub für die Zu­kunft. Mei­ne
ein­zi­ge, er­drü­cken­de Sor­ge war die Be­spre­chung in der Schu­le. Ich
hat­te Tom an­ge­ru­fen, um ihm (flüs­ternd am Fest­netz­te­le­fon, denn
sie hat­te mir mein Handy weg­ge­nom­men) zu er­zäh­len, dass ich von
der Schu­le sus­pen­diert wor­den war, doch er klang nicht be­son­ders
über­rascht. »Hör zu«, un­ter­brach er mich, »sei nicht so blöd, Theo,
kein Mensch weiß was da­von, du musst ein­fach dei­ne ver­damm­te
Klap­pe hal­ten«, und be­vor ich noch ein Wort her­vor­brin­gen konn­te,
sag­te er: »Tut mir leid, ich muss Schluss ma­chen.« Dann leg­te er auf.
Im Taxi woll­te ich das Fens­ter ei­nen Spalt weit öff­nen, um ein biss­
chen Luft he­rein­zu­las­sen, aber es klemm­te. Es roch, als hät­te je­mand
auf dem Rück­sitz schmut­zi­ge Win­deln ge­wech­selt oder viel­leicht tat­
säch­lich selbst ge­schis­sen und dann ver­sucht, den Ge­stank mit ei­
nem Pa­ket Ko­kos­nuss-Luf­t er­fri­scher, der nach Son­nen­öl duf­t e­te, zu
über­de­cken. Die Sit­ze wa­ren schmie­rig und mit Kle­be­band ge­flickt,
die Stoß­dämp­fer prak­tisch nicht mehr vor­han­den. Im­mer wenn wir
über eine Del­le fuh­ren, klap­per­ten mei­ne Zäh­ne wie der re­li­gi­ö­se
Fir­le­fanz, der am Rück­spie­gel bau­mel­te: Me­dail­lons, ein tan­zen­des
Mi­ni­a­tur-Krumm­schwert an ei­ner Plas­tik­ket­te und ein turb­an­tra­
gen­der bär­ti­ger Guru, der mit durch­drin­gen­dem Blick und seg­nend
er­ho­be­ner Hand nach hin­ten starr­te.
Am Ran­de der Park Ave­nue stan­den Ko­lon­nen von ro­ten Tul­pen
in Hab­tacht­stel­lung, als wir vor­bei­jag­ten. Bolly­wood-Pop – zu ei­nem
lei­sen, bei­na­he un­ter­schwel­li­gen Wim­mern he­run­ter­ge­dreht – glüh­
te in hyp­no­ti­sie­ren­den Spi­ra­len an der Schwel­le mei­nes Ge­hörs. An
den Bäu­men ka­men die ers­ten Blät­ter zum Vor­schein. Lief­er­boten
von D’Ag­ost­ino und Gri­ste­des scho­ben Kar­ren vol­ler Le­bens­mit­tel
vor sich her, ge­hetz­te Busi­ness-Frau­en in hoch­ha­cki­gen Schu­hen
stürm­ten den Geh­weg ent­lang und zerr­ten wi­der­stre­ben­de Kin­der­

22
gar­ten­kin­der hin­ter sich her, ein uni­for­mier­ter Ar­bei­ter feg­te den
Dreck aus der Gos­se auf ein Kehr­blech mit ei­nem lan­gen Stiel, An­
wäl­te und Bör­sen­mak­ler streck­ten die fla­chen Hän­de vor sich aus
und schau­ten stirn­run­zelnd zum Him­mel. Als wir die Stra­ße hi­nauf­
rum­pel­ten (mei­ne Mut­ter sah elend aus und klam­mer­te sich halt­su­
chend an die Arm­leh­ne), starr­te ich hi­naus zu den ma­gen­kran­ken
Werk­tags­ge­sich­tern (sor­gen­voll aus­se­hen­de Leu­te in Re­gen­män­teln,
die in grau­en Scha­ren über die Kreu­zun­gen wim­mel­ten, die Kaf­fee
aus Papp­be­chern tran­ken, in ihre Mo­bil­te­le­fo­ne spra­chen und sich
ver­stoh­len um­blick­ten), und ich be­müh­te mich nach bes­ten Kräf­t en,
nicht an all die un­an­ge­neh­men Va­ri­an­ten zu den­ken, die das Schick­
sal jetzt für mich be­reit­hal­ten konn­te: Ein paar da­von dreh­ten sich
um Ju­gend­ge­richt oder Ge­fäng­nis.
Das Taxi bog plötz­lich scharf in die 86th Street ab. Mei­ne Mut­ter
rutsch­te ge­gen mich und griff nach mei­nem Arm, und ich sah, dass
ihr Ge­sicht feucht und weiß wie ein Stock­fisch war.
»Ist dir schlecht vom Fah­ren?«, frag­te ich und ver­gaß für ei­nen
Au­gen­blick mei­ne ei­ge­nen Sor­gen. Ih­ren kläg­li­chen, star­ren Ge­
sichts­aus­druck kann­te ich nur all­zu gut. Ihre Lip­pen wa­ren fest zu­
sam­men­ge­presst, die Stirn glänz­te, und die Au­gen wa­ren gla­sig und
groß.
Sie woll­te et­was sa­gen – aber dann schlug sie die Hand vor den
Mund, als das Taxi an der Am­pel ruck­ar­tig brems­te und uns bei­
de nach vorn und dann rück­wärts ge­gen die Sitz­leh­ne schleu­der­te.
»War­te«, sag­te ich, und dann beug­te ich mich vor und klopf­te an
die fet­ti­ge Plexi­glas­schei­be, so­dass der Fah­rer (ein Sikh mit Tur­ban)
er­schro­cken hoch­fuhr.
»Hö­ren Sie«, rief ich durch das Git­ter, »es ge­nügt schon, wir stei­
gen hier aus, okay?«
Der Sikh (ich sah ihn in dem mit Gir­lan­den be­häng­ten Rück­spie­
gel) starr­te mich un­ge­rührt an. »Ihr wollt hier an­hal­ten.«
»Ja, bit­te.«
»Aber das ist nicht die Ad­res­se, die ihr mir ge­ge­ben habt.«
»Ich weiß. Aber es ist gut.« Ich sah mich nach mei­ner Mut­ter um.

23
Ihre Wim­pern­tu­sche war ver­schmiert, und sie sah ver­welkt aus, als
sie in ih­rer Hand­ta­sche nach ih­rem Porte­mon­naie such­te.
»Al­les okay mit ihr?«, frag­te der Ta­xi­fah­rer zwei­felnd.
»Ja, ja, al­les okay. Wir müs­sen nur aus­stei­gen, dan­ke.«
Mit zit­tern­den Hän­den hol­te mei­ne Mut­ter ein Knäu­el feucht aus­
se­hen­der Dol­lar­schei­ne he­raus und schob sie durch das Git­ter. Der
Sikh schob sei­ne Hand hin­durch und kas­sier­te sie ein (den Blick re­
sig­niert ab­ge­wandt), und ich stieg aus und hielt ihr die Tür auf.
Mei­ne Mut­ter stol­per­te ein we­nig, als sie auf den Rand­stein trat,
und ich hielt ih­ren Arm fest. »Al­les in Ord­nung?«, frag­te ich scheu,
als das Taxi da­von­ras­te. Wir wa­ren an der obe­ren Fifth Ave­nue, bei
den herr­schaft­li­chen Häu­sern mit Blick auf den Park.
Sie hol­te tief Luft, wisch­te sich über die Stirn und drück­te mei­
nen Arm. »Puh«, sag­te sie und we­del­te sich mit der fla­chen Hand
vor dem Ge­sicht. Ihre Stirn glänz­te, und ihr Blick war im­mer noch
ein biss­chen un­stet. Sie hat­te das leicht zer­zaus­te Aus­se­hen ei­nes
See­vo­gels, den der Wind vom Kurs ab­ge­bracht hat. »Ent­schul­di­ge,
ich habe im­mer noch wei­che Knie. Gott sei Dank sind wir raus aus
die­sem Taxi. Es geht gleich wie­der, ich brau­che nur ein biss­chen fri­
sche Luft.«
Die Leu­te ström­ten an der win­di­gen Ecke um uns he­rum und vor­
bei: Schul­mäd­chen in Uni­form, die uns la­chend und ren­nend aus­
wi­chen, Kin­der­mäd­chen mit komp­li­zier­ten Kin­der­wa­gen, in de­nen
Ba­bys paar ­wei­se und zu dritt sa­ßen. Ein ge­hetz­ter, an­walts­mä­ßig
aus­se­hen­der Va­ter schob sich an uns vor­bei und zog sei­nen klei­nen
Sohn am Hand­ge­lenk mit sich. »Nein, Braden«, hör­te ich ihn zu dem
Jun­gen sa­gen, der tra­ben muss­te, um Schritt zu hal­ten, »so darfst du
nicht den­ken. Wich­ti­ger ist es, ei­nen Job zu ha­ben, der dir ge­fällt …«
Wir tra­ten bei­sei­te, um der Sei­fen­lau­ge aus­zu­wei­chen, die ein
Haus­meis­ter vor sei­nem Ge­bäu­de aus dem Ei­mer auf den Geh­weg
kipp­te.
»Sag mal«, mei­ne Mut­ter drück­te die Fin­ger­spit­zen an ihre Schlä­
fen, »lag das an mir, oder war die­ses Taxi un­glaub­lich …«
»Un­glaub­lich ek­lig? Ha­wai­ian Tro­pic-Son­nen­öl und Ba­by­kacke?«

24
»Ehr­lich«, sie fä­chel­te sich Luft ins Ge­sicht, »ohne die­ses stän­di­
ge Stop-and-go wäre al­les okay ge­we­sen. Mir ging’s ab­so­lut gut, und
dann kam es auf ein­mal über mich.«
»Wa­rum fragst du auch nie, ob du vorn sit­zen darfst?«
»Du klingst ge­nau wie dein Va­ter.«
Ver­le­gen schau­te ich weg – ich hat­te es selbst ge­hört: die An­deu­
tung sei­nes auf­rei­zen­den, all­wis­sen­den Ton­falls. »Ge­hen wir rü­ber
zur Madi­son und su­chen was, wo du dich hin­set­zen kannst«, sag­te
ich. Ich hat­te ei­nen Mords­hun­ger, und dort war ein Schnell­res­tau­
rant, das mir ge­fiel.
Aber sie schüt­tel­te den Kopf, und fast über­lief sie ein Schau­der,
eine sicht­ba­re Wel­le der Übel­keit. »Luft.« Sie tupf­te sich die ver­
schmier­te Wim­pern­tu­sche un­ter den Au­gen weg. »Die fri­sche Luft
tut gut.«
»Na klar«, sag­te ich ein biss­chen zu has­tig und da­rauf er­picht, ihr
ent­ge­gen­zu­kom­men. »Von mir aus.«
Ich streng­te mich an, lie­bens­wür­dig zu sein, aber mei­ne Mut­ter –
durch­ge­rüt­telt und be­nom­men – re­gist­rier­te mei­nen Ton­fall, und sie
be­ob­ach­te­te mich ganz ge­nau und ver­such­te he­raus­zu­fin­den, was ich
dach­te. (Eine wei­te­re schlech­te An­ge­wohn­heit, in die wir dank des
jah­re­lan­gen Zu­sam­men­le­bens mit mei­nem Va­ter ver­fal­len wa­ren:
Bei­de ver­such­ten wir, die Ge­dan­ken des an­de­ren zu le­sen.)
»Was ist?«, frag­te sie, »gibt es da et­was, wo du hinwillst?«
»Ähm, nein, ei­gent­lich nicht.« Ich wich ei­nen Schritt zu­rück und
sah mich be­stürzt um. Ich hat­te zwar Hun­ger, aber ich sah mich nicht
in der Po­si­ti­on, mei­nen Kopf durch­zu­set­zen.
»Mir geht’s gleich wie­der gut. Lass mir nur ei­nen Au­gen­blick Zeit.«
»Viel­leicht …« Ich kniff ge­stresst die Au­gen zu­sam­men: Was woll­
te sie, was wür­de ihr ge­fal­len? »Wie wär’s denn, wenn wir uns in den
Park set­zen?«
Zu mei­ner Er­leich­te­rung nick­te sie. »Na schön«, sag­te sie in dem
Ton, den ich im­mer als ihre Mary-Pop­pins-Stim­me be­zeich­ne­te.
»Aber nur, bis ich wie­der Luft be­kom­me.« Wir mach­ten uns auf den
Weg zum Über­gang an der 79th Street, vor­bei an Busch­skulp­tu­ren

25
in ba­ro­cken Pflanz­bot­ti­chen und mas­si­ven Haus­tü­ren mit schmie­
de­ei­ser­nen Git­ter­schnör­keln. Das Licht war zu ei­nem in­dust­ri­el­len
Grau ver­blasst, und der Wind war schwer wie der Dampf aus ei­nem
Tee­kes­sel. Auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te, vor dem Park, stell­ten Ma­
ler ihre Stän­de auf, ent­roll­ten Lein­wän­de und pinn­ten ihre A­qua­rell­
dar­stel­lun­gen der St. Pa­trick’s Cathe­dral und der Brook­lyn Bridge an
die Stell­ta­feln.
Wir gin­gen schwei­gend ne­ben­ei­nan­der her. Mei­ne Ge­dan­ken
schwirr­ten ge­schäf­tig um mei­ne ei­ge­nen Nöte he­rum (hat­ten Toms
El­tern auch ei­nen An­ruf be­kom­men? Wa­rum hat­te ich nicht da­ran
ge­dacht, ihn zu lö­chern?), aber auch um die Fra­ge, was ich mir zum
Früh­stück be­stel­len wür­de, so­bald ich es ge­schafft hät­te, sie in das
Schnell­res­tau­rant zu bug­sie­ren (Wes­tern Ome­lett mit Frit­ten und
ei­ner Schei­be Speck, und sie wür­de neh­men, was sie im­mer nahm,
Rog­gen­toast mit po­chier­ten Ei­ern und eine Tas­se schwar­zen Kaf­fee),
und ich ach­te­te kaum da­rauf, wo­hin wir gin­gen, als mir klar wur­de,
dass sie so­e­ben et­was ge­sagt hat­te. Sie sah nicht mich an, son­dern
schau­te in den Park, und ihr Ge­sichts­aus­druck ließ mich an ei­nen
be­rühm­ten fran­zö­si­schen Film den­ken, des­sen Ti­tel ich nicht kann­te
und in dem ver­stör­te Leu­te durch win­di­ge Stra­ßen gin­gen und eine
Men­ge re­de­ten, aber an­schei­nend nicht mit­ei­nan­der.
»Was hast du ge­sagt?«, frag­te ich nach ei­nem Au­gen­blick der Ver­
wir­rung und ging schnel­ler, um sie ein­zu­ho­len. »Sei schläf­rig …«
Sie sah mich ver­blüfft an, als hät­te sie ver­ges­sen, dass ich da war.
Der wei­ße Man­tel, der im Wind flat­ter­te, ließ sie noch mehr wie ein
lang­bei­ni­ger Ibis aus­se­hen – als wür­de sie gleich ihre Flü­gel ent­fal­
ten und über den Park hi­nausse­geln.
»Ich soll schläf­rig sein?«
»Oh.« Ihr Ge­sicht wur­de aus­drucks­los, und dann schüt­tel­te sie
den Kopf und lach­te kurz auf ihre schar­fe, kind­li­che Art. »Nein, nicht
›sei schläf­rig‹. Ich habe Zeit­schlei­fe ge­sagt.«
Es war selt­sam, so et­was zu sa­gen, aber ich wuss­te doch, was sie
da­mit mein­te, oder zu­min­dest glaub­te ich, es zu wis­sen: die­ses Frös­
teln der Un­ver­bun­den­heit, feh­len­de Se­kun­den auf dem Geh­weg, ein

26
Zeit­sprung wie ein Schluck­auf, ein paar he­raus­ge­schnit­te­ne Bil­der
aus ei­nem Film.
»Nein, nein, Puppy, es ist nur die Ge­gend hier.« Sie wu­schel­te mir
durchs Haar, und ich musste auf eine schie­fe, halb ver­le­ge­ne Art
grin­sen: Puppy – Wel­pe – war mein Ba­by­na­me, und ich moch­te ihn
nicht mehr, eben­so we­nig wie das Haa­re­wu­scheln, aber auch wenn
es mich ver­le­gen mach­te, war ich doch froh zu se­hen, dass ihre Stim­
mung sich ge­bes­sert hat­te. »Pas­siert im­mer hier oben. Wenn ich hier
oben bin, kom­me ich mir vor, als wäre ich wie­der acht­zehn und ge­
ra­de aus dem Bus ge­stie­gen.«
»Hier?«, sag­te ich zwei­felnd und ließ zu, dass sie mich bei der Hand
hielt, was ich nor­ma­ler­wei­se nicht er­laubt hät­te. »Das ist ko­misch.«
Ich wuss­te al­les über die ers­te Zeit mei­ner Mut­ter in Man­hat­tan, ein
gu­tes Stück weit weg von der Fifth Ave­nue: in der Ave­nue B, in ei­ner
Ein-Zim­mer-Woh­nung über ei­ner Bar, wo Pen­ner in der Haus­tür
schlie­fen und Knei­pen­schlä­ge­rei­en sich auf die Stra­ße er­gos­sen und
eine ver­rück­te alte Lady na­mens Mo zehn oder zwölf il­le­ga­le Kat­zen
in ei­nem ab­ge­sperr­ten Trep­pen­haus im obers­ten Stock hielt.
Sie zuck­te die Ach­seln. »Ja, aber hier oben ist es im­mer noch ge­
nau­so wie am ers­ten Tag, als ich es ge­se­hen habe. An der Lo­wer East
Side – na, du weißt ja, wie es da un­ten ist, dau­ernd was Neu­es, aber
für mich ist es eher die­ses Rip-van-Win­kle-Ge­fühl, im­mer wei­ter
und wei­ter weg. An man­chen Ta­gen bin ich auf­ge­wacht, und es war,
als hät­ten sie über Nacht die La­den­fas­sa­den neu ge­ord­net. Alte Res­
tau­rants ge­schlos­sen, eine tren­di­ge Bar, wo im­mer die Rei­ni­gung
ge­we­sen war …«
Ich schwieg res­pekt­voll. Der Lauf der Zeit be­schäf­tig­te sie neu­
er­dings häu­fi­ger, viel­leicht, weil ihr Ge­burts­tag be­vor­stand. Ich bin
zu alt für die­se Num­mer, hat­te sie vor ein paar Ta­gen ge­sagt, als wir
zu­sam­men die Woh­nung durch­stö­ber­ten. Wir hat­ten un­ter den So­
fa­kis­sen ge­wühlt und die Ta­schen von Ja­cken und Män­teln durch­
sucht, um ge­nug Klein­geld für den Bo­ten­jun­gen vom Deli zu­sam­
men­zu­krat­zen.
Sie bohr­te die Hän­de in die Man­tel­ta­schen. »Hier oben ist es sta­

27
bi­ler«, sag­te sie. Es klang un­be­schwert, aber ich sah den Ne­bel in ih­
ren Au­gen; of­fen­sicht­lich hat­te sie nicht gut ge­schla­fen, dank mir.
»Up­per Park ist eine der we­ni­gen Ge­gen­den, wo man noch er­ken­
nen kann, wie die Stadt in den neun­zi­ger Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts
aus­ge­se­hen hat. Gram­ercy Park auch und ein Teil des Vil­la­ge. Aber
als ich ge­ra­de nach New York ge­kom­men war, dach­te ich, die­se Ge­
gend hier sei Edith Whar­ton und Franny und Zoo­ey und Früh­stück
bei Tiff­any in ei­nem.«
»Franny und Zoo­ey war die West Side.«
»Ja, aber ich war zu dumm, um das zu wis­sen. Ich kann nur sa­gen,
es war ein ziem­li­cher Un­ter­schied zur Lo­wer East Side, wo Ob­dach­
lo­se in Müll­ton­nen Feu­er mach­ten. Hier oben war es am Wo­chen­
en­de wie ver­zau­bert – ein Spa­zier­gang durch ein Mu­se­um – al­lein
durch den Cen­tral Park zu zo­ckeln …«
»Zo­ckeln?« So vie­les von dem, was sie sag­te, klang in mei­nen Au­
gen exo­tisch, und zo­ckeln hör­te sich an wie ir­gend­ein Pfer­de­aus­
druck aus ih­rer Kind­heit, ein trä­ger Trott viel­leicht, eine Pfer­de­gang­
art zwi­schen Schritt und Trab.
»Ach, du weißt schon, zu bum­meln und zu stro­mern, wie ich es
tue. Ich hat­te kein Geld, aber Lö­cher in den Strümp­fen, und leb­te
von Ha­fer­grüt­ze. Ob du es glaubst oder nicht, an man­chen Wo­chen­
en­den bin ich zu Fuß hier her­auf­ge­gan­gen. Hab mein U-Bahn-Geld
für die Rück­fahrt ge­spart. Da­mals hat­te sie noch die Mar­ken, kei­ne
Kar­ten. Und ob­wohl man doch ei­gent­lich be­zah­len muss, um in ein
Mu­se­um zu ge­hen? Die ›er­be­te­ne Spen­de‹? Na, ich schät­ze, ich muss
da­mals viel fre­cher ge­we­sen sein, aber viel­leicht hat­ten sie auch nur
Mit­leid mit mir, weil – o nein!«, sag­te sie in ei­nem ver­än­der­ten Ton
und blieb un­ver­mit­telt ste­hen, so­dass ich sie ein paar Schrit­te hin­ter
mir ließ, ohne es zu mer­ken.
»Was ist?« Ich mach­te kehrt. »Was ist los?«
»Ich hab was ge­spürt.« Sie streck­te die fla­che Hand aus und schau­
te zum Him­mel. »Du auch?«
Und wäh­rend sie noch re­de­te, schwand das Licht. Der Him­mel
ver­dun­kel­te sich in Se­kun­den­schnel­le, der Wind ra­schel­te in den

28
Bäu­men im Park, und die jun­gen Blät­ter an den Bäu­men stan­den
zart und gelb vor schwar­zen Wol­ken.
»Herr­gott, das muss­te ja so kom­men«, sag­te mei­ne Mut­ter. »Gleich
wird’s gie­ßen.« Sie beug­te sich über die Stra­ße hi­naus und späh­te
nach Nor­den. Kein Taxi.
Ich nahm ihre Hand wie­der. »Komm«, sag­te ich, »auf der an­de­ren
Sei­te ha­ben wir mehr Glück.«
Un­ge­dul­dig war­te­ten wir das letz­te Blin­ken der Fuß­gän­ger­am­
pel ab. Pa­pier­fet­zen wir­bel­ten durch die Luft und se­gel­ten die Stra­
ße hi­nun­ter. »Hey, da kommt ein Taxi«, sag­te ich und schau­te die
Fifth Ave­nue hi­nauf. Im sel­ben Au­gen­blick stürz­te ein Ge­schäfts­
mann zum Rand­stein und hob die Hand, und das Ta­xi­licht er­losch.
Auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te zo­gen die Ma­ler has­tig Plas­tik­pla­nen
über ihre Bil­der. Wir rann­ten hi­nü­ber, und ge­ra­de als wir auf der an­
de­ren Sei­te an­ka­men, klatsch­te mir ein di­cker Re­gen­trop­fen auf die
Wan­ge. Ver­ein­zel­te brau­ne Kleck­se – weit aus­ei­nan­der, so groß wie
Zehn-Cent-Stü­cke – platz­ten auf dem Geh­weg auf.
»Oh, Mist!«, rief mei­ne Mut­ter. Sie fum­mel­te in ih­rer Ta­sche he­
rum und such­te den Schirm, der kaum groß ge­nug für eine Per­son
war, von zwei­en ganz zu schwei­gen.
Und dann ging es los. Kal­te Re­gen­schlei­er weh­ten seit­wärts he­ran,
brei­te Böen bran­de­ten durch die Baum­wip­fel und lie­ßen die Mar­ki­
sen auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te flat­tern. Mei­ne Mut­ter kämpf­t e mit
dem ul­ki­gen klei­nen Re­gen­schirm und ver­such­te ohne gro­ßen Er­
folg, ihn auf­zu­rich­ten. Die Leu­te auf der Stra­ße und im Park hiel­ten
sich Zei­tun­gen und Ak­ten­ta­schen über die Köp­fe und has­te­ten die
Trep­pe zum Por­ti­kus des Mu­se­ums hi­nauf, weil man nur dort Schutz
vor dem Re­gen fand. Und es hat­te et­was Fest­li­ches, Glück­li­ches, wie
wir bei­de un­ter dem küm­mer­li­chen, bunt ge­streif­ten Schirm die
Stu­fen hin­auf­spran­gen, schnell schnell schnell, vor al­ler Au­gen, als
flüch­te­ten wir vor et­was Schreck­li­chem, statt ihm ge­ra­de­wegs in die
Arme zu lau­fen.

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IV

Drei wich­ti­ge Din­ge wa­ren mei­ner Mut­ter pas­siert, nach­dem sie


ohne Freun­de und prak­tisch ohne Geld mit dem Bus aus Kan­sas
nach New York ge­kom­men war. Das ers­te war, dass sie ei­nem Fo­to­
a­gen­ten na­mens Davy Jo Pi­cke­ring beim Kell­nern in ei­nem Cof­fee­
shop im Vil­la­ge auf ­fi el – eine un­ter­er­nähr­te jun­ge Frau in Doc Mar­
tens und Se­condhand-Klei­dern, mit ei­nem Zopf auf dem Rü­cken,
der so lang war, dass sie da­rauf sit­zen konn­te. Als sie ihm sei­nen Kaf­
fee brach­te, bot er ihr erst sie­ben­hun­dert und dann tau­send Dol­lar,
wenn sie für ein Mäd­chen ein­sprän­ge, das zu ei­nem Ka­ta­log-Shoo­
ting auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te nicht er­schie­nen war. Er zeig­te ihr
den Lo­cat­ion Van, das Equip­ment, das am Sheri­dan Park auf­ge­baut
wur­de, er zähl­te die Schei­ne ab und leg­te sie auf die The­ke. »Ge­ben
Sie mir zehn Mi­nu­ten Zeit«, sag­te sie, er­le­dig­te den Rest ih­rer Früh­
stücks­be­stel­lun­gen, häng­te die Schür­ze an den Ha­ken und ging.
»Ich war nur Ka­ta­log-Mo­del« – da­rauf wies sie die Leu­te im­mer
aus­drück­lich hin, und es soll­te be­deu­ten, dass sie nie für Zeit­schrif­
ten oder Mo­den­schau­en ge­ar­bei­tet hat­te, son­dern im­mer nur als
Mo­del für die Hand­zet­tel von Kauf­h aus­ket­ten, die preis­wer­te Frei­
zeit­klei­dung für jun­ge Mäd­chen in Mis­sou­ri und Mon­ta­na an­bo­ten.
Manch­mal hat es Spaß ge­macht, sag­te sie, aber meis­tens nicht: Ba­de­
an­zü­ge im Ja­nu­ar, frös­telnd von ei­ner Er­käl­tung, Tweed- und Woll­
sa­chen in der Som­mer­hit­ze, stun­den­lang schwit­zend un­ter künst­
li­chem Herbst­laub, wäh­rend ein Stu­dio­ven­ti­la­tor ihr hei­ße Luft
ent­ge­gen­blies und ein Typ aus der Mas­ke zwi­schen den ein­zel­nen
Takes he­ran­flitzte und ihr den Schweiß aus dem Ge­sicht pu­der­te.
Aber nach­dem sie jah­re­lang he­rum­ge­stan­den und so ge­tan hat­te,
als gin­ge sie aufs Col­lege – in stei­fer Pose, zu zweit und zu dritt vor
ei­ner künst­li­chen Cam­pus-Ku­lis­se mit ei­nem Sta­pel Bü­cher vor der
Brust –, war es ihr ge­lun­gen, ge­nug Geld auf die Sei­te zu le­gen, um
wirk­lich aufs Col­lege zu ge­hen: Kunst­ge­schich­te an der New York
Un­iver­sity. Erst mit acht­zehn hat­te sie nach ih­rer An­kunft in New
York das ers­te gro­ße Ge­mäl­de mit ei­ge­nen Au­gen ge­se­hen, und sie

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brann­te da­rauf, die ver­lo­re­ne Zeit nach­zu­ho­len. »Die rei­ne Se­lig­
keit, ein voll­kom­me­ner Him­mel«, hat­te sie, bis zum Hals in Kunst­
bü­chern, mir im­mer wie­der ver­si­chert und stets die­sel­ben al­ten Dias
an­ge­starrt (Ma­net, Vuill­ard), bis sie ihr vor den Au­gen ver­schwam­
men. (»Es ist ver­rückt«, sag­te sie dann, »aber ich wäre ab­so­lut glück­
lich da­mit, den Rest mei­nes Le­bens im­mer wie­der das­sel­be hal­be
Dut­zend Bil­der an­zu­schau­en. Ich wüss­te kei­nen bes­se­ren Weg in
den Wahn­sinn.«)
Das Col­lege war das zwei­te wich­ti­ge Er­eig­nis für sie in New York –
und in ih­ren Au­gen wahr­schein­lich das wich­tigs­te. Und wenn das
drit­te nicht ge­we­sen wäre (die Be­geg­nung und an­schlie­ßen­de Hoch­
zeit mit mei­nem Va­ter, al­les in al­lem kein so glück­li­ches Er­eig­nis wie
die bei­den ers­ten), hät­te sie höchst­wahr­schein­lich ihr Mas­ter­dip­lom
er­wor­ben und dann pro­mo­viert. Wenn sie ein paar Stun­den Zeit
für sich hat­te, ging sie im­mer ge­ra­de­wegs ins Frick, ins MoMa oder
ins Met, und als wir jetzt un­ter dem trop­fen­den Por­ti­kus des Mu­se­
ums stan­den und über die duns­ti­ge Fifth Ave­nue hin­weg auf die Re­
gen­trop­fen starr­ten, die weiß auf dem As­phalt auf­spritz­ten, war ich
nicht son­der­lich über­rascht, als sie den Re­gen­schirm aus­schüt­tel­te
und sag­te: »Viel­leicht soll­ten wir hi­nein­ge­hen und ein biss­chen he­
rum­stö­bern, bis es auf­h ört.«
»Ähm …« Was ich woll­te, war ein Früh­stück.
Sie warf ei­nen Blick auf die Uhr. »Wa­rum nicht? Ein Taxi krie­gen
wir hier nie­mals.«
Sie hat­te recht. Aber ich hat­te ei­nen Mords­hun­ger. Wann wer­
den wir et­was es­sen?, dach­te ich miss­mu­tig und folg­te ihr die Trep­
pe hi­nauf. Ver­mut­lich wür­de sie nach der Kon­fe­renz so wü­tend auf
mich sein, dass das Es­sen kom­plett ge­stri­chen wür­de. Dann müss­te
ich mich zu Hau­se mit ei­nem Gra­nola oder so was zu­frie­denge­ben.
Aber im Mu­se­um war es im­mer, als wäre Fei­er­tag, und als wir erst
drin wa­ren, um­ge­ben vom fröh­li­chen Ge­tö­se der Tou­ris­ten, fühl­te
ich mich selt­sam iso­liert von dem, was auch im­mer der Tag noch für
mich be­reit­hal­ten moch­te. Im gro­ßen Saal war es laut, und es stank
nach nas­sen Män­teln. Eine durch­näss­te Trup­pe von asi­a­ti­schen Se­

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ni­o­ren rausch­te an uns vor­bei und hin­ter ei­ner ste­war­des­sen­mä­ßig
ad­ret­ten Füh­re­rin her. Trie­fen­de Pfad­fin­de­rin­nen steck­ten an der
Gar­de­ro­be tu­schelnd die Köp­fe zu­sam­men, und vor der In­for­ma­
ti­on stand eine Rei­he von Ka­det­ten der Mi­li­tär­a­ka­de­mie in ih­ren
grau­en Aus­geh­u­ni­for­men, ohne Müt­zen, die Hän­de auf dem Rü­
cken ver­schränkt.
Für mich – ein Groß­stadt­kind, im­mer um­ge­ben von den Mau­ern
der Woh­nung – war das Mu­se­um haupt­säch­lich we­gen sei­ner un­ge­
heu­ren Grö­ße in­te­res­sant: ein Pa­last, des­sen Räu­me sich end­los an­
ei­nan­derreih­ten und im­mer ver­las­se­ner aus­sa­hen, je wei­ter man vor­
drang. Ei­ni­ge der ver­nach­läs­si­gten Schlaf­ge­mä­cher und mit Kor­deln
ab­ge­sperr­ten Sa­lons in den Tie­fen der Ab­tei­lung für eu­ro­pä­i­sches
Kunst­hand­werk la­gen wie in ei­nen tie­fen Zau­ber ver­sun­ken, als habe
seit Jahr­hun­der­ten nie­mand mehr ei­nen Fuß hi­nein­ge­setzt. Seit ich
an­ge­fan­gen hat­te, al­lein mit der U-Bahn zu fah­ren, ging ich zu gern
al­lein dort­hin und streif­te um­her, bis ich mich ver­irr­te; ich wan­der­
te im­mer wei­ter in das La­by­rinth der Ga­le­ri­en, bis ich manch­mal in
ver­ges­se­ne Säle mit Rüs­tun­gen und Por­zel­lan ge­riet, die ich nie zu­vor
ge­se­hen hat­te (und teil­wei­se auch nie­mals wied­er­fand).
Wäh­rend ich in der Kas­sen­schlan­ge hin­ter mei­ner Mut­ter war­te­te,
leg­te ich den Kopf in den Na­cken und schau­te starr zu dem mäch­
ti­gen De­cken­ge­wöl­be zwei Stock­wer­ke über mir hi­nauf. Wenn ich
an­ge­strengt ge­nug hi­nauf­starr­te, be­kam ich manch­mal das Ge­fühl,
dort oben he­rum­zu­schwe­ben wie eine Fe­der – ein Trick aus frü­her
Kind­heit, den ich im­mer we­ni­ger be­herrsch­te, je äl­ter ich wur­de.
Un­ter­des­sen an­gel­te mei­ne Mut­ter – rot­na­sig und atem­los von un­
se­rem Sprint durch den Re­gen – nach ih­rem Porte­mon­naie. »Wenn
wir fer­tig sind, sprin­ge ich viel­leicht noch schnell in den Mu­se­
ums­shop«, sag­te sie. »Ich bin si­cher, das Letz­te, was Mat­hil­de sich
wünscht, ist ein Kunst­buch, aber sie wird sich kaum groß da­rü­ber
be­kla­gen kön­nen, ohne dass es dumm klingt.«
»Igitt«, sag­te ich. »Das Ge­schenk ist für Mat­hil­de?« Mat­hil­de war
Art Direc­tor in der Wer­be­agen­tur, in der mei­ne Mut­ter ar­bei­te­te.
Sie war die Toch­ter ei­nes fran­zö­si­schen Groß­im­por­teurs für Stof­f e,

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jün­ger als mei­ne Mut­ter und no­to­risch pin­ge­lig: Sie neig­te zu Wut­
an­fäl­len, wenn der Fahr­zeug­ser­vice oder das Cate­ring nicht ih­ren
An­sprü­chen ge­nüg­te.
»Yep.« Wort­los reich­te sie mir ei­nen Strei­fen Kau­gum­mi, den ich
an­nahm, und warf die Pa­ckung wie­der in ihre Hand­ta­sche. »Ich mei­
ne, das ist doch to­tal Mat­hil­des Ding – das pas­sen­de Ge­schenk, das
nicht viel Geld kos­ten soll­te. Der per­fek­te, preis­wer­te Brief­be­schwe­
rer vom Floh­markt. Was ver­mut­lich fan­tas­tisch wäre, wenn ei­ner von
uns die Zeit hät­te, nach Down­town zu fah­ren und den Floh­markt
ab­zu­su­chen. Letz­tes Jahr, als Pru an der Rei­he war …? Sie hat Pa­nik
ge­kriegt, ist in der Mit­tags­pau­se zu Saks ge­rannt und hat am Ende
zu­sätz­lich zu dem, was sie ihr mit­ge­ge­ben hat­ten, noch fünf­zig Dol­
lar von ih­rem ei­ge­nen Geld drauf­ge­legt, um eine Son­nen­bril­le zu
kau­fen, Tom Ford, glau­be ich, und Mat­hil­de muss­te trotz­dem noch
ih­ren Spruch über Ame­ri­ka­ner und Kon­sum­kul­tur los­wer­den. Da­bei
ist Pru nicht mal Ame­ri­ka­ne­rin, son­dern Aust­ra­li­e­rin.«
»Hast du mit Ser­gio da­rü­ber ge­re­det?«, frag­te ich. Ser­gio – sel­ten
im Büro, aber oft in der Soci­ety-Pres­se mit Leu­ten wie Do­na­tel­la
Vers­ace – war der mil­li­o­nen­schwe­re Ei­gen­tü­mer der Fir­ma, in der
mei­ne Mut­ter ar­bei­te­te. »Mit Ser­gio über et­was re­den« ent­sprach
etwa der Fra­ge: »Was wür­de Je­sus tun?«
»Ser­gios Vor­stel­lung von ei­nem Kunst­band ist Hel­mut New­ton.
Oder viel­leicht die­ses Cof­f eet­able-Buch, das Ma­don­na vor ei­ni­ger
Zeit he­raus­ge­bracht hat.«
Ich woll­te fra­gen, wer Hel­mut New­ton war, aber dann hat­te ich
eine bes­se­re Idee. »Wie­so schenkst du ihr kei­ne Met­ro Card?«
Mei­ne Mut­ter ver­dreh­te die Au­gen. »Glaub mir, ge­nau das wär’s.«
Kürz­lich hat­te es Auf­ruhr in der Fir­ma ge­ge­ben, als Mat­hil­de mit
dem Auto in ei­nen Stau ge­ra­ten und bei ei­nem Gold­schmied in Wil­
liams­burg ge­stran­det war.
»Qua­si ano­nym. Leg ihr eine auf den Schreib­tisch, eine alte Mo­
nats­kar­te, ohne Gut­ha­ben. Nur um zu se­hen, was sie macht.«
»Ich kann dir sa­gen, was sie macht.« Mei­ne Mut­ter schob ih­ren
Mit­glieds­aus­weis un­ter dem Fens­ter des Kar­ten­schal­ters durch. »Sie

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feu­ert ihre As­sis­ten­tin und wahr­schein­lich die Hälf­te der Leu­te in
der Kre­a­tiv­ab­tei­lung.«
Die Wer­be­agen­tur, in der sie ar­bei­te­te, war auf Ac­ces­soires für
Frau­en spe­zi­a­li­siert. Un­ter den auf­ge­reg­ten und leicht bös­ar­ti­
gen Au­gen Mat­hil­des be­auf­sich­tig­te mei­ne Mut­ter den gan­zen Tag
Fo­to­shoo­tings mit Kris­tall­ohr­rin­gen, die auf Ver ­we­hun­gen von
künst­li­chem Fest­tags­schnee glit­zer­ten, und Kro­ko­hand­ta­schen,
die un­be­auf­sich­tigt auf den Rück­sit­zen ver­las­se­ner Li­mou­si­nen in
himm­li­schen Licht­krän­zen leuch­te­ten. Sie war gut in dem, was sie
tat; sie ar­bei­te­te lie­ber hin­ter der Ka­me­ra als da­vor, und ich weiß, es
war ein Kick für sie, wenn sie ihre Ar­beit auf Pos­tern in der ­U-Bahn
und Pla­kat­wän­den am Times Square sah. Aber bei al­lem Glanz und
Gla­mour ih­res Jobs (Cham­pag­ner­früh­stü­cke und Prä­sent­pa­ke­te
von Berg­dorf) ge­hör­ten doch auch lan­ge Über­stun­den dazu, und
im Zent­rum des Gan­zen gab es eine Lee­re, die sie – das wuss­te ich –
trau­rig mach­te. Ei­gent­lich wäre sie lie­ber wie­der zur Schu­le ge­gan­
gen, aber na­tür­lich wuss­ten wir bei­de, dass die Chan­cen da­für jetzt
schlecht stan­den, nach­dem mein Va­ter ab­ge­hau­en war.
»Okay.« Sie wand­te sich vom Schal­ter ab und reich­te mir mein
Ab­zei­chen. »Hilf mir, die Zeit im Auge zu be­hal­ten, ja? Es ist eine
Rie­sen­aus­stel­lung«, sie deu­te­te auf ein Pla­kat: PORT ­R ÄT UND
STILL­L E­BEN: NÖRD­L I­C HE MEIS­T ER­W ER­K E DES GOL­DE­N EN
ZEIT­A L­T ERS , »und wir kön­nen bei ei­nem Be­such nicht al­les se­hen,
aber es gibt ein paar Sa­chen …«
Ihre Stim­me ver­weh­te, als ich hin­ter ihr die gro­ße Trep­pe hi­nauf­
stieg, hin- und herge­ris­sen zwi­schen der vo­raus­schau­en­den Not­wen­
dig­keit, in ih­rer Nähe zu blei­ben, und dem Drang, mich ein paar
Schrit­te zu­rück­zu­hal­ten und so zu tun, als ge­hör­te ich nicht zu ihr.
»Ich fin­de es gräss­lich, hier so durch­zu­ren­nen«, sag­te sie eben, als
ich sie oben an der Trep­pe ein­ge­holt hat­te, »aber an­de­rer­seits ist es
na­tür­lich eine Aus­stel­lung, in die man so­wie­so zwei oder drei Mal
ge­hen muss. Da ist die A­na­to­mie­stun­de, und die müs­sen wir na­tür­
lich se­hen, aber was ich wirk­lich se­hen möch­te, ist ein win­zi­ges, sel­
ten ge­zeig­tes Bild von ei­nem Ma­ler, der Ver­meers Leh­rer war. Der

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größ­te der al­ten Meis­ter, von dem man nie et­was ge­hört hat. Die
Frans-Hals-Ge­mäl­de sind auch eine gro­ße Sa­che. Hals kennst du
doch, oder? Der fröh­li­che Trin­ker? Und die Vor­ste­he­rin­nen des Alt­
män­ner­hau­ses?«
»Ja, ge­nau«, sag­te ich zö­gernd. Von den Bil­dern, die sie auf­ge­zählt
hat­te, kann­te ich nur die A­na­to­mie­stun­de. Ein De­tail da­raus war auf
dem Pla­kat zur Aus­stel­lung ab­ge­bil­det: fah­les Fleisch, Schwarz in
vie­len Schat­tie­run­gen, al­ko­hol­krank aus­se­hen­de Zu­schau­er mit blut­
un­ter­lau­fe­nen Au­gen und ro­ten Na­sen.
»Sa­chen aus dem Grund­kurs Ma­le­rei«, sag­te mei­ne Mut­ter. »Hier,
jetzt nach links.«
Oben war es ei­sig kalt, und mei­ne Haa­re wa­ren noch nass vom
Re­gen. »Nein, nein, hier ent­lang.« Sie griff nach mei­nem Är­mel. Die
Aus­stel­lung zu fin­den war komp­li­ziert, und als wir durch die be­leb­
ten Ga­le­ri­en wan­der­ten (uns durch gro­ße Grup­pen schlän­gel­ten,
rechts ab­bo­gen, links ab­bo­gen, un­se­ren Weg durch ver­wir­rend an­
ge­leg­te und be­schil­der­te Laby­rin­the zu­rück such­ten), er­schie­nen in
un­re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den und an un­er­war­te­ten Stel­len gro­ße, düs­
te­re Re­pro­duk­ti­o­nen der A­na­to­mie­stun­de wie un­heil­vol­le Weg­wei­
ser, im­mer der­sel­be alte Leich­nam mit dem ent­häu­te­ten Arm, und
da­run­ter rote Pfei­le: Ope­ra­ti­ons­saal, hier ent­lang.
Ich war nicht sehr be­geis­tert von der Aus­sicht auf eine Men­ge
Bil­der mit Hol­län­dern, die in dunk­len Klei­dern he­rum­stan­den, und
als wir durch die Glas­tür tra­ten – aus hal­len­den Kor­ri­do­ren in tep­
pich­ge­dämpf­te Stil­le –, dach­te ich zu­erst, wir sei­en im fal­schen Saal
ge­lan­det. An den Wän­den leuch­te­te der war­me, mat­te Dunst des
Wohl­stands, die ty­pi­sche Rei­fe des Al­ten, aber im nächs­ten Mo­ment
brach al­les aus­ei­nan­der und wur­de zu Klar­heit und Far­be und pu­
rem Nord­licht. Port­räts, In­te­ri­eurs, Still­le­ben, man­che win­zig, an­
de­re ma­jes­tä­tisch: Da­men mit Ehe­män­nern, Da­men mit Schoß­
hünd­chen, ein­sa­me Schön­hei­ten in be­stick­ten Ge­wän­dern und
pracht­vol­le Kauf­l eu­te, So­li­täre mit Ju­we­len­schmuck und Pelz. Ver­
wüs­te­te Ban­kett­ta­feln, über­sät von ge­schäl­ten Äp­feln und Wal­nuss­
scha­len, dra­pier­te Ta­pis­se­ri­en und Sil­ber, Trompe-l’Œil-Ma­le­rei­en

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mit krab­beln­den In­sek­ten und ge­streif­ten Blu­men. Und je tie­fer wir
hin­ein­wan­der­ten, des­to selt­sa­mer und schö­ner wur­den die Bil­der.
Ge­schäl­te Zit­ro­nen, de­ren Rin­de an der Mes­ser­schnei­de leicht ver­
här­tet war. Der grün­li­che Schat­ten ei­nes Schim­mel­flecks. Licht auf
dem Rand ei­nes halb­vol­len Wein­gla­ses.
»Das hier ge­fällt mir auch«, flüs­ter­te mei­ne Mut­ter und kam vor
ei­nem eher klei­nen und be­son­ders spuk­haf­ten Still­le­ben an mei­ne
Sei­te. Ein wei­ßer Schmet­ter­ling schweb­te vor ei­nem dunk­len Hin­
ter­grund über ei­ner ro­ten Frucht. Der Hin­ter­grund – ein schwe­res
Scho­ko­la­den­schwarz – war von ei­ner komp­li­zier­ten Wär­me, die an
vol­le La­ger­räu­me den­ken ließ, an Ge­schich­te, an das Ver­ge­hen der
Zeit.
»Sie ver­stan­den es wirk­lich, die­sen schma­len Be­reich he­raus­zu­
ar­bei­ten, die­se nie­der­län­di­schen Ma­ler – Rei­fe, die in Fäul­nis über­
geht. Die Frucht ist per­fekt, aber sie wird nicht hal­ten, sie wird bald
ver­ge­hen. Und sieh mal, be­son­ders hier« – sie lang­te über mei­ne
Schul­ter und mal­te mit dem Fin­ger in die Luft –, »die­ser Teil hier,
der Schmet­ter­ling.« Die Un­ter­sei­te des Flü­gels war so pu­de­rig und
zart, dass es aus­sah, als wür­de die Far­be ver­schmie­ren, so­bald sie sie
be­rühr­te. »Wie wun­der­schön er da­mit spielt. Stil­le mit ei­nem be­ben­
den Hauch von Be­we­gung.«
»Wie lan­ge hat er ge­braucht, um das zu ma­len?«
Mei­ne Mut­ter, die ein biss­chen zu nah hin­ter mir ge­stan­den hat­te,
trat ei­nen Schritt zu­rück, um das Bild zu be­trach­ten, ohne von dem
kau­gum­mi­kau­en­den Wär­ter No­tiz zu ­neh­men, des­sen Auf­merk­sam­
keit sie er­regt hat­te und der jetzt ih­ren Rü­cken an­starr­te.
»Na ja, die Hol­län­der ha­ben das Mik­ros­kop er­fun­den«, sag­te sie.
»Sie wa­ren Ju­we­lie­re und Lin­sen­schlei­fer. Sie wol­len al­les so de­tail­
liert wie mög­lich ha­ben, denn im­mer wenn du Flie­gen oder an­de­re
In­sek­ten in ei­nem Still­le­ben siehst oder ein wel­kes Blü­ten­blatt, ei­nen
schwar­zen Fleck auf ei­nem Ap­fel, sen­det der Ma­ler dir eine ge­hei­me
Bot­schaft. Er sagt dir, dass le­ben­de Din­ge nicht von Dau­er sind. Al­
les ist vo­rü­ber­ge­hend. Tod im Le­ben. Da­rum hei­ßen Still­le­ben auch
natu­res mor­tes. Viel­leicht siehst du ihn nicht gleich bei all der Schön­

36
heit und Blü­te, den klei­nen ver­faul­ten Fleck. Aber wenn du ge­nau­er
hin­schaust – da ist er.«
Ich beug­te mich hi­nun­ter, um die Er­klä­rung zu le­sen, die in dis­
kre­ten Let­tern auf die Wand ge­druckt war, und er­fuhr, dass der Ma­
ler – Ad­ria­en Co­or­te, Ge­burts- und To­des­da­tum un­si­cher – zu Leb­
zei­ten un­be­kannt ge­we­sen war und sein Werk erst in den 1950er
Jah­ren An­er­ken­nung ge­fun­den hat­te. »Hey«, sag­te ich. »Mom, hast
du das ge­se­hen?«
Aber sie war schon wei­ter­ge­gan­gen. Es war kalt und still in den
Räu­men mit ih­ren ab­ge­senk­ten De­cken, an­ders als in der gro­ßen
Hal­le mit ih­rem pa­last­haf­ten Echo. Die Aus­stel­lung war mä­ßig voll,
aber trotz­dem war sie er­füllt von der Atmo­sphä­re ei­nes be­däch­tig
sich schlän­geln­den Ne­ben­ge­wäs­sers, ei­ner ge­wis­sen, wie va­ku­um­
ver­sie­gel­ten Ruhe: lan­ge Seuf­zer und über­trie­be­nes Aus­at­men wie
in ei­nem Raum vol­ler Stu­den­ten bei ei­ner Klau­sur. Ich folg­te mei­
ner Mut­ter, die im Zick­zack von ei­nem Bild zum nächs­ten ging, von
Blu­men zu Kar­ten­ti­schen und wei­ter zu Früch­ten, viel schnel­ler, als
sie sonst durch eine Aus­stel­lung spa­zier­te. Sie ig­no­rier­te vie­le der Ex­
po­na­te (un­se­ren vier­ten Sil­ber­krug oder to­ten Fa­san) und steu­er­te
ohne Zö­gern auf an­de­re zu (»Hals zum Bei­spiel. Er ist manch­mal so
kit­schig mit sei­nen Trin­kern und Dir­nen, aber wenn er trifft, dann
trifft er. Nichts von die­ser pe­nib­len Prä­zi­si­on – er ar­bei­tet nass in
nass, Strich auf Strich, al­les so schnell. Ge­sich­ter und Hän­de – wirk­
lich aus­ge­zeich­net wie­der­ge­ge­ben, denn er weiß schon, wo das Auge
sich hin­ge­zo­gen fühlt, aber sieh dir die Klei­der an, so lo­cker, bei­­nahe
skiz­ziert. Sieh nur die­se of­fe­ne und mo­der­ne Pin­sel­ar­beit!«). Wir ver­
brach­ten ei­ni­ge Zeit vor dem Hals-Port­rät ei­nes jun­gen Man­nes mit
ei­nem To­ten­schä­del (»Sei mir nicht böse, Theo, aber was wür­dest du
sa­gen, wem er ähn­lich sieht? Je­man­dem«, sie zupf­te an den Haa­ren
auf mei­nem Hin­ter­kopf, »je­man­dem, der ei­nen Haar­schnitt nö­tig
hat?«) und vor zwei gro­ßen Port­räts mit Of ­fi­zie­ren beim Fest­mahl,
die, wie sie mir sag­te, sehr, sehr be­rühmt wa­ren und ei­nen rie­si­gen
Ein­fluss auf Rem­brandt ge­habt hat­ten (»Van Gogh hat Hals auch ge­
liebt. Ir­gend­wo schreibt er über Hals und sagt: Frans Hals hat nicht

37
we­ni­ger als neun­und­zwan­zig Nu­an­cen von Schwarz! Oder wa­ren es
sie­ben­und­zwan­zig?«). Ich folg­te ihr mit dem be­nom­me­nen Ge­fühl
von ver­lo­re­ner Zeit, ent­zückt da­rü­ber, wie ver­tieft sie in die Aus­stel­
lung war und an­schei­nend gar nicht merk­te, wie die Mi­nu­ten im Flu­
ge ver­gin­gen. Ich hat­te das Ge­fühl, un­se­re hal­be Stun­de müs­se fast
vo­rü­ber sein, aber trotz­dem woll­te ich trö­deln und sie ab­len­ken in
der kin­di­schen Hoff­nung, die Zeit wer­de ver­strei­chen, und wir wür­
den die Kon­fe­renz ganz ver­säu­men.
»Ja, Rem­brandt«, sag­te mei­ne Mut­ter. »Alle be­haup­ten im­mer, die­
ses Bild han­de­le von Ver­nunft und Auf­klä­rung, von der Mor­gen­
däm­me­rung wis­sen­schaft­li­cher For­schung und so wei­ter, aber für
mich ist es un­heim­lich, wie höf­lich und förm­lich sie alle sind und
sich um den Tisch her­um­drän­gen wie bei ei­nem Buf­fet auf ei­ner
Cock­tail­par­ty. Aber – siehst du die bei­den ver­wirr­ten Ker­le dahin­
ten? Sie se­hen den Leich­nam gar nicht an, sie se­hen uns an. Dich und
mich. Als ob sie uns sä­hen, wie wir hier vor ih­nen ste­hen – zwei Leu­
te aus der Zu­kunft. Ver­blüfft. ›Was macht ihr denn hier?‹ Sehr na­tu­
ra­lis­tisch. Aber dann wie­de­rum« – sie fuhr mit dem Fin­ger durch die
Luft und an den Kon­tu­ren der Lei­che ent­lang – »ist der Tote gar nicht
sehr na­tu­ra­lis­tisch ge­malt, wenn du ge­nau hin­schaust. Er strahlt ei­
nen ge­spens­ti­schen Glanz aus, siehst du? Fast wie die Ob­duk­ti­on ei­
nes Aliens. Siehst du, wie er die Ge­sich­ter der Män­ner be­leuch­tet, die
auf ihn hi­nab­schau­en? Als leuch­te­te in ihm eine ei­ge­ne Licht­quel­le?
Er malt ihn mit die­ser ra­di­o­ak­ti­ven Note, weil er un­se­ren Blick da­
rauf len­ken will – weil er uns ins Auge sprin­gen soll. Und hier« – sie
zeig­te auf die ent­häu­te­te Hand –, »siehst du, wie er die Auf­merk­sam­
keit auf die Hand lenkt, in­dem er sie so groß malt, un­pro­por­ti­o­nal
groß zum Rest des Kör­pers? Er hat sie so­gar um­ge­dreht, so­dass der
Dau­men auf der fal­schen Sei­te ist, siehst du? Na, das hat er nicht aus
Ver­se­hen ge­tan. Die Haut der Hand ist weg, das se­hen wir so­fort,
denn es ist sehr schlimm, aber in­dem er den Dau­men auf die an­de­
re Seite dreht, lässt er es noch schlim­mer aus­se­hen, und auch wenn
wir nicht den Fin­ger dar­auf­le­gen kön­nen, neh­men wir doch un­ter­
schwel­lig wahr, dass hier et­was wirk­lich nicht in Ord­nung ist, nicht

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rich­tig. Ein sehr raf­fi­nier­ter Trick.« Wir stan­den hin­ter ei­ner Grup­pe
von asi­a­ti­schen Tou­ris­ten. Es wa­ren so vie­le Köp­fe, dass ich das Bild
kaum rich­tig be­trach­ten konn­te, aber das stör­te mich an­de­rer­seits
nicht be­son­ders, denn ich hat­te die­ses Mäd­chen ge­se­hen.
Sie hat­te mich auch ge­se­hen. Wir hat­ten ei­nan­der be­äugt, als wir
durch die Ga­le­ri­en wan­der­ten. Ich hät­te nicht mal ge­nau sa­gen kön­
nen, was so in­te­res­sant an ihr war, denn sie war jün­ger als ich und
sah ein biss­chen selt­sam aus, ganz an­ders als die Mäd­chen, in die ich
mich nor­ma­ler­wei­se ver­knall­te – küh­le, erns­te Schön­hei­ten, die sich
mit ver­ach­tungs­vol­lem Blick auf dem Flur um­sa­hen und mit grö­ße­
ren Jun­gen aus­gin­gen. Die­ses Mäd­chen hat­te leuch­tend ro­tes Haar.
Ihre Be­we­gun­gen wa­ren flink, ihre Ge­sichts­zü­ge scharf und bos­haft
und selt­sam, und ihre Au­gen hat­ten eine merk­wür­di­ge Far­be, ein
gol­de­nes Ho­nig­bie­nen­braun. Sie war zu dünn, be­stand fast nur aus
El­len­bo­gen und sah auf eine ge­wis­se Wei­se bei­na­he un­schein­bar aus,
und doch hat­te sie et­was an sich, das mei­nen Ma­gen flattern ließ. Sie
schwenk­te ei­nen ver­schramm­ten Flö­ten­kof­fer mit sich he­rum – ein
Mäd­chen aus der Stadt? Auf dem Weg zum Mu­sik­un­ter­richt? Viel­
leicht nicht, dach­te ich und ging hin­ten um sie he­rum, um mei­ner
Mut­ter in die nächs­te Ga­le­rie zu fol­gen; ihre Klei­dung war ein biss­
chen zu nichts­sa­gend und vor­städ­tisch, und wahr­schein­lich war sie
eher eine Tou­ris­tin. Aber sie be­weg­te sich mit grö­ße­rer Si­cher­heit als
die meis­ten Mäd­chen, die ich kann­te, und der lis­tig ge­las­se­ne Blick,
den sie über mich hin­weg­glei­ten ließ, als sie sich vor­bei­schob, mach­
te mich wahn­sin­nig.
Ich blieb hin­ter mei­ner Mut­ter und hör­te ihr nur mit hal­bem Ohr
zu, als sie so plötz­lich vor ei­nem Ge­mäl­de ste­hen blieb, dass ich sie
bei­na­he an­ge­rem­pelt hät­te.
»Oh, Ver­zei­hung!«, sag­te sie, ohne mich an­zu­se­hen, und trat ei­nen
Schritt zu­rück, um Platz zu ma­chen. Ihr Ge­sicht sah aus, als habe je­
mand ei­nen Schein­wer­fer da­rauf ge­rich­tet.
»Das ist es, von dem ich ge­spro­chen habe«, sag­te sie. »Ist es nicht
un­glaub­lich?«
Ich neig­te ihr den Kopf zu wie ein auf­merk­sa­mer Zu­hö­rer, wäh­

39
rend mein Blick zu dem Mäd­chen zu­rück­wan­der­te. Sie war in Be­glei­
tung ei­nes ko­mi­schen al­ten, weiß­haa­ri­gen Ty­pen. Nach den schar­fen
Ge­sichts­zü­gen zu ur­tei­len, war er mit ihr ver­wandt, ihr Groß­va­ter
viel­leicht: Pe­pi­ta-Ja­cke, lan­ge schma­le Schnür­schu­he, glän­zend wie
Glas. Sei­ne Au­gen stan­den dicht bei­ei­nan­der, er hat­te eine schna­
bel­ar­ti­ge Ha­ken­na­se, und er hink­te – ja, sein gan­zer Kör­per hat­te
Schlag­sei­te, und die eine Schul­ter war hö­her als die an­de­re. Wäre die­
se Schief­nei­gung noch stär­ker aus­ge­prägt ge­we­sen, hät­te man ihn als
Buck­li­gen be­zeich­nen kön­nen. Trotz­dem hat­te er et­was Ele­gan­tes an
sich. Und es war klar, dass er das Mäd­chen an­be­te­te; man sah es da­
ran, wie er amü­siert und ka­me­rad­schaft­lich ne­ben ihr herhum­pel­te
und sorg­fäl­tig da­rauf ach­te­te, wo­hin er die Füße setz­te, wäh­rend er
ihr den Kopf zu­neig­te.
»Das ist un­ge­fähr das ers­te Bild, das ich je­mals wirk­lich ge­liebt
habe«, sag­te mei­ne Mut­ter ge­ra­de. »Du wirst es nicht glau­ben, aber
es war in ei­nem Buch, das ich als Kind im­mer aus der Bü­che­rei
ent­lie­hen habe. Ich saß dann auf dem Bo­den vor mei­nem Bett und
starr­te es an, stun­den­lang, fas­zi­niert – die­ses klei­ne Kerl­chen! Und
ich mei­ne, tat­säch­lich ist es ja un­glaub­lich, wie viel man über ein
Ge­mäl­de ler­nen kann, wenn man eine Men­ge Zeit mit ei­ner Re­
pro­duk­ti­on ver­bringt, selbst wenn es kei­ne be­son­ders gute ist. Es
fing da­mit an, dass ich den Vo­gel lieb­te, wie man ein Haus­tier liebt
oder so et­was, und am Ende lieb­te ich die Art und Wei­se, wie er ge­
malt war.« Sie lach­te. »Die A­na­to­mie­stun­de war üb­ri­gens in dem­
sel­ben Buch, aber sie hat mir eine Hei­den­angst ein­ge­jagt. Ich habe
das Buch im­mer zu­ge­schla­gen, wenn ich es aus Ver­se­hen auf die­
ser Sei­te öff­ne­te.«
Das Mäd­chen und der alte Mann wa­ren ne­ben uns ste­hen ge­blie­
ben. Be­fan­gen beug­te ich mich vor und schau­te mir das Bild an. Es
war klein, das kleins­te Bild der Aus­stel­lung und das schlich­tes­te: ein
gel­ber Fink vor ei­nem ein­fa­chen hel­len Hin­ter­grund, der zweig­dün­
ne Fuß an eine Stan­ge ge­ket­tet.
»Er war Rem­brandts Schü­ler und Ver­meers Leh­rer«, sag­te mei­ne
Mut­ter. »Und die­ses eine klei­ne Bild ist im Grun­de das Mis­sing Link

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zwi­schen den bei­den. Die­ses kla­re, rei­ne Ta­ges­licht – da­ran sieht
man, wo­her Ver­meer die Be­schaf­fen­heit sei­nes Lichts be­zo­gen hat.
Na­tür­lich wuss­te ich als Kind nichts von die­ser his­to­ri­schen Be­deu­
tung, und sie in­te­res­sier­te mich auch nicht. Aber sie ist da.«
Ich trat zu­rück, um bes­ser se­hen zu kön­nen. Das klei­ne Ge­schöpf
er­schien un­ver­mit­telt und sach­lich, ohne jede Sen­ti­men­ta­li­tät, und
et­was an der ad­ret­ten, kom­pak­ten Art, wie es in sich selbst steck­te –
sei­ne hel­le Far­be, der wa­che, auf­merk­sa­me Blick –, ließ mich an Bil­
der den­ken, die ich ge­se­hen hat­te, die mei­ne Mut­ter als klei­nes Mäd­
chen zeig­ten: ein Fink mit dunk­ler Hau­be und fes­tem Blick.
»Es war eine be­rühm­te Tra­gö­die in der nie­der­län­di­schen Ge­
schich­te«, sag­te mei­ne Mut­ter. »Ein gro­ßer Teil der Stadt wur­de zer­
stört.«
»Wo­bei?«
»In der Ka­tast­ro­phe von Delft. Bei der Fab­ritius ums Le­ben kam.
Hast du ge­hört, wie die Leh­re­rin vor­hin den Kin­dern da­von er­zählt
hat?«
Ich hat­te es ge­hört. Da war ein Trio von ge­spens­ti­schen Land­
schafts­bil­dern ge­we­sen, von ei­nem Ma­ler na­mens Eg­bert van der
Poel, ver­schie­de­ne An­sich­ten der glei­chen, glim­men­den Öd­nis:
ab­ge­brann­te Haus­ru­i­nen, eine Wind­müh­le mit zer­fetz­ten Se­geln,
krei­sen­de Krä­hen am rauch­ver­han­ge­nen Him­mel. Eine amt­lich
aus­se­hen­de Lady mit lau­ter Stim­me hat­te ei­ner Grup­pe von Mit­tel­
schul­kin­dern er­klärt, dass im sieb­zehn­ten Jahr­hun­dert in Delft eine
Schieß­pul­ver­fab­rik ex­plo­diert und dass der Ma­ler von der Zer­stö­
rung sei­ner Stadt so ver­folgt und be­ses­sen ge­we­sen war, dass er sie
im­mer wie­der ge­malt hat­te.
»Eg­bert war Fab­ritius’ Nach­bar, und nach der Pul­ver­ex­plo­si­on
ver­lor er ir­gend­wie den Ver­stand, aber Fab­ritius wur­de ge­tö­tet und
sein Ate­li­er zer­stört. Zu­sam­men mit fast al­len sei­nen Bil­dern au­ßer
die­sem hier.« An­schei­nend war­te­te sie da­rauf, dass ich et­was sag­te,
aber als von mir nichts kam, fuhr sie fort. »Er war ei­ner der größ­ten
Ma­ler sei­ner Zeit, in ei­ner der größ­ten Epo­chen der Ma­le­rei. Sehr,
sehr be­rühmt zu Leb­zei­ten. Aber es ist trau­rig, denn von sei­nen Bil­

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dern ha­ben viel­leicht nur fünf oder sechs über­lebt, von sei­nem gan­
zen Werk. Der Rest ist ver­lo­ren – al­les, was er je ge­malt hat.«
Das Mäd­chen und der Groß­va­ter trö­del­ten still ne­ben uns he­rum
und hör­ten mei­ner Mut­ter zu, was ein biss­chen pein­lich war. Ich
schau­te weg, und dann – weil ich nicht wi­der­ste­hen konn­te – schau­
te ich wie­der hin. Sie stan­den sehr dicht ne­ben uns, so nah, dass ich
die Hand aus­stre­cken und sie hät­te be­rüh­ren kön­nen. Sie zupf­t e und
klopf­te am Är­mel des al­ten Man­nes he­rum und zog an sei­nem Arm,
um ihm et­was ins Ohr zu flüs­tern.
»Je­den­falls, wenn du mich fragst, ist dies das au­ßer­ge­wöhn­lichs­te
Bild in der gan­zen Aus­stel­lung. Fab­ritius macht et­was deut­lich, das
er ganz al­lein ent­deckt hat, das vor ihm kein Ma­ler auf der gan­zen
Welt wuss­te, nicht ein­mal Rem­brandt.«
Sehr lei­se – so lei­se, dass ich es kaum hö­ren konn­te – flüs­ter­te das
Mäd­chen: »Er muss­te sein gan­zes Le­ben lang so le­ben?«
Das hat­te ich mich auch schon ge­fragt. Der ge­fes­sel­te Fuß, die
Ket­te, das war schreck­lich. Ihr Groß­va­ter mur­mel­te ir­gend­et­was zur
Ant­wort, aber mei­ne Mut­ter (die sie an­schei­nend über­haupt nicht
be­merk­te, ob­wohl sie di­rekt ne­ben uns stan­den) trat zu­rück und
sag­te: »Ein so ge­heim­nis­vol­les, so ein­fa­ches Bild. Ganz zart – es lädt
dich ein nä­her z­ u­tre­ten, nicht wahr? All die to­ten Fa­sa­ne dahin­ten,
und dann die­ses klei­ne, le­ben­de Ge­schöpf.«
Ich ge­stat­te­te mir noch ei­nen ver­stoh­le­nen Blick zu dem Mäd­
chen hi­nü­ber. Sie stand auf ei­nem Bein und hat­te die Hüf­te nach
au­ßen ge­schwenkt. Dann – ganz plötz­lich – dreh­te sie sich um und
sah mir in die Au­gen. Mein Herz setz­te ver­wirrt ein­mal aus, und ich
schau­te weg.
Wie hieß sie? Wa­rum war sie nicht in der Schu­le? Ich hat­te ver­
sucht, den ge­krit­zel­ten Na­men auf dem Flö­ten­kof­fer zu le­sen, aber
ob­wohl ich mich so weit hi­nü­ber­beug­te, wie ich es, ohne auf­zu­fal­len,
wa­gen konn­te, ge­lang es mir nicht, die Mar­ker-Stri­che zu ent­zif­fern,
dick und ge­zackt, mehr Zeich­nung als Schrift, wie auf ei­nen U-Bahn-
Wa­gen ge­sprayt. Der Nach­na­me war kurz, nur vier oder fünf Buch­
sta­ben, und der ers­te sah aus wie ein R – oder ein P?

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»Men­schen ster­ben, na­tür­lich«, sag­te mei­ne Mut­ter jetzt. »Aber es
ist so herz­zer­rei­ßend und un­nö­tig, wie wir Din­ge ver­lie­ren. Durch
pure Nach­läs­sig­keit. Durch Krie­ge, Brän­de. Das Par­the­non, als Mu­
ni­ti­ons­la­ger ver­wen­det. Ich glau­be, dass es uns über­haupt ge­lingt,
et­was aus der Ge­schich­te zu ret­ten, ist ein Wun­der.«
Der Groß­va­ter war an ein paar Bil­dern vor­bei wei­ter­ge­wan­dert,
aber das Mäd­chen trö­del­te ein paar Schrit­te weit hin­ter ihm und
warf im­mer wie­der ei­nen Blick zu­rück zu mei­ner Mut­ter und mir.
Eine wun­der­schö­ne Haut: milch­weiß, Arme wie aus Mar­mor. Sie
sah ent­schie­den sport­lich aus, aber zu blass für eine Ten­nis­spie­
le­rin. Viel­leicht war sie Bal­le­ri­na oder Tur­ne­rin oder so­gar Turm­
sprin­gerin, die spätabends in schat­ten­dunk­len Schwimm­hal­len
trai­nierte – Echos und Licht­ref­le­xe, dunk­le Ka­cheln. Steil­flug mit
ge­wölb­ter Brust und ge­streck­ten Ze­hen hi­nun­ter bis zum Grund
des Be­ckens, ein laut­lo­ses Puff, ein schwarz glän­zen­der Ba­de­an­zug,
schäu­men­de Luft­bla­sen, die an der schma­len, straf­fen Ge­stalt ent­
lang­strö­men.
Wie­so die­se zwang­haf­t e Be­schäf­t i­gung mit je­man­dem? War es
nor­mal, sich auf die­se be­son­ders leb­haf­te, fieb­ri­ge Wei­se auf eine
Frem­de zu kon­zent­rie­ren? Ich nahm es nicht an. Es war un­vor­stell­
bar, dass ir­gend­ein x-be­lie­bi­ger Pas­sant auf der Stra­ße sich in ei­nem
ähn­li­chen Aus­maß für mich in­te­res­sie­ren könn­te. Aber es war der
Haupt­grund da­für, dass ich mit Tom in die­se Häu­ser ge­gan­gen war:
Ich war fas­zi­niert von Frem­den, woll­te wis­sen, was sie aßen, wel­
che Fil­me sie an­schau­ten, was für Mu­sik sie hör­ten, ich woll­te un­ter
ihre Bet­ten schau­en und in ihre ge­hei­men Schub­la­den und Nacht­
ti­sche und in die Ta­schen ih­rer Män­tel. Oft sah ich in­te­res­sant aus­
se­hen­de Leu­te auf der Stra­ße und dach­te dann ta­ge­lang ru­he­los an
sie, stell­te mir ihr Le­ben vor, dach­te mir Ge­schich­ten über sie in der
U-Bahn oder im Cross­town-Bus aus. Jah­re wa­ren ver­gan­gen, und
ich hat­te im­mer noch nicht auf­ge­hört, an die bei­den dun­kel­haa­ri­
gen Kin­der – Bru­der und Schwes­ter – in den Uni­for­men der ka­tho­
li­schen Schu­le zu den­ken, die ich in Grand Cen­tral ge­se­hen hat­te,
wo sie buch­stäb­lich ver­such­ten, ihren Va­ter an den Är­meln sei­nes

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Ja­cketts aus ei­ner schmud­de­li­gen Bar zu zer­ren. Auch das zer­brech­
li­che, zi­geu­ner­haf­t e Mäd­chen im Roll­stuhl vor dem Carl­yle Ho­tel
hat­te ich nicht ver­ges­sen, das atem­los auf Ita­li­e­nisch mit dem flau­
schi­gen Hund auf sei­nem Schoß ge­re­det hat­te, wäh­rend hin­ter ihr
ein smar­ter Typ mit Son­nen­bril­le (Va­ter? Body­guard?) of­fen­bar eine
ge­schäft­li­che Ver­hand­lung am Te­le­fon führ­te. Seit Jah­ren dreh­te ich
die­se Frem­den im Kopf hin und her und frag­te mich, wer sie wa­
ren und wie sie leb­ten, und ich wuss­te, jetzt wür­de ich nach Hau­
se ge­hen und über die­ses Mäd­chen und ih­ren Groß­va­ter ge­nau­
so nach­den­ken. Der alte Mann hat­te Geld, das sah man an sei­ner
Klei­dung. Wa­rum wa­ren die bei­den al­lein? Wo­her ka­men sie? Viel­
leicht ge­hör­ten sie zu ei­ner gro­ßen al­ten, komp­li­zier­ten New Yor­ker
Fa­mi­lie – Mu­si­ker, Aka­de­mi­ker, eine von die­sen kunst­be­flis­se­nen
West-Side-Fa­mi­li­en, die man oben rings um die Co­lum­bia Un­iver­
sity oder in den Mati­nees im Lin­coln Cen­ter se­hen konn­te. Oder –
so an­hei­melnd und zi­vi­li­siert, wie der alte Kna­be aus­sah – viel­leicht
war er gar nicht ihr Groß­va­ter. Viel­leicht war er ein Mu­sik­leh­rer,
und sie war das Flö­te spielen­de Wun­der­kind, das er in ir­gend­ei­ner
Klein­stadt ent­deckt und nach New York ge­bracht hat­te, da­mit es in
der Car­ne­gie Hall spiel­te …
»Theo?«, sag­te mei­ne Mut­ter plötz­lich. »Hast du nicht ge­hört?«
Ihre Stim­me brach­te mich wie­der zu mir. Wir wa­ren im letz­ten
Raum der Aus­stel­lung. Da­hin­ter war der Aus­stel­lungs­shop – Post­
kar­ten, Re­gist­rier­kas­se, Sta­pel von hoch­glän­zen­den Kunst­bü­chern –,
und mei­ne Mut­ter hat­te die Zeit un­glück­li­cher­wei­se doch nicht aus
den Au­gen ver­lo­ren.
»Wir soll­ten nach­se­hen, ob es noch reg­net«, sagte sie. »Ein biss­
chen Zeit ha­ben wir noch«, sie sah auf die Uhr und schau­te an mir
vor­bei zum EXIT-Schild, »aber ich glau­be, ich gehe lie­ber nach un­
ten, wenn ich noch et­was für Mat­hil­de fin­den will.«
Ich be­merk­te, dass das Mäd­chen mei­ne Mut­ter be­ob­ach­te­te, als
sie sprach; ihr Blick wan­der­te neu­gie­rig über ih­ren glat­ten schwar­
zen Pfer­de­schwanz und den wei­ßen Sa­tin-Trench­coat mit dem Gür­
tel um die Tail­le, und es über­lief mich pri­ckelnd, als ich mei­ne Mut­

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ter ei­nen Mo­ment lang so sah, wie das Mäd­chen sie sah: als Frem­de.
Sah sie auch den win­zi­gen Hö­cker oben auf der Nase, die sie sich als
Kind bei ei­nem Sturz vom Baum ge­bro­chen hat­te? Oder die schwar­
zen Rin­ge um die hell­blaue Iris, die ih­ren Au­gen et­was leicht Wil­des
ver­lie­hen, wie bei ei­nem ja­gen­den Ge­schöpf mit schar­fem Blick, al­
lein in der wei­ten Prä­rie?
»Weißt du …« Mei­ne Mut­ter sah sich noch ein­mal um. »Wenn du
nichts da­ge­gen hast, wür­de ich viel­leicht noch mal zu­rück­lau­fen und
ei­nen kur­zen Blick auf die A­na­to­mie­stun­de wer­fen, be­vor wir ge­hen.
Ich hab’s nicht aus der Nähe se­hen kön­nen, und viel­leicht schaf­fe ich
es nicht noch ein­mal her­zu­kom­men, ehe es ab­ge­hängt wird.« Mit
ge­schäf­tig klap­pern­den Ab­sät­zen ging sie los und warf dann ei­nen
Blick zu­rück, als woll­te sie sa­gen: Kommst du nicht?
Es kam so un­er­war­tet, dass ich ei­nen Se­kun­den­bruch­teil lang
über­haupt nicht wuss­te, was ich sa­gen soll­te. »Äh«, sag­te ich und
fass­te mich wie­der, »ich war­te im Shop auf dich.«
»Okay«, rief sie. »Kauf mir zwei Post­kar­ten, ja? Ich bin gleich wie­
der da.«
Weg war sie, be­vor ich noch ein Wort sa­gen konn­te. Mit klop­fen­
dem Her­zen und au­ßer­stan­de, mein Glück zu fas­sen, sah ich dem
wei­ßen Sa­tin-Trench­coat nach, der sich rasch ent­fern­te. Das war sie,
die Chan­ce, mit dem Mäd­chen zu spre­chen, aber was kann ich zu
ihr sa­gen, dach­te ich hek­tisch, was kann ich sa­gen? Ich ver­grub die
Hän­de in den Ta­schen, at­me­te ein oder zwei Mal durch, um mich
zu sam­meln, und mit hell spru­deln­der Auf­re­gung im Bauch dreh­
te ich mich um.
Zu mei­ner Be­stür­zung war sie ver­schwun­den. Das heißt, ver­
schwun­den war sie nicht; ich sah ih­ren Rot­kopf wi­der­wil­lig (so
schien es mir) durch den Raum schwe­ben. Ihr Groß­va­ter hat­te sich
bei ihr un­ter­ge­hakt und flüs­ter­te ihr mit gro­ßer Be­geis­te­rung et­was
zu, wäh­rend er sie zu ei­nem Bild an der Wand ge­gen­über schlepp­te.
Ich hät­te ihn um­brin­gen kön­nen. Ner­vös schau­te ich zum lee­ren
Ein­gang hi­nü­ber. Dann bohr­te ich die Hän­de noch tie­fer in die Ta­
schen und spa­zier­te auf­fäl­lig – und mit glü­hen­dem Ge­sicht – quer

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durch den gan­zen Raum. Die Uhr tick­te; mei­ne Mut­ter wür­de je­
den Au­gen­blick zu­rück sein, und auch wenn ich wuss­te, ich hat­te
nicht den Mut, auf sie los­zu­mar­schie­ren und wirk­lich et­was zu sa­
gen, konn­te ich sie doch we­nigs­tens noch mal ein­ge­hend be­trach­
ten. Es war nicht all­zu lan­ge her, dass ich mit mei­ner Mut­ter spät­
a­bends Citi­zen Kane ge­se­hen hat­te; ich war sehr be­geis­tert von der
Vor­stel­lung, man kön­ne im Vo­rü­ber­ge­hen eine be­zau­bern­de Frem­
de wahr­neh­men und sich für den Rest des Le­bens an sie er­in­nern.
Ei­nes Ta­ges wäre ich viel­leicht auch wie der alte Mann in dem Film,
ich wür­de mich im Ses­sel zu­rück­leh­nen, den Blick in die Fer­ne rich­
ten und sa­gen: »Weißt du, das ist jetzt sech­zig Jah­re her, und ich habe
das Mäd­chen mit den ro­ten Haa­ren nie wie­der­ge­se­hen, aber soll ich
dir was sa­gen? In der gan­zen Zeit ist nicht ein Mo­nat ver­gan­gen, in
dem ich nicht an sie ge­dacht hät­te.«
Ich hat­te den Raum mehr als zur Hälf­te durch­schrit­ten, als et­was
Merk­wür­di­ges pas­sier­te. Ein Mu­se­ums­wär­ter rann­te an der of­f e­nen
Tür des Aus­stel­lungs­shops vor­bei. Er trug et­was auf den Ar­men.
Das Mäd­chen sah es auch. Ihre gold­brau­nen Au­gen sa­hen mich
an, er­schro­cken, fra­gend.
Plötz­lich kam ein zwei­ter Wär­ter aus dem Shop ge­stürmt. Er hat­
te die Arme er­ho­ben und schrie.
Köp­fe fuh­ren hoch. Je­mand hin­ter mir sag­te mit merk­wür­dig fla­
cher Stim­me: Oh! Im nächs­ten Mo­ment er­schüt­ter­te eine ge­wal­ti­ge,
oh­ren­be­täu­ben­de Ex­plo­si­on den Raum.
Der alte Mann tau­mel­te mit aus­drucks­lo­sem Ge­sicht seit­wärts.
Sein aus­ge­streck­ter Arm – die kno­ti­gen Fin­ger ge­spreizt – ist das
Letz­te, wo­ran ich mich er­in­nern kann. Fast ge­nau im sel­ben Au­gen­
blick kam ein schwar­zer Blitz, Trüm­mer rausch­ten und wir­bel­ten
um mich he­rum, und ein brül­len­der, hei­ßer Wind schlug mir ent­
ge­gen und schleu­der­te mich durch den Raum. Da­nach wuss­te ich
eine Zeit­lang nichts mehr.

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V

Ich weiß nicht, wie lan­ge ich ohn­mäch­tig war. Als ich zu mir kam,
lag ich flach auf dem Bauch in ei­nem Sand­kas­ten auf ir­gend­ei­nem
dunk­len Spiel­platz – in ei­ner ver­las­se­nen Ge­gend, die ich nicht kann­
te. Eine Ban­de von har­ten klei­nen Jun­gen dräng­te sich um mich, und
sie tra­ten mir in die Rip­pen und an den Hin­ter­kopf. Mein Hals war
zur Sei­te ver­dreht, und es hat­te mir den Atem ver­schla­gen, aber das
war nicht das Schlimms­te: Ich hat­te Sand im Mund, ich at­me­te Sand.
Die Jun­gen murr­ten hör­bar. Steh auf, Arsch­loch.
Seht ihn euch an, seht ihn an.
Er hat kei­ne ver­damm­te Ah­nung.
Ich roll­te mich he­rum und warf die Arme über den Kopf, und
dann er­kann­te ich – mit ei­nem schwe­re­lo­sen, sur­re­a­len Ruck –, dass
da nie­mand war.
Ei­nen Mo­ment lang war ich wie ge­lähmt und konn­te mich nicht
rüh­ren. Alarm­glo­cken schrill­ten ge­dämpft in der Fer­ne. So selt­sam
es auch er­schien, ich hat­te den Ein­druck, im um­mau­er­ten In­nen­hof
ei­nes gott­ver­las­se­nen So­zi­al­woh­nungs­blocks zu lie­gen.
Je­mand hat­te mich ziem­lich gründ­lich ver­prü­gelt. Al­les tat mir
weh, mei­ne Rip­pen schmerz­ten, und mein Kopf fühl­te sich an, als
hät­te man mich mit ei­nem Blei­rohr ge­schla­gen. Ich be­weg­te den Un­
ter­kie­fer hin und her und griff in die Ta­sche, um zu se­hen, ob ich
Geld für die Heim­fahrt hat­te, als mich jäh die Er­kennt­nis über­kam,
dass ich kei­ne Ah­nung hat­te, wo ich war. Steif lag ich da, in dem zu­
neh­men­den Be­wusst­sein, dass hier et­was schlimm aus den Fu­gen ge­
ra­ten war. Mit dem Licht stimm­te et­was nicht und mit der Luft auch
nicht; sie roch bei­ßend und scharf, ein che­mi­scher Dunst, der mir
in der Keh­le brann­te. Der Kau­gum­mi in mei­nem Mund war san­dig,
und als ich mich – mit po­chen­dem Schä­del – he­rum­roll­te, um ihn
aus­zu­spu­cken, blin­zel­te ich un­ver­se­hens durch Rauch­schlei­er und
sah et­was, das so fremd­ar­tig war, dass ich es ein paar Au­gen­bli­cke
lang nur an­starr­te.
Ich lag in ei­ner zer­klüf­te­ten wei­ßen Höh­le. Strei­fen und Fet­zen

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bau­mel­ten von der De­cke. Der Bo­den war holp­rig über­sät von Hau­
fen ei­ner grau­en Subs­tanz wie Mond­ge­stein und be­streut mit zer­bro­
che­nem Glas und Kies und Wir­beln von bunt zu­sam­men­ge­wür­fel­
tem Müll, von Zie­geln und Schla­cke und pa­pier­ar­ti­gem Zeug, al­les
über­stäubt von fei­ner Asche wie vom ers­ten Reif. Hoch oben leuch­
te­ten zwei Lam­pen durch den Staub wie aus dem Lot ge­ra­te­ne Au­to­
schein­wer­fer im Ne­bel, schie­lend, die eine nach oben ge­rich­tet, die
an­de­re zur Sei­te, wo sie schrä­ge Schat­ten warf.
Mei­ne Oh­ren dröhn­ten und mein Kör­per eben­falls, ein äu­ßerst
ver­stö­ren­des Ge­fühl: Kno­chen, Hirn, Herz, al­les vib­rier­te wie eine
klin­gen­de Glo­cke. Lei­se, ir­gend­wo in wei­ter Fer­ne, gell­te das me­cha­
ni­sche Krei­schen von Alarm­si­re­nen, gleich­mä­ßig und un­per­sön­lich.
Ich konn­te kaum un­ter­schei­den, ob das Ge­räusch aus mei­nem In­
nern oder von au­ßen kam. Ich hat­te das über­mäch­ti­ge Ge­fühl, al­
lein zu sein, in fros­ti­ger Er­star­rung. Nichts er­gab Sinn, in kei­ner
Rich­tung.
In ei­ner Kas­ka­de von Sand, die Hand an eine nicht ganz senk­rech­
te Flä­che ge­stützt, stand ich auf und ver­zog das Ge­sicht vor Kopf­
schmer­zen. Die Nei­gung des Raums, in dem ich mich be­fand, fühl­
te sich zu­tiefst und von Grund auf falsch an. Auf ei­ner Sei­te hin­gen
Staub und Rauch wie ein stil­ler, un­durch­sich­ti­ger Schlei­er. Auf der
an­de­ren kam ein Hau­fen von zer­bro­che­nem Ma­te­ri­al in stei­lem
Durch­ei­nan­der von oben he­rab, wo das Dach oder die De­cke ­hät­te
sein müs­sen.
Mein Kie­fer tat weh, ich hat­te Platz­wun­den im Ge­sicht und an
den Kni­en, und mein Mund fühl­te sich an wie Sand­pa­pier. Blin­
zelnd schau­te ich mich im Cha­os um und sah ei­nen Ten­nis­schuh,
Ver­we­hun­gen von brö­se­li­ger Subs­tanz mit dunk­len Fle­cken, ei­nen
ver­bo­ge­nen Geh­stock aus Alu­mi­ni­um. Schwan­kend stand ich da,
halb er­stickt und schwind­lig, ohne zu wis­sen, wo­hin ich ge­hen oder
was ich tun soll­te, als ich plötz­lich das Klin­geln ei­nes Te­le­fons zu
hö­ren glaub­te.
Ei­nen Mo­ment lang war ich nicht si­cher; ich lausch­te an­ge­strengt,
aber dann ging es wie­der los, matt und lang ge­zo­gen, ein biss­chen

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un­heim­lich. Un­be­hol­fen kämpf­te ich mich durch die Ver­wüs­tung –
stieß stau­bi­ge Kin­der­hand­ta­schen und Ruck­säck­chen um, riss die
Hän­de zu­rück, als sie hei­ße Ob­jek­te und Scher­ben von zer­bro­che­
nem Glas be­rühr­ten, und war zu­neh­mend alar­miert, als ich fühl­te,
wie der Schutt un­ter mei­nen Fü­ßen an man­chen Stel­len nach­gab,
und an­ge­sichts der wei­chen, reg­lo­sen Klum­pen am Ran­de mei­nes
Ge­sichts­felds.
Auch als ich ir­gend­wann si­cher war, dass ich nie­mals ein Te­le­fon
ge­hört, son­dern das Klin­gen in mei­nen Oh­ren mich ge­täuscht hat­
te, such­te ich wei­ter, mit ge­dan­ken­lo­ser, ro­bo­ter­haf­t er In­ten­si­tät ge­
fan­gen in den me­cha­ni­schen Be­we­gun­gen des Su­chens. Zwi­schen
Schreib­stif­t en, Hand­ta­schen, Porte­mon­naies, zer­bro­che­nen Bril­
len, Ho­tel-Schlüs­sel­kar­ten, Pu­der­do­sen, Par­füm­sprays und re­zept­
pflich­ti­gen Me­di­ka­men­ten (Roit­man, And­rea – Alpr­azo­lam 0,25 mg)
wühl­te ich eine Schlüs­sel­ring-Ta­schen­lam­pe und ein nicht funk­tio­
nie­ren­des Te­le­fon (halb auf­ge­la­den, kei­ne Bal­ken) ans Licht und warf
bei­des in eine falt­bare Ny­lon-Ein­kaufs­ta­sche, die ich in ei­ner Da­
men­hand­ta­sche ge­fun­den hat­te.
Ich schnapp­te nach Luft, halb er­stickt vom Mör­tel­staub, und mein
Kopf tat so weh, dass ich kaum se­hen konn­te. Ich woll­te mich hin­
set­zen, aber es gab nichts zum Sit­zen.
Dann sah ich eine Fla­sche Was­ser. Mein Blick husch­te so­fort zu­
rück und strich über die Trüm­mer­land­schaft, bis ich sie wie­der sah,
un­ge­fähr fünf Schrit­te weit ent­fernt, halb ver­gra­ben in ei­nem Hau­
fen Schutt: nur die An­deu­tung ei­nes Eti­ketts im ver­trau­ten Kühl­
schrank­blau.
Ge­fühl­los und schwer­fäl­lig, als stapf­te ich durch tie­fen Schnee,
wa­te­te ich in Schlan­gen­li­ni­en durch die Trüm­mer, und Bro­cken zer­
bra­chen un­ter mei­nen Fü­ßen mit schar­fem Kra­chen wie Eis. Aber
ich war noch nicht sehr weit ge­kom­men, als ich aus dem Au­gen­win­
kel eine Be­we­gung auf dem Bo­den sah, auf­fäl­lig in der Stil­le, eine
Ver­schie­bung von Weiß auf Weiß.
Ich blieb ste­hen. Dann wa­te­te ich ein paar Schrit­te nä­her he­ran.
Es war ein Mann, flach auf dem Rü­cken, von Kopf bis Fuß weiß vom

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