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PNF in der Praxis

Math Buck
Dominiek Beckers
Susan S. Adler

PNF in der Praxis


Eine Anleitung in Bildern

7., vollständig überarbeitete Auflage

Mit 222 Abbildungen in 646 Teilabbildungen

123
Math Buck
Beek, Niederlande

Dominiek Beckers
Maasmechelen, Belgien

Susan S. Adler
Chicago, IL, USA

ISBN-13 978-3-642-37813-3 ISBN 978-3-642-37814-0 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-642-37814-0

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;


detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über [Link] abrufbar.

Springer Medizin
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1988, 1993, 1996, 2001, 2005, 2010, 2013
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Über-
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anderer Literaturstellen auf ihre Richtigkeit überprüft werden.

Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne be-
sondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Marken-
schutzgesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürfen.

Planung: Marga Botsch, Heidelberg


Projektmanagement: Birgit Wucher, Heidelberg
Lektorat: Volker Drüke, Münster
Projektkoordination: Heidemarie Wolter, Heidelberg
Umschlaggestaltung: deblik Berlin
Fotonachweis Umschlag: © Math Buck
Satz: Fotosatz-Service Köhler GmbH – Reinhold Schöberl, Würzburg

Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier

Springer Medizin ist Teil der Fachverlagsgruppe Springer Science+Business Media


[Link]
V

Danksagung

Unser Dank geht an die Direktion von Adelante, Rehabilitationszentrum Hoensbroek und
insbesondere auch an Lisan Scheepers für ihre Mitwirkung als Modell und an Ben Eisermann
für die Bearbeitung der Zeichnungen.

Wir danken allen unseren Kollegen, den internationalen PNF-Instruktoren und »last but not
least« unseren Patienten, ohne deren Mitarbeit es nicht möglich gewesen wäre, dieses Buch zu
veröffentlichen. Und wir widmen das Buch Maggie Knott, unserer Lehrerin und Freundin,
ihren Patienten ergeben, ihren Studenten verpflichtet, eine Pionierin auf ihrem Gebiet.

Maggie Knott

M. Buck
D. Becker
S. S. Adler
Sommer 2013

jLiteratur
Als besonders lesenswert und hilfreich empfehlen die Autoren folgende Bücher zum Thema
PNF:

Götz-Neumann K (2003) Gehen verstehen, Ganganalyse in der Physiotherapie. Thieme, Stuttgart


Hedin-Andén S (2002) PNF – Grundverfahren und funktionelles Training. Urban & Fischer, München
Horst R (2005) Motorisches Strategietraining und PNF. Thieme, Stuttgart
Knott M, Voss DE (1968) Proprioceptive Neuromuscular Facilitation, patterns and tech »niques, 2nd ed. Harper &
Row, New York
Voss DE, Ionta M, Meyers B (1985) Proprioceptive Neuromuscular Facilitation, patterns and techniques. 3rd ed.
Harper & Row, New York
Sullivan PE, Markos PD, Minor MAD (1982) An Integrated Approach to therapeutic Exercise, Theory and Clinical
Application. Reston Publishing Company, Reston, VA
Sullivan PE, Markos PD (1995) Clinical decision making in therapeutic exercise. Appleton and Lange, Norwalk,
CT
Website IPNFA: [Link]
VII

Vorwort zur 7. Auflage

PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation) ist eine Philosophie und eine Behand-
lungskonzept. Die PNF-Philosophie ist zeitlos, und das PNF-Konzept entwickelt sich konti-
nuierlich weiter.

Seit 1940 ist PNF eines der meist anerkanntesten Behandlungskonzepte innerhalb der Physio-
therapie. Nachdem Dr. Herman Kabat und Margaret (Maggie) Knott 1947 nach Vallejo, Kali-
fornien gezogen waren, starteten, entwickelten und verbreiteten sie dieses Konzept mit seinen
Techniken und Prinzipien. 1953 schloss sich Dorothy Voss dem Team an. Gemeinsam schrie-
ben Maggie und Dorothy das erste Buch über PNF, das 1956 veröffentlicht wurde.

Anfangs wurden hauptsächlich Patienten mit Multipler Sklerose und Poliomyelitis nach die-
sem Konzept behandelt. Mit zunehmender Praxiserfahrung wurde deutlich, dass das Konzept
auch für viele Patienten mit anderen Krankheitsbildern effektiv anwendbar war. Heute werden
nicht nur neurologische, sondern auch Patienten mit orthopädischen und traumatischen
Krankheitsbildern, Erwachsene und Kinder nach diesem Konzept behandelt.

Die 3- und 6-monatigen Kurse in Vallejo begannen in den 50er Jahren. Physiotherapeuten aus
der ganzen Welt kamen nach Vallejo, um die theoretischen und praktischen Aspekte des PNF-
Konzeptes zu erlernen. Später waren Maggie Knott und Dorothy Voss inner- und außerhalb
der Vereinigten Staaten auf Reisen, um Einführungskurse zu geben.

Als Maggie Knott 1978 starb, wurde ihre Arbeit in Vallejo von Carolyn Oei Hvistendahl wei-
tergeführt; nach ihr wurde Hink Mangold die Direktorin des PNF-Programmes. Tim Josten
ist der heutige Direktor. Auch Sue Adler, Gregg Johnson und Vicky Saliba haben als Lehrende
des PNF-Konzeptes die Arbeit von Maggie weitergeführt. Sue Adler hat dem von der Interna-
tional PNF Association (IPNFA) herausgegebene Programm zur Ausbildung von Instruktoren
gestaltet und diesem seine Form gegeben.

Die Autoren sind diesen herausragenden Persönlichkeiten zu viel Dank verpflichtet, wie auch
allen Mitgliedern der International PNF Association (IPNFA), und sie hoffen, dass noch vie-
le andere angeregt werden, diese Arbeit weiterzuführen.

Entwicklungen des PNF-Konzeptes finden in der ganzen Welt statt und werden aufmerksam
verfolgt; heute ist es möglich, fast überall in der Welt Kurse unter Leitung von qualifizierten
Instruktoren zu besuchen.

Es gibt mehrere hervorragende Bücher, die sich mit dem PNF-Konzept beschäftigen. Wir
waren dennoch der Meinung, dass es einer allumfassenden Ausgabe mit illustrierten prakti-
schen Anleitungen im Text bedurfte.

Dieses Buch sollte als ein praktischer Führer gesehen werden, den man in Kombination mit
Textbüchern benutzen kann. Es beinhaltet die Prinzipien, Techniken und Muster des PNF-
Konzeptes und bezieht die praktische Behandlung des Patienten, besonders die Arbeit auf der
Matte, Gangschule und »Aktivitäten des täglichen Lebens« (ADL) mit ein. Zwei Aspekte ha-
ben die Autoren in ihrem Buch betont – zum einen die Entwicklung und das Verständnis der
VIII Vorwort zur 7. Auflage

Prinzipien, auf denen das PNF-Konzept basiert, zum anderen die praktische Visualisierung
der Muster und Aktivitäten anhand vieler Abbildungen.

Zusammenfassend ist es ein Anliegen der Autoren,


4 das PNF-Konzept und die Anleitungen für das praktische Üben der PNF-Techniken an-
schaulich zu vermitteln und Physiotherapieschüler wie auch praktizierende Therapeuten
in ihrem PNF-Training zu unterstützen,
4 eine Uniformität in der praktischen Behandlung zu erreichen und
4 die neuesten Entwicklungen des PNF-Konzeptes in Wort und Bild darzustellen.

Die Geschicklichkeit, um die Prinzipien und Aktivitäten an Patienten anzuwenden, kann man
nicht nur aus einem Buch erlernen. Die Autoren empfehlen, dass Lernende das Lesen dieses
Buches mit praktischem Üben kombinieren, unter Führung einer Person, die die praktischen
Skills beherrscht.

Bewegung ist der Weg zu Interaktion mit unserer Umgebung. Diese Interaktionen werden
ermöglicht durch die Mechanismen des motorischen Lernens (»motor learning«). Die Inte-
gration der Prinzipien des motorischen Lernens bringt die Entwicklung von einer »hands-
on«- zu einer »hands-off«-Behandlung mit sich, und dieser Ansatz wird beim Wiedererlernen
von zielorientierten funktionellen Aktivitäten und Selbständigkeit verfolgt. Basierend auf dem
schon bestehenden, aber ungenutzten Potenzial aller Patienten ist es das Ziel des Therapeuten,
diese Reserven zu mobilisieren: Der Patient soll sein individuelles höchstes Maß an Aktivitä-
ten erreichen können, um letztendlich das höchste Maß an Partizipation zu erreichen. Beson-
ders in der ersten, der kognitiven Phase der motorischen Kontrolle kann der Therapeut den
Patienten durch manuelle Fazilitation unterstützen, dieses Ziel zu erreichen. Ziele werden auf
allen Ebenen gesetzt, betreffend Körperstrukturen und -funktionen, Aktivität und Partizi-
pation.

Diese erneuerte siebte Ausgabe beschreibt die Prinzipien des ICF-Modells (Internationale
Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit, WHO 2001), Aspekte
des motorischen Lernens und der motorischen Kontrolle (u.a. von »hands-on«- zu »hands-
off«-Handling) und wie diese in das moderne PNF-Assessment (Klärung, Planung und Ein-
leitung eines Weges für eine schnelle und nachhaltige Wiedereingliederung in das soziale
Leben) und in die Behandlung integriert werden können.

Kapitel 14, »Aktivitäten des täglichen Lebens«, wurde um neue Abbildungen und detaillierte
Anleitungen erweitert. Das neue Design und Layout wie auch die Farbabbildungen heben
deutlich die strukturierte Abfolge hervor, in der Philosophie, Grundprinzipien, Behandlungs-
muster und Aktivitäten des PNF-Konzeptes dargestellt werden. Somit präsentiert dieses Buch
einen systematischen und einfach verständlichen Weg, um die praktischen Anwendungen
und Behandlungsmöglichkeiten von PNF erlernen und verstehen zu können.

M. Buck
D. Becker
S. S. Adler
Sommer 2013
IX

Die Autoren

Math Buck
4 Seit 1972 Physiotherapeut und seit 1984 IPNFA-Instruktor
4 Seit 2002 Senior Instructor, 2004 für sein langjähriges Engagement
für das weltweite PNF zum Ehrenmitglied der IPNFA ernannt
4 Mehr als 37 Jahre Erfahrung mit Patienten mit vorwiegend
spinaler neurologischer Symptomatik und zahlreiche zusätzliche
Ausbildungen auf dem Gebiet der Physiotherapie, die er in seinen
Kursen nutzt
4 Math Buck ist Ko-Autor von zwei weiteren Büchern über die
Behandlung von Patienten mit Querschnittslähmung

Dominiek Beckers
4 1975 Master in Physiotherapie, Bewegungswissenschaft und
Rehabilitation an der Universität Leuven, Belgien
4 Seit 1975 Tätigkeit als Physiotherapeut im Hoensbroeck
Rehabilitations-Zentrum, Niederlande
4 Seit 1984 internationaler PNF-Instruktor, IPNFA
4 Tätigkeit als Fachlehrer für PNF in Deutschland
4 Dominiek Beckers ist Autor einiger Bücher und Artikel

Susan Adler
4 Examen in Physiotherapie an der Northwestern University,
Chicago, Illinois
4 Master of Science in Physiotherapie an der University of Southern
California, Los Angeles
4 1962 PNF-Ausbildung am Kaiser Foundation Rehabilitations-
Zentrum in Vallejo, Kalifornien
4 Danach Zusammenarbeit mit ihrer Lehrerin Maggie Knott
4 Sie ist internationale PNF-Instruktorin, IPNFA, und entwickelte
und leitete PNF-Kurse in den USA und Europa
Inhaltsverzeichnis

1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
M. Buck
1.1 Positionierung des PNF-Konzepts in der modernen ganzheitlichen Behandlung . . . . 2
1.2 PNF: Definition, Philosophie, neurophysiologische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . 11
1.3 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13

2 PNF-Behandlungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
M. Buck, D. Beckers
2.1 Optimaler Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
2.2 Irradiation und Verstärkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
2.3 Taktiler Stimulus (Manueller Kontakt) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
2.4 Körperstellung und Körpermechanik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
2.5 Verbaler Stimulus(Verbales Kommando) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
2.6 Visueller Stimulus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
2.7 Traktion und Approximation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
2.8 Stretch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
2.9 Timing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
2.10 PNF-Patterns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
2.11 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33

3 Techniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
D. Beckers
3.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
3.2 Rhythmische Bewegungseinleitung (»Rhythmic Initiation«) . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
3.3 Agonistische Umkehr (»Reversal of Agonists«) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
3.4 Antagonistische Umkehr (»Reversal of Antagonists«) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
3.5 Wiederholter Stretch (»Repeated Stretch«/»Repeated Contraction«) . . . . . . . . . . . . 46
3.6 Anspannen – Entspannen (»Contract Relax«) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
3.7 Halten – Entspannen (»Hold Relax«) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
3.8 Replikation (»Replication«) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
3.9 Anwendungsbereiche der verschiedenen Techniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
3.10 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57

4 Befundaufnahme und Behandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59


M. Buck
4.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
4.2 Befundaufnahme (Evaluation) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
4.3 Hypothesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
XI
Inhaltsverzeichnis

4.4 Tests für Einschränkungen auf struktureller Ebene, auf Aktivitätsebene und
Anpassung an die Behandlung (Assessment) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
4.5 Behandlungsziele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
4.6 Planung und Ausführung der Behandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
4.7 Re-Test für Veränderungen der Schädigungen und Einschränkungen der Aktivitäten 66
4.8 Behandlungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
4.9 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69

5 PNF-Patterns zur Fazilitation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71


D. Beckers
5.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
5.2 Die PNF-Patterns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
5.3 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77

6 Schulterblatt und Becken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79


M. Buck, D. Beckers
6.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
6.2 Anwendung in der Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
6.3 Behandlungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
6.4 Schulterblattpatterns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
6.5 Beckenpatterns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
6.6 Symmetrisch-reziproke und asymmetrische Kombinationen . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
6.7 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102

7 Obere Extremitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103


D. Beckers
7.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
7.2 Behandlungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
7.3 Flexion – Abduktion – Außenrotation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
7.4 Extension – Adduktion – Innenrotation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
7.5 Flexion – Adduktion – Außenrotation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
7.6 Extension – Abduktion – Innenrotation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
7.7 Thrust- und Withdrawal-Kombinationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
7.8 Bilaterale Armpatterns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
7.9 Variationen der Ausgangsstellung des Patienten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
7.10 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144

8 Untere Extremitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145


M. Buck
8.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
8.2 Behandlungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
8.3 Flexion – Abduktion – Innenrotation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
XII Inhaltsverzeichnis

8.4 Extension – Adduktion – Außenrotation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155


8.5 Flexion – Adduktion – Außenrotation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
8.6 Extension – Abduktion – Innenrotation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168
8.7 Bilaterale Beinpatterns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
8.8 Variationen der Ausgangsstellung des Patienten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
8.9 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185

9 Nacken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187
D. Beckers
9.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
9.2 Behandlungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
9.3 Indikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
9.4 Flexion nach links, Extension nach rechts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
9.5 Anwendung der Nackenpatterns zur Fazilitation der Rumpfbewegungen . . . . . . . . 197
9.6 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201

10 Rumpf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
D. Beckers, M. Buck
10.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
10.2 Behandlungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
10.3 Chopping und Lifting . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
10.4 Bilaterale Beinpatterns für den Rumpf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
10.5 Kombination der Rumpfpatterns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
10.6 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220

11 Mattenaktivitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
M. Buck
11.1 Einführung: Warum Mattenaktivitäten? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
11.2 Behandlungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
11.3 Techniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
11.4 Beispiele von Mattenaktivitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
11.5 Mattentraining: Patientenbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262
11.6 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267
Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267

12 Gangschule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
D. Beckers
12.1 Einführung: Die Bedeutung des Gehens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
12.2 Grundlagen des normalen Ganges . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
12.3 Ganganalyse: Beobachtung und manuelle Evaluation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
12.4 Theorie der Gangschule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
12.5 Vorgehensweise der Gangschule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
12.6 Praktische Anwendung der Gangschule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279
12.7 Patientenbeispiele in der Gangschule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305
XIII
Inhaltsverzeichnis

12.8 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309


Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309

13 Funktionen von Gesicht und Mund, Sprechen, Schlucken und Atmung . . . . 311
M. Buck
13.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312
13.2 Fazilitation der Gesichtsmuskulatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313
13.3 Zungenbewegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322
13.4 Schlucken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322
13.5 Sprechstörungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324
13.6 Atmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324
13.7 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328

14 Aktivitäten des täglichen Lebens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329


M. Buck, D. Beckers
14.1 Transfers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
14.2 Sich ankleiden und sich ausziehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
14.3 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336

15 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen und Antworten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337


M. Buck, D. Beckers

Serviceteil
Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 344
Stichwortverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347
1 1

Einführung
M. Buck

1.1 Positionierung des PNF-Konzepts in


der modernen ganzheitlichen Behandlung –2
1.1.1 Das ICF-Modell – 2
1.1.2 Behandlung und PNF-Konzept: Grundprinzipien und Techniken –5
1.1.3 Lernphasen – 6
1.1.4 Motorische Kontrolle und motorisches Lernen – 7

1.2 PNF: Definition, Philosophie, neurophysiologische


Grundlagen – 11
1.2.1 PNF-Philosophie – 12
1.2.2 Grundlegende neurophysiologische Prinzipien – 12

1.3 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen – 13

Literatur – 13

M. Buck et al., PNF in der Praxis,


DOI 10.1007/978-3-642-37814-0_1, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
2 Kapitel 1 · Einführung

1.1 Positionierung des schen den verschiedenen Berufsgruppen im Ge-


1 PNF-Konzepts in der modernen sundheitssektor zu vereinfachen.
ganzheitlichen Behandlung Im Befund wird dokumentiert, welche anatomi-
schen Funktionen (Gelenk- und Muskelfunktion,
In diesem Kapitel möchten wir das PNF-Konzept Tonus, Sensibilität usw.) und motorischen Fähigkei-
innerhalb der aktuellen holistischen Behandlungs- ten beim Patienten vorhanden sind, und welche
denkarten positionieren und dies mit Befunden Schädigungen (Abweichungen bzw. Verlust von
und der Behandlung unserer Patienten kombinie- Körperfunktionen und motorischen Fähigkeiten)
ren. Die klinischen Entscheidungen im Verlauf bestehen. Diese Überprüfung gibt Hinweise, welche
einer Behandlung werden zum einen durch die Aktivitäten der Patient ausführen kann. Erst an-
Erfahrung des Therapeuten und einen sorgfältigen schließend werden die nicht vorhandenen Aktivitä-
Patientenbefund mit dazugehörender Klinimetrie ten erfragt. Der Ansatz, die Aufmerksamkeit zuerst
(Messungen) bestimmt, zum anderen spielen auf die noch vorhandenen Aktivitäten zu lenken,
für das Erstellen der Behandlungsziele wissen- ist in der PNF-Philosophie verankert und wird
schaftliche Kenntnisse, z. B. über das motorische als »positive approach« bezeichnet. Abschließend
Lernen und die motorische Kontrolle, eine wichtige werden die vorhandenen Möglichkeiten der Partizi-
Rolle. Aus den Untersuchungsergebnissen wird pation des Patienten und Probleme, mit denen er in
eine Behandlung nach Kriterien der evidenz- seinem sozialen Leben konfrontiert ist, erfragt und
basierten Praxis (»evidence based practice«) abge- dokumentiert (7 Patientenbeispiel: Herr B.).
leitet. Daneben haben gesellschaftliche Normen
und Modelle Einfluss auf die Behandlung. Die Behandlungsziele
Faktoren, die für die Wahl der Therapie maß- Anschließend an die Dokumentation der vorhande-
geblich sind, und deren Integration in das PNF- nen Möglichkeiten und Probleme des Patienten
Konzept werden nachfolgend kurz beschrieben werden im Dialog mit dem Patienten (Cott 2004)
(. Abb. 1.1). die Behandlungsziele festgelegt. Es ist nicht so, dass
nur das Behandlerteam die Behandlungsziele for-
muliert (angebotsgesteuert), oder dass der Pa-
1.1.1 Das ICF-Modell tient alleine die Behandlungsziele festlegt (frage-

Befunddokumentation
Vor Beginn der Behandlung eines Patienten wird
ein ausführlicher Befund aufgenommen. Dabei soll-
te sich der Therapeut am ICF-Modell (Internationa-
le Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinde-
rung und Gesundheit) orientieren, das von der
Weltgesundheitsorganisation (WHO 2001) formu-
liert wurde (7 Kap. 4).
Das ICF-Modell ist ein Begriffsmodell (Suppé
2007; . Abb. 1.2), das mit der Zielsetzung erstellt
wurde, aus den fünf Faktoren
4 Körperstrukturen und -funktionen,
4 Aktivitäten,
4 Partizipation,
4 persönliche Faktoren und
4 Umgebungsfaktoren

eine allgemein gültige internationale Standardspra- . Abb. 1.1 Faktoren für die Wahl der Therapie und deren
che zu entwickeln, um die Kommunikation zwi- Integration in das PNF-Konzept
1.1 · Positionierung des PNF-Konzepts in der modernen ganzheitlichen Behandlung
3 1

. Abb. 1.2 ICF-Modell mit fünf Dimensionen

Case Study

Patientenbeispiel: Herr B.
Herr. B., 60 Jahre alt, Ingenieur in Sensibilitätsstörungen, vor allem in chenende zu Hause zu sein, wo er
leitender Position bei einem multi- beiden Händen, Schmerzempfin- seine Familie und Freunde empfan-
nationalen Unternehmen, leidet an dungen, ausgeprägte Ödeme an gen kann. Es zeigen sich aber auch
einer schweren Form des Guillain- den Händen, Atmungsprobleme. große Einschränkungen: Er kann sei-
Barré-Syndroms. Er ist abwartend, was die Zukunft ne Arbeit nicht aufnehmen, wegen
Als Folge der Krankheit, nach einem bringen wird. der langen Autofahrt kann er seine
langen Aufenthalt auf der Intensiv- Auf Aktivitätsniveau kann sich der Kinder und Enkelkinder nicht besu-
station, wo er langzeitig beatmet Patient im Rollstuhl mit Hilfe der Bei- chen, und Restaurantbesuche ver-
werden musste, sieht man auf der ne fortbewegen; das Übersetzen meidet er in diesem Zustand ganz.
Ebene der Körperfunktionen und vom Rollstuhl ins Bett gelingt ohne Folgende persönliche Faktoren
-strukturen Folgendes: im Rumpf Hilfe. Die Einschränkungen auf dem spielen für die Zielsetzungen eine
gute Mobilität, Muskelkraft (MFT4) Aktivitätsniveau bestehen darin, wesentliche Rolle: der soziale Status
und Stabilität. Untere Extremitäten dass Herr B. die Gehfunktion verlo- von Herrn B., sein Charakter, sein
proximal MFT 4. Er hat außerdem ren hat und bei den ADLs (Aktivitä- Alter und auch die Tatsache, dass er
eine ausgezeichnete Motivation. ten des täglichen Lebens) fast völlig schon zum zweiten Mal an einem
Es sind keine vegetativen Störungen auf fremde Hilfe angewiesen ist. Guillain-Barré-Syndrom erkrankt
vorhanden, und psychisch hat Herr Aufgrund seiner doppelseitigen ist.
B. ein klares Bewusstsein. Fazialislähmung ist seine Aus- Die externen Faktoren wie der
Auf der Ebene der Körperfunktionen sprache schwer verständlich, Essen soziale Status, die Arbeit und Hob-
und -struktur sind folgende Schädi- und Trinken sind schwierig. Auto- bys von Herrn B. bestimmen, welche
gungen vorhanden: Kraftverlust am fahren und Gartenarbeit sind nicht Anforderungen er an die Wiederher-
ganzen Körper und im Gesicht, star- möglich. stellung seiner körperlichen Funk-
ke Bewegungseinschränkungen in Auf Partizipationsniveau hat der Pa- tionsfähigkeit stellt.
den oberen Extremitätengelenken, tient die Möglichkeit, über das Wo-

gesteuert); Behandlungsteam/Therapeuten und toren (soziale Umgebung) und persönlichen Fakto-


Patient bestimmen die Behandlungsziele in gemein- ren (individueller Hintergrund) eine Rolle.
samer Absprache. Als oberstes Ziel wird das Höchst- Die mit dem Patienten gemeinsam formulierten
maß an Partizipation angestrebt, das der Patient Behandlungsziele werden regelmäßig an die aktuel-
sich wünscht, und das er erreichen kann. Neben le Situation des Patienten angepasst. Der Patient ist
diesen Faktoren spielen zudem die Umgebungsfak- aktives Mitglied und vollwertiger Gesprächspart-
4 Kapitel 1 · Einführung

Case Study Ursachen der Einschränkungen auf Aktivitätsni-


1 veau sein können. Um diese Hypothese erstellen zu
Patientenbeispiel: Herr B. können, sollte er über fundiertes Berufswissen und
SMART-Analyse von Herrn B. in Bezug auf das eine ausreichende Berufspraxis verfügen. Gleich-
Behandlungsziel völlige Selbstständigkeit:
zeitig sollte er gegenüber anderen Ideen und Hypo-
S: Zielsetzung von Herrn B. ist es, in den ADLs wieder
völlig selbstständig zu werden. thesen offen sein und diese nicht ignorieren oder im
M: Herr B. soll sich selbst waschen, an- und ausziehen Vorhinein widerlegen. Die Hypothese sollte im Ver-
können. lauf der Behandlung regelmäßig überprüft und ggfs.
A: Herr B. und das Behandlerteam erwarten, dass Herr B. geändert werden. Zudem sollte der Therapeut im-
seine ADLs letztendlich selbstständig ausführen kann.
stande sein, zum richtigen Zeitpunkt die nächstfol-
R: Es ist realistisch, dass Herr B. trotz seines
Motorik- und Sensibilitätsverlusts in seinen ADLs genden Schritte einzuleiten, um die Behandlungs-
völlig selbstständig wird. zeit so optimal wie möglich zu nutzen.
T: Der Patient sollte innerhalb von 4 Monaten der ADLs Aus den einzelnen Schritten – dem Erstellen
selbständig sein. einer physiotherapeutischen Diagnose, dem Erar-
beiten eines Behandlungsplans, der Ausführung des
Behandlungsplans und der eventuell notwendigen
ner des Behandlerteams, das aus (Reha-)Arzt, Anpassung des Behandlungsplans an die aktuelle
Physiotherapeut, Logopäde, Ergotherapeut, Pflege, Situation – ergibt sich ein zyklischer Prozess.
Psychologe, Sozialarbeiter u.a. besteht.
Die gemeinsam festgelegten Behandlungsziele Klinimetrie
sollten nach dem SMART-Prinzip formuliert wer- Um die Resultate der Behandlung zu messen und
den, und für jedes einzelne Ziel sollten Zielsetzun- damit zu objektivieren, nutzt man die Klinimetrie.
gen aufgelistet werden (7 Patientenbeispiel: Herr B.). Indem man die Resultate der therapeutischen Ar-
SMART (Oosterhuis-Geers u. Scager 2004) steht für: beit überprüft, können Veränderungen deutlich
4 S = spezifisch: Die Zielsetzung wird individuell gemacht werden. Eine Überprüfung ist notwendig,
an die Zielvorgabe des Patienten angepasst. um die Effektivität der Behandlung aufzuzeigen. In
4 M = messbar: Die Fortschritte werden anhand der folgenden Übersicht sind einige Beispiele für
der Aktivitäten und der Klinimetrie gemessen. Messungen und Tests aufgelistet.
4 A = akzeptabel: Die Zielsetzung sollte gleicher-
maßen von Patient und Behandlerteam getra-
gen werden. Objektivierung der Behandlungsresultate
4 R = realistisch: Die Zielsetzung sollte wirklich Messungen auf Ebene der Körperstrukturen
erreichbar sein. und -funktionen:
4 T = time-related: Die Zielsetzung sollte inner- 4 Muskelkraft
halb einer reellen Zeit zu erreichen sein (zeit- 4 Mobilität (Goniometer)
gebunden). 4 Sensibilität
– Diskrimination
Das Festlegen und Erreichen der Behandlungsziele – Dermatomen
erfolgt nach einem logisch strukturierten Ablauf und 4 Spastizität (Modified Ashworth Scale)
basiert u.a. auf einem Clinical-Reasoning-Vorgang. 4 Schmerzen (VAS)

Clinical Reasoning Tests auf Aktivitätsniveau:


Clinical Reasoning bezeichnet einen klinischen 4 FIM (Functional Independence Measure,
Prozess, bei dem zum einen therapeutische Kennt- funktionaler Selbständigkeitsindex)
nisse und Fertigkeiten, zum anderen Einfühlungs- 4 Barthel-Index (Index zur Bewertung von
vermögen miteinander kombiniert werden, um ein alltäglichen Fähigkeiten)
optimales Behandlungsresultat zu erreichen: Der 6
Therapeut stellt eine Hypothese auf, welches die
1.1 · Positionierung des PNF-Konzepts in der modernen ganzheitlichen Behandlung
5 1
4 Stretch,
4 Timed-Up-and-Go-Test (Aufsteh- und 4 verbaler Stimulus,
Gehtest) 4 PNF-Muster.
4 10-m-Lauftest
4 COPM (Canadian Occupational Per formance Sinnvolle Techniken sind:
Measure, klientenzentrierte Ergotherapie) 4 Dynamische Umkehr,
4 Berg Balance Scale (Test zur Bewertung 4 Kombination isotonischer Bewegungen.
des Gleichgewichts älterer Personen)
4 Jebsen-Test, van Lieshout-Test (Tests für Aktivitäten
die Handfunktion) Auf der Ebene der Einschränkungen der Aktivitäten
wird an der Verbesserung der Alltagsfunktionen
gearbeitet, z. B. dem Aufstehen, Hinsetzen, Gehen,
Treppensteigen, Gang zur Toilette, An- und Auszie-
1.1.2 Behandlung und PNF-Konzept: hen, Zähneputzen, Rasieren, ferner an der Verbes-
Grundprinzipien und Techniken serung der Sprache und am Üben von Aktivitäten,
um Hobbys wieder aufzunehmen.
Strukturen und Funktionen des Körpers Aufgabe des Therapeuten ist es, die funktio-
Auf dem Niveau der Körperstruktur und -funktion nellen Einschränkungen zu analysieren und folge-
bietet das PNF-Konzept ausgezeichnete Möglich- richtig eine Wahl zu treffen, welche Grundprinzi-
keiten, um entstandene Schädigungen (Impair- pien und Techniken angewandt werden sollen, um
ments) zu behandeln. Das PNF-Konzept kann auch die Probleme effizient zu behandeln. Das PNF-Kon-
mit anderen Techniken kombiniert werden. Die zept bietet viele Möglichkeiten. Ein PNF-Muster
Anwendungsmöglichkeiten der Grundprinzipien kann auch von den standardisierten Mustern ab-
und Techniken des PNF-Konzeptes sind vielfältig, weichen. Sollten sich die zu übenden funktionellen
wie die beiden folgenden Beispiele zeigen. Aktivitäten nicht genau in den konventionellen PNF-
Mustern, wie sie in diesem Buch beschrieben wer-
Beispiele den, wiederfinden, ist es kein Problem, die Aktivität
Koordinationsstörung so zu üben, wie der Patient sie braucht. Genutzt wer-
Wird die Schädigung auf Körperebene verursacht, den dabei die Grundprinzipien wie Widerstand, ver-
z. B. durch mangelnde Koordinationsfähigkeit, kön- baler und visueller Input, Timing, Approximation,
nen folgende Grundprinzipien genutzt werden: Stretch usw., um das gewünschte Ziel zu erreichen.
4 Führungswiderstand,
> Für das Training des Patienten, ein Glas
4 visueller, auditiver Input (Feedforward),
zum Mund zu führen, sind die PNF-Muster
4 Approximation,
Flexion-Adduktion-Außenrotation mit
4 Körperposition des Patienten.
Ellenbogenflexion oder Flexion-Abduktion-
Außenrotation mit Ellenbogenflexion
Techniken, um die Koordination zu verbessern bzw.
nicht genügend problemorientiert.
zu steuern, sind:
4 Rhythmische Bewegungseinleitung, Die Umkehrbewegung vom Radialstoß ist sicher-
4 Kombination isotonischer Bewegungen, lich das Muster, das dieser Aktivität am ehesten
4 Replikation. entspricht. Man möchte dann keine völlige Flexion-
Abduktion-Außenrotation in der Schulter fazilitie-
Muskelschwäche ren. Die Pronation im Unterarm und die Palmar-
Zur Verbesserung der Muskelkraft kommen als flexion (abwechselnd konzentrisch/exzentrisch) in
Grundprinzipien infrage: diesem Muster sind identisch mit dieser funktio-
4 Optimaler Widerstand, nellen Aktivität.
4 Approximation, Die Wahl der Ausgangsstellungen für den Pa-
6 tienten ist abhängig von dessen Zielsetzungen und
6 Kapitel 1 · Einführung

a b

. Abb. 1.3 a Phasen des motorischen Lernens (Fitts u. Posner 1967); b Fazilitation und PNF in den Phasen des motorischen
Lernens

Möglichkeiten. Dabei muss nicht grundsätzlich der 1.1.3 Lernphasen


normalen motorischen Entwicklung gefolgt wer-
den. Patienten die schon gehen können, sich aber Fitts und Posner (1967) beschreiben drei Lernpha-
noch nicht auf die Seite drehen oder aufsetzen kön- sen (. Abb. 1.3):
nen, sollte man sowohl im Stand (Gehen), wie auch 1. Kognitive Phase: Der Patient muss über jede
in Rückenlage, Seitlage und im Sitzen (Drehen und Handlung nachdenken und kann nicht gleich-
Aufsetzen) behandeln. zeitig noch eine andere Aufgabe ausführen.
2. Assoziative Phase: Der Patient versucht eine
Partizipation Lösung für das Problem zu finden. Der Thera-
Ziel der Therapie ist, dass der Patient eine optimale peut sollte zulassen können, dass der Patient
Funktionsfähigkeit auf Partizipationsniveau er- Fehler macht, um daraus zu lernen. Er kann
reicht. Die bisherigen Defizite auf der Ebene der den Patienten jedoch fazilitieren, damit dieser
Körperfunktion und Körperstruktur sind weitest- die richtige Lösung finden kann.
möglich aufgehoben, und die für den Patienten 3. Autonome bzw. automatisierte Phase: Der
wichtigen täglichen Aktivitäten wurden bereits ein- Patient braucht nicht mehr über die Lösung
geübt. Letztendlich soll der Patient die Aktivitäten der Aufgabe nachzudenken, und er kann
dort umsetzen können, wo er sie wirklich braucht: gleichzeitig mehrere Aufgaben ausführen
in seiner Alltagsumgebung, und zwar ohne Hilfe (doppelte Aufgaben).
des Therapeuten. Um diese Funktionsfähigkeit vor-
zubereiten, sollten inner- und außerhalb der Klinik Patienten, die durch eine Krankheit oder einen Un-
Situationen geschaffen werden, die den Alltagsakti- fall ernsthafte körperliche Schädigungen erlitten
vitäten ähnlich sind. Die Mittel zur Fazilitation aus haben, müssen oft mehrere Phasen durchlaufen. Es
dem PNF-Konzept können dieselben sein wie die- ist Aufgabe des Therapeuten, einzuordnen, in
jenigen für das Trainieren der ADLs. Das Gehen in welcher Phase sich ein Patient befindet, um die
der Klinik unterscheidet sich jedoch gänzlich vom Therapie optimal zu gestalten. Dafür bieten die
Gehen zu Hause, wo der Patient während des Ge- PNF-Grundprinzipien und Techniken gute Mög-
hens noch weitere Aktivitäten ausführt (Doppelauf- lichkeiten.
gaben). In der Therapie sollte man den Patienten in Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um eine
Situationen bringen, die seiner sozialen Situation Aktivität neu zu erlernen:
nahekommen bzw. entsprechen. 4 Beim deklarativen Lernen wird jede Hand-
lung zuerst genau analysiert und anschließend
geübt. Diese Lernform wird z. B. im Sport an-
gewandt, wenn man ein neues Bewegungsmus-
ter perfekt erlernen möchte. Dazu sind bis zu
3000 Wiederholungen nötig. Das Eintrainieren
1.1 · Positionierung des PNF-Konzepts in der modernen ganzheitlichen Behandlung
7 1

Case Study

Patientenbeispiel: Herr B.
Nach vielen Behandlungseinheiten Folgeschritte: dem die Stabilität in den proximalen
hat sich das passive und aktive Aus- Zuerst muss Kennzeichen 2 behan- Gelenken gewährleistet wird und
maß der Schultergelenkbeweglich- delt werden: Stabilität der Schulter sich die distalen Gelenke bewegen.
keit von Herrn B. vergrößert. Das in der gewünschten Position. An- Diese Übung kann in allen gewicht-
aktive Anheben des rechten Arms ist wendbare Grundprinzipien sind tragenden Positionen ausgeführt
jetzt möglich, er kann diese Position Approximation, Widerstand, verba- werden.
allerdings nur kurz halten. Daher ist les Kommando und manueller Kon- Zum Schluss kann Kennzeichen 4
das Ausführen der Aktivitäten Brille takt. Als Techniken kommen infrage: geübt werden: Rumpf und Schultern
auf- und absetzen, essen und trin- Stabilisierende Umkehr, Kombina- werden stabilisiert, und der Patient
ken noch nicht möglich. Die zentrale tion isotonischer Bewegungen und soll mit normaler Geschwindigkeit
Stabilität im Rumpf ist jedoch aus- Rhythmische Stabilisation. seine Brille selbständig auf- und ab-
reichend. Kennzeichen 3: Eine kontrollierte setzen.
Stabilität kann erreicht werden, in-

neuer Aktivitäten mit dem Patienten erfordert vier progressive Phasen, denen spezifische Kenn-
also eine hohe Intensität und sehr viele Wie- zeichen zugeordnet sind. Der Therapeut sollte sei-
derholungen. ne Zielsetzungen und Übungen immer an diese
4 Beim prozeduralen Lernen ist es nicht erfor- Phasen anpassen. Fehlen dem Patienten z. B. die
derlich, bewusst zu denken. Die Aktivität wird nötige Stabilität und Mobilität für eine bestimmte
erlernt, indem sie unter ständig wechselnden Aktivität, werden zuerst diese Fähigkeiten erarbei-
Bedingungen ausgeführt wird (Springen, Rad- tet, bevor eine Aktivität ausgeführt werden kann
fahren etc.). (7 Patientenbeispiel: Herr B.).

Phasen der motorischen Kontrolle


1.1.4 Motorische Kontrolle und
Die folgenden Möglichkeiten können helfen,
motorisches Lernen
seine Probleme zu erkennen und die Behand-
lung zu strukturieren:
Das Arbeiten mit den Prinzipien motorische Kont-
Mobilität: die Möglichkeit, eine Bewegung zu
rolle und motorisches Lernen fordert vom Be-
starten bzw. eine bestimmte Position einzu-
handlerteam ein lösungsorientiertes Denken in
nehmen
Bezug auf die individuellen Einschränkungen des
Stabilität: eine Position stabilisieren und die
Patienten. Diese Prinzipien sind hilfreich, um
Schwerkraft kontrollieren
nächstfolgende Behandlungsschritte einzuleiten,
Kontrollierte Mobilität: die Bewegung kann
dem Prozess des Clinical Reasonings zu folgen und
an jeder beliebigen Stelle in einer stabilen
die multidisziplinäre Zusammenarbeit zu fördern.
Lage ausgeführt werden
Motorische Kontrolle Skill: alle Bewegungen sind möglich, alle Kör-
perteile können bewegt und kontrolliert wer-
Motorische Kontrolle ist das Studium von Körper-
den (in alle Richtungen)
haltungen und Bewegungen, die von zentralen Be-
In der Behandlung passt man sich an die Mög-
fehlen und spinalen Reflexen kontrolliert werden,
lichkeiten und Bedürfnisse des Patienten an.
sowie von psychischen und physischen Funktionen,
die die Körperhaltung und die Bewegung beherr-
schen (Brooks 1986). Auch in der motorischen Ent- Auf Basis der Analyseergebnisse bzgl. der Möglich-
wicklung verläuft die motorische Kontrolle über keiten und Probleme des Patienten wählt der The-
einen fortschreitenden Prozess oder Schritteplan. rapeut unter Beachtung der aktuellen Phase der
Bei der motorischen Kontrolle unterscheidet man motorischen Kontrolle gezielte Übungen und Aus-
8 Kapitel 1 · Einführung

. Abb. 1.4 Aktivität: Tasse zum Mund führen

Case Study

Patientenbeispiel: Herr B.
Herr B. ist noch nicht imstande, ohne Folgeschritte: kann er beginnen, an der Aufgabe
Hilfe zu essen und zu trinken. Die Für das Training, den Arm in der Gabel/Tasse zum Mund führen zu ar-
dazu benötigte Rumpfstabilität und gewünschten Schulterposition zu beiten (Fertigkeit). Für die Fazilitation
Mobilität in der oberen Extremität halten (Stabilität), werden folgende der Bewegung kann der Therapeut
ist vorhanden. Herr B. kann den Grundprinzipien angewandt: Widerstand und verbale Hinweise ge-
Arm jedoch nicht lange genug in der Approximation, Widerstand und ben, um die Bewegungsrichtung klar-
Position stabilisieren, die notwendig verbales Kommando. zumachen, und die Techniken Kombi-
ist, um die Gabel zum Mund zu Nachdem Herr B. diese Position eine nation isotonischer Bewegungen oder
bringen. Zeit lang auch selbst trainiert hat, Replikation einsetzen (. Abb. 1.4).

gangsstellungen, die der Patient nicht bzw. noch 4 Stabilität: Widerstand, Approximation und
nicht alleine beherrscht. Dabei kann die Feedfor- verbales Kommando; als Techniken können
ward-Methode eingesetzt werden: Der Therapeut Rhythmische Stabilisation und Stabilisierende
gibt dem Patienten das Ziel vor, so dass sich der Umkehr angewandt werden
Patient einen Bewegungsplan überlegen kann, um 4 Bewegungsausführung: Widerstand, verbales
die Aktivität qualitativ gut auszuführen. Die Aus- Kommando, visueller Input, manueller Kon-
führung der Aktivität wird also bestimmt von takt, Traktion und Timing; Techniken wie
4 dem Ziel, Rhythmische Bewegungseinleitung, Antago-
4 der Aufgabe, nistische Umkehr und Replikation können
4 dem Patienten selbst und sehr sinnvoll sein
4 der Situation, in der die Aktivität stattfindet.
Wann welche Fazilitationen angewandt werden,
Der Bewegungsablauf wird über die Grundprinzi- ist zum einen vom aktuellen Patientenbefund vor
pien und Techniken fazilitiert, z. B. für die Verbes- Behandlungsbeginn abhängig, zum anderen von
serung der Stabilität und der Bewegungsausfüh- den Reaktionen des Patienten während der Be-
rung. handlung.
1.1 · Positionierung des PNF-Konzepts in der modernen ganzheitlichen Behandlung
9 1

. Abb. 1.5 Motorisches Lernen: Interaktion zwischen Indi-


viduum, Zielaufgabe und Situation

Nach dem Üben erhält der Patient ein Feedback


über das Endresultat der Aktivität (»knowledge of
results«). Auch ein taktiles und verbales Feedback
bzgl. der Bewegungsqualität (»knowledge of perfor-
. Abb. 1.6 Aktivität: Gartenarbeit
mance«) während der Übung kann stimulierend
wirken (7 Patientenbeispiel: Herr B.).
Der Lernprozess ist effektiver, wenn der Thera-
Motorisches Lernen peut es zulassen kann, dass der Patient Fehler
Das motorische Lernen ist kein Behandlungskon- macht, aus denen er lernen kann. Diese Lernme-
zept wie z. B. das PNF-Konzept, sondern vielmehr thode ist der Vorgehensweise, dem Patienten das
ein Modell, nach dem der Therapeut sein Handeln Maß an Input und Führung zu geben, so dass er die
ausrichten sollte. Motorisches Lernen ist ein mit Aktivität meist optimal ausführt, vorzuziehen. The-
Praxis oder Erfahrung verknüpftes Set von Prozes- rapeuten, die nach dem PNF-Konzept arbeiten, ge-
sen, die zu Änderungen in der Responsefähigkeit ben sehr oft taktile und verbale Inputs, aber nicht
führen (Schmidt u. Wrisberg 2004). Dieser Prozess immer sind diese auch angezeigt. Letztendlich soll
gliedert sich in drei Schritte: Perzeption – Kogni- der Patient lernen, eine Aufgabe selbst auszuführen.
tion – Aktion (Shumway-Cook en Woollacott 1995; Bei der Behandlung auf der Ebene der Körper-
. Abb. 1.5). struktur oder -funktion kann es sinnvoll sein,
Jede Aufgabe für den Patienten soll ein bestimm- »hands on« zu arbeiten. Wenn der Patient bei der
tes Ziel und eine bestimmte Funktion beinhalten. Die Ausführung einer Aufgabe Mühe hat, kann die
Ausführung der Aufgabe wird mitbestimmt von den »hands-on«-Methode in der kognitiven und asso-
Möglichkeiten und Einschränkungen des Patienten ziativen Phase noch sinnvoll sein, um die Aktivität
und der Situation, in der die Aufgabe erfüllt wird. Die leichter ausführen zu können. Dazu stehen Grund-
Art und die Möglichkeiten der Aufgabenausführung prinzipien wie u.a. (Führungs-)Widerstand, verbale
sind abhängig von biomechanischen, neuropsycho- Instruktion, Approximation, Bewegungsmuster
logischen und psychologischen Faktoren. (klassische und an die Aktivität angepasste Be-
Um einen Therapieerfolg erwarten zu können, wegungsmuster) und Techniken zur Verfügung.
müssen die Aufgaben praktisch vom Patienten Ziel ist es, dass der Patient die Aufgabe ohne Fazili-
ausgeführt werden (Weinstein 1991) und sinnvoll tation (»hands off«) auszuführen kann (7 Patienten-
für ihn sein (»law of effects«), so dass die Motiva- beispiel: Herr B.).
tion des Patienten erhalten bleibt. Die Aktivitäten Propriozeptive Information und sensorischer
sollten viele Male unter stets wechselnden Bedin- Input durch »hands on« oder andere taktile Infor-
gungen wiederholt werden (Bernstein 1967) und mationsquellen sind nur dann sinnvoll, wenn sie in
letztendlich in sinnvolle Alltagsaktivitäten (Parti- eine motorische Aktivität integriert sind (Horst
zipation) umgesetzt werden (. Abb. 1.6). 2005). Manuelle Führung
10 Kapitel 1 · Einführung

. Abb. 1.7 Aktivität: Oberhemd auf dem Rücken in die Hose stecken

Case Study

Patientenbeispiel: Herr B.
Herr B. hat deutliche Schwierigkei- spielen, konzentriert sich die Be- Kombination isotonischer Be-
ten, nach dem Toilettenbesuch das handlung anfänglich auf die Ebene wegungen und Replikation sind
Oberhemd auf dem Rücken in die der Schädigung (Impairments). Möglichkeiten, um diese Fertigkeit
Hose zu stecken, eine Aktivität, die Folgeschritte: zu erlernen. Herr B. soll lernen,
er sehr wichtig findet (Ziel). Da die Sind die biomechanischen Voraus- diese Aktivität selbst auszuführen,
Schultermobilität eingeschränkt ist, setzungen erfüllt, beginnt das Trai- und vor allem nicht mit einer
besonders aber, weil sowohl die ning für die Aktivität Oberhemd in Jogginghose, sondern mit einer
Hand-Feinmotorik als auch die die Hose zu stecken (. Abb. 1.7). Hose, die er trägt, wenn er zur
Sensibilitätsstörungen in den Hän- Führungswiderstand, manueller Arbeit geht (Situation). Die Übungs-
den bei fehlender visueller Kontrolle Kontakt, verbale Instruktion, Rhyth- situation wird der Alltagssituation
(Individuum) eine wichtige Rolle mische Bewegungseinleitung, angepasst.

4 erleichtert den Lernprozess, eine motorische dass Therapeuten manuelle Fazilitation bei Behand-
Strategie adäquat auszuführen, lungen auf Körperfunktionsebene und in der An-
4 gibt dem Patienten Sicherheit, lernphase (kognitive Phase) von Aktivitäten sehr
4 steigert sein Selbstvertrauen und geeignet finden. Auf Partizipationsebene oder in
4 unterstützt mit sensorischem Feedback. der autonomen Phase ist ein sensorischer Input
meist überflüssig. Neben der Lernphase sind andere
Auch Kinder lernen neue motorische Aktivitäten, bestimmende Faktoren für eine manuelle Fazilita-
z. B. gehen, Rad fahren oder schwimmen, zu tion bei Patienten sinnvoll:
Anfang immer mit manueller Fazilitation der 4 Probleme in der Aufgabenausführung,
Eltern. 4 kognitive, kommunikative und sensorische
Hache und Kahlert zeigten 2007 in einer Studie Probleme, zudem
über die »hands on«- versus »hands off«-Methode, 4 Spastizität,
1.2 · PNF: Definition, Philosophie, neurophysiologische Grundlagen
11 1
4 Gleichgewichtsprobleme und Die Förderung von Studien ist eine der wichtigs-
4 Unsicherheit (Hache u. Kahlert 2007). ten Aufgaben der PNF Association (International
PNF Association, [Link]) geworden.
Evidence Based Medicine In der heutigen Zeit soll Mittlerweile werden zunehmend Untersuchungen
die Therapie, die wir den Patienten anbieten, den im Rahmen wissenschaftlicher Studien angeregt
Anforderungen der evidenzbasierten Medizin und dementsprechend werden auch zunehmend
(EBM) gerecht werden und durch eine evidenzba- mehr Studien veröffentlicht.
sierte Praxis (Evidence Based Practice, EBP) erklärt
werden, d. h., es sollen Beweise (»evidence«) für die
Effektivität einer Behandlung geliefert werden. Sa- 1.2 PNF: Definition, Philosophie,
ckett et al. (2000) beschreiben für die EBP fünf Rang- neurophysiologische
ordnungen mit abnehmender Beweiskraft. Grundlagen
In Studien unterscheidet man zwischen Grund-
lagenforschung (»fundamental research«) und Propriozeptiv – In Verbindung mit den sensorischen
klinisch-experimenteller Forschung (»experimen- Rezeptoren stehend, die Informationen über die Bewegung
und die Position des Körpers geben.
tal research«):
4 In der Grundlagenforschung werden allgemei- Neuromuskulär – Neuromuskulär bezieht sich auf das
Zusammenspiel von Nerven und Muskeln.
ne Wirkprinzipien beurteilt wie Anatomie,
Fazilitation – Fazilitieren bedeutet »etwas leichter machen«.
Physiologie usw.
4 In der klinisch-experimentellen Forschung Die Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation
werden die Behandlungseffekte beurteilt. (PNF) ist ein Behandlungskonzept. Die zugrunde
liegende Philosophie geht davon aus, dass jeder
Es wurden viele Untersuchungen gemacht, um die Mensch, auch ein Mensch mit einer Erkrankung,
Effektivität der Physiotherapie bzgl. der Verbesse- ungenutzte Potenziale in sich trägt (Kabat 1950). Im
rung von Kraft, Mobilität, Koordination und Akti- Sinne dieser Definition gibt es bestimmte Ge-
vitäten (z. B. Aufstehen, Gehen usw.) zu dokumen- danken, die Teil der PNF-Philosophie sind:
tieren. Es sind jedoch nur wenige Studien bekannt,
in denen die physiotherapeutischen Behandlungs- PNF ist eine integrierende Behandlungsform In je-
formen genau beschrieben wurden bzw. welche Be- der Behandlung befasst sich der Therapeut mit dem
handlungsformen für welche typischen Probleme ganzen Menschen, nicht nur mit dem speziellen
effektiver sind (Smedes 2009). Außerdem gibt es Problem oder Körperteil.
noch wenige Untersuchungen, in denen Patienten
nur nach dem PNF-Konzept behandelt wurden. Reserven aktivieren Ziel des Therapeuten ist es,
Smedes machte eine Literaturstudie (Smedes mittels PNF die ungenutzten Potenziale, die in je-
2006, 2007, 2008) und fand 46 Publikationen (wo- dem Menschen vorhanden sind, zu mobilisieren
bei PNF einbezogen war) zu folgenden Themen: und zu nutzen.
4 Vitalfunktionen (2),
4 Gang (4), Positiver Behandlungsaufbau Der Behandlungs-
4 CVA (6), aufbau wird grundsätzlich positiv gestaltet: Alle Po-
4 ADL/Sport (14), tenziale, die der Patient körperlich und psychisch zu
4 PNF-Entspannungstechniken (20). leisten imstande ist, werden genutzt und verstärkt.

Wie bereits erwähnt, gibt es bisher nur wenige kon- Unterstützung des Patienten Primäres Behand-
krete Behandlungsstudien rein nach dem PNF- lungsziel ist die Unterstützung des Patienten, um
Konzept. Meist wurde die Methode PNF (Teile des dessen Höchstmaß an Aktivitäten zu erreichen.
Konzeptes) eingesetzt, nicht jedoch das gesamte
Konzept. Dies macht es schwierig, Behandlungsre- Motorisches Lernen und motorische Kontrolle In
sultate miteinander zu vergleichen (Smedes 2008). das Streben nach dem Aktivitätshöchstmaß werden
12 Kapitel 1 · Einführung

die Prinzipien des motorischen Lernens und der gaben zu meistern. Dieser Aspekt ist vor allem in
1 motorischen Kontrolle integriert. Beinhaltet ist die den ersten Phasen des motorischen Lernens zu be-
Behandlung auf allen Ebenen: Körperstrukturen achten, darüber hinaus auch im Rehabilitationspro-
und -funktionen, Aktivität und Partizipation (ICF). zess, wenn sich der Patient nicht mehr auf seine in-
terne Information stützen kann (abhängig von der
Schädigung). In diesem Fall kann der Therapeut
1.2.1 PNF-Philosophie durch Fazilitation mittels PNF wichtige externe In-
formationen vermitteln.
Die PNF-Philosophie beinhaltet bestimmte Grund- Dieser positive funktionelle Behandlungsansatz
gedanken, die im Behandlungskonzept verankert ist nach Meinung der Autoren der beste Weg, um
sind. Patienten zu stimulieren und hervorragende Be-
handlungsergebnisse zu erreichen.
Die Philosophie des
PNF-Behandlungskonzepts
1.2.2 Grundlegende neurophysio-
Positiver Behandlungsansatz: Keinen Schmerz
logische Prinzipien
auslösen; Aufgaben auswählen, die vom Patient
erfüllt werden können, alles soll gelingen; mit
Die Arbeit von Sir Charles Sherrington auf dem Ge-
Aufgaben beginnen, die der Patient gut ausfüh-
biet der Neurologie war für die Entwicklung der
ren kann; direkte und indirekte Behandlung.
Prinzipien und Techniken des PNF-Konzeptes von
Höchstes funktionelles Niveau: Funktionelle
großer Bedeutung. Die nachfolgenden Definitionen
Behandlung nach Kriterien der ICF: Behand-
wurden aus seinen Veröffentlichungen übernom-
lung der Schädigungen und Training der
men (Sherrington 1947):
Aktivitäten.
Mobilisieren von Potenzialen durch inten-
»After discharge«: Nachwirken der Stimulation Ein
sives Training: Aktive Partizipation des Patien-
Stimulationseffekt wirkt nach Beendigung der Reiz-
ten, motorisches Lernen, eigenes Training.
setzung noch längere Zeit nach. Nehmen Ausmaß
Den ganzen Menschen betrachten: Der
und Dauer der Stimulierung zu, nimmt entspre-
Mensch in seiner Umgebung: persönliche,
chend das Ausmaß der »After discharge« zu. Resul-
körperliche, emotionale und soziale Faktoren.
tat ist das Empfinden einer stärkeren Kraft, die nach
Die Prinzipien der motorischen Kontrolle und
einer lange andauernden statischen Anspannung
des motorisches Lernens nutzen: Wieder-
spürbar wird.
holungen in ständig wechselnden Situationen.
Die verschiedenen Phasen der motorische
Zeitliche Summation Folgen schwache Stimuli (su-
Kontrolle berücksichtigen: Variationen der
bliminale, d. h. unterschwellige Stimuli) innerhalb
praktischen Aufgaben.
kurzer Zeit sehr schnell aufeinander, summieren sie
sich und führen zu einer verstärkten Erregung (mit
Bewegung ist das Medium des Menschen, um mit nachfolgender Muskelkontraktion oder zumindest
der Umgebung in Interaktion zu treten. Alle senso- einer Aktivierung motorischer Einheiten.
rischen und kognitiven Prozesse können als Input
gesehen werden, der den motorischen Output be- Räumliche Summation Verstärken schwache, aus
stimmt. Einige Aspekte der motorischen Kontrolle verschiedenen Körperregionen gleichzeitig auf-
und des motorischen Lernens sind für die Rehabili- einander treffende Stimuli sich gegenseitig (Sum-
tation von Patienten besonders bedeutsam (Mulder mation), führen sie zu einer Erregung (mit anschlie-
2004). Ein Schlüsselelement jeder interaktiven Situ- ßender Aktivierung motorischer Einheiten oder
ation ist der Austausch von Information. Dies gilt einer Muskelkontraktion). Zeitliche und räumliche
auch für jede Art von Therapie. Ohne Information Summation können miteinander kombiniert wer-
ist der Patient stark darin beeinträchtigt, neue Auf- den, um eine größere Aktivität zu erzeugen.
Literatur
13 1
Irradiation: Spreizung und Zunahme der Intensität Fitts PM, Posner MI (1967) Human Performance. Brooks/Cole,
der Reizantwort Eine Irradiation tritt auf, wenn Belmont, CA
entweder die Anzahl oder die Stärke der Stimuli zu- Harste U, Handrock A (2008) Das Patientengespräch. Buchner
& Partner, Schwentinental
nimmt. Reizantwort kann eine Erregung oder eine Hedin-Anden S (1994) PNF-Grundverfahren und funktionel-
Inhibition sein. les Training. Urban & Fischer, München
Horst R (2005) Motorisches Strategietraining und PNF. Thie-
Sukzessive Induktion: Stimulation, erhöhte Erre- me, Stuttgart
gung Auf eine Stimulation (Kontraktion) der Anta- Horst R (2008) Therapiekonzepte in der Physiotherapie: PNF.
Thieme, Stuttgart
gonisten folgt eine verstärkte Erregung der agonisti-
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schen Muskulatur. Techniken, die eine Umkehr der [Link]. Gesehen: Dezember 2009
Antagonisten beinhalten, nutzen diese Eigenschaft. IPNFA (2007) [Link] (Japan). Gesehen: De-
zember 2009
Reziproke Innervation: Reziproke Inhibition/Hem- IPNFA (2007) [Link] (Korea). Gesehen: Dezem-
ber 2009
mung Die Anspannung von Muskeln wird begleitet
IPNFA (2007) [Link] (Germany). Gesehen:
von einer gleichzeitigen Entspannung ihrer Antago- Dezember 2009
nisten. Die reziproke Hemmung ist ein wichtiger IPNFA (2005) Results of the Meeting. Tokyo. Gesehen: Dezem-
Teil des koordinierten Bewegens. Dieses Phänomen ber 2009
wird bei Entspannungstechniken genutzt. IPNFA (2006) Results of the Meeting Ljubljana. Gesehen:
Dezember 2009
» The nervous system is continuous throughout IPNFA (2008) Results of the Meeting Hoensbroek. Gesehen:
its extent – there are no isolated parts. Dezember 2009
(Sherrington 1947) Kabat H (1950) Studies on neuromuscular dysfunction, XIII:
New concepts and techniques of neuromuscular reedu-
Sinngemäß übersetzt, ist die Aussage Sherringtons, cation for paralysis. Perm Found Med Bull 8 (3): 121–143
dass das Nervensystem immer ganzheitlich arbeitet, Knott M, Voss D (1956) Proprioceptive Neuromuscular Facili-
tation. Hoeber-Harper; New York
mit allen seinen Anteilen – es gibt keine isoliert
Mulder T, Hochstenbach J (2004) Motor control and learning:
arbeitenden Anteile. Implications for neurological rehabilitation. In: Green-
wood (ed) Handbook for neurological rehabilitation.
Erlbaum, Hillsdale
1.3 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Mulder T (1991) A process-oriented model of human motor
behaviour: toward a theory-based rehabilitation approach.
Fragen
Physical Therapy 2: 82–89
Mulder T (2006) Das adaptive Gehirn. Thieme, Stuttgart
Die Philosophie der PNF ist sehr wichtig. Was Meyers JB, Lephart SM (2003) The role of the sensimotor sys-
sind im Sinne der PNF-Philosophie grundlegende tem in the athletic shoulder. Journal of athletic training
Prinzipien, die jede PNF-Behandlung bestimmen? 3: 351–363
Oosterhuis-Geers J (2004) SMART, [Link]. Universität
Oder: Wie würden Sie einem Laien bzw. einem Pa-
Twente. Gesehen: Dezember 2009
tienten erklären, was PNF ist? Sackett DL (1998) Getting research findings into practice.
BMJ 317: 339–342
Literatur Sacket DL, Rosenberg WMC, Gray JAM, Haynes RB, Richard-
son WS (1996) Evidenced based medicine: What is it and
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Cott CA (2004) Client-centered rehabilitation: Client perspec- formance, a problem based learning approach, 3rd ed.
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14 Kapitel 1 · Einführung

Shumway-Cook AW, Woollacott M (1995) Motor control: theory


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Hache M, Kahlert L (2007) Hand on versus Hands off. Physio-
terapieskript, Heerlen
15 2

PNF-Behandlungsverfahren
M. Buck, D. Beckers

2.1 Optimaler Widerstand – 17

2.2 Irradiation und Verstärkung – 18

2.3 Taktiler Stimulus (Manueller Kontakt) – 21


2.3.1 Lumbrikaler Griff – 22

2.4 Körperstellung und Körpermechanik – 23

2.5 Verbaler Stimulus (Verbales Kommando) – 24

2.6 Visueller Stimulus – 25

2.7 Traktion und Approximation – 26


2.7.1 Traktion – 26
2.7.2 Approximation – 26

2.8 Stretch – 27
2.8.1 Stretchstimulus – 27
2.8.2 Stretchreflex – 27

2.9 Timing – 28

2.10 PNF-Patterns – 30

2.11 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen – 30

Weiterführende Literatur – 32

Literatur – 33

M. Buck et al., PNF in der Praxis,


DOI 10.1007/978-3-642-37814-0_2, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
16 Kapitel 2 · PNF-Behandlungsverfahren

Die Effektivität des Response auf einen Stretch


Behandlungsziele wird beispielsweise durch den Einsatz eines Wider-
Die grundlegenden Fazilitationsverfahren kön- standes gesteigert (Gellhorn 1949). Die Wirkung
2 nen eingesetzt werden, um des Widerstandes lässt sich durch die Veränderung
4 die Bewegungsmöglichkeiten des Patien- der Ausgangsstellung des Therapeuten und die
ten zu verbessern, Richtung seines Taktilen Stimulus beeinflussen.
4 die Stabilität des Patienten zu verbessern, Die Einhaltung der zeitlichen Abfolge dieser
4 aktive Bewegungen durch den Einsatz Grundverfahren ist wichtig, um eine optimale Re-
adäquater Taktiler Stimuli (und anderer aktion beim Patienten zu erzielen. Beispielsweise
Verfahren) und durch optimalen Wider- wird das Verbale Kommando (Vorbereitungs-
stand zu unterstützen, kommando) vor dem Stretch gegeben und be-
4 durch den Einsatz des richtigen Timing reitet den Patienten auf die Bewegung vor. Der
dem Patienten zu koordinierten Be- Wechsel des Taktilen Stimulus sollte vom Therapeu-
wegungsabläufen zu verhelfen, ten gezielt erfolgen, damit der Patient dadurch auf
4 möglichen Ermüdungserscheinungen des einen Wechsel der Bewegungsrichtung vorbereitet
Patienten vorzubeugen und so seine Aus- ist.
dauer zu erhöhen. Grundsätzlich können die Behandlungsprinzi-
pien unabhängig von der Diagnose eingesetzt
werden. Bei der Behandlung sollten einige Punkte
PNF-Behandlungsverfahren (Behandlungsprinzi- Beachtung finden: Der Therapeut darf weder
pien) ermöglichen dem Therapeuten, durch ihren Schmerzen verursachen noch bereits vorhandene
gezielten Einsatz dem Patienten zu einer effektive- verstärken, weil Schmerz koordinierte Bewegungs-
ren motorischen Aktivität und dadurch zu einer abläufe verhindert und zudem ein Alarmsignal für
besseren Voraussetzung für eine möglichst effizien- mögliche Verletzungsmechanismen ist (Hislop
te Funktionsfähigkeit zu verhelfen. Diese Effektivi- 1960; Fischer 1967). Weitere Kontraindikationen
tät lässt sich auch ohne bewusste Mithilfe des Pa- verstehen sich von selbst, beispielsweise darf
tienten erreichen. an einer Extremität mit einer nicht ausgeheilten
Die IPNFA macht einen Unterschied zwischen Fraktur keine Approximation eingesetzt werden.
»Grundprinzipien« und »Grundverfahren« (IPNFA Bei instabilen Gelenken sollte der Therapeut den
Instructor Day Tokyo, 2005 und Ljubljana 2006) Stretchreflex oder eine Traktion nur äußerst vor-
Grundprinzipien sind: sichtig und überlegt anwenden.
4 Widerstand, Folgende PNF-Behandlungsprinzipien (»basic
4 Taktiler Stimulus, principles«) werden zur Fazilitation eingesetzt:
4 Verbaler Stimulus,
4 Visueller Stimulus, Widerstand Der Einsatz des Widerstandes kann bei
4 Traktion und Approximation, folgenden Zielsetzungen erfolgen:
4 Stretch (Stimulus und Reflex), 4 Stimulation von Muskelkontraktionen,
4 zeitliche und räumliche Summation (7 Kap. 1). 4 Verbesserung der motorischen Kontrolle und
Grundverfahren sind: 4 Stärkung der Muskulatur.
4 Mustern,
4 Timing, Irradiation und Verstärkung Dieses Behandlungs-
4 Body mechanics, prinzip kann man gut zur Stimulierung der Aus-
4 Irradiation. breitung der Reizaktivität (Irradiation) verwenden.

Die einzelnen Behandlungsprinzipien und ihre Taktiler Stimulus (Manueller Kontakt) Der Einsatz
Wirkungsweisen stellen keine isoliert anzuwenden- der adäquaten Grifftechniken steigert die Kraft und
den Maßnahmen dar, vielmehr ergänzen sie sich in ermöglicht eine gute Führung der Bewegung und
ihren Effekten bzw. Auswirkungen. damit deren gute Ausführung.
2.1 · Optimaler Widerstand
17 2
Körperstellung und Körpermechanik Der Thera- 2.1 Optimaler Widerstand
peut kann durch seine Körperhaltung eine gezielte
Positionierung seiner Hände und Arme erreichen.
Dadurch lassen sich die Bewegungen des Patienten Behandlungsziele
gezielt führen und kontrollieren. Ein gezielt vom Therapeuten gesetzter
Widerstand wird in der Behandlung vor
Verbales Kommando Auditive Reize fazilitieren die allem genutzt zur:
aktive Motorik. Hierbei wirken laute und deutlich 4 Förderung der Muskelkontraktionsfähigkeit,
ausgesprochene Worte eher anregend, leise Worte 4 Verbesserung des motorischen Lernens,
eher beruhigend und schmerzdämpfend auf den der Bewegungskontrolle des Patienten
Patienten. und der Wahrnehmung für die Bewegung,
4 Kräftigung der Muskulatur,
Visuelles Feedback Das visuelle Feedback verein-
facht die Bewegungsausführung für den Patienten. Entspannung der Muskulatur (reziproke
Dies geschieht, indem er seine Haltung und Bewe- Hemmung).
gung mit den Augen verfolgt und kontrolliert.
Durch den Blickkontakt zum Therapeuten erhält er
darüber hinaus positive oder negative Informatio- Das Wissen um die Auswirkungen eines gezielt ein-
nen über die ausgeführte Bewegung. gesetzten Widerstandes hat zur Entwicklung der
meisten PNF-Techniken beigetragen.
Traktion und Approximation Die Verlängerung der
Gliedmaßen oder des Rumpfes durch Traktion er- Optimaler Widerstand
leichtert die Bewegung. Das Komprimieren einer
Die Intensität des eingesetzten Widerstandes
Extremität oder des Rumpfes durch Approximation
während einer Aktivität hängt zum einen
hingegen fördert mehr die Stabilität.
von den Möglichkeiten ab, die dem Patienten
Stretch Die Kontraktionsbereitschaft der Muskula- zur Verfügung stehen, zum anderen vom an-
tur wird nachweislich durch die Dehnung der Mus- gestrebten Behandlungsziel. Dies wird als
kulatur und auch durch den Einsatz des Stretch- »optimaler Widerstand« bezeichnet.
reflexes fazilitiert. Darüber hinaus wird dadurch die
Ermüdung der Muskulatur vermindert.
Für das Wiedererlernen einer funktionellen Aktivi-
Timing Das Normale Timing (»normal timing«) tät (z. B. Aufstehen aus dem Sitz oder Treppe hinun-
wird durch die richtige Reihenfolge von Reizen tergehen) ist der optimale Widerstand meist ein
fazilitiert. Mit Betonter Bewegungsfolge (»Timing Führungswiderstand. Um die Bewegungskontrolle
for Emphasis«) wird die Kontraktionsfähigkeit der für eine Irradiation oder den Aufbau der Muskel-
Muskulatur gefördert. kraft mit dem Patienten zu erarbeiten, ist der opti-
male Widerstand meist intensiver.
Patterns/Bewegungsmuster bzw. -diagonalen Hier Gellhorn zeigte, dass sich die Aktivität eines
bei handelt es sich um synergistische Bewegungs- Muskels auf kortikale Stimulation hin steigert, wenn
abläufe, die Bestandteile normaler funktioneller ein kontrahierter Muskel Widerstand erfährt. Die
Bewegungen sind. durch gezielten Widerstand hervorgerufene
Die einzelnen Behandlungsprinzipien kann Zunahme der aktiven Muskelanspannung ist die
der Therapeut miteinander kombinieren, um eine effektivste propriozeptive Fazilitationsmöglichkeit.
maximale Reizantwort des Patienten zu erhalten. Die Intensität dieser Fazilitation steht in direktem
Die Behandlungsprinzipien werden im Folgen- Zusammenhang mit der Intensität des Wider-
den näher erläutert. In . Tab. 2.1 sind sie, jeweils mit standes (Gellhorn 1949; Loofbourrow u. Gellhorn
Definition, Behandlungszielen und Anwendungs- 1948). Die propriozeptiven Reflexe der kontrahie-
bereichen, zusammenfassend dargestellt. renden Muskeln verstärken die Anspannung der
18 Kapitel 2 · PNF-Behandlungsverfahren

Synergisten1 desselben Gelenks und der assoziierten kontraktion so dosieren, dass die Bewegung
Synergisten in benachbarten Gelenken. Diese Fazili- fließend und koordiniert verlaufen kann. Bei stabi-
tation verläuft sowohl von proximal nach distal als lisierenden Kontraktionen muss der Widerstand so
2 auch von distal nach proximal. Die Antagonisten der gegeben werden, dass der Patient die eingenomme-
fazilitierten Muskulatur werden gewöhnlich inhi- ne Position gerade noch kontrollieren bzw. halten
biert. Durch intensive Kontraktionen der agonisti- kann. Ein Widerstand, der entgegen einer isometri-
schen Muskeln kann in der antagonistischen Mus- schen Muskelkontraktion gesetzt wird, sollte zuerst
kulatur eine erhöhte Aktivität (Ko-Kontraktion) allmählich gesteigert und danach verringert wer-
entstehen (Gellhorn 1947; Loufbourrow u. Gellhorn den, damit keine Bewegung daraus resultiert. Ein
1948). optimal gesetzter Widerstand trägt dazu bei,
Die Art und Weise, wie der Widerstand gegeben Schmerzen oder unerwünschte Ermüdungserschei-
wird, ist abhängig von der Art der gewünschten nungen und Reaktionen des Patienten wie z. B. eine
Muskelkontraktion (. Abb. 2.1). Irradiation in die falsche Richtung oder in einen
anderen nicht erwünschten Körperteil zu ver-
meiden.
Arten von Muskelkontraktionen Zudem sollten der Therapeut und der Patient
Folgende Arten von Muskelkontraktionen auch bei intensivem Üben auf das eventuelle Auftre-
werden unterschieden (Hedin-Andèn 2002): ten einer Atemblockade achten und dieser entge-
4 Isotonische (dynamische) Muskelkontrak- genwirken. Bewusstes und kontrolliertes Ein- und
tion. Der Patient führt eine Bewegung aus. Ausatmen hat sowohl auf die Kraft des Patienten als
– Konzentrisch: Die Bewegung entsteht auch auf die Beweglichkeit der Gelenke einen posi-
durch die aktive Verkürzung der agonis- tiven Einfluss.
tischen Muskulatur.
– Exzentrisch: Eine von außen einwirken-
de Kraft (z. B. Schwerkraft oder Wider- 2.2 Irradiation und Verstärkung
stand) führt zu einer Bewegung. Die Be-
wegung entsteht durch die kontrollier- Irradiation und Verstärkung sind das Resultat eines
te aktive Verlängerung der agonisti- optimal gegebenen Widerstandes.
schen Muskulatur, wodurch der
Bewegungsablauf gebremst wird. Definition
– Stabilisierend isotonisch: Der Patient Irradiation wird als das »Überfließen« bzw.
will eine Bewegung ausführen, diese die Ausbreitung von Reaktionen bzw. Nerven-
wird jedoch durch eine von außen ein- impulsen auf gegebene Stimuli definiert.
wirkende Kraft (Widerstand) verhindert.
4 Isometrische (statische) Muskelkontrakti-
on: Bei dieser Art der Muskelkontraktion Diese Reaktionen können sowohl einen fazilitie-
wollen weder der Patient noch der Thera- renden (Kontraktion) als auch einen inhibierenden
peut eine Bewegung entstehen lassen, (Relaxation) Effekt auf die synergistische Musku-
dennoch kommt es zur Anspannung der latur und die Bewegungspatterns haben. Mit der
Agonisten. Steigerung der Stimuli erhöht sich auch der Irradi-
ationseffekt bezüglich seiner Dauer und seiner
Intensität (Sherrington 1947). Kabat (1961) wies
Der Therapeut sollte den Widerstand gegen eine darauf hin, dass Irradiation durch den Widerstand
geplante konzentrische oder exzentrische Muskel- entgegen einer Bewegung entsteht und dass diese
Ausbreitung von Muskelaktivitäten stets in spezi-
1 Synergisten sind Muskeln, die mit anderen Muskeln zu-
fischen synergistischen Bewegungspatterns ver-
sammenarbeiten, damit eine koordinierte Bewegung zu- läuft.
stande kommt.
2.2 · Irradiation und Verstärkung
19 2

. Abb. 2.1 a–e Verschiedene Arten der Muskelkontraktion. a Isotonisch-konzentrisch: Bewegung innerhalb eines begrenz-
ten Bereiches. Die Kraft oder der Widerstand durch den Patienten ist stärker. b Isotonisch-exzentrisch: Die Kraft oder der Wi-
derstand durch den Therapeuten ist stärker: Bewegung innerhalb eines erweiterten Bereichs. c Stabilisierend-isotonisch: Der
Patient will bewegen, wird aber durch den Therapeuten oder eine andere Krafteinwirkung von außen daran gehindert;
Patient und Therapeut möchten, dass keine Bewegung stattfindet; die Kräfte beider sind gleich groß. d Isometrisch (statisch)
(Mod. nach Klein-Vogelbach 2000)
20 Kapitel 2 · PNF-Behandlungsverfahren

e
. Abb. 2.1 (Fortsetzung) e Rezeptoren zur Fazilitation, die im PNF-Behandlungsverfahren eine Rolle spielen

Definition Intensität des Widerstandes und die Wahl der


Websters Ninth New Collegiate Dictionary Muskelkontraktionsform abhängig gemacht wer-
(1984) definiert darüber hinaus den Begriff den von:
Verstärkung (»Reinforcement«) als eine Ver- 4 den Möglichkeiten des Patienten (Muskelkraft,
stärkung, die durch ein erneutes Hinzufügen Koordination, Tonus, Schmerzen, Größe der
des Reizes bewirkt wird (»to strengthen by Körperabschnitte) und vor allem
fresh addition, make stronger«). 4 vom Behandlungsziel.

Da Patienten unterschiedlich auf eine Behandlung


Daraus folgt, dass bei den Übungen zur Stärkung reagieren, kann man keine allgemeinen Hinweise
der schwächeren Muskulatur gleichzeitig den stär- bezüglich der Intensität des Widerstandes und/oder
keren – synergistisch arbeitenden – Muskelgruppen bezüglich den Bewegungen, denen Widerstand ent-
(mehr) Widerstand entgegengesetzt werden sollte. gegengesetzt werden soll, geben.
Der Therapeut muss bei der Behandlung be- Der Therapeut muss das Behandlungsergebnis
achten, dass das Intensivieren des Widerstandes beurteilen und danach einschätzen, welche Intensi-
die muskuläre Antwort erhöht. Deshalb sollte die tät der Widerstand haben sollte, um eine optimale
2.3 · Taktiler Stimulus (Manueller Kontakt)
21 2
Die Außenrotatoren der Schulter können durch
Widerstand entgegen der Supination des Unterarmes
fazilitiert werden.
Zur Fazilitation der ipsilateralen Dorsalflexion und
Inversion kann Widerstand gegen die Hüftflexion in
Kombination mit Adduktion und Außenrotation ge-
geben werden (. Abb. 2.3).
Flexionsbewegungen von Rumpf und Hüftgelenken
werden durch Widerstand für die Flexion der Hals-
wirbelsäule stimuliert. Widerstand gegen die Exten-
sion der Halswirbelsäule stimuliert die Extension von
Rumpf und Hüftgelenken.
. Abb. 2.2 Irradiation der Rumpfflexoren durch Ausfüh-
rung der bilateralen Beinpatterns
2.3 Taktiler Stimulus
(Manueller Kontakt)
Irradiation und einen optimalen Verstärkungseffekt
zu erzielen. Dies ist eine Stimulation der sensiblen Haut- und
Die nachfolgenden Beispiele zeigen die thera- Mechanorezeptoren. Dadurch lässt sich eine bessere
peutischen Einsatzmöglichkeiten von Irradiations- Muskelaktivität erzielen.
und Verstärkungseffekten, die sich durch den Ein-
satz von Widerstand ergeben. Beispiel
Widerstand gegen die Bewegungsrichtung während
Beispiele der Bewegung stimuliert die Synergisten. Dadurch
Zur Fazilitation von Muskelkontraktionen an einer wird die Bewegung verstärkt. Der Zeitpunkt kann be-
immobilisierten Seite kann einem Bewegungs- liebig gewählt werden.
pattern der kontralateralen Seite, z. B. am Rumpf, Manueller Kontakt am Rumpf des Patienten fördert
Arm oder am Bein, Widerstand entgegengesetzt dessen Rumpfstabilität und verbessert dadurch die
werden. Bewegung der Extremitäten.
Zur Stimulierung der Rumpfflexoren kann der Wider- Der Einsatz von Manuellem Kontakt kann
stand beispielsweise den Hüftflexoren entgegenge- 4 dem Patienten Sicherheit und Vertrauen vermitteln;
setzt werden (. Abb. 2.2). 4 zur Förderung der taktil-kinästhetischen Wahr-
6 nehmung beitragen.

. Abb. 2.3 a Irradiation der Dorsalflexion und Inversion des Fußes durch das Beinpattern Flexion – Adduktion – Außenrotation,
b Irradiation für die mittlere Standbeinphase durch Widerstand am Arm in Richtung Flexion – Adduktion – Außenrotation
22 Kapitel 2 · PNF-Behandlungsverfahren

Der Therapeut stimuliert mit seinen Händen die


sensiblen Haut- und Mechanorezeptoren des Pati-
enten. Über diesen fazilitierenden Hautkontakt er-
2 hält der Patient die Informationen hinsichtlich Stär-
ke und Richtung des vom Therapeuten gewünsch-
ten Bewegungsablaufes.
Die Hand des Therapeuten soll so aufgelegt wer-
den, dass diese den Druck entgegengesetzt zur Be-
wegungsrichtung geben wird. Die seitlichen Flächen
von Arm oder Bein sind neutrale Körperabschnitte
und können vom Therapeuten berührt werden.
Die Hände des Therapeuten wirken bei ihrem
gezielten Einsatz als Taktiler Stimulus, der die nach-
. Abb. 2.4 Der lumbrikale Griff
folgenden Auswirkungen auf die stimulierten
Strukturen hat:
Die Kontraktionsfähigkeit eines Muskels wird
gesteigert, wenn auf ihn Druck ausgeübt wird. > Durch den manuellen Kontakt am Rumpf
Die Synergisten werden fazilitiert, wenn einem des Patienten wird die Rumpfstabilität
Muskel Widerstand entgegen seiner Bewegungs- oder die Bewegung des Rumpfes gefördert
richtung entgegengesetzt wird. Dadurch kommt es und dadurch indirekt die Bewegung der
zu einem Verstärkungseffekt hinsichtlich der Bewe- Extremitäten unterstützt.
gungsausführung.
Taktile Stimuli fördern die taktil-kinästhetische
Wahrnehmung während der Bewegungsausfüh- 2.3.1 Lumbrikaler Griff
rung.
Wenn die exzentrische Kontrolle fehlt, z. B. Der lumbrikale Griff (. Abb. 2.4) ermöglicht dem
wenn sich der Patient aus dem Stand hinsetzen soll, Therapeuten, eine optimale Bewegungskontrolle zu
kann der Therapeut dem Patienten diese Informati- erreichen und der Rotationskomponente entgegen-
on vermitteln, indem er während der zielmotori- zuwirken.
schen Bewegung Ursprung und Ansatz des Muskels
auseinanderzieht. Der Therapeut kann in diesem Definition
Fall seine Hände auf beide Cristae iliacae setzen und Beim lumbrikalen Griff entsteht der Druck vor
Druck nach hinten/unten geben. allem durch die Flexion der metakarpophalan-
Weisen gewisse Muskeln innerhalb der Synergie gealen Gelenke.
ungenügende Aktivität auf, können diese durch
einen Taktilen Stimulus gezielt fazilitiert werden,
damit der Patient wahrnehmen kann, welche Mus- Hierdurch können sich die Finger des Therapeuten
keln wann und wie arbeiten sollen. Taktile Stimuli den Konturen des jeweiligen Körperteiles anpassen.
sollten dort, wo sie notwendig sind, eingesetzt wer- Dieser Griff gewährleistet eine gute Kontrolle der
den, jedoch nur solange wie nötig. Ihr Einsatz sollte dreidimensionalen Bewegung, ohne dem Patienten
sparsam erfolgen, um die Selbständigkeit und das Schmerzen zuzufügen, wie sie beispielsweise durch
motorische Lernen des Patienten zu fördern. In das Zusammendrücken der Finger oder durch das
manchen Fällen ist es erforderlich, den Griff zu ver- Applizieren von zu viel Druck auf knöcherne Struk-
ändern oder den Widerstand an einer anderen Stelle turen entstehen könnten (. Abb. 2.5).
zu setzen, um die Bewegung für den Patienten leich-
ter zu machen.
2.4 · Körperstellung und Körpermechanik
23 2

. Abb. 2.5 a, b Lumbrikale Griffe. a Für das Beinpattern Flexion – Adduktion – Außenrotation, b für das Armpattern Flexion –
Abduktion – Außenrotation

2.4 Körperstellung ten nicht möglich, die richtige Körperposition ein-


und Körpermechanik zunehmen, dann sollten zumindest seine Arme und
Hände in die Bewegungsrichtung ausgerichtet sein.
> Eine gute Körpermechanik des Therapeuten Der Therapeut sollte so stehen, dass er die ge-
ermöglicht dem Patienten eine optimale wünschte Bewegung und die (erforderlichen) Griffe
Arbeit, ohne dass ihm zu viele Schmerzen gut ausführen kann. Er setzt den Widerstand vor
zugefügt werden oder er in seiner Be- allem durch den Einsatz seines Körpergewichtes
wegung behindert wird. Seine Bewegung und weniger durch den Einsatz seiner Arme und
wird dadurch ökonomisch und zielge- Hände. Dadurch ist der Therapeut in der Lage, über
richtet. einen längeren Zeitraum Widerstände zu setzen,
ohne selbst schnell zu ermüden.
Johnson und Saliba haben als erste auf die Bedeu- Neben der Körperstellung des Therapeuten ist
tung der Körperstellung des Therapeuten hingewie- auch die korrekte Ausgangsstellung des Patienten
sen. Sie beobachteten, dass eine effektivere Kontrol-
le über den Bewegungsablauf des Patienten möglich
ist, wenn der Therapeut sich in Richtung der ge-
wünschten Bewegung befindet und sich in diese
mitbewegt. Die gewünschte Bewegung verläuft
dann optimal, wenn der Therapeut sich in die Be-
wegungsrichtung stellt. Verlässt der Therapeut diese
Position, verändert sich die Richtung seines Wider-
standes und somit auch die Bewegungsrichtung des
Patienten. Daraus ergeben sich die unten aufgeliste-
ten Folgerungen hinsichtlich der Körperstellung des
Therapeuten (Johnson u. Saliba 1985, nicht publi-
ziert):
Der Therapeut sollte normalerweise in der ge-
wünschten Bewegungsrichtung stehen und vor-
zugsweise seinen Schultergürtel und Becken zum
Patienten hin ausrichten (. Abb. 2.6). Die Arme
und Hände des Therapeuten richten sich ebenfalls . Abb. 2.6 Körperstellung des Therapeuten für das Bein-
in die Bewegungsrichtung aus. Ist es dem Therapeu- pattern Flexion – Abduktion – Innenrotation
24 Kapitel 2 · PNF-Behandlungsverfahren

wichtig. Diese wird sowohl vom Ziel der Behand- wünschte funktionelle Aktivität. Durch Verbale
lung als auch von verschiedenen anderen Faktoren Kommandos kann der Patient Korrekturen am Be-
bestimmt, z. B. der Rückenbelastung des Thera- wegungsablauf anbringen.
2 peuten oder der Sicherheit und Stabilität des Pati-
Definition
enten in der gewählten Ausgangsstellung. Weitere
Faktoren für die Wahl der Ausgangsstellung sind Die Verbalen Kommandos verdeutlichen dem
4 funktionelle Zielsetzung, Patienten, was er tun soll und wann er dies tun
4 Muskelkraft, soll.
4 Tonus und
4 Schmerzen.
Der Therapeut sollte sich darüber klar sein, dass er
Der Patient sitzt oder liegt bequem und nah genug mit seinen Verbalen Kommandos den Patienten
am Rand der Behandlungsbank. Der Therapeut persönlich anspricht und nicht eine zu behandelnde
stellt sich auf die Seite, die dem Patienten ausrei- Extremität. Die vorbereitenden Anweisungen müs-
chend Sicherheit und Stabilität bietet. sen vom Therapeuten deutlich und präzise, ohne
Eine gute Körperstellung und Körpermechanik überflüssige Worte, gegeben werden. Sie können
des Therapeuten führt zu einer gleichmäßigen und mit passiv geführten Bewegungen unter der visuel-
ökonomischen Bewegung des Patienten, ohne dass len Kontrolle des Patienten kombiniert werden, um
viel Widerstand gegeben werden muss. ihm die gewünschten Bewegungen zu vermitteln.
Indem der Therapeut so weit wie möglich in der Der Zeitpunkt (»Timing«), wann der Verbale
jeweiligen Bewegungsdiagonalen steht und sich da- Stimulus gegeben wird, ist besonders wichtig, um
rin bewegt, gibt er dem Patienten bereits nonverbal die Reaktionen des Patienten mit den Taktilen Sti-
die richtige Information hinsichtlich des von ihm muli des Therapeuten zu koordinieren. Der Verbale
gewünschten Bewegungsablaufes. Stimulus initiiert die Bewegung und die Muskel-
kontraktionen und fördert die Korrektur von feh-
Praxistipp lender Mobilität und/oder Stabilität.
Das richtige Timing des Verbalen Kommandos
4 Eine gute Körperstellung und Bewegung
ist zudem besonders wichtig, wenn mit dem Stretch
des Therapeuten bietet dem Patienten
gearbeitet wird. Das einleitende Kommando sollte
eine optimale Sicherheit.
unmittelbar vor dem Stretch erfolgen, damit die be-
4 Mit einer guten Körperstellung und der
wusste Aktivität des Patienten mit der Reflexant-
daraus resultierenden Möglichkeit, sein
wort koordiniert werden kann (Evarts u. Tannji
Körpergewicht optimal einzusetzen, kann
1974). Ein gutes Timing zwischen verbalem Kom-
der Therapeut Widerstand geben, ohne
mando und Muskelaktivität ist auch bei allen Um-
dabei zu ermüden.
kehrtechniken wichtig, und zwar dann, wenn die
Bewegungsrichtung geändert wird. Das Vorberei-
tungskommando sollte gleichzeitig mit dem Wech-
2.5 Verbaler Stimulus sel der Hände des Therapeuten erfolgen, das Akti-
(Verbales Kommando) onskommando mit dem Setzen des Widerstandes
entgegen der neuen Bewegungsrichtung.
Der Beginn einer Bewegung oder einer Muskelakti- Die Lautstärke des Kommandos kann die Inten-
vität wird durch das Verbale Kommando eingeleitet. sität der Muskelkontraktion beeinflussen (Johans-
Das Verbale Kommando kann einerseits eine Mus- son et al. 1983). Daher sollte der Therapeut ein lau-
kelaktivität stimulieren, zum anderen entspannend teres Kommando einsetzen, wenn er eine starke
wirken. Die Aufmerksamkeit des Patienten soll Muskelkontraktion erreichen möchte, dagegen ei-
durch ein korrektes Kommando gefördert werden. nen ruhigeren oder leiseren Ton wählen, wenn das
Ein korrekt gegebenes Kommando – ohne zu Behandlungsziel Entspannung oder Schmerzmin-
viele Worte – stimuliert die vom Patienten er- derung ist.
2.6 · Visueller Stimulus
25 2
Man unterscheidet drei Arten des Verbalen
Kommandos:

Vorbereitungskommando – Der Patient wird darauf auf-


merksam gemacht, dass von ihm in Kürze Aktivität gefordert
werden wird.
Aktionskommando – Dieses Kommando leitet den Beginn
der gewünschten Aktivität ein.
Korrekturkommando – Diese Bemerkung des Therapeuten
vermittelt dem Patienten, wie er seine Aktivität korrigieren
und modifizieren soll.

Die Wiederholung und die Art des Kommandos so-


wie eine Korrektur der Bewegung trägt dazu bei,
dass der Patient aufmerksam bleibt. Darüber hinaus
wird er zu verstärkter Anspannung oder zur Kor-
rektur der Bewegung angespornt.

Beispiel
Das Kommando für das Pattern Flexion – Adduktion
– Außenrotation der unteren Extremität mit Knieflexi- . Abb. 2.7 Die visuelle Kontrolle erleichtert das Bewe-
gungslernen
on könnte folgendermaßen sein:
Vorbereitung: »Fertig und«
Aktion: »Ziehen Sie das Bein hoch und nach innen«
> Der Patient wird durch Visuelle Stimuli unter-
Korrektur: »Ziehen Sie die Zehen hoch« (wenn der
stützt, seine Position und seine Bewegung zu
Fuß nicht hoch genug gehoben wird).
kontrollieren. Visuelle Stimuli beeinflussen
den Patienten in der Bewegung seines Kopf-
Praxistipp es, seines Rumpfes und seiner Extremitäten.
Sie ermöglichen eine kooperative Kommuni-
Für ältere Patienten kann der visuelle Input kation zwischen Patient und Therapeut.
wichtiger sein als der verbale Input (Gentile,
Das visuelle Feedback-(und-forward-)System kann
Lee)!
eine verstärkte Muskelanspannung bewirken
(Schmidt u. Lee 1999).
Der Patient verfolgt mit seinem Blick seinen
2.6 Visueller Stimulus Arm oder sein Bein beim Üben. Dadurch kann
eine stärkere Muskelaktivität erreicht werden. Da-
Definition rüber hinaus hilft die visuelle Information dem
Das visuelle Feedback soll die muskuläre Patienten, seine Haltung oder die Bewegung zu
Aktivität, im Sinne von Koordination, Kraft kontrollieren und gegebenenfalls zu korrigieren.
und Stabilität stimulieren. Die Augenbewegungen beeinflussen sowohl
Kopf- als auch Körperbewegungen.
Der Patient blickt mit den Augen in die Rich-
Der Therapeut bekommt Informationen, ob die tung, in der er bewegen möchte. Dabei folgt der
angewandten Stimuli dem Ziel der Behandlung Kopf den Augenbewegungen. Diese Kopfbewegung
entsprechen oder ob die Stimuli zu intensiv sind fazilitiert wiederum größere und stärkere Bewegun-
bzw. dem Patienten Schmerzen bereiten. gen des Rumpfes (. Abb. 2.7).
Für ältere Patienten kann der visuelle Input
wichtiger sein als der verbale Input (Gentile, Lee).
26 Kapitel 2 · PNF-Behandlungsverfahren

2.7.2 Approximation
> Der Blickkontakt zwischen Patient und
Therapeut stellt ein wichtiges nonverbales
Kommunikationsmittel dar, das vor allem Behandlungsziele
2 die Motivation und die Koordination des Die Approximation wird eingesetzt:
Patienten steigern helfen kann. 4 zur Förderung der Stabilität,
4 zur Fazilitation der Gewichtsübernahme
2.7 Traktion und Approximation und der Kontraktion der Muskulatur, die
der Schwerkraft entgegenwirkt, zur Fazili-
2.7.1 Traktion tation der Stellreaktionen,
4 zum gezielten Setzen eines Widerstandes
bezüglich bestimmter Bewegungskompo-
Behandlungsziele nenten.
Die Traktion wird eingesetzt:
4 zur Fazilitation von Bewegungen, vor allem
für Zugbewegungen und Bewegungen ge- Definition
gen die Schwerkraft, Unter Approximation versteht man die Kom-
4 zur Verlängerung der Muskulatur (»elonga- pression einer Extremität oder des Rumpfes.
ted position«) als Vorbereitung auf den
Stretchreflex oder Stretchstimulus,
4 zum gezielten Einsatz eines Widerstandes Es wird ebenfalls vermutet, dass sich durch die
für bestimmte Abschnitte der Bewegungs- Stimulation der Gelenkrezeptoren eine erhöhte
folge, z. B. wird die Traktion zu Beginn der Kontraktionsbereitschaft der Muskulatur ergibt
Schulterflexion angewendet, um der Eleva- (Knott u. Voss 1968; Voss et al. 1985). Eine weitere
tion des Schulterblattes entgegenzuwirken mögliche Erklärung für die erhöhte muskuläre
oder um sie zu fazilitieren. Antwort, die auf eine Approximation folgt, ist der
4 Traktion kann bei Gelenkschmerzen im Versuch des Körpers, sein Gleichgewicht über das
Sinne der Schmerzlinderung hilfreich sein. Aktivieren von Haltungs- und Stellreflexen zu er-
halten.
Wenn die Approximation sparsam angewandt
Definition und richtig dosiert wird, kann sie bei der Behand-
Traktion ist eine vom Therapeuten bewusst lung von schmerzhaften und instabilen Gelenken
ausgeführte Verlängerung einer Extremität überaus hilfreich sein.
oder des Rumpfes. Der Therapeut kann z. B. am Ende der Schulter-
flexion approximieren, um gegen die Elevation des
Schulterblattes einen Widerstand zu setzen.
Knott und Voss vermuten, dass durch die Traktion Es gibt mehrere Anwendungsmöglichkeiten der
ein therapeutischer Effekt im Sinne einer Stimulati- Approximation:
on der Gelenkrezeptoren entsteht (Knott u. Voss
1968; Voss et al. 1985). Darüber hinaus bewirkt die »Quick approximation« – Hierunter versteht man eine
schnell ausgeführte Approximation mit dem Ziel, eine
Traktion durch die Verlängerung der Muskulatur
reflexartige Reaktion zur Erhöhung der Stabilität auszulösen.
einen Stretchstimulus.
»Slow approximation« – Hierbei wird die Intensität der
Die Traktion sollte allmählich gesteigert wer-
Approximation allmählich erhöht, bis die Toleranzgrenze des
den, bis das gewünschte Resultat erreicht ist. Sie Patienten erreicht ist.
wird während der gesamten Bewegung beibehalten Anhaltende Approximation – Nach einer »quick« bzw.
und mit adäquatem Widerstand kombiniert. »slow approximation« wird der Druck solange beibehalten,
wie der Patient diesen für den Aufbau der Muskelspannung
benötigt
2.8 · Stretch
27 2
Egal, ob die Approximation schnell oder langsam Der Stretchstimulus wird während normaler Bewe-
erfolgt, der Therapeut muss den Druck beibehalten gungsabläufe zur Vorbereitung der Bewegung ein-
und Widerstand für die daraus resultierende mus- gesetzt, um die Muskelkontraktion zu fördern. Die-
kuläre Antwort geben. Ein adäquates Kommando ser Stimulus fazilitiert sowohl den verlängerten
sollte die Anwendung der Approximation begleiten Muskel als auch die synergistische Muskulatur des
(z. B. »… und … bleiben Sie da …« oder »… und … beteiligten Gelenkes und die assoziierte synergisti-
strecken Sie sich …«). sche Muskulatur (Loofbourrow u. Gellhorn 1948).
Vor der Approximation sollte sich der Thera- Eine intensivere Fazilitation wird durch die Verlän-
peut vergewissern, ob alle beteiligten Gelenke kor- gerung aller Synergisten einer Extremität oder des
rekt ausgerichtet sind und sich in einer gewichttra- Rumpfes erzielt. So fazilitiert z. B. die Verlängerung
genden Position befinden. des M. tibialis anterior den Muskel selbst und darü-
Sobald der Therapeut eine Verminderung der ber hinaus auch die Bewegungskomponenten Flexi-
aktiven Muskelkraft wahrnimmt, wiederholt er die on – Adduktion – Außenrotation des Hüftgelenkes.
Approximation und setzt den Widerstand erneut. Wird z. B. nur die Hüftgelenkmuskulatur mit den
Komponenten Flexion – Adduktion – Außenrotati-
> Traktion fazilitiert meist Bewegung,
on verlängert bzw. gedehnt, tritt neben der erhöhten
Approximation isometrische und
Erregbarkeit der genannten Muskulatur auch eine
isotonische Kontraktionen.
erhöhte Reizbarkeit des M. tibialis anterior auf.
Angewandt wird das Prinzip, das für den Patienten Wird weiterführend die gesamte zum Pattern (Be-
am effektivsten ist: wegungsmuster) gehörende Muskulatur von der
4 Aktivitäten in aufrechter Körperhaltung kann Hüfte bis zum Fuß gleichzeitig verlängert, verur-
man mit Approximation fazilitieren, verbun- sacht dieser intensive Stimulus eine erhöhte Reiz-
den mit konzentrischer und exzentrischer barkeit in der synergistischen Rumpfmuskulatur
Muskelarbeit. (Flexoren).
4 Armaktivitäten gegen die Schwerkraft kann
man mit Approximation anstatt Traktion fazili-
tieren, wenn damit die Funktion stärker geför- 2.8.2 Stretchreflex
dert wird.

Behandlungsziele
2.8 Stretch In 7 Kap. 3.5 (»Wiederholter Stretch«) wird be-
schrieben, wann, wie und warum der Stretch-
2.8.1 Stretchstimulus reflex eingesetzt wird.

Behandlungsziele Definition
Ein gut angewandter Stretchstimulus bereitet Der Stretchreflex wird über Muskeln ausge-
den Patienten auf eine bessere (kräftigere und löst, die unter optimaler Spannung stehen.
ökonomischere) Muskelaktivität vor, indem er
die Muskulatur stimuliert.
Der Stretchstimulus stimuliert die Kontraktion Diese Spannung der Muskulatur kann sowohl durch
der Synergisten. die passive Verlängerung als auch durch eine aktive
Kontraktion erzeugt werden. Der Stretchreflex be-
steht aus zwei Teilen:
Definition Ein schnell auftretender spinaler Reflex mit kur-
Der Stretchstimulus entsteht durch Dehnung zer Latenzzeit, bei dem die Kraftentwicklung gering
der Muskulatur (im Sinne einer Verlängerung). ist und der womöglich funktionell eine geringe Be-
deutung hat.
28 Kapitel 2 · PNF-Behandlungsverfahren

Die funktionelle Antwort auf den Stretch. Sie 2.9 Timing


hat eine längere Latenzzeit, ruft dafür aber eine
kraftvollere und funktionelle Kontraktion hervor
2 (Conrad u. Meyer-Lohmann 1980; Chan 1984). Behandlungsziele
Der Antwort auf den Stretchstimulus sollte Die normale Bewegungsfolge verstärkt eine
durch den Therapeuten ein Widerstand entgegenge- normale, alltägliche Bewegung und verbessert
setzt werden, um für die Behandlung effektiv zu sein. dadurch die Koordination, bis der Bewegungs-
Darüber hinaus ist die Kraft bzw. die Intensität einer auftrag vollbracht ist.
Muskelkontraktion, die auf den Stretch folgt, von der Die betonte Bewegungsfolge lenkt die Kraft
Bereitschaft des Patienten und somit von den vor- von der kräftigeren auf die schwächere Musku-
ausgegange Anweisungen des Therapeuten abhän- latur.
gig. Diese Feststellung konnte anhand von Tierexpe-
rimenten belegt werden. So fand man bei Affen, die
man zuvor instruiert hatte, nach dem Stretch Wider- Definition
stand zu leisten, eine verstärkte Reaktion der Mus- Timing bedeutet die zeitliche Abfolge von Be-
kulatur und Veränderungen im Bereich des Motor- wegungen.
kortex der Hirnrinde. Dieselben verstärkten Reakti-
onen konnten bei gleicher Ausgangsinstruktion
auch beim Menschen festgestellt werden (Hammond Normale Bewegung erfordert eine harmonische
1956; Evarts u. Tannji 1974; Chan 1984). Abfolge während der Aktivität. Koordinierte Bewe-
gungen benötigen ein präzises Timing dieser Bewe-
Praxistipp gungsfolgen. Funktionelle Aktivitäten benötigen
daher kontinuierliche koordinierte Bewegungen,
Die Reaktion auf einen Stretch für eine Muskel-
bis das Ziel erreicht ist.
kette kann ein Stretchreflex sein, es kann aller-
dings auch nur zu einer erhöhten Stimulation Definition
der Muskelkette kommen, ohne dass ein Reflex
Beim erwachsenen Menschen verläuft das
ausgelöst wird.
Normale Timing der meisten koordinierten
und ökonomischen Bewegungen (bezogen auf
Wird etwa bei mehreren Skapula- und Beckenpat- den Körper) von distal nach proximal.
terns ein Stretch gesetzt, kann die muskuläre Reak-
tion erhöht sein, obwohl kein Reflex vorausgegan-
gen ist. Wenn man die Bewegung des kräftigeren Synergis-
Bei Patienten mit einem erhöhten Tonus, z. B. ten verhindert, leitet man die Energie von dessen
bei einer spinalen Spastik, entsteht sehr schnell ein Kontraktion in die schwächere Muskulatur, schrieb
Stretch, den man gut nutzen kann, um eine Bewe- Kabat (1947). Diese Änderung des Timings stimu-
gung zu starten oder die Spastik zu hemmen, indem liert die propriozeptiven Reflexe durch Widerstand
man entgegengesetzt des spastischen Musters bewe- und Stretch in die Muskeln. Die besten Resultate
gen lässt. werden erreicht, wenn die stärkere Muskulatur we-
Ein Stretch ist nicht immer erforderlich; man nigstens Muskelkraft 4 aufweist (Manual Muscle
sollte diesen nur setzen, um dynamische Muskelak- Test: Partridge 1954).
tivität zu fördern. Jedoch muss zunächst die proximale Stabilität
aktiviert sein, bevor distal die Bewegung beginnen
! Vorsicht kann.
Der Stretchstimulus und Stretchreflex soll- Dies ist jedoch nicht zu verallgemeinern, da der
te bei instabilen Frakturen und Gelenken Verlauf des Timing abhängig von der auszuführen-
sowie bei vielen Muskel- und Sehnenver- den Aufgabe sein kann (Dudel et al. 1996). Die Ent-
letzungen nicht angewandt werden. wicklung der motorischen Kontrolle und die der
2.9 · Timing
29 2

a b

. Abb. 2.8 a–d Betonte Bewegungsfolge durch Verhindern der Bewegung. a, b Beinpattern Flexion – Abduktion – Innenro-
tation mit Knieflexion. Die kräftigen Bewegungen in Hüft- und Kniegelenk werden vom Therapeuten blockiert; die Dorsalfle-
xion und Eversion des Fußgelenkes werden mit Wiederholtem Stretch geübt. c, d Armpattern Flexion – Abduktion – Außen-
rotation. Die kräftige Schulterbewegung wird vom Therapeuten blockiert, während die Radialextension des Handgelenkes
geübt wird

Koordination verlaufen jedoch von kranial nach Definition


kaudal und von proximal nach distal (Jacobs 1967). Betonte Bewegungsfolge »Timing for
Bei einem kleinen Kind beispielsweise bestimmt der Emphasis«) bedeutet, dass zur Betonung
Arm, wohin sich die Hand bewegt. Wenn die Hand- einer speziell ausgewählten Teilbewegung
funktion beim Erwachsenen vollständig ausgereift bewusst von der normalen Reihenfolge der
ist, steuert die Hand den Bewegungsverlauf des Ar- Bewegungen abgewichen wird, um einen
mes (Halvorson 1931). bestimmten Muskel oder eine gewünschte
Die Balance im Stand wird zuerst durch die Aktivität zu betonen.
kleinen Bewegungen der Fußmuskulatur (distal)
aufrechterhalten und breitet sich – wenn nötig –
nach proximal zur Hüft- und Rumpfmuskulatur Für die Technik Betonte Bewegungsfolge gibt es
aus (Nashner 1977). zwei Anwendungsmöglichkeiten (. Abb. 2.8 und
Die Verbesserung des Normalen Timing kann . Abb. 2.9).
als Behandlungsziel in den Behandlungsplan mit Alle zum Pattern gehörenden Bewegungen, aus-
aufgenommen werden. genommen die zu verstärkende schwache Bewe-
gungskomponente, werden direkt in der Ausgangs-
stellung am Anfang der Bewegungsbahn verhindert,
so dass es zu einer isometrischen bzw. statischen
Kontraktion der kräftigeren Muskulatur kommt.
30 Kapitel 2 · PNF-Behandlungsverfahren

. Abb. 2.9 a–d Betonte Bewegungsfolge beim Einsatz isometrischer Kontraktionen von starken Muskeln. a, b Übung der
Ellbogenflexion durch Einsatz des Patterns Flexion – Adduktion – Außenrotation mit stabilisierenden Kontraktionen der star-
ken Schulter- und Handgelenkmuskeln. c, d Übung der Fingerflexion durch Einsatz des Patterns Extension – Adduktion – In-
nenrotation mit stabilisierender Kontraktion der starken Schultermuskulatur

Beispiel 2.10 PNF-Patterns


Betontes Üben der Bewegung Dorsalflexion – Supina-
tion – Adduktion des Fußes: Der Therapeut verhindert Die spezifischen Patterns (Bewegungsmuster) wer-
durch ausreichenden Widerstand die Bewegung Flexi- den in 7 Kap. 5 ausführlich besprochen.
on – Adduktion – Außenrotation im Hüftgelenk und
die Flexion im Kniegelenk. Währenddessen setzt er
zur Stimulierung des Fußes für die Komponenten 2.11 Überprüfen Sie Ihr Wissen:
Dorsalflexion – Supination – Adduktion die Techniken Fragen
Wiederholter Stretch oder Agonistische Umkehr ein.
PNF-Grundverfahren oder Grundprinzipien gezielt
Innerhalb des Patterns wird die Position gewählt, in einzusetzen, ermöglicht dem Therapeuten, die mo-
der die Synergisten der schwachen Komponente torischen Reserven des Patienten zu mobilisieren
stark sind. Hier erhält der Patient so viel Wider- und das motorische Lernen zu unterstützen.
stand, dass es zu einer statischen Kontraktion der 4 Nennen Sie mindestens zehn verschiedene
kräftigeren Synergisten kommt. Dies wird »Einras- Grundprinzipien und deren Hauptziele.
ten« (»locking in«) genannt. 4 Warum ist es so wichtig diese Grundprinzipien
zu kombinieren?
2.11 · Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen
31 2

. Tab. 2.1 Die Grundprinzipien zur Fazilitation

Behandlungs- Definition Hauptziele, Anwendungsbereiche


verfahren

Optimaler Intensität des Widerstandes hängt Förderung der Muskelkontraktionsfähigkeit.


Widerstand von den Möglichkeiten des Patienten Verbesserung des motorischen Lernens. Verbesserung
und vom Behandlungsziel ab. der Bewegungswahrnehmung und -kontrolle.
Muskelkräftigung.
Irradiation und Verstärkung

Irradiation »Überfließen«, Ausbreitung von Reak- Fazilitation von Muskelkontraktionen (einschließlich


tionen bzw. Nervenimpulsen, entsteht Wirkung auf kontralateraler Seite und weiterlaufende
durch optimalen Widerstand. Fazilitation).

Verstärkung Steigerung der Stimuli durch er-


neutes Hinzufügen eines Reizes.

Taktiler Stimulus Stimulation der sensiblen Haut- und Bessere Muskelaktivität.


(Manueller Mechanorezeptoren. Bei Anwendung am Rumpf Förderung der Rumpfstabilität.
Kontakt) Sicherheit und Vertrauen vermitteln.
Förderung der taktil-kinästhetischen Wahrnehmung.

Körperstellung Therapeut: Position in Bewegungs- Ermöglicht dem Patienten ein ökonomisches und zielge-
und richtung und Mitbewegung. richtetes Arbeiten, ohne Bewegungsbehinderung.
Körpermechanik Patient: korrekte Ausgangsstellung Erlaubt dem Therapeuten, sein Körpergewicht optimal
einzusetzen ohne zu ermüden.

Verbaler Verdeutlicht dem Patienten, was er Einleitung einer Bewegung.


Stimulus wann tun soll. Stimulation der erwünschten funktionellen Aktivität.
Förderung der Aufmerksamkeit des Patienten.
Anregung von Korrekturen am Bewegungsablauf oder
Stabilisation der erreichten Position

Visueller Der Patient verfolgt und kontrolliert Stimulation von muskulärer Aktivität im Sinne von
Stimulus die Bewegung mit seinen Augen. Koordination, Kraft und Stabilität.
Information des Therapeuten über Intensität und
Schmerzverträglichkeit der angewendeten Stimuli.
Ermöglicht eine kooperative Kommunikation zwischen
Patient und Therapeut.

Traktion und Approximation

Traktion Vom Therapeuten ausgeführte Ver- Fazilitation von Bewegungen (vor allem von Zugbewe-
längerung einer Extremität oder des gungen in Richtung eigener Körper und Bewegungen
Rumpfes. gegen die Schwerkraft).
Zum gezielten Einsatz von Widerständen für bestimmte
Abschnitte der Bewegungsfolge.
Vorbereitung auf den Stretchreflex und Stretchsstimulus.
Linderung von Gelenkschmerzen.

Approximation Kompression einer Extremität oder Förderung der Stabilität.


des Rumpfes. Fazilitation der Gewichtsübernahme und Kontraktion
der gegen die Schwerkraft wirkenden Muskulatur.
Fazilitation der Stellreaktionen.
Zum gezielten Einsatz von Widerständen bezüglich
bestimmter Bewegungskomponenten.
Stretchstimulus Dehnung der Muskulatur im Sinne Vorbereitung des Patienten für eine kräftigere und
einer Verlängerung. ökonomischere Muskelaktivität.
Stimulation der Kontraktion der synergistischen
Muskulatur.
32 Kapitel 2 · PNF-Behandlungsverfahren

. Tab. 2.1 (Fortsetzung)

Behandlungs- Definition Hauptziele, Anwendungsbereiche


2 verfahren

Timing Zeitliche Abfolge von Bewegungen.

Normales Verläuft bei den meisten koordi- Verbessert Koordination einer normalen Bewegung.
Timing nierten und ökonomischen Bewe-
gungen des erwachsenen Menschen
von distal nach proximal.

Betonte Zur Betonung einer speziell ausge- Lenkt Kraft von der kräftigeren auf die schwächere
Bewegungs- wählten Teilbewegung wird bewusst Muskulatur.
folge (»Timing von der normalen Reihenfolge der
for Emphasis«) Bewegung abgewichen, um einen
bestimmten Muskel oder eine ge-
wünschte Aktivität zu betonen.

PNF-Patterns Synergistische Kombinationen drei- Fazilitation und Steigerung der muskulären Antwort.
dimensional verlaufender Muskel-
kontraktionen.

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35 3

Techniken
D. Beckers

3.1 Einführung – 36

3.2 Rhythmische Bewegungseinleitung


(»Rhythmic Initiation«) – 37

3.3 Agonistische Umkehr (»Reversal of Agonists«) – 38


3.3.1 Kombination isotonischer Bewegungen
(»Combination of Isotonics«) – 38

3.4 Antagonistische Umkehr (»Reversal of Antagonists«) – 40


3.4.1 Dynamische Umkehr
(»Dynamic Reversal«/einschließlich »Slow Reversal«) – 40
3.4.2 Stabilisierende Umkehr (»Stabilizing Reversals«) – 43
3.4.3 Rhythmische Stabilisation (»Rhythmic Stabilization«) – 44

3.5 Wiederholter Stretch (»Repeated Stretch«/


»Repeated Contraction«) – 46
3.5.1 Wiederholter Stretch am Anfang der Bewegung – 46
3.5.2 Wiederholter Stretch während der Bewegung – 48

3.6 Anspannen – Entspannen (»Contract Relax«) – 49


3.6.1 Anspannen – Entspannen: Direkte Behandlung – 50
3.6.2 Anspannen – Entspannen: Indirekte Behandlung – 52

3.7 Halten – Entspannen (»Hold Relax«) – 52


3.7.1 Halten – Entspannen: Direkte Behandlung – 52
3.7.2 Halten – Entspannen: Indirekte Behandlung – 53

3.8 Replikation (»Replication«) – 54

3.9 Anwendungsbereiche der verschiedenen Techniken – 55

3.10 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen – 56

Weiterführende Literatur – 56

Literatur – 57

M. Buck et al., PNF in der Praxis,


DOI 10.1007/978-3-642-37814-0_3, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
36 Kapitel 3 · Techniken

3.1 Einführung logie von Knott u. Voss (1968) abweichen, werden


beide Begriffe angegeben; die Begriffe von Knott
Ziel der PNF-Techniken ist, die funktionelle Be- und Voss sind in Klammern gesetzt.
wegung durch Fazilitation, Inhibition, Kräftigung Der erläuternde Text zu den einzelnen Techni-
und Entspannung von Muskelgruppen zu fördern. ken beinhaltet eine kurze Charakterisierung der
Hierzu werden konzentrische, exzentrische und sta- jeweiligen Technik und deren Ziele, eine Erläute-
3 tische Muskelkontraktionen eingesetzt. Sie werden rung der Anwendungsmöglichkeiten und eine Auf-
mit einem sorgfältig abgestimmten Widerstand und listung der Indikationen bzw. Kontraindikationen
geeigneten fazilitierenden Maßnahmen kombiniert. und eine ausführliche Erläuterung hinsichtlich der
Die Techniken werden dabei individuell auf die Be- Ausführung, einschließlich Beispielen und mögli-
dürfnisse des einzelnen Patienten abgestimmt. Dies chen Modifikationen.
kann anhand folgender Beispiele erläutert werden: Beispielsweise wird unter Antagonistischer
Umkehrbewegung (»Reversal of Antagonists«) eine
Beispiele Gruppe von Techniken verstanden, bei denen der
Erweiterung und Verbesserung des Bewegungsaus- Patient agonistische und antagonistische Bewegun-
maßes und Stärkung der Muskelkraft in einem neu gen ohne Entspannung direkt abwechselnd aufein-
erworbenen Bewegungsbereich anderfolgend ausführt, wobei es weder eine Pause
Der Einsatz von Entspannungstechniken (Relaxations- noch eine Entspannung gibt. Innerhalb dieser
techniken), z. B. Spannen – Entspannen (»Contract Gruppe von Techniken ist die Dynamische anta-
Relax«), dient der Erweiterung des Bewegungsaus- gonistische Umkehrbewegung (»Dynamic reversal
maßes. Werden direkt daran anschließend fazilitie- of Antagonists«) eine isotonische Technik, in der
rende Techniken wie Dynamische Umkehr (»Dynamic sich der Patient ohne Anzuhalten erst in die eine
Reversal/Slow Reversal«) oder Kombination isotoni- Richtung und dann in die Gegenrichtung bewegt.
scher Bewegungen (»Combination of Isotonics«) ein- Unter Rhythmischer Stabilisation (»Rhythmic
gesetzt, erreicht man eine Stärkung der Muskelkraft Stabilization«) versteht man eine isometrische
und eine Verbesserung der Bewegungskontrolle in Kontraktion der antagonistischen Muskelgruppen,
dem neu erworbenen Bewegungsausmaß. wobei weder Patient noch Therapeut eine Bewe-
Die Ermüdung der Muskulatur während gung beabsichtigen. Diese Technik hilft dem Patien-
der Muskelkräftigungsübungen vermindern ten u. a., eine Haltung besser einnehmen zu können
Nach dem Einsatz von Techniken, die die Muskelkraft und diese dann zu stabilisieren.1 Beide Umkehr-
verstärken, wie Wiederholter Stretch (»Repeated techniken werden zur Kräftigung der Muskulatur
Stretch«), sollte sofort die Technik Dynamische Um- und zur Erweiterung des Bewegungsausmaßes ein-
kehr (»Dynamic Reversal/Slow Reversal«) eingesetzt gesetzt.
werden, um eine Ermüdung der beanspruchten Mus-
kulatur zu mindern. Der wiederholte Stretchreflex
verhindert eine vorzeitige Ermüdung der Muskulatur, Die PNF-Techniken
so dass diese länger arbeiten kann. Die alternieren- 4 Rhythmische Bewegungseinleitung =
den Kontraktionen der antagonistischen Muskeln »Rhythmic Initiation«
verringern ebenfalls Ermüdungserscheinungen, die 4 Kombination isotonischer Bewegungen =
durch wiederholtes Üben ein und derselben Muskel- »Combination of Isotonics« (Johnson u.
gruppe hervorgerufen werden. Saliba 1988, nicht publiziert) (auch Agonis-
6
Die PNF-Techniken werden nach gleichartigen
Aktivitäten oder Funktionen gegliedert. Bei der
1 Johnson und Saliba (1979) waren die ersten, die die Termi-
Einführung neuer Begriffe wurde berücksichtigt,
ni Stabilisierende Umkehr der Antagonisten, Dynamische
dass ihr Name die Aktivität bzw. die Art der Mus- Umkehr der Antagonisten, Kombination isotonischer Be-
kelkontraktion beschreibt. In den Fällen, in denen wegungen und Wiederholter Stretch verwendeten (nicht
die von uns verwandten Begriffe von der Termino- publiziertes Kursskript des Institute of Physical Art, 1979).
3.2 · Rhythmische Bewegungseinleitung (»Rhythmic Initiation«)
37 3
Der Therapeut beginnt zunächst mit passivem
tische Umkehr = »Reversal of Agonists« Bewegen, gefolgt von assistivem (geführtem) und
genannt, Sullivan et al. 1982) resistivem Bewegen (gegen Widerstand). Anschlie-
ßend wird die Bewegung vom Patienten aktiv aus-
4 Antagonistische Umkehr = »Reversal of geführt.
Antagonists«
– Dynamische Umkehr = »Reversal of Indikationen Die rhythmische Bewegungsein-
Antagonists« (»Slow Reversal«) leitung wird bei Patienten angewandt, die:
– Stabilisierende Umkehr = »Stabilizing 4 Schwierigkeiten haben, eine Bewegung ein-
Reversals« zuleiten,
– Rhythmische Stabilisation = »Rhythmic 4 Bewegungen zu schnell oder zu langsam
Stabilization« durchführen,
4 Wiederholter Stretch = »Repeated Stretch« 4 unkoordinierte oder arrhythmisch verlaufende
(»Repeated Contraction«) Bewegungen zeigen (z. B. Ataxie, Rigidität
– Wiederholter Stretch am Anfang der usw.).
Bewegung = »Repeated Stretch from
beginning of the range« Zudem kommt sie bei Veränderungen der Tonuslage,
– Wiederholter Stretch während der sowohl hypoton als auch hyperton, zum Einsatz.
Bewegung = »Repeated Stretch
through range« Beschreibung Der Therapeut führt die gewünschte
4 Anspannen – Entspannen = »Contract Relax« Bewegung zunächst passiv aus. Der Bewegungs-
4 Halten – Entspannen = »Hold Relax« rhythmus wird dabei durch das Tempo der verbalen
4 Replikation (»Replication«) Anweisungen des Therapeuten bestimmt. Das Ziel
der beabsichtigten Bewegung kann dem Patienten
vorher vermittelt werden, entweder verbal, visuell
oder taktil. So kann der Patient, auch wenn der The-
3.2 Rhythmische Bewegungsein- rapeut die Bewegung passiv ausführt, aktiv (kogni-
leitung (»Rhythmic Initiation«) tiv) an der Bewegungsplanung teilnehmen.
Der Patient wird nun aufgefordert, aktiv in die
gewünschte Richtung mitzubewegen. Den Rückweg
Behandlungsziele
führt der Therapeut passiv aus, d. h. ohne Mithilfe
4 Unterstützung bei der Einleitung einer Be-
des Patienten und ohne verbale Anweisung. Der Pa-
wegung
tient würde ansonsten diese Bewegung planen und
4 Erlernen der Bewegung
somit diese Synergie aktivieren.
4 Verbesserung von Koordination und Bewe-
Anschließend setzt der Therapeut der aktiven
gungsgefühl
Bewegung Widerstand entgegen und unterstützt
4 Normalisierung der Bewegungsgeschwin-
gleichzeitig den Bewegungsrhythmus mit seinen
digkeit, entweder durch Beschleunigung
verbalen Anweisungen.
oder Verminderung der Geschwindigkeit
Abschließend sollte der Patient die Bewegung
4 Normalisierung der Muskelspannung
selbständig ausführen.

Beispiel
Charakterisierung
Rollen. Ausgangsstellung: Seitlage
Definition Der Patient liegt auf einer Seite und wird passiv aus
Rhythmisches Bewegen des Rumpfes oder dieser Position in die Bauchlage und wieder in die Aus-
der Extremitäten innerhalb des gewünschten gangsstellung zurückgebracht: »Lassen Sie sich vor-
Bewegungsbereiches. wärts bewegen. Gut, und jetzt noch mal nach vorne.«
6
38 Kapitel 3 · Techniken

Wenn sich der Patient gut und entspannt bewegt,


fordert der Therapeut ihn auf, die Bewegung nach 4 Vergrößerung des aktiven Bewegungsaus-
vorne aktiv zu unterstützen: »Helfen Sie mir nun bei maßes
der Bewegung nach vorne ein bisschen. Entspannen 4 Kräftigung der Muskulatur
Sie sich.« 4 Funktionelles Training der exzentrischen
Anschließend setzt der Therapeut der Bewegung Bewegungskontrolle während eines Be-
3 nach vorne einen Widerstand entgegen: »Bewegen wegungsablaufes
Sie sich jetzt gegen meinen Widerstand nach vorne,
und lassen Sie sich nun wieder von mir in die Aus-
gangsstellung zurückbringen. Drücken Sie sich jetzt Charakterisierung
wieder nach vorne.«
Abschließend führt der Patient die Bewegung selbst Definition
aus: »Führen Sie die Bewegungen jetzt selbst durch.« Kombination von konzentrischen, exzen-
trischen und stabilisierenden Kontraktionen
Modifikation Man kann anschließend mit der Anta- einer Muskelgruppe (Agonisten) ohne Ent-
gonistischen oder der Agonistischen Umkehrtech- spannung.
nik arbeiten. Die Technik kann mit Kombination
isotonischer Bewegungen ergänzt werden.
Bei der Behandlung sollte an der Stelle im Bewe-
Praxistipp gungsablauf begonnen werden, an der der Patient
die meiste Kraft oder die beste Koordination auf-
4 Das Tempo der verbalen Stimuli bestimmt
bringen kann.
den Rhythmus.
4 Am Ende der Übungssequenz sollte der
Indikationen
Patient die Bewegung selbst ausführen.
4 Verminderte exzentrische Bewegungskon-
4 Diese Technik kann mit anderen Techniken
trolle,
kombiniert werden, um z. B. die Abfolge
4 verminderte Bewegungskoordination oder das
der funktionellen Muskelaktivierung zu ge-
Unvermögen, in die gewünschte Richtung zu
währleisten.
bewegen,
4 Einschränkung des aktiven Bewegungsaus-
maßes,
3.3 Agonistische Umkehr 4 Einschränkung des aktiven Bewegens inner-
(»Reversal of Agonists«) halb eines möglichen Bewegungsausmaßes.

3.3.1 Kombination isotonischer Beschreibung Der Therapeut setzt der aktiven Be-
Bewegungen (»Combination wegung des Patienten innerhalb des zur Verfügung
of Isotonics«) stehenden Bewegungsbereiches einen Widerstand
entgegen (konzentrische Kontraktion).
Diese Technik wurde von Johnson und Saliba be- Am Ende der Bewegung fordert der Therapeut
schrieben. den Patienten auf, in der Endposition zu bleiben
(stabilisierende Kontraktion).
Anschließend weist der Therapeut den Patienten
Behandlungsziele an, sich langsam wieder in die Ausgangsstellung
4 Verbesserung der aktiven Bewegungskon- bringen zu lassen (exzentrische Kontraktion).
trolle Zwischen diesen verschiedenen Formen der
4 Verbesserung der Koordination Muskelaktivität gibt es keine Entspannung. Dabei
6 bleiben die Hände des Therapeuten an Ort und
Stelle.
3.3 · Agonistische Umkehr (»Reversal of Agonists«)
39 3

. Abb. 3.1 Kombination isotonischer Bewegungen: vorwärts bewegen mit exzentrischer Kontrolle der Rumpfextensoren

> Es ist auch möglich, die exzentrische oder Beispiel


stabilisierende Kontraktion der Musku- Rumpfflexion, kombiniert mit Rumpfextension
latur vor der konzentrischen Kontraktion Nach einigen Wiederholungen der oben genannten
durchzuführen. Übungsfolge soll sich der Patient aktiv, d. h. selbstän-
dig, unter Einsatz konzentrischer Muskelaktivität in
Beispiel die Rumpfflexion bewegen.
Rumpfextension im Sitzen (. Abb. 3.1) Danach kann die Bewegungsfolge bei gleichzeitigem
Der Therapeut setzt der Rumpfextension (konzentri- Einsatz von Kombination isotonischer Bewegungen
sche Kontraktion) des Patienten einen Widerstand (»Combination of Isotonics«) wiederholt werden oder
entgegen: »Drücken Sie sich gegen meine Hände mit der Antagonistischen Umkehr (»Reversal of Anta-
weg von mir.« Am Ende der aktiven Bewegung des gonists«) für Rumpfflexion und Rumpfextension fort-
Patienten weist der Therapeut den Patienten an, in gefahren werden.
dieser Position zu bleiben (stabilisierende Kontrakti- Die Technik kann am Ende des möglichen Bewe-
on): »Stopp, bleiben Sie in dieser Position, lassen Sie gungsausmaßes beginnen und mit exzentrischer
sich nicht zurückdrücken.« Kontraktion starten.
Nachdem der Patient in der vom Therapeuten ge- Rumpfflexion im Sitzen
wünschten Position stabil ist, bringt der Therapeut Die Bewegung beginnt aus der Rumpfextension im
den Patienten wieder in die Ausgangsstellung zu- Sitzen. Dabei wird der Patient, ausgehend von Exten-
rück. Währenddessen soll der Patient versuchen, sion, in die Rumpfflexion bewegt. Währenddessen
die Bewegung mit Hilfe der exzentrischen Aktivität soll er die Flexionsbewegung mit Hilfe der Rumpfex-
der Rumpfextensoren unter Kontrolle zu halten: tensoren kontrollieren, indem er die Bewegung
»Lassen Sie sich nun wieder nach vorne drücken, durch die exzentrische Aktivität der Rumpfextenso-
aber langsam.« ren zulässt: »Jetzt lassen Sie sich langsam vorwärts
bewegen.«
Modifikationen Die Kombination isotonischer Die Kontraktionsformen können an jedem Punkt in-
Bewegungen kann mit der Antagonistischen nerhalb des gesamten Bewegungsbereiches gewech-
Umkehr (»Reversal of Antagonists«) kombiniert selt werden.
werden. 6
40 Kapitel 3 · Techniken

Der Wechsel von einer konzentrischen in eine exzen-


trische Muskelaktivität ist auch möglich, ohne die Be- 4 Förderung der Koordination (fließender
wegung zu stoppen oder zu stabilisieren. Bewegungswechsel)
Rumpfextension im Sitzen 4 Verhinderung der Ermüdungser-
Der Therapeut setzt der konzentrischen Muskelaktivi- scheinungen
tät der Rumpfflektoren einen Widerstand entgegen. 4 Entspannung der Muskulatur
3 »Drücken Sie sich gegen mich nach vorne.« 4 Steigerung der Ausdauer
Nachdem der Patient das gewünschte Ausmaß an
Rumpfflexion erreicht hat, wird er vom Therapeuten in
die Ausgangsstellung zurückbewegt. Während dieser Charakterisierung
Bewegung kontrolliert der Patient die Bewegung mit
Hilfe der exzentrischen Aktivität seiner Rumpfflexoren Definition
exzentrisch: »Jetzt lassen Sie sich langsam von mir zu- Dynamische Umkehr ist eine aktive Bewe-
rückbewegen, ganz langsam.« gungsabfolge, die von der einen Richtung des
Agonisten in die entgegengesetzte Richtung
Praxistipp
des Antagonisten wechselt.

4 Der Therapeut sollte dort beginnen, wo


der Patient die meiste Kraft oder die beste
Die Bewegung erfolgt ohne Pause bzw. zwischen-
Koordination aufbringen kann. In der
zeitlicher Entspannung. Viele Bewegungen unseres
Regel ist dies in angenäherter Position.
täglichen Lebens (wie schnelle zielorientierte Will-
4 Zuerst sollte eine stabilisierende oder
kürbewegungen) basieren auf dieser Form von
exzentrische Muskelaktivität erfolgen.
Muskelaktivitäten, z. B. einen Ball werfen, Fahrrad
4 Damit das Ende des Bewegungsaus-
fahren oder gehen.
maßes betont wird, sollte dort mit
exzentrischer Muskelaktivität begonnen
Indikationen
werden.
4 Verminderung des aktiven Bewegungsaus-
maßes
4 Schwäche der agonistischen Muskulatur
3.4 Antagonistische Umkehr 4 Probleme, die beim Wechsel der Bewegungs-
(»Reversal of Antagonists«) richtung entstehen
4 Ermüdung der geübten bzw. trainierten Mus-
Die dazugehörigen Techniken basieren auf den kulatur
Prinzipien »sukzessive Induktion« und »reziproke 4 Entspannung der hypertonen Muskulatur
Innervation« (Sherrington 1961).
Beschreibung Normalerweise setzt der Therapeut
erst der Bewegungsrichtung, in der der Patient stär-
3.4.1 Dynamische Umkehr ker ist, einen Widerstand entgegen (. Abb. 3.2).
(»Dynamic Reversal«/ Gegen Ende der gewünschten Bewegung verändert
einschließlich »Slow Reversal«) der Therapeut zuerst die distale Komponente, um
den Patienten dann mit Hilfe eines Kommandos auf
den Richtungswechsel vorzubereiten. Anschließend
Behandlungsziele gibt der Therapeut dem Patienten die Anweisung,
4 Erweiterung des aktiven Bewegungsaus- die Bewegungsrichtung zu verändern. Die distale
maßes Bewegungskomponente leitet die Bewegung ein.
4 Steigerung der Muskelkraft Ohne muskuläre Entspannung setzt der Therapeut
6 der neuen Bewegung am distalen Ende des Körper-
teiles einen Widerstand entgegen (. Abb. 3.2 b).
3.4 · Antagonistische Umkehr (»Reversal of Antagonists«)
41 3

. Abb. 3.2 a, b Einsatz der Dynamischen Umkehr in der Armdiagonalen von der Flexion – Abduktion in die Extension –
Adduktion. a Ende der Bewegung Flexion – Abduktion. b Nachdem die Hände gewechselt haben, gibt man Widerstand
gegen die Bewegung in die Extension – Adduktion

Während sich der Patient in die neue bzw. ent- mer aktiv), so dass bereits während des Bewegungs-
gegengesetzte Bewegungsrichtung bewegt, wechselt wechsels der neuen Bewegungsrichtung Widerstand
der Therapeut seinen proximalen Handgriff. Er entgegengesetzt werden kann. Wenn Therapeut und
kann nun der neuen Bewegungsrichtung ebenfalls Patient für die Bewegung in die neue Richtung bereit
einen optimalen Widerstand entgegensetzen. sind, erfolgt das Kommando: »Drücken Sie den Fuß
Die Umkehrtechnik kann so oft wie notwendig herunter, und bringen Sie Ihr Bein nach unten«
eingesetzt werden. In der Regel wird mit der Bewe- (. Abb. 3.3 b).
gungsrichtung begonnen, die der Patient kraftvoller Während der Patient sein Bein schon in die neue Rich-
ausführen kann, und mit der Bewegungsrichtung tung bewegt, wechselt der Therapeut seine proximale
geendet, die vom Patienten schwächer ausgeführt Hand, so dass er der neuen Bewegung auch einen
wird. Jedoch sollte der Patient beim Wechsel der proximalen Widerstand geben kann (. Abb. 3.3 c).
Bewegungsrichtung niemals ohne Führung des
Therapeuten »in der Luft hängen«. Modifikationen Die Technik Dynamische Umkehr
muss nicht immer über den gesamten Bewegungs-
Beispiel weg eingesetzt werden. Sie kann in verschiedenen
Umkehr der Bewegungsrichtung von Flexion in die Bewegungsabschnitten angewandt werden, um die-
Extension an der unteren Extremität (. Abb. 3.3) se zu betonen. Beispielsweise kann man vor dem
Der Therapeut setzt dem gewünschten (stärkeren) Ende der Flexionsbewegung mit der Umkehr von
Beinpattern in die Flexion einen Widerstand entge- der Flexion in die Extension beginnen. Ebenso lässt
gen. »Fuß hoch und ziehen Sie Ihr Bein hoch« (. Abb. sich vor dem Ende der Extensionsbewegung bereits
3.3 a). Am Ende des Bewegungsweges wechselt der die Richtung wechseln.
Therapeut zuerst die distale Hand und gibt dann Die Geschwindigkeit der Bewegung kann für
einen verbalen Hinweis (Vorbereitungskommando), beide Richtungen unabhängig voneinander variiert
um die Aufmerksamkeit des Patienten zu erhöhen. werden.
Währenddessen wechselt die Hand, mit der auf der Zunächst sollte mit kleinen Bewegungen in jede
dorsalen Fußseite Widerstand gegeben wurde, zur Bewegungsrichtung begonnen und das Bewegungs-
plantaren Fußseite (dabei sind die Dorsalextensoren ausmaß erst dann vergrößert werden, wenn es die
durch die Irradiation des proximalen Griffes noch im- Möglichkeiten des Patienten zulassen.
42 Kapitel 3 · Techniken

stabilisieren. Sie werden von dem Therapeuten vor-


gegeben.

Beispiel
Umkehr der Bewegungsrichtung von der Flexion in
die Extension der unteren Extremität mit Stabilisati-
3 on vor dem Richtungswechsel: Sobald der Patient
das Ende der Flexionsbewegung erreicht, kann ein
Kommando zur Förderung der Stabilität gegeben
werden (»Halten Sie Ihr Bein hier«). Nachdem die
Position des Beines stabilisiert worden ist, wechselt
die distale Hand. Dadurch wird die neue Richtung
vorgegeben (»Nach unten«).
Umkehr der Bewegungsrichtung von der Flexion in
die Extension der unteren Extremität mit Stabilisati-
on nach dem Richtungswechsel: Nachdem die distale
Hand zur plantaren Seite des Fußes gewechselt hat,
kann ein Kommando zur Förderung der Stabilität ge-
geben werden (»Halten Sie Ihr Bein hier, und lassen
Sie es mich nicht bewegen«). Ist das Bein stabilisiert,
wird ein Kommando gegeben, das zur Fortsetzung
der Bewegung auffordert (»Nach unten«).

Damit es zu einer Irradiation der schwächeren


Muskulatur kommt, beginnt der Therapeut mit der
Bewegungsrichtung, in der der Patient stärker ist.
Bei Ermüdung der agonistischen Muskulatur sollte
eine der Umkehrtechniken eingesetzt werden.
Lautet die Zielsetzung »Kraft«, wird der Widerstand
mit jedem Wechsel erhöht. Die Kommandos sollten
darauf in diesem Fall ausgerichtet sein, von dem Pa-
tienten mehr Aktivität zu fordern.

Praxistipp
. Abb. 3.3 a–c Einsatz der Dynamischen Umkehr in der
Beindiagonalen von der Flexion – Adduktion mit Knieflexion 4 Es sollte lediglich ein Initialstretch ge-
in die Extension – Abduktion mit Knieextension. a Widerstand
geben werden. Ein Restretch darf niemals
gegen die Flexion – Adduktion. b Der distale Griff wurde ge-
ändert und die Bewegung in Richtung Extension – Abduktion
beim Bewegungswechsel eingesetzt
beginnt. c Widerstand gegen die Extension – Abduktion werden, da die Antagonisten hier noch
nicht unter Spannung stehen.
4 Bei Veränderung der Bewegungsrichtung
Der Patient kann aufgefordert werden, jede be- wird gegen die neue Bewegungsrichtung
liebige Position auf dem gesamten Bewegungsweg Widerstand gegeben.
oder an dessen Ende zu halten bzw. zu stabilisieren. 4 Möchte man einen bestimmten Bewe-
Dies kann beliebig vor oder nach einem Richtungs- gungsabschnitt betonen, wechselt man
wechsel erfolgen. in diesem ausgewählten Abschnitt die
Der Patient wird vor und nach jedem Bewe- Richtung.
gungswechsel angewiesen, bestimmte Positionen zu
3.4 · Antagonistische Umkehr (»Reversal of Antagonists«)
43 3
3.4.2 Stabilisierende Umkehr dern. Dabei darf es nur zu einer geringfügigen Be-
(»Stabilizing Reversals«) wegung kommen.
Wenn der Patient den neuen Widerstand voll-
ständig erwidert, wechselt der Therapeut erneut
Behandlungsziele
seine Hand, um nun der entgegengesetzten Bewe-
4 Verbesserung der Stabilität und der Balance
gungsrichtung Widerstand entgegenzusetzen.
4 Stärkung der Muskelkraft
4 Verbesserung des koordinativen Zusam-
Beispiel
menspiels zwischen Agonisten und Anta-
Rumpfstabilität. Ausgangsstellung: Sitz (. Abb. 3.4)
gonisten
Der Therapeut steht vor dem Patienten (. Abb. 3.4 a)
und setzt der Rumpfflexion des Patienten einen Wider-
Charakterisierung stand, kombiniert mit Traktion, entgegen: »Lassen Sie
sich nicht durch mich nach hinten drücken.« Während
Definition der Patient versucht, seine Rumpfflexoren anzuspannen,
Alternierende isotonische Kontraktionen, gibt der Therapeut kontinuierlich Widerstand und Trakti-
deren Bewegung durch einen angemessenen on mit einer Hand. Die andere Hand des Therapeuten
Widerstand des Therapeuten verhindert wird. wechselt währenddessen auf den Rücken des Patienten,
so dass der Rumpfextension ein Widerstand entgegen-
gesetzt wird. Hierbei kann zusätzlich approximiert wer-
Der Therapeut gibt ein dynamisches Kommando, den: »Lassen Sie sich nicht nach vorne ziehen.«
das den Patienten zur Aktivität einlädt (»Drücken Sobald der Patient den neuen Widerstand in Richtung
Sie gegen meine Hand« oder »Lassen Sie sich nicht Extension erwidert, wechselt der Therapeut auch die
wegdrücken«). Der Therapeut lässt hierbei lediglich zweite Hand (die bisher der Rumpfflexion Widerstand
eine sehr kleine Bewegung zu. gab) in die neue Position, um zusätzlich mit dieser Hand
der Rumpfextension Widerstand geben zu können. Die
Indikationen Richtung kann so oft wie nötig gewechselt werden, bis
4 Verminderte Stabilität der Patient in dieser Position die gewünschte Stabilität
4 Muskelschwäche erreicht hat: »Lassen Sie sich nicht wegdrücken. Und las-
4 Unvermögen des Patienten, eine isometrische sen Sie sich jetzt nicht wegziehen.«
Kontraktion der Muskulatur auszuführen
Modifikationen Als Einleitung kann der Therapeut
Beschreibung Der Therapeut gibt dem Patienten mit der Technik Dynamische Umkehr beginnen
einen Widerstand. Dabei beginnt er mit der stärks- und anschließend den Bewegungsbereich so weit
ten Bewegungsrichtung des Patienten. Das Verbale verkleinern, bis der Patient eine Position stabilisie-
Kommando für den Patienten lautet, sich dem Wi- ren kann.
derstand des Therapeuten zu widersetzen. Dabei Die Stabilisierung sollte mit der stärkeren
sollte kein sichtbarer Bewegungsausschlag stattfin- Muskulatur begonnen werden, um die schwächere
den. Unter andauernder Approximation oder Trak- Muskulatur entweder über reziproke Innervation
tion steigert der Therapeut langsam den Wider- oder über Irradiation zu fazilitieren.
stand zur Verbesserung der Stabilität. Hierbei sollte Es kann für alle Bewegungsrichtungen Wider-
er darauf achten, dass die gewünschte Stabilität stand gegeben werden, so dass alle Muskelgruppen
nicht durch einen zu starken Widerstand durchbro- arbeiten müssen (. Abb. 3.4 b).
chen wird; es darf, wenn überhaupt, nur zu einer
sehr geringfügigen Bewegung kommen. Beispiel
Wenn der Patient den Widerstand des Thera- Rumpf- und Nackenstabilität
peuten vollständig erwidert, wechselt der Thera- Sobald der obere Rumpf stabil ist, darf Widerstand
peut eine Hand und fordert den Patienten auf, nun am Becken gegeben werden, um den unteren Rumpf
den Widerstand in die andere Richtung zu erwi- 6
44 Kapitel 3 · Techniken

. Abb. 3.4 a, b Stabilisierende Umkehr für den Rumpf. a Stabilisation des oberen Rumpfes. b Eine Hand gibt weiterhin
Widerstand gegen den oberen Rumpf, die andere Hand wechselt, um Widerstand am Becken zu geben

zu stabilisieren. Danach kann eine Hand wechseln, Charakterisierung


um der Nackenextension Widerstand zu geben.
Die Geschwindigkeit des Wechsels kann sowohl ge- Definition
steigert als auch gesenkt werden. Alternierende isometrische Kontraktionen ge-
gen Widerstand, ohne dass ein Bewegungsaus-
Praxistipp
schlag entstehen soll.2

4 Immer mit der stärkeren Bewegungsrich-


tung beginnen.
Indikationen
4 Mit Dynamischer Umkehr (»Slow Reversal«)
4 Vermindertes bzw. eingeschränktes Bewe-
beginnen, und das Bewegungsausmaß
gungsausmaß
nach und nach verkleinern, um den Patien-
4 Allgemein Schmerzen und speziell Schmerzpro-
ten zu stabilisieren.
bleme, die während der Bewegung auftreten
4 Instabilität von Gelenken
4 Schwäche der antagonistischen Muskulatur
4 Verminderte Balance
3.4.3 Rhythmische Stabilisation
(»Rhythmic Stabilization«)

Behandlungsziele 2 Knott und Voss (1968) beschreiben in der 1. und 2. Auflage


4 Verbesserung der Stabilität und der von »Proprioceptive Neuromuscular Facilitation« diese Tech-
Balance, Stärkung der Muskelkraft nik wie folgt: »Es wird sowohl für das agonistische als auch
für das antagonistische Pattern abwechselnd Widerstand
4 Verbesserung der aktiven und passiven
gegeben, ohne dass es zur Entspannung kommt.« In der 3.
Bewegungsmöglichkeiten Auflage beschreiben Voss et al. (1985) diese Technik so: »Der
4 Schmerzlinderung Widerstand für das agonistische Pattern wird distal, und der
für das antagonistische Pattern proximal gegeben.«
3.4 · Antagonistische Umkehr (»Reversal of Antagonists«)
45 3

. Abb. 3.5 a, b a Rhythmische Stabilisation der Schulter in der Diagonalen Flexion – Abduktion/Extension – Adduktion.
b Rhythmische Stabilisation des Standbeins durch wechselnde Widerstände am nicht betroffenen Bein und Beckenseite

Kontraindikationen deren Hand einen optimalen Widerstand für die


4 Zerebellare Erkrankungen: Rhythmische Stabi- antagonistische Bewegung. Traktion oder Approxi-
lisation ist bei Patienten mit zerebralen Störun- mation können – abhängig vom Zustand des Pa-
gen meistens nicht möglich. tienten – angewandt werden.
4 Unvermögen des Patienten, Instruktionen, aus Die wechselnden Widerstände werden so oft
welchen Gründen auch immer (z. B. Alter, wie nötig wiederholt. Der Therapeut verwendet ein
Sprachstörungen, zerebrale Störungen), richtig statisches Kommando: »Bleiben Sie hier« oder
auszuführen. »Versuchen Sie, nicht zu bewegen«.

Beschreibung Der Therapeut setzt der isometri- Beispiel


schen Kontraktion der Agonisten einen Widerstand 4 Rumpfstabilität. Ausgangsstellung: Sitz
entgegen. Der Patient versucht, diese Position zu 4 Der Therapeut setzt der isometrischen Kontraktion
halten, jedoch ohne die Absicht, eine Bewegung der Rumpfflexoren des Patienten einen Widerstand
ausführen zu wollen. Der Widerstand nimmt lang- mit einer Hand an der Vorderseite des Rumpfes
sam zu, sobald der Patient diesen Widerstand erwi- entgegen: »Bleiben Sie in dieser Position. Fühlen
dern kann. Sie meinen Widerstand an Ihrer Vorderseite?«
Sobald der Patient den Widerstand vollständig 4 Die andere Hand setzt nun der Rumpfextension
erwidert, wechselt der Therapeut den Widerstand, einen Widerstand entgegen: »Bleiben Sie da, und
so dass er anschließend der antagonistischen Bewe- achten Sie auf den neuen Widerstand an Ihrem
gung einen Widerstand entgegensetzt. Weder der Rücken.«
Therapeut noch der Patient entspannen sich wäh- 4 Die Richtung des Widerstandes kann so oft wie
rend des Richtungswechsels (. Abb. 3.5). nötig gewechselt werden, um das gewünschte
Der neue Widerstand wird langsam gesteigert. Behandlungsziel zu erlangen.
Wenn der Patient diesen Widerstand erneut voll-
ständig erwidert, gibt der Therapeut mit der an-
46 Kapitel 3 · Techniken

. Tab. 3.1 Verdeutlichung der Unterschiede zwischen den Techniken Stabilisierende Umkehr und Rhythmische
Stabilisation

Stabilisierende Umkehr Rhythmische Stabilisation

Ziel ist eine isometrische Kontraktion. Der Patient schafft Ziel ist eine isometrische Kokontraktion von Ago-
3 dies aber nicht. Eine kleine isotone Bewegung kann distal nisten und Antagonisten. Keine Bewegung ist zu-
zugelassen werden. gelassen.
Intention ist, dass sich der Patient dem Widerstand entge- Fordert viel Konzentration und ist einfacher in einer
gensetzt. geschlossenen Kette.
Kommando: »Drück gegen mich und bleib« Kommando: »Keine Bewegung, bleib«
Griffe sind patterntypisch und wechseln nacheinander Griffe kontrollieren beide Richtungen und wechseln
beim Richtungswechsel zum Antagonisten. Kein Span- nicht. Kein Spannungsverlust bei rhythmischen
nungsverlust. Wechseln von Widerstand und Rotation.
Muskelaktivität: von Agonist zum Antagonist zum Agonist Muskelaktivität: von Agonist zum Antagonist zum
Patient braucht eine klare Richtung. Beide Richtungen Agonist, aber in Kokontraktion.
gleichzeitig zu kontrollieren und zu stabilisieren ist nicht Patient ist in der Lage, beide Richtungen gleichzeitig
möglich. zu stabilisieren.

Praxistipp
Modifikationen In der Regel wird zur Fazilitation
der schwächeren Muskulatur mit dem Üben der
4 Statische Kommandos verwenden,
stärkeren Muskulatur begonnen (sukzessive Induk-
da keine Bewegung stattfinden soll.
tion). Im Anschluss an die stabilisierende Technik
4 Im schmerzfreien Bereich stabilisieren.
sollte eine Technik zur Steigerung der Muskelkraft
4 Der Stabilisation sollte eine verstärkende
auf die schwächere Muskulatur angewandt werden.
Technik folgen.
Zur Vergrößerung des Bewegungsausmaßes sollte
der Patient angewiesen werden, sich nach der stabi-
lisierenden Aktivität weiter in die eingeschränkte
Richtung zu bewegen. 3.5 Wiederholter Stretch
Am Ende der stabilisierenden Technik sollte der (»Repeated Stretch«/
Patient alle Muskeln entspannen. Um die Ent- »Repeated Contraction«)
spannung möglichst effektiv und schmerzlos zu ge-
stalten, wird mit den Muskeln gearbeitet, die nicht 3.5.1 Wiederholter Stretch am Anfang
direkt im Schmerzbereich liegen. der Bewegung

Beispiel
Rumpfstabilität und Kräftigung Behandlungsziele
Ist der Rumpf stabil, wird der stabilisierende Wider- 4 Fazilitation des Bewegungsanfanges
stand für die stärkere Richtung erhöht (für die Exten- 4 Verbesserung des aktiven Bewegungsaus-
sion: »Drücken Sie mich nach hinten«). Danach wird maßes
die Bewegung in die Richtung fortgesetzt, die ge- 4 Stärkung der Muskulatur
stärkt werden soll (für die Flexion: »Drücken Sie mich 4 Vorbeugung bzw. Verminderung von Er-
jetzt nach vorne, so stark Sie können«). müdungserscheinungen
In . Tab. 3.1 sind die Unterschiede zwischen der Sta- 4 Unterstützung der Bewegung in die ge-
bilisierenden Umkehr (»Stabilizing Reversal«) und der wünschte Richtung
Rhythmischen Stabilisation (»Rhythmic Stabilizati-
on«) zusammengefasst.
3.5 · Wiederholter Stretch (»Repeated Stretch«/»Repeated Contraction«)
47 3
Charakterisierung Beispiel
Stretch für das Beinpattern Flexion – Abduktion –
Definition Innenrotation
Ein Stretch, der in den am Anfang der Be- Der Therapeut bringt den Fuß des Patienten in Plan-
wegung bereits vorgedehnten Muskeln durch tarflexion und Inversion. Danach bringt er das Bein
eine kurze zusätzliche Dehnung derselben des Patienten in optimale Extension, Adduktion und
Muskulatur ausgelöst wird. Außenrotation.
Wenn alle Muskeln für das geplante Pattern Flexion –
Abduktion – Innenrotation vorgedehnt sind, gibt der
> Der Stretch darf nur auf die Muskulatur
Therapeut das vorbereitende Kommando: »Und . . .«.
und nicht auf die Gelenke gerichtet sein.
Im selben Moment stretcht der Therapeut kurz alle
Indikationen Muskeln.
4 Schwäche Direkt nach diesem kurzen Stretch folgt die An-
4 Schwierigkeiten beim Bewegungsbeginn, z. B. weisung: »Bein hoch und ziehen Sie nach außen.«
aufgrund von Muskelschwäche oder Rigidität Wenn der Patient alle zum Bewegungspattern ge-
4 Ermüdungserscheinungen hörenden Muskeln angespannt hat, setzt der Thera-
4 Verminderung des Bewegungsbewusstseins peut dem gesamten Bewegungspattern Widerstand
entgegen.
Kontraindikationen
4 Instabilität des Gelenkes Modifikationen Diese Technik kann vom Anfang
4 Schmerzen der Bewegung an, ohne Pause, wiederholt
4 Instabile Knochenstrukturen, z. B. aufgrund werden, wenn die Kontraktion schwächer wird
von Frakturen und Osteoporose oder endet.
4 Beschädigte Muskeln oder Sehnen Der Widerstand kann so aufgebaut werden,
dass nur ein Teil des Bewegungspatterns in
Beschreibung Es stehen zwei Möglichkeiten hin- einem Gelenk ausgeführt wird (»Timing for
sichtlich der Ausführung zur Verfügung: Emphasis«).
4 Stretchstimulus: Verlängern des Muskels
4 Stretchreflex: Verlängern des Muskels und Beispiel
kurze Überdehnung Der Therapeut lässt die Hüftbewegung bis zu einer
gewünschten Position zu, und setzt dann nur der
Der Therapeut bringt, während er das Vorbe- Dorsalflexion und der Eversion des Fußes einen
reitungskommando gibt, alle Muskeln, die zu dem Widerstand entgegen.
gewünschten Pattern gehören, in die Vordehnung.
Die Rotationskomponente wird hierbei besonders Praxistipp
betont. Der Therapeut führt einen schnellen »tap«
4 Der Stretchreflex sollte mit der gewünsch-
(kurze zusätzliche Dehnung) aus, um einen Stretch-
ten Eigenaktivität des Patienten kombi-
reflex in der schon vorgedehnten Muskulatur aus-
niert werden.
zulösen. Im selben Moment, in dem der Reflex
4 Bevor Widerstand gegeben wird, sollte
ausgelöst wird, gibt der Therapeut dem Patienten
immer die Muskelkontraktion abgewartet
die Anweisung, bewusst die gedehnte Muskulatur
werden.
anzuspannen, um so die Reflexantwort mit einer
bewussten Muskelkontraktion zu verbinden.
Der Bewegung, die direkt auf die Reflexaktivität
und Muskelkontraktion folgt, setzt der Therapeut
einen Widerstand entgegen.
48 Kapitel 3 · Techniken

. Abb. 3.6 Wiederholter Stretch während des Bewegungsweges: Stretchreflex zu Beginn der Bewegung und wiederholter
Stretch während der Bewegung

3.5.2 Wiederholter Stretch Indikationen


während der Bewegung 4 Muskelschwäche
4 Ermüdungserscheinungen
4 Verminderung des Bewegungsbewusstseins
Behandlungsziele
4 Erweiterung des Bewegungsausmaßes Kontraindikationen
4 Steigerung der Muskelkraft 4 Instabilität der Gelenke
4 Vorbeugen bzw. Vermindern von Ermü- 4 Schmerzen
dungserscheinungen 4 Instabile Knochen, z. B. aufgrund von Fraktu-
4 Unterstützung einer Bewegung in die ge- ren oder Osteoporose
wünschte Richtung 4 Beschädigte Muskeln oder Sehnen

Beschreibung Der Therapeut kann mit einem ein-


Charakterisierung leitenden Stretchreflex beginnen. Er setzt dem ge-
wählten Bewegungspattern Widerstand entgegen.
Definition Die zum Pattern gehörige Muskulatur des Patienten
Ein Stretchreflex, der nur in Muskeln ausgelöst kontrahiert und steht somit unter Spannung.
werden kann, die unter Anspannung stehen Im Verlauf der Bewegung gibt der Therapeut zu
(. Abb. 3.6). einem von ihm bestimmten Zeitpunkt erneut ein
Verbales Kommando. Diese Anweisung bereitet den
Patienten auf den Stretchreflex vor, außerdem lässt
sich damit eine stärkere Kontraktion stimulieren.
3.6 · Anspannen – Entspannen (»Contract Relax«)
49 3
Fast gleichzeitig mit dem Kommando stretcht Bevor der Therapeut einen wiederholten Stretch gibt,
der Therapeut durch eine kurzzeitige Widerstands- muss er immer erst eine Reaktion des Patienten zu-
erhöhung die unter Spannung stehende Muskula- lassen. Während eines Patterns können die Stretches
tur. Hierdurch wird vom Patienten eine neue und ca. 3- bis 4-mal wiederholt werden.
stärkere Kontraktion gefordert, der der Therapeut
Widerstand entgegensetzt. Modifikationen Der Therapeut kann zunächst eine
Der Stretch kann zur Verstärkung der Muskel- stabilisierende Kontraktion fordern, bevor er einen
kontraktion oder zum Steuern der Bewegung erneuten Stretch im gewählten Pattern setzt: »Hal-
während des Bewegungsweges wiederholt werden. ten Sie Ihr Bein an dieser Stelle, lassen Sie sich nicht
Bevor ein erneuter Stretchreflex gegeben wird, nach unten ziehen. Und ziehen Sie nun kräftig wei-
muss für den Patienten die Möglichkeit gegeben ter nach oben.« Zudem besteht die Möglichkeit, der
sein, sich zu bewegen. stärkeren Muskulatur der Synergie einen statischen
Der Patient darf während des Stretches Haltewiderstand entgegenzusetzen, während die
weder entspannen noch die Bewegungsrichtung schwächere Muskulatur in der Synergie mit dem
ändern. Restretch und dem nachfolgendem Widerstand
trainiert wird (»Timing for Emphasis«).
Beispiel
Wiederholte Kontraktion im Beinpattern Flexion – Beispiel
Abduktion – Innenrotation Der Therapeut lässt die Hüftbewegung bis zu einer
Der Therapeut setzt dem gewünschten Beinpattern von ihm gewählten Position zu und weist den Patien-
Widerstand entgegen: »Fuß hoch und ziehen Sie Ihr ten an, diese Position zu stabilisieren: »Bleiben Sie
Bein nach außen oben.« Der Patient bewegt in Rich- mit Ihrem Bein in dieser Position.« Danach gibt der
tung Flexion – Abduktion – Innenrotation. Therapeut einen Stretch auf die Fußmuskulatur in
Im Verlauf der Bewegung gibt der Therapeut das vor- Richtung Plantarflexion–Inversion und setzt direkt im
bereitende Kommando: ». . .«. Er erhöht gleichzeitig Anschluss der Fußmuskulatur für die Dorsalflexion
den Widerstand so weit, dass das Bein des Patienten und Eversion einen Widerstand entgegen: »Ziehen
etwas in Extension – Adduktion – Außenrotation zu- Sie Ihren Fuß kräftig nach oben außen.«
rückgebracht wird. Der Patient versucht jedoch dabei
Praxistipp
weiter in die Flexion – Abduktion – Innenrotation zu
bewegen, so dass die Kontraktion der gestretchten
4 Auf jeden wiederholten Stretch sollte eine
Muskulatur erhalten bleibt.
neue und stärkere Muskelkontraktion folgen.
Unmittelbar nach dem Stretch fordert der Therapeut
4 Vor jedem neu applizierten Stretch muss
den Patienten auf, sich mit aller Kraft weiter in die
der Patient die Möglichkeit haben, eine
vorgegebene Richtung zu bewegen: »Ziehen Sie
Bewegung durchzuführen.
weiter.« Anschließend setzt der Therapeut der ver-
4 Als Faustregel gilt: Während eines Bewe-
stärkten Muskelkontraktion, die dem Restretch folgt,
gungspatterns sollten maximal 3–4 wie-
einen angemessenen Widerstand entgegen.
derholte Kontraktionen als Stimuli einge-
Bevor ein erneuter Stretch gegeben wird, sollte der
setzt werden.
Patient die Möglichkeit bekommen, die Bewegung
weiterzuführen, entweder ganz oder teilweise.
Während des Stretches darf der Patient weder ent-
spannen noch eine Bewegung in die Gegenrichtung 3.6 Anspannen – Entspannen
ausführen. (»Contract Relax«)
Der Restretch mit anschließendem Widerstand sollte
wiederholt werden, wenn die Kraft des Patienten Die Autoren ziehen es vor, die verspannte oder
spürbar nachlässt oder wenn der Patient in eine un- verkürzte Muskulatur als »Antagonisten« und die
erwünschte Richtung bewegt. entgegengesetzte Muskulatur als »Agonisten« zu
6 bezeichnen.
50 Kapitel 3 · Techniken

. Abb. 3.7 a, b Halten – Entspannen oder Anspannen – Entspannen. a Direkte Behandlung der verkürzten Schulterextenso-
ren und -adduktoren. b Indirekte Behandlung für verkürzte Schulterextensoren und -adduktoren

3.6.1 Anspannen – Entspannen: gung mental unterstützen, wodurch es zu einer Min-


Direkte Behandlung derung einer zu hohen Muskelspannung kommt),
oder er setzt der Bewegung, die zur gewünschten
Endstellung führt, einen leichten Führungswider-
Behandlungsziel stand entgegen (reziproke Inhibition). Hierbei gilt:
Vergrößerung des aktiven und passiven
> Aktive Bewegungen des Patienten oder Be-
Bewegungsausmaßes
wegungen gegen einen leichten Widerstand
sind passiven Bewegungen vorzuziehen.
Charakterisierung
Anschließend fordert der Therapeut den Patienten
Definition auf, die verkürzte Muskulatur (Antagonisten) anzu-
Isotonische Muskelkontraktion der verspann- spannen (die Autoren sind der Meinung, dass die
ten oder/und verkürzten Muskulatur (Antago- Kontraktion so lange angehalten werden muss, wie
nisten) gegen Widerstand mit anschließender der Patient es zulässt, aber mindestens 5–8 Sekun-
Entspannung derselben Muskulatur und den) (. Abb. 3.7). Eine maximale Anspannung in
Weiterbewegen in die eingeschränkte Be- möglichst verlängerter Position der Muskulatur
wegungsrichtung. führt zu strukturellen Veränderungen der Aktin-
Myosin-Verbindungen (Rothwell 1994).
Der Therapeut lässt die Bewegung so weit zu, bis
Indikation Diese Methode wird bei muskulär be- er sich sicher ist, dass alle zum Bewegungspattern
dingter Bewegungseinschränkung angewendet. gehörenden Muskeln, im Besonderen die Rotato-
ren, anspannen. Das Ausmaß der Bewegung sollte
Beschreibung Das Gelenk bzw. der Körperabschnitt dabei nur gering bzw. minimal sein. Der Patient
wird entweder vom Patienten aktiv oder vom Thera- muss diese Kontraktion halten. Danach lässt der
peuten in die maximal erreichbare Endstellung ge- Therapeut den Patienten die angespannte Muskula-
bracht. Der Therapeut kann die Bewegung entweder tur entspannen. Sowohl der Patient als auch der
passiv ausführen (der Patient kann dann die Bewe- Therapeut entspannen sich. Diese Entspannungs-
3.6 · Anspannen – Entspannen (»Contract Relax«)
51 3

. Tab. 3.2 Unterschiede zwischen den Techniken Anspannen – Entspannen und Halten – Entspannen

Anspannen – Entspannen Halten – Entspannen

Dehn- und Entspannungstechnik Dehn- und Entspannungstechnik


Keine Schmerzen bei guter Kontrolle durch den Thera- Anwendbar bei Schmerzen oder starken Patienten
peuten Der Therapeut bestimmt den Widerstand. Der Patient
Patient bestimmt den Widerstand. Der Therapeut blo- muss keine Bewegung zulassen
ckiert die Bewegung Statisches Kommando:
Dynamisches Kommando: »Schieb weg« oder »Zieh« »Bleib« oder »Nicht bewegen«
Die Muskelkontraktion ist mehr isoton. Intention ist das Die Muskelkontraktion ist isometrisch. Intention ist das
Bewegen. Der Therapeut blockiert dies Halten. Der Therapeut dosiert seinen Widerstand
Schnelle Entspannung möglich Entspannung benötigt mehr Zeit wegen des Schmerzes
Keine Begrenzung durch Schmerz Bei großen Schmerzen assistiert der Therapeut das Weiter-
Geh aktiv weiter in die Bewegungsbahn führen in das neue Bewegungsausmaß
Verstärke oder verbessere das neue Bewegungsausmaß Wenn der Schmerz es zulässt, ist es möglich das neue
Direkt ist besser als indirekt Bewegungsausmaß zu verstärken oder verbessern
Kann direkt oder indirekt ausgeführt werden

zeit soll solange angehalten werden, bis eine opti- möglich nach oben.« In der Endposition wechselt der
male Entspannung entsteht. Therapeut seine Handgriffe und setzt der entgegen-
Anschließend wird das Gelenk bzw. das Körper- gesetzten Bewegung in Richtung Extension – Adduk-
teil wiederum in die Endstellung der Bewegungs- tion – Innenrotation Widerstand entgegen, was zu
richtung bis hin zur neuen maximal möglichen Be- einer isotonischen Kontraktion der verspannten/ver-
wegungsgrenze bewegt. Dies kann aktiv durch den kürzten Muskulatur des Patienten führt. Er gibt die
Patienten selbst geschehen, aber auch aktiv gegen Anweisung: »Greifen Sie meine Hand, und versuchen
einen leichten Widerstand des Therapeuten oder Sie, den Arm nach unten zur gegenüberliegenden
passiv durch den Therapeuten erfolgen. Die aktive Hüfte zu ziehen.«
Bewegung ist jedoch vorzuziehen (. Tab. 3.2). Der Therapeut lässt einen kleinen Teil der Bewegung
Die Technik Anspannen – Entspannen kann so der drei Bewegungskomponenten zu, so dass er und
oft wiederholt werden, bis keine weitere Verbesse- der Patient fühlen, dass alle Muskeln und vor allem die
rung des Bewegungsausmaßes mehr erreicht wer- Rotatoren anspannen. »Ziehen Sie weiter nach unten.«
den kann. Abschließend werden am Ende dieser Nachdem der Therapeut der Bewegung für ausrei-
Übungsfolge aktive Widerstandsübungen sowohl chend lange Zeit Widerstand entgegengesetzt hat,
für die agonistische als auch für die antagonistische fordert er den Patienten auf, die Muskulatur locker
Muskulatur in dem neu erworbenen Bewegungs- zu lassen und zu entspannen. »Entspannen Sie sich,
bereich durchgeführt, um das neu erworbene Be- lassen Sie alles locker.« Er selbst entspannt ebenfalls.
wegungsausmaß auch funktionell zu nutzen (För- Anschließend setzt der Therapeut zur aktiven Er-
derung der reziproken Innervation). weiterung des Bewegungsausmaßes der Bewe-
gungsrichtung Flexion – Abduktion – Außenrotation
Beispiel einen Widerstand entgegen: »Öffnen Sie Ihre Hand,
Vergrößerung des Bewegungsausmaßes der Schul- und bewegen Sie den Arm weiter nach oben.« Wenn
ter in die Bewegungsrichtung Flexion – Abduktion der Bewegungsbereich nicht mehr weiter vergrößert
– Außenrotation werden kann, sollten entweder in dem neu erworbe-
Der Patient bewegt seinen Arm bis zur Bewegungs- nen Bewegungsbereich oder über den gesamten
grenze in die Richtung Flexion – Abduktion – Außen- Bewegungsweg die agonistischen und antagonisti-
rotation. Das Verbale Kommando lautet: »Öffnen Sie schen Bewegungspatterns geübt werden. Das Kom-
Ihre Hand, und bringen Sie Ihren Arm so weit wie mando lautet: »Greifen Sie mit Ihrer Hand zu, und zie-
6 6
52 Kapitel 3 · Techniken

hen Sie Ihren Arm nach unten. Öffnen Sie nun wieder Beschreibung
Ihre Hand, und ziehen Sie Ihren Arm nach oben.«
Definition
Modifikationen Der Patient kann aufgefordert Diese Technik nutzt die Kontraktion der ago-
werden, direkt im Anschluss an die Kontraktion der nistischen Muskulatur anstatt die der verkürz-
verspannten/verkürzten Muskulatur ohne Entspan- ten/verspannten Muskulatur (antagonistische
3 nungsphase in die entgegengesetzte Richtung zu Muskulatur).
bewegen. Zudem können alternierende Kontraktio-
nen (»reversals«) der agonistischen und der antago-
nistischen Muskulatur durchgeführt werden. »Drücken Sie gegen mich, lassen Sie sich nicht von
Am Ende des neu erworbenen Bewegungsaus- mir nach unten bewegen« (. Abb. 3.7 b).
maßes kann der Therapeut den Patienten auf-
fordern, seinen Arm zu halten, wobei der Thera- Praxistipp
peut die eingeschränkten Bewegungskomponenten
4 Diese Technik dient allein zur Erweiterung
Flexion – Abduktion – Außenrotation betont.
des passiven Bewegungsausmaßes.
»Halten Sie Ihren Arm an dieser Stelle, lassen Sie
4 Die aktive Bewegung seitens des Patienten
ihn nicht nach oben drücken, lassen Sie ihn nun
hat immer Vorrang.
nicht nach unten drücken.« Dann fordert er den
4 Ist die Kontraktion der funktionell ein-
Patienten auf, die Spannung ein wenig nachzulas-
geschränkten Muskeln (Antagonisten) zu
sen (exzentrische Bewegung). Danach lässt der
schmerzhaft oder zu gering, sollte der
Therapeut den Arm wieder in die eingeschränkte
Agonist benutzt werden.
Bewegungsrichtung bewegen (konzentrische Be-
wegung, »Combination of Isotonics«). Ohne Pause
oder Entspannung kann der Therapeut innerhalb
eines kleinen Bewegungsausmaßes mit der Technik 3.7 Halten – Entspannen
Dynamische Umkehr das neu erworbene Bewe- (»Hold Relax«)
gungsausmaß aktiv benutzen. Dies sollte vorzugs-
weise in einer funktionellen Ausgangsstellung Die Autoren ziehen es vor, die verspannte oder
stattfinden (Sitz, Stand). verkürzte Muskulatur als »Antagonisten« und die
entgegengesetzte Muskulatur als »Agonisten« zu
bezeichnen.
3.6.2 Anspannen – Entspannen:
Indirekte Behandlung
3.7.1 Halten – Entspannen:
Direkte Behandlung
Behandlungsziele
4 Verbesserung des passiven Bewegungs-
ausmaßes Behandlungsziele
4 Reduktion von Schmerzen 4 Vergrößerung des aktiven und passiven
Bewegungsausmaßes
4 Schmerzminderung
Indikation Diese Methode wird immer dann ange-
wendet, wenn die Kontraktion der funktionell ver-
spannten oder eingeschränkten Muskulatur für den
Patienten zu schmerzhaft bzw. zu gering ist, um eine
effektive Kontraktion zu produzieren.
3.7 · Halten – Entspannen (»Hold Relax«)
53 3
Charakterisierung Der Patient muss diese Position so lange wie
möglich halten, aber mindestens 5–8 Sekunden
Definition lang. Danach fordert der Therapeut den Patienten
Isometrische Kontraktion der antagonistischen dazu auf, die Muskulatur zu entspannen. Sowohl
Muskulatur (verspannte/verkürzte Muskulatur) der Therapeut als auch der Patient entspannen lang-
gegen Widerstand mit anschließender Ent- sam. Meistens braucht der Patient schmerzbedingt
spannung (. Abb. 3.7 a). mehr Zeit zum Entspannen als beim Anspannen-
Entspannen. Das neu erworbene Bewegungsaus-
maß wird vom Patienten eingenommen, entweder
Indikationen aktiv oder passiv. Wenn die Bewegung schmerzfrei
4 Eingeschränkte aktive und passive Beweglich- ist, wird die aktive Bewegung bevorzugt. Man kann
keit auch einen leichten Widerstand in die einge-
4 Schmerzen schränkte Bewegungsrichtung geben, wenn dies für
4 Isotonische Kontraktionen des Patienten, den Patienten nicht schmerzhaft ist.
deren Stärke eine direkte Kontrolle durch den
Therapeuten nicht zulassen Schmerzminderung
Sowohl bei der direkten als auch bei der indirekten
Kontraindikationen Behandlung befindet sich der Patient in einer
4 Unvermögen des Patienten, isometrische für ihn angenehmen bzw. bequemen Ausgangs-
Kontraktionen auszuführen haltung. Bei dieser Behandlung setzt der Thera-
4 Sehr große Schmerzen peut den Muskeln, die mit dem Schmerzgebiet in
direkter Verbindung stehen (Synergisten), einen
Beschreibung Die Technik »Hold – Relax« (Halten Widerstand entgegen, so dass es in dieser Musku-
– Entspannen) kann sowohl zur Vergrößerung des latur indirekt zu einer isometrischen Kontraktion
Bewegungsausmaßes als auch zur Schmerzminde- kommt.
rung eingesetzt werden. Sie sollte so oft wie nötig
wiederholt werden. Praxistipp

Vergrößerung des Bewegungsausmaßes 4 Die aktive Bewegung des Patienten sollte


immer bevorzugt werden.
Der Therapeut oder der Patient bewegen das Kör-
4 Sowohl der Therapeut als auch der Patient
perteil zum maximal möglichen Bewegungsende
müssen entspannen.
oder bis kurz vor die Schmerzgrenze. Um den Effekt
der reziproken Inhibition zu nutzen, kann die Be-
wegung gegen einen leichten Widerstand durchge-
führt werden. 3.7.2 Halten – Entspannen:
Indirekte Behandlung
> Wenn diese Stellung für den Patienten zu
schmerzhaft ist, bewegt man etwas aus Definition
dieser Stellung zurück, bis es nicht mehr
Diese Technik dient der Erweiterung des Bewe-
schmerzhaft ist.
gungsausmaßes. Dabei werden isometrische
Am Ende des möglichen Bewegungsausmaßes Kontraktionen der agonistischen Muskulatur
fordert der Therapeut den Patienten auf, die benutzt.
verspannte/verkürzte Muskulatur langsam, dem
zunehmenden Widerstand des Therapeuten an-
gepasst, anzuspannen, wobei die Rotations- Zur Schmerzlinderung wird den Synergisten der
komponente besonders betont wird. Weder der verkürzten oder schmerzhaften Muskulatur ein sta-
Therapeut noch der Patient dürfen eine Bewegung tischer Widerstand gesetzt. Entstehen noch immer
zulassen. Schmerzen, wird der synergistischen Muskulatur
54 Kapitel 3 · Techniken

des entgegengesetzten Patterns Widerstand gege- arm entweder mehr in Pronation oder mehr in
ben (. Abb. 3.7 b). Supination gebracht werden.

Indikation Wenn die Kontraktion der verspannten/ Modifikationen Die oben genannte Technik kann
verkürzten Muskulatur, der ein Widerstand entge- ebenso für die agonistische Muskulatur angewandt
gengesetzt wird, zu schmerzhaft ist. werden. In diesem Fall wird den Radialextensoren
3 der Hand und den Supinatoren des Unterarmes ein
Beschreibung Der Patient sollte entspannt sein und statischer Widerstand entgegengesetzt, so dass es zu
sich in einer ihm angenehmen Ausgangsstellung einer isometrischen Kontraktion dieser Muskulatur
befinden. Der Therapeut gibt für eine isometrische kommt.
Kontraktion der Synergisten im schmerzfreien Be- Zudem können alternierende Kontraktionen
reich einen statischen Widerstand. Dieser wird und die Technik Rhythmische Stabilisation durch-
langsam aufgebaut und bleibt unterhalb der geführt werden.
Schmerzgrenze. Während der Entspannung nimmt Wenn der Patient keine isometrischen Kontrak-
der Widerstand langsam ab. tionen ausführen kann, können vorsichtig kontrol-
lierte stabilisierende Kontraktionen eingesetzt
Beispiel werden. Hierbei darf sowohl der Widerstand des
Indirekte Behandlung zur Schmerzminderung der Therapeuten als auch die Anspannung des Patien-
rechten Schulter und zur Entspannung der Innen- ten keine Schmerzen hervorrufen.
rotatoren der Schulter
Praxistipp
In diesem Beispiel werden vorwiegend die Innenro-
tatoren der Schulter aktiviert (Antagonisten). Der Pa-
4 Dem Antagonisten der verkürzten oder
tient liegt in einer für ihn bequemen Ausgangsstel-
schmerzhaften Muskulatur wird ein Wider-
lung. Der rechte Arm liegt unterstützt; der Ellbogen
stand entgegengesetzt.
ist flektiert. Der Therapeut hält die rechte Hand des
4 Sowohl Therapeut als auch Patient achten
Patienten fest und fordert ihn auf, gegen seinen Wi-
auf ihre Atmung.
derstand zu halten. Hierbei kommt es zu einer isome-
4 Die Muskelaktivität darf keine Schmerzen
trischen Anspannung der Ulnarflexoren der Hand
verursachen.
und der Pronatoren des Unterarmes: »Bleiben Sie mit
Ihrer Hand in dieser Position. Achten Sie auf meinen
Widerstand.«
Der Widerstand wird langsam, jedoch unterhalb der 3.8 Replikation (»Replication«)
Schmerzgrenze bleibend, gesteigert und gehalten: »Blei-
ben Sie hier, und achten Sie auf meinen Widerstand.«
Während der Therapeut den Widerstand setzt, achtet Behandlungsziele
er auf die Muskelaktivität, die durch die isometrische 4 Den Patienten das Ziel bzw. die End-
Kontraktion der Unterarmmuskulatur in der rechten stellung einer Bewegung lehren und ihm
Schulter entsteht. Anschließend fordert der Thera- dabei seine eigenen Grenzen verdeut-
peut den Patienten auf, mit ihm gleichzeitig langsam lichen.
und vollständig zu entspannen: »Lassen Sie nun 4 Der Therapeut muss einschätzen können,
langsam locker, entspannen Sie die Muskulatur.« welche Möglichkeiten und Fähigkeiten ein
Beide, sowohl der Therapeut als auch der Patient, Patient mit verkürzter Muskulatur besitzt,
atmen aus. eine Kontraktion der Agonisten aufrecht-
zuerhalten.
Die Technik sollte, um eine gute und vollständige
Entspannung zu erzielen, mehrmals wiederholt
werden. Zur Betonung einzelner bzw. unterschied-
lich arbeitender Schultermuskeln kann der Unter-
3.9 · Anwendungsbereiche der verschiedenen Techniken
55 3

. Abb. 3.8 Replikation: Der Patient lernt schrittweise, die Bewegung über den vollen Bewegungsweg auszuführen. Blau:
Passives Bewegen des Therapeuten in die entgegengesetzte Richtung. Rot: Aktive Umkehr des Patienten bis ans Bewe-
gungsende

Charakterisierung Endziel ist es, dass der Patient die funktionelle


Aktivität bzw. Bewegung selbständig ausführt, ohne
Definition Fazilitation oder manuellen Kontakt vonseiten des
Hierbei handelt es sich um eine Technik, die Therapeuten.
das motorische Erlernen von funktionellen Ak-
Praxistipp
tivitäten fördert. Für den Einsatz funktioneller
Aktivitäten ist es wichtig, den Patienten das
4 Funktionelle Aktivitäten lehren und sie üben.
Resultat einer Bewegung oder einer Aktivität
4 Alle Grundverfahren der Fazilitation ge-
(z. B. Sport) zu lehren (. Abb. 3.8).
brauchen.

Beschreibung Der Patient wird in die »Endpositi-


on« der Aktivität gebracht, in der die Agonisten 3.9 Anwendungsbereiche
verkürzt sind. Er hält diese Position aufrecht, wäh- der verschiedenen Techniken
rend der Therapeut allen Bewegungskomponenten
einen Widerstand entgegensetzt. Hierbei können Die folgende Auflistung gibt dem interessierten
alle Grundverfahren angewandt werden, die zur Fa- Therapeuten Anregungen zum zielgerichteten Ein-
zilitation der Armmuskulatur des Patienten zur satz der Techniken.
Verfügung stehen. Die wichtigsten Einsatzmöglichkeiten sind:
Der Patient soll entspannen. Jetzt bewegt der 4 Einleiten bzw. Starten einer Bewegung
Therapeut den Patienten passiv ein kleines Stück in 5 Rhythmische Bewegungseinleitung
die Gegenrichtung, dann wird er aufgefordert, in (»Rhythmic Initiation«)
die »Endposition« zurückzukehren. 5 Wiederholter Stretch – am Anfang der Be-
Während jeder weiteren Wiederholung der Be- wegung (»Repeated Stretch«)
wegung gilt Folgendes: 4 Erlernen einer Bewegung
Man beginnt jeweils ein Stück weiter aus der 5 Rhythmische Bewegungseinleitung
»Anfangsposition«, um den Patienten zu einem (»Rhythmic Initiation«)
größeren und dadurch intensiverem Bewegungs- 5 Kombination isotonischer Bewegungen
ausmaß herauszufordern. (»Combination of Isotonics«)
56 Kapitel 3 · Techniken

5 Wiederholter Stretch – am Anfang der Be- 5 Rhythmische Stabilisation (»Rhythmic


wegung (»Repeated Stretch«) Stabilization«)
5 Wiederholter Stretch – während der Bewe- 5 Wiederholter Stretch – am Anfang der
gung (»Repeated Stretch«) Bewegung (»Repeated Stretch«)
5 »Replication« 5 Wiederholter Stretch – während der Bewe-
4 Veränderungen der Geschwindigkeit der Be- gung (»Repeated Stretch«)
3 wegung 4 Verbesserung des Bewegungsausmaßes
5 Rhythmische Bewegungseinleitung 5 Dynamische Umkehr (»Dynamic Reversal«)
(»Rhythmic Initiation«) 5 Wiederholter Stretch – am Anfang der
5 Dynamische Umkehr (»Dynamic Reversal«) Bewegung (»Repeated Stretch«)
5 Wiederholter Stretch – am Anfang der Be- 5 Anspannen – Entspannen (»Contract
wegung (»Repeated Stretch«) Relax«)
4 Stärkung der Muskelkraft 5 Halten – Entspannen (»Hold Relax«)
5 Kombination isotonischer Bewegungen 4 Entspannung der Muskulatur
(»Combination of Isotonics«) 5 Rhythmische Bewegungseinleitung
5 Dynamische Umkehr (»Dynamic Reversal«) (»Rhythmic Initiation«)
5 Rhythmische Stabilisation (»Rhythmic Sta- 5 Rhythmische Stabilisation (»Rhythmic
bilization«) Stabilization«)
5 Stabilisierende Umkehr (»Stabilizing Rever- 5 Halten – Entspannen (»Hold Relax«)
sal«) 5 Spannen – Entspannen (»Contract Relax«)
5 Wiederholter Stretch – am Anfang der Be- 4 Verminderung von Schmerzen
wegung (»Repeated Stretch«) 5 Rhythmische Stabilisation (oder stabilisie-
5 Wiederholter Stretch – während der rende Umkehr) (»Rhythmic Stabilization«
Bewegung (»Repeated Stretch«) or »Stabilizing Reversal«)
4 Verbesserung der Stabilität 5 Halten – Entspannen (»Hold Relax«)
5 Kombination isotonischer Bewegungen
(»Combination of Isotonics«)
5 Stabilisierende Umkehr (»Stabilizing 3.10 Überprüfen Sie Ihr Wissen:
Reversal«) Fragen
5 Rhythmische Stabilisation (»Rhythmic
Stabilization«) 4 Nennen Sie vier Unterschiede zwischen den
4 Verbesserung der Koordination und Kontrolle Techniken Rhythmische Stabilisation und
5 Kombination isotonischer Bewegungen Stabilisierende Umkehr.
(»Combination of Isotonics«) 4 Welche Techniken werden hauptsächlich ange-
5 Rhythmische Bewegungseinleitung wendet, um den Patienten auf der Aktivitäts-
(»Rhythmic Initiation«) ebene zu behandeln?
5 Dynamische Umkehr (»Dynamic Reversal«)
5 Stabilisierende Umkehr (»Stabilizing Rever-
sal«) Weiterführende Literatur
5 Rhythmische Stabilisation (»Rhythmic
Beradelli AM, Hallet JC, Rothwell R, Agostino M, Manfredi PD,
Stabilization«) Thompson CD, Marsden CD (1996) Single joint rapid arm
5 Wiederholter Stretch – am Anfang der Be- movements in normal subjects and in patients with mo-
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5 »Replication« Kandell ER, Schwarte JH, Gesell TM (2000) Principles of Neural
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4 Verbesserung der Ausdauer
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59 4

Befundaufnahme
und Behandlung
M. Buck

4.1 Einführung – 60

4.2 Befundaufnahme (Evaluation) – 60


4.2.1 Funktionen und Struktur – 61

4.3 Hypothesen – 61

4.4 Tests für Einschränkungen auf struktureller Ebene,


auf Aktivitätsebene und Anpassung an die Behandlung
(Assessment) – 62

4.5 Behandlungsziele – 62
4.5.1 Allgemeine Behandlungsziele – 62
4.5.2 Spezielle Behandlungsziele – 63

4.6 Planung und Ausführung der Behandlung – 63


4.6.1 Spezifische Behandlungsziele – 64
4.6.2 Erstellen des Behandlungsplanes – 64
4.6.3 Direkte und indirekte Behandlung – 64

4.7 Re-Test für Veränderungen der Schädigungen


und Einschränkungen der Aktivitäten – 66

4.8 Behandlungsbeispiele – 66

4.9 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen – 68

Weiterführende Literatur – 68

Literatur – 69

M. Buck et al., PNF in der Praxis,


DOI 10.1007/978-3-642-37814-0_4, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
60 Kapitel 4 · Befundaufnahme und Behandlung

4.1 Einführung fortwährend an die Bedürfnisse bzw. an die neu


hinzugewonnenen Möglichkeiten des Patienten an-
Für eine genaue Ausführung der Evaluation ist es zupassen.
sinnvoll, das ICF-Modell (7 Exkurs »Zum ICF- Für die Vorgehensweise bei der Befundauf-
Modell« und . Abb. 1.2) anzuwenden. nahme und Behandlung gilt das in der folgen-
Ein individueller Behandlungsplan sollte syste- den Übersicht dargestellte Schema.
matisch für jeden einzelnen Patienten unter Be-
rücksichtigung seiner speziellen Bedürfnisse ent-
Ablaufschema für Befundaufnahme
4 wickelt werden (Sullivan 1982). Ziel der Behand-
und Behandlung
lung ist die Wiedererlangung der maximal mögli-
4 Befundaufnahme auf Aktivitätsebene
chen Funktionalität des Patienten.
4 Befundaufnahme der funktionalen und
Definition strukturellen Veränderungen
4 Hypothese der möglichen Ursachen
Die PNF-Philosophie geht von der Auffassung
4 Tests für funktionale und strukturelle
aus, dass der Therapeut das Potenzial des
Veränderungen und Aktivitäten
Patienten und seine ungenutzten Möglichkei-
4 Behandlungsziele
ten durch ein intensives funktionelles Training
4 Behandlungsplan
fördert, indem er die Stärken des Patienten
4 (Re-)Assessment
ausnutzt.
4 Re-Tests für funktionale und strukturelle
Veränderungen und Aktivitäten

Dies kann dem Therapeuten jedoch nur gelingen,


wenn er seinen Patienten in seiner Gesamtheit als
ganzheitliches, menschliches Wesen wahrnimmt. 4.2 Befundaufnahme (Evaluation)
Die Effektivität der Behandlung hängt sehr stark
von einer vollständigen und genauen Befundauf- Definition
nahme ab. Durch die Befundaufnahme werden fest- Die Befundaufnahme dient der Feststellung
gestellt: der noch vorhandenen Aktivitäten, der Beur-
4 die noch vorhandenen bzw. gut ausführbaren teilung der Körperfunktionen und -strukturen
Funktionen, und deren Einschränkungen sowie der Beur-
4 die Schädigungen von Funktionen (bzw. die teilung des Partizipationsvermögens.
weniger gut ausführbaren oder nicht mehr vor-
handenen Funktionen) und die damit verbun-
denen Einschränkungen bei Aktivitäten und Im Sinne der Philosophie des PNF-Konzeptes
Partizipation (siehe auch den folgenden Exkurs werden zunächst alle vorhandenen Funktionen bzw.
zum ICF-Modell (»Internationale Klassifikati- Bewegungsfunktionen des Patienten aufgenom-
on der Funktionsfähigkeit, Behinderung und men. Zudem befragt der Therapeut den Patienten
Gesundheit«). nach seinen persönlichen Zielen. Dieses Wissen
über die Fähigkeiten des Patienten, seine vorhande-
Die Ergebnisse der Befundaufnahme bilden die nen Potenziale und seine persönlichen Therapiezie-
Grundlage für die Erarbeitung der allgemeinen und le ermöglicht es dem Therapeuten, eine effektive
speziellen Behandlungsziele, sowohl kurzfristig als Behandlung im Sinne des Patienten zu planen und
auch längerfristig. Der Therapeut erstellt immer durchzuführen.
einen Behandlungsplan, der auf den einzelnen Pati- Nachdem der Therapeut die vorhandenen Akti-
enten abgestimmt ist, in dem er verdeutlicht, wie er vitäten überprüft hat, werden die vorhandenen
diese Ziele erreichen möchte. Die sich ständig Körperfunktionen und -strukturen geprüft. Danach
wiederholende Beurteilung (»assessment«) durch werden die Schädigungen festgestellt und die je-
den Therapeuten ermöglicht es, die Behandlung weiligen Ursachen, die möglicherweise zu den
4.3 · Hypothesen
61 4

Exkurs

Zum ICF-Modell (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit,


Behinderung und Gesundheit, WHO 2001)
Die Funktionsfähigkeit eines 4 Körperstrukturen: anatomische 4 Partizipation (Teilhabe): das
Menschen umfasst alle Aspekte Teile des Körpers, wie Organe, Einbezogensein in eine Lebens-
der funktionalen Gesundheit; jede Gliedmaßen und ihre Bestand- situation.
Beeinträchtigung der funktionalen teile. 4 Einschränkung der Partizi-
Gesundheit wird als Behinderung 4 Schädigung: die Beeinträchti- pation (Teilhabe): ein Problem,
definiert. Allerdings kann der Ober- gung einer Körperfunktion oder das ein Mensch beim Einbezo-
begriff »Funktionsfähigkeit« auch -struktur im Sinne einer wesent- gensein in eine Lebenssituation
neutral gebraucht werden. Es folgen lichen Abweichung oder eines erlebt.
Definitionen wichtiger Grundbe- Funktionsverlusts. 4 Umweltfaktoren: z. B. die Art der
griffe der ICF (nach DIMDI 2004). 4 Aktivität: die Durchführung ei- Wohnung, Straßenverhältnisse,
4 Körperfunktionen: die physio- ner Aufgabe oder Handlung. das Land, in dem man lebt.
logischen oder psychischen 4 Einschränkung der Aktivität: die 4 Personengebundene Faktoren:
Funktionen von Körper- Schwierigkeit eines Menschen, Geschlecht, Alter, Beruf, Glauben
systemen. eine Aktivität durchzuführen. usw.

funktionellen Problemen führen, analysiert. Die 5 eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten,


vorhandenen Funktionen bilden neben den er- – aufgrund erhöhter und/oder verringerter
fassten Schädigungen die Ausgangspunkte für die Muskelspannung
spätere Therapie. Deren Ziel ist die Beseitigung der – aufgrund von Gelenkeinschränkungen
Schädigungen, um so für den Patienten Verbesse- – Muskelschwäche
rungen auf den Ebenen der Aktivität und der Teil- 5 Einschränkung der Wahrnehmung sowohl
habe in seiner individuellen Lebenssituation zu er- extero- als auch propriozeptiv,
möglichen. 5 verminderte bzw. beeinträchtigte motorische
Kontrolle,
5 verringerte Ausdauer.
4.2.1 Funktionen und Struktur 4 Einschränkung des Seh- und Hörvermögens

Beispiele sind
4 Schmerzfreiheit, 4.3 Hypothesen
4 Tonus,
4 Sensibilität, Um die Schädigung auf der Ebene der Körperstruk-
4 Mobilität/Elastizität usw. tur und Körperfunktion und auch die Einschrän-
kungen auf der Aktivitätsebene zu erfassen, wird
Einschränkungen und Schädigungen schlussfolgernd eine Hypothese aufgestellt, die fol-
4 Allgemeiner Funktionsverlust gende Fragen beantwortet:
5 statisch: Einschränkung der Möglichkeit, 4 Welche Schädigung?
eingenommene Positionen zu halten bzw. 4 Welche möglichen Ursachen liegen den Aktivi-
zu stabilisieren, tätseinschränkungen zugrunde, d. h., welche
5 dynamisch: Einschränkung der Möglich- strukturellen Veränderungen könnten für die
keit, eine Bewegung auszuführen oder zu Veränderungen auf Aktivitätsebene verant-
kontrollieren. wortlich sein?
4 Spezielle Probleme und Einschränkungen, die 5 Bei mehreren Therapeuten kann es unter-
für den Verlust der Funktionalität/Funktions- schiedliche Hypothesen über Ursachen und
fähigkeit verantwortlich sind Behandlungsmöglichkeiten geben. Jeder
5 Schmerzen, Therapeut sollte offen sein für andere Ideen.
62 Kapitel 4 · Befundaufnahme und Behandlung

5 Welche klinischen Messungen (Klinimetrie) > Die Messungen sollten schnell und ohne
sind nützlich, um die Schädigungen auf der viel Aufwand durchzuführen und leicht
strukturellen wie auch auf der Aktivitäts- reproduzierbar sein.
ebene objektivierbar zu machen?
5 Wie verläuft das Clinical Reasoning? Wurde Messungen und Tests sind notwendig, um die Ein-
die richtige Wahl getroffen? Welche Maß- schränkungen auf den verschiedenen Ebenen ob-
nahmen sind angezeigt, um die Dysfunk- jektiv beurteilen zu können und Veränderungen
tion des Patienten zu behandeln? messbar zu machen (7 Kap. 1). Die Messungen soll-
4 4 Welche Behandlungsziele hat der Patient? ten ohne großen Zeitaufwand ausgeführt werden
4 Welche Behandlungsziele hat der Therapeut? können, ferner sollten sie einfach und reproduzier-
bar sein.

4.4 Tests für Einschränkungen Beispiele


auf struktureller Ebene, Beispiele für Messungen von Körperfunktion-Struktur
auf Aktivitätsebene und sind:
Anpassung an die Behandlung 4 Muskelfunktionstest
(Assessment1) 4 Messen der Gelenkbeweglichkeit
4 Ashworth-Skala (Beurteilung des Muskeltonus)
Der Prozess der Evaluation und Behandlung eines 4 2-Punkte-Diskrimination (Beurteilung der Sensi-
Patienten ist kontinuierlich. Durch das Messen der bilität)
Resultate direkt nach einer Behandlung ist es mög-
lich, die Effektivität einer bestimmten Intervention Beispiele für Messungen auf Aktivitätsebene sind:
wie auch der gesamten Behandlung zu differenzieren 4 Barthel-Index (Index zur Bewertung von alltägli-
und die Behandlungsmaßnahmen ggfs. anzupassen, chen Fähigkeiten)
um die erwünschten Behandlungsziele zu erreichen. 4 FIM (Functional Independence Measure, funktio-
Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, die Be- naler Selbständigkeitsindex)
handlung – wenn nötig – an neue bzw. veränderte 4 Motor Assessment Scale (MAS, Bewertung der
Situationen anzupassen und auch bestimmte Be- motorischen Fähigkeiten)
handlungsziele weiterzuverfolgen. 4 Jebsen-Test (Handfunktionstest)
Folgende Veränderungen bzw. Anpassungen an 4 Timed-Up-and-Go-Test (Aufsteh- und Gehtest)
die laufende Behandlung können notwendig sein:
4 Behandlungsprinzipien oder Techniken ver-
ändern, 4.5 Behandlungsziele
4 Verstärkung oder Verringerung der Fazilitati-
on durch: Im Anschluss an die Befundaufnahme werden vom
5 Reflexe, Therapeuten sowohl allgemeine als auch spezielle
5 manuellen Kontakt, Behandlungsziele aufgestellt.
5 verbale Stimuli,
5 visuelle Stimuli,
5 Traktion und Approximation 4.5.1 Allgemeine Behandlungsziele
4 Widerstand erhöhen oder verringern,
4 mit dem Patienten in verschiedenen funktio- Die allgemeinen Behandlungsziele werden als funk-
nellen Ausgangsstellungen arbeiten, tionelle Aktivitäten formuliert. Sie sollten zudem
4 im Verlauf der Behandlung zunehmend kom- nicht zu dogmatisch gesehen werden, d. h., sie kön-
plexere Aktivitäten erarbeiten. nen jederzeit ergänzt bzw. entsprechend abgeändert
werden. Verändert sich der Patient bzw. seine Fähig-
keiten, verändern sich dadurch auch die Behand-
1 Beurteilung lungsziele.
4.6 · Planung und Ausführung der Behandlung
63 4
> Die allgemeinen Behandlungsziele müssen Behandlungskriterien
ständig vom Therapeuten an die positiven Die Behandlungsziele sollten nach der SMART-Vor-
und/oder negativen Veränderungen des gabe analysiert werden (7 Kap. 1), d. h., jedes gesetz-
Patienten angepasst werden. te Ziel sollte folgende Kriterien erfüllen:
4 S = spezifisch,
4.5.2 Spezielle Behandlungsziele 4 M = messbar,
4 A = akzeptabel,
Die speziellen Behandlungsziele beziehen sich auf die 4 R = realistisch,
einzelnen Aktivitäten für je eine Behandlungseinheit. 4 T = time-related (zeitgebunden).
Im Folgenden werden drei Fallbeispiele vorge-
stellt, für die jeweils ein allgemeines und ein spezi- Während des gesamten Behandlungsverlaufes fin-
elles Behandlungsziel formuliert werden. den fortwährend Befundaufnahmen und Beur-
teilungen der Behandlung statt. Die erreichten Re-
Beispiele sultate werden nach jeder Behandlung festgehalten,
1. Statische Dysfunktion so dass Effekt und Erfolg der Behandlungsaktivitä-
4 Allgemeines Behandlungsziel: Ein Parkinson-Pati- ten und der Behandlungseinheiten nachvollzogen
ent möchte selbständig aus der Rückenlage zum werden können. Diese Form von Beurteilung macht
Sitz an der Bettkante kommen. objektive Messungen erforderlich, um die Fort-
4 Spezielles Behandlungsziel: Der Patient kann sich schritte eindeutig erfassen zu können. Die Messun-
innerhalb von 1 Minute 10-mal aus der Seitlage gen sollten Körperfunktionen und -strukturen,
in die Rückenlage drehen und wieder zurückrol- Schädigungen wie auch Einschränkungen der Akti-
len. (Die Behandlung sollte mit einer allgemeinen vitäten berücksichtigen.
Mobilisation und vorbereitenden Bewegungen
begonnen werden. Diese sind notwendig, um
später in eine sitzende Position zu gelangen.) 4.6 Planung und Ausführung
2. Dynamische Dysfunktion (aufgrund von Schmerzen) der Behandlung
4 Allgemeines Behandlungsziel: Ein Patient mit
rechtsseitigen Knieschmerzen möchte innerhalb Bei der Erstellung des Behandlungsplanes ist zu be-
von 5 Minuten 1 km laufen, ohne dass hierbei rücksichtigen, dass die Behandlungsmaßnahmen
Schmerzen auftreten. den Voraussetzungen und Erfordernissen des Pati-
4 Spezielles Behandlungsziel: Der Patient kann die enten und den festgelegten Behandlungszielen ent-
Ausgangsstellung »Bridging« (»Brücke machen«) sprechen müssen. Die propriozeptive neuromusku-
mit dem rechten Bein einnehmen, während das läre Fazilitation arbeitet mit Muskelaktivitäten, die
linke Bein in die Luft gestreckt wird. (Zur Einlei- den Körper beeinflussen. Befindet sich der Patient
tung sollten Bewegungen durchgeführt werden, jedoch in einem Zustand, in dem der Einsatz von
bei denen das rechte Bein zunächst wenig Kör- Muskelaktivitäten im Sinne der PNF-Methode nicht
pergewicht tragen muss.) möglich ist oder nicht zu dem angestrebten Ziel
3. Dynamische Dysfunktion (aufgrund von Bewe- führt, sollte der Therapeut andere Methoden einset-
gungsunfähigkeit) zen. Eine Kombination von beispielsweise Wärme,
4 Allgemeines Behandlungsziel: Ein CVA-Patient Kälte, passive Gelenkmobilisation oder Weichteil-
(zerebrovaskulärer Insult), mit einer daraus ent- mobilisation mit der PNF-Methode ist möglich, so
standenen Hemiplegie, möchte innerhalb von dass die Behandlung für den einzelnen Patienten
2 Minuten 8 m ohne Hilfe gehen. effektiv gestaltet werden kann.
4 Spezielles Behandlungsziel: Der Patient kann sein Der Therapeut wählt die effektivste Behand-
Gewicht im Sitzen ohne Stützhilfe von der linken lungsmethode aus, wobei er den Zustand der Mus-
zur rechten Gesäßseite verlagern. (Übungen zur kulatur und der Gelenke sowie die medizinischen
Gewichtsverlagerung sollten erst in einer stabi- Probleme des Patienten berücksichtigen muss. Im
len Ausgangsstellung geübt werden.) Sinne der jeweiligen funktionellen Bedürfnisse des
64 Kapitel 4 · Befundaufnahme und Behandlung

Patienten kombiniert und modifiziert der Thera- 4 Auswahl der geeigneten Patterns und deren
peut gegebenenfalls die verschiedenen Techniken Kombinationen
und Behandlungsprinzipien, so dass daraus eine 4 funktionelle und zielorientierte Aufgaben
sinnvolle Behandlung resultiert.
Eine therapeutische Behandlung sollte folgenden
> Die Behandlung sollte intensiv sein und
methodischen Vorgaben entsprechen:
die Reserven des Patienten mobilisieren,
4 Zielorientiert sein: Alle Interventionen am
jedoch ohne seine Grenzen zu überschrei-
Patienten sollten Bezug nehmen auf das Be-
ten, d. h. ohne Schmerzen oder Ermüdung
4 zu verursachen.
handlungsziel; zudem sollten sie deutlich,
messbar und innerhalb einer realistischen Zeit
erreichbar sein.
4.6.1 Spezifische Behandlungsziele 4 Systematisch sein: Eine sich an den Problemen
des Patienten orientierende Behandlung sollte
Der Therapeut listet die Bedürfnisse des Patienten in einer logischen Folge aufgebaut sein.
auf, z. B.: 4 Prozessorientiert sein: Alle Aspekte der Be-
4 Schmerzminderung, handlung sollten miteinander korrelieren und
4 Verbesserung der Bewegungsmöglichkeiten, sich gegenseitig beeinflussen.
4 Stärkung der Muskulatur, Verbesserung der 4 Bewusst sein: Jede Anwendung ist einem be-
Bewegungskontrolle, stimmten Behandlungsziel untergeordnet und
4 Verbesserung der Balance zwischen Bewegung muss im Bedarfsfall angepasst werden.
und Stabilität,
4 Steigerung der Ausdauerfähigkeit.
4.6.3 Direkte und indirekte
Behandlung
4.6.2 Erstellen des Behandlungsplanes
Bei den Behandlungen wird zwischen der direkten
Beim Erstellen eines individuellen Behandlungs- und der indirekten Behandlung unterschieden. Die
planes sollten folgende Aspekte beachtet werden: Entscheidung des Therapeuten für den Einsatz der
4 Entscheidung für eine direkte oder indirekte direkten oder der indirekten Behandlung hängt vor
Behandlung allem von den individuellen Problemen des Patien-
4 Auswahl der geeigneten Aktivitäten ten ab.
5 Mobilität und/oder Stabilität
5 Art der Muskelkontraktionen Direkte Behandlung
4 Entscheidung bezüglich der besten Ausgangs-
stellung für den Patienten, wobei Folgendes zu Definition
beachten ist Bei der direkten Behandlung wird die gewähl-
5 Sicherheit und Bequemlichkeit des Patienten te Behandlung direkt am betroffenen Körper-
5 Einwirkung der Schwerkraft teil bzw. an der betroffenen Stelle eingesetzt,
5 Wirkung der zweigelenkigen Muskulatur beispielsweise an der Muskulatur und/oder am
5 Fortentwicklung der Behandlung (Intensi- Gelenk bzw. innerhalb des problematischen
tät, Aufbau usw.) Bewegungsverlaufes.
5 gezielter Einsatz von Reflexen
5 Einsatz der Sichtkontrolle
5 Muskelaktivitäten in geschlossenen oder of- Beispiele
fenen Bewegungsketten Einschränkung der Schulterbeweglichkeit in Rich-
4 Positionen, die Spastizität verringern tung Flexion – Abduktion – Außenrotation auf-
4 Auswahl der geeigneten Techniken und Prinzi- grund eines verkürzten M. pectoralis major: Der
pien 6
4.6 · Planung und Ausführung der Behandlung
65 4
Therapeut kann eine Verbesserung der Schulterbe- Die Rumpfmuskulatur kann z. B. indirekt über
weglichkeit erreichen, indem er die betroffene Schul- den Einsatz der Armpatterns geübt werden, da die
ter direkt mit der Technik Anspannen – Entspannen Bauchmuskulatur synergistisch beim Runterziehen
in der für den Patienten möglichen Ausgangsstellung eines Armes anspannt. Diese synergistischen Akti-
Flexion – Abduktion – Außenrotation behandelt. Der vitäten finden sowohl bei gesunden Menschen als
Patient sollte vorher deutliche Anweisungen erhal- auch bei Menschen statt, bei denen das zentrale
ten, ob bzw. wann er das betroffene Körperteil, in Nervensystem betroffen ist.
diesem Fall die Schulter, bewegen oder stabilisieren Die Verbesserung der passiven Bewegungsmög-
soll. lichkeit, z. B. die der Schulter, kann durch den Ein-
Ein Patient hat Schwierigkeiten, im Stand das be- satz der Technik Anspannen – Entspannen (Markos
troffene Bein vollständig zu belasten bzw. sein 1979) entweder direkt durch die Dehnung des M.
Körpergewicht auf dieses Bein zu verlagern: Der pectoralis major in der für den Patienten erreichba-
Therapeut kann diese für den Patienten schwierige ren Ausgangsstellung Flexion – Abduktion – Au-
Aufgabe direkt durch Approximation am Becken fazi- ßenrotation oder indirekt über die isometrische
litieren. Während der Patient auf dem betroffenen Kontraktion der Pronatoren des Unterarms erreicht
Bein steht, gibt der Therapeut Approximation auf das werden.
Becken, um die Gewichtsübernahme auf das Bein zu
fazilitieren. Beispiel
Verbesserung des Bewegungsausmaßes des Schul-
Indirekte Behandlung tergelenkes in Richtung Flexion – Abduktion –
Viele Studien belegen die Effektivität der indirekten Außenrotation:
Behandlung, die an starken und schmerzfreien Der betroffene Arm wird zunächst in einer für ihn
Körperabschnitten beginnt. Hellebrandt et al. (1947) entspannten Position gelagert. Anschließend setzt
beschreiben die Entwicklung von Muskelspannun- der Therapeut den ulnar gelegenen Handgelenkfle-
gen in Körperteilen, die nicht direkt an der Übung xoren und den Pronatoren des betroffenen Armes
beteiligt sind, während und nach ausgedehntem Widerstand entgegen, so dass es in der genannten
Üben einer Extremität. In weiteren Experimenten Muskulatur zu einer isometrischen Kontraktion
wurden elektromyographische Aktivitäten (EMG) kommt. Nach einer isometrischen Kontraktion ver-
bei isotonischen und isometrischen Widerstands- mindert der Therapeut den Widerstand langsam,
übungen in der agonistischen und antagonistischen aber vollständig, so dass es sowohl beim Patienten
Muskulatur der jeweils kontralateralen oberen und als auch beim Therapeuten zu einer vollständigen
unteren Extremität festgestellt (Moore 1975; Devine Entspannung kommt.
et al. 1981; Pink 1981; Sullivan et al. 1985).
In diesem Beispiel führt der Einsatz der Technik
Definition Halten – Entspannen durch die Irradiation zu einer
Bei der indirekten Behandlung wird die ge- Kontraktion mit nachfolgender Entspannung des
wählte Behandlungstechnik an weniger bzw. ipsilateralen M. pectoralis major, ohne dass dabei
nicht betroffenen Körperteilen eingesetzt. Die der betroffene Arm des Patienten bewegt wird.
indirekte Behandlung macht sich das Prinzip Nachfolgendes Beispiel verdeutlicht nochmals
der synergistischen Muskelkontraktionen zu die indirekte Behandlung über den Einsatz weniger
Nutze (Angel u. Eppler 1967). bzw. nichtbetroffener Körperteile, deren Effekte die
betroffenen Regionen erreichen.

Der Therapeut erhält durch die richtige Wahl und Beispiel


Dosierung der angewandten Technik Irradiations- Ein Patient hat einseitige Probleme mit der unteren
effekte im betroffenen Körperteil des Patienten und Extremität (z. B. zu wenig Stabilität in der mittleren
erreicht somit das gewünschte Behandlungsziel auf Standbeinphase):
indirektem Weg. 6
66 Kapitel 4 · Befundaufnahme und Behandlung

Der Therapeut wählt für den Patienten einen Halb- 4.8 Behandlungsbeispiele
kantensitz auf der Bank, wobei das betroffene Bein
auf dem Boden steht (. Abb. 12.18d). Anschließend Die nachfolgenden Beispiele beinhalten Grund-
stellt sich der Therapeut an die betroffene Seite und prinzipien, Techniken und Kombinationen für die
setzt dem Rumpfpattern »Lifting« (für die Rumpfex- Behandlung spezieller Probleme von Patienten; sie
tension) Widerstand entgegen. Hierdurch kommt es geben allerdings nur einen Ausschnitt einer Viel-
neben einer Anspannung der Extensoren der unteren zahl an Behandlungsmöglichkeiten wieder und sind
Extremität auch zu einer Gewichtsverlagerung auf daher nur als Orientierungshilfen zu sehen.
4 das Tuber ischiadicum und den Fuß der betroffenen
Seite. Schmerzen
Arbeitsweise:
Ein weiterer Vorteil der indirekten Behandlung ist 4 indirekte Behandlung,
die Möglichkeit, den Patienten weitgehend schmerz- 4 geringer Widerstand, so dass weder Schmerzen
los behandeln zu können. Steht der Schmerz zu- noch Spannungen verursacht werden,
nächst als Symptom im Vordergrund, findet die Be- 4 isometrische Muskelarbeit,
handlung generell im schmerzfreien Bereich statt. 4 bilaterales Arbeiten,
Durch den gezielten Einsatz einer sorgfältig ge- 4 Traktion,
wählten und ebenso behutsam eingesetzten Tech- 4 geeignete Ausgangsposition für den Patienten.
nik kann der Therapeut das betroffene Körperteil
Techniken:
durch Irradiation kontrolliert erreichen, ohne da-
4 rhythmische Stabilisation,
bei Schmerzen auszulösen oder die Schmerzinten-
4 Halten – Entspannen,
sität zu erhöhen. Auch beim Behandlungsziel
4 stabilisierende Umkehr.
»Kräftigung« kann die indirekte Behandlung An-
wendung finden. Kombinationen:
Die maximale Kräftigung der Muskulatur kann 4 Halten – Entspannen mit anschließender
der Therapeut erzielen, wenn er die Patterns, in de- Kombination isotonischer Bewegungen,
nen der Patient weniger Kraft hat, mit denen, in de- 4 rhythmische Stabilisation mit anschließender
nen der Patient stärker ist, kombiniert. Der Patient Dynamischer Umkehr (zuerst wird dabei in die
kann in der Behandlung mehr leisten und auch eher Richtung der schmerzhaften Bewegung bewegt).
den maximal möglichen Effekt erreichen, wenn der
Therapeut den Patterns, in denen der Patient mehr Verringerung der Kraft und der aktiven
Kraft aufweist, den Widerstand entgegensetzt. Bewegungsmöglichkeiten
Arbeitsweise:
4 angepasster Widerstand,
4.7 Re-Test für Veränderungen 4 betonte Bewegungsfolge (»Timing for
der Schädigungen und Ein- Emphasis«),
schränkungen der Aktivitäten 4 Stretch,
4 Traktion und Approximation,
Abschließend werden die Veränderungen der Schä- 4 geeignete Ausgangsstellung für den Patienten.
digung und Einschränkungen der Aktivitäten an-
hand von Re-Tests überprüft. Dieselben Tests, die Techniken:
zu Behandlungsbeginn bei der Befundaufnahme 4 wiederholter Stretch zu Beginn der Bewe-
gemacht wurden, werden erneut durchgeführt und gungsbahn,
miteinander verglichen. 4 wiederholter Stretch während der Bewegung,
4 Kombination isotonischer Bewegungen,
4 Dynamische Umkehr: stärkere Antagonisten
fazilitieren, Ermüdungserscheinungen verhin-
dern und bereits vorhandene vermindern.
4.8 · Behandlungsbeispiele
67 4
Kombinationen: 4 Stabilisierende Umkehr,
4 Dynamische Umkehr, kombiniert mit Wieder- 4 »Replication«.
holtem Stretch während der Bewegung im
schwächeren Pattern, Kombinationen:
4 Rhythmische Stabilisation an einem starken 4 Rhythmische Bewegungseinleitung zu Beginn
Punkt während der Bewegung mit anschlie- mit anschließendem Wechsel zur schwierige-
ßendem Wiederholten Stretch im schwachen ren Technik Kombination isotonischer Bewe-
Pattern. gungen,
4 Rhythmische Bewegungseinleitung in beide
Verminderte passive Beweglichkeit Bewegungsrichtungen mit anschließendem
Arbeitsweise: Wechsel zur komplexeren Technik Dynami-
4 Betonte Bewegungsfolge (»Timing for sche Umkehr,
Emphasis«), 4 Kombination isotonischer Bewegungen, kom-
4 Traktion, biniert mit Stabilisierender oder Dynamischer
4 angepasster Widerstand. Umkehr.

Techniken: Stabilität und Balance


4 Anspannen – Entspannen oder Halten – Ent- Arbeitsweise:
spannen, 4 Approximation,
4 Stabilisierende Umkehr, 4 Sichtkontrolle,
4 Rhythmische Stabilisation. 4 Taktiler Stimulus (Grifftechnik),
4 exakte verbale Kommandos.
Kombinationen:
4 Anspannen – Entspannen mit anschließender Techniken:
Kombination isotonischer Bewegungen im neu 4 Stabilisierende Umkehr,
gewonnenen Bewegungsausmaß, 4 Kombination isotonischer Bewegungen,
4 Anspannen – Entspannen mit anschließender 4 Rhythmische Stabilisation.
Dynamischer Umkehr im neu gewonnenen
Bewegungsausmaß, Kombinationen:
4 Rhythmische Stabilisation oder Stabilisierende 4 Dynamische Umkehr, die in die Technik Stabi-
Umkehr mit anschließender Dynamischer lisierende Umkehr übergeht,
Umkehr. 4 Agonistische Umkehr (exzentrisch), die in die
Technik Stabilisierende Umkehr übergeht.
Koordination und Bewegungskontrolle
Arbeitsweise: Ausdauer bzw. Kondition Die Verbesserung der all-
4 Patterns zur Fazilitation, gemeinen Ausdauer ist Bestandteil jeder Behand-
4 Taktiler Stimulus (Grifftechnik), lung. Durch die Kombination verschiedener Übun-
4 Sichtkontrolle, gen und Aktivitäten sowie auch durch den Wechsel
4 exakte verbale Kommandos, die bei Zunahme der Aktivitäten innerhalb verschiedener Muskel-
der Funktionalität des Patienten vermindert gruppen oder Körperteile kann der Patient Tätig-
werden, keiten ausdauernder und mit größerem Krafteinsatz
4 Fazilitation reduzieren, wenn der Patient Fort- ausüben. Darüber hinaus kann die Kondition des
schritte macht. Patienten durch gezielte Atemübungen und durch
die Kontrolle der Atmung während der Übungen
Techniken: verbessert werden.
4 Rhythmische Bewegungseinleitung,
4 Kombination isotonischer Bewegungen, Arbeitsweise:
4 Dynamische Umkehr, 4 Stretchreflex.
68 Kapitel 4 · Befundaufnahme und Behandlung

Techniken: Nitz J, Burke B (2002) A study of the facilitation of respiration


4 Dynamische Umkehr (»Reversal of in myotonic dystrophy. Physiotherapy Research Interna-
tional (4): 228–238
Antagonists«),
Pink M (1981) Contralateral effects of upper extremity pro-
4 Wiederholter Stretch und Wiederholte prioceptive neuromuscular facilitation patterns. Phys
Kontraktion. Ther 61 (8): 1158–1162
Richardson C, Toppenberg R, Jull G (1990) An initial evaluati-
on of eight abdominal exercises for their ability to provi-
de stabilization for the lumbar spine. Australian Physio-
4.9 Überprüfen Sie Ihr Wissen:
therapy 36 (1): 6–11
4 Fragen
Hemiplegie
4 Die Evaluation ist in die Behandlung integriert. Brodal A (1973) Self-observations and neuro-anatomical con-
Auf welchen drei Ebenen sollte der Therapeut siderations after a stroke. Brain 96: 675–694
den Befund durchführen und seine Behand- Duncan PW, Nelson SG (1983) Weakness – a primary motor
deficit in hemiplegia. Neurology Report 7 (1): 3–4
lung planen, evaluieren und anpassen (siehe Harro CC (1985) Implications of motor unit characteristics to
ICF-Modell)? speed of movement in hemiplegia. Neurology Report 9
4 Stellen Sie sich die Befundaufnahme bei einem (3): 55–61
Patient mit TEP-Implantation im Hüftgelenk Tang A, Rymer WZ (1981) Abnormal force-EMG relations in
vor. Welche Tests und Re-Tests sind bei diesem paretic limbs of hemiparetic human subjects. J Neurol
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Krankheitsbild auf den drei ICF-Ebenen zum
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investigation. Arch Phys Med Rehabil 56: 115–120
71 5

PNF-Patterns zur Fazilitation


D. Beckers

5.1 Einführung – 72

5.2 Die PNF-Patterns – 72

5.3 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen – 75

Weiterführende Literatur – 77

Literatur – 77

M. Buck et al., PNF in der Praxis,


DOI 10.1007/978-3-642-37814-0_5, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
72 Kapitel 5 · PNF-Patterns zur Fazilitation

5.1 Einführung 5.2 Die PNF-Patterns

Eine normale funktionelle Bewegung entwickelt Das Arbeiten mit den synergistischen Verbindun-
sich stets aus der Kombination der Bewegungspat- gen der PNF-Patterns ermöglicht dem Therapeu-
terns der Extremitäten und der synergistischen ten, die Probleme des Patienten indirekt zu be-
Rumpfmuskulatur (. Abb. 5.1) (Kabat 1960). Der handeln. Die Effektivität des Stretchreflexes wird
für die motorische Planung verantwortliche Ab- ebenfalls deutlich gesteigert, wenn anstelle eines
schnitt des Gehirns erzeugt und organisiert diese einzelnen Muskels die gesamte zum Pattern gehö-
Bewegungspatterns. Daher kann der Mensch wäh- rende Muskulatur gestretcht wird.
rend einer Bewegung nicht einen zum Bewegungs- Die PNF-Patterns kombinieren die Bewegun-
5 pattern gehörenden Muskel isoliert entspannen. gen der drei Ebenen:
Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Mensch seine 4 Sagittale Ebene: Flexion und Extension,
Muskeln überhaupt nicht einzeln anspannen kann, 4 Frontale Ebene: Adduktion und Abduktion
sondern verdeutlicht nur, dass die selektiven Be- der Extremitäten und Lateralflexion des
wegungen des Menschen aus groben bzw. ein- Rumpfes,
fachen Bewegungspatterns entstanden sind (Beevor 4 Transversale Ebene: Rotationen.
1978; Kabat 1950). Diese synergistischen Kombi-
nationen der (normalerweise) dreidimensional Jede Bewegung hat einen dreidimensionalen Ver-
verlaufenden Muskelkontraktionen formen die lauf (Knott u. Voss 1968). Die spiralförmige Kom-
PNF-Patterns. ponente der dreidimensionalen Bewegung entsteht
Manche Therapeuten glauben, dass das Arbei- durch die Rotation, während sich die diagonale
ten mit dem PNF-Konzept nur möglich ist, wenn Komponente aus den Richtungen Flexion – Exten-
man die PNF-Patterns kennt und sie dement- sion und Adduktion – Abduktion zusammensetzt.
sprechend einsetzt. Die Autoren hingegen sind der Die Effektivität eines Bewegungspatterns wird
Meinung, dass der Therapeut nur die Philosophie durch den Einsatz von Stretch und Widerstand deut-
und die geeigneten Prinzipien bzw. Verfahren zur lich verbessert, da hierdurch die Muskelaktivität ge-
Behandlung benötigt. Die PNF-Patterns sind nicht steigert wird. Die Effektivität des Stretchreflexes
unbedingt notwendig, aber sie bilden ein überaus wird wiederum deutlich gesteigert, wenn die gesamte
wertvolles »Werkzeug«. zum Pattern gehörende Muskulatur gestretcht wird.

. Abb. 5.1 a, b Diagonale Bewegungen bei sportlichen Aktivitäten: a Tennis, b Golf


5.2 · Die PNF-Patterns
73 5
Die Steigerung der Muskelaktivität tritt sowohl Beispiel
proximal als auch distal sowie innerhalb synergisti- Beim Armpattern Flexion – Adduktion – Außenrotati-
scher Bewegungspatterns (Irradiation) auf. Wenn on kommt es zu einer anterioren Elevation des Schul-
das Behandlungsziel die Fazilitation schwächerer terblattes. Lässt der Therapeut die weiterlaufende Be-
Muskelgruppen mittels Irradiationsprinzip ist, wegung vollständig zu, entsteht durch die deutliche
dann wird einem PNF-Bewegungspattern ein Rumpfextension und -rotation zur kontralateralen
Widerstand entgegengesetzt. Dabei sollen alle in- Seite ein vollständiges Bewegungspattern.
nervierten Muskeln, die zu der angesprochenen
Synergie gehören, kontrahieren. Ausgangspunkt für PNF-Patterns lassen sich sehr effektiv einsetzen,
einen optimalen und effektiven Widerstand ist die wenn dem Therapeuten die synergistischen Mus-
Rotationskomponente des gewählten Bewegungs- kelgruppen bekannt sind. Umgekehrt kann er, wenn
patterns. ihm die Patterns bekannt sind, die synergistische
Die Rotationskomponente ist der Schlüssel zu Muskulatur daraus ableiten.
einem optimalen und effektiven Widerstand. Wird Befindet sich die Extremität in ihrer verlänger-
der Rotationsbewegung ein guter bzw. korrekter ten Position, sind auch die zugehörigen Synergisten
Widerstand entgegengesetzt, stimuliert dies den ge- im Rumpf unter Spannung. Der Therapeut sollte in
samten Verlauf der Bewegung positiv. Wird der der Lage sein, die muskuläre Spannung sowohl in
Rotationskomponente jedoch zu viel Widerstand der Extremität als auch im Rumpf zu fühlen.
entgegengesetzt, kann dies zur Verhinderung der Die Bewegungsbahn (»groove«) eines Arm- oder
Bewegung oder zum Bruch (»break«) einer stabili- Beinpatterns entspricht der Bewegungslinie, die die
sierenden Kontraktion führen. Hand oder der Fuß (distale Komponente) während
Die genannten Richtungen der Bewegungs- des gesamten Bewegungsverlaufes unsichtbar in die
patterns beziehen sich auf die großen rumpfnahen Luft zeichnet. Für die Halswirbelsäule und den
Gelenke Schulter und Hüfte. Die einzelnen Bewe- Kopf wird die Bewegungsbahn von der Ebene be-
gungskomponenten werden stets in der Reihenfolge stimmt, die durch Kinn, Nase und Hinterhaupt-
Flexion – Extension, Adduktion – Abduktion, In- scheitel gezogen wird. Für den Rumpf verläuft die
nenrotation – Außenrotation genannt. Die sog. Bewegungsbahn vom linken oder rechten Schulter-
Zwischengelenke, Knie und Ellbogen, können dabei gürtel zur jeweils gegenüberliegenden Hüfte.
entweder gestreckt bleiben, gebeugt oder gestreckt Aufgrund der engen Zusammenarbeit von
werden. Wird dem Bewegungspattern kein Zusatz Rumpf und Extremitäten verlaufen die Bewegungs-
hinsichtlich der Zwischengelenke hinzugefügt, bahnen bzw. Diagonalen entweder in der gedachten
bedeutet dies, dass das Pattern mit gestrecktem Schulter-Hüft-Linie oder parallel dazu (. Abb. 5.2).
Zwischengelenk durchgeführt wird, z. B. beim Der Therapeut seinerseits steht entweder in der
Beinpattern Flexion – Abduktion – Innenrotation. oder parallel zur Bewegungsbahn. In den nach-
Fingerflexion, radiale Flexion des Handgelenkes folgenden Kapiteln wird die korrekte Position des
und Supination des Unterarmes sind z. B. feste Be- Therapeuten in Bezug auf das jeweilige Bewegungs-
standteile des Armpatterns Flexion – Adduktion – pattern in den zugehörigen Abbildungen gezeigt.
Außenrotation. Der Ellbogen dagegen kann gebeugt Folgende Schritte werden bei der Durchführung
bzw. gestreckt werden oder in seiner Position ver- eines kompletten konzentrisch verlaufenden Pat-
bleiben. terns ausgeführt:
Zwei antagonistische Bewegungspatterns erge- Die Extremität, mit der geübt werden soll, wird
ben zusammen eine Diagonale. Das Armpattern in die Vordehnung gebracht:
Flexion – Adduktion – Außenrotation bildet zusam- 4 Alle dem Pattern zugehörigen synergistischen
men mit dem antagonistischen Armpattern Extensi- Muskeln (Agonisten) werden vorgedehnt bzw.
on – Abduktion – Innenrotation eine Diagonale. verlängert.
Der Rumpf und die Extremitäten arbeiten inner- 4 Die Vordehnung der Agonisten erfolgt ohne
halb funktioneller Bewegungen wie auch innerhalb Schmerzen für den Patienten und ohne unnö-
der PNF-Patterns immer synergistisch zusammen. tige Gelenkbelastungen, z. B. bei Hypermobili-
74 Kapitel 5 · PNF-Patterns zur Fazilitation

Die PNF-Patterns können auf unterschiedliche


Weise und in verschiedenen Ausgangspositionen
(Rücken-, Bauch-, Seitlage, Sitzen, Vierfüßlerstand
usw.) ausgeführt werden. Die Wahl der Ausgangs-
stellung hängt von vielen Faktoren ab, die durch den
Therapeuten zu bewerten sind, z. B. Spastizität,
Schmerzen, bequeme Position für den Patienten
bzw. für den Therapeuten, Aufbau im Schwierig-
keitsgrad, Kraft des Patienten, Kraftverhältnis zwi-
schen Patient und Therapeut usw.
5 Es gibt mehrere Variationsmöglichkeiten in der
Ausführung der Patterns, die, je nach Behandlungs-
ziel, sehr wichtig sein können:
1. Die Patterns für Arm und Bein können mit
dem Ziel der Funktionsveränderung in der Ell-
bogen- oder Kniebewegung variiert werden.
. Abb. 5.2 Patterns sind »spiralförmig und diagonal«. Beispiel
(Mod. nach Klein-Vogelbach 1990)
Beim Armpattern Flexion – Abduktion – Außenrotati-
on mit Ellbogenflexion gelangt die Hand des Patien-
tät. (Sie soll nie so weit gehen, dass sich das ten über den Kopf auf die kontralaterale Seite des Pa-
Gelenk in einer Close-pack-Position befindet.) tienten (z. B. Haare kämmen). Dasselbe Pattern kann
4 Rotations- bzw. Ausweichbewegungen des mit Ellbogenextension ausgeführt werden, so dass
Rumpfes sollten vermieden werden. die Hand ein höher liegendes Objekt erreichen kann.

Der Therapeut fordert den Patienten zur Anspan- 2. Die Bewegung des Ellbogens oder des Knies
nung der Muskulatur auf, wodurch sich die Extre- kann verändert werden, um verschiedene
mität in die Endstellung bewegt: Wirkungen auf zweigelenkige Muskeln zu be-
4 bis die agonistischen Muskeln ihre optimale kommen.
Verkürzung erreicht haben,
4 bis alle Antagonisten maximal verlängert sind, Beispiel
4 ohne Schmerzen für den Patienten oder über- Das Beinpattern Flexion – Adduktion – Außenrota-
triebene Gelenkbelastungen, tion wird zunächst mit Knieflexion durchgeführt.
4 mit begrenzter Rumpfrotation. Hierbei kommt es zu einer aktiven Verkürzung der
Kniebeuger. Danach wird dasselbe Pattern mit aktiv
Das Normale Timing (»normal timing«) eines Be-
gestrecktem Knie ausgeführt, wodurch es zu einer
wegungspatterns verläuft folgendermaßen:
»aktiven« Dehnung der ischiokruralen Muskulatur
4 Die Bewegung beginnt distal, entweder mit der
(reziproke Inhibition) kommt.
Hand und dem Handgelenk oder mit dem Fuß
und dem Knöchel. Die distale Bewegungskom- 3. Die Ausgangsstellung des Patienten kann vari-
ponente wird vollständig ausgeführt und bleibt iert werden, um je nach Zielsetzung unter-
bis zum Ende der Bewegung in dieser Position. schiedliche Einwirkungen der Schwerkraft aus-
4 Dann bewegen sich die anderen Komponenten zunutzen.
gemeinsam, so dass sie gleichzeitig ihr Bewe-
gungsausmaß erreichen. Beispiel
4 Der Rotationswiderstand sollte während des Zur Stärkung der Abduktoren kann das Beinpattern
gesamten Bewegungsverlaufes gegeben wer- Extension – Abduktion – Innenrotation in der Rü-
den, da die Rotationskomponente ein wesent- ckenlage durchgeführt werden. Wird dasselbe Bewe-
licher Bestandteil der Bewegung ist. 6
5.3 · Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen
75 5
gungspattern in der Seitlage ausgeführt, kann die 5 Symmetrisch-reziprok: Zwei Arme oder
zusätzliche Wirkung der Schwerkraft in dieser Aus- Beine in demselben Pattern, aber in entge-
gangsstellung für die Stärkung der Abduktoren gengesetzten Bewegungsrichtungen, z. B.
positiv genutzt werden. rechts: Flexion – Abduktion und links: Ex-
tension – Adduktion (. Abb. 5.3 c).
4. Die Ausgangsstellung des Patienten wird je 5 Asymmetrisch-reziprok: Zwei Arme oder
nach Funktionalität ausgewählt. Beine in einem entgegengesetzten Pattern
sowie einer entgegengesetzten Bewegungs-
Beispiel richtung, rechts: Flexion – Adduktion und
Zur Verbesserung der funktionellen Aktivität »Essen« links: Extension – Adduktion (. Abb. 5.3 d).
kann das Armpattern Flexion – Adduktion – Außen-
rotation anstatt in der Rückenlage z. B. in sitzender
Ausgangsposition geübt werden. 5.3 Überprüfen Sie Ihr Wissen:
Fragen
5. Die Ausgangsposition kann zur Verbesserung
der visuellen Kontrolle geändert werden. 4 Was ist der große Vorteil der PNF-Bewegungs-
muster (PNF-Patterns)?
Beispiel 4 Was ist beim Gang- oder Mattentraining wich-
Die Beinpatterns können zur Verbesserung der visu- tiger: die Bewegungsmuster oder die funktio-
ellen Kontrolle, z. B. des Fußes und des Knöchels, an- nelle Aktivität? Und welche Vorteile haben Be-
statt in Rückenlage auch im Sitzen (Sitz auf der Be- wegungsmuster auf der Matte und bei der
handlungsbank mit frei herunterhängenden Unter- Gangschule?
schenkeln) auf der Behandlungsbank durchgeführt 4 Welche der folgenden Aussagen sind nicht
werden. richtig?
f. Das PNF-Konzept erlaubt ausschließlich die
Die einzelnen Patterns lassen sich auf verschiedene Behandlung in PNF-Patterns.
Arten miteinander kombinieren. In Abhängigkeit g. Normale Bewegungen sind immer identisch
von dem jeweiligen Behandlungsziel können die mit PNF-Patterns.
Arm- und Beinpatterns einzeln, zusammen oder in h. Normale Alltagsbewegungen sind immer
Kombination mit den Rumpfpatterns ausgeführt dreidimensional.
werden. Damit ein optimaler funktioneller Effekt i. Jede Phase des Ganges kann man auf PNF-
erzielt werden kann, müssen die Kombinationen Patterns zurückführen.
der Patterns richtig gewählt werden. Dies ist ein we- j. Bei der Beübung von PNF-Patterns nutzt
sentlicher Gesichtspunkt bei der Befundaufnahme man immer das maximale Bewegungsaus-
und dem Erstellen des Behandlungsplanes. maß jedes Gelenks.
Die Anwendungsmöglichkeiten der Patterns 4 Nenne drei Vorteile, weshalb man PNF-Muster
sind: in der Behandlung von Patienten benutzen
4 Unilateral: ein Arm oder ein Bein. kann.
4 Bilateral: Zwei Arme oder Beine gleichzeitig
oder die Kombination von Arm und Bein
(. Abb. 5.3):
5 Symmetrisch: Zwei Arme oder Beine in
demselben Pattern, z. B. beide bewegen in
Flexion – Abduktion (. Abb. 5.3 a).
5 Asymmetrisch: Zwei Arme oder Beine in
entgegengesetztem Pattern, z. B. rechts:
Flexion – Abduktion und links: Flexion –
Adduktion (. Abb. 5.3 b).
76 Kapitel 5 · PNF-Patterns zur Fazilitation

. Abb. 5.3 a–d Bilaterale Patterns. a Symmetrisch: beide Arme in Flexion – Abduktion – Außenrotation. b Asymmetrisch:
rechter Arm in Flexion – Abduktion – Außenrotation und linken Arm in Flexion – Adduktion – Außenrotation. c Symmetrisch-
reziprok: rechter Arm in Flexion – Abduktion – Außenrotation und linker Arm in Extension – Adduktion – Innenrotation.
d Asymmetrisch-reziprok: rechter Arm in Flexion – Abduktion – Außenrotation und linker Arm in Extension – Abduktion –
Innenrotation
Literatur
77 5
Weiterführende Literatur

Bosma JF, Gellhorn E (1946) Electromyographic studies of


muscular coordination on stimulation of motor cortex. J
Neurophysio 9: 263–274
Gellhorn E (1948) The influence of alterations in posture of
the limbs on cortically induced movements. Brain 71:
26–33
Klein-Vogelbach S (2007) Funktionelle Bewegungslehre – Die
Grundlagen: Bewegungsanalyse, Untersuchung, Be-
handlung, 6. Aufl. Springer, Berlin Heidelberg New York

Literatur

Beevor CE (1978) The Croonian lectures on muscular move-


ments and their representation in the central nervous
system. In: Payton OD, Hirt S, Newton RA (eds) Scientific
Basis for Neurophysiologic approaches therapeutic exer-
cise; an anthology. Philadelphia Davis, Philadelphia
Kabat H (1950) Studies on neuromuscular dysfunction, XIII:
New concepts and techniques of neuromuscular reedu-
cation for paralysis. Perm Found Med Bull 8 (3): 121–143
Kabat H (1960) Central mechanisms for recovery of neuromu-
scular function. Science 112: 23–24
Klein-Vogelbach S (1990) Funktional kinetics. Springer, Berlin
Heidelberg New York
Knott M, Voss DE (1968) Proprioceptive neuromuscular facili-
tation; patterns and techniques, 2nd ed. Harper and Row,
New York
79 6

Schulterblatt und Becken


M. Buck, D. Beckers

6.1 Einführung – 80

6.2 Anwendung in der Praxis – 80

6.3 Behandlungsverfahren – 81

6.4 Schulterblattpatterns – 83
6.4.1 Anteriore Elevation – 83
6.4.2 Posteriore Depression – 85
6.4.3 Anteriore Depression – 86
6.4.4 Posteriore Elevation – 88
6.4.5 Spezielle Anwendungen der Schulterblattpatterns – 89

6.5 Beckenpatterns – 91
6.5.1 Anteriore Elevation – 91
6.5.2 Posteriore Depression – 93
6.5.3 Anteriore Depression – 94
6.5.4 Posteriore Elevation – 96
6.5.5 Spezielle Anwendungen der Beckenpatterns – 98

6.6 Symmetrisch-reziproke und


asymmetrische Kombinationen – 99
6.6.1 Symmetrisch-reziproke Kombinationen – 99
6.6.2 Asymmetrische Kombinationen – 100

6.7 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen – 102

Literatur – 102

M. Buck et al., PNF in der Praxis,


DOI 10.1007/978-3-642-37814-0_6, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
80 Kapitel 6 · Schulterblatt und Becken

6.1 Einführung Extremität sich über die Beckenschaufel auf den Be-
ckengürtel ausbreiten.
Der Schulter- und der Beckengürtel unterscheiden Die Bewegungen der unteren Extremität wer-
sich in ihren jeweiligen Funktionen in Bezug auf die den durch die Mitbewegung der Beckenschaufel
Stabilisation und Bewegung der Extremitäten. unterstützt. Dies kann sowohl in gewichttragender
Im Schultergürtel arbeiten Schlüsselbein wie nichtgewichttragender Funktion sein. Jedoch
(Klavikula) und Schulterblatt (Skapula) im Sinne hat die Beckenschaufel innerhalb der Beckenpat-
einer Einheit zusammen. Das Schulterblatt erhält terns nur eine untergeordnete passive Funktion,
seine hauptsächliche Unterstützung durch Muskeln wenn die untere Extremität nicht mit einbezogen
(Mm. pectoralis major et minor, M. trapezius, wird.
M. rhomboideus major et minor, M. subscapularis, Deshalb ist es z. B. wichtig, das Rollen weiter-
M. serratus anterior), die nur eine einzige Verbin- zuüben, sobald das Beckenpattern erarbeitet ist
dung mit dem axialen Skelett bzw. mit dem obersten (Johnson 1999, persönl. Mitteilung).
6 Teil des Brustbeines (Manubrium) aufweisen.
Die Tätigkeit des Schultergürtels ist abhängig
von der jeweiligen muskulären Funktion und von 6.2 Anwendung in der Praxis
seiner Fähigkeit, sich an den darunter liegenden
Brustkorb anzugleichen. In Normalfunktion ist der Übungen für das Schulterblatt und das Becken sind
Schultergürtel keine gewichttragende Struktur. bei der Behandlung von Halswirbelsäule, Rumpf
Die Patterns des Schulterblattes werden in Ver- und Extremitäten wichtig, denn:
bindung mit den Patterns der oberen Extremität 4 die Muskulatur des Schulterblattes kontrolliert
aktiviert (entweder in Bezug auf Bewegung oder und beeinflusst die Funktion der zervikalen
Stabilisation). Daher stehen alle Patterns der oberen und thorakalen Wirbelsäule und
Extremität stets mit den Schulterblattbewegungen 4 eine gute Funktion der oberen Extremität er-
in Verbindung. fordert sowohl Mobilität als auch Stabilität des
Der Beckengürtel dagegen ist direkt mit der Schulterblattes.
Wirbelsäule verbunden und hauptsächlich auf die
vertebrale Unterstützung angewiesen. Der Becken- Beckenstabilität wie auch Beckenbeweglichkeit
gürtel ist somit – im Gegensatz zum Schultergürtel sind für eine gute Zusammenarbeit zwischen dem
– eine gewichttragende Struktur. Rumpf und den unteren Extremitäten unabding-
Die Patterns des Beckens arbeiten nicht immer bar.
in Übereinstimmung mit den Patterns der unteren Das Üben von Schulterblatt und Becken kann
Extremität, weil sich das Becken hierbei bezüglich verschiedene Zielsetzungen haben:
seiner Aufgaben unterscheidet.
Das Kreuzbein (Sakrum) ist die Verlängerung
der Lendenwirbelsäule und arbeitet in Über- Behandlungsziele
einstimmung mit der Wirbelsäule. Es ist an der Schulterblatt:
Tätigkeit der unteren Extremitäten lediglich als Ver- 4 Erarbeiten von Beweglichkeit und Stabili-
längerung der Beckenschaufel beteiligt. tät des Schulterblattes. – Dies ist durch ge-
Die Beckenschaufel ist als eine Verlängerung zieltes Üben möglich.
der unteren Extremität zu betrachten und bewegt 4 Training der Rumpfmuskulatur. Hinsichtlich
sich normalerweise bei jeder Bewegungskompo- der Fazilitation auf eine Betonte Bewe-
nente der unteren Extremität mit. gungsfolge achten und Widerstand ein-
Das sakroiliakale Gelenk ist die Verbindung setzen
zwischen dem axialen Skelett und der unteren Ext- 4 Funktionelle Aktivitäten üben, z. B. das
remität. Aus diesem Grund werden die Patterns des Rollen.
Beckens über das Kreuzbein zur Lendenwirbelsäule 6
hin weitergeleitet, während die Patterns der unteren
6.3 · Behandlungsverfahren
81 6

4 Die Stabilität und Mobilität der Halswirbel-


säule fazilitieren. Wenn der Schulterblatt-
bewegung Widerstand entgegengesetzt
wird, beeinflussen sich Schulterblatt- und
Nackenmuskulatur gegenseitig.
4 Stabilität und Mobilität des Armes fördern.
Wenn der Schulterblattbewegung Wider-
stand entgegengesetzt wird, beeinflussen
sich Schulterblatt- und Armmuskulatur ge-
genseitig.
4 Indirektes Üben des unteren Rumpfes. Dies
geschieht durch Irradiation oder weiterlau-
fende Bewegungen.

Becken:
4 Beckenstabilität und -mobilität üben.
4 Rumpfstabilität und -mobilität fazilitieren.
4 Funktionelle Aktivitäten üben, z. B. das
Rollen.
4 Stabilität und Mobilität des Beines . Abb. 6.1 Diagonale Bewegungsrichtungen von Schulter-
fazilitieren. blatt und Becken
4 Indirektes Behandeln von Oberkörper und
Halswirbelsäule. – Dies ist durch Irradiation
möglich oder weiterlaufende Bewegungen. Beispiel
Angenommen, der Patient liegt gestreckt auf seiner
linken Körperseite in der Mitte eines gedachten Zif-
ferblattes (. Abb. 6.1); die Mitte des Kopfes befindet
6.3 Behandlungsverfahren
sich auf der Position 12 und die Füße auf der Position
6. Die Vorderseite des Patienten richtet sich zur Posi-
jDiagonale Bewegung tion 3 und die Rückseite zur Position 9. Liegt der Pati-
Die Patterns des Schulterblattes und des Beckens ent auf der rechten Seite, vertauschen sich die Ziffern
bewegen sich auf zwei Diagonalen: bezüglich der Vorder- und Rückseite.
4 anteriore Elevation – posteriore Depression Für das Üben von Schulterblatt und Becken der rech-
und ten Seite ergeben sich die Diagonalen wie folgt:
4 posteriore Elevation – anteriore Depression. 4 anteriore Elevation: Richtung 1 Uhr,
4 posteriore Depression: Richtung 7 Uhr,
Die Bewegungen in den Diagonalen folgen in ihrem 4 posteriore Elevation: Richtung 11 Uhr,
bogenförmigen Verlauf der jeweiligen Rumpfform 4 anteriore Depression: Richtung 5 Uhr (. Abb. 6.1).
des Patienten.
Wenn das Schulterblatt oder das Becken inner- Liegt der Patient auf seiner rechten Körperseite,
halb dieser Diagonalen bewegt wird, darf es bei kor- so ergibt sich für das Üben von Schulterblatt und
rekter Ausführung weder eine Rollbewegung des Becken der linken Seite folgender Verlauf der Diago-
Patienten nach vorwärts oder rückwärts geben, nalen:
noch eine Drehbewegung (Rotation) innerhalb 4 anteriore Elevation: Richtung 11 Uhr,
mehrerer Wirbelsegmente. Der Verlauf der Diago- 4 posteriore Depression: Richtung 5 Uhr,
nalen lässt sich mit Hilfe des Zifferblattes einer Uhr 4 posteriore Elevation: Richtung 1 Uhr,
sehr gut verdeutlichen. 4 anteriore Depression: Richtung 7 Uhr.
82 Kapitel 6 · Schulterblatt und Becken

Ist das Becken rotiert, kann ein Kissen zwischen


die Knie des Patienten gelegt werden.
Von dieser Ausgangsposition aus werden das
Schulterblatt oder das Becken in die Vordehnung
des gewählten Patterns gebracht.

jAusgangsstellung des Therapeuten


Es gibt zwei mögliche Ausgangsstellungen für den
Therapeuten:
1. Der Therapeut steht hinter dem Patienten in
der gewählten Schulterblatt- oder Beckendia-
gonalen. Die Arme und Hände des Therapeu-
ten weisen dabei in die Bewegungsrichtung.
6 Alle in diesem Kapitel beschriebenen Griffe
gehen von dieser Ausgangsstellung für den
Therapeuten aus.
2. Der Patient liegt an der Kante der Behand-
. Abb. 6.2 Der Therapeut steht vor dem Patient: anteriore
lungsbank, das Gesicht dem Therapeuten zu-
Elevation des Beckens
gewandt. Der Therapeut steht dabei vor dem
Patienten, und zwar in Verlängerung der ge-
In diesem Kapitel werden alle Patterns am linken wählten Diagonalen. Die Platzierung der Hän-
Schulterblatt und/oder der linken Beckenseite de auf dem Körper des Patienten bleibt dabei
dargestellt. Der gesamte Text bezieht sich auf die gleich, jedoch muss der Therapeut die Griffe
Bewegungen des linken Schulterblattes und/oder durch veränderten Einsatz seiner Hände an-
der linken Beckenseite. gleichen (Fingerspitzen, Handballen, radiale
Seite usw.) (. Abb. 6.2).
jAusgangsstellung des Patienten
Für die Ausführung der Basispatterns von Schulter- Die Patterns des Schulterblattes und des Beckens
blatt und Becken liegt der Patient in stabiler Seitlage können ebenso mit dem Patienten geübt werden,
auf der Behandlungsbank. Die Anwendung dieser wenn er auf der Matte liegt. Der Therapeut muss
Patterns in anderen Ausgangsstellungen wird in sich dabei an die Ausgangsstellung des Patienten
weiteren Kapiteln dieses Buches gezeigt. anpassen, indem er sich entweder vor oder hinter
In der Ausgangsstellung liegt der Patient stabil dem Patienten hinkniet. Die Gewichtsverlagerung
auf der Seite; Hüft- und Kniegelenke sind soweit flek- des Therapeuten bei den einzelnen Patterns findet
tiert, wie es für ein optimales (Behandlungs-)Ergeb- dann vom (Knie-)Fersen-Sitz zum halben oder
nis notwendig ist. Der Patient sollte so gelagert sein, ganz aufgerichteten Kniestand und wieder zurück
dass sich sein Rücken möglichst nahe am Rand der statt.
Behandlungsbank befindet. Die Wirbelsäule des Pa-
tienten liegt dabei in normaler Anordnung und der jTaktiler Stimulus
Kopf und die Halswirbelsäule sollten weitgehend in Die Grifftechnik folgt dem Grundprinzip des Takti-
neutraler Position gelagert sein, also weder in Flexi- len Stimulus. Der Griff ist dabei der Bewegungs-
on noch in Extension. Der Kopf des Patienten liegt richtung entgegengesetzt. In diesem Abschnitt wird
ohne Lateralflexion der Halswirbelsäule in Verlänge- der beidhändige Einsatz der Hände beschrieben,
rung der Wirbelsäule. Das glenohumerale Gelenk der angewandt wird, wenn der Patient auf der Seite
und das Becken befinden sich in der sog. Mittelposi- liegt und der Therapeut hinter ihm steht. Diese
tion. Diese Position, auch mittlere Frontalebene Griffe werden sofort angepasst, sobald sich die
genannt, wird durch den Schnittpunkt der beiden Position des Therapeuten oder des Patienten verän-
Diagonalen bestimmt. dert. Manchmal wird eine geringfügige Anpassung
6.4 · Schulterblattpatterns
83 6

. Abb. 6.3 Die Richtung des gesetzten Widerstandes ergibt einen Bogen (posteriore Depression des Schulterblattes)

des Griffes notwendig, weil dem Therapeuten nur flussen. Dabei sind die im Folgenden genannten
eine Hand zur Verfügung steht, während er mit wichtigen Muskelkomponenten beteiligt (die bisher
seiner zweiten Hand ein anderes Pattern oder eine noch nicht durch elektromyographische Unter-
Extremität kontrolliert. suchungen bestätigt wurden):

jWiderstand Bewegung Muskulatur: die wichtigsten Komponenten


(Kendall u. McCreary 1993)
Den Widerstand für die Rotation setzt der Thera-
peut, indem er einen Rotationswiderstand einsetzt, Anteriore M. levator scapulae, M. serratus anterior
Elevation
wobei der Angulus inferior zur Wirbelsäule hin ge-
dreht wird. Die Richtung des Widerstandes ist bo- Posteriore M. serratus anterior (unterer Teil),
Depression Mm. rhomboidei, M. latissimus dorsi
genförmig und folgt dabei der Körperkontur des
jeweiligen Patienten. Die Gelenkstellungen der Posteriore M. trapezius, M. levator scapulae
Arme und Hände des Therapeuten verändern sich Elevation

fortlaufend durch die bogenförmige Bewegung des Anteriore Mm. rhomboidei, M. serratus anterior,
Schulterblattes und/oder des Beckens während Depression Mm. pectoralis major et minor

ihres Verlaufes in der Diagonalen (. Abb. 6.3).


Durch den bogenförmigen Verlauf der Körperform
ändert sich die Widerstandsrichtung fortwährend, 6.4.1 Anteriore Elevation
aber nur geringfügig innerhalb einer Diagonalen. (. Abb. 6.4 und . Abb. 6.5)
Die Übergänge sind dabei fließend.
jTaktiler Stimulus
Der Therapeut legt eine Hand vorne auf das gleno-
6.4 Schulterblattpatterns humerale Gelenk und das Akromion. Die Finger
sind dabei leicht gebeugt. Die andere Hand wird
Die Patterns für das Schulterblatt können in ver- zur Unterstützung auf die erste Hand gelegt. Der
schiedenen Ausgangsstellungen des Patienten aus- Körperkontakt zum Patienten erfolgt nur mit den
geführt werden. Dazu zählen sowohl die Seitlage auf Fingern und nicht mit dem Handballen.
der Behandlungsbank als auch auf der Matte, die
sitzende oder stehende Ausgangsstellung. Der jVordehnung
Humerus muss frei beweglich sein, während sich Das Schulterblatt wird im Sinne der posterioren De-
das Schulterblatt bewegt. In der Seitlage kann sich pression nach hinten unten in Richtung der unteren
das Schulterblatt in alle Richtungen frei bewegen, Brustwirbelsäule bewegt, dabei wird der Angulus
und die Rumpfaktivitäten lassen sich leichter beein- inferior der Skapula zur Wirbelsäule hin gedreht
84 Kapitel 6 · Schulterblatt und Becken

. Abb. 6.4 a–c Schulterblattdiagonale: anteriore Elevation/posteriore Depression. a Neutrale Stellung, b anteriore Elevati-
on, c posteriore Depression

(. Abb. 6.5 a). Das glenohumerale Gelenk muss sich Sowohl die Knie als auch die Ellbogen des
hinter der mittleren Frontalebene des Patienten be- Therapeuten sind am Anfang der Bewegung leicht
finden. Hierbei sollte die anteriore Nackenmusku- gebeugt. Im Laufe der Bewegung verlagert der The-
latur fühlbar und sichtbar unter Spannung stehen. rapeut sein Gewicht vom hinteren auf das vordere
Die Spannung darf aber nicht zu einem Hochhebeln Bein und richtet sich dadurch langsam auf. Gleich-
des Kopfes führen. Die vom Therapeuten passiv zeitig mit dieser Bewegung streckt er seine Arme
ausgeführte Bewegung des Schulterblattes in die und Beine.
Vordehnung darf kein Rückwärtsrollen des Patien-
ten oder eine Rotation seiner Wirbelsäule verursa- jWiderstand
chen. Die Richtung des Widerstandes ist bogenförmig. Sie
ergibt sich aus der Diagonalen und der Körperform
jVerbales Kommando des Patienten. Der Therapeut setzt einen Rotations-
»Ziehen Sie Ihre Schulter in Richtung Nase.« widerstand, wodurch sich der Angulus Inferior zur
Wirbelsäule hin dreht. Der Widerstand wird nicht
jBewegung ausschließlich von den Armen des Therapeuten er-
Das Schulterblatt bewegt sich auf einem Bogen nach zeugt, sondern ergibt sich während der Bewegung
vorne oben (ventrokranial), die ungefähr auf die in erster Linie aus der Verlagerung seines Körperge-
Nase des Patienten ausgerichtet ist. Der Angulus wichtes vom hinteren auf das vordere Bein.
inferior bewegt sich dabei von der Wirbelsäule weg
(. Abb. 6.4 b). jEndstellung
Das Schulterblatt und das Akromion befinden sich
jStellung des Therapeuten und Körper- ventrokranial in der Nähe der Nase des Patienten
mechanik (. Abb. 6.5 b). Dadurch steht die Depressions- und
Der Therapeut steht hinter dem Patienten in Höhe Retraktionsmuskulatur des Schulterblattes unter
von dessen Lendenwirbelsäule. Sein Gesicht ist dem Spannung. Der Angulus inferior hat sich von der
Kopf des Patienten zugewandt, und er schaut nach Wirbelsäule entfernt.
ventrokranial.
6.4 · Schulterblattpatterns
85 6

. Abb. 6.5 a, b Widerstand für die anteriore Elevation des Schulterblattes

Funktionelle Aktivitäten: steht (. Abb. 6.6 a). Der Angulus inferior der Ska-
4 Vordrehen des Oberkörpers, pula wird dabei von der Wirbelsäule weg bewegt.
4 Nach-Vorne-Greifen mit dem Arm und Die Bewegung oder der anhaltende Druck bzw. Wi-
4 bestimmte Gangphasen: »terminal stance« auf derstand dürfen weder eine Rotation in einem oder
der ipsilateralen Seite sowie erste und mittlere mehreren Wirbelsegmenten noch ein Vorwärtsrol-
Schwungbeinphase auf der kontralateralen len des Patienten verursachen.
Seite.
jVerbales Kommando
»Drücken Sie Ihr Schulterblatt zu mir nach unten in
6.4.2 Posteriore Depression Richtung Wirbelsäule.«
(. Abb. 6.4 a, c und . Abb. 6.6)
jBewegung
jTaktiler Stimulus Das Schulterblatt bewegt sich in Richtung der unte-
Der Therapeut platziert mit dem Lumbrikalgriff den ren Brustwirbelsäule. Dabei handelt es sich um eine
Handballen einer Hand am Margo medialis des nach kaudal gerichtete Retraktion. Der Angulus
Schulterblattes. Die Finger liegen auf dem Schulter- inferior bewegt sich dabei in Richtung Wirbelsäule
blatt und sind zum Akromion gerichtet. Die andere (. Abb. 6.4 b, c).
Hand wird in gleicher Stellung zur Unterstützung
auf die erste Hand gelegt. Der gesamte Druck sollte jStellung des Therapeuten und Körper-
unterhalb bzw. kaudal der Spina scapulae vom mechanik
Handballen aus gegeben werden. Die Ausgangsstellung entspricht der bei der ante-
rioren Elevation (7 Abschn. »Anteriore Elevation«).
jVordehnung Der Therapeut steht in Schrittstellung aufrecht
Der Therapeut bewegt das Schulterblatt so weit in hinter dem Patienten. Seine Arme sind leicht ge-
Richtung anteriore Elevation nach vorne oben, bis streckt. Im Verlauf der Bewegung verlagert der The-
die posterior gelegene Muskulatur unter Spannung rapeut sein Körpergewicht auf das hintere Bein und
86 Kapitel 6 · Schulterblatt und Becken

. Abb. 6.6 Widerstand für die posteriore Depression des Schulterblattes

beugt die Ellbogen leicht. Dadurch kann er die jEndstellung


Schulterblattbewegung des Patienten gut begleiten. Das Schulterblatt befindet sich mit der Margo medi-
Am Ende der Bewegung sind die Ellbogen des The- alis parallel zur Wirbelsäule, und die glenohumorale
rapeuten auf der gleichen Höhe bzw. tiefer als seine Gelenkfläche zeigt nach vorne oben (. Abb. 6.6 b).
Handgelenke (. Abb. 6.6 b). Funktionelle Aktivitäten:
4 Rumpfextension,
jWiderstand 4 Zurückdrehen des Oberkörpers,
Der Widerstand verläuft bogenförmig und ist an die 4 Stützen auf Unterarmstöcke beim Gehen,
Körperform des Patienten angepasst. 4 Pushing-ups mit aufgerichtetem Rumpf.
Während des Bewegungsweges wird der vom
Therapeuten gesetzte Widerstand angepasst und Für das Übersetzen vom Rollstuhl ins Bett (z. B. bei
lässt sich zum besseren Verständnis in zwei Phasen einer Querschnittslähmung) braucht der Patient
gliedern: Zu Beginn des Patterns wird das Schulter- eher die anteriore Depression der Skapula.
blatt vom Therapeuten in Richtung der Nase des
Patienten bewegt, wobei sich der Angulus inferior
von der Wirbelsäule weg bewegt. Wenn das Schul- 6.4.3 Anteriore Depression
terblatt vom Patienten aktiv in die posteriore De- (. Abb. 6.7 und . Abb. 6.8)
pression bewegt wird und sich dabei auf die Körper-
mittellinie zubewegt, richtet sich der eingesetzte jTaktiler Stimulus
Widerstand nach vorne, immer parallel zur Be- Für die Ausführung dieser Diagonalen gibt es zwei
handlungsbank. Gegen Ende des Bewegungsweges mögliche Grifftechniken:
zielt der Widerstand dann nach vorne oben, in 4 Der Therapeut legt seine Hand mit der ulna-
Richtung der Zimmerdecke, der Rotationswider- ren Seite leicht gebeugt auf den vorderen axil-
stand geht dabei entgegengesetzt zur Wirbelsäule. laren Rand des M. pectoralis und den Proces-
Der Rotationswiderstand ist am Ende so gesetzt, sus coracoideus. Die andere Hand legt er
dass einer Bewegung vom Angulus inferior zur ebenfalls mit der ulnaren Seite auf den Margo
Wirbelsäule hin Widerstand geboten werden muss. lateralis des Schulterblattes. Sowohl die Hände
als auch die Arme zeigen in die Richtung des
gegenüberliegenden Os ilium.
6.4 · Schulterblattpatterns
87 6

. Abb. 6.7 a–c Schulterblattdiagonale: anteriore Depression/posteriore Elevation. a Neutrale Stellung, b anteriore Depres-
sion, c posteriore Elevation

. Abb. 6.8 a, b Widerstand für die anteriore Depression des Schulterblattes

4 Der Therapeut legt seine leicht gebogenen Hän- jVordehnung


de mit den Fingern flach auf den vorderen axil- Der Therapeut bringt das Schulterblatt passiv so weit
laren Rand des M. pectoralis. Hierbei fungiert in die posteriore Elevation, bis das glenohumerale
die zweite Hand als Unterstützung für die erste Gelenk hinter der mittleren Frontalebene des Kör-
Hand. Die Finger zeigen in die Richtung der Dia- pers positioniert ist (. Abb. 6.8 a). Der Angulus in-
gonalen, zur gegenüberliegenden Hüfte. Auch ferior wird dabei von der Wirbelsäule weg bewegt.
hier besteht kein Kontakt mit dem Handballen. Eine Vordehnung der abdominalen Muskulatur
sollte von der gleichseitigen Rippenseite bis zur ge-
genseitigen Beckenseite sichtbar und fühlbar sein.
88 Kapitel 6 · Schulterblatt und Becken

Sowohl die Bewegung als auch der anhaltende 6.4.4 Posteriore Elevation
Druck bzw. der Widerstand auf dem Schulterblatt (. Abb. 6.7 a, c; . Abb. 6.9)
dürfen weder zu einem Mitdrehen des Patienten
nach hinten noch zu einer Rotation der Wirbelseg- jTaktiler Stimulus
mente führen. Der Therapeut legt seine Hände übereinander, dass
sie oberhalb der Spina scapulae auf dem Pars de-
jVerbales Kommando scendens des M. trapezius zu liegen kommen. Dabei
»Ziehen Sie Ihre Schulter runter in Richtung Bauch- sollten sich die Hände des Therapeuten distal des
nabel.« ersten Kostotransversalgelenkes befinden.

jBewegung jVordehnung
Das Schulterblatt bewegt sich bogenförmig. Die ge- Das Schulterblatt wird so weit in Richtung des ge-
dachte Verlängerung dieser Linie ist zur gegenüber- genüberliegenden Os ilium in die anteriore Depres-
6 liegenden Crista iliaca anterior hin ausgerichtet. sion gebracht, bis der Pars descendens des M. trape-
Der Angulus inferior bewegt sich dabei zur Wirbel- zius fühlbar und sichtbar unter Spannung steht
säule hin. (. Abb. 6.9 a). Der Angulus inferior der Skapula be-
wegt sich dabei zur Wirbelsäule hin. Der Span-
jStellung des Therapeuten und Körper- nungsaufbau hierbei sollte aber weder zu einem
mechanik Anheben des Kopfes des Patienten noch zu einer
Der Therapeut steht am Kopfende der Behand- Rotation in einem Wirbelsäulensegment führen.
lungsbank hinter dem Patienten. Sein Blick richtet Ebenso darf der fortwährende Druck der Hände
sich auf die unten liegende Hüfte des Patienten. nicht zu einem Vorwärtsrollen des Körpers führen.
Seine Beine und Arme sind leicht gebeugt. Wäh-
rend der Bewegung richtet der Therapeut seinen jVerbales Kommando
Oberkörper zunehmend auf und verlagert dabei »Ziehen Sie Ihre Schulter nach hinten oben hinters
gleichzeitig sein Körpergewicht vom hinteren auf das Ohr.«
vordere Bein. Am Ende des Patterns steht der Thera-
peut aufgerichtet und mit nahezu gestreckten Armen jBewegung
parallel zum Oberkörper des Patienten. Das Schulterblatt bewegt sich nach kranial und in
Adduktion geradlinig zum Hinterkopf des Patien-
jWiderstand ten. Der Angulus inferior bewegt sich dabei von der
Der Widerstand folgt der Diagonalen in Verbin- Wirbelsäule weg. Das glenohumerale Gelenk be-
dung mit der Körperform des Patienten. Er ergibt wegt sich nach dorsal und rotiert gleichzeitig nach
sich aus der bereits beschriebenen Gewichtsverlage- oben (kranial).
rung des Therapeuten.
jStellung des Therapeuten und Körper-
jEndstellung mechanik
Das Schulterblatt ist nach ventral rotiert, in Depres- Die Ausgangsstellung entspricht der bei der anteri-
sion und Abduktion. Das glenohumerale Gelenk oren Depression (7 Abschn. »Anteriore Depression«).
befindet sich vor der mittleren Frontalebene des Der Therapeut steht nahezu aufrecht hinter dem
Körpers (. Abb. 6.8 b). Der Angulus inferior hat Patienten in Schrittstellung. Die Ellbogen des Thera-
sich von der Wirbelsäule weg bewegt. peuten sind am Anfang der Bewegung fast ganz ge-
Funktionelle Aktivitäten: streckt und ungefähr auf der gleichen Höhe wie seine
4 Vordrehen des Oberkörpers, Handgelenke. Im Verlauf der Bewegung verlagert
4 Nach-Vorne-Greifen mit dem Arm, der Therapeut sein Körpergewicht vom vorderen auf
4 Greifen zu den Socken/Schuhen, um sie an-/ das hintere Bein und geht dabei leicht in die Knie.
auszuziehen, Die Ellbogen sind am Ende der Bewegung stärker
4 Ballwerfen bei verschiedenen Sportarten. gebeugt und stehen tiefer als die Handgelenke.
6.4 · Schulterblattpatterns
89 6

. Abb. 6.9 Widerstand für die posteriore Elevation des Schulterblattes

jWiderstand 6.4.5 Spezielle Anwendungen


Der Widerstand ergibt sich aus der Bewegung in der der Schulterblattpatterns
Diagonalen und der Körperform des Patienten. Der
Widerstand wird vom Körper des Therapeuten auf Die nachfolgenden Empfehlungen können dem
seine Unterarme und Hände weitergeleitet. Dabei Therapeuten helfen, die Schulterblattpatterns ge-
verlaufen die Unterarme immer parallel zur Wider- zielt auf die Bedürfnisse des jeweiligen Patienten
standsrichtung. bezogen einzusetzen:
4 Mobilisation bzw. Stabilisation der Schulter
jEndstellung (. Abb. 6.10)
Das Schulterblatt befindet sich in Elevation und Ad- 4 Training der Rumpfmuskulatur mittels
duktion. Das glenohumerale Gelenk liegt dorsal der Schulterblattpatterns:
mittleren Frontalebene des Körpers (. Abb. 6.9 b). 5 Beim Einsatz der Betonten Bewegungsfolge
Der Angulus Inferior hat sich von der Wirbelsäule (»Timing for Emphasis«) sollte die Mitbewe-
entfernt. gung des Schulterblattes zu Beginn der Bewe-
Funktionelle Aktivitäten: gung verhindert werden, bis die Anspannung
4 Rückwärtsgehen, der Rumpfmuskulatur fühlbar und sichtbar
4 Ausholen mit dem Arm, um z. B. einen Ball zu wird. Wenn dies erreicht ist, wird der Wider-
werfen, stand am Schulterblatt so verändert, dass die
4 Anziehen von Shirts. Bewegungen von Schulterblatt und Rumpf ei-
nen Widerstand entgegengesetzt bekommen.
Praxistipp 5 Am Ende des möglichen Bewegungsaus-
schlags des Schulterblattes fordert der The-
4 Wenn gezielte Schulterblattbewegungen er- rapeut den Patienten auf, das Schulterblatt
wünscht sind, sollte sich der Rumpf nicht mit- »einzurasten« (»locking it in«). Dies erreicht
bewegen, d. h. weder rollen noch rotieren. der Therapeut mittels stabilisierenden Kon-
4 Das glenohumerale Gelenk nimmt an den traktionen und das Üben der Rumpfmusku-
Patterns des Schulterblattes ebenfalls teil. latur mit wiederholten Kontraktionen.
Der Oberarm muss dabei frei beweglich sein. 5 Die Technik der Antagonistischen Umkehr-
bewegung lässt sich zur Verbesserung der
90 Kapitel 6 · Schulterblatt und Becken

. Abb. 6.10 a, b Patient mit einer rechtsseitigen Hemiplegie. a Kombination eines Schulterblattpatterns (posteriore Depressi-
on) mit der Armbewegung in Extension. b Kombination des Schulterblattes (anteriore Elevation) mit der Armbewegung in Flexion

Koordination und/oder zur Verhinderung 4 Gezielte Beeinflussung der Beweglichkeit


bzw. Verminderung von Ermüdungser- und Stabilität der Halswirbelsäule – Da sich
scheinungen der Schulterblatt- und der das Schulterblatt und die Halswirbelsäule
Rumpfmuskulatur einsetzen. hinsichtlich ihrer muskulären Aktivität gegen-
4 Erarbeiten bzw. Üben funktioneller Aktivitä- seitig beeinflussen, kann man gezielt Beweg-
ten, z. B. das Rollen: lichkeit oder Stabilisation erarbeiten, indem
5 Nachdem die Schulterblatt- und Rumpf- man das Schulterblatt gegen Widerstand arbei-
muskulatur durch die Übungen aktiviert ten lässt:
worden ist, sollte die trainierte Bewegung in 5 Die von der Halswirbelsäule zum Schulter-
eine funktionelle Tätigkeit bzw. Bewegung blatt verlaufende Muskulatur lässt sich
umgesetzt werden, wie z. B. das Vorwärts- üben, indem gleichzeitig am Kopf und an
oder Rückwärtsrollen (7 Abschn. »Rollen« in der Schulter des Patienten ein Widerstand
7 Kap. 11). gesetzt wird. Der Widerstand kann dabei
5 Hierzu erhält der Patient vom Therapeuten unterschiedlich dosiert werden, so dass es
während des Übens des Schulterblattpat- entweder zu einem Bewegungsausschlag
terns im richtigen Moment die Aufforde- oder zu einer stabilisierenden Kontraktion
rung, sich nach vorne zu rollen. Gleichzeitig kommt.
setzt der Therapeut der funktionellen Be- 5 Zur Erweiterung der Nackenbeweglichkeit
wegung am stabilisierenden Schulterblatt wird die Halswirbelsäule stabilisiert und die
einen Widerstand entgegen. betroffene Muskulatur entweder mit der
5 Der anschließende Einsatz der Technik Technik Halten – Entspannen oder der
Wiederholte Kontraktionen steigert über Technik Anspannen – Entspannen je nach
den Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus die Zielsetzung behandelt.
Kontraktionsfähigkeit der Muskulatur und 4 Gegenseitige Beeinflussung der Schulter-
somit das Gefühl für die funktionelle Be- blatt- und der Armmuskulatur – Die Schulter-
wegung als auch die physische Möglichkeit, blattbewegung und -stabilisation, z. B. gegen
diese auszuführen. Widerstand, haben einen deutlichen Einfluss
6.5 · Beckenpatterns
91 6
auf die Bewegungen bzw. Beweglichkeit und lung und im Vierfüßlerstand ausgeführt werden.
die Stabilität der Arme (s. . Abb. 6.10): Dabei darf das Körpergewicht bei den Beckenpat-
5 Die Elevation des Schulterblattes geht mit terns nicht auf der zu übenden Seite lasten; nur so
dem Flexionsmuster des Armes einher. wird ein freies Bewegen ermöglicht.
5 Die Depression des Schulterblattes geht mit In der Seitlage können alle Bewegungen des Be-
dem Extensionsmuster des Armes einher. ckens frei ausgeführt werden. Darüber hinaus er-
4 Behandlung des unteren Rumpfes indirekt möglicht die Seitlage sowohl eine einfache bzw. un-
durch Irradiation – Der Therapeut gibt einen komplizierte Verstärkung der Aktivitäten von
anhaltenden, maximalen Widerstand zur För- Rumpf und Bein.
derung der Stabilität des Schulterblattes, bis er Nachfolgend werden die Bewegungen und die
eine Kontraktion der gewünschten Rumpfmus- Muskelkomponenten genannt, die hauptsächlich
kulatur sieht oder fühlt. daran beteiligt sind.

Praxistipp

6.5.1 Anteriore Elevation


4 Die Patterns des Schulterblattes haben
(. Abb. 6.11 a, b; . Abb. 6.12;
einen direkten Einfluss auf die Wirbelsäule.
. Abb. 12.2 e–f; . Abb. 12.28 a, b)
4 Wenn die Patterns des Schulterblattes
zum Rollen eingesetzt werden, ist das
jTaktiler Stimulus
Schulterblatt der Hebel, um das Rollen zu
Der Therapeut legt seine beiden Hände übereinander
ermöglichen.
und umfasst mit den Fingern der leicht gebeugten
Hände die Cristae iliaca, so dass die Hände auf ihnen
und damit leicht vor der mittleren Frontalebene des
6.5 Beckenpatterns Körpers zum Liegen kommen.

Das Becken ist Teil des Rumpfes. Da Becken und jVordehnung


Rumpf arthrogen und muskulär miteinander ver- Der Therapeut bringt den oben liegenden Becken-
bunden sind, hängt das mögliche Bewegungs- kamm so weit in Richtung Tuber ischiadicum bzw. in
ausmaß des Beckens von der Beweglichkeit der die posteriore Depression, bis die Bauchmuskulatur
Lendenwirbelsäule ab. Die Autoren behandeln die zwischen Beckenkamm und gegenüberliegendem
Beckenpatterns isoliert vom Rumpf, solange keine Rippenbogen fühl- und sichtbar unter Spannung
große Veränderung bezüglich der Flexion oder Ex- steht. Das Becken bewegt sich in einem ventral kon-
tension der Wirbelsäule auftritt. vexen Bogen nach hinten unten (Bogen in . Abb.
6.11). Anhaltender Druck bzw. Widerstand darf we-
Bewegung Muskulatur: die wichtigsten Komponenten der zu einem Rückwärtsrollen des Patienten noch zur
(Kendall u. McCreary 1993)
Rotation in Wirbelsegmenten führen (. Abb. 6.12 a).
Anteriore Mm. obliquus internus et externus
Elevation abdominis
jVerbales Kommando
Posteriore Interne und externe Mm. obliquus »Ziehen Sie Ihr Becken in Richtung Bauchnabel
Depression abdominis (kontralateral)
hoch.«
Posteriore M. quadratus lumborum (ipsilateral),
Elevation M. latissimus dorsi (ipsilateral), M. iliocostalis jBewegung
lumborum, M. longissimus thoracis
Das Becken bewegt sich nach vorne oben, so dass
Anteriore M. quadratus lumborum (kontralateral),
eine geringe Beckenkippung nach dorsal stattfindet.
Depression M. iliocostalis lumborum und M. longissimus
thoracis (kontralateral) Hierdurch kommt es zu einer Rumpfverkürzung auf
der oben liegenden Rumpfseite (Lateralflexion).
Die Beckenpatterns können mit dem Patienten in Gleichzeitig verlängert sich die gegenüberliegende
liegender, sitzender und stehender Ausgangsstel- bzw. unten liegende Rumpfseite.
92 Kapitel 6 · Schulterblatt und Becken

. Abb. 6.11 a–c Beckendiagonale: a Neutrale Stellung, b anteriore Elevation, c posteriore Depression

. Abb. 6.12 a, b Widerstand für die anteriore Elevation

jStellung des Therapeuten und Körper- der Therapeut mit dem Oberkörper auf und streckt
mechanik seine Arme, während er sein Körpergewicht vom
Der Therapeut steht in Schrittstellung in der Diago- hinteren auf den vorderen Fuß verlagert.
nalen hinter dem Patienten in Höhe von dessen
Oberschenkeln. Er steht dabei in Blickrichtung zur jWiderstand
gegenüberliegenden Schulter des Patienten (in un- Die Richtung des Widerstandes ergibt sich aus der
serem Beispiel also die »rechte«). Bewegung in der Diagonalen und der Körperform
Am Anfang der Bewegung steht der Therapeut des Patienten. Darüber hinaus verläuft die Richtung
mit leicht gebeugten Beinen und mit dem Hauptge- des Widerstandes parallel zur Stellung der Unterar-
wicht auf seinem hinteren Bein. Die Arme sind me des Therapeuten. Das bedeutet, dass der Thera-
leicht gebeugt. Im Verlauf der Bewegung richtet sich peut die Druckrichtung erst nach hinten unten zur
6.5 · Beckenpatterns
93 6

. Abb. 6.13 Widerstand für die posteriore Depression

Behandlungsbank richtet, danach annähernd paral- Druck bzw. Widerstand darf nicht zu einem Vor-
lel zur Behandlungsbank und schließlich nach oben wärtsrollen des Patienten oder zur Rotation in
Richtung Zimmerdecke. Wirbelsegmenten führen.

jEndstellung jVerbales Kommando


Am Ende der Bewegung befindet sich das Becken in »Setzen Sie sich in meine Hand nach hinten unten.«
der anterioren Elevation, ohne dass eine nennens-
werte Beckenkippung nach dorsal stattgefunden hat jBewegung
(. Abb. 6.12 b). Die oben liegende Rumpfseite ist Das Becken bewegt sich in einem nach ventral kon-
lateral flektiert und verkürzt. Es gibt keine nennens- vexen Bogen in Richtung posteriore Depression.
werte Veränderung der lumbalen Lordose. Hierdurch kommt es zu einer einseitigen Verlänge-
Funktionelle Aktivitäten: rung des Rumpfes ohne Veränderung der lumbalen
4 Verschiedene Schwungbeinphasen, Lordose.
4 Vordrehen des Beckens.
jStellung des Therapeuten und Körper-
mechanik
6.5.2 Posteriore Depression Die Ausgangsstellung entspricht der bei der anteri-
(. Abb. 6.11 a, c; . Abb. 6.13) oren Elevation (7 Abschn. »Anteriore Elevation«).
Der Therapeut steht nahezu aufrecht in Höhe der
jTaktiler Stimulus Oberschenkel hinter dem Patienten. Die Arme des
Der Therapeut platziert den Handballen einer Hand Therapeuten sind zu Beginn der Bewegung gestreckt.
am Tuber ischiadicum. Die andere Hand wird zur Im Verlauf der Bewegung beugt der Therapeut die
Unterstützung auf die erste gelegt. Die Finger wei- Ellbogen, so dass diese am Ende der Bewegung tiefer
sen in die Richtung der Diagonalen nach ventrokra- stehen als die Handgelenke. Zudem geht der Thera-
nial. peut in die Knie und verlagert dabei sein Körperge-
wicht vom vorderen auf das hintere Bein.
jVordehnung
Der Therapeut bewegt das Becken durch den Druck jWiderstand
am Tuber ischiadicum nach ventrokranial, so dass Die Richtung des Widerstandes (Führungswider-
der Beckenkamm dem gegenüberliegenden Rip- stand) am Tuber ischiadicum verläuft parallel zur
penbogen näher kommt (. Abb. 6.13 a). Das Becken Stellung der Unterarme des Therapeuten. Die
bewegt sich in einem ventral konvexen Bogen nach Druckrichtung ergibt sich aus der Richtung der
vorne oben (Bogen in . Abb. 6.11). Anhaltender Diagonalen nach ventrokranial.
94 Kapitel 6 · Schulterblatt und Becken

. Abb. 6.14 a–c Beckendiagonale: a Neutrale Stellung, b anteriore Depression, c posteriore Elevation

jEndstellung 2. Der Oberschenkel ist in Verlängerung der Di-


Das Becken befindet sich am Ende der Bewegung in agonalen ausgerichtet (ungefähr 20–30° Hüftfle-
der posterioren Depression (. Abb. 6.13 b). Die xion). Der Therapeut legt (in unserem Beispiel)
oben liegende Rumpfseite ist verlängert, jedoch die linke Hand auf das linke Knie des Patienten
ohne nennenswerte Vergrößerung der lumbalen (. Abb. 6.15 b, c). Die rechte Hand platziert er
Lordose. in Höhe der Spina iliaca anterior inferior.
Funktionelle Aktivitäten: 3. Der Therapeut platziert die leicht gebeugten
4 »Terminal stance« beim Gehen, Finger an der Vorderseite der Spina iliaca ante-
4 Treppensteigen, rior superior. Die andere Hand wird zur Unter-
4 Abdruckphase, stützung auf die erste Hand gelegt. Hierbei soll-
4 Sprünge. te der Therapeut beachten, dass nur die Finger
und nicht die Handballen Kontakt haben.
4. Die Grifftechnik für die erste Hand entspricht
6.5.3 Anteriore Depression der Grifftechnik bei der dritten Möglichkeit.
(. Abb. 6.14; . Abb. 6.15; Die zweite Hand wird jedoch nicht auf die erste
. Abb. 12.27 c, d) gelegt, sondern mit der ulnaren Seite im Lum-
brikalgriff unter dem Tuber ischiadicum. Beide
jTaktiler Stimulus Unterarme verlaufen parallel zur Diagonalen.
Für die Durchführung dieser Diagonalen stehen
dem Therapeuten vier verschiedene Grifftechni- jVordehnung
ken zur Verfügung: Der Therapeut bewegt das Becken in die posteriore
1. Der Therapeut legt die Finger leicht gebeugt Elevation in Richtung des unteren Rippenbogens,
auf den Trochanter major. Die andere Hand ohne die Wirbelsäule zu stauchen oder zu rotieren.
wird zur Unterstützung entweder auf die erste Dabei bewegt sich das Becken in einem dorsal gerich-
Hand (. Abb. 6.15 a) oder in Höhe der Spina teten konvexen Bogen (. Abb. 6.14 b). Das obere
iliaca anterior inferior abgelegt. Bein kann in AR platziert werden, wodurch ein
6.5 · Beckenpatterns
95 6

. Abb. 6.15 a–d Widerstand für die anteriore Depression des Beckens. a Griff auf den Trochanter, b, c Griff an der Spina
iliaca anterior superior und am Knie, d Griff an der Spina iliaca anterior superior und am Tuber ischiadicum

Nach-vorne-Kippen des Beckens verhindert wird stattfindet. Dadurch kommt es zu einer Verlänge-
(. Abb. 6.15 b). rung der oben liegenden Rumpfseite, jedoch ohne
Verstärkung der lumbalen Lordose.
jVerbales Kommando
»Ziehen Sie Ihr Becken nach vorne unten in Rich- jStellung des Therapeuten und Körper-
tung Knie« oder: »Drücken Sie Ihr Knie in meine mechanik
Hand.« Der Therapeut steht mit annähernd gestreckten Ar-
men und mit leicht gebeugten Knien und mit nahe-
jBewegung zu aufgerichtetem Oberkörper in Schrittstellung
Das Becken bewegt sich in die anteriore Depression, hinter dem Patienten in Höhe von dessen Wirbel-
wobei eine geringe Beckenkippung nach dorsal säule. Der Therapeut steht in Schrittstellung hinter
96 Kapitel 6 · Schulterblatt und Becken

6 . Abb. 6.16 Widerstand für die posteriore Elevation

dem Patienten in Höhe der Wirbelsäule. Er steht in Funktionelle Aktivitäten:


der Verlängerung des unten liegenden Oberschen- 4 Treppen hinuntergehen,
kels des Patienten, der ungefähr 25° im Hüftgelenk 4 »terminal swing«,
flektiert ist. Die Unterarme verlaufen fast parallel 4 »loading response« (Gewichtübernahme).
zum Rücken des Patienten.
Im Verlauf der Bewegung streckt der Therapeut Diese bei Alltagsbewegungen stattfindende Becken-
seine Knie und verlagert sein Körpergewicht vom bewegung wird durch exzentrische Muskelarbeit
hinteren auf das vordere Bein, während er den bewirkt. Zur Fazilitation der Bewegung setzt der
Rumpf leicht nach vorne neigt. Die Ellbogen des Therapeut seine Hände an derselben Stelle an wie
Therapeuten bleiben während der gesamten Bewe- bei der posterioren Elevationsbewegung und gibt
gung nahezu gestreckt. exzentrischen Widerstand.
Bei Anwendung der zweiten Grifftechnik ist der
Arm, dessen Hand in Höhe der Spinae iliaca anteri- 6.5.4 Posteriore Elevation (. Abb. 6.14c;
or inferior anliegt, während des gesamten Patterns . Abb. 6.16; . Abb. 12.22a, b)
flektiert.
jTaktiler Stimulus
jWiderstand Der Therapeut legt den Handballen einer Hand
Am Anfang der Bewegung wird Widerstand in lumbrikal genau auf den Beckenkamm des Patien-
Richtung der unteren Brustwirbelsäule gegeben. ten und etwas hinter die mittlere Frontalebene. Die
Mit dem Bewegungsverlauf verändert sich die Rich- zweite Hand wird zur Unterstützung auf die erste
tung des Widerstandes, welcher der Körperform des Hand gelegt. Die Finger liegen dabei nur ganz leicht
Patienten folgt. Am Ende des Patterns ist der Wider- auf.
stand (diagonal) gegen den Therapeuten und die
Raumdecke gerichtet. jVordehnung
Der Therapeut bringt das Becken soweit nach vorne
jEndstellung unten in die anteriore Depression, bis die posterior
Das Becken befindet sich in der anterioren Depres- und lateral gelegenen Strukturen zwischen Becken-
sion, ohne dass das Becken weiter nach ventral oder kamm und unteren Rippen fühl- und sichtbar unter
nach dorsal gekippt wurde; die oben liegende Spannung stehen (. Abb. 6.16 a). Das Becken be-
Rumpfseite ist einseitig verlängert, ohne eine Ver- wegt sich in einem dorsal gerichteten konvexen Bo-
stärkung der lumbalen Lordose und ohne nen- gen. Anhaltender Druck bzw. Widerstand führt
nenswerte Rotation in den Wirbelsegmenten weder zu einem Vorwärtsrollen noch zur Rotation
(. Abb. 6.15 c). in der Wirbelsäule.
6.5 · Beckenpatterns
97 6

. Abb. 6.17 a, b Patient mit einer rechtsseitigen Hemiplegie. a Widerstand für die anteriore Elevation des Beckens, b Wider-
stand für die posteriore Depression des Beckens

jVerbales Kommando die Druckrichtung ventrokaudal beinahe parallel


»Ziehen Sie Ihr Becken nach hinten oben hoch.« zur Behandlungsbank, und gegen Ende des Pat-
terns dann nach ventral und zur Zimmerdecke
jBewegung hin.
Das Becken bewegt sich mit einer geringen Rotation
in einem nach dorsal konvexen Bogen nach hinten jEndstellung
oben in die posteriore Elevation. Hierdurch kommt Das Becken befindet sich hinten oben in der poste-
es vor allem hinter der Mittellinie zu einer einseiti- rioren Elevation (. Abb. 6.16 b). Die oben liegende
gen Verkürzung des Rumpfes (Lateralflexion). Rumpfseite ist durch die Lateralflexion verkürzt.

jStellung des Therapeuten und Körper- Funktionelle Aktivitäten:


mechanik 4 Rückwärtsgehen,
Die Ausgangsstellung entspricht der bei der anterio- 4 Ausholen mit dem Bein, um z. B. einen Ball
ren Depression (7 Abschn. »Anteriore Depression«). wegzuschießen.
Der Therapeut steht zu Beginn der Bewegung
relativ aufrecht mit gestreckten Armen. Die Ellbo- Praxistipp
gen sind etwas höher als die Handgelenke. Im Laufe
der Bewegung verlagert der Therapeut sein Gewicht 4 Wenn ausschließlich das Becken bewegt
vom vorderen auf das hintere Bein, während er wird, sollte keine Beckenkippung nach
leicht in die Knie geht. Die Arme werden flektiert, ventral oder dorsal stattfinden.
so dass die Ellbogen am Ende der Bewegung tiefer 4 Die Beckenbewegung kommt durch die
stehen als die Handgelenke. Aktivität der Rumpfmuskulatur zustande.
Der Therapeut sollte nicht zulassen, dass
jWiderstand der Patient mit Hilfe des Beines das Becken
Im Verlauf dieser Diagonalen ändert sich die Wi- bewegt.
derstandsrichtung dreimal. Die Übergänge sind 4 Die posteriore Depression des Beckens
dabei fließend. Am Anfang richtet sich der Druck wird durch die kontralateralen Lateralflexo-
etwas nach ventral und kaudal sowie in die Rich- ren des Rumpfes gesteuert.
tung der Behandlungsbank. Anschließend verläuft
98 Kapitel 6 · Schulterblatt und Becken

6.5.5 Spezielle Anwendungen wegung, z. B. das Rollen, auszuführen.


der Beckenpatterns Gleichzeitig zum Verbalen Stimulus setzt
der Therapeut der Bewegung einen Wider-
Das Becken und die untere Extremität beeinflussen stand am Becken entgegen (7 Abschn. »Rol-
und verstärken sich gegenseitig in ihrer Funktion. len« in 7 Kap. 11).
So beeinflussen die Beckenpatterns in Depression 5 Die Technik Wiederholte Kontraktion kann
die gewichtstragende Funktion des Beines (Stand- zur Verbesserung des funktionellen Bewe-
beinfunktion). Die Beckenpatterns in Elevation gungslernens eingesetzt werden.
dagegen fördern die Spielbeinfunktion und das An- 5 Mit der Technik Kombination isotonischer
heben des Beines. Bewegungen kann die Kontrolle über die
Die Patterns des Beckens können unabhängig Rumpfbewegungen verbessert werden. Der
von der Stabilität und der Beweglichkeit der ande- Patient muss, während er das Becken stabili-
ren Körperteile eingesetzt werden, wie folgende siert, sowohl bei exzentrischen als auch bei
6 Beispiele zeigen: konzentrischen Kontraktionen der Rumpf-
4 Übungen für die Stabilisation und Beweg- muskulatur die Kontrolle über den Rumpf
lichkeit des Beckens (. Abb. 6.17). behalten.
4 Übungen mit dem Ziel, die Rumpfstabilität 5 Die Umkehrtechniken werden zur Verhinde-
oder Bewegung durch Widerstand oder rung bzw. Verminderung von Ermüdungser-
Betonte Bewegungsfolge zu beeinflussen scheinungen der Muskulatur eingesetzt.
5 Übungen für die zum unteren Rumpf ge- 4 Übungsfolgen, die den wechselseitigen Ein-
hörenden Flexoren, Extensoren und Late- fluss der Bewegungen des Beckens und der
ralflexoren erfolgen durch den Einsatz von unteren Extremitäten fördern – Das Becken
Widerstand bei den Beckenpatterns. Wäh- und die untere Extremität beeinflussen und
rend der Übungen sollte es weder zu einer verstärken sich gegenseitig in ihrer Funktion:
nennenswerten Lordosierung noch zu einer 5 Die Beckenpatterns in Depression stehen
Kyphosierung der Wirbelsäule durch die eng mit der gewichttragenden Funktion des
anteriore bzw. posteriore Bewegung des Be- Beines in Verbindung. Wenn die posteriore
ckens kommen. Depression des Beckens in ihrer Endstel-
5 Die Techniken Wiederholter Stretch zu Be- lung »eingerastet« (»lock it in«) wird, kann
ginn der Bewegung und/oder Wiederholter die Extension in der gleichseitigen unteren
Stretch während der Bewegung können zur Extremität fazilitiert werden.
Stärkung der Rumpfmuskulatur verwendet 5 Die Beckenpatterns in Elevation unterstüt-
werden. zen das Anheben des Beines und die Spiel-
5 Die Technik Dynamische Umkehr kann zur beinfunktion. Wird die anteriore Elevation
Vermeidung bzw. Verminderung von Er- des Beckens in ihrer Endstellung »eingeras-
müdungserscheinungen der arbeitenden tet«, kann die Flexion in der gleichseitigen
Muskulatur, aber auch zum Training der Extremität gefördert werden.
Koordination eingesetzt werden. 4 Übungen für die indirekte Behandlung des
5 Die Techniken Stabilisierende Umkehr oder oberen Rumpfes und den Bereich der Hals-
Rhythmische Stabilisation können angewandt wirbelsäule – Diese indirekte Behandlung der
werden, um den unteren Rumpf zu stabilisie- genannten Bereiche erfolgt durch Irradiation,
ren und die Beckenstabilität zu erarbeiten. die durch stabilisierende oder isometrische Be-
4 Übungen mit dem Ziel, funktionelle Bewe- ckenpatterns zustande kommt. Hierfür setzt
gungen des Rumpfes zu fazilitieren der Therapeut den Beckenpatterns einen maxi-
5 Das Becken wird zunächst durch eine mus- malen Widerstand zur Stabilisation entgegen,
kuläre Kontraktion stabilisiert (»locking it bis sich die zu beeinflussende Muskulatur des
in« – einrasten). Danach weist der Thera- oberen Rumpfes und der Halswirbelsäule fühl-
peut den Patienten an, eine funktionelle Be- und sichtbar kontrahiert.
6.6 · Symmetrisch-reziproke und asymmetrische Kombinationen
99 6

. Abb. 6.18 a, b Symmetrisch-reziproke Kombination: Das Schulterblatt bewegt sich in die anteriore Elevation, das Becken
in die posteriore Depression

Praxistipp werden. Die vielen möglichen Kombinationen wer-


den vom Behandlungsziel und von den Möglichkei-
4 Die Beckenbewegungen und die Beinbe- ten des Patienten bestimmt. Nachfolgend werden
wegungen beeinflussen und verstärken zwei Kombinationsbeispiele beschrieben:
sich gegenseitig, jedoch korrespondieren 4 symmetrisch-reziproke Kombination,
die Beckenpatterns nicht ganz exakt mit 4 asymmetrische Kombination.
den Beinpatterns.
4 Wenn man die Beckenpatterns zum Üben
Kombinationen von Schulterblatt- und Beckenpat-
der Rollbewegung des Rumpfes einsetzt,
terns sieht man auch bei verschiedenen Phasen des
ist dabei das Becken der Hebel, der das
Rollen auslöst.
Gangzyklus, z. B. die Spielbeinphase: posteriore De-
pression des Schulterblattes und anteriore Elevation
des Beckens. Man kann aber auch funktionelle Zie-
le erarbeiten, z. B. das Drehen.
6.6 Symmetrisch-reziproke und Die Behandlungsprinzipien (Taktiler Stimulus,
asymmetrische Kombinationen Kommando, Widerstand, Timing usw.) und die
Techniken, die bei den symmetrischen und asym-
metrischen Kombinationen der einzelnen Patterns
> Die Behandlungsziele dieser Kombinatio-
benutzt werden, können bei den Kombinationen
nen beziehen sich hauptsächlich auf den
ebenfalls verwendet werden.
Rumpf zu dessen Kräftigung, Mobilisation,
Verbesserung seiner Koordination oder zur
Tonussenkung.
6.6.1 Symmetrisch-reziproke
Als Ergänzung zu den einzelnen Patterns, bei denen Kombinationen
ein Körperteil entweder in eine Richtung (z. B.
Schulterblattpattern: anteriore Elevation) oder in Bei diesen Übungen bewegen sich Schulterblatt und
beide Richtungen abwechselnd (z. B. Schulterblatt- Becken auf der gleichen Diagonalen, jedoch in
pattern: anteriore Elevation und posteriore Depres- entgegengesetzten Patterns. Der Therapeut richtet
sion im Wechsel) bewegt werden, können auch bei- dabei seinen Körper parallel zur Diagonalen aus
de Schulterblätter oder ein Schulterblatt kombiniert (. Abb. 6.18, . Abb. 6.19, . Abb. 6.20).
mit einer Beckenseite gleichzeitig geübt werden. Diese Kombination der Schulterblatt- und Be-
Grundsätzlich kann jede mögliche Kombination ckenbewegungen bewirkt den Wechsel von Rumpf-
von Schulterblatt- und Beckenpatterns eingesetzt verlängerung und -verkürzung bei entgegengesetz-
100 Kapitel 6 · Schulterblatt und Becken

6.6.2 Asymmetrische Kombinationen

Bei dieser Kombination bewegen sich Becken und


Schulterblatt auf entgegengesetzten Diagonalen, die
nicht parallel liegen (. Abb. 6.21 und . Abb. 6.22).
Der Therapeut steht dabei in der Mitte und richtet
seine Unterarme in der Verlängerung der jeweiligen
Diagonalen aus. Bei dieser Kombination kann der
Therapeut sein Körpergewicht nicht als Widerstand
einsetzen. Bewegen sich sowohl das Becken als auch
. Abb. 6.19 Rumpfextension mit Rotation: symmetrisch-
das Schulterblatt in den anterioren Patterns (vor-
reziproke Kombination von Schulterblatt und Becken bei
Mitbewegung der Extremitäten wärts aufeinander zu), kommt es zu einer vollstän-
digen Rumpfflexion (. Abb. 6.21 und . Abb. 6.23).
6 Bewegen sich beide in den posterioren Patterns
ter Rotation. Die Bewegungsfolge gibt die Be- (rückwärts auseinander), kommt es zu einer voll-
wegungen von Schulterblatt, Becken und Rumpf ständigen Rumpfextension mit Verlängerung der
während des Gehens wider. In den funktionellen oben liegenden Rumpfseite (. Abb. 6.22).
Aktivitäten sind diese Kombinationsmöglichkeiten Funktionelle Aktivitäten:
z. B. beim Drehen des Oberkörpers, Wegschieben Drehen von Rücken- in Bauchlage und zurück.
eines Gegenstandes oder Über-Kopf-Greifen ent-
halten. Becken Schulterblatt
Anteriore Elevation Anteriore Depression (. Abb. 6.21
Becken Schulterblatt
und . Abb. 6.23)
Posteriore Depression Anteriore Elevation (. Abb. 6.18)
Posteriore Depression Posteriore Elevation (. Abb. 6.22)
Anteriore Elevation Posteriore Depression (. Abb. 6.20)

Eine weitere, jedoch technisch schwieriger auszu-


Bei nachfolgender Kombination ist die Mitbe- führende Möglichkeit ist folgende Kombination:
wegung der Extremitäten möglich, wobei es zur
Extension des Rumpfes mit Rotation kommt.
Becken Schulterblatt
Becken Schulterblatt Anteriore Depression Anteriore Elevation
Posteriore Depression Anteriore Elevation (. Abb. 6.19) Posteriore Elevation Posteriore Depression

. Abb. 6.20 Symmetrisch-reziproke Kombination: Das Schulterblatt bewegt sich in die posteriore Depression, das Becken in
die anteriore Elevation
6.6 · Symmetrisch-reziproke und asymmetrische Kombinationen
101 6

. Abb. 6.21 a, b Asymmetrische Kombination für die Rumpfflexion: Das Schulterblatt bewegt sich in die anteriore Depressi-
on, das Becken in die anteriore Elevation

a b

. Abb. 6.22 a, b Asymmetrische Kombination für die Rumpfextension: Das Schulterblatt bewegt sich in die posteriore Ele-
vation, das Becken in die posteriore Depression

. Abb. 6.24 zeigt symmetrische und asymmetrische


Kombinationen bei einem Patienten mit Hemi-
plegie.
Für die symmetrischen als auch die asym-
metrischen Kombinationen gilt der Einsatz aller
schon bekannten Grundprinzipien (Manueller
Kontakt, Verbales Kommando, Widerstand,
Timing usw.), auch wenn diese hierbei nur mit je-
weils einer Hand des Therapeuten ausgeführt
werden können.

. Abb. 6.23 Rumpfflexion: asymmetrische Kombination


von Schulterblatt und Becken bei Mitbewegung der Extre-
mitäten
102 Kapitel 6 · Schulterblatt und Becken

. Abb. 6.24 a, b Patient mit einer rechtsseitigen Hemiplegie. a Rumpfflexion: Kombination aus anteriorer Depression des
Schulterblattes und anteriorer Elevation des Beckens. b Rumpfrotation: Kombination aus posteriorer Depression des Schul-
terblattes und anteriorer Elevation des Beckens

6.7 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Literatur


Fragen
Kendall FP, McCreary EK (1993) Muscles, testing and function.
Williams and Wilkins, Baltimore
4 Mit welchen verschiedenen Zielstellungen
Magareye ME, Jones MA (2003) Dynamic evaluation and early
kann man Skapula- und Pelvismuster anwen- management of altered motor control around the shoul-
den? der complex. Manual Therapy (4): 195–206
4 Welche Bewegungskombinationen von Skapu- Myers JB, Lephart SM (2000) The role of the sensimotor sys-
la und Pelvis sieht man ipsilateral bei den fol- tem in the athletic shoulder. J Athletic Training (3): 351–
genden Gangphasen und beim Drehen: 363

1. Initial Swing
2. Initial Contact
3. Terminal Stance
4. Drehen »en bloc« von der Rückenlage zur
Seitlage
103 7

Obere Extremitäten
D. Beckers

7.1 Einführung – 104

7.2 Behandlungsverfahren – 104

7.3 Flexion – Abduktion – Außenrotation – 106


7.3.1 Flexion – Abduktion – Außenrotation mit Ellbogenflexion – 109
7.3.2 Flexion – Abduktion – Außenrotation mit Ellbogenextension – 112

7.4 Extension – Adduktion – Innenrotation – 115


7.4.1 Extension – Adduktion – Innenrotation
mit Ellbogenextension – 116
7.4.2 Extension – Adduktion – Innenrotation mit Ellbogenflexion – 118

7.5 Flexion – Adduktion – Außenrotation – 121


7.5.1 Flexion – Adduktion – Außenrotation mit Ellbogenflexion – 123
7.5.2 Flexion – Adduktion – Außenrotation mit Ellbogenextension – 126

7.6 Extension – Abduktion – Innenrotation – 128


7.6.1 Extension – Abduktion – Innenrotation
mit Ellbogenextension – 131
7.6.2 Extension – Abduktion – Innenrotation mit Ellbogenflexion – 134

7.7 Thrust- und Withdrawal-Kombinationen – 136

7.8 Bilaterale Armpatterns – 139

7.9 Variationen der Ausgangsstellung des Patienten – 141


7.9.1 Armpatterns in Seitlage – 141
7.9.2 Armpatterns im Unterarmstütz – 141
7.9.3 Armpatterns im Sitzen – 143
7.9.4 Armpatterns im Vierfüßlerstand – 143
7.9.5 Armpatterns im Kniestand und Einbeinkniestand – 143

7.10 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen – 143

Literatur – 144

M. Buck et al., PNF in der Praxis,


DOI 10.1007/978-3-642-37814-0_7, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
104 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

7.1 Einführung Der Ellbogen kann entweder flektieren, extendieren


oder gestreckt bleiben.
Bestehende Schulterprobleme können manch-
Behandlungsziele
mal zu Kompensationen führen. Dabei kommt es zu
Die Bewegungspatterns der Arme können zur
Abweichungen von den Bewegungspatterns, die
Behandlung folgender Beschwerden einge-
vom Therapeuten vermieden werden sollten.
setzt werden:
Neben den Bewegungen von Daumen, Fingern,
4 bei Dysfunktionen, die durch neurologi-
Handgelenk, Ellbogen und Schulter gehören auch
sche Probleme entstanden sind,
die Bewegungen des Schulterblattes zu jedem Bewe-
4 bei Dysfunktionen, die durch muskuläre
gungspattern der Arme.
Erkrankungen oder Einschränkungen der
Eine Beschreibung der Schulterblattbewegun-
Gelenkbeweglichkeit verursacht sind,
gen ist in 7 Kap. 6 zu finden.
4 zur Übung der Rumpfmuskulatur.
Die Armpatterns werden an der linken Körper-
seite des liegenden Patienten gezeigt (. Abb. 7.1).
Durch den Widerstand, der den stärkeren Arm- Alle Beschreibungen beziehen sich auf diese Aus-
7 muskeln entgegengesetzt wird, kommt es zu einem gangsstellung. Um sie auf die Behandlung des rech-
Irradiationseffekt hinsichtlich der schwächeren ten Armes anzuwenden, müssen nur jeweils die
Muskulatur in allen Körperteilen. Dadurch ist es Begriffe »links« und »rechts« ausgetauscht werden.
möglich, über den Einsatz der Armpatterns schwa- Am Ende des Kapitels werden kurz weitere Variati-
che Muskeln im übrigen Körper zu erreichen bzw. onsmöglichkeiten bezüglich der Ausgangsstellung
zu fazilitieren. des Patienten erläutert.
Bei der Anwendung der Armpatterns können
alle Techniken eingesetzt werden (7 Kap. 3). Die jAusgangsstellung des Patienten
Auswahl einer Technik bzw. die Kombination ver- Der Patient liegt am linken Rand der Behandlungs-
schiedener Techniken ist von den Voraussetzungen bank. Sein Kopf und sein Nacken sind ausreichend
des Patienten und von den Behandlungszielen ab- unterstützt, so dass er bequem liegen kann.
hängig. Der Therapeut kann z. B. Dynamische Bevor der Therapeut mit dem Üben eines Arm-
Umkehr und Kombinationen isotonischer Bewe- patterns beginnt, sollte er sich vergewissern, dass
gungen, Wiederholter Stretch und Dynamische sich der Arm des Patienten zunächst in der Mittel-
Umkehr oder Anspannen – Entspannen und Kom- position befindet. Diese Mittelposition ergibt sich
binationen isotonischer Bewegungen oder Dynami- aus dem Schnittpunkt der beiden Bewegungsdiago-
sche Umkehr miteinander kombinieren. nalen. Sowohl die Schulter als auch der Unterarm
des Patienten befindet sich in einer neutralen Stel-
lung hinsichtlich der Rotation. Aus dieser Stellung
7.2 Behandlungsverfahren heraus bewegt der Therapeut den Arm in die Vor-
dehnung des gewünschten Armpatterns, wobei von
jDiagonale Bewegungen distal aus die notwendige Rotation hinzugefügt wird.
Hierbei handelt es sich um mehrdimensionale Be-
wegungen, die spiralförmig in Rumpfdiagonalen jAusgangsstellung des Therapeuten
verlaufen können. Für den Arm gibt es zwei Bewe- Der Therapeut steht an der linken Seite der Behand-
gungsdiagonalen: lungsbank und schaut in die Richtung der ausge-
4 Flexion – Abduktion – Außenrotation und wählten Diagonalen. Seine Arme und Hände befin-
Extension – Adduktion – Innenrotation, den sich im Verlauf der jeweiligen Diagonalen.
4 Flexion – Adduktion – Außenrotation und Wenn der Therapeut dies beachtet, fällt es ihm
Extension – Abduktion – Innenrotation. leichter, die Grifftechniken korrekt auszuführen
und die Widerstände zu setzen.
Die Schulter, das Handgelenk und die Hand sind in Alle in diesem Kapitel beschriebenen Grifftech-
synergistischen Patterns miteinander verbunden. niken basieren auf diesen Anweisungen bezüglich
7.2 · Behandlungsverfahren
105 7

. Abb. 7.1 Diagonalen der oberen Extremität (nach Jung): Bei allen vier Bewegungsmustern kann der Ellbogen gebeugt,
gestreckt oder in einer gestreckten Position gehalten werden

der Ausgangsstellung des Therapeuten. Für die ge- Der Therapeut wendet den jeweiligen Griff an
streckten Armpatterns werden die Ausgangsstellung der Hand des Patienten auf dessen aktiver Seite an.
und die Körpermechanik bei der Beschreibung des Je nach gewählter Bewegungsrichtung ist dies ent-
jeweiligen Bewegungspatterns näher erläutert. Vari- weder an der dorsalen oder an der palmaren Seite
ationen werden, wenn nötig, zusätzlich angegeben. der Hand. Durch den korrekten manuellen Kontakt
an der ulnaren oder radialen Handkante hat der
jTaktiler Stimulus Therapeut die Möglichkeit, einen guten Rotations-
Die Griffe des Therapeuten folgen den in 7 Abschn. widerstand zu setzen. Zudem verhindert die An-
2.3 angegebenen Prinzipien. Dabei werden die Hän- wendung des lumbrikalen Griffes, dass der Thera-
de entgegen der Bewegungsrichtung eingesetzt. Im peut die Hand des Patienten kneift oder zu fest zu-
ersten Teil dieses Kapitels wird der zweihändige sammendrückt.
Griff für die oben beschriebene Ausgangsstellung Soll das Bewegungspattern des Armes gestreckt
des Therapeuten dargestellt. Bei den hier beschrie- beginnen, empfehlen die Autoren, den distalen
benen Grifftechniken handelt es sich um Standard- Griff anzuwenden, um eine optimale Vordehnung
griffe, für die es mehrere Variationen gibt. Diese oder einen optimalen Stretchstimulus zu erzielen.
sind abhängig vom gewählten Bewegungspattern, Wird der Ellbogen aus der Extension in die Flexion
von der Ausgangsstellung des Therapeuten und/ bewegt, kann der proximale Griff vom Unterarm
oder der des Patienten sowie vom Therapieziel. zum Oberarm gewechselt werden. Dadurch ist eine
Die Grifftechnik des Therapeuten am Arm des bessere Kontrolle der Schulter gewährleistet.
Patienten wird verändert, wenn während des Übens Wenn der Ellbogen aus der Flexion in die Ex-
beispielsweise der Rumpf oder eine andere Extremi- tension bewegt wird, empfehlen die Autoren, mit
tät zusätzlich kontrolliert werden muss. dem proximalen Griff am Oberarm (Humerus) zu
106 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

beginnen, um so eine bessere Vordehnung der ge- jStretch


samten Schulterblatt- und Schultermuskulatur zu Beim Ausführen eines Bewegungspatterns am Arm
erhalten. kann der Stretchstimulus mit oder ohne Stretch-
reflex angewandt werden, um eine Bewegung ent-
jWiderstand weder zu erleichtern oder zu verstärken bzw. auch,
Die Richtung des Widerstandes verläuft bogen- um eine Bewegung zu beginnen.
förmig und ist der Bewegung entgegengesetzt, so Der Wiederholte Stretch während einer Be-
dass die Hand geradlinig zum Ziel bewegt. Die Hal- wegung verstärkt die Bewegung oder leitet die Bewe-
tung der Hände und Arme des Therapeuten verän- gung in die gewünschte Richtung. Wird der wieder-
dert sich fortlaufend während des Patterns. Dies ge- holte Stretch zu Beginn des Patterns eingesetzt, hilft
währleistet einen koordinierten Bewegungsablauf. er einem Patienten, der Probleme hat, die Bewegung
zu initiieren oder in die richtige Richtung zu leiten.
jTraktion und Approximation Um einen Stretchreflex auszulösen, muss der
Traktion und Approximation bilden wichtige Ele- Therapeut sowohl die distale als auch die proximale
mente beim Setzen von Widerstand. Komponente verlängern. Hierbei sollte man sich si-
7 Traktion kann zu Beginn einer Bewegung, sei es cher sein, dass weder der Muskel überdehnt wird,
Flexion oder Extension, eingesetzt werden, um die noch die Gelenkstrukturen unnötig belastet werden.
Vordehnung zu gewährleisten und die Ausführung Dies ist beim Handgelenk besonders wichtig.
der Bewegung zu erleichtern.
Approximation kann am Ende der Bewegung jIrradiation und Verstärkung
eingesetzt werden, um den gesamten Arm und das Um eine Irradiation in allen anderen Teilen des
Schulterblatt zu stabilisieren. Körpers zu erreichen, können stärkere Armpatterns
(einzeln oder bilateral) benutzt werden.
jNormales Timing der Bewegungspatterns Das Ausmaß der Irradiation wird durch die
und Betonte Bewegungsfolge (»Timing for Ausgangsstellung des Patienten sowie durch die
Emphasis«) Stärke des Widerstandes bestimmt. Die Irradiation
kNormales Timing wird benutzt, um:
Die Bewegung in der Diagonalen verläuft auf einer 4 die Muskulatur zu aktivieren bzw. zu stärken,
geraden Linie. Die dazugehörige Rotation verteilt 4 Gelenke in anderen Körperabschnitten zu
sich gleichmäßig über die gesamte Bewegungsbahn. mobilisieren,
Die Bewegung wird mit den Bewegungen der dista- 4 ganze Muskelketten zu entspannen und
len Komponente, d. h. der Hand und des Handge- 4 funktionelle Bewegungen zu fazilitieren, wie
lenkes, eingeleitet. Dadurch wird auch die proxima- z. B. das Rollen.
le Stabilität gewährleistet. Die Rotation von Schulter
und Unterarm erfolgt gleichzeitig mit der Rotation
des Handgelenkes. Nachdem die distale Bewegung 7.3 Flexion – Abduktion –
vollständig ausgeführt ist, setzen die Bewegungen Außenrotation (. Abb. 7.2)
von Schulterblatt, Schulter und des Ellbogens ein.
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
kBetonte Bewegungsfolge Komponenten (nach Kendall
In diesem Abschnitt werden Hinweise zum beton- u. McCreary 1993)
ten Üben bestimmter Bewegungskomponenten je- Schulter- Posteriore M. trapezius, M. levator scapu-
weils innerhalb eines Bewegungspatterns gegeben. blatt Elevation lae, M. serratus anterior
Dafür eignen sich besonders die Techniken Wieder- Schulter- Flexion, M. deltoideus pars anterior,
holter Stretch und Kombination isotonischer Bewe- gelenk Abduktion, M. biceps brachii (langer Kopf
Außenrotation des M. biceps brachii),
gungen. Es sind aber noch viele weitere Variationen
M. coracobrachialis, M. supra-
möglich. spinatus, M. infraspinatus,
6 M. teres minor
7.3 · Flexion – Abduktion – Außenrotation
107 7

Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste jVordehnung


Komponenten (nach Kendall Bei proniertem Unterarm wird das Handgelenk in
u. McCreary 1993) die Ulnarabduktion gebracht. Hand und Handge-
Ellbogen- Bleibt M. triceps brachii, M. anconeus lenk bleiben stabil, während die Schulter in Exten-
gelenk gestreckt sion und Adduktion gebracht wird. Der Therapeut
Unterarm Supination M. biceps brachii, M. supinator, kann etwas Traktion auf die Schulter ausüben und
M. brachioradialis so die Verlängerung von Schulter- und Schulter-
Hand- Radial- Mm. extensor carpi radialis blattmuskulatur unterstützen.
gelenk abduktion longus et brevis Der Oberarm kreuzt die Körpermittellinie nach
Finger- Extension, M. extensor digitorum longus, rechts und das Handgelenk steht in Palmarflexion
gelenke Radial- Mm. interossei dorsales und Ulnarabduktion. Somit zeigt die Handinnen-
deviation
fläche zur rechten Hüfte.
Daumen- Extension, Mm. extensor pollicis longus et Das Schulterblatt wird durch die Traktion in die
gelenke Abduktion brevis, M. abductor pollicis
anteriore Depression gebracht.
longus
Die Fortsetzung der Traktion bzw. der Verlänge-
rung bringt den Patienten in eine nach rechts ge-
jTaktiler Stimulus richtete Rumpfflexion.
kDistale Hand
Die distale Hand, in diesem Beispiel die rechte jStretch
Hand des Therapeuten, wird mit dem lumbrikalen Der zu Beginn der Bewegung angewandte Stretch
Griff an den Handrücken des Patienten gelegt. wird gleichzeitig an Schulter und Handgelenk aus-
Die Finger des Therapeuten befinden sich auf geführt. Die proximale Hand des Therapeuten
der radialen (Metakarpale I und II) und der Dau- dehnt durch eine schnell ausgeführte Traktion mit
men auf der ulnaren Handseite (Metakarpale V) Rotation sowohl die Muskulatur der Schulter als
des Patienten. Es besteht bei exakt ausgeführtem auch des Schulterblattes.
lumbrikalen Griff des Therapeuten kein manueller
> Die distale Hand des Therapeuten gibt
Kontakt zwischen dem Handrücken des Patienten
Traktion am Handgelenk, deren Zugrich-
und der Handinnenseite des Therapeuten.
tung der Verlängerung der Mittelhand-
> Der Therapeut sollte darauf achten, dass er knochen entspricht. Die Palmarflexion im
die Hand des Patienten weder zu fest zu- Handgelenk verändert sich hierbei kaum.
sammendrückt noch quetscht.
jVerbales Kommando
kProximale Hand »Finger und Handgelenk strecken. Bringen Sie Ih-
Die proximale Hand des Therapeuten wird mit den ren Arm nach außen oben.«
Fingern auf der radialen Seite und dem Daumen auf
der ulnaren Seite direkt proximal des Handgelenkes jBewegung
auf der unten liegenden Seite des Unterarmes des Die Bewegung wird mit dem Strecken der Finger
Patienten platziert. Der lumbrikale Griff verhindert und des Daumens eingeleitet. Danach bewegt sich
jeglichen Druck des Therapeuten auf der palmaren das Handgelenk in Dorsalextension mit Radialab-
Seite des Unterarmes. duktion, bevor sich der Arm im Schultergelenk voll-
ständig in Richtung Flexion – Abduktion – Außen-
jAlternative Grifftechnik rotation bewegt. Das Schulterblatt bewegt sich da-
Nachdem die Bewegung durch das Handgelenk bei in die posteriore Elevation. Gegen Ende des
vollständig eingeleitet ist, wechselt die proximale Armpatterns erfolgt die Armbewegung zusammen
Hand sofort zum Oberarm oder zum Schulterblatt mit einer Extension des Rumpfes und der Verlänge-
(. Abb. 7.2 d, e), um die Schulter- oder Schulter- rung der linken Rumpfseite.
blattbewegung zu betonen.
108 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

. Abb. 7.2 a–e Flexion – Abduktion – Außenrotation des


Armes. a Ausgangsstellung, b Mittelstellung, c Endstellung,
d Betontes Üben der Schulterbewegung, e Patient mit
rechtsseitiger Hemiplegie. Flexion – Abduktion – Außenrota-
tion: Die proximale Hand fazilitiert die posteriore Elevation
des Schulterblattes und die Verlängerung des Rumpfes
7.3 · Flexion – Abduktion – Außenrotation
109 7
jStellung des Therapeuten und Körper- Praxistipp
mechanik
Der Therapeut steht in Schrittstellung in der Diago- Der Stretch am Handgelenk wird mit Traktion
nalen auf Schulterhöhe des Patienten. Sein Körperge- von proximal gegeben und nicht mit Zunahme
wicht verlagert der Therapeut auf den vorderen lin- der Volarflexion.
ken Fuß und schaut dabei in die Bewegungsrichtung. Zu viel Rotation im Schultergelenk vermindert
Im Bewegungsverlauf verlagert der Therapeut die Schulterblattbewegung.
sein Gewicht auf das andere Bein. Sobald der Arm Am Ende der Bewegung befindet sich der
des Patienten ungefähr 90° Anteflexion erreicht hat, Rumpf in Verlängerung.
dreht er sich auf seinen Fußballen, um die Bewe-
gung kontinuierlich begleiten zu können.

jWiderstand 7.3.1 Flexion – Abduktion – Außen-


kDistale Hand rotation mit Ellbogenflexion
Die distale Hand des Therapeuten kombiniert die (. Abb. 7.3)
Traktion am Handgelenk mit einem Rotations-
widerstand. Damit wird den Bewegungen Dorsal-
extension und Radialabduktion des Handgelenkes, Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
Komponenten (nach Kendall
Supination des Unterarmes und Flexion – Abduk-
u. McCreary 1983)
tion – Außenrotation der Schulter Widerstand ent-
Schulter- Posteriore M. trapezius, M. levator scapu-
gegengesetzt.
blatt Elevation lae, M. serratus anterior

kProximale Hand Schulter Flexion, M. deltoideus pars anterior,


Abduktion, M. biceps brachii (Caput
Die proximale Hand unterstützt die distale Hand, Außenrotation longum), M. coracobrachialis,
indem sie den in Richtung Ausgangsstellung gerich- M. supraspinatus, M. infraspi-
teten Rotationswiderstand mit Traktion kombi- natus, M. teres minor
niert. Diese Traktion wird während des gesamten Ellbogen- Flexion M. biceps brachii, M. brachialis
Bewegungsablaufes beibehalten. gelenk
Approximation wird gegen Ende der Bewegung Unterarm Supination M. biceps brachii, M. supina-
am Oberarm gegeben, um die Schulter zu stabilisie- tor, M. brachioradialis
ren und der Elevation des Schulterblattes entgegen- Hand- Radial- M. extensor carpi radialis
zuwirken. gelenk extension
Finger- Extension, M. extensor digitorum longus,
jEndstellung gelenke Radial- M. interossei dorsales
Das Schulterblatt befindet sich in posteriorer Eleva- deviation
tion. Das Schultergelenk ist vollständig flektiert (der Daumen- Extension, Mm. extensor pollicis longus
Oberarm befindet sich ungefähr drei Finger breit gelenke Abduktion et brevis, M. abductor pollicis
vom linken Ohr entfernt). Der Ellbogen bleibt ge-
streckt, während sich das Handgelenk in Radialab- jTaktiler Stimulus
duktion und Dorsalextension befindet. Die Finger kDistale Hand
sowie der Daumen sind zur radialen Seite gerichtet. Die distale Hand wird genau wie beim gestreckten
Armpattern platziert.
jBetonte Bewegungsfolge
Zum betonten Üben der Finger oder des Handge- kProximale Hand
lenkes kann am Anfang der Schulterbewegung – Die proximale Hand greift zu Beginn der Bewegung
oder in jeder beliebigen Position – ein Haltewider- wie beim gestreckten Armpattern und wechselt in
stand für die Bewegungskomponenten Flexion – dem Moment zum Oberarm auf die mediale Seite
Abduktion – Außenrotation gegeben werden. des M. biceps brachii, wenn Schultergelenk und Ell-
110 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

a b

c d

e f

. Abb. 7.3 a–f Arm: Flexion – Abduktion – Außenrotation mit Ellbogenflexion. a–c Normale Ausgangsstellung des Thera-
peuten. d, e Alternative Ausgangsstellung: Der Therapeut steht auf der gegenüberliegenden Seite der Behandlungsbank.
f Patient mit rechtsseitiger Hemiplegie. Flexion – Abduktion – Außenrotation: der Patient wird aufgefordert, mit seiner Hand
den Kopf zu berühren
7.3 · Flexion – Abduktion – Außenrotation
111 7
bogen gemeinsam mit der Flexionsbewegung be- Fuß verlagert. Dabei blickt der Therapeut in die Be-
ginnen. wegungsrichtung.
Bei diesem Handgriff setzen die Finger wie der
Unterarm des Therapeuten der Bewegung Wider- jAlternative Ausgangsstellung des
stand entgegen, wobei auch die Rotation gezielt Therapeuten
einen Widerstand erfährt. Alternativ kann der Therapeut auf der rechten Seite
der Behandlungsbank stehen und blickt auf die
jAlternative Grifftechnik linke Schulter des Patienten. Die linke Hand des
Zur Betonung der Bewegung des Schulterblattes Therapeuten liegt auf der Hand des Patienten, die
wechselt der Therapeut mit seiner proximalen rechte Hand wird auf dessen Oberarm platziert. Da-
Hand zum Schulterblatt. bei steht der Therapeut in Schrittstellung, der rech-
te Fuß steht vorne. Sobald sich der Arm des Patien-
jVordehnung ten nach oben in die Flexion bewegt, macht der
Die Ausgangsstellung entspricht der beim gestreck- Therapeut mit dem linken Bein einen Schritt nach
ten Armpattern. vorne. Um diesen Bewegungsablauf zu gewährleis-
ten, muss der Patient jedoch am rechten Rand der
jStretch Behandlungsbank liegen (. Abb. 7.3 d, e).
Sowohl der gesamte Arm als auch das Schulterblatt
werden wie beim gestreckten Armpattern in die jWiderstand
Ausgangsstellung mit anschließender Verlängerung kDistale Hand
gebracht. Die distale Hand des Therapeuten setzt denselben
Bewegungskomponenten wie beim gestreckten
> Die distale Hand führt eine Traktion am
Armpattern Widerstand entgegen. Die Ellbogen-
Handgelenk aus, deren Zugrichtung der
flexion erhält zudem von der distalen Hand einen
Verlängerung der Mittelhandknochen ent-
Widerstand, der bogenförmig der Ausgangsstellung
spricht. Die Palmarflexion im Handgelenk
des Armes entgegengesetzt ist. Dieser Widerstand
verändert sich hierbei kaum.
lässt sich mit Traktion kombiniert einsetzen.

jVerbales Kommando kProximale Hand


»Finger und Hand strecken. Beugen Sie den Ell- Die proximale Hand des Therapeuten unterstützt
bogen.« seine distale, indem sie am Oberarm eine Traktion
gibt, die sie mit einem Rotationswiderstand in Rich-
jBewegung tung Ausgangsstellung kombiniert. Jedoch setzt
Die Finger, der Daumen und auch das Handgelenk jede Hand des Therapeuten ihren eigenen Wider-
führen die gleichen Bewegungen wie beim gestreck- stand, so dass die Schulter- und Ellbogenbewegung
ten Armpattern aus. Danach setzen die Flexionsbe- ausreichend fazilitiert wird.
wegungen von Ellbogen und Schultergelenk ein.
Sowohl die Hand als auch der Unterarm des Patien- jEndstellung
ten bewegen sich wegen der Ellbogenflexion und Das Schulterblatt befindet sich in posteriorer Eleva-
der fortwährenden Flexion des Schultergelenkes tion. Die Schulter ist vollständig flektiert. Der Ellbo-
über sein Gesicht hinweg. gen ist gebeugt und der Unterarm supiniert; dabei
berührt der Unterarm beinahe den Kopf des Patien-
jStellung des Therapeuten und Körper- ten. Das Handgelenk ist in voller Dorsalextension,
mechanik die Finger und auch der Daumen sind zur radialen
Die Ausgangsstellung des Therapeuten entspricht Seite hin gestreckt. Die Rotationskomponenten von
der beim gestreckten Armpattern. Durch die Arm- Schulter und Unterarm entsprechen derjenigen des
bewegung des Patienten wird das Körpergewicht gestreckten Armpatterns. Lässt man den Patienten
des Therapeuten vom vorderen auf den hinteren in dieser Armstellung den Ellbogen strecken, so
112 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

würde diese Armstellung der Endposition des ge- Praxistipp


streckten Armpatterns entsprechen.
4 Der Stretch am Handgelenk wird mit Trak-
jBetonte Bewegungsfolge tion von proximal gegeben und ohne eine
Bei der Ausführung des Armpatterns besteht die Zunahme der Palmarflexion.
Möglichkeit, für zwei Bewegungskomponenten ei- 4 Der Ellbogenflexion wird ein Widerstand
nen Haltewiderstand einzubauen, um die dritte, entgegengesetzt, der zurück in Richtung
meist schwächere Bewegungskomponente beson- Ausgangsstellung gerichtet ist.
ders zu üben bzw. zu betonen. 4 Wenn der Patient seinen Ellbogen streckt,
Setzt der Therapeut der Flexionsbewegung des entspricht seine Armstellung der beim
Ellbogens einen Haltewiderstand entgegen, besteht gestreckten Armpattern.
die Möglichkeit, sowohl die Außenrotatoren der 4 Der Therapeut gibt ein funktionelles
Schulter isoliert zu trainieren als auch die Supina- Kommando: »Berühren Sie den Kopf.«
tion isoliert zu üben. Dieses Training wird in der
Position ausgeführt, in der die Flexionsbewegungen
7 von Schulter und Ellbogen am kräftigsten sind.
Nachdem das volle Bewegungsausmaß des Schul- 7.3.2 Flexion – Abduktion – Außen-
tergelenkes erarbeitet und/oder die Kräftigung der rotation mit Ellbogenextension
Außenrotatoren des Armes erfolgt ist, kehrt der (. Abb. 7.4)
Therapeut stets in den Bewegungsverlauf der Dia-
gonalen zurück. Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
Zum betonten Üben der Hand platziert der Komponenten (nach Kendall
Therapeut die proximale Hand am Unterarm des u. McCreary 1993)
Patienten und setzt sowohl der Schulter- als auch Schulter- Posteriore M. trapezius, M. levator scapu-
der Ellbogenbewegung mit der proximalen Hand blatt Elevation lae, M. serratus anterior
einen Widerstand entgegen. Die distale Hand setzt Schulter Flexion, M. deltoideus pars anterior,
anschließend der Bewegung im Handgelenk des Abduktion, M. biceps brachii caput long-
Außenrotation um, M. coracobrachialis,
Patienten gezielten Widerstand entgegen.
M. supraspinatus, M. infraspi-
Zum gezielten Üben der Finger oder des Dau- natus, M. teres minor
mens platziert der Therapeut die proximale Hand Ellbogen- Extension M. triceps brachii, M. anco-
– sowohl für den Haltewiderstand als auch zur gelenk neus
Fazilitation der Schulter- und Ellbogenaktivität – Unterarm Supination M. biceps brachii, M. supina-
direkt distal am Handgelenk des Patienten. Die dis- tor, M. brachioradialis
tale Hand erhält damit die Möglichkeit, die Finger Hand- Radial- M. extensor carpi radialis
oder den Daumen einzeln bzw. gemeinsam zu gelenk extension
beüben. Finger- Extension, M. extensor digitorum longus,
Ebenso besteht die Möglichkeit, am Anfang der gelenke Radial- Mm. interossei dorsales
Flexionsbewegung der Schulter, oder auch in jeder deviation
anderen Position des Bewegungsweges, einen Hal- Daumen- Extension, Mm. extensor pollicis longus
tewiderstand aufzubauen, wodurch die Bewegun- gelenke Abduktion et brevis, M. abductor pollicis
longus
gen des Ellbogens, des Handgelenkes, der Hand und
der Finger, je nach Zielsetzung, entweder einzeln
oder gemeinsam gefördert werden können. jTaktiler Stimulus
kDistale Hand
Der Griff der distalen Hand entspricht dem beim
gestreckten Armpattern (7 Abschn. 7.3).
7.3 · Flexion – Abduktion – Außenrotation
113 7

a b

. Abb. 7.4 a–b Arm: Flexion – Abduktion – Außenrotation mit Ellbogenextension

kProximale Hand ! Vorsicht


Die proximale Hand umgreift den Oberarm von Die Traktion am Handgelenk sollte nicht zu
medial, so dass die Finger einen der Bewegungs- einer Zunahme der Palmarflexion führen,
richtung entgegengesetzten Widerstand geben. sondern das Handgelenk in Verlängerung
der Metakarpalen dehnen.
jAlternative Grifftechnik
Der Therapeut kann aber auch an der Kopfseite ste- jVerbales Kommando
hen und die proximale Hand in Supination in die »Finger und Hand strecken. Strecken Sie den Ellbo-
Ellbogenbeuge platzieren (. Abb. 7.4). Dadurch gen.« Oder: »… und schieben Sie den Arm nach
kann er mit seinen Fingern der Bewegung Wider- oben. Greifen Sie nach oben zum …« (zielorientier-
stand entgegensetzen. ten Auftrag geben).

jVordehnung jBewegung
Schulterblatt, Schulter, Unterarm und Handgelenk Daumen, Finger und Handgelenk bewegen sich wie
werden in dieselben Ausgangsstellungen wie beim beim gestreckten Armpattern in Richtung Radial-
gestreckten Armpattern gebracht. Der Ellbogen ist abduktion und Dorsalextension. Direkt anschlie-
jedoch vollständig flektiert. ßend setzen gleichzeitig die Ellbogenextension und
die Flexion der Schulter ein.
jStretch Aufgrund der Ellbogenextension verläuft die
Der Therapeut setzt gleichzeitig einen Stretch für Bewegung der Hand, wie auch die des Unterarmes,
die Bewegungskomponenten von Schulter-, Ellbo- über das Gesicht des Patienten hinweg. Die vollstän-
gen- und Handgelenk. Die proximale Hand setzt dige Extension des Ellbogens wird in dem Moment
vor allem das Schulterblatt und das Schultergelenk erreicht, wenn sowohl das Schulterblatt als auch die
mit einer schnell ausgeführten Traktions-/Rota- Schulter ihrem Bewegungsende nahe kommen.
tionsbewegung unter Spannung, während die dista-
le Hand unter gehaltener Vordehnung am Handge- jStellung des Therapeuten und Körper-
lenk des Patienten die Extensoren des Ellbogens mechanik
weiterhin unter Spannung setzt. Der Therapeut steht dem Patienten zugewandt dicht
an dessen Becken. Die linke Hand des Therapeuten
114 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

7
. Abb. 7.5 Arm: Extension – Adduktion – Innenrotation

greift unter den Unterarm des Patienten und umfasst jEndstellung


dessen Oberarm. Der Therapeut übt mit seiner pro- Diese entspricht der Endstellung des gestreckten
ximalen Hand eine Traktion in Richtung Extension, Armpatterns.
Adduktion und Innenrotation aus. Das Schulterblatt
wird dabei in die anteriore Depression gebracht. jBetonte Bewegungsfolge
Zum betonten Üben der Schulter wird zu Beginn
jWiderstand der Extension des Ellbogens ein Haltewiderstand
kDistale Hand eingebaut. Ebenso kann zum betonten Üben der
Die distale Hand setzt der Bewegung denselben Ellbogenextension oder der Kombination von Ell-
Traktions-/Rotationswiderstand, wie in 7 Abschn bogenextension mit Supination ein Haltewider-
7.3 (»Flexion – Abduktion – Außenrotation«) be- stand für die Flexion der Schulter eingebaut werden.
schrieben, entgegen. Der Widerstand für dieses
Pattern wird zusätzlich mit einem Widerstand Praxistipp
kombiniert, der der Ellbogenextension entgegen-
gesetzt ist. 4 Der Stretch am Handgelenk wird mit Trak-
tion und nicht mit Zunahme der Palmar-
kProximale Hand flexion gegeben.
Die proximale Hand setzt für den Arm neben der 4 Der Arm wird mit Pronation und Flexion
Traktion am Arm einen Rotationswiderstand, der in zurückgeführt, um der Ellbogenextension
Richtung der Ausgangsstellung zielt. Widerstand entgegenzusetzen.
Die korrekte Fazilitation der Ellbogen- und
auch der Schultermuskulatur erfolgt durch die un-
terschiedlichen, aber gezielt gesetzten Widerstände
des Therapeuten.
Am Ende der Schulterbewegung kann eine Ap-
proximation am Oberarm gegeben werden, um eine
Stabilisation der Schulter und des Ellbogens zu er-
reichen und für die Elevation des Schulterblattes
einen Widerstand zu geben.
7.4 · Extension – Adduktion – Innenrotation
115 7
7.4 Extension – Adduktion – jVordehnung
Innenrotation (. Abb. 7.5) Das Handgelenk wird in Radialextension gebracht
und der Unterarm supiniert. Hand und Handgelenk
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste bleiben in dieser Position, während der Arm im
Komponenten (nach Kendall Schultergelenk in Flexion – Abduktion – Außenro-
u. McCreary 1993) tation geführt wird. Um die Schulter- und Schulter-
Schulter- Anteriore M. serratus anterior, M. pecto- blattmuskulatur zu dehnen, kann als Hilfsmittel die
blatt Depression ralis minor, Mm. rhomboidei Traktion eingesetzt werden. Diese bringt das Schul-
Schulter- Extension, M. pectoralis major, M. teres terblatt in posteriore Elevation.
gelenk Adduktion, major, M. subscapularis Das Handgelenk befindet sich in ungefähr 45°
Innenrotation
Dorsalextension.
Ellbogen- Bleibt ge- M. triceps brachii, M. anco- Wird die Traktion weiter fortgesetzt, kommt es
gelenk streckt neus
zu einer Verlängerung des Rumpfes des Patienten,
Unterarm Pronation M. brachioradialis, M. pronator und zwar diagonal von links nach rechts. Die Ver-
teres, M. pronator quadratus
längerung kommt jedoch nicht zustande, wenn die
Hand- Ulnar- M. flexor carpi ulnaris Schulter zu weit in Abduktion positioniert ist. Eben-
gelenk abduktion
so gelangt das Schulterblatt nur dann in eine gute
Finger- Flexion, Ulnar- M. flexor digitorum (superfi- posteriore Elevation, wenn die Außenrotation der
gelenke deviation cialis et profundus), Mm.
Schulter nicht zu extrem ist.
lumbricales, Mm. interossei
Die Endstellung des Patterns Flexion – Abduk-
Daumen- Flexion, Mm. flexor pollicis longus et
tion – Außenrotation entspricht der Ausgangsstel-
gelenke Adduktion, brevis, M. adductor pollicis,
Opposition M. opponens pollicis lung des dazugehörigen antagonistischen Patterns.

jStretch
jTaktiler Stimulus Der Stretch erfolgt gleichzeitig an der Schulter und
kDistale Hand der Hand des Patienten. Die proximale Hand übt
Die distale Hand, in diesem Fall die linke Hand des am Schulterblatt und der Schulter einen schnell aus-
Therapeuten, wird lumbrikal in der Handinnenflä- geführten Stretch mit Rotation aus.
che des Patienten platziert. Die Finger des Thera- Die Schulter nicht in noch mehr Flexion drü-
peuten befinden sich dabei an der radialen Seite der cken.
Metakarpalen II, während der Daumen an der ulna- Die distale Hand gibt Traktion am Handgelenk.
ren Seite der Metakarpalen V für Gegendruck sorgt.
> Der Therapeut muss darauf achten, dass
Die Finger und auch der Daumen des Therapeuten
die Traktion in Verlängerung der Meta-
werden so platziert, dass sie mit dem Handrücken
karpale erfolgt und das Handgelenk des
des Patienten keinen Kontakt haben.
Patienten dabei nicht weiter in die Dorsal-
> Der Therapeut muss darauf achten, dass er extension gedrückt wird.
die Hand des Patienten nicht zu fest zu-
jVerbales Kommando
sammendrückt oder kneift.
»Finger und Hand schließen. Ziehen Sie den Arm
nach unten.«
kProximale Hand
Die proximale Hand, hier die rechte Hand des jBewegung
Therapeuten, wird von unten-radial kommend Sowohl die Finger als auch der Daumen führen eine
am Unterarm proximal vom Handgelenk im Lum- dem Faustschluss ähnliche Beugebewegung aus,
brikalgriff platziert. Die Finger sind auf der ulnaren während das Handgelenk sich in eine nach ulnar
und der Daumen auf der radialen Seite des Unter- gerichtete Palmarflexion bewegt.
armes. Der Bewegungsweg der Hand des Patienten ver-
läuft aufgrund der Schulterbewegung Extension –
116 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

Adduktion – Innenrotation zur gegenüberliegen- leicht flektierten Finger und die Handinnenseite
den Hüfte, während sich das Schulterblatt in die sind zur gegenüberliegenden Hüfte gerichtet.
anteriore Depression bewegt.
Wird die Schulterblattbewegung in die anteriore jBetonte Bewegungsfolge
Depression weiter fortgesetzt, führt dies zu einer Zum betonten Üben des Handgelenkes, der Hand
Rumpfflexion und einer Lateralflexion der Halswir- oder der Finger kann zu Beginn der Extensionsbe-
belsäule nach rechts. wegung, oder in jeder beliebigen Position der Schul-
ter, ein Haltewiderstand gesetzt werden. Hierbei
jStellung des Therapeuten und Körper- wird die proximale Hand für den anhaltenden Wi-
mechanik derstand unmittelbar in der Nähe des Handgelenkes
Der Therapeut steht in Schrittstellung in Höhe der platziert, so dass die distale Hand des Therapeuten
Schulter des Patienten und schaut in die Bewe- die Finger oder die Hand des Patienten entweder
gungsrichtung. Während der Bewegung verlagert er einzeln oder gemeinsam beüben kann.
sein Körpergewicht vom rechten auf das linke Bein,
indem er auf den Fußballen dreht. Durch diese Dre-
7 hung bleibt der Therapeut immer im Verlauf der Praxistipp
Körperdiagonalen.
4 Der Stretch an Handgelenk und Schulter
jWiderstand wird mit Traktion gegeben und nicht mit-
kDistale Hand tels Zunahme der Flexion.
Die distale Hand kombiniert die Traktion am Hand- 4 Die Approximation wird am Ende der Be-
gelenk mit dem entsprechenden Rotationswider- wegung gegeben, um die Schulter zu sta-
stand für die distalen Bewegungskomponenten. bilisieren und die Schulterblattdepression
zu fazilitieren.
kProximale Hand 4 Der Oberarm überschreitet die Mittellinie.
Die proximale Hand des Therapeuten verbindet
den Rotationswiderstand mit der Traktion am
Handgelenk und setzt den Bewegungen Pronation
des Unterarmes sowie Extension – Adduktion – In- 7.4.1 Extension – Adduktion – Innen-
nenrotation der Schulter Widerstand entgegen. rotation mit Ellbogenextension
Die Traktion beider Hände wird während der (. Abb. 7.6)
bogenförmig verlaufenden Bewegung mit einem
Widerstand kombiniert, der in Richtung Ausgangs- Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
stellung gerichtet ist. Komponenten (nach Kendall
Beim Erreichen der Bewegungsgrenzen von u. McCreary 1993)
Schulterblatt und Schultergelenk kann der Thera- Schulter- Anteriore M. serratus anterior,
peut von dem Fazilitationsprinzip Traktion zur Ap- blatt Depression M. pectoralis minor,
Mm. rhomboidei
proximation wechseln.
Die Approximation fazilitiert die Depression des Schulter- Extension, M. pectoralis major,
gelenk Adduktion, M. teres major,
Schulterblattes und stabilisiert dabei die Schulter.
Innenrotation M. subscapularis
Ellbogen- Extension M. triceps brachii,
jEndstellung
gelenk M. Anconeus
Das Schulterblatt befindet sich am Ende der Bewe-
Unterarm Pronation M. brachioradialis, M. pronator
gung in anteriorer Depression und die Schulter in teres, M. pronator quadratus
Extension – Adduktion – Innenrotation, wobei der
Hand- Palmarflexion, M. flexor carpi ulnaris
Oberarm die Körpermittellinie kreuzt. gelenk Ulnarab-
Der Unterarm ist proniert, und das Handgelenk duktion
befindet sich in ulnar gerichteter Palmarflexion. Die 6
7.4 · Extension – Adduktion – Innenrotation
117 7

. Abb. 7.6 a–c Arm: Extension – Adduktion – Innenrotation


mit Ellbogenextension

Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste jTaktiler Stimulus


Komponenten (nach Kendall kDistale Hand
u. McCreary 1993)
Der distale Griff entspricht dem beim gestreckten
Finger- Flexion, Ulnar- Mm. flexor digitorum
Armpattern (7 Abschn. 7.4).
gelenke deviation (superficialis et profundus),
Mm. lumbricalis,
Mm. interossei kProximale Hand
Daumen- Flexion, Mm. flexor pollicis longus et Die proximale Hand wird von unten so am Ober-
gelenke Adduktion, brevis, M. adductor pollicis, arm platziert, dass die Finger der Rotationskompo-
Opposition M. opponens pollicis nente gut Widerstand entgegensetzen können.
In der Ausgangsstellung kann der Therapeut dem
Patienten an der palmaren Seite des Unterarmes einen
Widerstand entgegensetzen. Dies kann der Therapeut
mit Hilfe seines eigenen Unterarmes tun (. Abb. 7.6 a).
118 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

jVordehnung Richtung der Ausgangsstellung des Ellbogens ge-


Der Therapeut bewegt das Schultergelenk unter richtet ist. Der Therapeut gibt Approximation zur
Traktion in die maximal mögliche Flexion – Abduk- Fazilitation der Ellbogenextension.
tion – Außenrotation und das Schulterblatt in die
posteriore Elevation. Der Ellbogen wird soweit flek- kProximale Hand
tiert, bis der Unterarm fast den Kopf des Patienten Die proximale Hand setzt der Bewegung neben der
berührt. Das Handgelenk befindet sich in einer Traktion einen Rotationswiderstand am Ober- oder
nach radial gerichteten Dorsalextension und die Unterarm entgegen, der in Richtung Ausgangs-
Finger sind extendiert. stellung gerichtet ist. Haben Schultergelenk und
Schulterblatt die Hälfte des Bewegungsweges zu-
jStretch rückgelegt, kann von Traktion zu Approximation
Der Stretch wird gleichzeitig an der Schulter und gewechselt werden.
Hand gegeben. Die proximale Hand setzt sowohl Die richtige Fazilitation der Ellbogenextension
das Schulterblatt als auch das Schultergelenk durch und der Schulterbewegung erfolgt durch die vom
einen schnell ausgeführten Stretch mit Rotations- Therapeuten gezielt gesetzten Widerstandskompo-
7 komponente unter Spannung. nenten.
Die distale Hand gibt einen auf die distalen Be-
wegungskomponenten ausgerichteten Stretch am jEndstellung
Handgelenk. Da der Unterarm des Patienten in den Die Endstellung entspricht der beim gestreckten
meisten Fällen den Kopf berührt, ist eine vollstän- Armpattern (7 Abschn. 7.4).
dige Ellbogenflexion nicht möglich.
jBetonte Bewegungsfolge
jVerbales Kommando Zum betonten Üben der Schulterbewegungen wird
»Finger und Hand schließen. Strecken Sie den Ellbo- zu Beginn des Patterns ein Haltewiderstand zur
gen in Richtung rechte Hüfte.« Verhinderung der Ellbogenextension eingebaut.
Ebenso kann zur Betonung der Ellbogenextension
jBewegung mit Pronation auf halbem Bewegungsweg ein Halte-
Sowohl die Finger als auch der Daumen beugen widerstand hinsichtlich der Schulterextension gege-
sich. Das Handgelenk führt eine nach ulnar gerich- ben werden.
tete Palmarflexion aus. Anschließend beginnt die
Schulterbewegung Extension – Adduktion – Innen- Praxistipp
rotation sowie die über den gesamten Bewegungs-
4 Der Oberarm kreuzt die Mittellinie.
weg verteilte Extensionsbewegung des Ellbogens.
4 Normale Bewegungsfolge: Ellbogen- und
Die Bewegung endet, wenn die Hand in Höhe der
Schulterbewegungen finden gleichzeitig
gegenüberliegenden Hüfte angekommen ist.
statt.
jStellung des Therapeuten und Körper-
mechanik
Sie entsprechen denen beim gestreckt ausgeführten 7.4.2 Extension – Adduktion – Innen-
Armpattern. rotation mit Ellbogenflexion
(. Abb. 7.7)
jWiderstand
kDistale Hand Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
Die distale Hand setzt den Bewegungen von Hand- Komponenten (nach Kendall
gelenk und Unterarm Widerstand entgegen, der u. McCreary 1993)
dem Widerstand beim gestreckten Pattern ent- Schulter- Anteriore M. serratus anterior,
spricht. Zudem setzt die distale Hand der Ellbo- blatt Depression M. pectoralis minor,
Mm. rhomboidei
genextension Rotationswiderstand entgegen, der in 6
7.4 · Extension – Adduktion – Innenrotation
119 7

. Abb. 7.7 a–e Arm: Extension – Adduktion – Innenrotation


mit Ellbogenflexion. a–c Normale Grifftechnik, d, e alterna-
e
tive Grifftechnik
120 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste gelenk beginnt gleichzeitig mit der Ellbogenflexion
Komponenten (nach Kendall die Bewegung in die Extension – Adduktion – In-
u. McCreary 1993) nenrotation.
Schulter- Extension, M. pectoralis major, M. teres Die Flexionsbewegung des Ellbogens verteilt
gelenk Adduktion, major, M. subscapularis sich über den gesamten Bewegungsweg. Der Ellbo-
Innenrotation
gen erreicht seine vollständige Flexion, wenn das
Ellbogen- Flexion M. biceps brachii, Schulterblatt und auch die Schulter ihre Bewe-
gelenk M. brachialis
gungsgrenzen erreichen.
Unterarm Pronation M. brachioradialis,
M. pronator teres, M. prona- jWiderstand
tor quadratus
kDistale Hand
Hand- Palmarflexion, M. flexor carpi ulnaris
Die distale Hand gibt wie beim gestreckten Armpat-
gelenk Ulnarabduktion
tern an Handgelenk und Unterarm des Patienten
Finger- Flexion, Ulnar- Mm. flexor digitorum
Widerstand. Der Ellbogenflexion wird Widerstand
gelenke deviation (superficialis et profundus),
Mm. lumbricales,
entgegengesetzt, indem der Therapeut den Unter-
7 Mm. interossei arm des Patienten supiniert und in die Ausgangs-
Daumen- Flexion, Mm. flexor pollicis longus et
stellung (Ellbogenextension) zurückzieht.
gelenke Adduktion, brevis, M. adductor pollicis,
Opposition M. opponens pollicis kProximale Hand
Die proximale Hand setzt eine Traktion am Ober-
jTaktiler Stimulus arm, die mit einem Rotationswiderstand verbunden
Sowohl die distale als auch die proximale Hand ist. Dieser ist in Richtung Ausgangsstellung gerich-
werden entsprechend der Grifftechnik des Patterns tet. Auf halbem Weg kann von Traktion zu Appro-
»Extension – Adduktion – Innenrotation« (7 Ab- ximation gewechselt werden.
schn. 7.4) platziert. Beide Hände setzen Widerstände, die so bemes-
sen sind, dass sie an die Kraft von Ellbogen und
jAlternative Grifftechnik Schulter angepasst sind, um die entsprechende
Zur stärkeren Fazilitation der Schulterblattbe- Muskulatur zu stärken.
wegung kann die proximale Hand, nachdem die
Bewegung distal eingeleitet ist, nach proximal zum jEndstellung
Schulterblatt wechseln. Am Ende der Bewegung befinden sich das Schulter-
blatt in anteriorer Depression und die Schulter in
jVordehnung Extension – Adduktion – Innenrotation. Der Ellbo-
Die Position entspricht der beim gestreckten Arm- gen ist vollständig flektiert und die Pronation des
pattern (7 Abschn. 7.4). Unterarmes ist wie beim gestreckten Pattern. Das
Handgelenk befindet sich in Ulnarabduktion und
jStretch Palmarflexion, während die Hand faustähnlich ge-
Der Stretch wird wie beim gestreckten Armpattern schlossen ist. Wenn der Ellbogen gestreckt würde,
ausgeführt. entspräche dies der Endstellung des gestreckten
Armpatterns.
jVerbales Kommando
»Finger und Hand schließen. Beugen Sie den Ellbo- jBetonte Bewegungsfolge
gen.« Auch bei diesem Pattern besteht die Möglichkeit,
zwei Bewegungskomponenten durch einen Haltewi-
jBewegung derstand zu stabilisieren, während die dritte Kompo-
Die Finger und der Daumen führen eine Flexions- nente zusätzlich aktiviert bzw. erarbeitet wird.
bewegung aus. Das Handgelenk bewegt sich in einer Mit flektiertem Ellbogen kann man innerhalb
nach ulnar gerichteten Palmarflexion. Das Schulter- dieses Patterns isoliert die Innenrotation erarbeiten.
7.5 · Flexion – Adduktion – Außenrotation
121 7

. Abb. 7.8 Arm: Flexion – Adduktion – Außenrotation

Praxistipp
Es kann wahlweise zur isolierten Kräftigung oder
zur Mobilisation der Innenrotation des Schulter-
4 Mit einer sorgfältig ausgeführten Rota-
gelenkes eingesetzt werden. Hierfür wird der Halte-
tionskomponente überschreitet der Ober-
widerstand in der Position gesetzt, in der die Exten-
arm die Mittellinie.
sion des Schultergelenkes am kräftigsten ist. Um das
4 Um der Ellbogenflexion einen Widerstand
Pattern zu beenden, kehrt der Therapeut wieder zur
entgegenzusetzen, wird Traktion in Rich-
ursprünglichen Diagonalen zurück, nachdem er die
tung Ausgangsstellung gegeben.
Mobilisation oder die Kräftigung der Innenrotation
4 Bei der normalen Bewegungsabfolge be-
der Schulter durchgeführt hat.
wegen sich Ellbogen und Schulter gleich-
Zur Fazilitation der Bewegung des Handgelen-
zeitig.
kes platziert der Therapeut seine proximale Hand
am Unterarm und setzt hier sowohl der Schulter als
auch der Ellbogenflexion einen Haltewiderstand
entgegen. Zur Fazilitation der Finger oder des 7.5 Flexion – Adduktion –
Daumens wird die proximale Hand direkt distal des Außenrotation (. Abb. 7.8)
Handgelenkes platziert. Die distale Hand kann in
beiden Fällen entweder die Hand oder die Finger Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
und den Daumen gezielt fazilitieren. Komponenten (nach Kendall
Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, direkt u. McCreary 1993)
zu Beginn der Bewegung der Schulterextension Schulter- Anteriore Eleva- M. serratus anterior, M. trape-
einen Haltewiderstand entgegenzusetzen und dann blatt tion zius pars descendens
erst den Ellbogen, das Handgelenk, die Hand und Schulter- Flexion, M. deltoideus pars anterior,
die Finger einzubeziehen. gelenk Adduktion, M. pectoralis major, M. biceps
Außenrotation brachii,
Setzt man der Extension des Schultergelenkes
M. coracobrachialis
und der Flexion des Ellbogens jedoch erst auf der
Mitte des Bewegungsweges einen Haltewiderstand Ellbogen- Bleibt gestreckt M. triceps brachii,
gelenk (unveränderte M. anconeus
entgegen, kann der Patient die Bewegungen von Position)
Handgelenk und Hand visuell kontrollieren. 6
122 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste Das Handgelenk befindet sich in einer nach ul-
Komponenten (nach Kendall nar gerichteten Dorsalextension (ungefähr 45°).
u. McCreary 1993) Durch die Traktion gelangt das Schulterblatt in pos-
Unterarm Supination M. supinator, M. brachioradialis teriore Depression.
Hand- Palmarflexion, M. flexor carpi radialis Wird die Traktion am Arm fortgesetzt, kommt
gelenk Radialabduktion es zu einer Verkürzung des Rumpfes auf derselben
Finger- Flexion, Radial- Mm. flexor digitorum Seite. Diese Rumpfbewegung findet jedoch nicht
gelenke deviation (superficialis et profundus), statt, wenn die Schulter zu weit in Abduktion ge-
Mm. lumbricales, bracht wird.
Mm. interossei
Darüber hinaus verändert sich durch eine
Daumen- Flexion, Mm. flexor pollicis longus et zunehmende Abduktion die Position des Schulter-
gelenke Adduktion, brevis, M. adductor pollicis,
blattes ungünstig. Ebenso entsteht durch eine über-
Opposition M. opponens pollicis
mäßige Innenrotation der Schulter eine verstärkte
anteriore Depression des Schulterblattes, die nicht
jTaktiler Stimulus erwünscht ist.
7 kDistale Hand
Die distale Hand wird mit dem lumbrikalen Griff an jStretch
der Handinnenseite des Patienten mit den Fingern Die proximale Hand setzt einen schnell ausgeführ-
ulnar (Metakarpale V) und dem Daumen radial ten Stretch mit Rotationskomponente sowohl am
(Metakarpale II) platziert. Schulterblatt als auch an der Schulter. Gleichzeitig
führt die distale Hand am Handgelenk eine Trak-
! Vorsicht tion im Sinne der Vordehnung aus.
Der Therapeut sollte darauf achten, dass
! Vorsicht
beim lumbrikalen Griff kein Kontakt mit
Der Therapeut muss darauf achten, dass
der dorsalen Handfläche des Patienten
die Traktion in Verlängerung der Mittel-
entsteht und die Hand nicht zu fest zusam-
handknochen verläuft und nicht mit einer
mengedrückt wird.
verstärkten Dorsalextension des Handge-
lenkes stattfindet.
kProximale Hand
Die proximale Hand wird direkt proximal vom jVerbales Kommando
Handgelenk mit den Fingern radial und dem »Finger und Hand schließen. Ziehen Sie den Arm
Daumen ulnar platziert. hoch, über Ihre Nase hinweg.«

jAlternative Grifftechnik jBewegung


Zur betonten Fazilitation der Schulterblatt- und/ Sowohl die Finger als auch der Daumen führen eine
oder Schultergelenkbewegung wechselt die proxi- Flexionsbewegung aus, während das Handgelenk
male Hand des Therapeuten zum Schulterblatt eine Radialabduktion und Palmarflexion macht.
oder zum Oberarm, nachdem die Bewegung be- Die radiale Seite der Hand führt die Bewegung an,
gonnen hat. wenn sich die Schulter in Richtung Flexion – Ad-
duktion – Außenrotation bewegt und das Schulter-
jVordehnung blatt in die anteriore Elevation. Am Ende der Bewe-
Das Handgelenk wird in Dorsalextension und Ul- gung kommt es zu einer Rumpfrotation mit Verlän-
narabduktion gebracht und der Unterarm dabei gerung der Seite, auf der gearbeitet wird.
proniert. Während das Schultergelenk in Extension
und Abduktion bewegt wird, bleibt die Hand in die-
ser Position.
7.5 · Flexion – Adduktion – Außenrotation
123 7
jStellung des Therapeuten und Körper- jBetonte Bewegungsfolge
mechanik Zur betonten Fazilitation des Handgelenkes, der
Der Therapeut steht in Schrittstellung mit seinem Hand oder der Finger kann zu Beginn der Flexions-
Becken in Höhe der Schulter des Patienten und bewegung der Schulter ein Haltewiderstand einge-
schaut auf seine eigenen Füße. Die Armbewegung setzt werden. Man kann die Rotation der Unterarme
des Patienten bewirkt eine Drehbewegung des The- »einrasten« oder die Rotation zusammen mit der
rapeuten, so dass er schließlich mit Blickrichtung Bewegung des Handgelenkes zulassen.
zum Gesicht des Patienten zum Stehen kommt. Da-
bei verlagert der Therapeut, bedingt durch die Arm- Praxistipp
bewegung, sein Körpergewicht vom hinteren auf
4 Der Stretch an Handgelenk und Schulter
den vorderen Fuß.
wird mit Traktion und nicht mit Zunahme
der Dorsalextension im Handgelenk ge-
jWiderstand
geben.
kDistale Hand
4 Am Ende der Bewegung kann mit der
Die distale Hand setzt den Bewegungen Flexion –
distalen Hand Approximation gegeben
Adduktion – Außenrotation des Schultergelenkes,
werden, um die Extension des Ellbogens
Supination des Unterarmes und der nach radial ge-
zu stabilisieren.
richteten Palmarflexion des Handgelenkes einen
4 Der Oberarm überschreitet die Körpermittel-
mit Traktion kombinierten Rotationswiderstand
linie (schräg über der Nase, wenn der Kopf
entgegen. Am Ende der Bewegung kann der Thera-
des Patienten nicht zur Seite gedreht ist).
peut mit der distalen Hand Approximation geben,
um den Ellbogen zu stabilisieren.

kProximale Hand 7.5.1 Flexion – Adduktion – Außen-


Die proximale Hand setzt der gesamten Bewegung rotation mit Ellbogenflexion
zu der Traktion noch einen Rotationswiderstand (. Abb. 7.9)
entgegen. Die Traktion wird von beiden Händen des
Therapeuten auf dem gesamten Bewegungsweg auf- Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
rechterhalten. Komponenten (nach Kendall u.
Gegen Ende der Bewegung kann Approximation McCreary 1993)
gegeben werden, um das Schulter- und Ellbogenge- Schulter- Anteriore M. serratus anterior, M. trape-
lenk zu stabilisieren und der Elevation des Schulter- blatt Elevation zius pars descendens
blattes einen Widerstand entgegenzusetzen. Schulter- Flexion, M. deltoideus pars anterior,
gelenk Adduktion, M. pectoralis major,
Außenrotation M. biceps brachii,
jEndstellung
M. coracobrachialis
Am Ende der Bewegung befindet sich das Schulter-
Ellbogen- Flexion M. biceps brachii, M. brachialis
blatt in anteriorer Elevation und das Schultergelenk gelenk
in Flexion – Adduktion – Außenrotation. Dabei Unterarm Supination M. supinator, M. brachioradialis
kreuzt der Arm die Körpermittellinie und bewegt
Hand- Palmarflexion, M. flexor carpi radialis
sich über das Gesicht des Patienten hinweg. Der Ell- gelenk Radialabduk-
bogen ist nach wie vor extendiert; der Unterarm ist tion
supiniert. Sowohl das Handgelenk als auch die Fin-
ger sind flektiert. Die Fortsetzung dieser Bewegung
hat zur Folge, dass der Patient sich streckt und nach jTaktiler Stimulus
rechts rotiert. kDistale Hand
Die distale Hand wird wie beim gestreckten Arm-
pattern platziert.
124 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

. Abb. 7.9 Arm: Flexion – Adduktion – Außenrotation mit


Ellbogenreflexion

kProximale Hand jVordehnung


Die proximale Hand wird zu Beginn der Bewegung Der gesamte Arm sowie das Schulterblatt werden in
wie beim gestreckten Pattern platziert. Sie wechselt Vordehnung gebracht, die der beim gestreckten
dann aber zur medialen Seite des Oberarmes. Dies tut Armpattern entspricht.
sie entweder sofort, wenn Schultergelenk und Ellbo-
gen mit der Flexion beginnen, oder aber etwas später. jStretch
Der Rotationswiderstand wird von der Hand und Der Stretch entspricht genau dem beim gestreckten
dem Unterarm des Therapeuten gegeben und durch Armpattern.
seine Körperbewegung noch unterstützt (. Abb. 7.9).
> Der Therapeut muss darauf achten, dass
jAlternative Grifftechnik die Traktion in Verlängerung der Mittel-
Zur Betonung der Schulterblattbewegung kann die handknochen gegeben wird und keine
proximale Hand zum Schulterblatt wechseln. Zunahme der Dorsalextension im Hand-
gelenk stattfindet.
7.5 · Flexion – Adduktion – Außenrotation
125 7
jVerbales Kommando Möglichkeit, den Ellbogen zu strecken und diese
»Finger und Hand schließen, Ellbogen beugen. Zie- Endstellung mit der des gestreckten Patterns zu ver-
hen Sie Ihre Hand über den Kopf hinweg. Berühren gleichen.
Sie Ihr rechtes Ohr.«
jBetonte Bewegungsfolge
jBewegung Auch bei diesem Armpattern mit seinen drei Bewe-
Die Finger und auch das Handgelenk leiten die Be- gungskomponenten besteht die Möglichkeit, zwei-
wegungen mit der Flexion ein. Der Unterarm führt en davon einen Haltewiderstand entgegenzusetzen
eine Supinationsbewegung aus, während der Ellbo- und die dritte Bewegungskomponente gezielt zu
gen und auch das Schultergelenk mit der Flexions- erarbeiten.
bewegung beginnen. Das Schulterblatt bewegt sich Ebenso wie beim Pattern Flexion – Abduktion
hierbei in die anteriore Elevation. Die Bewegungen – Außenrotation mit Ellbogenflexion kann auch
von Schulter und Ellbogen verlaufen gleichmäßig hier die Außenrotation sowohl in Bezug auf die
über das gesamte Pattern hinweg und beenden die- Kraft als auch für die Beweglichkeit unabhängig
ses gleichzeitig. vom Unterarm erarbeitet werden, so wie auch die
Supination unabhängig von den Schulterbewegun-
jStellung des Therapeuten und Körper- gen geübt werden kann.
mechanik Wird die Außenrotation der Schulter in ihrem
Die Ausgangsstellung und auch die Bewegungen gesamten Bewegungsausmaß trainiert, kehrt der
des Therapeuten sowie der Einsatz seines Körperge- Therapeut am Ende der betonten Bewegungsfolge
wichtes entsprechen denen beim gestreckten Arm- zunächst erst in die Diagonale zurück und beendet
pattern. dann das Pattern.
Die Schulterflexion wird in der Mittelposition
jWiderstand stabilisiert, während das Handgelenk und die Finger
kDistale Hand bewegt werden. In dieser Position kann der Patient
Die distale Hand setzt der Bewegung am Handge- die Bewegungen mit den Augen kontrollieren.
lenk einen mit Traktion kombinierten Rotationswi- Zum betonten Üben der Hand wechselt die
derstand entgegen, der dem beim gestreckten Pat- proximale Hand zum Unterarm und stabilisiert
tern entspricht. Dadurch wird auch der Bewegungs- bzw. setzt den proximalen Bewegungskomponenten
komponente Ellbogenflexion Widerstand entge- Widerstand entgegen. Die distale Hand des Thera-
gengesetzt. peuten kann dann die distalen Bewegungskompo-
nenten fazilitieren.
kProximale Hand
Praxistipp
Die proximale Hand setzt eine Traktion in Verbin-
dung mit einem Rotationswiderstand am Oberarm,
4 Der Oberarm überschreitet die Körpermit-
wobei diese Komponente in die Ausgangsstellung
tellinie des Patienten (hier die Nase, wenn
zurückgerichtet ist. Alle Bewegungskomponenten
der Kopf des Patienten nicht zur Seite ge-
von Schulter und Ellbogen werden durch verschie-
dreht ist).
dene, aber gezielt vom Therapeuten gesetzte Wider-
4 Die Unterarmbewegung wird gefördert,
stände korrekt fazilitiert.
wenn der Supinationsbewegung ein Wi-
derstand entgegengesetzt wird.
jEndstellung
Sowohl Schulterblatt, Schultergelenk, Unterarm als
auch Hand enden in derselben Endstellung wie
beim gestreckten Armpattern. Der Ellbogen hinge-
gen ist flektiert, so dass die Hand des Patienten des-
sen rechtes Ohr fast berührt. Zur Kontrolle der Ro-
tationskomponente besteht in der Endstellung die
126 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

7.5.2 Flexion – Adduktion – Außen- tergelenkes und des Schulterblattes bewegt die pro-
rotation mit Ellbogenextension ximale Hand den Ellbogen in Flexion.
(. Abb. 7.10) Die distale Hand übt währenddessen am Hand-
gelenk eine Traktion in Ulnarabduktion und Dorsal-
extension aus, die in Verlängerung der Mittelhand-
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste knochen erfolgt. Falls die proximale Hand direkt zu
Komponenten (nach Kendall u.
Beginn der Bewegung am Oberarm platziert wird,
McCreary 1993)
bringt die distale Hand den Ellbogen in Flexion.
Schulter- Anteriore M. serratus anterior,
blatt Elevation M. trapezius pars descendens
jStretch
Schulter- Flexion, M. deltoideus pars anterior,
gelenk Adduktion, M. pectoralis major, Die proximale Hand übt am Schulterblatt und auch
Außenrotation M. biceps brachii, an der Schulter einen schnell durchgeführten Stretch
M. coracobrachialis mit Rotationskomponente aus. Gleichzeitig führt die
Ellbogen- Extension M. triceps brachii, M. anconeus distale Hand neben einer Traktion am Handgelenk,
gelenk die das Handgelenk nicht zu weit in die Dorsalexten-
7 Unterarm Supination M. supinator, M. brachioradialis sion drücken darf, auch einen auf den M. triceps
Hand- Palmarflexion, M. flexor carpi radialis brachii gerichteten Stretch aus.
gelenk Radial-
abduktion jVerbales Kommando
Finger- Flexion, Mm. flexor digitorum »Finger und Hand schließen, den Ellbogen stre-
gelenke Radial- (superficialis et profundus), cken. Schieben Sie Ihren Arm über das Gesicht hin-
deviation Mm. lumbricales,
weg. Strecken Sie die Hand über die Nase hinaus.«
Mm. Interossei
Daumen- Flexion, Mm. flexor pollicis longus et
jBewegung
gelenke Adduktion brevis, M. adductor pollicis
Nachdem die Finger und das Handgelenk die Bewe-
gung mit einer Flexionsbewegung eingeleitet haben,
jTaktiler Stimulus supiniert der Unterarm. Der Ellbogen beginnt sich
kDistale Hand zu strecken, während sich die Schulter in Flexion –
Die distale Hand wird entsprechend der Grifftech- Adduktion – Außenrotation bewegt. Die Ellbo-
nik beim gestreckten Armpattern positioniert genextension und die Schulterflexion verlaufen über
(7 Abschn. 7.5). den gesamten Bewegungsweg hinweg gleichmäßig
und beenden den Bewegungsweg gleichzeitig.
kProximale Hand
Die proximale Hand wird ebenso wie beim ge- jStellung des Therapeuten und Körper-
streckten Pattern am Unterarm platziert. mechanik
Die Ausgangsstellung, die Drehbewegungen sowie
jAlternative Grifftechnik der Einsatz des Körpergewichtes des Therapeuten
Die proximale Hand kann entweder von Anfang an entsprechen denen beim gestreckten Armpattern.
oder im Laufe der Bewegung, genauer gesagt: zu
Beginn der gleichzeitig durchgeführten Flexionsbe- jAlternative Stellung des Therapeuten
wegung des Schultergelenkes und der Extensions- Der Therapeut kann in Bewegungsrichtung ausge-
bewegung des Ellbogens, zur medialen Seite des richtet am Kopfende der Behandlungsbank stehen.
Oberarmes wechseln. Der distale Griff bleibt gleich, die proximale Hand
liegt am Unterarm auf der Flexorengruppe
jVordehnung (. Abb. 7.10 c–e).
Der Therapeut bringt den Arm erst in die Aus-
gangsstellung, die der beim gestreckten Armpattern
entspricht. Unter anhaltender Traktion des Schul-
7.5 · Flexion – Adduktion – Außenrotation
127 7

. Abb. 7.10 a–e Arm: Flexion – Adduktion – Außenrotation


mit Ellbogenextension. a, b Der Therapeut steht auf der
Seite des zu behandelnden Armes. c, d Der Therapeut steht
am Kopfende in der Diagonalen. e Patient mit rechtsseitiger
Hemiplegie: Die proximale Hand fazilitiert die anteriore
Elevation des Schulterblattes und die Verlängerung des
e
Rumpfes
128 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

jWiderstand 7.6 Extension – Abduktion –


kDistale Hand Innenrotation (. Abb. 7.11)
Die distale Hand setzt der Bewegung am Handge-
lenk einen Widerstand entgegen, der dem beim ge- Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
streckten Armpattern entspricht. Zusätzlich werden Komponenten (nach Kendall
der Ellbogenextension und der Supination entspre- u. McCreary 1993)
chende Widerstände entgegengesetzt. Schulter- Posteriore Mm. rhomboidei
blatt Depression
kProximale Hand Schulter- Extension, M. latissimus dorsi, M. deltoi-
Die proximale Hand gibt für die proximalen Bewe- gelenk Abduktion, deus pars medius et pars
Innenrotation posterior, M. triceps brachii,
gungskomponenten einen in die Ausgangsstellung
M. teres major, M. subscapularis
zurückgerichteten Rotationswiderstand, verbunden
Ellbogen- Bleibt gestreckt M. triceps brachii,
mit Traktion.
gelenk (Gelenkstellung M. anconeus
Alle Bewegungskomponenten der Schulter und unverändert)
des Ellbogens werden durch die unterschiedlichen,
Unterarm Pronation M. pronator teres,
7 aber gezielt gesetzten Widerstände des Therapeuten M. pronator quadratus,
adäquat fazilitiert. M. brachioradialis
Approximation wird am Ende der Bewegung Hand- Ulnarabduktion, M. extensor carpi ulnaris
gegeben, um Ellbogen, Schultergelenk und Schul- gelenk Dorsalextension
terblatt zu stabilisieren. Finger- Extension, M. extensor digitorum longus,
gelenke Ulnardeviation Mm. lumbricales,
jEndstellung Mm. interossei
Die Endstellung entspricht in allen beteiligten Gelen- Daumen- Abduktion, Mm. abductores pollicis longus
ken der beim gestreckten Armpattern. gelenke Extension et brevis, M. extensor pollicis

jBetonte Bewegungsfolge jTaktiler Stimulus


Dieses Armpattern eignet sich besonders gut zum kDistale Hand
gezielten Erarbeiten der Kombinationsbewegung Die distale Hand wird lumbrikal am Handrücken des
»Ellbogenextension mit Schulterflexion«, die bei Patienten platziert, ohne manuellen Kontakt auf der
vielen Überkopfbewegungen notwendig ist. Handinnenseite. Die Finger befinden sich auf der ul-
naren (Metakarpale V) und der Daumen auf der ra-
Praxistipp dialen Seite (Metakarpale II) und applizieren Druck.
4 Ellbogenextension mit Supination werden ! Vorsicht
zurück in Richtung Ausgangsstellung mit Der Therapeut darf die Hand des Patienten
Druck und Rotationswiderstand in die Pro- nicht zu fest zusammenkneifen.
nation fazilitiert.
4 Normales Timing: Ellbogen und Schulter-
kProximale Hand
gelenk bewegen sich gleichzeitig.
Die proximale Hand wird ebenfalls lumbrikal auf
der Flexorenseite direkt proximal des Handgelen-
kes, mit den Fingern ulnar und dem Daumen radial
am Unterarm positioniert.

jAlternative Grifftechnik
Die proximale Hand wird zum betonten Üben des
Schulterblattes und/oder der Schulterbewegungen
auf das Schulterblatt oder den Oberarm gelegt,
nachdem die Schulterbewegung eingesetzt hat.
7.6 · Extension – Abduktion – Innenrotation
129 7

a b

c
. Abb. 7.11 a–c Arm: Extension – Abduktion – Innenrotation

jVordehnung Dabei überschreitet der Arm des Patienten die


Der Ellbogen ist gestreckt und der Unterarm supi- Körpermittellinie über sein Gesicht hinweg zur ge-
niert. Die Handinnenseite des Patienten zeigt in genüberliegenden Seite.
diesem Beispiel aufgrund der nach radial gerichte- Eine Fortführung der Bewegung führt zu einer
ten Palmarflexion zum rechten Ohr bzw. zur Be- Rumpfverlängerung mit einer Rotation zur gegen-
handlungsbank hin. Das Schultergelenk wird in überliegenden Seite.
Richtung Flexion – Adduktion – Außenrotation Die Ausgangsstellung dieses Patterns entspricht
bewegt, während die Hand des Patienten in ihrer der Endstellung des zugehörigen antagonistischen
Position bleibt. Der Therapeut bringt das Schulter- Patterns Flexion – Adduktion – Außenrotation.
blatt unter sanfter Traktion in die anteriore Eleva-
tion. Auf diese Weise wird die Schultermuskulatur
verlängert.
130 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

jStretch jWiderstand
Der Stretch wird an Schulter und Hand gleichzeitig kDistale Hand
gegeben. Die proximale Hand führt dabei am Schul- Die distale Hand gibt dem dorsalextendierten Hand-
terblatt und an der Schulter einen schnell durchge- gelenk eine Traktion in Verbindung mit einem Ro-
führten Stretch mit Rotationskomponente aus. tationswiderstand für die Ulnarabduktion. Der Wi-
Die distale Hand unterstützt dies zusätzlich mit derstand für die Pronation und die Komponenten
einer Traktion am Handgelenk. Innenrotation und Abduktion des Schultergelenkes
resultieren aus dem Rotationswiderstand am Hand-
! Vorsicht
rücken.
Die Traktionsrichtung entspricht dem
Verlauf der Mittelhandknochen. Sie ist
kProximale Hand
deshalb nicht mit einer Bewegung in die
Die proximale Hand setzt währenddessen Traktion
Palmarflexion verbunden.
in Verbindung mit Rotationswiderstand. Am Ende
jVerbales Kommando der Bewegung können beide Hände des Therapeu-
»Finger und Hand strecken. Bringen Sie Ihren Arm ten von Traktion zu Approximation wechseln.
7 nach außen unten.«
jEndstellung
jBewegung Am Ende der Bewegung befindet sich das Schulter-
Die Bewegung wird von den Fingern und dem Dau- blatt in posteriorer Depression, das Schultergelenk
men mit Extension und vom Handgelenk mit einer ist in Extension – Abduktion – Innenrotation, wo-
nach ulnar gerichteten Dorsalextension eingeleitet. durch sich der Oberarm am Rumpf entlang bewegt.
Anschließend findet die Schultergelenkbewegung Der Ellbogen ist gestreckt, der Unterarm in Prona-
in Extension – Abduktion – Innenrotation statt, bei tion. Das Handgelenk befindet sich in einer nach
der die ulnare Handkante die Bewegung anführt. ulnar gerichteten Dorsalextension von ungefähr
Die Extensionsbewegung des Armes endet bei 45°. Die Finger sind extendiert und nach ulnar ge-
ungefähr 20° Extension. Gleichzeitig bewegt sich richtet, der Daumen ist gestreckt und abduziert.
das Schulterblatt in die posteriore Depression. Eine
Fortsetzung der Bewegung bewirkt eine Rumpfver- jBetonte Bewegungsfolge
kürzung derselben Seite. Zum betonten Üben von Hand oder Finger kann zu
Beginn der Extension des Schultergelenkes ein Hal-
jStellung des Therapeuten und Körper- tewiderstand gesetzt werden.
mechanik Bei diesem Armpattern besteht die Möglichkeit,
Der Therapeut steht in Schrittstellung in der Diago- die Bewegung in den ersten zwei Dritteln des Bewe-
nalen mit Blick nach oben zur linken Hand des Pa- gungsweges vom Patienten visuell kontrollieren zu
tienten. Im Verlauf der Bewegung verlagert der lassen.
Therapeut aufgrund der Armbewegung des Patien-
ten sein Körpergewicht vom rechten auf das linke Praxistipp
Bein. Gleichzeitig bewegt der Therapeut seinen
4 Infolge der Armbewegung des Patienten
Rumpf nach rechts, um die Armbewegung zu er-
wird das Körpergewicht des Therapeuten
möglichen. Die Pronation kann nun mit dem dista-
auf das hintere Bein verlagert.
len Griff kontrolliert werden. Zusammen mit der
4 Am Ende der Bewegung wechseln beide
Gewichtsverlagerung dreht der Therapeut sich auf
Hände des Therapeuten von Traktion zu
seinen Füßen mit der Bewegung mit, so dass sein
Approximation.
Blick am Ende der Bewegung auf die Füße des Pa-
tienten gerichtet ist.
7.6 · Extension – Abduktion – Innenrotation
131 7

. Abb. 7.12 a–h a–c Arm: Extension – Abduktion – Innenrotation mit Ellbogenextension. d Alternative Grifftechnik der pro-
ximalen Hand des Therapeuten

7.6.1 Extension – Abduktion – Innen- Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste


Komponenten (nach Kendall
rotation mit Ellbogenextension
u. McCreary 1993)
(. Abb. 7.12)
Schulter- Extension, M. latissimus dorsi, M. deltoi-
gelenk Abduktion, deus pars medius et pars
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste Innenrotation posterior, M. triceps brachii,
Komponenten (nach Kendall M. teres major, M. subscapularis
u. McCreary 1993)
Ellbogen- Streckung M. triceps brachii, M. anconeus
Schulter- Posteriore Mm. rhomboidei gelenk
blatt Depression
6 6
132 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

. Abb. 7.12 (Fortsetzung) e–g Der Therapeut steht am Kopfende der Behandlungsbank. h Patient mit rechtsseitiger Hemi-
plegie: Der Therapeut fazilitiert mit der proximalen Hand das Schulterblatt und den Rumpf

Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste


Komponenten (nach Kendall Komponenten (nach Kendall
u. McCreary 1993) u. McCreary 1993)
Unterarm Pronation M. pronator teres, M. pronator Daumen- Abduktion Mm. abductores pollicis longus
quadratus, M. brachioradialis gelenke et brevis, M. extensor pollicis
Hand- Ulnarabduktion, M. extensor carpi ulnaris
gelenk Dorsalextension
Finger- Extension, M. extensor digitorum longus,
gelenke Ulnardeviation Mm. lumbricales,
Mm. interossei
6
7.6 · Extension – Abduktion – Innenrotation
133 7
jTaktiler Stimulus jBewegung
kDistale Hand Die Finger strecken sich und leiten mit der nach
Die distale Hand wird wie beim gestreckten Arm- ulnar gerichteten Dorsalextension des Handgelen-
pattern platziert (7 Abschn. 7.6). kes die Bewegung ein. Danach bewegt sich das
Schultergelenk gleichzeitig während der Extension
kProximale Hand des Ellbogens in Richtung Extension – Abduktion
Die proximale Hand wird in Supinationsstellung – Innenrotation. Der Ellbogen erreicht seine voll-
direkt proximal des Ellbogengelenkes auf der Seite ständige Extension in dem Moment, in dem auch
des M. triceps brachii angelegt. Der Therapeut kann das Schulterblatt und das Schultergelenk in ihrer
dadurch der Bewegung in die Innenrotation Wider- Endposition anlangen.
stand entgegensetzen.
jStellung des Therapeuten und Körper-
jAlternative Grifftechnik mechanik
Die proximale Hand kann zum Schulterblatt wech- Die Ausgangsstellung und auch der Bewegungsab-
seln und so die posteriore Depression betonen. lauf des Therapeuten entsprechen denen beim ge-
Der Therapeut kann am gegenüberliegenden streckten Armpattern.
Kopfende der Behandlungsbank stehen. Sein distaler
Griff bleibt dabei unverändert. Mit der proximalen jWiderstand
Hand greift er von lateral auf die dorsale Fläche des kDistale Hand
Humerus. Dabei ist sein Blick in Richtung der Diago- Die distale Hand gibt am Handgelenk und Unter-
nalen gerichtet. Während des Bewegungsablaufes arm des Patienten denselben Widerstand wie beim
setzt der Therapeut sein Körpergewicht ein, um gestreckten Pattern und zudem Widerstand für die
Widerstand zu geben. Komponenten Ellbogenextension und Pronation.

jVordehnung kProximale Hand


Die Positionen der am Pattern beteiligten Gelenke Die proximale Hand setzt außer dem Rotations-
entsprechen bis auf die des Ellbogens denen des ge- widerstand noch Traktion.
streckten Armpatterns. Der Ellbogen des Patienten Am Ende des Patterns, wenn Ellbogen- und
wird so weit wie möglich flektiert. Schultergelenk nahezu gestreckt sind, kann der The-
rapeut von Traktion zu Approximation wechseln.
jStretch
Der Stretch wird gleichzeitig an Schulter, Ellbogen jEndstellung
und Hand gegeben. Die proximale Hand übt am Die Endstellung entspricht der Endstellung beim
Schulterblatt und an der Schulter einen schnellen gestreckten Armpattern.
Stretch mit Rotation aus.
Die distale Hand hält die Traktion am Handge- jBetonte Bewegungsfolge
lenk, während die Supination des Ellbogengelenkes Zur betonten Fazilitation der Schulter kann zu Be-
zunimmt. Wenn möglich, sollte versucht werden, ginn des Patterns für die Ellbogenextension ein Hal-
den Ellbogen noch weiter zu flektieren. tewiderstand eingebaut werden. Zur Fazilitation der
Ellbogenextension mit Pronation und der Dorsal-
> Die Traktionsrichtung am Handgelenk ent-
extension des Handgelenkes mit Ulnarabduktion
spricht der Verlängerung der Mittelhand-
wird entweder direkt am Anfang der Schulterexten-
knochen, so dass es dabei nicht zu einer
sion oder in der Mittelstellung der Schulterexten-
Zunahme der Palmarflexion kommen darf.
sion ein Haltewiderstand gesetzt.

jVerbales Kommando
»Finger und Hand strecken. Strecken Sie den Ellbo-
gen, und bringen Sie Ihren Arm nach außen unten.«
134 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

7
. Abb. 7.13 Arm: Extension – Abduktion – Innenrotation mit Ellbogenflexion

Praxistipp Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste


Komponenten (nach Kendall
4 Das Schultergelenk und der Ellbogen u. McCreary 1993)

extendieren beide gleichmäßig. Unterarm Pronation M. pronator teres, M. pronator


4 Der Rotationswiderstand, den die distale quadratus, M. brachioradialis

Hand des Therapeuten setzt, fazilitiert die Hand- Dorsalextension, M. extensor carpi ulnaris
Ellbogenextension und die Dorsalexten- gelenk Ulnarabduktion

sion des Handgelenks. Finger- Extension, M. extensor digitorum longus,


gelenke Ulnardeviation Mm. lumbricales,
Mm. interossei
Daumen- Abduktion Mm. abductores pollicis
7.6.2 Extension – Abduktion – Innen- gelenke longus et brevis,
rotation mit Ellbogenflexion M. extensor pollicis
(. Abb. 7.13)
jTaktiler Stimulus
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste kDistale Hand
Komponenten (nach Kendall Die distale Hand wird wie beim gestreckten Arm-
u. McCreary 1993) pattern (7 Abschn. 7.6) platziert.
Schulter- Posteriore Mm. rhomboidei
blatt Depression kProximale Hand
Schulter- Extension, M. latissimus dorsi, Zu Beginn der Bewegung wird die proximale Hand
gelenk Abduktion, M. deltoideus pars medius et zunächst am Unterarm in Höhe des Handgelenkes
Innenrotation pars posterior,
platziert. Im weiteren Verlauf der Bewegung
M. triceps brachii, M. teres
major, M. subscapularis
wechselt die proximale Hand unmittelbar nach dem
Beginn der Schulter- und Ellbogenbewegung an die
Ellbogen- Flexion M. biceps brachii,
gelenk M. brachialis
mediale Seite des Oberarmes, direkt proximal des
Ellbogengelenkes. Die proximale Hand des Thera-
peuten gibt Widerstand für die Rotationskompo-
6 nente und die Extension des Schultergelenkes.
7.6 · Extension – Abduktion – Innenrotation
135 7

. Abb. 7.14 Arm: Extension – Abduktion – Innenrotation mit Ellbogenflexion: Der Therapeut steht am Kopfende des Tisches

jAlternative Grifftechnik Schulterblatt als auch das Schultergelenk ihr Bewe-


Zur betonten Fazilitation der Schulterblattbe- gungsende erreicht haben.
wegungen wechselt die proximale Hand des Thera-
peuten zum Schulterblatt. jStellung des Therapeuten und Körper-
mechanik
jVordehnung Die Ausgangsstellung und auch die Körperbewe-
Die Ausgangsstellung entspricht der beim gestreck- gungen des Therapeuten entsprechen den in 7 Ab-
ten Armpattern. schn. 7.6 gegebenen Anweisungen.

jStretch jAlternative Stellung des Therapeuten und


Die Ausführung entspricht der beim gestreckten Körpermechanik
Pattern. Der Therapeut kann auch – in Richtung der Diago-
nalen schauend – auf der gegenüberliegenden Seite
jVerbales Kommando stehen. Beim Setzen des Widerstandes sollte der The-
»Finger und Hand strecken. Beugen Sie den Ellbo- rapeut sein Körpergewicht einsetzen (. Abb. 7.14).
gen.«
Steht der Therapeut an der gegenüberliegenden jWiderstand
Seite lautet das Kommando: »Ziehen Sie nach unten.« kDistale Hand
Die distale Hand setzt zu der Traktion und dem
jBewegung Rotationswiderstand, der dem beim gestreckten
Die Finger extendieren und das Handgelenk bewegt Armpattern entspricht, einen der Ellbogenflexion
sich in die nach ulnar gerichtete Dorsalextension. entgegengesetzten Widerstand.
Das Schultergelenk bewegt sich in Extension – Ab-
duktion – Innenrotation, anschließend beginnt der kProximale Hand
Ellbogen mit der Flexion. Die proximale Hand führt zu Beginn der Bewegung
Der weitere Bewegungsverlauf von Schulter und am Unterarm denselben mit Traktion kombinierten
Ellbogen findet gleichmäßig statt. Die Flexionsbe- Rotationswiderstand aus, wie in 7 Abschn. 7.6 be-
wegung des Ellbogens endet erst, wenn sowohl das schrieben. Platziert der Therapeut die proximale
136 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

Hand hingegen am Oberarm, dann setzt diese so- Die Dorsalextension des Handgelenkes findet
wohl der Rotationskomponente als auch der Exten- stets in Kombination mit der Abduktion des Schul-
sion des Schultergelenkes Widerstand entgegen. tergelenkes und die Palmarflexion der Hand mit der
Am Ende der Bewegung kann Traktion in eine Ap- Adduktion des Schultergelenkes statt.
proximation übergehen.
Definition
jEndstellung Thrust-Kombinationen sind Stoßbewegungen,
Das Schulterblatt befindet sich am Ende der Bewe- Withdrawalpatterns sind die Rückwärtsbe-
gung in posteriorer Depression und die Schulter in wegungen der Thrustpatterns.
Extension – Abduktion – Innenrotation. Der Ellbo- Dabei werden Ulnarstoß- und Radialstoß-
gen ist vollständig flektiert und der Unterarm pro- bewegung mit der jeweiligen Rückwärts-
niert. Das Handgelenk befindet sich mit geöffneter bewegung unterschieden.
Hand und gestreckten Fingern in einer nach ulnar
gerichteten Dorsalextension.
Im »Motor Learning« geht man davon aus, dass in
7 jBetonte Bewegungsfolge der Regel die Ellbogenextension mit der Dorsalex-
Zur betonten Fazilitation der posterioren Depres- tension im Handgelenk einhergeht. Die kräftige
sion des Schulterblattes und der Extension des Dorsalextension im Handgelenk wiederum geht mit
Schultergelenkes wird sowohl der Dorsalextension einer Radialabduktion einher (Kots u. Syrovegin
des Handgelenkes als auch der Ellbogenflexion ein 1966).
Haltewiderstand entgegengesetzt. Dieses Armpat- Bei den Bewegungen der Thrust- und Withdra-
tern eignet sich besonders zum betonten Üben der wal-Kombinationen ist die Rotationsbewegung des
Handgelenks- und Fingerbewegungen, wenn die Schultergelenkes der des Unterarmes entgegenge-
Ellbogenflexion stärker ist als die Extension. setzt.
Diese Bewegungskombinationen nutzt man zur
Praxistipp Fazilitation selektiver Unterarm- und Handbewe-
gungen, oder auch, wenn der Patient dabei mehr
Schulter und Ellbogen beenden ihre Bewe-
Kraft entwickeln kann als bei den normalen Arm-
gung gleichzeitig.
mustern.
Wenn der Ellbogen gestreckt ist, entspricht
diese Gelenkstellung der beim gestreckten
Beispiel
Pattern.
Stoß- und Rückwärtsbewegungen sind spezielle Arm-
Gegen Ende der Bewegung kann von Traktion
bewegungen, die im Alltag häufiger vorkommen:
zu Approximation gewechselt werden.
Wenn die Ellbogenbeugung mit Supination kräftiger
ist als die Ellbogenflexion oder -extension mit Prona-
tion, können die Ulnar-Withdrawal-Kombinationen
benutzt werden, um die Schulterextension und pos-
7.7 Thrust- und Withdrawal- teriore Depression des Schulterblattes zu kräftigen.
Kombinationen Flexion – Adduktion der Schulter mit Ellbogenexten-
sion ist eine gute Kombination, um das Rollen von
Bei den PNF-Patterns des Armes gibt es eine Reihe der Rückenlage in die Bauchlage zu fazilitieren. Der
von Bewegungskombinationen, die stets in dieser Patient kann den Ulnarstoß ausnutzen, wenn die Ell-
einen Form eingesetzt werden: bogenextension mit Pronation kräftiger ist als die Su-
Das Schultergelenk und der Unterarm rotieren pination des Unterarmes.
immer in dieselbe Bewegungsrichtung. Das bedeu-
tet, dass die Außenrotation des Schultergelenkes mit jAusgangsstellung des Therapeuten
der Supination des Unterarmes und die Innenrota- Der Therapeut steht bei den Thrust- und With-
tion dementsprechend mit der Pronation erfolgt. drawal-Kombinationen am Kopfende der Be-
7.7 · Thrust- und Withdrawal-Kombinationen
137 7

. Abb. 7.15 Ulnarthrust

. Abb. 7.16 Withdrawal (Umkehr) des Ulnarthrusts

handlungsbank. Sein Blick ist in Richtung der jNormales Timing


Diagonalen gerichtet (. Abb. 7.15, . Abb. 7.16 und Die Reihenfolge der einzelnen Bewegungen ist
. Abb. 7.17). dieselbe wie bei den normalen Patterns. Die Finger
und das Handgelenk leiten die Bewegung ein. An-
jTaktiler Stimulus schließend folgen die Bewegungen des Unterarmes,
Die distale und proximale Hand des Therapeuten des Ellbogens, der Schulter und des Schulterblattes
werden wie bei den anderen Armpatterns einge- während ihres Bewegungsweges.
setzt.
138 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

. Abb. 7.17 Radialthrust

jBetonte Bewegungsfolge jUlnarthrust und dessen Umkehrbewegung


Die Thrust- und Withdrawal-Kombinationen bilden kUlnarthrust (. Abb. 7.15)
eine Einheit (es gibt hierbei keine Variationsmög- Sowohl das Handgelenk als auch die Finger führen
lichkeiten hinsichtlich der einzelnen Bewegungs- eine nach ulnar gerichtete Dorsalextension aus. Im
komponenten des Ellbogens). Die Ausführung der Verlauf dieser Bewegung findet die Pronation des
Kombinationen erfolgt entweder uni- oder bilateral. Unterarmes und die Extension des Ellbogens statt,
Zur Fazilitation des schwächeren Armes kann während sich die Schulter in Richtung Flexion –
der Therapeut der Bewegung des stärkeren Armes Adduktion – Außenrotation und das Schulterblatt
einen Haltewiderstand entgegensetzen. Zum Trai- sich in die anteriore Elevation bewegt.
nieren dieser Kombinationen eignen sich besonders
die Techniken Kombination isotonischer Bewegun-
gen und Dynamische Umkehr.
7.8 · Bilaterale Armpatterns
139 7

a b

. Abb. 7.18 Withdrawal (Umkehr) des Radialthrusts

kUmkehrbewegung des Ulnarthrustar 7.8 Bilaterale Armpatterns


(. Abb. 7.16)
Die Finger und das Handgelenk flektieren in die Durch den Einsatz bilateraler Armpatterns wird die
nach radial gerichtete Palmarflexion. Im Laufe der Fazilitation der schwächeren Muskulatur ermög-
Bewegung flektiert der Ellbogen, und der Unterarm licht. Die Kontraktionen des stärkeren Armes
supiniert. Das Schultergelenk führt währenddessen führen zu einer Irradiation. Bei diesen Übungen
das Pattern Extension – Abduktion – Innenrotation können verschiedene Kombinationen der Armpat-
mit posteriorer Depression des Schulterblattes terns in unterschiedlichen Ausgangsstellungen an-
aus. gewandt werden.
Um ein optimales Resultat zu erlangen, sollte
jRadialthrust und dessen Umkehrbewegung sowohl für die Kräftigung als auch für die Bewe-
kRadialthrust (. Abb. 7.17) gungskontrolle stets die richtige Ausgangsstellung
Sowohl das Handgelenk als auch die Finger führen und die richtige Kombination der Patterns einge-
eine nach radial gerichtete Dorsalextension aus. Die setzt werden. Die Rumpfmuskulatur beispielsweise
Schulter bewegt sich im Pattern Extension – Adduk- wird beim Einsatz der bilateralen Armpatterns
tion – Innenrotation, während die Extension des stärker aktiviert als bei einem unilateral ausgeführ-
Ellbogens gleichzeitig mit einer Supination des ten Armpattern.1 Durch die Auswahl unterschied-
Unterarmes erfolgt. Das Schulterblatt bewegt sich licher Ausgangsstellungen, die nur eine geringe
dabei in die anteriore Depression. Unterstützungsfläche bieten, z. B. Sitzen, Stehen,
Kniestand usw., kann die Aktivität der Rumpfmus-
kUmkehrbewegung des Radialthrust kulatur des Patienten gesteigert werden. Die bilate-
(. Abb. 7.18) ralen Kombinationen sind ein sehr effektives Mit-
Die Finger und das Handgelenk führen eine nach tel, wenn der schwächere Arm mit Hilfe des stärke-
ulnar gerichtete Palmarflexion aus. Der Bewe- ren Armes gekräftigt werden soll.
gungsverlauf des Schultergelenkes richtet sich wäh-
rend der Flexion des Ellbogens und der Pronation
1 Die Rumpfmuskulatur wird bei Durchführung der bilate-
des Unterarmes nach dem Armpattern Flexion –
ralen Armpatterns nur im Sinne der Stabilisation aktiviert.
Abduktion – Außenrotation. Das Schulterblatt be- Die in 7 Kap. 4 beschriebene Bewegungsplanung sorgt
wegt sich in die posteriore Elevation (. Abb. 7.18). dafür, dass die Rumpfstabilisation vor der eigentlich aus-
geführten Armbewegung aktiviert wird.
140 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

7
. Abb. 7.19 a, b Bilateral symmetrisches Pattern der Flexion – Abduktion – Außenrotation

. Abb. 7.20 a, b Bilateral asymmetrisches Pattern der Flexion – Abduktion am rechten Arm und Flexion – Adduktion am lin-
ken Arm

Zur Verdeutlichung der Grifftechniken bei 4 Bilateral asymmetrisch


der Ausführung der bilateralen Armpatterns 5 Flexion – Abduktion – Außenrotation des
werden die in . Abb. 7.19, . Abb. 7.20, . Abb. 7.21 rechten Armes
und . Abb. 7.22 gezeigten Armpatterns mit einem 5 Flexion – Adduktion – Außenrotation des
in der Rückenlage liegenden Patienten durch- linken Armes (. Abb. 7.20)
geführt: 4 Bilateral symmetrisch reziprok
4 Bilateral symmetrisch 5 Flexion – Abduktion – Außenrotation des
5 Flexion – Abduktion – Außenrotation rechten Armes
(. Abb. 7.19) 5 Extension – Adduktion – Innenrotation des
linken Armes (. Abb. 7.21)
7.9 · Variationen der Ausgangsstellung des Patienten
141 7

. Abb. 7.21 a, b Bilaterale symmetrisch-reziproke Patterns mit Flexion – Abduktion – Außenrotation des rechten Armes und
Extension – Adduktion – Innenrotation des linken Armes

4 Bilateral asymmetrisch reziprok 7.9.1 Armpatterns in Seitlage


5 Extension – Adduktion – Innenrotation des
rechten Armes Die Seitlage ermöglicht dem Patienten neben dem Be-
5 Flexion – Adduktion – Außenrotation des wegungsspielraum des Schulterblattes auch dessen
linken Armes (. Abb. 7.22) Stabilisation, ohne durch die Unterlage behindert zu
werden. Der Rumpf des Patienten kann entweder pas-
siv durch ein zusätzliches Kissen unterstützt oder aktiv
7.9 Variationen der Ausgangs- vom Patienten selbst stabilisiert werden (. Abb. 7.23).
stellung des Patienten

Der Einsatz der Armpatterns in unterschiedlichen 7.9.2 Armpatterns im Unterarmstütz


Ausgangsstellungen hat für die Behandlung einen
positiven Effekt. Der Einfluss der Schwerkraft kann Die Ausführung der Armpatterns in Richtung Fle-
z. B. durch die Veränderung der Ausgangsstellun- xion des Schultergelenkes im Unterarmstütz ist
gen gesteigert oder verringert werden. Die Fazilita- aufgrund der Schwerkraft für den Patienten
tion von funktionellen Bewegungen wird z. B. durch schwieriger. Dabei wird das Schulterblatt nicht be-
den Einsatz von funktionellen Ausgangsstellungen hindert, d. h., es ist frei beweglich und kann sich
effektiver. Zudem wird die visuelle Kontrolle der selbständig stabilisieren. Zudem besteht die Mög-
Bewegungsabläufe erleichtert. lichkeit, die Flexionsbewegung des Schultergelen-
Der Therapeut sollte jedoch, an die jeweilige kes gegen die Schwerkraft in der Endstellung zu
Problemstellung und die Möglichkeit des Patienten erarbeiten. Dabei muss der Patient sein Gleichge-
angepasst, die geeignetste Ausgangsstellung aus- wicht auf dem stützenden Arm halten (Stabilisati-
wählen, da nicht jede Ausgangsstellung für jeden on), während er seine Halswirbelsäule gegen die
Patienten geeignet ist. Schwerkraft extendiert.
Die Extensionsmuster sind im Unterarmstütz
nicht vollständig ausführbar (. Abb. 7.24).
142 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

. Abb. 7.22 a–c Bilaterale asymmetrisch-reziproke Patterns


mit Extension – Adduktion des rechten Armes und Flexion –
Adduktion des linken Armes

a b

. Abb. 7.23 a, b Armpattern in Seitlage: Extension – Abduktion – Innenrotation. a Ausgangsstellung mit Vordehnung,
b Endstellung
7.10 · Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen
143 7

. Abb. 7.24 Armpattern im Unterarmstütz: Flexion – Ab- . Abb. 7.25 Armpattern im Sitzen: Flexion – Abduktion –
duktion – Außenrotation in der Endstellung Außenrotation mit visueller Kontrolle während der Ausfüh-
rung

7.9.3 Armpatterns im Sitzen 7.9.5 Armpatterns im Kniestand


und Einbeinkniestand
In dieser Ausgangsstellung besteht zum einen die
Möglichkeit, den vollen Bewegungsweg der Arm- Diese Ausgangsstellungen erfordern vom Patienten
patterns auszuführen, und zum anderen eignet sich eine gute Stabilität im Rumpf, in den Hüftgelenken,
die Sitzposition besonders gut zum Trainieren Knien und Füßen (. Abb. 7.27). Aufgrund der ge-
funktioneller Bewegungen, wie z. B. Essen, Greifen, ringen Unterstützungsflächen sind diese Positionen
Kleiden usw. Darüber hinaus kann durch den Ein- sehr instabil. Es kommt dadurch leicht zu uner-
satz der bilateralen Armpatterns die Sitzbalance wünschten Ausweichbewegungen und Haltungen
und die Rumpfstabilität geübt werden (. Abb. 7.25). der Wirbelsäule. Der Therapeut sollte darauf beson-
ders achten und entsprechend korrigieren.

7.9.4 Armpatterns im Vierfüßlerstand


7.10 Überprüfen Sie Ihr Wissen:
Diese Ausgangsstellung erfordert vom Patienten Fragen
eine gute Rumpfstabilität und das Vermögen, sein
Gleichgewicht sowie die Stabilität auf einem Arm 4 Bei einem Armmuster hat der Therapeut mit
halten zu können, während der andere Arm Bewe- Hilfe des Prinzips »Timing« die Möglichkeit,
gungen durchführt. Ebenso wie in der Bauchlage einzelne Bestandteile der Armfunktion zu be-
und im Unterarmstütz müssen die Bewegungen des üben. Erklären Sie diese Aussage.
Schultergelenkes gegen die Schwerkraft ausgeführt 4 Wie kann der Therapeut den skapulohumera-
werden (. Abb. 7.26). len Rhythmus mittels PNF-Muster verbessern?

> Während des Übens im Vierfüßlerstand


sollte der Therapeut auf eine gute Haltung
der Wirbelsäule des Patienten achten.
144 Kapitel 7 · Obere Extremitäten

. Abb. 7.26 Armpattern im Vierfüßlerstand: Extension – . Abb. 7.27 Armpattern im Kniestand: Irradiation durch
Abduktion – Innenrotation das Armpattern Flexion – Abduktion – Außenrotation für die
Extension des Rumpfes und der Hüftgelenke

Literatur

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Shimura K, Kasai T (2002) Effects of proprioceptive neuro-
muscular facilitation on the initiation of voluntary move-
ment and motor evoked potentials in upper limb muscles.
Hum Movement Sci (1): 101–113
145 8

Untere Extremitäten
M. Buck

8.1 Einführung – 146

8.2 Behandlungsverfahren – 146

8.3 Flexion – Abduktion – Innenrotation – 149


8.3.1 Flexion – Abduktion – Innenrotation mit Knieflexion – 151
8.3.2 Flexion – Abduktion – Innenrotation mit Knieextension – 153

8.4 Extension – Adduktion – Außenrotation – 155


8.4.1 Extension – Adduktion – Außenrotation mit Knieextension – 158
8.4.2 Extension – Adduktion – Außenrotation mit Knieflexion – 161

8.5 Flexion – Adduktion – Außenrotation – 162


8.5.1 Flexion – Adduktion – Außenrotation mit Knieflexion – 164
8.5.2 Flexion – Adduktion – Außenrotation mit Knieextension – 166

8.6 Extension – Abduktion – Innenrotation – 168


8.6.1 Extension – Abduktion – Innenrotation mit Knieextension – 171
8.6.2 Extension – Abduktion – Innenrotation mit Knieflexion – 172

8.7 Bilaterale Beinpatterns – 174

8.8 Variationen der Ausgangsstellung des Patienten – 175


8.8.1 Beinpatterns im Sitzen – 178
8.8.2 Beinpatterns in der Bauchlage – 178
8.8.3 Beinpatterns in der Seitlage – 181
8.8.4 Beinpatterns im Vierfüßlerstand – 183
8.8.5 Beinpatterns im Stand – 184

8.9 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen – 184

Literatur – 185

M. Buck et al., PNF in der Praxis,


DOI 10.1007/978-3-642-37814-0_8, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
146 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

8.1 Einführung Die Bewegung des Beines verläuft geradlinig in der


Körperdiagonalen. Die dazugehörige Rotation wird
über den gesamten Bewegungsverlauf gleichmäßig
Behandlungsziele
durchgeführt. Der normale Bewegungsablauf
Der Einsatz der Beinpatterns ist vielfältig:
(»normal timing«) des Beinpatterns beginnt mit der
4 Behandlung auf der Ebene der Körperfunk-
Bewegung der Zehen und des Fußes. Diese Bewe-
tion: bei Funktionsverlust der Beine oder
gung wird vollständig ausgeführt, bevor der Thera-
der Beckenaktivität, z. B. bei Muskelschwä-
peut beginnt, mit den anderen beteiligten Gelenken
che, Koordinationsstörungen und/oder
Bewegungen durchzuführen.
eingeschränkter Gelenkbeweglichkeit,
Die Beinpatterns werden in . Abb. 8.1 an der
4 Behandlung auf Aktivitätsebene: bei funk-
linken Körperseite des auf dem Rücken liegenden
tionellen Problemen, z. B. beim Gehen,
Patienten gezeigt. Um sie auf die Behandlung des
Treppensteigen, Umdrehen im Bett usw.,
rechten Beines anzuwenden, müssen nur jeweils die
4 Fazilitation bzw. Behandlung des Rumpfes:
Begriffe »links« und »rechts« ausgetauscht werden.
Irradiationseffekte können bei Patienten
In Rückenlage wird allerdings nur auf der struktu-
mit kräftiger Beinmuskulatur hervorge-
rellen Ebene behandelt; daher sollte sich die Be-
rufen werden, indem der Therapeut die
handlung eines Patienten nicht auf diese Ausgangs-
Bewegungspatterns der Beine gegen
stellung beschränken. Es ist weitaus funktioneller,
8 Widerstand ausführt. So können schwä-
die Muster in mehreren Ausgangsstellungen zu
chere Muskeln im gesamten Körper fazili-
üben, z. B. im Stand und bei funktionellen Aktivitä-
tiert werden.
ten wie Drehen, Aufstehen und Gehen. Variationen
für die Ausgangsstellung des Patienten werden
Bei der Durchführung der Beinpatterns können alle ebenfalls beschrieben.
in 7 Kap. 3 vorgestellten PNF-Techniken eingesetzt
werden. Die Wahl der jeweiligen Technik oder ihrer jAusgangsstellung des Patienten
Kombination hängt vom Zustand des Patienten und Der Patient liegt mit der zu behandelnden Seite am
den Behandlungszielen ab. So lassen sich z. B. Dy- Rand der Behandlungsbank.
namische Umkehr und Kombinationen isotoni- Die Wirbelsäule befindet sich in einer neutra-
scher Bewegungen, Wiederholter Stretch und Dy- len Stellung ohne Rotations- und/oder Lateralflexi-
namische Umkehr oder Entspannen – Anspannen onskomponenten. Bevor der Therapeut mit dem
oder Halten – Entspannen und Dynamische Um- Einüben der Beinpatterns beginnt, bewegt er das
kehr miteinander kombinieren. Bein des Patienten in die Mittelposition. Die Mit-
telposition ergibt sich aus dem Schnittpunkt der
zwei Bewegungsdiagonalen der Beine. In dieser
8.2 Behandlungsverfahren Stellung ist die Rotation in der Hüfte neutral. An-
schließend bewegt der Therapeut das Bein aus der
jDiagonale Bewegungen Mittelposition in die Vordehnung des gewünschten
Für die untere Extremität gibt es zwei Bewegungs- Patterns, indem er mit einer erwünschten Rotation
diagonalen: beginnt.
4 Flexion – Abduktion – Innenrotation und
Extension – Adduktion – Außenrotation, jAusgangsstellung des Therapeuten
4 Flexion – Adduktion – Außenrotation und Der Therapeut steht an der linken Seite der Behand-
Extension – Abduktion – Innenrotation. lungsbank neben dem linken Becken des Patienten.
Becken, Arme und Hände des Therapeuten befin-
Die Hüftbewegungen sind mit den Bewegungen des den sich im Verlauf der jeweiligen Diagonalen.
Fußes in synergistischen Patterns verbunden. Das Alle in diesem Kapitel beschriebenen Grifftech-
Kniegelenk kann sich dagegen sowohl in Flexion als niken basieren auf der hier beschriebenen Aus-
auch in Extension bewegen oder gestreckt bleiben. gangsstellung des Therapeuten. Zunächst werden
8.2 · Behandlungsverfahren
147 8

. Abb. 8.1 Diagonalen der unteren Extremität (nach Jung): Bei allen vier Bewegungsmustern kann das Knie gebeugt,
gestreckt oder in einer gestreckten Position gehalten werden

nur die Ausgangsstellung und die Körpermechanik oder plantar. Durch den lumbrikalen Griff werden
der gestreckt durchgeführten Beinpatterns be- die Finger und der Daumen an den Seiten des Fußes
schrieben. Variationen der Patterns oder Verände- platziert. Damit kann der Therapeut die Rotations-
rungen bezüglich der Ausgangsstellung oder der widerstände optimal setzen.
Körpermechanik werden – wenn nötig – zusätzlich
beschrieben. > Schmerzen sind für effektive Bewegungs-
abläufe hinderlich. Deshalb sollte der Thera-
jTaktiler Stimulus peut auf die richtige Anwendung des lum-
Die Griffe des Therapeuten folgen den in 7 Abschn. brikalen Griffes achten und unnötiges Drü-
2.3 angegebenen Prinzipien. Die Hände werden da- cken und/oder Kneifen am Fuß vermeiden.
bei entgegen der Bewegungsrichtung platziert. Als
erstes wird die grundsätzliche Grifftechnik für jedes jWiderstand
gestreckte Beinpattern, bezogen auf die bereits be- Die Richtung des Widerstandes verläuft in einer bo-
schriebene Ausgangsstellung des Therapeuten, für genförmigen Linie und zur Ausgangsstellung hin.
beide Hände beschrieben. Die Griffe ändern sich Die Richtung des Widerstandes verändert sich im
bei einer Veränderung der Ausgangsstellung des Pa- Verlauf des Bewegungspatterns. Dies ergibt sich
tienten oder des Therapeuten. Es kommt auch zu durch die Bewegung der Extremität selbst und die
einer Veränderung der Handfassung, wenn der damit verbundene Veränderung der Winkelstellung
Therapeut eine Hand zur Kontrolle eines anderen der Arme und Hände des Therapeuten.
Körperteils einsetzt. Die Beinpatterns sind mit den Beckenpatterns
Die Grifftechnik am Fuß richtet sich nach der verbunden, z. B. Flexion – Adduktion – Außenrota-
Bewegungsrichtung des Fußes, entweder dorsal tion mit anteriorer Elevation im Becken. Ein zu star-
148 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

ker Widerstand am Bein kann dazu führen, dass das jStretch


Becken nicht in anteriore Elevation, sondern in eine kStretchstimulus
Kippung nach dorsal bewegt. Diese fehlerhafte Be- Die Autoren setzen den Stimulus durch einen Strech
ckenbewegung kann bei allen Beinpatterns auftre- mit oder ohne Stretchreflex ein, mit dem Ziel, eine
ten. Daher ist sowohl die Stärke des Widerstandes Bewegung zu erleichtern oder zu verstärken bzw.
als auch das Timing zwischen Becken- und Beinbe- auch, um die Bewegung zu beginnen. Wenn ein
wegung zu beachten. bestimmtes Bewegungspattern einem Stretch aus-
gesetzt werden soll, ist es wichtig, dass die Verlänge-
jTraktion und Approximation rung mit dem distalen Körperteil des Patienten be-
Traktion und Approximation sind wichtige Elemen- gonnen wird. Anschließend wird der Fuß in dieser
te beim Setzen von Widerstand. Vorspannung gehalten, während die restlichen Syn-
Traktion kann sowohl bei Flexion als auch bei ergisten verlängert werden.
Extension zu Beginn der Bewegung eingesetzt Wie auch die anderen Grundprinzipien und
werden. Traktion wird außerdem zur Stabilisation Verfahren wird der Stretch nur eingesetzt, um ein
der Extremität in Flexion genutzt. definiertes therapeutisches Ziel zu erreichen. Es
Wie schon bei den Grundprinzipien (7 Ab- ist nicht unbedingt notwendig, immer einen Stretch
schn. 2.7) erläutert, wird Approximation genutzt, zu geben; in bestimmten Fällen ist es sogar un-
um die Extremität zu stabilisieren, aber auch um erwünscht.
8 den muskulären Respons zu verstärken.
kWiederholter Stretch
jNormales Timing für PNF-Patterns und Beton- Die Bewegung wird in die gewünschte Richtung
te Bewegungsfolge (»Timing for Emphasis«) eingeleitet. Während der Bewegung wird vom Pati-
kNormales Timing enten eine stärkere Aktivität gefordert. Wenn er
Zuerst führen die distalen Komponenten, der Fuß Schwierigkeiten hat, eine Bewegung zu initiieren
und das Fußgelenk, ihre maximal erreichbaren Be- und die Bewegungsrichtung zu finden, wird zu
wegungen aus (dadurch wird auch proximale Stabi- Beginn der Bewegung der Stretch wiederholt. Um
lität gewährleistet). Nachdem die distale Bewegung einen Strechresponse auszulösen, muss der Thera-
vollständig durchgeführt ist, finden die Hüftbewe- peut sowohl das distale als auch das proximale
gungen oder die Hüft- und die Kniebewegungen Körperteil verlängern. Auf die Gelenkstrukturen
gleichmäßig bis zum Bewegungsende statt. Die darf nicht zu viel Spannung ausgeübt und die Mus-
Rotationsbewegung des Fußes (Eversion oder In- keln dürfen nicht überdehnt werden. Dies ist vor
version) wird von der Rotation der Hüfte und der allem wichtig, wenn die Hüfte gestreckt und das
Knie begleitet. Knie gebeugt wird.

kBetonte Bewegungsfolge kIrradiation und Verstärkung


In diesen Abschnitten sind Vorschläge bzw. Hin- Stärkere Beinpatterns (uni- oder bilateral) können
weise zum gezielten bzw. betonten Üben bestimm- zur Irradiation anderer Körperteile genutzt wer-
ter Bewegungskomponenten innerhalb des Patterns den. Das Ausmaß an Irradiation wird durch die
zu finden. Ausgangsstellung des Patienten und die Stärke des
In der Behandlung kann je nach Zielsetzung jede eingesetzten Widerstandes bestimmt und kontrol-
Technik angewandt werden. Die Autoren haben liert.
festgestellt, dass die Techniken Wiederholter Stretch Irradiation wird im Allgemeinen angewandt,
(Wiederholte Kontraktionen) und Kombination iso- um:
tonischer Bewegungen positive Resultate zeigen. 4 andere Körperteile zu stärken und zu mobili-
Bei der Anwendung der PNF-Techniken sollte sieren,
sich der Therapeut nicht auf die hier vorgestellten 4 ganze Muskelketten zu entspannen oder
Übungen beschränken, sondern auch andere 4 eine funktionelle Aktivität, z. B. das Rollen, zu
Übungsvariationen ausprobieren. fazilitieren.
8.3 · Flexion – Abduktion – Innenrotation
149 8

a b

. Abb. 8.2 a, b Bein: Flexion – Abduktion – Innenrotation

8.3 Flexion – Abduktion – ! Vorsicht


Innenrotation (. Abb. 8.2) Der Therapeut sollte darauf achten, dass
er weder mit den Fingern noch mit dem
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste Daumen die Seite der Fußsohle berührt.
Komponenten (nach Kendall Der Fuß darf nicht zusammengedrückt
u. McCreary 1993) oder gekniffen werden.
Hüft- Flexion, M. tensor fascia lata,
gelenk Abduktion, M. rectus femoris, M. gluteus kProximale Hand
Innenrotation medius (anterior),
Der Therapeut legt die proximale Hand proximal
M. gluteus minimus
vom Knie auf die anterior-laterale Seite des
Knie- Extension M. quadriceps
gelenk (Stellung un-
Oberschenkels. Seine Finger liegen auf der anterio-
verändert) ren und der Daumen auf der lateralen Seite des
Fußgelenk, Dorsalflexion M. peroneus tertius Beines.
Fuß
Zehen Eversion, M. extensor hallucis, jVordehnung
Extension, M. extensor digitorum Der Therapeut führt am ganzen Bein eine anhalten-
Deviation nach de Traktion aus, während er den Fuß in die Plantar-
links flexion und Inversion und die Hüfte in die Außen-
rotation bewegt. Unter Beibehaltung der eben ge-
jTaktiler Stimulus nannten Bewegungskomponenten wird die Hüfte
kDistale Hand weiter in Extension (Tischberührung) und Adduk-
Der Therapeut legt seine distale – hier die linke – tion gebracht.
Hand auf den Fußrücken des Patienten. Seine Fin- Das Bein wird parallel zur Behandlungsbank
ger befinden sich auf der lateralen und sein Daumen verlängert, es darf aber nicht gegen die Behand-
auf der medialen Seite. Um die Zehenbewegung lungsbank gedrückt werden. Der Oberschenkel
nicht zu verhindern, wird die Hand proximal der überquert dabei die Körpermittellinie, und da-
Metatarsophalangealgelenke platziert. durch kommt es zu einer Verlängerung der linken
Rumpfseite des Patienten. Der Therapeut sollte
während des Positionierens besonders auf das Be-
150 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

cken des Patienten achten: Findet z. B. eine Becken- jAlternative Ausgangsstellung


bewegung nach rechts statt, so deutet dies auf eine des Therapeuten
Einschränkung der Hüftadduktion und/oder der Der Patient liegt mit der linken Hüfte am linken
Hüftaußenrotation hin. Das Nach-vorne-Kippen Rand der Behandlungsbank. Der Therapeut steht
des Beckens weist auf eine Extensionseinschrän- zur linken Hüfte des Patienten gerichtet an der unte-
kung der Hüfte hin. ren linken Seite der Behandlungsbank (. Abb. 8.3 c).
Der Therapeut platziert seine linke Hand auf
jStretch dem linken Fuß und seine rechte Hand auf dem lin-
Die Antwort auf den Stretch erfolgt durch eine ken Oberschenkel des Patienten. Zu Beginn der
mit beiden Händen gleichzeitig und schnell ausge- Beinbewegung steht der rechte Fuß des Therapeu-
führte Verlängerung und Rotation der Hüfte und ten vorne. Im weiteren Verlauf der Bewegung verla-
des Fußes. gert er sein Körpergewicht und geht mit dem linken
Bein nach vorne. Diese Stellung ermöglicht eine
jVerbales Kommando gute Vordehnung.
»Fuß hoch. Heben Sie Ihr Bein gestreckt nach außen
oben. Heben Sie hoch.« jWiderstand
kDistale Hand
jBewegung Die distale Hand setzt gleichzeitig der Eversionsbe-
8 Die Zehen strecken sich, während der Fuß in Dor- wegung des Fußes und der Flexion – Abduktion –
salflexion und Eversion bewegt. Die Eversion des Innenrotation der Hüfte Widerstand entgegen. Zu-
Fußes fördert die Innenrotationsbewegung der sätzlich führt die distale Hand über die Dorsalfle-
Hüfte. Daher laufen diese Bewegungen zum größ- xion des Fußes eine Traktion aus. Damit wird der
ten Teil gleichzeitig ab. Während des gesamten Be- Dorsalflexion selbst wie auch der Hüftflexion Wi-
wegungsverlaufes führt das Metatarsale V die Bewe- derstand entgegengesetzt.
gung der Hüfte in Flexion – Abduktion – Innenro-
tation aus. Würde die Beinbewegung fortgeführt, kProximale Hand
käme es zu einer Flexion und zu einer nach links Die proximale Hand kombiniert die am vorgedehn-
gerichteten Lateralflexion im Rumpf. ten Oberschenkel durchgeführte Traktion mit dem
der Innenrotation und Abduktion der Hüfte ent-
jStellung des Therapeuten und Körper- gegengesetzten Rotationswiderstand. Durch das
mechanik Beibehalten der Traktion wird der bogenförmige
Der Therapeut steht in Schrittstellung mit dem Verlauf des Widerstandes gewährleistet.
rechten Fuß nach hinten in Höhe der linken Hüfte Ein zu starker Widerstand zu Beginn der Bein-
des Patienten. Er befindet sich in der Diagonalen bewegung lässt nicht zu, dass das Becken in die ge-
und schaut auf die Füße des Patienten. wünschte Richtung bewegt.
Der Therapeut ist leicht nach vorne gebeugt,
! Vorsicht
wodurch sein Körpergewicht zunächst auf dem vor-
Wenn der Hüftflexion zu viel Widerstand
deren Fuß ruht. Im Laufe der Bewegung wird es
entgegengesetzt wird, kommt es in der
durch die Beinbewegung des Patienten vom vorde-
Lendenwirbelsäule zu einer starken Hebel-
ren auf das hintere Bein verlagert.
wirkung.
Bei Patienten mit langen Beinen geht der Thera-
peut mit dem linken Bein in der Diagonalen einen
Schritt zurück; dadurch kann er sein Gewicht so jEndstellung
weit wie nötig weiter nach hinten verlagern. Mit sei- Der Fuß ist in Dorsalflexion und Eversion. Das Knie
nem Becken bleibt er dabei in der Bewegungsdiago- ist vollständig gestreckt, während sich die Hüfte in
nalen. Flexion – Abduktion – Innenrotation befindet. In
dieser Stellung sind die Ferse und das Knie mit der
Außenseite der linken Schulter fast auf einer Linie.
8.3 · Flexion – Abduktion – Innenrotation
151 8
! Vorsicht Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
Das Ausmaß der Hüftbewegung wird durch Komponenten (nach Kendall u.
die Länge der ischiokruralen und/oder McCreary 1993)
durch andere dorsal am Bein gelegene Knie- Flexion Mm. biceps femoris longus et
Strukturen bestimmt. Der Therapeut sollte gelenk brevis, M. semitendinosus,
in der Endstellung darauf achten, dass das M. semimembranosus,
M. gracilis, M. gastrocnemius
Becken nicht nach dorsal kippt.
Fuß- Dorsalflexion, M. peroneus tertius
jBetonte Bewegungsfolge gelenk, Eversion
Fuß
Zum betonten Üben des Fußes und der Zehen kann
zu Beginn der Bewegung ein Haltewiderstand für Zehen Extension, M. extensor hallucis, M. extensor
Deviation digitorum
die Hüftflexion gegeben werden.
nach links

Praxistipp
jTaktiler Stimulus
4 Es sollte mit einer ausreichenden Verlänge- Die distale und die proximale Hand werden wie beim
rung des Beines begonnen werden, der Ober- gestreckt ausgeführten Beinpattern platziert (7 Ab-
schenkel liegt zu Beginn über der Mittellinie. schn. 8.3 »Flexion – Abduktion – Innenrotation«).
4 Die seitlichen Rumpfflexoren werden unter
Beibehaltung der Verlängerung gedehnt. jVordehnung
4 Die Lendenwirbelsäule bleibt in neutraler Das Bein wird wie beim gestreckten Beinpattern in
Stellung. die Vordehnung gebracht.
4 Es wird nicht nur der Fuß bewegt. Die In-
nenrotation der Hüfte ist ebenfalls wichtig. jStretch
4 Der Therapeut gibt während der Bewe- Der Stretch wird in der gleichen Weise wie beim
gung Zug am Bein des Patienten. gestreckt ausgeführten Beinpattern gesetzt. Die
4 Gestreckte Beinmuster sind weniger Knieflexion wird durch Traktion der distalen Hand
funktionell als Muster mit Knieflexion oder gefördert.
-extension. Daher werden die gestreckten
Muster nur auf der Ebene der Körperfunk- jVerbales Kommando
tion angewandt, wenn das Knie nicht be- »Fuß hoch. Beugen Sie Ihr Knie, und bringen Sie Ihr
wegt werden darf/kann. Bein nach außen. Beugen Sie.«

jBewegung
Die Bewegung wird mit der Eversion und Dorsalfle-
8.3.1 Flexion – Abduktion – Innenrota- xion des Fußes und Fußgelenks eingeleitet. An-
tion mit Knieflexion (. Abb. 8.3) schließend führen die Hüfte und das Knie ihre Be-
wegungen gleichmäßig aus, so dass sie die Bewe-
gungsgrenze gleichzeitig erreichen.
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
Wird diese Beinbewegung weitergeführt,
Komponenten (nach Kendall u.
McCreary 1993) kommt es im Rumpf auch zu einer Flexion und zu
einer Lateralflexion nach links.
Hüft- Flexion, M. tensor fascia lata,
gelenk Abduktion, M. rectus femoris,
Innenrotation M. gluteus medius (anterior), jStellung des Therapeuten und Körper-
M. gluteus minimus mechanik
Der Therapeut schaut in die Bewegungsrichtung
6 und steht in Höhe der linken Hüfte des Patienten in
Schrittstellung. Im Lauf der Bewegung verlagert er
152 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

a b

c d

. Abb. 8.3 a–d Bein: Flexion – Abduktion – Innenrotation mit Knieflexion. a, b Normale Ausgangs- und Endstellung des
Therapeuten. c, d Alternative Ausgangsstellung auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches

sein Körpergewicht vom vorderen auf das hintere kels entspricht. Gleichzeitig setzt die proximale
Bein. Er bleibt dabei in der Bewegungsdiagonalen. Hand den Hüftbewegungen einen Rotationswider-
stand entgegen.
jAlternative Ausgangsstellung
Der Therapeut kann auch auf der rechten Seite der jEndstellung
Behandlungsbank stehen (. Abb. 8.3 c, d). Der Fuß ist in Dorsalflexion und Eversion, während
die Hüfte und das Knie vollständig flektiert sind. Da-
jWiderstand durch zeigt die Ferse zum Tuber ischiadicum. Die
kDistale Hand Verbindungslinie von Knie und Ferse verläuft paral-
Die distale Hand übt am Fuß denselben Widerstand lel zur linken Schulter des Patienten.
aus wie beim gestreckten Beinpattern. Die Traktion
> Wenn der Therapeut das Knie strecken
wird mit der distalen Hand am Fuß ausgeübt. Dadurch
würde, ergäbe sich die Stellung des ge-
wird der Flexionsbewegung des Knies Widerstand
streckten Beinpatterns.
entgegengesetzt; dies ist für eine optimale Kräftigung
der Hüfte und Rumpfmuskulatur ganz wesentlich. jBetonte Bewegungsfolge
Da dieses Beinpattern drei Bewegungssegmente ent-
kProximale Hand hält, besteht die Möglichkeit, zwei Bewegungsseg-
Die proximale Hand führt am Oberschenkel eine menten einen Haltewiderstand entgegenzusetzen
Traktion aus, die der Verlängerung des Oberschen- und das dritte Bewegungssegment isoliert zu üben.
8.3 · Flexion – Abduktion – Innenrotation
153 8
Unabhängig von den anderen Hüftbewegungen Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
kann die vollständige Innenrotation der Hüfte bei Komponenten (nach Kendall
gebeugten Knien geübt und so die Beweglichkeit u. McCreary 1993)
der Hüfte verbessert werden. Der Patient übt in der Fuß- Dorsalflexion, M. peroneus tertius
Stellung, in der seine Hüftflexion am kräftigsten ist. gelenk, Eversion
Dabei kann das gesamte Bewegungsausmaß an In- Fuß
nenrotation genutzt werden. Nachdem die isolierte Zehen Extension, M. extensor hallucis, M. exten-
Bewegung geübt wurde, kehrt der Therapeut in den Lateral- sor digitorum
deviation
Bewegungsverlauf der Diagonalen zurück.
Zum betonten Üben des Fußes platziert der The-
rapeut die proximale Hand auf die dorsale Seite der jAusgangsstellung des Patienten
Tibia des Patienten und setzt damit sowohl der Hüfte Der Patient liegt mit dem Rumpf und den Ober-
als auch dem Knie Widerstand entgegen. Die distale schenkeln am Fußende der Behandlungsbank. Der
Hand setzt anschließend den Bewegungen des Fußes Unterschenkel hängt herunter. Die Kniekehle hat
und des Fußgelenks gezielte Widerstände entgegen. keinen direkten Kontakt mit dem Rand der Bank, so
dass das Knie so weit wie möglich gebeugt werden
> Um Ermüdungserscheinungen in der Hüft-
kann.
muskulatur zu vermeiden, kann die Ferse
auf dem Tisch zur Unterstützung abgesetzt
jTaktiler Stimulus
werden, wobei das Knie weiter in die Fle-
Der Griff der distalen und der proximalen Hand
xion ziehen sollte.
entsprechen dem beim gestreckt ausgeführten Bein-
Praxistipp pattern (7 Abschn. 8.3).

4 Die Bewegung wird mit maximaler Knie- jVordehnung


flexion beendet. Der Therapeut führt eine auf das ganze Bein gerich-
4 Die distale Hand setzt der Knieflexion tete Traktion aus, während er den Fuß in Plantarfle-
während der gesamten Bewegung einen xion und Inversion bewegt. Die Traktion wird wäh-
Widerstand entgegen. Dadurch entstehen rend der Durchführung der Flexion des Knies und
keine Scherkräfte für das Knie. des Hüftpatterns Extension – Adduktion – Außen-
4 Der Fuß sollte geradlinig mit dem Knie rotation aufrechterhalten.
bewegt werden und nicht seitlich davon. Die maximale Hüftextension und -adduktion
und die maximale Knieflexion können durch die
ventral über das Hüft- und Kniegelenk verlaufende
Muskulatur eingeschränkt werden.
8.3.2 Flexion – Abduktion – Innen- Der Therapeut hält den Oberschenkel in der
rotation mit Knieextension Diagonalen, während er das Knie so weit wie mög-
(. Abb. 8.4) lich beugt, ohne dabei Schmerzen zu verursachen.
> Der Therapeut muss darauf achten,
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
dass das Becken während der Positio-
Komponenten (nach Kendall
u. McCreary 1993)
nierung weder nach vorne noch nach
rechts kippt.
Hüft- Flexion, M. tensor fascia lata, M. rectus
gelenk Abduktion, femoris, M. gluteus medius Um den Rücken des Patienten zu schonen, kann die
Innenrotation (anterior), M. gluteus minimus
rechte Hüfte gebeugt und der rechte Fuß auf die
Knie- Extension M. quadriceps femoris Bank oder auf eine andere Unterstützungsfläche
gelenk
aufgestellt werden.
6
154 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

8 b

. Abb. 8.4 a–d Bein: Flexion – Abduktion – Innenrotation mit Knieextension. a, b Normale Ausgangs- und Endstellung des
Therapeuten. c, d Alternative Ausgangs- und Endstellung am Fußende des Behandlungstisches
8.4 · Extension – Adduktion – Außenrotation
155 8
jStretch in Richtung Ausgangsstellung der Knieflexion aus.
Der Therapeut setzt gleichzeitig einen Stretch für Hierdurch wird der Knieextension Widerstand ent-
die Bewegungskomponenten von Hüfte, Knie und gegengesetzt.
Fuß. Die proximale Hand übt an der Hüfte eine
schnell ausgeführte Traktion mit Rotation aus, wäh- kProximale Hand
rend die distale Hand gleichzeitig am Fuß eine Trak- Die proximale Hand kombiniert die in der Verlän-
tion mit Rotationskomponente ausführt. Der gerung des Oberschenkels verlaufende Traktion mit
Stretch am Knie erfolgt durch eine mit der distalen einem der Innenrotation der Hüfte entgegengesetz-
Hand sehr sanft angewandten Traktion in Verlänge- ten Rotationswiderstand.
rung der Tibia.
> Der Therapeut sollte beachten, dass beide
Hände unabhängig voneinander arbeiten
jVerbales Kommando
und die Intensität des Widerstandes für die
»Fuß hoch. Beugen Sie die Hüfte, und strecken Sie
Knieextensoren größer sein sollte als für
Ihr Knie im Bewegungsverlauf.«
die Hüftflexion.
jBewegung jEndstellung
Der Fuß bewegt in Richtung Dorsalflexion und Sie entspricht der Endstellung beim gestreckten
Eversion. Die Kniestreckung folgt der Hüftflexions- Beinpattern.
bewegung nach ungefähr 5°. Hüfte und Knie errei-
chen gleichzeitig die Endstellung. jBetonte Bewegungsfolge
Das Ziel dieses Bewegungspatterns ist, dass der Pa-
jStellung des Therapeuten und Körper- tient lernt, gleichzeitig Hüftflexion und Knieexten-
mechanik sion durchzuführen.
Der Therapeut beugt sich in Schrittstellung in Höhe
des Knies des Patienten nach vorne, um das Knie zu Praxistipp
flektieren. Im Laufe der Beinbewegung des Patien-
4 Eine gute Verlängerung und Rotation der
ten richtet sich der Therapeut auf, während er sein
Hüfte ist Voraussetzung zur Förderung der
Körpergewicht nach hinten verlagert und einen
Hüftbewegungen.
Schritt zurückgeht.
4 Das Setzen eines Stretches auf das Knie
sollte keine Schmerzen verursachen.
jAlternative Ausgangsstellung
4 Hüft- und Kniebewegungen beginnen
des Therapeuten
gleichzeitig; die Endstellung ist bei Knie-
Der Therapeut kann sich auch in Schrittstellung am
streckung erreicht.
Fußende der Behandlungsbank vor den Patienten
stellen und schaut dabei zum Knie des Patienten. Im
Verlauf der Bewegung richtet sich der Therapeut auf
und verlagert sein Körpergewicht auf das vordere 8.4 Extension – Adduktion –
Bein. Das Bein, das zuerst hinten steht, kann zum Außenrotation (. Abb. 8.5)
vorderen Bein nachgestellt werden. Die Endstellung
des Patienten entspricht der Endstellung, die in Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
7 Abschn. 8.3 beschrieben wurde (. Abb. 8.4 c, d). Komponenten (nach Kendall
u. McCreary 1993)
jWiderstand Hüft- Extension, M. adductor magnus,
kDistale Hand gelenk Adduktion, M. gluteus maximus,
Außenrotation M. semitendinosus,
Die distale Hand setzt am Fuß sowohl der Fuß- als
M. biceps femoris longus,
auch der Hüft- und Kniebewegung einen Wider- Außenrotatoren
stand mit Rotation entgegen. Zusätzlich übt die di-
stale Hand am dorsalflektierten Fuß eine Traktion 6
156 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

. Abb. 8.5 a–e Bein: Extension – Adduktion – Außenrotation.


a, b Normale Ausgangs- und Endstellung des Therapeuten.
c Gleiches Pattern wobei der Patient sein anderes Bein aufstellt.
d, e Alternative Ausgangsstellung auf der gegenüberliegenden
Seite des Tisches
8.4 · Extension – Adduktion – Außenrotation
157 8

Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste > Der Therapeut sollte die Bewegung in Vor-
Komponenten (nach Kendall dehnung nur so weit durchführen, wie es
u. McCreary 1993) die Länge der ischiokruralen Muskelgrup-
Knie- Extension M. quadriceps femoris pe zulässt. Es darf zu keiner Beckenkip-
gelenk (Stellung pung nach dorsal kommen.
unverändert)
Fußge- Plantarflexion, M. gastrocnemius, M. soleus, jStretch
lenk, Fuß Inversion M. tibialis posterius
Für den Stretch an der Hüfte führt der Therapeut
Zehen Flexion, M. flexor hallucis, mit der proximalen Hand eine schnell applizierte
Deviation nach M. flexor digitorum
Traktion am Oberschenkel aus. Während er mit der
medial
distalen Hand den Fuß des Patienten weiter in
Dorsalflexion und Eversion bewegt, wird der Un-
jTaktiler Stimulus terarm desselben Armes eingesetzt, um eine zu-
kDistale Hand sätzliche Traktion in Verlängerung des Schienbei-
Die distale – hier die linke Hand – wird lumbrikal nes zu geben
am Fußballen platziert. Zur Fazilitation der Zehen-
flexion liegt der Daumen unter den Zehengrundge- ! Vorsicht
lenken. Der Therapeut sollte darauf achten, dass Beim Anwenden des Stretches sollte es nach
die Zehenflexion nicht behindert wird. Die Finger- der Vordehnung zu keiner wesentlichen Ver-
spitzen sind am medialen Fußrand, und der Hand- größerung der Hüftflexion kommen.
ballen erzeugt am lateralen Fußrand den Gegen-
druck. jVerbales Kommando
»Beugen Sie die Zehen, und drücken Sie den Fuß
! Vorsicht
nach unten. Drücken Sie Ihr Bein nach unten innen.
Der Therapeut sollte bei der Handfassung
Drücken Sie.«
darauf achten, dass er den Fuß weder
kneift noch zusammendrückt.
jBewegung
Die Zehen und der Fuß bewegen sich in Richtung
kProximale Hand Plantarflexion und Inversion. Die Außenrotation
Die proximale – hier die rechte – Hand des Thera- der Hüfte und Inversion des Fußes erfolgen gleich-
peuten wird von lateral nach medial unter dem zeitig. Die Hüftextension und -adduktion werden
Oberschenkel in Längsrichtung auf der posterio- durch den Stimulus am Metatarsale V eingeleitet.
ren-medialen Seite des Oberschenkels proximal Im weiteren Bewegungsverlauf kommt es zu einer
vom Knie platziert. Extension und Elongation der linken Rumpfseite
des Patienten.
jVordehnung
Der Therapeut führt eine auf das ganze Bein gerich- jStellung des Therapeuten und Körper-
tete Traktion aus, während der Fuß in Dorsalflexion mechanik
und Eversion und die Hüfte in Innenrotation be- Der Therapeut steht in Schrittstellung neben der
wegt wird. Die Traktion und auch die Innenrotation linken Schulter des Patienten und schaut zur unte-
werden beim Positionieren des Beines in Flexion ren rechten Ecke der Behandlungsbank. Sein linker
und Abduktion weiter fortgesetzt. Wenn der Patient Fuß steht vorne. Das Körpergewicht wird zu Beginn
das antagonistische Pattern (Flexion – Abduktion der Bewegung auf das hintere Bein verlagert. Im
– Innenrotation) ausgeführt bzw. beendet hat, kann Verlauf der Beinbewegung des Patienten verlagert
der Therapeut direkt mit dem agonistischen Pattern der Therapeut sein Körpergewicht auf das vordere
beginnen. Bein und macht dann mit dem hinteren Bein einen
Schritt nach vorne. Damit verlagert er sein Gewicht
noch weiter nach vorne.
158 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

jAlternative Ausgangsstellung Praxistipp


des Therapeuten
Der Therapeut kann auch an der rechten Seite der 4 Die proximale Hand des Therapeuten
Behandlungsbank stehen und schaut dabei in Rich- wechselt bei der Dynamischen Umkehr
tung linke Hüfte des Patienten. Seine rechte Hand von der lateralen auf die posteriore-
wird an der Fußsohlenseite des Patienten, seine lin- mediale Seite des Oberschenkels.
ke Hand an der posterioren Seite des Oberschenkels 4 Normales Timing: Der Fuß muss zuerst
platziert. Der Therapeut steht auch hier in Schritt- bewegen. Dadurch wird eine korrekte,
stellung und verlagert während der Extensionsbe- geradlinige Bewegung gewährleistet.
wegung des Beines sein Körpergewicht auf das hin- 4 Endstellung: Der Oberschenkel überquert
tere Bein (. Abb. 8.5 d, e). die Mittellinie, die Lendenwirbelsäule
bleibt neutral.
jWiderstand 4 Gestreckte Beinmuster sind weniger
kDistale Hand funktionell als Muster mit Knieflexion oder
Die distale Hand setzt der Inversionsbewegung des -extension. Daher werden die gestreckten
Fußes und damit auch der Hüftadduktion und Au- Muster nur auf der Ebene der Körper-
ßenrotation Widerstand entgegen. Die gleichzeitig funktion angewandt, wenn das Knie nicht
von der distalen Hand an der Fußsohle applizierte bewegt werden darf/kann.
8 Approximation erzeugt ein Widerstand für die
Plantarflexion des Fußes und Extension der Hüfte.

kProximale Hand 8.4.1 Extension – Adduktion – Außen-


Die proximale Hand setzt der Bewegung am Ober- rotation mit Knieextension
schenkel einen in der Ausgangsstellung zurückge- (. Abb. 8.6)
richteten Widerstand entgegen. Der Widerstand
gegen die Hüftextension und -adduktion entsteht Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
im Wesentlichen durch das Anheben des Ober- Komponenten (nach Kendall
schenkels. Die richtige Handfassung der proxima- u. McCreary 1993)
len Hand, von lateral nach medial unter dem Ober- Hüft- Extension, M. adductor magnus,
schenkel, ermöglicht den korrekten Außenrota- gelenk Adduktion, M. gluteus maximus, M. semi-
Außenrotation tendinosus, M. semimembra-
tionswiderstand.
nosus, M. biceps femoris
Nachdem die Hüfte vollständig extendiert ist, longus, Außenrotatoren
hält der Therapeut die Approximation mit der dis-
Knie- Extension M. quadriceps femoris
talen Hand am Fuß und mit der proximalen Hand gelenk
am Oberschenkel.
Fuß- Plantarflexion, M. gastrocnemius, M. soleus,
gelenk, Inversion M. tibialis posterior
jEndstellung Fuß
Die Zehen sind gebeugt, und der Fuß befindet sich in Zehen Flexion, Deviation M. flexor hallucis, M. flexor
Plantarflexion und Inversion. Das Knie bleibt in voll- nach medial digitorum
ständiger Extension. Die Hüfte befindet sich im Pat-
tern Extension (berührt den Tisch) – Adduktion –
Außenrotation. Der Oberschenkel überquert infolge jTaktiler Stimulus
der Adduktionsbewegung die Körpermittellinie. Der distale und der proximale Griff entsprechen
dem beim gestreckten Beinpattern (7 Abschn. 8.4).
jBetonte Bewegungsfolge
Zum betonten Beüben der Zehen und des Fußes jVordehnung
kann am Ende der Hüftbewegung ein Haltewider- Der Therapeut bewegt den Fuß in Richtung Dorsal-
stand gegeben werden. flexion und Eversion. Die Hüfte und das Knie sind
8.4 · Extension – Adduktion – Außenrotation
159 8

. Abb. 8.6 a–d Bein: Extension – Adduktion – Außenrotation mit Knieextension. a, b Normale Ausgangs- und Endstellung
des Therapeuten. c, d Alternative Ausgangs- und Endstellung auf der gegenüberliegenden Seite in der Diagonalen

vollständig flektiert, so dass die Ferse sich in der jStretch


Nähe der lateralen Gesäßseite befindet. Die Ferse Der Stretch erfolgt gleichzeitig für die Hüfte, die
und das Knie befinden sich mit der Außenkante der Knie und die Fußkomponenten. Die proximale –
linken Schulter auf einer Linie. Das richtige Ausmaß hier die rechte – Hand kombiniert hierfür die am
der Abduktion und der Innenrotation wird von die- Oberschenkel durchgeführte Hüfttraktion mit einer
ser Linie bestimmt. Rotationsbewegung zum Verlängern der Außenro-
Das Ausmaß an Hüftrotation beim gebeugten tatoren.
Beinpattern entspricht dem beim gestreckten Bein- Die distale bzw. die linke Hand bewegt den Fuß
pattern. Die Hüftrotation wird durch die Kniestre- in Dorsalflexion und Eversion und übt einen Stretch
ckung kontrolliert. für die Knieextensoren aus, indem die Ferse in Rich-
tung Gesäß bewegt wird.
160 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

! Vorsicht wird mehr Widerstand entgegengesetzt als der


Die Hüfte sollte nicht übermäßig rotiert Hüftbewegung.
werden. Der Fuß darf auch nicht nach Wenn Hüft- und Knieextension vollständig er-
lateral gezogen werden. reicht werden, gibt der Therapeut Approximation
mit seiner distalen Hand am Fuß und mit seiner pro-
jVerbales Kommando ximalen Hand am Oberschenkel des Patienten.
»Fuß runter. Drücken Sie das Bein nach unten in-
nen. Drücken Sie runter.« > Das Knie benötigt mehr Widerstand als
die Hüfte. Dies hat zur Folge, dass beide
jBewegung Hände unabhängig voneinander arbeiten
Der Fuß und das Fußgelenk leiten die Plantarflexi- müssen.
on und Inversion ein. Danach setzt die Hüftbewe-
gung ein und nach einer Extension von ungefähr 5° jEndstellung
die Kniestreckung. Hüfte und Knie erreichen Die Endstellung entspricht der beim gestreckten
gleichzeitig das Bewegungsende. Beinpattern.

jStellung des Therapeuten und Körper- jBetonte Bewegungsfolge


mechanik Zum betonten Üben der Hüftbewegungen kann
8 Die Körpermechanik des Therapeuten entspricht der Knieextension zu Beginn des Patterns ein Hal-
der beim gestreckten Beinpattern. tewiderstand entgegengesetzt werden. Zum beton-
ten Üben der Knieextension wird der Hüftextension
jAlternative Ausgangsstellung in der mittleren Bewegungsbahn ein Haltewider-
des Therapeuten stand entgegengesetzt. Das Knie wird vor der voll-
Der Therapeut kann auch auf der gegenüberlie- ständigen Streckung gestoppt. Erst danach wird die
genden Seite der Behandlungsbank stehen. Er ist Hüftextension ausgeübt.
dann der linken Hüfte des Patienten zugewandt
(. Abb. 8.6 c, d). Praxistipp

jWiderstand 4 Die Hüfte sollte zu Beginn der Bewegung


Die distale Hand setzt der Plantarflexion des Fußes, nicht zu weit rotiert werden.
der Knieextension und der Hüftbewegung einen 4 Der Knieextension wird während des ge-
Widerstand entgegen. Der Rotationswiderstand am samten Bewegungsverlaufs ein Widerstand
Fuß hat auch einen Widerstand in Bezug auf die entgegengesetzt.
Hüft- und Knierotation zur Folge. Der Widerstand 4 Zu Beginn der Bewegung wird der Knie-
ist neben der Rotationskomponente in die Aus- extension Widerstand gegeben. Hierdurch
gangsstellung zurückgerichtet. wird eine übermäßige Hüftrotation ver-
Die Richtung des Widerstandes bleibt jedoch mieden.
unverändert, bis das Knie vollständig in Extension 4 Die Bewegung endet mit einer Außenrota-
tion der Hüfte und nicht mit einer Inver-
ist (Richtung Gesäß des Patienten).
sion des Fußes.
Die proximale Hand führt am Oberschenkel
eine in die Ausgangsstellung zurückgerichtete
Traktion aus, wodurch der Hüftextension, -adduk-
tion und -außenrotation Widerstand entgegenge-
setzt wird.
Beide Hände arbeiten unabhängig voneinander,
so dass u. a. die Intensität der einzelnen Widerstän-
de richtig dosiert werden kann. Der Kniebewegung
8.4 · Extension – Adduktion – Außenrotation
161 8

. Abb. 8.7 a, b Bein: Extension – Adduktion – Außenrotation mit Knieflexion

8.4.2 Extension – Adduktion – extension« (7 Abschn. 8.3). Damit der Rücken des
Außenrotation mit Knieflexion Patienten geschont wird, kann seine rechte Hüfte
(. Abb. 8.7) gebeugt werden. Dazu stellt er den rechten Fuß auf
dem Tisch oder auf einer anderen Unterstützung auf.
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
jTaktiler Stimulus
Komponenten (nach Kendall u.
McCreary 1993) Sowohl die distale als auch die proximale Hand wer-
Hüft- Extension, M. adductor magnus, M. gluteus
den wie beim gestreckten Beinpattern platziert
gelenk Adduktion, maximus, Außenrotatoren (7 Abschn. 8.4).
Außenrotation
Knie- Flexion M. semitendinosus, M. semi- jVordehnung
gelenk membranosus, Mm. biceps femo- Das Bein wird wie beim gestreckten Beinpattern
ris longus et brevis, M. gracilis platziert.
Fuß- Plantarflexion, M. gastrocnemius, M. soleus,
gelenk, Inversion M. tibialis posterior jStretch
Fuß Der Stretch erfolgt durch eine schnell ausgeführte
Zehen Flexion, M. flexor hallucis, M. flexor Verlängerung und Rotation an der Hüfte und eine
Deviation digitorum Verlängerung am Fuß, die mit beiden Händen
nach medial
gleichzeitig angewandt werden. Mit der distalen
Hand kann Traktion gegeben werden, um so die
jAusgangsstellung des Patienten Knieflexoren zu verlängern.
Der Patient liegt am Fußende auf der Behandlungs-
bank, so dass er das Knie soweit wie möglich beugen jVerbales Kommando
kann. Die Ausgangsstellung entspricht der beim Pat- »Zehen und Fuß runter. Drücken Sie die Hüfte run-
tern »Flexion – Abduktion – Innenrotation mit Knie- ter, während Sie das Knie beugen.«
162 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

jBewegung > Der Therapeut sollte darauf achten, dass


Die Bewegung wird mit Plantarflexion und Inver- der Patient nicht anstelle der Hüftexten-
sion des Fußes eingeleitet. Anschließend setzt die sion die Hüftflexion aktiviert.
Hüftbewegung ein und nach ungefähr 5° Hüftex-
tension die Knieflexion. Die Hüfte und das Knie Mit diesem Bewegungspattern kann der Patient u. a.
erreichen das Bewegungsende gleichzeitig. lernen, die Hüftextension und Knieflexion gleich-
zeitig auszuführen, was z. B. zum Rückwärtsgehen
jStellung des Therapeuten und Körper- benötigt wird.
mechanik
Die Körpermechanik des Therapeuten entspricht Praxistipp
im Wesentlichen der beim gestreckt durchgeführ-
ten Beinpattern. Im Verlauf des Patterns beugt sich 4 Der Widerstand wird für Knie- und Hüft-
der Therapeut leicht nach vorne, um den Wider- extension gleichmäßig verteilt.
stand gegen die Knieflexion beizubehalten. 4 Normales Timing: Das Knie wird gleich-
mäßig, d. h. während der gesamten Be-
jWiderstand wegung, flektiert.
kDistale Hand 4 Bei der Bewegung wird Traktion gegeben.
Die distale Hand setzt der Plantarflexion und der
8 Inversion des Fußes sowie der Knieflexion einen
Widerstand entgegen, der in die Ausgangsstellung
der Knieextension und der Eversion des Fußes zu- 8.5 Flexion – Adduktion –
rückgerichtet ist. Außenrotation (. Abb. 8.8)

kProximale Hand Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste


Die proximale Hand setzt der Hüftbewegung den Komponenten
gleichen Widerstand wie für das gestreckt durchge- (nach Kendall u. McCreary
1993)
führte Beinpattern entgegen. Bei fast vollständiger
Hüftextension sollte der Therapeut mit der proxi- Hüftgelenk Flexion, M. psoas major,
Adduktion, M. iliacus,
malen Hand eine Approximation am Oberschenkel
Außenrotation Mm. adductores,
geben. M. sartorius,
M. pectineus,
jEndstellung M. rectus femoris
Die Hüfte befindet sich in Extension – Adduktion Kniegelenk Extension M. quadriceps femoris
– Außenrotation. Das Knie liegt über dem Rand der (Stellung
Behandlungsbank und ist so weit wie möglich flek- unverändert)
tiert. Der Fuß ist in Plantarflexion und Inversion. Fußgelenk, Dorsalflexion, M. tibialis anterior
Fuß Inversion
> Der Therapeut sollte besonders darauf
Zehen Extension, M. extensor hallucis,
achten, dass der Patient das Becken nicht Deviation nach M. extensor digitorum
nach rechts bewegt oder nach ventral medial
kippt.
jTaktiler Stimulus
jBetonte Bewegungsfolge kDistale Hand
Zum betonten Üben der Knieflexion kann der Der Therapeut platziert seine distale – hier die linke
Therapeut der Hüftextension an jeder Stelle der – Hand am Fußrücken. Dabei liegen die Finger am
Bewegungsbahn einen Haltewiderstand entgegen- medialen und der Daumen am lateralen Fußrand
setzen. des Patienten. Weder die Finger noch der Daumen
berühren die Fußsohlenseite. Seine Hand legt er pro-
8.5 · Flexion – Adduktion – Außenrotation
163 8

. Abb. 8.8 a, b Bein: Flexion – Adduktion – Außenrotation

ximal der Metatarsophalangealgelenke auf, um die > Bei der Positionierung des Patienten sollte
Extensionsbewegung der Zehen nicht zu behindern. der Therapeut besonders auf die Stellung
des Beckens achten. Es darf nicht durch
! Vorsicht
eine Einschränkung der Hüftextension
Der Therapeut muss darauf achten, dass er
nach ventral kippen bzw. durch Einschrän-
den Fuß des Patienten weder zusammen-
kung der Hüftabduktion nach links aus-
drückt noch kneift.
weichen.

kProximale Hand jStretch


Die proximale bzw. die rechte Hand platziert der Der Stretch erfolgt gleichzeitig mit beiden Händen.
Therapeut auf der anterioren-medialen Seite des Der Therapeut führt eine schnelle Verlängerung
Oberschenkels, direkt proximal vom Knie. und Rotation an der Hüfte und am Fuß durch.

jVordehnung jVerbales Kommando


Der Therapeut führt eine auf das ganze Bein gerich- »Fuß hoch. Heben Sie Ihr Bein nach oben innen.
tete Traktion aus, während er den Fuß in Richtung Ziehen Sie hoch.«
Plantarflexion und Eversion und die Hüfte in Rich-
tung Innenrotation bewegt. Sowohl die Innenrota- jBewegung
tion als auch die Traktion werden beibehalten, wäh- Die Bewegung wird durch die Extension der Zehen
rend die Hüfte weiter in optimale Extension und und die Dorsalflexion sowie die Inversion des Fußes
Abduktion eingestellt wird. Dabei entsteht eine dia- eingeleitet. Die Außenrotation der Hüfte und be-
gonal von rechts nach links verlaufende Rumpfver- gleitende Inversion des Fußes werden gleichzeitig
längerung. durchgeführt. Die Großzehe leitet die Hüftbewe-
gung Flexion – Adduktion – Außenrotation ein.
Durch das Weiterführen der Bewegung kommt es
zur Rumpfflexion nach rechts.
164 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

jStellung des Therapeuten und Körper- > Die Hüftbewegung kann durch die Länge
mechanik der ischiokruralen und/oder anderer dor-
Der Therapeut steht in Höhe des linken Fußes des sal gelegener Strukturen eingeschränkt
Patienten in Schrittstellung in der Diagonalen. Den sein. Das Becken sollte nicht nach dorsal
linken Fuß hat er nach hinten gestellt, sein Rumpf kippen.
ist leicht nach vorne gebeugt. Für den Stretch ver-
lagert er nun sein Körpergewicht auf das hintere jBetonte Bewegungsfolge
Bein. Er richtet sich im Verlauf der Bewegung auf Zum betonten Üben von Zehen und Fuß kann der
und verlagert gleichzeitig sein Körpergewicht auf Flexionsbewegung der Hüfte direkt zu Beginn der
das vordere Bein. Während der gesamten Bewe- Bewegung ein Haltewiderstand entgegengesetzt
gung schaut der Therapeut in die Bewegungsrich- werden.
tung.
Der Therapeut kann zur Gewichtsverlagerung Praxistipp
einen weiteren Schritt nach vorne gehen, wenn der
4 Wird die Verlängerung der unteren Extre-
Patient lange Beine hat.
mität beibehalten, werden auch Rumpf-
flexoren in der gleichen, diagonalen Rich-
jWiderstand
tung gedehnt.
kDistale Hand
8 Die distale Hand setzt der Inversionsbewegung des
4 Die Körperstellung des Patienten sollte in
der Bewegungslinie ausgerichtet bleiben.
Fußes und damit auch der Adduktion und Außen-
4 Gestreckte Beinmuster sind weniger funk-
rotation der Hüfte Widerstand entgegen. Zusätzlich
tionell als Muster mit Knieflexion oder -ex-
kombiniert die distale Hand den Widerstand mit
tension. Daher werden die gestreckten
einer Traktion am Fuß, die wiederum der Dorsal-
Muster nur auf der Ebene der Körperfunk-
flexion des Fußes und der Hüftflexion Widerstand
tion angewandt, wenn das Knie nicht be-
entgegensetzt.
wegt werden darf/kann.
kProximale Hand
Die proximale Hand kombiniert die am Oberschen-
kel durchgeführte Traktion mit einem der Außen- 8.5.1 Flexion – Adduktion – Außen-
rotation und der Adduktion entgegengerichteten rotation mit Knieflexion
Rotationswiderstand. Durch das Beibehalten der (. Abb. 8.9)
Traktion verläuft der Widerstand in einer bogenför-
migen Linie. Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
Komponenten (nach Kendall u.
> Der Therapeut sollte beim Setzen des McCreary 1993)
Widerstandes darauf achten, dass es bei zu
Hüft- Flexion, M. psoas major, M. iliacus,
starkem Widerstand gegen die Hüftflexion gelenk Adduktion, Mm. adductores, M. sartorius,
zu Hebelwirkungen in der Wirbelsäule des Außenrotation M. pectineus, M. rectus femoris
Patienten kommt. Knie- Flexion M. semitendinosus,
gelenk M. semimembranosus,
M. biceps femoris,
jEndstellung M. gracilis, M. gastrocnemius
Der Fuß ist in Dorsalflexion und Inversion. Das Fuß- Dorsalflexion, M. tibialis anterior
Knie ist vollständig gestreckt und die Hüfte voll- gelenk, Inversion
ständig flektiert. Adduktion und Außenrotation der Fuß
Hüfte werden so weit durchgeführt, bis die Ferse Zehen Extension, M. extensor hallucis, M. exten-
und das Knie des linken Beines mit der rechten Deviation nach sor digitorum
Schulter auf einer Linie liegen. medial
8.5 · Flexion – Adduktion – Außenrotation
165 8
jTaktiler Stimulus
Die distale und die proximale Hand werden wie
beim gestreckten Beinpattern platziert (»Flexion –
Adduktion – Außenrotation«, 7 Abschn. 8.5).

jVordehnung
Das Bein wird wie beim gestreckten Pattern vorge-
dehnt.

jStretch
Der Stretch erfolgt gleichzeitig mit beiden Händen
an Hüfte und Fuß mit einer schnell ausgeführten
Verlängerung, kombiniert mit einer Rotation.
Traktion mit der distalen Hand fazilitiert die Knie-
flexion.

jVerbales Kommando
»Fuß hoch. Beugen Sie das Knie. Ziehen Sie es zur
rechten Schulter.«

jBewegung
Die Zehen strecken sich, und der Fuß bewegt sich in
Richtung Dorsalflexion und Inversion. Anschlie-
ßend werden Hüft- und Kniebewegungen eingelei-
tet. Beide Gelenke erreichen die Endstellung gleich-
zeitig. Wird diese Bewegung weitergeführt, entsteht
eine Rumpfflexion nach rechts.
> Die Knieflexoren sollten das Knie ebenso
gleichmäßig beugen wie die Hüftflexoren
die Hüfte.
jStellung des Therapeuten und Körper-
mechanik
Die Körpermechanik entspricht der beim gestreck-
ten Beinpattern in 7 Abschn. 8.5.

jWiderstand
kDistale Hand
Die distale Hand setzt sowohl der Dorsalflexion als
auch der Inversion des Fußes einen Widerstand
entgegen. Sie übt zusätzlich eine Traktion am Fuß
für die Knieflexion aus.

kProximale Hand
Die proximale Hand verbindet Traktion am Ober-
. Abb. 8.9 a–c Bein: Flexion – Adduktion – Außenrotation
mit Knieflexion. b Mittlere Stellung. c Zur Endstellung be- schenkel mit einem gegen die Hüftbewegungen ge-
nötigt das Knie noch mehr Flexion richteten Rotationswiderstand.
166 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

> Die Knieflexionsaktivität führt zu einer Praxistipp


optimalen Kräftigung der Hüft- und
Rumpfmuskulatur. 4 Normales Timing: Knie- und Hüftflexion
sind während der gesamten Bewegung
jEndstellung aufeinander abgestimmt.
Der Fuß befindet sich in Dorsalflexion und Inver- 4 In der Endstellung befindet sich das Knie in
sion, Hüft- und Kniegelenke sind vollständig flek- vollständiger Flexion.
tiert. Die Adduktion und Außenrotation der Hüfte 4 Widerstand für Knieflexion wird in
bilden eine Linie mit der rechten Schulter, Kniege- Richtung Ausgangsstellung gegeben.
lenk und Ferse. 4 Der Widerstand der distalen Hand kontrol-
liert die Hüftrotation.
> Die anteriore-posteriore Ebene verläuft
mitten durch den Fuß und das Knie.
Bei Streckung des Knies in dieser Stellung
würde sich die Endstellung wie beim ge-
8.5.2 Flexion – Adduktion – Außen-
streckten Beinpattern ergeben.
rotation mit Knieextension
(. Abb. 8.10)
jBetonte Bewegungsfolge
8 Aufgrund der in diesem Beinpattern vorhandenen Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
drei Bewegungssegmente (Hüft-, Knie- und Fußge- Komponenten (nach Kendall
lenke) ist es möglich, zum betonten Üben zwei Be- u. McCreary 1993)
wegungssegmenten einen Haltewiderstand entge- Hüft- Flexion, M. psoas major, M. iliacus,
genzusetzen und das dritte isoliert zu üben. Zum gelenk Adduktion, Mm. adductores, M. sartorius,
Außenrotation M. pectineus, M. rectus femoris
Beispiel kann die Außenrotation der Hüfte bei ge-
beugtem Knie unabhängig von den anderen Hüft- Knie- Extension M. quadriceps femoris
gelenk
bewegungen gekräftigt und auch die Beweglichkeit
gefördert werden. Dies wird am besten in der Stel- Fuß- Dorsalflexion, M. tibialis anterior
lung, in der die Hüftflexoren am kraftvollsten sind, gelenk, Inversion
Fuß
durchgeführt. Dabei kann das gesamte Bewegungs-
ausmaß der Außenrotation genutzt werden. Nach Zehen Extension, M. extensor hallucis,
Deviation nach M. extensor digitorum
dem Erarbeiten dieser Bewegung kehrt der Thera- medial
peut in den Verlauf der Diagonalen zurück und
schließt dann das Bewegungspattern ab.
Zum betonten Üben der Fußgelenkbewegun- jAusgangsstellung des Patienten
gen platziert der Therapeut die proximale Hand an Der Patient liegt nahe am Rand des Behandlungs-
die Ferse und setzt dann mit dieser Hand sowohl tisches. Der Oberschenkel wird wie beim gestreck-
dem Knie als auch der Hüfte Widerstand entgegen. ten Muster in Extensio-Abduktion in Innenrota-
Die distale Hand setzt anschließend dem Fuß ge- tion gebracht. Das Knie wird so weit wie möglich
zielte Widerstände entgegen. Um Ermüdungser- flektiert, der Fuß befindet sich in Plantarflexion
scheinungen in der Hüftmuskulatur zu verhindern, und Eversion.
kann die Ferse auf dem Behandlungstisch abgesetzt
werden (. Abb. 2.8 a, b). jTaktiler Stimulus
Die distale und die proximale Hand werden wie
beim gestreckten Beinpattern platziert (7 Ab-
schn. 8.5 »Flexion – Adduktion – Außenrotation«).
8.5 · Flexion – Adduktion – Außenrotation
167 8

. Abb. 8.10 a, b Bein: Flexion – Adduktion – Außenrotation mit Knieextension

jVordehnung > Der Stretch am Knie besteht nur aus


Der Therapeut führt eine auf das ganze Bein gerich- Traktion. Das Knie darf nicht weiter in
tete Traktion aus, während der Fuß in Plantarfle- Flexion gedrückt werden.
xion und Eversion bewegt wird. Unter Beibehaltung
der Traktion werden anschließend die Hüfte in Ex- jVerbales Kommando
tension – Abduktion – Innenrotation und das Knie »Fuß hoch. Beugen Sie die Hüfte, während Sie das
im Überhang an der Bankkante in Flexion gebracht. Knie strecken.«
Die vollständige Hüftextension und -abduktion
kann durch die ventral gelegene Muskulatur, die jBewegung
über Knie und Hüfte verläuft, eingeschränkt wer- Die Bewegung wird durch die Dorsalflexion und die
den. Bei der Vordehnung sollte der Therapeut dar- Inversion des Fußes eingeleitet. Die anschließend
auf achten, dass er den Oberschenkel in der Diago- einsetzende Hüftbewegung wird ab ungefähr 5° Fle-
nalen hält und das Knie so weit wie möglich beugt. xion von der Knieextension begleitet. Hüfte und Knie
erreichen gleichzeitig die Endstellung.
> Das Becken darf nicht nach ventral kippen.
Zur Entlastung der Wirbelsäule kann der jStellung des Therapeuten und Körper-
Patient seinen rechten Fuß auf der Be- mechanik
handlungsbank aufstellen. Der Therapeut steht in Schrittstellung neben dem
linken Knie des Patienten, und sein Oberkörper ist
jStretch nach vorne gebeugt. Der rechte Fuß steht hinten.
Der Therapeut führt gleichzeitig an Hüfte, Knie und Er schaut dabei zum Fußende der Behandlungs-
Fuß einen Stretch aus. Die proximale Hand stretcht bank.
die Hüfte mit einer schnell durchgeführten Traktion Im ersten Abschnitt der Beinbewegung des
und Rotation. Die distale Hand übt eine in der Patienten verlagert der Therapeut zunächst sein
Längsrichtung der Tibia verlaufende vorsichtige Körpergewicht von dem rechten hinteren auf das
Traktion für die Knieextension aus. Zusätzlich führt linke vordere Bein.
die distale Hand zum Stretchen des Fußes eine Plan- Im weiteren Verlauf der Bewegung dreht sich
tarflexion mit Rotation aus. der Therapeut, so dass er in Richtung rechter
168 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

Schulter des Patienten schaut, wodurch sein Kör- 8.6 Extension – Abduktion –
pergewicht wieder auf das rechte Bein verlagert Innenrotation (. Abb. 8.11)
wird.
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
jWiderstand Komponenten (nach Kendall
kDistale Hand u. McCreary 1993)
Die distale Hand setzt am Fuß sowohl Widerstand für Hüft- Extension, M. gluteus medius, M. gluteus
Dorsalflexion und Inversion entgegen als auch Rota- gelenk Abduktion, maximus (oberer Teil), ischio-
Innenrotation krurale Muskelgruppe
tionswiderstand für die Hüfte und die Knieextension.
Die gleichzeitig durchgeführte Traktion sorgt für zu- Knie- Extension (unver- M. quadriceps femoris
gelenk änderte Stellung)
sätzlichen Widerstand für die Knieextension.
Fuß- Plantarflexion, M. gastrocnemius,
kProximale Hand gelenk, Eversion M. soleus, Mm. peroneus
Fuß longus et brevis
Die proximale Hand übt, gleichzeitig mit dem
Widerstand für Adduktion und Rotation, eine Trak- Zehen Flexion, M. flexor hallucis, M. flexor
Lateraldeviation digitorum
tion auf den Oberschenkel aus.

> Der Therapeut sollte beachten, dass die jTaktiler Stimulus


8 Widerstände seiner beiden Hände unab- kDistale Hand
hängig voneinander gegeben werden. Die distale – hier die linke – Hand des Therapeuten
Dabei ist die Verteilung am Knie größer wird unter den Fußballen des Patienten platziert.
als an der Hüfte. Der Daumen liegt dabei zur Fazilitation der Zehen-
flexion in Längsrichtung auf der Basis der Zehen-
jEndstellung grundgelenke. Die Fingerspitzen befinden sich am
Die Endstellung entspricht der beim gestreckt aus- medialen Fußrand, während der Handballen am
geführten Beinpattern. lateralen Fußrand den Gegendruck erzeugt.

jBetonte Bewegungsfolge > Der Therapeut darf den Fuß weder kneifen
Ziel dieses Bewegungspatterns ist es, dass der Pa- noch zusammendrücken.
tient Hüftflexion und Knieextension optimal aufei-
nander abstimmt. kProximale Hand
Die proximale (rechte) Hand des Therapeuten wird
Praxistipp auf die posteriore-laterale Seite des Oberschenkels
gelegt.
4 Die Vordehnung der Hüftmuskulatur ist für
die Hüftbewegung notwendig.
jVordehnung
4 Schmerzen, die durch zu starken Stretch am
Der Therapeut übt mit beiden Händen auf das ganze
Knie entstehen, sollten vermieden werden.
Bein eine Traktion aus, während der Fuß mit der dis-
4 Hüft- und Kniebewegungen beginnen
talen Hand in Richtung Dorsalflexion und Inversion
gleichzeitig.
und die Hüfte in Richtung Außenrotation bewegt
4 Endstellung: gestrecktes Knie mit Flexion,
wird. Der Therapeut behält die Traktion wie auch die
Adduktion und Außenrotation der Hüfte.
Außenrotation der Hüfte bei, während er das Bein in
Flexion und Adduktion bewegt.

! Vorsicht
Beim Einstellen dieser diagonalen Be-
wegung sollte der Therapeut beachten,
6
8.6 · Extension – Abduktion – Innenrotation
169 8

. Abb. 8.11 a–c Bein: Extension – Abduktion – Innenrotation

dass die Hüftbewegung durch die Länge hat, kann der Therapeut direkt am Ende dieses Pat-
der ischiokruralen Muskulatur begrenzt terns mit dem Pattern Extension – Abduktion – In-
und deshalb nicht weiter bewegt werden nenrotation beginnen.
sollte. Des Weiteren sollte er darauf achten,
dass das Becken nicht nach dorsal kippt. jStretch
Die proximale Hand appliziert den Stretch mit einer
Wenn der Patient zuvor das antagonistische Pattern schnellen Traktion am Oberschenkel. Die distale
Flexion – Adduktion – Außenrotation ausgeführt Hand stellt den Fuß in Dorsalflexion und Inversion
170 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

ein, während der Unterarm durch Kontakt an der kProximale Hand


Außenseite der Ferse gleichzeitig für eine Traktion Die proximale Hand setzt den Hüftbewegungen so-
in Verlängerung der Tibia sorgt. wie der Extension – Abduktion – Innenrotation am
Oberschenkel einen Widerstand entgegen, der in
! Vorsicht
die Richtung Ausgangsstellung gerichtet ist. Da-
Beim Setzen des Stretches sollte der
rüber hinaus richtet sich der Widerstand am Ober-
Therapeut darauf achten, dass die Hüfte
schenkel durch das Anlegen der Hand von lateral
nicht weiter in die Flexion bewegt wird.
nach dorsal gegen die Innenrotation der Hüfte.
jVerbales Kommando Wenn die Hüftextension fast vollständig aus-
»Zehen beugen. Fuß runter, und drücken Sie das geführt ist, wird der Druck am Fuß beibehalten und
Bein nach außen unten. Drücken Sie.« von einer Approximation am Fuß und Oberschen-
kel begleitet. Beim Setzen des Widerstandes sollte
jBewegung der Therapeut darauf achten, dass beide Hände un-
Die Bewegung wird sowohl durch das Beugen der abhängig voneinander arbeiten und der Widerstand
Zehen als auch durch die Plantarflexion und Ever- für die Knieextension stärker ist als für die Hüft-
sion des Fußes eingeleitet. Die Eversion verläuft extension.
gleichzeitig mit der Innenrotation der Hüfte. Zum
Schluss wird das gestreckte und innenrotierte Bein jEndstellung
8 in Hüftextension und Abduktion bewegt. Beim Die Zehen sind flektiert, und der Fuß befindet sich
Weiterlaufen dieser Bewegung entsteht eine Exten- in Plantarflexion und Eversion. Das Knie ist voll-
sion und Lateralflexion des Rumpfes nach links. ständig gestreckt. Die Hüfte ist neben einer ausrei-
chenden Abduktion und Innenrotation so weit wie
jStellung des Therapeuten und Körper- möglich in Extension.
mechanik
Der Therapeut steht in Schrittstellung, der rechten jBetonte Bewegungsfolge
Schulter des Patienten zugewandt. Das Körperge- Das betonte Üben der Hüftextension erfolgt über
wicht des Therapeuten ist zu Beginn der Bewegung den Einsatz von Approximation und wiederholte
auf seinem vorderen Bein. Im Verlauf der Beinbe- Kontraktionen und/oder Kombination isotonischer
wegung des Patienten verlagert der Therapeut sein Bewegungen.
Gewicht auf das hintere Bein und stellt während der Zum betonten Fazilitieren von Fuß und Zehen
weiteren Gewichtsverlagerung das vordere Bein ei- kann der Extensionsbewegung der Hüfte an der
nen Schritt zurück. Der Therapeut sollte, um den kräftigsten Stelle der Bewegungsbahn ein Halte-
Widerstand möglichst wirkungsvoll setzen zu kön- widerstand entgegengesetzt werden.
nen, seinen Ellbogen nah am Körper stabilisieren,
so dass er seine Beine und sein Körpergewicht opti- Praxistipp
mal einsetzen kann.
4 Widerstand sollte während der gesamten
Hüftextensionsbewegung gesetzt werden.
jWiderstand
4 Der Oberschenkel überquert die Mittellinie.
kDistale Hand
4 Die Lendenwirbelsäule bleibt neutral bei
Die distale Hand setzt der Eversion des Fußes und
stabilem unterem Rumpf.
damit gleichzeitig der Abduktion und Innenrota-
4 Gestreckte Beinmuster sind weniger funk-
tion der Hüfte einen Widerstand entgegen. Dieser
tionell als Muster mit Knieflexion oder
Rotationswiderstand wird gleichzeitig mit Approxi-
-extension. Daher werden die gestreckten
mation an der Fußsohle gegeben. Durch die Appro-
Muster nur auf der Ebene der Körperfunk-
ximation der distalen Hand wird sowohl der Plan-
tion angewandt, wenn das Knie nicht be-
tarflexion des Fußes als auch der Hüftextension
wegt werden darf/kann.
Widerstand entgegengesetzt.
8.6 · Extension – Abduktion – Innenrotation
171 8

. Abb. 8.12 a, b Bein: Extension – Abduktion – Innenrotation mit Knieextension

8.6.1 Extension – Abduktion – und das Knie in Richtung rechter Schulter zeigen.
Innenrotation mit Knieextension Fuß, Knie und rechte Schulter befinden sich auf ei-
(. Abb. 8.12) ner Linie.

Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste jStretch


Komponenten (nach Der Therapeut setzt den Stretch an Hüfte, Knie und
Kendall u. McCreary 1993) Fuß gleichzeitig. Die proximale Hand übt Traktion
Hüft- Extension, Abduktion, M. gluteus medius, in Längsrichtung des Oberschenkels aus. Die In-
gelenk Innenrotation (oberer M. gluteus maximus, ischio-
nenrotatoren werden durch den Außenrotationssti-
Teil) krurale Muskelgruppe
mulus des Therapeuten verlängert. Die distale Hand
Knie- Extension M. quadriceps femoris
gelenk
bewegt den Fuß weiter in Dorsalflexion und Inver-
sion bei gleichzeitiger Verstärkung der Knieflexion,
Fuß- Plantarflexion, M. gastrocnemius,
gelenk, Eversion M. soleus, Mm. peroneus indem die Ferse des Patienten vermehrt in Richtung
Fuß longus et brevis Tuber ischiadicum gebracht wird.
Zehen Flexion, Lateral- M. flexor hallucis,
deviation M. flexor digitorum jVerbales Kommando
»Fuß runter. Drücken Sie Ihr Bein nach unten au-
jTaktiler Stimulus ßen. Strecken Sie Ihr Bein.«
Der distale und der proximale Griff entsprechen den
Griffen beim gestreckten Beinpattern (7 Abschn. 8.6). jBewegung
Das Bewegungspattern wird mit der Plantarflexion
jVordehnung und Eversion des Fußes eingeleitet. Anschließend
Der Fuß wird in Richtung Dorsalflexion und Inver- setzt die Hüftbewegung ein, der nach ungefähr 5°
sion gebracht, Knie und Hüfte sind in vollständiger Hüftextension eine Knieextension folgt. Hüfte und
Flexion, wobei die Ferse zum Tuber ischiadicum Knie erreichen gleichzeitig das Bewegungsende.
172 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

jStellung des Therapeuten und Körper- Das Knie sollte vor der vollständigen Streckung
mechanik eingestellt werden, um dann die Hüftextension zu
Die Körpermechanik entspricht der beim gestreck- erarbeiten. Das betonte Üben der Knieextension
ten Beinpattern. kann durch das Setzen von Haltewiderstand für
die Hüftextension in der mittleren Bewegungsbahn
jWiderstand erfolgen.
kDistale Hand
Praxistipp
Die distale Hand setzt der Fuß- und Hüftbewegung
sowie der Knieextension rotatorische Widerstände
4 Normales Timing: Knie und Hüfte werden
und Druckwiderstände entgegen. Der Widerstand
gleichzeitig gestreckt.
für die Knieextension wird in Richtung Tuber ischi-
4 Die distale Hand setzt der Knieextension
adicum gegeben. Im Verlauf der Extensionsbewe-
einen Widerstand entgegen, indem die
gung des Knies muss sich der Winkel des applizier-
Ferse Richtung Tuber ischiadicum gebracht
ten Widerstandes laufend verändern.
wird.
> Der Widerstand für die Knieextension wird 4 Zu Beginn der Knieextension übt die
auch nach Erreichen der vollständigen distale Hand genügend Widerstand aus,
Knieextension beibehalten. um eine übermäßige Hüftrotation zu
8 verhindern.
kProximale Hand
Die proximale Hand setzt am Oberschenkel einen
Widerstand, der in Richtung Ausgangsstellung 8.6.2 Extension – Abduktion –
gerichtet ist. Dieser Widerstand wird gegen die Innenrotation mit Knieflexion
Extension und Abduktion der Hüfte gerichtet. Der (. Abb. 8.13)
Widerstand für die Innenrotation wird von der
proximalen Hand durch einen von lateral nach
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
medial und in Richtung Flexion gerichteten Druck Komponenten (nach Kendall
erzeugt. Beim Erreichen der vollständigen Hüft- und u. McCreary 1993)
Knieextension sollte mit der distalen Hand am Fuß Hüftgelenk Extension, M. gluteus medius,
und mit der proximalen Hand am Oberschenkel Ap- Abduktion, M. gluteus maximus
proximation und Widerstand gegeben werden. Innenrotation
Kniegelenk Flexion M. gracilis, ischiokrurale
> Beim Setzen des Widerstandes sollte der Muskelgruppe
Therapeut darauf achten, dass Fußgelenk, Plantarflexion, M. soleus,
4 beide Hände unabhängig voneinander Fuß Eversion M. peroneus longus et brevis
arbeiten und Zehen Flexion, Lateral- M. flexor hallucis,
4 der Widerstand für die Knieextension deviation M. flexor digitorum
stärker als für die Hüftextension ist.

jEndstellung jAusgangsstellung des Patienten


Die Endstellung entspricht der beim gestreckten Der Patient liegt am Rand der Behandlungsbank.
Beinpattern. Die Ausgangsstellung entspricht der beim Pattern
»Flexion – Adduktion – Außenrotation mit Knieex-
jBetonte Bewegungsfolge tension« (7 Abschn. 8.5). Zur Schonung seines Rü-
Zum betonten Üben der Hüftbewegungen kann zu ckens kann der Patient seinen rechten Fuß auf der
Beginn der Bewegung der Knieextension und dem Behandlungsbank aufstellen.
Fuß (Plantarflexion mit Eversion) ein Haltewider-
stand entgegengesetzt werden.
8.6 · Extension – Abduktion – Innenrotation
173 8

. Abb. 8.13 a, b Bein: Extension – Abduktion – Innenrotation mit Knieflexion

jTaktiler Stimulus folgt. Hüfte und Knie erreichen gleichzeitig das Be-
Die distale und die proximale Hand werden wie beim wegungsende.
gestreckten Beinpattern platziert (7 Abschn. 8.6).
jStellung des Therapeuten und Körper-
jVordehnung mechanik
Die Vordehnung entspricht der beim gestreckten Der Therapeut setzt seinen Körper wie beim ge-
Beinpattern. streckten Beinpattern ein. Gegen Ende des Bewe-
gungspatterns kann der Therapeut seine Hüften
jStretch und Knie beugen und seinen Körper zusätzlich dre-
Der Stretch erfolgt gleichzeitig mit beiden Händen hen, wobei er zum Fußende der Behandlungsbank
durch eine schnell ausgeführte Verlängerung und schaut.
Rotation der Hüfte und des Fußes. Um mehr Ver-
längerung für die Knieflexoren zu erreichen, kann jWiderstand
mit der distalen Hand eine zusätzliche Traktion für kDistale Hand
das Knie ausgeübt werden. Die distale Hand setzt der Plantarflexion und Ever-
sion sowie der Knieflexion gleichzeitig Widerstand
jVerbales Kommando entgegen. Dieser Widerstand ist in die Ausgangs-
»Drücken Sie Ihren Fuß und Ihre Hüfte nach unten. stellung zurückgerichtet.
Beugen Sie dabei Ihr Knie.«
kProximale Hand
jBewegung Beim Erreichen der vollständigen Hüftextension
Der Fuß leitet die Bewegung mit Plantarflexion und wird mit der proximalen Hand eine Approximation
Eversion ein. Danach beginnt die Hüftbewegung, am Oberschenkel gegeben. Die proximale Hand
der nach ungefähr 5° Hüftextension die Knieflexion gibt Widerstand wie beim gestreckten Pattern.
174 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

jEndstellung Bilaterale Beinpatterns mit gestrecktem Knie


Die Hüfte befindet sich in Extension – Abduktion werden bei Behandlungen auf der Ebene der
– Innenrotation. Das Knie ist im Überhang am Fuß- Körperfunktion angewandt, um z. B. Rumpf- oder
ende der Bank oder seitlich von der Behandlungs- Beinmuskeln zu kräftigen. Bei den hier darge-
bank flektiert. Der Fuß befindet sich in Plantarfle- stellten bilateralen Beinpatterns werden die Beine
xion und Eversion. Der Therapeut sollte besonders nicht zusammengehalten. Jedes Bein führt z. B.
auf die Beckenbewegung achten. dasselbe Bewegungspattern gleichzeitig oder al-
ternierend aus. Die Betonung liegt bei diesen bila-
! Vorsicht
teralen Beinpatterns auf den Beinbewegungen
Das Becken darf nicht nach ventral kippen.
selbst. Die Kraft des stärkeren Beines kann über
jBetonte Bewegungsfolge die Irradiation zur Fazilitation des schwächeren
Zum betonten Üben der Knieflexion kann der Hüf- Beines genutzt werden. Die Vielzahl an Kombi-
textension an jeder Stelle der Bewegungsbahn ein nationsmöglichkeiten der Patterns und Ausgangs-
Haltewiderstand entgegengesetzt werden. Für den stellungen ermöglicht es dem Therapeuten, die
Fuß (in Plantarflexion und Eversion) wird ein Hal- Patterns und Ausgangsstellungen so auszuwählen,
tewiderstand gegeben. dass ein optimales Behandlungsergebnis bezüglich
Bewegungskontrolle und Kraft erreicht werden
! Vorsicht
kann.
8 Der Therapeut sollte darauf achten, dass
Am häufigsten werden für die Durchführung
der Patient keine Hüftflexion macht.
der bilateralen Beinpatterns die Ausgangsstellungen
Hüftextension und Knieflexion können mit diesem Sitzen, Rückenlage und Bauchlage benutzt. Im Fol-
Pattern kombiniert geübt werden. genden werden mögliche Kombinationen von Bein-
patterns im Sitzen bzw. in der Rückenlage und in
Praxistipp der Bauchlage dargestellt:

4 Normales Timing: Zuerst wird der Fuß Sitzen


bewegt, darauf folgen gleichzeitig die 4 Bilaterale symmetrische Kombination
Knie- und Hüftbewegungen. (. Abb. 8.14):
4 Die Bewegung ist bei vollständiger Hüft- 5 linkes Bein: Flexion – Abduktion mit Knie-
extension und maximal möglicher Knie- extension,
flexion ohne Hypertension der Lenden- 5 rechtes Bein: Flexion – Abduktion mit
wirbelsäule beendet. Knieextension.
4 Reziproke asymmetrische Kombination
(. Abb. 8.15):
5 linkes Bein: Flexion – Abduktion mit Knie-
8.7 Bilaterale Beinpatterns extension,
5 rechtes Bein: Extension – Abduktion mit
Die Rumpfmuskulatur wird bei Durchführung der Knieflexion.
bilateralen Beinpatterns wesentlich stärker aktiviert
als bei den unilateralen Beinpatterns. In 7 Kap. 10 Rückenlage
wird auf den Einsatz der Beinpatterns zur Fazilita- 4 Gestreckt symmetrische Kombination
tion des Rumpfes näher eingegangen. (. Abb. 8.16):
Der Unterschied zwischen den hier dargestell- 5 beide Beine: Flexion – Abduktion
ten bilateralen Beinpatterns und den Beinpatterns (. Abb. 8.16 a, b)/Extension – Adduktion
zur Fazilitation des Rumpfes liegt in der Positionie- (. Abb. 8.16 c, d; . Abb. 8.20 c, d).
rung der Beine. Für die Fazilitation des Rumpfes 4 Reziproke Kombination (. Abb. 8.17):
werden die Beine zusammengehalten. Dabei führt 5 linkes Bein: Extension – Abduktion,
jedes Bein ein anderes Bewegungspattern aus. 5 rechtes Bein: Flexion – Abduktion.
8.8 · Variationen der Ausgangsstellung des Patienten
175 8

. Abb. 8.14 a, b Bein: Bilaterales symmetrisches Pattern der Flexion – Abduktion mit Knieextension

. Abb. 8.15 a, b Bein: Bilaterales asymmetrisches Pattern der Flexion – Abduktion mit Knieextension an der linken Seite
und Extension – Abduktion mit Knieflexion an der rechten Seite

4 Bilateral asymmetrische Kombination 8.8 Variationen der Ausgangs-


(. Abb. 8.18): stellung des Patienten
5 linkes Bein: Abduktion,
5 rechtes Bein: Adduktion. Das Üben der Beinpatterns in unterschiedlichen
Ausgangsstellungen ist für den Patienten häufig an-
Bauchlage genehm und wirkt sich dann positiv auf das Be-
4 Hüftextension mit Knieflexion (. Abb. 8.19). handlungsergebnis aus. So besteht z. B. für den sit-
176 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

. Abb. 8.16 a–d Bein: Kombinationsmöglichkeit für die symmetrisch gestreckten Beinpattern in Rückenlage. a, b Flexion –
Abduktion, c, d Extension – Adduktion

zenden Patienten die Möglichkeit, die Bewegung > Der Therapeut sollte die Ausgangsstellung
seiner Beine visuell zu verfolgen und zu kontrollie- wählen, bei der sich die größten Vorteile
ren. Darüber hinaus kann z. B. durch Veränderung und die geringsten Nachteile für Patienten
der Ausgangsstellung die Schwerkraft zur Unter- und Therapeuten ergeben.
stützung der Bewegung oder zur Kräftigung der
Muskulatur genutzt werden. Die Verlängerung der
zweigelenkigen Muskulatur wird je nach gewählter
Ausgangsstellung unterstützt.
8.8 · Variationen der Ausgangsstellung des Patienten
177 8

. Abb. 8.17 a, b Bein: Bilaterales asymmetrisch-reziprokes Pattern der Extension – Abduktion auf der linken Seite und
Flexion – Abduktion auf der rechten Seite

. Abb. 8.18 a, b Bein: Bilaterales asymmetrisches Pattern der Hüftextension mit Knieflexion linkes Bein in Abduktion und
rechtes Bein in Adduktion
178 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

8 . Abb. 8.19 a, b Bein: Bilaterales symmetrisches Pattern in Bauchlage: Hüftextension – Adduktion – Außenrotation mit
Knieflexion

8.8.1 Beinpatterns im Sitzen 8.8.2 Beinpatterns in der Bauchlage


(. Abb. 8.20) (. Abb. 8.21)

Die Ausgangsstellung »Sitzen« ermöglicht es dem Die Hüftextension kann in der Bauchlage gut
Therapeuten, mit den Beinen des Patienten zu gegen die Schwerkraft trainiert werden. Darüber
üben. Die Hüftextension ist bei dieser Übung nicht hinaus besteht in dieser Ausgangsstellung die
möglich, da die Beine des Patienten auf der Behand- Möglichkeit, die Extension der Hüfte mit der
lungsbank aufliegen. In dieser Ausgangsstellung Flexion des Knies zu kombinieren (. Abb. 8.21).
kann der Patient während des Übens seinen Fuß Dabei sollte der Therapeut der Bewegung der Hüf-
und sein Knie visuell verfolgen und kontrollieren. te einen Haltewiderstand entgegensetzen, um eine
Gleichzeitig wird in dieser Stellung die Sitzbalance Hyperextension der Lendenwirbelsäule zu ver-
und die Rumpfstabilität des Patienten trainiert. Die meiden.
Betonte Bewegungsfolge kann verwendet werden, In der Bauchlage kann die Schwerkraft die Hüft-
um auf einfache Art und Weise ein Bein zu stabili- flexion unterstützen. Der Patient muss so positio-
sieren, während das andere Bein Bewegungen aus- niert werden, dass die Beine über das Fußende der
übt. Welche Übungen im Sitzen ausgeführt werden Behandlungsbank hinausragen.
können, hängt allein von den Bewegungsmöglich-
keiten des Patienten und der Kreativität des Thera- > Um die Lendenwirbelsäule des Patienten
peuten ab. In . Abb. 8.20 sind drei Beispiele als An- zu stabilisieren, sollte er ein Bein auf den
regung dargestellt. Boden stellen (. Abb. 8.21 c).
6

. Abb. 8.20 a–f Beinpattern im Sitzen. a, b Extension – 7


Adduktion – Außenrotation mit Knieflexion, c, d Extension –
Abduktion – Innenrotation mit Knieflexion, e, f Beinpattern
im Sitzen. Flexion – Adduktion – Außenrotation mit Knie-
extension
8.8 · Variationen der Ausgangsstellung des Patienten
179 8
180 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

. Abb. 8.21 a–g Beinpattern in Bauchlage. a, b Extension – Adduktion – Außenrotation. c Ein Bein auf dem Boden zur
Stabilisation der lumbalen Wirbelsäule

Während das Knie sich mit der Schwerkraft ren zu können, muss der Patient an der
streckt, kann die Behandlungsbank genutzt Bankkante liegen und ein Bein auf dem
werden, um der Hüftflexion einen Wider- Boden aufstellen (. Abb. 8.21 f, g).
stand entgegenzusetzen (. Abb. 8.21 d, e).
Um eine Hüftflexion in Bauchlage ausfüh-
6
8.8 · Variationen der Ausgangsstellung des Patienten
181 8

. Abb. 8.21 (Fortsetzung) d, e Flexion – Adduktion – Außenrotation mit Knieextension. f, g Beinpattern in Bauchlage.
Flexion – Abduktion – Innenrotation mit Knieflexion des linken Beines. Die rechte Hüfte ist flektiert und der Fuß steht auf
dem Boden

8.8.3 Beinpatterns in der Seitlage kulatur stabilisiert werden. Die Abduktoren des
(. Abb. 8.22) oben liegenden Beines und die Adduktoren des un-
ten liegenden Beines müssen in dieser Stellung ge-
Bei der Durchführung der Beinpatterns in Seitlage gen die Schwerkraft arbeiten. Um einer lumbalen
sollte der Therapeut besonders darauf achten, dass Hyperextension entgegenzuwirken, sollte das ipsila-
der Patient keine Ausweichbewegungen im Rumpf terale Becken in posteriore Depression positioniert
macht. Der Rumpf des Patienten kann entweder pas- werden.
siv durch äußere Unterstützung (z. B. Kissen) oder
aktiv durch die eigene Anspannung der Rumpfmus-
182 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

. Abb. 8.22 a–f Beinpattern in Seitlage. a, b Extension – Abduktion – Innenrotation mit gestrecktem Knie. c, d Flexion –
Adduktion – Außenrotation mit Knieflexion. e, f Beinpattern in Seitlage. Extension – Adduktion – Außenrotation mit Knie-
extension
8.8 · Variationen der Ausgangsstellung des Patienten
183 8

. Abb. 8.23 a–h Beinpattern im Vierfüßlerstand. a, b Flexion – Abduktion – Innenrotation mit Knieflexion. c, d Extension –
Adduktion – Außenrotation mit Knieextension

8.8.4 Beinpatterns im Vierfüßlerstand folgt hier die Hüftextension gegen die Schwerkraft.
(. Abb. 8.23) Die Hüftflexion kann mit der Schwerkraft ausgeübt
werden.
Die Durchführung der Beinpatterns im Vierfüßler-
stand erfordern vom Patienten sowohl Rumpf- > Der Therapeut sollte bei der Durchführung
stabilität als auch Stabilität der Arme und des auf- des Beinpatterns besonders auf Ausweich-
gestellten Beines. Ebenso wie in der Bauchlage er- bewegungen der Wirbelsäule achten.
184 Kapitel 8 · Untere Extremitäten

. Abb. 8.23 (Fortsetzung) e, f Flexion – Adduktion – Außenrotation mit Knieflexion. g, h Extension – Abduktion – Innen-
rotation mit Knieextension

8.8.5 Beinpatterns im Stand 8.9 Überprüfen Sie Ihr Wissen:


(. Abb. 8.24) Fragen

Der Stand bietet eine weitere gute Stellung für die 4 Wann ist es sinnvoll, gestreckte Beinmuster an-
Durchführung der Beinpatterns. Diese Ausgangs- zuwenden, obwohl gestreckte Beinmuster nicht
stellung kann modifiziert werden, z. B. durch Auf- so funktionell sind wie die gebeugten Muster?
stützen der Hände. Widerstand für das stärkere 4 Worauf soll der Therapeut besonderen Wert
Bein in Flexion – Abduktion – Innenrotation för- legen, wenn er die Beinmuster in die Hüft-
dert die Stabilität der Hüfte und des Knies des extension mit Kniestreckung anwendet?
Standbeins.
Literatur
185 8

. Abb. 8.24 Beinübung im Stand

Literatur

Horst R (2005) Motorisches Strategietraining und PNF.


Thieme, Stuttgart
Kendall FP, McCreary EK (1993) Muscles, testing and function.
Williams and Wilkins, Baltimore
187 9

Nacken
D. Beckers

9.1 Einführung – 188

9.2 Behandlungsverfahren – 188

9.3 Indikationen – 190

9.4 Flexion nach links, Extension nach rechts – 191


9.4.1 Flexion – Lateralflexion nach links, Rotation nach links – 191
9.4.2 Extension – Lateralflexion nach rechts, Rotation nach rechts – 195

9.5 Anwendung der Nackenpatterns zur Fazilitation


der Rumpfbewegungen – 197
9.5.1 Fazilitation der Rumpfflexion und -extension durch
Nackenpatterns – 197
9.5.2 Fazilitation der Lateralflexion des Rumpfes durch
Nackenpatterns – 197

9.6 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen – 201

Literatur – 201

M. Buck et al., PNF in der Praxis,


DOI 10.1007/978-3-642-37814-0_9, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
188 Kapitel 9 · Nacken

9.1 Einführung Die Bewegungen von Kopf und Augen beein-


flussen sich gegenseitig. Das vollständige Bewe-
Eine optimale Kopfkontrolle und eine gute Einstel- gungsausmaß des Nackens wird nur erreicht, wenn
lung der oberen Kopfgelenke und der Halswirbel- der Patient in die Bewegungsrichtung schaut. For-
säule (HWS) sind für alle Aktivitäten des täglichen dert der Therapeut den Patienten auf, einen
Lebens wichtig. Deshalb werden die Bewegungspat- bestimmten Punkt anzuschauen, fazilitiert dies
terns des Nackens bei vielen Patienten mit unter- die Bewegung des Kopfes. Darüber hinaus wird die
schiedlichen Beschwerden angewandt. Augenbewegung durch die Bewegung des Kopfes in
die richtige Richtung unterstützt (Lee 1975; Shum-
way-Cook 1990).
Behandlungsziele
Auch zwischen den Bewegungen des Kiefers
Die Nackenpatterns werden zur lokalen Be-
und den Bewegungen von Kopf und Nacken besteht
handlung der zervikalen und/oder thorakalen
eine Verbindung. So fazilitiert z. B. das Öffnen des
Wirbelsäule eingesetzt.
Mundes die obere Nackenflexion und das Schließen
Sie beeinflussen die Kopf- und Nackenbewe-
des Mundes dementsprechend die kurze Nacken-
gungen und die Rumpfaktivität.
extension.
Die Irradiation zur Rumpfmuskulatur wird geför-
Die richtige Einstellung des Nackens und der
dert, wenn den Bewegungen des Nackens zu-
oberen Kopfgelenke führt schon zur Aktivierung
sätzlich ein Widerstand entgegengesetzt wird.
der Streckreflexe, der sog. »Magnusreflexe«.
Die Irradiation, die durch die Patterns der
9 In diesem Kapitel werden die normalen bzw. ein- Nackenflexion auftritt, resultiert in einer Rumpffle-
fachen Nackenpatterns und der Einsatz der Nacken- xion. Durch die Nackenextension wird die Rumpf-
patterns zur Fazilitation des Rumpfes näher be- verlängerung gefördert. Eine vollständige Nackenro-
schrieben. tation fazilitiert die seitliche Rumpfflexion.
Die Flexions-Extensions-Diagonalen des
Nackens sind:
9.2 Behandlungsverfahren 4 Flexion – Lateralflexion nach rechts – Rotation
nach rechts, Extension – Lateralflexion nach
jDiagonale Bewegungen links – Rotation nach links,
Die Nackenpatterns (. Abb. 9.1) setzen sich wie die 4 Flexion – Lateralflexion nach links – Rotation
Bewegungspatterns der Extremitäten aus drei Be- nach links, Extension – Lateralflexion nach
wegungskomponenten zusammen: rechts – Rotation nach rechts.
4 Flexion bzw. Extension,
4 Lateralflexion und
4 Rotation.

Der richtige Verlauf des Bewegungspatterns ergibt


sich aus der gedachten Linie, die durch die Nase, das
Kinn und den höchsten Punkt des Hinterkopfes
verläuft.
Die distalen Bewegungskomponenten der Na-
ckenpatterns, die im oberen Abschnitt der Halswir-
belsäule stattfinden, sind die kurze Nackenflexion
und die kurze Nackenextension. Die proximalen
Bewegungskomponenten der unteren Halswirbel-
säule und der oberen Brustwirbelsäule (bis Th6)
sind die lange Nackenflexion und die lange
Nackenextension. . Abb. 9.1 Nackenmuster
9.2 · Behandlungsverfahren
189 9
Für den Nacken sind folgende Bewegungsdiagona- patterns für den Nacken auch im Unterarmstütz, in
len möglich: der Rückenlage und in der Seitlage geübt werden.
4 Flexion des Nackens – Lateralflexion – Die Wahl der Ausgangsstellung hängt vom Ziel der
Rotation, Behandlung und von den Voraussetzungen ab, die
4 Extension des Nackens – Lateralflexion – der Patient mitbringt, z. B. der Kraft der Nacken-
Rotation. muskulatur.
Im Unterarmstütz müssen z. B. die Extensoren
Für die Flexion des Nackens gilt das in der unteren des Nackens gegen die Schwerkraft arbeiten, wäh-
Tabelle Angeführte: rend die Flexoren des Nackens durch die Schwer-
kraft unterstützt werden.
Bewegung Muskulatur: die wichtigsten Komponenten
In der Rückenlage kann das Bewegungspattern
(Kendall u. McCreary 1993)
»Flexion des Nackens« zur Förderung des Rollens
Obere M. longus capitis, M. rectus capitis anterior,
und zur Fazilitation der Bewegung »zum Sitzen kom-
Nackenflexion Mm. suprahyoidei (Kinn einziehen),
Mm. infrahyoidei (stabilisiert das men« eingesetzt werden. Voraussetzung dafür ist je-
Os hyoideum) doch, dass die Flexoren des Nackens stark genug sind,
Untere Alle M. scaleni (bilateral), um den Kopf gegen die Schwerkraft hochzuheben.
Nackenflexion M. sternocleidomastoideus (bilateral) In der Seitlage ist der Einfluss der Schwerkraft
Rotation Kontralateral: alle Mm. scaleni et sternoclei- bezogen auf die Flexions-/Extensionsbewegung ge-
domastoideus Ipsilateral: Mm. longus ring. Die Nackenpatterns können in der Seitlage gut
capitis et colli, M. rectus capitis anterior zur Fazilitation des Rollens eingesetzt werden.
Lateralflexion M. longus colli, alle Mm. scaleni et sterno-
! Vorsicht
cleidomastoideus
Ausgangsstellungen, in denen der Patient
Nackenschmerzen bekommt oder die ein
Für die Extension des Nackens gilt das in der folgen-
allgemeines Unwohlsein bei ihm auslösen,
den Tabelle Angeführte:
sollte der Therapeut vermeiden.
Bewegung Muskulatur: die wichtigsten Komponenten
jAusgangsstellung des Therapeuten
(Kendall u. McCreary 1993)
Der Therapeut sollte auf der Seite stehen, auf der
Obere M. iliocostalis, M. longissimus capitis,
das Extensionsmuster endet, um die diagonalen
Nacken- Mm. obliquus capitis inferior et superior,
extension Mm. rectus capitis posterior major et minor, Nackenbewegungen beobachten und kontrollieren
M. semispinalis, M. splenius capitis, zu können. Bewegt der Patient seinen Kopf z. B. von
M. trapezius »Flexion nach rechts« nach »Extension nach links«,
Untere Mm. iliocostalis cervicis, Mm. longissimus et steht der Therapeut auf der linken Seite hinter dem
Nacken- splenius cervicis, Mm. multifidi et rotatores, Patienten. Für die andere Diagonale steht der The-
extension Mm. semispinalis, M. splenius cervicis, rapeut dementsprechend auf der rechten Seite des
M. trapezius
Patienten. Der Therapeut kann je nach Ausgangs-
Rotation Kontralateral: Mm. multifidi et rotatores, stellung des Patienten (Unterarmstütz, Rückenlage,
M. semispinalis capitis, M. trapezius superior
Sitzen, Stehen) vor oder hinter ihm stehen. Seine
Ipsilateral: M. obliquus capitis inferior,
M. splenius cervicis et capitis Arme und Hände müssen dabei immer in der Be-
wegungsrichtung der Diagonalen gehalten werden.
Lateral- M. iliocostalis cervicis, Mm. intertransversarii
flexion (zervikal), M. longissimus capitis, M. obliquus
capitis superior, Mm. splenius cervicis et jKörperstellung und Körpermechanik
capitis, M. trapezius Die Körpermechanik des Therapeuten ist für den
Bewegungsverlauf des Kopfes und des Nackens in
jAusgangsstellung des Patienten der richtigen Diagonalen besonders wichtig. Be-
Eine geeignete Ausgangsstellung zum Üben der zogen auf die Extensionsrichtung verhindert
Nackenbewegungen und der Nackenstabilität ist gerade eine nicht adäquat ausgeführte Körperme-
das Sitzen. Darüber hinaus können die Bewegungs- chanik die Extensionsbewegung des Patienten und
190 Kapitel 9 · Nacken

kann in einer zu weit ausgeführten Rotation resul- unten erzeugt. Mit der Hand auf dem Kopf setzt der
tieren. Therapeut neben der Rotation und der Lateralfle-
xion auch der anterioren bzw. posterioren Bewe-
jTaktiler Stimulus gung einen Widerstand entgegen.
Für die Nackenpatterns platziert der Therapeut je
eine Hand am Kinn und am Kopf des Patienten. Mit jNormales Timing
der Hand am Kinn kontrolliert der Therapeut die Das Normale Timing der Nackenpatterns beginnt
obere Nackenflexion bzw. -extension und die dazu- mit der Kinnbewegung (distal) und geht dann in die
gehörige Rotation. Der Druck wird mitten auf dem Nackenbewegung (proximal) über. In dem Flexions-
Kinn gegeben. Dies verhindert laterale Scherbe- und Extensionsmuster bewegt sich der Kopf auf ei-
wegungen und ungünstige Belastung des Tempo- ner geraden Linie. Die Rotation entsteht während
romandibulargelenkes. Die Hand am Kopf kon- der ganzen Bewegung. Zuerst bewegt die obere
trolliert die untere Nackenflexion bzw. die lange Halswirbelsäule das Kinn durch das gesamte Bewe-
Nackenextension, die Rotation und die Lateralflexi- gungsausmaß für Flexion (»Kinn einziehen«) oder
on. Dazu wird die Hand etwas seitwärts der Lateral- Extension (»Kinn anheben«). Die übrigen Gelenke
flexions-/Rotationsachse positioniert, und die Fin- führen dann den Kopf durch die restliche Bewegung.
ger weisen in die Richtung der gewünschten Bewe- Die Rotation erfolgt sanft und ist über die gesamte
gung. Die Autoren bevorzugen einen Griff, bei dem Bewegungsbahn gleichmäßig verteilt.
die Hand, die sich an der Extensionsseite befindet,
am Kinn liegt. Die andere Hand liegt am Kopf des
9 Patienten. Dieser Griff nimmt den Druck vom Tem- 9.3 Indikationen
poromandibulargelenk und Gesicht.
Die Bewegungspatterns des Nackens können bei
Beispiele folgenden Indikationen eingesetzt werden:
Der Patient sitzt auf einem Hocker und bewegt den 4 Probleme im Rumpfbereich, z. B. Hemiplegie,
Kopf in der Diagonalen Flexion nach links – Extension Rückenschmerzen, schwache Rumpfmuskula-
nach rechts. Der Therapeut steht an der rechten Seite tur durch verschiedene Ursachen,
des Patienten und platziert seine rechte Hand auf das 4 Schmerzen im Schulterbereich, z. B. Schulter-
Kinn und die linke Hand auf den Kopf. Nacken-Syndrom, vermindertes Bewegungs-
Der Patient liegt im Unterarmstütz und bewegt den ausmaß der Schulter,
Kopf in der Diagonalen in Flexion nach links – Exten- 4 funktionelle Probleme, z. B. beim Gehen,
sion nach rechts. Der Therapeut steht – vom Patien- Rollen usw.
ten aus gesehen – auf der rechten Seite vor dem Pati-
enten. Die linke Hand befindet sich am Kinn und die Bewegungspatterns des Nackens sind auch zur Irra-
rechte Hand liegt auf dem Kopf. diation anderer Körperteile hilfreich.

jWiderstand Beispiel
Die Intensität des Widerstandes sollte bei der An- Ein Patient mit künstlichem Hüftgelenk befindet sich
wendung der Nackenpatterns im Bereich der Mög- in Bauch- oder Rückenlage. Der Therapeut setzt der
lichkeiten des Patienten liegen. Der Patient sollte Nackenextension einen Widerstand entgegen und
den Nacken ohne Schmerzen oder unerwünschte erreicht so eine Irradiation auf die Hüftextension und
Spannungen sowohl bewegen als auch stabilisieren -abduktion des Patienten.
können.
Der Widerstand am Kinn erfolgt am Rand der Es gibt noch viele Möglichkeiten, um den Nacken
Mandibula. Bewegt der Patient seinen Kopf in die zur Irradiation auf andere Körperteile einzusetzen.
Flexion, wird der Flexionswiderstand mit einer Natürlich kann man die Nackenpatterns unter
Traktion kombiniert. Bei der Bewegung in die Ex- Berücksichtigung besonderer Techniken auch zur
tension wird der Widerstand durch Druck nach direkten Behandlung der Halswirbelsäule ein-
9.4 · Flexion nach links, Extension nach rechts
191 9
setzen. Nach der PNF-Philosophie sollte die Be- 4 Rückenlage (. Abb. 9.5),
handlung zuerst mit anderen, d. h. stärkeren und 4 Seitlage (. Abb. 9.6).
schmerzfreien Körperteilen beginnen, wie z. B. mit
dem Becken, dem unteren Rumpf, den unteren jTaktiler Stimulus
Extremitäten, und, wenn der Patient sich in einer Der Therapeut steht rechts hinter dem sitzenden
weniger akuten Phase befindet, zum Schulterblatt Patienten und platziert die Fingerspitzen seiner
und den oberen Extremitäten übergehen. rechten Hand unter dem Kinn des Patienten. Die
linke Hand liegt links von der Mitte auf dem Hinter-
Praxistipp kopf und weist mit den Fingern in die Richtung der
Diagonalen. Der Widerstand wird mit den Fingern
4 Normales Timing erfolgt von distal (obere
und der Handinnenfläche gegeben. Wird die Fle-
Kopfgelenke) nach proximal (untere Hals-
xionsbewegung mit der Traktion kombiniert, wird
wirbelsäule).
der Handballen der linken Hand unter das Os occi-
4 Für sämtliche Nackenbewegungen ist
put gesetzt. Die Traktionsrichtung entspricht der
Beweglichkeit in der oberen thorakalen
Richtung der Diagonalen.
Wirbelsäule essentiell.
4 Die zervikale Rotation ist ein wesentlicher
jVordehnung
Teil des Patterns. Die Rotation erfolgt
Kinn, Nase und Hinterkopf des Patienten befinden
gleichzeitig mit den anderen Bewegungen.
sich auf seiner rechten Seite. Das Kinn ist nach oben
gerichtet, der Kopf rotiert und wird nach rechts an-
gehoben. Die Extension verteilt sich gleichmäßig
über die zervikale und thorakale Wirbelsäule. Dabei
9.4 Flexion nach links, Extension sollte der Therapeut darauf achten, dass er die Ge-
nach rechts (. Abb. 9.2) lenke der Wirbelsäule nicht in eine »Verriegelung«
bringt (durch eine gegensinnige Rotation und Seit-
In diesem Kapitel wird die Diagonale »Flexion nach neigung). Die ventralen Weichteilstrukturen auf der
links – Extension nach rechts« mit dem Patienten in linken Halsseite sollten fühl- und sichtbar unter
sitzender Ausgangsposition beschrieben (. Abb. 9.2 Spannung stehen. Wird die Bewegung mit der Trak-
a, b). Für die andere Diagonale werden die Begriffe tion kombiniert, verlängert sich der Rumpf in der
»links« und »rechts« entsprechend ausgetauscht. Vordehnung und rotiert gleichzeitig nach rechts.

jVerbales Kommando
9.4.1 Flexion – Lateralflexion nach links, »Ziehen Sie Ihr Kinn ein. Beugen Sie Ihren Kopf zur
Rotation nach links (. Abb. 9.2c, d) linken Hüfte.«

jBewegung
jAusgangsstellung des Patienten Der Kiefer des Patienten bewegt sich mit der Rota-
Der Patient sitzt auf einem Stuhl. Der Therapeut steht tion nach unten links. Der Nacken folgt mit einer
rechts hinter ihm. flexorischen Bewegung der Bewegungsrichtung
vom Kiefer, so dass sich der Kopf dem Brustkorb
jAlternative Ausgangsstellungen des Patienten nähert.
Der Patient kann folgende alternative Ausgangsstel-
lungen einnehmen, abhängig von den Möglichkei- jStellung des Therapeuten und Körper-
ten des Patienten bzw. den unterschiedlichen Be- mechanik
handlungszielen: Der Therapeut steht auf der rechten Seite hinter
4 Unterarmstütz. Der Therapeut kann hinter dem Patienten. Die Schultern und das Becken des
(. Abb. 9.3) oder vor (. Abb. 9.4) dem Patien- Therapeuten befinden sich in der Diagonalen, die
ten stehen, Arme in der Bewegungsrichtung. Der Therapeut
192 Kapitel 9 · Nacken

. Abb. 9.2 a–d Diagonale Flexion nach links, Extension nach rechts. a, b Aktive Ausführung der Nackenpatterns.
c, d Nackenflexion nach links

verlagert mit der in die Flexion verlaufenden Kopf- jWiderstand


bewegung des Patienten sein Körpergewicht nach kDistale Hand
vorne. Mit der rechten Hand, die unter dem Kinn des Pa-
tienten liegt, setzt der Therapeut der Rotationsbe-
Traktion Bei der Anwendung der Traktion sollte die wegung einen nach links gerichteten Widerstand
Halswirbelsäule in alle drei Bewegungsrichtungen entgegen.
verlängert werden.
9.4 · Flexion nach links, Extension nach rechts
193 9

. Abb. 9.3 a, b Nacken: Flexion nach links im Unterarmstütz

. Abb. 9.4 a, b Nacken: Flexion nach links im Unterarmstütz. Der Therapeut steht vor dem Patienten

kProximale Hand Am Anfang der Bewegung wird Traktion ange-


Die linke Hand, die auf dem Kopf des Patienten wandt, und gegen Ende kann eine sanfte Kompres-
liegt, setzt der Kopfbewegung einen Rotations- sion in Längsrichtung der Halswirbelsäule einge-
widerstand entgegen, der in die Ausgangsstellung setzt werden.
zurückgerichtet ist.
194 Kapitel 9 · Nacken

9 . Abb. 9.5 a, b Nacken: Flexion nach links in Rückenlage

. Abb. 9.6 a, b Nacken: Flexion nach links in Seitlage


9.4 · Flexion nach links, Extension nach rechts
195 9

. Abb. 9.7 a, b Nacken: Extension nach rechts im Sitzen

jEndstellung jTaktiler Stimulus


Kopf, Nacken und der obere Abschnitt der thoraka- Der Therapeut steht auf der rechten Seite hinter dem
len Wirbelsäule sind vollständig flektiert. Aufgrund sitzenden Patienten und platziert seinen rechten Dau-
der Rotation und der Lateralflexion befinden sich men mitten auf dem Kinn des Patienten. Die linke
die Nase, das Kinn und der Scheitel links von der Hand des Therapeuten befindet sich auf dem Scheitel
Sagittalebene. Die Nase des Patienten weist in Rich- des Patienten und hält den Hinterkopf des Patienten
tung der linken Hüfte. etwas rechts von der Mitte. Seine Finger weisen in die
Richtung der Diagonalen.
Der Widerstand wird vor allem mit der Hand-
9.4.2 Extension – Lateralflexion nach innenfläche und dem karpalen Rand der Hand ge-
rechts, Rotation nach rechts geben. Wird der Widerstand mit einer Traktion
(. Abb. 9.7) kombiniert, positioniert der Therapeut den kar-
palen Rand der proximalen Hand unter das Os
jAusgangsstellung des Patienten occiput.
Der Patient sitzt auf einem Stuhl. Der Therapeut
steht rechts hinter dem Patienten. jVordehnung
Der Patient bringt sein Kinn möglichst nah zum
jAlternative Ausgangsstellungen Brustkorb. Sein Nacken ist flektiert. Der Kopf des
des Patienten Patienten ist nach links geneigt und rotiert. Kinn,
Folgende alternative Ausgangsstellungen sind eben- Nase und Scheitel befinden sich links von der Sagit-
falls möglich: talebene. Seine dorsale Nackenmuskulatur der rech-
4 Unterarmstütz. Der Therapeut kann vor ten Nackenseite muss fühl- und sichtbar unter
(. Abb. 9.8) oder hinter dem Patienten stehen, Spannung stehen.
4 Rückenlage, Die Gelenke der Wirbelsäule befinden sich
4 Seitlage. nicht in der »Verriegelung«. Wenn der Therapeut
196 Kapitel 9 · Nacken

9 . Abb. 9.8 a, b Nacken: Extension nach rechts im Unterarmstütz

die Bewegung mit einer Traktion kombiniert, Im Verlauf der Extensionsbewegung des Kopfes
beugt sich der Rumpf des Patienten in der Vordeh- des Patienten verlagert der Therapeut sein Körper-
nung mit einer Rotation nach vorne links. gewicht nach hinten, um für die Bewegung des Pa-
tienten Platz zu machen. So können die Extension
jVerbales Kommando und die Lateralflexion richtig ausgeführt werden.
»Bringen Sie Ihr Kinn nach oben. Schauen Sie nach
oben.« jTraktion
Der Therapeut setzt zu Beginn der Bewegung eine
jBewegung leichte Traktion am Kopf ein, um die Halswirbel-
Das Kinn des Patienten bewegt nach oben, gleich- säule zu verlängern. Zusätzlich übt er am Unterkie-
zeitig führt die Halswirbelsäule eine Rechtsseitnei- fer einen leichten Druck auf das Kinn aus.
gung und Rechtsrotation durch.
Die Bewegung des Nackens und der oberen jWiderstand
Brustwirbelsäule verläuft, dem Kinn folgend, von kDistale Hand
der Flexion in die Extension, und dadurch kommt Mit dem Daumen der rechten Hand übt der Thera-
es zu einer Aufrichtung der genannten Wirbelsäu- peut einen leichten Druck auf das Kinn und gleich-
lenabschnitte. zeitig einen leichten Rotationswiderstand nach
links aus.
jStellung des Therapeuten und Körper-
mechanik kProximale Hand
Der Therapeut steht etwas nach rechts versetzt hin- Mit der linken Hand, die auf dem Kopf des Patien-
ter dem Patienten. Seine Schultern und sein Becken ten liegt, setzt der Therapeut der Bewegung einen
befinden sich im Verlauf der Diagonalen. Die Arme Rotationswiderstand entgegen, der in die Aus-
weisen in die Bewegungsrichtung. gangsstellung zurückgerichtet ist.
9.5 · Anwendung der Nackenpatterns zur Fazilitation der Rumpfbewegungen
197 9
Den ersten Abschnitt der Extensionsbewegung 9.5.1 Fazilitation der Rumpfflexion
kombiniert der Therapeut mit einer leichten Trak- und -extension durch Nacken-
tion. Beim Erreichen der fast gestreckten Position patterns
wechselt er von der Traktion zu einer leichten Kom-
pression, die er von oben auf dem Kopf in Längs- In der Rückenlage können Nackenpatterns genutzt
richtung der Halswirbelsäule gibt. werden, z. B. zur Fazilitation des Rollen in die Seit-
lage (Abb. 9.9 a, b) oder, wenn die Bauchmuskulatur
jEndstellung des Patienten kräftig genug ist, zur Fazilitation der
Kopf, Nacken und die obere Brustwirbelsäule des Bewegung »vom Liegen zum Sitzen«. Sowohl in der
Patienten befinden sich in Extension mit geringfügi- Seitlage als auch in der Bauchlage kann die Exten-
ger Elongation. Nase, Kinn und Scheitel sind auf- sion bzw. das Zurückrollen auf den Rücken durch
grund der nach rechts gerichteten Lateralflexion und den Einsatz der Nackenpatterns fazilitiert werden
Rotation rechts von der Sagittalebene. (. Abb. 9.9).
Die Fazilitation von statischen Kontraktionen
> Der Therapeut sollte bei der Bewegung in
der Rumpfmuskulatur im Sitzen erfolgt durch den
die Extension darauf achten, dass die Hals-
Einsatz angepasster Widerstände für die Extension
wirbelsäule im mittleren Abschnitt länger
wie für die Flexion. Der Patient sollte dafür aufrecht
wird. Der Nacken soll bei der Bewegung
sitzen und den Kopf in der Mitte halten. Um die
länger und nicht kürzer werden.
Sitzbalance des Patienten zu fördern, kann der
Therapeut die Umkehrtechniken und statische
9.5 Anwendung der Nackenpatterns Kontraktionen mit kleinen Bewegungsausschlägen
zur Fazilitation der Rumpf- anwenden.
bewegungen Werden die Nackenpatterns beim stehenden Pa-
tienten angewandt, wird die Intensität des Wider-
Die Rumpfmuskulatur kann nur dann mit Bewe- standes verringert und der Widerstand am Kopf mit
gungspatterns des Nackens trainiert werden, wenn zusätzlichen Widerständen an Schulter oder Becken
der Nacken kräftig und schmerzfrei ist. Dabei ste- kombiniert.
hen dynamische und statische Techniken zur
Wahl. Wenn bei der gewählten Nackenbewegung Praxistipp
Schmerzen entstehen, sollte der Therapeut auf dy-
4 Kopf und Nacken können als Hebel für die
namische Techniken verzichten und den Nacken
Rumpfaktivität angesehen werden.
mit einer statischen Technik in einer schmerzfreien
4 Mit einer Hand kann am Schulterblatt und
Position, der sog. Präpositionierung, beüben.
am Becken Widerstand entgegengesetzt
> Beim Einsatz von Nackenpatterns zur Fazi- werden.
litation des Rumpfes sollte der Therapeut
darauf achten, dass die Aktivität im Rumpf
und nicht im Nacken stattfindet.
9.5.2 Fazilitation der Lateralflexion
Zur Fazilitation der Flexionsbewegung des Rumpfes des Rumpfes durch Nacken-
wird der Flexionsbewegung des Nackens vor allem patterns
Traktion mit Widerstand entgegengesetzt. Dagegen
wird den Extensionsmustern des Nackens zur Fazili- Die Fazilitation dieser Bewegung kann in jeder
tation der Rumpfextension und Elongation eine Ausgangsstellung erfolgen. Die Lateralflexion des
Kompression auf dem Kopf des Patienten hinzuge- Rumpfes wird in die Extensions- wie auch in die
fügt. Flexionsrichtung durch die Kinnbewegung (kurze
Nackenextension bzw. -flexion) mit gleichzeitig
durchgeführter Rotation und Lateralflexion fazili-
tiert.
198 Kapitel 9 · Nacken

Die Bewegungen im Rumpf erfolgen erst, nach-


dem der Kopf entweder aktiv die Endposition
der Kopfbewegung erreicht hat oder passiv vom
Therapeuten in die Endposition gebracht wurde,
was beim Patienten eine statische Kontraktion der
Nackenmuskulatur auslöst. Die dadurch auftreten-
de aktive Verkürzung der einen Rumpfseite führt zu
einer gleichzeitigen Verlängerung der anderen
Rumpfseite.

Praxistipp

4 Kopf und Nacken können als Hebel für


Rumpfaktivitäten angesehen werden.
4 Kopf- und Nackenstellungen sollten
schmerzfrei sein.

Die primären Bewegungskombinationen des


Nackens für die seitliche Rumpfflexion sind:
4 vollständige zervikale Rotation,
9 4 ipsilaterale Lateralflexion,
4 obere zervikale Flexion (kurze Nackenflexoren),
4 untere zervikale Extension (lange Nacken-
extensoren).

Lateralflexion des Rumpfes mit Flexions-


neigung des Rumpfes (. Abb. 9.10 a–c)
jAusgangsstellung des Patienten
Der Patient sitzt auf der Behandlungsbank. Er zieht
sein Kinn ein (kurze Nackenflexion) und dreht den
Kopf nach rechts. Dadurch zeigt das Kinn des Pati-
enten zur Vorderfläche seiner rechten Schulter.

jTaktiler Stimulus
Der Therapeut platziert seine rechte Hand auf die
rechte Seite des Kopfes des Patienten in der Nähe
des rechten Ohres. Die Finger seiner linken Hand
setzt der Therapeut unter das Kinn des Patienten.

jVorbereitungskommando
»Drehen Sie Ihren Kopf nach rechts, und halten Sie
das Kinn hier. Berühren Sie den vorderen Rand Ih-
rer rechten Schulter.«

9 . Abb. 9.9 a–c Nackenpatterns zur Fazilitation der Rumpf-


flexion und -extension. a, b Flexion des Nackens, um vor-
wärts zu rollen. c Extension des Nackens, um rückwärts zu
rollen
9.5 · Anwendung der Nackenpatterns zur Fazilitation der Rumpfbewegungen
199 9

a b

c d

e f

. Abb. 9.10 a–f Nackenpatterns zur Fazilitation der Lateralflexion des Rumpfes nach rechts. a–c In Rückenlage mit Flexions-
neigung. d–f In Bauchlage mit Extensionsneigung
200 Kapitel 9 · Nacken

jAktionskommando jTaktiler Stimulus


»Halten Sie das Kinn auf Ihrer Schulter! Lassen Sie Die Grifftechnik entspricht der, die für die »Lateral-
nicht zu, dass ich Ihren Kopf bewege. Ziehen Sie flexion des Rumpfes mit Flexionsneigung des
nun Ihr Kinn weiter zur Schulter. Und noch ein- Rumpfes« eingesetzt wird.
mal.«
jPräparationskommando
jBewegung »Drehen Sie Ihren Kopf nach rechts und probieren
Der obere Rumpf führt eine Lateralflexion nach Sie, Ihr Kinn hinter die rechte Schulter zu bewe-
rechts aus; dadurch nähert sich die rechte Schulter gen.«
dem rechten Beckenkamm. Neben einer Rotations-
bewegung nach rechts bewegt sich der Rumpf auch jAktionskommando
etwas in die Flexion. »Halten Sie Ihr Kinn auf Ihrer Schulter und das Ohr
nach hinten; lassen Sie nicht zu, dass ich Ihren Kopf
jStellung des Therapeuten und Körper- bewege. Ziehen Sie das Kinn nun weiter hinter die
mechanik Schulter. Ziehen Sie noch einmal.«
Der Therapeut befindet sich auf der linken Seite
hinter dem Patienten. jBewegung
Der obere Rumpf führt eine Lateralflexion nach
jAlternative Stellung des Therapeuten rechts mit einer Extension aus, wodurch die Schul-
und alternative Grifftechnik ter dem hinteren Teil des rechten Iliums näher
9 Der Therapeut kann sich auch vor den Patienten auf kommt. Neben der Rotationsbewegung nach rechts
die rechte Seite stellen. Dabei befindet sich dann die bewegt sich der Rumpf auch etwas in die Extension
linke Hand des Therapeuten auf dem Kopf in der (. Abb. 9.10 d–f).
Nähe des rechten Ohres und die Finger der rechten
Hand unter dem Kinn des Patienten (. Abb. 9.10). jStellung des Therapeuten und Körper-
mechanik
jWiderstand Der Therapeut steht hinter dem Patienten auf der
kDistale Hand linken Seite.
Die Hand am Kinn setzt den Widerstand für die
kurze Nackenflexion, Rotation und Lateralflexion. jAlternative Stellung des Therapeuten
und alternative Grifftechnik
kProximale Hand Die Stellung und die Grifftechnik können auch de-
Die Hand am Kopf gibt den Widerstand für die nen entsprechen, die in diesem Abschnitt bei »Late-
lange Nackenextension, Rotation und Lateral- ralflexion des Rumpfes mit Flexionsneigung des
flexion. Rumpfes« beschrieben wurden (. auch Abb. 9.11).

Lateralflexion des Rumpfes mit jWiderstand


Extensionsneigung des Rumpfes kDistale Hand
(. Abb. 9.10 d, e) Die distale Hand am Kinn gibt Widerstand gegen
die kurze (obere) Nackenflexion mit Rotation und
jAusgangsstellung des Patienten Lateralflexion.
Der Patient sitzt auf der Behandlungsbank. Sein
Kinn hat er eingezogen (kurze Nackenflexion). kProximale Hand
Durch die Drehung des Kopfes nach rechts weist das Die proximale Hand gibt Widerstand gegen die lan-
Kinn zur Hinterfläche seiner rechten Schulter. ge Nackenextension, Rotation und Lateralflexion.
Literatur
201 9

. Abb. 9.11 a, b Patient mit inkompletter Tetraplegie nach traumatischen Frakturen von C2 und C6. a Flexion, Lateralflexion
und Rotation nach rechts. b Betonte Bewegungsfolge mit Nackenrotation nach links zur Fazilitation der Rumpfstreckung nach
links

> Befindet sich der Patient für die Übung in Literatur


der Bauchlage, sollte der Therapeut beach-
ten, dass der Rotationswiderstand dann Kendall FP, McCreary EK (1993) Muscles, testing and function.
Williams and Wilkins, Baltimore
von ihm weg bzw. zur Vorderseite des Pati-
Lee DN, Lishman R (1975) Visual proprioceptive control of
enten gerichtet ist. stance. J Human Mov Studies 1: 87–95
Shumway-Cook A, Horak FB (1990) Rehabilitation strategies
for patients with vestibular deficits. Neurol Clin 8:
9.6 Überprüfen Sie Ihr Wissen: 441–457
Fragen

4 Wie kann man mit Hilfe von Nackenmustern


den Rumpf fazilitieren?
4 Augenbewegungen führen die Nackenbewe-
gungen. Wie kann man dies therapeutisch nut-
zen?
203 10

Rumpf
D. Beckers, M. Buck

10.1 Einführung – 204

10.2 Behandlungsverfahren – 204

10.3 Chopping und Lifting – 205


10.3.1 Chopping – 206
10.3.2 Lifting – 208

10.4 Bilaterale Beinpatterns für den Rumpf – 212


10.4.1 Bilaterales Flexionsmuster der Beine mit Knieflexion
zur Fazilitation der unteren Rumpfflexion) – 212
10.4.2 Bilaterales Extensionsmuster der Beine mit Knieextension
nach links zur Fazilitation der Rumpfextension nach links – 215
10.4.3 Rumpflateralflexion – 216

10.5 Kombination der Rumpfpatterns – 218


10.5.1 Rumpfkombinationen – 218

10.6 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen – 220

Literatur – 220

M. Buck et al., PNF in der Praxis,


DOI 10.1007/978-3-642-37814-0_10, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
204 Kapitel 10 · Rumpf

10.1 Einführung beide Beine zusammen bewegen. In 7 Kap. 11 werden


spezifische Rumpfaktivitäten im Sitzen beschrieben
Für normale motorische Funktionen ist eine gute (. Abb. 11.28–11.30). Die Aktivitäten, ausgeführt in
Rumpfaktivität wichtig. Die Rumpfkontrolle ist verschiedenen Ausgangsstellungen (7 Kap. 11 und
eine wichtige Voraussetzung für die Bewegungen 7 Kap. 12), beeinflussen auch den Rumpf bzw. die
der Extremitäten. Beispielsweise spannt die Rumpf- Rumpfkräftigung ist Ziel der Behandlung. Bilaterale
muskulatur bei jeder Armbewegung synergistisch Armmuster (7 Abschn. 7.7) und bilaterale Beinmus-
oder schon antizipatorisch vor der Ausführung der ter (7 Abschn. 8.6) fördern Extremitätenaktivitäten
Armbewegungen an (Angel u. Eppler 1967; Dudel und Rumpfkräftigung.
et al. 1996). Besonders deutlich wird dies bei Patien-
ten mit neurologischen Problemen. Rumpfinstabi-
lität hat zur Folge, dass die Bewegungen der Extre- 10.2 Behandlungsverfahren
mitäten beeinträchtigt sind. Der Patient gewinnt die
Kontrolle über seine Arme und Beine eher, wenn er jDiagonale Bewegungen
imstande ist, seinen Rumpf effektiv und gezielt zu Auch die Bewegungspatterns für die Rumpfflexion
bewegen und zu stabilisieren (Davies 1995). und die Rumpfextension setzen sich aus drei Be-
Die Zielsetzungen für den Einsatz der Rumpf- wegungskomponenten zusammen:
patterns in der Behandlung sind vielfältig: 4 Flexion bzw. Extension,
4 Lateralflexion und
4 Rotation.
Behandlungsziele
4 Kräftigung der Rumpfmuskulatur,
Die Bewegungsrichtung der Flexions-/Extensions-
4 indirekt ausgelöste Irradiationseffekte zur
10 Behandlung der Nacken- und Schulter-
muster verläuft ungefähr vom Processus coracoi-
deus zur gegenüberliegenden Spina iliaca anterior
blattmuskulatur durch das Setzen von
superior (SIAS). Die Bewegungspatterns zum Be-
Widerständen am unteren Rumpf erzeugen,
üben der Lateralflexion des Rumpfes werden mit
4 Aktivierung der Hüftmuskulatur durch
den Bewegungskomponenten Rotation und Flexion
Kombination der oberen Rumpfpatterns
bzw. Extension kombiniert.
und der Beckenbewegungen,
In diesem Kapitel beziehen sich die Abbildun-
4 Irradiationseffekte auf die Extremitäten
gen und die Beschreibungen der Rumpfbewegun-
durch das Setzen von Widerständen gegen
gen auf »Rumpfflexion nach links« und »Rumpfex-
die Rumpfpatterns erzeugen.
tension nach rechts«. Wenn der Therapeut mit dem
Patienten in der Diagonalen »Rumpfflexion nach
Beispiel rechts« und »Rumpfextension nach links« arbeiten
Zur Verbesserung der Rumpfflexion oder -extension möchte, müssen in den nachfolgenden Beschrei-
setzt der Therapeut an den Beinen des Patienten ge- bungen jeweils die Begriffe »links« und »rechts«
zielte Widerstände. Dadurch bekommt die Armmus- ausgetauscht werden.
kulatur des Patienten ebenfalls einen indirekten Reiz, Für den Rumpf gibt es folgende Bewegungsdia-
sich zu stabilisieren. gonalen:
4 Rumpfflexion – Lateralflexion – Rotation nach
In diesem Kapitel wird im Wesentlichen der Einsatz links,
der Extremitäten zur Verbesserung der Rumpffunk- 4 Rumpfextension, Lateralflexion und Rotation
tion dargestellt. Der Einsatz der Schulterblatt- und nach rechts,
Beckenpatterns zur Fazilitation der Rumpfmuskula- 4 Rumpflateralflexion nach rechts.
tur wird in 7 Kap. 6 und die Bewegungspatterns des
Nackens zur Fazilitation des Rumpfes in 7 Kap. 9 Für die Rumpfflexion – Lateralflexion – Rotation
beschrieben. Die Rumpfaktivität wird verstärkt, nach links gilt:
wenn ein Arm den anderen umfasst oder wenn sich
10.3 · Chopping und Lifting
205 10

Bewegung Muskulatur: die wichtigsten Komponenten Zunächst wird der Einsatz der Rumpfpatterns in
(Kendall u. McCreary 1993) der Rückenlage dargestellt. Weitere Ausgangsstel-
Chopping M. obliquus externus (rechts), M. rectus lungen werden an anderer Stelle beschrieben (7 Ab-
nach links abdominis, M. obliquus internus (links) schn. 10.3 und 7 Abschn. 10.4).
Bilaterale M. obliquus internus (links), M. rectus abdo-
Beinflexion minis, M. obliquus externus (rechts) jWiderstand
nach links Die Bewegung wird zunächst von den Extremitäten
eingeleitet und vom Therapeuten zurückgehalten,
Für die Rumpfextension, Lateralflexion und Rota- bis die Rumpfmuskulatur fühlbar und sichtbar kon-
tion nach rechts gilt: trahiert. Anschließend verändert der Therapeut die
Intensität des Widerstandes in der Weise, dass die
Bewegung Muskulatur: die wichtigsten Komponenten Bewegung der Extremitäten erfolgen kann und
(Kendall u. McCreary 1993) auch die Fazilitation der Rumpfmuskulatur erhalten
Lifting Alle Nacken- und Rückenstreckermuskeln, bleibt.
nach rechts Mm. rotatores und Mm. multifidi (links)
Bilaterale Alle Nacken- und Rückenstreckermuskeln, jNormales Timing
Beinextension M. quadratus lumborum (rechts), Mm. rota- Bei diesen Bewegungskombinationen wird die Be-
nach rechts tores und Mm. multifidi (links)
wegung stets von den Extremitäten eingeleitet, und
gleichzeitig sorgt die Rumpfmuskulatur für Stabili-
Für die Rumpflateralflexion nach rechts gilt: tät. Erst wenn die Bewegung der Extremitäten been-
det ist, wird die Bewegung des Rumpfes bis zum
Bewegung Muskulatur: die wichtigsten Komponenten Bewegungsende zugelassen.
(Kendall u. McCreary 1993)
Mit Rumpf- M. quadratus lumborum, M. iliocostalis jBetonte Bewegungsfolge
extension lumborum, M. longissimus thoracis, Für die betonte Fazilitation des Rumpfes wird die
M. latissimus dorsi (bei fixiertem Arm)
Bewegung der Extremitäten am Ende mit einem
Mit Rumpf- M. obliquus internus (rechts), M. obliquus Haltewiderstand »eingerastet« und dann als Hebel
flexion externus (rechts)
verwendet, um den Rumpf zu beüben.

jAusgangsstellung des Patienten


Die Rumpfmuskulatur kann in vielen Ausgangs- 10.3 Chopping und Lifting
stellungen trainiert werden. Die folgenden Kombi-
nationen haben sich aufgrund der damit erreichten Definition
guten Behandlungsergebnisse bewährt: Chopping und Lifting heißen die Kombinatio-
4 Rückenlage: Kombination der oberen und un- nen der bilateral asymmetrisch ausgeführten
teren Rumpfflexion und -extension mit Late- Bewegungspatterns der Arme mit den Bewe-
ralflexion, gungspatterns des Nackens.
4 Seitlage: Kombination der oberen und unteren
Rumpfflexion und Rumpfextension,
4 Bauchlage: Kombination der oberen Rumpfex- Diese Bewegungskombinationen werden zum Üben
tension und Lateralflexion, der Rumpfmuskulatur eingesetzt. Der Widerstand
4 Sitzen: Kombination der oberen Rumpfflexion wird gegen beide Arme gleichzeitig gesetzt. Voraus-
und Rumpfextension mit Lateralflexion durch setzung für den Einsatz dieser Bewegungspatterns
den Einsatz der Nackenpatterns. Irradiation ist, dass mindestens ein Arm kräftig genug ist.
vom oberen Rumpf auf den unteren Rumpf wie
auch auf die Hüfte. > Der Therapeut kann die Bewegungs-
patterns auch mit Ellbogenflexion bzw.
-extension durchführen.
206 Kapitel 10 · Rumpf

Die folgenden Abbildungen zeigen die Bewegungs- wegungserweiterung der Hüftflexion. Die Hüft-
patterns Chopping und Lifting mit gestreckten flexoren können auch durch Irradiation der Arme
Armpatterns. und der Flexion des Rumpfes aktiviert werden.
Darüber hinaus eignet sich diese Position zum Üben
exzentrisch verlaufender Muskelkontraktionen von
10.3.1 Chopping Rumpf- und Hüftflexoren (. Abb. 10.2 a, b).

Die Zielsetzungen des »Chopping« – bilateral asym- jTaktiler Stimulus


metrische Extensionsmuster des Armes, kombiniert kDistale Hand
mit Flexionsmuster des Nackens – sind im Folgen- Die distale – hier die linke – Hand des Therapeuten
den zusammengefasst. wird auf die linke – hier die führende – Hand des
Patienten platziert. Da der Patient seinen linken
Arm nicht in volle Innenrotation und Pronation be-
Behandlungsziele
wegen soll, kann die linke Hand des Therapeuten
4 Fazilitation der Rumpfflexion,
um das Handgelenk des Patienten gelegt werden.
4 Fazilitation funktioneller Bewegungen,
Dadurch wird das Handgelenk geschützt, wenn der
z.B. Rumpfvorneige beim Bewegungsüber-
Therapeut eine Approximation über den gestreck-
gang vom Sitz zum Stand, Wegklappen
ten Arm gibt, um einen Restretch für den Rumpf zu
der Fußraste am Rollstuhl (exzentrische
fazilitieren.
Muskelarbeit der Rumpf- und Hüft-
extensoren). Für das Drehen von Rücken-
kProximale Hand
in Seitlage passt besser das umgekehrte
Die proximale – hier die rechte – Hand des Thera-
Lifting!,
10 4 Aufsetzen oder Üben der Hüftflexion bei
peuten liegt mit den Fingern zum Hinterkopf ge-
richtet auf der Stirn des Patienten.
starker Rumpfflexion.
jVordehnung
In . Abb. 10.1 und . Abb. 10.2 wird Chopping nach Die linke Hand des Therapeuten umfasst die linke
links gezeigt. Die Bewegungskomponenten sind im Hand oder das Handgelenk des Patienten. Anschlie-
Einzelnen: ßend wird der linke Arm des Patienten vollständig
4 linker Arm (führender Arm): Extension – in Flexion – Adduktion – Außenrotation und der
Abduktion – Innenrotation, rechte Arm daran angepasst in Flexion – Abduktion
4 rechter Arm (Folgearm): Extension – Adduk- – Außenrotation gebracht. Der Patient wird aufge-
tion – Innenrotation; der Patient umfasst mit fordert, auf seine linke Hand zu schauen, wodurch
der Hand des Folgearmes das Handgelenk es zu einer Seitneigung nach rechts und Rotation
des führenden Armes in Supination oder mit Nackenextension kommt (. Abb. 10.1 a).
Pronation,
4 Nacken: Flexion nach links, mit der dazuge- jStretch
hörenden Rotation und Seitneigung. Der Therapeut führt am linken bzw. führenden
Arm die Traktion so weit aus, bis auch die Schulter-
jAusgangsstellung des Patienten blatt- und Rumpfmuskulatur gut vorgedehnt sind.
Der Patient liegt am linken Rand der Behandlungs- Anschließend wendet der Therapeut auf den vorge-
bank auf dem Rücken. dehnten Arm und den verlängerten Rumpf einen
Stretch an.
jAlternative Ausgangsstellung
Der Patient kann auch eine sitzende Ausgangsstel- jVerbales Kommando
lung einnehmen. Diese Ausgangsstellung eignet sich »Bewegen Sie beide Arme zu mir runter, und rollen
z. B. zur Fazilitation der Rumpfflexion unter Mithil- Sie dabei den Kopf ein. Halten Sie hier, und schie-
fe der Schwerkraft oder zur Stimulierung oder Be- ben Sie weiter runter.«
10.3 · Chopping und Lifting
207 10

. Abb. 10.1 a, b Chopping nach links in Rückenlage

jBewegung
Der Bewegungsablauf des linken Armes des Patien-
ten entspricht dem beim unilateralen Armpattern
Extension – Abduktion – Innenrotation, während
der rechte Arm der Bewegung in Extension – Ad-
duktion – Innenrotation folgt.
Hinzu kommt die Flexion von Kopf und Nacken,
c
gekoppelt mit Seitneigung und Rotation zum
Führungsarm. Der obere Rumpf bewegt in Flexion, . Abb. 10.2 a–c a, b Chopping nach links im Sitzen,
Rotation und Lateralflexion zur gleichen Seite. c Reversal of chopping zum Rollen
208 Kapitel 10 · Rumpf

jStellung des Therapeuten und Körper- jBetonte Bewegungsfolge


mechanik Am Ende der Armbewegung werden die Arme
Der Therapeut steht in Schrittstellung auf der linken durch das Setzen von Rotationswiderständen und
Seite der Behandlungsbank, dem Gesicht des Pa- Approximation »eingerastet«. Die gestreckten Arme
tienten zugewandt, wie beim unilateralen Armpat- werden anschließend als Hilfsmittel zur Fazilitation
tern Extension – Abduktion – Innenrotation. der Rumpfflexoren eingesetzt.
Während der Bewegung des Patienten verlagert
> In der Endstellung führen weder die Arme
der Therapeut sein Körpergewicht von seinem vor-
noch der Kopf Bewegungen aus. Nur der
deren auf das hintere Bein. Wenn die Arme des Pa-
Rumpf bewegt sich.
tienten das Bewegungsende erreichen, dreht sich
der Therapeut etwas vom Patienten weg und schaut Das »Timing for Emphasis« kann man mit ver-
in die Richtung von dessen Fuß. schiedenen Techniken ausgeführt werden, z.B. mit
Kombination isotonischer Bewegungen und wie-
jWiderstand derholtem Stretch. Auf der Matte können Chopping
Der wesentliche Teil des Widerstandes wird dem und Reversal of Chopping gut zur Fazilitation der
Rumpf erst gegen Ende der Armbewegungen entge- Rollbewegung in die Seitlage und zur Fazilitation
gengesetzt, in Richtung der gegenüberliegenden des Aufsetzens aus der Rückenlage eingesetzt wer-
Schulter. Die Kopf- und Nackenbewegungen wer- den. Beim Reversal des Choppings ist es für manche
den eher mit Führungswiderstand begleitet. Zu Be- Patienten einfacher, sich mit Rumpfextension zu
ginn der Bewegung setzt der Therapeut der Armbe- drehen (. Abb. 10.2 a, b). Das Aufsetzen wird durch
wegung so viel Widerstand entgegen, bis die Bauch- Approximation und Rotationswiderstände an den
muskulatur fühl- und sichtbar kontrahiert. Der Armen fazilitiert. Zur Fazilitation der Rollbewe-
10 Therapeut lässt dann die Arm- und Kopfbewegung gung wird der Widerstand etwas mehr in Abduk-
gegen einen ausreichenden Widerstand zu, bis die tionsrichtung gesetzt.
optimale Fazilitation der Rumpfflexoren erreicht
ist. Sobald der Rumpf zu flektieren beginnt, gibt der Praxistipp
Therapeut Approximation in Richtung der gegen-
4 In der Endstellung bewegt nur noch der
überliegenden Schulter.
Rumpf, die Arme werden lediglich als
Hebel eingesetzt.
jEndstellung
4 Die proximale Hand gibt Widerstand
Der linke bzw. Führungsarm ist in Extension – Ab-
gegen die anteriore Depression der
duktion – Innenrotation gestreckt und befindet sich
kontralateralen Schulterblattbewegung.
neben der linken Körperseite des Patienten.
Der rechte Arm passt sich der Endstellung des
linken Armes an und ist dadurch in Extension –
Adduktion – Innenrotation, während sich der obere 10.3.2 Lifting
Rumpfabschnitt – so weit wie möglich – in einer
nach links gerichteten Flexion befindet. Die Rumpfextension lässt sich durch den Einsatz
der bilateral asymmetrischen Flexionspatterns der
jNormales Timing Arme mit Nackenextension und gleichsinnige Seit-
Die Bauchmuskulatur kontrahiert in dem Moment, neigung und Rotation des Nackens und Rumpfes
in dem die Bewegung der Arme und gleichzeitig die fazilitieren. »Lifting« kann für folgende Zielsetzun-
des Kopfes beginnt. Wenn die Bewegung von Kopf gen eingesetzt werden:
und Armen beendet ist, beugt sich der obere Rumpf
mit nach links gerichteter Rotation und Lateralfle-
xion zum Therapeuten hin.
10.3 · Chopping und Lifting
209 10
jProximale Hand
Behandlungsziele Die proximale – hier die rechte – Hand des Thera-
4 Beüben der Hüftextension bei starken peuten liegt, mit den Fingern zur linken Nacken-
Rumpfextensoren. seite des Patienten, auf seinem Hinterkopf.
4 Fazilitation funktioneller Bewegungen,
z. B. Rollen auf den Rücken. jVordehnung
4 Fazilitation des Bewegungsweges »von Die rechte Hand des Patienten umfasst das linke
einer gebeugten Position«, wie z. B. Sitzen, Handgelenk. Anschließend wird der rechte Arm des
»in eine aufrechte Position«, wie z. B. Stehen. Patienten in Extension – Adduktion – Innenrota-
Dadurch lernt der Patient, eine aufrechte tion gebracht. Der Patient schaut aufgrund der
Position einzunehmen (. Abb. 10.3 d, e). Flexion seines Kopfes nach rechts auf seine linke
Hand (. Abb. 10.3 a).

Lifting nach links wird in . Abb. 10.3 dargestellt. Fol- jStretch


gende Bewegungskomponenten sind daran beteiligt: Der Therapeut führt am linken Arm eine Traktion
4 linker Arm (führender Arm): Flexion – aus, durch die der Arm, das Schulterblatt und der
Abduktion – Außenrotation, Rumpf gut vorgedehnt werden. Anschließend führt
4 rechter Arm (Folgearm): Flexion – Adduktion der Therapeut – zusätzlich zur bestehenden Trak-
– Außenrotation; der Patient platziert die tion – einen Stretchreflex am Arm und Rumpf aus.
Hand des Folgearmes am Handgelenk des Die Extensoren des Nackens können durch eine ge-
Führungsarmes in Supination, zielte und dosiert gesetzte Traktion am Kopf eben-
4 Nacken: Extension nach links. falls vorgedehnt werden.

jAusgangsstellung des Patienten jVerbales Kommando


Der Patient liegt auf dem Rücken am linken Rand »Arme hoch und drücken Sie Ihren Kopf nach hin-
der Behandlungsbank (. Abb. 10.3 a, b). ten. Schauen Sie Ihren Händen hinterher. Halten Sie
Arme und Kopf jetzt hier. Drücken Sie nun weiter.«
jAlternative Ausgangsstellungen
4 Bauchlage: In dieser Position kann die Rumpf- jBewegung
extension am Ende der Bewegung gegen die Die Bewegung des linken Armes verläuft in dem
Schwerkraft geübt werden. Daher eignet sich Pattern Flexion – Abduktion – Außenrotation, und
diese Position besonders für kräftige und/oder der rechte Arm folgt dieser Bewegung mit Flexion
übergewichtige Patienten (. Abb. 10.3 c). – Adduktion – Außenrotation. Während sich Kopf
4 Sitzen: Diese Ausgangsstellung eignet sich be- und Nacken in die nach links gerichtete Extension
sonders zum Üben der Rumpfverlängerung. bewegen, beginnen auch die Bewegungen des obe-
Der Therapeut sollte allerdings darauf achten, ren Rumpfes in Richtung Extension sowie in die
dass während des Bewegungsverlaufes beim Rotation nach links und in die Lateralflexion nach
Patienten weder zervikal noch lumbal eine links.
deutlich ausgeprägte Hyperlordose entsteht.
jStellung des Therapeuten und Körper-
jTaktiler Stimulus mechanik
kDistale Hand Der Therapeut steht in Schrittstellung am Kopfende
Die distale – hier die linke – Hand des Therapeuten der Behandlungsbank und schaut in Richtung der
wird auf die linke bzw. führende Hand des Patienten Hände des Patienten. Im Verlauf der Bewegung ver-
platziert. Die Grifftechnik entspricht der beim lagert er sein Körpergewicht von vorne nach hinten.
unilateralen Armpattern Flexion – Abduktion – Wenn die Arme beinahe die Bewegungsgrenze
Außenrotation, es wird lediglich mit dem anderen erreicht haben, geht der Therapeut im Verlauf der
Arm Widerstand distal gegeben. Bewegungsdiagonalen einen Schritt zurück.
210 Kapitel 10 · Rumpf

10

. Abb. 10.3 a–g Lifting. a, b Lifting nach links in Rückenlage. c Lifting nach rechts in Bauchlage. d Lifting nach links im
Sitzen

jWiderstand des Rumpfes bis zur Bewegungsgrenze durchgeführt


Der Widerstand wird den Armen und dem Kopf ent- werden können. Am Bewegungsende kann der The-
gegengesetzt. Dadurch richtet er sich sowohl gegen rapeut durch das Aufrechterhalten des Widerstandes
die Arm- und Kopfbewegung als auch gegen die allgemein die Rumpfextensoren fazilitieren.
Rumpfbewegung. Der Druck geht in Richtung des
gegenüberliegenden Hüftgelenkes. Zu Beginn der jEndstellung
Kopf- und Armbewegung wird der Widerstand so Die Arme sind vollständig flektiert. Der linke
dosiert und solange gehalten, bis die Rumpf- Oberarm des Patienten befindet sich neben seinem
extensoren fühlbar kontrahieren. Erst dann verän- linken Ohr. Nacken und Rumpf befinden sich in
dert der Therapeut die Intensität des Widerstandes, der nach links gerichteten Extension. Zusätzlich ist
so dass die Bewegungen der Arme, des Kopfes und der Rumpf noch in der nach links gerichteten
10.3 · Chopping und Lifting
211 10

. Abb. 10.3 (Fortsetzung) e Lifting nach links im Sitzen.


f Reversal of lifting für das Drehen in Richtung Bauchlage.
g Lifting für Rumpfextension und Standbeinphase

Elongation. Die Extensionstendenz geht weiter bis jBetonte Bewegungsfolge


in die Beine, wenn die Kraft des Patienten dazu aus- Zur Fazilitation der Rumpfextension und Elonga-
reicht. tion kann die Arm- und Kopfbewegung am Ende
der Bewegung »eingerastet« werden. Anschließend
jNormales Timing werden dem Arm Approximation und Rotationswi-
Die Kontraktion der Rückenextensoren beginnt in derstände und dem Nacken Extensions- und Rota-
dem Moment, in dem die Arm- und die Kopfbewe- tionswiderstände entgegengesetzt. Weder die Arme
gung beginnt. Wenn die Bewegungen der Arme und noch der Kopf dürfen sich während der Fazilitation
des Kopfes beendet sind, folgt die Rumpfextension der Rumpfextension bewegen. Auf der Matte kann
nach links mit Rotation nach links und eine gering- »Reversal of Chopping« zur Fazilitation der Rück-
fügige Lateralflexion nach links. rollbewegung auf den Rücken angewandt werden.
212 Kapitel 10 · Rumpf

Für das Drehen in Bauchlage dagegen wird »Re- (. Abb. 11.8 a). Darüber hinaus kann diese Aktivität
versal of Lifting« eingesetzt (. Abb. 10.3 f). auch im Sitzen ausgeführt werden (. Abb. 10.4 c, d).

Praxistipp
jTaktiler Stimulus
4 Am Ende der Bewegung wird nur der
kDistale Hand
Rumpf bewegt, die Arme werden als Hebel
Die distale Hand wird auf die dorsale und laterale
benutzt.
Seite beider Füße des Patienten platziert; keiner der
4 Die gewünschte Bewegung ist eine Rumpf-
Finger soll dabei zwischen die Füße geraten. Sind
extension und keine lumbale Hyperexten-
die Füße des Patienten für die Hände des Therapeu-
sion.
ten zu breit, werden sie übereinandergelegt.

kProximale Hand
10.4 Bilaterale Beinpatterns Seinen proximalen Arm legt der Therapeut unter
für den Rumpf die Beine des Patienten. So kann er sie gut zusam-
menhalten.
Beim Üben des Rumpfes mit den bilateral asym-
metrisch ausgeführten Beinpatterns werden die jVordehnung
Beine vom Therapeuten zusammengehalten. Vor- Der Rumpf ist mit einer Rotation und Lateralflexion
aussetzung für den Einsatz der bilateralen Bein- nach links gestreckt.
patterns ist, dass zumindest ein Bein ausreichend
! Vorsicht
stark ist.
Der Therapeut muss bei der Vordehnung
10 > Bilaterale Beinpatterns können mit ver- darauf achten, dass der Rumpf des Patien-
schiedenen Kniebewegungen kombiniert ten richtig verlängert und somit eine Hy-
werden. Die am häufigsten eingesetzten perextension in der lumbalen Wirbelsäule
Kombinationen sind Hüftflexion mit verhindert wird.
Knieflexion und Hüftextension mit Knie-
extension.
jStretch
Der Stretch, der auf die Bein- und Rumpfmuskula-
10.4.1 Bilaterales Flexionsmuster tur gerichtet ist, wird durch Traktion und Rotation
der Beine mit Knieflexion an den Beinen erreicht.
zur Fazilitation der unteren
> Der Therapeut sollte die Lendenwirbelsäu-
Rumpfflexion (. Abb. 10.4)
le des Patienten nicht in Hyperextension
bewegen.
jAusgangsstellung des Patienten jVerbales Kommando
Der Patient liegt auf dem Rücken am linken Rand »Füße hoch und beugen Sie die Beine. Ziehen sie
der Behandlungsbank. Die Beine liegen gestreckt Ihre Knie zur rechten Schulter.«
nebeneinander, das linke Bein in Extension – Ab-
duktion – Innenrotation und das rechte Bein in Ex- jBewegung
tension – Adduktion – Außenrotation. Die Rumpfflexion beginnt, wenn beide Füße in
Dorsalflexion (Feedforward) sind. Beide Beine füh-
jAlternative Ausgangsstellung ren die Bewegung zusammen aus:
Die beschriebene Kombination der Beinpatterns 4 Rechtes Bein: bewegt sich in Flexion –
kann darüber hinaus zur Stimulation funktioneller Abduktion – Innenrotation.
Bewegungspatterns (z. B. »Von der Rückenlage auf 4 Linkes Bein: bewegt sich in Flexion –
die Seite rollen«) auf der Matte angewandt werden Adduktion – Außenrotation.
10.4 · Bilaterale Beinpatterns für den Rumpf
213 10

. Abb. 10.4 a–d Bilaterale Flexion der unteren Extremität mit Knieflexion zum Üben der unteren Rumpfflexion. a, b Rücken-
lage. c, d Sitzen

Zusammen mit der nach rechts gerichteten Rota- jStellung des Therapeuten und Körper-
tion und Lateralflexion setzt sich die Rumpfflexion mechanik
fort, nachdem die Beine ihre Bewegungsgrenze er- Der Therapeut steht in leicht gebeugter Haltung in
reicht haben. Schrittstellung dem Patienten zugewandt in Rich-
tung der Diagonalen. Im Lauf der Bewegung verla-
gert er beim Aufrichten sein Körpergewicht, das er
214 Kapitel 10 · Rumpf

zum Setzen des Widerstandes nutzt, von hinten Wenn die Bauchmuskulatur des Patienten nicht
nach vorne. Der Therapeut richtet sich mit der Fle- in der Lage ist, das Becken ausreichend zu stabilisie-
xionsbewegung der Beine des Patienten auf. ren, wird dieses Flexionsmuster des Rumpfes mit
angebeugter Hüfte begonnen (. Abb. 10.4 b).
jWiderstand
! Vorsicht
kDistale Hand
Der Therapeut muss zu Beginn der Be-
Die distale Hand gibt durch leichte Traktion in
wegung darauf achten, dass die lumbale
Richtung der Ausgangsstellung Widerstand an die
Wirbelsäule nicht in die Hyperextension
Rumpf- und Hüftrotation. Der Widerstand gegen
gezogen wird.
die Flexionsbewegung der Knie entspricht dem des
unilateralen Beinpatterns. Wird das Pattern mit ge-
streckten Knien ausgeführt, übt die distale Hand jBetonte Bewegungsfolge
zusätzlich eine in der Verlängerung der Tibia ver- Zur betonten Stimulierung der Rumpfbewegung
laufende Traktion aus. Wird das Bewegungspattern wird den Beinen am Ende der Bewegung ein Halte-
mit Knieflexion ausgeführt, lässt sich durch einen widerstand entgegengesetzt und dann als Hilfen zur
Widerstand gegen diese Knieflexion die Rumpfbe- Fazilitation eingesetzt. Am Ende der Bewegungs-
wegung kontrollieren. bahn finden zum Üben des Rumpfes nur Beckenbe-
wegungen statt. Die Stimulierung der Rumpfbewe-
kProximale Hand gungen kann dabei statisch und dynamisch durch-
Die proximale Hand hält die Beine während des geführt werden.
gesamten Bewegungsverlaufes zusammen. Gleich-
> In der Endposition sind die Beine der He-
zeitig setzt die proximale Hand durch Druck an der
bel. Lediglich das Becken bewegt sich mit,
10 lateralen Seite des Oberschenkels der Rotation und
wenn der Rumpf bewegt. Hier kann man
der Lateralflexion des Rumpfes Widerstand entge-
ebenfalls mehr Betonung auf die Lateralfle-
gen. Die Traktionsrichtung folgt dem Verlauf der
xion des Rumpfes legen (7 Abschn. 10.4.3).
Verlängerung des Femurs.
Das Üben der Flexion des Nackens und des oberen
! Vorsicht
Rumpfes kann durch langanhaltende statische Kon-
Der Therapeut darf der Bewegung in die
traktionen der Bein- und der unteren Rumpfmus-
Hüftflexion keinen zu großen Widerstand
kulatur erfolgen. Der Einsatz der Beine und des
entgegensetzen; sonst entsteht in der
unteren Rumpfes eignet sich vor allem dann zur
lumbalen Wirbelsäule eine unerwünschte
Fazilitation des oberen Rumpfes und des Nackens,
Hyperextension.
wenn die Arme des Patienten zur Stimulation des
oberen Rumpfes zu schwach sind und/oder der
jEndstellung Patient im Nacken und oberen Rumpf zu starke
Das rechte Bein befindet sich in der Endstellung in Schmerzen hat.
vollständiger Flexion – Abduktion – Innenrotation
und das linke Bein in Flexion – Adduktion – Au- Praxistipp
ßenrotation. Der untere Rumpfschnitt ist vollstän-
4 Die lumbale Wirbelsäule darf nicht in
dig flektiert und nach rechts rotiert wie auch lateral-
Hyperextension gebracht werden.
flektiert.
4 Die Beine sind der Hebel. Nur das Becken
wird bewegt.
jNormales Timing
Die Rumpfflexoren kontrahieren in demselben Mo-
ment, in dem die Flexionsbewegung der Beine be-
ginnt. Nachdem die Hüften ihre Bewegungsgrenze
erreicht haben, setzt sich die Bewegung der Rumpf-
flexion weiter fort.
10.4 · Bilaterale Beinpatterns für den Rumpf
215 10

. Abb. 10.5 a, b Bilaterale Extension der unteren Extremität mit Knieextension zum Üben der unteren Rumpfextension

10.4.2 Bilaterales Extensionsmuster kProximale Hand


der Beine mit Knieextension Der proximale bzw. der rechte Arm des Therapeu-
nach links zur Fazilitation der ten hält die Beine des Patienten unter seinen Ober-
Rumpfextension nach links schenkeln zusammen.
(. Abb. 10.5)
jVordehnung
Beide Beine des Patienten sind insgesamt nach
jAusgangsstellung des Patienten rechts gerichtet. Das rechte Bein ist in Flexion – Ab-
Der Patient liegt auf dem Rücken am linken Rand duktion – Innenrotation mit Knieflexion und das
der Behandlungsbank. linke Bein in Flexion – Adduktion – Außenrotation
mit Knieflexion. Der untere Rumpfabschnitt ist
jAlternative Ausgangsstellungen flektiert und nach rechts rotiert und lateralflektiert.
Auf der Matte kann dieses bilaterale Beinpattern
sehr gut zur Fazilitation der Rückrollbewegung von jStretch
der Seiten- oder der Bauchlage auf den Rücken an- Der Therapeut führt zur Vergrößerung der Rumpf-
gewendet werden (. Abb. 11.8 b). flexion nach rechts eine an den Oberschenkeln an-
Zum betonten Üben des Rumpfes kann das Ex- setzende Traktion mit Rotation aus.
tensionsmuster der Beine auch in der Bauchlage
eingesetzt werden. Bei der Durchführung sollte der jVerbales Kommando
Therapeut besonders darauf achten, dass die Belas- »Drücken Sie die Beine nach unten weg zu mir.«
tung der Lendenwirbelsäule nicht zu groß ist.
jBewegung
jTaktiler Stimulus Die Füße leiten die Bewegung mit der Plantarfle-
kDistale Hand xion ein, auf die unmittelbar die Extensionsbewe-
Die distale – hier die linke – Hand des Therapeuten gung des Rumpfes folgt. Die Beine führen gleichzei-
wird auf den plantaren und lateralen Seiten der tig eine Streckbewegung aus, das linke Bein in Ex-
Füße in der Nähe der Zehen platziert. Diese Hand tension – Abduktion – Innenrotation und das rech-
setzt der Extensionsbewegung der Beine Wider- te Bein in Extension – Adduktion – Außenrotation.
stand entgegen. Sind die Füße des Patienten für die Die Rumpfbewegung setzt sich, nachdem die Beine
Hände des Therapeuten zu breit, werden die Füße ihre Endposition erreicht haben, mit einer Rumpf-
einfach übereinandergelegt. elongation und der nach links gerichteten Rotation
und Lateralflexion weiter fort.
216 Kapitel 10 · Rumpf

jStellung des Therapeuten und Körper- jBetonte Bewegungsfolge


mechanik Zur betonten Fazilitation der oberen Rumpfexten-
Der Therapeut steht in Schrittstellung etwas nach sion und des Nackens kann der Therapeut langan-
vorne gebeugt in der Diagonalen, um die Beine des haltende statische Kontraktionen der Bein- und
Patienten etwas vorzudehnen. Im Verlauf der Ex- unteren Rumpfmuskulatur einsetzen. Die Fazilitati-
tensionsbewegung der Beine geht der Therapeut on mit Hilfe der Beine und des unteren Rumpfes ist
einen Schritt zurück und nutzt dabei sein Körperge- besonders für Patienten mit schwachen Armen
wicht zum Setzen des Widerstandes. und/oder mit Schmerzen im Nacken, in den Armen
oder im oberen Rumpfabschnitt geeignet. Des Wei-
jWiderstand teren könnte man auch die Lateralflexion betonen.
kDistale Hand Weitere Informationen hierzu sind in 7 Abschn.
Die distale Hand setzt durch Druck an der lateralen 10.4.3 zu finden.
Fußseite der Rumpf- und Hüftrotation Widerstand
entgegen. Darüber hinaus setzt die distale Hand – Praxistipp
wie beim unilateralen Beinpattern – der Knieexten-
4 Widerstand, der durch die distale Hand an
sion Widerstand entgegen und sie bewegt die Ferse
die Knieextension gegeben wird, kontrol-
des Patienten zurück zum Gesäß. Wenn die distale
liert die Rumpfaktivitäten.
Hand zu Beginn der Knieextension diesem Bewe-
4 Bei der gewünschten Bewegung handelt
gungspattern einen Widerstand entgegensetzt, ver-
es sich um Rumpfextension und nicht um
hindert dies eine zu große Rotation von Hüfte und
lumbale Hyperextension.
Rumpf. Wird das Bewegungspattern mit gestreckten
Knien durchgeführt, führt der Therapeut eine dem
10 Verlauf der Tibia entsprechende Approximation aus.
10.4.3 Rumpflateralflexion
kProximale Hand
Die proximale Hand setzt neben dem Zusammen- Die Rumpflateralflexion kann mit Rumpfflexion
halten der Beine der Hüft- und Rumpfbewegung kombiniert werden. Es ist aber ebenso möglich, sie
Widerstand entgegen. mit Extensionsmustern des Rumpfes zu kombinie-
ren. Beide Bewegungen können mit den bilateralen
jEndstellung Flexions- und Extensionsmustern der Beine mit
Das linke Bein befindet sich vollständig in Extension kompletter Hüftrotation eingesetzt werden.
– Abduktion – Innenrotation, das rechte Bein in Ex-
tension – Adduktion – Außenrotation. Der untere Lateralflexion nach links
Rumpfabschnitt ist neben der nach links gerichteten mit Rumpfflexion
Rotation und Lateralflexion gut verlängert. Die Bewegung kann mit den Beinen in der angenä-
herten Position beginnen, d.h. in dem nach links
jNormales Timing gerichteten bilateralen Flexionsmuster der Beine.
In dem Moment, in dem die Beinbewegung be- Die Beine werden in dieser Position gelagert, falls
ginnt, setzt auch die Rumpfextension ein. Die der Zustand des Patienten dies erfordert.
Rumpfbewegung in die vollständige Elongation
wird weiter fortgesetzt, nachdem die Beinbewegung jVerbales Kommando
beendet ist. »Drehen Sie Ihre Fersen von mir weg.« Dieses Kom-
mando erteilt der Therapeut, wenn er gestreckte
! Vorsicht Beinpatterns einsetzt.
Der Therapeut sollte darauf achten, dass es
wirklich zu einer Rumpfverlängerung und jBewegung
nicht zu einer Hyperextension der Lenden- Die Hüften und die Knie führen eine Flexion nach
wirbelsäule kommt. links aus. Durch die Rotation der Hüften nach links
10.4 · Bilaterale Beinpatterns für den Rumpf
217 10
kommt es zu einer Überschreitung der diagonalen
Linie des Flexionsmusters. Zusätzlich findet in der
Lendenwirbelsäule eine Lateralflexion nach links
statt, wodurch sich der Beckenkamm den Rippen
nähert.

jWiderstand
kDistale Hand
Die distale Hand setzt der Knie- und Fußbewegung
einen Haltewiderstand entgegen, während sie
gleichzeitig der Hüftrotation Widerstand gibt.

kProximale Hand
Die proximale Hand setzt der Flexionsbewegung
der Hüfte durch das Ausführen einer Traktion an a
den Oberschenkeln einen Haltewiderstand entge-
gen (»lock it in«). Gleichzeitig setzt der Therapeut
der nach lateral gerichteten Hüftbewegung Wider-
stand entgegen.

Praxistipp

4 Traktion am Oberschenkel rastet die


Rumpfflexoren ein.
4 Die Hüftrotation kontrolliert die seitlichen
Rumpfbeuger.

Lateralflexion nach rechts in Kombina-


tion mit Extension (. Abb. 10.6)
Die Bewegung kann in dem Bewegungsabschnitt b
der Beinpatterns, in dem die Muskulatur in Ver-
längerung ist (verlängerte Position), oder in dem
Bewegungsabschnitt, in dem die Muskulatur in An-
näherung ist (angenäherte Position), durchgeführt
werden.

Verlängerte Position
jAusgangsstellung des Patienten
Die Beine befinden sich zu Beginn der Bewegung in
einer vollständigen, nach links gerichteten Flexion.
In dieser Position entspricht die Beinposition dem
nach rechts gerichteten bilateralen Extensionsmus- c
ter der Beine (. Abb. 10.6 a).
. Abb. 10.6 a–c Lateralflexion nach rechts mit Extension.
a, b Lateralflexion in die gedehnte Stellung. Widerstand gegen
jVerbales Kommando
bilateral asymmetrische Extensionsmuster der Beine: die Bewe-
»Halten Sie die Beine unten, und drehen Sie die Fersen gung in die Rotation resultiert in eine Lateralflexion des Rump-
wieder zu mir« (. Abb. 10.6 b). fes nach rechts. c Lateralflexion in der angenäherten Stellung
218 Kapitel 10 · Rumpf

jBewegung jWiderstand
Während sich die Lendenwirbelsäule streckt, füh- Der Therapeut setzt hier denselben Widerstand ein
ren die Hüften eine vollständige Rotation nach wie für das Extensionsmuster des Rumpfes und lässt
rechts und eine Lateralflexion nach rechts aus eine vollständige Hüftrotation zu.
(. Abb. 10.6 c).
Praxistipp
> Der Therapeut darf die Hüft- und Knie-
extension um wenige Grad nach rechts 4 In die verlängerte Position werden Rumpf-
zulassen. extensoren durch Zug in Längsrichtung
des Femurs eingerastet.
jStellung des Therapeuten und Körper-
4 Die Hüftrotation kontrolliert die Seitnei-
mechanik
gung des Rumpfes.
Der Therapeut steht in Schrittstellung in Höhe der
linken Schulter des Patienten. Für die Widerstände
an Bein- und Rumpfbewegungen setzt der Thera-
peut sein Körpergewicht ein.
10.5 Kombination der Rumpfpatterns
jWiderstand
kDistale Hand Die oberen und die unteren Rumpfpatterns lassen
Die distale Hand setzt der Knie- und der Fußbewe- sich je nach Zielsetzung der Behandlung kombinie-
gung Haltewiderstand entgegen (»lock it in«) und ren. Bei der Behandlung eines Patienten werden die
gibt anschließend der dynamischen Hüftrotation Positionen, die für ihn zur optimalen Kombination
Widerstand. der Rumpfpatterns geeignet sind, häufig ausgeführt.
10 Der Therapeut sollte die Ausgangsstellung anwen-
kProximale Hand den, wo man die Kombination von Patterns gut fa-
Die proximale Hand setzt der Hüftextension und der zilieren kann.
Lateralflexion des Rumpfes Widerstand entgegen. Damit die Bewegungspatterns richtig ausge-
Für die Durchführung dieser Bewegung ist die führt werden, können die Arme oder die Beine
statische Hüft- und Knieextension besser geeignet schon vor Bewegungsbeginn in die richtige Stellung
als die dynamische Hüft- und Knieextension. bzw. Endstellung (»Präpositionierung«) gebracht
werden. Die korrekten Techniken zur Durchfüh-
Angenäherte Position rung der Rumpfpatterns werden in Abhängigkeit
jVerbales Kommando von der jeweiligen Zielsetzung gewählt.
»Halten Sie Ihre Beine unten. Drehen Sie Ihre Fer-
sen zu mir.«
10.5.1 Rumpfkombinationen
jBewegung
Die Beine des Patienten führen eine nach rechts ge- jObere und untere Rumpfflexion
richtete Extension mit vollständiger Hüftrotation 4 Mit entgegengesetzten Rotationen im Rumpf:
aus. Gleichzeitig streckt sich die Lendenwirbelsäule Chopping nach links mit bilateraler Bein-
und führt eine Lateralflexion nach rechts aus. flexion nach rechts (. Abb. 10.7).
4 Ohne entgegengesetzte Rotation im Rumpf:
jStellung des Therapeuten und Körper- Chopping nach links mit bilateraler Bein-
mechanik flexion nach links.
Der Therapeut steht an der rechten Seite des Patien-
ten und setzt sein Körpergewicht wie beim nach jObere und untere Rumpfextension
rechts gerichteten Extensionsmuster des Rumpfes 4 Mit entgegengesetzter Rumpfrotation: Lifting
ein. Er beginnt mit nach links gebeugten Beinen. nach rechts mit bilateraler Beinextension nach
links. Statische Kontraktionen können bei den
10.5 · Kombination der Rumpfpatterns
219 10

. Abb. 10.8 Rumpfkombination: Obere und untere Rumpf-


extension durch Lifting nach rechts und bilaterale Beinex-
tension nach links

Extensionsmustern der Beine in gebogener Aus-


gangsposition eingesetzt werden (. Abb. 10.8).
4 Ohne entgegengesetzte Rotation im Rumpf:
Lifting nach links mit bilateraler Beinextension
nach links.

jObere Rumpfflexion und untere


Rumpfextension
4 Mit entgegengesetzter Rumpfrotation: Chop-
ping nach links mit bilateraler Beinextension
nach rechts.
4 Ohne entgegengesetzte Rumpfrotation: Chop-
ping nach links mit bilateraler Beinextension
nach links.

jObere Rumpfextension mit unterer


Rumpfflexion
4 Mit entgegengesetzter Rumpfrotation: Lifting
nach links mit bilateraler Beinflexion nach
rechts.
4 Ohne entgegengesetzte Rumpfrotation: Lifting
nach links mit bilateraler Beinflexion nach
links (. Abb. 10.9).

> Man kann statische Kontraktionen


. Abb. 10.7 a–c Rumpfkombination: Chopping nach links während der Beinextension in gebeugten
und bilaterale Beinflexion nach rechts Positionen ausführen.
220 Kapitel 10 · Rumpf

Literatur

Angel RW, Eppler WG jr (1967) Synergy of contralateral mus-


cles in normal subjects and patients with neurologic
disease. Arch Phys Med 48: 233–239
Davies PM (1995) Steps to follow. A guide to the treatment of
adult hemiplegia. Springer, Berlin Heidelberg New York
Dudel JR, Menzel R, Schmidt RF (1996) Neurowissenschaft.
Springer, Berlin Heidelberg New York
Johnson GS, Johnson VS (2002) The application of the prin-
ciples and procedures of PNF for the care of lumbar spi-
nal instabilities. The Journal of Manual and Manipulative
Therapy (2): 83–105
Kendall FP, McCreary EK (1993) Muscles, Testing and Func-
tion. Williams and Wilkins, Baltimore

. Abb. 10.9 Rumpfkombination: Lifting nach links und


bilaterale Beinflexion nach links

10
10.6 Überprüfen Sie Ihr Wissen:
Fragen

4 Mit welchen PNF-Aktivitäten können Sie den


Rumpf gut fazilitieren? Nennen Sie sieben
Möglichkeiten.
221 11

Mattenaktivitäten
M. Buck

11.1 Einführung: Warum Mattenaktivitäten? – 222

11.2 Behandlungsverfahren – 223

11.3 Techniken – 223

11.4 Beispiele von Mattenaktivitäten – 223


11.4.1 Rollen – 224
11.4.2 Unterarmstütz – 234
11.4.3 Seitsitz – 236
11.4.4 Vierfüßlerstand – 236
11.4.5 Kniestand – 244
11.4.6 Einbeinkniestand – 249
11.4.7 Vom Bärenstand zum Stand kommen und zurück – 251
11.4.8 Übungen im Sitzen – 252
11.4.9 Brückenaktivitäten (»Bridging«) – 256

11.5 Mattentraining: Patientenbeispiele – 262

11.6 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen – 267

Weiterführende Literatur – 267

Literatur – 267

M. Buck et al., PNF in der Praxis,


DOI 10.1007/978-3-642-37814-0_11, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
222 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

11.1 Einführung: die Aktivität unterschiedlich ausgeführt werden


Warum Mattenaktivitäten? kann, sollten dem Patienten in der Behandlung
auch verschiedene Variationsmöglichkeiten ange-
Auf der Matte können Übungen ausgeführt werden, boten werden.
die beim Patienten Stabilität oder Mobilität voraus-
setzen. Die Variationsmöglichkeiten erstrecken sich Beispiel
von einfachen Übungen, z. B. unilateralen Schulter- Kräftigung von Rumpf und Beinen
blattpatterns, bis hin zu komplexen Bewegungsab- Zur Aktivierung der Rumpfmuskulatur kann der
läufen, die Stabilität und Mobilität gleichzeitig er- Therapeut am Anfang der Behandlung mit dem
fordern. Dazu gehören Bewegungen wie Kriechen Patienten Widerstandsübungen im Sitzen und
oder Gehen auf den Knien. Seitsitz ausführen. Anschließend wählt er Übungen
Die große Anzahl an Ausgangsstellungen er- aus, bei denen der Patient neben der Rumpfkontrolle
möglicht es dem Therapeuten, die gesamte Variati- zusätzlich mehr Körpergewicht auf den Beinen über-
onsbreite aller Bewegungsfunktionen und die Ef- nehmen muss. Im weiteren Therapieverlauf werden
fekte der Reflexe wie auch die der Schwerkraft in mit zunehmender Kräftigung von Rumpf und Beinen
der Behandlung variiert und gezielt einzusetzen. Bei Übungen durchgeführt, die Gleichgewicht und Be-
der Wahl der Ausgangsstellungen sollte er darauf wegung erfordern. Die Positionen hierfür sind bei-
achten, dass unerwünschte, unökonomische Bewe- spielsweise Bridging, Vierfüßlerstand oder Kniestand.
gungen in der gewählten Position verhindert bzw.
ausgeschlossen werden. Bei allen funktionellen Aktivitäten kann der Patient
Die Behandlung auf der Matte verbindet alle folgende Stadien erlernen:
Bereiche der PNF-Philosophie: 4 Mobilität: die Möglichkeit, eine Position ein-
4 Wenn der Patient auf der Matte liegt, ist es ein- zunehmen oder eine Bewegung zu starten
facher, mit den stärkeren bzw. den schmerz- 4 Stabilität: Eine Position stabilisieren, und die
freieren Aktivitäten zu beginnen. Anschließend Schwerkraft kontrollieren
11 wird die zu verbessernde Funktion behandelt. 4 Mobilität auf Stabilität: Die Bewegung kann
4 Durch Mattenaktivitäten werden viele Körper- an jeder beliebigen Stelle kontrolliert in eine
teile über Irradiation einbezogen. Irradiation stabilisierte Position gebracht werden
kann durch stärkere Körperteile erreicht 4 Skill: Alle Bewegungen sind möglich, alle
werden. Körperteile können bewegt und kontrolliert
4 »Last but not least«: Mattenarbeit kann Spaß werden (in alle Richtungen)
machen!
Ob die Behandlung mit der Verbesserung der
Bei Kindern ist es sinnvoll, die Behandlung jeweils Mobilität, Stabilität oder Mobilität auf Stabilität
an das Entwicklungsniveau des Kindes anzupassen. beginnt, macht der Therapeut vom Zustand des Pa-
Dagegen kann bei der Behandlung von Erwachse- tienten abhängig.
nen durchaus mit Übungen begonnen werden, die
eine höhere motorische Aktivität erfordern, und Beispiel
danach eine Übung angeschlossen werden, die Ein querschnittsgelähmter Patient benötigt als Erstes
einfacher durchzuführen ist. Der Therapeut muss die Stabilität im Sitzen. Erst später wird die Fähigkeit
bedenken, dass unterschiedliche Aufgaben mit zu- geübt, selbständig in diese Position zu gelangen (Be-
nehmendem Alter unterschiedlich gelöst werden weglichkeit).
(VanSant 1991).
Die Wahl der Mattenaktivitäten wird vom funk- In jeder neuen Ausgangsstellung können, je nach
tionellen Ziel bestimmt. Jede denkbare Aktivität Behandlungsziel, ein oder mehrere Aspekte der
kann in einzelne Abschnitte aufgeteilt und, wenn motorischen Kontrolle betont werden. Dabei
nötig, einzeln geübt werden, wie z. B. der Bewe- werden Grundverfahren und Techniken der PNF
gungsübergang »aus der Bauchlage in den Sitz«. Da eingesetzt.
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
223 11
Der Patient erhält, wenn seine Fähigkeiten dies schnitte. Widerstand an den stärkeren Bewe-
zulassen, ein eigenes Übungsprogramm auf der gungskomponenten führt zur Irradiation in die
Matte, das er selbständig bzw. unter minimaler schwächere Muskulatur.
Betreuung ausführen kann. Er kann auf der Matte 4 Die Betonte Bewegungsfolge ermöglicht es
Fähigkeiten üben, die zur Selbstversorgung und für dem Therapeuten, durch die stärkere Bewe-
das Gehen notwendig sind. Die unmittelbare Nähe gung die schwächere zu trainieren.
der Matte zum Boden vermittelt ihm das nötige 4 Die Patterns können je nach Befund ange-
Sicherheitsgefühl. Darüber hinaus haben die Matten- wandt werden, um die Leistung der funktionel-
aktivitäten wegen ihres funktionellen und dyna- len Aktivität zu verbessern.
mischen Charakters häufig einen motivierenden 4 Verbale Kommandos sollte der Therapeut klar
Effekt auf den Patienten. und deutlich geben. Sie müssen dem jeweiligen
Durch Mattenaktivitäten können folgende Behandlungsziel angepasst sein: Stabilität oder
funktionelle Behandlungsziele erreicht werden: Mobilität.

Behandlungsziele
11.3 Techniken
4 Lernen und Einüben funktioneller Aktivitä-
ten, z. B. Rollen und Transfer von einer
Viele Techniken, die in 7 Kap. 3 vorgestellt wurden,
Position in die nächste
eignen sich für die Behandlung auf der Matte:
4 Stabilität in den verschiedenen Ausgangs-
4 Zur Betonung der Stabilität: Stabilisierende
stellungen trainieren
Umkehr, Rhythmische Stabilisation.
4 Verbesserung der Koordination
4 Zur Betonung der Mobilität: Kombinationen
4 Verbesserung der Mobilität der Gelenke
isotonischer Bewegungen, Rhythmische Be-
und Muskellänge
wegungseinleitung, Dynamische Umkehr,
4 Normalisierung des Tonus
Wiederholter Stretch.
4 Verbesserung der Muskelkraft
4 Zur Betonung bestimmter Fertigkeiten:
4 Verbesserung der Wahrnehmung usw.
Kombination der Techniken für Stabilität und
Mobilität, z. B. Stabilisierende Umkehr zur
Stabilisation des Rumpfes im Sitzen kombiniert
11.2 Behandlungsverfahren mit Kombination isotonischer Bewegungen
für kontrollierte funktionelle Bewegungen,
Der Therapeut sollte alle Grundverfahren verwen- z. B. der Arme, der Beine, des Kopfes oder
den, um die Fähigkeit des Patienten zu erhöhen, Kombinationen dieser Körperteile.
Bewegungen effektiv und mit einem Minimum an
Ermüdung auszuführen. Im Einzelnen sind folgen-
de Gesichtspunkte zu berücksichtigen: 11.4 Beispiele von Mattenaktivitäten
4 Approximation fördert die Stabilität und
Balance. Bei der Behandlung auf der Matte kann der Patient
4 Traktion und Stretch (Stimulus oder Reflex) in der Bauch- oder in der Rückenlage beginnen. Es
erhöhen die Bewegungsmöglichkeiten des sind mehrere Ausgangsstellungen möglich und ver-
Patienten. schiedene Übungsmöglichkeiten durchführbar. Bei
4 Die Anwendung einer korrekten Handfassung der Ausführung der verschiedenen Bewegungs-
und Körperhaltung ermöglicht es dem The- übergänge ergeben sich aus der Bauch- und aus der
rapeuten, die Bewegungen des Patienten zu Rückenlage identische Ausgangsstellungen (z. B.
führen. Seitsitz). Falls nötig, sollte der Patient in jeder neuen
4 Widerstand erhöht und verstärkt das Erlernen Ausgangsstellung stabilisiert werden.
einer Aktivität. Ein angepasstes Maß an Wider- Die Beispiele der Mattenaktivitäten in . Tab. 11.1
stand stärkt die schwächeren Bewegungsab- stellen nur eine kleine Auswahl aus einer Vielzahl
224 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

. Tab. 11.1 Bewegungsübergang von der Bauch- bzw. Rückenlage bis zum Stand

Bauchlage Rückenlage

Von der Rücken- in die Bauchlage rollen Von der Bauch- in die Rückenlage rollen
Von der Bauch- in die Seitlage Von der Rücken- in die Seitlage
Auf den Ellbogen stützend Von der Rückenlage in den Seitsitz
Auf den Händen stützend »Bridging«
Vierfüßlerstand »Scooting« im Seitsitz
Seitsitz Vom Seitsitz zum Vierfüßlerstand
Fersensitz Vom Seitsitz zum Langsitz
Kniestand »Scooting« im Langsitz
Einbeinkniestand Kurzsitz (Beine über die Bankkante)
Bärenstand »Scooting« im Kurzsitz
Aufstehen Aufstehen
Stand

von Übungsmöglichkeiten dar. Die Indikationen


zur Behandlung sind fast unbegrenzt. Der Thera- 4 Mobilisation von Rumpf, Schulterblatt,
peut sollte daher immer neue und andere Ausgangs- Schulter und Hüfte,
stellungen und Aktivitäten ausprobieren, um das 4 Normalisierung des Muskeltonus usw.
angestrebte funktionelle Ziel zu erreichen.

In der Regel beinhaltet die Behandlung mehrere


11.4.1 Rollen Zielsetzungen. Der Therapeut verwendet jede Be-
wegungskombination von Schulterblatt, Becken,
11 Das Rollen ist eine funktionelle Aktivität, die den Nacken oder Extremitäten, die sich eignet, um die
Einsatz des ganzen Körpers erfordert. Indem er den gewünschte Aktivität zu fazilitieren. Das Rollen von
Patienten bei der Rollbewegung beobachtet, kann der Rückenlage in die Seitenlage ist eine konzentri-
der Therapeut viel über ihn erfahren bzw. lernen. sche Aktivität der ventralen Rumpfmuskelkette.
Manche Menschen rollen verstärkt mit Flexionsbe- Das Weiterrollen in die Bauchlage ist eine exzentri-
wegungen, andere eher mit Extensionsbewegungen, sche Arbeit der dorsalen Rumpfmuskelkette. Beim
manche drücken bzw. stoßen sich mit dem Arm Rollen von der Seitenlage in die Bauchlage sollte
oder dem Bein ab. Auch kann dem Patienten das man die Hände zum Beispiel dorsal am Becken und/
Rollen in eine Richtung leichter fallen als in die an- oder Schulterblatt anlegen, damit die exzentrische
dere Richtung. Die Ausgangsstellung, von der aus Muskelarbeit fazilitiert wird.
die Rollbewegung gestartet wird, ist für das Gelingen Beim Rollen von der Bauchlage in die Rücken-
des Rollens wichtig. Deshalb sollte der Therapeut lage ist die gleiche Arbeitsweise zu beachten: zuerst
stets in der Ausgangsstellung beginnen, von der aus konzentrische Arbeit der dorsalen Rumpfmuskula-
die Rollbewegung für den Patienten möglich ist. tur und danach exzentrische Arbeit der ventralen
Rumpfmuskulatur.

Behandlungsziele Schulterblatt
Das Rollen dient der Das Rollen auf den Bauch wird durch Widerstand
4 Kräftigung der Rumpfmuskulatur, gegen die anteriore Schulterblattbewegung fazili-
4 Förderung der funktionellen Aktivität des tiert. Das Rollen auf den Rücken wird durch Wider-
Rollens, stände, die gegen das Schulterblatt in die posteriore
6 Richtung gesetzt werden, fazilitiert. Die Grifftech-
niken entsprechen denen beim Schulterblattpat-
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
225 11
tern. Zur Steigerung der Fazilitation sollte der mit Lateralflexion und vollständiger Rotation des
Therapeut den Patienten auffordern, den Kopf in Nackens in die Rollrichtung (. Abb. 11.1 b).
Richtung der Schulterblattbewegung mitzube-
wegen. Die Bewegung des Kopfes wird zusätzlich Anteriore Depression
durch die Aufforderung fazilitiert, in die ge- Auf den Bauch rollen mit Rumpfflexion. Diese
wünschte Richtung der Schulterblattbewegung zu Fazilitation geht mit der Nackenflexion in die Roll-
schauen. richtung einher (. Abb. 11.1 c).
Zu Beginn der Bewegung bringt der Therapeut
das Schulterblatt zur Dehnung der Schulterblatt- Posteriore Elevation
muskulatur in die Vordehnung. Die Rumpfmusku- Zurückrollen mit Rumpfextension (. Abb. 11.1 d).
latur wird durch das Weiterbewegen des Schulter- Diese Fazilitation erfolgt zusammen mit der
blattes in die Dehnungsrichtung verlängert. Nackenextension in Richtung der Rollbewegung.
Das Kommando kann entweder umfassend sein
und deutlich eine Richtung angeben, es kann aber Becken
auch nur ein kurzes Aktionskommando sein. Ein Das Rollen auf die Seite aus der Rückenlage wird
umfassendes Kommando für die Schulterblattbe- durch Widerstände fazilitiert, die gegen die Patterns
wegung »anteriore Depression« zur Fazilitation des nach anterior am Becken gesetzt werden. Die Fazi-
Vorwärtsrollens könnte lauten: »Ziehen Sie Ihre litation des Zurückrollens geschieht durch das
Schulter zur anderen Hüfte. Heben Sie den Kopf Setzen von Widerständen gegen die Patterns nach
und rollen Sie um.« Eine kürzere Anweisung wäre: posterior am Becken. Die Grifftechniken entspre-
»Drehen Sie sich auf der Seite.« Das kurze Aktions- chen denen des Beckenpatterns.
kommando für das Zurückrollen unter Einsatz der Ein umfassendes Kommando für die Beckenbe-
posterioren Elevation der Schulter könnte lauten: wegung »anteriore Elevation« zur Fazilitation des
»Rollen Sie zurück.« Rollens könnte lauten: »Ziehen Sie Ihr Becken hoch
Der Bewegung wird direkt am Anfang so viel und rollen Sie auf die Seite«. Ein kürzeres Komman-
Widerstand entgegengesetzt, dass es neben der do wäre:
Kontraktion der Schulterblattmuskulatur auch zur »... Becken hoch und rollen Sie«. Das Be-
gewünschten Kontraktion der Rumpfmuskulatur wegungskommando für das Zurückrollen über
kommt. Anschließend lässt der Therapeut die Be- die posteriore Depression könnte sein: »Setzen Sie
wegung des Schulterblattes und auch die des Rump- sich in meine Hand und rollen Sie zurück auf
fes zu. den Rücken«; die kurze Anweisung könnte lauten:
Am Ende der Schulterblattbewegung kann der »... drücken Sie und rollen Sie zurück«. Die Auffor-
Therapeut das Schulterblatt durch das Setzen eines derung, in die Bewegungsrichtung des Rollens zu
Haltewiderstandes oder durch den Einsatz von schauen, fazilitiert auch hier zusätzlich die richtige
Traktion oder Approximation »einrasten«. Danach Bewegung des Kopfes.
kann mithilfe wiederholter Kontraktionen die Das Becken wird zur Verlängerung der Rumpf-
Rumpfmuskulatur und die Rollbewegung trainiert muskulatur in die Vordehnung gebracht. Unmittel-
werden. bar zu Beginn der Bewegung setzt der Therapeut
der Beckenbewegung so viel Widerstand entgegen,
Anteriore Elevation bis die Rumpfmuskulatur fühl- und sichtbar kontra-
Von der Seitlage in Bauchlage rollen mit Rumpf- hiert.
rotation und -extension (. Abb. 11.1). Diese Fazili- Anschließend lässt der Therapeut die Bewegung
tation geht mit Nackenextension und -rotation in die von Becken und Rumpf vollständig zu. Am Ende der
Richtung der Rollbewegung einher (. Abb. 11.1 a). Bewegung kann der Therapeut für die Beckenbewe-
gung einen Haltewiderstand einbauen und damit das
Posteriore Depression Becken »einrasten«. Durch den Einsatz der Technik
Zurückrollen mit Rumpfextension, -lateralflexion Wiederholte Kontraktionen für die Rumpfmuskula-
und -rotation. Diese Fazilitation erfolgt zusammen tur kann das Zurückrollen fazilitiert werden.
226 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

11

. Abb. 11.1 a–d Rollen mithilfe des Schulterblattes. a Vorwärts mit anteriorer Elevation, b rückwärts mit posteriorer De-
pression, c vorwärts mit anteriorer Depression, d rückwärts mit posteriorer Elevation

Anteriore Elevation Anteriore Depression


Fazilitieren des Rollens auf der Seite (. Abb. 11.2) mit Vorwärtsrollen mit Rumpfextension und Rotation
Rumpfflexion über Nackenflexion (. Abb. 11.2 a). über Nackenextension und Rotation in diese
Richtung.
Posteriore Depression
Fazilitieren des Rollens auf den Rücken mit Rumpf- Posteriore Elevation
extension über Nackenextension (. Abb. 11.2 b). Zurückrollen mit seitlicher Rumpfverkürzung
über Nackenextension und Rotation zur gleichen
Seite.
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
227 11

. Abb. 11.2 a, b Rollen mithilfe des Beckens. a Vorwärts mit anteriorer Elevation, b rückwärts mit posteriorer Depression

Praxistipp Der Therapeut setzt den kräftigsten Muskeln


der Schulter oder des Ellbogens einen Widerstand
4 Die Aktivität ist das Rollen; Schulterblatt entgegen, um eine Irradiation der Rumpfmuskula-
und Becken dienen als Hebel. tur zu erreichen. Auch hier sollte der Patient den
4 Das Rollen wird über das Schulterblatt und Kopf in die Bewegungsrichtung des Armes mitbe-
das Becken fazilitiert. wegen und gleichzeitig zur Unterstützung der
Kopfbewegung in die Bewegungsrichtung des Ar-
mes schauen. Der Therapeut platziert zur besseren
Schulterblatt und Becken Kontrolle der gesamten Bewegung des Armpat-
4 Kombination für das Rollen in die Seitlage: Be- terns die distale Hand entweder an der Hand oder
cken in anteriore Elevation und Schulterblatt am Unterarm des Patienten. Die proximale Hand
in anteriore Depression (. Abb. 11.3) wird je nach der angestrebten Zielsetzung positio-
4 Kombination für das Zurückrollen in die niert. Die Platzierung an oder in der Nähe des
Rückenlage: Becken in posteriore Depression Schulterblattes ist jedoch am effektivsten. Darüber
und Schulterblatt in posteriore Elevation hinaus kann die proximale Hand auch zum Setzen
(. Abb. 11.4) von Widerständen und zum Führen der Bewegung
am Kopf des Patienten platziert werden.
Rollen durch Einsatz der Arme Die Kommandos können auf den einzelnen
Die Armpatterns können ebenso wie die Schulter- Patienten abgestimmt umfassender oder kurz und
blattbewegungen zur Kräftigung der Rumpfmusku- einfach sein. Das Kommando zur Fazilitation des
latur und zur Fazilitation des Rollens genutzt wer- Rollens auf die Seite mit dem Armpattern Extension
den. Wenn der Patient einen kräftigen Arm hat, – Adduktion könnte lauten: »Greifen Sie meine
wird die Fazilitation des Rollens in die Seitlage Hand. Ziehen Sie Ihren Arm zur gegenüberliegen-
mit den Adduktionsarmpatterns und die Fazilitati- den Hüfte. Heben Sie den Kopf und drehen Sie
on des Rollens auf den Rücken mit den Abdukti- sich.« Eine kürzere Variation wäre: »Finger und
onsarmpatterns durchgeführt. Bei diesen Übungen Hand schließen und drehen Sie.«
kann der Ellbogen gebeugt oder gestreckt sein. Es ist Für die Fazilitation des Zurückrollens über das
aber auch möglich, dass er während der gesamten Armpattern Flexion – Abduktion könnte das Kom-
Bewegung in einer Position bleibt. mando lauten: »Finger und Hand strecken. Bringen
228 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

. Abb. 11.3 a, b Rollen in Seitlage: Becken in anteriorer Elevation und Schulterblatt in anteriorer Depression

11

. Abb. 11.4 a, b Rollen in Rückenlage: Becken in posteriorer Depression und Skapula in posteriorer Elevation

Sie den Arm hoch. Schauen Sie zu Ihrer Hand und Widerstand setzen, dass die Schulterblatt- und die
drehen Sie sich zurück.« Ein einfacheres Komman- Rumpfmuskulatur fühl- und sichtbar kontrahieren.
do wäre: »Finger und Hand strecken und rollen Sie Anschließend wird der Widerstand so dosiert, dass
zurück.« die Bewegungen von Schulterblatt und Rumpf mög-
Der Therapeut bringt den gesamten Arm unter lich werden.
Traktion in die Vordehnung, so dass sowohl die Zur betonten Fazilitation des Rumpfes und des
Schulterblatt- als auch die synergistische Rumpf- Rollens kann der Therapeut dem Arm an der kraft-
muskulatur ausreichend gedehnt sind. Am Anfang vollsten Stelle im Bewegungspattern einen Halte-
der Armbewegung sollte der Therapeut so viel widerstand entgegensetzen und die Technik Wie-
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
229 11
derholte Kontraktionen zur Rumpfaktivierung und Praxistipp
Förderung des Rollens einsetzen. Darüber hinaus
kann der Arm am Ende der Bewegung durch Ap- 4 Die Aktion ist Rollen, der Arm dient als
proximation und Rotationswiderstände in einen Hebel.
Haltewiderstand (»lock-in«) gesetzt werden und 4 Die Techniken zum Rollen werden am
von da aus das Rollen fazilitieren. Rumpf ausgeübt.

> Die Übung ist auf die Rumpfmuskulatur


und nicht auf die Schultermuskulatur aus- Rollen durch Einsatz der Beine
gerichtet (Drehpunktveränderung).
Die Beinpatterns können wie die Armpatterns zur
Fazilitation des Rollens und zur Kräftigung der
Unilateraler Armeinsatz Rumpfmuskulatur eingesetzt werden. Das Knie
Man kann folgende Patterns anwenden (. Abb. 11.5): kann dabei gebeugt oder gestreckt sein, es kann
4 Flexion – Adduktion – Außenrotation auch einfach in einer Position verbleiben. Wie beim
(. Abb. 11.5 a) und Ulnarstoß-Pattern Ellbogen sollte der stärksten Kniemuskulatur zur
(. Abb. 11.5 g): Auf die Seite rollen mit Rota- Fazilitation des Rollens ein Widerstand entgegenge-
tion, Extension und Lateralflexion des Rump- setzt werden. Das Vorwärtsrollen auf den Bauch
fes. Das Rollen wird zusätzlich durch die Na- wird über die Flexionsmuster und das Zurückrollen
ckenextension und -rotation in dieselbe Rich- über die Extensionsmuster des Beines fazilitiert.
tung fazilitiert. Auch beim Einsatz der Beinpatterns wird der Pati-
4 Extension – Abduktion – Innenrotation ent aufgefordert, den Kopf in die Rollrichtung mit-
(. Abb. 11.5 b) und Ulnar-Withdrawal-Pat- zubewegen.
terns: Zurückrollen mit Extension, Lateral- Die Nackenflexion stimuliert das Rollen auf die
flexion und Rotation des Rumpfes. Die Rollbe- Seite und die Nackenextension fazilitiert das Zu-
wegung wird durch die Nackenrotation und rückrollen auf den Rücken.
-lateralflexion in dieselbe Richtung unterstützt. Der Therapeut platziert seine distale Hand am
4 Extension – Adduktion – Innenrotation Fuß des Patienten. Dadurch ist der Therapeut in der
(. Abb. 11.5 c, d) und Radialstoß-Patterns: In Lage, die gesamte Bewegung des Beines und den
die Seitlage rollen mit Rumpfflexion. Die Widerstand am Knie gut zu kontrollieren. Um die
Nackenflexion in dieselbe Richtung fazilitiert Bewegung effektiver zu machen, ist der Widerstand
diese Rollbewegung. am Knie wichtiger als der an der Hüfte. Die proxi-
4 Flexion – Abduktion (. Abb. 11.5 e, f): Zurück- male Hand wird in der Regel entweder am Ober-
rollen auf den Rücken mit Rumpfextension. schenkel oder am Becken positioniert. Setzt der
Das Rollen wird durch die Nackenextension in Therapeut allerdings das Beinpattern Flexion – Ab-
dieselbe Richtung unterstützt. duktion ein, kann er die proximale Hand auch zur
Fazilitation der Rumpfflexion auf die Spinae iliaca
Bilaterale Armbewegungen anterior superior der anderen Seite platzieren.
4 In die Seitenlage rollen mit Rumpfflexion Die Bewegungskommandos können auch hier
(. Abb. 11.6) über Chopping (. Abb. 11.6 a) umfassend oder kurz und einfach sein. Nachdem
oder die Umkehrbewegung von Lifting der Therapeut dem Patienten gesagt hat, was er
(. Abb. 11.6 d) mit Rumpfextension. machen soll, könnte das umfassende Kommando
4 In die Seitenlage rollen über Rumpfextension für das Rollen in die Seitlage mithilfe des Beinpat-
(. Abb. 11.6 b, c) über Reversal of Chopping terns Flexion – Abduktion lauten: »Fuß hoch, zie-
(. Abb. 11.6 b, c). hen Sie Ihr Bein hoch und nach außen. Rollen Sie
4 Lifting: Zurückrollen auf den Rücken mit auf die Seite«. Ein kurzes, einfaches Kommando
Rumpfextension. wäre für dieselbe Bewegung: »Fuß hoch und rollen
Sie auf die Seite«. Für das Zurückrollen mit dem
Einsatz des Beinpatterns Extension – Adduktion
230 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

11

. Abb. 11.5 a–g Rollen mithilfe des Armes. a Vorwärts mit Flexion – Adduktion, b rückwärts mit Extension – Abduktion,
c, d vorwärts mit Extension – Adduktion

könnte die umfassende Anweisung lauten: »Fuß- Bewegung zu. Zur betonten Fazilitation der Rumpf-
spitze runter, strecken Sie Ihr Bein und rollen Sie muskulatur und der Rollbewegung kann er dem
zurück auf den Rücken«. Ein einfaches Bewegungs- Bein an der kraftvollsten Stelle einen Haltewider-
kommando wäre: »Fuß runter und rollen Sie zu- stand entgegensetzen, das Bein dadurch »einrasten«
rück«. und anschließend den Rumpf und die Rollbewe-
Vor dem Bewegungsbeginn wird die Bein- und gung mit der Technik Wiederholte Kontraktionen
die Rumpfmuskulatur in die Vordehnung gebracht. zusätzlich fazilitieren.
Zu Beginn der Bewegung setzt der Therapeut der
Bewegung zunächst so viel Widerstand entgegen,
dass die Rumpf- und die Beinmuskulatur kontra-
hiert. Anschließend lässt der Therapeut die gesamte
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
231 11

Praxistipp

4 Die Aktion ist Rollen, das Bein ist der Hebel.


4 Für das Rollen werden die Techniken am
Rumpf ausgeübt.

Unilateraler Beineinsatz
4 Flexion – Adduktion: Vorwärtsrollen (. Abb.
11.7) mit Rumpfflexion (. Abb. 11.7 a, b).
4 Extension – Abduktion: Auf den Rücken rollen
mit Rumpfextension und Rumpfverlängerung
(. Abb. 11.7 c, d).
4 Flexion – Abduktion: In die Seitlage rollen mit
Rumpflateralflexion, -flexion und -rotation
(. Abb. 11.7 e).
4 Extension – Adduktion: Zurückrollen mit
Rumpfextension, -elongation und -rotation
(. Abb. 11.7 f).

Bilateraler Beineinsatz
4 Flexion: In die Seitlage rollen (. Abb. 11.8) mit
Rumpfflexion (. Abb. 11.8 a).
4 Extension: Auf den Rücken zurückrollen mit
Rumpfextension (. Abb. 11.8 b).

Nackenpatterns (. Abb. 9.9)


Kopf und Nacken bewegen sich bei allen Rollbewe-
gungen mit. Wenn Arm und Schulterblatt des Pati-
enten nicht schmerzfrei oder nicht kräftig genug
sind, sollte ausschließlich der Nacken zum Fazilitie-
ren des Rollens benutzt werden. Die Nackenflexion
sollte mit Traktion, die Nackenextension mit leich-
ter Kompression kombiniert werden.
4 Flexion: Von der Rücklage in die Seitlage rollen
(. Abb. 9.9 a, b).
4 Extension: Von der Bauchlage über die Seit-
lage in die Rücklage rollen (. Abb. 9.9 c).

Praxistipp

4 Die Aktion ist Rollen, und die Halswirbel-


säule dient dabei als Hebel.
4 Für eine seitliche Bewegung sollte die
Halswirbelsäule stärker rotiert werden.
4 Für Rollbewegungen werden die Techniken
. Abb. 11.5a–g (Fortsetzung) e–f Rückwärtsrollen mit am Rumpf ausgeführt.
Flexion – Abduktion, g Vorwärtsrollen mit Ulnar Thrust
232 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

11

. Abb. 11.6 a–e Rollen mit bilateralen Armpatterns. a Vor-


wärts mit Chopping, b, c rückwärts mit Lifting, d vorwärts
mit Reversal (Umkehr) of Lifting, e vorwärts mit Reversal of
Chopping
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
233 11

a b

c d

e f

. Abb. 11.7 a–f Rollen mithilfe der Beinpatterns. a, b Vorwärts mit Flexion – Adduktion, c, d rückwärts mit Extension –
Abduktion, e vorwärts mit Flexion – Abduktion, f rückwärts mit Extension – Adduktion
234 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

. Abb. 11.8 a, b Rollen mit bilateralen Beinpatterns. a Vorwärts mit Beinflexion, b rückwärts mit Beinextension

11.4.2 Unterarmstütz Widerstand entgegen (z. B. »von der Bauchlage in


den Unterarmstütz kommen«, . Abb. 11.9 c, d).
Der Unterarmstütz ist die ideale Position zur Förde- Wird die Bewegung dagegen mittels Schwerkraft
rung der Stabilität von Kopf, Nacken und Schultern. durchgeführt, setzt der Therapeut der exzentrisch
In dieser Ausgangsstellung können Nackenpatterns verlaufenden Kontraktion Widerstand entgegen
gegen Widerstand ohne große Belastung und/oder (z. B. »aus dem Seitsitz in die Bauchlage gehen«).
11 Schmerzen ausgeführt werden. Die Armpatterns
können in dieser Position nicht nur zur Kräftigung Stabilität Sobald der Patient die gewünschte Posi-
des bewegenden Armes, sondern auch zur Kräf- tion sicher handhaben kann, beginnt der Therapeut
tigung und Stabilisierung der Schulter und der mit Stabilisationsübungen. Für diese Übungen
Schulterblattmuskulatur des Stützarmes angewandt kombiniert der Therapeut die Approximation auf
werden. Darüber hinaus eignet sich diese Position dem Schulterblatt mit Widerständen in diagonaler
besonders zum Üben der Gesichtsmuskulatur und und Rotationsrichtung. Gleichzeitig sollte der The-
des Schluckens. rapeut darauf achten, dass der Patient seine Schul-
terblattmuskulatur gut angespannt hält, der Rumpf
Mobilität (Einnehmen der gewählten Position) Der nicht durchhängt und diese funktionelle Position
Patient kann aus verschiedenen Positionen in den durch den Patienten aktiv gehalten wird.
Unterarmstütz gelangen (. Abb. 11.9). Die Autoren Neben den Widerständen am Schulterblatt kön-
empfehlen für den Patienten, der nicht selbständig nen zur Stabilisation auch dosierte bzw. angepasste
diese Position einnehmen kann, drei Möglich- Widerstände an Kopf und Nacken gesetzt werden
keiten: (. Abb. 11.9 e). Voraussetzung für das Setzen dieser
4 aus dem Seitsitz, Widerstände ist, dass Nacken und Kopf sich in der
4 aus der Rückenlage in die Bauchlage rollen und Verlängerung des Rumpfes befinden und nicht nach
auf die Ellbogen kommen, vorne oder hinten gebeugt sind.
4 aus der Bauchlage (. Abb. 11.9 a–d). Die Technik Rhythmische Stabilisation eignet
sich hier besonders gut zum Stabilisationstraining.
Wird die Bewegung in die gewünschte Position ge- Für Patienten, die nicht in der Lage sind, isometri-
gen die Schwerkraft durchgeführt, setzt der Thera- sche Kontraktionen auszuführen, wird die Technik
peut der konzentrisch verlaufenden Kontraktion Stabilisierende Umkehr angewandt.
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
235 11

. Abb. 11.9 a–e Unterarmstütz. a, b Mit Armpatterns aus


der Bauchlage in den Unterarmstütz, c, d Fazilitation des
Schulterblattes, e Stabilisation
236 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

Mobilität auf Stabilität (Bewegung) Im Unterarm- 11.4.3 Seitsitz


stütz können Kopf und Nacken, aber auch Oberkör-
per und Arme gut trainiert werden. Es folgen vier Dies ist sozusagen eine Position zwischen Liegen
Übungsbeispiele (. Abb. 11.10). und Sitzen. Das Körpergewicht wird von einem Arm,
einem Bein und der dazugehörigen Rumpfseite ge-
Beispiele tragen. Der andere Arm kann entweder auch einen
4 Kopf- und Nackenbewegungen: Der Therapeut Teil des Körpergewichtes tragen oder funktionelle
kann z. B. den Bewegungen in Flexion – Exten- Aktivitäten ausführen. In dieser Position sollte der
sion – Rotation einen Widerstand entgegen- Patient dynamische Bewegungen für funktionelle
setzen oder die Techniken Dynamische Umkehr Aktivitäten erlernen (Vor- und Rückwärts bewegen).
und Kombination isotonischer Bewegungen zum Der Seitsitz eignet sich besonders zum Üben der
Üben anwenden. Schulterblatt- und Beckenpatterns. Die Rumpf-
4 Obere Rumpfrotation: Die Bewegung der obe- mobilität kann z. B. durch die Kombinationen von
ren Rumpfrotation kann gut mit der Rotation von dynamisch ausgeführten reziproken Schulterblatt-
Kopf und Nacken kombiniert werden. Die Technik und Beckenbewegungen gefördert werden. Die
Dynamische Umkehr kann auch hier mit Wider- Verbesserung der Stabilität im Rumpf kann durch
ständen am Schulterblatt oder gleichzeitig an den Einsatz stabilisierender Kontraktionen der rezi-
Schulterblatt und Kopf eingesetzt werden proken Bewegungspatterns erreicht werden.
(. Abb. 11.10 a, b). Nachfolgend sind einige der besonders häufig
4 Gewichtsverlagerung: Das Gewicht kann von eingesetzten Aktivitäten aufgelistet. Die Variations-
einem auf den anderen Arm verlagert werden möglichkeiten sind auch hier unbegrenzt:
oder aber nur auf einem Arm lagern. Dafür
können die Techniken Kombination isotonischer Mobilität Den Seitsitz einnehmen:
Bewegungen und Dynamische Umkehr ange- 4 aus der Seitlage,
wandt werden. – Das Gewicht kann auch auf 4 aus dem Unterarmstütz (. Abb. 11.11),
11 Unterarme und Füße verteilt werden 4 aus dem Sitzen,
(. Abb. 11.10 e). 4 aus dem Vierfüßlerstand.
4 Armbewegungen: Das Gewicht wird auf einen
Arm verlagert, so dass der andere Arm sich frei Stabilität
bewegen bzw. die Bewegungspatterns ausführen Mobilität auf Stabilität
kann. Hier können dann z. B. Techniken wie 4 Schulterblatt- und Beckenbewegungen
Kombination isotonischer Bewegungen, denen (. Abb. 11.12 a–d),
evtl. eine aktive Umkehrbewegung des antago- 4 obere Extremitäten übernehmen das Gewicht
nistischen Patterns folgt, angewandt werden. (. Abb. 11.12 e),
Für den Stützarm kann zur Stabilisation die 4 Beinpatterns (. Abb. 11.12 f),
Technik Stabilisierende Umkehr eingesetzt 4 »Scooting« (. Abb. 11.12 g, h),
werden (. Abb. 11.10 c, d). 4 vom Seitsitz (. Abb. 11.12) zum Sitzen
kommen,
Praxistipp 4 vom Seitsitz in den Unterarmstütz gehen,
4 vom Seitsitz in den Vierfüßlerstand kommen.
4 Der Unterarmstütz ist eine aktive Position.
Der Patient sollte aktiv stützen, wobei die
Schulterblätter dann stabilisiert werden.
11.4.4 Vierfüßlerstand
4 Verursacht diese Position in der Lenden-
wirbelsäule Schmerzen, kann der Patient
Der Vierfüßlerstand eignet sich besonders zum
z. B. ein Kissen unter seinen Bauch legen.
Üben von Rumpf, Hüften, Knien und Schultern.
Darüber hinaus können viele funktionelle Aktivitä-
ten in dieser Position ausgeführt werden. Wenn er
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
237 11

. Abb. 11.10 a–e Unterarmstütz: Stabilität und Bewegung.


a Reziproke Schulterblattpatterns, b Widerstand am Kopf
und am Schulterblatt, c Widerstand am Kopf und am geho-
benen Arm, d Widerstand am gehobenen Arm und am kont-
ralateralen Schulterblatt, e Abstützen auf Unterarme und
Füße mit Widerstand am Becken
238 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

11

. Abb. 11.11 a–e Vom Unterarmstütz in Seitsitz. a Wider-


stand für die Gewichtsverlagerung nach links, b Stabilisieren
an der Schulter und Vorwärtsbewegen des Beins, c–e Wider-
stand am Schulterblatt und am Becken
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
239 11

a b

c d

. Abb. 11.12 a–h Seitsitz. a, b Bewegungen des Beckens, c Betonung auf Gewichtsübernahme auf die linke Schulter, d Be-
wegungen des Beckens und des Schulterblatts

sich auf dem Boden befindet, sollte der Patient in Viele Bewegungen sind in dieser Ausgangs-
der Lage sein, ein kleines Stück über den Fußboden stellung möglich. Zur Verbesserung der Stabilität
zu kriechen, z. B. zum Rollstuhl. des Rumpfes und der Extremitäten im Vierfüßler-
Folgende Voraussetzungen müssen für den Ein- stand werden vor allem die Techniken Stabilisieren-
satz des Vierfüßlerstands gegeben sein: de Umkehr und Rhythmische Stabilisation einge-
4 Rumpf- und Schulterblattmuskulatur müssen setzt. Die Gewichtsverlagerung wird mit dynamisch
stark genug sein. ausgeführten Bewegungen in der Diagonalen, dem
4 Die Übungen dürfen keine starken Kniebe- sog. »Rocking« trainiert. Dafür können die Techni-
schwerden bzw. -schmerzen verursachen. ken Kombination isotonischer Bewegungen oder
Dynamische Umkehr angewandt werden. Mobilität
Für Patienten mit Schmerzen oder Stabilisations- und Stabilität des Patienten werden durch den Ein-
problemen im Rücken wirkt sich das Arbeiten im satz der Kriechbewegung – mit und ohne Wider-
Vierfüßlerstand besonders positiv aus, da sich der stand durchgeführt – gleichermaßen verbessert.
Rücken hier in einer Haltung befindet, in der er Wenn der Patient imstande ist, sich selbständig
kaum Gewicht zu tragen hat. in den Vierfüßlerstand zu bewegen, kann der The-
240 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

11

. Abb. 11.12 (Fortsetzung) e Widerstand am linken Arm für Flexion – Adduktion und Widerstand am Thorax für die Rumpf-
verlängerung links, f Hüftextension- und abduktion, g, h Vorwärts bewegen im Seitsitz

rapeut gleichzeitig Widerstand am Schulterblatt, am Mobilität auf Stabilität


Becken und am Kopf geben. 4 Rumpfübungen (. Abb. 11.15),
Die Stadien der motorischen Kontrolle können 4 »Rocking« vor- und rückwärts (. Abb. 11.16),
wie folgt ausgeführt werden: 4 Arm- und Beinpatterns (. Abb. 11.17).

Mobilität Einnehmen des Vierfüßlerstandes Fertigkeiten Kriechen:


(. Abb. 11.13): 4 gegen Widerstand an Schulterblatt oder Be-
4 aus dem Unterarmstütz (. Abb. 11.13 a–e), cken,
4 aus dem Seitsitz (. Abb. 11.13 f, g). 4 gegen Widerstand an den Beinen (Beinpat-
terns) (. Abb. 11.18),
Stabilität Gleichgewichtsübungen (. Abb. 11.14) 4 gegen Widerstand an Armbewegungen.
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
241 11

. Abb. 11.13 a–g Vom Unterarmstütz in den Vierfüßlerstand. a–c Widerstand am Becken, d Vom Unterarmstütz, mittlere
Position, Widerstand am Becken
242 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

11

. Abb. 11.14 a, b Gleichgewicht im Vierfüßlerstand

. Abb. 11.13 (Fortsetzung) e Widerstand am Nacken,


f, g Vom Seitsitz mit Widerstand am Becken . Abb. 11.15 Vierfüßlerstand: Lateralflexion des Rumpfes
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
243 11

. Abb. 11.17 a, b Arm- und Beinbewegungen im Vierfüß-


lerstand

. Abb. 11.16 a–c Vierfüßlerstand: Rocking vorwärts und


rückwärts
244 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

. Abb. 11.18 a, b Vierfüßlerstand: mit Widerstand gegen die Beinbewegung, linkes Bein in Flexion-Adduktion-
Außenrotation, rechtes Bein in Flexion – Abduktion – Innenrotation

11.4.5 Kniestand Mobilität Einnehmen des Kniestandes


(. Abb. 11.19):
Im Kniestand können – mit und ohne Unterstüt- 4 aus dem Fersensitz (. Abb. 11.19 c, d),
zung der Arme – vor allem Rumpf, Hüften und Knie 4 aus dem Seitsitz (. Abb. 11.19 a, b),
11 geübt werden. Diese Haltung ist funktionell gesehen 4 aus dem Vierfüßlerstand (. Abb. 11.19 g;
für die Bewegung »runter zum Boden und wieder . Abb. 11.20).
aufstehen vom Boden« sehr wichtig. Wenn sich der
Patient beispielsweise wegen Knieproblemen nicht Stabilität Gleichgewichtsübungen (. Abb. 11.21):
hinknien kann, kann er viele der nachfolgenden 4 Widerstände am Schulterblatt (. Abb. 11.21 a),
Übungen auch im Fersensitz ausführen. 4 Widerstände am Schulterblatt und Kopf
Zur Steigerung der Stabilität und zur Kräfti- (. Abb. 11.21 b),
gung der Rumpfmuskulatur werden am Schulter- 4 Widerstände am Becken,
blatt und gleichzeitig am Becken Widerstände ge- 4 Widerstände an Becken und Schulterblatt
setzt. Die Techniken Stabilisierende Umkehr und (. Abb. 11.21 c),
Rhythmische Stabilisation eignen sich dafür beson- 4 Widerstände am Rumpf und Kopf
ders gut. Zur Verbesserung der Kraft, Koordination (. Abb. 11.21 d),
und der Beweglichkeit von Hüften und Knie wird 4 Widerstände an den Armen (. Abb. 11.21 e, f)
der Bewegung »vom Kniestand zum Seitsitz und im Fersensitz.
wieder zurück« Widerstand entgegengesetzt. Der
Einsatz der Technik Kombination isotonischer Be- Fertigkeiten Laufen im Kniestand (. Abb. 11.22):
wegungen ermöglicht hier das Üben der konzen- 4 vorwärts (. Abb. 11.22 a, b),
trischen und der exzentrischen Kontraktionen. 4 rückwärts (. Abb. 11.22 c),
Man kann dafür die Stadien der motorischen Kon- 4 seitwärts (. Abb. 11.22 d, e).
trolle verwenden:
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
245 11

. Abb. 11.19 a–g Kniestand einnehmen. a, b Bewegen vom Seitsitz zum Kniestand, c, d Bewegen vom Fersensitz zum Knie-
stand, Widerstand am Becken
246 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

11

. Abb. 11.20 a, b Vom Vierfüßlerstand zum Kniestand

9 . Abb. 11.19 (Fortsetzung) e, f Lifting nach links gegen


Widerstand, g Transfer Boden-Rollstuhl bei einer Patientin
mit inkompletter Paraplegie mit Widerstand am Becken
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
247 11

a b

c d

e f

. Abb. 11.21 a–f Stabilisation im Kniestand und Fersensitz. a Widerstand am Schulterblatt, b Widerstand am Kopf und
Schulterblatt, c Widerstand am Becken und Schulterblatt, d Widerstand am Sternum und Kopf zur Aufrichtung des Rumpfs,
e bilaterale asymmetrische, reziproke Armpatterns, f bilaterale symmetrische Armpatterns
248 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

11

. Abb. 11.22 a–e Gehen auf den Knien. a, b Vorwärts


gehen auf den Knien, c rückwärts, d, e seitwärts
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
249 11
11.4.6 Einbeinkniestand Mobilität Einnehmen des Einbeinkniestandes:
4 aus dem Kniestand (. Abb. 11.23),
Diese Position ist die letzte Phase der Sequenz 4 aus dem Stand.
des Bewegungsablaufes »vom Liegen zum Stehen
kommen«. Hinsichtlich der Funktionalität dieser Stabilität Gleichgewichtsübungen (. Abb. 11.24)
Position ist es wichtig, während des Trainings ab-
wechselnd das linke bzw. das rechte Bein des Pati- Mobilität auf Stabilität
enten nach vorne zu setzen. Um vom Kniestand in 4 Gewichtsverlagerung nach hinten mit Rumpf-
den Einbeinstand zu wechseln, wird vom Patienten verlängerung (. Abb. 11.24 c),
eine Gewichtsverlagerung verlangt. Gleichzeitig 4 Gewichtsverlagerung nach vorne,
muss er das Spielbein bewegen, während das andere 4 Gewichtsverlagerung auf das hintere Bein mit
die Stabilität gewährt. Diese Aktivität fordert und Rumpfverlängerung (. Abb. 11.24 c),
fördert beim Patienten Balance, Koordination, 4 Aufstehen (. Abb. 11.25).
Kraft und Bewegungsausmaß.
Zur Kräftigung von Rumpf und Beinen werden
auch hier verschiedene Techniken eingesetzt, die
dynamische und stabilisierende Übungskomponen-
ten beinhalten. Darüber hinaus kann in dieser Posi-
tion auch die Mobilität der unteren Extremitäten
positiv beeinflusst werden; z. B. führt die Gewichts-
verlagerung nach vorne zu einer vermehrten Dor-
salflexion im vorderen Fuß und gleichzeitig zu einer
vermehrten Hüftextension des hinteren Beines. Der
Einbeinkniestand ermöglicht zahlreiche Übungsva-
riationen:
250 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

. Abb. 11.23 a, b Vom Kniestand zum Einbeinkniestand

11

a b

. Abb. 11.24 a–c Stabilisation und Gewichtsverlagerung


im Einbeinkniestand. a Widerstand am Becken, b Widerstand
c am Becken und vorderen Bein, c Widerstand am Arm und
Kopf für Rumpfverlängerung
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
251 11
11.4.7 Vom Bärenstand zum
Stand kommen und zurück
(. Abb. 11.26)

Diese Bewegung wird vor allem von Patienten, die


die Knie gestreckt halten müssen, ausgeführt. Dies
betrifft z. B. Patienten mit beidseitig angepassten
langen Schienen-Schellen-Apparaten oder Patien-
ten mit beidseitig zu tragenden Oberschenkelpro-
thesen. Darüber hinaus verwenden kleine Kinder
und ältere Menschen diese Position, um zum Stehen
zu kommen.
Um die Bewegung ausführen zu können, muss
die ischiokrurale Muskulatur ausreichend lang sein.
a Zum Üben steht der Therapeut hinter dem Patien-
ten und fazilitiert die Gewichtsverlagerung. Erst
wenn das ganze Körpergewicht gleichmäßig von
den Füßen des Patienten getragen wird, kann der
Patient die Hände vom Boden lösen und sich auf-
richten. Die Bewegung in den Bärenstand kann
auch gut aus dem Vierfüßlerstand geübt werden.

. Abb. 11.25 a, b Aufstehen vom Einbeinkniestand


252 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

11.4.8 Übungen im Sitzen

Langsitz
Diese Position ist äußerst funktionell für Aktivitä-
ten, die Patienten aufgrund ihrer Situation im Bett
ausführen müssen, z. B. Essen und Ankleiden. Zur
Verbesserung der nötigen Sitzbalance können
alle stabilisierende Techniken im Langsitz durch-
geführt werden. Für das Training der Sitzbalance
ist die Matte ideal, weil sich der Patient durch die
unmittelbare Nähe zum Boden sicher fühlt. Da-
rüber hinaus eignet sich der Langsitz zur Kräftigung
der Rumpf- und Armmuskulatur und für das Trai-
ning des Transfers. Das für den Transfer notwendi-
ge Hochdrücken und Versetzen des Gesäßes er-
fordert vom Patienten ausreichend Kraft in den
Armen. Für die Durchführung der Übungen kön-
nen die Stadien der motorischen Kontrolle einge-
setzt werden:

Mobilität Einnehmen des Langsitzes:


4 aus dem Seitsitz,
4 aus der Rückenlage.

Stabilität Gleichgewichtsübungen im Langsitz


11 (. Abb. 11.27) mit und ohne Armstütz (. Abb. 11.27a).

Mobilität auf Stabilität Hochdrücken, evtl. kombi-


niert mit:
4 Widerständen an Becken und Schulter
(. Abb. 11.27 b–d),
4 Widerstand an den Beinen (. Abb. 11.27 e–h).

Fertigkeiten Versetzen im Langsitz (. Abb. 11.27i):


4 vor-, rück- und seitwärts,
4 auf den Gesäßhälften laufen (»Schinken-
laufen«).

9 . Abb. 11.26 a–c Zum Boden und zurück. a, b Widerstand


am Becken, c Führung am Becken, Patient mit Oberschen-
kelamputation des linken Beins
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
253 11

. Abb. 11.27 a–i Übungen im Langsitz. a Stabilisation, b, c Hochstützen, Widerstand am Becken, d Widerstand an den
Schulterblättern

Sitz an der Bankkante Der Patient sollte, während er am Rand des Bet-
Um Balance im Sitzen aufrechtzuerhalten, ist eine tes, auf dem Stuhl oder auf der Matte sitzt, zusätzlich
wesentlich größere Rumpfkontrolle notwendig als zum Training der Stabilität und der Mobilität noch
im Langsitz. Die Reichweite eines Armes erfordert andere Übungen durchführen. Die Rumpf- und Hüft-
hier sowohl Rumpfstabilität als auch Rumpf-, Hüft- stabilität werden im Sitz durch statische Übungen
und Armmobilität. Patienten mit spinaler Proble- gesteigert, während die Rumpf- und Hüftmobilität
matik können auf diese Weise lernen, ihren Rücken durch dynamische Übungen im Sitz verbessert wer-
zu stabilisieren, während sie die Hüften bewegen. den. Darüber hinaus können schwache Rumpf- und
Dies ist wichtig, wenn sie mit ihren Armen nach Hüftmuskeln durch Widerstandsübungen, die gegen
etwas reichen wollen. kraftvolle Arme gerichtet sind, fazilitiert werden.
254 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

11

. Abb. 11.27 (Fortsetzung) e, f Hochstützen, Widerstand


an den Beinen, g, h Hochstützen, Widerstand für reziproke
Beinpatterns, i Scooting vorwärts
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
255 11

a b

. Abb. 11.28 a, b Von der Seitlage in den Sitz

Eine Kombination aus statischen und dyna- Mobilität auf Stabilität


mischen Techniken fördert beim Patienten die 4 Rumpfübungen: Die Kräftigung der Rumpf-
Fähigkeit zur Kombination von Balance und Be- muskulatur und die Verbesserung der
wegung: Rumpfkoordination (. Abb. 11.30) kann mit-
hilfe der Techniken Dynamische Umkehr und
Mobilität Von der Seitlage in den Sitz (. Abb. 11.28): Kombination isotonischer Bewegungen er-
4 Dem Bewegungsablauf in den Sitz kann reicht werden (. Abb. 11.30 a, b). Durch das
der Therapeut Widerstände gegen die kon- Setzen eines Widerstandes am Schulterblatt
zentrisch verlaufende Kontraktion entge- (. Abb. 11.30 a, b) oder durch den Einsatz von
gensetzen, Chopping und Lifting (. Abb. 11.30 d) kann
4 während der Bewegung zurück in die Seitlage die Irradiation gesteigert werden.
können der exzentrisch verlaufenden Muskel- 4 Rumpfflexion (. Abb. 11.30 c) und Rumpfex-
kontrolle Widerstände entgegengesetzt tension,
werden. 4 Schräg-vorwärts-Reichen und zurück erfordert
Stabilität und Mobilität von Becken und
Stabilität Training der Sitzbalance: Dafür eignen Rumpf.
sich die Techniken Stabilisierende Umkehr und
Rhythmische Stabilisation. Der Widerstand kann Fertigkeiten
an Schultern und Becken oder am Kopf gegeben 4 Dynamische Bewegungen: Dynamische Bewe-
werden (. Abb. 11.29). Die Sitzbalance kann wie gungen im Sitz können entweder mit viel Un-
folgt trainiert werden: terstützung der Arme, z. B. das Hochdrücken
4 mit und ohne Unterstützung der Arme, im Langsitz, oder ohne Armunterstützung aus-
4 mit und ohne Unterstützung der Beine. geführt werden. Diese Aktivitäten erfordern
256 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

von Becken und Rumpf Mobilität und Stabili-


tät. Dynamische Bewegungen können wie im
Folgenden aufgelistet trainiert werden:
5 ohne Aufstützen der Arme vor- und rück-
wärts verschieben (. Abb. 11.30 e),
5 auf die Arme hochstützen, sowohl vor-,
rück- und seitwärts,
5 Gewichtsverlagerung von der einen auf die
andere Gesäßhälfte.

11.4.9 Brückenaktivitäten (»Bridging«)

a Diese Stellung ist für viele ADL-Aktivitäten beson-


ders wichtig, z. B. für das Versetzen im Bett nach
links und rechts oder für das Anziehen einer Hose
im Liegen.
Außerdem ermöglicht diese Position eine lang-
same Steigerung der Gewichtsverlagerung auf die
Beine ohne das Risiko des Fallens. Das Handhaben
dieser Position erfordert jedoch eine selektive Kont-
rolle der Beinmuskulatur, der unteren Bauchmuskeln,
der Gesäßmuskulatur und der ischiokruralen Musku-
latur. Der Patient muss in dieser Position die Knie
gebeugt halten, während die Hüfte gestreckt und das
11 Gewicht teilweise auf die Füße verlagert wird. Drückt
der Patient dabei zusätzlich die Arme auf die Matte,
werden auch Aktivitäten der oberen Rumpfmuskula-
tur, des Nackens und der Armmuskulatur gefördert.
b Zur Kräftigung und Verbesserung der Stabilität des
Rumpfes und der Beine kann der Therapeut Wider-
stände gegen konzentrische, exzentrische und stabili-
sierende Kontraktionen setzen. Er kann die Stadien
der motorischen Kontrolle einsetzen:

Mobilität
4 Einnehmen der Bridging-Position

Wenn der Patient nicht in der Lage ist, diese Positi-


on selbständig einzunehmen (in der Seitlage mit
angewinkelten Hüften und Knien bzw. Fazilitation
an den Knien, am Becken oder eine Kombination
von beiden), werden aus der Rückenlage die bilate-
ralen Beinpatterns mit Hüft- und Kniebeugung ge-
führt oder den Aktivitäten ein Widerstand entge-
c
gengesetzt.
. Abb. 11.29 a, b Stabilisation im Sitz, c Patientin mit in-
kompletter Tetraplegie
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
257 11

. Abb. 11.30 a–e »Rumpfmuster« im Sitz. a, b Widerstand


am Schulterblatt, c Flexion mit Zug über die Arme, d Chop-
e
ping, e Vorwärts bewegen mit Widerstand am Becken
258 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

. Abb. 11.31 a, b Rückenlage mit angewinkelten Beinen. a Stabilisation, b untere Rumpfrotation

Stabilität Das Stabilisieren (. Abb. 11.31 a) erfolgt fenden Beinbewegung in Richtung Boden.
mit: Nachdem die Hüftrotation beendet ist, rotiert
4 Approximation distal am Oberschenkel Rich- zunächst das Becken und anschließend die
tung Becken, kombiniert mit stabilisierendem Lendenwirbelsäule. Die Bauchmuskeln ver-
Widerstand, hindern eine Zunahme der Lendenlordose.
11 4 Approximation distal am Oberschenkel in Die Bewegung zurück in die Ausgangsstellung
Richtung Füße, kombiniert mit stabilisieren- erfolgt durch die umgekehrte Bewegungs-
dem Widerstand, reihenfolge. Das bedeutet, dass zuerst die
4 stabilisierendem Widerstand ohne Approxi- Lendenwirbelsäule rotiert, dann das Becken
mation. und schließlich die Beine.

Die Rumpf- und Beinstabilität wird durch Wider- Das korrekte Timing dieser Aktivität ist wichtig.
stände und Approximation an den Beinen fazili- Kann der Patient die Bewegung nicht richtig kont-
tiert. Der Widerstand kann in alle Richtungen gege- rollieren, sollten die Beine nur so weit bewegen,
ben werden. Widerstände in der Rumpfdiagonalen wie der Patient den Rumpf kontrollieren kann.
führen zur Verstärkung von Rumpfaktivität. Wenn . Abb. 11.31 b zeigt, wie bei der Rumpfrotation
die Kraft des Patienten zunimmt, kann auf Appro- nach rechts am Becken und an den Knien Wider-
ximation verzichtet werden. Das Setzen der Wider- stand gegeben wird, während der Patient versucht,
stände erfolgt entweder an beiden Beinen gleichzei- seine Knie wieder in die Mittelposition zu bringen.
tig oder nur an einem Bein. Die Widerstände an Zur Kräftigung der beteiligten Muskelgruppen
beiden Beinen können sowohl in dieselbe Richtung und zur Verbesserung der auszuführenden Aktivi-
als auch in entgegengesetzte Richtungen gegeben tät werden die Techniken Kombination isotoni-
werden. scher Bewegungen oder Dynamische Umkehr ein-
gesetzt.
Mobilität auf Stabilität 4 Bridging: Die Technik Kombination isotoni-
4 Untere Rumpfrotation in Rückenlage mit scher Bewegungen (. Abb. 11.32) eignet sich
angestellten Beinen (. Abb. 11.31 b): Die besonders zum Fazilitieren der gegen die
Bewegung beginnt mit der diagonal verlau- Schwerkraft kontrolliert auszuführenden Be-
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
259 11

a b

c d

. Abb. 11.32 a–d Bridging auf zwei Beinen in Rückenlage

wegung. Der Patient sollte bei dorsal gekippten 5 der Beckenrotation können sowohl dynami-
Becken die Bewegung der Lendenwirbelsäule sche als auch statische Widerstände entge-
gut kontrollieren. Folgende Übungen, bei de- gengesetzt werden.
nen das Becken gehoben wird, können einge- 4 Das Becken bewegt sich von der einen zur an-
setzt werden: deren Seite.
5 das Becken kann in alle Richtungen mit Wi-
derständen stabilisiert werden (Widerstand ! Vorsicht
von distal: . Abb. 11.32 a, b; Widerstand Der Therapeut sollte die Stellung
von proximal: . Abb. 11.32 c, d); der Lendenwirbelsäule kontrollieren,
5 die Bewegung des Beckens auf eine Seite wenn das Becken abgehoben ist.
kann betont werden;
260 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

. Abb. 11.33 Bridging auf einem Bein

4 Weitere Bridging-Aktivitäten:
5 auf der Stelle gehen,
5 einen Fuß zur Seite (nach lateral) und
wieder zurückbewegen. Die Bewegung
kann entweder mit jedem Fuß einzeln
11 oder abwechselnd mit beiden Füßen gleich-
zeitig erfolgen,
5 Bridging auf einem Bein: Die Übung kann
so ausgeführt werden, dass sich der Patient
auf der Ferse, auf der Fußspitze oder auf der
Fußaußenkante stützt (. Abb. 11.33). Der
Schwierigkeitsgrad dieser Übung steigt durch
Verkleinerung der Unterstützungsfläche oder
dadurch, dass die Unterstützungsfläche in- . Abb. 11.34 a, b Bridging auf den Händen
stabiler gemacht wird. Die Stützfläche des
Fußes bzw. der Füße wird z. B. durch den
Einsatz eines Balles oder des Therapiekreisels Zusätzlich kann die Bewegung unter größerer
instabiler. Belastung der Schulter- und Armmuskulatur
auch auf beiden Ellbogen oder auf beiden Hän-
Die abdominale Muskulatur gewährleistet die Be- den stützend ausgeführt werden (. Abb. 11.34,
ckenposition und die Hüftmuskulatur der stützen- . Abb. 11.35 und . Abb. 11.36).
den Seite verhindert eine seitliche Abkippung des
Beckens. Je mehr sich das angehobene Bein in Fle- > In den genannten Ausgangsstellungen
xion oder Abduktion bewegt, desto mehr muss das können meistens viel mehr Variationen
tragende Bein stabilisieren. ausgeführt werden, als hier erwähnt
4 Bridging auf beiden Ellbogen oder beiden wurden. Daher sollte jeder interessierte
Händen: Die Bridging-Bewegung wird norma- Therapeut die Variationsbreite für sich
lerweise auf dem Rücken liegend ausgeführt. selbst noch ausweiten.
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
261 11

. Abb. 11.35 a, b Bridging auf den Unterarmen

. Abb. 11.36 a, b Bridging auf den Armen und einem Bein


262 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

11

. Abb. 11.37 a–g Patienten mit inkompletter Tetraplegie. a Patient zeigt eingeschränkte Bewegung in der rechten
Schulter, b Anspannen – Entspannen für die verkürzten Schulterextensoren und hinteren Adduktoren, Widerstand für das
Armpattern Extension – Abduktion – Innenrotation mit Fixation des Schulterblattes, c Mobilisation der rechten Schulter: in-
direkte Behandlung; der untere Rumpf bewegt gegen eine fixierte rechte Schulter, d indirekte Mobilisation der Schulter in
Flexionsrichtung, indem das Becken nach hinten und unten bewegt wird

11.5 Mattentraining: 4 Beispiel 3: Patient mit Ankylosis spondylitis


Patientenbeispiele Spondylitis ankylopoetica, Morbus Bechterew)
(. Abb. 11.39).
4 Beispiel 1: Patient mit inkompletter Tetraple- 4 Beispiel 4: Patient nach Morbus Guillain-
gie und dazu eingeschränkter Beweglichkeit in Barré (schwache obere und untere Extremitä-
der rechten Schulter (. Abb. 11.37). ten) (. Abb. 11.40).
4 Beispiel 2: Patient mit kompletter Paraplegie
in der postakuten Phase (. Abb. 11.38).
11.5 · Mattentraining: Patientenbeispiele
263 11

. Abb. 11.37 (Fortsetzung) e Gewicht tragen auf der rech-


ten Schulter: Widerstand gegen den linken Arm hat Irradiati-
on in die betroffene Schulter zur Folge, f Funktioneller Ein-
satz der rechten Schulter, g Kräftigung und Mobilisation in
Richtung Extension, Innenrotation im Stand
264 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

11

. Abb. 11.38 a–e Patient mit kompletter Paraplegie.


a, b Hochdrücken und Gewichtsverlagerung, c–e Transfer
vom Boden in den Rollstuhl
11.5 · Mattentraining: Patientenbeispiele
265 11

a b

. Abb. 11.39 a–c Patient mit Ankylosis spondylitis.


a Bridging, b Bridging kombiniert mit Lifting nach rechts,
c
c Kniestand und Lifting
266 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten

11

. Abb. 11.40 a–d Patient nach Morbus Guillain-Barré-Syndrom. a, b Seitlage und Seitsitz, c, d Rumpfstabilisation im Sitzen
Literatur
267 11
11.6 Überprüfen Sie Ihr Wissen:
Fragen

Welche der folgenden Aussagen sind richtig?


a. Das Mattentraining sollte immer dem
normalen Entwicklungsprozess folgen.
b. Es ist wichtig, den Patienten immer über eine
Massenflexion drehen zu lassen.
c. Das Drehen ist nicht erlaubt, wenn sich dabei
das Becken in eine posteriore Depression und
die Skapula in eine anteriore Elevationsrich-
tung bewegt.
d. Die vier Stadien der motorischen Kontrolle
kann man nur beim Mattentraining an-
wenden.

Weiterführende Literatur

Portney LG, Sullivan PE, Schunk MC (1982) The EMG activity


of trunk-lower extremity muscles in bilateral-unilateral
bridging. Phys Ther 62(5): 664
Schunk MC (1982) Electromyographic study of the peroneus
longus muscle during bridging activities. Phys Ther
62(7): 970–975
Sullivan PE, Portney LG, Rich CH, Langham TA (1982) The EMG
activity of trunk and hip musculature during unresisted
and resisted bridging. Phys Ther 62(5): 662
Sullivan PE, Portney LG, Troy L, Markos PD (1982) The EMG
activity of knee muscles during bridging with resistance
applied at three joints. Phys Ther 62(5): 648
Troy L, Markos PD, Sullivan PE, Portney LG (1982) The EMG
activity of knee muscles during bilateral-unilateral
bridging at three knee angles. Phys Ther 62(5): 662

Literatur

VanSant AF (1991) Life-span motor development. In: Contem-


porary management of motor control problems. Procee-
dings of the II SEP conference. Foundation for Physical
Therapy, Alexandra, VA
269 12

Gangschule
D. Beckers

12.1 Einführung: Die Bedeutung des Gehens – 270

12.2 Grundlagen des normalen Ganges – 270


12.2.1 Gangzyklus – 270
12.2.2 Gelenkbewegung von Rumpf und unteren Extremitäten
bei normalem Gang – 273
12.2.3 Muskelaktivität während des normalen Ganges (Perry 1992) – 274

12.3 Ganganalyse: Beobachtung


und manuelle Evaluation – 275

12.4 Theorie der Gangschule – 276

12.5 Vorgehensweise der Gangschule – 277


12.5.1 Approximation und Stretch – 277
12.5.2 Anwendung von Approximation und Stretch – 279

12.6 Praktische Anwendung der Gangschule – 279


12.6.1 Rollstuhlhandhabung und Rumpfkontrolle im Sitzen:
Vorbereitung zum Stehen und Gehen – 279
12.6.2 Aufstehen und sich hinsetzen – 284
12.6.3 Stand – 289
12.6.4 Gehen – 296
12.6.5 Weitere Aktivitäten – 300

12.7 Patientenbeispiele in der Gangschule – 305

12.8 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen – 309

Weiterführende Literatur – 309

Literatur – 309

M. Buck et al., PNF in der Praxis,


DOI 10.1007/978-3-642-37814-0_12, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
270 Kapitel 12 · Gangschule

12.1 Einführung: 12.2 Grundlagen des


Die Bedeutung des Gehens normalen Ganges

Das Gehen hat für die meisten Patienten einen be- 12.2.1 Gangzyklus
sonders hohen Stellenwert und ist aus der Sicht des (. Abb. 12.1, . Abb. 12.2)
Patienten das wichtigste Ziel der Behandlung. Die
Effektivität des Gehens wird gesteigert, wenn der Zum besseren Verständnis des Ganges ist es wichtig,
Patient eigenständig die Bewegungsrichtung nach die Grundbegriffe der Ganganalyse zu beherrschen.
vorne und zurück wie nach seitwärts ändern kann. In der Literatur wurde bisher meist der traditio-
Die Fähigkeit, Treppen zu steigen bzw. Bürgersteige nelle Gangzyklus mit sieben Gangphasen beschrie-
zu begehen, aber auch selbständig Türen zu öffnen ben (Inman 1981), zunehmend verbreitet sich je-
und zu schließen, erhöht die Funktionalität des Ge- doch das Rancho Los Amigos oder Perry System,
hens. Als vollständig funktionell kann das Gehen das acht Gangphasen beinhaltet (. Abb. 12.1 bis
bezeichnet werden, wenn der Patient sich ohne Hil- . Abb. 12.3). Das Perry System bietet eine gute Vo-
fe auf den Boden setzen und selbständig wieder raussetzung für die Beurteilung normaler und pa-
aufstehen kann. thologischer Gangbilder (Perry 1992). Zu diesem
Das Gehen muss vom Patienten derart ver- Thema ist das Buch von Kirsten Götz, »Gehen ver-
innerlicht werden, dass er während des Bewegungs- stehen« (Götz-Neumann 2003), sehr lesenswert
vorganges seine Aufmerksamkeit auf wichtige Er- und hilfreich.
eignisse in der Umgebung, z. B. auf den Verkehr
oder auf eigene Handlungen, richten kann. Die Definition
Sicherheit des Gehens ist gewährleistet, wenn der Der Gangzyklus wiederholt stetig eine be-
Patient selbst in der Lage ist, seine Balance wieder stimmte Reihenfolge von Bewegungen. Ein
zu gewinnen, falls sie durch das Gehen oder durch Zyklus beginnt in dem Moment, in dem die
äußere Umstände gestört wird. Ferse den Boden berührt (»heel strike«, Fersen-
Zur Steigerung der Laufdistanz muss der Ener- kontakt) und endet in dem Moment, in dem
gieverbrauch beim Gehen so effizient wie möglich dieselbe Ferse den Boden zum 2. Mal berührt.
12 sein. So erfordert ein Spaziergang um das Haus Der Zyklus wird in zwei Hauptphasen eingeteilt:
weniger Energie und Geschicklichkeit als das Um- 4 die Standbeinphase und
hergehen in einem Supermarkt oder das Über- 4 die Schwungbeinphase.
queren einer Straße. Das Zurücklegen einer be-
stimmten Wegstrecke in angemessener Geschwin-
digkeit verlangt vom Patienten Ausdauer und Ge- Standbeinphase (. Abb. 12.1 a–e,
schicklichkeit (Lerner-Frankiel et al. 1986). . Abb. 12.2 a–e, . Abb. 12.3 a–e)
Gute Kenntnisse über die Elemente des norma- Bei der Standbeinphase, die 60% des gesamten
len Gehens machen es dem Therapeuten leichter, Zyklus beträgt, berührt das Bein den Boden. Die
den pathologischen Gang zu analysieren und darauf restlichen 40% nimmt die Schwungbeinphase in An-
basierend einen optimalen therapeutischen Plan zu spruch. Während dieser Zeit wird der Kontakt zwi-
erstellen. schen Bein und Boden gelöst. Das Bein wird nach
vorne gebracht und die darauf folgende Phase vorbe-
reitet. Innerhalb des normalen Laufzyklus kommt es
zu einer kurzen Phase, in der beide Füße gleichzeitig
den Boden berühren (»double limb support«, Dop-
pelstand) und zu einer etwas längeren Phase, in der
jeweils nur ein Fuß den Boden berührt (»single limb
support«, Stand mit einem Bein auf dem Boden)
(Inman et al. 1981). Es gibt zwei Phasen, in denen
beide Füße den Boden berühren:
12.2 · Grundlagen des normalen Ganges
271 12

. Abb. 12.1 a–h Gangzyklus nach Perry, von lateral gesehen. a–e Standbeinphase: a Erster Kontakt, b Stoßdämpfung,
c mittlere Standphase, d terminale Standphase, e Vorschwungphase, f–h Schwungbeinphase: f Initiale Schwungphasen,
g mittlere Schwungphase und h terminale Schwungphase

4 die erste Phase beginnt unmittelbar nach dem b. Stoßdämpfungsphase (»loading response«).
Fersenkontakt, c. Mittlere Standphase (»mid stance«).
4 die zweite Phase beginnt, kurz bevor der Fuß- d. Terminale Standphase (»terminal stance«).
bodenkontakt wieder gelöst wird (»toe off«, e. Vorschwungphase (»pre-swing«).
Zehenablösung) und das andere Bein mit der
Ferse Kontakt zum Boden hat (Perry 1992.) Die Standphase beginnt mit dem ersten Boden-
kontakt. Unmittelbar danach wird der Fuß belastet.
Die Standbeinphase wird in fünf Phasen ein- Diese Gewichtsverlagerung auf das Standbein dient
geteilt (Perry 1992): der Vorbereitung des kontralateralen Schwungbei-
a. Erste Kontaktphase bzw. initialer Kontakt (»in- nes. Aufgabe des Standbeines ist es nun, nicht nur
itial contact«), auch Fersenkontakt (»heel das Hauptgewicht zu tragen, sondern auch die Vor-
strike«), wenn die Ferse den Boden berührt. wärtsbewegung des Körpers zu bestätigen.
272 Kapitel 12 · Gangschule

a b c d

12

e f g h

. Abb. 12.2 a–h Gangzyklus nach Perry, von vorne gesehen. a–e Standbeinphase: a Erster Kontakt, b Stoßdämpfung,
c mittlere Standphase, d terminale Standphase, e Vorschwungphase, f–h Schwungbeinphase, f initiale Schwungphasen,
g mittlere Schwungphase und h terminale Schwungphase

Die folgende mittlere Standphase (»single limb beugen sich, das Sprunggelenk steht in Plantar-
support«) beginnt, wenn der andere Fuß den Boden flexion und die Zehen sind noch mit dem Boden in
verlässt und hält an, bis das Körpergewicht auf den Kontakt. Das kontralaterale Bein berührt jetzt den
Vorfuß des Standbeines verlagert ist. Boden und übernimmt das Körpergewicht.
Die terminale Standphase oder Abdruckpha-
se beginnt mit dem Anheben der Ferse und hält an, Schwungbeinphase (. Abb. 12.1 f–h,
bis der andere Fuß den Boden berührt. Zu diesem . Abb. 12.2 f–h, . Abb. 12.3 f–h)
Zeitpunkt befindet sich der Hauptanteil des Ge- Die Schwungbeinphase besteht aus drei Phasen:
wichtes auf dem Vorfuß des Standbeines. 4 Initiale Schwungphase (»initial swing«).
Der letzte Abschnitt der Standphase ist die sog. 4 Mittlere Schwungphase (»mid swing«).
Vorschwungphase (»pre-swing«). Hüfte und Knie 4 Terminale Schwungphase (»terminal swing«).
12.2 · Grundlagen des normalen Ganges
273 12
In der initialen Schwungphase wird durch Kombi- > Bei zu geringer reziproker Rotationsbewe-
nation von Knie- und Hüftbewegung der Fuß deut- gung wird mehr Energie verbraucht, und
lich vom Boden abgehoben. Das Bein befindet sich die Geschwindigkeit des Gehens kann
in einer Vorwärtsbewegung. Hinter dem Körper nicht erhöht werden (Inman et al. 1981;
beginnend, bewegt es sich in die Position parallel Perry 1992).
bzw. neben dem stützenden Bein.
Während der mittleren Schwungphase bewegt Standphase
sich das Bein aus dieser Position heraus weiter nach (. Abb. 12.1 a–e, . Abb. 12.2 a–e)
vorne. Die Tibia steht vertikal zum Boden, und das Beim Fersenkontakt (»heel strike«) ist das ipsilate-
Sprunggelenk ist in neutraler Position. rale Becken nach vorne rotiert und die Hüfte 25–
In der terminalen Schwungphase ist das Bein 30° gebeugt. Das Knie ist gestreckt und das Sprung-
weiter in Vorwärtsbewegung, und das Knie wird gelenk befindet sich in Neutralstellung. In der
vollständig gestreckt. Stoßdämpferphase (»loading response«) arbeiten
Die Schwungbeinphase endet schließlich mit die Dorsalflexoren des Sprunggelenkes exzent-
dem Aufsetzen der Ferse auf dem Boden. risch, um den Bodenkontakt zu gewährleisten.
Hierdurch wird der Fuß gesenkt und das Knie 15–
20° gebeugt.
12.2.2 Gelenkbewegung von Rumpf In der mittleren Standbeinphase befinden sich
und unteren Extremitäten bei Hüfte, Knie und Sprunggelenk in ihrer Neutralstel-
normalem Gang lung (0°). Bewegt sich der Körper weiter nach vorne,
erreicht die Hüfte aufgrund der partiellen rückwär-
Bei einem gehenden Menschen wirkt die Schwer- tigen Rotation des Beckens eine relative Extension
kraft besonders auf die Beckengegend. Der Körper- von 15–20°. Während der Abdruckphase (»termi-
schwerpunkt bewegt sich während des Gehens von nal stance«) und Vorschwungphase (»pre-swing«)
rechts nach links und umgekehrt bzw. von oben beugen sich Hüfte und Knie (40°) zur Vorbereitung
nach unten. der eigentlichen Schwungbewegung. Gleichzeitig
Die maximale Aufwärtsbewegung findet bewegt sich das obere Sprunggelenk von 15° Dor-
während der mittleren Standbeinphase statt. Von salflexion zu Beginn der Fersenablösung (»heel
nun an bewegt sich der Körperschwerpunkt zu off«) in 20° Plantarflexion bei der Zehenablösung
seiner niedrigsten Position während der Phase des (»toe off«).
Doppelstandes (»double support«) und verschiebt
sich in Richtung des Standbeines. Der Energie- Schwungphase (. Abb. 12.1 e–h,
verbrauch während des Gehens wird teilweise . Abb. 12.2 e–h, . Abb. 12.3 e–h)
durch den Bewegungsausschlag des Körperschwer- Kurz vor der mittleren Schwungbeinphase ist das
punktes bestimmt. Die Bewegung und das Gang- Knie maximal gebeugt (65° Flexion), die Hüfte ist
bild sind besonders ökonomisch, wenn die vertika- 20° gebeugt und das Sprunggelenk befindet sich in
len und lateralen Bewegungen jeweils weniger als einer neutralen Position. Während das Bein in der
10 cm betragen, wobei für den Gang die Rumpf- Endposition (»terminal swing«) abbremst, rotiert
und Beckenbewegungen ebenfalls sehr wichtig das Becken nach vorne und senkt sich, die Hüfte
sind. erreicht eine Flexion von 25°, das Knie ist vollstän-
Während der Schwungbeinphase rotiert das dig gestreckt und das Sprunggelenk bleibt in einer
ipsilaterale Becken 4–5° nach vorne und fällt dann neutralen Position.
kurz vor dem ersten Bodenkontakt nach unten.
Zum Ende der Standphase rotiert das Becken 4–5°
zurück. Die Rotationsrichtung der Schulter und des
Armes ist der Rotation des Beckens entgegenge-
setzt.
274 Kapitel 12 · Gangschule

Die abdominale Muskulatur unterstützt das Ein-


leiten der Schwungphase.
Die Hüftextensoren werden am Ende der
Schwungphase zum »Abbremsen« des Schwung-
beines benötigt. Ihre Aktivität dauert noch während
des ersten Bodenkontaktes bis zur Stoßdämpfungs-
phase (»loading response«) an, um die Last abzu-
dämpfen. Während der mittleren Standbeinphase
besteht jedoch keine wesentliche Aktivität dieser
Muskulatur. Hier wird die Extension der Hüfte durch
den Schwung des Körpers verursacht. Zum Zeit-
punkt des Fußbodenkontaktes arbeitet der M. glu-
taeus maximus besonders aktiv und agiert hier als
eine Art Stoßdämpfer. Dabei kontrolliert er die Hüft-
und Knieextension und die Außenrotation. In der
Endposition (»terminal stance«) werden die Hüftex-
tensoren noch einmal aktiv, um so die Fortbewegung
zu unterstützen.
Die Hüftabduktoren stabilisieren das Becken in
der frontalen Ebene und verhindern eine zu große
Beckensenkung auf der Schwungbeinseite. Die Ab-
duktorengruppe ist primär während des Fersen-
. Abb. 12.3 a–h Muskelaktivität während des Ganges.
a–e Muskelaktivität während der Standphase, f–h Muskel-
Boden-Kontaktes und in der frühen Standphase
aktivität während der Schwungphase. (Nach Perry 1992; aktiv. Der M. tensor fasciae latae kontrahiert eher in
Zeichnung von Ben Eisermann, Hoensbroek) der zweiten Phase des Stehens.
Der M. quadriceps und die ischiokrurale Mus-
kulatur verrichten ebenfalls den Hauptteil ihrer
12 Arbeit am Ende der Schwungbeinphase bis zum
12.2.3 Muskelaktivität während des Beginn der Standbeinphase. Die ischiokrurale Mus-
normalen Ganges (Perry 1992) kulatur unterstützt durch ihre Kontraktion die
(. Abb. 12.3) Kniebewegung am Ende der Standphase und bremst
den Unterschenkel am Ende der Schwungphase.
Beim Vorwärtsgehen stabilisieren oder »bremsen« Des Weiteren unterstützt sie den M. glutaeus maxi-
Muskelaktivitäten verschiedene Körperteile. Den mus in der Hüftstreckfunktion. Der M. quadriceps
größten Anteil an Muskelarbeit benötigt die Be- ist dagegen am Ende der Schwungbeinphase und
schleunigung des Körpers während der Vorwärts- während der Stoßdämpfung aktiv und arbeitet
bewegung. während der Stoßdämpferphase gegen den Fle-
Die Rumpfflexoren und -extensoren sorgen xionsdrehmoment im Knie. Weder der M. quadri-
während des gesamten Ganges/Bewegungszyklus ceps noch die ischiokrurale Muskulatur sind in der
für die Stabilität des Rumpfes und geben der Hüft- mittleren Standbeinphase aktiv. Die Kniekontrolle
muskulatur die sichere Basis für ihre Arbeit. Die wird zu diesem Zeitpunkt von der Wadenmuskula-
abdominale Muskulatur und die Rückenmuskula- tur übernommen. Am Ende der Standphase wird
tur stabilisieren den Rumpf in allen Ebenen. Die der M. rectus femoris zusammen mit dem M. iliop-
Rumpfextensoren sind nach dem Fußbodenkontakt soas aktiv, um die Vorwärtsbewegung des Beines
aktiver als die Rumpfflexoren, um den Rumpf wäh- einzuleiten.
rend der Gewichtsverlagerung zu stabilisieren. Die Die prätibiale Muskulatur (Dorsalflexoren) ist
Rückenstrecker (»erector spinae«) sind während während der Schwungphase aktiv, um den Fuß in
der Abdruckphase (»push off«) ebenfalls aktiviert. seiner neutralen Position (0°) zu halten und wech-
12.3 · Ganganalyse: Beobachtung und manuelle Evaluation
275 12
selt dann zur exzentrischen Arbeit über, um den
Vorfuß nach dem Fersen-Boden-Kontakt zu
senken. Die Plantarflexoren beginnen ihre Arbeit
direkt, nachdem der Fuß gesenkt ist. Zuerst wird der
M. soleus aktiv, um die Vorwärtsbewegung der
Tibia zu kontrollieren. Die tibiale Kontrolle ver-
hindert wiederum eine passive Knieextension und
unterstützt die Hüftextension. Setzt der Körper
seine Vorwärtsbewegung fort und bleibt der Fuß
fixiert, spannt der M. gastrocnemius gemeinsam
mit dem M. soleus an. Am Ende der Standbein-
phase arbeiten alle Plantarflexoren gemeinsam, um
das Sprunggelenk zu stabilisieren und das Anheben
der Ferse zu ermöglichen. Die Kontrolle des Sprung-
gelenkes unterstützt die Hüftbewegung und die a b c
Kniebeugung. Während der Abdruckphase (»push-
off«) treiben sie die Vorwärtsbewegung des Körpers . Abb. 12.4 a–c Statische Observation im Stand.
a, b Frontalebene, c Sagittalebene
voran.

12.3 Ganganalyse: Beobachtung beschränken, sondern auch auf die Symmetrie der
und manuelle Evaluation Bein- und Beckenbewegung. Die Rotation des obe-
ren Rumpfes und der Armschwung sollen ebenfalls
Voraussetzung für das Stehen und Gehen ist eine beurteilt werden. Außerdem werden Hilfsmittel wie
ausreichende Beweglichkeit von Hüft-, Knie- und Orthesen, Prothesen, Gehstützen und Rollator auf
Sprunggelenk. Eine durch gelenkbedingte Ein- ihre Funktionalität überprüft. Der Zustand der
schränkungen und durch Orthesen verminderte Schuhsohlen (an welcher Stelle sind die Sohlen ab-
Gelenkbeweglichkeit beeinträchtigt den normalen gelaufen) gibt ebenfalls Auskunft über den Gang.
Ablauf der Schwung- und Standbeinphase und Wenn der Patient selbständig gehen kann, sollte
führt zu unökonomischem Gehen (Murray et al. der Therapeut ebenfalls Geschwindigkeit und Aus-
1964). dauer des Gehens dokumentieren.
Jedes Individuum benötigt Kraft in den Sprung- Der Gang des Patienten muss von vorne, von
gelenk-, Knie-, Hüft- und Rumpfmuskeln, um ohne hinten und von beiden Seiten betrachtet werden.
externe Unterstützung aufstehen und gehen zu Falls möglich, sollte der Patient rückwärts, seitwärts
können. Für eine gute Balance und für den Gang ist und vorwärts gehen.
die Kontraktion zum richtigen Zeitpunkt bzw. die In der sagittalen Ebene (. Abb. 12.4 c) sollte
Entspannung diverser Muskelgruppen erforderlich auf Folgendes geachtet werden:
(Horak u. Nashner 1986; Eberhart et al. 1954). Zur 4 Besteht eine vermehrte oder verminderte
Kräftigung der Muskulatur, die für den Gang wich- Flexion und Extension von Rumpf, Hüft-,
tig ist, werden Übungen auf der Matte oder der Be- Knie- und Sprunggelenk?
handlungsbank eingesetzt. 4 Ist die Schrittlänge des rechten und linken Bei-
Die Ganganalyse sollte mit einer Inspektion nes gleichmäßig? Wie ist die zeitliche Abfolge?
aller Ebenen beginnen.
Im Stand wird die Ausrichtung von Kopf, Hals- In der Frontalebene (. Abb. 12.4 a, b) sollte vor al-
wirbelsäule, Schulter, oberer Rumpf, Lendenwirbel- lem auf Asymmetrie der linken und rechten Seiten
säule, Becken, Hüfte, Knie und Füße beurteilt geachtet werden:
(. Abb. 12.4). Die Inspektion des Ganges sollte sich 4 seitliche Rumpfbewegungen, Beckenkippung
nicht nur auf die Beine und unteren Extremitäten und Beckensenkung,
276 Kapitel 12 · Gangschule

. Abb. 12.5 a, b Manuelle Befundung des Ganges ohne Widerstand oder Approximation; Patient mit rechtsseitiger Hemiplegie

4 reziproke obere und untere Rumpfrotation und ben ausführen kann? Die Integration doppelter
Armschwung, Aufgaben ist immer ein Teil der Ganganalyse und
4 Spurbreite, Gangschule.
4 Abduktion, Adduktion oder Zirkumduktion
12 im Hüftgelenk,
4 mediolaterale Stabilität von Knie- und Sprung- 12.4 Theorie der Gangschule
gelenk.
Während des Trainings werden die Behandlungs-
Bei der manuellen Evaluation setzt der Therapeut prinzipien und viele Techniken der PNF-Metho-
seine Hände auf das Becken des Patienten und kann de beim stehenden und beim gehenden Patienten
dadurch fühlen, was beim freien, nicht behindern- angewandt. Das Setzen von Widerständen verbes-
den Gehen passiert. Seine Hände befinden sich auf sert die Fertigkeiten des Patienten, das Gleichge-
der Crista iliaca, so als ob er Widerstand gegen die wicht zu halten und Bewegungen auszuführen.
Beckenhebung geben würde. Während der Beur- Wird den kraftvolleren Bewegungen im Stand oder
teilung des Ganges soll weder Widerstand noch Ap- während des Gehens ein Widerstand entgegenge-
proximation gegeben werden. Es kommt lediglich setzt, kommt es zu Irradiation der schwächeren
auf das Fühlen an, oder dem Patienten wird – wenn Rumpf- und Beinmuskulatur. Diese Aktivitäten
nötig – geholfen (. Abb. 12.5). werden durch den Einsatz von Hilfsmitteln bzw.
Eine Ganganalyse umfasst grundsätzlich auch Gehhilfen nicht unterbunden. Es wird immer
die Beurteilung der Haltungskontrolle sowie der wieder vorkommen, dass Patienten aus medizini-
Gleichgewichts- und Fallreaktionen. Überprüft schen oder physischen Gründen nicht erfolgreich
wird das Gehen nach folgendem Gesichtspunkt: Ist gegen Widerstand arbeiten können. In diesen Fäl-
der Patient fähig, so sicher und automatisiert zu len sollte der Therapeut alles tun, um den Patienten
gehen, dass er seine Aufmerksamkeit voll der Um- zu unterstützen. Die Behandlungsprinzipien soll-
welt zuwenden und jede Art von doppelten Aufga- ten je nach Indikation eingesetzt werden, z. B. Ver-
12.5 · Vorgehensweise der Gangschule
277 12
baler Stimulus, Taktiler Stimulus und Approxima- 12.5 Vorgehensweise der Gangschule
tion, falls nötig.
Wenn die Gehfähigkeiten des Patienten zu- Bei der Gangschule wird der Rumpf des Patienten
nehmen, sollte er ermutigt werden, die neu erwor- von Anfang an besonders betont. Die Fazilitation
benen Fähigkeiten selbständig anzuwenden und der unteren Extremität und des Rumpfes erfolgt
möglichst selbständig zu gehen. Bei diesen Übungs- während der Standbeinphase durch Approximati-
einheiten werden keine verbalen oder taktilen on am Becken und während der Schwungphase
Hilfen gegeben. durch Stretch am Becken (Adler 1976). Der Thera-
peut kann durch die richtige Platzierung der Hände
> Der Therapeut gibt nur so viel Unterstüt-
die Beckenposition des Patienten kontrollieren
zung, damit die Sicherheit des Patienten
und sie, wenn nötig, Richtung Ventralkippung oder
gewährleistet ist.
Dorsalkippung manuell korrigieren. Durch das Fa-
Darüber hinaus sollte der Patient die Möglichkeit zilitieren der Beckenbewegung und Beckenstabilität
haben, seine Probleme bezüglich des Gehens selbst wird auch die Beinaktivität effizienter. Die Hände
zu lösen bzw. zu korrigieren. Während der Behand- des Therapeuten können auch auf der Schulter oder
lung wird abwechselnd das Gehen gegen Wider- auf dem Kopf des Patienten platziert werden, um die
stand und das Gehen ohne Widerstand geübt. So- Rumpfrotation zu fördern bzw. den Rumpf zu stabi-
bald der Patient eine trainierte Aktivität beherrscht, lisieren.
führt der Therapeut erneut Bewegungen gegen Wi- Widerstände, die der Therapeut beim Gleich-
derstand aus, um die Muskulatur weiter zu kräftigen. gewichtstraining oder zur Förderung der Beweg-
Für das gezielte Training bestimmter Gelenk- lichkeit gibt, sind besonders effektiv, wenn sie dia-
und Muskelfunktionen der oberen und unteren Ex- gonal gesetzt werden. Der Therapeut kann, wenn er
tremität kann der Therapeut Aktivitäten aus der selbst in der gewählten Diagonalen steht, die Bewe-
Gangschule gegen Widerstand einsetzen. Seitwärts gungsrichtung und den Bewegungsverlauf besser
gehen gegen Widerstand trainiert z. B. die mediale kontrollieren und die Widerstandsrichtung genau-
und laterale Fußmuskulatur. Die Schulter-, Ellbo- er einhalten. Zusätzlich sollte der Therapeut eine
gen- und Handmuskulatur wird z. B. im Gehbarren Körperstellung einnehmen, in der er sein Körper-
während des Balance- und Gehtrainings gleichzei- gewicht für die Approximation und auch für das
tig mit dem Training der unteren Extremität ge- Setzen der Widerstände einsetzen kann.
stärkt. Bewegungen gegen Widerstand beim Gehen
Das Anwenden der PNF-Techniken während sind übertriebene Bewegungen im Vergleich zum
des Gehtrainings ist sehr nützlich. Rhythmische Be- normalen Gang. Während der Gewichtsübernahme
wegungseinleitung, »Replication« und Kombinatio- werden größere Bewegungen vom Körper zugelas-
nen isotonischer Bewegung unterstützen den Pati- sen und während des Gehens sind die Bewegungen
enten darin, eine neue Bewegung zu erlernen oder von Becken und Bein größer. Widerstände gegen
geben ihm Informationen, wie man eine bestimmte diese übertriebenen Bewegungen verbessern die
Position erreichen kann. Stabilisierende Umkehr Muskelkraft und die Stand- und Gehfähigkeit. Das
oder Rhythmische Stabilisation fördern die Stabili- »übertriebene« Üben ermöglicht dem Patienten,
tät. Dynamische Umkehr kann eingesetzt werden, schneller und besser das normale Stehen und Gehen
um einer Ermüdung vorzubeugen; zusätzlich wird zu beherrschen.
die Koordination gefördert.
Entspannungstechniken werden vom Thera-
peuten eingesetzt, um die funktionelle Beweglich- 12.5.1 Approximation und Stretch
keit des Patienten zu verbessern.
Approximation fördert die Kontraktion der Bein-
extensoren und die Rumpfstabilität. Es ist sehr
wichtig, die Approximation zum richtigen Zeit-
punkt zu setzen. Die erste Approximation sollte
278 Kapitel 12 · Gangschule

a b

. Abb. 12.6 a, b Approximation. a am Becken, b am Schulterblatt

während oder kurz nach dem ersten Bodenkontakt sein Körpergewicht bei der Approximation ein-
erfolgen, um die Gewichtsverlagerung zu fördern. setzen. Dies erfolgt bei der Approximation über
Zur Unterstützung der Gewichtsübernahme kann die leicht gestreckten Arme (. Abb. 12.6).
die Approximation jederzeit während der Stand- 4 Um Schmerzen und Kompressionen im Be-
beinphase wiederholt werden. cken-Bauch-Raum und SIAS-Gebiet zu ver-
12 Der Therapeut steht in der Diagonalen vor dem meiden, sollte der Therapeut die Hände auf
Patienten und platziert den Ballen seiner Hände auf dem Beckenkamm platzieren.
der Cristae iliacae, oberhalb der Spina iliaca ant-
erior superior. Die Finger zeigen in Richtung der Der Stretchstimulus faziliert die Kontraktion der
Fersen des Patienten nach dorsokaudal. Der Thera- Bauchmuskeln und der Flexoren des Schwungbei-
peut kippt das Becken des Patienten als Vorberei- nes. Der richtige Zeitpunkt zum Setzen des Stretch-
tung auf die Approximation leicht nach hinten stimulus ist dann, wenn kein Gewicht auf dem Fuß
(Dorsalkippung). Die Richtung der Approximation lastet (Zehenablösung, »toe off«).
verläuft über das Tuber ischiadicum zu den Fersen Für die Ausführung des Stretches am Becken
des Patienten. Der Therapeut gibt zuerst eine werden die Ausgangsstellung und die Grifftechnik
schnelle Approximation und hält diese bis zum des Therapeuten wie beim Setzen der Approximati-
Setzen und Steigern des Widerstandes an. on am Becken angewendet. Der Stretch erfolgt ge-
Folgende Vorsichtsmaßnahmen muss der nau in dem Moment, in dem das Bein des Patienten
Therapeut bei der Anwendung der Approximation kein Gewicht mehr trägt. Die Richtung des Stret-
beachten: ches nach dorsokaudal entspricht der des Becken-
4 Um Beschwerden im Handgelenksbereich zu patterns »anteriore Elevation«.
vermeiden, sollte der Therapeut seine Hand- Vorsichtsmaßnahmen, die der Therapeut beim
gelenke nur minimal über die Nullstellung des Setzen eines Stretches beachten sollte:
Handgelenkes strecken. 4 Seine Hände sollten auf den Beckenkämmen
4 Um Schulterbeschwerden und Ermüdungser- bleiben und nicht auf den SIAS abrutschen. Da-
scheinungen zu vermeiden, sollte der Therapeut durch vermeidet er Schmerzen beim Patienten.
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
279 12
4 Der Körper des Patienten sollte beim Ausfüh- gung verbessert. Die Hüftflexion kann mit Hilfe der
ren des Stretchstimulus nicht um das Bein ro- Technik Betonte Bewegungsfolge stärker fazilitiert
tiert werden (. Abb. 12.21). werden. Dazu wird die Beckenbewegung solange
verhindert, bis die Hüftflexion langsam einsetzt und
das Bein beginnt, nach vorne zu schwingen.
12.5.2 Anwendung von Approximation Beim normalen Gangbild ist die Beckenhebung
und Stretch im ersten Teil des Schwunges minimal. Damit der
Patient seinen normalen Beinschwung kontrollie-
Standphase ren kann, muss genügend Muskelspannung in sei-
Approximation wird zur Fazilitation des Gleichge- ner Rumpf- und Abdominalmuskulatur vorhanden
wichtes und der Gewichtsübernahme angewandt. sein.
Unmittelbar auf die Approximation folgt ein Wider-
stand gegen die Bewegung. Die Widerstandsrich- Standbein
tung bestimmt, welche Muskelgruppen besonders Durch die Kombination von Approximation und
betont werden: Widerstand bei der nach vorne gerichteten Bewe-
4 Diagonal nach hinten (dorsal) gerichteter gung des Beckens wird die Extensionsmuskulatur
Widerstand fazilitiert und stärkt die vordere fazilitiert und gekräftigt. Die Approximation am
Rumpf- und Beinmuskulatur. Standbein erfolgt in einer nach dorsokaudal gerich-
4 Diagonal nach vorne (ventral) gerichteter teten Bewegung, um die Übernahme des Körperge-
Widerstand fazilitiert und stärkt die hintere wichtes zu fördern. Der Therapeut approximiert in
Rumpf- und Beinmuskulatur. dem Moment, in dem die mittlere Standbeinphase
4 Rotationswiderstände fazilitieren und stärken erreicht wird. Während der Standbeinphase kann
alle Rumpf- und Beinmuskeln, besonders für zur Fazilitation der Gewichtsübernahme erneut ap-
die Rotationskomponente. proximiert werden.

Darüber hinaus können Approximation und


Widerstand am Schultergürtel eingesetzt werden. 12.6 Praktische Anwendung
Dies führt zu einer erhöhten Aktivität der oberen der Gangschule
Rumpfmuskulatur. Der Therapeut muss darauf ach-
ten, dass die Wirbelsäule des Patienten ausgerichtet Ein wichtiger Aspekt der Gangschule ist, dass Pa-
ist, bevor er auf dem Schultergürtel eine nach unten tienten, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind,
gerichtete Approximation ausführt (. Abb. 12.6 b). den Umgang damit erlernen und das Aufrechtsitzen
und Sich-Bewegen im Rollstuhl einüben. All dies
Gehen ermöglicht es ihnen, den Alltag wieder weitgehend
In der Regel steht der Therapeut für die Fazilitation selbständig zu gestalten.
des Vorwärtsgehens vor dem Patienten. Zum Fazili-
tieren des Rückwärtsgehens kann er hinter dem
Patienten stehen und richtet dabei seinen Druck 12.6.1 Rollstuhlhandhabung und
nach vorne unten. Zum Üben des Seitwärtsgehens Rumpfkontrolle im Sitzen:
und der dafür nötigen Balance stellt sich der Thera- Vorbereitung zum Stehen
peut lateral vom Patienten auf und richtet seinen und Gehen
Druck nach kaudolateral.
Das Erlernen der Rollstuhlaktivitäten findet zum
Schwungbein einen im Rahmen der Gangschule und zum ande-
Die Beckenbewegung und auch die für die Schwung- ren im ADL-Training (»activities of daily life«) statt.
beinphase nötige Hüftflexion werden durch den Der Therapeut kann für das Erlernen dieser Aktivi-
Einsatz von Stretch und Widerstand bei der nach täten alle Behandlungsprinzipien anwenden. Der
vorne bzw. nach hinten gerichteten Beckenbewe- Patient lernt die notwendigen Aktivitäten durch die
280 Kapitel 12 · Gangschule

12

. Abb. 12.7 a–f Umgang mit dem Rollstuhl. a, b Vorwärts fahren, c, d Rückwärts fahren

Kombination von Widerstand und mehrmaliger 4 mit dem Rollstuhl fahren (. Abb. 12.7):
Wiederholung schon innerhalb kurzer Zeit. 5 vorwärts (. Abb. 12.7 a, b) und rückwärts
(. Abb. 12.7 c, d) mit Widerstand an den
Den Rollstuhl handhaben Armen,
Der Patient lernt durch das Führen der Bewegungen 5 vorwärts mit Widerstand an den Beinen
mit und ohne Widerstand seinen Rollstuhl handzu- (. Abb. 12.7 e, f),
haben. Folgende allgemeine bzw. grundsätzliche 4 mit dem Rollstuhl drehen bzw. seine Richtung
Aktivitäten werden geübt: ändern,
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
281 12

. Abb. 12.7 (Fortsetzung) e, f Vorwärts fahren gegen Widerstand am Bein

4 Bremsen des Rollstuhles anziehen bzw. lösen Therapeut sollte jedes Problem, das die Funktion
(. Abb. 12.8), des Patienten einschränkt, üben und nach der Be-
4 Armstützen des Rollstuhles abnehmen und handlung erneut die Funktion, hier das Sitzen, eva-
wieder einsetzen (. Abb. 12.9), luieren.
4 Füße von den Fußstützen ab- und wieder auf-
setzen, Beispiel
4 Fußstützen hoch- und runterklappen Das Becken des Patienten kann im Stuhl nicht rich-
(. Abb. 12.10), tig positioniert werden. Dadurch kann die richtige
4 Fußstützen nach außen drehen und wieder Gewichtsverlagerung bzw. die Gewichtsübernahme
zurückholen. auf dem Tuber ischiadicum nicht stattfinden. Die
Ursache dafür könnte eine Mobilitätseinschränkung
Sitzen der Beckenbewegung sein.
Das Aufrechtsitzen und das Bewegen im Rollstuhl Für die Behandlung legt sich der Patient auf die
sind für das weitere Training der Sitzbalance des Matte. Anschließend übt der Therapeut die Becken-
Patienten besonders wichtig. Der Patient kann bewegungen mit Hilfe der Beckenpatterns. Zur
durch den Einsatz von Stretch und Widerstand am weiteren Behandlung der Mobilitätseinschränkungen
Becken in die richtige Sitzposition gebracht werden, als auch zur Verbesserung der Muskelkraft können
bei der sich das Gewicht auf dem Tuber ischiadicum u. a. Kombinationen der Schulterblatt- und Becken-
befindet. Zusätzlich an Kopf und Schulterblatt ge- patterns eingesetzt werden oder eine Kombination
setzte Widerstände und Approximation fördern von Übungen, mit dem Ziel, die Gelenke und Weich-
und verbessern die Rumpfstabilität. Das Erlernen teile zu mobilisieren. Im Anschluss an diese Behand-
der Vor- und Rückwärtsbewegungen im Stuhl wird lung setzt sich der Patient zurück in den Rollstuhl,
durch das Setzen von Widerständen und Stretch am und die Position des Beckens wird vom Therapeuten
Becken des Patienten unterstützt. Während des erneut beurteilt.
Einübens dieser Aktivitäten wird gleichzeitig die
Kraft und die Mobilität des Patienten gefördert. Der
282 Kapitel 12 · Gangschule

12

. Abb. 12.8 a–c Hantieren mit den Bremsen


12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
283 12

. Abb. 12.9 a, b Hantieren mit den Armstützen

. Abb. 12.10 a, b Hantieren mit den Fußstützen bzw. im Fußbereich


284 Kapitel 12 · Gangschule

. Abb. 12.11 a, b Aufrechte Sitzposition einnehmen

Sitzaktivitäten Sich im Rollstuhl bewegen Wenn der Patient die


Die aufrechte Sitzposition erreichen Zuerst fazili- aufrechte Sitzposition gut stabilisieren kann, wird
tiert und trainiert der Therapeut die Bewegung, die mit Hilfe der Techniken Wiederholter Stretch,
in die aufrechte Sitzposition führt (. Abb. 12.11). Rhythmische Bewegungseinleitung und Dynami-
Folgende Techniken stehen zur Verfügung: sche Umkehr das Bewegen im Rollstuhl gefördert.
12 4 Zur Fazilitation der Rumpfextension bzw. 4 Das Vorwärtsbewegen (. Abb. 12.13) erfolgt
Rumpfaufrichtung kann der Therapeut die über die alternierend ausgeführte anteriore
Technik Kombination isotonischer Bewegun- Elevationsbewegung des Beckens.
gen mit Widerständen am Kopf, an den Schul- 4 Das Rückwärtsbewegen (. Abb. 12.14) erfolgt
tern und/oder am Rumpf einsetzen. über die alternierend durchgeführte posteriore
4 Die Bewegung der nach vorne gerichteten Be- Elevationsbewegung des Beckens.
ckenkippung wird durch den Einsatz der Tech-
nik Rhythmische Bewegungseinleitung und
von Stretch fazilitiert und trainiert. 12.6.2 Aufstehen und sich hinsetzen

Die aufrechte Sitzposition stabilisieren Sobald der Die folgenden Abschnitte des Kapitels »Gang-
Patient die aufrechte Sitzposition erreicht hat, be- schule« beschreiben weitere Aktivitäten, die zu die-
ginnt der Therapeut mit der Stabilisierung dieser sem Bereich gehören. Es handelt sich dabei jedoch
Position (. Abb. 12.12). Dazu setzt er die Technik eher um eine Aufzählung der möglichen Aktivitäten
Stabilisierende Umkehr ein, bei der Widerstände mit verschiedenen Behandlungstechniken als um
wie folgt genutzt werden können: die Beschreibung einer vollständigen Behandlung.
4 am Kopf, Die Behandlung eines Patienten erfolgt normaler-
4 an den Schultern, weise nicht in streng aufgeteilten Teilaktivitäten,
4 am Becken, sondern sie fließen eher ineinander über. Das
4 als Kombinationen der einzelnen bedeutet z. B., dass der Patient vom Therapeuten
Widerstände. beobachtet und aufgefordert wird, sich im (Roll-)
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
285 12

. Abb. 12.12 a, b Stabilisation der Sitzposition. a Widerstand an Becken und Schulterblatt, b Widerstand an Kopf und
Schulterblatt

. Abb. 12.13 a, b Vorwärts bewegen im Stuhl


286 Kapitel 12 · Gangschule

. Abb. 12.14 a, b Rückwärts bewegen im Stuhl

Stuhl vorwärts zu bewegen, anschließend aufzuste- 4 Das Knie beginnt sich zu strecken und bewegt
hen, sein Gleichgewicht zu halten und zu gehen. Die sich vorwärts über die Unterstützungsfläche.
Aktivitäten, die vom Patienten während des Bewe-
gungsverlaufes noch nicht optimal bzw. funktionell Letzter Teil:
durchgeführt werden, können auf unterschiedliche 4 Kopf, Halswirbelsäule und Rumpf werden in
Art und Weise wiederholt bzw. trainiert und noch- ihre vertikale Ausgangsposition zurück bewegt
12 mals kontrolliert werden, bis eine optimale Funkti- (. Abb. 12.15 d).
on erreicht ist. 4 Das Becken dreht aus der Ventralkippung in
In der Regel kann man beobachten, wie die Funk- die Dorsalkippung.
tion des Patienten während der Behandlung und 4 Das Knie bleibt gestreckt und bewegt sich nach
beim Trainieren vieler variabler Aktivitäten zunimmt. hinten. Der Rumpf bewegt sich, so dass er über
Zudem lassen sich die erarbeiteten Fortschritte die Unterstützungsfläche kommt. Durch
eines Patienten mittels Timed-Up-and-Go-Test gut Dorsalkippung des Beckens kommt es zur
messen (Podsiadlo 1991). Knieextension.
Aufstehen ist sowohl eine funktionelle Aktivität,
um z. B. jemand die Tür zu öffnen, als auch der erste Bis andere Studien diese Auffassung widerlegen,
Schritt zum Gehen. Die Person sollte in der Lage sein, gehen die Autoren davon aus, dass das Hinsetzen
aus verschiedenen Sitzhöhen aufzustehen und sich umgekehrte Aktivitäten und eine umgekehrte Be-
hinzusetzen. Obwohl sich verschiedene Personen auf wegungsreihenfolge beinhaltet. Die Kontrolle beim
unterschiedliche Weise hinsetzen bzw. aufstehen, Hinsetzen wird durch exzentrische Kontraktion der
können die Bewegungsabläufe allgemein wie folgt Muskulatur gewährleistet.
beschrieben werden (Nuzik et al. 1986). Der Therapeut platziert seine Hände auf die Cris-
Erster Teil: tae iliacae des Patienten (. Abb. 12.16 a) und bewegt
4 Kopf bzw. Halswirbelsäule und Rumpf bewe- oder stretcht das Becken als Vorbereitung nach dor-
gen sich nach vorne (. Abb. 12.15). sal (»posterior tilt«). Anschließend begleitet er die
4 Das Becken bewegt in eine relative anteriore Bewegung, oder er setzt der ventralen Beckenbewe-
Elevation. gung (»anterior tilt«) einen Widerstand entgegen.
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
287 12

. Abb. 12.15 a–d Aufstehen vom Stuhl

Zur Fazilitation dieser Bewegung eignet sich die Position erreicht hat, führt der Therapeut das Becken
Technik Rhythmische Bewegungseinleitung beson- in die Beckenkippung nach dorsal und approximiert
ders gut. Der Therapeut fordert den Patienten auf, die das Becken zur Fazilitation der Gewichtsübernahme.
Beckenbewegung im Sitzen zweimal zu wiederholen Folgende Aktivitäten werden einzeln trainiert:
und direkt im Anschluss an die dritte Wiederholung 4 Aufstehen,
aufzustehen. Während des Aufstehens unterstützt 4 Hinsetzen.
der Therapeut die Ventralkippung des Beckens. Ab-
hängig von den Möglichkeiten des Patienten wird der Aufstehen
gesamte Bewegungsablauf vom Therapeuten beglei- Vorwärtsbewegen im Rollstuhl Diese Bewegung
tet oder durch das Setzen eines Widerstandes er- geschieht über die alternierend ausgeführte anteri-
schwert. Direkt nachdem der Patient die aufrechte ore Elevationsbewegung des Beckens.
288 Kapitel 12 · Gangschule

12

. Abb. 12.16 a–c Aufstehen im Gehbarren

Platzieren der Hände Der Therapeut weist den Pa- werden. Wie er durch den Einsatz der eigenen
tienten an den richtigen Platz am Gehbarren ein. Er Arme Bewegungen unterstützen kann, erlernt
gibt Widerstand an den Händen, um dem Patienten der Patient mit stabilisierenden Kontraktionen
den Gebrauch seiner Hände und Arme an den und der Technik Kombination isotonischer Be-
Armstützen des Rollstuhles bzw. am Gehbarren zu wegungen.
fazilitieren. Die Bewegung »Platzieren der Hände«
kann mit Hilfe der Technik Rhythmische Be- Beckenbewegungen (»rocking«) (. Abb. 12.16 a) Die
wegungseinleitung vom Patienten leichter erlernt Ventralkippung des Beckens wird durch den Einsatz
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
289 12

. Abb. 12.17 a, b Aufstehen: Patient mit rechtsseitiger Hemiplegie

der Technik Rhythmische Bewegungseinleitung beliebigen Stelle die Bewegung des Hinsetzens ab-
und den Stretchstimulus gefördert. bremsen und sich wieder in Richtung Stand be-
wegen muss.
Aufstehen (. Abb. 12.16, . Abb. 12.17) Der Thera-
peut kann das Aufstehen am Becken und an den
Schultern fazilitieren bzw. der Bewegung an diesen 12.6.3 Stand
Körperteilen Widerstand entgegensetzen. Kann der
Patient z. B. den oberen Rumpf nicht in der richti- Der Therapeut steht in gebückter Haltung vor dem
gen Position halten, sollte an den Schultern fazili- Patienten in der Diagonalen, in der der Patient sein
tiert werden. Gewicht beim Aufstehen zuerst verlagern wird. Nun
führt der Therapeut den Patienten in die richtige
Hinsetzen Richtung und setzt zur Fazilitation der Gewichts-
Vorbereitung zum Hinsetzen Der Therapeut übernahme am betreffenden Bein Approximatio-
platziert seine Hände so, dass er den Bewegungsab- nen und stabilisierende Widerstände am Becken ein
lauf unterstützen kann. Es werden dieselben Tech- (. Abb. 12.16 c, . Abb. 12.17 b). Wenn der Patient
niken wie bei der Bewegung beim Aufstehen ein- steht, soll er das Körpergewicht gleichmäßig auf bei-
gesetzt. de Beine verteilen; der Therapeut stellt sich dabei
vor den Patienten.
Hinsetzen Der Therapeut platziert seine Hände so,
dass er der exzentrisch ausgeführten Bewegung des Gewichtsübernahme
Patienten entweder nur am Becken oder an Becken Zur Fazilitation dieser Aktivität eignen sich die
und Schulter gleichzeitig Widerstand entgegenset- Kombinationen von Approximation auf der kraft-
zen bzw. die Bewegung kontrollieren kann. volleren Beckenseite mit stabilisierenden Wider-
Ist der Patient kräftig genug, kann der Thera- ständen am Becken. Es können auch Kombinatio-
peut die Technik Kombination isotonischer Be- nen von Approximation auf der weniger kraftvollen
wegungen einsetzen, bei der der Patient an jeder Beckenseite, evtl. mit passiver Knieblockade, mit
290 Kapitel 12 · Gangschule

stabilisierenden Widerständen am Becken einge- Das Schwungbein betonen


setzt werden. 4 Zur Fazilitation der anterioren Elevation vom
Becken auf der Schwungbeinseite kann die
Stabilisation Technik Wiederholter Stretch angewandt
Die auf den unteren Rumpf und auf die Beine gerich- werden (. Abb. 12.19 b, c).
tete Stabilisation (. Abb. 12.18) erfolgt durch die 4 Zur Fazilitation der Hüftflexion eignet sich die
Kombination von Approximation und Stabilisieren- Technik Kombination isotonischer Bewegungen.
der Umkehr am Becken (. Abb. 12.18 a). Wird die
Kombination Approximation mit Stabilisierender Gewichtsverlagerung
Umkehr an den Schultern eingesetzt, wird die Stabili- Diese Aktivität kann als Vorbereitung für das Gehen
sation vom gesamten Rumpf gefördert (. Abb. 12.18 b). und zum Üben bestimmter Bewegungen der unteren
Zur Verbesserung der Stabilisation können die Tech- Extremitäten eingesetzt werden. Übertriebene Ge-
niken mit kleinen Bewegungen und/oder Stabilisie- wichtsverlagerungen nach vorne oder zur Seite för-
render Umkehr benutzt werden. Zur Stabilisierung dern die Hyperextension und lateral gerichtete Bewe-
der Balance werden Widerstände in alle Richtungen, gungen der Hüfte. Darüber hinaus wird die Stabilität
entweder einzeln oder in Kombination, an Kopf, des Knies als auch des Fußgelenkes trainiert.
Schultern und Becken gesetzt (. Abb. 12.18 c, d). Der Therapeut leitet die Gewichtsverlagerung
mit Stabilisationsübungen auf einem Bein ein. An-
Einbeinstand schließend setzt er dem anderen Bein einen Wider-
Diese Aktivität wird zur Fazilitation von Becken- stand entgegen, so dass der Patient sein Körperge-
und Hüftbewegungen in der Schwungphase und wicht zur anderen Seite verlagern muss. In dieser
auch zur Fazilitation des Tragens des Körpergewich- Position wird der Patient erneut unter Anwendung
tes genutzt. Der Patient steht auf einem Bein; das von Approximation und Widerständen stabilisiert.
andere Bein ist (wenn möglich) in der Hüfte etwas Der Therapeut kann diese Übung auf zwei verschie-
mehr als 90° flektiert, wodurch eine Fazilitation dene Arten durchführen:
der Hüftextension des Standbeines erreicht wird 4 Er setzt der exzentrischen Aktivität des Patien-
(. Abb. 12.19). Ist der Patient selbst nicht in der Lage, ten einen Widerstand entgegen, während sich
12 die Hüftflexion aktiv zu halten, greift der Therapeut der Patient langsam auf das andere Bein zu-
helfend ein, indem er das flektierte Bein des Patien- rückbewegt.
ten (mit dessen Knie in Höhe seiner Hüfte) auf sein 4 Er platziert seine Hände neu, um der aktiven
eigenes Bein legt. Der Therapeut übt einen leichten Gewichtsverlagerung bzw. den konzentrischen
Druck auf das Bein des Patienten aus, um ein Herun- Kontraktionen des Patienten ausreichend
tergleiten bzw. -fallen zu verhindern. Um Ermü- Widerstand entgegensetzen zu können.
dungserscheinungen vorzubeugen, sollte der Patient
ihn öfter das Standbein wechseln (. Abb. 12.19 b). Es gibt verschiedene praktische Übungen zur Ge-
Die Zeitmessung des Einbeinstandes ist ein wichtsverlagerung:
guter funktioneller Balance-Test, um Fortschritte 4 Gewicht von einem Bein auf das andere ver-
des Patienten objektivieren zu können. lagern,
4 Gewicht in Schrittstellung von vorne nach hin-
Das Standbein betonen ten verlagern,
4 Zur Förderung der Gewichtsübernahme 4 Gewichtsverlagerung bei wiederholter Schritt-
approximiert der Therapeut am Becken bewegung.
(. Abb. 12.19 a).
4 Zur Verbesserung der Balance in alle Richtun- Gewichtsverlagerung von einem Bein auf das andere
gen setzt der Therapeut die Techniken »Stabili- 4 Stabilisierende Widerstände, der Patient steht
sierende Umkehr und/oder Kombination iso- auf beiden Beinen,
tonischer Bewegungen« mit kleinem Bewe- 4 Widerstände gegen eine seitwärts gerichtete
gungsausmaß ein. Gewichtsverlagerung,
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
291 12

. Abb. 12.18 a, b Stabilisation von Becken und Schultern, c, d Stabilitätstechniken für die Standbeinphase

4 Einsatz von Approximation und Widerständen men wurde, und setzen von da aus auch die
auf der gewichttragenden Seite, Widerstände;
4 konzentrische oder exzentrische Widerstände 5 konzentrisch: Der Therapeut platziert seine
für die entgegengesetzten Bewegungen: Hände auf die andere Beckenseite und kann
5 exzentrisch: Die Hände des Therapeuten somit der antagonistisch ausgeführten Ge-
bleiben unverändert in der Position, die für wichtsverlagerung Widerstand entgegen-
die erste Gewichtsverlagerung eingenom- setzen.
292 Kapitel 12 · Gangschule

12

. Abb. 12.19 a–c a Stehen auf einem Bein. Betonung des


Standbeines, b, c Stehen auf einem Bein. Betonung des
Schwungbeines
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
293 12

. Abb. 12.20 a–d a, b Gewichtsverlagerung nach vorne, c, d Vorwärtsgehen

Gewichtsverlagerung in Schrittstellung ! Vorsicht


nach vorne und hinten (. Abb. 12.20) Der Therapeut sollte darauf achten, dass
Während diese Aktivitäten geübt werden, sollte der der Patient nicht seitwärts nach vorne
Therapeut darauf achten, dass der Patient das Be- kommt.
cken und den Rumpf gleichermaßen mit nach vorne
bzw. nach hinten verlagert. Besondere Beachtung Um die Gewichtsverlagerung auf das vordere Bein
sollte er den seitwärts gerichteten Ausweichbewe- zu fördern, steht der Therapeut in der Bewegungs-
gungen beim Nach-vorne-Kommen widmen. richtung vor dem Patienten. Um die Gewichtsver-
294 Kapitel 12 · Gangschule

lagerung auf das hintere Bein zu fördern, steht er in Gewichtsverlagerung bei


der Diagonalen hinter dem Patienten. Im folgenden wiederholten Schrittbewegungen
Beispiel wird die Gewichtsverlagerung auf das vor- (vor- und rückwärts) (. Abb. 12.20 c, d)
dere Bein beschrieben. Die Verlagerung des Kör- Diese Aktivität wird zusammen mit der Gewichts-
pergewichtes auf das hintere Bein verläuft analog in verlagerung durchgeführt. Der Therapeut kann den
umgekehrter Richtung. Patienten entweder das Gewicht 3- bis 4-mal verla-
gern lassen, bevor er den ersten Schritt ausführt,
Beispiel oder er lässt ihn nach jeder Gewichtsverlagerung
Der Patient steht auf seinem rechten Bein; das linke einen Schritt ausführen. Während der Schrittbewe-
Bein ist vorne. Der Therapeut steht in Schrittstellung gung des Patienten muss der Therapeut selbst sein
diagonal vor dem linken Bein des Patienten; sein lin- Körpergewicht verlagern. Sobald der Patient einen
ker Fuß steht vor dem rechten Fuß des Patienten. Der Schritt macht, muss er ebenfalls einen Schritt gehen,
Therapeut hat sein Körpergewicht auf den vorderen um stets in der Bewegungslinie des jeweiligen
Fuß verlagert. Der Übungsablauf ist wie folgt: Standbeines zu stehen. Einzelne Abschnitte der
Für das hintere (rechte) Bein: Schwung- und Standbeinphase können mit Hilfe
4 Stabilisation: Zur Stabilisation des Patienten auf der oben beschriebenen Techniken eingeübt wer-
seinem hinteren bzw. rechte Bein wendet der den. Für das Seitwärtsgehen kann diese Aktivität
Therapeut Approximation und Widerstände an modifiziert werden.
(. Abb. 12.20 a).
4 Widerstand: Die Gewichtsverlagerung des Beispiel
Patienten vom hinteren auf das vordere Bein Der Patient steht in Schrittstellung:
wird durch den diagonal verlaufenden Wider- Wiederholung des Vor- und Rückwärtsgehens mit
stand fazilitiert. Dabei verlagert der Therapeut dem rechten Bein
mit der Bewegung des Patienten sein Körper- 4 Stabilisation: Die Stabilisation findet zuerst auf
gewicht auf sein rechtes bzw. hinteres Bein dem hinteren Bein statt.
(. Abb. 12.20 b). 4 Widerstand: Es erfolgt eine Fazilitation für
Für das vordere (linke) Bein: die Gewichtsverlagerung auf das vordere
12 4 Stabilisation: Zur Stabilisation des linken bzw. Bein.
vorderen Beines des Patienten setzt der Thera- 4 Stabilisation: Die Stabilisation findet jetzt auf
peut eine Approximation auf die linke Becken- dem vorderen Bein statt.
hälfte und kombiniert dies mit bilateralen 4 Stretch und Widerstand: Wird das Körpergewicht
Widerständen. auf dem vorderen bzw. linken Bein verlagert, setzt
4 Widerstand: Zur Fazilitation der Gewichtsverla- der Therapeut der rechten Beckenhälfte einen nach
gerung auf das hintere Bein setzt der Therapeut, dorsokaudal gerichteten Stretchstimulus. Im An-
entweder exzentrisch oder konzentrisch, diago- schluss daran setzt er zur Fazilitation eines Schrittes
nal verlaufende Widerstände ein: vom rechten Bein nach vorne der nach ventrokrani-
5 exzentrisch: die Hände des Therapeuten al gerichteten Beckenbewegung einen Widerstand
befinden sich auf der Crista iliaca (anterior- entgegen.
superior),
5 konzentrisch: die Hände des Therapeuten Wiederholung des Vor- und Rückwärtsgehens mit
befinden sich auf der Crista iliaca (posterior- dem linken Bein
superior). Während der Schrittbewegung des rechten Beines
des Patienten setzt der Therapeut sein linkes Bein
nach hinten und verlagert sein Körpergewicht
darauf.
4 Stabilisation: Die Stabilisation findet zuerst auf
dem vorderen Bein statt.
6
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
295 12

. Abb. 12.21 a–e Vorwärts gehen. a, b Der Therapeut steht vor dem Patienten, c–e Der Therapeut steht hinter dem Patienten

4 Widerstand: Zur Verlagerung des Körpergewich- 5 konzentrisch: der Therapeut platziert seine
tes auf das hintere bzw. linke Bein: Hände auf die Crista iliaca (posterior) und for-
5 exzentrisch: der Therapeut drückt den Patien- dert den Patienten auf, gegen seinen Wider-
ten langsam auf das linke Bein zurück. Dabei stand die Bewegung zur Gewichtsverlagerung
verändert er seinen Griff nicht. auf das hintere bzw. linke Bein durchzuführen.
6 6
296 Kapitel 12 · Gangschule

Gehen entweder neu erlernt oder zur Muskelkräfti-


gung eingesetzt, sollte der Therapeut die Fazilitati-
onsmaßnahmen Approximation, Widerstand und
Stretch anwenden.
! Vorsicht
Bei der Gangschule kommt es beim Patien-
ten zu einer Unterbrechung der Vorwärts-
bewegung und zu einer Verminderung der
Bewegungsgeschwindigkeit, wenn der
Therapeut einen Widerstand setzt.

Vorwärts gehen
Bei dieser Übung kann der Therapeut während des
Gehtrainings vor oder hinter dem Patienten stehen
(. Abb. 12.21).

Der Therapeut steht vor dem Patienten Wenn der


e Therapeut vor dem Patienten steht, geht er mit sei-
nem linken Bein nach hinten, sobald der Patient sein
. Abb. 12.21e (Fortsetzung) rechtes Bein nach vorne bewegt (. Abb. 12.21 a, b).

Der Therapeut steht hinter dem Patienten Wenn


4 Widerstand: Der Rückwärtsschritt mit dem
der Therapeut hinter dem Patienten steht, bewegen
rechten Bein:
sich beide mit demselben Bein (. Abb. 12.21 c–e).
5 exzentrisch: Der Therapeut fordert den
In dieser Ausgangsposition legt der Therapeut seine
Patienten auf, unter Beibehaltung des Griffes
Hände auf den Beckenkamm des Patienten. Hände
das rechte Bein einen Schritt zurückzusetzen.
und Unterarme formen eine gerade Linie, die über
Während der Bewegung drückt der Therapeut
12 die Tuber ischiadicum zu den Fersen des Patienten
das Becken und das Bein des Patienten nach
gerichtet ist. Darüber hinaus berührt der Therapeut
hinten.
mit seinen Unterarmen die Glutealmuskulatur des
5 konzentrisch: Der Therapeut setzt seine Hände
Patienten. Dadurch wird eine bessere Beckenkip-
auf die Crista iliaca (posterior). Anschließend
pung erreicht (. Abb. 12.21 c).
stretcht der Therapeut das Becken und setzt der
Der Therapeut steht hinter dem Patienten, wenn:
darauf folgenden dorsokranialen Bewegung
4 der Patient viel größer ist als der Therapeut,
des Beckens zur Fazilitation des Rückwärts-
4 der Patient eine Gehhilfe (z. B. Rollator) be-
schrittes des rechten Beines einen Widerstand
nutzt,
entgegen.
4 der Patient ein offenes Blickfeld nach vorne
haben soll.
12.6.4 Gehen So hat der Therapeut trotz seiner – im Vergleich
zum Patienten – geringeren Körpergröße die Mög-
Der Therapeut sollte den Patienten ein Stück gehen lichkeit, sein Körpergewicht zum einen für die Ap-
lassen, nachdem das Verlagern des Körpergewichtes proximation und den Stretch nach dorsokaudal und
und die verschiedenen Schritte einzeln geübt wur- zum anderen für das Setzen der Widerstände einzu-
den. Abhängig von der Zielsetzung des Gehens gibt setzen.
der Therapeut mehr oder weniger Hilfestellung.
Zur Ganganalyse oder zum Training des funktionel- Rückwärts gehen (. Abb. 12.22)
len Gehens sollte der Patient, um sich sicher zu füh- Für die optimale Funktionalität des Gehens ist das
len, ausreichende Unterstützung erhalten. Wird das Rückwärtsgehen von besonderer Bedeutung. Das
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
297 12

. Abb. 12.22 a–c Rückwärts gehen

Rückwärtsgehen erfordert und trainiert gleichzeitig den Cristae iliacae (posterior-superior) und der
die Rumpfkontrolle und die Hüftextension in der auszuübende Druck richtet sich nach ventrokaudal.
Schwungphase. Das Rückwärtsgehen dient auch der
! Vorsicht
Fazilitation des Vorwärtsgehens mit Hilfe der Tech-
Während des Rückwärtsgehens sollte der
nik Antagonistische Umkehr.
Therapeut darauf achten, dass der Patient
Der Therapeut steht normalerweise zur Fazilita-
in der aufrechten Rumpfhaltung bleibt.
tion des Rückwärtsgehens hinter dem Patienten.
Die Handballen des Therapeuten befinden sich auf
298 Kapitel 12 · Gangschule

. Abb. 12.23 a, b Seitwärts gehen

Seitwärts gehen
(. Abb. 12.23, . Abb. 12.24)
Die Fähigkeit, seitwärts gehen zu können, ist wich-
tig, um sich durch enge Durchgänge zu bewegen.
12 Die laterale Muskulatur des Rumpfes und der Beine
wird durch das Seitwärtsgehen trainiert.
Der Therapeut steht auf der Seite, nach der
der Patient sich bewegt. Die Fazilitationsmaß-
nahmen Approximation, Stretch und Widerstand
werden normalerweise am Becken eingesetzt. Zur
Fazilitation der oberen Rumpfstabilität kann der
Therapeut eine Hand lateral auf der Schulter plat-
zieren.
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
299 12

. Abb. 12.24 a–d Kreuzschritte (»Braiding«)


300 Kapitel 12 · Gangschule

12

. Abb. 12.25 a–d Freies Gehen. a, b Mit Unterstützung des Therapeuten, c, d Gehen außerhalb des Gehbarrens. Ohne Ab-
stützen am Therapeuten

12.6.5 Weitere Aktivitäten Behandlungsprinzipien und Techniken ist von der


jeweiligen Zielsetzung abhängig:
Die Abbildungen 12.25 bis 12.28 zeigen weitere 4 Gehen außerhalb des Gehbarrens (. Abb. 12.25).
Aktivitäten, die die Funktionalität des Gehens 4 Mit Unterarmstützen gehen (. Abb. 12.26).
beim Patienten steigern. Der optimale Einsatz der 4 Treppen hoch- und runtergehen (. Abb. 12.27).
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
301 12

. Abb. 12.26 a, b Gehen mit Unterarmstützen

a b

. Abb. 12.27 a–e Treppen. a–d Runtergehen, b, d Patientin mit inkompletter Paraplegie
302 Kapitel 12 · Gangschule

c d

12

. Abb. 12.27 (Fortsetzung) a–d Runtergehen, c, d Patientin mit inkompletter Paraplegie, e Hochgehen

4 Bürgersteige rauf- und runtergehen, ohne dass 4 Aufstehen vom Boden und sich wieder auf den
sich der Patient irgendwo festhalten kann Boden setzen (diese Aktivität wird in 7 Kap. 11
(. Abb. 12.28). beschrieben, wird aber hier aufgeführt, weil sie
4 Hindernisse überwinden ohne Stützmöglich- für die Selbständigkeit des Patienten beim Ge-
keiten, die eine Gewichtsübernahme bzw. -ver- hen wichtig ist).
lagerung ermöglichen.
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
303 12

. Abb. 12.28 a, b Einen Bürgersteig hochgehen

. Abb. 12.29 a–f Patient mit Hemiplegie. a Aufstehen, b Übersetzen vom Rollstuhl zum Stuhl
304 Kapitel 12 · Gangschule

12

. Abb. 12.29 (Fortsetzung) c, d Fazilitation der Standphase des hemiplegischen Beines, e, f Stand auf das betroffene Bein
mit Betonung der Hüftextension und Kniekontrolle
12.7 · Patientenbeispiele in der Gangschule
305 12

. Abb. 12.30 a–c Betonung der totalen Extension von


Halswirbelsäule, Rumpf und Hüfte

12.7 Patientenbeispiele in 4 Beispiel III: Patient mit einer Oberschen-


der Gangschule kelamputation (. Abb. 12.31).
4 Beispiel IV: Patient mit einer Amputation un-
4 Beispiel I: Patient mit rechtsseitiger Hemiple- terhalb des linken Knies (. Abb. 12.32).
gie (. Abb. 12.29 a–f).
4 Beispiel II: Patient mit Spondylitis ankylosis
(. Abb. 12.30).
306 Kapitel 12 · Gangschule

12

. Abb. 12.31 a–f a, b Aufstehen, c Betonung von Hüftestreckung, d Vollbelastung mit Betonung von Hüft- und Kniestabilität
12.7 · Patientenbeispiele in der Gangschule
307 12

e f

. Abb. 12.31 (Fortsetzung) e Rückwärts gehen, f Falltraining und Aufstehen

a b

. Abb. 12.32 a–e Patientin mit inkompletter Tetraplegie und Unterschenkelamputation links. a Aufstehen, b Gewichtsverla-
gerung auf das Prothesenbein mit Kniekontrolle
308 Kapitel 12 · Gangschule

c d

12

. Abb. 12.32 (Fortsetzung) c Stand auf das Prothesenbein links, Betonung der Hüft- und Kniestreckung während der Stand-
beinphase, d hoch steigen, Kontrolle über das Prothesenbein, e runter steigen, Kontrolle mit dem Prothesenbein
Literatur
309 12
12.8 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Murray MP, Drought AB, Kory RC (1964) Walking Patterns of
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4 Welche Muskulatur ist während der Stoß- Nashner LM (1976) Adapting reflexes controlling the human
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4 Warum benutzen wir im PNF-Konzept oft Pohl M, Mehrholz J, Ritschel C, Rückriem S (2002) Speed de-
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310 Kapitel 12 · Gangschule

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12
311 13

Funktionen von Gesicht und


Mund, Sprechen, Schlucken
und Atmung
M. Buck

13.1 Einführung – 312


13.1.1 Stimulieren und Fazilitieren – 312

13.2 Fazilitation der Gesichtsmuskulatur – 313

13.3 Zungenbewegungen – 322

13.4 Schlucken – 322

13.5 Sprechstörungen – 324

13.6 Atmung – 324

13.7 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen – 328

Literatur – 328

M. Buck et al., PNF in der Praxis,


DOI 10.1007/978-3-642-37814-0_13, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
312 Kapitel 13 · Funktionen von Gesicht und Mund, Sprechen, Schlucken und Atmung

13.1 Einführung Durch den Einsatz der Betonten Bewegungs-


folge wird auf der betroffenen Seite die schwache
Die Behandlung dieser Funktionen beinhaltet in Muskulatur fazilitiert. Dabei wird auf der gesunden
der PNF-Therapie Übungen für das Gesicht, die Seite keine Bewegung zugelassen. Als Kompensati-
Zunge, die Atmung und das Schlucken. Die Atem- onsmechanismus entwickeln viele Patienten eine
übungen und die Übungen für die Gesichtsmusku- Hypertonie auf der nicht betroffenen Seite. In
latur können bei allen Patienten angewandt werden. diesem Fall kann die Technik Betonte Bewegungs-
Besonders wichtig ist die Behandlung jedoch für folge die Dysbalance zwischen den beiden Gesichts-
Patienten mit Fazialisparese, mit Schluck- und/oder hälften noch erhöhen. Rhythmische Bewegungsein-
Atembeschwerden. Diese Übungen werden einge- leitung, Kombination isotonischer Bewegungen
setzt, wenn der Patient durch andere Aktivitäten und Entspannungstechniken können dann eine
ermüdet ist, z. B. können Atemübungen sehr zur sinnvolle Alternative sein.
Entspannung beitragen oder bei starken Schmerzen Bei Patienten mit einer peripheren Fazialisläh-
hilfreich sein. Während der Behandlung wird keine mung sieht man sehr oft eine pathologische Mitbe-
Pause eingelegt, denn die Übung selbst dient als wegung auf der betroffenen Gesichtshälfte, eine Syn-
aktive Erholungsphase. kinese. Diese Synkinese kann beim Essen und Spre-
chen sehr störend sein und sollte in keinem Fall
ausgelöst werden. Synkinesen entstehen durch ein
13.1.1 Stimulieren und Fazilitieren falsches »Sprouting« (Sprießen) der Nervenendi-
gungen nach der Fazialisparese. Saubere Grifftech-
Zur Stimulierung und Fazilitation bietet sich bei Ein- niken und Druck können die normale Motorik steu-
schränkungen von Atmung, Schluckbewegung und ern und fazilitieren. Der Einsatz von Stretch, Wider-
Gesichtsmotorik die Anwendung verschiedener stand und Irradiation kann zwar die Muskelkraft
Techniken und Prinzipien an: Muskelaktivierung, verbessern, andererseits aber auch Synkinesen ver-
Koordination, Entspannung und Kraftsteigerung stärken. Daher gilt es, bei Neigung zu einer Synkinese
erreicht man durch Setzen von Widerständen und nur führenden, keinen starken Widerstand und kei-
durch den Stretch. Der richtige Bewegungsablauf nen Stretch zu geben. Problemorientiert zu behan-
oder die richtige Entspannung wird durch korrekte deln heißt in diesem Fall, dass der Widerstand für
Grifftechnik und eine korrekte Widerstandsrichtung die Aktivität, die man fazilitieren möchte, gleichzei-
13 fazilitiert und geführt. Abhängig von der Diagnose tig mit Widerstand in die entgegengesetzte Richtung
sollten die Grundprinzipien und Techniken an die der Synkinese geht (. Abb. 13.2a).
aktuelle Situation des Patienten angepasst werden. Nach jeder Übung sollte der Patient die Akti-
Zusätzlich zu den Fazilitationsmaßnahmen vität selbst, ohne Fazilitation, ausführen: »hands
kann in der Behandlung auch Eis (»quick-ice«) ein- off«. Die Benutzung eines Spiegels (. Abb. 13.2b)
gesetzt werden. Zur Fazilitation streicht der Thera- gibt dem Patienten das nötige Feedback, und das
peut mit dem Eis 2- bis 3-mal kurz und schnell über verbale Kommando sollte immer ein funktionelles
die Haut, den zu stimulierenden Muskel, die Zunge Kommando sein, z. B.: »Schauen Sie böse!« oder
oder den Innenbereich des Mundes. Besteht jedoch »Lächeln Sie!«.
schon eine Hypertonie auf der betroffenen Seite Massenbewegungen sollten nicht zugelassen
(auch bei einer peripheren Läsion) sollte man kein werden, man sollte selektive Bewegungen fazilitie-
Eis anwenden. ren. Auf der nicht betroffenen Seite sollte man nicht
Der Einsatz bilateraler Bewegungen eignet zu viel Muskelaktivität fördern, da sonst eine Hy-
sich besonders gut zum Üben der Gesichtsmusku- pertonie entstehen kann.
latur. Dadurch wird zum einen die Symmetrie ge-
fördert, zum anderen kommt es zur Fazilitation
bzw. Verstärkung der Muskelaktivitäten der betrof-
fenen Seite durch die Muskelkontraktionen der
stärkeren und/oder mobileren Seite.
13.2 · Fazilitation der Gesichtsmuskulatur
313 13

a b

. Abb. 13.1 a, b Die Gesichtsmuskulatur. 1 M. epicranius (frontalis). 2 M. corrugator. 3 M. orbicularis oculi. 4 M. levator
palpebrae superioris. 5 M. procerus. 6 M. Risorius, M. zygomaticus major. 7 M. orbicularis oris. 8 M. levator labii superioris.
9 M. depressor labii interferioris. 10 M. mentalis. 11 M. levator anguli oris. 12 M. depressor anguli oris. 13 M. buccinator.
14 M. masseter, M. temporalis. 15 M. platysma und Mm. infra- and suprahyoidei. (Mod. nach Feneis 1967, Zeichnung von Ben
Eisermann) (Die Ziffern korrelieren mit den Übungen auf den nächsten Seiten)

13.2 Fazilitation der 4 Das Gesicht wird in einen oberen Bereich von
Gesichtsmuskulatur Augen und Stirn und in einen unteren Bereich
von Mund und Kinn aufgeteilt. Die Nase arbei-
Die Gesichtsmuskulatur erfüllt verschiedene Funk- tet mit beiden Bereichen zusammen.
tionen wie beispielsweise: 4 Die Gesichtsbewegungen werden zur Förde-
4 Nahrung kauen, rung der Symmetrie und zur Fazilitation der
4 Schutzfunktion für die Augen, schwächeren Seite durch die stärkere Seite
4 Sprechen und bilateral ausgeführt bzw. geübt. Ziel ist es, eine
4 vor allem Mimik bzw. Gesichtsausdruck Symmetrie zu erreichen. – Eine Kontraktion
(. Abb. 13.1). der Muskeln der stärkeren bzw. mobileren
Seite fördert und beeinflusst die Arbeit der
In diesem Kapitel werden nur die wichtigsten Funk- stärker betroffenen Muskeln. Die Kontraktion
tionen der Gesichtsmuskulatur dargestellt. Es ist stärkerer Muskeln kann nur genutzt werden,
vorteilhaft, während der Therapie mit einem Logo- wenn Gesichtsasymmetrie, Tonus und Syn-
päden zusammenzuarbeiten. kinese dabei nicht zunehmen.
Folgende allgemeine Prinzipien der Gesichtsbe- 4 Die Stimulierung der Gesichtsmuskulatur
handlung sind zu berücksichtigen: wird auch durch kraftvolle Bewegungen in
4 Die Gesichtsbewegungen werden mit funktio- anderen Körperabschnitten erreicht. Dies
nellen Aufgaben verbunden, z. B.: »Schauen ist im Alltag und vor allem im Sport zu be-
Sie verwundert!« oder »Es riecht hier unange- obachten. Dabei sollte sich der Tonus nicht
nehm!« (. Abb. 13.2) erhöhen, und es sollte keine Synkinese ausge-
4 Die Bewegungen werden stets vollständig löst werden.
ausgeführt, z. B. das Öffnen bzw. Schließen
des Mundes.
314 Kapitel 13 · Funktionen von Gesicht und Mund, Sprechen, Schlucken und Atmung

a b

. Abb. 13.2 a, b Bimanuelle Fazilitation. a Vorbeugen der Synkinese durch das Kommando »Machen Sie einen Kussmund«
und gleichzeitige Fazilitation des M. corrugator mit dem Kommando »Schauen Sie böse!; b Ein Spiegel kann dem Patienten
helfen, seine Gesichtsbewegungen zu kontrollieren

13 a b

. Abb. 13.3 a, b Fazilitation des M. epicranius (frontalis). »Schauen Sie verwundert!«

a b

. Abb. 13.4 a, b Fazilitation des M. corrugator. »Schauen Sie böse!«


13.2 · Fazilitation der Gesichtsmuskulatur
315 13

a b

c d

. Abb. 13.5 a–d Fazilitation des M. orbicularis oculi. »Schließen Sie die Augen!«

Beispiel Der auf der Stirn gegebene Widerstand richtet


Versucht man z. B. mit Kraft eine fest verschlossene sich nach kaudal-medial. Diese Bewegung erfolgt
Dose zu öffnen, werden die Gesichtsmuskeln unbe- zusammen mit dem Öffnen der Augen.
wusst angespannt. Er wird durch die Nackenextension beeinflusst.

Bei der Wahl der Ausgangsstellung sollte der Thera- jM. corrugator (. Abb. 13.4; . Abb. 13.1, Ziffer 2)
peut beachten, dass die Gesichtsmuskulatur funk- Verbales Kommando »Runzeln Sie Ihre Augen-
tionell in den meisten Fällen gegen die Schwer- brauen. Ziehen Sie Ihre Augenbrauen nach unten.
kraft aktiv ist. Schauen Sie böse.«
Der Widerstand wird diagonal, genau über
jM. epicranius (frontalis) den Augenbrauen, in die kraniale und die laterale
(. Abb. 13.3; . Abb. 13.1, Ziffer 1) Richtung gegeben. Diese Bewegung geht mit dem
Verbales Kommando »Ziehen Sie Ihre Augen- Schließen der Augen einher.
brauen hoch. Schauen Sie verwundert. Runzeln Sie
Ihre Stirn.«
316 Kapitel 13 · Funktionen von Gesicht und Mund, Sprechen, Schlucken und Atmung

. Abb. 13.6 a, b Fazilitation des M. levator palpebrae superioris. »Öffnen Sie die Augen!«

13

. Abb. 13.7 a, b Fazilitation des M. procerus. »Es stinkt hier!«

jM. orbicularis oculi jM. levator palpebrae superioris (N. oculomo-


(. Abb. 13.5; . Abb. 13.1, Ziffer 3) torius) (. Abb. 13.6; . Abb. 13.1, Ziffer 4)
Verbales Kommando »Schließen Sie Ihre Augen.« Verbales Kommando »Öffnen Sie Ihre Augen.
Hier kann mit dem oberen und dem unteren Sehen Sie hoch.«
Augenlid einzeln geübt werden. Der sanft dosierte Der Widerstand wird auf dem oberen Augenlid
diagonale Widerstand wird entweder einzeln unter gegeben. Darüber hinaus kann das Öffnen der Augen
dem Auge oder auf den Augenlidern oder gleich- durch einen leichten Widerstand auf den Augen-
zeitig für das untere und obere Augenlid gegeben. brauen (nach kaudal) zusätzlich fazilitiert werden.
Dabei sollte Druck auf den Augäpfeln vermieden
werden. jM. procerus, M. nasalis
(. Abb. 13.7; . Abb. 13.1, Ziffer 5)
Verbales Kommando »Rümpfen Sie Ihre Nase.«
13.2 · Fazilitation der Gesichtsmuskulatur
317 13

. Abb. 13.8 a, b Fazilitation des M. risorius und M. zygomaticus major. »Lachen Sie!«

. Abb. 13.9 a, b Fazilitation des M. orbicularis oris. »Machen Sie einen Kussmund!«

Die Finger werden genau neben den Nasenflü- jM. orbicularis oris
geln platziert. Der Widerstand ist diagonal nach (. Abb. 13.9; . Abb. 13.1, Ziffer 7)
kaudal-lateral gerichtet. Dieser Muskel arbeitet mit Verbales Kommando »Ziehen Sie Ihre Lippen zu-
dem M. corrugator und den Schließmuskeln der sammen. Machen Sie eine Pfeif- bzw. Flötbewegung
Augen zusammen. oder eine Kussbewegung.«
Der Widerstand wird gleichzeitig an der Ober-
jM. risorius und M. zygomaticus major lippe und an der Unterlippe gegeben. Der Wider-
(. Abb. 13.8; . Abb. 13.1, Ziffer 6) stand richtet sich – bezogen auf die Oberlippe –
Verbales Kommando »Lachen Sie. Ziehen Sie Ihre nach kranial-lateral und bezogen auf die Unterlippe
Mundwinkel hoch.« nach kaudal-lateral.
Der Widerstand an den Mundwinkeln richtet sich
vor allem nach medial und geringfügig nach kaudal.
318 Kapitel 13 · Funktionen von Gesicht und Mund, Sprechen, Schlucken und Atmung

. Abb. 13.10 a, b Fazilitation des M. levator labii superioris. »Zeigen Sie mir die oberen Zähne!«

13

. Abb. 13.11 a, b Fazilitation des M. mentalis. »Machen Sie einen Schmollmund!«

jM. levator labii superioris Der Widerstand richtet sich an der Unterlippe
(. Abb. 13.10; . Abb. 13.1, Ziffer 8) nach kranial-medial. Dieser Muskel arbeitet mit
Verbales Kommando »Zeigen Sie Ihre obere Zahn- dem M. platysma zusammen.
reihe. Ziehen Sie Ihre Oberlippe hoch.«
Der Widerstand richtet sich auf der Oberlippe jM. mentalis
nach kaudal-medial. (. Abb. 13.11; . Abb. 13.1, Ziffer 10)
Verbales Kommando »Runzeln Sie Ihr Kinn. Ma-
jM. depressor labii interferioris (Ziffer 9) chen Sie einen Schmollmund.«
Verbales Kommando »Ziehen Sie Ihre Unterlippe Der Therapeut platziert seine Finger unterhalb
nach unten. Zeigen Sie Ihre untere Zahnreihe.« der Mundwinkel am Kinn (in der Nähe des Tuber-
13.2 · Fazilitation der Gesichtsmuskulatur
319 13

. Abb. 13.12 a, b Fazilitation des M. levator anguli oris. »Lächeln Sie!«

. Abb. 13.13 a, b Fazilitation des M. depressor anguli oris. »Zeigen Sie mir die unteren Zähne!«

culum mentale). Die Richtung des Widerstandes jM. depressor anguli oris
geht nach kaudal-lateral. (. Abb. 13.13; . Abb. 13.1, Ziffer 12)
Verbales Kommando »Ziehen Sie Ihre Mundwinkel
jM. levator anguli oris nach unten. Schauen Sie traurig.«
(. Abb. 13.12; . Abb. 13.1, Ziffer 11) Der Widerstand richtet sich an beiden Mund-
Verbales Kommando »Ziehen Sie Ihre Mundwinkel winkeln nach kranial-medial.
hoch, lächeln sie ein wenig.«
Der Widerstand wird auf dem Mundwinkel
nach kaudal-medial gegeben.
320 Kapitel 13 · Funktionen von Gesicht und Mund, Sprechen, Schlucken und Atmung

. Abb. 13.14 a, b Fazilitation des M. buccinator

13

. Abb. 13.15 a, b Fazilitation des M. masseter und M. temporalis

jM. buccinator jM. masseter, M. temporalis (N. Trigeminus)


(. Abb. 13.14; . Abb. 13.1, Ziffer 13) (. Abb. 13.15; . Abb. 13.1, Ziffer 14)
Verbales Kommando »Pressen Sie Ihre Wangen fest Verbales Kommando »Schließen Sie Ihren Mund
gegen Ihre Zähne wie beim Trompetenblasen. Drü- und beißen Sie fest zu. Beißen Sie Ihre Zähne fest
cken Sie den Holzstab weg.« zusammen.«
Hier wird der Widerstand entweder mit einem Der Widerstand wird am Unterkiefer gegeben
vorher angefeuchteten Holzstäbchen oder mit einem und richtet sich diagonal nach rechts unten und
behandschuhten Finger gesetzt. Der Widerstand nach links unten.
kann diagonal nach kranial oder diagonal nach kau- Ist die Belastung des temporomandibularen Ge-
dal oder auch geradeaus gerichtet werden. lenkes aufgrund der diagonal gesetzten Widerstände
13.2 · Fazilitation der Gesichtsmuskulatur
321 13
zu groß, richtet sich der Widerstand nur nach kaudal.
Darüber hinaus wird das Schließen des Mundes
durch das gleichzeitige Setzen eines Widerstandes
gegen die Nackenextension fazilitiert.

jM. infrahyoid und suprahyoid


(. Abb. 13.16; . Abb. 13.1, Ziffer 15)
Verbales Kommando »Öffnen Sie Ihren Mund.«
Der Widerstand wird am Kinn gegeben. Die
Widerstandsrichtung ist entweder diagonal nach
kranial oder nur nach kranial (7 Kap. 14). Das
Öffnen des Mundes kann zusätzlich durch einen
Widerstand gegen die Nackenflexion fazilitiert
werden.

jPlatysma (. Abb. 13.17;


. Abb. 13.1, Ziffer 15)
Verbales Kommando »Ziehen Sie Ihr Kinn, am
besten mit geschlossenem Mund, nach unten.«
Der Widerstand wird unter dem Kinn gegeben,
um das Öffnen des Mundes zu verhindern. Die
Richtung des Widerstandes geht entweder diagonal
nach kranial oder nur nach kranial. Der M. platysma
wird durch die gleichzeitige Kontraktion der
Nackenflexoren fazilitiert.

jIntrinsische Augenmuskulatur
Die Augenbewegungen in die gewünschte Richtung
werden durch Übungen mit Widerstand am Kopf
und am Nacken fazilitiert.

Beispiel
Zur Fazilitation der Augenbewegung nach unten
rechts wird der Nackenflexion nach rechts ein Wider-
stand entgegengesetzt. Gleichzeitig wird der Patient
aufgefordert, in die gewünschte Richtung zu schauen.
Die nach lateral gerichtete Augenbewegung wird
durch einen Widerstand gegen die entsprechende
Rotation des Kopfes fazilitiert. Auch dabei wird der
Patient aufgefordert, in die gewünschte Richtung zu
schauen.

9 . Abb. 13.16 a–c Fazilitation der Mm. infrahyoidei und


M. platysma, c Adaptation einer Klarinette bei schwachem
c
M. buccinator
322 Kapitel 13 · Funktionen von Gesicht und Mund, Sprechen, Schlucken und Atmung

Weitere wichtige Zungenübungen sind:


4 die Zunge nach hinten in den Rachen bewegen
(diese Bewegung befördert normalerweise die
zerkaute Nahrung in den Rachen und bereitet
somit den Schluckvorgang vor),
4 die Zunge im Mund seitwärts gerichtete Bewe-
gungen ausführen lassen,
4 die Zungenspitze den Gaumen direkt hinter
der oberen Zahnreihe berühren lassen,
4 die Zunge zwischen der oberen Zahnreihe und
der Wange bzw. zwischen der unteren Zahn-
reihe und der Wange bewegen.

13.4 Schlucken
. Abb. 13.17 Fazilitation des M. platysma
Das Schlucken ist eine komplexe Aktivität, die teils
durch die willkürliche Motorik kontrolliert wird
Die Aufforderung, in eine bestimmte Richtung zu und teils durch Reflexaktivitäten zustande kommt.
schauen, sollte durch den Hinweis ergänzt werden, Gezielte Schluckübungen haben einen positiven
wohin der Patient schauen soll, z. B. »Beugen Sie Einfluss auf die Reflexaktivität und auf die willkür-
Ihren Kopf nach rechts unten, und schauen Sie zu liche Motorik.
Ihrem rechten Knie.« Der Sitz ist für die Aktivitäten Essen und Schlu-
cken und auch für die Behandlung dieser Funktio-
nen die geeignetste und funktionellste Ausgangs-
13.3 Zungenbewegungen stellung. Die Schluckübungen können auch gut im
Unterarmstütz durchgeführt werden.
Zur Stimulierung der Zungenbewegungen wird ent- Die für den Schluckvorgang erforderliche Ver-
weder ein angefeuchteter Holzstab oder ein behand- mengung von Nahrung und Speichel geschieht
13 schuhter Finger eingesetzt. Das Holzstäbchen muss durch das Kauen. Voraussetzung für einen optima-
angefeuchtet werden, um Irritationen im Mundbe- len Kauvorgang ist die Fähigkeit des Patienten, sei-
reich zu vermeiden. Als zusätzliche Fazilitationsmaß- nen Mund geschlossen bzw. die Lippen aufeinan-
nahme kann zur Stimulierung der Zunge Eis verwen- der zu halten, so dass die Nahrung während des
det werden. Der Patient selbst kann durch das Saugen Kauens nicht aus dem Mund fällt. Während des
an einem Eisstückchen seine eigenen Zungenbewe- Kauvorganges wird die Nahrung durch die Be-
gungen und die Mundfunktion stimulieren. wegungen der Zunge im Mund hin- und herge-
In . Abb. 13.18 werden folgende Zungenübun- schoben. Anschließend wird die zerkaute Nahrung
gen gezeigt: durch eine gaumenwärts gerichtete Zungenbewe-
4 die Zunge gerade nach vorne ausstrecken gung nach hinten gegen den Pharynx gedrückt,
(. Abb. 13.18 a), worauf schließlich der Schluckvorgang folgt.
4 die Zunge nach links und nach rechts ausstre- Übungen für die Gesichtsmuskulatur und für die
cken (. Abb. 13.18 b), Zunge wurden in 7 Abschn. 13.2 und 7 Abschn. 13.3
4 die Zunge zur Nasenspitze bewegen beschrieben.
(. Abb. 13.18 c), Das Schlucken kann z. B. durch einen hyper-
4 die Zunge zum Kinn bewegen (. Abb. 13.18 d), aktiven Brechreflex verhindert werden. Zur Ver-
4 die Zunge aufrollen (. Abb. 13.18 e) (nicht alle minderung dieses gesteigerten Reflexes kann der
Menschen sind dazu fähig, da genetisch be- Therapeut mit Hilfe eines kalten Gegenstandes
dingt). einen richtig dosierten langanhaltenden Druck auf
13.4 · Schlucken
323 13

. Abb. 13.18 a–e Zungenübungen


324 Kapitel 13 · Funktionen von Gesicht und Mund, Sprechen, Schlucken und Atmung

die Zunge ausüben. Der Druck wird vom Therapeu-


ten anfänglich nur auf der Zungenspitze ausgeübt
und später, nach einer Eingewöhnungsphase, lang-
sam über die Zunge ausgedehnt. Gleichzeitig durch-
geführte Atemübungen haben eine entspannende
Wirkung und unterstützen die Verminderung des
Brechreflexes.
Der Schluckreflex wird durch die Berührung
der Nahrung mit dem Pharynx (Rachen) ausgelöst.
Durch den Reflex bewegt sich der weiche Gaumen
nach hinten, wodurch der Nasen-Rachen-Raum
abgeschlossen wird. Diese Schluckreflexbewegung
kann mit Hilfe eines angefeuchteten Gegenstandes
(Holzstäbchen) am Zäpfchen fazilitiert bzw. sti-
muliert werden. Die Stimulierung am Zäpfchen
kann beidseitig oder einseitig (betroffene Seite) er-
folgen. Während des weiteren Schluckvorganges
. Abb. 13.19 Stimulation bzw. Entspannung des Kehl-
bewegen sich das Hyoidbein (Zungenbein) und
Rachen-Raumes
der Larynx (Kehlkopf) nach oben. Zur Stimulie-
rung der Muskulatur, die den Larynx anhebt,
wird neben dem Stretch auch »quick-ice« einge- > Zur Vermeidung von Kompressionen der
setzt. Die Stretchrichtung geht diagonal nach rechts Larynx oder der Trachea sollte nur jeweils
unten und anschließend nach links unten. Bei an einer Seite des Kehlkopfes Druck aus-
hyperaktiver Muskulatur bzw. Muskulatur, die er- geübt werden (. Abb. 13.19).
höhte Reflexe zeigt, sollten Relaxationstechniken
in Kombination mit langanhaltender Eisapplika- Damit während des Sprechens eine besser kon-
tion und kontrollierten Atemübungen angewandt trollierte Ausatmung erlangt wird, werden gleich-
werden. zeitig zu den in diesem Abschnitt genannten Be-
handlungen Atemübungen gegen Widerstand aus-
13 geführt (7 Abschn. 13.6 »Atmung«). Die Technik
13.5 Sprechstörungen Kombination isotonischer Bewegungen eignet sich
hierfür besonders gut: Der Patient atmet erst gegen
Das Sprechen erfordert eine gute Kontrolle der Ge- Widerstand ein (konzentrische Kontraktion), ge-
sichtsmotorik, der Mund- und Zungenbewegungen folgt durch eine anhaltende Ausatmung und exzen-
und das Vermögen, Tonvariationen erzeugen zu trische Kontraktion der Muskeln, die den Thorax
können. Darüber hinaus erfordert das Sprechen erweitern. Während der Ausatmung sollte der Pa-
eine kontrollierte Atmung. tient zählen oder Wörter aufsagen. Patienten, die
Patienten, die nur in der Lage sind, hohe Ton- eine verminderte Kontrolle über das Stimmvolu-
lagen hervorzubringen, werden zur Entspannung men haben, werden auf dieselbe Weise behandelt.
mit Atemübungen in Kombination mit Eisstimula-
tion auf dem Larynxgebiet (Kehlkopfbereich) be-
handelt. 13.6 Atmung
Bei Patienten, die nur in der Lage sind, tiefe
Tonlagen zu erzeugen, wird zuerst die Larynxmus- Indikationen, die sich direkt auf die Atmung
kulatur mit kurzen Eisapplikationen (»quick-ice«) auswirken, äußern sich in Atmungsproblemen. Die
stimuliert und dann mit dem Stretchstimulus und Probleme können sich während der Ein- und der
mit Widerstand gegen die Larynxbewegung nach Ausatmung manifestieren. Die Behandlung von
oben behandelt. Sternum, Rippen und Diaphragma fördert die Ein-
13.6 · Atmung
325 13
atmung. Übungen für die abdominale Muskulatur > Der Patient sollte die Atemübungen in vielen
begünstigen die Ausatmung. unterschiedlichen Ausgangsstellungen
Sonstige Indikationen sind Thoraxmobilisati- üben. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den
on und Rumpf- und Schultermobilität. Eine aktive funktionellen Ausgangsstellungen.
Erholungsphase nach aktiven Übungen verringert
Schmerzen und Spastizität und führt zur Entspan- Rückenlage Wenn sich der Patient in Rückenlage
nung. (. Abb. 13.20) befindet, sind folgende Grifftechni-
Die Atemtherapie berücksichtigt die Einatmung ken möglich:
und die Ausatmung. Zur Verbesserung der Ein- 4 Der Therapeut platziert seine aufeinander-
atmung werden die sternale, kostale und diaphrag- liegenden Hände im Lumbrikalgriff auf das
male Komponente der Atmung trainiert. Die Ausat- Sternum und richtet den Widerstandsdruck
mung wird darüber hinaus durch die Aktivierung bzw. den Stretch nach kaudal-dorsal (zum
der Bauchmuskulatur verbessert. Zur Behandlung Sakrum) (. Abb. 13.20 a).
der Atmung können alle Behandlungsprinzipien 4 Der Therapeut legt seine Hände zur Fazilitati-
und Techniken des PNF-Konzeptes eingesetzt on der unteren Rippenbögen auf die untersten
werden. Rippen. Die Finger liegen parallel zum Rippen-
verlauf auf. Die Druckrichtung geht diagonal
nach kaudal-medial (. Abb. 13.20 b). Die Fazi-
Behandlungsprinzipien und Techniken
litation der oberen Rippe geschieht auf dieselbe
des PNF-Konzeptes
Weise. Die Hände werden dafür auf den
4 Zur korrekten Fazilitation der Thoraxbe-
M. pectoralis major platziert.
wegungen sind die vom Therapeuten rich-
tig ausgeführten Grifftechniken und kor-
Seitlage In der Seitlage kann der Therapeut seine
rekt gesetzten Widerstände wichtig.
Hände auf unterschiedliche Weise platzieren:
4 Das Einatmen kann durch den Einsatz
4 Er positioniert eine Hand auf dem Sternum
des Stretchreflexes besonders gut initiiert
und die andere – zur Stabilisierung (Gegen-
werden.
druck) der Ausgangsstellung – auf dem Rücken
4 Das Inspirationsvolumen wird über die
des Patienten. Die Seitlage erschwert die
Fazilitation der Thoraxbewegungen mit
Thoraxbewegungen der unten liegenden Seite
Hilfe der Technik Wiederholter Stretch ver-
zusätzlich. Daher sollte der Patient möglichst
größert.
auf der nicht betroffenen Seite liegen.
4 Eine Kräftigung der Atemmuskulatur und
4 Der Therapeut platziert seine Hände dort, wo
die Fazilitation der Thoraxbewegungen
die Thoraxbewegung fazilitiert werden soll.
wird durch die vom Therapeuten adäquat
Der Verlauf der Finger entspricht dem der
gesetzten Widerstände erreicht.
Rippen. Die Widerstandsrichtung ist diagonal
4 Zur Verbesserung der Kraft und auch der
nach kaudal-medial und folgt somit dem Ver-
Mobilität der betroffenen Seite eignet sich
lauf der Rippen (. Abb. 13.21).
besonders die Betonte Bewegungsfolge:
Die Bewegung der stärkeren oder mobile-
Bauchlage Der Therapeut platziert seine Hände auf
ren Thoraxseite wird entweder durch die
den Rippen-Thorax-Abschnitt, der fazilitiert wer-
richtige Wahl der Ausgangsposition oder
den soll. Die Finger liegen parallel zum Verlauf der
durch das Setzen adäquater Widerstände
Rippen. Der Druck richtet sich nach kaudal und
verhindert.
nach dem Verlauf der Rippen (. Abb. 13.22).
4 Zur Verbesserung der Atmungskontrolle
kann die Technik Kombination isotonischer
Unterarmstütz Der Therapeut setzt eine Hand auf
Bewegungen eingesetzt werden.
das Sternum und übt mit derselben Hand einen
nach dorsal und kaudal gerichteten Druck aus.
Die andere Hand wird zur Stabilisierung in Höhe
326 Kapitel 13 · Funktionen von Gesicht und Mund, Sprechen, Schlucken und Atmung

. Abb. 13.20 a, b Atmung in Rückenlage. a Druck auf dem Sternum, b Druck auf den unteren Rippen

13

. Abb. 13.21 Atmung in der Seitenlage . Abb. 13.22 Atmung in der Bauchlage
13.6 · Atmung
327 13

. Abb. 13.23 Atmung in der ellbogengestützten Bauchlage

des Sternums auf der Wirbelsäule platziert


(. Abb. 13.23). Der Handgriff entspricht dem, der
für die Bauchlage angewandt wird.

Fazilitation des Diaphragmas (Zwerchfell) Die


direkte Fazilitation des Diaphragmas geschieht
durch einen Daumendruck, der direkt unter dem
Rippenbogen in der Nähe des Processus xiphoideus
platziert wird (. Abb. 13.24). Der Druck richtet sich
nach kranial und lateral. Diese Platzierung der
Hände ermöglicht es, einen Stretchreflex zu setzen
und auszulösen und Widerstände gegen die nach
kaudal gerichtete Diaphragmabewegung zu geben.
Das Diaphragma kann allerdings nur bei entspann-
ter Bauchmuskulatur des Patienten direkt fazilitiert
werden (. Abb. 13.24 a, b). Sollte sich dies als
schwierig erweisen, stellt der Patient die Beine auf,
um eine bessere Entspannung der Bauchmuskula-
tur und der Hüftflexoren zu erreichen.

. Abb. 13.24 a–c Fazilitation des Diaphragmas. a Stretch 7


am Diaphragma am Ende der Ausatmung, b Einatmung,
c Alternative indirekte Fazilitation, indem der Therapeut
seine Hände gerade oberhalb der Symphyse ansetzt und der
Bauchinhalt gegen das Diaphragma drückt; der Patient soll
gegen diesen anhaltenden Druck einatmen
328 Kapitel 13 · Funktionen von Gesicht und Mund, Sprechen, Schlucken und Atmung

. Abb. 13.25 a, b Stimulation des Diaphragmas bei einer Patientin mit kompletter Tetraplegie und Tracheastoma

Zur indirekten Fazilitation des Diaphragmas Horst R (2005) Motorisches Strategietraining und PNF.
platziert der Therapeut beide Hände auf dem Bauch Thieme, Stuttgart
Kendall FP, McCreary EK (1993) Muscles, testing and function.
des Patienten. Anschließend fordert er den Patien-
Williams and Wilkins, Baltimore
ten auf, gegen seinen Widerstand einzuatmen Lee DN, Young DS (1985) Visual timing in interceptive actions.
(. Abb. 13.24 c). Der Patient sollte diese Übung er- In: Ingle DJ et al. (eds) Brain mechanisms and spatial
lernen und beherrschen, so dass er sie auch alleine vision. Martinus Nijhoff, Dordrecht
ausführen kann (. Abb. 13.25). Manni, Beurskens CH, Velde C v, Stokroos RJ (2001) Reanima-
tion of the paralyzed reconstruction face by indirect
hypoglossal-facial nerve anastomosis. Am J Surg 182:
268–73
13 13.7 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Nitz J, Burke B (2002) A study of the facilitation of respiration
Fragen in myotonic dystrophy. Physiotherapy Research Interna-
tional (4): 228–238
4 Was sind die Vorteile von manueller Fazilita- Schmidt R, Lee T (1999) Motor control and learning, 3rd ed.
Human Kinetics, Champaign IL, USA
tion bei Fazialislähmung?
Shumway-Cook AW, Woollacott M (2001) Motor control:
4 Atmung mit PNF: Die Fazilitation der Atmung theory and practical applications. Williams and Wilkins,
kann man stimulierend und inhibierend oder Baltimore
relaxierend, direkt und indirekt anwenden.
Geben Sie zu jeder Anwendung ein Beispiel.

Literatur

Beurskens CHG, Gelder RS v, Heymans PG et al. (2005) The


facial Palsies. Lemma Publishers, Utrecht
Beurskens CHG (2003) Mime therapy: rehabilitation of facial
expression. Proefschrift. Medische Wetenschappen,
University of Nijmegen
Feneis H (1967) Anatomisches Bildwörterbuch. Thieme,
Stuttgart
329 14

Aktivitäten
des täglichen Lebens
M. Buck, D. Beckers

14.1 Transfers – 331

14.2 Sich ankleiden und sich ausziehen – 331

14.3 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen – 331

Literatur – 336

M. Buck et al., PNF in der Praxis,


DOI 10.1007/978-3-642-37814-0_14, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
330 Kapitel 14 · Aktivitäten des täglichen Lebens

Das oberste Behandlungsziel ist es, das höchste der Aufgaben (»repetition without repetition«)
Funktionsniveau, d.h. die maximale Unabhängig- praktisch umgesetzt (»variability in practice«),
keit in den Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) um dem Patienten zu ermöglichen, eine opti-
zu erreichen und damit die Lebensqualität jedes male Funktionsleistung zu erreichen. Für die
einzelnen Patienten zu erhöhen. Auf Partizipati- Aktivität »Reichen« greift der Patient z.B. ein-
onsniveau (ICF, 7 Kap. 1, 5) sollte der Patient wie- mal eine Tasse und reicht sie dem Therapeu-
der weitestmöglich an den Aktivitäten des sozialen ten, dann eine Flasche, ein Geldstück usw.
Lebens teilnehmen können. Die Integration der
Grundprinzipien des motorischen Lernens und der Während der kognitiven Lernphase kann der
motorischen Kontrolle in die PNF-Behandlung ist Therapeut viel proprio- und exterozeptiven Input
notwendig, um das angestrebte Funktionsniveau geben. In der assoziativen Lernphase bekommt der
bzw. die Teilnahme am sozialen Leben erreichen zu Patient schon weniger Input; die Übungen werden
können. häufig in neue Situationen übertragen, doch dem
Die Stadien der motorischen Kontrolle – Mobi- Patienten werden noch Fehler erlaubt. In der auto-
lität, Stabilität, Mobilität auf Stabilität und Fähig- nomen bzw. automatisierten Lernphase braucht
keiten – wurden bereits in 7 Kap. 1 und 7 Kap. 11 der Patient keinen Input mehr; er ist in der Lage,
beschrieben. Die vier Stadien sind bei allen ADL- mehrere Funktionen gleichzeitig auszuführen.
Aktivitäten wie Essen, Anziehen, Rollstuhlfahren, Die Frage ist nicht »hands on« oder »hands off«.
Gangschule oder Treppensteigen miteinzubeziehen. Beide Methoden sind notwendig und möglich.

Praxistipp > Der Therapeut muss entscheiden, wann


und wie viel externe Information der
Wichtig sind zwei Punkte, Patient benötigt. Nach der PNF-Philoso-
4 zum einen, dem Patienten vor Übungs- phie wird der Therapeut immer die best-
beginn deutliche verbale Instruktionen mögliche Fazilitation (Erleichterung) an-
(Feedforward) und nach Übungsausfüh- bieten. Doch letztendlich muss der Patient
rung ein Feedback zu geben (Horst 2005), alle Aktivitäten selbständig, ohne Hilfe
4 zum anderen, dem Patienten zu erlauben, erledigen können.
Fehler zu machen, damit er aus diesen
Das Beherrschen der »Aktivitäten des täglichen
lernen kann.
Lebens« ist für den Patienten die Voraussetzung sei-
ner Selbständigkeit. In den vorangegangenen Kapi-
Das PNF-Konzept gibt dem Therapeuten vielfältige teln wurden eine Reihe von Aktivitäten zum Errei-
14 Werkzeuge wie verbalen und visuellen Input, takti- chen dieses Zieles beschrieben: Mattenaktivitäten
le Information und Techniken wie Rhythmische (Rollen, Bridging, Kriechen, Kniestand, Sitzen),
Bewegungseinleitung, Kombination isotonischer Stehen, Gehen, Kopf- und Nackenübungen, Ge-
Bewegungen und Replikation an die Hand, um dem sichtsübungen, Atmung, Schlucken usw. Wenn der
Patienten Information (Input) für diese Aktivitäten Patient die grundlegenden Funktionen, die für den
zu liefern. Die Strategie, die der Patient wählt, um Erfolg der täglichen Aktivitäten nötig sind, be-
eine Aufgabe zu erfüllen, wird von der Zielaktivität, herrscht, können sich der Therapeut und der Pati-
der Umwelt und von ihm selbst beeinflusst: ent komplexeren und schwierigeren Aktivitäten
4 Auf strukturellem Niveau kann man einen zuwenden.
Patienten z.B. in Rückenlage auf der Bank be- Der Einsatz der PNF-Behandlung ermöglicht
handeln. dem Patienten, die für die Selbständigkeit nötige
4 Auf Aktivitätsniveau braucht der Patient je- Geschicklichkeit zu erlernen. Die Anwendung der
doch eine Situation, die für die zu erlernende richtigen Grifftechnik und des optimal gesetzten
Aktivität optimal ist. Die gewünschte Aktivität Widerstandes unterstützt den Patienten darin,
wird in passender Umgebung und mit ausrei- effektive Wege zu entwickeln, die »Aktivitäten des
chendem Feedback anhand ständig wechseln- täglichen Lebens« auszuführen.
14.3 · Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen
331 14
Im Folgenden werden an einigen praktischen Beim Transfer des paraplegischen Patienten
Beispielen mögliche Vorgehensweisen, mit denen vom Rollstuhl zur Toilette (. Abb. 14.2 c) wird der
Sie die Patienten beim Lernen unterstützen können, Widerstand am Becken entweder konzentrisch oder
beschrieben und mit Fotosequenzen veranschau- exzentrisch angewandt (. Abb. 14.1).
licht. Das gleiche Verfahren ist auch beim Transfer vom
Wie Sie in den vorhergehenden Kapiteln gese- Bett in den Rollstuhl zu empfehlen (. Abb. 14.2 d).
hen haben, ist das Anwenden bestimmter Patterns Wenn Aktivitäten, wie sie in . Abb. 14.1 und
ein wesentlicher Teil des PNF-Konzepts. Beim Trai- 14.2 gezeigt werden, dem Patienten noch nicht
ning von ADL-Aktivitäten geht es allerdings nicht möglich sind, kann der Therapeut, statt Widerstand
in erster Linie darum, dem Patienten Patterns zu zu geben, die Aktivität unterstützen.
vermitteln, sondern um das Erlernen und Einüben
von Aktivitäten, die er im Alltag, d. h. im Umgang
mit den Anforderungen seiner Alltagswelt braucht. 14.2 Sich ankleiden
Diese zielorientierten Aktivitäten fördern das und sich ausziehen
motorische Lernen.
Beim Erarbeiten der Alltagsaktivitäten kann Während die Patientin versucht, ihren Pullover aus-
man, einmal abgesehen von den Patterns, viele oder anzuziehen (. Abb. 14.3), kann der Therapeut
Grundprinzipien des PNF-Konzepts einsetzen, d. h. den Aktivitäten ihrer Arme einen Widerstand entge-
Verbales Kommando, Visuelle Kontrolle, Wider- gensetzen (. Abb. 14.3 a–f). Dies kann ein führender
stand, Stretch, Manuellen Kontakt und Techniken Widerstand sein, der von anderen Grundprinzipien
wie Replikation, Rhythmische Bewegungsein- wie verbalem und visuellem Stimulus, Traktion oder
leitung, Kombination isotonischer Bewegungen, Approximation unterstützt wird, um der Patientin
Stabilisierende Umkehr usw. die gewünschten Aktivitäten zu zeigen. Es kann aber
auch ein intensiverer Widerstand gegeben werden,
um auf eine eher spielerische Art eine bessere Aus-
14.1 Transfers führung dieser Aktivitäten zu fördern.
Wenn es darum geht, dass die Patientin eine
Beim Transfer vom Rollstuhl ins Bett (. Abb. 14.1) Hose anziehen soll, kann der Therapeut Widerstand
gibt der Therapeut einen konzentrischen Wider- am Rumpf geben und auch an der Hand der Patien-
stand gegen das Becken des Patienten, während es tin, um so das Greifen der Hose zu fazilitieren
sich »im Raum« nach oben bewegt (. Abb. 14.1 a, c (. Abb. 14.3 g). Dann soll die Patientin die Hose
und e). hochziehen, und der Patient setzt dieser Aktivität
Beim Hinsetzen führt der Patient dann eine Widerstand an der Hand der Patientin entgegen
kontrollierte exzentrische Bewegung aus: Der (. Abb. 14.3 h). Mit der anderen Hand kann der
Therapeut setzt einen Widerstand, wobei er den Pa- Therapeut gegebenenfalls einen stabilisierenden
tienten verbal auffordert, sich kontrolliert hinzuset- Widerstand geben.
zen (. Abb.14.1 b, d und f). Wenn die Patientin die Hose in Rückenlage an-
Beim Transfer des paraplegischen Patienten ziehen soll, kann der Therapeut wie beim Bridging
vom Rollstuhl in die Badewanne (. Abb. 14.2) gibt auf der Matte Widerstand gegen das Abheben des
der Therapeut Widerstand am Becken des Patien- Beckens geben (. Abb. 14.3 i–l).
ten, um so die Position »Sitz am Badewannenrand«
zu stabilisieren (. Abb. 14.2 a). Der Patient bewegt
dann mit seinem rechten Arm das rechte Bein in die 14.3 Überprüfen Sie Ihr Wissen:
Badewanne. Der Therapeut setzt mit seiner linken Fragen
Hand Widerstand, um die Stabilität zu gewährleis-
ten, und mit der rechten Hand gibt er Widerstand 4 Welche Vorteile bietet das PNF-Konzept bei
gegen die Aktivität, mit der das Bein in die Bade- der Schulung von Aktivitäten des täglichen
wanne gebracht wird (. Abb. 14.2 b). Lebens (ADL)?
332 Kapitel 14 · Aktivitäten des täglichen Lebens

14
14.3 · Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen
333 14

. Abb. 14.2 a–d Transfer vom Rollstuhl aus: a, b in die Badewanne, c auf die Toilette, d ins Bett

9 . Abb. 14.1 a–f Transfer vom Rollstuhl ins Bett: Führung


und Widerstand am Becken
334 Kapitel 14 · Aktivitäten des täglichen Lebens

14

. Abb. 14.3 a–j a, b Ausziehen und anziehen. Shirt ausziehen, Widerstand gegen die Arme, c, d Shirt ausziehen, Widerstand
gegen die Arme
14.3 · Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen
335 14

. Abb. 14.3 (Fortsetzung) e, f Shirt anziehen, Widerstand gegen die Arme, g, h Hose anziehen, Widerstand gegen Hände
und Rumpf
336 Kapitel 14 · Aktivitäten des täglichen Lebens

14
. Abb. 14.3 (Fortsetzung) i, j Widerstand in Bridging, k, l Fazilitation beim Anziehen oder etwas aus einem Schrank Nehmen

Literatur

Klein DA, Stone WJ (2002) PNF training and physical function


in assisted living older adults. J Aging Phys Activity (10):
476–488
Horst R (2005) Motorisches Strategietraining und PNF.
Thieme, Stuttgart
337 15

Überprüfen Sie Ihr Wissen:


Fragen und Antworten
M. Buck, D. Beckers

M. Buck et al., PNF in der Praxis,


DOI 10.1007/978-3-642-37814-0_15, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
338 Kapitel 15 · Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen und Antworten

jKapitel 1 (Die Hauptziele jedes Grundprinzips sind in


? Die Philosophie der PNF ist sehr wichtig. Was 7 Abschn. 2.1 bis 2.10 jeweils in Kurzübersich-
sind im Sinne der PNF-Philosophie grundle- ten zusammengefasst.)
gende Prinzipien, die jede PNF-Behandlung Ein gemeinsamer und gezielter Einsatz aller
bestimmen? Oder: Wie würden Sie einem Laien Grundprinzipien führt durch eine zeitliche und
bzw. einem Patienten erklären, was PNF ist? räumliche Summation zu einer effektiveren
motorischen Aktivität, und dadurch wird eine
v Grundlegende Prinzipien der PNF-Philosophie: effizientere Funktionsfähigkeit erreicht.
4 Jede Behandlung orientiert sich am gan-
zen Menschen, auch an seinen psychi- jKapitel 3
schen und sozialen Bedürfnissen. ? Nennen Sie 4 Unterschiede zwischen den
4 Jeder Mensch verfügt über motorische Techniken »Rhythmische Stabilisation« und
Reserven. »Stabilisierende Umkehr«.
4 Diese motorischen Möglichkeiten kann
man durch geeignete intensive Fazilita- v 4 Die »Stabilisierende Umkehr« ist eine
tionen und durch Training aktivieren. isotone Technik; die »Rhythmische Stabili-
4 Wichtig ist eine positive Grundeinstel- sation« ist eine isometrische Technik.
lung, wobei der Patient immer gefordert 4 Das Kommando bei der »Stabilisierenden
wird, zu erreichen, was ihm möglich ist. Umkehr« ist dynamisch, bei der »Rhythmi-
schen Stabilisation« ist es isometrisch.
Das oberste Behandlungsziel ist es, die für den 4 Bei der »Stabilisierenden Umkehr« kommt
Patienten optimale Funktionsfähigkeit zu er- es zu abwechselnden Kontraktionen von
reichen. Dabei werden seine positiven Mög- Agonisten oder Antagonisten und teil-
lichkeiten genutzt und seine gesunden funk- weise auch gleichzeitigen Kontraktionen
tionsfähigen Körperteile eingesetzt. von Agonisten und Antagonisten. – Bei der
»Rhythmischen Stabilisation« kontrahieren
jKapitel 2 Agonisten und Antagonisten immer
? PNF-Grundverfahren oder Grundprinzipien gezielt gleichzeitig. – Bei der »Stabilisierenden
einzusetzen ermöglicht dem Therapeuten, die Umkehr« ergibt sich ein fließender Wechsel
motorischen Reserven des Patienten zu mobilisie- zwischen agonistischer und antagonisti-
ren und das motorische Lernen zu unterstützen. scher Muskelarbeit, weil der Richtungs-
4 Nennen Sie mindestens 10 verschiedene widerstand während der Anwendung die-
Grundprinzipien und deren Hauptziele. ser Technik ständig geändert wird.
4 Warum ist es so wichtig diese Grundprinzi- 4 Bei der »Stabilisierenden Umkehr« kann
15 pien zu kombinieren? von einem Körperteil zum anderen ge-
wechselt werden; bei der »Rhythmischen
v Die 10 PNF-Grundprinzipien sind: Stabilisation« ist dies nicht möglich.
1. Optimaler Widerstand
2. Irradiation ? Welche Techniken werden hauptsächlich ange-
3. Taktiler oder manueller Stimulus wendet, um den Patienten auf der Aktivitäts-
4. Körperstellung und Körpermechanik ebene zu behandeln?
5. Verbaler Stimulus
6. Visueller Stimulus v4 »Agonistische Umkehr«
7. Gelenk-Stimulus: Traktion oder 4 »Dynamische Umkehr«
Approximation 4 »Stabilisierende Umkehr«
8. Stretch oder Vordehnung 4 »Replication«
9. Timing
10. PNF-Pattern oder Muster
15 · Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen und Antworten
339 15
jKapitel 4 ? Was ist beim Gang- oder Mattentraining
? Die Evaluation ist in die Behandlung integriert. wichtiger: die Bewegungsmuster oder die
Auf welchen drei Ebenen sollte der Therapeut funktionelle Aktivität? Und welche Vorteile
den Befund durchführen und seine Behand- haben Bewegungsmuster auf der Matte und
lung planen, evaluieren und anpassen bei der Gangschule?
(7ICF-Modell)?
v Beim Gang- oder beim Mattentraining steht
v Es ist wichtig, den Befund und die Behandlung die funktionelle Aktivität im Mittelpunkt.
auf den folgenden Ebenen durchzuführen: Die Vorteile von Bewegungsmustern auf der
4 Körperfunktionen (z. B. Bewegungsausmaß Matte und beim Gehen liegen in der gezielten
oder Kraft), Behandlung schwächerer Körperteile und be-
4 Aktivitäten (z. B. Gehen oder sich einträchtigter funktioneller Aktivitäten (basie-
anziehen), rend auf Befund bzw. Ganganalyse).
4 Partizipation (z. B. Hobby oder
Freizeitsport). ? Welche der folgenden Aussagen sind nicht
richtig?
? Stellen Sie sich die Befundaufnahme bei einem a. Das PNF Konzept erlaubt ausschließlich
Patient mit TEP-Implantation im Hüftgelenk die Behandlung in PNF-Patterns.
vor. Welche Tests und Re-Tests sind bei diesem b. Normale Bewegungen sind immer
Krankheitsbild auf den drei ICF-Ebenen z. B. identisch mit PNF-Patterns.
möglich? c. Normale Alltagsbewegungen sind immer
dreidimensional.
v 4 Auf Körperfunktionsebene ist z. B. Hüft- d. Jede Phase des Ganges kann man auf
gelenksmobilität ein guter Test. PNF-Patterns zurückführen.
4 Auf der Aktivitätenebene ist z. B. Treppen- e. Bei der Beübung von PNF-Patterns nutzt
laufen oder Schuhe-Anziehen sinnvoll. man immer das maximale Bewegungsaus-
4 Auf Partizipationsebene ist z. B. Fahrrad- maß jedes Gelenks.
fahren im Verein oder die Arbeit im
eigenen Garten relevant. v Die Aussagen a), b), d) und e) sind nicht richtig.

jKapitel 5 ? Nenne drei Vorteile, weshalb man PNF-Muster


? Was ist der große Vorteil der PNF-Bewegungs- in der Behandlung von Patienten benutzen
muster (PNF-Patterns)? kann.

v Der große Vorteil der PNF-Bewegungsmuster v 4 Die muskuläre Bewegungsantwort ist


ist das Arbeiten mit synergistischen Verbin- größer, wenn man PNF-Muster anwendet,
dungen aus normalen Bewegungen. Dies und die Bewegungen verlaufen ergo-
erlaubt Variationsmöglichkeiten in der Ausfüh- nomischer.
rung der Behandlung, die je nach Behand- 4 Bewegungen in PNF-Patterns führen zu
lungszielen sehr wichtig sein können. einer besseren Irradiation.
PNF-Patterns lassen sich sehr effektiv nutzen 4 Bewegungen in PNF-Mustern, die von
bei der Fazilitation schwacher Körperteile Patienten oft »übertrieben« ausgeführt
durch den Einsatz kräftigerer Körperteile. Alle werden, führen zu besseren und schnelle-
PNF-Techniken, vor allem aber der Stretchre- ren Ergebnissen (d. h. verbesserten
flex und die Relax-Techniken, sind in optimal motorischen Aktivitäten).
ausgeführten Mustern effektiver.
340 Kapitel 15 · Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen und Antworten

jKapitel 6 jKapitel 8
? Mit welchen verschiedenen Zielstellungen ? Wann ist es sinnvoll, gestreckte Beinmuster an-
kann man Skapula- und Pelvismuster an- zuwenden, obwohl gestreckte Beinmuster nicht
wenden? so funktionell sind wie die gebeugten Muster?

v 4 Um die Bewegungen von Skapula und v 4 Wenn das Knie nicht gebeugt werden darf.
Pelvis zu verbessern und die dazu ge- 4 Um z. B. die Hüftextensoren/Abduktoren
hörende Muskulatur zu fazilitieren. zu betonen und damit die mittlere Stand-
4 Um den Rumpf mit Hilfe von Skapula- und beinphase zu kräftigen.
Beckenbewegungen zu fazilitieren.
4 Um funktionelle Aktivitäten wie das ? Worauf soll der Therapeut besonderen Wert
Drehen, den Gang oder Bewegungsüber- legen, wenn er die Beinmuster in die Hüft-
gänge zu fazilitieren. extension mit Kniestreckung anwendet?

? Welche Bewegungskombinationen von v Dass er das richtige Timing betont (distale


Skapula und Pelvis sieht man ipsilateral bei Komponente zuerst) und dadurch sowohl die
den folgenden Gangphasen und beim Drehen? Kniestreckung (Ferse Richtung Tuber ischiadi-
4 Initial Swing cus ) als auch die Rotation in der Hüfte richtig
4 Initial Contact fazilitieren kann.
4 Terminal Stance
4 Drehen »en bloc« von der Rückenlage zur jKapitel 9
Seitlage ? Wie kann man mit Hilfe von Nackenmustern
den Rumpf fazilitieren?
v 4 Initial Swing: Interiore Elevation des Pelvis
mit posteriorer Depression der Skapula v Widerstand am Nackenmuster fazilitiert das
4 Initial Contact: Anteriore Depression des Rumpfmuster in die gleiche Richtung oder
Pelvis mit posteriorer Elevation der Skapula diagonal.
4 Terminal Stance: Posteriore Depression des
Pelvis mit anteriorer Elevation der Skapula ? Augenbewegungen führen die Nackenbewegun-
4 Drehen »en bloc«: Anteriore Elevation so- gen. Wie kann man dies therapeutisch nutzen?
wohl der Skapula als auch des Pelvis
v Wenn man den Patienten bittet, in eine be-
jKapitel 7 stimmte Richtung zu schauen, stimuliert die
? Bei einem Armmuster hat der Therapeut mit dann ausgeführte Augenbewegung direkt die
15 Hilfe des Prinzips »Timing« die Möglichkeit, Nackenbewegung in die gleiche Richtung.
einzelne Bestandteile der Armfunktion zu be-
üben. Erklären Sie diese Aussage. jKapitel 10
? Mit welchen PNF-Aktivitäten können Sie den
v Durch das Prinzip »Timing for emphasis« Rumpf gut fazilitieren? Nennen Sie 7 Möglich-
(erweitertes Grundprinzip) kann der Therapeut keiten.
jeden einzelnen Bestandteil der Armfunktion
beüben. v4 Rumpfpattern
4 Skapula- und Pelvispattern
? Wie kann der Therapeut den skapulohumeralen 4 Bilaterale Arm-Bein-Muster
Rhythmus mittels PNF-Muster verbessern? 4 Nackenmuster
4 Mattentraining
v Ebenfalls durch das Prinzip »Timing for 4 Gangschule
emphasis«. 4 Atmung
15 · Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen und Antworten
341 15
jKapitel 11 jKapitel 13
? Welche der folgenden Aussagen sind richtig? ? Was sind die Vorteile von manueller Fazilitation
a. Das Mattentraining sollte immer dem bei Facialis-Lähmung?
normalen Entwicklungsprozess folgen.
b. Es ist wichtig, den Patienten immer über v Die manuelle Fazilitation kann bei Facialis-
eine Massenflexion drehen zu lassen. Lähmungen folgende Vorteile haben:
c. Das Drehen ist nicht erlaubt, wenn sich 4 Das Stimulieren oder das Inhibieren lassen
dabei das Becken in eine posteriore De- sich besser durch manuellen Kontakt aus-
pression und die Skapula in eine anteriore führen.
Elevationsrichtung bewegt. 4 Durch bilaterale Übungen wird zum einen
d. Die 4 Stadien der motorischen Kontrolle die Symmetrie gefördert, zum anderen
kann man nur beim Mattentraining an- kommt es zur Fazilitation der betroffenen
wenden. Seite durch Kontraktionen der nicht be-
troffenen Seite.
v Keine dieser Aussagen ist richtig! 4 »Timing for Emphasis« ist gut ausführbar,
mit Haltewiderstand (Holds) an der ge-
jKapitel 12 sunden Seite.
? Welche Muskulatur ist während der Stoß-
dämpfungsphase exzentrisch aktiv? ? Atmung mit PNF: Die Fazilitation der Atmung
kann man stimulierend und inhibierend oder
v Die Fußheber und der Quadrizeps sind relaxierend, direkt und indirekt anwenden. Ge-
während der Stoßdämpfung exzentrisch aktiv. ben Sie zu jeder Anwendung ein Beispiel.

? Warum benutzen wir im PNF-Konzept oft v 4 Atmung kann man stimulieren durch
übertriebene Bewegungen zur Schulung des Anwendung des Stretchreflexes, z. B. bei
Ganges? M. Bechterew.
4 Inhibierend kann man Atmung kombinie-
v Übertriebene Bewegungen zur Schulung des ren mit Entspannungstechniken, z. B. bei
Ganges stimulieren das motorische Lernen Spastizität.
und führen zu schnelleren Resultaten. 4 Atmung kann man indirekt anwenden bei
Schmerzen, bei Schulterproblemen oder
? Nennen Sie mindestens 5 Beispiele der Anwen- z. B. gegen zu viel Kyphose für die Rumpf-
dung verschiedener PNF-Techniken in der extension.
Gangschule oder beim Mattentraining.
jKapitel 14
v 5 Agonistische Umkehr beim Hochkommen ? Welche Vorteile bietet das PNF-Konzept bei der
von der Bauchlage zum Seitsitz. Schulung von Aktivitäten des täglichen Lebens
4 Stabilisierende Umkehr im Vierfüßler- (ADL)?
Stand.
4 Dynamische Umkehr für den Rumpf im v Der Vorteil der Schulung von ADL-Aktivitäten
Langsitz. mit PNF besteht darin, dass Aktivitäten, die
4 Rhythmische Stabilisation im Fersensitz. dem Patienten noch nicht alleine möglich sind,
4 Halten – Entspannen für den Iliopsoas im trotzdem mit Hilfestellung und gezielt trainiert
halben Kniestand. werden können. »Übertriebene« Bewegungen
können auch hier zu schnelleren und besseren
Ergebnissen führen.
343

Serviceteil
Glossar – 344

Stichwortverzeichnis – 347

M. Buck et al., PNF in der Praxis,


DOI 10.1007/978-3-642-37814-0, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
344 Serviceteil

Glossar
After discharge (Nachentladung) Der Effekt eines Stimulus, rechte Extremität: Flexion – Abduktion, linke Extremität:
z. B. einer Muskelkontraktion, hält noch etwas an, nachdem Extension – Adduktion.
der Stimulus bzw. die Kontraktion beendet ist. Die Nach- Bilateral asymmetrisch Bewegung von beiden Armen und
entladung nimmt mit der Intensität und der Dauer des beiden Beinen in entgegengesetzten Diagonalen, aber in
Stimulus zu. dieselbe Richtung, z. B. rechte Extremität: Flexion – Abduk-
Aktionskommando Dieses Kommando leitet den Beginn tion, linke Extremität: Flexion – Adduktion.
der gewünschten Aktivität ein. Bilateral asymmetrisch reziprok Gleichzeitige Bewegung
Anspannen - Entspannen: Direkte Behandlung Iso- von beiden Armen oder beiden Beinen in entgegengesetz-
tonische Muskelkontraktion der verspannten oder/und ten Diagonalen und in entgegengesetzten Richtungen, z. B.
verkürzten Muskulatur (Antagonisten) gegen Widerstand rechte Extremität: Flexion – Adduktion, linke Extremität:
mit anschließender Entspannung derselben Muskulatur und Extension – Adduktion.
Weiterbewegen in die eingeschränkte Bewegungsrichtung. Chopping Bilateral asymmetrische Extension der oberen
Anspannen - Entspannen: Indirekte Behandlung Nutzt Extremität mit Nackenflexion in die gleiche Richtung zur
die Kontraktion der agonistischen Muskulatur anstatt die Fazilitation bzw. zum Üben der Rumpfflexion.
der verkürzten/verspannten Muskulatur (antagonistische Chopping und Lifting Chopping und Lifting heißen die
Muskulatur). Kombinationen der bilateral asymmetrisch ausgeführten
Approximation Die Kompression einer Extremität oder des Bewegungspatterns der Arme mit den Bewegungspatterns
Rumpfes. des Nackens.
Assessment Beurteilung Direkte Behandlung Die gewählte Behandlungstechnik
Befundaufnahme (Evaluation) Dient der Feststellung der wird direkt am betroffenen Köperteil bzw. an der betroffe-
noch vorhandenen Funktionen, der Störungen und der Ein- nen Stelle eingesetzt.
schränkungen des Patienten. Drehpunkt (»Pivot«) Das Gelenk oder Körpersegment (Wir-
Behandlungsverfahren (Behandlungsprinzip) Eine belsäule), in dem die Bewegung stattfindet.
Kombination verschiedener »Werkzeuge«, um die Effektivität Dynamische Umkehr (»Dynamic Reversal«/einschließ-
zu fördern bzw. zu steigern. lich »Slow Reversal«) Dynamische Umkehr ist eine
Betonte Bewegungsfolge (»Timing for Emphasis«) Zur aktive Bewegungsabfolge, die von der einen Richtung
Betonung einer speziell ausgewählten Teilbewegung wird des Agonisten in die entgegengesetzte Richtung des
bewusst von der normalen Reihenfolge der Bewegungen Antagonisten wechselt.
abgewichen, um einen bestimmten Muskel oder eine Exzitation Aktivieren oder Stimulieren von Muskelkontrak-
gewünschte Aktivität zu betonen. Die Effektivität dieser tionen. Muskelaktivitäten fördern und unterstützen.
Fazilitationsmaßnahme wird durch das optimale Setzen Fazilitation Erleichtern bzw. Stimulieren von motorischen
des Widerstandes entgegen der kraftvollsten Bewegungs- Aktivitäten.
komponente innerhalb des Patterns gesteigert.
Gangzyklus Der Zyklus wird in zwei Hauptphasen ein-
Bewegungsbahn/Körperdiagonale (»Groove«) Bewe- geteilt: die Standbeinphase und die Schwungbeinphase.
gungslinie, in der das Bewegungspattern verläuft. Der
Haltewiderstand (Hold) Isometrische Muskelkontraktion.
Widerstand wird in dieser Bewegungslinie gegeben. Der
Weder dem Therapeuten noch dem Patienten ist eine Be-
Arm und der Körper des Therapeuten befinden sich eben-
wegung gestattet.
falls in den Körperdiagonalen. In den meisten Fällen verläuft
sie zwischen einer Schulter und der gegenüberliegenden Indirekte Behandlung Die gewählte Behandlungstechnik
Hüfte oder parallel dazu. wird an weniger bzw. nichtbetroffenen Körperteilen einge-
setzt. Die indirekte Behandlung benutzt Reinforcement zur
Bilateral Gleichzeitige Bewegung von beiden Armen oder
Fazilitation.
beiden Beinen, d.h. Bewegungspattern wird auf beiden
Körperseiten gleichzeitig durchgeführt: Inhibition Hemmung oder Verhinderung von Muskelkon-
traktionen oder Nervenimpulsen.
Bilateral symmetrisch Gleichzeitige Bewegung von beiden
Armen oder beiden Beinen in der gleichen Diagonalen und Irradiation Das »Überfließen« bzw. die Ausbreitung von Re-
der gleichen Richtung, z. B. rechte Extremität: Flexion – aktionen bzw. Nervenimpulsen auf gegebene Stimuli.
Abduktion, linke Extremität: Flexion – Abduktion. Isometrische (statische) Muskelkontraktion Weder der
Bilateral symmetrisch reziprok Gleichzeitige Bewegung Patient noch der Therapeut will eine Bewegung ent-
von beiden Armen oder beiden Beinen in der gleichen stehen lassen, dennoch kommt es zur Anspannung der
Diagonalen aber in entgegengesetzten Richtungen, z. B. Agonisten.

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345
Glossar

Isotonische (dynamische) Muskelkontraktion Konzent- Räumliche Summation (»Spatial Summation«) Gleichzeitig


risch: Die Bewegung entsteht durch die aktive Verkürzung auftretende Stimuli aus verschiedenen Teilen des Körpers
der agonistischen Muskulatur. verstärken einander und resultieren, wenn der Grenzwert
Exzentrisch: Eine von außen einwirkende Kraft (z. B. überschritten wird, in einer verstärkten Exzitation mit nach-
Schwerkraft oder Widerstand) führt zu einer Bewegung. folgender Muskelkontraktion.
Die Bewegung entsteht durch die kontrollierte aktive Ver- Replication Fördert das motorische Erlernen von funktio-
längerung der agonistischen Muskulatur. nellen Aktivitäten.
Halten - Entspannen Direkte Behandlung: Isometrische Re-Stretch Ein erneuter kurzer deutlicher 7 Stretch an ei-
Kontraktion der antagonistischen Muskulatur (verspannte/ nen unter Spannung stehenden Muskel.
verkürzte Muskulatur) gegen Widerstand mit anschließen-
Reversal-Techniken Umkehrtechniken, d. h. Aktivität der
der Entspannung.
Agonisten und Antagonisten.
Indirekte Behandlung: Dient der Erweiterung des Bewe-
gungsausmaßes. Hierzu werden isometrische Kontraktionen Reziproke Innervation Erhöhte Reizbarkeit der Agonisten
der agonistischen Muskulatur benutzt. mit gleichzeitiger Inhibition der Antagonisten. Dies ist die
Basis für koordiniertes Bewegen.
Kombination isotonischer Bewegungen (»Combination of
Isotonics«) Kombination von konzentrischen, exzentrischen Rhythmische Bewegungseinleitung (»Rhythmic
und stabilisierenden Kontraktionen einer Muskelgruppe Initiation«) Rhythmisches Bewegen des Rumpfes oder
(Agonisten) ohne Entspannung. der Extremitäten innerhalb des gewünschten Bewegungs-
bereiches.
Korrekturkommando Diese Bemerkung des Therapeuten
vermittelt dem Patienten, wie er seine Aktivität korrigieren Rhythmische Stabilisation (»Rhythmic Stabilization«) Alter-
und modifizieren soll. nierende isometrische Kontraktionen gegen Widerstand, ohne
dass ein Bewegungsausschlag entstehen soll.
Lifting Bilaterale asymmetrische Flexion der oberen Extre-
mität mit Extension des Kopfes in die gleiche Richtung zur Stabilisierende Umkehr (»Stabilizing Reversals«) Alter-
Fazilitation bzw. zum Üben der Rumpfextension. nierende isotonische Kontraktionen, deren Bewegung durch
einen angemessenen Widerstand des Therapeuten verhin-
Lumbrikaler Griff Bei diesem Griff entsteht der Druck vor
dert wird.
allem durch die Flexion der metakarpophalangealen Ge-
lenke. Stretch Verlängerung bzw. Dehnung der muskulären Struk-
turen.
Muskelkontraktionen Isotonisch (dynamisch): Der Patient
will eine Bewegung ausführen. Slow approximation Die Intensität der 7 Approximation
Exzentrisch: Die Bewegung erfolgt durch die kontrolliert wird allmählich erhöht, bis die Toleranzgrenze des Patienten
verlaufende Verlängerung der Agonisten. Die Bewegung erreicht ist.
entsteht durch eine von außen einwirkende Kraft, z. B. Stretchreflex Wird über Muskeln ausgelöst, die unter Span-
Schwerkraft oder Widerstand. nung stehen.
Stabilisierend isotonisch: Der Patient will eine Bewegung
Stretchstimulus Durch die Vordehnung wird eine erhöhte
ausführen. Die Bewegung wird jedoch gleichzeitig durch
Reizbarkeit der Muskulatur ausgelöst.
eine von außen einwirkende Kraft (meistens Widerstand)
verhindert. Sukzessive Induktion Der Kontraktion der Antagonisten
Isometrisch (statisch): Weder der Patient noch der Therapeut folgt unmittelbar eine erhöhte Reizbarkeit der Agonisten.
lassen eine Bewegung zu bzw. entstehen. Beide möchten Die sukzessive Induktion bildet die Basis für die Reversal-
nicht bewegen. Techniken.
Optimaler Widerstand Die Intensität des eingesetzten Summation Das Addieren von unterschwelligen Stimuli re-
Widerstandes während einer Aktivität hängt zum einen von sultiert in einer Exzitation oder stärkeren Muskelkontraktion.
den Möglichkeiten ab, die dem Patienten zur Verfügung Taktiler Stimulus (Manueller Kontakt) Stimulation der
stehen, zum anderen vom angestrebten Behandlungsziel. Haut- und Mechanorezeptoren. Der Therapeut stimuliert mit
Overflow Die Streuung einer Antwort von einem stär- seinen Händen die sensiblen Haut- und Mechanorezeptoren
keren zu einem schwächeren Abschnitt innerhalb eines des Patienten.
Bewegungspatterns bzw. von einem stärkeren zu einem Technik Bewusst gewählte Fazilitationsmaßnahmen, die zur
schwächeren Bewegungspattern. Erlangung eines Zieles bzw. gewünschten Resultates einge-
Quick approximation Schnell ausgeführte 7 Approxima- setzt werden. Verschiedene Techniken können miteinander
tion mit dem Ziel, eine reflexartige Reaktion zur Erhöhung kombiniert werden.
der Stabilität auszulösen Thrust- und Withdrawalpatterns Thrustpatterns sind Stoß-
Quick-Stretch Ein kurzer deutlicher 7 Stretch, der nur bei bewegungen, Withdrawalpatterns sind die Rückwärtsbewe-
unter Spannung stehender Muskulatur angewendet werden gungen der Thrustpatterns. Dabei werden Ulnarstoß- und
darf. Der Quick-Stretch wird zum Auslösen des Stretch- Radialstoßbewegung mit der jeweiligen Rückwärtsbewe-
reflexes benötigt. gung unterschieden.
346 Serviceteil

Timing Zeitliche Abfolge von Bewegungen. Normales


Timing: Die »richtige« Reihenfolge der einzelnen Bewe-
gungskomponenten resultiert in einer der Situation ange-
passten koordinierten und ökonomischen Bewegung.
Traktion Eine vom Therapeuten bewusst ausgeführte Ver-
längerung einer Extremität oder des Rumpfes.
Umkehr (»Reversal«) Eine antagonistische Bewegung, die
auf eine agonistische Bewegung folgt. Dies ist eine effektive
Form der Fazilitation, die auf der reziproken Innervation und
der sukzessiven Induktion basiert.
Unilateral Bewegung von einem Arm oder einem Bein.
Verbaler Stimulus (Verbales Kommando) Die Verbalen
Kommandos verdeutlichen dem Patienten, was er tun soll
und wann er dies tun soll.
Vorbereitungskommando Der Patient wird darauf auf-
merksam gemacht, dass von ihm in Kürze Aktivität gefordert
werden wird.
Verstärkung (»Reinforcement«) Verstärkung, die durch
ein erneutes Hinzufügen des Reizes bewirkt wird (»to
strengthen by fresh addition, make stronger«).
Visueller Stimulus Das visuelle Feedback soll die muskuläre
Aktivität, im Sinne der Koordination, Kraft und Stabilität,
stimulieren.
Vordehnung Die Position in einem Bewegungspattern, in
der die gesamte synergistische Muskulatur der Diagonalen
maximal bzw. optimal unter Spannung steht. Die maximale
Vordehnung findet man vor allem in den Ausgangsstellun-
gen der einzelnen Bewegungspatterns.
Wiederholte Kontraktionen (»Repeated Contractions«)
Wiederholtes Auslösen eines Stretchreflexes auf einen
entspannten Muskel oder einen wiederholten Stretch auf
einen schon kontrahierenden Muskel, um eine stärkere
Kontraktion zu erhalten.
Wiederholter Stretch am Anfang der Bewegung Ein
Stretch, der in den am Anfang der Bewegung bereits vor-
gedehnten Muskeln durch eine kurze zusätzliche Dehnung
derselben Muskulatur ausgelöst wird.
Wiederholter Stretch während der Bewegung Dieser
Stretchreflex kann nur in Muskeln ausgelöst werden, die
unter Anspannung stehen.
Zeitliche Summation (»Temporale Summation«) Sublumi-
nale Stimuli folgen zeitlich gesehen so schnell aufeinander,
dass es dadurch zu einer verstärkten Exzitation mit nach-
folgender Kontraktion oder zumindest zu einer Aktivierung
motorischer Einheiten kommt.
Zug Zu Beginn der Bewegung zur Verlängerung der
Muskulatur (»elongated position«). Zug während der
Bewegung ist Traktion.
347 A–G

Stichwortverzeichnis

A Behandlungsverfahren 146
Behandlungsziele 2, 62, 64
evidenzbasierten Medizin 11
Extension – Abduktion – Innenrotation
Abdruckphase 273 Behinderung 61 128, 168
After discharge 12 Beinpatterns im Sitzen 178 Extension – Abduktion – Innenrotation
Agonistische Umkehr (»Reversal of Beinpatterns im Stand 184 mit Knieextension 171
Agonists«) 38 Beinpatterns im Vierfüßlerstand 183 Extension – Abduktion – Innenrotation
Aktionskommando 25 Beinpatterns in der Bauchlage 178 mit Knieflexion 172
Aktivität 61 Beinpatterns in der Seitlage 181 Extension – Adduktion – Außen-
Aktivitäten des täglichen Lebens 330 Betonte Bewegungsfolge 29 rotation 155
Alltagsfunktionen 5 Bewegen 222 Extension – Adduktion – Außen-
Amputation 305 Bilateral 75 rotation mit Knieextension 158
Ankleiden 331 Bilateral asymmetrisch 140 Extension – Adduktion – Außen-
Ankylosis spondylitis 262 Bilateral asymmetrisch reziprok 141 rotation mit Knieflexion 161
Anspannen – Entspannen Bilaterale Armpatterns 139 Extension – Adduktion – Innenrotation
– Direkte Behandlung 50 Bilaterale Beinpatterns 174 115
– Indirekte Behandlung 52 Bilaterale Beinpatterns für den Rumpf Extension – Lateralflexion nach rechts,
Anspannen – Entspannen (»Contract 212 Rotation nach rechts 195
Relax«) 49 Bilaterales Extensionsmuster der Beine
Antagonistische Umkehr (»Reversal of 215
Antagonists«) 40
Anteriore Depression 86, 94
Bilateral symmetrisch 140
Bilateral symmetrisch reziprok 140
F
Anteriore Elevation 83, 91 Brechreflexes 324 Feedforward-Methode 8
Anwendungen Beckenpatterns 98 Brückenaktivitäten (»Bridging«) 256 Fertigkeiten 222
Anwendungen Schulterblattpatterns Flexion – Abduktion – Außenrotation
89 106
Approximation 26, 279
Armpatterns im Sitzen 143
C Flexion – Abduktion – Innenrotation
149
Armpatterns im Unterarmstütz 141 Chopping 206 Flexion – Abduktion – Innenrotation
Armpatterns im Vierfüßlerstand 143 Chopping und Lifting 205 mit Knieextension 153
Armpatterns in Seitlage 141 Clinical Reasoning 4 Flexion – Abduktion – Innenrotation
Armstützen 283 mit Knieflexion 151
Arten des Verbalen Kommandos 25 Flexion – Adduktion – Außenrotation
Arten von Muskelkontraktionen 18
Assessment 62
D 121, 162
Flexion – Adduktion – Außenrotation
Asymmetrisch 75 Diagonale Bewegungen 104, 146 mit Knieextension 166
Asymmetrische Kombinationen 100 Diaphragmas (Zwerchfell) 327 Flexion – Adduktion – Außenrotation
Asymmetrisch-reziprok 75 Direkte Behandlung 64 mit Knieflexion 164
Atmung 324 Doppelstand 270 Flexion – Lateralflexion nach links,
Aufstehen 284, 287, 288 Dynamische Umkehr (»Dynamic Rever- Rotation nach links 191
Aufstehen vom Boden 302 sal«/einschließlich »Slow Reversal«) Flexion nach links, Extension nach
Augenmuskulatur 321 40 rechts 191
Ausziehen 331 Frontalebene 276
Frontale Ebene 72
E Funktionsfähigkeit 61
B Einbeinkniestand 247
Fußstützen 283

Bärenstand 251 Einbeinstand 290


Becken 81, 225
Beckengürtel 80
Eisapplikation 324
Ende der Schwungbeinphase 274
G
Beckenpatterns 91 Endposition (»terminal stance«) 274 Ganganalyse 275
Beckenposition 277 Essen 322 Gangschule 270
Befundaufnahme 60 Evidence Based Medicine 11 Gangzyklus 270, 271

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348 Serviceteil

Gehen mit Unterarmstützen 301


Gesichtsmuskulatur 313
Lernphasen 6
Lifting 208
Q
Gewichtsverlagerung 290 Literaturstudie 11 Quick approximation 26
Lumbrikaler Griff 22 Quick-ice« 324

H
Halten – Entspannen
M R
– Direkte Behandlung 52 Manueller Fazilitation 341 Radialthrust und dessen Umkehr-
– Indirekte Behandlung 53 Mattenaktivitäten 223, 330 bewegung 139
Halten – Entspannen (»Hold Relax«) Mattentraining, Patientenbeispiele Räumliche Summation 12
52 262 Replication 54
heel strike 270 Mobilität auf Stabilität 222 Reziproke Innervation 13
Hemiplegie 305 Morbus Bechterew 262 Rhythmische Bewegungseinleitung
hemiplegischen 304 Motorische Kontrolle 7 (»Rhythmic Initiation«) 37
Hinsetzen 289 motorische Lernen 331 Rhythmische Stabilisation 46
Hüftabduktoren 274 Motorische Lernen 341 Rhythmische Stabilisation (»Rhythmic
Hüftextensoren 274 Motorisches Lernen 7, 9 Stabilization«) 44
Hyoidbein 324 M. quadriceps 274 Rollen 224
Muskelaktivität 274 Rollstuhl handhaben 280
Rollstuhlhandhabung und Rumpf-
I kontrolle 279

ICF-Modell 2, 60, 61, 339


N Rollstuhl ins Bett 331
Rückwärts gehen 294, 296
Indirekte Behandlung 64, 65 Nackenbewegungen 340 Rumpf 200, 340
initial contact 271 Nackenmuster 340 Rumpfaktivität 204
Irradiation 13, 18 Nackenpatterns 231 Rumpfextension, Lateralflexion und
Irradiationseffekt 21 neurophysiologische Prinzipien 12 Rotation nach rechts 204, 205
ischiokrurale Muskulatur 274 Normales Timing 28, 74 Rumpfflexion – Lateralflexion – Rota-
Isometrische (statische) Muskel- tion nach links 204
kontraktion 18 Rumpfflexoren und -extensoren 274
Isotonische (dynamische) Muskel-
kontraktion 18
O Rumpfkombinationen 218
Rumpfkontrolle 204
Optimaler Widerstand 17 Rumpflateralflexion 216
Rumpflateralflexion nach rechts 204,
K 205

Kehlkopf 324
P
Klinimetrie 4
Kniestand 244
Paraplegie 262
Partizipation 6, 61
S
Kombination der Rumpfpatterns 218 Patterns 75 Sagittale Ebene 72, 275
Kombination isotonischer Bewegungen Pharynx 324 Schlucken 322
(»Combination of Isotonics«) 38 Phasen des motorischen Lernens 6 Schluckreflex 324
Körperstellung und Körpermechanik Plantarflexoren 275 Schulterblatt 80, 224
23 Planung und Ausführung der Behand- Schulterblattpatterns 83
Körperstrukturen 61 lung 63 Schultergürtel 80
Korrekturkommando 25 PNF 11 Schwungbein 279
Kreuzbein 80 PNF-Behandlungsprinzipien 16 Schwungbeinphase 273
Kreuzschritte (»Braiding«) 299 PNF-Grundprinzipien 338 Schwungphase 274
PNF-Patterns 30, 72, 339 Seitsitz 236
PNF-Philosophie 12, 60 Seitwärts gehen 298
L Posteriore Depression 85, 93
Posteriore Elevation 88, 96
Sich hinsetzen 284
Sitzaktivitäten 284
Langsitz 252 Prätibiale Muskulatur 275 Sitz an der Bankkante 253
Larynx 324 Sitzen 252, 281
Lateralflexion 197, 216, 217 Sitzposition 284
Lateralflexion des Rumpfes 198 Slow approximation 26
349 G–Z
Stichwortverzeichnis

SMART 4, 63
SMART-Analyse 4
V
spiralförmig 74 Variationen Beinpatterns 175
Spondylitis ankylopoetica 262 Verbaler Stimulus 24
Spondylitis ankylosis 305 Verstärkung 20
Sprechstörungen 324 Vierfüßlerstand 236
Stabilisation 291 Visueller Stimulus 25
Stabilisierende Umkehr 46 Vorbereitungskommando 25
Stabilisierende Umkehr (»Stabilizing Vorschwungphase (»pre-swing«) 273
Reversals«) 43 Vorwärts gehen 296
Stabilität 222
Stadien der motorischen Kontrolle
222
Stand 251, 289
W
Standbein 279 Warum Mattenaktivitäten 222
Standbeinphase 270 Wiederholter Stretch am Anfang der
Standphase 273 Bewegung 46
Stretch 27, 277 Wiederholter Stretch (»Repeated
Stretchreflex 27, 72 Stretch«/»Repeated Contraction«)
Stretchstimulus 27, 278 46
Sukzessive Induktion 13 Wiederholter Stretch während der Be-
Symmetrisch 75 wegung 48
Symmetrisch-reziprok 75
Symmetrisch-reziproke Kombinationen
99
Symmetrisch-reziproke und asym-
Z
metrische Kombinationen 99 Zäpfchen 324
Zehenablösung 271
Zeitliche Summation 12
T Zungenbewegungen 322

Taktiler Stimulus 21
Techniken 36, 338
Tests 62
Tetraplegie 262
Thrust- und Withdrawalpatterns 136
Timing 28
Timing for Emphasis 29, 340
Tonlagen 324
Traktion 26
Transfer 331
Transfer auf die Toilette 333
Transfer in die Badewanne 333
Transfer ins Bett 333
Transfer vom Rollstuhl 333
Transversale Ebene 72
Treppen 300
Treppen steigen 301

U
Übertriebene Bewegungen 277, 341
Ulnarthrust und dessen Umkehr-
bewegung 138
Unilateral 75
Unterarmstütz 234

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