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Für den Farbentüchtigen zerfallen sie


in zwei Hauptarten, in die farblosen Lichter, auch +neutrale+ oder
tonfreie Farben genannt, und in die +bunten Farben+. Die farblosen
Lichter lassen sich nach ihrer inhaltlichen Ähnlichkeit in eine
kontinuierliche Reihe (Qualitätenreihe) ordnen, an deren einem Ende
das tiefste Schwarz, an deren anderem Ende das blendendste Weiß zu
stehen kommt, während die verschiedenen Abstufungen des Grau beide
Enden verbinden. Geometrisch und symbolisch wäre diese Qualitätenreihe
durch eine begrenzte Gerade darzustellen. Prüfen wir die verschiedenen
Abschnitte der Schwarz-Weißreihe darauf, ob die betreffenden Inhalte
der Definition der Empfindung genügen, so erhebt sich nur die eine
Schwierigkeit, ob wirklich die Graunuancen als +einfache Inhalte+
anzusprechen sind. Weist doch eine jede eine Ähnlichkeit sowohl mit
Schwarz wie mit Weiß auf. Allein ähnlich sein bedeutet noch nicht
zusammengesetzt sein. Nur wo sich im erlebten Inhalt Teile absondern,
die als solche psychisch zu verwirklichen sind, da liegt eine Mehrheit
von Empfindungen vor. Dieser Gesichtspunkt gilt auch für die noch zu
besprechenden Abstufungen der bunten Farben.

Um die bunten Farben zu ordnen, denken wir uns, wir erlebten sie in
ihrer größtmöglichen Ausgesprochenheit. Zunächst sei ein reines Rot,
ein reines Gelb und zahlreiche Schattierungen von Orange gegeben.
Bringt man diese in eine Qualitätenreihe, so beginnt sie etwa mit
Rot; dann folgen jene Arten von Orange, die dem Rot ähnlicher sind
als dem Gelb, dann ein Orange, das gleichviel Ähnlichkeit mit Rot
wie mit Gelb hat, weiter Nuancen, die mehr dem Gelb als dem Rot
verwandt sind, und endlich das reine Gelb. Die beiden Enden der Reihe
zeigen keine derartige Ähnlichkeit miteinander, die Zwischenfarben
hingegen haben Ähnlichkeit mit Rot wie mit Gelb. Ausgehend vom Rot
läßt sich feststellen, daß die Rotähnlichkeit immer mehr ab- und die
Gelbähnlichkeit immer mehr zunimmt. Ebenso wie die Schwarz-Weißreihe
wäre auch die Rot-Gelbreihe durch eine begrenzte Gerade zu
symbolisieren. Die nämliche Betrachtung wiederholt sich bei den
zwischen Gelb und Grün, Grün und Blau, Blau und Rot einzuschließenden
Farbentönen. Die geometrische Symbolisierung ergibt also vier Gerade,
deren Endpunkte je zwei Geraden gemeinsam sind und die darum ein
geschlossenes Viereck bilden. An seinen Endpunkten liegen die vier
Urfarben (+Hering+) Rot, Gelb, Grün, Blau. Sie weisen miteinander
keine Ähnlichkeit nach Art der Zwischenfarben auf und bedingen darum
je einen Richtungswechsel in der gesamten Farbenreihe: das von Rot
bis an das Gelb vorhandene Rotmoment hört mit dem Gelb auf und ist in
der Gelb-Grünreihe nicht mehr zu beobachten usf. Ob die Seiten des
Farbenviereckes als gleich lang anzunehmen sind, wäre davon abhängig,
ob in jeder der vier Farbenreihen gleichviel unterscheidbare Farbentöne
erlebt werden können.

Wie von jeder Urfarbe zu ihren beiden Nachbarfarben, so gibt es auch


direkte Übergänge von den Urfarben und den eingeschlossenen Tönen
zu Weiß, zu Schwarz und zu sämtlichen Graunuancen. Dieser Tatsache
verleiht man einen passenden Ausdruck, indem man die Schwarz-Weißlinie
zu ungefähr gleichen Teilen nach oben und unten durch das Farbenviereck
gehen und somit die Längsachse eines Oktaeders bilden läßt. (Fig. 1.)
In diesem Farbenoktaeder haben alle erlebbaren Farben ihren bestimmten
Platz: die obere Spitze nimmt das Weiß, die untere das Schwarz ein,
während die Urfarben an den Ecken der mittleren Ebene liegen. Da aber
das Gelb dem Weiß ähnlicher ist als das Blau, so ist die Farbenebene
nicht senkrecht, sondern schräg zur Schwarz-Weißlinie einzuzeichnen.

[Illustration: Fig. 1. Die Farbenpyramide.


Nach _Titchener_, Lehrbuch der Psychologie S. 63. Leipzig 1910,
_Barth_.]

Jede Farbe kann prinzipiell durch drei Momente bestimmt und in das
Farbenoktaeder eingeordnet werden: durch den Farbenton, d. h. durch
ihre Ähnlichkeit mit einer der vier Urfarben, durch ihre Helligkeit,
d. h. durch ihre Ähnlichkeit mit Weiß und durch ihre Sättigung, d. h.
durch die Deutlichkeit der Buntheit bzw. ihre Unähnlichkeit mit den
Tönen der Schwarz-Weißreihe.

Ein anderes Problem bildet die Frage nach der Intensität der
+Farbenempfindungen+. Man wird hier zweckmäßig zwei Fragen
auseinanderhalten: Gibt es bei der Farbenempfindung eine
Intensitäts+steigerung+? und: Kann den Farbenempfindungen wenigstens
+eine+ Intensitäts+stufe+ zuerkannt werden? War unsere Anordnung
der Farben in das Oktaeder richtig, so ist die erste Frage zu
verneinen; denn wir bestimmten jede Farbe nur aus den drei Momenten
der spezifischen Qualität, der Helligkeit und der Sättigung; für
eine Intensitätssteigerung bleibt kein Raum. Auch wenn irgendeine
der Farben auf dem kürzesten Weg zum Verschwinden gebracht wird, so
geschieht das nicht durch Herabsetzung ihrer Intensität, sondern
dadurch, daß eine andere Empfindung an ihre Stelle tritt, mag diese
andere Empfindung eine bunte Farbe oder auch Schwarz sein. Denn auch
Schwarz ist als positive Empfindung anzusehen. Wird es ja ebenso wie
alle andern Farben erlebt und draußen scharf umgrenzt vorgefunden,
zum Unterschied von dem bloßen Ausfallen, dem Nichthaben einer
Empfindung. Darum kann auch die Schwarz-Weißreihe nicht als eine
Intensitätsreihe angesprochen werden, wie Helmholtz meinte. Man muß
sich bei dieser Erwägung vor verschiedenen Verwechslungen hüten. Ganz
außerhalb der Erörterung hat die +Intensität des+ die Empfindung
hervorrufenden +Reizes+ zu bleiben, da es sich nur um die psychischen
Inhalte handelt. Ferner darf man die Intensität der Farbe nicht ihrer
+Helligkeit+, d. h. ihrer Ähnlichkeit mit Weiß gleichsetzen. Auch
die als +Eindringlichkeit+ bezeichnete Fähigkeit einer Empfindung,
die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, gehört in einen ganz anderen
Problemkreis. Es muß vielmehr nach einer Empfindungseigenschaft
gesucht werden, wie sie deutlich bei den Tönen erlebt wird, die bei
gleichbleibender Qualität eine verschiedene Stärke besitzen können.
Fassen wir diese Intensität als Abstand von Null auf, so werden wir
jedem Ton eine bestimmte Intensität zuerkennen müssen, auch wenn
es einmal aus irgendeinem Grunde unmöglich würde, die Intensität
des Tones wie früher zu verändern. Aus dem gleichen Grunde wird man
auch jeder Farbenempfindung eine gewisse Intensitätsstufe zuerkennen
müssen, obwohl es unmöglich bleibt, diese herauf- oder herabzusetzen.
Neuerdings tritt +Stumpf+ für eine Intensitätsänderung der Farben
innerhalb enger Grenzen ein. (Vgl. +Stumpf+, Die Attribute der
Gesichtsempfindungen. 1917.)

2. Die Beziehung der Farbenempfindung zu den äußeren Reizen

Da die Empfindungen eine letzte psychische Gegebenheit sind, ist


es unmöglich, sie psychologisch zu erklären. Wir können aber über
manche ihrer Bedingungen Aufschlüsse gewinnen, wenn wir den rein
psychologischen Standpunkt verlassen und auf das körperliche Organ
wie auf die äußeren Reize achten, die an dem Zustandekommen der
Empfindungen beteiligt sind. Diese Grenzüberschreitung ist geboten,
weil wir ohne sie gewisse Gesetzmäßigkeiten nicht verstehen können, die
sich an den Bewußtseinsinhalten selbst zeigen.

Das Organ, durch welches die Farbeninhalte erstmals in unserem


Bewußtsein geweckt werden, ist das Auge. Sein Bau wird hier als
bekannt vorausgesetzt. Als +normale Reize+ wirken auf das Auge die
+Ätherwellen+ ein. Diese unterscheiden sich voneinander durch ihre
verschiedene +Länge+, ihre verschiedene +Intensität+ (Amplitude) und
durch ihre größere oder geringere +Reinheit+. Im allgemeinen hängt
der Farbenton von der Wellenlänge, die Helligkeit von der Intensität
und die Sättigung von der Reinheit ab. Stellt man im Spektralapparat
die reinen Farben her, so beginnen diese mit Rot, dem eine mittlere
Wellenlänge von rund 700 µµ entspricht. Urgelb entfällt dann auf die
Wellenlänge 580, Urgrün auf 500, Urblau auf 480. Für ultrarote und
ultraviolette Strahlen ist unser Auge nicht empfänglich. Alle Farben,
die nicht im Spektrum enthalten sind, müssen durch die Zusammensetzung
verschiedene Wellen erzeugt werden. So namentlich Weiß und Purpur.
Übrigens können auch jene bunten Farben, die im Spektrum eine eigene
Wellenlänge haben, durch die Vereinigung anderer Wellen hervorgerufen
werden. Nur der Schwarzempfindung entspricht kein äußerer Reiz.
Gleichwohl kann man durch bloßes Schließen der Augen oder durch
den Aufenthalt in einem lichtleeren Kaum noch nicht die tiefste
Schwarzempfindung erzeugen. Diese entsteht vielmehr, wenn man ein
dunkles Grau durch den Kontrast mit einem umgebenden Weiß vertieft.

Die Helligkeit der bunten Farben ist von zwei Faktoren abhängig.
Zunächst von der Wellenlänge; denn Gelb ist heller als Blau und Rot
(die spezifische Helligkeit der Farben). Sodann von der Intensität der
Reize. Nimmt die Intensität z. B. eines roten Lichtes zu, so wächst
innerhalb mittlerer Grenzen die Helligkeit (Weißlichkeit) des Rot.
Müssen wir schon diese Wirkung der mittleren Intensitätssteigerung als
eine qualitative Änderung der Farbenempfindung bezeichnen, so erst
recht die bei größerer Änderung der Intensität eintretende Änderung
der Farbe: Eine starke Vermehrung oder Verminderung der Intensität
des Farbenreizes beeinträchtigt auch den Farbenton. Rot und Grün
werden mit zunehmender Intensität des Lichtes direkt weiß; alle andern
Töne nähern sich dem Gelb oder Blau und gehen dann in Weiß über. Bei
starker Intensitätsabnahme hingegen dehnen sich im Spektrum Rot und
Grün aus. Ebenso verschiebt sich die Helligkeitsverteilung. Das
Maximum der Helligkeit rückt von Gelb nach Grün. Erscheint bei guter
Beleuchtung eine rote Fläche heller als eine blaue, so kehrt sich das
Helligkeitsverhältnis um, sobald man die beiden Farben sowie das Auge
verdunkelt. (Purkinjesches Phänomen.) Setzt man am Spektralapparat
die Lichtintensität noch weiter herab, so schwinden alle Farben, und
es bleibt ein farbloses Band zurück mit dem Helligkeitsmaximum an der
Stelle, wo zuvor das Grün gestanden hat.

Zur bequemeren Besprechung der Beziehungen zwischen Reiz und


Empfindung mußten wir auf die Farben+wahrnehmung+ übergreifen. Eine
+isolierte Empfindung+ ist ja im Grunde nur ein Abstraktionsprodukt.
Sie läßt sich einigermaßen annähernd veranschaulichen, doch nicht als
solche herstellen. (Vgl. W. +Baade+, Gibt es isolierte Empfindungen?
6. Kongreßbericht 1914.) -- Zum Studium der Farbenempfindungen
eignen sich nicht die +Oberflächenfarben+ der Gegenstände, da diese
durch ihre Verbindung mit den Dingen und durch unser Wissen davon
in ihrer Erscheinungsweise beeinflußt werden. Tauglicher sind die
von +Katz+ als +Flächenfarben+ bezeichneten Eindrücke, wie sie am
Spektralapparat oder bei Betrachtung einer farbigen Fläche durch
das Loch eines Schirmes erzielt werden. -- +Die Vergleichung bunter
Farben auf ihre Helligkeit+ ist auf direktem Wege nur sehr schwer
möglich. Man hilft sich, indem man versucht, jede der bunten Farben
zwischen ein Grau aus einer Grauskala einzuschließen, das sicher
heller, und ein anderes, das sicher dunkler ist als die betreffende
Farbe. Durch Übung kann man die Grenzen immer enger ziehen und
gewinnt so indirekt einen Maßstab für die Helligkeit der beiden
Farben. Über andere Methoden siehe +Langfeld+, Über heterochrome
Helligkeitsvergleichung ZPs 33. R. +Pauli+, Grundfragen der
Photometrie. (Die Naturwissenschaften Heft 41, 1913.)

3. Die Gesetze der Farbenmischung

Wirken mehrere Töne auf das Ohr ein, so entsteht eine Tonverbindung,
aus der sich die Einzeltöne bei etwas Übung leicht heraushören lassen.
Wirken jedoch mehrere farbige Lichter gleichzeitig auf den Sehnerv
ein, so entsteht im Bewußtsein nur eine einzige einfache Empfindung.
Nur die Rücksicht auf ihre Entstehung berechtigt die psychologisch
unzulässige Bezeichnung solcher Farben als Mischfarben. Die Gesetze
der Farbenmischung bilden die Hauptgrundlage für jede Theorie der
Gesichtsempfindung. Sie wurden darum schon von älteren Forschern wie
+Newton+, +Graßmann+, +Helmholtz+ eingehend behandelt.

Eine Mischfarbe läßt sich erzeugen, indem man auf einer farbigen
Kreisscheibe einen andersfarbigen Sektor anbringt und beide rotieren
läßt. Befestigt man darüber eine kleinere, konzentrische Scheibe, so
hat man die Möglichkeit, die am Rande erzeugte Mischfarbe mit der Farbe
der inneren Scheibe bequem zu vergleichen. Durch geeignete Wahl der
farbigen Scheiben ist es nun erreichbar, die Farbe des äußeren Ringes
der der inneren Scheibe gleichzumachen, d. h. eine +Farbengleichung+
herzustellen. Sie wird durch die Summe der Bogengrade der Mischfarben
einerseits und durch die verglichene Farbe anderseits ausgedrückt.
Mischt man auf die besagte Weise Rot mit Blau in bestimmter
Nuancierung, so erhält man Purpur, eine Farbe, die im Spektrum nicht
vorkommt. Nimmt man dagegen zu Rot Blaunuancen, die mehr nach Grün zu
liegen, so wird die Mischung immer ungesättigter -- wie überhaupt die
Mischfarben in der Regel weniger gesättigt sind als ihre Komponenten
-- und dem Grau ähnlicher, bis bei einem gewissen Grün eine tonfreie
Farbe entsteht: Ein bestimmtes Rot, mit einem bestimmten Grün gemischt,
ergibt ein bestimmtes Grau. Es läßt sich nun zeigen, daß für jede Farbe
eine andere existiert, die, mit ihr gemischt, Grau ergibt. (+Satz der
komplementären Farben.+) Mischt man jedoch zwei nichtkomplementäre
Farben, so erhält man eine bunte Mischfarbe, und zwar jene, die
innerhalb des Farbenviereckes auf der kürzeren Verbindungsstrecke der
beiden gemischten Farben liegt. (+Satz der Mischfarben.+) Wählt man
darum drei Farben so aus, daß die komplementäre einer jeden auf dem
Farbenviereck oder dem Farbenkreis zwischen den beiden andern liegt,
so kann man durch passende Mischungsverhältnisse alle Farbentöne
hervorrufen. Um möglichst gesättigte Mischfarben herzustellen, muß man
gewisse nichtkomplementäre Nuancen von Rot und Grün nebst Blauviolett
als Mischfarben benutzen. Auf Grund dieser Tatsachen ist endlich der
+dritte Satz+ verständlich, daß gleich aussehende Farben, miteinander
gemischt, gleich aussehende Mischungen ergeben.

Über die verschiedenen Methoden zur Herstellung der Farbenmischungen


vgl. +Fröbes+ I 51 f. Unstatthaft ist die Mischung von farbigen
Pigmenten oder Flüssigkeiten. -- Die Farbengleichungen verschiedener
Beobachter sind individuell etwas verschieden, weil die Netzhautmitte
der einzelnen Individuen eine verschieden starke Gelbpigmentierung
aufweist.
4. Der Simultankontrast

Legt man auf einen roten Grund ein kleineres Stück graues Papier und
fixiert etwa dessen Mitte während 1-2 Sekunden, so erscheint das graue
Papier grün gefärbt. Wiederholt man den Versuch mit den verschiedensten
Farben, so ergibt sich der Satz, daß jede Farbe in ihrer Umgebung ihre
komplementäre Farbe induziert (+Farbenkontrast+). Die Erscheinung
wird weit auffälliger, wenn man das bunte Umfeld und das graue Infeld
mit einem durchsichtigen Seidenpapier bedeckt (+Florkontrast+).
Entsprechend wird ein mittelgraues Papier auf weißem Grund verdunkelt,
auf schwarzem Grund aufgehellt (+Helligkeitskontrast+). Ist das
kontrastleidende Infeld gleichfalls gefärbt, so entsteht nach den
Gesetzen des vorigen Abschnittes eine Farbenmischung. Da nun die
Tendenz zur Induktion der Gegenfarbe von jedem Teilstück einer
farbigen oder hellen Fläche gilt, so läßt sich leicht ableiten, daß
die Sättigung bzw. Helligkeit innerhalb einer Fläche geringer sein
muß als am Rand (+Binnenkontrast und Randkontrast+). Dabei wird stets
eine Fixation des Blickes während einiger Sekunden vorausgesetzt.
Der Simultankontrast entsteht momentan, ist anfangs am deutlichsten
und geht dann rasch zurück. Entfernt man die beiden kontrastierenden
Felder ein wenig voneinander oder trennt man sie durch eine schwarze
Grenzlinie, so verringert sich der Kontrast oder verschwindet ganz.

Der Simultankontrast könnte auf den ersten Blick als eine


Beeinträchtigung unseres Sehens erscheinen. In Wirklichkeit kommt
er diesem sehr zustatten. Ohne den Simultankontrast wären nämlich
alle unsere Gesichtswahrnehmungen arg verschwommen. Infolge der
verschiedensten Unregelmäßigkeiten der brechenden Medien entsteht
nämlich auf der Netzhaut eine sehr unscharfe Abbildung des äußeren
Gegenstandes, der auch nur ein Gesichtsbild mit sehr ungenauen Umrissen
entsprechen könnte. Durch die Induktion der Gegenfarbe werden nun die
schwächeren, über das wahre Bild hinausragenden „Verzeichnungen“ mehr
oder weniger aufgehoben. Vom Standpunkt der noch zu besprechenden
+Hering+schen Farbentheorie beruht ein weiterer Vorteil des
Simultankontrastes darin, daß durch ihn die Netzhaut für die Aufnahme
des wandernden Farbeneindruckes gewissermaßen vorbereitet wird: die
Stelle der Netzhaut, die soeben infolge des Kontrastes zu einem roten
Objekt grün empfindet, ist in der besten Verfassung, um alsbald das
rote Objekt wahrzunehmen.

Die Tatsachen des +Simultankontrastes+ erklärt man heute allgemein


mit +Hering+, +Mach+ und älteren Forschern +physiologisch+. Man denkt
sich die benachbarten Stellen der Netzhaut oder eines andern Teiles
des nervösen Apparates in funktioneller Wechselwirkung zueinander
stehend, ähnlich wie die Wassersäulen in einer Manometerröhre: sinkt
die eine Wassersäule, so muß die Nachbarsäule steigen. Entspricht
nun dem Sinken die Empfindung der einen Gegenfarbe, so ist mit dem
Steigen die der andern verbunden; empfindet ein Netzhautelement rot,
so muß darum das Nachbarelement grün empfinden. +Helmholtz+ wollte die
Kontrasterscheinungen psychologisch als „Urteilstäuschung“ oder, wie
man heute sagen müßte, als Resultat der Auffassung deuten. Gegen diese
nicht mehr haltbare Anschauung sei nur ein durchschlagender Beweis von
G. E. +Müller+ angeführt. Einem Grünblinden wurden zwei Hintergründe
vorgelegt, ein grüner und ein grauer, die er beide für gleich grau
ansah. Auf beiden brachte man nun ein kleineres graues Quadrat an.
Während nun das Quadrat auf dem grauen Hintergrunde seine Farbe nicht
änderte, sah der Grünblinde das Quadrat auf dem grünen Hintergrund in
roter Farbe.

Die Tatsachen, auf die sich +Helmholtz+ stützte, gehören zumeist


in den Bereich der Oberflächenfarben (s. S. 25), wo wirklich
die Auffassung eine bedeutsame Rolle spielt, wie später noch
zu zeigen ist. Die hier besprochenen Gesetzmäßigkeiten werden
aber in erster Linie stets von den Flächenfarben verstanden. Die
auffällige Erhöhung des Kontrastes durch die Überdeckung mit einem
(weißen oder schwarzen) Flor dürfte auch darin begründet sein,
daß er die Farben als Flächenfarben erscheinen läßt. -- Andere
beachtenswerte Anschauungen über den Kontrast von E. R. +Jaensch+
(6. Kongreßbericht 1914) und F. W. +Fröhlich+ („Grundzüge einer
Lehre vom Licht und Farbensinn“ 1921). -- Übrigens leistet der
heute freilich eingebürgerte Ausdruck des Farben+kontrastes+ einer
Begriffsverwirrung Vorschub. Die Farben+inhalte+ rot-grün, gelb-blau
besagen nämlich keinerlei Gegensatz; ebensowenig die physikalischen
Reize.

5. Die Umstimmung der Netzhaut

Ein Lichtreiz, der auf eine bestimmte Stelle der Netzhaut einwirkt,
ruft, wie soeben geschildert, gleichzeitig eine Erregung der nicht
unmittelbar gereizten Netzhautteile hervor. Er verursacht aber auch,
nachdem er selbst schon vergangen ist, auf der unmittelbar gereizten
Stelle eine nachdauernde Erregung, der mannigfache Nachempfindungen
entsprechen.

Blickt man für einen Moment in ein sehr helles Licht und schließt
alsbald das Auge, so sieht man für eine Weile noch das Bild des
Lichtes. (+Positives Nachbild.+) So erscheint auch ein im Dunkeln
rasch bewegter Funke nicht als wandernder Punkt, sondern als
Lichtlinie. Fixiert man einen farbigen Gegenstand etwa eine halbe
Minute lang und schaut dann auf eine helle Wand, so hat man das Bild
des Gegenstandes in komplementärer Farbe vor sich, und zwar um so
lebhafter, je intensiver und anhaltender der Reiz war. (+Negatives
Nachbild, sukzessiver Kontrast.+) Betrachtet man eine Landschaft
durch ein gelbes Glas, so schwindet allmählich die gelbliche Färbung
der Gegenstände; sie erscheinen nach und nach in ihrer objektiven
Belichtung. Die Netzhaut ist für Gelb ermüdet. Richtet man nach
Entfernung des gelben Glases das Auge auf eine farblose Fläche, so
zeigt sie das komplementäre Blau. Diese als +Umstimmung der Netzhaut+
bezeichnete Erscheinung ist ganz allgemein: jede Lichteinwirkung setzt
die Aufnahmefähigkeit für das einwirkende Licht herab und erhöht die
für das gegenfarbige Licht. Darum erscheint auch farbiges Lampenlicht
nach kurzer Zeit als weiß. (Vgl. jedoch S. 109.) Im Zusammenhange
damit steht die sog. +gleichsinnige Lichtinduktion+: Fixiert man
eine farblose Scheibe auf farbigem Grund, so läßt sie zuerst die
Kontrastfarbe erkennen. Nach einiger Zeit aber tritt an die Stelle der
Kontrastfarbe die komplementäre, d. h. die Farbe des Umfeldes, so daß
Grund und Scheibe in dem gleichen Lichte erscheinen.

Die Erklärung der Umstimmungserscheinungen wird durchgängig auf dem


Gebiete der Physiologie gesucht. Sie ist je nach der allgemeinen
Farbentheorie, welche die einzelnen Autoren vertreten, verschieden.
An dieser Stelle genügt uns die schon bei dem Simultankontrast
verwertete Hilfsvorstellung der kommunizierenden Röhren. Lassen wir die
Farbenempfindung nicht nur von dem auf der einen Wassersäule ruhenden
Druck, sondern auch von der Menge des in der Röhre befindlichen Wassers
abhängig sein, so hat man eine Veranschaulichung dafür, daß mit der
Andauer des Reizes die geweckte Farbenempfindung schwächer werden und
die Disposition zur Empfindung der Gegenfarbe anwachsen muß. Eine
Ausnahme macht dann allerdings die Schwarz-Weißempfindung, deren
Verhalten die Zuhilfenahme neuer Hypothesen erfordert.

6. Die zeitlichen Verhältnisse der Lichtwirkung

Exponiert man eine weiße Scheibe weniger als ⅒ Sekunde, so wird sie
nicht als volles Weiß, sondern als Grau gesehen. Exponiert man auf
dieselbe Weise (tachistoskopisch) eine farbige Scheibe, so erscheint
sie farblos, und erst, wenn der farbige Reiz etwa ½ Sekunde lang auf
das Auge einwirkt, wird er richtig wahrgenommen. Man spricht hier von
dem +Ansteigen der Empfindung+. Der Reiz muß eine gewisse (zeitliche)
Schwelle überschreiten, damit die Farbe nicht nur als Licht
(generelle Schwelle), sondern auch als Farbe (spezifische Schwelle)
erscheine.

Hört der Lichtreiz auf, so schwindet damit noch nicht sofort die
Lichtempfindung, sondern sie klingt allmählich ab. Der schlichten
Beobachtung scheint dieses Abklingen ein bloßes Nachlassen der
eigentlichen Empfindung zu sein. Genauere Untersuchungen lassen
es als möglich erscheinen, daß das +Abklingen der Empfindung+
mit dem positiven Nachbild zusammenfällt, daß aber zwischen dem
positiven Nachbild und der eigentlichen durch den Lichtreiz
unmittelbar hervorgerufenen Empfindung dem primären Bild, noch eine
andere Erregung, das sekundäre Bild, liegt. (Vgl. +v. Kries+, Die
Gesichtsempfindungen, in Nagels Handbuch der Physiologie III. Bd.
8, Seite 101 ff.) Auf das positive Nachbild folgt dann, wie oben
beschrieben, das negative.

Wechseln auf einer rotierenden Scheibe weiße und schwarze Sektoren


miteinander ab, so hat das entstehende Grau die gleiche Helligkeit,
wie wenn das Weiß seine Helligkeit der ganzen Scheibe mitteilen
müßte. Hat also der weiße Sektor den Umfang von 180°, und wäre der
schwarze Sektor absolut dunkel, so erscheint die rotierende Scheibe
so hell, wie wenn die halbe Intensität der 180° Weiß auf die ganze
Scheibe verteilt wäre. (+Talbotsches Gesetz.+) Es verhält sich somit
das Auge in dieser Beziehung wie eine photographische Platte, die um
so länger exponiert werden muß, je schwächer die Beleuchtung ist,
falls der gleiche Wirkungsgrad erzielt werden soll.

Zu den zeitlichen Verhältnissen der Lichtreize können wir auch


die merkwürdigen Erscheinungen rechnen, die sich bei längerem
Aufenthalt im Dunkeln oder im Hellen ergeben. Tritt man aus einem
hell erleuchteten Raum in einen dunkeln, so kann man zunächst in
ihm nichts unterscheiden. Allmählich wird jedoch das Auge für die
schwachen Reize empfindlich, es herrscht die +Dunkeladaptation+ oder
das +Dämmerungssehen+. Nach einem Aufenthalt von etwa 20 Minuten
hat sich die Empfindlichkeit gegenüber dem Anfangszustand um das
8000fache vermehrt. -- Verläßt man nun den dunkeln Raum, so wird man
von der Helle empfindlich geblendet und vermag nichts zu sehen. Nach
kurzer Zeit gewöhnt sich jedoch das Auge wieder an das Licht: es ist
+helladaptiert+.

Wie schon oben erwähnt, werden bei Dunkeladaptation keine Farben-,


sondern nur noch Helligkeitsverschiedenheiten empfunden. Dabei
ruht das Helligkeitsmaximum nicht mehr im Gelb, sondern im Grün;
Blau erscheint heller als Rot. Aus diesem Grunde werden auch
Farbengleichungen für das dunkeladaptierte Auge unwahr. Nach den
bisherigen Forschungen gilt letzteres indessen nicht für den gelben
Fleck, die Stelle des deutlichsten Sehens. Diese für die Theorie
der Lichtempfindungen höchst bedeutsame Ausnahme wird freilich von
+Hering+ bestritten. (Archiv f. Ophthalmologie Bd. 90, S. 1 ff.)

7. Die örtlichen Verhältnisse der Lichtwirkung

Das Auge ist nicht allein auf die Leistungsfähigkeit der


Netzhautmitte angewiesen. Wieviel wir dem Sehen mit den seitlichen
und peripheren Teilen verdanken, können wir uns veranschaulichen,
wenn wir eine enge Röhre vor das Auge halten. Es läßt sich
leicht ausmessen, wie weit die Ausdehnung des nichteingeengten
Gesichtsfeldes reicht. Man stelle einen halbkreisförmigen Reif so
vor das Auge, daß dieses sich im Kreiszentrum befindet und die Mitte
des in der horizontalen Ebene aufgestellten Ringes fixiert. Nähert
man jetzt einen kleinen Gegenstand ruckweise vom äußeren Ende den
Ring entlang der Mitte, so findet man den Punkt, wo der Gegenstand
erstmals gesehen wird. Drückt man die Entfernung dieses Punktes von
der Reifmitte in Bogengraden aus, so hat man die seitliche Ausdehnung
des Gesichtsfeldes nach innen bzw. nach außen gemessen. Dreht man
alsdann den Reif um 90°, so daß er in der Vertikalebene liegt, so
kann man die obere und untere Grenze ermitteln. Ein nach diesem
Prinzip gebautes Instrument nennt man +Perimeter+.

Untersucht man nun mit Hilfe des Perimeters die


+Helligkeitsempfindlichkeit der Netzhaut bei Dunkeladaptation+, so
ergibt sich, daß diese an der Stelle des deutlichsten Sehens am
geringsten ist und innerhalb gewisser Grenzen nach der Peripherie zu
ansteigt. Dazu stimmt die Praxis der Astronomen, lichtschwache Sterne
nicht zu fixieren, sondern durch „Vorbeisehen“ zu betrachten. Bei
+Helladaptation+ besteht kein Unterschied der Hellempfindlichkeit
für die Mitte und die seitlichen Partien, dagegen zeigen sich
überraschende +Verschiedenheiten für die Farbenempfindungen+. Bringt
man bunte Scheibchen der Reihe nach an verschiedenen Stellen des
Perimeters an, so verschwinden in einer gewissen Zone bestimmte
Schattierungen von Rot und Grün, während andere in Gelb und Blau
übergehen: die +Zone der Rot-Grün-Blindheit+. Rückt man die
Farbenscheibchen noch weiter hinaus, so verschwinden alle Farben. Die
+Netzhautperipherie+ ist +total farbenblind+. Dabei ist der Umstand
bedeutsam, daß die Helligkeitsverteilung auf dieser äußersten Zone
mit der auf der Netzhautmitte übereinstimmt. Also auch hier ist
Gelb die hellste Empfindung, während bei der Dunkeladaptation, wo
gleichfalls die Farben in Grau übergehen, die größte Helligkeit an
der Stelle des Grün beobachtet wird. Auch das ist beachtenswert,
daß ausgedehntere farbige Objekte ebenso wie intensiver beleuchtete
weiter peripherwärts farbig erscheinen, als solche von geringerem
Umfang bzw. geringerer Intensität. Es entspricht endlich den bisher
genannten Tatsachen, wenn die für die Netzhautmitte hergestellten
Farbengleichungen sich auch auf den seitlichen Teilen als gültig
erweisen. Auch dies ist ein für die Theorie bedeutsamer Gegensatz zu
den Verhältnissen bei der Dunkeladaptation.

8. Die Farbenblindheiten

Bevor sich eine Theorie der Gesichtswahrnehmungen versuchen läßt,


müssen noch die Tatsachen aufgezählt werden, die aus dem experimentum
naturae bekannt geworden sind. Infolge angeborener Mängel, seltener
infolge von Krankheit (Vergiftung), stellen sich mannigfache
Abnormitäten im Farbensehen ein. Je leichter sich nun diese aus
einer Theorie verständlich machen lassen, um so mehr gewinnt die
betreffende Theorie an innerer Wahrscheinlichkeit. Breitet man
vor verschiedenen Individuen eine Anzahl farbiger Wollbündel aus
und greift man aus dieser Menge ein grünes Wollbündel heraus mit
der Aufforderung, alle gleichfarbigen neben das grüne zu legen,
so werden sich immer Individuen finden, die neben das grüne auch
graue und braune Wollfäden legen. Diese Individuen halten grau und
grün für gleich, weil sie eben grün überhaupt nicht empfinden.
Wiederholt man den Versuch mit einer andern Farbe, so wird man bei
einer hinreichend großen Zahl von Prüflingen solche finden, die für
andere Farben unempfänglich sind. Diese Anomalien des Farbensehens,
die Farbenblindheiten, wurden erst 1794 von +Dalton+ entdeckt. Sie
konnten so lange unbekannt bleiben, weil die Farbenblinden in der
Regel auch jene Farben richtig benennen, die sie als solche gar nicht
empfinden. Sie stützen sich dabei auf andere Merkmale und bezeichnen
etwa ihr helleres „Rot“ ebenso wie der Normale als Gelb.

Wie die fortschreitenden Untersuchungen ergeben, sind die +Arten der


Farbenblindheiten+ sehr mannigfaltig. Zu einer ersten Orientierung
genügt es indes, die drei wichtigsten und verbreitetsten Klassen
aufzuzählen: die Rot-Grün-Blindheit, die Gelb-Blau-Blindheit und
die totale Farbenblindheit. Die erste ist die häufigste. Sie findet
sich bei nahezu 4% aller Männer; bei Frauen jedoch sehr selten,
obwohl sie durch die Mutter vererbt wird. Der Rot-Grün-Blinde
sieht an der Stelle des Spektrums, wo für den Normalen das Grün
liegt, weiß. Links von dieser Stelle erblickt er nur Gelbnuancen,
rechts nur Abschattungen von Blau. Für die seltener anzutreffenden
Gelb-Blau-Blinden existieren nur die verschiedenen Arten von Rot
und Grün. Den total Farbenblinden endlich erscheint die Außenwelt
grau in grau, ähnlich wie sich dem Normalen ein photographisches
Bild darstellt. Das Spektrum der total Farbenblinden weist nicht
bei allen die gleiche Helligkeitsverteilung auf. Manche haben, um
nur die wichtigsten zu erwähnen, die gleiche Helligkeitsverteilung
wie das normale helladaptierte Auge, andere empfinden die
Helligkeitsabstufungen wie das dunkeladaptierte Auge.

Über verschiedene Abarten der Farbenanomalien, ihre Klassifikation


und andere Methoden ihrer Feststellung siehe +Fröbes+, I, 81 ff.

9. Die Theorie des Hell- und Dunkelsehens. Duplizitätstheorie

Wir beginnen die Darstellung der Theorie der Gesichtsempfindung mit


jener theoretischen Anschauung, die an letzter Stelle ausgebildet
wurde. Die Endteile des in der Netzhaut sich aufspaltenden und
ausbreitenden Sehnerven sind in der Hauptsache zwei anatomisch
verschieden gebaute Organe: die spindelförmigen Stäbchen und die
flaschenförmigen Zapfen. (Fig. 2.) Sie sind nicht gleichmäßig über
die Netzhaut verteilt, sondern die Netzhautmitte (fovea) enthält auf
der Stelle des deutlichsten Sehens (auf einer Fläche von etwa ½ mm
Durchmesser) nur Zapfen, während nach der Peripherie hin die Zapfen
immer spärlicher werden.

Die schon erwähnten Gesetzmäßigkeiten der Hell- und Dunkeladaptation,


insbesondere die verschiedene Helligkeitsverteilung im Spektrum
während dieser Zustände, die geringe Helligkeitsempfindlichkeit der
Netzhautmitte des dunkeladaptierten Auges, die totale Farbenblindheit
mit der Helligkeitsverteilung des Dunkelauges, die Tatsache, daß
in der Dämmerung ein fixierter weißlicher Fleck auf dunklem Grunde
verschwindet und umgekehrt ein schwarzer Fleck auf weißem Grunde
ganz ausfällt (K. L. +Schaefer+), alle diese Umstände führten zu der
Annahme, daß den anatomisch verschieden gebauten Endorganen auch
eine verschiedene Funktion zukomme: den Stäbchen die Wahrnehmung
der Schwarz-Weißreihe bei sehr schwacher Beleuchtung (der
+Dämmerungsapparat+), den Zapfen die Wahrnehmung aller Farben bei
hellem Licht (der +Hellapparat+). Diese Theorie wurde von M. +Schultze+
(1866) angedeutet und durch +Parinaud+ und namentlich +v. Kries+
ausgestaltet (Duplizitätstheorie).

[Illustration: Fig. 2. Schematischer Querschnitt durch die Retina nach


_Ramon y Cajal_. a und b Stäbchen und Zapfen. c und d Zapfenzellen und
Stäbchenzellen. e und f bipolare Zellen. g, h, i, j, k Ganglienzellen
des Sehnerven. H Optikusfasern. t _Müller_sche Stützfasern. s
zentrifugale Nervenfasern.

Nach _Ebbinghaus_, Grundzüge der Psychologie I 3. Aufl. Seite 187.


Berlin, Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de _Gruyter &
Co._]

Die +Duplizitätstheorie+ erhielt eine eigenartige Bestätigung in der


Entdeckung des Sehpurpurs. Diese Substanz findet sich nur bei den
Stäbchen. Vom Licht bestrahlt, zersetzt sie sich augenblicklich und
bildet sich aufs neue, wenn dem Auge das helle Licht entzogen wird.
Es ließ sich nun nachweisen, daß die Unterscheidungsfähigkeit des
Dunkelauges in genau dem gleichen Maße wächst, wie sich der Sehpurpur
mit der Dauer des Aufenthaltes im Dunkeln vermehrt. Nimmt man nun
an, die Zersetzung des Sehpurpurs rufe direkt oder indirekt die
Weißempfindung hervor, so werden die Adaptationserscheinungen leicht
verständlich. Beim Eintritt in das Dunkel ist noch kein Sehpurpur
vorhanden, und da die Zapfen nur auf starke Reize ansprechen,
entbehrt man gewissermaßen jedes Organ zum Sehen. Allmählich bildet
sich der Sehpurpur; man unterscheidet langsam die Gegenstände im
schwach beleuchteten Raum. Tritt man nun ins Helle, so ruft die
lebhafte Zersetzung eine intensive Weißempfindung hervor, durch die
man wie geblendet und zum Erkennen der Dinge unfähig gemacht ist.
Sobald aber der Sehstoff aufgebraucht ist, hört die Blendung auf
und der Hellapparat vermittelt die Farbenempfindungen. Die totale
Farbenblindheit mit dem Helligkeitsmaximum im Grün erklärt sich nach
der Duplizitätstheorie sehr einfach durch das Nichtfunktionieren des
Zapfenapparates.

Die Duplizitätstheorie gewann neue Stützen aus der Erforschung


des Tierauges. So fand man Nachttiere mit gut entwickeltem
Stäbchenapparat und nachtblinde (hemeralope) Tiere, die wie die
Hühner wenig Stäbchen besitzen. Allein neben solchen Bestätigungen
ergaben sich auch mancherlei Schwierigkeiten. So will man bei
den nachtblinden Hühnern (wie auch neuerdings bei der Fovea
des menschlichen Auges) das Purkinjesche Phänomen festgestellt
haben, und die der Stäbchen entbehrenden Schildkrötenaugen sollen
Dunkeladaptation aufweisen.

10. Die Theorien des Farbensehens


Die ältere +Young-Helmholtzsche Theorie+ nimmt im Sehnerven drei
Faserarten an, deren Erregung die Rot-, Grün- und Violett- bzw.
Blauempfindung vermittelt. Jeder Lichtreiz wirkt auf alle drei Fasern
ein, erregt aber je nach seiner Wellenlänge eine der drei Fasern
besonders lebhaft. Das langwellige Licht z. B. erregt gleichmäßig Rot-,
Grün- und Blaufasern, am stärksten jedoch die Rotfasern, weshalb bei
seiner Einwirkung Rot empfunden wird. So erklären sich sehr einfach
die Gesetze der Farbenmischung. Um den Farbenkontrast verständlich
zu machen, mußte Helmholtz, wie wir sahen, zu einer psychologischen
Deutung greifen, die nicht allen Tatsachen gerecht wird. Das negative
Nachbild rührt nach dieser Theorie von der Ermüdung her: Hat das Auge
eine Zeitlang rot empfunden, so waren zwar alle drei Faserarten tätig,
aber die am stärksten erregte Rotfaser wurde auch am meisten ermüdet.
Wendet sich das Auge nun auf einen weißlichen Hintergrund, so ist die
Grün- und die Violettfaser leistungsfähiger als die Rotfaser, weshalb
ein komplementäres Grünblau gesehen wird. Allein von einer solchen
Ermüdung kann nach neueren Untersuchungen nicht die Rede sein. Selbst
nach zehnstündigem Aufenthalt im Hellen ist das Auge nicht merklich
ermüdet. Und doch stellt sich der Kontrast schon nach kurzer Zeit ein.

Am wenigsten leistet die Helmholtzsche Theorie für die +Erklärung


der Farbenblindheiten+. Man kann diese im allgemeinen zurückführen
entweder auf eine anormale Absorption: wie beim Normalen eine
gelbe Pigmentierung vor der Netzhaut liegt, so beim Anormalen eine
andere Färbung, die gewisse Lichtstrahlen absorbiert; oder auf eine
eigenartige Änderung der Netzhaut- bzw. der Nervenprozesse; oder auf
den Ausfall bestimmter optischer Organe oder Funktionen. Ob eine
anormale Pigmentierung vorliegt, wird sich im Einzelfall feststellen
lassen. Die große Mehrzahl der Anomalien kann jedoch auf diese Weise
nicht erklärt werden. Man hat somit entweder eine Änderung der
Funktionsweise oder den Ausfall von Funktionen anzurufen. Vor der
ersten Hypothese scheut jedoch ein streng wissenschaftliches Denken
zurück, da mit der Einführung unkontrollierbarer neuer Faktoren schier
alles erklärt werden kann. Wo immer sich darum eine organische Änderung
nicht unmittelbar feststellen läßt, ist jene hypothetische Erklärung
zu bevorzugen, welche die Anomalien mit dem Ausfall schon bekannter
Faktoren zu deuten vermag. Dazu ist nun die Helmholtzsche Theorie
nicht imstande, was hier jedoch im einzelnen nicht nachgewiesen werden
kann. (Vgl. +Fröbes+ I, S. 87.) Ebensowenig vermag sie die Frage zu
beantworten, warum die Farbenempfindungen stets paarweise einander
zugeordnet sind.

Gerade von der paarweisen Gegensätzlichkeit der Farbenempfindungen


nimmt die +Heringsche Theorie+ ihren Ausgang. Sie fordert drei
Sehsubstanzen: eine Weiß-Schwarz-, eine Rot-Grün- und eine
Blau-Gelbsubstanz. Reize, die auf diese Substanzen dissimilierend
einwirken, verursachen die Weiß-, die Rot- und die Blauempfindung;
assimilierend wirksame Reize hingegen rufen die Grün- und
Gelbempfindung hervor. Auf die Weiß-Schwarzsubstanz wirken die
äußeren Reize jedoch nur dissimilierend ein. Schwarz wird nur auf
innere Reize hin empfunden. Jedes farbige Licht besitzt auch eine
Weißvalenz. Beachtet man nun, daß die entgegengesetzten Prozesse der
Dissimilation und Assimilation die Tendenz haben, nach Aufhören der
Reize ineinander umzuschlagen, wie wir das schon an dem Bild des
Manometers veranschaulicht haben, so ergibt sich eine befriedigende
Deutung der wichtigsten Tatsachen. So versteht man leicht die
Farbenmischung, das Bestehen von Komplementärfarben, deren Mischung
Weiß als Restphänomen bestehen läßt, sowie die Wendepunkte in der
Qualitätenreihe der Farben. Ebenso begreift sich, daß an der Peripherie
der Netzhaut die Gegenfarben gleichzeitig verschwinden und bei der
Intensitätssteigerung des äußeren farbigen Reizes auch paarweise in
Weiß übergehen. Wird eine der Sehsubstanzen fortdauernd dissimiliert,
so wird schließlich das dissimilierbare Material erschöpft, die
betreffende Farbenempfindung verblaßt und nähert sich dem Grau
(Lokaladaptation). Hört nun der äußere Reiz auf, so setzt von selbst
der umgekehrte Prozeß ein, weshalb das negative Nachbild auftritt.
Da aber durch die Dissimilation der Assimilationsstoff auch in der
Nachbarschaft der erregten Netzhautstelle angehäuft wird und jede
Anhäufung des Assimilationsmaterials den Assimilationsprozeß zur Folge
hat -- Entsprechendes gilt von der Dissimilation --, so beginnt alsbald
neben jeder gereizten Netzhautstelle der entgegengesetzte Prozeß, und
wir erleben den Simultankontrast. Die Farbenblindheiten erklären sich
nach dieser Theorie im großen und ganzen als Ausfallserscheinungen. Für
gewisse Anomalien versagt indes die Heringsche Theorie. G. E. +Müller+
hat sie darum weiter ausgebaut, indem er außer antagonistischen
Netzhautprozessen noch innere Nervenerregungen mit verschiedenen
Valenzen annahm. (Vgl. +Fröbes+ I, 61 ff. u. 81 ff.)

Literatur

E. +Hering+, Grundzüge der Lehre vom Lichtsinne. Handbuch der ges.


Augenheilkunde. 1905/13.

F. W. +Fröhlich+, Grundzüge einer Lehre vom Licht- und Farbensinn.


1921.

B. Die Gehörempfindungen

1. Qualitative Betrachtung der Gehörempfindungen

Als wesentlich anderer Bewußtseinsinhalt steht übergangslos neben den


Farben das Reich der Schallwahrnehmungen. Wollen wir in ihm bis zu den
Empfindungen mit der Analyse vordringen, so scheidet sich die Menge
dieser Eindrücke leicht in zwei große Gruppen, in Klänge und Geräusche,
die schon das vorwissenschaftliche Denken als musikalische und
unmusikalische Eindrücke auseinanderhält. In der Analyse der Geräusche
ist man noch nicht weit fortgeschritten. Man unterscheidet Momentan-
und Dauergeräusche, schreibt ihnen die Eigenschaften der Stärke und
Höhe zu, ist aber noch nicht imstande, endgültig zu entscheiden, ob
das Geräusch stets ein zusammengesetzter Eindruck ist, oder ob es
Geräusch+empfindungen+ gibt, und ob im ersteren Falle die Geräusche
auf Töne zurückführbar sind. Man kann allerdings durch Häufung kurz
dauernder Töne ein Geräusch erzeugen. Allein damit wird die Frage nicht
entschieden, da die Verbindung solcher Empfindungen bzw. ihrer Reize
möglicherweise einen ganz neuen und andersartigen Bewußtseinsinhalt
bedingt. Eine Lösung dieser Frage kann nur durch den unmittelbaren
Vergleich des Geräuscheindruckes mit den Tonwahrnehmungen angestrebt
werden.

Bei den Klängen glaubt man jedoch sehr bald auf wahre Empfindungen zu
stoßen, an denen sich nur noch die bekannten Eigenschaften der Höhe,
der Stärke und der Klangfarbe beobachten ließen. Sieht man aber genauer
zu, so findet man, daß die Verschiedenheit des a der Violine von dem
a der Trompete, abgesehen von den Streich- und Blasegeräuschen, auch
darauf beruht, daß sich mit dem a der Violine andere Teiltöne verbinden
als mit dem der Trompete. Gelingt es, durch künstlich herbeigeführte
Interferenzwirkungen diese Teiltöne auszuscheiden, so verschwindet auch
die Klangfarbe als eine Empfindungseigenschaft, und es bleiben nur die
beiden andern übrig. Davon ist die +Tonstärke+ leicht erfaßbar: das
gleiche a einer Stimmgabel kann stärker und weniger stark ertönen.
Die verschiedenen Stärkegrade sind in einer eindimensionalen Geraden
adäquat darstellbar. Sehr viele Probleme birgt indes die zweite
Eigenschaft der +Tonhöhe+, die noch keineswegs befriedigend zu lösen
sind.

Vorab ist die Bezeichnung Tonhöhe für die rein psychologische


Betrachtung hinderlich. Wir verbinden mit dem Wort „Höhe“ in
der Regel den Begriff eines Maßes oder eines Vergleiches,
Bewußtseinsinhalte, die, wie später zu zeigen ist, in den Bereich
der Gedanken, nicht der Empfindungen gehören. Die Empfindung als
solche liefert uns nur eine eigenartige Tonqualität, und wenn mehrere
Töne nacheinander geboten werden, eine Anzahl in sich verschiedener
Tonqualitäten. Von einem oben und unten, hoch und niedrig enthält die
reine Empfindung nichts. Es fragt sich nun, ist diese Tonqualität
ein Letztes, Einheitliches? Zur Beantwortung dieser Frage müssen
wir die mannigfachen uns bekannten Töne nebeneinander halten. Da
stoßen wir auf die mißliche Tatsache, daß die Sprache für das
Reich der Töne keine Benennungen geschaffen hat außer allgemeinen,
wenig zweckdienlichen wie „hoch“ und „niedrig“. Die Musik, nicht
die Psychologie, hat sich zu helfen gesucht, indem sie aus der
unübersehbaren Mannigfaltigkeit der Töne gewisse herausgriff und mit
willkürlichen Namen a, b, c usw. belegte. Böte man nun einem normal
hörenden, aber jede musikalische Erfahrung entbehrenden Menschen
eine größere Anzahl solcher Töne in bunter Reihenfolge und ließe
ihn eine Qualitätenreihe herstellen, wobei er die Töne, ähnlich wie
zuvor die Farben, nach ihrer qualitativen Zusammengehörigkeit zu
gruppieren hätte, so könnten wir wohl zwei Tatsachen feststellen:
als zusammengehörig würden einmal jene Töne bezeichnet, wie sie auch
von der Musik innerhalb der Tonleiter aneinander gereiht werden;
zweitens verriete sich die Neigung, Töne als nächst ähnlich paarweise
zusammenzufassen oder gar miteinander zu verwechseln, die in der
Musik als Oktaven oder Quinten bekannt sind. Es ergibt sich somit
die merkwürdige Erscheinung, daß derselbe Ton c′ sich von c in
einer Hinsicht weiter entfernt hat als etwa a, in anderer Hinsicht
dem Grundton c näher liegt als a. Es muß also die Tonqualität eine
doppelte Seite aufweisen: eine, die sich gleichmäßig fortschreitend
ändert, und eine, die nach dem Ausgangspunkt zurückstrebt. Eine
räumliche Darstellung beider Tendenzen in ihrer Vereinigung böte etwa
eine auf einem Zylinder aufgezeichnete Schraubenlinie. Dringlicher
indes als eine räumliche Symbolisierung dieser Verhältnisse ist
die psychologische Charakterisierung der beiden Seiten der sog.
Tonhöhe. Man hat für die geradlinig fortschreitende den Ausdruck
Höhe im engeren Sinne oder besser „Helligkeit“, für die periodisch
wiederkehrende die Bezeichnung Qualität versucht. W. +Köhler+
machte auf die unverkennbare Ähnlichkeit aufmerksam, welche die
verschiedenen Töne mit den Vokalen haben: die tiefen mit u, o, die
hohen mit e, i und wollte die Töne allein durch ihre „Vokalität“
charakterisieren. Aber vielleicht ist es richtiger, die Vokale durch
die Töne zu charakterisieren; erhalten sie ihren Charakter doch
durch bestimmte Töne, die Formanten (+Stumpf+, Die Struktur der
Vokale, 1918). Weil uns jedoch die Vokale geläufiger sind als die
reinen Töne, hören wir in diese leichter Vokale hinein, als umgekehrt
die Töne aus den Vokalen heraus. Auch ist mit der Vokalität die
ganze Eigenart des Tones nicht erfaßt; namentlich die zwischen den
Oktaven und Quinten zu dem Grundton bestehende Ähnlichkeit bleibt
unberücksichtigt. Wie auf den Vokalcharakter so hat man auch auf den
Raumcharakter der Töne hingewiesen: die tieferen Töne haben etwas
Breites, Ausgedehntes, die höheren etwas Spitzes an sich.

Obwohl Qualität und Höhe sich verschieden verhalten, in pathologischen


Fällen sogar getrennt voneinander auftreten sollen (G. +Révész+),
sind sie doch keine selbständigen Bewußtseinsinhalte und darum auch
nicht Empfindungen, sondern nur unselbständige Momente oder Seiten
der Tonempfindungen, ebenso wie der Farbenton und die Helligkeit, die
eine ungeteilte Farbenempfindung ausmachen. Wenn pathologisch in der
Parakusie oder normal in den Regionen der tiefsten und höchsten Töne
zwar das Steigen und Fallen noch erkannt wird, die Qualität hingegen
unbestimmbar ist, so liegen ähnliche Verhältnisse vor wie bei der
Farbenblindheit mit normaler Helligkeitsverteilung: es wird nicht die
Helligkeit allein empfunden, sondern verbunden mit einer bestimmten,
sich nahezu gleichbleibenden Qualität.

Die Qualitätenreihe der Töne, von der oben die Rede war, enthält eine
überaus große Mannigfaltigkeit von unterscheidbaren Einzeltönen.
Vergleicht man nun, von einem beliebigen Ton ausgehend, der Reihe nach
die aufeinanderfolgenden Töne mit dem Ausgangston, so findet man, daß
gewisse Töne so innig mit ihm verschmelzen, daß nur ein geübtes Ohr
die Zweiheit der Töne bemerkt, während bei dem Zusammenklingen anderer
die Zweiheit sofort hervortritt. Wir nennen nun den Tonabstand, bei
dem die innigste Verschmelzung eintritt, der Musiklehre folgend, eine
Oktav, den hinsichtlich des Verschmelzungsgrades nächstfolgenden eine
Quint, der sich die Quart, die große Terz, die Sext, die Sekunde und
die Septim anschließen. Der Zusammenklang der beiden letztgenannten
Intervalle ist für uns unlustbetont; wir sprechen von Dissonanzen,
während die erstgenannte Intervalle die wohlgefälligen Konsonanzen
ergeben.

Wie bei der Besprechung der Konsonanz, so überschreiten wir nochmals


das enge Gebiet der eigentlichen Empfindung, indem wir uns der
+Klangfarbe+ zuwenden. Doch ist diese zweifache Gebietsüberschreitung
hier berechtigt, weil wir durch sie die Tonempfindung selbst
näher kennen lernen. +Helmholtz+ wies experimentell nach, daß mit
den Tönen, die wir erzeugen, gewisse „Obertöne“ verbunden sind,
und zwar gesellt sich für gewöhnlich der nächste Oktavton, die
Quint von dieser Oktav, ferner die zweite Oktav usw. hinzu. Es
sind immer nur ganz bestimmte Töne, die sich mit dem Grundton
vereinigen, aber nicht alle Obertöne sind in jedem Falle vorhanden
und nicht alle sind jedesmal in der nämlichen Stärke gegeben. Wegen
dieser doppelten Variationsmöglichkeit klingen gleich hohe Töne
auf verschiedenen Instrumenten ganz verschieden. Mit Hilfe der
Helmholtzschen Resonatoren, metallener Hohlkugeln mit einer Öffnung
zum Auffangen und einer kleineren zur Abgabe des Tones in den
Gehörgang, lassen sich die Teiltöne aus dem Klangganzen heraushören.
So gelangt man zu einer Charakteristik des einfachen Tones gegenüber
dem zusammengesetzten Klang. Der einfache Ton ist angenehm, ohne
Rauhigkeit, unkräftig, in der Tiefe weich und dumpf, in höheren Lagen
hell und spitz. Der menschliche Mund beim Pfeifen und die Flöte
der Orgel erzeugen Klänge, die dem einfachen Ton sehr nahestehen.
Verbindet sich mit dem Grundton eine Anzahl niederer Obertöne, so
ergibt sich ein reicher musikalischer Klang wie bei der offenen
Orgelpfeife. Ungeradzahlige Teiltöne machen den Klang hohl und bei
größerer Anzahl näselnd. Ist der Grundton zugleich der stärkste,
so bezeichnen wir den Klang als voll, andernfalls als leer. Werden
endlich die jenseits des sechsten liegenden Obertöne sehr intensiv,
so erhalten wir den scharfen, rauhen Klang der Blechmusik.

2. Die Beziehung der Tonempfindungen zu den äußeren Reizen

Als allgemeiner Reiz für die Entstehung der Schallwahrnehmungen gelten


schwingende Luftmassen. Dem einfachen Ton entspricht die einfache
Sinusschwingung, und zwar wird die Gesamtqualität des Tones oder die
Tonhöhe durch die Zahl der in einer Sekunde erfolgenden Schwingungen
und die Intensität des Tones durch die Amplitude bedingt. Für die
Intensitätsregel ist allerdings zu beachten, daß sie in dieser
einfachen Form nur für Töne gleicher Höhe gilt. Denn die lebendige
Kraft, von der die Stärke des Tones abhängt, richtet sich sowohl nach
der Amplitude wie nach der Schwingungszahl; je größer diese ist, um so
geringer kann jene sein. Darum klingt von zwei Tönen gleicher Amplitude
der höhere lauter (+Helmholtz+), weshalb z. B. eine Piccoloflöte oder
ein guter Sopran ein stark besetztes Orchester zu übertönen vermag.

Die Zahl der Luftschwingungen in der Sekunde bestimmt die Höhe


des Tones. 435 Doppelschwingungen in der Sekunde ergeben z. B.
den Wiener Kammerton a. Die Raschheit der Schwingungen muß nun so
groß sein, daß auf eine Sekunde wenigstens 15 Schwingungen kommen,
wenn überhaupt ein Ton gehört werden soll (+Ellis+). Als oberste
Schwingungszahl, die auf uns noch den Eindruck eines Tones macht,
gibt man 20000 (+König+) oder 50000 (+Edelmann+) Schwingungen an.
Im Alter rücken diese Grenzen ein wenig zusammen (+Zwaardemaker+).
Wenn nun als untere Grenze 15 Schwingungen für die Sekunde genannt
werden, so ist damit nicht gesagt, daß tatsächlich wenigstens 15
Luftstöße unser Ohr treffen müßten, sondern es ist nur ausgesprochen,
+mit welcher Geschwindigkeit+ diese Stöße einander zu folgen haben,
damit überhaupt ein musikalischer oder doch ein akustischer Eindruck
entsteht. Es genügen nach den neueren Untersuchungen in Wirklichkeit
schon zwei aufeinanderfolgende Luftstöße zur Erzeugung einer
Tonempfindung. Allerdings ist der Charakter dieser Tonempfindung noch
nicht völlig bestimmt. Aber schon mit 16 Schwingungen ist der höchste
Grad der Bestimmtheit erreicht. Eine ähnliche Feinheit zeigt das Ohr
in dem mittleren Gebiet für die +Unterschiede der Geschwindigkeit+
der Luftstöße. Beträgt der Unterschied auch nur eine halbe Schwingung
in der Sekunde, so wird der Ton als ein qualitativ anderer erkannt,
wenngleich die Bestimmung seiner Höhe unsicher sein kann. Es lassen
sich darum in einer mittleren Oktave über 1000 Töne unterscheiden.
Bei etwa 40 Schwingungen irrt man allerdings um eine ganze Schwingung
und an den oberen Grenzen vollends um Tausende bei der Bestimmung der
Tonhöhen.

Höchst beachtenswert sind die Beziehungen, die zwischen den


Schwingungszahlen jener Töne bestehen, die wir oben rein
psychologisch als mehr oder weniger miteinander verschmelzend, mehr
oder weniger konsonant herausgestellt haben. Die Schwingungszahl
eines beliebigen Tones verhält sich zu der seiner Oktav, seiner
Quint, seiner Quart, großen Terz, kleinen Terz usw. wie 1:2, 2:3,
3:4, 4:5, 5:6 usf. Ähnlich einfache Verhältnisse finden sich bei den
Schwingungszahlen des Grundtones und der Obertöne. Diese verhalten
sich der Reihe nach wie 1:2:3:4:5 usf. Aus solchen Tatsachen darf man
jedoch nicht den Schluß ziehen, unser Ohr fasse diese eigenartigen
Zahlenverhältnisse auf, oder ein konsonantes Intervall erscheine uns
deshalb wohlgefällig, weil das Verhältnis der Schwingungszahlen ein
sehr einfaches sei. In dem Bewußtsein des über die Tonreize nicht
unterrichteten Menschen ist nichts vorhanden als der angenehme oder
unangenehme Zusammenklang zweier Töne. Dagegen besitzt unser Ohr eine
merkwürdige Fähigkeit, die kompliziertesten Luftwellen zu zerlegen.
Ertönt eine Stimmgabel, so werden die benachbarten Luftteilchen in
Transversalschwingungen versetzt, die sich geometrisch als einfache
Sinusschwingungen nach ihren einzelnen Phasen wiedergeben lassen.
Erklingt nun gleichzeitig eine zweite Stimmgabel, so erfassen die von
ihr ausgehenden Stöße das nämliche Luftteilchen. Auch sie möchten ihm
eine Sinusschwingung erteilen. Da es jedoch nunmehr beiden Antrieben
folgen muß, so wird seine Bewegung eine sehr eigenartige, und das
Kurvenbild der Totalbewegung wird ein recht kompliziertes, das mit
der ursprünglichen Sinuskurve kaum noch eine Ähnlichkeit aufweist.
Aber wie sich mathematisch jede Kurve in Sinuskurven zerlegen läßt
(+Fourrier+ 1822), so wird auch der verwickelte Gesamtreiz im Ohr
in seine einfachen Komponenten zerlegt. Und darum verschmelzen zwei
gleichzeitig erklingende Töne nicht zu einem Mischton wie zwei Farben
zu einer Mischfarbe verschmelzen, sondern jeder Ton bleibt für
sich bestehen. Aus demselben Grunde macht es für das Hören keinen
Unterschied, ob zwei Töne gleichzeitig oder nacheinander einsetzen,
so sehr sich auch die entstehende Gesamtkurve infolge einer
Phasenverschiebung verändert.

Man hat den der Tonempfindung bzw. dem musikalischen Eindruck


zugehörigen Reiz vielfach als periodische Luftschwingung dem
ein Geräusch verursachenden Reiz gegenübergestellt und diesen
als unperiodischen gekennzeichnet. Drückt man aber eine Anzahl
benachbarter Klaviertasten gleichzeitig nieder, so vernimmt man ein
Geräusch, obwohl hier aus der Summe periodischer Teilreize wieder
ein periodischer Gesamtreiz entstehen muß. Anderseits hört man beim
Ausklingen einer Sirene zweifellos einen musikalischen Klang, und
doch folgen sich hier nicht periodische Schwingungen, da die Reize
sich beständig ändern. Man wird also den musikalischen Reiz als
den einfacheren gegenüber dem sehr komplizierten Geräuschreiz zu
betrachten haben, ohne vorerst eine scharfe Grenzlinie ziehen zu
können.

Bevor wir nun die Theorie der Gehörempfindungen darstellen


können, müssen wir noch zwei Tatsachengruppen besprechen, die
über die Einzelempfindung hinausführen, die +Schwebungen+ und die
+Kombinationstöne+. Erklingen zwei benachbarte Töne gleichzeitig,
so bemerkt man rhythmische Intensitätsschwankungen: bei sehr nahe
zusammenliegenden Tönen ein allmähliches Ab- und Zunehmen der
Intensität, bei entfernteren vernimmt man abgegrenzte Stöße oder
endlich ein verworrenes Schwirren. Zählt man ab, wieviele Schwebungen
auf die Sekunde entfallen, so stellt sich heraus, daß die Zahl der
Schwebungen gleich der Differenz der Schwingungszahlen der beiden Töne
ist. Je näher also die Töne einander liegen, um so geringer ist die
Zahl der Schwebungen. Schwebungen bei hohen und bei niederen Tönen
unterscheiden sich durch die größere Rauhigkeit in den oberen Regionen.
Merkwürdigerweise ruft auch ein kräftiger Oberton Schwebungen mit dem
Grundton hervor, wodurch also ein neues, die Klangfarbe mitbestimmendes
Element gegeben ist.

Die Erklärung der Schwebungen möchte man zunächst bei den äußeren
Reizen suchen. Vereinigt man zwei wenig voneinander unterschiedene
Sinuskurven, so ergibt sich eine neue Kurve, die periodisch ein
Maximum und ein Minimum der Amplitude aufweist. Es wird also
wirklich die Luftwelle durch Interferenz abwechselnd geschwächt
und verstärkt. Allein diesem Deutungsversuch widerspricht die oben
mitgeteilte Tatsache, daß das Ohr von der durch Kombination der
Schwingungen entstandenen Form der Kurve unabhängig ist, da es
aus dieser die ursprünglichen Komponenten herausanalysiert. Somit
müssen die Schwebungen im Ohr selbst entstehen. Die Theorie der
Gehörempfindungen hat dies verständlich zu machen.

In eigenartiger Weise geht unser Sinnesorgan über die objektiv


vorhandenen Reize hinaus und bleibt doch wiederum in streng
gesetzmäßiger Beziehung zu den Reizen bei den sogenannten
+Kombinationstönen+. Wird gleichzeitig ein hoher (h) und ein tiefer
(t) Ton geboten, so hört man unter Umständen noch einen dritten Ton
von der Schwingungszahl h−t, den +Differenzton+. Außerdem ist ein
Ton von der Schwingungszahl h+t vernehmbar, der +Summationston+.
Sorgfältige Beobachtungen ergaben nun, daß sich zwischen dem Ton
t und dem tieferen Differenzton h−t ein neuer Differenzton bildet
von der Schwingungszahl t−(h−t) = 2t−h. Man nennt ihn den zweiten
Differenzton. Wie man sieht, lassen sich nach diesem Prinzip noch
eine Reihe anderer Kombinationstöne rein rechnerisch ableiten. Man
will sie zum Teil auch beobachtet haben. Von größerer Bedeutung
sind indes nur die drei genannten Kombinationstöne. Zu ihrer
einwandfreien Feststellung hat namentlich +Stumpf+ eine exakte
Methode ausgearbeitet, auf die wegen ihrer vorbildlichen Sorgfalt
hier wenigstens aufmerksam gemacht sei. (Stumpf, Beobachtungen über
Kombinationstöne ZPs. 55 [1910], S. 1 ff.)

Die Kombinationstöne, von denen hier die Rede ist, lassen sich
nicht aus äußeren Reizen erklären, die sich etwa infolge des
Zusammenwirkens zweier Schallquellen bilden. Eine derartige
Entstehung eines neuen objektiven Reizes ist allerdings möglich,
z. B. wenn man zwei Stimmgabeln auf einer gemeinsamen Unterlage
befestigt oder wenn im Harmonium zwei Pfeifen von einer gemeinsamen
Windlade aus gespeist werden. Die so entstehenden Kombinationstöne
verlangen keine weitere psychologische oder physiologische Erklärung.
Sie sind daran als objektive Töne zu erkennen, daß sie durch einen
Helmholtzschen Resonator verstärkt werden, während der subjektive
Kombinationston gleich laut bleibt. Sind aber die Schallquellen
sorgfältig getrennt, so kann sich ein neuer äußerer Reiz nicht
bilden, es sei denn, man setze besonders empfindliche und geeignete
elastische Körper beiden Reizen aus. So fand man, daß auch bei
getrennten Schallquellen empfindliche Flammen, Telephonplatten und
Membranen nach dem Muster des Trommelfelles mit dem Kombinationston
reagieren. Die Vermutung ist darum berechtigt, daß die
Kombinationstöne auf die nämliche Weise im Trommelfell entstehen.
Wenn man nun auch nach Wegfall des Trommelfelles Kombinationstöne
gehört hat, so könnten sie in einer andern Membran des Mittelohres,
etwa in dem runden Fenster am Eingang der Schnecke, erzeugt worden
sein.

3. Die Theorie der Gehörempfindung

Der äußere Gehörgang wird von dem Trommelfell, einer schräg


verlaufenden, trichterförmig nach innen eingezogenen Membran
abgeschlossen. Wie physikalische Untersuchungen lehren, sind Membranen
dieser Bauart am geeignetsten, die verschiedenartigsten Schwingungen
der umgebenden Medien aufzunehmen, ohne zu sehr in Eigenschwingungen zu
geraten, wodurch sie zur getreuen Vermittlung der fremden Schwingungen
untauglich würden. Innen liegt dem Trommelfell der Hammer an, der
einerseits dessen Eigenschwingungen zu dämpfen, anderseits die dem
Trommelfell von außen erteilten Schwingungen vermittels der beiden
andern Gehörknöchelchen, des Amboß und des Steigbügels, auf die Membran
des zum Vorhof führenden ovalen Fensters zu übertragen hat (Fig. 3).
Das innere Ohr ist mit einer Flüssigkeit erfüllt. Somit erzeugen die
Schwingungen am ovalen Fenster Flüssigkeitswellen, die sich durch das
ganze innere Ohr und namentlich durch die Schnecke fortpflanzen. Dort
teilen sie sich der mit Endolymphe angefüllten häutigen Schnecke mit
und erregen deren Grundmembran, auf welcher der Hörnerv endigt. Die
Grundmembran enthält etwa 20000 straff gespannte, zur Schneckenspindel
radiär verlaufende Fasern, deren Länge nach der Schneckenspitze hin
zunimmt.

[Illustration: Fig. 3. Schema des Gehörorgans (nach _Nagel_). 1. der


Hörnerv. 3. Utriculus. 4. ein Bogengang. 5. Sacculus. 10. das knöcherne
Labyrinth. 11. das Felsenbein. 12. das ovale, 13. das runde Fenster.
15, 16. der äussere Gehörgang. 17. das Trommelfell. 18-20. Hammer,
Amboß, Steigbügel. 21-23. Paukenhöhle und Eustachische Röhre.

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