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1.2 Das Prinzip Der Mengenbildung: Grundbereich Grundmenge

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10 1 Mengen

1.2 Das Prinzip der Mengenbildung


Die Erklärung, die CANTOR für eine Menge gegeben hat, wollen wir in der folgenden
Weise verstehen: Alle diejenigen Objekte, auf die irgendeine Aussage 1 oder
Eigenschaft zutrifft, lassen sich zu einer Menge zusammenfassen. Diese Menge, das ist
entscheidend, wird jetzt als ein einziges neues Objekt betrachtet.
Aus dem Zusammenhang lässt sich im Allgemeinen auch immer erkennen, aus
welchem Grundbereich (oder aus welcher Grundmenge) G die Objekte für die
Mengenbildung genommen werden. Bei Mengen, die aus Zahlen bestehen, kann man
z. B. die Menge R der reellen Zahlen oder die Menge N der natürlichen Zahlen als
Grundmenge wählen. Bei Punktmengen wird oft die Menge aller Punkte einer
Geraden, einer Ebene oder des Anschauungsraumes als Grundmenge zugrunde gelegt.
Um eine Menge M durch eine Eigenschaft zu beschreiben, ist wesentlich, dass für
jedes Objekt des Grundbereiches G die Frage, ob dieses Objekt die betreffende
Eigenschaft besitzt, eindeutig mit „ja“ oder „nein“ beantwortet werden kann.
Allgemeiner gesagt: Wird in der Aussageform H(x) die Variable2 x durch ein konkretes
Objekt aus G ersetzt oder durch einen Quantor 3„gebunden“, so entsteht in jedem Fall
eine Aussage, also etwas, das entweder wahr oder falsch ist. Statt „ist wahr/ist falsch“
sagt man auch „gilt/ gilt nicht“. Genauer fordern wir das
Prinzip der Mengenbildung: Für alle diejenigen Objekte x, auf die eine gegebene
Aussageform H(x) zutrifft, gibt es stets eine Menge M, die genau jene x als
Elemente besitzt.
Man bezeichnet gewöhnlich Mengen mit großen lateinischen Buchstaben A, B, ..., M,
N, ..., X, Y, ... und ihre Elemente mit kleinen lateinischen Buchstaben a, b, ..., x, y, ...
Gegebenenfalls versehen wir sie mit einem Index (M1, M2, ..., a1, a2, ...).

Die grundlegende Relation4 der Mengenlehre ist die Elementbeziehung. Sie bringt
zum Ausdruck, dass ein Objekt x Element einer Menge M ist:
x Î M (gelesen: „x (ist) Element von M“ oder „x gehört zu M“).
Dabei ist Î der typisierte kleine Anfangsbuchstabe Epsilon des griechischen Wortes
(= ist); diese Schreibweise stammt von GIUSEPPE PEANO (1858 – 1932). Um aus-
zudrücken, dass für ein Objekt x und eine Menge M die Elementbeziehung nicht
zutrifft, schreiben wir:
x Ï M (gelesen: „x (ist) nicht Element von M“ oder „x gehört nicht zu M“).
Statt des Zeichens Ï benutzen manche Autoren auch das Zeichen  .

1
Unter einer Aussage verstehen wir ein sprachliches oder formelmäßiges Gebilde, dem man entweder den
Wahrheitswert wahr oder den Wahrheitswert falsch zuordnen kann. Aussageformen haben die Gestalt von
Aussagen, enthalten aber freie Variablen. Werden die freien Variablen durch Elemente der Grundmenge G
ersetzt, geht eine Aussageform in eine Aussage über.
2
variare (lat.) = verändern; über variabilis (spätlat.) zu variable (altfranz.) = veränderlich.
3
Zum Begriff Quantor s. Kap. 1.6, S. 18.
4
Zum Begriff Relation s. Kap. 2, S. 54ff.
3 Kapitelüberschrift

Beispiel 1.1: Durch die folgenden Mengen werden einige Schüler aus der Gesamtheit
der Schüler einer Schule herausgehoben:
a) Die Menge der Schülerinnen und Schüler einer bestimmten Klasse, etwa der 7a.
b) Die Menge der Mädchen der Klasse 7a.
c) Die Menge der Jungen der Klasse 7a, die Mitglieder des Schulchores sind.
Beispiel 1.2: Wir bilden Mengen, indem wir Elemente x mit der Eigenschaft H(x)
zusammenfassen:
a) H(x) bedeute, x ist eine natürliche Zahl. Mit N bezeichnen wir dann die Menge aller

natürlichen Zahlen5.
b) H(x) bedeute, x ist eine Primzahl 6. Mit P bezeichnen wir dann die Menge aller
Primzahlen. Die Zahl 2 ist sowohl ein Element der Menge N als auch der Menge P.
Dafür schreibt man also kurz: 2 Î N bzw. 2 Î P.
c) H(x) bedeute, x ist eine ungerade natürliche Zahl. Mit U bezeichnen wir dann die
Menge aller ungeraden natürlichen Zahlen. Da die Zahl 2 eine gerade (und damit
keine ungerade) Zahl ist, gilt 2 Ï U.
d) H(P) bedeute, P ist ein Punkt der Ebene, dessen Koordinaten x und y die Gleichung
x2 + y2 = 4 erfüllen. Die Menge aller Punkte P mit dieser Eigenschaft bildet dann
einen Kreis k um den Ursprung des Koordinatensystems mit dem Radius 2.
Die einzelnen Zahlbereiche bezeichnen wir wie folgt 7:
N  Menge aller natürlichen Zahlen 5
N*  Menge aller von null verschiedenen natürlichen Zahlen
Z  Menge aller ganzen Zahlen
Z  {x | x Î Z und x £ 0} = Menge aller nichtpositiven ganzen Zahlen
Q  Menge aller rationalen8 Zahlen
Q+  {x | x Î Q und x ³ 0} = Menge aller gebrochenen Zahlen oder Bruchzahlen 9
R  Menge aller reellen Zahlen
R+  {x | x Î R und x ³ 0} = Menge aller nichtnegativen reellen Zahlen
R  {x | x Î R und x £ 0} = Menge aller nichtpositiven reellen Zahlen
R*  {x | x Î R und x ¹ 0} = Menge aller von null verschiedenen reellen Zahlen
R+;* {x | x Î R und x > 0} = Menge aller positiven reellen Zahlen
R(;*  {x | x Î R und x < 0} = Menge aller negativen reellen Zahlen
C  Menge aller komplexen10 Zahlen

5
Unter Einschluss der Null.
6
numerus primus (lat.) = Zahl erster Art (im Unterschied zu numerus compositus (lat.) = zusammengesetzte
Zahl oder Zahl zweiter Art); primus (lat.) = erster, vorderster.
7
Die Schreibweise der geschweiften Klammern samt Mengenoperator {x | ...} wird in Kap. 1.4, S. 14, erklärt.
8
rationalis (lat.) = vernünftig.
9
In der Schule wird Q+ deshalb oft auch mit B bezeichnet.
10
complexus (lat.) = vielschichtig, allseitig.

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