Der Schimmelreiter
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Der Schimmelreiter
Theodor Storm Titelblatt der Erstausgabe 1888
Der Schimmelreiter ist eine Novelle von Theodor Storm aus der Literaturepoche des Realismus. Das im April
1888 veröffentlichte Werk ist Storms bekannteste Erzählung und zählt zu seinem Spätwerk.
Die Novelle, in deren Zentrum der fiktive Deichgraf Hauke Haien steht, basiert auf einer Sage, mit der Storm sich
über Jahrzehnte befasste. Mit der Niederschrift der Novelle begann er jedoch erst im Juli 1886 und beendete
seine Arbeit daran im Februar 1888, wenige Monate vor seinem Tod. Die Novelle erschien das erste Mal im April
1888 in der Zeitschrift Deutsche Rundschau, Bd. 55.[1]
Inhaltsverzeichnis
• 1 Inhalt
• 3 Interpretation
• 4.2 Die handelnden Personen der Novelle und ihre historischen Vorbilder
• 5 Literaturwissenschaftliche Rezeption
• 6 Literarische Rezeption
• 7 Verfilmungen
• 8 Bühnenfassungen
• 9 Erstausgabe
• 10 Literatur
• 11 Weblinks
• 12 Einzelnachweise
Inhalt
Jens Rusch: „Dein neuer Koog ist ein fressend Werk.“ – Zitat aus
In der Novelle Der Schimmelreiter geht es um die Lebensgeschichte von Hauke Haien, die der Schulmeister
eines Dorfes einem Reiter in einem Wirtshaus erzählt. Die Deiche in Nordfriesland, Handlungsort der Geschichte,
spielen in Haukes Leben eine bedeutende Rolle. Am Ende stürzt sich Hauke in den Tod, nachdem er das Sterben
Hauke Haien, der Sohn eines Landvermessers und Kleinbauern, setzt sich, anstatt sich mit Gleichaltrigen zu
treffen, viel lieber mit der Arbeit seines Vaters auseinander. Er schaut dem Vater zu und hilft ihm beim
Ausmessen und Berechnen von Landstücken. Er lernt mit Hilfe einer holländischen Grammatik Niederländisch,
um eine niederländische Ausgabe von Euklids Werken lesen zu können, die der Vater besitzt. Fasziniert scheint
er von der See und von den Deichen zu sein. Oft sitzt er bis in die tiefe Nacht am Deich und beobachtet, wie die
Wellen an den Damm schlagen. Er überlegt, wie man den Schutz vor Sturmfluten verbessern könnte, indem man
Als der örtliche Deichgraf Tede Volkerts einen seiner Knechte entlässt, bewirbt sich Hauke um die Stelle und wird
angenommen. Doch auch hier hilft er dem Deichgrafen mehr beim Rechnen und Planen als in den Ställen, was
dem Deichgrafen zwar gut gefällt, ihn aber bei Ole Peters, dem Großknecht, unbeliebt macht. Da Hauke auch
das Interesse von Elke, der Tochter des Deichgrafen, wecken kann, verschärft sich der Konflikt zwischen Hauke
Anerkennung. Danach beschließt er, Elke einen Ring anfertigen zu lassen und ihr auf einer Hochzeit von
Verwandten einen Heiratsantrag zu machen. Doch Elke lehnt vorerst ab, da sie noch warten will, bis der Vater
sein Amt aufgibt. Der Plan ist, dass Hauke, der das Amt inzwischen inoffiziell führt, durch die zur rechten Zeit
Binnen kurzer Zeit versterben Haukes und Elkes Väter. Hauke erbt Haus und Land seines Vaters. Als es darum
geht, die Stelle des Deichgrafen neu zu vergeben, keimt der Konflikt zwischen Hauke und Ole erneut auf.
Traditionell kann nur Deichgraf werden, wer ausreichend Land sein Eigen nennt. Dies träfe auf Knecht Hauke
nicht zu, weshalb einer der älteren Deichbevollmächtigten befördert werden soll. Gegenüber dem
Oberdeichgrafen, der die Stelle des örtlichen Deichgrafen zu vergeben hat, ergreift Elke allerdings das Wort und
erklärt, sie sei bereits mit Hauke verlobt und durch eine Hochzeit werde Hauke das Land ihres Vaters bekommen
Unheimlich erscheint den Dorfbewohnern ihr Deichgraf durch sein Pferd: einen edel aussehenden Schimmel,
den er, krank und verkommen, einem zwielichtigen Durchreisenden abgekauft und aufgepäppelt hat. Der
Schimmel soll, darin bestätigen sich die Einwohner gegenseitig, das wiederbelebte Pferdeskelett von der
verlassenen Hallig Jeverssand sein, das mit dem Kauf des Schimmels verschwunden war. Oft wird das Tier mit
dem Teufel in Verbindung gebracht und sogar als dieser selbst bezeichnet.
Hauke setzt nun die neue Deichform, die er als Schüler bereits geplant hat, in die Tat um. Manche Leute sind
dagegen. Doch Hauke setzt sich mit Zustimmung des Oberdeichgrafen durch. Vor einem Teil des alten Deiches
lässt er einen neuen bauen, ein neuer Koog entsteht und somit mehr Ackerfläche für die Bauern. Als die Arbeiter
einen Hund eingraben wollen, da es alter Brauch ist, etwas „Lebiges“ in den Deich einzubauen, rettet er diesen,
und so sehen viele einen Fluch auf diesem Deich lasten. Ebenfalls auf Missmut stößt die Tatsache, dass Hauke
Haien, teils durch Planung, teils durch Zufall, bereits große Landstücke in dem neuen Koog besitzt und daher
Tagein, tagaus beobachtet er seinen Deich, indem er ihn mit seinem Schimmel abreitet. Der neue Deich hält den
Stürmen stand, doch der alte Deich, der rechts und links des neuen Kooges weiterhin verläuft und dort die
vorderste Front zur See darstellt, scheint marode und von Mäusen durchgraben. Angesichts der Beschwichtigung
durch Ole Peters und der bereits maulenden Arbeiter führt Hauke an dem Deich keine umfassenden
Baumaßnahmen durch, sondern beschränkt sich mit großen Gewissensbissen lediglich auf Flickwerk. Als Jahre
später eine Jahrhundertsturmflut hereinbricht und der alte Deich zu brechen droht, will man auf Anordnung des
Bevollmächtigten, Ole Peters, den von Hauke konstruierten neuen Deich durchstoßen, da jener sich damit
erhofft, dass sich die Kraft des Wassers in den neuen, noch unbewohnten Koog ergießen und damit der alte
Deich gerettet werde. Hauke stellt die Arbeiter kurz vor dem Durchstich zur Rede und verhindert die Vollendung
dieser Arbeit, kurz darauf bricht der alte Deich endgültig. Als in jener Nacht auch Elke mitsamt ihrer
gemeinsamen geistig behinderten Tochter Wienke aus Angst um Hauke in Richtung Deich hinausfährt, muss
dieser mitansehen, wie die durch den Deichbruch in den alten Koog schießenden Wassermassen Frau und Kind
unter sich begraben. In seiner Verzweiflung stürzt er sich ebenso mitsamt seinem Pferd in die tosenden Wasser,
die das Land überfluten, und ruft: „Herr Gott, nimm mich; verschon die andern!“
Damit endet die Erzählung des Schulmeisters. Er weist darauf hin, dass andere die Geschichte anders erzählen
würden. So seien seinerzeit alle Einwohner des Dorfes überzeugt gewesen, dass das Pferdeskelett nach Haukes
und seines Pferdes Tod wieder auf der Hallig gelegen habe. Außerdem erwähnt er, dass der neue, von Hauke
Haien erschaffene Deich noch immer den Fluten standhalte, obgleich sich die erzählte Geschichte bereits vor
Wenn Storm die Novelle seiner Zeit als „die Schwester des Dramas“[7] bezeichnet, dann nicht, weil sie wie die
nach den Regeln des Aristoteles gebaute klassische Tragödie die straff dargestellte und zielgerichtete
Entwicklung einer einzigen Handlung in den Mittelpunkt stellen würde, sondern weil sie um einen „Konflikt, von
welchem aus das Ganze sich organisiert“, zentriert ist.[8] Dieser – im Schimmelreiter sehr komplexe – Konflikt
liegt in der Seele Hauke Haiens begründet, und er entfaltet sich auf mehreren Ebenen, wie dem zivilisatorischen
Kampf zwischen menschlicher Kultur und wilder Natur, der sozialen Auseinandersetzung zwischen einem
fortschrittlichen Einzelnen mit einer konservativen Dorfgemeinschaft, dem weltanschaulichen Gegensatz
zwischen aufklärerischer Rationalität und Aberglauben, den Widersprüchen in Haukes eigener Psyche und
anderem mehr. Obwohl Der Schimmelreiter mit seinem Erzählrahmen ein eindeutiges Novellenmerkmal aufweist,
ähnelt er in anderer Hinsicht eher einem Entwicklungsroman, berichtet er doch die entscheidenden Episoden der
Lebensgeschichte des Helden von der Kindheit bis zum Tod, wobei nur die ersten Lebensjahre ausgespart sind.
Viel eher als herkömmlichen Gattungsmerkmalen entspricht Storms Hauptwerk der Definition Fritz Martinis, für
den die Novelle des 19. Jahrhunderts nicht mehr um eine einzige unerhörte Begebenheit herum zentriert ist,
sondern ihren Schwerpunkt verlagert hat hin zum „psychologisch besonderen Charakter, seiner inneren
seelischen Bewegung und seinem Geschick“.[9]
Die Erzählung wird dem literarischen Realismus (in seiner spezifisch deutschen Ausprägung in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts als Bürgerlicher Realismus oder als Poetischer Realismus bezeichnet) zugeordnet. Der
Schimmelreiter zeigt nach Christian Begemann nicht nur, wie scheinbar obsolet gewordene Realitätsdeutungen
inmitten einer wissenschaftsgläubigen Epoche dazu dienen können, deren Selbstgewissheit in Frage zu stellen.
Ähnlich wie in Fontanes Ballade Die Brück’ am Tay (1880) sieht Begemann beim Schimmelreiter eine Wiederkehr
des Mythischen in einer scheinbar durchrationalisierten Welt, die deren Gefährdung, Labilität und buchstäbliche
Bodenlosigkeit demonstriert. Beim Schimmelreiter wird das insoweit auf die Spitze getrieben, als Hauke Haien
als technikfixierter Aufklärer selbst zum Wiedergänger wird.[10]
Aus der reflektierenden Bearbeitung des Sagenstoffes reizt Storm hier – ganz modern – gezielt die
Gattungsfrage, da es nicht erst seit Goethes Definition der Novelle als „unerhörte, sich ereignete Begebenheit“
Geschichte erfahren hat. Danach wird eine Rahmenerzählung konstruiert. In diesem Rahmen erzählt ein
Reisender, wie er sich mit dem Pferd bei Sturm und Regen von einem Besuch bei Verwandten auf den Weg zur
Stadt macht. Bei dem Ritt auf dem Deich nimmt er eine dunkle Gestalt auf einem Schimmel wahr, die an ihm
vorüberzieht. Es ist der Schimmelreiter, der sich mitsamt seinem Pferd in eine Wehle stürzt. Der Reisende sieht
schließlich in der Ferne die Lichter einer Gastwirtschaft, kehrt dort ein und berichtet von seinem Erlebnis. Die
anwesenden Gäste werden von seinen Worten in Unruhe versetzt, und ein alter Schulmeister beginnt – als
Binnenerzähler und in der dritten Ebene – die Geschichte des Hauke Haien zu erzählen. Die Binnenhandlung
wird an bestimmten Stellen zur Steigerung der Spannung wieder durch den inneren Rahmen unterbrochen, der
Die Erzählstruktur
Interpretation
Der Schimmelreiter ist durch seine Erzählstruktur ein bedeutungsoffenes, vielstimmiges Werk, das sich jeder
vereindeutigenden Interpretation widersetzt. Vor diesem Hintergrund müssen die nachfolgenden Ausführungen
als Beispiel für eine Deutungsmöglichkeit unter vielen anderen, zum Teil auch ganz entgegengesetzten,
verstanden werden.
und Tochter sehr liebevoll, andererseits kann er gegenüber missgünstigen Menschen aggressiv, rücksichtslos,
Hauke ist bereits in jungen Jahren in sich gekehrt und verbringt die Tage allein am Deich. Eine seiner
Freizeitbeschäftigungen besteht darin, Strandläufer mit Steinen abzuschießen. Durch diesen sinnlosen
Zeitvertreib wird nicht nur Haukes Aggressivität deutlich, sondern auch sein Bedürfnis, Überlegenheit zu
demonstrieren.[14] Dieses Verhalten gipfelt schließlich darin, dass er den Angorakater der alten Trin’ Jans im
Jähzorn erwürgt. Er zeigt ein „destruktives Naturverhalten“ und er hat das Bedürfnis, sich als der Stärkere zu
beweisen. Nach Jost Hermand entwickelt sich Hauke dadurch zu dem, was er in Wahrheit ist: „Einer
verschlossenen einsamen Gewaltnatur“.[15] Um seine Aggressionen abzubauen, stürzt sich Hauke fortan in die
Arbeit und auch seine Arbeitsanstrengungen tragen einen kämpferischen Charakter: Durch den neuen Deich will
er die Natur beherrschen und so seine Überlegenheit sich und seinen Mitmenschen demonstrieren.[16] Durch
seine rationale, eigenwillige und von sich selbst überzeugte Art ist er bei den Dorfbewohnern unbeliebt. Hauke
sieht nur sich zum Deichgrafen berufen und betrachtet die anderen als Bedrohung:
„Eine Reihe von Gesichtern ging vor seinem innern Blick vorüber, und sie sahen ihn alle
mit bösen Augen an; da faßte ihn ein Groll gegen diese Menschen: er streckte die Arme
aus, als griffe er nach ihnen, denn sie wollten ihn vom Amte drängen, zu dem von allen
nur er berufen war. – Und die Gedanken ließen ihn nicht; sie waren immer wieder da,
und so wuchsen in seinem jungen Herzen neben der Ehrenhaftigkeit und Liebe auch die
Ehrsucht und der Haß. Aber diese beiden verschloß er tief in seinem Innern; selbst Elke
Das Verhältnis zwischen Hauke und den Dorfbewohnern wird durch Haukes Kauf des Schimmels und die damit
verbundenen abergläubischen Befürchtungen seiner Mitmenschen noch verschlimmert. Sie begegnen Hauke
immer mehr mit Argwohn, Furcht und Trotz, was Hauke wiederum vor allem in Bezug auf die Deicharbeiten
immer härter und sturer werden lässt. Tragischerweise trotzt er den anderen Dorfbewohnern gerade dann nicht
mehr, als das die Flutkatastrophe hätte verhindern können: Nachdem er aufgrund von Schäden am alten Deich
eine gründliche Instandsetzung und Verstärkung nach Art des neuen Deiches vorschlägt, trifft er auf breiten
Widerspruch – insbesondere von Ole Peters. Bei einer weiteren Begehung der fraglichen Deichstelle lässt er sich
in seiner erneuten Beurteilung von diesen Einwänden leiten und stimmt einer Instandsetzungsmaßnahme
geringeren Umfangs zu. An genau dieser Stelle jedoch bricht später der Deich.
Haukes Frau Elke und seine Tochter Wienke kennen ihn jedoch als fürsorglichen und liebevollen Mann und Vater.
Auch den Dorfbewohnern ist er nicht ausschließlich feindlich gesinnt: So hilft er seinem Knecht Iven auf, als er
von Haukes Schimmel umgestoßen wurde, und fragt nach seinem Zustand. Auch mit seinem Schimmel, den er
aus Mitleid gekauft hat, geht er liebevoll um und päppelt ihn wieder auf. Dem Aberglauben der Dorfbewohner
Der Schimmel entstammt als Motiv einer Sage aus der germanischen Mythologie, in welcher das Tier einst heilig
war und mit Frô (Freyr) und Wodan (Odin) in Verbindung gebracht wurde. Der Gott Fro besaß weissagende
weiße Pferde, die ihm als Berater dienten und Wodan ritt auf einem weißen Pferd zur Jagd. Erst später wurde
das Tier durch die Christianisierung heidnisch negativ konnotiert und mit dem wilden Jäger, Hel, der Herrscherin
der Unterwelt oder dem Teufel selbst assoziiert. Durch den Kauf dieses dämonischen Wesens, zudem noch von
einem fremden und seltsam teuflisch lachenden Mann erworben, erregt Hauke die Aufmerksamkeit der
abergläubischen Dorfgemeinschaft.[18] Holander schreibt dazu: „Schimmel – Teufel – Tod, das ist die
abergläubische Assoziation, auf der Storm aufbaut, um seinem Schimmel die erforderlichen gespenstischen
Züge zu verleihen. Davon ausgehend ist es dann ein Leichtes, auch den Reiter selber in einer Aura des Bösen
und des Verderbens erscheinen zu lassen.“[19]
Hintergründe
nach seiner Studienzeit in Kiel und Husum nahm er mit seinem Kommilitonen Theodor Mommsen und einem
akademischen Freundeskreis an einer Textsammlung teil, die den Grundstock für Karl Müllenhoffs Sagen,
Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg in drei Bänden von 1845 bildeten.
Dabei lernte Storm auch allerlei Gespenstergeschichten kennen, die er für eine Veröffentlichung als Neues
Gespensterbuch in einem Manuskript zusammenstellte. Zur Veröffentlichung kam es allerdings erst 1991, mehr
als hundert Jahre nach Storms Tod. Der Schimmelreiter ist darin nicht enthalten. Eine Erklärung dafür findet man
in dem Brief, den Storm am 13. Februar 1843 an Theodor Mommsen geschrieben hatte. Darin heißt es:
„Der Schimmelreiter, so sehr er auch als Deichsage seinem ganzen Charakter nach hier
her paßt, gehört leider nicht unserm Vaterlande; auch habe ich das Wochenblatt, worin
„Was ich zu berichten beabsichtige, ist mir vor reichlich einem halben Jahrhundert im
während ich, an ihrem Lehnstuhl sitzend, mich mit dem Lesen eines in blaue Pappe
Tatsächlich war 1838 in dem Hamburger Periodikum Lesefrüchte vom Felde der neuesten Literatur des In- und
Auslandes. Gesammelt von J.J.C. Pappe, Jahrgang 1838, Zweiter Band. S. 125–128 ein kurzer Text mit dem
Titel Der gespenstige Reiter. Ein Reiseabenteuer erschienen, den die Zeitschrift Danziger Dampfboot zuvor in
ihrer Ausgabe Nr. 45 vom 14. April 1838 als Der Deichgeschworene zu Güttland gebracht hatte. Diese
Geschichte spielt jedoch nicht an der Nordsee, sondern an der Weichsel, weshalb sie für das, was Storm mit
seinem Neuen Gespensterbuch bezweckte, nicht in Frage kam.[20] Die oft der Novelle zugeschriebene Legende,
dass der Schimmelreiter immer dann, wenn am Deich Gefahr drohe, auf einem Schimmel zu sehen sei, findet
sich nicht bei Storm, sondern nur in der Geschichte von 1838.
Deichgeschworene nicht. Storm griff zwar das Motiv dieser Geschichte auf, die Vielzahl der handelnden
Personen und ihre unterschiedlichen Charakteristiken schuf er aber selbst. Seine Darsteller lehnte er an
Einzelgänger Hans Momsen aus Fahretoft in Nordfriesland (1735–1811), der Landmann, Mechaniker und
es, Seeuhren, Teleskope und auch Orgeln herzustellen. Der Bezug auf die historische Person Momsen wird auch
darin deutlich, dass Storm seinen Namen (Hans Mommsen geschrieben) in seiner Novelle erwähnt.
In Storms Novelle spiegeln sich auch die Ideen des in Nordfriesland tätigen Deichbaufinanziers Jean Henri
Desmercières bezüglich neuer Deichprofile wider. Desmercières gilt als der Erbauer des Sophien-Magdalenen-
gilt als weiteres Vorbild für die Person des Hauke Haiens. So scheint die behinderte Tochter des Deichgrafen
Johann Iversen Schmidt (der Jüngere) (1844–1917) das Vorbild für Haukes Tochter Wienke in der Novelle zu
sein.
Der britische Historiker Harold James vergleicht Hauke Haiens Streben und Lebensphilosophie mit der Alfred
Krupps.[21]
Landschaftlicher Hintergrund
Ein Bericht von der Sturmflut vom 7. Oktober 1756 mit 600 Toten an der Nordsee diente Storm als weitere
Anregung.[23]
Nach der Hauptfigur der Novelle ist der Hauke-Haien-Koog in Nordfriesland benannt.
Literaturwissenschaftliche Rezeption
Einen breiten Raum in der Schimmelreiter-Rezeption nimmt die Beurteilung des von Storm mit widersprüchlichen
Zügen versehenen Protagonisten Hauke Haien ein.[24] Jost Hermand vertritt in seiner epochengeschichtlichen
Studie Hauke Haien – Kritik oder Ideal des gründerzeitlichen Übermenschen von 1965 die These, dass in Storms
Novelle „alles auf den großen Einzelnen, den mythischen Übermenschen zugeschnitten“[25] sei, der
seit Bismarcks Reichsgründung 1871 den Kern des Phänomens des Gründerzeitlichen ausmache. Dieser
Zeitgeist charakterisiere sich durch eine Verachtung der Masse und eine Überhöhung des Genies, des
Herrschsüchtigen mit dem Willen zur Macht, des Übermenschen. Der Deichgraf Hauke Haien sei angetrieben
vom „Wille[n] zur Verewigung der eigenen Person durch eine alles überragende Leistung, die Schaffung eines
neuen Landes, ähnlich der Bismarckschen Reichsgründung oder Wagnerschen Gründung
von Bayreuth.“[26] Ähnlich wie Hermand bewertet auch Volker Neuhaus den Helden des Schimmelreiter dezidiert
negativ. Er betrachtet ihn als „nordfriesischen Faust“,[27] dessen „Naturfremdheit sich zur regelrechten
Naturfeindschaft auswachse[ ].“[28] Im Zuge seines Aufstiegs zum Deichgrafen werde „der Soziopath Hauke zum
Menschenfeind“,[29] der seine zunehmende Isolierung durch ein riesiges Deichprojekt kompensiere, das „seine
gesamten sozialen Energien […] bis hinein in den intimsten Bereich“[30] aufzehre. Mit dieser Sichtweise knüpft
Neuhaus an Winfried Freund an, für den Hauke ein „sozial verkümmerte[r]“[31] Egozentriker ist, dem in seiner
„hybride[n] Selbstbezogenheit“[32] altruistische Tugenden wie Mitgefühl, Fürsorge und Vertrauen gänzlich
abgingen. Noch weiter geht Volker Hoffmann, der Haukes gesamte „negative[ ] Lebensgeschichte“[33] als einen
Teufelspakt betrachtet, dargeboten von einem Schulmeister, der mit seinen antivitalen Zügen dieselben
teuflischen Merkmale aufweise wie der Held seiner Erzählung. Der mit teuflischen Merkmalen ausgestattete
Pferdehändler verführe Hauke „von der Verpflichtung zur Fortpflanzungsfamilie hin zur Werkstiftung “,[34] was
aber nur der Höhepunkt einer ganzen Reihe teuflischer Paktsituationen sei, die Haukes gesamte
Lebensgeschichte durchzögen und zu einem „fressend Werk“ führten, dessen satanischer Charakter dem
Hauptbetroffenen selbst aber gar nicht bewusst sei.[35]
Im Gegensatz zu den genannten Werkdeutungen gelangt David Jackson in seinem Aufsatz über die Rivalität
zwischen Hauke Haien und seinem Gegenspieler Ole Peters zu einer überwiegend positiven Einschätzung der
Rolle des Deichgrafen. Für Jackson lässt der Kampf zwischen den beiden Kontrahenten „zwei diametral
entgegengesetzte Rede- und Sichtweisen klar hervortreten: eine, die sich an die Vernunft und den Verstand
richtet, und eine andere, die dahin zielt, Angstgefühle, Ressentiments und Hass zu schüren.“[36] Dabei
positioniert sich der Autor klar auf der Seite Haiens und verurteilt dessen Widersacher immer wieder moralisch,
indem er ihm „tückische[ ] Manöver“[37] und eine „Gemeinheit“, die „keine Grenzen kennt“,[38] zuschreibt. Die
moralisierende Kontrastierung der beiden Figuren wird von Jackson politisch zugespitzt, wenn der egoistische
Intrigant Ole im Laufe der Novelle zum Demagogen wird, der etwas vorwegnimmt, was Storm noch „nicht
voraussehen“ konnte, nämlich „welche schwarzen demagogischen Künste ein späterer Bösewicht einsetzen
würde. Dann würde es nicht einfach um einen friesischen Deich gehen; weil dann ja alle Dämme und Deiche
gebrochen sind.“[39] Damit erscheint Hauke Haien, der in der von der NS-Ideologie geprägten Verfilmung
durch Curt Oertel (1934) als nordische Führergestalt vereinnahmt wird, in Jacksons Sichtweise genau umgekehrt
als aufrechter Kämpfer gegen einen Vorläufer faschistischer Volksverführung.
Daneben wird der Schimmelreiter in der neueren Forschung auch als Erzählung über das Erzählen verstanden,
wie es Philipp Theisohn in seiner poetologischen Lektüre der Novelle vorführt. An die Gattungstradition seit
Boccaccios Decamerone anknüpfend, in der die novellistische Erzählsituation einen Schutzraum bietet, um „den
Tod im Erzählen zu distanzieren, das bedrohte Leben erzählend zu bewahren“,[58] sieht Theisohn im Deich „jene
Schwelle zwischen Leben und Tod […], auf der sich das novellistische Erzählen positioniert.“[59] Zugleich lasse
sich „die Geschichte des Deichbaus als eine Reflexion über die Verfertigung des Textes, als eine Werktheorie,
verstehen.“[60] So wie die Deichlinie das Erzählen sichere, „gefährden die Risse, die sich immer wieder in der
Deichwand auftun, nicht allein das Leben hinter dem Schutzwall, sondern betreffen das Erzählen selbst.“[61] Die
Kunst, aus den gefährdeten Textstücken ein Ganzes zu machen, gehöre „den Gespenstern, jenen Wesen also,
die wie Schatten über den Deich und durch den Text hasten und die Brüche aufspüren, die es zu schließen
gilt.“[62] Insofern sei ‚gespenstisches Erzählen‘ das zentrale Charakteristikum dieser den Schlusspunkt des
deutschen Realismus im 19. Jahrhundert setzenden Novelle.
Literarische Rezeption
Der Roman Hauke Haiens Tod (2001) von Robert Habeck und Andrea Paluch ist eine literarische Adaption des
Schimmelreiter-Stoffes.[63]
Verfilmungen
Darsteller: Mathias Wieman, Marianne Hoppe, Hans Deppe. Musik von Winfried Zillig.
Darsteller: Lina Carstens, Anita Ekström, Gert Fröbe, Werner Hinz, John Phillip Law, Vera Tschechowa, Richard
Dieser Film weicht teilweise vom Buch ab. Viele Szenen der Novelle gehen nicht oder abgeändert in den Film
ein, so zum Beispiel der Tod von Tede Volkerts und Haukes Tochter Wienke. Gedreht wurde der Film unter
anderem in Ockholm. Hauptmotiv der Außenaufnahmen war die Ockholmer Peterswarf. Wie im Buch und in der
Dieser Fernsehfilm war eine Koproduktion zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen. Die an
der Nordsee spielenden Szenen wurden an der Ostseeküste der beiden Länder gedreht. Der Film wurde am 26.
Bühnenfassungen
• Der Schimmelreiter. Zweiundzwanzig Szenen und ein Zwischengesang nach Theodor Storm. Musik von Wilfried
• Der Schimmelreiter. Bearbeitung: John von Düffel. Uraufführung Thalia Theater (Hamburg) 2008.
• Der Schimmelreiter. Schauspiel von Francis Mohr nach der gleichnamigen Novelle von Theodor Storm;
Uraufführung 2009, Landestheater Parchim.[64]
• Der Schimmelreiter. Regie: Christian Schmidt, Musik Friedrich Bassarek; Theater am Rand Zollbrücke (Märkisch-
• Der Schimmelreiter. Ein partizipatives Jugendprojekt nach Theodor Storm. Regie: Dominic Friedel; Theater Bonn;
Uraufführung 2022.
• Der Schimmelreiter. Bearbeitung als Objekt- und Figurentheaterstück; Regie: Pavel Möller-Lück; Theater Lazarett
Aurich in Kooperation mit dem Theater Laboratorium Oldenburg; Uraufführung 2023.[65]
Erstausgabe
Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Novelle. Paetel Berlin, 1888, 222 S. (W./G.² 49) (Digitalisat und
Literatur
• Paul Barz: Der wahre Schimmelreiter. Die Geschichte einer Landschaft und ihres Dichters Theodor
• Andreas Blödorn: Vom Erzählen erzählen: Storms „Schimmelreiter“. In: Der Deutschunterricht LVII.2 (2005), S.
8–17.
• Gerd Eversberg: Raum und Zeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: Schriften der Theodor-Storm-
• Gerd Eversberg: Der echte Schimmelreiter. So (er)fand Storm seinen Hauke Haien. Heide 2010.
• Gerd Eversberg: (Hrsg.): Der Schimmelreiter. Novelle von Theodor Storm. Historisch-kritische Edition. Erich
• Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Eine kommentierte Leseausgabe. Herausgegeben und erläutert von Gerd
Eversberg. Mit den Radierungen von Alexander Eckener. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-503-
• Regina Fasold: Theodor Storm. Sammlung Metzler Bd. 304. Stuttgart 1997, S. 152–167.
• Reimer Kay Holander: Der Schimmelreiter – Dichtung und Wirklichkeit. Kommentar und Dokumentation zur
Novelle „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm. Neue, verbesserte und aktualisierte Ausgabe. Bredstedt 2003.
• Karl Ernst Laage: Der ursprüngliche Schluß der Stormschen „Schimmelreiter-Novelle“. In: Euphorion, 73, 1979,
• Karl Ernst Laage (Hrsg.): Theodor Storm. Der Schimmelreiter. Text, Entstehungsgeschichte, Quellen,
• Martin Lowsky: Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Königs Erläuterungen und Materialien (Bd. 192). Hollfeld
2008.
• Albert Meier: „Wie kommt ein Pferd nach Jevershallig?“ Die Subversion des Realismus in Theodor Storms „Der
Schimmelreiter“. In: Hans Krah, Claus-Michael Ort (Hrsg.): Weltentwürfe in Literatur und Medien. Phantastische
Wirklichkeiten – realistische Imaginationen. Festschrift für Marianne Wünsch. Kiel 2002, S. 167–179.
• Christian Neumann: Eine andere Geschichte vom Schimmelreiter. Der Subtext der Deichnovelle Storms aus
• Christian Neumann: Und er reitet immer noch. Der Deichgraf Hauke Haien als fortwährende Reizfigur in der
• Wolfgang Palaver: Hauke Haien – ein Sündenbock? Theodor Storms Schimmelreiter aus der Perspektive der
Theorie René Girards. In: P. Tschuggnall (Hrsg.): Religion – Literatur – Künste. Aspekte eines
• Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur und
Weiblichkeit in „Der Schimmelreiter“. In: Gerd Eversberg, David Jackson, Eckart Pastor (Hrsg.): Stormlektüren.
Festschrift für Karl Ernst Laage zum 80. Geburtstag. Würzburg 2000, S. 183–214.
• Harro Segeberg: Theodor Storms Erzählung „Der Schimmelreiter“ als Zeitkritik und Utopie. In: Harro
Segeberg: Literarische Technikbilder. Studien zum Verhältnis von Technik und Literaturgeschichte im 19. und
• Malte Stein: Deichgeschichte mit Dialektik. In: Malte Stein: „Sein Geliebtestes zu töten“. Literaturpsychologische
Studien zum Geschlechter- und Generationenkonflikt im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin 2006, S.
173–258.
Weblinks
• Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv der ersten selbstständigen Ausgabe, Paetel, Berlin 1888
• Literatur von und über Der Schimmelreiter im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
• Informationen zu Autor, Werk und anderen Werken Storms des Hamburger Bildungsservers
• 4 Interpretationen. (Memento vom 12. Februar 2013 im Webarchiv [Link])auf Seiten der Storm-
Gesellschaft
Einzelnachweise
2. ↑ Vgl. Theodor Storm: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker
3. ↑ Theodor Storm: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker Verlag,
4. ↑ Theodor Storm – Gottfried Keller: Briefwechsel. Hrsg. v. Karl Ernst Laage. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1992,
S. 108.
5. ↑ Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. 1823-1832. Hrsg. v.
Christoph Michel unter Mitwirkung v. Hans Grüters. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1999. S. 221
6. ↑ Theodor Storm: Eine zurückgezogene Vorrede (1881). In: ders.: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage
und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1987, Bd. 4, S. 408f.
7. ↑ (6)Theodor Storm: Eine zurückgezogene Vorrede (1881). In: ders.: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage
und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1987, Bd. 4, S. 409
8. ↑ (7)Theodor Storm: Eine zurückgezogene Vorrede (1881). In: ders.: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage
und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1987, Bd. 4, S. 409.
9. ↑ Fritz Martini: Die deutsche Novelle im ‚Bürgerlichen Realismus‘. Überlegungen zur geschichtlichen
Bestimmung des Formtyps. In: Josef Kunz (Hrsg.): Novelle. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft,
10.↑ Christian Begemann: Phantastik und Realismus (Deutschland). In: Markus May, Hans Richard Brittnacher
(Hrsg.): Phantastik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Metzler, Stuttgart / Weimar 2013, S. 100–108.
11.↑ Ulrich Kittstein: …was ist das mit dem Schimmelreiter? In: Ulrich Kittstein, Stefani Kugler (Hrsg.): Poetische
Ordnungen. Zur Erzählprosa des deutschen Realismsus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, S.
273.
12.↑ Ulrich Kittstein: …was ist das mit dem Schimmelreiter? In: Ulrich Kittstein, Stefani Kugler (Hrsg.): Poetische
Ordnungen. Zur Erzählprosa des deutschen Realismsus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, S.
280.
13.↑ Ulrich Kittstein: …was ist das mit dem Schimmelreiter? In: Ulrich Kittstein, Stefani Kugler (Hrsg.): Poetische
Ordnungen. Zur Erzählprosa des deutschen Realismsus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, S.
287.
14.↑ Winfried Freund: Theodor Storm. Der Schimmelreiter. Glanz und Elend des Bürgers. Ferdinand Schöningh,
15.↑ Gerd Weinrich: Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur Theodor Storm Der
16.↑ Ulrich Kittstein: …was ist das mit dem Schimmelreiter? In: Ulrich Kittstein, Stefani Kugler (Hrsg.): Poetische
Ordnungen. Zur Erzählprosa des deutschen Realismsus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007.
17.↑ Ingo Meyer: Im „Banne der Wirklichkeit“. Studien zum Problem des deutschen Realismus und seinen narrativ-
18.↑ Reimer Kay Holander: Der Schimmelreiter – Dichtung und Wirklichkeit. Nordfriisk Instituut, Bräist/Bredstedt
2003, S. 32 ff.
19.↑ Reimer Kay Holander: Der Schimmelreiter – Dichtung und Wirklichkeit. Nordfriisk Instituut, Bräist/Bredstedt
2003, S. 34.
20.↑ [Link]
21.↑ Harold James: Krupp – Deutsche Legende und globales Unternehmen. Verlag C.H. Beck, München
22.↑ Gerd Eversberg: Theodor Storms „Schimmelreiter“ – Eine Ausstellung im Storm-Haus. Husumer Kataloge 2.
23.↑ Klaus Hildebrandt: Theodor Storm Der Schimmelreiter. Oldenbourg Verlag, 1999, S. 100
24.↑ Vgl. hierzu Christian Neumann: Und er reitet immer noch. Der Deichgraf Hauke Haien als fortwährende
25.↑ Jost Hermand: Hauke Haien. Kritik oder Ideal des gründerzeitlichen Übermenschen? In: Wirkendes Wort 15
(1965), S. 42.
26.↑ Jost Hermand: Hauke Haien. Kritik oder Ideal des gründerzeitlichen Übermenschen? In: Wirkendes Wort 15
(1965), S. 45.
27.↑ Volker Neuhaus: „Hauptsache mein Profil ist akzeptiert“: Hybris und Tragik Hauke Haiens und seiner
Ingenieurskollegen bei Goethe, Fontane und Max Eyth. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 17 (2013), S. 14f.
28.↑ Volker Neuhaus: „Hauptsache mein Profil ist akzeptiert“: Hybris und Tragik Hauke Haiens und seiner
Ingenieurskollegen bei Goethe, Fontane und Max Eyth. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 17 (2013), S. 15.
29.↑ Volker Neuhaus: „Hauptsache mein Profil ist akzeptiert“: Hybris und Tragik Hauke Haiens und seiner
Ingenieurskollegen bei Goethe, Fontane und Max Eyth. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 17 (2013), S. 16.
30.↑ Volker Neuhaus: „Hauptsache mein Profil ist akzeptiert“: Hybris und Tragik Hauke Haiens und seiner
Ingenieurskollegen bei Goethe, Fontane und Max Eyth. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 17 (2013), S. 16.
31.↑ Winfried Freund: Theodor Storm. Kohlhammer, Stuttgart 1987, ISBN 978-3-17-009810-7, S. 147.
32.↑ Winfried Freund: Theodor Storm. Kohlhammer, Stuttgart 1987, ISBN 978-3-17-009810-7, S. 151.
33.↑ Volker Hoffmann: Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Eine Teufelspaktgeschichte als realistische
Lebensgeschichte. In: Interpretationen. Erzählungen und Novellen des 19. Jahrhunderts. Bd. 2. Stuttgart 1997
34.↑ Volker Hoffmann: Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Eine Teufelspaktgeschichte als realistische
Lebensgeschichte. In: Interpretationen. Erzählungen und Novellen des 19. Jahrhunderts. Bd. 2. Stuttgart 1997
35.↑ Volker Hoffmann: Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Eine Teufelspaktgeschichte als realistische
Lebensgeschichte. In: Interpretationen. Erzählungen und Novellen des 19. Jahrhunderts. Bd. 2. Stuttgart 1997
36.↑ David A. Jackson: Ole Peters und die Schuldfragen im Schimmelreiter. In: Schriften der Theodor-Storm-
38.↑ David A. Jackson: Ole Peters und die Schuldfragen im Schimmelreiter. In: Schriften der Theodor-Storm-
39.↑ David A. Jackson: Ole Peters und die Schuldfragen im Schimmelreiter. In: Schriften der Theodor-Storm-
40.↑ Johannes Harnischfeger: Modernisierung und Teufelspakt. Die Funktion des Dämonischen in Theodor Storms
41.↑ Johannes Harnischfeger: Modernisierung und Teufelspakt. Die Funktion des Dämonischen in Theodor Storms
42.↑ Johannes Harnischfeger: Modernisierung und Teufelspakt. Die Funktion des Dämonischen in Theodor Storms
43.↑ Harro Segeberg: Literarische Technikbilder. Studien zum Verhältnis von Technik und Literaturgeschichte im 19.
44.↑ Harro Segeberg: Literarische Technikbilder. Studien zum Verhältnis von Technik und Literaturgeschichte im 19.
45.↑ Harro Segeberg: Literarische Technikbilder. Studien zum Verhältnis von Technik und Literaturgeschichte im 19.
46.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
47.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
48.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
49.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
50.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
51.↑ Regina Fasold: Theodor Storm. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-476-10304-8, S. 154.
52.↑ Regina Fasold: Theodor Storm. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-476-10304-8, S. 155.
53.↑ Regina Fasold: Theodor Storm. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-476-10304-8, S. 155.
54.↑ Christian Neumann: Das Opfer der Lebendigkeit. Devitalisierung und Melancholie im Erzählwerk Theodor
Storms, Thomas Manns und Franz Kafkas. Königshausen und Neumann, Würzburg 2023, ISBN 978-3-8260-
7790-6, S. 161.
55.↑ Malte Stein: ‚Sein Geliebtestes zu töten‘. Literaturpsychologische Studien zum Geschlechter- und
Generationenkonflikt im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2006, ISBN 978-3-
503-07971-1, S. 230.
56.↑ Malte Stein: ‚Sein Geliebtestes zu töten‘. Literaturpsychologische Studien zum Geschlechter- und
Generationenkonflikt im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2006, ISBN 978-3-
503-07971-1, S. 231.
57.↑ Malte Stein: ‚Sein Geliebtestes zu töten‘. Literaturpsychologische Studien zum Geschlechter- und
Generationenkonflikt im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2006, ISBN 978-3-
503-07971-1, S. 236.
58.↑ Philipp Theisohn: Gespenstisches Erzählen. In: (Hrsg.) Christoph Deupmann: Theodor Storm. Novellen.
59.↑ Philipp Theisohn: Gespenstisches Erzählen. In: (Hrsg.) Christoph Deupmann: Theodor Storm. Novellen.
61.↑ Philipp Theisohn: Gespenstisches Erzählen. In: (Hrsg.) Christoph Deupmann: Theodor Storm. Novellen.
62.↑ Philipp Theisohn: Gespenstisches Erzählen. In: (Hrsg.) Christoph Deupmann: Theodor Storm. Novellen.
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Der Schimmelreiter
1888 veröffentlichte Werk ist Storms bekannteste Erzählung und zählt zu seinem Spätwerk.
Die Novelle, in deren Zentrum der fiktive Deichgraf Hauke Haien steht, basiert auf einer Sage, mit der Storm sich
über Jahrzehnte befasste. Mit der Niederschrift der Novelle begann er jedoch erst im Juli 1886 und beendete
seine Arbeit daran im Februar 1888, wenige Monate vor seinem Tod. Die Novelle erschien das erste Mal im April
1888 in der Zeitschrift Deutsche Rundschau, Bd. 55.[1]
Inhaltsverzeichnis
• 1 Inhalt
• 3 Interpretation
• 4 Hintergründe
• 4.2 Die handelnden Personen der Novelle und ihre historischen Vorbilder
• 5 Literaturwissenschaftliche Rezeption
• 6 Literarische Rezeption
• 7 Verfilmungen
• 8 Bühnenfassungen
• 9 Erstausgabe
• 10 Literatur
• 11 Weblinks
• 12 Einzelnachweise
Inhalt
Jens Rusch: „Dein neuer Koog ist ein fressend Werk.“ – Zitat aus
In der Novelle Der Schimmelreiter geht es um die Lebensgeschichte von Hauke Haien, die der Schulmeister
eines Dorfes einem Reiter in einem Wirtshaus erzählt. Die Deiche in Nordfriesland, Handlungsort der Geschichte,
spielen in Haukes Leben eine bedeutende Rolle. Am Ende stürzt sich Hauke in den Tod, nachdem er das Sterben
Hauke Haien, der Sohn eines Landvermessers und Kleinbauern, setzt sich, anstatt sich mit Gleichaltrigen zu
treffen, viel lieber mit der Arbeit seines Vaters auseinander. Er schaut dem Vater zu und hilft ihm beim
Ausmessen und Berechnen von Landstücken. Er lernt mit Hilfe einer holländischen Grammatik Niederländisch,
um eine niederländische Ausgabe von Euklids Werken lesen zu können, die der Vater besitzt. Fasziniert scheint
er von der See und von den Deichen zu sein. Oft sitzt er bis in die tiefe Nacht am Deich und beobachtet, wie die
Wellen an den Damm schlagen. Er überlegt, wie man den Schutz vor Sturmfluten verbessern könnte, indem man
Als der örtliche Deichgraf Tede Volkerts einen seiner Knechte entlässt, bewirbt sich Hauke um die Stelle und wird
angenommen. Doch auch hier hilft er dem Deichgrafen mehr beim Rechnen und Planen als in den Ställen, was
dem Deichgrafen zwar gut gefällt, ihn aber bei Ole Peters, dem Großknecht, unbeliebt macht. Da Hauke auch
das Interesse von Elke, der Tochter des Deichgrafen, wecken kann, verschärft sich der Konflikt zwischen Hauke
Auf dem nordfriesischen Winterfest gewinnt Hauke das Boßeln und erfährt so erste gesellschaftliche
Anerkennung. Danach beschließt er, Elke einen Ring anfertigen zu lassen und ihr auf einer Hochzeit von
Verwandten einen Heiratsantrag zu machen. Doch Elke lehnt vorerst ab, da sie noch warten will, bis der Vater
sein Amt aufgibt. Der Plan ist, dass Hauke, der das Amt inzwischen inoffiziell führt, durch die zur rechten Zeit
Binnen kurzer Zeit versterben Haukes und Elkes Väter. Hauke erbt Haus und Land seines Vaters. Als es darum
geht, die Stelle des Deichgrafen neu zu vergeben, keimt der Konflikt zwischen Hauke und Ole erneut auf.
Traditionell kann nur Deichgraf werden, wer ausreichend Land sein Eigen nennt. Dies träfe auf Knecht Hauke
nicht zu, weshalb einer der älteren Deichbevollmächtigten befördert werden soll. Gegenüber dem
Oberdeichgrafen, der die Stelle des örtlichen Deichgrafen zu vergeben hat, ergreift Elke allerdings das Wort und
erklärt, sie sei bereits mit Hauke verlobt und durch eine Hochzeit werde Hauke das Land ihres Vaters bekommen
Unheimlich erscheint den Dorfbewohnern ihr Deichgraf durch sein Pferd: einen edel aussehenden Schimmel,
den er, krank und verkommen, einem zwielichtigen Durchreisenden abgekauft und aufgepäppelt hat. Der
Schimmel soll, darin bestätigen sich die Einwohner gegenseitig, das wiederbelebte Pferdeskelett von der
verlassenen Hallig Jeverssand sein, das mit dem Kauf des Schimmels verschwunden war. Oft wird das Tier mit
dem Teufel in Verbindung gebracht und sogar als dieser selbst bezeichnet.
Hauke setzt nun die neue Deichform, die er als Schüler bereits geplant hat, in die Tat um. Manche Leute sind
dagegen. Doch Hauke setzt sich mit Zustimmung des Oberdeichgrafen durch. Vor einem Teil des alten Deiches
lässt er einen neuen bauen, ein neuer Koog entsteht und somit mehr Ackerfläche für die Bauern. Als die Arbeiter
einen Hund eingraben wollen, da es alter Brauch ist, etwas „Lebiges“ in den Deich einzubauen, rettet er diesen,
und so sehen viele einen Fluch auf diesem Deich lasten. Ebenfalls auf Missmut stößt die Tatsache, dass Hauke
Haien, teils durch Planung, teils durch Zufall, bereits große Landstücke in dem neuen Koog besitzt und daher
Tagein, tagaus beobachtet er seinen Deich, indem er ihn mit seinem Schimmel abreitet. Der neue Deich hält den
Stürmen stand, doch der alte Deich, der rechts und links des neuen Kooges weiterhin verläuft und dort die
vorderste Front zur See darstellt, scheint marode und von Mäusen durchgraben. Angesichts der Beschwichtigung
durch Ole Peters und der bereits maulenden Arbeiter führt Hauke an dem Deich keine umfassenden
Baumaßnahmen durch, sondern beschränkt sich mit großen Gewissensbissen lediglich auf Flickwerk. Als Jahre
später eine Jahrhundertsturmflut hereinbricht und der alte Deich zu brechen droht, will man auf Anordnung des
Bevollmächtigten, Ole Peters, den von Hauke konstruierten neuen Deich durchstoßen, da jener sich damit
erhofft, dass sich die Kraft des Wassers in den neuen, noch unbewohnten Koog ergießen und damit der alte
Deich gerettet werde. Hauke stellt die Arbeiter kurz vor dem Durchstich zur Rede und verhindert die Vollendung
dieser Arbeit, kurz darauf bricht der alte Deich endgültig. Als in jener Nacht auch Elke mitsamt ihrer
gemeinsamen geistig behinderten Tochter Wienke aus Angst um Hauke in Richtung Deich hinausfährt, muss
dieser mitansehen, wie die durch den Deichbruch in den alten Koog schießenden Wassermassen Frau und Kind
unter sich begraben. In seiner Verzweiflung stürzt er sich ebenso mitsamt seinem Pferd in die tosenden Wasser,
die das Land überfluten, und ruft: „Herr Gott, nimm mich; verschon die andern!“
Damit endet die Erzählung des Schulmeisters. Er weist darauf hin, dass andere die Geschichte anders erzählen
würden. So seien seinerzeit alle Einwohner des Dorfes überzeugt gewesen, dass das Pferdeskelett nach Haukes
und seines Pferdes Tod wieder auf der Hallig gelegen habe. Außerdem erwähnt er, dass der neue, von Hauke
Haien erschaffene Deich noch immer den Fluten standhalte, obgleich sich die erzählte Geschichte bereits vor
Auch weitere Gattungsmerkmale wie die Konzentration auf ein einziges Ereignis, bei dem es sich,
wie Goethe formulierte, um „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“[5] handeln soll, sowie die Kürze der
Darstellung und die straffe, auf einen einzigen Höhepunkt zusteuernde Handlungsführung sind
im Schimmelreiter außer Kraft gesetzt. Storm begründete seine Abkehr von früheren Gattungskonventionen
selbst damit, dass die Novelle nicht mehr, wie einst, „die kurzgehaltene Darstellung einer durch ihre
Ungewöhnlichkeit fesselnden und einen überraschenden Wendepunkt darbietenden Begebenheit“ sei.[6] So
geschehen im Schimmelreiter mindestens drei Ereignisse, die sich in die Kategorie „unerhörte Begebenheit“
einstufen lassen. In der inneren Rahmenerzählung ist dies die Begegnung mit dem gespenstischen
Schimmelreiter auf dem Deich, in der Binnenerzählung sind die von zwei Knechten beobachtete
Wiederauferstehung des Pferdegerippes auf Jevershallig und schließlich der Deichbruch mit der Selbsttötung
Hauke Haiens in der reißenden Flut zu nennen. Hinzufügen lassen sich noch weitere spektakuläre Ereignisse
wie der Katermord, der zur Verfluchung Haukes führt, die Rettung des als Deichopfer vorgesehenen Hundes,
welche eine hochaggressive Auseinandersetzung zwischen Hauke und den Deicharbeitern auslöst, sowie der
Kauf des Schimmels von einem mit teuflischen Attributen ausgestatteten Pferdehändler.
Wenn Storm die Novelle seiner Zeit als „die Schwester des Dramas“[7] bezeichnet, dann nicht, weil sie wie die
nach den Regeln des Aristoteles gebaute klassische Tragödie die straff dargestellte und zielgerichtete
Entwicklung einer einzigen Handlung in den Mittelpunkt stellen würde, sondern weil sie um einen „Konflikt, von
welchem aus das Ganze sich organisiert“, zentriert ist.[8] Dieser – im Schimmelreiter sehr komplexe – Konflikt
liegt in der Seele Hauke Haiens begründet, und er entfaltet sich auf mehreren Ebenen, wie dem zivilisatorischen
Kampf zwischen menschlicher Kultur und wilder Natur, der sozialen Auseinandersetzung zwischen einem
fortschrittlichen Einzelnen mit einer konservativen Dorfgemeinschaft, dem weltanschaulichen Gegensatz
zwischen aufklärerischer Rationalität und Aberglauben, den Widersprüchen in Haukes eigener Psyche und
anderem mehr. Obwohl Der Schimmelreiter mit seinem Erzählrahmen ein eindeutiges Novellenmerkmal aufweist,
ähnelt er in anderer Hinsicht eher einem Entwicklungsroman, berichtet er doch die entscheidenden Episoden der
Lebensgeschichte des Helden von der Kindheit bis zum Tod, wobei nur die ersten Lebensjahre ausgespart sind.
Viel eher als herkömmlichen Gattungsmerkmalen entspricht Storms Hauptwerk der Definition Fritz Martinis, für
den die Novelle des 19. Jahrhunderts nicht mehr um eine einzige unerhörte Begebenheit herum zentriert ist,
sondern ihren Schwerpunkt verlagert hat hin zum „psychologisch besonderen Charakter, seiner inneren
seelischen Bewegung und seinem Geschick“.[9]
Die Erzählung wird dem literarischen Realismus (in seiner spezifisch deutschen Ausprägung in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts als Bürgerlicher Realismus oder als Poetischer Realismus bezeichnet) zugeordnet. Der
Schimmelreiter zeigt nach Christian Begemann nicht nur, wie scheinbar obsolet gewordene Realitätsdeutungen
inmitten einer wissenschaftsgläubigen Epoche dazu dienen können, deren Selbstgewissheit in Frage zu stellen.
Ähnlich wie in Fontanes Ballade Die Brück’ am Tay (1880) sieht Begemann beim Schimmelreiter eine Wiederkehr
des Mythischen in einer scheinbar durchrationalisierten Welt, die deren Gefährdung, Labilität und buchstäbliche
Bodenlosigkeit demonstriert. Beim Schimmelreiter wird das insoweit auf die Spitze getrieben, als Hauke Haien
als technikfixierter Aufklärer selbst zum Wiedergänger wird.[10]
Aus der reflektierenden Bearbeitung des Sagenstoffes reizt Storm hier – ganz modern – gezielt die
Gattungsfrage, da es nicht erst seit Goethes Definition der Novelle als „unerhörte, sich ereignete Begebenheit“
Geschichte erfahren hat. Danach wird eine Rahmenerzählung konstruiert. In diesem Rahmen erzählt ein
Reisender, wie er sich mit dem Pferd bei Sturm und Regen von einem Besuch bei Verwandten auf den Weg zur
Stadt macht. Bei dem Ritt auf dem Deich nimmt er eine dunkle Gestalt auf einem Schimmel wahr, die an ihm
vorüberzieht. Es ist der Schimmelreiter, der sich mitsamt seinem Pferd in eine Wehle stürzt. Der Reisende sieht
schließlich in der Ferne die Lichter einer Gastwirtschaft, kehrt dort ein und berichtet von seinem Erlebnis. Die
anwesenden Gäste werden von seinen Worten in Unruhe versetzt, und ein alter Schulmeister beginnt – als
Binnenerzähler und in der dritten Ebene – die Geschichte des Hauke Haien zu erzählen. Die Binnenhandlung
wird an bestimmten Stellen zur Steigerung der Spannung wieder durch den inneren Rahmen unterbrochen, der
Die Erzählstruktur
Interpretation
Der Schimmelreiter ist durch seine Erzählstruktur ein bedeutungsoffenes, vielstimmiges Werk, das sich jeder
vereindeutigenden Interpretation widersetzt. Vor diesem Hintergrund müssen die nachfolgenden Ausführungen
als Beispiel für eine Deutungsmöglichkeit unter vielen anderen, zum Teil auch ganz entgegengesetzten,
verstanden werden.
und Tochter sehr liebevoll, andererseits kann er gegenüber missgünstigen Menschen aggressiv, rücksichtslos,
Hauke ist bereits in jungen Jahren in sich gekehrt und verbringt die Tage allein am Deich. Eine seiner
Freizeitbeschäftigungen besteht darin, Strandläufer mit Steinen abzuschießen. Durch diesen sinnlosen
Zeitvertreib wird nicht nur Haukes Aggressivität deutlich, sondern auch sein Bedürfnis, Überlegenheit zu
demonstrieren.[14] Dieses Verhalten gipfelt schließlich darin, dass er den Angorakater der alten Trin’ Jans im
Jähzorn erwürgt. Er zeigt ein „destruktives Naturverhalten“ und er hat das Bedürfnis, sich als der Stärkere zu
beweisen. Nach Jost Hermand entwickelt sich Hauke dadurch zu dem, was er in Wahrheit ist: „Einer
verschlossenen einsamen Gewaltnatur“.[15] Um seine Aggressionen abzubauen, stürzt sich Hauke fortan in die
Arbeit und auch seine Arbeitsanstrengungen tragen einen kämpferischen Charakter: Durch den neuen Deich will
er die Natur beherrschen und so seine Überlegenheit sich und seinen Mitmenschen demonstrieren.[16] Durch
seine rationale, eigenwillige und von sich selbst überzeugte Art ist er bei den Dorfbewohnern unbeliebt. Hauke
sieht nur sich zum Deichgrafen berufen und betrachtet die anderen als Bedrohung:
„Eine Reihe von Gesichtern ging vor seinem innern Blick vorüber, und sie sahen ihn alle
mit bösen Augen an; da faßte ihn ein Groll gegen diese Menschen: er streckte die Arme
aus, als griffe er nach ihnen, denn sie wollten ihn vom Amte drängen, zu dem von allen
nur er berufen war. – Und die Gedanken ließen ihn nicht; sie waren immer wieder da,
und so wuchsen in seinem jungen Herzen neben der Ehrenhaftigkeit und Liebe auch die
Ehrsucht und der Haß. Aber diese beiden verschloß er tief in seinem Innern; selbst Elke
Das Verhältnis zwischen Hauke und den Dorfbewohnern wird durch Haukes Kauf des Schimmels und die damit
verbundenen abergläubischen Befürchtungen seiner Mitmenschen noch verschlimmert. Sie begegnen Hauke
immer mehr mit Argwohn, Furcht und Trotz, was Hauke wiederum vor allem in Bezug auf die Deicharbeiten
immer härter und sturer werden lässt. Tragischerweise trotzt er den anderen Dorfbewohnern gerade dann nicht
mehr, als das die Flutkatastrophe hätte verhindern können: Nachdem er aufgrund von Schäden am alten Deich
eine gründliche Instandsetzung und Verstärkung nach Art des neuen Deiches vorschlägt, trifft er auf breiten
Widerspruch – insbesondere von Ole Peters. Bei einer weiteren Begehung der fraglichen Deichstelle lässt er sich
in seiner erneuten Beurteilung von diesen Einwänden leiten und stimmt einer Instandsetzungsmaßnahme
geringeren Umfangs zu. An genau dieser Stelle jedoch bricht später der Deich.
Haukes Frau Elke und seine Tochter Wienke kennen ihn jedoch als fürsorglichen und liebevollen Mann und Vater.
Auch den Dorfbewohnern ist er nicht ausschließlich feindlich gesinnt: So hilft er seinem Knecht Iven auf, als er
von Haukes Schimmel umgestoßen wurde, und fragt nach seinem Zustand. Auch mit seinem Schimmel, den er
aus Mitleid gekauft hat, geht er liebevoll um und päppelt ihn wieder auf. Dem Aberglauben der Dorfbewohner
Der Schimmel entstammt als Motiv einer Sage aus der germanischen Mythologie, in welcher das Tier einst heilig
war und mit Frô (Freyr) und Wodan (Odin) in Verbindung gebracht wurde. Der Gott Fro besaß weissagende
weiße Pferde, die ihm als Berater dienten und Wodan ritt auf einem weißen Pferd zur Jagd. Erst später wurde
das Tier durch die Christianisierung heidnisch negativ konnotiert und mit dem wilden Jäger, Hel, der Herrscherin
der Unterwelt oder dem Teufel selbst assoziiert. Durch den Kauf dieses dämonischen Wesens, zudem noch von
einem fremden und seltsam teuflisch lachenden Mann erworben, erregt Hauke die Aufmerksamkeit der
abergläubischen Dorfgemeinschaft.[18] Holander schreibt dazu: „Schimmel – Teufel – Tod, das ist die
abergläubische Assoziation, auf der Storm aufbaut, um seinem Schimmel die erforderlichen gespenstischen
Züge zu verleihen. Davon ausgehend ist es dann ein Leichtes, auch den Reiter selber in einer Aura des Bösen
und des Verderbens erscheinen zu lassen.“[19]
Hintergründe
nach seiner Studienzeit in Kiel und Husum nahm er mit seinem Kommilitonen Theodor Mommsen und einem
akademischen Freundeskreis an einer Textsammlung teil, die den Grundstock für Karl Müllenhoffs Sagen,
Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg in drei Bänden von 1845 bildeten.
Dabei lernte Storm auch allerlei Gespenstergeschichten kennen, die er für eine Veröffentlichung als Neues
Gespensterbuch in einem Manuskript zusammenstellte. Zur Veröffentlichung kam es allerdings erst 1991, mehr
als hundert Jahre nach Storms Tod. Der Schimmelreiter ist darin nicht enthalten. Eine Erklärung dafür findet man
in dem Brief, den Storm am 13. Februar 1843 an Theodor Mommsen geschrieben hatte. Darin heißt es:
„Der Schimmelreiter, so sehr er auch als Deichsage seinem ganzen Charakter nach hier
her paßt, gehört leider nicht unserm Vaterlande; auch habe ich das Wochenblatt, worin
„Was ich zu berichten beabsichtige, ist mir vor reichlich einem halben Jahrhundert im
während ich, an ihrem Lehnstuhl sitzend, mich mit dem Lesen eines in blaue Pappe
Tatsächlich war 1838 in dem Hamburger Periodikum Lesefrüchte vom Felde der neuesten Literatur des In- und
Auslandes. Gesammelt von J.J.C. Pappe, Jahrgang 1838, Zweiter Band. S. 125–128 ein kurzer Text mit dem
Titel Der gespenstige Reiter. Ein Reiseabenteuer erschienen, den die Zeitschrift Danziger Dampfboot zuvor in
ihrer Ausgabe Nr. 45 vom 14. April 1838 als Der Deichgeschworene zu Güttland gebracht hatte. Diese
Geschichte spielt jedoch nicht an der Nordsee, sondern an der Weichsel, weshalb sie für das, was Storm mit
seinem Neuen Gespensterbuch bezweckte, nicht in Frage kam.[20] Die oft der Novelle zugeschriebene Legende,
dass der Schimmelreiter immer dann, wenn am Deich Gefahr drohe, auf einem Schimmel zu sehen sei, findet
sich nicht bei Storm, sondern nur in der Geschichte von 1838.
Deichgeschworene nicht. Storm griff zwar das Motiv dieser Geschichte auf, die Vielzahl der handelnden
Personen und ihre unterschiedlichen Charakteristiken schuf er aber selbst. Seine Darsteller lehnte er an
Vorlage für die Persönlichkeit Hauke Haiens, der Hauptperson in Der Schimmelreiter, war in vielerlei Hinsicht der
Einzelgänger Hans Momsen aus Fahretoft in Nordfriesland (1735–1811), der Landmann, Mechaniker und
es, Seeuhren, Teleskope und auch Orgeln herzustellen. Der Bezug auf die historische Person Momsen wird auch
darin deutlich, dass Storm seinen Namen (Hans Mommsen geschrieben) in seiner Novelle erwähnt.
In Storms Novelle spiegeln sich auch die Ideen des in Nordfriesland tätigen Deichbaufinanziers Jean Henri
Desmercières bezüglich neuer Deichprofile wider. Desmercières gilt als der Erbauer des Sophien-Magdalenen-
gilt als weiteres Vorbild für die Person des Hauke Haiens. So scheint die behinderte Tochter des Deichgrafen
Johann Iversen Schmidt (der Jüngere) (1844–1917) das Vorbild für Haukes Tochter Wienke in der Novelle zu
sein.
Der britische Historiker Harold James vergleicht Hauke Haiens Streben und Lebensphilosophie mit der Alfred
Krupps.[21]
Landschaftlicher Hintergrund
Ein Bericht von der Sturmflut vom 7. Oktober 1756 mit 600 Toten an der Nordsee diente Storm als weitere
Anregung.[23]
Nach der Hauptfigur der Novelle ist der Hauke-Haien-Koog in Nordfriesland benannt.
Literaturwissenschaftliche Rezeption
Einen breiten Raum in der Schimmelreiter-Rezeption nimmt die Beurteilung des von Storm mit widersprüchlichen
Zügen versehenen Protagonisten Hauke Haien ein.[24] Jost Hermand vertritt in seiner epochengeschichtlichen
Studie Hauke Haien – Kritik oder Ideal des gründerzeitlichen Übermenschen von 1965 die These, dass in Storms
Novelle „alles auf den großen Einzelnen, den mythischen Übermenschen zugeschnitten“[25] sei, der
seit Bismarcks Reichsgründung 1871 den Kern des Phänomens des Gründerzeitlichen ausmache. Dieser
Zeitgeist charakterisiere sich durch eine Verachtung der Masse und eine Überhöhung des Genies, des
Herrschsüchtigen mit dem Willen zur Macht, des Übermenschen. Der Deichgraf Hauke Haien sei angetrieben
vom „Wille[n] zur Verewigung der eigenen Person durch eine alles überragende Leistung, die Schaffung eines
neuen Landes, ähnlich der Bismarckschen Reichsgründung oder Wagnerschen Gründung
von Bayreuth.“[26] Ähnlich wie Hermand bewertet auch Volker Neuhaus den Helden des Schimmelreiter dezidiert
negativ. Er betrachtet ihn als „nordfriesischen Faust“,[27] dessen „Naturfremdheit sich zur regelrechten
Naturfeindschaft auswachse[ ].“[28] Im Zuge seines Aufstiegs zum Deichgrafen werde „der Soziopath Hauke zum
Menschenfeind“,[29] der seine zunehmende Isolierung durch ein riesiges Deichprojekt kompensiere, das „seine
gesamten sozialen Energien […] bis hinein in den intimsten Bereich“[30] aufzehre. Mit dieser Sichtweise knüpft
Neuhaus an Winfried Freund an, für den Hauke ein „sozial verkümmerte[r]“[31] Egozentriker ist, dem in seiner
„hybride[n] Selbstbezogenheit“[32] altruistische Tugenden wie Mitgefühl, Fürsorge und Vertrauen gänzlich
abgingen. Noch weiter geht Volker Hoffmann, der Haukes gesamte „negative[ ] Lebensgeschichte“[33] als einen
Teufelspakt betrachtet, dargeboten von einem Schulmeister, der mit seinen antivitalen Zügen dieselben
teuflischen Merkmale aufweise wie der Held seiner Erzählung. Der mit teuflischen Merkmalen ausgestattete
Pferdehändler verführe Hauke „von der Verpflichtung zur Fortpflanzungsfamilie hin zur Werkstiftung “,[34] was
aber nur der Höhepunkt einer ganzen Reihe teuflischer Paktsituationen sei, die Haukes gesamte
Lebensgeschichte durchzögen und zu einem „fressend Werk“ führten, dessen satanischer Charakter dem
Hauptbetroffenen selbst aber gar nicht bewusst sei.[35]
Im Gegensatz zu den genannten Werkdeutungen gelangt David Jackson in seinem Aufsatz über die Rivalität
zwischen Hauke Haien und seinem Gegenspieler Ole Peters zu einer überwiegend positiven Einschätzung der
Rolle des Deichgrafen. Für Jackson lässt der Kampf zwischen den beiden Kontrahenten „zwei diametral
entgegengesetzte Rede- und Sichtweisen klar hervortreten: eine, die sich an die Vernunft und den Verstand
richtet, und eine andere, die dahin zielt, Angstgefühle, Ressentiments und Hass zu schüren.“[36] Dabei
positioniert sich der Autor klar auf der Seite Haiens und verurteilt dessen Widersacher immer wieder moralisch,
indem er ihm „tückische[ ] Manöver“[37] und eine „Gemeinheit“, die „keine Grenzen kennt“,[38] zuschreibt. Die
moralisierende Kontrastierung der beiden Figuren wird von Jackson politisch zugespitzt, wenn der egoistische
Intrigant Ole im Laufe der Novelle zum Demagogen wird, der etwas vorwegnimmt, was Storm noch „nicht
voraussehen“ konnte, nämlich „welche schwarzen demagogischen Künste ein späterer Bösewicht einsetzen
würde. Dann würde es nicht einfach um einen friesischen Deich gehen; weil dann ja alle Dämme und Deiche
gebrochen sind.“[39] Damit erscheint Hauke Haien, der in der von der NS-Ideologie geprägten Verfilmung
durch Curt Oertel (1934) als nordische Führergestalt vereinnahmt wird, in Jacksons Sichtweise genau umgekehrt
als aufrechter Kämpfer gegen einen Vorläufer faschistischer Volksverführung.
Daneben wird der Schimmelreiter in der neueren Forschung auch als Erzählung über das Erzählen verstanden,
wie es Philipp Theisohn in seiner poetologischen Lektüre der Novelle vorführt. An die Gattungstradition seit
Boccaccios Decamerone anknüpfend, in der die novellistische Erzählsituation einen Schutzraum bietet, um „den
Tod im Erzählen zu distanzieren, das bedrohte Leben erzählend zu bewahren“,[58] sieht Theisohn im Deich „jene
Schwelle zwischen Leben und Tod […], auf der sich das novellistische Erzählen positioniert.“[59] Zugleich lasse
sich „die Geschichte des Deichbaus als eine Reflexion über die Verfertigung des Textes, als eine Werktheorie,
verstehen.“[60] So wie die Deichlinie das Erzählen sichere, „gefährden die Risse, die sich immer wieder in der
Deichwand auftun, nicht allein das Leben hinter dem Schutzwall, sondern betreffen das Erzählen selbst.“[61] Die
Kunst, aus den gefährdeten Textstücken ein Ganzes zu machen, gehöre „den Gespenstern, jenen Wesen also,
die wie Schatten über den Deich und durch den Text hasten und die Brüche aufspüren, die es zu schließen
gilt.“[62] Insofern sei ‚gespenstisches Erzählen‘ das zentrale Charakteristikum dieser den Schlusspunkt des
deutschen Realismus im 19. Jahrhundert setzenden Novelle.
Literarische Rezeption
Der Roman Hauke Haiens Tod (2001) von Robert Habeck und Andrea Paluch ist eine literarische Adaption des
Schimmelreiter-Stoffes.[63]
Verfilmungen
Darsteller: Mathias Wieman, Marianne Hoppe, Hans Deppe. Musik von Winfried Zillig.
Dieser Film weicht teilweise vom Buch ab. Viele Szenen der Novelle gehen nicht oder abgeändert in den Film
ein, so zum Beispiel der Tod von Tede Volkerts und Haukes Tochter Wienke. Gedreht wurde der Film unter
anderem in Ockholm. Hauptmotiv der Außenaufnahmen war die Ockholmer Peterswarf. Wie im Buch und in der
Dieser Fernsehfilm war eine Koproduktion zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen. Die an
der Nordsee spielenden Szenen wurden an der Ostseeküste der beiden Länder gedreht. Der Film wurde am 26.
Bühnenfassungen
• Der Schimmelreiter. Zweiundzwanzig Szenen und ein Zwischengesang nach Theodor Storm. Musik von Wilfried
• Der Schimmelreiter. Bearbeitung: John von Düffel. Uraufführung Thalia Theater (Hamburg) 2008.
• Der Schimmelreiter. Schauspiel von Francis Mohr nach der gleichnamigen Novelle von Theodor Storm;
Uraufführung 2009, Landestheater Parchim.[64]
• Der Schimmelreiter. Regie: Christian Schmidt, Musik Friedrich Bassarek; Theater am Rand Zollbrücke (Märkisch-
• Der Schimmelreiter. Ein partizipatives Jugendprojekt nach Theodor Storm. Regie: Dominic Friedel; Theater Bonn;
Uraufführung 2022.
• Der Schimmelreiter. Bearbeitung als Objekt- und Figurentheaterstück; Regie: Pavel Möller-Lück; Theater Lazarett
Aurich in Kooperation mit dem Theater Laboratorium Oldenburg; Uraufführung 2023.[65]
Erstausgabe
Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Novelle. Paetel Berlin, 1888, 222 S. (W./G.² 49) (Digitalisat und
Literatur
• Paul Barz: Der wahre Schimmelreiter. Die Geschichte einer Landschaft und ihres Dichters Theodor
• Andreas Blödorn: Vom Erzählen erzählen: Storms „Schimmelreiter“. In: Der Deutschunterricht LVII.2 (2005), S.
8–17.
• Gerd Eversberg: Raum und Zeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: Schriften der Theodor-Storm-
• Gerd Eversberg: Der echte Schimmelreiter. So (er)fand Storm seinen Hauke Haien. Heide 2010.
• Gerd Eversberg: (Hrsg.): Der Schimmelreiter. Novelle von Theodor Storm. Historisch-kritische Edition. Erich
• Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Eine kommentierte Leseausgabe. Herausgegeben und erläutert von Gerd
Eversberg. Mit den Radierungen von Alexander Eckener. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-503-
• Regina Fasold: Theodor Storm. Sammlung Metzler Bd. 304. Stuttgart 1997, S. 152–167.
• Reimer Kay Holander: Der Schimmelreiter – Dichtung und Wirklichkeit. Kommentar und Dokumentation zur
Novelle „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm. Neue, verbesserte und aktualisierte Ausgabe. Bredstedt 2003.
• Karl Ernst Laage: Der ursprüngliche Schluß der Stormschen „Schimmelreiter-Novelle“. In: Euphorion, 73, 1979,
• Jean Lefebvre: Nichts als Gespenster? Die Funktionen des Deichreiters in den Rahmenhandlungen des
• Martin Lowsky: Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Königs Erläuterungen und Materialien (Bd. 192). Hollfeld
2008.
• Albert Meier: „Wie kommt ein Pferd nach Jevershallig?“ Die Subversion des Realismus in Theodor Storms „Der
Schimmelreiter“. In: Hans Krah, Claus-Michael Ort (Hrsg.): Weltentwürfe in Literatur und Medien. Phantastische
Wirklichkeiten – realistische Imaginationen. Festschrift für Marianne Wünsch. Kiel 2002, S. 167–179.
• Christian Neumann: Eine andere Geschichte vom Schimmelreiter. Der Subtext der Deichnovelle Storms aus
• Christian Neumann: Und er reitet immer noch. Der Deichgraf Hauke Haien als fortwährende Reizfigur in der
• Wolfgang Palaver: Hauke Haien – ein Sündenbock? Theodor Storms Schimmelreiter aus der Perspektive der
Theorie René Girards. In: P. Tschuggnall (Hrsg.): Religion – Literatur – Künste. Aspekte eines
• Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur und
Weiblichkeit in „Der Schimmelreiter“. In: Gerd Eversberg, David Jackson, Eckart Pastor (Hrsg.): Stormlektüren.
Festschrift für Karl Ernst Laage zum 80. Geburtstag. Würzburg 2000, S. 183–214.
• Harro Segeberg: Theodor Storms Erzählung „Der Schimmelreiter“ als Zeitkritik und Utopie. In: Harro
Segeberg: Literarische Technikbilder. Studien zum Verhältnis von Technik und Literaturgeschichte im 19. und
• Malte Stein: Deichgeschichte mit Dialektik. In: Malte Stein: „Sein Geliebtestes zu töten“. Literaturpsychologische
Studien zum Geschlechter- und Generationenkonflikt im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin 2006, S.
173–258.
Weblinks
• Literatur von und über Der Schimmelreiter im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
• Informationen zu Autor, Werk und anderen Werken Storms des Hamburger Bildungsservers
• 4 Interpretationen. (Memento vom 12. Februar 2013 im Webarchiv [Link])auf Seiten der Storm-
Gesellschaft
Einzelnachweise
2. ↑ Vgl. Theodor Storm: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker
3. ↑ Theodor Storm: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker Verlag,
4. ↑ Theodor Storm – Gottfried Keller: Briefwechsel. Hrsg. v. Karl Ernst Laage. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1992,
S. 108.
5. ↑ Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. 1823-1832. Hrsg. v.
Christoph Michel unter Mitwirkung v. Hans Grüters. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1999. S. 221
6. ↑ Theodor Storm: Eine zurückgezogene Vorrede (1881). In: ders.: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage
und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1987, Bd. 4, S. 408f.
7. ↑ (6)Theodor Storm: Eine zurückgezogene Vorrede (1881). In: ders.: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage
und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1987, Bd. 4, S. 409
8. ↑ (7)Theodor Storm: Eine zurückgezogene Vorrede (1881). In: ders.: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage
und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1987, Bd. 4, S. 409.
9. ↑ Fritz Martini: Die deutsche Novelle im ‚Bürgerlichen Realismus‘. Überlegungen zur geschichtlichen
Bestimmung des Formtyps. In: Josef Kunz (Hrsg.): Novelle. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft,
(Hrsg.): Phantastik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Metzler, Stuttgart / Weimar 2013, S. 100–108.
11.↑ Ulrich Kittstein: …was ist das mit dem Schimmelreiter? In: Ulrich Kittstein, Stefani Kugler (Hrsg.): Poetische
Ordnungen. Zur Erzählprosa des deutschen Realismsus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, S.
273.
12.↑ Ulrich Kittstein: …was ist das mit dem Schimmelreiter? In: Ulrich Kittstein, Stefani Kugler (Hrsg.): Poetische
Ordnungen. Zur Erzählprosa des deutschen Realismsus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, S.
280.
13.↑ Ulrich Kittstein: …was ist das mit dem Schimmelreiter? In: Ulrich Kittstein, Stefani Kugler (Hrsg.): Poetische
Ordnungen. Zur Erzählprosa des deutschen Realismsus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, S.
287.
14.↑ Winfried Freund: Theodor Storm. Der Schimmelreiter. Glanz und Elend des Bürgers. Ferdinand Schöningh,
15.↑ Gerd Weinrich: Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur Theodor Storm Der
16.↑ Ulrich Kittstein: …was ist das mit dem Schimmelreiter? In: Ulrich Kittstein, Stefani Kugler (Hrsg.): Poetische
Ordnungen. Zur Erzählprosa des deutschen Realismsus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007.
17.↑ Ingo Meyer: Im „Banne der Wirklichkeit“. Studien zum Problem des deutschen Realismus und seinen narrativ-
18.↑ Reimer Kay Holander: Der Schimmelreiter – Dichtung und Wirklichkeit. Nordfriisk Instituut, Bräist/Bredstedt
2003, S. 32 ff.
19.↑ Reimer Kay Holander: Der Schimmelreiter – Dichtung und Wirklichkeit. Nordfriisk Instituut, Bräist/Bredstedt
2003, S. 34.
20.↑ [Link]
21.↑ Harold James: Krupp – Deutsche Legende und globales Unternehmen. Verlag C.H. Beck, München
22.↑ Gerd Eversberg: Theodor Storms „Schimmelreiter“ – Eine Ausstellung im Storm-Haus. Husumer Kataloge 2.
24.↑ Vgl. hierzu Christian Neumann: Und er reitet immer noch. Der Deichgraf Hauke Haien als fortwährende
25.↑ Jost Hermand: Hauke Haien. Kritik oder Ideal des gründerzeitlichen Übermenschen? In: Wirkendes Wort 15
(1965), S. 42.
26.↑ Jost Hermand: Hauke Haien. Kritik oder Ideal des gründerzeitlichen Übermenschen? In: Wirkendes Wort 15
(1965), S. 45.
27.↑ Volker Neuhaus: „Hauptsache mein Profil ist akzeptiert“: Hybris und Tragik Hauke Haiens und seiner
Ingenieurskollegen bei Goethe, Fontane und Max Eyth. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 17 (2013), S. 14f.
28.↑ Volker Neuhaus: „Hauptsache mein Profil ist akzeptiert“: Hybris und Tragik Hauke Haiens und seiner
Ingenieurskollegen bei Goethe, Fontane und Max Eyth. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 17 (2013), S. 15.
29.↑ Volker Neuhaus: „Hauptsache mein Profil ist akzeptiert“: Hybris und Tragik Hauke Haiens und seiner
Ingenieurskollegen bei Goethe, Fontane und Max Eyth. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 17 (2013), S. 16.
30.↑ Volker Neuhaus: „Hauptsache mein Profil ist akzeptiert“: Hybris und Tragik Hauke Haiens und seiner
Ingenieurskollegen bei Goethe, Fontane und Max Eyth. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 17 (2013), S. 16.
31.↑ Winfried Freund: Theodor Storm. Kohlhammer, Stuttgart 1987, ISBN 978-3-17-009810-7, S. 147.
32.↑ Winfried Freund: Theodor Storm. Kohlhammer, Stuttgart 1987, ISBN 978-3-17-009810-7, S. 151.
33.↑ Volker Hoffmann: Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Eine Teufelspaktgeschichte als realistische
Lebensgeschichte. In: Interpretationen. Erzählungen und Novellen des 19. Jahrhunderts. Bd. 2. Stuttgart 1997
34.↑ Volker Hoffmann: Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Eine Teufelspaktgeschichte als realistische
Lebensgeschichte. In: Interpretationen. Erzählungen und Novellen des 19. Jahrhunderts. Bd. 2. Stuttgart 1997
35.↑ Volker Hoffmann: Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Eine Teufelspaktgeschichte als realistische
Lebensgeschichte. In: Interpretationen. Erzählungen und Novellen des 19. Jahrhunderts. Bd. 2. Stuttgart 1997
36.↑ David A. Jackson: Ole Peters und die Schuldfragen im Schimmelreiter. In: Schriften der Theodor-Storm-
38.↑ David A. Jackson: Ole Peters und die Schuldfragen im Schimmelreiter. In: Schriften der Theodor-Storm-
39.↑ David A. Jackson: Ole Peters und die Schuldfragen im Schimmelreiter. In: Schriften der Theodor-Storm-
40.↑ Johannes Harnischfeger: Modernisierung und Teufelspakt. Die Funktion des Dämonischen in Theodor Storms
41.↑ Johannes Harnischfeger: Modernisierung und Teufelspakt. Die Funktion des Dämonischen in Theodor Storms
42.↑ Johannes Harnischfeger: Modernisierung und Teufelspakt. Die Funktion des Dämonischen in Theodor Storms
43.↑ Harro Segeberg: Literarische Technikbilder. Studien zum Verhältnis von Technik und Literaturgeschichte im 19.
44.↑ Harro Segeberg: Literarische Technikbilder. Studien zum Verhältnis von Technik und Literaturgeschichte im 19.
45.↑ Harro Segeberg: Literarische Technikbilder. Studien zum Verhältnis von Technik und Literaturgeschichte im 19.
46.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
47.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
48.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
49.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
50.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
51.↑ Regina Fasold: Theodor Storm. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-476-10304-8, S. 154.
52.↑ Regina Fasold: Theodor Storm. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-476-10304-8, S. 155.
53.↑ Regina Fasold: Theodor Storm. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-476-10304-8, S. 155.
54.↑ Christian Neumann: Das Opfer der Lebendigkeit. Devitalisierung und Melancholie im Erzählwerk Theodor
Storms, Thomas Manns und Franz Kafkas. Königshausen und Neumann, Würzburg 2023, ISBN 978-3-8260-
7790-6, S. 161.
55.↑ Malte Stein: ‚Sein Geliebtestes zu töten‘. Literaturpsychologische Studien zum Geschlechter- und
Generationenkonflikt im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2006, ISBN 978-3-
503-07971-1, S. 230.
56.↑ Malte Stein: ‚Sein Geliebtestes zu töten‘. Literaturpsychologische Studien zum Geschlechter- und
Generationenkonflikt im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2006, ISBN 978-3-
503-07971-1, S. 231.
57.↑ Malte Stein: ‚Sein Geliebtestes zu töten‘. Literaturpsychologische Studien zum Geschlechter- und
Generationenkonflikt im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2006, ISBN 978-3-
503-07971-1, S. 236.
58.↑ Philipp Theisohn: Gespenstisches Erzählen. In: (Hrsg.) Christoph Deupmann: Theodor Storm. Novellen.
59.↑ Philipp Theisohn: Gespenstisches Erzählen. In: (Hrsg.) Christoph Deupmann: Theodor Storm. Novellen.
61.↑ Philipp Theisohn: Gespenstisches Erzählen. In: (Hrsg.) Christoph Deupmann: Theodor Storm. Novellen.
62.↑ Philipp Theisohn: Gespenstisches Erzählen. In: (Hrsg.) Christoph Deupmann: Theodor Storm. Novellen.
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Der Schimmelreiter
1888 veröffentlichte Werk ist Storms bekannteste Erzählung und zählt zu seinem Spätwerk.
Die Novelle, in deren Zentrum der fiktive Deichgraf Hauke Haien steht, basiert auf einer Sage, mit der Storm sich
über Jahrzehnte befasste. Mit der Niederschrift der Novelle begann er jedoch erst im Juli 1886 und beendete
seine Arbeit daran im Februar 1888, wenige Monate vor seinem Tod. Die Novelle erschien das erste Mal im April
1888 in der Zeitschrift Deutsche Rundschau, Bd. 55.[1]
Inhaltsverzeichnis
• 1 Inhalt
• 3 Interpretation
• 4 Hintergründe
• 4.2 Die handelnden Personen der Novelle und ihre historischen Vorbilder
• 5 Literaturwissenschaftliche Rezeption
• 6 Literarische Rezeption
• 7 Verfilmungen
• 8 Bühnenfassungen
• 9 Erstausgabe
• 10 Literatur
• 11 Weblinks
• 12 Einzelnachweise
Inhalt
Jens Rusch: „Dein neuer Koog ist ein fressend Werk.“ – Zitat aus
In der Novelle Der Schimmelreiter geht es um die Lebensgeschichte von Hauke Haien, die der Schulmeister
eines Dorfes einem Reiter in einem Wirtshaus erzählt. Die Deiche in Nordfriesland, Handlungsort der Geschichte,
spielen in Haukes Leben eine bedeutende Rolle. Am Ende stürzt sich Hauke in den Tod, nachdem er das Sterben
Hauke Haien, der Sohn eines Landvermessers und Kleinbauern, setzt sich, anstatt sich mit Gleichaltrigen zu
treffen, viel lieber mit der Arbeit seines Vaters auseinander. Er schaut dem Vater zu und hilft ihm beim
Ausmessen und Berechnen von Landstücken. Er lernt mit Hilfe einer holländischen Grammatik Niederländisch,
um eine niederländische Ausgabe von Euklids Werken lesen zu können, die der Vater besitzt. Fasziniert scheint
er von der See und von den Deichen zu sein. Oft sitzt er bis in die tiefe Nacht am Deich und beobachtet, wie die
Wellen an den Damm schlagen. Er überlegt, wie man den Schutz vor Sturmfluten verbessern könnte, indem man
Als der örtliche Deichgraf Tede Volkerts einen seiner Knechte entlässt, bewirbt sich Hauke um die Stelle und wird
angenommen. Doch auch hier hilft er dem Deichgrafen mehr beim Rechnen und Planen als in den Ställen, was
dem Deichgrafen zwar gut gefällt, ihn aber bei Ole Peters, dem Großknecht, unbeliebt macht. Da Hauke auch
das Interesse von Elke, der Tochter des Deichgrafen, wecken kann, verschärft sich der Konflikt zwischen Hauke
Auf dem nordfriesischen Winterfest gewinnt Hauke das Boßeln und erfährt so erste gesellschaftliche
Anerkennung. Danach beschließt er, Elke einen Ring anfertigen zu lassen und ihr auf einer Hochzeit von
Verwandten einen Heiratsantrag zu machen. Doch Elke lehnt vorerst ab, da sie noch warten will, bis der Vater
sein Amt aufgibt. Der Plan ist, dass Hauke, der das Amt inzwischen inoffiziell führt, durch die zur rechten Zeit
Binnen kurzer Zeit versterben Haukes und Elkes Väter. Hauke erbt Haus und Land seines Vaters. Als es darum
geht, die Stelle des Deichgrafen neu zu vergeben, keimt der Konflikt zwischen Hauke und Ole erneut auf.
Traditionell kann nur Deichgraf werden, wer ausreichend Land sein Eigen nennt. Dies träfe auf Knecht Hauke
nicht zu, weshalb einer der älteren Deichbevollmächtigten befördert werden soll. Gegenüber dem
Oberdeichgrafen, der die Stelle des örtlichen Deichgrafen zu vergeben hat, ergreift Elke allerdings das Wort und
erklärt, sie sei bereits mit Hauke verlobt und durch eine Hochzeit werde Hauke das Land ihres Vaters bekommen
Unheimlich erscheint den Dorfbewohnern ihr Deichgraf durch sein Pferd: einen edel aussehenden Schimmel,
den er, krank und verkommen, einem zwielichtigen Durchreisenden abgekauft und aufgepäppelt hat. Der
Schimmel soll, darin bestätigen sich die Einwohner gegenseitig, das wiederbelebte Pferdeskelett von der
verlassenen Hallig Jeverssand sein, das mit dem Kauf des Schimmels verschwunden war. Oft wird das Tier mit
dem Teufel in Verbindung gebracht und sogar als dieser selbst bezeichnet.
Hauke setzt nun die neue Deichform, die er als Schüler bereits geplant hat, in die Tat um. Manche Leute sind
dagegen. Doch Hauke setzt sich mit Zustimmung des Oberdeichgrafen durch. Vor einem Teil des alten Deiches
lässt er einen neuen bauen, ein neuer Koog entsteht und somit mehr Ackerfläche für die Bauern. Als die Arbeiter
einen Hund eingraben wollen, da es alter Brauch ist, etwas „Lebiges“ in den Deich einzubauen, rettet er diesen,
und so sehen viele einen Fluch auf diesem Deich lasten. Ebenfalls auf Missmut stößt die Tatsache, dass Hauke
Haien, teils durch Planung, teils durch Zufall, bereits große Landstücke in dem neuen Koog besitzt und daher
Tagein, tagaus beobachtet er seinen Deich, indem er ihn mit seinem Schimmel abreitet. Der neue Deich hält den
Stürmen stand, doch der alte Deich, der rechts und links des neuen Kooges weiterhin verläuft und dort die
vorderste Front zur See darstellt, scheint marode und von Mäusen durchgraben. Angesichts der Beschwichtigung
durch Ole Peters und der bereits maulenden Arbeiter führt Hauke an dem Deich keine umfassenden
Baumaßnahmen durch, sondern beschränkt sich mit großen Gewissensbissen lediglich auf Flickwerk. Als Jahre
später eine Jahrhundertsturmflut hereinbricht und der alte Deich zu brechen droht, will man auf Anordnung des
Bevollmächtigten, Ole Peters, den von Hauke konstruierten neuen Deich durchstoßen, da jener sich damit
erhofft, dass sich die Kraft des Wassers in den neuen, noch unbewohnten Koog ergießen und damit der alte
Deich gerettet werde. Hauke stellt die Arbeiter kurz vor dem Durchstich zur Rede und verhindert die Vollendung
dieser Arbeit, kurz darauf bricht der alte Deich endgültig. Als in jener Nacht auch Elke mitsamt ihrer
gemeinsamen geistig behinderten Tochter Wienke aus Angst um Hauke in Richtung Deich hinausfährt, muss
dieser mitansehen, wie die durch den Deichbruch in den alten Koog schießenden Wassermassen Frau und Kind
unter sich begraben. In seiner Verzweiflung stürzt er sich ebenso mitsamt seinem Pferd in die tosenden Wasser,
die das Land überfluten, und ruft: „Herr Gott, nimm mich; verschon die andern!“
Damit endet die Erzählung des Schulmeisters. Er weist darauf hin, dass andere die Geschichte anders erzählen
würden. So seien seinerzeit alle Einwohner des Dorfes überzeugt gewesen, dass das Pferdeskelett nach Haukes
und seines Pferdes Tod wieder auf der Hallig gelegen habe. Außerdem erwähnt er, dass der neue, von Hauke
Haien erschaffene Deich noch immer den Fluten standhalte, obgleich sich die erzählte Geschichte bereits vor
Auch weitere Gattungsmerkmale wie die Konzentration auf ein einziges Ereignis, bei dem es sich,
wie Goethe formulierte, um „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“[5] handeln soll, sowie die Kürze der
Darstellung und die straffe, auf einen einzigen Höhepunkt zusteuernde Handlungsführung sind
im Schimmelreiter außer Kraft gesetzt. Storm begründete seine Abkehr von früheren Gattungskonventionen
selbst damit, dass die Novelle nicht mehr, wie einst, „die kurzgehaltene Darstellung einer durch ihre
Ungewöhnlichkeit fesselnden und einen überraschenden Wendepunkt darbietenden Begebenheit“ sei.[6] So
geschehen im Schimmelreiter mindestens drei Ereignisse, die sich in die Kategorie „unerhörte Begebenheit“
einstufen lassen. In der inneren Rahmenerzählung ist dies die Begegnung mit dem gespenstischen
Schimmelreiter auf dem Deich, in der Binnenerzählung sind die von zwei Knechten beobachtete
Wiederauferstehung des Pferdegerippes auf Jevershallig und schließlich der Deichbruch mit der Selbsttötung
Hauke Haiens in der reißenden Flut zu nennen. Hinzufügen lassen sich noch weitere spektakuläre Ereignisse
wie der Katermord, der zur Verfluchung Haukes führt, die Rettung des als Deichopfer vorgesehenen Hundes,
welche eine hochaggressive Auseinandersetzung zwischen Hauke und den Deicharbeitern auslöst, sowie der
Kauf des Schimmels von einem mit teuflischen Attributen ausgestatteten Pferdehändler.
Wenn Storm die Novelle seiner Zeit als „die Schwester des Dramas“[7] bezeichnet, dann nicht, weil sie wie die
nach den Regeln des Aristoteles gebaute klassische Tragödie die straff dargestellte und zielgerichtete
Entwicklung einer einzigen Handlung in den Mittelpunkt stellen würde, sondern weil sie um einen „Konflikt, von
welchem aus das Ganze sich organisiert“, zentriert ist.[8] Dieser – im Schimmelreiter sehr komplexe – Konflikt
liegt in der Seele Hauke Haiens begründet, und er entfaltet sich auf mehreren Ebenen, wie dem zivilisatorischen
Kampf zwischen menschlicher Kultur und wilder Natur, der sozialen Auseinandersetzung zwischen einem
fortschrittlichen Einzelnen mit einer konservativen Dorfgemeinschaft, dem weltanschaulichen Gegensatz
zwischen aufklärerischer Rationalität und Aberglauben, den Widersprüchen in Haukes eigener Psyche und
anderem mehr. Obwohl Der Schimmelreiter mit seinem Erzählrahmen ein eindeutiges Novellenmerkmal aufweist,
ähnelt er in anderer Hinsicht eher einem Entwicklungsroman, berichtet er doch die entscheidenden Episoden der
Lebensgeschichte des Helden von der Kindheit bis zum Tod, wobei nur die ersten Lebensjahre ausgespart sind.
Viel eher als herkömmlichen Gattungsmerkmalen entspricht Storms Hauptwerk der Definition Fritz Martinis, für
den die Novelle des 19. Jahrhunderts nicht mehr um eine einzige unerhörte Begebenheit herum zentriert ist,
sondern ihren Schwerpunkt verlagert hat hin zum „psychologisch besonderen Charakter, seiner inneren
seelischen Bewegung und seinem Geschick“.[9]
Die Erzählung wird dem literarischen Realismus (in seiner spezifisch deutschen Ausprägung in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts als Bürgerlicher Realismus oder als Poetischer Realismus bezeichnet) zugeordnet. Der
Schimmelreiter zeigt nach Christian Begemann nicht nur, wie scheinbar obsolet gewordene Realitätsdeutungen
inmitten einer wissenschaftsgläubigen Epoche dazu dienen können, deren Selbstgewissheit in Frage zu stellen.
Ähnlich wie in Fontanes Ballade Die Brück’ am Tay (1880) sieht Begemann beim Schimmelreiter eine Wiederkehr
des Mythischen in einer scheinbar durchrationalisierten Welt, die deren Gefährdung, Labilität und buchstäbliche
Bodenlosigkeit demonstriert. Beim Schimmelreiter wird das insoweit auf die Spitze getrieben, als Hauke Haien
als technikfixierter Aufklärer selbst zum Wiedergänger wird.[10]
Aus der reflektierenden Bearbeitung des Sagenstoffes reizt Storm hier – ganz modern – gezielt die
Gattungsfrage, da es nicht erst seit Goethes Definition der Novelle als „unerhörte, sich ereignete Begebenheit“
Geschichte erfahren hat. Danach wird eine Rahmenerzählung konstruiert. In diesem Rahmen erzählt ein
Reisender, wie er sich mit dem Pferd bei Sturm und Regen von einem Besuch bei Verwandten auf den Weg zur
Stadt macht. Bei dem Ritt auf dem Deich nimmt er eine dunkle Gestalt auf einem Schimmel wahr, die an ihm
vorüberzieht. Es ist der Schimmelreiter, der sich mitsamt seinem Pferd in eine Wehle stürzt. Der Reisende sieht
schließlich in der Ferne die Lichter einer Gastwirtschaft, kehrt dort ein und berichtet von seinem Erlebnis. Die
anwesenden Gäste werden von seinen Worten in Unruhe versetzt, und ein alter Schulmeister beginnt – als
Binnenerzähler und in der dritten Ebene – die Geschichte des Hauke Haien zu erzählen. Die Binnenhandlung
wird an bestimmten Stellen zur Steigerung der Spannung wieder durch den inneren Rahmen unterbrochen, der
Die Erzählstruktur
Interpretation
Der Schimmelreiter ist durch seine Erzählstruktur ein bedeutungsoffenes, vielstimmiges Werk, das sich jeder
vereindeutigenden Interpretation widersetzt. Vor diesem Hintergrund müssen die nachfolgenden Ausführungen
als Beispiel für eine Deutungsmöglichkeit unter vielen anderen, zum Teil auch ganz entgegengesetzten,
verstanden werden.
und Tochter sehr liebevoll, andererseits kann er gegenüber missgünstigen Menschen aggressiv, rücksichtslos,
Hauke ist bereits in jungen Jahren in sich gekehrt und verbringt die Tage allein am Deich. Eine seiner
Freizeitbeschäftigungen besteht darin, Strandläufer mit Steinen abzuschießen. Durch diesen sinnlosen
Zeitvertreib wird nicht nur Haukes Aggressivität deutlich, sondern auch sein Bedürfnis, Überlegenheit zu
demonstrieren.[14] Dieses Verhalten gipfelt schließlich darin, dass er den Angorakater der alten Trin’ Jans im
Jähzorn erwürgt. Er zeigt ein „destruktives Naturverhalten“ und er hat das Bedürfnis, sich als der Stärkere zu
beweisen. Nach Jost Hermand entwickelt sich Hauke dadurch zu dem, was er in Wahrheit ist: „Einer
verschlossenen einsamen Gewaltnatur“.[15] Um seine Aggressionen abzubauen, stürzt sich Hauke fortan in die
Arbeit und auch seine Arbeitsanstrengungen tragen einen kämpferischen Charakter: Durch den neuen Deich will
er die Natur beherrschen und so seine Überlegenheit sich und seinen Mitmenschen demonstrieren.[16] Durch
seine rationale, eigenwillige und von sich selbst überzeugte Art ist er bei den Dorfbewohnern unbeliebt. Hauke
sieht nur sich zum Deichgrafen berufen und betrachtet die anderen als Bedrohung:
„Eine Reihe von Gesichtern ging vor seinem innern Blick vorüber, und sie sahen ihn alle
mit bösen Augen an; da faßte ihn ein Groll gegen diese Menschen: er streckte die Arme
aus, als griffe er nach ihnen, denn sie wollten ihn vom Amte drängen, zu dem von allen
nur er berufen war. – Und die Gedanken ließen ihn nicht; sie waren immer wieder da,
und so wuchsen in seinem jungen Herzen neben der Ehrenhaftigkeit und Liebe auch die
Ehrsucht und der Haß. Aber diese beiden verschloß er tief in seinem Innern; selbst Elke
Das Verhältnis zwischen Hauke und den Dorfbewohnern wird durch Haukes Kauf des Schimmels und die damit
verbundenen abergläubischen Befürchtungen seiner Mitmenschen noch verschlimmert. Sie begegnen Hauke
immer mehr mit Argwohn, Furcht und Trotz, was Hauke wiederum vor allem in Bezug auf die Deicharbeiten
immer härter und sturer werden lässt. Tragischerweise trotzt er den anderen Dorfbewohnern gerade dann nicht
mehr, als das die Flutkatastrophe hätte verhindern können: Nachdem er aufgrund von Schäden am alten Deich
eine gründliche Instandsetzung und Verstärkung nach Art des neuen Deiches vorschlägt, trifft er auf breiten
Widerspruch – insbesondere von Ole Peters. Bei einer weiteren Begehung der fraglichen Deichstelle lässt er sich
in seiner erneuten Beurteilung von diesen Einwänden leiten und stimmt einer Instandsetzungsmaßnahme
geringeren Umfangs zu. An genau dieser Stelle jedoch bricht später der Deich.
Haukes Frau Elke und seine Tochter Wienke kennen ihn jedoch als fürsorglichen und liebevollen Mann und Vater.
Auch den Dorfbewohnern ist er nicht ausschließlich feindlich gesinnt: So hilft er seinem Knecht Iven auf, als er
von Haukes Schimmel umgestoßen wurde, und fragt nach seinem Zustand. Auch mit seinem Schimmel, den er
aus Mitleid gekauft hat, geht er liebevoll um und päppelt ihn wieder auf. Dem Aberglauben der Dorfbewohner
Der Schimmel entstammt als Motiv einer Sage aus der germanischen Mythologie, in welcher das Tier einst heilig
war und mit Frô (Freyr) und Wodan (Odin) in Verbindung gebracht wurde. Der Gott Fro besaß weissagende
weiße Pferde, die ihm als Berater dienten und Wodan ritt auf einem weißen Pferd zur Jagd. Erst später wurde
das Tier durch die Christianisierung heidnisch negativ konnotiert und mit dem wilden Jäger, Hel, der Herrscherin
der Unterwelt oder dem Teufel selbst assoziiert. Durch den Kauf dieses dämonischen Wesens, zudem noch von
einem fremden und seltsam teuflisch lachenden Mann erworben, erregt Hauke die Aufmerksamkeit der
abergläubischen Dorfgemeinschaft.[18] Holander schreibt dazu: „Schimmel – Teufel – Tod, das ist die
abergläubische Assoziation, auf der Storm aufbaut, um seinem Schimmel die erforderlichen gespenstischen
Züge zu verleihen. Davon ausgehend ist es dann ein Leichtes, auch den Reiter selber in einer Aura des Bösen
und des Verderbens erscheinen zu lassen.“[19]
Hintergründe
nach seiner Studienzeit in Kiel und Husum nahm er mit seinem Kommilitonen Theodor Mommsen und einem
akademischen Freundeskreis an einer Textsammlung teil, die den Grundstock für Karl Müllenhoffs Sagen,
Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg in drei Bänden von 1845 bildeten.
Dabei lernte Storm auch allerlei Gespenstergeschichten kennen, die er für eine Veröffentlichung als Neues
Gespensterbuch in einem Manuskript zusammenstellte. Zur Veröffentlichung kam es allerdings erst 1991, mehr
als hundert Jahre nach Storms Tod. Der Schimmelreiter ist darin nicht enthalten. Eine Erklärung dafür findet man
in dem Brief, den Storm am 13. Februar 1843 an Theodor Mommsen geschrieben hatte. Darin heißt es:
„Der Schimmelreiter, so sehr er auch als Deichsage seinem ganzen Charakter nach hier
her paßt, gehört leider nicht unserm Vaterlande; auch habe ich das Wochenblatt, worin
„Was ich zu berichten beabsichtige, ist mir vor reichlich einem halben Jahrhundert im
während ich, an ihrem Lehnstuhl sitzend, mich mit dem Lesen eines in blaue Pappe
Tatsächlich war 1838 in dem Hamburger Periodikum Lesefrüchte vom Felde der neuesten Literatur des In- und
Auslandes. Gesammelt von J.J.C. Pappe, Jahrgang 1838, Zweiter Band. S. 125–128 ein kurzer Text mit dem
Titel Der gespenstige Reiter. Ein Reiseabenteuer erschienen, den die Zeitschrift Danziger Dampfboot zuvor in
ihrer Ausgabe Nr. 45 vom 14. April 1838 als Der Deichgeschworene zu Güttland gebracht hatte. Diese
Geschichte spielt jedoch nicht an der Nordsee, sondern an der Weichsel, weshalb sie für das, was Storm mit
seinem Neuen Gespensterbuch bezweckte, nicht in Frage kam.[20] Die oft der Novelle zugeschriebene Legende,
dass der Schimmelreiter immer dann, wenn am Deich Gefahr drohe, auf einem Schimmel zu sehen sei, findet
sich nicht bei Storm, sondern nur in der Geschichte von 1838.
Deichgeschworene nicht. Storm griff zwar das Motiv dieser Geschichte auf, die Vielzahl der handelnden
Personen und ihre unterschiedlichen Charakteristiken schuf er aber selbst. Seine Darsteller lehnte er an
Vorlage für die Persönlichkeit Hauke Haiens, der Hauptperson in Der Schimmelreiter, war in vielerlei Hinsicht der
Einzelgänger Hans Momsen aus Fahretoft in Nordfriesland (1735–1811), der Landmann, Mechaniker und
es, Seeuhren, Teleskope und auch Orgeln herzustellen. Der Bezug auf die historische Person Momsen wird auch
darin deutlich, dass Storm seinen Namen (Hans Mommsen geschrieben) in seiner Novelle erwähnt.
In Storms Novelle spiegeln sich auch die Ideen des in Nordfriesland tätigen Deichbaufinanziers Jean Henri
Desmercières bezüglich neuer Deichprofile wider. Desmercières gilt als der Erbauer des Sophien-Magdalenen-
gilt als weiteres Vorbild für die Person des Hauke Haiens. So scheint die behinderte Tochter des Deichgrafen
Johann Iversen Schmidt (der Jüngere) (1844–1917) das Vorbild für Haukes Tochter Wienke in der Novelle zu
sein.
Der britische Historiker Harold James vergleicht Hauke Haiens Streben und Lebensphilosophie mit der Alfred
Krupps.[21]
Landschaftlicher Hintergrund
Ein Bericht von der Sturmflut vom 7. Oktober 1756 mit 600 Toten an der Nordsee diente Storm als weitere
Anregung.[23]
Nach der Hauptfigur der Novelle ist der Hauke-Haien-Koog in Nordfriesland benannt.
Literaturwissenschaftliche Rezeption
Einen breiten Raum in der Schimmelreiter-Rezeption nimmt die Beurteilung des von Storm mit widersprüchlichen
Zügen versehenen Protagonisten Hauke Haien ein.[24] Jost Hermand vertritt in seiner epochengeschichtlichen
Studie Hauke Haien – Kritik oder Ideal des gründerzeitlichen Übermenschen von 1965 die These, dass in Storms
Novelle „alles auf den großen Einzelnen, den mythischen Übermenschen zugeschnitten“[25] sei, der
seit Bismarcks Reichsgründung 1871 den Kern des Phänomens des Gründerzeitlichen ausmache. Dieser
Zeitgeist charakterisiere sich durch eine Verachtung der Masse und eine Überhöhung des Genies, des
Herrschsüchtigen mit dem Willen zur Macht, des Übermenschen. Der Deichgraf Hauke Haien sei angetrieben
vom „Wille[n] zur Verewigung der eigenen Person durch eine alles überragende Leistung, die Schaffung eines
neuen Landes, ähnlich der Bismarckschen Reichsgründung oder Wagnerschen Gründung
von Bayreuth.“[26] Ähnlich wie Hermand bewertet auch Volker Neuhaus den Helden des Schimmelreiter dezidiert
negativ. Er betrachtet ihn als „nordfriesischen Faust“,[27] dessen „Naturfremdheit sich zur regelrechten
Naturfeindschaft auswachse[ ].“[28] Im Zuge seines Aufstiegs zum Deichgrafen werde „der Soziopath Hauke zum
Menschenfeind“,[29] der seine zunehmende Isolierung durch ein riesiges Deichprojekt kompensiere, das „seine
gesamten sozialen Energien […] bis hinein in den intimsten Bereich“[30] aufzehre. Mit dieser Sichtweise knüpft
Neuhaus an Winfried Freund an, für den Hauke ein „sozial verkümmerte[r]“[31] Egozentriker ist, dem in seiner
„hybride[n] Selbstbezogenheit“[32] altruistische Tugenden wie Mitgefühl, Fürsorge und Vertrauen gänzlich
abgingen. Noch weiter geht Volker Hoffmann, der Haukes gesamte „negative[ ] Lebensgeschichte“[33] als einen
Teufelspakt betrachtet, dargeboten von einem Schulmeister, der mit seinen antivitalen Zügen dieselben
teuflischen Merkmale aufweise wie der Held seiner Erzählung. Der mit teuflischen Merkmalen ausgestattete
Pferdehändler verführe Hauke „von der Verpflichtung zur Fortpflanzungsfamilie hin zur Werkstiftung “,[34] was
aber nur der Höhepunkt einer ganzen Reihe teuflischer Paktsituationen sei, die Haukes gesamte
Lebensgeschichte durchzögen und zu einem „fressend Werk“ führten, dessen satanischer Charakter dem
Hauptbetroffenen selbst aber gar nicht bewusst sei.[35]
Im Gegensatz zu den genannten Werkdeutungen gelangt David Jackson in seinem Aufsatz über die Rivalität
zwischen Hauke Haien und seinem Gegenspieler Ole Peters zu einer überwiegend positiven Einschätzung der
Rolle des Deichgrafen. Für Jackson lässt der Kampf zwischen den beiden Kontrahenten „zwei diametral
entgegengesetzte Rede- und Sichtweisen klar hervortreten: eine, die sich an die Vernunft und den Verstand
richtet, und eine andere, die dahin zielt, Angstgefühle, Ressentiments und Hass zu schüren.“[36] Dabei
positioniert sich der Autor klar auf der Seite Haiens und verurteilt dessen Widersacher immer wieder moralisch,
indem er ihm „tückische[ ] Manöver“[37] und eine „Gemeinheit“, die „keine Grenzen kennt“,[38] zuschreibt. Die
moralisierende Kontrastierung der beiden Figuren wird von Jackson politisch zugespitzt, wenn der egoistische
Intrigant Ole im Laufe der Novelle zum Demagogen wird, der etwas vorwegnimmt, was Storm noch „nicht
voraussehen“ konnte, nämlich „welche schwarzen demagogischen Künste ein späterer Bösewicht einsetzen
würde. Dann würde es nicht einfach um einen friesischen Deich gehen; weil dann ja alle Dämme und Deiche
gebrochen sind.“[39] Damit erscheint Hauke Haien, der in der von der NS-Ideologie geprägten Verfilmung
durch Curt Oertel (1934) als nordische Führergestalt vereinnahmt wird, in Jacksons Sichtweise genau umgekehrt
als aufrechter Kämpfer gegen einen Vorläufer faschistischer Volksverführung.
Daneben wird der Schimmelreiter in der neueren Forschung auch als Erzählung über das Erzählen verstanden,
wie es Philipp Theisohn in seiner poetologischen Lektüre der Novelle vorführt. An die Gattungstradition seit
Boccaccios Decamerone anknüpfend, in der die novellistische Erzählsituation einen Schutzraum bietet, um „den
Tod im Erzählen zu distanzieren, das bedrohte Leben erzählend zu bewahren“,[58] sieht Theisohn im Deich „jene
Schwelle zwischen Leben und Tod […], auf der sich das novellistische Erzählen positioniert.“[59] Zugleich lasse
sich „die Geschichte des Deichbaus als eine Reflexion über die Verfertigung des Textes, als eine Werktheorie,
verstehen.“[60] So wie die Deichlinie das Erzählen sichere, „gefährden die Risse, die sich immer wieder in der
Deichwand auftun, nicht allein das Leben hinter dem Schutzwall, sondern betreffen das Erzählen selbst.“[61] Die
Kunst, aus den gefährdeten Textstücken ein Ganzes zu machen, gehöre „den Gespenstern, jenen Wesen also,
die wie Schatten über den Deich und durch den Text hasten und die Brüche aufspüren, die es zu schließen
gilt.“[62] Insofern sei ‚gespenstisches Erzählen‘ das zentrale Charakteristikum dieser den Schlusspunkt des
deutschen Realismus im 19. Jahrhundert setzenden Novelle.
Literarische Rezeption
Der Roman Hauke Haiens Tod (2001) von Robert Habeck und Andrea Paluch ist eine literarische Adaption des
Schimmelreiter-Stoffes.[63]
Verfilmungen
Darsteller: Mathias Wieman, Marianne Hoppe, Hans Deppe. Musik von Winfried Zillig.
Dieser Film weicht teilweise vom Buch ab. Viele Szenen der Novelle gehen nicht oder abgeändert in den Film
ein, so zum Beispiel der Tod von Tede Volkerts und Haukes Tochter Wienke. Gedreht wurde der Film unter
anderem in Ockholm. Hauptmotiv der Außenaufnahmen war die Ockholmer Peterswarf. Wie im Buch und in der
Dieser Fernsehfilm war eine Koproduktion zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen. Die an
der Nordsee spielenden Szenen wurden an der Ostseeküste der beiden Länder gedreht. Der Film wurde am 26.
Bühnenfassungen
• Der Schimmelreiter. Zweiundzwanzig Szenen und ein Zwischengesang nach Theodor Storm. Musik von Wilfried
• Der Schimmelreiter. Bearbeitung: John von Düffel. Uraufführung Thalia Theater (Hamburg) 2008.
• Der Schimmelreiter. Schauspiel von Francis Mohr nach der gleichnamigen Novelle von Theodor Storm;
Uraufführung 2009, Landestheater Parchim.[64]
• Der Schimmelreiter. Regie: Christian Schmidt, Musik Friedrich Bassarek; Theater am Rand Zollbrücke (Märkisch-
• Der Schimmelreiter. Ein partizipatives Jugendprojekt nach Theodor Storm. Regie: Dominic Friedel; Theater Bonn;
Uraufführung 2022.
• Der Schimmelreiter. Bearbeitung als Objekt- und Figurentheaterstück; Regie: Pavel Möller-Lück; Theater Lazarett
Aurich in Kooperation mit dem Theater Laboratorium Oldenburg; Uraufführung 2023.[65]
Erstausgabe
Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Novelle. Paetel Berlin, 1888, 222 S. (W./G.² 49) (Digitalisat und
Literatur
• Paul Barz: Der wahre Schimmelreiter. Die Geschichte einer Landschaft und ihres Dichters Theodor
• Andreas Blödorn: Vom Erzählen erzählen: Storms „Schimmelreiter“. In: Der Deutschunterricht LVII.2 (2005), S.
8–17.
• Gerd Eversberg: Raum und Zeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: Schriften der Theodor-Storm-
• Gerd Eversberg: Der echte Schimmelreiter. So (er)fand Storm seinen Hauke Haien. Heide 2010.
• Gerd Eversberg: (Hrsg.): Der Schimmelreiter. Novelle von Theodor Storm. Historisch-kritische Edition. Erich
• Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Eine kommentierte Leseausgabe. Herausgegeben und erläutert von Gerd
Eversberg. Mit den Radierungen von Alexander Eckener. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-503-
• Regina Fasold: Theodor Storm. Sammlung Metzler Bd. 304. Stuttgart 1997, S. 152–167.
• Reimer Kay Holander: Der Schimmelreiter – Dichtung und Wirklichkeit. Kommentar und Dokumentation zur
Novelle „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm. Neue, verbesserte und aktualisierte Ausgabe. Bredstedt 2003.
• Karl Ernst Laage: Der ursprüngliche Schluß der Stormschen „Schimmelreiter-Novelle“. In: Euphorion, 73, 1979,
• Jean Lefebvre: Nichts als Gespenster? Die Funktionen des Deichreiters in den Rahmenhandlungen des
• Martin Lowsky: Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Königs Erläuterungen und Materialien (Bd. 192). Hollfeld
2008.
• Albert Meier: „Wie kommt ein Pferd nach Jevershallig?“ Die Subversion des Realismus in Theodor Storms „Der
Schimmelreiter“. In: Hans Krah, Claus-Michael Ort (Hrsg.): Weltentwürfe in Literatur und Medien. Phantastische
Wirklichkeiten – realistische Imaginationen. Festschrift für Marianne Wünsch. Kiel 2002, S. 167–179.
• Christian Neumann: Eine andere Geschichte vom Schimmelreiter. Der Subtext der Deichnovelle Storms aus
• Christian Neumann: Und er reitet immer noch. Der Deichgraf Hauke Haien als fortwährende Reizfigur in der
• Wolfgang Palaver: Hauke Haien – ein Sündenbock? Theodor Storms Schimmelreiter aus der Perspektive der
Theorie René Girards. In: P. Tschuggnall (Hrsg.): Religion – Literatur – Künste. Aspekte eines
• Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur und
Weiblichkeit in „Der Schimmelreiter“. In: Gerd Eversberg, David Jackson, Eckart Pastor (Hrsg.): Stormlektüren.
Festschrift für Karl Ernst Laage zum 80. Geburtstag. Würzburg 2000, S. 183–214.
• Harro Segeberg: Theodor Storms Erzählung „Der Schimmelreiter“ als Zeitkritik und Utopie. In: Harro
Segeberg: Literarische Technikbilder. Studien zum Verhältnis von Technik und Literaturgeschichte im 19. und
• Malte Stein: Deichgeschichte mit Dialektik. In: Malte Stein: „Sein Geliebtestes zu töten“. Literaturpsychologische
Studien zum Geschlechter- und Generationenkonflikt im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin 2006, S.
173–258.
Weblinks
• Literatur von und über Der Schimmelreiter im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
• Informationen zu Autor, Werk und anderen Werken Storms des Hamburger Bildungsservers
• 4 Interpretationen. (Memento vom 12. Februar 2013 im Webarchiv [Link])auf Seiten der Storm-
Gesellschaft
Einzelnachweise
2. ↑ Vgl. Theodor Storm: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker
3. ↑ Theodor Storm: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker Verlag,
4. ↑ Theodor Storm – Gottfried Keller: Briefwechsel. Hrsg. v. Karl Ernst Laage. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1992,
S. 108.
5. ↑ Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. 1823-1832. Hrsg. v.
Christoph Michel unter Mitwirkung v. Hans Grüters. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1999. S. 221
6. ↑ Theodor Storm: Eine zurückgezogene Vorrede (1881). In: ders.: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage
und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1987, Bd. 4, S. 408f.
7. ↑ (6)Theodor Storm: Eine zurückgezogene Vorrede (1881). In: ders.: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage
und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1987, Bd. 4, S. 409
8. ↑ (7)Theodor Storm: Eine zurückgezogene Vorrede (1881). In: ders.: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage
und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1987, Bd. 4, S. 409.
9. ↑ Fritz Martini: Die deutsche Novelle im ‚Bürgerlichen Realismus‘. Überlegungen zur geschichtlichen
Bestimmung des Formtyps. In: Josef Kunz (Hrsg.): Novelle. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft,
(Hrsg.): Phantastik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Metzler, Stuttgart / Weimar 2013, S. 100–108.
11.↑ Ulrich Kittstein: …was ist das mit dem Schimmelreiter? In: Ulrich Kittstein, Stefani Kugler (Hrsg.): Poetische
Ordnungen. Zur Erzählprosa des deutschen Realismsus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, S.
273.
12.↑ Ulrich Kittstein: …was ist das mit dem Schimmelreiter? In: Ulrich Kittstein, Stefani Kugler (Hrsg.): Poetische
Ordnungen. Zur Erzählprosa des deutschen Realismsus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, S.
280.
13.↑ Ulrich Kittstein: …was ist das mit dem Schimmelreiter? In: Ulrich Kittstein, Stefani Kugler (Hrsg.): Poetische
Ordnungen. Zur Erzählprosa des deutschen Realismsus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, S.
287.
14.↑ Winfried Freund: Theodor Storm. Der Schimmelreiter. Glanz und Elend des Bürgers. Ferdinand Schöningh,
15.↑ Gerd Weinrich: Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur Theodor Storm Der
16.↑ Ulrich Kittstein: …was ist das mit dem Schimmelreiter? In: Ulrich Kittstein, Stefani Kugler (Hrsg.): Poetische
Ordnungen. Zur Erzählprosa des deutschen Realismsus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007.
17.↑ Ingo Meyer: Im „Banne der Wirklichkeit“. Studien zum Problem des deutschen Realismus und seinen narrativ-
18.↑ Reimer Kay Holander: Der Schimmelreiter – Dichtung und Wirklichkeit. Nordfriisk Instituut, Bräist/Bredstedt
2003, S. 32 ff.
19.↑ Reimer Kay Holander: Der Schimmelreiter – Dichtung und Wirklichkeit. Nordfriisk Instituut, Bräist/Bredstedt
2003, S. 34.
20.↑ [Link]
21.↑ Harold James: Krupp – Deutsche Legende und globales Unternehmen. Verlag C.H. Beck, München
22.↑ Gerd Eversberg: Theodor Storms „Schimmelreiter“ – Eine Ausstellung im Storm-Haus. Husumer Kataloge 2.
24.↑ Vgl. hierzu Christian Neumann: Und er reitet immer noch. Der Deichgraf Hauke Haien als fortwährende
25.↑ Jost Hermand: Hauke Haien. Kritik oder Ideal des gründerzeitlichen Übermenschen? In: Wirkendes Wort 15
(1965), S. 42.
26.↑ Jost Hermand: Hauke Haien. Kritik oder Ideal des gründerzeitlichen Übermenschen? In: Wirkendes Wort 15
(1965), S. 45.
27.↑ Volker Neuhaus: „Hauptsache mein Profil ist akzeptiert“: Hybris und Tragik Hauke Haiens und seiner
Ingenieurskollegen bei Goethe, Fontane und Max Eyth. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 17 (2013), S. 14f.
28.↑ Volker Neuhaus: „Hauptsache mein Profil ist akzeptiert“: Hybris und Tragik Hauke Haiens und seiner
Ingenieurskollegen bei Goethe, Fontane und Max Eyth. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 17 (2013), S. 15.
29.↑ Volker Neuhaus: „Hauptsache mein Profil ist akzeptiert“: Hybris und Tragik Hauke Haiens und seiner
Ingenieurskollegen bei Goethe, Fontane und Max Eyth. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 17 (2013), S. 16.
30.↑ Volker Neuhaus: „Hauptsache mein Profil ist akzeptiert“: Hybris und Tragik Hauke Haiens und seiner
Ingenieurskollegen bei Goethe, Fontane und Max Eyth. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 17 (2013), S. 16.
31.↑ Winfried Freund: Theodor Storm. Kohlhammer, Stuttgart 1987, ISBN 978-3-17-009810-7, S. 147.
32.↑ Winfried Freund: Theodor Storm. Kohlhammer, Stuttgart 1987, ISBN 978-3-17-009810-7, S. 151.
33.↑ Volker Hoffmann: Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Eine Teufelspaktgeschichte als realistische
Lebensgeschichte. In: Interpretationen. Erzählungen und Novellen des 19. Jahrhunderts. Bd. 2. Stuttgart 1997
34.↑ Volker Hoffmann: Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Eine Teufelspaktgeschichte als realistische
Lebensgeschichte. In: Interpretationen. Erzählungen und Novellen des 19. Jahrhunderts. Bd. 2. Stuttgart 1997
35.↑ Volker Hoffmann: Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Eine Teufelspaktgeschichte als realistische
Lebensgeschichte. In: Interpretationen. Erzählungen und Novellen des 19. Jahrhunderts. Bd. 2. Stuttgart 1997
36.↑ David A. Jackson: Ole Peters und die Schuldfragen im Schimmelreiter. In: Schriften der Theodor-Storm-
38.↑ David A. Jackson: Ole Peters und die Schuldfragen im Schimmelreiter. In: Schriften der Theodor-Storm-
39.↑ David A. Jackson: Ole Peters und die Schuldfragen im Schimmelreiter. In: Schriften der Theodor-Storm-
40.↑ Johannes Harnischfeger: Modernisierung und Teufelspakt. Die Funktion des Dämonischen in Theodor Storms
41.↑ Johannes Harnischfeger: Modernisierung und Teufelspakt. Die Funktion des Dämonischen in Theodor Storms
42.↑ Johannes Harnischfeger: Modernisierung und Teufelspakt. Die Funktion des Dämonischen in Theodor Storms
43.↑ Harro Segeberg: Literarische Technikbilder. Studien zum Verhältnis von Technik und Literaturgeschichte im 19.
44.↑ Harro Segeberg: Literarische Technikbilder. Studien zum Verhältnis von Technik und Literaturgeschichte im 19.
45.↑ Harro Segeberg: Literarische Technikbilder. Studien zum Verhältnis von Technik und Literaturgeschichte im 19.
46.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
47.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
48.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
49.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
50.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
51.↑ Regina Fasold: Theodor Storm. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-476-10304-8, S. 154.
52.↑ Regina Fasold: Theodor Storm. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-476-10304-8, S. 155.
53.↑ Regina Fasold: Theodor Storm. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-476-10304-8, S. 155.
54.↑ Christian Neumann: Das Opfer der Lebendigkeit. Devitalisierung und Melancholie im Erzählwerk Theodor
Storms, Thomas Manns und Franz Kafkas. Königshausen und Neumann, Würzburg 2023, ISBN 978-3-8260-
7790-6, S. 161.
55.↑ Malte Stein: ‚Sein Geliebtestes zu töten‘. Literaturpsychologische Studien zum Geschlechter- und
Generationenkonflikt im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2006, ISBN 978-3-
503-07971-1, S. 230.
56.↑ Malte Stein: ‚Sein Geliebtestes zu töten‘. Literaturpsychologische Studien zum Geschlechter- und
Generationenkonflikt im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2006, ISBN 978-3-
503-07971-1, S. 231.
57.↑ Malte Stein: ‚Sein Geliebtestes zu töten‘. Literaturpsychologische Studien zum Geschlechter- und
Generationenkonflikt im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2006, ISBN 978-3-
503-07971-1, S. 236.
58.↑ Philipp Theisohn: Gespenstisches Erzählen. In: (Hrsg.) Christoph Deupmann: Theodor Storm. Novellen.
59.↑ Philipp Theisohn: Gespenstisches Erzählen. In: (Hrsg.) Christoph Deupmann: Theodor Storm. Novellen.
61.↑ Philipp Theisohn: Gespenstisches Erzählen. In: (Hrsg.) Christoph Deupmann: Theodor Storm. Novellen.
62.↑ Philipp Theisohn: Gespenstisches Erzählen. In: (Hrsg.) Christoph Deupmann: Theodor Storm. Novellen.
Normdaten (Werk): GND: 4099379-6 (lobid, OGND) | LCCN: no2015120075 | VIAF: 194792088
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Der Schimmelreiter
1888 veröffentlichte Werk ist Storms bekannteste Erzählung und zählt zu seinem Spätwerk.
Die Novelle, in deren Zentrum der fiktive Deichgraf Hauke Haien steht, basiert auf einer Sage, mit der Storm sich
über Jahrzehnte befasste. Mit der Niederschrift der Novelle begann er jedoch erst im Juli 1886 und beendete
seine Arbeit daran im Februar 1888, wenige Monate vor seinem Tod. Die Novelle erschien das erste Mal im April
1888 in der Zeitschrift Deutsche Rundschau, Bd. 55.[1]
Inhaltsverzeichnis
• 1 Inhalt
• 3 Interpretation
• 4 Hintergründe
• 4.2 Die handelnden Personen der Novelle und ihre historischen Vorbilder
• 5 Literaturwissenschaftliche Rezeption
• 6 Literarische Rezeption
• 7 Verfilmungen
• 8 Bühnenfassungen
• 9 Erstausgabe
• 10 Literatur
• 11 Weblinks
• 12 Einzelnachweise
Inhalt
Jens Rusch: „Dein neuer Koog ist ein fressend Werk.“ – Zitat aus
In der Novelle Der Schimmelreiter geht es um die Lebensgeschichte von Hauke Haien, die der Schulmeister
eines Dorfes einem Reiter in einem Wirtshaus erzählt. Die Deiche in Nordfriesland, Handlungsort der Geschichte,
spielen in Haukes Leben eine bedeutende Rolle. Am Ende stürzt sich Hauke in den Tod, nachdem er das Sterben
Hauke Haien, der Sohn eines Landvermessers und Kleinbauern, setzt sich, anstatt sich mit Gleichaltrigen zu
treffen, viel lieber mit der Arbeit seines Vaters auseinander. Er schaut dem Vater zu und hilft ihm beim
Ausmessen und Berechnen von Landstücken. Er lernt mit Hilfe einer holländischen Grammatik Niederländisch,
um eine niederländische Ausgabe von Euklids Werken lesen zu können, die der Vater besitzt. Fasziniert scheint
er von der See und von den Deichen zu sein. Oft sitzt er bis in die tiefe Nacht am Deich und beobachtet, wie die
Wellen an den Damm schlagen. Er überlegt, wie man den Schutz vor Sturmfluten verbessern könnte, indem man
Als der örtliche Deichgraf Tede Volkerts einen seiner Knechte entlässt, bewirbt sich Hauke um die Stelle und wird
angenommen. Doch auch hier hilft er dem Deichgrafen mehr beim Rechnen und Planen als in den Ställen, was
dem Deichgrafen zwar gut gefällt, ihn aber bei Ole Peters, dem Großknecht, unbeliebt macht. Da Hauke auch
das Interesse von Elke, der Tochter des Deichgrafen, wecken kann, verschärft sich der Konflikt zwischen Hauke
Auf dem nordfriesischen Winterfest gewinnt Hauke das Boßeln und erfährt so erste gesellschaftliche
Anerkennung. Danach beschließt er, Elke einen Ring anfertigen zu lassen und ihr auf einer Hochzeit von
Verwandten einen Heiratsantrag zu machen. Doch Elke lehnt vorerst ab, da sie noch warten will, bis der Vater
sein Amt aufgibt. Der Plan ist, dass Hauke, der das Amt inzwischen inoffiziell führt, durch die zur rechten Zeit
Binnen kurzer Zeit versterben Haukes und Elkes Väter. Hauke erbt Haus und Land seines Vaters. Als es darum
geht, die Stelle des Deichgrafen neu zu vergeben, keimt der Konflikt zwischen Hauke und Ole erneut auf.
Traditionell kann nur Deichgraf werden, wer ausreichend Land sein Eigen nennt. Dies träfe auf Knecht Hauke
nicht zu, weshalb einer der älteren Deichbevollmächtigten befördert werden soll. Gegenüber dem
Oberdeichgrafen, der die Stelle des örtlichen Deichgrafen zu vergeben hat, ergreift Elke allerdings das Wort und
erklärt, sie sei bereits mit Hauke verlobt und durch eine Hochzeit werde Hauke das Land ihres Vaters bekommen
Unheimlich erscheint den Dorfbewohnern ihr Deichgraf durch sein Pferd: einen edel aussehenden Schimmel,
den er, krank und verkommen, einem zwielichtigen Durchreisenden abgekauft und aufgepäppelt hat. Der
Schimmel soll, darin bestätigen sich die Einwohner gegenseitig, das wiederbelebte Pferdeskelett von der
verlassenen Hallig Jeverssand sein, das mit dem Kauf des Schimmels verschwunden war. Oft wird das Tier mit
dem Teufel in Verbindung gebracht und sogar als dieser selbst bezeichnet.
Hauke setzt nun die neue Deichform, die er als Schüler bereits geplant hat, in die Tat um. Manche Leute sind
dagegen. Doch Hauke setzt sich mit Zustimmung des Oberdeichgrafen durch. Vor einem Teil des alten Deiches
lässt er einen neuen bauen, ein neuer Koog entsteht und somit mehr Ackerfläche für die Bauern. Als die Arbeiter
einen Hund eingraben wollen, da es alter Brauch ist, etwas „Lebiges“ in den Deich einzubauen, rettet er diesen,
und so sehen viele einen Fluch auf diesem Deich lasten. Ebenfalls auf Missmut stößt die Tatsache, dass Hauke
Haien, teils durch Planung, teils durch Zufall, bereits große Landstücke in dem neuen Koog besitzt und daher
Tagein, tagaus beobachtet er seinen Deich, indem er ihn mit seinem Schimmel abreitet. Der neue Deich hält den
Stürmen stand, doch der alte Deich, der rechts und links des neuen Kooges weiterhin verläuft und dort die
vorderste Front zur See darstellt, scheint marode und von Mäusen durchgraben. Angesichts der Beschwichtigung
durch Ole Peters und der bereits maulenden Arbeiter führt Hauke an dem Deich keine umfassenden
Baumaßnahmen durch, sondern beschränkt sich mit großen Gewissensbissen lediglich auf Flickwerk. Als Jahre
später eine Jahrhundertsturmflut hereinbricht und der alte Deich zu brechen droht, will man auf Anordnung des
Bevollmächtigten, Ole Peters, den von Hauke konstruierten neuen Deich durchstoßen, da jener sich damit
erhofft, dass sich die Kraft des Wassers in den neuen, noch unbewohnten Koog ergießen und damit der alte
Deich gerettet werde. Hauke stellt die Arbeiter kurz vor dem Durchstich zur Rede und verhindert die Vollendung
dieser Arbeit, kurz darauf bricht der alte Deich endgültig. Als in jener Nacht auch Elke mitsamt ihrer
gemeinsamen geistig behinderten Tochter Wienke aus Angst um Hauke in Richtung Deich hinausfährt, muss
dieser mitansehen, wie die durch den Deichbruch in den alten Koog schießenden Wassermassen Frau und Kind
unter sich begraben. In seiner Verzweiflung stürzt er sich ebenso mitsamt seinem Pferd in die tosenden Wasser,
die das Land überfluten, und ruft: „Herr Gott, nimm mich; verschon die andern!“
Damit endet die Erzählung des Schulmeisters. Er weist darauf hin, dass andere die Geschichte anders erzählen
würden. So seien seinerzeit alle Einwohner des Dorfes überzeugt gewesen, dass das Pferdeskelett nach Haukes
und seines Pferdes Tod wieder auf der Hallig gelegen habe. Außerdem erwähnt er, dass der neue, von Hauke
Haien erschaffene Deich noch immer den Fluten standhalte, obgleich sich die erzählte Geschichte bereits vor
Auch weitere Gattungsmerkmale wie die Konzentration auf ein einziges Ereignis, bei dem es sich,
wie Goethe formulierte, um „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“[5] handeln soll, sowie die Kürze der
Darstellung und die straffe, auf einen einzigen Höhepunkt zusteuernde Handlungsführung sind
im Schimmelreiter außer Kraft gesetzt. Storm begründete seine Abkehr von früheren Gattungskonventionen
selbst damit, dass die Novelle nicht mehr, wie einst, „die kurzgehaltene Darstellung einer durch ihre
Ungewöhnlichkeit fesselnden und einen überraschenden Wendepunkt darbietenden Begebenheit“ sei.[6] So
geschehen im Schimmelreiter mindestens drei Ereignisse, die sich in die Kategorie „unerhörte Begebenheit“
einstufen lassen. In der inneren Rahmenerzählung ist dies die Begegnung mit dem gespenstischen
Schimmelreiter auf dem Deich, in der Binnenerzählung sind die von zwei Knechten beobachtete
Wiederauferstehung des Pferdegerippes auf Jevershallig und schließlich der Deichbruch mit der Selbsttötung
Hauke Haiens in der reißenden Flut zu nennen. Hinzufügen lassen sich noch weitere spektakuläre Ereignisse
wie der Katermord, der zur Verfluchung Haukes führt, die Rettung des als Deichopfer vorgesehenen Hundes,
welche eine hochaggressive Auseinandersetzung zwischen Hauke und den Deicharbeitern auslöst, sowie der
Kauf des Schimmels von einem mit teuflischen Attributen ausgestatteten Pferdehändler.
Wenn Storm die Novelle seiner Zeit als „die Schwester des Dramas“[7] bezeichnet, dann nicht, weil sie wie die
nach den Regeln des Aristoteles gebaute klassische Tragödie die straff dargestellte und zielgerichtete
Entwicklung einer einzigen Handlung in den Mittelpunkt stellen würde, sondern weil sie um einen „Konflikt, von
welchem aus das Ganze sich organisiert“, zentriert ist.[8] Dieser – im Schimmelreiter sehr komplexe – Konflikt
liegt in der Seele Hauke Haiens begründet, und er entfaltet sich auf mehreren Ebenen, wie dem zivilisatorischen
Kampf zwischen menschlicher Kultur und wilder Natur, der sozialen Auseinandersetzung zwischen einem
fortschrittlichen Einzelnen mit einer konservativen Dorfgemeinschaft, dem weltanschaulichen Gegensatz
zwischen aufklärerischer Rationalität und Aberglauben, den Widersprüchen in Haukes eigener Psyche und
anderem mehr. Obwohl Der Schimmelreiter mit seinem Erzählrahmen ein eindeutiges Novellenmerkmal aufweist,
ähnelt er in anderer Hinsicht eher einem Entwicklungsroman, berichtet er doch die entscheidenden Episoden der
Lebensgeschichte des Helden von der Kindheit bis zum Tod, wobei nur die ersten Lebensjahre ausgespart sind.
Viel eher als herkömmlichen Gattungsmerkmalen entspricht Storms Hauptwerk der Definition Fritz Martinis, für
den die Novelle des 19. Jahrhunderts nicht mehr um eine einzige unerhörte Begebenheit herum zentriert ist,
sondern ihren Schwerpunkt verlagert hat hin zum „psychologisch besonderen Charakter, seiner inneren
seelischen Bewegung und seinem Geschick“.[9]
Die Erzählung wird dem literarischen Realismus (in seiner spezifisch deutschen Ausprägung in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts als Bürgerlicher Realismus oder als Poetischer Realismus bezeichnet) zugeordnet. Der
Schimmelreiter zeigt nach Christian Begemann nicht nur, wie scheinbar obsolet gewordene Realitätsdeutungen
inmitten einer wissenschaftsgläubigen Epoche dazu dienen können, deren Selbstgewissheit in Frage zu stellen.
Ähnlich wie in Fontanes Ballade Die Brück’ am Tay (1880) sieht Begemann beim Schimmelreiter eine Wiederkehr
des Mythischen in einer scheinbar durchrationalisierten Welt, die deren Gefährdung, Labilität und buchstäbliche
Bodenlosigkeit demonstriert. Beim Schimmelreiter wird das insoweit auf die Spitze getrieben, als Hauke Haien
als technikfixierter Aufklärer selbst zum Wiedergänger wird.[10]
Aus der reflektierenden Bearbeitung des Sagenstoffes reizt Storm hier – ganz modern – gezielt die
Gattungsfrage, da es nicht erst seit Goethes Definition der Novelle als „unerhörte, sich ereignete Begebenheit“
Geschichte erfahren hat. Danach wird eine Rahmenerzählung konstruiert. In diesem Rahmen erzählt ein
Reisender, wie er sich mit dem Pferd bei Sturm und Regen von einem Besuch bei Verwandten auf den Weg zur
Stadt macht. Bei dem Ritt auf dem Deich nimmt er eine dunkle Gestalt auf einem Schimmel wahr, die an ihm
vorüberzieht. Es ist der Schimmelreiter, der sich mitsamt seinem Pferd in eine Wehle stürzt. Der Reisende sieht
schließlich in der Ferne die Lichter einer Gastwirtschaft, kehrt dort ein und berichtet von seinem Erlebnis. Die
anwesenden Gäste werden von seinen Worten in Unruhe versetzt, und ein alter Schulmeister beginnt – als
Binnenerzähler und in der dritten Ebene – die Geschichte des Hauke Haien zu erzählen. Die Binnenhandlung
wird an bestimmten Stellen zur Steigerung der Spannung wieder durch den inneren Rahmen unterbrochen, der
Die Erzählstruktur
Interpretation
Der Schimmelreiter ist durch seine Erzählstruktur ein bedeutungsoffenes, vielstimmiges Werk, das sich jeder
vereindeutigenden Interpretation widersetzt. Vor diesem Hintergrund müssen die nachfolgenden Ausführungen
als Beispiel für eine Deutungsmöglichkeit unter vielen anderen, zum Teil auch ganz entgegengesetzten,
verstanden werden.
und Tochter sehr liebevoll, andererseits kann er gegenüber missgünstigen Menschen aggressiv, rücksichtslos,
Hauke ist bereits in jungen Jahren in sich gekehrt und verbringt die Tage allein am Deich. Eine seiner
Freizeitbeschäftigungen besteht darin, Strandläufer mit Steinen abzuschießen. Durch diesen sinnlosen
Zeitvertreib wird nicht nur Haukes Aggressivität deutlich, sondern auch sein Bedürfnis, Überlegenheit zu
demonstrieren.[14] Dieses Verhalten gipfelt schließlich darin, dass er den Angorakater der alten Trin’ Jans im
Jähzorn erwürgt. Er zeigt ein „destruktives Naturverhalten“ und er hat das Bedürfnis, sich als der Stärkere zu
beweisen. Nach Jost Hermand entwickelt sich Hauke dadurch zu dem, was er in Wahrheit ist: „Einer
verschlossenen einsamen Gewaltnatur“.[15] Um seine Aggressionen abzubauen, stürzt sich Hauke fortan in die
Arbeit und auch seine Arbeitsanstrengungen tragen einen kämpferischen Charakter: Durch den neuen Deich will
er die Natur beherrschen und so seine Überlegenheit sich und seinen Mitmenschen demonstrieren.[16] Durch
seine rationale, eigenwillige und von sich selbst überzeugte Art ist er bei den Dorfbewohnern unbeliebt. Hauke
sieht nur sich zum Deichgrafen berufen und betrachtet die anderen als Bedrohung:
„Eine Reihe von Gesichtern ging vor seinem innern Blick vorüber, und sie sahen ihn alle
mit bösen Augen an; da faßte ihn ein Groll gegen diese Menschen: er streckte die Arme
aus, als griffe er nach ihnen, denn sie wollten ihn vom Amte drängen, zu dem von allen
nur er berufen war. – Und die Gedanken ließen ihn nicht; sie waren immer wieder da,
und so wuchsen in seinem jungen Herzen neben der Ehrenhaftigkeit und Liebe auch die
Ehrsucht und der Haß. Aber diese beiden verschloß er tief in seinem Innern; selbst Elke
Das Verhältnis zwischen Hauke und den Dorfbewohnern wird durch Haukes Kauf des Schimmels und die damit
verbundenen abergläubischen Befürchtungen seiner Mitmenschen noch verschlimmert. Sie begegnen Hauke
immer mehr mit Argwohn, Furcht und Trotz, was Hauke wiederum vor allem in Bezug auf die Deicharbeiten
immer härter und sturer werden lässt. Tragischerweise trotzt er den anderen Dorfbewohnern gerade dann nicht
mehr, als das die Flutkatastrophe hätte verhindern können: Nachdem er aufgrund von Schäden am alten Deich
eine gründliche Instandsetzung und Verstärkung nach Art des neuen Deiches vorschlägt, trifft er auf breiten
Widerspruch – insbesondere von Ole Peters. Bei einer weiteren Begehung der fraglichen Deichstelle lässt er sich
in seiner erneuten Beurteilung von diesen Einwänden leiten und stimmt einer Instandsetzungsmaßnahme
geringeren Umfangs zu. An genau dieser Stelle jedoch bricht später der Deich.
Haukes Frau Elke und seine Tochter Wienke kennen ihn jedoch als fürsorglichen und liebevollen Mann und Vater.
Auch den Dorfbewohnern ist er nicht ausschließlich feindlich gesinnt: So hilft er seinem Knecht Iven auf, als er
von Haukes Schimmel umgestoßen wurde, und fragt nach seinem Zustand. Auch mit seinem Schimmel, den er
aus Mitleid gekauft hat, geht er liebevoll um und päppelt ihn wieder auf. Dem Aberglauben der Dorfbewohner
Der Schimmel entstammt als Motiv einer Sage aus der germanischen Mythologie, in welcher das Tier einst heilig
war und mit Frô (Freyr) und Wodan (Odin) in Verbindung gebracht wurde. Der Gott Fro besaß weissagende
weiße Pferde, die ihm als Berater dienten und Wodan ritt auf einem weißen Pferd zur Jagd. Erst später wurde
das Tier durch die Christianisierung heidnisch negativ konnotiert und mit dem wilden Jäger, Hel, der Herrscherin
der Unterwelt oder dem Teufel selbst assoziiert. Durch den Kauf dieses dämonischen Wesens, zudem noch von
einem fremden und seltsam teuflisch lachenden Mann erworben, erregt Hauke die Aufmerksamkeit der
abergläubischen Dorfgemeinschaft.[18] Holander schreibt dazu: „Schimmel – Teufel – Tod, das ist die
abergläubische Assoziation, auf der Storm aufbaut, um seinem Schimmel die erforderlichen gespenstischen
Züge zu verleihen. Davon ausgehend ist es dann ein Leichtes, auch den Reiter selber in einer Aura des Bösen
und des Verderbens erscheinen zu lassen.“[19]
Hintergründe
nach seiner Studienzeit in Kiel und Husum nahm er mit seinem Kommilitonen Theodor Mommsen und einem
akademischen Freundeskreis an einer Textsammlung teil, die den Grundstock für Karl Müllenhoffs Sagen,
Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg in drei Bänden von 1845 bildeten.
Dabei lernte Storm auch allerlei Gespenstergeschichten kennen, die er für eine Veröffentlichung als Neues
Gespensterbuch in einem Manuskript zusammenstellte. Zur Veröffentlichung kam es allerdings erst 1991, mehr
als hundert Jahre nach Storms Tod. Der Schimmelreiter ist darin nicht enthalten. Eine Erklärung dafür findet man
in dem Brief, den Storm am 13. Februar 1843 an Theodor Mommsen geschrieben hatte. Darin heißt es:
„Der Schimmelreiter, so sehr er auch als Deichsage seinem ganzen Charakter nach hier
her paßt, gehört leider nicht unserm Vaterlande; auch habe ich das Wochenblatt, worin
„Was ich zu berichten beabsichtige, ist mir vor reichlich einem halben Jahrhundert im
während ich, an ihrem Lehnstuhl sitzend, mich mit dem Lesen eines in blaue Pappe
Tatsächlich war 1838 in dem Hamburger Periodikum Lesefrüchte vom Felde der neuesten Literatur des In- und
Auslandes. Gesammelt von J.J.C. Pappe, Jahrgang 1838, Zweiter Band. S. 125–128 ein kurzer Text mit dem
Titel Der gespenstige Reiter. Ein Reiseabenteuer erschienen, den die Zeitschrift Danziger Dampfboot zuvor in
ihrer Ausgabe Nr. 45 vom 14. April 1838 als Der Deichgeschworene zu Güttland gebracht hatte. Diese
Geschichte spielt jedoch nicht an der Nordsee, sondern an der Weichsel, weshalb sie für das, was Storm mit
seinem Neuen Gespensterbuch bezweckte, nicht in Frage kam.[20] Die oft der Novelle zugeschriebene Legende,
dass der Schimmelreiter immer dann, wenn am Deich Gefahr drohe, auf einem Schimmel zu sehen sei, findet
sich nicht bei Storm, sondern nur in der Geschichte von 1838.
Deichgeschworene nicht. Storm griff zwar das Motiv dieser Geschichte auf, die Vielzahl der handelnden
Personen und ihre unterschiedlichen Charakteristiken schuf er aber selbst. Seine Darsteller lehnte er an
Vorlage für die Persönlichkeit Hauke Haiens, der Hauptperson in Der Schimmelreiter, war in vielerlei Hinsicht der
Einzelgänger Hans Momsen aus Fahretoft in Nordfriesland (1735–1811), der Landmann, Mechaniker und
es, Seeuhren, Teleskope und auch Orgeln herzustellen. Der Bezug auf die historische Person Momsen wird auch
darin deutlich, dass Storm seinen Namen (Hans Mommsen geschrieben) in seiner Novelle erwähnt.
In Storms Novelle spiegeln sich auch die Ideen des in Nordfriesland tätigen Deichbaufinanziers Jean Henri
Desmercières bezüglich neuer Deichprofile wider. Desmercières gilt als der Erbauer des Sophien-Magdalenen-
gilt als weiteres Vorbild für die Person des Hauke Haiens. So scheint die behinderte Tochter des Deichgrafen
Johann Iversen Schmidt (der Jüngere) (1844–1917) das Vorbild für Haukes Tochter Wienke in der Novelle zu
sein.
Der britische Historiker Harold James vergleicht Hauke Haiens Streben und Lebensphilosophie mit der Alfred
Krupps.[21]
Landschaftlicher Hintergrund
Ein Bericht von der Sturmflut vom 7. Oktober 1756 mit 600 Toten an der Nordsee diente Storm als weitere
Anregung.[23]
Nach der Hauptfigur der Novelle ist der Hauke-Haien-Koog in Nordfriesland benannt.
Literaturwissenschaftliche Rezeption
Einen breiten Raum in der Schimmelreiter-Rezeption nimmt die Beurteilung des von Storm mit widersprüchlichen
Zügen versehenen Protagonisten Hauke Haien ein.[24] Jost Hermand vertritt in seiner epochengeschichtlichen
Studie Hauke Haien – Kritik oder Ideal des gründerzeitlichen Übermenschen von 1965 die These, dass in Storms
Novelle „alles auf den großen Einzelnen, den mythischen Übermenschen zugeschnitten“[25] sei, der
seit Bismarcks Reichsgründung 1871 den Kern des Phänomens des Gründerzeitlichen ausmache. Dieser
Zeitgeist charakterisiere sich durch eine Verachtung der Masse und eine Überhöhung des Genies, des
Herrschsüchtigen mit dem Willen zur Macht, des Übermenschen. Der Deichgraf Hauke Haien sei angetrieben
vom „Wille[n] zur Verewigung der eigenen Person durch eine alles überragende Leistung, die Schaffung eines
neuen Landes, ähnlich der Bismarckschen Reichsgründung oder Wagnerschen Gründung
von Bayreuth.“[26] Ähnlich wie Hermand bewertet auch Volker Neuhaus den Helden des Schimmelreiter dezidiert
negativ. Er betrachtet ihn als „nordfriesischen Faust“,[27] dessen „Naturfremdheit sich zur regelrechten
Naturfeindschaft auswachse[ ].“[28] Im Zuge seines Aufstiegs zum Deichgrafen werde „der Soziopath Hauke zum
Menschenfeind“,[29] der seine zunehmende Isolierung durch ein riesiges Deichprojekt kompensiere, das „seine
gesamten sozialen Energien […] bis hinein in den intimsten Bereich“[30] aufzehre. Mit dieser Sichtweise knüpft
Neuhaus an Winfried Freund an, für den Hauke ein „sozial verkümmerte[r]“[31] Egozentriker ist, dem in seiner
„hybride[n] Selbstbezogenheit“[32] altruistische Tugenden wie Mitgefühl, Fürsorge und Vertrauen gänzlich
abgingen. Noch weiter geht Volker Hoffmann, der Haukes gesamte „negative[ ] Lebensgeschichte“[33] als einen
Teufelspakt betrachtet, dargeboten von einem Schulmeister, der mit seinen antivitalen Zügen dieselben
teuflischen Merkmale aufweise wie der Held seiner Erzählung. Der mit teuflischen Merkmalen ausgestattete
Pferdehändler verführe Hauke „von der Verpflichtung zur Fortpflanzungsfamilie hin zur Werkstiftung “,[34] was
aber nur der Höhepunkt einer ganzen Reihe teuflischer Paktsituationen sei, die Haukes gesamte
Lebensgeschichte durchzögen und zu einem „fressend Werk“ führten, dessen satanischer Charakter dem
Hauptbetroffenen selbst aber gar nicht bewusst sei.[35]
Im Gegensatz zu den genannten Werkdeutungen gelangt David Jackson in seinem Aufsatz über die Rivalität
zwischen Hauke Haien und seinem Gegenspieler Ole Peters zu einer überwiegend positiven Einschätzung der
Rolle des Deichgrafen. Für Jackson lässt der Kampf zwischen den beiden Kontrahenten „zwei diametral
entgegengesetzte Rede- und Sichtweisen klar hervortreten: eine, die sich an die Vernunft und den Verstand
richtet, und eine andere, die dahin zielt, Angstgefühle, Ressentiments und Hass zu schüren.“[36] Dabei
positioniert sich der Autor klar auf der Seite Haiens und verurteilt dessen Widersacher immer wieder moralisch,
indem er ihm „tückische[ ] Manöver“[37] und eine „Gemeinheit“, die „keine Grenzen kennt“,[38] zuschreibt. Die
moralisierende Kontrastierung der beiden Figuren wird von Jackson politisch zugespitzt, wenn der egoistische
Intrigant Ole im Laufe der Novelle zum Demagogen wird, der etwas vorwegnimmt, was Storm noch „nicht
voraussehen“ konnte, nämlich „welche schwarzen demagogischen Künste ein späterer Bösewicht einsetzen
würde. Dann würde es nicht einfach um einen friesischen Deich gehen; weil dann ja alle Dämme und Deiche
gebrochen sind.“[39] Damit erscheint Hauke Haien, der in der von der NS-Ideologie geprägten Verfilmung
durch Curt Oertel (1934) als nordische Führergestalt vereinnahmt wird, in Jacksons Sichtweise genau umgekehrt
als aufrechter Kämpfer gegen einen Vorläufer faschistischer Volksverführung.
Daneben wird der Schimmelreiter in der neueren Forschung auch als Erzählung über das Erzählen verstanden,
wie es Philipp Theisohn in seiner poetologischen Lektüre der Novelle vorführt. An die Gattungstradition seit
Boccaccios Decamerone anknüpfend, in der die novellistische Erzählsituation einen Schutzraum bietet, um „den
Tod im Erzählen zu distanzieren, das bedrohte Leben erzählend zu bewahren“,[58] sieht Theisohn im Deich „jene
Schwelle zwischen Leben und Tod […], auf der sich das novellistische Erzählen positioniert.“[59] Zugleich lasse
sich „die Geschichte des Deichbaus als eine Reflexion über die Verfertigung des Textes, als eine Werktheorie,
verstehen.“[60] So wie die Deichlinie das Erzählen sichere, „gefährden die Risse, die sich immer wieder in der
Deichwand auftun, nicht allein das Leben hinter dem Schutzwall, sondern betreffen das Erzählen selbst.“[61] Die
Kunst, aus den gefährdeten Textstücken ein Ganzes zu machen, gehöre „den Gespenstern, jenen Wesen also,
die wie Schatten über den Deich und durch den Text hasten und die Brüche aufspüren, die es zu schließen
gilt.“[62] Insofern sei ‚gespenstisches Erzählen‘ das zentrale Charakteristikum dieser den Schlusspunkt des
deutschen Realismus im 19. Jahrhundert setzenden Novelle.
Literarische Rezeption
Der Roman Hauke Haiens Tod (2001) von Robert Habeck und Andrea Paluch ist eine literarische Adaption des
Schimmelreiter-Stoffes.[63]
Verfilmungen
Darsteller: Mathias Wieman, Marianne Hoppe, Hans Deppe. Musik von Winfried Zillig.
Dieser Film weicht teilweise vom Buch ab. Viele Szenen der Novelle gehen nicht oder abgeändert in den Film
ein, so zum Beispiel der Tod von Tede Volkerts und Haukes Tochter Wienke. Gedreht wurde der Film unter
anderem in Ockholm. Hauptmotiv der Außenaufnahmen war die Ockholmer Peterswarf. Wie im Buch und in der
Dieser Fernsehfilm war eine Koproduktion zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen. Die an
der Nordsee spielenden Szenen wurden an der Ostseeküste der beiden Länder gedreht. Der Film wurde am 26.
Bühnenfassungen
• Der Schimmelreiter. Zweiundzwanzig Szenen und ein Zwischengesang nach Theodor Storm. Musik von Wilfried
• Der Schimmelreiter. Bearbeitung: John von Düffel. Uraufführung Thalia Theater (Hamburg) 2008.
• Der Schimmelreiter. Schauspiel von Francis Mohr nach der gleichnamigen Novelle von Theodor Storm;
Uraufführung 2009, Landestheater Parchim.[64]
• Der Schimmelreiter. Regie: Christian Schmidt, Musik Friedrich Bassarek; Theater am Rand Zollbrücke (Märkisch-
• Der Schimmelreiter. Ein partizipatives Jugendprojekt nach Theodor Storm. Regie: Dominic Friedel; Theater Bonn;
Uraufführung 2022.
• Der Schimmelreiter. Bearbeitung als Objekt- und Figurentheaterstück; Regie: Pavel Möller-Lück; Theater Lazarett
Aurich in Kooperation mit dem Theater Laboratorium Oldenburg; Uraufführung 2023.[65]
Erstausgabe
Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Novelle. Paetel Berlin, 1888, 222 S. (W./G.² 49) (Digitalisat und
Literatur
• Paul Barz: Der wahre Schimmelreiter. Die Geschichte einer Landschaft und ihres Dichters Theodor
• Andreas Blödorn: Vom Erzählen erzählen: Storms „Schimmelreiter“. In: Der Deutschunterricht LVII.2 (2005), S.
8–17.
• Gerd Eversberg: Raum und Zeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: Schriften der Theodor-Storm-
• Gerd Eversberg: Der echte Schimmelreiter. So (er)fand Storm seinen Hauke Haien. Heide 2010.
• Gerd Eversberg: (Hrsg.): Der Schimmelreiter. Novelle von Theodor Storm. Historisch-kritische Edition. Erich
• Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Eine kommentierte Leseausgabe. Herausgegeben und erläutert von Gerd
Eversberg. Mit den Radierungen von Alexander Eckener. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-503-
• Regina Fasold: Theodor Storm. Sammlung Metzler Bd. 304. Stuttgart 1997, S. 152–167.
• Reimer Kay Holander: Der Schimmelreiter – Dichtung und Wirklichkeit. Kommentar und Dokumentation zur
Novelle „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm. Neue, verbesserte und aktualisierte Ausgabe. Bredstedt 2003.
• Karl Ernst Laage: Der ursprüngliche Schluß der Stormschen „Schimmelreiter-Novelle“. In: Euphorion, 73, 1979,
• Jean Lefebvre: Nichts als Gespenster? Die Funktionen des Deichreiters in den Rahmenhandlungen des
• Martin Lowsky: Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Königs Erläuterungen und Materialien (Bd. 192). Hollfeld
2008.
• Albert Meier: „Wie kommt ein Pferd nach Jevershallig?“ Die Subversion des Realismus in Theodor Storms „Der
Schimmelreiter“. In: Hans Krah, Claus-Michael Ort (Hrsg.): Weltentwürfe in Literatur und Medien. Phantastische
Wirklichkeiten – realistische Imaginationen. Festschrift für Marianne Wünsch. Kiel 2002, S. 167–179.
• Christian Neumann: Eine andere Geschichte vom Schimmelreiter. Der Subtext der Deichnovelle Storms aus
• Christian Neumann: Und er reitet immer noch. Der Deichgraf Hauke Haien als fortwährende Reizfigur in der
• Wolfgang Palaver: Hauke Haien – ein Sündenbock? Theodor Storms Schimmelreiter aus der Perspektive der
Theorie René Girards. In: P. Tschuggnall (Hrsg.): Religion – Literatur – Künste. Aspekte eines
• Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur und
Weiblichkeit in „Der Schimmelreiter“. In: Gerd Eversberg, David Jackson, Eckart Pastor (Hrsg.): Stormlektüren.
Festschrift für Karl Ernst Laage zum 80. Geburtstag. Würzburg 2000, S. 183–214.
• Harro Segeberg: Theodor Storms Erzählung „Der Schimmelreiter“ als Zeitkritik und Utopie. In: Harro
Segeberg: Literarische Technikbilder. Studien zum Verhältnis von Technik und Literaturgeschichte im 19. und
• Malte Stein: Deichgeschichte mit Dialektik. In: Malte Stein: „Sein Geliebtestes zu töten“. Literaturpsychologische
Studien zum Geschlechter- und Generationenkonflikt im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin 2006, S.
173–258.
Weblinks
• Literatur von und über Der Schimmelreiter im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
• Informationen zu Autor, Werk und anderen Werken Storms des Hamburger Bildungsservers
• 4 Interpretationen. (Memento vom 12. Februar 2013 im Webarchiv [Link])auf Seiten der Storm-
Gesellschaft
Einzelnachweise
2. ↑ Vgl. Theodor Storm: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker
3. ↑ Theodor Storm: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker Verlag,
4. ↑ Theodor Storm – Gottfried Keller: Briefwechsel. Hrsg. v. Karl Ernst Laage. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1992,
S. 108.
5. ↑ Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. 1823-1832. Hrsg. v.
Christoph Michel unter Mitwirkung v. Hans Grüters. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1999. S. 221
6. ↑ Theodor Storm: Eine zurückgezogene Vorrede (1881). In: ders.: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage
und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1987, Bd. 4, S. 408f.
7. ↑ (6)Theodor Storm: Eine zurückgezogene Vorrede (1881). In: ders.: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage
und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1987, Bd. 4, S. 409
8. ↑ (7)Theodor Storm: Eine zurückgezogene Vorrede (1881). In: ders.: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Karl Ernst Laage
und Dieter Lohmeier. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1987, Bd. 4, S. 409.
9. ↑ Fritz Martini: Die deutsche Novelle im ‚Bürgerlichen Realismus‘. Überlegungen zur geschichtlichen
Bestimmung des Formtyps. In: Josef Kunz (Hrsg.): Novelle. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft,
(Hrsg.): Phantastik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Metzler, Stuttgart / Weimar 2013, S. 100–108.
11.↑ Ulrich Kittstein: …was ist das mit dem Schimmelreiter? In: Ulrich Kittstein, Stefani Kugler (Hrsg.): Poetische
Ordnungen. Zur Erzählprosa des deutschen Realismsus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, S.
273.
12.↑ Ulrich Kittstein: …was ist das mit dem Schimmelreiter? In: Ulrich Kittstein, Stefani Kugler (Hrsg.): Poetische
Ordnungen. Zur Erzählprosa des deutschen Realismsus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, S.
280.
13.↑ Ulrich Kittstein: …was ist das mit dem Schimmelreiter? In: Ulrich Kittstein, Stefani Kugler (Hrsg.): Poetische
Ordnungen. Zur Erzählprosa des deutschen Realismsus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, S.
287.
14.↑ Winfried Freund: Theodor Storm. Der Schimmelreiter. Glanz und Elend des Bürgers. Ferdinand Schöningh,
15.↑ Gerd Weinrich: Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur Theodor Storm Der
16.↑ Ulrich Kittstein: …was ist das mit dem Schimmelreiter? In: Ulrich Kittstein, Stefani Kugler (Hrsg.): Poetische
Ordnungen. Zur Erzählprosa des deutschen Realismsus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007.
17.↑ Ingo Meyer: Im „Banne der Wirklichkeit“. Studien zum Problem des deutschen Realismus und seinen narrativ-
18.↑ Reimer Kay Holander: Der Schimmelreiter – Dichtung und Wirklichkeit. Nordfriisk Instituut, Bräist/Bredstedt
2003, S. 32 ff.
19.↑ Reimer Kay Holander: Der Schimmelreiter – Dichtung und Wirklichkeit. Nordfriisk Instituut, Bräist/Bredstedt
2003, S. 34.
20.↑ [Link]
21.↑ Harold James: Krupp – Deutsche Legende und globales Unternehmen. Verlag C.H. Beck, München
22.↑ Gerd Eversberg: Theodor Storms „Schimmelreiter“ – Eine Ausstellung im Storm-Haus. Husumer Kataloge 2.
24.↑ Vgl. hierzu Christian Neumann: Und er reitet immer noch. Der Deichgraf Hauke Haien als fortwährende
25.↑ Jost Hermand: Hauke Haien. Kritik oder Ideal des gründerzeitlichen Übermenschen? In: Wirkendes Wort 15
(1965), S. 42.
26.↑ Jost Hermand: Hauke Haien. Kritik oder Ideal des gründerzeitlichen Übermenschen? In: Wirkendes Wort 15
(1965), S. 45.
27.↑ Volker Neuhaus: „Hauptsache mein Profil ist akzeptiert“: Hybris und Tragik Hauke Haiens und seiner
Ingenieurskollegen bei Goethe, Fontane und Max Eyth. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 17 (2013), S. 14f.
28.↑ Volker Neuhaus: „Hauptsache mein Profil ist akzeptiert“: Hybris und Tragik Hauke Haiens und seiner
Ingenieurskollegen bei Goethe, Fontane und Max Eyth. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 17 (2013), S. 15.
29.↑ Volker Neuhaus: „Hauptsache mein Profil ist akzeptiert“: Hybris und Tragik Hauke Haiens und seiner
Ingenieurskollegen bei Goethe, Fontane und Max Eyth. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 17 (2013), S. 16.
30.↑ Volker Neuhaus: „Hauptsache mein Profil ist akzeptiert“: Hybris und Tragik Hauke Haiens und seiner
Ingenieurskollegen bei Goethe, Fontane und Max Eyth. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 17 (2013), S. 16.
31.↑ Winfried Freund: Theodor Storm. Kohlhammer, Stuttgart 1987, ISBN 978-3-17-009810-7, S. 147.
32.↑ Winfried Freund: Theodor Storm. Kohlhammer, Stuttgart 1987, ISBN 978-3-17-009810-7, S. 151.
33.↑ Volker Hoffmann: Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Eine Teufelspaktgeschichte als realistische
Lebensgeschichte. In: Interpretationen. Erzählungen und Novellen des 19. Jahrhunderts. Bd. 2. Stuttgart 1997
34.↑ Volker Hoffmann: Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Eine Teufelspaktgeschichte als realistische
Lebensgeschichte. In: Interpretationen. Erzählungen und Novellen des 19. Jahrhunderts. Bd. 2. Stuttgart 1997
35.↑ Volker Hoffmann: Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Eine Teufelspaktgeschichte als realistische
Lebensgeschichte. In: Interpretationen. Erzählungen und Novellen des 19. Jahrhunderts. Bd. 2. Stuttgart 1997
36.↑ David A. Jackson: Ole Peters und die Schuldfragen im Schimmelreiter. In: Schriften der Theodor-Storm-
38.↑ David A. Jackson: Ole Peters und die Schuldfragen im Schimmelreiter. In: Schriften der Theodor-Storm-
39.↑ David A. Jackson: Ole Peters und die Schuldfragen im Schimmelreiter. In: Schriften der Theodor-Storm-
40.↑ Johannes Harnischfeger: Modernisierung und Teufelspakt. Die Funktion des Dämonischen in Theodor Storms
41.↑ Johannes Harnischfeger: Modernisierung und Teufelspakt. Die Funktion des Dämonischen in Theodor Storms
42.↑ Johannes Harnischfeger: Modernisierung und Teufelspakt. Die Funktion des Dämonischen in Theodor Storms
43.↑ Harro Segeberg: Literarische Technikbilder. Studien zum Verhältnis von Technik und Literaturgeschichte im 19.
44.↑ Harro Segeberg: Literarische Technikbilder. Studien zum Verhältnis von Technik und Literaturgeschichte im 19.
45.↑ Harro Segeberg: Literarische Technikbilder. Studien zum Verhältnis von Technik und Literaturgeschichte im 19.
46.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
47.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
48.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
49.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
50.↑ Irmgard Roebling: „Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“. Die Thematisierung von Natur,
Aberglauben und Weiblichkeit in Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. In: dies.: Theodor Storms ästhetische
Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk Storms. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-
51.↑ Regina Fasold: Theodor Storm. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-476-10304-8, S. 154.
52.↑ Regina Fasold: Theodor Storm. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-476-10304-8, S. 155.
53.↑ Regina Fasold: Theodor Storm. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-476-10304-8, S. 155.
54.↑ Christian Neumann: Das Opfer der Lebendigkeit. Devitalisierung und Melancholie im Erzählwerk Theodor
Storms, Thomas Manns und Franz Kafkas. Königshausen und Neumann, Würzburg 2023, ISBN 978-3-8260-
7790-6, S. 161.
55.↑ Malte Stein: ‚Sein Geliebtestes zu töten‘. Literaturpsychologische Studien zum Geschlechter- und
Generationenkonflikt im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2006, ISBN 978-3-
503-07971-1, S. 230.
56.↑ Malte Stein: ‚Sein Geliebtestes zu töten‘. Literaturpsychologische Studien zum Geschlechter- und
Generationenkonflikt im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2006, ISBN 978-3-
503-07971-1, S. 231.
57.↑ Malte Stein: ‚Sein Geliebtestes zu töten‘. Literaturpsychologische Studien zum Geschlechter- und
Generationenkonflikt im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2006, ISBN 978-3-
503-07971-1, S. 236.
58.↑ Philipp Theisohn: Gespenstisches Erzählen. In: (Hrsg.) Christoph Deupmann: Theodor Storm. Novellen.
59.↑ Philipp Theisohn: Gespenstisches Erzählen. In: (Hrsg.) Christoph Deupmann: Theodor Storm. Novellen.
61.↑ Philipp Theisohn: Gespenstisches Erzählen. In: (Hrsg.) Christoph Deupmann: Theodor Storm. Novellen.
62.↑ Philipp Theisohn: Gespenstisches Erzählen. In: (Hrsg.) Christoph Deupmann: Theodor Storm. Novellen.
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Die Deutsche Rundschau war eine
e literarische und wissenschaftliche Zeitschrift,
die 1874 von Julius Rodenberg gegründet
S wurde und im Gebrüder Paetel Verlag
erschien.
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Haukes Beziehung zum Meer wird psychoanalytisch als Bedrohung gedeutet, die seine Identität infrage stellt. Das Meer repräsentiert eine bedrohliche Mutterimago, die seine Identitätsfindung gefährdet. Haukes innere Unsicherheiten und allmachtsartige Kontrollbedürfnisse spiegeln sich in seinem zentralen Lebenskonflikt wider und lassen das Meer als Symbol dieser inneren Kämpfe erscheinen .
Harnischfeger sieht in Hauke Haien das bürgerliche Prinzip der freien Konkurrenz, das Hauke in die Dorfgemeinschaft einführt, da sein sozialer Status nicht durch Geburt festgeschrieben ist. Er muss beweisen, dass er seine Position verdient, was in der Gemeinschaft zu Spannungen führt. Haukes Aufstieg beruht auf seiner Fähigkeit, sich hocharbeiten zu müssen, was die traditionellen sozialen Strukturen herausfordert und unter den Dorfbewohnern Missgunst und Konflikte provoziert .
Das Pferd, ein Schimmel, symbolisiert nicht nur Haukes Macht und Ambitionen, sondern ist gleichzeitig Gegenstand abergläubischer Ängste der Dorfbewohner, die es als teuflisch empfinden. Diese duale Symbolik unterstreicht den Kontrast zwischen Rationalität und Aberglauben, wobei das Pferd zum Auslöser für soziale Spannungen und Misstrauen gegenüber Hauke wird .
David Jackson beschreibt den Konflikt zwischen Hauke Haien und Ole Peters als eine Gegenüberstellung zweier entgegengesetzter Ansätze: einer auf Vernunft basierenden und einer, die Angst und Ressentiment schürt. Jackson stellt sich auf die Seite Haukes und verurteilt Ole Peters moralisch, indem er ihn als egoistischen Demagogen darstellt, dessen Handlungen der Gemeinschaft schaden .
Hauke Haiens Aufstieg symbolisiert die Dynamik des bürgerlichen Fortschritts, die gegen überkommene feudale Strukturen kämpft. Er ist eine Figur des sozialen Aufstiegs, die durch Konkurrenz und Innovation die traditionellen sozialen Gefüge herausfordert. Die Dorfgemeinschaft wird dadurch in Spannungen zwischen konservativen und progressiven Kräften dargestellt, verkörpert durch Hauke und die lokale Feudalordnung .
Regina Fasold interpretiert Hauke als einen selbstwertschwachen Mann, dessen Identitätsschwäche auf seine mutterlose Kindheit und die daraus resultierenden Allmachtsfantasien zurückgeht. Sein destruktives Verhalten, einschließlich der Aggressionen, zeigt eine innere Unsicherheit und ein Bedürfnis nach Kontrolle, die aus einer tief sitzenden Mutter-Bindung resultieren, einer biografischen Leerstelle, die in der Novelle indirekt dargestellt wird .
Segeberg beschreibt Haukes Verhältnis zur Natur als berechnend und abstrakt, ohne Blick für die belebte Natur. Er errichtet Dämme nach innen und außen zur Abwehr seiner Natur-Ängste. Dies spiegelt die Aufklärung wider, indem es eine Entzauberung der Welt darstellt durch die Ausrottung animistischer Naturanschauungen und die Dominanz einer instrumentellen Vernunft .
Roebling sieht in der Novelle die Ambivalenz eines männlich-logozentrischen Naturverhältnisses, das sich durch die vermeintliche Beherrschung der Natur auszeichnet, aber mit der Ausgrenzung und Unterdrückung des Weiblichen und Lebendigen erkauft wird. Die Ausbildung männlicher und weiblicher Rollen erfolgte parallel zur Entwicklung der instrumentellen Vernunft, wobei die sinnliche Natur allein den Frauen zugeschrieben und dadurch gefürchtet wurde .
Haukes naturwissenschaftlich-technische Weltsicht wird von zeitgenössischen Lesern als einseitig und letztlich unaufgeklärt beurteilt. Diese Sichtweise verschließt ihm den Zugang zu Aspekten der Natur, die er nicht erkennen oder beherrschen kann, wodurch seine technologische Haltung seine Wahrnehmung einschränkt und ihn in eine Krise führt .
Der Aberglaube der Dorfbewohner verstärkt die Isolation Haukes, indem sie ihn argwöhnisch und mit Furcht betrachten, vor allem nach dem Kauf des Schimmels, der als teuflisch gilt. Diese abergläubischen Vorstellungen führen zu Konflikten, da Hauke als Rationalist den Aberglauben zurückweist, was seine Entfremdung und die Kämpfe mit den Dorfbewohnern intensiviert .