Schostakowitsch in Wien: Manfred Mugrauer
Schostakowitsch in Wien: Manfred Mugrauer
Manfred Mugrauer
On the occasion of the 100th anniversary of Dmitri Shostakovich’s birth, his works were
present in Austrian concert halls as never before. The Soviet composer rose in 2006 to become
the second musical “Regent of the Year” alongside Wolfgang Amadeus Mozart. Research lit-
erature on Shostakovich primarily highlights the close relationship between his music and
the social upheavals of his time: He is described as a composer whose artistic creation is
shaped by historical references and is inseparable from his political life. Against this back-
ground, historical-political contexts and the exploration of biographical circumstances take
on particular importance in any engagement with his work in musicology. One aspect of this –
the Austrian connections in his life and work – form the subject of this article. The main
focus is on his five visits to Vienna, which he mainly undertook in the exercise of his political
offices – amongst others as president of the Soviet-Austrian Society. Beyond this, the article
will explore the composer’s relationships to Austrian music and, in a second main focus, the
reception of Shostakovich in Austrian concert halls and media over the course of time.
Vor mehr als hundert Jahren, am 25. September 1906, wurde Dmitrij Dmitrijewitsch
Schostakowitsch in St. Petersburg geboren. Anlässlich der 100. Wiederkehr seines
Geburtstages waren die Werke des sowjetischen Komponisten auch in den österreichischen
Konzertsälen so präsent wie nie zuvor. Schostakowitsch avancierte 2006 zum zweiten mu-
sikalischen „Jahresregenten“ neben Wolfgang Amadeus Mozart. In der Forschungsliteratur
wird vor allem die enge Beziehung der Musik Schostakowitschs zu den gesellschaftlichen
Umbrüchen seiner Zeit hervorgehoben: Er wird als Komponist beschrieben, dessen künst-
lerisches Schaffen von geschichtlichen Bezügen geprägt und mit seinem politischen Leben
untrennbar verbunden ist. Vor diesem Hintergrund kommt in der musikwissenschaftlichen
Beschäftigung mit seinem Werk dem historisch-politischen Kontext und der Erforschung
der biographischen Umstände eine besondere Bedeutung zu. Ein Ausschnitt daraus – die
Österreich-Bezüge seines Lebens und Wirkens – soll Gegenstand dieses Beitrages sein.
Im Mittelpunkt stehen seine fünf Besuche in Wien, die er vor allem in Ausübung seiner
politischen Ämter – u.a. als Präsident der Sowjetisch-Österreichischen Gesellschaft – un-
ternahm. Darüber hinaus wird auf die Beziehungen des Komponisten zur österreichischen
Musik und in einem zweiten Schwerpunkt auf die Schostakowitsch-Rezeption in den öster-
reichischen Konzertsälen und Medien im Wandel der Jahrzehnte eingegangen.
Weltfriedenskongress 1952
Dmitrij Schostakowitsch reiste fünf Mal nach Österreich:1 1952 anlässlich des Wiener Welt-
friedenskongresses, 1953 als Teilnehmer an der Generalversammlung der Österreichisch-
Sowjetischen Gesellschaft (ÖSG), 1955 als Ehrengast bei der Wiedereröffnung der Wiener
Staatsoper, 1958 als Leiter der sowjetischen Delegation beim ÖSG-Bundeskongress und
zuletzt 1965 anlässlich der Premiere seiner Oper Katerina Ismailowa an der Wiener Staats-
oper. Ein Besuch des sowjetischen Komponisten in Wien war zunächst bereits in den Jahren
1946 und 1947 angekündigt, kam jedoch in beiden Fällen nicht zustande. Mitte 1946
befand er sich gemeinsam mit dem Komponisten Aram Chatschaturjan und den beiden
Instrumentalisten David Oistrach und Lew Oborin auf einer Reise durch Westeuropa. Als
die Künstler in Prag eintrafen, entsandte die 1945 gegründete Gesellschaft zur Pflege der
kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion (die spätere ÖSG) ihren
Musikreferenten Boris Stojanow, um ihnen eine Einladung nach Wien zu überreichen, die
auch vom Direktor der Wiener Staatsoper Franz Salmhofer und vom Bundesminister für
Unterricht Felix Hurdes (ÖVP) unterzeichnet war.2
Salmhofer hatte bereits wenige Wochen zuvor in einem Brief an Schostakowitsch seine
„Bewunderung“ für dessen „symphonische Meisterwerke“ und deren „Einfallsreichtum“
zum Ausdruck gebracht und ihm „in kollegialer Dankbarkeit“ ein Exemplar seines „Befrei-
ungshymnus“ als Zeichen seiner „Hochschätzung“ übermittelt, der am 11. April 1946 in
einem Festkonzert anlässlich des ersten Jahrestages der Befreiung Wiens durch die Rote
Armee neben der 9. Symphonie Schostakowitschs in einem Konzert der Wiener Sympho-
niker unter Josef Krips uraufgeführt worden war.3 Schostakowitsch wiederum hatte vor
diesem Konzert dem österreichischen Dirigenten Krips ein Widmungsexemplar seiner we-
nige Monate zuvor, im November 1945, uraufgeführten 9. Symphonie zukommen lassen,
4 „Moskauer Ehrung für Professor Krips“, in: Das Kleine Volksblatt, 20.2.1946, S. 6. 5 Walter Pass, Gerhard
Scheit, Wilhelm Svoboda, Orpheus im Exil. Die Vertreibung der österreichischen Musik von 1938 bis 1945,
Wien 1995 (Antifaschistische Literatur und Exilliteratur. Studien und Texte, Bd. 13), S. 185. 6 „Moskau ladet
Professor Josef Krips ein“, in: Österreichische Volksstimme, 18.8.1946, S. 4. 7 Josef Krips, Ohne Liebe kann
man keine Musik machen. Erinnerungen, hrsg. und dokumentiert v. Harrietta Krips, Wien-Köln-Weimar 1994,
S. 180. „Was ich am meisten bedauere, ist, daß ich nicht meine Fünfte Symphonie in Ihrer wunderbaren
Interpretation, wie mir meine Freunde berichteten, hören konnte“, schrieb Schostakowitsch darauf an Krips
(ebenda, S. 180, sowie im Faksimile im russischen Original auf S. 181). 8 „Auch Leningrad bejubelt Professor
Krips“; „Wiener Musik triumphiert in Rußland. Professor Krips über seine Eindrücke von der Moskautournee“,
beide in: Österreichische Volksstimme, 28.1.1947, S. 3; Josef Krips, „Mein Dirigentengastspiel“,
in: Die Brücke. Monatshefte für Kultur und Wirtschaft 3/3 (1947), S. 16-23, S. 16f. Aufgrund dieses Gast-
spiels wurde Krips Jahre später – im Juli 1950 – die Einreise in die USA verweigert (Oliver Rathkolb, „Aus-
triakischer Kulturexport“, in: Gert Kerschbaumer, Karl Müller, Begnadet für das Schöne. Der rot-weiß-rote
Kulturkampf gegen die Moderne, Wien 1992 [Beiträge zur Kulturwissenschaft und Kulturpolitik, Bd. 2],
S. 67-73, hier 71). 9 Krips über seine Eindrücke in Moskau, in: Österreichische Volksstimme, 17.1.1947,
S. 3. 10 Jiří Vysloužil, „Das sogenannte ,Prager Manifest 1948‘ und was sich davor und danach in der Musik
und im Musiktheater ereignet hat“, in: Peter Csobádi u.a. (Hg.), Das (Musik-)Theater in Exil und Diktatur.
Vorträge und Gespräche des Salzburger Symposiums 2003, Anif/Salzburg 2005 (Wort und Musik. Salzburger
Akademische Beiträge, Bd. 58), S. 541-549, hier S. 542. 11 „Schostakowitsch kommt nach Wien“, in: Wiener
Kurier, 30.5.1947, S. 3.
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Sergej Prokofjew, Igor Strawinsky, Paul Hindemith und Kurt Weill ergangen war, „damit
dieses zu einem Treffen der führenden Komponisten der Welt“ werde.123
Dmitrij Schostakowitsch reiste erstmals im Dezember 1952 nach Wien, um am „Völker-
kongress zum Schutz des Friedens“ teilzunehmen,13 der vom 12. bis 19. Dezember 1952
unter großer internationaler Beteiligung tagte. Insgesamt hatten sich Schostakowitschs
gesellschaftspolitische Aktivitäten in diesen Jahren, insbesondere sein Engagement in der
Weltfriedensbewegung, deutlich verstärkt: 1949 wurde er nach New York zur „Konferenz
für Kultur und Wissenschaft“, wie der Panamerikanische Kongress für Kultur und Friedens-
sicherung offiziell bezeichnet wurde, entsandt,14 im November 1950 nahm er am zweiten
Weltfriedenskongress in Warschau teil.15 Seine dortige Rede wurde auch im Tagebuch,
der kulturpolitischen Zeitschrift der KPÖ, veröffentlicht.16 Dem österreichischen Friedens-
kongress, der im Juni desselben Jahres im Wiener Konzerthaus stattfand, übermittelte
Schostakowitsch eine Grußbotschaft.17 Als aktives Mitglied des Weltfriedensrates wurde
ihm 1954 – gemeinsam mit Charlie Chaplin – der Internationale Friedenspreis verliehen.18 In
der Literatur wird Schostakowitschs Eintreten für den Frieden unterschiedlich bewertet, wo-
bei Bernd Feuchtner, der an der Ernsthaftigkeit dieses Engagements keinen Zweifel lässt,19
der Wahrheit gewiss näher kommen dürfte als der Herausgeber der Schostakowitsch-
Memoiren Solomon Wolkow, der davon ausgeht, dass seine Teilnahme am Friedenskampf
nur „unter dem ständigen, groben Druck der sowjetischen Behörden und mit großem
Widerwillen“ stattfand.20
12 „Vom II. Internationalen Musikfest Wien 1948“, in: Blätter der Wiener Konzerthausgesellschaft 1/4
(1947/48), 1.12.1947, S. 3-4, hier S. 3. Im Bericht über die Reaktionen auf diese Einladungen wurde Scho-
stakowitsch nicht erwähnt („Neues vom II. Internationalen Musikfest“, in: Blätter der Wiener Konzerthaus-
gesellschaft 1/6 [1947/48], 1.2.1948, S. 8). 13 „Die Interessen des Sowjetvolkes sind untrennbar von der
Sache des Weltfriedens. Gespräch mit dem Sowjetkomponisten Stalinpreisträger D.D. Schostakowitsch“, in:
Österreichische Zeitung, 12.12.1952, S. 3. 14 Krzysztof Meyer, Schostakowitsch. Sein Leben, sein Werk, seine
Zeit, Bergisch Gladbach 1995, S. 341-346. 15 „Wahre Kultur dient immer dem Frieden. Rede des Sowjet-
komponisten Dmitri Schostakowitsch auf dem Zweiten Weltfriedenskongreß“, in: Österreichische Zeitung,
3.12.1950, S. 5. 16 „Dmitrij Schostakowitschs Rede auf dem Zweiten Weltfriedenskongreß in Warschau:
Kulturarbeit ist Friedensarbeit“, in: Tagebuch 5/25 (9.12.1950), S. 8. 17 „Dmitri Schostakowitsch an die ös-
terreichischen Kulturschaffenden“, in: Österreichische Zeitung, 7.6.1950, S. 1. 18 „Feierliche Ueberreichung
des Friedenspreises an D. Schostakowitsch“, in: ebenda, 7.9.1954, S. 4. 19 Bernd Feuchtner, Dimitri Schosta-
kowitsch. „Und Kunst geknebelt von der groben Macht“. Künstlerische Identität und staatliche Repression,
Kassel; Stuttgart-Weimar 2002, S. 162. 20 Solomon Wolkow, Stalin und Schostakowitsch. Der Diktator und
der Künstler, Berlin 2004, S. 362.
Schostakowitsch in Wien 215
Abbildung 1: Dmitrij Schostakowitsch und Hanns Eisler beim Völkerkongress für den Frieden in Wien,
Dezember 1952. Links: der Graphiker Heinrich Sussmann
© Zentrales Parteiarchiv der KPÖ, Bildarchiv
engagierte sich in der maßgeblich von der KPÖ getragenen Friedensbewegung.235Auch die
Sängerin Tamara Dragan, die kurz darauf der KPÖ beitrat, nahm bei ihrem Aufruf an die
österreichischen KünstlerInnen, „aktiv für den Frieden [zu] arbeiten“, Bezug auf den Appell
des sowjetischen Komponisten.24 Der Antrag von Schostakowitsch am Weltfriedenskon-
gress in Warschau im November 1950, „zwischen den Künstlern aller Länder persönliche
Beziehungen und einen Austausch der Werke herzustellen“, wurde von Marcel Rubin auch
in Österreich bekannt gemacht.25 Diese Initiative Schostakowitschs und die in Warschau
gefassten Beschlüsse, die ebenso auf die Erweiterung der kulturellen Beziehungen ab-
zielten, nahm die Österreichisch-Sowjetische Gesellschaft im April 1951 zum Anlass, beim
Sekretariat des Zentralkomitees der KPÖ dafür einzutreten, bei der WOKS „dringend für
eine größere Anzahl von Einladungen an Österreich zu plädieren“, worauf die Entsendung
einer österreichischen Musikerdelegation in die Sowjetunion geplant wurde.26
Dass Schostakowitsch – wie in der Forschungsliteratur behauptet – auch am dritten
Weltfriedenskongress im Dezember 1952 im Wiener Konzerthaus ein Referat gehalten
hat,27 erscheint aufgrund der vorhandenen Quellen eher unwahrscheinlich.28 Sicher ist, dass
er einer Aussprache von Musikschaffenden vorstand, dort jedoch bedauern musste, dass
nur 19 Musiker am Kongress anwesend waren.29 Erbittert über die mangelnde Aktivität
der Musiker in der internationalen Friedensbewegung sei bei diesem nach Abschluss des
Kongresses stattfindenden „zwanglosen Beisammensein“ der Entschluss gefasst worden,
„alles zu tun, um die Musikschaffenden weitgehend in das gesellschaftliche Leben einzu-
beziehen und für die edle Sache des Friedenskampfes zu mobilisieren“, so Schostakowitsch
in seinem Bericht über den Wiener Weltfriedenskongress.30
Als Rahmenprogramm fand am 18. Dezember 1952 im Vortragssaal des Konservato-
riums der Stadt Wien eine Begegnung von Schostakowitsch mit österreichischen Kom-
23 U.a. „Professor Kassowitz: Der Kampf für den Frieden – eine patriotische Pflicht jedes Oesterreichers“,
in: ebenda, 28.6.1951, S. 4; „Professor Gottfried Kassowitz: Auch der Musiker muß sich heute entschei-
den“, in: ebenda, 1.5.1952, S. 6; „Professor Kassowitz tritt der Lügenhetze entgegen“, in: Österreichische
Volksstimme, 31.1.1953, S. 4. 24 Zentrales Parteiarchiv der KPÖ (i.d.F. ZPA), Tamara Dragan-Drechsler,
Lebenslauf, 7.7.1953; „Die erste Pflicht des Künstlers ist, mit ganzer Kraft für den Frieden zu arbeiten“, in:
Österreichische Zeitung, 4.11.1950, S. 6. 25 Marcel Rubin, „Eine Kraft des Friedens“, in: Österreichische
Friedenszeitung 2/4 (April 1951), S. 5. 26 ZPA, ÖSG, Zentralsekretär Otto Langbein, an das Sekretariat des
ZK der KPÖ, 30.4.1951, S. 1. Im Herbst 1953 besuchte eine Delegation österreichischer Kulturschaffender
mit dem Komponisten und Professor für Komposition und Theorie an der Wiener Musikakademie, Alfred Uhl,
an der Spitze die Sowjetunion (vgl. „Ein Vortrag von Prof. Alfred Uhl“, in: Mitteilungsblatt der Musik-Sektion
der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft, Nr. 1 [Juni 1954], S. 7-8, hier S. 7). 27 Lothar Seehaus, Dmitrij
Schostakowitsch. Leben und Werk, Wilhelmshaven 1986, S. 113; Meyer, Schostakowitsch (s. Anm. 14),
S. 377. 28 Weder in der zeitgenössischen Presseberichterstattung noch in einer vom Österreichischen Frie-
densrat herausgegebenen Protokollbroschüre, die z.B. Auszüge aus den Referaten von Frédéric Joliot-Curie
und Jean-Paul Sartre wiedergibt, findet sich ein Hinweis darauf (Völkerkongreß für den Frieden, Wien,
vom 12. bis 20. Dezember 1952. Reden und Dokumente. Beilage der „Oesterreichischen Friedenszeitung“,
hrsg. vom Österreichischen Friedensrat, Wien o.J. [1953]). 29 „Wir hörten die Stimme der Weltkultur“, in:
Österreichische Friedenszeitung 4/1-2 (Jänner/Februar 1953), S. 6-7, hier S. 7. Das Protokoll führt ebenso
„19 Musiker, Komponisten, Sänger“ als Teilnehmer an (Völkerkongreß für den Frieden [s. Anm. 28], S. 56).
30 D[mitrij] Schostakowitsch, „Fortschrittliche Musiker im Kampf für den Frieden“, in: Sowjetwissenschaft.
Kunst und Literatur, Nr. 1 (1954), S. 7-14, hier S. 7.
Schostakowitsch in Wien 217
ponisten und Musikschaffenden statt, an der u.a. Alfred Uhl, Marcel Rubin, Hanns Eisler,
Mitglieder des Professorenkollegiums und bekannte Wiener Instrumentalisten teilnahmen.316
Schostakowitsch brachte bei dieser Gelegenheit erstmals in Wien drei seiner Präludien und
Fugen für Klavier zu Gehör.32 Auf die Frage, was die Hauptaufgabe der modernen Musik
sei, soll Schostakowitsch mit einem Satz geantwortet haben: „Die Hauptaufgabe der mo-
dernen Musik ist, möglichst tief die reiche innere Welt des Menschen und die Herrlichkeit
der Natur zu schildern!“33 „Der Künstler habe – auf welchem Gebiet immer – der Sprache
seiner Zeit die gültige Form zu geben und dem künstlerischen Ausdruck neue Bereiche des
Menschlichen zu erobern […].“ Mit diesen Worten soll der Komponist vor den Professoren
und Schülern des Wiener Konservatoriums „sein ästhetisches Glaubensbekenntnis“ umris-
sen haben, so der Musikkritiker Desider Hajas.34 Ähnlich äußerte sich Schostakowitsch in
einem Interview über die Aufgaben zeitgenössischer Musik: „Realistisches, schöpferisches,
ideelles, nicht auf äußerliche Orginalitätshascherei ausgehendes, sondern auf die bestmög-
liche, richtige Darstellung neuer Empfindungen, wie sie unsere Gegenwart hervorbringt,
gerichtetes Neuerertum, das ist die dankbare und wichtige Aufgabe, die den Meistern der
Musik gestellt ist.“35 Die öffentlichen Erklärungen von Schostakowitsch standen im Zeichen
der Betonung der Völkerfreundschaft zwischen Österreich und der Sowjetunion: Bei der Be-
gegnung mit Musikern und Komponisten habe er erkannt, dass sich diese „zutiefst für die
heutige Sowjetmusik interessieren sowie auch wir in unserem Lande lebhaft alles Gute und
Interessante aufnehmen, was von den Musikern in allen Ländern geschaffen wird“.36
Bereits ein halbes Jahr später weilte Schostakowitsch erneut in Wien, als Mitglied der
sowjetischen Freundschaftsdelegation, die an der im Schwechater Hof in Wien-Landstraße
tagenden Generalversammlung der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft am 6. und
7. Juni 1953 teilnahm.37 Am Flughafen wurde Schostakowitsch von ÖSG-Präsident Hugo
Glaser willkommen geheißen387und nach Beendigung der Tagung, am 9. Juni, auch von
Bundespräsident Theodor Körner empfangen.39 Anlässlich seines zweiten Wien-Aufenthalts
fand erneut eine Zusammenkunft mit österreichischen Komponisten statt, an der u.a.
Joseph Marx und Staatsoperndirektor Franz Salmhofer teilnahmen.40 Vor dem Hintergrund
der sowjetischen Musikdiskussion der letzten Jahre kamen im Rahmen dieses zwanglosen
Zusammentreffens die Bedingungen, unter denen in der Sowjetunion Musik entstehe, zur
Sprache: „Entscheiden in der Sowjetunion über die Aufführung wie bei uns Großindustri-
elle, Sektionschefs und Stardirigenten? Schostakowitsch schüttelte den Kopf. Das erste
Wort hat der Komponistenverband“, gab Marcel Rubin Schostakowitschs Antwort wider.41
An freien Abenden wohnte er Vorstellungen der Wiener Staatsoper in ihrem Ausweich-
quartier im Theater an der Wien bei.42 Im Rahmen einer Pressekonferenz sprach Schosta-
kowitsch, der mit dem Filmregisseur Grigorij Alexandrow (Begegnung an der Elbe) nach
Wien gereist war, über die Rolle der Musik im Film und betonte, dass es für sowjetische
Komponisten „eine Ehre und eine Pflicht“ sei, „an der Filmarbeit, die wie keine andere
Kunst die Massen erreicht, teilzunehmen“.43 Vor der Abreise der Delegation am 15. Juni44
referierte Schostakowitsch – auf Vermittlung der ÖSG und auf Einladung der steirischen
Musikdirektion – auch im Saal des Landeskonservatoriums in Graz vor Musikausübenden,
Komponisten, Kapellmeistern der Grazer Oper und Studierenden des Konservatoriums
„über die Heranbildung und die Lage der sowjetischen Komponisten“.45 In einem Interview
mit der kommunistischen Zeitung Der Abend hob er erneut die Freundschaft zwischen dem
Sowjetvolk und dem österreichischen Volk hervor.46
Abbildung 2: Zusammenkunft von Dmitrij Schostakowitsch mit österreichischen Komponisten im Juni 1953
in Wien: Joseph Marx (links) und Franz Salmhofer (rechts)
© Zentrales Parteiarchiv der KPÖ, Bildarchiv
Der dritte Wien-Besuch fand im November 1955 statt, als Schostakowitsch gemeinsam mit
dem Direktor der Moskauer Oper Michail N. Tschulaki als Ehrengast der Wiedereröffnung
der Wiener Staatsoper beiwohnte. Die Einladung dazu war von Seiten der Wiener Staats-
oper und der österreichischen Bundesregierung ergangen,478was auch als Reverenz gegen-
über der sowjetischen Besatzungsmacht zu deuten ist. Auf dem Wege der Österreichisch-
Sowjetischen Gesellschaft und der KPÖ hatte zuvor eine entsprechende Fühlungnahme in
Moskau stattgefunden, wie aus einem im Parteiarchiv der KPÖ aufbewahrten Papier von
Ende 1954 hervorgeht.48 Bei der Eröffnungspremiere (Fidelio) am 5. November kam es zu
einer Begegnung Schostakowitschs mit dem deutschen Dirigenten Bruno Walter,49 den der
Komponist bereits 1926 in Moskau kennengelernt hatte und dem er bei dieser Gelegenheit
die Partitur seiner 1. Symphonie auf dem Klavier vorspielte.50
Auch von Schostakowitsch, der neben den Premieren von Fidelio und Don Giovanni
den Generalproben von Die Frau ohne Schatten und Aida beiwohnte, kamen über das
„musikalisch glanzvoll[e], szenisch laut der damaligen Kritik großteils enttäuschend[e]“
47 Vgl. „Zur Operneröffnung: Schostakowitsch kommt“ (s. Anm. 42). 48 „Die WOKS ist bereit, bei der
Eröffnung der Wiener Staatsoper durch eine Delegation vertreten zu sein, wenn sie eine offizielle Einladung
dazu erhält“, teilte der ZK-Sekretär der KPÖ, Friedl Fürnberg, Ende Dezember 1954 der ÖSG mit (ZPA,
Gedächtnisprotokoll über Mitteilungen von Gen. Fürnberg zu unseren „Vorschlägen“, 31.12.1954, S. 1).
49 „Opernfest – drinnen und draußen“, in: Österreichische Volksstimme, 8.11.1955, S. 7. 50 Bruno Walter,
Thema und Variationen. Erinnerungen und Gedanken, Stockholm 1947, S. 410.
220 Manfred Mugrauer
51 Christiane Mühlegger-Henhapel, „Die Wiener Oper von 1869 bis 1955“, in: Ulrike Dembski, Vana
Greisenegger-Georgila, Barbara Lesák, Christiane Mühlegger-Henhapel (Hg.), Aus Burg und Oper. Die Häuser
am Ring von ihrer Eröffnung bis 1955, Wien 2005, S. 4-9, hier S. 9. 52 „Schostakowitsch bewundert die
Philharmoniker“, in: Österreichische Volksstimme, 9.11.1955, S. 4; A[ugust] B[eranek], „Berühmte Gäste
beim Wiener Opernfest. Ein Gespräch mit Dmitrij Schostakowitsch und Michail Tschulaki“, in: Die Brücke.
Österreich – Sowjetunion 10/12 (Dezember 1955), S. 4-5, hier S. 4. 53 [Karl] L[öbl], „Schostakowitsch sagt:
‚Eiserner‘ schrecklich. Sowjetkomponist von Sängern enttäuscht, von Böhm und Orchester begeistert“, in:
Bild-Telegraf, 9.11.1955, S. 5; „Dimitrij Schostakowitsch gefällt der eiserne Vorhang nicht“, in: Neuer Kurier,
9.11.1955, S. 2; „Fidelio-Inszenierung ‚viel zu grau‘. Schostakowitsch über die Eröffnungspremiere – Höchstes
Lob für die Leistung der Philharmoniker und Böhm“, in: Die Presse, 9.11.1955, S. 4; Viktor Matejka, „Operette
um ein Opernhaus“, in: Tagebuch 10/23 (19.11.1955), S. 3. 54 Franz Endler, „Der politische Komponist.
Dimitrij Schostakowitsch feiert am 25. September seinen 60. Geburtstag“, in: Die Presse, 24./25.9.1966,
S. 8; ders.: „Bewahrer und Erweiterer. Dimitrij Schostakowitsch starb am Samstag in Moskau“, in: ebenda,
11.8.1975, S. 5. 55 Egon Seefehlner, Die Musik meines Lebens. Vom Rechtspraktikanten zum Opernchef in
Berlin und Wien, Wien 1983, S. 157.
Schostakowitsch in Wien 221
kenner und Dramaturgen Prawy als einzigem ein Autogramm gegeben haben, nachdem
dieser im Vorübergehen eine Melodie aus seiner jüngsten Komposition gepfiffen hat,
obwohl er zuvor – Prawy zufolge – erklärt haben soll, kein einziges Autogramm geben zu
wollen.5610Ein Foto in der ÖSG-Zeitschrift Brücke zeigte Schostakowitsch freilich, wie er vom
internationalen Premierepublikum um Autogramme geradezu bestürmt wurde.57 Auch ein
Foto im Bild-Telegraf zeigt den Komponisten „im grauen Straßenanzug, mit verrutschter,
bunter Krawatte“, wie er seine Unterschrift auf die „Prominentenliste“ der Reporterin des
Blattes setzt.58
Eine wie bei seinen ersten beiden Wien-Besuchen am 9. November anberaumte Zusam-
menkunft mit österreichischen Komponisten musste Schostakowitsch kurzfristig absagen,
da er Nachricht vom Ableben seiner Mutter erhielt und sofort abreisen musste.59 Er kam
gerade noch rechtzeitig mit dem Flugzeug zur Beerdigung am 12. November 1955.60
56 Marcel Prawy erzählt aus seinem Leben. … und seine Vision der Oper des 21. Jahrhunderts. 30 Tage im
Leben eines Neunzigjährigen. Mit Beiträgen von Peter Dusek und Christoph Wagner-Trenkwitz, 5., überarbei-
tete und erweiterte Auflage Wien 2001, S. 108. 57 Die Brücke. Österreich – Sowjetunion 10/12 (Dezember
1955), S. 5. 58 [Bildtext], in: Bild-Telegraf, 8.11.1955, S. 8. 59 „Schostakowitsch-Besuch mit traurigem
Ausklang“, in: Der Abend, 10.11.1955, S. 5. 60 Meyer, Schostakowitsch (s. Anm. 14), S. 384. 61 Telefo-
nische Mitteilung von Martin Grünberg an den Verfasser, 30.1.2007. 62 Hugo Glaser, „Willkommensgruß
für Dmitri Schostakowitsch“, in: Mitteilungsblatt der Fachsektionen der Österreichisch-Sowjetischen Gesell-
schaft, Nr. 127 (Februar 1965), S. 2-3, hier S. 2. 63 Rede von Martin Grünberg am 22. September 2000 beim
Festabend anlässlich des 75. Gründungstages des Russischen Zentrums für internationale, wissenschaftliche
und kulturelle Zusammenarbeit im Russischen Kulturinstitut in Wien, abgedruckt in: Claus Walter (Hg.), rot-
weiß-rote PaN-Geschichten 1945-2005, Wien 2005, S. 431-437, hier S. 432.
222 Manfred Mugrauer
war Schostakowitsch zu diesem Zeitpunkt der ÖSG bereits zu einem „vertrauten Freund“
geworden.6411
Bei der SÖG-Gründungsversammlung am 24. Juli 1958 in Moskau waren der stellver-
tretende Vorsitzende des Ministerrates der UdSSR Anastas Mikojan, der österreichische
Botschafter Norbert Bischoff sowie Bundeskanzler Julius Raab anwesend, der anlässlich
des Besuches einer Regierungsdelegation in der Sowjetunion weilte.65 In der ersten Sitzung
des 102-köpfigen SÖG-Vorstands66 wurde Schostakowitsch zum Vorsitzenden der Gesell-
schaft bestellt, ein Amt, das der Komponist – zuletzt nach seiner Wiederwahl 197167 – bis
zu seinem Tod 1975 bekleidete.68 Julius Raab wies in seiner Rede darauf hin, dass sich die
Wiener Volksoper für das neueste Bühnenwerk Schostakowitschs, die Operette Moskau-
Tscherjomuschki, interessiere und um die Übermittlung des Textbuches und des Klavieraus-
zuges ersuche.69 Zur österreichischen Erstaufführung dieses Werks kam es allerdings erst
2005 in der Wiener Kammeroper.
In seiner neuen Eigenschaft als SÖG-Präsident führte Schostakowitsch die sowjetische
Delegation beim V. Bundeskongress der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft an, der
am 29./30. November 1958 im Schwechater Hof in Wien tagte.70 Nachdem er „mit einer
lang andauernden, überaus herzlichen Ovation“ begrüßt worden war, ging Schostakowitsch
in seinem Bericht ausführlich auf die Tätigkeit der SÖG ein.71 Anlässlich des Kongresses
wurde er auch vom österreichischen Bundespräsidenten Adolf Schärf empfangen.72 In ei-
ner Pressekonferenz sprach er über aktuelle Projekte und musikalische Zukunftsvorhaben,
etwa seine 12. Symphonie und das 7. Streichquartett.73 Über die kommunistische Presse
hinaus nahmen die österreichischen Medien dieses Mal jedoch keine Notiz vom Aufenthalt
des Komponisten in Wien. Für die Betreuung Schostakowitschs war Charlotte Eisler, die
erste Frau Hanns Eislers, verantwortlich, die nach ihrer Rückkehr aus dem englischen Exil
64 „Lieber Freund Dmitrij Schostakowitsch!“, in: Die Brücke. Österreich – Sowjetunion 11/9 (September
1956), S. 27. 65 „Gründung einer Sowjetisch-Österreichischen Gesellschaft in der UdSSR“, in: Sowjetunion
heute 4/31 (152), 3.8.1958, S. 4. 66 Vgl. D[mitrij] Schostakowitsch, „Unsere Kontakte mit Österreich“,
in: Neue Zeit. Außenpolitische Wochenschrift 18/26 (Juni 1960), S. 11-12, hier S. 11. 1965 bestand der
Vorstand aus 89 Personen (vgl. Dmitry D. Schostakowitsch, „Im Zeichen des Friedens, der Freundschaft
und der Zusammenarbeit“, in: Festschrift anlässlich des 20. Jahrestages der Gründung der Österreichisch-
Sowjetischen Gesellschaft, hrsg. v. der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft, Wien 1965, S. 25-27, hier
S. 26). 67 [Notiz], in: Volksstimme, 4.6.1971, S. 1. 68 „Ein bedeutsames Ereignis. Gründung der Sowjetisch-
Österreichischen Gesellschaft in Moskau“, in: Brücke Österreich Sowjetunion. Mitteilungen für die Mitglieder
der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft (Oktober 1958), S. 4. Zu korrigieren ist demnach die Feststel-
lung, dass Schostakowitsch 1958 zum „Ehrenpräsidenten“ der SÖG gewählt worden ist (Seehaus, Dmitrij
Schostakowitsch [s. Anm. 27], S. 133). 69 „Gründung einer Sowjetisch-Österreichischen Gesellschaft in der
UdSSR“, in: Mitteilungsblatt der Musik-Sektion der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft, Nr. 9 (Oktober
1958), S. 4. 70 „Kongreß der verstärkten Freundschaft“, in: Brücke Österreich Sowjetunion. Mitteilungen
für die Mitglieder der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft (Jänner 1959), S. 3. 71 „Kongreß der ver-
stärkten Freundschaft mit der Sowjetunion“, in: Volksstimme, 30.11.1958, S. 3; Schostakowitsch, „Wir
machen Sowjetvolk mit Österreichs Kultur bekannt“, in: ebenda, 2.12.1958, S. 3. 72 „Schostakowitsch zum
V. Bundeskongreß“, in: Brücke Österreich Sowjetunion. Mitteilungen für die Mitglieder der Österreichisch-
Sowjetischen Gesellschaft (Jänner 1959), S. 4, sowie das dortige Titelfoto. 73 „Schostakowitsch: Neue Werke
und Pläne“, in: Mitteilungsblatt der Musik-Sektion der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft, Nr. 10 (März
1959), S. 6-7.
Schostakowitsch in Wien 223
als Sängerin bzw. Gesangspädagogin in Wien lebte und 1947 eine Professur für Gesang
am Konservatorium der Stadt Wien erhalten hatte.7412Eisler sprach aufgrund ihrer Tätigkeit
für den Staatlichen Musikverlag in Moskau in den Jahren 1936 bis 1938 Russisch, gehörte
seit 1925 der KPÖ an75 und wirkte ab 1957 als verantwortliche Redakteurin des Mittei-
lungsblattes der ÖSG-Musiksektion,76 deren Vorsitz seit ihrer Gründung im Jahr 1946 bis
zu seinem Tod (1964) Joseph Marx innehatte. Schostakowitsch besuchte mit Charlotte
Eisler die Wiener Staatsoper und eine Bruckner-Messe in der Hofkapelle, die auf ihn eine
starke Faszination ausgeübt haben soll. Ihrem Sohn, dem Maler Georg Eisler, gestattete
der Komponist, ihn mehrere Stunden lang zu portraitieren.77
Schostakowitsch kündigte im Rahmen dieses Wien-Aufenthalts an, bei den bevorste-
henden VII. Weltfestspielen der Jugend und Studenten im Sommer 1959 erneut in Wien
als Mitglied der künstlerischen Jury anwesend zu sein78 und gab auch ein Jahr darauf in
einer Grußadresse an die TeilnehmerInnen des Festivals seiner Hoffnung Ausdruck, „diesen
Plan verwirklichen zu können“.79 „Ich habe schon mehrmals in dieser wunderbaren Stadt
geweilt, und ich denke stets mit Freude an ihre breiten Straßen, Plätze und Parks und an
die unvergeßliche blaue Donau“, so Schostakowitsch in seiner in der kommunistischen
Tagespresse veröffentlichten Grußbotschaft.80 Dennoch kam es 1959 ebenso wenig zu
einem Wien-Besuch wie im Jahr 1960, als er – gemäß den Angaben von Krzysztof Meyer –
im Rahmen einer Europa-Tournee gemeinsam mit Jewgenij Mrawinskij, Gennadij Rosch-
destwenskij und den Leningrader Philharmonikern auch in Österreich geweilt haben soll,81
was jedoch nicht den Tatsachen entspricht.
74 Marcel Rubin, „Lotte Eisler zum 60. Geburtstag“, in: Österreichische Volksstimme, 5.1.1954, S. 7; Jürgen
Schebera, Hanns Eisler. Eine Biographie in Texten, Bildern und Dokumenten, Mainz u.a. 1998, S. 211.
75 ZPA, Charlotte Eisler, Lebenslauf, o.D. [1946]. 76 Vgl. Mitteilungsblatt der Musik-Sektion der Österreichisch-
Sowjetischen Gesellschaft, Nr. 6 (Oktober 1957), S. 16. 77 Georg Eisler, „Ein falscher Demetrius? Die Memoi-
ren des Dmitrij Schostakowitsch“, in: Wiener Tagebuch, Nr. 3 (März 1980), S. 25-27, hier S. 25, nachgedruckt
als: „Ein falscher Demetrius? Begegnung mit Schostakowitsch“, in: ders., Skizzen. Schriften und Zeichnungen,
Wien 1990, S. 135-143, hier S. 135f. Im Werkkatalog Eislers findet sich ein Schostakowitsch-Portrait (Öl auf
Leinwand) aus dem Jahr 1959 im Besitz von Eric Estrorich, London (Otto Breicha, Georg Eisler. Monographie
und Werkkatalog, Wien-München 1970, S. 135). Das Tagebuch brachte 1959 eine Zeichnung Schostako-
witschs von Georg Eisler (Tagebuch 14/5 [Mai 1959], S. 1). 78 „Dimitri Schostakowitsch sprach in Wien über
seine Schaffenspläne“, in: Volksstimme, 2.12.1958, S. 7. 79 VII. Weltfestspiele der Jugend und Studenten für
Frieden und Freundschaft. Wien, 26.7.-4.8.1959, hrsg. v. der Ständigen Kommission des Internationalen Ko-
mitees zur Vorbereitung der VII. Weltfestspiele der Jugend und Studenten für Frieden und Freundschaft, Wien
1959, S. 7. 80 „Dmitri Schostakowitsch begrüßt die Festivalteilnehmer“, in: Volksstimme, 1.8.1959, S. 4.
81 Meyer, Schostakowitsch (s. Anm. 14), S. 414.
224 Manfred Mugrauer
Der fünfte und letzte Wien-Besuch von Dmitrij Schostakowitsch stand im Zusammenhang
mit der österreichischen Erstaufführung seiner neu bearbeiteten Oper Katerina Ismailowa,
die am 12. Februar 1965 in der Wiener Staatsoper stattfand. Gemäß einer Äußerung ihres
Schostakowitsch in Wien 225
Präsidenten Hugo Glaser soll diese Aufführung auf Anregung der ÖSG zustande gekommen
sein, als „würdiger und glanzvoller Auftakt zu dem Festprogramm, das die Zwanzigjahrfeier
der Befreiung Österreichs umfassen wird“.8213Schostakowitsch traf am 2. Februar gemeinsam
mit seiner Gattin mit dem Zug in Wien ein, wurde bereits am Bahnhof vom sowjetischen
Botschafter Viktor Awilow, von Staatsoperndirektor Egon Hilbert und seinem Stellvertreter
Heinrich Reif-Gintl und zwei Ministerialbeamten begrüßt und nahm in den Folgetagen an
den letzten Proben teil.83 Neben Vorstellungen des Rosenkavaliers von Richard Strauss und
der Fledermaus von Johann Strauss in der Wiener Staatsoper, sowie des Grafen von Luxem-
burg von Franz Lehár in der Volksoper besuchte Schostakowitsch auch eine Aufführung
von Gustav Mahlers 5. Symphonie und der d-Moll-Messe von Anton Bruckner.84 Von der
Aufführung des Rosenkavaliers in der Staatsoper soll er begeistert gewesen sein.85 Nach der
Premiere seiner Oper Katerina Ismailowa zeigte er sich über die Darbietung sehr zufrieden
und hob die „vorzügliche[n] Sänger“ und das „ausgezeichnete Orchester“ hervor.86 Das
Publikum feierte den Komponisten „inmitten der Schar seiner Mitarbeiter sehr herzlich“,
war in der Österreichischen Musikzeitschrift zu lesen.87
In der Forschungsliteratur wird die „künstlerische Ehrlichkeit und Integrität“88 Scho-
stakowitschs hervorgehoben und das Bild eines bescheidenen, gütigen und hilfsbereiten
Menschen gezeichnet. Auch Hugo Glaser betonte 1965 die „große Beliebtheit“ Schostako-
witschs in der österreichischen Hauptstadt: „Er wurde von allen Seiten mit einer Herzlichkeit
geehrt, wie sie nur selten einem Gast zuteil wird.“89 So war Schostakowitsch am 4. Februar
Gast bei Außenminister Bruno Kreisky (SPÖ),90 am 8. Februar 1965 fand ein Empfang in
der sowjetischen Botschaft statt, bei dem u.a. der Bundesminister für Unterricht Theodor
Piffl-Perčevič (ÖVP), Staatsoperndirektor Egon Hilbert, der Direktor der Volksoper Albert
Moser und zahlreiche Persönlichkeiten des kulturellen Lebens anwesend waren.91 In seinem
Zimmer im Hotel Sacher empfing Schostakowitsch mehrere Journalisten,92 das Presseecho
auf seinen Besuch war insgesamt sehr groß. Am 11. Februar gab die 1964 gegründete
82 Glaser, „Willkommensgruß für Dmitri Schostakowitsch“ (s. Anm. 62), S. 2. 83 „Dimitri Schostakowitsch
in Wien“, in: Wiener Zeitung, 3.2.1965, S. 5. 84 F.G., „Gespräch mit dem Komponisten Dmitri Schostako-
witsch“, in: Volksstimme, 7.2.1965, S. 6; Marcel Rubin, „Schostakowitsch im Gespräch“, in: Österreichische
Musikzeitschrift 20/2 (1965), S. 112. 85 L[othar] Kn[essl], „Gespräch mit Schostakowitsch. Als Komponist vor
allem Praktiker – an ‚Mode‘ desinteressiert, in: Neues Österreich, 5.2.1965, S. 9. 86 „‚Katerina Ismailowa‘ in
Wien. Dmitri Schostakowitsch über die Aufführung in der Wiener Staatsoper“, in: Sowjetunion heute 11/8
(492), 21.2.1965, S. 18-19, hier S. 19. 87 Erik Werba, „Staatsopern-Premiere von ‚Katerina Ismailowa‘“, in:
Österreichische Musikzeitschrift 20/2 (1965), S. 113. 88 Exemplarisch: Boris Schwarz, Musik und Musikleben
in der Sowjetunion von 1917 bis zur Gegenwart, Wilhelmshaven 1982 (Taschenbücher zur Musikwissenschaft,
Bd. 67-69), S. 760. 89 Hugo Glaser, „Aus der Geschichte der Oesterreichisch-Sowjetischen Gesellschaft. Eine
persönliche Erinnerung“, in: Festschrift (s. Anm. 66), S. 19-24, hier S. 24. 90 „Dimitri Schostakowitsch in
Wien“ (s. Anm. 83); vgl. auch die Speisekarte mit rückseitiger Widmung von Schostakowitsch in: ÖNB, Hand-
schriftensammlung, Autogr. 1261/33-1, Korr. Erich Bielka. 91 „Empfang beim sowjetischen Botschafter“, in:
Wiener Zeitung, 10.2.1965, S. 1. 92 [Knessl], „Gespräch mit Schostakowitsch“ (s. Anm. 85); Fritz Walden,
„Schostakowitschs nächste Oper: ‚Der stille Don‘“, in: Arbeiter-Zeitung, 6.2.1965, S. 8.
226 Manfred Mugrauer
Österreichische Gesellschaft für Musik für ihn einen Empfang,9314der über die Sowjetbot-
schaft eingefädelt worden war. Schostakowitsch soll dort allerdings kein Wort gesprochen
haben.94 Ein Foto zeigt ihn in der Wohnung des Primgeigers der Wiener Philharmoniker, Fritz
Leitermeyer, gemeinsam mit dem Komponisten Alois Melichar.95 Die Wiener Philharmoniker
traten kurz darauf an Schostakowitsch heran, mit einer Grußadresse in ihrer 1967 zum
125-jährigen Gründungsjubiläum des Klangkörpers herausgegebenen Festschrift vertreten
zu sein – ein Wunsch, dem der Komponist auch nachkam.96
Zur Vertiefung der Beziehungen zwischen ÖSG und SÖG wurde seit 1962 alljährlich ein
Kulturabkommen zwischen beiden Freundschaftsgesellschaften unterzeichnet.97 Der Wien-
Aufenthalt von Schostakowitsch wurde nun zum Anlass genommen, dass die beiden Präsi-
denten, Hugo Glaser und Dmitrij Schostakowitsch, ihre Unterschrift unter diesen Vertrag für
kulturelle Zusammenarbeit setzten.98 Ein Jahr später übermittelte ihm die ÖSG zu seinem
60. Geburtstag neben einem Glückwünschtelegramm „eine Originalradierung der Stadt
Salzburg“.99 Auch anlässlich dieses Wien-Aufenthalts fand wie bereits bei seinen Besuchen
in den Jahren 1952 und 1953 auf Einladung der ÖSG eine Aussprache mit österreichischen
Komponisten, ein „zwangloses Beisammensein“ im Österreich-Haus am Josefsplatz, statt.
Der Komponist Alfred Uhl, der nach dem Tod von Joseph Marx den Vorsitz der ÖSG-
Musiksektion übernommen hatte, sprach einleitende Worte. Nachdem Schostakowitsch
den Wunsch geäußert hatte, Werke lebender österreichischer Komponisten kennenzuler-
nen, wurde bei dieser Zusammenkunft ein zweiter Termin zur Vorführung zeitgenössischer
österreichischer Musik auf Tonbändern und Schallplatten vereinbart. Diese fand am Vortag
der Staatsopernpremiere im Rahmen der ÖSG statt und dauerte drei Stunden, wobei sich
Schostakowitsch zu jedem einzelnen Werk Notizen machte. Danach erklärte er, dass er vom
österreichischen Musikschaffen der Gegenwart stark beeindruckt sei und sich zu Hause mit
den Werken, die er gehört habe, auf Grund seiner Notizen und Unterlagen noch eingehend
befassen werde. Marcel Rubin überlieferte in diesem Zusammenhang folgende Aussage
eines der „bekanntesten Komponisten“ Österreichs: „Seltsam. Wir sind hier schon mit
so manchen berühmten Kollegen aus dem Ausland zusammengekommen. Aber bis zu
Schostakowitsch hat sich keiner für irgendeine Musik außer seiner eigenen interessiert.“10015Der
Volksstimme-Mitarbeiter Karl Brix erinnerte sich Jahre später an diesen Musiknachmittag
und hob die „Feinfühligkeit“ hervor, „mit der Schostakowitsch Vorzüge oder Schwächen
der Kompositionen beurteilte, ohne je zu verletzen oder zu übertreiben“.101
Dieser fünfte Besuch Schostakowitschs in Wien war auch sein letzter in Österreich,
kamen doch im Oktober 1973 und August 1974 zwei geplante und bereits öffentlich
angekündigte Reisen nach Österreich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zustande.
Über Einladung der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft sollte der Präsident ihrer so-
wjetischen Schwestergesellschaft zwischen 15. und 30. Oktober 1973 Wien besuchen, auf
dem Programm wären „Zusammenkünfte und Aussprachen mit Funktionären“ der ÖSG,
„mit namhaften österreichischen Komponisten und Musikern und anderen Persönlichkeiten
des kulturellen Lebens“ gestanden.102 Im Sommer 1974 hätte Schostakowitsch bei den
Salzburger Festspielen einer Aufführung seiner 10. Symphonie durch die Berliner Philhar-
moniker unter Herbert Karajan beiwohnen sollen, was sein Gesundheitszustand jedoch
nicht zuließ.103 Eine von Lothar Seehaus erwähnte Wien-Reise im Jahr 1969, um die vom
Vorstand der (von ihm so bezeichneten) „Mozart-Gesellschaft“ verliehene Mozart-Medaille
entgegen zu nehmen,104 entspricht nicht den Tatsachen. Vielmehr nahm Schostakowitsch
die ihm im Dezember 1969 von der Mozartgemeinde Wien zuerkannte Auszeichnung105
„in Anerkennung seiner schöpferischen Leistungen und seines Beitrages zur Verbreitung
der Musikwerke Mozarts in der UdSSR“ im Februar 1970 im Haus des Komponistenver-
bandes in Moskau vom ÖSG-Präsidenten Hugo Glaser entgegen.106 Darüber hinaus wurde
Schostakowitsch mit zwei hohen Ehrungen der Republik Österreich ausgezeichnet: In
Anerkennung seiner Bemühungen um die Herstellung von Kontakten zwischen Österreich
und der Sowjetunion auf dem Gebiete der Musik erhielt er am 15. März 1967 in der ös-
terreichischen Botschaft in Moskau aus den Händen von Bundeskanzler Josef Klaus das
ihm vom Bundespräsidenten Franz Jonas verliehene „Große silberne Ehrenzeichen für
100 „Schostakowitsch hört österreichische Komponisten“, in: Volksstimme, 12.2.1965, S. 7; [Heinz Hollit-
scher], „Zusammenkunft von Dmitri Schostakowitsch mit österreichischen Musikern“, in: Sowjetunion heute
11/8 (492), 21.2.1965, S. 19-20; Marcel Rubin, „So ist Dmitri Schostakowitsch. Zu seinem 60. Geburtstag
am 25. September“, in: Volksstimme, 23.9.1966, S. 7. 101 K[arl] B[rix], „Schostakowitsch 65 Jahre alt“, in:
ebenda, 25.9.1971, S. 7. 102 „Dmitri Schostakowitsch kommt nach Österreich“, in: Mitteilungsblatt der
Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft, Nr. 91, September 1973, S. 4. 103 „Salzburg ohne Schostako-
witsch“, in: Volksstimme, 15.8.1974, S. 7. Die Aufführung hat letztlich nicht stattgefunden. Karajan brachte
die 10. Symphonie zwei Jahre später in Salzburg mit der Dresdner Staatskapelle zu Gehör (Hans Jaklitsch,
Die Salzburger Festspiele, Bd. 3: Verzeichnis der Werke und der Künstler 1920-1990, Salzburg-Wien 1991,
S. 197). 104 Seehaus, Dmitrij Schostakowitsch (s. Anm. 27), S. 191. 105 Walter Szmolyan, „Dmitri Schosta-
kowitsch zum 65. Geburtstag“, in: Österreichische Musikzeitschrift 26/10 (1971), S. 584-585, hier S. 584;
Maria Resch, Die Mozartgemeinde Wien. Ihre Geschichte auf Grundlage ihres Archivs, [Link]. Univ. Wien
1997, S. 39. 106 „Mozart-Medaille für Schostakowitsch“, in: Volksstimme, 26.2.1970, S. 7; „Überreichung
der Mozart-Medaille an Dmitri Schostakowitsch“, in: Mitteilungsblatt der Österreichisch-Sowjetischen Gesell-
schaft, Nr. 61, März 1970, S. 3. Ein Foto von der Verleihung ist abgedruckt in: Dmitri Schostakowitsch und
seine Zeit. Mensch und Werk. Niederrheinisches Museum der Stadt Duisburg 16. September - 28. Oktober
1984, Duisburg o.J. [1984], S. 142.
228 Manfred Mugrauer
Abbildung 4: Schostakowitsch mit dem „Großen Silbernen Ehrenzeichen für die Verdienste um die Republik
Österreich“, das ihm am 15. März 1967 in der österreichischen Botschaft in Moskau von Bundeskanzler Josef
Klaus überreicht wurde.
© Zentrales Parteiarchiv der KPÖ, Bildarchiv
107 [Kurzmeldung], in: Wiener Zeitung, 16.3.1967, S. 6. 108 „Österreich ehrt Schostakowitsch“, in: Volks-
stimme, 1.6.1974, S. 7. 109 „Festveranstaltung im Haus der Freundschaft“, in: Mitteilungsblatt der Öster-
reichisch-Sowjetischen Gesellschaft, Nr. 99 (Juli 1974), S. 2, sowie das dortige Titelfoto.
Schostakowitsch in Wien 229
110 „Schostakowitsch über die Tätigkeit der ÖSG“, in: Volksstimme, 27.11.1970, S. 4. 111 „ÖSG-Delegation
bei Trauerfeierlichkeiten für D. Schostakowitsch“, in: Mitteilungsblatt der Österreichisch-Sowjetischen Ge-
sellschaft, Nr. 9 (September 1975), S. 4. 112 Zit. nach Elizabeth Wilson, Shostakovich. A Life Remembered,
London-Boston 1994, S. 472-476, hier S. 476. Der 1935 der KPÖ beigetretene Spanienkämpfer und langjähri-
ge niederösterreichische ÖSG-Funktionär Friedrich Tränkler leitete 1972/73 nach der Ablöse Martin Grünbergs
das Zentralsekretariat und war von 1972 bis 1990 Vizepräsident der ÖSG (ZPA, Friedrich Tränkler, Lebenslauf,
7.11.1945; Friedrich Tränkler, in: Mitteilungsblatt der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft, Nr. 5 [Sep-
tember/Oktober 1990], S. 3). 113 „Dmitrij Schostakowitsch zum Schubert-Gedenktag“, in: Österreichische
Zeitung, 20.11.1953, S. 6; „Die Sowjetunion feiert Schubert“, in: Die Brücke. Österreich – Sowjetunion 9/1
(Jänner 1954), S. 12. 114 Josef Toch, „Die Woche im Aether“, in: Der Abend, 11.12.1953, S. 5.
230 Manfred Mugrauer
Erscheinung.11518Ein Foto aus dem Jahr 1959 zeigt Schostakowitsch gemeinsam mit Botschaf-
ter Norbert Bischoff bei der Suppé-Feier in Moskau.116 Im Jahr darauf sprach der Komponist
bei einem Jubiläumskonzert im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums anlässlich des
100. Geburtstags von Gustav Mahler.117 In seiner Eigenschaft als Präsident der SÖG wies
Schostakowitsch darauf hin, dass darüber hinaus auch die Gedenk- und Jubiläumsdaten
von Joseph Haydn (150. Geburtstag 1959), Johann Strauss (135. Geburtstag 1961) und
Hugo Wolf (60. Todestag 1963) mit Konzerten und Vorträgen feierlich begangen worden
seien.118 Sein Werkverzeichnis weist – ohne Opuszahlen – eine Neuinstrumentierung der
Operette Wiener Blut und der Polka Vergnügungszug von Johann Strauss aus den Jahren
1938 bzw. 1940 auf.119 Hinzuweisen ist ferner auf die von der Musik Schostakowitschs
ausgehenden Impulse: Es fand zwar keine unmittelbare Rezeption seines Werks in der mu-
sikalischen Avantgarde der Zweiten Wiener Schule statt,120 hervorgehoben werden in der
Literatur jedoch Ähnlichkeiten von Marcel Rubins „use of orchestra“ mit den „symphonic
strategies“ von Schostakowitsch.121
115 Dmitrij Schostakowitsch, „Mozart“, in: Die Brücke. Österreich – Sowjetunion 11/2 (Februar 1956), S. 3;
„Über Mozart“, in: Dmitri Schostakowitsch, Erfahrungen. Aufsätze, Erinnerungen, Reden, Diskussionsbei-
träge, Interviews, Briefe, hrsg. v. Christoph Hellmundt und Krysztof Meyer, Leipzig 1983 (Reclams Universal-
Bibliothek, Bd. 947), S. 111-112. Dieser Beitrag wurde anlässlich der Verleihung der Mozart-Medaille im
Mitteilungsblatt der Wiener Mozartgemeinde (Dmitri Schostakowitsch, „Über Mozart“, in: Wiener Figaro.
Mitteilungsblatt der Mozartgemeinde Wien 38 [Mai 1970], S. 5) und auszugsweise im Blatt der Wiener
Philharmoniker nachgedruckt („Bekenntnisse zu Mozart. Musiker unseres Jahrhunderts über Mozart“, in:
Musikblätter der Wiener Philharmoniker 26 [1971/72], Folge 6, S. 164-170, hier S. 165-166). 116 ZPA,
Bildarchiv. 117 „Gustav-Mahler-Feier in Moskau“, in: Mitteilungsblatt der Fachsektionen der Österreichisch-
Sowjetischen Gesellschaft, Nr. 17 (September 1960) (= Musik, Nr. 13), S. 12. 118 D[mitrij] Schostakowitsch,
„Unsere Kontakte mit Österreich“, in: Neue Zeit. Außenpolitische Wochenschrift 18/26 (Juni 1960), S. 11-12,
hier S. 11; Schostakowitsch, „Im Zeichen des Friedens“ (s. Anm. 66), S. 26. Vgl. dazu auch: „Ehrungen für
Johann Strauss Sohn“, in: Mitteilungsblatt der Fachsektionen der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft,
Nr. 33 (März 1961) (= Musik, Nr. 14), S. 9; „Moskau ehrt Hugo Wolf“, in: ebenda, Nr. 87, Mai 1963 (= Musik,
Nr. 19), S. 2. 119 Die Schnellpolka Vergnügungszug op. 281 wurde in dieser Instrumentierung – und damit in
einer von den Wiener Philharmonikern bis dahin noch nie gespielten Version – als Zugabe ihres Gastspiels in
Moskau und St. Petersburg anlässlich der 300-Jahr-Feier von St. Petersburg am 26. und 28. Juni 2003 unter
Valery Gergiew dargeboten (Clemens Hellsberg, „Philharmonisches Tagebuch“, in: Musikblätter der Wiener
Philharmoniker 58 [2003/04], Folge 1, S. 19-30, hier S. 26). 120 Vgl. dazu Manuel Gervink, „Schostakowitsch
aus der Sicht der deutsch-österreichischen Moderne. Arnold Schönbergs spätes Urteil über Schostakowitsch“,
in: Schostakowitsch in Deutschland, im Auftrag der Schostakowitsch-Gesellschaft hrsg. v. Hilmar Schmalen-
berg, Berlin 1998 (Schostakowitsch-Studien, Bd. 1; Studia slavica musicologica. Texte und Abhandlungen zur
slavischen Musik und Musikgeschichte sowie Erträge der Musikwissenschaft Osteuropas, Bd. 13), S. 1-21,
hier S. 2 und 20. 121 Leon Botstein, „Listening to Shostakovich“, in: Laurel E. Fay (Hg.), Shostakovich and
his world, Princeton-Oxford 2004, S. 355-384, hier S. 383, Anm. 49.
Schostakowitsch in Wien 231
Abbildung 5: Schostakowitsch mit dem österreichischen Botschafter Norbert Bischoff bei der Suppé-Feier
in Moskau, 1959
© Zentrales Parteiarchiv der KPÖ, Bildarchiv
122 Glaser, „Willkommensgruß für Dmitri Schostakowitsch“ (s. Anm. 62), S. 2. 123 Exemplarisch: Krzysztof
Meyer, „Mahler und Schostakowitsch“, in: Otto Kolleritsch (Hg.), Gustav Mahler. Sinfonie und Wirklichkeit,
Graz 1977 (Studien zur Wertungsforschung, Bd. 9; Universal Edition, Bd. 26807), S. 118-132; Michail Dru-
skin, „Die deutsche Tradition in der Sinfonik von Schostakowitsch“, in: Klaus Wolfgang Niemöller, Vsevolod
Zaderackij (Hg.), Bericht über das Internationale Dmitri-Schostakowitsch-Symposium Köln 1985, Regensburg
1986 (Kölner Beiträge zur Musikforschung, Bd. 150), S. 292-304; Lutz-Werner Hesse, „Schostakowitsch und
Mahler“, in: ebenda, S. 327-335. 124 Vgl. Kurt Blaukopf, Gustav Mahler oder Der Zeitgenosse der Zukunft,
Kassel-Basel 1989, S. 266. 125 Marcel Rubin, „Mahler – ein Balzac der Musik“, in: Österreichisches Tagebuch
3/5 (30.1.1948), S. 15; Georg Knepler, „Gustav Mahler. Zu seinem 100. Geburtstag am 7. Juli 1960“, in:
Weg und Ziel 18/7-8 (Juli/August 1960), S. 514-519, hier S. 519.
232 Manfred Mugrauer
vom Hitlerfaschismus Mahlers Musik wieder in Wien erklang, hob die Österreichische
Zeitung – das Organ der Roten Armee in Österreich – Schostakowitsch als Komponisten
hervor, der die besten Traditionen Mahlers würdig fortsetze.12620Die Zeitschrift der ÖVP-
nahen Österreichischen Kulturvereinigung sah in der 1946 aufgeführten 5. Symphonie von
Schostakowitsch einen Beweis, „wie Gustav Mahler in der Welt weiterwirkt“.127 In einem
Nachruf der ÖSG wurden die Symphonien Schostakowitschs als „direkte eindrucksvolle
geniale Weiterentwicklung der Tongemälde Gustav Mahlers“ gewürdigt.128 Auch der Kom-
ponist Robert Schollum verwies anlässlich der Aufführung der 4. Symphonie im Philhar-
monischen Abonnementkonzert am 16. März 1978 auf deren besonderes Naheverhältnis
zum Schaffen Gustav Mahlers.129
Es war vor allem die Freundschaft Schostakowitschs mit Ivan Sollertinski, dem Verfasser
der ersten sowjetischen Studie über die Symphonien Mahlers, die ihn mit der Musik des
österreichischen Komponisten bekannt gemacht hatte. Entscheidend war dabei die kul-
turelle Atmosphäre in der Sowjetunion der 1920er Jahre, einer Zeit tiefgreifender gesell-
schafts- und kulturpolitischer Umbrüche und kultureller Experimentierfreude, in der auch
die westeuropäische Avantgardemusik im sowjetischen Musikleben auf lebhaftes Interesse
stieß. Ausländische Künstler wurden von der Assoziation Zeitgenössischer Musiker (ASM),
der auch Schostakowitsch nahe stand, eingeladen, in der Sowjetunion zu gastieren und
brachten dabei ein neues Repertoire mit, neben den Werken Gustav Mahlers auch solche
von Neuerern wie Arnold Schönberg, Ernst Krenek und Alban Berg.130 Laut Michael Koball
war es der Komponist und Musikkritiker Boris Assafjew, der Schostakowitsch zum Studium
der Zweiten Wiener Schule ermuntert haben soll.131 Am 13. Juni 1927 traf Schostakowitsch
anlässlich der Moskauer Inszenierung von Wozzeck mit Alban Berg zusammen, dessen
„unmittelbar anregende Rolle“ für Schostakowitschs Oper Die Nase in der Literatur eben-
so hervorgehoben wird132 wie der Einfluss von Bergs Violinkonzert auf das 1. Violinkon-
zert des sowjetischen Komponisten.133 Berg wiederum besuchte die Erstaufführung von
Schostakowitschs 1. Symphonie ein Jahr später in Wien und teilte ihm in einem Brief mit,
126 Österreichische Zeitung, 20.5.1945, S. 4. 127 Z., „Musik-Tagebuch“, in: Der Turm. Monatsschrift für
österreichische Kultur 1/8 (März 1946), S. 231. 128 „Abschied von Dmitrij D. Schostakowitsch“, in: Mittei-
lungsblatt der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft, Nr. 9 (September 1975), S. 3. 129 Robert Schollum,
„Dimitri Schostakowitsch. Symphonie Nr. 4, op. 43 (1936)“, in: Musikblätter der Wiener Philharmoniker 32
(1977/78), Folge 8, S. 234-236, hier S. 235. 130 Friedrich Geiger, Musik in zwei Diktaturen. Verfolgung von
Komponisten unter Hitler und Stalin, Kassel u.a. 2004, S. 31. 131 Michael Koball, Pathos und Groteske.
Die deutsche Tradition im symphonischen Schaffen von Dmitri Schostakowitsch, Berlin 1997 (studia slavica
musicologica. Texte und Abhandlungen zur slavischen Musik und Musikgeschichte sowie Erträge der Musik-
wissenschaft Osteuropas, Bd. 10), S. 66. 132 Sigrid Neef, „Von der Ungleichheit des Ähnlichen. ‚Wozzeck‘ von
Alban Berg und ‚Die Nase‘ von Dmitri Schostakowitsch“, in: Musik und Gesellschaft 35/2 (1985), S. 85-89;
Eckart Kröplin, „Dmitri Schostakowitsch“, in: Udo Bermbach (Hg.), Oper im 20. Jahrhundert. Entwicklungs-
tendenzen und Komponisten, Stuttgart-Weimar 2000, S. 508-530, hier S. 515f. Die Partitur der Nase wurde
1962 im Westen zuerst von der Wiener Universal-Edition herausgegeben. Schostakowitsch selbst äußerte
sich in den Memoiren anders: Seinen Angaben zufolge bestehe kein Bezug seiner Opern zu Bergs Wozzeck
(Zeugenaussage. Die Memoiren des Dmitrij Schostakowitsch, aufgezeichnet und hrsg. v. Solomon Wolkov,
Hamburg 1979, S. 71f). 133 Wolkow, Stalin und Schostakowitsch (s. Anm. 20), S. 338.
Schostakowitsch in Wien 233
dass er „sie, namentlich den 1. Satz, famos“ finde.13421Ebenso 1927 wohnte Schostakowitsch
in Leningrad den Proben zu Schönbergs Gurreliedern unter Nikolaj Malko bei.135 Auch 1934
besuchte Schostakowitsch jede Probe, als Fritz Stiedry mit der Leningrader Philharmonie
Schönbergs Orchestervariationen op. 31 einstudierte.136
Mit dem österreichischen Dirigenten Stiedry – 1924/25 Direktor der Wiener Volksoper,
1933 als Chefdirigent der Berliner Städtischen Oper entlassen und seither künstlerischer
Leiter der Leningrader Philharmonie137 – war Schostakowitsch auch aufgrund der Ur-
aufführung des Konzerts für Klavier, Trompete und Orchester im Oktober 1933 und der
4. Symphonie, die er im November 1936 noch vor ihrer Premiere zurückzog, verbunden.138
Schostakowitschs Entscheidung, die Symphonie nicht zur Aufführung zu bringen, fiel in
eine Phase verschärfter Kulturpolitik und wachsender Druckausübung: Auch im Bereich der
Musik wurden der Diskurs über den „sozialistischen Realismus“ verengt und „moderni-
stische Tendenzen“ wie Atonalität und Zwölftontechnik mit dem Etikett des „Formalismus“
belegt. Der Startschuss dieser Kampagne richtete sich direkt gegen Schostakowitsch, als in
der Prawda am 28. Jänner 1936 nach Jahren des Erfolgs ein vernichtender redaktioneller
Artikel gegen dessen Oper Lady Macbeth von Mzensk mit dem Titel Chaos statt Musik
erschien.139 Die kulturpolitische Linie von 1936 wurde im Jahr 1948 – nach einer Phase
deutlicher Entspannung in den Kriegsjahren – wieder aufgenommen. Im Zusammenhang
mit Schostakowitschs Herangehen an die Zweite Wiener Schule sind diese Etappen so-
wjetischer Musikgeschichte140 vor allem in einer Hinsicht von Interesse: Selbst als im Jahr
1958 die Beschlüsse der „Formalismus“-Resolutionen offiziell korrigiert wurden und in
der Musikszene erneut eine größere Offenheit einkehrte, blieb Schostakowitsch bei seiner
öffentlich bekundeten Ablehnung der Zwölftonmusik. Diesbezügliche Stellungnahmen
134 Abgedruckt in: Inna Barsova, „Die Rezeption der deutsch-österreichischen Avantgarde in Russland (1911-
1948)“, in: Helmut Loos, Eberhard Möller (Hg.), Musikgeschichte in Mittel- und Osteuropa. Mitteilungen
der internationalen Arbeitsgemeinschaft an der Technischen Universität Chemnitz, Bd. 6, Chemnitz 2000,
S. 146-173, hier S. 160. Dieser Brief, den Berg an Assafjew schickte, hat Schostakowitsch nie erreicht (vgl.
Zeugenaussage [s. Anm. 132], S. 73). 135 Gervink, „Schostakowitsch aus der Sicht der deutsch-österrei-
chischen Moderne“ (s. Anm. 120), S. 3; Schwarz, Musik und Musikleben in der Sowjetunion (s. Anm. 88),
S. 81. 136 Eckhard John, „Vom Traum zum Trauma. Musiker-Exil in der Sowjetunion“, in: Hanns-Werner
Heister, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen (Hg.), Musik im Exil. Folgen des Nationalsozialismus für die
internationale Musikkultur, Frankfurt a.M. 1993 (Fischer-Taschenbücher, Bd. 10907), S. 255-278, hier S. 257;
Reinhard Kapp, „Schönbergs ‚Vorschlag zur Errichtung eines zeitgemässen Musikunterrichts-Institutes‘ für
die Sowjetunion“, in: Zwischenwelt [Beilage Orpheus in der Zwischenwelt] 21/3-4 (April 2005), S. 67-77,
hier S. 67. 137 Hubert Zeman, „Die Wiener Volksoper als Privattheater 1898-1938“, in: Klaus Bachler u.a.,
Die Volksoper. Das Wiener Musiktheater, Wien 1998, S. 7-89, hier S. 55; Pass, Scheit, Svoboda, Orpheus
im Exil (s. Anm. 5), S. 366. 138 Schwarz, Musik und Musikleben in der Sowjetunion (s. Anm. 88), S. 218f;
Koball, Pathos und Groteske (s. Anm. 131), S. 111. 139 Der Artikel ist nachgedruckt in: Ernst Kuhn (Hg.),
„Volksfeind Dmitri Schostakowitsch“. Eine Dokumentation der öffentlichen Angriffe gegen den Komponisten
in der ehemaligen Sowjetunion, Berlin 1997 (Opyt, Dokumente und Erlebnisberichte zu Musik und Musikleben
in der ehemaligen Sowjetunion, Bd. 3), S. 4-6. Zur Kampagne vgl. Marco Frei, „Chaos statt Musik“. Dmitri
Schostakowitsch, die Prawda-Kampagne von 1936 bis 1938 und der Sozialistische Realismus, Saarbrücken
2006, S. 58-179. 140 Vgl. dazu Schwarz, Musik und Musikleben in der Sowjetunion (s. Anm. 88); Friedrich
Geiger, „Komponieren unter Stalin. Ansatzpunkte musikhistorischer Forschung“, in: Friedrich Geiger, Eckhard
John (Hg.), Musik zwischen Emigration und Stalinismus. Russische Komponisten in den 1930er und 1940er
Jahren, Stuttgart-Weimar 2004, S. 52-69; ders., Musik in zwei Diktaturen (s. Anm. 130), S. 112-135.
234 Manfred Mugrauer
des Komponisten fanden auch in Österreich ihren Widerhall: Anlässlich des „Warschauer
Musikfestes“ im September 1959 erinnerte er daran, dass sich in den 1920er Jahren die
sowjetischen Komponisten „für die verschiedensten spekulativen Experimente auf allen
Gebieten“ begeistert hätten, sich jedoch bald von deren „Fruchtlosigkeit“ und „Isolierung
vom realen Boden der Wirklichkeit“ überzeugen hätten können: „Die Zwölftonmusik hat
nicht nur keine Zukunft, sie hat auch keine Gegenwart. Sie war nur ,Mode‘, die bereits
vorübergeht.“ Diese 1960 im Tagebuch publizierte ablehnende Äußerung14122führte in der
KPÖ-nahen Intellektuellenzeitschrift zur zweiten großen Diskussion über die Zwölftonmu-
sik nach 1955, an der sich u.a. – durchaus kontrovers – die Komponisten Marcel Rubin,
Friedrich Wildgans und Karl Heinz Füssl beteiligten.142 Die Debatte fand mit dem Nachdruck
eines Beitrags von Schostakowitsch aus der Prawda vom 7. September 1960 – eine seiner
schärfsten Attacken auf das Zwölftonsystem143 – ihren Abschluss.144 Vor dem Hintergrund
der Tatsache, dass der Komponist eben Kandidat der KPdSU geworden war, wurde im Kurier
diese Kritik an „Vertreter[n] der atonalen modernen Musik“ als „Aufnahmeleistung“
gewertet.145
Seine Ablehnung der Zwölftonmusik betonte Schostakowitsch auch im Rahmen öf-
fentlicher Erklärungen in Wien: Im Interview mit dem Abend ließ er 1953 positiven Be-
zugnahmen auf die Wiener Klassik und Gustav Mahler seine kritische Haltung gegenüber
dem „Formalismus gewisser Moderner“ folgen: So gehe das sowjetische Publikum bei
Schönberg „allenfalls bis zu den Gurreliedern“, wolle „ihm aber nicht zu einem Zwölfton-
system folgen“.146 Auch zwölf Jahre später, 1965, hob er in einer Aussprache mit öster-
reichischen Komponisten Bruckner und Mahler als populäre österreichische Komponisten
in der Sowjetunion hervor, darüber hinaus nannte er Schönberg, Webern und Krenek:
„Allerdings finde die Zwölftonmusik weder bei den Komponisten noch beim Publikum
viel Widerhall.“147 Im selben Jahr wurde im Schwerpunktheft 20 Jahre Kunst in Freiheit
der Österreichischen Musikzeitschrift Schostakowitschs am 31. Mai 1964 in der Prawda
publizierte Verurteilung der Dodekaphonie und seriellen Musik als „eines der großen Übel
141 Dmitri Schostakowitsch, „Über den Streit der musikalischen Auffassungen“, in: Tagebuch 15/3 (März
1960), S. 8. Es handelte sich dabei um Schostakowitschs gegenüber dem Korrespondenten einer polnischen
Zeitung anlässlich des „Warschauer Herbstes“ im September 1959 geäußerte Meinung über Entwicklungs-
tendenzen der modernen Musik. 142 Friedrich Wildgans, „Über Streit der musikalischen Auffassungen“,
in: Tagebuch 15/4 (April 1960), S. 4; Karl Heinz Füssl, „Über den Streit der musikalischen Auffassungen“,
in: ebenda 15/7-8 (Juli/August 1960), S. 6; Marcel Rubin, „Das unpraktische Zwölftonsystem“, in: ebenda
15/9 (September 1960), S. 12. 1955 war die Debatte mit einem Vortrag Hanns Eislers über Schönberg am
17. Dezember 1954 in der Deutschen Akademie der Künste eingeleitet worden (Hanns Eisler, „Arnold Schön-
berg. Auszüge aus einem Vortrag in der Deutschen Akademie der Künste“, in: ebenda 10/9 [23.4.1955],
S. 5-7), es folgten Beiträge von Marcel Rubin, Karl Heinz Füssl und Kurt Blaukopf. 143 Schwarz, Musik und
Musikleben in der Sowjetunion (s. Anm. 88), S. 547-550, bes. S. 548. 144 „Abschluss der Diskussion: TB
diskutiert. Über den Streit der musikalischen Auffassungen“, in: Tagebuch 15/11 (November 1960), S. 4.
145 Schostakowitsch als KP-Kandidat, in: Kurier, 16.9.1960, S. 2. Die Aufnahme in die KPdSU als Mitglied
erfolgte am 14. September 1961 durch die Parteiorganisation des Komponistenverbandes (Meyer, Schostako-
witsch [s. Anm. 14], S. 415). 146 K., „Liebeserklärung an Wien“ (s. Anm. 46). 147 Rubin, „Schostakowitsch
im Gespräch“ (s. Anm. 84), sowie [Hollitscher], „Zusammenkunft von Dmitri Schostakowitsch mit österrei-
chischen Musikern“ (s. Anm. 100), S. 20.
Schostakowitsch in Wien 235
in der Kunst des 20. Jahrhunderts“ und des Avantgardismus als „eine zutiefst reaktio-
näre, dekadente Erscheinung“ abgedruckt, wobei diesem Urteil eine bissige redaktionelle
Vorbemerkung vorangestellt wurde.14823Wie sehr diese Stellungnahmen Schostakowitschs
auch in der österreichischen Fachwelt zur Kenntnis genommen worden sind, bezeugt ein
hektographiertes Schreiben Hans Erich Apostels, das dieser als Rückblick auf das Jahr 1965
an Komponistenkollegen verschickte: Die Kritik des als „größten Eklektizisten aller Zeiten“
charakterisierten sowjetischen Komponisten an der Dodekaphonie wertete Apostel hierin
als „Diktatur der geistigen Bequemlichkeit, im Zeitalter der Proletokratie“.149 Zu ergänzen
bleibt, dass Schostakowitsch Elemente der Zwölftontechnik in manche Kompositionen
seines Spätwerks – etwa das 2. Violinkonzert, das 12. Streichquartett und die Sonate für
Violine und Klavier – aufgenommen hat. Auch in der 14. und 15. Symphonie lassen sich
zwölftönige Strukturen ausmachen.150
Insgesamt ist im Zusammenhang mit seiner Verurteilung der Zwölftonmusik zu be-
achten, dass sich Schostakowitsch häufig öffentlich zu Fragen der Musik, der Kunst im
Allgemeinen und in Ausübung seiner Ehrenämter auch zu aktuellen politischen Fragen
äußerte.151 Viele dieser Stellungnahmen – Interviews, Artikel, Reden – wurden in der
österreichischen, der KPÖ nahe stehenden Presse nachgedruckt,152 wobei vor allem seine
Bekenntnisse zur offiziellen Ästhetik und Kulturpolitik der KPdSU in den 1950er und 1960er
Jahren als besonders „systemkonform“ interpretiert wurden. Bekannt ist auch, dass diese
Äußerungen häufig nicht aus der Feder von Schostakowitsch selbst stammten.153 Vor die-
sem Hintergrund ist auch seine Stellungnahme zum Einmarsch von Truppen der Warschauer
Vertragsstaaten in Prag zu werten, die er im Auftrag des SÖG-Vorstands an den Präsidenten
der ÖSG, Hugo Glaser, richtete, nachdem dieser in einem Brief vom 28. August 1968 ge-
meinsam mit Zentralsekretär Grünberg seine „große Bestürzung“ über die Intervention in
der Tschechoslowakei geäußert hatte. Dieser vom Arbeitsausschuss der ÖSG beschlossene
148 Dmitri Schostakowitsch, „Musik und Zeit“, in: Österreichische Musikzeitschrift 20/5-6 (1965), S. 271-275,
hier S. 272 und 274. „Mögen Blickwinkel und Ansichten des bedeutenden Komponisten uns auch fremd sein,
so sind sie sicher ein exaktes Spiegelbild des Freiheitsbegriffes, wie er im Zusammenhang mit unserm Thema
in der Sowjetunion herrscht. […] Wir haben den Artikel ohne Abänderungen […] übernommen, da unter
den Freiheiten des Komponisten zweifellos auch die zum sachlichen Irrtum enthalten ist.“ (S. 271). 149 ÖNB,
Musiksammlung, F13 Wellesz 1061, Beilage zum Brief von Hans Erich Apostel an Erich Wellesz, 22.1.1966.
150 Vgl. Meyer, Schostakowitsch (s. Anm. 14), S. 485f und 501; Sebastian Klemm, Dmitri Schostakowitsch –
Das zeitlose Spätwerk, Berlin 2001 (Schostakowitsch-Studien, Bd. 4; studia slavica musicologica. Texte und
Abhandlungen zur slavischen Musik und Musikgeschichte sowie Erträge der Musikwissenschaft Osteuropas,
Bd. 20), S. 69-128. 151 Vgl. das chronologische Verzeichnis gedruckter Äußerungen des Komponisten in:
Schostakowitsch, Erfahrungen (s. Anm. 115), S. 300-341. 152 Z.B. sein Prawda-Artikel über die „Lehren des
XX. Parteitags für die Musikschaffenden“ (Dmitrij Schostakowitsch, „Einige aktuelle Fragen des Musikschaf-
fens“, in: Österreichische Volksstimme, 21.6.1956, S. 4) oder sein Diskussionsbeitrag am Zweiten Kongress
der sowjetischen Komponisten („Schostakowitsch über die schöpferische Entfaltung der Komponisten“, in:
Tagebuch 12/5 [Mai 1957], S. 10-11), über den auch die Österreichischen Musikzeitschrift in einer Notiz
berichtete („Schostakowitsch gegen „‚trockene Dogmatiker‘“, in: Österreichische Musikzeitschrift 12/4
[1957], S. 175-176). 153 Vgl. u.a. Daniel Shitomirski, Blindheit als Schutz vor der Wahrheit. Aufzeichnungen
eines Beteiligten zu Musik und Musikleben in der ehemaligen Sowjetunion, hrsg. und aus dem Russischen
übersetzt v. Ernst Kuhn, Berlin 1996 (Opyt, Dokumente und Erlebnisberichte zu Musik und Musikleben in
der ehemaligen Sowjetunion, Bd. 1), S. 229f.
236 Manfred Mugrauer
154 Ein Brief an unsere Freunde, in: Mitteilungsblatt der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft, Nr. 46
(September 1968), S. 1-2, hier S. 2. 155 Rede von Grünberg (s. Anm. 63), S. 435. 156 ZPA, Dimitri Scho-
stakowitsch im Auftrag des Vorstandes der SÖG an den Präsidenten der ÖSG Hugo Glaser, 20.9.1968, S. 1;
„Dmitri Schostakowitsch antwortet“, in: Mitteilungsblatt der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft, Nr. 47
(November 1968), S. 5-7, hier S. 5. 157 Rede von Grünberg (s. Anm. 63), S. 436. 158 Eisler, „Ein falscher
Demetrius?“ (s. Anm. 77), S. 26 bzw. 138. 159 Als Quellen dienen die Zusammenstellung von Otto Biba
über Aufführungen im Wiener Musikverein (Otto Biba, [Hg.], Die Programm-Sammlung im Archiv der Gesell-
schaft der Musikfreunde in Wien 1937-1987, bearbeitet v. Teresa Hrdlicka, Tutzing 2001 [Veröffentlichungen
des Archivs der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Bd. 2], S. 757), sowie die Programmdatenbanken
im Internet ([Link]/suche/[Link], [Link]
<Zugriff 22.10.2008>). Dr. Silvia Kargl vom Historischen Archiv der Wiener Philharmoniker hat mir eine
Schostakowitsch in Wien 237
Aufstellung aller Aufführungen des Orchesters mit Werken von Schostakowitsch übermittelt, wozu ich
ihr zu großem Dank verpflichtet bin. Ebenso danken möchte ich an dieser Stelle Dr. Ernst Kobau, der mir
die Recherche in der Programmdatenbank der Wiener Symphoniker ermöglicht hat. Die nachfolgenden
Angaben über Aufführungen im Wiener Konzerthaus und Wiener Musikverein folgen – wenn nicht anders
ausgewiesen – diesen fünf Fundstellen, jene im Rahmen der Salzburger Festspiele der Zusammenstellung von
Hans Jaklitsch (s. Anm. 103) bzw. der Online-Datenbank ([Link] <Zugriff 22.10.2008>).
160 Datenbank der Wiener Symphoniker. An anderer Stelle wird der 28. November 1928 genannt (M[anaschir]
Jakubow, „Zeittafel“, in: Dmitri Schostakowitsch und seine Zeit [s. Anm. 106], S. 9-26, hier S. 10). 161 Walter,
„Thema und Variationen“ (s. Anm. 50), S. 344. 162 Paul A[madeus] Pisk, „Musik in Wien“, in: Anbruch 11/2
(1929), S. 82. 163 Erwin Mittag gibt diese Vorstellung irrtümlich als Erstaufführung aus (Erwin Mittag, Aus
der Geschichte der Wiener Philharmoniker, Wien 1950, S. 70). 164 Vgl. Fred K. Prieberg, Musik im NS-Staat,
Köln 2000, S. 372-374.
238 Manfred Mugrauer
aufführten: Am 3. Dezember 1942 brachte das vom Konzertmeister der Wiener Philhar-
moniker Arnold Rosé gegründete Rosé-Quartett das 1938 uraufgeführte 1. Streichquartett
in der Londoner Nationalgalerie zu Gehör,16526was vor dem Hintergrund der Etablierung der
Anti-Hitler-Koalition auch als Geste in Richtung sowjetischer Musik zu deuten ist.
In der ersten Nachkriegssaison spiegelte sich der Nachholbedarf gegenüber der Musik
sowjetischer Komponisten in 17 Erstaufführungen wider, mit Werken von Dmitrij Schosta-
kowitsch, Sergej Prokofjew, Nikolai Mjaskowski und Wissarion Schebalin, wobei – gemäß
der Darstellung des Kritikers der Österreichischen Zeitung Desider Hajas – Schostakowitsch
als der „führende, kühnste moderne Sowjetkomponist“ am stärksten in den Konzerten
vertreten war.166 Es folgten Erstaufführungen von Werken Chatschaturjans, Kabalewskijs
und Glières. Diese Aufführungswelle war vor allem auf die Aktivitäten der Gesellschaft zur
Pflege der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion (1950 umbe-
nannt in Österreichisch-Sowjetische Gesellschaft) und die Bemühungen ihrer Musiksektion
zurückzuführen, die neben der Popularisierung sowjetischer Kompositionen letztlich auch
darauf hinausliefen, wieder Anschluss an die internationale Musikentwicklung zu finden.
Die Viermächtebesatzung Österreichs fand auch im Gastspiel Moskauer Künstler im Som-
mer 1945 und in den Aktivitäten der Kommunistischen Partei Österreichs kulturpolitische
Resonanz. So interpretierten am 2. August 1945 im Mozart-Saal des Konzerthauses Lew
Oborin (Klavier), David Oistrach (Violine) und Swjatoslaw Knuschewitzkij (Violoncello)
Schostakowitschs 2. Klaviertrio. Auch die an der ersten Nachkriegsregierung drittelpari-
tätisch beteiligte KPÖ trat nunmehr als Konzertveranstalterin in Erscheinung: So fand die
österreichische Erstaufführung des damals bekanntesten Werks Schostakowitschs, seiner
7. Symphonie – der „Leningrader“ –, in einem Konzert der Wiener Stadtleitung der KPÖ zu
Ehren der alliierten Siegermächte am 28. Oktober 1945 im Großen Musikvereinssaal statt.
Josef Krips dirigierte die Wiener Symphoniker,167 die in den ersten Jahren nach der Befreiung
bis 1948 oftmals von Parteien, Verbänden und Gesellschaften „gemietet“ wurden und
vor diesem Hintergrund an zahlreichen Feierstunden und Festsitzungen mitwirkten.168 Die
Wiener Revue berichtete vom überwältigenden Eindruck, den das Werk hinterlassen haben
soll,169 die Weltpresse sprach von einer „künstlerische[n] Sensation“.170 Die Erstaufführung
der in den Kriegsjahren zur Zeit der Belagerung Leningrads entstandenen und 1942 urauf-
geführten Symphonie war zunächst bereits für den 9. September im „slawischen Konzert“
165 Jutta Raab Hansen, NS-verfolgte Musiker in England. Spuren deutscher und österreichischer Flüchtlinge in
der britischen Musikkultur, Hamburg 1996 (Musik im „Dritten Reich“ und im Exil, Bd. 1), S. 240. 166 [Desider]
Hajas, „Eine wertvolle Bereicherung des Wiener Musiklebens“, in: Österreichische Zeitung, 17.5.1946, S. 6.
167 H[ugo] H[uppert], „Ein Festkonzert der KPOe. Zu Ehren der Verbündeten Besatzungsmächte“, in: Öster-
reichische Zeitung, 30.10.1945, S. 4. 168 Ernst Kobau, Die Wiener Symphoniker. Eine sozialgeschichtliche
Studie, Wien-Köln-Weimar 1991 (Stichwort Musikwissenschaft), S. 123-126. 169 „Dimitri Schostakowitsch’
VII. Sinfonie“, in: Wiener Revue. Halbmonatsschrift für Kultur, Kunst, Theater, Film und Unterhaltung 1/5
(November 1945), S. 28. 170 „Die VII. Symphonie von Schostakowitsch. Das Heldenepos von Leningrad“,
in: Weltpresse, 30.10.1945, S. 4.
Schostakowitsch in Wien 239
der Leitung der tschechoslowakischen Sektionen der KPÖ Wien geplant gewesen, musste
jedoch verschoben werden, da das Notenmaterial nicht rechtzeitig eingetroffen war.17127
In der ersten Nachkriegssaison wurden in mehreren von der Gesellschaft zur Pflege der
kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion veranstalteten Konzerten
im Großen Musikvereinssaal – vor allem symphonische – Werke des sowjetischen Kom-
ponisten präsentiert, für die neben den Wiener Symphonikern auch fallweise die Wiener
Philharmoniker „gemietet“ wurden.172 So erklang am 5. November 1945 – wenige Tage
nach ihrer österreichischen Erstaufführung – die 7. Symphonie erneut im „Festkonzert zu
Ehren des Staatsfeiertages der Sowjetunion“, Josef Krips dirigierte die Wiener Symphoniker
und Wiener Philharmoniker.173 Krips wollte bereits Anfang Mai 1945 – also wenige Tage
nach der Befreiung – im als Opernkonzert gestalteten Philharmonischen Konzert Musik
von Schostakowitsch bringen, „dessen ,Lady Macbeth‘ er besonders liebt und den er
auch als Symphoniker und als einen der bedeutendsten Persönlichkeiten der Sowjetunion
schätzt, […] doch bedürfte es hiezu einer intensiven Probenarbeit, wozu es unter den ge-
gebenen Umständen noch an Zeit gebricht“, wie das Dreiparteienorgan Neues Österreich
vermeldete.174
Am 9. Februar 1946 fand im Rahmen des von der Gesellschaft zur Pflege der kultu-
rellen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion veranstalteten „1. Russischen
Symphoniekonzerts“ der Wiener Symphoniker im Musikverein unter dem jugoslawischen
Dirigenten Krešimir Baranović die österreichische Erstaufführung der 5. Symphonie statt.175
Dieses 1937 uraufgeführte Werk, das Schostakowitsch nach seiner Verurteilung im Jahr
1936 mit „Das Werden der Persönlichkeit“ charakterisierte und als „Antwort eines so-
wjetischen Künstlers auf berechtigte Kritik“ ausgab, blieb bis heute auch in den Wiener
Konzertsälen mit großem Abstand das meistgespielte. Die Erstaufführung der 9. Symphonie
folgte am 11. April 1946 im von der österreichisch-sowjetischen Freundschaftsgesellschaft
veranstalteten „Festkonzert zum 1. Jahrestag der Befreiung Wiens durch die Rote Armee“
im Musikverein. Josef Krips dirigierte die Wiener Symphoniker. Friedrich Wildgans hob als
Musikkritiker der Österreichischen Zeitung hervor, dass Schostakowitsch nunmehr nach
Überwindung der Einflüsse Bruckners und Mahlers „seinen persönlichen Stil in Reinkultur“
gefunden habe, bescheinigte der Aufführung jedoch einen „Mangel an Proben“.176 Auch
171 Vgl. das Faksimile in: Doris Graf, Die Kulturpolitik der Besatzungsmächte 1945-1955 und die Auswir-
kungen auf das Wiener Konzertleben, [Link]. Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien 1995,
S. 233-234; Archiv der Wiener Symphoniker, Konzertdatenbank; „Der Meister der „Belagerungs-Symphonie“.
Zum Geburtstag des Komponisten Dimitri Schostakowitsch“, in: Wiener Kurier, 25.9.1945, S. 2. 172 Eine
Zusammenstellung „einschlägigen Zwecken“ dienender Konzerte der Wiener Philharmoniker, die in diesen
Jahren neben der ÖSG u.a. auch von der ÖVP-nahen Österreichischen Kulturvereinigung, der Katholischen Ak-
tion und der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft engagiert wurden, findet sich in: Clemens Hellsberg,
Demokratie der Könige. Die Geschichte der Wiener Philharmoniker, Zürich; Wien; Mainz 1992, S. 520-524.
173 „Feierlicher Auftakt: Festveranstaltung zu Ehren des Staatsfeiertages der Sowjetunion“, in: Österrei-
chische Zeitung, 6.11.1945, S. 1-2. 174 „Wiedersehen mit Josef Krips“, in: Neues Österreich, 3.5.1945,
S. 3. 175 [Desider] Hajas, „Das Russische Symphoniekonzert“, in: Österreichische Zeitung, 12.2.1946, S. 4.
176 Friedrich Wildgans, „Dmitri Schostakowitschs Neunte Symphonie“, in: ebenda, 14.4.1946, S. 7.
240 Manfred Mugrauer
Peter Lafite entdeckte angesichts der Kürze und Heiterkeit des Werks „ein gleichsam neues
Profil des russischen Meisters“, der sich von seinem bisher bekannten „Monumentalstil“
abgewendet habe.17728Im Festkonzert der RAVAG anlässlich des ersten Jahrestags der Befrei-
ung am 14. April 1946 erklang erstmals nach Kriegsende die 1. Symphonie. Es spielten die
Wiener Symphoniker unter Staatsopernkapellmeister Felix Prohaska im Großen Konzert-
haussaal. In Veranstaltungen der Gesellschaft zur Pflege der kulturellen und wirtschaftlichen
Beziehungen zur Sowjetunion wurde das Wiener Publikum auch mit kammermusikalischen
Werken und dem Liedschaffen Schostakowitschs bekannt gemacht: Im ersten Hauskonzert
russischer Werke im Festsaal des Palais Larisch, dem Sitz der Gesellschaft, sang Ljubomir
Pantschew am 30. Dezember 1945 die Vier Romanzen nach Puschkin, am Flügel saß „Wiens
bekanntester Begleiter und Pianist“178 Otto Schulhof,179 der der KPÖ aufgrund seines Enga-
gements in der Friedensbewegung nahe stand.180 Das Konzert wurde am 20. Jänner 1946
als „1. Russischer Kammermusikabend“ im Brahms-Saal des Musikvereins wiederholt.181
Am dritten Abend dieser Reihe am 27. April 1946 präsentierte das Philharmonia-Quartett
erstmals in Österreich Schostakowitschs 1944 uraufgeführtes 2. Streichquartett.182
Die Gesellschaft zur Pflege der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zur
Sowjetunion setzte in der zweiten Nachkriegssaison, 1946/47, ihre Veranstaltungstätigkeit
mit sechs russischen Abonnementkonzerten und vier Festkonzerten fort,183 in deren Rah-
men erneut Werke von Schostakowitsch dargeboten wurden. Im Festkonzert zu Ehren des
29. Jahrestages der Gründung der Sowjetmacht im Großen Musikvereinssaal erklang am
5. November 1946 die 5. Symphonie in der bewährten Kombination Wiener Symphoniker
und Josef Krips, nachdem zunächst die Erstaufführung der 5. Symphonie von Prokofjew
angekündigt worden war.184 Beim „6. Russischen Symphoniekonzert“ am 25. April 1947
stand erneut die „Leningrader“ auf dem Programm, dieses Mal unter der Stabführung des
tschechoslowakischen Dirigenten Rafael Kubelik, der das „Monumentalwerk […] zu gewal-
tiger dynamisch-differenzierter Klangwirkung“ führte.185 Die zu Saisonbeginn in allgemeiner
Form angekündigte Erstaufführung der zweiten „Kriegssymphonie“ Schostakowitschs – der
nach der Schlacht von Stalingrad entstandenen 8. – im Rahmen dieser Abonnementkon-
zerte kam aus ungeklärten Gründen ebenso wenig zustande wie in der Folgesaison, für
die sie zunächst von den Wiener Symphonikern nach Besprechungen mit der Gesellschaft
177 P[eter] L[afite], „Kritik des Monats: Neues aus dem Konzertsaal“, in: Österreichische Musikzeitschrift
1/4 (1946), S. 147. 178 „Otto Schulhof“, in: Österreichische Musikzeitschrift 13/5 (1958), S. 249. 179 Mit-
teilungen der Gesellschaft zur Pflege der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion 1/7
(30.12.1945), S. 2; H.H., „Russisches Hauskonzert“, in: Österreichische Zeitung, 1.1.1946, S. 5. 180 „Was
sie zu einem Friedenspakt sagen“, in: Österreichische Friedenszeitung 2/7-8 (Juli/August 1951), S. 4; Karl
Brix, „Professor Otto Schulhof“, in: Tagebuch 13/5 (Mai 1958), S. 3. 181 Friedrich Wildgans, „Russische
Kammermusik“, in: Österreichische Zeitung, 25.1.1946, S. 4. 182 „Dritter Russischer Kammermusikabend“,
in: ebenda, 27.4.1946, S. 6. 183 Vgl. „Das musikalische Arbeitsprogramm der Oesterreichisch-Sowjetischen
Gesellschaft“, in: ebenda, 20.9.1946, S. 4. 184 Mitteilungen der Gesellschaft zur Pflege der kulturellen und
wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion 2/80 (29.10.1946), S. 1. 185 P[eter] L[afite], „Wien“ [Rubrik
„Musikleben“], in: Österreichische Musikzeitschrift 2/4-5 (1947), S. 127.
Schostakowitsch in Wien 241
186 Mitteilungen der Gesellschaft zur Pflege der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjet-
union 2 (12.9.1946), S. 4; Archiv der Wiener Symphoniker, Termine für die Saison 1947/48. Symphonie- und
Kammerkonzerte der Gesellschaft zur Pflege der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjet-
union, o.D. [Mitte 1947]. 187 Krzysztof Meyer, „Prokofjew und Schostakowitsch“, in: Klaus Wolfgang Nie-
möller (Hg.), Bericht über das Internationale Symposium „Sergej Prokofjew – Aspekte seines Werkes und der
Biographie“. Köln 1991, Regensburg 1992 (Kölner Beiträge zur Musikforschung, Bd. 175), S. 111-133, hier
S. 126; Günter Wolter, Dmitri Schostakowitsch – eine sowjetische Tragödie. Rezeptionsgeschichte, Frankfurt
a.M. u.a. 1991 (Quellen und Studien zur Musikgeschichte von der Antike bis in die Gegenwart, Bd. 27),
hier S. 75. 188 „Konzertvorschau auf das Programm vom 1. bis 15. Oktober 1946“, in: Konzertblatt der
Gesellschaft der Musikfreunde 1 (1.10.1946), Folge 1, S. 14-16, hier S. 15. 189 „Kritische Anmerkungen“,
in: Der Turm. Monatsschrift für österreichische Kultur 1/4-5 (November/Dezember 1945), S. 122. 190 Peter
Rubel, „Funkkritik“, in: Österreichisches Tagebuch 2/4 (8.2.1947), S. 17. 191 Es handelte sich dabei nicht um
die österreichische Erstaufführung, wie Lafite (Peter Lafite, „Schostakowitschs Fünfte im Philharmonischen
Konzert“, in: Wiener Kurier, 4.2.1947, S. 3) und im Anschluss daran auch Scheit/Svoboda fälschlich über
diese – ihrer Meinung nach „wahrscheinlich ,politisch‘ erwünschte“ – Programmwahl schreiben (Gerhard
Scheit, Wilhelm Svoboda, Feindbild Gustav Mahler. Zur antisemitischen Abwehr der Moderne in Österreich,
Wien 2002, S. 139). 192 Hermann Ullrich, Fortschritt und Tradition. Zehn Jahre Musik in Wien 1945-1955,
Wien 1956, S. 40f. 193 Rudolf Maschler, „Eine Erstaufführung von Schostakowitsch“, in: Österreichische
Zeitung, 25.4.1947, S. 5. 194 Thomas Gayda, „Zur Auseinandersetzung um Organisation und Ästhetik der
zeitgenössischen österreichischen Musik im Konzertleben Wiens in den ersten Jahren nach 1945“, Diss. Univ.
Wien 1988, S. 107.
242 Manfred Mugrauer
195 Vgl. Erwin Barta, Das Wiener Konzerthaus zwischen 1945 und 1961. Eine vereinsgeschichtliche und
musikwirtschaftliche Studie, Diss. Univ. Wien 2000, S. 141f. 196 Vgl. Blätter der Wiener Konzerthausge-
sellschaft. Sonderheft Erstes Internationales Musikfest, 15.6.1947. 197 So erklang z.B. Schostakowitschs
9. Symphonie am 18. November 1967 in einer Festveranstaltung der ÖSG anlässlich des 50. Jahrestages der
Gründung der Sowjetunion im Wiener Konzerthaus neben Werken von Alfred Uhl und Marcel Rubin. Karl
Österreicher dirigierte das Niederösterreichische Tonkünstlerorchester. Bei der Veranstaltung zum 25. Jahres-
tag der Gründung der ÖSG am 29. November 1970 im Konzerthaus stand seine Festliche Ouvertüre op. 96
auf dem Programm. 198 Zu Friedrich Wildgans vgl. Leopold Brauneiss, Friedrich Wildgans. Leben, Wirken
und Werk, Diss. Univ. Wien 1988. 199 Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Nachlass Viktor Matejka, Box
15, Friedrich Wildgans an Ernst Krenek, 15.8.1947, S. 2. 200 P[eter] L[afite], „Wien“ [Rubrik „Berichte“],
in: Österreichische Musikzeitschrift 4/1-2 (1949), S. 36-37, hier S. 36. 201 Das Programm. Mitteilungen
der Gesellschaft zur Pflege der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion 3/23 [recte
123] (28.10.1947), S. 1. 202 Friedrich Wildgans, „Das Festkonzert zur Befreiungsfeier“, in: Österreichische
Volksstimme, 14.4.1948, S. 4.
Schostakowitsch in Wien 243
Als die 5. Symphonie ein Jahr später, am 27. April 1949, im Konzerthaus bei einem Konzert
der Wiener Symphoniker unter Sergiu Celibidache erneut dargeboten wurde, hatte sich
die Beurteilung Schostakowitschs in den österreichischen Medien bereits grundlegend
gewandelt: Der Musikkritiker der sozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung Friedrich Saathen
deutete das populäre Werk in der Österreichischen Musikzeitschrift nunmehr als „ein
tragisches Exempel für die Verwirrung und Ratlosigkeit, die gewisse Zwangsausrichtungs-
methoden unter den fortschrittlichen Komponisten Rußlands gestiftet haben. Auch vom
rein musikalischen Standpunkt: viel Fassade, wenig dahinter.“20331Insgesamt war ab 1948
die Rezeption des Schaffens und Wirkens Schostakowitschs in Österreichs Konzertsälen
und Medien zunehmend vom Kalten Krieg bestimmt. Bis dahin hatten in der Presse zustim-
mende Stellungnahmen dominiert, wofür – unter dem Eindruck der Anti-Hitler-Koalition
der Kriegsjahre und der Viermächtebesatzung in Österreich – auch die uneingeschränkt
positive Aufnahme seiner „Leningrader“ Symphonie im Westen – als Symbol des Wider-
stands gegen den deutschen Faschismus – mitverantwortlich war.204 Peter Lafite etwa,
Gründer und Herausgeber der Österreichischen Musikzeitschrift und Musikkritiker des
von den US-Behörden herausgegebenen Wiener Kurier, würdigte Schostakowitsch 1947
anlässlich eines Konzerts der Wiener Philharmoniker als einen „der fruchtbarsten“ und „ori-
ginellsten Komponisten des Tages. Sein Werk steht mitten in der Zeit und wird darum auch
vom konservativen Publikum unserer konservativsten Konzertvereinigung mit zögernder
Zurückhaltung aufgenommen.“205
Trotz des ambivalenten Verhältnisses der sowjetischen Staatsmacht zu Schostakowitsch
wurde dieser mit der Intensivierung des Kalten Krieges im Westen vor allem als führender
Repräsentant des sowjetischen Kulturlebens und Verfechter der parteioffiziellen Kunst-
doktrin – als Vertreter des „sozialistischen Realismus“ – wahrgenommen. Daran änderte
auch nichts, dass Schostakowitsch 1948 erneut ins Kreuzfeuer der Kritik geriet und von der
staatlichen Kulturbürokratie scharf gemaßregelt wurde. So wurde als Höhepunkt der mit
dem Namen Andrej Schdanow verbundenen Kulturkampagne der Jahre 1946–48 Anfang
1948 auch die Entwicklung des sowjetischen Musiklebens verurteilt. In einer am 10. Februar
1948 beschlossenen ZK-Resolution wurde Schostakowitsch an erster Stelle einer „forma-
listischen, volksfeindlichen“ Richtung in der Musik genannt, es folgten die international
renommiertesten sowjetischen Komponisten Prokofjew, Chatschaturjan, Schebalin und
203 F[riedrich] S[aathen], „Wien“ [Rubrik „Berichte“], in: Österreichische Musikzeitschrift 4/5 (1949),
S. 128-129, hier S. 128. 204 Exemplarisch: „Schostakowitsch. Der Weg zu einer neuen Richtung“, in:
Weltpresse, 6.11.1945, S. 4; Alexander Werth, „Das Kriegserlebnis in der Musik – der Komponist
Schostakowitsch“, in: ebenda, 9.8.1947, S. 3. 205 Peter Lafite, „Schostakowitschs Fünfte im Philharmo-
nischen Konzert“, in: Wiener Kurier, 4.2.1947, S. 3.
244 Manfred Mugrauer
sich in der Verkümmerung der Melodik und der kunstvollen Vielstimmigkeit, in der hochmü-
tigen Verachtung der Errungenschaften der russischen und westlichen klassischen Musik, in der
Nachahmung des chaotischen Klangbilds der verfallenden modernen Musik im bürgerlichen
Europa und Amerika, in der einseitigen Bevorzugung der textlosen Instrumentalmusik und in der
Abneigung gegenüber volkstümlichen Kunstformen wie Oper, Chor, Musik für Volksinstrumente
und Laienchöre
zeigen.209 Am Institut für Wissenschaft und Kunst, das in diesen Jahren auch kommuni-
stischen Wissenschaftern Möglichkeiten für Forschung und Lehre bot,210 hielt der kommu-
nistische Lyriker und Publizist Hugo Huppert am 16. März 1948 einen Vortrag zum Thema
Musik und Demokratie,211 der im Wesentlichen diese Argumentation wiederholte: Die
Komponisten dürften nicht Vorbildern nachstreben, „die der spätbürgerlichen Verfallskul-
tur angehören“, sondern müssten „Diener der Geisteserziehung und Herzensbildung von
Millionen“ sein. Der Beschluss des ZK der KPdSU sei demnach vom „Geist der Reinhaltung
gesunder volkstümlicher und revolutionärer Traditionen getragen“. Schostakowitsch hielt
206 Der Beschluss ist abgedruckt in: Kuhn (Hg.), „Volksfeind Dmitri Schostakowitsch“ (s. Anm. 139), S. 105-111;
vgl. dazu auch: „Fragen der sowjetischen Musikkultur. Diskussionsbeitrag auf der Beratung von Vertre-
tern der sowjetischen Musik im ZK der KPdSU(B)“, in: A[ndrej] Shdanow, Über Kunst und Wissenschaft,
Berlin 1951 (Kleine Bücherei des Marxismus-Leninismus), S. 55-79, hier S. 60. 207 Geiger, „Komponieren
unter Stalin“ (s. Anm. 140), S. 52-69, hier S. 66f. 208 Zu Marcel Rubin vgl. Hartmut Krones, Marcel Rubin.
Eine Studie, Wien 1975 (Österreichische Komponisten des XX. Jahrhunderts, Bd. 22); ders., Marcel Rubin –
Leben, Werk und Wirken, Diss. Univ. Wien 1982. 209 Marcel Rubin, „Die Kunst dem Volke“, in: Österrei-
chische Volksstimme, 22.2.1948, S. 1-2; ders., „Musik und Sozialismus (Zum Beschluß des Zentralkomitees
der KPdSU über die Sowjetmusik)“, in: Weg und Ziel 6/3 (März 1948), S. 216-219, hier S. 216. 210 Vgl. dazu
Gerhard Oberkofler, Eduard Rabofsky, Wissenschaft in Österreich (1945-1960). Beiträge zu ihren Problemen,
Frankfurt a.M. u.a. 1989 (Europäische Hochschulschriften: Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften,
Bd. 405), S. 25-55. 211 Litsch, „‚Musik und Demokratie‘. Diskussion im Institut für Wissenschaft und Kunst“,
in: Österreichische Zeitung, 17.3.1948, S. 6.
Schostakowitsch in Wien 245
212 Hugo Huppert, „Musik und Demokratie“, in: Stimme der Zeit. Monatsschrift für Politik und Kultur 1
(1947/48), Nr. 8/9 (Februar/März 1948), S. 56-67, hier S. 56, 58, 61 und 66. In derselben Ausgabe dieser
Zeitschrift der sowjetischen Besatzungsmacht in Österreich wurde auch die Resolution im Wortlaut abge-
druckt („Über die Oper ‚Die große Freundschaft‘ von W. Muradeli. Beschluß des ZK der KPdSU (B) vom
10. Februar 1948“, in: ebenda, S. 51-55). 213 ZPA, Nachlass Heinz Hollitscher, Sendemanuskript „Musik
und Demokratie“, 16.3.1948. 214 Wolfgang Mueller, Österreichische Zeitung und Russische Stunde. Die
Informationspolitik der sowjetischen Besatzungsmacht in Österreich 1945-1955, [Link]. Univ. Wien 1998,
bes. S. 222-277. 215 Boris Stojanoff, „Zur Einführung“, in: Mitteilungen der Gesellschaft zur Pflege der
kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion 1/7 (30.12.1945), S. 4-5, hier S. 5. 216 Der
Jurist Brauner war Beamter der Stadt Wien bzw. Ministerialbeamter und „nebenberuflich“ Musikschriftstel-
ler ([Kurzbiographie], in: iwk. Mitteilungen des Instituts für Wissenschaft und Kunst 41/3 [1986], S. 119).
217 Rudolph Franz Brauner, „Die zeitgenössische Komponistengeneration der Sowjetunion“, in: Die Brücke.
Monatshefte für Kultur und Wirtschaft 3/10-11 (1948), S. 65-69, hier S. 66ff.
246 Manfred Mugrauer
Der von Werba als „der repräsentative Musikerkopf unseres Vaterlandes“ apostrophierte
Marx unterstützte aufgrund seiner Ablehnung von atonaler und Zwölftonmusik den Be-
schluss des ZK der KPdSU und schloss die Veranstaltung mit der Charakterisierung der
Resolution als „wohlmeinende Förderung des Künstlers durch den Rat, sich nicht in Spe-
kulation und etwas weltfremder formaler Gestaltung zu verlieren, sondern auf die Stimme
des eigenen Herzens zu lauschen und auf die im Volke vorhandenen Motive“.21834
Auch in der vom Informationsdienst der britischen Besatzungsmacht herausgegebenen
Weltpresse und in den Konzertblättern der Gesellschaft der Musikfreunde kommentierten
die Musikkritiker den ZK-Beschluss allgemein zustimmend: Es sei in der „Wechselrede
[…] der im sozialistischen Staat bestehende ,soziale Auftrag‘ des schöpferischen Musikers
gegen seinen individualistischen Freiheitsanspruch abgewogen und manche Unklarheit
beseitigt“ worden, fasste E. Herzog den Diskussionsabend der Freundschaftsgesellschaft
über die Richtlinien des ZK „zur Förderung eines mehr volkstümlichen Schaffens der
Sowjetkomponisten“ zusammen.219 Der Komponist und Dirigent Robert Fanta schrieb in
der im SPÖ-Verlag Danubia erscheinenden Kulturzeitschrift Die Zeit, dass es verständlich
sei, dass das sowjetische Staatswesen, das die Rolle eines Mäzens übernommen habe, „in
erster Linie die ihm nächstliegende, die volkstümliche Musik bereichert haben“ wolle und
eine „allgemeinverständliche Tonsprache“ fordere.220 Rudolph F. Brauner, der im selben
Jahr eine Monographie über „Österreichs neue Musik“ herausbrachte,221 hob gar die große
Bedeutung dieser Angelegenheit „auch für uns Österreicher“ hervor: Es sei „notwendig,
daß auch unsere Musik […] zu einem höheren Grade an allgemeiner ,Verständlichkeit‘
zurückkehrt, um den Anschluß an das Leben nicht zu verlieren“.222 Die Maßregelung
der sowjetischen Komponisten und Verengung des Diskussionsspielraumes in der sowje-
tischen Musikdiskussion wurden so zwar nicht politisch gerechtfertigt, manche Inhalte des
„Formulismus“-Beschlusses waren jedoch anschlussfähig an solche ästhetische Positionen,
die avancierter „moderner“ Musik skeptisch bis ablehnend gegenüber standen.
Angestoßen von den im ZK-Beschluss aufgeworfenen grundsätzlichen Fragen des
Verhältnisses von Musik und Gesellschaft reflektierten diese Stellungnahmen stärker die
Produktions- und Rezeptionsbedingungen zeitgenössischer Musik im kapitalistischen Wes-
ten, während auf die Reglementierung des sowjetischen Musiklebens und die repressiven
Komponenten des ZK-Beschlusses der KPdSU nur verkürzt Bezug genommen wurde. Dieser
Linie folgte auch der kommunistische Musikwissenschafter und spätere Gründungsdirektor
der Berliner Hochschule für Musik, Georg Knepler, in der KPÖ-Zeitschrift Österreichisches
218 Vgl. Erik Werba, „Musik und Gesellschaft. Ein Beschluss – Eine Diskussion – Eine Klarstellung“, in:
Österreichische Musikzeitschrift 3/3 (1948), S. 82-84, hier S. 83. 219 E. H[erzog], „Diskussion über das
Komponistenproblem in der Sowjetunion“, in: Weltpresse, 8.3.1948, S. 6. 220 Robert Fanta, „Die Forderung
nach verständlicher Musik“, in: Die Zeit. Halbmonatsschrift für Kunst, Kultur und Politik 1/4 (15.6.1948),
S. 18-19, hier S. 18. 221 Rudolph Franz Brauner, Österreichs neue Musik. Ein Wegweiser und Überblick für
den Musikfreund, Wien 1948 (Orpheus-Bücher, Bd. 2). 222 Rudolph F[ranz] Brauner, „‚Verständliche‘ Musik!
Eine zeitgemäße Betrachtung für den Konzertfreund“, in: Konzertblatt der Gesellschaft der Musikfreunde
2/14 (15.4.1948), S. 17-23, hier S. 21 [Hervorhebung im Original].
Schostakowitsch in Wien 247
Tagebuch, der die Voraussetzungen, unter denen die Sowjetkomponisten arbeiteten, jenen
der modernen Musik in Österreich gegenüberstellte, ohne inhaltlich weiter auf die Reso-
lution einzugehen.22335Auch Marcel Rubin kontrastierte zur Rechtfertigung der Resolution
den „Einfluß der Gesellschaft und ihrer Organe“ auf das sowjetische Musikleben mit der
„Interesselosigkeit, mit der der bürgerlich-demokratische Staat seine Kunst sich selbst
und dem Verfall überläßt“.224 Bei der angeblich in der sowjetischen Zeitschrift Sowjetskaja
Musyka im Mai 1948 veröffentlichten „Zustimmung österreichischer Komponisten zum
ZK-Beschluß“ der KPdSU,225 von der Detlef Gojowy in seiner Schostakowitsch-Monogra-
phie berichtet, handelt es sich jedoch in Wahrheit um die Wiedergabe eines Beitrags des
Komponisten Alois Melichar in der kommunistischen Kulturzeitschrift Österreichisches
Tagebuch. Melichar, Leiter der Abteilung „Ernste Musik“ im österreichischen Rundfunk,
Komponist und Kapellmeister,226 trat in jenen Jahren als vehementer Kritiker der atonalen,
dodekaphonischen und seriellen Moderne und Gegner des „kleinbürgerlich-versnobbten
Ultraradikalismus und unfruchtbaren Experimentalismus“ auf.227 Sein Eintreten für eine
„wirklichkeits- und volksnahe Kunst“ ließ auch ihn als Nichtkommunisten den sowjetischen
Musikerlass befürworten: Die Organe der sowjetischen Musikkultur hätten recht daran ge-
tan, „nicht erst so lange zu warten, bis jene hyperradikalen, nihilistischen Entwicklungsten-
denzen, die sich wie eine Krätze auf den blühenden Leib der mittel- und westeuropäischen
Musik gelegt haben, auch in ihrem bisher gesunden Musikland zu wuchern begännen“,
so Melichar.228
Einige Beispiele belegen, dass es im linken Spektrum auch kritische Reaktionen auf
den ZK-Beschluss der KPdSU gab: Gemäß der Schilderung des Musiksoziologen und da-
maligen Musikkritikers des kommunistischen Abend Kurt Blaukopf,229 der zwar der KPÖ
nicht als Mitglied angehörte, ihr aber nahe stand, wurde etwa die Veröffentlichung seines
für das Londoner Modern Quarterly verfassten Beitrags und eines ähnlichen Aufsatzes
für das Tagebuch abgelehnt, „weil offenbar nicht mit kommunistischen Direktiven über-
einstimmend“.230 Friedrich Wildgans wiederum trat zunächst zwar nicht öffentlich gegen
den sowjetischen Musikerlass auf, dessen Inhalt führte jedoch zu ernsten Spannungen
223 Georg Knepler, „Wenn sich das Volk für Musik interessiert. Zu der Diskussion über Sowjetmusik“, in:
Österreichisches Tagebuch 3/9 (27.2.1948), S. 7-8. 224 Rubin, „Musik und Sozialismus“ (s. Anm. 209),
S. 216. 225 Detlef Gojowy, Dimitri Schostakowitsch mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek
b. Hamburg 1983 (rowohlts monographien, Bd. 320), S. 78. 226 Barbara Boisits, Art. „Melichar, Alois“, in
Rudolf Flotzinger (Hg.), Oesterreichisches Musiklexikon, Bd. 3, Wien, 2004, S. 1409-1410. 227 „‚Ich begrüße
den sachlichen Kampf der ,OeZ‘ gegen alles Dekadente in der Kunst‘. Glückwünsche aus Wiener Künstler-
kreisen zur tausendsten Nummer der ‚Oesterreichischen Zeitung‘“, in: Österreichische Zeitung, 22.10.1948,
S. 8. Vgl. ferner seine Streitschriften: Alois Melichar, Die unteilbare Musik. Betrachtungen zur Problematik
des modernen Musiklebens, Wien-London 1952; ders., Überwindung des Modernismus. Konkrete Antwort
an einen abstrakten Kritiker, Wien-Frankfurt a.M.-London 1954; ders., Musik in der Zwangsjacke. Die
deutsche Musik zwischen Orff und Schönberg, Wien-Stuttgart 1958; ders., Schönberg und die Folgen. Eine
notwendige kulturpolitische Auseinandersetzung, Wien 1960. 228 Ders., „Der russische Musikerlaß – und
wir“, in: Österreichisches Tagebuch 3/11 (12.3.1948), S. 6-7, hier S. 6. 229 Vgl. Kurt Blaukopf, Unterwegs
zur Musiksoziologie. Auf der Suche nach Heimat und Standort, kommentiert v. Reinhard Müller, Graz-Wien
1998 (Bibliothek sozialwissenschaftlicher Emigranten, Bd. 4), S. 49f. 230 Fast eine Biographie. Kurt Blaukopf
in seinen Schriften, hrsg. v. Institut für Musiksoziologie, Strasshof 1999, S. 20f.
248 Manfred Mugrauer
zwischen ihm und der KPÖ, die 1950 in seinen Austritt bzw. Ausschluss aus der Partei
mündeten.23136Diese Auffassungsunterschiede zeigten sich auch 1949 bei der Gründung der –
von der Arbeiter-Zeitung, dem Zentralorgan der SPÖ, als kommunistisch denunzierten232 –
Österreichischen Gesellschaft für zeitgenössische Musik zu Tage. Als Proponenten dieser
überparteilichen Gesellschaft zur „Erneuerung der österreichischen Musik“ traten neben
Marcel Rubin u.a. auch Joseph Marx, Theodor Berger, Alfred Uhl, Alois Melichar und Franz
Salmhofer auf.233 Wildgans kritisierte jedoch deren Naheverhältnis zu den kulturpolitischen
Auffassungen der KPÖ, die wiederum auf dem Boden der sowjetischen Beschlüsse stünde,
weshalb er die „Tendenz dieser Gesellschaft“ ablehne, so der Komponist in einem Schreiben
an den Wiener Kulturstadtrat Viktor Matejka.234
Die gemaßregelten Komponisten, darunter auch Schostakowitsch und Prokofjew, 235
reagierten entschuldigend auf die parteioffiziell formulierte Kritik. Schostakowitschs selbst-
kritisch geäußerte Absicht, „einen Weg zur realistischen Volkskunst zu suchen und zu fin-
den“,236 wurde auch in der Österreichischen Musikzeitschrift notiert237 und von der bürger-
lichen und sozialdemokratischen Presse hämisch kommentiert.238 Schostakowitsch ließ der
Kritik im selben Jahr die Musik zum Film Die junge Garde folgen, die in der Österreichischen
Zeitung vom Generalsekretär des sowjetischen Komponistenverbandes Tichon Chrennikow
als „schöpferischer Erfolg“ bezeichnet wurde, was auch in der britischen Weltpresse als
erstes Anzeichen seiner Rehabilitierung gedeutet wurde.239 Einige seiner neuen Komposi-
tionen wie das 1949 geschaffene Oratorium Lied von den Wäldern oder die Kantate Über
unserer Heimat scheint die Sonne aus dem Jahr 1952 folgten nun ebenso wie Prokofjews
Werk Auf Friedenswacht (1950) einer vereinfachenden „realistischen“ Tonsprache, um
den Forderungen der Resolution von 1948 Genüge zu tun. Insgesamt häuften sich auf ein
„Massenpublikum“ zugeschnittene Lieder, patriotische Chöre, Kantaten und Oratorien.
Diese kompositorische Entwicklung wurde von Marcel Rubin als Beweis genommen, wie
hilfreich die Kritik des Jahres 1948 für die Arbeit Schostakowitschs und „den Aufschwung
231 „Professor Wildgans aus der KPOe ausgetreten. Zum erstenmal in Oesterreich: Vorwurf des Titoismus“,
in: Weltpresse (Abendausgabe), 15.7.1950, S. 1; „Ausschluß aus der Partei“, in: Österreichische Volksstimme,
15.7.1950, S. 2. 232 S.H., „Österreichische Komponisten auf Abwegen“, in: Arbeiter-Zeitung, 20.2.1949,
S. 6. 233 „Eine Österreichische Gesellschaft für zeitgenössische Musik“, in: Österreichische Musikzeitschrift,
4/1-2 (1949), S. 33; Marcel Rubin, „Ein Unbekannter auf Abwegen. Eine notwendige Erwiderung“, in: Ös-
terreichisches Tagebuch 4/3 (März 1949), S. 14; ders., „Die Österreichische Gesellschaft für zeitgenössische
Musik“, in: Musik-Blätter. Organ der Wiener Philharmoniker 3/13 (1.4.1949), S. 5-7. 234 Vgl. ZPA, Zentral-
komitee der KPÖ, Kaderabteilung, Betrifft: Friedrich Wildgans, 4.7.1950. 235 Vgl. Sergej Prokofieff, „Über
mein Schaffen“, in: Stimmen. Monatsblätter für Musik 1/7 (1948), S. 206-208: „Ich werde nach einer klaren
musikalischen Sprache suchen, die meinem Volke verständlich und lieb ist.“ (S. 208). 236 „Der russische
Komponistenkongreß“, in: Österreichische Volksstimme, 27.4.1948, S. 3. 237 „Zeitzeichen“, in: Österrei-
chische Musikzeitschrift 4/6 (1949), S. 167-168, hier S. 168. 238 „Schostakowitsch tut Buße“, in: Wiener
Kurier, 27.4.1948, S. 4; „Schostakowitsch wird brav sein“, in: Arbeiter-Zeitung, 27.4.1948, S. 2. 239 Tichon
Chrennikow, „Neue Werke der Sowjetkomponisten“, in: Österreichische Zeitung, 14.11.1948, S. 5; „‚Kako-
phonischer‘ Schostakowitsch wieder in Gnaden?“, in: Weltpresse, 17.12.1948, S. 6. 239 Tichon Chrennikow,
„Neue Werke der Sowjetkomponisten“, in: Österreichische Zeitung, 14.11.1948, S. 5; „‚Kakophonischer‘
Schostakowitsch wieder in Gnaden?“, in: Weltpresse, 17.12.1948, S. 6.
Schostakowitsch in Wien 249
der gesamten sowjetischen und auch der volksdemokratischen Musik“ gewesen sei.24037Mit
dem Lied von den Wäldern habe der Komponist „zu Volk und Zeit wieder zurückgefunden“.
Kritiker, die diese „in jedem Takt verständliche Musik als ,unmodern‘ erklären“, würden
„eine radikale Tonsprache mit einer zeitgemäßen verwechseln“, so Rubin.241 Mit dem
Hinweis auf seine Entsendung zum New Yorker Friedenskongress 1949, den ihm für das
Lied von den Wäldern verliehenen „Stalin-Preis“ 1950 und die Zuerkennung des höchsten
künstlerischen Ehrentitels der Sowjetunion „Volkskünstler der UdSSR“ im Sommer 1954
wurde auf das „Klagegeschrei“ reagiert, wonach es sich um Maßregelungen des Sowjet-
komponisten, um „Berufsverbot, Gefängnis oder gar ,Liquidierung‘“ gehandelt habe.242
Die USA-Reise Schostakowitschs wurde auch in den bürgerlichen Medien – unter im Kalten
Krieg üblicher Berufung auf „informierte Kreise“ – als Indiz gewertet, dass es dem Kom-
ponisten gelungen sei, „die Gunst der Kommunisten wiederzuerringen“.243 In einem von
der ÖSG-Musiksektion veranstalteten Vortrag im Kammersaal des Musikvereins über Die
neuesten Schöpfungen der Sowjetmusik (1948 bis 1953) am 16. Februar 1953 betonte
Marcel Rubin vor einem Fachpublikum, dass der ZK-Beschluss „den freien Schaffensdrang
der Sowjetkomponisten“ in keiner Weise gehemmt, sondern im Gegenteil ihnen geholfen
habe, „den Weg zu einer Musik zu finden, die die Traditionen der russischen und interna-
tionalen Musik mit dem gesamten Volksempfinden der heutigen Zeit verbindet“.244 1956
druckte das Tagebuch auszugsweise eine autobiographische Skizze Schostakowitschs aus
der Sowjetskaja Musyka nach, in der der Komponist seine „feste Überzeugung“ kundtat,
dass die „zeitgenössischen modernistischen Strömungen“, denen auch er sich einige Zeit
zugeneigt hatte, „keinerlei Perspektiven haben“: „Das ist eine tote Kunst, die keinerlei
lebende Zweige in den vergangenen 50 Jahren hervorgebracht hat.“245
Die „Rehabilitierung“ des 1948 kritisierten Komponisten beschleunigte vor dem Hin-
tergrund der zunehmenden Polarisierung zur Zeit des Kalten Krieges auch in Österreich
die Schostakowitsch-Rezeption als systemkonformer und parteitreuer „Staatskomponist“.
Schostakowitsch wurde nun wiederholt Gegenstand von Pressepolemiken, die neben
seinen öffentlichen Äußerungen auch sein kompositorisches Schaffen thematisierten: So
wurde sein Lied von den Wäldern, das die sowjetischen Wiederaufforstungspläne zum
240 Marcel Rubin, „Was lernen wir von der Sowjetmusik“, in: Weg und Ziel 10/4 (April 1952), S. 287-293,
hier S. 292. 241 Ders., „Die Neunte Symphonie von Schostakowitsch“, in: Österreichische Volksstimme,
1.2.1950, S. 3; ders., „Schostakowitschs ‚Lied von den Wäldern‘“, in: ebenda, 10.5.1950, S. 4. 242 Ders.,
„Die Freiheit der Künstler“, in: ebenda, 11.12.1949, S. 10; ders., „Schostakowitschs ‚Lied von den Wäldern‘“
(s. Anm. 241); ders., „Die Sowjetkomponisten – Künstler ihres Volkes. Aus einem Vortrag im Musikverein“,
in: Österreichische Zeitung, 24.2.1953, S. 6; „Schostakowitsch Stalin-Preis-Träger“, in: Der Abend, 9.3.1950,
S. 6; „Was werden sie jetzt erfinden“, in: ebenda, 3.8.1954, S. 3. 243 „Schostakowitsch besucht die USA“,
in: Wiener Kurier, 22.2.1949, S. 4; „Schostakowitsch reist zu den ‚Bourgeois‘“, in: Die Presse, 22.2.1949, S. 4;
„Schostakowitsch kriecht zu Kreuz“, in: Weltpresse, 28.3.1949, S. 1. 244 „Die neuesten Schöpfungen der
sowjetischen Musik“, in: Österreichische Volksstimme, 18.2.1953, S. 4; „Die Musiksektion“, in: Die Brücke.
Österreich – Sowjetunion 8/3 (März 1953), S. 22. 245 „Der 50jährige Dimitri Schostakowitsch: Gedanken
über den beschrittenen Weg“, in: Tagebuch 11/19 (6.10.1956), S. 1-2, hier S. 1. Unter dem Titel „Gedan-
ken über den zurückgelegten Weg“ in modifizierter Übersetzung auch in: Schostakowitsch, Erfahrungen
(s. Anm. 115), S. 20-30, hier S. 24f.
250 Manfred Mugrauer
Inhalt hatte, in der Arbeiter-Zeitung abwertend als „braves […] Propagandastückerl“ cha-
rakterisiert. Die Wochenzeitung Wiener Montag stellte die Frage, ob der Komponist „auch
ein Lied über die Waldschlägerungen im östlichen Österreich“, also in der sowjetischen
Besatzungszone, schreiben werde.24638Mit ironischer Bezugnahme auf sein Engagement
im Friedenskampf legte ihm die Tageszeitung der ÖVP nahe, eine Pastoralmusik „Die
Friedenstaube im Schafspelz“ zu schreiben.247 Ähnlich gehaltvoll waren die Beiträge jener
österreichischen Journalisten, die sich darüber belustigt zeigten, dass Schostakowitsch
angeblich aus der Errichtung von Kanalbauten in Stalingrad und dem Studium der Tages-
ordnung des Parteikongresses der KPdSU Inspiration bezöge. In Anspielung auf die zum
Putschversuch stilisierte große Streikbewegung im September/Oktober 1950 empfahl die
sozialdemokratische Arbeiter-Zeitung eine Einladung Schostakowitschs nach Wien, damit
dieser zu Werken wie „Probegalopp auf den Ballhausplatz“, „Abschiedswalzer in der
Lokomotivfabrik“ oder zum „Großen Finale in der Wasagasse“ inspiriert werde. 248 Dass
der in Österreich geborene Dirigent des Städtischen Orchesters von Bournemouth, Rudolf
Schwarz, beschlossen habe, in seine Konzerte Kompositionen von Schostakowitsch nicht
mehr aufzunehmen, da er keine kommunistischen Propagandawerke aufführen wolle, war
mehreren österreichischen Tageszeitungen eine Meldung wert.249
In Konsequenz dieser kulturpolitischen Frontstellung im Kalten Krieg erklangen in den
1950er Jahren in den großen Wiener Konzertsälen Schostakowitschs Symphonien nur
wenige Male. Es sollte bis in die 1970er Jahre dauern, bis die Höchstzahl von jeweils fünf
Aufführungen mit Symphonien Schostakowitschs aus den Saisonen 1945/46 und 1946/47
wieder erreicht werden konnte, in einigen Saisonen der 1950er Jahre stand weder eine
Symphonie noch ein Konzert des sowjetischen Komponisten auf dem Programm. Die zur
Zeit der Anti-Hitler-Koalition auch im Westen populäre „Leningrader“ Symphonie, mit
der Schostakowitsch in diesen Jahren in erster Linie in Verbindung gebracht wurde, ver-
schwand gar bis Anfang der 1990er Jahre völlig von den österreichischen Konzertplänen. 250
Als Wilhelm Furtwängler am 28./29. Jänner 1950 die 9. Symphonie – „eingestreut in sein
Standard-Repertoire“251 – in das Programm eines Abonnementkonzerts der Wiener Phil-
harmoniker im Musikverein aufnahm, beklagte Hermann Ullrich die „Minderwertigkeit“
246 „Die Moskauer Oper stolpert über einen Zaun“, in: Arbeiter-Zeitung, 26.4.1951, S. 5; „Spitze Betrach-
tungen“, in: Wiener Montag, 27.12.1949, S. 2. 247 Florian, „Friedensmusik“, in: Neue Wiener Tageszei-
tung, 21.7.1950, S. 8. 248 „Inspirationen“, in: ebenda, 24.9.1952, S. 8; „KP.-Musik“, in: Arbeiter-Zeitung,
17.10.1950, S. 3. Auf dem Ballhausplatz vor dem Bundeskanzleramt fand als Höhepunkt der Streikbewegung
eine Massendemonstration statt; die gesamtösterreichische Betriebsrätekonferenz in der Floridsdorfer Loko-
motivfabrik beschloss am 30. September 1950 eine Unterbrechung des Streiks; in der Wasagasse befand
sich die Parteizentrale der Kommunistischen Partei Österreichs, die an der Spitze des Generalstreikversuchs
stand. 249 [Kurznachrichten], in: Arbeiter-Zeitung, 15.8.1950, S. 8; „Hin und Her um Schostakowitsch“, in:
Die Presse, 18.8.1950, S. 4. 250 Zu erwähnen ist allein eine Aufführung des 1. Satzes im Arbeiterkonzert der
Russischen Stunde der RAVAG am 12. Februar 1952 unter Gottfried Kassowitz und eine Teilaufführung des
Werks in einer Festveranstaltung der KPÖ zum 53. Jahrestag der Oktoberrevolution am 8. November 1970
mit dem Orchester des Slowakischen Nationaltheaters Bratislava im Großen Saal des Wiener Konzerthauses.
251 Joachim Matzner, Furtwängler. Analyse – Dokument – Protokoll, hrsg. v. Stefan Jaeger, Zürich; Gräfelfing
1986, S. 73.
Schostakowitsch in Wien 251
des Werks: „War es nötig, gerade diese Symphonie zu dem vielbegehrten und selten
verliehenen Rang einer philharmonischen Novität zu erheben?“,25239fragte der „hochgebil-
dete Repräsentant der konservativen Richtung“.253 Oberflächliche und banale „Wald- und
Wiesenmusik“ urteilte Hans Weigel im ehemals französischen, 1948 von der SPÖ über-
nommenen Wochenblatt Welt am Montag über die Symphonie und informierte dessen
LeserInnen, dass Schostakowitsch „sicherem Vernehmen nach […] gegenwärtig an einer
Kantate über den Stand der Gußeisenproduktion im Donezbecken und an der Vertonung
des Sommerfahrplans“ arbeite.254 Peter Lafite deutete das Werk im Kontrast zur „geradezu
qualvollen Monumentalitätssucht der Achten“ als „das nüchterne Erwachen nach rausch-
giftigen Wahnvorstellungen“. „Ethische Kraft der Aussage“ werde „weder gesucht noch
gefunden“.255 Allein der musikalische Direktor der RAVAG und Presse-Kritiker Heinrich
Kralik reagierte von den nichtkommunistischen Musikpublizisten positiv: Die 9. Symphonie
sei „ein Werk des Frohsinns. Heiterkeit und sonnige Laune liegen über den schmucken,
abwechslungsreichen Sätzen“, so Kralik.256
Mit der 10. Symphonie Schostakowitschs wurde das österreichische Publikum in einer
Bandaufnahme der Leningrader Philharmoniker unter dem Dirigenten der Uraufführung,
Jewgenij Mrawinskij, im Rahmen der Russischen Stunde der RAVAG am 15. November
1954 erstmals bekannt gemacht.257 Der KPÖ nahestehende Medien informierten über den
Meinungsstreit, den die Erstaufführung der Symphonie in Moskau und Leningrad Ende
1953 ausgelöst hatte.258 Die Musiksektion der ÖSG wertete das „Echo der sowjetischen
Öffentlichkeit, das Schostakowitsch mit diesem seinen neuesten Werk fand“, als „ein
höchst instruktives Beispiel der Reaktion des Publikums in einer Welt, die den kommerziellen
Kunstbetrieb nicht kennt. In der Sowjetunion muss die Kunst nicht als Ware propagiert
werden; eine negative Kritik ist somit keine Geschäftsstörung. Das Objekt der Kritik ist der
252 Ullrich, Fortschritt und Tradition (s. Anm. 192), S. 314. 253 Norbert Tschulik, „Musikkritik in Österreich“,
in: Manfred Wagner, Geschichte der österreichischen Musikkritik in Beispielen. Mit einem einleitenden Essay
von Norbert Tschulik, Tutzing 1979 (Publikationen des Instituts für österreichische Musikdokumentation,
Bd. 5), S. 3-26, hier S. 25. 254 Hans Weigel, „Dichtung Film, Theater, Kunst, Musik – Kritik, Glosse“, in:
Welt am Montag, 6.2.1950, S. 5. 255 P[eter] L[afite], „Musik aus romantischen Gefilden. Philharmonisches
Konzert unter Wilhelm Furtwängler“, in: Wiener Kurier, 31.1.1950, S. 4. 256 [Heinrich] Kr[alik], „Furtwängler
dirigiert Schostakowitsch. Sechstes philharmonisches Abonnementkonzert“, in: Die Presse, 31.1.1950, S. 4.
257 W[alther] St[audacher], „Die Russische Stunde im November. Erstaufführung einer Schostakowitsch-
Symphonie“, in: Österreichische Zeitung, 3.11.1954, S. 5; er., „Die neue Symphonie von Schostakowitsch
im österreichischen Rundfunk“, in: Österreichische Volksstimme, 14.11.1954, S. 6. 258 Z.B. Aram Chatscha-
turjan, „Dmitrij Schostakowitschs Zehnte Symphonie“, in: Die Brücke. Österreich – Sowjetunion 9/6 (Juni
1954), S. 25. Es handelt sich dabei um einen Auszug der Stellungnahme Chatschaturjans im Rahmen der
Diskussion des Komponistenverbandes im März und April 1954. Boris Schwarz charakterisiert diese in der
Sowjetskaja Musyka nachgedruckte Debatte als in „öffentlichen Diskussionen“ ausgetragene „ehrliche Mei-
nungsverschiedenheiten“ und setzt die Bedeutung der Symphonie für die sowjetische Musik dem Einfluss
von Ilja Ehrenburgs Tauwetter auf die Literatur gleich (Schwarz, Musik und Musikleben in der Sowjetunion
(s. Anm. 88), S. 448 und 464f). Die Diskussion ist auch dokumentiert im Periodikum der Gesellschaft für
deutsch-sowjetische Freundschaft, „Eine bedeutende Erscheinung auf dem Gebiet der sowjetischen Musik
(Eine Diskussion über die Zehnte Symphonie von D. Schostakowitsch)“, in: Sowjetwissenschaft. Kunst und
Literatur, Nr. 5 (1954), S. 717-735).
252 Manfred Mugrauer
leidenschaftlichen Anteilnahme aller sicher.“25940Als die 10. Symphonie am 13. September 1955
im Großen Konzerthaussaal erstmals auf einem österreichischen Konzertpodium erklang,260
war sich die nichtkommunistische Presse in ihrer Ablehnung einig: „Potemkinsche Dörfer,
in Noten gesetzt. Viel Fassade, nichts dahinter“, „strapaziös“, „gefesselte Phantasie“,
urteilte die Arbeiter-Zeitung, als „marxistisch-leninistisch-stalinistische Selbstkritik“ und
„geistige Bankrotterklärung des sozialistischen Realismus in der Musik“ tat der Neue Kurier
das von der Volksstimme als „Spitzenwerk der zeitgenössischen Musik“ charakterisierte
Werk ab.261 An diesem negativen Urteil konnte auch nichts ändern, dass diese Aufführung
in einem Konzert des politisch unverdächtigen New York Philharmonic Orchestra unter
Dimitri Mitropoulos – der im Oktober 1954 bereits die amerikanische Erstaufführung
geleitet hatte262 – stattfand. Im März 1956 wurde im Bild-Telegraf das 1. Klavierkonzert
nach einer Aufführung durch die Wiener Symphoniker unter Kurt Wöss als „fürchter-
liches Eintopfgericht“ verunglimpft, „in dem die verschiedensten Stile der musikalischen
Literaturgeschichte zusammen verkocht wurden. Banalität ist die Zutat.“ Insgesamt habe
Schostakowitsch „auch sonst noch nicht beweisen“ können, „daß seinem Ruf andere als
propagandistische Ursachen zugrunde liegen“,263 so die 1954 gegründete erste österrei-
chische Boulevardzeitung.
Von den renommierten nichtkommunistischen Musikkritikern versuchte in diesen Jah-
ren allein Joseph Marx in der Wiener Zeitung dieser politisch motivierten Verurteilung
sowjetischer Musik entgegenzuwirken: Österreichische McCarthy-Schüler, „phantasievolle
Schnüffler“, hätten einen „geheimnisvollen Zusammenhang“ des Schaffens von Schosta-
kowitsch, Chatschaturjan u.a. „mit dem kommunistischen Manifest entdeckt und möchten
objektive Bewunderer slawischer Musikkultur am liebsten antiösterreichischer Neigungen
zeihen“, kritisierte der nach 1945 als bedeutendster zeitgenössischer Komponist gehandel-
259 „Rund um Schostakowitschs zehnte Symphonie“, in: Mitteilungsblatt der Musik-Sektion der Österrei-
chisch-Sowjetischen Gesellschaft, Nr. 2 (Dezember 1954), S. 2-8, hier S. 2. 260 Einer Zeitungsankündigung
zufolge sollte die österreichische Erstaufführung bereits Monate zuvor am 27. März 1955 im Großen Sende-
saal des Funkhauses im Rahmen des Zyklus „Musica nova“ durch die Wiener Symphoniker unter Kurt Richter
stattfinden („Schostakowitsch’s ‚Zehnte‘ in der Ravag“, in: Bild-Telegraf, 18.3.1955, S. 5), doch findet sich
in den österreichischen Medien kein Echo auf diese angebliche Aufführung. Vielmehr standen Werke von
Wilhelm Fortner und Igor Strawinsky am Programm des angekündigten Symphoniker-Konzerts unter Richter
(„Viel Musik und wenig Meister. Zweimal Musica nova in der Ravag“, in: Österreichische Neue Tageszeitung,
30.3.1955, S. 4). Auch in der Datenbank der Wiener Symphoniker und in der Karthothek der Ö1-Redaktion
ist eine Aufführung der 10. Symphonie nicht verzeichnet (Ich danke Mag.a Eva Krepelka vom Orchesterbüro
des RSO Wien für diese Information). Wenn Erik Werba 1960 (irrtümlich) von der Erstaufführung der 10. Sym-
phonie durch die Wiener Symphoniker spricht, hat er wohl die Aufführung 1959 unter Herbert Karajan im
Auge (Erik Werba, „Sechzig Jahre Wiener Symphoniker“, in: Österreichische Musikzeitschrift 15/11 [1960],
S. 530-532, hier S. 532). 261 F[riedrich] S[aathen], „Die New-Yorker Philharmoniker“, in: Arbeiter-Zeitung,
16.9.1955, S. 5; R.W., „Mitropoulos schwang den Stab zu musikalischer Koexistenz-Uebung“, in: Neuer
Kurier, 14.9.1955, S. 5; „Schostakowitschs X. Symphonie im Radio“, in: Österreichische Volksstimme,
23.6.1955, S. 6. 262 William [Link], Priest of music. The life of Dimitri Mitropoulos, Portland, Or. 1995,
S. 359. 263 R.K., „Russisches Eintopfgericht. Kurt Wöß [sic!] dirigierte das letzte Konzert seines Zyklus“, in:
Bild-Telegraf, 9.3.1956, S. 5.
Schostakowitsch in Wien 253
264 Joseph Marx, „Nochmals: Österreichische Musik in Jugoslawien“, in: Wiener Zeitung, 18.4.1954, S. 4.
265 ÖNB, Handschriftensammlung, Autogr. 859/17, Nachlass Joseph Marx, Telegramm von Dmitri Schosta-
kowitsch (Präsident der SÖG), Tichon Chrennikow (Erster Sekretär des Komponistenverbandes der UdSSR)
und Igor Belza (Vizepräsident der Musik-Sektion) an Joseph Marx, o.D. [1962]. 266 W., „Festliches Februar-
konzert“, in: Österreichische Volksstimme, 14.2.1950, S. 6; H[einz] W. [Hollitscher], „‚Dem 1. Mai entgegen‘.
Bejubeltes Festkonzert der Russischen Stunde“, in: Österreichische Zeitung, 25.4.1950, S. 5. 267 Marcel
Rubin, „Musik des Friedens und der Freiheit. Arbeiterkonzert der Russischen Stunde“, in: Österreichische
Volksstimme, 15.2.1952, S. 4. 268 „1200 Werktätige beim Konzert der Russischen Stunde in St. Pölten“, in:
Österreichische Zeitung, 30.9.1951, S. 5. 269 ZPA, Programmzettel; „Von Stalin sprechen, heißt vom Frieden
sprechen. Die Trauerfeier der Oesterreichisch-Sowjetischen Gesellschaft im Musikvereinssaal“, in: Österrei-
chische Zeitung, 13.3.1953, S. 1 und 3, hier S. 3. 270 M[arcel] R[ubin], „Festkonzert zum Befreiungstag“,
in: Österreichische Volksstimme, 17.4.1955, S. 6. 271 „Ein Haus im Dienste der Völkerfreundschaft. Bericht
über die Eröffnung des Sowjetischen Informationszentrums“, in: Welt-Illustrierte, Nr. 39 (213), 24.9.1950,
S. 6-7; vgl. dazu Wolfgang Mueller, „‚Leuchtturm des Sozialismus‘ oder ‚Zentrum der Freundschaft‘? Das
Sowjetische Informationszentrum im Wiener ‚Porr-Haus‘: ein Instrument der Besatzungspolitik zwischen
Volksbildung und Propaganda“, in: Wiener Geschichtsblätter 55/4 (2000), S. 261-285. 272 Vgl. „Professor
Gottfried Marcus: Für die Friedensbewegung zu arbeiten ist die ehrenvollste Aufgabe jedes Oesterreichers“,
in: Österreichische Zeitung, 1.11.1951, S. 6.
254 Manfred Mugrauer
einer Reihe von Orchesterkonzerten das Konzert für Klavier, Trompete und Streicher,27342am
27. Juni 1954 interpretierte er am selben Ort gemeinsam mit dem musikalischen Leiter des
Sowjetischen Informationszentrums Karl Brix (Violine) und Richard Matuschka (Violoncello)
das Klaviertrio Nr. 2.274 In Tonbandkonzerten wurden 1958 in der Bibliothek der ÖSG kam-
mermusikalische Werke des sowjetischen Komponisten – das Streichquartett Nr. 6 und
sein 1948 komponierter und zunächst unveröffentlichter Gesangszyklus Aus der jüdischen
Volkspoesie – präsentiert.275 Die 1947 komponierte und 1954 uraufgeführte Festliche
Ouvertüre op. 96 erklang erstmals in Österreich am 28. Juli 1959 bei einem Galakonzert
der sowjetischen Delegation anlässlich der VII. Weltfestspiele der Jugend und Studenten
für Frieden und Freundschaft im Wiener Konzerthaus. Es spielte das Moskauer Jugend-
Symphonieorchester.
Abbildung 6: Programm der Trauerfeier der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft aus Anlass des Ablebens
von Josef W. Stalin am 11. März 1953 im Großen Saal des Wiener Musikvereins
© Zentrales Parteiarchiv der KPÖ, Bildarchiv
273 „Gottfried Marcus spielt Schostakowitsch“, in: Der Abend, 24.2.1951, S. 5. 274 „Sowjetische Kam-
mermusik in der Treitlstraße“, in: Österreichische Zeitung, 30.6.1954, S. 5. 275 „Neue sowjetische Musik“,
in: Mitteilungsblatt der Musik-Sektion der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft, Nr. 8 (Juni 1958), S. 10;
ebenda, Nr. 9 (Oktober 1958), S. 9.
Schostakowitsch in Wien 255
Im Umkreis von KPÖ und ÖSG erlangte Schostakowitsch in diesen Jahren größte Bedeu-
tung als politischer Liedkomponist: Vor allem das Weltfriedenslied (Frieden der Welt) nach
Worten von Jewgenij Dolmatowski aus dem Film Begegnung an der Elbe27643und Der Zukunft
entgegen277 erfreuten sich großer Beliebtheit. Letzteres wurde z.B. bei der Feier der KPÖ
zu Stalins 70. Geburtstag am 18. Dezember 1949 im Großen Konzerthaussaal,278 beim
Arbeiterkonzert der Russischen Stunde der RAVAG zum Gedenken an den 12. Februar
am 11. Februar 1951279 und beim Eröffnungskonzert der 3. Österreichisch-Sowjetischen
Freundschaftswochen im Neuen Theater in der Scala 1951 gesungen. Bei letzterem Anlass
interpretierte Tamara Dragan dieses „mitreißende Lied“.280 Frieden der Welt wurde beim
Arbeiterkonzert der Russischen Stunde „Für Frieden und Freiheit“ am 29. Oktober 1950 im
Musikverein durch den RAVAG-Chor unter der Leitung von Gottfried Kassowitz und bei der
Festveranstaltung zum 15. KPÖ-Parteitag am 3. November 1951 im Konzerthaus von einem
Massenchor – bestehend aus dem Wiener Arbeiterchor der KPÖ, dem Chor der Freien
Österreichischen Jugend und Chorvereinigungen einzelner Betriebe, etwa der Voith- und
Rax-Werke – unter der Leitung von Marcel Rubin dargeboten.281 Schostakowitschs Friedens-
lied wurde neben österreichischen Volksliedern und weiteren internationalen Friedens- und
Kampfliedern auch bei einem Arbeiter-Chorkonzert am 9. Juni 1951 im Mozart-Saal des
Konzerthauses gesungen: Eduard Wilimek leitete drei Betriebschöre von sowjetisch verwal-
teten Betrieben: jenen der Moosbrunner Glasfabrik, der Atzgersdorfer Schicht-Werke und
der Siemens-Schuckert-Werke.282 Trotz der oben geschilderten Verschärfung des kulturellen
Klimas am Höhepunkt des Kalten Kriegs und der damit zusammenhängenden Diskreditie-
rung des sowjetischen Komponisten wurden auch bei den Abschlussfeiern der Werbeaktion
der SPÖ Wien am 9. November 1948 und 17. März 1954 im Konzerthaus politische Lieder
Schostakowitschs gesungen.
Fixer Programmpunkt
Nach Abschluss des österreichischen Staatsvertrages und vor dem Hintergrund der weltpoli-
tischen Entspannung kehrten auch Werke Schostakowitschs – vor allem seine 5. Symphonie –
ab Ende der 1950er Jahre verstärkt auf die Spielpläne der großen Wiener Konzertgesell-
276 Lieder zum Jugendtreffen der 50.000. Für Frieden und Freiheit Pfingsten 1951 in Wien, Wien 1951,
S. 14-15; Hundert Kampf- und Volkslieder, Wien 1952, S. 132-133; „Frieden der Welt“, in: Österreichische
Zeitung, 15.8.1953, S. 5. 277 Lieder für die VII. Weltfestspiele der Jugend und Studenten für Frieden und
Freundschaft. Wien 26. Juli bis 4. August 1959, o.O. [Wien] o.J. [1959], S. 11. 278 Marcel Rubin, „Konzert
zur Stalins Geburtstag“, in: Österreichische Volksstimme, 20.12.1949, S. 6. 279 [Karl] Brix, „‚Wenn wir nicht
wollen…‘ Februar-Gedenkkonzert der Russischen Stunde“, in: ebenda, 13.2.1951, S. 5. 280 M.H.F., „Fest-
liches Eröffnungskonzert in der Scala“, in: Österreichische Zeitung, 2.10.1951, S. 6. 281 d.h. [Desider Hajas],
„Trotz Terror: Musik für Werktätige im Zeichen des Friedenskampfes“, in: ebenda, 31.10.1950, S. 5; H[einz]
Holl[itscher], „Festveranstaltung zum XV. Parteitag der KPOe“, in: Österreichische Volksstimme, 6.11.1951, S. 5.
282 [Karl] Brix, „Arbeiterchorkonzert im Mozart-Saal“, in: ebenda, 14.6.1951, S. 4.
256 Manfred Mugrauer
schaften und Orchester zurück. Zunächst erklang dieses „gehalt- und effektvolle“28344Werk
im Rahmen der Wiener Festwochen am 5. Juni 1956, der italienisch-amerikanische Dirigent
Massimo Freccia leitete die Wiener Symphoniker. Die Festwochen brachten in diesem Jahr
auch die erste Begegnung Wiens mit einem Orchester, das in den folgenden Jahrzehnten
zu weiteren umjubelten Gastspielen nach Wien zurückkehrte und dabei 1960, 1966, 1968,
1972, 1978, 1980, 1982 und 1988 unter seinem Chefdirigenten Jewgenij Mrawinskij bzw.
unter Arvid Jansons (1968) und Mariss Jansons (1980, 1988) auch Werke von Schostako-
witsch auf das Programm setzte: den Leningrader Philharmonikern. In diesem Rahmen fand
am 23. Juni 1956 im Großen Musikvereinssaal die österreichische Erstaufführung seines
1. Violinkonzerts statt. Als Solist wirkte wie bei der Leningrader Uraufführung im Vorjahr
der Widmungsträger des Werks David Oistrach.
Die Veröffentlichung eines Beschlusses des ZK der KPdSU vom 28. Mai 1958, mit dem
die „Formalismus“-Resolution des Jahres 1948 revidiert wurde,284 förderte das nach Stalins
Tod einsetzende „Tauwetter“ im kulturpolitischen Diskurs und erhöhte fortan auch das
internationale Ansehen der sowjetischen Musik. Mit der 5. Symphonie fand am 9./10. Mai
1959 nach knapp zehn Jahren wieder ein Werk Schostakowitschs seinen Weg in ein von
Eugene Ormandy geleitetes Philharmonisches Abonnementkonzert. „Es mußte […] ein
Dirigent aus Amerika kommen, damit in den Wiener Konzertprogrammen Platz wurde für
eine der großen, mit Ausnahme Oesterreichs überall in der Welt gespielten Symphonien
von Schostakowitsch“, urteilte die Volksstimme über die mangelnde Aufführungsdichte
von Werken des sowjetischen Komponisten.285 Die 5. Symphonie erklang im Sommer
desselben Jahres, am 16. August, auch bei den Salzburger Festspielen, Leonard Bernstein
dirigierte das New York Philharmonic Orchestra. Von der zunehmenden Etablierung der
Werke Schostakowitschs in den Konzertprogrammen zeugt auch die Tatsache, dass Her-
bert Karajan am 5./6. Dezember 1959 die 10. Symphonie in seinen „Karajan-Zyklus“ mit
den Wiener Symphonikern im Wiener Musikverein aufnahm und – in den Augen Marcel
Rubins – „atemberaubend“ interpretierte.286 Der Volksstimme teilte Karajan in einem Inter-
view mit, dass Schostakowitsch selbst „ihm einige Hinweise für die Aufführung gegeben“
habe.287 Dasselbe Werk brachte Rafael Frühbeck de Burgos im Februar 1963 ebenso mit
den Wiener Symphonikern im Musikverein. Auch Leopold Stokowski, der zahlreiche ame-
rikanische Erstaufführungen von Symphonien Schostakowitschs geleitet hatte, präsentierte
am 2. Juni 1961 mit dem London Symphony Orchestra im Rahmen des 10. Internationalen
Musikfestes im Konzerthaus mit der 5. Symphonie ein Werk des sowjetischen Komponisten.
283 Helmut A. Fiechtner, „Orchesterparade beim Mozart-Fest“, in: Die Furche 12/25 (16.6.1956), S. 9.
284 „Unrichtige Pauschalurteile über Kunstwerke revidiert“, in: Volksstimme, 10.6.1958, S. 7; „Über die
Berichtigung von Fehlern bei der Beurteilung der Opern ‚Die große Freundschaft‘, ‚Bogdan Chmelnizki‘ und
‚Von ganzem Herzen‘. Beschluß des ZK der KPdSU vom 28. Mai 1958“, in: Sowjetwissenschaft. Kunst und
Literatur. Zeitschrift für Fragen der Ästhetik und Kunsttheorie, Nr. 8 (1958), S. 867-868; auch abgedruckt in:
Kuhn (Hg.), „Volksfeind Dmitri Schostakowitsch“ (s. Anm. 139), S. 197-199. 285 M[arcel] R[ubin], „Philharmo-
nisches mit Schostakowitsch“, in: Volksstimme, 12.5.1959, S. 7. 286 Marcel Rubin, „Karajan bringt Neues“,
in: ebenda, 10.12.1959, S. 6. 287 Ders., „Gespräch mit Karajan“, in: ebenda, 14.3.1959, S. 6.
Schostakowitsch in Wien 257
Als diese Symphonie beim Gastspiel der Leningrader Philharmoniker unter Mrawinskij am
5. November 1960 im Musikverein erklang, reagierten sämtliche Wiener Musikkritiker
begeistert.28845Die Österreichische Musikzeitschrift sprach von einem „einzigartigen Triumph
der Orchesterkultur“.289
Die folgenden Jahrzehnte waren auf der einen Seite von gegenüber den 1950er Jahren
gestiegenen und bis Ende der 1980er Jahre etwa konstant bleibenden Aufführungszahlen,
gleichzeitig jedoch bis in die 1980er Jahre von einer prolongiert kritischen Berichterstattung
über den in einer Boulevardzeitung als „liniengetreuen Plansollerfüller“290 charakterisierten
Schostakowitsch gekennzeichnet. Wenig überraschend kamen solche ablehnende Hal-
tungen bei der österreichischen Erstaufführung des Oratoriums Lied von den Wäldern im
März 1959 im Rahmen einer Aufführung der Wiener Kulturgesellschaft unter Josef Maria
Müller zum Ausdruck: Der „Griff nach diesem primitiven, unoriginellen und langweiligen
Werk“ sei „nicht recht zu erklären“, handle es sich doch um eines jener Werke, die Scho-
stakowitsch „gewissermaßen als Gesinnungszoll, von Zeit zu Zeit liefern muß, um unan-
gefochten seine Symphonien schreiben zu können“, weshalb „keinerlei Notwendigkeit“
bestehe, „gerade ein solches Werk bei uns publik zu machen“, so Helmut A. Fiechtner
in der Furche.291 Über dieser „oft bedenklich banal“ klingenden Partitur wölbe sich ein
„ewig blauer Himmel an Diatonik“, urteilte die Presse.292 Die kommunistische Tagespresse
wiederum erkannte in diesem „volkstümlichen Chororchesterwerk“ ein „Musterbeispiel
einer musikalischen Widerspiegelung des in den Kommunismus hineinwachsenden so-
wjetischen Lebens“.293 Dass das Orchester der Wiener Kulturgesellschaft, eine 1958 aus
den Wiener Volkskonzerten hervorgegangene, in erster Linie aus Amateuren bestehende
Neugründung,294 diese für die „Rehabilitierung“ Schostakowitschs in der Sowjetunion
entscheidende Komposition auf das Programm setzte und damit für die bisher einzige
Aufführung dieses Werks in Österreich sorgte, war wohl kaum politisch motiviert, son-
dern eher der Tatsache geschuldet, dass es „unter den zeitgenössischen Chorwerken
wohl das einzige [ist], dessen Schwierigkeiten die Leistungsfähigkeit eines Laienensembles
nicht überschreiten“ und es „trotz seiner relativ leichten Aufführbarkeit von bestechender
Klangwirkung“ sei.295
Auch die in der Sowjetunion beliebte, 1957 uraufgeführte 11. Symphonie „Das Jahr
1905“ über die erste russische Revolution stieß bei ausländischen Kritikern allgemein auf
288 Vgl. die zusammengefassten Pressestimmen in: „Die weltbeste Musikvereinigung“, in: Tagebuch 15/12
(Dezember 1960), S. 9. 289 mi [Erwin Mittag], „Wien“ [Rubrik „Internationales Konzertleben“], in: Ös-
terreichische Musikzeitschrift 15/11 (1960), S. 538-539, hier S. 538. 290 Gerhard Brunner, „Im Funkhaus:
Symphoniker unter Krenz. Ein glänzendes Debut“, in: Morgen-Express, 24.12.1964, S. 6. 291 Helmut
A. Fiechtner, „Aus dem alten und aus dem neuen Rußland“, in: Die Furche 15/13 (28.3.1959), S. 13.
292 Mi [Erwin Mittag], „Die linientreue Schostakowitsch-Kantate. ‚Das Lied von den Wäldern‘ im Musikver-
einssaal“, in: Die Presse, 27.3.1959, S. 6. 293 K[arl] B[rix], „Schostakowitsch-Erstaufführung“, in: Volksstim-
me, 24.3.1959, S. 7. 294 Monika Kabas, „Das Orchester der Wiener Kulturgesellschaft“, in: Österreichische
Musikzeitschrift 18/12 (1963), S. 584-585. 295 H-n, „Schostakowitsch’ Hymnus an die Aufforstung“, in:
Neues Österreich, 29.3.1959, S. 11.
258 Manfred Mugrauer
296 Schwarz, Musik und Musikleben in der Sowjetunion (s. Anm. 88), S. 509. 297 Rudolf Klein, „Wiener
Festwochen 1961“, in: Österreichische Musikzeitschrift 16/8 (1961), S. 377-379, hier S. 378. 298 Marcel
Rubin, „Mitreißendes Konzert des sowjetischen Orchesters“, in: Volksstimme, 25.6.1961, S. 6. 299 Lothar
Knessl, „Wiener Festwochen wollen es allen recht machen“, in: Melos. Zeitschrift für neue Musik 28/9 (1961),
S. 285-286, hier S. 286. 300 Herbert Schneiber, „Herrliche Musiker mit schwachem Programm“, in: Kurier,
18.8.1959, S. 7. 301 Marcel Rubin, „Der Nachfolger von Casals“, in: Volksstimme, 5.6.1962, S. 8. 302 Ders.,
„Salzburger Festspiele 1961: Schostakowitsch-Erstaufführung im Mozarteum“, in: ebenda, 9.8.1961, S. 6.
Schostakowitsch in Wien 259
303 Ders., „Swjatoslaw Richter spielte neue Musik“, in: ebenda, 5.3.1963, S. 7. 304 F[ranz] E[ndler], „Mu-
sik aus dem Osten“, in: Die Presse, 23.12.1964, S. 6. 305 John, „Vom Traum zum Trauma“ (s. Anm. 136),
S. 259 und 272; „Andere machten Geschichte, ich machte Musik.“ Die Lebensgeschichte des Dirigenten Kurt
Sanderling in Gesprächen und Dokumenten, erfragt, zusammengestellt und aufgeschrieben von Ulrich-Roloff-
Momin unter Mitarbeit von Christine Fischer-Defoy, Berlin 2002. 306 Hugo Huppert, „Salzburg: 4. Konzert
der DDR-Symphoniker“, in: Volksstimme, 17.8.1965, S. 7. 307 Gerhard Müller, „Mein Schostakowitsch – Aus
Erinnerungen und Aufzeichnungen eines Kritikers“, in: Günter Wolter, Ernst Kuhn (Hg.), Dmitri Schostako-
witsch – Komponist und Zeitzeuge, Berlin 2000 (Schostakowitsch-Studien, Bd. 2; studia slavica musicologica.
Texte und Abhandlungen zur slavischen Musik und Musikgeschichte sowie Erträge der Musikwissenschaft
Osteuropas, Bd. 17), S. 178-193, hier S. 181. 308 Zu korrigieren ist also, dass diese Erstaufführung im Wiener
Musikverein stattfand (Wilhelm Sinkovicz, „Der Tanzbär. 1963-1975: Freude an der Herausforderung in der
Ära von Heinz Wallberg“, in: Rainer Lepuschitz [Hg.], 1907-2007. Die Tonkünstler. Orchester-Geschichten
aus Wien und Niederösterreich, Wien 2007, S. 98-103, hier S. 101).
260 Manfred Mugrauer
der UdSSR unter seinem Chefdirigenten Gennadij Roschdestwenskij im Juni 1965, das im
Rahmen des 12. Internationalen Musikfestes im Konzerthaus stattfand.
Am 12. Februar 1965 fand in der Wiener Staatsoper in Anwesenheit des Komponisten
die Premiere seiner Oper Katerina Ismailowa statt, die in Moskau im Dezember 1962 in
einer überarbeiteten Version zur Wiederaufführung gelangt war, was Rubin – in Anspielung
auf die vernichtende Kritik an Lady Macbeth von Mzensk im Jahr 1936 – als „glänzenden
Freispruch“ interpretierte.30948In Wien dirigierte Jaroslav Krombholc, es sangen Ludmilla
Dvorakova, Paul Schöffler, Gerhard Stolze, Karl Terkal, Ruthilde Bösch und Peter Klein.
Der zweiten Besetzung neun Tage nach der Premiere gehörten u.a. Hilde Zadek, Oskar
Czerwenka und Jean Cox an. Katerina Ismailowa erlebte bis 4. November 1965 in der
Regie von Karel Jernek insgesamt neun Aufführungen. Im oben erwähnten Gespräch
von Schostakowitsch mit österreichischen Musikern sprach der Komponist auch über den
Hintergrund der Neufassung der Oper, für die „lediglich musikalisch-ästhetische und mu-
sikalisch-technische Faktoren“ entscheidend gewesen seien, die „dissonanten Reibungen
und polytonalen Wendungen“ blieben unverändert. „Jegliche andere Kombinationen
bezüglich ,höherer Weisung‘ und ähnlichem sind hier fehl am Platze“, so Karl Brix über die
Ausführungen von Schostakowitsch.310 Bei der Wiederaufnahme der Oper am 10. Mai 1968
leitete Serge Baudo bis Mai 1969 insgesamt sieben Aufführungen. Die SängerInnen der
diesmaligen Doppelpremiere waren Paul Schöffler und Otto Edelmann, Inge Borkh und
Hilde Zadek, Fritz Uhl und Jean Cox, Anton Dermota und Karl Terkal, sowie Peter Klein und
Heinz Zednik.311 Erik Werba bemerkte zu beiden Anlässen, dass die „symphonisch orien-
tierte, Lyrismen auskostende, aber geradezu antidramatische Komposition dieser Oper […]
nicht recht zusammenpasse“.312 Karl Brix äußerte seine Hoffnung, „daß Schostakowitschs
Meisterwerk sich einen dauernden Platz im Staatsopernspielplan erobert“.313 Tatsächlich
wurde dieses Werk seither nicht mehr an der Staatsoper gezeigt, weitere Aufführungen in
Österreich folgten erst in den 1990er Jahren.
Dass dem Kommunisten Marcel Rubin 1966 in der Österreichischen Musikzeitschrift die
Aufgabe anvertraut wurde, einen kurzen Beitrag zum 60. Geburtstag des Komponisten zu
verfassen, in dem dieser den „Sozialist[en] und Realist[en]“ Schostakowitsch würdigte,314
zeugt von einer gewissen Entspannung im Bereich der Musikpublizistik, wenngleich trotz
gestiegener Aufführungszahlen auch in den Folgejahren, bis in die jüngste Vergangenheit
herauf, politische Ablehnung und ästhetische Abwertung seiner Werke in den Spalten der
österreichischen Musikkritik weiter präsent waren. Insgesamt blieb die Rezeption Schosta-
309 Marcel Rubin, „Der Freispruch der ‚Katerina Ismailowa‘“, in: Volksstimme, 14.2.1965, S. 6. 310 Karl Brix,
„Schostakowitschs ‚Katerina Ismailowa‘“, in: Tagebuch 20/3 (März 1965), S. 8. 311 Chronik der Wiener
Staatsoper 1945 bis 2005. Aufführungen – Besetzungen – Künstlerverzeichnis, zusammengestellt v. Andreas
Láng, Wien 2006, S. 130. 312 Werba, „Staatsopern-Premiere von ‚Katerina Ismailowa‘“ (s. Anm. 87); ders.,
„Wiederbegegnung mit ‚Katerina Ismailowa‘“, in: Österreichische Musikzeitschrift 23/6-7 (1968), S. 353.
313 K[arl] B[rix], „Neubesetzte ‚Katerina Ismailowa‘“, in: Volksstimme, 12.5.1968, S. 6. 314 Marcel Rubin,
„Dmitri Schostakowitsch zum 60. Geburtstag“, in: Österreichische Musikzeitschrift 21/11 (1966), S. 637-638,
hier S. 637f.
Schostakowitsch in Wien 261
kowitschs – trotz der Entspannung der internationalen und kulturpolitischen Lage – bis zu
seinem Tod und auch darüber hinaus vom Kalten Krieg bestimmt. Manche Äußerungen
von MusikkritikerInnen in österreichischen Zeitungen belegen nicht nur deren ungebrochen
negative Sichtweise auf den sowjetischen Komponisten, sondern geben auch einen Hinweis
auf Missfallen im Publikum: So sollen bei einer Aufführung der 10. Symphonie durch die
Wiener Symphoniker unter Wolfgang Sawallisch im Dezember 1968 die Gäste den Musik-
vereinssaal verlassen haben, „als sei es ihnen nun ganz einfach genug“, was Presse-Kritiker
Franz Endler mit einem lapidaren „Verständlich“ kommentierte.31549„Die Symphonie ist dem
Weltfrieden gewidmet und klingt ebenso nichtssagend wie dieses Wort. Sozialistischer Rea-
lismus in jedem Satz, das Gute überwindet das Böse, Tragisches wendet sich zum Heiteren –
alles genau wie in jenem Leben, das Funktionäre programmieren wollen“, urteilte Andrea
Seebohm noch Jahre später ebenso über die ansonsten im Westen beliebte 10. Sympho-
nie.316 Auch Herbert Schneiber blieb im Kurier seiner Schostakowitsch-kritischen Haltung
treu und tat ausgerechnet die vergnügt-heiteren Symphonien Nr. 6 und 9 anlässlich von
Aufführungen dieser beiden Werke 1971 als „geschäftige Langeweile“ und „überflüssige
Bekanntschaft“ bzw. als „langweilige“ Symphonien „mit unfassbaren Banalitäten“ ab.317
Bei einem Konzert der Wiener Symphoniker unter Jewgenij Swetlanow im November 1977
sollen „zahlreiche Musikfreunde“ bereits in der Pause vor der 5. Symphonie „die Flucht
ergriffen“, dabei jedoch in den Augen von Gerhard Kramer nicht viel versäumt haben:
„[…] wäre nicht auf weite Strecken die Thematik so trivial, die Harmonik so primitiv, die
Gestik so brutal“, man könnte „Mitleid mit dem genial begabten Komponisten“ dieses
„Meistermachwerks“ fühlen, so der Kritiker der Presse.318 Noch 1988 wurde die „öde Fünf-
te Symphonie von Dmitri Schostakowitsch“ in der Arbeiter-Zeitung als „Wermutstropfen“
eines Konzertabends mit den Wiener Symphonikern unter Leonard Slatkin abgetan. 319
Als Gennadij Roschdestwenskij am 17. März 1983 die formal komplexe 4. Symphonie
„wie ein[en] Orkan in und durch den Großen Saal des Konzerthauses“ fegen ließ – so
die Volksstimme320 –, soll die „Publikumsabwanderung nach dem ersten Satz […] nicht
unbedeutend“ gewesen sein.321 „Leider lichteten sich nach der Pause etwas die Reihen
des Großen Konzerthaussaales“, bedauerte Friedhelm Rosenkranz die Reaktion vieler An-
wesender auf die bevorstehende Aufführung der 5. Symphonie der Wiener Symphoniker
unter Semyon Byschkow am 9. Dezember 1985 im Konzerthaus: „Es scheint sich bei den
Wienern noch nicht herumgesprochen zu haben, daß Schostakowitsch in seinen Sympho-
315 F[ranz] E[ndler], „Jubel und Unbehagen. Symphoniker unter Wolfgang Sawallisch im Musikverein“, in:
Die Presse, 17.12.1968, S. 4. 316 Andrea Seebohm, „Musikverein: Symphoniker mit Brendel und Kitaenko.
Tragischer Optimismus“, in: Kurier, 19.5.1974, S. 27. 317 Herbert Schneiber, „Von Trauerspiel zu Trauerspiel.
Gestern im Musikverein: David Oistrach und die Symphoniker“, in: ebenda, 4.2.1971, S. 9; ders., „Im Musik-
vereinssaal: Gutes Ende. Zur ‚Großen Symphonie‘ gestern abend“, in: ebenda, 2.12.1971, S. 13. 318 Gerhard
Kramer, „Die lange Symphonie. Eugen Swetlanow dirigierte Schostakowitsch im Musikverein“, in: Die Presse,
18.11.1977, S. 5. 319 Roman Freihsl, „Slatkin statt Temirkanov im Konzerthaus: Slawische Frozzeleien“,
in: Neue AZ. Wiener Tagblatt, 25.3.1988, S. 36. 320 „Schostakowitschs 4. Symphonie: Ein hochexplosives
Werk“, in: Volksstimme, 23.3.1983, S. 9. 321 W[alter] Gürtelschmied, „Roschdestwenskij/Schostakowitsch:
Bedingungslos“, in: Kurier, 19.3.1983, S. 14.
262 Manfred Mugrauer
nien größtenteils klassizistisch wirkt und ausdrücklich in der auf dem Programm stehenden
,Fünften‘ auch tonal (d-moll) geschrieben hat“, so Rosenkranz in der Österreichischen
Musikzeitschrift.32250Ähnliche Publikumsreaktionen blieben bis heute aktuell, lief doch auch
beim Philharmonischen Konzert am 11. Dezember 2003 „manch einer eilends davon –
einige sogar noch während des Stückes“. Insgesamt soll dem Abonnement-Publikum
angesichts der 11. Symphonie Schostakowitschs „der Schock ins Gesicht geschrieben“
gestanden sein.323
Schostakowitschs Schaffen wurde von Befürwortern und Kritikern zu Lebzeiten des Kom-
ponisten vor allem politisch-ideologisch gedeutet: So erklärte Marcel Rubin im Zentral-
organ der KPÖ „den echten und ehrlichen Erfolg“ seiner Kunst „in der Musikwelt des
Westens ebenso wie des Ostens“ aus der „Verbindung von revolutionärer Gesinnung und
evolutionärer Weiterführung der Musiksprache“ und charakterisierte beispielsweise seine
5. Symphonie als „kulturell eine reife Frucht der sozialistischen Gesellschaft“. Insgesamt
spiegle sich in seinem Werk „unser neues, revolutionäres Jahrhundert, so wie in Beethovens
Musik die Revolution von 1789“, so Rubin über die enge Verbindung von Musik und Politik
im Werk Schostakowitschs.324 Der Redakteur der Österreichischen Musikzeitschrift Rudolf
Klein wiederum – „ein Konservativer mit Standfestigkeit in den Grundsätzen, aber Offenheit
gegenüber allem Neuen“325 – hob in einem Nachruf das „musikalische Qualitätsgefälle“
zwischen seiner „politischen“ Musik und der Musik „losgelöst von aller Politik“ hervor.
Schostakowitsch sei der Beweis dafür, „daß man nur einen Schritt unter das Maximum der
Qualität zu gehen braucht, um banal zu sein“.326
Wenn heute auf die politischen Zusammenhänge seiner Musik aufmerksam gemacht
wird, dann zumeist in veränderter Form. Unter dem Eindruck der Veröffentlichung der
nicht autorisierten Memoiren Schostakowitschs im Jahr 1979 327 kam es zu einer Neu-
bewertung unter umgekehrten Vorzeichen: Bestand eine Akzentverschiebung zunächst
darin, in Schostakowitsch einen Komponisten mit „zwei Gesichtern“ zu erkennen, der
hinter der Maske gesellschaftlicher Anpassung verschlüsselte Botschaften des Widerstands
in seinen Werken versteckte, womit die bisher vernachlässigte Auseinandersetzung des
Komponisten mit Problemen der Sowjetgesellschaft stärker ins Blickfeld rückte, mangelt
es in der heute dominanten Rezeption nicht an Versuchen, den lange Jahre als loyalen
322 Friedhelm Rosenkranz, „Gelungenes Debüt mit Schostakowitsch“, in: Österreichische Musikzeitschrift 41/2
(1986), S. 107. 323 Edwin Baumgartner, „Der Schostakowitsch-Schock“, in: Wiener Zeitung, 13.10.2003, S. 25.
324 Marcel Rubin, „Schostakowitsch 55 Jahre“, in: Volksstimme, 23.9.1961, S. 6; ders., „Triumph der
Leningrader in Wien“, in: ebenda, 8.11.1960, S. 7. 325 Manfred Wagner, „Rudolf Klein: 1920-2007“, in:
Österreichische Musikzeitschrift 62/7 (2007), S. 72-73, hier S. 73. 326 Rudolf Klein, „Zum Tode von Scho-
stakowitsch“, in: ebenda 30/9 (1975), S. 484. 327 Zeugenaussage (s. Anm. 132); Solomon Wolkow (Hg.),
Die Memoiren des Dmitri Schostakowitsch. Eingeleitet von Michael Koball, Berlin-München 2000.
Schostakowitsch in Wien 263
328 Friedbert Streller, „Schostakowitsch – Dissident oder Opportunist?“, in: Ernst Kuhn, Andreas Wehrmeyer,
Günter Wolter (Hg.), Dmitri Schostakowitsch und das jüdische musikalische Erbe, Berlin 2001 (Schostako-
witsch-Studien, Bd. 3; studia slavica musicologica. Texte und Abhandlungen zur slavischen Musik und Mu-
sikgeschichte sowie Erträge der Musikwissenschaft Osteuropas, Bd. 18), S. 139-151, hier S. 139. 329 Edwin
Baumgartner, „Ein Triumph unter Tränen“, in: Wiener Zeitung, 20.6.2006, S. 16. 330 Dmitri Schostakowitsch,
Chaos statt Musik? Briefe an einen Freund, hrsg. und kommentiert v. Isaak Dawydowitsch Glikman, Berlin 1995,
S. 173. 331 [Link]/presse/programmhefte/Abendprogramm_OrchesterkonzertII.pdf <Zugriff
22.10.2008>. 332 dob [Walter Dobner], „Stalins Porträt hinter Noten“, in: Die Presse, 10./11.6.2006, S. 41.
333 Tessa Szyszkowitz, „Der Chronist des Staatsterrors“, in: ebenda, 25.9.2006, S. 25.
264 Manfred Mugrauer
und den Idealen einer sozialistischen Gesellschaft ein Leben lang verbunden blieb, sucht
man in der österreichischen Musikpublizistik im Schostakowitsch-Jahr vergeblich.33452
Diese gewandelte Sichtweise wirkt zwar unübersehbar in die Programmhefte der
Konzerte und die Musikkritik der Tageszeitungen hinein, in der österreichischen Musikwis-
senschaft wurde jedoch die Debatte über die Authentizität der Memoiren und eine verän-
derte Deutung von Leben und Werk Schostakowitschs bestenfalls am Rande zur Kenntnis
genommen.335 In der Österreichischen Musikzeitschrift fand sich seit ihrer Gründung im
Jahr 1946 bis 2005 kein eigenständiger Beitrag über das Schaffen des sowjetischen Kompo-
nisten. Die deutschen MusikwissenschafterInnen Dorothea Redepenning und Detlef Gojowy
haben 1998 bzw. seit 2002 mehrere Rezensionen über einschlägige Neuerscheinungen
beigesteuert336 und auf diesem Weg über den Stand und Aufschwung der internationalen
Schostakowitsch-Forschung informiert. Mit Gojowys Beitrag zu seinem 100. Geburts-
tag im Juli-Heft 2006 wurde abermals Anleihe bei der deutschen Musikwissenschaft
genommen.337 Nachdem Schostakowitsch bis in die 1990er Jahre hinein in akademischen
Abschlussarbeiten kein Thema war, wurden an den österreichischen Universitäten in den
letzten Jahren einige Diplomarbeiten und Dissertationen, vor allem über einzelne Werke des
Komponisten, verfasst, von denen die Arbeiten von Edmund Stetina und Zorica Rakić her-
vorzuheben sind.338 Als erste österreichische Monographie über ein Werk Schostakowitschs
erschien 2007 die Studie des Ö1-Redakteurs Johannes Leopold Mayer über die zu Lebzeiten
unter Verschluss gehaltene und erst 1989 in Washington uraufgeführte satirische Kantate
334 Vgl. zur Interpretation Schostakowitschs als Vertreter einer „sozialistischen Avantgarde“ in politischer,
weltanschaulicher und ästhetischer Hinsicht: Thomas Metscher, Sozialistische Avantgarde und Realismus – zur
musikalischen Ästhetik Dmitri Schostakowitschs. Eine Nachlese zum Schostakowitsch-Jahr, Essen o.J. [2007]
(MASCHSkripte). 335 Vgl. zur deutschen Debatte: Michael Koball, „Vom Machwerk zum Authentikum. Der
Zickzack-Kurs um die Authenzität von Dmitri Schostakowitschs Memoiren“, in: Wolter, Kuhn (Hg.), Dmitri
Schostakowitsch (s. Anm. 307), S. 1-18; Dorothea Redepenning, „Ärgernisse, Abgründe, Absurditäten.
Fragwürdige Bücher zu Šostakovič“, in: Dmitrij Šostakovič. Grauen und Grandezza des 20. Jahrhunderts.
osteuropa 56/8 (August 2006), S. 162-173. 336 Österreichische Musikzeitschrift 53/9 (1998), S. 86; 57/8-9
(2002), S. 92; 58/6 (2003), S. 74-75; 59/7 (2004), S. 78-79; 59/10-11 (2004), S. 79-80; 62/2 (2007), S. 69-71.
337 Detlef Gojowy, „Leidenschaftliches Zeugnis einer tragischen Zeit. Dmitri Schostakowitsch zum 100. Ge-
burtstag (1906-1975)“, in: Österreichische Musikzeitschrift 61/7 (2006), S. 16-24. 338 Edmund Stetina,
Die vierte Symphonie von Dimitri Šostakovič. Versuch einer Standortbestimmung, Diss. Univ. Wien 1993
[zugleich ders., Die vierte Symphonie von Šostakovič . Ein zurückbehaltenes Bekenntnis, Aachen 1997];
Christiane Bracher, Šostakovič und Gogol’. Oper und Erzählung „Die Nase“, [Link]. Univ. Wien 1994;
Thomas Mersich, Form und Gehalt von Dmitrij Schostakowitsch – dargestellt anhand kulturpolitischer und
analytischer Betrachtung, [Link]. Univ. Wien 1995; Sigrun Bertel, Die ,Lady Macbeth von Mzensk‘ von Dmitri
D. Schostakowitsch. Eine Geschichte zur Entstehung der ersten bedeutenden sowjetischen Oper, [Link].
Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien 1997; Barbara Huber, Das ambivalente Spannungsver-
hältnis Dimitrij Schostakowitschs zum sowjetischen System unter Berücksichtigung ausgewählter Werke, Dipl.
arb. Univ. Mozarteum Salzburg 2001; Maria Giglmaier, Wer ist Dmitrij Schostakowitsch? Eine Analyse der
Schostakowitsch-Darstellungen in der deutschsprachigen Literatur, [Link]. Univ. Mozarteum Salzburg 2002;
Luke Cleghorn, Musikalische Eigenständigkeit in politischer Repression. Zur Symphonik Schostakowitsch
[sic!], [Link]. Univ. für Musik und darstellende Kunst Wien 2003; Zorica Rakić, Dmitri Schostakowitsch und
Schostakowitsch in Wien 265
Antiformalistischer Rajok mit dem Ziel, dieses Werk in seiner Konstruktion zu entschlüsseln
und in einen Kontext mit der künstlerischen Position des Komponisten zu stellen.33953
Nicht zuletzt unter dem Eindruck des Paradigmenwechsels in der Bewertung von Leben
und Wirken Schostakowitschs seit den frühen 1980er Jahren und der heute dominanten
Rezeption unter dem Gesichtspunkt seiner „Dissidenten“- und Opferrolle sind die Werke
des sowjetischen Komponisten nunmehr fixer Bestandteil der Konzertprogramme. Bei den
großen österreichischen Orchestern begann sich der Anteil von Kompositionen Schostako-
witschs ab 1975 bei etwa zwei Prozent einzupendeln, womit er sich in einer zweiten Gruppe
von Komponisten hinter Beethoven, Bruckner, Brahms, Mozart und Mahler befand.340 Seit
den 1990er Jahren ist ein ständig wachsendes Interesse an den Werken Schostakowitschs
und nahezu eine Verdoppelung ihrer Aufführungen in den österreichischen Konzertsälen zu
beobachten, wofür neben dem angeführten Rezeptionswechsel auch die „sowohl ästhetisch
als auch politisch neutralisierte Situation“, also die veränderte weltpolitische Lage nach dem
Untergang der Sowjetunion und die Krise westlicher „Avantgardemusik“341 verantwortlich
ist. Neben der Tradierung neuer Bewertungsklischees finden sich nunmehr vermehrt auch
Bezugnahmen auf Schostakowitsch, die weniger an die politischen Zusammenhänge der
Musik rühren. Als Symptom dieser Entwicklung ist gewiss anzusehen, dass Gerhard Kramer
in der Presse anlässlich einer Aufführung der 3. Symphonie „Empfindlichkeit gegenüber ei-
ner Kunst“ einmahnte, „die – bei aller dem Komponisten zuzubilligenden Gutgläubigkeit –
doch letztlich der Verherrlichung eines verbrecherischen Regimes diente“.342
Während die 7., 5. und 9. Symphonie unmittelbar nach der Befreiung vom Hitlerfaschis-
mus in der Phase kulturpolitischer Aktivitäten von KPÖ und ÖSG ihre österreichische Erstauf-
führung erlebten, die 8. und 6. mit einiger Verspätung erst Mitte der 1960er Jahre erstmals
aufgeführt wurden und die 1., 10. und 11. Symphonie Schostakowitschs in zeitlicher Nähe
zur Uraufführung auch in Österreich zum ersten Mal erklangen, waren zum Zeitpunkt seines
Ablebens sieben der 15 Symphonien in Österreich noch nie dargeboten worden: Neben den
letzten vier zwischen 1960/61 bis 1971 komponierten auch die zunächst zurückgezogene
4. und die selten aufgeführten Symphonien Nr. 2 und 3 („Oktober“ bzw. „Der 1. Mai“),
mit denen sich Schostakowitsch bereits in der Frühphase seines Schaffens zu den Ideen
des Sozialismus bekannt hatte. 1982/83 brachte Gennadij Roschdestwenskij in der kurzen
ausgewählte Vokalwerke über russische Dichtung, [Link]. Univ. Wien 2003; dies., Dmitri Schostakowitsch –
Komponist musikalischer Lyrik und Satire in ausgewählten Vokalwerken, Diss. Univ. Wien 2005; Christine
Pulker, Das Klaviertrio op. 67 von Dmitri Schostakowitsch, [Link]. Univ. für Musik und darstellende Kunst
Wien 2006; Sebastiana Ierna, Dmitri Schostakowitsch und die Sonate für Violoncello und Klavier Opus 40,
[Link]. Univ. Mozarteum Salzburg 2007; Hui-Pin Liu, Jüdische Elemente in Schostakowitschs Komposition,
[Link]. Univ. Mozarteum Salzburg 2007; Magdalena Malek, Schostakowitsch und seine Streichquartette,
[Link]. Univ. Mozarteum Salzburg 2008. 339 Johannes Leopold Mayer, Dmitrij Dmitrijewitsch verlacht den
Olymp. Wie entdeckt Schostakowitsch die Formel für den Antiformalismus?, Wien 2007. 340 Desmond
Mark, Wem gehört der Konzertsaal? Das Wiener Orchesterrepertoire im internationalen Vergleich. Zur Frage
des musikalischen Geschmacks bei John H. Mueller, Wien-Mülheim a.d. Ruhr 1998 (Musik und Gesellschaft,
Bd. 26), S. 120 und 129. 341 Klemm, Dmitri Schostakowitsch (s. Anm. 150), S. 15. 342 Gerhard Kramer,
„Genie und Agitprop. Schostakowitsch im Konzerthaus“, in: Die Presse, 16.10.1992, S. 21.
266 Manfred Mugrauer
Zeit seiner Tätigkeit als Chefdirigent der Wiener Symphoniker beide erstmals in Wien zu
Gehör: Am 26. Juni 1982 im Musikverein zunächst die 2. Symphonie mit dem Slowakischen
Philharmonischen Chor im Rahmen der Wiener Festwochen, am 23. (Jeunesse-Vorauf-
führung) und 24. Februar 1983 folgte im Konzerthaus die österreichische Erstaufführung
der 3. Symphonie – „Kein Stück für den Alltag, aber doch gelegentlich aufführenswert“,
urteilte die kommunistische Volksstimme,34354„[…] ein Werk von kraftvoller Häßlichkeit“,
war in der sozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung zu lesen.344 Die in der Sowjetunion um-
strittene 1962 uraufgeführte 13. Symphonie „Babij Jar“, ein fünfsätziges Werk für Bass-
Solo, Männerchor und Orchester nach Texten von Jewgenij Jewtuschenko zum Gedenken
an die Ermordung tausender Jüdinnen und Juden durch die deutschen Faschisten in einer
Schlucht bei Kiew, wurde am 6. Mai 1987 erstmals in Wien dargeboten: Václav Neumann
dirigierte im Musikverein die Wiener Symphoniker und das Neue Wiener Vocalensemble,
den Basspart sang Bulat Mindschilkiew. Um Schostakowitsch verdient machte sich auch das
1969 etablierte ORF-Symphonieorchester unter seinem Chefdirigenten Leif Segerstam mit
zwei Erstaufführungen: Am 25. März 1977 präsentierten sie im Großen Konzerthaussaal
die 4. Symphonie, die Schostakowitsch nach seiner Maßregelung 1936 zurückgezogen und
die erst Ende 1961 unter Kirill Kondraschin in Moskau ihre verspätete Premiere hatte.345 Am
16. Februar 1978 erlebte die 1969 uraufgeführte 14. Symphonie – ein Vokalzyklus von elf
Liedern – unter Segerstam ihre österreichische Erstaufführung, den Sopranpart sang Taru
Valjakka, den Basspart Heikki Toivanen. Bei den wenigen Aufführungen dieses Werks in den
Folgejahren wirkten u.a. Julia Varady und Dietrich Fischer-Dieskau (1986) bzw. Hildegard
Behrens und Thomas Quasthoff (1995) als SolistInnen. Besondere Erwähnung verdient
eine Aufführungsserie aller Schostakowitsch-Symphonien in den Jahren 1990 bis 1993 mit
den Wiener Symphonikern unter dem israelischen Dirigenten Eliahu Inbal im Konzerthaus.
Schostakowitschs letzte, die Anfang 1972 uraufgeführte 15., und die 1961 uraufgeführte,
im Westen aufgrund der Eindeutigkeit ihrer politischen Aussage weniger populäre – dem
Andenken Wladimir Iljitsch Lenins gewidmete – 12. Symphonie „Das Jahr 1917“ waren in
diesem Rahmen am 18. Oktober 1992 bzw. am 13. Juni 1993 erstmals in Wien zu hören.
Eine statistische Auswertung der Darbietungen seiner Symphonien und Konzerte in
den großen Wiener Konzertsälen sowie bei den Festspielen in Salzburg und Bregenz seit
1945 ergibt, dass die 5. Symphonie mit mehr als 70 Aufführungen deutlich an der Spitze
liegt, gefolgt von der 1. Symphonie mit ca. 50. Eine zweite Gruppe mit der 10., 9., 6. und
8. Symphonie weist mit einigem Abstand jeweils ca. 20 bis 30 Aufführungen auf, eine
dritte Gruppe mit der 4. und 7. nur knapp über zehn. Trotz steigender Tendenz seit den
1990er Jahren bewegen sich Programme mit der 11., 14., 13. und 15. Symphonie im ein-
stelligen Bereich, fast nie gespielt wurden die 12., 2. und 3. Symphonie: So sind von den
letzteren drei „Programmsymphonien“ nur zwei bzw. drei Aufführungen in Wien nach-
343 [Jenö] K[ostmann], „Wiener Oper und Konzerte: Glanz und Durchschnitt“, in: Volksstimme, 2.3.1983, S. 9.
344 Fritz Walden, „Mit Karajan, Gardelli und Roshdestwenski: Orchesterspektrum in Rotweißrot“, in: Arbeiter-
Zeitung, 1.3.1983, S. 13. 345 Meyer, Schostakowitsch (s. Anm. 14), S. 442.
Schostakowitsch in Wien 267
346 Aufführungsserien innerhalb weniger Tage wurden in dieser Zählung nur einmal gewertet. 347 Die
geplante Darbietung der 5. Ballettsuite op. 27a nach dem Ballett Der Bolzen im Rahmen des 4. Abonnement-
konzerts am 16./17. Dezember 1978 kam nicht zustande, da der sowjetische Dirigent Kirill Kondraschin in
den Niederlanden um politisches Asyl angesucht hatte und deshalb alle seine künstlerischen Verpflichtungen
absagen musste („Programmänderung im vierten Philharmonischen Abonnementkonzert“, in: Musikblätter
der Wiener Philharmoniker 33/4 [1978/79], S. 118). Die zunächst angekündigte Aufführung der 1. Sympho-
nie im 10. Abonnementkonzert der Saison 1994/95 musste wegen Erkrankung von Lorin Maazel abgesagt
werden (Clemens Hellsberg, „Philharmonisches Tagebuch“, in: ebenda 49/10 [1994/95], S. 317).
268 Manfred Mugrauer
im Wiener Musikverein. Muti, Previn und Jansons brachten 1999, 2000 und 2005 erneut
die 5., Gergiew im Rahmen des Festivals Klangbogen 2004 die 11. Symphonie. Werke
Schostakowitschs haben sich seit 1993 auch einen fixen Platz im Rahmen von Konzertreisen
und Tourneen der Wiener Philharmoniker erobert, u.a. bei der London/Nordamerika-Reise
im Februar 1993 und dem Japan-Gastspiel im Oktober 1994 unter Solti, der New York/
Japan-Tournee im März 1999 unter Muti (jeweils 5. Symphonie), der Europa-Tournee im
Juni 2006 unter Haitink (10. Symphonie) sowie der Reise durch Europa, Asien und Austra-
lien unter Gergiew im September 2006 (5. und 9. Symphonie). Im „Konzert für Europa“
im Schlosspark Schönbrunn dirigierte Plácido Domingo Ende Juni des Schostakowitsch-
Jahres 2006 die Festliche Ouvertüre op. 96. Gergiew eröffnete mit der 9. Symphonie am
3. September 2006 die Saison im Theater an der Wien.
Regelmäßig wurden Symphonien und Konzerte Schostakowitschs ab 1966 im Zyklus
„Große Symphonie“ der Wiener Symphoniker im Musikverein aufgeführt, Dirigenten
waren u.a. Karel Ancerl (1966), David Oistrach (1971), Juri Temirkanow (1971), Gennadij
Roschdestwenskij (1977), Jewgenij Swetlanow (1977), Kirill Kondraschin (1980), Rudolf
Barschai (1982), Dmitrij Kitajenko (1987) und Wladimir Fedosejew (1997), der bei seinem
ersten Konzert als neuer Chefdirigent des Orchesters mit der von Benjamin Basner ar-
rangierten Programmsymphonie „Katerina Ismailowa“ eine europäische Erstaufführung
brachte.34856Es folgten u.a. Wolfgang Sawallisch (2001), Yakov Kreizberg (2002 und 2006)
und Krzysztof Penderecki (2003). Bei den Bregenzer Festspielen führten die Wiener Sym-
phoniker 1973, 1977, 1992, 1993, 1997 und 2000 die 1., 5. und 6. Symphonie sowie das
1. Violoncellokonzert (David Geringas) auf, unter der Leitung von Maxim Schostakowitsch,
dem Sohn des Komponisten, sowie unter Kondraschin, Donald Runnicles und Fedosejew.
2007, eine Saison nach dem Jubiläumsjahr, folgte ein Schostakowitsch-Schwerpunkt mit
Aufführungen der 7., 10. und 14. Symphonie unter Lothar Koenigs, Thomas Sanderling
und Kirill Petrenko.349
Vereinzelt gab es auch Darbietungen von Werken des sowjetischen Komponisten auf
Österreichs Bühnen: Die Wiener Staatsoper hatte bereits in den 1960er Jahren die Oper
Die Nase von der Universal-Edition zur Aufführung erworben, sie wurde aber „später […]
von Dir. Hilbert wieder abgestoßen“, so eine Zeitungsmeldung anlässlich der Weitergabe
dieses Werkes an die Wiener Kammeroper, die es im Mai 1965 bei den Wiener Festwochen
im Schönbrunner Schlosstheater unter der Leitung von Hans Gabor darbieten wollte,350
was jedoch ebensowenig realisiert wurde. Die Erstaufführung der Nase fand schließlich
am 16. August 1978 im Rahmen des Carinthischen Sommers in Anwesenheit der Wit-
we des Komponisten in einer Aufführung der Moskauer Kammeroper unter Gennadij
348 Harald Hebling, „Effektvolles Gustostückerl. Musikverein: Symphoniker unter Fedosejev“, in: Kurier,
28.2.1997, S. 29. 349 Vgl. die Zusammenstellung in: Wolfgang Willaschek, Karl Forster (Hg.), Bühnen-
welten. Werkstatt Bregenz. Intendanz Alfred Wopmann von 1983 bis 2003, Wien 2003, S. 334-399.
350 „,Die Nase‘ im Schloßtheater. Schostakowitsch-Premiere der Kammeroper bei den Festwochen“, in:
Kurier, 10.12.1964, S. 7.
Schostakowitsch in Wien 269
Roschdestwenskij statt, vier Jahre nachdem das 1930 uraufgeführte Werk in Moskau in der
Kammeroper in der Inszenierung Boris Pokrowskijs ein triumphales Comeback erlebt hatte.
In Pressereaktionen wurde die „Modellaufführung“ im Villacher Kongresshaus gefeiert.35157
1979 folgte in Klagenfurt eine Inszenierung von Katerina Ismailowa.352 Die Nase war 1987
im Wiener Raimundtheater erneut in einem Gastspiel der Moskauer Kammeroper353 und
1992 in der Wiener Kammeroper zu hören.354 Ein Gastspiel des Bolschoi-Theaters in der
Staatsoper machte das Wiener Publikum im März 1986 mit dem 1929/30 komponierten
Ballett Das goldene Zeitalter über die Fahrt einer sowjetischen Fußballmannschaft ins
westliche Ausland bekannt.355 In der Originalfassung erschien seine Lady Macbeth von
Mzensk erstmals am 21. Dezember 1991 auf einer österreichischen Bühne: In einer Regie
von Christine Mielitz konnte das Werk an der Wiener Volksoper einen „durchschlagenden,
ja sensationellen Erfolg“ erzielen. „Realistischer ist auf Wiens Opernbühnen wohl noch
nie geliebt, vergewaltigt, gemordet und gestorben worden als in dieser faszinierenden
Volksopern-Produktion“, so Gerhard Kramer in der Österreichischen Musikzeitschrift über
die von Donald Runnicles geleitete Premiere.356 Die Salzburger Festspiele brachten im
Juli/August 2001 fünf Vorstellungen dieses Werks mit SängerInnen aus St. Petersburg.
Valery Gergiew dirigierte die Wiener Philharmoniker, Peter Mussbach inszenierte.357 Einen
„Triumph“ erlebte die Oper zuletzt am 20. Juni 2004 am Innsbrucker Landestheater.358 Die
1958 uraufgeführte Operette Moskau-Tscherjomuschki über eine Neubauwohngegend in
Moskau wurde 2005 unter dem Titel Moskau, Moskau erstmals an der Wiener Kammeroper
präsentiert.359
In kammermusikalischer Hinsicht sind vor allem Aufführungen des Borodin- und Glinka-
Quartetts seit den späten 1960er Jahren hervorzuheben, darunter einige Erstaufführungen.
Als letzteres am 31. Oktober 1981 im Mozart-Saal des Konzerthauses gemeinsam mit
351 H. G. Pribil, „Späte Begegnung mit einem Meisterwerk, Österreichische Erstaufführung der Oper ‚Die
Nase‘ von Schostakowitsch in Villach“, in: Wiener Zeitung, 19.8.1978, S. 4; W.H.: „Eine Modell-‚Nase‘“,
in: Volksstimme, 20.8.1978, S. 8. 352 J[enö Kostmann], „Zeitgenössische Oper aus der UdSSR. ‚Katharina
Ismailowa‘ von Schostakowitsch in Klagenfurt“, in: ebenda, 18.4.1979, S. 9. 353 Olga Swoboda, „Gastspiel
des Moskauer Kammermusiktheaters: Radikale Nasenstüber“, in: ebenda, 25.6.1987, S. 9. 354 Christian Baier,
„Wie die Nase des Mannes… Schostakowitschs ‚Die Nase‘ in der Wiener Kammeroper“, in: Österreichische
Musikzeitschrift 47/7-8 (1992), S. 469-470. 355 Helmut Rizy, „Bolschoi in der Staatsoper. ‚Das goldene
Zeitalter‘ von Dmitri Schostakowitsch“, in: Volksstimme, 25.3.1986, S. 8. 356 Gerhard Kramer, „Prallstes
Leben. ‚Lady Macbeth von Mzensk‘ an der Wiener Volksoper, in: Österreichische Musikzeitschrift 47/2-3
(1992), S. 152-153, hier S. 152. Es ist zwar dem Verlagslektorat ebenso anzulasten wie den Autoren, dass im
Zusammenhang mit dieser Aufführung sowohl Staatsoperndirektor Ioan Holender als auch Leo Mazakarini
in seiner repräsentativen Geschichte der Wiener Staatsoper von „Lady Macbeth von Minsk [sic!]“ bzw. von
„Lady Macbeth aus Minsk [sic!]“ sprechen, dennoch zeugt dies von der geringen Bekanntheit dieses Werkes
in der österreichischen Musiklandschaft (Ioan Holender, Von Temesvar nach Wien. Der Lebensweg des Wie-
ner Staatsoperndirektors, Wien-Köln-Weimar Verlag 2001, S. 167; Leo Mazakarini, Die Wiener Staatsoper.
50 Jahre – unser Leben, Wien 2005, S. 267). 357 Peter Cossé, „Von Damen, Herren und einer Missgeburt.
Salzburger Festspiele (21.7.-31.8.)“, in: Österreichische Musikzeitschrift 56/10 (2001), S. 51-58, hier S. 52f;
Gerard Mortier, Karin Kathrein (Hg.), Salzburger Festspiele 1992-2001. Oper – Schauspiel, Wien 2001, S. 297.
358 Jutta Höpfel, „Innsbrucker Opernsensation. Schostakowitsch [sic!] ‚Lady Macbeth‘“ (20.6.)“, in: Öster-
reichische Musikzeitschrift 59/8-9 (2004), S. 59-60, hier S. 59. 359 [Link]/ueber-uns.
[Link]#werkeat < Zugriff 1.12.2006>.
270 Manfred Mugrauer
phonie war am 31. August 1989 in einem Konzert des Chicago Symphony Orchestra
unter Georg Solti zu hören. 1992 gastierten die St. Petersburger Philharmoniker unter der
Stabführung von Temirkanow und Jansons in Salzburg, Natalia Gutman interpretierte das
selten aufgeführte 2. Violoncellokonzert, das auch 1988 in einer Aufführung des Amster-
damer Concertgebouw-Orchesters unter Riccardo Chailly mit Lynn Harrell dargeboten
worden war. 1988 und 1990 dirigierte Dmitrij Kitajenko, der „Erfolgsdirigent der Bregenzer
Festspiele“,36159die 5. und 6. Symphonie mit den Moskauer Philharmonikern im Bregenzer
Festspielhaus, 2007 Jansons die 5. mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rund-
funks. Statistisch betrachtet machen Gastspiele etwa einen Drittel aller Aufführungen von
Symphonien und Konzerten Schostakowitschs aus.
Seit Ende der 1980er Jahre ließ sich kaum ein renommierter Dirigent die Gelegen-
heit entgehen, mit einer Symphonie oder einem Instrumentalkonzert Schostakowitschs
in Österreich aufzutreten: Über die bisher genannten Dirigenten hinaus seien an dieser
Stelle u.a. Wladimir Aschkenazy, Bertrand de Billy, Christoph Eschenbach, Michael Gielen,
Neeme Järvi, Michail Jurowski, Ingo Metzmacher, Kent Nagano, Simon Rattle und Franz
Welser-Möst genannt. Neben den österreichischen Orchestern – Wiener Philharmoniker,
Wiener Symphoniker, ORF-Symphonieorchester (bzw. RSO Wien) und Niederösterreichisches
Tonkünstlerorchester – konzertierten u.a. das London Symphony Orchestra, The London
Philharmonic, das Royal Philharmonic Orchestra, die Rotterdamer und St. Petersburger
Philharmoniker, das Tschaikowskij Symphonieorchester des Moskauer Rundfunks, das
Pittsburgh Symphony Orchestra, das Symphonieorchester des Mariinskij Theaters, das
Königliche Concertgebouw-Orchester Amsterdam, das Symphonieorchester des
Bayerischen Rundfunks und das Gustav Mahler Jugendorchester. Besonders hervorzuheben
sind in diesem Zeitraum – auch im Jubiläumsjahr 2006 – zahlreiche Konzerte unter der
Leitung der großen Schostakowitsch-Dirigenten Wladimir Fedosejew, Valery Gergiew und
Mariss Jansons, u.a. eine Aufführung der „Leningrader Symphonie“ am 17. Juni 2006 im
Wiener Musikverein mit dem Königlichen Concertgebouw-Orchester Amsterdam unter
Jansons, die in der Presse als Saisonhöhepunkt gewertet wurde.362
361 Ernst Bär, Spiel auf dem See. Die Bregenzer Festspiele von der Gründung bis zur Gegenwart, Wien 1984, S. 97.
362 Baumgartner, „Ein Triumph unter Tränen“ (s. Anm. 329).
272 Manfred Mugrauer
Die enge Verbindung von Musik und Politik im Werk des sowjetischen Komponisten
bestätigt auch am österreichischen Beispiel die These von Schostakowitsch als „besonderes
historisch-ästhetisches Rezeptionsphänomen“.36360Nach dem anfänglich großen Interesse an
seiner Musik, das neben dem Nachholbedarf infolge der NS-Diktatur vor allem im „antifa-
schistischen Grundkonsens“ der unmittelbaren Nachkriegszeit gründete, wurde die weitere
Rezeption rasch vom beginnenden Kalten Krieg und seinen kulturpolitischen Frontstellun-
gen bestimmt. Der in der Sowjetunion gemaßregelte und zugleich gefeierte und mit den
höchsten Auszeichnungen bedachte Komponist wurde in der westlichen Welt zum Inbe-
griff eines systemnahen Staatskünstlers, dem mit politischer Ablehnung und ästhetischer
Abwertung begegnet wurde. Erst seit sich in der Musikpublizistik die Interpretation
Schostakowitschs als Mann mit „zwei Gesichtern“ durchzusetzen begann und er im
Zuge dieser Neubewertung vor allem als politisches „Opfer“ wahrgenommen bzw. zum
„Dissidenten“ stilisiert wurde, gehörten Schostakowitschs Werke auch im Westen zu
den regelmäßigen Programmpunkten in den Konzertsälen. Im Jubiläumsjahr 2006 gab
es so viele Aufführungen des sowjetischen Komponisten wie nie zuvor. Der Impuls
des Schostakowitsch-Jahres wird seiner Rezeption wohl auch in Österreich weiteren
Auftrieb verleihen.
363 Jelena Poldjajewa, „Zur historischen Kategorisierung und ästhetischen Bewertung des Schaffens von
Dmitri Schostakowitsch aus dem Blickwinkel der Avantgarde der 50-er Jahre“, in: Schostakowitsch in Deutsch-
land (s. Anm. 120), S. 23-43, hier S. 43.
Österreichische Erstaufführungen von Werken Dmitrij Schostakowitschs
1. Violinkonzert (1955) 23.06.1956 Wiener Musikverein, GS Gesellschaft der Musikfreunde, Jewgenij Mrawinskij, Leningrader Philharmoniker,
Wiener Festwochen David Oistrach
273
2. Violinkonzert (1967) 29.01.1989 Wiener Konzerthaus, GS Wiener Konzerthausgesellschaft, Günther Herbig, Detroit Symphony Orchestra,
Zyklus „Zu Gast in Wien“ Gidon Kremer
1. Cellokonzert (1959) 03.06.1962 Wiener Musikverein, GS Gesellschaft der Musikfreunde, Wiener Festwochen Hans Swarowsky, NÖ. Tonkünstlerorchester,
274
Mstislaw Rostropowitsch
2. Cellokonzert (1966) 28.10.1966 Wiener Konzerthaus, GS Wiener Konzerthausgesellschaft Heinz Wallberg, NÖ. Tonkünstlerorchester,
Mstislaw Rostropowitsch
Das Lied von den 22.03.1959 Wiener Musikverein, GS Wiener Kulturgesellschaft Josef Maria Müller, Orchester und Chor der
Wäldern (1949) Wiener Kulturgesellschaft, Chor der Wiener
Verkehrsbetriebe, Mozart-Sängerknaben
Festliche Ouvertüre 28.07.1959 Wiener Konzerthaus, GS Galakonzert der sowjetischen Jugenddelegation bei Moskauer Jugend-Sinfonieorchester
op. 96 (1954) den VII. Weltfestspielen der Jugend und Studenten
1. Klaviertrio (1925) 30.05.1984 Wiener Musikverein, BS Gesellschaft der Musikfreunde, Wiener Festwochen Haydn-Trio
Manfred Mugrauer
2. Klaviertrio (1944) 02.08.1945 Wiener Konzerthaus, MS Gastspiel der Moskauer Künstler Lew Oborin (Klavier), David Oistrach (Violine),
Swjatoslaw Knuschewitzkij (Violoncello)
Klavierquintett (1940) 02.04.1952 Wiener Konzerthaus, MS Wiener Konzerthausgesellschaft Quintetto dell’Accademia Chigiana
1. Streichquartett 23.04.1947 Wiener Konzerthaus, SS Wiener Konzerthausgesellschaft Amsterdamer Streichquartett
(1938)
2. Streichquartett 27.04.1946 Wiener Musikverein, BS Gesellschaft zur Pflege der kulturellen und wirtschaft- Philharmonia-Quartett
(1944) lichen Beziehungen zur Sowjetunion, 3. Russischer
Kammermusikabend
3. Streichquartett 05.03.1985 Wiener Musikverein, BS Gesellschaft der Musikfreunde Neues Glinka-Quartett
(1946)
4. Streichquartett 07.10.1968 Wiener Konzerthaus, MS Wiener Konzerthausgesellschaft, Borodin-Quartett
(1953) Zyklus „Internationale Kammermusik“
5. Streichquartett 17.03.1994 Wiener Konzerthaus, MS Wiener Konzerthausgesellschaft, Tokyo String Quartet, Borodin-Quartett
(1953) Zyklus „Borodin Quartett & Tokyo String Quartet“
6. Streichquartett 02.05.1994 Wiener Konzerthaus, MS Wiener Konzerthausgesellschaft, Tokyo String Quartet, Borodin-Quartett
(1956) Zyklus „Borodin Quartett & Tokyo String Quartet“
7. Streichquartett 12.12.1961 Wiener Konzerthaus, MS Wiener Konzerthausgesellschaft Wiener Konzerthausquartett
(1960)
8. Streichquartett 07.08.1961 Mozarteum Salzburg Salzburger Festspiele Borodin-Quartett
(1960)
9. Streichquartett 03.08.1990 Mozarteum Salzburg Salzburger Festspiele Emerson String Quartet
(1964)
10. Streichquartett 06.12.1965 Wiener Konzerthaus, MS Jeunesse – Musikalische Jugend Österreichs Weller-Quartett
(1964)
11. Streichquartett 19.03.1994 Wiener Konzerthaus, MS Wiener Konzerthausgesellschaft, Tokyo String Quartet, Borodin-Quartett
(1966) Zyklus „Borodin Quartett & Tokyo String Quartet“
12. Streichquartett 10.08.1987 Mozarteum Salzburg Salzburger Festspiele Kronos-Quartett
(1968)
13. Streichquartett 09.04.1973 Wiener Konzerthaus, MS Wiener Konzerthausgesellschaft, Glinka-Quartett
(1970) Zyklus „Internationale Quartette“
14. Streichquartett 03.03.1988 Wiener Konzerthaus, MS Wiener Konzerthausgesellschaft, Gidon Kremer (Violine), Annette Bik (Violine),
(1973) Zyklus „Kammermusik“ Hatto Beyerle (Viola), Ko Iwasaki (Violoncello)
15. Streichquartett 15.11.1976 Wiener Musikverein, BS Gesellschaft der Musikfreunde, Tanejew-Quartett
(1974) Kammermusik-Zyklus
Suite nach Worten von 05.03.2001 Wiener Konzerthaus, MS Wiener Konzerthausgesellschaft Sergej Leiferkus (Bariton), Semion Skigin (Klavier)
Michelangelo (1974)
Die Nase (1928) 16.08.1978 Villacher Kongresshaus Carinthischer Sommer, Gennadij Roschdestwenskij,
Gastspiel der Moskauer Kammeroper Moskauer Kammerorchester
Lady Macbeth von 21.12.1991 Wiener Volksoper Donald Runnicles, Orchester der Wiener Volks-
Mzensk (1934) oper, Rebecca Blankenship, Kurt Schreibmayer,
Wicus Slabbert, Gregor Caban, Jutta Geister,
Ernst-Dieter Suttheimer, David Cale Johnson
Katerina Ismailowa 12.02.1965 Wiener Staatsoper Jaroslav Krombholc, Orchester der Wiener Staats-
(1963) oper, Ludmilla Dvorakova, Gerhard Stolze, Paul
Schöffler, Karl Terkal, Ruthilde Boesch, Peter
Klein, Georg Schnapka, Dagmar Hermann
BS: Brahms-Saal
GS: Großer Saal
MS: Mozart-Saal
SS: Schubert-Saal
Schostakowitsch in Wien
275