Beständigkeit der Einsicht.
Würde ihm nun die Frage vorgelegt, ob seine
Erkenntnis: A größer als B, auch gewiß, d. h. von Bestand sei, so würde
er prüfen, ob er flüchtig oder genau hingesehen hatte, und mit dieser
Beziehungseinsicht begründen, daß A wirklich größer als B sei. Die
Gewißheit bestände hier also in einer zweiten Beziehungserfassung, die
sich auf die Art und Weise, wie die erste gewonnen wurde, erstreckt.
Die fortschreitende Erfahrung lehrt noch andere Umstände kennen,
durch welche die Zuverlässigkeit einer Beziehungserfassung in Frage
gestellt werden kann. Sind solche Hindernisse einer zuverlässigen
Erkenntnis nicht zu entdecken, so herrscht wieder Gewißheit.
Erkenntnistheoretische Überlegungen werfen erst später das Problem
auf, ob denn die Dauerhaftigkeit einer Einsicht deren absolute
Richtigkeit verbürge; es wäre ja möglich, daß die bisher für gewiß
gehaltene Einsicht, nämlich die unmittelbare und ungehindert vollzogene
Beziehungserfassung, zwar die beste Erkenntnis sei, die uns Menschen
möglich ist, aber keine Gewähr biete, der absoluten Wirklichkeit zu
entsprechen. Mit andern Worten, die Zurückführung einer Erkenntnis
auf eine unmittelbare, ungestörte Beziehungserfassung gebe zwar eine
natürliche, aber keine philosophische Gewißheit. Dieses Problem ist
durch erkenntnistheoretische Erwägungen zu lösen, deren Ergebnis
entweder zur Ergänzung der natürlichen durch die philosophische
Gewißheit oder zum Verzicht auf letztere führt.
Die Gewißheit besteht nach dem Gesagten in neuen
Sachverhaltserfassungen über die Art und Weise, wie dieser als gewiß
zu beurteilende Sachverhalt selbst erkannt wurde. Die Gewißheit kann
sich darum steigern, zwar nicht als Einsicht; denn Einsichten sind
entweder vorhanden oder nicht vorhanden, wohl aber hinsichtlich der
Begründung dieser Einsicht. Die Einsicht, daß wir uns nicht geirrt
haben, pflegt aber auch von +Gefühlen+ begleitet zu sein, von Lust-
und Tätigkeitsgefühlen, wie sie den Wanderer überkommen, der sich
davon überzeugt, daß er den rechten Weg eingeschlagen. Diese Gefühle
lassen nun eine erhebliche Steigerung zu, und an sie denken wir
zumeist, wenn wir von Gewißheit sprechen.
Wo immer die gleichen oder verwandte Sachverhalte erfaßt werden,
kürzt sich auf die Dauer dieser Prozeß ab. Wie das geschieht, wurde
oben dargestellt (S. 178). Hier dürften namentlich die +Kriterien+
eine bedeutende Rolle spielen. Das rasche und klare Auftreten einer
Einsicht wird uns z. B. zum Kriterium dafür, daß alle Bedingungen
für eine sichere Erkenntnis erfüllt waren. An das Wissen darüber,
vielleicht auch an diese Kriterien selbst können sich nun assoziativ
die Träger des Gewißheitsgefühles anschließen und so bisweilen eine
subjektive Sicherheit erzeugen, über die man im einzelnen nur schwer
Rechenschaft ablegen kann.
6. Kap. Das schlußfolgernde Denken
Nachdem sich uns der lang verborgene Vorgang des naturgemäßen
Schlußfolgerns enthüllt hat, ist es auch klar geworden, daß die
psychologische Erörterung dieses Prozesses nicht mit der Besprechung
des Syllogismus anheben darf. Der Syllogismus ist ein Kunstprodukt und
verlangt ein sehr eindringliches Studium und feinste Selbstbeobachtung,
um das in ihm verhüllte psychologische Rätsel zu lösen. Nur das eine
offenbart er uns leicht, was ein Schluß zu +leisten+ hat: aus schon
vorhandenem Wissen wird ohne Zuhilfenahme der Wahrnehmung ein neues
Wissen erschlossen. Damit ist der Weg für die experimentelle Forschung
gewiesen: man veranlasse die Vpn, in freier Weise aus ihrem bisherigen
Wissen zu neuen Einsichten zu gelangen. Die mannigfaltigsten Aufgaben
mußten durchprobiert, aus der Fülle der Erlebnisse mußten alle rein
reproduktiven Vorgänge ausgeschieden werden, bis man endlich zu der
unter Vorstellungen und Gefühlen ganz vergrabenen Seele des Prozesses
vordrang. So ergab sich denn folgendes.
Der naturgemäße Schluß läßt sich als +eine Beziehungserfassung an
gewußten Sachverhalten+ definieren. Er ist somit kein Elementarvorgang,
sondern setzt sich aus den schon bekannten Erscheinungen des
Relationswissens und der Relationserfassung zusammen. Das
Vermittelte, Abgeleitete des Schlusses beruht darin, daß die neue
Beziehungserfassung an dem schon vorhandenen Wissen erfolgt. Seine
einfachste Form ist etwa in folgendem Beispiel erkennbar: A liegt über
B, das weiß ich, und ich erfasse neu daran: also B unter A. Auf dieses
Schema lassen sich alle schlußmäßig gewonnenen Erkenntnisfortschritte,
auch die innerhalb verwickelter Aufgaben, zurückführen. Dabei kann
man füglich drei Hauptarten unterscheiden, in denen der naturgemäße
Schluß auftritt. Erstens: der gewußte Sachverhalt wird anschaulich
dargestellt, und an dieser anschaulichen Darstellung wird wie an einer
Wahrnehmung eine neue Beziehung erfaßt. A über B wird etwa wie auf
einer Tafel geschrieben gesehen, und an diesem inneren Bilde wird dann
abgelesen: B unter A. Dieselbe Beziehung kann aber auch ohne jede
Veranschaulichung rein begrifflich erfaßt werden. Und drittens kann
sich rein assoziativ an den ersten Satz bzw. an das „oberhalb“ das
„unterhalb“ anschließen und als richtige Folgerung erkannt werden.
Namentlich diese dritte Art ist sehr häufig. Es bewahrheitet sich bei
ihr das Dichterwort von der „gebildeten Sprache, die für uns dichtet
und denkt“. Aber gerade in solchen Fällen wird unter den günstigen
Bedingungen des Experimentes bisweilen handgreiflich deutlich, daß
der Schlußakt etwas anderes ist als die einfache assoziative Folge
von Subjekt und Prädikat. Ist nämlich die Beziehungserfassung „ist
gleich“ nicht erfolgt, dann erscheint die rein assoziativ dargebotene
Ergänzung wie ein Lösungsvorschlag, der erst geprüft werden muß, und
aus der Schlußaufgabe wird ein Begründungsvorgang.
Der Schlußvorgang kann auch folgendermaßen beschrieben werden:
Wissensmäßig ist uns ein Sachverhalt gegeben. Dieser Sachverhalt
besitzt eine weitere Seite, die bisher noch nicht beachtet wurde.
Ich weiß z. B., mein Freund A hat die Gicht. Mit dem Sachverhalt
„Gicht haben“ ist aber der andere „mürrisch sein“ verbunden,
doch habe ich bis jetzt nicht darauf geachtet. Jetzt fällt mein
beziehendes Blicken auf diese neue Seite des Sachverhaltes „A ist
gichtig“, und ich erkenne: A ist mürrisch. So angesehen, lassen sich
zwei Hauptfälle unterscheiden: Die neue Seite des Sachverhaltes
ist entweder von vorneherein dem Bewußtsein gegeben, nur ist die
Beziehung zwischen dem Ausgangspunkt und dieser anderen Seite noch
nicht erfaßt, oder die neue Seite des Sachverhaltes entfaltet sich
erst während des Denkens. Beidemal kann der Sachverhalt anschaulich
oder auch begrifflich gegeben sein. Im ersteren Fall nähert sich
die Schlußfolgerung der einfachen Wahrnehmung, im letzteren Fall
verschwindet sie häufig fast ganz hinter dem inneren Sprechen.
Zudem kann die eigentliche Seele des Schlusses, die neugewonnene
Beziehungserkenntnis, dadurch noch mehr zurücktreten, daß die
Blickrichtung schon von vorneherein festgelegt ist, so wenn ich
mich frage: was haben wir von der gegenwärtigen Lage zu erwarten?
In dieser Einstellung ist schon das Schema „A ist ...“ angelegt. Es
braucht nur noch durch eine neu auftauchende Seite des Sachverhaltes
ausgefüllt zu werden. Darum fällt auch der Nachdruck des Erlebnisses
auf die Reproduktion dieser neuen Seite und nicht auf die Erfassung
der Beziehung, obwohl ohne diese von einem Erkenntnisfortschritt
nicht die Rede sein kann.
Die zuletzt beschriebenen Fälle des in Worte gekleideten Denkens
hat die Gelegenheitsbeobachtung schon herausgegriffen, als sie die
Behauptung aufstellte: wir denken in Enthymemen. Die experimentelle
Beobachtung mußte demgegenüber nachweisen, daß das Enthymem nur
+eine+ der verschiedenen Schlußweisen ist. Übrigens vermochte die
Heraushebung solcher enthymemartiger Schlüsse noch kein rechtes Bild
von dem Wesen des Schlußvorganges zu vermitteln. Denn einerseits hat
sie den wichtigsten Teil des Prozesses, eben die Beziehungserfassung,
nicht ans Licht gezogen, anderseits legte sie unverdienten Nachdruck
auf das „also“. Logische Erwägungen und die Art der Darstellung der
Schlüsse ließen bisher glauben, im Vordergrunde des Schlußerlebens
stehe die Betonung des Zusammenhanges zwischen der Ausgangs- und der
Schlußerkenntnis. Dem ist aber keineswegs so, wie das Experiment
gezeigt hat. Das Wichtigste ist für den Erlebenden die neue
Erkenntnis selbst. Erst wenn er an ihrer Richtigkeit zweifelt oder
wenn er sie für einen anderen begründen will, wird das „also“,
wird der innere Zusammenhang zwischen Voraussetzung und Folgerung
hervorgehoben. Die logische Richtigkeit ist beim naturgemäßen
Schließen überhaupt eine spätere Sorge. Das zeigt sich namentlich bei
den Zusammenhangsrelationen. Wir schließen da in der Regel auf das
(alleinige) Bestehen jenes Zusammenhanges, der sich uns gerade dank
der Konstellation anbietet. So folgert man etwa aus dem Satz „A ist
Schwager“: also hat er eine verheiratete Schwester.
Es bedingt nun gar keinen Unterschied, ob der Ausgangssachverhalt
durch einen oder mehrere Sätze (oder Wahrnehmungen) beschafft wird.
Zwischen der sog. unmittelbaren Folgerung A über B, also B unter A,
und der mittelbaren Folgerung A über C, C über B, also B unter A,
besteht gar kein Wesensunterschied. Beidemal wird ein Sachverhalt in
unser Wissen eingeführt, und an dem so gewonnenen Sachverhaltswissen
wird eine neue Beziehung erfaßt. Ähnlich verhält es sich mit dem
regelrechten +Syllogismus+ der Logik. Auch seine Prämissen dienen nur
dazu, den Gesamtsachverhalt vorzulegen. Das syllogistische Schließen
unterscheidet sich von dem naturgemäßen auf doppelte Weise. Hier ist
häufig der Gesamtsachverhalt von Anfang an noch nicht gegeben, die
neue Seite des Sachverhaltes, auf die sich das beziehende Blicken
richtet, ist noch nicht entfaltet, und es bleibt oft der zufälligen
Konstellation anheimgegeben, welche der verschiedenen Seiten des
Sachverhaltes sich darbieten werden. Dieser Zufälligkeit beugt der
Syllogismus vor, indem er durch einen der Vordersätze gerade jene
Seite des Sachverhaltes bewußt macht, auf die der Schluß gehen soll.
Außerdem wird die Beziehungsrichtung durch die begünstigte Stellung
von S und P vorbereitet. Es kann nun auch beim Syllogismus der Schluß
vermittels einer Beziehungserfassung an einem anschaulich gegebenen
Gesamtsachverhalt gewonnen werden, oder es können die begrifflichen
Beziehungen im Vordergrunde stehen, oder es kann die sprachliche
Form besonders betont sein. Daraus ergeben sich mannigfache, aber
ziemlich gesetzmäßig sich bildende Variationen, die hier im einzelnen
nicht aufgezählt werden können. Doch sei noch folgende lehrreiche
Beobachtung erwähnt: Man kann an Hand der wohlverstandenen Prämissen
zu dem Schlußergebnis gelangen, ohne den oben geschilderten Prozeß
durchzumachen. Die Beobachter erklären in solchen Fällen einhellig,
sie hätten kein Schlußerlebnis gehabt. Wenn nämlich der Mittelbegriff
infolge des Obersatzes prägnant wird, wenn z. B. in dem bekannten
Syllogismus von dem sterblichen Menschen das Wort Mensch im Untersatz
„Cajus ist ein Mensch“ sich schon mit der Bedeutung „sterblich“
versehen darbietet, wird die Sterblichkeit des Cajus ohne jene neue
Beziehungserfassung erkannt, in der wir die Seele des Syllogismus und
des Schlusses überhaupt erblicken.
Verwandt mit dem Schließen ist das +Begründen+. Nur ist hier das
Ziel der Denkarbeit in dem zu ermittelnden Sachverhalt schon
gegeben. Der Begründungsvorgang verläuft nun im allgemeinen so, daß
der Denkende durch eine Analyse des Sachverhaltes zu einem anderen,
sicher feststehenden Sachverhalt vorzudringen sucht, von dem aus
er durch einen eigentlichen Schluß den zu begründenden Sachverhalt
wiedergewinnt. Ähnlich wie bei dem Schlußprozeß das „also“, tritt hier
das „denn“ in den Hintergrund.
Literatur
G. +Störring+, Experim. Untersuchungen über einfache Schlußprozesse.
ArPs 11, 1908.
J. +Lindworsky+, Das schlußfolgernde Denken. 1916.
7. Kap. Das produktive Denken
Unter produktivem Denken verstehen wir hier ganz allgemein das Denken
im Dienste bestimmter Aufgaben. Solches Denken ist ganz wesentlich eine
Willenshandlung und muß unter diesem Gesichtspunkt später noch eigens
betrachtet werden. Hier berücksichtigen wir nur die Erkenntnisvorgänge.
Früher glaubte man, eine gestellte Aufgabe lasse alle möglichen mit
dem Aufgabewort assoziierten Vorstellungen auftauchen; man ginge
dann die einzelnen Vorstellungen durch, verwerfe die unpassenden und
greife die passende heraus. Nun hat aber +Selz+ gezeigt, daß von
einer solchen diffusen Vorstellungsreproduktion keine Rede sein kann.
Nicht unzusammenhängende Einzelvorstellungen tauchen auf, sondern das
methodische Verfahren, das wir zur Lösung der Aufgabe früher erlernt
haben, wird uns bewußt. Die Vorstellung des Verfahrens wirkt nun als
antizipierendes Schema und liefert uns gleichfalls keine diffusen,
sondern nur die mit ihm einen Komplex bildenden sachdienlichen
Vorstellungen. Sie werden mit der Aufgabe verglichen, und wenn durch
eine Beziehungserfassung ihre Übereinstimmung mit der Aufgabe erkannt
ist, werden sie angenommen, andernfalls wird methodisch weiter gesucht.
Wir fanden diese Ergebnisse auf einem von +Selz+ nicht untersuchten
Gebiet bestätigt. Unseren Vpn war die Aufgabe gestellt, Vergleiche
zu finden, z. B. was läßt sich mit einem Bügeleisen vergleichen?
Es drängen sich nun keineswegs alle möglichen mit „Bügeleisen“
assoziierten Vorstellungen auf, sondern die Vpn fragen sich in der
Regel: was tut das Bügeleisen? Sie abstrahieren also einen bestimmten
Sachverhalt, z. B. den des Glättens. Dieser Zug dient nun als
antizipierendes Schema für eine weitere Komplexergänzung: was glättet
auch? Der Komplex ergänzt sich etwa durch die Vorstellung: sanfte Worte.
Allgemein gesprochen handelt es sich also bei der Lösung von Aufgaben
darum, Ziel und Mittel zusammen zu bringen. O. +Selz+ unterscheidet
hier vier mögliche Fälle. 1) Das zu erreichende Ziel und die zum Ziel
führenden Mittel können dem Denker bekannt und gegenwärtig sein.
Weiß er außerdem noch die Zuordnung jener Mittel im allgemeinen
zu dieser bestimmten Art von Zielen, so braucht er einfach diese
anzuwenden. Ein Beispiel: Sind vielstellige Zahlen zu multiplizieren,
so braucht man sich nur an den Sachverhalt zu erinnern, daß eine
bestimmte logarithmische Rechnungsweise zum Ziel führt und sich jenes
Verfahren selbst wieder zu vergegenwärtigen und anzuwenden. Es sind
also in der Hauptsache Sachverhalts-, d. h. Komplexreproduktionen
(S. 173), die hier in Frage kommen. 2) Ist das Ziel gegeben, ein
zweckdienliches Mittel jedoch noch nicht bekannt, so werden ebenfalls
vermittels Komplexreproduktionen mannigfache Mittel ins Gedächtnis
gerufen, die allenfalls in Frage kommen könnten, und diese werden
einzeln auf ihre Tauglichkeit geprüft. So hätte man sich etwa zu
fragen: sind Logarithmen zur Addition verwendbar? Hier muß also zur
Reproduktion noch die Beziehungserfassung der Geeignetheit, wohl
zumeist eine Erfassung der Gleichheit, hinzutreten. Dabei wird häufig
ein Schlußprozeß eingreifen. Jedes Mittel stellt nämlich für uns
einen Sachverhalt dar. Zeigt sich nun dieser Sachverhalt von einer
Seite, die für unsere Zwecke wertlos ist, so verwerfen wir es als
ungeeignet. Durch schlußfolgerndes Denken entdecken wir aber unter
Umständen an diesem Sachverhalt eine neue Beziehung, wie wir sie
brauchen, und anerkennen nun das Mittel als das erwünschte. Wir suchen
z. B. nach einem Werkzeug, das uns die Dienste einer Zange leistet.
Wir finden eine Schere. Ihre Geeignetheit zum Schneiden befriedigt
uns nicht. Da entdecken wir, daß sie, quergestellt, zum Packen und
Heben verwendbar sei, und sind so zum Ziele gelangt. Es befreit uns
also der Schluß aus den Fesseln der Assoziationen, wenngleich sein
Zustandekommen gar häufig auch von assoziativen Bedingungen abhängt.
3) Birgt aber unser Gedächtnis kein taugliches Mittel, so sind wir auf
die Gnade des Zufalls angewiesen. Dank der Determination zur Lösung
der uns vorschwebenden Aufgabe, von der bei den Willenshandlungen
noch die Rede sein wird, bleiben wir nämlich auf das Entdecken eines
geeigneten Mittels eingestellt und richten gleichsam an alle Dinge,
die uns begegnen, die Frage, ob sie nicht für unsere Zwecke verwendbar
seien. Der weitere Verlauf ist derselbe wie im vorigen Falle: entweder
wir erkennen die Untauglichkeit des Mittels oder wir entdecken durch
unmittelbare oder mittelbare Beziehungserfassung seine Brauchbarkeit
und rufen erfreut unser Heureka. 4) Endlich kann uns ein Mittel und
sein Erfolg als etwas Tatsächliches, aber von uns nicht Erstrebtes
zufällig dargeboten werden. So bemüht sich der Primitive, ein Tongefäß
in einem geflochtenen Korb zu formen, der Korb aber hinterläßt
ornamental wirkende Eindrücke in der Tonmasse. Eine dreifache
Relationserfassung wird hier das schöpferische Denken ausmachen:
die regelmäßigen Eindrücke müssen als die Ursache des ästhetischen
Genusses, der Korb als Ursache der Toneindrücke und die Erzeugung
solcher Eindrücke als ein mögliches Ziel eigener Tätigkeit erkannt
werden.
Komplexergänzung, Beziehungserfassung und Willensvorgänge sind die drei
Faktoren, die in das produktive Denken Richtung, Ordnung und Abkürzung
hineinbringen. Wollte man es ohne die beiden letzten Faktoren oder gar
einzig und allein mit Elementarassoziationen begreifen, so wäre das
ein ebenso aussichtsloses Beginnen, wie wenn man Goethes Faust aus
blindlings hingeworfenen Buchstaben zu erhalten hoffte.
Aus dem bisher Gesagten können wir leicht zwei Arten der Begabung
für das produktive Denken ableiten: die Begabung zum +Entdecken+ und
die zum +Erfinden+. Am vorgegebenen Inhalt müssen Beziehungen erfaßt
werden, das ist die Sache des Entdeckers; das nur wenig bestimmte
antizipierende Schema muß sich leicht mit einem bestimmteren Inhalt
füllen, das ist die Begabung des Erfinders. Man wird aber die
Befähigung des Entdeckers nicht im Gegensatz zu der des Erfinders auf
dem Gebiet des „Intellektes“, d. h. der Beziehungserfassung selbst
zu suchen haben. Soweit mein Beobachtungsmaterial reicht, beruht
die Entdeckergabe nicht so sehr darauf, daß man an +zwei+ schon
vorliegenden Inhalten Beziehungen erfaßt, als vielmehr darauf, daß der
eine gegenwärtige Inhalt leicht einen zweiten verwandten ins Bewußtsein
ruft, anders gesagt: daß die allgemeineren Züge eines gegebenen
Vorstellungsinhaltes leicht die eines anderen Vorstellungskomplexes
miterregen. Die Beziehungserfassung folgt dann nach und vollendet die
Entdeckung. -- Die Absicht und die Einstellung zu erfinden oder zu
entdecken ist für den Erfolg von höchster Bedeutung und kann bis zu
einem gewissen Grad die Begabung ersetzen. Aber nur selten wird sich
ohne diese Begabung Erfinderfreude und Entdeckereinstellung ausbilden.
Literatur
O. +Selz+, Zur Psychologie des produktiven Denkens und des Irrtums.
1922.
J. +Lindworsky+, Vorzüge und Mängel bei der Lösung von Denkaufgaben.
ZaPs 18 (1921).
8. Kap. Urteil, Annahme und Frage
1. Das Urteil
Der seelische Vorgang beim Urteilen ist noch keineswegs mit Sicherheit
erkannt. Man hat in den psychophysischen Experimenten die Vpn immer
und immer wieder urteilen lassen, freilich ohne den Urteilsvorgang
als solchen zum Gegenstand der rückschauenden Beobachtung zu
machen, aber auch als Nebenresultat haben diese Versuche für das
psychologische Wesen des Urteils kaum einen Ertrag gehabt. Die
Untersuchung +Marbes+ jedoch, die unmittelbar dem Urteil als solchem
gewidmet war und zum erstenmal die systematische Selbstbeobachtung
darauf anwendete, scheiterte an der allzuweiten Bestimmung des
Gegenstandes: jeder psychische Vorgang, auf den das Prädikat richtig
oder falsch sinngemäß anwendbar sei, sollte als Urteil gelten. Das
mußte notwendig zu +Marbes+ Ergebnis führen: es gibt kein für das
Urteil charakteristisches Erlebnis. Überdies fehlte es den Vpn +Marbes+
damals noch an der erforderlichen Schulung in der Selbstbeobachtung
für diese überaus schwierige Aufgabe. Ergebnisreicher war eine Arbeit
von +Messer+. Sie sicherte den erlebnismäßigen Unterschied des Urteils
von jeder rein assoziativ bedingten Wortfolge wie von der attributiven
Beziehung und ließ den aktiven Charakter des Urteils erkennen. Seit
dieser Zeit wurde der Urteilsakt nicht mehr experimentell erforscht, so
daß wir uns einstweilen noch mit einer phänomenologischen Analyse unter
Verwertung anderweitiger experimenteller Ergebnisse behelfen müssen.
Da die Sprachwissenschaft ebenso wie die Logik sich mit dem
Urteil abgeben, erstreckt sich die Bezeichnung „Urteil“ nicht
auf gleichartige Erlebnisse: ein nachgesprochener Satz ist gewiß
eine andere Bewußtseinserscheinung als etwa ein „freventliches
Urteil“. Was hier untersucht werden soll, ist die ausgesprochenste
Erlebnisweise, wie sie in dem „überzeugten“, dem „abschließenden“,
dem sittlich bewertbaren Urteil vorliegt. Von diesen Urteilen
kann nun heute als feststehend gelten, daß sie mehr sind als eine
bloß assoziativ bedingte Wortfolge. Man kann sie ferner weder
als eine Verbindung zweier Vorstellungen, noch als die Zerlegung
einer Gesamtvorstellung in ihre Teile (+Wundt+) auffassen. Wir
verweisen hier auf die scharfe Kritik, die +Franz Brentano+ an
den alten, unzulänglichen Urteilstheorien geübt hat. Das haben ja
auch die Vpn +Messers+ deutlich bekundet, und das ergibt sich aus
der allgemein zugestandenen Tatsache, daß +ein Urteil immer einen
Sachverhalt betrifft+. Auch die Impersonalien wie „Feuer!“, „es
blitzt“ stellen uns nicht Vorstellungen bzw. Dinge dar, sondern
eigentliche Sachverhalte: der Vorgang selbst ist ein Sachverhalt und
enthält überdies noch mannigfache Beziehungen, so zu Raum und Zeit:
es blitzt hier, es regnet jetzt. Sachverhalte lassen sich aber,
wie oben gezeigt wurde, bewußtseinsmäßig nicht mit Vorstellungen
allein wiedergeben. Zu einem Urteil gehört somit auf jeden Fall eine
Sachverhalts-, eine Beziehungserkenntnis. Man wollte darum schon
umgekehrt das Urteil der Beziehungserfassung gleichsetzen.
Indes nicht jede Beziehungserfassung kann ein Urteil genannt werden.
Lege ich jemand ein aus verschiedenfarbigen Strichen hergestelltes
Vieleck vor und lasse dessen Regelmäßigkeit beurteilen, so kann auch
die Verschiedenheit der Farben als solche erkannt werden. Wie nun
die Untersuchungen über Haupt- und Nebenaufgaben gelehrt haben, kann
diese zweite Erkenntnis auf den verschiedensten Bewußtseinsstufen
erlangt werden, und zwar auf so tiefen, daß zwar noch eine rechte
Beziehungserfassung vorhanden, aber von dem charakteristischen
Urteilserlebnis keine Spur zu bemerken ist. Anderseits bedarf es zum
Urteil keiner originalen Beziehungs+erfassung+, sondern es genügt
das Verständnis der im Urteil ausgesprochenen Beziehung. Ohne eigene
Einsicht kann ich die Meinung eines anderen zu meinem Urteil machen
oder ein früher gewonnenes Urteil ohne Einblick in seine sachliche
Begründung mit voller Überzeugung von neuem fällen.
Zu der wenigstens verstehenden Kenntnisnahme von einem Sachverhalt
(er heiße „Grundsachverhalt“) tritt aber in einem echten Urteil, wie
schon von altersher bemerkt wurde, eine persönliche Überzeugung oder
wenigstens eine +Gewißheit+ des Urteilenden. Das nur verstehende
Aussprechen eines Satzes ist kein Urteil. Da aber, wie eben bewiesen,
die selbständige Beziehungserfassung auch nicht das Wesen des Urteils
ausmacht, so scheint nichts übrig zu bleiben als die Gewißheit, die
entweder auf eigener Einsicht oder auf fremder Autorität beruht. Wir
haben oben (S. 181 f.) gezeigt, wie Gewißheit zustandekommen und in
welchen Erlebnissen sie bestehen kann. Das alles ist zweifellos beim
echten Urteil vorhanden. Aber ist damit das ganze Urteilserlebnis
erschöpft?
Die experimentelle Untersuchung hebt ein +aktives Moment+ beim Urteil
als besonders charakteristisch hervor. Dasselbe betonen fast alle
Psychologen, die das Wesentliche des Urteils in dem Bejahen und
Verneinen erblicken. Nun liegt ja schon in der Beziehungserfassung
etwas Aktives, und man könnte meinen, die zwar nicht immer, aber doch
häufig beim Urteil auftretenden originalen Beziehungserfassungen
machten, vielleicht im Verein mit dem aktiven Aussprechen, den
Charakter des Urteils aus. Allein Versuche mit Beziehungserfassungen
lehrten, daß der Aktcharakter der Beziehungen unter Umständen
zurücktritt, bisweilen von den Vpn völlig verkannt wird. Er müßte
darum ganz verschwinden bei Urteilen, deren Grundsachverhalt ebenso
wie ihre Gewißheit (Begleitsachverhalt) in einem statischen Wissen
und nicht in einem dynamischen Erfassen gegeben sind. Und was die
Entleihung des aktiven Charakters aus vorhandenen oder intendierten
Sprechmuskelbewegungen betrifft, so lassen sich diese herabsetzen,
ohne daß der aktive Charakter Einbuße leidet. Wir müssen darum nach
weiteren Zügen des Urteilserlebnisses suchen.
Beachtet man, wie sich die Menschen bisweilen für eine bloße
Behauptung ereifern können, so kann man nicht daran zweifeln, daß
für das Zustandekommen eines ausgeprägten Urteils das Wollen von
Bedeutung ist. Was will aber der Urteilende? Unterscheiden wir
vorgreifend das Wollen als ein Lieben und als ein Tunwollen. Das
Objekt des Liebens braucht nicht der Grundsachverhalt zu sein; man
behauptet ja auch sehr unliebsame Grundsachverhalte. Es kann aber
sehr wohl der Begleitsachverhalt sein, nämlich daß wir die Wahrheit
gefunden haben; denn das ist zweifellos ein Wert. Aber auch das
Tunwollen verlangt sein Objekt. Es ist nun ein erstrebenswertes Ziel,
daß andere erfahren und glauben, +daß+ wir die Wahrheit gefunden und
was wir als Wahrheit gefunden. Das naturgemäße Mittel hierzu ist
die sprachliche Äußerung von Grund- und Begleitsachverhalt, wobei
letzterer in der Regel nicht eigens formuliert, sondern nur durch die
Art und Weise, wie wir den Grundsachverhalt aussprechen, kundgegeben
wird. Bezweifelt man die Richtigkeit unserer Aussage, so heben
wir den Begleitsachverhalt eigens hervor oder beweisen ihn. Diese
Momente dürften für Urteile, deren Grund- und Begleitsachverhalt uns
evident erscheint, genügen. Bei andern hingegen, insbesondere bei
Urteilen, die ich auf fremde Autorität hin fälle, vollendet erst der
willkürliche Akt des Zustimmens das eigentliche Urteilserlebnis.
Von diesem Standpunkt aus läßt sich nun mancherlei klar überschauen:
Neben der erkannten Gewißheit gibt es noch eine Sicherheit des
Urteilens. Sie dürfte, abgesehen von den Gefühlsmomenten, die
sich aus der Gewißheit ergeben, wesentlich in der Entschiedenheit
und Unbedingtheit des Wollens liegen. Die verschiedenen Arten des
Urteils, positives, negatives, wahrscheinliches, existenziales und
kategorisches Urteil, wären darnach nicht Abarten des Urteilsaktes,
sondern des Urteilsgegenstandes und darum in der Psychologie nicht zu
erörtern[8]. Allerdings kann sich bei dem negativen Urteil ebensogut
wie bei dem positiven ein Wollen auch auf den Grundsachverhalt
erstrecken und dem Urteilserlebnis noch eine besondere Färbung geben:
„ich habe gesiegt“, „ich bin nicht verloren“. Aber diese Beimischung
hat mit dem Urteilscharakter als solchem nichts zu tun, wie man
sofort erkennt, wenn man die Grundsachverhalte umtauscht: „ich bin
verloren“, „ich habe nicht gesiegt“.
2. Die Annahme
Die Annahme wird häufig mit dem Urteil zusammengebracht, weil sich
ihre äußere Form, der Satz, mit der äußeren Form des Urteils teilweise
deckt. Wir erfassen sie indes wohl gründlicher, wenn wir sie mit der
selbsttätigen Beziehungserkenntnis vergleichen. Die letztere ist
nur möglich an einem vorgegebenen Sachverhalt und bedeutet eben ein
Entdecken einer in einem objektiven Sachverhalt steckenden Beziehung.
Nachdem wir aus solchen Beziehungserfassungen die weitere Beziehung
abstrahiert haben, daß es Beziehungen gibt, welches ihr allgemeines
Schema ist und welches ihre Bestandteile sind, sind wir in der Lage,
in Gedanken Beziehungen herzustellen. Wir brauchen dazu nur bestimmte
Glieder gedanklich in ein beliebiges Verhältnis zueinander zu bringen,
wobei wir uns um die objektive Verwirklichung dieser Beziehungen nicht
kümmern. Die Annahme ist also eine willkürlich in Gedanken hergestellte
Beziehung zwischen beliebigen Gegenständen. Ihren sprachlichen Ausdruck
findet sie in dem abhängigen Aussagesatz.
3. Die Frage
Das psychologische Wesen der Frage bietet nunmehr keine Schwierigkeit.
Die eigentliche Frage ist offenbar der (geäußerte) Wunsch, den
herrschenden Sachverhalt kennen zu lernen. Das gilt für die allgemeine
Frage: Was gibt’s? Dieser Wunsch hat sich in der Sprache eine
charakteristische Ausdrucksform geschaffen und ist mit dieser ebenso
innig verschmolzen wie das Wollen mit dem ausgeprägten Urteil. Wir
stellen aber auch spezielle Fragen: Regnet’s? Diese Art zu fragen
wird uns nur durch die Fähigkeit, Annahmen zu bilden, ermöglicht.
Eine solche bestimmte Frage ist ja nichts anderes als der geäußerte
Wunsch, das Verhältnis des tatsächlich bestehenden zu einem schlicht
angenommenen Sachverhalt kennen zu lernen. Dieser Frage nach dem
Grundsachverhalt tritt die Frage nach dem Begleitsachverhalt:
„Wirklich?“ an die Seite (Überzeugungsfrage).
Wie es scheinbare Urteile gibt, so gibt es auch +scheinbare Fragen+.
In solchen beobachten wir die uns bekannte Verhaltungsweise des
Fragenden, beabsichtigen aber damit nicht den erfragten Sachverhalt
kennen zu lernen, sondern verfolgen andere Zwecke: Der Examinator
will die Beziehung zwischen dem Wissen des Gefragten und dem in der
Frage gemeinten Sachverhalt erfahren; andern dient die Frage dazu,
den Gefragten zu irgendwelchen Reaktionen zu veranlassen.
Literatur
F. +Brentano+, Von der Klassifikation der psychischen Phänomene. 1911.
K. +Bühler+, Die geistige Entwicklung des Kindes³, 1922, S. 341 ff.
Fußnoten:
[8] Damit wird die bekannte Schwierigkeit der negativen Urteile der
Erklärung der negativen Sätze zugeschoben. Die negativen Sätze
lassen sich wohl am einfachsten als der in der Sprachentwicklung
herausgebildete Ausdruck für den Sachverhalt der Andersartigkeit
zwischen einem angenommenen und dem tatsächlich bestehenden
Sachverhalt auffassen.
9. Kap. Die höheren Gedächtnisleistungen
1. Erinnerung und Wiedererkennen
Aus der Erforschung der Reproduktionsvorgänge wissen wir, wie es
geschehen kann, daß etwa der Anblick eines Apfels mich an einen
Landaufenthalt erinnern oder, genauer gesprochen, die Vorstellung
jenes Landaufenthaltes wachrufen kann. Es weckt da nicht der Anblick
des gesehenen Apfels die Vorstellung eines anderen, damals gesehenen,
und die Vorstellung von diesem die mit ihr vereinigten Bilder der
Umgebung jenes früher gesehenen Apfels, sondern unmittelbar bringt der
wahrgenommene Apfel die gesamte Erinnerungsvorstellung ins Bewußtsein,
nach jenem allgemeinen Gesetz: eine Vorstellung hat die Tendenz, sich
zur Gesamtvorstellung zu ergänzen. Damit ist nun freilich wohl der
Reproduktionsvorgang, aber noch nicht die Gedächtnisleistung erklärt.
Denn jede Gedächtnisleistung besagt, daß ich das reproduzierte Bild als
+mein früheres Erlebnis+ erkenne. Außer der Vorstellungserneuerung ist
also begreiflich zu machen, warum die reproduzierte Vorstellung als
mein Erlebnis und warum sie als mein früheres Erlebnis erscheint.
Das erste Problem ist nach den neueren Untersuchungen über die
Vorstellungen gelöst bzw. auf ein allgemeineres verschoben: da
die absolute Vorstellung sich nicht von der absoluten Wahrnehmung
unterscheidet (S. 102 ff.), so finde ich mich in der Vorstellung auf
dieselbe Weise gegenwärtig wie in der Wahrnehmung. Und ebenso wie ich
in der Wahrnehmung in der Regel eine Beziehung auf mein Ich vorfinde,
so auch in der Vorstellung. An diesem Umstande ändern auch die zur
absoluten Vorstellung hinzukommenden Beziehungserfassungen nichts.
Wenigstens gilt dies für die entwickelte Situationsvorstellung. Die
Vorstellung eines vereinzelten Gegenstandes jedoch wird entweder
nicht als mein Erlebnis bewußt oder sie gewinnt diesen Zug aus
anderen Kriterien, die die Erfahrung uns als unseren Erlebnissen
anhaftend kennen lehrte.
Schwieriger abzuleiten ist der andere Zug, das +Vergangenheitsmoment+.
Wie kommt überhaupt eine zeitliche Bestimmung in das Vorstellungsbild
hinein? Ein Bild ist doch an und für sich zeitlos; es kann ebensogut
ein niemals geschehendes, wie ein vergangenes, gegenwärtiges oder
zukünftiges Ereignis darstellen. Ein erster Lösungsversuch berief sich
auf ein Bekanntheitsgefühl oder eine +Bekanntheitsqualität+, die früher
wahrgenommenen Dingen ebenso anhaftet wie vertrauten Vorstellungen
früherer Erlebnisse (+Höffding+). In der Tat verspüren wir oft ein
solches Gefühl, und es vermittelt uns wirklich und scheinbar ohne
weiteres die Sicherheit, einem alten Bekannten gegenüberzustehen. Man
erklärte dann dieses Gefühl dadurch, daß der früher schon erlebte
Eindruck lebhafter und allseitiger als nichterlebte die Reproduktion
der mit ihm verbundenen Vorstellungen anrege, was in uns ein
eigenartiges Gefühl des Angenehmen wecke. Die angeführte Tatsache wie
ihre weitere Deutung wird man gelten lassen müssen, aber wie daraus
der Vergangenheitscharakter entspringen soll, ist nicht einzusehen; es
sei denn, jenes Bekanntheitsgefühl erwecke unmittelbar auf Grund einer
apriorischen Zuordnung die angeborene Idee der Vergangenheit.
A. +Lehmann+ zeigte experimentell, daß Gerüche als bekannt beurteilt
wurden, wenn sie assoziativ Vorstellungen früherer Erlebnisse
wachriefen. Aber nehmen wir auch an, von dem Bild des früheren
Erlebnisses führe eine lückenlose Reihe anderer Erlebnisvorstellungen
bis auf meine gegenwärtige Situation, so hätte ich in dieser
Vorstellungskette doch noch nicht das zeitliche Moment, wenn es
nicht von vornherein in jeder einzelnen Vorstellung wäre. Es
könnte ja eine solche Bilderreihe reine Phantasie sein, und wie
soll man spontan auftretende Phantasiebilder von Erinnerungen
unterscheiden, wenn nicht gerade durch den zeitlichen Charakter?
Darum hilft auch der Lösungsversuch +Claparèdes+ u. a. nichts, die
Bekanntheit in der Verbindung mit dem Ich zu suchen. Denn auch
die Phantasievorstellungen können aufs innigste mit dem Ich des
Bewußtseins verbunden sein.
Das Rätsel des Sicherinnerns läßt sich lösen, wenn man zwei Faktoren
berücksichtigt, welche die bisherige Diskussion außer acht ließ: das
Beziehungswissen und das Zeiterleben. Lassen wir einen Ton für einen
Augenblick erklingen, so ist die in uns geweckte Tonempfindung nicht
mit dem Aufhören des physikalischen Reizes schon verschwunden; sie
steht noch im unmittelbaren Gedächtnis, und wir können ihr allmähliches
Verlöschen beobachten. Die einzelnen Stadien dieses Verlöschens sind
uns nicht diskontinuierlich wie mikroskopische Schnitte gegeben,
sondern wir erleben das Verlöschen des Klangbildes kontinuierlich
mit: wir erleben es, daß der Eindruck, der stark war, schwach wird
(vgl. S. 130 f.). In solchen anschaulichen Zeiterlebnissen erfassen
wir die Zusammenhangsrelation: zu einer Bewußtseinserscheinung
von eigenartiger Schwäche, Verblasenheit usw. gehört eine andere,
lebhaftere, aus der jene schwache hervorging. Aus der Verallgemeinerung
dieser Erfahrungen werden Eigentümlichkeiten wie die Verblasenheit
von Bewußtseinserscheinungen zu einem Kriterium der Zugehörigkeit zu
einem anderen Eindruck, aus dem sie hervorgingen, d. h. eben zu einem
Kriterium der Vergangenheit.
Zu diesen +Fundamentalkriterien+ treten im Verlauf der Entwicklung
andere hinzu, die sich in der Regel mit ihnen vereint finden. So die
relative Festigkeit einer Erinnerungsvorstellung gegenüber einer
Phantasievorstellung, die Möglichkeit, von der Erinnerungsvorstellung
bis auf die augenblickliche Lage des Subjektes eine geschlossene
Bildreihe herzustellen, die Tatsache, daß Erwartungen, die von
Erinnerungsvorstellungen geweckt werden, sich durch die folgende
Wahrnehmung bestätigen, endlich das eigenartige Vertrautheitsgefühl,
das Erinnerungsvorstellungen häufig begleitet. G. E. +Müller+ hat aus
den Selbstbeobachtungen bei Gedächtnisversuchen eine erstaunliche
Menge derartiger Kriterien gesammelt. Die meisten dieser +Kriterien+
dürften +sekundärer Natur+ sein. Es können also die verschiedenen
älteren Erklärungsversuche nebeneinander bestehen, nur weisen sie
nicht auf den Kernpunkt, die Entstehung des Zeitmerkmales in einer
Vorstellung hin.
Das +Wiedererkennen+ verhält sich zur Erinnerung ähnlich wie die
Begründung zum Schluß. Nehmen wir einen früher gesehenen Gegenstand
wahr, so weckt sein Bild vielleicht die Vorstellung von jener
ersten Wahrnehmung, und zwar erscheint nach dem Gesagten jene
Wahrnehmungssituation als mein früheres Erlebnis. Die Identität des
Gegenstandes ist uns dabei implizite gegeben, und wir wissen deshalb:
der in der Wahrnehmung vor mir stehende Gegenstand ist derselbe,
mit dem ich es schon einmal, und zwar bei jener Gelegenheit, zu tun
hatte. Aus solchen ausführlichen Wiedererkennungsvorgängen lernen
wir die mit ihnen regelmäßig verbundenen Begleiterscheinungen als
+Kriterien der Bekanntheit+ kennen. Noch bevor die ausführliche
Wiedererkennung eintritt, verspüren wir die eigenartigen Zustände
der einsetzenden Reproduktion (man denke an den Zustand, den wir
durchmachen, wenn uns ein gesuchter Name „auf der Zunge liegt“),
schwache Lustgefühle, eine merkwürdige Steigerung unseres Interesses
für jenen Gegenstand. Da solche Erlebnisse in der Regel von dem
Wiedererkennen gefolgt sind, werden sie uns selbst zu den Symptomen der
Bekanntheit (+Bekanntheitsqualität+). Aber nur darum, weil sich mit
ihnen das Beziehungswissen verbindet: solche Zustände sind die Wirkung
bekannter Eindrücke, vermitteln sie uns das Bekanntheitsbewußtsein.
Ohne ein solches Wissen käme es höchstens wie beim Tier zu einer
besonderen Weise der Reaktion, wie sie gewohnten und darum zumeist auch
lustbetonten Eindrücken gegenüber zu beobachten ist.
Nach unserer Darlegung müßte in der Entwicklung des Menschen zuerst
die Erinnerung und dann das Wiedererkennen auftreten. Es wird schwer
sein, dies beim Kinde festzustellen, da zweifellos beim Kinde die
soeben genannten, auch beim Tier zu beobachtenden Reaktionsweisen
gegenüber gewohnten Dingen zuerst einsetzen und ein Wiedererkennen
vorzutäuschen imstande sind.
Auch unsere Erklärung der Erinnerung wie des Wiedererkennens greift
auf die +Reproduktionsvorgänge+ zurück. Das könnte bedenklich
erscheinen, weil Reproduktion und Erinnerung verschiedenen
Gesetzmäßigkeiten folgen. Allein die Leistung ist in beiden
Fällen eine ganz andere: die Reproduktion hat einen bestimmten
Vorstellungsinhalt selbst vorzuführen; mit Stellvertretern, Symptomen
u. dgl. ist ihr nicht gedient. Das Wiedererkennen hingegen hat ein
Beziehungswissen zu wecken und kann sich dazu mannigfacher Symptome
bedienen. Und drittens können diese Symptome -- wohl nach einer
allgemeinen Gesetzmäßigkeit der Beziehungserlebnisse (vgl. S. 178)
-- schon wirksam werden, wenn sie eben die Bewußtseinsschwelle
überschritten haben, während eine Reproduktionsaufgabe in diesem
Zustande noch nicht als gelöst gelten kann.
2. Erinnerungstäuschungen
Reproduktion früherer Eindrücke, anhebende Reproduktionen, Gefühle, die
durch letztere angeregt werden, Beziehungserfassungen, Reproduktion
eines Beziehungswissens und endlich, was bisher noch nicht genannt
wurde, Beurteilungen und Schlüsse auf Grund mannigfacher Kriterien
können zusammenwirken, um eine Vorstellung als Bild eines früheren
Erlebnisses oder einen neuen Eindruck als die Wahrnehmung eines
bekannten Gegenstandes erscheinen zu lassen. Von jedem einzelnen dieser
Faktoren wissen wir nun, daß er gelegentlich versagen kann, und dürfen
darum erwarten, daß aus solchem Versagen Erinnerungstäuschungen bzw.
Erinnerungsausfälle entstehen.
Klingen die Reproduktionstendenzen an, ist aber die vollständige
Reproduktion behindert, so erscheint uns ein Gegenstand bekannt,
aber wir wissen nicht, „wo wir ihn hintun sollen“. Werden auch die
ersten Ansätze zur Reproduktion nicht lebendig, so halten wir den
Gegenstand für neu. Wir können aber anderswoher wissen, daß der
betreffende Gegenstand uns doch bekannt sein muß, und so mag das
eigenartige +Fremdfinden+ bedingt sein: spricht man ein geläufiges
Wort der Muttersprache oftmals rasch hintereinander aus, so klingt es
mit einemmal merkwürdig fremd und sinnlos. Vermutlich werden durch
das rasche Aufsagen die mit dem Wort assoziierten Vorstellungen
nicht mehr angeregt, entsprechend dem allgemeinen Gesetz der
Bahnung; das Wort besagt uns also nichts mehr, während wir doch
gleichzeitig wissen, daß es einen Sinn hat. Die sog. Entfremdung der
Wahrnehmungswelt dürfte jedoch damit nur teilweise erklärt sein.
Dem Ausfall der Erinnerung steht deren Fälschung gegenüber.
Man könnte füglich eine teilweise und eine vollständige
unterscheiden. Bei der +teilweisen Fälschung+ vermischen sich
infolge der Konstellation fremde Vorstellungselemente mit der
Erinnerungsvorstellung. Tragen diese eingeschobenen Elemente keine
von der Erinnerungsvorstellung stark abweichenden Züge, so werden
auch sie als Bilder früherer Erlebnisse genommen, namentlich wenn
die Gesamtvorstellung unmittelbar als Erinnerung aufgefaßt wird.
Findet eine eigentliche Beurteilung, ob wirklich erlebt oder
nicht, statt, so wird es unter anderem auch von der Begabung des
Individuums abhängen, ob es einer Erinnerungstäuschung verfällt oder
nicht. Kinder unterliegen deshalb leichter diesen Täuschungen als
Erwachsene. Bei ihnen kommt auch die totale Erinnerungsfälschung in
der Form der Phantasielügen häufig vor: während sie am Erzählen sind,
drängt sich ihnen das Phantasiebild mit der gleichen Leichtigkeit
und Klarheit wie das Erinnerungsbild auf und wird darum als solches
ausgegeben. Wegen ihrer reicheren Phantasiebegabung sind darum auch
Frauen derartigen Täuschungen mehr ausgesetzt als Männer.
Eine andere Art der Erinnerungsanomalie täuscht nicht hinsichtlich
des Inhaltes, sondern des +Aktes+: ein neuer Eindruck erscheint
fälschlich als bekannt. Namentlich in pathologischen Fällen wird die
Bekanntheitsqualität durch neue Eindrücke ausgelöst, +ohne daß+ der
Kranke von der Neuheit der Eindrücke überzeugt ist. (Reduplizierende
Paramnesie.) Anders bei dem oft besprochenen +déjà vu+: obwohl wir
genau wissen, daß die Lage, in der wir uns augenblicklich befinden,
völlig neu ist, haben wir doch den überwältigenden Eindruck, genau
das gleiche schon einmal erlebt zu haben. Bekanntlich stützt
sich die Lehre von der Seelenwanderung mit Vorliebe auf solche
Erlebnisse. Die allgemeine Erklärung dieser Erscheinung ist wohl
folgende: Durch irgendeinen Umstand wird der Bekanntheitseindruck
hervorgerufen, während wir doch gleichzeitig, auf andere Gründe
gestützt, genau wissen, daß wir zum erstenmal dies erleben. Ist der
Bekanntheitseindruck von einem lebhaften Gefühl begleitet, so mag er
durch einen ganz nebensächlichen Zug an dem Erlebnis ausgelöst sein,
er wird sich über das Gesamterlebnis ausbreiten und dieses selbst
als bekannt erscheinen lassen. Nach meinen bisherigen Beobachtungen
möchte ich zwei Arten des déjà vu unterscheiden: Bei der ersten regt
ein (nebensächlicher) Zug der Wahrnehmung eine Reproduktion an, die
weiter nicht beachtet wird, aber das Bekanntheitsgefühl auslöst, das
fälschlich auf das Gesamterlebnis bezogen wird. Diese Fälle sind
niemals so überraschend wie die alsbald zu besprechenden. Es gelingt
auch häufig, den Reproduktionsvorgang rückschauend festzustellen.
Dementsprechend zeigen sich allmähliche Übergänge von dem falschen
Wiedererkennen zu der ganz normalen Reproduktion im Anschluß an eine
Wahrnehmung. Die andere Art habe ich vor Jahren zum erstenmal auf
Grund einer zuverlässigen Beobachtung beschrieben (ArPs 15 [1909])
und kann sie heute durch neue Beobachtungen sicherstellen. Das
Schema des ganzen Vorganges ist dieses: Eine flüchtige Wahrnehmung
wird unterbrochen oder eine alsbald erfolgende Wahrnehmung wird
in der Vorstellung vorweggenommen. Darauf tritt eine Ablenkung
ein, durch die der Bewußtseinszusammenhang bei dem ermüdeten oder
psychasthenischen Individuum für einen Augenblick abgebrochen wird.
-- Die nervöse Erschöpfung ist nach den Untersuchungen +Heymans+
eine besonders günstige Vorbedingung des falschen Wiedererkennens,
weshalb auch diese Erscheinung in der Pubertätszeit besonders häufig
ist. -- Gleich nach der kurzen Ablenkung wendet man sich wieder der
Wahrnehmung zu. Da somit derselbe Bewußtseinsinhalt wiederkehrt,
der unmittelbar vor der Ablenkung uns beschäftigte, erscheint das
Erlebnis als bekannt, ohne daß wir den Bekanntheitseindruck erklären
können, während wir anderseits sehr wohl wissen: die Situation ist
neu. Ein Beispiel. Ich gehe mit einigen Begleitern einen Gartenweg
entlang. „Haben Sie schon gehört ...“, beginnt einer von ihnen und
kündigt eine mir sehr wohl bekannte Geschichte an, die mir nunmehr
als Ganzes im Bewußtsein steht. Weil sie mich aber langweilt, befasse
ich mich beim Weitergehen mit den Blumen am Wege. Als wir nun am Ende
des Weges umkehren wollen, erlebe ich ein ganz ausgesprochenes déjà
vu, und zwar besagt es: genau diese individuelle Situation mit all
ihren Einzelheiten hast du schon erlebt. Da ich damals schon meine
Theorie der Fausse Reconnaissance veröffentlicht hatte, besinne
ich mich darauf, wo eine Wiederholung eines Teiles der Wahrnehmung
vorliege, finde jedoch keine und stelle mit Bedauern fest, daß die
Theorie hier versage. Erst nach einiger Zeit kommt mir der Augenblick
wieder zu Bewußtsein, wo die Erzählung angekündigt worden war. Die
Erklärung des Phänomens lag nun zutage. Bei der Ankündigung der
Erzählung hatte ich sie in der Vorstellung vorweggenommen. Dann wurde
ich durch das Betrachten der Blumenbeete abgelenkt. Als ich am Ende
des Weges wohl oder übel wieder einen Teil der Erzählung anhören
mußte, wurde die Eingangssituation reproduktiv angeregt, konnte aber
infolge einer an diesem Tage sehr merklichen Schlaffheit, sowie
wegen der unmittelbar vorausgegangenen Ablenkung nicht hinreichend
reproduziert werden, weshalb ein unerklärliches Bekanntheitsgefühl
verspürt wurde, das sich nach Art aller Gefühle auf die gesamte Lage
verbreitete. Wegen der augenblicklichen Reproduktionsstörung konnte
natürlich auch die das ganze Erlebnis bedingende Eingangslage nicht
sofort wieder bewußt werden, die Theorie mußte für den Augenblick
als unzureichend erscheinen, wodurch eine ganz vorzügliche Kontrolle
der Zuverlässigkeit der Beobachtung gegeben war. Die wichtige
Voraussetzung dieser Erklärung, daß durch die vorstellungsmäßige
Vorwegnahme einer Wahrnehmung schon ein Bekanntheitseindruck bedingt
wird, läßt sich übrigens experimentell nachweisen.
Literatur
M. +Rosenberg+, Über die Erinnerungstäuschungen usw. ZPaPs 1 (1912).
3. Die Aussage
Ein wichtiges Anwendungsgebiet unseres Problems hat eingehende
experimentelle Untersuchung erfahren, die Zeugenaussage. Man ließ
Kinder und Erwachsene Bilder betrachten oder zuvor verabredeten
Begebenheiten beiwohnen und teils unmittelbar darauf, teils nach
bestimmter Frist frei über das Erfahrene berichten, sowie in einem
sorgfältig vorbereiteten Verhör entsprechende Fragen beantworten.
Die Erinnerungstäuschungen, die hierbei unterliefen, waren nun
überraschend zahlreich. Allgemeingültige Zahlenwerte lassen sich
begreiflicherweise nicht anführen, da die Fehlermenge sich ebensowohl
mit dem Subjekt wie mit dem Gegenstand wie endlich mit der Art der
Aussage ändert. Im allgemeinen gilt etwa folgendes: Ein Zeugnis
ist niemals im ganzen zu bewerten, da auch ein zuverlässiger Zeuge
Erinnerungstäuschungen unterworfen ist. Der unbeeinflußte Bericht
kann bisweilen genau sein, von einem Verhör darf man das nie
erwarten. Fragt man, wie in den Versuchen, nach +allen+ Einzelheiten
eines Erlebnisses, so darf man mit ungefähr einem Drittel falscher
Antworten rechnen. Die Fehlerzahl steigt, wenn die Fragen eine
bestimmte Antwort nahelegen (Suggestivfragen), namentlich bei
Kindern. Kinderaussagen sind überhaupt nur mit größter Vorsicht
zu veranlassen und zu bewerten. Werden dieselben Fragen in einem
Verhör wiederholt, so wächst die Zahl der Antworten, aber auch die
der Fehler. Hinsichtlich des zu berichtenden Vorfalles gilt, daß
Aussagen über Vorgänge nur dann zuverlässig sind, wenn die Vorgänge
mit Aufmerksamkeit und ohne zu große Gemütsbeteiligung beobachtet
wurden. Aussagen über Nebenumstände sind überhaupt von fraglichem
Wert, namentlich über Farben, Zeit- und Größenverhältnisse. Diese
Versuche bestätigen sehr hübsch die theoretisch bedeutsame Tatsache,
daß uns keine gesonderten Erinnerungsvorstellungen zu Gebote stehen,
sondern daß alle unsere Vorstellungen zu Erinnerungen werden können,
je nachdem sie sich mit den Kriterien der Erinnerungen auszustatten
vermögen.
+Die Aussage+ ist aber mehr als eine Erinnerung. Sie ist +ein
Urteil+, das gleichzeitig über den vorgestellten Sachverhalt
abgegeben wird, daß man ihn eben erlebt habe. Es hängt darum die
Aussage nicht allein von den Erinnerungskriterien ab, die sich an
die auftauchenden oder nahegelegten Vorstellungen anschließen;
es müssen diese Kriterien auch beurteilt werden. Da macht sich
nun stark die individuelle Urteilsbereitschaft geltend, ferner
die Urteilseinstellung auf die Behauptung, etwas erlebt zu haben,
endlich alle die Beweggründe, die zu einem Urteil führen können:
das Interesse an dem Grundsachverhalt, das Interesse an dem
Begleitsachverhalt, der Gewißheit, und an dem Urteilsakt, wie etwa
der Wunsch, ein ergiebiger Zeuge zu sein.
Literatur
W. +Stern+, Beiträge zur Psychologie der Aussage. 2 Bde. 1903/6.
W. und Cl. +Stern+, Erinnerung, Aussage und Lüge in der ersten
Kindheit. 1909.
10. Kap. Das Ichbewußtsein
Dem Worte Ich entsprechen mancherlei Bedeutungen. Wir greifen drei
von ihnen heraus und untersuchen, wie das Individuum zu den drei
Bedeutungserlebnissen gelangt. In dem Satze: ich heiße Müller und
wohne usw. bezeichnet „ich“ das +gesellschaftliche+ Ich, die
ganze Persönlichkeit, den Körper inbegriffen. Sagt jemand: ich bin
ein Gemütsmensch, so denkt er weniger an sein Äußeres, sondern
vorab an seine Seele, an sein Inneres, wie es regelmäßig mit einer
Anzahl konstanter Eigenschaften verbunden erscheint. Man könnte es
das +persönliche+ Ich nennen. In Sätzen wie „ich denke“, „ich
verlange“ hingegen sieht man auch von den dauernden Eigentümlichkeiten
des Innenmenschen ab und hat nur das Subjekt jener seelischen Akte
im Auge, von denen gerade die Rede ist. Wir können hier von dem
+reinen+ Ich sprechen.
Es läßt sich leicht verfolgen, wie die Bezeichnung „ich“ in der
Entwicklung des Individuums auftritt. Sie wird heute von der Umgebung
übernommen und zunächst für das gesellschaftliche Ich verwendet,
und zwar früher, wenn ältere Geschwister das Kind umgeben, als wenn
sich die Eltern allein mit dem Kinde befassen. Aber lange bevor der
Gebrauch des Wortes „ich“ erlernt ist, verrät sich schon deutlich ein
ausgesprochenes Ichbewußtsein, das dem reinen Ich näher steht als den
beiden anderen. Ganz entsprechend liegt auch die Schwierigkeit des
Ichproblems in dem Auftreten des reinen Ich. Es bildet den Kern der
andern Ichbedeutungen, die ohne diesen Kern als Inbegriff gewisser
Wahrnehmungen an der eigenen Persönlichkeit gelten könnten.
Hinsichtlich des reinen Ich sind nun drei Fragen möglich. Gibt es
überhaupt einen erlebnismäßig erfaßbaren Gegenstand, der dem Worte
„ich“ entspricht, oder wird dieser Gegenstand erst durch unser
Denken geschaffen wie etwa eine Vierergruppe, die wir willkürlich
und rein gedanklich aus einer regelmäßigen Anordnung von Punkten
herausgreifen? Zweitens: falls das Ich erlebbar ist, erleben wir
es ebenso unmittelbar und isoliert, wie es unsere Ausdrucksweise
vermuten läßt? Und drittens: wenn das Ich nicht unmittelbar und
isoliert erlebt wird, wie wird dann das unmittelbar Erlebte
verarbeitet?
+Hume+ und einige Sensisten versuchten jedes unmittelbare Erleben
des Ich zu leugnen: das Ich sei nur ein Bündel von Vorstellungen.
Aber ganz abgesehen von der Unmöglichkeit, aus einem solchen Bündel
von Vorstellungen jene Einheit des Bewußtseins zu konstruieren,
die wir tatsächlich erleben -- eine Unmöglichkeit, die Hume selbst
eingestand --, widerspricht diese Auffassung den einfachsten
Beobachtungstatsachen. Es läßt sich kein Gedanke, kein Verlangen,
keine Empfindung, kein Gefühl aufzeigen, das nicht +mein+ Erlebnis
wäre; es ist unmöglich, ein Erlebnis in sich hervorzurufen oder in
der rückschauenden Beobachtung zu entdecken, das nicht zugleich das
Erlebnis eines Bewußtseins, eines Subjektes wäre. Das wird heute auch
nahezu allgemein zugegeben.
Anderseits kann aber auch niemand ein so isoliertes Ich in sich
entdecken, wie es das begriffliche Ich ist. Denn da kein einziger
Bewußtseinsvorgang frei vom Ich bleibt, ist auch das Ich stets ein
anderes und ganz und gar durch die augenblicklichen Erlebnisse
bestimmt, so daß man nicht leicht bleibende Eigenschaften des
reinen Ich aufzählen kann. Das Ich zeigt sich uns immer nur in den
Erlebnissen, wie etwa die Intensität oder die Ausdehnung sich nur an
der Empfindung offenbart. Kommen wir doch zu einem isolierten Ich,
so liegt dies an unserer Fähigkeit, den immer wiederkehrenden Ichzug
aus den verschiedenen Erlebnissen herauszuheben. Es ist also die
Befähigung zur Abstraktion, d. h. letztlich zur Beziehungserfassung
(vgl. S. 121 f.), die uns den Ichzug unserer Erlebnisse erkennen
läßt. Denken wir uns diese Fähigkeit hinweg, so haben wir wohl
ein erlebendes Subjekt, aber kein Ich; denn das Ich ist eben das
herausgeschälte Subjekt. Dieser Zustand verwirklicht sich nach
unserer Auffassung beim Tier und dürfte daran schuld sein, daß
Freud und Schmerz bei ihm ganz wesentlich geringer sind als beim
Menschen. -- Wenn wir den Ichcharakter unserer Erlebnisse mit der
Intensität oder der Ausdehnung einer Empfindung verglichen haben,
so gilt das nur hinsichtlich seiner innigen Verschmelzung mit den
Bewußtseinserscheinungen, aber nicht hinsichtlich der Unterordnung
dieser unselbständigen Momente. Das Ich erscheint nämlich nicht immer
so bescheiden im Hintergrund wie etwa bei einer Wahrnehmung, die uns
ganz gefangen hält. Es wird auffälliger bei den Gefühlszuständen,
es gibt sich endlich als das tätige bei den Willensakten. An ihnen
gewinnen wir wohl zuerst die Auffassung von dem Ich als dem Träger
unserer Erlebnisse, als dem ersten soliden Etwas, das für uns der
Prototyp eines Dinges wird.
Es bleibt nunmehr die normale +Einheit des Ich+ zu erklären. Greifen
wir einen Querschnitt des Seelenlebens heraus, so bildet die
hier herrschende Einheit des Ich in den gleichzeitig vorhandenen
Empfindungen, Gefühlen und Strebungen kein sonderliches Problem. Denn
alle diese Erlebnisse sind ja nur künstlich abstrahierte Züge eines
unteilbaren Gesamtzustandes des Ich. Wir haben darum nicht verständlich
zu machen, wieso das vor mir sichtbare Grün und Braun von demselben Ich
empfunden werden kann. Anders verhält es sich mit dem Längsschnitt der
Erlebnisse, mit den zeitlich sich folgenden Bewußtseinserscheinungen.
Da wiederholen sich nun die Erwägungen, die wir beim Zeitbewußtsein
und bei dem Problem der Erinnerung anstellten. Die unbefangene
Selbstbeobachtung lehrt uns ebenso wie andere Überlegungen, daß unser
Erlebnisstrom kein diskontinuierlicher, sondern ein stetig fließender
ist, daß wir den Übergang von einer lauten Tonwahrnehmung in eine
leisere u. ä. unmittelbar wahrnehmen. Da aber alle unsere Wahrnehmungen
mit dem Ichcharakter unzertrennlich verbunden sind, müssen wir auch
unmittelbar das Verharren des Ich von einem Zeitmoment zum andern
wahrnehmen. Wenn wir nun bei der Erinnerung an auseinanderliegende
Erlebnisse zu der Überzeugung kommen „mein früheres Erlebnis“, so
setzen wir mittels des uns geläufigen Schlußverfahrens den sich uns
zunächst darbietenden Zusammenhang als den einzig möglichen an (S.
192). In der Erkenntnis „mein früheres Erlebnis“ erfassen wir mit einem
logisch noch nicht ganz gesicherten Schluß die Identität unseres Ich
mit dem Subjekt des früheren Erlebnisses. Eine unmittelbare Evidenz
kann dieser Schluß nicht bieten: es könnte ja ein Wechsel des Subjektes
stattgefunden haben, und dem neuen Subjekt könnten die Erinnerungen
des alten mitgeteilt sein. Indes naheliegende philosophische Gründe
rechtfertigen nachträglich den naturgemäß vollzogenen Schluß.
Auch die +Substantialität+ des Ich erfassen wir nicht unmittelbar.
Gewiß ist für uns das Ich das Allersolideste, was wir kennen. Aber
den Begriff der Substanz bilden wir uns doch erst mit Hilfe unserer
Erfahrungen an der Außenwelt.
Unsere Erklärung des Ichbewußtseins läßt nun die +Anomalien+ des
Selbstbewußtseins leicht verstehen. Auch hier gehen die normalen
Zustände unvermerkt in die pathologischen über. Wir sagten, das
helle Ichbewußtsein ist das Ergebnis einer Beziehungserfassung.
Beziehungserfassungen und ebenso das aus ihnen sich herleitende
Wissen, von dem wir hier absahen, sind nicht immer aktuell, sondern
können gelegentlich zurücktreten. Sie werden es in der Regel dann
tun, wenn andere Inhalte in erhöhtem Maße die Aufmerksamkeit auf
sich ziehen. Das ist kaum möglich bei Gefühlserlebnissen, leichter
bei Willenshandlungen und sehr wahrscheinlich, wenn wir uns wie in
der Wahrnehmung oder auch im Vorstellungsleben mit den Gegenständen
befassen. In solchen Zuständen sagen nicht nur die Dichter,
sondern auch die Vpn in experimentell herbeigeführten Erlebnissen:
nicht ich denke, sondern es denkt in mir. Man muß nach derartigen
Bewußtseinsvorgängen wieder „zu sich kommen“. Natürlich war auch bei
ihnen der Ichzug niemals vollständig verschwunden.
Noch weiter entfernt sich vom normalen Zustand die
+Depersonalisation+, die Entfremdung des Ich. Jeder einzelne ist
an eine gewisse Summe ziemlich gleichbleibender Körperempfindungen
und der durch diese bedingten Gefühle gewöhnt. Zusammen mit dem
begrifflichen Wissen von unserem Ich und seiner Identität in der
Zeit sind sie daran schuld, daß das Ich unserer Auffassung, das
„persönliche“ Ich, sich nicht mit jeder neuen Wahrnehmung ändert. Das
wird anders bei sehr großartigen und überraschenden Wahrnehmungen.
Ein ergreifendes Schauspiel, eine überwältigende Landschaft, ein
neuer weitgespannter Gedankengang vermag die Summe der gewohnten
Empfindungen in den Hintergrund zu drängen: wir fühlen uns dann als
andere Menschen, „wie ausgewechselt“. Ein noch stärkerer Eindruck
wird erzielt, wenn die sonst konstanten Körperempfindungen verändert
werden. Wasser im Gehörgang, Ohrensausen u. dgl. geben uns schon eine
Ahnung von diesem Zustand, wenngleich diese umschriebenen Störungen
nach einiger Zeit überwunden werden. Ändert sich jedoch die konstante
Empfindungsmasse in höherem Grade, so kommen wir uns selbst als
andere vor, leben wie in einer andern Welt, sehen alles wie durch
einen Nebel. Man kann heute noch nicht angeben, +welche+ Empfindungen
insbesondere in Mitleidenschaft gezogen werden müssen, damit dieser
Zustand eintritt. Man hat an die Organempfindungen, an die uns
stets begleitenden Reproduktionstendenzen bzw. ihre Spiegelung im
Bewußtsein und namentlich an Gefühle (+Österreich+) gedacht. Aller
Wahrscheinlichkeit nach wird nicht die Alteration einer +bestimmten+
Empfindungs- oder Gefühlsgruppe die Depersonalisation bewirken,
sondern der Ausfall, die Änderung oder vielleicht auch die Vermehrung
der konstanten Empfindungen, die wir an unserem „persönlichen“
Ich gewöhnt sind, muß in irgendeiner Weise ein +bestimmtes Maß+
erreichen, damit wir uns als andere Menschen fühlen.
Würden die Bewußtseinsinhalte in einem Subjekt sämtlich verändert
-- womit zugleich die Reproduktion der früheren Zustände praktisch
wegfiele --, so wäre zwar das substantielle Ich dasselbe geblieben,
das persönliche (und oft auch das gesellschaftliche) Ich des zweiten
Zustandes hingegen wäre ein +völlig+ anderes geworden, ohne sich
jedoch dieser Spaltung bewußt werden zu können. Lassen wir nun
dem Ich einen kleinen Teil seiner konstanten Empfindungen, geben
ihm aber im übrigen einen neuen Bewußtseinsinhalt und erschweren
ihm die Reproduktion des früheren Bewußtseinsinhaltes, so ist das
persönliche Ich dieses Menschen gespalten. Je nachdem er sich nun
in dem einen oder in dem anderen Bewußtseinsinhalt bewegt, wird er
ein anderer Mensch sein, eine andere Rolle spielen. Und er wird
sich der Spaltung seines Ich bewußt werden, sobald ihm irgendwelche
Erinnerung an den andern Zustand möglich ist. Wenn diese Bedingungen
zu verwirklichen sind, dann muß es nicht nur ein Doppel-Ich,
sondern ein drei-, vier- und mehrfaches Ich geben können. In der
Tat weist die Pathologie solche Fälle auf. Verändert eine Krankheit
die Organempfindungen wesentlich, so beginnt der Kranke ein neues
Bewußtseinsdasein, zumeist mit völliger Erinnerungsunfähigkeit
(Amnesie) für die Zeit vor der Erkrankung. Ähnliches läßt sich
durch Hypnose erzielen und bei Hysterischen auch durch mehr oder
weniger freiwillige Autohypnose. Wie ein Schauspieler willkürlich
eine von ihm einstudierte Rolle geben kann, so geraten jene Kranken
unwillkürlich in eine der Rollen hinein, die ihnen aus ihrer
Erfahrung, ihrer Romanlektüre oder ihren Träumereien geläufig ist,
doch mit dem Unterschied, daß der Schauspieler sich jeden Augenblick
auf sein bürgerliches Ich besinnen kann, während dem Kranken infolge
der Konstellation der Rückweg verlegt ist, wie auch der Normale nicht
ohne weiteres von einer Melodie in eine beliebige andere übergehen