Ethik – Gerechtigkeit – Soziale Gerechtigkeit – Walter Kerber (*1926)
Soziale Gerechtigkeit lässt sich in zwei Konzepte unterteilen: Die Chancengerechtigkeit und die
Bedürfnisgerechtigkeit. Sie ist insgesamt von großer Bedeutung für den Menschen, da dieser ein
Gemeinschaftswesen ist. Auf der Grundlage, dass alle Menschen die gleiche Würde und soziale
Verbundenheit besitzen, müssen die Lebensbedingungen aller Menschen in einer Gesellschaft
gleich sein, damit diese sozial gerecht ist.
Die Bedürfnisgerechtigkeit besagt, dass die dringlichsten Bedürfnisse aller zuerst befriedigt werden
müssen und somit das Existenzminimum für jeden sichergestellt wird.
Die Chancengleichheit fordert von einer Gesellschaft den Abbau sozialer Diskriminierung und
unbegründeten Zugangsbeschränkungen zu gesellschaftlichen Positionen. Das Verbot jeglicher
From der Diskriminierung soll uneingeschränkt unterstützt und verwirklicht werden. Jedoch darf
dies nicht nur auf formaler Ebene geschehen, sondern verlangt gewisse Hilfen, durch welche
bestimmte Gruppen ihre Rechte erst wahrnehmen können. Hier ergibt sich die Problematik, dass
“[j]ede gesellschaftliche Veränderung zugunsten Benachteiligter […] in den gegebenen Besitzstand
ein[greift] [und] […] eine Umverteilung gesellschaftlicher Positionen [bedeutet].” Dies ist in einer
kapitalistischen, auf Wachstum ausgelegten Gesellschaft zwar teilweise nur indirekt spürbar, kann
aber nichtsdestotrotz den Leistungswillen der allgemeinen Bevölkerung beeinträchtigen. Somit steht
die soziale Gerechtigkeit, beziehungsweise eine gerechte Verteilung, mindestens teilweise im
Konflikt mit wirtschaftlicher Effizienz und Wachstum.
Weiterhin führt eine soziale Umverteilung unvermeidbar zu sogenannten „Sickerverlusten“, bei
welchen Menschen Hilfen in Anspruch nehmen, für welche diese nicht vorgesehen waren. Dies
führt zu einem komplizierten System sozialer Hilfestellungen. Ein Verteilungssystem, welches auf
den Bedürfnisprinzip aufbaut bietet tendenziell wenige Anreize, mit den sozial gestellten Mitteln
sparsam umzugehen, was kostenspielige, verschwenderische und überflüssig bürokratische Folgen
haben kann.
Die Forderung positiver sozialer Grundrechten, wie das Recht auf Arbeit, komfortable
Lebenshaltung, Nahrung, ärztliche Betreuung, Bildung und Urlaub, auf welche jeder Anspruch
erheben darf ist alleinig nicht ausreichend. Zusätzlich müssen Wege aufgezeigt werden, über welche
diese Rechte von allen Menschen wahrgenommen werden können.
Zusammenfassend ist ein soziales Gerechtigkeitssystem stets abhängig von dem Solidaritäts– und
Verantwortungsbewusstsein aller Teilhabenden.