0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
15 Ansichten84 Seiten

Jesus in Indien: Norbert Klatt

Hochgeladen von

eugenschulz
Copyright
© All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen
0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
15 Ansichten84 Seiten

Jesus in Indien: Norbert Klatt

Hochgeladen von

eugenschulz
Copyright
© All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen

I

Norbert Klatt

Jesus in Indien
Nikolaus Alexandrovitch Notovitchs
„Unbekanntes Leben Jesu“,
sein Leben und
seine Indienreise

Zweite Auflage

Göttingen 2011
II

© Norbert Klatt Verlag, Göttingen 2011


Elektronische Ressource
ISBN 978-3-928312-32-5
III

Inhalt

Vorwort zur zweiten Auflage ....................... V


Einleitung .................................................... 1
Lebensskizze ............................................... 9
Notovitchs Reise nach Ladakh ................... 40
Die buddhistische Lebensbeschreibung Jesu 61
Abbildungsnachweis ................................... 76
IV
V

Vorwort zur zweiten Auflage

Vorliegende Abhandlung wurde in der Reihe „Orientierun-


gen und Berichte“ der Evangelischen Zentralstelle für Welt-
anschauungsfragen, damals noch in Stuttgart, im Jahr 1986
als Nr. 13 (XII/1986) zum ersten Mal veröffentlicht. Ob-
gleich der Text bereits seit einigen Jahren vergriffen ist und
gelegentlich der Wunsch einer Neuauflage an mich herange-
tragen wurde, so hatte ich bisher keinen Anlaß gesehen, die-
sem Ansinnen nachzugeben. Jede Abhandlung, und das gilt
in besonderem Maße für solche Arbeiten, die im Umfeld
weltanschaulicher Fragen stehen, trägt überdeutlich die Spu-
ren der Zeit an sich, in der sie entstand. Nach Verlauf meh-
rerer Jahre trifft die Neuauflage einer solchen Arbeit häufig
auf eine veränderte mentale Stimmungslage, in der ihr Anlaß
verblast und das ursprüngliche Anliegen obsolet oder gar be-
deutungslos geworden ist. Da zudem die wesentlichen Ergeb-
nisse der Abhandlung in andere Publikationen eingegangen
sind - hier seien etwa Leonid V. Mitrokhin, Kašmirskie
legendy ob Iisuse Christe. Moskva 1990. (Novoe v žizni,
nauke, technike; Ateizm i religija, 1990, 8), H. Louis Fader,
The Issa Tale that will not be die. Nicholas Notovitch and
his fraudulent gospel. (Lanham, MD: University Press of
VI
America, 2003) und Alexander Andreyev, „Russian Trav-
ellers in Ladakh“, in Ladakh Studies, 24 (June 2009), Seite 25-
41, genannt -, so war die wesentliche Frage, ob eine Neuauf-
lage den augenblicklichen Stand der Diskussion überhaupt
angemessen widerspiegeln kann. Die Abhandlung war, neben
jener zum Essäer-Brief, ursprünglich eine Vorarbeit zum
Thema „Jesus in Indien“. Damals galt es erst einmal Informa-
tionen zu Notovitch zusammenzutragen. Systematisch wur-
den die Schriften Notovitchs durchgesehen und soweit sich
konkrete Anhaltspunkte daraus ergaben, die Recherchen
durch Anfragen an Archive und Bibliotheken erweitert. In
diesem Zusammenhang stieß ich auch auf die einzige bisher
bekannte Photographie von Notovitch, die seither oftmals
den Neuauflagen von Notovitchs „buddhistischer Lebensbe-
schreibung Jesu“ beigegeben ist. Auch bei den biographi-
schen Angaben zu Notovitch greift man häufig auf den Text
der „Orientierungen und Berichte“ zurück, wobei freilich
die Quelle nicht immer angegeben wird. Bei allen Bemü-
hungen, zu ermitteln, wer Notovitch ist, geriet der Umstand
nicht aus dem Blick, daß seine „buddhistische Lebensbe-
schreibung Jesu“ nur ein Teilaspekt einer umfassenderen
Thematik ist. Im Text selbst wird diese nur kurz angespro-
chen.
Um vor diesem Hintergrund die Abhandlung von 1986
auf den neusten Stand zu bringen, hätten dem Text ent-
sprechende Ausführungen und Erläuterungen beigegeben
werden müssen. Die Darstellung wäre dabei wohl unüber-
sichtlich geworden. Die angemessenste Lösung wäre eine
VII
völlige Neuerarbeitung des Themas, in die auch die neueren
Forschungen und aktuelle Fragestellungen hätten einfließen
können.
Weshalb sind alle diese Bedenken nun mit einem Mal
gegenstandslos? Daß der Text nach 25 Jahren hier in zwei-
ter Auflage vorgelegt wird, hat seinen Grund darin, daß er
2009 ohne Autorisierung im Internet zugänglich gemacht wur-
de ([Link] /2009/11/je-
[Link]), doch nicht durchgehend als Scan,
sondern zum großen Teil abgeschrieben. Obgleich man sich
bemühte, im äußeren Erscheinungsbild des Textes dem Ori-
ginal zu entsprechen, sind dabei eine Fülle von Fehlern ent-
standen, die auf die Arbeit selbst kein gutes Licht werfen.
Wenn ich den Text mit einigen Ergänzungen und Änderun-
gen nun erneut vorlege, so ist das eine Art Notwehr. Zu-
gleich verwahre ich mich damit gegen das digitale Raubrit-
tertum, das im vorliegenden Fall sich nicht nur hinter der An-
onymität einer Plattform versteckt, sondern auch in der Aura
der Kirchlichkeit aufzutreten wagt. Wenn meine Zweifel, ob
mit der erneuten Vorlage des Textes einem wirklichen Be-
dürfnis abgeholfen wird, keineswegs beseitigt sind, so soll
doch derjenige, der Informationen zu Notovitch sucht und
sich ein eigenes Urteil bilden möchte, dies anhand eines Tex-
tes tun können, der nicht durch Fehler entstellt ist, die dem
Autor nicht zuzuschreiben sind. Wie der vorliegende Fall
zeigt, ist aufgrund der technischen Möglichkeiten kein Text
im Internet vor Manipulationen sicher. Selbst der rechtliche
Schutz von Texten kann das offenbar nicht verhindern, denn
VIII
ein Recht haben und es durchzusetzen, ist nicht dasselbe.
Hier hilft wohl nur, die Texte selbst im Internet zugänglich
zu machen, so daß der Nutzen gegebenenfalls anhand von
Differenzen selbst entscheiden kann, welcher Text authen-
tisch ist.
Göttingen, den 6. Januar 2011
Norbert Klatt
1

Einleitung

In der Zeit der Aufklärung, als man vor dem Hintergrund einer
kritischen Betrachtung der Religion auch ein historisches
Verständnis des Lebens Jesu zu entwickeln begann, wurde

* Für wichtige Hinweise, weiterführende Informationen und


sachdienliches Material gilt hier ein herzliches Wort des
Dankes den päpstlichen Nuntiaturen in Paris und Ankara,
dem Direktor des vatikanischen Geheimarchives und dem
Sekretär der Propaganda Fide in Rom, seiner Exzellenz Bischof
Lourdusamy, ferner seiner Exzellenz dem russisch-orthodoxen
Erzbischof Georg von Paris und Herrn Martin Klingner von der
Herrnhuter Missionshilfe in Neuwied. Ein Wort des Dankes
sei hier auch gerichtet an die Bibliothèque nationale de Paris,
an die Direktorin Geneviève Gille (Archives de Paris), an
Monsieur Bernard Granier (Archives de la Préfecture de Police,
Paris) und an Monsieur G. Dethan (Archives et Documentation,
Ministère des relations extérieures, Paris). Danken möchte ich
ebenfalls der Bibliothekarin Mrs. Kate Skrebuteans (Princeton
Theological Seminary - Speer Library -), der Main Library
of the University of California in Los Angeles, dem Public
Record Office (Kew, Richmond, Surrey) und schließlich dem
Österreichischen Staatsarchiv in Wien. Gleichfalls gilt ein Dank
2
ebenfalls die Frage aufgeworfen, woher Jesus sein Wissen
bezogen haben könnte, eine Frage, die bis dahin aufgrund des
im Glauben anerkannten göttlichen Wesens des Heilandes
kaum gestellt worden war. Indem Jesus nun als der Edelste
der Menschen betrachtet wurde, der aus seiner historischen
Umwelt zu verstehen sei, drängte sich die Frage nach seiner
Erziehung und Bildung geradezu auf. Da hierüber aus den
neutestamentlichen Berichten nichts zu erfahren war, so ver-
suchte man die Lücke, die in der Darstellung des Neuen Testa-
mentes zwischen Jesu zwölftem und dreißigstem Lebensjahr
klafft, mit angenommenen Studien auszufüllen, die für Jesu
späteres Wirken bedeutsam werden sollten.

auch der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek


Göttingen und der Kölner Stadt- und Universitätsbibliothek für
die Beschaffung der in deutschen Bibliotheken verfügbaren
Literatur. Ein besonderes Wort des Dankes sei hier gerichtet
an Herrn Prof. Dr. Herbert Bräuer, Direktor des Slavistischen
Seminars der Universität Köln, für seine Bemühungen, rus-
sischsprachige Literatur für die vorliegenden Ausführungen
nutzbar zu machen. Ferner sei hier herzlich gedankt Herrn Mar-
tin Rommel (Köln) für die Durchsicht des Manuskriptes und
Herrn F. W. P. Dougherty, Dr ès-lettres, (Göttingen), für wert-
volle Zeit, Mühe und Kritik, die sich fruchtbar auf die vorlie-
genden Ausführungen ausgewirkt haben. Auch sei der Evan-
gelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Stuttgart
dafür gedankt, daß sie die vorliegenden Ausführungen in ihre
Reihe „Orientierungen und Berichte“ aufnahm.
3
Galt einigen Autoren Ägypten als der Ort dieser Stu-
dien, so wurde von anderen als Lehrstätte immer wieder der
am Toten Meer ansäßige Essener-Orden in die Diskussion
gebracht. Doch fehlte es nicht an Stimmen, die sich für
Indien als Ort dieser Studien aussprachen, zumal im letzten
Viertel des vergangenen Jahrhunderts aufgrund der zahlreich
aufgewiesenen Parallelen zwischen den Berichten des Neuen
Testamentes und der buddhistischen Literatur der Gedanke
einer indischen Beeinflußung des Neuen Testamentes in das
Blickfeld der Wissenschaft getreten war. Verschiedene Hypo-
thesen, wie eine solche Beeinflußung konkret geschehen sein
könnte, wurden diskutiert, als der Russe Nikolaus Notovitch
im Jahre 1894 die Öffentlichkeit mit der Vorlage einer aus
buddhistischen Quellen stammenden Biographie Jesu über-
raschte, die er in dem zahlreiche Auflagen und Übersetzungen
erlebenden Buch La vie inconnue de Jésus-Christ unter dem
Titel „Das Leben des Heiligen Issa“ herausgab. Auf diese
Lebensbeschreibung sei er während eines Besuches des in
Ladakh gelegenen Klosters Hemis gestoßen.1 Das Aufsehen-
erregende an dieser „Biographie“ war die Darlegung, daß

1 Dieses meist abgekürzt „Kloster Hemis“ genannte Monaste-


rium heißt eigentlich „Byang-chhub-bsam-gling“ (das Eiland
der Betrachtung für Vollendete); vgl. Emil Schlaginweit, Tibe-
tische Texte. Übersetzt und erläutert. Aus den Berichten der
philosophisch-philologischen Classe der k. bayer. Akademie der
Wissenschaft. IV. Inschriften aus dem Kloster Hémis, in Ladák.
Mit 1 Textesbeilage. München 1864, Seite 309.
4
Jesus im Alter von dreizehn Jahren nach Indien gezogen sei
und bei Brahmanen und Buddhisten die Weisheit Indiens
studiert habe. Aufgrund seines Glaubens, daß alle Menschen
Kinder eines einzigen Vater-Gottes seien, geriet er jedoch mit
den Brahmanen über das Kastenwesen in Streit, in dessen
Verlauf er den göttlichen Ursprung der Veden, die alten hei-
ligen Schriften Indiens, und die besondere Stellung der
Brahmanen leugnete, weshalb diese ihm nach dem Leben
trachteten. Gewarnt von Angehörigen der niedrigsten Kaste
floh er deshalb nach Norden in das Geburtsland des Buddha,
wo er bei buddhistischen Mönchen die heiligen Schriften des
Erhabenen lesen und verstehen lernte. Von dort aus sei er
nach Jahren des Studiums auf dem Weg über Persien nach
Palästina zurückgekehrt, wo er nun sein aus dem Neuen
Testament bekanntes öffentliches Wirken begann.
Mit dieser Lebensbeschreibung schien sich zunächst das
Phänomen der zahlreichen neutestamentlich-buddhistischen
Parallelen hinreichend erklären und auch die „Lücke im Le-
ben Jesu“ plausibel schließen zu lassen. Zugleich bestärkte
sie auch die von einigen Autoren vorgetragene These, daß
das Christentum selbst aus Indien, der Wiege aller höheren
Kultur und Religion, stamme und schon von seinem Ursprung
her so eng mit dem Buddhismus verflochten sei, daß man
eigentlich in der Lehre Jesu die in ein westliches Gewand
gehüllte Lehre des Buddha zu sehen habe. Das Schlagwort
vom Christentum als dem „Buddhismus des Westens“ und
vom Buddhismus als dem „Christentum des Ostens“ machte
die Runde.
5
Hinter solchen Gleichsetzungen verbirgt sich, wenn mit
ihnen in einer historisch relativierenden Sicht dem Christen-
tum nicht der transzendente Ursprung rundweg abgesprochen
werden sollte, zugleich der unausgesprochene theologische
Anspruch, daß das mit dem Fleisch gewordenen Wort ver-
bundene Heil nicht allein aus den Juden, sondern zu einem
gewissen Anteil auch aus Indien stamme. Indien drängt so-
mit in die Heilsgeschichte. Es beansprucht in seiner weit-
gehend a-historischen, aber tiefreligiösen Denkweise neben
dem Judentum einen Platz als der zweite wesentliche Pfeiler
der christlich verstandenen Heilsgeschichte. Nicht der Emp-
fangende, sondern der Gebende sei Indien.
Seit der englischen Kolonialzeit verhält sich Indien
dem Christentum gegenüber teils begeistert rezeptiv, teils
kämpferisch ablehnend. Doch versuchte man auch - negativ
gesehen - das Christentum zu unterminieren, indem man
verkündete, daß die christliche Religion indische Wurzeln
besitze und Jesus selbst in die Schule der Brahmanen
gegangen sei, um damit - positiv betrachtet - doch zugleich
auch den vermeintlichen indischen Anteil am Christentum
entsprechend hervorzuheben. Mit dem Aufweis biblischer
Gedanken, Bilder und Vorstellungen in indischen Schriften
einerseits und angeblichem indischen Gedankengut im
Neuen Testament unter Einbeziehung von Notovitchs bud-
dhistischer Jesus-Biographie andererseits wurden die Inder
in die Lage gesetzt, gegenüber christlichen Missionaren die
Lehre des Evangeliums als ihr eigenes geistig-religiöses Erbe
zu bezeichnen, was zu einer nicht unerheblichen Stärkung
6
des indischen Selbstbewußtseins beitrug.
Wurde im Verlauf der wissenschaftlichen Diskussion
über die neutestamentlich-buddhistischen Parallelen auch
viel über die Priorität und den moralischen Wert der beiden
großen Weltreligionen gestritten, so spielte Notovitchs Text
dabei jedoch kaum eine Rolle, da schon unmittelbar nach der
Veröffentlichung verschiedene Rezensenten erkannt hatten,
daß die von Notovitch vorgelegte buddhistische Jesus-Bio-
graphie eine Fälschung ist.2 Seitdem ist nun fast ein volles
Jahrhundert verfloßen, in dem sich immer wieder Autoren
auf Notovitch für die These beriefen, daß Jesus in Indien
gelebt habe.3
Während in zahlreichen Schriften, meist esoterischer
Provenienz, gerade in jüngster Zeit wieder mehr oder weni-
ger ausführlich auf Notovitchs buddhistische Lebensbe-
schreibung Jesu Bezug genommen wird, widmete im Jahre

2 Zu den Rezensionen vgl. Hans Haas, Bibliographie zur Fra-


ge nach den Wechselbeziehungen zwischen Buddhismus und
Christentum. Leipzig 1922. (Veröffentlichungen des For-
schungsinstituts für vergleichende Religionsgeschichte an der
Universität Leipzig. 6), Seite 31-32.
3 Vgl. z.B. Swami Satyananda, The Origin of Christianity. Cal-
cutta 1920, Seite 71-72, 197; Holger Kersten, Jesus lebte in
Indien. Originalausgabe. Mit 41 zum Teil farbigen Abbil-
dungen. München 1983 (Knaur Sachbuch 3712), Seite 13-
19; Siegfried Obermeier, Starb Jesus in Kaschmir? Das Ge-
heimnis seines Lebens und Wirkens in Indien. Düsseldorf, Wien
1983, Seite 23-56.
7
1984 Elisabeth Clare Prophet ihr unter dem Titel The Lost
Years of Jesus sogar ein eigenes gut 400 Seiten umfassendes
Werk.4 Obwohl Notovitch keineswegs der erste war, der
die These äußerte, daß Jesus in Indien weilte, war seiner
Darstellung doch bisher die weiteste und intensivste Ver-
breitung beschieden. Im System der islamisch-indischen Ah-
madiyya-Bewegung, die die Ansicht vertritt, daß Jesus die
Kreuzigung überlebte, anschließend nach Kaschmir floh und
dort in Srinagar sein Grab gefunden habe,5 ist Notovitchs
buddhistische Jesus-Biographie sogar zu einem festen Be-
standteil geworden. Daher tritt uns diese Lebensbeschreibung
nicht nur in der esoterischen Literatur, sondern auch in der
weltweiten Missionstätigkeit der Ahmadiyya-Bewegung ent-
gegen, womit also Notovitchs Darstellung zu einem bedeu-
tenden Mittel in der weltanschaulichen Auseinandersetzung
geworden ist.
Um daher einen Beitrag zur Klärung des gegenwärtigen
weltanschaulichen Kampfes zu leisten, ohne jedoch dabei das

4 Prophet, The Lost Years of Jesus. On the Discoveries of Noto-


vitch, Abhedananda, Roerich, and Caspari. Malibu, Cali-
fornia, 1984. Zu Abhedananda siehe Wilhelm Hübbe-Schlei-
den, Indisches Tagebuch. 1894/1896. Mit Anmerkungen und
einer Einleitung herausgegeben von Norbert Klatt. Göttin-
gen 2009. (Elektronische Ressource), Seite 34.
5 Vgl. hierzu Günter Grönbold, Jesus in Indien. Das Ende einer
Legende. München 1985; Norbert Klatt, Lebte Jesus in Indien?
Eine religionsgeschichtliche Klärung. Göttingen 1988.
8
eigentliche tieferliegende theologische Problem zu streifen,
dürfte die Notwendigkeit nicht abzuweisen sein, sowohl unter
historisch kritischem als auch religionswissenschaftlichem
Aspekt sich näher mit Notovitch und seiner buddhistischen
Jesus-Biographie zu befassen. So bemerkte schon vor eini-
gen Jahren der Sadhu Huldar, daß

in verschiedenen Hindu-Kreisen und unter


europäischen Theosophen viel Aufhebens von
diesem Notowitsch gemacht [wird], und es
wäre sehr wichtig, seiner Reise auf die Spur
zu kommen, um den Wert seiner Gedanken
besser abschätzen zu können.6

Um Notovitchs Gedanken „besser abschätzen zu können“,


scheint es aber nicht nur sinnvoll, „seiner Reise auf die
Spur zu kommen“, sondern auch den Versuch zu wagen,
eine Skizze seines kaum bekannten Lebens zu entwerfen.7

6 Pierre Vittoz, Goldene Dächer - Schwarze Zelte. Sechs Jahre


unter den Tibetern des Himalaja. Aus dem Französischen ins
Deutsche übertragen von Winfried Thiemer. Konstanz 1958,
Seite 166.
7 Biographische Angaben finden sich im Dictionnaire national
des contemporains, Bd. 3, Paris 1901, Seite 274 (vgl. auch die
Korrekturen Seite IV). Diese Angaben gehen wahrscheinlich
auf Notovitch selbst zurück und müssen daher kritisch gewertet
werden.
9
Dabei gestattet aber die Quellenlage nur in wenigen Fällen
wissenschaftlich gesicherte Aussagen. Wenn somit das hier
Vorgetragene auch nur Anregung zu weiteren Forschungen
sein kann, so dürfte es dennoch wesentlich zur Einordnung
des Buches La vie inconnue de Jésus-Christ beitragen.
In den folgenden Ausführungen wird sich nicht nur die
schillernde Persönlichkeit Notovitchs enthüllen und sich zei-
gen, daß die Angaben des Russen über die Entdeckung der
buddhistischen Lebensbeschreibung Jesu in Konfrontation
mit Aussagen von Zeitgenossen häufig in Widerspruch ge-
raten, sondern sich auch ergeben, daß die angebliche aus dem
zweiten nachchristlichen Jahrhundert stammende buddhisti-
sche Jesus-Biographie durch und durch von geistesgeschicht-
lichen Strömungen des späten 19. Jahrhunderts geprägt ist.

Lebensskizze

Als Sohn eines Rabbiners und als jüngerer Bruder von Osip
Konstantinovitch Notovitch (1849-1914)8 wurde Nikolaus
Alexandrovitch Notovitch am 25. August 1858 - nach dem

8 In Otto Lorenz, Catalogue général de la librairie française.


Bd. XII, 1886-1890. Paris 1892, Seite 772, und Bd. XV, 1891-
1899. Paris 1902, Seite 480, wo beide Brüder hintereinander
aufgeführt sind, heißt es: „Frère du précédent“. Die Große Jüdi-
sche National-Biographie von S. Wininger .... Bd. 4, Cernâuţi
1925, Seite 547, bezeichnet Osip’s Vater als einen Rabbiner in
10
Julianischen Kalender am 13. August 1858 - in Kertch (Kerč)
auf der Krim geboren.9 Über seine Kindheit und Jugendzeit
liegen weder eigene noch fremde Angaben vor, doch dürfte
er eine gehobene Schulausbildung erhalten haben, da er als
junger Mann in St. Petersburg die Universität besuchte,10 wo
er - wie seine Publikationen vermuten lassen - hauptsächlich
historischen Studien nachging. Öffentlich trat er zum ersten
Mal mit dem Theaterstück Mariage idéal hervor, das in den
Jahren 1880 und 1889 vom Komitee für dramatische Zensur
in St. Petersburg angenommen wurde.11 Später soll er - bis
heute jedoch unveröffentlicht - auch ein Drama mit dem Titel
Gallia verfaßt und zu ihm die Musik geschrieben haben.12
Vielleicht darf man in seiner immer wieder angekündigten,
aber offenbar auch nicht erschienenen Schrift La femme à
travers le monde, étude, observations et aphorismes ebenfalls
den Ausdruck seiner literarischen Neigungen erblicken.13

Kertch; vgl. auch The Jewish Encyclopedia. Bd. 9. New York,


London [1916], Seite 341.
9 Dictionnaire national des contemporains (wie Anm. 7), Seite
274.
10 Ibid. Eine Anfrage an das Archiv der Universität von St.
Petersburg zur Matrikel-Nummer blieb unbeantwortet.
11 So lautet eine kurze Notiz, die diesem Theaterstück, das 1891
in Paris im Druck erschien, beigegeben ist.
12 Ibid.
13 Vgl. ibid. Hiernach soll dieses Werk 1901 erschienen sein. In
Notovitchs späteren Büchern wird es unter der Auflistung wei-
11
Während die Interessen Osips, der in St. Petersburg zum
Doktor der Jurisprudenz promovierte,14 mehr auf philo-
sophisch-literarischem Gebiete lagen, beschäftigte sich Niko-
laus fast ausschließlich mit der zeitgenössischen russischen
Geschichte und Politik und ihres Einflußes auf die damalige
Weltsituation, wobei er durch ein panslavistisch gedeutetes
Geschichtsverständnis geleitet wurde.15
Bevor Nikolaus Notovitch in St. Petersburg seine Stu-
dien aufnahm, dürfte er, da „die allgemeine Militär=Dienst-
pflicht“ in Rußland „1874 eingeführt“ worden war,16 seinen
Militärdienst abgeleistet haben. Als einer der vielen pansla-

terer Publikationen des Autors aber noch immer als im Druck


befindlich bezeichnet.
14 Vgl. Enciclopedia Universal Ilustrada. Europeo-Americana.
Bd. 38. Madrid, Barcelona o.J.; The Jewish Encyclopedia (wie
Anm. 9), Seite 341.
15 Notovitch, Alexander III. und seine Umgebung. Uebertragen
von Oskar Marschall von Bieberstein. Zweite Auflage. Leipzig
[1894], Seite 204: „Die Geschichte der Menschheit zeigt, daß
jedes Volk auf der Erde eine besondere Aufgabe hat, daß es
wächst und sich entfaltet, einzig und allein im Hinblick auf
diese Mission. Die Specialgeschichte Rußlands zeigt, daß
dieses große Land die Mission hat, den Orient zu civilisiren
und weist zugleich nach, daß das russische Volk seiner Mission
stets treu war, ... nichts wird Rußland von der Bahn ablenken,
auf die Gott selbst es geführt hat, und Nichts wird seinen
unwiderstehlichen Vormarsch hemmen.“
16 Ibid., Seite 9.
12
vistisch begeisterten Russen nahm er 1876 als Freiwilliger
am Feldzug der Serben gegen die Türken teil17 und kämpfte
wenige Monate später gegen die Türken im russisch-türki-
schen Krieg von 1877-1878.18 Der Armee scheint Notovitch
eng verbunden geblieben zu sein, denn nach einer kurzen
Notiz in der englischen Zeitung Daily News, die am 23. Juni
1894 in das zweite Morgenblatt der Frankfurter Zeitung über-
nommen wurde, sei er „Offizier bei den Kosaken“, nach Aus-
sage des Dictionnaire national des contemporains „membre
d’honneur des ‘Combattants de Crimée’“ und „grand officier et
commandeur d’ordres russes, bulgares, etc.“19 gewesen.

17 Vgl. Dictionnaire national des contemporains (wie Anm. 7),


Seite 274. Günther Stökl, Russische Geschichte. Von den An-
fängen bis zur Gegenwart. 4., erweitere Auflage. Mit 6 Karten
und 2 Stammtafeln. Stuttgart 1983. (Kröners Taschenausgabe.
244), Seite 518: „Im Sommer 1876 spitzte sich die Lage weiter
zu, als Serbien im Bunde mit Montenegro gegen den Rat der
russischen Regierung, aber mit aktiver Unterstützung pansla-
vistisch begeisterter russischer Freiwilliger einen Krieg gegen
die Türkei begann.“
18 Vgl. Dictionnaire national des contemporains (wie Anm. 7),
Seite 274.
19 Ibid. Eine entsprechende Anfrage an das Militärgeschichtliche
Archiv in Moskau blieb bisher ohne Antwort, eine weitere an
das Militärgeschichtliche Archiv in Sofia wurde negativ be-
antwortet, wofür hier herzlich gedankt sei.
13
Nach Abschluß ihrer Studien arbeiteten die Gebrüder
Notovitch als Journalisten. In den Jahren 1873-1874 war
Osip zunächst als Feuilletonredakteur bei der russischen Zei-
tung Novoje Wremja in St. Petersburg tätig,20 bei der 1883
Nikolaus als Orientkorrespondent ebenfalls ein Betätigungs-
feld fand.21 Als ihr Korrespondent hat sich Notovitch - nach
der erwähnten Notiz in der Frankfurter Zeitung - auch 1887
auf seiner Reise nach Indien und Ladakh vorgestellt.
Da sich sowohl Osip als auch Nikolaus in der Zeit einer
verschärften antisemitischen Politik unter der Regierung des
Zaren Alexander III. (1881-1894) in St. Petersburg aufhiel-
ten, so müssen sie als Assimilations-Juden angesehen wer-
den. Von Osip wird berichtet, daß er in seiner Jugend zur
Russisch-Orthodoxen Kirche übertrat,22 was auch für Niko-
laus zu gelten scheint, denn er hebt ausdrücklich sein Be-
kenntnis zum Russisch-Orthodoxen Glauben hervor: „In the
French journal, La Paix, I concisely affirmed my belief in the
orthodox Russian religion, and I hold to that affirmation.“23

20 Vgl. Große Jüdische National-Biographie (wie Anm. 8), Seite


547.
21 Vgl. Dictionnaire national des contemporains (wie Anm. 7),
Seite 274.
22 Vgl. Encyclopaedia Judaica, Bd. 12. Jerusalem 1971, Spalte
1233-1234.
23 Notovitch, The Unknown Life of Christ. Translated from the
French by Violet Crispe. With Maps and Fourteen Illustrations.
London 1895, Seite XXX. Obwohl Notovitch längere Zeit in
14
Die vielen zeitgeschichtlichen Publikationen Nikolaus
Notovitchs sind geprägt von einer glühenden Verehrung Ruß-
lands und des autokratisch regierenden Zaren, den er als den
„Schatten des orthodoxen Gottes“24 bezeichnet. Eine herz-
liche Zuneigung hegte er auch für die Franzosen, in der er
dem von ihm innig verehrten russischen General Michael
Dmitrejovitch Skobelev (1843-1882) nacheiferte, dessen Wort
„entre la France et la Russie ... existe une alliance naturelle“25
er immer wieder in leichten Abwandlungen innerhalb seiner
Schriften wiederholt. Den Engländern war er hingegen ab-
geneigt und zeichnete von ihnen ein äußerst negatives Bild:
„Ueberall, wohin wir [die Russen] kommen, machen wir uns
Freunde, überall, wo die Engländer hinkommen, säen sie
Haß und das Verlangen nach Rache“.26
Notovitchs erste im Jahre 1887 in Paris erschienene Pu-
blikation L’alliance franco-russe et la coalition européenne,

Paris gelebt hat, konnte sein Name in den Kirchenbüchern der


dortigen Russisch-Orthodoxen Gemeinde bisher nicht aufge-
funden werden.
24 Notovitch, Alexander III. und seine Umgebung (wie Anm.
15), Seite 162: „Die Armee ist für Rußland der Schatten des
geliebten Zaren, der selber wieder der Schatten des orthodoxen
Gottes ist, den sie anbetet“.
25 Notovitch, L’Europe à la veille de la guerre. Paris 1890, Seite
41.
26 Notovitch, Alexander III. und seine Umgebung (wie Anm. 15),
Seite 155.
15
par un général russe ist die französische Übersetzung des
Werks eines nicht mit Namen genannten russischen Gene-
rals,27 die seine Vorliebe für die Idee eines russisch-franzö-
sischen Bündnisses dokumentiert, der er sein Leben lang an-
hing.28 Daher verwundert es auch nicht, daß er 1890 sein
zweites in französischer Sprache publiziertes Werk, L’Europe
à la veille de la guerre, das im selben Jahr auch in russischer
Sprache erschien, ausdrücklich „la Question de l’Alliance
Franco-Russe“ widmete.
In die nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870-
1871 in Frankreich aufkommende russophile Bewegung29
dürften daher Notovitchs französischsprachige Publikatio-
nen größtenteils einzuordnen sein, denen man - den Zug
der Zeit nutzend - einen propagandistischen Charakter nicht
absprechen kann.

27 Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um den General Eugenii


Vasil’evitch Bogdanovitch (1829-1914), der eine Schrift mit
dem Titel L’Alliance franco-russe verfaßt hat.
28 Notovitch, Alexander III. und seine Umgebung (wie Anm. 15),
Seite 131: „Ein franco=russisches Bündniß wäre in der That das
Unterpfand eines Universal-Friedens.“
29 Vgl. z.B. Marianna Butenschön, Zarenhymne und Marseil-
laise. Zur Geschichte der Rußland-Ideologie in Frankreich
(1870/71-1893/94). Stuttgart 1978. (Kieler historische Studien.
25); René Girault, Les relations économiques et financières
entre la France et la Russie 1887 à 1914. 2 Bde. (Thèse vom
13. März 1971). Lille 1972.
16
In den Jahren 1883-1887 unternahm Notovitch offenbar
als Korrespondent der Novoje Wremja einige Reisen durch
den Balkan, den Kaukasus, Zentralasien und Persien. In
Konstantinopel sei er - was für die zeitliche Einordnung seiner
Balkan-Reise von Interesse ist - mit dem späteren Kardinal
Aloysius Rotelli (1833-1891) zusammengetroffen,30 der als
Apostolischer Legat vom 26. Januar 1883 bis zum 23. Mai
1887 in Istanbul weilte.31 Möglicherweise hat Notovitch auf
dieser Reise auch den Berg Athos besucht, denn die russi-
sche Zeitung Russ berichtet am 15. Dezember 1904 über
ihn, daß er sich als ein „Russian Synodal Comptroller on
Mount Athos“ ausgegeben habe.32 Im selben Bericht wird
auch erwähnt, daß Notovitch vom russischen Konsular-Ge-
richt in Konstantinopel zu einer Gefängnisstrafe verurteilt

30 Vgl. Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu. Aus dem Französ-


ischen. Stuttgart, Leipzig, Berlin, Wien 1894, Seite 4-5. In
den Akten der Apostolischen Delegation, die im Archiv der
Propaganda Fide in Rom aufbewahrt werden, findet sich kein
Hinweis auf diese Begegnung.
31 Vgl. Hierarchia Catholica Medii et Recentioris Aevi sive Sum-
morum Pontificum - S.R.E. Cardinalium Ecclesiarum antisti-
tum Series e documentis tabularii preasertim Vaticani col-
lecta - digesta - edita. Volumen Octavum. A Pontificatu PII
PP IX (1846) usque ad Pontificatum Leonis PP XIII (1903).
Herausgegeben von Remigius Ritzler und Priminus Sefrin.
Patavii 1979, Seite 451; Pharsalien, Anm. 3.
32 Vgl. Public Record Office, Kew: Foreign Office (FO) 181/811;
Embassy and Consular Archives, Russia, und FO 65/1682.
17
wurde.33 Wenn diese Behauptungen sich bisher auch nicht be-
stätigen liessen, so zeigt doch ihre öffentliche Verbreitung,
daß Notovitch schon zu Lebzeiten einen zweifelhaften Ruf
genoß.
Im Jahre 1887 brach Notovitch nach Indien auf. In
der Zeit vom 14. Oktober bis etwa zum 26. November
unternahm er - nach seinen eigenen Angaben - eine Rei-
se nach Kaschmir und Ladakh, auf die wegen ihrer Bezie-
hung zur Auffindung der angeblichen buddhistischen Lebens-
beschreibung Jesu weiter unten gesondert eingegangen wer-
den soll. Nach seiner Rückkehr veröffentlichte Notovitch ver-
schiedene Berichte über seine Indienreise: 1889 erschie-
nen von ihm zwei Reportagen in der russischen Zeitung

33 Siehe auch den Brief von Charles Hardinge’s an Henry Mar-


quess of Lansdowne vom 17. Dezember 1904 in British
Documents on the Origins of the War 1898-1914. Edited by G.
P. Gooch and Harold Temperley. Vol. IV. The Anglo-Russian
Rapprochement 1903-7. London 1929, Seite 39, No. 30. Viel-
leicht darf man in der folgenden Charakterisierung des russi-
schen Botschaft- und Konsular-Personals eine indirekte Be-
stätigung für die Gefängnisstrafe sehen; Notovitch, Alexander
III. und seine Umgebung (wie Anm. 15), Seite 119: „Wenn ich
mich solange bei diesen Details aufhielt, so geschah es nicht et-
wa, um einem Gefühl persönlichen Uebelwollens gegen Herrn
Nelidoff [russischer Botschafter] Luft zu machen, sondern, weil
mein Patriotismus Aergerniß nimmt an dem Niedergang unseres
Einflusses und an dem Verfall unserer nationalen Stiftungen in
Constantinopel.“
18
Graschdanin unter den hier übersetzten Titeln „Indien: Poli-
tische Geheimgesellschaften im Pandschab“ und „Indien:
Das Pandschab und seine Herrscher“,34 im Jahr darauf das
kleine Buch Gdě doroga v Indiju (Wo geht der Weg / die
Bahn / nach Indien?). Ebenfalls 1889 veröffentlichte er die
größere Abhandlung Pravda ob evrejach (Die Wahrheit über
die Juden), die eine kritische Auseinandersetzung mit dem
Judentum darstellt und zugleicht deutlich macht, daß Noto-
vitch sich offenbar auch innerlich von der Religion seiner
Väter abgewandt hat.
Die erwähnten Schriften zeigen jedoch nicht nur das
Bestreben Notovitchs, im russischen Nationalgefühl aufzu-
gehen, sondern auch seine Begeisterung für Indien, die durch
den russisch-englischen Gegensatz in Zentralasien noch eine
Steigerung erfuhr. Militärisch wurde von einigen russischen
Kreisen im Anschluß an Skobelev, der „in seinem Todesjahr
von einer Invasion Indiens als Vorbedingung der Einnahme
Konstantinopels“35 gesprochen hatte, die Eroberung Indiens

34 Siehe КАТАЛОГЪ РУССКИХЪ КНИГЪ БИБЛІОТЕК ИМ-


ПЕРАТОРСКАГО, ТОМЪ I. St. Petersburg 1897. In der
Bibliothek M. E. Saltykov-Shchedrin in Leningrad werden die
beiden Artikel unter den Signaturen (Graschdanin Nr. 190) fol.
X 7203/L 16119; (Graschdanin Nr. 201) fol. X 7203/L 16118
geführt. Wegen Renovierung der Zeitungsabteilung waren sie
jedoch nicht erhältlich.
35 Karl Stählin, Geschichte Rußlands von den Anfängen bis zur
Gegenwart. Vierter Band. 1. Teil. Mit zwei Kartenbeilagen.
19
nicht nur für möglich, sondern geradezu für wünschenswert
gehalten. In diesem Sinne gibt auch Notovitch immer wieder
seiner Auffassung Ausdruck, daß ein Zeichen des Zaren ge-
nüge, um Indien den Engländern zu entreißen.36 Die Lösung
der orientalischen Frage sah er offenbar in der russischen Er-
oberung Indiens, „dem bewundernswürdigen Lande, welches
... [ihn] seit ... [seiner] Kindheit anzog“.37 Wenn Notovitch
schreibt: „Einzig durch die Kraft eines Worts der Wahrheit
könnte man aus dem gesamten Indien mit seinen 300 Millio-
nen Götzen ein ungeheures christliches Land machen“,38 so
meint er damit das Wort des Zaren, denn „aux plateaux du
Pamir d’où une armée, longuement exercée, n’attend qu’un
signal pour se précipiter, d’un bond, vers les riches plaines
de l’Indus; c’est là que plus de 50 millions de musulmans
gémissent sous la tyrannie anglaise“.39

Königsberg, Berlin 1939, Seite 531.


36 Notovitch, Alexander III. und seine Umgebung (wie Anm. 15),
Seite 12-13: „Vom Ganges bis zum Brahmaputra erzitterten
schon vor Freude über das Nahen des Erretters zahllose Völker-
schaften, gebeugt unter das Joch Englands.“
37 Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30), Seite 1.
38 Ibid., Seite 116.
39 Notovitch, L’Europe et l’Égypte. Paris 1898, Seite 90. Noto-
vitch, Alexander III. und seine Umgebung (wie Anm. 15), Seite
175: „Gleich nach erfolgter Kriegserklärung würden vierzehn
vollständig formirte Regimenter ... schnell durch Hindu=Kusch
marschiren, sich fächerförmig über Afghanistan ausbreiten und
20
Nach Beendigung seiner Indienreise und der darauf fol-
genden schriftstellerischen Tätigkeit begab sich Notovitch
für längere Zeit nach Paris, wo er ab 1889 in der Presse - z.
B. Le Figaro, Le Journal, La science française - einige, wahr-
scheinlich von ihm selbst so genannte „articles remarqués“40
veröffentlichte, die ihm im Jahre 1893 sogar die Aufmerk-
samkeit von einer Seite eintrugen, die ihm sicherlich nicht
angenehm gewesen sein dürfte.
Die Franzosen der Dritten Republik wurden seit Mitte
November 1892 durch den Skandal um die Panama-Gesell-
schaft aufgeschreckt,41 deren Verantwortliche größere Geld-
beträge zur Bestechung von Zeitungen, Parlamentariern und
Ministern ausgegeben hatten, um die öffentliche Meinung
und damit die finanzielle Unterstützung der Bevölkerung für
sich zu gewinnen. In diesen Bestechungsskandal wurde auf-
grund einer Behauptung des Marquis de Morès (1858-1896)

eine via triumphalis für die nach Indien nachrückende russische


Armee vorbereiten. Indien wartet auf uns, hofft auf uns; die
Indier wissen, daß wir nicht als Eroberer, sondern als Befreier
kommen.“
40 Dictionnaire national des contemporains (wie Anm. 7), Seite
274.
41 Zur „Panama-Affaire“ siehe Schulthess’ Europäischer Ge-
schichtskalender, Bd. 33, N. F., achter Jahrgang 1892 (München
1893), Seite 369-373; Bd. 34, N. F., neunter Jahrgang 1893
(München 1894), Seite 223-230; Jean Bouvier, Les deux scan-
dales de Panama. [Paris] 1964. (Collection archives. 3).
21
auch die Moskauer Zeitung Moskovskiia Viedomosti und der
russische Botschafter in Paris, Arthur Pavlovitch Baron von
Mohrenheim (1824-1906), der eine halbe Millionen Franken
erhalten habe, hineingezogen.42 Über die österreichische Bot-
schaft in Paris seien nun Notovitch Hintergrundinformatio-
nen des Skandals zugespielt worden, die er in der Pariser Zei-
tung Le Journal zu Beginn des Jahres 1893 veröffentlichte.43
Élie de Cyon (1843-1912), Korrespondent der Moskovskiia
Viedomosti und ehemaliger enger Vertrauter von Michail Ni-
kiforovitch Katkow (1818-1887), dem Direktor der genannten
Zeitung,44 berichtete darüber an Konstantin Petrovitch Pobe-

42 Zu den Attacken von Antoine-Amédee-Marie-Vincent Manca


de Vallombrosa, Marquis de Morès vgl. Jules Hansen, Diplo-
matische Enthüllungen aus der Botschafterzeit des Barons von
Mohrenheim 1884-1894. Autorisierte Uebersetzung von Chri-
stoph Luerot. Leipzig, Oldenburg i. Gr., Berlin [1907], Seite
156-168.
43 Constantin Pobiédonostsev. Procureur général du Saint-
Synode. Mémoires politiques, correspondance officielle et
documents inédits relatifs à l’histoire du règne de l’empereur
Alexandre III de Russie (1881-1894). Paris 1927. (Bibliothèque
historique: L’autocratie russe), Seite 639: „L’Ambassade
d’Autriche a lancé cette histoire dans la presse française, et
cela par l’intermédiaire de cette canaille de Notovitch (ci-joint
l’article du Journal qui la raconte tout au lang).“ Eine Anfrage
beim Österreichischen Staatsarchiv in Wien brachte hingegen
keine Bestätigung dieser Aussage.
44 Vgl. Friedrich Steinmann und Elias Hurwicz, Konstantin Petro-
22
donoscev (1827-1907), dem Oberprocureur des Heiligsten
Synod in Rußland.45 Während Baron von Mohrenheim in
einem offenbar zu Beginn des Jahres 1893 geschriebenen Brief
an den im französischen Außenministerium tätigen gebürti-
gen Dänen Jules Hansen (1828-1908) sich bitter über „heim-
tückische Andeutungen eines russischen, in Frankreich natu-
ralisierten Journalisten“ beklagt und ausführt, daß „dieser
Herr ... [eine] öffentliche Auspeitschung nebst der Bekannt-
machung, daß er nicht das Recht habe, hinter der fran-
zösischen Nationalität Schutz zu suchen“,46 verdiene, ist
Cyon, der in der Beschuldigung der Zeitung Le Journal
gegen Mohrenheim den Versuch sieht, die russisch-fran-

witsch Pobjedonoszew der Staatsmann der Reaktion unter


Alexander III. Königsberg, Berlin 1933. (Quellen und Aufsätze
zur russischen Geschichte. 11), Seite 262-263.
45 Der Heiligste Synod war die höchste Instanz für alle kirchlichen
Fragen. Neben den höchsten Geistlichen war der Oberprocureur
als Vertreter des Kaisers im Ministerrang das einzige weltliche
Mitglied dieses Gremiums.
46 Hansen, Diplomatische Enthüllungen aus der Botschafterzeit des
Barons von Mohrenheim 1884-1894 (wie Anm. 42), Seite 160.
Da offenbar auf denselben Zeitungsbericht angespielt wird, der
in Le Journal erschien, könnnte es sich bei dem hier genannten
Journalisten um Notovitch handeln, was besagen würde, daß
er im Jahre 1893 die französische Staatsbürgerschaft besaß,
weshalb seine Kurzbiographie im Jahre 1901 offenbar auch in
das französische Dictionnaire national des contemporains (wie
Anm. 7) aufgenommen wurde.
23
zösische Allianz zu gefährden, in seinem Brief vom Fe-
bruar 1893 an Pobedonoscev über „cette canaille de Noto-
vitch“47 erbost. Für die Zukunft bedeutungsvoller als die
augenblickliche Verärgerung Cyons könnte jedoch der Um-
stand gewesen sein, daß sich seit dieser Zeit der Name
Notovitchs im Dossier eines der mächtigsten russischen Be-
amten befand, dem Notovitch - wahrscheinlich geschützt
durch seine bisher nicht bestätigte französische Staatsange-
hörigkeit - sich nicht scheut, Starrköpfigkeit und starke
Eigenliebe vorzuwerfen.48
Pobedonoscev ist ein einflußreicher Vertreter jener russi-
schen Politik, die durch die Prinzipien der Autokratie, der
Orthodoxie und der Nationalität bestimmt wurde. Wie er eine
gegen die Lutheraner in Lettland gerichtete Religionspolitik
verfolgte, so versuchte er auch dem Buddhismus und dem

47 Siehe Anm. 43. In seiner Schrift Où la dictature de M. Witte


conduit la Russie. Traduit du russe par Victor Deréley. Avec une
nouvelle préface de l’auteur. Paris 1897, führt Cyon den Namen
Notovitch unter den Heroen auf (Seite 78): „Notre héros n’a
pas eu la main moins heureuse dans le choix de ses apologistes:
MM. Propper, Nicolas Notovitch, ....“
48 Notovitch, Alexander III. und seine Umgebung (wie Anm.
15), Seite 232: „Die Ehrenhaftigkeit und patriotische Treue
Pobiedonostseffs steht über aller Verdächtigung, aber zu der
mit seinem Greisenalter verbundenen Starrköpfigkeit gesellt
sich eine so starke Eigenliebe, daß seine Vorzüge dahinter zu
verschwinden scheinen.“
24
Islam die gesellschaftliche Anerkennung zu entziehen.49 Weil
Notovitch vor dem Hintergrund dieser restriktiven Religions-
politik damit rechnete, daß eine Veröffentlichung der angeb-
lichen buddhistischen Lebensbeschreibung Jesu in seinem
Heimatland durch die Zensur unterbunden würde,50 übergab
er sein Manuskript einem Verleger in Paris. Vielleicht waren
seine Befürchtungen jedoch unbegründet, denn 1895 brachte
die der Zensur unterstehende Zeitschrift Vera i Razum, Nr.

49 Gerhard Simon, Konstantin Petrovič Pobedonoscev und die


Kirchenpolitik des Heiligen Sinod 1880-1905. Göttingen 1969.
(Kirche im Osten. Monographienreihe, 7), Seite 166-167: „Die
Anerkennung fremder Bekenntnisse verband sich bei Pobe-
donoscev mit dem Bemühen, ihren Einfluß in Rußland mög-
lichst zurückzudrängen, und während die orthodoxe Kirche
bestimmend auf das Leben der Gesellschaft einwirken sollte,
wollte er andere Konfessionen nach Möglichkeit auf eine
private, außeröffentliche Sphäre beschränken. So ... trat [er] für
die Abschaffung der durch staatliche Initiative eingerichteten
Zentralverwaltungen des Islam und des Buddhismus in Ruß-
land ein, durch die unter Katharina II. die Administration dieser
Bekenntnisse neu geordnet worden war. Der russische Staat
sollte nach Pobedonoscevs Meinung die Priester und Hierarchen
der fremden Religionen nicht wie Würdenträger behandeln,
sondern sie allmählich erniedrigen und demütigen.“
50 Vgl. Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30),
Seite 4. Zur russischen Zensur vgl. W. J. Nagradow, Moderne
russische Censur und Presse vor und hinter den Coulissen.
Berlin 1894.
25
22, auf den Seiten 575-614, die erste aus dem Deutschen
übersetzte russische Ausgabe der „buddhistischen Lebensbe-
schreibung Jesu“.
Nach Erscheinen des Buches La vie inconnue de Jésus-
Christ wird Notovitch 1895 während eines Besuches in St.
Petersburg verhaftet, in die Festung Peter und Paul gebracht
und anschließend ohne Gerichtsverfahren durch den Mi-
nisterrat mit der Begründung, „la conduite littéraire de M.
Notovitch [est] dangereusé [sic] pour l’État et pour la So-
ciété“51 nach Sibirien verbannt. Veranlaßt worden sei dies
durch eine „hochgestellte Persönlichkeit“, in der man viel-
leicht Pobedonoscev sehen darf. Doch könnte auch jemand
anderes - man denke an Notovitchs Artikel gegen Baron von
Mohrenheim - seine Verhaftung veranlaßt haben.

... quelqu’une des hautes personnalités de l’ad-


ministration russe a profité de mon séjour à
Pétersbourg pour m’enfermer dans la forteresse
Pierre et Paul, d’où je fus envoyé en exil sur la
simple décision du Conseil des Ministres, sans
jugement et sans me faire savoir la cause de
cette décision. Pour me faire faire ce voyage un
peu extraordinaire, le Conseil des Ministres se

51 Notovitch, La vie inconnue de Jésus-Christ. Cartes et illustra-


tions. Nouvelle édition. Revue et augmentée. Paris 1900, Seite
II, Anm. 1.
26
réunit en conseil sous la présidence du prince
Koutaissoff, général et sénateur, et l’on a con-
sommé, sur l’inspiration de ce personnage in-
connu de moi jusqu’aujourd’hui, un crime qui
pèsera toujours sur la conscience de ceux qui
ont signé cette sentence inique.52

Im Jahre 1897 durfte Notovitch aus dem Exil zurückkehren.

En 1894, M. Nicolas Notovitch publia un


ouvrage sensationnel sur la Vie inconnue de
Jésus-Christ ... Cette publication lui valut d’être
envoyé, par décision du Conseil des ministres
russe, en Sibérie, où il se rendit volontairement
en 1895 et d’où il revint en 1897 pour se fixer
désormais à Paris.53

Über die „außerordentlichen Abenteuer“ seines Exils habe


Notovitch ein Werk mit dem Titel Ma Sibérie verfaßt,54 das

52 Ibid., Seite XXIII-XXIV.


53 Dictionnaire national des contemporains (wie Anm. 7), Seite
274.
54 Notovitch, La vie inconnue de Jésus-Christ (wie Anm. 51),
Seite II, Anm. 1: „Son intéressant ouvrage ‘Ma Sibérie’, où
l’auteur relate l’aventure extraordinaire de son exil, paraîtra
prochainement.“
27
sich jedoch bibliographisch nicht nachweisen läßt. Vielleicht
handelt es sich hierbei um einige sporadische Artikel, die
anonym in der Zeitung La science française (1891-1901) er-
schienen.55 Über Sibirien handelt ebenfalls ein bisher biblio-
graphisch nicht nachweisbarer Roman mit dem Titel Une
française en Sibérie, den Notovitch nach den Memoiren ei-
nes russischen Revolutionärs geschrieben haben soll, auf die
auch Alexandre Dumas père (1802-1870) in seinem Roman
Un Maître d’armes bereits zurückgegriffen hatte.56
Obwohl Notovitch 1897 durch sein Exil „physisch rui-
niert“ in Paris seinen festen Wohnsitz nahm,57 begab er sich
im selben Jahr schon wieder auf eine ausgedehnte Reise, die
ihn diesmal nach Ägypten führte. Das politische Spannungs-
feld, in das Ägypten durch die imperialistischen Interessen
der europäischen Staaten geraten war, versuchte er in seinem

55 Diese Zeitschrift wird in der Bibliothèque nationale (Paris)


unter der Signatur: Fol. R 226 geführt.
56 Dictionnaire national des contemporains (wie Anm. 7), 274:
„On annonce du même auteur une importante étude: Une fran-
çaise en Sibérie, d’après les mémoires d’une française mariée
à un décembriste (révolutionnaire russe) et dont Alexandre
Dumas avait parlé déjà dans son roman: Un Maître d’armes.“ Im
Jahr 1840 erschien in Brüssel von Dumas der Roman Mémoires
d’un maître d’armes ou dix-huit mois à St. Pétersbourg.
57 Notovitch, La vie inconnue de Jésus-Christ (wie Anm. 51),
Seite XXIV: „Je suis rentré de mon exil en France physique-
ment ruiné.“
28
1898 erschienenen Buch L’Europe et l’Égypte zu beschrei-
ben. Während dieser Reise hatte er in einem längeren Ge-
spräch mit Peter M. Vlassow, der als russischer Repräsen-
tant beim äthiopischen Kaiser Menelik II. (1844-1913) im
Oktober 1897 den Hof in Addis Abeba ereichte,58 auch eini-
ge wirtschaftliche Probleme Äthiopiens kennengelernt. Dar-
über unterrichtete Notovitch - offenbar nach einer voran-
gegangenen Unterredung - in zwei privaten Briefen vom 12.
und 24. Mai 1898 den französischen Außenminister Gabriel
Hanotaux (1853-1944),59 da er, so heißt es im Schreiben
vom 12. Mai, seinem Heimatland (Rußland) und Frankreich
einen Dienst erweisen möchte,60 der aber, was sicherlich in
seinem Sinne war, gegen England gerichtet ist.
Nikolaus Leontiev,61 der General-Gouverneur der süd-
lichen Provinzen Äthiopiens, bemühte sich Ende der neunzi-

58 Vgl. Czesław Jeśman, The Russians in Ethiopia. An Essay in


Futility. London 1958, Seite 90.
59 Vgl. Documents diplomatiques français, 1re Série (1871-
1900), Bd. XIV. (4 janvier - 30 décembre 1898). Paris 1957.
(Ministère des affaires étrangères. Commission de publication
des documents relatifs aux origines de la guerre de 1914), Nr.
190 und Nr. 200.
60 Ibid., Nr. 190, Seite 283: „Croyant rendre un service à ma
Patrie et à la France, j’ai l’honneur de vous confirmer la com-
munication que je vous ai faite verbalement et que je précise par
cette lettre.“
61 Zu Leontiev vgl. Willi Loepfe, „Eine Episode äthiopischer
29
ger Jahre um finanzielle Unterstützung seiner wirtschaftlichen
Pläne und verhandelte darüber - offensichtlich in Anwesen-
heit Notovitchs - auch in London mit der British South Afri-
ca Chartered Company. Es ging dabei um eine Beteiligung
an der am 2. Mai 1898 konstituierten Société anonyme Belge
pour le développement de l’industrie et du commerce dans
les Provinces équatoriales d’Abyssinie.62 In seinen Briefen
an Hanotaux zeichnete Notovitch ein Bild von Afrika, das
von Alexandrien bis zum Kap im Griffe Englands sei, was

Expansion: Die Aequatorial-Provinz des Nikolai Leontieff


(1895-1901)“, in Ethnologische Zeitschrift Zürich, I, 1975,
Seite 131.
62 Vgl. ibid., Seite 131. Herr Dr. Loepfe (z.Z. Madrid), der im
Rahmen seiner Forschungen zu Leontiev auch auf Notovitch
stieß, teilte in einem persönlichen Schreiben vom 4. April 1985,
wofür hier herzlich gedankt sei, zu den Verhandlungen folgendes
mit: „Aufgrund meiner Notizen erhielt ich den Eindruck, dass
Notovitch in der Anfangsphase von Leontieffs Verhandlungen
in London eine gewisse Rolle als dubioser Mittelsmann zu
einer britischen Finanzgruppe (Sekretär Forbes) spielte, diese
Gruppe dann jedoch entweder ausmanöveriert wurde oder
sich mit den Belgiern um Thys und den Briten um Ochs etc.
arrangieren musste. Diese Vorgänge sind durchaus nicht klar,
und ich erlaube mir keinerlei Schlussfolgerungen bezüglich
der Rolle von Notovitch. Ich habe mir seinerzeit notiert, dass
seine Rolle obskur wirkt und seine Angaben z.T. fehlerhaft
erscheinen bez. anderen Unterlagen im Dossier Leontieff
wiedersprechen.“
30
der Außenminister durch Aufstockung des französischen
Anteils verhindern solle. Nach den Akten des französi-
schen Außenministeriums, in denen Notovitch als „banquier
parisien“ erscheint, ist Hanotaux den Vorschlägen Noto-
vitchs in allen Punkten gefolgt.63
Notovitch wollte sich dem „Vaterland seiner Adop-
tion“64 irgendwie nützlich machen, ohne jedoch die russi-
schen Interessen aus dem Auge zu verlieren. Dies mag auch
ein Grund dafür gewesen sein, weshalb er ab Juni 1898 in
Paris die vierzehntägig erscheinende Zeitung La Russie her-
ausgab,65 die Politik und Wirtschaftsfragen behandelte. In die-
ser Zeitung publizierte er immer wieder Aufsätze und Repor-
tagen, die im wesentlichen seinen zahlreichen historisch-po-
litischen Abhandlungen entnommen sind. Nach Ankündi-
gung sollte diese Zeitung ab dem 1. Februar 1900 auch eng-
lischsprachig in London und deutschsprachig in Berlin er-

63 Vgl. Documents diplomatiques français (wie Anm. 59), Nr.


204, 217, 229 und Index „Notovitch“. Siehe auch Werner
Zürrer, Die Nahostpolitik Frankreichs und Russlands 1891-
1898. Wiesbaden 1970. (Veröffentlichungen des Osteuropa-
Institutes München. 36), Seite 439.
64 Notovitch, L’Europe et l’Égypte (wie Anm. 39), Seite XVIII:
„Je ne risque d’être désavoué ni par la Russie, ma patrie de
naissance, ni par la France, ma patrie d’adoption.“
65 Einige Ausgaben dieser Zeitung befinden sich in der Biblio-
thèque nationale (Paris) unter der Signatur: Fol. M 715.
31
scheinen. Ob dies geschehen ist, ließ sich bisher nicht fest-
stellen.
Während sich das Redaktionsbüro der Zeitung La Russie
in der rue Marivaux Nr. 13 befand, wohnte Notovitch selbst
in der rue Perronet Nr. 27 des vornehmen Pariser Vorortes
Neuilly-sur-Seine.66 Im Hause seines Redaktionsbüro be-
fand sich auch die Sozietät La Russie économique, für die
Notovitch in seiner Zeitung immer wieder warb.
Am 2. Juni 1899 wurde Notovitch in die angesehene
Société d’Histoire Diplomatique in Paris aufgenommen. In
ihrer Revue des Jahrgangs 1899, die unseren Russen unter
der fehlerhaften Schreibung „Nolowitch“ nennt, heißt es:

La Société d’Histoire Diplomatique a tenu son


Assemblée générale annuelle le 2 juin 1899,
à 8 heures 1/2 du soir dans l’une des salles de
la Société des Agriculteurs de France. ... La
Société a admis dans les dernières séances du
Conseil: ... M. Nolowitch, directeur du journal
la Russie. 67

66 Diese Anschrift geht aus einem Schreiben Notovitchs an


Hanotaux hervor.
67 Revue d’histoire diplomatique (Paris), Jahrgang 1899, Seite
321. Trotz einer persönlichen Vorsprache bei der Société
d’Histoire Diplomatique in Paris blieben die Anfragen bezüg-
lich Notovitchs Aufnahme und seines Ausscheidens aus dieser
Gesellschaft ohne eine Antwort.
32
Das Mitgliedsverzeichnis dieser Gesellschaft, die aus rang-
hohen Diplomaten und Historikern besteht, gab in der Revue
des Jahrgangs 1903 den Namen Notovitchs in der richtigen
Schreibung wieder. Es scheint, daß Notovitch einen bedeu-
tenden Fürsprecher besaß - vielleicht Hanotaux, der sich für
die „äthiopische Operation“ erkenntlich zeigen wollte? -, der
ihm den Zutritt zu dieser angesehenen Gesellschaft öffnete,
in der z.B. auch die Familie Rothschild mit einigen in Paris
ansäßigen Familienmitgliedern vertreten war. Im Mitglieds-
verzeichnis der Société d’Histoire Diplomatique wurde Noto-
vitch im Jahrgang 1904 zum letztenmal aufgeführt. Der Grund
seines Ausscheidens konnte bisher nicht ermittelt werden,
doch ist es möglich, daß dieser in unmittelbarem Zusammen-
hang mit einigen politischen Ereignissen stand.
Als im Februar des Jahres 1904 der Krieg zwischen
Rußland und Japan ausbrach, beorderte der Zar, um seinen
Kriegsverband in Ostasien zu verstärken, die baltische Flotte
an den Kriegsschauplatz, welche in der Nacht vom 21. zum
22. Oktober 1904 auf der Durchfahrt in der Nordsee bei der
„Dogger-Bank“ englische Fischerboote beschoß, weil sich
unter ihnen angeblich japanische Torpedoboote befanden.68

68 Vgl. die einschlägigen diplomatischen Akten und entspre-


chende Literatur, z.B. Peter Padfield, The Great Naval Race.
The Anglo-German Naval Rivalry, 1900-1914. London 1974,
Seite 118-122, und Michael Aleksandrovič Taube, „L’incident
du Dogger-Bank et les germes de la Triple-Entente (1904-
1905)“, in ders., La politique russe d’avant guerre. Paris 1928.
33
Dieser als der „Hull-incident“ bezeichnete Zwischenfall führ-
te zu einer erheblichen Verstimmung zwischen England und
Deutschland, da in verschiedenen Zeitungen die Behauptung
auftauchte, daß den Russen von deutscher Seite ein diskreter
Hinweis auf einen möglichen japanischen Angriff in der
Nordsee gegeben worden sei. Nach den Autoren Jean Longuet
und Georges Silber soll die „Idee“ eines japanischen Angriffs
in der Nordsee jedoch von dem berühmt-berüchtigten rus-
sischen Polizeiagenten Abraham Hekkelmann stammen, der
auch unter den Decknamen Landesen und Harting bekannt
ist.69 An einer Verschlechterung der Beziehung zwischen
Deutschland und England konnte nur den Russen gelegen
sein, die England als Verbündeten Japans in Europa durch
eine kriegerische Auseinandersetzung mit Deutschland bin-
den wollten. Die gleiche Zielrichtung hatten auch Pressestim-
men, die seit November desselben Jahres behaupteten, daß
Deutschland sich auf einen Krieg mit England vorbereitete,
weshalb England möglichst bald gegen die deutsche Flotte
einen Präventivschlag unternehmen solle. Diese Aufforde-
rung führte, wie den deutschen diplomatischen Akten zu ent-

69 Longuet und Silber, Asew, Harting & Co. Hinter den Kulissen
der russischen Geheimpolizei und Revolution. Berlin 1909, Seite
230-231. Vgl. hierzu auch Alexandre Iswolsky, Mémoires de
Alexandre Iswolsky. Ancien ambassadeur de Russie à Paris
(1906-1910). Préface de M. Gabriel Hanotaux. Paris 1923.
(Collection de mémoires, études et documents pour servir à
l’histoire de la guerre mondiale), Seite 47, Anm. 1.
34
nehmen ist, zu der Annahme, daß ein englischer Angriff für
das Frühjahr 1905 zu erwarten sei.
Ein nicht mit Namen genannter russischer Agent gab nun
nach der Zeitung Standard vom 14. Dezember 1904 und der
Zeitung Russ vom Tag darauf in Briefen an den französischen
Außenminister Théophile Delcassé (1852-1923) und den
Palastkommandanten in St. Petersburg, General Hesse, ge-
naue Details des Dogger-Bank-Zwischenfalls: So nahmen
vier mit Japanern unter englischer Führung besetzte Torpe-
doboote die russische Flotte unter Beschuß, worauf diese das
Feuer erwiderte und zwei Torpedoboote versenkte. Diese
Angaben sollen angeblich aus Berichten stammen, die der
japanische Botschafter in London, Baron Tadasu Hayashi
(1850-1913), an die japanische Regierung geschickt habe.
Dem ersten Sekretär der englischen Botschaft in St. Pe-
tersburg, Cecil Arthur Spring-Rice (1859-1918), gelang es,
die Quelle dieser für England ungünstigen Zeitungsberichte
aufzudecken. Diese „Story“ stamme

von einem russischen Agenten in Paris, der


sie brieflich an den General Hesse in Peters-
burg mitgeteilt habe. Dieser habe sie dem Pe-
tersburger Korrespondenten des „Echo de Paris“
weitergegeben, welcher seinerseits darüber nach
Paris berichtet habe. Von dort aus sei sie nach
Kopenhagen gelangt, wo sie dann in Form ei-
nes Reutertelegramms das Licht der Welt er-
blickt habe.70
35
Während die Zeitungsberichte den Namen des „Agenten“
verschweigen, nannte Charles Hardinge (1858-1944), der
britische Botschafter in St. Petersburg, in seinem Schreiben
vom 17. Dezember 1904 an den Staatssekretär im Foreign
Office, Henry Marquess of Lansdowne (1845-1927), den-
jenigen, der sich selbst als „a secret Russian Agent in London“
bezeichnete, mit Namen: Es ist Nikolaus Notovitch. Die von
den Zeitungen verbreitete Nachricht - so Hardinge - ist „a
story originated by the notorius Notowitch“.71
Urteilte Kaiser Wilhelm II. in seinen Anmerkungen zur
diplomatischen Korrespondenz über den angeblichen deut-
schen Hinweis auf die japanischen Torpedoboote zunächst
noch nüchtern: „Also direkt auf unsere Kosten gelogen um
uns mit England zusammenzubringen“,72 so hielt er später
seine Verärgerung nicht mehr zurück: „Das ist eine ganz ge-
meine Schweinerei aus Petersburg über Paris - Spring Rice

70 Die Grosse Politik der Europäischen Kabinette 1871-1914.


Sammlung der Diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes.
Im Auftrage des Auswärtigen Amtes herausgegeben von Jo-
hannes Lepsius, Albrecht Mendelssohn Bartholdy, Friedrich
Thimme. Bd. 19. Der Russisch-Japanische Krieg. Zweite Hälf-
te. Berlin 1925, Seite 370-371.
71 British Documents on the Origins of the War 1898-1914 (wie
Anm. 33), Seite 39.
72 Die Grosse Politik der Europäischen Kabinette 1871-1914 (wie
Anm. 70), Seite 371, Anm. 7.
36
Quelle“.73 Der englische König Edward VII. urteilte nicht
weniger scharf, wenn auch in einer würdevolleren Weise:
„This is most disgraceful!“74
Vielleicht darf man in diesen Ereignissen den Grund
sehen, weshalb Notovitch im Jahre 1904 aus der Société
d’Histoire Diplomatique ausschied. Im selben Jahr wird er
- was sicherlich nicht ohne Bedeutung ist - auch nicht mehr
als Direktor seiner Zeitung La Russie in dem Annuaire de la
presse française et de mondo politique genannt.
Im Jahre 1903/1904 scheint Notovitch entweder Paris
verlassen oder zumindestens zeitweise in London eine weitere
Wohnung bezogen zu haben, denn im Jahre 1903 nennt das
Post Office London Directory als seine Anschrift das Haus
Welbeck Street Nr. 64 in London. Diese Adresse wird auch
in The Literary Year-Book and Bookman’s Directory für das
Jahr 1904 genannt.75 Aus dem St. Marylebone Rate Book ist

73 Ibid., Seite 375.


74 British Documents on the Origins of the War 1898-1914 (wie
Anm. 33), Seite 40.
75 Diese Notiz wurde wörtlich übernommen ins Who was Who
in Literature, 1906-1934. Based on entries that first appeared
in „Literary Yearbook“ (1906-1913), „Literary Yearbook and
Author’s Who’s Who“ (1914-1917), „Literary Yearbook“ (1920-
1922), and „Who’s Who in Literature“ (1924-1934). Vol. 2.
Detroit [1979]. (Gale Composite Biographical Dictionary Series,
5).
37
- wie auf eine Anfrage hin mitgeteilt wurde - für das Haus
Welbeck Street Nr. 64 folgendes zu entnehmen:

In 1902 Mrs Alice Gems is given as the only


ratepayer; she moved out between January
and March 1903 and after this the house is
recorded as being empty until at least 1906.76

In Zusammenhang mit dem London-Aufenthalt dürfte das zu


Beginn des Jahres 1906 in Paris erschienene Buch La Russie
et l’alliance anglaise stehen, in dem Notovitch - wie auch
andere Autoren jener Zeit - sich für eine „alliance anglo-
franco-russe“ ausspricht. Ein persönliches Wort an die Sou-
veränen von Rußland und England, Zar Nikolaus II. und
König Edward VII., stellte der Autor dem Werk voran, in
dem von seiner Abneigung den Engländern gegenüber, die
seine früheren Publikationen auszeichneten, nichts mehr zu
spüren ist. Notovitch buhlt in diesem Werk geradezu um die
Gunst Englands, was nach der Niederlage Rußlands im rus-
sisch-japanischen Krieg von 1904-05 kaum erstaunlich ist.
Dabei präsentiert er sich als ein treuergebener Patriot, dem
das Schicksal des Zarenreiches sehr am Herzen liegt.
Die Niederlage gegen Japan führte in Rußland zu inneren
Unruhen und schließlich zur Revolution des Jahres 1905, in

76 Für diese Mitteilung sei hier Mr. Richard Bowden, Archivist


der Marylebone Library in London, herzlich gedankt.
38
deren Verlauf Pobedonoscev am 1. November zurücktreten
mußte. Damit war auch der Weg für eine Kursänderung in
der russischen Religionspolitik frei geworden.77 Am 17. April
hatte der Zar Nikolaus II. schon das Gesetz „über die Befesti-
gung der Grundsätze der Glaubenstoleranz“78 erlassen, das
sich wohltuend auch auf die nichtchristlichen Religionen
auswirkte. Insbesondere wurde dem Buddhismus nun eine
größere Achtung entgegengebracht, um auf diese Weise sicher-
lich auch den russischen Einfluß in Zentralasien zu stärken.

Als sichtbares Zeugnis der neuen Einstellung


der Regierung gegenüber den Buddhisten wur-
de im Vorort Novaja Derevnja von St. Peters-
burg ein Heiligtum in tibetischem Stil erbaut,
in welchem zwölf Lamas lebten.79

Im Jahr 1906 könnte Nikolaus Notovitch, da er offenbar - wie


oben angeführt - bis zu dieser Zeit in einem als leerstehend

77 Gerhard Simon, Konstantin Petrovič Pobedonoscev (wie Anm.


49), Seite 249: „Die Revolution von 1905 erzwang nicht nur
Pobedonoscevs Rücktritt, sondern brachte auch den Zusam-
menbruch seiner Politik der Restriktion.“
78 Vgl. ibid., Seite 251.
79 Helmuth von Glasenapp, Der Buddhismus in Indien und im
fernen Osten. Schicksale und Lebensformen einer Erlösungs-
religion. Mit 16 Abbildungstafeln. Berlin, Zürich 1936, Seite
349.
39
bezeichneten Haus in London wohnte, nach Rußland zurück-
gekehrt sein. Aus demselben Jahr stammt nun ein umfang-
reicher Vertragsentwurf zwischen ihm und dem Schah von
Persien über den Bau von Straßen und Pipelines im Iran,80
der der englischen Botschaft in Paris übergeben wurde. Dieses
Dokument ist jedoch weder in die politische noch in die wirt-
schaftliche Situation des damaligen Persiens einzuordnen.
Im Jahre 1907 erscheint in St. Petersburg eine russische
Übersetzung des Werkes La Russie et l’alliance anglaise,
drei Jahre später, also 1910, eine weitere russische Ausgabe
der angeblichen buddhistischen Lebensbeschreibung „Das
Leben des Heiligen Issa“.81 Bis zum Jahre 1916 wird ein
Nikolaus Alexandrovitch Notovitch, der mit der hier behan-
delten Person identisch sein dürfte, in einem russischen Zei-
tungskatalog als Redakteur und Herausgeber verschiedener
Zeitungen in St. Petersburg genannt.82 Danach verliert sich
die Spur Notovitchs im Dunkel der Geschichte.

80 Siehe Public Record Office, Kew, FO 371/113 number 29196.


81 Ein Exemplar dieser Ausgabe wird in der Bibliothèque natio-
nale (Paris), Département des manuscrits orientaux, unter der
Signatur MSS. 4o Imp. or. 1013 aufbewahrt. Eine weitere rus-
sische Ausgabe erschien 1932; siehe БЪЛГАРСКИ КНИГИ.
1878-1944. Tom IV. Nr. 32 247.
82 БИБЛИОГРАФИЯ ПЕРИОДИЧЕСКИХ ИЗДАНИЙ РОС-
СИИ, 1901-1916. Leningrad 1958. Hierin sind mehrere Per-
sonen mit dem Namen Notovitch aufgeführt.
40
Notovitchs Reise nach Ladakh
Mit dem Versuch, durch eine Rekonstruktion der Reise Noto-
vitchs nach Ladakh ihr selbst „auf die Spur zu kommen“,
wollen wir uns nun jenen äußeren Umständen und Ereig-
nissen nähern, die zu der angeblichen Entdeckung der bud-
dhistischen Lebensbeschreibung Jesu führten. Daß Noto-
vitch Ladakh besuchte, darf - obwohl dies oft bezweifelt
wurde - als sicher gelten, doch ist damit für die Frage, ob
Ladakh auch der Fundort der buddhistischen Jesus-Biogra-
phie ist, zunächst nichts gewonnen. Erst das Licht, das die
Rekonstruktion auf Notovitchs Reise wirft, könnte aufschluß-
reiche Hinweise für ihre Beantwortung geben, denn es wäre
durchaus denkbar, daß Notovitch in Ladakh auf irgendetwas
gestoßen ist, das ihn anregte, die angebliche buddhistische
Lebensbeschreibung Jesu zu konzipieren. Selbstverständlich
kann die Rekonstruktion der Reise hier nicht allein an Hand
des Berichtes erfolgen, den Notovitch darüber in seinem Buch
La vie inconnue de Jésus-Christ abdruckte; vielmehr sind
weitere Quellen heranzuziehen, um auf diese Weise ein mög-
lichst objektives Bild der damaligen Ereignisse zu erhalten.
Im Herbst 1887 brach Notovitch nach Indien auf und
besuchte in der Zeit vom 14. Oktober bis etwa Ende Novem-
ber 1887 Kaschmir und Ladakh. Auf dieser Reise habe er
sich nach der schon oben angeführten kurzen Notiz in der
Frankfurter Zeitung als Korrespondent der russischen Zei-
tung Novoje Wremja vorgestellt. Nach der Zeitung Russ
vom 15. Dezember 1904 hingegen gab Notovitch sich als „a
41
Russian Delegate sent to Thibet with a commission“83 aus.
Während Notovitch über seinen Weg nach Indien in
dem Buch La vie inconnue de Jésus-Christ keine Angaben
macht, sondern nur berichtet, daß er die Berge Afghanistans
von Indien aus überschritt und einige Zeit später über den
Bolan Paß in das Pandschab zurückkehrte,84 scheint in Noto-
vitchs Zeitung La Russie vom 1. März 1900 eine kurze Be-
schreibung der Reiseroute vorzuliegen:

En 1887, j’ai visité le Béloutchistan, l’Afgha-


nistan, le nord de l’Inde et les provinces qui se
trouvent entre l’Indus et la frontière de l’Afgha-
nistan.85

Diese geographischen und zeitlichen Angaben werden ge-


stützt durch die Notiz in der Frankfurter Zeitung, in der es
heißt, daß Notovitch sich in der nördlich von Delhi am Rande
des Himalaya etwa 2180 m hoch gelegenen Stadt Simla auf-
gehalten habe. Von dort aus sei er in die nordwestlichen Ge-
biete Indiens aufgebrochen, habe zunächst die Stadt Quetta
- in Paschtu „Kwatta“, die heute auf pakistanischem Boden
nahe der afghanischen Grenze liegt - und andere Orte dieser

83 Siehe oben Anm. 32; vgl. auch British Documents on the


Origins of the War 1898-1914 (wie Anm. 33), Nr. 30.
84 Vgl. Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30), Seite
1-2.
85 Siehe oben Anm. 65.
42
Region besucht und sei dann nach Kaschmir weitergereist.
Die von Notovitch immer wieder angekündigte Schrift A tra-
vers l’Inde hätte vielleicht genaueren Aufschluß über die Rei-
seroute geben können, doch da sie offenbar nicht erschienen
ist, bleibt ihre Rekonstruktion im wesentlichen auf Noto-
vitchs Reisebericht verwiesen.
Nachdem er von Afghanistan kommend Indien wieder
betreten hatte, zog Notovitch zunächst den Indus stromauf-
wärts bis Râwal-Pindî, wandte sich dann südöstlich, reiste
durch das Pandschab nach Amritsar, wo er den Goldenen Tem-
pel der Sikhs besuchte, und weiter nach Lahore, wo er dem
Grab des Königs Ranjit Singh (1780-1839) einen Besuch ab-
stattete.86 Anschließend brach er nach Kaschmir auf. Mit
dem Zug fuhr er am 14. Oktober 1887 von Lahore nach Râ-
wal-Pindî,87 wo er die notwendigen Reiseutensilien besorg-
te. Er packte sie mit seinem Diener, einem Neger aus Pon-
dichéry, dem französischen Schutzgebiet an der Südostküste
Indiens unweit von Madras, zusammen, mietete eine Tonga
- ein zweirädiges Pferdegespann - und rollte in Richtung
Kaschmir davon.88
Auf dem Weg nach Srinagar sei er mit dem englischen
Oberst Brown zusammengetroffen, der - so Notovitch - als

86 Vgl. Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30), Seite
1-2.
87 Vgl. ibid., Seite 7.
88 Vgl. ibid., Seite 7-8.
43
erster ein Wörterbuch der afghanischen Puschtusprache ver-
faßt haben soll.89 Doch war es nicht ein Oberst Brown, son-
dern Henry Walter Bellow (1834-1892), der als erster im
Jahre 1867 in London ein solches Wörterbuch unter dem Ti-
tel A Grammar and Dictionary of the Pukkhto or Pukshto
Language herausgab. Im Range eines „Surgeon-General“
hatte Bellow jedoch schon im November 1886 den eng-
lischen Militärdienst in Indien verlassen und war nach Eng-
land zurückgekehrt.90 Wer hingegen Oberst Brown sein könn-
te, ließ sich bisher nicht ermitteln.
Am Abend des 19. Oktober erreichte Notovitch die
kaschmirische Hauptstadt Srinagar und schreibt über seine
ersten Eindrücke: „Kommt man in die Stadt selbst hinein, so
sieht man eine Reihe von Barken und schwimmenden Häu-
sern, worin ganze Familien wohnen“.91 Es ist jedoch bemer-
kenswert, was Sir Francis Younghusband (1863-1942), der
spätere englische Kommissär von Kaschmir, in seinem im
Jahre 1909 erschienenen Buch Kashmir über diese Hausboote
berichtet: „House-boots are not indigenous to Kashmir. They
were introduced by Mr. M. T. Kennard about 1888, but now
they may be numbered by hundreds“.92

89 Vgl. ibid., Seite 19.


90 Vgl. Dictionary of National Biography. Supplement, Vol. I.
London 1901, Seite 167.
91 Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30), Seite 23.
92 Younghusband, Kashmir. Painted by Major E. Molyneux.
Described by Sir Francis Younghusband. First Edition 1909.
44
Am Morgen des „20. Oktober erwachte ... [Notovitch]
in einem geputzten Zimmer, von dem ... [er] einen sehr
freundlichen Ausblick auf den nun von der Sonne Kaschmirs
übergossenen Strom genoß“.93 Da „at Srinagar“, wie Young-
husband mitteilt, „there is no dak bungalow, but a hotel
- Nedou’s - which is open the whole year round“,94 ist es
wahrscheinlich, daß Notovitch in diesem noch heute existie-
renden Hotel gewohnt hat. Am 21. Oktober wird er - was
Notovitch verschweigt - von A. Favre, einem französischen
Ingenieur im Dienste der indischen Regierung, empfangen,95
der später einige aufschlußreiche Nachrichten über Noto-
vitchs Indienreise in der Gazette de Lausanne vom 24. Ok-
tober 1896 unter dem Titel „Les véritables aventures de Tar-
tarin Notovitch“ veröffentlichte. Nach einem Aufenthalt
von nahezu einer Woche verließ Notovitch am 27. Oktober
- nach Favre am 25. Oktober96 - Srinagar, um nach Ladakh

London 1924. (Kashmir Black’s Popular Series of Colour


Books), Seite 44.
93 Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30), Seite 24.
94 Younghusband, Kashmir (wie Anm. 92), Seite 44. Auf eine
Anfrage bei der Direktion des Nedou Hotels wurde freundlich
mitgeteilt, daß die alten Rezeptionsbücher nicht mehr vorhan-
den seien. Aus diesem Schreiben geht auch hervor, daß das
Hotel Nedou eigentlich erst im Jahre 1888 etabliert worden sei.
95 Vgl. P. Ladeuze, „Les découvertes de M. Notovitch“, in Le
Muséon, 16 (Louvain 1897), Seite 95.
96 Vgl. ibid.
45
weiterzureisen. Favre hatte ihm hierfür einige Lastträger und
einen Führer besorgt.97 Während Notovitch den Ingenieur
Favre überhaupt nicht erwähnt, führte er jedoch aus, daß er
Herrn Peicheau, einen Franzosen, kennengelernt habe, der
die Weinberge des Mahârajas Pratâb Singh (Regierungszeit
1885-1925) bewirtschaftete.98 Über den Franzosen Pey-
chaud99 und den Weinanbau berichtet Younghusband:

Grapes have been tried, and on the shores of the


Dal Lake there is a vineyard under the charge
of a Frenchman, from which what is known as
Kashmir wine is made. But this branch of fruit
culture has not so far been so successful as the
culture of pears and apples.100

Bei Peicheau holte Notovitch sich auch den Hund, der schon
mit seinen - Notovitchs - „Freunden, den wohlbekannten Kund-
schaftern Bonvalot, Capus und Pepin, die Reise durch Pamir

97 Vgl. ibid.
98 Vgl. Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30),
Seite 28.
99 Younghusband führt im Index seines Buches Kashmir (wie
Anm. 92) einen „M. Peychaud“ an, doch auf der angegebenen
Seite 169 ist sein Name nicht zu finden. Da der Zusammenhang
aber über den Obstanbau in Kaschmir handelt, dürfte „Pey-
chaud“ mit Notovitchs „Peicheau“ identisch sein.
100 Ibid., Seite 170.
46
gemacht hatte“, um auf dem Weg eine erheiternde Beglei-
tung zu haben.101 Pierre-Gabriel-Edouard Bonvalot (1853-
1933),102 Jean-Guillaume Capus (1857-1931)103 und Albert
Pépin hatten sich am 27. März 1886 über Teheran und Me-
sched auf eine Forschungsreise nach Zentralasien begeben
und trafen durch das Pamir-Gebirge und den Hindukusch
kommend am 11. August 1887 in Kaschmir ein.104 Hier mach-
ten sie, wie Bonvalot berichtet, die Bekanntschaft von drei
Franzosen:

MM. Peychaud, Fabre et Bouley, nous nous


sommes crus un instant en France. L’illusion
était permise, attendu que Peychaud nous a
fait boire de l’excellent vin de Bourgogne pro-

101 Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30), Seite 28.
102 Vgl. Qui êtes-vous? Annuaire des contemporains. Notices bio-
graphiques. Paris 1924, Seite 94; G. Vapereau, Dictionnaire
universel des contemporains. Sixième édition. Paris 1893,
Seite 194-195; Dictionnaire de biographie française sous la
direction de M. Prevost et Roman d’Amat avec le concours de
nombreux collaborateurs. Tome sixième. Paris 1954, Spalte
1058.
103 Dictionnaire de biographie française (wie Anm. 102). Tome
septième. Paris 1956, Spalte 1088-1089.
104 Vgl. G. Vapereau, Dictionnaire universel des contemporains
(wie Anm. 102), Seite 195.
47
duit par des plants bordelais que le sol du Kach-
mir a transformés.105

Mit dem Hund, der die Kundschafter etwa zweieinhalb Mo-


nate zuvor durch das Pamir-Gebirge begleitete, brach Noto-
vitch also nach Ladakh auf und will am zweiten Tag, den 28.
Oktober, in Matayan mit Younghusband zusammengetroffen
sein,106 was durchaus möglich wäre, da der Engländer sich
auf einer abenteuerlichen Reise befand, die ihn als ersten in
der neueren Geschichte auf dem Landweg von Peking nach
Râwal-Pindî führte. Er schreibt hierzu: „And on November
4th, 1887, exactly seven months after I left Peking, and on
the very day on which my leave expired, I arrived at Rawal
Pindi“.107

105 Bonvalot, Du Caucase aux Indes. A travers le Pamir. Ouvrage


orné de 250 dessins et croquis par Albert Pépin avec une carte
itineraire du voyage. Paris 1889, Seite 453. Bonvalot schreibt
auch, daß sie in Simla einen Russen mit Namen Balachoff,
„... M. de Balachoff, un Russe, un homme de bien que habite
Paris“ (ibid.), getroffen haben. Ob er eventuell mit Notovitch
identisch ist, konnte nicht festgestellt werden.
106 Notovitch, The Unknown Life of Christ (wie Anm. 23), Seite
XXIII: „I can cite Lieutenant Younghusband, whom I met at
Mateyan on October 28th, 1887.“
107 Younghusband, The Light of Experience. A Review of some
Men and Events of my Times. London 1927, Seite 37.
48
Obwohl auf dem Weg nach Ladakh durch das von wil-
den Tieren kaum berührte Kaschmirtal einer seiner Last-
träger angeblich von einem Panther getötet worden sei,108
konnte dieses Unglück Notovitch nicht davon abhalten,
seiner Jagdlust nachzugehen, da er zwei Bären erledigt haben
will.109 Wie aber Favre mitteilte, hätte Notovitch damit
seinen Lesern einen Bären aufgebunden, da er selbst die
beiden Tiere während einer Jagd geschossen und ihre Felle
Notovitch geschenkt habe.110 Weniger dramatisch gestaltete
sich hingegen jene Episode, in der Notovitch unbemerkt von
den Trägern einige Manisteine - Steine mit heiligen Inschrif-
ten, besonders mit der Formel „Om mani padme hum“ - ein-
steckte, mit denen er später das Museum des Trocadero-
palastes in Paris bereicherte, eine Gabe, für die er vom fran-
zösischen Unterrichtsministerium den Titel eines „officier de
l’Instruction publique“ erhielt.111

108 Vgl. Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30),
Seite 30-32.
109 Vgl. ibid., Seite 35-36.
110 Vgl. P. Ladeuze, „Les découvertes de M. Notovitch“ (wie
Anm. 95), Seite 95.
111 Vgl. Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30), Seite
42. Auf eine Anfrage hin teilte Mme. Térésa Battesti vom
Musée de l’Homme in Paris mit, daß man von Notovitch nur
„une pièce d’étoffe du Cashemir“ unter der Inventar-Num-
mer 88.177 besitze. In der kurzen biographischen Übersicht
des Dictionnaire national des contemporains (wie Anm. 7),
49
In Leh, der Hauptstadt von Ladakh, die Notovitch wahr-
scheinlich am Abend des 1. November erreichte, trifft der
Russe mit dem Gouverneur Suradschbal, „ein[em] sehr sym-
pathischen Pendschabier, der in London zum Doktor der
Philosophie promovirte“,112 zusammen, der für ihn - am 2.
November - ein Polospiel veranstaltete.113
„Tags darauf reiste ich“, so schreibt Notovitch, „am frü-
hen Morgen in der Richtung nach einem großen Kloster ab,
das Himis heißt“,114 wo er - also am 3. November - Augen-
zeuge des berühmten Klosterfestes „Hemis Setchu“ gewe-
sen sei.115 Dieses Fest findet am 10. und 11. Tag des fünften
tibetischen Monats zu Ehren des Geburtstages von Padma-
sambhava statt, durch den der Buddhismus Eingang in Tibet
fand. Da die zwei genannten Tage nach dem europäischen
Kalender gewöhnlich in die zweite Hälfte des Monats Juni

Seite 274, heißt es, daß Notovitch im Jahre 1889 den Grad
eines „officier de l’Instruction publique“ erhielt, und zwar
„pour avoir donné au musée du Trocadéro de précieuses col-
lections d’objets rapportés de l’Inde et de la Perse“. Die irrige
Auffassung der ersten Fassung dieser Abhandlung von 1986,
daß Notovitchs in der Ehrenlegion aufgenommen wurde, be-
ruht auf einer Fehldeutung des Textes.
112 Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30), Seite 73.
113 Vgl. ibid., Seite 73-74. Das Polo-Spiel ist ein beliebter Volks-
sport in Ladakh.
114 Ibid., Seite 74.
115 Vgl. ibid., Seite 75-83.
50
oder in den Anfang des Monats Juli fallen,116 ist es ausge-
schlossen, daß Notovitch das farbenprächtige Maskenspiel
im Kloster Hemis im November des Jahres 1887 gesehen
haben kann. Zudem behauptet er, daß in Hemis gelbe Mönche
(dGe-lugs-pa) lebten,117 während tatsächlich Mönche der
Drukpa Kargyüpa Sekte, einer der sechs Richtungen des Rot-
mützen-Ordens, das Kloster bewohnen. J. Archibald Douglas,
der zur Prüfung der Behauptungen Notovitchs im Juni 1895
das Kloster Hemis besuchte, bemerkt deshalb nicht zu un-
recht, „... that the Russian author is colour-blind, as well as
blind to a sense of truth“.118
Die Nacht vom 3. zum 4. November verbrachte Noto-
vitch offenbar im Kloster Hemis.119 Am folgenden Morgen

116 Vgl. Margret und Rolf Schettler, Kaschmir, Zanskar und


Ladakh. Globetrotter-Ziele beiderseits des Himalayas. Bd. 8
der Reihe Globetrotter. Hattorf 1981, Seite 265.
117 Nach Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30),
Seite 88, spricht der Abt von Hemis: „Wir anderen gelben La-
mas haben das Gelübde der Ehelosigkeit abgelegt, und unser
unmittelbarer Vorgesetzter ist der Dalai=Lama.“
118 Douglas, „The Chief Lama of Himis on the Alleged ‚Unknown
Life of Christ‘“, in Collected Works of the Right Hon. F. Max
Müller. Bd. XVIII, Last Essays. Second Series: Essays on the
Science of Religion. New York, Bombay 1901, Seite 197-198.
119 Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30), Seite 92-
93: „Ich konnte nichts Besseres thun, als mich zurückziehen
und in das Zimmer, das man mir angewiesen, zum Schlafen
begeben. Nachdem ich Milch getrunken und einige Nahrung
51
sandte er dem Gouverneur Suradschbal einen Brief, in dem
er ihm mitteilte, daß er an Zahnschmerzen leide. In der Aus-
gabe des Buches La vie inconnue de Jésus-Christ aus dem
Jahre 1900 druckte Notovitch das vom 4. November datier-
te Antwortschreiben Suradschbals ab,120 in dem der Gou-
verneur bedauert, daß Notovitch von Zahnschmerzen ge-
plagt werde, und sich anbot, Dr. Marx von „the Ladane
Charitable Dispensary“ zu benachrichtigen, damit er ihm mit
seiner ärztlichen Kunst beistehe.121 Karl Rudolph Marx - auch
Marx-Weiz geschrieben - (ca. 1857-1891), ein Missionar
der Herrnhuter Gemeine, der in Edinburg Medizin studiert
hatte,122 übernahm im Dezember 1886 in Leh123 die Lei-

zu mir genommen hatte, verbrachte ich dort die ganze Nacht.“


Douglas, „The Chief Lama of Himis“ (wie Anm. 118), Seite
207: „There is no doubt whatever that M. Notovitch spent one
night at Himis.“
120 In dem Schreiben „To the Publishers“, das in der englischen
Ausgabe The Unknown Life of Christ (wie Anm. 23) abge-
druckt ist, schreibt Notovitch jedoch auf Seite XXIV: „Dr. Karl
Marx, whose letter of November 4th, 1887, you have seen ....“
121 Vgl. Notovitch, La vie inconnue de Jésus-Christ (wie Anm.
51), Seite IX.
122 Im Matrikelalbum der University of Edinburgh ist er, wie
Herr Dr. J. T. D. Hall freundlicherweise mitteilte, für das Jahr
1883-1884 unter der Nummer 2760 eingetragen.
123 E.-A. Senf, Les missions moraves actuellement existantes
chez les peuples païens. Leur origin & leur développement.
Neuchâtel 1890, Seite 350: „... ainsi que le missionaire-
52
tung der Poliklinik und des Krankenhauses124 und er hat, wie
Douglas feststellte, Notovitch tatsächlich wegen Zahnschmer-
zen behandelt:

Careful inquiries have elicited the fact that a


Russian gentleman named Notovitch was
treated by the medical officer of Leh Hospital,
Dr. Karl Marks, when suffering ... from a ...
toothache.125

Notovitch selbst schreibt, daß er am Abend - des 4. November


- wieder in Leh war.126 An diesem Abend - und nicht, wie
Douglas vermutete, zehn oder vierzehn Tage später - ging
Notovitch zu

médécin Charles Marx-Weiz, se fixèrent définitivement à Leh,


en décembre 1886.“
124 G. Th. Reichelt, Die Himalaya-Mission der Brüdergemeine.
Mit 19 Bildern. Gütersloh 1896, Seite 69-70: „1887 war dies
der Falle [!], und da kam der Missionsarzt Bruder Marx an,
welcher in Edinburg Medizin studiert hatte. Er übernahm
sofort die Poliklinik und das Krankenhaus und entfaltete eine
ausgedehnte und man kann sagen gesegnete Thätigkeit.“
125 Douglas, „The Chief Lama of Himis“ (wie Anm. 118), Seite
187.
126 Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30), Seite 93:
„Am Abend des andern Tags [von der Übernachtung in Hemis
her gesehen] war ich in Leh eingetroffen.“
53
the mission dispensary at Leh, and asked to
see Dr. Karl Marks, whom he informed that he
was suffering from toothache. Dr. Marks made
an entry of the date of the visit in his diary.127

Auch in seinen späteren Publikationen bestätigte Notovitch,


daß er durch Doktor Karl Marx behandelt worden sei:
„J’ai été soigné, à Leh, par ce docteur Karl Marx, médecin
européen au service du gouvernement anglais“.128

127 Douglas, „The Chief Lama of Himis“ (wie Anm. 118), Sei-
te 207. Dieses ärztliche Tagebuch ließ sich bisher nicht auf-
finden. Allerdings darf es nicht verwechselt werden mit dem
immer wieder erwähnten Tagebuch von Karl Marx und A. H.
Francke, in dem sich Eintragungen aus dem Jahre 1894 über
Notovitch befinden, die jedoch, worauf John Bray in seinem
Artikel „Nikolai Notovitch and the Tibetan Life of Christ“,
in Tibetian Review, Mai 1981, Seite 21, hinweist, weder von
Marx, da er im Jahre 1891 verstarb, noch von Francke, da er
erst im Jahre 1896 nach Leh kam, stammen können. Diese
Eintragungen, die Pierre Vittoz (1926-1978) in seinem Buch
Goldene Dächer - Schwarze Zelte (wie Anm. 6), Seite 166-
167, abdruckte, könnten von dem Missionar Carl Wilhelm
Julius Weber stammen, der ab 1892/93 bis 1895 in Leh wirkte.
Eine Mitteilung gleichen Inhalts hat etwa zur selben Zeit auch
der Missionar Frederic Becker Shawe an die englische Zei-
tung Daily News gerichtet, die dann in viele Zeitungen über-
nommen wurde; vgl. z.B. Beilage zur Allgemeinen Zeitung,
1894, II, Nr. 143.
54
Zwei Tage nach dieser ärztlichen Behandlung hat Noto-
vitch, wenn die Nachforschungen Douglas zutreffen, Leh ver-
lassen, um nach Kaschmir zurückzukehren.

The Tibetan who engaged some carriers for


M. Notovitch remembers that he left Leh on
that occasion, after two days’ stay, on foot,
with the intention of proceeding to Srinagar
by way of Niniu and Dras.129

Bestätigt wird diese Aussage von Douglas durch einen zwei-


ten Brief Suradschbals an Notovitch, der vom „Sonntag“
datiert ist. Nach dem gregorianischen Kalender fiel der 4.
November auf einen Freitag, so daß Notovitchs Abreise auf
Sonntag, den 6. November 1887 anzusetzen ist.
Nachdem die Abreise, wie Douglas herausfand, um zwei
Tage verschoben worden war, machte Notovitch sich zu Fuß
von Leh aus auf den 434 Kilometer langen Weg nach Srina-
gar, ein Umstand, der möglicherweise auf eine nicht geringe
Verärgerung des Russen schließen läßt, deren Grund, wenn
von den Zahnschmerzen einmal abgesehen wird, die nicht
bereitgestellten Pferde gewesen sein dürften. Im zweiten

128 Notovitch, La vie inconnue de Jésus-Christ (wie Anm. 51),


Seite IX; siehe auch Notovitch, The Unknown Life of Christ
(wie Anm. 23), Seite XXIV.
129 Douglas, „The Chief Lama of Himis“ (wie Anm. 118), Seite
207.
55
Brief Suradschbals, der Notovitch „après mon départ de La-
dack“130 erreichte, heißt es:

The ponies were ordered yesterday - but you


had gone out. No post is come but I send you
some papers which I feel sure will amuse you.
I have again ordered the horses to be sent to
you.131

Da die als Reit- und Lasttiere in Ladakh unentbehrlichen


Ponys auf Befehl des Gouverneurs auch an Reisende gegeben
wurden,132 so erhielt Notovitch auf Anweisung Suradschbals
ebenfalls einige Pferde, die ihm offenbar nachgeschickt wur-
den. Beim Reiten will Notovitch in der Nähe des Gompa Pia-
tek - vermutlich der Spitok Gompa (dPe-thub), der etwa zehn

130 Notovitch, La vie inconnue de Jésus-Christ (wie Anm. 51),


Seite VIII.
131 Ibid., Seite IX.
132 So schreibt Robert Shaw, der im Jahre 1868 von Leh zum
Fluß Karakasch reiste: „Auch gab mir der Gouverneur einen
Befehl an mehrere Dörfer in der Nähe des Pangong=Sees,
mir Ponies zu stellen, welche die Dorfbewohner an Reisende
zu festen Preisen zu vermiethen verpflichtet sind“; Shaw,
Reise nach der Hohen Tatarei, Yârkand und Kâshghar und
Rückreise über den Karakoram-Pass. Autorisirte vollständige
Ausgabe für Deutschland. Aus dem Englischen von J. E. M.
Martin. Mit 14 Illustrationen und 2 Karten. Jena 1872, Seite
62.
56
Kilometer von Leh entfernt liegt - nun so unglücklich zur
Erde gefallen sein, daß er sich das rechte Bein unterhalb des
Knies brach. Sein Pferd könnte, möglicherweise durch Noto-
vitchs Verärgerung angetrieben, einen Fehltritt getan haben,133
zumal die schon erwähnte Notiz in der Frankfurter Zeitung
davon spricht, daß Notovitch in Ladakh beim Reiten einen
Unglücksfall erlitt, bei dem er sich den Fuß brach.
Nach den vorliegenden Aussagen könnte es also wahr-
scheinlich sein, daß Notovitch sich einen Bein- oder einen
Fußbruch zugezogen hat, wenn nicht Favre berichtete, daß
Notovitch am 15. November wohlbehalten nach Srinagar zu-
rückgekehrt sei.134 Drei Tage zuvor habe Notovitch ihm zwar
mitgeteilt, daß er sich bei einem Sturz in einen Abgrund das
Bein gebrochen und sich den Unterkiefer zerschlagen ha-
be,135 doch von diesen angeblichen Verletzungen war wenige
Tage später nichts mehr zu sehen. Sowenig also die Ge-
schichte des Beinbruches eine Glaubwürdigkeit für sich be-
anspruchen kann, sowenig auch die Erzählung, die der Russe
von den Ereignissen gibt, die dem angeblichen Beinbruch
folgten.136 Er schreibt nämlich:

133 Vgl. Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30),
Seite 93.
134 Vgl. P. Ladeuze, „Les découvertes de M. Notovitch“ (wie
Anm. 95), Seite 95.
135 Vgl. ibid., Seite 95-96.
136 Douglas, „The Chief Lama of Himis“ (wie Anm. 118), Seite
197: „That M. Notovitch may have injured his leg after leaving
57
Es war mir unmöglich, meine Reise fortzu-
setzen. Ich hatte ebenso wenig Lust, nach Leh
umzukehren; und die Aussicht, im Gonpa von
Piatek um Gastfreundschaft zu bitten und in der
übelriechenden Fremdenkammer dieses Klo-
sters zu wohnen, entzückte mich nicht über-
mäßig. Ich befahl daher, man sollte mich nach
Himis transportiren.137

Um jedoch zum Kloster Hemis zu gelangen, das am gegen-


überliegenden Ende des Tales 40 Kilometer von Leh entfernt
liegt, hätte Notovitch Leh durchqueren müssen, wo er sicher-
lich bei Dr. Marx die nötige Hilfe gefunden hätte. Doch Dr.
Marx verleugnend behauptet er, daß er „nach zwei Tagen ...
im stande [war], das Gonpa [Hemis] zu verlassen und lang-
sam in der Richtung nach Indien zu reisen, um einen Arzt zu
suchen“.138 Sowohl auf der Hinweg nach Hemis wie auch auf
dem Rückweg hätte Notovitch aber Leh passieren müssen,
wo ein Arzt zur Verfügung stand. Statt eines Hinweises auf
ärztliche Hilfe enthüllte der Russe dem Leser hingegen jene
Ereignisse und Umstände, die zur angeblichen Entdeckung
der buddhistischen Jesus-Biographie geführt hätten, denn an

Leh on the road to Srinagar is possible, but the whole story of


the brocken leg, in so far as it relates to Himis Monastery, is
neither more nor less than a fiction.“
137 Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30), Seite 93.
138 Ibid., Seite 94.
58
den beiden genannten Tagen habe ihm der Oberlama des Klo-
sters Hemis aus zwei dicken Bänden mit vergilbten Seiten
diese buddhistische Lebensbeschreibung Jesu vorgelesen. Der
Abt hat jedoch in dem Gespräch mit Douglas vom 3. Juni
1895 alle Aussagen, die Notovitch über seinen zweiten Auf-
enthalt im Kloster Hemis gemacht hat, als nicht der Wahr-
heit entsprechend zurückgewiesen,139 so daß die beiden er-
wähnten Tage auch für die zeitliche Rekonstruktion der Reise
nach Ladak und zurück nicht verwertbar sind.
Notovitchs Rückreise nach Srinagar soll zwar im Ge-
gensatz zur fünftägigen Hinreise zwanzig Tage gedauert ha-
ben,140 so daß er etwa am 26. November in Srinagar einge-
troffen sein müßte, doch bezeugt der Ingenieur Favre - wie
oben erwähnt -, daß er schon am 15. November in Srinagar
eintraf. Nach der Notiz der Frankfurter Zeitung „hat sich Herr
Notowitch bis zu seiner völligen Wiederherstellung in Srina-
gar aufgehalten und dann Indien verlassen“, was insofern mit
der ursprünglichen Absicht Notovitchs übereinstimmt, da er
schreibt: „Ich war willens gewesen, von letzterem [Ladakh]
aus durch Karakorum und Turkestan nach Rußland zurück
zu kehren“,141 doch da der Gouverneur von Ladakh ihm, wie

139 Vgl. Douglas, „The Chief Lama of Himis“ (wie Anm. 118),
Seite 188-194.
140 Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30), Seite 95:
„Das waren zwanzig Tage einer langsamen Reise, voll von
unerträglichen Leiden.“
141 Ibid., Seite 2.
59
Favre berichtet, die Weiterreise nicht gestattete, mußte er
nach Kaschmir zurückkehren.142 Noch am selben Tage, als
er Srinagar erreichte, verließ Notovitch diese Stadt, da er „in
Indien vor den ersten Schneefällen eintreffen wollte“.143 Auf
demselben Weg, den er auf der Hinreise genommen hatte, ver-
ließ er das „glückliche Tal“.
In Murree traf Notovitch mit „dem sympathischen Gra-
fen André de Saint=Phall, der eine Vergnügungsreise durch
Hindostan machte“,144 zusammen, mit dem er weiter nach Bom-
bay reiste, wo er in der französischen Kolonie herzlich aufge-
nommen wurde. Notovitch bekennt, daß er niemals die freund-
liche Aufmerksamkeit vergessen werde, die bei seiner „An-
kunft in Bombay der Marquis de Morès, der Vicomte de Bre-
teuil,145 Herr Monod vom Comtoir d’Escompte, Herr Moët,
der Geschäftsführer des Konsulats,146 und alle Franzosen der

142 Vgl. P. Ladeuze, „Les découvertes de M. Notovitch“ (wie


Anm. 95), Seite 95.
143 Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30), Seite 95-
96.
144 Ibid., Seite 96.
145 Das Qui êtes-vous? (wie Anm. 102) von 1924 nennt einen
Vicomte de Breteuil, gibt aber keine Daten.
146 Henri-Ernest Marie Moet (geb. 1857) war ab dem 15. Juli 1884
Geschäftsführer des französischen Konsulats in Bombay; vgl.
Annuaire diplomatique et consulaire de la république française
pour 1888. Nouvelle série. Tome X. Trente-unième année
(Paris, Nancy 1888), Seite 106-107, 197.
60
sympathischen französischen Kolonie an ... [ihn] verschwen-
deten“.147
Über die Dauer seines Aufenthaltes in Bombay macht
Notovitch keine Angaben, doch könnten sich solche indirekt
aus der Biographie des Marquis de Morès ergeben. Charles
Droulers teilt nämlich mit, daß Morès sich im November 1887
- offenbar von Frankreich aus - nach Bombay einschiffte,148
von wo aus er sich nach einem kurzen Aufenthalt nach Cal-
cutta und dann weiter nach Nepal zur Tigerjagd begab und
am 14. April nach Calcutta zurückkehrte.149 Kurze Zeit dar-
auf besteigt er in Bombay wiederum ein Schiff, das ihn nach
Frankreich bringen sollte. Während der Rückreise, so schreibt
nun Robert F. Byrnes, traf Morès mit einem Abenteurer zu-
sammen, der ihn überredete, sein Glück beim Straßenbau in
Tonkin zu versuchen.150 Da Notovitch, wie der oben erwähnte
Vertragsentwurf zwischen ihm und dem Schah von Persien
zeigt, ebenfalls Interesse am Straßenbau hatte, so könnte der
von Byrnes genannte Abenteurer vielleicht Notovitch sein.
Dies würde den Schluß zulassen, daß Notovitch erst im April
1888 Indien auf dem Seewege verlassen hat.

147 Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30), Seite 96.
148 Vgl. Droulers, Le marquis de Morès, 1858-1896. Avec 7
gravures et une carte hors texte. Paris 1932, Seite 53.
149 Vgl. ibid., Seite 62.
150 Vgl. Byrnes, „Morès, ‘The First National Socialist’“, in The
Review of Politics, 12, 1950, Seite 346.
61
Die buddhistische Lebensbeschreibung Jesu
Zeigt die Rekonstruktion der Reise Notovitchs nach Ladakh,
daß die im unmittelbaren Zusammenhang mit der angeblichen
Entdeckung der buddhistischen Lebensbeschreibung Jesu ste-
henden Ereignisse sich den geographischen und damaligen
historischen Gegebenheiten nicht immer harmonisch einfü-
gen, so vermag allein diese Feststellung schon einen berech-
tigten Zweifel an der Wahrheit von Notovitchs Ausführungen
begründen. Verstärkt wird dieser Zweifel noch dadurch, daß
fast sieben Jahre vergehen mußten, ehe die Weltöffentlichkeit
von diesem „aufsehenerregenden“ Fund erfuhr. Für die These,
daß das „unbekannte Leben Jesu“ des Nikolaus Notovitch
- von dem Nachweis der Fälschung einmal abgesehen - nicht
im Jahre 1887 entdeckt, sondern erst zu einem späteren Zeit-
punkt konzipiert wurde, spricht also eine hohe Wahrschein-
lichkeit, die durch die schon oft angeführte Notiz in der
Frankfurter Zeitung unterstützt wird, in der es heißt: „Von
dem angeblichen Pali=Manuskript ist damals [also 1887]
nichts bekannt geworden“. Es dürfte wahrscheinlich sein,
daß die beiden in der russischen Zeitung Graschdanin ver-
öffentlichten Reportagen Notovitchs über Indien aus dem
Jahre 1888, wie die ein Jahr danach erschienene kleine Ab-
handlung Gdě doroga v Indiju?, die sich mit politischen und
wirtschaftlichen Fragen der Beziehung zwischen Indien und
Rußland beschäftigt, keinen Hinweis auf die buddhistische
Lebensbeschreibung Jesu enthalten. Dies gilt ebenfalls für
das aus dem Jahre 1889 stammende umfangreiche Werk
62
Pravda ob evrejach, in dem Notovitch sich kritisch mit den
Sitten und Gebräuchen der Juden auseinandersetzte. Ob-
wohl Jesus darin mehrfach erwähnt ist, fehlt jeder Hinweis
darauf, daß er sich möglicherweise längere Zeit in Indien
aufgehalten habe. Somit scheint der Schluß nicht unbegrün-
det, daß der Text „Das Leben des Heiligen Issa“ nicht vor
1889 konzipiert wurde. Erst danach hat Notovitch, wenn sei-
ne Angaben zutreffen, über den angeblichen Quellenfund mit
kirchlichen und wissenschaftlichen Persönlichkeiten gespro-
chen.
Zunächst zeigte er seine Aufzeichnungen zur buddhi-
stischen Lebensbeschreibung Jesu dem Metropoliten Platon
von Kiew - Nikolai Ivanovitch Gorodeckij (1803-1891) -,
der der Auffassung gewesen sei, daß diesem Quellenfund
große Wichtigkeit zukomme.151 Trotzdem riet er von einer
Veröffentlichung ab, da sie ihm, nämlich Notovitch, nur scha-
den könne.152
„Ein Jahr darauf“, so schreibt Notovitch, „befand ich
mich in Rom. Dort ließ ich mein Manuskript einen Kardinal
sehen, der beim Heiligen Vater sehr angesehen ist“.153 Dieser
nicht mit Namen erwähnte Kardinal habe ihm für das Manu-
skript Geld angeboten, um angeblich seine Veröffentlichung

151 Vgl. Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30),
Seite 4.
152 Vgl. ibid.
153 Ibid.
63
zu verhindern.154 Obwohl Notovitch in der Ausgabe des
Buches La vie inconnue de Jésus-Christ aus dem Jahre 1900
die Identität des Kardinals enthüllte - „ce prince de l’Église
est le cardinal Nina“155 -, konnte diesem die im Jahre 1887
angeblich entdeckte buddhistische Lebensbeschreibung Jesu
nicht vorgelegt werden, da Laurentius Kardinal Nina (1812-
1885) bereits am 25. Juli 1885 gestorben war.156
In Paris habe er - so Notovitch - über sein Projekt mit
Kardinal Rotelli gesprochen.157 Diese angebliche Begeg-
nung läßt sich, wenn der Kardinalstitel als zeitliches Indiz
gelten darf, auf wenige Tage eingrenzen, denn Rotelli, seit
1887 päpstlicher Nuntius in Paris, den Notovitch schon in
Konstantinopel kennengelernt haben will, wurde am 1. Juni
1891 zum Kardinal ernannt.158 Am 10. Juni erhielt er aus der
Hand des französischen Präsidenten Marie-François-Sadi
Carnot (1837-1894) den Kardinalshut und wurde kurz darauf
als Nuntius abberufen. Da am 16. Juli 1891 sein Nachfolger
im Amt des Nuntius, der spätere Kardinal Dominicus Fer-

154 Vgl. ibid.


155 Notovitch, La vie inconnue de Jésus-Christ (wie Anm. 51),
Seite XVI.
156 Vgl. Hierarchia Catholica Medii et Recentioris Aevi (wie
Anm. 31), Seite 22.
157 Vgl. Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30),
Seite 4-5.
158 Vgl. Hierarchia Catholica Medii et Recentioris Aevi (wie
Anm. 31), Seite 25.
64
rata (1847-1914),159 in Paris eintraf,160 so könnte das von
Notovitch erwähnte Gespräch im Juni des Jahres 1891 statt-
gefunden haben.161
Nachdem Rotelli ebenfalls von einer Veröffentlichung
des Werkes abgeraten habe,162 besuchte Notovitch in Paris
Jules Simon (1814-1896), der seine Mitteilungen sehr inter-
essant gefunden hätte, aber empfahl, die Ansicht von Ernest
Renan (1823-1892) über den besten Weg einzuholen, wie
diese Aufzeichnungen zu veröffentlichen seien.163 „Gleich
den andern Tag“, so schreibt Notovitch, „saß ich im Arbeits-
zimmer des großen Philosophen“,164 der sich angeboten hätte,
über den „Quellenfund“ einen Bericht an die „Akademie“
zu erstatten. Doch Notovitch nahm sein Manuskript wieder
mit, da er befürchtete, der Ruhm der Veröffentlichung und
Erklärung seines „Fundes“ könnte an Renan fallen und ihm
bliebe einzig die Ehre, die buddhistische Lebensbeschreibung
Jesu entdeckt zu haben.165 Er entschloß sich daraufhin, den

159 Vgl. ibid., Seite 39.


160 Vgl. Ferrata, Mémoires. Bd. II. Roma 1920, Seite 59.
161 In den Akten der Nuntiatur, die im Geheimarchiv des Vatikans
aufbewahrt werden, fand sich, wie auf eine Anfrage mitgeteilt
wurde, kein Hinweis auf diese Begegnung.
162 Vgl. Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30),
Seite 5.
163 Vgl. ibid.
164 Ibid.
165 Vgl. ibid.
65
Tod Renans abzuwarten, ein Ereignis, das „nicht lange auf
sich warten lassen sollte“,166 da Renan am 2. Oktober 1892
verstarb.
Kurze Zeit darauf richtete Notovitch bezüglich der bud-
dhistischen Lebensbeschreibung Jesu an Simon einen Brief,
doch hätte dieser es ihm selbst überlassen, über ihre Veröffent-
lichung zu entscheiden.167 Daraufhin faßte Notovitch den
Entschluß zur Herausgabe seines „Fundes“. Zunächst brachte
er Ordnung in seine Aufzeichnungen, versah sie dann mit
erklärenden Noten und brachte das Werk im Frühjahr 1894
in Paris heraus.168 Das Buch La vie inconnue de Jésus-Christ
hat also erst in der Zeit von Oktober 1892 bis zum Frühjahr
1894 in Paris seine heute vorliegende Gestalt erhalten. Die
im Vorwort erwähnten Personen, die das Manuskript bereits
vor der Veröffentlichung gesehen hätten, waren zu diesem
Zeitpunkt bis auf Simon alle verstorben, weshalb sie zu Noto-
vitchs Aussagen nicht mehr Stellung nehmen konnten.
Dafür wurde aber schon bald aufgrund innerer Kriterien
der Nachweis geführt, daß der von Notovitch vorgelegte
Text „Das Leben des Heiligen Issa“ eine Fälschung ist.169

166 Ibid., Seite 6.


167 Vgl. ibid.
168 Vgl. ibid.
169 Vgl. oben Anm. 2 und Norbert Klatt, „Das Buch ‚Die Lücke
im Leben Jesu‘. Die Fälschung einer Quelle durch Nikolaus
Notovitch“, in Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle
66
Insbesondere wurde darauf hingewiesen, daß der in Vers V,
3-4 genannte Jagannath-Tempel erst im Jahre 1198 [Link].
erbaut und daß die in Vers V, 14 von Jesus abgelehnte Tri-
mûrti-Lehre, nach der Schiva, Vischnu und Brahmâ drei Er-
scheinungsweisen einer einzigen Gottheit seien, erst von der
mittelalterlichen indischen Philosophie entwickelt wurde.
Doch ungeachtet des Nachweises der Fälschung wird das Er-
kenntnisstreben wohl erst dann vollkommen befriedigt sein,
wenn auch ihre möglichen Quellen und die auf sie eingewirk-
ten Ideen aufgewiesen sind.
Nun verweist Notovitch in der im Jahre 1900 erschie-
nenen Ausgabe seines Werkes La vie inconnue de Jésus-Christ
selbst auf zwei Publikationen, in denen der Gedanke, daß
Jesus in Indien studierte, ausdrücklich erwähnt ist.170 Zu-
nächst nannte er Louis Jacolliot (1837-1890), der in seiner
Abhandlung La bible dans l’Inde die Auffassung äußerte,
daß Jesus die indische Weisheit in Ägypten studiert habe,
wobei er zugleich hinzufügte: „Vielleicht sogar in Indien“.171

für Weltanschauungsfragen, 47 (Stuttgart 1984), Seite 346-


348.
170 Vgl. Notovitch, La vie inconnue de Jésus-Christ (wie Anm.
51), Seite XXIX.
171 Jacolliot, La bible dans l’Inde. Vie de Jezeus Christna. Paris
1868. Nouvelle édition, Paris [ca. 1890], Seite 348: „Et la
vérité est que le Christ, pendant cette période de temps, étudia
en Egypte, peut-être même dans l’Inde.“
67
Daß der letztere Gedanke in Indien selbst Verbreitung ge-
funden hatte, ist dem ebenfalls von Notovitch erwähnten
Werk Du brahmanisme et de ses rapports avec le judaïsme et
le christianisme des katholischen Bischofs von Pondichéry,
Franciscus Joannes Maria Laouenan (1822-1892), zu entneh-
men, denn Indien wurde vielfach im vergangenen Jahrhundert
nicht nur von Indern als die Wiege aller höheren Kultur und
Religion betrachtet. Diese Anschauung gibt Laouenan zu-
sammenfassend mit folgenden Worten wieder:

Die Magier aus Ägypten, die Weisen aus


Griechenland, die Philosophen und die Gesetz-
geber aller Völker, Moses und sogar Jesus
Christus selbst seien der Reihe nach gekom-
men, um in der Schule der Brahmanen die
Lehren und die Wissenschaften zu lernen, die
seit dem ältesten Altertume in Indien gepflegt
wurden.172

172 Laouenan, Du brahmanisme et de ses rapports avec le ju-


daïsme et le christianisme. Tome premier, orné de deux cartes.
Pondichéry 1884, Seite II: „En un mot, les mages de l’Egypte,
les sages de la Grèce, les philosophes et les législateurs de tous
les peuples, Moïse et Jésus-Christ lui-même, seraient venus
tour-à-tour apprendre à l’école des Brahmes les doctrines et
les sciences qui étaient cultivées dans l’Inde depuis l’antiquité
la plus reculée.“
68
Die Vorstellung, daß Jesus in die Schule der Brahmanen
ging, hat Notovitch nun in seiner „buddhistischen Lebens-
beschreibung Jesu“ ausgestaltet. Daß er diese Idee dem Werk
Laouenans entnommen hat, dürfte durch einen weiteren Ge-
danken des genannten Werkes, der sich ebenfalls bei Noto-
vitch wiederfindet, unterstützt werden. Laouenan berichtet
nämlich in einer Anmerkung von einem protestantischen Geist-
lichen in Calcutta, der die Auffassung vertrat, daß Jesus in
Palästina an einer belebten Karawanenstraße wohnte, wo er
durch Erzählungen von Kaufleuten mit indischen Gedanken
bekannt wurde.173 Nach Notovitchs Darstellung reist Jesus
nun selbst mit diesen Kaufleuten nach Indien.174 Hierzu be-
merkt der Russe in seinem Kommentar:

Man darf annehmen, Jesus Christus habe lie-


ber die Reise nach Indien gewählt erstens dar-
um, weil zu jener Zeit Aegypten selbst einen
Teil der römischen Besitzungen bildete, dann
aber und hauptsächlich deshalb, weil in Judäa
infolge eines sehr lebhaften Handelsverkehrs
mit Indien eine Menge von Erzählungen über
den majestätischen Charakter jenes wunderba-
ren Landes und über dessen unerhörte Reich-

173 Vgl. ibid., Seite VII, Anm.


174 Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30), Seite 104
(Das Leben des Heiligen Issa, IV, 12).
69
tümer an Künsten und Wissenschaften verbrei-
tet waren.175

Dürfte also die Idee, daß Jesus in Indien studierte, unmittel-


bar den beiden oben genannten Werken von Jacolliot und
Laouenan entnommen sein, so hat Notovitch bei der Aus-
gestaltung seiner Fälschung doch auch Aussagen des Alten
und Neuen Testamentes benutzt, was er selbst durch die an-
geführten Bibelstellen seines Kommentars belegt.176 In der
„buddhistischen Jesus-Biographie“ finden sich aber auch Ge-
danken, denen man ein ehrwürdiges Alter nicht zubilligen
kann. Im zwölften Kapitel des Textes „Das Leben des Heili-
gen Issa“ erklärt Jesus z.B. die Frau zu einem universalen
Prinzip, das an Dignität dem göttlichen Urwesen kaum nach-
steht: „Ehret die Frau; denn sie ist die Mutter des Weltalls
und die ganze Wahrheit der göttlichen Schöpfung beruht auf
ihr“.177 Stellt Notovitch damit Jesus als einen mystischen
Feministen vor, so ist der geistesgeschichtliche Ursprung
dieser Idee doch schnell ausgemacht: Die Frauenemanzipa-
tion zum Ende des 19. Jahrhunderts. Im zwölften Kapitel ist
durchgehend eine gewisse Nähe zur gemischten, Männer und
Frauen vereinigende und die Frauenemanzipation fördernde
Freimaurerei spürbar, wie sie sich in der 1893 gegründeten

175 Ibid., Seite 154-155.


176 Vgl. ibid., Seite 179-186.
177 Ibid., Seite 129 (Das Leben des Heiligen Issa, XII, 10).
70
Pariser Loge „Le Droit Humain“ manifestierte. Der Geist
des späten 19. Jahrhunderts weht überhaupt kräftig durch
Notovitchs angeblichen Quellenfund. Dieser bekundet sich
nicht nur in der Grundfrage der Abhängigkeit des Christen-
tums vom Buddhismus - obwohl Notovitch von den vielen
christlich-buddhistischen Parallelen, die zur damaligen Zeit
in der Wissenschaft leidenschaftlich diskutiert wurden, keinen
Gebrauch macht - und in dem Umstand, daß Jesus - streng nach
der Forderung eines geschlossenen naturwissenschaftlichen
Weltbildes - keine Wunder wirkt, sondern auch in einem als
Ablehnung von Götzendienst und Priestertum getarnten Anti-
klerikalismus und in einem Gottesbild, das der neueren Theo-
sophie nahesteht. So ist z.B. der Heilige Issa ein Teil des in
vollkommener Ruhe verharrenden göttlichen Urwesens,178
das Notovitch mal als Brahmâ, mal als (Ur-)Buddha179 be-

178 Ibid., Seite 102 (Das Leben des Heiligen Issa, IV, 2): „Und
der Ewige Geist, welcher sich in einem Zustand vollständiger
Ruhe und höchster Glückseligkeit befand, wachte auf und
trennte sich auf unbestimmte Dauer von seinem Ewigen We-
sen.“
179 Ibid., Seite 89: „Der große Buddha, die Seele des Weltalls,
ist die Inkarnation Brahmas“; ibid., Seite 46: „In der That
hat Buddha mit seinem rein geistigen Wesen Fleisch ange-
nommen in der geheiligten Person Issa.“ Die Beziehung des
großen Buddha (Urbuddha) zu Brahmâ erinnert an jene Syn-
these, wie sie von Madame Blavatsky im Begriff des vor-ve-
dischen Buddhismus oder Brahmanismus vorgestellt wird;
71
zeichnet, weshalb er auch vom „Buddha Issa“180 sprechen
kann. Selbst die Reise Jesu nach Indien entspricht theosophi-
scher Anschauung: Sie ist Symbol der Einweihung. „Die Rei-
se nach Indien“, so lehrte schon die Theosophin Helena Pe-
trowna Blavatsky (1831-1891), „stellt sinnbildlich die Prü-
fungen eines Neophyten dar“.181 Entsprechend dieser Auf-
fassung wird Jesus auf seiner Reise nach Indien als Lernen-
der, auf seiner Rückreise als Lehrender dargestellt. Bud-
dhistische oder allgemein indische Gedanken sind jedoch,
abgesehen von einigen Anklängen in dem von Notovitch
vorgestellten Gottesbild, in der „buddhistischen Jesus-Bio-

Blavatsky, Isis entschleiert. Ein Meisterschlüssel zu den Ge-


heimnissen alter und neuer Wissenschaft und Theologie. Aus
der VI. englischen Auflage ins Deutsche übertragen von A. K.
und R. W. Den Haag o. J. [1974]. Zweiter Band: Theologie,
Seite 142: „Wenn wir den Ausdruck ‘Buddhisten’ gebrauchen,
dann wollen wir damit weder den exoterischen Buddhismus,
gelehrt von den Nachfolgern Gautama-Buddha, noch die mo-
derne buddhistische Religion verstanden wissen, sondern die
Geheimphilosophie des Sakyamuni, die ihrem Wesen nach mit
der alten Weisheits-Religion des Heiligtums, dem Vor-Wedi-
schen Brahmanismus identisch ist.“
180 Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30), Sei-te
89: „Unter diesen Manuskripten befinden sich auch Beschrei-
bungen des Lebens sowie der Thaten des Buddha Issa, der in
Indien und bei den Kindern Israels die heilige Lehre predigte.“
181 Blavatsky, Isis entschleiert (wie Anm. 179), Erster Band:
Wissenschaft, Seite 19.
72
graphie“ nicht zu finden. Überhaupt zeigt Jesus nach ihr wenig
Verständnis für die indische Kultur und Religiosität, so z.B.
wenn er in seiner Auseinandersetzung mit den Brahmanen den
göttlichen Ursprung der Veden und der Puranâs leugnet und
wenn er das Kastenwesen mit alttestamentlichen Sprüchen
und der jüdisch-christlichen Vorstellung eines „Vater-Gottes“
bekämpft.182 Jesus nimmt keinen indischen Gedanken auf,
sondern verkündigt in Indien die Lehre der jüdischen Reli-
gion. Sie ist die tragende Grundlage der „buddhistischen Je-
sus-Biographie“, weshalb es auch nicht erstaunlich ist, daß
der im 19. Jahrhundert zur Abwehr des Antisemitismus in
jüdischen Kreisen gehegte Gedanke, daß Jesus nicht durch
die Juden, sondern durch die Römer zum Tode verurteilt wur-
de,183 in diese „Biographie“ eingeflossen ist.

182 Vgl. Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30),
Seite 105-108 (Das Leben des Heiligen Issa, V, 5-27).
183 Ibid., Seite 135 (Das Leben des Heiligen Issa, XIII, 24-25):
„Nachdem die Richter sich unter einander beraten hatten,
sagten sie zu Pilatus: ‘Wir werden nicht die Verantwortlichkeit
auf unsere Häupter nehmen für die große Sünde, einen Un-
schuldigen zu verurteilen und zwei Räuber frei zu sprechen,
was unseren Gesetzen entgegen ist. // Thue daher das, was dir
gefallen wird.’ Nachdem die Priester und die gelehrten Greise
so gesagt, gingen sie hinaus und wuschen sich die Hände
in einem heiligen Gefässe, indem sie sprachen: ‘Wir sind
unschuldig am Tode des Gerechten’.“ Für die im wesentlichen
gleiche Auffassung siehe auch das 1894 erschienene Werk
73
Die in Notovitchs angeblichem Quellenfund wirksamen
Ideen zeigen, daß sein Ursprungsort wohl eher in Paris als in
Indien, Tibet oder Ladakh zu suchen ist. Mit der Lokalisierung
des Fundes in Ladakh aber greift der Russe einen beliebten
theosophischen Brauch auf, da Tibet, zu dem auch Ladakh
gerechnet wird, den Theosophen als das unzugängliche mysti-
sche Land gilt, aus dem geheimnisvolle Meister durch medial-
begabte Menschen ihre Botschaften senden. Notovitch ist je-
doch nicht genötigt, da er Ladakh persönlich besuchte, den
Dienst der mystischen Meister in Anspruch zu nehmen. Er
konnte seinem „Quellenfund“ mit der Nennung des von ihm
besuchten Klosters Hemis vielmehr einen seriösen Ursprung
zusprechen.

Romains et Juifs. Étude critique sur les rapports publics et


privés qui ont existé entre les Romains et les Juifs jusqu’à la
prise de Jérusalem par Titus. Paris 1894, von L. K. Amitai
(Pseudonym für Lehmann Kahn), insbesondere die Seiten 58-
63. Über die Reaktion der jüdischen in Paris herausgegebenen
Zeitung Vraie Parole auf das Erscheinen von Notovitchs Buch
schreibt Chanoine Gombault unter dem Titel „Christianisme
et Bouddhisme“, in Revue de Lille, 22, 1910-1911, Seite 1010:
„Cela dit, le journal juif exprime l’espoir de voir paraître un
nouvel évangile qui sera juif, celui-là. Il ajoute ces lignes: ‚Si
je m’appelais le baron de Rothschild, j’acquerrais la propriété
du livre de M. Notovitch, et le répandrais en une dizaine
de millions d’exemplaires dans tous les pays chrétiens‘.“
74
Obgleich Notovitchs Bericht über seinen zweiten Auf-
enthalt im Kloster Hemis durch den Abt als unwahr zurück-
gewiesen wurde, so ist damit keineswegs ausgeschlossen, daß
trotzdem eine reale Beziehung zwischen Ladakh und der
„buddhistischen Jesus-Biographie“ bestehen könnte. Es fällt
nämlich auf, daß - nach Notovitch - die vom Abt des Klosters
Hemis vorgelesene Lebensbeschreibung Jesu, „diese merk-
würdige Urkunde ... in Form von einzelnen Versen abgefaßt
[ist], die sich sehr oft nicht an einander anschließen“.184 Die-
se Beschreibung des „Quellenfundes“ läßt die Annahme plau-
sibel erscheinen, daß der Russe während seines Aufenthaltes
in Ladakh vereinzelte in Umlauf befindliche Bibelsprüche in
tibetischer Sprache zu sehen bekam. Der sprachbegabte Herrn-
huter Missionar Heinrich August Jäschke (1817-1883) hatte
nämlich in den Jahren 1857-1868 leicht verständliche Stellen
aus den Evangelien, den Hebräerbrief und einige historische
Bücher des Alten Testamentes in die tibetische Sprache über-
tragen, die in Kyelang (Keylong) gedruckt und anschließend
im Lande verbreitet wurden. Über diese Wirksamkeit der
Herrnhuter Missionare weiß G. Th. Reichelt zu berichten:

daß die treu arbeitenden und geduldig aus-


harrenden Missionare nicht nur drei kleine
Gemeinen gesammelt, sondern auch durch
Verbreitung von Tausenden von Schriftteilen

184 Notovitch, Die Lücke im Leben Jesu (wie Anm. 30), Seite 95.
75
und christlichen Schriften fast in ganz Tibet,
unter einer meistens des Lesens kundigen Be-
völkerung, den Samen des Evangeliums aus-
185
gestreut haben.

Es wäre also durchaus denkbar, daß dem Journalisten Noto-


vitch solche in tibetischer Sprache gedruckte und verbreitete
Schriften in die Hände gefallen sind - vielleicht befanden sich
sogar einige unter den amüsanten Papieren Suradschbals -,
die somit die einzigen realen Verbindungsglieder wären, die
die „buddhistische Lebensbeschreibung Jesu“ mit Ladakh ver-
binden. Doch führen die von den Herrnhuter Missionaren ver-
breiteten Schriften keineswegs zu jenem Text, den Notovitch
unter dem Titel „Das Leben des Heiligen Issa“ herausgab.
Sollte Notovitch in tibetischer Sprache gedruckte Bibelverse
benutzt haben, dann wohl eher im Sinne einer Inspiration,
die seine schlummernde literarische Neigung weckte und ein
Werk entstehen ließ, das, obwohl eine Fälschung, die durch
und durch den Geist des späten 19. Jahrhunderts atmet, bis
heute auf einzelne Autoren in Ost und West eine verzaubernde
Faszination auszuüben vermag, ein Umstand, an dem sich
wahrscheinlich auch in Zukunft wohl kaum etwas ändern
wird.

185 G. Th. Reichelt, Die Himalaya-Mission der Brüdergemeine


(wie Anm. 124), Seite 83.
76
Bildnachweis

Seite IV: Photographie von Nikolaus Notovitch, entnommen


seinem Buch: The Unknown Life of Christ. Translated from
the French by Violet Crispe. London 1895.

Das könnte Ihnen auch gefallen