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Math Buck
Dominiek Beckers
Susan S. Adler
123
Math Buck
Beek, Niederlande
Dominiek Beckers
Maasmechelen, Belgien
Susan S. Adler
Chicago, IL, USA
Springer Medizin
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1988, 1993, 1996, 2001, 2005, 2010, 2013
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sondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Marken-
schutzgesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürfen.
Danksagung
Unser Dank geht an die Direktion von Adelante, Rehabilitationszentrum Hoensbroek und
insbesondere auch an Lisan Scheepers für ihre Mitwirkung als Modell und an Ben Eisermann
für die Bearbeitung der Zeichnungen.
Wir danken allen unseren Kollegen, den internationalen PNF-Instruktoren und »last but not
least« unseren Patienten, ohne deren Mitarbeit es nicht möglich gewesen wäre, dieses Buch zu
veröffentlichen. Und wir widmen das Buch Maggie Knott, unserer Lehrerin und Freundin,
ihren Patienten ergeben, ihren Studenten verpflichtet, eine Pionierin auf ihrem Gebiet.
Maggie Knott
M. Buck
D. Becker
S. S. Adler
Sommer 2013
jLiteratur
Als besonders lesenswert und hilfreich empfehlen die Autoren folgende Bücher zum Thema
PNF:
PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation) ist eine Philosophie und eine Behand-
lungskonzept. Die PNF-Philosophie ist zeitlos, und das PNF-Konzept entwickelt sich konti-
nuierlich weiter.
Seit 1940 ist PNF eines der meist anerkanntesten Behandlungskonzepte innerhalb der Physio-
therapie. Nachdem Dr. Herman Kabat und Margaret (Maggie) Knott 1947 nach Vallejo, Kali-
fornien gezogen waren, starteten, entwickelten und verbreiteten sie dieses Konzept mit seinen
Techniken und Prinzipien. 1953 schloss sich Dorothy Voss dem Team an. Gemeinsam schrie-
ben Maggie und Dorothy das erste Buch über PNF, das 1956 veröffentlicht wurde.
Anfangs wurden hauptsächlich Patienten mit Multipler Sklerose und Poliomyelitis nach die-
sem Konzept behandelt. Mit zunehmender Praxiserfahrung wurde deutlich, dass das Konzept
auch für viele Patienten mit anderen Krankheitsbildern effektiv anwendbar war. Heute werden
nicht nur neurologische, sondern auch Patienten mit orthopädischen und traumatischen
Krankheitsbildern, Erwachsene und Kinder nach diesem Konzept behandelt.
Die 3- und 6-monatigen Kurse in Vallejo begannen in den 50er Jahren. Physiotherapeuten aus
der ganzen Welt kamen nach Vallejo, um die theoretischen und praktischen Aspekte des PNF-
Konzeptes zu erlernen. Später waren Maggie Knott und Dorothy Voss inner- und außerhalb
der Vereinigten Staaten auf Reisen, um Einführungskurse zu geben.
Als Maggie Knott 1978 starb, wurde ihre Arbeit in Vallejo von Carolyn Oei Hvistendahl wei-
tergeführt; nach ihr wurde Hink Mangold die Direktorin des PNF-Programmes. Tim Josten
ist der heutige Direktor. Auch Sue Adler, Gregg Johnson und Vicky Saliba haben als Lehrende
des PNF-Konzeptes die Arbeit von Maggie weitergeführt. Sue Adler hat dem von der Interna-
tional PNF Association (IPNFA) herausgegebene Programm zur Ausbildung von Instruktoren
gestaltet und diesem seine Form gegeben.
Die Autoren sind diesen herausragenden Persönlichkeiten zu viel Dank verpflichtet, wie auch
allen Mitgliedern der International PNF Association (IPNFA), und sie hoffen, dass noch vie-
le andere angeregt werden, diese Arbeit weiterzuführen.
Entwicklungen des PNF-Konzeptes finden in der ganzen Welt statt und werden aufmerksam
verfolgt; heute ist es möglich, fast überall in der Welt Kurse unter Leitung von qualifizierten
Instruktoren zu besuchen.
Es gibt mehrere hervorragende Bücher, die sich mit dem PNF-Konzept beschäftigen. Wir
waren dennoch der Meinung, dass es einer allumfassenden Ausgabe mit illustrierten prakti-
schen Anleitungen im Text bedurfte.
Dieses Buch sollte als ein praktischer Führer gesehen werden, den man in Kombination mit
Textbüchern benutzen kann. Es beinhaltet die Prinzipien, Techniken und Muster des PNF-
Konzeptes und bezieht die praktische Behandlung des Patienten, besonders die Arbeit auf der
Matte, Gangschule und »Aktivitäten des täglichen Lebens« (ADL) mit ein. Zwei Aspekte ha-
ben die Autoren in ihrem Buch betont – zum einen die Entwicklung und das Verständnis der
VIII Vorwort zur 7. Auflage
Prinzipien, auf denen das PNF-Konzept basiert, zum anderen die praktische Visualisierung
der Muster und Aktivitäten anhand vieler Abbildungen.
Die Geschicklichkeit, um die Prinzipien und Aktivitäten an Patienten anzuwenden, kann man
nicht nur aus einem Buch erlernen. Die Autoren empfehlen, dass Lernende das Lesen dieses
Buches mit praktischem Üben kombinieren, unter Führung einer Person, die die praktischen
Skills beherrscht.
Bewegung ist der Weg zu Interaktion mit unserer Umgebung. Diese Interaktionen werden
ermöglicht durch die Mechanismen des motorischen Lernens (»motor learning«). Die Inte-
gration der Prinzipien des motorischen Lernens bringt die Entwicklung von einer »hands-
on«- zu einer »hands-off«-Behandlung mit sich, und dieser Ansatz wird beim Wiedererlernen
von zielorientierten funktionellen Aktivitäten und Selbständigkeit verfolgt. Basierend auf dem
schon bestehenden, aber ungenutzten Potenzial aller Patienten ist es das Ziel des Therapeuten,
diese Reserven zu mobilisieren: Der Patient soll sein individuelles höchstes Maß an Aktivitä-
ten erreichen können, um letztendlich das höchste Maß an Partizipation zu erreichen. Beson-
ders in der ersten, der kognitiven Phase der motorischen Kontrolle kann der Therapeut den
Patienten durch manuelle Fazilitation unterstützen, dieses Ziel zu erreichen. Ziele werden auf
allen Ebenen gesetzt, betreffend Körperstrukturen und -funktionen, Aktivität und Partizi-
pation.
Diese erneuerte siebte Ausgabe beschreibt die Prinzipien des ICF-Modells (Internationale
Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit, WHO 2001), Aspekte
des motorischen Lernens und der motorischen Kontrolle (u.a. von »hands-on«- zu »hands-
off«-Handling) und wie diese in das moderne PNF-Assessment (Klärung, Planung und Ein-
leitung eines Weges für eine schnelle und nachhaltige Wiedereingliederung in das soziale
Leben) und in die Behandlung integriert werden können.
Kapitel 14, »Aktivitäten des täglichen Lebens«, wurde um neue Abbildungen und detaillierte
Anleitungen erweitert. Das neue Design und Layout wie auch die Farbabbildungen heben
deutlich die strukturierte Abfolge hervor, in der Philosophie, Grundprinzipien, Behandlungs-
muster und Aktivitäten des PNF-Konzeptes dargestellt werden. Somit präsentiert dieses Buch
einen systematischen und einfach verständlichen Weg, um die praktischen Anwendungen
und Behandlungsmöglichkeiten von PNF erlernen und verstehen zu können.
M. Buck
D. Becker
S. S. Adler
Sommer 2013
IX
Die Autoren
Math Buck
4 Seit 1972 Physiotherapeut und seit 1984 IPNFA-Instruktor
4 Seit 2002 Senior Instructor, 2004 für sein langjähriges Engagement
für das weltweite PNF zum Ehrenmitglied der IPNFA ernannt
4 Mehr als 37 Jahre Erfahrung mit Patienten mit vorwiegend
spinaler neurologischer Symptomatik und zahlreiche zusätzliche
Ausbildungen auf dem Gebiet der Physiotherapie, die er in seinen
Kursen nutzt
4 Math Buck ist Ko-Autor von zwei weiteren Büchern über die
Behandlung von Patienten mit Querschnittslähmung
Dominiek Beckers
4 1975 Master in Physiotherapie, Bewegungswissenschaft und
Rehabilitation an der Universität Leuven, Belgien
4 Seit 1975 Tätigkeit als Physiotherapeut im Hoensbroeck
Rehabilitations-Zentrum, Niederlande
4 Seit 1984 internationaler PNF-Instruktor, IPNFA
4 Tätigkeit als Fachlehrer für PNF in Deutschland
4 Dominiek Beckers ist Autor einiger Bücher und Artikel
Susan Adler
4 Examen in Physiotherapie an der Northwestern University,
Chicago, Illinois
4 Master of Science in Physiotherapie an der University of Southern
California, Los Angeles
4 1962 PNF-Ausbildung am Kaiser Foundation Rehabilitations-
Zentrum in Vallejo, Kalifornien
4 Danach Zusammenarbeit mit ihrer Lehrerin Maggie Knott
4 Sie ist internationale PNF-Instruktorin, IPNFA, und entwickelte
und leitete PNF-Kurse in den USA und Europa
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
M. Buck
1.1 Positionierung des PNF-Konzepts in der modernen ganzheitlichen Behandlung . . . . 2
1.2 PNF: Definition, Philosophie, neurophysiologische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . 11
1.3 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
2 PNF-Behandlungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
M. Buck, D. Beckers
2.1 Optimaler Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
2.2 Irradiation und Verstärkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
2.3 Taktiler Stimulus (Manueller Kontakt) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
2.4 Körperstellung und Körpermechanik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
2.5 Verbaler Stimulus(Verbales Kommando) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
2.6 Visueller Stimulus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
2.7 Traktion und Approximation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
2.8 Stretch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
2.9 Timing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
2.10 PNF-Patterns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
2.11 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
3 Techniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
D. Beckers
3.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
3.2 Rhythmische Bewegungseinleitung (»Rhythmic Initiation«) . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
3.3 Agonistische Umkehr (»Reversal of Agonists«) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
3.4 Antagonistische Umkehr (»Reversal of Antagonists«) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
3.5 Wiederholter Stretch (»Repeated Stretch«/»Repeated Contraction«) . . . . . . . . . . . . 46
3.6 Anspannen – Entspannen (»Contract Relax«) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
3.7 Halten – Entspannen (»Hold Relax«) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
3.8 Replikation (»Replication«) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
3.9 Anwendungsbereiche der verschiedenen Techniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
3.10 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
4.4 Tests für Einschränkungen auf struktureller Ebene, auf Aktivitätsebene und
Anpassung an die Behandlung (Assessment) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
4.5 Behandlungsziele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
4.6 Planung und Ausführung der Behandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
4.7 Re-Test für Veränderungen der Schädigungen und Einschränkungen der Aktivitäten 66
4.8 Behandlungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
4.9 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
9 Nacken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187
D. Beckers
9.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
9.2 Behandlungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
9.3 Indikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
9.4 Flexion nach links, Extension nach rechts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
9.5 Anwendung der Nackenpatterns zur Fazilitation der Rumpfbewegungen . . . . . . . . 197
9.6 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201
10 Rumpf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
D. Beckers, M. Buck
10.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
10.2 Behandlungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
10.3 Chopping und Lifting . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
10.4 Bilaterale Beinpatterns für den Rumpf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
10.5 Kombination der Rumpfpatterns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
10.6 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
11 Mattenaktivitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
M. Buck
11.1 Einführung: Warum Mattenaktivitäten? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
11.2 Behandlungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
11.3 Techniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
11.4 Beispiele von Mattenaktivitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
11.5 Mattentraining: Patientenbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262
11.6 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267
Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267
12 Gangschule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
D. Beckers
12.1 Einführung: Die Bedeutung des Gehens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
12.2 Grundlagen des normalen Ganges . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
12.3 Ganganalyse: Beobachtung und manuelle Evaluation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
12.4 Theorie der Gangschule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
12.5 Vorgehensweise der Gangschule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
12.6 Praktische Anwendung der Gangschule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279
12.7 Patientenbeispiele in der Gangschule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305
XIII
Inhaltsverzeichnis
13 Funktionen von Gesicht und Mund, Sprechen, Schlucken und Atmung . . . . 311
M. Buck
13.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312
13.2 Fazilitation der Gesichtsmuskulatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313
13.3 Zungenbewegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322
13.4 Schlucken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322
13.5 Sprechstörungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324
13.6 Atmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324
13.7 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328
Serviceteil
Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 344
Stichwortverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347
1 1
Einführung
M. Buck
Literatur – 13
Befunddokumentation
Vor Beginn der Behandlung eines Patienten wird
ein ausführlicher Befund aufgenommen. Dabei soll-
te sich der Therapeut am ICF-Modell (Internationa-
le Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinde-
rung und Gesundheit) orientieren, das von der
Weltgesundheitsorganisation (WHO 2001) formu-
liert wurde (7 Kap. 4).
Das ICF-Modell ist ein Begriffsmodell (Suppé
2007; . Abb. 1.2), das mit der Zielsetzung erstellt
wurde, aus den fünf Faktoren
4 Körperstrukturen und -funktionen,
4 Aktivitäten,
4 Partizipation,
4 persönliche Faktoren und
4 Umgebungsfaktoren
eine allgemein gültige internationale Standardspra- . Abb. 1.1 Faktoren für die Wahl der Therapie und deren
che zu entwickeln, um die Kommunikation zwi- Integration in das PNF-Konzept
1.1 · Positionierung des PNF-Konzepts in der modernen ganzheitlichen Behandlung
3 1
Case Study
Patientenbeispiel: Herr B.
Herr. B., 60 Jahre alt, Ingenieur in Sensibilitätsstörungen, vor allem in chenende zu Hause zu sein, wo er
leitender Position bei einem multi- beiden Händen, Schmerzempfin- seine Familie und Freunde empfan-
nationalen Unternehmen, leidet an dungen, ausgeprägte Ödeme an gen kann. Es zeigen sich aber auch
einer schweren Form des Guillain- den Händen, Atmungsprobleme. große Einschränkungen: Er kann sei-
Barré-Syndroms. Er ist abwartend, was die Zukunft ne Arbeit nicht aufnehmen, wegen
Als Folge der Krankheit, nach einem bringen wird. der langen Autofahrt kann er seine
langen Aufenthalt auf der Intensiv- Auf Aktivitätsniveau kann sich der Kinder und Enkelkinder nicht besu-
station, wo er langzeitig beatmet Patient im Rollstuhl mit Hilfe der Bei- chen, und Restaurantbesuche ver-
werden musste, sieht man auf der ne fortbewegen; das Übersetzen meidet er in diesem Zustand ganz.
Ebene der Körperfunktionen und vom Rollstuhl ins Bett gelingt ohne Folgende persönliche Faktoren
-strukturen Folgendes: im Rumpf Hilfe. Die Einschränkungen auf dem spielen für die Zielsetzungen eine
gute Mobilität, Muskelkraft (MFT4) Aktivitätsniveau bestehen darin, wesentliche Rolle: der soziale Status
und Stabilität. Untere Extremitäten dass Herr B. die Gehfunktion verlo- von Herrn B., sein Charakter, sein
proximal MFT 4. Er hat außerdem ren hat und bei den ADLs (Aktivitä- Alter und auch die Tatsache, dass er
eine ausgezeichnete Motivation. ten des täglichen Lebens) fast völlig schon zum zweiten Mal an einem
Es sind keine vegetativen Störungen auf fremde Hilfe angewiesen ist. Guillain-Barré-Syndrom erkrankt
vorhanden, und psychisch hat Herr Aufgrund seiner doppelseitigen ist.
B. ein klares Bewusstsein. Fazialislähmung ist seine Aus- Die externen Faktoren wie der
Auf der Ebene der Körperfunktionen sprache schwer verständlich, Essen soziale Status, die Arbeit und Hob-
und -struktur sind folgende Schädi- und Trinken sind schwierig. Auto- bys von Herrn B. bestimmen, welche
gungen vorhanden: Kraftverlust am fahren und Gartenarbeit sind nicht Anforderungen er an die Wiederher-
ganzen Körper und im Gesicht, star- möglich. stellung seiner körperlichen Funk-
ke Bewegungseinschränkungen in Auf Partizipationsniveau hat der Pa- tionsfähigkeit stellt.
den oberen Extremitätengelenken, tient die Möglichkeit, über das Wo-
a b
. Abb. 1.3 a Phasen des motorischen Lernens (Fitts u. Posner 1967); b Fazilitation und PNF in den Phasen des motorischen
Lernens
Case Study
Patientenbeispiel: Herr B.
Nach vielen Behandlungseinheiten Folgeschritte: dem die Stabilität in den proximalen
hat sich das passive und aktive Aus- Zuerst muss Kennzeichen 2 behan- Gelenken gewährleistet wird und
maß der Schultergelenkbeweglich- delt werden: Stabilität der Schulter sich die distalen Gelenke bewegen.
keit von Herrn B. vergrößert. Das in der gewünschten Position. An- Diese Übung kann in allen gewicht-
aktive Anheben des rechten Arms ist wendbare Grundprinzipien sind tragenden Positionen ausgeführt
jetzt möglich, er kann diese Position Approximation, Widerstand, verba- werden.
allerdings nur kurz halten. Daher ist les Kommando und manueller Kon- Zum Schluss kann Kennzeichen 4
das Ausführen der Aktivitäten Brille takt. Als Techniken kommen infrage: geübt werden: Rumpf und Schultern
auf- und absetzen, essen und trin- Stabilisierende Umkehr, Kombina- werden stabilisiert, und der Patient
ken noch nicht möglich. Die zentrale tion isotonischer Bewegungen und soll mit normaler Geschwindigkeit
Stabilität im Rumpf ist jedoch aus- Rhythmische Stabilisation. seine Brille selbständig auf- und ab-
reichend. Kennzeichen 3: Eine kontrollierte setzen.
Stabilität kann erreicht werden, in-
neuer Aktivitäten mit dem Patienten erfordert vier progressive Phasen, denen spezifische Kenn-
also eine hohe Intensität und sehr viele Wie- zeichen zugeordnet sind. Der Therapeut sollte sei-
derholungen. ne Zielsetzungen und Übungen immer an diese
4 Beim prozeduralen Lernen ist es nicht erfor- Phasen anpassen. Fehlen dem Patienten z. B. die
derlich, bewusst zu denken. Die Aktivität wird nötige Stabilität und Mobilität für eine bestimmte
erlernt, indem sie unter ständig wechselnden Aktivität, werden zuerst diese Fähigkeiten erarbei-
Bedingungen ausgeführt wird (Springen, Rad- tet, bevor eine Aktivität ausgeführt werden kann
fahren etc.). (7 Patientenbeispiel: Herr B.).
Case Study
Patientenbeispiel: Herr B.
Herr B. ist noch nicht imstande, ohne Folgeschritte: kann er beginnen, an der Aufgabe
Hilfe zu essen und zu trinken. Die Für das Training, den Arm in der Gabel/Tasse zum Mund führen zu ar-
dazu benötigte Rumpfstabilität und gewünschten Schulterposition zu beiten (Fertigkeit). Für die Fazilitation
Mobilität in der oberen Extremität halten (Stabilität), werden folgende der Bewegung kann der Therapeut
ist vorhanden. Herr B. kann den Grundprinzipien angewandt: Widerstand und verbale Hinweise ge-
Arm jedoch nicht lange genug in der Approximation, Widerstand und ben, um die Bewegungsrichtung klar-
Position stabilisieren, die notwendig verbales Kommando. zumachen, und die Techniken Kombi-
ist, um die Gabel zum Mund zu Nachdem Herr B. diese Position eine nation isotonischer Bewegungen oder
bringen. Zeit lang auch selbst trainiert hat, Replikation einsetzen (. Abb. 1.4).
gangsstellungen, die der Patient nicht bzw. noch 4 Stabilität: Widerstand, Approximation und
nicht alleine beherrscht. Dabei kann die Feedfor- verbales Kommando; als Techniken können
ward-Methode eingesetzt werden: Der Therapeut Rhythmische Stabilisation und Stabilisierende
gibt dem Patienten das Ziel vor, so dass sich der Umkehr angewandt werden
Patient einen Bewegungsplan überlegen kann, um 4 Bewegungsausführung: Widerstand, verbales
die Aktivität qualitativ gut auszuführen. Die Aus- Kommando, visueller Input, manueller Kon-
führung der Aktivität wird also bestimmt von takt, Traktion und Timing; Techniken wie
4 dem Ziel, Rhythmische Bewegungseinleitung, Antago-
4 der Aufgabe, nistische Umkehr und Replikation können
4 dem Patienten selbst und sehr sinnvoll sein
4 der Situation, in der die Aktivität stattfindet.
Wann welche Fazilitationen angewandt werden,
Der Bewegungsablauf wird über die Grundprinzi- ist zum einen vom aktuellen Patientenbefund vor
pien und Techniken fazilitiert, z. B. für die Verbes- Behandlungsbeginn abhängig, zum anderen von
serung der Stabilität und der Bewegungsausfüh- den Reaktionen des Patienten während der Be-
rung. handlung.
1.1 · Positionierung des PNF-Konzepts in der modernen ganzheitlichen Behandlung
9 1
. Abb. 1.7 Aktivität: Oberhemd auf dem Rücken in die Hose stecken
Case Study
Patientenbeispiel: Herr B.
Herr B. hat deutliche Schwierigkei- spielen, konzentriert sich die Be- Kombination isotonischer Be-
ten, nach dem Toilettenbesuch das handlung anfänglich auf die Ebene wegungen und Replikation sind
Oberhemd auf dem Rücken in die der Schädigung (Impairments). Möglichkeiten, um diese Fertigkeit
Hose zu stecken, eine Aktivität, die Folgeschritte: zu erlernen. Herr B. soll lernen,
er sehr wichtig findet (Ziel). Da die Sind die biomechanischen Voraus- diese Aktivität selbst auszuführen,
Schultermobilität eingeschränkt ist, setzungen erfüllt, beginnt das Trai- und vor allem nicht mit einer
besonders aber, weil sowohl die ning für die Aktivität Oberhemd in Jogginghose, sondern mit einer
Hand-Feinmotorik als auch die die Hose zu stecken (. Abb. 1.7). Hose, die er trägt, wenn er zur
Sensibilitätsstörungen in den Hän- Führungswiderstand, manueller Arbeit geht (Situation). Die Übungs-
den bei fehlender visueller Kontrolle Kontakt, verbale Instruktion, Rhyth- situation wird der Alltagssituation
(Individuum) eine wichtige Rolle mische Bewegungseinleitung, angepasst.
4 erleichtert den Lernprozess, eine motorische dass Therapeuten manuelle Fazilitation bei Behand-
Strategie adäquat auszuführen, lungen auf Körperfunktionsebene und in der An-
4 gibt dem Patienten Sicherheit, lernphase (kognitive Phase) von Aktivitäten sehr
4 steigert sein Selbstvertrauen und geeignet finden. Auf Partizipationsebene oder in
4 unterstützt mit sensorischem Feedback. der autonomen Phase ist ein sensorischer Input
meist überflüssig. Neben der Lernphase sind andere
Auch Kinder lernen neue motorische Aktivitäten, bestimmende Faktoren für eine manuelle Fazilita-
z. B. gehen, Rad fahren oder schwimmen, zu tion bei Patienten sinnvoll:
Anfang immer mit manueller Fazilitation der 4 Probleme in der Aufgabenausführung,
Eltern. 4 kognitive, kommunikative und sensorische
Hache und Kahlert zeigten 2007 in einer Studie Probleme, zudem
über die »hands on«- versus »hands off«-Methode, 4 Spastizität,
1.2 · PNF: Definition, Philosophie, neurophysiologische Grundlagen
11 1
4 Gleichgewichtsprobleme und Die Förderung von Studien ist eine der wichtigs-
4 Unsicherheit (Hache u. Kahlert 2007). ten Aufgaben der PNF Association (International
PNF Association, [Link]) geworden.
Evidence Based Medicine In der heutigen Zeit soll Mittlerweile werden zunehmend Untersuchungen
die Therapie, die wir den Patienten anbieten, den im Rahmen wissenschaftlicher Studien angeregt
Anforderungen der evidenzbasierten Medizin und dementsprechend werden auch zunehmend
(EBM) gerecht werden und durch eine evidenzba- mehr Studien veröffentlicht.
sierte Praxis (Evidence Based Practice, EBP) erklärt
werden, d. h., es sollen Beweise (»evidence«) für die
Effektivität einer Behandlung geliefert werden. Sa- 1.2 PNF: Definition, Philosophie,
ckett et al. (2000) beschreiben für die EBP fünf Rang- neurophysiologische
ordnungen mit abnehmender Beweiskraft. Grundlagen
In Studien unterscheidet man zwischen Grund-
lagenforschung (»fundamental research«) und Propriozeptiv – In Verbindung mit den sensorischen
klinisch-experimenteller Forschung (»experimen- Rezeptoren stehend, die Informationen über die Bewegung
und die Position des Körpers geben.
tal research«):
4 In der Grundlagenforschung werden allgemei- Neuromuskulär – Neuromuskulär bezieht sich auf das
Zusammenspiel von Nerven und Muskeln.
ne Wirkprinzipien beurteilt wie Anatomie,
Fazilitation – Fazilitieren bedeutet »etwas leichter machen«.
Physiologie usw.
4 In der klinisch-experimentellen Forschung Die Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation
werden die Behandlungseffekte beurteilt. (PNF) ist ein Behandlungskonzept. Die zugrunde
liegende Philosophie geht davon aus, dass jeder
Es wurden viele Untersuchungen gemacht, um die Mensch, auch ein Mensch mit einer Erkrankung,
Effektivität der Physiotherapie bzgl. der Verbesse- ungenutzte Potenziale in sich trägt (Kabat 1950). Im
rung von Kraft, Mobilität, Koordination und Akti- Sinne dieser Definition gibt es bestimmte Ge-
vitäten (z. B. Aufstehen, Gehen usw.) zu dokumen- danken, die Teil der PNF-Philosophie sind:
tieren. Es sind jedoch nur wenige Studien bekannt,
in denen die physiotherapeutischen Behandlungs- PNF ist eine integrierende Behandlungsform In je-
formen genau beschrieben wurden bzw. welche Be- der Behandlung befasst sich der Therapeut mit dem
handlungsformen für welche typischen Probleme ganzen Menschen, nicht nur mit dem speziellen
effektiver sind (Smedes 2009). Außerdem gibt es Problem oder Körperteil.
noch wenige Untersuchungen, in denen Patienten
nur nach dem PNF-Konzept behandelt wurden. Reserven aktivieren Ziel des Therapeuten ist es,
Smedes machte eine Literaturstudie (Smedes mittels PNF die ungenutzten Potenziale, die in je-
2006, 2007, 2008) und fand 46 Publikationen (wo- dem Menschen vorhanden sind, zu mobilisieren
bei PNF einbezogen war) zu folgenden Themen: und zu nutzen.
4 Vitalfunktionen (2),
4 Gang (4), Positiver Behandlungsaufbau Der Behandlungs-
4 CVA (6), aufbau wird grundsätzlich positiv gestaltet: Alle Po-
4 ADL/Sport (14), tenziale, die der Patient körperlich und psychisch zu
4 PNF-Entspannungstechniken (20). leisten imstande ist, werden genutzt und verstärkt.
Wie bereits erwähnt, gibt es bisher nur wenige kon- Unterstützung des Patienten Primäres Behand-
krete Behandlungsstudien rein nach dem PNF- lungsziel ist die Unterstützung des Patienten, um
Konzept. Meist wurde die Methode PNF (Teile des dessen Höchstmaß an Aktivitäten zu erreichen.
Konzeptes) eingesetzt, nicht jedoch das gesamte
Konzept. Dies macht es schwierig, Behandlungsre- Motorisches Lernen und motorische Kontrolle In
sultate miteinander zu vergleichen (Smedes 2008). das Streben nach dem Aktivitätshöchstmaß werden
12 Kapitel 1 · Einführung
die Prinzipien des motorischen Lernens und der gaben zu meistern. Dieser Aspekt ist vor allem in
1 motorischen Kontrolle integriert. Beinhaltet ist die den ersten Phasen des motorischen Lernens zu be-
Behandlung auf allen Ebenen: Körperstrukturen achten, darüber hinaus auch im Rehabilitationspro-
und -funktionen, Aktivität und Partizipation (ICF). zess, wenn sich der Patient nicht mehr auf seine in-
terne Information stützen kann (abhängig von der
Schädigung). In diesem Fall kann der Therapeut
1.2.1 PNF-Philosophie durch Fazilitation mittels PNF wichtige externe In-
formationen vermitteln.
Die PNF-Philosophie beinhaltet bestimmte Grund- Dieser positive funktionelle Behandlungsansatz
gedanken, die im Behandlungskonzept verankert ist nach Meinung der Autoren der beste Weg, um
sind. Patienten zu stimulieren und hervorragende Be-
handlungsergebnisse zu erreichen.
Die Philosophie des
PNF-Behandlungskonzepts
1.2.2 Grundlegende neurophysio-
Positiver Behandlungsansatz: Keinen Schmerz
logische Prinzipien
auslösen; Aufgaben auswählen, die vom Patient
erfüllt werden können, alles soll gelingen; mit
Die Arbeit von Sir Charles Sherrington auf dem Ge-
Aufgaben beginnen, die der Patient gut ausfüh-
biet der Neurologie war für die Entwicklung der
ren kann; direkte und indirekte Behandlung.
Prinzipien und Techniken des PNF-Konzeptes von
Höchstes funktionelles Niveau: Funktionelle
großer Bedeutung. Die nachfolgenden Definitionen
Behandlung nach Kriterien der ICF: Behand-
wurden aus seinen Veröffentlichungen übernom-
lung der Schädigungen und Training der
men (Sherrington 1947):
Aktivitäten.
Mobilisieren von Potenzialen durch inten-
»After discharge«: Nachwirken der Stimulation Ein
sives Training: Aktive Partizipation des Patien-
Stimulationseffekt wirkt nach Beendigung der Reiz-
ten, motorisches Lernen, eigenes Training.
setzung noch längere Zeit nach. Nehmen Ausmaß
Den ganzen Menschen betrachten: Der
und Dauer der Stimulierung zu, nimmt entspre-
Mensch in seiner Umgebung: persönliche,
chend das Ausmaß der »After discharge« zu. Resul-
körperliche, emotionale und soziale Faktoren.
tat ist das Empfinden einer stärkeren Kraft, die nach
Die Prinzipien der motorischen Kontrolle und
einer lange andauernden statischen Anspannung
des motorisches Lernens nutzen: Wieder-
spürbar wird.
holungen in ständig wechselnden Situationen.
Die verschiedenen Phasen der motorische
Zeitliche Summation Folgen schwache Stimuli (su-
Kontrolle berücksichtigen: Variationen der
bliminale, d. h. unterschwellige Stimuli) innerhalb
praktischen Aufgaben.
kurzer Zeit sehr schnell aufeinander, summieren sie
sich und führen zu einer verstärkten Erregung (mit
Bewegung ist das Medium des Menschen, um mit nachfolgender Muskelkontraktion oder zumindest
der Umgebung in Interaktion zu treten. Alle senso- einer Aktivierung motorischer Einheiten.
rischen und kognitiven Prozesse können als Input
gesehen werden, der den motorischen Output be- Räumliche Summation Verstärken schwache, aus
stimmt. Einige Aspekte der motorischen Kontrolle verschiedenen Körperregionen gleichzeitig auf-
und des motorischen Lernens sind für die Rehabili- einander treffende Stimuli sich gegenseitig (Sum-
tation von Patienten besonders bedeutsam (Mulder mation), führen sie zu einer Erregung (mit anschlie-
2004). Ein Schlüsselelement jeder interaktiven Situ- ßender Aktivierung motorischer Einheiten oder
ation ist der Austausch von Information. Dies gilt einer Muskelkontraktion). Zeitliche und räumliche
auch für jede Art von Therapie. Ohne Information Summation können miteinander kombiniert wer-
ist der Patient stark darin beeinträchtigt, neue Auf- den, um eine größere Aktivität zu erzeugen.
Literatur
13 1
Irradiation: Spreizung und Zunahme der Intensität Fitts PM, Posner MI (1967) Human Performance. Brooks/Cole,
der Reizantwort Eine Irradiation tritt auf, wenn Belmont, CA
entweder die Anzahl oder die Stärke der Stimuli zu- Harste U, Handrock A (2008) Das Patientengespräch. Buchner
& Partner, Schwentinental
nimmt. Reizantwort kann eine Erregung oder eine Hedin-Anden S (1994) PNF-Grundverfahren und funktionel-
Inhibition sein. les Training. Urban & Fischer, München
Horst R (2005) Motorisches Strategietraining und PNF. Thie-
Sukzessive Induktion: Stimulation, erhöhte Erre- me, Stuttgart
gung Auf eine Stimulation (Kontraktion) der Anta- Horst R (2008) Therapiekonzepte in der Physiotherapie: PNF.
Thieme, Stuttgart
gonisten folgt eine verstärkte Erregung der agonisti-
IPNFA (2007) International PNF Association. [Link]
schen Muskulatur. Techniken, die eine Umkehr der [Link]. Gesehen: Dezember 2009
Antagonisten beinhalten, nutzen diese Eigenschaft. IPNFA (2007) [Link] (Japan). Gesehen: De-
zember 2009
Reziproke Innervation: Reziproke Inhibition/Hem- IPNFA (2007) [Link] (Korea). Gesehen: Dezem-
ber 2009
mung Die Anspannung von Muskeln wird begleitet
IPNFA (2007) [Link] (Germany). Gesehen:
von einer gleichzeitigen Entspannung ihrer Antago- Dezember 2009
nisten. Die reziproke Hemmung ist ein wichtiger IPNFA (2005) Results of the Meeting. Tokyo. Gesehen: Dezem-
Teil des koordinierten Bewegens. Dieses Phänomen ber 2009
wird bei Entspannungstechniken genutzt. IPNFA (2006) Results of the Meeting Ljubljana. Gesehen:
Dezember 2009
» The nervous system is continuous throughout IPNFA (2008) Results of the Meeting Hoensbroek. Gesehen:
its extent – there are no isolated parts. Dezember 2009
(Sherrington 1947) Kabat H (1950) Studies on neuromuscular dysfunction, XIII:
New concepts and techniques of neuromuscular reedu-
Sinngemäß übersetzt, ist die Aussage Sherringtons, cation for paralysis. Perm Found Med Bull 8 (3): 121–143
dass das Nervensystem immer ganzheitlich arbeitet, Knott M, Voss D (1956) Proprioceptive Neuromuscular Facili-
tation. Hoeber-Harper; New York
mit allen seinen Anteilen – es gibt keine isoliert
Mulder T, Hochstenbach J (2004) Motor control and learning:
arbeitenden Anteile. Implications for neurological rehabilitation. In: Green-
wood (ed) Handbook for neurological rehabilitation.
Erlbaum, Hillsdale
1.3 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Mulder T (1991) A process-oriented model of human motor
behaviour: toward a theory-based rehabilitation approach.
Fragen
Physical Therapy 2: 82–89
Mulder T (2006) Das adaptive Gehirn. Thieme, Stuttgart
Die Philosophie der PNF ist sehr wichtig. Was Meyers JB, Lephart SM (2003) The role of the sensimotor sys-
sind im Sinne der PNF-Philosophie grundlegende tem in the athletic shoulder. Journal of athletic training
Prinzipien, die jede PNF-Behandlung bestimmen? 3: 351–363
Oosterhuis-Geers J (2004) SMART, [Link]. Universität
Oder: Wie würden Sie einem Laien bzw. einem Pa-
Twente. Gesehen: Dezember 2009
tienten erklären, was PNF ist? Sackett DL (1998) Getting research findings into practice.
BMJ 317: 339–342
Literatur Sacket DL, Rosenberg WMC, Gray JAM, Haynes RB, Richard-
son WS (1996) Evidenced based medicine: What is it and
Bernstein N (1967) The coordination and regulation of move- what isn’t? BMJ 312: 71–72
ment. Pergamon, London Sacket DL, Straus SE, Richardson WS et al. (2000) Evidence-
Brooks VB (1986) In: The Neural Basis of Motor Control. Oxford Based Medicine: How to Practice and Teach EBM, 2nd ed.
University Press, New York/Oxford Churchill Livingstone, Edinburgh
Cilento M de Barros Ribeiro (2006) Evaluation of the efficacy Scager M (2004) SMART, [Link]. Hogeschool van Utrecht.
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women Schmidt RA, Wrisberg CA (2004). Motor learning and per-
Cott CA (2004) Client-centered rehabilitation: Client perspec- formance, a problem based learning approach, 3rd ed.
tives. Disability and Rehabilitation 26 (24): 1411–1422 Human Kinetics, Leeds
Damasio A (1999) The Feeling of What Happens. Harcourt Sherrington C (1947) The integrated action of the nervous
Brace & Co, New York system. Yale University Press, New Haven
14 Kapitel 1 · Einführung
PNF-Behandlungsverfahren
M. Buck, D. Beckers
2.8 Stretch – 27
2.8.1 Stretchstimulus – 27
2.8.2 Stretchreflex – 27
2.9 Timing – 28
2.10 PNF-Patterns – 30
Weiterführende Literatur – 32
Literatur – 33
Die einzelnen Behandlungsprinzipien und ihre Taktiler Stimulus (Manueller Kontakt) Der Einsatz
Wirkungsweisen stellen keine isoliert anzuwenden- der adäquaten Grifftechniken steigert die Kraft und
den Maßnahmen dar, vielmehr ergänzen sie sich in ermöglicht eine gute Führung der Bewegung und
ihren Effekten bzw. Auswirkungen. damit deren gute Ausführung.
2.1 · Optimaler Widerstand
17 2
Körperstellung und Körpermechanik Der Thera- 2.1 Optimaler Widerstand
peut kann durch seine Körperhaltung eine gezielte
Positionierung seiner Hände und Arme erreichen.
Dadurch lassen sich die Bewegungen des Patienten Behandlungsziele
gezielt führen und kontrollieren. Ein gezielt vom Therapeuten gesetzter
Widerstand wird in der Behandlung vor
Verbales Kommando Auditive Reize fazilitieren die allem genutzt zur:
aktive Motorik. Hierbei wirken laute und deutlich 4 Förderung der Muskelkontraktionsfähigkeit,
ausgesprochene Worte eher anregend, leise Worte 4 Verbesserung des motorischen Lernens,
eher beruhigend und schmerzdämpfend auf den der Bewegungskontrolle des Patienten
Patienten. und der Wahrnehmung für die Bewegung,
4 Kräftigung der Muskulatur,
Visuelles Feedback Das visuelle Feedback verein-
facht die Bewegungsausführung für den Patienten. Entspannung der Muskulatur (reziproke
Dies geschieht, indem er seine Haltung und Bewe- Hemmung).
gung mit den Augen verfolgt und kontrolliert.
Durch den Blickkontakt zum Therapeuten erhält er
darüber hinaus positive oder negative Informatio- Das Wissen um die Auswirkungen eines gezielt ein-
nen über die ausgeführte Bewegung. gesetzten Widerstandes hat zur Entwicklung der
meisten PNF-Techniken beigetragen.
Traktion und Approximation Die Verlängerung der
Gliedmaßen oder des Rumpfes durch Traktion er- Optimaler Widerstand
leichtert die Bewegung. Das Komprimieren einer
Die Intensität des eingesetzten Widerstandes
Extremität oder des Rumpfes durch Approximation
während einer Aktivität hängt zum einen
hingegen fördert mehr die Stabilität.
von den Möglichkeiten ab, die dem Patienten
Stretch Die Kontraktionsbereitschaft der Muskula- zur Verfügung stehen, zum anderen vom an-
tur wird nachweislich durch die Dehnung der Mus- gestrebten Behandlungsziel. Dies wird als
kulatur und auch durch den Einsatz des Stretch- »optimaler Widerstand« bezeichnet.
reflexes fazilitiert. Darüber hinaus wird dadurch die
Ermüdung der Muskulatur vermindert.
Für das Wiedererlernen einer funktionellen Aktivi-
Timing Das Normale Timing (»normal timing«) tät (z. B. Aufstehen aus dem Sitz oder Treppe hinun-
wird durch die richtige Reihenfolge von Reizen tergehen) ist der optimale Widerstand meist ein
fazilitiert. Mit Betonter Bewegungsfolge (»Timing Führungswiderstand. Um die Bewegungskontrolle
for Emphasis«) wird die Kontraktionsfähigkeit der für eine Irradiation oder den Aufbau der Muskel-
Muskulatur gefördert. kraft mit dem Patienten zu erarbeiten, ist der opti-
male Widerstand meist intensiver.
Patterns/Bewegungsmuster bzw. -diagonalen Hier Gellhorn zeigte, dass sich die Aktivität eines
bei handelt es sich um synergistische Bewegungs- Muskels auf kortikale Stimulation hin steigert, wenn
abläufe, die Bestandteile normaler funktioneller ein kontrahierter Muskel Widerstand erfährt. Die
Bewegungen sind. durch gezielten Widerstand hervorgerufene
Die einzelnen Behandlungsprinzipien kann Zunahme der aktiven Muskelanspannung ist die
der Therapeut miteinander kombinieren, um eine effektivste propriozeptive Fazilitationsmöglichkeit.
maximale Reizantwort des Patienten zu erhalten. Die Intensität dieser Fazilitation steht in direktem
Die Behandlungsprinzipien werden im Folgen- Zusammenhang mit der Intensität des Wider-
den näher erläutert. In . Tab. 2.1 sind sie, jeweils mit standes (Gellhorn 1949; Loofbourrow u. Gellhorn
Definition, Behandlungszielen und Anwendungs- 1948). Die propriozeptiven Reflexe der kontrahie-
bereichen, zusammenfassend dargestellt. renden Muskeln verstärken die Anspannung der
18 Kapitel 2 · PNF-Behandlungsverfahren
Synergisten1 desselben Gelenks und der assoziierten kontraktion so dosieren, dass die Bewegung
Synergisten in benachbarten Gelenken. Diese Fazili- fließend und koordiniert verlaufen kann. Bei stabi-
tation verläuft sowohl von proximal nach distal als lisierenden Kontraktionen muss der Widerstand so
2 auch von distal nach proximal. Die Antagonisten der gegeben werden, dass der Patient die eingenomme-
fazilitierten Muskulatur werden gewöhnlich inhi- ne Position gerade noch kontrollieren bzw. halten
biert. Durch intensive Kontraktionen der agonisti- kann. Ein Widerstand, der entgegen einer isometri-
schen Muskeln kann in der antagonistischen Mus- schen Muskelkontraktion gesetzt wird, sollte zuerst
kulatur eine erhöhte Aktivität (Ko-Kontraktion) allmählich gesteigert und danach verringert wer-
entstehen (Gellhorn 1947; Loufbourrow u. Gellhorn den, damit keine Bewegung daraus resultiert. Ein
1948). optimal gesetzter Widerstand trägt dazu bei,
Die Art und Weise, wie der Widerstand gegeben Schmerzen oder unerwünschte Ermüdungserschei-
wird, ist abhängig von der Art der gewünschten nungen und Reaktionen des Patienten wie z. B. eine
Muskelkontraktion (. Abb. 2.1). Irradiation in die falsche Richtung oder in einen
anderen nicht erwünschten Körperteil zu ver-
meiden.
Arten von Muskelkontraktionen Zudem sollten der Therapeut und der Patient
Folgende Arten von Muskelkontraktionen auch bei intensivem Üben auf das eventuelle Auftre-
werden unterschieden (Hedin-Andèn 2002): ten einer Atemblockade achten und dieser entge-
4 Isotonische (dynamische) Muskelkontrak- genwirken. Bewusstes und kontrolliertes Ein- und
tion. Der Patient führt eine Bewegung aus. Ausatmen hat sowohl auf die Kraft des Patienten als
– Konzentrisch: Die Bewegung entsteht auch auf die Beweglichkeit der Gelenke einen posi-
durch die aktive Verkürzung der agonis- tiven Einfluss.
tischen Muskulatur.
– Exzentrisch: Eine von außen einwirken-
de Kraft (z. B. Schwerkraft oder Wider- 2.2 Irradiation und Verstärkung
stand) führt zu einer Bewegung. Die Be-
wegung entsteht durch die kontrollier- Irradiation und Verstärkung sind das Resultat eines
te aktive Verlängerung der agonisti- optimal gegebenen Widerstandes.
schen Muskulatur, wodurch der
Bewegungsablauf gebremst wird. Definition
– Stabilisierend isotonisch: Der Patient Irradiation wird als das »Überfließen« bzw.
will eine Bewegung ausführen, diese die Ausbreitung von Reaktionen bzw. Nerven-
wird jedoch durch eine von außen ein- impulsen auf gegebene Stimuli definiert.
wirkende Kraft (Widerstand) verhindert.
4 Isometrische (statische) Muskelkontrakti-
on: Bei dieser Art der Muskelkontraktion Diese Reaktionen können sowohl einen fazilitie-
wollen weder der Patient noch der Thera- renden (Kontraktion) als auch einen inhibierenden
peut eine Bewegung entstehen lassen, (Relaxation) Effekt auf die synergistische Musku-
dennoch kommt es zur Anspannung der latur und die Bewegungspatterns haben. Mit der
Agonisten. Steigerung der Stimuli erhöht sich auch der Irradi-
ationseffekt bezüglich seiner Dauer und seiner
Intensität (Sherrington 1947). Kabat (1961) wies
Der Therapeut sollte den Widerstand gegen eine darauf hin, dass Irradiation durch den Widerstand
geplante konzentrische oder exzentrische Muskel- entgegen einer Bewegung entsteht und dass diese
Ausbreitung von Muskelaktivitäten stets in spezi-
1 Synergisten sind Muskeln, die mit anderen Muskeln zu-
fischen synergistischen Bewegungspatterns ver-
sammenarbeiten, damit eine koordinierte Bewegung zu- läuft.
stande kommt.
2.2 · Irradiation und Verstärkung
19 2
. Abb. 2.1 a–e Verschiedene Arten der Muskelkontraktion. a Isotonisch-konzentrisch: Bewegung innerhalb eines begrenz-
ten Bereiches. Die Kraft oder der Widerstand durch den Patienten ist stärker. b Isotonisch-exzentrisch: Die Kraft oder der Wi-
derstand durch den Therapeuten ist stärker: Bewegung innerhalb eines erweiterten Bereichs. c Stabilisierend-isotonisch: Der
Patient will bewegen, wird aber durch den Therapeuten oder eine andere Krafteinwirkung von außen daran gehindert;
Patient und Therapeut möchten, dass keine Bewegung stattfindet; die Kräfte beider sind gleich groß. d Isometrisch (statisch)
(Mod. nach Klein-Vogelbach 2000)
20 Kapitel 2 · PNF-Behandlungsverfahren
e
. Abb. 2.1 (Fortsetzung) e Rezeptoren zur Fazilitation, die im PNF-Behandlungsverfahren eine Rolle spielen
. Abb. 2.3 a Irradiation der Dorsalflexion und Inversion des Fußes durch das Beinpattern Flexion – Adduktion – Außenrotation,
b Irradiation für die mittlere Standbeinphase durch Widerstand am Arm in Richtung Flexion – Adduktion – Außenrotation
22 Kapitel 2 · PNF-Behandlungsverfahren
. Abb. 2.5 a, b Lumbrikale Griffe. a Für das Beinpattern Flexion – Adduktion – Außenrotation, b für das Armpattern Flexion –
Abduktion – Außenrotation
wichtig. Diese wird sowohl vom Ziel der Behand- wünschte funktionelle Aktivität. Durch Verbale
lung als auch von verschiedenen anderen Faktoren Kommandos kann der Patient Korrekturen am Be-
bestimmt, z. B. der Rückenbelastung des Thera- wegungsablauf anbringen.
2 peuten oder der Sicherheit und Stabilität des Pati-
Definition
enten in der gewählten Ausgangsstellung. Weitere
Faktoren für die Wahl der Ausgangsstellung sind Die Verbalen Kommandos verdeutlichen dem
4 funktionelle Zielsetzung, Patienten, was er tun soll und wann er dies tun
4 Muskelkraft, soll.
4 Tonus und
4 Schmerzen.
Der Therapeut sollte sich darüber klar sein, dass er
Der Patient sitzt oder liegt bequem und nah genug mit seinen Verbalen Kommandos den Patienten
am Rand der Behandlungsbank. Der Therapeut persönlich anspricht und nicht eine zu behandelnde
stellt sich auf die Seite, die dem Patienten ausrei- Extremität. Die vorbereitenden Anweisungen müs-
chend Sicherheit und Stabilität bietet. sen vom Therapeuten deutlich und präzise, ohne
Eine gute Körperstellung und Körpermechanik überflüssige Worte, gegeben werden. Sie können
des Therapeuten führt zu einer gleichmäßigen und mit passiv geführten Bewegungen unter der visuel-
ökonomischen Bewegung des Patienten, ohne dass len Kontrolle des Patienten kombiniert werden, um
viel Widerstand gegeben werden muss. ihm die gewünschten Bewegungen zu vermitteln.
Indem der Therapeut so weit wie möglich in der Der Zeitpunkt (»Timing«), wann der Verbale
jeweiligen Bewegungsdiagonalen steht und sich da- Stimulus gegeben wird, ist besonders wichtig, um
rin bewegt, gibt er dem Patienten bereits nonverbal die Reaktionen des Patienten mit den Taktilen Sti-
die richtige Information hinsichtlich des von ihm muli des Therapeuten zu koordinieren. Der Verbale
gewünschten Bewegungsablaufes. Stimulus initiiert die Bewegung und die Muskel-
kontraktionen und fördert die Korrektur von feh-
Praxistipp lender Mobilität und/oder Stabilität.
Das richtige Timing des Verbalen Kommandos
4 Eine gute Körperstellung und Bewegung
ist zudem besonders wichtig, wenn mit dem Stretch
des Therapeuten bietet dem Patienten
gearbeitet wird. Das einleitende Kommando sollte
eine optimale Sicherheit.
unmittelbar vor dem Stretch erfolgen, damit die be-
4 Mit einer guten Körperstellung und der
wusste Aktivität des Patienten mit der Reflexant-
daraus resultierenden Möglichkeit, sein
wort koordiniert werden kann (Evarts u. Tannji
Körpergewicht optimal einzusetzen, kann
1974). Ein gutes Timing zwischen verbalem Kom-
der Therapeut Widerstand geben, ohne
mando und Muskelaktivität ist auch bei allen Um-
dabei zu ermüden.
kehrtechniken wichtig, und zwar dann, wenn die
Bewegungsrichtung geändert wird. Das Vorberei-
tungskommando sollte gleichzeitig mit dem Wech-
2.5 Verbaler Stimulus sel der Hände des Therapeuten erfolgen, das Akti-
(Verbales Kommando) onskommando mit dem Setzen des Widerstandes
entgegen der neuen Bewegungsrichtung.
Der Beginn einer Bewegung oder einer Muskelakti- Die Lautstärke des Kommandos kann die Inten-
vität wird durch das Verbale Kommando eingeleitet. sität der Muskelkontraktion beeinflussen (Johans-
Das Verbale Kommando kann einerseits eine Mus- son et al. 1983). Daher sollte der Therapeut ein lau-
kelaktivität stimulieren, zum anderen entspannend teres Kommando einsetzen, wenn er eine starke
wirken. Die Aufmerksamkeit des Patienten soll Muskelkontraktion erreichen möchte, dagegen ei-
durch ein korrektes Kommando gefördert werden. nen ruhigeren oder leiseren Ton wählen, wenn das
Ein korrekt gegebenes Kommando – ohne zu Behandlungsziel Entspannung oder Schmerzmin-
viele Worte – stimuliert die vom Patienten er- derung ist.
2.6 · Visueller Stimulus
25 2
Man unterscheidet drei Arten des Verbalen
Kommandos:
Beispiel
Das Kommando für das Pattern Flexion – Adduktion
– Außenrotation der unteren Extremität mit Knieflexi- . Abb. 2.7 Die visuelle Kontrolle erleichtert das Bewe-
gungslernen
on könnte folgendermaßen sein:
Vorbereitung: »Fertig und«
Aktion: »Ziehen Sie das Bein hoch und nach innen«
> Der Patient wird durch Visuelle Stimuli unter-
Korrektur: »Ziehen Sie die Zehen hoch« (wenn der
stützt, seine Position und seine Bewegung zu
Fuß nicht hoch genug gehoben wird).
kontrollieren. Visuelle Stimuli beeinflussen
den Patienten in der Bewegung seines Kopf-
Praxistipp es, seines Rumpfes und seiner Extremitäten.
Sie ermöglichen eine kooperative Kommuni-
Für ältere Patienten kann der visuelle Input kation zwischen Patient und Therapeut.
wichtiger sein als der verbale Input (Gentile,
Das visuelle Feedback-(und-forward-)System kann
Lee)!
eine verstärkte Muskelanspannung bewirken
(Schmidt u. Lee 1999).
Der Patient verfolgt mit seinem Blick seinen
2.6 Visueller Stimulus Arm oder sein Bein beim Üben. Dadurch kann
eine stärkere Muskelaktivität erreicht werden. Da-
Definition rüber hinaus hilft die visuelle Information dem
Das visuelle Feedback soll die muskuläre Patienten, seine Haltung oder die Bewegung zu
Aktivität, im Sinne von Koordination, Kraft kontrollieren und gegebenenfalls zu korrigieren.
und Stabilität stimulieren. Die Augenbewegungen beeinflussen sowohl
Kopf- als auch Körperbewegungen.
Der Patient blickt mit den Augen in die Rich-
Der Therapeut bekommt Informationen, ob die tung, in der er bewegen möchte. Dabei folgt der
angewandten Stimuli dem Ziel der Behandlung Kopf den Augenbewegungen. Diese Kopfbewegung
entsprechen oder ob die Stimuli zu intensiv sind fazilitiert wiederum größere und stärkere Bewegun-
bzw. dem Patienten Schmerzen bereiten. gen des Rumpfes (. Abb. 2.7).
Für ältere Patienten kann der visuelle Input
wichtiger sein als der verbale Input (Gentile, Lee).
26 Kapitel 2 · PNF-Behandlungsverfahren
2.7.2 Approximation
> Der Blickkontakt zwischen Patient und
Therapeut stellt ein wichtiges nonverbales
Kommunikationsmittel dar, das vor allem Behandlungsziele
2 die Motivation und die Koordination des Die Approximation wird eingesetzt:
Patienten steigern helfen kann. 4 zur Förderung der Stabilität,
4 zur Fazilitation der Gewichtsübernahme
2.7 Traktion und Approximation und der Kontraktion der Muskulatur, die
der Schwerkraft entgegenwirkt, zur Fazili-
2.7.1 Traktion tation der Stellreaktionen,
4 zum gezielten Setzen eines Widerstandes
bezüglich bestimmter Bewegungskompo-
Behandlungsziele nenten.
Die Traktion wird eingesetzt:
4 zur Fazilitation von Bewegungen, vor allem
für Zugbewegungen und Bewegungen ge- Definition
gen die Schwerkraft, Unter Approximation versteht man die Kom-
4 zur Verlängerung der Muskulatur (»elonga- pression einer Extremität oder des Rumpfes.
ted position«) als Vorbereitung auf den
Stretchreflex oder Stretchstimulus,
4 zum gezielten Einsatz eines Widerstandes Es wird ebenfalls vermutet, dass sich durch die
für bestimmte Abschnitte der Bewegungs- Stimulation der Gelenkrezeptoren eine erhöhte
folge, z. B. wird die Traktion zu Beginn der Kontraktionsbereitschaft der Muskulatur ergibt
Schulterflexion angewendet, um der Eleva- (Knott u. Voss 1968; Voss et al. 1985). Eine weitere
tion des Schulterblattes entgegenzuwirken mögliche Erklärung für die erhöhte muskuläre
oder um sie zu fazilitieren. Antwort, die auf eine Approximation folgt, ist der
4 Traktion kann bei Gelenkschmerzen im Versuch des Körpers, sein Gleichgewicht über das
Sinne der Schmerzlinderung hilfreich sein. Aktivieren von Haltungs- und Stellreflexen zu er-
halten.
Wenn die Approximation sparsam angewandt
Definition und richtig dosiert wird, kann sie bei der Behand-
Traktion ist eine vom Therapeuten bewusst lung von schmerzhaften und instabilen Gelenken
ausgeführte Verlängerung einer Extremität überaus hilfreich sein.
oder des Rumpfes. Der Therapeut kann z. B. am Ende der Schulter-
flexion approximieren, um gegen die Elevation des
Schulterblattes einen Widerstand zu setzen.
Knott und Voss vermuten, dass durch die Traktion Es gibt mehrere Anwendungsmöglichkeiten der
ein therapeutischer Effekt im Sinne einer Stimulati- Approximation:
on der Gelenkrezeptoren entsteht (Knott u. Voss
1968; Voss et al. 1985). Darüber hinaus bewirkt die »Quick approximation« – Hierunter versteht man eine
schnell ausgeführte Approximation mit dem Ziel, eine
Traktion durch die Verlängerung der Muskulatur
reflexartige Reaktion zur Erhöhung der Stabilität auszulösen.
einen Stretchstimulus.
»Slow approximation« – Hierbei wird die Intensität der
Die Traktion sollte allmählich gesteigert wer-
Approximation allmählich erhöht, bis die Toleranzgrenze des
den, bis das gewünschte Resultat erreicht ist. Sie Patienten erreicht ist.
wird während der gesamten Bewegung beibehalten Anhaltende Approximation – Nach einer »quick« bzw.
und mit adäquatem Widerstand kombiniert. »slow approximation« wird der Druck solange beibehalten,
wie der Patient diesen für den Aufbau der Muskelspannung
benötigt
2.8 · Stretch
27 2
Egal, ob die Approximation schnell oder langsam Der Stretchstimulus wird während normaler Bewe-
erfolgt, der Therapeut muss den Druck beibehalten gungsabläufe zur Vorbereitung der Bewegung ein-
und Widerstand für die daraus resultierende mus- gesetzt, um die Muskelkontraktion zu fördern. Die-
kuläre Antwort geben. Ein adäquates Kommando ser Stimulus fazilitiert sowohl den verlängerten
sollte die Anwendung der Approximation begleiten Muskel als auch die synergistische Muskulatur des
(z. B. »… und … bleiben Sie da …« oder »… und … beteiligten Gelenkes und die assoziierte synergisti-
strecken Sie sich …«). sche Muskulatur (Loofbourrow u. Gellhorn 1948).
Vor der Approximation sollte sich der Thera- Eine intensivere Fazilitation wird durch die Verlän-
peut vergewissern, ob alle beteiligten Gelenke kor- gerung aller Synergisten einer Extremität oder des
rekt ausgerichtet sind und sich in einer gewichttra- Rumpfes erzielt. So fazilitiert z. B. die Verlängerung
genden Position befinden. des M. tibialis anterior den Muskel selbst und darü-
Sobald der Therapeut eine Verminderung der ber hinaus auch die Bewegungskomponenten Flexi-
aktiven Muskelkraft wahrnimmt, wiederholt er die on – Adduktion – Außenrotation des Hüftgelenkes.
Approximation und setzt den Widerstand erneut. Wird z. B. nur die Hüftgelenkmuskulatur mit den
Komponenten Flexion – Adduktion – Außenrotati-
> Traktion fazilitiert meist Bewegung,
on verlängert bzw. gedehnt, tritt neben der erhöhten
Approximation isometrische und
Erregbarkeit der genannten Muskulatur auch eine
isotonische Kontraktionen.
erhöhte Reizbarkeit des M. tibialis anterior auf.
Angewandt wird das Prinzip, das für den Patienten Wird weiterführend die gesamte zum Pattern (Be-
am effektivsten ist: wegungsmuster) gehörende Muskulatur von der
4 Aktivitäten in aufrechter Körperhaltung kann Hüfte bis zum Fuß gleichzeitig verlängert, verur-
man mit Approximation fazilitieren, verbun- sacht dieser intensive Stimulus eine erhöhte Reiz-
den mit konzentrischer und exzentrischer barkeit in der synergistischen Rumpfmuskulatur
Muskelarbeit. (Flexoren).
4 Armaktivitäten gegen die Schwerkraft kann
man mit Approximation anstatt Traktion fazili-
tieren, wenn damit die Funktion stärker geför- 2.8.2 Stretchreflex
dert wird.
Behandlungsziele
2.8 Stretch In 7 Kap. 3.5 (»Wiederholter Stretch«) wird be-
schrieben, wann, wie und warum der Stretch-
2.8.1 Stretchstimulus reflex eingesetzt wird.
Behandlungsziele Definition
Ein gut angewandter Stretchstimulus bereitet Der Stretchreflex wird über Muskeln ausge-
den Patienten auf eine bessere (kräftigere und löst, die unter optimaler Spannung stehen.
ökonomischere) Muskelaktivität vor, indem er
die Muskulatur stimuliert.
Der Stretchstimulus stimuliert die Kontraktion Diese Spannung der Muskulatur kann sowohl durch
der Synergisten. die passive Verlängerung als auch durch eine aktive
Kontraktion erzeugt werden. Der Stretchreflex be-
steht aus zwei Teilen:
Definition Ein schnell auftretender spinaler Reflex mit kur-
Der Stretchstimulus entsteht durch Dehnung zer Latenzzeit, bei dem die Kraftentwicklung gering
der Muskulatur (im Sinne einer Verlängerung). ist und der womöglich funktionell eine geringe Be-
deutung hat.
28 Kapitel 2 · PNF-Behandlungsverfahren
a b
. Abb. 2.8 a–d Betonte Bewegungsfolge durch Verhindern der Bewegung. a, b Beinpattern Flexion – Abduktion – Innenro-
tation mit Knieflexion. Die kräftigen Bewegungen in Hüft- und Kniegelenk werden vom Therapeuten blockiert; die Dorsalfle-
xion und Eversion des Fußgelenkes werden mit Wiederholtem Stretch geübt. c, d Armpattern Flexion – Abduktion – Außen-
rotation. Die kräftige Schulterbewegung wird vom Therapeuten blockiert, während die Radialextension des Handgelenkes
geübt wird
. Abb. 2.9 a–d Betonte Bewegungsfolge beim Einsatz isometrischer Kontraktionen von starken Muskeln. a, b Übung der
Ellbogenflexion durch Einsatz des Patterns Flexion – Adduktion – Außenrotation mit stabilisierenden Kontraktionen der star-
ken Schulter- und Handgelenkmuskeln. c, d Übung der Fingerflexion durch Einsatz des Patterns Extension – Adduktion – In-
nenrotation mit stabilisierender Kontraktion der starken Schultermuskulatur
Körperstellung Therapeut: Position in Bewegungs- Ermöglicht dem Patienten ein ökonomisches und zielge-
und richtung und Mitbewegung. richtetes Arbeiten, ohne Bewegungsbehinderung.
Körpermechanik Patient: korrekte Ausgangsstellung Erlaubt dem Therapeuten, sein Körpergewicht optimal
einzusetzen ohne zu ermüden.
Visueller Der Patient verfolgt und kontrolliert Stimulation von muskulärer Aktivität im Sinne von
Stimulus die Bewegung mit seinen Augen. Koordination, Kraft und Stabilität.
Information des Therapeuten über Intensität und
Schmerzverträglichkeit der angewendeten Stimuli.
Ermöglicht eine kooperative Kommunikation zwischen
Patient und Therapeut.
Traktion Vom Therapeuten ausgeführte Ver- Fazilitation von Bewegungen (vor allem von Zugbewe-
längerung einer Extremität oder des gungen in Richtung eigener Körper und Bewegungen
Rumpfes. gegen die Schwerkraft).
Zum gezielten Einsatz von Widerständen für bestimmte
Abschnitte der Bewegungsfolge.
Vorbereitung auf den Stretchreflex und Stretchsstimulus.
Linderung von Gelenkschmerzen.
Normales Verläuft bei den meisten koordi- Verbessert Koordination einer normalen Bewegung.
Timing nierten und ökonomischen Bewe-
gungen des erwachsenen Menschen
von distal nach proximal.
Betonte Zur Betonung einer speziell ausge- Lenkt Kraft von der kräftigeren auf die schwächere
Bewegungs- wählten Teilbewegung wird bewusst Muskulatur.
folge (»Timing von der normalen Reihenfolge der
for Emphasis«) Bewegung abgewichen, um einen
bestimmten Muskel oder eine ge-
wünschte Aktivität zu betonen.
PNF-Patterns Synergistische Kombinationen drei- Fazilitation und Steigerung der muskulären Antwort.
dimensional verlaufender Muskel-
kontraktionen.
Techniken
D. Beckers
3.1 Einführung – 36
Weiterführende Literatur – 56
Literatur – 57
Beispiel
Charakterisierung
Rollen. Ausgangsstellung: Seitlage
Definition Der Patient liegt auf einer Seite und wird passiv aus
Rhythmisches Bewegen des Rumpfes oder dieser Position in die Bauchlage und wieder in die Aus-
der Extremitäten innerhalb des gewünschten gangsstellung zurückgebracht: »Lassen Sie sich vor-
Bewegungsbereiches. wärts bewegen. Gut, und jetzt noch mal nach vorne.«
6
38 Kapitel 3 · Techniken
3.3.1 Kombination isotonischer Beschreibung Der Therapeut setzt der aktiven Be-
Bewegungen (»Combination wegung des Patienten innerhalb des zur Verfügung
of Isotonics«) stehenden Bewegungsbereiches einen Widerstand
entgegen (konzentrische Kontraktion).
Diese Technik wurde von Johnson und Saliba be- Am Ende der Bewegung fordert der Therapeut
schrieben. den Patienten auf, in der Endposition zu bleiben
(stabilisierende Kontraktion).
Anschließend weist der Therapeut den Patienten
Behandlungsziele an, sich langsam wieder in die Ausgangsstellung
4 Verbesserung der aktiven Bewegungskon- bringen zu lassen (exzentrische Kontraktion).
trolle Zwischen diesen verschiedenen Formen der
4 Verbesserung der Koordination Muskelaktivität gibt es keine Entspannung. Dabei
6 bleiben die Hände des Therapeuten an Ort und
Stelle.
3.3 · Agonistische Umkehr (»Reversal of Agonists«)
39 3
. Abb. 3.1 Kombination isotonischer Bewegungen: vorwärts bewegen mit exzentrischer Kontrolle der Rumpfextensoren
. Abb. 3.2 a, b Einsatz der Dynamischen Umkehr in der Armdiagonalen von der Flexion – Abduktion in die Extension –
Adduktion. a Ende der Bewegung Flexion – Abduktion. b Nachdem die Hände gewechselt haben, gibt man Widerstand
gegen die Bewegung in die Extension – Adduktion
Während sich der Patient in die neue bzw. ent- mer aktiv), so dass bereits während des Bewegungs-
gegengesetzte Bewegungsrichtung bewegt, wechselt wechsels der neuen Bewegungsrichtung Widerstand
der Therapeut seinen proximalen Handgriff. Er entgegengesetzt werden kann. Wenn Therapeut und
kann nun der neuen Bewegungsrichtung ebenfalls Patient für die Bewegung in die neue Richtung bereit
einen optimalen Widerstand entgegensetzen. sind, erfolgt das Kommando: »Drücken Sie den Fuß
Die Umkehrtechnik kann so oft wie notwendig herunter, und bringen Sie Ihr Bein nach unten«
eingesetzt werden. In der Regel wird mit der Bewe- (. Abb. 3.3 b).
gungsrichtung begonnen, die der Patient kraftvoller Während der Patient sein Bein schon in die neue Rich-
ausführen kann, und mit der Bewegungsrichtung tung bewegt, wechselt der Therapeut seine proximale
geendet, die vom Patienten schwächer ausgeführt Hand, so dass er der neuen Bewegung auch einen
wird. Jedoch sollte der Patient beim Wechsel der proximalen Widerstand geben kann (. Abb. 3.3 c).
Bewegungsrichtung niemals ohne Führung des
Therapeuten »in der Luft hängen«. Modifikationen Die Technik Dynamische Umkehr
muss nicht immer über den gesamten Bewegungs-
Beispiel weg eingesetzt werden. Sie kann in verschiedenen
Umkehr der Bewegungsrichtung von Flexion in die Bewegungsabschnitten angewandt werden, um die-
Extension an der unteren Extremität (. Abb. 3.3) se zu betonen. Beispielsweise kann man vor dem
Der Therapeut setzt dem gewünschten (stärkeren) Ende der Flexionsbewegung mit der Umkehr von
Beinpattern in die Flexion einen Widerstand entge- der Flexion in die Extension beginnen. Ebenso lässt
gen. »Fuß hoch und ziehen Sie Ihr Bein hoch« (. Abb. sich vor dem Ende der Extensionsbewegung bereits
3.3 a). Am Ende des Bewegungsweges wechselt der die Richtung wechseln.
Therapeut zuerst die distale Hand und gibt dann Die Geschwindigkeit der Bewegung kann für
einen verbalen Hinweis (Vorbereitungskommando), beide Richtungen unabhängig voneinander variiert
um die Aufmerksamkeit des Patienten zu erhöhen. werden.
Währenddessen wechselt die Hand, mit der auf der Zunächst sollte mit kleinen Bewegungen in jede
dorsalen Fußseite Widerstand gegeben wurde, zur Bewegungsrichtung begonnen und das Bewegungs-
plantaren Fußseite (dabei sind die Dorsalextensoren ausmaß erst dann vergrößert werden, wenn es die
durch die Irradiation des proximalen Griffes noch im- Möglichkeiten des Patienten zulassen.
42 Kapitel 3 · Techniken
Beispiel
Umkehr der Bewegungsrichtung von der Flexion in
die Extension der unteren Extremität mit Stabilisati-
3 on vor dem Richtungswechsel: Sobald der Patient
das Ende der Flexionsbewegung erreicht, kann ein
Kommando zur Förderung der Stabilität gegeben
werden (»Halten Sie Ihr Bein hier«). Nachdem die
Position des Beines stabilisiert worden ist, wechselt
die distale Hand. Dadurch wird die neue Richtung
vorgegeben (»Nach unten«).
Umkehr der Bewegungsrichtung von der Flexion in
die Extension der unteren Extremität mit Stabilisati-
on nach dem Richtungswechsel: Nachdem die distale
Hand zur plantaren Seite des Fußes gewechselt hat,
kann ein Kommando zur Förderung der Stabilität ge-
geben werden (»Halten Sie Ihr Bein hier, und lassen
Sie es mich nicht bewegen«). Ist das Bein stabilisiert,
wird ein Kommando gegeben, das zur Fortsetzung
der Bewegung auffordert (»Nach unten«).
Praxistipp
. Abb. 3.3 a–c Einsatz der Dynamischen Umkehr in der
Beindiagonalen von der Flexion – Adduktion mit Knieflexion 4 Es sollte lediglich ein Initialstretch ge-
in die Extension – Abduktion mit Knieextension. a Widerstand
geben werden. Ein Restretch darf niemals
gegen die Flexion – Adduktion. b Der distale Griff wurde ge-
ändert und die Bewegung in Richtung Extension – Abduktion
beim Bewegungswechsel eingesetzt
beginnt. c Widerstand gegen die Extension – Abduktion werden, da die Antagonisten hier noch
nicht unter Spannung stehen.
4 Bei Veränderung der Bewegungsrichtung
Der Patient kann aufgefordert werden, jede be- wird gegen die neue Bewegungsrichtung
liebige Position auf dem gesamten Bewegungsweg Widerstand gegeben.
oder an dessen Ende zu halten bzw. zu stabilisieren. 4 Möchte man einen bestimmten Bewe-
Dies kann beliebig vor oder nach einem Richtungs- gungsabschnitt betonen, wechselt man
wechsel erfolgen. in diesem ausgewählten Abschnitt die
Der Patient wird vor und nach jedem Bewe- Richtung.
gungswechsel angewiesen, bestimmte Positionen zu
3.4 · Antagonistische Umkehr (»Reversal of Antagonists«)
43 3
3.4.2 Stabilisierende Umkehr dern. Dabei darf es nur zu einer geringfügigen Be-
(»Stabilizing Reversals«) wegung kommen.
Wenn der Patient den neuen Widerstand voll-
ständig erwidert, wechselt der Therapeut erneut
Behandlungsziele
seine Hand, um nun der entgegengesetzten Bewe-
4 Verbesserung der Stabilität und der Balance
gungsrichtung Widerstand entgegenzusetzen.
4 Stärkung der Muskelkraft
4 Verbesserung des koordinativen Zusam-
Beispiel
menspiels zwischen Agonisten und Anta-
Rumpfstabilität. Ausgangsstellung: Sitz (. Abb. 3.4)
gonisten
Der Therapeut steht vor dem Patienten (. Abb. 3.4 a)
und setzt der Rumpfflexion des Patienten einen Wider-
Charakterisierung stand, kombiniert mit Traktion, entgegen: »Lassen Sie
sich nicht durch mich nach hinten drücken.« Während
Definition der Patient versucht, seine Rumpfflexoren anzuspannen,
Alternierende isotonische Kontraktionen, gibt der Therapeut kontinuierlich Widerstand und Trakti-
deren Bewegung durch einen angemessenen on mit einer Hand. Die andere Hand des Therapeuten
Widerstand des Therapeuten verhindert wird. wechselt währenddessen auf den Rücken des Patienten,
so dass der Rumpfextension ein Widerstand entgegen-
gesetzt wird. Hierbei kann zusätzlich approximiert wer-
Der Therapeut gibt ein dynamisches Kommando, den: »Lassen Sie sich nicht nach vorne ziehen.«
das den Patienten zur Aktivität einlädt (»Drücken Sobald der Patient den neuen Widerstand in Richtung
Sie gegen meine Hand« oder »Lassen Sie sich nicht Extension erwidert, wechselt der Therapeut auch die
wegdrücken«). Der Therapeut lässt hierbei lediglich zweite Hand (die bisher der Rumpfflexion Widerstand
eine sehr kleine Bewegung zu. gab) in die neue Position, um zusätzlich mit dieser Hand
der Rumpfextension Widerstand geben zu können. Die
Indikationen Richtung kann so oft wie nötig gewechselt werden, bis
4 Verminderte Stabilität der Patient in dieser Position die gewünschte Stabilität
4 Muskelschwäche erreicht hat: »Lassen Sie sich nicht wegdrücken. Und las-
4 Unvermögen des Patienten, eine isometrische sen Sie sich jetzt nicht wegziehen.«
Kontraktion der Muskulatur auszuführen
Modifikationen Als Einleitung kann der Therapeut
Beschreibung Der Therapeut gibt dem Patienten mit der Technik Dynamische Umkehr beginnen
einen Widerstand. Dabei beginnt er mit der stärks- und anschließend den Bewegungsbereich so weit
ten Bewegungsrichtung des Patienten. Das Verbale verkleinern, bis der Patient eine Position stabilisie-
Kommando für den Patienten lautet, sich dem Wi- ren kann.
derstand des Therapeuten zu widersetzen. Dabei Die Stabilisierung sollte mit der stärkeren
sollte kein sichtbarer Bewegungsausschlag stattfin- Muskulatur begonnen werden, um die schwächere
den. Unter andauernder Approximation oder Trak- Muskulatur entweder über reziproke Innervation
tion steigert der Therapeut langsam den Wider- oder über Irradiation zu fazilitieren.
stand zur Verbesserung der Stabilität. Hierbei sollte Es kann für alle Bewegungsrichtungen Wider-
er darauf achten, dass die gewünschte Stabilität stand gegeben werden, so dass alle Muskelgruppen
nicht durch einen zu starken Widerstand durchbro- arbeiten müssen (. Abb. 3.4 b).
chen wird; es darf, wenn überhaupt, nur zu einer
sehr geringfügigen Bewegung kommen. Beispiel
Wenn der Patient den Widerstand des Thera- Rumpf- und Nackenstabilität
peuten vollständig erwidert, wechselt der Thera- Sobald der obere Rumpf stabil ist, darf Widerstand
peut eine Hand und fordert den Patienten auf, nun am Becken gegeben werden, um den unteren Rumpf
den Widerstand in die andere Richtung zu erwi- 6
44 Kapitel 3 · Techniken
. Abb. 3.4 a, b Stabilisierende Umkehr für den Rumpf. a Stabilisation des oberen Rumpfes. b Eine Hand gibt weiterhin
Widerstand gegen den oberen Rumpf, die andere Hand wechselt, um Widerstand am Becken zu geben
. Abb. 3.5 a, b a Rhythmische Stabilisation der Schulter in der Diagonalen Flexion – Abduktion/Extension – Adduktion.
b Rhythmische Stabilisation des Standbeins durch wechselnde Widerstände am nicht betroffenen Bein und Beckenseite
. Tab. 3.1 Verdeutlichung der Unterschiede zwischen den Techniken Stabilisierende Umkehr und Rhythmische
Stabilisation
Ziel ist eine isometrische Kontraktion. Der Patient schafft Ziel ist eine isometrische Kokontraktion von Ago-
3 dies aber nicht. Eine kleine isotone Bewegung kann distal nisten und Antagonisten. Keine Bewegung ist zu-
zugelassen werden. gelassen.
Intention ist, dass sich der Patient dem Widerstand entge- Fordert viel Konzentration und ist einfacher in einer
gensetzt. geschlossenen Kette.
Kommando: »Drück gegen mich und bleib« Kommando: »Keine Bewegung, bleib«
Griffe sind patterntypisch und wechseln nacheinander Griffe kontrollieren beide Richtungen und wechseln
beim Richtungswechsel zum Antagonisten. Kein Span- nicht. Kein Spannungsverlust bei rhythmischen
nungsverlust. Wechseln von Widerstand und Rotation.
Muskelaktivität: von Agonist zum Antagonist zum Agonist Muskelaktivität: von Agonist zum Antagonist zum
Patient braucht eine klare Richtung. Beide Richtungen Agonist, aber in Kokontraktion.
gleichzeitig zu kontrollieren und zu stabilisieren ist nicht Patient ist in der Lage, beide Richtungen gleichzeitig
möglich. zu stabilisieren.
Praxistipp
Modifikationen In der Regel wird zur Fazilitation
der schwächeren Muskulatur mit dem Üben der
4 Statische Kommandos verwenden,
stärkeren Muskulatur begonnen (sukzessive Induk-
da keine Bewegung stattfinden soll.
tion). Im Anschluss an die stabilisierende Technik
4 Im schmerzfreien Bereich stabilisieren.
sollte eine Technik zur Steigerung der Muskelkraft
4 Der Stabilisation sollte eine verstärkende
auf die schwächere Muskulatur angewandt werden.
Technik folgen.
Zur Vergrößerung des Bewegungsausmaßes sollte
der Patient angewiesen werden, sich nach der stabi-
lisierenden Aktivität weiter in die eingeschränkte
Richtung zu bewegen. 3.5 Wiederholter Stretch
Am Ende der stabilisierenden Technik sollte der (»Repeated Stretch«/
Patient alle Muskeln entspannen. Um die Ent- »Repeated Contraction«)
spannung möglichst effektiv und schmerzlos zu ge-
stalten, wird mit den Muskeln gearbeitet, die nicht 3.5.1 Wiederholter Stretch am Anfang
direkt im Schmerzbereich liegen. der Bewegung
Beispiel
Rumpfstabilität und Kräftigung Behandlungsziele
Ist der Rumpf stabil, wird der stabilisierende Wider- 4 Fazilitation des Bewegungsanfanges
stand für die stärkere Richtung erhöht (für die Exten- 4 Verbesserung des aktiven Bewegungsaus-
sion: »Drücken Sie mich nach hinten«). Danach wird maßes
die Bewegung in die Richtung fortgesetzt, die ge- 4 Stärkung der Muskulatur
stärkt werden soll (für die Flexion: »Drücken Sie mich 4 Vorbeugung bzw. Verminderung von Er-
jetzt nach vorne, so stark Sie können«). müdungserscheinungen
In . Tab. 3.1 sind die Unterschiede zwischen der Sta- 4 Unterstützung der Bewegung in die ge-
bilisierenden Umkehr (»Stabilizing Reversal«) und der wünschte Richtung
Rhythmischen Stabilisation (»Rhythmic Stabilizati-
on«) zusammengefasst.
3.5 · Wiederholter Stretch (»Repeated Stretch«/»Repeated Contraction«)
47 3
Charakterisierung Beispiel
Stretch für das Beinpattern Flexion – Abduktion –
Definition Innenrotation
Ein Stretch, der in den am Anfang der Be- Der Therapeut bringt den Fuß des Patienten in Plan-
wegung bereits vorgedehnten Muskeln durch tarflexion und Inversion. Danach bringt er das Bein
eine kurze zusätzliche Dehnung derselben des Patienten in optimale Extension, Adduktion und
Muskulatur ausgelöst wird. Außenrotation.
Wenn alle Muskeln für das geplante Pattern Flexion –
Abduktion – Innenrotation vorgedehnt sind, gibt der
> Der Stretch darf nur auf die Muskulatur
Therapeut das vorbereitende Kommando: »Und . . .«.
und nicht auf die Gelenke gerichtet sein.
Im selben Moment stretcht der Therapeut kurz alle
Indikationen Muskeln.
4 Schwäche Direkt nach diesem kurzen Stretch folgt die An-
4 Schwierigkeiten beim Bewegungsbeginn, z. B. weisung: »Bein hoch und ziehen Sie nach außen.«
aufgrund von Muskelschwäche oder Rigidität Wenn der Patient alle zum Bewegungspattern ge-
4 Ermüdungserscheinungen hörenden Muskeln angespannt hat, setzt der Thera-
4 Verminderung des Bewegungsbewusstseins peut dem gesamten Bewegungspattern Widerstand
entgegen.
Kontraindikationen
4 Instabilität des Gelenkes Modifikationen Diese Technik kann vom Anfang
4 Schmerzen der Bewegung an, ohne Pause, wiederholt
4 Instabile Knochenstrukturen, z. B. aufgrund werden, wenn die Kontraktion schwächer wird
von Frakturen und Osteoporose oder endet.
4 Beschädigte Muskeln oder Sehnen Der Widerstand kann so aufgebaut werden,
dass nur ein Teil des Bewegungspatterns in
Beschreibung Es stehen zwei Möglichkeiten hin- einem Gelenk ausgeführt wird (»Timing for
sichtlich der Ausführung zur Verfügung: Emphasis«).
4 Stretchstimulus: Verlängern des Muskels
4 Stretchreflex: Verlängern des Muskels und Beispiel
kurze Überdehnung Der Therapeut lässt die Hüftbewegung bis zu einer
gewünschten Position zu, und setzt dann nur der
Der Therapeut bringt, während er das Vorbe- Dorsalflexion und der Eversion des Fußes einen
reitungskommando gibt, alle Muskeln, die zu dem Widerstand entgegen.
gewünschten Pattern gehören, in die Vordehnung.
Die Rotationskomponente wird hierbei besonders Praxistipp
betont. Der Therapeut führt einen schnellen »tap«
4 Der Stretchreflex sollte mit der gewünsch-
(kurze zusätzliche Dehnung) aus, um einen Stretch-
ten Eigenaktivität des Patienten kombi-
reflex in der schon vorgedehnten Muskulatur aus-
niert werden.
zulösen. Im selben Moment, in dem der Reflex
4 Bevor Widerstand gegeben wird, sollte
ausgelöst wird, gibt der Therapeut dem Patienten
immer die Muskelkontraktion abgewartet
die Anweisung, bewusst die gedehnte Muskulatur
werden.
anzuspannen, um so die Reflexantwort mit einer
bewussten Muskelkontraktion zu verbinden.
Der Bewegung, die direkt auf die Reflexaktivität
und Muskelkontraktion folgt, setzt der Therapeut
einen Widerstand entgegen.
48 Kapitel 3 · Techniken
. Abb. 3.6 Wiederholter Stretch während des Bewegungsweges: Stretchreflex zu Beginn der Bewegung und wiederholter
Stretch während der Bewegung
. Abb. 3.7 a, b Halten – Entspannen oder Anspannen – Entspannen. a Direkte Behandlung der verkürzten Schulterextenso-
ren und -adduktoren. b Indirekte Behandlung für verkürzte Schulterextensoren und -adduktoren
. Tab. 3.2 Unterschiede zwischen den Techniken Anspannen – Entspannen und Halten – Entspannen
zeit soll solange angehalten werden, bis eine opti- möglich nach oben.« In der Endposition wechselt der
male Entspannung entsteht. Therapeut seine Handgriffe und setzt der entgegen-
Anschließend wird das Gelenk bzw. das Körper- gesetzten Bewegung in Richtung Extension – Adduk-
teil wiederum in die Endstellung der Bewegungs- tion – Innenrotation Widerstand entgegen, was zu
richtung bis hin zur neuen maximal möglichen Be- einer isotonischen Kontraktion der verspannten/ver-
wegungsgrenze bewegt. Dies kann aktiv durch den kürzten Muskulatur des Patienten führt. Er gibt die
Patienten selbst geschehen, aber auch aktiv gegen Anweisung: »Greifen Sie meine Hand, und versuchen
einen leichten Widerstand des Therapeuten oder Sie, den Arm nach unten zur gegenüberliegenden
passiv durch den Therapeuten erfolgen. Die aktive Hüfte zu ziehen.«
Bewegung ist jedoch vorzuziehen (. Tab. 3.2). Der Therapeut lässt einen kleinen Teil der Bewegung
Die Technik Anspannen – Entspannen kann so der drei Bewegungskomponenten zu, so dass er und
oft wiederholt werden, bis keine weitere Verbesse- der Patient fühlen, dass alle Muskeln und vor allem die
rung des Bewegungsausmaßes mehr erreicht wer- Rotatoren anspannen. »Ziehen Sie weiter nach unten.«
den kann. Abschließend werden am Ende dieser Nachdem der Therapeut der Bewegung für ausrei-
Übungsfolge aktive Widerstandsübungen sowohl chend lange Zeit Widerstand entgegengesetzt hat,
für die agonistische als auch für die antagonistische fordert er den Patienten auf, die Muskulatur locker
Muskulatur in dem neu erworbenen Bewegungs- zu lassen und zu entspannen. »Entspannen Sie sich,
bereich durchgeführt, um das neu erworbene Be- lassen Sie alles locker.« Er selbst entspannt ebenfalls.
wegungsausmaß auch funktionell zu nutzen (För- Anschließend setzt der Therapeut zur aktiven Er-
derung der reziproken Innervation). weiterung des Bewegungsausmaßes der Bewe-
gungsrichtung Flexion – Abduktion – Außenrotation
Beispiel einen Widerstand entgegen: »Öffnen Sie Ihre Hand,
Vergrößerung des Bewegungsausmaßes der Schul- und bewegen Sie den Arm weiter nach oben.« Wenn
ter in die Bewegungsrichtung Flexion – Abduktion der Bewegungsbereich nicht mehr weiter vergrößert
– Außenrotation werden kann, sollten entweder in dem neu erworbe-
Der Patient bewegt seinen Arm bis zur Bewegungs- nen Bewegungsbereich oder über den gesamten
grenze in die Richtung Flexion – Abduktion – Außen- Bewegungsweg die agonistischen und antagonisti-
rotation. Das Verbale Kommando lautet: »Öffnen Sie schen Bewegungspatterns geübt werden. Das Kom-
Ihre Hand, und bringen Sie Ihren Arm so weit wie mando lautet: »Greifen Sie mit Ihrer Hand zu, und zie-
6 6
52 Kapitel 3 · Techniken
hen Sie Ihren Arm nach unten. Öffnen Sie nun wieder Beschreibung
Ihre Hand, und ziehen Sie Ihren Arm nach oben.«
Definition
Modifikationen Der Patient kann aufgefordert Diese Technik nutzt die Kontraktion der ago-
werden, direkt im Anschluss an die Kontraktion der nistischen Muskulatur anstatt die der verkürz-
verspannten/verkürzten Muskulatur ohne Entspan- ten/verspannten Muskulatur (antagonistische
3 nungsphase in die entgegengesetzte Richtung zu Muskulatur).
bewegen. Zudem können alternierende Kontraktio-
nen (»reversals«) der agonistischen und der antago-
nistischen Muskulatur durchgeführt werden. »Drücken Sie gegen mich, lassen Sie sich nicht von
Am Ende des neu erworbenen Bewegungsaus- mir nach unten bewegen« (. Abb. 3.7 b).
maßes kann der Therapeut den Patienten auf-
fordern, seinen Arm zu halten, wobei der Thera- Praxistipp
peut die eingeschränkten Bewegungskomponenten
4 Diese Technik dient allein zur Erweiterung
Flexion – Abduktion – Außenrotation betont.
des passiven Bewegungsausmaßes.
»Halten Sie Ihren Arm an dieser Stelle, lassen Sie
4 Die aktive Bewegung seitens des Patienten
ihn nicht nach oben drücken, lassen Sie ihn nun
hat immer Vorrang.
nicht nach unten drücken.« Dann fordert er den
4 Ist die Kontraktion der funktionell ein-
Patienten auf, die Spannung ein wenig nachzulas-
geschränkten Muskeln (Antagonisten) zu
sen (exzentrische Bewegung). Danach lässt der
schmerzhaft oder zu gering, sollte der
Therapeut den Arm wieder in die eingeschränkte
Agonist benutzt werden.
Bewegungsrichtung bewegen (konzentrische Be-
wegung, »Combination of Isotonics«). Ohne Pause
oder Entspannung kann der Therapeut innerhalb
eines kleinen Bewegungsausmaßes mit der Technik 3.7 Halten – Entspannen
Dynamische Umkehr das neu erworbene Bewe- (»Hold Relax«)
gungsausmaß aktiv benutzen. Dies sollte vorzugs-
weise in einer funktionellen Ausgangsstellung Die Autoren ziehen es vor, die verspannte oder
stattfinden (Sitz, Stand). verkürzte Muskulatur als »Antagonisten« und die
entgegengesetzte Muskulatur als »Agonisten« zu
bezeichnen.
3.6.2 Anspannen – Entspannen:
Indirekte Behandlung
3.7.1 Halten – Entspannen:
Direkte Behandlung
Behandlungsziele
4 Verbesserung des passiven Bewegungs-
ausmaßes Behandlungsziele
4 Reduktion von Schmerzen 4 Vergrößerung des aktiven und passiven
Bewegungsausmaßes
4 Schmerzminderung
Indikation Diese Methode wird immer dann ange-
wendet, wenn die Kontraktion der funktionell ver-
spannten oder eingeschränkten Muskulatur für den
Patienten zu schmerzhaft bzw. zu gering ist, um eine
effektive Kontraktion zu produzieren.
3.7 · Halten – Entspannen (»Hold Relax«)
53 3
Charakterisierung Der Patient muss diese Position so lange wie
möglich halten, aber mindestens 5–8 Sekunden
Definition lang. Danach fordert der Therapeut den Patienten
Isometrische Kontraktion der antagonistischen dazu auf, die Muskulatur zu entspannen. Sowohl
Muskulatur (verspannte/verkürzte Muskulatur) der Therapeut als auch der Patient entspannen lang-
gegen Widerstand mit anschließender Ent- sam. Meistens braucht der Patient schmerzbedingt
spannung (. Abb. 3.7 a). mehr Zeit zum Entspannen als beim Anspannen-
Entspannen. Das neu erworbene Bewegungsaus-
maß wird vom Patienten eingenommen, entweder
Indikationen aktiv oder passiv. Wenn die Bewegung schmerzfrei
4 Eingeschränkte aktive und passive Beweglich- ist, wird die aktive Bewegung bevorzugt. Man kann
keit auch einen leichten Widerstand in die einge-
4 Schmerzen schränkte Bewegungsrichtung geben, wenn dies für
4 Isotonische Kontraktionen des Patienten, den Patienten nicht schmerzhaft ist.
deren Stärke eine direkte Kontrolle durch den
Therapeuten nicht zulassen Schmerzminderung
Sowohl bei der direkten als auch bei der indirekten
Kontraindikationen Behandlung befindet sich der Patient in einer
4 Unvermögen des Patienten, isometrische für ihn angenehmen bzw. bequemen Ausgangs-
Kontraktionen auszuführen haltung. Bei dieser Behandlung setzt der Thera-
4 Sehr große Schmerzen peut den Muskeln, die mit dem Schmerzgebiet in
direkter Verbindung stehen (Synergisten), einen
Beschreibung Die Technik »Hold – Relax« (Halten Widerstand entgegen, so dass es in dieser Musku-
– Entspannen) kann sowohl zur Vergrößerung des latur indirekt zu einer isometrischen Kontraktion
Bewegungsausmaßes als auch zur Schmerzminde- kommt.
rung eingesetzt werden. Sie sollte so oft wie nötig
wiederholt werden. Praxistipp
des entgegengesetzten Patterns Widerstand gege- arm entweder mehr in Pronation oder mehr in
ben (. Abb. 3.7 b). Supination gebracht werden.
Indikation Wenn die Kontraktion der verspannten/ Modifikationen Die oben genannte Technik kann
verkürzten Muskulatur, der ein Widerstand entge- ebenso für die agonistische Muskulatur angewandt
gengesetzt wird, zu schmerzhaft ist. werden. In diesem Fall wird den Radialextensoren
3 der Hand und den Supinatoren des Unterarmes ein
Beschreibung Der Patient sollte entspannt sein und statischer Widerstand entgegengesetzt, so dass es zu
sich in einer ihm angenehmen Ausgangsstellung einer isometrischen Kontraktion dieser Muskulatur
befinden. Der Therapeut gibt für eine isometrische kommt.
Kontraktion der Synergisten im schmerzfreien Be- Zudem können alternierende Kontraktionen
reich einen statischen Widerstand. Dieser wird und die Technik Rhythmische Stabilisation durch-
langsam aufgebaut und bleibt unterhalb der geführt werden.
Schmerzgrenze. Während der Entspannung nimmt Wenn der Patient keine isometrischen Kontrak-
der Widerstand langsam ab. tionen ausführen kann, können vorsichtig kontrol-
lierte stabilisierende Kontraktionen eingesetzt
Beispiel werden. Hierbei darf sowohl der Widerstand des
Indirekte Behandlung zur Schmerzminderung der Therapeuten als auch die Anspannung des Patien-
rechten Schulter und zur Entspannung der Innen- ten keine Schmerzen hervorrufen.
rotatoren der Schulter
Praxistipp
In diesem Beispiel werden vorwiegend die Innenro-
tatoren der Schulter aktiviert (Antagonisten). Der Pa-
4 Dem Antagonisten der verkürzten oder
tient liegt in einer für ihn bequemen Ausgangsstel-
schmerzhaften Muskulatur wird ein Wider-
lung. Der rechte Arm liegt unterstützt; der Ellbogen
stand entgegengesetzt.
ist flektiert. Der Therapeut hält die rechte Hand des
4 Sowohl Therapeut als auch Patient achten
Patienten fest und fordert ihn auf, gegen seinen Wi-
auf ihre Atmung.
derstand zu halten. Hierbei kommt es zu einer isome-
4 Die Muskelaktivität darf keine Schmerzen
trischen Anspannung der Ulnarflexoren der Hand
verursachen.
und der Pronatoren des Unterarmes: »Bleiben Sie mit
Ihrer Hand in dieser Position. Achten Sie auf meinen
Widerstand.«
Der Widerstand wird langsam, jedoch unterhalb der 3.8 Replikation (»Replication«)
Schmerzgrenze bleibend, gesteigert und gehalten: »Blei-
ben Sie hier, und achten Sie auf meinen Widerstand.«
Während der Therapeut den Widerstand setzt, achtet Behandlungsziele
er auf die Muskelaktivität, die durch die isometrische 4 Den Patienten das Ziel bzw. die End-
Kontraktion der Unterarmmuskulatur in der rechten stellung einer Bewegung lehren und ihm
Schulter entsteht. Anschließend fordert der Thera- dabei seine eigenen Grenzen verdeut-
peut den Patienten auf, mit ihm gleichzeitig langsam lichen.
und vollständig zu entspannen: »Lassen Sie nun 4 Der Therapeut muss einschätzen können,
langsam locker, entspannen Sie die Muskulatur.« welche Möglichkeiten und Fähigkeiten ein
Beide, sowohl der Therapeut als auch der Patient, Patient mit verkürzter Muskulatur besitzt,
atmen aus. eine Kontraktion der Agonisten aufrecht-
zuerhalten.
Die Technik sollte, um eine gute und vollständige
Entspannung zu erzielen, mehrmals wiederholt
werden. Zur Betonung einzelner bzw. unterschied-
lich arbeitender Schultermuskeln kann der Unter-
3.9 · Anwendungsbereiche der verschiedenen Techniken
55 3
. Abb. 3.8 Replikation: Der Patient lernt schrittweise, die Bewegung über den vollen Bewegungsweg auszuführen. Blau:
Passives Bewegen des Therapeuten in die entgegengesetzte Richtung. Rot: Aktive Umkehr des Patienten bis ans Bewe-
gungsende
Befundaufnahme
und Behandlung
M. Buck
4.1 Einführung – 60
4.3 Hypothesen – 61
4.5 Behandlungsziele – 62
4.5.1 Allgemeine Behandlungsziele – 62
4.5.2 Spezielle Behandlungsziele – 63
4.8 Behandlungsbeispiele – 66
Weiterführende Literatur – 68
Literatur – 69
Exkurs
Beispiele sind
4 Schmerzfreiheit, 4.3 Hypothesen
4 Tonus,
4 Sensibilität, Um die Schädigung auf der Ebene der Körperstruk-
4 Mobilität/Elastizität usw. tur und Körperfunktion und auch die Einschrän-
kungen auf der Aktivitätsebene zu erfassen, wird
Einschränkungen und Schädigungen schlussfolgernd eine Hypothese aufgestellt, die fol-
4 Allgemeiner Funktionsverlust gende Fragen beantwortet:
5 statisch: Einschränkung der Möglichkeit, 4 Welche Schädigung?
eingenommene Positionen zu halten bzw. 4 Welche möglichen Ursachen liegen den Aktivi-
zu stabilisieren, tätseinschränkungen zugrunde, d. h., welche
5 dynamisch: Einschränkung der Möglich- strukturellen Veränderungen könnten für die
keit, eine Bewegung auszuführen oder zu Veränderungen auf Aktivitätsebene verant-
kontrollieren. wortlich sein?
4 Spezielle Probleme und Einschränkungen, die 5 Bei mehreren Therapeuten kann es unter-
für den Verlust der Funktionalität/Funktions- schiedliche Hypothesen über Ursachen und
fähigkeit verantwortlich sind Behandlungsmöglichkeiten geben. Jeder
5 Schmerzen, Therapeut sollte offen sein für andere Ideen.
62 Kapitel 4 · Befundaufnahme und Behandlung
5 Welche klinischen Messungen (Klinimetrie) > Die Messungen sollten schnell und ohne
sind nützlich, um die Schädigungen auf der viel Aufwand durchzuführen und leicht
strukturellen wie auch auf der Aktivitäts- reproduzierbar sein.
ebene objektivierbar zu machen?
5 Wie verläuft das Clinical Reasoning? Wurde Messungen und Tests sind notwendig, um die Ein-
die richtige Wahl getroffen? Welche Maß- schränkungen auf den verschiedenen Ebenen ob-
nahmen sind angezeigt, um die Dysfunk- jektiv beurteilen zu können und Veränderungen
tion des Patienten zu behandeln? messbar zu machen (7 Kap. 1). Die Messungen soll-
4 4 Welche Behandlungsziele hat der Patient? ten ohne großen Zeitaufwand ausgeführt werden
4 Welche Behandlungsziele hat der Therapeut? können, ferner sollten sie einfach und reproduzier-
bar sein.
Patienten kombiniert und modifiziert der Thera- 4 Auswahl der geeigneten Patterns und deren
peut gegebenenfalls die verschiedenen Techniken Kombinationen
und Behandlungsprinzipien, so dass daraus eine 4 funktionelle und zielorientierte Aufgaben
sinnvolle Behandlung resultiert.
Eine therapeutische Behandlung sollte folgenden
> Die Behandlung sollte intensiv sein und
methodischen Vorgaben entsprechen:
die Reserven des Patienten mobilisieren,
4 Zielorientiert sein: Alle Interventionen am
jedoch ohne seine Grenzen zu überschrei-
Patienten sollten Bezug nehmen auf das Be-
ten, d. h. ohne Schmerzen oder Ermüdung
4 zu verursachen.
handlungsziel; zudem sollten sie deutlich,
messbar und innerhalb einer realistischen Zeit
erreichbar sein.
4.6.1 Spezifische Behandlungsziele 4 Systematisch sein: Eine sich an den Problemen
des Patienten orientierende Behandlung sollte
Der Therapeut listet die Bedürfnisse des Patienten in einer logischen Folge aufgebaut sein.
auf, z. B.: 4 Prozessorientiert sein: Alle Aspekte der Be-
4 Schmerzminderung, handlung sollten miteinander korrelieren und
4 Verbesserung der Bewegungsmöglichkeiten, sich gegenseitig beeinflussen.
4 Stärkung der Muskulatur, Verbesserung der 4 Bewusst sein: Jede Anwendung ist einem be-
Bewegungskontrolle, stimmten Behandlungsziel untergeordnet und
4 Verbesserung der Balance zwischen Bewegung muss im Bedarfsfall angepasst werden.
und Stabilität,
4 Steigerung der Ausdauerfähigkeit.
4.6.3 Direkte und indirekte
Behandlung
4.6.2 Erstellen des Behandlungsplanes
Bei den Behandlungen wird zwischen der direkten
Beim Erstellen eines individuellen Behandlungs- und der indirekten Behandlung unterschieden. Die
planes sollten folgende Aspekte beachtet werden: Entscheidung des Therapeuten für den Einsatz der
4 Entscheidung für eine direkte oder indirekte direkten oder der indirekten Behandlung hängt vor
Behandlung allem von den individuellen Problemen des Patien-
4 Auswahl der geeigneten Aktivitäten ten ab.
5 Mobilität und/oder Stabilität
5 Art der Muskelkontraktionen Direkte Behandlung
4 Entscheidung bezüglich der besten Ausgangs-
stellung für den Patienten, wobei Folgendes zu Definition
beachten ist Bei der direkten Behandlung wird die gewähl-
5 Sicherheit und Bequemlichkeit des Patienten te Behandlung direkt am betroffenen Körper-
5 Einwirkung der Schwerkraft teil bzw. an der betroffenen Stelle eingesetzt,
5 Wirkung der zweigelenkigen Muskulatur beispielsweise an der Muskulatur und/oder am
5 Fortentwicklung der Behandlung (Intensi- Gelenk bzw. innerhalb des problematischen
tät, Aufbau usw.) Bewegungsverlaufes.
5 gezielter Einsatz von Reflexen
5 Einsatz der Sichtkontrolle
5 Muskelaktivitäten in geschlossenen oder of- Beispiele
fenen Bewegungsketten Einschränkung der Schulterbeweglichkeit in Rich-
4 Positionen, die Spastizität verringern tung Flexion – Abduktion – Außenrotation auf-
4 Auswahl der geeigneten Techniken und Prinzi- grund eines verkürzten M. pectoralis major: Der
pien 6
4.6 · Planung und Ausführung der Behandlung
65 4
Therapeut kann eine Verbesserung der Schulterbe- Die Rumpfmuskulatur kann z. B. indirekt über
weglichkeit erreichen, indem er die betroffene Schul- den Einsatz der Armpatterns geübt werden, da die
ter direkt mit der Technik Anspannen – Entspannen Bauchmuskulatur synergistisch beim Runterziehen
in der für den Patienten möglichen Ausgangsstellung eines Armes anspannt. Diese synergistischen Akti-
Flexion – Abduktion – Außenrotation behandelt. Der vitäten finden sowohl bei gesunden Menschen als
Patient sollte vorher deutliche Anweisungen erhal- auch bei Menschen statt, bei denen das zentrale
ten, ob bzw. wann er das betroffene Körperteil, in Nervensystem betroffen ist.
diesem Fall die Schulter, bewegen oder stabilisieren Die Verbesserung der passiven Bewegungsmög-
soll. lichkeit, z. B. die der Schulter, kann durch den Ein-
Ein Patient hat Schwierigkeiten, im Stand das be- satz der Technik Anspannen – Entspannen (Markos
troffene Bein vollständig zu belasten bzw. sein 1979) entweder direkt durch die Dehnung des M.
Körpergewicht auf dieses Bein zu verlagern: Der pectoralis major in der für den Patienten erreichba-
Therapeut kann diese für den Patienten schwierige ren Ausgangsstellung Flexion – Abduktion – Au-
Aufgabe direkt durch Approximation am Becken fazi- ßenrotation oder indirekt über die isometrische
litieren. Während der Patient auf dem betroffenen Kontraktion der Pronatoren des Unterarms erreicht
Bein steht, gibt der Therapeut Approximation auf das werden.
Becken, um die Gewichtsübernahme auf das Bein zu
fazilitieren. Beispiel
Verbesserung des Bewegungsausmaßes des Schul-
Indirekte Behandlung tergelenkes in Richtung Flexion – Abduktion –
Viele Studien belegen die Effektivität der indirekten Außenrotation:
Behandlung, die an starken und schmerzfreien Der betroffene Arm wird zunächst in einer für ihn
Körperabschnitten beginnt. Hellebrandt et al. (1947) entspannten Position gelagert. Anschließend setzt
beschreiben die Entwicklung von Muskelspannun- der Therapeut den ulnar gelegenen Handgelenkfle-
gen in Körperteilen, die nicht direkt an der Übung xoren und den Pronatoren des betroffenen Armes
beteiligt sind, während und nach ausgedehntem Widerstand entgegen, so dass es in der genannten
Üben einer Extremität. In weiteren Experimenten Muskulatur zu einer isometrischen Kontraktion
wurden elektromyographische Aktivitäten (EMG) kommt. Nach einer isometrischen Kontraktion ver-
bei isotonischen und isometrischen Widerstands- mindert der Therapeut den Widerstand langsam,
übungen in der agonistischen und antagonistischen aber vollständig, so dass es sowohl beim Patienten
Muskulatur der jeweils kontralateralen oberen und als auch beim Therapeuten zu einer vollständigen
unteren Extremität festgestellt (Moore 1975; Devine Entspannung kommt.
et al. 1981; Pink 1981; Sullivan et al. 1985).
In diesem Beispiel führt der Einsatz der Technik
Definition Halten – Entspannen durch die Irradiation zu einer
Bei der indirekten Behandlung wird die ge- Kontraktion mit nachfolgender Entspannung des
wählte Behandlungstechnik an weniger bzw. ipsilateralen M. pectoralis major, ohne dass dabei
nicht betroffenen Körperteilen eingesetzt. Die der betroffene Arm des Patienten bewegt wird.
indirekte Behandlung macht sich das Prinzip Nachfolgendes Beispiel verdeutlicht nochmals
der synergistischen Muskelkontraktionen zu die indirekte Behandlung über den Einsatz weniger
Nutze (Angel u. Eppler 1967). bzw. nichtbetroffener Körperteile, deren Effekte die
betroffenen Regionen erreichen.
Der Therapeut wählt für den Patienten einen Halb- 4.8 Behandlungsbeispiele
kantensitz auf der Bank, wobei das betroffene Bein
auf dem Boden steht (. Abb. 12.18d). Anschließend Die nachfolgenden Beispiele beinhalten Grund-
stellt sich der Therapeut an die betroffene Seite und prinzipien, Techniken und Kombinationen für die
setzt dem Rumpfpattern »Lifting« (für die Rumpfex- Behandlung spezieller Probleme von Patienten; sie
tension) Widerstand entgegen. Hierdurch kommt es geben allerdings nur einen Ausschnitt einer Viel-
neben einer Anspannung der Extensoren der unteren zahl an Behandlungsmöglichkeiten wieder und sind
Extremität auch zu einer Gewichtsverlagerung auf daher nur als Orientierungshilfen zu sehen.
4 das Tuber ischiadicum und den Fuß der betroffenen
Seite. Schmerzen
Arbeitsweise:
Ein weiterer Vorteil der indirekten Behandlung ist 4 indirekte Behandlung,
die Möglichkeit, den Patienten weitgehend schmerz- 4 geringer Widerstand, so dass weder Schmerzen
los behandeln zu können. Steht der Schmerz zu- noch Spannungen verursacht werden,
nächst als Symptom im Vordergrund, findet die Be- 4 isometrische Muskelarbeit,
handlung generell im schmerzfreien Bereich statt. 4 bilaterales Arbeiten,
Durch den gezielten Einsatz einer sorgfältig ge- 4 Traktion,
wählten und ebenso behutsam eingesetzten Tech- 4 geeignete Ausgangsposition für den Patienten.
nik kann der Therapeut das betroffene Körperteil
Techniken:
durch Irradiation kontrolliert erreichen, ohne da-
4 rhythmische Stabilisation,
bei Schmerzen auszulösen oder die Schmerzinten-
4 Halten – Entspannen,
sität zu erhöhen. Auch beim Behandlungsziel
4 stabilisierende Umkehr.
»Kräftigung« kann die indirekte Behandlung An-
wendung finden. Kombinationen:
Die maximale Kräftigung der Muskulatur kann 4 Halten – Entspannen mit anschließender
der Therapeut erzielen, wenn er die Patterns, in de- Kombination isotonischer Bewegungen,
nen der Patient weniger Kraft hat, mit denen, in de- 4 rhythmische Stabilisation mit anschließender
nen der Patient stärker ist, kombiniert. Der Patient Dynamischer Umkehr (zuerst wird dabei in die
kann in der Behandlung mehr leisten und auch eher Richtung der schmerzhaften Bewegung bewegt).
den maximal möglichen Effekt erreichen, wenn der
Therapeut den Patterns, in denen der Patient mehr Verringerung der Kraft und der aktiven
Kraft aufweist, den Widerstand entgegensetzt. Bewegungsmöglichkeiten
Arbeitsweise:
4 angepasster Widerstand,
4.7 Re-Test für Veränderungen 4 betonte Bewegungsfolge (»Timing for
der Schädigungen und Ein- Emphasis«),
schränkungen der Aktivitäten 4 Stretch,
4 Traktion und Approximation,
Abschließend werden die Veränderungen der Schä- 4 geeignete Ausgangsstellung für den Patienten.
digung und Einschränkungen der Aktivitäten an-
hand von Re-Tests überprüft. Dieselben Tests, die Techniken:
zu Behandlungsbeginn bei der Befundaufnahme 4 wiederholter Stretch zu Beginn der Bewe-
gemacht wurden, werden erneut durchgeführt und gungsbahn,
miteinander verglichen. 4 wiederholter Stretch während der Bewegung,
4 Kombination isotonischer Bewegungen,
4 Dynamische Umkehr: stärkere Antagonisten
fazilitieren, Ermüdungserscheinungen verhin-
dern und bereits vorhandene vermindern.
4.8 · Behandlungsbeispiele
67 4
Kombinationen: 4 Stabilisierende Umkehr,
4 Dynamische Umkehr, kombiniert mit Wieder- 4 »Replication«.
holtem Stretch während der Bewegung im
schwächeren Pattern, Kombinationen:
4 Rhythmische Stabilisation an einem starken 4 Rhythmische Bewegungseinleitung zu Beginn
Punkt während der Bewegung mit anschlie- mit anschließendem Wechsel zur schwierige-
ßendem Wiederholten Stretch im schwachen ren Technik Kombination isotonischer Bewe-
Pattern. gungen,
4 Rhythmische Bewegungseinleitung in beide
Verminderte passive Beweglichkeit Bewegungsrichtungen mit anschließendem
Arbeitsweise: Wechsel zur komplexeren Technik Dynami-
4 Betonte Bewegungsfolge (»Timing for sche Umkehr,
Emphasis«), 4 Kombination isotonischer Bewegungen, kom-
4 Traktion, biniert mit Stabilisierender oder Dynamischer
4 angepasster Widerstand. Umkehr.
Literatur
5.1 Einführung – 72
Weiterführende Literatur – 77
Literatur – 77
Eine normale funktionelle Bewegung entwickelt Das Arbeiten mit den synergistischen Verbindun-
sich stets aus der Kombination der Bewegungspat- gen der PNF-Patterns ermöglicht dem Therapeu-
terns der Extremitäten und der synergistischen ten, die Probleme des Patienten indirekt zu be-
Rumpfmuskulatur (. Abb. 5.1) (Kabat 1960). Der handeln. Die Effektivität des Stretchreflexes wird
für die motorische Planung verantwortliche Ab- ebenfalls deutlich gesteigert, wenn anstelle eines
schnitt des Gehirns erzeugt und organisiert diese einzelnen Muskels die gesamte zum Pattern gehö-
Bewegungspatterns. Daher kann der Mensch wäh- rende Muskulatur gestretcht wird.
rend einer Bewegung nicht einen zum Bewegungs- Die PNF-Patterns kombinieren die Bewegun-
5 pattern gehörenden Muskel isoliert entspannen. gen der drei Ebenen:
Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Mensch seine 4 Sagittale Ebene: Flexion und Extension,
Muskeln überhaupt nicht einzeln anspannen kann, 4 Frontale Ebene: Adduktion und Abduktion
sondern verdeutlicht nur, dass die selektiven Be- der Extremitäten und Lateralflexion des
wegungen des Menschen aus groben bzw. ein- Rumpfes,
fachen Bewegungspatterns entstanden sind (Beevor 4 Transversale Ebene: Rotationen.
1978; Kabat 1950). Diese synergistischen Kombi-
nationen der (normalerweise) dreidimensional Jede Bewegung hat einen dreidimensionalen Ver-
verlaufenden Muskelkontraktionen formen die lauf (Knott u. Voss 1968). Die spiralförmige Kom-
PNF-Patterns. ponente der dreidimensionalen Bewegung entsteht
Manche Therapeuten glauben, dass das Arbei- durch die Rotation, während sich die diagonale
ten mit dem PNF-Konzept nur möglich ist, wenn Komponente aus den Richtungen Flexion – Exten-
man die PNF-Patterns kennt und sie dement- sion und Adduktion – Abduktion zusammensetzt.
sprechend einsetzt. Die Autoren hingegen sind der Die Effektivität eines Bewegungspatterns wird
Meinung, dass der Therapeut nur die Philosophie durch den Einsatz von Stretch und Widerstand deut-
und die geeigneten Prinzipien bzw. Verfahren zur lich verbessert, da hierdurch die Muskelaktivität ge-
Behandlung benötigt. Die PNF-Patterns sind nicht steigert wird. Die Effektivität des Stretchreflexes
unbedingt notwendig, aber sie bilden ein überaus wird wiederum deutlich gesteigert, wenn die gesamte
wertvolles »Werkzeug«. zum Pattern gehörende Muskulatur gestretcht wird.
Der Therapeut fordert den Patienten zur Anspan- 2. Die Bewegung des Ellbogens oder des Knies
nung der Muskulatur auf, wodurch sich die Extre- kann verändert werden, um verschiedene
mität in die Endstellung bewegt: Wirkungen auf zweigelenkige Muskeln zu be-
4 bis die agonistischen Muskeln ihre optimale kommen.
Verkürzung erreicht haben,
4 bis alle Antagonisten maximal verlängert sind, Beispiel
4 ohne Schmerzen für den Patienten oder über- Das Beinpattern Flexion – Adduktion – Außenrota-
triebene Gelenkbelastungen, tion wird zunächst mit Knieflexion durchgeführt.
4 mit begrenzter Rumpfrotation. Hierbei kommt es zu einer aktiven Verkürzung der
Kniebeuger. Danach wird dasselbe Pattern mit aktiv
Das Normale Timing (»normal timing«) eines Be-
gestrecktem Knie ausgeführt, wodurch es zu einer
wegungspatterns verläuft folgendermaßen:
»aktiven« Dehnung der ischiokruralen Muskulatur
4 Die Bewegung beginnt distal, entweder mit der
(reziproke Inhibition) kommt.
Hand und dem Handgelenk oder mit dem Fuß
und dem Knöchel. Die distale Bewegungskom- 3. Die Ausgangsstellung des Patienten kann vari-
ponente wird vollständig ausgeführt und bleibt iert werden, um je nach Zielsetzung unter-
bis zum Ende der Bewegung in dieser Position. schiedliche Einwirkungen der Schwerkraft aus-
4 Dann bewegen sich die anderen Komponenten zunutzen.
gemeinsam, so dass sie gleichzeitig ihr Bewe-
gungsausmaß erreichen. Beispiel
4 Der Rotationswiderstand sollte während des Zur Stärkung der Abduktoren kann das Beinpattern
gesamten Bewegungsverlaufes gegeben wer- Extension – Abduktion – Innenrotation in der Rü-
den, da die Rotationskomponente ein wesent- ckenlage durchgeführt werden. Wird dasselbe Bewe-
licher Bestandteil der Bewegung ist. 6
5.3 · Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen
75 5
gungspattern in der Seitlage ausgeführt, kann die 5 Symmetrisch-reziprok: Zwei Arme oder
zusätzliche Wirkung der Schwerkraft in dieser Aus- Beine in demselben Pattern, aber in entge-
gangsstellung für die Stärkung der Abduktoren gengesetzten Bewegungsrichtungen, z. B.
positiv genutzt werden. rechts: Flexion – Abduktion und links: Ex-
tension – Adduktion (. Abb. 5.3 c).
4. Die Ausgangsstellung des Patienten wird je 5 Asymmetrisch-reziprok: Zwei Arme oder
nach Funktionalität ausgewählt. Beine in einem entgegengesetzten Pattern
sowie einer entgegengesetzten Bewegungs-
Beispiel richtung, rechts: Flexion – Adduktion und
Zur Verbesserung der funktionellen Aktivität »Essen« links: Extension – Adduktion (. Abb. 5.3 d).
kann das Armpattern Flexion – Adduktion – Außen-
rotation anstatt in der Rückenlage z. B. in sitzender
Ausgangsposition geübt werden. 5.3 Überprüfen Sie Ihr Wissen:
Fragen
5. Die Ausgangsposition kann zur Verbesserung
der visuellen Kontrolle geändert werden. 4 Was ist der große Vorteil der PNF-Bewegungs-
muster (PNF-Patterns)?
Beispiel 4 Was ist beim Gang- oder Mattentraining wich-
Die Beinpatterns können zur Verbesserung der visu- tiger: die Bewegungsmuster oder die funktio-
ellen Kontrolle, z. B. des Fußes und des Knöchels, an- nelle Aktivität? Und welche Vorteile haben Be-
statt in Rückenlage auch im Sitzen (Sitz auf der Be- wegungsmuster auf der Matte und bei der
handlungsbank mit frei herunterhängenden Unter- Gangschule?
schenkeln) auf der Behandlungsbank durchgeführt 4 Welche der folgenden Aussagen sind nicht
werden. richtig?
f. Das PNF-Konzept erlaubt ausschließlich die
Die einzelnen Patterns lassen sich auf verschiedene Behandlung in PNF-Patterns.
Arten miteinander kombinieren. In Abhängigkeit g. Normale Bewegungen sind immer identisch
von dem jeweiligen Behandlungsziel können die mit PNF-Patterns.
Arm- und Beinpatterns einzeln, zusammen oder in h. Normale Alltagsbewegungen sind immer
Kombination mit den Rumpfpatterns ausgeführt dreidimensional.
werden. Damit ein optimaler funktioneller Effekt i. Jede Phase des Ganges kann man auf PNF-
erzielt werden kann, müssen die Kombinationen Patterns zurückführen.
der Patterns richtig gewählt werden. Dies ist ein we- j. Bei der Beübung von PNF-Patterns nutzt
sentlicher Gesichtspunkt bei der Befundaufnahme man immer das maximale Bewegungsaus-
und dem Erstellen des Behandlungsplanes. maß jedes Gelenks.
Die Anwendungsmöglichkeiten der Patterns 4 Nenne drei Vorteile, weshalb man PNF-Muster
sind: in der Behandlung von Patienten benutzen
4 Unilateral: ein Arm oder ein Bein. kann.
4 Bilateral: Zwei Arme oder Beine gleichzeitig
oder die Kombination von Arm und Bein
(. Abb. 5.3):
5 Symmetrisch: Zwei Arme oder Beine in
demselben Pattern, z. B. beide bewegen in
Flexion – Abduktion (. Abb. 5.3 a).
5 Asymmetrisch: Zwei Arme oder Beine in
entgegengesetztem Pattern, z. B. rechts:
Flexion – Abduktion und links: Flexion –
Adduktion (. Abb. 5.3 b).
76 Kapitel 5 · PNF-Patterns zur Fazilitation
. Abb. 5.3 a–d Bilaterale Patterns. a Symmetrisch: beide Arme in Flexion – Abduktion – Außenrotation. b Asymmetrisch:
rechter Arm in Flexion – Abduktion – Außenrotation und linken Arm in Flexion – Adduktion – Außenrotation. c Symmetrisch-
reziprok: rechter Arm in Flexion – Abduktion – Außenrotation und linker Arm in Extension – Adduktion – Innenrotation.
d Asymmetrisch-reziprok: rechter Arm in Flexion – Abduktion – Außenrotation und linker Arm in Extension – Abduktion –
Innenrotation
Literatur
77 5
Weiterführende Literatur
Literatur
6.1 Einführung – 80
6.3 Behandlungsverfahren – 81
6.4 Schulterblattpatterns – 83
6.4.1 Anteriore Elevation – 83
6.4.2 Posteriore Depression – 85
6.4.3 Anteriore Depression – 86
6.4.4 Posteriore Elevation – 88
6.4.5 Spezielle Anwendungen der Schulterblattpatterns – 89
6.5 Beckenpatterns – 91
6.5.1 Anteriore Elevation – 91
6.5.2 Posteriore Depression – 93
6.5.3 Anteriore Depression – 94
6.5.4 Posteriore Elevation – 96
6.5.5 Spezielle Anwendungen der Beckenpatterns – 98
Literatur – 102
6.1 Einführung Extremität sich über die Beckenschaufel auf den Be-
ckengürtel ausbreiten.
Der Schulter- und der Beckengürtel unterscheiden Die Bewegungen der unteren Extremität wer-
sich in ihren jeweiligen Funktionen in Bezug auf die den durch die Mitbewegung der Beckenschaufel
Stabilisation und Bewegung der Extremitäten. unterstützt. Dies kann sowohl in gewichttragender
Im Schultergürtel arbeiten Schlüsselbein wie nichtgewichttragender Funktion sein. Jedoch
(Klavikula) und Schulterblatt (Skapula) im Sinne hat die Beckenschaufel innerhalb der Beckenpat-
einer Einheit zusammen. Das Schulterblatt erhält terns nur eine untergeordnete passive Funktion,
seine hauptsächliche Unterstützung durch Muskeln wenn die untere Extremität nicht mit einbezogen
(Mm. pectoralis major et minor, M. trapezius, wird.
M. rhomboideus major et minor, M. subscapularis, Deshalb ist es z. B. wichtig, das Rollen weiter-
M. serratus anterior), die nur eine einzige Verbin- zuüben, sobald das Beckenpattern erarbeitet ist
dung mit dem axialen Skelett bzw. mit dem obersten (Johnson 1999, persönl. Mitteilung).
6 Teil des Brustbeines (Manubrium) aufweisen.
Die Tätigkeit des Schultergürtels ist abhängig
von der jeweiligen muskulären Funktion und von 6.2 Anwendung in der Praxis
seiner Fähigkeit, sich an den darunter liegenden
Brustkorb anzugleichen. In Normalfunktion ist der Übungen für das Schulterblatt und das Becken sind
Schultergürtel keine gewichttragende Struktur. bei der Behandlung von Halswirbelsäule, Rumpf
Die Patterns des Schulterblattes werden in Ver- und Extremitäten wichtig, denn:
bindung mit den Patterns der oberen Extremität 4 die Muskulatur des Schulterblattes kontrolliert
aktiviert (entweder in Bezug auf Bewegung oder und beeinflusst die Funktion der zervikalen
Stabilisation). Daher stehen alle Patterns der oberen und thorakalen Wirbelsäule und
Extremität stets mit den Schulterblattbewegungen 4 eine gute Funktion der oberen Extremität er-
in Verbindung. fordert sowohl Mobilität als auch Stabilität des
Der Beckengürtel dagegen ist direkt mit der Schulterblattes.
Wirbelsäule verbunden und hauptsächlich auf die
vertebrale Unterstützung angewiesen. Der Becken- Beckenstabilität wie auch Beckenbeweglichkeit
gürtel ist somit – im Gegensatz zum Schultergürtel sind für eine gute Zusammenarbeit zwischen dem
– eine gewichttragende Struktur. Rumpf und den unteren Extremitäten unabding-
Die Patterns des Beckens arbeiten nicht immer bar.
in Übereinstimmung mit den Patterns der unteren Das Üben von Schulterblatt und Becken kann
Extremität, weil sich das Becken hierbei bezüglich verschiedene Zielsetzungen haben:
seiner Aufgaben unterscheidet.
Das Kreuzbein (Sakrum) ist die Verlängerung
der Lendenwirbelsäule und arbeitet in Über- Behandlungsziele
einstimmung mit der Wirbelsäule. Es ist an der Schulterblatt:
Tätigkeit der unteren Extremitäten lediglich als Ver- 4 Erarbeiten von Beweglichkeit und Stabili-
längerung der Beckenschaufel beteiligt. tät des Schulterblattes. – Dies ist durch ge-
Die Beckenschaufel ist als eine Verlängerung zieltes Üben möglich.
der unteren Extremität zu betrachten und bewegt 4 Training der Rumpfmuskulatur. Hinsichtlich
sich normalerweise bei jeder Bewegungskompo- der Fazilitation auf eine Betonte Bewe-
nente der unteren Extremität mit. gungsfolge achten und Widerstand ein-
Das sakroiliakale Gelenk ist die Verbindung setzen
zwischen dem axialen Skelett und der unteren Ext- 4 Funktionelle Aktivitäten üben, z. B. das
remität. Aus diesem Grund werden die Patterns des Rollen.
Beckens über das Kreuzbein zur Lendenwirbelsäule 6
hin weitergeleitet, während die Patterns der unteren
6.3 · Behandlungsverfahren
81 6
Becken:
4 Beckenstabilität und -mobilität üben.
4 Rumpfstabilität und -mobilität fazilitieren.
4 Funktionelle Aktivitäten üben, z. B. das
Rollen.
4 Stabilität und Mobilität des Beines . Abb. 6.1 Diagonale Bewegungsrichtungen von Schulter-
fazilitieren. blatt und Becken
4 Indirektes Behandeln von Oberkörper und
Halswirbelsäule. – Dies ist durch Irradiation
möglich oder weiterlaufende Bewegungen. Beispiel
Angenommen, der Patient liegt gestreckt auf seiner
linken Körperseite in der Mitte eines gedachten Zif-
ferblattes (. Abb. 6.1); die Mitte des Kopfes befindet
6.3 Behandlungsverfahren
sich auf der Position 12 und die Füße auf der Position
6. Die Vorderseite des Patienten richtet sich zur Posi-
jDiagonale Bewegung tion 3 und die Rückseite zur Position 9. Liegt der Pati-
Die Patterns des Schulterblattes und des Beckens ent auf der rechten Seite, vertauschen sich die Ziffern
bewegen sich auf zwei Diagonalen: bezüglich der Vorder- und Rückseite.
4 anteriore Elevation – posteriore Depression Für das Üben von Schulterblatt und Becken der rech-
und ten Seite ergeben sich die Diagonalen wie folgt:
4 posteriore Elevation – anteriore Depression. 4 anteriore Elevation: Richtung 1 Uhr,
4 posteriore Depression: Richtung 7 Uhr,
Die Bewegungen in den Diagonalen folgen in ihrem 4 posteriore Elevation: Richtung 11 Uhr,
bogenförmigen Verlauf der jeweiligen Rumpfform 4 anteriore Depression: Richtung 5 Uhr (. Abb. 6.1).
des Patienten.
Wenn das Schulterblatt oder das Becken inner- Liegt der Patient auf seiner rechten Körperseite,
halb dieser Diagonalen bewegt wird, darf es bei kor- so ergibt sich für das Üben von Schulterblatt und
rekter Ausführung weder eine Rollbewegung des Becken der linken Seite folgender Verlauf der Diago-
Patienten nach vorwärts oder rückwärts geben, nalen:
noch eine Drehbewegung (Rotation) innerhalb 4 anteriore Elevation: Richtung 11 Uhr,
mehrerer Wirbelsegmente. Der Verlauf der Diago- 4 posteriore Depression: Richtung 5 Uhr,
nalen lässt sich mit Hilfe des Zifferblattes einer Uhr 4 posteriore Elevation: Richtung 1 Uhr,
sehr gut verdeutlichen. 4 anteriore Depression: Richtung 7 Uhr.
82 Kapitel 6 · Schulterblatt und Becken
. Abb. 6.3 Die Richtung des gesetzten Widerstandes ergibt einen Bogen (posteriore Depression des Schulterblattes)
des Griffes notwendig, weil dem Therapeuten nur flussen. Dabei sind die im Folgenden genannten
eine Hand zur Verfügung steht, während er mit wichtigen Muskelkomponenten beteiligt (die bisher
seiner zweiten Hand ein anderes Pattern oder eine noch nicht durch elektromyographische Unter-
Extremität kontrolliert. suchungen bestätigt wurden):
fortlaufend durch die bogenförmige Bewegung des Anteriore Mm. rhomboidei, M. serratus anterior,
Schulterblattes und/oder des Beckens während Depression Mm. pectoralis major et minor
. Abb. 6.4 a–c Schulterblattdiagonale: anteriore Elevation/posteriore Depression. a Neutrale Stellung, b anteriore Elevati-
on, c posteriore Depression
(. Abb. 6.5 a). Das glenohumerale Gelenk muss sich Sowohl die Knie als auch die Ellbogen des
hinter der mittleren Frontalebene des Patienten be- Therapeuten sind am Anfang der Bewegung leicht
finden. Hierbei sollte die anteriore Nackenmusku- gebeugt. Im Laufe der Bewegung verlagert der The-
latur fühlbar und sichtbar unter Spannung stehen. rapeut sein Gewicht vom hinteren auf das vordere
Die Spannung darf aber nicht zu einem Hochhebeln Bein und richtet sich dadurch langsam auf. Gleich-
des Kopfes führen. Die vom Therapeuten passiv zeitig mit dieser Bewegung streckt er seine Arme
ausgeführte Bewegung des Schulterblattes in die und Beine.
Vordehnung darf kein Rückwärtsrollen des Patien-
ten oder eine Rotation seiner Wirbelsäule verursa- jWiderstand
chen. Die Richtung des Widerstandes ist bogenförmig. Sie
ergibt sich aus der Diagonalen und der Körperform
jVerbales Kommando des Patienten. Der Therapeut setzt einen Rotations-
»Ziehen Sie Ihre Schulter in Richtung Nase.« widerstand, wodurch sich der Angulus Inferior zur
Wirbelsäule hin dreht. Der Widerstand wird nicht
jBewegung ausschließlich von den Armen des Therapeuten er-
Das Schulterblatt bewegt sich auf einem Bogen nach zeugt, sondern ergibt sich während der Bewegung
vorne oben (ventrokranial), die ungefähr auf die in erster Linie aus der Verlagerung seines Körperge-
Nase des Patienten ausgerichtet ist. Der Angulus wichtes vom hinteren auf das vordere Bein.
inferior bewegt sich dabei von der Wirbelsäule weg
(. Abb. 6.4 b). jEndstellung
Das Schulterblatt und das Akromion befinden sich
jStellung des Therapeuten und Körper- ventrokranial in der Nähe der Nase des Patienten
mechanik (. Abb. 6.5 b). Dadurch steht die Depressions- und
Der Therapeut steht hinter dem Patienten in Höhe Retraktionsmuskulatur des Schulterblattes unter
von dessen Lendenwirbelsäule. Sein Gesicht ist dem Spannung. Der Angulus inferior hat sich von der
Kopf des Patienten zugewandt, und er schaut nach Wirbelsäule entfernt.
ventrokranial.
6.4 · Schulterblattpatterns
85 6
Funktionelle Aktivitäten: steht (. Abb. 6.6 a). Der Angulus inferior der Ska-
4 Vordrehen des Oberkörpers, pula wird dabei von der Wirbelsäule weg bewegt.
4 Nach-Vorne-Greifen mit dem Arm und Die Bewegung oder der anhaltende Druck bzw. Wi-
4 bestimmte Gangphasen: »terminal stance« auf derstand dürfen weder eine Rotation in einem oder
der ipsilateralen Seite sowie erste und mittlere mehreren Wirbelsegmenten noch ein Vorwärtsrol-
Schwungbeinphase auf der kontralateralen len des Patienten verursachen.
Seite.
jVerbales Kommando
»Drücken Sie Ihr Schulterblatt zu mir nach unten in
6.4.2 Posteriore Depression Richtung Wirbelsäule.«
(. Abb. 6.4 a, c und . Abb. 6.6)
jBewegung
jTaktiler Stimulus Das Schulterblatt bewegt sich in Richtung der unte-
Der Therapeut platziert mit dem Lumbrikalgriff den ren Brustwirbelsäule. Dabei handelt es sich um eine
Handballen einer Hand am Margo medialis des nach kaudal gerichtete Retraktion. Der Angulus
Schulterblattes. Die Finger liegen auf dem Schulter- inferior bewegt sich dabei in Richtung Wirbelsäule
blatt und sind zum Akromion gerichtet. Die andere (. Abb. 6.4 b, c).
Hand wird in gleicher Stellung zur Unterstützung
auf die erste Hand gelegt. Der gesamte Druck sollte jStellung des Therapeuten und Körper-
unterhalb bzw. kaudal der Spina scapulae vom mechanik
Handballen aus gegeben werden. Die Ausgangsstellung entspricht der bei der ante-
rioren Elevation (7 Abschn. »Anteriore Elevation«).
jVordehnung Der Therapeut steht in Schrittstellung aufrecht
Der Therapeut bewegt das Schulterblatt so weit in hinter dem Patienten. Seine Arme sind leicht ge-
Richtung anteriore Elevation nach vorne oben, bis streckt. Im Verlauf der Bewegung verlagert der The-
die posterior gelegene Muskulatur unter Spannung rapeut sein Körpergewicht auf das hintere Bein und
86 Kapitel 6 · Schulterblatt und Becken
. Abb. 6.7 a–c Schulterblattdiagonale: anteriore Depression/posteriore Elevation. a Neutrale Stellung, b anteriore Depres-
sion, c posteriore Elevation
Sowohl die Bewegung als auch der anhaltende 6.4.4 Posteriore Elevation
Druck bzw. der Widerstand auf dem Schulterblatt (. Abb. 6.7 a, c; . Abb. 6.9)
dürfen weder zu einem Mitdrehen des Patienten
nach hinten noch zu einer Rotation der Wirbelseg- jTaktiler Stimulus
mente führen. Der Therapeut legt seine Hände übereinander, dass
sie oberhalb der Spina scapulae auf dem Pars de-
jVerbales Kommando scendens des M. trapezius zu liegen kommen. Dabei
»Ziehen Sie Ihre Schulter runter in Richtung Bauch- sollten sich die Hände des Therapeuten distal des
nabel.« ersten Kostotransversalgelenkes befinden.
jBewegung jVordehnung
Das Schulterblatt bewegt sich bogenförmig. Die ge- Das Schulterblatt wird so weit in Richtung des ge-
dachte Verlängerung dieser Linie ist zur gegenüber- genüberliegenden Os ilium in die anteriore Depres-
6 liegenden Crista iliaca anterior hin ausgerichtet. sion gebracht, bis der Pars descendens des M. trape-
Der Angulus inferior bewegt sich dabei zur Wirbel- zius fühlbar und sichtbar unter Spannung steht
säule hin. (. Abb. 6.9 a). Der Angulus inferior der Skapula be-
wegt sich dabei zur Wirbelsäule hin. Der Span-
jStellung des Therapeuten und Körper- nungsaufbau hierbei sollte aber weder zu einem
mechanik Anheben des Kopfes des Patienten noch zu einer
Der Therapeut steht am Kopfende der Behand- Rotation in einem Wirbelsäulensegment führen.
lungsbank hinter dem Patienten. Sein Blick richtet Ebenso darf der fortwährende Druck der Hände
sich auf die unten liegende Hüfte des Patienten. nicht zu einem Vorwärtsrollen des Körpers führen.
Seine Beine und Arme sind leicht gebeugt. Wäh-
rend der Bewegung richtet der Therapeut seinen jVerbales Kommando
Oberkörper zunehmend auf und verlagert dabei »Ziehen Sie Ihre Schulter nach hinten oben hinters
gleichzeitig sein Körpergewicht vom hinteren auf das Ohr.«
vordere Bein. Am Ende des Patterns steht der Thera-
peut aufgerichtet und mit nahezu gestreckten Armen jBewegung
parallel zum Oberkörper des Patienten. Das Schulterblatt bewegt sich nach kranial und in
Adduktion geradlinig zum Hinterkopf des Patien-
jWiderstand ten. Der Angulus inferior bewegt sich dabei von der
Der Widerstand folgt der Diagonalen in Verbin- Wirbelsäule weg. Das glenohumerale Gelenk be-
dung mit der Körperform des Patienten. Er ergibt wegt sich nach dorsal und rotiert gleichzeitig nach
sich aus der bereits beschriebenen Gewichtsverlage- oben (kranial).
rung des Therapeuten.
jStellung des Therapeuten und Körper-
jEndstellung mechanik
Das Schulterblatt ist nach ventral rotiert, in Depres- Die Ausgangsstellung entspricht der bei der anteri-
sion und Abduktion. Das glenohumerale Gelenk oren Depression (7 Abschn. »Anteriore Depression«).
befindet sich vor der mittleren Frontalebene des Der Therapeut steht nahezu aufrecht hinter dem
Körpers (. Abb. 6.8 b). Der Angulus inferior hat Patienten in Schrittstellung. Die Ellbogen des Thera-
sich von der Wirbelsäule weg bewegt. peuten sind am Anfang der Bewegung fast ganz ge-
Funktionelle Aktivitäten: streckt und ungefähr auf der gleichen Höhe wie seine
4 Vordrehen des Oberkörpers, Handgelenke. Im Verlauf der Bewegung verlagert
4 Nach-Vorne-Greifen mit dem Arm, der Therapeut sein Körpergewicht vom vorderen auf
4 Greifen zu den Socken/Schuhen, um sie an-/ das hintere Bein und geht dabei leicht in die Knie.
auszuziehen, Die Ellbogen sind am Ende der Bewegung stärker
4 Ballwerfen bei verschiedenen Sportarten. gebeugt und stehen tiefer als die Handgelenke.
6.4 · Schulterblattpatterns
89 6
. Abb. 6.10 a, b Patient mit einer rechtsseitigen Hemiplegie. a Kombination eines Schulterblattpatterns (posteriore Depressi-
on) mit der Armbewegung in Extension. b Kombination des Schulterblattes (anteriore Elevation) mit der Armbewegung in Flexion
Praxistipp
. Abb. 6.11 a–c Beckendiagonale: a Neutrale Stellung, b anteriore Elevation, c posteriore Depression
jStellung des Therapeuten und Körper- der Therapeut mit dem Oberkörper auf und streckt
mechanik seine Arme, während er sein Körpergewicht vom
Der Therapeut steht in Schrittstellung in der Diago- hinteren auf den vorderen Fuß verlagert.
nalen hinter dem Patienten in Höhe von dessen
Oberschenkeln. Er steht dabei in Blickrichtung zur jWiderstand
gegenüberliegenden Schulter des Patienten (in un- Die Richtung des Widerstandes ergibt sich aus der
serem Beispiel also die »rechte«). Bewegung in der Diagonalen und der Körperform
Am Anfang der Bewegung steht der Therapeut des Patienten. Darüber hinaus verläuft die Richtung
mit leicht gebeugten Beinen und mit dem Hauptge- des Widerstandes parallel zur Stellung der Unterar-
wicht auf seinem hinteren Bein. Die Arme sind me des Therapeuten. Das bedeutet, dass der Thera-
leicht gebeugt. Im Verlauf der Bewegung richtet sich peut die Druckrichtung erst nach hinten unten zur
6.5 · Beckenpatterns
93 6
Behandlungsbank richtet, danach annähernd paral- Druck bzw. Widerstand darf nicht zu einem Vor-
lel zur Behandlungsbank und schließlich nach oben wärtsrollen des Patienten oder zur Rotation in
Richtung Zimmerdecke. Wirbelsegmenten führen.
. Abb. 6.14 a–c Beckendiagonale: a Neutrale Stellung, b anteriore Depression, c posteriore Elevation
. Abb. 6.15 a–d Widerstand für die anteriore Depression des Beckens. a Griff auf den Trochanter, b, c Griff an der Spina
iliaca anterior superior und am Knie, d Griff an der Spina iliaca anterior superior und am Tuber ischiadicum
Nach-vorne-Kippen des Beckens verhindert wird stattfindet. Dadurch kommt es zu einer Verlänge-
(. Abb. 6.15 b). rung der oben liegenden Rumpfseite, jedoch ohne
Verstärkung der lumbalen Lordose.
jVerbales Kommando
»Ziehen Sie Ihr Becken nach vorne unten in Rich- jStellung des Therapeuten und Körper-
tung Knie« oder: »Drücken Sie Ihr Knie in meine mechanik
Hand.« Der Therapeut steht mit annähernd gestreckten Ar-
men und mit leicht gebeugten Knien und mit nahe-
jBewegung zu aufgerichtetem Oberkörper in Schrittstellung
Das Becken bewegt sich in die anteriore Depression, hinter dem Patienten in Höhe von dessen Wirbel-
wobei eine geringe Beckenkippung nach dorsal säule. Der Therapeut steht in Schrittstellung hinter
96 Kapitel 6 · Schulterblatt und Becken
. Abb. 6.17 a, b Patient mit einer rechtsseitigen Hemiplegie. a Widerstand für die anteriore Elevation des Beckens, b Wider-
stand für die posteriore Depression des Beckens
. Abb. 6.18 a, b Symmetrisch-reziproke Kombination: Das Schulterblatt bewegt sich in die anteriore Elevation, das Becken
in die posteriore Depression
. Abb. 6.20 Symmetrisch-reziproke Kombination: Das Schulterblatt bewegt sich in die posteriore Depression, das Becken in
die anteriore Elevation
6.6 · Symmetrisch-reziproke und asymmetrische Kombinationen
101 6
. Abb. 6.21 a, b Asymmetrische Kombination für die Rumpfflexion: Das Schulterblatt bewegt sich in die anteriore Depressi-
on, das Becken in die anteriore Elevation
a b
. Abb. 6.22 a, b Asymmetrische Kombination für die Rumpfextension: Das Schulterblatt bewegt sich in die posteriore Ele-
vation, das Becken in die posteriore Depression
. Abb. 6.24 a, b Patient mit einer rechtsseitigen Hemiplegie. a Rumpfflexion: Kombination aus anteriorer Depression des
Schulterblattes und anteriorer Elevation des Beckens. b Rumpfrotation: Kombination aus posteriorer Depression des Schul-
terblattes und anteriorer Elevation des Beckens
1. Initial Swing
2. Initial Contact
3. Terminal Stance
4. Drehen »en bloc« von der Rückenlage zur
Seitlage
103 7
Obere Extremitäten
D. Beckers
Literatur – 144
. Abb. 7.1 Diagonalen der oberen Extremität (nach Jung): Bei allen vier Bewegungsmustern kann der Ellbogen gebeugt,
gestreckt oder in einer gestreckten Position gehalten werden
der Ausgangsstellung des Therapeuten. Für die ge- Der Therapeut wendet den jeweiligen Griff an
streckten Armpatterns werden die Ausgangsstellung der Hand des Patienten auf dessen aktiver Seite an.
und die Körpermechanik bei der Beschreibung des Je nach gewählter Bewegungsrichtung ist dies ent-
jeweiligen Bewegungspatterns näher erläutert. Vari- weder an der dorsalen oder an der palmaren Seite
ationen werden, wenn nötig, zusätzlich angegeben. der Hand. Durch den korrekten manuellen Kontakt
an der ulnaren oder radialen Handkante hat der
jTaktiler Stimulus Therapeut die Möglichkeit, einen guten Rotations-
Die Griffe des Therapeuten folgen den in 7 Abschn. widerstand zu setzen. Zudem verhindert die An-
2.3 angegebenen Prinzipien. Dabei werden die Hän- wendung des lumbrikalen Griffes, dass der Thera-
de entgegen der Bewegungsrichtung eingesetzt. Im peut die Hand des Patienten kneift oder zu fest zu-
ersten Teil dieses Kapitels wird der zweihändige sammendrückt.
Griff für die oben beschriebene Ausgangsstellung Soll das Bewegungspattern des Armes gestreckt
des Therapeuten dargestellt. Bei den hier beschrie- beginnen, empfehlen die Autoren, den distalen
benen Grifftechniken handelt es sich um Standard- Griff anzuwenden, um eine optimale Vordehnung
griffe, für die es mehrere Variationen gibt. Diese oder einen optimalen Stretchstimulus zu erzielen.
sind abhängig vom gewählten Bewegungspattern, Wird der Ellbogen aus der Extension in die Flexion
von der Ausgangsstellung des Therapeuten und/ bewegt, kann der proximale Griff vom Unterarm
oder der des Patienten sowie vom Therapieziel. zum Oberarm gewechselt werden. Dadurch ist eine
Die Grifftechnik des Therapeuten am Arm des bessere Kontrolle der Schulter gewährleistet.
Patienten wird verändert, wenn während des Übens Wenn der Ellbogen aus der Flexion in die Ex-
beispielsweise der Rumpf oder eine andere Extremi- tension bewegt wird, empfehlen die Autoren, mit
tät zusätzlich kontrolliert werden muss. dem proximalen Griff am Oberarm (Humerus) zu
106 Kapitel 7 · Obere Extremitäten
a b
c d
e f
. Abb. 7.3 a–f Arm: Flexion – Abduktion – Außenrotation mit Ellbogenflexion. a–c Normale Ausgangsstellung des Thera-
peuten. d, e Alternative Ausgangsstellung: Der Therapeut steht auf der gegenüberliegenden Seite der Behandlungsbank.
f Patient mit rechtsseitiger Hemiplegie. Flexion – Abduktion – Außenrotation: der Patient wird aufgefordert, mit seiner Hand
den Kopf zu berühren
7.3 · Flexion – Abduktion – Außenrotation
111 7
bogen gemeinsam mit der Flexionsbewegung be- Fuß verlagert. Dabei blickt der Therapeut in die Be-
ginnen. wegungsrichtung.
Bei diesem Handgriff setzen die Finger wie der
Unterarm des Therapeuten der Bewegung Wider- jAlternative Ausgangsstellung des
stand entgegen, wobei auch die Rotation gezielt Therapeuten
einen Widerstand erfährt. Alternativ kann der Therapeut auf der rechten Seite
der Behandlungsbank stehen und blickt auf die
jAlternative Grifftechnik linke Schulter des Patienten. Die linke Hand des
Zur Betonung der Bewegung des Schulterblattes Therapeuten liegt auf der Hand des Patienten, die
wechselt der Therapeut mit seiner proximalen rechte Hand wird auf dessen Oberarm platziert. Da-
Hand zum Schulterblatt. bei steht der Therapeut in Schrittstellung, der rech-
te Fuß steht vorne. Sobald sich der Arm des Patien-
jVordehnung ten nach oben in die Flexion bewegt, macht der
Die Ausgangsstellung entspricht der beim gestreck- Therapeut mit dem linken Bein einen Schritt nach
ten Armpattern. vorne. Um diesen Bewegungsablauf zu gewährleis-
ten, muss der Patient jedoch am rechten Rand der
jStretch Behandlungsbank liegen (. Abb. 7.3 d, e).
Sowohl der gesamte Arm als auch das Schulterblatt
werden wie beim gestreckten Armpattern in die jWiderstand
Ausgangsstellung mit anschließender Verlängerung kDistale Hand
gebracht. Die distale Hand des Therapeuten setzt denselben
Bewegungskomponenten wie beim gestreckten
> Die distale Hand führt eine Traktion am
Armpattern Widerstand entgegen. Die Ellbogen-
Handgelenk aus, deren Zugrichtung der
flexion erhält zudem von der distalen Hand einen
Verlängerung der Mittelhandknochen ent-
Widerstand, der bogenförmig der Ausgangsstellung
spricht. Die Palmarflexion im Handgelenk
des Armes entgegengesetzt ist. Dieser Widerstand
verändert sich hierbei kaum.
lässt sich mit Traktion kombiniert einsetzen.
a b
jVordehnung jBewegung
Schulterblatt, Schulter, Unterarm und Handgelenk Daumen, Finger und Handgelenk bewegen sich wie
werden in dieselben Ausgangsstellungen wie beim beim gestreckten Armpattern in Richtung Radial-
gestreckten Armpattern gebracht. Der Ellbogen ist abduktion und Dorsalextension. Direkt anschlie-
jedoch vollständig flektiert. ßend setzen gleichzeitig die Ellbogenextension und
die Flexion der Schulter ein.
jStretch Aufgrund der Ellbogenextension verläuft die
Der Therapeut setzt gleichzeitig einen Stretch für Bewegung der Hand, wie auch die des Unterarmes,
die Bewegungskomponenten von Schulter-, Ellbo- über das Gesicht des Patienten hinweg. Die vollstän-
gen- und Handgelenk. Die proximale Hand setzt dige Extension des Ellbogens wird in dem Moment
vor allem das Schulterblatt und das Schultergelenk erreicht, wenn sowohl das Schulterblatt als auch die
mit einer schnell ausgeführten Traktions-/Rota- Schulter ihrem Bewegungsende nahe kommen.
tionsbewegung unter Spannung, während die dista-
le Hand unter gehaltener Vordehnung am Handge- jStellung des Therapeuten und Körper-
lenk des Patienten die Extensoren des Ellbogens mechanik
weiterhin unter Spannung setzt. Der Therapeut steht dem Patienten zugewandt dicht
an dessen Becken. Die linke Hand des Therapeuten
114 Kapitel 7 · Obere Extremitäten
7
. Abb. 7.5 Arm: Extension – Adduktion – Innenrotation
jStretch
jTaktiler Stimulus Der Stretch erfolgt gleichzeitig an der Schulter und
kDistale Hand der Hand des Patienten. Die proximale Hand übt
Die distale Hand, in diesem Fall die linke Hand des am Schulterblatt und der Schulter einen schnell aus-
Therapeuten, wird lumbrikal in der Handinnenflä- geführten Stretch mit Rotation aus.
che des Patienten platziert. Die Finger des Thera- Die Schulter nicht in noch mehr Flexion drü-
peuten befinden sich dabei an der radialen Seite der cken.
Metakarpalen II, während der Daumen an der ulna- Die distale Hand gibt Traktion am Handgelenk.
ren Seite der Metakarpalen V für Gegendruck sorgt.
> Der Therapeut muss darauf achten, dass
Die Finger und auch der Daumen des Therapeuten
die Traktion in Verlängerung der Meta-
werden so platziert, dass sie mit dem Handrücken
karpale erfolgt und das Handgelenk des
des Patienten keinen Kontakt haben.
Patienten dabei nicht weiter in die Dorsal-
> Der Therapeut muss darauf achten, dass er extension gedrückt wird.
die Hand des Patienten nicht zu fest zu-
jVerbales Kommando
sammendrückt oder kneift.
»Finger und Hand schließen. Ziehen Sie den Arm
nach unten.«
kProximale Hand
Die proximale Hand, hier die rechte Hand des jBewegung
Therapeuten, wird von unten-radial kommend Sowohl die Finger als auch der Daumen führen eine
am Unterarm proximal vom Handgelenk im Lum- dem Faustschluss ähnliche Beugebewegung aus,
brikalgriff platziert. Die Finger sind auf der ulnaren während das Handgelenk sich in eine nach ulnar
und der Daumen auf der radialen Seite des Unter- gerichtete Palmarflexion bewegt.
armes. Der Bewegungsweg der Hand des Patienten ver-
läuft aufgrund der Schulterbewegung Extension –
116 Kapitel 7 · Obere Extremitäten
Adduktion – Innenrotation zur gegenüberliegen- leicht flektierten Finger und die Handinnenseite
den Hüfte, während sich das Schulterblatt in die sind zur gegenüberliegenden Hüfte gerichtet.
anteriore Depression bewegt.
Wird die Schulterblattbewegung in die anteriore jBetonte Bewegungsfolge
Depression weiter fortgesetzt, führt dies zu einer Zum betonten Üben des Handgelenkes, der Hand
Rumpfflexion und einer Lateralflexion der Halswir- oder der Finger kann zu Beginn der Extensionsbe-
belsäule nach rechts. wegung, oder in jeder beliebigen Position der Schul-
ter, ein Haltewiderstand gesetzt werden. Hierbei
jStellung des Therapeuten und Körper- wird die proximale Hand für den anhaltenden Wi-
mechanik derstand unmittelbar in der Nähe des Handgelenkes
Der Therapeut steht in Schrittstellung in Höhe der platziert, so dass die distale Hand des Therapeuten
Schulter des Patienten und schaut in die Bewe- die Finger oder die Hand des Patienten entweder
gungsrichtung. Während der Bewegung verlagert er einzeln oder gemeinsam beüben kann.
sein Körpergewicht vom rechten auf das linke Bein,
indem er auf den Fußballen dreht. Durch diese Dre-
7 hung bleibt der Therapeut immer im Verlauf der Praxistipp
Körperdiagonalen.
4 Der Stretch an Handgelenk und Schulter
jWiderstand wird mit Traktion gegeben und nicht mit-
kDistale Hand tels Zunahme der Flexion.
Die distale Hand kombiniert die Traktion am Hand- 4 Die Approximation wird am Ende der Be-
gelenk mit dem entsprechenden Rotationswider- wegung gegeben, um die Schulter zu sta-
stand für die distalen Bewegungskomponenten. bilisieren und die Schulterblattdepression
zu fazilitieren.
kProximale Hand 4 Der Oberarm überschreitet die Mittellinie.
Die proximale Hand des Therapeuten verbindet
den Rotationswiderstand mit der Traktion am
Handgelenk und setzt den Bewegungen Pronation
des Unterarmes sowie Extension – Adduktion – In- 7.4.1 Extension – Adduktion – Innen-
nenrotation der Schulter Widerstand entgegen. rotation mit Ellbogenextension
Die Traktion beider Hände wird während der (. Abb. 7.6)
bogenförmig verlaufenden Bewegung mit einem
Widerstand kombiniert, der in Richtung Ausgangs- Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
stellung gerichtet ist. Komponenten (nach Kendall
Beim Erreichen der Bewegungsgrenzen von u. McCreary 1993)
Schulterblatt und Schultergelenk kann der Thera- Schulter- Anteriore M. serratus anterior,
peut von dem Fazilitationsprinzip Traktion zur Ap- blatt Depression M. pectoralis minor,
Mm. rhomboidei
proximation wechseln.
Die Approximation fazilitiert die Depression des Schulter- Extension, M. pectoralis major,
gelenk Adduktion, M. teres major,
Schulterblattes und stabilisiert dabei die Schulter.
Innenrotation M. subscapularis
Ellbogen- Extension M. triceps brachii,
jEndstellung
gelenk M. Anconeus
Das Schulterblatt befindet sich am Ende der Bewe-
Unterarm Pronation M. brachioradialis, M. pronator
gung in anteriorer Depression und die Schulter in teres, M. pronator quadratus
Extension – Adduktion – Innenrotation, wobei der
Hand- Palmarflexion, M. flexor carpi ulnaris
Oberarm die Körpermittellinie kreuzt. gelenk Ulnarab-
Der Unterarm ist proniert, und das Handgelenk duktion
befindet sich in ulnar gerichteter Palmarflexion. Die 6
7.4 · Extension – Adduktion – Innenrotation
117 7
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste gelenk beginnt gleichzeitig mit der Ellbogenflexion
Komponenten (nach Kendall die Bewegung in die Extension – Adduktion – In-
u. McCreary 1993) nenrotation.
Schulter- Extension, M. pectoralis major, M. teres Die Flexionsbewegung des Ellbogens verteilt
gelenk Adduktion, major, M. subscapularis sich über den gesamten Bewegungsweg. Der Ellbo-
Innenrotation
gen erreicht seine vollständige Flexion, wenn das
Ellbogen- Flexion M. biceps brachii, Schulterblatt und auch die Schulter ihre Bewe-
gelenk M. brachialis
gungsgrenzen erreichen.
Unterarm Pronation M. brachioradialis,
M. pronator teres, M. prona- jWiderstand
tor quadratus
kDistale Hand
Hand- Palmarflexion, M. flexor carpi ulnaris
Die distale Hand gibt wie beim gestreckten Armpat-
gelenk Ulnarabduktion
tern an Handgelenk und Unterarm des Patienten
Finger- Flexion, Ulnar- Mm. flexor digitorum
Widerstand. Der Ellbogenflexion wird Widerstand
gelenke deviation (superficialis et profundus),
Mm. lumbricales,
entgegengesetzt, indem der Therapeut den Unter-
7 Mm. interossei arm des Patienten supiniert und in die Ausgangs-
Daumen- Flexion, Mm. flexor pollicis longus et
stellung (Ellbogenextension) zurückzieht.
gelenke Adduktion, brevis, M. adductor pollicis,
Opposition M. opponens pollicis kProximale Hand
Die proximale Hand setzt eine Traktion am Ober-
jTaktiler Stimulus arm, die mit einem Rotationswiderstand verbunden
Sowohl die distale als auch die proximale Hand ist. Dieser ist in Richtung Ausgangsstellung gerich-
werden entsprechend der Grifftechnik des Patterns tet. Auf halbem Weg kann von Traktion zu Appro-
»Extension – Adduktion – Innenrotation« (7 Ab- ximation gewechselt werden.
schn. 7.4) platziert. Beide Hände setzen Widerstände, die so bemes-
sen sind, dass sie an die Kraft von Ellbogen und
jAlternative Grifftechnik Schulter angepasst sind, um die entsprechende
Zur stärkeren Fazilitation der Schulterblattbe- Muskulatur zu stärken.
wegung kann die proximale Hand, nachdem die
Bewegung distal eingeleitet ist, nach proximal zum jEndstellung
Schulterblatt wechseln. Am Ende der Bewegung befinden sich das Schulter-
blatt in anteriorer Depression und die Schulter in
jVordehnung Extension – Adduktion – Innenrotation. Der Ellbo-
Die Position entspricht der beim gestreckten Arm- gen ist vollständig flektiert und die Pronation des
pattern (7 Abschn. 7.4). Unterarmes ist wie beim gestreckten Pattern. Das
Handgelenk befindet sich in Ulnarabduktion und
jStretch Palmarflexion, während die Hand faustähnlich ge-
Der Stretch wird wie beim gestreckten Armpattern schlossen ist. Wenn der Ellbogen gestreckt würde,
ausgeführt. entspräche dies der Endstellung des gestreckten
Armpatterns.
jVerbales Kommando
»Finger und Hand schließen. Beugen Sie den Ellbo- jBetonte Bewegungsfolge
gen.« Auch bei diesem Pattern besteht die Möglichkeit,
zwei Bewegungskomponenten durch einen Haltewi-
jBewegung derstand zu stabilisieren, während die dritte Kompo-
Die Finger und der Daumen führen eine Flexions- nente zusätzlich aktiviert bzw. erarbeitet wird.
bewegung aus. Das Handgelenk bewegt sich in einer Mit flektiertem Ellbogen kann man innerhalb
nach ulnar gerichteten Palmarflexion. Das Schulter- dieses Patterns isoliert die Innenrotation erarbeiten.
7.5 · Flexion – Adduktion – Außenrotation
121 7
Praxistipp
Es kann wahlweise zur isolierten Kräftigung oder
zur Mobilisation der Innenrotation des Schulter-
4 Mit einer sorgfältig ausgeführten Rota-
gelenkes eingesetzt werden. Hierfür wird der Halte-
tionskomponente überschreitet der Ober-
widerstand in der Position gesetzt, in der die Exten-
arm die Mittellinie.
sion des Schultergelenkes am kräftigsten ist. Um das
4 Um der Ellbogenflexion einen Widerstand
Pattern zu beenden, kehrt der Therapeut wieder zur
entgegenzusetzen, wird Traktion in Rich-
ursprünglichen Diagonalen zurück, nachdem er die
tung Ausgangsstellung gegeben.
Mobilisation oder die Kräftigung der Innenrotation
4 Bei der normalen Bewegungsabfolge be-
der Schulter durchgeführt hat.
wegen sich Ellbogen und Schulter gleich-
Zur Fazilitation der Bewegung des Handgelen-
zeitig.
kes platziert der Therapeut seine proximale Hand
am Unterarm und setzt hier sowohl der Schulter als
auch der Ellbogenflexion einen Haltewiderstand
entgegen. Zur Fazilitation der Finger oder des 7.5 Flexion – Adduktion –
Daumens wird die proximale Hand direkt distal des Außenrotation (. Abb. 7.8)
Handgelenkes platziert. Die distale Hand kann in
beiden Fällen entweder die Hand oder die Finger Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
und den Daumen gezielt fazilitieren. Komponenten (nach Kendall
Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, direkt u. McCreary 1993)
zu Beginn der Bewegung der Schulterextension Schulter- Anteriore Eleva- M. serratus anterior, M. trape-
einen Haltewiderstand entgegenzusetzen und dann blatt tion zius pars descendens
erst den Ellbogen, das Handgelenk, die Hand und Schulter- Flexion, M. deltoideus pars anterior,
die Finger einzubeziehen. gelenk Adduktion, M. pectoralis major, M. biceps
Außenrotation brachii,
Setzt man der Extension des Schultergelenkes
M. coracobrachialis
und der Flexion des Ellbogens jedoch erst auf der
Mitte des Bewegungsweges einen Haltewiderstand Ellbogen- Bleibt gestreckt M. triceps brachii,
gelenk (unveränderte M. anconeus
entgegen, kann der Patient die Bewegungen von Position)
Handgelenk und Hand visuell kontrollieren. 6
122 Kapitel 7 · Obere Extremitäten
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste Das Handgelenk befindet sich in einer nach ul-
Komponenten (nach Kendall nar gerichteten Dorsalextension (ungefähr 45°).
u. McCreary 1993) Durch die Traktion gelangt das Schulterblatt in pos-
Unterarm Supination M. supinator, M. brachioradialis teriore Depression.
Hand- Palmarflexion, M. flexor carpi radialis Wird die Traktion am Arm fortgesetzt, kommt
gelenk Radialabduktion es zu einer Verkürzung des Rumpfes auf derselben
Finger- Flexion, Radial- Mm. flexor digitorum Seite. Diese Rumpfbewegung findet jedoch nicht
gelenke deviation (superficialis et profundus), statt, wenn die Schulter zu weit in Abduktion ge-
Mm. lumbricales, bracht wird.
Mm. interossei
Darüber hinaus verändert sich durch eine
Daumen- Flexion, Mm. flexor pollicis longus et zunehmende Abduktion die Position des Schulter-
gelenke Adduktion, brevis, M. adductor pollicis,
blattes ungünstig. Ebenso entsteht durch eine über-
Opposition M. opponens pollicis
mäßige Innenrotation der Schulter eine verstärkte
anteriore Depression des Schulterblattes, die nicht
jTaktiler Stimulus erwünscht ist.
7 kDistale Hand
Die distale Hand wird mit dem lumbrikalen Griff an jStretch
der Handinnenseite des Patienten mit den Fingern Die proximale Hand setzt einen schnell ausgeführ-
ulnar (Metakarpale V) und dem Daumen radial ten Stretch mit Rotationskomponente sowohl am
(Metakarpale II) platziert. Schulterblatt als auch an der Schulter. Gleichzeitig
führt die distale Hand am Handgelenk eine Trak-
! Vorsicht tion im Sinne der Vordehnung aus.
Der Therapeut sollte darauf achten, dass
! Vorsicht
beim lumbrikalen Griff kein Kontakt mit
Der Therapeut muss darauf achten, dass
der dorsalen Handfläche des Patienten
die Traktion in Verlängerung der Mittel-
entsteht und die Hand nicht zu fest zusam-
handknochen verläuft und nicht mit einer
mengedrückt wird.
verstärkten Dorsalextension des Handge-
lenkes stattfindet.
kProximale Hand
Die proximale Hand wird direkt proximal vom jVerbales Kommando
Handgelenk mit den Fingern radial und dem »Finger und Hand schließen. Ziehen Sie den Arm
Daumen ulnar platziert. hoch, über Ihre Nase hinweg.«
7.5.2 Flexion – Adduktion – Außen- tergelenkes und des Schulterblattes bewegt die pro-
rotation mit Ellbogenextension ximale Hand den Ellbogen in Flexion.
(. Abb. 7.10) Die distale Hand übt währenddessen am Hand-
gelenk eine Traktion in Ulnarabduktion und Dorsal-
extension aus, die in Verlängerung der Mittelhand-
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste knochen erfolgt. Falls die proximale Hand direkt zu
Komponenten (nach Kendall u.
Beginn der Bewegung am Oberarm platziert wird,
McCreary 1993)
bringt die distale Hand den Ellbogen in Flexion.
Schulter- Anteriore M. serratus anterior,
blatt Elevation M. trapezius pars descendens
jStretch
Schulter- Flexion, M. deltoideus pars anterior,
gelenk Adduktion, M. pectoralis major, Die proximale Hand übt am Schulterblatt und auch
Außenrotation M. biceps brachii, an der Schulter einen schnell durchgeführten Stretch
M. coracobrachialis mit Rotationskomponente aus. Gleichzeitig führt die
Ellbogen- Extension M. triceps brachii, M. anconeus distale Hand neben einer Traktion am Handgelenk,
gelenk die das Handgelenk nicht zu weit in die Dorsalexten-
7 Unterarm Supination M. supinator, M. brachioradialis sion drücken darf, auch einen auf den M. triceps
Hand- Palmarflexion, M. flexor carpi radialis brachii gerichteten Stretch aus.
gelenk Radial-
abduktion jVerbales Kommando
Finger- Flexion, Mm. flexor digitorum »Finger und Hand schließen, den Ellbogen stre-
gelenke Radial- (superficialis et profundus), cken. Schieben Sie Ihren Arm über das Gesicht hin-
deviation Mm. lumbricales,
weg. Strecken Sie die Hand über die Nase hinaus.«
Mm. Interossei
Daumen- Flexion, Mm. flexor pollicis longus et
jBewegung
gelenke Adduktion brevis, M. adductor pollicis
Nachdem die Finger und das Handgelenk die Bewe-
gung mit einer Flexionsbewegung eingeleitet haben,
jTaktiler Stimulus supiniert der Unterarm. Der Ellbogen beginnt sich
kDistale Hand zu strecken, während sich die Schulter in Flexion –
Die distale Hand wird entsprechend der Grifftech- Adduktion – Außenrotation bewegt. Die Ellbo-
nik beim gestreckten Armpattern positioniert genextension und die Schulterflexion verlaufen über
(7 Abschn. 7.5). den gesamten Bewegungsweg hinweg gleichmäßig
und beenden den Bewegungsweg gleichzeitig.
kProximale Hand
Die proximale Hand wird ebenso wie beim ge- jStellung des Therapeuten und Körper-
streckten Pattern am Unterarm platziert. mechanik
Die Ausgangsstellung, die Drehbewegungen sowie
jAlternative Grifftechnik der Einsatz des Körpergewichtes des Therapeuten
Die proximale Hand kann entweder von Anfang an entsprechen denen beim gestreckten Armpattern.
oder im Laufe der Bewegung, genauer gesagt: zu
Beginn der gleichzeitig durchgeführten Flexionsbe- jAlternative Stellung des Therapeuten
wegung des Schultergelenkes und der Extensions- Der Therapeut kann in Bewegungsrichtung ausge-
bewegung des Ellbogens, zur medialen Seite des richtet am Kopfende der Behandlungsbank stehen.
Oberarmes wechseln. Der distale Griff bleibt gleich, die proximale Hand
liegt am Unterarm auf der Flexorengruppe
jVordehnung (. Abb. 7.10 c–e).
Der Therapeut bringt den Arm erst in die Aus-
gangsstellung, die der beim gestreckten Armpattern
entspricht. Unter anhaltender Traktion des Schul-
7.5 · Flexion – Adduktion – Außenrotation
127 7
jAlternative Grifftechnik
Die proximale Hand wird zum betonten Üben des
Schulterblattes und/oder der Schulterbewegungen
auf das Schulterblatt oder den Oberarm gelegt,
nachdem die Schulterbewegung eingesetzt hat.
7.6 · Extension – Abduktion – Innenrotation
129 7
a b
c
. Abb. 7.11 a–c Arm: Extension – Abduktion – Innenrotation
jStretch jWiderstand
Der Stretch wird an Schulter und Hand gleichzeitig kDistale Hand
gegeben. Die proximale Hand führt dabei am Schul- Die distale Hand gibt dem dorsalextendierten Hand-
terblatt und an der Schulter einen schnell durchge- gelenk eine Traktion in Verbindung mit einem Ro-
führten Stretch mit Rotationskomponente aus. tationswiderstand für die Ulnarabduktion. Der Wi-
Die distale Hand unterstützt dies zusätzlich mit derstand für die Pronation und die Komponenten
einer Traktion am Handgelenk. Innenrotation und Abduktion des Schultergelenkes
resultieren aus dem Rotationswiderstand am Hand-
! Vorsicht
rücken.
Die Traktionsrichtung entspricht dem
Verlauf der Mittelhandknochen. Sie ist
kProximale Hand
deshalb nicht mit einer Bewegung in die
Die proximale Hand setzt währenddessen Traktion
Palmarflexion verbunden.
in Verbindung mit Rotationswiderstand. Am Ende
jVerbales Kommando der Bewegung können beide Hände des Therapeu-
»Finger und Hand strecken. Bringen Sie Ihren Arm ten von Traktion zu Approximation wechseln.
7 nach außen unten.«
jEndstellung
jBewegung Am Ende der Bewegung befindet sich das Schulter-
Die Bewegung wird von den Fingern und dem Dau- blatt in posteriorer Depression, das Schultergelenk
men mit Extension und vom Handgelenk mit einer ist in Extension – Abduktion – Innenrotation, wo-
nach ulnar gerichteten Dorsalextension eingeleitet. durch sich der Oberarm am Rumpf entlang bewegt.
Anschließend findet die Schultergelenkbewegung Der Ellbogen ist gestreckt, der Unterarm in Prona-
in Extension – Abduktion – Innenrotation statt, bei tion. Das Handgelenk befindet sich in einer nach
der die ulnare Handkante die Bewegung anführt. ulnar gerichteten Dorsalextension von ungefähr
Die Extensionsbewegung des Armes endet bei 45°. Die Finger sind extendiert und nach ulnar ge-
ungefähr 20° Extension. Gleichzeitig bewegt sich richtet, der Daumen ist gestreckt und abduziert.
das Schulterblatt in die posteriore Depression. Eine
Fortsetzung der Bewegung bewirkt eine Rumpfver- jBetonte Bewegungsfolge
kürzung derselben Seite. Zum betonten Üben von Hand oder Finger kann zu
Beginn der Extension des Schultergelenkes ein Hal-
jStellung des Therapeuten und Körper- tewiderstand gesetzt werden.
mechanik Bei diesem Armpattern besteht die Möglichkeit,
Der Therapeut steht in Schrittstellung in der Diago- die Bewegung in den ersten zwei Dritteln des Bewe-
nalen mit Blick nach oben zur linken Hand des Pa- gungsweges vom Patienten visuell kontrollieren zu
tienten. Im Verlauf der Bewegung verlagert der lassen.
Therapeut aufgrund der Armbewegung des Patien-
ten sein Körpergewicht vom rechten auf das linke Praxistipp
Bein. Gleichzeitig bewegt der Therapeut seinen
4 Infolge der Armbewegung des Patienten
Rumpf nach rechts, um die Armbewegung zu er-
wird das Körpergewicht des Therapeuten
möglichen. Die Pronation kann nun mit dem dista-
auf das hintere Bein verlagert.
len Griff kontrolliert werden. Zusammen mit der
4 Am Ende der Bewegung wechseln beide
Gewichtsverlagerung dreht der Therapeut sich auf
Hände des Therapeuten von Traktion zu
seinen Füßen mit der Bewegung mit, so dass sein
Approximation.
Blick am Ende der Bewegung auf die Füße des Pa-
tienten gerichtet ist.
7.6 · Extension – Abduktion – Innenrotation
131 7
. Abb. 7.12 a–h a–c Arm: Extension – Abduktion – Innenrotation mit Ellbogenextension. d Alternative Grifftechnik der pro-
ximalen Hand des Therapeuten
. Abb. 7.12 (Fortsetzung) e–g Der Therapeut steht am Kopfende der Behandlungsbank. h Patient mit rechtsseitiger Hemi-
plegie: Der Therapeut fazilitiert mit der proximalen Hand das Schulterblatt und den Rumpf
jVerbales Kommando
»Finger und Hand strecken. Strecken Sie den Ellbo-
gen, und bringen Sie Ihren Arm nach außen unten.«
134 Kapitel 7 · Obere Extremitäten
7
. Abb. 7.13 Arm: Extension – Abduktion – Innenrotation mit Ellbogenflexion
Hand des Therapeuten setzt, fazilitiert die Hand- Dorsalextension, M. extensor carpi ulnaris
Ellbogenextension und die Dorsalexten- gelenk Ulnarabduktion
. Abb. 7.14 Arm: Extension – Abduktion – Innenrotation mit Ellbogenflexion: Der Therapeut steht am Kopfende des Tisches
Hand hingegen am Oberarm, dann setzt diese so- Die Dorsalextension des Handgelenkes findet
wohl der Rotationskomponente als auch der Exten- stets in Kombination mit der Abduktion des Schul-
sion des Schultergelenkes Widerstand entgegen. tergelenkes und die Palmarflexion der Hand mit der
Am Ende der Bewegung kann Traktion in eine Ap- Adduktion des Schultergelenkes statt.
proximation übergehen.
Definition
jEndstellung Thrust-Kombinationen sind Stoßbewegungen,
Das Schulterblatt befindet sich am Ende der Bewe- Withdrawalpatterns sind die Rückwärtsbe-
gung in posteriorer Depression und die Schulter in wegungen der Thrustpatterns.
Extension – Abduktion – Innenrotation. Der Ellbo- Dabei werden Ulnarstoß- und Radialstoß-
gen ist vollständig flektiert und der Unterarm pro- bewegung mit der jeweiligen Rückwärts-
niert. Das Handgelenk befindet sich mit geöffneter bewegung unterschieden.
Hand und gestreckten Fingern in einer nach ulnar
gerichteten Dorsalextension.
Im »Motor Learning« geht man davon aus, dass in
7 jBetonte Bewegungsfolge der Regel die Ellbogenextension mit der Dorsalex-
Zur betonten Fazilitation der posterioren Depres- tension im Handgelenk einhergeht. Die kräftige
sion des Schulterblattes und der Extension des Dorsalextension im Handgelenk wiederum geht mit
Schultergelenkes wird sowohl der Dorsalextension einer Radialabduktion einher (Kots u. Syrovegin
des Handgelenkes als auch der Ellbogenflexion ein 1966).
Haltewiderstand entgegengesetzt. Dieses Armpat- Bei den Bewegungen der Thrust- und Withdra-
tern eignet sich besonders zum betonten Üben der wal-Kombinationen ist die Rotationsbewegung des
Handgelenks- und Fingerbewegungen, wenn die Schultergelenkes der des Unterarmes entgegenge-
Ellbogenflexion stärker ist als die Extension. setzt.
Diese Bewegungskombinationen nutzt man zur
Praxistipp Fazilitation selektiver Unterarm- und Handbewe-
gungen, oder auch, wenn der Patient dabei mehr
Schulter und Ellbogen beenden ihre Bewe-
Kraft entwickeln kann als bei den normalen Arm-
gung gleichzeitig.
mustern.
Wenn der Ellbogen gestreckt ist, entspricht
diese Gelenkstellung der beim gestreckten
Beispiel
Pattern.
Stoß- und Rückwärtsbewegungen sind spezielle Arm-
Gegen Ende der Bewegung kann von Traktion
bewegungen, die im Alltag häufiger vorkommen:
zu Approximation gewechselt werden.
Wenn die Ellbogenbeugung mit Supination kräftiger
ist als die Ellbogenflexion oder -extension mit Prona-
tion, können die Ulnar-Withdrawal-Kombinationen
benutzt werden, um die Schulterextension und pos-
7.7 Thrust- und Withdrawal- teriore Depression des Schulterblattes zu kräftigen.
Kombinationen Flexion – Adduktion der Schulter mit Ellbogenexten-
sion ist eine gute Kombination, um das Rollen von
Bei den PNF-Patterns des Armes gibt es eine Reihe der Rückenlage in die Bauchlage zu fazilitieren. Der
von Bewegungskombinationen, die stets in dieser Patient kann den Ulnarstoß ausnutzen, wenn die Ell-
einen Form eingesetzt werden: bogenextension mit Pronation kräftiger ist als die Su-
Das Schultergelenk und der Unterarm rotieren pination des Unterarmes.
immer in dieselbe Bewegungsrichtung. Das bedeu-
tet, dass die Außenrotation des Schultergelenkes mit jAusgangsstellung des Therapeuten
der Supination des Unterarmes und die Innenrota- Der Therapeut steht bei den Thrust- und With-
tion dementsprechend mit der Pronation erfolgt. drawal-Kombinationen am Kopfende der Be-
7.7 · Thrust- und Withdrawal-Kombinationen
137 7
a b
7
. Abb. 7.19 a, b Bilateral symmetrisches Pattern der Flexion – Abduktion – Außenrotation
. Abb. 7.20 a, b Bilateral asymmetrisches Pattern der Flexion – Abduktion am rechten Arm und Flexion – Adduktion am lin-
ken Arm
. Abb. 7.21 a, b Bilaterale symmetrisch-reziproke Patterns mit Flexion – Abduktion – Außenrotation des rechten Armes und
Extension – Adduktion – Innenrotation des linken Armes
a b
. Abb. 7.23 a, b Armpattern in Seitlage: Extension – Abduktion – Innenrotation. a Ausgangsstellung mit Vordehnung,
b Endstellung
7.10 · Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen
143 7
. Abb. 7.24 Armpattern im Unterarmstütz: Flexion – Ab- . Abb. 7.25 Armpattern im Sitzen: Flexion – Abduktion –
duktion – Außenrotation in der Endstellung Außenrotation mit visueller Kontrolle während der Ausfüh-
rung
. Abb. 7.26 Armpattern im Vierfüßlerstand: Extension – . Abb. 7.27 Armpattern im Kniestand: Irradiation durch
Abduktion – Innenrotation das Armpattern Flexion – Abduktion – Außenrotation für die
Extension des Rumpfes und der Hüftgelenke
Literatur
Untere Extremitäten
M. Buck
Literatur – 185
. Abb. 8.1 Diagonalen der unteren Extremität (nach Jung): Bei allen vier Bewegungsmustern kann das Knie gebeugt,
gestreckt oder in einer gestreckten Position gehalten werden
nur die Ausgangsstellung und die Körpermechanik oder plantar. Durch den lumbrikalen Griff werden
der gestreckt durchgeführten Beinpatterns be- die Finger und der Daumen an den Seiten des Fußes
schrieben. Variationen der Patterns oder Verände- platziert. Damit kann der Therapeut die Rotations-
rungen bezüglich der Ausgangsstellung oder der widerstände optimal setzen.
Körpermechanik werden – wenn nötig – zusätzlich
beschrieben. > Schmerzen sind für effektive Bewegungs-
abläufe hinderlich. Deshalb sollte der Thera-
jTaktiler Stimulus peut auf die richtige Anwendung des lum-
Die Griffe des Therapeuten folgen den in 7 Abschn. brikalen Griffes achten und unnötiges Drü-
2.3 angegebenen Prinzipien. Die Hände werden da- cken und/oder Kneifen am Fuß vermeiden.
bei entgegen der Bewegungsrichtung platziert. Als
erstes wird die grundsätzliche Grifftechnik für jedes jWiderstand
gestreckte Beinpattern, bezogen auf die bereits be- Die Richtung des Widerstandes verläuft in einer bo-
schriebene Ausgangsstellung des Therapeuten, für genförmigen Linie und zur Ausgangsstellung hin.
beide Hände beschrieben. Die Griffe ändern sich Die Richtung des Widerstandes verändert sich im
bei einer Veränderung der Ausgangsstellung des Pa- Verlauf des Bewegungspatterns. Dies ergibt sich
tienten oder des Therapeuten. Es kommt auch zu durch die Bewegung der Extremität selbst und die
einer Veränderung der Handfassung, wenn der damit verbundene Veränderung der Winkelstellung
Therapeut eine Hand zur Kontrolle eines anderen der Arme und Hände des Therapeuten.
Körperteils einsetzt. Die Beinpatterns sind mit den Beckenpatterns
Die Grifftechnik am Fuß richtet sich nach der verbunden, z. B. Flexion – Adduktion – Außenrota-
Bewegungsrichtung des Fußes, entweder dorsal tion mit anteriorer Elevation im Becken. Ein zu star-
148 Kapitel 8 · Untere Extremitäten
a b
Praxistipp
jTaktiler Stimulus
4 Es sollte mit einer ausreichenden Verlänge- Die distale und die proximale Hand werden wie beim
rung des Beines begonnen werden, der Ober- gestreckt ausgeführten Beinpattern platziert (7 Ab-
schenkel liegt zu Beginn über der Mittellinie. schn. 8.3 »Flexion – Abduktion – Innenrotation«).
4 Die seitlichen Rumpfflexoren werden unter
Beibehaltung der Verlängerung gedehnt. jVordehnung
4 Die Lendenwirbelsäule bleibt in neutraler Das Bein wird wie beim gestreckten Beinpattern in
Stellung. die Vordehnung gebracht.
4 Es wird nicht nur der Fuß bewegt. Die In-
nenrotation der Hüfte ist ebenfalls wichtig. jStretch
4 Der Therapeut gibt während der Bewe- Der Stretch wird in der gleichen Weise wie beim
gung Zug am Bein des Patienten. gestreckt ausgeführten Beinpattern gesetzt. Die
4 Gestreckte Beinmuster sind weniger Knieflexion wird durch Traktion der distalen Hand
funktionell als Muster mit Knieflexion oder gefördert.
-extension. Daher werden die gestreckten
Muster nur auf der Ebene der Körperfunk- jVerbales Kommando
tion angewandt, wenn das Knie nicht be- »Fuß hoch. Beugen Sie Ihr Knie, und bringen Sie Ihr
wegt werden darf/kann. Bein nach außen. Beugen Sie.«
jBewegung
Die Bewegung wird mit der Eversion und Dorsalfle-
8.3.1 Flexion – Abduktion – Innenrota- xion des Fußes und Fußgelenks eingeleitet. An-
tion mit Knieflexion (. Abb. 8.3) schließend führen die Hüfte und das Knie ihre Be-
wegungen gleichmäßig aus, so dass sie die Bewe-
gungsgrenze gleichzeitig erreichen.
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
Wird diese Beinbewegung weitergeführt,
Komponenten (nach Kendall u.
McCreary 1993) kommt es im Rumpf auch zu einer Flexion und zu
einer Lateralflexion nach links.
Hüft- Flexion, M. tensor fascia lata,
gelenk Abduktion, M. rectus femoris,
Innenrotation M. gluteus medius (anterior), jStellung des Therapeuten und Körper-
M. gluteus minimus mechanik
Der Therapeut schaut in die Bewegungsrichtung
6 und steht in Höhe der linken Hüfte des Patienten in
Schrittstellung. Im Lauf der Bewegung verlagert er
152 Kapitel 8 · Untere Extremitäten
a b
c d
. Abb. 8.3 a–d Bein: Flexion – Abduktion – Innenrotation mit Knieflexion. a, b Normale Ausgangs- und Endstellung des
Therapeuten. c, d Alternative Ausgangsstellung auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches
sein Körpergewicht vom vorderen auf das hintere kels entspricht. Gleichzeitig setzt die proximale
Bein. Er bleibt dabei in der Bewegungsdiagonalen. Hand den Hüftbewegungen einen Rotationswider-
stand entgegen.
jAlternative Ausgangsstellung
Der Therapeut kann auch auf der rechten Seite der jEndstellung
Behandlungsbank stehen (. Abb. 8.3 c, d). Der Fuß ist in Dorsalflexion und Eversion, während
die Hüfte und das Knie vollständig flektiert sind. Da-
jWiderstand durch zeigt die Ferse zum Tuber ischiadicum. Die
kDistale Hand Verbindungslinie von Knie und Ferse verläuft paral-
Die distale Hand übt am Fuß denselben Widerstand lel zur linken Schulter des Patienten.
aus wie beim gestreckten Beinpattern. Die Traktion
> Wenn der Therapeut das Knie strecken
wird mit der distalen Hand am Fuß ausgeübt. Dadurch
würde, ergäbe sich die Stellung des ge-
wird der Flexionsbewegung des Knies Widerstand
streckten Beinpatterns.
entgegengesetzt; dies ist für eine optimale Kräftigung
der Hüfte und Rumpfmuskulatur ganz wesentlich. jBetonte Bewegungsfolge
Da dieses Beinpattern drei Bewegungssegmente ent-
kProximale Hand hält, besteht die Möglichkeit, zwei Bewegungsseg-
Die proximale Hand führt am Oberschenkel eine menten einen Haltewiderstand entgegenzusetzen
Traktion aus, die der Verlängerung des Oberschen- und das dritte Bewegungssegment isoliert zu üben.
8.3 · Flexion – Abduktion – Innenrotation
153 8
Unabhängig von den anderen Hüftbewegungen Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
kann die vollständige Innenrotation der Hüfte bei Komponenten (nach Kendall
gebeugten Knien geübt und so die Beweglichkeit u. McCreary 1993)
der Hüfte verbessert werden. Der Patient übt in der Fuß- Dorsalflexion, M. peroneus tertius
Stellung, in der seine Hüftflexion am kräftigsten ist. gelenk, Eversion
Dabei kann das gesamte Bewegungsausmaß an In- Fuß
nenrotation genutzt werden. Nachdem die isolierte Zehen Extension, M. extensor hallucis, M. exten-
Bewegung geübt wurde, kehrt der Therapeut in den Lateral- sor digitorum
deviation
Bewegungsverlauf der Diagonalen zurück.
Zum betonten Üben des Fußes platziert der The-
rapeut die proximale Hand auf die dorsale Seite der jAusgangsstellung des Patienten
Tibia des Patienten und setzt damit sowohl der Hüfte Der Patient liegt mit dem Rumpf und den Ober-
als auch dem Knie Widerstand entgegen. Die distale schenkeln am Fußende der Behandlungsbank. Der
Hand setzt anschließend den Bewegungen des Fußes Unterschenkel hängt herunter. Die Kniekehle hat
und des Fußgelenks gezielte Widerstände entgegen. keinen direkten Kontakt mit dem Rand der Bank, so
dass das Knie so weit wie möglich gebeugt werden
> Um Ermüdungserscheinungen in der Hüft-
kann.
muskulatur zu vermeiden, kann die Ferse
auf dem Tisch zur Unterstützung abgesetzt
jTaktiler Stimulus
werden, wobei das Knie weiter in die Fle-
Der Griff der distalen und der proximalen Hand
xion ziehen sollte.
entsprechen dem beim gestreckt ausgeführten Bein-
Praxistipp pattern (7 Abschn. 8.3).
8 b
. Abb. 8.4 a–d Bein: Flexion – Abduktion – Innenrotation mit Knieextension. a, b Normale Ausgangs- und Endstellung des
Therapeuten. c, d Alternative Ausgangs- und Endstellung am Fußende des Behandlungstisches
8.4 · Extension – Adduktion – Außenrotation
155 8
jStretch in Richtung Ausgangsstellung der Knieflexion aus.
Der Therapeut setzt gleichzeitig einen Stretch für Hierdurch wird der Knieextension Widerstand ent-
die Bewegungskomponenten von Hüfte, Knie und gegengesetzt.
Fuß. Die proximale Hand übt an der Hüfte eine
schnell ausgeführte Traktion mit Rotation aus, wäh- kProximale Hand
rend die distale Hand gleichzeitig am Fuß eine Trak- Die proximale Hand kombiniert die in der Verlän-
tion mit Rotationskomponente ausführt. Der gerung des Oberschenkels verlaufende Traktion mit
Stretch am Knie erfolgt durch eine mit der distalen einem der Innenrotation der Hüfte entgegengesetz-
Hand sehr sanft angewandten Traktion in Verlänge- ten Rotationswiderstand.
rung der Tibia.
> Der Therapeut sollte beachten, dass beide
Hände unabhängig voneinander arbeiten
jVerbales Kommando
und die Intensität des Widerstandes für die
»Fuß hoch. Beugen Sie die Hüfte, und strecken Sie
Knieextensoren größer sein sollte als für
Ihr Knie im Bewegungsverlauf.«
die Hüftflexion.
jBewegung jEndstellung
Der Fuß bewegt in Richtung Dorsalflexion und Sie entspricht der Endstellung beim gestreckten
Eversion. Die Kniestreckung folgt der Hüftflexions- Beinpattern.
bewegung nach ungefähr 5°. Hüfte und Knie errei-
chen gleichzeitig die Endstellung. jBetonte Bewegungsfolge
Das Ziel dieses Bewegungspatterns ist, dass der Pa-
jStellung des Therapeuten und Körper- tient lernt, gleichzeitig Hüftflexion und Knieexten-
mechanik sion durchzuführen.
Der Therapeut beugt sich in Schrittstellung in Höhe
des Knies des Patienten nach vorne, um das Knie zu Praxistipp
flektieren. Im Laufe der Beinbewegung des Patien-
4 Eine gute Verlängerung und Rotation der
ten richtet sich der Therapeut auf, während er sein
Hüfte ist Voraussetzung zur Förderung der
Körpergewicht nach hinten verlagert und einen
Hüftbewegungen.
Schritt zurückgeht.
4 Das Setzen eines Stretches auf das Knie
sollte keine Schmerzen verursachen.
jAlternative Ausgangsstellung
4 Hüft- und Kniebewegungen beginnen
des Therapeuten
gleichzeitig; die Endstellung ist bei Knie-
Der Therapeut kann sich auch in Schrittstellung am
streckung erreicht.
Fußende der Behandlungsbank vor den Patienten
stellen und schaut dabei zum Knie des Patienten. Im
Verlauf der Bewegung richtet sich der Therapeut auf
und verlagert sein Körpergewicht auf das vordere 8.4 Extension – Adduktion –
Bein. Das Bein, das zuerst hinten steht, kann zum Außenrotation (. Abb. 8.5)
vorderen Bein nachgestellt werden. Die Endstellung
des Patienten entspricht der Endstellung, die in Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
7 Abschn. 8.3 beschrieben wurde (. Abb. 8.4 c, d). Komponenten (nach Kendall
u. McCreary 1993)
jWiderstand Hüft- Extension, M. adductor magnus,
kDistale Hand gelenk Adduktion, M. gluteus maximus,
Außenrotation M. semitendinosus,
Die distale Hand setzt am Fuß sowohl der Fuß- als
M. biceps femoris longus,
auch der Hüft- und Kniebewegung einen Wider- Außenrotatoren
stand mit Rotation entgegen. Zusätzlich übt die di-
stale Hand am dorsalflektierten Fuß eine Traktion 6
156 Kapitel 8 · Untere Extremitäten
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste > Der Therapeut sollte die Bewegung in Vor-
Komponenten (nach Kendall dehnung nur so weit durchführen, wie es
u. McCreary 1993) die Länge der ischiokruralen Muskelgrup-
Knie- Extension M. quadriceps femoris pe zulässt. Es darf zu keiner Beckenkip-
gelenk (Stellung pung nach dorsal kommen.
unverändert)
Fußge- Plantarflexion, M. gastrocnemius, M. soleus, jStretch
lenk, Fuß Inversion M. tibialis posterius
Für den Stretch an der Hüfte führt der Therapeut
Zehen Flexion, M. flexor hallucis, mit der proximalen Hand eine schnell applizierte
Deviation nach M. flexor digitorum
Traktion am Oberschenkel aus. Während er mit der
medial
distalen Hand den Fuß des Patienten weiter in
Dorsalflexion und Eversion bewegt, wird der Un-
jTaktiler Stimulus terarm desselben Armes eingesetzt, um eine zu-
kDistale Hand sätzliche Traktion in Verlängerung des Schienbei-
Die distale – hier die linke Hand – wird lumbrikal nes zu geben
am Fußballen platziert. Zur Fazilitation der Zehen-
flexion liegt der Daumen unter den Zehengrundge- ! Vorsicht
lenken. Der Therapeut sollte darauf achten, dass Beim Anwenden des Stretches sollte es nach
die Zehenflexion nicht behindert wird. Die Finger- der Vordehnung zu keiner wesentlichen Ver-
spitzen sind am medialen Fußrand, und der Hand- größerung der Hüftflexion kommen.
ballen erzeugt am lateralen Fußrand den Gegen-
druck. jVerbales Kommando
»Beugen Sie die Zehen, und drücken Sie den Fuß
! Vorsicht
nach unten. Drücken Sie Ihr Bein nach unten innen.
Der Therapeut sollte bei der Handfassung
Drücken Sie.«
darauf achten, dass er den Fuß weder
kneift noch zusammendrückt.
jBewegung
Die Zehen und der Fuß bewegen sich in Richtung
kProximale Hand Plantarflexion und Inversion. Die Außenrotation
Die proximale – hier die rechte – Hand des Thera- der Hüfte und Inversion des Fußes erfolgen gleich-
peuten wird von lateral nach medial unter dem zeitig. Die Hüftextension und -adduktion werden
Oberschenkel in Längsrichtung auf der posterio- durch den Stimulus am Metatarsale V eingeleitet.
ren-medialen Seite des Oberschenkels proximal Im weiteren Bewegungsverlauf kommt es zu einer
vom Knie platziert. Extension und Elongation der linken Rumpfseite
des Patienten.
jVordehnung
Der Therapeut führt eine auf das ganze Bein gerich- jStellung des Therapeuten und Körper-
tete Traktion aus, während der Fuß in Dorsalflexion mechanik
und Eversion und die Hüfte in Innenrotation be- Der Therapeut steht in Schrittstellung neben der
wegt wird. Die Traktion und auch die Innenrotation linken Schulter des Patienten und schaut zur unte-
werden beim Positionieren des Beines in Flexion ren rechten Ecke der Behandlungsbank. Sein linker
und Abduktion weiter fortgesetzt. Wenn der Patient Fuß steht vorne. Das Körpergewicht wird zu Beginn
das antagonistische Pattern (Flexion – Abduktion der Bewegung auf das hintere Bein verlagert. Im
– Innenrotation) ausgeführt bzw. beendet hat, kann Verlauf der Beinbewegung des Patienten verlagert
der Therapeut direkt mit dem agonistischen Pattern der Therapeut sein Körpergewicht auf das vordere
beginnen. Bein und macht dann mit dem hinteren Bein einen
Schritt nach vorne. Damit verlagert er sein Gewicht
noch weiter nach vorne.
158 Kapitel 8 · Untere Extremitäten
. Abb. 8.6 a–d Bein: Extension – Adduktion – Außenrotation mit Knieextension. a, b Normale Ausgangs- und Endstellung
des Therapeuten. c, d Alternative Ausgangs- und Endstellung auf der gegenüberliegenden Seite in der Diagonalen
8.4.2 Extension – Adduktion – extension« (7 Abschn. 8.3). Damit der Rücken des
Außenrotation mit Knieflexion Patienten geschont wird, kann seine rechte Hüfte
(. Abb. 8.7) gebeugt werden. Dazu stellt er den rechten Fuß auf
dem Tisch oder auf einer anderen Unterstützung auf.
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
jTaktiler Stimulus
Komponenten (nach Kendall u.
McCreary 1993) Sowohl die distale als auch die proximale Hand wer-
Hüft- Extension, M. adductor magnus, M. gluteus
den wie beim gestreckten Beinpattern platziert
gelenk Adduktion, maximus, Außenrotatoren (7 Abschn. 8.4).
Außenrotation
Knie- Flexion M. semitendinosus, M. semi- jVordehnung
gelenk membranosus, Mm. biceps femo- Das Bein wird wie beim gestreckten Beinpattern
ris longus et brevis, M. gracilis platziert.
Fuß- Plantarflexion, M. gastrocnemius, M. soleus,
gelenk, Inversion M. tibialis posterior jStretch
Fuß Der Stretch erfolgt durch eine schnell ausgeführte
Zehen Flexion, M. flexor hallucis, M. flexor Verlängerung und Rotation an der Hüfte und eine
Deviation digitorum Verlängerung am Fuß, die mit beiden Händen
nach medial
gleichzeitig angewandt werden. Mit der distalen
Hand kann Traktion gegeben werden, um so die
jAusgangsstellung des Patienten Knieflexoren zu verlängern.
Der Patient liegt am Fußende auf der Behandlungs-
bank, so dass er das Knie soweit wie möglich beugen jVerbales Kommando
kann. Die Ausgangsstellung entspricht der beim Pat- »Zehen und Fuß runter. Drücken Sie die Hüfte run-
tern »Flexion – Abduktion – Innenrotation mit Knie- ter, während Sie das Knie beugen.«
162 Kapitel 8 · Untere Extremitäten
ximal der Metatarsophalangealgelenke auf, um die > Bei der Positionierung des Patienten sollte
Extensionsbewegung der Zehen nicht zu behindern. der Therapeut besonders auf die Stellung
des Beckens achten. Es darf nicht durch
! Vorsicht
eine Einschränkung der Hüftextension
Der Therapeut muss darauf achten, dass er
nach ventral kippen bzw. durch Einschrän-
den Fuß des Patienten weder zusammen-
kung der Hüftabduktion nach links aus-
drückt noch kneift.
weichen.
jStellung des Therapeuten und Körper- > Die Hüftbewegung kann durch die Länge
mechanik der ischiokruralen und/oder anderer dor-
Der Therapeut steht in Höhe des linken Fußes des sal gelegener Strukturen eingeschränkt
Patienten in Schrittstellung in der Diagonalen. Den sein. Das Becken sollte nicht nach dorsal
linken Fuß hat er nach hinten gestellt, sein Rumpf kippen.
ist leicht nach vorne gebeugt. Für den Stretch ver-
lagert er nun sein Körpergewicht auf das hintere jBetonte Bewegungsfolge
Bein. Er richtet sich im Verlauf der Bewegung auf Zum betonten Üben von Zehen und Fuß kann der
und verlagert gleichzeitig sein Körpergewicht auf Flexionsbewegung der Hüfte direkt zu Beginn der
das vordere Bein. Während der gesamten Bewe- Bewegung ein Haltewiderstand entgegengesetzt
gung schaut der Therapeut in die Bewegungsrich- werden.
tung.
Der Therapeut kann zur Gewichtsverlagerung Praxistipp
einen weiteren Schritt nach vorne gehen, wenn der
4 Wird die Verlängerung der unteren Extre-
Patient lange Beine hat.
mität beibehalten, werden auch Rumpf-
flexoren in der gleichen, diagonalen Rich-
jWiderstand
tung gedehnt.
kDistale Hand
8 Die distale Hand setzt der Inversionsbewegung des
4 Die Körperstellung des Patienten sollte in
der Bewegungslinie ausgerichtet bleiben.
Fußes und damit auch der Adduktion und Außen-
4 Gestreckte Beinmuster sind weniger funk-
rotation der Hüfte Widerstand entgegen. Zusätzlich
tionell als Muster mit Knieflexion oder -ex-
kombiniert die distale Hand den Widerstand mit
tension. Daher werden die gestreckten
einer Traktion am Fuß, die wiederum der Dorsal-
Muster nur auf der Ebene der Körperfunk-
flexion des Fußes und der Hüftflexion Widerstand
tion angewandt, wenn das Knie nicht be-
entgegensetzt.
wegt werden darf/kann.
kProximale Hand
Die proximale Hand kombiniert die am Oberschen-
kel durchgeführte Traktion mit einem der Außen- 8.5.1 Flexion – Adduktion – Außen-
rotation und der Adduktion entgegengerichteten rotation mit Knieflexion
Rotationswiderstand. Durch das Beibehalten der (. Abb. 8.9)
Traktion verläuft der Widerstand in einer bogenför-
migen Linie. Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
Komponenten (nach Kendall u.
> Der Therapeut sollte beim Setzen des McCreary 1993)
Widerstandes darauf achten, dass es bei zu
Hüft- Flexion, M. psoas major, M. iliacus,
starkem Widerstand gegen die Hüftflexion gelenk Adduktion, Mm. adductores, M. sartorius,
zu Hebelwirkungen in der Wirbelsäule des Außenrotation M. pectineus, M. rectus femoris
Patienten kommt. Knie- Flexion M. semitendinosus,
gelenk M. semimembranosus,
M. biceps femoris,
jEndstellung M. gracilis, M. gastrocnemius
Der Fuß ist in Dorsalflexion und Inversion. Das Fuß- Dorsalflexion, M. tibialis anterior
Knie ist vollständig gestreckt und die Hüfte voll- gelenk, Inversion
ständig flektiert. Adduktion und Außenrotation der Fuß
Hüfte werden so weit durchgeführt, bis die Ferse Zehen Extension, M. extensor hallucis, M. exten-
und das Knie des linken Beines mit der rechten Deviation nach sor digitorum
Schulter auf einer Linie liegen. medial
8.5 · Flexion – Adduktion – Außenrotation
165 8
jTaktiler Stimulus
Die distale und die proximale Hand werden wie
beim gestreckten Beinpattern platziert (»Flexion –
Adduktion – Außenrotation«, 7 Abschn. 8.5).
jVordehnung
Das Bein wird wie beim gestreckten Pattern vorge-
dehnt.
jStretch
Der Stretch erfolgt gleichzeitig mit beiden Händen
an Hüfte und Fuß mit einer schnell ausgeführten
Verlängerung, kombiniert mit einer Rotation.
Traktion mit der distalen Hand fazilitiert die Knie-
flexion.
jVerbales Kommando
»Fuß hoch. Beugen Sie das Knie. Ziehen Sie es zur
rechten Schulter.«
jBewegung
Die Zehen strecken sich, und der Fuß bewegt sich in
Richtung Dorsalflexion und Inversion. Anschlie-
ßend werden Hüft- und Kniebewegungen eingelei-
tet. Beide Gelenke erreichen die Endstellung gleich-
zeitig. Wird diese Bewegung weitergeführt, entsteht
eine Rumpfflexion nach rechts.
> Die Knieflexoren sollten das Knie ebenso
gleichmäßig beugen wie die Hüftflexoren
die Hüfte.
jStellung des Therapeuten und Körper-
mechanik
Die Körpermechanik entspricht der beim gestreck-
ten Beinpattern in 7 Abschn. 8.5.
jWiderstand
kDistale Hand
Die distale Hand setzt sowohl der Dorsalflexion als
auch der Inversion des Fußes einen Widerstand
entgegen. Sie übt zusätzlich eine Traktion am Fuß
für die Knieflexion aus.
kProximale Hand
Die proximale Hand verbindet Traktion am Ober-
. Abb. 8.9 a–c Bein: Flexion – Adduktion – Außenrotation
mit Knieflexion. b Mittlere Stellung. c Zur Endstellung be- schenkel mit einem gegen die Hüftbewegungen ge-
nötigt das Knie noch mehr Flexion richteten Rotationswiderstand.
166 Kapitel 8 · Untere Extremitäten
Schulter des Patienten schaut, wodurch sein Kör- 8.6 Extension – Abduktion –
pergewicht wieder auf das rechte Bein verlagert Innenrotation (. Abb. 8.11)
wird.
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
jWiderstand Komponenten (nach Kendall
kDistale Hand u. McCreary 1993)
Die distale Hand setzt am Fuß sowohl Widerstand für Hüft- Extension, M. gluteus medius, M. gluteus
Dorsalflexion und Inversion entgegen als auch Rota- gelenk Abduktion, maximus (oberer Teil), ischio-
Innenrotation krurale Muskelgruppe
tionswiderstand für die Hüfte und die Knieextension.
Die gleichzeitig durchgeführte Traktion sorgt für zu- Knie- Extension (unver- M. quadriceps femoris
gelenk änderte Stellung)
sätzlichen Widerstand für die Knieextension.
Fuß- Plantarflexion, M. gastrocnemius,
kProximale Hand gelenk, Eversion M. soleus, Mm. peroneus
Fuß longus et brevis
Die proximale Hand übt, gleichzeitig mit dem
Widerstand für Adduktion und Rotation, eine Trak- Zehen Flexion, M. flexor hallucis, M. flexor
Lateraldeviation digitorum
tion auf den Oberschenkel aus.
jBetonte Bewegungsfolge > Der Therapeut darf den Fuß weder kneifen
Ziel dieses Bewegungspatterns ist es, dass der Pa- noch zusammendrücken.
tient Hüftflexion und Knieextension optimal aufei-
nander abstimmt. kProximale Hand
Die proximale (rechte) Hand des Therapeuten wird
Praxistipp auf die posteriore-laterale Seite des Oberschenkels
gelegt.
4 Die Vordehnung der Hüftmuskulatur ist für
die Hüftbewegung notwendig.
jVordehnung
4 Schmerzen, die durch zu starken Stretch am
Der Therapeut übt mit beiden Händen auf das ganze
Knie entstehen, sollten vermieden werden.
Bein eine Traktion aus, während der Fuß mit der dis-
4 Hüft- und Kniebewegungen beginnen
talen Hand in Richtung Dorsalflexion und Inversion
gleichzeitig.
und die Hüfte in Richtung Außenrotation bewegt
4 Endstellung: gestrecktes Knie mit Flexion,
wird. Der Therapeut behält die Traktion wie auch die
Adduktion und Außenrotation der Hüfte.
Außenrotation der Hüfte bei, während er das Bein in
Flexion und Adduktion bewegt.
! Vorsicht
Beim Einstellen dieser diagonalen Be-
wegung sollte der Therapeut beachten,
6
8.6 · Extension – Abduktion – Innenrotation
169 8
dass die Hüftbewegung durch die Länge hat, kann der Therapeut direkt am Ende dieses Pat-
der ischiokruralen Muskulatur begrenzt terns mit dem Pattern Extension – Abduktion – In-
und deshalb nicht weiter bewegt werden nenrotation beginnen.
sollte. Des Weiteren sollte er darauf achten,
dass das Becken nicht nach dorsal kippt. jStretch
Die proximale Hand appliziert den Stretch mit einer
Wenn der Patient zuvor das antagonistische Pattern schnellen Traktion am Oberschenkel. Die distale
Flexion – Adduktion – Außenrotation ausgeführt Hand stellt den Fuß in Dorsalflexion und Inversion
170 Kapitel 8 · Untere Extremitäten
8.6.1 Extension – Abduktion – und das Knie in Richtung rechter Schulter zeigen.
Innenrotation mit Knieextension Fuß, Knie und rechte Schulter befinden sich auf ei-
(. Abb. 8.12) ner Linie.
jStellung des Therapeuten und Körper- Das Knie sollte vor der vollständigen Streckung
mechanik eingestellt werden, um dann die Hüftextension zu
Die Körpermechanik entspricht der beim gestreck- erarbeiten. Das betonte Üben der Knieextension
ten Beinpattern. kann durch das Setzen von Haltewiderstand für
die Hüftextension in der mittleren Bewegungsbahn
jWiderstand erfolgen.
kDistale Hand
Praxistipp
Die distale Hand setzt der Fuß- und Hüftbewegung
sowie der Knieextension rotatorische Widerstände
4 Normales Timing: Knie und Hüfte werden
und Druckwiderstände entgegen. Der Widerstand
gleichzeitig gestreckt.
für die Knieextension wird in Richtung Tuber ischi-
4 Die distale Hand setzt der Knieextension
adicum gegeben. Im Verlauf der Extensionsbewe-
einen Widerstand entgegen, indem die
gung des Knies muss sich der Winkel des applizier-
Ferse Richtung Tuber ischiadicum gebracht
ten Widerstandes laufend verändern.
wird.
> Der Widerstand für die Knieextension wird 4 Zu Beginn der Knieextension übt die
auch nach Erreichen der vollständigen distale Hand genügend Widerstand aus,
Knieextension beibehalten. um eine übermäßige Hüftrotation zu
8 verhindern.
kProximale Hand
Die proximale Hand setzt am Oberschenkel einen
Widerstand, der in Richtung Ausgangsstellung 8.6.2 Extension – Abduktion –
gerichtet ist. Dieser Widerstand wird gegen die Innenrotation mit Knieflexion
Extension und Abduktion der Hüfte gerichtet. Der (. Abb. 8.13)
Widerstand für die Innenrotation wird von der
proximalen Hand durch einen von lateral nach
Gelenk Bewegung Muskulatur: wichtigste
medial und in Richtung Flexion gerichteten Druck Komponenten (nach Kendall
erzeugt. Beim Erreichen der vollständigen Hüft- und u. McCreary 1993)
Knieextension sollte mit der distalen Hand am Fuß Hüftgelenk Extension, M. gluteus medius,
und mit der proximalen Hand am Oberschenkel Ap- Abduktion, M. gluteus maximus
proximation und Widerstand gegeben werden. Innenrotation
Kniegelenk Flexion M. gracilis, ischiokrurale
> Beim Setzen des Widerstandes sollte der Muskelgruppe
Therapeut darauf achten, dass Fußgelenk, Plantarflexion, M. soleus,
4 beide Hände unabhängig voneinander Fuß Eversion M. peroneus longus et brevis
arbeiten und Zehen Flexion, Lateral- M. flexor hallucis,
4 der Widerstand für die Knieextension deviation M. flexor digitorum
stärker als für die Hüftextension ist.
jTaktiler Stimulus folgt. Hüfte und Knie erreichen gleichzeitig das Be-
Die distale und die proximale Hand werden wie beim wegungsende.
gestreckten Beinpattern platziert (7 Abschn. 8.6).
jStellung des Therapeuten und Körper-
jVordehnung mechanik
Die Vordehnung entspricht der beim gestreckten Der Therapeut setzt seinen Körper wie beim ge-
Beinpattern. streckten Beinpattern ein. Gegen Ende des Bewe-
gungspatterns kann der Therapeut seine Hüften
jStretch und Knie beugen und seinen Körper zusätzlich dre-
Der Stretch erfolgt gleichzeitig mit beiden Händen hen, wobei er zum Fußende der Behandlungsbank
durch eine schnell ausgeführte Verlängerung und schaut.
Rotation der Hüfte und des Fußes. Um mehr Ver-
längerung für die Knieflexoren zu erreichen, kann jWiderstand
mit der distalen Hand eine zusätzliche Traktion für kDistale Hand
das Knie ausgeübt werden. Die distale Hand setzt der Plantarflexion und Ever-
sion sowie der Knieflexion gleichzeitig Widerstand
jVerbales Kommando entgegen. Dieser Widerstand ist in die Ausgangs-
»Drücken Sie Ihren Fuß und Ihre Hüfte nach unten. stellung zurückgerichtet.
Beugen Sie dabei Ihr Knie.«
kProximale Hand
jBewegung Beim Erreichen der vollständigen Hüftextension
Der Fuß leitet die Bewegung mit Plantarflexion und wird mit der proximalen Hand eine Approximation
Eversion ein. Danach beginnt die Hüftbewegung, am Oberschenkel gegeben. Die proximale Hand
der nach ungefähr 5° Hüftextension die Knieflexion gibt Widerstand wie beim gestreckten Pattern.
174 Kapitel 8 · Untere Extremitäten
. Abb. 8.14 a, b Bein: Bilaterales symmetrisches Pattern der Flexion – Abduktion mit Knieextension
. Abb. 8.15 a, b Bein: Bilaterales asymmetrisches Pattern der Flexion – Abduktion mit Knieextension an der linken Seite
und Extension – Abduktion mit Knieflexion an der rechten Seite
. Abb. 8.16 a–d Bein: Kombinationsmöglichkeit für die symmetrisch gestreckten Beinpattern in Rückenlage. a, b Flexion –
Abduktion, c, d Extension – Adduktion
zenden Patienten die Möglichkeit, die Bewegung > Der Therapeut sollte die Ausgangsstellung
seiner Beine visuell zu verfolgen und zu kontrollie- wählen, bei der sich die größten Vorteile
ren. Darüber hinaus kann z. B. durch Veränderung und die geringsten Nachteile für Patienten
der Ausgangsstellung die Schwerkraft zur Unter- und Therapeuten ergeben.
stützung der Bewegung oder zur Kräftigung der
Muskulatur genutzt werden. Die Verlängerung der
zweigelenkigen Muskulatur wird je nach gewählter
Ausgangsstellung unterstützt.
8.8 · Variationen der Ausgangsstellung des Patienten
177 8
. Abb. 8.17 a, b Bein: Bilaterales asymmetrisch-reziprokes Pattern der Extension – Abduktion auf der linken Seite und
Flexion – Abduktion auf der rechten Seite
. Abb. 8.18 a, b Bein: Bilaterales asymmetrisches Pattern der Hüftextension mit Knieflexion linkes Bein in Abduktion und
rechtes Bein in Adduktion
178 Kapitel 8 · Untere Extremitäten
8 . Abb. 8.19 a, b Bein: Bilaterales symmetrisches Pattern in Bauchlage: Hüftextension – Adduktion – Außenrotation mit
Knieflexion
Die Ausgangsstellung »Sitzen« ermöglicht es dem Die Hüftextension kann in der Bauchlage gut
Therapeuten, mit den Beinen des Patienten zu gegen die Schwerkraft trainiert werden. Darüber
üben. Die Hüftextension ist bei dieser Übung nicht hinaus besteht in dieser Ausgangsstellung die
möglich, da die Beine des Patienten auf der Behand- Möglichkeit, die Extension der Hüfte mit der
lungsbank aufliegen. In dieser Ausgangsstellung Flexion des Knies zu kombinieren (. Abb. 8.21).
kann der Patient während des Übens seinen Fuß Dabei sollte der Therapeut der Bewegung der Hüf-
und sein Knie visuell verfolgen und kontrollieren. te einen Haltewiderstand entgegensetzen, um eine
Gleichzeitig wird in dieser Stellung die Sitzbalance Hyperextension der Lendenwirbelsäule zu ver-
und die Rumpfstabilität des Patienten trainiert. Die meiden.
Betonte Bewegungsfolge kann verwendet werden, In der Bauchlage kann die Schwerkraft die Hüft-
um auf einfache Art und Weise ein Bein zu stabili- flexion unterstützen. Der Patient muss so positio-
sieren, während das andere Bein Bewegungen aus- niert werden, dass die Beine über das Fußende der
übt. Welche Übungen im Sitzen ausgeführt werden Behandlungsbank hinausragen.
können, hängt allein von den Bewegungsmöglich-
keiten des Patienten und der Kreativität des Thera- > Um die Lendenwirbelsäule des Patienten
peuten ab. In . Abb. 8.20 sind drei Beispiele als An- zu stabilisieren, sollte er ein Bein auf den
regung dargestellt. Boden stellen (. Abb. 8.21 c).
6
. Abb. 8.21 a–g Beinpattern in Bauchlage. a, b Extension – Adduktion – Außenrotation. c Ein Bein auf dem Boden zur
Stabilisation der lumbalen Wirbelsäule
Während das Knie sich mit der Schwerkraft ren zu können, muss der Patient an der
streckt, kann die Behandlungsbank genutzt Bankkante liegen und ein Bein auf dem
werden, um der Hüftflexion einen Wider- Boden aufstellen (. Abb. 8.21 f, g).
stand entgegenzusetzen (. Abb. 8.21 d, e).
Um eine Hüftflexion in Bauchlage ausfüh-
6
8.8 · Variationen der Ausgangsstellung des Patienten
181 8
. Abb. 8.21 (Fortsetzung) d, e Flexion – Adduktion – Außenrotation mit Knieextension. f, g Beinpattern in Bauchlage.
Flexion – Abduktion – Innenrotation mit Knieflexion des linken Beines. Die rechte Hüfte ist flektiert und der Fuß steht auf
dem Boden
8.8.3 Beinpatterns in der Seitlage kulatur stabilisiert werden. Die Abduktoren des
(. Abb. 8.22) oben liegenden Beines und die Adduktoren des un-
ten liegenden Beines müssen in dieser Stellung ge-
Bei der Durchführung der Beinpatterns in Seitlage gen die Schwerkraft arbeiten. Um einer lumbalen
sollte der Therapeut besonders darauf achten, dass Hyperextension entgegenzuwirken, sollte das ipsila-
der Patient keine Ausweichbewegungen im Rumpf terale Becken in posteriore Depression positioniert
macht. Der Rumpf des Patienten kann entweder pas- werden.
siv durch äußere Unterstützung (z. B. Kissen) oder
aktiv durch die eigene Anspannung der Rumpfmus-
182 Kapitel 8 · Untere Extremitäten
. Abb. 8.22 a–f Beinpattern in Seitlage. a, b Extension – Abduktion – Innenrotation mit gestrecktem Knie. c, d Flexion –
Adduktion – Außenrotation mit Knieflexion. e, f Beinpattern in Seitlage. Extension – Adduktion – Außenrotation mit Knie-
extension
8.8 · Variationen der Ausgangsstellung des Patienten
183 8
. Abb. 8.23 a–h Beinpattern im Vierfüßlerstand. a, b Flexion – Abduktion – Innenrotation mit Knieflexion. c, d Extension –
Adduktion – Außenrotation mit Knieextension
8.8.4 Beinpatterns im Vierfüßlerstand folgt hier die Hüftextension gegen die Schwerkraft.
(. Abb. 8.23) Die Hüftflexion kann mit der Schwerkraft ausgeübt
werden.
Die Durchführung der Beinpatterns im Vierfüßler-
stand erfordern vom Patienten sowohl Rumpf- > Der Therapeut sollte bei der Durchführung
stabilität als auch Stabilität der Arme und des auf- des Beinpatterns besonders auf Ausweich-
gestellten Beines. Ebenso wie in der Bauchlage er- bewegungen der Wirbelsäule achten.
184 Kapitel 8 · Untere Extremitäten
. Abb. 8.23 (Fortsetzung) e, f Flexion – Adduktion – Außenrotation mit Knieflexion. g, h Extension – Abduktion – Innen-
rotation mit Knieextension
Der Stand bietet eine weitere gute Stellung für die 4 Wann ist es sinnvoll, gestreckte Beinmuster an-
Durchführung der Beinpatterns. Diese Ausgangs- zuwenden, obwohl gestreckte Beinmuster nicht
stellung kann modifiziert werden, z. B. durch Auf- so funktionell sind wie die gebeugten Muster?
stützen der Hände. Widerstand für das stärkere 4 Worauf soll der Therapeut besonderen Wert
Bein in Flexion – Abduktion – Innenrotation för- legen, wenn er die Beinmuster in die Hüft-
dert die Stabilität der Hüfte und des Knies des extension mit Kniestreckung anwendet?
Standbeins.
Literatur
185 8
Literatur
Nacken
D. Beckers
Literatur – 201
kann in einer zu weit ausgeführten Rotation resul- unten erzeugt. Mit der Hand auf dem Kopf setzt der
tieren. Therapeut neben der Rotation und der Lateralfle-
xion auch der anterioren bzw. posterioren Bewe-
jTaktiler Stimulus gung einen Widerstand entgegen.
Für die Nackenpatterns platziert der Therapeut je
eine Hand am Kinn und am Kopf des Patienten. Mit jNormales Timing
der Hand am Kinn kontrolliert der Therapeut die Das Normale Timing der Nackenpatterns beginnt
obere Nackenflexion bzw. -extension und die dazu- mit der Kinnbewegung (distal) und geht dann in die
gehörige Rotation. Der Druck wird mitten auf dem Nackenbewegung (proximal) über. In dem Flexions-
Kinn gegeben. Dies verhindert laterale Scherbe- und Extensionsmuster bewegt sich der Kopf auf ei-
wegungen und ungünstige Belastung des Tempo- ner geraden Linie. Die Rotation entsteht während
romandibulargelenkes. Die Hand am Kopf kon- der ganzen Bewegung. Zuerst bewegt die obere
trolliert die untere Nackenflexion bzw. die lange Halswirbelsäule das Kinn durch das gesamte Bewe-
Nackenextension, die Rotation und die Lateralflexi- gungsausmaß für Flexion (»Kinn einziehen«) oder
on. Dazu wird die Hand etwas seitwärts der Lateral- Extension (»Kinn anheben«). Die übrigen Gelenke
flexions-/Rotationsachse positioniert, und die Fin- führen dann den Kopf durch die restliche Bewegung.
ger weisen in die Richtung der gewünschten Bewe- Die Rotation erfolgt sanft und ist über die gesamte
gung. Die Autoren bevorzugen einen Griff, bei dem Bewegungsbahn gleichmäßig verteilt.
die Hand, die sich an der Extensionsseite befindet,
am Kinn liegt. Die andere Hand liegt am Kopf des
9 Patienten. Dieser Griff nimmt den Druck vom Tem- 9.3 Indikationen
poromandibulargelenk und Gesicht.
Die Bewegungspatterns des Nackens können bei
Beispiele folgenden Indikationen eingesetzt werden:
Der Patient sitzt auf einem Hocker und bewegt den 4 Probleme im Rumpfbereich, z. B. Hemiplegie,
Kopf in der Diagonalen Flexion nach links – Extension Rückenschmerzen, schwache Rumpfmuskula-
nach rechts. Der Therapeut steht an der rechten Seite tur durch verschiedene Ursachen,
des Patienten und platziert seine rechte Hand auf das 4 Schmerzen im Schulterbereich, z. B. Schulter-
Kinn und die linke Hand auf den Kopf. Nacken-Syndrom, vermindertes Bewegungs-
Der Patient liegt im Unterarmstütz und bewegt den ausmaß der Schulter,
Kopf in der Diagonalen in Flexion nach links – Exten- 4 funktionelle Probleme, z. B. beim Gehen,
sion nach rechts. Der Therapeut steht – vom Patien- Rollen usw.
ten aus gesehen – auf der rechten Seite vor dem Pati-
enten. Die linke Hand befindet sich am Kinn und die Bewegungspatterns des Nackens sind auch zur Irra-
rechte Hand liegt auf dem Kopf. diation anderer Körperteile hilfreich.
jWiderstand Beispiel
Die Intensität des Widerstandes sollte bei der An- Ein Patient mit künstlichem Hüftgelenk befindet sich
wendung der Nackenpatterns im Bereich der Mög- in Bauch- oder Rückenlage. Der Therapeut setzt der
lichkeiten des Patienten liegen. Der Patient sollte Nackenextension einen Widerstand entgegen und
den Nacken ohne Schmerzen oder unerwünschte erreicht so eine Irradiation auf die Hüftextension und
Spannungen sowohl bewegen als auch stabilisieren -abduktion des Patienten.
können.
Der Widerstand am Kinn erfolgt am Rand der Es gibt noch viele Möglichkeiten, um den Nacken
Mandibula. Bewegt der Patient seinen Kopf in die zur Irradiation auf andere Körperteile einzusetzen.
Flexion, wird der Flexionswiderstand mit einer Natürlich kann man die Nackenpatterns unter
Traktion kombiniert. Bei der Bewegung in die Ex- Berücksichtigung besonderer Techniken auch zur
tension wird der Widerstand durch Druck nach direkten Behandlung der Halswirbelsäule ein-
9.4 · Flexion nach links, Extension nach rechts
191 9
setzen. Nach der PNF-Philosophie sollte die Be- 4 Rückenlage (. Abb. 9.5),
handlung zuerst mit anderen, d. h. stärkeren und 4 Seitlage (. Abb. 9.6).
schmerzfreien Körperteilen beginnen, wie z. B. mit
dem Becken, dem unteren Rumpf, den unteren jTaktiler Stimulus
Extremitäten, und, wenn der Patient sich in einer Der Therapeut steht rechts hinter dem sitzenden
weniger akuten Phase befindet, zum Schulterblatt Patienten und platziert die Fingerspitzen seiner
und den oberen Extremitäten übergehen. rechten Hand unter dem Kinn des Patienten. Die
linke Hand liegt links von der Mitte auf dem Hinter-
Praxistipp kopf und weist mit den Fingern in die Richtung der
Diagonalen. Der Widerstand wird mit den Fingern
4 Normales Timing erfolgt von distal (obere
und der Handinnenfläche gegeben. Wird die Fle-
Kopfgelenke) nach proximal (untere Hals-
xionsbewegung mit der Traktion kombiniert, wird
wirbelsäule).
der Handballen der linken Hand unter das Os occi-
4 Für sämtliche Nackenbewegungen ist
put gesetzt. Die Traktionsrichtung entspricht der
Beweglichkeit in der oberen thorakalen
Richtung der Diagonalen.
Wirbelsäule essentiell.
4 Die zervikale Rotation ist ein wesentlicher
jVordehnung
Teil des Patterns. Die Rotation erfolgt
Kinn, Nase und Hinterkopf des Patienten befinden
gleichzeitig mit den anderen Bewegungen.
sich auf seiner rechten Seite. Das Kinn ist nach oben
gerichtet, der Kopf rotiert und wird nach rechts an-
gehoben. Die Extension verteilt sich gleichmäßig
über die zervikale und thorakale Wirbelsäule. Dabei
9.4 Flexion nach links, Extension sollte der Therapeut darauf achten, dass er die Ge-
nach rechts (. Abb. 9.2) lenke der Wirbelsäule nicht in eine »Verriegelung«
bringt (durch eine gegensinnige Rotation und Seit-
In diesem Kapitel wird die Diagonale »Flexion nach neigung). Die ventralen Weichteilstrukturen auf der
links – Extension nach rechts« mit dem Patienten in linken Halsseite sollten fühl- und sichtbar unter
sitzender Ausgangsposition beschrieben (. Abb. 9.2 Spannung stehen. Wird die Bewegung mit der Trak-
a, b). Für die andere Diagonale werden die Begriffe tion kombiniert, verlängert sich der Rumpf in der
»links« und »rechts« entsprechend ausgetauscht. Vordehnung und rotiert gleichzeitig nach rechts.
jVerbales Kommando
9.4.1 Flexion – Lateralflexion nach links, »Ziehen Sie Ihr Kinn ein. Beugen Sie Ihren Kopf zur
Rotation nach links (. Abb. 9.2c, d) linken Hüfte.«
jBewegung
jAusgangsstellung des Patienten Der Kiefer des Patienten bewegt sich mit der Rota-
Der Patient sitzt auf einem Stuhl. Der Therapeut steht tion nach unten links. Der Nacken folgt mit einer
rechts hinter ihm. flexorischen Bewegung der Bewegungsrichtung
vom Kiefer, so dass sich der Kopf dem Brustkorb
jAlternative Ausgangsstellungen des Patienten nähert.
Der Patient kann folgende alternative Ausgangsstel-
lungen einnehmen, abhängig von den Möglichkei- jStellung des Therapeuten und Körper-
ten des Patienten bzw. den unterschiedlichen Be- mechanik
handlungszielen: Der Therapeut steht auf der rechten Seite hinter
4 Unterarmstütz. Der Therapeut kann hinter dem Patienten. Die Schultern und das Becken des
(. Abb. 9.3) oder vor (. Abb. 9.4) dem Patien- Therapeuten befinden sich in der Diagonalen, die
ten stehen, Arme in der Bewegungsrichtung. Der Therapeut
192 Kapitel 9 · Nacken
. Abb. 9.2 a–d Diagonale Flexion nach links, Extension nach rechts. a, b Aktive Ausführung der Nackenpatterns.
c, d Nackenflexion nach links
. Abb. 9.4 a, b Nacken: Flexion nach links im Unterarmstütz. Der Therapeut steht vor dem Patienten
die Bewegung mit einer Traktion kombiniert, Im Verlauf der Extensionsbewegung des Kopfes
beugt sich der Rumpf des Patienten in der Vordeh- des Patienten verlagert der Therapeut sein Körper-
nung mit einer Rotation nach vorne links. gewicht nach hinten, um für die Bewegung des Pa-
tienten Platz zu machen. So können die Extension
jVerbales Kommando und die Lateralflexion richtig ausgeführt werden.
»Bringen Sie Ihr Kinn nach oben. Schauen Sie nach
oben.« jTraktion
Der Therapeut setzt zu Beginn der Bewegung eine
jBewegung leichte Traktion am Kopf ein, um die Halswirbel-
Das Kinn des Patienten bewegt nach oben, gleich- säule zu verlängern. Zusätzlich übt er am Unterkie-
zeitig führt die Halswirbelsäule eine Rechtsseitnei- fer einen leichten Druck auf das Kinn aus.
gung und Rechtsrotation durch.
Die Bewegung des Nackens und der oberen jWiderstand
Brustwirbelsäule verläuft, dem Kinn folgend, von kDistale Hand
der Flexion in die Extension, und dadurch kommt Mit dem Daumen der rechten Hand übt der Thera-
es zu einer Aufrichtung der genannten Wirbelsäu- peut einen leichten Druck auf das Kinn und gleich-
lenabschnitte. zeitig einen leichten Rotationswiderstand nach
links aus.
jStellung des Therapeuten und Körper-
mechanik kProximale Hand
Der Therapeut steht etwas nach rechts versetzt hin- Mit der linken Hand, die auf dem Kopf des Patien-
ter dem Patienten. Seine Schultern und sein Becken ten liegt, setzt der Therapeut der Bewegung einen
befinden sich im Verlauf der Diagonalen. Die Arme Rotationswiderstand entgegen, der in die Aus-
weisen in die Bewegungsrichtung. gangsstellung zurückgerichtet ist.
9.5 · Anwendung der Nackenpatterns zur Fazilitation der Rumpfbewegungen
197 9
Den ersten Abschnitt der Extensionsbewegung 9.5.1 Fazilitation der Rumpfflexion
kombiniert der Therapeut mit einer leichten Trak- und -extension durch Nacken-
tion. Beim Erreichen der fast gestreckten Position patterns
wechselt er von der Traktion zu einer leichten Kom-
pression, die er von oben auf dem Kopf in Längs- In der Rückenlage können Nackenpatterns genutzt
richtung der Halswirbelsäule gibt. werden, z. B. zur Fazilitation des Rollen in die Seit-
lage (Abb. 9.9 a, b) oder, wenn die Bauchmuskulatur
jEndstellung des Patienten kräftig genug ist, zur Fazilitation der
Kopf, Nacken und die obere Brustwirbelsäule des Bewegung »vom Liegen zum Sitzen«. Sowohl in der
Patienten befinden sich in Extension mit geringfügi- Seitlage als auch in der Bauchlage kann die Exten-
ger Elongation. Nase, Kinn und Scheitel sind auf- sion bzw. das Zurückrollen auf den Rücken durch
grund der nach rechts gerichteten Lateralflexion und den Einsatz der Nackenpatterns fazilitiert werden
Rotation rechts von der Sagittalebene. (. Abb. 9.9).
Die Fazilitation von statischen Kontraktionen
> Der Therapeut sollte bei der Bewegung in
der Rumpfmuskulatur im Sitzen erfolgt durch den
die Extension darauf achten, dass die Hals-
Einsatz angepasster Widerstände für die Extension
wirbelsäule im mittleren Abschnitt länger
wie für die Flexion. Der Patient sollte dafür aufrecht
wird. Der Nacken soll bei der Bewegung
sitzen und den Kopf in der Mitte halten. Um die
länger und nicht kürzer werden.
Sitzbalance des Patienten zu fördern, kann der
Therapeut die Umkehrtechniken und statische
9.5 Anwendung der Nackenpatterns Kontraktionen mit kleinen Bewegungsausschlägen
zur Fazilitation der Rumpf- anwenden.
bewegungen Werden die Nackenpatterns beim stehenden Pa-
tienten angewandt, wird die Intensität des Wider-
Die Rumpfmuskulatur kann nur dann mit Bewe- standes verringert und der Widerstand am Kopf mit
gungspatterns des Nackens trainiert werden, wenn zusätzlichen Widerständen an Schulter oder Becken
der Nacken kräftig und schmerzfrei ist. Dabei ste- kombiniert.
hen dynamische und statische Techniken zur
Wahl. Wenn bei der gewählten Nackenbewegung Praxistipp
Schmerzen entstehen, sollte der Therapeut auf dy-
4 Kopf und Nacken können als Hebel für die
namische Techniken verzichten und den Nacken
Rumpfaktivität angesehen werden.
mit einer statischen Technik in einer schmerzfreien
4 Mit einer Hand kann am Schulterblatt und
Position, der sog. Präpositionierung, beüben.
am Becken Widerstand entgegengesetzt
> Beim Einsatz von Nackenpatterns zur Fazi- werden.
litation des Rumpfes sollte der Therapeut
darauf achten, dass die Aktivität im Rumpf
und nicht im Nacken stattfindet.
9.5.2 Fazilitation der Lateralflexion
Zur Fazilitation der Flexionsbewegung des Rumpfes des Rumpfes durch Nacken-
wird der Flexionsbewegung des Nackens vor allem patterns
Traktion mit Widerstand entgegengesetzt. Dagegen
wird den Extensionsmustern des Nackens zur Fazili- Die Fazilitation dieser Bewegung kann in jeder
tation der Rumpfextension und Elongation eine Ausgangsstellung erfolgen. Die Lateralflexion des
Kompression auf dem Kopf des Patienten hinzuge- Rumpfes wird in die Extensions- wie auch in die
fügt. Flexionsrichtung durch die Kinnbewegung (kurze
Nackenextension bzw. -flexion) mit gleichzeitig
durchgeführter Rotation und Lateralflexion fazili-
tiert.
198 Kapitel 9 · Nacken
Praxistipp
jTaktiler Stimulus
Der Therapeut platziert seine rechte Hand auf die
rechte Seite des Kopfes des Patienten in der Nähe
des rechten Ohres. Die Finger seiner linken Hand
setzt der Therapeut unter das Kinn des Patienten.
jVorbereitungskommando
»Drehen Sie Ihren Kopf nach rechts, und halten Sie
das Kinn hier. Berühren Sie den vorderen Rand Ih-
rer rechten Schulter.«
a b
c d
e f
. Abb. 9.10 a–f Nackenpatterns zur Fazilitation der Lateralflexion des Rumpfes nach rechts. a–c In Rückenlage mit Flexions-
neigung. d–f In Bauchlage mit Extensionsneigung
200 Kapitel 9 · Nacken
. Abb. 9.11 a, b Patient mit inkompletter Tetraplegie nach traumatischen Frakturen von C2 und C6. a Flexion, Lateralflexion
und Rotation nach rechts. b Betonte Bewegungsfolge mit Nackenrotation nach links zur Fazilitation der Rumpfstreckung nach
links
Rumpf
D. Beckers, M. Buck
Literatur – 220
Bewegung Muskulatur: die wichtigsten Komponenten Zunächst wird der Einsatz der Rumpfpatterns in
(Kendall u. McCreary 1993) der Rückenlage dargestellt. Weitere Ausgangsstel-
Chopping M. obliquus externus (rechts), M. rectus lungen werden an anderer Stelle beschrieben (7 Ab-
nach links abdominis, M. obliquus internus (links) schn. 10.3 und 7 Abschn. 10.4).
Bilaterale M. obliquus internus (links), M. rectus abdo-
Beinflexion minis, M. obliquus externus (rechts) jWiderstand
nach links Die Bewegung wird zunächst von den Extremitäten
eingeleitet und vom Therapeuten zurückgehalten,
Für die Rumpfextension, Lateralflexion und Rota- bis die Rumpfmuskulatur fühlbar und sichtbar kon-
tion nach rechts gilt: trahiert. Anschließend verändert der Therapeut die
Intensität des Widerstandes in der Weise, dass die
Bewegung Muskulatur: die wichtigsten Komponenten Bewegung der Extremitäten erfolgen kann und
(Kendall u. McCreary 1993) auch die Fazilitation der Rumpfmuskulatur erhalten
Lifting Alle Nacken- und Rückenstreckermuskeln, bleibt.
nach rechts Mm. rotatores und Mm. multifidi (links)
Bilaterale Alle Nacken- und Rückenstreckermuskeln, jNormales Timing
Beinextension M. quadratus lumborum (rechts), Mm. rota- Bei diesen Bewegungskombinationen wird die Be-
nach rechts tores und Mm. multifidi (links)
wegung stets von den Extremitäten eingeleitet, und
gleichzeitig sorgt die Rumpfmuskulatur für Stabili-
Für die Rumpflateralflexion nach rechts gilt: tät. Erst wenn die Bewegung der Extremitäten been-
det ist, wird die Bewegung des Rumpfes bis zum
Bewegung Muskulatur: die wichtigsten Komponenten Bewegungsende zugelassen.
(Kendall u. McCreary 1993)
Mit Rumpf- M. quadratus lumborum, M. iliocostalis jBetonte Bewegungsfolge
extension lumborum, M. longissimus thoracis, Für die betonte Fazilitation des Rumpfes wird die
M. latissimus dorsi (bei fixiertem Arm)
Bewegung der Extremitäten am Ende mit einem
Mit Rumpf- M. obliquus internus (rechts), M. obliquus Haltewiderstand »eingerastet« und dann als Hebel
flexion externus (rechts)
verwendet, um den Rumpf zu beüben.
Die folgenden Abbildungen zeigen die Bewegungs- wegungserweiterung der Hüftflexion. Die Hüft-
patterns Chopping und Lifting mit gestreckten flexoren können auch durch Irradiation der Arme
Armpatterns. und der Flexion des Rumpfes aktiviert werden.
Darüber hinaus eignet sich diese Position zum Üben
exzentrisch verlaufender Muskelkontraktionen von
10.3.1 Chopping Rumpf- und Hüftflexoren (. Abb. 10.2 a, b).
jBewegung
Der Bewegungsablauf des linken Armes des Patien-
ten entspricht dem beim unilateralen Armpattern
Extension – Abduktion – Innenrotation, während
der rechte Arm der Bewegung in Extension – Ad-
duktion – Innenrotation folgt.
Hinzu kommt die Flexion von Kopf und Nacken,
c
gekoppelt mit Seitneigung und Rotation zum
Führungsarm. Der obere Rumpf bewegt in Flexion, . Abb. 10.2 a–c a, b Chopping nach links im Sitzen,
Rotation und Lateralflexion zur gleichen Seite. c Reversal of chopping zum Rollen
208 Kapitel 10 · Rumpf
10
. Abb. 10.3 a–g Lifting. a, b Lifting nach links in Rückenlage. c Lifting nach rechts in Bauchlage. d Lifting nach links im
Sitzen
Für das Drehen in Bauchlage dagegen wird »Re- (. Abb. 11.8 a). Darüber hinaus kann diese Aktivität
versal of Lifting« eingesetzt (. Abb. 10.3 f). auch im Sitzen ausgeführt werden (. Abb. 10.4 c, d).
Praxistipp
jTaktiler Stimulus
4 Am Ende der Bewegung wird nur der
kDistale Hand
Rumpf bewegt, die Arme werden als Hebel
Die distale Hand wird auf die dorsale und laterale
benutzt.
Seite beider Füße des Patienten platziert; keiner der
4 Die gewünschte Bewegung ist eine Rumpf-
Finger soll dabei zwischen die Füße geraten. Sind
extension und keine lumbale Hyperexten-
die Füße des Patienten für die Hände des Therapeu-
sion.
ten zu breit, werden sie übereinandergelegt.
kProximale Hand
10.4 Bilaterale Beinpatterns Seinen proximalen Arm legt der Therapeut unter
für den Rumpf die Beine des Patienten. So kann er sie gut zusam-
menhalten.
Beim Üben des Rumpfes mit den bilateral asym-
metrisch ausgeführten Beinpatterns werden die jVordehnung
Beine vom Therapeuten zusammengehalten. Vor- Der Rumpf ist mit einer Rotation und Lateralflexion
aussetzung für den Einsatz der bilateralen Bein- nach links gestreckt.
patterns ist, dass zumindest ein Bein ausreichend
! Vorsicht
stark ist.
Der Therapeut muss bei der Vordehnung
10 > Bilaterale Beinpatterns können mit ver- darauf achten, dass der Rumpf des Patien-
schiedenen Kniebewegungen kombiniert ten richtig verlängert und somit eine Hy-
werden. Die am häufigsten eingesetzten perextension in der lumbalen Wirbelsäule
Kombinationen sind Hüftflexion mit verhindert wird.
Knieflexion und Hüftextension mit Knie-
extension.
jStretch
Der Stretch, der auf die Bein- und Rumpfmuskula-
10.4.1 Bilaterales Flexionsmuster tur gerichtet ist, wird durch Traktion und Rotation
der Beine mit Knieflexion an den Beinen erreicht.
zur Fazilitation der unteren
> Der Therapeut sollte die Lendenwirbelsäu-
Rumpfflexion (. Abb. 10.4)
le des Patienten nicht in Hyperextension
bewegen.
jAusgangsstellung des Patienten jVerbales Kommando
Der Patient liegt auf dem Rücken am linken Rand »Füße hoch und beugen Sie die Beine. Ziehen sie
der Behandlungsbank. Die Beine liegen gestreckt Ihre Knie zur rechten Schulter.«
nebeneinander, das linke Bein in Extension – Ab-
duktion – Innenrotation und das rechte Bein in Ex- jBewegung
tension – Adduktion – Außenrotation. Die Rumpfflexion beginnt, wenn beide Füße in
Dorsalflexion (Feedforward) sind. Beide Beine füh-
jAlternative Ausgangsstellung ren die Bewegung zusammen aus:
Die beschriebene Kombination der Beinpatterns 4 Rechtes Bein: bewegt sich in Flexion –
kann darüber hinaus zur Stimulation funktioneller Abduktion – Innenrotation.
Bewegungspatterns (z. B. »Von der Rückenlage auf 4 Linkes Bein: bewegt sich in Flexion –
die Seite rollen«) auf der Matte angewandt werden Adduktion – Außenrotation.
10.4 · Bilaterale Beinpatterns für den Rumpf
213 10
. Abb. 10.4 a–d Bilaterale Flexion der unteren Extremität mit Knieflexion zum Üben der unteren Rumpfflexion. a, b Rücken-
lage. c, d Sitzen
Zusammen mit der nach rechts gerichteten Rota- jStellung des Therapeuten und Körper-
tion und Lateralflexion setzt sich die Rumpfflexion mechanik
fort, nachdem die Beine ihre Bewegungsgrenze er- Der Therapeut steht in leicht gebeugter Haltung in
reicht haben. Schrittstellung dem Patienten zugewandt in Rich-
tung der Diagonalen. Im Lauf der Bewegung verla-
gert er beim Aufrichten sein Körpergewicht, das er
214 Kapitel 10 · Rumpf
zum Setzen des Widerstandes nutzt, von hinten Wenn die Bauchmuskulatur des Patienten nicht
nach vorne. Der Therapeut richtet sich mit der Fle- in der Lage ist, das Becken ausreichend zu stabilisie-
xionsbewegung der Beine des Patienten auf. ren, wird dieses Flexionsmuster des Rumpfes mit
angebeugter Hüfte begonnen (. Abb. 10.4 b).
jWiderstand
! Vorsicht
kDistale Hand
Der Therapeut muss zu Beginn der Be-
Die distale Hand gibt durch leichte Traktion in
wegung darauf achten, dass die lumbale
Richtung der Ausgangsstellung Widerstand an die
Wirbelsäule nicht in die Hyperextension
Rumpf- und Hüftrotation. Der Widerstand gegen
gezogen wird.
die Flexionsbewegung der Knie entspricht dem des
unilateralen Beinpatterns. Wird das Pattern mit ge-
streckten Knien ausgeführt, übt die distale Hand jBetonte Bewegungsfolge
zusätzlich eine in der Verlängerung der Tibia ver- Zur betonten Stimulierung der Rumpfbewegung
laufende Traktion aus. Wird das Bewegungspattern wird den Beinen am Ende der Bewegung ein Halte-
mit Knieflexion ausgeführt, lässt sich durch einen widerstand entgegengesetzt und dann als Hilfen zur
Widerstand gegen diese Knieflexion die Rumpfbe- Fazilitation eingesetzt. Am Ende der Bewegungs-
wegung kontrollieren. bahn finden zum Üben des Rumpfes nur Beckenbe-
wegungen statt. Die Stimulierung der Rumpfbewe-
kProximale Hand gungen kann dabei statisch und dynamisch durch-
Die proximale Hand hält die Beine während des geführt werden.
gesamten Bewegungsverlaufes zusammen. Gleich-
> In der Endposition sind die Beine der He-
zeitig setzt die proximale Hand durch Druck an der
bel. Lediglich das Becken bewegt sich mit,
10 lateralen Seite des Oberschenkels der Rotation und
wenn der Rumpf bewegt. Hier kann man
der Lateralflexion des Rumpfes Widerstand entge-
ebenfalls mehr Betonung auf die Lateralfle-
gen. Die Traktionsrichtung folgt dem Verlauf der
xion des Rumpfes legen (7 Abschn. 10.4.3).
Verlängerung des Femurs.
Das Üben der Flexion des Nackens und des oberen
! Vorsicht
Rumpfes kann durch langanhaltende statische Kon-
Der Therapeut darf der Bewegung in die
traktionen der Bein- und der unteren Rumpfmus-
Hüftflexion keinen zu großen Widerstand
kulatur erfolgen. Der Einsatz der Beine und des
entgegensetzen; sonst entsteht in der
unteren Rumpfes eignet sich vor allem dann zur
lumbalen Wirbelsäule eine unerwünschte
Fazilitation des oberen Rumpfes und des Nackens,
Hyperextension.
wenn die Arme des Patienten zur Stimulation des
oberen Rumpfes zu schwach sind und/oder der
jEndstellung Patient im Nacken und oberen Rumpf zu starke
Das rechte Bein befindet sich in der Endstellung in Schmerzen hat.
vollständiger Flexion – Abduktion – Innenrotation
und das linke Bein in Flexion – Adduktion – Au- Praxistipp
ßenrotation. Der untere Rumpfschnitt ist vollstän-
4 Die lumbale Wirbelsäule darf nicht in
dig flektiert und nach rechts rotiert wie auch lateral-
Hyperextension gebracht werden.
flektiert.
4 Die Beine sind der Hebel. Nur das Becken
wird bewegt.
jNormales Timing
Die Rumpfflexoren kontrahieren in demselben Mo-
ment, in dem die Flexionsbewegung der Beine be-
ginnt. Nachdem die Hüften ihre Bewegungsgrenze
erreicht haben, setzt sich die Bewegung der Rumpf-
flexion weiter fort.
10.4 · Bilaterale Beinpatterns für den Rumpf
215 10
. Abb. 10.5 a, b Bilaterale Extension der unteren Extremität mit Knieextension zum Üben der unteren Rumpfextension
jWiderstand
kDistale Hand
Die distale Hand setzt der Knie- und Fußbewegung
einen Haltewiderstand entgegen, während sie
gleichzeitig der Hüftrotation Widerstand gibt.
kProximale Hand
Die proximale Hand setzt der Flexionsbewegung
der Hüfte durch das Ausführen einer Traktion an a
den Oberschenkeln einen Haltewiderstand entge-
gen (»lock it in«). Gleichzeitig setzt der Therapeut
der nach lateral gerichteten Hüftbewegung Wider-
stand entgegen.
Praxistipp
Verlängerte Position
jAusgangsstellung des Patienten
Die Beine befinden sich zu Beginn der Bewegung in
einer vollständigen, nach links gerichteten Flexion.
In dieser Position entspricht die Beinposition dem
nach rechts gerichteten bilateralen Extensionsmus- c
ter der Beine (. Abb. 10.6 a).
. Abb. 10.6 a–c Lateralflexion nach rechts mit Extension.
a, b Lateralflexion in die gedehnte Stellung. Widerstand gegen
jVerbales Kommando
bilateral asymmetrische Extensionsmuster der Beine: die Bewe-
»Halten Sie die Beine unten, und drehen Sie die Fersen gung in die Rotation resultiert in eine Lateralflexion des Rump-
wieder zu mir« (. Abb. 10.6 b). fes nach rechts. c Lateralflexion in der angenäherten Stellung
218 Kapitel 10 · Rumpf
jBewegung jWiderstand
Während sich die Lendenwirbelsäule streckt, füh- Der Therapeut setzt hier denselben Widerstand ein
ren die Hüften eine vollständige Rotation nach wie für das Extensionsmuster des Rumpfes und lässt
rechts und eine Lateralflexion nach rechts aus eine vollständige Hüftrotation zu.
(. Abb. 10.6 c).
Praxistipp
> Der Therapeut darf die Hüft- und Knie-
extension um wenige Grad nach rechts 4 In die verlängerte Position werden Rumpf-
zulassen. extensoren durch Zug in Längsrichtung
des Femurs eingerastet.
jStellung des Therapeuten und Körper-
4 Die Hüftrotation kontrolliert die Seitnei-
mechanik
gung des Rumpfes.
Der Therapeut steht in Schrittstellung in Höhe der
linken Schulter des Patienten. Für die Widerstände
an Bein- und Rumpfbewegungen setzt der Thera-
peut sein Körpergewicht ein.
10.5 Kombination der Rumpfpatterns
jWiderstand
kDistale Hand Die oberen und die unteren Rumpfpatterns lassen
Die distale Hand setzt der Knie- und der Fußbewe- sich je nach Zielsetzung der Behandlung kombinie-
gung Haltewiderstand entgegen (»lock it in«) und ren. Bei der Behandlung eines Patienten werden die
gibt anschließend der dynamischen Hüftrotation Positionen, die für ihn zur optimalen Kombination
Widerstand. der Rumpfpatterns geeignet sind, häufig ausgeführt.
10 Der Therapeut sollte die Ausgangsstellung anwen-
kProximale Hand den, wo man die Kombination von Patterns gut fa-
Die proximale Hand setzt der Hüftextension und der zilieren kann.
Lateralflexion des Rumpfes Widerstand entgegen. Damit die Bewegungspatterns richtig ausge-
Für die Durchführung dieser Bewegung ist die führt werden, können die Arme oder die Beine
statische Hüft- und Knieextension besser geeignet schon vor Bewegungsbeginn in die richtige Stellung
als die dynamische Hüft- und Knieextension. bzw. Endstellung (»Präpositionierung«) gebracht
werden. Die korrekten Techniken zur Durchfüh-
Angenäherte Position rung der Rumpfpatterns werden in Abhängigkeit
jVerbales Kommando von der jeweiligen Zielsetzung gewählt.
»Halten Sie Ihre Beine unten. Drehen Sie Ihre Fer-
sen zu mir.«
10.5.1 Rumpfkombinationen
jBewegung
Die Beine des Patienten führen eine nach rechts ge- jObere und untere Rumpfflexion
richtete Extension mit vollständiger Hüftrotation 4 Mit entgegengesetzten Rotationen im Rumpf:
aus. Gleichzeitig streckt sich die Lendenwirbelsäule Chopping nach links mit bilateraler Bein-
und führt eine Lateralflexion nach rechts aus. flexion nach rechts (. Abb. 10.7).
4 Ohne entgegengesetzte Rotation im Rumpf:
jStellung des Therapeuten und Körper- Chopping nach links mit bilateraler Bein-
mechanik flexion nach links.
Der Therapeut steht an der rechten Seite des Patien-
ten und setzt sein Körpergewicht wie beim nach jObere und untere Rumpfextension
rechts gerichteten Extensionsmuster des Rumpfes 4 Mit entgegengesetzter Rumpfrotation: Lifting
ein. Er beginnt mit nach links gebeugten Beinen. nach rechts mit bilateraler Beinextension nach
links. Statische Kontraktionen können bei den
10.5 · Kombination der Rumpfpatterns
219 10
Literatur
10
10.6 Überprüfen Sie Ihr Wissen:
Fragen
Mattenaktivitäten
M. Buck
Literatur – 267
Behandlungsziele
11.3 Techniken
4 Lernen und Einüben funktioneller Aktivitä-
ten, z. B. Rollen und Transfer von einer
Viele Techniken, die in 7 Kap. 3 vorgestellt wurden,
Position in die nächste
eignen sich für die Behandlung auf der Matte:
4 Stabilität in den verschiedenen Ausgangs-
4 Zur Betonung der Stabilität: Stabilisierende
stellungen trainieren
Umkehr, Rhythmische Stabilisation.
4 Verbesserung der Koordination
4 Zur Betonung der Mobilität: Kombinationen
4 Verbesserung der Mobilität der Gelenke
isotonischer Bewegungen, Rhythmische Be-
und Muskellänge
wegungseinleitung, Dynamische Umkehr,
4 Normalisierung des Tonus
Wiederholter Stretch.
4 Verbesserung der Muskelkraft
4 Zur Betonung bestimmter Fertigkeiten:
4 Verbesserung der Wahrnehmung usw.
Kombination der Techniken für Stabilität und
Mobilität, z. B. Stabilisierende Umkehr zur
Stabilisation des Rumpfes im Sitzen kombiniert
11.2 Behandlungsverfahren mit Kombination isotonischer Bewegungen
für kontrollierte funktionelle Bewegungen,
Der Therapeut sollte alle Grundverfahren verwen- z. B. der Arme, der Beine, des Kopfes oder
den, um die Fähigkeit des Patienten zu erhöhen, Kombinationen dieser Körperteile.
Bewegungen effektiv und mit einem Minimum an
Ermüdung auszuführen. Im Einzelnen sind folgen-
de Gesichtspunkte zu berücksichtigen: 11.4 Beispiele von Mattenaktivitäten
4 Approximation fördert die Stabilität und
Balance. Bei der Behandlung auf der Matte kann der Patient
4 Traktion und Stretch (Stimulus oder Reflex) in der Bauch- oder in der Rückenlage beginnen. Es
erhöhen die Bewegungsmöglichkeiten des sind mehrere Ausgangsstellungen möglich und ver-
Patienten. schiedene Übungsmöglichkeiten durchführbar. Bei
4 Die Anwendung einer korrekten Handfassung der Ausführung der verschiedenen Bewegungs-
und Körperhaltung ermöglicht es dem The- übergänge ergeben sich aus der Bauch- und aus der
rapeuten, die Bewegungen des Patienten zu Rückenlage identische Ausgangsstellungen (z. B.
führen. Seitsitz). Falls nötig, sollte der Patient in jeder neuen
4 Widerstand erhöht und verstärkt das Erlernen Ausgangsstellung stabilisiert werden.
einer Aktivität. Ein angepasstes Maß an Wider- Die Beispiele der Mattenaktivitäten in . Tab. 11.1
stand stärkt die schwächeren Bewegungsab- stellen nur eine kleine Auswahl aus einer Vielzahl
224 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten
. Tab. 11.1 Bewegungsübergang von der Bauch- bzw. Rückenlage bis zum Stand
Bauchlage Rückenlage
Von der Rücken- in die Bauchlage rollen Von der Bauch- in die Rückenlage rollen
Von der Bauch- in die Seitlage Von der Rücken- in die Seitlage
Auf den Ellbogen stützend Von der Rückenlage in den Seitsitz
Auf den Händen stützend »Bridging«
Vierfüßlerstand »Scooting« im Seitsitz
Seitsitz Vom Seitsitz zum Vierfüßlerstand
Fersensitz Vom Seitsitz zum Langsitz
Kniestand »Scooting« im Langsitz
Einbeinkniestand Kurzsitz (Beine über die Bankkante)
Bärenstand »Scooting« im Kurzsitz
Aufstehen Aufstehen
Stand
Behandlungsziele Schulterblatt
Das Rollen dient der Das Rollen auf den Bauch wird durch Widerstand
4 Kräftigung der Rumpfmuskulatur, gegen die anteriore Schulterblattbewegung fazili-
4 Förderung der funktionellen Aktivität des tiert. Das Rollen auf den Rücken wird durch Wider-
Rollens, stände, die gegen das Schulterblatt in die posteriore
6 Richtung gesetzt werden, fazilitiert. Die Grifftech-
niken entsprechen denen beim Schulterblattpat-
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
225 11
tern. Zur Steigerung der Fazilitation sollte der mit Lateralflexion und vollständiger Rotation des
Therapeut den Patienten auffordern, den Kopf in Nackens in die Rollrichtung (. Abb. 11.1 b).
Richtung der Schulterblattbewegung mitzube-
wegen. Die Bewegung des Kopfes wird zusätzlich Anteriore Depression
durch die Aufforderung fazilitiert, in die ge- Auf den Bauch rollen mit Rumpfflexion. Diese
wünschte Richtung der Schulterblattbewegung zu Fazilitation geht mit der Nackenflexion in die Roll-
schauen. richtung einher (. Abb. 11.1 c).
Zu Beginn der Bewegung bringt der Therapeut
das Schulterblatt zur Dehnung der Schulterblatt- Posteriore Elevation
muskulatur in die Vordehnung. Die Rumpfmusku- Zurückrollen mit Rumpfextension (. Abb. 11.1 d).
latur wird durch das Weiterbewegen des Schulter- Diese Fazilitation erfolgt zusammen mit der
blattes in die Dehnungsrichtung verlängert. Nackenextension in Richtung der Rollbewegung.
Das Kommando kann entweder umfassend sein
und deutlich eine Richtung angeben, es kann aber Becken
auch nur ein kurzes Aktionskommando sein. Ein Das Rollen auf die Seite aus der Rückenlage wird
umfassendes Kommando für die Schulterblattbe- durch Widerstände fazilitiert, die gegen die Patterns
wegung »anteriore Depression« zur Fazilitation des nach anterior am Becken gesetzt werden. Die Fazi-
Vorwärtsrollens könnte lauten: »Ziehen Sie Ihre litation des Zurückrollens geschieht durch das
Schulter zur anderen Hüfte. Heben Sie den Kopf Setzen von Widerständen gegen die Patterns nach
und rollen Sie um.« Eine kürzere Anweisung wäre: posterior am Becken. Die Grifftechniken entspre-
»Drehen Sie sich auf der Seite.« Das kurze Aktions- chen denen des Beckenpatterns.
kommando für das Zurückrollen unter Einsatz der Ein umfassendes Kommando für die Beckenbe-
posterioren Elevation der Schulter könnte lauten: wegung »anteriore Elevation« zur Fazilitation des
»Rollen Sie zurück.« Rollens könnte lauten: »Ziehen Sie Ihr Becken hoch
Der Bewegung wird direkt am Anfang so viel und rollen Sie auf die Seite«. Ein kürzeres Komman-
Widerstand entgegengesetzt, dass es neben der do wäre:
Kontraktion der Schulterblattmuskulatur auch zur »... Becken hoch und rollen Sie«. Das Be-
gewünschten Kontraktion der Rumpfmuskulatur wegungskommando für das Zurückrollen über
kommt. Anschließend lässt der Therapeut die Be- die posteriore Depression könnte sein: »Setzen Sie
wegung des Schulterblattes und auch die des Rump- sich in meine Hand und rollen Sie zurück auf
fes zu. den Rücken«; die kurze Anweisung könnte lauten:
Am Ende der Schulterblattbewegung kann der »... drücken Sie und rollen Sie zurück«. Die Auffor-
Therapeut das Schulterblatt durch das Setzen eines derung, in die Bewegungsrichtung des Rollens zu
Haltewiderstandes oder durch den Einsatz von schauen, fazilitiert auch hier zusätzlich die richtige
Traktion oder Approximation »einrasten«. Danach Bewegung des Kopfes.
kann mithilfe wiederholter Kontraktionen die Das Becken wird zur Verlängerung der Rumpf-
Rumpfmuskulatur und die Rollbewegung trainiert muskulatur in die Vordehnung gebracht. Unmittel-
werden. bar zu Beginn der Bewegung setzt der Therapeut
der Beckenbewegung so viel Widerstand entgegen,
Anteriore Elevation bis die Rumpfmuskulatur fühl- und sichtbar kontra-
Von der Seitlage in Bauchlage rollen mit Rumpf- hiert.
rotation und -extension (. Abb. 11.1). Diese Fazili- Anschließend lässt der Therapeut die Bewegung
tation geht mit Nackenextension und -rotation in die von Becken und Rumpf vollständig zu. Am Ende der
Richtung der Rollbewegung einher (. Abb. 11.1 a). Bewegung kann der Therapeut für die Beckenbewe-
gung einen Haltewiderstand einbauen und damit das
Posteriore Depression Becken »einrasten«. Durch den Einsatz der Technik
Zurückrollen mit Rumpfextension, -lateralflexion Wiederholte Kontraktionen für die Rumpfmuskula-
und -rotation. Diese Fazilitation erfolgt zusammen tur kann das Zurückrollen fazilitiert werden.
226 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten
11
. Abb. 11.1 a–d Rollen mithilfe des Schulterblattes. a Vorwärts mit anteriorer Elevation, b rückwärts mit posteriorer De-
pression, c vorwärts mit anteriorer Depression, d rückwärts mit posteriorer Elevation
. Abb. 11.2 a, b Rollen mithilfe des Beckens. a Vorwärts mit anteriorer Elevation, b rückwärts mit posteriorer Depression
. Abb. 11.3 a, b Rollen in Seitlage: Becken in anteriorer Elevation und Schulterblatt in anteriorer Depression
11
. Abb. 11.4 a, b Rollen in Rückenlage: Becken in posteriorer Depression und Skapula in posteriorer Elevation
Sie den Arm hoch. Schauen Sie zu Ihrer Hand und Widerstand setzen, dass die Schulterblatt- und die
drehen Sie sich zurück.« Ein einfacheres Komman- Rumpfmuskulatur fühl- und sichtbar kontrahieren.
do wäre: »Finger und Hand strecken und rollen Sie Anschließend wird der Widerstand so dosiert, dass
zurück.« die Bewegungen von Schulterblatt und Rumpf mög-
Der Therapeut bringt den gesamten Arm unter lich werden.
Traktion in die Vordehnung, so dass sowohl die Zur betonten Fazilitation des Rumpfes und des
Schulterblatt- als auch die synergistische Rumpf- Rollens kann der Therapeut dem Arm an der kraft-
muskulatur ausreichend gedehnt sind. Am Anfang vollsten Stelle im Bewegungspattern einen Halte-
der Armbewegung sollte der Therapeut so viel widerstand entgegensetzen und die Technik Wie-
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
229 11
derholte Kontraktionen zur Rumpfaktivierung und Praxistipp
Förderung des Rollens einsetzen. Darüber hinaus
kann der Arm am Ende der Bewegung durch Ap- 4 Die Aktion ist Rollen, der Arm dient als
proximation und Rotationswiderstände in einen Hebel.
Haltewiderstand (»lock-in«) gesetzt werden und 4 Die Techniken zum Rollen werden am
von da aus das Rollen fazilitieren. Rumpf ausgeübt.
11
. Abb. 11.5 a–g Rollen mithilfe des Armes. a Vorwärts mit Flexion – Adduktion, b rückwärts mit Extension – Abduktion,
c, d vorwärts mit Extension – Adduktion
könnte die umfassende Anweisung lauten: »Fuß- Bewegung zu. Zur betonten Fazilitation der Rumpf-
spitze runter, strecken Sie Ihr Bein und rollen Sie muskulatur und der Rollbewegung kann er dem
zurück auf den Rücken«. Ein einfaches Bewegungs- Bein an der kraftvollsten Stelle einen Haltewider-
kommando wäre: »Fuß runter und rollen Sie zu- stand entgegensetzen, das Bein dadurch »einrasten«
rück«. und anschließend den Rumpf und die Rollbewe-
Vor dem Bewegungsbeginn wird die Bein- und gung mit der Technik Wiederholte Kontraktionen
die Rumpfmuskulatur in die Vordehnung gebracht. zusätzlich fazilitieren.
Zu Beginn der Bewegung setzt der Therapeut der
Bewegung zunächst so viel Widerstand entgegen,
dass die Rumpf- und die Beinmuskulatur kontra-
hiert. Anschließend lässt der Therapeut die gesamte
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
231 11
Praxistipp
Unilateraler Beineinsatz
4 Flexion – Adduktion: Vorwärtsrollen (. Abb.
11.7) mit Rumpfflexion (. Abb. 11.7 a, b).
4 Extension – Abduktion: Auf den Rücken rollen
mit Rumpfextension und Rumpfverlängerung
(. Abb. 11.7 c, d).
4 Flexion – Abduktion: In die Seitlage rollen mit
Rumpflateralflexion, -flexion und -rotation
(. Abb. 11.7 e).
4 Extension – Adduktion: Zurückrollen mit
Rumpfextension, -elongation und -rotation
(. Abb. 11.7 f).
Bilateraler Beineinsatz
4 Flexion: In die Seitlage rollen (. Abb. 11.8) mit
Rumpfflexion (. Abb. 11.8 a).
4 Extension: Auf den Rücken zurückrollen mit
Rumpfextension (. Abb. 11.8 b).
Praxistipp
11
a b
c d
e f
. Abb. 11.7 a–f Rollen mithilfe der Beinpatterns. a, b Vorwärts mit Flexion – Adduktion, c, d rückwärts mit Extension –
Abduktion, e vorwärts mit Flexion – Abduktion, f rückwärts mit Extension – Adduktion
234 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten
. Abb. 11.8 a, b Rollen mit bilateralen Beinpatterns. a Vorwärts mit Beinflexion, b rückwärts mit Beinextension
11
a b
c d
. Abb. 11.12 a–h Seitsitz. a, b Bewegungen des Beckens, c Betonung auf Gewichtsübernahme auf die linke Schulter, d Be-
wegungen des Beckens und des Schulterblatts
sich auf dem Boden befindet, sollte der Patient in Viele Bewegungen sind in dieser Ausgangs-
der Lage sein, ein kleines Stück über den Fußboden stellung möglich. Zur Verbesserung der Stabilität
zu kriechen, z. B. zum Rollstuhl. des Rumpfes und der Extremitäten im Vierfüßler-
Folgende Voraussetzungen müssen für den Ein- stand werden vor allem die Techniken Stabilisieren-
satz des Vierfüßlerstands gegeben sein: de Umkehr und Rhythmische Stabilisation einge-
4 Rumpf- und Schulterblattmuskulatur müssen setzt. Die Gewichtsverlagerung wird mit dynamisch
stark genug sein. ausgeführten Bewegungen in der Diagonalen, dem
4 Die Übungen dürfen keine starken Kniebe- sog. »Rocking« trainiert. Dafür können die Techni-
schwerden bzw. -schmerzen verursachen. ken Kombination isotonischer Bewegungen oder
Dynamische Umkehr angewandt werden. Mobilität
Für Patienten mit Schmerzen oder Stabilisations- und Stabilität des Patienten werden durch den Ein-
problemen im Rücken wirkt sich das Arbeiten im satz der Kriechbewegung – mit und ohne Wider-
Vierfüßlerstand besonders positiv aus, da sich der stand durchgeführt – gleichermaßen verbessert.
Rücken hier in einer Haltung befindet, in der er Wenn der Patient imstande ist, sich selbständig
kaum Gewicht zu tragen hat. in den Vierfüßlerstand zu bewegen, kann der The-
240 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten
11
. Abb. 11.12 (Fortsetzung) e Widerstand am linken Arm für Flexion – Adduktion und Widerstand am Thorax für die Rumpf-
verlängerung links, f Hüftextension- und abduktion, g, h Vorwärts bewegen im Seitsitz
. Abb. 11.13 a–g Vom Unterarmstütz in den Vierfüßlerstand. a–c Widerstand am Becken, d Vom Unterarmstütz, mittlere
Position, Widerstand am Becken
242 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten
11
. Abb. 11.18 a, b Vierfüßlerstand: mit Widerstand gegen die Beinbewegung, linkes Bein in Flexion-Adduktion-
Außenrotation, rechtes Bein in Flexion – Abduktion – Innenrotation
. Abb. 11.19 a–g Kniestand einnehmen. a, b Bewegen vom Seitsitz zum Kniestand, c, d Bewegen vom Fersensitz zum Knie-
stand, Widerstand am Becken
246 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten
11
a b
c d
e f
. Abb. 11.21 a–f Stabilisation im Kniestand und Fersensitz. a Widerstand am Schulterblatt, b Widerstand am Kopf und
Schulterblatt, c Widerstand am Becken und Schulterblatt, d Widerstand am Sternum und Kopf zur Aufrichtung des Rumpfs,
e bilaterale asymmetrische, reziproke Armpatterns, f bilaterale symmetrische Armpatterns
248 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten
11
11
a b
Langsitz
Diese Position ist äußerst funktionell für Aktivitä-
ten, die Patienten aufgrund ihrer Situation im Bett
ausführen müssen, z. B. Essen und Ankleiden. Zur
Verbesserung der nötigen Sitzbalance können
alle stabilisierende Techniken im Langsitz durch-
geführt werden. Für das Training der Sitzbalance
ist die Matte ideal, weil sich der Patient durch die
unmittelbare Nähe zum Boden sicher fühlt. Da-
rüber hinaus eignet sich der Langsitz zur Kräftigung
der Rumpf- und Armmuskulatur und für das Trai-
ning des Transfers. Das für den Transfer notwendi-
ge Hochdrücken und Versetzen des Gesäßes er-
fordert vom Patienten ausreichend Kraft in den
Armen. Für die Durchführung der Übungen kön-
nen die Stadien der motorischen Kontrolle einge-
setzt werden:
. Abb. 11.27 a–i Übungen im Langsitz. a Stabilisation, b, c Hochstützen, Widerstand am Becken, d Widerstand an den
Schulterblättern
Sitz an der Bankkante Der Patient sollte, während er am Rand des Bet-
Um Balance im Sitzen aufrechtzuerhalten, ist eine tes, auf dem Stuhl oder auf der Matte sitzt, zusätzlich
wesentlich größere Rumpfkontrolle notwendig als zum Training der Stabilität und der Mobilität noch
im Langsitz. Die Reichweite eines Armes erfordert andere Übungen durchführen. Die Rumpf- und Hüft-
hier sowohl Rumpfstabilität als auch Rumpf-, Hüft- stabilität werden im Sitz durch statische Übungen
und Armmobilität. Patienten mit spinaler Proble- gesteigert, während die Rumpf- und Hüftmobilität
matik können auf diese Weise lernen, ihren Rücken durch dynamische Übungen im Sitz verbessert wer-
zu stabilisieren, während sie die Hüften bewegen. den. Darüber hinaus können schwache Rumpf- und
Dies ist wichtig, wenn sie mit ihren Armen nach Hüftmuskeln durch Widerstandsübungen, die gegen
etwas reichen wollen. kraftvolle Arme gerichtet sind, fazilitiert werden.
254 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten
11
a b
Mobilität
4 Einnehmen der Bridging-Position
Stabilität Das Stabilisieren (. Abb. 11.31 a) erfolgt fenden Beinbewegung in Richtung Boden.
mit: Nachdem die Hüftrotation beendet ist, rotiert
4 Approximation distal am Oberschenkel Rich- zunächst das Becken und anschließend die
tung Becken, kombiniert mit stabilisierendem Lendenwirbelsäule. Die Bauchmuskeln ver-
Widerstand, hindern eine Zunahme der Lendenlordose.
11 4 Approximation distal am Oberschenkel in Die Bewegung zurück in die Ausgangsstellung
Richtung Füße, kombiniert mit stabilisieren- erfolgt durch die umgekehrte Bewegungs-
dem Widerstand, reihenfolge. Das bedeutet, dass zuerst die
4 stabilisierendem Widerstand ohne Approxi- Lendenwirbelsäule rotiert, dann das Becken
mation. und schließlich die Beine.
Die Rumpf- und Beinstabilität wird durch Wider- Das korrekte Timing dieser Aktivität ist wichtig.
stände und Approximation an den Beinen fazili- Kann der Patient die Bewegung nicht richtig kont-
tiert. Der Widerstand kann in alle Richtungen gege- rollieren, sollten die Beine nur so weit bewegen,
ben werden. Widerstände in der Rumpfdiagonalen wie der Patient den Rumpf kontrollieren kann.
führen zur Verstärkung von Rumpfaktivität. Wenn . Abb. 11.31 b zeigt, wie bei der Rumpfrotation
die Kraft des Patienten zunimmt, kann auf Appro- nach rechts am Becken und an den Knien Wider-
ximation verzichtet werden. Das Setzen der Wider- stand gegeben wird, während der Patient versucht,
stände erfolgt entweder an beiden Beinen gleichzei- seine Knie wieder in die Mittelposition zu bringen.
tig oder nur an einem Bein. Die Widerstände an Zur Kräftigung der beteiligten Muskelgruppen
beiden Beinen können sowohl in dieselbe Richtung und zur Verbesserung der auszuführenden Aktivi-
als auch in entgegengesetzte Richtungen gegeben tät werden die Techniken Kombination isotoni-
werden. scher Bewegungen oder Dynamische Umkehr ein-
gesetzt.
Mobilität auf Stabilität 4 Bridging: Die Technik Kombination isotoni-
4 Untere Rumpfrotation in Rückenlage mit scher Bewegungen (. Abb. 11.32) eignet sich
angestellten Beinen (. Abb. 11.31 b): Die besonders zum Fazilitieren der gegen die
Bewegung beginnt mit der diagonal verlau- Schwerkraft kontrolliert auszuführenden Be-
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
259 11
a b
c d
wegung. Der Patient sollte bei dorsal gekippten 5 der Beckenrotation können sowohl dynami-
Becken die Bewegung der Lendenwirbelsäule sche als auch statische Widerstände entge-
gut kontrollieren. Folgende Übungen, bei de- gengesetzt werden.
nen das Becken gehoben wird, können einge- 4 Das Becken bewegt sich von der einen zur an-
setzt werden: deren Seite.
5 das Becken kann in alle Richtungen mit Wi-
derständen stabilisiert werden (Widerstand ! Vorsicht
von distal: . Abb. 11.32 a, b; Widerstand Der Therapeut sollte die Stellung
von proximal: . Abb. 11.32 c, d); der Lendenwirbelsäule kontrollieren,
5 die Bewegung des Beckens auf eine Seite wenn das Becken abgehoben ist.
kann betont werden;
260 Kapitel 11 · Mattenaktivitäten
4 Weitere Bridging-Aktivitäten:
5 auf der Stelle gehen,
5 einen Fuß zur Seite (nach lateral) und
wieder zurückbewegen. Die Bewegung
kann entweder mit jedem Fuß einzeln
11 oder abwechselnd mit beiden Füßen gleich-
zeitig erfolgen,
5 Bridging auf einem Bein: Die Übung kann
so ausgeführt werden, dass sich der Patient
auf der Ferse, auf der Fußspitze oder auf der
Fußaußenkante stützt (. Abb. 11.33). Der
Schwierigkeitsgrad dieser Übung steigt durch
Verkleinerung der Unterstützungsfläche oder
dadurch, dass die Unterstützungsfläche in- . Abb. 11.34 a, b Bridging auf den Händen
stabiler gemacht wird. Die Stützfläche des
Fußes bzw. der Füße wird z. B. durch den
Einsatz eines Balles oder des Therapiekreisels Zusätzlich kann die Bewegung unter größerer
instabiler. Belastung der Schulter- und Armmuskulatur
auch auf beiden Ellbogen oder auf beiden Hän-
Die abdominale Muskulatur gewährleistet die Be- den stützend ausgeführt werden (. Abb. 11.34,
ckenposition und die Hüftmuskulatur der stützen- . Abb. 11.35 und . Abb. 11.36).
den Seite verhindert eine seitliche Abkippung des
Beckens. Je mehr sich das angehobene Bein in Fle- > In den genannten Ausgangsstellungen
xion oder Abduktion bewegt, desto mehr muss das können meistens viel mehr Variationen
tragende Bein stabilisieren. ausgeführt werden, als hier erwähnt
4 Bridging auf beiden Ellbogen oder beiden wurden. Daher sollte jeder interessierte
Händen: Die Bridging-Bewegung wird norma- Therapeut die Variationsbreite für sich
lerweise auf dem Rücken liegend ausgeführt. selbst noch ausweiten.
11.4 · Beispiele von Mattenaktivitäten
261 11
11
. Abb. 11.37 a–g Patienten mit inkompletter Tetraplegie. a Patient zeigt eingeschränkte Bewegung in der rechten
Schulter, b Anspannen – Entspannen für die verkürzten Schulterextensoren und hinteren Adduktoren, Widerstand für das
Armpattern Extension – Abduktion – Innenrotation mit Fixation des Schulterblattes, c Mobilisation der rechten Schulter: in-
direkte Behandlung; der untere Rumpf bewegt gegen eine fixierte rechte Schulter, d indirekte Mobilisation der Schulter in
Flexionsrichtung, indem das Becken nach hinten und unten bewegt wird
11
a b
11
. Abb. 11.40 a–d Patient nach Morbus Guillain-Barré-Syndrom. a, b Seitlage und Seitsitz, c, d Rumpfstabilisation im Sitzen
Literatur
267 11
11.6 Überprüfen Sie Ihr Wissen:
Fragen
Weiterführende Literatur
Literatur
Gangschule
D. Beckers
Literatur – 309
Das Gehen hat für die meisten Patienten einen be- 12.2.1 Gangzyklus
sonders hohen Stellenwert und ist aus der Sicht des (. Abb. 12.1, . Abb. 12.2)
Patienten das wichtigste Ziel der Behandlung. Die
Effektivität des Gehens wird gesteigert, wenn der Zum besseren Verständnis des Ganges ist es wichtig,
Patient eigenständig die Bewegungsrichtung nach die Grundbegriffe der Ganganalyse zu beherrschen.
vorne und zurück wie nach seitwärts ändern kann. In der Literatur wurde bisher meist der traditio-
Die Fähigkeit, Treppen zu steigen bzw. Bürgersteige nelle Gangzyklus mit sieben Gangphasen beschrie-
zu begehen, aber auch selbständig Türen zu öffnen ben (Inman 1981), zunehmend verbreitet sich je-
und zu schließen, erhöht die Funktionalität des Ge- doch das Rancho Los Amigos oder Perry System,
hens. Als vollständig funktionell kann das Gehen das acht Gangphasen beinhaltet (. Abb. 12.1 bis
bezeichnet werden, wenn der Patient sich ohne Hil- . Abb. 12.3). Das Perry System bietet eine gute Vo-
fe auf den Boden setzen und selbständig wieder raussetzung für die Beurteilung normaler und pa-
aufstehen kann. thologischer Gangbilder (Perry 1992). Zu diesem
Das Gehen muss vom Patienten derart ver- Thema ist das Buch von Kirsten Götz, »Gehen ver-
innerlicht werden, dass er während des Bewegungs- stehen« (Götz-Neumann 2003), sehr lesenswert
vorganges seine Aufmerksamkeit auf wichtige Er- und hilfreich.
eignisse in der Umgebung, z. B. auf den Verkehr
oder auf eigene Handlungen, richten kann. Die Definition
Sicherheit des Gehens ist gewährleistet, wenn der Der Gangzyklus wiederholt stetig eine be-
Patient selbst in der Lage ist, seine Balance wieder stimmte Reihenfolge von Bewegungen. Ein
zu gewinnen, falls sie durch das Gehen oder durch Zyklus beginnt in dem Moment, in dem die
äußere Umstände gestört wird. Ferse den Boden berührt (»heel strike«, Fersen-
Zur Steigerung der Laufdistanz muss der Ener- kontakt) und endet in dem Moment, in dem
gieverbrauch beim Gehen so effizient wie möglich dieselbe Ferse den Boden zum 2. Mal berührt.
12 sein. So erfordert ein Spaziergang um das Haus Der Zyklus wird in zwei Hauptphasen eingeteilt:
weniger Energie und Geschicklichkeit als das Um- 4 die Standbeinphase und
hergehen in einem Supermarkt oder das Über- 4 die Schwungbeinphase.
queren einer Straße. Das Zurücklegen einer be-
stimmten Wegstrecke in angemessener Geschwin-
digkeit verlangt vom Patienten Ausdauer und Ge- Standbeinphase (. Abb. 12.1 a–e,
schicklichkeit (Lerner-Frankiel et al. 1986). . Abb. 12.2 a–e, . Abb. 12.3 a–e)
Gute Kenntnisse über die Elemente des norma- Bei der Standbeinphase, die 60% des gesamten
len Gehens machen es dem Therapeuten leichter, Zyklus beträgt, berührt das Bein den Boden. Die
den pathologischen Gang zu analysieren und darauf restlichen 40% nimmt die Schwungbeinphase in An-
basierend einen optimalen therapeutischen Plan zu spruch. Während dieser Zeit wird der Kontakt zwi-
erstellen. schen Bein und Boden gelöst. Das Bein wird nach
vorne gebracht und die darauf folgende Phase vorbe-
reitet. Innerhalb des normalen Laufzyklus kommt es
zu einer kurzen Phase, in der beide Füße gleichzeitig
den Boden berühren (»double limb support«, Dop-
pelstand) und zu einer etwas längeren Phase, in der
jeweils nur ein Fuß den Boden berührt (»single limb
support«, Stand mit einem Bein auf dem Boden)
(Inman et al. 1981). Es gibt zwei Phasen, in denen
beide Füße den Boden berühren:
12.2 · Grundlagen des normalen Ganges
271 12
. Abb. 12.1 a–h Gangzyklus nach Perry, von lateral gesehen. a–e Standbeinphase: a Erster Kontakt, b Stoßdämpfung,
c mittlere Standphase, d terminale Standphase, e Vorschwungphase, f–h Schwungbeinphase: f Initiale Schwungphasen,
g mittlere Schwungphase und h terminale Schwungphase
4 die erste Phase beginnt unmittelbar nach dem b. Stoßdämpfungsphase (»loading response«).
Fersenkontakt, c. Mittlere Standphase (»mid stance«).
4 die zweite Phase beginnt, kurz bevor der Fuß- d. Terminale Standphase (»terminal stance«).
bodenkontakt wieder gelöst wird (»toe off«, e. Vorschwungphase (»pre-swing«).
Zehenablösung) und das andere Bein mit der
Ferse Kontakt zum Boden hat (Perry 1992.) Die Standphase beginnt mit dem ersten Boden-
kontakt. Unmittelbar danach wird der Fuß belastet.
Die Standbeinphase wird in fünf Phasen ein- Diese Gewichtsverlagerung auf das Standbein dient
geteilt (Perry 1992): der Vorbereitung des kontralateralen Schwungbei-
a. Erste Kontaktphase bzw. initialer Kontakt (»in- nes. Aufgabe des Standbeines ist es nun, nicht nur
itial contact«), auch Fersenkontakt (»heel das Hauptgewicht zu tragen, sondern auch die Vor-
strike«), wenn die Ferse den Boden berührt. wärtsbewegung des Körpers zu bestätigen.
272 Kapitel 12 · Gangschule
a b c d
12
e f g h
. Abb. 12.2 a–h Gangzyklus nach Perry, von vorne gesehen. a–e Standbeinphase: a Erster Kontakt, b Stoßdämpfung,
c mittlere Standphase, d terminale Standphase, e Vorschwungphase, f–h Schwungbeinphase, f initiale Schwungphasen,
g mittlere Schwungphase und h terminale Schwungphase
Die folgende mittlere Standphase (»single limb beugen sich, das Sprunggelenk steht in Plantar-
support«) beginnt, wenn der andere Fuß den Boden flexion und die Zehen sind noch mit dem Boden in
verlässt und hält an, bis das Körpergewicht auf den Kontakt. Das kontralaterale Bein berührt jetzt den
Vorfuß des Standbeines verlagert ist. Boden und übernimmt das Körpergewicht.
Die terminale Standphase oder Abdruckpha-
se beginnt mit dem Anheben der Ferse und hält an, Schwungbeinphase (. Abb. 12.1 f–h,
bis der andere Fuß den Boden berührt. Zu diesem . Abb. 12.2 f–h, . Abb. 12.3 f–h)
Zeitpunkt befindet sich der Hauptanteil des Ge- Die Schwungbeinphase besteht aus drei Phasen:
wichtes auf dem Vorfuß des Standbeines. 4 Initiale Schwungphase (»initial swing«).
Der letzte Abschnitt der Standphase ist die sog. 4 Mittlere Schwungphase (»mid swing«).
Vorschwungphase (»pre-swing«). Hüfte und Knie 4 Terminale Schwungphase (»terminal swing«).
12.2 · Grundlagen des normalen Ganges
273 12
In der initialen Schwungphase wird durch Kombi- > Bei zu geringer reziproker Rotationsbewe-
nation von Knie- und Hüftbewegung der Fuß deut- gung wird mehr Energie verbraucht, und
lich vom Boden abgehoben. Das Bein befindet sich die Geschwindigkeit des Gehens kann
in einer Vorwärtsbewegung. Hinter dem Körper nicht erhöht werden (Inman et al. 1981;
beginnend, bewegt es sich in die Position parallel Perry 1992).
bzw. neben dem stützenden Bein.
Während der mittleren Schwungphase bewegt Standphase
sich das Bein aus dieser Position heraus weiter nach (. Abb. 12.1 a–e, . Abb. 12.2 a–e)
vorne. Die Tibia steht vertikal zum Boden, und das Beim Fersenkontakt (»heel strike«) ist das ipsilate-
Sprunggelenk ist in neutraler Position. rale Becken nach vorne rotiert und die Hüfte 25–
In der terminalen Schwungphase ist das Bein 30° gebeugt. Das Knie ist gestreckt und das Sprung-
weiter in Vorwärtsbewegung, und das Knie wird gelenk befindet sich in Neutralstellung. In der
vollständig gestreckt. Stoßdämpferphase (»loading response«) arbeiten
Die Schwungbeinphase endet schließlich mit die Dorsalflexoren des Sprunggelenkes exzent-
dem Aufsetzen der Ferse auf dem Boden. risch, um den Bodenkontakt zu gewährleisten.
Hierdurch wird der Fuß gesenkt und das Knie 15–
20° gebeugt.
12.2.2 Gelenkbewegung von Rumpf In der mittleren Standbeinphase befinden sich
und unteren Extremitäten bei Hüfte, Knie und Sprunggelenk in ihrer Neutralstel-
normalem Gang lung (0°). Bewegt sich der Körper weiter nach vorne,
erreicht die Hüfte aufgrund der partiellen rückwär-
Bei einem gehenden Menschen wirkt die Schwer- tigen Rotation des Beckens eine relative Extension
kraft besonders auf die Beckengegend. Der Körper- von 15–20°. Während der Abdruckphase (»termi-
schwerpunkt bewegt sich während des Gehens von nal stance«) und Vorschwungphase (»pre-swing«)
rechts nach links und umgekehrt bzw. von oben beugen sich Hüfte und Knie (40°) zur Vorbereitung
nach unten. der eigentlichen Schwungbewegung. Gleichzeitig
Die maximale Aufwärtsbewegung findet bewegt sich das obere Sprunggelenk von 15° Dor-
während der mittleren Standbeinphase statt. Von salflexion zu Beginn der Fersenablösung (»heel
nun an bewegt sich der Körperschwerpunkt zu off«) in 20° Plantarflexion bei der Zehenablösung
seiner niedrigsten Position während der Phase des (»toe off«).
Doppelstandes (»double support«) und verschiebt
sich in Richtung des Standbeines. Der Energie- Schwungphase (. Abb. 12.1 e–h,
verbrauch während des Gehens wird teilweise . Abb. 12.2 e–h, . Abb. 12.3 e–h)
durch den Bewegungsausschlag des Körperschwer- Kurz vor der mittleren Schwungbeinphase ist das
punktes bestimmt. Die Bewegung und das Gang- Knie maximal gebeugt (65° Flexion), die Hüfte ist
bild sind besonders ökonomisch, wenn die vertika- 20° gebeugt und das Sprunggelenk befindet sich in
len und lateralen Bewegungen jeweils weniger als einer neutralen Position. Während das Bein in der
10 cm betragen, wobei für den Gang die Rumpf- Endposition (»terminal swing«) abbremst, rotiert
und Beckenbewegungen ebenfalls sehr wichtig das Becken nach vorne und senkt sich, die Hüfte
sind. erreicht eine Flexion von 25°, das Knie ist vollstän-
Während der Schwungbeinphase rotiert das dig gestreckt und das Sprunggelenk bleibt in einer
ipsilaterale Becken 4–5° nach vorne und fällt dann neutralen Position.
kurz vor dem ersten Bodenkontakt nach unten.
Zum Ende der Standphase rotiert das Becken 4–5°
zurück. Die Rotationsrichtung der Schulter und des
Armes ist der Rotation des Beckens entgegenge-
setzt.
274 Kapitel 12 · Gangschule
12.3 Ganganalyse: Beobachtung beschränken, sondern auch auf die Symmetrie der
und manuelle Evaluation Bein- und Beckenbewegung. Die Rotation des obe-
ren Rumpfes und der Armschwung sollen ebenfalls
Voraussetzung für das Stehen und Gehen ist eine beurteilt werden. Außerdem werden Hilfsmittel wie
ausreichende Beweglichkeit von Hüft-, Knie- und Orthesen, Prothesen, Gehstützen und Rollator auf
Sprunggelenk. Eine durch gelenkbedingte Ein- ihre Funktionalität überprüft. Der Zustand der
schränkungen und durch Orthesen verminderte Schuhsohlen (an welcher Stelle sind die Sohlen ab-
Gelenkbeweglichkeit beeinträchtigt den normalen gelaufen) gibt ebenfalls Auskunft über den Gang.
Ablauf der Schwung- und Standbeinphase und Wenn der Patient selbständig gehen kann, sollte
führt zu unökonomischem Gehen (Murray et al. der Therapeut ebenfalls Geschwindigkeit und Aus-
1964). dauer des Gehens dokumentieren.
Jedes Individuum benötigt Kraft in den Sprung- Der Gang des Patienten muss von vorne, von
gelenk-, Knie-, Hüft- und Rumpfmuskeln, um ohne hinten und von beiden Seiten betrachtet werden.
externe Unterstützung aufstehen und gehen zu Falls möglich, sollte der Patient rückwärts, seitwärts
können. Für eine gute Balance und für den Gang ist und vorwärts gehen.
die Kontraktion zum richtigen Zeitpunkt bzw. die In der sagittalen Ebene (. Abb. 12.4 c) sollte
Entspannung diverser Muskelgruppen erforderlich auf Folgendes geachtet werden:
(Horak u. Nashner 1986; Eberhart et al. 1954). Zur 4 Besteht eine vermehrte oder verminderte
Kräftigung der Muskulatur, die für den Gang wich- Flexion und Extension von Rumpf, Hüft-,
tig ist, werden Übungen auf der Matte oder der Be- Knie- und Sprunggelenk?
handlungsbank eingesetzt. 4 Ist die Schrittlänge des rechten und linken Bei-
Die Ganganalyse sollte mit einer Inspektion nes gleichmäßig? Wie ist die zeitliche Abfolge?
aller Ebenen beginnen.
Im Stand wird die Ausrichtung von Kopf, Hals- In der Frontalebene (. Abb. 12.4 a, b) sollte vor al-
wirbelsäule, Schulter, oberer Rumpf, Lendenwirbel- lem auf Asymmetrie der linken und rechten Seiten
säule, Becken, Hüfte, Knie und Füße beurteilt geachtet werden:
(. Abb. 12.4). Die Inspektion des Ganges sollte sich 4 seitliche Rumpfbewegungen, Beckenkippung
nicht nur auf die Beine und unteren Extremitäten und Beckensenkung,
276 Kapitel 12 · Gangschule
. Abb. 12.5 a, b Manuelle Befundung des Ganges ohne Widerstand oder Approximation; Patient mit rechtsseitiger Hemiplegie
4 reziproke obere und untere Rumpfrotation und ben ausführen kann? Die Integration doppelter
Armschwung, Aufgaben ist immer ein Teil der Ganganalyse und
4 Spurbreite, Gangschule.
4 Abduktion, Adduktion oder Zirkumduktion
12 im Hüftgelenk,
4 mediolaterale Stabilität von Knie- und Sprung- 12.4 Theorie der Gangschule
gelenk.
Während des Trainings werden die Behandlungs-
Bei der manuellen Evaluation setzt der Therapeut prinzipien und viele Techniken der PNF-Metho-
seine Hände auf das Becken des Patienten und kann de beim stehenden und beim gehenden Patienten
dadurch fühlen, was beim freien, nicht behindern- angewandt. Das Setzen von Widerständen verbes-
den Gehen passiert. Seine Hände befinden sich auf sert die Fertigkeiten des Patienten, das Gleichge-
der Crista iliaca, so als ob er Widerstand gegen die wicht zu halten und Bewegungen auszuführen.
Beckenhebung geben würde. Während der Beur- Wird den kraftvolleren Bewegungen im Stand oder
teilung des Ganges soll weder Widerstand noch Ap- während des Gehens ein Widerstand entgegenge-
proximation gegeben werden. Es kommt lediglich setzt, kommt es zu Irradiation der schwächeren
auf das Fühlen an, oder dem Patienten wird – wenn Rumpf- und Beinmuskulatur. Diese Aktivitäten
nötig – geholfen (. Abb. 12.5). werden durch den Einsatz von Hilfsmitteln bzw.
Eine Ganganalyse umfasst grundsätzlich auch Gehhilfen nicht unterbunden. Es wird immer
die Beurteilung der Haltungskontrolle sowie der wieder vorkommen, dass Patienten aus medizini-
Gleichgewichts- und Fallreaktionen. Überprüft schen oder physischen Gründen nicht erfolgreich
wird das Gehen nach folgendem Gesichtspunkt: Ist gegen Widerstand arbeiten können. In diesen Fäl-
der Patient fähig, so sicher und automatisiert zu len sollte der Therapeut alles tun, um den Patienten
gehen, dass er seine Aufmerksamkeit voll der Um- zu unterstützen. Die Behandlungsprinzipien soll-
welt zuwenden und jede Art von doppelten Aufga- ten je nach Indikation eingesetzt werden, z. B. Ver-
12.5 · Vorgehensweise der Gangschule
277 12
baler Stimulus, Taktiler Stimulus und Approxima- 12.5 Vorgehensweise der Gangschule
tion, falls nötig.
Wenn die Gehfähigkeiten des Patienten zu- Bei der Gangschule wird der Rumpf des Patienten
nehmen, sollte er ermutigt werden, die neu erwor- von Anfang an besonders betont. Die Fazilitation
benen Fähigkeiten selbständig anzuwenden und der unteren Extremität und des Rumpfes erfolgt
möglichst selbständig zu gehen. Bei diesen Übungs- während der Standbeinphase durch Approximati-
einheiten werden keine verbalen oder taktilen on am Becken und während der Schwungphase
Hilfen gegeben. durch Stretch am Becken (Adler 1976). Der Thera-
peut kann durch die richtige Platzierung der Hände
> Der Therapeut gibt nur so viel Unterstüt-
die Beckenposition des Patienten kontrollieren
zung, damit die Sicherheit des Patienten
und sie, wenn nötig, Richtung Ventralkippung oder
gewährleistet ist.
Dorsalkippung manuell korrigieren. Durch das Fa-
Darüber hinaus sollte der Patient die Möglichkeit zilitieren der Beckenbewegung und Beckenstabilität
haben, seine Probleme bezüglich des Gehens selbst wird auch die Beinaktivität effizienter. Die Hände
zu lösen bzw. zu korrigieren. Während der Behand- des Therapeuten können auch auf der Schulter oder
lung wird abwechselnd das Gehen gegen Wider- auf dem Kopf des Patienten platziert werden, um die
stand und das Gehen ohne Widerstand geübt. So- Rumpfrotation zu fördern bzw. den Rumpf zu stabi-
bald der Patient eine trainierte Aktivität beherrscht, lisieren.
führt der Therapeut erneut Bewegungen gegen Wi- Widerstände, die der Therapeut beim Gleich-
derstand aus, um die Muskulatur weiter zu kräftigen. gewichtstraining oder zur Förderung der Beweg-
Für das gezielte Training bestimmter Gelenk- lichkeit gibt, sind besonders effektiv, wenn sie dia-
und Muskelfunktionen der oberen und unteren Ex- gonal gesetzt werden. Der Therapeut kann, wenn er
tremität kann der Therapeut Aktivitäten aus der selbst in der gewählten Diagonalen steht, die Bewe-
Gangschule gegen Widerstand einsetzen. Seitwärts gungsrichtung und den Bewegungsverlauf besser
gehen gegen Widerstand trainiert z. B. die mediale kontrollieren und die Widerstandsrichtung genau-
und laterale Fußmuskulatur. Die Schulter-, Ellbo- er einhalten. Zusätzlich sollte der Therapeut eine
gen- und Handmuskulatur wird z. B. im Gehbarren Körperstellung einnehmen, in der er sein Körper-
während des Balance- und Gehtrainings gleichzei- gewicht für die Approximation und auch für das
tig mit dem Training der unteren Extremität ge- Setzen der Widerstände einsetzen kann.
stärkt. Bewegungen gegen Widerstand beim Gehen
Das Anwenden der PNF-Techniken während sind übertriebene Bewegungen im Vergleich zum
des Gehtrainings ist sehr nützlich. Rhythmische Be- normalen Gang. Während der Gewichtsübernahme
wegungseinleitung, »Replication« und Kombinatio- werden größere Bewegungen vom Körper zugelas-
nen isotonischer Bewegung unterstützen den Pati- sen und während des Gehens sind die Bewegungen
enten darin, eine neue Bewegung zu erlernen oder von Becken und Bein größer. Widerstände gegen
geben ihm Informationen, wie man eine bestimmte diese übertriebenen Bewegungen verbessern die
Position erreichen kann. Stabilisierende Umkehr Muskelkraft und die Stand- und Gehfähigkeit. Das
oder Rhythmische Stabilisation fördern die Stabili- »übertriebene« Üben ermöglicht dem Patienten,
tät. Dynamische Umkehr kann eingesetzt werden, schneller und besser das normale Stehen und Gehen
um einer Ermüdung vorzubeugen; zusätzlich wird zu beherrschen.
die Koordination gefördert.
Entspannungstechniken werden vom Thera-
peuten eingesetzt, um die funktionelle Beweglich- 12.5.1 Approximation und Stretch
keit des Patienten zu verbessern.
Approximation fördert die Kontraktion der Bein-
extensoren und die Rumpfstabilität. Es ist sehr
wichtig, die Approximation zum richtigen Zeit-
punkt zu setzen. Die erste Approximation sollte
278 Kapitel 12 · Gangschule
a b
während oder kurz nach dem ersten Bodenkontakt sein Körpergewicht bei der Approximation ein-
erfolgen, um die Gewichtsverlagerung zu fördern. setzen. Dies erfolgt bei der Approximation über
Zur Unterstützung der Gewichtsübernahme kann die leicht gestreckten Arme (. Abb. 12.6).
die Approximation jederzeit während der Stand- 4 Um Schmerzen und Kompressionen im Be-
beinphase wiederholt werden. cken-Bauch-Raum und SIAS-Gebiet zu ver-
12 Der Therapeut steht in der Diagonalen vor dem meiden, sollte der Therapeut die Hände auf
Patienten und platziert den Ballen seiner Hände auf dem Beckenkamm platzieren.
der Cristae iliacae, oberhalb der Spina iliaca ant-
erior superior. Die Finger zeigen in Richtung der Der Stretchstimulus faziliert die Kontraktion der
Fersen des Patienten nach dorsokaudal. Der Thera- Bauchmuskeln und der Flexoren des Schwungbei-
peut kippt das Becken des Patienten als Vorberei- nes. Der richtige Zeitpunkt zum Setzen des Stretch-
tung auf die Approximation leicht nach hinten stimulus ist dann, wenn kein Gewicht auf dem Fuß
(Dorsalkippung). Die Richtung der Approximation lastet (Zehenablösung, »toe off«).
verläuft über das Tuber ischiadicum zu den Fersen Für die Ausführung des Stretches am Becken
des Patienten. Der Therapeut gibt zuerst eine werden die Ausgangsstellung und die Grifftechnik
schnelle Approximation und hält diese bis zum des Therapeuten wie beim Setzen der Approximati-
Setzen und Steigern des Widerstandes an. on am Becken angewendet. Der Stretch erfolgt ge-
Folgende Vorsichtsmaßnahmen muss der nau in dem Moment, in dem das Bein des Patienten
Therapeut bei der Anwendung der Approximation kein Gewicht mehr trägt. Die Richtung des Stret-
beachten: ches nach dorsokaudal entspricht der des Becken-
4 Um Beschwerden im Handgelenksbereich zu patterns »anteriore Elevation«.
vermeiden, sollte der Therapeut seine Hand- Vorsichtsmaßnahmen, die der Therapeut beim
gelenke nur minimal über die Nullstellung des Setzen eines Stretches beachten sollte:
Handgelenkes strecken. 4 Seine Hände sollten auf den Beckenkämmen
4 Um Schulterbeschwerden und Ermüdungser- bleiben und nicht auf den SIAS abrutschen. Da-
scheinungen zu vermeiden, sollte der Therapeut durch vermeidet er Schmerzen beim Patienten.
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
279 12
4 Der Körper des Patienten sollte beim Ausfüh- gung verbessert. Die Hüftflexion kann mit Hilfe der
ren des Stretchstimulus nicht um das Bein ro- Technik Betonte Bewegungsfolge stärker fazilitiert
tiert werden (. Abb. 12.21). werden. Dazu wird die Beckenbewegung solange
verhindert, bis die Hüftflexion langsam einsetzt und
das Bein beginnt, nach vorne zu schwingen.
12.5.2 Anwendung von Approximation Beim normalen Gangbild ist die Beckenhebung
und Stretch im ersten Teil des Schwunges minimal. Damit der
Patient seinen normalen Beinschwung kontrollie-
Standphase ren kann, muss genügend Muskelspannung in sei-
Approximation wird zur Fazilitation des Gleichge- ner Rumpf- und Abdominalmuskulatur vorhanden
wichtes und der Gewichtsübernahme angewandt. sein.
Unmittelbar auf die Approximation folgt ein Wider-
stand gegen die Bewegung. Die Widerstandsrich- Standbein
tung bestimmt, welche Muskelgruppen besonders Durch die Kombination von Approximation und
betont werden: Widerstand bei der nach vorne gerichteten Bewe-
4 Diagonal nach hinten (dorsal) gerichteter gung des Beckens wird die Extensionsmuskulatur
Widerstand fazilitiert und stärkt die vordere fazilitiert und gekräftigt. Die Approximation am
Rumpf- und Beinmuskulatur. Standbein erfolgt in einer nach dorsokaudal gerich-
4 Diagonal nach vorne (ventral) gerichteter teten Bewegung, um die Übernahme des Körperge-
Widerstand fazilitiert und stärkt die hintere wichtes zu fördern. Der Therapeut approximiert in
Rumpf- und Beinmuskulatur. dem Moment, in dem die mittlere Standbeinphase
4 Rotationswiderstände fazilitieren und stärken erreicht wird. Während der Standbeinphase kann
alle Rumpf- und Beinmuskeln, besonders für zur Fazilitation der Gewichtsübernahme erneut ap-
die Rotationskomponente. proximiert werden.
12
. Abb. 12.7 a–f Umgang mit dem Rollstuhl. a, b Vorwärts fahren, c, d Rückwärts fahren
Kombination von Widerstand und mehrmaliger 4 mit dem Rollstuhl fahren (. Abb. 12.7):
Wiederholung schon innerhalb kurzer Zeit. 5 vorwärts (. Abb. 12.7 a, b) und rückwärts
(. Abb. 12.7 c, d) mit Widerstand an den
Den Rollstuhl handhaben Armen,
Der Patient lernt durch das Führen der Bewegungen 5 vorwärts mit Widerstand an den Beinen
mit und ohne Widerstand seinen Rollstuhl handzu- (. Abb. 12.7 e, f),
haben. Folgende allgemeine bzw. grundsätzliche 4 mit dem Rollstuhl drehen bzw. seine Richtung
Aktivitäten werden geübt: ändern,
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
281 12
4 Bremsen des Rollstuhles anziehen bzw. lösen Therapeut sollte jedes Problem, das die Funktion
(. Abb. 12.8), des Patienten einschränkt, üben und nach der Be-
4 Armstützen des Rollstuhles abnehmen und handlung erneut die Funktion, hier das Sitzen, eva-
wieder einsetzen (. Abb. 12.9), luieren.
4 Füße von den Fußstützen ab- und wieder auf-
setzen, Beispiel
4 Fußstützen hoch- und runterklappen Das Becken des Patienten kann im Stuhl nicht rich-
(. Abb. 12.10), tig positioniert werden. Dadurch kann die richtige
4 Fußstützen nach außen drehen und wieder Gewichtsverlagerung bzw. die Gewichtsübernahme
zurückholen. auf dem Tuber ischiadicum nicht stattfinden. Die
Ursache dafür könnte eine Mobilitätseinschränkung
Sitzen der Beckenbewegung sein.
Das Aufrechtsitzen und das Bewegen im Rollstuhl Für die Behandlung legt sich der Patient auf die
sind für das weitere Training der Sitzbalance des Matte. Anschließend übt der Therapeut die Becken-
Patienten besonders wichtig. Der Patient kann bewegungen mit Hilfe der Beckenpatterns. Zur
durch den Einsatz von Stretch und Widerstand am weiteren Behandlung der Mobilitätseinschränkungen
Becken in die richtige Sitzposition gebracht werden, als auch zur Verbesserung der Muskelkraft können
bei der sich das Gewicht auf dem Tuber ischiadicum u. a. Kombinationen der Schulterblatt- und Becken-
befindet. Zusätzlich an Kopf und Schulterblatt ge- patterns eingesetzt werden oder eine Kombination
setzte Widerstände und Approximation fördern von Übungen, mit dem Ziel, die Gelenke und Weich-
und verbessern die Rumpfstabilität. Das Erlernen teile zu mobilisieren. Im Anschluss an diese Behand-
der Vor- und Rückwärtsbewegungen im Stuhl wird lung setzt sich der Patient zurück in den Rollstuhl,
durch das Setzen von Widerständen und Stretch am und die Position des Beckens wird vom Therapeuten
Becken des Patienten unterstützt. Während des erneut beurteilt.
Einübens dieser Aktivitäten wird gleichzeitig die
Kraft und die Mobilität des Patienten gefördert. Der
282 Kapitel 12 · Gangschule
12
Die aufrechte Sitzposition stabilisieren Sobald der Die folgenden Abschnitte des Kapitels »Gang-
Patient die aufrechte Sitzposition erreicht hat, be- schule« beschreiben weitere Aktivitäten, die zu die-
ginnt der Therapeut mit der Stabilisierung dieser sem Bereich gehören. Es handelt sich dabei jedoch
Position (. Abb. 12.12). Dazu setzt er die Technik eher um eine Aufzählung der möglichen Aktivitäten
Stabilisierende Umkehr ein, bei der Widerstände mit verschiedenen Behandlungstechniken als um
wie folgt genutzt werden können: die Beschreibung einer vollständigen Behandlung.
4 am Kopf, Die Behandlung eines Patienten erfolgt normaler-
4 an den Schultern, weise nicht in streng aufgeteilten Teilaktivitäten,
4 am Becken, sondern sie fließen eher ineinander über. Das
4 als Kombinationen der einzelnen bedeutet z. B., dass der Patient vom Therapeuten
Widerstände. beobachtet und aufgefordert wird, sich im (Roll-)
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
285 12
. Abb. 12.12 a, b Stabilisation der Sitzposition. a Widerstand an Becken und Schulterblatt, b Widerstand an Kopf und
Schulterblatt
Stuhl vorwärts zu bewegen, anschließend aufzuste- 4 Das Knie beginnt sich zu strecken und bewegt
hen, sein Gleichgewicht zu halten und zu gehen. Die sich vorwärts über die Unterstützungsfläche.
Aktivitäten, die vom Patienten während des Bewe-
gungsverlaufes noch nicht optimal bzw. funktionell Letzter Teil:
durchgeführt werden, können auf unterschiedliche 4 Kopf, Halswirbelsäule und Rumpf werden in
Art und Weise wiederholt bzw. trainiert und noch- ihre vertikale Ausgangsposition zurück bewegt
12 mals kontrolliert werden, bis eine optimale Funkti- (. Abb. 12.15 d).
on erreicht ist. 4 Das Becken dreht aus der Ventralkippung in
In der Regel kann man beobachten, wie die Funk- die Dorsalkippung.
tion des Patienten während der Behandlung und 4 Das Knie bleibt gestreckt und bewegt sich nach
beim Trainieren vieler variabler Aktivitäten zunimmt. hinten. Der Rumpf bewegt sich, so dass er über
Zudem lassen sich die erarbeiteten Fortschritte die Unterstützungsfläche kommt. Durch
eines Patienten mittels Timed-Up-and-Go-Test gut Dorsalkippung des Beckens kommt es zur
messen (Podsiadlo 1991). Knieextension.
Aufstehen ist sowohl eine funktionelle Aktivität,
um z. B. jemand die Tür zu öffnen, als auch der erste Bis andere Studien diese Auffassung widerlegen,
Schritt zum Gehen. Die Person sollte in der Lage sein, gehen die Autoren davon aus, dass das Hinsetzen
aus verschiedenen Sitzhöhen aufzustehen und sich umgekehrte Aktivitäten und eine umgekehrte Be-
hinzusetzen. Obwohl sich verschiedene Personen auf wegungsreihenfolge beinhaltet. Die Kontrolle beim
unterschiedliche Weise hinsetzen bzw. aufstehen, Hinsetzen wird durch exzentrische Kontraktion der
können die Bewegungsabläufe allgemein wie folgt Muskulatur gewährleistet.
beschrieben werden (Nuzik et al. 1986). Der Therapeut platziert seine Hände auf die Cris-
Erster Teil: tae iliacae des Patienten (. Abb. 12.16 a) und bewegt
4 Kopf bzw. Halswirbelsäule und Rumpf bewe- oder stretcht das Becken als Vorbereitung nach dor-
gen sich nach vorne (. Abb. 12.15). sal (»posterior tilt«). Anschließend begleitet er die
4 Das Becken bewegt in eine relative anteriore Bewegung, oder er setzt der ventralen Beckenbewe-
Elevation. gung (»anterior tilt«) einen Widerstand entgegen.
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
287 12
Zur Fazilitation dieser Bewegung eignet sich die Position erreicht hat, führt der Therapeut das Becken
Technik Rhythmische Bewegungseinleitung beson- in die Beckenkippung nach dorsal und approximiert
ders gut. Der Therapeut fordert den Patienten auf, die das Becken zur Fazilitation der Gewichtsübernahme.
Beckenbewegung im Sitzen zweimal zu wiederholen Folgende Aktivitäten werden einzeln trainiert:
und direkt im Anschluss an die dritte Wiederholung 4 Aufstehen,
aufzustehen. Während des Aufstehens unterstützt 4 Hinsetzen.
der Therapeut die Ventralkippung des Beckens. Ab-
hängig von den Möglichkeiten des Patienten wird der Aufstehen
gesamte Bewegungsablauf vom Therapeuten beglei- Vorwärtsbewegen im Rollstuhl Diese Bewegung
tet oder durch das Setzen eines Widerstandes er- geschieht über die alternierend ausgeführte anteri-
schwert. Direkt nachdem der Patient die aufrechte ore Elevationsbewegung des Beckens.
288 Kapitel 12 · Gangschule
12
Platzieren der Hände Der Therapeut weist den Pa- werden. Wie er durch den Einsatz der eigenen
tienten an den richtigen Platz am Gehbarren ein. Er Arme Bewegungen unterstützen kann, erlernt
gibt Widerstand an den Händen, um dem Patienten der Patient mit stabilisierenden Kontraktionen
den Gebrauch seiner Hände und Arme an den und der Technik Kombination isotonischer Be-
Armstützen des Rollstuhles bzw. am Gehbarren zu wegungen.
fazilitieren. Die Bewegung »Platzieren der Hände«
kann mit Hilfe der Technik Rhythmische Be- Beckenbewegungen (»rocking«) (. Abb. 12.16 a) Die
wegungseinleitung vom Patienten leichter erlernt Ventralkippung des Beckens wird durch den Einsatz
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
289 12
der Technik Rhythmische Bewegungseinleitung beliebigen Stelle die Bewegung des Hinsetzens ab-
und den Stretchstimulus gefördert. bremsen und sich wieder in Richtung Stand be-
wegen muss.
Aufstehen (. Abb. 12.16, . Abb. 12.17) Der Thera-
peut kann das Aufstehen am Becken und an den
Schultern fazilitieren bzw. der Bewegung an diesen 12.6.3 Stand
Körperteilen Widerstand entgegensetzen. Kann der
Patient z. B. den oberen Rumpf nicht in der richti- Der Therapeut steht in gebückter Haltung vor dem
gen Position halten, sollte an den Schultern fazili- Patienten in der Diagonalen, in der der Patient sein
tiert werden. Gewicht beim Aufstehen zuerst verlagern wird. Nun
führt der Therapeut den Patienten in die richtige
Hinsetzen Richtung und setzt zur Fazilitation der Gewichts-
Vorbereitung zum Hinsetzen Der Therapeut übernahme am betreffenden Bein Approximatio-
platziert seine Hände so, dass er den Bewegungsab- nen und stabilisierende Widerstände am Becken ein
lauf unterstützen kann. Es werden dieselben Tech- (. Abb. 12.16 c, . Abb. 12.17 b). Wenn der Patient
niken wie bei der Bewegung beim Aufstehen ein- steht, soll er das Körpergewicht gleichmäßig auf bei-
gesetzt. de Beine verteilen; der Therapeut stellt sich dabei
vor den Patienten.
Hinsetzen Der Therapeut platziert seine Hände so,
dass er der exzentrisch ausgeführten Bewegung des Gewichtsübernahme
Patienten entweder nur am Becken oder an Becken Zur Fazilitation dieser Aktivität eignen sich die
und Schulter gleichzeitig Widerstand entgegenset- Kombinationen von Approximation auf der kraft-
zen bzw. die Bewegung kontrollieren kann. volleren Beckenseite mit stabilisierenden Wider-
Ist der Patient kräftig genug, kann der Thera- ständen am Becken. Es können auch Kombinatio-
peut die Technik Kombination isotonischer Be- nen von Approximation auf der weniger kraftvollen
wegungen einsetzen, bei der der Patient an jeder Beckenseite, evtl. mit passiver Knieblockade, mit
290 Kapitel 12 · Gangschule
. Abb. 12.18 a, b Stabilisation von Becken und Schultern, c, d Stabilitätstechniken für die Standbeinphase
4 Einsatz von Approximation und Widerständen men wurde, und setzen von da aus auch die
auf der gewichttragenden Seite, Widerstände;
4 konzentrische oder exzentrische Widerstände 5 konzentrisch: Der Therapeut platziert seine
für die entgegengesetzten Bewegungen: Hände auf die andere Beckenseite und kann
5 exzentrisch: Die Hände des Therapeuten somit der antagonistisch ausgeführten Ge-
bleiben unverändert in der Position, die für wichtsverlagerung Widerstand entgegen-
die erste Gewichtsverlagerung eingenom- setzen.
292 Kapitel 12 · Gangschule
12
. Abb. 12.21 a–e Vorwärts gehen. a, b Der Therapeut steht vor dem Patienten, c–e Der Therapeut steht hinter dem Patienten
4 Widerstand: Zur Verlagerung des Körpergewich- 5 konzentrisch: der Therapeut platziert seine
tes auf das hintere bzw. linke Bein: Hände auf die Crista iliaca (posterior) und for-
5 exzentrisch: der Therapeut drückt den Patien- dert den Patienten auf, gegen seinen Wider-
ten langsam auf das linke Bein zurück. Dabei stand die Bewegung zur Gewichtsverlagerung
verändert er seinen Griff nicht. auf das hintere bzw. linke Bein durchzuführen.
6 6
296 Kapitel 12 · Gangschule
Vorwärts gehen
Bei dieser Übung kann der Therapeut während des
Gehtrainings vor oder hinter dem Patienten stehen
(. Abb. 12.21).
Rückwärtsgehen erfordert und trainiert gleichzeitig den Cristae iliacae (posterior-superior) und der
die Rumpfkontrolle und die Hüftextension in der auszuübende Druck richtet sich nach ventrokaudal.
Schwungphase. Das Rückwärtsgehen dient auch der
! Vorsicht
Fazilitation des Vorwärtsgehens mit Hilfe der Tech-
Während des Rückwärtsgehens sollte der
nik Antagonistische Umkehr.
Therapeut darauf achten, dass der Patient
Der Therapeut steht normalerweise zur Fazilita-
in der aufrechten Rumpfhaltung bleibt.
tion des Rückwärtsgehens hinter dem Patienten.
Die Handballen des Therapeuten befinden sich auf
298 Kapitel 12 · Gangschule
Seitwärts gehen
(. Abb. 12.23, . Abb. 12.24)
Die Fähigkeit, seitwärts gehen zu können, ist wich-
tig, um sich durch enge Durchgänge zu bewegen.
12 Die laterale Muskulatur des Rumpfes und der Beine
wird durch das Seitwärtsgehen trainiert.
Der Therapeut steht auf der Seite, nach der
der Patient sich bewegt. Die Fazilitationsmaß-
nahmen Approximation, Stretch und Widerstand
werden normalerweise am Becken eingesetzt. Zur
Fazilitation der oberen Rumpfstabilität kann der
Therapeut eine Hand lateral auf der Schulter plat-
zieren.
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
299 12
12
. Abb. 12.25 a–d Freies Gehen. a, b Mit Unterstützung des Therapeuten, c, d Gehen außerhalb des Gehbarrens. Ohne Ab-
stützen am Therapeuten
a b
. Abb. 12.27 a–e Treppen. a–d Runtergehen, b, d Patientin mit inkompletter Paraplegie
302 Kapitel 12 · Gangschule
c d
12
. Abb. 12.27 (Fortsetzung) a–d Runtergehen, c, d Patientin mit inkompletter Paraplegie, e Hochgehen
4 Bürgersteige rauf- und runtergehen, ohne dass 4 Aufstehen vom Boden und sich wieder auf den
sich der Patient irgendwo festhalten kann Boden setzen (diese Aktivität wird in 7 Kap. 11
(. Abb. 12.28). beschrieben, wird aber hier aufgeführt, weil sie
4 Hindernisse überwinden ohne Stützmöglich- für die Selbständigkeit des Patienten beim Ge-
keiten, die eine Gewichtsübernahme bzw. -ver- hen wichtig ist).
lagerung ermöglichen.
12.6 · Praktische Anwendung der Gangschule
303 12
. Abb. 12.29 a–f Patient mit Hemiplegie. a Aufstehen, b Übersetzen vom Rollstuhl zum Stuhl
304 Kapitel 12 · Gangschule
12
. Abb. 12.29 (Fortsetzung) c, d Fazilitation der Standphase des hemiplegischen Beines, e, f Stand auf das betroffene Bein
mit Betonung der Hüftextension und Kniekontrolle
12.7 · Patientenbeispiele in der Gangschule
305 12
12
. Abb. 12.31 a–f a, b Aufstehen, c Betonung von Hüftestreckung, d Vollbelastung mit Betonung von Hüft- und Kniestabilität
12.7 · Patientenbeispiele in der Gangschule
307 12
e f
a b
. Abb. 12.32 a–e Patientin mit inkompletter Tetraplegie und Unterschenkelamputation links. a Aufstehen, b Gewichtsverla-
gerung auf das Prothesenbein mit Kniekontrolle
308 Kapitel 12 · Gangschule
c d
12
. Abb. 12.32 (Fortsetzung) c Stand auf das Prothesenbein links, Betonung der Hüft- und Kniestreckung während der Stand-
beinphase, d hoch steigen, Kontrolle über das Prothesenbein, e runter steigen, Kontrolle mit dem Prothesenbein
Literatur
309 12
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310 Kapitel 12 · Gangschule
12
311 13
Literatur – 328
a b
. Abb. 13.1 a, b Die Gesichtsmuskulatur. 1 M. epicranius (frontalis). 2 M. corrugator. 3 M. orbicularis oculi. 4 M. levator
palpebrae superioris. 5 M. procerus. 6 M. Risorius, M. zygomaticus major. 7 M. orbicularis oris. 8 M. levator labii superioris.
9 M. depressor labii interferioris. 10 M. mentalis. 11 M. levator anguli oris. 12 M. depressor anguli oris. 13 M. buccinator.
14 M. masseter, M. temporalis. 15 M. platysma und Mm. infra- and suprahyoidei. (Mod. nach Feneis 1967, Zeichnung von Ben
Eisermann) (Die Ziffern korrelieren mit den Übungen auf den nächsten Seiten)
13.2 Fazilitation der 4 Das Gesicht wird in einen oberen Bereich von
Gesichtsmuskulatur Augen und Stirn und in einen unteren Bereich
von Mund und Kinn aufgeteilt. Die Nase arbei-
Die Gesichtsmuskulatur erfüllt verschiedene Funk- tet mit beiden Bereichen zusammen.
tionen wie beispielsweise: 4 Die Gesichtsbewegungen werden zur Förde-
4 Nahrung kauen, rung der Symmetrie und zur Fazilitation der
4 Schutzfunktion für die Augen, schwächeren Seite durch die stärkere Seite
4 Sprechen und bilateral ausgeführt bzw. geübt. Ziel ist es, eine
4 vor allem Mimik bzw. Gesichtsausdruck Symmetrie zu erreichen. – Eine Kontraktion
(. Abb. 13.1). der Muskeln der stärkeren bzw. mobileren
Seite fördert und beeinflusst die Arbeit der
In diesem Kapitel werden nur die wichtigsten Funk- stärker betroffenen Muskeln. Die Kontraktion
tionen der Gesichtsmuskulatur dargestellt. Es ist stärkerer Muskeln kann nur genutzt werden,
vorteilhaft, während der Therapie mit einem Logo- wenn Gesichtsasymmetrie, Tonus und Syn-
päden zusammenzuarbeiten. kinese dabei nicht zunehmen.
Folgende allgemeine Prinzipien der Gesichtsbe- 4 Die Stimulierung der Gesichtsmuskulatur
handlung sind zu berücksichtigen: wird auch durch kraftvolle Bewegungen in
4 Die Gesichtsbewegungen werden mit funktio- anderen Körperabschnitten erreicht. Dies
nellen Aufgaben verbunden, z. B.: »Schauen ist im Alltag und vor allem im Sport zu be-
Sie verwundert!« oder »Es riecht hier unange- obachten. Dabei sollte sich der Tonus nicht
nehm!« (. Abb. 13.2) erhöhen, und es sollte keine Synkinese ausge-
4 Die Bewegungen werden stets vollständig löst werden.
ausgeführt, z. B. das Öffnen bzw. Schließen
des Mundes.
314 Kapitel 13 · Funktionen von Gesicht und Mund, Sprechen, Schlucken und Atmung
a b
. Abb. 13.2 a, b Bimanuelle Fazilitation. a Vorbeugen der Synkinese durch das Kommando »Machen Sie einen Kussmund«
und gleichzeitige Fazilitation des M. corrugator mit dem Kommando »Schauen Sie böse!; b Ein Spiegel kann dem Patienten
helfen, seine Gesichtsbewegungen zu kontrollieren
13 a b
a b
a b
c d
. Abb. 13.5 a–d Fazilitation des M. orbicularis oculi. »Schließen Sie die Augen!«
Bei der Wahl der Ausgangsstellung sollte der Thera- jM. corrugator (. Abb. 13.4; . Abb. 13.1, Ziffer 2)
peut beachten, dass die Gesichtsmuskulatur funk- Verbales Kommando »Runzeln Sie Ihre Augen-
tionell in den meisten Fällen gegen die Schwer- brauen. Ziehen Sie Ihre Augenbrauen nach unten.
kraft aktiv ist. Schauen Sie böse.«
Der Widerstand wird diagonal, genau über
jM. epicranius (frontalis) den Augenbrauen, in die kraniale und die laterale
(. Abb. 13.3; . Abb. 13.1, Ziffer 1) Richtung gegeben. Diese Bewegung geht mit dem
Verbales Kommando »Ziehen Sie Ihre Augen- Schließen der Augen einher.
brauen hoch. Schauen Sie verwundert. Runzeln Sie
Ihre Stirn.«
316 Kapitel 13 · Funktionen von Gesicht und Mund, Sprechen, Schlucken und Atmung
. Abb. 13.6 a, b Fazilitation des M. levator palpebrae superioris. »Öffnen Sie die Augen!«
13
. Abb. 13.8 a, b Fazilitation des M. risorius und M. zygomaticus major. »Lachen Sie!«
. Abb. 13.9 a, b Fazilitation des M. orbicularis oris. »Machen Sie einen Kussmund!«
Die Finger werden genau neben den Nasenflü- jM. orbicularis oris
geln platziert. Der Widerstand ist diagonal nach (. Abb. 13.9; . Abb. 13.1, Ziffer 7)
kaudal-lateral gerichtet. Dieser Muskel arbeitet mit Verbales Kommando »Ziehen Sie Ihre Lippen zu-
dem M. corrugator und den Schließmuskeln der sammen. Machen Sie eine Pfeif- bzw. Flötbewegung
Augen zusammen. oder eine Kussbewegung.«
Der Widerstand wird gleichzeitig an der Ober-
jM. risorius und M. zygomaticus major lippe und an der Unterlippe gegeben. Der Wider-
(. Abb. 13.8; . Abb. 13.1, Ziffer 6) stand richtet sich – bezogen auf die Oberlippe –
Verbales Kommando »Lachen Sie. Ziehen Sie Ihre nach kranial-lateral und bezogen auf die Unterlippe
Mundwinkel hoch.« nach kaudal-lateral.
Der Widerstand an den Mundwinkeln richtet sich
vor allem nach medial und geringfügig nach kaudal.
318 Kapitel 13 · Funktionen von Gesicht und Mund, Sprechen, Schlucken und Atmung
. Abb. 13.10 a, b Fazilitation des M. levator labii superioris. »Zeigen Sie mir die oberen Zähne!«
13
jM. levator labii superioris Der Widerstand richtet sich an der Unterlippe
(. Abb. 13.10; . Abb. 13.1, Ziffer 8) nach kranial-medial. Dieser Muskel arbeitet mit
Verbales Kommando »Zeigen Sie Ihre obere Zahn- dem M. platysma zusammen.
reihe. Ziehen Sie Ihre Oberlippe hoch.«
Der Widerstand richtet sich auf der Oberlippe jM. mentalis
nach kaudal-medial. (. Abb. 13.11; . Abb. 13.1, Ziffer 10)
Verbales Kommando »Runzeln Sie Ihr Kinn. Ma-
jM. depressor labii interferioris (Ziffer 9) chen Sie einen Schmollmund.«
Verbales Kommando »Ziehen Sie Ihre Unterlippe Der Therapeut platziert seine Finger unterhalb
nach unten. Zeigen Sie Ihre untere Zahnreihe.« der Mundwinkel am Kinn (in der Nähe des Tuber-
13.2 · Fazilitation der Gesichtsmuskulatur
319 13
. Abb. 13.13 a, b Fazilitation des M. depressor anguli oris. »Zeigen Sie mir die unteren Zähne!«
culum mentale). Die Richtung des Widerstandes jM. depressor anguli oris
geht nach kaudal-lateral. (. Abb. 13.13; . Abb. 13.1, Ziffer 12)
Verbales Kommando »Ziehen Sie Ihre Mundwinkel
jM. levator anguli oris nach unten. Schauen Sie traurig.«
(. Abb. 13.12; . Abb. 13.1, Ziffer 11) Der Widerstand richtet sich an beiden Mund-
Verbales Kommando »Ziehen Sie Ihre Mundwinkel winkeln nach kranial-medial.
hoch, lächeln sie ein wenig.«
Der Widerstand wird auf dem Mundwinkel
nach kaudal-medial gegeben.
320 Kapitel 13 · Funktionen von Gesicht und Mund, Sprechen, Schlucken und Atmung
13
jIntrinsische Augenmuskulatur
Die Augenbewegungen in die gewünschte Richtung
werden durch Übungen mit Widerstand am Kopf
und am Nacken fazilitiert.
Beispiel
Zur Fazilitation der Augenbewegung nach unten
rechts wird der Nackenflexion nach rechts ein Wider-
stand entgegengesetzt. Gleichzeitig wird der Patient
aufgefordert, in die gewünschte Richtung zu schauen.
Die nach lateral gerichtete Augenbewegung wird
durch einen Widerstand gegen die entsprechende
Rotation des Kopfes fazilitiert. Auch dabei wird der
Patient aufgefordert, in die gewünschte Richtung zu
schauen.
13.4 Schlucken
. Abb. 13.17 Fazilitation des M. platysma
Das Schlucken ist eine komplexe Aktivität, die teils
durch die willkürliche Motorik kontrolliert wird
Die Aufforderung, in eine bestimmte Richtung zu und teils durch Reflexaktivitäten zustande kommt.
schauen, sollte durch den Hinweis ergänzt werden, Gezielte Schluckübungen haben einen positiven
wohin der Patient schauen soll, z. B. »Beugen Sie Einfluss auf die Reflexaktivität und auf die willkür-
Ihren Kopf nach rechts unten, und schauen Sie zu liche Motorik.
Ihrem rechten Knie.« Der Sitz ist für die Aktivitäten Essen und Schlu-
cken und auch für die Behandlung dieser Funktio-
nen die geeignetste und funktionellste Ausgangs-
13.3 Zungenbewegungen stellung. Die Schluckübungen können auch gut im
Unterarmstütz durchgeführt werden.
Zur Stimulierung der Zungenbewegungen wird ent- Die für den Schluckvorgang erforderliche Ver-
weder ein angefeuchteter Holzstab oder ein behand- mengung von Nahrung und Speichel geschieht
13 schuhter Finger eingesetzt. Das Holzstäbchen muss durch das Kauen. Voraussetzung für einen optima-
angefeuchtet werden, um Irritationen im Mundbe- len Kauvorgang ist die Fähigkeit des Patienten, sei-
reich zu vermeiden. Als zusätzliche Fazilitationsmaß- nen Mund geschlossen bzw. die Lippen aufeinan-
nahme kann zur Stimulierung der Zunge Eis verwen- der zu halten, so dass die Nahrung während des
det werden. Der Patient selbst kann durch das Saugen Kauens nicht aus dem Mund fällt. Während des
an einem Eisstückchen seine eigenen Zungenbewe- Kauvorganges wird die Nahrung durch die Be-
gungen und die Mundfunktion stimulieren. wegungen der Zunge im Mund hin- und herge-
In . Abb. 13.18 werden folgende Zungenübun- schoben. Anschließend wird die zerkaute Nahrung
gen gezeigt: durch eine gaumenwärts gerichtete Zungenbewe-
4 die Zunge gerade nach vorne ausstrecken gung nach hinten gegen den Pharynx gedrückt,
(. Abb. 13.18 a), worauf schließlich der Schluckvorgang folgt.
4 die Zunge nach links und nach rechts ausstre- Übungen für die Gesichtsmuskulatur und für die
cken (. Abb. 13.18 b), Zunge wurden in 7 Abschn. 13.2 und 7 Abschn. 13.3
4 die Zunge zur Nasenspitze bewegen beschrieben.
(. Abb. 13.18 c), Das Schlucken kann z. B. durch einen hyper-
4 die Zunge zum Kinn bewegen (. Abb. 13.18 d), aktiven Brechreflex verhindert werden. Zur Ver-
4 die Zunge aufrollen (. Abb. 13.18 e) (nicht alle minderung dieses gesteigerten Reflexes kann der
Menschen sind dazu fähig, da genetisch be- Therapeut mit Hilfe eines kalten Gegenstandes
dingt). einen richtig dosierten langanhaltenden Druck auf
13.4 · Schlucken
323 13
. Abb. 13.20 a, b Atmung in Rückenlage. a Druck auf dem Sternum, b Druck auf den unteren Rippen
13
. Abb. 13.21 Atmung in der Seitenlage . Abb. 13.22 Atmung in der Bauchlage
13.6 · Atmung
327 13
. Abb. 13.25 a, b Stimulation des Diaphragmas bei einer Patientin mit kompletter Tetraplegie und Tracheastoma
Zur indirekten Fazilitation des Diaphragmas Horst R (2005) Motorisches Strategietraining und PNF.
platziert der Therapeut beide Hände auf dem Bauch Thieme, Stuttgart
Kendall FP, McCreary EK (1993) Muscles, testing and function.
des Patienten. Anschließend fordert er den Patien-
Williams and Wilkins, Baltimore
ten auf, gegen seinen Widerstand einzuatmen Lee DN, Young DS (1985) Visual timing in interceptive actions.
(. Abb. 13.24 c). Der Patient sollte diese Übung er- In: Ingle DJ et al. (eds) Brain mechanisms and spatial
lernen und beherrschen, so dass er sie auch alleine vision. Martinus Nijhoff, Dordrecht
ausführen kann (. Abb. 13.25). Manni, Beurskens CH, Velde C v, Stokroos RJ (2001) Reanima-
tion of the paralyzed reconstruction face by indirect
hypoglossal-facial nerve anastomosis. Am J Surg 182:
268–73
13 13.7 Überprüfen Sie Ihr Wissen: Nitz J, Burke B (2002) A study of the facilitation of respiration
Fragen in myotonic dystrophy. Physiotherapy Research Interna-
tional (4): 228–238
4 Was sind die Vorteile von manueller Fazilita- Schmidt R, Lee T (1999) Motor control and learning, 3rd ed.
Human Kinetics, Champaign IL, USA
tion bei Fazialislähmung?
Shumway-Cook AW, Woollacott M (2001) Motor control:
4 Atmung mit PNF: Die Fazilitation der Atmung theory and practical applications. Williams and Wilkins,
kann man stimulierend und inhibierend oder Baltimore
relaxierend, direkt und indirekt anwenden.
Geben Sie zu jeder Anwendung ein Beispiel.
Literatur
Aktivitäten
des täglichen Lebens
M. Buck, D. Beckers
Literatur – 336
Das oberste Behandlungsziel ist es, das höchste der Aufgaben (»repetition without repetition«)
Funktionsniveau, d.h. die maximale Unabhängig- praktisch umgesetzt (»variability in practice«),
keit in den Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) um dem Patienten zu ermöglichen, eine opti-
zu erreichen und damit die Lebensqualität jedes male Funktionsleistung zu erreichen. Für die
einzelnen Patienten zu erhöhen. Auf Partizipati- Aktivität »Reichen« greift der Patient z.B. ein-
onsniveau (ICF, 7 Kap. 1, 5) sollte der Patient wie- mal eine Tasse und reicht sie dem Therapeu-
der weitestmöglich an den Aktivitäten des sozialen ten, dann eine Flasche, ein Geldstück usw.
Lebens teilnehmen können. Die Integration der
Grundprinzipien des motorischen Lernens und der Während der kognitiven Lernphase kann der
motorischen Kontrolle in die PNF-Behandlung ist Therapeut viel proprio- und exterozeptiven Input
notwendig, um das angestrebte Funktionsniveau geben. In der assoziativen Lernphase bekommt der
bzw. die Teilnahme am sozialen Leben erreichen zu Patient schon weniger Input; die Übungen werden
können. häufig in neue Situationen übertragen, doch dem
Die Stadien der motorischen Kontrolle – Mobi- Patienten werden noch Fehler erlaubt. In der auto-
lität, Stabilität, Mobilität auf Stabilität und Fähig- nomen bzw. automatisierten Lernphase braucht
keiten – wurden bereits in 7 Kap. 1 und 7 Kap. 11 der Patient keinen Input mehr; er ist in der Lage,
beschrieben. Die vier Stadien sind bei allen ADL- mehrere Funktionen gleichzeitig auszuführen.
Aktivitäten wie Essen, Anziehen, Rollstuhlfahren, Die Frage ist nicht »hands on« oder »hands off«.
Gangschule oder Treppensteigen miteinzubeziehen. Beide Methoden sind notwendig und möglich.
14
14.3 · Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen
333 14
. Abb. 14.2 a–d Transfer vom Rollstuhl aus: a, b in die Badewanne, c auf die Toilette, d ins Bett
14
. Abb. 14.3 a–j a, b Ausziehen und anziehen. Shirt ausziehen, Widerstand gegen die Arme, c, d Shirt ausziehen, Widerstand
gegen die Arme
14.3 · Überprüfen Sie Ihr Wissen: Fragen
335 14
. Abb. 14.3 (Fortsetzung) e, f Shirt anziehen, Widerstand gegen die Arme, g, h Hose anziehen, Widerstand gegen Hände
und Rumpf
336 Kapitel 14 · Aktivitäten des täglichen Lebens
14
. Abb. 14.3 (Fortsetzung) i, j Widerstand in Bridging, k, l Fazilitation beim Anziehen oder etwas aus einem Schrank Nehmen
Literatur
jKapitel 6 jKapitel 8
? Mit welchen verschiedenen Zielstellungen ? Wann ist es sinnvoll, gestreckte Beinmuster an-
kann man Skapula- und Pelvismuster an- zuwenden, obwohl gestreckte Beinmuster nicht
wenden? so funktionell sind wie die gebeugten Muster?
v 4 Um die Bewegungen von Skapula und v 4 Wenn das Knie nicht gebeugt werden darf.
Pelvis zu verbessern und die dazu ge- 4 Um z. B. die Hüftextensoren/Abduktoren
hörende Muskulatur zu fazilitieren. zu betonen und damit die mittlere Stand-
4 Um den Rumpf mit Hilfe von Skapula- und beinphase zu kräftigen.
Beckenbewegungen zu fazilitieren.
4 Um funktionelle Aktivitäten wie das ? Worauf soll der Therapeut besonderen Wert
Drehen, den Gang oder Bewegungsüber- legen, wenn er die Beinmuster in die Hüft-
gänge zu fazilitieren. extension mit Kniestreckung anwendet?
? Warum benutzen wir im PNF-Konzept oft v 4 Atmung kann man stimulieren durch
übertriebene Bewegungen zur Schulung des Anwendung des Stretchreflexes, z. B. bei
Ganges? M. Bechterew.
4 Inhibierend kann man Atmung kombinie-
v Übertriebene Bewegungen zur Schulung des ren mit Entspannungstechniken, z. B. bei
Ganges stimulieren das motorische Lernen Spastizität.
und führen zu schnelleren Resultaten. 4 Atmung kann man indirekt anwenden bei
Schmerzen, bei Schulterproblemen oder
? Nennen Sie mindestens 5 Beispiele der Anwen- z. B. gegen zu viel Kyphose für die Rumpf-
dung verschiedener PNF-Techniken in der extension.
Gangschule oder beim Mattentraining.
jKapitel 14
v 5 Agonistische Umkehr beim Hochkommen ? Welche Vorteile bietet das PNF-Konzept bei der
von der Bauchlage zum Seitsitz. Schulung von Aktivitäten des täglichen Lebens
4 Stabilisierende Umkehr im Vierfüßler- (ADL)?
Stand.
4 Dynamische Umkehr für den Rumpf im v Der Vorteil der Schulung von ADL-Aktivitäten
Langsitz. mit PNF besteht darin, dass Aktivitäten, die
4 Rhythmische Stabilisation im Fersensitz. dem Patienten noch nicht alleine möglich sind,
4 Halten – Entspannen für den Iliopsoas im trotzdem mit Hilfestellung und gezielt trainiert
halben Kniestand. werden können. »Übertriebene« Bewegungen
können auch hier zu schnelleren und besseren
Ergebnissen führen.
343
Serviceteil
Glossar – 344
Stichwortverzeichnis – 347
Glossar
After discharge (Nachentladung) Der Effekt eines Stimulus, rechte Extremität: Flexion – Abduktion, linke Extremität:
z. B. einer Muskelkontraktion, hält noch etwas an, nachdem Extension – Adduktion.
der Stimulus bzw. die Kontraktion beendet ist. Die Nach- Bilateral asymmetrisch Bewegung von beiden Armen und
entladung nimmt mit der Intensität und der Dauer des beiden Beinen in entgegengesetzten Diagonalen, aber in
Stimulus zu. dieselbe Richtung, z. B. rechte Extremität: Flexion – Abduk-
Aktionskommando Dieses Kommando leitet den Beginn tion, linke Extremität: Flexion – Adduktion.
der gewünschten Aktivität ein. Bilateral asymmetrisch reziprok Gleichzeitige Bewegung
Anspannen - Entspannen: Direkte Behandlung Iso- von beiden Armen oder beiden Beinen in entgegengesetz-
tonische Muskelkontraktion der verspannten oder/und ten Diagonalen und in entgegengesetzten Richtungen, z. B.
verkürzten Muskulatur (Antagonisten) gegen Widerstand rechte Extremität: Flexion – Adduktion, linke Extremität:
mit anschließender Entspannung derselben Muskulatur und Extension – Adduktion.
Weiterbewegen in die eingeschränkte Bewegungsrichtung. Chopping Bilateral asymmetrische Extension der oberen
Anspannen - Entspannen: Indirekte Behandlung Nutzt Extremität mit Nackenflexion in die gleiche Richtung zur
die Kontraktion der agonistischen Muskulatur anstatt die Fazilitation bzw. zum Üben der Rumpfflexion.
der verkürzten/verspannten Muskulatur (antagonistische Chopping und Lifting Chopping und Lifting heißen die
Muskulatur). Kombinationen der bilateral asymmetrisch ausgeführten
Approximation Die Kompression einer Extremität oder des Bewegungspatterns der Arme mit den Bewegungspatterns
Rumpfes. des Nackens.
Assessment Beurteilung Direkte Behandlung Die gewählte Behandlungstechnik
Befundaufnahme (Evaluation) Dient der Feststellung der wird direkt am betroffenen Köperteil bzw. an der betroffe-
noch vorhandenen Funktionen, der Störungen und der Ein- nen Stelle eingesetzt.
schränkungen des Patienten. Drehpunkt (»Pivot«) Das Gelenk oder Körpersegment (Wir-
Behandlungsverfahren (Behandlungsprinzip) Eine belsäule), in dem die Bewegung stattfindet.
Kombination verschiedener »Werkzeuge«, um die Effektivität Dynamische Umkehr (»Dynamic Reversal«/einschließ-
zu fördern bzw. zu steigern. lich »Slow Reversal«) Dynamische Umkehr ist eine
Betonte Bewegungsfolge (»Timing for Emphasis«) Zur aktive Bewegungsabfolge, die von der einen Richtung
Betonung einer speziell ausgewählten Teilbewegung wird des Agonisten in die entgegengesetzte Richtung des
bewusst von der normalen Reihenfolge der Bewegungen Antagonisten wechselt.
abgewichen, um einen bestimmten Muskel oder eine Exzitation Aktivieren oder Stimulieren von Muskelkontrak-
gewünschte Aktivität zu betonen. Die Effektivität dieser tionen. Muskelaktivitäten fördern und unterstützen.
Fazilitationsmaßnahme wird durch das optimale Setzen Fazilitation Erleichtern bzw. Stimulieren von motorischen
des Widerstandes entgegen der kraftvollsten Bewegungs- Aktivitäten.
komponente innerhalb des Patterns gesteigert.
Gangzyklus Der Zyklus wird in zwei Hauptphasen ein-
Bewegungsbahn/Körperdiagonale (»Groove«) Bewe- geteilt: die Standbeinphase und die Schwungbeinphase.
gungslinie, in der das Bewegungspattern verläuft. Der
Haltewiderstand (Hold) Isometrische Muskelkontraktion.
Widerstand wird in dieser Bewegungslinie gegeben. Der
Weder dem Therapeuten noch dem Patienten ist eine Be-
Arm und der Körper des Therapeuten befinden sich eben-
wegung gestattet.
falls in den Körperdiagonalen. In den meisten Fällen verläuft
sie zwischen einer Schulter und der gegenüberliegenden Indirekte Behandlung Die gewählte Behandlungstechnik
Hüfte oder parallel dazu. wird an weniger bzw. nichtbetroffenen Körperteilen einge-
setzt. Die indirekte Behandlung benutzt Reinforcement zur
Bilateral Gleichzeitige Bewegung von beiden Armen oder
Fazilitation.
beiden Beinen, d.h. Bewegungspattern wird auf beiden
Körperseiten gleichzeitig durchgeführt: Inhibition Hemmung oder Verhinderung von Muskelkon-
traktionen oder Nervenimpulsen.
Bilateral symmetrisch Gleichzeitige Bewegung von beiden
Armen oder beiden Beinen in der gleichen Diagonalen und Irradiation Das »Überfließen« bzw. die Ausbreitung von Re-
der gleichen Richtung, z. B. rechte Extremität: Flexion – aktionen bzw. Nervenimpulsen auf gegebene Stimuli.
Abduktion, linke Extremität: Flexion – Abduktion. Isometrische (statische) Muskelkontraktion Weder der
Bilateral symmetrisch reziprok Gleichzeitige Bewegung Patient noch der Therapeut will eine Bewegung ent-
von beiden Armen oder beiden Beinen in der gleichen stehen lassen, dennoch kommt es zur Anspannung der
Diagonalen aber in entgegengesetzten Richtungen, z. B. Agonisten.
Stichwortverzeichnis
A Behandlungsverfahren 146
Behandlungsziele 2, 62, 64
evidenzbasierten Medizin 11
Extension – Abduktion – Innenrotation
Abdruckphase 273 Behinderung 61 128, 168
After discharge 12 Beinpatterns im Sitzen 178 Extension – Abduktion – Innenrotation
Agonistische Umkehr (»Reversal of Beinpatterns im Stand 184 mit Knieextension 171
Agonists«) 38 Beinpatterns im Vierfüßlerstand 183 Extension – Abduktion – Innenrotation
Aktionskommando 25 Beinpatterns in der Bauchlage 178 mit Knieflexion 172
Aktivität 61 Beinpatterns in der Seitlage 181 Extension – Adduktion – Außen-
Aktivitäten des täglichen Lebens 330 Betonte Bewegungsfolge 29 rotation 155
Alltagsfunktionen 5 Bewegen 222 Extension – Adduktion – Außen-
Amputation 305 Bilateral 75 rotation mit Knieextension 158
Ankleiden 331 Bilateral asymmetrisch 140 Extension – Adduktion – Außen-
Ankylosis spondylitis 262 Bilateral asymmetrisch reziprok 141 rotation mit Knieflexion 161
Anspannen – Entspannen Bilaterale Armpatterns 139 Extension – Adduktion – Innenrotation
– Direkte Behandlung 50 Bilaterale Beinpatterns 174 115
– Indirekte Behandlung 52 Bilaterale Beinpatterns für den Rumpf Extension – Lateralflexion nach rechts,
Anspannen – Entspannen (»Contract 212 Rotation nach rechts 195
Relax«) 49 Bilaterales Extensionsmuster der Beine
Antagonistische Umkehr (»Reversal of 215
Antagonists«) 40
Anteriore Depression 86, 94
Bilateral symmetrisch 140
Bilateral symmetrisch reziprok 140
F
Anteriore Elevation 83, 91 Brechreflexes 324 Feedforward-Methode 8
Anwendungen Beckenpatterns 98 Brückenaktivitäten (»Bridging«) 256 Fertigkeiten 222
Anwendungen Schulterblattpatterns Flexion – Abduktion – Außenrotation
89 106
Approximation 26, 279
Armpatterns im Sitzen 143
C Flexion – Abduktion – Innenrotation
149
Armpatterns im Unterarmstütz 141 Chopping 206 Flexion – Abduktion – Innenrotation
Armpatterns im Vierfüßlerstand 143 Chopping und Lifting 205 mit Knieextension 153
Armpatterns in Seitlage 141 Clinical Reasoning 4 Flexion – Abduktion – Innenrotation
Armstützen 283 mit Knieflexion 151
Arten des Verbalen Kommandos 25 Flexion – Adduktion – Außenrotation
Arten von Muskelkontraktionen 18
Assessment 62
D 121, 162
Flexion – Adduktion – Außenrotation
Asymmetrisch 75 Diagonale Bewegungen 104, 146 mit Knieextension 166
Asymmetrische Kombinationen 100 Diaphragmas (Zwerchfell) 327 Flexion – Adduktion – Außenrotation
Asymmetrisch-reziprok 75 Direkte Behandlung 64 mit Knieflexion 164
Atmung 324 Doppelstand 270 Flexion – Lateralflexion nach links,
Aufstehen 284, 287, 288 Dynamische Umkehr (»Dynamic Rever- Rotation nach links 191
Aufstehen vom Boden 302 sal«/einschließlich »Slow Reversal«) Flexion nach links, Extension nach
Augenmuskulatur 321 40 rechts 191
Ausziehen 331 Frontalebene 276
Frontale Ebene 72
E Funktionsfähigkeit 61
B Einbeinkniestand 247
Fußstützen 283
H
Halten – Entspannen
M R
– Direkte Behandlung 52 Manueller Fazilitation 341 Radialthrust und dessen Umkehr-
– Indirekte Behandlung 53 Mattenaktivitäten 223, 330 bewegung 139
Halten – Entspannen (»Hold Relax«) Mattentraining, Patientenbeispiele Räumliche Summation 12
52 262 Replication 54
heel strike 270 Mobilität auf Stabilität 222 Reziproke Innervation 13
Hemiplegie 305 Morbus Bechterew 262 Rhythmische Bewegungseinleitung
hemiplegischen 304 Motorische Kontrolle 7 (»Rhythmic Initiation«) 37
Hinsetzen 289 motorische Lernen 331 Rhythmische Stabilisation 46
Hüftabduktoren 274 Motorische Lernen 341 Rhythmische Stabilisation (»Rhythmic
Hüftextensoren 274 Motorisches Lernen 7, 9 Stabilization«) 44
Hyoidbein 324 M. quadriceps 274 Rollen 224
Muskelaktivität 274 Rollstuhl handhaben 280
Rollstuhlhandhabung und Rumpf-
I kontrolle 279
Kehlkopf 324
P
Klinimetrie 4
Kniestand 244
Paraplegie 262
Partizipation 6, 61
S
Kombination der Rumpfpatterns 218 Patterns 75 Sagittale Ebene 72, 275
Kombination isotonischer Bewegungen Pharynx 324 Schlucken 322
(»Combination of Isotonics«) 38 Phasen des motorischen Lernens 6 Schluckreflex 324
Körperstellung und Körpermechanik Plantarflexoren 275 Schulterblatt 80, 224
23 Planung und Ausführung der Behand- Schulterblattpatterns 83
Körperstrukturen 61 lung 63 Schultergürtel 80
Korrekturkommando 25 PNF 11 Schwungbein 279
Kreuzbein 80 PNF-Behandlungsprinzipien 16 Schwungbeinphase 273
Kreuzschritte (»Braiding«) 299 PNF-Grundprinzipien 338 Schwungphase 274
PNF-Patterns 30, 72, 339 Seitsitz 236
PNF-Philosophie 12, 60 Seitwärts gehen 298
L Posteriore Depression 85, 93
Posteriore Elevation 88, 96
Sich hinsetzen 284
Sitzaktivitäten 284
Langsitz 252 Prätibiale Muskulatur 275 Sitz an der Bankkante 253
Larynx 324 Sitzen 252, 281
Lateralflexion 197, 216, 217 Sitzposition 284
Lateralflexion des Rumpfes 198 Slow approximation 26
349 G–Z
Stichwortverzeichnis
SMART 4, 63
SMART-Analyse 4
V
spiralförmig 74 Variationen Beinpatterns 175
Spondylitis ankylopoetica 262 Verbaler Stimulus 24
Spondylitis ankylosis 305 Verstärkung 20
Sprechstörungen 324 Vierfüßlerstand 236
Stabilisation 291 Visueller Stimulus 25
Stabilisierende Umkehr 46 Vorbereitungskommando 25
Stabilisierende Umkehr (»Stabilizing Vorschwungphase (»pre-swing«) 273
Reversals«) 43 Vorwärts gehen 296
Stabilität 222
Stadien der motorischen Kontrolle
222
Stand 251, 289
W
Standbein 279 Warum Mattenaktivitäten 222
Standbeinphase 270 Wiederholter Stretch am Anfang der
Standphase 273 Bewegung 46
Stretch 27, 277 Wiederholter Stretch (»Repeated
Stretchreflex 27, 72 Stretch«/»Repeated Contraction«)
Stretchstimulus 27, 278 46
Sukzessive Induktion 13 Wiederholter Stretch während der Be-
Symmetrisch 75 wegung 48
Symmetrisch-reziprok 75
Symmetrisch-reziproke Kombinationen
99
Symmetrisch-reziproke und asym-
Z
metrische Kombinationen 99 Zäpfchen 324
Zehenablösung 271
Zeitliche Summation 12
T Zungenbewegungen 322
Taktiler Stimulus 21
Techniken 36, 338
Tests 62
Tetraplegie 262
Thrust- und Withdrawalpatterns 136
Timing 28
Timing for Emphasis 29, 340
Tonlagen 324
Traktion 26
Transfer 331
Transfer auf die Toilette 333
Transfer in die Badewanne 333
Transfer ins Bett 333
Transfer vom Rollstuhl 333
Transversale Ebene 72
Treppen 300
Treppen steigen 301
U
Übertriebene Bewegungen 277, 341
Ulnarthrust und dessen Umkehr-
bewegung 138
Unilateral 75
Unterarmstütz 234