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Dschihad Calling

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Dschihad Calling

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Über das Buch

Nie hätte Jakob es für möglich gehalten, dass er einmal mit dem
sogenannten IS sympathisieren würde. Doch als er sich in Samira verliebt,
die einem Verein von Salafisten angehört, faszinieren ihn deren
Gemeinschaft und ihr Gedankengut. Er bricht alle alten Kontakte ab und
findet bei den Salafisten ein neues Zuhause. Doch dann fordert ihn Samiras
Bruder auf, mit ihm für den Islamischen Staat in den Krieg zu ziehen …

Von Christian Linker sind bei dtv außerdem lieferbar:


Das Heldenprojekt
Doppelpoker
RaumZeit
Blitzlichtgewitter
absolut am Limit
Stadt der Wölfe
Scriptkid – Erpress im Darknet
Und dann weiß jeder, was ihr getan habt
Influence – Fehler im System
Der Schuss
Toxische Macht
Y-Game – Sie stecken alle mit drin
Christian Linker

Dschihad Calling

Roman
Wie Drohnengeschwader dröhnen mir die Gedanken im Kopf herum und
jeder Satz knallt wie die Salve eines AK -47 durch mein Hirn.
Nee …
Bullshit.
Ich weiß doch gar nicht, wie ein AK -47 klingt oder ob eine Drohne
überhaupt dröhnt, ich bin ja nicht dabei gewesen. Außerdem hatten wir uns
doch geschworen, inschallah, auf solche Poser-Scheiße zu verzichten.
Ich versuche, mich auf die Wörter in dem Brief zu konzentrieren.
… dem Ermittlungsrichter dargelegt … dringender Tatverdacht insofern
nicht hinreichend belegt … der Haftbefehl gegen Sie schon bald aufgehoben
wird …
Schon klar, sie werden mich rauslassen. Trotzdem starre ich seit Stunden
auf das Schreiben meines Anwalts. Oder seit Minuten. Hier drin gibt es kein
Zeitgefühl. Ich habe Angst vor dem Tag, an dem sie mich gehen lassen.
Noch mehr Angst habe ich vor dem allernächsten Augenblick. Denn
irgendwann muss ich den Anwaltsbrief zur Seite legen und den anderen
öffnen, der ebenfalls heute in meiner Zelle gelandet ist. Ich erkenne Samiras
Schrift auf dem Umschlag. Und ich erkenne das Format dieses flachen
Päckchens, dem er beiliegt. Ich weiß, was darin ist. Und was das bedeutet.
Deshalb halte ich noch immer das Schreiben vom Anwalt in der Hand, als
könnte ich damit irgendetwas tatsächlich festhalten. Die Zeit zum Beispiel.
Als würde Adil dadurch ein Stückchen länger am Leben bleiben. Nur ein
paar Minuten noch. Ist das nicht eine Ewigkeit? Ein paar Minuten länger
nicht tot zu sein?

Bullshit. Einmal habe ich tatsächlich sein Leben in meinen Händen


gehalten.
Ich atme durch. Lege den Anwaltsbrief zur Seite. Greife in die
Hosentasche. Mein letzter Kaugummi. Ich nehme ihn aus dem Silberpapier,
schiebe ihn in meinen Mund. Kaue vorsichtig, als könnte er zerplatzen.
Öffne Samiras Brief.

Jakob, Liebster.
Ich habe ein Päckchen erhalten. Es ist für dich. Natürlich musste der
Staatsanwalt vorher alles lesen, deshalb habe ich erst gezögert, es dir
ins Gefängnis zu schicken. Aber was spielt das noch für eine Rolle?
Liebster – Adil ist tot.
Und sendet dir seinen Gruß. Ich auch.
In Liebe,
Samira

Ich lege Samiras Brief zur Seite, auf das Schreiben vom Anwalt, atme
durch, schiebe den Kaugummi im Mund hin und her, reiße das Päckchen
auf. Streiche mit den Fingern über den ledernen Einband des Notizbuches.
Ich selbst habe es einst gekauft. Fast ein halbes Jahr ist das her. Es sollte für
mich sein, aber dann brauchte ich es gar nicht, sondern schenkte es Adil.
Die Widmung, die ich ihm damals auf die erste Seite schrieb, weiß ich noch
auswendig:

Bismillahi rahmani rahim, alles Lob gebührt Allah.


Nur E R kennt den Weg, den du nun gehen wirst.
Falls es nicht der ist, den du erwartest, Akhi, dann vertraue auf I HN .
Ich mache Du’a für dich, Bruder.

Ich erinnere mich sogar an den Geruch, den unschuldigen Duft eines
unbeschriebenen Buches aus leeren weißen Seiten, an das jungfräuliche
Knistern der Blätter beim ersten Aufschlagen. Jetzt ist es speckig und
stumpf, die Ecken sind geknickt, der Rücken abgewetzt. Es hat eine sehr
lange Reise hinter sich.
Ich blättere das Buch auf, lasse die Seiten am Daumen entlanggleiten.
Adil hat es zu einem Drittel gefüllt. Kurz habe ich den Impuls, gleich den
letzten Eintrag zu lesen. Aber das traue ich mich nicht, ich schlage es vorne
auf. Sehe meine Widmung wieder. Adil hat ein Smiley daruntergemalt. Ich
muss lachen. Scheiße, Alter! Du hast mich so was von gelinkt!
Das Lachen scheppert gegen die Zellenwände. Meine Augen füllen sich
mit Tränen. Eine tropft auf das Papier. Ich schlage die Seite um und erkenne
Adils Schrift.

Salam alaikum, Akhi. Du hast absolut recht. Nur E R kennt den Weg;
es ist jedenfalls nicht der, den ihr euch vielleicht für mich überlegt
habt, du und Samira. Ich weiß nicht, was ihr geplant habt, aber ich
hatte irgendwie das Gefühl, dass ich nicht dort ankomme, wohin ich
muss, wenn ich dir vertraue.
Jetzt gerade sitze ich in einem Bus, der uns in eineinhalb Tagen über
Bulgarien nach Istanbul bringen soll, während du darauf wartest,
mich morgen früh zum Flughafen zu fahren. (Oder woandershin?) Es
ist einer dieser stinknormalen Fernbusse und meine Mitreisenden sind
überwiegend türkische Rentner sowie drei Studenten – halt Leute, die
Zeit haben, aber keine Kohle fürs Flugzeug. Die Karte für den Bus
habe ich mir gestern besorgt, gleich nachdem du gegangen warst.
Keine Sorge, ich fühle mich nicht von euch verraten. Bitte fühle auch
du dich nicht von mir verraten. All unsere Pläne und Absichten sind
doch nur Staub in Gottes Hand. Steht nicht alles, was geschehen wird,
sowieso schon seit Tausenden von Jahren im Himmel aufgeschrieben?

Es war eine schöne Idee von dir, mir dieses Buch zu schenken. Ich
habe dir versprochen, nicht rumzuposen. Ich will ehrlich
aufschreiben, was ich erlebe. Wenn du es irgendwann, auf welchem
Wege auch immer, zurückbekommst und wieder in deinen Händen
hältst, dann werde ich, inschallah, im Paradies sein.

»Inschallah«, flüstere ich und lasse das Buch sinken.


Verrat … Was für ein archaisches Wort. Ich wische die Tränen fort und
mein Blick wandert zu Samiras Brief. Wir haben uns alle verraten. Uns alle
gegenseitig. Und jeder von uns sich selbst. Ich sehe Samiras unglaubliche
Augen vor mir. Mit ihnen hat vor nicht mal einem Jahr alles angefangen.
21. Oktober

Die Augen waren von einem verstörenden Blau. Man sah nur die und sonst
nichts von ihr, denn ein samtschwarzer Schleier verhüllte den Kopf, verbarg
das Gesicht und fiel auf die Schultern herab. Sie trug einen taillierten
grünen Ledermantel und verwaschene Jeans, die Füße steckten in knallroten
Docs. Sie war pure Provokation. Auch die Art, wie sie ging. Jeder
beschleunigt in dieser Unterführung seine Schritte, um mit angehaltenem
Atem durch die im künstlichen Licht dampfenden Pisseschwaden zur
anderen Seite des Bahndamms zu tauchen. Sie nicht. Sie schritt auf seltsam
würdevolle Art an mir vorüber. Ganz kurz begegneten sich unsere Blicke,
schon waren wir aneinander vorübergegangen, und ich hätte mich nicht
getraut, mich umzudrehen und ihr nachzusehen, wenn nicht die beiden
Typen aufgetaucht wären.
»Der Winter kommt«, sagte der eine mit dem Bürstenschnitt eine Spur
zu laut.
»Yep«, schnalzte sein Buddy aus der Kapuze seiner Hollister-Jacke, »da
läuft schon ein Pinguin frei rum.«
Ihre Blicke fixierten die Frau wie in einem Schraubstock. Sie kamen
genau auf mich zu, aber für sie war ich Luft oder ein Teil der ranzigen
Fliesenwand. Ich ging langsamer. Sie marschierten in langen Schritten
vorüber, um die Verschleierte einzuholen. Ich blieb also stehen und drehte
mich um. Niemand war hier außer uns vieren. Der winzige Kiosk am
anderen Ende des Tunnels hatte längst geschlossen. Angsträume nennt man
solche Orte, hab ich mal gelesen, vor allem an einem späten Herbstabend,
aber die Frau hatte keine Angst. Oder sie zeigte sie nicht. Ich jedenfalls
hatte welche, denn ganz unvermittelt war mir klar geworden, dass es auf
mich ankam. Meine Hand fuhr in die Hosentasche, fühlte das Handy.
»Ob man unter so ’ner Kutte einen Sprengstoffgürtel verstecken kann?«,
höhnte der Bürstenschnitt.
Schon hatten sie sie von rechts und links überholt, bauten sich vor ihr
auf.
»Mal sehen«, feixte der mit der Kapuzenjacke, doch dann schien er für
einen Moment irritiert. Er hatte nicht mit diesen Augen gerechnet. »Bist du
etwa ’ne Deutsche?«
Sie war stehen geblieben. Ich ließ das Handy los.
»Sag was«, knurrte der Bürstenschnitt. »Bist du eine kleine Türkenhure,
die sich von ihrem Moslemstecher ein Kind nach dem andern machen lässt?
Hä? Viele kleine Kämpfer für den Heiligen Krieg?«
Sie stand kerzengerade da, sagte nichts, wich nicht aus. Ich setzte mich
in Bewegung. Es waren bullige Kerle. Vielleicht Hools oder nur zwei
dumme Atzen mit Langeweile, egal – sie würden mir alle Knochen brechen.
Es sei denn, mir fiele was ein. Ich ging mit großen Schritten auf sie zu.
»Hey, hallo. Gut, dass ich euch treffe.« Sie glotzten blöde. Ich
umrundete sie ebenfalls und sie mussten sich zu mir herumdrehen. »Ich hab
da eine Frage und ihr könnt mir bestimmt helfen.«
»Was soll das?«, schnaubte Bürste. »Verkack dich, du Spacko.« An
seiner rasierten Schläfe trat eine Ader hervor. Kumpel Kapuze trug ein
Drachentattoo links am Hals. Vielleicht würde ich sie später mal
beschreiben müssen. Zwischen den beiden Visagen, eine knappe Armlänge
hinter ihnen, leuchteten diese Augen. Leuchteten für sich allein, verrieten
keine Reaktion.
»Vielleicht kennt ihr euch damit aus«, begann ich und musste mich
räuspern. Mein Mund war plötzlich staubtrocken. »Also – was findet ihr
besser: Manndeckung oder Zonenverteidigung?«
»Bist du ein Idiot oder was?«, blaffte Kapuze.
Ja, wahrscheinlich schon, dachte ich, aber wirklich idiotisch war die
Verschleierte, wenn sie jetzt nicht endlich von hier verschwand.
»Es ist doch so«, fuhr ich fort. »Zone ist viel effektiver, aber wenn du
einen Moment nicht aufpasst, kommt der Gegner ganz easy zum Layup.«
Die beiden tauschten einen Blick und Bürste meinte: »Diese Schwuchtel
hier will uns verscheißern.« Und zu mir: »Alter, was laberst du?«
»Basketball«, antwortete ich. »Ich rede von Basketball. Ich bin noch
ziemlich neu in Bonn und – sagt mal, das ist hier doch ’ne Basketballstadt,
oder nicht?« Warum lief sie nicht weg? »Da kann ich doch mal ein paar
Leute nach Tipps fragen. Wann würdet ihr zum Beispiel einen Gegner lieber
doppeln?«
»Wir können gleich mal deine Fresse doppeln, wenn du unbedingt
willst«, feixte Kapuze.
Bürste musste lachen und ich auch, verrückterweise, ich bekam einen
richtigen Lachflash aus lauter Angst und Übermut, lachte wiehernd über
diese völlig absurde Situation, in der man echt nicht sagen konnte, ob mein
Plan aufging oder ob ich im nächsten Augenblick mit Kieferbruch in einer
Pfütze läge. Ich lachte in ihre fassungslosen Fratzen, bis mir fast die Tränen
kamen, und konnte erst aufhören, als sich am anderen Ende der
Unterführung Lärm erhob. Es waren aufgekratzte Frauenstimmen, schon
tauchten sie auf – ein Damenkränzchen, vielleicht zehn oder zwölf Frauen
um die fünfzig, die sich die Kragen ihrer Pelzimitate vors Gesicht hielten
und dabei fröhlich weitergiggelten.
Bürste schnallte als Erster, dass die Sache hier gelaufen war. »Toll,
Mann«, knurrte er und sein bulliger Körper erschlaffte. Er machte kehrt,
schob die Hände in die Hosentaschen und Kapuze folgte ihm. Gemächlich
trollten sich die beiden. Die Verschleierte aber tat, ohne mich noch einmal
anzusehen, zwei Schritte zur Seite. Elegant glitt sie in den Strom der
sektseligen Kegelschwestern oder was immer für ein Klübchen da gerade
auf dem Heimweg war, und ließ sich davontragen. Ich blieb zurück und
stand plötzlich ganz allein in der Unterführung, wie aus einem seltsamen
Tagtraum gerissen. Gern wäre ich noch stehen geblieben und hätte dem
Traum ein wenig nachgespürt. Aber dann fiel mir ein, dass die beiden Hools
noch einmal auftauchen konnten. Ich setzte mich in Bewegung, ging in den
Nieselregen hinaus und blieb erst an einer etwas belebteren Ecke stehen.
Menschen betraten oder verließen Kneipen, Taxis parkten am Straßenrand,
hier konnte mir nichts passieren. Ohne auf die Nässe zu achten, lehnte ich
mich erschöpft gegen einen Stromkasten und steckte mir einen Kaugummi
in den Mund. Was für eine tollkühne Aktion. Mann! Ich war ein
verdammter Held! Unwillkürlich sah ich mich um. Niemand verlangte ein
Autogramm. Ich kaute, atmete tief ein und aus und fühlte frische Kraft im
ganzen Körper. Es funktionierte tatsächlich. Paradoxe Intervention hatte
das der Trainer genannt, der vor ein paar Jahren bei uns in der Schule so ein
Deeskalationstraining geleitet hatte. Ich war im Rollenspiel seine
Versuchsperson gewesen, hatte das witzig gefunden, aber nie im Leben
damit gerechnet, dass es mir mal eines Tages wirklich was nützen würde.
Schade, dass mich niemand dabei gefilmt hat, dachte ich. Und sie? Kein
Wort des Dankes. Ich hätte wenigstens gern gewusst, wie ihre Stimme
klang. Wie alt mochte sie sein? Die Augen hatten sehr jung ausgesehen,
aber was sagte das schon. Sie würde mich nicht loslassen, das wusste ich.
Nicht, bevor ich herausgefunden hatte, wer sie war. Auch wenn das
unmöglich schien. Ich biss mir beim Kauen auf die Lippe. Das tat weh.
Ärgerlich spuckte ich den Kaugummi zu dem faulenden Laub in den
Rinnstein und machte mich auf den Heimweg.

Zu Hause empfingen mich der Duft von gebratenem Kürbis und das
vorwurfsvolle Gesicht von Liz.
»Endlich«, brummte sie.
Auf dem großen Küchentisch unserer WG war für zwei Leute gedeckt.
In einer Vase standen frische Herbstblumen in satten Farben.
»Wollten wir so was nicht lassen?«, fragte ich sie.
»Was – so was?«
»Na, mit dem Essen aufeinander zu warten. Die Wäsche vom andern
mitzuwaschen. Solche Sachen.«
»Ich find’s eben schön, mit dir zu essen«, erwiderte sie. »Und es ist ja
wohl nichts Unnormales dabei, wenn zwei WG -Bewohner zusammen zu
Abend essen.«
»Nee«, gab ich zu und setzte mich. »Es sieht außerdem köstlich aus.«
Und so schmeckte es auch. Liz war eine vorzügliche Köchin. Aber eben
keine normale Mitbewohnerin, sondern meine Freundin. Meine große
Liebe. Jedenfalls bis wir zusammengekommen waren. Auf der Klassenfahrt
in der Zehnten hatten wir mal geknutscht und waren dann zwei Jahre lang
umeinander herumgekreist wie zwei gravitativ aneinander gebundene
Sterne. Mal hatte ich kurzzeitig eine Freundin, mal fing sie was mit einem
Typen an, alles nichts Ernstes, als würden wir in Wahrheit aufeinander
warten. Beim Abiball standen wir uns plötzlich gegenüber. Eigentlich, um
Abschied zu nehmen. Denn ich wollte für ein halbes Jahr nach Nigeria, als
Freiwilliger für eine Hilfsorganisation. Aus unserem Abschiedskuss wurde
eine wilde Liebesnacht und plötzlich waren wir doch noch ein Paar
geworden. Ich dachte nicht viel darüber nach, denn drei Wochen später
sollte mein Flieger gehen. Doch dann brach Ebola in Westafrika aus und die
Hilfsorganisation sagte meinen Einsatz ab. Plötzlich brauchte ich so was
wie einen Studienplatz. Ich hätte natürlich auch hier in Deutschland
irgendwo einen Freiwilligendienst machen können, aber das wäre nicht
dasselbe gewesen. Liz wollte nach Bonn, um Deutsch und Bio auf Lehramt
zu studieren. Sie hatte sich natürlich längst um ein Zimmer gekümmert.
Und als in ihrer WG kurzfristig was frei wurde, schlug sie mir vor, dass
wir doch eine Weile zusammenwohnen könnten. Also zumindest Tür an
Tür. Vorübergehend. Und so zog ich, anstatt nach Afrika zu gehen und die
Welt zu retten oder wenigstens in eine aufregende Stadt, wo ich mich ins
Partyleben hätte stürzen können, zu meiner Freundin nach Bonn und
schrieb mich für VWL ein. Es war die einfachste Lösung gewesen. Wie
eigentlich immer in meinem bisherigen Leben. Noch nie hatte ich irgendein
Ding, irgendeine eigene Idee konsequent durchgezogen. Bis auf das
Erlebnis in der Unterführung vorhin. Komisch, dass ich Liz nichts davon
erzählte. Es fühlte sich so an, als sei das bloß eine Sache zwischen mir und
diesem verschleierten Mädchen.
»Woran denkst du?«, fragte Liz.
»Stochastik«, sagte ich. »Dieses Tutorium bringt mich an den Rand des
Wahnsinns.«
Sie lächelte und legte ihre Hand auf meine. »Am Anfang hat doch keiner
den Durchblick«, sagte sie. »Im zweiten Semester wird es besser.«
Ja, sicher, dachte ich. Und bis dahin hab ich auch ein anderes Zimmer in
einer anderen WG . Ich verstand selbst nicht genau, woher diese
unterschwellige Unzufriedenheit kam. Es war doch alles perfekt: Ich hatte
ein schönes Zimmer, einen guten Studienplatz und eine kluge,
verständnisvolle Freundin mit einem unglaublich tollen Hintern. Ich
lächelte zurück.
Später vögelten wir. Wir schliefen fast jede Nacht gemeinsam in einem
Bett; mal in ihrem, mal in meinem. Das war in den knapp vier Wochen, seit
wir nun so lebten, schon so selbstverständlich geworden, dass wir natürlich
nicht mehr so viel Sex hatten wie am Anfang unserer Beziehung.
Vermutlich war das normal. Liz aber spürte jedes Mal, wenn mich
irgendetwas nachdenklich machte, und an solchen Abenden war sie
besonders aktiv. Vielleicht mochte sie einfach nicht, wenn ich zu viel
nachdachte.
2. Tag

Es ist kurz nach drei in der Nacht. Unser Bus hält in Sofia, Bulgarien.
Wir tanken noch einmal zweihundert Liter Diesel, bevor es auf die
letzte Etappe nach Istanbul geht. Die meisten meiner Mitreisenden
schlafen, nur ein paar sind ausgestiegen und aufs Klo gegangen. Der
Einzige, der gebetet hat, bin ich. Die anderen, obwohl alles Muslime,
haben mich fast misstrauisch beäugt. Dabei habe ich mich eigentlich
ganz gut »getarnt« – na ja, also den Bart kurz rasiert und westliche
Klamotten angezogen. Aber ich kann schlecht auf das Gebet
verzichten; schlimm genug, dass das schon reicht, um komisch
angeguckt zu werden. Inschallah wird Allah (swt) es mir anrechnen.
Neben mir schnarcht Emine, eine dicke türkische Mama der alten
Schule. Während der ganzen Fahrt hat sie mich mit Köstlichkeiten aus
ihren Tupperdosen durchgefüttert. Sie hat meine Geschichte sofort
geschluckt. Wie sollte man auch dem netten jungen Mann mit dem
akkurat gestutzten Bart und dem adretten Poloshirt nicht glauben?
Nur die Grenzer waren misstrauisch. Vor allem die serbischen. Sie
waren zu zweit und standen vorn beim Fahrer. Schauten die Pässe
durch. Einen nach dem anderen, ganz geschäftsmäßig und routiniert,
bis sie meinen in die Finger nahmen. Ich konnte natürlich nicht sehen,
dass es meiner war, aber mir fiel auf, dass sie plötzlich innehielten.
Ihre Blicke wanderten über unsere Köpfe und blieben an meinem
Gesicht hängen. Sie schauten noch mal auf den Perso und noch mal,
dann wieder zu mir, dann holte einer einen Notizblock raus und
schrieb was auf. Ich guckte so cool und gelangweilt wie möglich, aber
es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis sie endlich
weitermachten. Erst als sie fertig waren und dem Fahrer den Stapel
mit unseren Pässen zurückgaben, bemerkte ich, dass meine Hände
innen feucht und eiskalt waren. Die beiden Beamten stiegen aus und
unser Bus fuhr an. Von draußen warfen mir die Grenzer noch einen
misstrauischen Blick zu. Vielleicht ahnten sie was, hatten aber keinen
Anhaltspunkt. Jedenfalls atmete ich auf. Alhamdulillah, alles
funktioniert.
Bloß … so nette Menschen wie diese Mama Emine so komplett
anzulügen, das kostet mich schon etwas Überwindung. Na ja. Wir
wissen, dass Allah (swt) das Lügen gegenüber dem Feind erlaubt hat.
Und es dient letztlich alles unserem Kampf.
24. Oktober

Diesmal hatte der Kiosk noch geöffnet, denn es war eine Stunde früher als
bei meiner seltsamen Nicht-Begegnung drei Tage zuvor. Die geteilten
Scheiben des ohnehin winzigen Fensters waren mit Werbung für
Zeitschriften und Energydrinks vollgeklebt und ließen nur ein kleines Loch
offen, hinter dem eine hutzelige Alte hockte, als hätte ein böser Zauberer sie
dort vor hundert Jahren eingemauert und dazu verdammt, bis ans Ende ihrer
Tage Kippen und Käsebrötchen herauszureichen. Doch um diese Zeit war
der Strom der Pendler, Einkäufer und Studenten längst verebbt und ihr
schien nach einem Schwätzchen zu sein.
»Warum kaufen Sie jetzt noch eine Tageszeitung?«, wollte sie von mir
wissen. »Der Tag ist doch gelaufen. Was da heute Morgen drinstand, ist
schon lange überholt. Nehmen Sie lieber die Z E I T .«
»Warum? Weil die für eine ganze Woche hält?«
»Ja. Und weil die größer ist. Man kann sich noch besser dahinter
verstecken.«
Ich musste lachen. »Sehe ich aus, als müsste ich mich hinter irgendwas
verstecken?«
»Hör mal, Herzchen«, sagte sie in ihrem rheinischen Singsang und
senkte die Stimme. »Du hast hier gestern Abend schon rumgelungert und
vorgestern auch. Geht mich ja nix an, auf wen du da wartest. Aber mit der
Z E I T fällst du weniger auf.«
Kurz war ich baff und fühlte mich ertappt. Dann senkte ich auch die
Stimme und sagte: »Sie haben ein gutes Auge für die Leute, die hier so
vorbeikommen, richtig?«
»Nicht mehr so wie früher.« Jetzt beugte sie sich vor und flüsterte: »Als
wir noch Hauptstadt waren, da war hier alles voller Spione. Russen, Amis,
Stasi … Haben alle ihre Zeitungen bei mir gekauft.«
»Und haben dann Löcher hineingebohrt, damit sie unauffällig
durchgucken konnten?«
»Du glaubst wohl, ich rede Unsinn, Herzchen. Hältst du mich für senil?«
»Aber nein.« Ich beugte mich ebenfalls vor. »Haben Sie hier schon mal
eine junge Frau mit einem schwarzen Schleier gesehen? In Jeans? Grüner
Mantel und rote Schuhe? Sehr blaue Augen?«
»Schleier?« Sie runzelte die eh schon runzlige Stirn. »Muss die sich
auch vor was verstecken? Ist sie dir abgehauen, Herzchen?«
»Nein. Das heißt – doch, ja, irgendwie schon. Also?«
»Frauen mit Schleier, Tausende. Aber keine mit Jeans und roten
Schuhen. Daran würd ich mich erinnern.« Sie lehnte sich zurück. »Was ist
jetzt mit der Zeitung, Herzchen?«
»Ach – geben Sie mir lieber ’n Päckchen Kaugummi.«

Natürlich tauchte sie nicht auf. Und wenn doch, hätte ich sie vielleicht gar
nicht erkannt. Weil sie andere Schuhe trug oder einen anderen Schleier oder
auch gar keinen, denn vielleicht war sie ja gar keine gläubige Muslima,
sondern wollte an dem Abend bloß zu einer abgefahrenen Kostümparty
oder hatte eine Wette verloren oder machte irgendeine Kunstperformance.
Würde ich die Augen auch so wiedererkennen? Spielte es eine Rolle, dass
sie blau waren? Zuletzt war viel über Leute – auch Frauen – in meinem
Alter geschrieben und geredet worden, die zum Islam konvertierten. Darauf
hatte doch wohl auch der Kapuzenjackentyp mit dem Drachentattoo
angespielt. Ihm und seinem Kumpel konnte ich an dieser Unterführung
übrigens genauso wahrscheinlich oder unwahrscheinlich wiederbegegnen
wie ihr. Es hatte ohnehin keinen Zweck.
»Herzchen«, rief mir die Kioskverkäuferin nach, als ich mich zum
Gehen wandte. »Hast du’s mal mit dem Internet versucht? Ihr seid doch alle
in diesem Feetzbuck.«
»Das ist ja das Problem«, murmelte ich. »Schönen Abend noch.«
Mein Handy brummte. Hey, Jungs, schrieb Bartek, wer von euch ist
denn dieses WE mal wieder in D O ?
Ich wollte zurückschreiben. Doch dann setzte ich mich auf eine Bank
und holte einen Kaugummi aus dem Päckchen, bevor ich auf die Wahltaste
drückte.
»Jacko, alte Säge!«, rief Bartek. »Alter, du fehlst mir.«
»Ich weiß«, sagte ich. »Du mir auch und überhaupt die ganze Horde.«
»Ja, Mann. Dortmund ist nicht mehr dasselbe, seit ihr alle weg seid.«
Unsere alte Clique hatte sich nach dem Abi über die halbe Welt zerstreut.
Nur Bartek, schon immer der Bodenständigste von uns, war geblieben und
machte eine Banklehre. »Wie läuft’s?«, wollte er wissen. »Was macht die
Uni? Wie geht’s Liz?«
»Alles top«, antwortete ich. »Nur leider werd ich’s dieses Wochenende
wieder nicht nach Hause schaffen. Ziemlich viel Stress gerade.«
»Hey, du bist Student. Ich dachte, da schaukelt man sich den ganzen Tag
die Eier.«
»Früher vielleicht«, brummte ich. »Bevor sie diesen Punkte-Scheiß
eingeführt haben. Aber – wo wir gerade sprechen. Mir ging da neulich eine
Frage durch den Kopf. Du hattest doch mal was mit Betül, richtig?«
»Ähm – worauf willst du hinaus?«
»Das ist ’ne lange Geschichte.« Ich warf mir den Kaugummi in den
Mund und kaute ein paarmal, bevor ich weitersprach. »Die war doch so ein
bisschen religiös, hatte manchmal ein Kopftuch an und manchmal nicht,
hab ich das richtig in Erinnerung?«
»Warum willst du das wissen?«
»Wie gesagt – eine lange Geschichte.«
»Schon klar, du hast ’ne Frau kennengelernt. Mann, mach dich nicht
unglücklich!«
»Nein, hab ich nicht. Also nicht … so.« Warum musste ich auch so blöd
sein? Bartek war schon immer scharf auf Liz gewesen und sprang natürlich
sofort drauf an. »Vergiss es. War bloß so ein Gedanke, nicht weiter wichtig.
Also, pass auf – nächstes Wochenende komm ich bestimmt rauf, okay? Ich
meld mich vorher.«
»Na gut, Jacko, ich nehm dich beim Wort. Dann hau rein, Alter. Und –
sei immer nett zu Liz, sonst kriegst du’s mit mir zu tun.«
»Ohne jeden Zweifel«, lachte ich. »Bis bald.«

Ich ging heim. Nach Hause. Also nicht das Zuhause in Dortmund, wo mein
Vater lebte und wo mein Zimmer noch komplett eingerichtet war, als wäre
ich nur kurz in Ferien gefahren, und wo Bartek ein paar Straßen weiter
wohnte und darauf wartete, dass ich vorbeikam, um eine Runde zu zocken
oder hinten im Hof ein One-on-one auszutragen. Mein neues Zuhause war
jetzt diese WG , aber auch nicht so richtig, denn da wohnte ich ja wie gesagt
bloß vorübergehend. Ich war weggegangen, ohne irgendwo anzukommen.
Vielleicht gehörte sich das so, wenn man achtzehn war und gerade von der
Schule kam, aber ich fand es trotzdem unbefriedigend. Ich ging also zu Liz
und tat, was ich Bartek versprochen hatte – ich war nett zu ihr. Fragte sie,
wie ihr Tag gewesen war, obwohl es mich nicht richtig interessierte, und
bewunderte ihr neues Kleid, in dem sie für meinen Geschmack ein bisschen
zu bieder aussah.
»Das zieh ich Samstagabend an«, erklärte sie. »Auf Viviens Party. Hast
du dir inzwischen überlegt, ob du mitkommen willst?«
»Wer war noch mal Vivien?«, fragte ich zurück.
»Aus meinem Mediävistik-Seminar. Das sind alles echt interessante
Leute. Du kannst sie ruhig mal kennenlernen.«
»Ich hab schon Mühe, die Leute aus meinem eigenen Semester
kennenzulernen«, winkte ich ab. »Außerdem muss ich am Samstag
arbeiten. Vielleicht komm ich später nach.«
»Tust du eh nicht«, brummte sie. »Wieso willst du ausgerechnet am
Wochenende arbeiten?«
»Weil ich da Zeit hab.«
26. Oktober

Es war nämlich so, dass ich nicht nur eine tolle Freundin, ein tolles Zimmer
und einen tollen Studienplatz hatte, sondern auch einen tollen Job, für den
ich mir meistens die Zeit selber einteilen konnte. Zum Beispiel, wenn ich
Texte redigierte. Die Texte handelten überwiegend von irgendwelchen
sozialen Dingen, denn mein Arbeitgeber war eine P R -Agentur für NG O s:
Umweltverbände, Menschenrechtsvereine, Eine-Welt-Initiativen. Einmal
pro Woche ging ich hin und erledigte Büroarbeiten, pflegte Adressbestände,
plante Mailings und durfte manchmal eine Pressemitteilung entwerfen oder
Blogbeiträge für Kampagnen. Wir betreuten auch Mitgliedermagazine
diverser Vereine, und deren Beiträge zu redigieren gehörte zu den härtesten
Aufgaben im Job, die ich lieber in meinem Zimmer am Laptop erledigte,
mit einer kühlen Flasche Bier.
Ich schlug mich also den Samstagabend über mit den Kunden herum
und ließ auf dem Laptop parallel das Aktuelle Sportstudio im Livestream
mitlaufen. Für die Borussia sah es echt nicht gut aus in dieser Saison – und
auch nicht für den unglaublich langatmigen Bericht über eine Tagung zum
Thema Inklusion, den ich auf ein Viertel kürzen musste, weil ihn sonst
wirklich niemand verstanden hätte, was beim Thema Inklusion ja besonders
blöd wäre. Danach gab ich es auf, checkte via WhatsApp die derzeitigen
Aktivitäten meiner Kommilitonen, also zumindest derjenigen, die ich auch
tatsächlich kannte. Die meisten zogen gerade durch irgendwelche Kneipen.
Das wollte ich auch und ging hinaus in die Nacht. Natürlich passierte ich
gleich zweimal die Unterführung.
In einer Kneipe stieß ich auf ein paar Leute, mit denen ich schon mal
unterwegs gewesen war und die ich nett fand. Zusammen zogen wir noch in
einen Club und in noch einen, wir tanzten viel und saßen zwischendurch an
der Theke, tranken Wodka und ich fühlte mich plötzlich in der Stimmung,
irgendjemandem mein Herz auszuschütten. Doch mein Herz war gar nicht
voll genug, um überhaupt irgendwas auszuschütten. Es war eher viel zu
leer, dachte ich plötzlich, während ich mir eine Handvoll Erdnüsse in den
Mund schob. Über ein leeres Herz kann man eigentlich gar nicht reden.
Immer noch 2. Tag

Endlich in Istanbul. Niemand hat mich am Busbahnhof abgeholt. Wir


haben das vorher so ausgemacht, dass die Brüder möglichst wenig in
Erscheinung treten. Ich nahm ein Taxi zu der Adresse, die Max mir
geschickt hatte. (Ich werde manche Namen von Leuten und Orten
ändern, denn schließlich kann alles Mögliche passieren und wer weiß,
wem dieses Buch in die Hände fällt. Sollten es jemals irgendwelche
syrischen, türkischen oder deutschen Behörden in die Finger kriegen,
will ich nicht, dass es den Brüdern oder unserer Sache schadet. Ich
bin sicher, du erkennst, wen ich meine.)

Die Fahrt mit dem Taxi dauerte endlos in diesen verstopften Straßen.
Ich hätte niemals gedacht, was für eine gottlose Stadt Istanbul ist.
Genauso gut hätte ich durch Köln oder Berlin fahren können – überall
dieselben bauchfreien Tussen und an jeder Ecke ein McDonald’s, nur
ab und zu sehe ich eine verschleierte Frau oder einen Mann in
Dschellaba; es sieht alles aus wie bei uns. Wenn wir mit Syrien und
Iraq fertig sind, müssen wir uns dringend die Türkei vorknöpfen.

Max ist bei einem Bruder namens Abdul untergekommen. Bei ihm
verbringen wir die Nacht. Auch Mert ist hier. Er hält den Kontakt zu
den Brüdern an der Grenze. Die haben schon einige von uns
rübergeschafft. Zweimal hat es allerdings nicht geklappt. Du hattest
mich doch einmal nach Hakan (echter Name) gefragt. Damals wusste
ich nichts über sein Schicksal, aber von Abdul hab ich jetzt erfahren,
dass ihn die Bullen geschnappt und eingebuchtet haben. Sie wollten
ihn zurück nach Deutschland schicken, aber die Deutschen wollten
ihn gar nicht wiederhaben. Jetzt versauert er irgendwo in einem
türkischen Knast. Mert sagt, die Brüder dort sind vorsichtiger
geworden, sie kennen sich aus, und inschallah schaffen wir es. Abdul
hat ein Auto für uns klargemacht. Morgen brechen wir auf.
Ich habe keine Angst, Akhi, vor nichts. Wir sind eine verschworene
Gemeinschaft, das geht weit über Freundschaft hinaus. Nur du fehlst.
Ich mache Du’a für dich, Bruder.
28. Oktober

Die Agentur war, wenn man von mir absah, ein Ein-Mann-Unternehmen.
Martin Golski, ein ergrauter Alt-Achtundsechziger (wie er sich selbst
nannte), bezahlte mich ziemlich gut für einen unerfahrenen
Studienanfänger. Er stammte wie ich aus dem Ruhrpott und meinte, wir
Arbeiterkinder müssten doch zusammenhalten. Ich hatte noch nie darüber
nachgedacht, ob ich aus einer Arbeiterfamilie kam. Mein Vater hatte so
viele verschiedene Berufe gehabt und war zwischendurch so oft arbeitslos
gewesen, dass ich es gar nicht hätte sagen können. Vielleicht meinte er das.
Ich hätte aus dem Text echt das Beste rausgeholt, lobte mich Golski, als
ich Montagnachmittag in sein Büro kam. Ich setzte mich ihm gegenüber an
seinen wuchtigen Schreibtisch, der zugleich der einzige Tisch in dem
kleinen Büro war, und er lächelte mich aus seinem Rauschebart an. Ob er
vielleicht eine Idee haben mochte, wie man eine völlig unbekannte Person
aufstöbert, die man nur einen Augenblick lang gesehen hat? Trotz seines
recht vorgerückten Alters kannte er sich exzellent mit Social Media aus und
wusste tausend Tricks, damit eine Information die richtigen Leute erreicht.
Vielleicht ging so was ja auch umgekehrt.
»Wollten Sie noch was sagen, Jakob?«
»Nee.« Ich schüttelte den Kopf. »War in Gedanken. Was liegt heute an?«
»Einiges.« Er klickte in seinem Rechner herum, dann kramte er in seiner
Dokumentenmappe, suchte irgendwas, fand stattdessen eine Zeitung.
»Sehen Sie mal«, sagte er beiläufig und schob sie mir herüber. »Von denen
können wir uns noch eine Scheibe abschneiden in Sachen Social Media
Marketing.«
Ich drehte das Blatt zu mir herum, warf einen Blick darauf und erstarrte.
Sie war es. Ich erkannte ihre Augen sofort, obwohl man sie nur im
Hintergrund sah. Den Vordergrund des Fotos beherrschte ein untersetzter
junger Mann mit einem imposanten roten Kinnbart. Dann erst las ich die
Headline: Bonner Salafisten-Verein geht in die Offensive.
»Die machen das ziemlich clever«, sagte Golski. »Facebook, Twitter,
Instagram, YouTube-Channels, alles. Und ins Print schaffen sie es auch
immer wieder, so wie hier jetzt. Nun ja. Ist halt auch sehr bildstark.«
»Allerdings«, murmelte ich und versenkte mich in die Augen, nach
denen ich seit fast einer Woche gesucht hatte. Salafisten. Ich wusste nichts
darüber, außer dass es sich um eine radikale Sekte oder etwas in der Art
handelte. Sprengstoffgürtel, hatte der Typ mit dem Bürstenschnitt gerufen.
Ein Stapel weiterer Zeitungen schlug vor mir auf und das Bild versank
darunter so unvermittelt, wie es aufgetaucht war.
»Wir hatten einige Treffer letzte Woche«, sagte Golski. »Machen Sie uns
einen schönen Pressespiegel.«
»Geht klar«, sagte ich, angelte mir Schere und Klebstift und schlug die
oberste Zeitung auf.
Golski hatte jeden Artikel, der im Zusammenhang mit irgendeinem
unserer Kunden erschienen war, mit Bleistift angekreuzt. Mein Job war es,
die Texte auszuschneiden, aufzukleben und abzuheften. Am Anfang hatte
ich vorgeschlagen, die Zeitungen einfach zu scannen und den Pressespiegel
digital abzulegen. Da dachte ich noch, er sei altmodisch und ich könnte ihm
was Neues beibringen. Aber es lag nicht an der Technik, sondern an seinen
eisernen Prinzipien. Scannen verstoße nämlich gegen das Urheberrecht,
meinte er. Ich fragte, ob er Angst hätte, jemand könne seinen Rechner
hacken. Darum gehe es nicht. Sondern eben ums Prinzip. Seltsamerweise
beneidete ich ihn um seine Prinzipien. Also darum, dass er überhaupt
welche hatte, egal wie verschroben. Ich schlug die erste Zeitung auf und
begann mit dem Ausschneiden, während er irgendwas am Computer
schrieb. Mit jeder Zeitung, die ich beiseitelegte, wurde der Stapel kleiner.
Kam das Bild näher. Irgendwann gab sein Rechner ein Pling von sich. Er
schloss das Programm und stand auf.
»Termin«, sagte er. »Ein Briefing mit Sellring und seinen Leuten von der
Flüchtlingsinitiative. Komplexes Thema, es wird länger dauern.« Er reichte
mir einen Zettel. »Wenn Sie diese drei Dinge noch erledigen könnten?
Warten Sie nicht auf mich, ziehen Sie einfach die Tür zu, wenn Sie fertig
sind. Bei irgendwelchen Fragen rufen Sie an, ja? Ansonsten mailen wir
Ende der Woche noch mal.«
Er holte seinen Mantel, winkte und war raus. Die Tür klappte zu und in
der Stille knisterten die Zeitungsseiten überlaut. Ganz vorsichtig, als handle
es sich um einen Sprengsatz, zog ich die unterste Zeitung wieder hervor. Sie
war es ohne Zweifel, obwohl sie auf dem Bild einen anderen Schleier trug,
der diesmal das Gesicht frei ließ. Sie hatte dichte dunkle Augenbrauen,
volle Lippen und ein kräftiges Kinn. Verrückterweise hatte ich sie mir
genauso vorgestellt oder bildete mir das in diesem Moment zumindest ein.
Ich schätzte sie auf höchstens neunzehn oder zwanzig Jahre. Die
Bildunterzeile ignorierte sie leider völlig und urteilte stattdessen: Der
Einpeitscher: Prediger Abu Tarek alias Micha Baumann (27). Der Artikel
selbst spekulierte über die Machenschaften eines Vereins mit dem
selbstgewissen Namen Der Einzig Wahre Weg e.V., der seit fast zwei Jahren
in Bonn ansässig sei. Der Student Hakan K. und der Auszubildende
Benjamin-Dschamal R. hätten zuletzt diesem Verein angehört, bevor sie
Deutschland über Nacht mit unbekanntem Ziel verlassen hatten. In
Sicherheitskreisen gehe man davon aus, dass die beiden jungen Männer sich
in Syrien oder im Nordirak dem sogenannten Islamischen Staat hatten
anschließen wollen. Viele kleine Kämpfer für den Heiligen Krieg.
Der rotbärtige Prediger grinste kumpelhaft in die Kamera, während im
Hintergrund zehn, zwölf weitere Gesichter zu sehen waren. Männer und
Frauen säuberlich getrennt, Erstere mit fusseligen Bärten, Letztere mehr
oder weniger verhüllt, alle ziemlich jung; kaum jemand sah älter als
fünfundzwanzig aus.
Ich zog das Handy aus der Hosentasche.
Der Einzig Wahre Weg war tatsächlich bei Facebook. Ich folgte dem
Link zu einer Website. Von allein öffnete sich ein Video mit leierndem
arabischem Gesang. Ich schob das Bild weiter bis zum Kontaktbutton. Ein
Impressum gab es nicht, dafür eine Handynummer von Abu Tarek, eine Art
Hotline für alle Brüder, die irgendwelche Probleme oder Sorgen oder
einfach Fragen zum Glauben hätten. Und darunter traf ich ganz unvermittelt
wieder auf ihre Augen. Vergrößerte das Bild. Obwohl sie auf diesem Foto
wieder einen Schleier vor dem Gesicht trug, erkannte ich sie eindeutig. Sie
hatte einen Namen. Und ebenfalls eine Handynummer. Unsere Schwestern
sowie alle Frauen, die sich für den Islam interessieren, so stand es da,
können sich jederzeit an Samira wenden.
Ich holte meinen Laptop aus der Fahrradtasche, loggte mich in Golskis
WL A N ein und rief abermals die Website auf. Wieder öffnete sich ein
Video, ein anderes diesmal.
»Bismillahi rahmani rahim.« Ein Vortrag von diesem Abu Tarek. »Ich
will dir heute mal erklären, wie wertvoll du eigentlich bist.« Ich warf noch
einen Blick auf den Zeitungsbericht. Micha Baumann gelte als Shootingstar
der Konvertitenszene, hieß es da. Der von ihm gegründete Salafistenverein
DE WW werde vom Verfassungsschutz beobachtet. »Dein Leben ist zu
kurz für die Jagd nach flüchtigem Glück«, behauptete der Prediger. »E R
hat euch Gehör und Augenlicht und Herzen gegeben, sagt Allah –
subhanahu wa-ta’ala – im heiligen Qur’an. Guck dich doch mal um! Die
Gesellschaft besteht aus lauter Abhängigkeiten: Die Menschen sind
kaufsüchtig, süchtig nach Alkohol und Nikotin, nach Arbeit und Sex, nach
Vergnügungen aller Art, weil sie Angst vor der Stille haben; denn dann
könnte es geschehen, dass sie aus Versehen über ihr Leben nachdenken.«
In einem zweiten Tab öffnete ich Wikipedia und fand einen kurzen
Eintrag über Micha Baumann, geboren in Duisburg, abgebrochenes
Ingenieurstudium, Konversion zum Islam, zwei Jahre Studien in Ägypten.
Ich sah, dass die Bearbeiten-Funktion des Artikels gesperrt war, und klickte
auf die Diskussionsseite, die bei solchen Themen meistens mehr Aufschluss
gibt als der eigentliche Text. Dort stritt man um die Verwendung des
Begriffes Hassprediger und darum, ob nachzuweisen sei, dass Micha
Baumann junge Leute als Kämpfer für den bewaffneten Dschihad
rekrutiere.
»Vor allem anderen aber«, fuhr der Gemeinte fort, »sind die Menschen
süchtig nach schneller, unverbindlicher Befriedigung. Die Kuffar sprechen
von ihren Süchten und nennen es Freiheit. Sie unterwerfen sich RT L und
der B I L D -Zeitung und nennen es Demokratie.« Mit seinem kahlen Schädel
und dem roten Zottelbart wirkte er nicht so, wie ich mir einen Hassprediger
vorstellte. Trüge er nicht dieses lange weiße Gewand, sondern, sagen wir
mal, eine schwarz-gelbe B VB -Kutte, hätte er locker als einer meiner alten
Homies durchgehen können. Er sah mir direkt in die Augen. Also in die
Kamera, aber es wirkte sehr eindringlich, als er seine Zuschauer jetzt
beschwor: »Überall brüllt dich die Werbung an, tausend lachende Gesichter
versprechen dir das Glück. Aber diese Leute werden am Ende nicht mit dir
im Grab liegen. Am Ende wirst du allein in deinem Grab liegen! Doch bis
dahin hast du alles in deiner Hand. Ob du dich weiter von innen und außen
zudröhnst. Oder ob du aufwachst und den wahren Weg findest.« Er
zwinkerte. »So, da kannste getz mal drüber nachdenken, inschallah.«
Das Telefon klingelte und ich zuckte zusammen, als hätte mich jemand
bei etwas ertappt. Bevor ich mich entschließen konnte, das Gespräch für
Golski anzunehmen, sprang die Mailbox an, und plötzlich herrschte wieder
Ruhe. Auch Abu Tarek hatte wohl seine Predigt beendet, stattdessen ging
nach einer Sekunde vollkommener Stille wieder der leiernde Gesang los.
Die einsame Stimme aus den fernen Tiefen einer sehr fremden Seele stieg
von meinem Laptop auf und verlor sich unter der hohen Altbaudecke. Ich
schaltete den Ton aus. Dann scrollte ich auf der Website rasch nach unten
und musterte noch einmal Samiras Augen, bevor ich die Telefonnummer in
mein Handy tippte und speicherte. Anschließend klappte ich meinen
Rechner zu, griff wieder zur Schere und widmete mich meiner Arbeit.

Als ich heimkam, war Liz nicht da. Montags ging sie zum Turnen. Oder zur
Chorprobe, ich konnte es mir nicht richtig merken. Sie hatte sofort
begonnen, sich in der Stadt ein neues Umfeld aufzubauen, wie man das
nennt, um ihre Hobbys zu pflegen, und nervte mich manchmal damit, dass
ich mir doch auch einen neuen Basketballverein in Bonn suchen könnte.
Aber darauf hatte ich überhaupt keinen Bock. Wenn ich einfach dasselbe
weitermachen wollte wie zu Hause, hätte ich doch nicht weggehen
brauchen. Aber andererseits war ich eben auch nicht richtig weggegangen,
bloß um die Ecke, gerade mal eine Stunde mit dem Zug. Ich streckte mich
auf meinem Bett aus. Du wirst allein in deinem Grab liegen. Für den
Moment gefiel es mir, allein zu sein. Ich holte den Rechner hervor und
surfte bäuchlings auf dem Bett liegend durch Videos von Abu Tarek und
andere Clips aus der Szene. Es gab Tausende davon, man könnte Wochen
damit zubringen, sich bloß einen Bruchteil anzusehen. Ich schaute mir an,
was für Typen diese Sachen likten. Ich klickte auf ihre Profile und
betrachtete ihre Freunde. Irgendwann stieß ich auf Leute, die tatsächlich im
Krieg waren, im Dschihad! Zumindest behaupteten sie das. Warfen sich mit
ihren Maschinengewehren in Pose, hantierten auf unscharfen Handyfotos
mit Sachen herum, die man bei der schlechten Bildauflösung für
abgeschlagene Köpfe westlicher Journalisten halten konnte oder auch für
Wassermelonen. Teilten Gedichte übers Töten, trauerten um gefallene
Kumpels und zeigten zwischendurch auch mal Katzenfotos; Kommentar:
Maschallah, Akhi, echt voll süß! Die Welt war dank Social Media vielleicht
nicht unbedingt wahnsinniger als früher, aber vermutlich konnte man es
einfach besser sehen, dachte ich.
Ob die NS A und die anderen Geheimdienste all diese Websites und
Blogs, Facebook-Profile und YouTube-Channels überwachten? Ob sie wohl
schon registriert hatten, dass Jakob Kuhn aus Dortmund in seiner Bonner
Studentenbude saß und sich das Zeug reinzog? Hatte längst ein Saugnapf
ihrer Tentakelarme an meiner I P -Adresse angedockt? Ein kleiner
Gruselschauer lief über meinen Rücken und fühlte sich gut an. Das war eine
Vorstellung wie aus einem Kinofilm oder einem Videogame. Gegen ein
bisschen Action in meinem Leben hätte ich gar nichts einzuwenden gehabt.
Aber das, was man so oft las und hörte, nämlich dass sich islamistische
Terroristen im Internet selbst radikalisiert hätten, das kam mir lächerlich
vor. Diese Prediger hatten ja gar nicht mal unrecht, wenn sie der
sogenannten westlichen Welt vorwarfen, oberflächlich und konsumgeil zu
sein, wenn sie die weltweite Armut anprangerten, die Umweltzerstörung,
die Tatenlosigkeit der Regierungen angesichts des Elends der Millionen von
Flüchtlingen. Doch dass die Antwort auf all das in einem kryptischen,
tausendvierhundert Jahre alten Buch nachzulesen sein soll, war für meinen
Geschmack ein bisschen zu kurz gedacht. Natürlich sah ich ein, dass unsere
Welt völlig übersexualisiert war, aber zur Lösung konnte ganz sicher nicht
gehören, alle Frauen in schwarze Schleier zu stecken und zu Hause
einzuschließen. Kein denkender Mensch konnte auf so was kommen.
Wieder schaute ich mir Samiras Foto an. Sie wirkte nicht, als trüge sie ihre
Kluft aus irgendeinem Zwang heraus. Oder als hockte sie bloß zu Hause
rum.
»Geht raus auf die Straßen, Geschwister«, forderte Abu Tarek in meinem
Laptop. »Ruf die Menschen auf den Weg deines Herrn, sagt Allah –
subhanahu wa-ta’ala.«
Ich schaute auf Samiras Nummer in meinem Telefonverzeichnis wie auf
einen unzugänglichen Zahlencode. Dabei musste ich nichts weiter tun als
das kleine grüne Symbol berühren. Die Zeitung hatte geschrieben, dass der
Verein überwacht werde. Und sie, Samira, schien keine unwichtige Rolle in
dem Laden zu spielen, wenn sie schon als Kontaktperson fungierte. Wurde
ihr Telefon abgehört? Würden sie alles mithören, falls ich Samira
tatsächlich anrief? Da war wieder dieser Schauer. Ich klappte den Rechner
zu, stand vom Bett auf und tippte das Icon mit dem kleinen Hörer an.
Sie meldete sich beinahe sofort: »As salamu alaikum, hier ist Samira.
Was kann ich für dich tun, Ukhti?«
»Ukhti?«, wiederholte ich perplex. »Wer ist Ukhti?«
Kurze Pause. Dann sagte sie: »Ukhti heißt Schwester. Aber du bist keine,
wie ich höre.«
»Ähm … nein. Ich heiße Jakob. Wir sind uns neulich mal – na ja, nicht
richtig begegnet. Ich bin der Typ, der …«
»Ja, ich erkenne deine Stimme.« Es klang, als lächle sie. »Es war sehr
couragiert, dass du versucht hast, mir die beiden Kerle vom Leib zu halten.
Ich danke dir dafür.«
Versucht? Was heißt denn hier: versucht?
»Bitte schön«, sagte ich bloß.
Wieder eine Pause.
»Rufst du mich deshalb an? Damit ich mich bei dir bedanken kann?«
Gute Frage. »Woher hast du überhaupt meine Nummer?«
»Von eurer Website. Ich hab aus Zufall einen Artikel über euch in der
Zeitung gesehen, so kam ich drauf.«
»Aha«, machte sie. »Dann kannst du dir sicher denken, dass ich anders
lebe als die meisten anderen Leute in diesem Land. In deiner Welt wäre es
vielleicht angemessen, dass ich dich jetzt frage, ob ich dich zum Dank auf
einen Kaffee einladen darf.«
»In deiner Welt wohl eher nicht, schätze ich.«
»Genau. Also, nochmals vielen Dank.«
Plötzlich wurde ich nervös. Ich wollte nicht, dass sie auflegte. Mein
Blick irrte im Zimmer umher und blieb an dem zugeklappten Laptop
hängen, als könnte der mir was soufflieren.
»Bitte schön«, wiederholte ich und sagte hastig: »Was mich interessieren
würde … Wenn euer Prediger, euer Imam oder wie ihr das nennt, also wenn
der sagt, dass am Ende jeder allein in seinem Grab liegt – worauf will er
damit hinaus?«
»Wir haben keinen Imam«, erwiderte sie. »Wir sind einfach nur
Geschwister im Islam. Abu Tarek predigt für uns. Und du kannst ihn gern
selber fragen, die Telefonnummer des Bruders steht über der von mir. Hast
du bestimmt gesehen.«
»Aber ich frage dich«, beharrte ich.
Neue Pause.
»Es ist natürlich schön, wenn du dich für den Islam interessierst. Abu
Tarek kann dir alles erklären. Das hier ist eine Hotline für Mädchen und
Frauen. Und aus gutem Grund. Die Erfahrung zeigt, dass es hilfreich ist,
über Glaubensfragen von Mann zu Mann oder von Frau zu Frau zu
sprechen. Und außerdem ist es nach meinem Glauben haram, wenn Männer
und Frauen, die weder verwandt noch verheiratet sind, allein miteinander
sprechen.«
»Haram?«
»Haram bedeutet, dass etwas schädlich, ungesund oder sonst wie
schlecht für die Menschen ist – und darum im Islam verboten.«
»Und warum ist es schädlich und ungesund, dass ich mit dir rede?«,
setzte ich nach. »Du könntest mir doch zumindest diese eine Sache
erklären.«
»Hör mal, Jakob – so war doch dein Name? Also, Jakob – interessierst
du dich nun für den Islam oder eigentlich doch eher für mich?«
Diese Frage war ein bisschen zu direkt. Ich schwieg einen Augenblick.
»Ruf Abu Tarek an«, sagte sie. »Oder komm zu einem unserer Treffen.
Wir haben nichts zu verbergen, jeder kann hinkommen und sich das
anschauen. Auf unserer Facebook-Seite findest du alle Termine.«
»Okay.« Ich gab mich geschlagen. »Vielleicht mache ich das.«
»Schön. Nun wünsche ich dir alles Gute. Und nochmals vielen Dank.«
»Ja. Ciao.«
Aufgelegt.
Sie glaubte natürlich nicht im Geringsten, dass ich jemals tatsächlich
dort aufkreuzen würde. Ich auch nicht.
4. Tag

Totaler Frust.
Eigentlich komisch, denn ich sitze auf einer satten Wiese voller
Wildblumen im Schatten eines alten Ölbaumes, neben mir ein Glas
Tee und auf dem Schoß das Buch von dir, Akhi. Es wäre bestimmt
wundervoll, hier Urlaub zu machen. Aber deswegen sind wir halt
nicht hier.
Gestern kamen wir in der Nähe von Antakya an; wo genau, spielt
keine Rolle. Heute Morgen wollten wir mit dem Bus weiterfahren.
Rüber nach Sham. (Ich weiß, du hältst es für Poserei, wenn ich »al-
Sham« sage statt Syrien. Aber hier sagen es halt alle.)
Enes, einer der Brüder, die sich hier um uns kümmern, hat uns zum
Bus begleitet. Kurz bevor wir einsteigen wollten, tauchten drei
Männer auf. Völlig normale Typen in normalen, leicht staubigen
Anzügen. Sie stiegen aus ihrem Wagen und sahen sich um. Einer
telefonierte, ein zweiter rauchte, der dritte glotzte mich an. Sie wären
mir wohl trotzdem nicht gleich aufgefallen. Aber Enes erkannte sofort,
dass das Bullen sein mussten. Die Deutschen informieren die
türkische Polizei ja über jeden Verdächtigen, der ausreist. Und lassen
dann die Türken die Drecksarbeit machen. Wie bei Hakan. Nun
wussten wir aber eben nicht, ob sie exakt hinter uns her waren oder
nur allgemein auf der Suche nach Kämpfern. Jedenfalls beobachteten
sie vor allem Max und mich total penetrant. Ich versuchte krampfhaft,
nicht andauernd zu ihnen rüberzusehen, aber ich spürte die ganze Zeit
ihre kalten Blicke auf der Haut.
Mert schlug vor, dass wir einfach zurück zum Haus von Enes’ Onkel
gehen sollten (dort hatten wir uns einquartiert), aber Enes meinte,
das sei ebenfalls verdächtig – also wenn wir erst hier auf den Bus
warten, um dann aber gar nicht einzusteigen, sondern einfach wieder
abzuziehen. Schließlich machten wir es so: Mert und Abdul stiegen
ein, während Enes, Max und ich so taten, als würden wir sie bloß
verabschieden. Wir winkten dem Bus hinterher und gingen dann. Die
drei Polizisten blieben reglos stehen, auch nachdem der Bus
abgefahren war. Sie sahen uns nach, bis wir um eine Ecke
verschwunden waren.
Jetzt ist es Nachmittag. Die Minuten vergehen zäh wie flüssiges Blei.
Musstest du als Kind auch an Silvester immer Blei gießen, um die Zeit
bis Mitternacht totzuschlagen? Mein Vater bestand jedes Jahr darauf,
weil er es wichtig fand, dass wir mit angeblich deutschen Gebräuchen
vertraut würden. Und nun sitze ich hier unter dem Baum und warte
wieder so ungeduldig auf Mitternacht wie früher. Enes sagte etwas
von einem Plan B. Sie wollen uns irgendwie bei Nacht über die
Grenze schaffen. Bis dahin nerven sie uns. Wollen uns anscheinend
nicht aus den Augen lassen. Das sei die Stunde des Schaitan, sagt
Enes. Der Moment, in dem uns der Teufel in Versuchung führt, uns
Zweifel ins Herz träufelt, um unseren Mut zu vergiften und unseren
Willen aufzuweichen. Was er eigentlich damit sagen will: ’ne Menge
Brüder auf dem Weg nach Sham kriegen hier an dieser Stelle Schiss.
Manche angeblich wörtlich, subhan Allah, sie kacken sich zu aus
lauter Angst vor ihrem eigenen Mut! Max hat es von einem gehört, der
schon mal dabei gewesen ist. Hier ist die letzte Station der Welt, wie
wir sie kennen, mein Bruder. Keine Stunde von hier herrscht Krieg.
Max fummelt andauernd an seinem Handy rum. Angeblich schickt er
ermutigende Grüße an die Brüder zu Hause – du weißt ja selber, was
der immer für ein Zeug twittert und postet. Ich glaube ihm aber nicht.
Vorhin hatte ich den Eindruck, er schreibt seiner Mutter. Oder seiner
Exfreundin, einer deutschen Schlampe, die ihn verlassen hat, als er
konvertiert ist. Ich hab mein Handy ausgemacht und Enes davon
überzeugt, dass der Schaitan mich mal kreuzweise kann; also
sinngemäß. Ich brauchte einfach etwas Ruhe, um den Kopf
freizukriegen. Das Adrenalin runterzufahren. Es nutzt ja nichts, mich
jetzt die ganze Zeit aufzuputschen, bloß um mich vom Grübeln
abzuhalten; und heute Nacht an der Grenze fehlt mir dann am Ende
die nötige Konzentration. Nein, ich will Ruhe haben und bin wieder
voller Dankbarkeit für deine wundervolle Idee, mir dieses Buch zu
schenken. Vorhin, als ich meinen heutigen Eintrag begann, war ich
noch total aufgewühlt. Aber das Schreiben hat mir geholfen, meine
Gedanken zu ordnen. Ich sehe alles klar vor mir. Ja, ich habe auch
Angst – ich bin schließlich ein Mensch und keine Maschine. Aber ich
weiß, dass dieser Weg richtig ist, und Allah (swt) wird mich tragen.
30. Oktober

Ein rostiger Zaun umgab einen großen Hof voller Schlaglöcher und grenzte
an eine lang gestreckte Lagerhalle. Ich folgte dem Zaun und schaute durch
die Gitterstäbe wie ein Zoobesucher ins Gehege einer seltenen Tierart. Ein
bunter Haufen von achtzig oder neunzig Leuten hatte sich dort eingefunden,
das heißt – eigentlich waren es zwei Haufen, denn Männer und Frauen
standen strikt getrennt voneinander jeweils in Grüppchen beisammen. Nur
ein paar Kinder wuselten unbekümmert zwischen den Gesprächstrauben hin
und her. Ich erkannte Samira sofort. Sie trug einen offeneren Schleier,
ähnlich dem auf dem Zeitungsbild, der ihre Haare, den Hals und die
Schultern bedeckte, aber das Gesicht frei ließ. So hielten es die meisten der
Frauen und Mädchen bis auf eine Handvoll, deren Körper komplett von
dunklen Niqabs verhüllt war. Andere dagegen trugen bloß einen schmalen
Schal im Haar. Auch bei den Männern reichte die Spanne von kahlköpfigen
Gestalten in bodenlangen Gewändern und mit imposanten Bärten bis zu
ganz normalen Typen in Jeans und Kapuzenpulli. Mittendrin sah ich Abu
Tarek, mit einigen der wenigen älteren Männer ins Gespräch vertieft.
Wieder schaute ich zu Samira, die in diesem Augenblick den Kopf
abwandte. Sie hatte mich erkannt. Ich ging weiter und überholte drei
Rentner in beigen Windjacken, die Kameras durch die Gitterstäbe streckten
und permanent Fotos von den Versammelten machten. Es war tatsächlich
wie im Zoo, nur mit dem Unterschied, dass ich plötzlich am Tor angelangt
war, das weit offen stand. Ich hielt inne, schob die Hände in die
Hosentaschen und kam mir dämlich vor. Schon drehten sich die Ersten auf
dem Hof nach mir um. Auch die Rentner hielten einen Moment inne und
beäugten mich. Ich gab mir einen Ruck und setzte einen Fuß auf das
Gelände, dann noch einen und ging bedächtig auf die Leute zu. Aus einem
der Männergrüppchen löste sich ein junger Typ, schaute mich lächelnd an
und kam mir entgegen. Offenbar wollte er mich begrüßen oder so was. Ich
bog rasch ab und steuerte direkt auf Samira zu. Sie sah mich kommen und
blickte kurz nach links und nach rechts, als suche sie auf die Schnelle ein
gutes Versteck. Schon stand ich vor ihr.
»Da bin ich«, sagte ich und streckte ihr meine Hand hin.
»Das sieht man«, antwortete sie und verschränkte die Arme.
Ich zog meine Hand wieder ein.
»Damit hast du nicht gerechnet, was?«, fragte ich und grinste sie breit
an.
Ein paar Mädchen in unserer Nähe grinsten ebenfalls, offenbar fanden
sie mich witzig. Sie tuschelten miteinander und schauten auf irgendetwas
hinter mir. Samira auch. Bevor ich mich noch umwenden konnte, spürte ich
den eisernen Griff einer starken Hand auf meiner Schulter.
»Alles klar, Ukhti?«, fragte eine scharfe Stimme. Sie gehörte einem
jungen Kerl mit strengem Kinnbart. Er trug einen schwarzen Hoodie mit
verschlungenen Schriftzeichen darauf. Seine Augen funkelten mich
bedrohlich an. Sie waren so blau wie Samiras.
»Schon okay, Adil«, sagte sie. »Das ist der Junge von neulich, ich hab
dir davon erzählt. Der mir helfen wollte, als ich in der Unterführung von
diesen Wichsern angemacht worden bin.«
Augenblicklich ließ er meine Schulter los und hielt mir die Hand hin.
Ich zögerte kurz, bevor ich sie ergriff und drückte.
»Maschallah, das war mutig von dir«, strahlte er. »Was führt dich zu
uns?«
Jetzt leuchteten seine Augen. Er und Samira mussten Geschwister sein,
nicht nur im Glauben.
»Ich wollte mir das mal ansehen«, murmelte ich und blickte in Samiras
Richtung. Doch sie hatte sich schon weggedreht und rasch das Gespräch
mit ihren Freundinnen wieder aufgenommen. »Ich hab da in der Zeitung
was über euch gelesen und fand das interessant«, schob ich nach. Aus
irgendeinem Grund wollte ich Adil nicht erzählen, dass ich mit Samira
telefoniert hatte. Ich kannte ja all diese seltsamen Regeln nicht, da wäre es
doch blöd gewesen, sie ungewollt in irgendwelche Schwierigkeiten zu
bringen.
Adil griff wieder nach meiner Schulter, aber diesmal freundschaftlich,
und zog mich von den Frauen fort.
»Es gehört sich bei uns nicht, eine Frau anzusprechen«, erklärte er mir.
»Schon gar nicht, ihr die Hand zu geben. Es sei denn, du bist mit ihr
verwandt oder sie ist deine Ehefrau.« Er lächelte. »Ist nicht schlimm, so
was lernt man mit der Zeit. Komm mit, es fängt gleich an.«
Erschrocken sah ich mich um. Abu Tarek und die Umstehenden betraten
gerade die alte Lagerhalle, ein langer Strom formierte sich auf den Eingang
zu. Ich bekam Angst. Damit hatte ich nicht gerechnet.
»Hey, ich versteh total, dass du gehemmt bist«, sagte Adil. »Am Anfang
fühlt man sich erst mal unsicher. Aber das geht schnell vorbei.«
Am Anfang? Von was? Dachte er etwa, ich wollte mich ihnen
anschließen?
»Komm einfach mit«, wiederholte er. »Warum hast dich du sonst extra
hergetraut?«
Weil ich deine Schwester kennenlernen wollte, dachte ich. Was
allerdings völlig hirnrissig war. Ich wusste nichts über sie und konnte mir
nicht im Geringsten erklären, was da an ihr war, das mich so magisch
anzog. Kurz schaute ich noch einmal zu ihr hinüber. Sie hatte mich
beobachtet, auch wenn sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen,
sondern so tat, als sei sie ins Gespräch vertieft. Die Frauen rührten sich
nicht vom Fleck. Anscheinend war es üblich, dass sie den Männern den
Vortritt ließen.
»Stör dich nicht an den Opas«, grinste Adil, der mein Zögern
missverstand. Er nickte zu den drei Rentnern mit den Kameras drüben am
Zaun. »Die stehen da fast jedes Mal. Sind besessen davon, uns bei
irgendwas Ungesetzlichem zu erwischen. Vielleicht hoffen sie darauf,
irgendwann mal ein Knallerfoto zu schießen, das sie dann der Polizei
anbieten können.« Er lachte. »Oder wenigstens der B I L D -Zeitung. Wir
haben mal versucht, mit denen zu reden. Aber zwecklos. Völlig verstrahlte
Vollpfosten. Komm.«
Er schob mich sanft dem Eingang der Halle entgegen. Dort türmten sich
bereits Schuhe und Stiefel in langen Regalreihen. Ich tat es Adil gleich, zog
meine Schuhe aus und tappte auf Socken hinter ihm her. Das Innere der
Halle war mit einem dicken Teppichboden ausgeschlagen. Meinen Füßen
gefiel das. Überhaupt wirkte der kahle hohe Raum, der von außen nach
Zerfall und Niedergang aussah, hier im Innern warm und freundlich. Die
Herbstsonne goss ihr goldenes Licht durch die niedrigen Fenster unter der
Decke herein. Man hockte sich in Reihen auf den Boden, während Abu
Tarek am Stirnende der Halle hinter einem Tisch mit Mikrofon Platz nahm.
Verstohlen wandte ich mich um. Nun kamen auch die Frauen herein und
reihten sich hinter uns Männern auf. Unsere Blicke trafen sich kurz,
Samiras und meiner, bevor sie abermals wegschaute. Auch ich drehte mich
wieder nach vorn, denn Adil sollte nicht misstrauisch werden.
»Alles Lob gebührt Gott, dem Herrn der Schöpfung«, hob Abu Tarek
feierlich an. »Segen und Frieden seien auf dem Gesandten Gottes, unserem
Propheten Muhammad, seiner Familie und seinen Gefährten. Heute
sprechen wir noch mal über das Einhalten der Gebetszeiten, denn dazu hab
ich zuletzt wieder ’ne Menge Fragen gekriegt.« Er kramte einen Zettel
hervor. »Ich sag ja immer: Fragt alles, was ihr noch nicht verstanden habt,
keiner muss sich schämen. Wenn dich meine Diener nach Mir fragen, so bin
Ich nah, sagt Allah – subhanahu wa-ta’ala – im heiligen Qur’an.« Es klang,
als sei ich hier in einen Kurs für Anfänger geraten, nicht in eine
verschworene Gemeinschaft von Extremisten, auf die die Geheimdienste
dringend ein Auge haben müssten. Die meisten schienen keine geborenen
Muslime zu sein oder aus muslimischen Ländern zu stammen, sondern
waren Kinder deutscher Eltern, als Christen oder einfach ohne Konfession
ins Leben entlassen. So wie ich. Aus irgendeiner Sentimentalität hatten
meine Eltern mich taufen lassen und ich war auch noch zur Erstkommunion
gegangen. Ich erinnere mich an einen schrecklichen Tag in einem zu engen
dunklen Anzug, der mir das Atmen so schwer machte wie die sabbernden
Küsse meiner Tanten. Immerhin hatte es coole Geschenke gegeben. Seither
war mir Religion nicht mehr begegnet. Für mich war das ein Nebel aus
wolkigen Phrasen gewesen, die mit meinem Leben nichts zu tun hatten.
Auch jetzt konnte ich nicht richtig zuhören. Ich spürte Samiras Blicke auf
meinem Rücken. Leider traute ich mich nicht, mich noch einmal zu ihr
umzudrehen. Die ganzen Leute hier schienen es tatsächlich wichtig zu
finden, noch vor Sonnenaufgang Fadschr, das erste Gebet des Tages, zu
verrichten und zu wissen, wann der richtige Zeitpunkt dafür war. Sie kamen
mir in keiner Weise manipuliert, debil oder irre vor, was immer ich erwartet
haben mochte. Es waren sehr junge, sehr ernste Gesichter, die gebannt dem
Vortrag folgten.
»So«, sagte Abu Tarek und drehte seinen Zettel um. »Jetzt zu einem
ganz anderen, echt nervigen Thema.« Er blickte in die Runde. »Wer von
euch wird manchmal von den Kuffar blöd angemacht wegen al-Qaida oder
Boko Haram oder Daulad al-Islamiya?«
Alle Hände schossen in die Höhe. Außer meiner natürlich.
Adil beugte sich zu mir. »Daulad al-Islamiya, das ist der Islamische
Staat«, flüsterte er, »diese Kampforganisation in Syrien und dem Irak.«
»Und was sind Kuffar?«, flüsterte ich zurück.
»Die Ungläubigen«, antwortete Adil.
»Aha. Wie ich.«
»Noch«, lächelte er. »Vielleicht, inschallah, wird Gott dich rechtleiten.«
Ich zuckte unwillkürlich vor ihm zurück.
Die Hände senkten sich wieder und Abu Tarek fragte weiter: »Was gebt
ihr denen zur Antwort?«
»Gar nichts«, rief einer. »Mit Kuffar diskutiere ich nicht mehr.«
Beifälliges Gelächter. Auch der Prediger grinste, doch dann sagte er:
»Kann ich verstehen, bringt aber nix. Streite mit ihnen auf gute Art, sagt
Allah im heiligen Qur’an. Wir müssen also mit denen reden. Auch wenn’s
Arschgeigen sind.«
Wieder lachten einige, dann rief jemand, als wäre das einstudiert: »Was
sagst du ihnen denn, Akhi?«
Abu Tarek ließ einen Moment seinen Blick über die Menge gleiten, wie
um sich zu sammeln. Dann fragte er rhetorisch: »Müssen sich Christen
andauernd für die Kreuzzüge rechtfertigen? Muss ein Katholik sich jeden
Tag davon distanzieren, dass manche seiner Priester kleine Jungs
vergewaltigen? Musste schon jemals irgendwo ein Atheist sich dafür
erklären, dass Stalin Millionen Menschen im Gulag krepieren ließ? Subhan
Allah! Wir haben schon genug erklärt. Ist es nicht an der Zeit, dass die
andern mal was erklären? Das ist es, was ihr ihnen antworten sollt.«
Applaus brandete auf und gab ihm recht.
»Da könnt ihr getz mal drüber nachdenken«, rief er. »Takbir!«
Das schien eine Art Kommando zu sein, denn wie auf Knopfdruck
erscholl als Antwort der Ruf: »Allahu akbar!« Es waren nur die Männer, die
riefen. Das kehlige Donnern ließ die Wände beben. »Allahu akbar!« Es
machte mir eine Gänsehaut.
Ich stupste Adil an und flüsterte: »Was er gesagt hat, klingt gut, aber um
eine richtige Antwort hat er sich herumgedrückt. Wie steht er denn nun
dazu? Zu diesem I S und alldem?«
Adil musterte mich einen Moment lang intensiv, dass ich schon Angst
bekam, ich hätte einen mächtigen Fehler gemacht. Doch dann zuckte er
bloß mit den Achseln.
Abu Tarek hatte sich von seinem Stuhl erhoben und das Mikrofon vom
Ständer abgeschraubt. »Zum guten Schluss, liebe Geschwister«, hob er
feierlich an und strahlte wie der Weihnachtsmann, »haben wir auch heute
wieder Zuwachs.«
Ich erschrak zu Tode. Aber ich war gar nicht gemeint. Abu Tarek warf
einen Blick auf seinen Spickzettel und fragte: »Wer von euch ist Jonas
Laubach?«
Irgendwo reckte sich zögerlich ein Arm.
»Steh auf, es tut nicht weh«, witzelte Abu Tarek. »Komm zu mir.«
Ein schmächtiger Blondschopf mit Hornbrille kam wacklig auf die
Beine und bahnte sich umständlich seinen Weg durch die Reihen der
Männer bis an den Tisch des Predigers. Der legte dem Jungen einen
väterlichen Arm um die schmalen Schultern, hielt ihm mit der anderen
Hand das Mikrofon hin und sagte: »Du bist Jonas, ja? Der gestern Nacht
noch mit mir gechattet hat? Ja? Und heute Morgen hast du mir geschrieben,
dass du so weit bist. Ja? Alle Fragen geklärt? Ja? Alhamdulillah,
alhamdulillah!«
Der Junge nickte zu jeder Frage stumm mit seinem knallroten Kopf.
»Dann sagen wir jetzt gemeinsam die Schahada, Jonas. Bist du
aufgeregt?«
Wieder nickte der Junge.
»Go, Jonas!«, rief jemand in der ersten Reihe. »Du packst das!«
Abu Tarek gerierte sich wie ein Showmaster, blinzelte seinen Fans
kumpelhaft zu und klopfte dem Kandidaten auf die Schulter. »Aschhadu an
la ilaha illa ’llahu.«
»Ich glaube«, sagte Jonas mit dünner Stimme und räusperte sich, »ich
glaube, dass nichts anbetungswürdig ist außer Gott.«
»Wa-aschhadu anna Muhammadan rasulu ’llah«, sagte Abu Tarek.
»Und ich glaube«, schloss Jonas an, dessen Stimme mit jedem Wort
fester wurde, »dass Muhammad der Gesandte Gottes ist.«
»Jetzt ist er Muslim«, flüsterte Adil mir zu. »Einer von uns.«
»Takbir!«, schrie Abu Tarek.
»Allahu akbar!«, schrien wir zurück. Wir? Ja. Ich hatte mitgebrüllt. Es
war ansteckend.
Doch genauso plötzlich herrschte wieder Stille. Abu Tarek wandte sich
ab, drehte uns den Rücken zu und alle standen auf, hoben ihre Hände.
Offensichtlich begannen sie zu beten. Ein bisschen ratlos schob ich meine
Hände in die Hosentaschen. Solange alle um mich herum standen, fiel ich
nicht weiter auf, doch plötzlich warfen sie sich nieder, pressten Stirn und
Nase auf den Boden und ich kam mir wie ein Depp vor. Sie knieten vor mir,
neben, hinter mir; ans Abhauen war nicht zu denken. Also hockte ich mich
irgendwann einfach wieder hin und wartete. Gab mich dem merkwürdig
vertrauten Klang von Abu Tareks Stimme hin und ließ die Gedanken
ziehen. Eine seltsame Entspanntheit überkam mich. Ja, beinahe ein Gefühl
von Geborgenheit inmitten dieser fremden Menschen mit ihren fremden
Ritualen … Fast schreckte ich hoch, als es plötzlich zu Ende war.
»Und jetzt wird gefeiert«, rief Abu Tarek. »Holt das Essen rein.«
Nach und nach erhoben sich alle, die Versammlung löste sich auf. Aus
einem Nebenraum wurden Tische und Stühle herbeigeschleppt, andere
strömten nach draußen.
»Na, was sagst du?«, fragte Adil. »Was hältst du von unserem Haufen?
Wirst du noch mal wiederkommen?«
»Ehrlich gesagt …« Ich zögerte. Er war mir auf Anhieb sympathisch
und deshalb wollte ich ihm keinen Mist erzählen. »Eher nicht.«
Er holte Luft, als wolle er zu einem langen Vortrag ansetzen, doch
schließlich atmete er einfach aus und lächelte: »Dann bleib doch wenigstens
zum Essen. Du bist herzlich eingeladen. Unsere Frauen kochen echt super,
Mann.«
»Jedenfalls habt ihr hier klar verteilte Geschlechterrollen, was?«
»Tja«, meinte er, »es hat sich bewährt. Und? Bleibst du?«
»Mm … nee. Ich muss los. Aber danke.«
Ich erwiderte seinen kräftigen Händedruck und wollte mich zum Gehen
wenden. Da hielt er mich zurück.
»Noch was. Ganz egal, ob Gott dich rechtleitet oder nicht – du hast dich
für meine Schwester eingesetzt, das vergesse ich dir nicht.« Er zog eine
Visitenkarte hervor und reichte sie mir. Adil Hafiz. Und eine Handynummer.
»Solltest du jemals irgendein Problem haben und Hilfe brauchen, ruf mich
an. Spielt keine Rolle, wann, wo und warum. Ruf einfach an, okay?
Muslime lassen keinen hängen.«
»Alles klar«, nickte ich und schob die Karte in eine Hosentasche.
»Mach’s gut, Adil.«
Ich suchte meine Schuhe und fand sie, schlüpfte hinein und spürte ein
leises Bedauern. Paradoxerweise war ich gleichzeitig erleichtert, als ich die
Halle verließ und draußen die kühle Luft des klaren Herbstnachmittags
atmete. Etwas blitzte in mein Gesicht.
Ich ging über den Hof, schritt energisch durch das Tor und herrschte die
drei investigativen Rentner an: »Wer hat Ihnen erlaubt, mich zu
fotografieren?«
»Nur die Ruhe, junger Mann«, entgegnete der Mittlere der drei. »Was
Ihre Muselfreunde da treiben, ist doch angeblich eine öffentliche
Veranstaltung. Kennen Sie irgendein deutsches Gesetz, das es verbietet,
davon Fotos zu machen?«
Nee, wohl nicht, aber das machte mich erst recht sauer.
»Und kennen Sie irgendein Gesetz«, entgegnete ich, »das deutschen
Rentnern mit zu viel Tagesfreizeit vorschreibt, alle in denselben kackbeigen
Jacken rumzulaufen?«
»Das ist doch wohl …«, empörte sich ein anderer und der Dritte im
Bunde schoss sofort ein weiteres Foto, während der Erste einen kleinen
Notizblock nebst Kuli aus der Tasche seiner betonfarbenen Jacke nestelte.
»Wie heißen Sie?«, fragte er scharf. Vielleicht war er früher U-Bahn-
Kontrolleur gewesen oder Schulhausmeister.
»Shaquille O’Neal«, blaffte ich und ließ die drei stehen, ging zurück am
Zaun entlang und an den geparkten Autos vorbei, deren Kofferraumdeckel
jetzt aufsprangen, weil die Frauen des Einzig Wahren Weges Unmengen an
Körben, Schüsseln, Servierplatten ausluden. Anscheinend sollte es da
drinnen eine ziemliche Schlemmerei werden. Und ganz unvermittelt stand
Samira vor mir. Es wirkte absolut wie ein Zufall, aber ich wollte mir gern
vorstellen, dass sie mich abgepasst hatte.
»War spannend«, sagte ich. »Danke, dass du mich eingeladen hast.
Würde es dich stören, wenn ich dich mal wieder anrufe?«
»Ja, würde es«, sagte sie. Und dann sah ich sie zum ersten Mal lächeln.
»Aber das wird dich wohl nicht daran hindern.«
»Stimmt«, nickte ich, lächelte zurück und ging weiter.
Zwei junge Frauen im Hintergrund kicherten. Das kam mir ein bisschen
so vor wie in einem Mädchenpensionat zur Kaiserzeit. Okay, ich hatte keine
Ahnung, was vor über hundert Jahren in Mädchenpensionaten abgegangen
sein mochte beziehungsweise was das eigentlich genau war, so ein
Mädchenpensionat. Ich verband damit antiquierte Regeln, Prüderie und eine
geheimnisvolle Anziehungskraft. Einen Reiz des Verbotenen, der das
Allerselbstverständlichste der Welt auf eigentümliche Weise verrucht
erscheinen ließ. So ging ich in den Abend hinein, vorbei an den Autos mit
Kennzeichen aus allen Teilen Nordrhein-Westfalens, aus Belgien und
Holland und weiter vorbei an meist leer stehenden Lagerhallen,
Werkstätten, Bürogebäuden, denn dieser Versammlungsort lag inmitten
eines abgelegenen Gewerbegebiets und der Weg zur nächsten Bushaltestelle
war weit. Ich blickte mich nicht um, weil mir die Vorstellung gefiel, dass
Samira kurz stehen geblieben war und mir ihrerseits hinterherschaute. Ich
warf mir einen Kaugummi ein und ließ die Gedanken ziehen.

Vielleicht hätte ich stattdessen die Zeit nutzen sollen, mir eine gute Story
dafür auszudenken, wie ich meinen Nachmittag verbracht hatte. Denn als
ich heimkam, stand natürlich Liz in der Küche und kochte – von wegen
Geschlechterrollen, haha! –, wandte sich zu mir um und fragte: »Hey, wo
warst du? Hab nicht gewusst, dass du nach der Uni noch was vorhattest.«
»Hab mich mit ein paar Leuten verquatscht«, brummte ich.
»Was für Leuten?«
»Hey – soll ich dir ’ne Liste machen oder was? Mit Telefonnummern?
Dann kannst du sie anrufen und ausfragen.«
Nein, ich war echt nicht nett zu ihr; vor allem war ich nicht fair. Sie
hatte sofort geschnallt, dass ich etwas vor ihr verbarg. Aber ich konnte ihr
nicht erzählen, wo ich gewesen war. Denn dann hätte ich ihr die ganze
Geschichte präsentieren müssen, von Anfang an, und angefangen hatte es
schließlich mit Samiras Augen. An jenem Abend hätte ich Liz gleich von
meiner Begegnung in der Unterführung berichten können, bestimmt hätte
sie mich sogar für meinen Mut bewundert. Aber der Moment war vertan
und kam nicht zurück.
»Schieb dir deine Liste samt den ganzen Leuten in den Arsch«,
schimpfte sie. »Du kannst ja rumhängen, mit wem du willst. Und du musst
mir auch nichts davon sagen. Bloß verschone mich damit, mir so einen
Scheiß aufzutischen, hab mich mit ein paar Leuten verquatscht.« Sie äffte
meinen Tonfall nach und ihre Worte trieften vor Hohn. Scheppernd holte sie
einen Teller hervor und knallte die Schranktür zu. Irgendwas hatte sich in
ihr aufgestaut, dachte ich, vermutlich in uns beiden, wir waren doch beide
ätzend zueinander. Sie schaufelte Risotto auf ihren Teller, schaltete den
Herd aus und sagte: »Ich esse in meinem Zimmer. Allein.«
Und dampfte ab.
Ich schaute ratlos in den Topf. Es duftete wie immer gut, aber ich hatte
gar keinen Hunger. Meine Unaufrichtigkeit lag mir im Magen. Ich hasste so
was. Ich kannte es noch von meinen Eltern. Obwohl ich da höchstens zwölf
oder dreizehn gewesen war, hatte ich doch geschnallt, was abging –
Heimlichtuerei und Lügen, das Misstrauen und all die unterschwelligen
Verletzungen, bis sie endlich die Kraft fanden, sich zu trennen. Ich hatte mir
geschworen, niemals so zu werden. Jetzt fing ich schon damit an. Ich ließ
von dem Topf ab, öffnete den Kühlschrank und holte ein Bier aus meinem
Fach. Liz war doch auch nicht aufrichtig zu mir, überlegte ich. Sie machte
mir doch auch was vor; sie konnte doch nicht wirklich glücklich sein mit
diesem kleinen Leben in ihrer kleinen, wohlgeordneten Welt zwischen Uni,
Chor und Sport, Freunde treffen und Abendessen kochen, sie spielte sich da
selbst was vor, fand ich, und mir auch, irgendeinen muffigen Film vom
Erwachsensein, in dem schon längst alles geklärt war. Sie stellte nie
irgendwas infrage, schien keinerlei Zweifel an sich selbst oder dem Leben
oder dem Universum zu haben. Und das, ehrlich gesagt, hatte doch mit
Wahrhaftigkeit auch nichts zu tun.
6. Tag

Schon wieder sitze ich da wie im Urlaub. Aber, alhamdulillah, auf der
anderen Seite. Ich würde dir gern berichten, wie wir über die Grenze
gekommen sind, doch sicherheitshalber lasse ich das, du weißt schon.
Jedenfalls wurden Max und ich von vier vermummten Brüdern in
Empfang genommen. Einer von ihnen war Deutscher, so konnten wir
uns gut verständigen. Als Allererstes kassierten sie unsere Ausweise
und Handys ein. Mir war nicht klar, wozu das gut sein sollte, aber es
störte mich nicht, im Gegenteil; irgendwas daran befreite mich. Max
aber zierte sich ein bisschen. Zumindest sein Smartphone wollte er
behalten. Der Deutsche, keine Ahnung, wie der hieß (sie sagten uns
ihre Namen nicht), fragte bloß, ob wir wohl zufällig das Video kennen,
wo zwei Typen aneinandergebunden sind und beide die Rüben
abgehauen kriegen. Das wären nämlich auch welche gewesen, die ihr
Handy nicht abgeben wollten. Da war Max natürlich sofort still und
gab das Teil her. Und der Bruder sagte etwas versöhnlicher, dass wir
die Dinger später wiederkriegen würden, wenn klar wäre, dass man
uns vertrauen kann.
Und danach begann ein ewig langes Verhör. Wir könnten ja
schließlich feindliche Spione sein. Zehn oder zwanzig Mal mussten
wir erzählen, wie wir hergekommen waren, mit wem und warum
überhaupt. Und von vorn. Irgendwann fielen uns keine Antworten
mehr ein und ihnen keine neuen Fragen. Schließlich stiegen wir alle
in einen Bulli und fuhren durch die Nacht, bis wir kurz vor dem Asr-
Gebet hier ankamen, bei dieser Villa.
Ach was, Villa – ein Palast, Akhi! Wir sitzen am Pool unter Palmen.
Die Bude hat irgendeinem Alawiten-Bonzen gehört. Seine Überreste
sind längst verfault wie die seiner Kinder und Nutten, seiner Henker
und Dealer. Hier haben wir jede Menge andere Brüder getroffen und
gehören jetzt zu einem ziemlich bunten Haufen, einer Art
internationaler Eingreiftruppe: Nizar ist Russlanddeutscher, Salih
kommt aus der Schweiz, Mirza aus Bosnien – mit denen teilen Max
und ich ein Zimmer. Daneben gibt es hier Tschetschenen und
Österreicher, Schweden und Marokkaner, Albaner und Amis und zig
andere. Wir sind alle Muhajirin – Einwanderer. Witzig, oder? Jetzt hat
Max auch einen Migrationshintergrund.
Unser Wali nennt sich Nasreddin und stammt aus Amsterdam. (Die
Walis sind die Anführer, über ihnen stehen die Emire usw.; vielleicht
dazu später mehr.) Jedenfalls reden wir hier in einem Durcheinander
von Deutsch und Türkisch, Arabisch und Englisch und seltsamerweise
kommen wir super damit klar. Wahrscheinlich auch deshalb, weil wir
außer beim Essen sowieso kaum zum Reden kommen. Wir beten und
studieren den edlen Qur’an und vor allem trainieren wir: Wir üben
das Schießen und auch den Nahkampf und außerdem ein bisschen
Erste Hilfe. Vor dem ersten Training fragte Nasreddin Max und mich,
ob wir bei der Bundeswehr gewesen seien. Nein, sagten wir, in
Deutschland sei die Wehrpflicht doch längst abgeschafft.
Tja, meinte Nasreddin, so sei das wohl in dekadenten Gesellschaften.
Dann hielt er uns Gewehre hin und sagte grinsend: »Hier, Brüder, ein
Gruß aus der Heimat.«
Ich nahm das Gewehr aus seiner Hand und schaute ihn fragend an.
»Ein G36 von Heckler & Koch«, erklärte uns Nasreddin. »Aus
Bundeswehrbeständen. Hat eure Regierung den Kurden geschickt.
Aber die, die die Waffen bekamen, brauchen jetzt keine mehr.«
»Das ist nicht unsere Regierung«, brummte ich. »Unser Staat ist das
Kalifat.«
»Sehr gut, Akhi«, lobte Nasreddin.
Aber Max guckte unzufrieden und maulte: »Ich dachte, wir kriegen
A K -47. Das G36 kann doch gar nichts.«
»Dann passt es ja zu euch«, knurrte Nasreddin. »Denn ihr könnt auch
noch nichts. Klar? Ihr seid erst mal hier, um zu lernen. Eine
Kalaschnikow kannst du dir dann immer noch besorgen, wenn du ein
richtiger Kämpfer geworden bist. Falls du lange genug am Leben
bleibst.«

Doch bevor wir zu lernen anfingen, wie man schießt und am Leben
bleibt, gab es erst mal Qur’an-Unterricht. Gestern und heute je den
halben Tag. Es ist ihnen sehr wichtig, dass wir den Qur’an kennen.
Viele Brüder aus Europa brauchen das auch tatsächlich, denn sie sind
noch ganz neu im Islam und verstehen vieles nicht. Ich hingegen
dachte bisher, dass ich schon recht viel vom Glauben wüsste. Doch die
Brüder hier sagen, ich solle ruhig alles vergessen, was ich in Dar al-
Kufr, dem Land der Ungläubigen (also quasi zu Hause), gelernt hätte.
Sie wollen, dass wir den Qur’an verstehen lernen, so wie S I E ihn
verstehen.
Okay – für dich klingt das sicher alles ziemlich streng, was ich gerade
geschrieben habe, aber es ist auch sehr cool. Akhi, wir haben alles –
Tiefkühlpizza und Kekse (nur Max muss leider ein bisschen Diät
halten, weil Nasreddin sagt, wir können keine Pummel als
Gotteskrieger gebrauchen – es sei denn mit Sprengstoffgürtel), wir
schlafen in Himmelbetten und springen in den Pausen in den
azurblauen Pool. Wir fahren mit den geilsten Karren rum. (Fast
vergesse ich zwischendurch, dass ich eigentlich hierhergekommen
bin, um mein Leben für das Paradies zu geben.) Und Waffen haben
wir für ein Heer von Millionen. Ich fragte den Wali, ob wir nicht an
der Munition sparen müssten, es sei doch schließlich Krieg. Da lachte
er nur und sagte, ich solle das nicht den Emiren zu Ohren kommen
lassen, die würden mich sofort zu einem ihrer Beamten ernennen, von
wegen typisch deutsch, so effizient, ordnungsliebend und so.
Überhaupt hat man hier eine hohe Meinung von Deutschen, selbst von
denen, die keine sind, jedenfalls nicht von ihren Eltern her oder eben
nur halb, so wie ich. Die Deutschen seien die Gründlichsten, sagte
Nasreddin, und das sei doch ein großes Lob aus dem Mund eines
Holländers, lachte er. Sie seien die Gründlichsten beim Organisieren
und so weiter. Auch beim Töten seien sie die Gründlichsten. Und beim
Foltern sowieso.
»Das liegt euch wohl einfach im Blut«, grinste er noch.
Ich denke mal, dass das witzig gemeint sein sollte.

Jetzt hab ich viel mehr geschrieben, als ich eigentlich wollte, Akhi. Ich
sehe schon, es ist ganz gut, dass man hier nicht so viel Zeit für sich
allein hat. Man kommt schnell ins Grübeln, und das kann man im
Krieg nicht gut gebrauchen. Deshalb mache ich für heute Schluss und
grüße dich herzlich, as salamu alaikum wa rahmatullahi wa
barakatuh.
2. November

Ich verbrachte das Wochenende in Dortmund, wie ich es Bartek


versprochen hatte. Nicht nur er hatte mich vermisst, sondern offenbar auch
mein Vater. Jedenfalls textete er mich zu und jammerte ohne Ende, weil
seine neueste Alte wohl gerade dabei war, sich von ihm zu trennen. Konnte
der Mann sich nicht ein paar Kumpels suchen? Musste er mich dafür
gebrauchen, ein Gespräch unter Männern zu simulieren, nur weil ich halt
jetzt achtzehn war und daran arbeitete, ein eigenes Leben zu führen? Es
interessierte mich nicht die Bohne, mit wem er vögelte oder ob überhaupt.
Ich war einfach nur froh, als ich abends endlich wegkonnte und die
Jungs in unserem alten Schuppen traf, wo wir wieder genau wie früher
zusammen am Tresen hockten. Torben und Juli waren da, Weizen-Paul und
natürlich Bartek. Ehrlich gesagt sah es nur von außen wie früher aus, aber
es war nicht mehr wie früher. Torben (Jura, Marburg) und Juli (B WL ,
Erlangen-Nürnberg) inszenierten eine affige Diskussion über internationales
Wirtschaftsrecht, als wären sie keine Erstis, sondern längst etablierte
Geschäftsleute. Bartek maulte mich voll, weil ich Liz nicht mitgebracht
hatte. Nur Paul hielt wie immer die Klappe und trank sein Weizenbier.
Nicht der unangenehmste Gesprächspartner. Zwischendurch schob ich eine
Hand in die Hosentasche und fühlte die Karte von Adil, die ich seit drei
Tagen mit mir herumtrug wie einen Talisman. Natürlich würde ich ihn
niemals anrufen, da war ich mir sicher, aber während ich meine alten
Buddys musterte, fragte ich mich unwillkürlich, wen von den vieren ich am
ehesten um Hilfe bitten würde, wenn ich mal so richtig in der Scheiße säße.
Wohl Bartek, die treue Seele. Der hätte sogar ein Flugzeug entführt, um
mich aus Afrika zu holen, falls ich dort in Not geraten wäre. Aber ich war
ja nicht in Afrika. All das war genauso theoretisch wie die absurde Debatte
zwischen Torben und Juli. Irgendwann zuckte Paul zusammen und zog sein
Handy hervor, schaute auf das Display und ging, eine Entschuldigung
murmelnd, hinaus.
»Aha«, sagte Juli. »Das ist sicher seine Ische.«
»Was denn?«, wunderte sich Bartek. »Unser stiller Teilhaber, der schon
rot wird, wenn ein Mädchen nur vorbeigeht, hat eine klargemacht?«
»Psst«, meinte Torben, »Paul spricht nicht darüber.«
»Wieso auch?«, meinte ich. »Er spricht doch grundsätzlich nicht gern.«
»Ja, aber darüber schon gar nicht. An der Frau ist irgendwas faul. Er hat
neulich so Andeutungen gemacht.«
»Hä?« Bartek beugte sich zu ihm hinüber. »Was denn?«
»Ziemlich kryptisch halt«, antwortete Torben, »ich hab’s nicht kapiert.
Jedenfalls klang es so, als ob er die Beziehung geheim halten will. Oder
muss.«
»Vielleicht ist sie schon älter und verheiratet«, meinte Juli. »Oder ’ne
Nonne oder so was. Oder einfach megafett und potthässlich, sodass er nicht
mit ihr gesehen werden will.«
»Manchmal gibt es halt so Sachen, die kein anderer versteht«, warf ich
ein.
»Sag bloß«, rief Bartek und blinzelte mir zu. »Willst du uns irgendwas
mitteilen?«
»Nö.« Ich trank an meinem Pils.
»Sind wir denn etwa intolerant?«, empörte sich Torben.
»Na ja«, meinte Juli. »Wenn ich an die Kiste mit Beckmüller bei der
Stufenfahrt denke … besonders tolerant war das nicht gerade.«
Wir prusteten los, und das war der Startschuss für eine
zusammenhanglose Kette uralter Anekdoten, die wir nun hervorkramten
und an denen wir uns festhielten, um uns zu beweisen, dass uns da etwas
verband. Erinnerung war das, was uns zu Freunden machte. Aber was
Neues würde sich zwischen uns nicht mehr entwickeln. Diese Erkenntnis
traf mich ganz plötzlich und tat weh. Paul kam zurück, sagte nichts, griff
sich sein Weizenbier und lachte mit uns. Keiner fragte ihn was. Vielleicht
sollte ich meinen Notfallplan revidieren und ihn anrufen statt Bartek. Paul
würde jedenfalls für Diskretion bürgen.
Mein Handy brummte. Liz schrieb, dass ich alle grüßen solle und so. Ich
schob es wieder in die Tasche. Gestern war ich kurz davor gewesen, Samira
anzurufen. Hatte es aber bleiben lassen, weil ich irgendwie meinte, ich
müsse mich erst darauf vorbereiten. Ich spürte, dass ich nur noch einen
Versuch hatte. Wenn sie mich ein zweites Mal abblitzen ließe, würde ich
kein drittes Mal mehr ihre Nummer wählen.
24. Tag

Die Zeit vergeht hier wie im Flug – Training, Gebet, Qur’an pauken,
Essen und wieder von vorn. Klingt eintönig, aber es ist ein Rhythmus,
der uns ganz miteinander eins sein lässt. Als wäre all das eine einzige
Meditation. Der Zusammenhalt unter den Brüdern ist
unvergleichlich – nie zuvor habe ich so ein Gefühl von Freundschaft
gespürt wie hier. Außer mit dir. Umso mehr fehlst du mir. Ich habe
mich gefragt, was eigentlich das ganz Besondere ist, das uns hier
zusammenschweißt. Schon klar, die gemeinsame Religion, die
gemeinsame Leidenschaft für Allah (swt) und den Propheten (sas)
spielen eine Rolle, doch all das kannte ich doch schon in Deutschland,
in Dar al-Kufr. Aber heute beim Training ist es mir plötzlich klar
geworden. Und das kam so:
Max und ich waren verdammt gut, wir waren schnell (sogar er) und
effektiv, wir stürmten eine kleine Bodenerhebung und vergaßen unsere
Deckung. Und Nasreddin rief: »Bumm. Ihr seid tot.«
Max und ich lachten und alle, die dabeistanden. Doch Nasreddin
brummte bloß: »Ich weiß nicht, was daran witzig sein soll. Versucht
gefälligst, noch ein bisschen am Leben zu bleiben. Lachen könnt ihr
im Paradies. Für den ganzen Rest der Ewigkeit.«
Da verstummten wir alle und ich musste schlucken. Max und ich
sahen uns an. Bumm, wir waren tot. Gemeinsam. Zusammen würden
wir sterben. Da begriff ich. Zusammen beten und lernen, trainieren
und essen, lachen und feiern sind eine Sache; aber zusammen in den
Tod zu gehen ist noch etwas ganz anderes. Gemeinsam zu sterben, das
ist wohl die intimste Art von Nähe, die ich mir überhaupt vorstellen
kann. Dass du diese Nähe nicht teilen kannst, schmerzt mich, Akhi.
Aber gleichzeitig stärkt es meinen Mut und meine Entschlossenheit.
Du weißt schon, was ich meine … Gerade weil du nicht hier sein
kannst, wird mein Tod doppelt wichtig sein. Für dich und für Samira.
7. November

Während ich versuchte, der Vorlesung zu folgen, führten in meinem Kopf


meine alten Kumpels Torben und Juli noch einmal ihre Pseudodiskussion
auf. Sie hatten sich erstaunlich schnell in die Tretmühle eingefügt, in die
Jagd nach Credit Points und der angesagtesten Party oder dem nächsten
Recruiting Event. Plötzlich interessierte mich, was Samira und ihr Bruder
Adil beruflich wohl machten. Vielleicht studierten sie auch. Studieren
Salafisten eigentlich? Waren nicht sogar die Attentäter von Nine/Eleven
Studenten gewesen? Da fesselte etwas an der Vorlesung meine
Aufmerksamkeit. Ich hörte eine Weile dem Prof zu, dann hob ich zu meiner
eigenen Überraschung den Arm.
»Ich verstehe nicht«, rief ich, »warum das so geregelt ist.«
»Weil der Gesetzgeber das so vorgesehen hat«, gab der Prof kurz zurück
und wollte schon fortfahren.
Doch ich hakte nach: »Das ist klar. Ich meine – warum? Welchen Sinn
hat das?«
Der Prof hielt inne, als interessiere ihn plötzlich, wer da ganz hinten
solch absurde Fragen stellte. Er kniff seine Augen gegen die hellen
Deckenstrahler zusammen und fixierte mich, bevor er antwortete: »Das
braucht uns nicht zu kümmern. Sinnfragen werden drüben im
Hauptgebäude behandelt, wo die Philosophen und Theologen sitzen.« Er
lächelte selbstgefällig. »Dort fragt man sich, warum die Dinge sind, wie sie
sind. Wir hier fragen uns hingegen, wie sie funktionieren. Und, meine
Damen und Herren – wir sorgen dafür, dass sie funktionieren.«
Einige klopften beifällig auf die schmalen Tischchen vor ihren
Klappsitzen. Ich lehnte mich zurück. Zum ersten Mal im Studium hatte ich
das Gefühl, wirklich was verstanden zu haben.

»Was haben Sie eigentlich studiert?«, fragte ich Golski, als ich nachmittags
in seinem Büro saß.
»Soziologie«, sagte er und lachte. »Wie alle damals. Und Ethnologie,
Philosophie, Geschichte und ein halbes Dutzend anderer Sachen.« Er stand
in der kleinen Teenische und rührte einen gehäuften Löffel von braunem,
natürlich fair gehandeltem Zucker in seine Tasse. »Wir haben sowieso, egal
in welchem Fach, immer nur über Marx diskutieren wollen. Den Abschluss
hab ich dann in Soziologie gemacht, aber erst nach elf Jahren.« Er
schüttelte den Kopf. »So was kann man sich heute nicht mehr vorstellen,
ich weiß.«
»Woran haben Sie gemerkt«, fragte ich weiter, »dass es für Sie das
Richtige ist, was Sie da tun?«
Golski setzte sich und sah mich nachdenklich an.
»Weiß ich nicht mehr«, gab er schließlich zu. »Jedenfalls haben wir uns
nie gefragt, mit welchem Studium man später einen möglichst guten Job
kriegt, wie die Aufstiegschancen sind und all das. Ihrer Generation geht es
da ganz anders.«
»Ja, ja, wir sind alle egoistisch und karrieregeil«, brummte ich.
»Oberflächlich und komplett unpolitisch.«
»Das sind zumindest die Zuschreibungen aus meiner Generation für die
sogenannte Jugend von heute.« Er lächelte amüsiert. »Wir wollten gegen
unsere Eltern rebellieren, die wir für viel zu angepasst hielten. Nun
rebellieren Sie gegen uns, indem Sie sich völlig angepasst verhalten. Hat
doch eine gewisse Logik.« Er schaute an die Decke, dann meinte er: »Uns
ging es damals um Befreiung. Von repressiven Strukturen und so weiter.
Oder um sexuelle Befreiung. Stattdessen herrscht heute der freie Markt, von
dem wiederum Sie und Ihre Altersgenossen umso stärker unter Druck
gesetzt werden. Dem Markt ist alles unterworfen, selbst der Sex. Vielleicht
gerade der.«
»Und um dagegen zu rebellieren, ziehen sich manche Frauen ein
Kopftuch über«, überlegte ich.
»Oh, das ist ein gewagter Gedankensprung«, meinte Golski. »Wie
kommen Sie darauf, Jakob?«
»Nur so.«

Auf dem Heimweg nahm ich fast schon gewohnheitsmäßig den Umweg
durch die Bahnunterführung, was ja Quatsch war, weil ich doch inzwischen
wusste, wie das Mädchen mit den blauen Augen hieß, ich hatte ja sogar ihre
Nummer. Vielleicht reizte mich der leichte Kitzel von Gefahr bei dem
Gedanken, die beiden Hools wieder zu treffen. Er belebte mich wie kleine
Stromstöße, die mich auch immer dann erfassten, wenn ich über
salafistische Websites surfte, mir ihre schrägen Videos reinzog und die
kruden Diskussionen in ihren Foren verfolgte. Ich nickte der hutzligen
Alten in ihrem Kiosk zu und blieb vor der Bank stehen, auf der ich neulich
gesessen und mit Bartek telefoniert hatte.
Ich hockte mich hin und schaute durch die kahlen Äste der Kastanie in
den klaren Abendhimmel über mir. Glühendes Rot ließ die Kondensstreifen
der Flugzeuge wie Reste eines Lagerfeuers glimmen. Der Horizont trug ein
Blau, so tief wie ihre Augen. Ich rief sie an.
Sie ließ mich lange warten, bevor sie dranging.
»As salamu alaikum, Jakob«, sagte sie. »Du kannst es wohl nicht
lassen.«
Offenbar erkannte sie meine Nummer oder hatte sie sogar gespeichert.
»Nein«, sagte ich. »Und es ist auch nicht haram, wenn ein Mann mit
einer Frau telefoniert; jedenfalls unter bestimmten Umständen nicht.«
»Aha«, machte sie. »Jetzt bin ich auf deine Argumente gespannt.«
»Man darf sich zu geschäftlichen oder medizinischen Zwecken
unterhalten oder um sich nach dem Befinden der Familie zu erkundigen.
Oder aus Heiratsabsicht. Oder zum Zweck der Da’wa, der Verkündigung
des Glaubens.«
»Woher hast du das?«
»Von Schaikh Muhammad Salih al-Munajjid.«
»Du warst im Internet unterwegs«, stellte sie fest und klang belustigt.
»Und welchen der fünf möglichen Zwecke hast du dir ausgesucht? Du
willst mich hoffentlich nicht heiraten.«
»Noch nicht jedenfalls«, lachte ich. »Wie geht es Adil?«
»Gut. Nächster Zweck?«
»Reden wir über Da’wa«, sagte ich. »Dafür bist du doch bei eurem
Verein zuständig, wenn ich das richtig verstanden habe.«
»Zuständig ist jeder Muslim«, verbesserte sie mich. »Was mich betrifft,
hat es sich ergeben, dass manche mich als Ansprechpartnerin wahrnehmen.
Also Schwestern, meine ich. Oder solche, die es werden wollen.«
»Du meinst deutsche Frauen, die zum Islam übertreten wollen?«
»Deutsche, Polinnen, Russinnen, Italienerinnen, Spanierinnen … der
Islam kennt keine Nationalitäten. Es gibt auch viele, die als Muslime
geboren sind, sich aber nie ernsthaft damit beschäftigt haben und nun aus
irgendeinem Grund ihr Leben ändern wollen. Inschallah kann ich ihnen ein
wenig dabei helfen.«
Ein Feuerzeug klickte und sie atmete hörbar ein.
»Rauchst du?«, fragte ich. »Ist das etwa nicht haram?«
»Es ist makruh. Unerwünscht. Ich versuche, es mir abzugewöhnen.« Sie
atmete aus. »Man muss sich eine Menge abgewöhnen, wenn man zum
Islam kommt – Schweinefleisch, Punkrock, Tanktops … Das geht nicht
alles gleichzeitig. Und muss auch gar nicht sein. Allah – subhanahu wa-
ta’ala – ist großzügig, wenn man sich zumindest bemüht.«
Ich versuchte mir vorzustellen, wie sie beim Rauchen aussah. Vor
meinem eigenen Mund formten sich kleine Atemwölkchen in der klaren
Luft. Das Blau am Horizont verwandelte sich langsam in Schwarz.
»Das klingt, als wärst du noch nicht lange dabei«, sagte ich. »Bist du
selber Deutsche?«
»Ist das wichtig?«, fragte sie.
»Ich meine, wegen deiner blauen Augen.«
»Hey«, rief sie. »Bist du Rassist?«
»Unsinn!«
»Gut. Dann hör bitte auf, Leute nach ihrem Äußeren zu kategorisieren
und in Schubladen zu stecken.«
»Okay, sorry. Aber von deinem Äußeren sieht man ja eh nicht viel.
Wegen deines Kopftuchs.«
»Hijab«, verbesserte sie.
»Bitte?«
»Kopftücher tragen alte Bäuerinnen im Allgäu oder Piraten in Filmen.
Was ich trage, ist ein Hijab.«
»Trägst du ihn jetzt gerade?«
»Nein. Ich bin zu Hause.«
Wo das wohl sein mochte … irgendwo hier in Bonn? Oder in einer
anderen Stadt? Oder direkt hinter einem der erleuchteten Fenster
gegenüber? Ich musste aufstehen. Meine Füße fingen zu frieren an. Und
auch die Hand, die mein Telefon hielt. Ich wechselte zum anderen Ohr,
schob die kalte Hand in die Jackentasche und sagte: »Ich wüsste gern, wie
dein Haar aussieht. Ob es kurz ist oder lang, welche Farbe es hat.«
»Du kommst vom Thema ab«, stellte sie fest.
Ich ging ein paar Schritte die Allee hinab und suchte nach einer guten
Erwiderung.
Stattdessen fragte sie: »Du sagtest doch neulich, dass du mich in der
Zeitung gesehen hättest. Aber als wir uns an diesem Abend in der
Unterführung begegnet sind, war ich voll verschleiert. Woran hast du mich
wiedererkannt?«
»An deinen Augen eben«, sagte ich. Da sie nicht gleich antwortete,
schob ich nach: »Die sind so blau wie dieser letzte Streifen jetzt gerade am
Himmel, falls du ihn aus deiner Wohnung sehen kannst.«
Hammer, dass ich ohne mit der Wimper zu zucken so was Kitschiges in
ein Telefon sagen konnte. Mädchenpensionat.
»Ich sehe es«, antwortete Samira. »Und wenn du bei dem Vortrag von
Abu Tarek zugehört hättest, dann wüsstest du auch, was das bedeutet.«
»Ach. Was nämlich?«
»Dass es Zeit ist für das Maghrib-Gebet. Deshalb ist unser Gespräch
jetzt zu Ende.«
»Okay, verstehe«, sagte ich gut gelaunt. Etwas an ihrer Stimme schien
mir zu verraten, dass mein Kompliment ihr gefallen hatte. »Ich ruf ein
anderes Mal wieder an.«
»Das fürchte ich auch«, meinte sie. »Mach’s gut.«
»Du auch.«
Ich schlenderte versonnen weiter, ohne das Telefon wegzustecken, ließ
mich auf der übernächsten Bank nieder und rief die Facebookseite des
Einzig Wahren Weges auf. Adil postete dort allerlei. Ich ging wie schon oft
auf sein Profil und von dort auf Samiras, das ich über Adils Freundesliste
erreichte. Ich hatte es mir inzwischen sicher hundertmal angesehen. Sie
benutzte kein Foto von sich als Profilbild, sondern eine stilisierte goldene
Flamme aus Schriftzeichen. Trotzdem wusste ich, dass sie es war. Ich
schickte ihr eine Freundschaftsanfrage. Dann kehrte ich zu Adils Profil
zurück, überlegte kurz und schickte ihm auch eine.
32. Tag

Ein großer Augenblick! Heute haben wir die Bai’a auf unseren
Kalifen – möge Allah ihn segnen! – abgelegt, den Eid, der uns
endgültig zu Bürgern des Kalifats macht. Endlich bin ich nichts
Halbes mehr, nicht Halbdeutscher oder Halblibanese und nicht länger
ein Muslim mitten im finstren Dar al-Kufr, der den Salaf nachzueifern
versucht inmitten der verrottenden westlichen Welt voller
Versuchungen und Ignoranz. Ich bin »ganz«, alhamdulillah. Und in
wenigen Tagen geht es los. Wir ziehen ins Kampfgebiet!
8. November

Zur Abwechslung kochte ich mal selbst. Natürlich für mich und Liz. Die
Arbeitsplatte teilte ich mir mit Vicky, die dabei war, Obst klein zu
schneiden.
»Sieht gut aus, was du da machst«, meinte sie.
»Kannst gern mit uns essen«, sagte ich und dachte an Liz’ Worte –
Mitbewohner können doch zusammen essen. »Es reicht locker für drei.«
»Nee, danke. Ich geh gleich noch weg. Wollte mir schnell ’n Shake
machen.«
Sie wirbelte mit dem Küchenmesser. Ich konnte mir kaum vorstellen,
dass sie wo auch immer später noch essen gehen würde – sie schien sich
ausschließlich von diesen Mixturen aus Obst, Gemüse und Eiweißpulver zu
ernähren, die sie morgens, mittags und abends mit dem Pürierstab zauberte.
Sie war ein absoluter Sportfreak, hielt mich auch für einen und versuchte
mich dauernd zu überreden, mit ihr zum Volleyball/Zumba/Eskrima/weiß
der Geier zu gehen.
Liz tauchte auf.
»Hey, darf ich kurz an deinen Rechner?«
»Klar. Ist deiner kaputt?«
»Ich such bloß was. Hatte mir doch neulich diese Pulswärmer
angeschaut, die ich vielleicht bestellen wollte.«
Sie verschwand aus der Küche und in meinem Zimmer. Schlagartig
wusste ich, was jetzt kommen würde, und widerstand dem Impuls, sofort
hinter ihr herzulaufen. Vielleicht dachte sie sich ja gar nichts dabei.
»Jakob? Kannst du mal kurz kommen?«
Falsch gedacht. Ich legte Messer und Zucchini zur Seite, wischte mir die
Hände ab und folgte ihrem Ruf in mein Zimmer.
»Ich finde nichts«, stellte sie fest und machte ein Gesicht, als hätte
jemand sie angespuckt. »Deine Browserchronik ist leer.«
»Weil ich sie geleert habe«, brummte ich.
»Warum löschst du deine Chronik?«
Weil es gut ist, ab und zu mal die ganzen Cookies und alles
rauszuschmeißen, was sich beim Surfen da so ablagert, dachte ich. Das
wäre eine gute Antwort gewesen, aber sie stimmte halt nicht, ich hatte noch
nie meinen Verlauf gelöscht.
»Du verbirgst was vor mir«, zischte sie. »Du weißt, dass ich ab und zu
deinen Laptop benutze, und das hat dir bisher nie was ausgemacht.«
»Vielleicht hab ich mir ja neulich ein paar abartige Pornos reingezogen.«
»Das wäre mir komplett egal.« Sie lachte bitter. »Aber es ist was
anderes. Du bist schon seit Tagen so komisch.«
»Du kriegst es schon noch raus«, ätzte ich, »wenn du mir nur einfach
weiter nachspionierst.«
»Ich spioniere nicht, du Blödmann!« Sie sprang auf, stieß den Stuhl
zurück und dampfte an mir vorbei aus meinem Zimmer. Ihre Tür knallte zu.
Kopfschüttelnd kehrte ich in die Küche zurück, wo Vicky so tat, als
würde sie teilnahmslos ihr Obst schneiden. Sie war noch bei demselben
Apfelstück wie vorhin, als Liz mich gerufen hatte. Schließlich schob sie
ihre Obstschnitze vom Brett in einen Messbecher zu ihrem Eiweißzeug,
mixte alles durch, nahm einen Schluck und lehnte sich eine Spur zu
herausfordernd gegen die Küchenanrichte.
»Mitunter ist es suboptimal, mit der eigenen Partnerin in einer WG zu
wohnen«, bemerkte sie leichthin.
»Ja«, sagte ich und grinste. »Das geht einem mitunter fast so auf den
Sack wie Leute, die Wörter wie suboptimal benutzen.«
»Dagegen hilft, sich ein bisschen auszupowern«, erwiderte sie
unbeeindruckt und löste sich von der Anrichte. »Nächste Woche kommst du
mal mit mir zum Sport. Wird dir guttun.«
Im Hinausgehen versetzte sie mir einen Klaps auf den Hintern und
grinste über die Schulter.
Auch das noch, dachte ich. Oh my God. Oder meinetwegen: Subhan
Allah!
Einen Moment starrte ich unschlüssig auf das Gemüse vor mir, dann
kippte ich es in den Mülleimer, zog Schuhe und Jacke an und ging hinaus,
einen Dönerladen suchen.
Unterwegs schaute ich aufs Handy. Adil hatte meine Anfrage bei
Facebook bestätigt. Samira nicht.
38. Tag

Ich möchte dir von meiner neuen Freundin erzählen. Sie kommt aus
Russland, hört auf den putzigen Namen R P G -7 und macht sich
ziemlich gut auf meiner Schulter. Wie wir uns kennenlernten, das ist
eine tragische und großartige Geschichte.

Gestern kamen wir in diesem namenlosen kleinen Kaff an. Ich


verschweige den Namen diesmal nicht aus taktischen Gründen – ich
weiß ihn schlicht nicht. Keiner hier weiß, wie dieses Dorf einmal hieß,
es ist eh fast nichts mehr davon übrig, bloß die Grundmauern der
Gebäude und ein paar Betonwände, die total sinnlos in der Gegend
herumstehen, ohne dass man sagen könnte, was für Dächer sie einmal
getragen oder was für Räume sie früher begrenzt haben mögen.
Überall verlaufen Gräben, auch unter diesen Mauern und Wänden
hindurch. Vielleicht haben unsere Brüder die angelegt, die vor uns
hier waren, vielleicht auch der Feind, denn dieser Flecken ist schon
länger umkämpft. Mal haben wir uns durchgesetzt, mal die anderen;
all das schon lange, bevor ich hier ankam. Die aufgewühlte Erde hat
in den letzten Monaten das Blut vieler tapferer Mudschahidin
getrunken.

Unser kleiner Trupp aus Neulingen kam also gestern hier an, um die
bisherige Mannschaft zu verstärken – zusammen sind wir nun an die
sechzig Brüder und werden von einem erfahrenen Emir befehligt, Abu
Abdallah aus Bagdad, ein Veteran des letzten Irakkrieges, der sich
schon unter al-Masri dem Dschihad angeschlossen hat.
Ich dachte, es würde mein erster Kampfeinsatz werden, aber
Nasreddin ließ uns erst mal bloß durch die Gräben laufen wie
Postboten. Wir sollten neue Munition nach vorne bringen und
manchmal auch was zu essen. Nach einer Weile tun einem Rücken und
Nacken weh, weil man die ganze Zeit in tief gebückter Haltung
herumrennt.
Die Trümmer einer alten Scheune markieren die Grenze zwischen dem
Kalifat und dem feindlichen Rest der Welt. Uns gehört der Südteil des
ehemaligen Dorfes, die Peschmerga halten den Norden. Ich glaube
jedenfalls, dass es sich um Peschmerga handelt, kurdische Kämpfer,
die aus dem Irak herübergekommen sind. Auch auf unserer Seite
haben wir viele Iraker dabei. Die meisten waren vorher Soldaten der
regulären irakischen Armee, wurden sogar von der U S -Army zum
Kampf gegen Rebellen ausgebildet, bevor sie desertierten und selber
welche wurden. Im Vergleich zu diesen Brüdern sind wir natürlich voll
die Amateure.

Heute wurde den ganzen Tag über die Gräben hinweg geschossen,
ohne dass wir einen richtigen Geländegewinn erzielen konnten.
Plötzlich, ich war gerade mitten in einem Graben unterwegs, hörte ich
Rufe von der Kampflinie vorn, die ich nicht richtig verstand. Deshalb
presste ich mich gegen die Wand aus weichem Erdreich und spähte
vorsichtig über den Rand nach draußen. Erst hörte ich nur das
dumpfe Brummen und Rasseln, dann tauchte hinter der halb
weggerissenen Scheune ein Panzer auf. Das Kanonenrohr schwenkte
sacht hin und her, als wolle es sich bei der Auswahl seines Zieles
genüsslich Zeit lassen. Schon donnerte der erste Schuss über uns
hinweg.
Max kam schnaufend angelaufen und schleppte mühsam in seiner
gebückten Haltung einen Granatwerfer mit sich. Die R P G -7, meine
künftige Freundin.
»Schnell, nach vorn damit, inschallah«, rief er und warf das Teil in
meine ausgebreiteten Arme. »Für Abu Fayzal!«
»Inschallah«, rief ich zurück und spurtete los. Das Teil zog schwer an
meinen Armen, weil ich es im tief gebeugten Lauf vor mir hertragen
musste.
»Yallah, yallah«, rief Abu Fayzal, als er mich um die letzte Ecke
biegen sah. Er galt als einer der Erfahrensten unter uns und würde
diesen Panzer schon knacken, da war ich mir sicher. Ich warf ihm die
R P G in die Arme, wie Max es vorhin bei mir getan hatte. Er
schulterte die Waffe und erhob sich aus dem Graben. Er musste
aufstehen, um den Panzer anzielen zu können. Seltsamerweise hörte
ich die Schüsse von drüben gar nicht, nur ein dumpfes Plopp-Plopp,
dann sackte Abu Faysal seitlich weg, fiel halb auf mich und stierte
mich mit geweiteten Augen an, ohne einen Ton von sich zu geben.
Unsere Blicke bohrten sich ineinander. Wie durch Watte drangen die
Rufe der Brüder zu mir: »Hey, you German boy! Subhan Allah, gimme
that R P G immediately! Adil!«
Ich hörte meinen Namen, aber es kam mir so vor, als würden nicht die
Brüder rufen. Sondern als wären es die Huris, die großäugigen
Paradiesmädchen, die mich zu sich rufen wollten. Plötzlich war ich
vollkommen klar und fokussiert, so wach und konzentriert, als könnte
ich das ganze Universum spüren. Ich robbte unter Abu Fayzal hervor,
schulterte die R P G und stand auf. Beim Training hatten wir mal
damit hantiert, aber ohne das Teil wirklich abgefeuert zu haben.
Trotzdem war ich mir sicher, dass ich es konnte; keine Ahnung warum.
Ich stand also mitten im Graben auf und blickte direkt in das Rohr des
Panzers, der vielleicht hundertzwanzig Meter entfernt war. Zwischen
Turm und Wanne zielen. Das hatte ich mir gemerkt. Wenn du genau
zwischen Turm und Wanne triffst, hast du eine Chance. Ein Knall, ein
Zischen, ich fiel fast nach vorn, weil ich mit einem starken Rückstoß
gerechnet hatte, der aber gar nicht kam. Eine Rauchfahne quoll aus
der Mündung meiner Waffe und durch diesen Rauch hindurch sah ich,
wie sich der Panzer in einen Feuerball verwandelte, aus dem eine
pechschwarze Qualmwolke in den Himmel stieg. Die Hitze fuhr wie
der Atem Gottes über die Gräben hinweg, ich spürte sie im Gesicht.
Dann hörte ich die Allahu-akbar-Rufe der Brüder.
Ich ließ mich wieder in den Graben sinken und die R P G von meiner
Schulter gleiten. Meine Knie waren aus Gummi und meine Hände
zitterten. Abu Fayzal keuchte. Ich hatte ihn längst für tot gehalten,
doch er war noch am Leben. Also am Sterben, eigentlich. Soweit ich
erkennen konnte, war er in Hals und Brust getroffen, doch ich sah
kaum Blut und ahnte, dass er innerlich verblutete. Vor allem schien er
zu ersticken. Krampfhaft rang er nach Luft, sah mich eindringlich an,
brachte aber kein Wort heraus. Ich versuchte, mich an die Erste-Hilfe-
Sachen zu erinnern, die wir während der Ausbildung gelernt hatten.
Aber nichts von dem, was mir einfiel, passte annähernd zu dieser
Situation hier. Stattdessen kam mir kurz der Gedanke, sein Gewehr zu
nehmen und ihn zu erschießen, um sein Leiden zu verkürzen. Das war
natürlich Unsinn, aber ihm so beim Verrecken zuzuschauen kam mir
unerträglich vor. Ja, Verrecken, Akhi. Krepieren. Abkacken. Es war
nicht schön.
Ich bin ja nicht naiv und wusste auch vorher schon, dass es nicht
romantisch ist, ein Märtyrer zu werden, jedenfalls nicht in dem
konkreten Augenblick. Plötzlich musste ich an das Video denken, das
wir letztes Jahr zusammen gesehen haben. Es war genauso und doch
ganz anders. Abu Fayzal schnappte wieder nach Luft, schnappte nach
Leben. Er wollte nicht sterben, spürte ich, obwohl er wie wir alle, wie
jeder von uns, darauf vorbereitet war. Ich ergriff seine Hand und
flüsterte: »Bald bist du im Paradies, Akhi. Dschanna’s waiting for
you! You are heading to paradise, Akhi!«
Keine Ahnung, ob er mich noch hörte. Er hauchte sein Leben aus.
Wörtlich. Genau so, wie es diese Redewendung nahelegt. Ich spürte
beinahe physisch, wie seine Seele den Körper verließ.
Seltsam, wie schnell sich sein Gesicht veränderte, seine Hände, seine
Haut. Er war noch warm, das Blut noch frisch in seinen Adern, und
doch sah er von einem Moment auf den anderen nicht mehr wie ein
Lebewesen aus. Sondern wie eine Puppe in einem
Wachsfigurenkabinett. So künstlich irgendwie. Ich habe vorher noch
nie einen Toten gesehen, weißt du?
Und dann bemerkte ich die Brüder um mich herum, die stumm im
Graben hockten und mich betrachteten, wie ich Abu Fayzal
betrachtete. Es war ein Akt tiefen Respekts. Dem Toten gegenüber.
Und mir. Und als ich schließlich von ihm fortkroch, die R P G hinter
mir herziehend, da löste sich plötzlich die Stimmung und sie
bejubelten mich. Durch ein Spalier aus schulterklopfenden Händen
zog ich mich zurück, schleppte mich wie taub durch die Gräben bis zu
unserer Stellung, wo ich von Max und anderen als Held empfangen
wurde. Adil Hafiz al-Alamani – ein richtiger Krieger.

Gelände haben wir danach keines mehr erobert. Kurz nachdem ich
den Panzer plattgemacht hatte, wurde das Feuer eingestellt. Jetzt
brennt nur noch der Horizont. Eine tiefrote Glut, wo gerade eben die
Sonne versunken ist. Ich sitze etwas abseits von den Brüdern, an eine
zerschossene Hauswand ohne Haus gelehnt, und schreibe in dein
Buch. Beim Anblick des Sonnenuntergangs muss ich an den Feuerball
denken, in den sich der Panzer verwandelt hat. Wie es sich wohl
anfühlt, in seinem Innern lebendig gekocht zu werden? Wie viele
Männer stecken in so einer Kiste überhaupt drin? Wer waren sie,
woher kamen sie? Vielleicht wurden sie gar nicht gekocht, sondern
starben rasch und schmerzlos durch die Explosion. All das weiß nur
Allah (swt). Und ganz sicher hätten sie keinerlei Skrupel gehabt, mich
und die Brüder zu pulverisieren, wäre ich nicht schneller gewesen als
sie, alhamdulillah. Dann säße ich jetzt nicht hier, sondern schon an
den Ufern der Honigbäche im Paradies und würde die herrlichen
Früchte genießen, gemeinsam mit Abu Fayzal und mit Benjamin-
Dschamal und – inschallah! – mit meiner Mutter. So aber muss sie
weiter auf mich warten.

Akhi … schon wieder bringt mich das Schreiben zum Grübeln. Es ist
manchmal noch unwirklich für mich, tatsächlich hier zu sein. Auf
meinem Schoß liegt das Buch, das du mir geschenkt hast; nur ein paar
Wochen ist das her, dass wir in meiner – in unserer! – Wohnung
zusammensaßen. Mitten in Deutschland, in Dar al-Kufr, in der
Zivilisation. Jetzt lehnt meine neue Freundin R P G -7 neben mir an
der Wand und schaut ein wenig eifersüchtig zu mir herüber. Im
Frieden haben wir gelebt, Akhi, aber es war ein scheinbarer, ein
vorgegaukelter Friede, eingelullt in unseren Konsum auf Kosten von
zwei Dritteln der übrigen Welt. Erkauft mit dem Blut der syrischen
Kinder, für die sich der Westen die Hände nicht schmutzig machen
wollte. Meine Hände sind jetzt schmutzig. Und an ihnen kleben Blut
und Dreck. Echter Dreck und echtes Blut. Ehrliches Blut. Alles ist hier
ehrlich und echt und völlig unmittelbar. Ich weiß, alhamdulillah, dass
ich hier richtig bin.
10. November

»Ich habe gelesen, dass das Wort Dschihad eigentlich nicht Krieg, sondern
lediglich Mühe oder Anstrengung bedeutet«, sagte ich. »Aber …«
»So kommen wir nicht weiter«, unterbrach sie mich. »Als Nächstes
zählst du all die Grausamkeiten auf, die im Namen des Islam begangen
werden, und fragst mich, wie das zusammenpassen kann. Ich könnte dir
alles geduldig erklären, könnte dir lang und breit auseinandersetzen, wie die
Dinge zusammenhängen, was welches Wort bedeutet und so fort. Vielleicht
verstehst du dann einiges mehr, du weißt ja jetzt schon eine Menge über den
Glauben, weil du dir im Internet ziemlich viel angesehen hast. Aber es
bleibt nur in deinem Kopf, es erreicht nur deinen Verstand. Dein Herz wird
es nicht berühren.«
»Ist das denn deine Absicht? Mein Herz zu berühren?«
»Nicht ich will dein Herz berühren.« Sie klang, als lächle sie. »Sondern
Allah – subhanahu wa-ta’ala. Sag mir, Jakob, woran glaubst du?«
»Pff«, machte ich und schaute ratlos auf unseren Hinterhof hinaus, der in
spätabendlichem Dunkel lag. »An das Leben, würde ich sagen. An
Gerechtigkeit. An Freiheit. Daran, dass man glücklich werden kann. Wenn
man rausfindet, was man vom Leben wirklich will. Wenn man das
rausfindet und es dann durchzieht. Ohne irgendwelche faulen
Kompromisse.«
»Und?«, fragte sie. »Hast du es schon herausgefunden?«
»Würde ich dann anrufen?«
»Vielleicht gerade dann«, meinte sie. »Komisch. Die meisten sagen als
Erstes, dass sie an die Liebe glauben.«
»Das ist ein viel zu großes Wort für mich, ehrlich gesagt.«
Von nebenan hörte ich gedämpft den Fernseher von Liz. Wir hatten
nicht mehr miteinander gesprochen seit dem kurzen Streit vorgestern
Abend.
»Wieso?«
»Herrgott noch mal«, stöhnte ich. »Ich dachte, Da’wa geht so, dass ich
dich was frage und du mir was erzählst, nicht umgedreht.«
»Hast du eine Freundin?«
»Ja.«
»Aber du liebst sie nicht.«
Über meinem Schreibtisch hing ein Bild von uns. Im Juni waren wir
eine Woche am Meer gewesen. Junges Paar, besoffen vom Glück, dieser
Taumel des Zusammenseins. Als läge es Jahre zurück …
»Weiß nicht«, sagte ich.
»Dann eher nicht, hm? Sonst wüsstest du es ja.«
»Und du? Hast du einen Freund? Liebst du jemanden?«
»Im Islam gibt es so was nicht«, sagte sie. »Jedenfalls nicht bei uns
Anhängern der Salafiyya, weil wir uns streng an Qur’an und Sunna halten,
an die Überlieferungen unseres Propheten Muhammad – Frieden und Segen
auf ihm, seiner Familie und seinen Gefährten. Ich liebe meinen Bruder und
ich werde eines Tages meinen Mann lieben, wenn ich mal heirate. Aber
meine größte Liebe gilt Allah – Er ist groß und erhaben.«
Sie klang völlig echt. Als würde sie das tatsächlich alles glauben. Ihre
Worte waren eine Provokation, genau wie ihre äußere Erscheinung, wie der
Schleier und die Docs. Ich wollte sie gern zurückprovozieren.
»Das sind doch Floskeln«, sagte ich. »All diese Halbsätze, diese
rituellen Formeln, gesegnet dies, erhaben jenes. In all euren Videos oder
jetzt am Telefon. Ist das nicht irgendwie künstlich?«
»Es kommt von ganz allein«, widersprach sie. »Wovon das Herz voll ist,
davon läuft der Mund über. Hast du das nie empfunden, wenn du zum
Beispiel ein neues Lied deiner Lieblingsband wieder und wieder hörst, und
irgendwann fängst du ganz von allein an, den Refrain zu singen? So in
deinem Kopf, wenn du gerade in der Straßenbahn sitzt oder an einer Kasse
wartest?«
»Dein Glaube ist also ein Ohrwurm«, stellte ich fest.
»Ja, ein bisschen schon. Was für Musik hörst du?«
»Linkin Park, Body Count, The Offspring. So was. Oder Dog Eat Dog.
Kennst du das?«
»Ja, solche Sachen hab ich früher auch gehört.«
»Aber jetzt ist es haram für dich.«
Ich hörte ihr Feuerzeug klicken.
»Ich halte mich nicht aus blindem Gehorsam an solche Dinge«, sagte sie
und atmete ihren Rauch aus. »Ich mochte es früher sehr, laute Musik zu
hören und bis zur Besinnungslosigkeit zu tanzen. Ich mochte Headbangen,
weil ich dadurch fast in so ’ne Art Trance kam.«
»Geht wohl schlecht mit – wie hieß es? – Hijab?«
»Oh, da würdest du dich wundern. Schon mal von Bilqas Abdul-Qaadir
gehört? Ein weiblicher Basketball-Star in den US A . Sie spielt verschleiert.
Und ziemlich erfolgreich.«
Basketball. War das Zufall oder wusste sie über meine Hobbys
Bescheid? Vielleicht hatte sie mein Facebookprofil zumindest angeschaut.
»Es gibt viele Dinge wie die Musik, die uns ergreifen können«, sagte sie.
»Aber sie betäuben uns zugleich. Machen uns von außen taub für die
Stimme in unserem Innern.«
»Die Stimme Gottes?«
»Erst mal deine eigene. Deine innere Stimme, die sich fragt, ob es im
Leben nicht mehr gibt als diese geistige Narkose aus Konsum und Medien,
Sex und Partys, Alkohol und Trash, das ewige Funktionieren und Sich-
Anpassen, das Kaufen und Saufen, Ficken und Fernsehen.«
Ich schwieg. Sie auch. Nebenan plärrte Liz’ Fernseher. Fast dachte ich
schon, Samira hätte mich plötzlich weggedrückt, dann hörte ich, wie sie
eine Rauchwolke ausblies.
»Stille«, sagte sie schließlich. »Am Anfang von allem musst du lernen,
auf die Stille zu hören. Es ist kein Wunder, dass Gott sich den Menschen in
der Wüste offenbart hat. Wenn du Stille findest, kannst du auch Liebe
finden. Ich meine – echte Liebe, wo es um mehr geht als kurzfristige
Befriedigung deiner Geilheit.«
»Ja, ich verstehe schon«, brummte ich. »Für euch ist das alles Zina.
Unzucht.«
»Aber nicht aus Prüderie«, hakte sie ein. »Das Christentum mag
lustfeindlich sein, der Islam nicht. Befriedigung und guter Sex sind wichtig.
Aber in der Ehe – wo Liebe und Treue wohnen. Du hast doch vorhin vom
Glück gesprochen. Macht es dich glücklich, wenn du mit einer Frau
schläfst, von der du gar nicht weißt, ob du sie liebst?«
Ich glotzte die Wand an, hinter der es jetzt ruhig war. Vermutlich legte
sich Liz gerade ins Bett und wartete, dass ich rüberkäme. Ich würde mich
halbwegs entschuldigen, wir würden uns ein bisschen anzicken, dann käme
es zu einem stürmischen Versöhnungsfick und alles wäre wieder gut.
Zumindest von außen.
»Du sagtest, dass du Gott liebst, deinen Bruder und später deinen Mann.
Was ist mit deinen Eltern? Ist das nicht im Islam besonders wichtig, dass
man seine Eltern liebt?«
»Mit meinen Eltern ist das so eine Sache. Eine lange Geschichte.«
»Erzählst du sie mir?«
Sie seufzte.
»Na gut, die Kurzversion. Adil und ich sind in ziemlich wohlhabenden
Verhältnissen in Hamburg aufgewachsen. Ohne jede Religion. Der Glaube
meiner Eltern war die Toleranz. Mein Vater ist Arzt, seine Familie stammt
aus dem Libanon. Meine Mutter war Anwältin, kam aus einem
strenggläubigen evangelischen Umfeld. Meine Großeltern waren strikt
gegen diese Verbindung – und zwar auf beiden Seiten. Vermutlich haben
sich unsere Eltern deshalb von jeder Art von Religion ferngehalten.«
»Du sagtest, deine Mutter war Anwältin?«
»Adil und ich waren noch klein, als sie krank wurde. Krebs. Mein Vater
konnte nichts für sie tun. Niemand konnte das. Es waren schreckliche Jahre,
in denen wir einfach nur zuschauen konnten, wie der verdammte Krebs sie
auffraß.«
»Das tut mir leid«, sagte ich, weil ich nicht wusste, was ich sonst hätte
sagen sollen.
»Unser Vater kam nicht darüber hinweg. Er fing an zu trinken, wurde
depressiv, das ganze Programm. Wie im Klischee. Natürlich liebe ich
meinen Vater irgendwie. Aber als wir ihn am meisten gebraucht hätten, war
er für seine Kinder ein Totalausfall. Adil geriet – na ja, wie man halt so
sagt – auf die schiefe Bahn. Ich machte mit Ach und Krach mein Abitur,
während er erst ziemlich abstürzte und dann aber an seltsame neue Freunde
geriet. Islamisten. So dachte ich damals. Mit ihrer Hilfe hatte er sich aus der
Kriminalität befreit. Und war gleich in eine andere Falle getappt, jedenfalls
wirkte das so von außen auf mich. Deshalb kam ich nach Bonn, wo er sich
niedergelassen hatte. Während sich mein Vater zu Hause verbarrikadierte,
wollte ich als große Schwester Verantwortung übernehmen. Ich dachte, ich
müsste Adil irgendwie vor irgendwas retten. Und hatte keine Ahnung, dass
ich es war, die gerettet werden musste. Ich lernte den Einzig Wahren Weg
kennen und schließlich, alhamdulillah, hat Gott mich rechtgeleitet.«
»Komisch«, meinte ich, »ich hatte die ganze Zeit gedacht, Adil wäre der
Ältere von euch beiden.«
»Das denken viele. Er sieht wohl älter aus. Er hat auch schon genug in
seinem Leben erlebt, dass es für einen Fünfzigjährigen reichen würde.
Dabei ist er erst neunzehn.«
»Und du?«
»Warum willst du das wissen?«
»Es interessiert mich einfach.«
»Ich bin einundzwanzig.«
»Und was machst du mit deinen einundzwanzig Jahren so den ganzen
Tag? Außer mit Leuten wie mir telefonieren?«
»Du bist der Einzige, mit dem ich telefoniere, der so ist wie du«, meinte
sie und klang dabei, als würde sie zwinkern. »Eigentlich bin ich an der Uni
eingeschrieben. Psychologie. Aber ich gehe kaum noch hin. In unserer
Gemeinde kann ich meine Talente viel besser einsetzen. Und deshalb
verabschieden wir uns nun für heute.«
»Wieso? Schon wieder Gebetszeit?«
»Noch nicht. Aber vielleicht wollen noch andere mit mir sprechen. Gute
Nacht, Jakob, schlaf gut.«
»Du auch, Samira.«
Mann, einundzwanzig. Konnte man sich mit achtzehn in eine
Einundzwanzigjährige verlieben? Ach, was für ein Unsinn. Ich kannte diese
Frau doch kaum. Wie kam ich da nur auf solch bescheuerte Gedanken?
40. Tag

Alhamdulillah, wir haben das Dorf komplett eingenommen. Und ich


war ganz vorn mit dabei. Ohne die R P G , dafür hat mein G36 ganze
Arbeit geleistet. Ich habe mindestens zwei Männer erschossen.
Vielleicht auch drei, aber bei dem dritten bin ich mir nicht sicher, ob
ich ihn richtig erwischt habe. Ein paar Stunden ist das nun her, aber
ich stehe immer noch voll unter Strom. Kann das kaum beschreiben …

Als der Emir heute Morgen den Befehl zum Angriff gab und unsere
Gruppe dann von Nasreddin die konkreten Anweisungen bekam, ist
mir erst mal von einem Moment auf den anderen kotzübel geworden.
Ich dachte wirklich, ich müsste mich gleich übergeben und könnte
keinen einzigen Schritt mehr laufen. Aber dann machten wir Takbir,
wir brüllten so laut »Allahu akbar«, dass man es bis Washington oder
London oder Paris hören musste, und wir rannten los. Plötzlich war
alles da. Das Adrenalin schäumte durch meine Adern, es war der
geilste Kick meines Lebens, sag ich dir. Tausendmal krasser als jede
Droge und jeder Fick – und ich weiß schließlich, wovon ich spreche.
Auch jetzt bin ich immer noch total drauf, richtig zappelig, kann kaum
die Hand mit dem Kugelschreiber ruhig halten. Zwei bis drei Männer
habe ich heute getötet, das macht zusammen mit denen gestern im
Panzer schon vier bis sechs, würde ich sagen.
Leichenzähler … Body Count … ist das nicht früher eine deiner
Lieblingsbands gewesen?
Yeah, Body Count’s in the house, muthafuckas!
Adil Hafiz al-Alamani’s in da hood, ihr dreckigen Kuffar!
11. November

Zumba, Hochschulsport. Treibende Tangorhythmen, verbrauchsoptimierte


Leistungsleiber, atemlose Ausfallschritte in atmungsaktivem Polyester,
überall stahlharte Schenkel, Bäuche, Ärsche, Titten – ob man sich das
Paradies mit seinen Jungfrauen so oder so ähnlich vorzustellen hatte?
Jedenfalls waren außer mir bloß zwei andere Typen da, ansonsten nur
Frauen. Mein Blut kochte und pumpte im Rhythmus, dem ich mich dankbar
hingab, während ich über Musik und Narkose nachdachte, über Liebe und
Zina. Vicky lächelte zu mir herüber. Unzucht. Was für ein geiles Wort, es
machte mich echt an. Vicky hingegen machte mich nicht an. Liz machte
mich wütend. Samira machte mich – keine Ahnung. Dafür gab es noch
keine Worte. Was ist Glück?

Glück ist kein Zufall, liebe Geschwister. Guck mal, in Deutschland


haben wir so eine Redewendung, wenn wir sagen: Jau, der hat ja mal
Glück gehabt. Aber im Islam kennen wir so was nicht. Nichts passiert
einfach so. Nichts passiert, wenn Allah es nicht will. Da kannste getz
mal drüber nachdenken.

»Hat es dir gefallen?«, fragte Vicky. Sie wartete vor der Umkleide auf mich.
»Du hattest recht«, sagte ich. »Es tut gut, sich ein bisschen
auszupowern.«
»Kommst du noch mit, was trinken?«
»Ein anderes Mal.«
»Schade.« Sie warf lasziv die frisch geföhnten Haare zurück und ging.
»Man sieht sich.«
Ich schaute ihr nach, wie ihr perfekter Körper um eine Ecke bog. Folgte
sie nicht auch einer Art von Sunna, einer strengen und quasi-religiösen
Lebensart, in der der eigene Leib eine Art Gott war? Für dessen Treue man
auf unendlich viel verzichtete und sich selbst permanent kasteien musste?
Bloß um den unvermeidlichen Zerfall um ein paar Jahre aufzuschieben.
Ich schlenderte in den anbrechenden Abend hinein. Ein paar Kinder mit
bunten Laternen rannten vorüber, gehetzte Eltern hinterher, irgendwo
begann gleich der Martinszug. Sie stießen fast mit zwei betrunkenen
Jugendlichen in Clown-Kostümen zusammen, die sich aneinander
festhalten mussten. Im Rheinland hatte der Karneval begonnen. Ein Hoch
auf die kulturellen Werte der westlichen Welt.
16. November

»Wie geht’s dir?«, fragte ich.


»Das hast du mich noch nie gefragt«, antwortete sie.
»Ich bin kein Amerikaner«, scherzte ich. »Und auch kein Rheinländer.
Ich bin Westfale. Im Ruhrgebiet fragen wir so was nur, wenn es uns auch
tatsächlich interessiert. Heute interessiert es mich.«
»Mir geht’s gut.«
»Schön.«
Sie lachte. »Wartest du jetzt, dass ich dich zurückfrage?«
»Nein. Ich hab über diese ganzen Gebote und Verbote nachgedacht.
Beten, Fasten, Almosen geben. Sich der Unzucht enthalten. Kein
Schweinefleisch, kein Alkohol. Ein paar Sachen finde ich einleuchtend.
Alkohol und Schweinefleisch sind ja irgendwie auch ungesund. Was diese
Sache mit der Unzucht betrifft …«
»Jakob«, unterbrach sie mich. »Lass das. So geht das nicht.«
»Nein?«
»Nein. Das kommt alles viel, viel später. Ich hab doch gesagt, du sollst
auf die Stille hören. Hast du das gemacht?«
»Das sagt sich so leicht«, brummte ich. »Aber in meinem Alltag gibt es
irgendwie keine Stille.«
»Natürlich nicht. Dazu musst du dir Zeit nehmen.«
Tu ich ja gerade, dachte ich. Eigentlich wollte ich gar nicht der Stille
lauschen, sondern Samiras Stimme, die nicht belehrend klang und auch
nicht so, als spule sie irgendein Programm ab, um Leute zu bekehren. Eher
wirkte sie so, als hätte sie nie zuvor mit einem Menschen über diese Dinge
gesprochen. Dabei war ich es, der noch nie zuvor mit jemandem über den
Sinn des Lebens und all das gesprochen hatte, jedenfalls nicht so. »Falls du
wirklich mal zur Ruhe kommen solltest«, sagte sie nach einer Weile, »dann
betrachte dich selbst. Einen Haufen aus Molekülen. Auf einem kleinen
Planeten am Rande einer eher durchschnittlichen Galaxie irgendwo im
Universum. Glaubst du, dass du ein winziger, unbedeutender Zufall bist?
Oder dass es eine Instanz gibt, die das gewollt hat? Glaubst du, dass
überhaupt alles purer Zufall ist? Dass nur aus Zufall überhaupt etwas
existiert und nicht einfach nichts? Oder kannst du dir vorstellen, dass es
Gott gibt?«
»Puh …«
»Überleg es dir. Anschließend kannst du wieder anrufen.«
19. November

Die Tür knarzte und ein kleines Glöckchen bimmelte, als ich den Buchladen
betrat. So ehrwürdig wie die Geräusche war auch der Duft von Staub und
Papier, der mir entgegenschlug. Ich war ewig nicht in einem Buchladen
gewesen, und wenn, dann in einer dieser riesigen Filialen irgendeiner Kette.
Das hier kam mir vor wie in einem Harry-Potter-Film oder wie dieser
Laden am Anfang der Unendlichen Geschichte. Das war doch passend.
Deshalb hatte ich, als ich gerade zufällig vorbeikam, nicht lange gezögert.
Hinter der Kasse stand eine untersetzte Frau in Strickjacke, deren Brille an
einer Kette über ihrem Busen baumelte.
»Kann ich Ihnen helfen?«
»Ich möchte einen Koran kaufen.«
»Auf Deutsch?«
»Das wäre gut.«
Sie setzte die Brille auf und schlurfte an den vollgepackten Regalen
entlang.
»Da gibt es verschiedene.« Sie blieb stehen und zog einen prächtigen
Wälzer hervor. »Eine Schmuckausgabe. Dann haben wir hier eine
kommentierte sowie eine ganz schlichte im Taschenbuch. Natürlich spielt es
eine Rolle, welche Übersetzung man zugrunde legt. Aber damit kenne ich
mich leider nicht aus.«
»Ich hätte gern einfach die günstigste Ausgabe, bitte.«
Sie zog das Taschenbuch aus dem Regal und schlurfte zur Kasse zurück,
tippte den Preis ein, nahm die Brille wieder ab und sah mich an.
»Wollen Sie das lesen?«
»Nee«, witzelte ich, während ich das Geld abzählte, »bei uns in der
Küche ist bloß ein Tischbein zu kurz.«
»Meinetwegen«, murmelte sie. »Hauptsache, Sie verbrennen ihn nicht.«
»Bitte? Leute kaufen den Koran, um ihn zu verbrennen?«
»Neulich. Für eine Demo. So nannten die das jedenfalls. Gegen
Salafisten. Brauchen Sie eine Tüte?« Sie reichte mir das Wechselgeld und
den Koran. »Man kann das hier als Offenbarung ansehen oder als
archaischen Schund, das ist mir gleich. Aber Bücher darf man nicht
verbrennen. Schon gar nicht in diesem Land. Nie wieder. Klar?«
»So was tu ich nicht«, versicherte ich. »Sie können sich darauf
verlassen, inschallah.«
41. Tag

Heute könnte eigentlich ein ruhiger Tag sein, aber die Ruhe ist
trügerisch. Flugzeuge sind in der Luft. Und Drohnen. Wie nervöse
Hornissen ziehen sie ihre Kreise am Himmel und ihr fieses Summen
sägt an den Nerven. Aber sie scheinen sich nicht für uns zu
interessieren, außer einer vielleicht, die seit ein paar Min
26. November

»Hallo, Jakob. Ich hatte schon früher mit deinem Anruf gerechnet.«
»Die Aufgabe war knifflig. Aber ich bin fleißig gewesen. Habe den
ganzen Koran gelesen. Und etliche Hadithe und außerdem …«
»Ja, schon gut, du kriegst ’n Smiley mit Sternchen von mir«, sagte sie
belustigt. »Aber hast du über meine Frage nachgedacht?«
»Ja. Ich kann mir tatsächlich vorstellen, dass Gott existiert. Und dass
Mohammed sein Prophet und Gesandter ist. Ich kann mir eine ganze Menge
vorstellen – bis auf eines: die Hölle.«
»Die Hölle?«
»Genau. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es wirklich eine Hölle gibt.«
»Ach«, machte sie. Fast konnte ich hören, wie sie verwundert die
Augenbrauen zusammenkniff. »Seltsam. Warum denn nicht?«
Es klopfte an meine Tür. Sehr energisch.
»Du, ich glaub, das ist dringend. Ich ruf später wieder an.«
»Nein, warte«, rief sie plötzlich. »Das mit der Hölle …«
»Sorry!« Ich drückte das Gespräch weg und öffnete Liz, die wie eine
Furie hereinschoss.
»Es reicht«, schimpfte sie und knallte die Tür von innen zu. »Ich frage
dich jetzt nicht, mit wem du andauernd telefonierst. Oder warum du ständig
deine Daten löschst. Oder warum du so abwesend bist. Oder warum du
neuerdings mit Vicky zum Sport gehst.« Sie warf die Arme in die Luft und
begann im Kreis herumzulaufen. »Am Anfang dachte ich, du hättest was
mit ihr. Sie steht ja schon die ganze Zeit auf dich. Aber das ist es nicht, ich
sehe das, wenn ihr euch begegnet; sie lässt dich kalt. Wer ist es
stattdessen?«
»Es ist kein wer«, sagte ich ruhig, das Handy noch in der Hand. »Ich
betrüge dich nicht.«
»Doch, tust du. Da ist was, was du nicht mit mir teilen willst. Das
verletzt mich. Und wenn es eine andere Frau ist …«
»Reicht dein Horizont nicht weiter als bis dahin?«, entgegnete ich und
erschrak selber über die Eiseskälte meiner Stimme.
»Mein! Horizont!«, schnappte sie, hörte endlich mit ihrem
Herumgerenne auf und warf mir blitzende Blicke zu. »Ich habe alles mit dir
geteilt. Hab dich nach Bonn geholt, als deine Afrikasache gefloppt ist. Hab
dir das Zimmer hier besorgt. Ich kümmere mich um alles Mögliche. Und
jetzt findest du meinen Horizont zu klein?«
Ja, vielleicht deswegen, dachte ich, aber ich brachte es nicht raus.
»Bisher reichte dir meistens schon mein Hintern als Horizont«, zischte
sie. »Dir war mein Horizont immerhin groß genug, um mich in den Arsch
zu ficken.«
Das traf mich. Auf so vielen verschiedenen Ebenen, dass ich sie gar
nicht aufzählen könnte. Ich hätte darauf eingehen können, stattdessen sagte
ich kurz und kühl: »Jetzt wirst du geschmacklos.«
»Aha. Und über Geschmack soll man ja nicht streiten, nicht wahr? Dann
mache ich jetzt mal was richtig Geschmackloses.«
Sie drehte sich zu meinem Schreibtisch, pflückte das Foto von der
Wand, das uns am Strand zeigte, und riss es mitten durch. Beide Hälften
fielen wie Herbstlaub zu Boden.
Dann öffnete sie die Tür, drehte sich noch einmal um und sagte tonlos:
»Da liegt Tesafilm. Man kann es kleben. Aber das wäre zur Abwechslung
mal deine Aufgabe. Entscheide dich.«
Sie stampfte in den Flur und tat mir leider nicht den Gefallen, meine Tür
zuzuknallen. Sie knallte bloß ihre eigene. So musste ich kurz die
erschrockenen Gesichter von Vicky und den anderen beiden WG -Kollegen
auf dem Flur ignorieren, bevor ich meine Tür leise schloss. Ich lehnte mich
von innen dagegen und atmete durch. Mein Blick wanderte durch das
Zimmer eines Fremden. Das Bett hatte meine große Schwester
ausgemustert, den Schreibtisch der neue Mann meiner Mutter organisiert,
der Korbsessel und der Beistelltisch waren vom Sperrmüll und würden bald
dorthin zurückkehren. Zu mir gehörten bloß der Laptop, die wenigen
Bücher und die Bluetooth-Boxen für mein Smartphone, der Unikram
natürlich und meine Klamotten in dem Einbauschrank, auf dessen Boden
mein Trekkingrucksack lag. Ich holte ihn heraus und begann langsam, ihn
vollzustopfen. Anziehsachen für drei Tage. Das Zeug für die Uni. Rechner
und Boxen. Meine Bücher. Obenauf den Koran.
Kurz beugte ich mich über die beiden Hälften des Fotos auf dem Boden.
Dann richtete ich mich auf, schulterte den Rucksack und schlich durch den
Flur ins Treppenhaus.

Abu Musa berichtete, dass der Prophet, Segen und Frieden auf ihm,
sagte: Ich sah eines Tages im Traum, dass ich von Mekka in ein
anderes Land auswanderte, in dem es Palmen gab.
Da kannste getz mal drüber nachdenken.

Draußen war es schon dunkel. Unten vor der Tür zog ich den Hausschlüssel
aus der Hosentasche. Er wog Zentner. Ich warf ihn in den Briefkasten und
fühlte mich frei. Frei und leer.
Samira hatte mir Stille verordnet, aber auf Stille hatte ich keine Lust. Ich
brauchte jetzt erst mal all das, was sie in einem der letzten Telefonate
verurteilt hatte – Musik und Alkohol, Party und Trash und, ja, vielleicht
auch etwas Sex. Ich hatte mich anscheinend gerade von meiner ersten
richtigen, ernsthaften Freundin getrennt und musste mich dringend, wie
Samira das genannt hatte, betäuben. Sonst wäre ich noch ins Grübeln
gekommen und, wer weiß, schnell zurückgelaufen. Hätte wie ein Bettler um
Einlass geklingelt und reumütig das zerrissene Foto geklebt. Ich wollte aber
nichts bereuen.
Natürlich hatte ich keine Idee, was ich jetzt mit mir anfangen sollte. Ich
kannte zumindest in Bonn niemanden gut genug, bei dem ich spontan für
ein oder zwei Nächte hätte schlafen können, und ein Hotel konnte ich mir
nicht leisten. Wenn es diesen Gott wirklich gab, dann könnte er mich doch
ein bisschen leiten, dachte ich. Allerdings würde ich es ihm nicht einfach
machen.

Ohne groß darüber nachgedacht zu haben, stand ich schließlich am


Bahnhof, wo als Nächstes der Regionalzug nach Köln einfahren sollte.
Kurzerhand verstaute ich meine Habe in einem Schließfach und stieg ein.
Einfach eine Nacht durchmachen, dachte ich. Morgen beim ersten
verkaterten Kaffee durchatmen, in den kühlen Morgen gehen und plötzlich
klar sehen. Warum sollte das nicht klappen?
Während der Fahrt klingelte mein Telefon. Das ging aber schnell, dachte
ich missmutig. Ich hätte Liz gegönnt, dass sie etwas länger schmollte. Dass
sie es drauf ankommen ließe, anstatt gleich hinter mir herzutelefonieren und
mich zur Umkehr zu bewegen. Ich drückte den Anruf weg, ohne
hinzuschauen. Erst später, nachdem ich ausgestiegen war, sah ich
gewohnheitsmäßig aufs Handy. Der Anruf war nicht von Liz gewesen.
Sondern von Samira. Samira hatte mich noch nie angerufen! Sie hatte auch
eine Nachricht geschrieben. Sie schrieb: »Warum ausgerechnet nicht an die
Hölle, Jakob?«
Ja, warum? Vielleicht konnte ich das ja an diesem Abend herausfinden,
indem ich mich sämtlichen verdammungswürdigen Versuchungen hingab.
Ich war zwar noch nie ganz allein in eine Bar gegangen, aber rund um den
Kölner Südbahnhof brodelte selbst an einem Wochentag abends das
Studentenleben; die Läden waren gerammelt voll und es fiel gar nicht auf,
wer mit wem da war. Mit Caipirinha machte ich mir Mut, bevor ich zwei
Mädchen in meinem Alter anquatschte. Sie ließen mich abblitzen. Mehr
Glück hatte ich mit einer Mädelsclique in der nächsten Bar. Sie waren
schon Anfang zwanzig und adoptierten mich kurzerhand, schleppten mich
in die dritte Bar und dann in einen Club und dann in einen anderen, bevor
ich sie aus den Augen verlor. Das war mir aber inzwischen egal. Ich trank
einen Wodka nach dem anderen, tanzte mich in Ekstase, flirtete und trieb
als unbemanntes Narrenschiff über den Ozean des endlosen Augenblicks.
Sie stand plötzlich vor mir und hieß Fiona oder so ähnlich. War mindestens
fünf oder sechs Jahre älter als ich und hatte den Blick einer Frau, die immer
weiß, was sie will. Sie wollte mich, und das gefiel mir an ihr wohl am
besten. Nach drei, vier Liedern und einigen weiteren Wodkas zog sie mich
nach draußen. Dankbar, für den Rest dieser kurzen Nacht nun doch ein Bett
zu haben, folgte ich ihr. Doch die frische Luft schlug mir wie ein
Dampfhammer auf den Schädel. Plötzlich merkte ich, wie voll ich war.
Trotzdem schaffte ich es noch um drei Straßenecken mit ihr, dann musste
ich inmitten einer verwaisten Seitengasse stehen bleiben. Sie missverstand
das und packte mich, schob ihre Zunge in meinen Mund und eine Hand in
meine Hose, dann stutzte sie.
»Du bist gar nicht rasiert«, wunderte sie sich. »Das sollten wir dringend
ändern, Süßer.«
»Ähm …«, röchelte ich.
»Hey, mach jetzt nicht schlapp. Kriegst du in deinem Zustand überhaupt
noch einen hoch?« Sie drückte meine Eichel. »Hoffentlich kannst du
wenigstens gut lecken.«
Plötzlich packte mich Abscheu.
»Leck dich doch lieber selbst«, rief ich und wollte sie wegstoßen, wobei
ich ins Taumeln geriet, mit dem Fuß an der Bordsteinkante abrutschte und
schwer hinschlug.
Über mir sah ich ihren ausgestreckten Mittelfinger.
»Danke für nichts, du armer Wichser«, zischte sie.
Und stöckelte tief beleidigt davon.
Ich versuchte mich aufzurappeln, da schwappte ohne Vorwarnung eine
ätzende Woge aus mir heraus. Keine Ahnung, wie lange ich da im Rinnstein
mehr lag als kauerte. Vielleicht dauerte es nur Sekunden, vielleicht zwei
Stunden, bis ich Stimmen hörte. Ein paar Typen meines Alters beugten sich
angewidert über mich, bevor ich ihre Hände unter meiner Jacke fühlte. Aus
einem Reflex schaffte ich es, mich so auf die Seite zu rollen, dass sie nicht
an mein Smartphone kamen. Dafür schwenkte einer triumphierend mein
Portmonee. Ich wollte seinen Fuß packen, aber er wich tänzelnd aus, einer
seiner Kumpels gab mir einen Tritt in die Nieren, dann waren sie fort.
Es dauerte ewig, bis ich aufstehen konnte. Ich wankte durch die Gasse,
suchte eine belebtere Straße, aber es gab keine belebten Straßen mehr. Die
Nacht würde bald dem Morgen weichen, ein einsames Fahrzeug der
Straßenreinigung zog teilnahmslos an mir vorüber. Innig
aneinandergeklammert kam ein Pärchen aus einem der letzten offenen
Clubs. Sie sahen mich und wichen entsetzt zurück wie vor einem
Leprakranken. Ich zog mein Telefon aus der Tasche. Das Display war voller
Kotze. Weil meine Hand voll davon war und meine ganzen Klamotten. Zur
Hölle, ich hatte in meinem eigenen Erbrochenen gelegen und es nicht mal
gemerkt. Noch immer drehte sich alles um mich, der Nebel des Suffs hüllte
mich in seine gnädige Watte ein, und doch verstand ich, dass ich absolut im
Eimer war. Kein Geld, kein Ausweis für die Bahn, keine Bankkarte mehr
und kein Personalausweis, um eine neue zu bekommen. Nur noch dieses
bekotzte Handy. Aber keine Ahnung, wen ich anrufen sollte, der mich
morgens kurz vor fünf aus dieser Scheiße holen würde. Oder sollte ich etwa
Bartek erklären, dass ich gerade seine heimlich angebetete Liz verlassen
hatte? Doch da fiel mir ein anderer ein.
Adil ging sofort ran.
»Hier ist Jakob. Vielleicht erinnerst du dich an mich, ich …«
»Klar. Was ist los, Mann?«
»Na ja, du sagtest, ich kann dich anrufen, wenn ich mal ein Problem
hab.«
»Ja. Und?«
»Ich hab eins.«

Ich erkannte ihn erst, als er aus dem Wagen stieg, der direkt vor mir
angehalten hatte. Ein alter Volvo mit belgischem Kennzeichen. Wortlos
schälte ich mich aus meiner Jacke und der Jeans und steckte beides in den
Plastiksack, den er mir hinhielt. Dann ließ ich mich von ihm in eine
Wolldecke hüllen und auf den Beifahrersitz bugsieren, wo ich
wegdämmerte.
Als ich aufwachte, saß ich noch immer dort. Der Fahrersitz neben mir
war frei. Ich öffnete umständlich meine Tür, zog die Decke um meine
Schultern und stieg aus. Wir waren an einem Autobahnrastplatz. In der
Ferne sah man den Posttower von Bonn und das Siebengebirge und am
Himmel einen dunkelblauen Streifen. An dessen Rand stand, majestätisch
kalt und einsam, der Morgenstern. Dann erst nahm ich Adil war. Er hatte
einen kleinen Teppich vor sich ausgerollt und beide Hände erhoben.
»Allahu akbar!«
Er betete. Als er sich niederwarf, Stirn und Nase auf den Boden drückte,
sackte ich in die Knie, kippte vornüber und schlug mit dem Kopf auf den
Boden, als wollte ich es ihm nachmachen. Dann fiel ich einfach um und
hatte sie plötzlich ganz: die Stille.
27. November

Als ich aufwachte, fühlte ich mich wie neugeboren. Und sah auch ein
bisschen so aus, denn ich war völlig nackt. Auch das Zimmer war nackt. Ich
sah weiße Wände, setzte mich auf und fuhr mit der Hand über den rauen
Teppichboden aus Sisalfasern. Ich hatte den Rest der Nacht
beziehungsweise den Morgen auf einer dünnen Matratze unter einer
Wolldecke geschlafen. War es überhaupt Mittag oder doch schon Abend?
Das Licht von draußen schien undefinierbar, feine Regentropfen klebten an
den hohen Fensterscheiben. Wo war mein Handy? Ich kam unsicher auf die
Füße. Im Raum gab es lediglich zwei – nun ja – Möbelstücke. Das eine war
ein hohes hölzernes Lesepult, auf dem eine edle Koran-Ausgabe lag. Das
andere eine breite Wäschetruhe. Auf deren Deckel lagen ein langes weißes
Gewand, von dem ich damals noch nicht wusste, dass man es Dschellaba
nennt, sowie eine Shorts und ein T-Shirt. Beides gehörte nicht mir. Neben
der Truhe sah ich ein Paar Flipflops.
Zögernd zog ich die Unterwäsche an und schlüpfte in das Gewand, dann
in die Flipflops und öffnete die Zimmertür. Ein heller Flur, gedämpfte
Geräusche wie von einem Ballerspiel. Ich fand die Küche, wo Adil an
einem Tisch vor seinem Laptop saß.
»Hallo.«
»Maschallah, Jakob«, rief er aus. »Das steht dir gut. Wie fühlst du
dich?«
»Besser«, sagte ich. »Aber ich muss dringend pinkeln.«
»Neben der Wohnungstür links«, sagte er.
Ich ging aufs Klo, dann füllte ich am Waschbecken meine Hände mit
kühlem Wasser und warf es mir ins Gesicht. Ich richtete mich auf und
betrachtete mich im Spiegel. Adil hatte recht, ich gefiel mir selbst in diesem
Gewand.
Als ich wieder in die Küche kam, stand er am Herd und hantierte mit
einem Kessel.
»Tee? Brot?«
»Ja, sehr gern.« Ich setzte mich. »Adil – ich danke dir. Keine Ahnung,
was ich ohne dich gemacht hätte.«
»Schon gut«, sagte er, stellte ein Glas Tee vor mich hin und reichte mir
anschließend das Smartphone. »Ich hab es ganz vorsichtig sauber
gemacht«, sagte er.
Unwillkürlich musste ich den Blick senken. Die Erinnerung an meine
vollgekotzte Erscheinung von letzter Nacht beschämte mich zutiefst. Kurz
sah ich aufs Display. Es war schon nach drei. Keine Nachricht von Liz.
»Deine Klamotten habe ich gewaschen«, sagte Adil. »Sie hängen im
Keller auf der Leine.«
»Das kann ich dir nie zurückgeben, was du für mich getan hast«,
antwortete ich und nippte an dem heißen Tee.
»Brauchst du ja auch gar nicht. Den Lohn gibt es im Paradies.« Er sagte
das ernst und völlig ironiefrei. »Was ihr an Gutem vorausschickt, das
werdet ihr bei Gott vorfinden«, zitierte er und reichte mir ein großes Stück
Pide-Brot.
Ich biss hinein und hatte noch nie etwas so Köstliches auf der Zunge
gespürt. Mir war, als schmeckte ich jedes Salzkorn aus dem Teig, jeden
Tropfen Öl und jeden einzelnen Sesamsamen auf eigene Weise. Plötzlich
glaubte ich, nie zuvor im Leben so wach gewesen zu sein. Adil setzte sich
wieder an seinen Laptop, klickte, dann kamen die Ballergeräusche zurück.
»Zockst du?«, fragte ich. »Ich dachte, das sei haram.«
»Ist es. Deshalb zocke ich auch nicht. Früher schon … Counter-Strike,
Call of Duty, der ganze Mist.« Er lächelte versonnen. »Heute nicht mehr.
Das hier ist besser als Zocken. Es ist echt. Das Echteste überhaupt.«
Ich stand auf und ging um den Tisch herum, um über Adils Schulter
hinweg auf den Bildschirm sehen zu können. Ein YouTube-Video.
Verwackelte Bilder. Drei Typen in einem Auto. Einer fährt, zwei hantieren
mit Maschinengewehren. Die Karre brettert durch eine karge Landschaft.
Syrien vielleicht, könnte aber auch Arizona sein oder Brandenburg. Sie
überholen einen Pick-up. Ihre Kugeln durchsieben ihn. Die Kamera
schwenkt nach hinten und durch das Heckfenster sieht man, wie der Pick-
up schlingert, ausbricht und umkippt. Schnitt. Dasselbe noch einmal in
Zeitlupe. Jetzt ist gut zu erkennen, wie der Fahrer getroffen wird und sein
Kopf ruckartig in einem unnatürlichen Winkel abknickt. Schnitt. Sie haben
gewendet, neben dem havarierten Pick-up angehalten und sind
ausgestiegen. Die Kamera blickt durch ein zerbrochenes Fenster. Drinnen
liegen vier Männer in ihrem Blut. Einer bewegt sich noch. Die mit den
Knarren ballern ihr Magazin leer. Jetzt bewegt sich nichts mehr. Nachspann.
Ein Rezitator singt eine Koransure, dazu weht eine schwarze Flagge mit
weißem Schriftzug.
»Kein Fake?«, fragte ich.
»Ich denke nicht.«
»Wer waren diese Leute? Die in dem Pick-up?«
»Keine Ahnung. Assad-Leute. Irakische Armee. Oder Kurdenkämpfer.
Westliche Agenten, was weiß ich.«
»Horror.«
»Ja.« Er sah mich an. »Doch das ist eine Frage des Standpunktes.
Wusstest du, dass das syrische Regime systematisch Kinder foltert, um
deren Eltern kleinzukriegen?«
»Ich seh den Zusammenhang nicht.«
»Zusammenhänge sieht man nie auf den ersten Blick«, meinte er. »Liegt
in der Natur der Sache. Man muss sich schon intensiv damit beschäftigen.«
»Was du offenbar tust, wie ich sehe.«
»Ich kann dir einen Film zeigen, da sieht man ein Dorf im Nordirak.
Oder was davon übrig ist. Nach dem Einschlag von Raketen einer
amerikanischen Predator-Drohne. Eine schwangere Frau mit halb
weggerissenem Bauch. Willst du’s sehen?«
»Nein. Ich bin froh, dass ich meinen Magen wieder im Griff hab.« Ich
setzte mich wieder und trank an meinem Tee. »Warum ziehst du dir so eine
Scheiße rein, Adil? Sympathisierst du mit diesen I S -Kämpfern?«
»Ich bin mir noch nicht sicher«, murmelte er.
Aber so, wie er meinem Blick auswich, war das wohl eher eine Ausrede.
»Was da gezeigt wird, ist doch absolut grauenvoll«, sagte ich und
erinnerte mich an ähnliche und auch schrecklichere Filme, auf die ich
gestoßen war, seit ich mich im Internet auf salafistischen Websites
herumtrieb. Teilweise waren sie professionell geschnitten wie Kinotrailer,
bestanden aber meist aus unscharfen Bildern von Handykameras, als seien
das bloß witzige Schulhofvideos. Vielleicht wirkten diese Filme gerade
darum so seltsam echt.
»Ich hab was gesehen«, erzählte ich, »da haben sie ihren Gefangenen die
Köpfe abgeschlagen und den toten Leibern leere Flaschen auf die Hälse
gesteckt. Wozu?«
Er klappte den Laptop zu.
»Der Kampf für die richtige Sache erfordert manchmal Grausamkeit«,
sagte er. »Diese Brüder dort haben die halbe Welt zum Feind. Viele neue
Staaten begehen am Anfang gewisse – ich sag mal: Jugendsünden. Das
wächst sich aus. Schon mal von Robespierre gehört? La Grande Terreur?
Guillotinen und so? Trotzdem käme niemand auf den Gedanken, die
Französische Revolution für eine schlechte Sache zu halten. Das Kalifat
könnte ein cooles Projekt werden, aber der ganze Westen und etliche
muslimische Staaten wollen das verhindern. Und warum? Sie können es
sich nicht leisten, dass hier ein Gottesstaat entsteht, der nicht bei der
Globalisierung und Ausbeutung des Planeten mitmacht. Der nicht korrupt
ist. Seine Bürger nicht an Drogen oder Glücksspiel oder die Pornoindustrie
ausliefert. Der seine Leute nicht verhungern lässt und auch nicht mit Hartz
Vier abspeist. Dort im Kalifat kümmert man sich um die Menschen,
niemand wird zurückgelassen.«
»Es sei denn«, wandte ich ein, »man widersetzt sich.«
»Ja. Und manchmal ist es tatsächlich grausam, das leugne ich nicht.
Aber um Gerechtigkeit durchzusetzen, kann Grausamkeit nötig sein. Waren
die Bombenangriffe der Alliierten im Zweiten Weltkrieg etwa nicht
grausam? Trotzdem ist doch jeder froh, dass nicht Hitler den Krieg
gewonnen hat.«
»Aber warum filmen die das alles und laden es im Internet hoch?«
»Ist doch klar – oder was glaubst du, warum der I S mit dreihundert
Kriegern Mossul erobern konnte, während zwanzigtausend
Regierungssoldaten in Panik aus der Stadt flohen? Weil die einfach
wussten, was ihnen blüht.« Er sah mich eindringlich an. »Ja, es ist grausam,
Köpfe und Hände abzuhacken. Aber die Brüder tun das Auge in Auge, mit
dem Schwert in der Hand, und sie stehen dazu, während der Westen das
Blut und das Leid feige hinter seinen Drohnen und Hellfire-Raketen
versteckt, sodass es von außen aussieht, als wär alles bloß ein sauberes
Videogame.« In seinen Augen loderte echte Leidenschaft und seine Worte
klangen fast druckreif. Es kam mir vor, als hätte er diese Rede schon oft
irgendwo gehalten. »Unsere Medien tun immer so«, fuhr er fort, »als sei da
aus dem Nichts dieser dämonische I S aufgetaucht und grundlos über
friedliebende Menschen hergefallen. Aber wo waren die Medien vorher?
Was wisst ihr denn schon über das ekelhafte Assad-Regime mit seinen
Folterknechten und seinem Giftgas? Oder die Vetternwirtschaft dieser
korrupten schiitischen US -Marionetten im Irak? Der I S ist die logische
Konsequenz aus der jahrelangen Unterdrückung in der Region. Und der
Tatenlosigkeit des Westens. Gegen Assad kann man ja leider nichts machen.
Und gegen Israel schon gar nicht. Die Kinder in Gaza krepieren vor den
Augen der Welt, aber kann man halt nichts machen. Oder schau nach
Somalia, wo der Westen schon vor Jahren komplett versagt hat. Oder schau
nach … ach, kackegal, wohin du schaust. Überall dasselbe.«
»Das verstehe ich«, gab ich zu. »Aber kann der I S die einzig mögliche
Antwort sein? Ehrlich gesagt – ich glaube nicht, dass das islamisch ist. Zum
Beispiel Frauen und Kinder zu quälen. Leichen zu schänden. Das ist doch
nach dem Islam verboten.«
»Ich hab schon gehört«, erwiderte er, »dass du dich sehr ernsthaft mit
unserem Glauben beschäftigst.«
Ich hatte das Gefühl, rot zu werden.
»Schon gut, Mann. Ich weiß, dass du mit Samira telefonierst. Sie hat es
mir erzählt.«
Komisch. Einen Moment lang enttäuschte mich das. Als hätte sie etwas
preisgegeben, was bis dahin nur uns beiden gehört hatte.
Er klappte den Laptop wieder auf und klickte auf einen anderen Film,
drehte den Rechner zu mir herum und sagte: »Schau das mal an.«
Ich sah einen Kämpfer in seinem Blut liegen, offenbar mit einer
Schusswunde in der Brust. Drei seiner Freunde versuchen die Blutung zu
stillen, aber ohne Erfolg. Der Sterbende atmet schwer, röchelt, pfeift
buchstäblich aus dem letzten Loch. Dann ruft er etwas, bevor ein Zucken
durch seinen ganzen Körper läuft. Schließlich liegt er starr und reglos. Einer
drückt ihm die Augen zu. Abspann, Fahne, Gesang.
»Das beeindruckt mich sehr«, gestand Adil. »Wie dieser Bruder in den
Tod geht. Wie er an der Schwelle zum Paradies nach Allah ruft. Ich finde
das extrem bewegend.«
»Hat er das? Für mich klang es anders.«
Adil ließ den Film nochmals ablaufen.
Ich meinte: »Es hört sich eher so an, als ruft er nach seiner Mutter.«
»Was?«
»Na – Mama ruft er.«
Noch mal lief der Film. Auch beim dritten Mal ging es nicht richtig in
meinen Kopf, dass da gerade wirklich ein Mensch starb. Und dass ein
anderer offensichtlich nichts Besseres zu tun hatte, als sein Smartphone
rauszuholen und das zu filmen.
»Vielleicht hast du recht«, brummte ich, »vielleicht auch nicht. Ich höre
nur zweimal A. So wie in am Arsch.« Ich stand auf. »Und das ist genau,
was ich gerade bin. Am Arsch. Mein Geld, meine Karten, meine Ausweise
sind weg, mein Zimmer auch. Alles, was ich noch habe, liegt im Bahnhof in
einem Schließfach. Oder hängt unten in deinem Keller.«
»Kein Zimmer mehr?«
Ich war drauf und dran, ihm die ganze Geschichte zu erzählen, aber dann
hätte ich auch sagen müssen, dass meine Gespräche mit seiner Schwester
daran einen Anteil hatten. Also ließ ich es bleiben und er zuckte bloß mit
den Achseln. Vielleicht kam das in seiner Welt öfter vor, dass jemand
plötzlich auf der Straße sitzt.
»Du kannst ein paar Tage hierbleiben«, sagte er. »Das Zimmer, in dem
du geschlafen hast, gehörte einem Freund. Einem Bruder.«
»Und der ist im Urlaub oder was?«
»So ähnlich. Und zwar für immer.«
Adil sah aus dem Fenster. Ich schluckte die Frage herunter, ob dieser
Bruder vielleicht auch auf solchen Videos zu sehen sei.
Adil sagte: »Die Wohnung hier gehört in gewisser Weise unserem
Verein, du weißt schon. Dem Einzig Wahren Weg. Vielleicht nimmst du ja
einmal den Islam an, dann könntest du einfach hier einziehen.«
Ich lachte und meinte: »Klar, ich könnte aber auch im Lotto gewinnen
und mir eine fette Villa kaufen.«
»Ein guter Vergleich«, meinte Adil. »Von Gott rechtgeleitet zu werden,
ist wirklich der Hauptgewinn im Leben.«
»Ich meinte eher, dass das genauso unwahrscheinlich wäre.«
»Hab ich schon verstanden, Mann. Doch kannst du vorhersagen, wie
dein Weg verlaufen wird? Im edlen Qur’an heißt es: Und ihr wollt nicht,
außer dass Allah will, der Herr aller Schöpfung. Alles, was geschehen wird,
ist seit Jahrtausenden bereits im Himmel aufgeschrieben.«
»Steht da auch geschrieben, ob du mir ein paar Euro leihen kannst?«,
fragte ich. »Für die Fahrt zum Bahnhof. Und für ’ne Zahnbürste. Ich hab
nämlich mein ganzes Waschzeug gestern im Bad liegen lassen, fällt mir
gerade ein.«
»Zum Bahnhof? So?« Er grinste breit. Ich hatte fast vergessen, dass ich
in seiner Dschellaba steckte. »Ich mache das für dich.«

Er brachte mir meinen Rucksack und eine Zahnbürste und ich packte in
dem unbewohnten Zimmer meine Klamotten aus. Zwischendurch hatte ich
festgestellt, dass Adils Zimmer genauso spartanisch eingerichtet war. So
habe der Prophet halt auch gewohnt, erklärte er mir. Und genau wie der
Prophet benutzte Adil statt einer Zahnbürste ein Stück Wurzelholz.
Trotzdem hatte er mir freundlicherweise eine gekauft. Doch als ich meine
Bluetooth-Boxen aufstellen wollte, schritt er ein.
»Sorry«, meinte er. »Aber du weißt ja, dass das bei uns haram ist.«
Also packte ich sie wieder ein. Stille halt.
Komisch, dass ich Samira nicht mehr angerufen und auch sonst nicht auf
ihre Nachricht reagiert hatte. Was ließ mich zögern?
28. November

Am nächsten Tag ging ich zur Uni, als wäre weiter nichts gewesen.
Anschließend hätte ich beinahe aus lauter Gewohnheit den Weg nach Hause
genommen – also zu meiner Ex-WG . Als ich bei Adil ankam, kochte der
gerade. Alles schien sich zu wiederholen.
»Ich muss mich dringend um ein Zimmer kümmern«, brummte ich.
»Und um ein neues Bahnticket, eine neue Bankkarte und all das. Ich hasse
es.«
Er drehte sich zu mir um und meinte: »Hast du schon mal überlegt, ob
Gott dir damit etwas sagen wollte? Damit, dass du all das verloren hast, was
für dein bisheriges bürgerliches Leben wichtig war?«
»Hm«, machte ich. »Wollte Gott mir sagen, dass ich ein ziemlicher
Depp bin?«
»Kann sein.« Er lächelte. »Oder dass es für dich an der Zeit ist, ein
neues Leben zu beginnen.«
41. Tag, später

Dreck, Steine, Blut und Staub. Dieser Staub ist überall, als würde er
für immer in der Luft hängen bleiben und uns niemals wieder die
Sonne sehen lassen.
Ich sah die Drohne in einer derart irren Geschwindigkeit auf uns
zuschießen, dass es irgendwie unecht aussah, wie Einbildung. Alles
war ganz nah und seltsam scharf gestellt, ich konnte sogar sehen, wie
sich die Raketen ausklinkten, war so gebannt davon, dass ich beinahe
vergaß, mich in den Graben zu werfen. Und im nächsten Augenblick
sah ich nichts mehr. Hatte nur noch Erde in den Augen, in den Ohren,
in der Nase, hörte die Explosionen und die Schreie der Brüder.
Mann, Akhi, dieser Staub ist wirklich überall. Unter meinen
Klamotten, in meinen Haaren, und wenn ich ausspucke, kommt
brauner Brei.
Sie landeten einen Volltreffer auf einen unserer Unterstände. Der
Bunker ist komplett zermalmt und sieben Brüder hat es erwischt.
Können auch acht gewesen sein, wir hatten keinen Überblick mehr,
wer sich vor dem Angriff wo aufgehalten hatte. Und an ihren Leichen
lässt sich auch nicht erkennen, wie viele es waren. Ich schaute mit den
anderen kurz in die Grube, die aussah, als hätte jemand verkohlte
Schlachtabfälle reingekippt. Eigentlich hätte ich erwartet, dass sich
bei einem solchen Anblick mein Magen umdreht. Aber das passierte
nicht. Mein Kopf wusste zwar, dass das Menschen gewesen waren,
aber du konntest nichts mehr davon erkennen. Und zugleich spürte
ich, wie mein Gehirn irgendeinen Schutzmechanismus in Gang
setzte – du verstehst alles, was du wahrnimmst, aber du fühlst nichts
dazu. Keine Angst, Verzweiflung, Trauer oder Abscheu, keinen Hass
und keinen Trotz. Du stehst einfach bloß da.
Ich glaube, Salih ist unter den Toten, der Bruder aus der Schweiz,
jedenfalls habe ich ihn seit dem Angriff nicht mehr gesehen. Hatte
aber auch keine Zeit zu suchen, denn wir mussten gleich wieder in
Deckung gehen. Konnten noch nicht mal die Überreste der Toten
bergen, weil unser Emir Abu Abdallah meint, dass gleich eine
Offensive unserer Feinde folgt. Die Amis würden ihre
Drohnenangriffe oft mit den Kämpfern am Boden koordinieren, sagt
er, also könnten die Peschmerga, die wir gestern vertrieben haben,
jeden Augenblick mit Verstärkung zurückkommen und über uns
herfallen. So hocken wir nun in den Gräben, während allmählich ein
bestialischer Gestank aus dem zerstörten Bunker aufzieht.
Vorhin ist Nasreddin rumgegangen und hat kleine bunte Pillen
verteilt. Als er zu mir kam, sah ich ihn bloß verächtlich an und sagte:
»Ich bin clean, Akhi, aber so was von. Von dem Zeug hab ich in
meinem alten Leben schon genug gefressen, das fass ich nie wieder
an. Außerdem – Mann, Akhi! – das ist doch absolut haram.«
Aber der Wali grinste nur, dann zitierte er aus einer Fatwa: »Wenn
Verpflichtendes nur verrichtet werden kann, indem Verbotenes
praktiziert wird«, sagte er auf, »dann wird die Ausübung verbotener
Dinge zur Pflicht, denn es gibt keine größere Pflicht als den
Dschihad.«
Das hatte er anscheinend für solche Situationen auswendig gelernt.
Ich zögerte jedenfalls, rang mit mir und schüttelte schließlich den
Kopf.
»Danke«, sagte ich, »aber mir reichen das Adrenalin und der Segen
von Allah völlig aus, um mich zu pushen.«
Achselzuckend ließ Nasreddin mich sitzen und ging weiter durch den
Graben zum nächsten Bruder.
Dem Stand der Sonne nach zu urteilen, ist der Drohnenangriff jetzt
mindestens zwei Stunden her. Unsere Feinde scheinen es nicht eilig zu
haben. Oder der Emir irrt sich und sie kommen gar nicht. Jedenfalls
war es mir wichtig, vorher noch in dein Buch zu schreiben, Akhi. Ich
werde es jetzt wegpacken. Vielleicht ist das hier mein letzter Eintrag,
vielleicht auch nicht. Allah allein weiß, was geschehen wird. Und wie
es geschehen wird. Ich bin zu allem bereit.
2. Dezember

Ganz allmählich setzte sich meine amtliche Existenz wieder zusammen. Ich
bekam eine neue Karte von meiner Bank, ein neues Semesterticket von
meiner Uni und von meinem Staat einen vorläufigen Personalausweis.
Doch irgendwann musste ich auch meine restlichen Klamotten aus der WG
holen. Ich hatte überlegt, entweder einen Tag abzupassen, an dem ich
wusste, dass Liz nicht da wäre, oder einfach gleich Adil zu bitten, ob er
nicht für mich gehen könnte. Das hätte er wohl sofort getan. Aber ich hatte
mir schließlich vorgenommen, weniger Kompromisse im Leben zu machen.
Wäre das nicht so ein inflationäres Modewort, könnte ich sogar sagen:
authentischer zu leben. Ich nannte es für mich Wahrhaftigkeit. Das gefiel
mir.
Dazu gehörte eben auch der Mut, mich Liz zu stellen. Ich hatte sie
angerufen, aber sie war nicht drangegangen. Also hatte ich ihr eine
Nachricht geschickt und sie hatte mit einer äußerst knappen Antwort Tag
und Uhrzeit bestätigt.
Sie öffnete mir mit versteinerter Miene und wandte sich gleich ab, als
ich die Treppe hochkam.
»Du kennst dich ja aus«, sagte sie und verschwand in ihrem Zimmer.
Ich betrat meines und packte den Rest meiner Sachen ein. Zuletzt hob
ich auch das zerrissene Foto auf und steckte es ein. Dann klopfte ich an ihre
Tür, um es halbwegs mit Würde zu Ende zu bringen. Als sie mir zum
zweiten Mal an diesem Nachmittag öffnete, waren ihre Augen rot verheult.
»Du wolltest eine Entscheidung«, sagte ich. »Es ist so … ich komme
nicht zurück.«
»Aber … warum?«
Plötzlich war alles Kalte aus ihrem Gesicht gewichen. Und ich spürte
einen fetten Kloß in meinem Hals, der gerade eben noch nicht da gewesen
war.
»Ich weiß es nicht«, sagte ich leise. »Ich kann es nicht erklären. Ich weiß
bloß, dass sich für mich alles immer mehr … irgendwie falsch angefühlt
hat. Als wär ich im falschen Leben gelandet.«
Sie schluckte, straffte sich und erwiderte: »Dann erspar mir bitte, dass
du jetzt sagst, es hätte nichts mit mir zu tun.«
Hm. So was in der Art hatte ich tatsächlich sagen wollen. Stattdessen
flüsterte ich: »Es tut mir leid.«
»Ja, mir auch«, zischte sie und hatte auf einmal wieder ihre Souveränität
gefunden. »Was wird mit deinen Möbeln? Und der Miete? Es gibt
Kündigungsfristen.«
»Die Miete zahle ich natürlich. Und ich kümmere mich noch um die
Möbel.«
»Gut. Und vergiss bloß nicht, auch deinen Scheiß aus dem Badezimmer
mitzunehmen. Du solltest dich dringend rasieren, sonst siehst du bald wie
ein Islamist aus.«
Ich zuckte zusammen. Das war ja nur ein blöder Spruch, einfach aus der
Luft gegriffen, das wusste ich natürlich. Trotzdem fühlte ich mich ertappt.
»Ich wünsche dir alles Gute«, sagte ich. »As salamu alaikum.«

Keine Kompromisse mehr. Authentisch leben. Warum hatte ich Adil dann
so wenig von mir erzählt und ihn selbst bisher auch kaum etwas gefragt?
Und warum hatte ich, seit ich bei ihm wohnte, Samira nicht mehr
angerufen? Wovor hatte ich Angst?
Als ich an der Hofgartenwiese vorbeikam, ließ ich den Rucksack auf
eine Bank sinken und mich selbst daneben. Ich holte mein Telefon hervor
und rief sie an.
»Na endlich«, sagte sie. »Wie ich höre, wohnst du jetzt bei meinem
Bruder. Ist das der Grund, warum du nicht mehr angerufen hast?«
»Jetzt rufe ich ja an«, meinte ich und freute mich still darüber, dass sie
anscheinend darauf gewartet hatte.
»Was ist passiert?«, wollte sie wissen. »Hat deine Freundin dich
rausgeschmissen?«
»Ich hab mich eher selber rausgeschmissen. Und eigentlich wohne ich
nicht bei Adil. Ich bin bloß für ein paar Tage bei ihm untergekommen.«
»Ach so. Und jetzt suchst du ein Zimmer.«
»Ja. Nee. Also ich hab mich noch nicht darum gekümmert. Muss ich
bald tun.«
»Hilft einem da nicht das Studentenwerk oder so?«
»Kann schon sein. Warum fragst du? Es klingt fast, als wäre es dir
unangenehm, dass ich bei Adil bin.«
Sie rauchte wieder.
»Ist dir klar, dass du im Bett eines Toten schläfst?«
»Ich würde es nicht als Bett bezeichnen …«, antwortete ich
ausweichend.
Sie wusste vielleicht mehr über diese Sache, aber für den Moment wollte
ich nichts darüber hören. Ich mochte Adil gern und es war toll, bei ihm –
vorübergehend! – zu wohnen, Punkt. Der Rest meines Lebens war schon
kompliziert genug und ich hatte echt keine Lust, jetzt mit seiner Schwester
über den Islamischen Staat zu diskutieren.
Doch darauf schien sie gar nicht hinauszuwollen, vielmehr beschäftigte
sie offenbar noch immer die Frage aus unserem letzten Gespräch, als wir
von Liz unterbrochen worden waren. Sie zog tief an ihrer Zigarette, dann
fragte sie: »Warum glaubst du nicht an die Hölle?«
»Rauchst du eigentlich immer so viel?«, fragte ich zurück.
»Nur wenn ich mit dir telefoniere. Also?«
»Ich sagte ja schon, dass ich den Koran gelesen habe. Natürlich stand da
auch was über die Hölle drin. Aber vor allem über Barmherzigkeit. Über
Gottes Liebe und sein Erbarmen. Darüber, dass Allah die Reue des Sünders
bis zum letzten Augenblick annimmt.«
»Und was ist mit denen, die nicht bereuen? Oder denen, die so schwere
Verbrechen begangen haben, dass ihnen nicht vergeben werden kann?
Müssen sie nicht gerichtet werden?«
»Ja, vielleicht. Aber Richten und Strafen, das sind so menschliche
Kategorien. Keine göttlichen. Wa Allahu a’lam – Und Gott weiß es am
besten.«
Samira schwieg.
»Bist du noch da?«, fragte ich. »Hey … ich wollte dich nicht verärgern.«
»Hast du nicht. Absolut nicht. Du hast …« Sie zögerte lange und blies
hörbar eine Rauchwolke aus, was fast wie ein Seufzen klang. »Und Gott
weiß es am besten.«
Ich traute mich nicht, nachzufragen, was sie hatte sagen wollen.
Vermutlich waren meine Worte derart falsch und verzerrend gewesen, dass
sie mich eigentlich hätte tadeln müssen.
Stattdessen fragte sie: »Wenn du nun so fleißig Qur’an liest, kommst du
auch einmal wieder in unsere Moschee?«
»Würde dich das freuen?«
»Klar«, sagte sie. »Für deine Seele würde es mich freuen. Ich werde
beten, dass Allah dich rechtleitet.«
»Okay. Das klingt gut. Ich glaube, es hat noch nie jemand für mich
gebetet. Außer meiner Oma vielleicht, aber die ist schon lange tot. Es kann
bestimmt nicht schaden.«
»Nein. Bis bald, mein Jakob.«
Ich steckte das Handy weg.
Du hast … Ihr unfertiger, kaum richtig begonnener Satz hing mir nach,
während ich versonnen meinen Blick über die Hofgartenwiese wandern
ließ. Als ich Ende September nach Bonn gekommen war, hatte ich mit
Hunderten anderer Leute im Sonnenschein auf diesem von alten Bäumen
umstandenen Areal vor dem Unihauptgebäude Fußball gespielt, Musik
gehört oder einfach nur rumgehangen. Jetzt lag es wie eine riesige
Leerstelle im Zwielicht der allzu frühen Abenddämmerung. In einer
Fernsehdoku hatte ich mal gesehen, wie vor über dreißig Jahren
dreihunderttausend Leute auf dieser Wiese demonstrierten. Gegen
irgendwelche Atomraketen. Auf diesen alten Bildern sah man ihre seligen
Gesichter, wenn sie We shall overcome sangen, und wie sie ihre
Transparente hochreckten mit diesem Wissen im Blick, ohne jeden auch nur
hauchdünnen Zweifel, eindeutig auf der richtigen Seite zu stehen.
Ein Penner schlurfte vorüber, schob ein uraltes, schwer bepacktes
Fahrrad. Vielleicht war er damals auch dabei gewesen. Mitten im Kalten
Krieg der Atommächte. Ein Gleichgewicht des Schreckens, so hatte man
das genannt. Immerhin war es tatsächlich ein Gleichgewicht gewesen und
nicht das, was heute als asymmetrische Kriegsführung bezeichnet wird.
Damals mochte es leicht gewesen sein, sich für eine Seite zu entscheiden.
Alle Fronten waren klar geordnet, alle Grenzen schienen auf ewig
zementiert. Heute ist alles undurchsichtig und fließend. Heute gibt es nicht
nur eine Wahrheit, sondern so viele Wahrheiten, wie es YouTube-Kanäle
und Twitter-Accounts gibt. Von dieser Warte aus ergaben sogar die
verdrehten Ansichten von Adil einen gewissen Sinn. Ich erschrak über
meinen Gedanken.
Der Penner lehnte sein Gefährt an die Bank neben mir und setzte sich.
Unwillkürlich schaute ich auf meinen Trekkingrucksack. Wenn jemand auf
der anderen Seite der Wiese uns beide sah, musste er uns für Kollegen
halten.
Ich stand auf, schulterte den Rucksack und machte mich auf den Weg
nach Hause. Quatsch. Zu Adil, meine ich natürlich.
Hatte sie wirklich mein Jakob gesagt?
12. Dezember

Ich hatte mal von der These gehört, dass wir längst mitten im Dritten
Weltkrieg lebten, einem Weltkrieg zwischen dem Westen und der
islamischen Welt. Vielleicht war da was dran. Auf jeden Fall tobte ein
solcher Krieg im Internet.
Ich saß in meiner letzten Reihe im Hörsaal und verfolgte auf dem
Smartphone eine Forendiskussion. Ein gewisser El_Cid_94 schrieb:

Es ist noch nicht zu spät, aufzustehen und die Islamisierung mit


aller Macht zu bekämpfen. Noch können wir verhindern, dass
die Mohammedaner uns knechten, dass sie uns zwingen, zu
konvertieren oder eine Sondersteuer als Ungläubige zu zahlen,
oder dass sie uns den Kopf abschlagen, mitten in Deutschland;
und dass sie unsere Frauen und Mütter, Schwestern und
Töchter versklaven und vergewaltigen und verschleiern und sie
zwingen, als schwarze Monster durch die Straßen zu laufen.

Was ich las, war falsch, dumm und ekelerregend. Trotzdem las ich weiter,
fast wie ein Voyeur.

Klar, so was darfst du heutzutage nicht laut sagen, sonst


kommt direkt die links-faschistische Meinungspolizei und macht
dich mundtot. Und die grün-schwule Lügenpresse kehrt
sowieso alles unter den Teppich. Aber ich sag euch: Wenn hier
demnächst die ersten Deutschen gesteinigt und geköpft
werden, während die Moslemversteher immer noch von
Toleranz sülzen, dann werdet ihr euch wünschen, es hätte mal
einer den Mut gehabt, so einem wie dem Abu Tarek ’ne Kugel in
den Kopf zu jagen.

Weit unten, dort vorn an seinem Pult, erklärte uns unser Prof, wie wir als
künftige Volkswirte das System am Funktionieren halten würden. Also
sinngemäß. Keine Ahnung, was er wirklich sagte, denn ich hörte schon
lange nicht mehr zu, sondern surfte weiter auf dem Smartphone durch den
digitalen Dritten Weltkrieg. Abu Tarek schrieb:

Ich kann schon nicht mehr zählen, was alles für Lügen über uns
verbreitet werden. Dauernd muss ich mir anhören, ich und die
Brüder – wir würden hier Werbung machen für den Islamischen
Staat.
Guck mal, der deutsche Staat spart immer mehr Geld ein,
schmeißt seine Streetworker und Sozialarbeiter raus und keiner
kümmert sich um die jungen Leute draußen in den miesen
Vierteln. Aber wenn wir dann kommen, wenn wir rausgehen auf
die Straßen, wo die Jugendlichen rumhängen, und wenn wir zu
unseren Homies sagen: Hey, Finger weg von den Drogen, fangt
nicht mit Glücksspiel an, lasst das Dealen bleiben, geht nicht
auf den Strich und so weiter – dann stehen sofort RT L und die
BI L D -Zeitung da und rufen: Achtung, der Abu Tarek macht
Werbung für den I S !
Warum tun die das? Wozu all die Lügen? Warum labern die so
lange von Terror und Krieg, bis es hier vielleicht wirklich mal
knallt? Ich sag es dir: weil die nämlich genau wollen, dass es
knallt. Und wenn es dann mal irgendwann tatsächlich knallt –
und ich hoffe absolut, dass das inschallah niemals passieren
wird, aber wenn doch –, dann ist das nicht die Schuld von uns
und vom Islam, sondern von diesen Hetzmedien, die den Krieg
mit ihren Lügen in Wahrheit überhaupt erst angefangen haben.
Und da kannste getz mal drüber nachdenken.

Ja, das tat ich. Und malte mir aus, dass es vielleicht doch eine Hölle
brauchte für all die Hetzer und Brandstifter und Lügner. Ich dachte nach,
aber noch viel lieber hätte ich mit jemandem darüber gesprochen. Adils
Meinung kannte ich natürlich. Samiras nicht, jedenfalls nicht vollständig –
nicht den Rest jenes Satzes, den sie bei unserem letzten Gespräch
heruntergeschluckt hatte. Da war irgendwas gewesen, das sie mir nicht
sagen wollte. Oder konnte.
42. Tag

Wie du siehst, Akhi, hat es wieder nicht geklappt mit meinem Einzug
ins Paradies. Ich bin am Leben und meine Notizen gehen weiter.
Sie sind nämlich überhaupt nicht zurückgekommen. Wir haben in den
Gräben gehockt und auf sie gewartet, bis die Dämmerung anbrach
und der Verwesungsgestank aus dem zerstörten Bunker uns allmählich
die Sinne raubte. Irgendwann haben wir Wachen aufgestellt und
Feuer angezündet, haben die Leichenteile geborgen und begraben.
Ich erspare dir die Einzelheiten …
Eine andere Sache geht mir im Kopf herum. Vorhin, als ich dieses
Buch aus meinem Rucksack geholt habe und dir schreiben wollte,
stand auf einmal Max neben mir und schaute mich schräg an. Ich
klappte das Buch wieder zu und erwiderte seinen Blick.
»Was gibt’s denn?«, wollte ich wissen.
»Ähm, nichts eigentlich«, druckste er herum, aber ich merkte, dass
ihm irgendwas zu schaffen machte. Und dass es mit mir zu tun hatte.
»Nasreddin hat mich gefragt«, begann er zögerlich, »was du da
dauernd in dein Buch schreibst.«
Und ich so: »Warum fragt er mich nicht selbst?«
Und Max so: »Weiß ich doch nicht.« Machte kehrt und dampfte ab.
Hm. Kann schon sein, dass der Wali mir ein bisschen misstraut.
Vielleicht fand er es komisch, dass ich seine verdammten Pillen nicht
schlucken wollte. Aber ich versteh nicht, warum er mich nicht selbst
darauf anspricht, sondern Max auszuhorchen versucht.
16. Dezember

Mein Land zelebrierte den Wesenskern seiner christlichen Leitkultur: die


Adventszeit. Es stank nach Glühwein und Fettgebackenem und der
dumpfen Abluft überfüllter Kaufhäuser, während von allen Seiten das
Gedudel und Geklingel in die Ohren sickerte. Do they know it’s Christmas
time at all? Das war mir schon früher latent auf den Sack gegangen. Aber
erst, seit ich bei Adil untergekommen war und gelernt hatte, wie wohltuend
und befreiend echte Stille sein kann, begann ich das ganze Ausmaß dieser
konsumkapitalistischen Betäubungsindustrie zu erfassen.
Zwar wurde diese Stille recht oft von den I S -Videos unterbrochen, die
Adil täglich anschaute, aber gerade das bildete einen starken Kontrast zu
den ganzen verlogenen Kulissen um uns herum.
Als ich ihm wieder einmal über die Schulter sah und die bärtig-trotzigen
Krieger betrachtete, wie sie mit ihren schweren Waffen durch die karstige
Landschaft zogen, untermalt von diesem eigenwilligen Gesang, in
verwackelten Bildern, die mal die Weite des Horizonts aufrissen und mal
ganz dicht auf ein entschlossenes Augenpaar zoomten, da sagte ich ziemlich
unbedacht: »Weißt du, woran mich das Zeug manchmal erinnert? An alte
Italo-Western.«
Er drehte sich zu mir um und starrte mich entgeistert an.
»Wie bei … Sergio Leone«, stotterte ich, »das war so ein …
Entschuldige bitte – falls das für dich nach einer Beleidigung klingt. Hab
ich nicht so gemeint.«
»Nein, Unsinn«, rief er und strahlte plötzlich. »Verrückterweise habe ich
haargenau dasselbe auch schon oft gedacht. Ich bin ein Riesenfan von
Sergio Leone. Also … ich war ein Riesenfan. Solche Filme sind natürlich
haram und Allah mag uns davor behüten. Aber früher hab ich mir das
massenhaft auf Maxdome reingezogen. Und natürlich Sachen von Quentin
Tarantino. Pulp Fiction. Oder Django Unchained. Und ganz besonders
Inglourious Basterds. Kennst du den?«
»Den hab ich x-mal gesehen.«
»Findest du nicht, dass die Brüder da unten in Sham, also Syrien, dass
die ein bisschen an diese abgedrehte Nazijägertruppe erinnern?«
»Dschihad Basterds?«
»Maschallah, Akhi!« Er lachte auf. »Genau das.«
»Hey, du hast mich Akhi genannt.«
»Ups«, machte er. »Aus reiner Gewohnheit wohl.«
»Sicher.«
Er boxte mich gegen die Schulter und brummte: »Mann, du würdest so
verdammt gut zu uns passen.«
»Kann ich denn nicht auch so dein Bruder sein?«, fragte ich. »Sind denn
nicht alle Menschen irgendwie Geschwister?«
Er sah mich lange an. Dann schüttelte er den Kopf.
Ich löste mich von seiner Seite, nahm ein Glas aus dem Schrank, füllte
es am Wasserhahn und setzte mich ihm gegenüber an den Tisch.
»Ich weiß schon, die meisten Christen denken so«, sagte er. »Dass jeder,
der es irgendwie gut meint, bestimmt am Ende auch in den Himmel kommt,
egal ob gläubig oder nicht. Sogar ein paar muslimische Gelehrte behaupten,
dass jeder Mensch ins Paradies eingehen kann, wenn er bloß ein gerechtes
Leben führt. Aber das ist leeres Gelaber. Wozu sollte man sich sonst
anstrengen?«
»Ja, wozu? Sag du es mir.«
»Der Islam ist eine klare Entscheidung. Du kannst nicht ein bisschen
Muslim sein; nur ganz oder gar nicht. Es ist ein One-Way-Ticket. Aber ohne
dieses Ticket – so leid es mir tut – kommst du in die Hölle.«
Schon wieder die Hölle! Ich musste ein Lachen unterdrücken, denn Adil
meinte es absolut ernst, daran bestand kein Zweifel.
»Und du bist dir sicher, dass du auf jeden Fall ins Paradies kommst?«,
fragte ich und klang eine Spur zu spöttisch.
Er schlug die Augen nieder, als wäre ihm das unangenehm. Den Blick
auf den leeren, sauberen Tisch zwischen uns geheftet, sagte er leise: »Nur
Gott – Er ist groß und erhaben – kann über einen Menschen urteilen.
Allerdings … gibt es einen einzigen todsicheren Weg in die ewigen Gärten:
nämlich wenn du als Märtyrer stirbst.«
Er hob die Augen wieder und sah mich durchdringend an. Ich trank an
meinem Wasser und erwiderte den Blick. Seine Worte waren objektiv
lächerlich. Aber warum? Wenn es stattdessen darum ginge, wie schrecklich
es wäre, bei einer entscheidenden Klausur zu versagen, würde das jeder
absolut plausibel finden. Würden wir uns über normale Ängste unterhalten,
über die Angst vor Krankheiten oder Arbeitslosigkeit oder dass man sein
Handy verliert oder dass die Freundin fremdgeht, niemand würde den Ernst
des Themas infrage stellen. Doch hier saß einer und sprach über das Leben
nach dem Tod – vielleicht das größte aller denkbaren Themen. Und mich
reizte es zum Lachen. Eigentlich war ich es, der sich lächerlich machte,
nicht er. Trotzdem konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, ihn zu
reizen.
»Ich weiß nicht«, sagte ich, »ob mir zweiundsiebzig Jungfrauen es wert
wären, früh zu sterben.«
»Ach was.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Mir geht es
doch nicht darum, mich endlos durchs Jenseits zu vögeln.« Seine Augen
funkelten und ich schämte mich fast für meine unbedachten Worte. »Wenn
du als Märtyrer stirbst, gelangst nicht nur du selbst ins Paradies. Du kannst
auch deine Familie erlösen.« Er sah durch mich hindurch und flüsterte:
»Die Vorstellung, dass meine Mutter in der Hölle schmort, ist unerträglich.«
Ich musste seinem Blick ausweichen und nippte an meinem Glas.
»Irgendwie beneide ich dich«, sagte ich schließlich. »Dass du so fest
glauben kannst. Manchmal wünschte ich, ich könnte das auch. Kannst du
nicht ein bisschen für mich mit glauben?«
»Nee, leider nicht.« Plötzlich lächelte er. »Aber ich bete jeden Tag für
deine Rechtleitung.«
»Auch darum beneide ich dich«, erwiderte ich.
»Um was jetzt?«
»Um das Beten. Wenn du es tust, wirkst du auf mich immer so … im
Einklang mit dir und allem.«
»Ja, das fühlt sich tatsächlich so an.« Plötzlich stand er auf. »Versuch’s
doch auch mal. Ich zeig es dir.«
»Moment mal«, wehrte ich ab, »wie soll das gehen? Ich bin doch gar
nicht gläubig.«
»Na, dann brauchst du ja auch keine Angst davor zu haben, oder?« Er
grinste mich an. »Als Erstes waschen wir uns natürlich, damit wir rein vor
Gott treten. Komm.«
Er führte mich ins Bad. Ich folgte seinen Bewegungen, imitierte sie und
malte mir kurz aus, ich würde in einer Arztserie mitspielen – dieses
Abreiben der Unterarme bis zum Ellbogen, wie ein Chirurg vor der OP .
Islamische Doktorspiele, haha. Aber der Zauber des Rituals verscheuchte
diese ironischen Gedanken und ergriff mich wie eine Meditation. Es war,
als nähme ich meine eigenen Hände und Füße, meinen Kopf und mein
Gesicht zum ersten Mal überhaupt richtig wahr.
In seinem Zimmer rollte er den Teppich aus und ordnete ihn zur Qibla
an, der Gebetsrichtung zur Kaaba in Mekka, die mit einem kleinen Symbol
an der Wand gekennzeichnet war. Ich ahmte seine Gesten nach, das Heben
der Hände, die Verbeugung, selbst die Niederwerfung, spürte den Boden an
Stirn und Nase, Händen, Knien und Zehen und lauschte seiner ruhigen
Stimme, zu der plötzlich eine zweite ganz leise hinzutrat. Meine. Zu meiner
eigenen Überraschung konnte ich al-Fatiha rezitieren, die erste Sure des
Korans. Auf Arabisch. Nie hatte ich das bewusst auswendig gelernt.
Vermutlich hatte ich sie mit all den Videos und Websites nach und nach
unbewusst abgespeichert. Als wäre ich dabei, mich selber ganz langsam neu
zu programmieren. Die Vorstellung machte mir keinerlei Angst. Im
Gegenteil. Ich war ganz bei mir, ich fühlte mich … ja: authentisch.
Vielleicht musste man gar keinen Gott anbeten. Vielleicht ging das ja
einfach so. Wie andere halt Yoga machten.
»Jetzt kommt die Du’a«, sagte Adil, »deine persönliche Bitte an Gott.
Wenn du glauben würdest – um was würdest du ihn bitten?«
»Ich … keine Ahnung.«
»Nicht schlimm, du kannst die Du’a weglassen.«
»Nein, halt«, rief ich. Plötzlich war es mir wichtig. »Ich würde gern um
etwas bitten können, selbst wenn ich nicht weiß, um was. Verrückt, oder?«
»Überhaupt nicht«, sagte er. »Bitte Gott darum, dass er dich zu bitten
lehrt. Das wäre doch ein guter Anfang.«
Ich sah ihn zweifelnd an. Er schaute aufmunternd zurück. Bevor ich es
mir anders überlegen konnte, ging ich wieder hinab, kehrte zur
Niederwerfung zurück, spürte den weichen Boden an Zehen, Knien und
Händen, Stirn und Nase und flüsterte: »Oh Allah, Wender der Herzen, lehre
mich zu bitten!«
Als das Gebet geendet hatte, schwiegen wir eine Weile. Das
beeindruckte mich. Keine Sprüche, kein Small Talk, kein Drang, irgendwas
zu überbrücken.
Irgendwann sagte ich: »Es tut mir gut, bei dir zu wohnen. Ich wünschte,
ich könnte länger bleiben.«
»So lange du willst«, meinte Adil.
»Aber dann müsste ich irgendwann den Islam annehmen. Es wäre wie
ein Vorschuss, den ich irgendwann zurückzahlen muss.«
»Unsinn. Dass du irgendwann die Schahada sprichst, kann doch keine
Bedingung für irgendwas sein. Das wäre ja ein gekaufter Glaube und damit
völlig unislamisch. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst. Ich spreche mit
Ibn Ibrahim – du weißt schon, für dessen Firma ich arbeite. Ihm gehört
diese Wohnung hier.«
»Ein paar Wochen wären toll«, sagte ich. »Bis Februar muss ich noch
Miete für die WG zahlen. Sicher finden sie schon viel früher einen neuen
Mitbewohner, der Markt ist doch überlaufen. Aber ich will mit Liz und den
anderen nicht feilschen.«
»Versteh ich gut«, nickte Adil. »Bestimmt ist das kein Problem. Ich rede
gleich morgen mit Ibn Ibrahim.«
»Ich hab immer noch nicht ganz geschnallt, was du da eigentlich genau
machst«, sagte ich. »Was ist das für eine Firma?«
»Groß- und Außenhandel. Und ich spiele dort eine tragende Rolle.« Er
grinste. »Ich schleppe Zeug. Belade Lkws, fahre mit dem Gabelstapler rum.
Das gehört zu den Dingen, die man gut ohne Schulabschluss tun kann.«
Ich maß ihn mit den Augen. »Erzählst du mir eigentlich irgendwann«,
fragte ich, »wie du hierhergekommen bist? Wie du zum Glauben gefunden
hast? Und was du davor getrieben hast?«
»Ein anderes Mal«, meinte er. »Ist ’ne ziemlich lange Geschichte. Dass
meine Mutter tot ist und mein Vater säuft, hat dir Samira sicher schon
erzählt, oder?«
Ich nickte.
»Ja«, meinte er, »das erzählt sie immer allen gleich beim ersten Kontakt.
Damit will sie den Leuten zeigen, dass der Islam ein Ausweg ist, egal in
welcher Scheiße man sitzt. Aber was mich betrifft – ich habe noch viel
tiefer in der Scheiße gesessen. Doch davon erzähl ich dir wie gesagt ein
anderes Mal, inschallah.«
Komisch, dachte ich. Mir gegenüber war Samira erst später mit ihrer
Geschichte herausgerückt. Vielleicht, weil ich für sie jemand Besonderes
war – nicht bloß irgendein Neugieriger, bei dem sie ihr Standardprogramm
abspulte? Keine Ahnung, aber der Gedanke gefiel mir.
43. Tag

Wir sitzen gerade beim Abendessen. Thunfisch, Fladenbrot, Coke. Die


Coladosen haben wir mit Klebeband umwickelt, damit man den
typischen Schriftzug nicht sieht. Denn eigentlich trinken wir ja nichts
vom Satan US A . 
Das Fladenbrot haben wir nicht auf den heißen Steinen von unserem
Lagerfeuer gebacken, sondern aus der Vakuumverpackung
genommen. Im Krieg kommt eben Pragmatismus vor Romantik. Heute
haben wir nämlich ein kleines verlassenes Dorf durchquert und den
Lebensmittelladen geplündert …
Rund dreißig Kilometer sind wir marschiert. Jetzt tun uns allen die
Füße weh, aber es ist trotzdem ein gutes Gefühl. Nur manchmal muss
ich an zu Hause Dar al-Kufr denken, wo jetzt der Flieder blüht, das
habe ich immer gemocht. Hier sind wir in einer kargen Landschaft
unterwegs, du kennst sie aus den ganzen Videos. Zu Fuß durch
unwegsames Gelände. Angeblich ist das eine Abkürzung (keine
Ahnung, wohin, ehrlich gesagt) und außerdem sicherer, sagt
Nasreddin. Mit Bullis können wir eigentlich nur nachts fahren. Denn
sobald die Drohnen eine Wagenkolonne sehen, greifen sie an.
Kackegal, wer da fährt. Der Weg ist staubig und steinig, aber der
Himmel wölbt sich endlos blau über uns, und was ist schon ein
bisschen Staub im Vergleich zu den überquellenden Gärten und
sprudelnden Flüssen, die uns im Paradies erwarten?
Ich hoffe, dass wir morgen endlich wieder auf Feinde treffen.
18. Dezember

Bartek rief an. Schon wieder. Seit Tagen machte er Telefonterror bei mir
und irgendwann musste ich rangehen.
»Hi«, brummte ich.
»Endlich, Mann! Was ist los? Wo steckst du? Ich dachte schon, du
hättest dein Handy verloren oder wärst entführt worden oder hättest dich
von einer Brücke gestürzt.« Er lachte bitter. »Aus Reue, weil du die beste
Frau des Planeten verlassen hast.«
»Na ja.«
»Warum wolltest du nicht mit mir reden? Hast du ein schlechtes
Gewissen?«
Ich war halt im Stress und bin nicht dazu gekommen, wollte ich sagen,
was aber Quatsch war.
»Hör zu, Bartek. Ich bin dabei, mich zu verändern. Denke über viele
Sachen nach. Dazu ist manchmal etwas Abstand gut.«
»Wo zur Hölle wohnst du jetzt überhaupt?«
»Bei einem Kumpel.«
»Aha, und da braucht man die alten Freunde wohl nicht mehr, wie?«
»Das hat doch nichts mit …«
»Doch, hat es«, schimpfte er. »Vielleicht hast du vergessen, dass die
halbe Welt auf Facebook sehen kann, was mit dir vorgeht. Deine ganzen
neuen Buddys mit arabischen oder türkischen Namen und all die
islamischen Websites, die du in den letzten Wochen gelikt hast. Nee, nicht
islamisch – extremistisch muss man das ja wohl nennen. Ich hab mir einiges
von dem Scheiß angesehen und ich muss sagen, du bist auf einem
verdammt gefährlichen Trip, Jacko.«
»Du hast absolut keine Ahnung«, erwiderte ich.
»Nee, vielleicht nicht, bin ja auch nicht so ’n schlauer Student, sondern
bloß bei der Sparkasse. Aber ich erkenne, wenn sich mein bester Freund
einer Gehirnwäsche unterzieht. Verdammt, ich mach mir Sorgen, Jacko.
Und Liz, die macht sich erst recht Sorgen.«
»Liz macht sich Sorgen um sich selbst«, gab ich kühl zurück. »Und
bestimmt kannst du ihr in dieser schweren Zeit beistehen.«
»Arschloch«, sagte er. »Bist du wenigstens an Weihnachten zu Hause?
Sehen wir uns dann?«
»Vielleicht.«
45. Tag

Wir sind immer noch unterwegs. Gerade machen wir eine Mittagsrast.
Vorhin hielt ein Pick-up neben unserer Kolonne, drei Brüder saßen
darin, die wollten uns filmen. Sie gehören in Raqqa zur P R -Abteilung,
sagten sie.
Ja, ich weiß, ich sollte nicht posen, aber ich konnte mich auch
schlecht davor drücken. Also nahm ich Haltung an. Doch dann sah
ich mich um und musste mich echt total wundern. Mehr als die Hälfte
der Brüder zogen ihre Schals und Halstücher über die Nase, damit sie
auf dem Film nicht zu erkennen wären.
Ich fragte, warum sie das taten. Und Nizar (der Typ aus Russland)
meinte, es habe sich rumgesprochen, dass die westlichen
Geheimdienste mit ihrer Gesichtserkennungs-Software YouTube-
Videos scannen. Angeblich kriegen sie auf die Art heraus, welche
ausgereisten »Islamisten« sich gerade wo in Syrien aufhalten und
eventuell in Straftaten verwickelt sind.
Als er das sagte, schlug sich Max auch den Schal vors Gesicht. Da
musste ich lachen und meinte: »Hey, na und? Solange wir hier sind,
können die uns doch nichts.« Ich sah mich herausfordernd um. »Oder
hat einer von euch vor, irgendwann wieder zurückzugehen, nach Dar
al-Kufr?«
Natürlich sagte keiner was. Aber Mirza (der Bruder aus Bosnien), der
sich schon verhüllt hatte, nahm demonstrativ sein Palituch aus dem
Gesicht und grinste mich an. Er benimmt sich immer mehr, als wär er
mein kleiner Bruder. Vom Alter her könnte er das wohl tatsächlich
sein, er ist höchstens siebzehn. Aber das ist okay, ich mag ihn. Ich
legte ihm meinen Arm um die Schulter und zusammen strahlten wir in
die Kamera.
Ich meine, sich für ein Werbevideo zu verhüllen, das wär doch voll
der Widerspruch, oder nicht?
Und außerdem ist mein Bart inzwischen wieder prachtvoll gewachsen,
nachdem ich ihn mir für die Ausreise extra kurz geschoren hatte. 
24. Dezember

»Hey, voll der Bart«, sagte Sarah. »Bist du jetzt ein Hipster oder so was?«
»Macht dich jedenfalls ziemlich erwachsen«, bemerkte Hannah.
»Sieht aber auch ein bisschen ungepflegt aus«, fand mein Vater.
»In deinem Alter hab ich auch mal wachsen lassen«, sagte Phil, Hannahs
Freund, der halt irgendwas beitragen wollte.
Heiligabend als Castingshow. Anscheinend waren alle froh, dass mein
Outfit ein Gesprächsthema bot. Weihnachten ist ja so was wie eine
Zeitblase: Egal, was man in der Zwischenzeit getan hat – plötzlich ist einen
Abend lang wieder alles wie früher. Nicht von außen besehen, denn früher
hatten wir ein schönes Haus gehabt und einen echten Tannenbaum, nicht
dieses hässliche Plastikbäumchen mit den bunt flackernden L E D -Birnchen,
das mein Vater in einer Ecke seines kleinen Wohnzimmers aufgebaut hatte.
Trotzdem fühlte ich mich genau wie früher, eingeklemmt zwischen meinen
Schwestern. Die hyperaktive Sarah, kürzlich sechzehn geworden, redete
wie ein Wasserfall und unterbrach sich nur, um über ihre eigenen Witze zu
lachen. Hannah hingegen hatte schon als Kind eher über den Dingen
geschwebt und uns spüren lassen, dass sie uns um Jahre voraus sei. Jetzt
war sie zwanzig und benahm sich wie vierzig, vor allem mit diesem Phil an
ihrer Seite, der mir ständig altväterliche Bemerkungen zuwarf. Ich hing seit
eh und je irgendwo dazwischen; ein Sandwichkind, das nirgends richtig
hingehörte. Nach der Trennung unserer Eltern hatten wir erst alle bei
meiner Mutter gelebt, aber es lief nicht gut zwischen mir und den drei
Frauen. Mit fünfzehn bin ich zu meinem Vater gezogen und wir haben uns
als Männer-WG einigermaßen arrangiert. Jeder machte sein Ding und ich
verstand noch nie, wieso ausgerechnet an Weihnachten immer so getan
werden musste, als seien wir eine tolle Familie.
Wir aßen Kartoffelsalat aus dem Supermarkt und aufgeplatzte
Würstchen, die in einer fettäugigen Brühe dümpelten.
»Wieso nimmst du keine Wurst?«, fragte mein Vater. »Gehst du jetzt
auch unter die Vegetarier?«
Ich schaute zu Hannah hinüber, die uns früher mit Horrorgeschichten
über Tierhaltung terrorisiert hatte.
»Ich ess bloß kein Schweinefleisch mehr«, sagte ich.
»Du bist doch nicht etwa Moslem geworden?«, rief Sarah aufgeregt.
»Trägst du deshalb den Bart?«
»Es heißt Muslim«, verbesserte ich. »Aber ich bin keiner.«
Wahrhaftigkeit, Mann! »Jedenfalls noch nicht«, schob ich nach. »Vielleicht
wird Allah – subhanahu wa-ta’ala – mich rechtleiten.«
Mein Vater glotzte mich mit aufgerissenem Mund an. Das sah nicht
schön aus, weil er gerade eine Gabel voll Kartoffelsalat hineingeschoben
hatte.
»Irre«, meinte Sarah.
Hannah fragte: »Wird das so ’ne Art Selbstfindungsnummer?«
Und Phil erzählte: »Ich hab ja früher auch mal verschiedene Religionen
ausprobiert. In deinem Alter kann man ruhig ein bisschen experimentieren.«
»Du spinnst, Junge«, sagte mein Vater und musste husten. Vielleicht
hatte er sich an seinem vollen Mund verschluckt.
»Sag mal«, wandte ich mich an Sarah, »hattest du nicht neulich diese
Schulaufführung?«
»Allerdings – es war deeer Hammer«, plapperte sie los.
Für den Rest des Abends war der Islam kein Thema mehr. Und
irgendwann machten sich die drei davon. Hannah wollte noch mit Phil zu
dessen Eltern, Sarah zu unserer Mutter. Ich blieb bei meinem Vater, um in
meinem alten Zimmer zu übernachten. Er räumte den Tisch ab und pflanzte
sich vor den Fernseher, während ich meine Sachen musterte: Stereoanlage,
B VB -Wimpel und Mavericks-Poster an der Wand, daneben ein Regal mit
Fantasyromanen. Nichts schien es wert, dass ich es mit nach Bonn nahm, in
mein leeres, reines, weißes Zimmer bei Adil. Ich hatte eine fantastische
Welt betreten, die weit jenseits von Mittelerde oder Aventurien lag, fern
auch der, in der ich bisher zu Hause gewesen war. Oder zu sein geglaubt
hatte.
Kennst du Matrix?, hatte Adil mich neulich gefragt. Genau so sei es hier
in dieser Gesellschaft, meinte er. Du hältst das alles für real, dabei ist es nur
Schein und Verblendung. Narkose. Irgendwann kommt Allah und zieht den
Stecker. Plötzlich siehst du alles klar.
Ich zog meine Schuhe und Jacke an und rief: »Ich geh noch spazieren.«
Draußen war es beinahe mild, jedenfalls nicht kalt genug für
weihnachtliche Gefühle. Am Himmel sah ich Sterne, aber nur einen
Bruchteil von denen, die man zum Beispiel an der Nordsee sieht, denn der
Smog aus Licht und Abgasen vernebelte das Firmament. War ich bereit, klar
zu sehen? Wollte ich zulassen, dass Allah mir den Stecker zog, der mich an
die Matrix band? Komischerweise zweifelte ich längst nicht mehr an seiner
Existenz. Ohne irgendein aufregendes Erweckungserlebnis oder dergleichen
hatte sich die Erkenntnis in meinem Innern eingenistet und kam mir auf
unerklärliche Weise plausibel vor. Okay, die Matrix folgte ihren eigenen
Regeln – ihren Naturgesetzen, ihren moralischen Normen, und solange man
nichts anderes kannte, hielt man sie für zwingend logisch. Doch jenseits der
Matrix begann eine ganz neue, viel größere Logik, ein unendlich viel
tieferes Verständnis der Welt.
Der Wind wehte mir den Klang von Glocken entgegen. Ohne groß
nachzudenken, folgte ich dem Geläut und betrat den neobarocken
Kirchenbau, in den ich seit meiner Kindheit keinen Fuß mehr gesetzt hatte,
nicht mal zur Christnacht. Vorne verlas der Priester irgendwas und seine
Gemeinde quittierte es mit ungerührtem Schweigen. Die Christen in ihren
Mänteln und Winterjacken, mit ihrer Leichenbittermiene und den vor dem
Bauch verknoteten Händen erweckten nicht den Eindruck, als sei in dieser
Nacht irgendwo ein Erlöser geboren. Nichts hier hatte mit Isa ibn Maryam
zu tun, dem Wort der Wahrheit als Zeichen des Erbarmens für die
Menschen – wie Jesus im edlen Qur’an bezeichnet wurde.
Beinahe floh ich aus der Kirche, taumelte die Stufen vor dem Portal
hinab auf die Straße. Die Worte hatten sich soeben von allein in meinem
Kopf geformt. Ich hatte sie zwar nicht gesprochen, aber deutlich gedacht,
als spräche ich zu mir selbst. Qur’an, hatte ich gedacht, so wie Samira es
aussprach und Adil und Abu Tarek und alle, mit rollendem R; nicht plump
Koran, wie die Kuffar sagen.
Ich steckte mir einen Kaugummi in den Mund und betrachtete wieder
den Himmel. Das Universum ist voller Supercluster. Jeder einzelne besteht
aus Gruppen von Galaxien, die wiederum Millionen von Sternen bergen.
Irgendwo gibt es dort eine kleine Milchstraße und ganz unscheinbar an
deren Rand ein unauffälliges Sonnensystem. Flöge man durch das
interstellare Nichts darauf zu, zöge an den großen Gasplaneten vorbei und
auch an dem kleinen roten Punkt namens Mars, käme man zu einer
winzigen blauen Perle, einem atmenden Staubkorn im All, auf dem sieben
Milliarden Exemplare von Homo sapiens leben und lieben, essen und
scheißen, gebären und töten und sterben. Eines von diesen sieben
Milliarden stand hier auf der Straße zwischen einer scheinheilig
erleuchteten Kirche auf der einen Seite und einem vor langer Zeit
pleitegegangenen Sexkino auf der anderen und sehnte sich danach, seinem
Schöpfer zu begegnen. Seinem wirklichen Schöpfer und nicht seinem
biologischen Vater, dem es gefallen hatte, drei Kinder in die Welt zu setzen,
ohne mit seinem eigenen Leben irgendetwas Sinnvolles anzufangen. Und
der vor dem Fernseher schlief, in jener Nacht, während ich leise in mein
altes Zimmer tappte und meine Bettdecke auf dem Boden in Richtung
Mekka ausrollte, nachdem ich die Qibla, die Gebetsrichtung, mithilfe einer
Smartphone-App bestimmt hatte.
47. Tag

Oh, Jakob, mein Bruder! Ya’qub! Akhi! Das habe ich nicht gewollt.
Aber der Reihe nach …

Mir hängt ziemlich nach, wie blöd wir beide auseinandergegangen


sind, du und ich. Und ich hab schon lange überlegt, dich einfach
anzurufen. Ich bin hier zwar in einer vollkommen anderen Welt, dabei
aber auch bloß einen Anruf oder eine WhatsApp-Message entfernt.
Also hab ich irgendwann Nasreddin gefragt, ob ich kurz mein Handy
zurückhaben kann. Weil ich einen Freund und Bruder anrufen wolle.
»Wer ist es?«, fragte er. »Dieser Ya’qub?«
Keine Ahnung, ob ich am Anfang bei den Verhören deinen Namen
erwähnt hatte oder ob er sich sonst wie über mein Umfeld informiert
hatte – es war mir auch egal, woher er deinen Namen kannte. Er
dachte jedenfalls, es ginge mir darum, dich doch noch zu überreden,
zu uns zu kommen. Deshalb hatte er nichts dagegen.
Es war ein komisches Gefühl, mein Handy wieder in der Hand zu
halten. Ich wollte dich anrufen. Hören, wie es dir geht, wie es mit
Samira läuft und so. Hab es heute Morgen versucht, heute Mittag und
dann noch mal am Nachmittag. Du gingst nicht dran, warst bei
WhatsApp nicht aktiv, das kam mir plötzlich komisch vor. Da hab ich
Samira angerufen und von ihr erfahren, was passiert ist.
Es tut mir unendlich leid. Wo immer du nun sitzt – ich denke fest an
dich und bete um Geduld und Kraft für dich.

Natürlich hat Samira mir die Hölle heißgemacht. Dass du


meinetwegen im Knast sitzt und dass ich schleunigst meinen Arsch
nach Hause schaffen sollte, anstatt hier unten in Syrien Cowboy und
Indianer zu spielen. Subhan Allah, sie hat doch echt keine Ahnung,
was hier abgeht. Wie kann sie nur so anmaßend sein? Na ja, große
Schwester halt, du kennst das …
Ich hab das Gespräch dann rasch beendet und plötzlich stand
Nasreddin neben mir. Ich dachte schon, er wäre jetzt sauer, doch er tat
ganz verständnisvoll und meinte, es bringt halt nichts, mit Verwandten
zu telefonieren, das würde einen doch bloß runterziehen. Ich sollte
stattdessen lieber den nächsten Panzer fotografieren, den ich
plattmache, und das Bild auf Facebook posten. Das würde den
Geschwistern in aller Welt Mut und Hoffnung machen.
Aber ich gab ihm das Teil einfach zurück und meinte, dass ich auf
Panzer lieber mit der R P G schieße statt mit dem Handy. Soll er es
meinetwegen verschenken oder auf den Müll werfen. Ich halte mich
an mein Versprechen, dass ich kein Poser sein will. Und schon gar
nicht, nachdem ich nun weiß, was mit dir geschehen ist.
Möge Allah (swt) dich stärken, Akhi!
25. Dezember/3. Rabi al-auwal

Das Familiespielen ging weiter, aber in ganz anderem Setting. Sarah und
meine Mutter lebten mit deren neuem Mann Frank und dessen Tochter
Leonie in einer Doppelhaushälfte am Stadtrand. Der Weihnachtsbaum
verströmte frischen Tannenduft und Frank rannte in Kochschürze hin und
her, um erlesene Köstlichkeiten zu servieren. Es war das perfekte
Patchwork-Idyll.
»Hoffentlich ist das alles ohne Schwein«, bemerkte Sarah schelmisch.
»Unser Bruder wird nämlich demnächst Moslem.«
»Muslim«, verbesserte Hannah ernst.
»Ach, du lieber Himmel«, rief meine Mutter. »Etwa darum dieser Bart?
Kind!«
»So was wächst sich aus«, meinte Phil, der ja vom Leben allerhand zu
verstehen schien.
»Der Bart wächst sich aus?«, witzelte Sarah. »Oder was?«
»Das sind Gänsekeulen«, erklärte Frank und rieb die Hände an seiner
Schürze ab.
»Aber Jakob«, rief meine Mutter, »wie kommst du bloß auf so was?«
»Welche Richtung schwebt dir eigentlich vor?«, wollte Phil plötzlich
wissen.
»Es ist angerichtet«, ließ Frank uns wissen. »Nehmt doch bitte Platz.«
»Wie – Richtung?«, fragte ich.
»Angerichtet.« Frank sah in die Runde. »Wer möchte einen Aperitif?«
»Na, da gibt es doch die verschiedensten Strömungen«, meinte Phil.
»Ich hätte Martini im Angebot«, sagte Frank, »oder Campari Orange
oder einfach einen Prosecco.«
»Jakob trinkt bestimmt keinen Alkohol mehr«, spekulierte Sarah.
»Mich interessiert keine Strömung«, sagte ich. »Mich interessiert der
ursprüngliche Islam. So wie der Prophet gelebt hat, Segen und Frieden auf
ihm. Und wie die ganz frühen Gläubigen, die Salaf.«
»Salafismus?«, entfuhr es Phil. Da hatte sich Hannah ja einen absoluten
Checker angelacht.
»Kind!«, rief meine Mutter.
»Also, wenn wir uns jetzt nicht setzen, ist gleich die Vorspeise kalt«,
warnte Frank.
»Salafismus ist für Machos«, meinte Hannah. »Du bist doch kein
Macho, Jakob.«
»Ich wollte mir zur Abwechslung mal selber überlegen, wer oder was
ich bin«, gab ich zurück. »Gestern hat euch das noch nicht schockiert.«
»Gestern hast du auch nicht von Salafismus gesprochen«, hielt Hannah
dagegen.
»Hab ich jetzt auch nicht, sondern du. Das ist nur ein Etikett.«
»Na, dann ist ja keine Gefahr im Verzug«, meinte Sarah, »alles bloß
Etikettenschwindel. Ich nehme einen Prosecco bitte, Frank.«
Hannah fixierte mich und fragte: »Du findest das also gut? Du würdest
deine Frau zwingen, sich zu verschleiern? Und sie im Zweifel verprügeln?«
»Jakob«, rief meine Mutter dazwischen, »was meint denn deine
Schwester, wenn sie …«
»Jakob«, lächelte Frank, »vielleicht magst du stattdessen einen
Orangensaft vorweg?«
»Niemand wird geschlagen oder zu irgendwas gezwungen«, sagte ich
bemüht ruhig. »Das ist nur westliche Propaganda.«
»Also ich persönlich habe viele muslimische Freundinnen und
Freunde«, mischte sich Phil wieder ein. »Die praktizieren einen ganz
liberalen Islam. Ich kann da gerne mal einen Kontakt herstellen.«
»Dann kann ich ja gleich in die Kirche gehen«, brummte ich. »Das ist
reine Folklore. Weichgespült und marktkonform.«
»Der Bruder von Nilüfer aus meiner Stufe hat sich auch neulich so
radikalisiert«, schaltete sich Franks Tochter Leonie ein. »Jetzt betet er
ständig, glotzt komische Videos im Internet und beschimpft Nilüfer als
Schlampe, weil sie kein Kopftuch trägt.«
»Vielleicht ist sie ja eine«, meinte ich. »Vielleicht sind wir alle
Schlampen.«
Unvermittelt fror die Szene ein. Die anderen starrten mich an. Frank, der
mir gerade einschenken wollte, verschüttete seinen Saft und die Tropfen
fielen wie ätzende Säure aufs Parkett, man konnte sie aufschlagen hören.
»Damit meine ich«, sagte ich leise, »dass wir uns alle ständig verbiegen
und anpassen. Ich hab achtzehn Jahre lang Kompromisse gemacht. Das ist
vorbei, inschallah.«
Niemand bewegte sich. Plötzlich kam ich mir tatsächlich wie im Film
Matrix vor, in einem Bullet-Time-Effekt, wo nur ich selber agieren konnte,
während um mich herum die Zeit anhielt. Ich ging langsam in den Flur und
zog meine Jacke an.
Meine Mutter löste sich aus der Starre und kam auf mich zu. Sie streckte
die Hand aus, hielt inne und ließ den Arm wieder sinken.
»Kind … du gehst einfach so?«
»Hör bitte auf, mich so zu nennen. Ich bin achtzehn. Und ich will euch
nicht die Feier verderben.«
»Aber … dein Geschenk.« Als hielte sie mich tatsächlich für ein Kind,
das man auf diese Weise überreden könnte. »Es ist doch Weihnachten.«
»Das Wort bedeutet gar nichts«, sagte ich. »Ob nun Weihnachten ist
oder Muttertag oder Armageddon – ich sehe nur noch Phrasen, leere
Hüllen.«
Ich schulterte meinen Rucksack und schaute durch den Flur ins
Wohnzimmer zurück, wo Sarah, Frank und Leonie, Hannah und Phil noch
immer so reglos dastanden wie ein Familienporträt in Öl und mich
fassungslos anstierten.
»Ich melde mich, Mama«, sagte ich versöhnlich. »Frohes Fest euch allen
noch.«

Ich ging durch menschenleere Straßen wie ein Fremder durch ein fremdes
Land. Plötzlich war ich erwachsen geworden, stellte ich fest. Ent-wachsen.
Herausgewachsen aus dieser Vorstadtwelt und meinem alten Leben. An
einer unwirtlichen Kreuzung blieb ich stehen und holte das Handy heraus.
»Oh, hallo, Jakob«, sagte Samira. »Ich wünsche dir frohe Weihnachten –
falls du das feierst.«
»Nein, tu ich nicht. Das ist alles Götzendienst. Sie beten nicht dieses
Kind in der Krippe an, sondern bloß ihre Konsumgüter. An so was kann ich
nicht mehr glauben. Ehrlich gesagt …« Ich schluckte. Dann sagte ich mit
fester Stimme: »Ehrlich gesagt glaube ich, dass es überhaupt nichts
Anbetungswürdiges gibt außer Gott. Und dass Muhammad sein Gesandter
ist.«
»Jakob … Jakob, ist dir bewusst, was du da gerade gesagt hast?«
»Ja.« Wieder musste ich schlucken. »Vollkommen.«
»Kannst du es auf Arabisch sagen?«
»Aschhadu an la ilaha illa ’llahu«, sagte ich und spürte eine kleine Träne
an meiner Wange herablaufen. »Wa-aschhadu anna Muhammadan rasulu
’llah.«
»Alhamdulillah, jetzt bist du ein Muslim«, flüsterte sie. »Willkommen,
Akhi.«
2. Januar/11. Rabi al-auwal

In den Straßen verrotteten die schmutzigen Reste des Silvesterfeuerwerks


und hinter vielen Fenstern blinkte noch die Weihnachtsdeko. Wir aber
feierten etwas anderes: Maulid an-Nabi, den Geburtstag unseres
Propheten – Segen und Frieden auf ihm. Jedenfalls dachte ich, wir würden
es tun. Doch im Auto auf dem Weg zur Moschee belehrte mich Adil, das sei
eigentlich gar nicht islamisch.
»Das ist Bid’a«, sagte er, »eine Hinzufügung. Eine Art
Ersatzweihnachten für die Mainstream-Muslime. Im ursprünglichen Islam
wurde der Propheten-Geburtstag nicht gefeiert. Also tun wir das auch
nicht.«
»Okay«, nickte ich.
Es gab so unglaublich viel, was man falsch machen konnte. Und ob ich
nun an die Hölle glaubte oder nicht – ich fühlte mich getrieben von dem
Ehrgeiz, sofort alles richtig zu machen, am liebsten noch besser als alle
anderen. Ja, ja. Dass so was typisch sei für Konvertiten, dass neue Muslime
oft voller Übermut übers Ziel hinausschössen und so weiter – das hatte ich
ja alles in diversen Foren gelesen und mir vorgenommen, die Sache
langsam anzugehen. Step by step. Doch das Feuer, das in mir brannte seit
dem Augenblick, in dem ich die Schahada ins Telefon gesprochen hatte, in
Samiras Ohr, dieses Feuer schien alles verzehren zu wollen. Auch deshalb
war ich furchtbar aufgeregt, als Adil seinen uralten Volvo mit dem
belgischen Kennzeichen ins Industriegebiet lenkte und in die Straße, in der
die Moschee lag.
Zwei Monate zuvor war ich zum ersten Mal durch diese Straße
gegangen, hatte wie ein Tourist durch die Stäbe gespäht, ein Zaungast im
wahrsten Sinne des Wortes. Zwei Monate und ein ganzes Leben. Heute kam
ich als neuer Bruder, um von den Geschwistern begrüßt zu werden. Fast
bedauerte ich, dass die Fotorentner diesmal nicht da waren. Vielleicht
machten sie Winterferien. Über Facebook und WhatsApp hatte sich meine
Rechtleitung längst in der Gemeinde herumgesprochen und ich musste
etliche Hände schütteln und in viele frohe Gesichter lachen – Hände und
Gesichter der Männer, versteht sich; und nur verstohlen suchten meine
Augen nach Samira.
Unsere Blicke trafen sich nur kurz und von außen deutete nichts darauf
hin, dass vor wenigen Tagen am Telefon etwas ganz Besonderes zwischen
uns geschehen war. Als ich Adil nach meiner Rückkehr aus Dortmund
davon berichtet hatte, hatte er einen Moment lang geschluckt, mich dann
aber überschwänglich beglückwünscht. Für ihn zählte wohl nicht, zu wem
ich den alles entscheidenden Satz gesagt hatte. Vielmehr benahm er sich, als
sei er ganz allein es gewesen, der mich zum Islam gebracht hatte. Er führte
mich stolz umher und zog mich zuletzt zu der kleinen Gruppe der Älteren.
Anders als bei uns Jüngeren waren hier die Deutschstämmigen in der
Minderheit. Die meisten sahen in ihren Dschellabas, mit ihrer dunklen Haut
und ihren imposanten Bärten wie orientalische Würdenträger in alten
Filmen aus. Nur einer von ihnen trug einen grauen Anzug und hatte den
Bart akkurat gestutzt.
»Ibn Ibrahim, mein Chef und Vermieter«, sagte Adil. »Also unser
Vermieter.«
Der Mann drückte meine Hand. »Willkommen, Akhi. Ich freue mich,
dass du, alhamdulillah, zum Glauben gefunden hast. Und dass Adil einen
neuen Mitbewohner hat, nachdem Benjamin-Dschamal fortgegangen ist –
möge Allah ihn ins Paradies aufnehmen.«
»Danke«, murmelte ich und warf Adil einen Blick zu.
Wir gingen hinein.
Zu Beginn seiner Predigt rief Abu Tarek mich nach vorn. Mit hochrotem
Kopf stand ich neben dem Mann, den ich aus Hunderten von Videos kannte
und der mir daher auf seltsame Weise so vertraut vorkam wie ein alter
Kumpel. Genauso verlegen stand ich da vor der Gemeinde wie zwei
Monate zuvor mein neuer Bruder und Facebook-Freund Jonas Laubach.
Damals hatte ich zugesehen, wie der schmächtige Blondschopf mit der
Hornbrille das Glaubensbekenntnis ablegte. Er hieß jetzt Abdul und saß
mitten unter den Brüdern, eine Häkelmütze auf dem rasierten Kopf und
einen fröhlich sprießenden blonden Bart ums Kinn. Und ich stand hier.
Abu Tarek pries den Allbarmherzigen, dem es gefallen hatte, mich
rechtzuleiten; und er dankte dem Bruder Adil, der mich auf meinem Weg
begleitet und unterstützt habe. »Takbir!«
»Allahu akbar!«
Ich sah über die Reihen der Brüder hinweg zu den Frauen, suchte und
fand Samiras Blick. Es war nicht zu erkennen, ob sie stolz auf mich war
oder traurig, weil Abu Tarek ihren Bruder lobte und nicht sie, obwohl sie es
doch gewesen war, die mir den Glauben aufgeschlossen hatte. Im
Augenwinkel sah ich, wie Adil meinem Blick folgte und sich kurz zu ihr
umdrehte.
Später beim Essen, bei dem natürlich Männer und Frauen ebenfalls strikt
getrennt saßen, beugte er sich zu mir herüber und fragte leise: »Sag mal –
Samira und du, telefoniert ihr eigentlich oft?«
»Wieso fragst du das, Akhi?«
Es gefiel mir, dass ich ihn nun so nennen konnte. Es schuf eine neue
Vertrautheit zwischen uns, die weit über die Art von Freundschaft
hinauszugehen schien, die ich mit Bartek und den Jungs zu Hause erlebt
hatte.
Umso mehr traf es mich, als er sagte: »Wenn ein Mann und eine Frau
sich auf diese Art nähern, ist meist der Schaitan der Dritte im Bunde.«
Plötzlich stand Abu Tarek hinter uns und ich fühlte mich richtiggehend
ertappt – bei was auch immer.
»He, der Bruder ist gerade ganz neu bei uns und du drohst ihm schon
mit dem Schaitan?«, fragte er Adil mit breitem Grinsen. Ich entspannte
mich. Zu mir sagte er: »Pass auf, Akhi, du sollst ganz behutsam in den
Glauben hineinwachsen. Viele Konvertiten nehmen sich am Anfang zu viel
vor und scheitern dann. Das wäre das Schlimmste. Nach vorn geht es
immer, aber zurück niemals. Der Islam ist ein One-Way-Ticket.«
»Ich weiß.«
Er legte mir eine Hand auf die Schulter.
»Schau dir die Schwestern an«, fuhr er fort. »Einige sind schon ein paar
Monate dabei, tragen aber noch keinen Hijab. Weil sie noch nicht so weit
sind. Allah – subhanahu wa-ta’ala – kann warten. Würde eine von ihnen im
Eifer gleich den Schleier nehmen, es später bereuen und ihn wieder
ablegen, wäre das hingegen eine große Sünde.«
»Ich weiß«, wiederholte ich. Den Text kannte ich längst aus einem
seiner Videos. Vermutlich hatte er ihn schon zu Hunderten von Konvertiten
gesagt. Kurz flog mein Blick über die Tische der Frauen und blieb an
Samira hängen, die sich angeregt unterhielt.
Abu Tarek holte mich zurück. »Hast du dir schon einen islamischen
Namen überlegt?«, fragte er unvermittelt.
»Oh …«, machte ich. Von wegen behutsam hineinwachsen und so.
»Brauchst du eigentlich gar nicht«, meinte er. »Du trägst ja schon den
Namen eines großen Propheten. Auf Arabisch heißt es Ya’qub. Da kannste
mal drüber nachdenken.«
Er nahm die Hand von meiner Schulter und setzte seinen Rundgang fort
oder was immer das war: Er beugte sich zu diesem oder jenem Bruder
hinab, fing eine Plauderei ein, wie geht’s den Kindern, was macht die Uni.
Er war ein bisschen der Patenonkel von uns allen hier.
Kinder und Uni kamen hier übrigens häufig vor, hatte ich schon
festgestellt. Denn obwohl die meisten Geschwister nicht viel älter waren als
ich, rannten überall kleine Kinder herum und füllten die Halle mit
ausgelassenem Jauchzen. Das Verbot von Sex und überhaupt jeglichem
Kontakt zum anderen Geschlecht außerhalb von Ehe und Familie schien
sich jedenfalls förderlich auf den Nachwuchs auszuwirken. Unwillkürlich
suchte mein Blick wieder nach Samira, die noch immer ins Gespräch
vertieft war.
»Du hast es gut«, sagte ich zu Adil, »du brauchtest dir keinen neuen
Namen auszusuchen.«
Plötzlich flogen mir halb zerkaute Zwiebelstückchen ins Gesicht.
»Oh, sorry, Akhi.« Hanif, der uns gegenübersaß, schlug die Hand vor
den Mund, um seinen Lachflash zu bändigen.
»Was ist?«, fragte ich entgeistert und sah von ihm zu Adil neben mir, der
die Augen verdrehte.
»Sag’s ihm, Akhi«, prustete Hanif unterdrückt, »na los.«
Doch Adil winkte ab. Hanif schaffte es mit letzter Kraft zu schlucken,
dann brach es aus ihm heraus: »Adil hieß nicht immer Adil. In seinem
Ausweis steht … nein, das glaubst du mir nicht.«
Adil stieß einen Seufzer aus und knurrte: »Meine Eltern nannten mich
Peer.«
»Ein guter Name für einen Jungen aus Hamburg«, grinste ich. »Und wie
hieß Samira früher?«
»Imke.«
Wieder musste ich zu ihr hinsehen. In dem Augenblick, als hätte sie über
etliche Tischreihen hinweg unser Gespräch verfolgt, lächelte sie mich an.
Konnte der Schaitan so hinterlistig sein? Konnte Adil wirklich recht
damit haben, dass meine Gespräche mit ihr unsere Seelen in Gefahr
brachten? Aber wenn es so wäre, hätte Samira mich doch gleich am Anfang
abblitzen lassen. Okay, sie hatte schon versucht, mich abzuwimmeln, aber
eher halbherzig. Und ich selber hatte es mir irgendwie zurechtgebogen mit
diesen theoretischen Erwägungen. Vor Gott allerdings konnte man nichts
zurechtbiegen, denn er kannte meine wahren Gefühle. Vielleicht sogar
besser als ich selbst.
Vor diesem Gedanken erschrak ich plötzlich. Also weniger vor der
Allwissenheit Allahs, sondern davor, dass ich wirklich mehr für Samira
empfand, als ich mir die ganze Zeit über hatte eingestehen mögen. Bis vor
ein paar Tagen hatten solche Fragen ja auch noch keine Rolle für mich
gespielt. Jetzt aber schon. Plötzlich zählte, was ich tat. Jede Handlung, jedes
Wort, jeder Gedanke würde am Ende auf die Waage gelegt. Nichts war
mehr gleichgültig, alles hatte eine Bedeutung. Wow.
Trotzdem musste ich sie noch ein einziges Mal anrufen. Nur einmal
noch. Das würde Allah mir nachsehen.
3. Januar/12. Rabi al-auwal

»Ya’qub, maschallah«, lachte sie am anderen Ende der Leitung. »Das klingt
schön. Darf ich dich trotzdem weiter Jakob nennen? Ich hab mich so daran
gewöhnt.«
»Okay. Dafür werde ich dich niemals Imke nennen.«
»Hey, hat Adil sich verplaudert?«
»So kann man das nicht sagen«, meinte ich. »Wie bist du auf den Namen
Samira gekommen?«
»Ich hab gelesen, dass er in etwa die Bedeutung von nächtliche
Gesprächspartnerin hat.«
»Oh, wie passend.«
»Nicht wahr? Aber bezieh es bloß nicht zu sehr auf dich, Akhi.« Wieder
lachte sie. »Schon vor meiner Rechtleitung hab ich gern bis weit in die
Nacht mit Freundinnen telefoniert. Und hab natürlich gemerkt, dass das
eine Stärke von mir ist. Also mit Menschen zu reden, ihnen zuzuhören, über
den Sinn des Lebens zu quatschen und so was.«
»Ja, ähm … apropos. Vielleicht wäre es gut, wenn ich dich in der
nächsten Zeit nicht mehr so oft anrufe.«
»Ach.«
Ihr Lachen war verschwunden. Ich konnte fast hören, wie sie befremdet
die Augenbrauen hochzog. Ich rang nach einer Erklärung. Gestern Abend
war ich mir sicher gewesen, dass ich ihr das sagen musste, aber plötzlich
fühlte es sich absurd an.
»Ja, nun …« Ich kam mir wie in einer Prüfung vor. Wo der Lehrer
absichtlich dumm tut, um den Schüler auf die Probe zu stellen. »Ich möchte
nicht, dass wir uns der Fitna aussetzen, also der Versuchung, weil es …«
»Versuchung?«, fragte sie kühl. »Was sollte uns bitte schön in
Versuchung führen?«
Ich schwieg betroffen. Warum half sie mir nicht? Wozu war ich
innerlich den ganzen Weg gegangen, wenn sie es mir jetzt so schwer
machte?
Sie sagte: »Im Herbst wusstest du noch gar nichts vom Islam und jetzt
willst du mich über Fitna belehren?«
»Nein«, rief ich, »Unsinn. Ich will bloß … inschallah, alles richtig
machen.«
»Ich weiß.« Das klang versöhnlicher. »Sortiere dich in Ruhe. Wenn du
dich sicherer fühlst, kannst du ja mal wieder anrufen.«
»Okay, danke, ich …«
»As salamu alaikum«, sagte sie.
Klick.
»Wa-’alaikum as salam«, flüsterte ich und starrte auf das Telefon.
Behutsam hineinwachsen? Gar nicht so einfach. Erst recht nicht mit
One-Way-Ticket.
49. Tag

Heute war so ein Tag, wo mich – na, ich will es nicht Zweifel nennen.
Wo mich halt so Fragen beschleichen. Fragen, die ich …
ach, keine ahnung. bin voll im eimer. schreib morgen weiter.
4. Januar/13. Rabi al-auwal

Ya’qub hat sein Profilbild geändert.


Ya’qub hat seine religiösen Ansichten in Salafiyya geändert.
Ya’qub hat eine neue Arbeitsstelle als Diener Allahs (swt)
begonnen.
Hamit Krämer, Proud Muslim, Laura Aischa und 176 anderen
gefällt das.

Das war Sonntagfrüh, kurz nach Fadschr, dem Gebet vor Sonnenaufgang.
Meine neuen Geschwister waren schon wach.

Maschallah, Akhi, willkommen im Islam.


Wie schön, Ya’qub, dass du dabei bist! Alhamdulillah!
Allahu akbar! Hau rein, Alter!

Abdul Köln möchte mit dir befreundet sein.


Maja Mudschahida möchte mit dir befreundet sein.
Lukas Schahid Mitzelewski möchte mit dir befreundet sein.

Gegen zehn Uhr standen die ersten Kuffar auf.


Wow. Mein erster eigener Shitstorm.

Soll das ein Witz sein? Wenn, dann ist er nicht lustig.
Juli.
Wer hat dir denn ins Hirn geschissen?
Marco (aus meinem alten Basketballverein).

Du hast sie wohl nicht alle! Wegen Typen wie dir ist
Deutschland bald komplett am Arsch.
Frerik (aus meinem Semester).

O!M!F!G! Mach bitte keinen Scheiß, Jakob!


Paula (aus meiner alten Stufe).

Geh doch am besten gleich zu Al-Qaida.


Henri. (Vergessen, von wo ich den kannte.)

Mein Handy klingelte. Bartek. Ich drückte ihn weg.

Finger weg vom Salafismus! Die Salafisten bringen den ganzen


Islam in Verruf. Eine Beleidigung für Gott und den Propheten!
Yilmaz (aus meiner Grundschule).

Bartek rief wieder an. Ich drückte ihn wieder weg.

Wie kann man als Bio-Deutscher freiwillig ein Ziegenficker


werden?

Offenbar hatte ich die Kommentarfunktion für Freunde von Freunden


geöffnet. Das sollte ich dringend ändern.
Das Chatfenster ploppte auf.
Bartek: Verdammt, Jacko, geh ans Telefon! Wir müssen reden!

Ich klickte das Fenster zu.

Ich hoffe, ihr geht alle bald nach Syrien und krepiert elendig in
eurem heiligen Krieg.
Anderer Freund eines anderen Freundes.

Ich warf mich auf die Welle des Hasses, als könne ich darauf surfen. Es
fühlte sich fantastisch an.
Und dann kam der Gegenangriff. Adil, der eigentlich in Ibn Ibrahims
Lagerräumen Frühschicht hatte, führte die Streitmacht an. Aus allen
Himmelsrichtungen eilten die tapferen Mudschahidin zu meiner
Verteidigung herbei; sie fielen über die kränkenden Postings her, konterten
sie mit Qur’an-Zitaten oder wissenschaftlichen Fakten, mit ironischen
Sprüchen und wüsten Beschimpfungen. Ich selbst griff nicht ein, hätte gar
nicht gewusst, wo anfangen. Ich saß dabei und verfolgte die wüste Schlacht,
die sich bis in den Nachmittag zog.
Gegen sechzehn Uhr tauchte ein Kommentar von Betül auf, Barteks Ex.
Sie schrieb:

Die Nazi-Kommentare hier sind natürlich Schwachsinn, aber


davon abgesehen finde ich euch Salafisten wirklich anmaßend.
Nur Allah und sonst niemand kann beurteilen, wer ein guter
Muslim ist und wer nicht. Bzw. überhaupt ein guter Mensch!
Und Gott weiß es am besten!
Nun reagierte ich doch; ich löschte Betül von meiner Freundesliste. Das
war der Beginn eines großen Aussiebens. Auf meiner Liste fanden sich alte
Mitschüler, Leute vom Basketball, Kommilitonen, flüchtige
Partybekanntschaften und so weiter; bis vor zwei Wochen waren es rund
vierhundert Leute gewesen. Seit meiner Rechtleitung hatte sich die Zahl
verdoppelt. Den meisten meiner neuen Freunde war ich nie im analogen
Leben begegnet. Trotzdem schienen wir einander vertraut wie
Geschwister – wie Geschwister, die man als Babys getrennt hatte und die
einander auf wundersame Weise doch erkannten: Menschen meines Alters,
einige mit türkischen oder arabischen, bosnischen, albanischen Wurzeln, in
der Mehrzahl aber junge Deutsche, denen es meistens objektiv an nichts
mangelte – nicht an Geld oder Bildung noch an Freunden oder schönen
Hobbys. Trotzdem schrieben sie von der Leere in ihrem alten Leben, der
langen Suche nach Sinn und der unvergleichlichen Freude seit dem
Übertritt zum Islam. Wir nannten einander Akhi und Ukhti. Keinem
Menschen meines alten Lebens hätte ich mich jemals nah genug gefühlt,
dass ich ohne rot zu werden Bruder oder Schwester zu ihnen hätte sagen
können. All meine alten Freunde hatten sich in Wahrheit nie für mich
interessiert, wurde mir plötzlich bewusst; für gemeinsame Interessen
vielleicht, ja, für Musik, Filme, Sport, Partys und die Frage, wer gerade mit
wem schlief; nicht jedoch dafür, wie es in meinem Innersten aussah. Was
das betraf, war ich eigentlich immer allein gewesen. Allein wirst du in
deinem Grab liegen. Ich warf sie alle hinaus – auch Torben und Juli und
Weizen-Paul, Vicky aus meiner alten WG und als Letztes sogar meine
Schwestern. Auch Liz hätte ich gern entfreundet. Aber die war gar nicht auf
Facebook.
Gegen siebzehn Uhr hatte ich die Liste auf die Hälfte gestutzt. Zum
Schluss rief ich Barteks Profil auf und zögerte. Vor einer Stunde wären dort
Bilder unserer gemeinsamen Freunde angezeigt worden. Jetzt, nach dem
großen Aussieben, gab es nur noch ihn allein. Der Mauszeiger wanderte
über das Feld Als FreundIn entfernen. Mein Fingernagel kratzte an der
Maustaste.
Da hörte ich das Geräusch des Wohnungsschlüssels im Türschloss. Aus
einem Reflex schloss ich den Browser.
»Hey, was für ein Fight«, rief Adil, »subhan Allah!«
»Allerdings«, brummte ich. »Es kommt mir vor, als sei mein altes Leben
eine Ansammlung von Arschgeigen gewesen.«
»Das kenne ich«, nickte er. »So ging es bisher jedem von uns. Als der
Allbarmherzige mich rechtgeleitet hat, da dachte ich, meine Freunde
würden sich für mich freuen. Dass ich endlich zu mir selbst gefunden habe
und so. Wie naiv von mir!«
»So was habe ich gar nicht erwartet. So viel Hass aber auch nicht.«
»Tut gut, was?«
Überrascht sah ich ihn an.
»Ja. Seltsam, eigentlich.«
»Gar nicht seltsam. Du hast eine Entscheidung getroffen, das macht die
Leute aggressiv.« Er setzte sich zu mir an den Küchentisch. »Das ist doch
der Grund, warum sie den Islam hassen. Sie hassen Entschiedenheit. In
dieser Welt hier kann jeder alles sein und auch das Gegenteil davon. Du
kannst deine Einstellungen wechseln wie deine Unterhose. Die Kuffar
labern von Toleranz. Aber eigentlich meinen sie damit, dass ihnen alles egal
ist, weil sie sich für niemand wirklich interessieren. Nur wenn jemand aus
dieser Toleranzlüge ausbricht, wenn einem plötzlich nicht mehr alles egal
ist, dann rasten sie aus. Darum haben sie Angst vor uns. Von wegen
Islamisierung des Abendlandes.« Er lachte bitter. »Die fürchten sich nicht
davor, dass wir hier überall Moscheen bauen. Sondern davor, dass ihnen
Zweifel an ihrem eigenen Weltbild aus Stumpfsinn und Gleichgültigkeit
kommen könnten. Ihre Furcht macht uns stärker. Sie fürchten unseren
Mut.«
»Ja«, sagte ich. »Weil wir ein One-Way-Ticket gebucht haben, ich weiß.
Manchmal fürchte ich mich sogar selber noch vor meinem Mut.«
»Lass uns gemeinsam beten.« Adil sah auf sein Handy und stand auf.
»Bald ist die Zeit für das Ischa’-Gebet. Ich geh rasch duschen.«
Ich sah ihm nach, wie er die Küche verließ und im Bad verschwand.
Verstohlen öffnete ich den Browser wieder. Subhan Allah, so ein Wort:
verstohlen. Das kommt in Büchern vor. Es gab doch nichts zu verbergen.
Nur weil ich noch einmal lange das Profil von Bartek betrachtete. Ohne es
zu löschen. Und dann das von Samira. Die meine Freundschaftsanfrage
noch immer nicht beantwortet hatte. Verstohlen kann man ja gerade auf
Facebook gar nichts tun. Außer stumm davorzusitzen. Gedankenverloren
zog ich eine Kaugummipackung aus meiner Hosentasche und schob mir
einen in den Mund, dann erschrak ich. Rasch googelte ich nach Kaugummi
und haram und erschrak noch mehr, als ich las, dass Kaugummis doch
wahrhaftig Alkohol enthielten! In einem islamischen Forum wurde aber
erklärt, dass es sich lediglich um Glycerin und andere mehrwertige
Alkohole handle, während sich das islamische Verbot auf Ethanol bezieht,
das durch Gärung entsteht und an dem man sich berauschen kann. Puh. Was
man alles beachten muss …
Ich kaute nachdenklich und musste mir leider eingestehen, dass ich mich
Samira gegenüber wie ein Idiot verhalten hatte. Mann, dabei wollte ich
doch bloß wahrhaftig sein. Das war aber schwer, solange der alte Jakob
dem neuen Ya’qub dauernd dazwischenquasselte. Ich schloss den Browser
und schaute in mein E-Mail-Postfach. Dort türmten sich virtuell die
Arbeitsaufträge von Golski. Vielleicht könnte ich meine Wahrhaftigkeit mal
an ihm ausprobieren.
50. Tag

Gestern war ich wohl ein bisschen zu durcheinander, vielleicht auch


zu müde für einen sinnvollen Eintrag in dieses Buch.
Ich wollte dir von unserer jüngsten Schlacht berichten. Von einem
Kampf gegen Männer, die eigentlich unsere Brüder hätten sein
können. Oder auch nicht, ich kriege das einfach nicht richtig
zusammen, denn selbst die Peschmerga, gegen die ich bis jetzt
gekämpft habe, sind ja eigentlich Muslime, wobei Nasreddin uns
erklärt hat, dass jeder Muslim, der sich gegen das Kalifat stellt,
automatisch ein Murtad ist; und Murtadin verdienen nun mal den Tod,
so einfach ist das. Bei den Kurden mag das ja einleuchten, ich meine –
die haben sich doch immer wieder verkauft; erst an Assad, jetzt an die
Amis. Doch die Männer, gegen die wir heute gekämpft haben,
gehörten zu al-Nusra. Ihre Fahne sieht wie unsere aus. Wie kann ich
auf Leute schießen, die die Schahada auf dem schwarzen Banner vor
sich hertragen, genau wie wir das tun?

Na, scheiß drauf, das war eine rhetorische Frage – ich habe
geschossen und gar nicht schlecht. Das ist eben Krieg, Mann. Du
kriegst Befehle und du führst sie aus. Klingt banal, wie aus einem
schlechten Film, was? Ist aber was dran. Macht eben manches
einfacher. Trotzdem hat Nasreddin versucht, uns zu erklären, dass die
Nusra von al-Qaida gegründet wurde, um gegen Assad zu kämpfen
und auch gegen die korrupte F SA , also diese sogenannte Freie
Syrische Armee; dass ihr Anführer al-Jaulani sich aber weigert, sich
uns anzuschließen, also dem I S und unserem Kalifen al-Baghdadi,
und stattdessen az-Zawahiri die Bai’a geleistet hat, also dem Chef
der Qaida; wobei ich, unter uns gesagt, noch immer nicht richtig
durchblicke, ob wir nun eigentlich auch zur Qaida gehören oder al-
Qaida eher zu uns, und wenn die Nusra zur Qaida gehört und die
Qaida zu uns, warum kämpfen wir dann gegen die Brüder? Aber
Nasreddin sagt, dass az-Zawahiri zur Einigung vorgeschlagen habe,
dass die Nusra sich um Syrien kümmert und wir uns um Iraq, aber
dass der Kalif gesagt hat, dass das eine Grenze ist, die vor hundert
Jahren die alten Kolonialmächte gezogen haben, und das kann ja
wohl nicht für uns gelten. Und dass er, also der Kalif, jetzt al-Jaulani
als Murtad ansieht, also als Verräter, und dass er die Nusra weiterhin
als Teil des Kalifats betrachtet. Und trotzdem sind die Typen von der
Nusra jetzt alle Murtaddin und müssen getötet werden. Bzw. genau
deswegen. Kommst du so weit mit?
Verdammt, es ist kompliziert. Und Nasreddin sagt, das Kalifat hat
sowieso keine Grenzen, nur Fronten. Und da, an der Front, stehen
halt wir.

Und in der Schlacht ging ich ziemlich weit nach vorn, denn ich
dachte, hey, vielleicht nicht schlecht, von einem Al-Nusra-Kämpfer
erschossen zu werden, das bleibt ja fast in der Familie. 

Aber keine dieser Kugeln streifte mich auch nur. Ich bin unverletzt
und quietschlebendig und alle halten mich für einen der mutigsten,
tollkühnsten Kämpfer, den sie seit Langem gesehen haben.
Ich muss bloß einen Weg finden, meinen quasselnden Kopf
auszuschalten …
5. Januar/14. Rabi al-auwal

»Ich fürchte, das müssen Sie näher erläutern«, sagte Golski, hörbar um
einen neutralen Tonfall bemüht. »Sie wollen – respektive Sie können –
diesen Text nicht redigieren, weil es um eine Infokampagne zum Thema
Queer und Transgender geht?«
»Genau.«
»Weil das Ihren religiösen Gefühlen widerspricht?«
»Ja.«
»Von denen Sie – nur damit ich das richtig verstehe – vor wenigen
Wochen noch nicht mal geahnt haben, dass Sie sie jemals entwickeln
könnten? Also – solche religiösen Gefühle?«
»Richtig.«
»Das finde ich …« Er rührte den fair gehandelten braunen Zucker in
seinen Tee. »Das finde ich ganz schön spannend.«
»Was jetzt?«
»Ihre neuen Ansichten.«
»Das sind keine Ansichten«, widersprach ich kühl. »Das ist Qur’an und
Sunna.«
Golski verzog das Gesicht. Ich auch. Versuchte ein Grinsen zu
unterdrücken. Spannend. Aha.
»Sehen Sie, Jakob«, begann er und nippte von seinem Tee, »ich will
nicht intolerant sein. Ich habe mich immer für Religionsfreiheit eingesetzt
und ich bin überzeugt, dass sich der Islam in diese Gesellschaft integrieren
kann. Aber die Grenzen meiner Toleranz verlaufen dort, wo die Intoleranz
anderer anfängt.«
»Ich bin diesen Leuten gegenüber nicht intolerant«, sagte ich. »Die
können tun, was sie wollen, und dann eben für den Rest aller Zeiten in der
Hölle braten, das ist mir gleich. Aber ich muss sie doch nicht darin
unterstützen.« Glaubte ich, was ich da sagte? Es kam aus mir hervor, als
spräche jemand anderes. Und als sei der sich seiner Sache verdammt sicher.
Seltsamerweise war es genau das, was mir daran gefiel. »Es widerspricht
nun einmal meinem Glauben, zu dem Allah – subhanahu wa-ta’ala – mich
rechtgeleitet hat, alhamdulillah.«
Diesmal war er es, der ein Grinsen unterdrücken musste.
»Sie haben das brav auswendig gelernt«, meinte er. »Doch ich nehme
Ihnen einfach nicht ab, dass Ihr Weltbild in so kurzer Zeit tatsächlich so
dramatisch gekippt sein soll.« Er breitete die Arme aus, als wolle er mich an
sich drücken. Oder mir das Genick brechen. »Ich habe Sie als intelligent
und aufgeschlossen kennengelernt. Ich schätze Ihre analytischen
Fähigkeiten. Wer oder was hat Sie bloß derart manipuliert?«
»Was macht Sie so sicher, dass nicht Sie es sind, der manipuliert wird?«,
fragte ich scharf.
Unvermittelt zog er die Arme ein und verschränkte sie vor der Brust.
»Wenn einem klar wird, dass diese sogenannte westliche Lebensweise
auf der wirtschaftlichen und ökologischen und auch seelischen Ausbeutung
der restlichen Welt beruht; wenn man zu verstehen beginnt, dass die
Unterdrückung der Frau in Wahrheit ganz bestimmt nicht im Islam
stattfindet, sondern auf youporn und in den Castingshows im Fernsehen –
ist das dann manipulativ? Wenn ich nicht länger zuschauen kann, wie Israel
die Kinder von Gaza hinschlachtet? Wie Amerika mit seinen Drohnen und
Folterknechten Leichen auf Leichen häuft, als gäb es für den Highscore ein
paar Extraleben?«
Golski wiegte den Kopf hin und her und sagte: »Ich teile Ihre Analyse,
aber nicht Ihre Schlussfolgerung. Und ich habe mir in meinem langen
Leben eine gewisse Skepsis zugelegt, was Ideologie betrifft.« Er lächelte in
sich hinein. »Ich war lange genug Kommunist, um zu verstehen, dass man
Menschen nicht unter Zwang zum Glück führen kann. Das Paradies lässt
sich nicht auf Anordnung von oben errichten.«
»Ihres zumindest nicht«, nickte ich und klang sehr abgeklärt. »Sie
wollten das Paradies im Diesseits. Wir nicht. Uns geht es um die Ewigkeit.«
Sein Lächeln war erloschen. Er rieb sich mit Daumen und Mittelfinger
die Nasenwurzel, schaute dann an mir vorbei und sah ein wenig hilflos aus.
Großzügig sagte ich: »Ich will Ihnen keine Probleme bereiten, Herr
Golski, und auch Ihre Toleranz nicht überbeanspruchen.« Wie von allein
erhob ich mich. »Wenn Sie es für besser halten, unsere Zusammenarbeit zu
beenden …«
»Nein, junger Mann«, rief er und sprang auf. »Ich gebe Sie noch nicht
verloren.«
Unwillkürlich musste ich lächeln. Die Formulierung hatte etwas
Rührendes.
»Okay«, sagte ich schließlich. »Vielleicht können wir uns arrangieren.«

Der Mann kämpfte um mich. Das sollte mir zu denken geben, überlegte ich
auf dem Heimweg, schließlich war Golski für mich immer eine Art Mentor
gewesen. Doch die Scheu, mit ihm zu brechen, gehörte zu dem alten Jakob.
Der neue Ya’qub dachte anders, und da er nicht in Clubs und Kneipen ging,
nicht auf Konzerte oder ins Kino, keinen Alkohol trank und keine Musik
hörte, kam er mit erstaunlich wenig Geld aus. Nein, um Kohle ging es nicht.
Aber der Gedanke, den Job bei Golski hinzuschmeißen, hatte etwas
Endgültiges, das mich erschaudern ließ.
Andererseits – war ich ihm nicht inzwischen überlegen? Nie zuvor hatte
ich mit einem erwachsenen Menschen so gesprochen. So als wäre ich der
Boss und er der Mitarbeiter. Als wäre er achtzehn Jahre alt und ich weit
über fünfzig. Als hätte ich Autorität, Erfahrung, Weitsicht. So muss sich
Anakin Skywalker gefühlt haben, als er schnallte, dass er es draufhat.
Maschallah, die Macht war mit mir. Beziehungsweise Baraka, die
Segenskraft Gottes. Leider drehte sich draußen auf der Straße niemand nach
mir um, niemand erkannte den Rechtgeleiteten in mir, solange ich weiter in
meinen alten, westlichen Klamotten herumlief. Das sollte ich dringend
ändern.
Mein Handy brummte. Meine Mutter, zum x-ten Mal. Ich hatte sie
immer weggedrückt. Aber jetzt nahm ich das Gespräch an; wer weiß, wann
ich mich wieder mal derart souverän fühlen würde wie in diesem
Augenblick.
»Gott sei Dank, dass ich deine Stimme höre«, rief sie atemlos. »Ich hab
mir solche Sorgen gemacht. Wo bist du?«
»Na, wo schon? In Bonn.«
Sie seufzte erleichtert. Keine Ahnung, was sie erwartet hatte.
»Und stimmt es, was deine Schwestern sagen? Dass du jetzt so ein
richtiger radikaler Moslem geworden bist?«
»Inschallah – ja.«
»Also … Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll.«
»Wie wär’s mit Herzlichen Glückwunsch oder was in der Art?«
»Bitte?«
»Immerhin habe ich für mich herausgefunden, was mir im Leben
wichtig ist. Du kannst dich ruhig für mich freuen.«
»Das …«
»Pass auf«, sagte ich. »Am besten, du sortierst dich erst mal in Ruhe.
Wenn du dich sicherer fühlst, kannst du ja wieder anrufen. Alles Gute bis
dahin.«
Mit einem Gefühl schierer Überlegenheit steckte ich das Telefon fort,
das sich gleich darauf wieder meldete. Auch das noch – Liz schrieb: Am
1.2. kommt dein Nachmieter. Schaff deinen Krempel hier raus!
51. Tag

Na gut, der Eintrag von gestern war jetzt auch nicht erhellender als
der von vorgestern. Kurz hab ich überlegt, die letzten drei Seiten aus
dem Buch einfach rauszureißen. Aber das wäre ein bisschen gegen
unser Versprechen gewesen. Also nicht direkt, aber indirekt schon. Ich
wollte ja nicht rumposen und so. Und Sachen rauszureißen, das wäre
schon so ähnlich, finde ich. Mein Gestammel soll mir vielmehr als
Mahnung dienen, dass ich meine Gedanken unter Kontrolle halten
muss. Seit dem Kampf gegen die Leute von der Nusra ist die
Stimmung hier unter den Brüdern ein bisschen gedämpft. Aber
Nasreddin sagt, das habe nichts mit dem Kampf zu tun; vielmehr sei
das doch ganz normal – irgendwann verfliege eben die
Anfangseuphorie und selbst im Dschihad könne sich so was wie Alltag
breitmachen. Max raunte mir zu, Alltag sei ja okay, aber er frage sich
seit ein paar Tagen, ob man als Kämpfer eigentlich auch Burn-out
kriegen kann. Da musste ich echt lachen.
Mann, stell dir das mal vor: Wir schießen und töten, sprengen Panzer
in die Luft und brennen Häuser nieder – und kriegen davon einen
Burn-out!
Max fand es nicht witzig.
Aber ich.
Wir haben ja auch sonst nicht so viel zu lachen.
16. Januar/25. Rabi al-auwal

Im kleinen Flur unserer Wohnung ragte ein mannshoher Kartonstapel


empor. Ich war online shoppen gewesen: zwei Dschellabas (eine weiß, eine
grau), zwei schwarze Hoodies mit Schahada-Aufdruck, wie Adil sie oft
trug, drei von diesen bauschigen Siebenachtel-Hosen, die kurz über dem
Knöchel enden und in denen man wie Sindbad der Seefahrer aussieht; dazu
Shampoo und Duschgel (vegan/halal) und einen Haufen anderer Sachen für
Körperpflege, Mundhygiene, Haushalt und Alltag, außerdem eine gehäkelte
Gebetsmütze und einen schlichten Gebetsteppich (Duftrichtung Olive).
Adil verfolgte meine Modenschau mit einer Spur von Stolz. Leider gab
es in unserer WG keine weiteren Spiegel außer dem kleinen über dem
Waschbecken im Bad.
»Lass uns spazieren gehen«, schlug er vor. »Du brauchst keinen Spiegel
an der Wand, du musst dich in den Blicken der Menschen spiegeln. Dann
spürst du erst richtig, wie dein Outfit wirkt.«
»Okay«, sagte ich und wiegte unschlüssig die graue Dschellaba und
einen der Hoodies in den Händen.
»Geh aufs Ganze«, meinte er. »Al-Wala wa’l-bara – weißt du, was das
heißt?«
»Loyalität und Lossagung«, antwortete ich. »Ich hab davon gelesen.
Engster Zusammenhalt unter den Gläubigen und Abgrenzung gegen alle
anderen.«
Ich legte den Hoodie weg und warf mir die Dschellaba über, setzte die
Mütze auf. Auch Adil zog sich um, schlüpfte in das weiße Gewand, das ich
an meinem ersten Tag bei ihm getragen hatte, an dem Morgen nach meinem
Absturz in Köln. So verließen wir das Haus und hätten eigentlich unsere
Jacken drüberziehen sollen, denn es pfiff ein eisiger Wind. Aber ich wollte
ja die Wirkung meines neuen Outfits spiegeln.
Und das funktionierte. Die Leute gafften uns an, als hätten wir es nicht
nur darauf angelegt, sondern trügen auch ein großes Schild mit der
Aufschrift: Bitte glotzen Sie völlig ungehemmt!
Al-Wala wa’l-bara – jetzt erst begriff ich wirklich, was das bedeutet:
loyal sein zu all unseren Brüdern weltweit, egal wo, ob in Mekka, Berlin-
Kreuzberg oder Guantanamo. Und radikal verschieden von den ignoranten
Idioten, den Kuffar um uns herum. Mann, wir waren Punks! Wenn ich die
zudringlichen Blicke eine Weile lang unverwandt erwiderte, schlugen die
anderen irgendwann ihre Augen nieder – aber nicht alle. Einige weideten
sich unverhohlen an unserem Anblick, als könnten sie ihren Hass Gassi
führen.
Den meisten braven Bürgern allerdings schien unsere Gegenwart einfach
ein schweres Missbehagen zu bereiten. Sie fanden uns wohl irgendwie
gruselig oder einschüchternd oder bloß auf unangenehme Art fremdartig,
aber ihre Sozialisation verbot ihnen solche Empfindungen als tendenziell
rassistisch. Ein Dilemma – die Ärmsten.
Wir fuhren ein paar Stationen mit der Straßenbahn, schlenderten die
breite Allee hinauf und durchquerten – war es Zufall oder hatte ich uns
unmerklich dorthin gelenkt? – jene Unterführung, in der ich Samira damals
begegnet war. Kurz streifte mich der Blick der Alten hinter ihrem winzigen
Fenster. Sie sah zwei junge Männer mit Bärten und fragte sich vielleicht
wieder, was die wohl dahinter zu verstecken hatten. Bürste und Kapuze
tauchten natürlich nicht auf. Fast schade.
53. Tag

Wusstest du, Akhi, dass man im Dschihad auch Urlaub machen kann?
Wir werden es jedenfalls bald tun. Kein Witz. Ich hab ja schon erzählt,
dass im Kalifat Recht und Ordnung herrschen. Wir schaffen einen
richtigen Staat. Anfangs haben die Brüder vielleicht noch Banken
ausgeraubt, um den geheiligten Kampf zu finanzieren, doch
inzwischen sind wir dabei, eine eigene Zentralbank aufzubauen und
ein richtiges Sozialsystem. Für viele Menschen hier ist es das erste
Mal seit … ach, überhaupt das allererste Mal, dass sie Rente
bekommen oder Sozialhilfe oder eine anständige
Gesundheitsversorgung. Und dazu gehört auch Urlaub, selbst für
Gotteskrieger.
So werden wir jetzt bald nach Raqqa fahren, in unsere derzeitige
Hauptstadt, und dort ein paar Tage ausspannen. Und neue Kämpfer in
unsere Einheit aufnehmen.
Mein Märtyrertod muss dann wohl ein weiteres Mal verschoben
werden.
Ich weiß ja, dass es nicht mehr lange dauern wird. Was machen da ein
paar Tage mehr oder weniger schon aus.
Ich freue mich immerhin darauf, unsere Hauptstadt kennenzulernen.
Und ein bisschen auch auf eine Dusche. 
22. Januar/1. Rabi ath-thani

Als wir meine alte WG betraten, trug ich Jeans und einen meiner neuen
Hoodies. Es wäre sicher ein Spaß gewesen, Liz und den Ex-Mitbewohnern
einen ordentlichen Schrecken einzujagen, aber eine Dschellaba ist nun
einmal sehr unpraktisch beim Möbelschleppen. Und furchteinflößend
wirkten wir auch so, zumal Adil und ich noch den Bruder Dawud
mitgebracht hatten, der mit seiner vorspringenden Hakennase und dem
sichelförmig gebogenen Kinnbart wie eine fleischgewordene Muhammad-
Karikatur aussah.
Vicky sah mich bestürzt an, als hätte ich mir Nase und Ohren
abgeschnitten. Liz machte ein undurchdringliches Gesicht. Es war komisch,
sie wiederzusehen. Ich hatte ein bisschen Angst davor gehabt, vor meinen
möglichen Gefühlen. Doch da war nichts mehr, als ich ihr jetzt im engen
Flur der WG gegenüberstand, keine Sehnsucht, kein Bedauern. Als wäre
sie die Exfreundin eines alten Kumpels, nicht meine. Vielleicht ging es ihr
ebenso. Oder sie überspielte es. Umso überraschter war ich, als sie mich
wie flüchtig am Ellbogen berührte und sagte: »Ich muss dich kurz sprechen.
Unter vier Augen.«
Ich zuckte zusammen und zog den Arm weg. Das fand sie offenbar
lustig, doch ihr Lächeln gefror, als Dawud sie zornig anfunkelte. Adil sah
mich fragend an. Ja, ja, der Schaitan und so. Andererseits – verdammt, sie
war meine Ex. Ich warf ihm den Schraubendreher hin, den ich gerade aus
einer Werkzeugtasche genommen hatte, und sagte: »Ihr könnt schon mal
das Bett auseinandernehmen.«
Dann sagte ich zu Liz: »Okay, kurz«, und folgte ihr in die Küche.
Sie bot mir einen Stuhl an und es kam mir nicht mal seltsam vor, in
dieser Küche, die doch ein paar Monate lang mein Zuhause gewesen war,
wie ein Gast behandelt zu werden. Ich hatte ja wirklich nur vorübergehend
hier gewohnt. Ich schüttelte den Kopf, wollte lieber stehen bleiben. Liz
setzte sich und ließ ihren Blick an mir hinauf- und hinabgleiten.
»Du hast dich verändert.«
»Vor allem innerlich«, sagte ich. »Das Äußere weist bloß darauf hin. Ibn
Abbas berichtet, dass der Prophet – Segen und Frieden auf ihm – gesagt
hat: Dies sind die, bei deren Anblick an Allah gedacht wird.«
»Mann, Jakob.« Sie schüttelte den Kopf. »Du klingst, als wärst du nicht
du, sondern ein völlig anderer. Was ist aus dem Typen geworden, mit dem
ich mal zusammen war? Habt ihr noch Kontakt? Hast du ’ne Ahnung, was
er jetzt treibt?«
»Er ist …« … tot, wollte ich sagen, doch das kam nicht über meine
Lippen. Und es stimmte ja auch gar nicht. »Er hat vermutlich niemals
existiert«, sagte ich. »Ich muss ihn mir all die Jahre bloß eingebildet
haben.«
Liz lächelte vor sich hin und meinte: »Für ein Phantom konnte er aber
gut vögeln.«
Als hätte sie einen geheimen Knopf an meinem Körper gedrückt, wallte
das Blut in meinen Adern auf, kochte hoch und flutete die Schwellkörper.
Kurz war mir, als taumelte ich. Sie sah weiter vor sich auf die Tischplatte.
War das Berechnung oder echtes Bedauern, wollte sie mich zurückerobern
oder bloß ein bisschen aus der Reserve locken? Oder mich einfach nur
spüren lassen, was ich verloren – nein: was ich aufgegeben, weggeworfen
hatte?
In meine Gedanken hinein sagte sie: »Ich sollte es dir vielleicht lieber
gar nicht erzählen … aber – da hat neulich einer nach dir gefragt.«
»Bitte?« Fast war ich froh, dass ein Teil meines Blutes in den Kopf
zurückzukehren gezwungen war. »Wer? Warum?«
»So ein Mann, er war wohl von der Polizei oder irgendeiner Behörde.«
Sie knetete ihre Hände und vermied es, mich anzusehen. »Er hat mich
ehrlich gesagt total überrumpelt und ich hab mir seinen Dienstausweis gar
nicht richtig angesehen.«
»Aha«, machte ich ratlos. »Was wollte er denn?«
»Na, er hat halt nach dir gefragt. Ob du hier noch wohnst. Ob ich
wüsste, wo du steckst. Und so Sachen zum Islam.«
»Was für Sachen?« Ich beugte mich vor. »Lass dir nicht alles aus der
Nase ziehen, subhan Allah!«
»Herrgott noch mal!« Dumpf schlug ihre Faust auf die Tischplatte. »Da
ist dein Freund von einem Moment auf den anderen wie vom Erdboden
verschluckt, und ein paar Wochen später, dingdong, steht plötzlich irgend so
ein Arsch vom B KA hier in der Küche, genau da, wo du jetzt stehst, und
will mir nicht glauben, dass ich von deiner angeblichen Radikalisierung
nichts bemerkt hätte.« Sie sprang auf. »Hast du eine Ahnung, wie
demütigend so was ist?«
Für einen Moment glotzte ich sie blöde an.
»Nee, hab ich nicht«, knurrte ich dann, verließ die Küche und betrat
mein altes Zimmer, wo Adil und Dawud am Gestell meines Bettes
verzweifelten.
»Diese Schrauben sind uralt und drehen durch«, sagte Dawud, als müsse
er sich entschuldigen, dass die beiden nicht längst fertig waren.
»Step aside, Butch«, sagte ich mit tiefer Stimme.
Adil erkannte das Zitat aus Pulp Fiction, grinste und machte mir Platz.
Dawud verstand nicht die Worte, wohl aber meinen Blick und brachte sich
ebenfalls in Deckung, bevor ich mit Anlauf auf einen der Querbalken
sprang. Das Holz brach splitternd in zwei Hälften, als könne ich alle
Erinnerung an Liz zertrümmern beziehungsweise die an sie und mich in
diesem Bett.
Keine Stunde später hielt Adil den Kleinbus, den er von Ibn Ibrahim
geborgt hatte, neben einem riesigen Container auf dem Hof der städtischen
Sperrmüllsammelstelle. Zusammen mit dem Schreibtisch, dem alten
Korbsessel und dem Beistelltisch flogen die Reste des Bettes in hohem
Bogen hinein. Ein kleiner materieller Rest meines alten Lebens. Natürlich
hätte ich die Möbel mit in mein neues Zimmer nehmen können, aber ich
brauchte sie nicht. Der Prophet saß auf dem Boden, aß auf dem Boden,
schlief auf dem Boden – so ist es überliefert. Und so hielt es Adil und so
hatte es auch mein Vormieter gehalten, dessen ganzer Besitz das Lesepult
und die Wäschetruhe gewesen waren, die ich geerbt hatte.
»Du hast noch nie so richtig von deinem früheren Mitbewohner erzählt«,
sagte ich zu Adil, nachdem wir Dawud heimgebracht und den Kleinbus auf
Ibn Ibrahims Betriebshof abgestellt hatten. »Wie hieß er noch – Benjamin-
Dschamal?«
Wir stiegen in den alten Volvo.
»Ich wollte dich damit nicht belasten«, meinte Adil und startete den
Wagen. Zärtlich gesungene Qur’an-Verse wehten durchs Auto. Adil hatte in
diese alte Schrottmühle ein topmodernes Radio eingebaut, mit dem er via
Bluetooth Musik von seinem Handy abspielen konnte; er hatte sämtliche
Suren des Qur’an als mp3-Files auf seinem Smartphone.
»Bevor wir uns kennenlernten«, sagte ich, »bevor ich dich und die
anderen zum ersten Mal getroffen habe, bin ich zufällig auf einen
Zeitungsartikel über euch gestoßen. Über Abu Tarek und die Gemeinde.
Darin war von zwei Männern die Rede, von einem gewissen Hakan und
eben von Benjamin-Dschamal, die angeblich in den Dschihad gezogen
seien.«
Adil schaute konzentriert auf die Straße. Es war Nachmittag, dichter
Berufsverkehr, etwas Schneeregen kam auf. Ich dachte schon, er wolle
nichts weiter zu dem Thema sagen, da begann er: »Ben war ein Kafir, ein
Ungläubiger wie wir alle anfangs. Ich kannte ihn von früher. Wir hatten uns
über ein paar Jobs kennengelernt und dann aus den Augen verloren. Und
als ich, alhamdulillah, rechtgeleitet worden war, tauchte er plötzlich bei mir
auf. War selber Muslim geworden und hatte den Namen Dschamal
angenommen. Ich saß damals praktisch auf der Straße, nachdem ich … ach,
das würde jetzt zu weit führen, das erzähle ich dir an einem anderen Tag.
Na, jedenfalls nahm er mich mit und meinte, ich könnte ein paar Tage bei
ihm bleiben. Es gäbe da ein Zimmer.«
»Deine jetzige Wohnung? Unsere?«
»Genau. Er hat mich quasi aus der Gosse aufgelesen. Ein bisschen so,
wie …«
»… du es mit mir gemacht hast.«
»Na, nee, das war schon anders. Egal; er besorgte mir dann auch den Job
bei Ibn Ibrahim. Und nach einer Weile kriegte ich mit, dass er mit Leuten in
Syrien Kontakt hatte. Sie chatteten oft, manchmal skypten sie. Und dabei
wurde der Wunsch in ihm immer stärker, nicht länger bloß Zuschauer zu
sein, sondern einzugreifen. Und irgendwann hat Mert – das ist der Typ, mit
dem er Kontakt hatte, jedenfalls nennt er sich Mert, in Wahrheit heißt er
anders – also, Mert hat ihm erklärt, dass er kommen kann, wenn er will.
Und wie das geht. Also über die Türkei nach Syrien, zum I S . Und
schließlich hat Ben sich auf den Weg gemacht. Zusammen mit Hakan,
einem Bruder aus der Gemeinde. Plötzlich waren sie weg. Ich hatte das erst
gar nicht geschnallt. Hatte die ganze Entwicklung nicht richtig
mitbekommen.«
»Ach?«, wunderte ich mich. »Hat er das alles vor dir geheim gehalten?«
»Nicht direkt. Aber eingeweiht hat er mich eben auch nicht. Ich war
vielleicht auch ein bisschen naiv und kapierte nicht, was abging. Das kam
mir alles so unwirklich vor, verstehst du?«
»Nur zu gut«, brummte ich und schaute ihn skeptisch von der Seite an.
»Wurde in der Moschee nicht darüber gesprochen?«
»Kein Wort. Nur selten erwähnt jemand ihre Namen, wie Ibn Ibrahim
das neulich dir gegenüber getan hat. Vermutlich aus Angst vor Streit.« Er
warf mir einen kurzen Blick zu. »Als du damals zum ersten Mal bei uns
warst, da hast du gesagt, Abu Tarek sei einer Antwort ausgewichen. Du hast
recht, aber es geht nicht anders. Alles andere würde die Gemeinde spalten.
Die einen halten zum Kalifat und finden das alles gut und richtig; die
anderen sind voller Abscheu und Ekel vor diesen, wie sie es nennen:
Gräueltaten.«
»Du nicht«, warf ich ein.
»Diese Spaltung geht nicht nur durch die Gemeinde, sondern mitten
durch mein Herz«, sagte er und schaute wieder starr auf die Straße. »An
manchen Tagen halte ich das alles für reinen Wahnsinn. An anderen frage
ich mich: Warum sitze ich noch immer hier und vergeude meine Zeit mit
YouTube-Videos, anstatt mit den Brüdern dort zu kämpfen und zu sterben?«
»Bist du denn so scharf aufs Sterben wie die Brüder in den Videos?«,
fragte ich leise. Trotzdem konnte man es hören. Der Motor lief nicht mehr.
Adil hatte den Volvo in unserer Straße geparkt, ich hatte gar nicht drauf
geachtet. Wir blieben einfach sitzen.
»Nein«, antwortete er genauso leise. »Aber aufs Paradies. Auf
Dschanna.«
Ich runzelte die Stirn.
»Die heißen Jungfrauen, hm?«
»Pah!« Er machte eine Handbewegung. »Das spielt doch keine Rolle.
Nein. Weißt du …« Er schaute versonnen an die Windschutzscheibe, auf der
Schneeflocken landeten, schmolzen und in Fäden hinabrannen. »Das
Paradies stelle ich mir wie Irland vor.«
»Irland«, wiederholte ich überrascht.
»Natürlich kann niemand ermessen, wie wunderschön es im Paradies
sein wird. Es übersteigt den menschlichen Verstand. Aber wenn ich die
Augen schließe und meine Gedanken ziehen lasse, wenn ich an Dschanna
denke, dann sehe ich diese satten grünen Wiesen vor mir, sanfte Hügel und
schroffe Küsten, ich spüre einen kräftigen Wind um die Nase und schmecke
den Duft des Ozeans. Warst du schon einmal dort? In Irland?«
»Nein, nie.«
»Als ich in der zehnten Klasse war, ging unsere Abschlussfahrt dorthin.
Nach Kerry im Südwesten, wo der Golfstrom die Küste erwärmt, dass dir
mitten im zerklüfteten Felsen plötzlich Palmen begegnen. Das ist der
absolute Ort meiner Träume.«
Ich grinste ihn an und meinte: »Dir hat sicher nicht nur die Landschaft
dort gefallen, oder? Komm, gib es zu – da spielte ein Mädchen eine Rolle.«
Er schüttelte den Kopf und sah auf einmal unendlich traurig aus.
»Ich bin gar nicht dabei gewesen.«
»Was? Du hast doch gesagt …«
»Du weißt ja, dass meine Mutter krank war. Damals, also zu der Zeit, als
diese Klassenfahrt anstand, da ging es ihr sehr schlecht. Wir dachten, sie
stirbt jeden Tag. Deshalb fuhr ich nicht mit nach Irland. Ich blieb zu Hause.
Und hab natürlich jeden Tag an die anderen gedacht. Jeden Morgen beim
Aufwachen stellte ich mir vor, wie jetzt auch meine Kumpels aufwachen,
aus dem Fenster gucken und in das unfassbare Grün schauen. Plötzlich war
die Woche vorbei und meine Mutter lebte immer noch. Beinahe hab ich sie
dafür gehasst. In der folgenden Woche traf ich meine Klasse wieder.
Natürlich redeten die Leute von nichts anderem als von Irland. Wer da mit
wem und so weiter. Die ganzen Running Gags und Insiderwitze, du kennst
so was. Und ich stand daneben und konnte nichts dazu sagen, denn ich war
ja nicht dabei gewesen.«
Er atmete langsam aus. Die Scheiben des Volvo waren längst von innen
beschlagen und hüllten uns in graue Dämmerung.
»Kennst du das Gefühl«, fragte er mich, »wenn du weißt, da geht
irgendwo die Party des Jahrhunderts ab, aber du bist nicht dort? Du stehst
sogar auf der Gästeliste, aber du hast aus irgendwelchen beknackten
Gründen deinen Arsch nicht hochgekriegt? Und jetzt malst du dir aus, was
du alles verpasst?«
»Ja«, sagte ich bloß. Dann schwiegen wir eine Weile, bevor ich fragte:
»Wie ist Benjamin gestorben?«
»Weiß nicht. Eines Tages schrieb Mert, dass Dschamal jetzt ins Paradies
eingegangen sei. Dass wir nicht traurig sein, sondern uns für ihn freuen
sollten. Er schrieb es auf Dschamals Facebook-Seite und da steht es bis
heute. Wie ein virtuelles Grabmal. Ich weiß gar nicht, ob er auch ein echtes
Grab hat oder ob er vielleicht durch eine Rakete pulverisiert wurde.«
»Und was wurde aus dem anderen Bruder?«
»Hakan? Keine Ahnung. Er hat es anscheinend gar nicht erst über die
Grenze geschafft.«
»Und du?« Ich fasste nach seiner Schulter. »Hast du auch Kontakt zu
diesem Mert?«
Da lächelte er hintergründig, bevor er sagte: »Lass uns endlich
aussteigen, ich krieg schon kalte Füße.«
»Na gut«, meinte ich.
Vielleicht wollte ich es auch lieber gar nicht so genau wissen, denn mir
kam jetzt wieder dieser ominöse Besucher bei Liz in den Sinn. Ich hielt
Adil zurück und sagte: »Apropos kalte Füße. Eine Sache muss ich dir noch
erzählen.«
Und ich berichtete ihm, dass sich offenbar ein Vertreter unserer
Sicherheitsbehörden nach mir umgehört hatte. Adils Lächeln wurde breiter.
»Hey, willkommen im Club«, sagte er. »Du bist in ihr Visier geraten.
Vermutlich, als du bei mir eingezogen bist. Oder auch vorher schon, das
weiß man bei denen nie so genau.«
»Dachte ich mir. Aber warum bloß?«
»Ist doch klar – Hakan und Ben, also Dschamal mein ich, die wollten
nach Syrien. Und meinen Computer und mein Handy überwacht man sicher
auch längst. Da machst du dich zwangsläufig verdächtig.«
»Ja, schon gut. Ich meinte: Warum taucht da einer bei Liz auf und stellt
ihr beknackte Fragen?«
»Damit sie es dir erzählt.«
»Bitte?«
»Ja. Damit du weißt, dass die dich auf ihrem Radar haben. Die wollen
dir ein bisschen Angst machen. Dich warnen. Hey, wir wissen, was du
nächsten Sommer tun wirst. Und jetzt komm endlich.«
Er zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und stieg aus. Ich verließ
ebenfalls den Wagen und sah mich unwillkürlich um. Nirgends waren
finstre Männer mit Schlapphüten und Knopf im Ohr zu sehen. Und niemand
versteckte sich hinter einer Zeitung.
»Irgendwie gruselig, oder?«, sagte ich über das Autodach hinweg. »Also
dass wir sowieso alle immer irgendwie überwacht werden, an diesen
Gedanken hat man sich ja seit Edward Snowden längst gewöhnt. Aber das
jetzt, das ist so konkret, weißt du?«
Adil zuckte mit den Achseln und folgte mir durch den Schneeregen zur
Haustür. Ich schloss auf und wir betraten den Flur, schüttelten die feuchten
Schneeflocken von den Köpfen und Schultern, gingen die Treppe hoch. Auf
dem ersten Absatz blieb Adil unvermittelt stehen und sagte: »Das alles
spielt am Ende keine Rolle. Klar, sie können unsere Telefongespräche
abhören, unsere Mails und WhatsApp-Nachrichten lesen und all das. Aber
sie können nicht in unsere Herzen sehen. Das kann nur Allah – Er ist groß
und erhaben.« Er tippte mit dem Zeigefinger auf meine Brust. »Deshalb
sollten wir uns nicht fragen, was der Verfassungsschutz oder das
Bundeskriminalamt über uns denken. Sondern was Gott über uns denkt.«
Ich spürte, dass ich knallrot im Gesicht wurde. Es gab etwas, das den
Behörden völlig egal wäre, Gott aber nicht. Ganz und gar nicht.
»Mit dem Herzen ist das so eine Sache«, murmelte ich. »Bisher fand ich
es ja ganz einfach, der Zina aus dem Weg zu gehen …«
»Ich verstehe.« Adil lachte. »Deine Ex wiederzusehen stellt dich auf die
Probe. Die Alte ist absolut scharf, keine Frage. Tussen wie sie sind der
Grund, weshalb es besser ist, dass Frauen sich verschleiern.«
»Hast du …«, fragte ich gedruckst, »hast du überhaupt nie ein Problem
damit?«
»Mit Ficken?«, entgegnete er freiheraus. »Also mit Enthaltsamkeit?«
Ich zuckte zusammen und sah mich um, nahm rasch die letzten Schritte
zu unserer Wohnungstür und öffnete sie. In aller Öffentlichkeit oder
zumindest im eigenen Treppenhaus über Sex zu reden hätte mir natürlich
nichts ausgemacht. Enthaltsamkeit hingegen schien mir ein ungeheuer
intimes, viel zu privates Thema zu sein.
Er schloss die Tür hinter uns, sah mich ernst an und sagte: »Ich hab in
meinem jungen Leben genug gevögelt fürs gesamte Diesseits. Das klingt
nach totaler Poserei, aber es ist wirklich so, wie ich es sage. Die nächste
Frau, mit der ich es treibe, wird eine von diesen großäugigen Huris sein,
eine Paradiesfrau. Im Gebet finde ich genug Ruhe und Kraft.« Er kratzte
sich kurz am Kopf. »Wobei es natürlich keine Lösung ist, den Sexualtrieb
auf Dauer zu unterdrücken. Wir sind ja keine Christen. Der Sexualtrieb ist
ein Geschenk von Allah an die Menschen. Aber wenn du ihn halal ausleben
willst, dann musst du eben sehr jung heiraten. Oder halt … sehr jung
sterben.«
Ich schluckte.
»Na ja«, schob er nach, »als Drittes gibt es die Möglichkeit zu wichsen.«
Ich lachte, aber er sagte ohne jede Ironie: »Nach Meinung vieler
Gelehrter ist Masturbation nicht haram, sondern nur makruh, jedenfalls
sofern es der Gefahr von Zina vorbeugt.«
»Subhan Allah«, entfuhr es mir. »Gibt es eigentlich irgendeinen
Lebensbereich, zu dem noch nie irgendein Gelehrter irgendwas gesagt hat?«
Adil schien wahrhaftig kurz zu überlegen, bevor er antwortete: »Nee,
glaub nicht. Jedenfalls fällt mir spontan keiner ein.«
»Okay, dann lass mich bitte rasch ins Bad, bevor dir noch irgendeine
Fatwa gegen das Duschen einfällt«, witzelte ich.
Er lachte nicht.
Ich stellte die Dusche an, tauchte ins Nass ein und ertappte mich dabei,
wie ich an Samira dachte.
55. Tag

Kommt bei euch da in Deutschland, in Dar al-Kufr, eigentlich noch


immer so viel über uns in den Nachrichten? Über die bösen I S -
Terroristen? Das geht mir durch den Kopf, während ich hinten in
einem Kleinbus sitze, auf dem Weg nach Raqqa. (Es ist Nacht und ich
schreibe im Schein einer winzigen Taschenlampe.) Was bin ich für
dich? Ein Terrorist? Oder ein einfacher Bürger des Kalifats auf dem
Weg in seine Hauptstadt?
Ich weiß natürlich noch gut, wie sie uns in den westlichen Medien
darstellen: Hinterhältig und verschlagen kriechen wir durchs
Zwielicht, plötzlich stoßen wir zu, grausam und gnadenlos. Unsere
spitzen Nasen, die stechenden Blicke, die pechschwarzen Bärte und
die Palitücher auf den Köpfen bedienen die tiefsten Ängste der
westlichen Welt.
Dabei ist alles eine Frage des Standpunktes. Terrorist oder friedlicher
Bürger – alles eine Frage der Definition. Aber wer definiert das
eigentlich? Wer schreibt am Ende die Geschichte für die Nachwelt
auf? Immer der Sieger.

Warst du je auf einer Hochzeit außer deiner eigenen? Meinetwegen


auf so einer Kuffar-Hochzeit? Stell es dir vor. Lass die Bilder vor
deinem inneren Auge entstehen: Das Brautpaar strahlt, die Eltern
sind stolz, Verwandte und Freunde stehen Schlange zum Gratulieren,
dazwischen wuseln Kinder herum; vielleicht wird gerade die Torte
hereingetragen. Aber da – sssssssst … Boooom! Blut, Kreischen,
Gestank von verbranntem Menschenfleisch, und die Gedärme der
Braut landen mitten in der Sahnetorte, subhan Allah, was für ’ne
Sauerei! Hörst du das Wimmern der Kinder? Kannst du sehen, wie sie
auf den Stümpfen ihrer abgerissenen Beine über den blutig-
glitschigen Boden zu den Kadavern ihrer zerfetzten Mütter robben?
Kannst du es dir vorstellen?
Und kannst du dir auch den Typen auf irgend so einer Air Base
vorstellen? In Amerika oder vielleicht sogar bei dir in Deutschland, in
Ramstein, da sitzen die doch. Wie der da mit seiner Wampe im
Kontrollraum hockt und mit seinen Wurstfingern via Satellit die
Drohne ins Ziel gesteuert hat.
Ups, rülpst er bloß, während ihm fettiger Sabber von seiner Cheesy-
Crust-Pizza aus dem Maul tropft, ups, das ging wohl daneben. Pech.
Und am nächsten Tag steht in deiner Zeitung irgendwo ganz hinten,
ganz klein unter »Ausland«, eine Randnotiz: »… kamen rund hundert
Zivilisten ums Leben, nachdem eine Drohne der internationalen Anti-
Terror-Koalition irrtümlich die Gäste einer Hochzeitsfeier im Norden
Syriens bombardiert hatte. Ein Militärsprecher drückte sein Bedauern
aus …«
Aber nein, der Ami-Fettsack in Ramstein ist kein Terrorist. Weil –
WI R sind ja die Terroristen.
Aber auch nur, solange der Westen sich noch der Illusion hingibt, dass
er sich uns vom Leibe halten kann. Doch wenn irgendwann die
Drohnen nicht mehr reichen, wenn die Luftschläge zu nichts führen
und sie für einen echten, fairen Krieg am Boden zu feige sind, dann
werden ihre Außenminister anfangen, von Dialog und Annäherung zu
sülzen. Irgendwann werden sie akzeptieren, dass wir keine
dahergelaufene Räuberbande sind, sondern einen Staat aufbauen,
eine neue, gerechtere Gesellschaft. Wir zahlen den Alten ihre Rente
und den Jungs bauen wir Schulen, und wenn der Herbst kommt,
werden die Leute heizen können. Wir haben einen Staat und eine
Regierung.
Aaaaber – wenn die Außenminister der westlichen Staaten eines
Tages kommen werden, um sich einzuschleimen, dann wird niemand
sie empfangen. Denn das Kalifat hat keinen Außenminister. Das
Kalifat verhandelt nicht. Wir führen keinen Dialog, wir brauchen auch
keine diplomatischen Beziehungen, denn für uns gibt es gar kein
Ausland. Am Ende, Akhi, wird kein anderer Staat auf diesem Planeten
übrig bleiben als das Kalifat. Erst dann, mein Bruder, werden wir alle
in Frieden leben. Erst dann werden die Kinder wieder spielen und
singen, denn dann werden keine Drohnen mehr fliegen, dann werden
die amerikanischen Fettärsche an ihrem Cheesy-Crust-Müll längst
schon erstickt sein und einen friedlichen Bürger wird man an seinem
Bart erkennen und seiner islamischen Kleidung.
As salamu alaikum wa rahmatullahi wa barakatuh.
3. Februar/13. Rabi ath-thani

Was ist Hass? Früher hatte ich gedacht, ich würde Schalke und den F C
Bayern hassen und Helene Fischer. Echter, wirklicher Hass war mir ja
früher nie begegnet. Ich kann mich gut an das Gefühl der ersten richtigen
Liebe erinnern, das flirrende Erwachen. Es warf einen aus der Bahn, mit
dreizehn oder vierzehn Jahren, die Welt würde niemals wieder so sein wie
zuvor. Die erste Liebe vergeht zwar schnell, aber nicht das Bewusstsein,
was Liebe ist. Beim Hass schien es ganz genauso zu sein. Ich hatte davon
gekostet, hatte seine Kraft geschmeckt, war mir seiner bewusst geworden.
Und wusste trotzdem noch nicht genau, wonach ich hier eigentlich
suchte.
Ich stand zwischen den Regalen eines Ladens für Autozubehör und
schaute mich nach schwarzem Lackspray um. Drei Gänge weiter verglichen
zwei Typen Alufelgen und diskutierten lautstark darüber in ihrem breiten
Voreifelakzent. Der hagere Verkäufer lehnte am Tresen und blätterte in
einem Katalog. Niemand beachtete mich, warum auch? Von der Decke hing
eine Überwachungskamera. Seit dem Gespräch mit Liz fühlte ich mich
andauernd beobachtet. Die Kürzel und Symbole auf den Dosen sagten mir
gar nichts, ich griff einfach nach dem billigsten Produkt. Der Verkäufer sah
erst auf, als ich die Dose vor ihm auf der Ladentheke abstellte. Kurz
musterte er mich, bevor sein Blick durch die Fensterfront zum Parkplatz
draußen huschte, wo außer einem tiefergelegten GT I in Metallicgrün nur
Adils sandfarbener Volvo mit dem belgischen Kennzeichen stand, den ich
mir ab und zu auslieh.
»Für ’n Freund«, sagte ich sinnloserweise, während der Verkäufer die
Spraydose mit dem nachtschwarzen Lack in die Hand nahm, um den
Barcode einzuscannen. Meine Finger wollten die E C -Karte hervorziehen,
doch dann suchte ich lieber meine Münzen zusammen. Wer bar bezahlt,
hinterlässt weniger Spuren. Ein bisschen war es wie in einem Rollenspiel.
Noch einmal wandte ich mich zu der Überwachungskamera unter der
Decke um, bevor ich den Laden verließ. Es war an der Zeit, endlich mal
etwas zu tun. Nicht nur Videos zu glotzen und über Dschihad zu labern,
sondern echten Einsatz zu zeigen.

»Der Volvo hat schon ’ne Farbe«, knurrte Adil, als ich die Spraydose vor
ihn auf unseren Küchentisch stellte. »Was gefällt dir daran nicht?«
»Gott hat Seine Religion aufgerichtet mit Argument und Beweis, mit
Schwert und Speerspitze«, zitierte ich. »Du kannst den Dschihad mit dem
Schwert führen oder mit einem Stift.«
»Und welches von beiden ist das hier?«
»Beides zugleich.«
»Hm.« Er nahm die Dose in die Hand.
»Oder gibt es einen Hadith, der es verbietet, den Namen des einen
Gottes mit Graffiti zu verbreiten?«, stichelte ich.
»Nee. Inschallah wohl nicht.«
4. Februar/14. Rabi ath-thani

Heute haben wir eine wichtige Lektion über die geheime Planung und
Ausführung von Operationen in der Stadt. Es geht um eine Frage, die
die jungen Brüder aufgebracht haben, und zwar die Art und Weise des
Kampfes in den Städten.
(Aus einem Tutorial von al-Qaida)

Wir jagten lautlos wie Schatten durch die Nacht. Nur das Zischen der
Spraydose zerriss ganz kurz die beinahe feierliche Stille. Dann spritzte der
schwarze Lack auf eine Betonwand, eine Schaufensterscheibe, ein
Garagentor oder eine Lkw-Plane: AL L AHU A KB AR ! Er verströmte
einen stechenden Gestank, der mir unmittelbar durch die Stirnhöhle in den
Kopf drang und eine ätzende Spur im Rachen hinterließ. Anfangs rann der
Lack in dicken Bächen hinab, als zöge eine geheime Macht alle
Schriftzeichen nach unten, doch mit der Zeit bekamen wir Übung darin und
der Strahl aus der Dose gehorchte unseren Bewegungen. Ich hatte
stundenlang geübt, die elegant geschwungenen arabischen Zeichen
nachzuziehen –

AL L AH U AK B AR
– erst mit dem Finger, dann mit einem Edding auf Papier, jetzt ging es mit
dem schwarzen Lack leicht von der Hand. Wir trugen dunkle Klamotten,
hatten die Kapuzen tief ins Gesicht und Halstücher bis über die Nase
gezogen, trotzdem sah ich Adils Grinsen und er meines, unsere Augen
funkelten einander an. Mit fast kindlicher Freude huschten wir heran,
sprühten unseren Schriftzug auf, brachten mit Edding ein © Dschihad
Basterds an und schossen rasch ein Foto davon mit unseren Smartphones.
Das Blitzlicht brannte ein gleißendes Loch in die Nacht, bevor wir so rasch
verschwanden, wie wir gekommen waren. Ein paar Spätheimkehrer aus
einem Club blieben stehen und sahen uns kopfschüttelnd hinterher.

Der Mudschahid muss vermeiden, durch offene Räume wie Plätze,


Gärten und Gassen ohne Ausgänge zu gehen. Er muss durch direkten
Blick den nächsten Ort, der ihm Deckung gibt, auswählen, bevor er
sich von seinem Platz aus dorthin begibt. Er muss seine Bewegungen
verbergen. Es obliegt ihm auch, dass seine Bewegung so schnell wie
möglich geschieht. Jusuf al-’Ujairi, Gott erbarme sich seiner, hat
gesagt: »Die Gefahren, die den Mudschahid in den Städten umgeben,
sind doppelt so groß wie in den Bergen oder im Dickicht.«

Ein Typ stand auf der anderen Straßenseite und kam mir bekannt vor.
Dieser Bürstenhaarschnitt. Er schaute hoch und sah uns auch, zog sein
Handy raus und tippte etwas hinein.
»Hey.« Ich berührte Adil leicht am Arm. »Das ist einer der beiden, die
Samira damals angemacht haben.«
»Sicher?« Er kniff die Augen zusammen. »Den holen wir uns.«
»Halt, warte, ich …«
Zu spät, schon ging er los. Nicht schnell, schon gar nicht aggressiv; es
wirkte wie zufällig, doch Bürste hatte verstanden und wandte sich zum
Gehen, wobei er das Handy ans Ohr hielt.
»Kacke, der ruft seine Homies«, zischte ich.
»Umso besser«, knurrte Adil.
Gemessenen Schrittes ging er hinter Bürste her und ich folgte ihm wohl
oder übel.

Der Mudschahid muss wissen, dass die kollektive Bewegung in den


Städten in alternierenden Sprüngen geschieht. Er muss sicher sein,
dass er sowohl links als auch rechts schießen kann. Er muss sich auch
darum sorgen, dass seine Schatten nicht sichtbar sind.

Kapuze hatte heute keine Kapuze auf, aber ich erkannte sofort das
Drachentattoo an seinem Hals. Bürste mahlte zähnefletschend mit dem
Unterkiefer, was die Ader an der rasierten Schläfe eindrucksvoll
hervortreten ließ. Sie hatten noch zwei Buddys mitgebracht. Einer hatte
seinen mächtigen Wanst in ein Sweatshirt mit HoGeSa-Aufdruck gepresst:
Hooligans gegen Salafisten, na super. Der andere trug eine Pitbull-Visage
auf dem Hals sowie eine zweite auf dem Ärmel seiner Bomberjacke. Und
ich Idiot hatte die Hools immer für unpolitisch gehalten.
Keine Ahnung, wie es hatte kommen können, dass sie uns plötzlich
umringten – wir waren ganz lässig hinter Bürste hergeschlendert, hatten auf
einmal Schritte gehört und im nächsten Moment standen sie da wie ein
Todeskommando. Es kribbelte überall auf meiner Haut. Ob ich es noch
schaffen würde, Allahu akbar! zu rufen, bevor sie meinen Schädel zu Brei
traten? Ich spürte meinen Herzschlag schwer gegen meinen Rachen
wummern und war mir sicher, kein einziges Wort rauszukriegen, nicht mal
für eine neue paradoxe Intervention, selbst wenn mir eine eingefallen wäre,
aber das war diesmal nicht der Fall. Bürste und Kapuze schienen mich
allerdings nicht wiederzuerkennen. Viel mehr als meine Augen konnten sie
ja auch nicht sehen. Ich blinzelte zur Seite, um zu schauen, wie Adil sich
verhielt, doch der war gar nicht mehr da. Eine beängstigende Maschine
hatte seinen Körper übernommen und seine Augen waren zu schmalen
Schlitzen geworden, als könne er damit tödliche Laserstrahlen verschießen.
Bürste fixierte mich und zischte: »Was genau zieht ihr Ziegenficker hier
ab?« Er zeigte auf die Spraydose in meiner Hand. »Was schreibt ihr da an
die Wände? Irgendwas über euren Propheten, den alten Kinderschänder?«
Aus meiner Kehle kam kein Laut.
»Du bist tot«, sagte Adil kaum hörbar.
»Was?«, blaffte Kapuze.
»Dein Kumpel ist tot«, wiederholte Adil, »der weiß es nur noch nicht.«
»Das werden wir ja sehen.«
Stahl blitzte auf. Bürste hielt ein Jagdmesser mit gedrungener Klinge in
der Hand. Die Zeit gefror. Dann machte Bürste einen schnellen Schritt nach
vorn, die Faust mit dem Messer schnellte auf Adils Gesicht zu, doch
während der leicht zurückfederte, öffnete sich in seiner Rechten mit drei-
schnellen-Handbewegungen-fließend-wie-eine-einzige ein Butterfly, längst
hatte seine Linke schon Bürstes Unterarm gepackt und seine Klinge schnitt
tief. Haut und Muskel platzten auf, schienen für den Bruchteil eines
Augenblicks wie ein zahnloses Krokodil ins Nichts zu schnappen, während
Bürste entgeistert die Augen aufriss – dann erst schoss das Blut hervor,
lösten sich die Finger und ein spitzer Schrei, das Messer fiel scheppernd zu
Boden. Niemand rührte sich. Kapuze funkelte Adil bloß aus hasserfüllten
Augen an, während ich den Dicken fixierte. Ein Mexican Standoff ohne
Knarren. Es war so geil. Es war so abgefahren. Könntest du nur sehen,
wenn sie erschrecken!, sagt Allah im edlen Qur’an. Da gibt es kein
Entrinnen. Bürste presste den blutenden Arm an seinen Bauch, Schmerz
und Hass verzerrten seine Fratze. Und, ja, Angst. Auch die Blicke seiner
Buddys hatten sämtliche Selbstsicherheit eingebüßt. Ich würde nicht
sterben. Nicht hier und heute, denn wir waren ihnen so was von überlegen.
Das ist die Hölle, die euch immer wieder angedroht wurde, sagt Allah.
Ihr sollt heute darin brennen dafür, dass ihr ungläubig wart.
Meine Fingerspitzen zuckten, als hätte ich einen elektrischen Zaun
berührt. Sie wollten sich zur Faust ballen, wollten zuschlagen, wollten
plötzlich wissen, wie sich das anfühlt. Macht! Ich spürte die Macht. Ja, ich
würde zuschlagen.
Da senkte der Dicke mit dem HoGeSa-Shirt den Blick. Adil trat auf ihn
zu und der Hool machte einen Schritt zur Seite. Eine Gasse hatte sich
geöffnet, durch die hindurch wir nicht gingen, sondern geradezu stolzieren.
Fast bedauerte ich, dass meine Faust nun doch nicht zum Einsatz kommen
würde. Adil wandte sich noch einmal zu dem verlorenen Haufen um. Ohne
Worte stand er da, während sich das Butterfly mit drei-schnellen-
Handbewegungen-fließend-wie-eine-einzige schloss und in seiner
Hosentasche verschwand. Kein Laut war zu hören außer dem unterdrückten
Stöhnen von Bürste. Und einem Motorengeräusch. Scheinwerferlichtkegel
flogen über die einsame Häuserfront heran und tauchten uns in kaltes Weiß.
Ein Taxi.
Kurz entschlossen streifte ich mein Halstuch aus dem Gesicht, um etwas
zivilisierter zu wirken, und winkte den Fahrer heran. Adil tat es mir gleich
und tatsächlich bremste der Wagen ab und hielt an. Der Fahrer beäugte uns
kurz und scannte die Hools ein paar Meter weiter, dann legte er rasch den
ersten Gang ein, um sich eines Bessern zu besinnen. Doch da hatten wir
schon die Türen aufgerissen und sprangen in seinen Wagen. Seine Hand
fuhr unter seine Lederjacke.
»Wir sind die Guten«, rief ich, »drück lieber aufs Gas.«
Das tat er – und keine Sekunde zu früh. Denn unvermittelt hatte sich die
Schockstarre unserer Widersacher gelöst, sie stürmten lärmend auf uns zu
und rannten vor Wut brüllend noch ein Stück die Straße hinab hinter
unserem Taxi her wie eine Meute kläffender Hunde.
Unser Fahrer schaute ihnen im Rückspiegel nach, bis sie verschwunden
waren.
»Wo soll’s denn hingehen?«, fragte er mit starkem osteuropäischem
Akzent.
»Egal«, brummte Adil.
Ich sagte: »Irgendwohin, wo’s Döner gibt.«
Ich fühlte mich großartig und verspürte plötzlich einen Bärenhunger.
»Okay.« Im Rückspiegel musterte er Adil auf dem Rücksitz, dann mich,
der neben ihm saß, und begann: »Es geht mich natürlich nichts an, aber …«
»Dann lass es doch besser«, unterbrach ihn Adil.
»Na gut.« Unser Fahrer zuckte mit den Achseln und sah auf die Uhr.
»Versuchen wir es am Bahnhof«, meinte er. »Mit dem Döner. Vielleicht hat
dort noch was auf.«
Für den Rest der Fahrt schwiegen wir, bis wir den Bahnhof erreichten.
Ich drückte dem Fahrer das Geld in die Hand und wir stiegen aus.
»Eins noch«, rief er. »Manche Leute kommen hierher in euer kaltes
Land, weil sie zu Hause nichts mehr haben, nur Krieg und Zerstörung. Ihr
hier habt Frieden und Freiheit. Ist es da nicht dumm, aus lauter Langeweile
gegeneinander zu kämpfen, bis Blut kommt?«
»Wir sind hier nicht frei«, entgegnete Adil. »Und Frieden haben wir
schon gar nicht.«
»Und auch keine Langeweile«, schob ich nach, vermutlich weil ich
einfach auch was sagen wollte.

Später, als wir mit viel scharfer Soße unsere Döner verschlangen, sagte ich:
»Deine Messerkünste hauen mich um. Gut, dass wir Freunde sind, sonst
müsste ich Angst vor dir kriegen. Woher hast du das?«
»Ach, das war doch easy«, meinte er. »Der Scheißhool hat mir die
Innenseite seines Unterarms angeboten. Anfängerfehler. Es war kein
Kunststück.«
»Ich meinte – wo hast du das überhaupt gelernt?«
»Hm … okay.« Er legte seinen Döner auf den Teller und wischte sich die
Finger ab. »Ich hatte dir sowieso versprochen, dass ich dir eines Tages
meine Geschichte erzähle. Und um es nicht zu spannend zu machen: Ich
war früher mal im Knast. Und davor war ich Zuhälter. Da hab ich gelernt,
wie man sich wehrt, wenn einem einer blöd kommt.«
»Zuhälter?« Unwillkürlich rechnete ich im Kopf hoch, was ich von
seiner Biografie wusste. »Wie lange ist das her? Wie alt kannst du da
gewesen sein? Siebzehn oder was?«
»Sechzehn. Ich kannte ein paar Leute, die wiederum welche kannten …
wie das eben so läuft. Erst hab ich ein bisschen gedealt, dann traf ich einen
gewissen Nick, der im Business war und mich fragte, ob ich für ihn arbeiten
wollte. Der Job war denkbar einfach. Ich musste abends durch die Clubs
streifen und Mädchen aussuchen. Mit ein wenig Übung erkennst du sie
sofort – labil, keine Freunde, kein Selbstvertrauen. Du flirtest ein bisschen,
machst ihr Komplimente, kaufst ihr Blumen; nach zwei, drei Wochen frisst
sie dir aus der Hand. Das sind so Mädchen mit scheiß Elternhaus, die ihr
Leben lang nur abgelost haben, und jetzt kommst du. Der Märchenprinz,
der Hauptgewinn. Sie klammert sich an dir fest, sie würde alles für dich tun.
Du gibst ihr noch ein oder zwei Wochen mehr, dann gestehst du es ihr: dass
du dich verzockt hättest. Wär ’n todsicherer Tipp gewesen, deshalb hättest
du nicht nur deine ganze Kohle verballert, sondern auch noch die Kohle,
die du dir bei – sagen wir mal – Pawel geliehen hättest. Russische Namen
kommen immer gut. Pawel ist natürlich voll sauer und will sein Geld
zurück, und du, tja, was nun? Wer hilft dir aus der Scheiße? Dein Mädchen
könnte schon was für dich tun. Aber würdest du das zulassen können, dass
sie so was für dich macht? Hm, eine Möglichkeit wäre es ja schon, denn du
kennst da rein zufällig sogar jemanden, der ihr einen Wohnwagen
verschaffen könnte, unten an der Ausfallstraße. Aber kannst du das
annehmen, dass sie sich für dich opfert? Du zierst dich ein bisschen. Na gut,
es wäre ja nicht für lange. Sie verdient bestimmt an die fünfhundert am Tag,
bei ihrem geilen Körper, da wäre die Kohle nach höchstens einem Monat
wieder drin. Und sie …« Er schob den Teller von sich und sagte: »Bei der
Ersten hab ich noch damit gerechnet, dass sie mir eine knallt und abhaut.
Aber das geschah nicht. Ich erzählte ihr die Schuldenstory und sie stimmte
sofort zu. Einfach so. Hockte sich in einen stinkenden Wohnwagen an der
Autobahnauffahrt und machte für ’n Fuffi die Beine breit. Aus Liebe, sagte
sie. Also zu mir.«
Ich glotzte ihn an.
»Wenn es einmal klappt, klappt es auch wieder, dachte ich mir«, fuhr er
fort. »Und es klappte wieder. Und wieder. Und wenn ich es für Nick tun
kann, dann kann ich es auch für mich selber tun, auf eigene Rechnung, fand
ich. Niemand im Milieu stört sich daran, wenn du zwei oder drei Frauen am
Start hast, sofern du sie gut übers Stadtgebiet verteilst. Da kommst du
keinem von den großen Playern in die Quere. Aber mein aufgepumptes Ego
hatte keinen Platz für Regeln. Mann – ich machte einen Tausender am Tag,
ich fickte mir die Seele aus dem Leib, ich kokste und kaufte mir, was ich
wollte, ich brauchte dringend mehr von allem und kannte kein Limit. Da
fing der Ärger an. Nick machte Stress, die Türken, die Russen, alle. Da bin
ich aus Hamburg weg und nach Köln, hab von vorn angefangen. Bis es
auch da wieder Stress gab. So was wie mit dem Messer lernst du dann von
ganz allein. Und eines Tages hab ich einen abgestochen. Keine Sorge.« Er
lachte, als er mein Gesicht sah. »Der Pisser hat es überlebt. Jedenfalls bin
ich dann in den Knast eingefahren. Und da drin, in einer räudigen versifften
Gefängnisbücherei, hab ich zum ersten Mal in meinem Leben den edlen
Qur’an in Händen gehalten. Ich las. Und las. Und alles wurde anders. Alles,
alhamdulillah.«
Er schaute an mir vorbei auf die von innen beschlagene
Dönerbudenfensterscheibe.
»Ich habe diesen Frauen unsagbar schreckliche Dinge angetan«,
murmelte er. »Und es gibt keinen Tag, an dem ich nicht zu Allah um
Vergebung flehe. Ich weiß aber auch …«, er wandte sich mir wieder zu,
»dass so etwas in einem islamischen Land, inschallah, niemals geschehen
könnte. Wo die Frauen sich verschleiern. Es ist absolut wichtig, dass sie das
tun. Ich hätte das früher nie für möglich gehalten. Aber heute weiß ich, wie
schnell sich eine Frau zur Schlampe machen lässt.«
Selber Schlampe, dachte ich, wagte aber nicht, es auszusprechen. Seine
Geschichte war widerlich und faszinierend zugleich. Ich versuchte mir
vorzustellen, wie er mit Goldkettchen und Brilli an den Fingern zugekokst
in einem Club abhängt, noch nicht mal volljährig und schon Zuhälter, der
absolute Oberazzlack. Kaum zu glauben, dass dies derselbe Mensch sein
sollte wie jener abgeklärte junge Mann, der mir mit ernstem Blick
gegenübersaß. Er hatte in sämtliche menschlichen Abgründe gesehen;
vielleicht war es von dort aus gar nicht mehr so weit bis in den Krieg. Er
hatte schon einmal alle Brücken abgebrochen und konnte es leicht wieder
tun. Ich hätte niemals mit ihm tauschen mögen und trotzdem beneidete ich
ihn um die Festigkeit seines Entschlusses.
Ich fragte: »Und du siehst für dich keinen anderen Weg als diese …
Märtyrer-Sache?«
»Hast du mir nicht zugehört?« Er sah mich an, als hätte ich was
unglaublich Dummes gesagt. »Bei der Scheiße, die ich in meinem Leben
gebaut habe, ist das eben der sicherste Weg für mich ins Paradies. Vielleicht
der einzige. Und für meine Eltern. Sogar für Samira. Ich weiß, sie führt ein
Leben nach Qur’an und Sunna, jedenfalls solange sie nicht dauernd mit dir
telefoniert.« Er grinste kurz und wurde sofort wieder ernst. »Aber selbst bei
ihr kann man nicht sicher sein. Das kannst du ja nie. Nur halt als Märtyrer.
Inschallah.«
Ob Samira es tatsächlich nötig hatte, von ihrem kleinen Bruder ins
Paradies geholt zu werden? Ich schwieg und aß meinen Döner auf. Adil
hatte seinen gar nicht mehr angerührt.
»Isst du dein Teil nicht mehr?«, fragte ich und langte nach seinem
Döner. »Deine Geschichte sollte einem eigentlich den Appetit versauen,
aber ich hab irgendwie voll den Fressflash, als hätte ich gekifft.«
»Normal«, meinte er. »Der totale Adrenalinkick, so ein kleiner Fight.«
Da hatte er recht. Die nackte Angst von vorhin, die sich in brennenden
Hass verwandelte, der plötzliche Mut, ja Übermut – als hätte ich eine neue
Droge ausprobiert. Unwillkürlich dachte ich wieder an Samira und das
Paradies. Und überhaupt – was machten Frauen eigentlich dort? Dazu hatte
ich noch nirgends was gehört oder gelesen. Jedenfalls konnte ich mir nicht
vorstellen, wie Samira sich mit zweiundsiebzig knackigen Jungs vergnügte.
Das heißt – scheiße, doch, ich konnte es mir vorstellen, denn meiner
Fantasie war anscheinend nichts zu abwegig. Subhan Allah. Ich schaute auf
meine Finger, zwischen denen die Dönersoße auf die Serviette tropfte.
Wie schade, dass ich nicht zugeschlagen hatte. Ich hätte einfach zu gern
gewusst, wie sich das anfühlt.
56. Tag

Das nenne ich Urlaub! Sie haben uns in einem ehemaligen Hotel
einquartiert. Eigentlich ist es immer noch ein Hotel, aber nicht für
Touristen, sondern für Kämpfer. Es unterscheidet sich von einem
normalen Touristenhotel auch dadurch, dass auf der Vorderseite
gleich neben dem Eingang auf die eisernen Zacken eines
Gartenzaunes drei Männerköpfe aufgespießt sind. Die Körper liegen
auf dem Bürgersteig. Schon seit zwei Tagen, heißt es. Niemand achtet
weiter darauf, alle Passanten gehen einfach in einem Bogen daran
vorbei. Angeblich sollen es ehemalige Brüder von uns gewesen sein.
Ausländer wie wir, denen Zweifel am Kampf gekommen sind. Sie
hätten versucht abzuhauen und seien deshalb getötet worden. Und
sollten uns nun zur Mahnung dienen.
Ich hab Nasreddin danach gefragt, aber der sagt bloß, das würde uns
nichts angehen. Er ist irgendwie nicht mehr so gut auf mich zu
sprechen. Vielleicht mag er nicht die Art, wie ich kämpfe. Oder er
misstraut mir tatsächlich wegen des Tagebuchs. Ich trage es jedenfalls
Tag und Nacht bei mir. Hab keinen Bock, dass er oder sonst wer einen
heimlichen Blick hineinwirft.
Na ja, ich hoffe jedenfalls, dass diese Leichen doch bald weggeräumt
werden. Immerhin geht unser Balkon zur hinteren Seite des Gebäudes
hinaus. Hier sitze ich jetzt gerade im Schatten und schaue über die
weißen Dächer der Stadt, die sich in der flirrenden Hitze an den Fluss
schmiegt. Ich hatte mir nichts Besonderes vorgestellt, irgendein
Wüstenkaff halt, aber das hier ist eine moderne Großstadt mit
pulsierendem Leben. Islamischem Leben. Wo früher auf großen
Plakatwänden für Alkohol oder Zigaretten geworben wurde, stehen
jetzt Mahnungen, sich an die Gebetszeiten zu halten, oder Hinweise
für Frauen, wie sie sich vorschriftsmäßig verschleiern sollen.
Allerdings sieht man gar nicht so viele Frauen auf der Straße – und
wenn, sind sie tatsächlich vollkommen in schwarze Niqabs gehüllt. Es
gibt hier auch eine ziemlich strenge Sittenpolizei, al-Khansa’a – sie
besteht nur aus Frauen und ist für die Kontrolle der Frauen in der
Stadt zuständig. Es kursieren ein paar Gräuelmärchen über die
Khansa’a. Max will von einem der Brüder erfahren haben, dass die
Khansa’a-Wächterinnen verhaftete Frauen foltern, indem sie ihnen
mit … subhan Allah, so was will ich gar nicht hinschreiben. Weil es ja
ganz bestimmt auch nur eine Lüge ist! Es MUS S eine Lüge sein, alles
andere will ich gar nicht in meinen Kopf reinlassen.
Ich glaube, die Khansa’a-Brigade hat auch deshalb keinen so guten
Ruf hier, weil die Wächterinnen nicht aus Raqqa stammen oder
überhaupt aus Syrien, sondern aus der ganzen Welt, so wie wir
männlichen Kämpfer eben auch. Und manche von den Einheimischen
fühlen sich dadurch irgendwie benachteiligt. Oder angeblich wie von
einer ausländischen Macht besetzt. Aber das ist natürlich so diese Art
von Propaganda, die unsere Feinde überall verbreiten.

Wir müssen uns einfach alle noch viel besser kennenlernen, denke ich.
Es ist ja für alle eine neue Situation, dass wir jetzt hier herrschen.
Also der I S , meine ich. Jedenfalls haben das auch die Emire erkannt,
denn sie fördern sehr die Vermischung von einheimischen Familien
und ausländischen Kämpfern. Man hat sogar einen neuen Brauch
eingeführt, dass manche unverheiratete junge Frauen ein weißes
Untertuch unter ihrem Schleier tragen, um zu zeigen, dass sie als
Braut zu haben sind. So offen ist man hier für uns Mudschahidin!
Und sie haben eine Art Singlebörse eröffnet, um Frauen aus Raqqa
mit Kämpfern zusammenzubringen. Max und die meisten anderen
wollen sich dort eine Frau »besorgen« – so hat Max es ausgedrückt.
Ich fragte ihn, was er mit einer Frau aus Raqqa überhaupt will.
»Du kannst dich noch nicht mal mit ihr unterhalten«, sagte ich, »so
mies, wie dein Arabisch noch immer ist.«
Da lachte er nur.
»Mann, Dummkopf, denkst du, ich will mit der reden?«
Nee. Wohl nicht. Subhan Allah, der scheint es ganz schön nötig zu
haben. Aber er hat ja von Anfang an gesagt, dass er es darauf anlegt.
Von wegen jesidische Sklavinnen und so, du weißt schon.

Es gibt allerdings auch einige Familien, die versuchen, ihre Töchter


aus der Stadt herauszuschaffen. Als wir gestern Raqqa erreichten,
mussten wir ziemlich lange an einem Checkpoint warten. Ich dachte,
es würde vor allem darum gehen, zu kontrollieren, wer in die Stadt
hinein will und warum. Aber dann hab ich geschnallt, dass sie
mindestens ebenso gründlich kontrollieren, wer hinaus will. Die
Regierung hat für Frauen unter fünfzig ein Verbot verhängt, Raqqa zu
verlassen; es sei denn aus gesundheitlichen Gründen. Und weil man
einer vollverschleierten Frau natürlich ihr Alter nicht ansieht, braucht
man auch hier die Khansa’a-Brigade. Ich muss sagen, dass mich
diese Polizistinnen – diese Kämpferinnen, kann man sagen – sehr
beeindrucken. Sie sind mit demselben Mut und Einsatz bei der Sache
wie wir Männer auch. Und angeblich sind uns manche von ihnen auch
am A K -47 mindestens ebenbürtig, so heißt es. Während wir also
gestern an diesem Checkpoint darauf warteten, in die Stadt gelassen
zu werden, hab ich ein bisschen auf die Gespräche der Frauen
gelauscht, denn plötzlich hörte ich eine deutsche Stimme. Sie
wechselte zwischen perfektem Arabisch (soweit ich das mit meinen
bescheidenen Kenntnissen beurteilen kann) und echter Berliner
Schnauze (soweit ich das als Hamburger beurteilen kann). Es war ein
komisches Gefühl, so weit weg von zu Hause von Dar al-Kufr und
nach all den Wochen ausschließlich unter Kerlen Brüdern plötzlich so
eine weiche, helle Mädchenstimme in meiner Muttersprache reden zu
hören.
Die Schwestern sagten Siham zu ihr.
18. Februar/28. Rabi ath-thani

Samira, stand auf dem Display. Ich hatte seit Tagen überlegt, sie anzurufen,
hatte mich aber nicht entschließen können. Jetzt lag das Smartphone neben
meinem Notebook auf dem Küchentisch und hörte nicht auf zu brummen.
Zum x-ten Mal streckte ich die Hand danach aus und zog sie wieder zurück.
Ich war allein zu Hause. Als ob das eine Rolle spielte …
Endlich griff ich zu.
»As salamu alaikum, Ukhti.«
»Wa-’alaikum as salamu, Akhi«, sagte sie in süffisantem Ton. »Können
wir reden oder bin ich immer noch eine Versuchung für dich?«
»So habe ich das nie gesagt«, erwiderte ich. »Und außerdem wollte ich
dich auch anrufen.«
»Ach.«
»Ähm – ja.« Es gefiel mir, ihre Stimme zu hören, auch wenn die
zwischen belustigt und distanziert schwankte. »Ich habe eine Frage, die ich
nicht so gut einem Mann stellen kann.«
»Da bin ich gespannt.«
»Was, glaubst du, erwartet dich im Paradies?« Ich räusperte mich.
»Also – weil den Männern ja die Paradiesmädchen versprochen sind. Aber
was erwartet die Frauen?«
Sie lachte. Dann entgegnete sie: »Glaubst du überhaupt ans Paradies?
Kann man an Dschanna glauben, wenn man nicht an Dschahannam
glaubt?«
»Vielleicht glaube ich mittlerweile doch an die Hölle«, sagte ich. »Mir
sind viele Sachen durch den Kopf gegangen. Es gibt doch tatsächlich
Verbrechen, die nicht ungesühnt bleiben dürfen. Menschen, die niemals
bereuen. Insofern hat die Hölle schon ihre Berechtigung. Hast du mir ja
selbst erklärt.«
»Nein«, erwiderte sie bestimmt. »Ich erinnere mich sehr gut an dieses
Gespräch. Soweit ich weiß, habe ich gar nichts erklärt. Bloß Fragen
gestellt.«
»Was soll das? Willst du mich verunsichern?«
»Genau, Akhi. Falls das überhaupt noch möglich ist. Du und Adil, ihr
scheint euch eurer Sache ziemlich sicher zu sein.«
»Welcher Sache?«
Für den Moment wusste ich tatsächlich nicht, was sie meinte.
»Dschihad Basterds«, antwortete sie.
»Ah«, rief ich, »du warst auf meinem Facebookprofil.«
»Nicht nötig. Die Fotos, die ihr von eurer Aktion geschossen habt, sind
doch hundertfach geteilt worden. Habt ihr eigentlich keine Angst vor
irgendwelchen Konsequenzen, du und Adil?«
»Denkst du, der Verfassungsschutz belangt uns ausgerechnet wegen ein
paar Graffiti? Die warten doch darauf, dass wir irgendwelche Anschläge
planen oder in den Kampf ziehen oder so was.«
Ich grinste versonnen in mich hinein und ließ die Worte nachklingen, im
Bewusstsein meiner absoluten Ausnahmestellung als hochrangiger
Staatsfeind.
»Man hat auch schon Leute schlicht wegen Sachbeschädigung belangt,
nachdem sie auf Facebook damit herumgepost haben.« Und eine Spur
schärfer fuhr sie fort: »Der Name des Allerhöchsten ist dazu da, ihn
anzubeten und zu preisen. Nicht um ihn auf Häuserwände zu schmieren.«
»Aber das …«
»Wehe, du sagst jetzt, das sei Da’wa«, knurrte sie. »Das ist nicht Da’wa,
sondern Kindergarten. Angeblich habt ihr euch mit Hooligans geprügelt, du
und Adil. Dabei benehmt ihr euch selbst wie welche.«
»Woher weißt du das? Das mit den Hools?«
»Weil ihr es sämtlichen Brüdern erzählt habt, Mann.« Sie lachte hohl.
»Und die Verheirateten haben es ihren Frauen erzählt und die Schwestern
erzählen es weiter. Dass ihr euch mit mindestens sieben glatzköpfigen Nazis
angelegt habt, genau den Typen, die letzten Herbst versucht hätten, mich zu
vergewaltigen. Oder waren es siebzehn? Subhan Allah, ihr benehmt euch,
als wäre der Islam eine Dorfdisko und ihr beiden wärt da die Obermacker.
Ich habe dir nicht all diese Abende und Nächte geopfert, dir zugehört, dir
den Glauben erklärt, damit du jetzt anfängst, von Dschihad zu faseln wie
mein gestörter Bruder.«
»Bitte?« Mir blieb die Luft weg. Was ging hier ab?
»Mann, Adil ist ein schwer traumatisierter Junge, der dringend in
Therapie gehört. Vielleicht lässt er sich retten, vielleicht auch nicht, das
geht nur ihn und mich was an. Aber ich will nicht, dass er dich in seine
Todessehnsucht hineinzieht.«
»Ist das etwa der Grund, warum du mich anrufst?«
»Du bist ja ein Blitzmerker. Ich weiß, dass Adil mit dem Gedanken
spielt, nach Syrien zu gehen zum Islamischen Staat, und ich werde alles tun,
um das zu verhindern. Er ist krank, Jakob, das musst du doch sehen! Du
kannst doch nicht so blind sein, ihm nachzulaufen.«
»Ich laufe deinem Bruder nicht nach«, sagte ich kühl. »Das mit den
Graffiti war meine eigene Idee.«
»Umso schlimmer«, stöhnte sie. »Wolltest du ihn damit beeindrucken
oder was?«
»Nee, dich«, gab ich zurück und biss mir auf die Zunge. Es war
schlagfertig, witzig, trotzig und nicht ernst gemeint. Oder doch? Ich wusste
es selber nicht. »Ich wollte einfach mal was tun«, brummte ich. »Anstatt
immer nur diese Videos zu glotzen. Oder in der Moschee herumzusitzen
und sich darüber aufzuregen, wie scheiße wir Muslime behandelt werden.
Ich wollte mal ein Zeichen für den Islam setzen.«
»Du solltest nicht versuchen, mich mit so was zu beeindrucken. Ich
wäre beeindruckt, wenn du dich um Bedürftige kümmern, dich für
Benachteiligte einsetzen würdest. Das wäre ein Zeichen für den Islam.«
»Was willst du von mir?« Ich war selbst überrascht, wie schroff ich
plötzlich klang. »Soll ich Adil für dich umdrehen oder was?«
»Wie kann man sich nur so dumm stellen«, rief sie. »Mir geht es um
dich, Jakob! Kriegst du das in deinen hübschen Kopf? Verdammt, ich hab
dich gern, das musst du doch spüren.«
Getroffen hielt ich die Luft an. Alles, was ich ihr gerade noch an
Argumenten um die Ohren hauen wollte, war plötzlich fort.
»Ich will nicht, dass du gleich alles wegschmeißt, was du gerade erst
gewonnen hast«, fuhr sie fort. »Der Islam ist eine so große und vielfältige
Welt und du stehst doch erst ganz am Anfang, alles zu entdecken. Mit
manchen Konvertiten ist es, als ob jemand neu in ein großes Haus einzieht,
einen winzigen Teil der Hausordnung gelesen hat und jetzt alle
Hausbewohner mit irgendwelchen Regeln tyrannisiert, die er aus dem
Zusammenhang gerissen hat. Verstehst du, was ich sagen will? Hallo? Bist
du überhaupt noch da?«
»Ich hab dich auch gern«, murmelte ich. »Es hat mir gefehlt, mit dir zu
telefonieren. Jedes Mal, wenn ich dich beim Gebet oder beim Essen aus der
Ferne sehe, denke ich das.«
Sie zündete sich eine Zigarette an, inhalierte tief, blies den Rauch aus.
Ich hörte ihr für eine Weile dabei zu. Ich verstand sie nicht, nicht ihre Kritik
an unserer Aktion, nicht ihren Unmut. Ich hatte doch nichts weiter getan, als
all das, was sie mir in der Theorie erklärt hatte, einfach mal in eine echte
Tat umzusetzen. Was konnte denn daran so falsch sein?
Ich verstand es nicht und würde es heute auch nicht mehr verstehen.
Sekunden vergingen oder auch Minuten, keine Ahnung, ich sah nicht auf
die Uhr, sondern nur aus dem Fenster. Draußen fiel Schnee und ich lauschte
ihrem Atem. Plötzlich stand Adil in der Tür. Ich schrak hoch, räusperte
mich und sagte: »Ich werde über alles nachdenken, was du gesagt hast.
Vielen Dank für deinen Anruf.«
»Verstehe.« Ich konnte sie grinsen hören. »As salamu alaikum wa
rahmatullahi wa barakatuh.«
Ich legte das Handy weg.
»Hi, Adil.«
»Wer war das? Samira?«
»Tolle Begrüßung, Akhi. Willst du mich kontrollieren? Kommst du mir
wieder mit dem Schaitan?«
»Vor allem will ich nicht, dass der Schaitan einen Keil zwischen uns
beide treibt, dich und mich. Wenn wir anfangen, Dinge voreinander zu
verbergen, dann öffnen wir ihm die Tür zu unserer Seele. Al-Wala wa’l-
bara, vergiss das nicht, Ya’qub.«
Loyalität und Lossagung – al-Wala wa’l-bara – die Pfeiler des
bewaffneten Dschihad. Zusammenhalt der Brüder und Abgrenzung gegen
alle anderen. Natürlich vergaß ich das nicht. Aber am Anfang war es für
mich ein theoretisches Konzept gewesen, einfach eine allgemeine
Grundhaltung. Und dann, bei unserem nächtlichen Zusammenstoß mit den
Hools, fast eher ein Spiel, ein Action-Adventure. Doch für Adil war es
bitterernst. Er hatte sich innerlich längst auf den Weg nach Syrien gemacht.
Und mich in seinen Gedanken mitgenommen. Aber wollte ich das?
Subhan Allah – dass ich mich das fragte, zeigte doch, dass ich es
zumindest nicht ausschloss. Mir wurde beinah schwindelig.
»Ja, es war Samira«, sagte ich endlich. »Sie wollte mich wissen lassen,
dass sie nichts von den Dschihad Basterds hält.«
»War ja klar.« Adil verdrehte die Augen.
»Was war klar?«
»Ach«, meinte er achselzuckend, »Samira spinnt in letzter Zeit ein
bisschen.« Er wischte sich mit der Hand vor dem Gesicht herum.
»Vielleicht hältst du dich für eine Weile besser von ihr fern, okay?« Es
sollte beiläufig klingen. Tat es aber nicht.
Er sah, dass mir seine Antwort nicht reichte. Also stützte er sich mit
beiden Händen auf die Tischplatte vor mir auf, beugte sich zu mir herab und
sagte eindringlich: »Samira denkt im Moment ein bisschen zu viel nach,
wenn du mich fragst. Sie kommt mir richtig verwirrt vor. Und ich will
nicht, dass sie dich auch verwirrt. Es reicht schon, dass sie mich ständig
nervt.«
»Nervt?«, setzte ich nach. »Womit? Worüber spricht sie mit dir?«
»Ist doch kackegal«, brummte Adil und richtete sich wieder auf. »Es
spielt keine Rolle.«
Doch, spielt es, dachte ich. Was ging in der Frau vor? Wie viel davon
hatte mit mir zu tun? Adil wusste es, aber es hatte jetzt keinen Sinn, ihn zu
bedrängen; er würde es mir nicht sagen.
Stattdessen fragte ich: »Spielt es denn eine Rolle, was du zurzeit mit
Mert ausheckst?«
»Bitte?«
»Na – er ist es doch, mit dem du neuerdings jeden Abend chattest, oder?
Und da sagst du mir, dass wir nichts voreinander verbergen sollen …«
»Meinetwegen.« Adil ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Ich wollte es dir
eh sagen. Wir werden Besuch bekommen. Ich weiß nicht genau, wann. Ein
Bruder ist auf der Reise durch Deutschland, um Mitstreiter zu gewinnen,
die mit nach Sham gehen.«
»Und er kommt, um uns abzuholen?«, fragte ich spöttisch.
»Zuerst mal braucht er einen Schlafplatz für ein paar Tage«, stellte Adil
sachlich fest. »Ich gebe ihm mein Zimmer und penne solange bei dir, wenn
du nichts dagegen hast.«
»Könnte ich denn? Du scheinst ja alles schon abgesprochen zu haben.«
»Nicht so sehr ich«, erwiderte er. »Das Organisatorische läuft sowieso
über das Büro von Ibn Ibrahim.«
Verdutzt sah ich ihn an. Mann, ich war echt naiv.
»Geht klar«, murmelte ich. »Und jetzt muss ich weiterarbeiten.«

Mein Mitbewohner trollte sich und ich weckte mein Notebook aus dem
Stand-by, um den halb fertigen Text anzuglotzen, bei dem ich schon stecken
geblieben war, bevor Samira mich angerufen hatte. Ich arbeitete immer
noch für Golski, obwohl wir uns seit Wochen nicht gesehen hatten. Er
schickte mir Texte, ich schickte sie redigiert zurück und eine Rechnung
hinterher, er bezahlte; ganz selten telefonierten wir kurz. Ein erträglicher
Status quo, jedenfalls für ihn. Ich aber konnte es, wenn ich ehrlich zu mir
war, immer schlechter ertragen. Hätte Golskis Agentur für irgendwelche
Arschlöcher gearbeitet, dann hätte mir vielleicht alles egal sein können.
Weil seine – unsere – Kunden aber sämtlich Idealisten waren, musste ich
mich innerlich mit ihnen auseinandersetzen. All diese Leute von der
Flüchtlingshilfe oder dem Umweltschutzverein oder dem Jugendclub, all
diese Pädagogen und Aktivisten, diese Happening-Künstler und
Sozialarbeiter wollten die Gesellschaft verändern. Der alte Jakob wäre
vielleicht gern einmal so geworden wie sie. Die Arbeit bei Golski war sein
Traumjob gewesen und er hatte sich ausgemalt, nach dem Studium in der
Agentur einzusteigen, sie vielleicht sogar eines Tages zu übernehmen. Aber
Ya’qub hatte inzwischen durchschaut, dass es nichts brachte, die
Gesellschaft zu verändern. Man hatte nur die Wahl, sie zu erdulden oder zu
ihrer Vernichtung beizutragen. Diese Erkenntnis hatte ich schon länger, fiel
mir auf, spätestens seit Weihnachten. Aber erst gerade eben war sie mir
ausformuliert durch den Kopf gegangen. Genau das hätte ich Samira
antworten müssen. Von wegen sich für Benachteiligte einsetzen. Das war
doch nur Kosmetik. Wer ein anderes Leben wollte, musste eine andere Welt
erschaffen, eine Welt nach Qur’an und Sunna, dann gäbe es keine
Benachteiligung mehr. Herr Golski, schrieb ich, leider kann ich Ihre
dreckige Kuffar-Scheiße nicht länger unterstützen. Danke für die Kohle und
machen Sie’s gut.
Ich löschte die Mail und begann eine neue. Heute habe ich mich
endgültig gegen Anpassung entschieden, schrieb ich. Deshalb können wir
leider nicht länger zusammenarbeiten. Danke für die Chance, die Sie mir
gegeben haben. Mein altes Ich hat das sehr zu schätzen gewusst. Mein
neues muss eine andere ergreifen. Leben Sie wohl.
Keine drei Minuten später kam seine Antwort.
So schnell nicht, junger Mann. Bitte kommen Sie am Montag noch
einmal zu mir ins Büro, damit wir es anständig zu Ende bringen.
Na gut, ich komme, schrieb ich zurück.
58. Tag

Ich muss dir von sehr krassen, verrückten, unglaublichen Dingen


berichten und weiß gar nicht, wie ich das alles in Worte fassen soll,
denn es prallen extrem verschiedene Gefühle aufeinander, alles ist
zugleich schön und totaler Horror. Wo fange ich an?

Am besten damit, dass ich im Augenblick mit einigen Brüdern im


Keller unseres Hotels hocke. Von draußen hören wir entferntes
Donnergrollen. Die Amis und ihre arabischen Speichellecker
bombardieren unsere Stadt. Aber die Leute hier scheinen daran
gewöhnt zu sein, alle bleiben ziemlich cool. Vielleicht ist cool auch
nicht der richtige Ausdruck, es ist eher so eine Art Gleichgültigkeit bei
den Einheimischen. Fatalismus nennt man das, glaub ich. Man könnte
auch denken, dass sie uns hassen, denn das alles geschieht ja nur
deswegen, weil wir hier sind, die Kämpfer des Kalifats. Aber sie
scheinen zum Hass gar nicht fähig zu sein. Sie ertragen uns, wie sie
zuvor den Terror des Assad-Regimes ertragen haben. Immerhin hat
endlich jemand draußen vor der Tür die Köpfe vom Zaun
verschwinden lassen. Und die kopflosen Körper auch.

Ja, was ich schreibe, klingt ein wenig ernüchtert, und ich gebe zu:
Das bin ich. Unsere Brüder tun schlimme Dinge hier. Ich erinnere
mich an eines unserer ersten Gespräche, Akhi, als ich dir erklärte,
dass der Kampf für die richtige Sache manchmal Grausamkeit
erfordert … Ich kann bloß hoffen und mache Du’a dafür, dass einiges
von dem, was hier geschieht, wirklich bloß eine Art »Jugendsünde«
unseres neuen Staates ist. Ich versuche das nüchtern zu sehen: Wir
sind im Krieg, wir werden von aller Welt bedroht und angegriffen;
kein Wunder, dass es dann bei uns auch mal zu Fällen von
übertriebener Gewalt kommt. Oder Bestialität …

Gestern Vormittag waren wir in der Stadt unterwegs. Max und ich und
Mirza, der Bruder aus Bosnien, und ein paar andere. An einer
Kreuzung sammelte sich eine aufgeregte Menschenmenge. Das heißt:
Männer. Frauen sind ja auf der Straße kaum zu sehen, und die
wenigen, die man doch sieht, mit Kinderwagen oder Einkaufstasche,
die gehen rasch vorüber, wenn irgendwo ein Menschenauflauf ist. Und
solche Aufläufe hab ich in den paar Tagen unseres Aufenthalts
häufiger gesehen. Fast immer bedeuten sie, dass irgendwo jemand für
irgendwas bestraft wird.
Da drängten sich also die Männer an dieser Kreuzung. Und nicht nur
erwachsene Männer, es waren viele Jungs dabei, manche noch richtig
klein, so Kindergartenkinder. Alle hatten sie ihre Köpfe in den Nacken
gelegt und guckten nach oben. An der Kreuzung steht ein Hochhaus.
Also noch kein fertiges Hochhaus, es ist ein Rohbau. Die unteren
Etagen sind schon fertig, mit voll verglasten Fassaden, die höheren
Geschosse existieren nur als Gerippe; die Betonböden und -decken
ruhen auf Säulen und Stahlträgern und du kannst hindurchschauen
wie durch ein Gerüst. Jedenfalls gibt es zehn oder elf Stockwerke, und
als wir näher kamen, sahen wir, was die Blicke der Männer und
Jungen auf sich zog: Im obersten Stockwerk war ein einfacher
Plastikstuhl, wie man ihn als billiges Gartenmöbel kennt, hart an den
Rand der Betonplatte geschoben, die kein Geländer und auch sonst
keine Absperrung hatte. Auf dem Stuhl saß ein Mann. Seine Augen
waren verbunden und die Arme offenbar auf den Rücken gefesselt.
Hinter ihm standen vier vermummte Brüder. Einer schwenkte unsere
Fahne, zwei hielten demonstrativ ihre Kalaschnikows in die Luft, der
vierte filmte alles mit seinem Smartphone.
Da musste ich ganz plötzlich an deine Worte denken. Was du bei
unserem allerletzten Gespräch zu mir gesagt hast. Ja – fast war es, als
würdest du neben mir stehen und mir das zuflüstern, was du damals
sagtest: »Und wenn es tausendmal haram wäre, einem anderen Mann
den Schwanz zu lutschen«, hast du gesagt, »dann ist es trotzdem noch
zehntausendmal schlimmer, ihn deswegen von einem Hochhaus zu
stürzen.«
Aber du standst gestern Morgen nicht neben mir, an dieser
Straßenkreuzung in Raqqa; du nicht, sondern Max und Mirza.
»Alter, guck mal, ’ne Schwuchtel, oder?«, raunte Max. »Das ist doch
die Strafe für Schwule, stimmt’s?«
Ich zuckte nur mit den Schultern und wandte mich zum Gehen.
»Warte«, rief Max, »das müssen wir uns angucken.«
Aber ich gab schroff zurück: »Mann, du hast doch schon reichlich
Tote gesehen. Und wirst noch mehr sehen, wenn wir wieder an die
Front gehen.«
Etliche Leute drehten sich nach uns um. Ich war eine Spur zu laut
gewesen, aber ich hatte natürlich Deutsch gesprochen und so guckten
sie nur fragend, bevor sie sich wieder dem Spektakel auf dem
Hochhaus zuwandten.
»Viel Spaß noch«, knurrte ich und ging.
Keiner meiner Brüder folgte mir. Sie hatten sich in die gaffende
Menge eingereiht und glotzten mit offenen Mündern nach oben. Nur
Mirza sah mir mit einem fast flehenden Blick nach, als wollte er, dass
ich ihn mitnehme, weil er sich selber nicht von den andern lösen
konnte. Aber ich bin doch nicht sein Babysitter, dachte ich und ging
weiter.
Ich erreichte die nächste Straßenecke und hielt inne. Etwas zwang
mich, mich noch einmal umzudrehen. Und als hätten sie nur auf mich
gewartet, taten sie es in diesem Augenblick: Die zwei mit den
Gewehren gaben gleichzeitig dem Stuhl einen Tritt, der erste
schwenkte seine unsere Fahne, der vierte beugte sich vor, damit seiner
Handykamera nichts entging. Der Verurteilte mit seinen verbundenen
Augen und gefesselten Armen schlug einen unfreiwilligen Salto in der
Luft und stürzte wie ein Geschoss in die Tiefe. Er schrie nicht. Alles
war totenstill, als hätte einer den Ton abgestellt. Der Plastikstuhl
segelte hinterher. Ich sah nicht, wie der Mann auf dem Boden
aufschlug. Ich hörte nur einen kollektiven dumpfen Laut, als würden
alle, die da herumstanden, gemeinsam einen tiefen Seufzer ausstoßen.
Ich hatte einen lauten Aufschrei erwartet, vielleicht auch Jubelrufe
oder im Gegenteil Ausrufe des Entsetzens. Aber dieser dumpfe Ton
verwirrte mich und auch, dass ich nicht das Geräusch hörte, mit dem
der Körper des Mannes am Boden zerschmettert wurde. Klar – ich
war ja weit genug weg, aber etwas in mir wartete trotzdem auf einen
lauten Aufprall. Und, so verrückt es klingt, ich warte immer noch. Als
wäre der Mann noch immer in der Luft, würde seinen stummen Salto
schlagen und dem tiefen Nichts entgegenrasen ohne ein Ende oder
irgendeine Hoffnung.

Das ist gestern Vormittag gewesen. Gestern Abend dann quatschte


mich Nasreddin an. Er hätte gehört, ich sei plötzlich so »zart
beseitigt«, meinte er. Und ich so: »Besaitet, meinst du?« Und er so:
»Kackegal, wie man das in eurer Sprache sagt.« Jedenfalls hätte er
gehört, ich hätte neuerdings ein Herz für Schwule. Und ich meinte
darauf nur, ob er das daran festmacht, dass ich kein Bock hatte
zuzusehen, wie der Typ als Matschklumpen auf dem Asphalt endet.
Und Nasreddin meinte, das sei eben der Wille von Allah (swt) und
dass Allah (swt) auch will, dass die Kämpfer nicht alleine bleiben,
sondern dass wir uns Frauen nehmen. Denn was mit denen passiert,
die nicht auf Frauen stehen, davon hätten wir ja gerade gesprochen.
Da wurde ich richtig sauer und hätte ihm am liebsten an den Kopf
geworfen, dass er nicht mal im Paradies so viele Tussen flachlegen
wird wie ich während der paar Monate, wo ich im Business war. Aber,
hey, ich wollte doch nicht posen. 
Ich hab ihn einfach angeschwiegen. Irgendwann zuckte er mit den
Achseln und brummte was von wegen, ob ich denn wenigstens
irgendeine Idee hätte, wo Mirza sich rumtreibt. Angeblich wär er
verschwunden. Nee. Hatte ich nicht.
»Vergiss nicht«, knurrte er noch, »al-Wala wa’l-bara – denk immer
dran.«
Loyalität und Lossagung … aus seinem Mund klang das fast nach
einer Drohung.
Zwei Dinge sind mir durch das Gespräch klar geworden. Erstens hat
Nasreddin sich offenbar schon wieder nach mir erkundigt. Genau wie
neulich, als es um mein Tagebuch ging. Wen er wohl aushorcht –
Max? Oder einen anderen? Es waren schließlich mehrere Brüder von
unserer Einheit dabei. Er traut mir nicht. Und zweitens haben sie uns
nicht nach Raqqa gebracht, damit wir Urlaub machen. Wir sind zum
Heiraten gekommen. Wir sind Teil eines Zuchtprogramms. Während
die Schwulen von den Dächern segeln, sollen die Heteros ihr Erbgut
über die Töchter Raqqas verteilen, auf dass wir Kämpfer aus aller
Welt untrennbar mit diesem Land verschmelzen.

Na gut. Vielleicht wollte ich bloß Nasreddin beruhigen oder vielleicht


war ich einfach neugierig, vielleicht ging es mir aber auch ein kleines
bisschen so wie Max, der es so furchtbar nötig hat. Jedenfalls wandte
ich mich heute Morgen tatsächlich an diese verkappte Singlebörse –
und was glaubst du, mit wem die mich zusammenbringen wollen? Mit
Siham, dem Mädchen aus Berlin. Natürlich hab ich nicht allein mit
ihr geredet und sie schon gar nicht ohne Schleier gesehen; nicht mal
ihre Hände hab ich zu Gesicht gekriegt, weil sie schwarze
Handschuhe trägt. Wir haben nur kurz und unter Aufsicht eines
Richters gesprochen, der als Sihams Vormund fungiert und mit dem
ich nachher noch über das weitere Prozedere verhandelt habe.
Jedenfalls haben sie und ich halt ein paar züchtige Floskeln
ausgetauscht, aber ich sah im Funkeln ihrer Augen, dass sie dabei an
was völlig anderes dachte. Und das tat ich auch. Früher hieß sie
übrigens Jenny. »Siham« heißt auf Deutsch so was wie »Pfeil«. Passt
ganz gut. Mich hat sie jedenfalls voll abgeschossen. 
Akhi! Verstehst du, was ich da schreibe? Ich werde heiraten, Mann!
Eine Frau haben! Ja, ich kann es selber noch kaum glauben. Deshalb
muss ich es hier hinschreiben, um zu begreifen, dass es wahr ist.
Absolut verrückt, oder? Ich bin doch hergekommen, um den
Märtyrertod zu suchen und durch den Tod hindurch ins Paradies zu
gehen …
Und jetzt sitze ich hier im Keller, während oben die Raketen pfeifen
und knallen, habe verliebte Gefühle im Herzen und im Kopf lauter
verwirrende Fragen. Zum Beispiel, wie man hier überhaupt
zusammenleben soll als Ehepaar. Oder wo Mirza eigentlich steckt,
denn der ist jetzt echt langsam überfällig. Oder wann endlich der
Aufprall kommt.
Ich mach jetzt gleich Schluss, denn ständig schleicht wieder
Nasreddin um mich herum und beäugt mich beim Schreiben. Von
wegen Loyalität und Lossagung. Überwachung und Misstrauen wäre
treffender. Jedenfalls für Nasreddins Auslegung dieser Formel.
23. Februar/4. Dschumada l-ula

Loyalität und Lossagung. Dumme Menschen mochten so was als Schwarz-


Weiß-Denken abtun, weil sie nicht verstanden, dass es in den
entscheidenden Fragen des Lebens kein Sowohl-als-auch gibt, kein
Vielleicht. Es klang logisch, es klang richtig, es klang vollkommen wahr für
mich … nur leider fühlte es sich noch immer nicht so an. Ich konnte all das
zwar denken, all die Theorien des Dschihad, aber richtig spüren konnte ich
es nicht. Vielleicht war das der Grund, warum ich Golskis Einladung folgte.
Um es mir selber zu beweisen. Mir und irgendwie auch Samira. Doch er
war nicht allein, als ich Montagvormittag bei ihm eintraf.
»Sorry«, sagte ich, »ich kann später wiederkommen.«
»Nein, im Gegenteil.« Golski winkte mich herein. »Ich will, dass Sie
jemanden kennenlernen.«
Aus dem Besuchersessel erhob sich ein leicht ergrauter Mann, dessen
Designerbrille im schönen Kontrast zu seinem langen Ziegenbart stand und
zu dem Palituch, das er um den Hals trug. Seine wachen Augen taxierten
mein Outfit; ich hatte zur Feier des Tages eine Dschellaba angelegt.
»Klaus Abdallah Sellring«, stellte Golski vor. »Von der
Flüchtlingsinitiative, die wir beraten. Sie haben seinerzeit ein paar
Pressemitteilungen des Vereins redigiert, erinnern Sie sich?«
Ich nickte bloß und wir setzten uns.
»Ich engagiere mich schon sehr lange für Flüchtlinge«, begann der
Mann. Offenbar sprach er zu mir und wollte mir was erzählen. »In den
Neunzigern waren es vor allem Leute aus Ex-Jugoslawien, die zu uns
kamen. Eine von ihnen war Edina aus Bosnien, meine heutige Frau. Durch
sie lernte ich den Islam kennen und verliebte mich in die Religion genauso
intensiv wie in Edina selbst. Als wir heirateten, habe ich den Glauben
angenommen.«
»Verstehe. Sie sind schon konvertiert, bevor es cool war«, warf ich ein.
»Es war weder cool noch uncool, sondern für die meisten Leute völlig
irrelevant«, antwortete er, ohne auf den spöttischen Unterton meiner
Bemerkung einzugehen. »Ich hatte bis dahin konfessionslos gelebt. Mein
Schritt kam den Leuten als kleine Spinnerei vor. Genauso gut hätte ich mich
dem Briefmarkensammeln zuwenden oder mir ein seltenes Haustier kaufen
können. Es regte niemanden auf, denn der Islam war hierzulande völlig
unpolitisch bis auf ein paar Sektierer, und so etwas wie Nine/Eleven hätte
sich niemand vorstellen können. Sie haben recht, es gab nicht viele
Konvertiten damals. Und die, die es gab, gehörten eher dem liberalen Islam
an. Vor allem, was die Frauen betrifft, haben sich …«
»Wo soll das hinführen?«, unterbrach ich ihn. Ich hatte geduldig
zugehört, aber ich wusste ohnehin, worauf es hinauslief, und wollte die
Sache abkürzen.
Er beugte sich vor und sagte: »Ich habe einiges von dem gelesen, was
Sie auf Ihrer Facebook-Seite über den Islam schreiben. Und über die
Ungläubigen und den Dschihad. Sie schreiben von Armut und Unrecht,
Leid und Gewalt auf der Erde und haben mit vielen Dingen völlig recht.
Darum bin ich der Bitte von Martin Golski gefolgt, mich mit Ihnen zu
unterhalten. Haben Sie schon einmal mit Leuten, die Sie als Ungläubige
bezeichnen, über all das gesprochen?«
»Am Anfang schon«, winkte ich ab. »Aber mit Kuffar kann man nicht
diskutieren. Ist ja auch logisch – sie sind nun mal total verstockt; denn
wären sie es nicht, würden sie ja zum Islam kommen.«
Ich warf Golski einen Seitenblick zu, doch der lehnte bloß reglos in
seinem Schreibtischstuhl und verfolgte die Szene wie ein Zuschauer.
»Ich bewundere Ihre Selbstsicherheit«, sagte Sellring. »Sie und Ihre
Brüder wären vermutlich mutig genug, sich in ein Flugzeug nach Syrien zu
setzen und dort für den Islamischen Staat zu kämpfen. Aber hätten Sie auch
den Mut, einfach mal bei Ihrem Nachbarn zu klingeln und mit ihm über
diese Sachen zu reden? Ihm die Augen zu öffnen? Ihr sprecht doch
andauernd von Da’wa.«
»Und als Nächstes erzählen Sie mir, dass der Islam Frieden ist«, ätzte
ich. »Doch Allah – subhanahu wa-ta’ala – ruft uns zum Kampf. Und er hat
den Muslimen den Sieg versprochen, was solche – sorry! – Weichei-
Muslime wie Sie einfach ignorieren.«
»Wahrlich, er hat uns den Sieg versprochen. Doch wer bist du, dass du
denkst, er hätte mit seinen Worten ausgerechnet dich und deine Freunde
gemeint? Dass du denkst, bestimmen zu können, wie der Sieg aussieht – ob
er sich in Strömen von Blut verwirklicht oder nicht doch in einer freien
Gesellschaft, in der alle zusammenleben können? Wer bist du, dass du
glaubst, du könntest die Prinzipien des Islam außer Kraft setzen, nach denen
es verboten ist, Frauen und Kinder und Unschuldige zu töten?«
Ich holte Luft, um zu einer Gegenrede anzusetzen, doch Sellring schnitt
mir mit einer knappen Geste das Wort ab und fuhr fort: »Du wirst mir
sagen, dass die Feinde das doch auch tun. Die Israelis in Gaza und die
Amerikaner überall in der Welt. Aber die berufen sich dabei auch nicht auf
den Koran. Du schon. Deshalb ist deine Sünde im Zweifel noch viel
größer.«
Wieder wollte ich dazwischengehen, wieder ließ er mich nicht zu Wort
kommen.
»Was du über die namenlosen Grausamkeiten des Assad-Regimes gegen
kleine Kinder geschrieben hast, ist leider die Wahrheit! Aber hast du jemals
mit einem dieser Kinder gesprochen?« Er schrie jetzt beinahe. »Oder mit
den Eltern dieser Kinder? Glaubst du denn, das, was die jetzt brauchen, sind
verblendete Mudschahidin mit schwarzen Flaggen und Kalaschnikows?
Komm mit mir, ich mache dich mit ihnen bekannt. Es leben viele syrische
Flüchtlinge in der Stadt. Komm einfach mit, hör dir ihre Geschichten an.
Frag sie doch, ob sie es brauchen, dass du dich für sie abknallen lässt. Oder
ob du nicht was Sinnvolleres für sie tun kannst!«
Endlich versiegte sein Redeschwall. Er musste durchatmen und ich
musste zum Gegenangriff übergehen, doch alles, was ich zwischenzeitlich
hatte dagegensetzen wollen, war plötzlich weg. Genau wie bei meinem
letzten Telefonat mit Samira ein paar Tage zuvor. Ich kam nicht mehr drauf.
Stattdessen sagte ich bloß: »Ich habe Ihnen nicht das Du angeboten.«
Damit erhob ich mich und wandte mich zum Gehen. Aber es wurmte
mich, dass ich so trotzig klang. Ich wollte nicht wie ein schmollendes Kind
aus diesem Laden hier verschwinden. Da fiel mir was ein und ich drehte
mich noch einmal zu Golski um.
»Wo war der Typ hier vor einem Jahr?«, fragte ich scharf.
»Bitte?« Golski richtete sich auf und sah mich ratlos an.
»Ja, vor einem Jahr«, wiederholte ich. »Da wusste ich noch nichts vom
Islam. Da war ich auf der Suche nach einem Ziel im Leben. Wer weiß,
vielleicht hätte ich dann bei so was angebissen. Aber solange man keine
Probleme macht, interessiert sich doch keine Sau für einen. Abi machen,
Fresse halten, studieren und funktionieren, mehr wollt ihr doch gar nicht
von einem. Aber wenn einer nicht mehr mitmacht, sondern aus der Reihe
tanzt, dann seid ihr plötzlich alle da und wollt reden. Ha! Die
Radikalisierung junger Leute verhindern. Aber dafür ist es zu spät, was
mich betrifft. Ja, meine Herren, ich habe mich radikalisiert. Denn
Radikalsein heißt doch wörtlich übersetzt, zurück zur Wurzel zu gehen. Die
echten Wurzeln des Islam kennenzulernen. Und das Böse an der Wurzel zu
packen und auszureißen.« Ich fixierte Sellring und sagte: »Sie sind ein
netter Typ, aber Sie halten uns nicht auf. Es ist zu spät.« Sellring sah zu
Golski und der starrte mich nur mit offenem Mund an. »Von mir aus können
Leute wie Sie mit einer Armee aus Sozialarbeitern und Psychologen hinter
uns herrennen, aber Sie würden sich doch nur lächerlich machen. Schauen
Sie mich an. Ich bin ein Produkt Ihrer Gesellschaft. Ich bin Ihr Spiegel, Ihr
Gegenentwurf. Und genau deshalb Ihr Produkt. Ändern Sie nicht uns.
Ändern Sie sich selbst. Auf Wiedersehen.«
Ich schritt hinaus und ließ die Tür offen, schritt die Treppe hinab und
durch die Haustür auf die Straße hinaus, schritt so unangreifbar einher wie
neulich nachts aus dem Kreis der Hools; es war haargenau dasselbe Gefühl.
Ich schritt durch die Stadt und genoss die irritierten Blicke, die verstohlen
meiner leicht im Wind wehenden Dschellaba folgten. Meine Füße trugen
mich zur U-Bahn und wieder heraus und die Allee hinab zum Juridicum,
jenem Betonklotz, in dessen Eingeweiden der Staat seine künftigen Juristen
und Volkswirte züchtete. Hier war ich zuletzt immer seltener gewesen. Nun
war vorlesungsfreie Zeit, die ich zur Prüfungsvorbereitung hätte nutzen
sollen, und mir wurde jäh bewusst, dass ich die Klausuren Ende März nicht
schreiben würde. Ich würde nie wieder einen Fuß in dieses Gebäude setzen.
Der Handyalarm riss mich aus meinen Gedanken. Zeit für das
Mittagsgebet. Es gehört nicht zu den fünf Pflichtgebeten, aber wenn es
ging, verrichtete ich es trotzdem. Zumindest, wenn ich zu Hause war oder
ungestört. Und wer sollte mich hier schon stören?
Mitten auf der Hofgartenwiese legte ich meine Tasche ab und zog
Schuhe und Strümpfe aus. Ich holte eine Wasserflasche hervor, goss mir
etwas in die Hand und rieb mir Gesicht, Hände und Arme ab, strich mir
über den Kopf und verteilte den Rest auf die Füße. Das Smartphone zeigte
mir die Qibla; sie wies genau über die Unibibliothek hinweg. Ich warf
meine Jacke vor mich auf den Boden, hob die Arme und begann mit dem
Gebet. Als ich in der Niederwerfung zur Du’a kam, hielt ich einen
Augenblick inne. Wie immer fiel es mir schwer, mich auf eine Bitte zu
konzentrieren.
»Oh, Allah, Wender der Herzen«, murmelte ich, »zeige mir, wohin ich
gehöre.«
Hatte E R das nicht längst getan? Was ließ mich denn immer noch
zweifeln? Hatte es sich nicht wunderbar angefühlt, wie ich vorhin den
beiden alten Herren ihre Selbstgerechtigkeit in den eigenen Rachen
zurückgestopft hatte? Nein, nicht wunderbar … sondern sogar richtig geil
hatte es sich angefühlt! Samira konnte so was von stolz auf mich sein. Wäre
sie aber vermutlich nicht. Warum nur musste diese Frau ausgerechnet jetzt
damit anfangen, mich zu verunsichern? Gerade jetzt, wo ich drauf und dran
war, mich vollständig dem Glauben zu verschreiben, vielleicht sogar dem
Dschihad, mit Haut und Haar, wie man so sagt?
Grübelnd beendete ich das Gebet, zog Strümpfe, Schuhe und Jacke
wieder an und schritt unter den Augen der gaffenden Ungläubigen zur U-
Bahn.
Zu Hause traf ich Adil.
»Oh, wozu hast du dich denn so herausgeputzt?«, fragte er.
»Hab ich nicht«, entgegnete ich. »Das sind doch normale Klamotten für
einen Gläubigen. Sag mal … hast du eine Ahnung, ob Ibn Ibrahim vielleicht
noch ein paar Hiwis sucht? Ich bräuchte nämlich einen neuen Job.«
60. Tag

Heute bin ich einkaufen gewesen. Ich brauchte eine Morgengabe für
meine Braut Siham. Und ich hab mich nicht lumpen lassen. 
Fast mein ganzer Sold ist draufgegangen für Schmuck. Andere Brüder,
die ebenfalls bald heiraten werden, haben es auch so gemacht, sie
meinten, mit Schmuck könnte man nicht viel falsch machen. Ist ja
nicht so einfach, ein Geschenk für jemanden zu kaufen, den man
überhaupt nicht kennt.
Ich hätte mich gern beim Kauf von einer Frau beraten lassen, was den
Geschmack von Frauen betrifft, aber das geht natürlich nicht, weil
Frauen hier ja logischerweise nicht arbeiten. Und der Verkäufer, den
ich um Rat fragte, lachte nur und meinte, ich solle einfach das kaufen,
was mir selbst am besten gefällt. Schließlich wäre ich ja sowieso der
Einzige, der das Zeug jemals an ihr zu sehen kriegt. Da hatte der
Mann natürlich recht.
Bezahlt habe ich teilweise mit flammneuen, goldglänzenden Münzen,
die unser Staat seit Kurzem prägen lässt. Es sind Dinare wie zur Zeit
der echten früheren Kalifen. Nasreddin hat uns erklärt, wie wichtig
eigenes Geld für unseren Staat ist. Wir würden dadurch unabhängig
werden vom Zinskapitalismus der westlichen Welt. Ich überlegte, ob es
dann nicht besser wäre, gleich das Geld an sich abzuschaffen. Aber
das würde jetzt zu weit führen …
Max hat sich übrigens gegen eine Hochzeit entschieden. Ihm reicht
erst mal eine Sklavin, sagt er. Natürlich hat er kein Geld, um eine zu
kaufen und anständig für sie zu sorgen, denn so gehört es sich
schließlich nach Qur’an und Sunna. Aber sein Plan ist, dass er sich
Geld leiht und sich ein Mädchen kauft, um sie am nächsten Tag
weiterzuverkaufen und das Geld dann zurückzugeben. Das ist so
ähnlich wie Leasing, meinte er noch und lachte.
»Genauso gut kannst du in den Puff gehen«, hab ich zu ihm gesagt.
Ich konnte einfach nicht glauben, dass das halal ist, was er vorhat.
Da hat er mir ein zerfleddertes Heftchen gezeigt, angeblich eine Art
Ratgeber unserer Regierung zum richtigen Umgang mit Sklavinnen.
Natürlich auf Arabisch. Weder er noch ich können das gut genug lesen
und verstehen, um seine Behauptung zu bestätigen oder zu
widerlegen. Soll er halt machen, was er für richtig hält. Er oder sein
Schwanz.
Mirza dagegen ist immer noch nicht wieder aufgetaucht.
So langsam mache ich mir Sorgen um ihn.
8. März/17. Dschumada l-ula

Endlich noch mal Basketball. Ein einsamer Korb auf einer kleinen
Betonfläche, darum herum Wiesen und Büsche, ein kleiner Park, der erste
richtig schöne Tag in diesem Jahr. Die Schwestern hatten Picknick
mitgebracht, saßen auf Decken und erzählten sich was. Die Kinder tobten
und wir Brüder jagten unter dem Korb nach dem Ball. Wie ich das vermisst
hatte!
Natürlich schauten uns die Frauen nicht richtig zu, aber irgendwie taten
sie es doch. Zumindest Samira. Jedenfalls wollte ich, dass es mir so
vorkam. Früher hatte ich es gemocht, die Luft an den nackten Oberarmen
zu spüren und die Muskeln spielen zu lassen. Jetzt spielten wir natürlich auf
islamische Weise, trugen Sweatshirts und lange Schlabberhosen, um die
Knie zu bedecken, wie es der Prophet vorgesehen hat. Es passte trotzdem
gut zusammen – die coolste Religion und der coolste Sport. Ich streichelte
den Ball mit den Fingerspitzen, dribbelte ihn lässig durch meine Beine und
hinter dem Rücken, ließ den bulligen Qasim ins Leere laufen und mit einer
eleganten Drehung den flinken Hamza aussteigen, wollte zum Korb
hochgehen und den Ball ganz easy ans Brett legen, als Qasim mir von
hinten einen Push verpasste. Der Ball sprang an den Ring und Adil ging
zum Rebound hoch.
»Foul!«, protestierte ich, was natürlich niemanden interessierte.
Schon schlug ich Adil den Ball aus der Hand, worauf der wegsprang und
ins nächste Gebüsch rollte. Während Hamza hinterherflitzte, stützte ich
meine Hände auf die Knie, um durchzuatmen. Es tat einfach gut, sich
auszupowern. Und als ich mich wieder aufrichtete, stand ein Typ meines
Alters neben einem Baum: ziemlich untersetzt, kurze Haare, heller Bart am
üppigen Doppelkinn, Hoodie und weite Hosen, ein großer Rucksack lehnte
an seinem Bein. Ich kannte den Bruder nicht, aber er schien zu uns zu
gehören.
»Das muss Walid sein«, sagte Adil leise, der plötzlich neben mir stand.
»Komm.«
Er ging auf ihn zu und ich folgte ihm. Wir begrüßten uns mit den
üblichen Wangenküssen, dann stellten wir einander vor.
»Salam alaikum, ich bin Moritz.«
»Ach …«, machte ich.
»Mein islamischer Name ist Walid«, antwortete er und lächelte
hintergründig. »Getauft wurde ich auf Moritz. Manchmal nenne ich mich
auch Max. Ich meine – hey, man weiß ja nie.«
»Max und Moritz«, brummte ich. »Witzig. Und woher wusstest du, dass
du uns jetzt gerade hier im Park findest?«
»WhatsApp.«
»Klar«, nickte ich und schenkte Adil einen zweifelnden Blick. Toll, dass
man jederzeit von seinen Freunden gefunden werden konnte. Von seinen
Feinden aber vermutlich auch. Da war es wohl einfach hilfreich,
verschiedene Namen zu führen.
»An der Straße drüben steht mein Auto«, sagte Adil und nahm
zuvorkommend Max-Moritz-Walids Rucksack an sich. »Komm, wir fahren
zu unserer Wohnung.«
Sie wandten sich zum Gehen.
»Moment«, sagte ich verwirrt, »willst du ihn nicht den Brüdern
vorstellen?«
»Muss nicht sein«, murmelte Adil, schulterte den Rucksack und stapfte
davon.
Ich schaute zurück, wich den fragenden Gesichtern der Brüder aus und
fing kurz Samiras Blick auf, bevor ich den beiden folgte.

Ich habe, ehrlich gesagt, bis heute nicht komplett begriffen, wie alles
zusammenhing. Soweit ich damals verstand, führte Mert in Istanbul eine
Art Rekrutierungsbüro für den Islamischen Staat. Dort war Max-Moritz ein
paar Wochen zuvor aufgekreuzt, bereit für den Kampf. Er stammte aus der
Gegend von Nürnberg, hatte die Fachoberschule abgeschlossen und
angefangen, Wirtschaftsinformatik zu studieren. Doch das sei ihm alles
sinnlos vorgekommen, erzählte er uns. Er habe Mein Kampf gelesen und
Das Kapital und die Bibel und schließlich den Qur’an, behauptete er. Und
wie wir alle hatte er Hunderte von Videos gesehen – Bilal Philips, Pierre
Vogel, Abu Tarek. Konversion. Alles schön und gut, aber immer noch zu
soft für seinen Geschmack. Schließlich traf er einen, der einen kannte, der
ihn online mit Mert bekannt machte. So setzte sich Max und Moritz gleich
in den nächsten Flieger nach Istanbul. Aber Mert wollte ihn noch nicht in
den Kampf schicken, sondern erst mal zurück nach Deutschland. Geld
auftreiben. Und weitere Brüder gewinnen, bevor es immer schwieriger
werden würde. Mert war schon über ein Jahr zuvor über die Istanbuler
Niederlassung von Ibn Ibrahims Handelsfirma in Kontakt zu Leuten aus
unserer Gemeinde gekommen. Ob Abu Tarek eigentlich davon wusste, blieb
mir schleierhaft. Vielleicht wollte er es gar nicht wissen.
»Die Zeit läuft gegen uns«, erklärte Max und Moritz, als wir beim Tee in
unserer Küche saßen. »Die Regierung arbeitet an einem Gesetz, um Leuten
wie uns die Ausreise zu verbieten. Ich meine – die wollen uns die Pässe
abnehmen und so.«
Adil und ich nickten wissend. Zwar gab es in unserer Wohnung weder
Fernseher noch Radio, und Zeitung lasen wir auch nicht. Aber wir waren ja
ständig online und bekamen auch so alles mit.
Er schaute uns eindringlich an, breitete die Hände aus und fragte:
»Warum sich mit weniger zufriedengeben, Brüder, wenn man Hidschra
nach Sham machen kann? Es ist das Größte, was ein Muslim im Moment
tun kann.«
Adil wich seinem Blick aus. Ich nicht. Ich fragte: »Setzt du darauf, dass
wir gleich unsere Sachen packen und mit dir kommen?«
»Nein.« Er lächelte. »Das muss man schon ein bisschen vorbereiten.
Und ich möchte mich gern ein paar Tage hier in der Gegend umsehen.
Weitere Brüder treffen.«
Er klang ganz wie ein Vertreter. Ein Handlungsreisender des Dschihad.
Irgendetwas an ihm gefiel mir nicht. Ich wusste nicht, was es war, aber
etwas reizte mich, ihn aus seiner Souveränität hervorzulocken.
»Was sagst du ihnen denn noch so, um sie zu überzeugen, Akhi?«, fragte
ich. »Also abgesehen davon, dass es das Größte ist.«
»Oh, die vielen Früchte von Daulad al-Islamiya sind doch bekannt«,
erwiderte er. »An erster Stelle steht natürlich das Paradies. Aber das Leben
und Kämpfen im Kalifat bietet einen reichhaltigen Vorgeschmack darauf,
und zwar in vielfacher Hinsicht. Ich meine – ihr kennt ja all die Filme.«
Adil blickte vor sich auf die Tischplatte und fummelte an einem
Fingernagel herum.
»Den Mudschahid erwarten natürlich schwierige Prüfungen, harte
Kämpfe, vielleicht auch Schmerzen und Leid, aber auch viele
Annehmlichkeiten.« Er beugte sich vor und verfiel in einen vertraulichen
Tonfall. »Sie haben die geilsten Häuser, die dicksten Karren und – unter uns
gesagt – blutjunge Frauen.«
Ich blinzelte zu Adil hinüber. Er machte ein gequältes Gesicht.
»Du sprichst von Zina«, sagte ich scharf.
»Nicht für die Gläubigen im Bezug auf das, was ihre rechte Hand an
Sklavinnen besitzt«, erwiderte Walid, »so sagt es Allah – subhanahu wa-
ta’ala – in der Sura al-Ahzab. Ihr wisst, dass die Brüder Mädchen als Beute
machen, und es ist halal. Also …« Er bekam einen verklärten Blick. »Ich
hätte jedenfalls nichts gegen eine süße jesidische Sklavin einzuwenden.«
Ich fürchtete schon, er würde gleich zu sabbern anfangen. Doch er fuhr
nüchterner fort: »Das sind, wie gesagt, Erleichterungen für die
Mudschahidin in ihrem harten Kampf, aber es soll natürlich nicht als
Motivation dienen. Es geht ja vielmehr darum, das Kalifat aufzurichten und
der Welt den Frieden zu bringen.«
»Klar«, nickte ich.
»Jetzt muss ich aber los«, sagte Adil plötzlich und erhob sich.
Wohin, war einerlei. Ich verstand sein Unbehagen. Er rumorte im Flur,
klimperte mit dem Schlüssel, die Tür klappte zu.
Moritz-Walid-Max sah mich fragend an.
»Spätschicht«, meinte ich achselzuckend.
Wahrhaftigkeit.

An diesem Abend lagen wir in meinem Zimmer Seite an Seite auf unseren
Matratzen, Adil und ich, und es kam mir ein bisschen wie früher im
Ferienlager vor. Und tatsächlich fühlte ich mich aufgekratzt und konnte
nicht einschlafen.
»Voll der Poser, oder?«, flüsterte ich. »Walid. Oder Max oder Moritz
oder wie immer wir die Speckbacke nennen sollen.«
»Damit überspielt er seine Angst«, meinte Adil. »Glaub ich jedenfalls.
Irgendwie musst du dir doch Mut machen, wenn du in einen Krieg gehen
willst. Dann überziehst du’s halt ein bisschen.«
»Aber du hast keine Angst.«
»Nein. Vielleicht später, wenn es richtig ernst wird. Aber jetzt noch
nicht.«
»Gut. Dann musst du wenigstens nicht so rumposen.«
Ich wartete auf eine Antwort. Aber es kam keine. Irgendwann schob ich
nach: »Und mit so einem willst du tatsächlich losziehen?«
Wieder keine Antwort. Ich lauschte im Dunkeln auf seinen Atem und
dachte schon, er sei eingeschlafen, da sagte er: »Mit ihm oder anderen,
inschallah.« Er machte eine Pause. Dann flüsterte er: »Am liebsten mit dir,
Akhi.«
»Ich weiß«, murmelte ich. »Nur … ich bin nicht überzeugt. Klar, es gibt
schon gute Gründe, nach Syrien zu gehen, aber eben auch haufenweise
dagegen.«
»Vielleicht ist es gar nicht die Frage, warum du gehen solltest«,
erwiderte Adil. »Sondern vielmehr … was dich hier noch hält.«
61. Tag

Subhan Allah – das ist alles sehr verwirrend. Weißt du, ich war doch
hergekommen, um möglichst rasch über die Schwelle zum Paradies zu
gehen. Und jetzt spüre ich plötzlich das Leben in mir. In jedem
Muskel, in jeder Faser meines Körpers. Mann, Alter, übermorgen
werde ich heiraten!
Ich gäbe alles dafür, wenn ihr bei mir sein könntet, Samira und du. Ihr
beiden wart seid diejenigen in dieser Welt, die mir am meisten
bedeuten. Okay, bis übermorgen. Denn dann heirate ich ja schließlich
und meine Frau wird mir natürlich, inschallah, auch sehr viel
bedeuten.
Übrigens – Max hatte nicht so viel Erfolg bei seinem Leasing-Projekt.
Er kam ziemlich kleinlaut angedackelt. Ich wollte mich über ihn lustig
machen und fragte, ob er keinen hochgekriegt hätte.
Er brummte nur: »Die war voll hässlich.«
Und ich wollte erwidern, dass das doch egal ist, wenn man es so nötig
braucht wie er.
Da schob er schon nach: »Sie war höchstens dreizehn und hat die
ganze Zeit geheult.« Und dann flüsterte er: »Sie war fast noch ein
Kind! Ich habe nur das werden wir nie erfahren, weil das hier

nur ein armer kleiner Blindtextblindtextblindtext ist und


danach hab ich sie einfach freigelassen. Ich meine … vielleicht schafft
sie’s ja zurück zu ihren Leuten.«
»Maschallah, Akhi«, sagte ich und meinte es wirklich ernst. »Das
wird Allah – subhanahu wa-ta’ala – dir anrechnen! Du weißt doch,
Sklaven freizulassen ist ein gutes Werk im Qur’an.«
»Inschallah«, knurrte Max. »Dafür hab ich jetzt ’n Haufen Schulden
am Arsch.«
10. März/19. Dschumada l-ula

Jeder einzelne Muskel meines Körpers tat weh, und das fühlte sich gut an.
Die Maloche im Lager von Ibn Ibrahims Firma war so eine Sache, die man
in früheren Zeiten als ehrliche Arbeit bezeichnet hätte. In anderen Kreisen
würde man sagen, der Job sei vielleicht etwas reduziert. Das traf es doch
ganz gut – ja, ich hatte mich selbst vollkommen reduziert. Hatte Uni und
Job geschmissen, meine Freundin und alle Buddys abgeschossen, besaß nur
noch eine Handvoll materieller Dinge und fühlte mich reich. Keiner dieser
Leute fehlte mir. Nicht Liz noch Bartek und die Jungs, auch die Uni nicht
oder Golski. Die Welt, in der sie lebten, war eitel, oberflächlich und falsch.
Sie schien weit fort, während ich durch die tiefen Schluchten zwischen den
endlosen Hochregalen lief und meinen Zettel abarbeitete, indem ich
zentnerschwere Kisten und Kartons zusammensuchte. Das war physisch,
schweißtreibend und man konnte die Gedanken ziehen lassen, denn
intellektuell gefordert wurde man hier nicht. Wurde ich im Grunde nirgends
mehr, außer bei meinen Telefonaten mit Samira. Mir fehlte das Reden mit
ihr. Sie fehlte mir. Mehr als erlaubt.
Was mich hält, hatte Adil wissen wollen. War sie es, die mich hielt?
Oder musste ich gerade ihretwegen mit ihm gehen?
62. Tag

Tja, Akhi, aus meiner morgigen Heirat wird erst mal nichts, wir
mussten das Fest verschieben. Wir wollten sowieso nur ganz klein und
bescheiden feiern, so wie du und Samira, und weil es Sunna ist und
mitten im Krieg, wohl auch angemessen. Ich hatte mit Nasreddins
Hilfe einen schönen Raum besorgt, wo wir hätten feiern können. Aber
den Raum gibt es nicht mehr, und das Haus, zu dem er gehörte,
existiert auch nicht mehr, weil wir heute wieder Besuch aus der Luft
bekamen. Davon will ich dir erzählen bzw. von einer Begegnung, die
ich danach hatte …

Der Angriff dauerte gar nicht lange. Ich war in der Stadt unterwegs,
als es losging, und wollte schnell Schutz suchen. Ein breites Haus,
etwas weiter die Straße hinab, strahlte in diesem Augenblick etwas
Vertrauenswürdiges aus. Die meisten Menschen, die wie ich gerade
auf dieser Straße unterwegs waren, rannten instinktiv darauf zu. Doch
noch bevor ich schalten und mich in Bewegung setzen konnte, schlug
eine Rakete dort ein. Es gab eine Druckwelle, die mich zu Boden warf,
noch bevor ich selber hätte reagieren können. Das war alhamdulillah
mein Glück! Glassplitter und Steinbrocken flogen durch die Luft.
Wenig später war der Angriff vorbei und von dem Haus blieben nur
noch Trümmer. In denen es anscheinend Überlebende gab. Ich lief
hin, um zu sehen, ob ich vielleicht helfen konnte. Im Eingangsbereich
(oder jedenfalls dort, wo vor ein paar Minuten noch ein
Eingangsbereich gewesen war) kniete ein Mann über einem verletzten
Jungen und versuchte, dessen Wunden zu versorgen. Oder aber
festzustellen, ob der Junge überhaupt noch lebte. Denn als ich
herankam, sah ich, dass er sich nicht mehr regte. Äußerlich schien er
unverletzt, aber aus seinen Ohren sickerte Blut. Plötzlich drehte sich
der Mann zu mir um, sah mich – oder vor allem das G36, das ich bei
mir trug – und griff unter seine Jacke. Schon wollte ich das Gewehr
auf ihn richten, doch er holte keine Waffe hervor, sondern ein
zerknittertes Blatt Papier, das er mir zeigte, während er einen
wütenden Wortschwall auf mich losließ, als wolle er mich
ausschimpfen. Ich verstand weder, was er mir sagte, noch, was dieser
Zettel sollte. Es war ein Text auf Arabisch mit mehreren Stempeln,
wahrscheinlich so was wie eine amtliche Urkunde.
Ich versuchte in radebrechendem Englisch-Arabisch-Mix zu erklären,
dass ich helfen wollte, nichts weiter. Schließlich unterbrach er mich
und sagte: »Your accent sounds German to me.«
Ich nickte bloß und er faltete seinen Zettel wieder zusammen, steckte
ihn weg und erhob sich.
»Wenn du helfen willst, dann komm mit«, sagte er.
»Aber was wird aus dem da?«, fragte ich und zeigte auf den Jungen.
»Nichts mehr zu machen. Vermutlich ist durch die Druckwelle seine
Lunge geplatzt. Da hinten sind noch andere. Komm.«
Und so stapfte ich, anstatt mir neue Klamotten für meine Hochzeit zu
kaufen, mit Abu Loay durch die Trümmer dieses Hauses auf der Suche
nach Überlebenden. Unsere Namen hatten wir zwischendurch
beiläufig ausgetauscht; ansonsten sprachen wir nicht viel, ich folgte
bloß seinen knappen Kommandos. Wir zogen Verletzte aus den
Trümmern, brachten sie in eine stabile Lage, legten notdüftige
Verbände an, solange der Vorrat an Mullbinden aus seiner
abgewetzten Ledertasche reichte. Es schien ewig zu dauern, bis
endlich Krankenwagen kamen und Sanitäter. Vermutlich hatte es
etliche Treffer in der Stadt gegeben.
Als schließlich die Toten geborgen und die Verletzten auf dem Weg in
die Krankenhäuser waren, ließen wir uns erschöpft auf der
Bordsteinkante nieder.
Ich hatte gedacht, er sei Arzt, so ruhig und professionell war er
vorgegangen. Doch Abu Loay war Apotheker. Er hatte in Marburg
Pharmazie studiert und lange in Deutschland gearbeitet, bis er vor
ein paar Jahren in seine Heimatstadt Raqqa zurückgekehrt war, um
die Apotheke seines Onkels zu übernehmen.
»Was war das für ein Zettel, den du mir gezeigt hast?«, wollte ich
wissen.
»Eine Bescheinigung«, erklärte er. »Dass ich eure Fortbildung
mitgemacht habe. Ich sah bloß dein Gewehr und dachte, da wäre
schon wieder so ein tapferer Krieger, der mich kontrollieren will.«
»Ich versteh nicht ganz.«
Da lachte er hohl. »Das Kalifat fand unsere Ausbildung unzureichend.
Deshalb mussten wir alle einen Kurs besuchen, wo sie uns drei Dinge
beibrachten: Erstens, wie man richtig fastet und die Gebetszeiten
einhält. Zweitens, dass wir ab sofort nichts mehr an Frauen verkaufen
dürfen, nur an deren Ehemänner oder männliche Verwandte. Und
drittens, dass wir am besten gleich unsere Läden schließen und zur
Waffe greifen sollten, denn jetzt sei nicht die Zeit zu heilen, sondern zu
töten. Und einige haben das tatsächlich gemacht. Andere haben sich
widersetzt; ihre Köpfe liegen neben ihren Körpern in der Erde. Ich
gehöre zu denen, die für das eine wie für das andere zu feige sind. Ich
bekam meine Bescheinigung und durfte weiter praktizieren.«
Wir schwiegen ein bisschen. Ich dachte über seine Geschichte nach
und fragte schließlich: »Warum bist du nicht geflohen? Zurück nach
Deutschland zum Beispiel? Wolltest du deinen Onkel nicht im Stich
lassen oder so was?«
»Der ist schon lange tot«, sagte Abu Loay kopfschüttelnd. »Es ist eher
wegen einiger Freunde. Die sind zwar auch schon tot, aber ich würde
sie verraten, wenn ich wegginge. Sie wurden von Assads
Geheimpolizei erschossen. Damals, als die ersten Demonstrationen
gegen den Diktator begannen. Da sind wir hier nach dem
Freitagsgebet friedlich auf die Straße gegangen, für Freiheit und
Demokratie. Bis das Regime anfing zurückzuschlagen: erst mit
Gummiknüppeln, dann mit Gewehren, schließlich mit Granaten und
Raketen, mit Fassbomben und Giftgas. Manche von uns haben euch
sogar für Befreier gehalten, als ihr schließlich hierhergekommen seid.
Da wussten wir noch nicht, dass es tatsächlich noch schlimmer
kommen kann, als es schon unter Assad war.«
»Aber wenn du und deine Freunde, wenn ihr gegen Assad seid« – ich
versuchte, irgendeine Brücke zu bauen –, »dann stehen wir doch auf
derselben Seite.«
Wieder lachte er, aber diesmal klang es fast, als würde er weinen.
»Nein, mein Junge, ganz bestimmt nicht.« Er stand auf und klopfte
den Staub von seiner Hose. »Falls du mich nicht wegen meiner
häretischen Worte erschießen willst, gehe ich jetzt. As salamu
alaikum.« Dann blieb er aber plötzlich stehen, lächelte und sagte:
»Danke für das Gespräch. Es war schön, nach langer Zeit mal wieder
Deutsch mit jemandem zu reden. So eine wundervolle Sprache mit so
herrlichen Wörtern.« Jetzt grinste er fast. »Weißt du, was mein
Lieblingswort ist? Ein Wort, das es nur auf Deutsch gibt und das du
unmöglich übersetzen kannst.« Er lachte auf und rief:
»Backpfeifengesicht. Toll, oder?«
Kopfschüttelnd ging er weg und ich hörte noch eine Weile sein
seltsames Lachen über den frischen Trümmern.
Backpfeifengesicht.
11. März/20. Dschumada l-ula

Eher beiläufig hatte ich mal im Internet gelesen, dass die Polizei mit
Gefährderansprachen versuche, ausreisewillige Islamisten daran zu
hindern, das Land Richtung Syrien oder Irak zu verlassen. Das war
natürlich so abstrakt für mich gewesen, dass ich es niemals auf Adil und
mich bezogen hätte. Bis zu diesem Morgen, an dem zwei Beamte vor
unserer Tür standen und mir ihre Dienstausweise entgegenstreckten.
Polizeiobermeister Schwickert (Bezirksbeamter) trug Schnauzer,
Kugelbauch und Uniform, Kriminalkommissar Hagenkord (BKA ) war lang
und dürr und in Zivil. Er machte gar nicht erst den Versuch, mir die Hand
zu geben, als er sagte: »Herr Kuhn, nehme ich an? Wir möchten uns kurz
mit Ihnen und Ihren beiden Mitbewohnern unterhalten. Dürfen wir
eintreten?«
»Von mir aus«, brummte ich. »Kommen Sie rein. Aber ich habe nur
einen Mitbewohner, nicht mehrere. Vielleicht verwechseln Sie uns?«
»Wollen wir uns in die Küche setzen?«, fragte Hagenkord und ließ sich,
ohne meine Antwort abzuwarten, an unserem breiten Tisch nieder.
Adil kam aus seinem Zimmer und warf mir einen tadelnden Blick zu.
Ich zuckte bloß mit den Achseln, dann setzten wir uns und ich betonte:
»Wie gesagt, wir sind zu zweit.«
»Wohnt denn nicht zurzeit auch ein Herr Hildebrandt bei Ihnen?«, fragte
Schwickert. »Moritz Hildebrandt?«
»Nie gehört«, sagte Adil.
Die Männer tauschten einen Blick, dann schob Hagenkord nach: »Er
nennt sich auch Walid.«
»Ach, Walid«, machte Adil scheinheilig. »Der hat zwei Nächte hier
geschlafen. Ist gestern früh weitergefahren.«
»Weiter? Wohin?«
»Keine Ahnung.«
»Und wo war er vorher gewesen? Bevor er hier zu Ihnen kam?«
»Weiß ich auch nicht.« Adil saß kerzengerade und erwiderte eiskalt den
Blick des Kommissars.
»Und woher kannten Sie den Herrn Hildebrandt? Respektive Walid?«
»Gar nicht«, gab Adil stoisch zurück. »Wir haben ihn vorher nie
gesehen.«
»Sie wollen uns also erzählen«, hakte der Schnauzbart ein, »dass Sie
einen völlig Fremden für zwei Nächte beherbergt haben, von dem Sie weder
wussten, woher er kam, noch, wohin er wollte; ja nicht mal, wie er
eigentlich heißt?«
»Walid ist kein Fremder«, mischte ich mich ein. »Sondern ein Bruder.
Das werden Sie nicht verstehen.« Mich beflügelte plötzlich wieder dieses
Überlegenheitsgefühl wie nach meinen letzten Gesprächen mit Golski. »Ich
war früher auch ein Kafir wie Sie und hätte niemals gewagt, einfach
irgendwo zu klingeln und um einen Platz für die Nacht zu bitten.
Hierzulande besucht man ja nicht mal seine besten Freunde, ohne sich
zumindest vorher anzukündigen. Aber im Islam ist das anders. Man nennt
so was Gastfreundschaft. Schon mal gehört?«
»Danke für die Belehrung, Herr Kuhn«, erwiderte Hagenkord und
beugte seinen langen dünnen Körper weit über die Tischplatte, als er
fortfuhr: »Man könnte das aber auch als Konspiration bezeichnen. Die
Unterstützung einer terroristischen Vereinigung kann mit einer hohen
Freiheitsstrafe geahndet werden.«
»Keine Ahnung, wovon Sie reden«, sagte Adil.
»Sie wissen ganz genau, wovon ich spreche«, entgegnete der
Kommissar mit betont sachlicher Stimme und richtete sich wieder auf. »Sie
haben uns vorhin noch nicht mal nach dem Anlass unseres Besuchs gefragt.
Ich denke, Sie sind in keiner Weise überrascht. Wir verdächtigen Sie beide,
dass Sie eine Ausreise vorbereiten mit dem Ziel, schwere Gewalttaten zu
begehen. Sie wissen vielleicht, dass Ihnen in diesem Kontext der Reisepass
entzogen werden kann. Schon mal gehört?«
»Aha«, machte ich.
»Ich habe gar keinen Reisepass«, sagte Adil.
»Wir haben verschiedene Mittel, Sie daran zu hindern, eine Karriere als
Terroristen einzuschlagen«, erklärte Hagenkord und tauschte wieder einen
Blick mit seinem Kollegen.
Daraufhin sagte Schwickert in kumpelhaftem Ton: »Jetzt mal im Ernst,
Jungs. In den Videos vom I S sieht das vielleicht nach Abenteuer und
Romantik aus. Aber in Wahrheit ist es eine Hölle aus Blut und Tränen. Ihr
seid doch jung und intelligent – ihr habt gar keinen Grund, euer Leben
wegzuschmeißen.«
Adil schluckte eine Antwort herunter, stand auf und ging in sein
Zimmer. Dann kam er mit einem Packen Computerausdrucke zurück, die er
auf dem Tisch ausbreitete. Es waren Formulare, teils auf Deutsch, teils auf
Englisch und auf Türkisch, offenbar eine Art Antrag.
»Was soll das sein?«, fragte Schwickert.
»Ein Haufen Bürokratie«, sagte Adil. »Unterlagen für die Uni in
Istanbul. Und für das Erasmus-Programm. Vielleicht sagt Ihnen das was.«
Er warf den Beamten einen herausfordernden Blick zu.
Hagenkord lachte trocken und fragte: »Herr Hafiz, Sie wollen ein
Auslandssemester in der Türkei machen? Sie studieren doch gar nicht.
Soweit wir wissen, haben Sie überhaupt keinen Schulabschluss.«
»Das ist für mich«, warf ich ein und hoffte, meine Überraschung gut
genug verbergen zu können. Und meinen Zorn darüber, dass Adil es nicht
für nötig gehalten hatte, mich über meinen geplanten Studienaufenthalt am
Bosporus zu informieren.
»Genau«, bestätigte Adil. »Und ich werde Ya’qub begleiten und dort ein
Auslandspraktikum machen.«
»Praktikum …«, wiederholte Schwickert und zog die Augenbrauen
hoch.
»Bei einer Import-Export-Firma. Das können Sie gern alles überprüfen.«
»Vielleicht tun wir das«, sagte Hagenkord und erhob sich. »Das war
aber nicht der Grund unseres Besuchs. Ich hoffe, wir konnten Ihnen
deutlich machen, dass Sie sich hart am Rande schwerer Straftaten bewegen.
Und dass wir Ihnen nicht tatenlos dabei zusehen werden. Bevor Sie das
ignorieren, ziehen Sie bitte die Konsequenzen in Erwägung. Einen schönen
Tag.«
Ich begleitete die Beamten zum Ausgang und sah ihnen nach, wie sie um
den Treppenabsatz verschwanden. Erst als ich unten die Haustür zuschlagen
hörte, schloss ich auch unsere Wohnungstür, dann knöpfte ich mir Adil vor.
»Ich hatte doch noch gar keine Zeit, das alles mit dir zu bereden, Akhi«,
verteidigte er sich. »Ich hab es gestern Abend erst recherchiert, nachdem
Walid aufgebrochen war.«
»Du tust so, als stünde irgendwo in Stein gemeißelt, dass ich auf jeden
Fall mit dir nach Syrien komme.«
»Steht es ja auch«, rief er trotzig. »Inschallah ist das unser Weg.« Er
fasste mich an der Schulter, als wolle er mich schütteln. »Jetzt oder nie,
Akhi«, beschwor er mich. »Was wir gerade erlebt haben, war doch ein
Zeichen, dass wir endlich losziehen müssen. Walid klappert noch zwei, drei
Städte ab, dann geht er wieder nach Istanbul und wartet dort auf uns. Noch
können wir fliegen, für die Türkei brauchen wir keinen Reisepass. Aber
wenn sie das Gesetz ändern und uns die Personalausweise abnehmen, sind
wir angeschissen.«
Ich schob ihn weg, ging ein paar Schritte im Flur hin und her und griff
unwillkürlich nach meinem nagelneuen Portmonee, dessen Vorläufer ich
damals zwischen Suff und Kotze eingebüßt hatte, weil … ja, weil Gott mir
damit vielleicht tatsächlich etwas hatte sagen wollen, wie Adil es seinerzeit
ausgedrückt hatte. Darin steckte mein ebenfalls nagelneuer
Personalausweis, den mir der Staat freundlicherweise zur Verfügung gestellt
hatte und den er nun am liebsten wieder einkassieren würde, wenn er
könnte. In dem kleinen Fach dahinter steckten die beiden Hälften des
zerrissenen Fotos von Liz und mir. Warum hatte ich es damals vom Boden
aufgehoben und mitgenommen? Und noch immer nicht weggeworfen? Von
welchen längst verrotteten Bindungen konnte ich mich unbewusst noch
immer nicht endgültig lösen?
Neben Hausschlüssel, Hustenbonbons und allerlei Krempel stand auf
diesem Bord auch noch die Dose mit dem schwarzen Lackspray. Stand da
wie eine Trophäe oder ein Mahnmal oder was weiß ich. Ich legte das
Portmonee zurück und ballte die Fäuste. An jenem Abend, umringt von
Bürste und Kapuze und ihren Buddys, hätte ich gern zugeschlagen. Jetzt
kam mir der Gedanke zwar beinahe absurd vor, doch meine Erinnerung an
das Gefühl jenes Augenblicks war klar und deutlich; ich erinnerte mich an
den Hass, an das Adrenalin. Hätte Adil mich in jenem Moment gefragt, ob
ich mit nach Syrien käme, hätte ich vorbehaltlos Ja gesagt. Und plötzlich
sehnte ich mich nach diesem Augenblick zurück, nach diesem Gefühl.
Wären wir in einem Science-Fiction- oder Fantasyfilm, würde ich mithilfe
eines magischen Artefakts in der Zeit zurückreisen zu jener Nacht. Ich
nahm die Dose vom Regal und sagte zu Adil, der mich die ganze Zeit
stumm beobachtet hatte: »Ich werde eine Entscheidung treffen. Heute
Nacht. Allein. Morgen sage ich es dir.«
Er sah mich an, dachte nach, verstand und flüsterte: »Du machst das
homework assignment von Tyler Durden?«
Ich nickte.
63. Tag

Mirza ist wieder aufgetaucht. Zumindest teilweise.


Sein Kopf steckt auf einem der eisernen Dornen am Zaun vor dem
Hoteleingang.
Manche munkeln, er hätte versucht abzuhauen.
Kann ich mir nicht vorstellen.
Mirza, der aus Bosnien kam. Seine Mutter war als junges Mädchen
damals bei Srebrenica knapp davongekommen, hat er mir mal erzählt.
Mit dem nackten Leben. Wortwörtlich.
Deshalb hat er hier auch für ihre Ehre gekämpft.

Mirza war echt ein guter Kämpfer. Und ein guter Muslim.
Nasreddin behauptet, er wüsste von nix.
Ich glaube ihm nicht.
Ich glaube ihm kein Wort mehr.
Diesem Backpfeifengesicht.
11. März/20. Dschumada l-ula (später)

Tyler Durden: This week each one of you has a homework


assignment. You’re gonna go out, you’re gonna start a fight with a
total stranger … You’re gonna start a fight and you’re gonna lose.
(Fight Club, 1999)

Allein stand ich im klammen Pissedunst der Unterführung und kam mir
allmählich lächerlich vor, während ich darauf hoffte, die Hooligans würden
auftauchen oder sonst halt irgendwer, der mir im Zweifel die Fresse blutig
schlagen könnte, damit ich noch einmal den Hass spürte. Natürlich geschah
nichts dergleichen. Ein Grüppchen von drei Leuten meines Alters hatte sich
ängstlich an mir vorbeigedrückt, ein junges Pärchen sogar direkt
kehrtgemacht.

Narrator: Now this is not as easy as it sounds. Most people, normal


people, do just about anything to avoid a fight.

Und seit einer halben Stunde war mir niemand mehr begegnet. Das frische
AL L A HU A KBA R -Tag zierte die Wände jener Unterführung, wo einst
alles angefangen hatte. Einst – als sei das Jahre her. Und irgendwie ahnte
ich auch schon, dass dort zwar längst nicht alles endete, aber vielleicht das
Ende seinen Anfang nehmen sollte. Jedenfalls wusste ich, dass es kein
Zufall war. Ich hörte Schritte und wandte mich um. Diesmal sah ich nicht
als Erstes ihre Augen, sondern die roten Docs, die sie damals auch getragen
hatte, und ein Fahrrad, das sie neben sich herschob. Nein, es war kein
Zufall, dass ich auch diesmal wieder meine Graffiti fotografiert und
gepostet hatte, genau wie auf meiner ersten Tour mit Adil; und natürlich
war es auch kein Zufall, dass Samira den Ort sofort erkannte, die ranzigen
Fliesen dieser klammen Wände. Aber konnte sie sicher sein, mich dort noch
immer anzutreffen, nachdem sie das Foto gesehen, sich hastig angezogen
und aufs Fahrrad geschwungen hatte? Konnte sie nicht. Sie konnte bloß
sicher sein, dass es so sein würde, wenn es so sein sollte.
»Wir müssen reden«, sagte sie.
»Hier?«, entgegnete ich zweifelnd.
»Ich wohne nicht so weit von hier. Komm einfach mit.«
Schon wendete sie ihr Fahrrad.
»Das ist … warte doch!«
»Ja, haram«, sagte sie, »aber nicht, wenn es uns hilft, eine noch größere
Sünde zu verhindern.«
»Ich weiß nicht …«
»Sollen wir uns lieber in eine Kneipe setzen?«
»Nee.« Ich gab mir einen Ruck. Verrückt, dass ich furchtlos genug
gewesen wäre, mich zusammenschlagen zu lassen, aber plötzlich Schiss
hatte, mit ihr zu gehen. Wie schnell sich das Leben drehen kann, dachte ich,
als wir aus der Unterführung hervorkamen. Über uns funkelten die Sterne
und ich erinnerte mich an den feinen Nieselregen von damals und daran,
wie sehr ich hatte herausfinden wollen, wem diese Augen gehörten.

Samiras Wohnung war eigentlich gar keine Wohnung, sondern ein


Mansardenzimmer unter dem steilen Dach eines Gründerzeithauses; ähnlich
karg eingerichtet wie Adils und mein eigenes. Unter der Dachgaube war
eine Arbeitsplatte angebracht, die wohl zugleich als Schreibtisch und Herd
diente, hinter der Tür gab es ein kleines Waschbecken. Daneben stand eine
Wäschetruhe, in einer Ecke waren ein paar Bücher aufgestapelt, an der
Stirnwand lag eine breite Matratze mit mehreren Kissen und Decken – das
einzig Gemütliche in diesem winzigen Zimmer, das wegen der spärlichen
Möblierung fast weitläufig wirkte. Ich blieb im Türrahmen stehen und
spürte mein Herz wie einen Stahlhammer von innen gegen meinen
Brustkorb wummern, nicht nur von den vier Stockwerken, die wir
heraufgestiegen waren. Es hämmerte einen klaren Rhythmus: haram-haram,
haram-haram, haram-haram …
Samira holte einen Wasserkessel hervor und füllte ihn aus dem Hahn
über dem kleinen Waschbecken. Dann setzte sie ihn auf die elektrische
Kochplatte, die neben einem Laptop auf der Arbeitsplatte ruhte. Ich zog
unschlüssig meine Schuhe aus.
»Komm endlich rein, Jakob«, sagte sie, ohne mich anzusehen. »Magst
du einen Tee? Leg irgendein Kissen auf den Boden und setz dich.«
»Okay«, murmelte ich und musterte die breiten Kissen auf der Matratze,
eines reicher bestickt und verziert als das andere, als schliefe dort eine
Königin aus Tausendundeiner Nacht. Ich schloss die Tür hinter mir, und
nachdem ich das fahle Treppenhauslicht ausgesperrt hatte, standen wir auf
einmal im Dunkeln. Ich suchte erst gar nicht nach einem Lichtschalter im
Innern des Zimmers, vielleicht hätte ich auch keinen gefunden. Stattdessen
hockte ich mich auf den nackten Boden. Fast schüchtern glomm das
Standby-Signal des Laptops vor sich hin, als könne man damit die ganze
Welt außerhalb dieses Zimmers auf schlafend drücken. Mondlicht sickerte
durch die kleinen Scheiben des Dachfensters und davor hantierte Samiras
verschleierte Silhouette fahrig mit Geschirr, stapelte zwei Tassen
aufeinander, stellte sie dann nebeneinander, dann hielt sie endlich inne und
wandte sich zu mir. Ich spürte mehr, als dass ich sah, wie sie mich
anblickte.
»Seltsam«, sagte sie leise. »Als ich hier einzog und zu studieren anfing,
wusste ich noch nichts von Qur’an und Sunna und hatte natürlich – bitte
versteh mich nicht falsch – auch mal so was wie Herrenbesuch.« Sie lachte
nervös. »Subhan Allah, wie das schon klingt. Na … jedenfalls bist du seit
langer, langer Zeit der erste Mann hier. Aber, hey, wir sind zwei erwachsene
Menschen, die damit ganz normal umgehen können, keine Teenager mehr,
nicht wahr?«
»Doch, ich schon«, erwiderte ich, was so ziemlich das Dämlichste war,
das ich hatte sagen können. Aber es stimmte nun mal und außerdem löste es
ein bisschen die Spannung, denn diesmal klang ihr Lachen echt.
»Worüber willst du reden?«, fragte ich. »Welche Sünde willst du
verhindern?«
»Wo soll ich anfangen …«, überlegte sie.
Natürlich wusste ich, was sie meinte und dass sie gleich von Adil und
Syrien und dem I S reden würde. Aber das wollte ich nicht hören, ich war
schon verwirrt genug. Deshalb versuchte ich, der ganzen Sache eine andere
Richtung zu geben. Bevor sie ausholen konnte, schlug ich vor: »Lass uns
doch zuerst auf die Frage zurückkommen, die ich dir neulich gestellt habe,
bevor wir unterbrochen worden sind.«
»Du meinst, was die Frauen im Paradies erwartet?«
»Genau.«
Sie ließ von ihren Tassen ab und setzte sich zu mir. Das war okay.
Solange wir am Reden blieben, wurde die Situation nicht brenzlig. Wir
mussten einfach nur am Reden bleiben, dachte ich, über irgendwas völlig
Unverfängliches. Nicht über Dschihad. Aber auch nicht über uns.
»Im edlen Qur’an sagt Allah sinngemäß: Sie werden darin erhalten, was
ihre Seele begehrt. Was immer das sein mag.«
»Was immer das sein mag«, wiederholte ich und versuchte, ihre Augen
zu erkennen. Ob sie wohl schon wissen mochte, was ihre Seele begehrte?
Sie wusste es. Vielleicht nicht für die Ewigkeit, aber für diesen
Augenblick. Und was sie begehrte, würde unser beider Seelen ziemlich
außer Reichweite des Paradieses katapultieren. Leider begehrte ich es auch.
Das Schweigen zwischen uns knisterte in meinen Ohren und ich musste
jetzt dringend etwas ganz Belangloses sagen. Doch mir fiel nur eines ein
und das sprach ich aus: »Ich wüsste wirklich gern, wie du ohne Schleier
aussiehst.«
Ich biss mir auf die Zunge (haram-haram, haram-haram!) und hoffte
inständig, dass sie mich auf der Stelle rauswerfen würde, aber sie beugte
sich bloß zu mir vor und küsste mich. Ich küsste sie zurück, da fielen unsere
Zungen übereinander her und ich wusste nicht, wohin mit meinen Händen.
Denn eigentlich hätte ich gern in ihren Haaren gewühlt, und so griff ich
zögernd nach dem Tuch, doch sie zuckte zurück und schob meine Hand
weg. Wie gellendes Pfeifen schoss mir das Wort durch den Kopf: Zina!
Ziiiiina! Aber das Pfeifen kam nicht aus meinem Kopf, sondern von der
einsamen Herdplatte auf dem Schreibtisch und gehörte zu dem
Wasserkessel. Ohne Hast stand Samira auf, schaltete die Herdplatte ab und
ließ sich wieder auf den Boden nieder.
»Kein Mann hat mir den Hijab auferlegt«, flüsterte sie und löste eine
Nadel an ihrem Hinterkopf. »Ich selbst habe das entschieden. Und deshalb
wird kein Mann ihn mir abnehmen. Nur ich selbst.«
Auch über den Ohren und unter dem Kinn entfernte sie Nadeln und
entwirrte das Tuch auf mir rätselhafte Art, wobei es im Mondlicht
schwarzsilbern schimmernd dahinfloss, als würde von irgendwoher etwas
ausgegossen, um sich zu verflüchtigen. Meine Finger fuhren durch ihr
raspelkurzes schwarzes Haar, ihre über meinen Rücken. Sie zog mich auf
die Matratze, wo wir zwischen den Kissen bodenlos versanken. Wir
mussten jetzt aufhören! Sie roch nach Zigarettenrauch und Mandelöl,
atmete flach, ihr Hals streckte sich unter meinen Küssen, und ich schob eine
Hand unter ihre Tunika, tastete an der Kante ihres Beckenknochens entlang
Richtung Taille, durch ein kleines Tal und wieder aufwärts, bis meine
Finger an die unterste Rippe stießen, wanderte hinab, umkreiste den
Bauchnabel. Wir mussten jetzt aufhören!
Sie zog sich aus und legte sich auf den Rücken, worauf meine Hände
ihre Lenden erkundeten und meine Zähne ihre harten Brustwarzen, meine
Nase ihre Leisten und meine Wangen den kaum fühlbaren Flaum, der ihren
Bauch zwischen Nabel und Scham bedeckte, bis sie meinen Kopf mit
beiden Händen fasste, die Beine spreizte und ich die Augen schloss und
plötzlich wusste, dass auch diese Frau ein One-Way-Ticket war. Wir
mussten aufhören!
Sie schob mir ihren Unterleib entgegen und bewegte sich hin und her,
auf und ab mit unterdrücktem Keuchen, als würde all das nicht geschehen,
solange kein Laut davon nach außen drang, bäumte sich plötzlich auf und
zog mir Pullover und T-Shirt aus.
»Nicht!«, rief ich atemlos. »Das dürfen wir nicht.«
»Kann denn das hier …«, flüsterte sie, »so absolut falsch sein? So viel
falscher als das Kämpfen und Töten, von dem ihr träumt?«
Ich wollte antworten, klappte aber bloß den Mund auf. Sie warf sich auf
mich, küsste meinen Bauch, öffnete meinen Gürtel und zog mir die Jeans
herunter. »Wieso habt ihr Typen angeblich keine Angst vor dem
Märtyrertod, aber zugleich so extrem viel Angst vor dem Leben?«
Ja, verdammt, ich hatte Angst. Warum hatte sie keine? Sie zog meine
Shorts herunter und fuhr mit ihren Fingernägeln an den Innenseiten meiner
Beine langsam nach oben bis zum Damm, fasste meine Hoden und beugte
sich vor, zog meine Vorhaut ganz nach unten und tippte mit der
Zungenspitze fast unmerklich auf den Rand meiner Eichel. WI R
MUS S T E N AUF H ÖR E N !
Wieso hatte sie keine Angst? Wieso hatte ich welche? Wieso konnte ich
sie nicht von mir fortschieben, wieso grub ich stattdessen wieder meine
Finger in ihr Haar, wieso brach sie mit allem, was sie mir beigebracht hatte,
wieso nahm sie meinen Penis in den Mund, wieso fand ich das schön, wieso
fühlte ich, was jeder dreckige Kafir auch fühlen würde, wieso brannte mein
Körper wie im Fieber, wie im Feuer der Hölle … wir … mussten …
aufhören … zu was wollte ich denn überhaupt Kraft haben, wenn nicht
einmal dazu, diese Situation zu beenden? Und endlich stützte ich mich auf,
ließ ihren Kopf los, drückte gegen ihre Stirn, bis sie schließlich verstand
und von mir ablassen wollte, und im selben Augenblick kam ohne
Vorwarnung mein Orgasmus. Ich wollte mich zusammenrollen, einigeln, es
war mir plötzlich alles unglaublich peinlich, und sie starrte mich entgeistert,
wütend, ratlos, ich weiß nicht wie an, der Mond stand jetzt genau vor ihrem
Fenster und leuchtete auf ihr Gesicht und von ihrer Oberlippe hing ein
zäher Faden meines Spermas. Sie wischte ihn mit dem Handrücken fort und
streifte ihn an meinem Bein ab und ich griff nach meiner Shorts und rieb
ihn damit weg, griff nach meinem T-Shirt, griff nach meinem Pullover, griff
nach einer Decke, die ich über meinen Körper werfen wollte und über
ihren, um sie und mich und uns zu bedecken und vor der Welt zu
verstecken, die hier drin eigentlich gar nicht war, sondern bloß irgendwo
draußen. Doch vor Allah kann man sich nicht verstecken.
»Besser, ich gehe jetzt wohl«, murmelte ich.
Sie atmete langsam aus.
»Wie du meinst«, sagte sie.
Ich kam wacklig auf die Beine und krallte die Hände in meine klammen
Klamotten. Sie erhob sich ebenfalls und stand nackt vor mir. Sie schien sich
nicht zu schämen.
»Es … tut mir so leid«, sagte ich.
»Sollte es nicht.«
»Oh, doch.«
Ich hielt meine Sachen vor mich und tastete hinter mir nach der
Türklinke, tappte ins Treppenhaus, zog die Tür zu, ohne Samira noch
einmal anzusehen. Die Tür gegenüber führte wohl in ein Bad und ich
zögerte, denn ich sollte mich waschen und musste außerdem pinkeln. Aber
dann zog ich mich hastig an und taumelte die endlosen Stufen der vier
Stockwerke durch das dunkle fremde Treppenhaus nach unten und auf die
schlafende Straße hinaus, schlich im kalten Mondlicht heim wie ein
geprügelter Hund. Ich war losgezogen, um meine Glaubensstärke zu testen
und meinen Mut. Und wahrhaftig hatte Allah – subhanahu wa-ta’ala – mich
auf die Probe gestellt. Überhaupt zum allerersten Mal hatte E R mich einer
Prüfung unterzogen.
Und ich hatte versagt.
Es gehört auch zur Barmherzigkeit Allahs, des Erhabenen, dass ein
Diener, der gesündigt hat, seinen Herrn um Vergebung anflehen kann,
und zwar im Reuegebet (Salat at-Taubah). Das Reuegebet besteht aus
zwei Raka’at, so wie es im Hadith von Abu Bakr as-Siddiq überliefert
wurde. Es ist dem Reuenden vorgeschrieben, dass er es alleine betet.

Ich kauerte auf dem Boden neben dem aufgeklappten Notebook und folgte
den Anweisungen, die ich in einem Forum gefunden hatte. Ich warf mich
nieder und atmete schwer in den weichen Teppich. In meinem Kopf
waberten Angst, Enttäuschung, Ratlosigkeit – und immer noch ihr Geruch,
ihr Geschmack, obwohl ich lange geduscht hatte. Wie hatte das geschehen
können? Wieso zeigte Samira, die mich doch in die Welt des Glaubens
überhaupt erst eingeführt hatte, kein Bedauern? Das Bild, wie sie nackt vor
mir gestanden hatte, die Silhouette mit dem raspelkurzen Haar im
Silberlicht, schien auf meiner Netzhaut eingebrannt, als stünde sie dort noch
immer und warte darauf, dass ich mich besänne und zurückkäme. Warum
schämte sie sich nicht?
Ich schämte mich doppelt. Alles kam mir zerstört vor, zerbrochen, das
kunstvolle, zarte Geschenk meines neuen Glaubens, das der Erhabene mir
gemacht hatte – ich war damit umgegangen wie als kleines Kind mit meiner
neuen Eisenbahn; mit der hatte ich auch sorglos herumhantiert und mir
nichts dabei gedacht, mal auszuprobieren, ob sie auch durch Wasser fahren
kann. Kleine Kinder können achtlos sein, das ist in Ordnung. Aber ich war
kein Kind mehr, ich hätte es besser wissen müssen. Ich setzte mich auf.
»Allahu akbar. Rabbi-gfir li, rabbi-gfir li, rabbi-gfir li!«
Mein Herr, verzeih mir!
Mein Herr, verzeih mir!
VE RZ E I H MI R !
Durch den Spalt unter meiner Tür sah ich Licht. Adil saß wohl in der
Küche. Als ich das Gebet beendet hatte und hinüberging, hielt er mir schon
ein Glas Tee entgegen und musterte besorgt mein Gesicht. Vermutlich
vermisste er die Spuren eines Kampfes.
»Sorry, wenn ich dich durch mein Gebet geweckt habe«, sagte ich.
Die Küchenuhr zeigte kurz nach zwei.
»Nicht dein Gebet hat mich geweckt, sondern deine Duschorgie. Hast du
einen umgebracht und musstest sein Blut abwaschen?«
»So ähnlich«, brummte ich und sah ihn lange an, bevor ich leise sagte:
»Wir wollten ja ehrlich zueinander sein … Ich habe Samira getroffen. Wir
hätten beinahe – nun ja – es miteinander getrieben. Also … es war ziemlich
nah dran.«
Er sah mich an, als hätte ich ihm ins Gesicht gespuckt.
Ich flüsterte: »Ich habe Allah um Verzeihung gebeten.«
»Inschallah wird Er dein Gebet annehmen«, presste Adil hervor. »Aber
Beten allein reicht nicht.«
»Nein, ich weiß. Es müssen gute Taten folgen.«
»Und du weißt auch, was das für Taten sind, die Allah – subhanahu wa-
ta’ala – von dir erwartet.« Er stand auf und machte einen Schritt auf mich
zu. »Du weißt, dass es im Grunde nur einen einzigen Weg für dich gibt, die
Sünde der Zina unwiderruflich aus deinem Leben zu tilgen.«
Ich schluckte und schmeckte etwas wie Staub im Hals, den Wüstenstaub
von Sham. Plötzlich war für mich alles klar. Und beinahe war ich
erleichtert: Ich hatte mich entschieden.
Doch bevor ich noch selbst richtig begriff, welches Urteil da gerade
zwischen uns gefallen war, setzte Adil nach: »Da wäre noch etwas, das du
tun musst.« Er machte einen zweiten Schritt auf mich zu und sah plötzlich
viel älter aus als sonst, als trüge er mit einem Mal eine unsichtbare Last
oder Verantwortung. »Denn Samira hat mindestens so schwer gesündigt wie
du. Schließlich bist du noch ganz neu im Islam, aber sie nicht. Ich habe dir
ja erzählt, dass ich als Märtyrer meine Familie ins Paradies holen kann.
Aber besser wäre natürlich, wenn nicht ihr Bruder das tut, sondern … ihr
Mann.«
»Bitte?«
»Du weißt, wie du ihre Ehre wiederherstellen kannst und deine eigene.
Und auch meine.« Er legte mir die Hand auf die Schulter. »Ya’qub, Akhi,
heirate sie.«
13. März/22. Dschumada l-ula

Als ich vor fast einem halben Jahr, an jenem Tag im Herbst, zum ersten Mal
die Moschee aufgesucht hatte, war ich unschlüssig vor dem Tor stehen
geblieben und hatte vorsichtig nach Samira Ausschau gehalten. Heute kam
ich mir wieder so vor. Obwohl ich inzwischen eindeutig dazugehörte, meine
Dschellaba trug und gemeinsam mit Adil angekommen war, fühlte ich mich
für einen Moment genauso fremd wie damals. Samira sah mich und fing
kurz meinen Blick auf, aber ohne irgendeine Regung – nicht beleidigt noch
verliebt, wütend oder traurig, sondern völlig neutral. Das tat weh.
»Was ist denn?«, fragte Adil, der mit mir stehen geblieben war und
eigentlich schon ahnte, welches Problem ich hatte.
»Ich muss sie selber fragen«, antwortete ich. »Mann, Akhi, das bring ich
sonst nicht.«
»Wir haben das alles besprochen«, sagte er knapp. »Nach dem Essen
werde ich mit ihr reden. Und jetzt komm.«
Mit großen Schritten betrat er den Hof, um die Brüder zu begrüßen, und
ich trottete hinterher.
Heiraten, Mann! Es wäre zwar »nur« eine islamische Hochzeit und
keine vor dem Standesamt. Trotzdem war die Vorstellung in den Maßstäben
meines früheren Lebens derart ungeheuerlich, dass es sich absolut tollkühn
anfühlte. Das Verrückteste, das ich je gemacht hatte. Ich wollte es. Ich
wollte sie. Und hatte nicht den leisesten Schimmer, wie sie auf solch einen
wahnsinnigen Gedanken reagieren würde – mich auslachen, anschreien,
fortschicken, vor Glück in Ohnmacht fallen? Für die Gemeinde hier war das
Ganze zumindest nichts Ungewöhnliches, im Gegenteil; kaum eine Frau
über zwanzig blieb hier lange unverheiratet. Auf jeden Fall wollte ich
sehen, wie sie im ersten Moment darauf reagierte. Und genau das sei eben
einer der Gründe, warum ich ihr keinen Antrag machen sollte wie in einer
amerikanischen Romantik-Komödie, hatte Adil gesagt, sondern ihm das
überlassen solle. Heiraten sei eine viel zu ernste Angelegenheit, um sich
dabei von Gefühlen beeinflussen zu lassen. Das hatte er sich natürlich nicht
selbst überlegt, sondern von Abu Tarek gelernt, genau wie die Tatsache,
dass er – immerhin ihr jüngerer Bruder – nun ihr Wali, ihr Heiratsvormund
sei, denn der Vater bete nicht, sei folglich gar kein richtiger Muslim und
komme nicht für diese Aufgabe infrage; irgendwelche Onkel seien auch
nicht greifbar. Übrigens habe das alles nichts mit irgendeinem verquasten
Patriarchat oder so zu tun, behauptete er noch. Schließlich gehe es nicht
darum, den Willen der Männer durchzusetzen, sondern den Willen Allahs,
und das könne eben ein Wali am besten garantieren.
Ich fühlte mich wegen meines nächtlichen Versagens und von meinem
schlechten Gewissen dermaßen eingeschüchtert, dass ich dem Verfahren
zugestimmt hatte. Aber innerlich überzeugt war ich davon nicht. Und jetzt,
wo ich Samira zwei Tage danach zum ersten Mal wiedersah, wusste ich,
dass ich mich unmöglich darauf einlassen konnte.
Wir betraten die Halle und ich spürte die ganze Zeit ihre Blicke im
Rücken, konnte mich kaum auf die Predigt von Abu Tarek konzentrieren.
Der sprach gerade wieder über den I S , denn auch heute waren zahlreiche
neue Geschwister anwesend und die Frage schien vielen unter den Nägeln
zu brennen. Abu Tarek erklärte sich dazu gewohnt wortreich und ebenso
ausweichend wie immer. Bis er sich plötzlich unterbrach und überrascht
einen Punkt im hinteren Teil des Raumes fixierte. Den Teil, wo die
Schwestern saßen. Offenbar hatte sich eine der Frauen zu Wort gemeldet –
eine absolute Seltenheit. Ich musste mich zwingen, weiterhin geradeaus zu
blicken. Und eigentlich war klar, wer sich da gemeldet hatte.
»Du hast eine Frage, Ukhti?«
»Mehrere, Akhi«, rief Samira mit klarer Stimme. »Ist es nicht im Islam
verboten, die Schari’a zu vereinfachen und die islamischen Wissenschaften
zu missachten? Ist es nicht verboten, Unschuldige zu töten? Ist es nicht
verboten, einen Angriffskrieg als Dschihad zu bezeichnen? Ist es nicht
verboten, Frauen und Kinder zu misshandeln, Körperstrafen ohne
ordentlichen Prozess zu verhängen, Recht zu sprechen, ohne überhaupt
hinreichend klassisches Arabisch zu beherrschen und die Rechtsschulen zu
kennen? Ist nicht seit langer Zeit die Sklaverei durch allgemeinen Konsens
im Islam aufgehoben und verboten? Ist es nicht verboten, zu foltern und
Tote zu entstellen und sich mit bösen Taten auf Gott – Er ist groß und
erhaben – zu berufen? Ist es nicht eine schwere Sünde, ohne Konsens mit
der ganzen Umma ein Kalifat zu behaupten? Ist es nicht …«
»Genug!« Abu Tarek hatte unwillig eine Hand erhoben, um ihr mit
dieser Geste das Wort abzuschneiden. »Wohin soll das führen, Ukhti? Willst
du mich belehren?«
Leises Gemurmel entstand um uns herum. Jetzt musste ich mich
umwenden. Ich und alle Brüder, niemand hielt sich mehr zurück, wir alle
verdrehten die Köpfe und sahen Samira an, die kerzengerade zwischen den
sitzenden Schwestern stand und den Prediger unverwandt anblickte. Ich
bewunderte ihren Mut und ihre Klugheit und hasste sie in diesem
Augenblick zugleich dafür, dass sie meinen nächtlichen Entschluss zum
Dschihad derart torpedierte. Als spräche sie in Wahrheit nur zu Adil und
mir, nicht zu Abu Tarek und allen anderen hier im Saal.
»Das ist, inschallah, nicht meine Absicht«, erwiderte sie. »Ich frage nur,
was dich hindert, klarzustellen, dass diese Mörder dort in Syrien und Irak
keine muslimischen Brüder sind, sondern feige und ungebildete, notgeile
Perverse?«
»Du hast da eben aus dem Brief der hundertzwanzig Gelehrten zitiert,
wenn ich mich nicht irre«, sagte Abu Tarek und räusperte sich. »Doch leicht
findest du anderswo hundertzwanzig Gelehrte, die was anderes behaupten.«
»Wo denn?«, fragte sie forsch zurück. »Könntest du auch nur zehn ernst
zu nehmende Theologen nennen, die den I S nicht verdammen?«
Da kniff er die Augen zusammen und zischte: »Jedenfalls könnte ich
mindestens zweihundert Gelehrte nennen, die nicht so viel Geduld hätten,
mit einer jungen Schwester über diese Dinge zu diskutieren. Da kannste
getz mal drüber nachdenken.« Ein paar Lacher schienen ihm recht zu
geben. »Oder willst du hier mit uns über Zina reden?«, fragte er scharf und
räusperte sich abermals, bevor er nachschob: »Wenn du schon von
Notgeilheit sprichst?«
»Nein.« Ihre Wangenknochen traten hart hervor, als presse sie die Zähne
mit Gewalt aufeinander, um die passende Erwiderung herunterzuschlucken.
»Ich denke, deine Worte stehen für sich, Akhi.«
Wie in Zeitlupe ließ sie sich nieder und Abu Tarek lächelte in die Runde
und meinte: »Dann hätten wir das geklärt, inschallah, und können das Gebet
beginnen.«
Ich stieß Adil an. Etwas zu fest vielleicht, denn er sah mich erschrocken
an und presste eine Hand in die Seite.
»Du hast es ihm erzählt?«, zischte ich kaum hörbar. »Abu Tarek?«
»Ich musste seinen Rat einholen«, flüsterte Adil zurück. »Ob das
Vorgehen, das ich vorgeschlagen habe, richtig ist.«
»Blödmann.«
Ein paar Köpfe drehten sich unwillig nach uns um und wir schwiegen.
Das Gebet begann. Es half mir, die widerstreitenden Gefühle unter
Kontrolle zu kriegen. Adil tat, was er für richtig hielt. Er tat es für Samira
und mich. Und diese beiden – der Mann neben mir und die Frau irgendwo
dort hinten in meinem Rücken – waren die letzten beiden Menschen, die
mir noch richtig was bedeuteten. War es wirklich mein Weg, die eine zu
heiraten und mit dem anderen in den Krieg zu ziehen? Wenn ich ans
Kämpfen dachte, ans Töten und Sterben, zog etwas an meinem Magen,
kribbelte an meinen Beinen hinab und fuhr prickelnd über meinen ganzen
Rücken und in den Nacken wie ein hauchdünnes Rasiermesser, das alle
winzigen Härchen hochfahren lässt, bevor es sie kappt. Krieg … wenn man
in einem westlichen, wohlhabenden Land aufgewachsen ist, kommt einem
das Wort so unwirklich vor. Genau wie Heiraten. Beides schien mir die
ultimative Grenzerfahrung zu sein. War ich so weit, über diese Grenzen
hinauszugehen? Vorige Nacht war ich mir sicher gewesen und Adil hatte
sogar heute Morgen schon Flüge nach Istanbul herausgesucht,
sicherheitshalber in einem Internetcafé. Samiras Rede brachte alles wieder
durcheinander.
Konnte ich mich denn nicht einfach der Führung Allahs anvertrauen?
Falls es Sein Wille war, dass ich in Syrien kämpfte und starb, würde es
geschehen. Vielleicht wollte Er aber auch, dass ich dort wirklich am Aufbau
einer neuen Welt mitarbeitete. Dass das Kalifat seine Grausamkeiten ablegt
und zu einem wahrhaft sozialen, gerechten und freien Ort auf diesem
Planeten wird, wo der Mensch nicht nach Hautfarbe oder Einkommen zählt,
sondern einfach als Mensch, wie Allah ihn geschaffen hat? Oder ich sollte
vielleicht noch auf dem Weg zum Flughafen von einem Auto überfahren
werden und vorher die Sünde der Unzucht wiedergutgemacht haben … Ich
musste all das gar nicht selber entscheiden. Es war doch seit Jahrtausenden
längst für mich entschieden. Und was immer es war, ich würde es diesmal
konsequent durchziehen. Dieser Gedanke wehte wie ein frischer Duft durch
mein Gemüt und augenblicklich machte sich eine tiefe Ruhe in mir breit.
Dafür schien Adil nervös zu werden, als wir anschließend beim Essen
saßen. Ich beobachtete meine (subhan Allah, konnte ich das so
ausdrücken?) künftige Braut. Samira saß wie immer mitten unter den
Schwestern und unterhielt sich nach allen Seiten. Ich holte mein
Smartphone hervor.
Starke Rede vorhin, schrieb ich. Tut mir leid, dass Abu Tarek dich so
doof hat auflaufen lassen.
Ich sah, wie sie, ohne ihr Gespräch zu unterbrechen, ihr Handy aus der
Handtasche zog und es eine Weile in der Hand hielt, während sie
weiterredete. Endlich warf sie einen Blick auf meine Nachricht, sah sich
fast unmerklich nach mir um und zog eine Augenbraue hoch. Vielleicht
fand sie mich kindisch. Trotzdem tippte sie etwas, so beiläufig wie möglich,
während sie ihre Unterhaltung mit den Schwestern an ihrem Tisch wieder
aufnahm.
Woher weiß er es?, schrieb sie zurück. Das mit uns? Hast du
geplaudert?
Nein, aber dein Bruder, antwortete ich. Ich ärgere mich selbst darüber.
Sie registrierte, dass ich erneut geschrieben hatte, doch es dauerte eine
Weile, bis sie die Nachricht las. Sie zuckte mit den Schultern und nur ich
verstand, dass es mir galt.
Natürlich fielen wir niemandem auf. Wie überall war es auch hier bei
uns in der Gemeinde üblich, dass die meisten Leute mehr oder weniger
ständig an ihren Smartphones herumfummelten. Immerhin unterließen wir
es während des Gebetes und der Predigt, aber jetzt beim Essen störte sich
niemand daran. Samira schien einen Moment innezuhalten, dann legte sie
das Gerät vor sich auf den Tisch, ohne dass sie noch einmal
zurückgeschrieben hatte.
Ich holte tief Luft und blickte mich unwillkürlich um, ob mir niemand
über die Schulter sah, dann schrieb ich: Ich liebe dich und möchte, dass du
meine Frau wirst. Ich löschte die zweite Hälfte und schrieb: … und möchte
dich heiraten. Das löschte ich auch. Dann schrieb ich: Samira, willst du
meine Frau werden?
»Oder etwa nicht, Akhi?«, rief Qasim quer über den Tisch. »Ya’qub?«
»Klar doch, Akhi«, antwortete ich ins Blaue hinein und versuchte, cool
zu wirken. Zu meiner eigenen Überraschung sah ich, dass ich die Nachricht
schon abgeschickt hatte. Hilfe!
»Hast du mir überhaupt zugehört?«, fragte Qasim.
Dawud, der neben Qasim saß, mutmaßte: »Bestimmt muss er wieder
Fotos von irgendeiner nächtlichen Aktion hochladen.«
Die anderen lachten. Es war kein Spott, sondern Anerkennung. Ich war
nicht nur einer von ihnen, ich hatte es mit Adil zusammen sogar zu einem
gewissen Heldenstatus unter den Brüdern gebracht – jedenfalls unter denen
unseres Alters. Samiras Augen schnellten zu ihrem Smartphone, ihre Hand
griff danach, doch dann zog sie sie zurück, um stattdessen einer Schwester
irgendeine Soße zu reichen. Zugleich sprach eine andere Schwester sie von
der anderen Seite an und Samira wandte sich ihr lachend zu, wobei sie das
Teil jetzt endlich in die Hand genommen hatte. Noch immer schaute sie
nicht darauf, sondern hörte der Schwester zu, die wohl unglaublich lustige
Dinge zum Besten gab, denn Samira lachte unentwegt. Irgendwann
schüttelte sie wie verwundert den Kopf und winkte ab und die Schwester
nickte dazu; offenbar war zu diesem Thema alles gesagt. Samira drehte sich
ein wenig von ihr fort, warf einen Blick auf das Display – und erstarrte für
eine Sekunde. Dann schob sie das Smartphone in die Tasche und erhob sich,
bahnte sich, ohne sich nach mir umzusehen, einen Weg zwischen den
Tischreihen hindurch Richtung Ausgang. Erwartete sie etwa, dass ich ihr
nach draußen folgte? Nein, jetzt verstand ich. Sie verschwand auf der
Toilette. Ich saß an meinem Tisch neben Adil und fühlte, dass meine Ohren
rot wurden. Natürlich achtete niemand darauf. Trotzdem hätte ich mich am
liebsten unter dem Tisch verkrochen. Oder ich hätte ebenfalls zum Klo
gehen können, aber vielleicht würde das auffallen, dachte ich und blieb
gebannt sitzen; froh, dass die Unterhaltung der Brüder an meinem Tisch
auch ohne mich bestens zu funktionieren schien.
Ich zuckte richtig zusammen, als ihre Antwort kam. Keine Ahnung, was
ich erwartet haben mochte – jedenfalls nicht das, was sie schrieb.
Nur zwei Buchstaben: Ja.
74. Tag

As salamu alaikum, Akhi. Viele Tage lang habe ich nicht in dein Buch
geschrieben – wir hatten weitere Luftangriffe, dann die
Hochzeitsvorbereitungen und die Hochzeit selbst, dann ein
überstürzter Aufbruch. Erst jetzt finde ich endlich Zeit, es wieder in
die Hand zu nehmen.

Wir sitzen in einem Kleinbus Richtung Südosten. Draußen zieht eine


karge Landschaft vorbei, Felsen und verdorrtes braunes Gras, am
Wegesrand sehen wir immer wieder Wracks von Autos und Lastern,
die die Kriege und Aufstände der letzten zwölf, dreizehn Jahre hier
zurückgelassen haben – ja, wir sind jetzt drüben in Iraq. Denn hier
gibt es immer mehr schwere Gefechte. Das ist auch der Grund, warum
ich aufbrechen musste, anstatt Flitterwochen zu machen. Du stutzt
vielleicht über dieses Wort, aber das gibt es hier wirklich und es ist
sogar richtig organisiert wie alles im Kalifat, damit ein Kämpfer und
seine Braut ein wenig das Land kennenlernen können. Doch wie
gesagt – das muss nun erst mal warten, denn hier in Iraq haben sich
die Schiiten erhoben und mit ihnen ein paar korrupte sunnitische
Clans, die von den Amis geschmiert wurden. Soweit ich das
verstanden habe.

Aber halt – ich wollte dir eigentlich was ganz anderes berichten. Du
darfst mir gratulieren, ich bin jetzt wie du ein verheirateter Mann.
Das Fest war fast wie eures: improvisiert, bescheiden, aber würdevoll.
Es erschien sogar ein Vertreter des Gouverneurs, der mir als
Geschenk zwei Schlüssel aushändigte. Schlüssel? Ja, Schlüssel. Mann,
halt dich fest, Akhi: einer für meinen neuen B MW und einer für
meine neue Wohnung! Ich fragte mich, ob die mich vielleicht
verwechseln oder ob ich irgendwas Besonderes geleistet hätte, was
mir selber gar nicht so bewusst gewesen ist. Aber anscheinend ist es
allgemein üblich, dass der Islamische Staat seine Mudschahidin mit
allem versorgt, was sie brauchen.

Wem die Wohnung vorher einmal gehört haben mag oder aber die
Karre … keine Ahnung. Es blieb mir auch keine Zeit, darüber
nachzudenken, denn ich konnte den Wagen nur ein einziges Mal
fahren, nämlich von der Feier zu meinem neuen Zuhause. Und ich
schlief auch bloß eine einzige Nacht in meiner neuen Wohnung, bevor
ich mit den Brüdern fortmusste.
Meine Hochzeitsnacht.
Eigentlich gehört es sich nicht, davon zu erzählen. Aber es beschäftigt
mich und es ist ja nur für deine Augen bestimmt. Um es mal kurz
zusammenzufassen: Siham ist die absolute Granate im Bett. Wir haben
es die ganze Nacht getrieben wie zwei ausgehungerte Raubtiere. Ich
meine – wir waren ja wirklich ausgehungert, aber zumindest mir war
das nicht so bewusst gewesen bis dahin.
Siham ist ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hatte. Ich weiß gar
nicht, wie ich das erklären soll … Sie kommt mir irgendwie ein
bisschen – nun ja – vulgär vor. Meinen Schwanz nennt sie zum
Beispiel »Kalaschnikow«! Später erzählte sie mir, dass es sie voll
anmacht, mit ihrem A K -47 durch die Straßen von Raqqa zu
patrouillieren und Frauen festzunehmen, die gegen irgendwelche
Vorschriften verstoßen.
Ich hab sie ein bisschen nach ihrer Kindheit gefragt und was sie so
gemacht hat in Berlin, bevor sie herkam. Viel hat sie nicht erzählt,
aber es klang düster. Wenn Samira jetzt hier wäre, würde sie mir
sicher einen psychologischen Vortrag darüber halten, über
unbearbeitete Traumata und wie sie sich äußern …

Bescheuert, dass ich jetzt darüber nachdenke, was meine Schwester


sagen würde, hm? Verrückt ist, dass ich mich seit der Nacht mit Siham
so lebendig fühle wie seit langer Zeit nicht mehr. Diese Frau, die
Wohnung, das Auto – Mann, Akhi, verstehst du? Ich habe plötzlich so
was, was man in Deutschland eine »Existenz« nennen würde. Subhan
Allah, vielleicht wird sie sogar schwanger von mir? Der Gedanke an
den Tod bekommt jedenfalls Risse für mich. Und das ist nicht gut.
Das ist gar nicht gut.
Vielleicht hilft mir der Gedanke, dass meine Mutter auf mich wartet.

Ich hoffe, wir sind bald da.


14. März/23. Dschumada l-ula

Wie so oft nach dem Morgengebet saßen wir in unserer Küche, tranken Tee
und schauten schweigend zu, wie der Morgenstern verblasste. Jedenfalls an
Tagen, wo nicht dicke Wolken den Himmel bedeckten. Heute war so ein
Tag. Der Horizont strahlte im eiskalten Glanz jener Zeit zwischen dem
Anbruch der Dämmerung und dem eigentlichen Sonnenaufgang. Den
Zauber solcher Augenblicke bewusst zu erleben gehört zu den großen
Geschenken, die mir die Rechtleitung zum Islam bereitet hat.
Auch Adil hing seinen Gedanken nach und ein versonnenes Lächeln
umspielte seinen Mund. Gestern Abend nach dem Essen hatte er seine
Schwester zur Seite genommen und ihr zu ihrer vermeintlichen
Überraschung von meiner Heiratsabsicht berichtet – und davon, dass er als
ihr Wali dem zuzustimmen gedenke, sofern sie keine Einwände habe. Keine
Ahnung, ob er sie richtig gefragt oder ihr das Ganze eher als eine schon
beschlossene Sache verkauft hatte; jedenfalls freute er sich über Samiras
Einsicht, wie er das nannte. Das, also diese Einsicht, blieb mir ein Rätsel.
Nein, ich selbst blieb mir ein Rätsel. Warum musste ich mir all das so
ungeheuer kompliziert ausmalen, wo es doch so einfach war? Zwei junge
Menschen, die offenbar gut zusammenpassten – mit Allahs Hilfe würden sie
zusammen glücklich werden. All die Vorbehalte in meinem Kopf waren
doch bloß anerzogene westliche Unsitten, die nur dazu führten, dass es
immer weniger intakte Familien gab und immer mehr Menschen, die
einsam alt werden mussten, weil sie ihr Leben lang vermieden, sich
irgendwie festzulegen. Angeblich sollte das was mit Freiheit zu tun haben.
Aber wenn Freiheit am Ende in Verbitterung zerfloss, wie frei war man
dann eigentlich? Siehe mein Vater. Nein, der Islam hatte all den westlichen
Denkmüll von gut zweihundert Jahren sogenannter Aufklärung aus meinem
Kopf gespült und eine frische, wahrhaft freie Einfachheit hinterlassen.
Na ja, jedenfalls empfand ich das manchmal so. Und zwischendurch
beschlich mich der Gedanke, dass die Welt eben doch nicht ganz so einfach
sein konnte, wie ich sie mir vielleicht wünschte. Zum Beispiel jetzt, als
Adils Lächeln von versonnen zu leicht verlegen wechselte, bevor er mich
ansah und bemüht ernst sagte: »Akhi, wir müssen verhandeln. Du musst
eine Mahr anbieten, eine Morgengabe für Samira.«
»Aha …«, antwortete ich gedehnt und nippte an meinem Tee. »Du willst
mir sagen, dass ich sie dir … abkaufen muss?«
»Nein, natürlich nicht.« Jetzt schaute er verärgert. »Ich dachte, das weißt
du. Die Mahr ist keine Mitgift, kein Brautgeld oder so was, was an die
Familie der Braut übergeht. Die Mahr ist für die Braut selbst und gehört ihr
ganz allein – du kaufst Samira quasi sich selbst ab. Eine finanzielle
Absicherung, falls du sie eines Tages rauswirfst.« Er stand auf und holte
seinen Laptop, wobei er weitersprach: »Natürlich kenne ich auch die
Schauergeschichten über irgendwelche türkischen oder marokkanischen
Väter, die die Mahr ihrer Tochter einstreichen und sich davon einen fetten
Benz kaufen. Aber das ist nicht die Sunna des Propheten!« Er setzte sich
wieder und klappte den Laptop auf.
»Einen Benz?«, fragte ich ungläubig. »An was für Summen denkst du,
bitte? Am Ende kann ich mir deine Schwester gar nicht leisten.«
»Manche Gelehrte sagen, dass umgerechnet vierzigtausend Euro
angemessen seien«, sagte Adil, überflog eine Website, die er aufgerufen
hatte, und stellte fest: »Die meisten nennen drei Monatsgehälter. Netto.«
Ich lachte. »Na, da komme ich billig weg. Der Stundenlohn bei Ibn
Ibrahim ist ja ziemlich überschaubar.«
»Das ist nicht witzig«, knurrte Adil.
»Doch, total«, erwiderte ich. »Und außerdem, ganz ehrlich, Mann: Ich
würde mich bestimmt nie scheiden lassen. Die Scheidung meiner Eltern
reicht mir vollkommen.«
»Darum geht es nicht«, erwiderte Adil und klappte den Laptop wieder
zu. »Mir liegt vor allem daran, dass Samira versorgt ist, wenn wir,
inschallah, nach Sham gehen. Und falls du … du weißt schon.«
75. Tag

Puh, heute haben wir richtig malocht. Gräben ausgehoben, Wälle


aufgeschüttet, Sprengfallen angebracht. Du siehst – alles
Maßnahmen, die nichts mehr mit Erobern zu tun haben, sondern mit
Verteidigen. Wir sind ein bisschen in die Defensive geraten, wie es
scheint …

Aber die Menschen in diesem Dorf hier, wo wir letzte Nacht ankamen,
haben uns freundlich begrüßt. Na ja, zumindest mit Respekt. Ich
meine … nach den Dingen, die ich in Raqqa erlebt habe, verstehe ich
inzwischen, dass nicht alle Menschen ausschließlich glücklich sind,
unter dem Kalifat zu leben, um es mal vorsichtig auszudrücken. Und
dass die normalen Menschen oft Angst vor uns haben. Besonders vor
ausländischen Kämpfern wie mir. Aber noch mehr Angst haben die
Leute hier vor der Rache der Schiiten, falls die zurückkehren und das
Dorf wieder einnehmen sollten.
Du weißt ja – bevor der I S kam, war es hier in Iraq an der
Tagesordnung, dass Sunniten einfach so vor aller Augen von
schiitischen Milizen in Autos gezerrt und verschleppt und ein paar
Tage später halb tot wieder auf die Straße geworfen wurden – wenn
sie Glück hatten. Als dann letztes Jahr unsere Brüder vom Islamischen
Staat halb Iraq im Sturm erobert hatten, wurden sie hier als Befreier
bejubelt. Und darum müssen wir die Leute hier jetzt beschützen, sonst
wird die Rache der anderen grausam sein.
Ja, ich weiß, wir selber sind auch grausam. Es hat gar keinen Sinn,
das gegeneinander aufzurechnen. Wenn du immer weiter drüber
nachdenkst, beginnt sich irgendwann alles zu drehen, deshalb ist es
gut, wenn du zwischendurch mal dein Hirn ausschalten kannst. Dann
musst du dir zum Beispiel nicht solche Fragen stellen wie die, ob wir
diesen Krieg theoretisch verlieren könnten. Max machte vorgestern so
eine Andeutung zu mir. Und dass er ein schlechtes Gewissen habe.
Wegen – na ja – bestimmter Dinge. Beknackt, oder? Ich meine, was ist
denn das für eine Moral: Wenn wir siegen, ist alles okay, was wir
getan haben; aber wenn wir verlieren, war es Sünde? Das ist doch
nicht logisch!
Und außerdem, gerade jetzt, wo unser Kalifat unter Druck gerät, wo
die Feinde vorrücken, da brauchen wir doch all unsere Kräfte.
18. März/27. Dschumada l-ula

Die Frau im grauen Businesskostüm saß mir auf der anderen Seite ihres
Sparkassenberatertisches gegenüber und verglich argwöhnisch mein
bärtiges Äußeres mit dem Babypopo-Gesicht in meinem Personalausweis.
Dann legte sie den Ausweis neben die ausgebreiteten Unterlagen meiner
Lebensversicherung. Die hatte ich letztes Jahr nach dem Abi abgeschlossen,
ziemlich bescheiden; meine Mutter zahlte monatlich hundert Euro ein und
ich selber fünfzig. Aber immerhin besaß ich so was.
»Haben Sie denn auch den Ausweis Ihrer Verlobten mitgebracht, Herr
Kuhn?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Nun … dann kann ich die Versicherung nicht auf die Dame übertragen,
tut mir leid. Aber sie können Ihre Verlobte selbstverständlich als
Begünstigte angeben.«
»Das heißt?«
»Dass im Todesfall die vereinbarte Summe an sie ausgezahlt wird.«
»Okay, das will ich. Schreiben Sie das bitte so um.«
»Gern«, sagte sie und musterte mich wieder eine Weile, bevor sie sich
ihrem Computer zuwandte. Schrieb sie da vielleicht schon eine E-Mail ans
Bundeskriminalamt? Vielleicht gab es ja eine Standardprozedur. Würde
mich nicht wundern. Bärtiger Muslim ändert Lebensversicherung – wenn
das kein starkes Indiz für Ich-weiß-nicht-was ist …
Ich schielte auf die Unterlagen und sagte: »Ich weiß gar nicht mehr, wen
ich ursprünglich eingesetzt hatte.«
Die Sparkassenberaterin fuhr mit Augen und Zeigefinger über das Papier
und sagte: »Eine Frau Sarah Kuhn.«
»Ach, richtig. Meine kleine Schwester.«
Sarah und Hannah gingen mir im Kopf herum, nachdem ich alles
unterschrieben und mit säuberlich in Pappmappen geschobenen
Ausfertigungen meiner Versicherungsunterlagen unterm Arm die
Sparkassenfiliale verlassen hatte. Subhan Allah, müsste ich meine
Schwestern nicht zu meiner Hochzeit einladen? Und meine Mutter und
meinen Vater? Und Bartek und alle? Ich versuchte mir das bildlich
vorzustellen, aber es ging einfach nicht. Ihre und meine Realität spielten
zwar auf demselben Planeten, aber in vollkommen verschiedenen
Universen. Dabei würden sie Samira bestimmt sogar mögen. Aber das
bedeutete nichts. Und außerdem blieb keine Zeit mehr. Die Hochzeit sollte
schon in weniger als zwei Wochen stattfinden, also noch vor Beginn der
Osterferien. Denn Adil hatte die – zugegebenermaßen geniale – Idee
gehabt, dass wir uns mitten im Osterreiseverkehr aus dem Staub machen
sollten, um möglichst wenig aufzufallen. Wie würde meine Familie davon
erfahren? Davon, dass ich geheiratet hatte. Dass ich das Land verlassen,
»Hidschra gemacht« hatte, um in den Krieg zu ziehen.
Viele Brüder dort meldeten sich immer wieder mal per Facebook oder
Twitter. Aber anders als noch vor ein paar Monaten, als ich bei Adil
eingezogen war, verfolgten wir beide dieses ganze Zeug nicht mehr so
intensiv. Auch unser Konsum von sogenannten »I S -Propaganda-Videos«,
wie unsere westlichen Medien das nennen, hatte stark abgenommen. Wir
waren dieser ganzen Poserei überdrüssig und wollten endlich echte, eigene
Erfahrungen machen. Eigentlich, dachte ich und war unterdessen fast
unbewusst vor dem Schaufenster eines Schreibwarenladens stehen
geblieben, musste man wie in alten Zeiten Tagebuch führen. Nur du und das
Papier, deine Gedanken allein für dich, ohne im Hinterkopf schon die Likes
zu zählen. Unsinn – als ob man ehrlicher zu sich und anderen wäre, wenn
man mit der Hand schrieb statt mit Tasten oder Fingerkuppentupfen auf
Touchscreens. Trotzdem betrat ich kurz entschlossen den Laden, sah mich
unter den Notizbüchern um, von denen es zwischen kitschig und edel,
Kunst- oder Kalbsledereinband eine breite Spanne gab. Und plötzlich wehte
mich die ungeheure Fülle der Möglichkeiten an: all diese Bücher mit ihren
blütenweißen Seiten, all das Ungeschriebene. Von dem vieles auch
ungeschrieben bleiben und niemals geschehen würde. Wer werden die
Menschen sein, die einmal dieses oder jenes Buch kaufen? Was für
Gedichte, Lebensbeichten oder Comic-Skizzen, Sexpraktiken oder
Kochrezepte werden sie dem unberührten Papier anvertrauen? Bei Allah ist
alles aufgeschrieben, seit Anbeginn der Zeit. Bloß uns erscheint es, als
könne alles geschehen. Und auch das Gegenteil davon.
Ich kaufte eines der Bücher und nur Allah wusste in diesem Augenblick,
ob ich jemals hineinschreiben würde.
76. Tag

Ramadan. Doch wir sollen nicht fasten.


Es fühlt sich blöd an, dass wir uns nehmen, was wir brauchen,
während um uns herum sich alle den ganzen Tag unter der glühenden
Sonne herumschleppen, ohne einen Bissen zu essen und ohne einen
Tropfen zu trinken. Doch der Prophet (Segen und Frieden auf ihm) hat
zu seinen Gefährten (Frieden auf ihnen) gesagt: »Ihr werdet euren
Feinden am Morgen begegnen. Nicht zu fasten ist besser für eure
Kraft.«
Dabei tun wir nichts weiter, als auf einen Angriff zu warten. Es ist
zermürbend. Gerade habe ich noch mal meinen Eintrag von damals
gelesen, als wir in dem namenlosen Dorf nach dem Einschlag der
Drohne auf eine Attacke der Peschmerga gewartet hatten. Damals
war ich vergleichsweise cool, weil für mich nur fraglich war, WI E ich
sterben würde, aber nicht, OB . Jetzt ist das anders.
Vorhin hab ich mit Siham gesprochen. Nasreddin hat mir extra mein
Smartphone zurückgegeben dafür, ohne dass ich ihn deswegen gefragt
hätte. Weil er meinte, dass es mich stärkt und ermutigt, mit meiner
Frau zu reden.
Und Siham hat ihr Bestes gegeben. Mir gesagt, wie sehr sie mich
dafür bewundert, wie viele ich schon getötet hätte, und dass ich
bestimmt noch viele mehr töten würde. Dass sie sich für mich freut,
wenn ich einen ehrenvollen Tod finde und sie eines Tages ins Paradies
holen werde. Das war für mich ein bisschen irritierend. Ich fürchte, es
gibt noch viel mehr Reste von altem, westlichem Denken in mir, als ich
mir eingestehen mag. Und wenn deine eigene Frau, mit der du
immerhin eine sehr geile Nacht verbracht hast, dir aus freudigem
Herzen den Tod wünscht, dann … na ja.
29. März/8. Dschumada th-thaniya

Im Sahih Ibn Hibban ist überliefert, dass der Prophet gesagt habe: Diejenige
Hochzeit ist die beste, die am einfachsten gestaltet wird.
Und so hielten wir es. Die Zeremonie, ja überhaupt der ganze Tag hatte
ohnehin nichts mit dem gemein, was ich mir in meinem alten Leben unter
einer Hochzeit vorgestellt hatte. Von wegen Sie dürfen die Braut jetzt
küssen und so – wir waren nicht einmal im selben Raum, als wir gefragt
wurden, ob wir den Rest des Lebens miteinander verbringen wollten. Und
in gewisser Weise passte das natürlich gut zu unserer Beziehung, denn ich
hatte meine Braut ja ohnehin nur ein paar Mal richtig gesehen. In dem
Augenblick, als Adil in Samiras Namen die Heiratsurkunde unterschrieb,
fühlte ich mich fast, als heiratete ich ihn und nicht sie. Ein bisschen war es
ja tatsächlich so, denn damit besiegelte ich, wie mir schien, endgültig meine
Absicht, mit ihm nach Syrien zu gehen. Als gäbe es nun kein Zurück mehr.
Mir graute bloß vor dem Moment, in dem ich es Samira sagen musste.
Natürlich feierte ich anschließend nur mit den Brüdern, während Samira
mit den Schwestern in einem anderen Raum eine parallele Party abhielt.
Abu Tarek beglückwünschte mich überschwänglich, gab mir ungefragt
tausend Tipps zum Eheleben und zur Kindererziehung und sagte: »Wie ich
hörte, ziehst du erst mal bei Samira ein? Und dann sucht ihr euch
gemeinsam eine neue Wohnung?« Er nickte zu Ibn Ibrahim hinüber. »Hab
keine Scheu, dich an den Bruder zu wenden, er kann euch bestimmt dabei
unterstützen.«
Entweder tat er bewusst scheinheilig oder er hatte tatsächlich keinen
Schimmer davon, was Adil und ich planten. Ibn Ibrahim hingegen blinzelte
mir verschwörerisch zu. Was man als Zustimmung zu Abu Tareks Worten
verstehen konnte. Oder eben auch anders.
Ich war jedenfalls froh, als die Feier endlich vorüber war. Adil fuhr
Samira und mich in seinem alten Volvo zu ihrer Wohnung. Schon wieder
würde ich vorübergehend bei jemandem einziehen. Adil wünschte uns eine
schöne Hochzeitsnacht, wobei er von einem Ohr zum anderen grinste.
Als wir endlich beieinanderlagen, fielen wir nicht übereinander her. Wir
hatten diesmal keine Hast, sondern ließen uns fast aufreizend viel Zeit, denn
für all das, was zwei Menschen miteinander tun können, stand uns nun der
Rest des Lebens zur Verfügung. Oder zumindest eine knappe Woche, bevor
Adil und ich nach Istanbul fliegen würden, um Walid-Max-Moritz, Mert
und weitere Brüder zu treffen. Ich musste es ihr sagen!
Wir hatten uns ausgezogen, streichelten uns gegenseitig und quatschten
einfach. Es war neu und zugleich so vertraut, als hätte diese Intimität
zwischen uns schon immer bestanden, von meinem allerersten Anruf an.
Als sei die Zärtlichkeit unserer Hände, Lippen und Zungen nur eine
Fortsetzung der Berührungen zwischen unseren Stimmen, die wir ein halbes
Jahr lang ausgetauscht hatten. Ich musste es ihr sagen.
»Wollen wir nicht ein paar Tage wegfahren?«, fragte Samira und lachte
plötzlich. »Oh, jetzt schaust du aber entsetzt. Ich weiß, Flitterwochen, das
klingt so nach westlichem Kitsch, aber es ist doch eigentlich eine gute Idee,
oder? Ich meine – dass wir am Anfang unseres Zusammenseins ein paar
Tage rauskommen aus dem Alltag, dass wir Zeit haben nur für uns beide
und uns in Ruhe richtig kennenlernen können.«
»Ja, kennenlernen«, wiederholte ich ernst. »Es gibt da etwas, was ich dir
erzählen muss.«
»Warte!« Sie stützte sich auf die Ellbogen. »Ich muss dir auch etwas
gestehen.«
»Ich zuerst«, rief ich.
»Nein, ich zuerst.«
»Aber ich hab’s zuerst gesagt«, protestierte ich.
»Hast du nicht. Ich wollte es dir nämlich neulich schon sagen. Weißt du
nicht mehr? Als ich dich an dem Abend gesucht und mit zu mir genommen
habe.«
»Richtig«, murmelte ich. Ich hatte tatsächlich komplett vergessen, dass
es doch einen bestimmten Grund gegeben hatte – und nicht den, dass sie
dringend mit mir Sex hatte haben wollen. Ich setzte mich auf und sagte:
»Du hattest irgendwas von großer Sünde erzählt. Die du verhindern willst.«
Es war egal, denn sie wollte natürlich auf dasselbe Thema hinaus wie
ich. Ich atmete tief ein und machte mich auf unseren ersten Ehekrach
gefasst.
Auch sie setzte sich nun auf und sah mich eindringlich an.
»Mir ist klar, dass Adil nicht mehr lange wartet. Ich glaube, das war
auch der Grund, warum es ihm plötzlich wichtig war, dass ich heirate. Als
hätte er sein Testament gemacht, verstehst du?«
»Was soll das jetzt?«, fragte ich und wunderte mich selbst, wie barsch es
plötzlich klang.
»Du weißt, was ich meine«, erwiderte sie ruhig. »Wahrscheinlich weißt
du es besser als ich. Oder verbirgt Adil solche Sachen komplett vor dir?«
»Natürlich nicht«, sagte ich, beinahe empört.
»Na also. Und ich werde das verhindern.« Ihre blauen Augen funkelten
plötzlich. »Ich werde verhindern, dass er nach Syrien geht und ein Kämpfer
für diesen falschen Kalifen wird. Zur Not mit …«
»Mit was? Mit Gewalt?«
»Vor ein paar Wochen hat mich jemand angesprochen. Er fragte mich
nach Adil und auch nach dir und nach diesem Typen, der neulich bei euch
übernachtet hat. Und dann hat er mir Geld angeboten.«
»Bitte?«
»Natürlich hab ich ihn fortgeschickt. Subhan Allah, was für ein
Arschloch. Dass er glaubt, mich kaufen zu können. Aber …« Sie bückte
sich unter die Matratze, zog eine Visitenkarte hervor und zeigte sie mir.
»Das hier hab ich aufgehoben.«
Kriminalkommissar Hagenkord, Bundeskriminalamt.
»Er wollte dich als V-Mann … wie sagt man das? Weibliche V-Männer,
gibt es so was?«
Auf einmal schwirrte alles durcheinander – Grammatik und Gefühle,
Hass und Hilflosigkeit.
»Er nannte es V-Person«, sagte sie schlicht. »Anscheinend gibt es für
den Begriff keine weibliche Form. Man ist entweder ein Mann oder nichts.
Ein Neutrum. Und soll ich dir was sagen? Davon hab ich eh die Nase voll.«
»Bitte?«, wiederholte ich fassungslos. Ich hatte damit gerechnet, dass sie
mich anflehte, nicht nach Syrien zu gehen. Mit Tränen oder theologischen
Argumenten, was weiß ich. Aber nicht, dass sie mir mit dem
Verfassungsschutz drohte. Wobei es ihr ja anscheinend nur um Adil ging.
Dass ich selbst im Begriff war, ein Gotteskrieger zu werden, kam ihr gar
nicht in den Sinn!
Sie nahm meine Hände in ihre und sagte: »Manchmal, wenn ich bete
und Richtung Qibla schaue, stelle ich mir vor, mein Blick würde durch die
Wand gehen und durch die Mauern der anderen Häuser, über die Dächer der
Stadt hinweg, über Wälder und Berge und Meere und Kontinente und sich
an der Kaaba mit den Hunderten von Millionen anderer Blicke treffen, aus
allen Himmelsrichtungen. Und wenn ich darüber nachdenke, über die
Vielfalt der Umma, dann spüre ich, wie vermessen wir sind. Ich meine –
nur Gott und der Prophet können darüber urteilen, was der wahre Islam ist
und was nicht. Ist es nicht eine schreckliche Gotteslästerung, dass wir
behaupten, nur wir würden den echten Islam leben und die anderen
neunundneunzig Prozent der Muslime nicht?«
»Stopp mal«, rief ich und zog die Hände weg. »Wovon sprichst du jetzt?
Hör auf, ständig das Thema zu wechseln.«
»Tu ich nicht. Es hängt doch alles mit allem zusammen. Das, was wir
glauben. Die Art, wie wir leben. Die Konsequenzen, die wir daraus ziehen.
Ich hab es nicht nötig, mich von Abu Tarek vorführen zu lassen, nur weil
ich eine Frau bin. Das ist nicht islamisch. Umm Ammarah war eine
Gefährtin des Propheten und verteidigte ihn mit dem Schwert gegen die
Mekkaner. Zaynab Fatima bint ’Abbas war Dichterin und Rechtsgelehrte,
sie predigte vor siebenhundert Jahren in Kairo und Damaskus. Malala
Yousafzai hat den Friedensnobelpreis bekommen. Sie ist jünger als ich und
trotzdem ein Vorbild. Das soll mein Islam sein.« Sie griff wieder nach
meinen Händen. »Lange habe ich das nicht sehen wollen. Erst du hast mir
die Augen geöffnet.«
»Bitte?«, rief ich zum dritten Mal und wollte schon wieder meine Hände
wegziehen, doch diesmal hielt sie mich fest.
»Ja, genau du. Erinnerst du dich, wie du mir erklärt hast, warum du nicht
an die Hölle glaubst? Ohne irgendein tieferes Verständnis des Islam hast du
aus deinem Herzen heraus über die Liebe und das Erbarmen Allahs
gesprochen – und da wurde mir klar, dass ich den Qur’an noch einmal neu
lesen muss.«
Jetzt riss ich mich doch los, sprang auf und blickte kalt auf sie herab.
»Das hättest du mir damals sagen sollen. Inzwischen kann ich mir
nämlich die Hölle ziemlich gut vorstellen. Und ich werde nicht zulassen,
dass du dort landest. Oder wir beide.«
»Was heißt das?«
»Adil geht in den Dschihad. Und ich gehe mit.«
Endlich hatte ich es ausgesprochen! Zum allerersten Mal. Und es klang
unerwartet dämlich in meinen Ohren. In ihren aber klang es offensichtlich
glaubhaft, denn sie riss vor Entsetzen Mund und Augen auf.
Ich bückte mich nach der Visitenkarte von Hagenkord und warf sie
Samira in den Schoß.
»Sag dem Kerl einen schönen Gruß von mir, wenn du ihn anrufst.«
Sie hob die Karte auf und sah mich an. Tränen füllten ihre Augen.
»Wenn du mir keine Wahl lässt …«, flüsterte sie.
»Du würdest das echt tun, ja?«
»Ja.«
»Du würdest Adil und mich in den Knast bringen? Deinen eigenen
Bruder und deinen Mann.«
»Besser Mann und Bruder im Knast, als Witwe und Einzelkind zu sein.
Und außerdem …« Sie sprang auf und wischte die Tränen weg, zog die
Nase hoch und sah mich scharf an. »Außerdem geht es mir nicht nur um
euch beide und um euer Leben. Sondern um all die unschuldigen
Menschen, die ihr töten würdet, bevor ihr selber sterbt. Und es geht mir um
den Islam, den Leute wie ihr in den Dreck zieht.«
»Leute wie wir«, wiederholte ich. »Was weißt du denn schon über mich?
Nichts. Du kennst mich doch gar nicht. Warum hast du eigentlich sofort
dieser verrückten Turbohochzeit zugestimmt? All das nur, um … ja, was?
Mich vor Adil zu warnen? Mich seinem Einfluss zu entziehen? Uns am
Ende diesem Dreckskafir Hagenkord auszuliefern, diesem Gestapo-Mann?«
»Nein«, sagte sie nur und schluckte.
Ich wartete, dass sie weiterspräche, aber das tat sie nicht. Wollte sich
weder erklären noch ihre Liebe beteuern, mich nicht anschreien und auch
nicht anflehen. Sie tat nichts, das mir die Pflicht abgenommen hätte,
selbstständig mit dieser Situation umzugehen. Sondern stand einfach bloß
vor mir, bloß im Sinne von nackt, verletzlich, und genau wie neulich sah sie
mir zu, wie ich meine Klamotten zusammensuchte und schon die Hand auf
die Türklinke legte, ein groteskes Déjà-vu.
»Wo willst du hin?«
Nach Hause, lag mir auf der Zunge.
»Weiß nicht«, sagte ich.

Aktenzeichen 2 B J s 498/15; 30.03., 00:09 Uhr. Der


Beschuldigte K. verlässt das Objekt und wirkt zunächst
unentschieden. Beginnt dann in westlicher Richtung zu rennen
und verfällt später in einen leichten Trab. Bewegt sich Richtung
Innenstadt.

Gehetzt lief ich durch die Nacht. Es war kalt und sternenklar, das Laufen tat
gut und ich durfte nicht stehen bleiben, weil sonst die Gedanken kämen. Ich
fühlte mich betrogen und belogen, verraten und verkauft, ich rannte.
Natürlich wusste ich, dass das Bullshit war. Denn alles, was Samira gesagt
hatte, sah ich doch eigentlich auch so. Oder hatte es so gesehen, bevor Adil
mich mit dieser Kalifatscheiße zugedröhnt hatte. Ach, noch mal Bullshit!
Das hatte er doch gar nicht. Ich hatte mich selber zugedröhnt mit
Sehnsüchten und Hoffnungen, wollte zum allerersten Mal eine richtig große
Sache richtig konsequent durchziehen. Wo ich schon nicht nach Afrika
gegangen war … ich rannte. Das Juridicum tauchte vor mir auf, blieb
zurück, sah mir bräsig nach, wie ich weiterlief, quer über die
Hofgartenwiese, auf der ich neulich gebetet hatte. Und wo ich einmal auf
einer der vielen Parkbänke gesessen und Samira angerufen, ihr von meinem
Auszug bei Liz berichtet und erklärt hatte, warum ich nicht an die Hölle
glauben mochte. Auf dieser Wiese, wo eine Generation zuvor
Hunderttausende für den Frieden demonstriert hatten. Plötzlich sah ich sie
wieder hier stehen, mitten in der Nacht auf dieser taufeuchten Wiese, aber
nicht in Jeans und Parka, mit Palituch und Transparenten voller Parolen
drauf; ich sah sie alt und bürgerlich, in Anzug und Krawatte, ernst und
ergraut, mit Aktentaschen in den Händen. Vielleicht trugen sie drunter
manchmal heimlich noch ein altes, ausgewaschenes Che-Guevara-T-Shirt,
aber wie sie mir so zusahen, mussten sie doch einsehen, dass sie alle versagt
hatten. Dass ich heute der neue Che war, jung und viril, fast denselben
Zottelbart, ein Revolutionär auf dem Weg nach Syrien oder nach Hause, um
sich vor alldem zu verstecken, ich wusste es nicht, wusste gar nichts mehr.
Ich rannte. Keine Ahnung, wie spät es war, jedenfalls brannte in Vickys
Zimmer noch Licht, es ging zur Straße raus. Liz’ und mein altes zeigten zur
Rückseite, und plötzlich hätte ich gern gewusst, ob sie alleine schlief oder
nicht und wer jetzt neben ihr wohnte. Oder an wen Ibn Ibrahim unsere
Wohnung demnächst weitervermieten würde, wenn Adil und ich in Syrien
wären – oder Adil tot und ich zu Hause. Zu Hause, was immer das sein
sollte. Ich rannte.

Aktenzeichen 2 B J s 498/15; 00:43 Uhr. Der Beschuldigte K.


betritt sein eigenes Wohnhaus.

Fast lautlos schlich ich die Treppen hoch, tappte auf Zehenspitzen in die
dunkle Wohnung und nahm Adils Autoschlüssel vom Wandbord.
Irgendwo auf meinem Handy gab es noch Musik von Body Count und
das Bluetooth-Radio in Adils altem Volvo verband sich dankbar mit
meinem Gerät, ganz froh, nicht immer bloß Rezitationen abspielen zu
müssen. Riffs krachten aus den Boxen, Double-Bass-Schläge hämmerten
gegen meinen Kopf. Tat das gut, Mann, so fucking gut!
They did everything they could do to take us out. But like any good
monster that just made us stronger. Ich klickte immer lauter, bis mir fast die
Ohren wegflogen. Cause they know we stand for three things: Truth, justice
and fuck the american way! Es war haram, es war geil, ich schaltete es
wieder aus.
Woran glaubte ich eigentlich noch?
Besser:
Wem?

Aktenzeichen 2 B J s 498/15; 01:21 Uhr. K. wechselt von


Bundesautobahn 3 auf B A B 1 in Richtung
Wuppertal/Dortmund.
»Mann, Jacko!« Barteks Stimme überschlug sich. »Dass du mich anrufst!
Was treibst du? Wie geht’s dir? Wo steckst du überhaupt?«
»Vor deiner Haustür. Bist du da? Kannst du runterkommen?«
»Natürlich bin ich da, Mann, wo soll ich denn sonst sein als im Bett?
Morgen ist Montag, falls dir das noch was sagt. Da gehen manche Leute
arbeiten.«
Oben im dritten Stock rasselte ein Rollladen und ein entgeisterter Bartek
glotzte auf mich und meine islamische Erscheinung herab. Er hielt sein
Smartphone am Ohr und rief: »Bleib, wo du bist, ich bin gleich unten bei
dir.«
Keine zwei Minuten später flog die Haustür auf und er schoss heraus,
breitete die Arme aus, hielt inne, bis ich mir einen Ruck gab, dann drückten
wir uns aneinander.
»Junge, du siehst scheiße aus«, rief er, »aber das ist mir so was von egal.
Was ist los? Machst du Schluss mit deinen Islamisten? Steigst du aus?«
»Nein. Vielleicht doch. Mann, keine Ahnung, echt nicht. Ich … ach, ich
erzähl dir einfach mal alles, vielleicht weiß ich es dann am Ende.«
»Oder ich.«
»Oder du. Wo wollen wir hingehen?«
»Wo wir immer hingehen«, sagte er.

Kurz darauf hockten wir auf einer schmalen Mauer vor der
Vierundzwanzig-Stunden-Tanke und öffneten zischend unser Dosenbier.
Meines schmeckte wie Pisse.
»Ich hab seit drei Monaten keinen Alkohol mehr getrunken«, brummte
ich. »Jetzt kommt es mir vor, als wären es drei Jahre. Oder dreißig.«
Bartek stürzte seine Dose halb auf ex, ließ einen respektablen Rülpser
hören und brummte: »Erzähl mal lieber von Anfang an.«
Das tat ich. Erzählte von Samiras wundervoller Stimme und Abu Tareks
eingängigen Botschaften. Von Adils Freundschaft und den verlockenden
Früchten von Daulad al-Islamiya, von Himmel und Hölle, Gott und den
Menschen und kam mir vor, als erzählte ich das alles nicht ihm, Bartek,
dessen Stirn immer mehr Sorgenfalten oder Falten des Nichtverstehens
warf, sondern mir selbst.
Doch auf einmal starrte er mich mit aufgerissenen Augen an und rief:
»Warte – kapier ich das richtig? Das hier, Mann, ist deine Hochzeitsnacht?«
Ich nickte und er schüttelte den Kopf.
»Das geht nicht«, meinte er, »was immer da alles scheiße sein mag bei
deinen Salafistenfreunden, aber du kannst doch nicht in deiner eigenen
Hochzeitsnacht einfach abhauen, um mit deinem alten Kumpel an der
Tanke zu sitzen.«
»Doch, siehst du ja. Außerdem … fühlt es sich gerade richtig an.«
»Wenn das so ist – dann steigst du also aus?«
»Ich … hm. Pass auf, ich frag dich was. Was fällt dir zum 11. September
2001 ein?«
»Witzbold. Die Anschläge in New York natürlich. Nine/Eleven. Soll das
eine Fangfrage sein?«
»Nee. Und du hast natürlich recht. Dreitausend Leute starben in den
Trümmern des World Trade Centers durch den Anschlag von al-Qaida. Und
jetzt sag mir bitte, was dir zum 13. Juli 1995 einfällt.«
»Puh … mal überlegen. Keine Ahnung – doch, warte mal. Klar, war da
nicht Fußball-WM ?«
»Nein, da begann das Massaker von Srebrenica in Bosnien. Während der
Jugoslawienkriege. Achttausend muslimische Männer und Jungen wurden
abgeschlachtet. Mitten in Europa. Mitten in den Neunzigerjahren. Unter den
Augen der ganzen Welt. Während U N -Soldaten tatenlos danebenstanden.
Und bis heute spricht hier niemand davon. Niemand hier erinnert sich
daran. Weil das ja nur ein paar dreckige Muslime waren, keine
Nadelstreifenschlipsträger wie im WT C in New York, für die wir jedes
Jahr am elften Neunten etliche Gedenksendungen im Fernsehen anglotzen
müssen, obwohl es gut sein kann, dass irgendwo auf der Welt ein paar
Kinder weniger verhungern müssen, seit eine Handvoll Investmentbanker in
den Türmen verreckt ist. Zwei Türme, Mann, verstehst du? Wie bei Herr der
Ringe. Ach …«
Ich schüttelte unwillig den Kopf, denn plötzlich schien es mir
Zeitverschwendung.
Bartek sah mich ängstlich an, als sei ich gerade dabei, mich in einen
Zombie zu verwandeln.
»Erinnerst du dich, wie wir Deutsch bei Siebert hatten?«, fragte ich. »An
dieses kranke Theaterstück, das wir lesen mussten? Wo es um diese
Physiker geht? Wie hieß das noch mal …«
»Die Physiker?«
»Ja – richtig. Guter Name dafür.« Ich musste lachen. »Na, jedenfalls ist
mir ein einziger Satz daraus hängen geblieben. Und der geht so: Was
einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.«
»Junge, ich kann dir kein bisschen folgen«, stöhnte Bartek. »Hör auf,
ständig das Thema zu wechseln.«
»Tu ich nicht. Es hängt einfach alles mit allem zusammen.« Ich griff
nach seiner Schulter. »Adil, der Typ, von dem ich dir erzählt habe, der sagt
immer, dass der Islam ein One-Way-Ticket ist. Und ich dachte, das wäre so
gemeint, dass man eben in die Hölle kommt, wenn man vom Glauben
wieder abfällt. Beziehungsweise, dass man in arabischen Ländern sogar
getötet wird, wenn man dem Islam den Rücken kehrt. Aber darum geht es
gar nicht. Sondern darum, dass du das, was du einmal verstanden und
erkannt hast, was du einmal erspürt und gefühlt hast … dass du das niemals
mehr rückgängig machen kannst. Weil es für immer einen Platz in deiner
Seele hat.« Es, dachte ich. Allah. Samira. Adil. »Selbst wenn ich wollte«,
schob ich nach und erhob mich. »Denn ihr wollt nicht, außer dass Allah
will, der Herr aller Schöpfung. Wa Allahu a’lam.«
Bartek machte beinah genauso ein unglückliches Gesicht wie Samira
vorhin. Alle Hoffnung war daraus gewichen. Hoffnung, ich käme zurück –
nicht unbedingt zurück nach Dortmund, aber in die Welt, aus der wir uns
kannten. Ihm war klar geworden, dass das einfach nicht ging. Und mir
auch. Ich streckte ihm die Hand hin und zog ihn auf die Beine.
»Komm schon, ich bring dich nach Hause.«
»Und du?« Es klang, als schniefte er ein bisschen. Aber er stand tapfer
auf und drückte meine Hand fest an sich. »Wohin gehst du?«
»Auch nach Hause«, sagte ich.
»Wo immer das ist«, murmelte er. »Aber du gehst nicht nach Syrien,
klar? Sonst hol ich dich persönlich zurück. Und wenn ich dafür ein
Flugzeug entführen muss.«
»Ich weiß. Aber keine Sorge. Mir kommt gerade eine sehr viel bessere
Idee. Und wenn das, inschallah, funktioniert, schicke ich dir ’ne Postkarte.«

Aktenzeichen 2 B J s 498/15; 03:17 Uhr. Der Beschuldigte K.


und die unbekannte zweite Person (männlich, ca. 18–20 Jahre
alt) trennen sich wieder. Die Lichtverhältnisse lassen keinen
Schluss darüber zu, ob etwa Gegenstände ausgetauscht
wurden. Die unbekannte Person geht zurück ins Haus, der
Beschuldigte K. besteigt wieder das Kfz.

Es gibt ja keine Zufälle. Als der Himmel langsam von Schwarz zu Blau zu
wechseln begann, als die Sterne einer nach dem anderen verblasst waren bis
auf den Morgenstern, der einsam, eisig und edel über dem Horizont stand,
flog am Rand der Autobahn ein Schild vorüber, das auf den nächsten
Rastplatz hinwies. Nicht irgendeiner, sondern der, auf dem Adil an jenem
Morgen gebetet hatte. Ich hielt an, stieg aus und sog die Luft ein. Es war so
bitterkalt wie damals, aber die Luft schmeckte anders. Nicht mehr nach
Herbst und Gärung, Frost und Dunkelheit. Ich schmeckte Frühling und
Neubeginn. Dabei besaß ich noch nicht einmal einen Schlüssel zu Samiras
kleiner Wohnung. Aber wenn ich Glück hatte, wartete sie auf mich. Bevor
ich wieder ins Auto stieg, zückte ich mein Portmonee. Ich holte die beiden
Hälften des Fotos von Liz und mir heraus und warf sie in den Wind. Dann
fuhr ich – heim.

Aktenzeichen 2 B J s 498/15, 05:22 Uhr. Der Beschuldigte K.


betritt wieder das Objekt, in dem die Wohnung der Schwester
des Beschuldigten H. liegt. Keine weiteren Vorkommnisse.
Anlass und Zweck der Fahrt nach Dortmund sind vorerst nicht
zu ermitteln.
83. Tag

Kämpfen und Töten ist wie Schwimmen oder Fahrradfahren – hast


du’s einmal gelernt, dann verlernst du’s niemals wieder. Jedenfalls
nicht während so eines »Urlaubs«.

Seit einer Woche sind wir jetzt hier in Iraq unterwegs und es kommt
mir vor, als hätte ich nie was anderes gemacht. Das Dorf, wo wir
waren, als ich vor einer Woche meinen letzten Eintrag hier ins Buch
gemacht habe, das haben wir erst erfolgreich verteidigt und sind dann
weitergezogen, danach wurde es aber doch erobert und wir mussten
umkehren und es zurückerobern, was uns aber nicht gelungen ist,
denn bevor wir es einnehmen konnten, wurden wir fortgerufen und
kämpften woanders weiter. Ich habe leider den Überblick verloren.
Aber den hat anscheinend niemand so richtig.
Manche sagen, wir würden vorrücken und könnten bald auf Bagdad
zustoßen, während andere behaupten, wir seien eigentlich auf dem
Rückzug und könnten uns schon glücklich schätzen, bis zum Winter
noch Mossul zu halten.

Letzteres flüstert man natürlich nur. Aber die Stimmung wird


schlechter. Einige Brüder reagieren gereizt, werden immer aggressiver
und grausamer. Andere lassen sich verunsichern. Max zum Beispiel.
Ich glaube, er überlegt inzwischen sogar abzuhauen. Vielleicht will er,
dass ich mit ihm komme, aber er traut sich nicht, es offen zu sagen.
Gestern raunte er irgendwas von wegen, ob man nicht einen Plan B
haben müsste und so. Ich hab ihn aber ignoriert. Du weißt ja, dass ich
keinen Plan B habe.

Und ich meine – selbst wenn hier einer abhauen will: Wohin soll man
gehen und wie? Als Ausländer hast du schnell verkackt und gerätst
zwischen die Fronten. Und müsstest am Ende noch Allah dafür
danken, wenn dich die Schiiten massakrieren, bevor deine eigenen
Leute dich wieder einfangen …
Wobei ich auch wieder mal gar nicht sicher bin, gegen wen wir da
eigentlich in den letzten Tagen alles gekämpft haben – schiitische
Milizen, irakische Armee, angeblich auch Spezialeinheiten aus dem
Iran. Seit ich im Krieg bin, hab ich auf viele, viele verschiedene Leute
geschossen – bloß war kein einziger wirklich Ungläubiger darunter.
Nur Leute, die wir Abtrünnige nennen und die sich selber als Muslime
bezeichnen würden. Das gilt selbst für die Iraner … wenn es
tatsächlich welche waren.
Ich glaube eigentlich nicht, dass in den Reihen der iranischen Quds-
Brigaden Frauen kämpfen. Wir haben aber welche gefangen
genommen. Vielleicht Kurdinnen, die sind ja inzwischen berüchtigt.
Vielleicht sind sie auch nur Zivilistinnen und waren auf der Flucht
(vor uns oder vor den anderen oder allen) und hatten das Pech, den
Brüdern in die Hände zu fallen. Es ist ehrlich gesagt total scheiße, die
halbe Nacht lang ihre Schreie hören zu müssen …

Ich habe vorhin mit Siham telefoniert und ihr davon erzählt. Sie fragte
(und ich dachte erst, die will mich verarschen!), warum ich mir denn
nicht auch eine von den Gefangenen »nehmen« würde.
Und ich sagte, na, weil ich doch halt frisch mit ihr verheiratet wäre.
Und es mich außerdem nicht anmacht, Frauen gegen ihren Willen zu
»nehmen«. Da lachte sie mich aus und meinte, ich würde mich ja
anhören wie ein Kafir. Und was ich denn für ein Mudschahid wäre,
wenn ich mir nicht die Beute greifen würde, die mir zusteht. Ich
meine – ist die pervers oder was? Wenn ich ein richtiger Mann wäre,
sagte sie, würde ich jetzt zu einem der Mädchen gehen und es ihr aber
mal so richtig Scheiß was drauf, Akhi. Das ist es echt nicht wert, hier
aufgeschrieben zu werden!

Ich hatte während der Tage in Raqqa von diesem Mann geschrieben,
den sie vom Hochhaus geworfen hatten. Der verfolgt mich immer
noch. Aber ich spüre, wie der Aufprall näher kommt.
30. März/9. Dschumada th-thaniya

Und es gehört zu Seinen Zeichen, dass Er euch von eurem Wesen


Partnerwesen erschuf, damit ihr bei ihnen Geborgenheit findet. Und
Er hat Liebe und Barmherzigkeit zwischen euch gemacht.
(Sure Ar-Rum, Vers 21)

Samiras Zimmer roch nach dem Rauch vieler Zigaretten, aber das störte
mich nicht. Es war warm neben der kleinen alten Elektroheizung, warm
zwischen all den Kissen unter all den Decken, warm an ihrer weichen Haut.
Sie war nicht böse über meine Flucht ein paar Stunden zuvor, jedenfalls
nicht sehr. Als hätte sie so was in der Art beinahe erwartet. Und nicht im
Mindesten daran gezweifelt, dass ich zurückkommen würde. Sie schob sich
auf mich und drückte ihr Becken so gegen meines, dass mein Penis in ihre
Scheide glitt.
»Warte, warte, warte«, flüsterte ich hektisch, »wir haben nicht über …
sollten wir nicht ein Kondom benutzen? Ich meine … ähm, Kondome sind
doch halal, oder? Zumindest in der Ehe.«
Sie schaute mich belustigt an, während sie sich mit den Händen auf
meiner Brust abstützte und ihren Beckenboden anspannte.
»Willst du etwa keine Kinder?«
»Doch, bestimmt – irgendwann mal. Aber jetzt? Hey, ich werde im Mai
erst neunzehn.«
»Na gut, dann halt nicht«, grinste sie, ohne von mir abzulassen. Sie
beugte sich vor zu meinem Gesicht und sagte: »Ich kenne meinen Zyklus
ganz gut. Sollte ich diese Woche schwanger werden, wäre das so was wie
ein göttliches Wunder.«
»Okay«, murmelte ich.
»Vertraust du mir nicht, Liebster?«
»Doch.«
»Verrückt.« Sie richtete sich wieder auf. »Vor Kurzem noch warst du
bereit zu töten oder zu sterben oder beides. Aber neues Leben zu zeugen,
das erschreckt dich.«
»So was Ähnliches hast du schon mal zu mir gesagt. Aber ich werde
nicht töten. Und sterben auch nicht. Jedenfalls nicht in den nächsten Jahren.
Oder Jahrzehnten. Ich gehe nicht nach Syrien.«
»Nein.«
Sie begann, ihr Becken kreisend auf meinem zu bewegen.
»Und Adil wird auch nicht gehen«, setzte ich hinzu.
»Ich weiß«, nickte sie.
»Du wirst ihn nicht in den Knast bringen«, sagte ich. »Ich werde ihn
aufhalten. Aber mit anderen Mitteln.«
»Du willst mit ihm reden?« Samira hielt inne. »Denkst du, das hätte ich
nicht schon längst getan? Es hat keinen Sinn. Er ist besessen davon, unsere
Mutter aus dem Höllenfeuer zu holen. Es gibt etliche Verse, die durchaus
Zweifel daran erwecken, dass alle Nicht-Muslime automatisch in die Hölle
kommen. Aber ihn interessiert das gar nicht, er ist komplett vernagelt. Was
willst du ihm schon sagen? Ihn hält überhaupt nichts mehr hier.«
»Kann sein.« Ich begann, mein Becken gegen ihres zu drücken. »Die
Frage ist nicht, ob er nach Syrien geht oder hierbleibt. Sondern wohin er
stattdessen geht.«
»Ach.«
»Ja. Er will doch unbedingt ins Paradies.« Ich presste meine Hände auf
ihren Po und drückte mich an sie. »Wir bringen ihn hin.«
»Bitte? Was hast du vor?«
»Eine paradoxe Intervention. Klappt immer.«
»Ich versteh kein Wort.«
»Du weißt, wie er sich das Paradies vorstellt?«
»Er hat mal was von … warte! Du willst mit Adil nach Irland?«
»Inschallah.« Meine Finger wanderten ihren Rücken hinauf zu ihrem
Nacken und fuhren durch ihr kurzes schwarzes Haar, ich zog ihren Kopf zu
mir herab und küsste sie. »Vertraust du mir nicht, Geliebte?«
»Doch«, sagte sie. »Adil vertraut dir hoffentlich auch.«
84. Tag

Lieber Ya’qub, mein Bruder. Heute schreibe ich zum letzten Mal in
dieses Buch. Mein Tod ist endgültig besiegelt und wird bald schon
sein. Gleich morgen, inschallah. Denn was ich heute getan habe, kann
durch nichts anderes mehr gesühnt werden.

Es ist unaussprechlich, aber ich muss es jemandem anvertrauen.


Solltest du tatsächlich jemals dieses Buch zurückerhalten und diese
Zeilen lesen, dann, inschallah, versuche mir zu vergeben, Akhi. Und
mache Du’a für mich.

Mir ging das Gestichel von Siham nicht aus dem Kopf. Ihr Gerede
darüber, was einen richtigen Mann ausmacht, einen richtigen
Kämpfer, einen Mudschahid. Vielleicht wollte ich ihr was beweisen
oder vielleicht auch mir selbst, keine Ahnung. (Das ist alles keine
Entschuldigung, ich weiß.)

Sie hatte überhaupt keine Angst. Oder zeigte sie nicht. Ich war
jedenfalls nicht der Erste, der zu ihr in die Hütte kam, in der sie
gefesselt war; es waren schon andere vor mir hier gewesen, das war
nicht zu übersehen. Sie drehte den Kopf zu mir und spuckte in meine
Richtung. Ihre Augen sahen wie Bernstein aus.
Na warte, dachte ich, legte das Gewehr zur Seite und zog die Hose
runter. Da fing sie an zu lachen und spuckte wieder. Ich wurde richtig
wütend. Nein, es war keine Wut. Sondern blanker Hass. Oder nackte
Angst? In ihrem Blick sah ich plötzlich all die Frauen, die ich früher
auf den Strich geschickt hatte. Die ich, wie du gesagt hast, niemals
um Verzeihung gebeten habe. Alle lachten mich aus! Ich kriegte auf
einmal richtig Panik, ich griff nach meiner Waffe, ihr Lachen kam mir
auf einmal viel bedrohlicher vor als alle feindlichen Panzer und
Drohnen. Ohne die Hose wieder hochzuziehen, richtete ich das
Gewehr auf sie und knallte sie ab. Ihr Blut spritzte auf meine nackten
Beine. Im selben Moment fühlte ich den Aufprall.

Mein
Ich konnte nicht
Wenn ich gewu
Scheiße alles.

Was tun wir den Leuten an, wenn da dieses Mädchen liegt, als hätte
sie nur auf mich gewartet? Auf irgendwen, den sie mit voller Absicht
so weit provozieren kann, dass er sie erschießt? Weil nämlich der Tod
das Allergnädigste ist, was ein Mensch, der in unsere Hände gerät,
überhaupt noch vom Leben erhoffen kann?

Mann, ich weiß nicht mal, wie sie hieß.

Ihre Augen sahen echt wie Bernstein aus.


Morgen wird wieder eine Schlacht sein. Das soll meine Stunde
werden.

Akhi, sie können dich nicht ewig einsperren, denn du hast doch gar
nichts getan. Sie werden dich gehen lassen und du wirst, inschallah,
mit Samira zusammen sein. Ihr werdet euch lieben und gemeinsam alt
werden; und vielleicht werdet ihr euren Kindern von ihrem Onkel Adil
erzählen, der so dumm gewesen ist. Und der euch trotzdem liebt.
Leb wohl, bis wir uns alle, inschallah, in Dschanna wiedersehen,
eines sehr fernen Tages.
As salamu alaikum wa rahmatullahi wa barakatuh!
31. März/10. Dschumada th-thaniya

»Übermorgen?« Ich glotzte auf die ausgedruckten Online-Tickets auf dem


Küchentisch unserer (also eigentlich nur noch Adils) Wohnung. »Wieso
schon übermorgen? Und wieso bitte« – ich nahm einen der Ausdrucke in
die Hand – »willst du ab Frankfurt fliegen statt Köln/Bonn? Über Kiew?
Mit Ukraine International Airlines? Du hattest doch für Sonntag was bei
Germanwings gebucht.«
»Genau.« Adil nickte zufrieden. »Und das weiß bestimmt auch unser
Stalker Hagenkord. Deshalb hat Mert diese Flüge für uns klargemacht. Ich
weiß – das kommt jetzt kurzfristig. Und ich hoffe, du hattest immerhin eine
tolle Hochzeitsnacht.« Er grinste.
»Adil, ich … hm … hör zu, Adil. Ich komme nicht mit.«
Das Grinsen fiel aus seinem Gesicht.
»Und du wirst auch nicht fliegen«, fuhr ich fort. »Das ist alles eine
große Sünde. Niemandem wird damit geholfen. Nicht der weltweiten
Umma, nicht den Menschen in Syrien. Nicht den gefolterten Kindern. Und
nicht deiner Mutter.«
Entsetzt wich Adil vor mir zurück, als hätte er Angst vor einer
Ansteckung. »A’udhu billahi minasch-Schaitan-ir-Radschim!«, schrie er.
»Ich suche Schutz bei Allah vor dem verfluchten Schaitan!«
»Hey!« Ich hatte auch geschrien. »Ich bin nicht der Schaitan, ich bin
Jakob, dein Freund! Ya’qub, dein Bruder! Den du vor vier Monaten aus der
Scheiße gezogen und vor zwei Tagen zu deinem Schwager gemacht hast.
Und der dir sagt, dass du haargenau dem Schaitan auf den Leim gehst,
wenn du der schwarzen Fahne dieses falschen Kalifen folgst!«
»Das sind gar nicht deine Worte, sondern Samiras«, entgegnete er. »Sie
hat dich umgedreht!«
»Bullshit, Mann. Du weißt, dass ich die ganze Kalifatsnummer von
Anfang an nicht gut fand. Okay, es hat mich auch fasziniert – und eigentlich
war ich so weit, da hinzugehen. Vor allem weil … ach, scheiß was drauf.
Ich bin gerade noch rechtzeitig zur Vernunft gekommen, Akhi. Und du
kannst das auch.«
»Nee, Akhi.« Sein Blick war plötzlich völlig leer. »Meine Vernunft tickt
anders als deine. Und das weißt du. Du nennst es Sünde, aber für Allah zu
sterben, kann niemals Sünde sein.«
»Denk an all diese Videos, die wir gesehen haben!«, beschwor ich ihn.
»Wir haben uns das wie Snuffmovies reingezogen. Als wär’s ’ne bekackte
Mutprobe für zwei Fünfzehnjährige in der hintersten Schulhofecke. Aber
jetzt willst du da mitten rein. Wo sie dir den Kopf absäbeln, wenn du an ’ner
Kippe ziehst. Wo sie Schwule von den Hochhäusern werfen, weil sie
schwul sind.«
»Na und?«, blaffte er. »Wenn sie’s verdient haben.«
»Bullshit. Wo steht das im Qur’an? Und wenn es tausendmal haram
wäre, einem anderen Mann den Schwanz zu lutschen, dann ist es trotzdem
noch zehntausendmal schlimmer, ihn deswegen von einem Hochhaus zu
stürzen. Und das sind keine Jugendsünden der Revolution, wie du das
genannt hast. So was wächst sich nicht aus. Angeblich haben das
dreiundreißig auch welche gedacht, dass sich das noch auswächst. Das mit
Hitler und den Nazis.«
Adil schnappte nach Luft, lief rot an, kontrollierte sich, kam langsam
runter und sagte fast tonlos: »Sobald in einer Diskussion einer mit Hitler
um die Ecke kommt, sollte man das Thema beenden. Alte Internet-
Weisheit.« Fast ruhig nahm er eines der Flugtickets, zerriss es, wie einst Liz
unser Foto zerrissen hatte, und warf es auf den Boden. Was ein sinnloses
Symbol war, solange man so ein Ticket immer wieder neu ausdrucken kann.
»Warum packst du nicht einfach deine Sachen, die noch in deinem
Zimmer sind, und verziehst dich?«, fragte er schließlich. »Und vergiss das
hier nicht.« Er hielt mir die Kladde hin, dieses Notizbuch, das ich mir zwei
Wochen zuvor gekauft hatte und das aus irgendeinem Grund auf der
Fensterbank liegen geblieben war. »Da wolltest du deine Erlebnisse und
Gedanken festhalten, weißt du noch? Jetzt kannst du darin meinetwegen
lustige Alltagsanekdoten von dir und Samira aufschreiben.«
Ich nahm es aus seiner Hand und legte es auf den Tisch.
Leise sagte ich: »Du hast mir von deinem früheren Leben erzählt, Akhi.
Von den Frauen, und dass du jeden Tag Allah um Vergebung anflehst für
das, was du ihnen angetan hast. Aber ich frage mich – hast du jemals eine
dieser Frauen gesucht und mit ihr gesprochen? Hast du jemals eine dieser
Frauen um Verzeihung gebeten, anstatt es ganz allein mit Gott
auszumachen?«
Er schüttelte den Kopf.
»Diese Frauen können mir nicht vergeben«, flüsterte er. »Nur Allah kann
das. Und er wird es, wenn ich den Weg gehe, der mir bestimmt ist.«
Was war ich doch für ein Riesenidiot! Hatte ich ernsthaft gedacht, ich
könnte hier hereinspazieren, ihm von meinem Sinneswandel erzählen und
ihn einfach so umstimmen? Weil es doch verdammt noch mal möglich sein
musste, dass er genauso zur Besinnung kam wie ich?
Adil war nicht ich und ich nicht Adil. Ich hatte nie im Knast gesessen
und meine Mutter schmorte nicht in der vermeintlichen Hölle, sondern
hockte in ihrer Doppelhaushälfte in Dortmund. Die intensive Nähe unserer
gemeinsamen Monate hatte lange darüber hinweggetäuscht, dass da ein
Graben zwischen uns klaffte. Schon an dem Abend in der Dönerbude am
Bahnhof war mir das klar gewesen. Da hatte ich ihn ja beinahe um seine
Erfahrungen beneidet, um seine Radikalität und Entschiedenheit. All das
hatte ich in Gedanken fortgeschoben, war treuherzig hier aufgelaufen in der
Überzeugung, dass Allah mir im richtigen Moment die richtigen Worte
eingeben würde. Doch anscheinend wollte Allah mir die Mühe nicht
abnehmen, mir selber was auszudenken.
Ich sah Adil eine Weile an, ohne etwas zu erwidern. Dann öffnete ich das
Buch, lauschte dem Knistern der Blätter und atmete den Duft der
unbeschriebenen Seiten ein. Schließlich holte ich einen Stift und setzte
mich an den Küchentisch, schlug das Buch vorne auf und strich über den
Knick.
Adil lehnte mit verschränkten Armen am Kühlschrank und beobachtete
mich missmutig. Ich schrieb: Bismillahi rahmani rahim, alles Lob gebührt
Allah. Nur E R kennt den Weg, den du nun gehen wirst. Ein Plan B war mir
plötzlich in den Sinn gekommen und ich glaubte felsenfest, dass er
funktionieren würde. Er musste einfach. Ich schrieb: Falls es nicht der ist,
den du erwartest, Akhi, dann vertraue auf I HN . Ich mache Du’a für dich,
Bruder.
Ich klappte das Buch zu, stand auf und gab es ihm. Er sah mich fragend
an.
»Mein Abschiedsgruß an dich, Akhi«, sagte ich. »Nimm es mit und
schreibe hinein, was dir einfällt. Für dich. Und vielleicht, inschallah, für
mich. Wer weiß, was geschehen wird. Vielleicht hat Allah ganz andere
Pläne mit dir. Und eines Tages wirst du mir das Buch zurückgeben und ich
kann darin lesen.«
Er zögerte, dann nahm er es an sich.
»Aber – kein Rumgepose, okay?«
»Okay.«
»Wie kommst du eigentlich nach Frankfurt?«, fragte ich.
»Wie schon? Mit der Bahn.«
»Ich könnte dich hinfahren«, sagte ich. »Mit deinem Wagen.«
»Wieso das?«, fragte er misstrauisch.
»So kann ich dich wenigstens ein kurzes Stück begleiten. Also …
symbolisch, gewissermaßen. Ich möchte, dass wir als Freunde
auseinandergehen, Adil. Ich möchte mich nicht heute schon von dir
verabschieden. Nicht so. Verstehst du?«
Er sah mich lange an, dann nickte er zögerlich.

»Wie ist es gelaufen?«, wollte Samira wissen, als ich heimkam zu ihr.
»Nicht gut.«
»Er zieht also das echte Paradies einem Trip auf die grüne Insel vor,
hm?«
»Ach, Kacke!«, schimpfte ich. »Ich bin ja gar nicht dazu gekommen,
ihm das vorzuschlagen. Das hätte überhaupt keinen Sinn gehabt. Jetzt hilft
tatsächlich nur noch Gewalt.«
»Wie ich’s gesagt habe«, nickte sie. »Also machen wir’s auf meine Art.«
»Nein, anders. Pass auf, das ist mein Plan: Ich hole ihn ab, wir steigen in
seinen Volvo und ich fahre ihn – vermeintlich! – nach Frankfurt zum
Flughafen. Wir fahren also erst mal ganz in Ruhe los. Und zwischendurch
biete ich ihm was zu trinken an. Etwas, das ihn sanft einschlummern lässt.
Wenn er wach wird, sind wir schon auf der Fähre. Du kommst natürlich
nach. Damit er keinen Verdacht schöpft.«
»Nö, ist klar.« Sie lachte bitter. »Das wird nicht funktionieren. Eine
Entführung, das ist ja fast romantisch. Nein, ich rufe jetzt diesen Hagenkord
an. Und dann ist es ausgestanden.«
»Das darfst du nicht tun!«, rief ich. »Noch haben wir Chancen.«
»Ja, so hauchdünn wie Spinnweben. Wenn die ihn jetzt festnehmen, was
wollen sie ihm groß vorwerfen? Ich glaube nicht, dass er lange im Knast
bleibt. Aber lange genug, um nachzudenken. Was sind denn ein paar
Monate oder meinetwegen Jahre, wenn man dafür am Leben bleibt?«
»Und was ist das für ein Leben, wenn man weiß, dass man von denen
verraten wurde, die einem am liebsten sind?«, fragte ich zurück. »Ich werde
das durchziehen. Ich werde fahren. Und wenn du die Bullen anrufst, dann
werden sie mich vielleicht auch einkassieren. Also lass es lieber.«
»Männer! Subhan Allah!« Sie raufte sich die raspelkurzen Haare. »Mit
euch hat man nur Ärger. Okay.« Sie seufzte tief. »Mach halt dein Ding,
inschallah. Aber ruf mich zwischendurch an, wo ihr seid und ob alles
klappt. Ich schwöre dir – sobald irgendwas nicht nach Plan läuft oder ich
für mehr als eine Stunde nichts von dir höre, rufe ich Hagenkord an. Klar?«
»Deal«, sagte ich. »Inschallah.«
85. Tag

Subhan Allah … zu sterben ist anscheinend viel schwieriger, als man


sich das so vorstellt.

Ich war immerhin noch nie so nah dran wie jetzt.

Da war diese Granate, sie landete direkt vor Max’ Füßen.

Ich wusste, sie war für mich bestimmt. Ich stieß ihn zur Seite und war
bereit für Dschanna.

Aber ich habe das räudige Ding überschätzt.

Jetzt sitze ich wieder im Lager. Wobei man das vielleicht nicht
wirklich als »sitzen« bezeichnen kann, denn ich hab keine Beine mehr.

Dabei tut es verrückterweise kaum weh. Sie sagen, das käme vom
Schock. Aber sie haben mich auch mit irgendwelchen Drogen
vollgepumpt.

Nasreddin sagte, ich hätte zwei Möglichkeiten. Ich könnte zurück nach
Raqqa, zu Siham, gesund werden, mir Prothesen machen lassen und
einen Job in der Verwaltung anfangen. Mit allen gebührenden Ehren.
Ich meine: Die Brüder hier singen am Lagerfeuer schon Heldenlieder
über mich. Adil Hafiz al-Alamani, der sich für seinen Bruder geopfert
hat …

Die andere Option wäre, die Sache hier konsequent zu Ende zu


bringen. Auch Krüppel könnten noch nützlich sein, hat mir Nasreddin
erklärt. Und dafür hab ich mich entschieden. So werden sie mir
morgen einen Sprengstoffgürtel umbinden und mich damit irgendwo
absetzen, wo ich dem Feind als scheinbar leichte Beute in die Hand
fallen soll.

Alles, was ich dann noch tun muss, ist, einen kleinen Knopf zu
drücken. Kinderspiel, meint Nasreddin. Da kann man nichts falsch
machen. Das würden auch Achtjährige locker hinkriegen. (Und jeder
hier weiß, dass er das nicht theoretisch meint …)

Morgen also.
2. April/12. Dschumada th-thaniya

Nach dem Fadschr-Gebet hatte ich mich wie vereinbart auf den Weg
gemacht, während das Blau des Morgengrauens einem zaghaften Orange
Platz machte. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, als ich ein letztes Mal die
Straße entlanglief, in der ich für ein knappes halbes Jahr zu Hause gewesen
war. Wo fast spießermäßig die Rollläden unserer Wohnung herabgelassen
waren und der Volvo vorschriftsmäßig in einer Parklücke unweit der
Haustür stand.
Niemand öffnete auf mein Klingeln.
Mit pochendem Herzen nestelte ich meinen Hausschlüssel hervor,
stürmte die Treppen nach oben und platzte in die Wohnung. All seine
Sachen waren verschwunden. Adil hatte sogar den Kühlschrank abgetaut.
Nur der Schlüssel für den Volvo lag noch auf dem Wandbord im Flur.
Auf dem Weg nach draußen zog ich das Handy aus der Hosentasche und
wählte seine Nummer. Kein Signal, keine Mailbox mehr, bloß not
available. Samira. Ruf mich zwischendurch an, wo ihr seid und ob alles
klappt. Ich tippte auf ihre Nummer und dann den Anruf gleich wieder weg,
sprang ins Auto und warf das Handy auf den Beifahrersitz. Daneben landete
ein kleiner Rucksack mit etwas Proviant. Tee in einer Thermosflasche war
auch dabei. Es war ziemlich einfach gewesen, K.-o.-Tropfen aufzutreiben.
Im Internet findet man schließlich alles. Ich fragte mich bloß, ob Hagenkord
und diese Leute das vielleicht auch mitgekriegt hatten und welche Schlüsse
sie daraus zogen. Aber das war im Moment völlig irrelevant, denn ich
musste Adil finden. Erst auf der Autobahn fiel mir ein, dass sie ihn
vielleicht schon festgenommen hatten. Dass er vielleicht gar nicht ohne
mich aufgebrochen war, sondern längst schon in irgendeinem fensterlosen
Raum vernommen wurde. Aber nein – die Wohnung war offenbar ganz in
Ruhe verlassen worden, sorgsam und planvoll, als ob jemand für längere
Zeit in Urlaub führe. Wieder versuchte ich ihn anzurufen. Noch immer not
available. Ich drückte aufs Gas. Der Volvo war alt, hatte aber einen starken
Motor. Gründonnerstag – der Reiseverkehr zum Osterwochenende würde
erst am Nachmittag einsetzen. Jetzt flog ich unter der orangen
Morgendämmerung über die A3 nach Süden, den Zugvögeln entgegen, die
gerade nach Hause kamen. Subhan Allah, was für bescheuerte Gedanken
einem durch den Kopf gehen. Adil musste mich durchschaut haben. Aber
mir blieb noch die Chance, ihn am Flughafen abzufangen. Ich musste ihn
bloß finden und irgendwie dazu kriegen, mit mir ins Auto zu steigen. Heute
Abend könnten wir schon in Wales auf der Fähre nach Irland einchecken.
Und morgen früh wären wir da, auf der grünen Insel, dem Abglanz seines
Paradieses. Ich hatte die Route herausgesucht; zwar ohne irgendetwas zu
buchen, mir aber Autobahnen, Fähren, Hotels eingeprägt und fühlte mich
gut vorbereitet. Samira und ich hatten Sachen gepackt und verabredet, dass
ich sie abholen käme, sobald Adil eingeschlafen war. Bloß saß der jetzt
nicht neben mir, sondern schlurfte vermutlich irgendwo über die endlosen
Gänge zwischen dem I C E -Bahnhof und jenem riesigen Kosmos des Rhein-
Main-Flughafens, wo ich mich als Kind mal fast verlaufen hatte und wo
man niemanden auf gut Glück fand. Ich musste den Check-in von Ukraine
International finden und mit etwas Glück vor ihm da sein. Hätte ich das
verdammte Ticket wenigstens dabei, könnte ich durchs Gate und er würde
mir beim Boarding nicht entkommen. So aber schien alles auf Messers
Schneide zu stehen. Dass er im selben Augenblick in seinem Bus saß, auf
dem Weg von Sofia zur bulgarisch-türkischen Grenze, wäre mir niemals
eingefallen. Ich rief ihn wieder an. Not available. Ich versuchte, schon mal
nach dem richtigen Terminal zu googeln, aber man soll ja nicht am Steuer
eines Wagens mit dem Smartphone herumfummeln, schon gar nicht bei
Tempo hundertachtzig. Es hatte keinen Sinn, ich musste mich auf die Straße
konzentrieren und zuckte zusammen, als das Gerät in meiner Hand zu
brummen anfing. Samira rief an. Ich legte das Handy weg. Es brummte
weiter. Ich musste drangehen, denn andernfalls war sie imstande, sofort bei
Hagenkord anzurufen.
»Wie läuft’s bei euch?«, fragte sie. »Schläft er schon?«
»Ähm …«
»Was!«
»Er ist nicht im Auto. Und sein Handy ist aus. Er … warte bitte und hör
mir zu, bevor du irgendwas unternimmst.« Und so redete ich auf sie ein.
Flehte sie geradezu an, mir noch diese Chance zu lassen, ihn am Flughafen
zu finden. »Er kommt nicht in dieses Flugzeug«, beschwor ich sie, »zur Not
schlag ich ihn k.o.« Unwillkürlich musste ich an die Begegnung mit den
Hools denken. Natürlich hatte Adil sein Messer nicht im Handgepäck, aber
auch ohne seine Waffe war ich ihm körperlich hoffnungslos unterlegen. Ich
brauchte einen guten Trick, um ihn wieder heraus- und ins Auto zu locken.
Und mir blieb eine geschätzte halbe Stunde Zeit für einen guten Plan C.
»Samira«, sagte ich. »Kannst du mal im Internet nachschauen, in welchem
Terminal der Abflug von UI A ist? Und wo man da parken kann?«
»Von mir aus«, sagte sie unwillig.
»Und leg nicht auf«, rief ich und ging in eine scharfe Kurve, klemmte
das Handy zwischen Ohr und Schulter ein, um einen Gang herunterschalten
zu können. »Hey, bist du noch dran?«
»Natürlich. Also … Terminal 2, Bereich D, Ebene 2. Hier steht auch
eine Telefonnummer. Ich könnte anrufen, unter einem Vorwand, vielleicht
können die ihm was sagen, das ihn warten lässt?«
»Super Idee.« Ich schoss aus der Kurve, schaltete wieder hoch, bretterte
in eine Baustelle, nahm notgedrungen Gas weg. Jetzt von der Polizei
rausgewinkt zu werden, wäre der Super-GAU . »Aber was könnte das
sein?«
»Keine Ahnung.« Sie seufzte. Dann sagte sie: »Es hat doch keinen Sinn.
Jakob, Liebster, du hast es versucht. Komm zurück. Ich rufe die Polizei an.«
»Nein, warte!«, schrie ich. »Tu es nicht! Und leg nicht auf.« Ich
klammerte mich an den Gedanken, dass ich einfach nur weiterreden musste.
Solange sie mit mir verbunden war, konnte sie schließlich niemanden sonst
anrufen. »Der Flug geht um elf, Samira. Wir haben noch genug Zeit, bevor
du die Reißleine ziehen musst.«
»Das hier ist kein Spiel«, rief sie. »Wir haben einen Deal, schon
vergessen? Und du – komm jetzt zurück. Sonst schnappen sie dich auch
noch. Wer weiß, was sie dir vorwerfen würden. Nach deren Auslegung
machst du dich bestimmt allein schon schuldig, weil du am Flughafen
auftauchst.«
»Quatsch«, meinte ich und drückte das Gaspedal wieder durch,
drängelte einen Audi zur Seite und zog die Karre auf zweihundert hoch. Die
Warnbaken der Baustellenmarkierung blitzten im Stakkato an meinem
Seitenfenster vorbei, haarscharf am Seitenspiegel entlang, ich musste das
Lenkrad fester packen. Meine Hände waren schweißnass. »Ich hab nicht
mal Gepäck dabei, geschweige denn ein Ticket, die können nicht glauben,
dass ich fliegen will. Leg jetzt nicht auf! Bitte!«
»Doch. Und komm zurück.«
Weg war sie. Ich drückte das Gaspedal ins Bodenblech.

Und rief sie erst wieder an, als ich den Wagen für schlappe vierzig Euro in
einem Parkhaus abgestellt hatte und im Shuttlebus zum Terminal gondelte.
»Wo bist du jetzt?«, fragte sie grußlos.
»Hast du es getan?«, fragte ich zurück.
»Ja.«
Ich wollte sie schon wegdrücken. Aber dann sagte ich noch schnell: »Ich
melde mich wieder. Inschallah.«
Ich steckte das Handy weg und ließ die Blicke der Schlipsträger an mir
abprallen, die um mich herum in diesem Shuttlebus saßen und krampfhaft
versuchten, aus dem Fenster zu sehen und nicht den Typen mit
Islamistenbart und schwarzen Klamotten anzustarren. Mein kurzes
Telefonat war mindestens filmreif gewesen. Vielleicht fragten sie sich
bangen Herzens, ob ich es auf einen ihrer Flüge abgesehen hatte. Unter
anderen Umständen hätte ich diesen Auftritt genießen können.

Aktenzeichen 2 B J s 498/15; 02. April, 07:56 Uhr. Der


Beschuldigte K. betritt Terminal 2 des Frankfurter Flughafens.
Allein. Hinweise zum Verbleib des Beschuldigten H. liegen
weiterhin nicht vor. Die Schwester des H. hat sich unterdessen
telefonisch mit den Sicherheitsbehörden in Verbindung gesetzt.

Der Check-in-Schalter würde erst in einer Stunde öffnen. Die aufgehende


Sonne flutete das Gebäude durch riesenhafte Fenster und tauchte mich und
alles in eigentümliches Gegenlicht, als liefe ich durch eine Galerie uralter
gelbstichiger Fotos. Zwei Bundespolizisten mit Schutzweste und
Maschinenpistole patrouillierten an mir vorüber und hielten konzentriert
Ausschau. Ich glaubte nicht, dass sie nach Adil suchten, denn ich konnte
mir nicht vorstellen, dass Hagenkord und seine Kumpels vom BKA derart
schwere Geschütze auffahren würden, um einen einzelnen Ausreisewilligen
zu stellen. (Dieses Wort hatte doch ohnehin etwas unfreiwillig Komisches,
es klang eher nach Fernsehdokus über den Untergang der D DR als nach
Terroristen des einundzwanzigsten Jahrhunderts.) Sie hielten Ausschau nach
etwas Unbestimmtem, denn unsere Regierung pflegte den islamischen
Terrorismus als abstrakte Gefahr für Deutschland zu bezeichnen. Und nach
abstrakten Gefahren ist vermutlich schwer Ausschau zu halten. Vielleicht
liefen die beiden auch bloß hier herum, damit die friedlichen Bürger sich
sicher fühlen konnten. Plötzlich stellte ich mir vor, ihre MP s wären
Spielzeugwaffen, denn die Schutzwesten erinnerten mich an jene bunten
Leibchen, die man beim Training oder im Sportunterricht trägt oder bei
einem Geländespiel. Und war es nicht das, was die Faszination des
Dschihad ausmachte, überlegte ich plötzlich, dass er wie ein gigantisches
Räuber-und-Gendarm-Spiel daherkam?
Ich hatte mal was über die Banalität des Bösen gelesen. Da ging es um
die industrielle Arbeitsteilung des Holocaust, die dermaßen bürokratisch
durchorganisiert war, dass der Einzelne sich nicht mehr persönlich als
Mörder fühlen musste, sondern bloß als ein kleines Rädchen im Getriebe,
der einfach irgendwelche Befehle ausführt, ohne für irgendwas
verantwortlich zu sein. Vermutlich kann man auch nur auf diese Weise mal
eben sechs Millionen Leute ermorden, ohne dass sich die Beteiligten
querstellen. Und vermutlich war das ein Kennzeichen des vorigen
Jahrhunderts, dass das Töten immer technischer und abstrakter wurde – erst
das Gas in den Gräben des Ersten Weltkrieges und dann in den
Todeskammern von Auschwitz, dann die Atombomben, Biowaffen und so
weiter, und bestimmt wird es eines Tages sogar möglich sein, mithilfe des
Internets ganze Völker auszulöschen. Wie anders kämpfte da der Islamische
Staat, der das Töten wieder physisch und konkret gemacht hatte, blutig und
dreckig, archaisch, authentisch irgendwie. Und trotzdem nicht weniger
banal, im Gegenteil. Seine Gewalt war posermäßig, affig und vulgär. Was
auch meine Religion vulgär erscheinen ließ, und plötzlich empfand auch ich
Samiras Wut und verstand ihre Kompromisslosigkeit. Ich verstand bloß
nicht, wieso ich tatenlos in der Schalterhalle stand, den schwer bewaffneten
Polizisten nachsah und meine Gedanken ziehen ließ, anstatt irgendetwas zu
unternehmen.
Es war nichts mehr zu unternehmen. Ich drehte mich um, wusste noch
gar nicht, wozu oder wohin ich nun gehen würde, wurde vom Licht der
Sonne geblendet, die jetzt genau auf Augenhöhe vor den riesigen Fenstern
des Terminals stand, und sah mich drei anderen Polizisten gegenüber, die
zwar keine Maschinenpistolen trugen, aber auch nicht nach abstrakten
Gefahren suchten. Sondern nach mir. Ein vierter Mann, ohne Uniform,
schob sich vor die Sonne, sodass aus dem gleißenden Gegenlicht ein
Gesicht hervortrat. Es gehörte Hagenkord.
»Guten Morgen, Herr Kuhn. Sie sind dringend tatverdächtig der
Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung.« Er
räusperte sich. »Herr Kuhn, Sie sind festgenommen.«
Cizre (Türkei), 29. Juli

As salamu alaikum, Akhi, hier schreibt „Max“.


Ja, du wunderst dich sicher, von mir zu lesen. Aber da du Adils
Aufzeichnungen bis hierher verfolgt hast, weißt du auch, dass er mir
kurz vor seinem Tod das Leben gerettet hat. (Eigentlich sogar
zweimal, aber dazu nachher.) Auch deshalb sah ich es als meine
Pflicht an, dieses Buch an mich zu nehmen und es zu bewahren.
Denn darum hat er selber mich gebeten, keine fünf Minuten, bevor
er starb. Das war, als Nasreddin und ein anderer Bruder ihm schon
den Sprengstoffgürtel angelegt hatten. Der Plan war ja, dass sie ihn
ein paar Kilometer Richtung Feindesland fahren und dort
zurücklassen würden, damit es so aussah, als hätten wir ihn auf
dem Rückzug von irgendeinem Gefecht einfach liegen lassen
müssen. Und wenn dann die Feinde kämen, um ihn gefangen zu
nehmen, sollte er sich mit ihnen in die Luft sprengen.
Da saß er also auf der Pritsche eines Pick-up, mit seinen zerfetzten
Beinen, die notdürftig von blutigen Verbänden umwickelt waren,
und wartete, dass es losging. Er wirkte ein bisschen wie weggetreten.
Sicher hatten sie ihm noch mal was gegeben. Gegen die Schmerzen.
Und damit er es sich nicht im letzten Moment anders überlegt. Aber
als Adil sich zu mir drehte, waren seine Augen seltsam klar. Er sagte
zu mir, da sei dieses Buch in seinem Rucksack, und dass ich es
verwahren und es irgendwann, wenn inschallah Gelegenheit dazu
wäre, nach Deutschland schicken solle. Zu dir.
Ich sagte: Klar, inschallah mache ich das, Akhi.
Und er sagte: Geh jetzt sofort in unsere Hütte und nimm das Buch.
Und ich fragte: Was ist denn jetzt so eilig, ich will mich
verabschieden von dir …
Aber er sagte wieder: Geh jetzt sofort in die Hütte, Mann, und nimm
das Buch an dich.
Und weil es ihm anscheinend so wichtig war und er mich so krass
dabei ansah, ging ich halt. Und während ich mich umdrehte, hörte
ich noch, wie er zu Nasreddin und dem anderen Bruder sagte: Zeigt
mir noch einmal ganz genau, wie man das Ding hier auslöst.
Und in dem Moment, wo ich die Hütte betreten hatte, knallte es. Der
lauteste Knall, den ich je gehört habe (und wir waren ja im Krieg,
da hat man schon so einiges knallen gehört). Seitdem hab ich so ein
Pfeifen im Ohr, das einfach nicht weggeht.
Aber ansonsten bin ich unverletzt geblieben. Während sich die
Nägel und Metallsplitter und all das Zeug, das Nasreddins
Bombenbauer in den Gürtel eingenäht hatten, in die Lehmwände
der Hütte bohrten, hatte ich mich auf den Boden geworfen und
nichts abgekriegt.
Es dauerte aber eine ganze Weile, bevor ich mich traute
rauszukriechen. Das Blutbad draußen war unbeschreiblich. Keine
Ahnung, wie viele Brüder dabei mit draufgegangen sind, wie viele
weitere schwer verletzt worden sind. Das halbe Lager war verwüstet.
Irgendwo sagte jemand was von wegen schrecklicher Unfall.

Ich stand mitten im Chaos, mitten in einer einzigen, riesigen


Blutlache, presste das Buch an mich und brauchte ein paar
Augenblicke, um zu kapieren, dass genau jetzt der Moment war, den
Allah – subhanahu wa-ta’ala – mir gesandt hatte. Der Moment,
abzuhauen.

Ich will dich, Ya’qub, nicht langweilen mit den Geschichten, wie ich
mich nach Norden durchschlug und irgendwann über die Grenze in
die Türkei kam. Es war nicht leicht, aber ich hatte Glück. Und vor
allem war ich nicht allein. Ich traf andere Kämpfer, nee – Ex-
Kämpfer müsste man sagen, die alle auf der Flucht waren.
Ich glaube, das Kalifat beginnt allmählich, an seinen Rändern
auszufransen. Auch ein paar Deutsche sind dabei, die wie ich die
Nase voll haben. Und wir diskutieren immer wieder, wo wir jetzt
hinkönnen.
Ein paar überlegen, sich der Nusra anzuschließen oder einer
anderen Rebellengruppe. Aber die meisten wollen einfach nur nach
Hause. Ich auch. Doch wir wissen, dass sie uns daheim erst mal in
den Knast stecken. Warum eigentlich? Wir haben uns doch zu
Hause überhaupt nicht strafbar gemacht. Ich meine – wollen die
uns in Deutschland bestrafen für Sachen, die wir in Sham gemacht
haben und die nach den Gesetzen des Kalifats rechtmäßig waren?
Nicht nur rechtmäßig, sondern unsere Pflicht? Ich meine – wenn
aus Sicht des Kalifats gewisse Sachen nun mal gemacht werden
mussten, war es doch besser, wenn Ruhe und Ordnung herrschten
und alles klappte. Dabei haben wir eben geholfen. Und hey, wir sind
ja wohl noch verdammt jung und waren leicht zu beeinflussen, oder
nicht? Wenn du diesen Nasreddin gekannt hättest, Akhi, wie der
einen manipulieren konnte …
Wie auch immer – es ist vorbei. Ich würde dir dieses Buch gern
persönlich übergeben. Aber wie gesagt, ich weiß noch nicht, wohin
mit mir. Deshalb bringe ich es nachher zur Post.
Klar, ich hätte es nicht lesen dürfen. Es geht mich schließlich nichts
an. Alles ist nur für deine Augen bestimmt. Aber ich konnte nicht
widerstehen. Und ich habe eine Stelle, nur eine einzige, klitzekleine
Stelle unkenntlich gemacht.
Jetzt aber genug der Worte. Ich werde dieses Buch nun schließen
und einpacken und zur Post bringen und es wird dich inschallah
erreichen, wo immer du dann bist.
As salamu alaikum wa rahmatullahi wa barakatuh!
Meine Gedanken sind klar und ruhig wie ein Bergsee. Ich war noch nie in
den Bergen, aber so stell ich’s mir vor. Ich könnte da jetzt hinfahren, denn
heute ist der Tag, an dem sie mich rauslassen. Ich kann überall hinfahren. In
die Berge oder nach Irland.
Ich habe Adils Tagebuch viermal gelesen.
Das erste Mal hastig.
Das zweite Mal traurig.
Beim dritten Mal wütend.
Zum Schluss ganz leer.
Ein Drittel des Buches umfasst seine Geschichte, bevor sie mit Max’
Eintrag endet. Zwei Drittel des Buches sind noch frei.
Unbeschriebene Seiten.
Möglichkeiten.

Ich zucke zusammen, als der Schlüssel rasselnd von außen ins Schloss der
Zellentür gestoßen wird. Anklopfen ist hier einfach nicht üblich. Daran hab
ich mich in all der Zeit nicht gewöhnen können. Brauche ich jetzt auch
nicht mehr. Ich erhebe mich.
Wenig später trage ich wieder meine eigenen Klamotten auf der Haut und
auf dem Rücken einen kleinen Rucksack. Darin kaum mehr als eine leere
Thermosflasche. Und ein Notizbuch. Die Ampel neben der Sicherheitstür
springt von Rot auf Grün, es summt. Es summt für fünf Sekunden. So lange
hab ich Zeit, die Tür aufzudrücken und hindurchzuschreiten in den Rest
meines Lebens.

Samira trägt dieselben roten Docs wie bei unserer allerersten Begegnung.
Aber statt des strengen Schleiers von damals hat sie heute ein helles Tuch
um den Kopf gebunden. Es flattert im heißen Spätsommerwind und ein
paar schwarze Haarspitzen schauen neugierig hervor. Sie sind länger
geworden. Viel länger, glaube ich sogar, denn seltsamerweise wird mir jetzt
erst klar, dass ich beinahe fünf Monate meines Lebens im Knast verbracht
habe. So lange haben sie gebraucht, um einzusehen, dass ich kein Mitglied
des Islamischen Staates bin – und auch niemals war. Höchstens beinahe.
Als hilfreich erwies sich für meine Verteidigung, dass Moritz/Walid/Max
nur für zwei Nächte bei uns geschlafen hat. Das reicht wohl nicht aus, um
als dritte Person durchzugehen. Aber für eine anständige Terrorzelle muss
man von Gesetzes wegen zu dritt sein. Zwei können anscheinend keine
Zelle bilden.
Zwei können sich ansehen, küssen, umarmen, lange aneinander
festhalten. Ich atme Samiras Duft.
Wir sprechen gar nicht, während wir zum Parkplatz gehen. Dort steht
der Volvo mit dem belgischen Kennzeichen. Der geräumige Kofferraum
und die Rückbank sind angefüllt mit allem, was wir beiden überhaupt
besitzen.
»Wie geht es den anderen?«, frage ich. »Abu Tarek und allen?«
»Keine Ahnung«, sagt sie und hält mir die Beifahrertür auf. »Ich bin
nicht mehr dabei.«
Ich steige ein. Sie umrundet den Wagen, lässt sich auf dem Fahrersitz
nieder und sieht mich an.
»Wohin möchtest du nun?«, fragt sie.
»Weiß nicht.« Ich zucke mit den Achseln. »Steht nicht eh alles seit
Jahrtausenden aufgeschrieben?«
»Klar«, lächelt sie. »Trotzdem müssen wir selber entscheiden. Wie wär’s
für den Anfang mit Irland?«
»Das wäre wirklich ein guter Anfang«, nicke ich. »Inschallah.«
»Wann auch immer ihr die schwarzen Fahnen seht, bleibt auf euren
Sitzen und bewegt weder eure Hände noch Füße. Danach werdet ihr
eine kraftlose unbedeutende Schar sehen. Ihre Herzen werden wie
Eisenstücke sein. Sie werden die Herrschaft haben. Sie werden weder
einen Vertrag noch ein Abkommen einhalten. Sie werden zur Wahrheit
aufrufen, doch sie werden nicht die Leute der Wahrheit sein. […]
Dieser Zustand wird anhalten, bis sie untereinander streiten. Danach
wird Gott die Wahrheit hervorbringen durch wen auch immer Er
will.«

Ali ibn Abi Talib, Schwiegersohn des Propheten und vierter Kalif
(nach Überlieferung von Nu’aim ibn Hammad)
Glossar

Akhi: (Glaubens-)Bruder
al-Fatiha: 1. Sure des Koran, zugleich Anfang des rituellen Gebets
Alhamduhillah: Gott sei Dank!
Allahu akbar!: Gott ist groß!
al-Sham: Szene-Bezeichnung für Syrien
al-Wala wa’l-bara: Loyalität und Lossagung (Ideologie des
Dschihadismus)
As salamu alaikum (wa rahmatullahi wa barakatuh): Friede sei auf
dir (und Gottes Erbarmen und Segen)
Asr: Gebet vor Sonnenuntergang
Bai’a: Treueeid
Bismillahi rahmani rahim: Im Namen des barmherzigen Gottes
Da’wa: »Ruf zum Islam«; Verbreitung des Glaubens
Dar al-Kufr: Land der Ungläubigen (der »Westen«)
Daulad Al-Islamiya: Eigenbezeichnung des sog. I S
Dschahannam: Hölle
Dschanna: Paradies
Dschellaba: Ein langes Gewand
Dschihad: Grundsätzlich: Anstrengung (im Glauben), auch:
(bewaffneter) Kampf (eigentlich zur Verteidigung)
Du’a: Bittgebet
Fadschr: Gebet vor Sonnenaufgang
Fatwa: Eine Art religiöses Rechtsgutachten
Fitna: Kann sowohl Versuchung oder Prüfung als auch Spaltung oder
Verwirrung bedeuten
Hadithe: Überlieferte Berichte zu Taten und Aussagen Mohammeds
hala: Dinge/Handlungen, die nach islamischem Recht erlaubt sind
haram: Dinge/Handlungen, die nach islamischem Recht verboten sind
Hidschra: Eigentlich die Auswanderung Mohammeds von Mekka
nach Medina, hier Szene-Ausdruck für die Teilnahme am I S
Hijab: Schleier
Huri/s: Paradiesmädchen
Imam: Religiöser Lehrer, Vorbeter oder Oberhaupt einer Gemeinde
Inschallah: So Gott will/hoffentlich
Ischa’: Nachtgebet
Kafir/Kuffar: Ungläubige (Einzahl/Mehrzahl)
Maghrib: Gebet nach Sonnenuntergang
makruh: Dinge/Handlungen, die nicht verboten aber verpönt sind
Maschallah!: Ausruf der Bewunderung – sinngemäß: Wow! Toll!
Mudschahid/Mudschahidin: Eigentlich jemand, der sich für den
Glauben einsetzt. Im Dschihadismus Selbstbezeichnung von
Kämpfern oder Terroristen (Einzahl/Mehrzahl)
Murtad/Murtaddin: Abtrünnige (Einzahl/Mehrzahl)
Niqab: Gesichtsschleier
Peschmerga: Kurdische Streitkräfte
Qibla: Die Richtung des Gebets nach Mekka
Qur’an: Koran, die heilige Schrift des Islam
Salafisten/Salafismus/Salafiyya: Ultra-konservative Strömung des
Islam, die sich nach eigenen Angaben auf die frühesten Muslime
bezieht
Salam aleikum: Begrüßung: Friede sei mit dir!
Schahada: Das islamische Glaubensbekenntnis
Shaitan: Teufel
Subhan Allah!: Ausruf des Erstaunens – sinngemäß: O MG !
Subhanahu wa-ta’ala: Vollkommen und erhaben ist er (Nachsatz bei
der Nennung Gottes, Abkürzung: swt)
Sunna: Ungefähr: sich an der Lebensweise Mohammeds orientieren
Takbir: Bedeutet ungefähr: »Allahu akbar« sagen
Ukhti: (Glaubens-)Schwester
Wa Allahu a’lam: Und Gott weiß es am besten
Wali: Kann einen Vormund bezeichnen oder einen Anführer
Yallah, yallah: Los, Beeilung!
Zina: Der Begriff kennzeichnet Geschlechtsverkehr zwischen
Menschen, die nicht verheiratet sind, als Sünde
Über Christian Linker

Christian Linker, geboren 1975, lebt mit seiner Familie in Leverkusen. Er


studierte Theologie und machte Jugendpolitik, bevor er sich ganz dem
Schreiben widmete. Seine bei dtv erschienenen Romane wurden vielfach
ausgezeichnet, u.a. war ›RaumZeit‹ für den Deutschen Jugendliteraturpreis
nominiert.
Mehr Informationen finden sich unter: [Link]
Impressum

Die im vorliegenden Roman erzählte Geschichte ist fiktiv. Etwaige


Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder Ereignissen sind
unbeabsichtigt

Zu diesem Band gibt es ein Unterrichtsmodell unter [Link]/lehrer


zum kostenlosen Download.

Ungekürzte Ausgabe
4. Auflage 2023
2017 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
© 2015 dtv Verlagsgesellschft GmbH & Co. KG, München
Umschlagbild und -gestaltung: Lisa Höfner
Lektorat: Beate Schäfer

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eBook-Herstellung im Verlag (04)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-71723-6

I S B N ( E P UB ) 978-3-423-42928-3

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