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V.

Von der eigenen Person ausgehen und wieder zu ihr zurück


Das Schiff Esperanza in 7/8
Die mithilfe wachsenden Abstraktionsvermögens neu erarbeitete Fähigkeit, die Rezeption
innerhalb eines literarischen Textes im Miterleben zu verlassen und von außen Details und
Strukturen einer intensiven Analyse unterziehen zu können, führt im Idealfall zu einer
persönlichen Wiederannäherung an den Text. Es wird ein neuer Bezug des Textes bzw. der
aus dem Text gewonnenen Erkenntnisse auf die eigene Person möglich. Damit wird auch die
grundsätzliche Bedeutung, die Literatur für das eigene Leben haben kann, kognitiv fassbar,
dies geschieht am Fall des einzelnen Werkes aber durchaus über das einzelne Werk hinaus.
Im neuen Bildungsplan ist diese Funktion von Literatur für die Klassenstufen 7/8 explizit
festgeschrieben, im Abschnitt „Texte kontextualisieren“ im Kapitel „Literarische Texte“. Dort
heißt es: Die Schülerinnen und Schüler können „die Bedeutsamkeit eines Textes für die
eigene Person reflektieren und Textinhalte mit eigenen Erfahrungen vergleichen;“ (24). Im
Vergleich dazu verlangt der parallele Standard auf 5/6 lediglich, dass die Schülerinnen und
Schüler „eine eigene Position zu einem Text erklären und die Bedeutsamkeit eines Textes für
die eigene Person erläutern;“(20). Auch in der Orientierungsstufe also wird ein Text in
Beziehung zur eigenen Person gesetzt. Der entscheidende Unterschied liegt in
„erläutern“(5/6) versus „reflektieren“. Dabei geht die Fähigkeit zum identifikatorischen
Lesen, zur einfühlenden Annäherung, keineswegs verloren. In den Klassenstufen 7/8 ist
davon auszugehen, dass es weiterhin den Erstzugang zu einem literarischen Text darstellt,
der nun durch analytische Weisen der Erschließung erweitert werden kann. Dies bedeutet
zum Beispiel, dass Jugendbücher weiterhin sehr sinnvolle Unterrichtsgegenstände sein
können, der Umgang mit ihnen aber auf eine neue Basis gestellt werden muss, das heißt, das
dieselbe literarische Gattung einer neuen Herangehensweise und neuen Zielen begegnet.

Ein im traditionellen Deutschunterricht beheimatetes Werk, das heute kaum mehr


Beachtung findet, erweist sich als besonders fruchtbar für den Weg von der
identifikatorischen Lektüre zur distanzierteren Analyse hin und über die Suche nach der
„Bedeutsamkeit eines Textes für die eigene Person“ wieder zum Leser zurück. Es handelt
sich um „das Schiff Esperanza“ von Fred von Hoerschelmann. Dieses Hörspiel aus dem Jahr
1953 richtet sich ursprünglich an eine erwachsene Hörerschaft, die den Krieg bewusst und
traumatisch miterlebt haben und versteht sich als eine Darstellung gesellschaftlicher Realität
und Aktualität im zerstörten Nachkriegseuropa. Außerdem wird der Umgang mit der eigenen
Vergangenheit zum Thema gemacht. Daneben lassen sich mehrere zentrale Merkmale des
klassischen Jugendbuches ausmachen, wie zum Beispiel die Jugendlichkeit des Protagonisten
Axel Grove oder die fast auffällige Aussparung von Themen wie Sexualität und Gewalt 1.
Zentral ist die Entthronung des Vaters, der während der Kindheit idealisierte
Orientierungsgröße war. Besonders wertvoll für den Deutschunterricht wird der Text aber
durch seine intensive Arbeit mit Motiven und Symbolen, die zu analytischer Textarbeit
einladen.
1
Es handelt sich beim Schiff Esperanza um eines der Werke, die, wenn die Zeit über sie hinweg gegangen ist,
eine zweite Karriere als Jugendbuch beginnen können.
Übrigens: Durch die zentral behandelte Flüchtlings- und Auswanderungsthematik hat das
Schiff Esperanza unerwartet neue Aktualität bekommen. Die Geschichte der aus den
verschiedensten Gründen Auswandernden auf einem schrottreifen Schiff, die von
Schleppern vor der Küste einer neuen Welt ausgesetzt werden und umkommen, bietet der
Thematisierung grundsätzlicher Fragen im Rahmen der Leitperspektive BTV an.

Das Schiff Esperanza


Die Handlung

Axel Grove, ein junger Leichtmatrose, heuert, offenbar wenige Jahre nach dem Zweiten
Weltkrieg, auf einem Handelschiff an, dessen Kapitän sich als der eigene Vater herausstellt.
Dieser hatte in den Kriegswirren den Kontakt zu seiner Familie verloren, war aber schon
zuvor durch eine Betrugsaffäre um sein Kapitänspatent gekommen. Davon, wie von der
Verrohung des Vaters in und nach dem Krieg hat der Sohn bis zum Zusammentreffen auf der
Esperanza nichts gewusst. An der Realität des heruntergekommenen und vielfach
korrumpierten Kapitäns zerbrechen die Legenden um den nie anwesenden Vater, mit denen
der Junge aufgewachsen ist. Auf dem Frachter, der Esperanza, stößt der Sohn im Laufe der
Reise auf eine Gruppe von sieben Flüchtlingen, die sich die Überfahrt nach Amerika im
untersten Laderaum teuer erkauft haben. Sie glauben, nach einer zweiwöchigen Reise an
einem einsamen Abschnitt an der amerikanischen Küste abgesetzt zu werden, sollen jedoch,
wie viele Gruppen von Flüchtlingen vor ihnen, auf hoher See von Bord geschafft werden,
damit niemand von den Geschäften Groves und seines Steuermannes Bengtsen erfährt. Von
diesem Teil der Transporte weiß Axel nichts. Diesmal, durch das Wiedersehen mit seinem
Sohn aufgerüttelt, will der Kapitän die Passagiere tatsächlich an die Küste bringen, da aber
Axel ihnen den Namen des Schiffes und den Bestimmungshafen genannt hat, entschließt er
sich, sie auf einer Sandbank vor der Küste abzusetzen, die kurze Zeit später von der Flut
bedeckt sein wird. Als die Barkasse ohne die Flüchtlinge wieder zurückgekehrt ist, verlässt
die Esperanza schnell das Gebiet, und die Pläne scheinen aufgegangen zu sein. Erst Stunden
später wird klar, das sich der von seinem Vater enttäuschte Axel in der Dunkelheit unter die
Auswanderer gemischt hat, um fern von seinem Vater ein anderes Leben als dieser zu
führen. Das Hörspiel bricht ab, bevor klar wird, ob es dem entsetzten Kapitän gelingt, noch
rechtzeitig wieder zur Sandbank zurück zu kehren, es ist aber nicht damit zu rechnen, dass er
Erfolg haben wird.

Themen und Motive

Das Schiff Esperanza, nach Meinung einiger Rezipienten das erfolgreichste Werk der
deutschen Hörspielgeschichte, ist häufig vor allem wegen der Fabel bewundert worden, der
es gelingt, mit wenigen Personen und geringem Aufwand sehr Grundsätzliches eindringlich
zur Sprache zu bringen. Tatsächlich ist nicht zuletzt die fast veränderungsfreie Übernahme
der Grundidee in einen „Tatort“-Krimi im Jahr 2001 jüngerer Beleg für die ungebrochene
Attraktivität des Stoffes und seine Verwendbarkeit in anderen Kunstformen. Das Hörspiel
thematisiert zeitlose Probleme in einer Zugänglichkeit, die es gerade für die schulische
Verwendung ausgesprochen geeignet macht.

Ein deutlich zu erkennendes Zentrum des Schiffes Esperanza ist die Auseinandersetzung
zwischen Vater und Sohn, die über den individuellen Fall hinaus exemplarische Züge von
Generationenkonflikten trägt. Zunächst stehen auf beiden Seiten überkommene
Vorstellungen und Idealbilder vom Anderen einer realistischen Wahrnehmung im Wege.
Axels Kindheitserinnerung an den Seehelden in strahlender Uniform zerbricht allerdings
angesichts des heruntergekommenen Säufers auf einem maroden Schiff schneller als der
Wunsch des Vaters, im Sohn ein unbeschädigtes jüngeres Selbst, einen Person gewordenen
zweiten Versuch eines geglückten Lebens zu sehen. Aber auch diese Projektion kann sich
gegen die Wirklichkeit nicht behaupten, als sich Axel als resistent gegen ehrgeizige Pläne
zeigt. Er, der nur Krieg und Nachkriegselend, durchweg aus der Perspektive der Opfer,
kennen gelernt hat, wäre mit einem kleinen, bescheidenen Leben durchaus zufrieden. Grove
bezeichnet ihn daher nicht ohne Grund als „ein bisschen kümmerlich geblieben“(40) 2. So
finden sich die beiden Protagonisten des Hörspiels gegenseitig kleiner, als es ihren
Wunschbildern entspräche. Während Axel sich in globale Ablehnung zurückzieht und sich auf
seinen realen Vater nicht mehr einlassen kann, überwindet jener zumindest zeitweise seine
Enttäuschung über einen Sohn, der so gar nicht zur Verwirklichung der väterlichen
Lebensziele taugt.

Das Phänomen der Kleinheit durchzieht, gebunden an die Frage nach dem persönlichen
Lebensentwurf, als zweites großes Thema das ganze Werk, bis in die Nebengestalten. Die
Auswanderer sind Flüchtlinge vor dem Gesetz, aber eben auch ein wenig „kümmerlich“.
„Arme Schweine“(36) werden sie genannt, weil es ihren Vergehen wie ihrem Leben an
Entwicklungsmöglichkeiten und Größe mangelt. Als beispielhaftes Schicksal wird das des
Kassierers Megerlin näher ausgeführt, eines der Flüchtlinge, der nach eigenen Angaben „ein
Leben lang nichts erlebt“(24) hat und nur deshalb in die Kasse der eigenen Bank gegriffen
hat. Die Zeitungen haben über den Diebstahl nicht einmal berichtet, und die Beute ist beim
Kartenspiel im untersten Laderaum der Esperanza schnell verloren. Am Ende reicht
Megerlins Entschlossenheit nicht einmal zum Verlassen des Schiffes aus, was ihn, den
Ängstlichsten, zum einzigen Überlebenden der Gruppe macht. Axel und Edna, das junge Paar
im Werk, das an manchen Stellen der deprimierenden Atmosphäre etwas Positives
beizumischen scheint, setzt den gewissenlosen Seeleuten zwar moralische Integrität, kaum
aber eine Idee oder einen Lebensentwurf entgegen. Die Frage nach dem geglückten oder
gelungenen Leben wird am Ende nicht einmal gestellt und ist doch durchgehend eines der
großen Themen des Hörspiels. Dingsymbol für die verlorene Hoffnung auf eine glücklichere
Zukunft ist das Schiff selbst. Die Esperanza heißt nicht umsonst „Hoffnung“ und ist nicht
umsonst so heruntergekommen, dass nur Verzweifelte, eigentlich Hoffnungslose, ihr
vertrauen.

Das dritte durchgängig thematisierte Thema ist die Frage nach der Schuld. Denn nahezu
jeder, der in dem Hörspiel zu Wort kommt, ist mehr oder weniger stark in Schuld verstrickt
2
Zahlen in runden Klammern beziehen sich auf die Paginierung der Ausgabe RUB 8762
und äußert sich auch dazu. Dabei reicht die Bandbreite der Reaktionsweisen von der
vollständigen Unempfindlichkeit gegen Gewissensregungen, wie bei den Seeleuten Bengtsen
und Krucha, über gelegentliche schlechte Träume wie im Falle Podbiaks bis hin zu Axels
Weigerung, mit dem Leben seines Vaters, von dem er noch nicht einmal alles weiß,
überhaupt zu tun zu haben. Podbiak selbst übrigens wird keineswegs von seinem Gewissen
verfolgt, er ängstigt sich vielmehr zunehmend, dass sich eines Tages die Flüchtlinge in der
Barkasse wehren könnten. Kapitän Grove selbst macht als einer von wenigen im Verlauf der
Handlung eine innere Entwicklung durch, die ihn zwar zur unwahrscheinlichen Rettung Axels
das Schiff wenden lässt, aber kaum Nachhaltigkeit im Verhalten erwarten lässt. Immerhin
verwendet er bis zum Ende des Hörspiels keinen Gedanken an die sechs anderen
Ausgesetzten. Die zweite Gestalt mit zumindest denkbarer Entwicklung ist der Kassierer
Megerlin. Seine Entscheidung, sich den Behörden zu stellen, erscheint zunächst als Hinweis
auf eine Reifung und ein erwachtes Gewissen. Den Ausschlag gibt jedoch im entscheidenden
Moment die Angst vor einem neuen Leben in einem fremden Land. Aus Angst verliert er sein
Geld im Kartenspiel und versucht sich kurz vor der vermeintlichen Ankunft zu erhängen.
Seine Euphorie am Ende des Hörspiels, während er auf dem Deck sitzt, ist denn auch mit
Misstrauen zu betrachten und die von ihm vage verspürte „andere, herrliche riesige
Welt“(62) ist unklar und gestaltlos genug, um Zweifel an der Haltbarkeit der Glücksgefühle
zuzulassen. Den Behörden will er sich nicht aus Gewissensgründen ausliefern lassen,
sondern, um sein Leben in die Planbarkeit zurück zu führen. Auch die Personen, die durch
fast explizite Abwesenheit von Gewissen auffallen, wie Bengtsen und Kucha, tragen zum
Spektrum des Umgangs mit Schuld bei, ebenso wie Axel, dessen Ablehnung seines Vaters
und seiner Machenschaften tatsächlich ethisch begründet ist und der von den eigentlichen
Verbrechen nicht weiß. Als positive Identifikationsfigur taugt freilich auch er nicht, nicht so
sehr moralischer Schwächen wegen als vielmehr wegen seiner allgemeinen
Orientierungslosigkeit.

Didaktische Aspekte

Das Schiff Esperanza ist sicher das erfolgreichste deutschsprachige Hörspiel der
Nachkriegszeit, wie bereits mehrfach in Würdigungen betont worden ist. Es ist aber auch ein
in besonderer Weise für die Verwendung in der Schule geeignetes Werk, sozusagen ein
didaktischer Glücksfall. Sowohl als gut zugänglicher Vertreter einer literarischen Gattung, als
auch als literarisches Werk mit Eigenwert lohnt Hoerschelmanns bekanntestes Hörspiel die
Beschäftigung. Durch die zentralen Themen von Schuld, Verantwortung und menschlichen
Lebensentwürfen eignet es sich auch besonders zur Behandlung in Klassen, in denen gerade
kritische Entwicklungsphasen durchlaufen werden. Darüber hinaus hat es durch die
Bürgerkriege im Nahen Osten und die durch diese ausgelösten Fluchtbewegungen in letzter
Zeit eine eindringliche Aktualität bekommen, die im Zusammenhang mit der Leitperspektive
der „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt (BTV)“ steht.

Zusätzlich bietet es sich ebenso für eine identifikatorische, wie auch für eine analytische
Erschließung an. Identifikatorisch gelingen Verfolgung und Erfassung der Handlung ebenso
wie die Erschließung des Charakters Axel Groves, der den Schülerinnen und Schülern im
Alter nahe ist. Auch die Entzauberung des Vaters, die in seinem Fall dramatische Ausmaße
annimmt, wie auch die Abkehr von sicher geglaubtem Wissen über die eigene Person und
die Welt lassen eine Aneignung durch Einfühlung und Empathie zu. An dieser Stelle ist
wieder die Leitperspektive der „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt (BTV)“ sehr
nahe, wo die „Auseinandersetzung mit der eigenen Identität“, aber auch „die Konfrontation
mit dem Anderen“ betont werden.

Die erstmals verstärkt analytische Arbeit am Text bietet sich vor allem da an, wo es um
Arbeit mit Motiven und Symbolen geht. Diese Arbeit erfordert Distanznahme, indem ein
Sachverhalt im Text eben nicht ein kausal bedingter und pragmatisch zu begreifender
Umstand ist, sondern Bedeutung trägt, die über die Handlungsebene hinausweist. Der
Kapitän will das Schiff weiß streichen lassen, nicht nur, weil neue Farbe Rostschutz bedeutet,
sondern weil das Weiße als Symbol für den Anschein von Schuldlosigkeit fungiert. Das Schiff
Esperanza ist reich an derlei Symbolen, die sich sehr zum Einstieg in die literarische Deutung
jenseits der Handlungsebene eignen.

Ein weiteres Beispiel für die besondere Bedeutung, die Symbole im Hörspiel Hoerschelmanns
tragen, ist der Name des Schiffes Esperanza, das Schauplatz der Handlung ist, aber auch Bild
der Welt. „Esperanza“, also Hoffnung, heißt das Schiff zu Recht, indem es für Auswanderer
aus dem zerstörten Europa und Flüchtlinge vor der Justiz die einzige Hoffnung auf ein
besseres Leben in einer neuen Welt darstellt. Zu dieser Zuschreibung passt die weiße Farbe
des Schiffes, die der Kapitän Grove erneuern lässt, „das unschuldigste Weiß, das es
gibt“(13)3, nennt er es. Das Weiß des Schiffes erweist sich aber als trügerisch, indem mit der
Farbe lediglich der alte Rost überstrichen wird, was wiederum zur Deutung einlädt. Parallel
dazu ist die Hoffnung der Auswanderer trügerisch, da sie bald auf einer Sandbank ausgesetzt
werden sollen und keiner von ihnen die neue Welt erreichen soll. Somit ist der Name des
Schiffes Esperanza in doppeltem Sinne mehrdeutig: Er fungiert als Benennung und als
Hinweis auf die Funktion des Hoffnungsträgers. Außerdem weist das Symbol in zwei
Richtungen, in die der hoffenden Menschen, als auch in die der Täuschung. Der neue
Bildungsplan thematisiert die Arbeit mit derlei literarischen Funktionen im Abschnitt
„Literarische Texte“ im Standard 18: „die Mehrdeutigkeit von literarischen Texten erkennen
und in Grundzügen erläutern“. Konsequent arbeitet das Hörspiel mit mehrdeutiger Symbolik.
Das Schiff heißt Hoffnung, weckt Hoffnung in Flüchtlingen und zerstört am Ende fast alle
Hoffnung.

Am Ende des Hörspiels ist klar geworden, dass die Auswanderer auf einer Sandbank
ausgesetzt sind, auf der sie sterben werden, darüber hinaus, dass Axel Grove bei ihnen ist. 4
Kontrafaktisch dagegen steht das Schicksal des Kassierers Megerlin. Er wird bereits zu Beginn
des Hörspiels deutlich als ängstlich und zaghaft eingeführt. Ihm, dem kurz nach der Abreise

3
Zitiert nach der Reclamausgabe RUB 8762.
4
Die Parallele zu dem Ende des Jungen im gestreiften Pyjama, in dem auch ein schuldiger Vater nach dem nicht
mehr zu rettenden Sohn sucht, zeigt den Unterschied der angestrebten Lesehaltungen. Während im reinen
Jugendbuch der Text und seine Wirkung verstanden werden sollten, fordert das Schiff Esperanza, besonders in
seiner Arbeit mit Symbolen, zur distanzierten, ja kritischen Lektüre heraus.
schon das Unternehmen zu groß und gewagt vorkommt, gehören die letzten Worte des
Werkes:

Jetzt hat das Schiff gewendet. Fahren wir wieder zurück auf das offene Meer? Wie
herrlich… Das dunkle Meer… das dunkle Schiff… der dunkle Himmel… Aber es wird
immer heller, immer heller. Jetzt wird sie bald erscheinen, die Sonne – kaum zu
glauben, dass in diese Dunkelheit und diese Stille der Tag einbrechen wird. Wie ich
mich darauf freue. Als wäre ich von neuem zur Welt gekommen, eine ganz andere,
herrliche, riesige Welt…(62)

Dieser euphorische Ausblick wird vom zentralen Symbol des Sonnenaufgangs begleitet, auf
den bislang erst gehofft wurde. Auch hier führen identifikatorische und analytische Lektüre
zu unterschiedlichen Ergebnissen, zum Miterleben der neuen Hoffnung, oder zur Skepsis an
der Fähigkeit Megerlins, seine eigenen Erwartungen zu verwirklichen.

Deutlich wird aus dem Bisherigen, dass das Schiff Esperanza die analytische Arbeit mit
Motiven und Symbolen sehr anbietet. Wie gezeigt werden sollte, lohnt sich diese Arbeit auch
und besonders mit Blick auf den neuen Bildungsplan. Dabei können manche Erkenntnisse
durchaus identifikatorisch und analytisch erreicht werden, bzw. die Erkenntnisse aus den
verschiedenen Lesarten einander ergänzen. Die moralische Fragwürdigkeit des Kapitän
Grove und seiner Handlungen wird im miterlebenden Lesen aus Axels Perspektive ebenso
deutlich wie durch die analytische Einordnung und Deutung von Symbolen, zum Beispiel der
Farbe Weiß und dem Namen des Schiffes. Das Analytische vertieft dabei den Einblick in
Hintergründe und Handlungsmotive.

Ähnlich wie es Moby Dick in epischer Breite unternimmt, ein Abbild der Welt in einem Schiff
zu erzeugen, lässt sich die Esperanza als Bedeutung tragendes Modell verstehen. Besonders
die vertikale Dimension ist auf eindrucksvolle Weise sinntragend. Kapitän Grove auf der
Brücke steht ganz oben, die Flüchtlinge sind im Kielraum, mithin ganz unten eingepfercht.
Die dort herrschende Dunkelheit verstärkt den Symbolwert der Anordnung. Kennzeichen der
Orientierungsversuche Axels ist es, dass er zwischen oben und unten umherirrt. Hier
unterstützt der Text die Erweiterung der Lesehaltungen. Die Machtstrukturen auf dem Schiff
erschließen sich bereits dem identifikatorischen Lesen, die Analyse zeigt Bestätigung und
Präzisierung durch Symbole. Diese finden sich im Bildungsplan erstmals für 7/8 erwähnt: Die
Schülerinnen und Schüler können

„wesentliche Elemente eines Textes (Titel, Aufbau, Handlungs- und Konfliktverlauf, Figuren
und Figurenkonstellation, Raum- und Zeitgestaltung, Motive, Symbole) bestimmen,
analysieren und in ihrer Funktion beschreiben (7)“
Dabei ist die Anforderung, in der räumlichen Gliederung des Schiffes nicht nur
pragmatischen Nutzen, sondern auch symbolischen Wert zu erkennen, keineswegs trivial. Es
zeigt sich hier eine Möglichkeit,
„zwischen Sachtexten und literarischen Texten <zu> unterscheiden; Fiktionalität <zu>
erkennen (5)“.
Dieser Standard fordert grundsätzlich Analytisches, nämlich Klarheit über die eigene
Einstellung zum Text, das heißt, ob das dargestellte Geschehen als Faktum oder als Symbol
gelesen wird. Dieses Vermögen ist ja noch im Abitur häufig nicht hinreichend gefestigt. Im
Schiff Esperanza bietet sich vielfältig die Möglichkeit, die Unterscheidung zwischen
Handlungslogik und Verweisebene sichtbar zu machen und so das analytische Lesen
einzuüben.
Das Schiff Esperanza bietet nicht nur da Möglichkeiten, dem neuen Bildungsplan zu
begegnen, wo es um die Erfüllung einzelner Standards geht. Das Hörspiel weist in seinen
Inhalten über den Deutschunterricht im engeren Sinne hinaus und erweist sich so als
besonders sinnvoll im Zusammenhang mit dem neuen Bildungsplan. Zum einen wird mit
dem Konflikt zwischen Axel und Kapitän Grove die Entzauberung der Vaterinstanz
thematisiert, die in der Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler in den
Klassenstufen 7/8 von großer Bedeutung ist. Zum anderen wird das Thema Flucht konkret
gemacht. Zwar scheint der historische Bezugsrahmen, den das Hörspiel anvisiert, zunächst
weit entfernt von heutigen Jugendlichen, es zeigt sich aber gerade im Detail eine
beeindruckende Nähe des Dargestellten zu heutigen Umständen einer Flucht über das Meer.
In diesem Zusammenhang ist die Leitperspektive Bildung für nachhaltige Entwicklung von
großer Relevanz. Ihr Beitrag zum Fach Deutsch ist wie folgt formuliert:

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)

In der Auseinandersetzung mit Literatur wie mit Sach- und Gebrauchstexten wird der
Deutschunterricht zu einem Forum, in dem gesellschaftlich relevante Fragen diskutiert
werden. Dadurch wird nicht nur das Urteilsvermögen der Schülerinnen und Schüler
gestärkt, auch ein differenziertes Textverständnis ist notwendig, um die Fähigkeit zu
demokratischer Teilhabe, Mitwirkung und Mitbestimmung in einer komplexen
Lebenswelt mit ihren globalen Herausforderungen im Sinne der Bildung für
nachhaltige Entwicklung zu fördern.

Das Schiff Esperanza und seine Behandlung im Deutschunterricht der achten Klasse kann
dabei helfen, die Aufmerksamkeit für globale Entwicklungen zu schärfen, aber auch Fragen
zur persönlichen Verantwortung im Zusammenhang mit der Situation von Flüchtlingen in
Deutschland zum Thema zu machen. Diese Anforderung ist übrigens nicht nur in der
Leitperspektive verankert, sondern auch in einem konkreten Standard im Abschnitt „Texte
kontextualisieren“, wo es heißt: „vergleichend eigene und literarische Lebenswelten
beschreiben und reflektieren (Alterität auch in Bezug auf kulturelle, ethnische, religiöse und
weltanschauliche Prägungen <…>I (20). Dieser Standard weist bereits über die
angesprochenen literarischen Lebenswelten hinaus, festgeschrieben findet sich das im
betreffenden Standard in 9/10, wo „eigene und fremde Lebenswelten“ (23) Gegenstände der
Kontextualisierung sind, aber auch in 7/8 drängt sich der Blick über die Grenzen des Textes
hinaus auf aktuelle Gegebenheiten auf. Für die Erschließung des Hörspiels bietet sich neben
der Anbindung an aktuelle Gegebenheiten bietet sich auch die Einbettung des Werkes in
seinen historischen Bezugsrahmen an. Der Bildungsplan fordert, dies eine weitere Neuerung,
dass die Schülerinnen und Schüler
„exemplarisch historische Kontexte in ihr Verständnis von Texten einbeziehen (auch
Mittelalter), indem sie Bezüge zu Entstehungszeit und - bedingungen herstellen (22)“.
Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und Verdrängung von Schuld in der
frühen Nachkriegszeit sind am vorliegenden Beispiel leicht als grundlegendes Thema sichtbar
zu machen. Auf der anderen Seite werden hier geistesgeschichtliche Verfahren, wie sie in
der Kursstufe gefordert werden, in einer Vorform angelegt.

Im Ergebnis zeigt sich, dass sich das Schiff Esperanza als Jugendbuch ebenso wie als
„Erwachsenenliteratur“5 lesen und unterrichten lässt. Der Unterschied, bei der
Unterscheidung von Texten häufig diffus, ist didaktisch, also mit Blick auf die
Unterrichtsziele, gut zu leisten. Da, wo vordringlich ein identifikatorisches Lesen gewollt ist,
wo der Text miterlebend erschlossen werden soll, ist eine Beschäftigung mit Jugendliteratur
gegeben. Dort, wo durch analytisches Vorgehen auf analytische Ergebnisse abgezielt wird, ist
dieser Bereich verlassen.6 Es ist ein Verdienst des neuen Bildungsplans, diesen Unterschied
in Herangehensweisen und Zielen deutlicher sichtbar gemacht zu haben.

5
Wie prekär und wenig gesichert der Begriff der Jugendliteratur ist, zeigt sich auch darin, dass die begriffliche
Fassung dessen, was eben kein Jugendbuch ist, kaum zu leisten ist.
6
Natürlich wird Kleider machen Leute durch die Behandlung in Klasse 7 nicht zum Jugendbuch. Wichtiger als
die kategoriale Einordnung des Textes aber ist wohl die didaktische Trennung der Unternehmungen im
Unterricht.

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