Sprach-Wissenschaft: Grammatik - Interaktion - Kognition
Sprach-Wissenschaft: Grammatik - Interaktion - Kognition
wissenschaft
Grammatik – Interaktion – Kognition
Peter Auer
(Hrsg.)
Sprachwissenschaft
Grammatik – Interaktion – Kognition
ISBN 978-3-476-02365-0
ISBN 978-3-476-00581-6 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-00581-6
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort IX
1 Einleitung (Peter Auer) 1
1.1 Sprache – Die vielen Facetten eines Untersuchungsgegenstands 1
1.1.1 Laute 1
1.1.2 Wörter 6
1.1.3 Sätze 10
1.1.4 Bedeutung 13
1.1.5 Text und Interaktion 14
1.2 Sprachwissenschaftliche Arbeitsgebiete 20
1.3 Paradigmen der Sprachwissenschaft 25
1.3.1 Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft 26
1.3.2 Junggrammatiker 29
1.3.3 Strukturalismus 31
1.3.4 Generative Grammatik 34
1.3.5 Die ›pragmatische Wende‹ in der Linguistik 35
1.3.6 Neuere Entwicklungen 36
1.4 Und wozu brauchen wir das? 38
2 Laute (Pia Bergmann) 43
2.1 Einleitung 43
2.2 Gesprochene Sprache und Schrift 44
2.3 Die Substanz von Lauten 46
2.3.1 Akustische Phonetik 46
2.3.2 Artikulatorische Phonetik 52
2.3.3 Auditive Phonetik 57
2.4 Die Funktion von Lauten im Sprachsystem 60
2.4.1 Bedeutungsdifferenzierung: Das Phonem 60
2.4.2 Allophone 62
2.4.3 Distinktive Merkmale 63
2.5 Über Laut und Phonem hinaus 65
2.5.1 Koartikulation 67
2.5.2 Phonologische Prozesse 67
2.5.3 Prosodische Domänen und ihre Hierarchie 72
2.5.4 Suprasegmentalia 77
2.5.5 Funktionen der Prosodie: Grenzmarkierung und Akzentuierung 78
2.6 Lautsubstanz und Funktion 82
2.6.1 Die Trennung von Substanz und Funktion 83
2.6.2 Das Invarianz-Problem 84
2.6.3 Eine alternative Modellierung der mentalen Repräsentation: Die Exemplartheorie 86
3 Wörter (Bernhard Wälchli und Andrea Ender) 91
3.1 Grundbegriffe 91
3.2 Wie werden Wörter gebildet? 93
3.2.1 Morphologische Grundbegriffe 93
3.2.2 Das Morphem – oder die Segmentierung von Wörtern 96
3.2.3 Morphologische Prozesse, oder der Aufbau von Wörtern 98
3.2.4 Paradigmen, oder die Konstellation von Wörtern 100
3.2.5 Zwischen Wort und Satz 102
3.2.6 Lexikon und Wortbildung 106
V
Inhaltsverzeichnis
VI
Inhaltsverzeichnis
VII
Inhaltsverzeichnis
Anhang 405
1 Literaturverzeichnis 407
1.1 Grundlagenwerke, Zeitschriften, Internet-Ressourcen 407
1.2 Zitierte Literatur 409
2 Abkürzungen für grammatische Kategorien 430
3 Materialien 432
3.1 Phonetische Transkriptionskonventionen (IPA) 432
3.2 Konversationsanalytische Transkriptionskonventionen (GAT2) 433
4 Lösungen der Aufgaben 436
5 Die Autorinnen und Autoren 457
6 Bildquellenverzeichnis 457
7 Sachregister 459
VIII
Vorwort
Vorwort
Diese Einführung versteht sich als ein Grundlagen- Wir haben uns nicht auf die sog. Kerngebiete
buch der Linguistik, das nicht auf eine bestimmte der Linguistik – nämlich die Grammatik und Pho-
Philologie hin orientiert ist. Es führt in die Struktur nologie – beschränkt, weil wir davon überzeugt
von Sprachen, ihre Verwendung und ihre kognitive sind, dass Sprache kein abstraktes System ist; es
Repräsentation ein. Es geht darum, was menschli- kann weder von seiner kognitiven Repräsentation
che Sprache ist und wie man sie analysieren kann. und Verarbeitung noch von seiner interaktionalen
Es liegt in der Natur der Sache, dass es im Rahmen Funktion als Ressource des Kommunizierens und
einer Einführung, die in erster Linie für deutsch- Sich-Verstehens getrennt werden. Aus diesem Grund
sprachige Studierende geschrieben ist, trotzdem finden sich in diesem Buch auch (Teil-)Kapitel, die
ein gewisses Übergewicht deutscher Beispiele gibt. man in vielen (deutschsprachigen) Einführungen
Manche Kapitel setzen aber den Schwerpunkt auch vergeblich suchen wird – von der Sprachverarbei-
auf eine andere Sprache, und mehrere Kapitel wid- tung bis zur Kreolistik, von der multimodalen In-
men sich der Verschiedenheit der Sprachen der teraktionsanalyse bis zum Code-Switching, von der
Welt sowie den Unterschieden zwischen Sprachge- Sprachtypologie bis zur anthropologischen Lingu-
meinschaften. Sie fragen danach, wie solche Unter- istik. Dennoch gibt es natürlich auch Lücken, vor
schiede typisiert und erklärt werden können. Ein allem in den mehr anwendungsbezogenen Berei-
weiteres Kapitel beschreibt Mehrsprachigkeit und chen der Linguistik, etwa der Computerlinguistik
Sprachkontakt als grundlegende Eigenschaften von und linguistischen Informatik.
Sprechern und Sprachen, ein anderes befasst sich Dies ist ein Gemeinschaftswerk; die einzelnen
mit der Frage, wie neue Sprachen entstehen und Kapitel wurden von verschiedenen Linguisten und
wie sich Kinder die Sprache(n) ihrer Umgebung Linguistinnen geschrieben, die Spezialisten für das
aneignen. Andererseits ist das Buch keineswegs jeweilige Gebiet sind. Als Herausgeber habe ich
(nur) für Studierende der allgemeinen Sprachwis- versucht, die Argumentations- und Schreibweisen
senschaft geschrieben; vielmehr sollten alle, die über die Kapitel hinweg anzugleichen – mehr als
ein philologisches Fach studieren und dabei mit ich das sonst bei einem herausgegebenen Band ge-
Sprache zu tun haben, von der Lektüre des Buchs macht hätte – und dabei verständlicherweise nicht
oder einzelner Teile daraus profitieren können. immer nur für Begeisterung gesorgt. Deshalb ge-
Umfang und Aufbau des Buchs machen schon bührt an dieser Stelle allen Autoren und Autorin-
klar, dass wir uns nicht auf die Kondensierung des nen mein Dank für ihre Bereitschaft, sich auf die-
sprachwissenschaftlichen Wissens in Form jener ses Buch einzulassen und daran in all den Phasen
Mikrodosierungen beschränkt haben, die unter mitzuarbeiten, die dafür notwendig waren. Zu
Titeln wie »Kompaktwissen Germanistik« oder stark theorieabhängige Auffassungen haben wir
»Sprachwissenschaft für’s B. A.-Studium« verkauft übrigens vermieden; dennoch wird bei der Lektüre
werden. Das vorliegende Buch lässt sich nicht in nicht zu übersehen sein, dass die Verfasser der Ka-
wenigen Stunden überfliegen, denn es will mehr, pitel teils unterschiedlichen Richtungen in der Lin-
als nur einen groben, ersten Eindruck von der Lin- guistik angehören. Das ist durchaus beabsichtigt.
guistik zu vermitteln. Zwar ist der Text so ge- Verschiedenen Personen haben wir zu danken:
schrieben, dass er von jedem und jeder ohne wei- Pia Bergmann dankt Ulrike Gut für inhaltliche
tere Vorkenntnisse gelesen und verstanden werden Kommentare und Michaela Oberwinkler für die
kann; dabei haben wir jedoch die Komplexität des Übersetzung aus dem Japanischen, Stefan Pfänder
Gegenstands ›Sprache‹ nicht trivialisiert und ver- dankt Philippe Maurer, Joseph Farquharson und
sucht, den erreichten Forschungsstand in der Maximilian Feichtner, und Peter Auer dankt Anni-
Sprachwissenschaft zumindest in Ansätzen er- ka Hörenberg für die geduldige und extrem genaue
kennbar werden zu lassen. Wir hoffen, dass das Durchsicht des Manuskripts sowie Ute Hecht-
Buch auf diese Weise nicht nur ein Grundlagen- fischer vom Metzler-Verlag, die bewiesen hat, dass
buch für Einführungsveranstaltungen werden kann, es in wissenschaftlichen Verlagen auch heute noch
sondern linguistisch interessierte Studierende auf ein Lektorat geben kann!
B. A.-Level sowie Master-Studierende sprachwis-
senschaftlicher Fächer bis zu ihrem Examen be- Freiburg, im Juli 2013
gleiten wird. Peter Auer
IX
1.1
1 Einleitung
1.1 Sprache – Die vielen Facetten eines Untersuchungsgegenstands
1.2 Sprachwissenschaftliche Arbeitsgebiete
1.3 Paradigmen der Sprachwissenschaft
1.4 Und wozu brauchen wir das?
Abb. 1:
Oszillogramm
der Äußerung in (1)
1
1.1
Einleitung
Sprache – Die vielen
Facetten eines Unter-
suchungsgegenstands
2000 Hz
Abb. 2: 286.5 Hz
Spektrogramm
des Worts meiner aus 0 Hz
der Äußerung (1)
ansteigende Linie extrahiert die Grundfrequenz Es geht um ein Schallereignis, die Physiologie seiner
(F0), die oberen beiden die ersten beiden Forman- Hervorbringung und seiner Wahrnehmung. Wegen
ten (F1 und F2). Die y-Achse zeigt lediglich die der naturwissenschaftlichen Methoden hat sich die
Skalierung für F1 und F2 (zur Grundfrequenzana- Phonetik – die Wissenschaft, die sich mit diesem
lyse s. u. Abb. 3 und 4). Aspekt von Sprache beschäftigt – im Lauf des
Etwa kann man aus der öffnenden Bewegung 20. Jahrhunderts zunehmend von der Sprachwissen-
zwischen dem sog. 1. und 2. Formanten am linken schaft separiert und ist heute teils in eigenen Insti-
Rand des Spektrogramms auf einen Diphthong (ei) tuten organisiert. Seit einiger Zeit ist jedoch eine
schließen; die durchgehenden regelmäßigen Schraf- Wiederannäherung zu beobachten, die auf die Er-
furen lassen Stimmhaftigkeit erkennen (alle Laute kenntnis zurückzuführen ist, dass eine angemessene
im Wort meiner sind stimmhaft); die abgeschwäch- linguistische Beschreibung der Lautgestalt von Spra-
ten Formantenstrukturen (helleres Grau) links und che sowie deren Variabilität und Wandel in der Zeit
in der Mitte gehen auf Nasale zurück. (Die untere nur möglich ist, wenn man ihre physiologischen
Linie aus Kreisen markiert die Bewegung der und akustischen Grundlagen kennt.
Stimmlippen, die hier zwischen ca. 70- und 180- Phonetische Transkription: Mit der rein akusti-
mal pro Sekunde schwingen. Aus dieser Bewegung schen oder artikulatorischen Beschreibung ha-
lässt sich die Stimmmelodie erkennen, die wäh- ben wir allerdings noch längst nicht alles erfasst,
rend des Worts leicht ansteigt.) was die lautliche Seite von Sprache ausmacht.
Natürlich kann man auch danach fragen, durch Zum Beispiel ist es auf diese Weise noch nicht ein-
welche Artikulationsbewegungen diese Schall- mal möglich, die einzelnen Laute einer bestimm-
welle zustande gekommen ist. Im Wort meiner sind ten Sprache – sagen wir, des Deutschen – zu iden-
dabei neben der Lunge, aus der die Luft durch die tifizieren. Dies würde nämlich bereits eine Segmen-
Luftröhre ausströmt, der Kehlkopf (der in diesem tierung in Laute verlangen, die auf akustischem
Fall so eingestellt ist, dass die Stimmlippen durch- oder artikulatorischem Weg nur schwer – wenn
gängig regelmäßig schwingen können), das Velum überhaupt – zu leisten ist. Denn schließlich gehen
(das den Mund- vom Nasenraum abtrennt und das die Laute im Sonagramm teils ineinander über, ge-
für die Nasale n und m geöffnet wird), die Zunge nauso wie die Artikulationsvorgänge, die sie her-
(die beim Konsonanten n einen Kontakt mit dem vorgebracht haben, aus sich überlagernden, oft
Zahndamm herstellt und durch ihre Lage auch für kontinuierlich ablaufenden Einzelgesten bestehen,
den Diphthong ei sowie den auslautenden Vokal die nicht unbedingt synchron sind; die Grenzen
-er verantwortlich ist) sowie die Lippen (die am zwischen den Lauten sind auf diese Weise nur sel-
Anfang des Worts bei der Artikulation des m ge- ten genau bestimmbar. Das gelingt erst, wenn sich
schlossen sind) zu nennen. der Phonetiker oder die Sprachwissenschaftlerin
Phonetik: Die erste Facette des Phänomens selbst als sprachkompetente/r Hörer/in in den Ana-
›Sprache‹ ist also eine recht naturwissenschaftliche: lyseprozess einschaltet und im Rahmen einer au-
2
1.1
Einleitung
Laute
ditiven Analyse versucht, möglichst genau zu no- Graphematik: Dass es eine solche abstraktere
tieren, was die Laute eines Worts oder eines Sat- Ebene geben muss, glauben nicht nur die Linguis-
zes ausmacht. Zu diesem Zweck ist vor ca. ten. Als die Menschen vor einigen tausend Jahren
130 Jahren ein Notationssystem entwickelt worden, begannen, die Lautsprachen durch Alphabet-
das die Segmentierung des Lautstroms voraus- schriften zu konservieren, haben sie begonnen,
setzt, nämlich das Internationale Phonetische Schriftsysteme zu entwickeln, die die Laute der
Alphabet. Es hat den Anspruch, ein universales einzelnen Sprachen festhalten sollten. Wie das ge-
Instrumentarium für die auditive phonetische nau geschah, war vielen historischen Zufällen un-
Analyse der Laute jeder beliebigen Sprache zur terworfen; etwa hatten die Germanen das Pech,
Verfügung zu stellen. In einer groben phoneti- dass sie bei der Entwicklung ihrer Schriftsysteme
schen Umschrift könnte Schabowskis Äußerung auf die Schriftzeichen des Lateinischen zurück-
dann ungefähr so aussehen (die eckige Klammer greifen mussten, einer Sprache, die viele Laute der
markiert IPA-Transkription): germanischen Sprachen gar nicht kannte. Die Kon-
sequenz waren z. B. Di- und Trigraphen (wie die
(2) >GDV WܼݓWଣQD[ PD࡛ ԥQԥ @> NܭQWଣQܼVܼVGDVR'fö ԥW@>ސX QI ܣWV\JÛOܼo@ Sequenz <ch> aus zwei Buchstaben für den Laut
[x] und die Sequenz <sch>aus drei Buchstaben
Aus der phonetischen Transkription einer großen für einen einzigen Laut []ݕ, die es beide im Lateini-
Menge von Äußerungen des Deutschen könnten schen nicht gibt). Aber unabhängig von diesen
wir seine phonetische Struktur beschreiben: Es historischen Zufällen beruhen alle alphabetischen
ließe sich erkennen, welche Laute vorkommen Schriftsysteme auf einer starken Reduktion des
und welche nicht, welche häufig sind und welche lautlichen Signals und blenden viel phonetische
nur in bestimmten Umgebungen stehen können Variation aus; sie erschien den Schreibern und Le-
(von denen sie vielleicht beeinflusst sind). Eine sern offenbar nicht wichtig. Wichtig waren für sie
solche Analyse würde eine gewisse statistische diejenigen lautlichen Eigenschaften, die für die
Annäherung an die Lautstruktur des Deutschen referenzielle Bedeutung des niedergeschriebenen
erlauben. Neben der lautlichen Struktur der Wör- Textes entscheidend waren, also für die Bezeich-
ter würde sich darin auch die geografische Her- nung von Dingen und Sachverhalten ›in der Welt‹.
kunft der Sprecher widerspiegeln (ein Berliner wie Anders gesagt: Die bedeutungstragenden Wörter
Schabowski spricht anders als ein Sachse), ihr Al- mussten erkennbar und von anderen Wörtern mit
ter, die Situation (in einer Pressekonferenz artiku- anderer Bedeutung unterscheidbar sein.
liert man sorgfältiger als zuhause) und viele ande- Laut und Buchstabe: Im Einzelnen ist die Be-
re Dinge. Es gibt gute Evidenz dafür, dass wir als ziehung zwischen phonologischer Struktur und
Sprachbenutzer tatsächlich auf all diese Dinge Schrift natürlich in vielen Fällen sehr komplex,
achten, sie verarbeiten und sogar eine Zeitlang im und die beiden sind keineswegs identisch. Man-
Gedächtnis behalten; für die Beschreibung einer che Schriftsysteme leisten sich viel Redundanz
Sprache ist es aber nützlich, noch eine abstraktere (im Deutschen wird z. B. der Laut /i/ orthogra-
lautliche Beschreibungsebene zur Verfügung zu fisch fallweise durch <i>, <ie>, <ih> oder
haben, die von diesen letztgenannten Aspekten <ieh> wiedergegeben, vgl. Igel, wie, ihn, zieh!),
absieht und die als Phonologie bezeichnet wird. manche erlauben die Zuordnung von Buchstaben
Die ›Laute im Innern‹: Wie diese abstraktere Re- zu Lauten nur positionsabhängig (im Deutschen
präsentation der Lautstruktur einer Sprache aus- ist z. B. <h> im Silbenauslaut ein Dehnungszei-
sieht, ist eine Frage, die im Lauf der Geschichte der chen, im Silbenanfang steht es hingegen für den
Sprachwissenschaft immer wieder anders beant- Frikativ [h]), und manchmal sind historische und
wortet worden ist. Man kann sie sich sehr nah an morphologische Gründe dafür verantwortlich,
der phonetischen Form vorstellen oder auch dafür dass die wechselseitige Abbildbarkeit von Lauten
argumentieren, dass es sich bei dieser mentalen und Schriftzeichen sich verschlechtert oder von
Repräsentation um ein hochabstraktes Gebilde vorneherein nicht angestrebt wird (etwa, wenn
handelt. Einigkeit besteht aber immerhin darin, im Deutschen Umlaute und Pseudoumlaute wie
dass die phonologische Struktur einer Sprache von aufwändig mit <ä> geschrieben werden, wäh-
ihrer phonetischen Struktur unterschieden werden rend der Laut [İ] sonst durch <e> markiert wird,
muss und dass sie einige Fakten des Lautereignis- z. B. wenden). Grundsätzlich ist es aber klar, dass
ses ignoriert. die Schrift die Lautgestalt nur in einer reduzierten
und abstrahierten Form widerspiegelt, die vor al-
3
1.1
Einleitung
Sprache – Die vielen
Facetten eines Unter-
suchungsgegenstands
lem dazu dient, die Wörter schnell zu erkennen. Phonetische und phonematische Transkription:
Dazu ist eine ganze Menge der phonetischen In- Die phonemische Transkription eines einzelnen
formation nicht nur nicht nötig, sondern sogar Beispielsatzes in (3) verrät schon eine ganze Men-
störend. ge über die spezifische Struktur der Sprache. Sie
Schriftsysteme bauen mehr oder weniger direkt behauptet zum Beispiel, dass das Deutsche (unter
auf dem phonologischen (phonematischen) Be- anderem) über die folgenden Phoneme verfügt:
wusstsein der Sprecher auf; dieses Bewusstsein
beruht nämlich ebenso auf einer Abstraktion der Konsonanten: WGNJIV]oOPQU«
Lautgestalt, die Wichtiges von weniger Wichtigem Vokale: ܼİDܧݜHR\ԥ«
trennt. Über ein solches Bewusstsein verfügen nicht Diphthonge: DL«
nur die der Schrift mächtigen Erwachsenen, son-
dern auch schon Kinder im Vorschulalter. Zum Einige dieser Phoneme gibt es übrigens längst
Beispiel zeigen Kinderreime wie eene meene mu … nicht in allen Sprachen; zum Beispiel kommt der
anhand von reinen Fantasiewörtern, worauf es an- vordere gerundete Hochvokal /y/ (im Deutschen
kommt: nämlich in diesem Fall auf den Kontrast geschrieben <ü>) nur recht selten in den Sprachen
zwischen einer anfangsrandlosen Silbe (d. h. einer, der Welt vor. Andere sind sehr verbreitet; etwa
die direkt mit dem Vokal beginnt) und einer Silbe, kommt keine Sprache ohne das Phonem /a/ aus,
die mit [m] anfängt, bzw. auf den Kontrast zwi- und auch keine ohne den Plosiv /t/.
schen einem [e] und einem [u] in der Akzentsil- Behauptungen über das Phonemsystem einer
be. Ein Kinderreim wie [ ސHQԥ HQ ސH ] wäre dagegen Sprache müssen natürlich begründet werden, in-
vollkommen witzlos: Der Kontrast zwischen ei- dem z. B. minimale Kontraste in Wortpaaren an-
nem Glottalverschluss am Silbenanfang und einem gegeben werden, die sich nur durch diese Laute
Silbenanfang ohne Glottalverschluss bzw. zwi- unterscheiden (etwa im Deutschen: Wache und
schen einem geschlossenen e und einem leicht ge- Woche, oder (es) galt und kalt).
öffneten ist im Deutschen kein relevanter Kontrast, Des Weiteren behauptet die phonemische Tran-
er gehört nicht zum phonematischen Bewusstsein. skription, dass manche artikulierte Laute in der
(Übrigens ist das phonematische Bewusstsein bei ›inneren Sprache‹ ganz anders repräsentiert sind.
Kindern eine wichtige Voraussetzung für den Er- So entspricht dem wortfinalen Laut [ԥ] oder []ܣ
werb der Schrift, wie nach dieser Diskussion auch aus der phonetischen Realisierung in der phone-
nicht anders zu erwarten ist. Es scheint sich gera- mischen Repräsentation die Sequenz /ԥU/, und aus
de durch Sprachspiele und Kinderreime trainieren dem einzelnen Laut [s] an der Grenze zwischen
zu lassen.) das und sofort wird in der phonemischen Tran-
Phonologie: Wie man von der Phonetik zur skription eine Sequenz aus /sz/. Wie lässt sich
Phonologie kommt, wird in Kapitel 2 genauer er- diese Diskrepanz rechtfertigen? Warum setzen wir
läutert. Grundsätzlich lässt sich sagen: Wenn ein zum Beispiel nicht einen Reduktionsvokal /ܣ/ als
Laut in einem Wort dazu dient, dieses Wort von eigenes Phonem an? Eine mögliche Begründung
anderen, bedeutungsdifferenten zu unterscheiden, könnte damit argumentieren, dass z. B. das Wort
ist er ein Phonem der Sprache. In der phonologi- Lehrer zwar mit einem Reduktionsvokal in der un-
schen Beschreibung einer Sprache geht es in erster betonten Silbe ausgesprochen wird ([OH)]ܣݓ, die
Linie darum, die Phoneme, ihre Kombinations- weibliche Form Lehrer-in aber ein /r/ enthält
möglichkeiten und die Einschränkungen über ihr ([OHܼݓܣݓQ]); da es sich um dasselbe Wort Lehrer
Vorkommen in Silbe und Wort zu erfassen. Eine handelt, sollten die beiden phonemischen Reprä-
phonematische Transkription unseres Beispielsat- sentationen nicht unterschiedlich sein – das spricht
zes wird also viel weniger Details enthalten als für ein phonematisches /r/, das in der artikulier-
eine phonetische: ten Sprache zusammen mit dem vorausgehenden
Vokal zu einem einzigen Reduktionsvokal ver-
(3) GDV WUܼWQDo PDLQԥU NİQWQܼVܼVGDV]R IܧUWݜQIHU WV\JOܼo schmolzen (reduziert) wird. (Da das Phonem viel
abstrakter als der physikalische Laut ist, stellt sich
(Die Schrägstriche markieren, dass wir es mit ei- bei der Transkription die Frage, welches IPA-Zei-
ner phonematischen Transkription zu tun ha- chen aus den vielen möglichen phonetischen Rea-
ben; je nach Theorie sind auch leicht andere pho- lisierungen des Phonems man auswählen will. Das
nematische Analysen der Äußerung Schabowskis ist im Prinzip beliebig, wenn man sich darüber im
möglich). Klaren ist, dass z. B. ein /r/ eigentlich gar keine
4
1.1
Einleitung
Laute
250
200
Pitch (Hz)
100
70
Abb. 3:
50 Die erste Intonations-
das trItt nach mEIner kEnntnis is das soFORT. phrase von Schabowskis
Äußerung (1); Extraktion
0 3.663
Time (s) der Grundfrequenz
(Intonationsbewegung)
gesprochene Einheit ist. Oft verwendet man ein- Struktur einer Äußerung. Eine prosodisch vollstän-
fach einen Laut des Alphabets, der leicht zu schrei- dige Äußerungseinheit des Deutschen hat mindes-
ben ist.) tens einen Satzakzent (Fokusakzent) und endet
Auch bei der Verschmelzung des auslautenden mit einer als Abschluss interpretierbaren Tonbewe-
/s/ und des anlautenden /z/ zwischen den Wör- gung, in der Regel sinkender oder steigender Art.
tern das und sofort handelt es sich um eine arti- Man spricht bei einer solchen Einheit von einer In-
kulatorische Vereinfachung der phonematischen tonationsphrase.
Struktur, die aber im Gegensatz zur Reduktion des Schabowskis Äußerung in (1) bestand aus zwei
/ԥU/ nicht obligatorisch ist; in diesem Fall kommt Intonationsphrasen (s. Abb. 3 und 4). Die erste
es zu einer Assimilation des anlautenden stimm- Intonationskontur (Abb. 3) setzt bei etwa 100 Hz
haften Frikativs in der unbetonten Silbe so- an den an, sie steigt auf der ersten akzentuierten Silbe
auslautenden stimmhaften Frikativ des davor arti- (tritt) an und bildet einen Gipfel bei etwa 180 Hz;
kulierten Worts das. auf der nächsten unakzentuierten Silbe (nach)
Beim Vergleich von (2) und (3) fällt auch auf, sinkt die Tonmelodie, um auf der ersten, betonten
dass die phonemische Transkription Laute enthält, Silbe von meiner wieder die Gipfelhöhe von ca.
die in der artikulierten Sprache gar nicht vorkom- 180 Hz zu erreichen. Auf den folgenden unbeton-
men können (weder im Standarddeutschen noch ten und betonten Silben (-ner Kenntnis is das so-)
in den deutschen Dialekten oder Umgangsspra- bleibt die Intonation etwa auf diesem für eine
chen). So wurde in den Wörtern nach und unver- Männerstimme schon sehr hohen Niveau konstant
züglich der auslautende Frikativ je als /ç/ transkri- (übrigens ein typisches intonatorisches Merkmal
biert; ein solcher palataler Frikativ ist aber im des Berlinischen), um dann auf der Nukleussilbe
Deutschen nach einem /a/ überhaupt nicht mög- -FORT noch einmal auf fast 250 Hz anzusteigen
lich: nach hinteren Vokalen kommt nur der velare und schnell und deutlich abzusinken; dies signa-
Frikativ [x] vor. Aber da die beiden Laute komple- lisiert das Ende der ersten Intonationsphrase. Es
mentär verteilt sind, also nie in derselben Umge-
bung auftreten, sind sie auch nicht in der Lage, die
Bedeutung zweier Wörter zu unterscheiden. Es 250
kann sich also nicht um zwei Phoneme handeln, 200
und wir können darauf verzichten, sie in der pho-
nemischen Transkription getrennt zu halten. Auch
Pitch (Hz)
5
1.1
Einleitung
Sprache – Die vielen
Facetten eines Unter-
suchungsgegenstands
folgte dann eine zweite Intonationsphrase, die indiziert die Äußerung also auch sozialen Status
lediglich aus dem Wort unverzüglich besteht sowie die Situation. In diesem Zusammenhang ist
(s. Abb. 4). auch die Realisierung von ist als is zu erwähnen,
Diese Intonationsphrase weist einen anstei- die zwar kein regionales Merkmal ist, sondern
gend-absteigenden Tonhöhenverlauf auf. Der recht überall in Deutschland vorkommt, aber auf eine
schnelle und starke Anstieg von etwas über 100 eher informelle Sprechsituation verweist.
auf fast 200 Hz erfolgt vor allem auf dem nebenak- Es geht in der mündlichen Sprache also immer
zentuierten un- und erreicht auf -ver- einen Gipfel; um mehr als um Aussagen über die Welt. Vielmehr
auf der Fokusakzentsilbe -züg- fällt er leicht und stellt sich der Sprecher als eine soziale Person mit
auf der letzten Silbe -lich stark ab, um etwa auf einer bestimmten sozialen Identität dar, und er
dem Niveau der Anfangssilbe zu enden. zeigt den anderen, wie er die Situation versteht, in
Um eine kleine Äußerung wie die Schabowskis der er sich befindet. Das kann unabsichtlich oder
einigermaßen gut in ihrer Lautstruktur analysieren absichtlich geschehen. Schabowski wird sich dar-
zu können, benötigt man also schon ein sehr aus- über wenig Gedanken gemacht haben (er hatte
gefeiltes Wissen über die phonetische und phono- andere Sorgen), aber er konnte nicht vermeiden,
logische Struktur von Sprache und insbesondere dass er Informationen dieser Art in seiner Äuße-
von der Struktur des Deutschen. Unser Gehirn ist rung mittransportierte.
so verschaltet, dass diese recht komplexen Prozes- Sprache enthält also Merkmale, die nichts mit
se in einer bewundernswerten Weise meist völlig dem Inhalt des Gesagten zu tun haben, sondern
ohne Probleme und in kürzester Geschwindigkeit etwas über den Sprecher und seine Beziehung zur
(nämlich fast synchron mit dem artikulatorischen Situation, zum Hörer und zum Gesagten verraten.
Akt) bewältigt werden können. Manchmal kommt noch mehr dazu: Variable Phä-
Und was passiert mit der phonetischen Varia- nomene in der Sprache indizieren dann einen ab-
tion? Die phonemische Sicht auf Sprache reduziert laufenden Wandel. So wird im Deutschen die Til-
also die Lautgestalt; aber auch die phonetischen gung des auslautenden /t/ in ist immer mehr auch
Details, die dabei ausgeblendet werden, spielen in eher formellen Situationen akzeptiert, und es ist
für die sprachliche Kommunikation eine wichtige durchaus vorstellbar, dass sie einmal die alleinige
Rolle. Schabowski wuchs in Pommern auf, seit sei- Form im (mündlichen) Deutsch wird. Wie das ge-
ner Gymnasialzeit spielte sich sein Leben aber in nau geschieht und wie man es untersuchen kann,
Berlin ab. Auch in der relativ formellen Situation wird in diesem Buch in Kapitel 7 beschrieben. Dort
der Pressekonferenz und in seiner offiziellen Rolle wird auch gezeigt, dass die Variation in der Spra-
als Mitglied des Politbüros der SED gibt es dement- che keineswegs auf die Phonetik eingeschränkt ist.
sprechend phonetische Details, die auf die Region Auch in der Grammatik und Lexik und selbst in
Berlin verweisen. So deutet die ›flache‹ Realisie- der Diskursstruktur gibt es Variation. In unserem
rung des Diphthongs /ai/ in meiner ([a࡛ ԥ]), also die Beispiel trifft das z. B. auf sofort und unverzüglich
geringe Bewegung innerhalb des Diphthongs, auf zu, die ja beide denselben Sachverhalt bezeichnen.
die Region Berlin hin (in anderen Regionen Deutsch- Sofort ist aber ein Wort, das man immer verwenden
lands wäre der a-Laut tiefer und der zweite Teil des kann, während unverzüglich einem schriftsprachli-
Diphthongs höher); ebenso verrät der Sprecher chen, bürokratischen Register entstammt.
seine Herkunft durch die Zentralisierung und Öff-
nung des /o/ und des darauf folgenden Schwas (in
sofort, aus phonologisch /or/). Beide Merkmale
wären allerdings auch mit der Dialektregion Ober- 1.1.2 | Wörter
sachsen kompatibel. Eindeutiger berlinisch ist die
schon oben beschriebene ›treppenartige‹ Intonati- Wörter und Sätze: Schabowskis Äußerung hat na-
on. Das phonetische Signal enthält also regionale türlich nicht nur eine lautliche, sondern auch eine
Information. grammatische Struktur. Das bedeutet zuallererst,
Übrigens ›berlinert‹ Schabowski nicht hem- dass sich der Lautstrom für jemanden, der des
mungslos; das wäre weder seinem Status noch der Deutschen mächtig ist, so segmentieren lässt, dass
Situation angemessen. So vermeidet er in Äuße- darin Wörter erkennbar sind. Diese Wörter verhal-
rung (1) berlinisches dat oder dit anstelle von das, ten sich in einer bestimmten Art und Weise zuein-
oder meener anstelle von meiner. Auslautend /er/ ander, die wir als Syntax bezeichnen.
wird nicht als /a/ realisiert. Neben der Herkunft
6
1.1
Einleitung
Wörter
Die Identifizierung der Wörter in der Äußerung übereinstimmt. Man spricht deshalb auch von
erscheint zunächst trivial; wir erkennen sie in der phonologischen Wörtern. Die morphologischen
Schrift ja an den Spatien. Aber die Spatien der Or- Wörter (also die, die Teil der Grammatik sind), las-
thografie sind nur eine Konvention, die sich ab und sen sich auf diese Weise nicht endgültig ermitteln.
zu auch ändert. Und der primäre ›Lebensraum‹ von Dazu brauchen wir andere Testverfahren.
Sprache ist sowieso die mündliche Kommunikation, Morphologische Wörter: Zunächst kann man
nicht die schriftliche. Wie kann man aber in der feststellen, dass entgegen der Laienauffassung von
gesprochenen Sprache Wörter erkennen? Sprache auch die Semantik (Bedeutung) nicht
Phonologische Wörter: Manchmal gibt die Pho- zum Ziel der Segmentierung in Wörter führt. Wör-
nologie Hinweise. So hilft in Sprachen mit regel- ter bezeichnen nicht immer Dinge, oder doch nur
mäßiger Anfangs- oder Endbetonung des Worts in einem sehr vagen Sinn des Worts. Was wäre zum
(wie dem Tschechischen oder dem Türkischen) Beispiel die Bedeutung der Kopula sein in Äuße-
diese prosodische Struktureigenschaft dabei, den rung (1)? Sie hat nur eine grammatische Funktion,
Lautstrom zu segmentieren: Sobald ein neuer Ak- nämlich das Prädikat (sofort) an den vorhergehen-
zent kommt, fängt ein Wort an oder hört ein Wort den Teil der Äußerung anzuschließen. (Sehr viele
auf. Allerdings funktioniert das keinesfalls immer, Sprachen verzichten aus eben diesem Grund auf
denn grammatische Wörter (Funktionswörter) eine Kopula; für die Bedeutung des Satzes ist sie
und auch manche andere werden in der Regel gar unerheblich.) Und die Bedeutung des Pronomens
nicht akzentuiert. Im Deutschen ist das Geschäft das in (1) lässt sich ohne Wissen darüber, was vor-
der lautlichen Identifizierung der grammatischen her gesagt worden ist, überhaupt nicht verstehen.
Wörter noch schwieriger, denn hier ist der Wortak- Bessere Verfahren, um Wörter zu identifizieren,
zent sehr variabel, und wir können höchstens da- werden in Kapitel 4 dieses Buchs besprochen. Sie
von ausgehen, dass normalerweise in einer Äuße- sind ihrer Natur nach syntaktisch, d. h. sie beru-
rung die Anzahl der Wörter nicht geringer ist als hen darauf, die Kandidaten für Wörter dadurch zu
die Anzahl der Hervorhebungen. Die erste Intona- bestätigen, dass sie im Satz versuchsweise in ande-
tionsphrase der Äußerung (1) zeigt zum Beispiel re Positionen verschoben (Verschiebeprobe) oder
Betonungen auf trítt, méiner, kénntnis, sofórt; sie durch andere ersetzt werden (Ersetzungsprobe).
sollte damit mindestens vier Wörter enthalten. Zum Beispiel sind in (1) die folgenden syntakti-
Bei der zweiten Intonationsphrase unverzüglich schen Tests möglich, die darauf hindeuten, dass
bekommen wir mit diesem Kriterium allerdings tritt wahrscheinlich ein Wort des Deutschen ist:
Schwierigkeiten, denn sie wird mit zwei Hervorhe-
bungen (einem primären Akzent auf -züg- und ei- (5) (a) Das tritt nach meiner Kenntnis …
nem sekundären auf un-) geäußert. Der Test funk- o Nach meiner Kenntnis tritt das …
tioniert also nicht besonders gut. Ein etwas (b) Das tritt nach meiner Kenntnis …
besseres Verfahren ist es, sich zu überlegen, wel- o Das gilt nach meiner Kenntnis …
che Silben in der Äußerung durch einen Akzent
hervorgehoben sein könnten. Das ergibt die fol- Wortarten (Wortklassen): Die morphologischen
genden Kandidaten für Wörter: Wörter werden in der Regel nach ihrer Zugehörig-
keit zu Wortarten weiter klassifiziert. Im Beispiel
(4) dás – trítt – nách – méiner – Kénntnis – ís – dás – sofórt würde uns die traditionelle Grammatik etwa Fol-
gendes nahelegen:
Das Wort unverzüglich macht aber auch bei die-
sem Verfahren Probleme, denn man kann es im (6) das = Pronomen
Deutschen sowohl auf der ersten wie auch auf der tritt = Verb
dritten Silbe betonen. Umgekehrt würden nach nach = Präposition
diesem Test Verschmelzungen wie in gibts oder meiner = possessive Artikelform ('Possessivpronomen')
kannste (sog. Klitisierungen) als ein Wort zählen, Kenntnis = Nomen ('Substantiv')
obwohl sie zumindest in der Schriftsprache auf is = (Kopula-)Verb
zwei Wörter zurückgehen. sofort = Adverb
Die phonologische Bestimmung des Worts führt unverzüglich = Adverb oder Adjektiv
also im besten Fall zu einer Segmentierung, die
nicht ganz mit unserer intuitiven (von der Schrift Auch das klingt trivial, ist es aber keineswegs. Wie
wesentlich beeinflussten) Auffassung von Wörtern können wir zum Beispiel ein Adjektiv erkennen?
7
1.1
Einleitung
Sprache – Die vielen
Facetten eines Unter-
suchungsgegenstands
Im Gegensatz zu anderen Sprachen ist es im Deut- mung in ein Attribut zeigen lässt (die Entschei-
schen nicht möglich, die Wortart der Adjektive von dung ist mutig Æ eine mutige Entscheidung). In
der der Adverbien durch eine einheitliche morpho- unserem Beispielsatz belegt der Test jedoch keine
logische Markierung (ein Affix etwa) zu unter- adjektivische Verwendung (was daran liegt, dass
scheiden. Zwar gibt es im Deutschen ein produkti- sich das Subjektspronomen das nicht attributiv
ves, Adverbien bildendes Suffix (-weise, etwa: modifizieren lässt und man es auch nicht durch
üblicherweise, möglicherweise), aber das Suffix ist ein attributiv modifizierbares, gleichbedeutendes
keineswegs obligatorisch: Entsprechend ist es Nomen ersetzen kann). Man muss sofort und un-
zwar richtig, dass (fast) alle mit -weise gebildeten verzüglich eher als Adverbien zu einem mitge-
Wörter Adverbien sind (ein Gegenbeispiel wäre so dachten Adjektiv gültig o. Ä. verstehen. Der syn-
etwas wie die versuchsweise Genehmigung), aber taktisch leicht schräge Eindruck, den man von der
das Umgekehrte trifft nicht zu. So ist sofort ein Ad- Gesamtäußerung nach meiner Kenntnis is das so-
verb (das zugehörige Adjektiv wird durch das Suf- fort, unverzüglich bekommt, ergibt sich gerade aus
fix -ig gebildet: sofortig), aber es wird nicht formal dieser Verwendung eines Adverbs in einer Kopula-
als solches gekennzeichnet. (Im Englischen, das konstruktion.
das Suffix -ly wesentlich regelmäßiger verwendet, Morphologie: Die Teildisziplin der Linguistik,
oder im Italienischen, das -mente ähnlich einsetzt, die sich mit dem Aufbau der Wörter beschäftigt,
stehen die Chancen für die formale Definition von ist die Morphologie (s. dazu ausführlich Kap. 3).
Adverbien schon besser.) In der Morphologie geht es um die interne Struktur
Wichtiger für die morphologische Identifizie- von Wörtern, insbesondere um die Frage, wie ihre
rung von Adjektiven ist, dass sie in attributiver Ver- formalen Merkmale sie in den Satz als übergeord-
wendung (also innerhalb einer Nominalphrase, neter grammatischer Einheit und in die Sprechsitu-
meist vor einem Nomen) flektiert werden (unver- ation einbetten, und um die Frage, wie in einer
züglich-es Inkrafttreten, sofortig-e Umsetzung etc.). Sprache aus schon existierenden Wörtern neue
In prädikativer Funktion können Adjektive flektiert gebildet werden können.
werden, meistens werden sie es aber nicht: die Flexionsmorphologie: Beginnen wir mit der
Pressekonferenz ist spannend/eine spannende. In morphologischen Einbettung in den Satz- und Si-
manchen Fällen hilft allerdings sogar die Betrach- tuationszusammenhang. Ein gutes Beispiel ist
tung der attributiven Verwendung nicht weiter. So das finite (flektierte) Verb tritt aus Äußerung (1).
gibt es einige wenige Adjektive, die auch in attribu- Das Verb steht in der 3. Ps. Singular und kontras-
tiver Funktion nicht flektiert werden. Zum Beispiel tiert deshalb mit (ich) trete, (du) trittst, (wir, ihr,
hat sich das Adjektiv orange (wie viele andere sie) treten. In Bezug auf Numerus und Person
Farbadjektive jenseits der kleinen Gruppe der stimmt es mit dem Subjekt des (von Schabowski
Grundfarben) aus einem Nomen entwickelt, und zunächst offenbar intendierten, in dieser Form
obwohl es schon lange in attributiver Funktion ver- aber nicht realisierten) Satzes das tritt nach mei-
wendet wird (ein orange Hemd), war nach der ner Kenntnis (sofort in Kraft) überein, nämlich
Normgrammatik seine morphologische Markie- dem Pronomen das. Man sagt, dass das Subjekt
rung (ein orangenes Hemd) verboten. Heute gehö- und das Verb in Bezug auf Numerus und Person
ren u. a. evaluative Adjektive wie klasse (ein klasse kongruieren. (Im Deutschen kongruieren Subjekt
Typ) oder super (eine super Idee) zur Gruppe der und Verb, in manchen anderen Sprachen ist zu-
nicht flektierbaren Adjektive. Sie haben sich über sätzlich auch noch die Kongruenz von Verb und
die prädikative Verwendung aus anderen morpho- Objekt erforderlich.) Die Morphologie hat hier also
logischen Klassen (Nomen, Präfix) zum Quasi-Ad- die Funktion, innerhalb des Satzes eine Verbin-
jektiv entwickelt, dessen ›kanonische‹ Form aber dung zwischen finitem Verb und Subjekt herzu-
nicht erreicht. Flektiert werden sie nämlich nicht. stellen. Zugleich bettet das finite Verb tritt die Äu-
Wie schon die Identifizierung der Wörter selbst, ßerung durch seine morphologische Markierung
so lässt sich auch die Bestimmung der Wortarten aber auch in die Sprechsituation ein. (Das) tritt
am besten unter Zuhilfenahme der Syntax bewerk- kontrastiert nämlich auch mit den Formen (das)
stelligen. Im Fall von sofort, das nie attributiv ste- trat …, (das) träte (oder: (das) würde … treten)
hen kann, handelt es sich eindeutig um ein Ad- u. a. Die Wahl von (das) tritt lässt darauf schlie-
verb. Dieses Adverb kommt eigenartigerweise in ßen, dass der Sprecher sich nicht auf etwas be-
einer Kopula-Konstruktion vor, in der normaler- zieht, was (vom Sprechzeitpunkt aus) in der Ver-
weise Adjektive stehen, wie sich an der Umfor- gangenheit liegt, und dass er etwas ausdrücken
8
1.1
Einleitung
Wörter
will, was nach seiner Meinung tatsächlich ge- standteile ein Satz haben muss, in dem das Wort
schieht oder geschehen wird, nicht etwa nur als treten vorkommt, nämlich ein Subjekt (im Nomi-
Möglichkeit existiert. Das Verb kann diese Einbet- nativ) sowie eine Richtungsangabe (hier das meta-
tung in die Sprechsituation leisten, weil es neben phorische in Kraft). Die Verben haben also eine
Numerus und Person auch noch in Bezug auf Tem- Valenz (die indiziert, welche weiteren Elemente
pus (hier: Präsens) und Modus (hier: Indikativ) im Satz enthalten sein müssen) und sie regieren in
flektiert ist. Bezug auf den Kasus die anderen Elemente.
Die temporale Referenz des von Schabowski Morphologische Typologie: Anhand der beiden
beschriebenen Sachverhalts war natürlich in der flexionsmorphologisch komplexen Wörter tritt
historischen Situation im Jahr 1989 ganz entschei- und meiner lassen sich exemplarisch einige we-
dend. Aus dem grammatischen Tempus des Prä- sentliche Eigenschaften des Deutschen zeigen, die
sens alleine ließ sich interessanterweise noch nicht diese Sprache von vielen anderen unterscheiden.
ablesen, dass der Sachverhalt der Grenzöffnung im Die beiden Wörter haben unterschiedliche formale
Augenblick des Sprechens schon galt. Um dies aus- Eigenschaften. Die Wortform meiner kann man in
zudrücken, verwendete Schabowski ja gerade das zwei Bestandteile (Morpheme) zerlegen, nämlich
Adjektiv sofort, das er anschließend noch durch den Stamm mein- und die Endung -er. Der Stamm
unverzüglich paraphrasierte. Das Präsens selbst ist hat eine bestimmte Funktion (sie drückt ›Zugehö-
im Deutschen also nicht unbedingt ein Ausdruck rigkeit zum Sprecher‹ aus), die Endung hat eine
der Jetztzeitigkeit; man kann damit durchaus auch andere (sie markiert Dativ, Femininum, Singular).
auf etwas verweisen, was erst in der Zukunft statt- In der Wortform tritt ist eine solche Zerlegung
finden wird (das tritt nächstes Jahr in Kraft). nicht möglich. Die morphologische Information
Ein anderes flektiertes Wort in der Äußerung (3. Ps. Singular Präsens Indikativ) wird ausschließ-
Schabowskis ist die possessive Artikelform mei- lich durch den Vokal /i/ sowie durch das Fehlen
ner. Auch diese Wortform kontrastiert formal mit einer Endung markiert. Wir können diese Wort-
anderen, nämlich meinem, meines, meine. Welche form nicht in morphologische Bestandteile mit je
Form gewählt wird, wird teils vom folgenden No- unterschiedlicher Funktion aufsplitten. In den
men diktiert, teils von der vorausgehenden Präposi- Sprachen der Welt ist die morphologische Markie-
tion: da Meinung ein feminines Nomen im Singular rung durch Affixe (separierbare Bestandteile) we-
ist, muss die vorausgehende possessive Artikelform sentlich häufiger als die morphologische Markie-
ebenfalls so markiert werden, d. h. hier kongruieren rung durch Vokalwechsel (wie in tritt).
Artikelform und Nomen. Zusätzlich ist die Artikel- Überdies ist auffällig, dass die einzelnen mor-
form morphologisch als Dativ gekennzeichnet; phologischen Kategorien (Numerus, Tempus, Per-
dieser Kasus wird aber nicht vom Nomen bestimmt, son, Modus, Kasus) im Deutschen nicht jeweils
sondern von der Präposition nach, die den Dativ einzeln ausgedrückt werden, also durch verschie-
›fordert‹. Sie steht selbst nicht im Dativ, d. h. es dene Morpheme, sondern sich in einer Endung
kann sich nicht um eine Kongruenzbeziehung han- bzw. einem wortinternen Vokalwechsel bündeln.
deln; vielmehr regiert die Präposition einen Kasus, Dass es auch anders geht, ist schnell zu sehen,
der sich in der nachfolgenden Nominalphrase (hier: wenn wir den deutschen Satz das tritt nach meiner
meine Meinung) ausdrückt. Überdies gilt auch hier, Kenntnis sofort in Kraft versuchsweise ins Türki-
dass die possessive Artikelform zusätzlich zu ihrer sche übersetzen:
satzinternen Funktion eine Beziehung zur Sprech-
situation herstellt: Sie bezieht sich auf den Sprecher (7) %LOGL÷LPH J|UH KHPHQ \UUO÷H NR\XODFDNWÕU
und kontrastiert mit deiner, seiner, die auf andere Wissen-POSS.1SG-DAT nach sofort Gültigkeit-DAT herangeh-FUT-FACT
situative Rollen, nämlich den Angesprochenen
bzw. einen Dritten verweisen würden. Die wörtliche Übersetzung wäre etwa ›meinem
Die Wörter in den Sätzen verbinden sich also Wissen zufolge sofort die Gültigkeit beginnen
miteinander durch Kongruenz und Rektion. Kon- wird‹. Der dem deutschen tret- entsprechende tür-
gruenz wird im Deutschen zwischen Subjekt und kische Verbstamm koyul- verändert sich selbst gar
Prädikat sowie innerhalb von Nominalphrasen nicht. Die 3. Ps. (›es beginnt‹, ›geht heran an‹) wird
verlangt; Rektion bestimmt zum Beispiel den Ka- morphologisch nicht durch ein eigenes Element
sus einer Nominalphrase innerhalb einer Präposi- ausgedrückt, ebenso wenig der Numerus (Singu-
tionalphrase. Neben den Präpositionen regieren lar). Anstelle des Präsens muss im Türkischen das
auch Verben: Wir wissen, welche weiteren Be- Futur stehen (selbst wenn es sich um ein unmittel-
9
1.1
Einleitung
Sprache – Die vielen
Facetten eines Unter-
suchungsgegenstands
bar eintretendes Ereignis handelt); dieses wird semantisch durchsichtig ist (wenn man einmal
durch ein Suffix markiert, das ausschließlich Futur von Wörtern wie Untiefe absieht, ein Wort, das
bedeutet. Zusätzlich wird im geschrieben-norm- manche Deutsche als ›große Tiefe‹, andere – histo-
sprachlichen Türkisch gern noch ein weiteres Suf- risch richtiger – als ›geringe Tiefe‹ interpretieren),
fix -tir an das Futursuffix angehängt, das die Fakti- sowie außerdem das Adjektive/Adverbien bilden-
zität des Gesagten unterstreicht. de Suffix -lich. Allerdings gibt es im heutigen
Betrachten wir nun die Entsprechung des deut- Deutsch weder das Wort verzüglich noch das Wort
schen Worts meiner. Possessivität wird im Türki- Unverzug, sondern nur den juristischen Fachter-
schen nicht durch ein eigenes Wort kodiert, son- minus Verzug (z. B. in Verzug sein). Im Frühneu-
dern durch das Suffix -im (1. Ps.) am Nomen bildik hochdeutschen gab es noch verzüglich, von dem
(durch eine phonologische Regel wird dort auslau- unverzüglich abgeleitet werden konnte. Das Wort
tend /k/ ›erweicht‹ und nicht mehr gesprochen). Verzug selbst hat seine fachsprachlich-juristische
Der von der Postposition göre regierte Kasus ist der Konnotation an das abgeleitete unverzüglich wei-
Dativ, markiert durch die Endung -e, die nach dem tergegeben. Es ist selbst ebenfalls morphologisch
Possessivsuffix an das Wort angehängt wird. komplex, aber in seiner Bildung für die heutigen
Im Vergleich zum Deutschen fallen zwei Dinge Sprecher und Sprecherinnen nicht mehr durch-
auf: Zum einen wird alle morphologische Informa- schaubar. Seine Struktur führt uns tief in die
tion mittels Affixen ausgedrückt, der Stammvokal Sprachgeschichte zurück: Im Althochdeutschen
verändert sich aus morphologischen Gründen nie. gab es far-zeohan (aus dem später verziehen wur-
Zum anderen drückt jedes Suffix nur eine gram- de), und zwar im Sinne von ›verzögern‹.
matische Kategorie aus. Das Türkische repräsen-
tiert also einen anderen morphologischen Sprach-
typ als das Deutsche (agglutinierend im Vergleich
zum fusionierenden Deutsch). Wie man Sprachen 1.1.3 | Sätze
aufgrund ihrer Morphologie bestimmten Typen zu-
ordnen kann, wird in den Kapiteln 3 und 8 genau- Online-Syntax: Wie kombinieren sich nun die
er besprochen. Wörter im Beispiel zu Sätzen? Wie das Wort, so ist
Wortbildungsmorphologie: Neben der Flexion auch der Satz für viele linguistische Laien etwas,
beschäftigt sich Morphologie mit der Frage, wie was unmittelbar und trivialerweise zu existieren
aus schon bestehenden neue Wörter gebildet wer- scheint. Schabowskis Redebeitrag in (1) besteht
den können. Viele Wörter des Deutschen sind ja aber nicht einfach aus der Äußerung eines einzel-
komplex: Sie sind entweder aus mehreren Wör- nen Satzes, so wie wir ihn aus Grammatikbüchern
tern zusammengesetzt (Komposition), oder es kennen. Dafür erlaubt er uns Einblicke in die Satz-
lässt sich in ihnen ein Grundwort erkennen, aus bildung als ein kognitiv und interaktiv reales Er-
dem das neue Wort durch morphologische Verfah- eignis. Denn Schabowski versprachlicht nicht etwa
ren abgeleitet worden ist (Derivation). So ist in einen Gedanken und eine grammatische Struktur,
Schabowskis Äußerung das Nomen Kenntnis un- die er vorher vollständig im Kopf gebildet hatte.
schwer auf das Verb kenn-en beziehbar (genauso Vielmehr ändert sich sein sprachliches ›Projekt‹,
wie sich im türkischen Übersetzungsäquivalent während es entsteht – und das ist für die Spontan-
das Nomen bil-dik auf das Verb bil-mek ›wissen‹ sprache ganz und gar nicht außergewöhnlich, son-
beziehen lässt, von dem es abgeleitet ist). Das dern im Gegenteil recht typisch:
Suffix -nis hat die Funktion, neue Nomina aus
Verben zu bilden (z. B. Besäuf-nis, Begräb-nis); al- (8)[das trItt nach MEIner, (.) KENNTnis,
lerdings ist das Suffix nicht mehr besonders pro- [((liest in den Unterlagen))
duktiv, d. h. wir können nicht jedes beliebige is das soĹFORT; (o.7)
Verb auf diese Weise zu einem Nomen machen unverZÜGlich.
(*Reparier-nis, *Begreif-nis). Überdies hat sich im
Lauf der Zeit ein /t/ zwischen Stamm und Suffix Der Sprecher beginnt mit das tritt nach meiner …,
eingeschoben (Kenntnis), das morphologisch stockt aber nach der possessiven Artikelform. Wir
nicht motiviert ist, sondern nur der besseren Aus- können die Aktivitäten in seinem Großhirn zu die-
sprechbarkeit dient. sem Zeitpunkt natürlich nicht beobachten, es er-
In unverzüglich wiederum versteckt sich das scheint aber plausibel, dass dieses Stocken durch
Negationspräfix un-, das ziemlich produktiv und das gleichzeitige Lesen in dem berühmten Zettel
10
1.1
Einleitung
Sätze
mit der Presseerklärung zum Beschluss des ZK die Verarbeitung von Sprache; Kapitel 5 in dieser
vom selben Tag bedingt war; das Lesen erforderte Einführung widmet sich diesem Thema genauer.
kognitive Kapazitäten, was ihn von der flüssigen Zugleich lassen sie sich aber auch in ihrer Funkti-
Produktion des Satzendes abhielt. Nach einem on für das Gespräch analysieren, was besonders
kurzen Zögern folgt das Nomen Kenntnis. Die wei- im Fall der retraktiven Ersetzungen in der Interak-
tere Struktur des Satzes ist nun für die Zuhörer/ tionalen Linguistik geschehen ist (s. dazu Kap. 6).
-innen vorhersagbar: das tritt nach meiner Kennt- Phrasenstruktur: Wo ein Satz anfängt und wo
nis … lässt sich nur mit einer Zeitangabe (morgen, er aufhört, ist also – wie an Beispiel (1) zu sehen –
übernächste Woche, Ende des Jahres …) und dem gar nicht so einfach zu bestimmen. Trotzdem kön-
durch das Verbs treten vorgegebenen Rest des nen wir fragen, welche Struktur der geplante Satz
Funktionsverbgefüges in Kraft treten vervollstän- das tritt nach meiner Kenntnis sofort in Kraft bzw.
digen. Die Wahl der inhaltlich entscheidenden der letztendlich entstandene Satz nach meiner
Zeitangabe war natürlich nicht vorherzusagen. Kenntnis is das unverzüglich haben. Wir haben be-
Schabowski führte seinen Satz aber gar nicht zu- reits angedeutet, wie sich Wörter durch Verschie-
ende, so als ob er seine Rezipienten gerade durch be- und Ersetzungstests bestimmen lassen. Diesel-
die Verzögerung auf die Folter spannen wollte. ben Tests erlauben die Schlussfolgerung, dass die
Vielmehr drehte er den begonnenen Satz in eine Wörter in einem Satz sich in der Regel in größere
neue Konstruktion um, indem er nach meiner Einheiten gruppieren lassen. Insbesondere ist es
Kenntnis zum Anfang eines neuen Satzes machte, offensichtlich, dass im Beispielsatz die Wortse-
nämlich: nach meiner Kenntnis is das sofort. Die quenz nach meiner Kenntnis einen anderen Status
syntaktische Planung änderte sich also im Verlauf hat als zum Beispiel die Wortsequenz Kenntnis is
der Produktion der Äußerung: das: Im Gegensatz zur ersteren lässt sich diese
nämlich nicht insgesamt verschieben:
das tritt nach meiner Kenntnis (o sofort in Kraft)
(9) (a) [nach meiner Kenntnis] is das sofort
das tritt nach meiner Kenntnis is das sofort (b) sofort is das [nach meiner Kenntnis]
(c) das is [nach meiner Kenntnis] sofort
(d) *nach [Kenntnis is das] sofort meiner
Solche Drehkonstruktionen (in der Fachterminolo- (e) * sofort nach meiner [Kenntnis is das]
gie Konstruktionen apo koinu genannt, griech. etc.
›durch das Gemeinsame‹) sind in der gesproche-
nen Sprache recht häufig. Die Sprecher tilgen den In der Syntax geht es zuallererst einmal darum,
Anfang einer syntaktischen Konstruktion und set- solche Phrasen zwischen Wort (minimale Phrase)
zen für die online-Prozessierung einen neuen An- und Satz (als maximaler Phrase) zu bestimmen
fangspunkt. und ihre Struktur sowie Einbettung in größere
Das letzte Element in (1), nämlich das Adverb Strukturen (andere Phrasen oder den Satz als Gan-
unverzüglich, gehört zwar syntaktisch ebenfalls zes) zu beschreiben. Wie das genau geht, wird in
noch zur Äußerung, es hat aber einen ganz beson- Kapitel 4 genauer erläutert. Etwa ist nach meiner
deren Status: Es tritt retraktiv an der Stelle von Kenntnis eine Präpositionalphrase, weil das be-
sofort in dessen syntaktische Position, um das dort stimmende Element darin (der Kopf) die Präpositi-
ursprünglich platzierte Wort durch ein (nach Mei- on nach ist; sie legt den Kasus der Nominalphrase
nung des Sprechers) spezifischeres oder passende- meiner Kenntnis fest. In dieser Nominalphrase
res zu ersetzen: wiederum ist das Nomen das zentrale Element,
denn es bestimmt das Genus des Artikels (Deter-
das tritt nach meiner Kenntnis is das sofort minators, ›Det‹, meiner). Außerdem müssen in der
Nominalphrase alle Elemente in Bezug auf Nume-
unverzüglich rus und Kasus übereinstimmen. Wir bekommen
also eine hierarchische Phrasenstruktur:
11
1.1
Einleitung
Sprache – Die vielen
Facetten eines Unter-
suchungsgegenstands
12
1.1
Einleitung
Bedeutung
1.1.4 | Bedeutung auch auf die Zerstörungen der Stadt Rom durch
die Germanen beziehen. Allerdings haben wir in
Es gibt in dieser Einführung kein eigenes Kapitel der Syntax die Möglichkeit, auf alternative, formal
über Semantik. Wir sind nämlich der Meinung, besser spezifizierte Varianten auszuweichen (die
dass sich Wörter und Sätze viel besser beschreiben Zerstörungen durch Rom, die Zerstörungen Roms
lassen, wenn man bei der Analyse der Struktur durch die Germanen etc.).
auch schon die Bedeutung berücksichtigt. Die Se- Zur Wortsemantik gehört aber natürlich nicht
mantik ist also Teil der Morphologie und der Syn- nur die semantische Seite von Wortbildungsver-
tax. Man kann zwischen Wortsemantik und Satzse- fahren, sondern auch die Analyse der Wortbedeu-
mantik unterscheiden; die Trennung ist aber etwas tung selbst. Sie erfolgt in der heutigen Linguistik
künstlich und die Übergänge sind fließend. So ge- normalerweise durch die statistische Analyse gro-
hört zwar das sog. Funktionsverbgefüge in Kraft ßer Korpora, in denen nach den Vorkommenskon-
treten zur Syntax, denn wir haben es sicherlich mit texten des jeweiligen Worts gesucht und daraus
drei Wörtern zu tun, die allerdings in einer ziem- ihre Bedeutung abgeleitet wird.
lich ungewöhnlichen Weise aneinander gebunden Satzsemantik: Die Art und Weise, wie sich
sind (es fehlt der Artikel). Semantisch lässt sich Wörter zu syntaktischen Einheiten verbinden und
dieses Funktionsverbgefüge aber nur als Einheit dabei die Bedeutung der Teile zur Bedeutung die-
beschreiben, die eine ›indirekte‹, konventionali- ser größeren Einheiten wird, hat ebenfalls sowohl
sierte Bedeutung hat, wie auch einzelne Wörter. eine regelmäßige als auch eine unregelmäßige Sei-
Wortbedeutung: Wie wir bereits gesehen ha- te. Zum Beispiel hat die lokale Präposition in in
ben, sind Wörter oft aus Bestandteilen zusammen- Verbindung mit einer Nominalphrase im Akkusa-
gesetzt; eine Aufgabe der Semantik ist es daher, tiv in vielen Fällen ganz regelmäßig den semanti-
die Auswirkungen der Derivation und der Kom- schen Effekt, den Zielpunkt einer Bewegung eines
position auf die Bedeutung des Gesamtworts zu Objekts in den durch die NP bezeichneten Ort aus-
erfassen. Das Beispiel Verzug o unverzüglich zudrücken: in die Manteltasche stecken, in den
zeigt bereits, dass sich das oft nur aus einer histo- Verteiler aufnehmen, ins Nest setzen. In diesem Fall
rischen Perspektive leisten lässt, weil man die Be- lässt sich die Bedeutung der gesamten Präpositio-
deutung dieses komplexen Worts nicht einfach nalphrase also recht gut aus der Bedeutung der
durch ›Addition‹ der Bedeutungen der Ausgangs- Präposition und der Bedeutung der NP ableiten. In
morpheme gewinnen kann. Bei neueren Komposita anderen Fällen ist jedoch die Beziehung zwischen
(wie etwa Studierendenparlament) und besonders Präposition und Nominalphrase ohne sprachge-
bei ad hoc gebildeten Komposita und Derivationen schichtliche Erklärung nicht mehr nachvollziehbar.
ist das anders; ihre Gesamtbedeutung ist durch- Das ist auch bei der Präpositionalphrase in Kraft
sichtig und in einer regelmäßigen Weise auf die so, die Teil des Funktionsverbgefüges in Kraft set-
Einzelbestandteile bezogen. Allerdings sind auch zen ist. (Dasselbe gilt für idiomatische Wendungen
morphologische Neubildungen in Bezug auf ihre wie sich in die Tasche lügen.) In diesem Fall ist es
Semantik formal oft unterspezifiziert. Wir haben nicht mehr so klar, ob noch der Zielpunkt einer
im Deutschen keine Möglichkeit, in einem Kompo- Bewegung ausgedrückt wird: etwas in Kraft setzen
situm die semantische Relation zwischen den Be- heißt ja schlicht und einfach nur, etwas gültig wer-
standteilen auszudrücken, sondern sind dabei auf den zu lassen. Dazu muss dieses Etwas nicht be-
unser Alltagswissen angewiesen. So ist an der wegt werden. Aus der Semantik der Bewegung zu
Struktur des Kompositums Kartoffelmann nicht zu einem Zielpunkt hin hat diese idiomatische Ver-
erkennen, ob es sich um eine männliche Figur bindung nur noch ihren zielgerichteten Charakter
handelt, die aus Kartoffeln gebastelt wurde, oder bewahrt, nicht aber den Bewegungsaspekt.
um einen Mann, der Kartoffeln verkauft. Hängt Eine weitere Parallele zwischen Wort- und Satz-
man eine Verkleinerungsform an (Kartoffelmänn- semantik besteht darin, dass sowohl bestimmte
chen), wird die zweite Interpretationsvariante aus Morpheme innerhalb eines Worts als auch be-
naheliegenden Gründen schon wesentlich unwahr- stimmte Wörter innerhalb eines Satzes keine refe-
scheinlicher und entsprechend die erste wahr- renzielle Bedeutung haben, d. h. sie sagen nichts
scheinlicher. Solche semantische Unterspezifizie- über die Dinge in der Welt aus, auf die sich das
rungen gibt es übrigens auch in der Syntax: Die Wort bzw. der Satz bezieht. Vielmehr haben sie
Nominalphrase die Zerstörungen Roms kann sich lediglich eine grammatische Funktion. So macht
sowohl auf die Zerstörungsfeldzüge der Römer als das Suffix -nis aus dem Verb kennen einfach nur
13
1.1
Einleitung
Sprache – Die vielen
Facetten eines Unter-
suchungsgegenstands
ein Nomen (Kenntnis), genauso wie die Kopula onsgebundenen Ausdrücke verlässt. Da sie quasi
is(t) lediglich dazu dient, Prädikat und Subjekt des wie Wegweiser aus der Sprache heraus auf ihre
Satzes zu verbinden. Referenten zeigen, spricht man von Deixis (von
griech. deixis, ›Zeichen, Hinweis‹).
Anaphern: Neben den deiktischen sprachli-
chen Zeichen, die aus der Sprache heraus in die
1.1.5 | Text und Interaktion Situation weisen (also exophorisch sind), gibt es
solche, die auf den vorausgegangenen Text ver-
Deixis: Manche Wörter in einem Satz (wie auch weisen. Man nennt sie Anaphern (von griech.
manche Bestandteile von Wörtern) tragen aber anaphora ›Rückbeziehung‹). In Schabowskis Äu-
noch aus einem anderen Grund für sich genom- ßerung findet sich eine solche Anapher, nämlich
men nichts zu seiner Bedeutung bei: Sie können das Pronomen das, in Subjektsfunktion. Aus der
nämlich gar nicht interpretiert werden, wenn man Äußerung selbst lässt sich auch in diesem Fall
nicht weiß, in welcher Situation bzw. in welchem nicht erkennen, auf was sich das Pronomen be-
Kontext sie geäußert worden sind. In unserem Bei- zieht; ohne den sprachlichen Vor-Text bliebe die
spielsatz ist ein solches Wort meiner, das keinen Äußerung sinnlos, denn sie hätte kein Thema.
Sinn hat, wenn man nicht weiß, wer spricht: Erst Die Anapher verweist zurück auf den vorherigen
durch diese außersprachliche Information wird Text, um ihr ein solches Thema zu geben; aber
Schabowski Teil der Bedeutung des Satzes nach worauf genau bezieht sie sich eigentlich? Um da-
meiner Kenntnis is das sofort, die Referenz auf ihn rauf eine Antwort zu geben, müssen wir uns den
ergibt sich nicht aus dem Satz selbst. Es ist ein gesamten Ablauf der Pressekonferenz anschauen,
wichtiges Merkmal der menschlichen Sprache, der ja für die Teilnehmer den Vor-Text der Äuße-
dass sie sich ganz wesentlich auf solche situati- rung (1) bildet.
Beispiel Pressekonferenz mit G. Schabowski am 9.11.1989 kommt das Thema des geplanten neuen Reise-
gesetzes der DDR zur Sprache (KJ = Krzysztof
Auf dem Podium sitzen rechts neben Günter Janowski von der Voice of America, PB = Peter
Schabowski (GS) Helga Labs, Mitglied des ZK der Brinkmann von der BILD-Zeitung, RE = Ric-
SED, und Manfred Banaschak (MB), Chefredak- cardo Ehrmann sowie NN1 und NN2 = unbe-
teur von Die Einheit, links von ihm Gerhard Beil, kannte Stimmen von Medienvertretern aus dem
DDR-Minister für Außenwirtschaft. Gegen Ende Saal; Transkriptionskonventionen im Anhang,
der bisher schläfrig verlaufenen Pressekonferenz S. 433–435):
14
1.1
Einleitung
Text und Interaktion
ÛKXQG'(6KDOElKVFKQHOOHU!KDEHQZLUXQVGD]X
HQW6&+/26VHQ!
20 heute, (-)
21 äh (-) eine (-) REgelung zu treffen,=
22 =die es JE:dem bürger der dee dee ER,
23 mÖglich MACHT, (-) äh (-)
24 Über grEnzübergangs (.) pUnkte der dee dee ER. (-)
25 äh: auszureisen.
26 (1.0)
27 RE: [Ohne PASS. [Ohne PASS.
28 KJ: [und ab wAnn wird das (.) [GELten?
29 GS: [((Blickt in Richtung auf RE/KJ.))
30 ? nein nein.
31 GS: [bitte?
32 [((senkt Blick))
33 PB: ab soFORT?
34 GS: [((Blick bleibt gesenkt, kratzt sich an der Schläfe))
35 KJ: [wann das gilt. (0.5)
36 PB: ab
37 GS: also geNOSse=(i) mir IS det hier also MITgeteilt worden?=
38 = [dass eine solche (0.9) [MITteilung: [hEUte schon (0.5)
39 [((Blick auf Tisch zu Unterlagen [((setzt Lesebrille auf))
40 Beil: [((beugt sich zu ihm und
sagt leise etwas zu ihm))
41 GS: äh=[verBREItet worden is,=
42 [((schaut im Saal umher))
43 =sie MÜSSte eijentlich in ihrem beSITZ sein?
44 (0.5)
OLHVWYRU!DOVRSULY$WUHLVHQQDFKGHP$86ODQGN|QQHQ2+QH
vOrliegen von voRAUSsetzungen,=
U(,VHDQOlVVHXQGYHU:$1'7VFKDIWVYHUKlOWQLVVH
47 =beANtragt werden,
48 =die genEhmigung werden werden kUrzfristig erTEILT, (.)
49 zuständige abteilungen pass und MELdewesen der vau pe der
vkspolizeikreisämter der dee dee er sind ANgewiesen,
50 vIsa zur stÄndigen Ausreise UNverzüglich zu erTEIlen,
51 OHne dass dafür noch geltende vorAussetzungen für eine stÄndige
$XVUHLVH925OLHJHQPVVHQ!
52 (0.5)
53 äh: [::
54 RE: [mit pass.
*6 OLHVWYRU!VWlQGLJH$86UHLVHQN|QQHQEHU$/OH
GRENZübergangsstellen der DEE dee er zur bee er DEE erfolgen.
56 damit entFÄLLT die vorübergehend ermöglichte ertEIlung von
entsprechenden genEhmigungen in Auslandsvertretungen (.) der
dee dee ER,
57 beziehungweise die ständige Ausreise mit dem personalausweis
GHUGHHGHH(5EHU'5,77VWDDWHQ!
58 äh die PASSfrage kann ich jetzt nicht [beANTworten,
59 [((blickt zu RE))
60 das ist auch eine TECHnische frage.
>LFK:(,66MDQLFKW
62 [((Blick zu MB/Labs))
15
1.1
Einleitung
Sprache – Die vielen
Facetten eines Unter-
suchungsgegenstands
(Transkript nach dem Gesamtmitschnitt der Pressekonferenz. Dank an das Rundfunkarchiv Babels-
berg für die Bereitstellung der Aufnahme.)
Anaphernauflösung: Es zeigt sich, dass das Prono- form (Präsens: tritt). Diese sprachlichen Elemente
men das in Schabowskis Äußerung (Z. 72) im ›Text‹ können nur dann verstanden werden, wenn man
der Interaktion relativ weit zurückverweist. Es be- den Sprecher bzw. den Zeitpunkt des Sprechens
antwortet zwar die unmittelbar vorhergehende Fra- kennt. Sie holen die Situation bzw. den Vor-Text in
ge eines Journalisten (wann tritt das in Kraft?, die Interpretation der jeweiligen Äußerung herein.
Z. 71), in der ebenfalls ein anaphorisches Prono- Die Äußerung ist aber noch in einer anderen Art
men das vorkommt. Aber worauf verweist dieses und Weise mit dem Sprecher oder der Sprecherin
Pronomen denn? Offenbar auf die gesamte Ankün- verbunden: Die Art und Weise, wie sie formuliert
digung Schabowskis über die neue Reiseregelung in wird, zeigt uns, wie sie den Sachverhalt oder das
den Zeilen (45) bis (57). Das kann also eine Äuße- Ereignis, von dem sie sprechen, sehen und verste-
rung mit einem sehr langen und komplexen Vortext hen und wie sie ihn uns vermitteln wollen. Jeder
verbinden. Das Pronomen unterscheidet sich in die- Satz drückt auch eine bestimmte Haltung bzw. Per-
ser Hinsicht von anderen wie der/er/die/sie etc., die spektive des Sprechers auf das Dargestellte aus.
einen einzelnen Gegenstand oder eine Person, die Schabowskis Perspektive auf den Sachverhalt (dass
vorher erwähnt worden ist, semantisch in die Aus- die neue Reiseregelung sofort in Kraft tritt) ist durch
sage integrieren, in der sie stehen. Etwa bezieht das Satzadverbiale nach meiner Kenntnis gekenn-
sich das sie in Zeile 43 nur auf eine solche Mittei- zeichnet. Es ist nicht dasselbe, ob man sagt:
lung in Zeile 38.
Neben anaphorischen Pronomina gibt es auch (13) (a) Nach meiner Kenntnis ist das sofort.
kataphorische wie das det in Zeile 37, die auf eine (b) Das ist sofort.
nachfolgende Information – hier den Komplement- (c) Möglicherweise ist das sofort.
satz dass eine solche Mitteilung heute schon ver- (d) Bestimmt ist das sofort.
breitet worden ist – verweisen. (e) Bedauerlicherweise ist das sofort.
Perspektive: Es gibt also Sprachelemente, die (f) Nach meiner Kenntnis müsste das sofort sein.
als solche keine Bedeutung haben, sondern auf ei- (g) Das dürfte sofort sein.
nen Sachverhalt, einen Gegenstand oder einen (h) Ich denke, das ist sofort.
sonstigen Referenten verweisen, der entweder au- (i) Ich sag mal, das ist sofort.
ßerhalb des Satzes im Text vorkommt (wie in die- (etc.)
sem Fall das) oder in der Sprechsituation gesucht
werden muss. Beispiele dafür sind das Pronomen Der Sprecher drückt vielmehr durch die Wahl des
ich, der Possessivartikel mein oder die Tempus- Adverbials (a, c, d, e, f), durch die Verwendung
16
1.1
Einleitung
Text und Interaktion
eines Modalverbs (f, g), durch die Einbettung des Textlinguistik: Durch anaphorische und kata-
Satzes in einen Matrixsatz mit einem Verb des Sa- phorische Verweise, die sich inhaltlich oft nur in
gens, Denkens oder Meinens (h, i) bzw. durch die einem komplizierten Zusammenspiel von forma-
Entscheidung, nichts davon zu verwenden (b), len und inhaltlichen Kriterien auflösen lassen, be-
aus, für wie wahrscheinlich er den konstatierten kommt die gesamte Interaktionssequenz eine tex-
Sachverhalt hält bzw. wie sicher er sich seiner tuelle Struktur. Ihre einzelnen Bestandteile bezie-
Aussage ist (epistemische Haltung, stance) und hen sich aufeinander. Diese Textstruktur ist weni-
wie er sie bewertet. Dabei ist es interessanterwei- ger dicht als die interne Struktur der Sätze, aber
se so, dass die unmodifizierte Variante (b) größe- sie ist dennoch mit den Verfahren der Textlinguis-
re Sicherheit vermittelt als die Variante (d), die tik beschreibbar (s. Kap. 5). Zu ihr gehört natür-
diese Sicherheit behauptet. lich noch viel mehr als nur die Verwendung von
Außerdem macht es einen Unterschied, welche Anaphern und Kataphern. Um verständlich zu
von den folgenden Varianten man wählt: sein, muss ein Text bestimmten Anforderungen
an seine interne Struktur genügen, und die ein-
(14) (a) Das tritt nach meiner Kenntnis sofort in Kraft. zelnen Sätze müssen so aufeinander folgen, dass
(b) Das ist nach meiner Kenntnis sofort (gültig). sich ein Sinn ergibt. Die Reihenfolge wird übri-
(c) Sofort! gens, wenn es keine gegenteilige Evidenz gibt, oft
so interpretiert, dass das im früheren Satz Ausge-
Die sprachlich ausformulierte Variante (a) oder (b) drückte vor dem im nachfolgenden Satz Ausge-
wirkt weniger sicher als die knappe in (c), die sich drückten stattfand (17a), oder das im früheren
auf den Kontext der vorausgegangenen Frage ver- Satz Ausgedrückte eine Bedingung oder Ursache
lässt (sog. Ellipse). für das Eintreten des im zweiten Satz Ausge-
Des Weiteren könnte man denselben Sachverhalt drückten ist (17b):
auf eine der folgenden beiden Weisen ausdrücken:
(17) (a) Krenz verfasste eine Presseerklärung. Diese steckte er
(15) (a) Das tritt sofort in Kraft. Schabowski zu.
(b) In Kraft tritt das sofort. (b) Schabowski war in Eile. Er las den Zettel bis zur Presse-
konferenz nicht.
Hier macht sich der Sprecher die Flexibilität der
deutschen Satzgliedstellung zunutze, um einen Sprachliches Handeln: Wir haben nun die Grenzen
bestimmten perspektivischen Effekt zu erzielen: des Satzes – der größten Analyseeinheit der traditi-
Die im Kontext markierte präverbale Stellung der onellen Grammatik – verlassen und diskutieren be-
Präpositionalphrase in Kraft in (b) erzeugt im Hö- reits die wichtige Frage, wie sich Sätze in größere
rer die Erwartung, dass der Sprecher einen Kon- sprachliche Zusammenhänge einbetten. Dies lässt
trast aufbauen will, etwa: In Kraft tritt das sofort, sich einerseits in Bezug auf die formalen Mittel
aber da kaum ein DDR-Bürger einen Pass besitzt, tun, die einen Text zusammenhalten und die Per-
wird es in nächster Zeit eh keinem etwas nützen. spektive des Sprechers auf das Gesagte erkennbar
Schließlich hätte Schabowski natürlich auch machen, so wie das gerade an einem kleinen Aus-
noch völlig andere Möglichkeiten gehabt, densel- schnitt gezeigt wurde. Man kann aber auch den
ben Sachverhalt zu formulieren, etwa: Handlungscharakter der Sprache betonen und
aus dieser Perspektive kommend die Einbettung
(16) (a) Das ZK hat heute beschlossen, die neuen Reiseregelun- der Äußerung als sprachliche Handlung in eine
gen sofort in Kraft treten zu lassen. Situation analysieren. Dafür sind in der Ge-
(b) Alle DDR-Bürger können ab heute ohne Einschränkun- sprächsanalyse (Kap. 6), der Sprechaktanalyse
gen ausreisen. (Kap. 6) und in der linguistischen Anthropolo-
gie (Kap. 10) Instrumente entwickelt worden.
Während die Originalvariante eine neutrale, agens- Als sprachliche Handlung, nicht als (un)gramma-
lose Perspektive einnimmt, personalisieren diese tischer Satz, hatte Schabowskis Äußerung die
beiden Varianten den Sachverhalt der Grenzöff- Wirkung, die sie an jenem 9. November entfaltete.
nung, im einen Fall, indem sie das Zentralkomitee Schabowski hat nicht nur gesprochen, er hat
der Partei als Handelnde in den Vordergrund rückt, sprachlich gehandelt. Ob ihm die Auswirkungen
im anderen Fall, indem sie die Auswirkungen auf seiner sprachlichen Handlung (ihre Perlokution,
die Bürger in den Vordergrund stellt. nämlich der Ansturm der DDR-Bürger auf die Grenz-
17
1.1
Einleitung
Sprache – Die vielen
Facetten eines Unter-
suchungsgegenstands
übergänge noch in derselben Nacht) bewusst wa- Pressekonferenzen ausschnittsweise gezeigt wer-
ren, ob er sie vielleicht sogar intendiert hat, wissen den, eine vage Idee, was in einer solchen Situa-
wir nicht; es darf bezweifelt werden. Sprachliche tion passiert.
Handlungen werden zwar wie alle Handlungen mit Pressekonferenzen sind keine Alltagsgespräche.
einer bestimmten Intention vollzogen, diese Inten- Zwar kommen in ihnen verschiedene Sprecher zu
tion (ihre Illokution) muss aber nicht mit den tat- Wort, und manchmal tun sie das auch in einer
sächlichen Folgen übereinstimmen. Weise, die eher an ein normales Gespräch erin-
Als Handlung steht Schabowskis Äußerung nert. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen,
nicht isoliert, sondern sie fand in einer typisierten dass die sprachlichen Rollen in einer bestimmten
sozialen Situation statt, nämlich der einer Presse- Art und Weise fest verteilt sind: Die Pressevertre-
konferenz, und sie war in eine Sequenz von Hand- ter stellen Fragen, die Vertreter der jeweiligen In-
lungen eingebettet. stitution verlesen oder formulieren Mitteilungen
Die Pressekonferenz als kommunikative Gat- und beantworten Fragen. Der Institutionenvertre-
tung: Als Mitglieder einer Gesellschaft haben wir ter, der die Pressekonferenz leitet, hat eine beson-
ein umfangreiches Wissen darüber, wie man in dere Rolle: Er sucht sich die Fragen aus, auf die er
einer bestimmten Situation spricht und sich ver- antworten will. Er hat außerdem in der Regel das
hält, denn viele solche Situationen folgen einem Recht, die Pressekonferenz zu eröffnen und zu be-
typisierten Muster. Dieses Wissen kann man als enden. Die Fragen sind meist auf ein bestimmtes
kommunikatives Gattungswissen beschreiben Thema eingeschränkt, und dieses ist in der Regel
(s. Kap. 10). Zu den Gattungen gehört in diesem vorher bekannt. Schließlich müssen die Fragen der
Sinn auch die Pressekonferenz. Das Wissen ist in Pressevertreter einigermaßen kurz sein, während
ihrem Fall natürlich in erster Linie ein Experten- die Mitteilungen oder Antworten der Institutionen-
wissen, das bei den unmittelbar Beteiligten – also vertreter nach Belieben lang sein können. Die un-
Journalisten, Politiker, Sprecher aller möglichen gleiche Rollenverteilung von Veranstalter(n) und
Institutionen – sehr viel genauer ausgeprägt ist Pressevertretern bildet sich in der Sitzordnung ab:
als bei Durchschnittsbürgern, die nur selten an Die Vertreter der Institution sitzen oder stehen
einer solchen Veranstaltung teilnehmen. Aber normalerweise nebeneinander in einer herausge-
auch sie haben aufgrund der Medien, in denen hobenen Position – oft auf einem Podest, teils an
Abb. 5:
Pressekonferenz der DDR-
Regierung am 9.11.1989;
links auf der Treppenstufe
sitzend Riccardo Ehrman,
in der Mitte –
nach hinten gewandt –
PeterBrinkmann
18
1.1
Einleitung
Text und Interaktion
einem Rednerpult oder Tisch – frontal den Pres- Wir sehen jetzt, dass Schabowskis Formulie-
severtretern gegenüber, die oft niedriger sitzen rung das tritt … (in Kraft) nicht von ihm stammt,
oder stehen. sondern bereits in der Frageformulierung in Z. 71
Am 9.11.1989 leitete Günter Schabowski die von einem anderen Sprecher verwendet wird.
Pressekonferenz der SED, da er als »Sekretär des Ebenso zeigt sich, dass das unverzüglich in Z. 77
ZK der SED für Informationswesen« quasi als Re- nicht von Schabowski kommt, sondern ihm als Pa-
gierungssprecher fungierte. Er saß, seiner heraus- raphrase für sofort von einem weiteren, nicht iden-
gehobenen Rolle entsprechend, neben einigen tifizierten Sprecher (vermutlich einem anderen
anderen Vertretern des SED-Regimes hinter ei- Journalisten) in den Mund gelegt wird. (Dieser
nem Tisch auf einem Podest. Die Pressevertreter wiederum zitiert es vermutlich aus dem von Scha-
und Kameraleute waren im Saal stehend oder sit- bowski gerade vorgelesenen Text der Pressemittei-
zend verteilt. Zum Wissen um die Pressekonfe- lung: Die zuständigen Abteilungen Paß- und Mel-
renz als kommunikative Gattung gehört auch die dewesen der VP – der Volkspolizeikreisämter – in
sprachliche Form. Dies reicht von der Sprach- der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Aus-
wahl (in DDR-Pressekonferenzen war nur deutsch reise unverzüglich zu erteilen.) Die Expansion sei-
erlaubt, obwohl viele Pressevertreter aus dem ner Antwort ergibt sich also wie auch schon die
Ausland kamen) bis zur Wahl des sprachlichen Antwortformulierung zu Beginn aus einem dialo-
Stils (Register). Der in der DDR übliche Stil galt gischen Prozess. Der Prozess besteht aus einem
als ausgesprochen ›hölzern‹ (vgl. Schabowskis Paraphrasierungsvorschlag des anderen Sprechers,
Formulierungen nach meiner Kenntnis, unverzüg- der von GS zunächst nonverbal durch Nicken,
lich, tritt in Kraft, die allesamt auf einen admi- dann sprachlich durch Wiederholung bestätigt
nistrativ-bürokratischen, schriftsprachlich gepräg- wird. Die Äußerung ist nicht allein Schabowskis
ten Stil verweisen). Äußerung, sie ist in ihrer Form von anderen Äuße-
Sequenzieller Ablauf: Auch wenn die Gattung rungen beeinflusst, auf die sie reagiert.
der Pressekonferenz viele Dinge vorschreibt, die Paarsequenzen: Hauptsächlich aber ist die se-
in Alltagsgesprächen frei verhandelt werden kön- quenzielle Entwicklung der Interaktion bis zu dem
nen, ist der Verlauf einer Pressekonferenz ande- Punkt, an dem Schabowski die entscheidende Äu-
rerseits auch nicht völlig vorhersagbar. Er ergibt ßerung (1) formuliert, durch jene Handlungstypen
sich zu einem gewissen Teil Schritt für Schritt, charakterisiert, die für Pressekonferenzen definie-
indem eine sprachliche Handlung an die andere rend sind, nämlich Fragen (der Journalisten) und
gereiht wird. Die Analyse solcher sequenzieller Antworten (der Institutionenvertreter). Fragen
Abläufe ist Gegenstand der Gesprächsanalyse, machen Antworten erwartbar und notwendig; bei-
die trotz ihres Namens den Anspruch hat, Hand- de Handlungen – Fragen und die passenden Ant-
lungsabläufe ganz allgemein zu beschreiben, also worten – sind also durch ein sehr enges sequenzi-
auch in einer institutionellen Redesituation mit elles Format aneinander gebunden, nämlich das
unterschiedlich verteilten Rollen. der Paarsequenz (adjacency pair). Das zweite
Dialogizität: Die sequenzielle Analyse der Ab- Glied einer Paarsequenz soll in der nächsten se-
folge der Handlungen der Teilnehmer zeigt, dass quenziellen Handlungsposition dem ersten folgen,
Schabowskis Äußerung (1) auf andere Äußerun- in diesem Fall also die Antwort unmittelbar der
gen reagiert und von ihnen geprägt ist. Betrach- Frage. In unserem Fall wurde allerdings die Frage
ten wir dazu noch einmal die abschließende Se- nach dem Zeitpunkt des Inkrafttretens der neuen
quenz: Reiseregelung erstmals bereits in Z. 28 gestellt, ob-
wohl Schabowski sie erst in Z. 74 beantwortet. Es
19
1.2
Einleitung
Sprachwissenschaftliche
Arbeitsgebiete
passiert also etwas Auffälliges. Betrachten wir die- zulenken. An dieser Stelle (Z. 71) reformuliert ein
se Verzögerung genauer. anderer Journalist KJs Frage aus Z. 28. Erst jetzt
Die erste Formulierung der Frage in Z. 28 sieht sich Schabowski veranlasst, sie – immer
kommt von dem Journalisten KJ; Schabowski ori- noch zögerlich und vielleicht der Konsequenzen
entiert sich auf den Frager, indem er ihn anschaut bewusst – zu beantworten und kommt so seinen
und mit einer generalisierten Fremdreparaturini- ›Gesprächspflichten‹ nach.
tiierung (bitte?) um eine Wiederholung der Frage Die Medien: Schabowski hatte, nicht zuletzt
bittet (Z. 31). KJ reformuliert seine Frage in 35 durch die sequenzielle Dynamik der Situation ge-
(wann das gilt); kurz vorher schon (in Z. 33) trieben, eine einfache temporale Frage in einer
wurde sie durch den Journalisten PB konkreti- Weise beantwortet, die nichts anderes als die so-
siert (ab sofort?). Schabowski steht also unter fortige Grenzöffnung ankündigte. Als sprachliche
dem Druck zweier Paarsequenzen, die beide eine Handlung konnte diese Antwort ihre historische
Antwort konditionell relevant machen. Sein Wirkung nicht etwa dadurch entfalten, dass sie be-
weiteres Verhalten ist sichtbar ausweichend und sonders gut formuliert oder gar inszeniert war
ein schönes Beispiel dafür, wie sich – frei nach (wie das zum Beispiel für andere berühmte Sätze
Kleist (Auer, im Druck) – die Gedanken im dialo- wie ich bin ein Berliner, l’état c’est moi oder veni
gischen Sprechen erst formen. Schabowski macht vidi vici gelten mag). Sie konnte vielmehr nur da-
zunächst (in Z. 34) durch eine Geste klar, warum durch in die Geschichtsbücher eingehen, dass sie
er die Frage nicht beantworten kann (sich an der im Rahmen einer bestimmten Teilnehmerkonstel-
Schläfe zu kratzen, ist eine konventionalisierte lation vollzogen wurde, die sowohl auf der Seite
Ausdrucksform von Ratlosigkeit: Er weiß die Ant- des Sprechers als auch auf der Seite der Rezipien-
wort nicht). ten sehr spezifische Strukturen aufwies. Auf der
Es folgt dann (Z. 37–43) der Verweis auf eine Sprecherseite deshalb, weil Günter Schabowski
ominöse Mitteilung, die an die Journalisten bereits nicht für sich selbst sprach, sondern als Sprach-
verteilt worden sei. Dabei entzieht sich Schabows- rohr der Regierung der DDR (dass er deren Be-
ki der Verpflichtung zur Antwort auf die immer schlüsse nicht richtig wiedergab, weil er den
noch offenen Fragen von KJ und PB auch dadurch, Sperrvermerk der Presseerklärung nicht kannte,
dass er nun nicht mehr die beiden Frager allein wusste ja niemand). Letztendlich verlas er ja nur
adressiert, sondern sich an das gesamte Auditori- den Text der Presseerklärung und interpretierte
um richtet (z. B. die eher deplatzierte Anrede bzw. konkretisierte sie (wenn auch fehlerhaft).
Genosse(n), Blick in den Saal in Z. 42). Faktisch Auf der Rezipientenseite war die Situation des-
war die Pressemitteilung nicht verteilt worden. halb besonders, weil Schabowski zwar die Fragen
Schabowski beginnt sie also schnell und mit eini- bestimmter Journalisten beantwortete und seine
gen Kürzungen zu verlesen (Z. 45–57). Eine Nach- Äußerung (1) damit individuelle Adressaten hatte,
frage des Journalisten RE in Z. 54, ob zum Grenz- die Antworten jedoch nicht nur an diese, sondern
übertritt ein Pass notwendig sei (sie wurde erstmals sekundär auch an all die übrigen anwesenden Me-
schon in Z. 27 gestellt), führt ihrerseits zu einer dienvertreter gerichtet waren. Vor allem aber gab
ausweichenden Antwort Schabowskis (Z. 58–68) es aufgrund der Direktübertragung durch das
sowie zu einer kurzen Bemerkung Banaschaks zu DDR-Fernsehen und die nur geringfügig zeitver-
diesem Thema (Z. 67). setzte Sendung relevanter Ausschnitte in der ARD-
Schabowski scheint es geschafft zu haben, die Tagesschau um 20 Uhr einen weiteren Zuhörer:
Aufmerksamkeit von der ursprünglichen Frage ab- das Volk der DDR. Die Folgen sind bekannt.
20
1.2
Einleitung
Sprachwissenschaftliche
Arbeitsgebiete
zieren? Die Antwort ergibt eine lange Liste von ■ Wir müssen Sprache und körperliche Kommu-
Teilkompetenzen: nikationsformen aufeinander beziehen (z. B.
■ Wir müssen Anfang und Ende von Äußerungen Gesten verstehen, die mit deiktischen Sprach-
im akustischen Signal erkennen (bzw. die Hö- mitteln verbunden sind) bzw. diesen Bezug für
rer dazu in die Lage versetzen, dass sie dies bei den Rezipienten deutlich machen.
unseren eigenen Äußerungen tun können). ■ Wir müssen die Perspektive des Sprechers auf
■ Wir müssen aus dem Lautstrom die Informa- das Dargestellte erkennen (und unsere eigene
tion herausziehen, die für den propositionalen Perspektive ausdrücken).
Gehalt einer Äußerung – also für das Referieren ■ Wir müssen in einer Äußerung die neue, rele-
auf Dinge, Sachverhalte und Ereignisse in der vante Information finden und von der alten,
Welt – wichtig ist (bzw. die Hörer dazu in die schon bekannten unterscheiden (bzw. die Hö-
Lage versetzen, dass sie dies bei unseren eige- rer dazu in die Lage versetzen, dass sie dies bei
nen Äußerungen tun können). unseren eigenen Äußerungen tun können).
■ Wir müssen die übrige in der Äußerung vor- ■ Wir müssen wissen, wie man in einem Ge-
handene Information verstehen können, die spräch zu Wort kommt.
uns z. B. Rückschlüsse auf soziale Attribute des ■ Wir müssen wissen, welche Handlungen einan-
Sprechers oder auf Merkmale der Sprechsitua- der folgen können, d. h. was wir an einer be-
tion erlaubt (bzw. die Hörer dazu in die Lage stimmten Stelle im Gespräch tun sollen oder
versetzen, dass sie dies bei unseren eigenen können und was nicht.
Äußerungen tun können).
■ Wir müssen die Inhaltswörter und grammati- Die Liste ist noch nicht einmal vollständig. Sie
schen Elemente in der Äußerung identifizieren zeigt aber bereits, wie komplex Sprache ist. Es
(bzw. die Hörer dazu in die Lage versetzen, kommt hinzu, dass diese verschiedenen Kenntnis-
dass sie dies bei unseren eigenen Äußerungen se und Wissensbestände in der richtigen zeitlichen
tun können). Synchronisierung aktiviert und miteinander ver-
■ Wir müssen wissen, wie man neue Wörter bunden werden müssen. Das Erstaunliche ist nun,
bauen kann (um umgekehrt auch in der Lage zu dass trotz dieser Komplexität jedes kleine Kind,
sein, Wörter, die wir noch nie gehört haben, in das sich normal entwickelt hat, die genannten Fä-
ihre Bestandteile zu zerlegen und zu verstehen). higkeiten besitzt und in der Lage ist, die genann-
■ Wir müssen wissen, wie sich Wörter zu Sätzen ten sprachlichen Teilkompetenzen so zusammen-
(abgeschlossenen sprachlichen Einheiten) ver- zuführen, dass es erfolgreich und in einem sehr
binden lassen, und damit ihre Rolle innerhalb differenzierten Sinn sprachlich handeln bzw. das
von Sätzen erkennen (und dies unseren Hörern sprachliche Handeln anderer verstehen kann. Das
ermöglichen). heißt natürlich nicht, dass es keine Unterschiede
■ Wir müssen signalisieren können bzw. verste- zwischen den Menschen in Bezug auf ihre sprach-
hen, was in einem Satz zusammengehört. lichen Fertigkeiten gibt. Es ist trivial festzustellen,
■ Wir müssen die Verbindung zwischen Sätzen dass manche besser mit Sprache umgehen können
herstellen, um Texte verstehen zu können (und als andere; dass sie eher in der Lage sind, ein gro-
Texte so gestalten, dass das unseren Hörern ge- ßes Repertoire an sprachlichen Mitteln situations-
lingt). angemessen einzusetzen; dass sie andere leichter
■ Wir müssen interpretieren können, wie sich ein überzeugen oder unterhalten können; dass sie
Satz in die Sprechsituation einbettet und aus ihr besser mit Sprache spielen und damit kunstvolle
Teile seines Sinns bezieht (bzw. die Hörer dazu mündliche oder schriftliche Texte produzieren
in die Lage versetzen, dass sie dies bei unseren können; dass sie sich leichter damit tun, neben ei-
eigenen Äußerungen tun können). ner Sprache noch viele andere zu lernen.
■ Wir müssen verstehen bzw. klarmachen, wel- Im Vergleich zu dem, was jeder kann, ist dieser
che kommunikative Gattung gerade verwendet ›Kürbereich‹ der sprachlichen Kompetenz dennoch
wird. erstaunlich klein. Man könnte es so formulieren:
■ Wir müssen mit sprachlichen Ressourcen Die Entwicklung von Sprache hat die Menschen
sprachliche Handlungen konstruieren können bzw. ihre Vorläufer unter den Primaten 100.000 bis
(bzw. die sprachlichen Handlungen anderer 300.000 Jahre gekostet (die Schätzungen divergie-
aufgrund ihrer Struktur und ihrer kontextuellen ren sehr stark; s. Kap. 9.2). Es verwundert nicht,
Einbettung verstehen). dass im Vergleich dazu die wenigen tausend Jahre,
21
1.2
Einleitung
Sprachwissenschaftliche
Arbeitsgebiete
in denen sich Kunstformen von Sprache herausge- lin-Ode ist nicht mehr groß im Vergleich zu dem,
bildet haben, nur einen kleinen weiteren Schritt was schon an Komplexität in dieser einfachen
darstellen. Der Schritt von der Sprache eines Sprache steckt. Entsprechend ausdifferenziert ist
durchschnittlichen 8-Jährigen bis zu einer Hölder- das Forschungsfeld ›Sprache‹. Dass die ›kleinen‹
Zur Vertiefung
22
1.2
Einleitung
Sprachwissenschaftliche
Arbeitsgebiete
23
1.2
Einleitung
Sprachwissenschaftliche
Arbeitsgebiete
24
1.3
Einleitung
Paradigmen der
Sprachwissenschaft
25
1.3
Einleitung
Paradigmen der
Sprachwissenschaft
Zur Vertiefung
Offenbar entspricht dt. /DL/ teils engl. /RX/ und teils engl. /DL/ bzw. teils niederdt. /L/ und teils niederdt. /e/.
Betrachten wir zunächst Deutsch und Englisch. Wenn das Deutsche /DL/ der germ. Urform entspräche, müssten
die /RX/-Formen des Englischen durch Phonemspaltung erklärt werden. Dass sich aber so viele einzelne Wörter
wie die der stone/home/bone-Gruppe zufälligerweise in derselben Weise verändert haben sollten, ist sehr un-
wahrscheinlich. Das deutet darauf hin, dass die im Englischen noch sichtbare Unterscheidung zweier Phoneme
/RX ~ DL/ der älteren Stufe näher kommt als das Deutsche. Deutsch /DL/ muss also zwei historische Quellen ha-
ben (die irgendwann zusammengefallen sind). Die eine Quelle ist die, die auch engl. /ai/ entspricht. Nun zeigt
allerdings das Niederdeutsche, dass dort in den Wörtern, die im Deutschen und im Englischen /DL/ enthalten
(wie Eis ~ ice), ein /L/ steht (Iis). Es muss also eine gemeinsame Vorläufer-Form für das niederdt. Phonem /L/
und die deutschen und englischen Phoneme /DL/ geben. Da Diphthongierungen im Hauptakzent eines Worts
viel wahrscheinlicher sind als Monophthongierungen, wird diese Ausgangsform vermutlich /L/ gewesen sein.
26
1.3
Einleitung
Historisch-vergleichende
Sprachwissenschaft
Aus diesem /L/ hat sich durch Diphthongierung das heutige engl./dt. /ai/ entwickelt. Diese rekonstruierte
Form wird durch die historischen Dokumente bestätigt: Im Alt- und Mittelhochdeutschen bzw. Altenglischen
hatten die entsprechenden Wörter ein /L/, z. B. mhd. îs, mîn, zît.
Was ist nun die historische Quelle für die zweite lexikalische /DL/-Gruppe, zu der z. B. dt. Stein gehört, dem im
Engl. /RX/ entspricht (stone)? Wie ist /RX/ zu /DL/ geworden? /RX/ und /DL/ können kaum auf ein gemeinsames
germ. */RX/ zurückgehen, denn /DL/ > /RX/ wäre erneut ein sehr unwahrscheinlicher Wandel, der sonst nicht
belegt ist. Vielmehr müssen sich beide aus einem dritten Laut im Germanischen entwickelt haben. Aufgrund
der Tatsache, dass im Niederdeutschen und anderen westgermanischen Sprachen in den entsprechenden Wör-
tern ein Monophthong steht, sowie aufgrund des historisch belegten /a/ in den entsprechenden altenglischen
Wörtern geht man davon aus, dass das der Diphthong /DL/ war. Im Deutschen hat er sich nur wenig verändert
und ist schließlich mit dem diphthongierten /L/ (aus germ. /L/) zusammengefallen, während er im Englischen
und Niederdeutschen (wie übrigens auch im Niederländischen) zu einem Monophthong /a/ bzw. /e/ wurde.
Lediglich das englische /a/ wurde später erneut diphthongiert.
Die teils durch historische Dokumente nachgewiesene, teils rekonstruierte (*) Entwicklung wird dann so aus-
gesehen haben:
Eine Rekonstruktion dieser Art baut einerseits sehr stark auf der Plausibilität der phonologischen Wandel-
prozesse auf, die von der postulierten alten Form zu den neueren Formen führen. Zum anderen kann sie nur
funktionieren, wenn die passenden Wortgruppen miteinander verglichen werden. Das ist nicht immer so ein-
fach wie in unserem Beispiel, wo die Bedeutung der Wörter mehr oder weniger gleich geblieben ist. (Schon im
Fall von bone ~ Bein zeigt sich allerdings eine semantische Verschiebung.) So gibt es im Englischen das Wort
rope ›Seil‹, das tatsächlich mit dt. Reif und niederdt. reep genauso verwandt ist wie stone mit Stein, dessen Be-
deutung aber deutlich differiert. Wenn die Semantik sich auseinanderentwickelt hat, ist es schwierig, die Identi-
tät des Worts zu belegen. Manchmal sind die für den Vergleich wichtigen Wörter in einer Sprache auch einfach
verschwunden. So hat das deutsche Verb heißen überhaupt keine Entsprechung im heutigen Englischen, ob-
wohl es einmal ein altenglisches Wort hatan gegeben hat, dessen Stammvokal auf germ. /ai/ zurückgeht.
es möglich, etwa 5000 bis 6000 Jahre ›zurückzu- dass das Sanskrit der indoeuropäischen Ursprache
rechnen‹. Ziel der historisch-vergleichenden Sprach- näherstand als die (Vorstufen der) europäischen
wissenschaft war zu Beginn die Rekonstruktion Sprachen. Seine Methode wurde von dem däni-
der indoeuropäischen Ursprache; im 20. Jahr- schen Linguisten Rasmus Rask (1787–1832) wei-
hundert wurde das Verfahren aber auch auf andere terentwickelt und von Jacob Grimm (1786–1859)
Sprachfamilien angewendet, für die die Überliefe- auf die Herausbildung des Hochdeutschen aus
rungsgeschichte viel schlechter ist als für die meis- dem Westgermanischen (»Hochdeutsche Lautver-
ten indoeuropäischen Sprachen. schiebung«, in der englischsprachigen Linguistik-
Ein Pionier der phonologischen Rekonstruktion Welt als Grimm’s Law bekannt) angewandt.
war Friedrich Schlegel (1772–1829), der in seiner Vergleichende Grammatik: Neben der phonolo-
Arbeit über Sprache und Weisheit der Inder (1808) gischen Rekonstruktion widmete sich die histo-
durch Wortgleichungen zwischen Sanskrit, Deutsch, risch-vergleichende Sprachwissenschaft vor allem
Lateinisch, Altgriechisch und Persisch nachwies, der Morphologie, der sogenannten Vergleichen-
27
1.3
Einleitung
Paradigmen der
Sprachwissenschaft
den Grammatik. Die morphologisch orientierte, in einer durchgängigen Forschungslinie bis heute
historisch-vergleichende Grammatikforschung er- weiterverfolgen lässt, kündigte sich doch in der
reichte einen Höhepunkt in den Arbeiten von Mitte des 19. Jahrhunderts eine andere, völlig
Franz Bopp (1791–1867), insbesondere seiner neue Sicht auf Sprache an. Sie stand zunächst un-
1833–1852 publizierten monumentalen Verglei- ter dem Einfluss der biologischen Abstammungs-
chenden Grammatik des Sanskrit, Zend, Griechi- lehre Charles Darwins.
schen, Lateinischen, Litauischen, Altslawischen, Stammbaumtheorie: Ein erster typischer und
Gotischen und Deutschen. sehr einflussreicher Vertreter des neuen, an den
Sprachtypologie: Zusätzlich wurde in der Ver- Naturwissenschaften orientierten Denkens war
gleichenden Grammatikforschung aber auch der der deutsche Sprachwissenschaftler August Schlei-
Grundstein für die morphologische Sprachtypolo- cher (1821–1868). Schleicher verband mit seinen
gie gelegt (s. Kap. 8). Schon Friedrich Schlegel, Vorgängern die Auffassung, dass die indoeuropäi-
besonders aber sein Bruder August Wilhelm schen Sprachen – insbesondere das Sanskrit – die
Schlegel (1767–1845) unterschieden verschiedene höchste Stufe der Sprachentwicklung darstellen,
morphologische Typen unter den Sprachen: Spra- und zwar deshalb, weil sie stark flektierenden
chen ohne Morphologie (isolierend, nach ihrer Charakter haben. Ebenfalls in Übereinstimmung
Klassifikation z. B. das Chinesische), solche mit mit seinen Vorgängern glaubte er, dass die Ent-
Affixen, die konstante Bedeutung haben (aggluti- wicklung vom Sanskrit (bzw. der indoeuropäi-
nierende Sprachen wie das Türkische), und flek- schen Ursprache) bis zu den heutigen indoeuropä-
tierende Sprachen (wie das Sanskrit). Dieselbe ischen Sprachen durch einen fortschreitenden
Idee findet sich auch bei Wilhelm von Humboldt sprachlichen Verfall geprägt ist, der sich im Ab-
(1767–1835), der daneben noch den inkorporie- bau der flektierenden Morphologie manifestiert.
renden polysynthetischen Sprachtyp einführte (Er meint damit einen Prozess, der sich bis heute
(s. Kap. 4, S. 306). All diese Versuche – insbeson- im Deutschen beobachten lässt: z. B. den aktuellen
dere die Humboldts – stehen in einer philoso- Wandel von dem Präsidenten zu dem Präsident.)
phisch geprägten Denkweise; es geht ihnen letzt- Schleicher stellt dies aber im Gegensatz zu den äl-
endlich um die Manifestation des »Volksgeistes« teren Sprachtypologen relativ neutral und emoti-
(wir würden heute vielleicht sagen: einer Kultur) onslos fest. Der Verfall entspreche dem normalen
in einer bestimmten sprachlichen Form, die ihrer- »Leben« der Sprache, genauso wie im biologischen
seits Rückschlüsse auf die geistige Entwicklung Leben. Die Entwicklung der Sprachen ist für
eines Volks erlaubt. Obwohl diese Denkweise sich Schleicher nicht nur in dieser Hinsicht mit der bio-
logischen Evolution vergleichbar. Für die Darstel-
Zur Vertiefung lung der Verwandtschaftsverhältnisse der indoeu-
ropäischen Sprachen wählte er die Form eines
Linguistik vs. Philologie bei August Schleicher Stammbaums; das war natürlich nicht zufällig,
»Nur da, wo eine Literatur vorliegt, findet die Philologie Stoff […]. Der Philolog sondern geschah mit explizitem Bezug auf Darwin
hat es mit der Geschichte zu thun, die eben da anhebt, wo der freie menschliche (s. Vertiefungskasten).
Wille sich Dasein giebt, das Object der Linguistik dagegen ist die Sprache, deren Schleichers Auffassung von der Sprachent-
Beschaffenheit eben so sehr außerhalb der Willensbestimmung des Einzelnen wicklung wird in dieser Form heute von nieman-
liegt, als es z. B. der Nachtigall unmöglich ist, ihr Lied mit dem der Lerche zu dem mehr geteilt. Sie ist aber aufschlussreich,
vertauschen. Das aber, woran der freie Wille des Menschen so wenig in organi- weil sie zeigt, wie die Linguistik schon in ihrer
scher Weise etwas zu ändern vermag, als an seiner leiblichen Beschaffenheit, ge- Anfangsphase zwischen einer geistes- und einer
hört nicht in das Gebiet des freien Geistes, sondern in jenes der Natur.« naturwissenschaftlichen Auffassung schwankte –
was sich bis heute beobachten lässt. Die einfache
Demzufolge ist auch die Methode der Linguistik von der aller Geschichtswissen- Übernahme naturwissenschaftlicher (etwa biolo-
schaften völlig verschieden und schließt sich wesentlich der Methode der Natur- gischer) Modelle, so lehrt uns Schleicher aber
wissenschaften an: auch, führt – auf Sprache angewendet – sicher-
lich nicht zum Ziel. Sprachen sind von Menschen
»[…] [Wie] die Naturwissenschaften, so hat auch sie die Erforschung eines Ge- entwickelt; sie »leben« nicht nach naturwissen-
bietes zur Aufgabe, in welchem das Walten unabänderlicher natürlicher Gesetze schaftlichen Gesetzen, auch wenn sie sich we-
erkennbar ist, an denen der Wille und die Willkür des Menschen nichts zu än- sentlich exakter beschreiben lassen als andere
dern vermögen.« [Schleicher 1850: 2-3] kulturelle Phänomene.
28
1.3
Einleitung
Junggrammatiker
Zur Vertiefung
29
1.3
Einleitung
Paradigmen der
Sprachwissenschaft
schaft argumentierten die Junggrammatiker, dass kann die alten Langvokale noch in den hoch- und
die Rekonstruktion älterer Sprachstufen nur mög- niederalemannischen Dialekten beobachten, in de-
lich sei, wenn man eine Theorie des Sprachwandels nen dieser Lautwandel nicht stattfand. Andere Dia-
habe, aus der sich z. B. mögliche und unmögliche lekte – die schwäbischen – haben die Diphthongie-
Typen von Lautwandel ergeben. Das linguistische rung zwar mitgemacht, aber nicht bis zum /ai/,
Wissen, das eine solche Theorie rechtfertigt, könne sondern nur halbwegs bis zum /İL/. Der physiolo-
man mit einiger Verlässlichkeit aber nur aus der Be- gische Grund für die Diphthongierung ist einer-
obachtung der lebendigen, mündlichen Sprache seits, dass ein langer Vokal nur schwer völlig kon-
gewinnen. Nur so ließen sich die physiologischen stant artikuliert werden kann und deshalb zur
und psychologischen Grundlagen des Sprechens spontanen Diphthongierung tendiert, andererseits,
und damit der Sprache erfassen. dass die Diphthongierung den Vokal auffälliger und
Damit wendet sich die Linguistik erstmals der besser perzipierbar macht (eine Prozessteleologie,
mündlichen Sprache als dem eigentlichen Gegen- die später als Fortisierung bezeichnet wurde).
stand ihrer Forschung zu; denn schriftliche Doku- Analogischer Wandel: Der wichtigste psycholo-
mente aus vergangenen Sprachstufen und von aus- gisch begründete Wandel ist für die Junggramma-
gestorbenen Sprachen sind sprachgeschichtlich nur tiker der durch Analogie. Die Analogie kommt
interpretierbar, wenn man weiß, wie Sprache in ih- besonders in der Morphologie, aber auch in der
rer mündlichen Wirklichkeit heute funktioniert: Phonologie und Syntax zur Wirkung. Nach der
»Wenn der sprachforscher mit eigenen ohren hören Auffassung der Junggrammatiker (insbesondere
kann, wie es im sprachleben zugeht: warum zieht Hermann Pauls), die heute wieder viele Anhänger
er es vor, sich seine vorstellungen von konsequenz hat, sind alle Wörter durch vielfache Assoziati-
und inkonsequenz im lautsystem einzig auf grund onsbeziehungen netzwerkartig miteinander ver-
der ungenauen und unzuverlässigen schriftlichen bunden. Der menschliche Geist tendiert dazu, Ir-
überlieferung älterer sprachen zu bilden?« (Osthoff/ regularitäten in diesen Assoziationsnetzwerken
Brugmann 1878, Vorwort). Auf diese Weise rückte abzubauen. So bilden die Assoziationsketten nach
auch die dialektale Sprache ins Interesse der lingu- Paul die Basis für »Proportionsgruppen«, die für
istischen Forschung: »In allen lebenden volksmund- analogischen Ausgleich sorgen. Ein Beispiel: Die
arten erscheinen die dem dialekt eigenen lautgestal- große Masse der deutschen Präterita wird mit dem
tungen jedesmal bei weitem konsequenter durch Suffix -te gebildet. Sie lassen sich etwa zur 1. Ps.
den ganzen sprachstoff durchgeführt […] als man Sg. in Form der folgenden Proportionsgleichungen
es vom studium der älteren, bloß durch das medi- in Beziehung setzen:
um der schrift zugänglichen sprachen erwarten
sollte; diese konsequenz erstreckt sich oft bis in die (18) schwanke : schwankte = eile : eilte = baue : baute = suche :
feinsten lautschattierungen hinein« (ebd.). suchte etc.
Lautgesetzlicher Wandel: Die beiden wichtigs-
ten Arten von Sprachwandel, die die Junggram- Allerdings gibt es Fälle, in denen diese Proporti-
matiker postulierten, bezogen sich folgerichtig auf onsgleichung »falsch aufgelöst« wird, nämlich un-
die Physiologie des Sprechens und die Psychologie, regelmäßige Verben wie
also die kognitiven Grundlagen von Sprache. (Ein
dritter wichtiger Typ von Sprachwandel ist nach (19) schlage : schlug, triefe : troff, backe : buk etc.
ihrer Meinung durch den Sprach- und Dialektkon-
takt bedingt.) In der Lautgestalt einer Sprache ist Besonders wenn solche Verben selten vorkom-
nach junggrammatischer Auffassung der sog. laut- men, passen sie sich oft an die weitaus häufigere
gesetzliche, phonetisch in kleinen Schritten voran- regelmäßige Präteritumsbildung an:
schreitende Lautwandel am wichtigsten, der von
der Physiologie der Sprechorgane geprägt wird. Er (20) schwanke : schwankte = eile : eilte = baue : baute = suche :
ist unbewusst und verwandelt einen bestimmten suchte = triefe : triefte = backen : backte etc.
Laut in derselben Umgebung in allen möglichen
Fällen allmählich in einen anderen Laut (s. Vertie- Bei triefen und backen ist die unregelmäßige Form
fungskasten »Lautgesetze«). Auf diese Weise wur- im heutigen Deutsch schon fast verschwunden. In
de zum Beispiel der lange Hochvokal /L/ des Mit- häufigen Verben wie schlagen oder werfen bleibt
telhochdeutschen über viele Zwischenstufen durch die unregelmäßige Form hingegen erhalten.
Senkung der ersten Komponente zu nhd. /ai/. Man
30
1.3
Einleitung
Strukturalismus
31
1.3
Einleitung
Paradigmen der
Sprachwissenschaft
paradigmatisch
dem eine große Wirkung entfaltet. Es handelte
sich dabei um die stark veränderte Zusammenfas-
l e: b
sung von Saussures Vorlesungen an der Universi-
tät Genf durch zwei seiner Schüler (Charles Bally
und Albert Sechehaye). Saussure selbst war mit a:
der Publikation seiner Vorlesungen explizit nicht
einverstanden. Vielen Inhalten des Cours hätte er i:
wohl nicht zugestimmt.
Der Cours ist über weite Strecken eine Zusam-
menfassung der junggrammatischen Lehre zum syntagmatisch
Sprachwandel, er schlägt aber im 1. und 2. Teil
auch einige radikale Veränderungen vor. Sie wer- Abb. 10: Syntagmatische und paradigmatische
den im Cours mithilfe der folgenden Begriffspaare Beziehungen in der Phonologie
formuliert: langue vs. parole, diachron vs. syn-
chron, syntagmatisch vs. paradigmatisch und Form
vs. Substanz. Syntagmatisch vs. paradigmatisch: Das Begriffs-
Langue und parole: Die langue ist das System paar kommt im Cours nicht vor (dort heißt es »syn-
einer Einzelsprache, die parole die Sprachverwen- tagmatisch« vs. »assoziativ«), hat sich aber den-
dung im Diskurs. Der Cours nimmt zwischen den noch in der strukturalistischen Linguistik – oft
beiden eine radikale Trennung vor und macht die unter Verweis auf Saussure – einen zentralen Platz
langue zum eigentlichen Untersuchungsobjekt der erobert. Gemeint ist damit, dass das sprachliche
Linguistik. Der für die Junggrammatiker so wichti- Einzelzeichen mit anderen Zeichen auf zwei Ach-
ge Lautwandel durch allmähliche, phonetisch be- sen verbunden ist. Die syntagmatische Dimension
dingte Verschiebungen wird in den Bereich der bezieht sich auf die Verkettung sprachlicher Ein-
unsystematischen, vom Sprecherindividuum ab- heiten, die ›nebeneinander‹ (in praesentia) stehen,
hängigen parole verlagert, die überdies mit dem die paradigmatische Dimension auf die Beziehung
Sprachwandel (diachron) assoziiert wird. Hinge- zwischen einer sprachlichen Einheit und den ver-
gen wird die langue als a-historischer Schnitt in schiedenen alternativen Formen, die in derselben
der Zeit definiert (synchron), in der das Sprach- syntagmatischen Position (in absentia) stehen
system konstante Gültigkeit hat. Durch diese Ein- könnten (s. Abb. 9 und 10). Die Strukturelemente
grenzungen verlagert sich das Untersuchungsob- in syntagmatischer Beziehung folgen also aufein-
Abb. 9: jekt ›Sprache‹ aus der konkreten Sprechtätigkeit ander, die Strukturelemente in paradigmatischer
Syntagmatische und den mit ihr ablaufenden kognitiven Prozessen Beziehung können sich wechselseitig ersetzen.
und paradigmatische heraus in eine abstrakte Sphäre, die im Cours als Die Idee, dass paradigmatische Ersetzungen die
Beziehungen in der Syntax »soziale Institution« bezeichnet wird. Positionen (slots) in einer syntagmatischen Verket-
tung definieren können, liegt den sog. Entde-
Saussure schrieb den »Cours« nicht. ckungsverfahren (discovery procedures) wie Ver-
schiebe- und Ersetzungsproben zugrunde, durch
die im Strukturalismus Einheiten und Konstituen-
Noam verfasste unseren Brief heute. ten gerechtfertigt werden. Wir haben sie in Kapi-
Chomsky tel 1.1 bereits für die Segmentierung in Wörter
paradigmatisch
32
1.3
Einleitung
Strukturalismus
arbiträr
(Lautbild) sprachliches Zeichen
und die Dinge in der Welt, auf die das Zeichen ver-
signifié (langue)
weist. Beide gehören für Saussure aber nicht zur
(Vorstellung)
Sprache. Die Sprache hat lediglich die Funktion, sie
durch den Prozess der Zeichenbildung miteinander
zu verbinden. Saussures wichtigste, über die Jung-
grammatiker hinausweisende Erkenntnis ist dem-
nach, dass das Zeichen als reine Form selbst zwei Objekt in der Welt/Denotat (parole)
Seiten hat, nämlich eine semantisch-konzeptuelle
(die er signifié nennt) und eine phonologische (die
er signifiant nennt). Als Teil des Zeichens sind bei- rischen Komplexität ableiten, also phonetisch er- Abb. 11:
de eine mentale Realität, die von der Substanz ge- klären. Vielmehr entwickle das Kind sein phonolo- Saussures Zeichenmodell;
trennt werden muss (s. Abb. 11). gisches System Schritt für Schritt mit dem Ziel, der innere Bereich (Kreis)
Wert des Zeichens: Wenn sich der »Wert« (va- Kontraste (phonologische Oppositionen) zu opti- ist der Bereich der reinen
leur) des sprachlichen Zeichens nicht aus seiner mieren. Der erste Kontrast dazu ist die Unterschei- Form, die das sprachliche
Beziehung zur Substanz (also den Dingen in der dung von Konsonanten und Vokalen, denn hier Zeichen definiert,
Welt oder der Phonetik der Sprechereignisse) er- wird der Gegensatz zwischen Sonorität und Ge- der äußere Bereich
gibt, woraus dann? Saussures Antwort ist: aus- räuschbildung maximiert. Die maximale Klangfül- (orange) die Substanz,
schließlich aus der Opposition der Zeichen zuein- le hat der Laut /a/ (die Kiefersenkung optimiert die nicht zur Sprache
ander. Der Wert des sprachlichen Zeichens ist also hier den Schallaustritt), die maximale Geräusch- gehört
immer negativ – es definiert sich durch das, was es bildung ein stimmloser Plosiv, der den gesamten
im Vergleich zu anderen Zeichen nicht ist. So wird Mundraum absperrt; die ersten Laute sind daher
auch die berühmte Aussage des Cours verständ- /p/ und /a/. Dann folgt innerhalb des Konsonan-
lich, eine Sprache sei ein System, »où tout se tient« tensystems der Unterschied zwischen Nasalkonso-
(›wo sich alles gegenseitig hält‹). nanten und Oralkonsonanten (etwa /p/ vs. /m/),
Strukturalistische Phonologie: Diese struktura- die sich deshalb maximal unterscheiden, weil ein-
listische Grundauffassung verbreitete sich in der mal der Nasenraum zusammen mit dem Mund-
Zwischenkriegszeit schnell in Teilen der europäi- raum als Resonanzraum dient, das andere Mal nur
schen Linguistik. Wesentlichen Anteil daran hatte der Mundraum, dann der Unterschied zwischen
eine in Prag und Wien arbeitende Gruppe von Lin- einem bilabialen (»dunklem«) und einem alveola-
guisten (Prager Schule des funktionalen Struktu- ren (»hellen«) Plosiv, nämlich /p/ vs. /t/. Dasselbe
ralismus), zu denen der russische Linguist Fürst Prinzip der Kontrastoptimierung führt im Vokal-
Nikolai Trubetzkoy (Nikolaj Sergeevič Trubeckoj) systems zunächst zur Unterscheidung zwischen
(1890–1938) und der ebenfalls aus Russland stam- einem maximal geöffneten und einem maximal
mende, später in die USA emigrierte Sprach- und geschlossenen Laut (/a/ und /i/), dann auch hier
Literaturwissenschaftler Roman Jakobson (1896– zum Kontrast zwischen einem »hellen« /i/ und ei-
1982) gehörten. Beide lieferten wesentliche Bei- nem »dunklen« /u/ etc.
träge zur strukturalistischen Phonologie und zum Einschränkung des Gegenstandsbereichs: Es ist
Begriff des Phonems. Ein gutes Beispiel für die klar, dass die strukturalistische Auffassung von
strukturalistische Denkweise ist Jakobsons Dar- Sprache zu einer radikalen Einschränkung des Ge-
stellung des phonologischen Erstspracherwerbs, genstandsbereichs der Linguistik führen musste;
die er in dem Büchlein Kindersprache, Aphasie sowohl sprachlicher Wandel als auch sprachliche
und allgemeine Lautgesetze (1941) gab, ohne aller- Variation sind auf diese Weise ja nur schwer zu
dings eigene empirische Untersuchungen zu die- beschreiben. Alles, was nicht im Sinne Saussures
sem Thema durchgeführt zu haben. Jakobson systemhaft war, geriet aus dem Fokus des Interes-
wendet sich strikt gegen die Idee, man könne die ses. Das betraf in der Extremform sogar die Se-
Erwerbsreihenfolge der Laute aus ihrer artikulato- mantik (etwa bei Leonard Bloomfield, 1887–1949,
33
1.3
Einleitung
Paradigmen der
Sprachwissenschaft
einem der wichtigsten amerikanischen Struktura- den Traditionslinien der Linguistik vom historisch-
listen), sicher aber die soziale Bedeutung des Spre- vergleichenden über das junggrammatische bis
chens und sprachlichen Handelns sowie seine kul- zum strukturalistischen Paradigma: Sie lehnte sich
turelle Bedeutung. Andererseits ermöglichte die nämlich stark an mathematische, logische und
Reduktion des Gegenstands ›Sprache‹ die Erarbei- teils auch computerlinguistische Darstellungswei-
tung präziser Theorien und Methoden, die die Lin- sen an. Der Anspruch, Grammatiken als Algorith-
guistik (wie schon zu junggrammatischen Zeiten) men zu formulieren, die eine Sprache »erzeugen«
erneut zu einer ›Vorzeigewissenschaft‹ unter den (wie ein Computerprogramm), führte eine ganz
Geistes- und Sozialwissenschaften machten. neue Denkweise in die Linguistik ein. Ziel ist für
die Generative Grammatik weniger die Beschrei-
bung von Einzelsprachen – es gibt bis heute kaum
Gesamtgrammatiken einzelner Sprachen aus gene-
1.3.4 | Generative Grammatik rativer Perspektive – als vielmehr die Gewinnung
abstrakter Generalisierungen oder Prinzipien, die
Die seit den 1950er Jahren zunächst vor allem von grammatische Algorithmen charakterisieren. Ihre
Noam Chomsky (geb. 1928) entwickelte Generati- postulierte universale Gültigkeit ist allerdings nur
ve Grammatik inszenierte sich wie die Junggram- sehr schwer überprüfbar, weil sie als Abstraktio-
matiker als radikaler Neuanfang, diesmal gegen- nen über Formalismen stark vom jeweiligen Stand
über dem Strukturalismus. Mit dem Strukturalismus der generativen Theoriebildung abhängig sind
verbindet sie aber zumindest das Desinteresse an (s. Vertiefungskasten »Prinzipien«). Die Hoffnung
Sprache in ihrem kulturellen und sozialen Kontext. ist, aus solchen Prinzipien letztendlich die Grund-
Chomsky argumentierte – wie der Cours – vehe- lagen der menschlichen Sprachfähigkeit beschrei-
ment dafür, dass der Gegenstand der Linguistik ben zu können (die sog. Universal Grammar).
nicht die tatsächlich realisierte Sprache sein dürfe Diese Sprachfähigkeit wird als selbständiges Mo-
(zunächst Performanz genannt, später E(xternal)- dul mit einer eigenen neurologischen Repräsenta-
language), die er für unstrukturiert und chaotisch tion und damit als biologisches Organ angesehen.
hält, sondern das sprachliche Wissen, das zu ihrer Eine wichtige Neuorientierung, die mit der Ge-
Erzeugung führt (Kompetenz, später I(nternal)- nerativen Grammatik in der Linguistik stattfand,
language). Sprache sei als Untersuchungsgegen- ist die Hinwendung zur Syntax. Der ›Motor‹ einer
stand für die Linguistik nicht direkt beobachtbar, Generativen Grammatik sind die syntaktischen
sondern könne nur durch Introspektion erschlos- Strukturen, die zunächst in einem eigenen, auto-
sen werden. nomen Modul »generiert« und dann semantisch
In einer anderen Hinsicht war die generative und phonologisch »interpretiert« werden.
Grammatikforschung aber sicherlich ein Bruch mit Funktionale Gesichtspunkte – die Frage, wofür
Zur Vertiefung Grammatik eigentlich gebraucht wird – werden als
Erklärungen für grammatische Strukturen abge-
Prinzipien in der Generativen Grammatik lehnt. Die Sprache wird als System angesehen, das
Das folgende Prinzip stammt aus der Theoriephase der Generativen Grammatik, angeborenen strukturellen Prinzipien gehorcht,
die unter der Bezeichnung »Prinzipien und Parameter« bekannt geworden ist: die nicht funktional motiviert sind. Dass man mit
Sprache auch Dinge tun kann, ist sozusagen ein
The Empty Category Principle (Chomsky 1981: 250) Zufall – so ähnlich wie man einen Topf auch als
»An empty category must be properly governed.« Perkussionsinstrument verwenden kann, obwohl
er eigentlich nicht für diesen Zweck gemacht wor-
Das folgende Prinzip stammt aus der sog. »Minimalismus«-Phase der Genera- den ist. Die Eigenschaften des Topfs als Perkussi-
tiven Grammatik: onsinstrument lassen sich genauso wenig aus die-
ser Funktion ableiten wie die der Sprache aus dem
The Minimal Link Condition (Chomsky 1995: 264) Kommunizieren.
»Make moves as short as possible.« Bewegungen: Nach der Generativen Gramma-
tik haben sich viele andere formale Grammatikthe-
»Leere Kategorien« und »Bewegungen« gibt es nicht in allen Varianten der Gene- orien entwickelt. Bei Computerlinguisten ist zum
rativen Grammatik in derselben Art und schon gar nicht außerhalb der Genera- Beispiel weniger die Generative Grammatik beliebt
tiven Grammatik. Die empirische Überprüfung ist daher schwierig. als die Kategorialgrammatik (CG), die Generalized
Phrase Structure Grammar (GPSG) oder die Lexi-
34
1.3
Einleitung
Die ›pragmatische Wende‹
in der Linguistik
Zur Vertiefung
CP (Complementiser Phrase)
TOP C'
C IP (Inflectional Phrase)
A N NP V'
Det N
Die generierte Struktur eines deutschen Satzes. Für die Hauptsatzstellung wird der Ober unter TOP
und hat unter C bewegt.
cal-Functional Grammar (LFG). Der Grund dafür 1.3.5 | Die ›pragmatische Wende‹
ist eine andere Eigenschaft Generativer Grammati- in der Linguistik
ken: Die wohlgeformten syntaktischen Strukturen
werden nicht direkt generiert, sondern kommen Zur selben Zeit, als Chomsky die Generative Gram-
erst durch verschiedene »Transformationen« (spä- matik entwickelte, kam es noch zu einer zweiten
ter »Bewegungen« genannt) zustande (s. Vertie- ›Revolution‹ innerhalb der Linguistik. Diese später
fungskasten »Basisstruktur und Bewegungen«). ›pragmatische Wende‹ genannte Umorientierung
Die teils sehr große Distanz zwischen generierter hatte zum Ziel, die alleinige Beschäftigung der
Basis und Oberflächenstruktur ist schwer zu pro- Sprachwissenschaft mit einem abstrakten sprachli-
grammieren und deshalb für computerlinguisti- chen System zugunsten einer anderen Auffassung
sche Anwendungen unattraktiv. von Sprache zu überwinden, die diese immer als
auf einen Hörer oder eine Hörerin hin orientiertes
Handeln begreift.
35
1.3
Einleitung
Paradigmen der
Sprachwissenschaft
Vorläufer dieser Auffassung gab es schon im Die eigentliche ›pragmatische Wende‹ in der
19. Jahrhundert. Zum Beispiel erkannten bereits Linguistik wurde jedoch durch zwei außerlinguis-
der Sinologe Georg von der Gabelentz (1840– tische Denkrichtungen angestoßen, eine aus der
1893) und der Germanist Philipp Wegener (1848– Sprachphilosophie, die andere aus der Soziologie.
1916), dass bestimmte Wortstellungsphänomene Sprechakttheorie: Der Brite John L. Austin
nur aus der Interaktion zwischen Sprecher und (1911–1960) entwarf schon in den 1950er Jahren
Hörer erklärt werden können. Sie folgerten daraus, eine Theorie des sprachlichen Handelns, die post-
dass neben dem grammatischen Subjekt noch ein hum in dem Buch How to Do Things With Words
»psychologisches Subjekt« angesetzt werden muss (1962) zusammengefasst wurde. Grundlegend ist
(später meist Thema genannt), und neben dem die Erkenntnis, dass Sätze nicht in erster Linie und
grammatischen Prädikat ein »psychologisches Prä- in zahlreichen Fällen auch überhaupt nicht wahr
dikat« (später Rhema genannt). In den Worten oder falsch sind, sondern unter bestimmten Bedin-
Hermann Pauls, der dieser Auffassung zum Durch- gungen eine Handlung vollziehen. Diese Bedingun-
bruch verhalf, lassen sich die beiden Begriffe wie gen gilt es also zu beschreiben. Bei Austin rückt
folgt beschreiben: »Das psychologische Subjekt ist erstmals der Handlungscharakter von Sprache in
[…] das, worüber der Sprechende den Hörenden den Vordergrund; sein Schüler, der Amerikaner
denken lassen, worauf er seine Aufmerksamkeit John Searle (geb. 1932) führte diesen Ansatz in sei-
hinleiten will, das psychologische Prädikat dasje- ner Theorie der Sprechakte weiter. Die von den bei-
nige, was er darüber denken soll« (Paul 1920: den gestellte Frage, wie ein Satz zu einer sprachli-
125). Diese Sichtweise wurde später im sog. Pra- chen Handlung werden kann, wird von ihnen zwar
ger Funktionalismus besonders von Vilém Mathe- durchaus unter Verweis auf die »gewöhnliche Spra-
sius (1882–1945) weiter entwickelt. che« (ordinary language) beantwortet, dabei gehen
Ein anderer wichtiger Vorläufer der pragmatisch sie jedoch als Philosophen rein introspektiv vor.
orientierten Linguistik war der Wiener Psychologe Konversationsanalyse: Eine gründliche empiri-
Karl Bühler (1879–1963), dessen Buch Sprach- sche Untersuchung sprachlicher Handlungen wur-
theorie (1934) seinen Einfluss auf die (deutsche) de erst möglich, als eine Gruppe amerikanischer
Sprachwissenschaft allerdings erst in den 1970er Soziologen (um Harvey Sacks, 1935–1975) im
Jahren entfalten konnte. Auch Bühler vertrat eine Rahmen der sog. Ethnomethodologie begannen,
Auffassung von Sprache, in der dem Hörer eine anhand von Tonbandaufzeichnungen die Struktur
zentrale Rolle zukommt. Sein Zeichen- und Sprach- von Gesprächen detailliert zu untersuchen. Die da-
funktionsmodell (das sog. Organon-Modell) geht raus resultierende Konversations- oder Gesprächs-
anders als das des Strukturalismus davon aus, dass analyse entwickelte ein Verfahren der sequenziel-
jede sprachliche Äußerung zugleich etwas über len Analyse, die Interaktionen in ihrer zeitlichen
den Sprecher sagt (»Ausdruck«), den Hörer in ir- Emergenz zu beschreiben erlaubt.
gendeiner Weise beeinflussen will (»Appell«) und
meist auch eine Aussage über Dinge in der Welt
macht (»Darstellung«) (s. Kap. 3, Abb. 2).
Ebenfalls erst in den 1970er Jahren wurden die 1.3.6 | Neuere Entwicklungen
aus den 1920er bis 1960er Jahren stammenden Ar-
beiten der russischen Sprach- und Literaturwissen- Seit Mitte der 1980er Jahre entwickelt sich die Lin-
schaftler Michail M. Bachtin (1895–1975) und guistik zu einer umfassenden Wissenschaft von
Valentin Vološinov (1895–1936) in der westlichen der Sprache, die die Reduktionen ihres Gegen-
Linguistik rezipiert. Beide entwickelten eine dialo- standsbereichs im Strukturalismus und in der Ge-
gische Sprachtheorie, in der die Äußerungen eines nerativen Grammatik überwunden hat. Sprache
einzelnen Sprechers immer als Teil eines Dialogs wird als ein Mittel der Kommunikation gesehen,
mit anderen Äußerungen – seien sie vom selben das zu weit mehr dient als nur der Übermittlung
Sprecher, seien sie von einem anderen Sprecher – von Nachrichten. Sie ist immer in einen sozialen
analysiert werden. Der Dialog kann ein Gespräch und interaktionalen Kontext eingebettet, und sie
sein, aber auch das Zitieren oder Anspielen auf ist als ein kognitives Phänomen nicht von den
Äußerungen, die von anderen oder demselben mentalen Prozessen zu trennen, die sie erst mög-
Sprecher früher geäußert worden sind. In jedem lich machen.
Fall steht die Äußerung nicht allein, sondern bettet Neue Technologien: Teils sind diese Entwick-
sich in ein Netz von Bezugnahmen ein. lungen eine Folge des technologischen Fortschritts.
36
1.3
Einleitung
Neuere Entwicklungen
Seit für viele Sprachen große Sprachkorpora mit Ein Beispiel ist etwa der Übergang von der Vollform
schriftlichen und seit jüngerem auch mündlichen des Verbs to go mit der Bedeutung ›zielgerichtete
Daten aus verschiedenen Zeiten zur Verfügung ste- Bewegung‹ wie in I’m going to the restaurant zu
hen, die mehr oder weniger automatisch durch- seiner Verwendung als Futurmarker wie in I’m go-
sucht werden können, ist es in vielen Bereichen ing to have something to eat und der weitergehen-
der Linguistik nicht mehr denkbar, ohne eine brei- den Kontraktion zu I’m gonna eat something; in
te, meist quantitativ analysierte empirische Basis der kontrahierten Form ist das Vollverb nicht mehr
zu arbeiten. Aus dieser neuen Empirie ergeben zu erkennen und die Interpretation als Bewegung
sich nicht nur methodische Konsequenzen (etwa nicht mehr möglich. Solche Prozesse erfolgen im-
die Notwendigkeit der Entwicklung quantitativer mer allmählich und sind meist von langen Über-
und statistischer Verfahren, die für korpuslinguis- gangsphasen begleitet (das Vollverb to go gibt es ja
tische Fragestellungen geeignet sind), sondern immer noch, ebenso wie die nicht-kontrahierte
auch sprachtheoretische. Zum Beispiel machte die Struktur); die Überlagerung alter und neuer For-
korpusbezogene Forschung deutlich, dass viele men bestätigt die alte junggrammatische Überzeu-
linguistische Strukturen und Kategorien längst gung, dass Sprachstrukturanalyse immer Sprach-
nicht so gut definiert sind, wie man früher dachte. wandelanalyse bedeutet.
Sprache ist typischerweise nicht homogen: Nicht Kognitive Linguistik: Auch die strukturalistische
nur Sprecher und Sprechergruppen unterscheiden Trennung zwischen Sprachsystem und kognitiven
sich voneinander, selbst ein und derselbe Sprecher Prozessen bei der Sprachverarbeitung gilt in der
verwendet Sprache nicht immer in derselben Wei- heutigen Linguistik nicht mehr. Mit experimentel-
se. Und nicht nur die Sprachverwendung unter- len Methoden an der Schnittstelle zur Psychologie
liegt Schwankungen, auch die Vorstellungen darü- und Neurologie wird versucht, die kognitive Reali-
ber, was grammatisch ist und was nicht, variiert tät sprachwissenschaftlicher Theorien zu belegen.
(heißt es: mit weißem, gelockten Haar oder mit In der kognitiven Linguistik wird gerade die
weißem, gelocktem Haar?). Die grammatischen Ka- Beziehung zwischen Sprechen und kognitiven
tegorien erweisen sich teils als gradient, d. h. die Prozessen zum Thema. Zum Beispiel wird unter-
Übergänge zwischen ihnen sind fließend (ist klas- sucht, wie sprachliche Strukturen Rückschlüsse
se in ein klasse Vortrag ein Adjektiv oder ein No- auf Denkstrukturen ermöglichen. Ein wichtiger
men?) und prototypisch organisiert (ich glaube, Forschungsbereich sind hier Metaphern (vgl. etwa
das stimmt ist ein schlechteres Exemplar von Hy- Lakoff/Johnson 1980). Zum Beispiel kann man
potaxe als ich denke nicht, dass das richtig ist). feststellen, dass viele Sprachen dazu tendieren,
Sprachwandel: Die empirische Arbeit mit Kor- zeitliche Strukturen mit Hilfe von räumlichen Me-
pora zeigt auch, dass in einer Sprache immer kon- taphern zu kodieren (auch wenn uns das als
servative und innovative Strukturen zur gleichen Sprachbenutzer gar nicht mehr bewusst ist): Wir
Zeit vorkommen. In einem deutschen Korpus wird sprechen vom Treffen vor Weihnachten (als ob das
man z. B. heute sowohl die ältere Verwendung des dasselbe wäre wie der Baum vor dem Haus), von
Adjektivs aktuell im Sinne von ›auf neuestem den folgenden Jahren (als ob ein Jahr hinter dem
Stand‹ als auch die neuere im Sinne von ›augen- anderen hergehen würde), von der Zeit zwischen
blicklich‹ finden, oder es wird der neuere Kausal- den Jahren (als ob diese Zeit in einem Raum mit
konnektor von daher neben dem alten deshalb ste- zwei Grenzen eingepfercht wäre) etc. Der Raum
hen etc. Es ist fraglich, ob sich das Ideal eines selbst wiederum wird gern in Metaphern ver-
synchronen Schnitts, wie im Strukturalismus ge- sprachlicht, die mit Körperteilen zu tun haben:
fordert, wirklich erreichen lässt. Das Interesse an Das Haus steht am Fuß des Berges, der vordere Teil
Wandel und Variation ist daher in die Linguistik eines Zugs ist sein Kopf, und etwas im Rücken zu
zurückgekehrt und hat viele junggrammatische haben, bedeutet, dass es hinter einem liegt. Wir
Ideen wieder in die linguistische Theorie und denken uns also die Zeit als einen Raum, und viele
Praxis geholt. Erscheinungen in der Welt versuchen wir zu erfas-
Eine der innovativsten und produktivsten For- sen, indem wir sie anthropomorphisieren.
schungsrichtungen in der Linguistik der letzten Experimentelle Kognitionswissenschaft: Um-
Jahrzehnte war zum Beispiel die Grammatikalisie- gekehrt ermöglichen experimentelle Forschungen
rungsforschung (vgl. Hopper Traugott 2003), die zur Verarbeitung von Sprache Erklärungen dafür,
gerade die Übergänge von syntaktischen Struktu- warum Sprachen strukturell so sind, wie sie sind.
ren zu morphologischen Formen modelliert hat. Etwa gibt es gute Gründe, warum im Deutschen
37
1.4
Einleitung
Und wozu brauchen
wir das?
satzwertige Subjekte sehr oft an das Ende des Grammatik die sprachlichen Äußerungen lediglich
Satzes gestellt werden, obwohl das Subjekt sonst als den uninteressanten Output eines Algorithmus
dazu tendiert, in der präverbalen Position zu ste- ansieht, der diesen Äußerungen vorausgeht, wird
hen: Der Satz es ist gut, dass die Linguistik sich nun umgekehrt die ›Grammatik im Kopf‹ (also
aus den engen Fesseln des Strukturalismus befreit das sprachliche Wissen) als sekundäres Produkt
hat ist einfach leichter zu prozessieren als der der Musterbildung auf der Grundlage sprachlicher
Satz dass die Linguistik sich aus den engen Fes- Erfahrungen gesehen, die zu mehr oder weniger
seln des Strukturalismus befreit hat, ist gut. So festen, teils durch die Normen einer Sprachge-
können grammatische Strukturen daraus erklärt meinschaft reglementierten mentalen Strukturen
werden, dass sie Sprache effektiver und verständ- führen. Diese Muster sind ständig im Fluss; sie
licher machen. sind notwendigerweise dynamisch und nicht strikt
Gebrauchsbasierte Theorien: Auch die strikte voneinander abgegrenzt.
Trennung zwischen langue und parole, zwischen Mehrsprachigkeit als Normalfall: Eine weitere,
I-Language und E-Language, löst sich in der Lingu- wichtige Entwicklung der neuen Linguistik mani-
istik immer mehr auf. In sog. gebrauchsbasierten festiert sich in dem vorliegenden Buch in der Tat-
Theorien (etwa Bybee 2010) geht man heute davon sache, dass dem Thema Mehrsprachigkeit ein eige-
aus, dass der Sprachgebrauch die Struktur der nes Kapitel gewidmet ist (Kap. 11). Das entspricht
Sprache bestimmt und dass »grammars code best der immer mehr Raum greifenden Erkenntnis,
what speakers do most« (Du Bois 1985: 363). Es ist dass Menschen nur im Ausnahmefall einsprachig
daher von größtem Interesse, den tatsächlichen sind. In den meisten Fällen verfügen sie problem-
Sprachgebrauch zu erfassen und zu analysieren. los über mehrere Sprachsysteme, zwischen denen
Neuere Grammatiktheorien wie die Construction sie hin und her wechseln und die sie miteinander
Grammar haben dazu beigetragen, dass auch mar- verbinden können. In Zeiten hoher Mobilität von
ginale, nur mehr oder weniger produktive Struk- Menschen und Waren und in einer global vernetz-
turmuster in die Analyse einbezogen werden und ten Welt ist diese Mehrsprachigkeit, die während
die Grammatik dadurch ›realistischer‹ wird; sie der gesamten Geschichte der Linguistik marginali-
haben dabei die traditionelle Trennung zwischen siert wurde, nicht mehr zu übersehen und wird
Lexikon und Grammatik ebenso in Frage gestellt immer mehr zu einem zentralen Thema linguisti-
wie die separate Behandlung von grammatischen, scher Forschung und Theoriebildung. Nicht nur
semantischen und pragmatischen Aspekten. Eine die Trennung zwischen langue und parole wird
grundlegende Überlegung ist dabei, dass wir Men- immer schwieriger aufrechtzuerhalten, auch die
schen eine große Menge von Äußerungen in unse- Trennung zwischen den historischen Einzelspra-
rem Gedächtnis speichern können und aus diesen chen (›Deutsch‹, ›Yoruba‹, ›Tok Pisin‹) erweist sich
»Exemplarwolken« Generalisierungen im Sinne in vielen Fällen als ein politisch-soziales Kon-
von Konstruktionsschemata ableiten; genauso ler- strukt, das seine eigene Geschichte hat, aber kei-
nen auch Kinder Sprache (Tomasello 1992). Daraus neswegs als Ausgangspunkt der linguistischen
ergibt sich ein anderes Bild von Sprache als in frü- Analyse taugt.
heren Auffassungen: Während z. B. die Generative
38
1.4
Einleitung
Und wozu brauchen
wir das?
unterstellte Überlegenheit der europäischen Spra- Hier spielen besonders zwei Aspekte eine Rolle.
chen (als Korrelat der ebenso unterstellten Überle- Zum einen sind spätmoderne Gesellschaften da-
genheit der europäischen Völker und ihrer Kultu- durch gekennzeichnet, dass sie ihr Wissen fast
ren) rechtfertigen ließ. In den Kolonien gab es ausschließlich über Sprache weitergeben. Beson-
überdies ganz praktische Fragen zu beantworten, ders wichtig ist dabei das Medium der Schrift.
etwa die, wie man mit der häufig sehr großen Ausbildung und Wissenstradierung funktionierten
Sprachenvielfalt (etwa in Indien oder dem Afrika in vormodernen und teils noch in modernen Ge-
südlich der Sahara) umgehen sollte. Die damals sellschaften für große Teile der Bevölkerung durch
gefällten Entscheidungen der Kolonialregierungen Nachahmung und unmittelbares, auf körperlicher
prägen teils bis heute die Sprachensituation in die- Kopräsenz beruhendem Lernen von Meistern und
sen Ländern. anderen Vorbildern. Heute ist – mit Ausnahme
Überdies spielte die Sprachwissenschaft gerade sehr körpergebundener Fähigkeiten wie Tanzen,
in Ländern wie Deutschland, die ihre National- Klavierspielen oder Stabhochspringen – fast jede
staatlichkeit erst finden mussten, eine wichtige Ausbildung auf Texte angewiesen, die Wissen ver-
Rolle bei der Suche nach der nationalen Identität mitteln (von Lehrbüchern bis zum Internet).
(die ja in der Ideologie des 19. und teils auch noch Die Debatte über die schulische Bildung, die in
des 20. Jahrhunderts eng mit einer eigenen Spra- der Nachfolge des sog. PISA-Schocks in Deutsch-
che verbunden war). Die Deutschen suchten so ihr land einsetzte, war in erster Linie eine Auseinan-
›Wesen‹ auch in ihrer gemeinsamen Sprache – wo- dersetzung darüber, wie die sprachlichen Fertig-
bei diese Sprache ja gar nicht so ›gemeinsam‹ war, keiten deutscher Schüler/innen verbessert werden
denn die Unterschiede zwischen den Dialektregio- können. Die berechtigte Sorge dahinter war, dass
nen waren (etwa im Vergleich mit Frankreich) sehr Bildung in allen Fächern und Berufen nur auf der
groß. Auch das im 19. Jahrhundert erstarkende Grundlage hoch entwickelter sprachlicher Kompe-
Interesse an der Dialektologie verdankt sich die- tenzen möglich ist. Die sprachliche Bildung steht
sem nationalstaatlichen Diskurs. also indirekt im Zentrum aller Wissensvermitt-
Auf einer mehr praktischen Ebene waren die lung. Ohne sie ist eine hochspezialisierte und auf
europäischen Nationalstaaten an der Stärkung ih- unterschiedlichste Kompetenzen aufbauende Ge-
rer Standardsprachen interessiert und sahen die sellschaft nicht überlebensfähig. Die Lehrerausbil-
linguistische Ausbildung z. B. der Lehrer/innen als dung trägt dieser Schlüsselkompetenz Sprache
Teil der Formierung eines modernen Staats mit ei- leider immer noch unzureichend Rechnung. Den-
ner effizienten Regierung und Verwaltung. Die noch ist es unübersehbar, dass ihr Erwerb nur auf
Marginalisierung der zahlreichen sprachlichen der Grundlage eines soliden linguistischen Wis-
Minderheiten (etwa der Sorben und Polen in sens, das vom Erst- und Zweitspracherwerb im
Deutschland, der Waliser und anderer keltischer Vorschulalter über die Bedingungen der Alphabeti-
Minderheiten im Vereinigten Königreich oder der sierung bis zur Vermittlung von textlinguistischen
Okzitanen in Frankreich) war ebenfalls Teil dieses Kompetenzen reicht, gefördert werden kann.
Programms. Heute sehen Linguisten eine ihrer Zum anderen sind spätmoderne Gesellschaften
Aufgaben gerade in der Revitalisierung dieser Min- durch die fortwährende Expansion eines Wirt-
derheitensprachen. Viele europäische National- schaftssektors gekennzeichnet, der ohne Sprache
staaten, die im 19. oder frühen 20. Jahrhundert nicht funktionieren könnte und ebenfalls hoch aus-
entstanden, mussten überhaupt erst eine Standard- gebildete mündliche Sprachfertigkeiten voraussetzt.
varietät entwickeln, und an dieser Entwicklung Das ist der immer wichtiger werdende Dienstleis-
waren natürlich ebenfalls zahlreiche Sprachwis- tungssektor. Dienstleistungen sind eine zutiefst
senschaftler beteiligt (etwa in Norwegen oder sprachliche Angelegenheit, ob es nun um ein psy-
Finnland). Ähnliche linguistische Probleme der chotherapeutisches Gespräch oder die medizinische
Standardisierung (Sprachplanung) stellen sich Betreuung von Schmerzpatienten geht, um die Be-
heute in vielen postkolonialen Gesellschaften. ratung über Aktienkäufe oder ein Verkaufsgespräch
Sprache in der spätmodernen Gesellschaft: Be- beim Kauf eines neuen Autos. In einem Kranken-
trachtet man die heutige Entwicklung der westli- haus mit Patienten umzugehen oder Demenzkranke
chen Gesellschaften, dann ist eines klar: Nie zuvor zuhause zu betreuen, ist nicht möglich, ohne mit
war so viel von dem, was Gesellschaften zusam- ihnen zu sprechen, und der Erfolg solcher Tätigkei-
menhält und trennt, sie funktionieren lässt bzw. ten hängt wesentlich vom Funktionieren der Kom-
was dysfunktional wirkt, an Sprache gebunden. munikationsabläufe ab. Selbst die spezifische Spra-
39
1.4
Einleitung
Und wozu brauchen
wir das?
che der Medizin oder des Rechts wird immer mehr Das vielleicht wichtigste und ebenfalls ständig
als potenzielle Barriere verstanden, die den Erfolg an Relevanz gewinnende Aufgabenfeld der Linguis-
der Interaktion zwischen Ärzten und Patienten oder tik ergibt sich aus der faktischen Mehrsprachigkeit
Richtern und Angeklagten bestimmt. Es gibt inzwi- und den Notwendigkeiten des Zweit- und Fremd-
schen eine umfangreiche linguistische Forschungs- spracherwerbs. Obwohl aufgrund hoher internati-
literatur, die sich mit solchen Fragen beschäftigt onaler Mobilität die Anzahl der Menschen, die auch
und unmittelbar zur Verbesserung von Kommuni- noch als Erwachsene weitere Sprachen erwerben
kationsabläufen in den genannten und vielen ande- (müssen) bzw. deren Kinder in einer mehrsprachi-
ren Fällen beitragen kann. gen Umgebung aufwachsen, ständig wächst, ist
Ein weiterer Unterschied zwischen (vor-)mo- über die Regelmäßigkeiten des Spracherwerbs in
dernen und spätmodernen Gesellschaften ist von den verschiedenen Altersstufen immer noch viel
Bedeutung: Während in traditionellen Gesellschaf- zu wenig bekannt. Um den Zweitspracherwerb op-
ten die soziale Position des Einzelnen (sein Status timieren zu können, ist mehr notwendig als nur
und seine Schichtzugehörigkeit) mehr oder weni- die genaue Kenntnis der Grammatik der Ausgangs-
ger von Geburt aus festliegt, sind spätmoderne Ge- und der Zielsprache (auch diese ist natürlich kei-
sellschaften dadurch gekennzeichnet, dass soziale neswegs selbstverständlich). Man muss auch die
Rollen permanent verhandelt werden. In einer sol- Lernerstrategien im Zweitspracherwerb unter den
chen Gesellschaft seinen Platz zu finden, ist auch sehr unterschiedlichen Bedingungen kennen, un-
eine Frage der symbolischen Selbstdarstellung ter denen er stattfinden kann (also zum Beispiel
und Selbstpositionierung in einem komplexen Ge- spontan oder durch Unterricht unterstützt, als Er-
flecht von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. werb der zweiten oder einer weiteren Sprache, als
Sprache ist eine zentrale Ressource für solche kindlicher Erwerb oder Erwerb im Erwachsenenal-
Selbstdarstellungen. Ob man schwäbisch spricht ter, vor dem Hintergrund einer mehr oder weniger
oder hochdeutsch (oder etwas dazwischen), ob gründlichen schulischen Ausbildung etc.). Linguis-
man ›schriftnah‹ oder umgangssprachlich spricht, ten beschäftigen sich daher nicht nur praktisch mit
ob man Anglizismen oder ethnolektale Merkmale der Vermittlung fremder Sprachen, sie untersuchen
verwendet, all das kann – je nach Situation – ver- auch die Faktoren, die diese Vermittlung in positi-
schiedene soziale Identitäten symbolisieren. Im ver oder negativer Weise beeinflussen können.
Gegensatz zu modischen Accessoires sind sprach- Die Welt wird komplexer, aber wir haben auch
liche Ausdrucksformen nicht leicht zu erwerben; Verfahren gefunden, um mit dieser Komplexität
es kostet Mühe und Zeit, sie abzulegen oder sich fertig zu werden. Viele davon sind mit der Ent-
anzugewöhnen, sie sind Teil des Habitus. Wie wicklung des Computers und der digitalen Medi-
sprachliche Ressourcen zur Selbstdarstellung ge- en verbunden. Diese haben das Verhältnis zwi-
nutzt werden, wird in der modernen Soziolinguis- schen Mündlichkeit und Schriftlichkeit grundlegend
tik untersucht, die auf diese Weise einen kritischen verändert: Es wird heute vermutlich so viel ge-
Beitrag zur Konstitution von Macht und Ohnmacht schrieben wie nie zuvor, aber in der informellen
in unserer Gesellschaft leisten kann. Art und Weise, die SMS, E-Mail und soziale Netz-
Fragen der Selbstdarstellung und Identität sind werke zulassen oder fordern; dadurch ist das
aber nicht nur für den Einzelnen von zentraler Be- Schreiben nicht mehr mit formeller Sprache assozi-
deutung. Auch gesellschaftliche Gruppen suchen iert. Die Entwicklung digitaler Ressourcen ist aber
nach sprachlichen Formen, die sie für sich rekla- auch ein wichtiges Arbeitsfeld für Linguist/innen.
mieren und zur Abgrenzung gegen andere Gruppen Die enorme Menge des digital verfügbaren, in
verwenden können. Das betrifft besonders die Texten abgespeicherten Wissens macht es notwen-
schon angesprochenen Minderheiten innerhalb dig, automatisierte Verfahren der Extraktion von
der Nationalstaaten, die sich oft über ein mehr- Information aus großen Mengen von Texten zu
sprachiges Repertoire an Ausdrucksmitteln defi- entwickeln (text mining); digitale Dienstleistun-
nieren, zu dem in der Regel eine in diesem Staat gen durch den Computer werden möglich und er-
marginalisierte Sprache oder Varietät gehört. Die fordern Spracheingabe und -ausgabe (von der
Pflege dieser Ausdrucksmittel ist ein wichtiger Be- Sprachsteuerung des Mobiltelefons bis zur mündli-
standteil der Gruppenidentität; das betrifft sowohl chen Interaktion mit dem Navigationsgerät). Heute
die ›alten Minderheiten‹ (etwa in Deutschland können Menschen, die aufgrund einer zerebralen
Friesen, Dänen, Sorben, Romanes) als auch die Parese nicht in der Lage sind zu sprechen oder zu
neuen, durch Immigration entstandenen. schreiben, durch Blicksteuerung auf einem aktiven
40
1.4
Einleitung
Und wozu brauchen
wir das?
Bildschirm Sätze ›sprechen‹ (lassen), und vielleicht tige Aufgabe der Sprachwissenschaft, dieses Wis-
werden uns bald kleine Roboter durch Ausstellun- sen durch die Dokumentation bedrohter Sprachen
gen und Museen führen. Das sind nur wenige Bei- zu bewahren. Es geht dabei aber nicht nur um
spiele. Die Entwicklung solcher Ressourcen erfor- Wörter, sondern auch um die Frage, welche Rück-
dert solide linguistische Kenntnisse. schlüsse wir aus der Vielfältigkeit der Grammati-
Schließlich: Das Wissen der Menschheit ist ken der Einzelsprachen auf die kognitive Grund-
nicht nur in Google Books repräsentiert, es schlägt ausstattung der Menschheit ziehen können. Je
sich auch im Lexikon der Tausenden von Sprachen schmäler der Fundus an ›exotischen‹ Sprachen ist,
und Varietäten nieder, die auf der Welt gesprochen auf den wir dabei zurückgreifen können, umso
werden. Viele von ihnen sind nicht oder nur sehr weniger können wir solche Rückschüsse absi-
unzureichend beschrieben. Es ist daher eine wich- chern. Es gibt also viel zu tun.
Peter Auer
41
2.1
2 Laute
2.1 Einleitung
2.2 Gesprochene Sprache und Schrift
2.3 Die Substanz von Lauten
2.4 Die Funktion von Lauten im Sprachsystem
2.5 Über Laut und Phonem hinaus
2.6 Lautsubstanz und Funktion
2.1 | Einleitung
Die Laute einer Sprache fallen einem zunächst gar ation oder über die Gattung, die gerade ausge-
nicht auf. Wenn wir Sprache hören oder auch führt wird. Das bemerkt man auch, wenn man
selbst sprechen, machen wir uns im Normalfall durch verschiedene Radiosender schaltet und
keine Gedanken über die einzelnen Laute, aus de- schon nach kürzester Zeit weiß, ob man in ei-
nen sich der Redestrom zusammensetzt. Erst wenn ner Nachrichtensendung, in einer Moderation
wir auf Probleme stoßen, kommt uns diese Seite bei einem Schlagersender oder in einem Fuß-
der Sprache zu Bewusstsein, zum Beispiel beim ballkommentar gelandet ist. Oft funktioniert
Erwerb einer Fremdsprache, wenn wir bemerken, das sogar in einer unbekannten Sprache.
dass es dort Laute gibt, die es in unserer eigenen
Sprache nicht gibt, oder wenn wir uns versprechen Dies alles wird also über die Lautsprache vermit-
und DV-Tuell statt TV-Duell sagen. telt, und man benötigt dazu keine Schrift – weder
Ein wichtiger Punkt bei der Beschäftigung mit die sichtbare Aufteilung des Geäußerten in Buch-
Lauten ist, dass sie auf keinen Fall mit Buchstaben staben noch die sichtbare Unterteilung in Wörter
gleichgesetzt werden dürfen. Das zeigt sich z. B. durch Leerzeichen, noch Interpunktionszeichen
schon darin, dass mehrere Buchstaben für einen wie Punkte, Kommata oder Ausrufezeichen. Die
Laut stehen können, wie bei der Buchstabenkom- Lautsprache hat ihre ganz eigenen Möglichkeiten,
bination sch in Asche. Wenn von Lauten die Rede um diese Dinge zu vermitteln.
ist, so bezieht sich das immer auf Bestandteile der Nicht alle der genannten Informationen, die
gesprochenen Sprache und nicht auf Bestandteile über die Lautsprache transportiert werden, sind an
der Schrift (s. Kap. 2.2). einzelne Laute geknüpft. So ist beispielsweise die
Distanzieren wir uns also bewusst von der Tatsache, dass die Lautsprache das Geschlecht ei-
Schrift und konzentrieren uns auf die lautliche Sei- ner Person mehr oder weniger eindeutig verrät,
te der Sprache. Stellen Sie sich ein Telefonat mit weitgehend unabhängig von einzelnen Lauten.
einer Ihnen unbekannten Person vor. Es ist er- Wir erkennen es vielmehr an der Tonhöhe (und
staunlich, wie viel Information allein über die vielleicht der Tonqualität), und die erstreckt sich
lautliche Seite der Sprache transportiert wird (vi- über mehrere Laute. Daraus ergibt sich eine wich-
suell können die Gesprächspartner ja nicht mitein- tige Unterscheidung: Die Lautsprache umfasst Ein-
ander kommunizieren): zellaute oder auch Segmente und lautliche Eigen-
■ Zunächst einmal können wir dem Gesagten na- schaften, die über den Einzellaut hinausgehen, die
türlich die Bedeutung entnehmen; durch die sogenannten Suprasegmentalia (s. Kap. 2.5.4).
spezifische Zusammensetzung der Laute zu Sprechen und Hören sind körperliche Aktivitä- Sprechen und Hören
Wörtern, der Wörter zu Sätzen erkennen wir ten und daher an unsere Anatomie gebunden, was als körperliche Aktivitäten
den Inhalt des Gesagten. bedeutet, dass alle gesunden Menschen prinzipiell
■ Darüber hinaus erhalten wir aber auch Infor- die gleichen Möglichkeiten zur lautsprachlichen
mation über die Person selbst, ihre regionale Artikulation und Perzeption haben, aber dabei
Herkunft, ihr Alter, ihr Geschlecht, eventuell auch den gleichen Einschränkungen unterliegen.
auch über ihre derzeitige Gemütsverfassung. Laute können deshalb anhand von allgemeingülti-
■ Weiterhin verrät die Lautsubstanz oftmals gen, universalen Kriterien beschrieben werden,
schon etwas über den Formalitätsgrad der Situ- die nicht an eine spezifische Einzelsprache gebun-
43
2.2
Laute
Gesprochene Sprache
und Schrift
den sind, sondern ihre Basis im Sprech- und Hör- tive auf die Lautsubstanz nehmen wir hingegen
apparat des Menschen und in den physikalischen ein, wenn wir ihre Funktion in einer bestimmten
Gesetzmäßigkeiten der Umgebung des akustischen Einzelsprache, in einem Sprachsystem, in den
Signals haben. Sie werden dabei auf ihre materiel- Blick nehmen.
le Substanz zurückgeführt. Eine andere Perspek-
44
2.2
Laute
Gesprochene Sprache
und Schrift
Zur Vertiefung
45
2.3
Laute
Die Substanz von Lauten
Die Mischung der Typen hat historische Gründe, denn zu Beginn der Schriftkultur in Japan (im 4. Jh. n. Chr.)
wurden logographische Schriftzeichen aus dem Chinesischen übernommen, die Kanji. Zu diesen traten bald
die phonographischen, silbenbasierten Schriftzeichen Katakana und Hiragana hinzu.
Die Kanji sind allerdings heute nicht mehr mit den ursprünglichen chinesischen Zeichen gleichzusetzen, da
sie oft mehrere Lesarten haben. Ein Zeichen kann also (im Gegensatz zum Chinesischen) verschiedene Dinge
bedeuten.
Interessant ist, dass der Gebrauch der Katakana, der Hiragana und der Kanji im heutigen Japanisch nach
Funktionen differenziert ist. So werden Katakana beispielsweise (u. a.) für dialektale Ausdrücke, Interjek-
tionen und – wie oben gesehen – Verschriftung von Lehnwörtern verwendet, Hiragana hingegen u. a. für die
Schreibung von Konjunktionen. Die Hiragana kodieren generell eher grammatische Funktionen. Die Kanji
transportieren überwiegend lexikalische Bedeutungen. Der Leser erhält durch diese funktionale Differenzie-
rung alleine auf der Basis des gewählten Zeichentyps schon wichtige Informationen zur Dekodierung des Ge-
schriebenen (vgl. Dürscheid 2006).
46
2.3
Laute
Akustische Phonetik
47
2.3
Laute
Die Substanz von Lauten
grenzen. Von besonderer Bedeutung sind dabei die als relevant erachtet werden. Bei der Produktion
ersten beiden Formanten im Frequenzspektrum, von Diphthongen (z. B. [Dܼ]; s. Kap. 2.3.2) kommt es
seltener wird auch der dritte Formant mit angege- zu Formantveränderungen während der Lautbil-
ben. Diese Formanten werden als Kurzform häufig dung. Dies ist übrigens auch bei den gerundeten
schlicht als F1, F2 und F3 bezeichnet. Vokalen der Fall, weil die Lippenrundung zumeist
Akustische Wichtig für die Beschreibung von Lauten sind während der Vokalbildung aufgebaut wird, so dass
Signaltypen die Signaltypen Klang, Rauschen und Knall, die im sich der Resonanzraum entsprechend während der
Folgenden erklärt werden. Es werden auch jeweils Vokalbildung verändert (s. Kap. 2.3.2).
die Laute angeführt, die sich den entsprechenden Nasale weisen ebenfalls spezifische Formant-
Signaltypen zuordnen lassen. lagen auf. Das Besondere an den Nasalen ist je-
doch, dass bei ihnen ein sogenannter Antifor-
mant auftritt. Dies bezeichnet eine starke Dämpfung
Laute als Klänge
von Schwingungen in einem bestimmten Fre-
Unter einem Klang versteht man ein komplexes quenzbereich, die bei den Nasalen durch den als
Signal, das sich aus der Überlagerung mehrerer Resonator zugeschalteten Nasenraum bewirkt
(quasi-)periodischer Schwingungen ergibt. wird. Der Antiformant liegt bei den Nasalen ober-
Komplex ist ein Klang deshalb, weil er nicht halb ca. 500 Hertz. Der erste Nasalformant (NF1)
nur aus einer Schwingung besteht (dies wäre in liegt für alle Nasale unterhalb dieses Bereichs bei
der Akustik ein Ton, was allerdings nicht mit dem ca. 200–250 Hertz. Mit der Artikulationsstelle des
umgangssprachlichen Gebrauch von ›Ton‹ zu ver- Nasals variiert sein zweiter Formant, wobei vor-
wechseln ist, bei dem es sich aus akustischer Per- dere Artikulationsstellen mit einem niedrigeren
spektive um einen Klang handelt), sondern aus NF2 korrelieren. Der Variationsbereich liegt zwi-
mehreren Schwingungen. Diese variieren hinsicht- schen 1000 und 2350 Hertz (vgl. Neppert 1999:
lich ihrer Periodendauer und unter Umständen 222; Machelett 1996).
auch in Hinblick auf Amplitude und Phase. Approximanten schließlich zählen artikulato-
Quellsignal Quelle-Filter-Modell: An dieser Stelle ist es risch zwar zu den Konsonanten, da sie als einzige
und Filterung wichtig darauf hinzuweisen, dass das von Mund Schallquelle aber den im Kehlkopf erzeugten Klang
und/oder Nase an die Umgebungsluft abgestrahlte haben, werden sie akustisch mit den Vokalen
akustische Signal nicht mehr dem zunächst er- gruppiert. Um sie akustisch zu beschreiben, müs-
zeugten Klang entspricht. Dieser Klang dient ledig- sen wir einen weiteren Begriff einführen, der mit
lich als Quellsignal für weitere Modifikationen. den Formanten zusammenhängt, aber bisher
Für die Erzeugung von verschiedenen Lauten be- noch nicht erwähnt wurde. Es handelt sich um
deutend ist die Filterung des Quellsignals, bei der den Begriff der Formantabbiegungen oder auch
bestimmte Frequenzbereiche des Signals gedämpft Transitionen (s. Abb. 7). Bis jetzt haben wir die
werden, andere, die mit den Eigenfrequenzen des Einzellaute als isoliert aufgefasst und in ihren
Resonanzkörpers (d.h. des Rachen-, Mund- und Schalleigenschaften beschrieben. Viele Laute je-
Nasenraums, auch: Ansatzrohr) korrespondieren, doch sind gerade dadurch gekennzeichnet, wie sie
hingegen nicht. Die Energiemaxima des durch die sich im Übergang zu einem anderen Laut verhal-
Luft transportierten Signals entsprechen somit den ten. Es kommt hier zu Veränderungen in der For-
Frequenzbereichen, die aufgrund der Resonanz- mantlage, die auch als Formantabbiegungen oder
eigenschaften des Ansatzrohrs weniger stark ge- Transitionen bezeichnet werden. Die Approximan-
dämpft werden. ten (z. B. [l]) zählen zu diesen Lauten, ebenso wie
Welche Laute sind als Klänge zu kennzeichnen? die in den folgenden Abschnitten zu beschreiben-
Zu den Lauten, die als akustische Schallgrundlage den Frikative und Plosive. (Auch für die Nasale
ausschließlich den im Kehlkopf erzeugten Klang sind die Transitionen von Bedeutung; sie lassen
haben, zählen die Vokale, Nasale und Approxi- sich jedoch auch über ihre eigenen Formantlagen
manten. Darüber hinaus gibt es Laute, die auf ei- beschreiben).
ner Mischung des Signaltyps Klang mit den Signal- Die Abbildung (4) zeigt abschließend das
typen Rauschen und Knall beruhen, wie die Oszillogramm und das Spektrogramm des Wortes
stimmhaften Plosive und Frikative, die Vibranten alleine. Im Oszillogramm ist zu erkennen, dass
und die Taps und Flaps. in diesem Wort durchgängig quasi-periodische
Vokale lassen sich akustisch somit über ihre For- Schwingungen mit hoher Amplitude vorliegen.
mantlagen bestimmen, wobei vor allem F1 und F2 Das Spektrogramm zeigt deutlich die Formanten
48
2.3
Laute
Akustische Phonetik
49
2.3
Laute
Die Substanz von Lauten
Zur Vertiefung
Fourier-Analyse
Der (harmonische) Klang als komplexes akustisches Signal ergibt sich aus der Addition der Amplituden zu
jedem Zeitpunkt des Signals. Umgekehrt kann ein komplexes akustisches Signal zu jedem Zeitpunkt in seine
Komponenten zerlegt werden. Dieser Vorgang bildet die Grundlage der sog. Fourier-Analyse (oder Spektral-
analyse). Sie zeigt somit an, bei welchen Schwingungsfrequenzen zum Zeitpunkt x welche Amplituden vor-
liegen. Eine Darstellungsform ist das sogenannte Spektrum (s. Abb. 1), bei dem auf der x-Achse die Frequenz
in Hertz abgetragen wird und auf der y-Achse die Amplitude.
As
Abb. 1: Spektrum einer komplexen Schwingungskurve eines Klangs. Sie setzt sich aus vier Teilschwingungen
mit den Schwingungsfrequenzen 100, 200, 300 und 400 Hertz zusammen. Die Amplitude nimmt bei diesem
Beispiel mit steigender Frequenz ab (vgl. Neppert 1999: 43).
Nun bestehen sprachliche akustische Signale aber nicht nur aus einem Zeitpunkt, sondern sie erstrecken sich
über einen längeren Zeitraum. Es müssen für die Zerlegung des Sprachsignals also viele solcher Spektralana-
lysen aneinandergereiht werden. Daraus resultiert dann eine Darstellung des Signals, die gewissermaßen drei-
dimensional ist und die Größen Frequenz, Amplitude und Zeit umfasst, wie in Abbildung 2 zu erkennen ist:
As
Abb. 2: Zeitverlaufsspektrogramm (Neppert 1999: 72)
Auf der Vertikalen ist die Frequenz abgetragen, die Amplitude auf der Horizontalen; in die Tiefe verläuft die
Zeitdimension, so dass sich eine reliefartige Darstellung ergibt. Gängiger als diese Form der Visualisierung
ist allerdings das Spektrogramm, bei dem die Amplituden durch Grauschattierungen wiedergegeben werden
(s. Abb. 3, 4, 5, 6 im Text).
50
2.3
Laute
Akustische Phonetik
f[kHz]
3 2.5
2
1.5
1
.5
[bə] t
f[kHz]
3 2.5
2
1.5
1
.5
kHz
[də] t
2.5
f[kHz] 2.0
3 2.5
1.5
2
1.5 Abb. 7:
1.0
1
.5 Transitionen in schema-
0.5 tischer Darstellung (a)
[gə] t und im Spektrogramm (b)
(a) (b) Silben [bæ], [dæ] und [gæ] (aus Pompino-Marschall
2009: 114)
51
2.3
Laute
Die Substanz von Lauten
52
2.3
Laute
Artikulatorische Phonetik
53
2.3
Laute
Die Substanz von Lauten
Die beweglichen Artikulatoren sind die Zunge, Lateral-Frikative: Es kommt zu einer Ver-
Lippen, Unterkiefer, Gaumensegel, Zäpfchen, Ra- schlussbildung in der Mitte des Mundraums und
chen und die Stimmlippen mit der dazwischen zugleich zu einer Engebildung an einer Seite im
befindlichen Glottis (Stimmritze). Sie werden ein- Mundraum. Der Nasenraum ist dabei verschlos-
gesetzt, um an bestimmten Artikulationsorten Ver- sen. Das Geräusch wird damit nur auf einer Seite
engungen oder Verschlüsse zu bilden und dem des Mundraums produziert; auf der anderen Seite
Luftstrom gewissermaßen Hindernisse in den Weg entströmt die Luft ungehindert. Diese Artikulati-
zu legen, die ihn auf spezifische Art und Weise onsart wird im Deutschen nicht genutzt, aber z. B.
modifizieren. Dies bezeichnet man dann als Arti- im Walisischen. Beispiel: [ܾ].
kulationsart. Approximanten: Sie werden auch als Halbvo-
kale bezeichnet und entstehen durch eine Annähe-
Die Artikulationsarten sind: rung von Artikulator an die Artikulationsstelle,
Plosive: Bei dieser Art kommt es zu einem voll- ohne dass es jedoch zu einem Reibegeräusch wie
ständigen Verschluss von Mund- und Nasenraum. bei den Frikativen kommen würde. Der Nasen-
Der Verschluss staut den Luftstrom an der Stelle raum ist auch hier verschlossen. Beispiele: [w] wie
der Verschlussbildung auf, woraufhin die Luft bei im engl. Wort <water>.
der Lösung des Verschlusses explosionsartig ent- Lateral-Approximanten: Es kommt zu einer
weicht. Beispiele: [p, t, g]. Verschlussbildung in der Mitte des Mundraums,
Frikative: Es entsteht eine Engebildung im die Luft entweicht an beiden Seiten des zentralen
Mundraum, die dazu führt, dass der Luftstrom Verschlusses. Der Nasenraum ist verschlossen.
verwirbelt wird. Dadurch entsteht ein Reibege- Beispiel: [l] wie in <Halle>.
räusch (diese Laute werden deshalb auch als Rei-
belaute bezeichnet). Beispiele: [s, v, x]. Die beschriebenen Artikulationsarten arbeiten alle
Nasale: Es entsteht ein vollständiger Verschluss mit dem oben eingeführten pulmonal-egressiven
im Mundraum. Zugleich ist das Velum gesenkt, so Luftstrom. Es gibt jedoch auch Laute, die mit
dass der Nasenraum geöffnet ist und die Luft nicht-pulmonalem Luftstrom gebildet werden,
durch die Nase entweichen kann. Beispiele: [m, n]. d. h. der Luftstrom kommt nicht aus der Lunge,
Vibranten: Es kommt zu einer schnellen Abfol- sondern wird durch andere Mechanismen wie den
ge von Verschlüssen im Mundraum, wobei der Na- velaren oder den glottalen Luftstrommechanismus
senraum verschlossen ist, umgangssprachlich bei- erzeugt. Beim velaren Luftstrommechanismus bil-
spielsweise bekannt als das sogenannte gerollte r. det die Zunge zusätzlich zu einem vorderen Ver-
Beispiele: [r, R]. schluss (z. B. an den Alveolen) noch einen Ver-
Ein Überblick über Taps und flaps: Es kommt zu einem sehr kur- schluss am Velum. Zwischen Zunge und Gaumen
alle Konsonanten und zen Verschluss des Mundraums bei verschlosse- befindet sich Luft, und bei Vergrößerung des
Vokale und das zugehörige nem Nasenraum, meist dadurch, dass die Zungen- Raums durch Absenken der Zunge sinkt der Luft-
Symbol findet sich in spitze gegen die Alveolen schlägt. Beispiele: [ݐ, ]ݏ druck. Wird nun zuerst der vordere Verschluss ge-
der IPA-Tabelle im Anhang wie im engl. Wort <better> (einmal alveolar und löst, strömt Luft von außen nach innen in den
des Buchs. einmal retroflex produziert). Mundraum. Dabei entsteht ein Schnalzlaut, der in
54
2.3
Laute
Artikulatorische Phonetik
Zur Vertiefung
alveolar
postalveolar
palatal
velar
(a) /t/ in Teich (b) /t/ in Stein
Elektromagnetische Artikulographie (EMA): Im Gegensatz zur EPG ist die EMA in der Lage, Artikulations-
bewegungen zu erfassen, bei denen es nicht zum Zunge-Gaumen-Kontakt kommt, wie beispielsweise bei den
Vokalen. Vereinfacht gesagt, werden dabei die Artikulationsbewegungen mittels Störungen in künstlich erzeug-
ten Magnetfeldern ermittelt. Der Proband trägt bei der Aufnahmeprozedur eine Art Helm, von dem ausgehend
die Magnetfelder erzeugt werden. Die Störungen werden durch Metallplättchen hervorgerufen, die auf dem
interessierenden Artikulator (zumeist auf der Zunge, aber auch an den Lippen, am Unterkiefer oder am Velum)
appliziert werden. Die Methode macht so die Bewegung der Artikulatoren im Mundraum nachvollziehbar und
dient beispielsweise dazu, die wechselseitige Beeinflussung von Vokalen in Lautsequenzen wie /iCa/ oder /aCi/
zu untersuchen (das C steht für einen beliebigen Konsonanten).
der Phonetik als Click bezeichnet wird. Er wird treiben von Pferden oder als »verärgertes ›t‹«
nicht mit egressivem Luftstrom (ausströmende durchaus in Verwendung. Als Sprachlaute kom-
Luft), sondern mit ingressivem Luftstrom (ein- men sie beispielsweise in verschiedenen afrikani-
strömende Luft) produziert. Im Deutschen spielen schen Sprachen vor.
diese Luftstrommechanismen für die normale Die Stimmgebung bezieht sich auf die oben be-
Lautproduktion keine Rolle; sie sind aber als pa- sprochene Differenzierung in stimmhafte und
ralinguistische Laute wie das Schnalzen zum An- stimmlose Laute.
55
2.3
Laute
Die Substanz von Lauten
Die Klassifikation der konsonantischen Einzellaute auch mit dem Grad der Mundöffnung zusammen.
ergibt sich nun aus der Kombination von Artikula- Das [a] ist der offenste Laut, [i] und [u] die ge-
tionsort, Artikulationsart und Stimmgebung. Zu schlossensten. Dazwischen bewegen sich auf ver-
einer vollständigen artikulatorischen Beschrei- tikaler Ebene die anderen Laute. Es wird zwischen
bung der Konsonanten gehören somit immer alle den Höhen hoch, obermittelhoch, untermittel-
drei Parameter. So lautet beispielsweise die Klassi- hoch und tief unterschieden, wobei es im IPA
fikation für den Laut [k]: stimmloser, velarer Plo- noch die Zwischenstufen halbhoch, mittel und
siv. (Bei einigen Lauten verzichtet man allerdings halbtief gibt.
oft auf die Angabe der Stimmhaftigkeit, da sie Zungenlage: Sie bezieht sich auf die horizonta-
(fast) nur stimmhaft vorkommen, so z. B. bei den le Lage der Zunge im Mundraum. Die Zunge wölbt
Nasalen.) sich bei der Vokalbildung mehr oder weniger stark
nach vorne oder hinten, wobei verschiedene Parti-
en der Zunge aktiv werden. Das [i] ist der vorders-
Vokale
te Vokal, das [u] zählt hingegen zu den hinten ge-
Definition bildeten Vokalen. Es wird zwischen den Zungenla-
gen vorne, zentral und hinten unterschieden.
Ein ➔ Vokal ist artikulatorisch dadurch gekennzeichnet, dass der Luft- Lippenrundung: Zusätzlich zur Position der
strom beim Ausströmen keiner Störung unterworfen wird. Vokale wer- Zunge ist für die Klassifikation der Vokale noch
den nach Zungenhöhe, Zungenlage und Lippenrundung klassifiziert. relevant, ob sie mit einer Vorstülpung bzw. Run-
dung der Lippen produziert werden. Es gibt hier
nur die Unterscheidung in gerundete und unge-
Die Vokale sind gegenüber den Konsonanten da- rundete Vokale. Das [i] ist ein ungerundeter Vokal,
durch gekennzeichnet, dass der Luftstrom im An- das [u] ein gerundeter.
satzrohr keiner starken Störung ausgesetzt ist. Wir
benötigen für die Vokale also zum Teil andere Monophthonge und Diphthonge: Die bisher be-
Klassifikationsparameter als für die Konsonanten. schriebenen Vokale bezeichnet man als Monoph-
Die relevanten Parameter für Vokale sind Zungen- thonge (d. h. Ein-Laute). Sie sind dadurch gekenn-
Abb. 10: höhe, Zungenlage und Lippenrundung (nach zeichnet, dass die Klangqualität während des
Vokalviereck mit Pompino-Marschall 2003): Lautes (annähernd) gleich bleibt. Dem gegenüber
Hertzangaben Zungenhöhe: Hiermit wird die vertikale Lage stehen die Diphthonge (d. h. Zwei- oder Zwielau-
für F1 und F2 der Zunge im Mundraum bezeichnet. Sie hängt te), die durch eine systematische Veränderung der
Lautqualität gekennzeichnet sind. Während ihrer
Produktion kommt es zu einer systematischen Ver-
änderung der soeben eingeführten Parameter. Bei-
F2
spiele für Diphthonge sind [Dܼ] oder [ ]ܼܧwie in
2.700 Hz bis 1.000 Hz <Leiter> oder <Leute>. Im ersten Fall bewegt
sich die Zunge von der unteren in die obere vorde-
re Lage, im zweiten Fall von der hinteren, mittel-
F1 tiefen in die obere, vordere Lage.
iy -i –u m u
350 Hz Formantlage und Vokalartikulation: Im voran-
Ω
ɪ ʏ gegangenen Kapitel haben wir von den Formantla-
gen der Vokale gehört. Wie hat man sich den Zu-
sammenhang von Formantlagen und Vokalarti-
e ø ɘɵ ɤ o kulation genau vorzustellen? Das Ansatzrohr als
ə bis
Resonator wird durch die Artikulation in Hinblick
auf seine Länge verändert, wodurch unterschiedli-
ɛ œ ɜɞ
c v
che Eigenresonanzen/Formanten entstehen. Als
grober Zusammenhang lässt sich feststellen, dass
æ ɐ die Zungenhöhe mit F1 in Zusammenhang steht,
während die Zungenlage mit F2 korreliert:
850 Hz
a ɶ ɑ ɒ F1 ist umso niedriger, je geschlossener der Vokal
ist. Bei geschlossenem Vokal, also gehobenem Zun-
genrücken oder Zungenspitze, verlängert sich der
56
2.3
Laute
Auditive Phonetik
Resonanzraum zwischen Glottis und Lippen, was zu zum Beispiel die Lautheit oder die Tonhöhe eines
einer Verstärkung der niedrigen Frequenzbereiche Signals, Kategorien, die üblicherweise die Laut-
führt. F1 variiert bei den Vokalen zwischen ca. 350 ebene überschreiten und zu den sogenannten Su-
und 850 Hertz, wobei es für die Einzellaute je nach prasegmentalia zählen (s. Kap. 2.5.4).
Geschlecht des Sprechers zu großen Schwankungen Die vierte Frage ist die schwierigste und weit-
kommt (vgl. Reetz 2003: 183). reichendste. Letztendlich interessiert uns als Lin-
F2 ist umso niedriger, je weiter hinten der akti- guisten ja, wie die Kommunikation funktioniert.
ve Teil der Zunge ist. Bei hinterer Zungenlage ver- Wie in der Einleitung schon angesprochen wur-
größert sich der Abstand zwischen Zunge und Lip- de, entnehmen wir dem Lautmaterial eine Viel-
pen, wodurch die Formanten im Bereich des F2 zahl an Informationen, wovon die Bedeutung der
niedriger werden. Der F2 variiert bei den Vokalen ausgesprochenen Wörter und Sätze meist die
zwischen ca. 1000 und 2700 Hertz. wichtigste ist. Aber wie wird diese Information
entschlüsselt? Spielen Einzellaute und ihre spezi-
fische Substanz dabei überhaupt eine Rolle? Wir
haben schon gesehen, dass das akustische Signal
2.3.3 | Auditive Phonetik einem gewissen Ausmaß an Variation unterwor-
fen ist, wenn zum Beispiel starke Schwankungen
Mit der auditiven Phonetik wenden wir uns der der Vokalformanten auftreten. Wie gelingt es uns
Hörerseite zu. Es lassen sich hier verschiedene dennoch, den Laut zu erkennen? Dies sind Fra-
Fragen stellen, die zum Teil an unterschiedliche gen, die bereits über die Auditive Phonetik hin-
Forschungsdisziplinen in der Linguistik anknüpfen ausweisen und zum einen in der Psycholinguis-
und teilweise auch interdisziplinäre Bezüge zur tik behandelt werden, zum anderen aber auch in
Medizin und zur Psychologie aufzeigen. der Phonologie, die sich mit der Funktion von
■ Wie werden die Schallwellen im Ohr aufgenom- Lauten für das Sprachsystem und daher mit der Grundlagen der
men und weiter transportiert? Frage beschäftigt, wie solche Einheiten beim Sprachwahrnehmung
■ Wie werden die akustischen Signale in neuro- Menschen mental repräsentiert sind, d. h. wel-
nale Signale umgesetzt und ins Nervensystem chen Status sie im menschlichen Geist haben
weitergeleitet? (s. Kap. 2.6).
■ Wie oder als was werden die akustischen Si- Die Auflistung der Fragen hat deutlich gemacht,
gnale vom Hörer tatsächlich wahrgenommen? dass mit der auditiven Phonetik ein sehr weiter
■ Wie werden die wahrgenommenen Elemente Bereich umrissen wird, der hier nicht vollständig
als sprachliche Zeichen interpretiert, d. h. vom vorgestellt werden kann.
menschlichen Geist verarbeitet und gespei-
chert? Anatomie des Ohres: Abbildung 11 veranschau-
Die ersten beiden Fragen fokussieren auf die ana- licht die Anatomie des Ohres mit seiner Aufteilung
tomischen, physiologischen und neuronalen in Außenohr, Mittelohr und Innenohr.
Grundlagen der Sprachwahrnehmung. Sie wid-
men sich gewissermaßen den materiellen Voraus- Der im Außenohr liegende Gehörgang übt eine
setzungen der Wahrnehmung von Sprechschall im Filterfunktion aus und verstärkt aufgrund seiner
Hörer. Eigenresonanzen vor allem die Frequenzbereiche,
Bei der dritten Frage geht es nicht mehr um ma- die relevant für die Sprechschallwahrnehmung
terielle Grundlagen, sondern um auditive Katego- sind. Das akustische Signal, das in Form von Luft-
rien, die für den Hörer von Relevanz sind. Solche druckschwankungen über die Luft transportiert
auditive Kategorien können zum Beispiel Einzel- wird, trifft nun am Trommelfell ein, wodurch die-
laute sein. Ab wann nimmt der Hörer ein [t] ses in eine Schwingung versetzt wird, die an die
wahr, ab wann ein [d]? Die Wahrnehmung steht anschließenden Knöchelchen Hammer, Amboss
dabei nicht in einem einfachen linearen 1:1-Ver- und Steigbügel weitergegeben wird. Der Steigbü-
hältnis zum akustischen Signal. Wo das akusti- gel schließt an das im Übergang zum Innenohr ge-
sche Signal kontinuierliche Übergänge zwischen legene ovale Fenster an. Von hier aus wird das
Lauten aufweist, werden kategorische Unterschie- komplexe Schwingungssignal nun an die Cochlea
de wahrgenommen, also kategorische Entschei- (Schnecke) weitergegeben, wo die eigentliche
dungen zugunsten des einen oder des anderen Umsetzung des mechanischen Signals in neurona-
Lauts getroffen. Andere auditive Kategorien sind le Aktionspotentiale stattfindet.
57
2.3
Laute
Die Substanz von Lauten
58
2.3
Laute
Auditive Phonetik
Zur Vertiefung
Auf der linken Seite ist zu erkennen, dass die ›naiven‹ ungarischen Sprecher beim /e/ vs. /æ/-Kontrast keine
Auslenkung nach oben in den Bereich der negativen Spannung (mismatch negativity) haben, die finnischen und
die fließend finnisch sprechenden ungarischen Muttersprachler hingegen schon. Auf der rechten Seite sieht man,
dass bei allen drei Sprechergruppen eine mismatch negativity messbar ist, wenn man den Kontrast von /e/ und
/y/ testet. Dieser Kontrast erfüllt in beiden Sprachen die Funktion, Bedeutungen von Wörtern zu unterscheiden.
59
2.4
Laute
Die Funktion von Lauten
im Sprachsystem
2.4.1 | Bedeutungsdifferenzierung: den ›Wind‹; und wenn sie die Öffnung des Velums
Das Phonem unterlassen, die Nasalität bewirkt, entsteht eine
Lautsequenz, die auf den ›Wald‹ verweist.
Bei Beschäftigung mit der Funktion von Lauten Bedeutungsunterscheidung: Wir sehen also,
begeben wir uns nun auf ein höheres Abstrak- dass trotz aller Variation der Einzellaute eine
tionsniveau. Uns interessiert nicht mehr ihre mate- Funktion ihre variablen Realisierungen zusam-
rielle Grundlage, die auf der Analyse konkreter menhält. Dies ist die Funktion, Wörter bzw. deren
Lautrealisierungen beruht. Stattdessen abstrahie- Bedeutung zu differenzieren: Bestimmte Laut-
ren wir von den konkreten Realisierungen und be- ersetzungen können dazu dienen, referenzielle Be-
stimmen die Einheiten der Lautgestalt einer Spra- deutungen zu verändern. Die Lautunterscheidun-
che dadurch, dass wir ihnen eine Funktion im gen, die dies können, sind die Grundlage der
Sprachsystem zuordnen. Diese Funktion soll über abstrakten phonologischen Einheit des Phonems.
die konkreten Verwendungen hinweg konstant Die Definition des Phonems beruht auf zwei
sein und es ermöglichen, von einer gewissen Kriterien: Zur Funktion der Bedeutungsunterschei-
Bandbreite der Variation, die bei den konkreten dung kommt die wichtige Forderung hinzu, dass
Realisierungen auftritt, abzusehen. das Phonem eine kleinste Einheit sein muss. So
Variation ist unvermeidlich: Wenn dieselbe Per- könnte man in [valt] zwar die Lautsequenz [al] ge-
son zehn Mal hintereinander das Wort Wand aus- gen [ܼn] austauschen und damit einen Bedeu-
spricht, wird keine der Realisierungen phonetisch tungsunterschied erzielen; dennoch würde es sich
genau gleich sein. Die Enge bei der Bildung des bei diesen beiden Lautsequenzen nicht um (je) ein
labiodentalen Frikativs wird manchmal mehr, Phonem handeln. Zwar ergibt sich ein Bedeu-
manchmal weniger stark ausgeprägt sein, ebenso tungsunterschied, aber der Kontrast zwischen den
seine Stimmhaftigkeit; der letzte Laut wird manch- Wörtern lässt sich noch weiter minimieren, indem
mal mehr, manchmal weniger stark aspiriert sein entweder der Vokal oder der Konsonanten kon-
und noch vieles mehr. Wenn verschiedene Perso- stant gehalten wird. Hingegen bildet [valt] aber
nen das Wort aussprechen, potenziert sich die Va- einen minimalen Kontrast mit [YܼOW] und mit [vant].
riation noch. Natürlich ist diese Variation nicht Die Ersetzung der Laute [a] und [ܼ] durch den je-
völlig irrelevant und funktionslos. Sie kann zum weils anderen Laut führt außerdem zu einer Be-
Beispiel dazu dienen, Informationen über Ge- deutungsunterscheidung, ebenso wie die der Lau-
schlecht, Alter, soziale Gruppe oder regionale Her- te [l] und [n], [a], [ܼ], [l] und [n] sind folglich
kunft der Person zu vermitteln. Was trotz dieser Phoneme des Deutschen.
Variation jedoch konstant bleibt, ist, dass alle Per- Phonemanalyse: Das gerade verwendete Ver-
sonen mit dieser Lautsequenz das Konzept ›Wand‹ fahren zur Identifizierung von Phonemen nennt
meinen. Es gibt aber Grenzen der Variation: man Minimalpaaranalyse. Unter einem Minimal-
Wenn die Sprecher den Vokal sehr stark anheben paar versteht man dabei ein Paar von zwei Wör-
und dabei nach vorn verlagern, ohne die Lippen tern, die durch einen minimalen lautlichen Kon-
zu runden, wird die Lautsequenz irgendwann trast gekennzeichnet sind. Die beiden Laute, die
nicht mehr auf eine ›Wand‹ referieren, sondern auf diesen minimalen Kontrast ausmachen, sind des-
halb Phoneme der jeweiligen Sprache. Es ist dabei
Definition nicht notwendig, dass sie in jedem Kontext bedeu-
tungsunterscheidend sind. Zum Beispiel kann
Unter einem ➔ Phonem versteht man die kleinste bedeutungsunter- man in [vant] den auslautenden stimmlosen Plosiv
scheidende lautliche Einheit einer Sprache. nicht durch einen stimmhaften Plosiv ersetzen,
Phoneme werden durch Schrägstriche gekennzeichnet: /a/, /ܼ/, /x/ usw. denn [vand] ist kein mögliches Wort des (Stan-
Unter einem ➔ Phon versteht man die kleinste segmentierbare Einheit dard-)Deutschen. Entsprechend kann es auch kein
einer Sprache (die aber keine bedeutungsunterscheidende Funktion Minimalpaar [vand] vs. [vant] geben. Da aber
haben muss). leicht Minimalpaare im Anlaut wie [GDƾNԥ] vs.
Phone werden durch eckige Klammern gekennzeichnet: [a], [ܼ], [x] usw. [WDƾNԥ] zu finden sind, sind /d/ und /t/ zweifellos
Phoneme des Deutschen.
60
2.4
Laute
Bedeutungsdifferenzie-
rung: Das Phonem
Zur Vertiefung
»Der Lautstrom des konkreten Sprechaktes ist eine ununterbrochene, scheinbar ungeordnete Aufeinanderfolge
ineinander übergleitender Schallbewegungen. Dagegen bilden die Einheiten der bezeichnenden Seite des
Sprachgebildes ein geordnetes System. Und dadurch, dass einzelne Momente des im Sprechakt verwirklichten
Lautstroms auf einzelne Glieder dieses Systems bezogen werden können, wird in den Lautstrom Ordnung ge-
bracht.« (ebd. 6–7)
Beide Seiten stehen somit notwendig in Beziehung zueinander. Der konkrete Sprechakt aktualisiert das ab-
strakte, regelhafte System; das Eine kann ohne das Andere nicht existieren. Es ist wichtig zu beachten, dass
die Einheiten des Sprachgebildes keine materielle Realität haben; sie existieren als ideelle Einheiten in einem
System. Die Tatsache, dass Sprechakt und Sprachgebilde gewissermaßen unterschiedlichen Phänomenbereichen
zuzurechnen sind – der Sprechakt konkretem Material und das Sprachgebilde ideellen Konstrukten –, hat zur
Folge, dass sie mit unterschiedlichen Methoden bearbeitet werden müssen. Trubetzkoy formuliert dies so:
»Entsprechend ihrem verschiedenen Gegenstand müssen die beiden Lautlehren ganz verschiedene Arbeitsme-
thoden anwenden: die Sprechaktlautlehre, die mit konkreten physikalischen Erscheinungen zu tun hat, muß
naturwissenschaftliche, die Sprachgebildelautlehre dagegen rein sprach- (bzw. geistes- oder sozial-)wissen-
schaftliche Methoden gebrauchen.« (ebd.: 7)
Und er gibt den beiden Lautlehren auch gleich noch ihre Namen:
»Wir bezeichnen die Sprechaktlautlehre mit dem Namen P h o n e t i k, die Sprachgebildelautlehre mit dem
Namen P h o n o l o g i e.« (ebd., Hervorhebung im Original)
Dies ist tatsächlich die Definition, die auch das heutige Verständnis von Phonetik und Phonologie prägt.
Wir werden allerdings in Kapitel 2.6 sehen, dass es neuere Ansätze bei der Auseinandersetzung mit der laut-
lichen Seite der Sprache gibt, die eine stärkere Integration von Phonetik und Phonologie anstreben.
Durch die Minimalpaaranalyse ermittelt man das Syntagmatisch: Hierunter ist die lineare Abfol-
Phoneminventar einer Sprache. Laute, die in ei- ge von sprachlichen Einheiten zu verstehen. In der
ner Sprache einen Bedeutungsunterschied herbei- Phonologie lautet die Frage also: Welche Laute
führen, können aber in einer anderen Sprache können aufeinander folgen und welche nicht (Pho-
durchaus nicht bedeutungsunterscheidend sein. notaktik)? Auf syntagmatischer Ebene lassen sich
Ein berühmtes Beispiel sind die Laute [l] und [r], durch Umstellung (Permutation) die kleinsten
die im Deutschen Phonemstatus haben (also /l/ Einheiten ermitteln, die für die weitere Analyse zur
und /r/, z. B. in /ODܼ]ԥ/ und /UDܼ]ԥ/), im Japani- Ermittlung des Phonemsystems zur Verfügung ste-
schen aber nicht. Phoneminventare sind also im- hen. Darüber hinaus dient der Umstellungstest
mer sprachspezifisch. dazu, Aufschluss über die Phonotaktik zu erhalten.
Grundsätzlich geht man von zwei Dimensio- Paradigmatisch: Hiermit bezieht man sich auf
nen aus, entlang derer sprachliche Einheiten im die Ersetzungsrelationen von sprachlichen Ein-
Sprachsystem zueinander regelhaft in Beziehung heiten. Welche Laute können also an der gleichen
stehen: die syntagmatische und die paradigmati- Stelle in einem Wort durch andere Laute ersetzt
sche Dimension. werden? Auf paradigmatischer Ebene können wir
61
2.4
Laute
Die Funktion von Lauten
im Sprachsystem
durch Ersetzung (Substitution) ebenfalls Auf- kommen. Die lautliche Umgebung schreibt also
schluss über die kleinsten segmentierbaren Einhei- vor, welche Variante zu wählen ist. Deshalb be-
ten sowie über die Phonotaktik erhalten. (Ersetzt zeichnet man solche Allophone als komplementär
man beispielsweise in Traum das r durch ein l, er- distribuiert; wo das eine Allophon steht, kann nie-
kennt man, dass die Lautabfolge tl an dieser Stelle mals das andere Allophon auftauchen. Dies be-
nicht zulässig ist.) Darüber hinaus stellt sie den deutet auch, dass die betreffenden Laute phonolo-
Ausgangspunkt für die oben eingeführte Minimal- gisch nicht miteinander kontrastieren können; es
paaranalyse dar. lässt sich kein Minimalpaar mit ihnen bilden.
Ein bekanntes und immer wieder beschriebe-
nes Beispiel aus dem Deutschen ist die sogenannte
ich-/ach-Allophonie. Sie betrifft die beiden Laute
2.4.2 | Allophone [ç] und [x], die im Deutschen komplementär dis-
tribuiert sind. (Genau genommen tritt sogar noch
Nicht alle Lautsegmente, die sich in einer Sprache eine dritte Variante auf, nämlich [Ȥ], die wir hier
isolieren lassen, sind zwangsläufig auch bedeu- aber außer Acht lassen wollen; vgl. Wiese 2000;
tungsdifferenzierend. Manchmal treten Laute als Kohler 1995). Die Distribution lässt sich folgen-
Realisierungsvarianten Varianten eines Phonems auf. Das heißt, dass sie dermaßen beschreiben: Der palatale Frikativ [ç]
zwar in ihrer phonetischen Realisierungsweise un- kommt nach Vordervokalen (inklusive den Di-
terschiedlich sind, sich aber in allen Wörtern be- phthongen auf [ܼ]), nach den Konsonanten /l, r, n/
liebig austauschen lassen, ohne dass es zu einem sowie am Anfang von Morphemen (= bedeu-
Bedeutungsunterschied kommen würde. Im Deut- tungstragenden Einheiten) wie chen in Hündchen
schen kennen wir das von den verschiedenen Rea- oder Chemie vor. Der velare Frikativ [x] wird dage-
lisierungsvarianten des /r/, das anlautend mal als gen nach Hintervokalen realisiert. Aufgrund des
[]ݒ, mal als [r] oder [ ]ݓrealisiert werden kann. phonologischen Kontexts lässt sich somit vorher-
Egal, welche Variante z. B. in dem Wort /UDݜP/ sagen, wann welches Allophon auftritt. Das Vor-
verwendet wird, die Phonemsequenz bezieht sich kommen des einen Allophons schließt das Vor-
immer auf die Bedeutung ›Raum‹. Solche Varian- kommen des anderen aus. Die beiden Allophone
ten werden Allophone genannt. werden als Realisierungsvarianten einem Phonem
zugeordnet, in diesem Fall dem /ç/ (zur Begrün-
Definition dung dieser Auswahl s. Kap. 2.6.1).
Phonetische Ähnlichkeit: Allerdings sind nicht
Unter einem ➔ Allophon versteht man eine alle Laute, die komplementär distribuiert sind
Realisierungsvariante eines Phonems. (oder besser: die keinen phonologischen Kontrast
miteinander bilden können), automatisch auch
Realisierungsvarianten (Allophone) eines Pho-
Es gibt zwei Typen von Allophonen: nems. So lässt sich im Deutschen kein phonologi-
Freie Variation: Das Beispiel der deutschen /r/- scher Kontrast mit den Lauten [h] und [ƾ] herstel-
Realisierung im Anlaut zeichnet sich dadurch aus, len. Sie kommen in komplementären phonologi-
dass die Varianten des /r/ im gleichen Wort an glei- schen Kontexten (silbenan- bzw. auslautend) vor.
cher Stelle frei austauschbar sind. Die Allophonie Dennoch lassen sie sich schwerlich als Realisie-
dieses Typs bezeichnet man als freie Variation. Wie rungsvarianten eines einzigen Phonems begreifen.
›frei‹ diese Variation tatsächlich ist, darüber lässt Im Gegensatz zu den palatalen und velaren stimm-
sich allerdings streiten. Die /r/-Varianten im Deut- losen Frikativen, die an der ich-/ach-Allophonie
schen sind ja zumindest regional bedingt. ›Frei‹ soll beteiligt sind, weisen sie keinerlei phonetische Ge-
hier also nicht bedeuten, dass die verschiedenen meinsamkeit auf. Hier ist übrigens der englische
Allophone völlig willkürlich und zufällig vorkom- Begriff für die ich/ach-Allophone aufschlussreich,
men. Gemeint ist lediglich, dass es keine sprach- nämlich dorsal fricative assimilation (dorsal be-
systeminternen Bedingungen gibt, die entweder zieht sich auf das Dorsum, den hinteren Teil der
die eine oder die andere Variante erfordern. Zunge, den Zungenrücken). Der Begriff weist dar-
Komplementäre Distribution: Hierunter ist zu auf hin, dass es sich dabei um eine Assimilation,
verstehen, dass die Realisierungsvarianten des d. h. eine lautliche Angleichung an den Kontext,
Phonems regelhaft in unterschiedlichen, einander handelt. Die lautliche Angleichung bezieht sich
ausschließenden phonologischen Kontexten vor- dabei nur auf eine Dimension (den Artikulations-
62
2.4
Laute
Distinktive Merkmale
63
2.4
Laute
Die Funktion von Lauten
im Sprachsystem
64
2.5
Laute
Distinktive Merkmale
[–sth] p t k f s ݕ ç h
[+sth] b d g v z ݤ m n ƾ l ݒ j
[kons] + + + + + + + + + + + + – –
[son] – – – – – – – + + + + + + +
[kont] – – – + + + + – – – – + + +
[nas] – – – – – – – + + + – – – –
[LAB] √ √ √ Tab. 3:
[KOR] √ √ √ √ √ √ Distinktive Merkmale der
[ant] + – deutschen Konsonanten-
phoneme
[DORS] √ √ √ √
(vgl. Hall 2011: 132)
■ [±tief]: tief: Dieses Merkmal bezieht sich eben- ■ [RAD]: radikal: Dieses privative Merkmal kenn-
falls auf die Höhe des Dorsums; [+tief] sind zeichnet solche Laute, die mit der Zungenwur-
Laute, bei denen das Dorsum nach unten ge- zel gebildet werden.
senkt wird. Die Merkmale [hoch] und [tief] erge-
ben in ihrer Kombination die Möglichkeit, drei Diese Auflistung der distinktiven Merkmale orien- Merkmalsgeometrie
verschiedene Vokalhöhen darzustellen: [-hoch, tiert sich an Hall (2011), der wiederum unmittelbar
+tief] sind die in Kapitel 2.3.2 als tief eingeführ- auf Chomsky/Halles Sound Pattern of English
ten Vokale, [+hoch, -tief] ergibt die als hoch ein- (SPE; 1968) Bezug nimmt. Jüngere Darstellungen
geführten Vokale, die Kombination [-hoch, -tief] im Rahmen der sog. Merkmalsgeometrie (s. Ver-
schließlich fasst die mittleren Höhen obermittel- tiefungkasten S. 66) fassen die distinktiven Merk-
hoch und untermittelhoch zusammen. male nicht als eine bloße Auflistung von gleichran-
■ [±gesp]: gespannt: Dieses Merkmal ist nur für gigen und voneinander unabhängigen Merkmalen
Vokale relevant; [+gesp] bezeichnet solche Vo- auf, sondern sie gruppieren sie noch zu verschie-
kale, bei denen die Zungenposition peripher ist, denen Merkmalsknoten. Dadurch wir zum Aus-
also nicht zum Zentrum des Mundraums hin druck gebracht, dass die Merkmale in einem hier-
verläuft, sondern davon weg. Das Merkmal dif- archischen Verhältnis zueinander stehen und dass
ferenziert beispielsweise das /i/ ([+gesp]) vom sie nicht unabhängig voneinander sind.
/ܼ/ ([-gesp]).
65
2.5
Laute
Über Laut und
Phonem hinaus
Zur Vertiefung
Die Merkmalshierarchie findet ihre Bestätigung in phonologischen Prozessen (s. Kap. 2.5.2), bei denen Merk-
male nicht willkürlich und vereinzelt betroffen sind, sondern häufig in bestimmten, der Hierarchie entsprechen-
den Gruppen (den natürlichen Klassen) auftreten. Folgen beispielsweise die Laute /n/ und /k/ aufeinander,
kommt es häufig zu einer Angleichung des /n/ an den Artikulationsort des /k/; es resultiert also ein /ƾ/
(z. B. in einkaufen). Das /n/ ist unter anderem durch den Artikulatorknoten [KOR] definiert, der im Deutschen
das binäre Merkmal [±ant] dominiert. Das /k/ hingegen beinhaltet den Artikulatorknoten [DORS] mit den
untergeordneten binären Merkmalen [±hoch, ±hint]. Bei der Angleichung des /n/ breitet sich nun [DORS]
und damit alle vom Artikulatorknoten dominierten Merkmale des /k/ auf das /n/ aus. Die Assoziation des
Merkmalsknotens [KOR] mit dem Segment /n/ wird dabei getilgt. Es ist zu beachten, dass sich andere Merk-
male des /k/, wie [-son] oder das von [LAR] dominierte [-sth], nicht auf das /n/ übertragen, weshalb sie in
der Merkmalsgeometrie nicht von dem sich ausbreitenden Knoten dominiert sein dürfen.
66
2.5
Laute
Phonologische Prozesse
67
2.5
Laute
Über Laut und
Phonem hinaus
Definition
notaktischen Strukturbeschränkungen einer Spra-
Unter einem ➔ phonologischen Prozess versteht man eine regelhaft che. Diese bestimmen, welche Laute in der
auftretende Veränderung der Lautstruktur in lexikalisch zusammen- Sprache aufeinander folgen dürfen und welche
gehörenden Wörtern unter bestimmten Kontextbedingungen. nicht. Zu Konflikten kommt es, wenn Wörter aus
einer Fremdsprache in die eigene Sprache ent-
lehnt werden. So finden sich in deutschen Wör-
Neutralisierung (vgl. Hall 2011). Diese Prozesse tern, die ins Japanische entlehnt wurden, oftmals
haben in der synchronen Phonologie ihren Platz, epenthetische Vokale, da das Deutsche die Aufein-
wenn sie für lautliche Alternationen innerhalb ei- anderfolge von zwei oder mehr Konsonanten er-
ner Sprachstufe verantwortlich sind. Allerdings laubt, das Japanische jedoch nicht. Beispiele hier-
kommen alle genannten Prozesse auch als laut- für sind dt. Gestalt, Arbeit, Zeitgeist, die als jp.
liche Veränderungen in der Geschichte von Einzel- geshutaruto, arubeito, tsaitogaisuto entlehnt wur-
sprachen vor. Ein Beispiel hierfür ist die soge- den. Als epenthetischer Vokal fungiert hier zu-
nannte Dehnung in offener Tonsilbe im Übergang meist das [u], das im Japanischen häufig stimm-
vom Mittelhochdeutschen zum Frühneuhoch- los ist und als Schwundvokal bezeichnet wird
deutschen. Es handelt sich hierbei um die Erset- (vgl. Dohlus 2002: 25 ff.). Bei der Vokalepenthese
zung der alten Kurzvokale durch Langvokale in (Svarabhakti) wird oft ein solcher eher schwa-
Wörtern wie Tage, legen oder haben. In bestimm- cher Vokal eingefügt, z. B. häufig ein Schwa.
ten Varietäten des Gegenwartsdeutschen ist die Ein Beispiel für eine Tilgung, die allerdings
Dehnung immer noch Teil des synchronen phono- nicht obligatorisch sondern fakultativ auftritt, ist
logischen Systems; etwa variieren in den nord- die Tilgung von auslautendem t im Deutschen. So
deutschen Varietäten des Standarddeutschen heu- werden Wörter wie kommst häufig als komms
te die Kurzvokale in geschlossener Silbe ([tax]) (›komms du?‹) realisiert.
mit Langvokalen in offener Silbe ([taJ)]ۑ. Dafür, dass sich phonotaktische Regularitäten
Ursachen: Die Tatsache, dass phonologische einer Sprache im Laufe der Zeit ändern können, ist
Prozesse sowohl synchron als auch diachron häu- das Deutsche ein gutes Beispiel. Konsonanten-
fig sind, deutet darauf hin, dass sie gewisserma- epenthese und Vokaltilgung zeugen hier davon,
ßen in den natürlichen Gegebenheiten wurzeln, dass die Sprache vom Mittelhochdeutschen zum
denen alle Menschen beim Sprechen unterworfen Frühneuhochdeutschen wesentlich komplexere
sind – also in der Phonetik (z. B. in der Koartikula- Silbenstrukturen entwickelt hat. So wurde z. B. der
tion). Bei vielen phonologischen Prozessen lässt Auslaut durch Epenthese eines weiteren Konso-
sich außerdem feststellen, dass sie zu einer einfa- nanten verstärkt, etwa in den Wörtern mhd. saf >
cheren Aussprache der betroffenen Wörter führen. fnhd. saft, und unbetonte Vokale wurden getilgt,
Die Ursache von vielen phonologischen Prozessen was ebenfalls zu komplexeren Auslautclustern
wird deshalb häufig in der Tendenz der Sprache führte, vgl. mhd. nimest > fnhd. nimpst (vgl.
zur artikulatorischen Vereinfachung und zum Nübling et al. 2006: 38 ff.).
Abbau von markierten Strukturen gesehen. Als Grund für Epenthese und Tilgung wird oft
Phonologische Regeln: Die wissenschaftliche Beschreibung die Ausspracheerleichterung genannt. Wie schon
Regeln von phonologischen Prozessen erfolgt in vielen bei der Beschreibung der VOT in Kapitel 2.3.3 ge-
Theorien durch phonologische Regeln. Diese ge- sehen, spielt aber nicht nur die Erleichterung der
ben die betroffenen Laute des Prozesses, die ver- Artikulation eine Rolle, sondern vor allem auch
änderten Merkmale und die Kontextbedingungen das artikulatorische Timing. So lassen sich zum
an. Phonologische Regeln bedienen sich – falls Beispiel sowohl der (aus den westdeutschen Dia-
nötig – der distinktiven Merkmale, die wir in Ka- lekten des Deutschen bekannte) epenthetische Vo-
pitel 2.4.3 eingeführt haben (für ein Beispiel einer kal in Wörtern wie fünnef und Sennef für fünf und
phonologischen Regel s. Kap. 2.6.1). Senf als auch der (eher süddeutsche) epentheti-
Epenthese und Tilgung sind einander entgegen- sche Konsonant in den gleichen Wörtern (fümpf,
gesetzte Prozesse. Mit Epenthese bezieht man Sempf) auf Unterschiede im Timing der artikulato-
sich auf die Einfügung von Lauten. Tilgung hin- rischen Gesten zurückführen. Dass allerdings bei-
gegen bedeutet den Verlust (die Tilgung) von de Varianten vorkommen und auf verschiedene
Lauten. Eingefügt oder getilgt werden sowohl Dialektregionen verteilt sind, zeigt, dass auch un-
Konsonanten als auch Vokale. Häufig stehen Ep- terschiedliche phonotaktische Präferenzen in den
enthese und Tilgung im Zusammenhang mit pho- Varietäten des Deutschen eine Rolle spielen.
68
2.5
Laute
Phonologische Prozesse
Zur Vertiefung
Phonologische Markiertheit
Die Markiertheit von Lauten oder lautlichen Strukturen (wie beispielsweise der Abfolge von Lauten innerhalb
einer Silbe, Phonotaktik) wird in der Regel auf der Basis der Häufigkeit bestimmt, mit der eine Struktur in al-
len (bekannten) Sprachen der Welt vorkommt. Bestimmte Laute oder lautliche Strukturen sind in allen Spra-
chen zu finden, während andere in nur wenigen Sprachen vorkommen.
Das lässt sich am Beispiel der gerundeten Vordervokale illustrieren. Gerundete Vordervokale sind gegenüber
ihren ungerundeten Entsprechungen markiert: Sie kommen seltener vor, und wenn eine Sprache in ihrem Vo-
kalinventar gerundete Vordervokale aufweist, so verfügt sie auch über die ungerundete Entsprechung. Das Fran-
zösische besitzt beispielsweise die gerundeten Vordervokale /y, ø, œ/ und ihre ungerundeten Entsprechungen
/LHܭ/. Das Englische verfügt zwar über die ungerundeten Vordervokale /LܼH /, aber nicht über die entspre-
chenden gerundeten Vokale. Die markierte Form impliziert also die unmarkierte, aber nicht umgekehrt (zu sol-
chen implikativen Universalien s. Kap. 8.1.1). Weiterhin lassen sich systematische Bedingungen feststellen, bei
denen die markierte Form zugunsten der unmarkierten Form abgebaut wird. Im Kreol von Mauritius (zu Kreol-
sprachen s. Kap. 11.3.1) gibt es beispielsweise die Wörter [plimo] und [seve], die auf Französisch [SO\ޖPR] und
[ݕԥޖY¡] zurückgehen. Das Vokalsystem des Kreol von Mauritius und das des Französischen sehen wie folgt aus
(vgl. Jacobs/Gussenhoven 2000: 202):
Kreol: i u Französisch: i y u
e o e ø o
a ܭ° D ܧ
Werden Wörter aus dem Französischen in das Kreol übernommen, so werden die markierten gerundeten Vokale
durch die ungerundeten ersetzt; es kommt zum phonologischen Prozess der Entrundung (vgl. ebd.). Auch in
vielen Dialekten des Deutschen finden sich anstelle der gerundeten Vordervokale im Standarddeutschen die un-
gerundeten Entsprechungen, was in diesem Fall aber nicht auf Sprachkontakt, sondern auf historische Entrun-
dungsprozesse in den jeweiligen Dialektregionen zurückzuführen ist. Ein weiterer Aspekt bei der Bestimmung
von markierten gegenüber unmarkierten Strukturen ist die Erwerbsreihenfolge im kindlichen Erstspracherwerb:
Markierte Laute und Strukturen werden für gewöhnlich erst später erworben.
Der qualitative Aspekt von Markiertheit, der hinter den genannten Tendenzen im Sprachwandel, Sprachkon-
takt und Spracherwerb steckt, betrifft die artikulatorische Komplexität: Unmarkierte Laute sind häufig weniger
komplex als markierte. Die gerundeten Vordervokale weisen beispielsweise das zusätzliche Merkmal der Lip-
penrundung auf; ihre Artikulation ist also aufwändiger als die Artikulation der ungerundeten Vordervokale.
Natürlich lassen sich Markiertheitsunterschiede nicht nur für Vokale, sondern auch für Konsonanten und vor al-
lem auch für Silbenstrukturen (s. Kap. 2.5.3) feststellen. Einen – wenn auch anekdotischen – Beleg für die Erset-
zung markierter Strukturen im Deutschen durch unmarkierte liefert die Erklärung der Gruppe »Die Fantasti-
schen 4« zur Namensgebung ihrer Platte »Fornika« (erschienen 2007). Angeblich sei der Name darauf
zurückzuführen, dass sie Pizza auf den Namen »Wernicke« bestellt hätten, die schließlich als Pizza für »For-
nika« angeliefert worden sei. Selbst wenn das rein erfunden ist und lediglich die semantische Lesart von For-
nika ironisch kaschieren sollte, ist die Erklärung doch phonologisch sehr plausibel: Insbesondere die Ersetzung
des anlautenden stimmhaften Obstruenten durch den entsprechenden stimmlosen Obstruenten entspricht ei-
nem Abbau an Markiertheit, ebenso auch die Ersetzung des auslautenden Reduktionsvokals durch einen Voll-
vokal, der zu einer weniger markierten, verbesserten Silbenstruktur führt.
Eine moderne phonologische Theorie, die Markiertheit und universale Tendenzen sehr stark berücksichtigt, ist
die Optimalitätstheorie (s. Vertiefungskasten »Optimalitätstheorie«, S. 85).
Metathese: Als Metathese bezeichnet man die Diese treten jedoch nur sporadisch auf und stellen
Vertauschung von Lauten in einem Wort. So hört keine phonologische Regel dar. Regelmäßig auftre-
man im heutigen Deutsch Versprecher wie Be- tende Metathesen finden wir hingegen beispiels-
droullie für Bredoullie oder intregiert für integriert. weise im Zoque, einer im Süden Mexikos gespro-
69
2.5
Laute
Über Laut und
Phonem hinaus
chenen Sprache. Dort wird Besitz dadurch im Deutschen auf, und zwar wenn ein wortfinaler
angezeigt, dass vor dem Wortstamm das Präfix j und ein wortinitialer, gleicher Konsonant aufein-
angehängt wird. Zur Metathese kommt es, wenn ander folgen, z. B. in zusammengesetzten Wörtern
der Stamm mit einem Konsonanten anlautet (Hall wie Stadttour oder Schifffahrt.
2011: 96): Assimilation: Unter Assimilation versteht man
die Angleichung zweier Laute in wenigstens einem
(1) /j+pata/ [pjata] ›seine Matte‹ Parameter. Bei den Konsonanten kann dies der Ar-
/j+gaju/ [gjaju] ›sein Hahn‹ tikulationsort, die Artikulationsart oder die Stimm-
gebung sein; bei den Vokalen die Zungenlage, die
Diese Metathese vermeidet, wie auch das obige Zungenhöhe oder die Lippenrundung. Kommt es
Beispiel zur Epenthese im Japanischen, die Verlet- zu einer vollständigen Angleichung von Lauten,
zungen von phonotaktischen Beschränkungen, spricht man von totaler Assimilation, ansonsten
denn anlautend /jp/ und /jg/ wären im Zoque von partieller Assimilation.
nicht möglich.
Historische Beispiele für Metathese sind das Die Abgrenzung der Assimilation von der Koar-
neuhochdeutsche Wort bersten, das mit dem alt- tikulation ist nicht ganz unumstritten. Während
hochdeutschen Wort brestan verwandt ist, oder die Koartikulation häufig der Phonetik zugeord-
das englische Wort bird, das auf brid zurückgeht. net wird, beschreibt man die Assimilation im
In den germanischen Sprachen sind solche histori- Rahmen der Phonologie. Das bedeutet, dass sich
schen Beispiele nicht systematisch, sondern auf lautliche Angleichungen bei der Assimilation auf
einzelne Wörter beschränkt. Synchron spielt die phonologisch relevante, sprachspezifische Eigen-
Metathese keine Rolle im Sprachsystem. schaften beziehen. Die Koartikulation kann hin-
Dehnung und Kürzung von Vokalen oder Kon- gegen rein phonetische Eigenschaften betreffen
sonanten ist ebenfalls ein phonologischer Prozess, und wird häufig als ausschließlich physiologisch
der in vielen Sprachen anzutreffen ist. Im Italieni- bedingter Prozess betrachtet. So üben Vokale, die
schen tritt z. B. in bestimmten syntaktischen Kon- in Wörtern wie Tina, Tani oder Tini durch einen
texten die Dehnung eines einfachen Konsonanten Konsonanten voneinander getrennt sind, einen
Geminate zu einem langen Konsonanten (einer Geminate) koartikulatorischen Einfluss aufeinander aus, der
auf (radoppiamento sintattico). Dieser Prozess der jedoch nicht dazu führt, dass die Laute einer pho-
Geminierung erfolgt nur dann, wenn der Konso- nologisch relevanten, kategorischen Veränderung
nant wortinitial steht und das vorhergehende Wort unterworfen sind. Das Gleiche gilt für das t in
auf einen kurzen, betonten Vokal endet. Weiterhin Wörtern wie Teich oder Stein, das nach dem
muss der Konsonant von einem Vokal (s. Bsp. 2a) postalveolaren Frikativ weiter hinten produziert
oder einem Sonoranten gefolgt sein (s. Bsp. 2b; wird, als wenn es alleine steht (s. Vertiefungskas-
vgl. Nespor/Vogel 2007: 167): ten EPG und EMA S. 55), ebenso wie für das k in
den Wörtern Kiel und Kohl, das je nach Folge-
(2) (a) È appena passato con tre cani. vokal weiter vorne oder hinten produziert wird,
(›Er ist gerade mit drei Hunden vorbeigegangen.‹) ohne dass es dadurch zur Produktion eines ande-
(b) Avrá trovato il pescecane. ren Phonems käme.
(›Er muss den Hai gefunden haben.‹) Man unterscheidet neben totaler und partieller
Assimilation auch zwischen Kontaktassimilation
Der durch Unterstreichung markierte Konsonant und Fernassimilation. Erstere bezieht sich auf un-
wird in diesen Fällen gedehnt. Ein wichtiger Effekt mittelbar benachbarte Laute, Letztere auf Laute,
der Dehnung betrifft die Silbenstruktur im Italieni- die nicht direkt aneinander angrenzen. Ein typi-
schen (zur Silbe s. Kap. 2.5.3). Es ist hier nicht er- scher Fall von Fernassimilation ist die sogenannte
laubt, dass betonte Silben mit einem kurzen Vokal Vokalharmonie. Dabei werden Vokale innerhalb
enden. Durch die Dehnung des Konsonanten wird eines Wortes, aber in verschiedenen Silben anein-
also gewissermaßen Material zur Verfügung ge- ander angeglichen. Dies ist beispielsweise im Un-
stellt, das die vorherige Silbe schließen kann. Auch garischen der Fall: Morphologische Endungen, die
bei diesem Beispiel spielen somit phonotaktische an Wörter angehängt werden, nehmen die Vokal-
Strukturbeschränkungen eine Rolle. qualität des Wortes in Bezug auf die Zungenlage
Der umgekehrte Fall einer Degeminierung ([±hinten]) an. Die Pluralendung -k (wenn das
(Kürzung von Doppelkonsonanten) tritt fakultativ Wort auf einen Vokal endet) kommt z. B. nach ei-
70
2.5
Laute
Phonologische Prozesse
nem konsonantisch endenden Wort in den Varian- gische Prozesse genauso) ist also nicht nur die
ten -ok und -ek vor. Das Wort orvos (›Arzt‹) wird Abfolge der Laute von Relevanz, sondern auch die
im Plural folglich zu orvosok, das Wort könyv Frage, zu welchen sprachlichen Einheiten die Lau-
(›Buch‹) hingegen zu könyvek. Die Angleichung te gehören. Werden die Grenzen solcher Einheiten
der Vokale überführt den Laut hier – im Gegensatz überschritten, kann der Prozess fakultativ werden
zum obigen Beispiel für Koartikulation – in einen oder ganz blockiert sein.
(sprachspezifisch) kategorisch anderen Laut. Oft gehen der Assimilation bereits Tilgungen
Auch bei der Assimilation ist es wichtig zu un- von Lauten voraus, und wir finden so ganze Ket-
terscheiden, in welche Richtung sie wirkt. Hat ein ten von phonologischen Prozessen. Eine übliche
früherer Laut Auswirkungen auf einen späteren Realisierung des Wortes haben ist im Deutschen
Laut, so spricht man von progressiver Assimila- ham: Nach der Tilgung des Reduktionsvokals [ԥ]
tion, im umgekehrten Fall von regressiver Assi- befinden sich [b] und [n] in Kontaktstellung, wo-
milation. Die progressive Assimilation entspricht raufhin es zur progressiven Assimilation des Arti-
also phonetisch der perservierenden Koartikulati- kulationsorts kommt (habm). Schließlich erfolgt in
on, die regressive Assimilation der antizipatori- vielen Fällen auch noch die Tilgung des Plosivs
schen. Ein Beispiel für eine progressive Assimila- (ham). Eine Kombination von Tilgung und Assimi-
tion ist die Assimilation des phonologischen lation liegt aus historischer Perspektive bei der
Merkmals [stimmhaft] in Wortfolgen wie im Gras Entwicklung der Wörter empfinden und empfan-
sitzen oder hat sie Recht. Regressive Assimilation gen vor, die sich aus entfinden und entfangen ent-
liegt beispielsweise in Wörtern wie ungenau oder wickelt haben. Im heutigen Deutsch deutet sich
ungeschickt vor, wo der alveolare Nasal häufig der gleiche Prozess bei dem Wort entfernen an,
den velaren Artikulationsort des folgenden Plosivs wobei hier Formen ohne Tilgung mit Formen mit
annimmt. Diese Beispiele stehen für Assimilatio- Tilgung (enfernen) und solchen mit Tilgung und
nen, die sich nicht obligatorisch, sondern fakulta- Assimilation (emfernen) koexistieren, beide even-
tiv vollziehen. Sie können also auftreten, müssen tuell mit zusätzlicher Affrizierung (enpfernen,
es aber nicht. Anders ist es bei der Kombination empfernen).
der Laute /n/ und /g/ in Wörtern wie Ungarn oder Neutralisierung: Unter Neutralisierung versteht
Tango. Hier ist die Anpassung des Nasals an die man, dass ein phonologisches Merkmal in einer
velare Artikulationsstelle des Folgelauts obligato- Sprache in manchen Umgebungen distinktiv ist, in
risch. Dies ist darauf zurückzuführen, dass bei un- anderen jedoch nicht. Es trägt also in diesen Posi-
genau und ungeschickt eine Morphemgrenze zwi- tionen nicht dazu bei, Bedeutungsunterscheidun-
schen den Lauten liegt, während dies bei Ungarn gen zu leisten. In dieser Position sind Phoneme,
und Tango nicht der Fall ist. Für das Auftreten ei- die sonst bedeutungsunterscheidend sind, nicht
ner Assimilation (und dies gilt für andere phonolo- mehr in der Lage, zwei Wörter zu unterscheiden.
71
2.5
Laute
Über Laut und
Phonem hinaus
72
2.5
Laute
Prosodische Domänen
und ihre Hierarchie
73
2.5
Laute
Über Laut und
Phonem hinaus
Die Quantitätsstruktur in der Silbe ist phonolo- mit Skelettpositionen für jede Quantitätseinheit X
gisch bedeutsam. Viele Dehnungs- und Kürzungs- bezeichnet.
prozesse sind auf die Quantitätsverhältnisse in der Ein anderes Silbenmodell, das ebenfalls eine
Silbe bezogen. So haben wir beispielsweise beim Skelettschicht für die Quantität bereitstellt, ist das
radoppiamento sintattico (s. 2.5.2) gesehen, dass CV-Modell. Im Gegensatz zum Konstituentenmo-
die Geminierung nur dann erfolgt, wenn der ein- dell ordnet es alle Segmente auf einer Hierarchie-
fache Konsonant auf einen kurzen Vokal folgt, der ebene an; es ist deshalb flacher als das Konstituen-
den primären Wortakzent trägt (zum Wortakzent tenmodell (vgl. Hall 2011; Ramers 2007).
s. 2.5.5). Unter Einbezug der Silbenstruktur lässt Ein weiteres Argument für das Konstituenten-
sich erklären, warum dies so ist: Mindestvoraus- modell der Silbe. Das oben erläuterte Beispiel aus
setzung für akzenttragende Silben ist im Italieni- dem Italienischen hat gezeigt, dass die Konstituen-
schen, dass diese Silbe schwer ist, d. h. dass sie te des Reims (nämlich die Tatsache, dass er ver-
einen verzweigenden Reim hat. Offene Silben mit zweigt) phonologisch relevant ist. Ein weiteres Ar-
einem kurzen Vokal dürfen deshalb im Italieni- gument für die Unterteilung in Konstituenten
schen nicht den primären Wortakzent tragen, finden wir in der in Kapitel 2.5.2 eingeführten Aus-
denn sie haben nur eine Quantitätseinheit im lautverhärtung im Deutschen. Dieser Neutralisie-
Nukleus der Silbe. Die Dehnung des folgenden rungsprozess bezieht sich nicht auf den letzten
Konsonanten resultiert nun in einer zusätzlichen Laut einer Silbe, sondern auf die Konstituente der
Quantitätseinheit, die durch Resilbifizierung vom Koda. In den Wörtern /ja.gen/ (jagen), /ja[Link]/
Onset der Folgesilbe in die Koda der vorangehen- (Jagden) und /jakt/ (Jagd) wird dies deutlich,
den Silbe ›verschoben‹ wird. Der Reim der Folge- denn in /jakt/ wird die Stimmhaftigkeit in beiden
silbe verzweigt somit, die Silbe ist schwer und Lauten in der Koda aufgegeben; vgl. auch das obi-
kann den primären Wortakzent tragen. ge Beispiel /graυ.zen/ und /graυst/, nicht /graυzt/.
Das Beispiel zeigt, dass wir es nunmehr nicht In Sprachen wie dem Deutschen oder Engli-
mit einer schlichten Dehnung eines konkreten schen ergeben sich allerdings einige Probleme mit
Lautsegments in einer linearen Kette von Lauten der Domäne der Silbe. Dies betrifft unter anderem
zu tun haben. Die Dehnung ist auf die prosodische die extrasilbischen und die ambisilbischen Ele-
Domäne der Silbe bezogen, genauer auf die Kon- mente.
stituente des Reims. Die zusätzliche Quantitäts- Extrasilbisch werden Laute genannt, die sich in
einheit ist dabei phonologisch relevant, und zwar der Silbe gegenläufig zur Sonoritätshierarchie ver-
unabhängig von dem konkreten Laut, mit dem sie halten, so beispielsweise in der Silbe /ݕWUܼN/. Im
dann jeweils assoziiert wird. (Tatsächlich wird in Anfangsrand liegt ein Verstoß gegen die Sonori-
anderen Kontexten im Italienischen auch der Kurz- tätshierarchie vor, da der Frikativ sonorer ist als
vokal selbst gedehnt, um eine schwere Silbe für der folgende Plosiv. Der Laut /ݕ/ wird dann als
den primären Wortakzent bereitzustellen; relevant extrasilbisch bezeichnet (s. Abb. 15a). Verstöße ge-
ist also das Silbengewicht, nicht die Tatsache, ob gen die Sonoritätshierarchie können auch im End-
wir ein langes /e/, /k/ oder /t/ haben; vgl. Nes- rand der Silbe auftreten, beispielsweise in /ݕWܼƾNVW/;
por/Vogel 2007: 166). sowohl das /ݕ/ als auch das /t/ sind in diesem Fall
Nicht-Linearität Im Konstituentenmodell spiegelt sich dies darin extrasilbisch. Zwar ist im Deutschen nur eine be-
wider, dass die Quantitätseinheiten eine eigene, stimmte Klasse von Lauten von dieser Ausnahme
von den Segmenten unabhängige Schicht bilden. betroffen, nämlich die koronalen Obstruenten,
Man bezeichnet die Darstellung auch als nicht-li- diese Regularität ändert aber nichts an der Tatsa-
near; die Quantitätsschicht wird als Skelettschicht che, dass die Silbenstruktur durch die Elemente
Definition verschlechtert wird.
Ambisilbisch werden Laute genannt, die sowohl
Unter ➔ nicht-linearen Silbenmodellen versteht man Modelle, die sich dem Endrand einer Silbe als auch dem Anfangs-
aus verschiedenen Schichten für die Segmente und die Quantität rand der Folgesilbe zuzuordnen sind. Sie bilden
zusammensetzen. ein sogenanntes Silbengelenk. Dies ist der Fall in
Das Konstituentenmodell untergliedert die Silbe in die hierarchisch Wörtern wie Himmel, Butter, Fischer etc., in denen
geordneten Konstituenten Onset, Reim, Nukleus und Koda. keine klare Grenze zwischen den beiden Silben ge-
Das CV-Modell ordnet hingegen alle Segmente auf einer Hierarchie- zogen werden kann. Auch wenn die Schreibung
ebene an, weshalb man es als ein flaches Modell bezeichnet. durch Doppelkonsonanz in Wörtern wie <Him-
mel> darüber hinwegtäuscht, wird hier jeweils
74
2.5
Laute
Prosodische Domänen
und ihre Hierarchie
Zur Vertiefung
75
2.5
Laute
Über Laut und
Phonem hinaus
76
2.5
Laute
Suprasegmentalia
77
2.5
Laute
Über Laut und
Phonem hinaus
Für die Grundfrequenz findet sich daher auch häu- den, ms) angegeben wird. Auditiv ist auch hier zu
fig die Bezeichnung F0 (sprich: eff null); man beachten, dass Dauerunterschiede nicht absolut
spricht von Grundfrequenz- oder F0-Verläufen, um wahrgenommen werden, sondern von der Dauer
sich auf die Veränderungen der Tonhöhe über die der verglichenen Lautsignale abhängen. Je länger
Äußerung hinweg zu beziehen. zwei Signale sind, desto größer muss der Unter-
Aus auditiver Perspektive ist zu beachten, schied zwischen ihnen sein, um wahrgenommen
dass die wahrgenommene Tonhöhe nicht in ei- zu werden.
nem linearen Verhältnis zur Grundfrequenz steht.
Zwar steigt die Höhe der wahrgenommenen Ton-
höhe mit einem Anstieg der Grundfrequenz an,
doch werden in höheren Frequenzbereichen grö- 2.5.5 | Funktionen der Prosodie:
ßere Abstände erforderlich, um den gleichen Ton- Grenzmarkierung und Akzentuierung
höhenunterschied wahrzunehmen wie in niedri-
geren Frequenzbereichen. Reetz (2003) vergleicht In der Einleitung zu diesem Kapitel haben wir be-
das mit der Wahrnehmung von Gewicht: Wenn hauptet, dass die Lautsprache ihre eigenen Mittel
man zuerst ein Kilogramm hochhebt und danach habe, um etwas mit der uns aus der (Alphabet-)
drei Kilogramm, so wird man den Unterschied Schrift so geläufigen Gliederung der Sprache in
sehr deutlich wahrnehmen. Hebt man aber ein Wörter und Sätze Vergleichbares zu leisten. Aller-
Gewicht von 25 Kilogramm und danach eines dings sind die Einheiten der geschriebenen Spra-
von 27 Kilogramm, so wird man den Unterschied che (wie Wort und Satz) nicht mit denen der ge-
kaum wahrnehmen, obwohl es sich um die glei- sprochenen (wie phonologisches Wort und
che absolute Differenz von zwei Kilogramm han- Intonationsphrase) gleichzusetzen. Das Verhältnis
delt. Zur Messung der wahrgenommenen Tonhö- der Einheiten der Schrift zu Einheiten der gespro-
he kann man sich deshalb nicht an der linearen chenen Sprache ist alles andere als einfach.
Hertz-Skala orientieren; ein akustischer Unter-
schied zwischen 250 und 300 Hertz ist auditiv
Grenzmarkierung
nicht mit einem akustischen Unterschied zwi-
schen 80 und 130 Hertz gleichzusetzen. In der Wie kann es gelingen, aus dem kontinuierlichen
visuellen Darstellung von Grundfrequenzverläu- Lautstrom so etwas wie Wörter oder andere Ein-
fen wird deshalb häufig die Möglichkeit genutzt, heiten herauszuhören? Schon Trubetzkoy stellte
die Verläufe in Hertz, aber logarithmisch ska- fest, dass Laute oder Lauteigenschaften auch
liert abzubilden. Weiterhin findet sich häufig eine delimitative, also abgrenzende Funktion
die Angabe der Tonhöhe in aus der Musik ent- haben können. Er bezieht sich dabei auf die Ein-
lehnten Halbtönen (semitones, st), die in Bezug heiten des Worts, des Morphems und des Satzes
auf eine Referenztonhöhe angegeben werden. (1939/1958: 242). Als ein Beispiel für ein Abgren-
Schließlich wurden auf der Basis von Perzepti- zungsmittel auf Wortebene nennt Trubetzkoy die
onstests Messskalen entwickelt, die sich direkt Aspiration im Tamil: Plosive werden am Wortbe-
auf die Wahrnehmung der Tonhöhe beziehen ginn aspiriert, wortintern jedoch nicht (ebd.: 244);
(Mel- und Bark-Skala). die Aspiration fungiert somit als ein Grenzsignal,
Lautheit geht artikulatorisch mit Atemdruck das den Beginn eines Wortes anzeigt. Ein solches
einher. Ihr akustisches Korrelat ist die Amplitude Grenzsignal wird als ein positives Grenzsignal
der Schwingungen des Sprachsignals. Sie wird in bezeichnet, da sein Auftreten das Vorkommen ei-
Dezibel (dB) angegeben. ner Grenze indiziert. Dem gegenüber stehen nega-
In der Wahrnehmung hängt die Lautheit von tive Grenzsignale, deren Auftreten darauf hin-
der Höhe des Tons ab: Je höher der Frequenzbe- weist, dass an der entsprechenden Stelle keine
reich, desto geringer muss die Amplitude sein, um Grenze vorliegt. Dies gilt beispielsweise für den
das gleiche Wahrnehmungserlebnis hervorzuru-
fen. Die wahrgenommene Lautstärke misst man in Definition
Phon.
Die Dauer von lautlichen Elementen variiert Unter ➔ Grenzmarkierung versteht man die
mit der Artikulationsdauer und -geschwindigkeit. Abgrenzung von sprachlichen Einheiten mit
Ihr akustisches (physikalisches) Korrelat ist die Hilfe lautlicher Mittel.
Zeit, die in Sekunden (s, häufig auch Millisekun-
78
2.5
Laute
Funktionen der Prosodie:
Grenzmarkierungund
Akzentuierung
79
2.5
Laute
Über Laut und
Phonem hinaus
Zur Vertiefung
Intonation im Gespräch
Unter ›Intonation‹ versteht man den Tonhöhenverlauf über eine Äußerung hinweg. In der sogenannten Briti-
schen Schule (vgl. Cruttenden 1997) wird der Tonhöhenverlauf in verschiedene Abschnitte untergliedert. Die
Äußerung In Freiburg kann man schöne Blumen kaufen würde so eingeteilt:
Den Abschnitt vor der ersten Akzentsilbe bezeichnet man als Vorlauf; der Kopf beginnt mit der ersten Akzent-
silbe und erstreckt sich bis zur letzten Akzentsilbe der Äußerung. Diese wird als Nukleussilbe bezeichnet; ge-
meinsam mit dem Nachlauf bildet sie den Nukleus.
In gesprächsanalytischen Arbeiten hat sich herausgestellt, dass der Nukleus eine wichtige Rolle bei der Organi-
sation von Gesprächen spielt. Eine wichtige Aufgabe, die die Gesprächsteilnehmer bewerkstelligen müssen, ist
der Sprecherwechsel; weder sollte es zu langen Pausen zwischen den Redebeiträgen kommen, noch zu langen
Phasen des Simultansprechens. Der aktuelle Sprecher muss somit Hinweise geben, ob er nach einer Äußerung
weitersprechen, oder ob er das Rederecht abgeben möchte. Ein solcher Hinweis ist der Intonationsverlauf im
nuklearen Abschnitt der Äußerung: Fällt die Tonhöhe zum Ende der Äußerung, ist dies ein Hinweis auf die Ab-
gabe des Rederechts. Ist die Tonhöhe am Ende gleichbleibend oder steigt leicht, so zeigt der Sprecher an, dass
er das Rederecht behalten will (vgl. Selting 1995).
Nicht immer sind sich die Gesprächsteilnehmer einig über die Abgabe des Rederechts. Manchmal kommt es da-
bei zu regelrechten Kämpfen. Auch hier spielt der Nukleus eine große Rolle. Es hat sich nämlich gezeigt, dass
Simultansprechen (Überlappung oder overlap) durchaus recht häufig vorkommt und von den Sprechern nicht
immer als problematisch bewertet wird. Es ist dabei aber von Bedeutung, wo das Simultansprechen beginnt
und wie es prosodisch gestaltet ist. Wenn der zweite Sprecher im Bereich des Nachlaufs einsetzt, so führt dies
meistens nicht zu Problemen; die Überlappung ist nicht-kompetitiv.
Eine nicht-kompetitive Überlappung zeigt das folgende Beispiel:
Sprecherin A beginnt hier auf der vorletzten Silbe der Äußerung, im Nachlauf der Intonationseinheit.
Sprecherin B schließt ihre Äußerung in Überlappung ab (Zeile 3 und 4).
Im Vergleich dazu sehen wir im nächsten Beispiel eine kompetitive Überlappung:
80
2.5
Laute
Funktionen der Prosodie:
Grenzmarkierungund
Akzentuierung
05 und der mÜller (.) macht [ja auch nix Andres als diese ROHlinge
06 A: [<f,h>JA: aber aber diese ROHlinge:>,
07 äh (.) die mÜssen ja schon in der LAUge gewesen sein.
Die Überlappung beginnt hier bereits weit vor dem Nukleus. Außerdem spricht A laut und auf insgesamt höhe-
rem Tonhöhenniveau (Zeile 6). B spricht noch eine Weile in Überlappung weiter, bricht ihren Beitrag dann aber
ab (Zeile 5).
Die frühe Position des Simultansprechens (in oder vor der Nukleussilbe) gemeinsam mit anderen prosodischen
Mitteln kennzeichnet die Überlappung somit als kompetitiv; A »nimmt« B hier das Rederecht.
bleibt er auch im Zusammenhang eines Satzes auf ganze Rest der Äußerung ist hingegen im Fokus
dieser Silbe. Der Satzakzent liegt hingegen nicht in und wird durch den Fokusakzent prosodisch aus-
derselben Weise fest, sondern er ergibt sich zu- gezeichnet. Wenn der Satz die Antwort auf die Fra-
mindest teilweise daraus, welches Element in der ge Was wolltest du sagen? ist, wäre sogar der gan-
konkreten Äußerungssituation als inhaltlich be- ze Satz fokussiert. Solche Fälle bezeichnet man als
sonders relevant erachtet und deshalb vom Spre- weiten Fokus. Demgegenüber steht der sogenann-
cher hervorgehoben wird. Man bezeichnet den te enge Fokus. Darunter ist zu verstehen, dass nur
Satzakzent deshalb auch als Fokusakzent. ein kleinerer Bestandteil des geäußerten Satzes –
Fokusakzent: Durch den Fokusakzent wird je- in der Regel ein Wort oder eine Phrase – fokussiert
doch nicht immer nur die einzelne Silbe, die den wird. Als Reaktion auf eine unpünktlich eintreffen-
Akzent trägt, hervorgehoben oder das Wort, zu de Verabredung könnte man beispielsweise sagen
dem sie gehört; oft erstreckt sich die Hervorhe- Hey, wir waren um fünf verabredet! (Und nicht um
bung vielmehr auf einen größeren Bestandteil der halb sechs) mit fünf in engem Fokus.
Äußerung. In dem oben angeführten Satz In Frei- Lautliche Mittel: Akzentuierung ist zunächst Phonetische
burg kann man schöne Blumen kaufen wird zum eine abstrakte Funktion, die noch phonetisch rea- Realisierung
Beispiel durch die Akzentuierung von blu inhalt- lisiert werden muss. Der (Fokus-)Akzent wird im
lich nicht notwendigerweise nur diese Silbe und Deutschen in erster Linie über die Tonhöhe und
auch nicht nur das Wort Blumen hervorgehoben; über erhöhte Dauer realisiert; Lautstärke spielt nur
ist der Satz zum Beispiel die Antwort auf die Fra- eine untergeordnete Rolle. Tonhöhenbewegungen
ge: Was ist denn so besonders an Freiburg?, dann auf akzentuierten Silben sowie Tonhöhensprünge
ist lediglich In Freiburg schon bekannte Informati- (nach oben oder unten) zu akzentuierten Silben
on (denn darüber wurde schon gesprochen), der kennzeichnen Akzente auf der Satzebene; sie wer-
Zur Vertiefung
81
2.6
Laute
Lautsubstanz und Funktion
Die theoretische Auseinandersetzung mit den Tonsprachen war wesentlich für die Entwicklung der autoseg-
mentalen Phonologie verantwortlich. Diese betrachtet bestimmte phonologische Eigenschaften als sogenannte
Autosegmente, die gegenüber den Lautsegmenten unabhängig sind (s. Vertiefungskasten »Merkmalsgeometrie«
und die obigen Ausführungen zur Quantitätsstruktur der Silbe). Wie auch das prosodische Merkmal der Quanti-
tät bilden die Töne eine eigene Schicht (die Tonschicht), die über Assoziationslinien mit den Segmenten ver-
knüpft wird. Die Notwendigkeit, die Töne einer unabhängigen Schicht zuzuordnen, ergibt sich unter anderem
aus der Beobachtung, dass Töne bestehen bleiben, auch wenn Segmente, mit denen sie assoziiert sind, getilgt
werden oder anderen Änderungen wie Abschwächungen unterworfen sind. Einheiten, mit denen Töne assozi-
iert sein können, bezeichnet man als tontragende Einheiten (tone bearing units). Dies sind in Tonsprachen
häufig Vokale.
Zur Illustration betrachten wir die in Nigeria gesprochene Tonsprache Margi und das Wort [XݦX] (›Feuer‹), des-
sen erster Vokal mit einem Hochton (H), der zweite mit einem Tiefton (T) assoziiert ist. Um Definitheit auszu-
drücken (dies entspricht dem definiten Artikel im Deutschen), wird im Margi dem Wort die Endung [ari] hinzu-
gefügt, also /XݦX+ari/ (›das Feuer‹). Auf segmenteller Ebene löst dies allerdings einen phonologischen Prozess
aus, und zwar wird das dem /a/ vorangehende /u/ zu einem /w/ abgeschwächt. Damit geht einher, dass es in
dieser Sprache keine zulässige tontragende Einheit mehr ist. Der mit dem /u/ assoziierte Tiefton geht nun aber
nicht verloren, sondern er wird neu mit dem folgenden Vokal /a/ assoziiert, auf dem auf diese Weise ein kom-
plexer TH-Ton entsteht (vgl. Hall 2011: 164):
HT HT H T HT H T HT
Das Beispiel verdeutlicht, dass die Töne unabhängig von konkreten Segmenten existieren und folglich als Auto-
segmente zu betrachten sind; Assoziationslinien zu Segmenten können gelöst und neu geknüpft werden.
Die autosegmentale Betrachtungsweise hat sich auch bei der Betrachtung von Intonationssprachen wie dem
Deutschen weitestgehend durchgesetzt. Die Sprachmelodie (Satzintonation) wird hier auf die Abfolge von Akzent-
tönen, Begleittönen und Grenztönen zurückgeführt, die mit der Segmentkette assoziiert sind (vgl. Peters 2005).
den als Tonhöhenakzente (engl. pitch accent) be- bei einer neutralen Aussage auf der letzten Silbe
zeichnet. mit Vollvokal. Andere Sprachen wie das Ungari-
Alle Sprachen müssen die Aufgabe der Hervor- sche oder Finnische haben einen positionell festen
hebung irgendwie erfüllen, die Mittel hierzu sind Wortakzent (in diesen Sprachen auf der ersten Sil-
allerdings sehr unterschiedlich. Schon das Kon- be des Worts), wodurch der Akzent eine delimina-
zept des Wortakzents lässt sich bei weitem nicht tive Funktion erfüllt; er zeigt den Beginn des Worts
auf alle Sprachen übertragen. Das Französische an (vgl. Kohler 1995: 114 ff.). Hervorhebung wird
beispielsweise kennt keinen Wortakzent; der Ak- dann beispielsweise unter anderem über die Wort-
zent wird auf Äußerungsebene vergeben und liegt stellung im Satz geleistet.
82
2.6
Laute
Die Trennung von Substanz
und Funktion
2.6.1 | Die Trennung von Substanz Repräsentation (Input) nicht gespeichert sein, da
und Funktion in der strukturalistischen sie ja durch den Kontext vorhersagbar sind. Es ge-
und generativen Phonologie nügt, das Phonem so abzuspeichern, dass die
Oberflächenform möglichst einfach daraus abge-
leitet werden kann.
Die forschungsgeschichtliche Trennung in Phone- In der früheren generativen Phonologie wurden
tik und Phonologie hatte massive Konsequenzen zunächst zwei Möglichkeiten einer solchen Ablei-
für die Beschäftigung mit Lauten (s. Vertiefungs- tung diskutiert: Nach der einen wird der velare
kasten »Nikolay Trubetzkoy: Die Trennung von Frikativ [x], nach der anderen der palatale Frikativ
Phonetik und Phonologie«). Bei der Erforschung [ç] als Input gewählt, also /x/ oder /ç/. Um die
ihrer Substanz (im Rahmen der Phonetik) werden Inputform in die Outputform zu überführen, kom-
seither naturwissenschaftliche Methoden einge- men phonologische Regeln zum Einsatz, die sich
setzt, bei der Erforschung ihrer Funktion (im Rah- der distinktiven Merkmale bedienen. Da die Um-
men der Phonologie) geisteswissenschaftliche. gebungen, nach denen der palatale Frikativ ver-
Während wir es in der Phonetik mit kontinuierli- wendet wird, komplexer zu formulieren sind als
chen, graduell variierenden Größen zu tun haben, die Umgebungen, nach denen der velare Frikativ
arbeitet die Phonologie mit diskreten, kategori- steht, setzte sich die Meinung durch, dass die Re-
schen Einheiten. Phonetische Einheiten gehören gelformulierung mit dem palatalen Frikativ als In-
der materiellen Welt an, phonologische Einheiten put vorzuziehen ist (vgl. Wiese 2000). Es lässt sich
hingegen dem menschlichen Geist; sie haben ei- dann die folgende Regel formulieren:
nen kognitiven Status (vgl. Pierrehumbert 1990).
Daraus ergibt sich für die Phonologie die Frage, (5) /ç/ Æ [x] / – kons
wie das sprachliche Wissen des Menschen aufge- + hint
baut ist: Wie sind die sprachlichen Einheiten im
Gedächtnis abgespeichert? Wie sind sie also men- Die Regel ist folgendermaßen zu lesen: Der Input
tal repräsentiert? /ç/ wird zu (Æ) [x], wenn er unmittelbar nach
In der generativen Phonologie gehört zur laut- Lauten mit den Merkmalen [–kons, +hint] steht.
sprachlichen Kompetenz zum einen das Wissen Der Kontext, in dem die Regel in Kraft tritt, steht
über die zugrundeliegenden Einheiten wie bei- also nach dem Schrägstrich, die Position des In-
spielsweise Laute, aus denen die Wörter gebildet putphonems wird durch den Unterstrich angege-
sind. Zum anderen gehört dazu das Wissen, wie ben. Die Regel impliziert, dass in allen anderen als
aus diesen statischen, zugrundeliegenden Einhei- den für [x] definierten Lautkontexten der palatale
ten die konkreten realisierten Formen abzuleiten Frikativ vorkommt (z. B. auch im Anlaut).
sind, und umgekehrt, wie die konkreten realisier- Unterspezifikation: Eine andere Möglichkeit,
ten Formen auf die zugrundeliegenden Einheiten dasselbe Problem der Beziehung zwischen Input
abgebildet werden. Die zugrundeliegende Form und Output zu behandeln, bietet die Annahme
wird auch als Input bezeichnet, die abgeleitete von Unterspezifikation (vgl. Wiese 2000). Diese
Oberflächenform als Output. In der generativen besagt, dass ein Phonem in der mentalen Reprä-
Phonologie ist man überdies lange davon ausge- sentation für ein bestimmtes Merkmal überhaupt
gangen, dass das sprachliche Wissen redundanz- nicht spezifiziert ist – in diesem Fall für das Merk-
frei ist, d. h. dass der Input keine Information ent- mal [hint]. Das hat den Vorteil, dass man sich
hält, die sich aus allgemeinen Realisierungsregeln nicht für die eine oder die andere Inputform ent-
gewinnen lässt. Als Begründung diente die Vermu- scheiden muss. Die mentale Repräsentation ist
tung, dass das sprachliche Wissen das Gedächtnis zwar spezifisch genug, um das Phonem von ande-
möglichst wenig belasten sollte. ren möglichen Phonemen abzugrenzen. Die di-
Zur Veranschaulichung greifen wir auf die ich-/ stinktive Funktion ist also gewahrt. Über das alter-
ach-Allophonie zurück (s. Kap. 2.4.2). Es handelt nierende Merkmal sagt die Repräsentation aber
sich dabei um eine Allophonie in komplementärer schlicht nichts aus. Wie ist dann aber gewährleis-
Distribution; die phonetischen Realisierungsvari- tet, dass das Merkmal in der Outputform erscheint?
anten (Output) werden aus einem Phonem (Input) Hier greift automatisch der Kontext ein, der für das
abgeleitet, wobei aufgrund des Lautkontextes vor- Merkmal spezifiziert ist. Er vererbt das Merkmal
hersagbar ist, wann welche Variante erscheint. Die gewissermaßen an den unterspezifizierten Laut.
allophonischen Varianten müssen in der mentalen Man bezeichnet dies als feature spreading.
83
2.6
Laute
Lautsubstanz und Funktion
84
2.6
Laute
Das Invarianz-Problem
Zur Vertiefung
Optimalitätstheorie (OT)
Die Optimalitätstheorie versteht sich als eine generative, aber nicht-regelbasierte und output-orientierte Theo-
rie. Das bedeutet, dass sie zwar auch von einer Trennung in Input und Output ausgeht. Der Mechanismus zur
Verbindung der beiden liegt aber nicht in phonologischen Regeln begründet. Stattdessen wird durch den Ver-
gleich und die Bewertung von möglichen und existierenden Outputformen ermittelt, welche Optimierungsteleo-
logien (constraints) in einer Sprache relevant sind und wie sie hierarchisiert sind.
Eine wichtige Rolle in der Optimalitätstheorie spielt die Markiertheit von lautlichen Strukturen (s. Vertiefungs-
kasten »Markiertheit«). Sie dient als Grundlage für eine Klasse von Bedingungen, die Markedness Constraints.
Diese sind universal und fordern unmarkierte Strukturen ein; ein solches Markedness Constraint ist z. B. NOCODA:
Natürlich ist (1) keine universale Aussage über die Sprachen der Welt – als solche wäre sie schlicht falsch.
Es handelt sich vielmehr um eine Optimierungsteleologie: eine Silbe ist umso besser, je mehr sie dem Ideal
nahe kommt, keine Koda aufzuweisen.
Eine weitere wichtige Klasse von constraints sind die Faithfulness Constraints. Sie tragen Sorge dafür, dass In-
put und Output miteinander übereinstimmen. Ein wichtiges constraint dieser Art ist DEP-IO (Dependency-Input
Output), das besagt, dass der Outputform keine Elemente hinzugefügt werden sollen:
Das Besondere an constraints ist also, dass sie im Gegensatz zu phonologischen Regeln verletzt werden können.
Dabei haben aber manche constraints vor anderen Vorrang. Anhand der Possessivbildung im Türkischen
(s. Kap. 2.5.2) lässt sich dies für (1) und (2) zeigen. Wir haben bereits gesehen, dass zur Bildung des Posses-
sivums im Türkischen die Endung –m erforderlich ist; wir haben aber auch gesehen, dass das Türkische keine
Konsonantencluster im Silbenendrand erlaubt. Die existierende Outputform für ›mein Haus‹ lautet deshalb evim
und nicht evm. NOCODA und DEP-IO stehen also im Konflikt miteinander; entweder die neue Form verletzt zwei-
fach NOCODA oder sie verletzt DEP-IO. (Die Vokalharmonie lassen wir an dieser Stelle außer Acht).
Die Rangfolge der constraints wird in der Optimalitätstheorie in sogenannten Tableaus ermittelt. In diesen
werden verschiedene mögliche Outputkandidaten gegeneinander ausgespielt; jede Verletzung eines constraint
wird durch ein * angezeigt.
Die tatsächlich existierende Outputform bestimmt, welche Rangfolge der constraints in der Sprache gültig ist.
Im Beispiel ist der Outputkandidat evm nicht optimal, da er das wichtigere constraint NOCODA sogar zweimal
verletzt. Die zweite Verletzung lässt ihn gegenüber dem anderen Kandidaten ausscheiden (dies markiert das
»!«). Die im Türkischen geltende Rangfolge der constraints ist also NOCODA » DEP-IO; man sagt NOCODA dominiert
DEP-IO.
Ziel der Analyse ist es also nicht, den richtigen Outputkandidaten zu finden – den weiß man ja –, sondern zu
ermitteln, welche Bedingungen in der Sprache eine wichtige oder weniger wichtige Rolle spielen. Die Rangfolge
der constraints stellt letztendlich die einzelsprachliche Grammatik dar. (Es ist beispielsweise leicht zu erken-
nen, dass NOCODA im Deutschen kein wichtiges constraint ist, vgl. der Baum, des Baums). Die Grammatik wird
also auf der Basis der Outputformen ermittelt; die Theorie ist output-orientiert.
85
2.6
Laute
Lautsubstanz und Funktion
86
2.6
Laute
Eine alternative Modellie-
rung der mentalen
Repräsentation
prosodischen Kontext und den Äußerungskontext silbige Realisierungen. Das seltene Wort mamma-
(mit konkreten Sprechern und Hörern) einbezieht. ry aus dem medizinischen Fachwortschatz wird
Es stellt sich nun die Frage, ob und wie diese Vari- hingegen durchgängig dreisilbig produziert, es
ation mental repräsentiert ist. In Kapitel 2.6.1 ha- findet also gar keine artikulatorische Reduktion
ben wir eine Auffassung der mentalen Repräsenta- statt (vgl. Bybee 2001: 40 ff.; weitere Beispiele
tion phonologischer Einheiten kennengelernt, die auch zum Zusammenhang von Frequenz und
diese als kategorisch, statisch und gewissermaßen Lautwandel bei Bybee 2001; Philipps 2006).
unangetastet von der variablen sprachlichen Rea- Empirische Beobachtungen dieser Art bringen Mentales
lität konzipiert. Ein radikal alternatives Modell Probleme für die oben diskutierten generativen Lexikon
geht davon aus, dass die sprachliche Realität, mit Modelle der mentalen Repräsentation mit sich. Da
der jedes Individuum konfrontiert ist, umfassend dort Wörter im mentalen Lexikon unabhängig von
Eingang in seine mentale Repräsentation findet. ihrer Frequenz aufgelistet sind, sollten sie von Re-
Die mentale Repräsentation von Lauten und Wör- duktionsprozessen gleichermaßen betroffen sein.
tern ist also von unserer sprachlichen Erfahrung Eine Alternative hierzu ist es anzunehmen, dass
bestimmt. Diese umfasst auch konkrete Details die Wörter bereits mit ihren konkreten phoneti-
zur phonetischen Realisierung. Theorien, die die- schen Realisierungsvarianten abgespeichert sind.
se Auffassung vertreten, bezeichnet man als ge- Dies bringt mit sich, dass die Gedächtnisleistung
brauchsbasierte Ansätze (usage-based approa- des sprechenden Individuums bedeutend höher
ches) (vgl. Bybee 2001; Bybee/Hopper 2001; anzusetzen ist, als wenn man von abstrakten Ein-
Pierrehumbert 2001). trägen ausgeht, wie wir es in Kapitel 2.6.1 be-
Types und Tokens: Ein wichtiger Gebrauchsfak- schrieben haben. Diese sollten ja unter anderem so
tor ist die Frequenz. Es ist hier weiter zu unter- abstrakt sein, um Gedächtniskapazitäten zu sparen
scheiden zwischen Typefrequenz und Tokenfre- und um dann die möglichen Varianten regelhaft
quenz. Die Tokenfrequenz bezieht sich auf die ableiten zu können.
Vorkommenshäufigkeit einer bestimmten sprachli- Die Exemplartheorie ist ein solches Modell
chen Einheit (zumeist ein Wort, aber auch Silben (Pierrehumbert 2001). Sie postuliert, dass sich kon-
oder Konsonantencluster u. a.) in einem Text. Die krete Realisierungen von sprachlichen Einheiten
Typefrequenz bezieht sich darauf, wie häufig ein direkt in der mentalen Repräsentation niederschla-
bestimmtes Muster im Sprachsystem einer Sprache gen. Das Gedächtnis bewahrt phonetisch detail-
vorkommt. Die Typefrequenz könnte also bei- lierte Erinnerungen, die mit bestimmten Kategori-
spielsweise darüber Aufschluss geben, wie viele en verknüpft werden. Jede Kategorie wird als eine
Wörter es im Deutschen gibt, die mit dem Konso- ›Wolke‹ an erinnerten Exemplaren betrachtet. Je
nantencluster /kl/ beginnen. Die Tokenfrequenz nach Variationsbandbreite der Exemplare, mit de-
würde etwas darüber aussagen, wie häufig das nen man konfrontiert war, beinhaltet somit auch
Konsonantencluster in einem bestimmten Text tat- jede Kategorie ihren Variationsspielraum.
sächlich vorkommt, unabhängig davon, auf wie
viele verschiedene Wörter es dabei verteilt ist. Definition
Einfluss der Tokenfrequenz: Wörter mit einer
hohen Tokenfrequenz sind stärker von Abschwä- Die ➔ Exemplartheorie geht davon aus, dass
chungen betroffen als weniger frequente Wörter. die mentale Repräsentation lautlicher Einhei-
Ein klassisches Beispiel aus dem Englischen sind ten auf der Basis konkreter Erfahrungen ent-
Wörter wie every (höchst frequent), memory steht und phonetische Details beinhaltet.
(mittlere Frequenz) und mammary (sehr selten;
dt. ›Adjektiv, das sich auf die weibl. Brust be-
zieht‹). Alle Wörter sind dreisilbig, haben den Hören wir also beispielsweise die Wörter Türen
Wortakzent auf der ersten Silbe und in der zwei- schließen selbsttätig, so finden auch die phoneti-
ten Silbe ein [ԥ], das von einem Sonoranten ge- schen Details der Äußerung Eingang in die menta-
folgt wird. Dennoch ist der Schwa-Laut in der le Repräsentation; sie bilden die Grundlage für mit
zweiten Silbe in unterschiedlichen Ausmaßen von der Äußerung verknüpfte Kategorien. So speist
artikulatorischer Reduktion betroffen: Während sich die Kategorie des Phonems /y/ aus allen Ex-
das höchstfrequente Wort every konsistent zwei- emplaren von /y/, mit denen wir im Laufe des
silbig, d. h. mit Schwa-Tilgung produziert wird, Lebens konfrontiert sind. Zugleich können die Re-
finden sich in memory sowohl zwei- als auch drei- alisierungen aber auch mit anderen Kategorien auf
87
2.6
Laute
Lautsubstanz und Funktion
Weiterführende Literatur
Es gibt einige gute Einführungen in Phonetik che Anleitung zur Spektrogrammanalyse ist Ma-
und Phonologie, die zum weiterführenden Lesen chelett ([Link]
geeignet sind. Einen guten Einblick in die akusti- studium/skripten/SGL/[Link], 3.12.2012).
schen Grundlagen der Phonetik bieten Reetz Für Details zur artikulatorischen Phonetik ist
(2003) und auch Neppert (1999). Eine sehr hilfrei- Pompino-Marschall (2009) empfehlenswert. Lade-
88
2.6
Laute
Aufgaben
foged und Maddieson (2002) bieten einen interes- wert, speziell zur Intonation sind Cruttenden
santen Überblick über die Laute in den verschie- (1997) und vor allem Ladd (2008) einschlägig.
densten Sprachen der Welt. Für verschiedene Bereiche der Phonetik und
Zur Phonologie ist neben Hall (2011), der viele Phonologie lohnt sich außerdem ein Blick in fol-
Beispiele aus unterschiedlichen Sprachen ein- gende Handbücher: The Handbook of Phonetic Sci-
bringt, auch Maas (2006) zu empfehlen, der einen ences (Hardcastle 2010), The Cambridge Handbook
Schwerpunkt auf die Silbe im Deutschen legt. Zu of Phonology (de Lacy 2007), The Oxford Hand-
den Suprasegmentalia ist Fox (2000) empfehlens- book of Laboratory Phonology (Cohn et al. 2012).
Aufgaben
1. Geben Sie an, wie viele Laute die Wörter Schmuck, Verein, Pfuhl, Taxi, Zahn, schimmern
und Dach haben.
2. Transkribieren Sie die Wörter Dachstuhl, Regenschirm, Kinderarzt, Zeitreise und Milchschaum
in phonetischer Umschrift (IPA).
3. Beschreiben Sie die folgenden Laute nach den artikulatorischen Klassifikationskriterien: [s], [x],
[k], [n], [l], [r], [ʃ], [p], [v], [e], [a], [i], [ə], [ɔ] und [y]. Geben Sie jeweils Wörter dazu an, in denen
der entsprechende Laut vorkommt.
4. Gegeben ist die Lautung folgender Wörter einer (fiktiven) Sprache. Ermitteln Sie das Phonem-
inventar (inklusive der Allophone).
pabisa paʃə ti kisə kisi pabuti bap pəbisa bakəp pabati bubasi kap pakəti kiʃə bibasi kip sisi kibu
ʃakəp sap pakəp
5. Führen Sie sich die Artikulationsbewegungen vor Augen, die zur Bildung der Sequenz [mt]
in Wörtern wie kommt oder nimmt vollzogen werden. Wie lässt sich das Auftreten eines epen-
thetischen [p] ([kɔmpt]) artikulatorisch erklären?
7. Im Englischen gibt es für die regelmäßige Pluralbildung drei Formen: [s] (cats), [z] (dogs) und [iz]
(houses). Suchen Sie weitere Wörter und überlegen Sie, wodurch die Auswahl der jeweiligen Form
bedingt ist.
8. Geben Sie die Silbenstruktur der folgenden Wörter im Konstituentenmodell an: Pilz, Strahl, Baum,
Flotte, Minister, Herbst
Pia Bergmann
89
3.1
3 Wörter
3.1 Grundbegriffe
3.2 Wie werden Wörter gebildet?
3.3 Die Beziehung von Form und Bedeutung im Wort
3.4 Was bedeuten Wörter?
3.5 Wörter als Informationsträger
3.1 | Grundbegriffe
Für schöne Worte kann man sich ja bekanntlich aller als auch gitmek grob gesprochen beides. (Im
nichts kaufen, trotzdem wird Wörtern Wert zuge- Türkischen gibt es allerdings noch ein eigenes
sprochen, wenn beispielsweise jemand bedauert, Wort für ›zu Fuß gehen‹, nämlich yürümek.)
mangels Fleißes in einer Fremdsprache keinen rei- Das verdeutlicht ebenfalls, dass sich Sprachen
cheren Wortschatz erworben zu haben. Wörter sehr darin unterscheiden, wie viele Bedeutungsbe-
sind so offensichtliche Bestandteile der Sprache, standteile sie zu einer wortartigen Einheit ver-
dass sie manchmal von Laien für das gehalten knüpfen. Manche Sprachen verlassen sich mehr
werden, was eine Sprache ganz und gar ausmacht, auf Morphologie und andere eher auf Syntax, um
etwa wenn man fälschlicherweise das Büffeln von ähnliche Bedeutungen zu übermitteln. Dennoch
Vokabeln mit dem Lernen einer Sprache gleich- lassen sich sprachübergreifend interessante ähnli-
setzt. In den anderen Kapiteln dieses Buches ist zu che Muster zum Aufbau von Wörtern und den da-
lesen, warum zur Sprache weit mehr als nur Wör- rin enthaltenen Bedeutungsbestandteilen beob-
ter gehören. Dieses Kapitel aber handelt von der achten.
Vielgestaltigkeit des Wortes als ein Phänomen an Schnittstelle von Form und Bedeutung: Zu-
der Schnittstelle von Form und Bedeutung. Tat- nächst können wir feststellen, dass das Wort zwei
sächlich ist einiges besonders an Wörtern: Seiten hat: Form (oder genauer: Lautform) und
Die Verbindung zwischen Form und Bedeu- Bedeutung. Form und Bedeutung von Wörtern
tung ist meist willkürlich und Wörter sind daher werden traditionell in zwei unterschiedlichen Dis-
in verschiedenen Sprachen völlig unterschiedlich
beschaffen. Es gibt keine innewohnende Verbin- Definition
dung zwischen Form und Bedeutung und somit
keinen natürlichen Grund, warum wir im Deut- Die ➔ Morphologie befasst sich mit der internen Formstruktur von
schen für unsere Fortbewegung das Wort gehen Wörtern. Sie behandelt, in welcher Weise Form und Bedeutung mitein-
verwenden, Französischsprachige aber aller oder ander systematisch interagieren. Im Unterschied zur Syntax, die man
Türkischsprachige gitmek – trotz ihrer lautlichen als ›Satzgrammatik‹ bezeichnen könnte, ist Morphologie die Wort-
Verschiedenheit eignen sich alle drei Formen glei- grammatik. Der Name kommt von griechisch morph્ ›Form, Gestalt‹
chermaßen gut zur Bezeichnung. (›Formenlehre‹). Der Begriff wurde 1860 von August Schleicher aus der
Es gibt weder eine bestimmte Menge an Formen Biologie übernommen, wo ›Morphologie‹ die Lehre von der äußeren
noch an Bedeutungen, die zwingende Bestandteile Struktur der Organismen bezeichnet (geprägt 1790 von Johann Wolf-
von Wörtern in allen Sprachen wären. Sprecherin- gang von Goethe).
nen und Sprecher verschiedener Sprachen sind bei Die ➔Semantik ist die Lehre von der Bedeutung vornehmlich von Wör-
der Bildung von Wörtern keinem universellen tern und Sätzen, wenn man sie isoliert betrachtet. Sie beschränkt sich
Katalog an Formen und Bedeutungen verpflich- nicht nur auf die Linguistik, sondern ist auch ein Teilbereich der Semio-
tet. Deshalb sehen eben Bezeichnungen für das- tik (Zeichentheorie) und der Philosophie. Die auch in der Linguistik oft
selbe in den verschiedenen Sprachen so verschie- verwendete Dreiteilung zwischen Syntax, Semantik und Pragmatik geht
den aus, und Sprachen unterscheiden sich darin, auf den Semiotiker Charles W. Morris (1938/1971) zurück. Für ihn ist die
wie sie Bedeutungsinhalte auf einzelne Wörter Semantik die Relation der Zeichen zu ihren »Designata« im Unterschied
aufteilen. Während wir z. B. im Deutschen zwei zur Relation der Zeichen zu ihren »Interpreten« (Pragmatik) und der
Wörter – nämlich gehen und fahren – für verschie- Relation der Zeichen zueinander (Syntax, bei Morris »Syntaktik«).
dene Fortbewegungsarten haben, umfasst sowohl
91
3.1
Wörter
Grundbegriffe
(1) Latein
Non relinqu-etur lapis super lapid-em.
nicht zurücklass-FUT:PASS:3SG Stein[NOM:SG] über Stein-ACC:SG
›Nicht ein Stein wird auf dem anderen bleiben.‹
92
3.2
Wörter
Morphologische
Grundbegriffe
Zur Vertiefung
Glossierung
Da wir nicht voraussetzen können, dass alle, die diese Einführung lesen, Latein verstehen, haben wir Bei-
spiel (1) glossiert. Das heißt, wir stellen das Beispiel auf drei Zeilen dar. In der ersten Zeile steht der Original-
text. In der zweiten Zeile wird jede Form einzeln erklärt. Die lexikalische Information der Wortformen wird
durch eine möglichst nahe Entsprechung in der Übersetzungssprache, hier Deutsch, wiedergegeben. Die gram-
matische Information, d. h. Kategorien wie Kasus und Numerus, werden durch Abkürzungen in Kapitälchen
ausgedrückt, ACC steht z. B. für Akkusativ und SG für Singular. (Eine Liste der gängigsten Abkürzungen findet
sich im Anhang dieses Buchs.) Wichtig ist, dass die Glosse genau unter der Wortform steht, und dass, wenn
wir verschiedene Teile einer Wortform unterschiedlich erklären, diese sowohl in der Wortform als auch in der
Glosse durch Bindestriche abgetrennt sind. Es gibt also immer genau gleich viele Bindestriche in der Wortform
und in der Glosse. So können alle – auch ohne des Lateinischen mächtig zu sein – erkennen, dass in der Form
lapidem die Sequenz lapid für die lexikalische Bedeutung ›Stein‹ steht und em für die grammatische Bedeutung
Akkusativ Singular. Manchmal hat eine bestimmte grammatische Bedeutung keine klar lokalisierbare Formse-
quenz, die man ihr zuordnen kann. Dann fügen wir die grammatische Bedeutung in eckigen Klammern hinzu
wie bei lapis Stein[NOM:SG]. Schließlich geben wir in der dritten Zeile eine freie Übersetzung.
Formen, die wir im laufenden Text erwähnen, werden immer kursiv gesetzt; wir fügen ihnen immer eine Über-
setzung in einfachen Anführungszeichen hinzu.
Als Standard für Glossierung haben sich die Leipzig Glossing Rules etabliert (s. Kap. 12.3.2 (Anhang) und
[Link]
93
3.2
Wörter
Wie werden
Wörter gebildet?
■ In der Komposition bildet man zusammenge- Bedeutung des Adjektivs schon weit weniger (rötli-
setzte Wörter (Komposita): vereinfacht gesagt, cher ist immer noch ›rötlich‹, nur eben mehr), wes-
Wörter, die aus zwei oder mehreren Wörtern wegen die Komparation auch recht unabhängig
bestehen, z. B. viel-versprechend. vom gesteigerten Adjektiv ist.
■ Die Derivation ist dagegen die Wortableitung; Allerdings gibt es Eigenschaften, die nur mit
so kann man mit ver- aus sprechen das Verb ver- sehr viel Phantasie graduierbar sind (tot, ledig),
sprechen ableiten. was zeigt, dass die Bedeutung des Adjektivs von
der des Suffixes nicht völlig unabhängig ist. Die
Derivation und Komposition werden unter dem grammatische Endung -es ist am weitesten weg
Begriff ›Wortbildung‹ zusammengefasst. Darunter vom Stamm und kumuliert die Kategorien Nume-
werden Prozesse verstanden, mit denen Lexeme rus (Singular), Genus (Neutrum) und Indefinit
gebildet werden. Die Flexion hingegen bildet Wort- (schwache Deklination des Adjektivs). Numerus
formen. Es gibt verschiedene Kriterien zur Unter- und Genus kommen nicht vom Adjektiv selber,
scheidung von Flexion und Derivation, die aber sondern werden ihm vom Substantiv (Ergebnis)
nicht immer zu demselben Resultat führen. So ist zugewiesen. Sie haben auf die Bedeutung des Ad-
es z. B. typisch für Flexion, dass die lexikalische jektivs selbst keinen Einfluss. Man nennt dies
Bedeutung nicht verändert wird. Das trifft für das Kongruenz (engl. agreement). Ebenso kommt die
Partizip versprechend zu. Es hat genau dieselbe le- Indefinitheit von außen (der unbestimmte Artikel
xikalische Bedeutung wie das Verb versprechen. verlangt die Form -es, mit dem bestimmten Artikel
Ein anderes, oft genanntes Kriterium für Flexion wäre es -e: das rötlichere Ergebnis). Für die Bedeu-
ist dagegen, dass Ausgangs- und Zielform zu der- tung des Adjektivs sind Numerus, Genus und De-
selben Wortart gehören müssen. Dies trifft für Par- finitheit also am wenigsten relevant.
tizipien nicht zu. Die Ausgangsform ist ein Verb, Derivation und Flexion: Nach Bybee (1985) eig-
die Zielform funktioniert jedoch wie ein Adjektiv. nen sich diejenigen Bedeutungen am besten für die
Je nachdem, welches Kriterium man stärker ge- Kodierung als grammatische Kategorien, die einer-
wichtet, gehören Partizipien eher zur Flexion oder seits wenig relevant und anderseits generell appli-
eher zur Derivation. zierbar sind. Der Unterschied zwischen Derivation
Relevanz: Eine allgemeine Tendenz, die wir mit und Flexion ist für Bybee daher graduell. Betrach-
Hilfe sprachvergleichender Forschung feststellen ten wir einige typische Kategorien am Verb:
können, ist, dass Derivation in der Regel näher an ■ Person: Kongruenz in der Person (erste, zweite,
der Wurzel markiert ist als Flexion. Joan Bybee dritte) mit einem Argument des Verbs, im Deut-
(1985: 13) führt dies auf das Prinzip der Relevanz schen mit dem Subjekt (schreibe, schreibst,
zurück, das sie folgendermaßen definiert: »Ein Be- schreibt). In vielen Sprachen gibt es auch Kon-
deutungselement ist relevant für ein anderes, wenn gruenz mit dem Objekt.
der Bedeutungsinhalt des ersten den Bedeutungs- ■ Numerus (engl. number): Kongruenz im Nu-
inhalt des zweiten direkt affiziert oder modifiziert« merus (Singular, Plural, Dual) mit einem Argu-
(Übersetzung BW/AE). Nehmen wir beispielsweise ment des Verbs.
die Wortform rötlicheres im Satz Ist ein rötlicheres ■ Modus (engl. mood): Art, wie der Sprecher die
Ergebnis mit Henna bei braunem Haar überhaupt Satzaussage präsentiert (Indikativ, Imperativ,
möglich? Das am nächsten an der Wurzel stehende Konjunktiv: schreibst, schreib!, schreibest,
Derivationssuffix -lich (mit Umlaut) hat verschie- schriebest).
dene Funktionen, z. B. dient es der Ableitung von ■ Tempus (engl. tense): lokalisiert die Situation
Adjektiven von Substantiven (hässlich). Im Bei- in Bezug auf den Sprechzeitpunkt oder einen
spiel röt-lich modifiziert es aber die Bedeutung von anderen zeitlichen Referenzpunkt: Präsens,
rot, denn es dient hier zur Abschwächung einer Präteritum, Futur (französisch écrit, écrira
Eigenschaft. Viele Adjektive können allerdings ›schreibt, wird schreiben‹).
nicht mit -lich abgeschwächt werden, z. B. ?schön- ■ Aspekt: Perspektive des internen Zeitverlaufs
lich, und in recht vorhersagbarer Weise kann das des Ereignisses, z. B. Perfektiv (abgeschlossen)
Suffix auch andere Bedeutungsveränderungen be- und Imperfektiv (nicht abgeschlossen), wie sie
wirken, z. B. kleinlich, neulich. Diese Abhängigkeit in den französischen Vergangenheitsformen un-
der Suffixbedeutung von der Wurzel zeigt, dass das terschieden werden: Das passé simple ist per-
Suffix dessen Bedeutung direkt modifiziert. Die fektiv (alla ›ging‹), das imparfait imperfektiv
Komparation (Steigerung) rötlich-er verändert die (allait), etwa: Après la mort du père, l’aîné prit
94
3.2
Wörter
Morphologische
Grundbegriffe
Präsens Präteritum
3SG er/sie/es macht hat ist machte hatte war
1SG ich mache habe bin machte hatte war
2SG du machst hast bist machtest hattest warst
3PL sie machen haben sind machten hatten waren Tab. 1:
Paradigmatische
1PL wir machen haben sind machten hatten waren
Darstellung der deutschen
2PL ihr macht habt seid machtet hattet wart Verbflexion (Ausschnitt)
le coq et s’en alla dans le monde, mais partout Wurzel und Stamm: Wenn wir von den Komposita
où il allait les gens connaissaient les coqs. absehen, so haben die allermeisten Wörter ein
›Nach dem Tod des Vaters nahm der Älteste den Kern-Morphem, das den Ausgangspunkt für De-
Hahn und ging in die Welt hinaus, aber überall, rivationsprozesse darstellt. Dies ist die Wurzel.
wo er hinging, kannten die Leute Hähne.‹ Im Wort versprechenden ist die Wurzel sprech. Den
■ Diathese (auch Genus verbi, engl. voice): regelt Ausgangspunkt für die Bildung von Flexionsfor-
die Verteilung der Argumente zu Subjekt und men nennt man dagegen ›Stamm‹ oder manchmal
Objekt (Aktiv, Passiv). auch ›Basis‹. Der Stamm im Wort versprechenden
■ Valenz: Unterschied in der Anzahl und Rolle ist demnach versprech-.
der Argumente, die ein Verb hat, z. B. Kausa- Konjugation und Deklination: Die Aufbauper-
tiv (jemanden etwas machen lassen) setzen spektive hat den Vorteil, dass man generelle Re-
vs. sitzen. geln formulieren kann, ohne dass man Formen
einzeln auflisten muss. Wenn es allerdings darum
Die Reihenfolge, in der diese Kategorien am Verb geht, allgemeine morphologische Muster zu erken-
markiert sind, ist in den Sprachen der Welt tenden- nen, kann es sehr sinnvoll sein, ausgewählte Wort-
ziell aufsteigend. Kausativ wird z. B. meist näher formen in einem systematischen Raster anzugeben
an der Wurzel des Verbs markiert als Präteritum, und sie miteinander zu vergleichen, ohne sie zu
denn er affiziert die Bedeutung der Verbwurzel di- zerlegen oder aufzubauen. In Tabelle 1 haben wir
rekter als das Tempus; das Resultat ist daher nicht einige deutsche Konjugationsformen aufgelistet.
immer vorhersagbar. Hier sind einige Beispiele, die ■ Konjugation ist Flexion beim Verb.
im Einklang mit der Hierarchie stehen. (Natürlich ■ Von Deklination spricht man dagegen bei der
gibt es auch Ausnahmen.) Flexion von Nomen (Substantiven und Adjek-
tiven).
(2) Litauisch
skamb-in-dav-o-me Ohne Zerlegung in Morpheme und ohne die For-
kling-KAUSATIV-FREQUENTATIV-PRÄ[Link] men von ihren Wurzeln her aufzubauen, können
WURZEL < VALENZ < ASPEKT < TEMPUS < PERSON/NUMERUS wir durch den bloßen Vergleich der ungeteilten
›Wir pflegten anzurufen.‹ Formen leicht feststellen, dass es beim deutschen
Verb systematische Muster von Formenidentitäten
(3) Türkisch gibt. Unabhängig davon, wie die Morpheme ausse-
in-dir-il-iyor-du-ysa-m hen, sind über die ganze Konjugation hinweg be-
runtergeh-KAUSATIV-PASSIV-PROGRESSIV-PRÄTERITUM-KONDITIONAL- trachtet die Formen der ersten und dritten Person
[Link] Plural identisch (auch bei unregelmäßigen Verben,
WURZEL < VALENZ < DIATHESE < ASPEKT < TEMPUS < MODUS < wo das Zerlegen in Morpheme besondere Mühe
PERSON/NUMERUS macht). Im Präteritum sind des Weiteren auch im
›Wenn ich heruntergebracht worden wäre.‹ Singular die Formen der ersten und dritten Person
95
3.2
Wörter
Wie werden
Wörter gebildet?
identisch. Solche systematischen Muster (systema- men versucht, nennt man auch konkatenative
tischer Synkretismus; s. 3.2.4) lassen sich am Morphologie (die Morpheme reihen sich anein-
leichtesten durch den Vergleich von Paradigmen ander wie in einer Kette).
beschreiben. Das Beispiel unten behandelt reine konkatenati-
ve Morphologie. Nun ist es aber leider so, dass
man mit Stämmen, Prä- und Suffixen alleine nicht
weit kommt. Anders gesagt, es gibt zahlreiche
3.2.2 | Das Morphem – oder die Segmen- Ausnahmen vom Prinzip »Eine Lautsequenz ent-
tierung von Wörtern spricht einer Bedeutung«. Wir wollen nun einige
dieser Ausnahmen diskutieren.
Beim Segmentieren nehmen wir an, dass die Wort- Allomorphe sind eine erste Ausnahme und be-
struktur grundsätzlich aus der Aneinanderreihung treffen Fälle, in denen ein Morphem je nach Umge-
von Morphemen besteht. Im Idealfall hat jedes bung in anderer Gestalt erscheint. Man unterschei-
Morphem nur eine Bedeutung, und da Wörter lexi- det phonologische und morphologische Bedingun-
kalische und grammatische Funktionen haben gen für die Verteilung von Allomorphen.
können, sollten Morpheme im Idealfall entweder Phonologische Bedingungen für das Auftreten
nur eine lexikalische oder nur eine grammatische verschiedener Allomorphe eines Morphems gelten
Funktion aufweisen. Nach dieser Vorstellung las- z. B. für den Plural beim englischen Substantiv:
sen sich lexikalische und grammatische Bedeu- das Allomorph [ԥz] steht nach Sibilanten wie in
tungskomponenten in Wörtern eindeutig entspre- houses [hauz-ԥz], [z] steht nach stimmhaften Seg-
chenden Formsequenzen zuordnen, nämlich den menten wie in dogs [dog-z] und [s] steht nach
lexikalischen bzw. grammatischen Morphemen. stimmlosen Segmenten wie in cats [kæt-s]. Die na-
Wie bereits oben erwähnt, nennt man die Se- heliegendsten Gründe für das Entstehen von Allo-
quenz mit lexikalischer Bedeutung ›Stamm‹ oder morphen sind lautliche Prozesse wie Assimilation
›Basis‹. Jedes Wort enthält mindestens und meist und Dissimilation, d. h. gegenseitige Anpassung
genau einen Stamm. Grammatische Morpheme oder Differenzierung von Lauten. Allomorphe ent-
müssen dagegen nicht in jedem Wort vorkom- stehen also v. a. deshalb, weil nicht alle Laute im
men, es kann aber pro Wort auch mehrere geben. Redefluss gleich gut nebeneinander stehen kön-
Sie können vor oder nach dem Stamm stehen, nen. Im englischen Beispiel passt sich das Plural-
weshalb man Präfixe (vorangehend) und Suffixe morphem einerseits an ein vorhergehendes Laut-
(nachfolgend) unterscheidet. Zusammenfassend segment in Bezug auf seine Stimmhaftigkeit an
für Prä- und Suffixe sagt man Affixe (lat. affigere (Assimilation), andererseits wird das Aufeinander-
›anstecken‹). Eine Morphologie, die mit den drei treffen von zwei Sibilanten (/s/-/s/) durch einen
Einheiten Stamm, Präfix und Suffix auszukom- eingefügten Schwa-Laut vermieden (Dissimila-
96
3.2
Wörter
Das Morphem –
oder die Segmentierung
von Wörtern
97
3.2
Wörter
Wie werden
Wörter gebildet?
98
3.2
Wörter
Morphologische Prozesse,
oder der Aufbau
von Wörtern
Subtraktion: Evidenz für morphologische Pro- für den Ausdruck von Aspekt eine wesentliche
zesse liefern beispielsweise Fälle vom Typ der Rolle. So bildet man den sogenannten »contem-
französischen Adjektive in Tabelle 2. Die femini- plated aspect« von Verben (der u. a. zum Aus-
nen Formen sehen wie erweitert aus, ohne dass druck des Futurs dient) durch Verdoppelung ei-
sich aber ein Morphem für ›feminin‹ abstrahieren nes Konsonanten (C) und eines Vokals (V): pasok
ließe. Es sind durchweg verschiedene Konsonan- ›eintreten‹, papasok ›wird eintreten‹. Die Redupli-
ten, in denen sich die Formen unterscheiden: kation interagiert in der Bildung des imperfektiven
Aspekts (der u. a. zum Ausdruck des Präsens dient)
maskulinfemininlexikalische Bedeutung mit der Infigierung. Dabei sieht man deutlich, dass
/o/ /ot/ ›hoch‹ es sich bei der Reduplikation um einen Prozess
handelt, der vor der Infigierung kommt. Die Form
/du/ /dus/ ›süß, mild‹
pumapasok ›tritt ein‹ entsteht dadurch, dass zuerst
/Oܭ/ /OܭG/ ›hässlich‹ pasok zu pa~pasok redupliziert wird, erst nachher
/tu/ /tut/ ›ganz‹ wird das Infix <um> vor dem ersten Vokal einge-
/blã/ /EOmǕ/ ›weiß‹ fügt. Beim Glossieren markieren wir die Infigie-
rung mit spitzen Klammern und die Reduplikation
Tab. 2: Maskuline und feminine französische Adjektive mit der Tilde, also:
99
3.2
Wörter
Wie werden
Wörter gebildet?
Zur Vertiefung Weise meist einige wenige Lexeme als Modelle für
die Beschreibung der allermeisten anderen Lexe-
Prosodische Morphologie me aus. Paradigmen ermöglichen daher eine kon-
Die verschiedenen Varianten der nicht-konkatenativen Morphologie haben meist densierte Gesamtschau des Formenbestandes ei-
gemeinsam, dass sie stark mit der Phonologie interagieren. Diesen Umstand ner Sprache. Und sie tun dies, ohne dass man sich
macht sich die prosodische Morphologie zunutze, die annimmt, dass die Laut- um die Zerlegung oder den Aufbau von Formen
struktur von Wörtern in verschiedene Schichten (engl. tiers) gegliedert ist besonders zu kümmern braucht.
(s. dazu Kap. 2.5.3). Für semitische Wortformen kann man z. B. eine Wurzel- Oben haben wir ein Beispiel der deutschen
schicht mit den Konsonanten, eine Skelettschicht mit der CV-Struktur und eine Konjugation betrachtet. Wenden wir uns hier nun
»Melodie«-Schicht mit Vokalen annehmen, mit der sich der interne Wandel gut der Deklination in einer anderen indoeuropäi-
beschreiben lässt: schen Sprache, dem Lettischen, zu. Im Lettischen
gibt es vier produktive nominale Deklinationsklas-
Wurzelschicht: k t b
sen, die sich mit vier durchdeklinierten Wörtern
fast vollständig darstellen lassen. Produktiv heißt,
Skelettschicht: C V C C V C V
dass neue Wörter noch in die Klassen aufgenom-
men werden können. Dies ist in Tabelle 3 anhand
Vokalmelodieschicht: a
von vier Lehnwörtern illustriert, deren Bedeutung
Arabisch kattaba ›schreiben lassen‹ sich leicht erraten lässt. Die meisten Substantive
der Klassen 1 und 3 sind maskulin, die meisten in
Die gestrichelten Linien zeigen, wo die Konsonanten und Vokale ins Skelett ein- den Klassen 2 und 4 feminin. Die Kasus-Numerus-
gefügt werden. Reduplikation und verwandte Phänomene wie Gemination (Ver- Formen haben nicht nur in jedem Paradigma cha-
doppelung eines Lautes) entstehen dadurch, dass ein Laut an zwei (oder drei) rakteristische Endungen, sondern manchmal auch
verschiedenen Stellen eingefügt wird. Die autosegmentale Phonologie Konsonantenalternationen. So zeigt der Genitiv
(s. Kap. 2.5.4) dient als Basis für die prosodische Morphologie nach McCarthy Plural in Klasse 4, ebenso der ganze Plural und der
(1981). Anschaulich dargestellt ist die prosodische Morphologie in Katamba Genitiv Singular in Klasse 3 einen Konsonanten-
(1993: 154–202). Ein wichtiges Argument im Rahmen dieses Ansatzes, gerade für wechsel (z. B. l zu palatalem ƺ; t zu š).
die Behandlung der Reduplikation, ist die Unterspezifikation (s. Kap. 2.6.1). Vorteile von Paradigmen: Für Paradigmen
Nach Broselow/McCarthy (1983: 25) ist nämlich Reduplikation ein Spezialfall ge- spricht zunächst, dass sie den Formenbestand ei-
wöhnlicher Affigierung, bei der die Affixe unterspezifiziert sind; Reduplikations- ner Wortart – hier das Substantiv im Lettischen –
affixe haben nur eine Skelett-(CV-)Struktur. Bei der Bildung der Formen müssen in einem einfachen Raster durchstrukturieren. Die
deshalb benachbarte Segmente in die CV-Struktur kopiert werden. Prosodische einzelne Form wird in einen größeren Zusammen-
Morphologie ist ein Beispiel für einen vorwiegend prozessorientierten Zugang hang gestellt und als eine Zelle in einem System
zur Morphologie, bei dem Morpheme eine untergeordnete Rolle spielen. verstanden. Die Frage, ob die Form in Morpheme
zerlegt oder mit morphologischen Prozessen auf-
gebaut werden kann, rückt in den Hintergrund,
fürchtet‹, dormite ›(ihr) schlaft‹. Der Themavokal weshalb sich der paradigmatische Ansatz auch be-
trägt keine Bedeutung, also kann er streng genom- sonders gut für unregelmäßige Formen eignet, die
men kein Morphem sein. Er ist aber auch nicht eine regelmäßige Funktion im morphologischen
einfach ein Teil des Stammes, weil er nicht in allen System einer Sprache erfüllen.
Formen vorkommt. Nachteile von Paradigmen: Was spricht nun ge-
gen Paradigmen?
Erstens sind sie nicht immer ökonomisch. Kate-
gorien mit mehr Variation (wie der Nominativ Sin-
3.2.4 | Paradigmen, oder die Konstel- gular mit vier verschiedenen Endungen -s/a/is/e
lation von Wörtern im lettischen Beispiel) werden gleich behandelt
wie Kategorien mit weniger Variation (der Genitiv
Ein in der europäischen griechisch-lateinischen Plural mit einer Endung -u). Allerdings kann gera-
Grammatiktradition seit alters verbreiteter mor- de das am besten festgestellt werden, wenn man
phologischer Beschreibungsansatz ist das Paradig- die Formen in einem Raster zusammengestellt hat.
ma. Wir haben es weiter oben definiert als eine Zweitens eignen sich Paradigmen mit vollstän-
systematische Auflistung der Formen eines Le- diger Auflistung aller Formen nur für Sprachen mit
xems, die als Muster für andere Lexeme verwendet mittlerem Synthesegrad, d. h. mit keiner allzu gro-
werden kann. In vielen Sprachen reichen auf diese ßen Anzahl von Morphemen pro Wort. Nicht unty-
100
3.2
Wörter
Paradigmen, oder die
Konstellation von Wörtern
Klasse 1 2 3 4
›Apfelsine‹ ›Pizza‹ ›Kartoffel‹ ›Rote Bete‹
Singular
Nominativ apelsīns pica kartupelis biete
Genitiv apelsīna picas kartupeļa bietes
Dativ apelsīnam picai kartupelim bietei
Akkusativ apelsīnu picu kartupeli bieti
Lokativ apelsīnā picā kartupelī bietē
Plural
Nominativ apelsīni picas kartupeļi bietes
Genitiv apelsīnu picu kartupeļu biešu Tab. 3:
Dativ apelsīniem picām kartupeļiem bietēm Die produktive lettische
Nominalflexion (Deklina-
Akkusativ apelsīnus picas kartupeļus bietes
tion) dargestellt an vier
Lokativ apelsīnos picās kartupeļos bietēs Paradigmen
pischerweise sind sie gerade für die Beschreibung Unregelmäßigkeiten fallen nur dann auf, wenn
indoeuropäischer Sprachen beliebt. Im Lettischen man eine Gesamtschau aller Formen anstrebt. Pa-
mit 2 Numeri und 5 Kasus kommen wir noch gut radigmen können auf sehr unterschiedliche Wei-
zurecht. Aber schon das finnische Substantiv se unvollständig sein, und verschiedene Arten
mit – je nach Zählung – mindestens 12 Kasus, von Flexionsanomalien sind oft alles andere als
2 Numeri und 5 Possessivsuffixen plus nicht- zufällige Ausnahmen. Das bekannteste Beispiel
possessiven Formen (= 12·2·[5+1] = 144 po- ist der sogenannte Synkretismus. Darunter ver-
tentielle Formen, wobei manche systematisch zu- steht man den formalen Zusammenfall in Flexi-
sammenfallen) ist eine größere Herausforderung. onsparadigmen, also die Tatsache, dass es weni-
Besonders bei Verben können Paradigmen sehr ger verschiedene Formen als Zellen gibt. In der
umfangreich werden. Man kann sich aber oft gut lettischen Klasse 1 sind z. B. Akkusativ Singular
damit behelfen, dass man nur Teile von Paradig- und Genitiv Plural synkretisch. Dies sind Beispie-
men aufstellt. le für unsystematischen Synkretismus. Ein Bei-
Drittens gibt es immer wieder Kategorien, die spiel für systematischen Synkretismus haben wir
sich schlecht Paradigmen zuordnen lassen. So hat bereits in Tabelle 1 bei der Diskussion der stan-
das Lettische neben den fünf paradigmatischen darddeutschen Konjugation kennengelernt, ohne
Kasus noch einen speziellen Vokativ (Kasus für die das Phänomen so benannt zu haben: Die erste
Anrede), den es nur bei manchen Substantiven Person Plural und die dritte Person Plural haben
gibt: kungs ›Herr‹, bƝrns ›Sohn‹, tƝvs ›Vater‹ und immer dieselbe Endung (wir/sie sind, waren, ha-
zƝns ›Junge‹ gehören alle zur Klasse 1, aber bei der ben, hatten etc.). Synkretismus reduziert die An-
Anrede sagt man meist tƝv! und zƝn! mit Vokativ- zahl der Formen, die man sich merken muss.
form, aber kungs!, bƝrns! mit Nominativform. Gleichzeitig erschwert er aber eine einfache Zu-
Manche Formen richten sich eher nach dem gram- ordnung von Formen zu den grammatischen Ka-
matischen Genus als nach dem Paradigma. So ist tegorien, die sie bezeichnen.
lettisch puika ›Junge‹ maskulin, obwohl es zur Paradigmenhafte Beschreibung ist immer dann
Klasse 2 gehört, und bildet deshalb den Dativ Sin- sinnvoll, wenn die funktionalen Kategorien re-
gular puikam, nicht puikai, weil im Dativ Singular gelhafter sind als die Formen, die sie repräsentie-
-am immer eine maskuline und -ai immer eine ren. Daraus ergibt sich, dass Paradigmen beson-
feminine Endung ist. Aber auch für die Feststel- ders nützlich bei der Beschreibung der Flexion
lung dieser Abweichungen ist es vorteilhaft, wenn sind. Flexionskategorien wie Kasus, Numerus und
man zunächst einmal den rasterhaften Teil des Person bilden kohärentere Raster als Wortbil-
morphologischen Systems zusammenstellt. dungskategorien. Aber man kann nicht nur die
Synkretismus: Paradigmen haben auf jeden Fall Flexion aus einer paradigmatischen Perspektive
einen heuristischen Vorteil. Viele morphologische betrachten, sondern teilweise auch die Wortbil-
101
3.2
Wörter
Wie werden
Wörter gebildet?
102
3.2
Wörter
Zwischen Wort und Satz
Komposita: Der zweite Bereich neben den Klitika, ma ›Vater-Mutter > Eltern‹, brata-susa ›Bruder-
der systematisch zwischen Wort und Phrase ange- Schwester > Geschwister‹), han-lek ›Hand-Fuß >
siedelt ist, sind die Komposita (dazu gehört im Gliedmaßen‹ oder su-soken ›Schuh-Socken > Fuß-
weiteren Sinn gleichfalls die oben behandelte tota- bekleidung‹ (Mühlhäusler 1979: 377; Wälchli
le Reduplikation). Dies zeigt schon die jedenfalls 2005). Im Bukiyip, einer Sprache in Neu Guinea,
im englischen Sprachraum verbreitete Definition gibt es ein Kompositum buwul nubat ›Schwein
von ›Kompositum‹ als Konkatenation von Wörtern Hund‹ mit der Bedeutung ›Haustiere‹ (Hund und
zur Bildung anderer Wörter (Spencer 1991: 309) Schwein sind die wichtigsten Haustiere in Neu Gui-
bzw. Kombination von (zwei oder mehr) existie- nea), nicht etwa ›Schweinehund‹. Ebenso wie
renden Wörtern zu einem neuen Wort (Anderson Schweinehund wird es aber auch in übertragener
1992: 292). Phrasen bestehen nämlich genauso Bedeutung verwendet, wie oben in Beispiel (7) für
aus Wörtern. ›gewöhnliche Leute‹.
Komposita sind eine sehr vielgestaltige Form Das Deutsche hat zwar auch Komposita, in de-
der Wortbildung. Sie können nicht nur aus Wör- nen die Teile in einer koordinativen (›und‹) Verbin-
tern bestehen, sondern beinhalten manchmal gan- dung stehen, aber diese bezeichnen spezifischere
ze Sätze, z. B. Vergissmeinnicht oder Dieses »Kein- Konzepte als ihre Teile, nicht allgemeinere: blau-
Schwein-ruft-mich-an-Gefühl« kenne ich als Single grün ist ein Farbton zwischen blau und grün, nicht
nur zu gut. Manche Komposita wie Vergissmein- allgemein eine ›kalte dunkle Farbe‹. Ebenso ist
nicht sind konventionell, sie sind daher erwar- Nordost eine spezifischere Himmelsrichtung als
tungsgemäß in Wörterbüchern verzeichnet. Im Nord und Ost, nicht eine allgemeinere. Man unter-
Deutschen sind Komposita aber auch ein sehr pro- scheidet im Deutschen zwischen Determinativ-
duktives Muster, d. h. man kann ständig neue komposita (ein Teil bestimmt den andern näher)
Komposita bilden. Oft macht man eine Unterschei- und Kopulativkomposita (die Teile stehen in einer
dung zwischen sog. endozentrischen und exo- koordinativen Relation zueinander), aber in bei-
zentrischen Komposita, je nachdem ob der Kopf den Fällen bezeichnet das Ganze meist ein spezifi-
(das ›Wortzentrum‹) im Kompositum enthalten ist scheres Konzept als die Teile. Bei den Kopulativ-
(endo- ›innen‹) oder nicht (exo- ›außen‹). Ein Kein- komposita ist übrigens nicht so ganz klar, ob sie
Schwein-ruft-mich-an-Gefühl ist ein Gefühl, es han- endozentrisch oder exozentrisch sind.
delt sich also um ein endozentrisches Komposi- Weiter kann man sich bei Determinativkomposi-
tum. Ein Vergissmeinnicht ist weder ein Vergiss ta dafür interessieren, ob der Kopf am Anfang oder
noch ein Mich noch ein Nicht, sondern eine Blu- am Ende steht. Im Deutschen steht der Kopf am
me, und daher exozentrisch. Weitere Beispiele Ende, im Indonesischen aber – man erinnere sich
sind Rotkehlchen (exozentrisch: hat zwar ein Kehl- an das oben bei der Reduplikation behandelte orang
chen, ist aber keines) und Singdrossel (endozent- utan, wörtlich ›Mensch Wald‹, also ›Waldmensch‹ –
risch: ist eine Drossel). am Anfang. (Orang-Utans sind eine Art Menschen,
Das Deutsche ist zwar bekannt für seinen Reich- nicht eine Art Wald, das Kompositum ist also endo-
tum an Komposita, dennoch gibt es auch Komposi- zentrisch.) Ein weiteres Beispiel ist mata hari ›Auge
tionsmuster, die im Deutschen nicht vorkommen. Tag > Sonne‹. Die indonesischen Komposita lassen
Im Tok Pisin, der englisch-basierten Kreolsprache sich nach rein formalen Kriterien nur sehr schwer
in Papua Neu Guinea, gibt es ebenso wie in vielen von Phrasen unterscheiden. Adnominale Possessi-
anderen Sprachen Neu Guineas und Asiens soge- on (die ›Genitivkonstruktion‹) bildet man nämlich
nannte Ko-Komposita, bei denen die Teile des genau gleich, durch die bloße Juxtaposition (An-
Kompositums einen semantisch übergeordneten, einanderreihung) von Possessum und Possessor
allgemeineren Begriff bezeichnen, z. B. papa-ma- (mata orang ›das Auge eines Mannes‹).
103
3.2
Wörter
Wie werden
Wörter gebildet?
Inkorporation: Die traditionelle linguistische Kom- Inkorporation assoziiert man meist mit weit ent-
positionslehre ist auf Substantive ausgerichtet, fernten Sprachen, es gibt sie jedoch auch im Ger-
auch wenn das nicht ganz ausschließlich gilt; so manischen, besonders im Friesischen. Parallel zu
ist es allgemein üblich, auch bei Bildungen wie ro- den Tschuktschi-Sätzen bildet das Westfriesische
sarot, affengeil oder sogar unterwegs oder darüber (in den Niederlanden) die folgenden Sätze:
von Komposition zu sprechen. Bei komplexen Ver-
ben spricht man aber meist nicht von Komposita, (9) Inkorporation im Friesischen (Dijk 1997: 3)
besonders nicht, wenn die Verben den Kopf bil- (a) Wy wolle de messen slypje.
den. Wenn Substantive mit Verben zusammenge- wir wollen die Messer:PL schleifen
setzt werden, spricht man hingegen meist von In- ›Wir wollen die Messer schleifen.‹
korporation. Betrachten wir folgende zwei
Beispiele aus dem Tschuktschi, einer Sprache, die (b) Wy wolle messeslypje.
im Fernen Osten Russlands noch von etwa 10 000 wir wollen Messerschleifen
Menschen gesprochen wird. In (8a) erscheint das ›Wir wollen Messer schleifen.‹
Objekt ganz normal als Wort nach dem Verb, in
(8b) ist das Messer jedoch ins Verb inkorporiert. Hierbei ist messe eine Form, die es nur in der In-
korporation gibt (Singular mes, Plural messen).
(8) Inkorporation im Tschuktschi (Spencer 1991: 255) Inkorporation ist nicht einfach zufällig verteilt,
(a) Morgԥnan mԥt-re-mne-ƾԥnet walat. sondern die (b)-Sätze im Tschukschi und im Frie-
wir[ERG] [Link]-FUT-schä[Link] Messer[ABS] sischen haben eine andere Funktion. Mit dem
›Wir werden die Messer schärfen.‹ Verlust von Unabhängigkeit in der Form geht ein
Verlust in der Unabhängigkeit in der Bedeutung
(b) Muri mԥt-ra-wala-nma-gސa einher. In den (b)-Beispielen ist ›Messer‹ nicht re-
wir[ABS] [Link]-FUT-Messer-schä[Link] ferenziell. Das Messerschleifen kann somit als spe-
›Wir werden Messer schärfen.‹ zifische Tätigkeit konzeptualisiert werden, die
Zur Vertiefung nicht auf ein bestimmtes Objekt Bezug nimmt.
Im nordfriesischen Dialekt von Fering (Föhring)
Ergativsprachen ist die Inkorporation noch verbreiteter. Bei der mit
Weil Tschuktschi eine sogenannte Ergativsprache ist, hat die Inkorporation in uunt »auf es« gebildeten Progressivform wird das
(8b) weitreichende Konsequenzen. Ergativ ist ein Kasus, der das transitive Sub- Objekt generell inkorporiert: Hat as uunt anhenru-
jekt in transitiven Sätzen, nicht aber in intransitiven Sätzen markiert. Ein transi- pin ›sie ist dabei, die Enten zu rufen‹. Der Progres-
tiver Satz ist einer, der ein direktes Objekt hat. Durch die Inkorporation ver- siv ist ein Aspekt, der den Handlungsverlauf in
schwindet das direkte Objekt aus der Konstruktion, der Satz wird also intransitiv. seiner andauernden Entwicklung in den Vorder-
Das Subjekt steht nun in (8b) nicht mehr im Ergativ, sondern im Absolutiv. grund stellt, es gibt ihn z. B. auch im Englischen
Im Absolutiv stehen das intransitive Subjekt und das transitive Objekt (ein di- (She is calling the ducks). Im Progressiv ist die Tä-
rektes Objekt kann per Definition nie intransitiv sein). Der Absolutiv fasst also tigkeit generell atelisch (wird nicht abgeschlos-
zwei Rollen zusammen, genauso wie der Nominativ in Nominativ-Akkusativ- sen), wodurch Substantiv und Verb gewisserma-
Sprachen wie dem Deutschen zwei Rollen zusammenfasst (intransitives und ßen zu einem Begriff (einer typischen Tätigkeit)
transitives Subjekt), nur einfach zwei andere. Nominativ-Akkusativ und Ergativ- verschmelzen (Ebert 1989).
Absolutiv sind in der Abbildung schematisch zusammengefasst, wobei für die Übrigens ist das Friesische hier gar nicht so
drei Rollen die Abkürzungen S (intransitives Subjekt), A (transitives Subjekt) weit vom Deutschen entfernt. Man findet sowohl
und P (Objekt) Verwendung finden. Inkorporation kann also weitreichende syn- die Zusammenschreibung als auch die Getrennt-
taktische Konsequenzen haben und hat trotzdem mit der wortinternen Struktur schreibung (z. B. Der linke Flügel dürfte schon flei-
zu tun. Die Sprachforscher sind sich daher nicht einig, ob Inkorporation eher der ßig am Messerschleifen sein. Ich bin schon am Mes-
Morphologie (Mithun 1984) oder eher der Syntax (Baker 1996) zuzuordnen ist. ser schleifen). Macht man die Messer definit,
verschwindet der Inkorporierungseffekt jedoch
(a) Nominativ-Akkusativ (b) Ergativ-Absolutiv
Akkusativ
schon durch die andere Wortstellung: Ich bin die
Messer am Schleifen.
S S Eine wichtige Rolle bei der Inkorporation in den
Nominativ
P Absolutiv P germanischen Sprachen spielt die Nominalisie-
A
A rung. Je mehr das Verb zu einem Substantiv wird
Ergativ (und der Infinitiv in der Progressivkonstruktion ist
auf halbem Weg dazu), desto leichter geht es. Im
104
3.2
Wörter
Zwischen Wort und Satz
105
3.2
Wörter
Wie werden
Wörter gebildet?
106
3.2
Wörter
Lexikon und Wortbildung
107
3.2
Wörter
Wie werden
Wörter gebildet?
in eine andere Wortart umgesetzt wird, indem nur oder Verschmelzungen (engl. blends) werden Tei-
die Flexionsendung angefügt wird, die für das neue le von Lexemen zu einer neuen Form zusammen-
Lexem notwendig ist. Dies bezeichnet man als gesetzt. Das neu gebildete Wort bezeichnet meist
Konversion (auch Nulltransformation, zero conver- mehr als nur die Summe der beiden Bestandteile.
sion). Die besten Beispiele für Konversion gibt es Akronyme sind Abkürzungen, die aus den An-
natürlich in Sprachen, in denen es Wortformen in fangsbuchstaben einer Wortreihe gebildet werden,
beiden beteiligten Wortarten ohne Flexionsendun- z. B. UNO aus United Nations Organization oder
gen gibt, wie dem Englischen. Ausgeprägte Kon- SP für Sozialdemokratische Partei. Akronyme sind
version lässt sich dann kaum mehr von einer feh- ein Beispiel für die mögliche Interaktion von Wort-
lenden Wortartenunterscheidung trennen. So hat bildung und Schrift. (Auch manche Komposita sind
Charles Hockett (1958: 225–227) einmal vorge- nur in Kulturen mit Schrift denkbar, z. B. englisch
schlagen, dass man im Englischen von einer NV U-turn ›Kehrtwendung‹ oder Mandarin ◐ⷦ shí-zì
[noun-verb] Wortart (walk, love, cure, change, air, ›Kreuzung‹ aus ◐shí ›zehn‹ und zì ›(Schrift-)Zei-
elbow, finger), einer AV [adjective-verb] Wortart chen‹. Bezeichnenderweise schreibt man im Man-
(clean, dry, thin, slow) und einer NAV Wortart darin die Entsprechung U xíng-zhuӽn-wƗn ›U-
(fancy, faint, black) reden könnte. Bei manchen Form-Wechsel-Kurve‹ wie folgt: ᨑㇱ懻ㆾ.) Akro-
Sprachen wie Santali, Tagalog und Samoanisch nyme werden jedoch in ihrer Struktur nicht nur
streiten sich die Sprachforscher darüber, ob es kei- durch die Schrift geprägt. Akronyme mit einer gu-
ne Verb-Nomen-Unterscheidung oder einfach eine ten Durchmischung von Konsonanten- und Vokal-
sehr umfassende Tendenz zur Konversion gibt. buchstaben können sich besser durchsetzen –
In mancher Hinsicht und ohne sprachhistori- manchmal, wie etwa bei Ufo oder Aids, so gut,
sches Wissen ist Konversion schwer von soge- dass der ursprüngliche Charakter der abkürzenden
nannten Rückbildungen zu unterscheiden. Bei Buchstabenfolge durch das Schriftbild nicht mehr
ihnen wird ein Wort um ein Wortbildungsmor- wiedergegeben wird. In diesen Fällen mag vielen
phem gekürzt bzw. dieses Morphem ausgetauscht; Personen gar nicht mehr bewusst sein, dass es sich
so wird das Wort in eine andere Wortart umge- ursprünglich um ein Akronym handelte. Die Durch-
setzt. So wurde englisch to babysit aus babysitter mischung mit Vokal- und Konsonantenbuchstaben
zurückgebildet. beeinflusst meist auch, ob die Sequenz unbuchsta-
Kurzwortbildung, Verschmelzung: Im Falle von biert, d. h. mit dem phonographischen Lautwert
Kurzwortbildungen (engl. clipping) wird ein Aus- (z. B. Ufo, UNO, NATO) oder als Buchstabenfolge
gangswort um Bestandteile gekürzt; es entsteht (wie BH [be:'ha:] oder WWF [ve:ve:'ސİf] gespro-
also nicht im eigentlichen Sinn ein neues Lexem. chen wird. Selten werden für die Bildung eines
Welcher Bestandteil gekürzt wird, kann sich von Akronyms auch initiale Silben herangezogen:
Sprache zu Sprache unterscheiden: schwedisch bil BAFöG für Bundesausbildungsförderungsgesetz.
und deutsch Auto gehen beide auf das Komposi- Zusammenwirken von Wortbildungsprozessen:
tum Automobil zurück. Ungarisch ist eine Sprache Nicht selten sind neue Lexeme das Endprodukt
mit vielen langen häufigen Wörtern, die man ger- von mehreren zusammenwirkenden Wortbil-
ne kürzt: bocs für bocsánat ›Entschuldigung!‹, kösz dungsprozessen. Das Verb lasern ist z. B. eine Kon-
für köszönöm ›(ich) danke!‹, viszlát für a viszont- version von Laser. Dieses Wort war ursprünglich
látásra ›Auf Wiedersehen!‹. Bei Wortmischung ein Akronym (light amplification by stimulated
108
3.3
Wörter
Arbitrarität und Konven-
tionalität von Wörtern
emission of radiation). Seine Integration in den xe nennt, weil sie oft mit Substandard assoziiert
Wortschatz ist jedoch so weit fortgeschritten, dass sind. So hat das Schwedische ein sehr produktives
es nicht mehr als solches erkennbar ist. Clippings -is Slangsuffix: dagis ›Kita‹ kurz für daghem ›Kin-
werden bisweilen mit Suffixen verbunden, die ei- dertagesstätte‹, bästis kurz für bäste/bästa vän
gentlich gar keine Suffixe sind, weil sie keine Be- ›bester Freund‹. Ähnlich verhält es sich mit deut-
deutung haben, und die man zuweilen Slangsuffi- schen Kosenamen: Andi, Benni, Edi, Willi, Ulli.
109
3.3
Wörter
Die Beziehung von Form
und Bedeutung im Wort
schen Form und Bedeutung muss erst hergestellt hen wir onomasiologisch (formgerichtet) vor
werden. Wenn uns jemand in unserer Mutterspra- (von griech. sē˜ma ›Zeichen‹ und onoma ›Name‹).
che anspricht, dann können wir (meist) verstehen, Beschränkte Isomorphie zwischen Form und
was man uns sagen will, weil wir die zahlreichen Bedeutung: Die Unterscheidung von Form- und
konventionellen Beziehungen zwischen Form und Bedeutungsgerichtetheit ist deshalb besonders
Bedeutung bereits kennen. Wir befinden uns also wichtig, weil es in der Regel keine einfache Eins-
im ›Konventionsmodus‹. Spricht uns aber jemand zu-Eins-Entsprechung oder Deckungsgleichheit
in einer gänzlich fremden Sprache an, fehlen uns zwischen Form und Bedeutung gibt. Wir können
plötzlich all die konventionellen Beziehungen zwi- onomasiologisch vorgehen und z. B. untersuchen,
schen Form und Bedeutung. Wenn es uns über- wie in Raumausdrücken in verschiedenen Spra-
haupt gelingt zu kommunizieren, sind wir gänzlich chen ›Quelle‹ ausgedrückt wird. Eine solche Be-
auf den Kontext angewiesen. Wir befinden uns im deutung für einen Ausschnitt dessen, was wir mit
›Entdeckungsmodus‹. Viele Sprachtheorien gehen Sprache ausdrücken können – wie eben Quelle –,
implizit vom Konventionsmodus als Normalfall für die man Entsprechungen in verschiedenen
aus. Eine Ausnahme ist der Philosoph Willard Van Sprachen sucht, wird auch funktionale Domäne
Orman Quine (1960: 29). Er stellt das Problem so genannt. Im Deutschen gibt es für die funktionale
dar: Ein Kaninchen rennt vorbei, und der Eingebo- Domäne ›Quelle‹ nicht nur eine Form, sondern
rene, mit dem wir unterwegs sind, sagt Gavagai. mehrere: die Präpositionen von und aus:
Wie wissen wir, was er mit Gavagai meint? Quine
argumentiert zu Recht, dass wir nicht sicher sein (11) Als Valentin aus dem Haus herauskam, tropfte es vom Dach
können, dass Gavagai ›Kaninchen‹ heißt. herunter.
Für die Morphosemantik ist nicht nur interes-
sant, wie bestehende Beziehungen zwischen Form Das Russische hat dagegen drei Präpositionen ot
und Bedeutung aussehen, sondern auch, wie die- ›von … her‹, iz ›aus‹ und s ›von … herab‹. Es ist
se etabliert werden können, anders gesagt, wie also nicht nur die Form konventionell, sondern
man eine Sprache lernt. Konventions- und Entde- auch die Abgrenzung von Bedeutungsbereichen.
ckungsmodus treten oft gemischt auf. Selbst in Mit den Präpositionen alleine ist es jedoch nicht
uns bekannten Sprachen treffen wir oft auf Wör- getan. Im Deutschen sind von und aus mit dem
ter, die wir nicht kennen. Wenn wir z. B. nicht wis- Dativ verbunden, der auch zur Konstruktion dazu-
sen, was onomasiologisch heißt, und dieses Wort gehört, von verschmilzt sogar mit der maskulinen
kommt in einem Text vor, so können wir seine Be- Form des Artikels im Dativ zu vom. Im Russischen
deutung lernen, wenn sie uns der Text erklärt oder haben alle Quellpräpositionen den Genitiv. Auch
es sonst irgendwelche Hinweise im Kontext gibt, die trennbaren Verbpräfixe heraus- und herunter-
aufgrund derer man die Bedeutung des Wortes er- tragen etwas zur Bedeutung ›Quelle‹ im Deutschen
raten kann. bei. Natürlich haben alle diese Formen nebst der
Onomasiologie und Semasiologie: Beim Sprach- Bedeutung ›Quelle‹ noch andere Bedeutungen. So
verstehen werden wir mit Wörtern konfrontiert wird aus im Unterschied zu von bei Bewegung aus
und müssen dazu die Bedeutung finden. Bei der einem Innenraum verwendet.
Sprachproduktion müssen wir dagegen zu den Ge- Wenn wir dagegen semasiologisch vorgehen
danken, die wir ausdrücken wollen, eine passende und die Bedeutungen zu den Präpositionen aus
Form finden. Es kann also die Form oder die Be- und von suchen, werden wir feststellen, dass diese
deutung gegeben bzw. gesucht sein. Sowohl beim weit über die funktionale Domäne der räumlichen
Sprachverstehen wie beim Sprachproduzieren ist Quelle hinausreichen. Die Präposition aus kann
es von Vorteil, wenn die Form-Bedeutungs-Bezie- etwa auch zur Angabe des Grundes und des Mate-
hung bekannt ist. Wenn wir zu einer gegebenen rials verwendet werden:
Form die Bedeutung suchen, gehen wir semasio-
logisch (bedeutungsgerichtet) vor, wenn wir zu (12) Aus Freude am Schönen hat sich Anna eine alte Schüssel aus
einer bekannten Bedeutung die Form suchen, ge- Holz gekauft.
110
3.3
Wörter
Zeichen und
Konstruktionen
Man kann weiter untersuchen, ob es so etwas wie Zeichen dadurch unterscheiden können, in wel-
eine Gesamtbedeutung für alle Verwendungen gibt cher Beziehung Form und Bedeutung zueinander
und inwiefern die drei Bedeutungen Quelle, Grund stehen. Nicht immer ist diese Beziehung durch Ar-
und Material ähnlich sind. Wenn es aber Gesamt- bitrarität geprägt. Daher unterscheidet der ameri-
bedeutungen gibt, sind sie einerseits sehr abstrakt kanische Semiotiker Charles S. Peirce (1839–1914)
und andererseits sprachspezifisch, was ihre prakti- zwischen drei Arten von Zeichen:
sche Verwendung einschränkt. ■ Symbol: rein konventionelles, arbiträres Zei-
Nachdem wir nun die wichtigsten morphose- chen;
mantischen Grundbegriffe eingeführt haben, be- ■ Icon: Zeichen, das eine Ähnlichkeit mit dem
handeln wir in Kapitel 3.3.2 zunächst zwei zentrale Ding, das es bezeichnet, aufweist;
Zugänge zur Morphosemantik. Zum einen ist dies ■ Index: Verweise auf Dinge wie Wegweiser, Re-
die Semiotik (Zeichenlehre), in der das Wort als lativpronomen, Ausrufe wie »Hallo, ihr da«,
Zeichen aufgefasst wird. Zum andern handelt es Anrufe wie »Peter!« oder »Junger Mann!«
sich um die Konstruktionsgrammatik, die Wörter (Peirce 1894).
und alle anderen Bestandteile der Sprache als er-
lernte Paare von Form und Bedeutung versteht und Adelinas Zeichen in obigem Beispiel sind Icons, da
sie alle Konstruktionen nennt. In beiden spielt die sie das Handeln, auf das sie aufmerksam machen
Konventionalität der Form-Bedeutungs-Beziehung möchte, gewissermaßen abbilden. Hätten sie und
eine große Rolle. In Kapitel 3.3.3 wird schließlich der Kommissar sich jedoch auf ein Kommunikati-
ausgeführt, dass die Arbitrarität des sprachlichen onssystem geeinigt, in welchem vier blaue Kreise
Zeichens durchaus ihre Grenzen hat, gibt es doch auf dem Wäscheschrank mehr Geld für Lebens-
allgemeine ökonomische und ikonische Tendenzen, mittel und drei schwarze Striche auf dem Küchen-
die generell in der Sprache wirksam sind. tisch einen Nachschub an Socken bedeuten wür-
den (diese Zeichen sind von uns wiederum völlig
arbiträr gewählt!), so handelte es sich entspre-
chend der Peirce’schen Kategorisierung um ein
3.3.2 | Zeichen und Konstruktionen symbolisches System. In der Linguistik überwiegt
die Annahme des primär symbolischen Charakters
Semiotik: Zeichen sind Stellvertreter: aliquid pro der sprachlichen Zeichen. Mit Symbolen beschäfti-
aliquo ›etwas für etwas anderes‹, wie man dies im gen sich daher auch die folgenden vier einflussrei-
Mittelalter ausdrückte. Die Disziplin, die sich mit chen Auffassungen des sprachlichen Zeichens, die
Zeichen befasst, heißt Semiotik. Das typischste unterschiedliche Aspekte der Zeichennatur her-
sprachliche Zeichen ist natürlich das Wort, aber vorheben.
Zeichen müssen nicht notwendigerweise sprach- 1. Das strukturalistische Zeichenmodell: Für
licher Natur sein, wie das folgende Beispiel zeigt: Ferdinand de Saussure (1916), Begründer des
Strukturalismus, steht der schon oben erwähnte
»Però fra di loro si era stabilito una spontaneo sistema di comuni- konventionelle Aspekt des Zeichens im Vorder-
cazione, quando Adelina voleva più denaro per la spisa, gli faceva grund. Er betont die Willkürlichkeit des Zeichens
trovare sul tavolino il caruso, il salvadanaro di creta che lui aveva (l’arbitraire du signe). Für de Saussure besteht das
accattato a una fiera e che teneva per billizza; quando era neces- Zeichen nicht bloß aus dem Bezeichnenden (si-
sario un rifornimiento di calzini o di mutande, gliene mettevo un gnifiant) – im Falle der Sprache aus dem Lautbild
paio sul letto.« (Camilleri 1996: 143) (image acoustique) –, sondern auch aus dem Be-
zeichneten (signifié, Konzept) (Abb. 2a). Wichtig
»Zwischen ihnen [dem Kommissar Montalbano und seiner Haus- ist für de Saussure, dass ein Zeichen nicht alleine
hälterin Adelina] hatte sich ein spontanes Kommunikationssystem betrachtet werden darf, sondern in einem Zeichen-
herausgebildet. Wenn Adelina mehr Geld für Lebensmittel system in Opposition zu anderen Zeichen steht.
brauchte, stellte sie die Sparbüchse aus Ton auf das Tischchen […] 2. Das semiotische Dreieck: Ein Aspekt, der bei
wenn ein Nachschub an Socken oder Unterhosen nötig war, legte de Saussure bewusst weggelassen wird, ist der
sie einen Stapel davon aufs Bett.« konkrete Gegenstand, den ein Wort bezeichnet.
Das Konzept ›Bett‹ ist nicht ein bestimmtes Bett,
Typen von Form-Bedeutungs-Beziehungen: Das sondern ›Bett‹ ganz allgemein. Dies hat die Cam-
Kommunikationssystem zwischen Kommissar bridger Philosophen Charles K. Ogden (1889–
Montalbano und Adelina verdeutlicht, dass sich 1957) und Ivor A. Richards (1893–1979) veran-
111
3.3
Wörter
Die Beziehung von Form
und Bedeutung im Wort
AD efer l rela
Darstellung
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Ausdruck Appell
TE
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Image
ca
acoustique z
ns)
Sender Empfänger
SYMBOL Stands for REFERENT
(an imputed relation)
*TRUE
(a) de Saussure (b) Ogden/Richards (c) Bühler
112
3.3
Wörter
Grenzen der Arbitrarität:
Ökonomie und Ikonizität
4. Konstruktionsgrammatik: Die bisher erwähn- irgendeiner Weise durch den Modifikator spezifi-
ten Zeichenmodelle haben gemeinsam, dass sie ziert wird, z. B. Feldblumen im Gegensatz zu Wald-
die symbolische Funktion der Sprache betonen. blumen oder Wiesenblumen. Daneben gibt es auch
Dies gilt auch für die Konstruktionsgrammatik, die eigene Subschemata mit den Modifikatoren Feld-
anstelle des Begriffs »Zeichen« den Begriff »Kon- und Feld-, Wald- und Wiesen-. Feld-N bedeutet oft
struktion« für alle Ebenen der grammatischen so viel wie ›N für unterwegs bei militärischen Ope-
Analyse als sprachliche Grundeinheit ansetzt. Man rationen‹. Feld-, Wald- und Wiesen-N dagegen hat
kann Konstruktionen aber eigentlich auch als Zei- sich zur abwertenden Bedeutung ›gewöhnlicher N‹
chen verstehen. Nach Goldberg (2006: 5) sind entwickelt:
Konstruktionen erlernte Paarungen von Form mit
semantischer oder Diskursfunktion. Nach Croft (13) (a) Feld-N ›N für unterwegs bei militärischen Operationen‹:
(2001: 18) sind Konstruktionen fundamental sym- Feldflasche, Feldlazarett, Feldbibliothek etc.
bolische Einheiten, d. h. sie enthalten immer eine Beispiel: Der weltoffene Monarch bedurfte der Anregung
Form (phonologische, morphologische und syn- durch Bücher so sehr, dass er eine Feldbibliothek anlegte.
taktische Eigenschaften der Konstruktion) und
eine konventionelle Bedeutung (semantische, prag- (b) Feld-, Wald- und Wiesen-N ›gewöhnliches N‹ (abwer-
matische und Diskurseigenschaften der Konstruk- tend):
tion), die durch eine symbolische Entsprechung Beispiele: Kriegt Berlin einen Feld-, Wald- und Wiesen-
verbunden sind. Jedes sprachliche Muster, das ei- airport?
nen Form- oder Bedeutungsaspekt aufweist, der Ich weiß ja nicht, an welcher Feld-, Wald- und Wiesen-
nicht strikt aus seinen Bestandteilen vorhersagbar universität Sie promoviert wurden.
ist, ist eine Konstruktion. Es kann sich hierbei z. B.
um ein Morphem, ein einfaches Wort, ein Kompo- Hierbei gilt das nach dem altindischen Grammati-
situm, eine Redewendung oder eine grammatische ker PƗini benannte Prinzip, dass das spezifische-
Konstruktion im engeren Sinne (wie z. B. das Pas- re Schema das allgemeinere außer Kraft setzt. Es
siv) handeln. ist also nicht mehr möglich, den Gebrauch von
Konstruktionen können ›gefüllt‹ oder nur ›teil- Feld-, Wald- und Wiesenairport in der Bedeutung
weise gefüllt‹ sein. Gefüllte Konstruktionen sind ›ein auf Feld, Wald und Wiesen gebauter Flugha-
nicht variabel. Teilweise gefüllte Konstruktionen fen‹ zu lesen.
beinhalten leere Slots, im Folgenden durch X und Y Während de Saussure das Sprachsystem
dargestellt. So hat z. B. die deutsche Konstruktion (langue) in den Vordergrund stellt, handelt es sich
X und Y?! zum Ausdruck der Ungläubigkeit wie in bei der Konstruktionsgrammatik um ein sprachge-
Peter und Arzt?! zwei Slots, bei der X typischerwei- brauchsorientiertes Modell der Grammatik. Sie be-
se ein Name und Y typischerweise eine Berufsbe- tont, dass es neben Generalisierungen auch item-
zeichnung ist (Sailer 2002; Goldberg 2006: 8). Die spezifisches Sprachwissen gibt. Durch den Fokus
konstanten Elemente der Konstruktion sind die auf das symbolische Prinzip in der Verbindung
Konjunktion und und ein spezielles Intonations- von Form und Bedeutung hebt sich die Konstrukti-
muster (durch die Interpunktion ?! angedeutet). onsgrammatik vorwiegend von formalen Gramma-
Dies ist eine Konstruktion für sich, weil kein Be- tikmodellen ab, die eine modulare Strukturierung
standteil alleine die spezielle ausgedrückte Bedeu- von Syntax und Semantik postulieren, in denen
tung des ungläubigen Erstaunens enthält. Die Kon- formale und semantische Einheiten durch Regeln
struktion ist konventionell, was daran erkennbar verbunden sind (für solche Ansätze s. Kap. 4).
ist, dass sie sich nicht eins zu eins in andere Spra-
chen übersetzen lässt. Englisch würde man diese
spezifische Bedeutung der X und Y?!-Konstruktion
im Deutschen z. B. ohne Konjunktion ›und‹ aus- 3.3.3 | Grenzen der Arbitrarität:
drücken: Peter, a doctor?! Ökonomie und Ikonizität
Konstruktionsmorphologie: Die von Geert Booij
entwickelte Konstruktionsmorphologie (Booij 2010) Relative Motiviertheit: Die Arbitrarität des sprach-
betont, dass es bei der Bildung von Komposita ver- lichen Zeichens hat aber durchaus ihre Grenzen,
schiedene Abstraktionsebenen der Form-Bedeu- wie schon Ferdinand de Saussure selbst bemerkt
tungs-Beziehung gibt. Das generelle Schema [Mo- hat (de Saussure 1916, 1967/68: 297). Manche
difikator]N [Kopf] N drückt aus, dass der Kopf in Wörter sind zumindest teilweise dadurch moti-
113
3.3
Wörter
Die Beziehung von Form
und Bedeutung im Wort
viert, dass sie aus anderen Wörtern zusammenge- zwar beispielsweise Nasen ihrer Form nach noch
setzt oder von anderen Wörtern abgeleitet sind. einmal in Gruppen einteilen und von Adlernase
Ihre Bedeutung steht daher zwangsläufig in ir- oder Stupsnase sprechen. Aber auch damit abstra-
gendeiner Beziehung zu den Bestandteilen der Zu- hieren wir von der exakten Beschaffenheit von re-
sammensetzung oder Ableitung (zur Komposition alen Nasen und ordnen sie einer Gattung zu. Mit
und Derivation s. 3.2.1). Bei vielen Komposita der Wahl der einen oder anderen Bezeichnung
lässt sich allerdings die Bedeutung nicht eindeutig kann dann lediglich mehr oder weniger verallge-
aus der Kombination der Teilbedeutungen ablei- meinert bzw. konkretisiert werden:
ten. Die Bedeutungszuordnung ist oft nur nach
dem Ausschlussprinzip aufgrund von Weltwissen (14) (a) Erst im Profil lässt sich die charakteristische Nase von
möglich: Zahnfleisch ist im weitesten Sinn eine Art Heinrich genau erkennen.
Fleisch, das um Zähne herum vorkommt. Auch (b) Erst im Profil lässt sich die charakteristische Stupsnase
wenn wir das Wort noch nie gehört hätten, könn- von Heinrich genau erkennen.
ten wir das im Ausschlussprinzip aus unserem
Weltwissen ableiten: Wir legen keine Fleischstü- Taxonomie: Eine Taxonomie (aus griech. táxis
cke auf Zähne auf, Zähne enthalten kein Fleisch, ›Ordnung‹ und -nomia ›Verwaltung‹) ist allgemein
und wir sprechen kaum je von Fleisch, das gerade ein Schema zur Klassenbildung. In der Linguistik
gekaut wird, weshalb wir für alle diese denkbaren wie auch in anderen wissenschaftlichen Diszipli-
Bedeutungen kein Wort brauchen. nen wird der Begriff ›Taxonomie‹ für eine hierar-
Sprachliche Ökonomie: Warum sind im Deut- chische Ordnung verwendet. Begriffshierarchien
schen Auge, Nase, Ohr, Zahn und Mund einfache basieren auf steigender Verallgemeinerung von
Wörter, während Nasenloch, Ohrläppchen, Zahn- Bedeutungsanteilen. Wenn wir Konzepte entspre-
fleisch und Mundwinkel Komposita sind? Das chend ihrer Taxonomiestufe einzuordnen versu-
hängt mit der unterschiedlichen Häufigkeit dieser chen, stellen wir fest, dass die einfachen Wörter
Wörter zusammen. Es ist ökonomisch, für häufige meist einer mittleren Hierarchieebene entspre-
Begriffe morphologisch einfache Bezeichnungen chen, während untergeordnete und übergeordnete
zu haben und die seltenen unter Verwendung der Konzepte häufig relativ motiviert sind. Hier sind
häufigen zu bilden. Dass die Grenze fließend ist, einige Beispiele:
zeigt uns der Sprachvergleich. So gehört ›Zahn-
fleisch‹ in manchen Sprachen durchaus noch zu Übergeordnete BasisstufeUntergeordnete
den unmotivierten Wörtern (z. B. englisch gums, Konzepte Konzepte
tschechisch dáseĖ). Organ Nase Adlernase
Gattungsnamen: Es gibt jedoch keine natürli- Gemüse Kohl Blumenkohl
che Sprache mit einem unendlich großen Reper-
Gliedmaßen Arm Oberarm
toire von Namen für Körperteile – um bei diesem
Wortfeld zu bleiben. Offensichtlich hat diese Tat- Schreibzeug Stift Bleistift
sache etwas mit unserem beschränkten Gedächt- Tab. 8: Taxonomiestufen
nis zu tun. Wir neigen dazu, Dinge zu vergessen,
die wir nicht ständig gebrauchen. Der argentini-
sche Schriftsteller Jorge Luis Borges (1944/2005) Manchmal ist auch nicht so recht klar, ob ein kom-
hat dies sehr treffend in seiner fiktiven Kurzge- plexes Wort noch motiviert ist. Gemüse ist zwar
schichte Funes el memorioso ›Funes der Gedächt- eine Kollektivbildung mit Ge-, hat aber reichlich
niskünstler‹ zum Ausdruck gebracht. Funes verän- wenig mit Mus zu tun. Diachron entwickeln sich
dert sich nach einem Unfall so, dass er nichts häufig verwendete Komposita zu Derivation oder
mehr vergessen kann. Dies hat radikale Auswir- unmotivierten Wörtern. Deutsch Handschuh ist
kungen auf seine Sprache: »Cada cosa individual, z. B. im Schweizerdeutschen zu Händsche gewor-
cada piedra, cada pájaro y cada rama tuviera un den, englisch lord ist altenglisch noch ein hlaf-
nombre propio.« (Jedes einzelne Ding, jeder Stein, weard ›Brot-Bewahrer‹; Zahn geht auf ein Partizip
jeder Vogel und jeder Zweig hatten einen eigenen von essen zurück, war also früher so etwas wie
Namen.) Normalerweise verwenden wir jedoch ›Beißerchen‹. Andererseits werden einfache Wör-
für bestimmte Referenten Bezeichnungen, mit de- ter manchmal durch Komposita ersetzt, oft um
nen wir von ihrer Individualität abstrahieren und mehr Expressivität oder Witz zu vermitteln: Es
in Gattungen zusammenfassen. So können wir quoll Augenwasser aus mir.
114
3.3
Wörter
Grenzen der Arbitrarität:
Ökonomie und Ikonizität
Zur Vertiefung
Ikonizität in Gebärdensprachen
Den Gebärdensprachen (engl. sign(ed) languages) wird in der Regel ein höherer Grad von Ikonizität zuge-
schrieben als den Lautsprachen. Trotzdem haben Gebärdensprachen nichts mit Pantomime oder Lautsprache
begleitenden Gesten zu tun. Sie sind ebenso voll ausgebaute Sprachsysteme wie Lautsprachen und haben ihre
eigenen Muttersprachler. Allerdings sind Gebärdensprachen immer Minderheitensprachen.
(a) American Sign Language (b) Danish Sign Language (c) Chinese Sign Language
Die Gebärde für ›Baum‹ in drei verschiedenen Gebärdensprachen (aus Klima/Bellugi et al. 1979: 21)
Die Tatsache, dass viele sprachliche Zeichen in Gebärdensprachen einen ikonischen Aspekt aufweisen, heißt
nicht, dass die Ikonizität die Form der Gebärden determiniert. Die Abbildung zeigt die Gebärde für ›Baum‹ in
drei Sprachen; alle drei sind ikonisch, und alle drei sind sie ganz unterschiedlich. In ASL (American Sign
Language) ist ›Baum‹ der vertikale Vorderarm der dominanten Hand (Baumstamm) mit gespreizten Fingern
(Krone) und hin- und herdrehendem Handgelenk (Wind) auf dem Handrücken des horizontalen Vorderarms der
nicht dominanten Hand (Boden). In der dänischen Gebärdensprache bilden die beiden Hände von oben nach
unten zuerst einen Kreis (Krone), nachher gehen sie parallel nach unten (Stamm). In der chinesischen Gebär-
densprache deuten Daumen und Zeigefinger beider Hände einen Kreis an und werden von unten nach oben be-
wegt (Stamm).
Obwohl alle diese Gebärden auf unterschiedliche Weise ikonisch sind, heißt das nicht, dass Sprachunkundige
diese Gebärden verstehen. Deutschsprachige verstehen auch nicht unbedingt gleich, dass estnische Vogelkund-
ler mit peoleo den Pirol meinen, obwohl beide Wortformen auf unterschiedliche Art lautmalerisch (onomatopoe-
tisch) an den Ruf des gelbschwarzen Zugvogels Oriolus oriolus erinnern, also ikonisch sind. Genauso verstehen
Gebärdende nicht alle ikonischen Zeichen in allen Gebärdensprachen. Trotz Ikonizität kann die Bedeutung der
Wörter in Gebärdensprachen also meist nicht erraten werden. Klima/Bellugi et al. (1979: 22) führten eine Un-
tersuchung mit 90 ikonischen ASL-Gebärden durch, die sie auf Video zehn Testpersonen ohne Kenntnisse in Ge-
bärdensprache vorführten. Die Bedeutung von 81 Gebärden konnte von keiner Testperson richtig angegeben
werden. Ikonizität und Arbitrarität schließen sich also nicht aus.
Ikonizität ist neben der Ökonomie eine weitere Ge- zwei Handlungen nahe, dass sie der Reihenfolge in
gentendenz zur Willkürlichkeit der symbolischen der dargestellten Wirklichkeit entspricht, auch
Beziehung zwischen Form und Bedeutung. Ikoni- wenn diese Abfolge ungewöhnlich ist, ohne dass
zität heißt, dass Form und Bedeutung einander das Wort und bedeuten würde »erst A, dann B«.
gegenseitig abbilden. Ikonisch ausnutzen lässt Die Prinzipien der Ökonomie und der Ikonizität
sich z. B. die Linearität der Sprache. Wenn wir sa- ermöglichen es, Form-Bedeutungs-Beziehungen zu
gen er ging ins Bett und zog die Hosen aus (Grice evaluieren. Betrachten wir die folgenden vier Mög-
1981: 186), legt die sprachliche Reihenfolge der lichkeiten:
115
3.3
Wörter
Die Beziehung von Form
und Bedeutung im Wort
■ Monosemie: einer Bedeutung entspricht genau ihren Kollokationen, d. h. den anderen Wörtern,
eine Form mit denen sie normalerweise in Texten vorkom-
■ Homonymie: unterschiedliche Bedeutungen men. So verbindet sich strong z. B. eher mit sup-
haben eine Form port und powerful eher mit force (Manning/Schüt-
■ Polysemie: ähnliche Bedeutungen teilen sich ze 1999: 156). Die Stärke von Kollokationen lässt
eine Form sich statistisch mit sogenannten Kollokationsma-
■ Synonymie: einer Bedeutung entsprechen ßen messen.
mehrere Formen Polysemiemuster: Umgekehrt ist Polysemie in al-
len Sprachen der Welt sehr verbreitet, wobei ver-
Diese vier Möglichkeiten unterscheiden sich nach schiedene Sprachen unterschiedliche Polysemie-
William Croft (2003) in Bezug auf ihre Ikonizität muster aufweisen. Im Deutschen ist z. B. die
und Ökonomie. Am ungünstigsten ist Synonymie, Präposition mit mehrdeutig. Sie dient unter ande-
da sie weder ikonisch noch ökonomisch ist. Am rem zum Ausdruck des Begleiters (mit einem
vorteilhaftesten ist Polysemie, da sie sowohl iko- Freund), des Instruments (mit einem Hammer)
nisch wie ökonomisch ist. Ihr Vorteil ist, dass man und des Verkehrsmittels (mit dem Bus). Dass diese
weniger Lautformen als auszudrückende Bedeu- ähnlichen, aber nicht identischen Bedeutungen
tungen braucht und die Bedeutungen trotzdem nicht in derselben Form zusammenfallen müssen,
nicht zufällig über Formen verteilt sind. Es gibt zeigt beispielsweise das Finnische, wo für den Be-
zwar keine Eins-zu-Eins-Beziehung zwischen Form gleiter die Postposition kanssa mit Genitiv (-n)
und Bedeutung, aber die Form deckt ein zusam- steht und für Instrument und Verkehrsmittel der
menhängendes Areal im konzeptuellen Raum ab. Kasus Adessiv (bussilla ›mit dem Bus‹, ystävän
kanssa ›mit einem Freund‹).
Tab. 9: Ikonizität und
nicht ikonischikonisch Polysemie versus Homonymie: Die Unterschei-
Ökonomie in Form- dung von Mehrdeutigkeit (Polysemie) und reiner
nicht ökonomisch Synonymie Monosemie
Bedeutungs-Beziehungen Formgleichheit (Homonymie) ist alles andere als
(nach Croft 2003b: 105) ökonomisch Homonymie Polysemie
einfach, weil es keine eindeutigen Kriterien gibt,
wie man ähnliche Bedeutungen von unähnlichen
Kollokationen: Vollständige Synonymie ist viel sel- unterscheiden kann. Bestimmte Polysemiemuster
tener, als man gemeinhin meint. Evidenz dafür kommen in verschiedenen Sprachen immer wieder
kommt unter anderem aus der Korpuslinguistik. vor. So haben z. B. viele Sprachen dasselbe Wort
Die englischen Wörter strong und powerful bedeu- für ›Sonne‹ und ›Tag‹, z. B. Ungarisch nap und Ta-
ten beide ›stark‹, man könnte sie also für Synony- galog araw. Homonymie hat dagegen eher zufälli-
me halten. Sie unterscheiden sich aber stark in gen Charakter. Dass ›Sohn‹ und ›Sonne‹ gleich hei-
ßen, kommt wohl außer im Englischen nur in ganz
Zur Vertiefung wenigen Sprachen vor. Sprachen mit einem Zu-
sammenfall von Instrument und Begleiter in einer
›Wir‹ – inklusiv und exklusiv Präposition oder einem Kasus wiederum gibt es
Ein weiteres Beispiel für Polysemie im Deutschen ist das Wort wir, das inklusiv eine ganze Menge (außer Deutsch z. B. Englisch,
(›du bist dabei‹) und exklusiv (›du bist nicht dabei‹) verwendet werden kann. Französisch, Estnisch), ebenso wie Sprachen
Außerdem kann es sich auf zwei oder mehr Personen beziehen. In anderen Spra- ohne Klusivitätsunterscheidung bei ›wir‹ (s. Ver-
chen gibt es für inklusives und exklusives ›wir‹ verschiedene Pronomina und für tiefungskasten). Manche Linguisten ziehen zur
zwei Angesprochene ein anderes Wort als für viele (Dual, Zweizahl). So hat Unterscheidung von Homonymie und Polysemie
z. B. die australische Sprache Garawa ein System mit elf Pronomina, wovon vier die Sprachgeschichte heran. Bedeutungen, die
verschiedene Formen dem deutschen wir entsprechen, was mit einem Rahmen diachron auf eine zurückgeführt werden können,
dargestellt ist: wären demnach als Polysemie zu bezeichnen.
Diesem Kriterium zufolge wären Bank (›Geldinsti-
Garawa (Furby 1972: 2) tut‹ und ›Sitzgelegenheit‹) und Laden (›Geschäft‹
Singular Dual Plural und ›Fensterladen‹) Beispiele für Polysemie, wie
1 ngayu exkl. ngali nurru wir aus etymologischen Wörterbüchern erfahren
inkl. nunggala ngambaka können.
2 ninjdji nimbala narru Das Diachronie-Argument ist aber problema-
3 njulu bula yalu tisch, weil die Sprecher/innen in der Regel keinen
Zugriff auf Etymologien haben. Die meisten Fran-
116
3.4
Wörter
Bedeutungen
und ihre Bestandteile
zösischsprachigen wissen nicht, dass grève ›Streik‹ mie). Dies ist allerdings in zahlreichen Fällen nicht
aus grève ›sandiger Platz am Flußufer‹ entstanden eindeutig. Wir haben bereits darauf hingewiesen,
ist, weil es einmal in Paris einen Place de Grève dass es z. B. nicht leicht ist zu entscheiden, ob es
gab (jetzt Place de l’Hôtel de Ville), an dem Waren sich bei deutsch Wort Plural Wörter vs. Wort Plural
umgeschlagen wurden und die Tagelöhner herum- Worte oder englisch brother Plural brothers vs.
lungernd auf Arbeit warteten. brother Plural brethren um ein oder zwei Lexeme
Ein anderes oft genanntes Unterscheidungskri- handelt (s. 3.2.6). Hier sind die Bedeutungen aber
terium ist, ob die zwei Bedeutungen zu demselben ähnlich, so dass Polysemie wohl besser passt als
Lexem gehören (Polysemie) oder nicht (Homony- Homonymie.
117
3.4
Wörter
Was bedeuten Wörter?
Weil die Beschäftigung mit Bedeutungen kom- konsequent auseinanderzuhalten. In einem sprach-
plex ist, beschäftigen sich mit ihr gleich zwei lin- wissenschaftlichen Text gilt die Konvention, dass
guistische Disziplinen. objektsprachliche Ausdrücke kursiv gesetzt wer-
Die Semantik betrachtet Bedeutungen vor- den, wie in dem folgenden Beispiel für einen meta-
nehmlich in isolierten Wörtern und Sätzen; so sprachlichen (linguistischen) Text:
widmet sich die Wortsemantik oder lexikalische
Semantik der Bedeutung von Berliner – oder an- (16) Das Wort Berliner kann Bewohner von Berlin heißen oder
ders gesagt den verschiedenen möglichen Bedeu- außerhalb von Berlin auch für ein süßes Hefegebäck verwen-
tungen des Wortes ohne jeglichen Kontext: a) Be- det werden. Dasselbe wird in Österreich Krapfen, auf Eng-
wohner der Stadt Berlin, b) süßes, mit Konfitüre lisch doughnut, auf Französisch beignet und auf Tschechisch
gefülltes Hefegebäck. In den Aufgabenbereich der kobliha genannt – wobei man gerade bei Gebäcken gut
Satzsemantik hingegen gehört es zu klären, wel- merkt, dass ›dasselbe‹ in verschiedenen Kulturen nicht unbe-
che Auswirkungen auf die Bedeutung die Kombi- dingt genau dasselbe ist.
nation von Wörtern im Satz hat.
Die Pragmatik behandelt im Gegensatz zur Semantische Dekomposition: In Sprachphiloso-
(Wort- oder Satz-)Semantik die Frage, was mit ei- phie und Linguistik gibt es die alte, immer wieder-
ner Äußerung in bestimmten Kontexten und Situa- kehrende Idee, dass man Wortbedeutungen in
tionen Bedeutungsvolles gemacht wird. Sie be- kleinste semantische Einheiten zerlegen kann. Das
schäftigt sich mit der Funktion von Sprache in der ist vergleichbar mit dem Versuch, Phoneme auf
Kommunikation und mit der Wirkung von Äuße- der Basis einer kleinen Anzahl von phonologi-
rungen als sprachliche Handlungen oder Sprech- schen Merkmalen zu definieren (zu den distinkti-
akte (s. dazu Kap. 6). In diesem Kapitel steht die ven phonologischen Merkmalen s. Kap. 2.4.3).
Beschäftigung mit der Bedeutung von Wörtern Diese kleinsten semantischen Einheiten heißen in
und deren Beziehungen untereinander im Mittel- unterschiedlichen Theorien verschieden, z. B. se-
punkt. Den syntaktischen und den Äußerungs- mantische Merkmale, Seme oder semantic primes
kontext dürfen wir aber trotzdem nicht aus den (in Anlehnung an die Primfaktoren in der Mathe-
Augen verlieren, da er die Interpretation der Wort- matik). Schon im 17. Jahrhundert folgte der engli-
bedeutung in der Interaktion beträchtlich beein- sche Sprachphilosoph John Locke der Idee der
flusst. Dekomposition, als er vorschlug, die Bedeutung
Meta- und Objektsprache: Bevor wir uns über des Wortes theft ›Diebstahl‹ folgendermaßen zu
Bedeutungen von Wörtern Gedanken machen, zerlegen: »the concealed change of the possession
müssen wir uns vergegenwärtigen, dass wir uns of any thing, without the consent of the proprie-
nur mit Wörtern über Bedeutungen von Wörtern tor« (Locke 1690/1952).
austauschen können. Es fragt sich also, wie sehr Natural Semantic Metalanguage: Eine der aus-
die Sprache, mit der wir (im Alltag und in der Wis- gefeiltesten Theorien zur semantischen Dekom-
senschaft) über Sprache sprechen – die sogenannte position ist Anna Wierzbickas Natural Semantic
Metasprache –, die Beschreibung der zu untersu- Metalanguage (vgl. Wierzbicka 1996). Sie kommt
chenden Objektsprache mitprägt. Ersetzen wir in der aktuellen Version mit 64 »semantic primes«
nicht einfach die einen Wörter durch andere? Ver- aus, die – und das ist für die Theorie wichtig –
schiedene Arten von Paraphrasen (Umschreibun- sämtlich in allen natürlichen Sprachen lexikalisiert
gen) spielen tatsächlich in der Semantik eine große sein sollen.
Rolle, und es ist notwendig, die beiden Ebenen Grundlegende Kategorien, die keine primes
Definition sind, aber zur Bildung spezifischerer Kategorien
benötigt werden, heißen semantische Moleküle
Die ➔ Lexikologie ist die linguistische Teildisziplin, die Wörter und ihre [m]. ›Kinder‹ sind z. B. ein semantisches Molekül,
Beziehungen zueinander sowie Wortschatz und seine Strukturierung das zur Paraphrase von ›Frauen‹ benötigt wird;
untersucht (Lutzeier 1995; Cruse et al. 2005). Entsprechend der Unter- denn zur Definition von ›Frau‹ gehört »… zu man-
teilung in eine Form- und eine Inhaltsseite der lexikalischen Einheiten cher Zeit kann innen im Körper von jemand von
liefern ➔ Morphologie und ➔ Semantik verschiedene Kriterien, die als dieser Art ein lebender Körper eines Kinds [m]
Grundlage für lexikologische Untersuchungen verstanden werden. Die sein«. Die Bedeutung von ›Mann‹ beinhaltet dann
praktische Anwendung in der Erstellung von Wörterbüchern erfährt die wiederum Frau als semantisches Molekül. ›Frau-
Lexikologie in der ➔ Lexikographie. en‹ sind in dieser semantischen Analyse grundle-
gender als ›Männer‹, weil ›Männer‹ nicht zur Defi-
118
3.4
Wörter
Bedeutungen
und ihre Bestandteile
Semantic primes (Übersetzung der englischen Liste Ein Beispiel (nach Goddard 2012: 719; Übersetzung
in Goddard 2012: 713) aus dem Englischen)
ICH, DU, JEMAND, ETWAS~DING, LEUTE, KÖRPER, ART, TEIL, ›Kinder‹
DIES, DASSELBE, ANDERES, EIN, ZWEI, VIEL, WENIG, EINIGE/ (a) Leute einer Art
MANCHE, ALL, GUT, SCHLECHT, GROSS, KLEIN, WISSEN, DENKEN, (b) Alle Leute sind Leute dieser Art, bevor sie Leute nicht
WOLLEN, FÜHLEN, SEHEN, HÖREN, SAGEN, WÖRTER, WAHR, von dieser Art sein können
TUN, GESCHEHEN, SICH BEWEGEN, BERÜHREN, (WO) SEIN, (c) Wenn jemand jemand von dieser Art ist, hat dieser
ES GIBT, (ETWAS) HABEN, (ETWAS/JEMAND) SEIN, LEBEN, Jemand eine kurze Zeit gelebt, nicht eine lange Zeit
STERBEN, WENN~ZEIT, JETZT, VORHER~BEVOR, SPÄTER, LANGE (d) Die Körper von Leuten dieser Art sind klein
ZEIT, KURZE ZEIT, EINE ZEIT LANG, MOMENT, (e) Wenn Leute so sind, können sie einige Dinge tun, sie
WO~ORT, HIER, OBEN, UNTEN, FERN, NAH, SEITE, INNEN, können viele andere Dinge nicht tun Tab. 10:
NICHT, VIELLEICHT, KÖNNEN, WEIL, WENN (BEDINGUNG), SEHR, (a) Weil dies so ist, wenn andere Leute nicht gute Dinge Natural Semantic
MEHR, WIE~SO tun für sie, können ihnen schlechte Dinge geschehen Metalanguage
nition von ›Frauen‹ benötigt werden, umgekehrt diese Paraphrase entspricht den Merkmalen
aber schon (Goddard/Wierzbicka, im Druck). [+MÄNNLICH], [+ERWACHSEN], [–VERHEIRATET], wobei
Wichtig ist, dass die Definitionen sequenziell wie wir diese drei Merkmale allenfalls weiter zerlegen
in (17) geordnet sind, damit keine Zirkularität ent- können. Aber ist dieses Vorgehen tatsächlich im-
steht. mer sinnvoll? Für alle Ausdrücke in (18) trifft die
Definition zu, dennoch ist die Bezeichnung Jung-
(17) {›Vater‹, ›Mutter‹, ›Gatte‹, ›Gattin‹} < {›Männer‹} < geselle in keiner Art und Weise ideal für sie (La-
{›Frauen‹} < {›Kinder‹} < {primes} koff 1987: 70):
119
3.4
Wörter
Was bedeuten Wörter?
wollt größeren semantischen Vagheit nicht so gut illustriert, dass Merkmalslisten nicht ausreichen,
für philosophische Abhandlungen eignet. um den adäquaten Gebrauch von Wörtern zu be-
Weitere Möglichkeiten der semantischen Be- schreiben, ist das Wort Spiel (Wittgenstein 1953):
schreibung: Neben der bisher erwähnten Para-
phrase durch Zerlegung in kleinere Bedeutungs- »66. Betrachte z. B. einmal die Vorgänge, die wir ›Spiele‹
nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiele,
einheiten gibt es andere semantische Verfahren, Kampfspiele usw. Was ist diesen gemeinsam? […] wenn
mit denen die Bedeutung eines objektsprachlichen du sie anschaust, wirst du zwar nicht sehen, was allen
Wortes durch andere Wörter beschrieben werden gemeinsam ist, aber du wirst Ähnlichkeiten, Verwandt-
kann. Auch annähernd bedeutungsgleiche Wörter schaften, sehen […] Schau z. B. die Brettspiele an, mit ih-
ren mannigfachen Verwandtschaften. Nun geh zu den
oder Wörter, die das Gegenteil ausdrücken oder Kartenspielen über: hier findest du viele Entsprechungen
die etwas reicher oder weniger reich an Bedeu- mit jener ersten Klasse, aber viele gemeinsame Züge ver-
tungsmerkmalen sind, können zur Beschreibung schwinden, andere treten auf. Wenn wir nun zu den Ball-
herangezogen werden (s. 3.4.3). spielen übergehen, so bleibt manches Gemeinsame erhal-
ten, aber vieles geht verloren. – Sind sie alle ›unterhaltend‹?
Vergleiche Schach mit dem Mühlfahren. Oder gibt es über-
all ein Gewinnen oder Verlieren, oder eine Konkurrenz der
Spielenden? Denk an die Patiencen. In den Ballspielen gibt
3.4.2 | Familienähnlichkeit es Gewinnen und Verlieren; aber wenn ein Kind den Ball
und Prototypen an die Wand wirft und wieder auffängt, so ist dieser Zug
verschwunden. Schau, welche Rolle Geschick und Glück
spielen. Und wie verschieden ist Geschick im Schachspiel
»Was bist du für ein Vogel, wenn du nicht fliegen kannst, sagte der und im Tennisspiel. […]
kleine Vogel zur Ente. Was bist du für ein Vogel, wenn du nicht 71. Man kann sagen, der Begriff ›Spiel‹ ist ein Begriff mit
verschwommenen Rändern.«
schwimmen kannst, sagte die Ente und tauchte unter.« (Peter und
der Wolf)
Seine Beschreibung verdeutlicht, wie schwierig es
Intension, Extension: In der Semantik wird häufig ist, eine Merkmalsliste für all jene Formen des
zwischen der Intension und Extension von Wort- Zeitvertreibs aufzustellen, die wir als Spiel be-
bedeutungen unterschieden. zeichnen. Keines der Merkmale ›unterhaltend‹,
■ Intension steht dabei für eine Menge von Merk- ›Konkurrenz unter den Teilnehmenden‹ oder ›mehr
malen oder den Bedeutungsinhalt, als eine teilnehmende Person‹ treffen auf alle er-
■ Extension für eine Menge von Entitäten, für die wähnten Formen von Spielen zu. Es fällt jeweils
der verbale Ausdruck zutreffend ist. leicht, Gegenbeispiele zu finden. Auch wenn es
nicht einfach ist, klar abzugrenzen, wo ein Spiel
Bei der intensionalen Bedeutungsbeschreibung endet und Training, Wettkampf oder eine berufli-
wird in der Regel mehr oder weniger stillschwei- che Tätigkeit beginnt, gibt es Eigenschaften der
gend angenommen, dass die relevanten Merkmale einzelnen Tätigkeiten, die wir ›Spiele‹ nennen, die
immer gleichzeitig notwendig und hinreichend zwischen ihnen jeweils verbindend wirken. Es gibt
sein müssen (Alles-oder-Nichts). Konkrete Bei- jedoch keinen gemeinsamen Nenner für alle Ver-
spiele oder der tatsächliche Umfang der Begriffs- treter, genauso wie in einer Familie nicht alle die-
verwendung werden vernachlässigt. Wenn wir die selbe charakteristische Stupsnase haben müssen,
Ebene der Merkmale verlassen und uns dem Ge- um sich irgendwie doch ähnlich zu sein.
brauch der Wörter zuwenden, stoßen wir dann Kategorisierung: Wenn für manche Dinge ein
unweigerlich auf Schwierigkeiten. Das einleitende Begriff treffender ist als für andere, dann sollte er
Beispiel aus ›Peter und der Wolf‹ verdeutlicht die sich ihnen schneller zuordnen lassen als unsichere
Diskrepanz zwischen den Merkmalen, die in die Kandidaten. Dies ist in der kognitiven Psycholo-
Definition eines Begriffs eingehen (hier etwa ›kann gie vielfach untersucht worden. Unscharfe Gren-
fliegen‹ oder ›kann schwimmen‹), und der Ver- zen von Begriffen lassen sich daran erkennen, wie
wendung des Begriffs für einzelne Vertreter. Es schnell, treffsicher und übereinstimmend sich Ver-
wird klar, dass sich nicht alle Wortbedeutungen suchspersonen bei der Kategorisierung von Dingen
durch eine Menge von Merkmalen erschöpfend be- verhalten (Rosch 1975). Sieht man einen Papagei
schreiben lassen. oder eine Ente (oder ein Bild davon), braucht man
Familienähnlichkeit: Der Philosoph Ludwig durchschnittlich länger, um zu entscheiden, ob der
Wittgenstein spricht in diesem Zusammenhang Begriff (die Kategorie) ›Vogel‹ darauf zutrifft, als
von Familienähnlichkeit. Sein Beispiel, mit dem er bei einem Rotkehlchen oder einer Taube. Ebenso
120
3.4
Wörter
Familienähnlichkeit
und Prototypen
Was ist die Bedeutung von Fahrrad? Häufigkeit, was zum prototypischen Vertreter ei- Beispiel
ner Kategorie wird. Und wir können mit Fug und
Für diesen Begriff, der im Deutschen durch die Recht daran zweifeln, ob so etwas wie ein Heim-
Form des Kompositums relativ motiviert er - trainer überhaupt noch eine Art Fahrrad ist, bei Abb. 3: Kern- und
scheint, sind aus anderen Sprachen einfache dem zwar die Art der Bewegung und auch die Randbereiche der
Wörter wie engl. bike oder franz. vélo bekannt – Zahl der tretenden Personen passt, die Maschine Kategorie ›Fahrrad‹
bei beiden handelt es sich jedoch um Kurzwort - aber gar nicht der Fortbewegung dient. (© Gottfried Ender)
bildungen (bicycle ›Zweirad‹ oder velocipède von
lat. velocipede ›schneller Fuß‹); auf Deutsch sagt
man ja manchmal auch bloß Rad. Was ist nun
die Bedeutung von Fahrrad? Und wie verhält es
sich beispielsweise mit einem Tandem, einem Ve -
loziped, einem Laufrad für Kinder, einem Dreirad
oder einem Elektrofahrrad, das gegenwärtig das
Mofa (Motorfahrrad) abzulösen scheint? Muss
also das typischerweise zweirädrige, mit Muskel
kraft durch das Treten von Pedalen durch einen
Menschen vorangetriebene Fahrzeug tatsächlich -
zwei, und dann gleich zwei ungefähr gleich
große Räder haben? Was ist, wenn es – wie im
Falle des Tandems – von mehr als einer Person
angetrieben wird?
Wir werden solche Vertreter wahrscheinlich als
weniger typisch ansehen und dies sprachlich
durch Heckenausdrücke (engl. hedges) verdeut -
lichen: Ein Tandem ist eine Art Fahrrad. Ein Velo -
ziped ist ein seltsames Fahrrad. Streng genommen
ist ein Elektrorad kein Fahrrad. Würde in einem
Experiment die Zeit gemessen, wären die teilneh -
menden Personen in der Benennung des typi -
schen Fahrrads wohl schneller als im Falle des
Velozipeds oder des Dreirads. Zugleich ist es na -
türlich eine Frage der Geläufigkeit, Relevanz und
3.4
Wörter
Was bedeuten Wörter?
alen Exemplars zu haben – eines ›Prototypen‹, wie ähnlich« (Aitchison 1997: 69). Ein Gefäß mit einem
Rosch sagt. Man prüft andere Objekte auf ihre Mit- Höhen-Breiten-Verhältnis von 1:1 und einem Hen-
gliedschaft in derselben Kategorie, indem man sie kel, aus dem getrunken werden kann, ist ein guter
mit den Merkmalen des Prototypen vergleicht. Da- Vertreter der Kategorie ›Tasse‹. Jedoch ist keines die-
bei müssen die Objekte dem Prototypen nicht ge- ser Merkmale zwingend notwendig und die Grenze
nau entsprechen, sie müssen ihm nur ähnlich ge- zu den Kategorien ›Glas‹, ›Becher‹, ›Schale‹ und
nug sein – wenn auch nicht unbedingt äußerlich ›Vase‹ ist fließend (Labov 1973). Eine Prototypen-
Zur Vertiefung semantik ist folglich keine ›Checklisten-Semantik‹,
der zufolge eine bestimmte Menge von Merkmalen
Grundfarbwörter verbindlich zutreffen muss, damit eine Entität unter
Farbwörter haben für die Entwicklung der Prototypentheorie eine wichtige Rolle eine Kategorie gefasst werden kann, sondern eine
gespielt. Die Anthropologen Brent Berlin und Paul Kay wurden für ihre For- ›Semantik des Mehr oder Weniger‹; ein Vertreter
schung zu den sogenannten Grundfarbwörtern (basic color terms; vgl. Berlin/ einer Kategorie kann aufgrund seiner Nähe/Di-
Kay 1969) bekannt. Als solche bezeichneten sie Farbwörter, die morphologisch stanz zum Kern einer Kategorie ein besserer oder
einfach (wie z. B. italienisch verde, aber nicht verde chiaro ›hellgrün‹) und nicht schlechterer Repräsentant derselben sein.
auf bestimmte Kollokationen oder Anwendungen eingeschränkt sind (wie blond Die oben erwähnten Prototypeneffekte in psy-
für die Farbe von Haar oder von Bier) und deren Bedeutung nicht von einem an- cholinguistischen Tests (schnellere und treffsiche-
deren Farbwort abgedeckt wird (z. B. anthrazit als eine Art von grau). Sie nennen re Zuordnung etc.) lassen sich auch bei scheinbar
für das Englische elf solche Grundfarbwörter: white, black, red, green, yellow, eindeutigen Begriffen wie ›Junggeselle‹ oder ›gera-
blue, brown, purple, pink, orange und grey. de Zahl‹ nachweisen. ›Zwei‹ und ›vier‹ sind proto-
Sprachen unterscheiden sich ganz wesentlich in ihrer Anzahl von Grundfarbwör- typischere gerade Zahlen als ›686‹. Das Beispiel
tern. Manche Sprachen haben nur zwei, wie Dani (Papua-Neuguinea), das mola Fahrrad macht überdies deutlich, dass ›Prototyp‹
für helle bzw. warme Farben verwendet (weiß, rot, orange, gelb) und mili für nicht in der landläufigen Bedeutung von ›erstem
dunkle bzw. kalte Farben (schwarz, blau, grün). Ibibio, eine Niger-Kongo-Spra- Entwurf einer Erfindung‹ gemeint ist, bevor sie in
che in Nigeria, kennt Farbwörter für schwarz, weiß, rot und grün. Andere Spra- Serienproduktion geht. Das erste Fahrrad war
chen – wie eben auch Deutsch oder Englisch – besitzen elf Grundfarbwörter. nämlich die Drais’sche Laufmaschine, ein Gefährt,
Umstritten ist, ob Russisch mit seinen zwei Wörtern für ›blau‹ (sínij und golubój) das heute keinesfalls den Kern der Kategorie beset-
und Ungarisch mit seinen zwei Wörtern für ›rot‹ (piros und vörös) diese Zahl zen würde, sondern das sehr viel mehr dem kind-
noch übertreffen. Die Beschränkung der Grundfarbwörter auf ein Maximum von lichen Laufrad gleicht; dieses ist aber keinesfalls
ca. zwölf bedeutet natürlich nicht, dass Menschen nicht grundsätzlich fähig sind, ein typischer Vertreter der Kategorie.
sehr viele Farben zu unterscheiden und Namen dafür zu finden; ein Blick in Mo- Basisebene: Prototypeneffekte treten besonders
dekataloge in verschiedensten Sprachen würde diese Annahme sofort entkräften. auf der Basisebene von Taxonomien auf (s. 3.3.3).
Alle weiteren Farbbezeichnungen sind aber morphologisch komplex (wie oben Zur Erinnerung: Wir unterscheiden übergeordnete
hellgrün), nur eingeschränkt verwendbar (wie blond) oder sie benennen haupt- Kategorie (z. B. Pflanze), Basisebene (Baum) und
sächlich den Farbträger selbst (anthrazit, gold, brombeer). untergeordnete Kategorie (Bergahorn). Wie in (19)
Die Anzahl der Grundfarbwörter und welche Farben damit bezeichnet werden, deutlich wird, sind diese Ebenen jedoch funktional
ist jedoch nicht willkürlich. Es gibt z. B. keine Sprache, die nur zwei Farbwörter nicht äquivalent:
kennt und damit gelb und blau bezeichnet, und keine Sprache mit drei Farbwör-
tern, die rot, grün und blau bezeichnen. Kennt eine Sprache nur zwei Grundfarb- (19) (a) Vor meinem Haus steht eine große Pflanze.
wörter, dann unterscheiden sie zwischen schwarz und weiß (beziehungsweise (b) Vor meinem Haus steht ein großer Baum.
hell und dunkel) wie Dani. Bei Sprachen mit drei Farben tritt stets rot als nächs- (c) Vor meinem Haus steht ein großer Bergahorn.
tes hinzu, danach kommen meist gelb oder grün, dann blau und braun und erst
dann andere Grundfarbwörter in unbestimmter Reihenfolge. Als Orientierungs- In alltäglicher Kommunikation werden Ausdrü-
punkt für einzelne Farbwörter konnten Berlin und Kay bestimmte Fokuspunkte cke der Basisebene am häufigsten verwendet, sie
im Farbkontinuum bestimmen und gute und weniger gute Vertreter für Farbkate- werden in Benennungsaufgaben am schnellsten
gorien feststellen. genannt, und auch viele der ersten Wörter im
Ausgehend von diesen Untersuchungen stellte Eleanor Rosch (1971) fest, dass Spracherwerb von Kindern sind Ausdrücke der
die besten Beispiele für Fokuspunkte im Farbkontinuum sprachübergreifend ma- Basisebene. Bei der Zuweisung zu einer Kategorie
ximal gesättigte Farben sind, egal ob die Sprache ein Farbwort dafür hat. Diese ist folglich die Ebene der Basisbegriffe besonders
werden eindeutiger kategorisiert, Personen erinnern sich besser an sie und be- wichtig. Erklärt werden kann dies anhand der Un-
nennen sie schneller als andere Farben (zur kulturellen Bedingtheit von Sprache terscheidung von sensorischen und kategorialen
s. auch Kap. 10.6). Merkmalen (Hoffmann 1988). Durch sensorische
Merkmale werden Begriffe wahrnehmbar bzw. an-
122
3.4
Wörter
Paradigmatische
Bedeutungsrelationen
123
3.4
Wörter
Was bedeuten Wörter?
Ausdruck Bulle jedoch gleichzeitig eine abschätzi- schenstufen vollständig aus (so wie tot und le-
ge und negative Haltung impliziert, Ordnungshü- bendig), während bei
ter dagegen eine formal distanzierte, unterschei- ■ Kontrarität häufig ein gradueller Übergang
den sich die drei Formen in ihrer Konnotation. oder verschiedene Zwischenstufen ausgemacht
Hypo- und Hyperonyme: Für die Bezeichnung werden können, wie grob angedeutet in heiß –
einer Entität stehen uns verschiedene allgemeine warm – lau – kalt – eisig.
oder spezifischere Wörter zur Verfügung. Wörter ■ Reversive sind dagegen entgegengesetzte um-
verschiedener Taxonomiestufen (s. 3.3.3) stehen kehrbare Vorgänge oder Zustände wie sinken –
in Beziehungen der Hyponymie (Unterordnung) steigen, oben – unten, öffnen – schließen, of-
und Hyperonymie (Überordnung) zueinander. fen – zu oder kaufen – verkaufen.
Hinsichtlich des Bedeutungsinhalts können wir
Implikationsbeziehungen feststellen: A ist genau Viele Wörter haben jedoch nicht nur ein Anto-
dann ein Unterbegriff zu B, wenn die Bedeutung nym: Was ist das Gegenstück zu kaufen? Je nach-
von B auch Teil der Bedeutung von A ist und wenn dem, welchen Bedeutungsbestandteil man in Op-
die Bedeutung von A noch weitere Aspekte ent- position stellt, bekommt man einmal leihen
hält, die sie spezifischer machen als die von B. Um (beschränkte Zeit versus permanent), einmal steh-
auf das Beispiel Adlernase (s. 3.3.3) zurückzukeh- len (unerlaubterweise ohne Bezahlung versus er-
ren, bedeutet dies: Das Hyponym Adlernase ent- laubterweise gegen Geld) und einmal verkaufen
hält im Vergleich zu seinem Hyperonym Nase zu- (aus der Sicht des Handels versus des Kunden).
sätzliche Information über die Form. Solche Überdies sind nicht alle Oppositionsbeziehungen
Determinativkomposita nach dem Prinzip Modifi- gleich gute Antonyme. Nach Croft/Cruse (2004:
kator – Kopf sind sehr gute Beispiele für Hypony- 166) weisen bessere Oppositionsbeziehungen fol-
mie. Adlernase und Stupsnase sind auf derselben gende Eigenschaften auf: (a) innewohnende Bina-
Hierarchiestufe Ko-Hyponyme zueinander. Die rität, (b) pure Opposition, (c) Symmetrie und (d)
beiden Komposita veranschaulichen, dass es häu- gleiches Register. In den Beispielpaaren in (20a-d)
fig kein fixes Set an möglichen Bedeutungsbezie- ist jeweils das erste eine bessere Opposition.
hungen zwischen Modifikator und Kopf gibt.
Während Adlernase die Tatsache bezeichnet, dass (20) Gute und weniger gute Antonymenpaare
die Nase im Profil dem Schnabel eines Adlers (a) innewohnende Binarität: hinauf : hinunter
gleicht, basiert Stupsnase wohl auf der Tatsache, nicht aber Hund : Katze
dass eine solche leicht nach oben gebogene Na- (b) pure Opposition: männlich : weiblich
senspitze aussieht, als hätte man leicht dagegen nicht aber Zauberer : Hexe
gedrückt, nicht aber »die Nase sieht aus wie ein (c) Symmetrie: groß : klein, nicht aber groß : winzig
Stups«. Nicht immer drückt sich eine Über- und (d) gleiches Register: lebendig : tot
Unterordnungsbeziehung allerdings in einer for- nicht aber lebendig : krepiert
malen Ähnlichkeit aus: Den Ausdrücken Rose und
Nelke sieht man nicht an, dass sie wesentliche Be- Meronyme: Vieles in unserer Erfahrungswelt wird
deutungsbestandteile von Blume beinhalten: nach dem Prinzip des Ganzen mit charakteristi-
schen Teilen betrachtet. Meronymie ist die Bedeu-
tungsbeziehung zwischen Teil und Ganzem. Kopf,
Blume Hyperonym Hals und Rumpf sind Meronyme zum Holonym
Körper; Gesicht und Ohr sind Meronyme zu Kopf;
Rose Nelke Tulpe …. Hyponyme
Nase und Mund sind Meronyme zu Gesicht etc.
Meronymie bildet oft Ketten; die Nasenspitze ist
genauso ein Teil des Körpers wie die Nase, das
Abb. 4: Beziehungen der Ko-Hyponyme Gesicht und der Kopf. Sie unterscheidet sich hin-
Über- und Unterordnung gegen klar von der Hyponymie: Ein Gesicht ist
kein Kopf, aber eine Taube ist ein Vogel, kein Teil
Antonyme: Oppositionsbeziehungen (Antonymie) eines Vogels. Es gibt jedoch viele unterschiedliche
können verschiedenartig sein, und entsprechend Arten von Meronymie. Croft/Cruse (2004: 160)
gibt es dafür verschiedene Termini. Im Falle von unterscheiden beispielsweise zwischen intrinsi-
■ Komplementarität oder Kontradiktion schlie- schen (essentiellen) und extrinsischen Teilen; Fin-
ßen sich die beiden Bedeutungen ohne Zwi- ger ist ein intrinsischer Teil von Hand, See ist dage-
124
3.4
Wörter
Übertragene Bedeutung
gen kein intrinsischer Teil von Park, obwohl viele Zur Vertiefung
Parks einen oder mehrere Seen enthalten. See ist
also ein extrinsisches Meronym von Park. Semantische Markiertheit
Meronymie spielt eine wichtige Rolle in scripts Bei einem Antonymenpaar sind die beteiligten Wörter gewöhnlich nicht gleich-
und frames (s. 3.4.2). Viele Begriffe kommen mit wertig, da häufig ein Element auch in semantisch neutralisierten Kontexten ver-
einer ganzen Menge voretablierter Bestandteile da- wendet werden kann.
her, die man nicht einzuführen braucht, sondern
als bekannt voraussetzen kann. Die Teile sind (a) Wie alt ist Eva? Eva ist 7 Jahre alt. – *Eva ist 7 Jahre jung.
schon vor ihrer Nennung so im Ganzen verankert, (b) Wie groß ist dein Zwergkaninchen? – *Wie klein ist dein Zwergkaninchen?
dass man bereits bei der Ersterwähnung direkt mit
dem bestimmten Artikel auf sie verweisen kann. Eines der Elemente gilt als markiert (das besondere) und das andere als unmar-
Sie sind so erwartbar, dass man speziell darauf kiert (das normale, allgemeine). Das unmarkierte Wort – hier alt und groß – steht
hinweisen muss, wenn sie fehlen: Am Samstag in diesem Fall für die ganze Skala. Es kann hinsichtlich eines Wertes neutral ge-
war ich auf einer seltsamen Hochzeit. Die Trauzeu- braucht werden, das andere, markierte Wort hingegen nicht. Solche Markiert-
gen stritten vor der Kirche lauthals um Parkplätze, heitsunterschiede gibt es nicht nur bei Adjektiven in Gegensatzbeziehung. Auch
die Braut hatte keinen Strauß und der Bräutigam beim Begriffspaar Katze/Kater lässt sich beobachten, dass sich die beiden Ele-
hatte die Ringe vergessen. Anstelle der Brautjung- mente hinsichtlich ihrer semantischen Spezifikation unterscheiden.
fern liefen in der Kirche zwei Windhunde herum
und der Pfarrer war auch nach langem Suchen (c) Die getigerte Katze ist ein Weibchen, die kleine schwarze Katze
nicht aufzutreiben. ist ein Männchen.
Die Meronymie zeigt, wie sehr sprachliche Be- (d) Meine Katze Mucki ist ein Kater.
griffe miteinander vernetzt sind. Viele Wörter sind (e) Mir fallen absolut keine Namen für meine männliche Katze ein.
wie vorgefertigte Bauteile, die man sehr schnell zu Wer hilft mir?
konventionellen Aussagen zusammenbauen kann.
Man stelle sich eine Sprache vor, in der es keine Das unmarkierte Element – hier Katze – ist semantisch unspezifischer und kann
Meronymie im Wortschatz gäbe – sie sähe wohl deshalb auch in Kontexten erscheinen, die hinsichtlich dieser Merkmale neutra-
ziemlich ähnlich aus wie die Paraphrasen in der in lisiert sind. Es ist durchaus denkbar, von einer weiblichen/männlichen Katze zu
3.4.1 besprochenen Natural Semantic Metalangua- sprechen, während der Ausdruck Kater keine zusätzliche Spezifikation erfordert
ge. Wir finden jedoch sogar dort in der Liste der oder gar erlaubt, da sein semantischer Gehalt bereits die spezifische Geschlechts-
primes ein so typisches Holonym wie Körper. Das zuordnung enthält.
heißt, sogar einige der allergrundlegendsten Wör- Der Begriff ›Markiertheit‹ wurde in der Phonologie zur Beschreibung von laut-
ter weisen noch konventionelle Teil-Ganzes-Bezie- lichen Kontrasten geprägt (Trubetzkoy 1931; s. Kap. 2.5.2), fand dann aber auch
hungen auf. Anwendung in der lexikalischen Semantik (Jakobson 1932; Lyons 1977) und in
vielfältigen linguistischen Beschreibungskontexten (einen kritischen Überblick
bietet Haspelmath 2006).
125
3.4
Wörter
Was bedeuten Wörter?
126
3.4
Wörter
Wortfelder und
Bedeutungsspektren
127
3.4
Wörter
Was bedeuten Wörter?
Beispiel Sprachvergleich zur Bezeichnung von lokalen Oberfläche des Referenzobjekts und davon unter-
Konstellationen stützt (aber nicht darin eingeschlossen)‹. Trotz
der relativ nahen Verwandtschaft differenziert
Als Beispiel soll die Bezeichnung von statischer Niederländisch diesen Bereich mit den Präpositi-
räumlicher Konfiguration von Figur- und Grund- onen op, aan und om. Om steht für die Bezie-
Beziehungen behandelt werden. Mit Figur ist hung des Umschließens, allerdings sehr viel ein-
das Objekt gemeint, auf das ich verweise (Ver- heitlicher als englisch around – oder Deutsch
weisobjekt) und dessen Position ich in Bezug um … herum – und daher auch, wenn Kontakt
auf einen Grund, ein anderes Objekt (Referenz- und Unterstützung durch das Referenzobjekt ge-
objekt), beschreibe. (In dem Satz Das Pferd steht geben wird. Aan wird verwendet, wenn die Figur
vor dem Stall. ist also beispielsweise das ›Pferd‹ ihre Position beibehält, indem sie irgendwie fest-
Figur oder Verweisobjekt, der ›Stall‹ Grund oder gemacht ist, während im Falle von op die Figur
Referenzobjekt.) als stabil betrachtet wird.
Betrachten wir nun die Beispiele (a) bis (g) (Bo- Im Finnischen erfolgt die Strukturierung dessel-
werman 1996). Welche sprachlichen Mittel ver- ben Wirklichkeitsausschnitts noch einmal an-
wenden Englisch, Niederländisch, Finnisch und ders. Der Inessiv (-ssa/-ssä), der häufig als ›in-
Lettisch für die verschiedenen Kontaktbeziehun- terner‹ Kasus als Entsprechung zu dt. in be-
gen zwischen Figur und Grund? Wie überlappen schrieben wird, wird für die Beispiele (a) bis (e)
oder unterscheiden sich die gewählten Sprachen verwendet. Bei (f) und (g) kommt der Adessiv-
in der Verwendung von sprachlichen Mitteln für Kasus (-lla/-llä) zum Zug, der als ›externer‹ Ka-
die verschiedenen räumlichen Konstellationen? sus als Entsprechung zu an, auf, bei, weg von
Wie lassen sich die unterschiedlichen Strukturie- übersetzt wird.
rungen beschreiben? (N steht für Nomen, GEN Es mag nun eigenartig erscheinen, dass der Hen-
und LOC für die Kasus Genitiv und Lokativ.) kel gewissermaßen ›im‹ Topf, das Pflaster ›im‹
Die Sprachen teilen sich den Gültigkeitsbereich Bein, der Ring ›im‹ Finger oder die Fliege ›im‹
für einzelne Möglichkeiten der Versprachlichung Fenster sein soll. Das Konzept der relativen Di-
der Beziehung zwischen Verweis- und Referenz- stanz (Landau/Jackendoff 1993) zwischen Ver-
objekt unterschiedlich auf. Die räumliche Bezie- weis- und Referenzobjekt hilft besser zu verste-
Tab. 11: hung, die durch englisch on ausgedrückt wird, hen, was vor sich geht. Im Falle von Eingeschlos-
Statisch räumliche bedeutet sehr allgemein ›in Kontakt mit der senheit (a) ist die Distanz minimal; wenn das
Konfigurationen (nach
Bowerman 1996)
a) b) c) d) e) f) g)
(a) Apfel – Schale (b) Henkel – Topf (c) Pflaster – Bein (d) Ring – Finger (e) Fliege – Fenster (f) Bild – Wand (g) Tasse – Tisch
Englisch in N on N on N on N on N on N on N
Niederl. in N aan N op N om N op N aan N op N
Finnisch N-ssa N-ssa N-ssa N-ssa N-ssa N-lla N-lla
Lettisch N-LOC N-GEN sānos uz N-GEN N-LOC pie/uz N-GEN pie N-GEN uz N-GEN
128
3.4
Wörter
Semantik von Eigennamen
Verweisobjekt außen an der Oberfläche fix befes- schen Finnisch und Niederländisch. Der Ring ist
tigt ist (b und c), ist es immer noch relativ nahe. ›im‹ Finger wie im Finnischen, und die Präposi-
Relativ groß wird die Distanz durch weniger dau- tionen pie und uz mit Genitiv sind ähnlich verteilt
erhafte Befestigung (d und e), und loser Kontakt wie Niederländisch aan und op. Bei Henkel/
ohne direkte Befestigung, also maximale Distanz, Pfanne muss man ›an der Seite der Pfanne‹ sagen.
kennzeichnet die beiden rechten Beispiele (f In den besprochenen Sprachen unterscheiden sich
und g). Englisch und Finnisch teilen sich das die Benennungen für denselben Wirklichkeitsbe-
Kontinuum von relativer Nähe und Distanz unter- reich in Bezug auf unterschiedliche Aspekte von
schiedlich auf: Während im Englischen nur die räumlichen Beziehungen. Wenn nun in anderen
Beziehung der Eingeschlossenheit gekennzeich- Sprachen auch noch die Form oder Identität von
net ist, wird im Finnischen der lose Kontakt zwi- Figur und Grund eine entscheidende Rolle für die
schen Verweis- und Referenzobjekt mit dem Wahl der sprachlichen Mittel spielt, wird die Sach-
Adessiv besonders behandelt. Lettisch steht zwi- lage gleichzeitig interessanter und komplizierter.
3.4.6 | Semantik von Eigennamen Wenn ich zwei Personen mit dem Namen Peter
kenne, dann handelt es sich um Formgleichheit
Die Semantik der Eigennamen (nomina propria, bei unterschiedlicher Bedeutung. Mit dieser Art
in der Einzahl nomen proprium) und ihre Abgren- von Bedeutung, die im Zusammenhang mit der
zung von Gattungsnamen (Appelativa) hat in der Extension der Bezeichnung steht, darf nicht die
Sprachphilosophie und Semantik viel Stoff für Tatsache verwechselt werden, dass Namen histo-
Diskussionen geliefert. Dabei spielt besonders die risch betrachtet aus bedeutsamen Bestandteilen
Unterscheidung zwischen Intension und Extensi- bestehen und dass in einem Vornamenlexikon
on eine wichtige Rolle. Ein Eigenname nimmt auf sehr wohl die Bedeutungen von Namen aufgelis-
eine einzelne Entität Bezug, und daher scheint die tet werden. So gehen Sophie, Sofia auf das griechi-
Bestimmung der Extension für einen Eigennamen sche sophía ›Weisheit‹ und Peter, Pierre, Piotr auf
typischerweise kein Problem zu sein: Berlin, Mat- griech. pétros ›Fels‹ zurück. Dieses Wissen kann
terhorn, Wüste Gobi (geographische Namen), Leo- Sprachbenutzern bekannt sein oder auch nicht.
nardo da Vinci, Marie Curie (Personennamen). Auf alle Fälle aber gibt es keine Auskunft darüber,
Extension ohne Bedeutung: Es gibt zwei ver- für welche Personen die jeweiligen Namen ver-
schiedene Ansätze zur Analyse der Bedeutung von wendet werden können; es ist daher für ihre Be-
Eigennamen (Cruse 2004: 327–330). Manche For- deutung irrelevant.
scher/innen argumentieren, dass Eigennamen kei- Das Benennen mit Eigennamen ist jedoch nicht
ne Bedeutung haben, sondern nur durch ihre Ex- in jeder Hinsicht anders als das Beschreiben durch
tension bestimmt sind. Bernhard oder Andrea Gattungsnamen. Wir verwenden beide, um mög-
verweisen nicht aufgrund einer deskriptiven Bedeu- lichst eindeutig auf eine Person, ein Ding, ein We-
tung auf zwei Personen, sondern weil bestimmten sen etc. Bezug zu nehmen. Auch wenn es sich bei
Personen von ihren Eltern dieser Name gegeben Epaulettenflughund um einen Gattungsnamen han-
wurde. Beide Namen verraten grundsätzlich nichts delt, wird mancher Leser bzw. manche Leserin
über die Eigenschaften dieser beiden Personen oder über Zugehörige dieser Spezies wenig allgemeines
gar über die Eigenschaften mehrerer Personen mit Wissen besitzen, ähnlich wenig wie über einen
diesen Namen (denn gerade Personennamen sind Nachbarn, der etwa Hermann Sommer heißen
in den seltensten Fällen wirklich einzigartig). könnte und ihm/ihr als älterer, grauhaariger, so-
Intension durch individuelle Konzepte: Ein an- ckenstrickender Mann mit kleinem Dackel bekannt
derer Ansatz betrachtet Eigennamen als Abkür- ist. Falls nun gute Freunde ebenfalls einen ähnli-
zungen für Bedeutungsbeschreibungen. Eigenna- chen älteren, grauhaarigen, sockenstrickenden
men erhalten ihre Intension nicht durch generische Nachbarn mit kleinem Dackel haben, ist es durch-
Konzepte – wie das bei Gattungsnamen der Fall aus denkbar, dass sie davon mit (26) berichten.
ist –, sondern durch individuelle, und verfügen
somit über einen höheren Grad an Homonymie. (26) Bei uns wohnt auch ein Hermann.
129
3.4
Wörter
Was bedeuten Wörter?
Zur Vertiefung
Auch wenn Geschlechtsoffenkundigkeit der Normalfall der Namensgebung ist – mancherorts ist sie sogar gesetz-
lich geregelt –, so werden sich dennoch Frauen- und Männernamen in neuerer Zeit bei gleichzeitig zunehmen-
der Individualisierung in der Namensgebung immer ähnlicher. In Schweden dürfen seit einem Gerichtsentscheid
von 2009 Erwachsene nicht mehr daran gehindert werden, einen geschlechtskonträren Vornamen anzunehmen.
Es gibt nur wenige Sprachen, in denen Männer und Frauennamen grundsätzlich nicht unterscheidbar sind. Im
Great Andamanese, einer bedrohten Sprache der Andamaneninseln, erhalten Babies ihre Namen, wenn sie noch
im Mutterbauch sind, d. h. wenn man noch nicht weiß, welches Geschlecht sie haben (laut Auskunft von Prof.
Anvita Abbi).
Den Prozess, dass Eigennamen zu Gattungsnamen elektrischen Widerstand (nach Georg Simon Ohm)
werden, bezeichnet man als Generifizierung, be- sind aus Personennamen entstanden. Das ist eine
kannt von vielen Produktnamen wie Kleenex, von vielen Arten, wie unser Bestand an Wörtern
Knirps und Flip-Flops. Aber auch die Guillotine erweitert werden kann.
(nach Joseph-Ignace Guillotin) oder die Einheit für
130
3.5
Wörter
Wörter in Texten
Zur Vertiefung
steht für den Existenz-Quantor, steht für die logische Verknüpfung und das Beispiel liest sich folgenderma-
ßen: Es existiert ein x, für welches gilt: x ist Element der Menge ›Hund‹ und x ist Element der Menge ›Bellen‹.
Die Darstellung für Eigennamen als Konstanten funktioniert einfacher, da diese mit Variablen (hier x) gleichge-
setzt werden können. Über einen Hund namens Fido lässt sich folglich sagen:
Es gibt ein x, für welches gilt: x ist Fido und x ist Element der Menge ›Bellen‹. Mit Eigennamen geht es auch
noch einfacher, ohne Variable:
(3) bell(f)
131
3.5
Wörter
Wörter als
Informationsträger
von Sprache und Textlänge andere Werte an- 3.5.2 | Informationsgehalt und Sprach-
nimmt. Das stimmt bei den allerhäufigsten For- wandel
men jeweils nicht ganz – es gibt hierfür eine Kor-
rektur, die wir hier nicht diskutieren können –, Ökonomie und Ikonizität diachron: Schon 1901 hat
aber im mittleren Bereich stimmt es ziemlich gut: der deutsche Sprachforscher Georg von der Gabe-
In unserem Beispielkorpus Die Leute von Seldwyla lentz festgehalten, dass im Sprachwandel zwei ge-
kommt die 100. Wortform eines 208 Mal vor gensätzliche Kräfte am Werk sind:
(k=20.800), also rund doppelt so häufig wie die
200. Form still (105 Mal, k=21.000). »Nun bewegt sich die Geschichte der Sprachen in der Diagonale
Frequenz als Informationsgehalt: Die Vorkom- zweier Kräfte: des Bequemlichkeitstriebes, der zur Abnutzung der
mensfrequenz ist gleichbedeutend mit der Wahr- Laute führt, und des Deutlichkeitstriebes, der jene Abnutzung
scheinlichkeit, ein Wort im Text anzutreffen, und nicht zur Zerstörung der Sprache ausarten läßt.« (von der Gabe-
entspricht somit dem Informationsgehalt einer lentz 1901: 256)
Wortform. Häufige Formen sind vorhersagbarer,
und daher ist ihr Vorkommen im Text weniger über- Bequemlichkeitstrieb und Deutlichkeitstrieb sind
raschend. Funktionswörter wie und, es, in sind also sprachhistorische Pendants zu den Prinzipien der
wesentlich weniger informativ als Inhaltswörter Ökonomie und Ikonizität, die wir in 3.3.3 disku-
wie Undank, Estragon und Intimbereich. Dass Spra- tiert haben.
che ein so effektives Kommunikationsinstrument Grammatikalisierung: Der niedrigere Informati-
ist, hängt damit zusammen, dass die allermeisten onsgehalt von Funktionswörtern in Verbindung
Wörter sehr selten, somit nicht vorhersagbar und mit ihrer höheren Frequenz im Vergleich zu In-
daher informativ sind. Anders gesagt, Sprache ist haltswörtern hat eine diachrone Dimension, mit
ein Phänomen mit einer großen Anzahl von selte- der sich die Grammatikalisierungstheorie befasst.
nen Ereignissen (Baayen 1992), wenn wir jedes Die Grammatikalisierungstheorie nimmt an, dass
Wort im Textfluss als neues Ereignis auffassen. sich Inhaltswörter zu Funktionswörtern und wei-
ter zu grammatischen Markierungen in Wörtern
entwickeln können (s. auch Kap. 9.4.4). Der umge-
RangWortformAnzahlFrequenz
kehrte Prozess, dass Funktionswörter zu Inhalts-
1 und 9533 0.0514 wörtern werden, kommt kaum vor. Der polnische
2 die 4475 0.0241 Linguist Jerzy Kuryłowicz (1965/1976: 69) defi-
3 der 3654 0.0197 niert Grammatikalisierung wie folgt:
4 sie 3525 0.019
Definition
5 er 2942 0.0159
6 zu 2940 0.0159 ➔ Grammatikalisierung besteht aus der
7 in 2739 0.0148 Funktionsausweitung eines Morphems, das
von einem lexikalischen zu einem gramma-
8 sich 2432 0.0131
tikalischen oder von einem weniger gram-
9 den 2220 0.012 matikalischen zu einem grammatikalische-
10 das 1977 0.0107 ren Status aufsteigt (Übersetzung BW/AE).
11 mit 1917 0.0103
12 ein 1855 0.01
Grammatikalisierung ist also in aller Regel unidi-
13 es 1761 0.0095 rektional. Inhaltswörter können sich zu Funkti-
14 so 1631 0.0088 onswörtern entwickeln, aber nicht umgekehrt. So
15 nicht 1578 0.0085
geht das französische Funktionswort pas ›nicht‹
auf das Substantiv pas ›Schritt‹ zurück. Im Altfran-
16 war 1431 0.0077
zösischen konkurrierten damit noch mehrere an-
Tab. 12: 17 auf 1404 0.0076 dere Wörter, die minimale Quantitäten bezeich-
Die zwanzig häufigsten 18 von 1334 0.0072 nen, unter anderem point ›Punkt‹, gote ›Tropfen‹,
Wortformen in Gottfried mie ›Brosame‹, und die ursprünglich in expressiver
19 als 1324 0.0071
Kellers Die Leute Negation zur Verstärkung dienten (›keinen Schritt
20 ich 1245 0.0067
von Seldwyla gehen, keinen Tropfen trinken, keine Brosame es-
132
3.5
Wörter
Informationsgehalt
und Sprachwandel
Grammatikalisierungspfade ›nicht‹ aus < *ne oinom ›nicht eines‹ entstanden Beispiel
ist. Die Partikel th(a) Futur ist aus dem Verb thelǀ
Grammatikalisierung kann man besonders gut in ›wollen‹ entstanden (ähnlich wie im Englischen
Sprachen beobachten, für welche ältere Entwick- das Futur mit dem Hilfsverb will). Die Präposi-
lungsstufen belegt sind. Man betrachte hierzu tion s kommt von altgriechisch eis ›in … hinein‹
das folgende Beispiel aus dem Neugriechischen, und hatte früher eine viel weniger generelle Be-
das verschiedene Aspekte von Grammatikalisie- deutung. Im Neugriechischen wird sie für Rich-
rung illustriert. tung allgemein verwendet (nicht nur ›in … hin-
Die Satznegation de(n) ›nicht‹ ist entstanden aus ein‹) und hat sich auf statische Lokation ausge-
altgriechisch ouden ›nichts‹ (oud-en nicht-ein:N). dehnt. Zur Verdeutlichung muss man deshalb in
Es handelt sich hierbei um denselben Grammati- folgendem Beispiel das Adverb pano ›oben‹ hin-
kalisierungspfad wie im Lateinischen, wo non zufügen (aus ep-anǀ ›auf-hinauf/oben‹).
sen‹). Das lateinische Negationswort non, das sei- z. B. die finnische Postposition für ›auf‹ päällä von
nerseits aus *ne oinom ›nicht eines‹ entstanden ist, pää ›Kopf‹ abgeleitet: pää-n pää-llä ›Kopf-GEN Kopf-
wurde altfranzösisch zu ne reduziert und verband ADESS > auf dem Kopf‹. In der afrikanischen Spra-
sich mit den genannten Substantiven, bis die zwei- che Ewe kann megbé ›Rücken‹ als Postposition für
teilige Markierung ne VERB pas zur Standardnegati- räumlich ›hinter‹, für zeitlich ›nach‹ wie auch für
on wurde. In der modernen französischen Um- die Eigenschaft ›zurückgeblieben, blöd‹ verwen-
gangssprache ist der erste Teil ne verschwunden, det werden (Heine et al. 1991). Dass ein Futur
und die Satznegation wird jetzt nur noch mit pas sich aus einem Bewegungsverb entwickelt, ist
markiert. Deutsch nicht ist aus ne wiht entstan- entsprechend der Hierarchie von ontologischen
den, wobei wiht im Althochdeutschen ein Wort für Kategorien gut nachvollziehbar, z. B. englisch he
›Sache‹ war. Man beobachtet in der Grammatikali- is going to go oder das französische ›futur proche‹
sierung immer wieder, dass Wortformen zu Teilen il va aller). Allerdings ist in diesem Fall nicht
von Wörtern reduziert werden. Diesen Sachver- ganz klar, ob diese Entwicklung nicht auch met-
halt hat der amerikanische Linguist Talmy Givón onymisch sein könnte. Im Deutschen können wir
(1971: 413) in folgendem Slogan zusammenge- zwar nicht *er geht gehen sagen, wohl aber z. B. er
fasst: »Today’s morphology is yesterday’s syntax.« geht essen. Das Essengehen impliziert zwar einen
Metaphern und Grammatikalisierung: Meta- Standortwechsel, es hat aber gleichzeitig eine
phern (s. 3.4.4) spielen auch bei der Grammatika- Komponente des Zukünftigen, weil bei einem
lisierung eine wichtige Rolle. Adpositionen gehen Standortwechsel notwendigerweise auch Zeit ver-
zum Beispiel in vielen Sprachen auf Körperteile geht. Das Zukünftige ist also eine Komponente des
zurück, was den anthropozentrischen Charakter Standortwechsels, und man kann sich eine schritt-
der Grammatikalisierung illustriert (was ist dem weise metonymische Verlagerung der Bedeutung
Menschen vertrauter als der eigene Körper?). So ist im Diskurs von Raum zu Zeit vorstellen.
Weiterführende Literatur
Es gibt kaum Einführungen zu Wörtern im Allge- Bybee (1985). Zu Paradigmen vgl. Carstairs (1987),
meinen. Crystal (2006) ist eine Einführung in die zur morphologischen Produktivität Bauer (2001).
(englische) Lexikologie für alle Sprachinteressierten. Löbner (2003) oder Schwarz/Chur (2004) bie-
Für Morphologie empfehlen wir Haspelmath ten einen guten Einstieg in die Semantik. Als Re-
(2002), Katamba (1993) und Spencer (1991) und petitorium der semantischen Grundbegriffe ist
Booij (2012) sowie aus typologischer Perspektive Murphy/Koskela (2010) hilfreich. Für die Semantik
133
3.5
Wörter
Aufgaben
aus der Perspektive der kognitiven Linguistik sind Schütze (1999). In die Grammatikalisierungs-
Ungerer/Schmid (1996) und Croft/Cruse (2004) zu theorie führen Heine et al. (1991) und Hopper/
empfehlen. Eine psycholinguistische Sicht auf Traugott (2009) ein. Für das Studium des Sprach-
Wörter bieten Miller (1993) und Aitchison (1997). wandels sind Keller (1994) und Keller/Kirsch-
Für die Grundlagen der Zeichentheorie kann baum (2003) sehr zu empfehlen, für fortgeschritte-
es nicht schaden, zu den Originalquellen zu ge- nere Leser Croft (2000).
hen: de Saussure (1916, 1967/68), Ogden/Richards Für die Sprachgeschichte deutscher Wörter
(1923) und Bühler (1934). Ein Standardwerk zur empfehlen wir etymologische Wörterbücher. Wir
Ikonizität ist Haiman (1985), zur Gebärdensprache haben z. B. verschiedentlich Drosdowski (1989)
Klima/Bellugi et al. (1979). verwendet.
Eine sehr gute Einführung in die Behandlung Viele Texte zum Auszählen von Wörtern finden
von Wörtern aus quantitativer Sicht ist Manning/ sich bei [Link].
Aufgaben
1. Bilden Sie fünf Sätze, die mindestens zwei verschiedene Wortformen desselben Lexems beinhal-
ten, und glossieren Sie sie.
2. Stellen Sie mit Hilfe eines etymologischen Wörterbuchs des Deutschen fest, welche der folgenden
Wörter ursprünglich Komposita und somit relativ motiviert gewesen sind: Adler, albern, Drittel,
elend, heuer, heute, Holunder, Kiefer [Baum], Messer, neben, Nest, Schuster, Sperber, Welt,
Wimper, Wurzel.
3. In dravidischen Sprachen (Indien) gibt es sogenannte Echo-Wörter, die mit ki-/ki:- (in manchen
Sprachen auch gi/gi:-) gebildet werden. Im Kolami heißt puvul ›Blumen‹, puvul givul heißt
›Blumen oder so Zeugs‹. In der folgenden Geschichte aus der Toܩa-Sprache kommt ein Tiger vor,
der das Echowort falsch versteht. Welchen Fehler macht der Tiger? Sie können dies anhand des
Zeichenmodells von Ogden und Richards erläutern.
»Nachdem ein Toܩa am Abend alle Büffelkühe gemolken und die Kälber in die Umzäunung gebracht hatte, sagte er: »Möge kein
Tiger oder Kiger die Kälber holen!« Ein Tiger saß aber schon auf der Lauer und hörte zu. Er dachte für sich: ›Wenn ich ein Tiger
bin, was ist dann dieses andere Ding, der Kiger?‹ Er drang in die Umzäunung ein, um ein Kalb zu reißen. Nun saß aber gerade eine
Ratte auf diesem Kalb, das er ausgesucht hatte, und diese sprang sofort auf den Rücken des Tigers. Der Tiger erschrak heftig: ›Das
wird jetzt dieser Kiger sein, er tut mir etwas an!‹ Und so rannte er in Angst und Schrecken davon, ohne ein Kalb mitzunehmen«.
(Emeneau 1984: 405)
5. Ein Dreijähriger bekommt von seiner Tante einen Pullover und jammert: »Das ist kein Geschenk,
das ist ein Pullover.«
Gibt es einen mentalen Prototypen für die Kategorie ›Geschenk‹? Wovon hängt seine Bestimmung ab?
134
3.5
Wörter
Aufgaben
6. Erläutern Sie die Bildungsweise der folgenden estnischen Kasusformen. Welcher Beschreibungs-
ansatz eignet sich dafür am besten?
7. Erklären Sie, was im folgenden Beispiel (adaptiert nach Löbner 2003: 79) metaphorisch und
metonymisch ist: Sie hätte nie gedacht, dass ihr Fernsehen, Radio und Zeitungen einmal die Türe
einrennen.
9. Manchmal sind Nicht-Linguisten sehr gewiefte Semantiker. Ein gutes Beispiel ist Herr Lehmann
(Regener 2003: 55):
»Moment mal«, sagte Herr Lehmann. »Was soll das heißen, Lebensinhalt? Lebensinhalt ist doch ein total schwachsinniger Be-
griff … Ist das Leben ein Glas oder eine Flasche oder ein Eimer, irgendein Behälter, in den man was hineinfüllt, etwas hineinfüllen
muß sogar, denn irgendwie scheint sich ja die ganze Welt einig zu sein, daß man so etwas wie einen Lebensinhalt unbedingt
braucht. Ist das Leben so? Nur ein Behältnis für was anderes? Ein Faß vielleicht? Oder eine Kotztüte?«
(a) Diskutieren Sie anhand der im Zitat genannten Beispiele die Prototypenstruktur der Kategorie
›Behälter‹.
(b) Inwiefern könnte man Herrn Lehmann mit dem Begriff der konzeptuellen Metapher hier zu
Hilfe kommen?
10. Beispiel (23) nennt englische Beispiele der konzeptuellen Metapher ARGUMENT IS WAR. Gibt es im
Deutschen ebenso treffende Argumente für diese konzeptuelle Metapher?
135
4.1
137
4.1
Wörter und Sätze
Grundlagen und Überblick
ter- und Unteruntergruppen enthalten kann, wo- weil ihm eine Ergänzung wie z. B. ein preisgünsti-
raus sich eine hierarchische Struktur ergibt. Es ist ges Notebook fehlt,
somit unmöglich anzugeben, wie viele verschiede-
ne Sätze es in einer Sprache gibt, weil die Regeln (7) (a) Sie entdeckt ein preisgünstiges Notebook.
der Syntax so funktionieren, dass unendlich viele (b) *Sie entdeckt.
verschiedene Sätze erzeugt werden können. Die
syntaktischen ›Blöcke‹, die umstellbar bzw. erwei- sieht es im zweiten der folgenden Beispiele gerade
terbar sind, heißen Konstituenten. umgekehrt ganz so aus, als ob für die Phrase ein
Syntaktische Funktionen: Eine weitere Manipu- preisgünstiges Notebook kein Platz wäre:
lation von Satz (1) führt wiederum zu einem un-
grammatischen Ergebnis (6a): (8) (a) Sie schnarcht.
(b) *Sie schnarcht ein preisgünstiges Notebook.
(6) (a) *[Heute] bestellt das ultraschnelle Notebook.
(b) [Heute] bestellt [unsere Nachbarin] das ultraschnelle Je nachdem, welches Verb verwendet wird – ent-
Notebook. decken oder schnarchen -, sind bestimmte Ergän-
zungen möglich, nötig oder ausgeschlossen. Man
In Variante (6a) haben wir die erste Position an- kann daher sagen, dass zwischen dem Verb und
stelle der Konstituente unsere Nachbarin mit dem ein preisgünstiges Notebook ein Abhängigkeitsver-
Adverb heute besetzt. Diesem Element fehlt die hältnis besteht. Dies wird zusätzlich durch die Be-
Fähigkeit, im Satz die Funktion des Subjekts zu obachtung unterstützt, dass auch die morphologi-
erfüllen, während die Konstituente unsere Nach- sche Form vom Verb determiniert wird:
barin das kann. Offensichtlich muss der Satz ein
Subjekt enthalten, und dieses muss nominalen (9) (a) Sie entdeckt ein preisgünstiges Notebook.
Charakter haben, das heißt, als Kern ein (nomi- (b) *Sie entdeckt einem preisgünstigen Notebook.
nativisches) Substantiv oder Pronomen aufwei- (c) Sie trauert einem preisgünstigen Notebook nach.
sen, nicht ein Adverb. Die Position dieser Konsti- (d) *Sie trauert ein preisgünstiges Notebook nach.
tuente im Satz ist aber dafür nicht ausschlaggebend,
denn in der ersten Position kann prinzipiell durch- Abhängigkeiten dieser Art betreffen die sog. Argu-
aus ein Adverb wie heute stehen (vgl. 6b). Im Un- mentstruktur von Verben und werden in Kapitel
terschied zu (6a) erfüllt Variante (6b) aber die 4.4 genauer besprochen. Sie liefern sozusagen die
Anforderung, dass der Satz ein Element enthalten Basisstruktur von Sätzen.
soll (unsere Nachbarin), das als Subjekt verstan- Satzarten und Informationsstruktur: Schließ-
den werden kann, auch wenn dieses Element nun lich ist die syntaktische Form eines Satzes auch
nach dem Verb steht. Die mangelnde Grammati- abhängig davon, auf welche Weise er in einen grö-
kalität von (6a) geht also offenbar auf das Fehlen ßeren Zusammenhang eingebettet wird (s. dazu
einer Konstituente zurück, die eine bestimmte Kap. 5). Dies betrifft zum einen die Wahl der Satz-
syntaktische Funktion erfüllt, nämlich die Sub- art (Kap. 4.5), zum andern die Art und Weise, wie
jektsfunktion. zwischen gegebener und neuer Information unter-
Gruppen wie unsere Nachbarin werden Nomi- schieden wird (die sog. Informationsstruktur,
nalphrasen genannt (von griech. phrásae ›Aus- Kap. 4.6.1).
druck‹). In Kapitel 4.2 werden wir auf den hierar- Wir können die Syntax als Teilsystem der Gram-
chischen Charakter der syntaktischen Phrasen- matik nun folgendermaßen definieren:
struktur und die Abfolgeregularitäten innerhalb
solcher Phrasen näher eingehen. In 4.3 betrachten Definition
wir die Funktionen genauer, die verschiedene
Phrasentypen im Satzganzen ausüben können. Unter ➔ Syntax verstehen wir ein System
Argumentstruktur: Wie die Subjektsanforde- von Regularitäten, nach denen aus Wörtern
rung schon gezeigt hat, betreffen syntaktische Re- Phrasen und Sätze gebildet werden.
gularitäten nicht nur die Position von Wortformen,
sondern auch die Frage, welche und wie viele Ele-
mente überhaupt in einem Satz vorkommen kön- Diese Interpretation entspricht zugleich der ur-
nen bzw. müssen. Während das zweite der folgen- sprünglichen Bedeutung des griechischen Wortes
den Beispiele als unvollständig empfunden wird, sýntaxis (aus sýn ›zusammen‹ und taxis ›Ord-
138
4.2
Wörter und Sätze
Konstituentenzerlegung
nung‹), das wörtlich als ›Zusammenordnung‹ wird, ist ein Notebook mit einer bestimmten Ge-
übersetzt werden könnte. Somit stellt die Syntax schmackseigenschaft. An andere, rein hypothe-
ein wesentliches Modul (d. h. ›Baustein‹) der tisch auch denkbare Interpretationen würde wohl
Grammatik dar. kaum jemand denken: etwa, dass sich der Kater
Syntax als Kombinatorik: Eine sehr interessante durch Pfefferminzgeschmack auszeichnet, dass es
Eigenschaft der Syntax ist, dass aus einem be- das Notebook ist, das die Handlung des Bestellens
grenzten Inventar an Einheiten und Verknüpfungs- ausführt usw. Die Frage ist nun: Woher wissen wir
regeln unendlich viele sprachliche Ausdrücke das alles? Offenbar wenden wir automatisch allge-
erzeugt werden können. Was ist damit gemeint? meine Kombinationsregeln auf diesen noch nie
Das Gedächtnis des Menschen ist in Bezug auf gehörten Satz an.
sprachliche Ereignisse zwar sicherlich sehr leis- Grammatische Wohlgeformtheit: Vergleichen
tungsfähig, aber letztlich doch begrenzt. Wenn wir wir nun die Varianten (10a) und (10b). Ziemlich
Sätze nicht aktiv neu bilden könnten, dann könn- sicher ist die erste Variante ›besser‹; aber warum?
ten wir nur nachsprechen, was wir schon einmal Beide sind neu, und beiden können wir keinen
gehört haben, ähnlich wie ein Papagei. Tatsächlich sinnvollen Bedeutungskontext zuschreiben. Der
lassen sich aber aus Grundbausteinen (Wortfor- entscheidende Unterschied ist, dass (10a) auf-
men mit ihren spezifischen lautlichen, grammati- grund der syntaktischen Regularitäten des Deut-
schen und Bedeutungsmerkmalen und auch kom- schen gebildet werden könnte (dass das nicht pas-
plexere Einheiten wie z. B. die schon erwähnte siert, ist rein außersyntaktisch bedingt), (10b)
Nominalphrase) immer wieder neue Sätze bilden. hingegen nicht. Wir sagen, dass Variante (10a)
Der Grund dafür ist, dass wir über ein Wissen ver- grammatisch wohlgeformt ist. Was in der Syntax-
fügen, auf welche Weise diese Grundbausteine zu forschung nun besonders interessiert, ist nicht nur
größeren Einheiten kombiniert werden können. die Analyse von konkreten Einzelsätzen, sondern
Wir illustrieren dies mit folgendem Beispiel in vor allem die Erschließung des allgemeineren Re-
zwei Varianten: gelsystems, das die wohlgeformten Einzelsätze
überhaupt ermöglicht und andere ausschließt.
(10) (a) Unser Kater Felix bestellt ein Notebook mit Pfefferminz- In den folgenden Abschnitten werden wir sozu-
geschmack. sagen eine kleine ›Grammatikmaschine‹ bauen.
(b) Mit Pfefferminzgeschmack unser Kater Felix bestellt ein Anhand einiger einfacher deutscher Beispielsätze
Notebook. werden wir Schritt für Schritt das für die syntakti-
sche Analyse nötige Werkzeug entwickeln, das da-
Diese Sätze hat vermutlich vor uns noch nie je- rüber hinaus noch wesentlich mehr leisten kann,
mand geäußert. So oder so sind die beiden Sätze als diese einfachen Sätze zu beschreiben. Dass
Nonsens, oder es ist zumindest sehr schwer, sich dieses Werkzeug im Prinzip zur Analyse der syn-
einen sinnvollen Verwendungskontext für sie vor- taktischen Struktur einer jeglichen Sprache fähig
zustellen. Und trotzdem verstehen wir genau, wie ist, illustrieren wir fallweise mit Beispielen aus an-
Variante (10a) aufgebaut ist: Es gibt einen Kater deren Sprachen, die uns noch weitere als die im
namens Felix, dieser vollzieht eine Handlung, Deutschen bezeugten Möglichkeiten vorführen.
nämlich, etwas zu bestellen, und das, was bestellt
139
4.2
Wörter und Sätze
Konstituenten,
Phrasen, Köpfe
(11) 12 13
(Satz)
14 15
16 17
unsere Nachbarin bestellt das ultraschnelle Unsere bestellt ultraschn. mit schw. Gehäuse
Notebook mit schwarzem Nachbarin das Notebook
Gehäuse
Anna schnarcht
sie steht im Laden Knoten: Jede – möglicherweise verzweigende –
Position im Baum (Nr. 1–17) nennen wir einen
Knoten. Jeder Knoten dominiert ein Wort oder
Innerhalb von bestellt das ultraschnelle Notebook eine Wortgruppe. Das ultraschnelle Notebook mit
mit schwarzem Gehäuse wäre dann aufgrund von schwarzem Gehäuse wird von Knoten 7 dominiert,
analogen Überlegungen die nächste Bruchstelle mit schwarzem Gehäuse von Knoten 13, usw.
zwischen bestellt einerseits und das ultraschnelle
Notebook mit schwarzem Gehäuse andererseits:
140
4.2
Wörter und Sätze
Phrasenstruktur
141
4.2
Wörter und Sätze
Konstituenten,
Phrasen, Köpfe
142
4.2
Wörter und Sätze
Konstituententests
Rektion ist eine asymmetrische Beziehung zwi- balkomplex nicht durch eine Objekts-NP unterbro-
schen einem regierenden Element und den Eigen- chen werden. Andererseits kennt das Englische im
schaften der Phrasen, die von diesem Regens Fragesatz diskontinuierliche PPs, was im Deut-
grammatisch festgelegt werden. Stimmen hinge- schen standardsprachlich nicht möglich ist:
gen zwei (oder mehr) Elemente in grammatischen
Merkmalen überein, spricht man von Kongruenz. (18) (a) *Our neighbour will a notebook order. (Unser Nachbar
Kongruenz ist also eine symmetrische Beziehung wird ein Notebook bestellen.)
zwischen zwei Elementen. Gängige Beispiele sind (b) What is this notebook equipped with? (*Was ist dieses
die Kongruenz von Artikel, Adjektiv und Substan- Notebook ausgestattet mit?)
tiv in den Merkmalen Kasus, Genus und Numerus
sowie die von finitem Verb und Satzsubjekt in Per-
son und Numerus:
4.2.3 | Konstituententests
(16) (a) das Notebook [der stolzen Nachbarin] ([Link].)
(b) Sie bestellt ([Link].) das Notebook. In diesem Abschnitt gehen wir der Frage nach, wie
man eigentlich nachweisen kann, ob es sich bei
Definition einer bestimmten Gruppe aneinandergereihter
Wörter um eine Konstituente handelt und ob diese
➔ Kongruenz nennt man die regelhafte Konstituente tatsächlich vollständig ist. Ein Aus-
Übereinstimmung von Elementen in be- schnitt der in (13) vorgenommenen Zerlegungen
stimmten grammatischen Merkmalen. ist hier unter (19) nochmals dargestellt:
(19)
Diskontinuität: Wir variieren nun den Beispiel- 3
satz aus (13), um auf ein besonderes Problem der
6 7
Konstituentenzerlegung und phrasenstrukturel-
len Analyse hinzuweisen:
8 9
(17) (a) Dieses ultraschnelle Notebook bestellte unsere Nach- 10 11
barin.
(b) Dieses ultraschnelle Notebook hat unsere Nachbarin be- 12 13
stellt.
(c) Unsere Nachbarin hat ein ultraschnelles Notebook be- 14 15
stellt, auf das sie sehr stolz ist.
(d) Dieses ultraschnelle Notebook hat unsere Nachbarin be- 16 17
stellt, die darauf sehr stolz ist. bestellt das ultraschn. Notebook mit schw. Gehäuse
143
4.2
Wörter und Sätze
Konstituenten,
Phrasen, Köpfe
Permutation ist auch ein Mittel, das bei der Sprach- (23) (a) Unsere Nachbarin bestellte das Notebook.
produktion zur Informationsstrukturierung ver- (b) Unsere Nachbarin hat das Notebook bestellt.
wendet wird (s. 4.6). Hierdurch lassen sich sowohl (c) Unsere Nachbarin will das Notebook bestellen.
die Wortgruppe das Notebook als auch unsere (d) Unsere Nachbarin bestellt das Notebook wieder ab.
Nachbarin als Konstituenten identifizieren. Der (e) Unsere Nachbarin scheint ein Notebook bestellen zu
Test liefert auch dann das richtige Ergebnis, wenn wollen.
Vorfeld diese Konstituenten noch um weitere Subkonstitu-
enten erweitert wären, also etwa das ultraschnelle Die Bezeichnung ›Vorfeld‹ steht im Zusammenhang
Notebook aus China oder unsere äußerst liebens- des topologischen Feldermodells der deutschen
würdige Nachbarin. Der Permutationstest ist für Syntax, das in 4.5.1 ausführlich besprochen wird.
Sprachen mit relativ freier Satzgliedstellung wie Der Vorfeldtest zeigt eindeutig, dass es sich bei
Zur Vertiefung unsere Nachbarin ein Notebook nicht um eine Kon-
stituente handeln kann, da diese Wortfolge nicht
Teilkonstituenten im Vorfeld insgesamt ins Vorfeld gestellt werden kann:
Manchmal ist die Verschiebung von Teilkonstituenten möglich. Dabei fällt auf,
dass in diesen Fällen immer quantifizierende Indefinitpronomen wie alle oder (24) (a) [Unsere Nachbarin] bestellte das Notebook leider vor
keiner vorkommen: uns.
(b) [Das Notebook] bestellte unsere Nachbarin leider vor
(1) (a) Notebooks gab es keine zu bestellen, die ultraschnell waren. uns.
(b) Unsere Nachbarn haben alle ein ultraschnelles Notebook bestellt. (c) *[Unsere Nachbarin] [das Notebook] bestellte leider vor
uns.
Nicht alles, was man minimal ins Vorfeld verschieben kann, ist also eine Konsti-
tuente, sondern nur, was dort maximal stehen kann: Ersetzungstest: Ein weiterer Test ist die Ersetzung
(2) (a) [Keine Notebooks, die ultraschnell waren] gab es zu bestellen. einer gesamten Konstituente durch eine andere.
(b) [Alle unsere Nachbarn] haben ein ultraschnelles Notebook bestellt. Zur Ersetzung der verschiedenen Phrasenkategori-
en stehen spezifische Proformen (Pronomen und
144
4.3
Wörter und Sätze
Konstituententests
Adverbien) zur Verfügung. Nominale Konstituen- (c) Was hat [unsere Nachbarin] [vor uns] bestellt? [Das ult-
ten lassen sich pronominalisieren: raschnelle Notebook].
(d) Wann hat [unsere Nachbarin] [das ultraschnelle Note-
(25) (a) Unsere Nachbarin hat [NP das Notebook] leider vor uns book] bestellt? [Vor uns].
bestellt. (e) Vor wem hat [unsere Nachbarin] [das ultraschnelle Note-
(b) Unsere Nachbarin hat es leider vor uns bestellt. book] bestellt? [Vor uns].
Bei nicht-nominalen Konstituenten erfolgt Erset- Eliminierungstest: Ein zusätzlicher Nachweis für
zung durch ein Pronominaladverb: Konstituenten kann durch das Weglassen von Ele-
menten erbracht werden: Wenn eine Wortgruppe
(26) (a) Unsere Nachbarin ist [PP auf [NP ihr Notebook] ] stolz. als Ganzes weglassbar ist, handelt es sich bei der
(b) Unsere Nachbarin ist [PP darauf] stolz. Gruppe um eine Konstituente:
Fragetest: Eine Kombination aus Permutation und (28) (a) Anna freut sich [seit gestern] [auf ihr neues Notebook].
Pronominalisierung stellt der Fragetest dar, da (b) Anna freut sich [seit gestern].
(zumindest in Sprachen wie Deutsch) in w-Fragen (c) Anna freut sich [auf ihr neues Notebook].
eine zu erfragende Konstituente durch ein entspre- (d) *Anna freut sich seit.
chendes Interrogativpronomen ersetzt wird, das (e) *Anna freut sich auf ihr.
im Vorfeld steht. Was sich als Ganzes durch ein (f) Anna freut sich.
einziges Interrogativpronomen bzw. eine interro-
gative Phrase (27e) in Erstposition erfragen lässt, Dieser Test ist allerdings insofern wenig zuverläs-
ist also immer eine Konstituente. sig, als häufig durchaus auch gleich mehrere Kon-
stituenten auf einmal weggelassen werden kön-
(27) (a) Leider hat [unsere Nachbarin] [das ultraschnelle Note- nen, die aber dennoch nicht eine einzige Konsti-
book] [vor uns] bestellt. tuente bilden (28f). Zudem sind vom Verb oder
(b) Wer hat [das ultraschnelle Notebook] [vor uns] bestellt? von Präpositionen geforderte Ergänzungen in den
[Unsere Nachbarin]. meisten Fällen ohnehin nicht weglassbar.
(29) Sie hat [NP ihren neuen Laptop (AKK) ] ausprobiert. Unter ➔ syntaktischen Funktionen versteht man die Art der funktiona-
len Beziehung, die zwischen dem Prädikat und den davon abhängigen
Die NP ist hier das Akkusativobjekt (auch direktes Phrasen im Satz besteht.
Objekt genannt) zum Prädikat hat ausprobiert.
145
4.3
Wörter und Sätze
Syntaktische Funktionen
auch durch Ausdrücke wie heute, lange, während Abstrakter vs. morphologischer Kasus: Der Kasus
eines ganzen Jahres usw. realisiert werden können: Nominativ ist in einer Sprache wie dem Deutschen
nicht notwendigerweise eine morphologische En-
(31) Sie hat [NP den ganzen Sommer (AKK) ] auf ihren Laptop dung, sondern zunächst einfach ein abstraktes
gewartet. Merkmal, das für die Relation zwischen einer Kon-
stituente zu den anderen Satzgliedern und dem
Somit kann ein Phrasentyp also unterschiedliche Prädikat steht. Man spricht von abstraktem Ka-
syntaktische Funktionen realisieren. Auch in der sus, der nicht zugleich als morphologischer Ka-
umgekehrten Betrachtungsrichtung herrscht kein sus gekennzeichnet sein muss.
1:1-Verhältnis: Eine bestimmte syntaktische Funk- So sehen wir dem mit was erfragbaren Subjekt
tion kann durchaus durch unterschiedliche Phra- das Notebook in (33b) nicht direkt an, dass es im
sentypen ausgedrückt sein. Wir haben gesehen, Nominativ steht. Wäre es das Objekt, wie in (33a),
dass ausprobieren ein Akkusativobjekt zu sich würde es gleich lauten, da im Deutschen Nominativ
nimmt. Dieses muss aber nicht unbedingt durch und Akkusativ oft morphologisch nicht unterschie-
eine NP realisiert sein. Dieselbe syntaktische den werden. Dennoch lässt sich aus dem Fragetest
Funktion kann auch durch einen Nebensatz, hier erkennen, dass es sich um verschiedene Kasus han-
abgekürzt mit ›S‹, ausgedrückt sein: delt, denn das Interrogativpronomen des Maskuli-
nums ist für Nominativ und Akkusativ unterschied-
(32) Sie hat ausprobiert, [S ob ihr neuer Laptop wirklich so lich: wer vs. wen. Dass wir es mit abstrakten Kasus
schnell ist]. zu tun haben, zeigt auch die Tatsache, dass als Sub-
jekte ganze Sätze auftreten können, die ja im Deut-
Wir werden nun der Reihe nach die Funktionen schen keine Kasusmarkierung erhalten:
besprechen, die wir aus der klassischen Satzglied-
lehre kennen, und auf deren Besonderheiten hin- (34) (a) Wer / was gefällt Euch?
weisen. Wir beginnen mit den syntaktischen (b) [S Dass die Nachbarin so ein tolles Notebook bestellt hat]
Funktionen der Konstituenten, die direkt vom Verb (gefällt uns) (Subjektsatz)
(bzw. dem komplexen Prädikat) abhängig sind.
Außer dass-Sätzen können auch indirekte Frage-
sätze und freie Relativsätze Subjekte sein:
4.3.1 | Das Subjekt (35) (a) Welches Notebook unsere Nachbarin bestellt hat/ ob un-
sere Nachbarin ein Notebook bestellt hat, ist uns nicht
Kasus Die Subjektsfunktion wird meist durch eine NP er- bekannt. (indirekte Fragesätze)
füllt, die im Nominativ steht. Entsprechend kann (b) Was dieses Notebook alles kann, hat uns überrascht.
die Konstituente mit wer oder was erfragt werden. (freier Relativsatz)
(33) (a) Wer hat das Notebook bestellt? Unsere Nachbarin (NOM) Eine weitere wichtige Eigenschaft des Subjekts in
hat das Notebook bestellt. Sprachen wie Deutsch ist, dass es mit dem finiten
(b) Was liegt unter dem Magnolienbaum? Das Notebook Verb in den Merkmalen Person und Numerus
(NOM) liegt unter dem Magnolienbaum. kongruiert (s. die Definition auf S. 143). Somit
kann das Subjekt auch dadurch ermittelt werden,
dass man den Numerus des finiten Verbs ändert.
Definitionen Diejenige Konstituente, deren Numerus sich dann
auch ändern muss, damit der Satz nicht ungram-
Mit ➔ morphologischen Kasus bezeichnen wir die durch Mittel der Fle- matisch wird, ist das Subjekt (36a). Subjektsätze
xionsmorphologie ausgedrückten, sichtbaren Kasusdistinktionen. zählen für die Kongruenz als 3. Person Singular;
➔ Abstrakter Kasus bezeichnet hingegen die Eigenschaft von Nominal- das Verb kann also ebenfalls nur im Singular ste-
phrasen, in einem bestimmten Kasus zu stehen, der in der entspre- hen (36b).
chenden syntaktischen Funktion verlangt ist. Jede Nominalphrase steht
immer in einem bestimmten abstrakten Kasus, auch wenn die Flexi- (36) (a) Unsere Nachbarinnen haben das ultraschnelle Notebook
onsmorphologie nicht immer die Mittel zur Verfügung stellt, dies ein- bestellt.
deutig morphologisch zu markieren. (b) *[S Dass die Nachbarin so ein tolles Notebook bestellt
hat], gefallen uns.
146
4.3
Wörter und Sätze
Objekte
Subjekte kommen nur in finiten Sätzen vor, da die (41) (a) Was wurde bestellt? Das ultraschnelle Notebook (wurde
Kongruenz mit dem Prädikat eine Voraussetzung bestellt).
für das Auftreten des Subjekts ist (s. 4.7). Ein (b) Von wem wurde es bestellt? (Es wurde) von unserer
nicht-finiter Infinitiv-Satz wie in (37b) kann also Nachbarin (bestellt).
kein Subjekt enthalten.
Dativobjekt (indirektes Objekt, IO): Das indirekte
(37) (a) Unsere Nachbarin bestellte das Notebook, [S ohne dass Objekt kommt hauptsächlich als NP vor, lediglich
sie uns informiert hätte]. freie Relativsätze sind als Dativ-Objektsätze mög-
(b) Unsere Nachbarin bestellte das Notebook, [S ohne (*sie) lich; dies lässt sich durch den Fragetest mit wem
uns zu informieren ]. zeigen.
(42) (a) Wem hat sie das Notebook schon vorgeführt? (Sie hat es
schon) allen Nachbarn (vorgeführt).
4.3.2 | Objekte (b) Soll sie das Notebook doch vorführen, [S wem sie will ].
Während in Sprachen wie Deutsch bis auf wenige Lexikalischer vs. struktureller Kasus: Nach etablier- Kasus
Ausnahmen (z. B. im Satz mich friert) alle finiten ter Auffassung ist im Deutschen das indirekte Ob-
Sätze Subjekte haben, ist das Auftreten von Ob- jekt nicht passivierbar, zumindest nicht in der
jekten nicht obligatorisch. Zahl und Art der Ob- Standardvarietät (s. Vertiefungskasten). Sein Ka-
jekte werden vom Verb bestimmt. Es gehört somit sus ist also gegenüber syntaktischen Operationen
zu den Rektionseigenschaften (s. S. 141) des Verbs, wie der Passivierung immun. Man spricht hier von
welche Objekte es zulässt und durch welche for- lexikalischem Kasus gegenüber dem strukturel-
malen Merkmale diese gekennzeichnet sind. Fol- len Kasus, der veränderbar ist.
gende Objekte werden unterschieden:
Akkusativobjekt (direktes Objekt, DO): Da das Definitionen
Objekt den (abstrakten) Kasus Akkusativ trägt,
kann es mit wen oder was erfragt werden. Ähnlich ➔ Lexikalischer Kasus ist ein bestimmter Kasus, der von einem be-
wie das Subjekt, kann auch das direkte Objekt in stimmten Lexem (z. B. einem Verb) an eine Nominalphrase vergeben
Form einer NP oder in der Form eines Satzes vor- wird und sich auch bei Umformung des Satzes nicht ändert.
liegen; im letzteren Fall spricht man von Objekt- ➔ Struktureller Kasus wird von der Art der syntaktischen Konfiguration
sätzen. Außer dass-Sätzen (oftmals mit optiona- festgelegt, ist also vom Einzellexem unabhängig. Bei Veränderung der
lem Korrelat es) können auch indirekte Fragesätze syntaktischen Konfiguration kann sich struktureller Kasus ebenfalls
und freie Relativsätze als Objektsätze auftreten. ändern.
(38) Was findest Du klasse? Lexikalischer Kasus ist somit eine inhärente Eigen-
schaft des regierenden Lexems, in unserem Fall
(39) (a) Ich finde [NP das ultraschnelle Notebook unserer Nachba- des Verbs vorführen. Da struktureller Kasus dem-
rin] klasse. gegenüber durch die Satzstruktur festgelegt wird,
(b) Ich finde (es) klasse, [S dass unsere Nachbarin das ul- kann er sich bei Veränderung der Satzstruktur
traschnelle Notebook bestellt hat]. ebenfalls verändern. Nun kann das indirekte Ob-
(c) Ich finde (es) klasse, [S welches Notebook unsere Nach- jekt zwar ins Vorfeld geschoben werden und zu-
barin bestellt hat]. (freier Relativsatz) sammen mit einem passivierten Verb vorkommen,
es behält aber dabei den Kasus Dativ bei, was für
(40) Ich frage mich, [S ob unsere Nachbarin das ultraschnelle lexikalischen Kasus typisch ist; das heißt, das indi-
Notebook bestellt hat] / [S welches Notebook unsere Nach- rekte Objekt wird nicht zum Subjekt:
barin bestellt hat]. (indirekte Fragesätze)
(43) (a) Ihm wurde von der Nachbarin das Notebook (NOM) vor-
Eine der wichtigsten Eigenschaften, die das direkte geführt.
Objekt von den anderen Objektarten unterscheidet, (b) *Er wurde von der Nachbarin das Notebook (AKK) vor-
ist, dass es bei der Passivierung über Kasuskon- geführt.
version zum Subjekt wird (s. 4.4.5). Das Subjekt
des korrespondierenden Aktivsatzes kann dann Dies unterscheidet das Deutsche vom Englischen.
mit einer von-PP wieder aufgenommen werden. Im Englischen gibt es ebenfalls Verben, die neben
147
4.3
Wörter und Sätze
Syntaktische Funktionen
Zur Vertiefung nige Verben wie gedenken, sich schämen oder sich
erinnern beschränkt, die noch den Genitiv regie-
Das bekommen-Passiv im Deutschen ren (können). An die Stelle der Genitivobjekte sind
In Nichtstandardvarietäten des Deutschen ist seit längerem ein Grammatikalisie- andere Konstruktionen mit Dativ und/oder Präpo-
rungsprozess (s. Kap. 9.4.4) im Gange, in dem Konstruktionen mit bekommen sition getreten:
oder kriegen und Partizip Präteritum sich zu Passivperiphrasen entwickeln.
Dabei erscheint das IO des Aktivsatzes als Subjekt des kriegen-Passiv-Satzes: (45) (a) Sie erfreut sich [NP ihres Notebooks]. – Sie erfreut sich
Anna wäscht ihm die Haare. o Er kriegt (von Anna) die Haare gewaschen. [PP an ihrem Notebook].
Dieser Prozess ist in verschiedenen Sprachschichten und Regionen unterschied- (b) Wir gedenken unseres Notebooks.
lich weit fortgeschritten (vgl. Leirbukt 1997; Lenz 2008). Dabei verhält sich der
Dativ als ein struktureller Kasus, da er echt passivierbar ist und auf Veränderung Auch der Genitiv als Objektskasus ist lexikalisch
der Satzstruktur reagiert (Wegener 1991). festgelegt, d. h. er kann keiner Kasuskonversion
unter Passivierung unterzogen werden.
dem Subjekt zwei Objekte verlangen, wobei die (46) [*Unser Notebook] (NOM) wird von uns gedacht.
beiden Objekte im Kasus nicht unterschieden sind.
Im Englischen können aber beide Objekte durch Dass es durchaus auch Genitiv-Objektsätze gibt,
Passivierung zum Subjekt werden: mag vielen nicht auf den ersten Blick offensicht-
lich scheinen, doch kann man dies leicht durch
(44) (a) The notebook was shown to him (by his neighbour). den entsprechenden Fragetest nachweisen. Mög-
(b) He was shown the notebook (by his neighbour). lich sind dass-Sätze und indirekte Fragesätze:
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4.3
Wörter und Sätze
Adverbiale
deshalb auch nicht durch einen Kasus oder durch Eine Ausnahme hierzu stellen lediglich Instru- Präposition und
eine andere Präposition ersetzt werden. mentale (s. 4.3.3) dar, die durch das Pronominal- Pronominaladverb
adverb womit erfragt werden, da ihnen keines der
(50) (a) Unsere Nachbarin wartet auf/vor/neben der Terrasse. einfachen Adverbien entspricht.
(Adverbiale)
(b) Unsere Nachbarin wartet auf/*für das Notebook/ *des (54) Womit rechnet unsere Nachbarin? – Mit einem ultraschnellen
Notebooks. (PObj) Notebook./ Damit. (zweideutig)
Welche Präposition ein Verb regiert, ist Teil seiner Auch Präpositionalobjekte können satzwertig sein
lexikalischen Eigenschaften: glauben an, taugen und als dass-Sätze, freie Relativsätze und indirekte
zu, achten auf etc. Die Auswahl der Präpositionen Fragesätze auftreten.
ist ein sprachhistorischer Zufall, weshalb selbst
zwischen relativ nah verwandten Sprachen wie (55) (a) Worüber freut sie sich? Sie freut sich (darüber), dass das
Deutsch und Englisch Unterschiede bei Verben Notebook gekommen ist.
identischer Bedeutung zu verzeichnen sind (51). (b) Woran denkt er? Er denkt, woran alle denken.
Es kann auch sein, dass Präpositionalobjekten in (c) Woran zweifelst Du? Ich zweifle (daran), ob die noch ein
der einen Sprache kasusmarkierten Objekten in Notebook vorrätig haben.
der anderen entsprechen (51b).
(51) (a) abhängen von ~ depend on, sich beziehen auf ~ refer
to, glauben an ~ believe in etc. 4.3.3 | Adverbiale
(b) sich erinnern an ~ remember, sich freuen über ~ enjoy,
hinwegsehen über ~ disregard etc. Adverbiale können im weiteren Sinne als Um-
standsangaben verstanden werden, die in einigen
Ob es auch ein sprachhistorischer Zufall ist, dass im Fällen vom Verb gefordert, häufiger aber frei hin-
Deutschen keine Präpositionalobjekte existieren, de- zufügbar sind. Sie werden also in der Regel nicht
ren Präposition den Genitiv regiert, ist unklar; jeden- vom Verb regiert. Selbst wenn vom Verb ein Ad-
falls werden von Verben nur Präpositionen regiert, verbial gefordert ist, legt dieses weder einen Kasus
die wiederum den Dativ oder Akkusativ regieren. noch eine bestimmte Präposition fest:
Auch für Präpositionalobjekte steht uns ein
Fragetest zur Verfügung. Als Fragewort wird stets (56) (a) Das Notebook liegt auf dem Kaffeetisch/ unter dem Ma-
ein Pronominaladverb (auch ›Präpositionalad- gnolienbaum. (Ortsangabe gefordert)
verb‹ genannt) verwendet, also eine Proform, die (b) Er benimmt sich vorbildlich/ wie ein Clown.
aus einem Adverb und einer Präposition gebildet (Angabe über die Art und Weise gefordert)
wird, eventuell mit einem aus phonotaktischen
Gründen notwendigen eingeschobenen Laut [r]: Zur Vertiefung
davon, wovon; darauf, worauf; daran, woran. Die
Unterscheidung AP und AdvP
verwendete Präposition entspricht stets derjenigen
Im Satz (57b) wird täglich als AP klassifiziert, also als Adjektivphrase. So man-
der korrespondierenden bzw. zu erfragenden Prä-
cher mag hier den Einspruch erheben, das Wort sei doch ein Adverb. Doch kann
positionalphrase.
man das Wort wie ein Adjektiv nominal flektieren (die tägliche Lektüre); es ist
darum, wie alle Adjektive, die auch adverbial verwendet werden können, der
(52) (a) Woran denkt er? Er denkt [PP an das superschnelle Note-
Kategorie A zuzuordnen. Schwieriger ist es bei reinen Adverbien wie dort, die
book der Nachbarin].
niemals nominal flektieren (es sei denn in derivierter Form, wie in die dortigen
(b) Sie wartet noch darauf.
Ereignisse). In manchen Phrasenstrukturmodellen wird der Einfachheit halber
auf die Unterscheidung der Kategorien AP und AdvP verzichtet. Wenn man sie
Adverbiale Präpositionalphrasen werden dage-
treffen möchte, sollten die Phrasen jedoch nur nach der Kategorie ihrer Kopf-
gen immer durch einfache Adverbien ersetzt bzw.
elemente unterschieden werden und nicht nach ihrer Funktion. Somit sind nur
mit solchen erfragt.
reine Adverbien wie dort und dann Kopf einer AdvP, während Adjektive wie täg-
lich oder lange Köpfe von APs sind, auch wenn sie adverbial verwendet werden.
(53) (a) Wo wartet unsere Nachbarin? – Sie wartet auf/vor/neben
der Terrasse./ Sie wartet dort. (a) [AdvP Dann] ist es endlich doch gekommen.
(b) Worauf wartet unsere Nachbarin? – Sie wartet auf das (b) [AP Lange] hatten wir darauf gewartet.
ultraschnelle Notebook./ Sie wartet darauf.
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4.3
Wörter und Sätze
Syntaktische Funktionen
In den meisten Fällen werden Adverbiale jedoch Modale Adverbiale geben Auskunft über die Art
dem Satz frei hinzugefügt und liefern eine zusätzli- und Weise, in der ein Sachverhalt besteht oder
che Information zum dargestellten Sachverhalt. sich vollzieht. Es lassen sich unterscheiden: Um-
Semantisch kennzeichnen sie, vereinfacht gesagt, standsbestimmung im engeren Sinne (wie?), in-
die Umstände, unter denen ein Sachverhalt besteht strumentale Adverbien (Mittel zum Zweck; wo-
oder sich vollzieht. Im Prinzip kann jede der bis- mit?), Komparation (vergleichend), evtl. auch
lang eingeführten Phrasenkategorien (außer VP) adversative Adverbien (Gegensatz). Modaladver-
als Adverbial dienen. Aus diesem Grund werden biale können als APs, PPs, AdvPs und Sätze auf-
sie in der Regel nach rein semantischen Gesichts- treten:
punkten unterteilt, so wie auch die korrespondie-
renden Fragewörter (bzw. Interrogativphrasen) (59) (a) Er hat das Notebook [AP gründlich] und [PP mit großer
rein semantisch zu unterscheiden sind. Ausdauer] ausprobiert, [S indem er es an einen ultra-
Temporale Adverbiale beziehen sich auf eine schnellen Koprozessor anschloss]. (Wie?)
Zeit, eine Zeitdauer oder eine Häufigkeit und wer- (b) [AdvP So] hat er das Notebook ausprobiert.
den mit wann, wie lange und wie oft erfragt. (c) [PP Mithilfe eines ultraschnellen Koprozessors] hat er das
Notebook ausprobiert. (Womit?)
(57) (a) [NP Die ganze Woche] freuten wir uns auf das neue Note- (d) Der Prozessor arbeitet schneller als das Notebook.
book. (Wie lange?) (Komparation)
(b) Wir standen [AP täglich] früh auf und warteten. (e) [S Während sie Linguistin ist], ist er Profifußballer.
(Wie oft?) (adversativ)
(c) [PP Nach Sonnenuntergang] haben wir dann zu warten (f) [PP Gegenüber Linguisten] haben Fußballer wirklich ei-
aufgehört. (Wann?) nen langweiligen Job. (adversativ)
(d) [S Als es dann schließlich doch noch klingelte], wollte es
schon keiner mehr hören. (Wann?) Kausale Adverbiale: Adverbiale, die Grund-Folge-
Beziehungen ausdrücken, fasst man unter den
Lokale Adverbiale geben einen Ort oder eine Rich- kausalen Adverbialen (im weiteren Sinne) zusam-
tung an. Meist sind es PPs oder AdvPs, doch sind men. Auch hier lassen sich wiederum Untertypen
auch freie Relativsätze möglich: unterscheiden: kausal im engeren Sinne (Ursa-
che), konzessiv (Gegengrund), konditional (Be-
(58) (a) [PP Unter dem Magnolienbaum] hat er das Notebook aus- dingung), konsekutiv (Folge), final (Zweck). Jede
probiert. dieser Adverbialklassen kann durch eine PP oder
(b) [AdvP Dorthin] hat er das Notebook bestellt. einen Satz wiedergegeben werden. Es gibt spezifi-
(c) [S Wo wir jetzt sitzen], stand früher ein Magnolienbaum. sche Adverbien, durch die diese Adverbialklassen
Zur Vertiefung ersetzt oder erfragt werden können.
Unterscheidung Modaladverbial vs. freies Prädikativ (prädikatives Attribut): (60) (a) Interessehalber/ aus Interesse/ weil es ihn interessierte(,)
Oftmals scheint es nicht eindeutig, ob es sich bei einer Phrase um ein Adverbial probierte er das Notebook aus.
oder um ein freies Prädikativ handelt. Letztere geben keine Informationen über (b) Weshalb/ deswegen probierte er das Notebook aus(?).
den Sachverhalt, sondern Auskunft über den Referenten, auf den sich das Sub- (kausal)
jekt oder das Objekt beziehen. Z. B.:
(61) (a) Trotz seines Interesses/ obwohl er interessiert war(,) kam
(1) Völlig übernächtigt hat er das Notebook ausprobiert. er zu keinem Ergebnis.
(b) Dennoch/ trotzdem kam er zu keinem Ergebnis.
Hier bestimmt völlig übernächtigt nicht die Art und Weise der Untersuchung,
(konzessiv)
sondern drückt eine Eigenschaft desjenigen aus, der die Untersuchung vornahm.
Welche Art der Bestimmung vorliegt, lässt sich entscheiden, indem man den Satz
(62) (a) Bei gründlicher Untersuchung/ untersucht man es gründ-
in zwei koordinierte Sätze auflöst – was sowohl bei Adverbialen als auch bei
lich(,) findet man die Fehler.
freien Prädikativen geht.
(b) Wann/ dann findet man die Fehler(?).
(2) (a) Er probierte das Notebook aus und das geschah gründlich/ mit großer Ausdauer/ (konditional)
indem er es an einen Koprozessor anschloss. (63) (a) Der Prozessor hat so ultraschnell gerechnet, dass ihm
(b) *Er probierte das Notebook aus und das geschah völlig übernächtigt. keiner folgen konnte. (konsekutiv)
(c) Er probierte das Notebook aus und (er) war (dabei) völlig übernächtigt. (b) Der Prozessor hat [PP zu unser aller Erstaunen] wirklich
ultraschnell gerechnet. (konsekutiv)
150
4.3
Wörter und Sätze
Das Pronomen es
(64) (a) Damit ihm keiner folgen kann, soll der Prozessor ul- Es kann eine NP, eine VP oder einen Satz vertre-
traschnell sein. (final) ten. Es hat dann die prototypische Stellvertreter-
(b) Wir haben das Notebook [PP zum Rechnen]/ [S um zu funktion eines Pronomens:
rechnen]. (final)
(67) (a) [NP Das Notebook] ist heute angekommen. Es ist noch in
Satzadverbiale: Die Satzadverbialen stellen eine der Verpackung.
eigene Funktionsklasse dar, da sie, anders als die (b) Gustav will [VP das Notebook auspacken], aber er schafft
bislang besprochenen Adverbialen, keine Anga- es nicht.
ben zu einem Sachverhalt oder dessen Verlauf (c) [S Der Prozessor wird ultraschnell sein]. Ich hoffe es zu-
machen, sondern die Darstellung des Sachver- mindest.
halts insgesamt rahmen. Man nennt den Teil des
Satzes, auf den sich ein Adverb bezieht, seinen Es als Platzhalter: In dieser Funktion tritt das Pro- Expletiv
Skopus. Satzadverbiale haben also den gesamten nomen es genau dann auf, wenn in einem deklara-
übrigen Satz im Skopus. Unter den Satzadverbia- tiven Hauptsatz (also bei V2-Stellung) alle anderen
len stechen wiederum die sog. Sprechereinstel- phrasalen Konstituenten im Mittelfeld oder Nach-
lungsadverbialen hervor, die eine Stellungnah- feld stehen. Sobald man eine andere Konstituente
me des Sprechers zum Inhalt des Satzes ausdrü- ins Vorfeld stellt, rückt dieses reine Expletiv (›Füll-
cken (z. B. Einschätzung des Realitätsgrades oder element‹) also nicht ins Mittelfeld, sondern verliert
Bewertung). seine Funktion im Satz und verschwindet ganz.
(65) (a) Das Notebook ist vielleicht/ aller Wahrscheinlichkeit (68) (a) Es kamen schon viele Notebooks auf den Markt.
nach/ bestimmt ausverkauft. (b) Schon viele Notebooks kamen (*es) auf den Markt.
(Einschätzung des Realitätsgrades)
(b) Das Notebook war leider/ zu unserem Bedauern/ bedau- Dieses es ist also kein Satzglied und kann deshalb
erlicherweise ausverkauft. (emotionale Stellungnahme) nicht erfragt werden; schon gar nicht ist es ein
Subjekt, mit dem das Finitum kongruieren müsste
(s. 4.3.1).
4.3.4 | Das Pronomen es (69) (a) *Was kamen schon viele Notebooks auf den Markt?
(b) *Es kam schon viele Notebooks auf den Markt.
Da das Pronomen es im Deutschen äußerst viel-
schichtige Funktionen erfüllt, die sich jeweils aus
der syntaktischen Umgebung bestimmen lassen, Definition
wollen wir diesen in diesem Abschnitt besondere
Aufmerksamkeit widmen (vgl. ausführlicher Pitt- ➔ Expletive sind Wörter ohne eigene Bedeu-
ner/Berman 2010: 126 ff.) tung, die in Positionen stehen, die nicht leer
Es als Stellvertreter: In diesem Fall hat das Pro- sein dürfen.
nomen es Satzgliedwert und verweist auf ein Ele-
ment aus dem situativen Kontext (deiktische/hin-
weisende Verwendung) oder aus dem sprachlichen Es als Korrelat: Wenn eine satzwertige Konstituen-
Kontext (Kotext). Im letzteren Fall wird zwischen te (etwa aus Gründen der Informationsstrukturie-
anaphorischer (d. h. rückverweisender) oder ka- rung) im Nachfeld steht, kann es möglich oder gar
taphorischer (vorausweisender) Verwendung un- notwendig sein, dass im Mittelfeld oder Vorfeld ein
terschieden. sog. Korrelat auftritt, das den extraponierten Satz
sozusagen mit dem Satzinneren des Hauptsatzes
(66) (a) Hast du es gesehen? (deiktisch) verknüpft. Steht der subordinierte Satz im Vorfeld,
(b) Gestern stand es noch im Katalog, und heute gilt das verschwindet auch dieses es.
Notebook als veraltet. (kataphorisch)
(c) Heute gilt das Notebook als ultraschnell, morgen würde (70) (a) Uns hat (es) sehr gefreut, dass das Notebook heute ge-
es keiner mehr bestellen. (anaphorisch) kommen ist.
(b) Es hat uns sehr gefreut, dass das Notebook heute gekom-
men ist.
151
4.3
Wörter und Sätze
Syntaktische Funktionen
(c) Dass das Notebook heute gekommen ist, hat (*es) uns Dennoch besteht es den Konstituententest der Ver-
sehr gefreut. schiebbarkeit, denn es kann auch im Mittelfeld
stehen:
Korrelate Wie auch als Stellvertreter direkter Objekte, kann
es als Korrelat für Objektsätze nicht im Vorfeld ste- (74) Gestern hat es fürchterlich geregnet.
hen. Dort können allerdings andere Korrelate (z. B.
das) oder der Objektsatz selbst stehen: Weitere Beispiele für Verben mit formalem Subjekt:
(71) (a) Ich habe (es) gehofft, dass der Prozessor ultraschnell (75) (a) Er fürchtet, dass es keine Notebooks mehr gibt.
sein wird. (b) Hierbei handelt es sich um einen Irrtum.
(b) Das/ *es habe ich gehofft, dass der Prozessor ultraschnell
sein wird. Manche Verben erlauben ein formales Subjekt al-
(c) Dass der Prozessor ultraschnell sein wird, habe ich ge- ternativ zu einem referentiellen:
hofft.
(76) (a) Unsere Nachbarin/ es hat geklingelt.
Zur Vertiefung (b) Wer hat geklingelt? – Unsere Nachbarin/ *Es.
Weitere Korrelate
Auch als formales Objekt kann es verwendet wer-
Bei Subjektsätzen und direkten Objektsätzen kann es (neben dies und das) als
den. Wie alle Objekts-es (s. o.) kann dieses es aber
Korrelat auftreten. Bei anderen Arten satzwertiger Konstituenten werden andere
nicht im Vorfeld stehen.
Korrelate verwendet. So haben Präpositionalobjektsätze als Korrelat immer ein
Pronominaladverb; es kann (je nach Verb) obligatorisch oder optional sein.
(77) (a) Unsere Nachbarin hat es zu etwas gebracht.
(1) (a) Man muss beim Notebookkauf darauf achten, wie schnell der Prozessor ist. (b) *Es hat unsere Nachbarin zu etwas gebracht.
(b) Wir verließen uns darauf, dass das Notebook modern war.
(c) Wir hatten ihn (dazu) überredet, das Notebook zu kaufen.
(d) Er hat sich (darüber) geärgert, dass er das Notebook nicht früher gekauft hat.
4.3.5 | Attribute
Beim Genitivobjektsatz wird als Korrelat dessen verwendet.
Anders als die bislang besprochenen Funktionen,
(2) Er rühmte sich (dessen), dass er das schnellste Notebook aller Zeiten besäße. die Satzgliedern bzw. phrasalen Satzkonstituenten
zukommen, sind Attribute keine Funktionen von
Auch extraponierte Adverbialsätze haben Korrelate, die optional oder obligato- Satzgliedern, sondern von Erweiterungen von
risch sein können. Satzgliedern (d. h. Satzgliedteilen). Sie haben die
Funktion, zusätzliche Eigenschaften der jeweiligen
(3) (a) Das ist (deshalb) schade, weil wir es gleich ausprobieren wollten. Kopfelemente auszudrücken. In der Regel sind sie
(b) Das Ding ist so ultraschnell, dass man kaum schauen kann. daher nicht alleine verschiebbar (eine Ausnahme
(c) Das haben die dadurch hingekriegt, dass sie den Prozessor getuned haben. stellt die bereits angesprochene Extraposition von
Relativsätzen dar, die nichts anderes sind als satz-
wertige Attribute) und niemals vorfeldfähig.
Formale Satzglieder Es als formales Satzglied: Satzglieder müssen nicht
unbedingt referentiell sein. So können Verben Definition
durchaus ein Subjekt fordern, auch wenn dieses
keinerlei Denotat hat. Ein gängiges Beispiel sind die ➔ Attribute sind Erweiterungen von schon
Wetterverben, die ein Ereignis bezeichnen, an dem vorhandenen Satzgliedern, die zusätzliche
keine individualisierbaren Mitspieler beteiligt sind. Eigenschaften des Kopfelements ausdrücken.
Attribute haben daher nicht den Status
(72) Es schneit/ regnet/ hagelt/ donnert. eigenständiger syntaktischer Funktionen.
152
4.3
Wörter und Sätze
Attribute
und kongruieren dann mit diesem in Genus und Dies weist darauf hin, dass der pränominale Geni-
Numerus: tiv eher die Funktion eines Determinans erfüllt als
die eines Attributs.
(78) (a) das [AP ultraschnelle] Notebook Präpositionalattribut: Auch PPs können in At-
(b) der [AP [stets] [seiner Theorie] treue ] Linguist tributfunktion verwendet werden:
(c) ein [AP modern aussehendes] Notebook
(Partizip Präsens) (83) (a) ein Prozessor aus Titanium
(d) das [AP kürzlich verschickte] Notebook (b) das Notebook auf dem Kaffeetisch
(Partizip Perfekt)
Attributive Adverbien: Vor allem lokale Adverbien
Nur in Ausnahmefällen folgen adjektivische Attri- können in Attributfunktion verwendet werden.
bute dem Substantiv. So werden ›schwere‹ APs
(d. h. solche, die viel lexikalisches Material enthal- (84) das Notebook dort
ten) oft nachgestellt. Sie sind dann unflektiert und
deutlich durch Komma abgesondert. Außerdem Relativsätze sind, funktional betrachtet, nichts an-
gibt es gewisse idiomatische Wendungen, oft in deres als Attribute, nur eben solche, die das Format
Form von Adjektivkoordination, die nachgestellte eines ganzen Nebensatzes haben. Dass Relativsatz
Attribute aufweisen. und Bezugsnomen zusammen eine Konstituente
bilden, zeigen Vorfeldtest und Fragetest:
(79) (a) Unsere Nachbarin, auf ihr neues Notebook stolz und vor
Glück strahlend, saß im Garten. (85) (a) [NP Ein [ [ultraschnelles Notebook] [S auf das sie sehr
(b) Forelle blau; ein Mädchen lieb und nett (idiomatisiert) stolz ist] ] ], hat unsere Nachbarin bestellt.
(c) *ein Notebook modern und schnell (b) Wer hat dieses ultraschnelle Notebook bestellt? [NP Un-
(nicht idiomatisiert) sere [Nachbarin, [S die darauf sehr stolz ist.] ] ]
Ob Adjektivattribute dem Kopfnomen vorangehen Gliedsätze: Da Attributsätze durchaus häufig auf- Klassifikation
oder folgen, ist von Sprache zu Sprache unter- treten, ist es sinnvoll, eine grundsätzliche Klassi- der Nebensätze
schiedlich. Beispielsweise geht das Adjektiv dem fikation der Nebensätze nach der Funktion im
Nomen im Tschechischen voran, während es im Matrixsatz vorzunehmen. Gliedsätze sind Neben-
Polnischen auf dieses folgt: sätze mit Satzgliedfunktion; dazu gehören Sub-
jektsätze, Objektsätze, Prädikativsätze und ver-
(80) (a) Tschechisch: dobrý den = ›guten + Tag‹ schiedene Adverbialsätze (temporal, kausal,
(b) Polnisch: dzieĔ dobry = ›Tag + guten‹ konditional etc). Diese sind immer erfragbar, pro-
nominalisierbar und können vor dem Finitum im
Genitivattribut: Auch NPs im Genitiv können als Hauptsatz stehen:
Attribute dienen; diese sind in der Regel nachge-
stellt: (86) (a) Was hat er gesagt?
(b) Das hat er gesagt.
(81) (a) das Notebook der Nachbarin (genetivus possessivus) (c) Dass er unserer Nachbarin eine Magnolie schenken will,
(b) die Überprüfung des Prozessors (genetivus objectivus) hat er gesagt.
(c) der Absturz des Notebooks (genetivus subjectivus)
(e) ein Prozessor hoher Rechengeschwindigkeit Gliedteilsätze sind Teile eines Satzgliedes, die kei-
(genetivus qualitatis) ne selbständige Funktion im übergeordneten Satz
haben. Es sind Attributsätze, die in der Regel
Manche Genitivattribute, insbesondere von Eigen- nachgestellt sind und vor dem finiten Verb nur zu-
namen, können auch vorangestellt werden (prä- sammen mit einem Bezugselement auftreten. Sie
nominaler Genitiv) und stehen dann in komple- sind weder erfragbar noch auf eine andere Weise
mentärer Verteilung mit Determinantien (Artikel- pronominalisierbar:
wörtern).
(87) (a) Sie hat ein Notebook bestellt, auf das sie sehr stolz ist.
(82) (a) Petras Notebook (b) *Auf das sie sehr stolz ist, hat sie ein Notebook bestellt.
(b) *das Petras Notebook (c) *Was hat sie ein Notebook bestellt? – Auf das sie sehr
stolz ist.
153
4.4
Wörter und Sätze
Argumentstruktur
Allein die freien Relativsätze, die Pittner (2007: (89) (a) die Hoffnung, das Notebook bald zu bekommen
737) »verkappte Attributsätze« nennt, können als (b) die Befürchtung, der Prozessor wäre nicht schnell genug
selbständige Satzglieder auftreten. (c) die Tatsache, dass die Nachbarin ein ultraschnelles Note-
book hat
(88) [S Was dieses Notebook alles kann], hat uns überrascht. (d) die Frage, ob es am Prozessor liegt
(e) die Unkenntnis, wo der Fehler liegt
Außer den nicht-freien Relativsätzen kommen als (f) die Zeit, als die Notebooks noch langsam waren
Attributsätze außerdem verschiedene Arten von (g) der Ort, wo er das Notebook ausprobierte
eingeleiteten Nebensätzen vor, zudem auch V2-
Sätze und Infinitivsätze.
4.4 | Argumentstruktur
Schon bei der Diskussion des Begriffs der Rektion (90) (a) Mapplosaft ist ein Notebook. (= besitzt die Merkmale
(s. S. 141) haben wir festgestellt, dass manche Ele- eines Notebooks)
mente im Satz die Anwesenheit anderer erfordern. (b) Mapplosaft ist ultraschnell. (= besitzt das Merkmal, ul-
Insbesondere hängt es von der Art des Verbs ab, traschnell zu sein)
welche und wie viele weitere Mitspieler im Satz (c) Das Notebook läuft (endlich). (= besitzt die Merkmale
auftreten können oder müssen. Verben können des am Laufen-Seins)
sich also in ihrer Argumentstruktur unterscheiden. (d) Gustav liebt Mapplosaft. (= Gustav und Mapplosaft sind
Definition an einem Sachverhalt beteiligt, der durch die Merkmale
von lieben und geliebt werden gekennzeichnet ist.)
Mit ➔ Argumentstruktur bezeichnen wir die Anforderungen des verba-
len Kerns (d. h. des Prädikats), weitere, von ihm abhängige Mitspieler zu
sich zu nehmen.
4.4.2 | Dependenz und Valenz
Dependenzgrammatik: Der Kern der Dependenz-
grammatik ist die Annahme, dass sich das Bau-
4.4.1 | Grundlagen prinzip des ganzen Satzes (bzw. von Phrasen) aus
lexikalischen Eigenschaften des Verbs (bzw. ande-
Prädikat und Argument: Vor der systematischen rer Kopfelemente) ergibt. Diese Idee hat nach gän-
Betrachtung der Argumentstruktur gilt es zu- gigen Annahmen erstmals Lucien Tesnière 1959 in
nächst, die Begriffe ›Prädikat‹ und ›Argument‹ zu seinem Buch Eléments de syntaxe structurale be-
klären. Kern einer Proposition, einer (Satz-)Aussa- schrieben. In diesem Werk führte Tesnière auch
ge, stellt die Prädikation dar. Prädikate sind alle den in der Chemie gebräuchlichen Terminus ›Va-
Ausdrücke, die Individuen oder Sachverhalten lenz‹ (= Wertigkeit) in die Sprachwissenschaft ein
eine Anzahl von Merkmalen bzw. Eigenschaften (Tesnière 1959: 161):
zuschreiben können.
»Man kann so das Verb mit einem Atom vergleichen, an
dem Häkchen angebracht sind, so daß es je nach der An-
Definitionen zahl der Häkchen eine wechselnde Zahl von Aktanten an
sich ziehen und in Abhängigkeit halten kann. Die Anzahl
Ein ➔ Prädikat ist ein Ausdruck, durch den einem Individuum oder der Häkchen, die ein Verb aufweist, und dementsprechend
mehrere Individuen oder einem Sachverhalt, an dem ein Individuum die Anzahl der Aktanten, die es regieren kann, ergibt das,
was man die Valenz des Verbs nennt.«
oder mehrere Individuen beteiligt sein können, eine Anzahl kennzeich-
nender Eigenschaften bzw. Merkmale zugeschrieben werden.
Als ➔ Argumente bezeichnet man diejenigen Individuen, denen Die Eigenschaft des Verbs, Valenzträger zu sein, ist
(in einem Satz/einer Phrase) durch ein Prädikat eine Anzahl kennzeich- somit Bestandteil eines Syntaxmodells. Das Verb
nender Eigenschaften zugeschrieben wird oder die an einem durch ein als Nukleus regiert die Aktanten (auch Depen-
Prädikat denotierten Sachverhalt beteiligt sind. dentien), die an dem vom Verb denotierten Sach-
verhalt beteiligt sind (also der Argumente nach
154
4.4
Wörter und Sätze
Dependenz und Valenz
Zur Vertiefung
Prädikatenlogik
Prädikatenlogik ist eine wissenschaftliche Metasprache, die eigens dazu entwickelt wurde, Aussagendenotate
formallogisch zu explizieren (vgl. Schwarz/Chur 2007: 142 ff.; Lohnstein 2011: 55 ff., 155 ff.). Da sie ein nützli-
ches Instrument darstellt, um die Argumentstruktur zu formalisieren, wollen wir diese im Folgenden in stark
vereinfachter Form vorstellen.
In einer Prädikatenlogik erster Stufe sind sowohl Prädikate als auch Eigennamen nicht-logische (d. h. nicht her-
leitbare) Konstanten. Prädikatskonstanten können Individuenkonstanten als Argumente nehmen. Dies lässt
sich wie folgt formalisieren:
Hierbei steht wein’ für das semantische Prädikat, der Apostroph kennzeichnet den Ausdruck als metasprachlich;
anders als im Satz werden die Prädikate unflektiert dargestellt. Prädikate werden wie in der mathematischen
Logik als Funktionen über die Argumente aufgefasst, die in der darauffolgenden Klammer stehen. Die besondere
Funktion eines Prädikats ist es, Wahrheitsbedingungen für Propositionen zu denotieren, d. h. Bedingungen,
unter denen Aussagen über (Mengen von) Individuen oder Sachverhalte wahr oder falsch sein können.
Weitere Wahrheitsbedingungen liefern die sog. Funktoren bzw. Operatoren: Junktoren und Quantoren.
Quantoren benötigt man in dieser Metasprache dann, wenn als Argument keine Individuenkonstante vorliegt,
sondern eine Variable. Eine Formel der Prädikatenlogik, in der alle Variablen gebunden sind, bezeichnet man
als geschlossene Formel. Eine Formel mit mindestens einer freien Variablen heißt offene Formel (Lohnstein
2011: 82). Offene Formeln lassen sich nicht ohne weiteres interpretieren, da den Prädikaten kein Denotat zuge-
wiesen werden kann.
(4) (a) x[getigert’(x)oKatze’(x)]: Wenn etwas getigert ist, dann ist es eine Katze.
(d. h. für alle Individuen x gilt, dass, wenn x getigert ist, dann ist x eine Katze.)
(b) x[Katze’(x)getigert’(x)]: Éine Kàtze ist getigert.
(d. h. etwas hat die Eigenschaften einer Katze und außerdem, getigert zu sein)
Intuitiv lässt sich das so verstehen: Der Begriff eine Katze bezeichnet etwas, das eine Katze ist. Diejenigen Indi-
viduen x, die Katzen sind, können als Katze bezeichnet werden. Um das Denotat der Bezeichnung Katze darzu-
stellen, benötigt man noch einen weiteren Operator, der die gesamte Klasse eines Begriffs fassen kann: den
klassenbildenden O-Operator, der immer dann verwendet wird, wenn Denotate von Prädikaten dargestellt wer-
den sollen, deren Argumente vor der Prädikation ja nicht festgelegt sind.
(b) OyOx[lieb’(x,y,z)]
»diejenigen Individuen y und x für die gilt, dass x y liebt«
(c) OzOyOx[schenk’(x,y,z)]
»diejenigen Individuen z, y und x für die gilt, dass x y z schenkt«
155
4.4
Wörter und Sätze
Argumentstruktur
Dependenz unserer obiger Definition), deren Anwesenheit so- ständige syntaktische Beschreibung liefern, und
mit vom Verb ›gefordert‹ ist. Die Dependenz kann zwar (mindestens) aus zwei Gründen. Zum einen
in Baumdiagrammen dargestellt werden, sog. sind Verknüpfungsregularitäten (d. h. der eigentli-
Stemmata. che ›Satzbau‹) nicht Teil des Dependenzmodells
(s. Vertiefungskasten), d. h. es fehlen Angaben zur
(91) Unsere schlaue Nachbarin hat das ultraschnelle Notebook Konstituenten- bzw. Phrasenstruktur. Zum Zwei-
bestellt. ten ist hier die Unterscheidung zwischen Argu-
menten und Angaben zunächst nicht klar. So ist
hat bestellt z. B. nicht jedes Adverbial eine freie Angabe, denn
Adverbiale können durchaus auch notwendige Er-
Nachbarin Notebook gänzungen (also Argumente) sein, wie in den Bei-
spielen in (93).
unsere schlaue das ultraschnelle (93) (a) Er wohnt vor/hinter/in/bei der Stadt.
(b) Stuttgart liegt am Neckar.
Dependentien, die nicht vom Verb gefordert wer- (c) Gustav legt das Buch hinter das Klavier.
den (Tesnière nennt sie circonstants, d. h. Um- (d) Er wirft den Fernseher aus dem Fenster.
standsangaben, freie Angaben), bilden lediglich (e) Er benimmt sich schlecht.
die ›Kulisse‹ des Satzes (im folgenden Beispiel das
Lokaladverbial im Garten). Ein Stemma zeigt nur, was wovon abhängt, nicht
aber, welcher Art diese Abhängigkeit ist. Die De-
(92) Unsere schlaue Nachbarin hat das ultraschnelle Notebook im pendenzdarstellung muss durch eine differenzierte
Garten getestet. Betrachtung der Valenz (s. 4.4.3) präzisiert wer-
den: Was macht Valenz überhaupt aus? Welcher
hat getestet
Natur ist die Rektion bzw. die Forderung bestimm-
ter Ergänzungen durch das Verb und andere Kopf-
Nachbarin Notebook Garten elemente?
156
4.4
Wörter und Sätze
Arten der Valenz
(95) (a) einstellige Adj.: flach, belebt, blau, grün, gesund etc. Semantische Rollen / Ĭ-Rollen
(b) zweistellige Adj: nahe, treu, ansässig etc.
(c) dreistellige Adj.: überlegen, schuldig, behilflich etc. AGENS: Täter, Handelnder (in der Regel das Subjekt des Satzes)
THEMA: Gegenstand einer Handlung (in der Regel das direkte
(96) (a) einstellige Nom: Baum, Auto etc. Objekt)
(b) zweistellige Nom: Sturz, Vater, Studium etc. PATIENS: erduldet eine Handlung; auch Opfer (in der Regel das
(c) dreistellige Nom: Vermietung, Auslieferung etc. direkte Objekt; eigentlich ein belebtes THEMA, darum
häufig einfach unter THEMA subsumiert)
Wertigkeit höher als drei: Manche Valenzforscher REZIPIENT: Empfänger des THEMAs einer Vergabehandlung
klassifizieren bis zu fünfstellige Prädikate (vgl. (in der Regel das Dativobjekt); meist mit dem Merkmal
Wotjak/Wotjak 1983), doch ist es dann oft umstrit- belebt assoziiert
ten, ob es sich bei manchen der Ergänzungen INSTRUMENT: Mittel, das zu einem Zweck eingesetzt wird; auch zur
nicht eigentlich um freie Angaben handelt (s. dazu Benennung unbelebter Verursacher eines Ereignisses
4.4.4). verwendet
ZIEL: Ziel, Endpunkt einer Bewegungshandlung
(97) Die Nachbarin1 hat uns2 für Gustav3 ein ultraschnelles Note- QUELLE: Ausgangspunkt einer Bewegungshandlung
book4 in den Garten5 gestellt. BENEFAKTIV: zu dessen Nutzen/Schaden etwas geschieht
(einen ›Malefaktiv‹ unterscheidet man davon in
Semantische Valenz: Von der rein quantitativen lo- der Regel nicht)
gischen Valenz unterscheiden Helbig/Schenkel LOKATION: der Ort, an dem ein Sachverhalt gilt
(1971: 65) die wesentlich spezifischere semanti- EXPERIENS: Träger eines mentalen oder emotionalen Prozesses
sche Valenz, nämlich die Tatsache, dass »Verben (z. B. erschrecken) (engl. experiencer)
bestimmte Kontextpartner fordern«. Die semanti- STIMULUS: Auslöser eines solchen Prozesses (manchmal auch
sche Valenz eines Wortes legt nicht nur fest, wie unter THEMA subsumiert)
viele Ergänzungen der Wortbedeutung für die Be-
setzung ihrer Valenzstellen zuzuordnen sind, son-
dern auch, ob die in den Satz eingehenden Er- nicht wirklich Einigkeit darüber, welche und wie
gänzungen mit dem Prädikat bzw. miteinander viele 4-Rollen angenommen werden sollten.
vereinbar sind oder nicht. Das Subjekt eines Aktionsverbs trägt immer die Arten der Valenz
Rolle des AGENS (vgl. 101a, b, e, f, i). Ein kausati-
(98) (a) Gustav schickt seinem Bruder einen Brief nach München. ves Verb ist dadurch gekennzeichnet, dass ein Er-
(b) *Gustav schickt München einen Brief an seinen Bruder. eignis vorliegt, in dem der Zustand, die LOKATION
(c) *Gustav gibt dem Regal ein Buch. o. Ä. eines THEMA-Arguments verändert wird (101b,
c, e, f) und es einen identifizierbaren Verursacher
(99) (a) Gustav ist in München ansässig. gibt. Dieser Verursacher muss nicht immer ein
(b) *Gustav ist bei Gesine ansässig. AGENS sein (zu dessen Merkmalen gehört nämlich,
(c) Gustav wohnt in München/ komfortabel/ bei Gesine. dass etwas willentlich oder unwillentlich gesche-
hen kann), sondern es kann sich dabei auch um
(100) Gustavs Sturz aus dem Hubschrauber/ über den Bordstein/ ein INSTRUMENT handeln (101c).
in den Fluss/ *nach Buxtehude. Wie (101d und g) zeigen, kann es sich beim Semantische
Subjekt eines Satzes sogar um ein THEMA handeln. Rollen
Ĭ-Rollen: In neueren Ansätzen ist in diesem Zu- Weitere mögliche semantische Rollen sind ZIEL
sammenhang häufig von der semantischen Rolle und QUELLE (101e, f, h). Der Gegensatz zwischen
(auch thematische Rolle bzw. Ĭ-Rolle, sprich (101g: das Subjekt ist ein THEMA) und (101h: es
»Theta-Rolle«, genannt) die Rede, die das Verb an trägt die Rolle QUELLE) zeigt, dass sich die Prädi-
seine Argumente vergibt und mit der deren se- katsbedeutung dadurch unterscheiden kann, wel-
mantische Merkmale wiederum vereinbar sein che semantische Rolle das jeweilig hinsichtlich der
müssen (vgl. Schwarz/Chur 2007: 69 ff.; Engel- Funktion vergleichbare Argument trägt (hier ver-
berg 2000: 156 ff.; Pittner/Berman 2007: 50 f.). Im anschaulicht an dem polysemen Verb laufen, d. h.
Kasten oben führen wir die in der Literatur am ein Ausdruck mit mehreren möglichen, seman-
häufigsten genannten semantischen/thematischen tisch korrelierenden Denotaten). In (101i) sehen
Rollen auf und veranschaulichen sie anhand von wir den in der Literatur umstrittenen BENEFAKTIV
Beispielsätzen. Allerdings besteht in der Forschung (oft auch als freie Angabe klassifiziert); (101h) ist
157
4.4
Wörter und Sätze
Argumentstruktur
Verbklassen ein Beispiel dafür, dass auch die LOKATION ein Argu- Syntaktische Valenz: Schließlich unterscheiden Hel-
ment darstellen kann. Beispielsatz (101k) veran- big/Schenkel (1971: 65) noch die syntaktische Va-
schaulicht wieder die Möglichkeit der Polysemie lenz, d. h. die »obligatorische oder fakultative Beset-
von Prädikaten aufgrund der semantischen Rolle zung von Leerstellen in einer bestimmten, vom Verb
des Subjekts, hier durch den Gegensatz EXPERIENS her geforderten Zahl und Art, differenziert nach den
vs. STIMULUS einer Sinneswahrnehmung. Einzelsprachen«. Es geht hier also um die Frage
nach der Kategorie von Ergänzungen (NP, PP, S) so-
(101) (a) Gustav küsst Gesine. wie ihrer Realisierungsform (Kasus; Art der Präposi-
AGENS und THEMA/ PATIENS (Aktionsverb) tion; Art des Satzes), d. h. die morpho-syntaktischen
(b) Gustav gibt dem Kind den Ball. Merkmale, die die Ergänzung charakterisieren.
AGENS, REZIPIENT und THEMA (Aktionsverb, kausativ)
(c) Der Ball zerschmettert das Fenster. (102) (a) [NP Gustav] (NOM) schenkt [NP der Nachbarin] (DAT)
INSTRUMENT und THEMA (Vorkommnis, kausativ) [NP eine Magnolie ] (AKK).
(d) Der Ball rollt ins Tor. (b) [NP Die Nachbarin] (NOM) ist [PP über die Magnolie ] er-
THEMA und ZIEL (Vorgangsverb) freut.
(e) Gustav rollt den Ball ins Tor. (c) [NP Gustav] (NOM) hofft, [S dass das Notebook bald
AGENS, THEMA und ZIEL (Aktionsverb, kausativ) kommt].
(f) Ich hole den Wein aus dem Keller.
AGENS, THEMA und QUELLE (Aktionsverb, kausativ) Zwar legt der Kopf die syntaktische Kategorie sei-
(g) Das Wasser läuft. THEMA (Vorgangsverb) ner Ergänzung(en) fest (NP, PP, Satz), jedoch sind
(h) Die Nase läuft. QUELLE (Zustandsverb) oft verschiedene Realisierungsformen alternativ
(i) Ich kaufe meiner Oma Blumen. möglich:
AGENS, BENEFAKTIV, THEMA (Aktionsverb)
(j) Sie wohnt in Stuttgart/ angenehm. (103) (a) Die Magnolie zeigt sein Interesse am Notebook.
LOKATION (Zustand) (2 NPs)
(k) Wer erkältet ist, riecht schlecht. (b) Dass er ihr eine Magnolie schenkte, zeigt sein Interesse
EXPERIENS oder STIMULUS (Eigenschaft oder Zustand) am Notebook. (1S, 1NP)
Zur Vertiefung (c) Dass er ihr eine Magnolie schenkte, zeigt, dass er das
Notebook wirklich sehen wollte. (2S)
Inkongruenzen von syntaktischer und semantischer Valenz
Die syntaktische und die semantische Valenz müssen einander nicht entspre- Abhängig von der syntaktischen Valenzstruktur ei-
chen. Die syntaktische Valenz kann z. B. höher sein als die semantische, wenn nes Verbs sind zum Beispiel auch verschiedene
ein formales Subjekt oder Objekt vorliegt. Dies gilt auch für die inhärent reflexi- Arten von Komplementsätzen erlaubt:
ven Verben, bei denen ein Reflexivum rein syntaktisch notwendig ist.
(1) (a) weil es regnet; weil es noch viele Probleme gibt (104) (a) Gustav bedauert, [S DASS das Notebook nicht kommt].
(b) Sie freut sich über ihr Notebook; es handelt sich dabei um einen Skandal. (dass-Satz/ abhängiger Deklarativsatz)
(b) Wir fragen uns, [S OB das Notebook bald kommt].
In (1a) liegen formale Subjekte vor, die keine semantische Rolle tragen. Der Ver- (ob-Satz/ indirekter Interrogativsatz)
gleich mit anderen Sprachen, wie z. B. Italienisch (2), zeigt, dass formale Sub- (c) Du glaubst nicht, [S WER das Notebook bekommen hat].
jekte bei Verben, deren semantische Valenz gar kein Subjekt vorsieht, keineswegs (indirekter W-Interrogativsatz)
universal sind. Das Gleiche gilt für Verben, die im Deutschen inhärent reflexiv (d) Wir hoffen, [S das Notebook kommt bald].
sind und deswegen in der Syntax ein Reflexivpronomen fordern, das ebenfalls (abhängiger Verbzweitsatz)
keine semantische Rolle trägt (1b). Verben mit der gleichen Bedeutung können in (e) Sie versprachen, [S das Notebook bald zu schicken ].
anderen Sprachen durchaus nicht-reflexiv vorkommen (vgl. 2b). (Inifinitivsatz)
(2) (a) It. piove (regn-3sg) ›es regnet‹ Die syntaktische Valenz kann zwischen den Spra-
(b) She enjoys her notebook. chen variieren:
Der umgekehrte Fall, in dem die semantische Valenz höher ist als die syntakti-
(105) (a) Er wartet [PP auf das Notebook].
sche, liegt dann vor, wenn ein Argument mitverstanden wird, das aber nicht
(b) Er erinnert sich [PP an seinen Traum].
durch eine konkrete Ergänzung realisiert werden könnte:
(3) Da musste ich einfach zugreifen. (PATIENS mitverstanden) (106) (a) He is waiting [PP for the Notebook].
(b) He remembers [NP his dream] (AKK).
158
4.4
Wörter und Sätze
Freie Angaben vs. obligate
und fakultative Argumente
159
4.4
Wörter und Sätze
Argumentstruktur
(c) Gustav singt (etwas/ einen Kanon). (Handlung) (113) Gustav kocht (heute; fr. Ang.) (etwas; fak. Erg.) (für die
(d) Gustav setzt sich (wohin/ auf den Stuhl). (Ausführung) ganze Familie; fr. Ang.).
(e) Aber: Der Kaffee setzt sich (*auf den Boden).
(o idiomatisiert) (Vorgang) Freie Angaben: Im Gegensatz zu Argumenten sind
freie Angaben nicht valenzgebunden. Beispiele für
Fakultativität Die entscheidenden Kriterien für die Fakultativität freie Angaben:
einer Ergänzung sind also, dass diese ohne kontex-
tuelle Lizenzierung und ohne Änderung des Satz- (114) Unsere Nachbarin hat (gestern, letzte Woche, in Frankfurt,
sinns weglassbar sein muss; die semantische Rolle beim Händler) ein Notebook gekauft.
der weggelassenen Ergänzung bleibt weiter impli-
zit am Sachverhalt beteiligt. Lässt man dagegen Definition
eine freie Angabe weg, ändert sich weder der Prä-
dikatstyp, noch ist das Weggelassene implizit. Vgl. ➔ Freie Angaben sind Zusätze, die in der
die folgende Antwort auf die Frage Warum riecht Argumentstruktur des Verbs nicht schon
es hier so angebrannt?: vorprogrammiert sind, aber im Prinzip
jederzeit frei hinzutreten können. Freie An-
Zur Vertiefung gaben sind immer weglassbar.
160
4.4
Wörter und Sätze
Passivierung
und Transitivität
Man beachte jedoch, dass keiner dieser Tests bei Eine weitere Möglichkeit, einem Prädikat ohne de- Designiertes Argument
allen Verben gleich gut funktioniert, so dass es signiertem Argument ein Subjekt zu geben, be-
auch hier ratsam scheint, mehrere Tests durchzu- steht darin, dass ein nicht-designiertes Argument
führen. zum Subjekt erhoben wird. Dies lässt sich gut an
der Passivierung veranschaulichen.
Passivierung: Ein wichtiges strukturelles Merk-
mal des designierten Arguments ist es, dass es
4.4.5 | Passivierung und Transitivität beim Passiv unterdrückt wird. Es erscheint im Pas-
sivsatz entweder gar nicht oder als PP. Dann wird
Das Deutsche ist eine sog. Nominativ-Akkusativ- eines der verbliebenen Argumente zum Subjekt,
Sprache (im Gegensatz zu sog. Absolutiv-Erga- und zwar dasjenige, das keinen lexikalisch festge-
tiv-Sprachen, s. Kap. 8.2.1). Das bedeutet, dass legten Kasus hat. Bei transitiven Verben bedeutet
(zumindest die meisten) Sätze ein Subjekt haben, das, dass das direkte Objekt zum Subjekt wird:
das im Nominativ steht. Was dies in struktureller Das heißt, es bekommt den Nominativ und kon-
Hinsicht bedeutet, wird in 4.5 weiter besprochen. gruiert mit dem finiten Verb. Ein Präpositionalob-
Zunächst beschäftigt uns hier die Frage: Was für jekt kann hingegen nicht zum Subjekt werden,
ein Argument ist eigentlich das Subjekt? weil es keinen strukturellen Kasus trägt:
Das Subjekt als designiertes Argument: Die
transitiven und viele intransitive Verben haben (121) (a) Er (NOM) schenkte mir (DAT) das Notebook (AKK).
eine Argumentstruktur, die einem Argument eine (b) Das Notebook wurde mir (DAT) (von ihm) geschenkt.
besonders prominente syntaktische Rolle gibt, (c) Er (NOM) hat sich lange auf das Notebook (PRÄPOBJ)
nämlich die des Subjekts. Dieses Argument wird gefreut.
manchmal das designierte Argument (vgl. Haider (d) *Das Notebook (NOM) wurde lange (von ihm) gefreut.
1993: 108; wörtlich in etwa: ›vorherbestimmt‹) ge-
nannt. Dass dieses Argument zum Satzsubjekt Das Passiv stellt somit eine Diathese (d. h. regel- Arten des Passivs
wird, folgt aus verschiedenen Eigenschaften. So ist hafte Umformung) der Argumentstruktur dar,
es stets mit besonderen semantischen Rollen asso- durch die das Subjekt des Aktivsatzes verdrängt
ziiert. Ein AGENS wird z. B. immer zum Subjekt, wird. Bei den transitiven Verben ist das immer
wie auch alle anderen Argumente, die bei einer möglich. Allerdings gibt es auch nicht-transitive
kausativen Prädikation die Rolle des Verursachers Verben mit designiertem Argument, was sich da-
tragen (z. B. ein INSTRUMENT; s. o. 101c). Welches Ar- ran erkennen lässt, dass auch deren Subjekte aus
gument als designiert gilt, bzw. ob ein Verb über- der Argumentstruktur verdrängt werden können.
haupt ein designiertes Argument hat, ist lexika- So kann bei intransitiven Verben mit designiertem
lisch festgelegt; in (119) finden sich einige Beispie- Argument in Sprachen wie Deutsch das sog. un-
le. (Die Argumente sind in Form von numerisch persönliche Passiv gebildet werden:
indizierten Ĭangegeben, dahinter die spezifizier-
ten semantischen Rollen; das designierte Argu- (122) (a) Sie arbeiteten die ganze Nacht hindurch.
ment ist jeweils unterstrichen.) (b) Die ganze Nacht hindurch wurde (von ihnen) gearbeitet.
(119) (a) [geb’]1 : [ Ĭ1, Ĭ2, Ĭ3 ] (AGENS, REZIPIENT, THEMA) Designierte Argumente sind also diejenigen Sub-
(vgl. Er schenkt ihr ein Notebook.) jekte, die bei der Passivierung wegfallen und ggf.
(b) [helf’]: [ Ĭ1, Ĭ2 ] (AGENS, REZIPIENT) durch ein Argument ohne lexikalisch festgelegten
(vgl. Er hilft ihr.) Kasus ersetzt werden können, das dann den Nomi-
(c) [frier’]1 : [Ĭ1] (EXPERIENS) nativ trägt.
(vgl. Mich friert.) Das Beispiel von frier(en) zeigt, dass es auch
Verben gibt, die von vorneherein kein designiertes
Das Verb frier(en) in (c) hat kein designiertes Ar- Argument besitzen. Deshalb kann bei diesen Ver-
gument und der entsprechende Satz kein Subjekt. ben auch kein Argument wegfallen und somit kein
Doch stellen subjektlose Sätze in Sprachen wie unpersönliches Passiv gebildet werden. Ein ande-
Deutsch eine Ausnahme dar. Oft werden in sol- res dieser Verben ist (um)fallen:
chen Fällen formale Subjekte verwendet:
(123) (a) Die ganze Nacht hindurch sind Bäume (NOM) umge-
(120) Mich friert es. fallen.
161
4.4
Wörter und Sätze
Argumentstruktur
(b) *Die ganze Nacht hindurch wurde (von Bäumen) umge- Ergative Verben stehen oft zu transitiven Ver-
fallen. ben in einer Minimalpaar-Relation, denn sie un-
terscheiden sich von ihnen ja nur durch die Ab-
Ergative (unakkusativische) Verben: Intransitive wesenheit eines designierten Arguments. Ihre
Verben, die ein nicht-designiertes Argument als Semantik lässt sich dann mit der des Passivs des
Subjekt haben, werden oft als ergative (manchmal transitiven (in der Regel kausativen) Verbs verglei-
auch unakkusativische) Verben bezeichnet, weil chen.
in Ergativsprachen gewöhnlich ein nicht-agens-
haftes Argument die prominenteste Rolle im Satz (124) (a) fällen: verlangt zwei Argumente bzw. vergibt zwei
spielt (s. Kap. 8.2.1). Theta-Rollen: ein Individuum wird durch eine Zustands-
veränderung betroffen, das andere löst diese Verände-
Zur Vertiefung rung aus (o agentisches Subjekt; designiert)
(b) fallen/gefällt werden: bezeichnet einen Prozess, der ein
Ergative Verben Individuum involviert, wobei eine Veränderung dessen
Aus der Argumentstruktur ergativer Verben folgt eine Reihe spezifischer Eigen- Zustands stattfindet (o nicht-agentisches Subjekt; nicht-
schaften. Der Vergleich mit dem Englischen zeigt, dass es sich hierbei durchaus designiert)
um ein sprachübergreifendes Phänomen handelt, das nicht nur für das Deutsche
gilt; in der Tat finden sich viele dieser Eigenschaften in allen Nominativ-Akkusa- Vollständige Beschreibung der Argumentstruktur:
tiv-Sprachen: Somit ist offensichtlich, dass eine vollständige Be-
■ Das Perfektpartizip kann attributiv auf das Subjekt bezogen werden: der gefal- schreibung der Argumentstruktur weit mehr um-
lene Baum/ the fallen tree. fasst, als Angaben über die ›Wertigkeit‹ von Prädi-
■ Es ist keine -er-Nominalisierung möglich: der *Faller/ the *faller. katen (d. h. wie viele Argumente sie binden). Es
■ Es sind resultative Prädikate möglich, die sich auf das Subjekt beziehen: Der müssen ebenso die wesentlichen Eigenschaften
Baum fällt zu Boden/ The tree is falling to the ground. der Argumente erfasst werden, insbesondere ihr
■ Ergative Verben bilden im Deutschen ihr Perfekt mit sein: Der Baum ist gefal- obligatorischer vs. fakultativer Charakter, die mor-
len. (Dies ist allerdings im Englischen nicht möglich, da es dort nur die eine phosyntaktischen Merkmale und die semantischen
Perfektform mit have gibt.) Rollen; hierbei kann man auch die Sonderrolle des
■ Mit ergativen Verben lässt sich kein unpersönliches Passiv bilden: *Es wurde designierten Arguments hervorheben.
(von den Bäumen) die ganze Nacht gefallen. (Im Englischen existiert kein un- Die folgenden Tabellen geben einige Beispiele.
persönliches Passiv.) In der ersten Zeile steht ein Beispielsatz mit einer
■ Subjekte ergativer Verben können mit diesen zusammen im Vorfeld auftreten: freien Angabe im Vorfeld sowie einem Auxiliar in
Bäume gefallen sind beim letzten Sturm viele. (Im Englischen existiert aus un- der linken Klammer. Sämtliche Argumente stehen
abhängigen Gründen kein komplexes Vorfeld; s. 4.5.1). also im Mittelfeld, lediglich die satzwertigen Ar-
gumente danach, im Nachfeld (zu den Begriffen
Die Subjekte ergativer Verben verhalten sich syntaktisch genau gegenteilig zu de-
Vorfeld, Mittelfeld, Nachfeld s. 4.5). Darunter fol-
nen transitiver Verben, haben jedoch Ähnlichkeiten mit den Objekten dieser Ver-
gen Informationen über die logische/quantitative
ben, wie der Vergleich der obigen mit den folgenden Beispielen zeigt.
Valenz, hier in Form von Variablen (x, y, z), und
Designierte Argumente: die Obligatheit oder Fakultativität des Arguments.
(1) (a) *der gearbeitete Student In den weiteren Zeilen folgt die qualitative Valenz-
(b) der Arbeiter beschreibung, das designierte Argument ist unter-
(c) *Die Studenten arbeiten zugrunde. strichen.
(d) *Der Student ist gearbeitet.
(e) Es wurde (von den Studenten) die ganze Nacht gearbeitet.
(f) *Studenten gearbeitet haben heute nicht viele.
Direkte Objekte:
(2) (a) der gefällte Baum
(b) *der Gefälltwerder
(c) Bäume werden zu Boden gefällt.
(d) Der Baum ist gefällt.
(e) *Es wird heute 20 Bäume gefällt.
(f) Bäume gefällt wurden letzten Winter viele.
162
4.4
Wörter und Sätze
Passivierung
und Transitivität
schneien
einfallen1
einfallen2
beunruhigen
163
4.5
Wörter und Sätze
Topologisches Felder-
modell, eingebettete Sätze
und Satzarten
Zur Vertiefung
Aus der Hierarchie AGENS > REZIPIENT > THEMA folgen also die Zuweisungen AGENS = Subjekt, REZIPIENT = indi-
rektes Objekt, THEMA = direktes Objekt. Die gleiche Hierarchie sorgt bei einem zweiwertigen Verb ebenfalls für
die erwartete Zuweisung: REZIPIENT ist höher als THEMA, daher REZIPIENT = Subjekt, THEMA = direktes Objekt:
164
4.5
Wörter und Sätze
Das topologische
Feldermodell
Als ➔ Vorfeld (VF) bezeichnet man den Abschnitt vor dem finiten Verb,
Das Deutsche als Verbzweitsprache: Da in deut- als ➔ Mittelfeld (MF) den Abschnitt zwischen dem finiten Verb und den
schen Aussagesätzen vor dem finiten Verb in der übrigen, nicht-finiten Teilen des Verbalkomplexes, als ➔ Nachfeld (NF)
Regel nur eine Konstituente (zu Ausnahmen vgl. den Abschnitt, der dem rechten Klammerelement nachfolgt.
z. B. Müller 2003) stehen kann, spricht man von
165
4.5
Wörter und Sätze
Topologisches Felder-
modell, eingebettete Sätze
und Satzarten
VFLKMF RKNF (b) Gustav hat versprochen, auch ein ultraschnelles Note-
book zu bestellen.
unsere zeigt uns ihr ultra- auf das
Nach- schnelles sie sehr (c) Gustav hat auch ein ultraschnelles Notebook zu bestellen
barin Notebook stolz ist versprochen.
unsere will uns ihr ultra- zeigen auf das (d) Unsere Nachbarin hat ein ultraschnelles Notebook be-
Nach- schnelles sie sehr stellt, auf das sie sehr stolz ist.
barin Notebook stolz ist (e) ?Unsere Nachbarin hat ein ultraschnelles Notebook, auf
das sie sehr stolz ist, bestellt.
(f) Unsere Nachbarin hat sich sehr gefreut über dieses ul-
Besetzungsoptionen Im Folgenden wollen wir nun auf die Besetzungs- traschnelle Notebook von Mapplosaft.
der Felder und Klammern optionen der Felder und der Klammern dieses to-
pologischen Modells näher eingehen. Das Mittelfeld ist die Normalposition der meisten
Das Vorfeld wird im Deutschen in der Regel mit Konstituenten, wenn also eine Konstituente nicht
genau einer Konstituente/ Phrase besetzt, die be- ins Vorfeld gestellt oder extraponiert wird. Die Stel-
liebig komplex sein kann. Es kann sich dabei auch lung der Konstituenten im Mittelfeld ist variabel,
um einen Nebensatz handeln. d. h. die Konstituenten können (unter bestimmten
pragmatischen Bedingungen; s. 4.6.2) verschoben
(127) (a) [Unsere Nachbarin] hat ein ultraschnelles Notebook be- bzw. bewegt werden. Diese Mittelfeldumstellung
stellt. wird (vor allem in der englischsprachigen Litera-
(b) [Ein ultraschnelles Notebook, auf das sie sehr stolz ist], tur) oft scrambling genannt (wohl in Anlehnung
hat unsere Nachbarin bestellt. an den amerikanischen Schriftsteller Mark Twain,
(c) [Dass unsere Nachbarin ein ultraschnelles Notebook be- der den aus seiner Sicht ungeordneten deutschen
stellt hat, auf das sie sehr stolz ist], stört ihn. Satzbau mit scrambled eggs ›Rührei‹ – verglichen
haben soll; vgl. DUDEN 2009: 881).
Bis auf eine vergleichbar geringe Anzahl von Aus-
nahmen (z. B. das Objekt-es, s. 4.3.4) kann jede (130) (a) Leider hat | [unsere Nachbarin] [das Notebook] [vor
Konstituente, die im Mittelfeld oder Nachfeld auf- uns] | bestellt.
tritt, auch ins Vorfeld gestellt werden. Liegt jedoch (b) Leider hat | [das Notebook] [unsere Nachbarin] [vor
Finitumserststellung vor, wie es u. a. in Entschei- uns] | bestellt.
dungsinterrogativsätzen (ja/nein-Fragen) und Be- (c) Leider hat | [unsere Nachbarin] [vor uns] [das Note-
fehlsätzen der Fall ist (s. 4.5.3), bleibt das Vorfeld book] | bestellt.
unbesetzt. (d) Leider hat | [vor uns] [unsere Nachbarin] [das Note-
book] | bestellt.
(128) (a) Stört dich das?
(b) Kauf endlich das Notebook! Die linke Satzklammer: Anders als in den Feldern be-
finden sich in der linken Klammer niemals Phrasen,
Das Nachfeld: Befinden sich Konstituenten oder sondern immer nur der oben erwähnte kleinste iso-
Teilkonstituenten rechts vom Prädikatskomplex, lierbare finite Teil des Verbalkomplexes und somit
also im Nachfeld, spricht man von Extraposition nicht mehr als ein Kopf; über dessen Status im Ver-
(auch Ausklammerung; vgl. Altmann/Hofmann hältnis zum Satz wird noch einiges in 4.7.3 gesagt.
2007: 100). Ausgeklammert werden vor allem finite
Sätze (129a); bei Infinitivergänzungen mancher (131) (a) Sie bestellt ein ultraschnelles Notebook.
Verben, wie hier versprechen, gibt es Variation (b) Sie hat ein ultraschnelles Notebook bestellt.
(129b+c). Relativsätze können bei ihrem Bezugs-
nomen stehen, werden aber meist extraponiert Die rechte Satzklammer nimmt im deutschen
(129d) und wirken im Mittelfeld oft markiert (d. h. Hauptsatz alle nicht-finiten Teile des Prädikatkom-
weniger akzeptabel; 129e). Insbesondere im gespro- plexes auf. Also ist bei Infinitivsätzen wie dem fol-
chenen Deutsch können auch nicht-satzwertige genden die LK leer:
Konstituenten im Nachfeld stehen, besonders wenn
sie viel lexikalisches Material enthalten (132f). (132) Das Notebook bitte nicht in der Spülmaschine waschen!
(129) (a) Gustav hat bedauert, dass unsere Nachbarin dieses Note- Es spricht einiges dafür, auch phrasale Elemente
book vor uns bestellte. (s. 4.2.2) eines komplexen Satzprädikats in der RK
166
4.5
Wörter und Sätze
Verbstellung in ein-
gebetteten Sätzen
(133) (a) Unsere Nachbarin hat uns ihr Notebook [PP zur Verfü- 4.5.2 | Verbstellung in eingebetteten
gung] gestellt. (Funktionsverbgefüge) Sätzen
(b) *Unsere Nachbarin hat uns [PP zur Verfügung] ihr Note-
book gestellt. Hypotaxe/Subordination: Manche subordinierten
Sätze unterscheiden sich vom Satzbau her über-
Der direkteste Weg, diesen Umstand im Felder- haupt nicht von Hauptsätzen – es handelt sich um
modell wiederzugeben, ist es, die Phrase gar nicht eingebettete Verbzweitsätze (VFIN2). Im folgen-
im MF zu verorten, sondern, wie hier vorgeschla- den Schaubild stehen die Abkürzungen HS und NS
gen, in der RK. für Hauptsatz und Nebensatz:
Ähnliches gilt für die sog. Prädikativkonstruk-
tionen, in denen phrasale Elemente als Prädika-
VFLKMFRK NF
tivum zusammen mit den ebenfalls semantisch
weitgehend leeren Kopulaverben (sein, werden, HS die hat ernsthaft geglaubt Notebooks könne man in der
Nachbarin Spülmaschine waschen
bleiben) das Satzprädikat bilden.
NS Notebooks kann man in der waschen
Spülma-
(134) (a) Angeblich soll das Notebook [AP richtig schnell] sein. schine
(Prädikativkonstruktion mit Kopula sein)
(b) *Angeblich soll [AP richtig schnell] das Notebook sein.
In Sprachen wie Deutsch stellt dies jedoch eine Nebensatzeinleitende
(135) (a) *Hoffentlich wird [AP ultraschnell] das Notebook bleiben. Ausnahme dar, die vor allem nach Verben des Sa- Elemente
(b) *Somit kann [NP ein Erfolg] der Notebookkauf werden. gens und Denkens (lat. verba dicendi et sentiendi)
möglich ist. Normalerweise sind finite Nebensät-
Ist das Kopulaverb finit und steht in der LK, bildet ze, d. h. solche, deren Satzprädikat eine finite Verb-
somit das Prädikativum die RK: form enthält, von einem spezifischen Element
eingeleitet. Zu diesen spezifischen Elementen ge-
(136) Angeblich ist (LK) das Notebook richtig schnell (RK). hören die Subjunktionen (auch subordinieren-
de Konjunktionen oder Komplementierer ge-
Allerdings ist es in der Literatur umstritten, wel- nannt). Ein weiteres Kennzeichen eingeleiteter
che Prädikative zu den klammerschließenden Nebensätze besteht darin, dass das Finitum nicht,
Ausdrücken gezählt werden sollten; zumindest wie in Hauptsätzen, die linke Klammer besetzt,
die nominalen und präpositionalen Prädikative sondern im Verbalkomplex verbleibt, also in der
werden oft als lediglich ›ortsfeste‹ Konstituenten rechten Klammer steht. Im Deutschen folgt einer
angesehen (vgl. Altmann/Hahnemann 2005: 53; Subjunktion niemals ein VFIN2-Satz:
75 ff.). Die Details dieser Diskussion vernachläs-
sigend, können wir jedoch schlicht feststellen, (137) (a) dass man Notebooks in der Spülmaschine waschen kann
dass sich auch die phrasalen Teile komplexer Prä- (b) *dass Notebooks kann man in der Spülmaschine wa-
dikate topologisch wie die infiniten Verbformen schen
verhalten. Somit lassen sich Sätze wie (133a) und
(134a) im topologischen Feldermodell (s. o.) ana- Stattdessen wird die linke Klammer durch die Sub-
lysieren. junktion gebildet. Das Vorfeld bleibt dann in aller
Regel unbesetzt. Somit sieht die Analyse einer hy-
potaktischen Struktur im topologischen Feldermo-
dell wie folgt aus:
167
4.5
Wörter und Sätze
Topologisches Felder-
modell, eingebettete Sätze
und Satzarten
VF LKMF RKNF (140) (a) Ein Notebook in der Spülmaschine zu waschen, ist
nicht besonders ratsam.
HS die hat ernsthaft geglaubt dass man Notebooks
Nachbarin in der Spülmaschine (b) Er hatte vergessen, das Notebook zu waschen.
waschen kann
NS dass man Notebooks waschen
Doch kann auch das Verb im Infinitiv mit einer
in der Spül- kann besetzten LK ko-okkurieren. So haben infinitivi-
maschine sche Finalsätze ein spezifisches einleitendes Ele-
ment (um), das in der LK zu verorten ist (s. u.
Doch ist das Vorfeld nicht in allen eingeleiteten Ne- links).
bensätzen unbesetzt. Zu den Elementen, die subor- Die Blockierung der linken Klammer durch ne-
dinierte Sätze einleiten können, gehören nämlich bensatzeinleitende phrasale Ausdrücke ist offen-
auch die Relativ- und Interrogativpronomen: sichtlich eine Restriktion, die zwar für das Stan-
darddeutsche Gültigkeit hat, jedoch nicht für alle
(138) (a) die Nachbarin, die das Notebook bestellt hat deutschen Varietäten gilt. Stellen wir ähnliche Sät-
(b) Ich weiß, wer das Notebook bestellt hat. ze aus deutschen Mundarten wie Alemannisch im
topologischen Feldermodell dar, sticht als augen-
Obgleich diese Elemente mit den Subjunktionen fälligster syntaktischer Unterschied hervor, dass
die Funktion teilen (nämlich die Einleitung des hier dem einleitenden Pronomen spezifische Parti-
Nebensatzes), gibt es doch Argumente dafür, sie keln bzw. Subjunktionen folgen, die in die LK zu
im Vorfeld zu verorten. So stehen sie sowohl for- stellen sind. Das Finitum befindet sich jedoch
mal wie auch funktional in einem Paradigma mit auch in diesen Mundarten im eingeleiteten Neben-
den Phrasen, für die sie als Ersatzformen dienen. satz niemals in der LK, sondern stets in der RK.
In (138a+b) stehen zum Beispiel die und wer für
die Phrase, die das Subjekt von bestellt ist (vgl. (141) (a) d’Nachbarin, de wo des Notebook bstellt hat
den Fragetest in 4.2.3, der ja eine Kombination aus (alem.)
Permutation und Pronominalisierung darstellt). (b) I wais, weli ass des Notebook bstellt hett.
Zudem können beide Arten von nebensatzeinlei- (alem.)
tenden Elementen auch als Bestandteil komplexer
Phrasen vorkommen:
VFLKMF RK
(139) (a) die Nachbarin, [NP deren Notebook] ich heute gesehen de wo des Notebook bstellt hat
habe
weli ass des Notebook bstellt hett
(b) Ich weiß, [NP welcher Hausbewohner] dieses Note-
book auch gerne hätte.
168
4.5
Wörter und Sätze
Verbstellungstypen
und Satzarten
gleichzeitig ein Verbmodus ist. Da die Satzmodi in (c) dass Gustav der Nachbarin eine Magnolie schenkt
den meisten Sprachen eng mit bestimmten Form- (VFINEnd)
typen assoziiert sind, spricht man auch vom
›Deklarativ(satz), ›Interrogativ(satz)‹ etc. als Satzar- Durch Kombination mit weiteren unterscheiden- Satzmodus
ten. Will man die Satzart vom Satzmodus differen- den Merkmalen (wie Intonation) lassen sich ver-
zieren, bietet es sich an, dafür Termini wie Aussa- schiedene Form-Untertypen differenzieren.
gesatz, Entscheidungs- und Ergänzungsfragesatz Verbzweitstellung: Zahlreiche Satzarten kön-
etc. zu verwenden (s. Bsp. 142–146). Eine solche nen in Form von VFIN2-Sätzen auftreten, jeweils
Differenzierung ist auch deshalb sinnvoll, weil der durch Kombination mit weiteren Indikatoren:
Begriff ›Satzart‹ oft weit über den Begriff des Satz-
modus hinausgehend verwendet wird. Er umfasst (144) (a) Gustav schenkt der Nachbarin eine Magnolie.
dann auch Sätze mit weiteren Funktionen, wie z. B. (Aussagesatz)
die unterschiedlichen Arten von Nebensätzen: Ar- (b) Was schenkt Gustav der Nachbarin?
gumentsätze, Attributsätze, Adverbialsätze (Kausal- (Ergänzungsfragesatz, auch: w-Fragesatz)
sätze, Konditionalsätze etc.; s. dazu Kap. 5). (c) Gustav schenkt der Nachbarin eine Magnolie?
Bei den in der Literatur oft diskutierten Ausrufe- (Assertions- oder Versicherungsfrage)
und Wunschsätzen ist es umstritten, ob sie tat- (d) Wie schön ist diese Magnolie! (w-Exklamation)
sächlich die syntaktischen Entsprechungen (Form- (e) Gustav will der Nachbarin eine Magnolie schenken!
typen) zu Satzmodi wie Exklamativ oder Optativ (V2-Exklamation)
sind oder ob ›Exklamation‹ (auch in Form einer (f) Gesine sagt, Gustav will der Nachbarin eine Magnolie
Wunschäußerung) nicht lediglich einen besonderen schenken. (deklarativer Objektsatz
pragmatischen Verwendungstyp bestimmter Satzar- nach Verben des Sagens und Denkens)
ten darstellt (vgl. die Beispiele unten). Nach Ro-
sengren (1992; 1993) ist der ›Satzmodus‹ eine Verberststellung: Auch VFIN1-Sätze können für ver-
rein semantische Kategorie, die Sätze jedoch für schiedene Funktionen stehen; die Überschneidun-
bestimmte pragmatische Verwendungen (wie Aus- gen mit den Funktionstypen von VFIN2-Sätzen sind
sagen machen, Fragen stellen, befehlen) geeignet offensichtlich.
macht; allein Letztere stellen den Funktionstyp von
Sätzen dar. Eine solche Ansicht erscheint plausibel, (145) (a) Schenk ihr (bitte) keine Magnolie!
weil pragmatische Motive gesprochensprachlich die (imperativischer Begehrsatz)
Verwendung verschiedener formaler Merkmale für (b) Schenkt Gustav der Nachbarin eine Magnolie?
die Signalisierung bestimmter Illokutionen (also (Entscheidungsfragesatz)
Äußerungsabsichten; s. Kap. 6) erlauben, die nicht (c) Kommt die Nachbarin rein und sagt: »…«.
immer durch logisch-semantische Satzmerkmale zu (V1-Aussagesatz; ›narrativer Stil‹)
begründen sind: (d) Schenkt Gustav der Nachbarin doch eine Magnolie!
(V1-Exklamation)
(142) (a) Das stimmt doch? (e) Würde Gustav der Nachbarin doch keine Magnolie
(Versicherungsfrage; Verbstellungstyp Aussagesatz) schenken! (V1-Wunschsatz)
(b) Hat der das tatsächlich gesagt! (f) Schenkt Gustav der Nachbarin eine Magnolie, bin ich
(Exklamation; Verbstellungstyp Entscheidungsfragesatz) sauer. (uneingeleiteter Konditionalsatz)
(c) Wer soll das glauben!
(Exklamation; Verbstellungstyp Ergänzungsfragesatz) Verbendstellung: VFINEnd-Stellung weisen zu-
nächst alle eingeleiteten Nebensätze auf:
Verbstellungstypen: Hinsichtlich der Verbstellung
lassen sich im Deutschen zunächst drei syntakti- (146) (a) Was er ihr schenken will, wissen wir nicht.
sche Formtypen unterscheiden. Für diese ist im- (indirekter Fragesatz)
mer die Stellung des finiten Verbs entscheidend: (b) Wer mir nichts schenkt, dem schenk ich auch nichts.
Verbzweitstellung (VFIN2), Verberststellung (VFIN1) (freier Relativsatz)
und Verbletzt- oder Verbendstellung (VFINEnd): (c) Dem, der ihr eine Magnolie schenkt, leiht sie das Note-
book. (attributiver Relativsatz)
(143) (a) Gustav schenkt der Nachbarin eine Magnolie (VFIN2) (d) Wenn Gustav der Nachbarin eine Magnolie schenkt, bin
(b) schenkt Gustav der Nachbarin eine Magnolie (VFIN1) ich sauer. (eingeleiteter Konditionals.)
169
4.6
Wörter und Sätze
Abfolge der Satzglieder
Zur Vertiefung (e) Weil sie ein ultraschnelles Notebook hat, freut sie sich.
(Kausalsatz)
Morphologische Differenzierung von Satzmodus (f) Dass sie ein ultraschnelles Notebook hat, freut sie.
Manche Sprachen kennzeichnen den Satzmodus Interrogativ morphologisch, (eingeleiteter Subjektsatz)
z. B. durch Verbalsuffixe wie das Koreanische oder durch Partikeln wie das Persi- (g) Dass/ob/wann es kommen soll, haben wir nicht ge-
sche oder Mandarin (vgl. Öhl/Korn 2006: 137 ff.; 167 ff.): wusst. (eingeleiteter Objektsatz)
(1) (a) ku-ka seoul-e ka-ass-nunya. (Koreanisch; vgl. Shin 1993: 53 f.)
Doch auch als selbständige Sätze kommen VFIN-
er-NOM Seoul-nach ging-INT
End-Sätze vor, dann jedoch stets in pragmatisch
›Ist er nach Seoul gegangen?‹
markierten Kontexten. Wiederum lassen sich
(b) Neige nanhaizi du yüyanxue ma? (Mandarin; Öhl//Korn 2006: 168) Überschneidungen mit den Funktionstypen von
DEM Junge liest Sprachwissenschaft INT Sätzen mit anderer Verbstellung verzeichnen.
›Studiert der Junge Sprachwissenschaft?‹
(147) (a) Wie schnell dieses Notebook ist! (W-Exklamation)
(c) man nemƯdƗnam ke ƗyƗ Ɨn pesar zabƗnšenƗsƯ mƯxƗnad.
(b) Ob wir wohl auch so eines bekommen?
ich NEG-weiß SUBJUNKTION INT DEM Junge Sprachwissenschaft studiert
(selbständiger Verbend-Fragesatz)
›Ich weiß nicht, ob der Junge Sprachwissenschaft studiert.‹
(c) Wenn es nur heute schon käme!
(Persisch; Öhl/Korn 2006: 138)
(eingeleiteter Wunschsatz)
(d) Bitte kein Wasser in das Notebook füllen!
Im Deutschen sind Interrogative durch die Verbstellung bzw. durch lexikalische
(infinitivischer Begehrsatz)
Mittel (Interrogativpronomen) zu identifizieren (gesprochensprachlich zudem
durch intonatorische Kennzeichnung). Lediglich der Imperativ ist im Deutschen
Bei genauerer Betrachtung können die sogenann-
auch ein Verbmodus, was nichts anderes heißt, als dass es sich um einen Satz-
ten Satzarten also keine genau definierten Paare
modus handelt, der außer durch die Verbstellung auch durch die Verbalmorpho-
von Form- und Funktionstyp darstellen, sondern
logie gekennzeichnet ist.
lediglich eine Grobklassifizierung von Sätzen hin-
(2) Erklär-e mir das doch bitte genauer! sichtlich ihrer Funktion. Die strukturellen Merk-
erklär-IMP –… male der entsprechenden Sätze können völlig un-
abhängig von dieser Funktion beschrieben und die
vorliegenden Satzarten dadurch weiter differen-
ziert werden.
170
4.6
Wörter und Sätze
Abfolgeregularitäten
im Mittelfeld
171
4.6
Wörter und Sätze
Abfolge der Satzglieder
nen Einfluss auf die Abfolge der Konstituenten hat. (156) AGENS > REZIPIENT > INSTRUMENT > THEMA > QUELLE > ZIEL
So wurde z. B. festgestellt, dass ein bestimmtes Ar-
gument vorherbestimmt sein kann, das Satzsub- (157) (a) dass ein ArztAG einem PatientenREZ (mit einem Medika-
jekt zu werden, was sich wiederum in dessen pro- mentINSTR)freie ANG geholfen hat
minenter Stellung vor den anderen Satzgliedern (b) dass einem PatientenREZ ein MedikamentINSTR geholfen hat
niederschlägt. In ähnlicher Weise kann auch eine
Normalabfolge für die Konstituenten mit anderen (158) (a) dass GustavAG der NachbarinREZ (mit dem Flaschen-
Funktionen abgeleitet werden; in Anlehnung an zugINSTR)freie ANG das NotebookTH aus dem BrunnenQU ge-
gängige Vorschläge ist diese Reihenfolge: fischt hat
(b) dass GustavAG das NotebookTH aus dem BrunnenQU direkt
(152) Subjekt > Modaladverbial > Dativobjekt > Akkusativob- auf den KaffeetischZIEL geholt hat
jekt > PP-Argumente
(vgl. Eisenberg 2013, II: 381 f.; Pittner/Berman 2007: 144 ff.) Die semantischen/thematischen Rollen sind also
nicht willkürlich über den Satz verteilt. Die ›rang-
(153) (a) weil die StudentinSUBJ dem StaatDAT-OBJ die GeMÄLdeAKK-OBJ höchste‹ Rolle ist das AGENS. Somit ist der Gegen-
geschenkt hat satz zwischen (153) und (155) so zu verstehen: In
(b) dass GustavSUBJ gerneMOD-ADV ein AutoAKK-OBJ zum TÜVPP-ARG vielen Fällen entsprechen einander die Rolle des
gebracht hätte AGENS und die Markierung der entsprechenden
(c) weil eine DameSUBJ gerneMOD-ADV einen PolizistenAKK-OBJ auf Konstituente mit dem Kasus Nominativ (d. h. der
einen EINbrecherPP-ARG aufmerksam machen wollte Kasus des Subjekts). Ähnliches gilt für die Rolle
des REZIPIENS und den Dativ bzw. die des THEMAs
Anhand des besprochenen Fragetests lässt sich und den Akkusativ. In (155a+b) ist das Dativob-
diese Normalabfolge überprüfen. In der Tat wären jekt kaum ein REZIPIENS, eher plausibel erscheint –
(153a und c) mögliche Antworten auf (154b), und auch aufgrund der Unbelebtheit -, dass die seman-
(153b) eine mögliche Antwort auf (154a). tische Rolle des ZIELs vorliegt. Somit muss das
Dativobjekt dem Akkusativobjekt folgen. Ähnli-
(154) (a) Was sagtest Du? ches gilt für den Satz in (155c), wo das Subjekt
(b) Weshalb regst Du Dich auf? sicher kein AGENS ist, sondern wohl die Rolle THEMA
trägt, und darum dem Dativobjekt – hier ein REZI-
Belebtheit: Ein weiterer semantischer Faktor, der PIENT – folgt. In (155d) ist das Subjekt ebenfalls
die Stellung der Satzglieder im Mittelfeld beein- kein AGENS, sondern eher ein INSTRUMENT. Somit
flusst und direkt mit der Argumentstruktur im Zu- stellt eine semantische Komponente der Argu-
sammenhang steht, ist die Belebtheit: Belebte Ar- mentstruktur (s. o., 4.4.3) gleichzeitig einen grund-
gumente tendieren dazu, vor unbelebten zu legenden Faktor der Satzgliedabfolge dar.
stehen. Wackernagelposition: Eine rein formal syntak-
tisch zu begründende Abfolgeregel betrifft die Po-
(155) (a) weil Gustav das KindAKK-OBJ der KälteDAT-OBJ ausgesetzt hat sition der unbetonten Proformen in Sprachen wie
(b) indem sie KandidatenAKK-OBJ einer eingehenden Deutsch. Diese stehen immer in der sog. Wacker-
PrüfungDAT-OBJ unterziehen nagelposition, die sich am Anfang des Mittelfelds
(c) dass einem LinguistenDAT-OBJ ein FehlerSUBJ unterlaufen ist befindet.
(d) weil einem PatientenDAT-OBJ ein MedikamentSUBJ helfen
wird Definition
Ĭ-Hierarchie Dass dieses Kriterium die soeben eingeführte Die ➔ Wackernagelposition ist die Position,
Normalabfolge der syntaktischen Funktionen auf- in der unbetonte Proformen stehen. Sie be-
zubrechen scheint, hängt mit der Hierarchie der findet sich im Deutschen ganz am Anfang
semantischen Rollen (s. S. 157) zusammen, die des Mittelfelds.
in einer konzeptuellen Struktur angeordnet sind.
Wie über ihre Anzahl (s. o.), so herrscht zwar
auch über ihre Anordnung in der Literatur keine Die Wackernagelposition ist nach dem Schweizer
völlige Einigkeit (vgl. Levin/Rappaport 1996), die Indogermanisten Jacob Wackernagel benannt, der
folgende Hierarchie ist jedoch relativ unstrittig: 1892 herausfand, dass sich solche Elemente im In-
dogermanischen in der Regel an eine Konstituente
172
4.6
Wörter und Sätze
Topik-Kommentar-
Gliederung in Hauptsätzen
am Satzanfang anlehnen (›Wackernagels Gesetz‹). (s. 4.6.1) auftauchen; entsprechend wird neue In-
Wegen des später entwickelten Finitheitszweitcha- formation oft als ›rhematisch‹ bezeichnet. Dass die
rakters (VFin2) germanischer Sprachen (s. S. 165), Begriffe ›Kommentar‹ und ›Fokus‹ alles andere als
der ja im Deutschen (im Gegensatz zu Sprachen synonym sind, ist leicht zu zeigen: Erstens kann
wie Englisch) erhalten geblieben ist, befindet sich eine neue Information durchaus ›kommentiert‹
dort diese Position am Anfang des Mittelfelds. Le- werden (162a); zweitens kann ein (potentieller)
diglich das Subjekt und manche Rahmenadverbiale ›Kommentar‹ offensichtlich auch alte Information
können auch vor der Wackernagelposition stehen. enthalten (162b) (zu Kriterien der Topikalität vgl.
z. B. Öhl 2010: 237 ff.; 268 ff.):
(159) (a) weil sie ihr Gustav geschenkt hat
(b) weil (damals) Gustav sie ihr geschenkt hat (162) (a) Was ist geschehen? – Unsere NachbarinTOP hat ein neues
LAPtop gekauft.
Die Normalabfolge in der Wackernagelposition ist (b) Wo hast Du das Laptop her? – Unsere NachbarinTOP hat
nicht gemäß den semantischen Rollen festgelegt, es mir AUSgeliehen.
sondern relativ strikt nach Kasus: NOM > AKK >
DAT. Abweichung hiervon wird kaum toleriert. Be- Topiks können durchaus im Nebensatz auftreten;
tonte Pronomina können dagegen auch weiter hin- sie stehen dann in der Regel vor den Satzadverbia-
ten im Mittelfeld stehen: len (s. 4.3.3) im Mittelfeld (vgl. Frey 2004; 2007):
(160) weil es Gustav IHR geschenkt hat (163) weil er die MagnolieTOP leider (Satzadverbial) der NACHbarin
geschenkt hat
(161) (a) weil er sie ihr geschenkt hat
(b) ?weil er ihr sie geschenkt hat Topikalisierung: In diesem Abschnitt interessiert
(c) weil sie ihr Gustav geschenkt hat uns v. a. die formale Kennzeichnung einer Konsti-
(d) * weil ihr sie Gustav geschenkt hat tuente als Topik im Hauptsatz (Topikalisierung).
(e) weil er ihr die Magnolie geschenkt hat Das Vorfeld ist nämlich alles andere als eine spezi-
(f) * weil ihr er die Magnolie geschenkt hat fische Topikposition. Dort können sowohl Topiks
(g) weil er sie der Nachbarin geschenkt hat (164a) als auch fokussierte Konstituenten aus dem
(h) * weil sie er der Nachbarin geschenkt hat Kommentar (164b) auftreten, außerdem auch refe-
renzlose Konstituenten wie z. B. Satzadverbiale
(164c), die ihrer Natur nach weder Topik noch
Kommentar sein können; nicht zuletzt existieren
4.6.3 | Topik-Kommentar-Gliederung sogar Expletive (164d), die nichts anderes tun, als
in Hauptsätzen das Vorfeld zu füllen (s. S. 151):
Als Topik (auch Satzgegenstand) wird – etwas (164) (a) Diese MagnolieTOP hat er der NACHbarin geschenkt.
vereinfacht ausgedrückt – eine Konstituente be- (b) Der NACHbarin würde diese MagnolieTOP bestimmt gefal-
zeichnet, über die im Satz eine Aussage gemacht len.
werden soll; diese Aussage wird dann Kommentar (c) Glücklicherweise wurden selten so viele MaGNOlien ver-
genannt (auch Satzaussage). schenkt. (kein Topik vorhanden)
(d) Es wurden selten so viele MaGNOlien verschenkt.
Definition (kein Topik vorhanden)
Mit ➔ Topik wird der Satzgegenstand be- In Sprachen wie dem Japanischen existiert zur
zeichnet, d. h. das Stück Information, über Kennzeichnung eines Topiks ein spezifischer mor-
welches eine Aussage (ein Kommentar) ge- phologischer Marker, nämlich die Partikel wa (Li/
macht werden soll. Thompson 1976: 468; nach Öhl 2010: 238):
173
4.7
Wörter und Sätze
Analyse des Gesamtsatzes
Linksversetzung: Über eine vergleichbare Möglich- (166) (a) Die Magnolie, die (Resumptivum) hat er der Nachbarin
keit verfügt das Deutsche nicht. Jedoch kann ein geschenkt.
Topik dort durch eine spezifische syntaktische (b) Dass Gustav der Nachbarin eine Magnolie schenken
Operation besonders gekennzeichnet werden, die würde, damit hatte keiner gerechnet.
sog. Linksversetzung. Diese wird in der Literatur (c) Wenn Gustav der Nachbarin eine Magnolie schenkt,
deshalb auch als zuverlässiger Test für Topikalität dann freut sie sich bestimmt.
verwendet: Wenn eine Konstituente linksversetzt
werden kann, ist sie potentiell topikalisch, andern- Die durch Linksversetzung entstandene topologi-
falls nicht (vgl. Jacobs 2001: 659). Topologisch be- sche Position wird auch Vor-Vorfeld genannt. In
trachtet, steht dabei ein linksversetztes Topik vor der Tabelle oben präsentieren wir die schemati-
dem Vorfeld und wird von einem sog. Resumpti- sche Darstellung einiger Sätze mit Linksverset-
vum (zu lat. resumere ›wieder aufnehmen‹) im zung im topologischen Feldermodell. Dort ist auch
Satz wieder aufgenommen. Bei Letzterem handelt zu sehen, dass sich das Resumptivum nicht unbe-
es sich um ein Pronomen oder ein Adverb, das dingt im Vorfeld befinden muss, sondern auch im
sich meist im Vorfeld des Satzes befindet und mit Mittelfeld stehen kann. Dabei kann das Vorfeld
dem linksversetzten Element referenzidentisch ist. auch leer bleiben. Dies kommt in der Regel bei
Wie in den folgenden Beispielen zu sehen ist, sind Satzarten vor, die normalerweise durch VFIN1-Stel-
nicht nur Nominalphrasen als Topiks geeignet lung gekennzeichnet sind.
(166a), sondern auch Argument- (166b) und Ad-
verbialsätze (166c), die alle durch ein Resumpti-
vum wieder aufgenommen werden können.
174
4.7
Wörter und Sätze
Satzanalyse in einer
Phrasenstrukturgrammatik
VF LKMF RK
HS unsere Nachbarin bestellt das ultraschnelle Notebook
VF LKMF RKNF
HS wer noch einen Mapplosaftpro- hat noch nicht gesehen welch ultraschnelle Note-
zessor verwendet books es mittlerweile gibt
NS1 wer noch einen Mapplo- verwendet
saftprozessor
NS2 welch ultraschnelle Notebooks es mittlerweile gibt
VFLKMF RKNF
HS wir haben geglaubt dass unsere Nachbarin ein ultraschnelles
Notebook bestellte, auf das sie sehr stolz ist
NS1 dass unsere Nachbarin ein bestellte auf das sie sehr stolz ist
ultraschnelles Notebook
NS2 auf das sie sehr stolz ist
175
4.7
Wörter und Sätze
Analyse des Gesamtsatzes
176
4.7
Wörter und Sätze
Satzanalyse in einer
Phrasenstrukturgrammatik
177
4.7
Wörter und Sätze
Analyse des Gesamtsatzes
Definition (A)NP steht links und rechts vom Pfeil jeweils NP.
Dadurch können prinzipiell unendlich lange Ket-
Unter ➔ Rekursion versteht man in der Mathematik die Wiederanwen- ten nur durch Wiederverwendung dieser Regel ge-
dung von Regeln auf durch sie selbst entstandene Ausdrücke. In der bildet werden. Eine solche im Prinzip endlose
generativen Syntaxtheorie wird der Begriff z. B. für die wiederholte Wiederanwendung einer Regel wird als Rekursion
Anwendung von Bildungsregeln auf Ausdrücke unterschiedlicher Kom- bezeichnet und ist eine ganz wesentliche Eigen-
plexität verwendet. schaft der generativen Syntax.
178
4.7
Wörter und Sätze
Das generative Phrasen-
strukturmodell
Module: Das Prinzipien- und Parametermodell Das Kopf-Prinzip schließt die unerwünschten Module des Modells
ist eigentlich eine Ansammlung von relativ selb- Phrasen aus (181) bereits alle aus. Die Legitimati-
ständigen, intern jeweils einfach gebauten Einzel- on für das Binaritäts-Prinzip leuchtet hingegen
theorien über bestimmte Phänomenbereiche, die nicht unbedingt schon auf Anhieb ein: Bei Verben,
Module genannt werden. Selbstverständlich inter- die neben dem Subjekt zwei weitere Argumente zu
agieren diese Module, so dass ihr Zusammenspiel sich nehmen, würde sich doch zunächst eine ter-
die Komplexität von syntaktischen Strukturen er- näre Verzweigung aufdrängen:
gibt. Wir werden im Folgenden drei solcher Mo-
dule näher erläutern und anwenden: das X’-Sche- (184)
ma, die Kasustheorie und move-D, die alle drei VP
jeweils einen Prinzipien- und einen Parameterteil
enthalten. NP PP V
X'-Schema (sprich: X-Strich oder X-bar): Wir ken- das Notebook zum Mechaniker bringen
nen aus Kapitel 4.2.2 schon die Grundbestandteile
der Konstituentenstruktur, nämlich Phrasen und
Köpfe, z. B. NP und N. Auch haben wir bereits in Ka- Jedoch zeigt die Verschiebeprobe, dass zum Me- X'-Schema
pitel 4.7.2 die Möglichkeit kennengelernt, eine Gram- chaniker bringen als Ganzes ins Vorfeld verscho-
matik bzw. einen Ausschnitt davon mittels Phrasen- ben werden kann, etwa in:
strukturregeln auszudrücken, z. B. VP o NP V,
AP o Adv A. Wir haben dabei immer Phrasen von (185) [zum Mechaniker bringen] will Anna das Notebook
einem ganz bestimmten Format angenommen, das
für alle Wortklassen gilt. Wir haben z. B. nie Phrasen- Adäquater ist daher eine Struktur mit einer Zwi-
strukturregeln wie die folgenden angenommen: schenstufe zwischen VP und V:
(181) PP o V (186)
PP o P P VP
NP o PP
NP V'
Vielmehr sind wir davon ausgegangen, dass eine
das Notebook
Phrase der Kategorie PP immer genau einen Kopf
PP V
der Kategorie P haben muss. (Analoges gilt für VP
zum Mechaniker bringen
und V, NP und N etc.). Dieser kann links oder rechts
stehen, und vor oder nach ihm kann weiteres Mate-
rial vorkommen. Anscheinend haben Phrasen egal Wir nennen eine solche Zwischenstufe innerhalb
welchen Wortklassentyps immer denselben Auf- einer Verbalphrase V', im allgemeinen Struktur-
bau, den man folgendermaßen darstellen kann, wo- schema X'. Dieses sieht dann folgendermaßen aus
bei ›X‹ für eine beliebige Wortklasse steht: (YP und ZP bezeichnen Phrasen, die von XP ver-
schieden sind):
(182) XP o X (weiteres Material) oder XP o (weiteres Material) X
(187)
Die X'-Theorie ist nun der Versuch, das allgemeine XP
Bauschema von Phrasen als Prinzipien zu formu-
lieren sowie festzulegen, innerhalb von welchem
YP X'
Rahmen verschiedene Parametersetzungen mög-
lich sind. Einige zentrale Prinzipien und Parameter
sind die folgenden: ZP X
(183) Kopf-Prinzip: Jede Phrase XP hat genau einen Kopf X. Parametrisch, also in unterschiedlichen Sprachen Kopfparameter
Phrasen-Prinzip: Jeder Kopf X projiziert genau eine möglicherweise verschieden, ist nun die Platzie-
Phrase XP. rung des Kopfs am Anfang oder am Ende der Phra-
Binaritäts-Prinzip: Knoten verzweigen binär. se. Im Englischen sind beispielsweise sowohl VP
Kopf-Parameter: Der Kopf steht innerhalb der Phrase als auch PP linksköpfig (188); im Türkischen sind
entweder links oder rechts. VP und PP dagegen rechtsköpfig (189):
179
4.7
Wörter und Sätze
Analyse des Gesamtsatzes
(188) (a) Hasan [VP bought an ox.] Allerdings sieht die Sache differenzierter aus bei
(b) [PP with Hasan] Verben, die entweder eine NP oder eine Infinitiv-
konstruktion regieren können. Während (wie er-
(189) (a) Hasan [VP bir öküz aldı.] wartet) eine NP dem Verb vorangehen muss
wörtlich ›Hasan einen Ochsen kaufte‹ (192a, b), ist die Position eines abhängigen Infi-
(b) [PP Hasan ile] wörtlich ›Hasan mit‹ nitivs variabel (192c, d), was vor dem Hinter-
grund des Gesagten eigentlich nicht zu erwarten
Der Kasusfilter ist ein weiteres Modul des Prinzipi- wäre:
en- und Parametermodells. Er besagt, dass jede
Nominalphrase genau einen Kasus erhalten muss. (192) (a) Otto hat [VP [NP seine Arbeit] angefangen.]
Dahinter steckt die Vorstellung, dass Kasus nicht (b) *Otto hat [VP angefangen [NP seine Arbeit.] ]
›einfach so‹ an der NP klebt, sondern von irgend- (c) Otto hat [VP [VP zu arbeiten] angefangen.]
wo her kommen muss – also von einem anderen (d) Otto hat [VP angefangen [VP zu arbeiten.] ]
Kopf, der den Kasus zuweist. Auch hier gibt es
wieder prinzipielle und parametrische Aspekte: Eine Erklärungsmöglichkeit für diesen auffälligen
Unterschied liefert nun der Kasusfilter. Wenn es
(190) Kasusfilter: stimmt, dass im Deutschen Verben Kasus nach
Prinzip: Jede NP muss genau einen Kasus erhalten. links zuweisen, dann kann in Variante (b) die NP
Prinzip: Ein Kopf X kann Kasus nur innerhalb der Grenzen seine Arbeit keinen Kasus erhalten. Der Kasusfilter
der XP zuweisen. würde dadurch verletzt. Aber der Infinitiv zu ar-
Prinzip: Zuweiser von Kasus ist V. beiten ist keine NP, er unterliegt dem Kasusfilter
Parameter: Zuweiser von Kasus ist auch P. also nicht. Dass Kasus von V nur nach links zuge-
Parameter: Zuweiser von Kasus ist auch N. wiesen wird, ist für den Infinitiv irrelevant, da er
Parameter: Zuweiser von Kasus ist auch A. gar keinen Kasus braucht. Daher kann er auch
Parameter: Kasus wird nach links oder nach rechts zuge- rechts von V stehen (d). Der Kasusfilter ist ein
wiesen. schönes Beispiel dafür, wie es eine Theorie wie
das Prinzipien- und Parametermodell ermöglicht,
Im Deutschen können bestimmte Adjektive Kasus- zunächst scheinbar unverbundene Sachverhalte
zuweiser sein (jemandem treu), aber nicht im Eng- wie Kasus und Stellungsregularitäten zu verbin-
lischen (faithful to someone). In Bezug auf die Zu- den und einheitlich zu erklären.
weisungsrichtung lässt sich eine sehr interessante Finitheit (I und IP): Nicht ganz trivial ist die
Beobachtung am Deutschen anstellen. Die folgen- Frage, woher das Subjekt seinen Kasus bekommt.
den Beispiele suggerieren, dass die Argumente ei- Wenn wir zunächst annehmen (und gleich wie-
nes Verbs grundsätzlich links davon stehen: der verwerfen), der Subjektsnominativ werde
ebenfalls von V zugewiesen, müsste gemäß dem
(191) (a) Petra hat [VP [NP ein Notebook] gekauft.] zweiten Prinzip aus (190) das Subjekt wie alle
(b) Otto will [VP [NP Petra] [NP ein Notebook] schenken.] anderen Argumente des Verbs innerhalb der VP
stehen. Nun gibt es aber eine auffällige Asymme-
Zur Vertiefung trie zwischen dem Subjekt einerseits und ande-
ren Argumenten des Verbs andererseits: Das Sub-
VO- vs. OV-Sprachen jekt kann nur mit dem Verb kombiniert werden,
Unter diesem Stichwort ist eine der ganz grundlegenden sprachtypologischen wenn dieses finit ist. Wenn das Verb nicht finit
Unterscheidungen zu verstehen. Die Bezeichnung bezieht sich auf die relative ist (im Infinitiv oder in einer Partizipform steht),
Abfolge des Verbs und des von ihm regierten Objekts, also auf Links- vs. Rechts- scheint die Subjektsposition wegzufallen. Ande-
köpfigkeit innerhalb der Verbalphrase. Es gibt nun interessante Beziehungen zwi- re Argumente, z. B. das direkte Objekt, sind hin-
schen der Abfolge von Verb/Objekt und anderen Kopf-/Komplement-Paaren. gegen durchaus mit nicht-finiten Verben kombi-
Sprachen wie das Französische, die generell stark zu Linksköpfigkeit tendieren, nierbar:
zeigen diese Tendenz nicht nur in der Abfolge VO, sondern auch darin, dass sie
Präpositionen haben, die dem von ihnen regierten Nominalausdruck vorange- (193) (a) Hans pfeift ein Lied. (finit)
hen. Dagegen gibt es in typischen OV-Sprachen wie dem Türkischen oder dem (b) Hans hat ein Lied gepfiffen. (finit)
Japanischen keine Prä-, sondern Postpositionen, denn in diesen Sprachen ist die (c) [VP Ein Lied pfeifend] ging er zum Bahnhof. (nicht finit,
Tendenz zur Rechtsköpfigkeit sehr stark (mehr dazu in Kap. 8). ohne Subjekt innerhalb der VP von pfeifen)
180
4.7
Wörter und Sätze
Das generative Phrasen-
strukturmodell
(d) *[VP Hans ein Lied pfeifend] ging er zum Bahnhof. (nicht Subordinierende Konjunktionen (C und CP): In der Komplementiererphrase
finit, mit Subjekt innerhalb der VP von pfeifen) bisherigen Grundstruktur sind die Prädikatsteile,
(e) [VP Ein Lied pfeifen] macht Spaß. (nicht finit, ohne Sub- Subjekt und weitere Argumente des Verbs in be-
jekt innerhalb der VP von pfeifen) stimmten Positionen des Strukturbaums ›versorgt‹.
(f) [VP Hans ein Lied pfeifen] macht Spaß. (nicht finit, mit Die Position der subordinierenden (nebensatzein-
Subjekt innerhalb der VP von pfeifen) leitenden) Konjunktionen wie ob, dass, nachdem
etc. ist hingegen noch nicht geklärt. Auch hier fol-
Ohne Zusatzannahmen zu den Instrumenten, die gen wir ohne Zusatzannahmen einfach der Logik
wir bis jetzt haben – X’-Schema und Kasusfilter –, des X'-Schemas: Subordinierende Konjunktionen
kann das nur heißen: Die Finitheit weist dem Sub- kürzen wir mit C ab (für engl. complementizer). C
jekt den Nominativ zu. Finitheit verhält sich also projiziert gemäß X'-Schema die Ebenen C' und CP,
gleich wie andere Köpfe (V, P etc.), die Kasus zu- und C verlangt eine Ergänzung eines bestimmten
weisen. Wir denken uns also Finitheit als kasuszu- Typs, nämlich einen finiten Satz, also eine IP. So-
weisenden Kopf, I (für engl. inflection) und ergän- mit ist CP in der Grundstruktur des Satzes die zu-
zen den Kasusfilter um folgenden Eintrag: oberst anzusetzende Phrase:
181
4.7
Wörter und Sätze
Analyse des Gesamtsatzes
(200) move-D
Prinzip: Bewegung ist nur in vorhandene Leerpositionen 4.7.4 | Das CP-IP-Modell in Bezug
möglich. auf das topologische Feldermodell
Prinzip: Phrasen werden in Phrasenpositionen bewegt.
Prinzip: Köpfe werden in Kopfpositionen bewegt. Wir haben in den vorigen Abschnitten einige
Parameter: Es kann nicht aus {NP, PP etc.} heraus bewegt Werkzeuge der generativen Syntax eingeführt: un-
werden. ter anderem das X’-Schema, die Kategorien I/IP
und C/CP oder Bewegung (move-D). Wir haben
Gehen wir nochmals von (199) aus. Durch zwei alle diese Werkzeuge unabhängig motiviert. Das
Bewegungen kann daraus der folgende Satz abge- heißt, wir haben versucht zu zeigen, dass wir sie
leitet werden: ohnehin brauchen, und schließlich sind sie ja auch
182
4.7
Wörter und Sätze
Das CP-IP-Modell in Bezug
auf das topologische
Feldermodell
183
4.7
Wörter und Sätze
Aufgaben
Komplex Petra das Notebook eine einzige Phrase kann keine Finitumsvoranstellung von hat stattfin-
bilden würde, was aber nicht der Fall ist. In Vari- den, da hierfür keine freie Kopfposition zur Verfü-
ante b) ist die C-Position bereits mit ob besetzt. Es gung steht.
Weiterführende Literatur
Aufgaben
1. Zeigen Sie anhand einschlägiger Konstituententests, dass der folgende Satz ambig ist und wie
viele und welche Lesarten möglich sind.
2. Zerlegen Sie die folgenden Sätze in die unmittelbaren Konstituenten (Tests!) und bestimmen Sie
die Phrasenkategorien und die Satzfunktionen.
(a) Manchmal frage ich mich händeringend, ob ich nicht besser BWL studiert hätte.
(b) In ihrer Rede am Montagmorgen hat die Bundeskanzlerin eine höhere Leistungsfähigkeit vom
deutschen Bildungssystem gefordert.
(c) Heutzutage erwarten die Fußballfans von den Spielern, dass sie nach jedem Spiel eine
Ehrenrunde laufen.
(d) Aber gestern, da hat dieser Kerl tatsächlich gesagt, wir sollen BWL studieren!
4. Zeigen Sie anhand einschlägiger Tests, ob die unterstrichenen Phrasen in folgenden Sätzen die
Funktion von Objekten oder von Adverbialen haben.
184
4.7
Wörter und Sätze
Aufgaben
5. Erläutern Sie die zahlreichen Funktionen des Pronomens es mit ihren spezifischen Eigenschaften.
7. Geben Sie bitte eine vollständige Beschreibung der Valenz folgender Verben:
8. Zeichnen Sie einen Strukturbaum der Phrase viele schöne Bücher über Linguistik.
S o NP VP
NP o Det NP
NP o A NP
NP o N
VP o V NP
(a) das Kind ruft die Lehrerin
(b) die Lehrerin sieht Anna
(c) sieht die Lehrerin Anna?
(d) Peter aß einen faulen Apfel
(e) Peter aß einen faulen einen Apfel
10. Überlegen Sie sich, inwiefern die folgende Phrasenstrukturgrammatik über- bzw. untergeneriert.
Argumentieren Sie anhand der Beispielsätze. Wie könnte man die auftretenden Probleme lösen?
S o NP VP
NP o Det N
VP o V NP
(a) der Kater fängt die Maus
(b) der Kater fängt
(c) der Kater schläft
(d) den Kater schläft
(e) der Kater schläft die Maus
11. Stellen Sie folgende Sätze sowohl im topologischen Feldermodell als auch im CP-IP-Modell dar;
beziehen sie dann die beiden Modelle aufeinander und zeigen Sie, welche Positionen einander
entsprechen.
(a) weil Gustav vorhin seinen Studenten ein schönes Buch über Syntaxtheorie vorgelesen hat
(b) die Studenten sind gestern alle pünktlich um 10 zu Bett gegangen
185
5.1
Ein Spruch, den man einige Sommer lang auf Supermarktkasse, einige sprachliche Strukturen
T-Shirts lesen konnte, war Bitte sprechen Sie in werden sich immer unkontrovers als Sätze identi-
ganzen Sätzen: Ich lese die ZEIT. Der Begriff des fizieren lassen, auch wenn die genauen Grenzen
Satzes, noch dazu des »ganzen Satzes«, ist wie des Begriffs schwer zu fassen sind.
vielleicht kein zweiter mit einer normativen Ide- Dieses Kapitel wird den Satzbegriff und ver-
alvorstellung von Sprache verknüpft, die sich in wandte Konzepte problematisieren und erörtern.
Form und auch Inhalt stark an der Schrift orien- Dabei soll es neben der Frage, was ein Satz eigent-
tiert. Geordnete Gedanken, so die Idee, finden lich ist, insbesondere um die Strukturen gehen, die
ihren Ausdruck am besten in ›grammatikalisch unterhalb und oberhalb der Satzebene Zusam-
korrekten‹ Formen, die einer Übermittlung von menhänge zwischen sprachlichen Äußerungen
komplizierten Informationen besonders zuträg- herstellen. In den ersten Abschnitten dieses Kapi-
lich sind. Für einen Zeitungsartikel trifft diese tels werden diese Strukturen vorgestellt. Welche
Annahme sicherlich zu, für andere Formen der Werkzeuge erlauben es Sprechern, einzelne Ideen
Sprache eher nicht: Tonaufnahmen von sponta- miteinander in Bezug zu setzen? Die Beantwor-
nen Sprachdaten belegen, dass es Sprechern in tung dieser Frage erfordert einen kurzen Exkurs in
der alltäglichen Konversation weder primär da- die Diachronie: Wie kommen textverknüpfende
rauf ankommt, möglichst effizient Fakten zu ver- Strukturen historisch eigentlich zustande? Auch
mitteln, noch darauf, dass dies in einer möglichst die Perspektive des Hörers, und damit die Ebene
›grammatischen‹ Form geschieht. Die Struktur der Kognition, soll in diesem Kapitel berücksich-
gesprochener Interaktion folgt regelhaften Mus- tigt werden: Wie versteht man als Hörer einen
tern, die jedoch wenig mit denen eines Zeitungs- Satz, und wie fügt man das Verstandene in die
artikels gemein haben. Nichtsdestotrotz ist ein vorangegangene Thematik eines Textes ein? Aus-
gemeinsamer Nenner die Struktureinheit des blicke in die Kognitionswissenschaft, die Compu-
Satzes, die hier wie da eine wichtige Rolle in terlinguistik und die Textlinguistik zeigen, wie die-
der Organisation zusammenhängender Sprache se Ideen in verschiedenen Forschungstraditionen
spielt. Ob Feuilletonartikel oder Gespräch an der aufgegriffen werden.
5.1 | Grundbegriffe
5.1.1 | Satz (d) Hm.
(e) Ich nicht!
Was ist ein Satz? Umgangssprachliche und sprach-
theoretische Verwendungen dieses Begriffs über- Wenn man eine Äußerung wie (1a) betrachtet,
schneiden sich in ihren jeweiligen Bedeutungen, scheint es nicht weiter schwer, einen Satz zu defi-
so dass es einer genaueren Klärung bedarf. Um nieren. Das Beispiel bildet eine in sich vollständige
sich dem Begriff etwas anzunähern, lohnt es, sich Einheit: Es besteht aus mehreren Wörtern und
einige Beispiele im Detail anzusehen. Phrasen, die sich zu einem übergeordneten Gan-
zen zusammenfinden, an dem nichts ›fehlt‹. Auch
(1) (a) Die Schwimmwesten befinden sich unter Ihrem Sitz. auf der inhaltlichen Ebene ist das Beispiel in sich
(b) Hoffentlich gibt es bald Kaffee. geschlossen, so dass es einen Gedanken aus-
(c) Her mit dem Geld! drückt, der eine kohärente Aussage über die au-
187
5.1
Satz und Text
Grundbegriffe
ßersprachliche Wirklichkeit macht. Weiterhin lie- Wahrheitswert zukommt. Beispiel (1c) verletzt so-
ße sich anführen, dass das Beispiel eine Handlung gar beide Kriterien, es enthält weder ein Subjekt
repräsentiert, mit der der Sprecher etwas ›macht‹, noch ein Verb, noch lässt sich dem Beispiel ein
also die außersprachliche Wirklichkeit in irgendei- Wahrheitswert zuweisen. Nichtsdestotrotz lässt
ner Weise beeinflusst. In diesem Fall dient die sich das Beispiel als Satz auffassen, da es hinsicht-
Handlung dazu, einen Hörer auf den Aufbewah- lich seiner Struktur und Intonation vollständig und
rungsort der Schwimmwesten aufmerksam zu unabhängig ist. Auch Beispiel (1d) erfüllt diese Kri-
machen. Im Medium der gesprochenen Sprache terien, allerdings besteht es nur aus einem einzigen
bekäme das Beispiel außerdem eine eigene, voll- Element und lässt sich daher nicht als syntaktische
ständige Intonationskurve, die den Abschluss der Fügung bezeichnen. Trotzdem würde das Beispiel
Äußerung als Satzende hörbar macht. All das unter eine Definition fallen, die darauf abhebt,
sind Kriterien, mit denen ein Satz in ganz allge- dass ein Satz eine unabhängige Form ist, mit der
meinen Begriffen beschrieben werden kann, ohne eine sprachliche Handlung vollzogen wird, und sei
auf sprachtheoretische Konzepte zurückzugreifen. diese auch nur der Ausdruck von Ratlosigkeit. Bei-
Sprachwissenschaftliche Definitionen des Satz- spiel (1e) schließlich wirft Zweifel auf, ob das Kri-
begriffes wenden zum Teil genau die Kriterien an, terium der Unabhängigkeit in jedem Fall gegeben
die oben beschrieben wurden, fassen diese jedoch sein muss. Wohl ist das Beispiel als eigenständige
in theoretisch unterfütterte Begriffe. Die Idee der sprachliche Handlung zu werten, allerdings ist ihre
vollständigen Einheit beispielsweise entspricht ei- Form reduziert und ihre Bedeutung nur in Abhän-
ner Konstituentenstruktur von Subjekt-Nominal- gigkeit zu einer vorangegangenen anderen Äuße-
phrase (Die Schwimmwesten) und Verbalphrase rung zu verstehen. Die Kriterien der formalen und
(befinden sich unter Ihrem Sitz), in die das Beispiel inhaltlichen Vollständigkeit und Unabhängigkeit
zerlegt werden kann (s. Kap. 4). Auch das Kriteri- sind somit verletzt. Da diese Kriterien des Satzbe-
um der inhaltlichen Vollständigkeit lässt sich mit griffs in verschiedenen Ansätzen unterschiedlich
theoretischen Begriffen näher definieren: Das Bei- gewertet werden und sich darüber hinaus in Teilen
spiel bringt eine sogenannte Proposition zum widersprechen, ist eine einheitliche und abschlie-
Ausdruck, also eine Aussage, die entweder wahr ßende Klärung des Begriffs nicht möglich, so dass
oder falsch ist. Die Idee sprachlicher Handlungen im weiteren Verlauf dieses Kapitels nach und nach
ist in der sogenannten Sprechakttheorie zu einer eine alternative Terminologie für die Beschreibung
Typologie verschiedener Sprechakte ausgebaut von satzartigen Strukturen entwickelt wird.
worden (vgl. Levinson 1983), von denen deklara-
tive Sprechakte, also Aussagen über Tatsachen in Definition
der Welt, nur einen Typus von mehreren darstel-
len (s. Kap. 6.2; zur Intonation von Äußerungen Einige gebräuchliche Kriterien für ➔ Sätze:
s. Kap. 2.5.5). ■ sie enthalten ein Subjekt und ein Prädikat,
Sowohl umgangssprachliche als auch sprach- ■ sie treffen eine Aussage über die sprach-
theoretische Definitionen des Satzes stoßen aber externe Welt,
schnell an ihre Grenzen, wenn man sie auf Äuße- ■ sie sind hinsichtlich ihrer Struktur und
rungen anwendet, die von ganz und gar eindeuti- Intonation vollständig und unabhängig,
gen Beispielen wie (1a) abweichen. Beispiel (1b) ■ sie stellen eine sprachliche Handlung dar.
etwa erfüllt das formale Kriterium einer Struktur
aus Subjekt und Verbalphrase und das inhaltliche
Kriterium einer vollständigen Idee, verletzt aller- Neben Satzdefinitionen nach formalen und funk-
dings das Kriterium, nach dem ein Satz eine Aussa- tionalen Kriterien gibt es Versuche, den Satz in
ge über die sprachexterne Welt macht, der ein Abhängigkeit von einer bestimmten Grammatik-
Definition theorie zu definieren. Die Generative Grammatik
(s. Kap. 4) definiert beispielsweise den Satz als die
Eine ➔ Proposition ist eine Aussage, die entweder wahr oder falsch ist höchste sprachliche Ebene, auf der syntaktische
(d. h. sie hat einen Wahrheitswert), sie enthält ein (üblicherweise ver- Regeln Anwendung finden. Der Satz entspricht da-
bales oder adjektivisches) Prädikat sowie ›Mitspieler‹ des Prädikats, die mit einfach dem höchsten Knoten in einem syn-
sogenannten ➔ Argumente und weist den Argumenten ihre semanti- taktischen Strukturbaum, wobei dieser Knoten in
schen Rollen und Funktionen zu (s. Kap. 4.4). verschiedenen Ausprägungen generativer Theori-
en unterschiedlich benannt wird.
188
5.1
Satz und Text
Text
Für die weitere Diskussion in diesem Kapitel mär ein Thema zum Inhalt, das durch einen Text-
sind die Grenzfälle des Satzbegriffs und auch theo- teil wie die Überschrift vorgegeben sein kann. Das
riegeleitete Definitionen des Satzes allerdings von Thema selbst dient als inhaltlicher Angelpunkt für
untergeordneter Bedeutung. Weit wichtiger sind die einzelnen Textteile, die sich in unterschiedli-
Begrifflichkeiten, die die Einbettung von Sätzen in cher Weise darauf beziehen. In einem Kochrezept
Texte sowie die interne Struktur von komplexen sind die Textteile der Zutatenliste und der Zuberei-
Sätzen betreffen. tungsbeschreibung für gewöhnlich getrennt, aber
beide beziehen sich aufeinander und auf das über-
geordnete Thema des Rezepts. Die wechselseitigen
inhaltlichen Bezüge innerhalb eines Textes werden
5.1.2 | Text unter dem Begriff der Kohärenz diskutiert.
Sowohl in einem Kochrezept als auch in erzäh-
Ein Satz kommt, wenn man einmal von Tweets, lenden Texten oder Gesprächen knüpfen neue Tei-
Sprüchen auf T-Shirts und Schildaufschriften wie le des Textes an bereits gegebene an. Wenn bei-
Den Anweisungen des Personals ist Folge zu leisten spielsweise ein Rezept den Leser dazu auffordert,
absieht, immer in einem sprachlichen Zusammen- Milch, Eier und Zucker schaumig zu schlagen,
hang vor, der hier als ›Text‹ bezeichnet werden und der folgende Satz verlangt, der Masse zwei-
soll. Ein Satz ist also in weiteres sprachliches Ma- hundert Gramm Mehl hinzuzufügen, dann stellt
terial eingebettet, zu dem inhaltlich und struktu- der Leser den Zusammenhang her, dass mit der
rell Bezüge hergestellt werden. Dabei ist nachran- ›Masse‹ die vermengten Zutaten aus dem vorange-
gig, in welchem Medium das geschieht. Schriftliche gangenen Satz gemeint sind. Diese Art von Zu-
Texte wie ein Zeitungsartikel oder eine E-Mail sind sammenhang wird als Koreferenz bezeichnet, ein
genauso textualisiert wie ein Gespräch. Begriff, der später in diesem Abschnitt noch wei-
Selbstreferenzialität: Im geschriebenen wie im ter diskutiert wird.
gesprochenen Medium hat jeder Text selbstrefe- Andere inhaltliche Bezüge sind temporaler
renzielle Eigenschaften: Der Hörer oder Leser kann oder kausaler Natur: In einem erzählenden Text
anhand struktureller Merkmale erkennen, um was bildet die Reihenfolge mehrerer Äußerungen typi-
für eine Textsorte es sich handelt. Dies verrät in scherweise die zeitliche Abfolge der beschriebe-
den meisten Fällen natürlich schon der außer- nen Ereignisse ab; eine Gegenüberstellung zweier
sprachliche Kontext – wer ein Kochbuch auf- Aussagen wie Ich muss dir leider absagen, ich bin
schlägt, erwartet Kochrezepte und keine Kurzge- total erkältet ermuntert den Hörer zur Herstellung
schichten. Trotzdem ist es notwendig, dass auch eines kausalen Zusammenhangs. Texte können
der Text selbst Merkmale aufweist, durch die er sich in der jeweiligen Stärke ihrer Kohärenz unter-
sich selbst erkennbar macht. Das Wissen um die scheiden. Insbesondere schriftliche Textsorten wie
Textsorte weckt nämlich konkrete Erwartungen berichtende Zeitungsartikel zeichnen sich durch
an die weiteren Bestandteile des Textes und steuert eine starke Bindung an ein einmal gewähltes The-
damit, wie die einzelnen Teile und im Endeffekt ma aus, während Gespräche auch unter Wahrung
das Gesamte interpretiert werden. Der Leser eines der Kohärenz einen flexiblen Wechsel zwischen
wissenschaftlichen Aufsatzes erwartet beispiels- unterschiedlichen Themen erlauben.
weise nach dem Lesen des Titels die Namen der
Autoren und ein zusammenfassendes Abstract. Definition
Werden diese Erwartungen enttäuscht, fällt es dem
Leser zunehmend schwer, sich in dem Text zu ori- Unter ➔ Kohärenz verstehen wir den inhalt-
entieren und seinen Inhalt zu verstehen; eventuell lichen Zusammenhang eines Textes. Kohä-
kommt auch Unsicherheit auf, um welche Textsor- renz zeigt sich in semantischen Bezügen
te es sich überhaupt handelt. Die Selbstreferenzia- wie Koreferenz, temporaler Sequenz oder
lität des Textes erschöpft sich nicht in der struktu- Kausalität.
rellen Orientierung an einer Textsorte, sondern sie
wird auch durch metatextuelle Verweise (wie ein-
gangs erwähnt, im Folgenden, zusammenfassend Kohäsion: Der Begriff der Kohärenz beschreibt die
etc.) produziert. Bedeutungsbeziehungen zwischen verschiedenen
Kohärenz: Ein Text referiert aber natürlich nicht Teilen des Textes. Mit dem Begriff der Kohäsion
nur auf seine eigene Struktur, sondern er hat pri- werden die strukturellen Mittel erfasst, die für die
189
5.1
Satz und Text
Grundbegriffe
190
5.1
Satz und Text
Parataxe und Hypotaxe
191
5.1
Satz und Text
Grundbegriffe
192
5.1
Satz und Text
Koreferenz
In vielen komplexen Sätzen beschreiben der Ma- ➔ Koreferenz liegt vor, wenn zwei sprachliche Formen auf denselben
trixsatz und der untergeordnete Satz zwei Situati- außersprachlichen Referenten referieren. Die zwei Formen sind übli-
onen oder Ereignisse, die auf dieselben Personen cherweise nominal oder pronominal; typischerweise tritt zunächst eine
oder Objekte Bezug nehmen. Wenn in solch einem nominale Form auf, danach verweist eine pronominale Form auf diese
Satzgefüge derselbe Referent durch zwei unter- zurück (s. u. die Diskussion der anaphorischen Referenz).
schiedliche sprachliche Formen ausgedrückt wird,
spricht man von Koreferenz.
Ein erstes Beispiel von Koreferenz findet sich in (9) (a) Britta i freut sich i über ihr i Geschenk.
(7). Im Matrixsatz geht es darum, dass ein Ver- (b) Angela Merkel i reist heute nach Paris. Die Kanzlerin i
sprechen geleistet wird; der untergeordnete Teil- wirbt dort für ihre i Krisenpolitik.
satz beschreibt den Inhalt dieses Versprechens, (c) Ich war schon zweimal in Paris i und mir hat’s da i gut
nämlich dass eine Katze während der Ferien ver- gefallen.
sorgt wird. In beiden Teilsätzen ist dabei von den-
selben Personen die Rede. Des Weiteren bezeichnet man mit dem Begriff der
Koreferenz auch Bezüge, bei denen ein bereits ge-
(7) Britta versprach Katrin, dass sie in den Ferien auf ihre Katze nannter Referent als Subjekt oder Objekt eines
aufpassen würde. weiteren Satzes ›mit verstanden‹, aber nicht ausge-
drückt wird. Die Beispiele in (10) verdeutlichen
Einem Muttersprachler bereitet es keinerlei Schwie- dies.
rigkeiten zu verstehen, wer auf die Katze aufpasst
und wem sie gehört: Britta wird auf Katrins Katze (10) (a) Britta versprach Katrin, besser auf ihre Katze aufzupas-
aufpassen, vermutlich weil Katrin plant, in den Ur- sen.
laub zu fahren. Weit größere Schwierigkeiten ha- (b) Britta ermahnte Katrin, besser auf ihre Katze aufzupas-
ben eben jene Muttersprachler, wenn man sie fragt, sen.
woher sie eigentlich wissen, dass diese Interpreta-
tion die richtige ist. Weswegen bezieht sich das In Beispiel (10a) ist Britta als Subjekt des Matrix-
Pronomen sie auf Britta, auf keinen Fall aber auf satzes koreferent mit dem ›logischen‹ Subjekt des
Katrin? Warum interpretiert man ihre Katze eher als untergeordneten Infinitivsatzes. In (10b) hingegen
Katrins Katze? Eine alternative Interpretation wäre ist Katrin, also das Objekt des Matrixsatzes, in die-
schließlich ja möglich, wie Beispiel (8) zeigt. ser Rolle.
Anaphorische Referenz: Mit dem Begriff der
(8) Britta hat eine graugetigerte Katze. anaphorischen Referenz bezeichnet man die spezi-
fische Koreferenz zwischen einer lexikalischen
Britta und ihre Mutter Katrin hatten Streit, weil Britta gern Form (etwa Die Kanzlerin) und einer pronomina-
ihre Katze mit in die Ferien nehmen wollte. len Form (sie, ihre etc.). Die lexikalische Form
wird dabei als Antezedens, also als ›vorausgehen-
Katrin befürchtete, das Tier würde sich in der fremden Umge- des‹ Element bezeichnet, das ihm folgende Prono-
bung verlaufen. men als Anapher. In manchen Fällen anaphori-
scher Referenz bezieht sich die Anapher nicht auf
Britta versprach Katrin, dass sie in den Ferien auf ihre Katze eine Nominalphrase, sondern auf einen ganzen
aufpassen würde. Satz oder eine Verbalphrase.
Koreferenz tritt nicht nur zwischen Matrixsatz und (11) (a) Boris hat Übergewicht i, obwohl er das i nicht wahrha-
untergeordnetem Satz auf, sondern sie findet sich ben will.
auch in einfachen Sätzen und über Satzgrenzen (b) Wenn du jetzt dein Studium schmeißt i, bereust du es i
hinweg, wie in (9) dargestellt. Oft stellen pronomi- dein Leben lang.
nale Formen den Bezug her, aber auch synonyme
lexikalische Formen oder sogenannte Pronominal- Die Beispiele in (12) illustrieren Anaphern, denen
adverben (dort, dann, da etc.) kommen dafür in ein Antezedenz gänzlich zu fehlen scheint (in (12a)
Frage. Koreferenzielle Formen sind in (9) jeweils ist er nicht koreferent mit seinen Schirm, in (12b) ist
mit einem Index gekennzeichnet. ihn nicht koreferent mit keinen Schirm). Trotzdem
193
5.1
Satz und Text
Grundbegriffe
bereitet es Hörern keine Schwierigkeiten, zu einer (14) (a) Warum er i die Firma verkaufte, hat unser Vater i uns nie
sinnvollen Interpretation der Sätze zu gelangen. In richtig erklärt.
der Linguistik werden Fälle dieser Art als lazy ana- (b) Auf ihrer i neuen Platte haben die Schmonzetten-Rocker
phora bezeichnet (Karttunen 1976), weil das Ante- von Coldplay i auch ein Duett mit Rihanna eingespielt.
zedens durch den Kontext konzeptuell präsent ist (c) Ohne die Hilfe seiner i Mutter hätte der 19-Jährige i das
und nicht gesondert verbalisiert wird. niemals durchgestanden.
(12) (a) Frank hat seinen Schirm verloren und mir ist er ? im Zug Häufig ist die kataphorische Verwendung eines
geklaut worden. Pronomens nicht möglich, ohne dass dadurch die
(b) Ich hatte keinen Schirm dabei, Frank aber schon, und er Koreferenz zunichte gemacht würde. Die folgen-
hat ihn ? mir geliehen. den Sätze sind mithin nur verständlich, wenn kei-
ne Koreferenz vorliegt, sich also beispielsweise
Eine weitere Besonderheit stellen Beispiele dar, bei Katrin über Brittas Geschenk freut oder Boris das
denen das Antezedenz von einem Quantifikator (je- Übergewicht eines Freundes ignoriert.
der, alle, kein etc.) modifiziert ist. Sätze wie in (13)
haben in der semantischen Forschung eine gewisse (15) (a) * Sie i freut sich über Brittas i Geschenk.
Berühmtheit erlangt, weil sie in einem formal-logi- (b) * Er i hat Übergewicht, obwohl Boris i das nicht wahrha-
schen Ansatz nur sehr schwierig zu fassen sind ben will.
(Heim 1982). Die anaphorischen Pronomen sind
deswegen mit einem Fragezeichen indiziert. Warum sind nun die Beispiele in (14) nicht wei-
ter problematisch, die Beispiele in (15) aber un-
(13) (a) Alle Kinder i bekommen einen Stift in ihrer ? Lieblings- möglich? In der generativen Linguistik sind zur
farbe. Beantwortung dieser Frage strukturelle Gründe
(b) Jedes Kind i nennt seine ? Lieblingsfarbe. herangezogen worden (Reinhart 1981): Die kata-
phorischen Pronomen in (14) befinden sich in
Beispiel (13a) hat die Interpretation, dass jedes syntaktisch untergeordneter Position. Eine typi-
einzelne Kind einen Stift bekommt, wobei die Far- sche Ausprägung kataphorischer Referenz ist also
be der Stifte von Kind zu Kind unterschiedlich sein das Auftreten in abhängigen Sätzen. Weiterhin
kann. Die Phrase in ihrer Lieblingsfarbe lässt sich findet man kataphorische Pronomen in vorange-
also nicht ersetzen durch in der Lieblingsfarbe al- stellten Präpositionalphrasen, wie in (14b) illus-
ler Kinder, obwohl hier eigentlich nur die Anapher triert ist. Beispiel (14c) zeigt einen dritten typi-
durch das Antezedens ersetzt wird. Parallel dazu schen Kontext, in dem das kataphorische Prono-
nennt in Beispiel (13b) jedes Kind jeweils nur die men in untergeordneter Position innerhalb einer
eigene Lieblingsfarbe, nicht etwa die Lieblingsfar- komplexen Nominalphrase auftaucht. Kataphori-
be jedes einzelnen Kindes oder eine gemeinsame sche Referenz tritt also zumeist dann auf, wenn
Lieblingsfarbe aller Kinder. eine dem Matrixsatz untergeordnete Phrase, die
Kataphorische Referenz: Wenn eine pronomi- ein Pronomen enthält, aus diskurspragmatischen
nale Form (er, sie) einer koreferenziellen lexikali- Gründen an den Anfang eines Satzes gestellt
schen Form (unser Vater, Angela Merkel) voraus- wird. In (14c) beispielsweise erfährt die Phrase
geht, spricht man von kataphorischen Pronomen. Ohne die Hilfe seiner Mutter durch die Anfangs-
Diese Ausprägung von Koreferenz ist deutlich sel- stellung eine besondere Betonung. Die Verwen-
tener als die der anaphorischen Referenz, und sie dung kataphorischer Pronomen lässt sich aber
ist stilistisch auf wenige, zumeist geschriebene nicht ausschließlich durch Rückgriff auf syntakti-
Textsorten beschränkt. Das hat damit zu tun, dass sche Strukturen erklären. In Sätzen wie Alle ihrei
sie einen größeren kognitiven Aufwand erfordert, Freunde waren zu Brittasi Abschiedsparty gekom-
da der Hörer ein nicht zugeordnetes Pronomen bis men steht das Pronomen nicht in einer unterge-
zu seiner Auflösung im Arbeitsgedächtnis behal- ordneten Satzstruktur, trotzdem stellen die Hörer
ten muss. Koreferenz her.
194
5.2
Satz und Text
Adverbialsätze
Die Koordination mehrerer Sätze mit oder ohne ➔ Ikonizität bedeutet, dass ein sprachliches Zeichen und sein Referent
verbindende Konjunktion wurde bereits im vori- sich strukturell ähnlich sind (s. auch Kap. 3.3.3). Ikonizität kann z. B.
gen Abschnitt behandelt. Koordination von Sätzen
■ die sequenzielle Ordnung betreffen: Was früher passiert ist, wird
ist, sowohl mit als auch ohne explizite Markierung früher verbalisiert;
durch eine Konjunktion, ein Mittel der Kohäsion,
■ die relative Nähe von Elementen betreffen: Was in der Bedeutung
denn durch sie werden semantische Inhalte ver- eng zusammengehört, wird in nah beieinander stehenden Formen
knüpft. verbalisiert.
Ikonische Reihenfolge: Ein häufiger Bezug zwi-
schen koordinierten Sätzen ist die zeitliche Abfol-
ge. Bevorzugt werden in asyndetischen, also un- Solche Koordinationsellipsen betreffen typischer-
markierten Koordinationen aufeinanderfolgende weise den zweiten koordinierten Satz, in dem das
Ereignisse ikonisch angeordnet, wie im Beispiel Verb (16a) und evtl. auch noch weitere Strukturen,
Morgens ist es noch freundlich, am Nachmittag ist wie etwa das Subjekt (16b), ausgelassen werden
mit Schauern zu rechnen illustriert: Zuerst ist es können. Auslassungen mehrerer Konstituenten
freundlich, später regnet es. Semantische Bezüge, werden als gapping bezeichnet. In Beispiel (16c)
die einem ikonischen Verhältnis zuwiderlaufen, erstrecken sich die Auslassungen auf beide Teilsät-
können durch eine koordinierende Konjunktion ze. Wie in den beiden anderen Beispielen fehlt
explizit gemacht werden. dem zweiten Satz das Verb, dem ersten Satz fehlt
Kontrast: Eine andere typische Relation zwi- aber darüber hinaus auch ein Teil der lokativen
schen koordinierten Sätzen ist der Kontrast, der Adverbialbestimmung. Diese im Deutschen eher
mit Konjunktionen wie aber und sondern zum seltene Konstruktion wird in der anglistischen Lin-
Ausdruck gebracht wird. guistik right-node raising genannt. Reduktionsphä-
Kausalität: Weiterhin besteht häufig ein kausa- nomene wie diese zeigen, dass auch in Beiordnun-
ler Zusammenhang zwischen beigeordneten Sät- gen Subjekte oder Objekte der Teilsätze verschränkt
zen, der mit denn ausgedrückt wird. sein können, was mit einer formalen und funktio-
Darüber hinaus können koordinierte Sätze se- nalen Integration der Sätze einhergeht.
mantische Inhalte gegenüberstellen, deren Relati-
on der Hörer sich aus seinem Weltwissen oder
dem außersprachlichen Kontext erschließen muss.
Beispielsweise stellt die Beiordnung Britta hat die 5.2.2 | Adverbialsätze
Prüfung bestanden und sie hat überhaupt nicht ge-
lernt einen konzessiven Bezug zwischen den Sät- Die Gruppe der Adverbialsätze bildet ein weites
zen her: Britta hat die Prüfung bestanden, obwohl Spektrum integrierter Satzstrukturen ab, in dem
sie gar nicht gelernt hatte. die Inhalte von Satzstrukturen durch unterordnen-
Koordinationsellipse: Ein typisches strukturel- de Konjunktionen (weil, obwohl, damit etc.) in
les Merkmal von koordinierten Sätzen ist die teil- verschiedene semantische Bezüge zueinander ge-
weise Reduktion der einzelnen Teilsätze (vgl. Klein setzt werden. Diese untergeordneten, aber nur
1993). Koordinierte Sätze zeichnen sich häufig schwach integrierten Teilsätze erfüllen dabei die
durch semantische und strukturelle Parallelität Funktion einer Adverbialbestimmung, sie sagen
aus. Die Beispiele in (16) zeigen, wie es Sprecher also etwas zu den näheren Umständen des Matrix-
vermeiden, die in solchen Fällen doppelt angeleg- satzes aus. Semantisch lassen sich hierbei, neben
ten Teilstrukturen zu wiederholen. einigen anderen, drei Hauptarten von Bezügen
ausmachen, nämlich temporale, kausale und fina-
(16) (a) Ich bringe das Altpapier weg und du die leeren Fla- le Bezüge.
schen. Die Beschreibung der zu diesen semantischen
(b) Mittwoch fahre ich nach Köln, Donnerstag dann nach Bezügen gehörenden Typen von untergeordneten
Aachen. Teilsätzen lässt sich im Prinzip leicht durch die
(c) Der eine Strumpf liegt auf und der andere unter dem Auflistung der entsprechenden unterordnenden
Sofa. Konjunktionen bewerkstelligen. Ein Problem ist
195
5.2
Satz und Text
Typen integrierter Sätze
dabei allerdings, dass die allermeisten dieser Kon- (Diessel 2001), da sie auf konzeptueller Ebene eine
junktionen mehrere Funktionen haben. So kommt Voraussetzung für den weiteren semantischen In-
das temporale während auch als Markierung eines halt des Satzgefüges darstellen. In der deutschen
Kontrastes vor: Schriftsprache sind aber auch nachgestellte Kondi-
tionalsätze nicht unüblich.
(17) (a) Während der Teig geht, können Sie die Füllung zuberei- Eine besondere Konditionalsatzkonstruktion
ten. (temporal) sind sogenannte verbinitiale Konditionalsätze,
(b) Während das Design überzeugt, ist die Technik nicht wie in (21b) illustriert. Sie zeigen nicht die für Ne-
besonders ausgereift. (kontrastiv) bensätze typische finale Verbstellung und werden
auch nicht durch eine unterordnende Konjunktion
Temporalität: Satzgefüge mit temporalen Adverbi- eingeleitet. Vielmehr steht das finite Verb hier am
alsätzen bringen mehrere Ereignisse in eine zeitli- Anfang:
che Reihenfolge. Wie auch bei Satzreihen ist die
Tendenz zu beobachten, dass Sprecher Matrix- (21) (a) Falls ich gewinne, gebe ich meinem Chef als Erstes die
und Adverbialsatz ikonisch anordnen, so dass die Kündigung.
Ereignisse, die zuerst stattgefunden haben, auch (b) Fallen die Triebwerke aus, muss der Pilot blitzschnell
zuerst verbalisiert werden. reagieren.
(18) (a) Sobald ich im Hotel bin, schicke ich dir eine SMS. Konzessivität: Auch in konzessiven Adverbialsät-
(b) Ich kriege einfach nichts hin, bevor ich (nicht) meinen zen spielen Ursache und Wirkung eine Rolle, aller-
Kaffee getrunken habe. dings in etwas komplexerer Weise. Ähnlich wie im
Fall der ›negativen Finalität‹ (20b) hat eine Ursa-
Kausalität: Kausale Adverbialsätze im engen Sinn che nicht die erwartete Wirkung. Die Ursache wird
des Wortes bringen die verknüpften Teilsätze in dabei im Adverbialsatz ausgedrückt. In Beispiel
den Zusammenhang von Ursache und Wirkung. (22a) ist davon die Rede, dass der Ölpreis gesun-
Dabei wird die Ursache im untergeordneten Adver- ken ist. Dies, so könnte man annehmen, wäre ein
bialsatz verbalisiert, der Effekt dieser Ursache im Grund dafür, dass auch das Benzin billiger wird.
Matrixsatz. Offenbar ist aber das Gegenteil der Fall. Analog
führt in (22b) eine im Adverbialsatz ausgedrückte
(19) (a) Das Huhn überquerte die Straße, weil dies in der Natur Bemühung nicht zu dem erhofften Ergebnis.
von Hühnern liegt.
(b) Da wir wenig Zeit haben, fasse ich das Wichtigste mal (22) (a) Das Benzin ist schon wieder teurer, obwohl der Ölpreis
kurz zusammen. gesunken ist.
(b) So sehr er sich auch bemühte, er fand einfach keine
Konsekutivität: In einem konsekutiven Adverbi- Arbeit.
alsatz (dt. Folgesatz) ist das eben beschriebene
Verhältnis umgekehrt: die Matrixsätze in (20) be- Finalität: Finale Adverbialsätze geben eine Absicht
zeichnen eine Ursache, deren Effekt im unterge- oder einen Zweck an. Dabei kommt der Zweck im
ordneten Satz zum Ausdruck kommt. Im Deut- untergeordneten Satz zum Ausdruck:
schen kann durch die komplexe Konjunktion ohne
dass auch das Ausbleiben eines erwarteten Effekts (23) (a) Ich habe das Fahrrad reingestellt, damit es nicht nass
ausgedrückt werden. wird.
(b) Pass auf, dass der Hund nicht wieder abhaut!
(20) (a) Ich war todmüde, so dass ich sofort eingeschlafen bin.
(b) Ich färbe meine Haare schon jahrelang, ohne dass sie Neben den üblichen Konjunktionen der Finalität
ausfallen. (damit, so dass etc.) gibt es auch Formen, die ei-
nen negativen Zweck ausdrücken, im Deutschen
In einem Konditionalsatz ist der kausale Zusam- damit nicht oder bevor.
menhang hypothetischer Natur. Konditionalsätze Am Anfang dieses Abschnitts wurde erwähnt,
drücken eine Bedingung aus, unter der das im Ma- dass unterordnende Konjunktionen häufig poly-
trixsatz verbalisierte Ereignis stattfinden kann. Im sem, also mehrdeutig sind und damit mehrere se-
typologischen Vergleich tendieren Konditionalsät- mantische Typen von Adverbialsätzen einleiten
ze dazu, ihren Matrixsätzen vorangestellt zu sein können. Dies ist ein Hinweis darauf, dass die dis-
196
5.2
Satz und Text
Relativsätze
197
5.2
Satz und Text
Typen integrierter Sätze
der Relativsatz ergänzt lediglich die Information, Sprecher an eine vorausgegangene Äußerung an-
dass dieser schon wieder verlorengegangen ist. geknüpft werden (26b).
Während restriktive Relativsätze sehr stark mit
ihrem Matrixsatz verbunden sind, gibt es mit soge- (26) (a) Wir sind letztes Jahr nach Teneriffa gefahren … wo es
nannten weiterführenden Relativsätzen eine Art mir aber überhaupt nicht gefallen hat.
Satzgefüge, die Relativsätzen zunächst zwar ähn- (b) A: Britta hat endlich ihr Abitur gemacht!
lich sieht, wobei allerdings mehrere formale Krite- B: Was euch als Eltern sicherlich freut, was?
rien gegen eine eindeutige Klassifizierung als Rela-
tivsatz sprechen. So haben die Beispiele in (26a) Freie Relativsätze: Die sogenannten freien Relativ-
und (26b) etwa keinen nominalen Kopf; weiterhin sätze (oder: kopflosen Relativsätze) weichen in
ist die Verbindung zwischen Matrixsatz und Rela- ihrer Struktur von dem oben beschriebenen Sche-
tivsatz sehr locker. Die Lockerheit der Verbindung ma ab. Ein Beispiel wie (27a) ist in seiner Funktion
zeigt sich unter anderem darin, dass der weiter- Beispiel (27b) sehr ähnlich, allerdings ›fehlt‹ dem
führende Satz prosodisch abgegrenzt werden kann Relativsatz im ersten Beispiel die nominale Struk-
und somit seine eigene Intonationskurve erhält, tur, die den Kopf bildet. Manche Syntaxtheorien
wie es etwa in (26a) denkbar ist. Weiterführende gehen daher von einem ›leeren‹ Element aus, das
Sätze dieser Art können sogar von einem anderen in den Beispielen strukturell angelegt, aber nicht
verbalisiert ist.
Zur Vertiefung
(27) (a) Er macht nur, was er will
Die Zugänglichkeitshierarchie von Keenan und Comrie (b) Er macht nur das, was er will.
Die Typologen Edward Keenan und Bernard Comrie haben in einer vergleichen- (c) Was er klaute, hat er sofort weiterverkauft.
den Studie (Keenan/Comrie 1977) untersucht, welche Arten von Relativsatzkon- (d) Das, was er klaute, hat er sofort weiterverkauft.
struktionen in den Sprachen der Welt vorkommen. Das zentrale Ergebnis ihrer
Studie ist die sogenannte Zugänglichkeitshierarchie. Sprachen unterscheiden sich Freie Relativsätze gleichen in ihrer Oberflächen-
darin, welche grammatische Funktion das verschränkte Element im Relativsatz struktur manchen Komplementsätzen, die im
haben kann. Die weitaus üblichste Funktion ist, dass das verschränkte Element nächsten Abschnitt besprochen werden. Warum
das Subjekt des Relativsatzes bildet. Wie bereits gezeigt, erlaubt das Deutsche sollte man die Strukturen in (27a) und (27c) also
darüber hinaus noch weitere Funktionen, wie etwa das direkte Objekt oder das nicht als Komplementsätze interpretieren? Ein
indirekte Objekt. Keenan und Comrie stellen die folgende Hierarchie auf: Grund ist die Tatsache, dass die Verben machen
und weiterverkaufen prinzipiell nicht mit satzwer-
Subjekt > Direktes Objekt > Indirektes Objekt > Obliques (präpositionales) tigen Ergänzungen vorkommen. Wenn aber das
Objekt > Possessor > Vergleichsobjekt Objekt von machen immer eine nominale Struktur
ist, dann muss auch was er will nominal sein.
Subjekt: Der Typ, der gerade hier war, heißt Olli.
Direktes Objekt: Der Typ, den du gerade gesehen hast, heißt Olli.
Indirektes Objekt: Der Typ, dem ich die Hand gegeben habe, heißt Olli.
Obliques Objekt: Der Typ, von dem ich dir schon erzählt habe, heißt Olli. 5.2.4 | Komplementsätze
Possessor: Der Typ, dessen Fahrrad draußen steht, heißt Olli.
Vergleichsobjekt: *Der Typ, als welcher ich besser Relativsätze bilde, heißt Olli. In manchen komplexen Sätzen wird das gramma-
Englisch: I have a boyfriend that I’m taller than. tische Subjekt oder Objekt durch satzwertige
Schwedisch: Jag har en pojkvän som jag är längre än. Strukturen ausgedrückt, wie etwa in den Beispie-
len in (28).
Die Zugänglichkeitshierarchie (oben, fett gedruckt) ist von links nach rechts zu
lesen: Zuerst das Subjekt, dann das direkte Objekt, danach das indirekte Objekt (28) (a) Dass der Hund schon wieder weggelaufen ist, nervt
etc. Kernaussage ist, dass in einer Sprache, die eine bestimmte Funktion auf die- mich total.
ser Hierarchie zulässt, auch alle Funktionen links davon ›zugänglich‹, also mög- (b) Den Hund im Auge zu behalten, ist gar nicht so leicht.
lich sind. Das Deutsche erlaubt alle Funktionen mit Ausnahme der letzten, näm- (c) Ich habe noch gesehen, wie er durch die Gartentür ent-
lich der des Vergleichsobjektes. Wie die Beispielsätze zeigen, ist im Englischen wischt ist.
und Schwedischen auch diese Funktion möglich. Die Hierarchie macht die Vor- (d) Du vergisst halt immer, die Tür richtig zuzumachen.
aussage, dass eine Sprache, die z. B. keine Possessoren als verschränktes Element
im Relativsatz zulässt, ebenfalls keine Vergleichsobjekte zulässt. Diese Strukturen sind in den Matrixsatz integriert,
weil sie das Subjekt oder Objekt des finiten Verbs
198
5.2
Satz und Text
Infinitiv- und
Partizipialsätze
bilden: In (28a) ist der Satz Dass der Hund schon In (29a) ist im Matrixsatz Es nervt mich das Sub-
wieder weggelaufen ist das Subjekt des Verbs ner- jekt bereits durch das Pronomen es ausgedrückt.
ven; in (28d) ist das Objekt von vergessen der Satz Welcher Status kommt also dem untergeordneten
die Tür richtig zuzumachen. Subjekt- und Objekt- Teilsatz zu? Für eine Analyse als Komplementsatz
sätze können unter dem Begriff des Komplement- spricht, dass das Subjektpronomen es und der un-
satzes zusammengefasst werden (Payne 1997), tergeordnete Satz koreferenziell sind, also auf den-
häufig jedoch beschränkt sich der Begriff auf Ob- selben semantischen Inhalt verweisen. Beispiel
jektsätze. Komplementsätze unterscheiden sich (29b) zeigt in der Position des Matrixsatzes ein
hinsichtlich ihrer Finitheit und damit auch im einfaches Adjektiv. Der untergeordnete Satz lässt
Grad ihrer relativen Integration. sich als Komplementsatz analysieren, wenn man
Die Komplementsätze in (28a) und (28c) ent- das Adjektiv als reduzierten Matrixsatz ansieht,
halten flektierte Verben und ein explizit ausge- bei dem Kopula und Subjektpronomen nicht ver-
drücktes Subjekt; sie sind damit weniger stark balisiert werden. Ein Ausdruck wie Blöd wäre
integriert als die Infinitivkonstruktionen in (28b) dann funktional gleichwertig zu Phrasen wie Blöd
und (28d). In nicht-finiten Komplementsätzen ist ist oder Es ist blöd.
das Subjekt typischerweise identisch mit dem Beispiele (29c) und (29d) machen größere
des Matrixsatzes; in (28d) ist derjenige, der et- Schwierigkeiten. In (29c) hängt der untergeordnete
was vergisst, derselbe, der eigentlich die Tür Satz direkt von einem Substantiv ab: Ähnlich wie
schließen soll. ein Relativsatz schließt der untergeordnete Satz
Komplementsätze treten sprachübergreifend be- hier an eine nominale Struktur an und liefert er-
sonders mit Verben der Perzeption (sehen, hören), gänzende Information. In (29d) ist der untergeord-
Kognition (glauben, vergessen) und Kommunika- nete Satz von dem Adjektiv sicher abhängig. Die
tion (sagen, meinen) auf. Solche Verben sind se- Kategorien Subjekt und Objekt greifen bei diesen
mantisch besonders dafür geeignet, mit einem Beispielen nicht, weil diese Teilsätze nicht von ei-
satzwertigen Objekt verwendet zu werden: Wenn nem Verb abhängig sind, sondern von einem Sub-
man etwas gesehen hat, etwas vermutet oder et- stantiv oder einem Adjektiv. Wir müssen unsere
was mitteilen will, und das Gesehene/Vermutete/ Definition von Komplementsatz also so erweitern,
Mitzuteilende ein komplexes Ereignis darstellt, dass auch die Mitspieler eines Substantivs oder ei-
dann lässt sich dieses Ereignis am ehesten durch nes Adjektivs darunter fallen. Substantive wie Tat-
eine Satzstruktur verbalisieren. Zum Vergleich: sache, Vorstellung oder Problem erlauben den An-
Wenn man etwas gegessen hat, lässt sich das Ge- schluss von satzwertigen Strukturen, die eine
gessene in aller Regel durch eine Nominalphrase nähere Beschreibung liefern, wie etwa die Vorstel-
ausdrücken. Neben Perzeption, Kognition und lung, es könnte etwas passiert sein. Dasselbe gilt
Kommunikation gibt es noch einige andere Verb- für Adjektive wie sicher, neugierig oder enttäuscht.
klassen, die üblicherweise mit Komplementsätzen Sätze, die von solchen Elementen abhängen, kön-
auftreten. Verben wie beginnen oder aufhören, die nen damit als nominale oder adjektivische Kom-
etwas über die interne zeitliche Struktur eines Er- plementsätze bezeichnet werden.
eignisses aussagen, eignen sich ebenso für satz-
wertige Komplemente wie Verben, die etwas über
Handlungsabsichten aussagen, wie etwa versu-
chen oder versprechen. 5.2.5 | Infinitiv- und Partizipialsätze
Komplementsätze wurden hier eng definiert als
satzwertige Ausdrücke von Subjekt oder Objekt Eng in den Matrixsatz integrierte Satzstrukturen
eines Verbs. Diese Definition stößt allerdings bei haben üblicherweise kein finites Verb und über-
den folgenden Beispielen auf Probleme: nehmen die grammatischen Relationen von Sub-
jekt und Objekt ganz oder teilweise von ihrem Ma-
(29) (a) Es nervt mich, dass dieser Hund schon wieder wegge- trixsatz. Im Deutschen betrifft dies vor allem
laufen ist. Infinitiv- und Partizipialsätze. Finite Verbfor-
(b) Blöd, dass dieser Hund schon wieder weggelaufen ist. men zeichnen sich dadurch aus, dass an ihnen
(c) Die Tatsache, dass der Hund immer wegläuft, raubt mir grammatische Kategorien wie Tempus, Modus
den Schlaf. oder Person ausgedrückt sind; bei nicht-finiten
(d) Ich bin mir sicher, dass der Hund das mit Absicht Formen sind diese Kategorien nur teilweise oder
macht. gar nicht vorhanden, so dass sie aus dem sprachli-
199
5.2
Satz und Text
Typen integrierter Sätze
chen Kontext erschlossen werden müssen. Aus rig, das Hotel zu finden). Beispiel (31c) schließlich
diesem Grund können Infinitive und Partizipien in zeigt die Anhebung vom Subjekt des untergeordne-
Konstruktionen manchmal nominale oder adjekti- ten Satzes zum Subjekt des Matrixsatzes.
vische Formen ersetzen. In dem Satz Das Verkau-
fen von Bierdosen ist untersagt ist zum Beispiel der (31) (a) Wir hörten das Meer rauschen. (=Wir hörten, wie das
substantivierte Infinitiv ersetzbar durch das Sub- Meer rauschte.)
stantiv der Verkauf, und das Partizip untersagt (b) Das Hotel war leicht zu finden. (=Es war leicht, das
kann durch das Adjektiv illegal ersetzt werden. Hotel zu finden.)
Es ist wichtig zu betonen, dass Infinitive und (c) Der Hund scheint die Freiheit zu lieben. (=Es scheint
Partizipien nicht universal sind. Die Sprachen der (mir), dass der Hund die Freiheit liebt.)
Welt verfügen zwar üblicherweise über verschie-
dene Verbformen, die mehr oder weniger Finit- Der zentrale Bestandteil einer Anhebungskon-
heitsmerkmale tragen; allerdings ist es nicht im- struktion ist das sogenannte Anhebungsprädikat:
mer sinnvoll, diese in die Kategorien von Infinitiv Ein Verb wie scheinen erlaubt die Anhebung von
und Partizip einzuteilen. Im Folgenden soll es Subjekt zu Subjekt, prädikativ verwendete Adjek-
um Satzstrukturen gehen, deren zentrales ver- tive wie leicht oder schwierig erlauben die Anhe-
bales Element eine nicht vollständig finite Verb- bung von Objekt zu Subjekt, und Verben wie hö-
form ist. ren oder sehen kommen in AcI-Konstruktionen
Infinitivsätze: Wie in den Beispielen (28b) und vor. Der Unterschied zwischen Anhebungskon-
(28d) oben schon gezeigt wurde, übernehmen struktionen wie in (31) und Infinitivsätzen wie in
satzwertige Infinitivkonstruktionen manchmal die (30) ist der, dass in den Infinitivsätzen zwar eine
Funktion des Subjekts oder Objekts des Matrixsat- Verschränkung vorliegt, dafür aber beide Teilsätze
zes, so dass sie als nicht-finite Komplementsätze jeweils eine Situation oder eine Handlung zum
einzuordnen sind. Dies ist jedoch nicht bei allen Ausdruck bringen. In den Anhebungskonstrukti-
Infinitivsätzen der Fall. Die Infinitivsätze in (30) onen verschmelzen nicht nur die Satzstrukturen,
werden ähnlich wie Adverbialsätze durch eine un- sondern auch die Bedeutungen dieser Struktu-
terordnende Konjunktion eingeleitet: ren, so dass die Beispiele in (31) intuitiv eher als
ein einziger Satz wahrgenommen werden. Es gibt
(30) (a) Uns blieben noch drei Minuten, um den Zug zu errei- allerdings theoretische Gründe, dennoch von ei-
chen. ner Verschmelzung zweier Sätze auszugehen:
(b) Anstatt nach Hause zu gehen, blieben sie einfach da. Zum einen lässt sich die Bedeutung von einem
(c) Sie ging weiter, ohne sich noch einmal umzudrehen. Beispiel wie (31c) in zwei Propositionen auftei-
len, die sich dann in einem komplexen Satz wie
Anhebung: In diesen Beispielen wird das Subjekt Es scheint (mir), dass der Hund die Freiheit liebt
des Matrixsatzes als das Subjekt des untergeordne- ausdrücken lassen. Zum anderen ist die Subjekt-
ten Teilsatzes mitverstanden. Matrixsatz und Infini- Nominalphrase der Hund kein Mitspieler des An-
tivsatz können aber auch auf andere Weise ver- hebungsprädikats scheinen. Scheinen erfordert se-
schränkt sein. Eine Art dieser Verschränkung wird mantisch ein belebtes Wesen, dem ein Phänomen
unter dem Begriff der Anhebung (engl. raising) dis- erscheint, und dann natürlich als zweiten Mitspie-
kutiert. Die Idee ist, dass ein Phrase aus dem unter- ler eben jenes Phänomen, bei dem der Hund eine
geordneten Teilsatzes in den Matrixsatz heraufge- gewisse Rolle spielt. Es bietet sich hier ein Ver-
hoben wird. Ein Beispiel dafür sind sogenannte gleich zwischen Anhebungskonstruktionen auf
AcI-Konstruktionen (accusativus cum infinitivo), der einen Seite und sogenannten Kontrollkon-
bei denen das Akkusativobjekt des Matrixsatzes struktionen auf der anderen Seite an, wie in (32)
gleichzeitig das Subjekt der untergeordneten Satz- dargestellt.
struktur ist, wie etwa in (31a). Beispiel (31b) zeigt
eine Anhebungskonstruktion, in der das Objekt des (32) (a) Der Hund scheint die Freiheit zu lieben.
untergeordneten Satzes in die Position des Subjekts (b) Der Hund darf die Reste auffressen.
im Matrixsatz angehoben ist (engl. tough-move-
ment, weil Adjektive wie tough typischerweise als Im zweiten Beispiel ist der Hund semantisch wie
Angelpunkt der Konstruktion dienen, vgl. The hotel grammatisch das Subjekt des Verbs dürfen. Im ers-
was tough to find ›Das Hotel war schwierig zu fin- ten Beispiel ist dies nicht der Fall. Der Hund ist
den‹ = It was tough to find the hotel ›Es war schwie- lediglich strukturell das Subjekt des Matrixsatzes,
200
5.2
Satz und Text
Infinitiv- und
Partizipialsätze
semantisch verbindet ihn nichts mit dem Matrix- pialsätze, deren Subjekt nicht mit dem Subjekt des
verb scheinen. Matrixsatzes identisch ist.
Partizipialsätze: Strukturen dieser Art stellen
einen zweiten Typ eng in den Matrixsatz integrier- (34) (a) The ideas discussed in this book are highly controversial.
ter Sätze dar. Im Deutschen treten sie in den typi- (b) I looked at him stretched out in his bed.
schen Funktionen von Adverbialsätzen auf, in- (c) Brown bear, brown bear, what do you see? I see a red
dem sie zwei Ereignisse in einen zeitlichen oder bird looking at me.
kausalen Zusammenhang setzen. Die Partizipial-
sätze in (33) lassen sich dementsprechend durch Partizipialsätze treten weiterhin manchmal in der
finite Adverbialsatzstrukturen ersetzen, in denen Funktion eines metasprachlichen Kommentars
die grammatische Relation des Subjekts explizit auf, der sich nicht einfach durch einen Adverbial-
ausgedrückt ist. satz paraphrasieren lässt, wie in (35) illustriert ist.
Bei diesen partizipialen Konstruktionen decken
(33) (a) Am Flughafen angekommen, gingen wir direkt zum sich die grammatischen Relationen des Matrixsat-
Check-In. zes überhaupt nicht mit denen des Partizipialsat-
(b) Laut protestierend verließen die Abgeordneten der FDP zes, so dass die mangelnde Finitheit des eingebet-
den Saal. teten Satzes und seine syntaktische Integration in
den Matrixsatz mit seiner semantischen Unabhän-
In anderen Sprachen treten partizipiale Verbfor- gigkeit kontrastieren. Konstruktionen dieser Art
men in einem weiteren Spektrum satzwertiger werden deshalb oft als parenthetische (›eingescho-
Strukturen auf. Die Beispiele in (34) zeigen einige bene‹) Strukturen diskutiert.
Strukturen aus dem Englischen, zu denen sich kei-
ne Entsprechungen im Deutschen finden. In Bei- (35) (a) Boateng sitzt, jetzt mal überspitzt formuliert, öfter auf
spiel (34a) lässt sich die Partizipialphrase dis- der Bank, als dass er spielt.
cussed in this book als reduzierter Relativsatz (b) Wie oben schon angedeutet, sind Partizipialsätze ein
analysieren; Beispiel (34b) und (34c) sind Partizi- kompliziertes Thema.
Zur Vertiefung
Typologischer Ausblick
Neben den oben besprochenen Strukturen gibt es in den Sprachen der Welt zahlreiche weitere Strategien,
um zwei oder mehr Propositionen miteinander in Bezug zu setzen. Eine sprachübergreifend häufige Strategie
sind sogenannte Verb-Serialisierungen, wie im folgenden Beispiel aus der westafrikanischen Sprache Akan
(Beispiel aus Osam 1997; PRT = Präteritum, DEF = definit).
Wie der Name bereits andeutet, werden in Verb-Serialisierungen mehrere Verben aneinandergereiht. Jedes Verb
für sich drückt dabei einen Teil einer komplexen Situation aus. Die aneinandergereihten Verben bringen teil-
weise eigene Objekte in die Satzstruktur hinein, andererseits ›teilen‹ sie sich typischerweise das Subjekt des
Satzes. Verb-Serialisierungen zeichnen sich formal dadurch aus, dass keines der aneinandergereihten Verben
als untergeordnet markiert ist, dass es keine Anzeichen von Koordination gibt und dass die gesamte Struktur
in ihrer Intonation nicht in mehrere Teile zerfällt, also als eine einzige Intonationskontur (oder intonatorische
Phrase) geäußert wird.
Eine weitere Art der Satzverknüpfung ist die Satzverkettung, die in den Sprachen Papua-Neuguineas und
Australiens besonders verbreitet ist. Während Verb-Serialisierungen typischerweise nur eine einzige Intonati-
onskurve aufweisen, sind Satzverkettungen eher mit koordinierten Strukturen zu vergleichen. Ihr auffälligstes
formales Merkmal ist, dass von den aneinandergereihten Satzstrukturen nur eine, häufig die letzte, komplett
finit ist. Den vorangegangenen Verbformen fehlen Finitheitsmarkierungen entweder ganz, oder sie sind durch
eine besondere Markierung als untergeordnet gekennzeichnet. Im folgenden Beispiel aus der sino-tibetanischen
201
5.2
Satz und Text
Typen integrierter Sätze
Sprache Tshangla sind die ersten beiden Sätze durch das Verbalsuffix -nyi als untergeordnet gekennzeichnet;
nur der letzte Satz hat eine vollständig finite Verbform. Die deutsche Übersetzung kommt dieser Struktur
nur durch zwei gereihte Partizipialsätze nahe, die etwas umständlich wirken (Beispiel aus Andvik 2010;
NF = nicht finit).
›Einen amerikanischen Freund getroffen habend, von ihm um Unterricht im Tshangla gebeten, unterrichte ich
nun Tshangla‹.
Ein funktionales Problem, das die Reihung mehrerer satzwertiger Strukturen mit überlappenden Strukturen mit
sich bringt, betrifft die richtige Zuordnung von Subjekt- und Objektfunktion. In manchen Sprachen gibt es da-
her spezielle Markierungen für Wechselreferenz (switch reference), mit denen am Verb markiert wird, ob das
aktuelle Subjekt auch noch für das nächste Verb gilt oder ein Wechsel bevorsteht. Im folgenden Beispiel aus
der sibirischen Sprache Kolyma Yukaghir ist das erste Verb für ein folgendes gleiches Subjekt (GS) markiert,
das zweite für ein folgendes anderes Subjekt (AS). Das dritte Verb bezieht sich daher auf ein anderes Subjekt
als die beiden vorangegangenen (Beispiel aus Maslova 2003).
Einige Sprachen verfügen über Markierungen der Wechselreferenz, mit denen zugleich auch semantische Rela-
tionen wie Gleichzeitigkeit, Nachzeitigkeit, Kausalität oder Absicht ausgedrückt werden können, also genau sol-
che Funktionen, die im Deutschen und in anderen europäischen Sprachen von Adverbialsätzen übernommen
werden.
Typisch für Turksprachen sind sogenannte Konverb-Konstruktionen, die in ihrer Funktion ebenfalls Adverbial-
sätzen ähneln. Während Adverbialsätze aber durch ein freistehendes Element (die subordinierende Konjunk-
tion) eingeleitet werden, wird der untergeordnete Teilsatz bei Konverb-Konstruktionen durch ein Affix an der
nicht-finiten Verbform markiert, das den semantischen Bezug zum Matrixsatz herstellt. Im folgenden Beispiel
aus der Tibeto-Burmesischen Sprache Mongsen Ao ist es das Affix -kùla, das einen konditionalen Zusammen-
hang ausdrückt. Andere vergleichbare Affixe in Mongsen Ao haben kausale, temporale oder konzessive Bedeu-
tung (Beispiel aus Coupe 2007).
›Wenn (du) den Garten nicht bewässerst, blühen die Blumen nicht.‹
202
5.3
Satz und Text
Zur Entstehung
der Hypotaxe
203
5.3
Satz und Text
Zur Entstehung
der Hypotaxe
Der zweite Prozess, hier als Satzexpansion be- lässt sich der Ursprung ihrer Entwicklung als Ver-
zeichnet, ist weniger typisch für die deutsche kettung identifizieren.
Sprache, soll aber doch kurz Erwähnung finden. Sprachliche Verkettungskonstruktionen entwi-
Der Begriff beschreibt das Entstehen hypotakti- ckeln sich dadurch, dass Bezüge zwischen zwei
scher Strukturen, in denen eine prinzipiell nomi- Sätzen durch bestimmte sprachliche Ausdrücke
nale Konstituente durch eine satzwertige Struktur deutlich gemacht werden und diese Ausdrücke ei-
ausgedrückt wird. Der Struktur wird also ein wei- nen Prozess der Grammatikalisierung durchlau-
terer Satz ›aufgepfropft‹, wodurch aus einer einfa- fen. Sprecher verbinden z. B. zwei Sätze mit lexi-
chen Satzstruktur eine Hypotaxe entsteht. kalischem Material wie einen Tag später oder
Verkettung: Als Verkettung (engl. clause chain- ungeachtet dieser Sache, um einen bestimmten
ing, vgl. Givón 2009) werden solche Prozesse be- Bezug deutlich zu machen. Wenn sich eine solche
zeichnet, bei denen hypotaktische Strukturen aus Wendung im Sprachgebrauch etabliert, kann sich
der Reihung und Verflechtung von gleichwertigen aus dem ehemals lexikalischen Material ein gram-
Satzstrukturen hervorgehen. Wie im vorangegan- matisches Mittel zur Satzverknüpfung, also eine
genen Abschnitt diskutiert, können z. B. zwei prin- Konjunktion oder ein anderes einleitendes Ele-
zipiell eigenständige Sätze durch eine beiordnende ment, entwickeln. Dabei reduziert sich typischer-
Konjunktion verbunden werden, wodurch dann weise die Form des verknüpfenden Elements, bis
ein semantischer Bezug explizit gemacht wird. Die hin zur Einsilbigkeit vieler häufiger grammatischer
am Verb markierten Finitheitsmerkmale sind in so Elemente, etwa Konjunktionen, Artikel oder Prä-
einem Fall in allen Teilstrukturen noch vorhanden, positionen. Nübling et al. (2010: 233) diskutieren
und die grammatischen Relationen finden jeweils die Grammatikalisierung der unterordnenden Kon-
ihren eigenen Ausdruck. Eine etwas engere Form junktion weil anhand der folgenden Beispiele.
der Integration wurde mit der Satzverkettung in
Tshangla vorgestellt. Hier zeigt sich ein erstes Un- (36) (a) ahd. (h)wila, mhd. wîle, nhd. Weile
gleichgewicht, indem nur in der letzten Satzstruk- (b) mhd. die wîle daz sie leben ›während sie leben‹
tur alle Finitheitsmerkmale vorhanden sind. Auch (c) fnhd. dieweil Mose seine hände emporhielt, siegete Is-
Adverbialsatzkonstruktionen stellen eine Form der rael
Verkettung dar, wobei hier in manchen Sprachen, (d) fnhd. weyl die paten das kind noch hallten ynn der
wie beispielsweise dem Deutschen durch die Verb- tauffe, sol yhm der priester die hauben auffsetzen
stellung, klare formale Markierungen der Abhän- (e) fnhd. Weil der meister die werkstatt verliesz, arbeitete
gigkeit vorliegen. Relativsatzkonstruktionen sind der gesell lässiger
ein Beispiel für Verkettung auf der Phrasenebene.
In einem Satz wie Ich suche meinen Kalender, den Die Abfolge der Beispiele illustriert, wie aus einer
ich schon wieder verlegt habe besteht das Objekt ursprünglich nominalen Form wîle ›Weile‹ eine ad-
des Matrixsatzes aus einer Nominalphrase, die mit verbiale Fügung die wîle daz ›während‹ hervor-
einer beschreibenden satzwertigen Struktur ver- geht, die dann, ermöglicht durch die Mitwirkung
kettet ist. Relativsätze sind stärker als die bereits der Konjunktion daz, insgesamt als komplexe un-
besprochenen Strukturen in den Matrixsatz inte- terordnende Konjunktion verstanden werden
griert, unter anderem weil sie ein Subjekt oder Ob- kann. Dieses ›Missverständnis‹ – in der Grammati-
jekt des Matrixsatzes implizit aufgreifen. Dennoch kalisierungsforschung spricht man von Reanaly-
se – läuft darauf hinaus, dass einer sprachlichen
Definition Fügung eine neue Struktur zugewiesen wird.
Im weiter oben erwähnten Beispiel der Relativ-
➔ Reanalyse (engl. auch rebracketing) liegt vor, wenn Hörer die Struk- sätze begann das verbindende Element seine Ent-
tur einer sprachlichen Fügung ›umdeuten‹. wicklung als ein demonstrativer Artikel (im Deut-
Ein Beispiel auf morphologischer Ebene: Das englische Substantiv ham- schen der, dieser etc.), mit dem ein neuer Satz
burger geht auf eine Bildung aus Hamburg und dem Suffix -er zurück. eingeleitet wird, um einen Rückbezug zu einem
Sprecher des Englischen haben diese Struktur allerdings reanalysiert, bereits genannten Referenten herzustellen. Ein
so dass der hamburger in die zwei Konstituenten ham und burger zer- Beispiel dafür wäre die Folge Ich treffe mich heute
fällt, was wiederum die Neuformation von Wörtern wie veggieburger mit Harald. Den habe ich schon ewig nicht mehr
und fishburger erlaubt: gesehen. Ein Hörer könnte diese Folge als einen
[hamburg]er > [ham]burger > [veggie]burger einzigen komplexen Satz interpretieren, bei der die
Form den eine nähere Beschreibung von Harald
204
5.4
Satz und Text
Parsing einfacher Sätze
einleitet. Damit würde der demonstrative Artikel zigen Idee verdichtet, nämlich zur Charaktereigen-
als Kennzeichen eines folgenden Relativsatzes re- schaft der Ausgeglichenheit, die der Sprecher be-
analysiert und nahm so eine neue grammatische wundert. Auf der Ebene der sprachlichen Struktur
Funktion an. Bei Adverbialsätzen sind es häufig führt eine solche Verdichtung dazu, dass auch ein
lexikalische Elemente mit zeitlicher, räumlicher Satz dort auftauchen kann, wo man eigentlich eine
oder kausaler Bedeutung, die sich im Laufe der nominale Struktur vermuten würde. Anders als bei
Zeit zu unterordnenden Konjunktionen entwi- der Verkettung sind aufgepfropfte Strukturen im-
ckeln. Die nicht-finiten Markierungen, die in den mer hierarchisch untergeordnet, eine Satzstruk-
Satzverkettungen der Papuasprachen zu finden tur, die eine nominale Konstituente ›ersetzt‹, ist
sind, haben häufig ihren Ursprung in lexikalischen immer ein Teil eines übergeordneten Matrixsatzes.
Elementen mit den Bedeutungen ›dann‹ oder Komplexe Satzmuster, die durch Satzexpansion
›gleichzeitig‹ (vgl. dt. während). entstehen, unterscheiden sich dementsprechend
Satzexpansion: Auf ganz andere Weise entsteht im sprachübergreifenden Vergleich auch in ver-
Hypotaxe durch den Prozess der Satzexpansion schiedener Hinsicht von Mustern, die das Resultat
(engl. clause expansion; vgl. Heine 2009).Viele syn- von Verkettung sind (Heine 2009). So finden sich
taktische Konstruktionen sind deswegen komplex, an ›aufgepfropften‹ Sätzen häufig Markierungen,
weil in ihnen eine prinzipiell nominale Konstituente die eigentlich typisch für nominale Strukturen
durch eine satzwertige Struktur gebildet wird. Der sind, wie z. B. von Kasus, Geschlecht oder Definit-
nominalen Planstelle im Satz wird also eine kom- heit. Weiterhin enthalten die Endprodukte von
plexere, satzartige Struktur ›aufgepfropft‹. Die wei- Satzexpansion typischerweise weniger Finitheits-
ter oben beschriebenen Komplementsätze sind ein merkmale als verkettete Sätze.
zentrales Beispiel dafür. Die grammatische Relation Die Sprachen der Welt unterscheiden sich hin-
eines Subjekts oder Objekts, die typischerweise sichtlich ihrer relativen Vorlieben für die Prozesse
durch eine Nominalphrase oder ein Pronomen aus- der Verkettung und der ›Pfropfung‹. Zusammen
gedrückt wird, erscheint hier als ein ganzer Satz, mit den meisten anderen europäischen Sprachen
wie in dem Beispielpaar in (37) dargestellt. lässt sich dem Deutschen eine starke Präferenz für
den Prozess der Verkettung attestieren. Selbst
(37) (a) Ich bewundere deine Ausgeglichenheit. Komplementsätze, die eigentlich den Idealtypus
(b) Ich bewundere, wie du es schaffst, immer so gelassen für ›aufgepfropfte‹ Sätze bilden, sind im Deutschen
zu bleiben. das Ergebnis von Verkettung, so dass aus der para-
taktischen Sequenz Ich weiß das: Er kommt die
Semantisch wird in (37b) eine komplexe Folge von Hypotaxe Ich weiß, dass er kommt hervorgegangen
mehreren Situationen, in denen der Addressat es ist (Nübling et al. 2010: 228).
jeweils schafft, gelassen zu reagieren, zu einer ein-
205
5.4
Satz und Text
Satz- und Textverstehen –
Modelle und Mechanismen
der Wörter wird ein in sich stimmiger ganzer Satz Ein Satzbeginn wie Die Schwimmwesten haben
konstruiert. Im Beispielsatz werden unter anderem deckt sich mit der Hypothese, dass der laufende
Die und Schwimmwesten als zusammengehörig Satz mit einer Subjekt-Nominalphrase und einem
analysiert; Subjekt-Nominalphrase und Verbalphra- Verb beginnt. In der zweiten Fortsetzungsvariante
se werden getrennt, die Verbalphrase wird darüber erweist sich jedoch diese Hypothese als falsch,
hinaus in Verb, Reflexivobjekt und ein obligatori- denn hier tritt das Subjekt erst mit dem Personal-
sches Adverbiale aufgeteilt. pronomen wir auf. Für den Hörer bedeutet das,
Serielle und parallele Modelle: Manche psycho- dass die strukturelle Analyse des Satzes gegebe-
linguistischen Theorien des Satzverstehens, ins- nenfalls neu ausgerichtet und mit der verfügbaren
besondere solche, die sich auf generative Gram- Information in Einklang gebracht werden muss.
matiktheorien beziehen, verstehen sich als serielle Man spricht in so einem Fall von temporärer oder
Modelle des Satzverstehens. Diese gehen davon lokaler Ambiguität – die strukturelle Zweideutig-
aus, dass Hörer zunächst die syntaktische Struk- keit ist nur von begrenzter Dauer und wird im Ver-
tur eines Satzes vollständig erfassen und erst lauf des Satzes vollständig aufgelöst. Die Neuaus-
dann in einem zweiten Schritt eine semantische richtung der Interpretation bezeichnet man als
Analyse vornehmen, bei der die Bedeutungen der Reanalyse, was sich mit der weiter oben geliefer-
einzelnen Satzteile miteinander in Beziehung ge- ten Definition von Reanalyse als struktureller Um-
setzt werden und eine Gesamtbedeutung er- deutung deckt.
schlossen wird. Alternativ zu solchen seriellen Syntaktische Täuschungen: Besonders spekta-
Modellen gibt es parallele Modelle des Satzverste- kuläre Fälle von lokaler Ambiguität sind die sog.
hens, denen die Annahme zugrunde liegt, dass Gartenpfad-Sätze. (Der englische Ausdruck gar-
Hörer syntaktische, semantische und pragmati- den path sentences leitet sich aus dem Idiom to be
sche Informationen gleichzeitig auswerten. Über led down the garden path, ›getäuscht werden‹, ab.)
diese beiden Modellarten hinweg herrscht relative In den beiden folgenden Beispielen legt die jeweils
Einigkeit, dass das Parsing ein inkrementeller erste Zeile eine in sich stimmige Hypothese zur
(dt. Stück für Stück voranschreitender) Prozess Struktur des Satzes nahe, die so plausibel er-
ist, der bereits mit dem Hören des ersten Wortes scheint, dass es für manche Leser/innen mühevoll
beginnt und der den Hörer dazu bringt, sofort ein und zeitaufwändig ist, diese Hypothese zu verwer-
provisorisches Modell der laufenden Satzstruktur fen und den kompletten Satz noch einmal neu zu
zu entwickeln und dieses immer wieder zu ergän- interpretieren. Die Stelle in einem Gartenpfad-
zen bzw. zu revidieren. Satz, an der sich eine Hypothese zweifelsfrei als
So weckt im Falle des Beispielsatzes der Anfang Irrtum herausstellt, nennt man den Disambiguie-
Die Schwimmwesten die Erwartung, dass diese rungspunkt. In den folgenden Beispielen liegt die-
Phrase das Subjekt des Satzes darstellt und nun ser Punkt jeweils am Anfang der zweiten Zeile. Im
ein Verb folgt, das mit diesem Subjekt kongruiert. ersten Beispiel muss die Phrase die Prüfungen be-
Diese Erwartungen werden nicht enttäuscht: Das stehen als Relativsatz zu Studenten interpretiert
Verb befinden bestätigt durch seine Semantik und werden, um eine funktionierende Gesamtstruktur
seine Pluralmarkierung, dass Die Schwimmwesten möglich zu machen. Im zweiten Beispiel liegt die
in der Tat das Subjekt ist und dass die nächsten temporäre Ambiguität darin, dass »Das Bildnis des
Elemente ein Reflexivpronomen und eine Ortsan- Dorian Gray« zunächst als direktes Objekt des Ma-
gabe sein müssen. Für den Hörer ergibt sich also trixsatzes interpretiert werden kann, obwohl es,
keine Notwendigkeit, seine Hypothese vom Be- wie sich anschließend herausstellt, das Subjekt ei-
ginn zu korrigieren. nes Komplementsatzes ist. (Im Deutschen funktio-
206
5.4
Satz und Text
Parsing einfacher Sätze
207
5.4
Satz und Text
Satz- und Textverstehen –
Modelle und Mechanismen
Zur Vertiefung
Selbstbestimmtes Lesen
Ein übliches experimentelles Verfahren für Untersuchungen zum Satzverstehen ist das sogenannte selbstbe-
stimmte Lesen (self-paced reading), bei dem die Lesegeschwindigkeiten von Versuchspersonen über die Wör-
ter eines Satzes hinweg gemessen werden. Zu Beginn einer Messung erscheinen dabei alle Wörter als Striche
auf dem Testbildschirm. Durch das Drücken einer Taste kann die Versuchsperson nach und nach jedes Wort des
Satzes aufrufen, wobei immer nur ein einziges Wort sichtbar ist und die vorangegangenen wieder durch Striche
ersetzt werden.
Die
Schwimmwesten
haben
wir
Während dieses Prozesses wird fortlaufend festgehalten, wie schnell die Versuchsperson das nächste Wort auf-
ruft. Eine Verzögerung des Prozesses lässt sich vor allem an Disambiguierungspunkten messen, was darauf
schließen lässt, dass dort der Prozess der Reanalyse angestoßen und durchgeführt wird.
In Beispiel (41a) sollte der Anfang Ich mag Kaffee bald sie sich nicht erhärten. Beispielsweise würde
die starke Hypothese generieren, dass ein abge- der Satzanfang 1890 schrieb Oscar Wilde die Hypo-
schlossener, sinnvoller Satz vorliegt; die Reanalyse these eines folgenden Komplementsatzes, mit oder
des Satzes, der in seiner Gesamtheit etwas ganz ohne Einleitung durch die unterordnende Kon-
anderes bedeutet, sollte Hörern dementsprechend junktion dass, erlauben. Da auf diesen Anfang
schwer fallen. Augenscheinlich ist dies aber nicht aber mit »Das Bildnis des Dorian Gray« eine Nomi-
der Fall. Auch in (41b) findet sich eine lokale Am- nalphrase folgt, deren Kasusmarkierung als Akku-
biguität, denn meine Steuererklärung kann zu- sativ interpretiert werden kann, wird diese Hypo-
nächst als Objekt des Matrixsatzes interpretiert these erst einmal verworfen oder zumindest als
werden, ähnlich wie dies oben mit dem Bildnis des randständig beurteilt.
Dorian Gray der Fall war. Trotzdem führt der Satz Frequenzeffekte: Ein Ergebnis aktueller For-
zu keinen nennenswerten Verständnisproblemen. schung ist es, dass Hörer zwar verschiedene Hypo-
Parallele Parsingmodelle halten eine Erklärung thesen parallel aufrechterhalten, diese aber nicht
dafür bereit, weshalb der Gartenpfad-Effekt in Bei- als gleichwertig betrachten. Sprecher und Hörer
spielen wie (41a) und (41b) ausbleibt: Wenn Hörer haben vielmehr verinnerlicht, wie häufig ein be-
mehrere Strukturanalysen gleichzeitig parallel er- stimmtes Verb mit unterschiedlichen syntakti-
stellen, können sie bei Bedarf flexibel reagieren, schen Mustern gebraucht wird (Gahl/Garnsey
falsche Hypothesen aussortieren und einfach die 2004). Hierzu ist ein Vergleich zweier bereits dis-
richtige beibehalten. Gleichzeitig müssen parallele kutierter Beispiele nützlich.
Parsingmodelle natürlich erklären, weshalb bei
manchen Sätzen eben doch Gartenpfad-Effekte (42) (a) 1890 schrieb Oscar Wilde »Das Bildnis des Dorian Gray«
entstehen. Ein Ansatz dazu ist die Annahme, dass habe ihm nichts als Ärger eingebracht.
Hypothesen relativ zügig verworfen werden, so- (b) Ich fürchte meine Steuererklärung ist bald wieder fällig.
208
5.4
Satz und Text
Parsing einfacher Sätze
Die Beobachtung, dass (42a) einen stärkeren Gar- also zur Vermeidung kognitiven Aufwands; es wer-
tenpfad-Effekt auslöst als (42b), lässt sich dadurch den einfache Strukturen vermutet, solange keine
erklären, dass fürchten häufiger mit Komplement- direkte Evidenz dagegen spricht.
sätzen vorkommt als schreiben. Hörer sind deswe- Late closure: Die Strategie des späten Abschlus-
gen eher geneigt, bei Sätzen mit fürchten die Hy- ses hebt darauf ab, dass ein neues Wort möglichst
pothese eines folgenden Komplementsatzes noch in eine aktuell verarbeitete Phrase integriert wer-
eine Zeit lang aufrechtzuerhalten. Bei Sätzen mit den sollte. Der späte Abschluss favorisiert also lo-
schreiben ist die Komplementsatz-Hypothese von kale Anbindungen anstelle von solchen Anbindun-
vornherein eine eher unwahrscheinliche Option, gen, die eine bereits früher begonnene Phrase
die schon bei geringfügiger Gegenevidenz verwor- weiterführen. Im Beispiel (43a) erklärt die Strate-
fen wird. Zu der Unterscheidung von seriellen gie des späten Abschlusses also, weshalb der Ver-
und parallelen Parsingmodellen kann abschlie- dächtige durchaus als Besitzer des Fernglases in
ßend festgehalten werden, dass zahlreiche Kom- Frage kommt, obwohl eigentlich deutliche seman-
promisse zwischen den beiden Extrempolen erar- tische Gründe gegen diese Interpretation sprechen.
beitet worden sind (vgl. Gibson 1991). In Beispiel (43b) zeigt sich ein noch stärkerer Ef-
Parsing-Strategien: Bei Experimenten zum fekt des späten Abschlusses. Die adverbiale Ergän-
Satzverstehen wurden drei Strategien beobachtet zung on her way home lässt sich prinzipiell auf
(Frazier/Fodor 1978; Frazier 1987; Clifton/Frazier zwei Ereignisse beziehen. In der bevorzugten Les-
1989): minimale Anbindung (engl. minimal at- art bezieht sie sich auf den Satz she met John, der
tachment), später Abschluss (late closure) und aktuell verarbeitet wird. Darüber hinaus ist es aber
aktive Füllung (active filler strategy). Diese auch möglich, dass sich die Ergänzung auf den
Strategien erheben den Anspruch auf sprachüber- vorher verarbeiteten Matrixsatz, also auf den Zeit-
greifende Anwendbarkeit (Frazier/Clifton 1997), punkt des Erzählens, bezieht. Diese Möglichkeit
allerdings haben experimentelle Studien auch ein- ist für die meisten Leser so sekundär, dass sie den
zelsprachliche Unterschiede zutage gefördert, die Satz zunächst nicht als mehrdeutig wahrnehmen.
später in diesem Abschnitt behandelt werden
(Hemforth/Konieczny/Scheepers 2000). Der theo- (43) (a) Der Detektiv beobachtete den Verdächtigen mit dem
retische Hintergrund dieser Strategien ist ein seri- Fernglas.
ell arbeitendes Parsingmodell. Da sich aber auch (b) Mary told me that she met John on her way home.
alternative Modelle des Parsing mit den Wirkungs-
weisen dieser Strategien beschäftigen müssen, sol- Active filler strategy: Die Strategie der aktiven Fül-
len sie im Folgenden kurz beschrieben werden. lung bezieht sich auf Satzmuster, die von einfa-
Minimal attachment: Die Strategie der minima- chen deklarativen Sätzen abweichen. Zu diesen
len Anbindung besagt, dass beim Parsing eines lau- Satzmustern gehören Fragen (Wem wolltest du
fenden Satzes jedes neue Wort möglichst ›sparsam‹ das Buch geben?), sogenannte Spaltsätze (Es war
in den bisherigen Satz integriert werden soll, d. h. die Haushälterin, die die Eheleute ermordeten),
es soll möglichst vermieden werden, die bisher ana- oder Topikalisierungen (Filme von Quentin Ta-
lysierte Struktur durch syntaktische Knoten zu er- rantino kann ich einfach nicht ausstehen). Diese
weitern, die sich möglicherweise als unnötig erwei- Satzmuster zeichnen sich dadurch aus, dass be-
sen könnten. Für den Satzanfang 1890 schrieb Oscar reits früh im Satz ein Element vorkommt, dessen
Wilde »Das Bildnis des Dorian Gray« favorisiert die übliche Position in einfachen deklarativen Sätzen
Strategie der minimalen Anbindung die Annahme, eine andere, spätere ist. Der Frage Wem wolltest du
dass »Das Bildnis des Dorian Gray« das direkte Ob- das Buch geben? steht also die Feststellung Du
jekt des Matrixsatzes ist. Die Gegenhypothese eines wolltest ihm das Buch geben gegenüber. In genera-
beginnenden Komplementsatzes ist um einiges tiven Grammatiktheorien wird aus diesem Grund
komplexer: Sie würde mit der Vermutung einherge- bei syntaktischen Analysen von Fragen und ähnli-
hen, dass mindestens noch eine Verbalphrase folgt, chen Konstruktionen eine sogenannte Leerstelle
für die dann sofort syntaktische Knoten als Platz- angenommen (s. Kap. 4), wie in (44) dargestellt.
halter angelegt würden. Das Erstellen und Behalten
einer solchen Repräsentation ist einigermaßen auf- (44) (a) Wem i wolltest du __ i das Buch geben?
wändig, und mit jeder zusätzlichen Alternativhypo- (b) Es war die Haushälterin i , die die Eheleute ermordeten __ i.
these wächst der Bedarf an mentalem Speicher- (c) Filme von Quentin Tarantino i kann ich einfach __ i nicht
platz. Die Strategie der minimalen Anbindung dient ausstehen.
209
5.4
Satz und Text
Satz- und Textverstehen –
Modelle und Mechanismen
Funktionale Grammatiktheorien haben zumeist die Pluralform des Verbs zeigt, dass diese Interpre-
keine direkte Entsprechung für Leerstellen dieser tation nicht stimmen kann, so dass die Ambiguität
Art, aber in jedweder Theorie ergibt sich bei kom- aufgelöst und die Analyse in (45) durch die in
plexen Sätzen die Frage, ob und in welcher Funk- (44b) ersetzt wird.
tion das Subjekt oder Objekt des Matrixsatzes
auch als Subjekt oder Objekt eines untergeordne- (45) Es war die Haushälterin i , die __ i die Eheleute ermordete …
ten Satzes mitverstanden wird. Die Metapher einer
Leerstelle ist also auch theorieübergreifend eine Wonach bestimmt sich nun, welche Interpretation
nützliche Hilfsannahme. In manchen komplexen ein Hörer beim Satzverstehen favorisiert? Die Stra-
Sätzen tritt nun das Problem auf, dass beim Satz- tegie der aktiven Füllung besagt, dass Hörer es
verstehen mehrere mögliche Leerstellen in Be- vorziehen, mögliche Leerstellen so früh wie mög-
tracht kommen, die zu verschiedenen Interpretati- lich anzusetzen. Diese Strategie vermeidet kogniti-
onen des bisher verarbeiteten Materials führen. ven Aufwand und erklärt, weshalb Hörer beim
Beispielsweise könnte ein Hörer in Beispiel (44b) Verstehen von (44b) vorübergehend die Hypothe-
bis zum Ende des Satzes vermuten, dass die Leer- se einer mordenden Haushälterin aufstellen. Aller-
stelle im Relativsatz dessen Subjekt, und nicht das dings ist eine wichtige Einschränkung notwendig:
Objekt, repräsentiert, wie in (45) illustriert ist. Erst Eine Leerstelle wird nicht angenommen, wenn es
Zur Vertiefung als Alternative ein direkt ausgedrücktes Objekt des
Verbs gibt. Ein Beispiel für einen solchen Fall ist
Sprachunterschiede beim Parsing (46a). Hier hat man als Hörer die starke Präferenz,
Für die Strategie der späten Schließung sind Unterschiede zwischen dem Eng- eine Belohnung zunächst als Objekt des Verbs ver-
lischen und anderen Sprachen nachgewiesen worden (Hemforth/Konieczny/ sprechen anzunehmen, so dass sich ein Satz wie in
Scheepers 2000). So gibt es im englischen Beispielsatz (a), ganz nach der Strate- (46b) ergibt. Diese Interpretation hat die Folge ei-
gie der späten Schließung, eine Präferenz für the teacher als Kopf des folgenden nes Gartenpfad-Effekts: Hörer mit der Interpretati-
Relativsatzes. Diese Präferenz gibt es interessanterweise im Deutschen nicht in on in (46b) müssen den Satz neu analysieren und
derselben Weise: Beispielsatz (b) wird von Versuchspersonen eher so gelesen, eine Leerstelle einfügen, um zu der Struktur von
dass die Tochter aus Deutschland kommt. (46c) zu gelangen. Dies ist Evidenz dafür, dass Hö-
rer nicht sofort jede Option nutzen, um eine frühe
(a) The daughter of the teacher who came from Germany met John. Leerstelle einzufügen.
(b) Die Tochter der Lehrerin, die aus Deutschland kam, traf John.
(46) (a) Wem versprachst du eine Belohnung würde es auf jeden
Eine Erklärung könnte darin liegen, dass die Strategien des Parsing sich nicht nur Fall geben?
aus generellen kognitiven Prinzipien ergeben, sondern dass dabei auch einzel- (b) Wem versprachst du eine Belohnung?
sprachliche Gegebenheiten eine Rolle spielen. Beispielsweise wird vermutet, dass (c) Wem i versprachst du __ i eine Belohnung würde es auf
die Häufigkeit eines sprachlichen Musters in einer Sprache die Verarbeitung die- jeden Fall geben?
ses Musters beeinflusst. Wir haben bereits bei der Diskussion von Beispiel (42b)
darauf hingewiesen, dass ein Verb wie fürchten, das typischerweise einen Kom-
plementsatz nach sich zieht, den Hörer zu einer solchen Erwartung verleitet, ob-
wohl die Strategie der minimalen Anbindung eine einfache folgende Nominal- 5.4.2 | Verarbeitung von Anaphern
phrase favorisieren würde.
Gebrauchsbasierte Parsingmodelle unterscheiden sich darin, dass manche ledig- In vielen sprachlichen Strukturen bestehen Korefe-
lich lexikalische Informationen nutzen, wie zum Beispiel die Präferenz von renzen zwischen einer pronominalen Form und
fürchten für verschiedene Ergänzungen, während andere auch abstraktere syn- einer lexikalischen Phrase. Dieser Abschnitt geht
taktische Muster mit einbeziehen, wie etwa die Folge { NOMINALPHRASENOM näher darauf ein, wie solche Strukturen vom Hörer
NOMINALPHRASEGEN RELATIVSATZ }, die in Beispiel (b) als Die Tochter der eigentlich verstanden werden (vgl. Nicol/Swinney
Lehrerin, die aus Deutschland kam realisiert ist. Die Präferenz deutscher Spre- 2002).
cher/innen für eine Anbindung an die erste Nominalphrase könnte daher rühren, Anaphernzuordnung: Genau wie das Parsing
dass eine solche Anbindung häufiger ist als eine Anbindung an die zweite. Das beginnt die sogenannte Anaphernzuordnung un-
würde bedeuten, dass Hörer/innen sich diese abstrakten Muster ›merken‹ und mittelbar und inkrementell, Hörer analysieren also
unbewusst Statistiken dazu führen, wie oft sie in verschiedenen Varianten vor- Sätze während des Hörens Wort für Wort und er-
kommen. Ein Überblick zu gebrauchsbasierten Parsingmodellen findet sich in stellen zeitnah Hypothesen zur Bedeutung des Sat-
Mitchell/Cuetos/Corley/Brisbaert (1995). zes. Wenn eine pronominale Form im Satz auf-
taucht, beginnen die Hörer unbewusst die Suche
210
5.4
Satz und Text
Verarbeitung
von Anaphern
211
5.4
Satz und Text
Satz- und Textverstehen –
Modelle und Mechanismen
satzes ist, während Britta das Subjekt des Matrix- meinte kommen. Es muss bei diesem Prozess Be-
satzes ist. Das Weltwissen des Hörers suggeriert schränkungen geben, da sonst eine einfache Äuße-
andererseits, dass typischerweise gelobt wird, wer rung im Hörer eine unendliche, sich selbst verstär-
etwas Lobenswertes gemacht hat. Für die aller- kende Assoziationskette auslösen würde. Da dies
meisten Leser setzt sich damit die Interpretation nicht der Fall ist, unterliegt die Herstellung von
durch, dass Katrin die Katze versorgt hat. Wie ge- Inferenzen offenbar einigen Spielregeln, die bei-
nau das Tauziehen verschiedener Faktoren bei der spielsweise in den Arbeiten von Grice (1975), Le-
Ermittlung eines Antezedens vor sich geht, ist Ge- vinson (1983) oder Sperber/Wilson (1986) behan-
genstand aktueller psycholinguistischer Forschung. delt werden (s. auch Kap. 6).
Dass das Gemeinte fast immer über das Gesagte
hinausgeht, lässt sich leicht funktional erklären;
das Verbalisieren von Bedeutungen ist für den
5.4.3 | Textverstehen Sprecher aufwändig und kostet Zeit, das Implizie-
ren von Bedeutungen senkt diesen Aufwand und
Sagen und Meinen: In einem Gespräch oder beim steigert gleichzeitig den Umfang der Information,
Lesen eines Textes versteht man normalerweise die in kurzer Zeit vermittelt werden kann (Levin-
eine ganze Reihe von Dingen, die nicht direkt in son 2000b: 29). Hörern fällt es dementsprechend
den einzelnen Wörtern und Sätzen verbalisiert geradezu schwer, die einzelnen Elemente eines
sind. Dieser Prozess wird manchmal bildhaft als Textes nicht durch Inferenzen in einen wie auch
das Auffüllen eines Bedeutungsskeletts beschrie- immer gearteten Zusammenhang zu bringen. Das
ben, manchmal auch als das Überbrücken und folgende Beispiel von Vater (2001: 127) verknüpft
Vernetzen einzelner Informationsteile, durch das zwei gänzlich unzusammenhängende Sätze.
eine Gesamtschau der Bedeutung möglich wird.
An dem folgenden Beispiel lässt sich das nachvoll- (49) Es regnet. Gib mir die Bibel.
ziehen.
In zwei schlüssigen Interpretationen dieser Sätze
(48) Britta lief durch den Regen nach Hause. soll die Bibel entweder vor Regen geschützt wer-
Ihr Blick fiel auf ein altes Fahrrad. den oder aber der Sprecher plant, sie ihrerseits als
Das Schloss war einfach auf den Gepäckträger geklemmt. Regenschutz zu verwenden. Die Herstellung von
Sie zögerte einen Moment, ging dann aber schnell weiter. derartigen Zusammenhängen im Text wurde schon
in Abschnitt 5.1. unter dem Begriff der Kohärenz
Diese vier Sätze erzählen eine komplette Geschich- diskutiert. Die folgenden Abschnitte stellen einige
te, wobei das Wesentliche der Handlung zwischen Theorien vor, die den Prozess des Textverstehens
den Zeilen steht: Britta überlegt für einen Moment, durch Kohärenzbildung näher beschreiben.
das nicht abgeschlossene Fahrrad zu nehmen, um Propositionen: Nach einer einflussreichen psy-
damit im Regen schneller nach Hause zu kommen, cholinguistischen Theorie des Textverstehens
sie entscheidet sich aber letztlich dagegen. Der Be- (Kintsch/van Dijk 1978; Kintsch 1998) verarbeiten
griff der Inferenz bezeichnet die Anreicherung ei- Hörer Texte so, dass sie Teile des laufenden Textes
ner sprachlichen Äußerung mit zusätzlicher Be- zu Bedeutungseinheiten, sogenannten Propositio-
deutung, die sich der Hörer erschließt. In der nen, verbinden. Eine Proposition besteht aus ei-
Sprachwissenschaft befasst sich der Bereich der nem zentralen Element, dem Prädikat, und meh-
Pragmatik mit der Frage, nach welchen Strategien reren Mitspielern, den sogenannten Argumenten
Hörer zu Inferenzen über das vom Sprecher Ge- des Prädikats (s. auch Kap. 4.4). Üblicherweise ist
Definition das Prädikat eine verbale oder adjektivische Struk-
tur, die Argumente sind durch Nominalphrasen
➔ Inferenz bezeichnet die Anreicherung des Gesagten mit zusätzlicher und adverbiale Bestimmungen repräsentiert. Den
Bedeutung. Argumenten kommen in Relation zum Prädikat
Inferenzen können vom Sprecher des Gesagten explizit zurückgenom- verschiedene Rollen und Funktionen zu. Ein Argu-
men werden: ment kann etwa als Agens bezeichnet werden,
A: Nachtisch? also als Ausführender einer Handlung, oder als Pa-
B: Ich bin total satt ➔ Inferenz: Nein danke, keinen Nachtisch! tiens, dem eine Handlung widerfährt. Ort und Zeit
… aber ein Eis esse ich noch! ➔ Zurücknahme der Inferenz sind weitere wichtige Rollen, die als Argumente
eines Prädikats eine bereits bestehende Propositi-
212
5.4
Satz und Text
Textverstehen
on erweitern können. Eine Proposition verbindet gen oder ob sie den Text lediglich ausschmücken.
die Argumente in ihren verschiedenen Funktionen Unwichtige Propositionen werden dabei ausge-
mit dem Prädikat und nimmt damit eine Beschrei- blendet, um das Wesentliche, die Makrostruktur,
bung einer Situation vor. Ein typisches Merkmal schneller zu erfassen.
von Propositionen ist, dass ihnen Wahrheitswerte Die Makrostruktur eines Textes lässt sich als
zuerkannt werden können, d. h. eine Proposition seine Quintessenz umschreiben, die der Leser im
ist entweder wahr oder falsch. Eine Äußerung wie Langzeitgedächtnis behält. So können beispiels-
Her mit dem Geld! ist also keine Proposition. Der weise viele deutsche Erwachsene das Märchen von
erste Satz aus Beispiel (50) hingegen enthält eine Schneewittchen und den sieben Zwergen in groben
Proposition, die sich, lose auf der Theorie von Zügen nacherzählen, allerdings wird sich kaum je-
Kintsch und van Dijk basierend, vereinfacht wie mand an den genauen Wortlaut erinnern, nach
folgt darstellen lässt. dem sie oder er als Leser (oder Hörer) Mikro-Pro-
positionen aus den einzelnen Sätzen erstellt hat.
(50) (a) Britta lief durch den Regen nach Hause.
(b) Prädikat: laufen Mentale Modelle: Eine andere Herangehensweise
Agens: Britta an das Textverstehen ist die Theorie der Mentalen
Pfad: durch den Regen Modelle (Johnson-Laird 1980, 1983), die in der Ko-
Ziel: nach Hause gnitionswissenschaft auch unter dem Stichwort
Zeit: Vergangenheit des verkörperlichten Denkens (engl. embodied
cognition) eine bedeutende Rolle spielt (Glenberg
Mikro- und Markostruktur von Texten: Propositio- 1999). Diese Theorie versteht sich als Kritik an
nen können ineinander eingebettet sein, so dass der Annahme, dass Bedeutung in der Form von
komplexe Propositionen entstehen. Der Satz Brit- miteinander verbundenen Propositionen verarbei-
ta lief durch den kalten Regen nach Hause bei- tet wird. Johnson-Laird (1980) diskutiert dazu ein
spielsweise enthält neben der in (50) dargestellten Beispiel wie das folgende:
Proposition noch das Prädikat kalt, das sich auf
das Argument Regen bezieht. Die Proposition ›der (51) Britta sitzt rechts von Katrin.
Regen ist kalt‹ mit dem Argument ›Regen‹ und dem Frank sitzt rechts von Britta.
Prädikat ›kalt‹ bettet sich also in die übergeordnete Boris sitzt rechts von Frank.
Proposition ›Britta lief durch den Regen nach Hau-
se‹ ein. In einem Modell des Textverstehens, das Propositi-
Kintsch und van Dijk (1978) beschreiben den se- onen nacheinander in eine logische Beziehung
mantischen Aufbau eines Textes auf zwei Ebenen: bringt, wäre zu inferieren, dass Boris weiter rechts
Die Mikrostruktur eines Textes ist ein Netz- sitzt als Katrin. Diese Inferenz kann sich jedoch als
werk von miteinander verbundenen Mikro-Propo- falsch erweisen, wenn zum Beispiel die vier Freun-
sitionen. In einem Text wäre beispielsweise die de an einem runden Tisch sitzen. Johnson-Laird
Proposition aus Beispiel (50) eine solche Mikro- argumentiert deshalb, dass das Textverstehen im-
Proposition. Manche Mikro-Propositionen werden mer vor dem Hintergrund einer bestimmten Situa-
direkt aus den Wörtern und Sätzen des Textes ab- tion stattfinden muss, die Einfluss darauf nimmt,
geleitet, andere hingegen kommen als Inferenzen wie neue Information in bereits verarbeitete inte-
ins Spiel. Die Kohärenz eines Textes bestimmt sich griert wird. Sein Vorschlag ist, dass Leser beim Le-
danach, ob seine Mikro-Propositionen sich in ih- sen eines Textes ein mentales Modell der geschil-
ren Argumenten überschneiden. Dies ist Voraus- derten Situation erstellen. Neue Informationen
setzung dafür, dass Hörer aus den einzelnen De- werden so in das Modell eingefügt, dass sie das
tails eine zusammenhängende Situation konstru- Gesamtbild berücksichtigen. Sie müssen also so-
ieren können. Leser eines Textes erschließen sich wohl in ihren unmittelbaren Kontext wie auch in
dessen Makrostruktur, indem sie die Mikro-Propo- den globalen Zusammenhang passen.
sitionen zusammenfügen und auf ein übergeord- Der wesentliche Unterschied zwischen menta-
netes Textthema beziehen. Dabei steuert das Wis- len Modellen und Propositionen liegt in der Natur
sen um verschiedene Texttypen die Erwartungen, der mentalen Repräsentation von Texten. Proposi-
die Leser an den Text stellen. Propositionen auf tionen reduzieren den Inhalt eines Textes auf seine
der Mikroebene werden also danach beurteilt, ob logischen Zusammenhänge, also auf die schon er-
sie sich leicht in ein übergeordnetes Thema einfü- wähnte makro-propositionale Quintessenz. Diese
213
5.4
Satz und Text
Satz- und Textverstehen –
Modelle und Mechanismen
Repräsentation ist vergleichbar mit der Speiche- Die Versuchspersonen waren aufgefordert, per
rung von Information in einem Computersystem; Tastendruck so schnell wie möglich zu beantwor-
sie ist symbolisch, diskret und digital, also sehr ten, ob der abgebildete Gegenstand in dem zuvor
›sparsam‹ und auf das Wesentliche reduziert. gelesenen Satz vorgekommen war. Wenn also eine
Demgegenüber sind mentale Modelle eine sehr Versuchsperson Beispiel (52a) gelesen hatte, erfor-
›reichhaltige‹ Form der kognitiven Repräsentation. derten beide Bilder gleichermaßen ein ›ja‹ als Ant-
Ein mentales Modell kann Sinneseindrücke wie wort. Messungen der Geschwindigkeit, mit der die
beispielsweise Farben, Klänge oder Temperatur Antworten gegeben wurden, zeigen, dass die Ver-
enthalten, die über den propositionalen Gehalt des suchspersonen schneller waren, wenn die Orien-
zugrundeliegenden Textes weit hinausgehen. Aus tierung des Gegenstands im Satz mit seiner Orien-
dem Satz Britta lief durch den Regen nach Hause tierung in der Abbildung übereinstimmte. Hieraus
könnte ein Leser beispielsweise ein Modell kon- lässt sich ableiten, dass Leser perzeptuelle Eindrü-
struieren, in dem Britta eine dunkelblaue Regenja- cke, wie beispielsweise Orientierung im Raum, bei
cke trägt. Selbst Leser/innen, die sich keine sol- der Satzverarbeitung berücksichtigen und nicht
chen Details vorstellen, würden immer noch etwa als irrelevant herausfiltern. Beim Verstehen
angeben, dass Britta in ihrer Vorstellung zumin- von Sprache sind offenbar dieselben neurologi-
dest irgendeine Art von Kleidung am Leibe trägt. schen Strukturen aktiv, die für körperliche Wahr-
Für ein Propositionsmodell des Textverstehens nehmungen und Handlungen selbst verantwort-
sind solche Eindrücke nur mit zusätzlichen An- lich sind.
nahmen zu erklären, bei mentalen Modellen fol- Semantische Rahmen: Eine linguistische Theo-
gen sie von allein aus der Theorie. rie, die sich mit den psychologischen und kogniti-
Verkörperlichtes Denken: Viel deutet darauf onswissenschaftlichen Arbeiten zu mentalen Mo-
hin, dass beim Verstehen von Sätzen in der Tat dellen gut vereinbaren lässt, ist die der semantischen
perzeptuelle Eindrücke eine Rolle spielen. Dies Rahmen (engl. frame semantics, vgl. Fillmore 1982,
wurde unter anderem in Experimenten gezeigt, in 1985). Ein semantischer Rahmen wird als eine
denen Hörer mit Sätzen wie den folgenden kon- mentale Repräsentation eines Ereignisses, eines
frontiert wurden (Stanfield/Zwaan 2001; Zwaan/ Objekts oder einer Situation verstanden, auf die
Stanfield/Yaxley 2002). Hörer beim Textverstehen zurückgreifen. Semanti-
sche Rahmen kommen durch Erfahrungen in der
(52) (a) He hammered the nail into the floor. außersprachlichen Welt zustande; sie sind nichts
(b) He hammered the nail into the wall. anderes als mentale Modelle häufig wiederkehren-
der Situationen. Die Bedeutung von Sätzen ergibt
Diese Sätze beschreiben nahezu identische Hand- sich dann nicht zuvorderst aus den einzelnen
lungen, unterscheiden sich aber in einem wichti- Wortbedeutungen, sondern eher im Rückgriff auf
gen Detail. In (52a) hat der Nagel eine vertikale semantische Rahmen. Die folgenden Beispiele il-
Ausrichtung, in (52b) eine horizontale. In einem lustrieren dies:
Propositionsmodell des Textverstehens wäre ein
solcher Aspekt nicht repräsentiert, in einem men- (53) (a) Britta ist schon wieder unhöflich zu einem Kunden ge-
talen Modell schon. Im Verlauf des Experimentes wesen.
sahen Versuchspersonen nach dem Lesen eines (b) Hast du die Post schon reingeholt?
Satzes Zeichnungen wie die in Abbildung 1, die (c) Morgen gibt’s Zeugnisse.
sich ebenfalls lediglich in der Ausrichtung des dar- (d) Abseits!
gestellten Gegenstandes unterscheiden. Anders als
in Abbildung 1 sahen Versuchspersonen jedoch Um Beispiel (53a) zu verstehen, muss ein Leser
immer nur eine Zeichnung. ein gewisses Vorwissen über situative Kontexte
mitbringen, in denen bestimmte Leute als Kunden
bezeichnet werden und in denen andere Leute zu
diesen unhöflich sind. Erwachsene haben keiner-
lei Schwierigkeiten zu verstehen, dass Britta offen-
Abb. 1: bar im Kontext ihrer Arbeit zu jemandem un-
Visuelle Stimuli in Relation freundlich war, der sich für Produkte oder Dienste
zu Beispielen (52a) interessierte, die Britta ihm, vermutlich als Ange-
und (52b) stellte, also im Auftrag ihres Arbeitgebers, gegen
214
5.4
Satz und Text
Textverstehen
Bezahlung vermitteln sollte. Das Adverbiale schon Die Tatsache, dass jemand sich auf festem Boden
wieder indiziert weiterhin, dass ähnliche Situatio- befindet, bedeutet im semantischen Rahmen der
nen schon früher in genau dieser sozialen Konfigu- Seefahrt und der Luftfahrt etwas anderes, nämlich
ration vorgekommen sind. Die Umständlichkeit dass sich jemand entweder nicht auf einem Schiff
dieser Beschreibung zeigt, wie ausufernd das oder nicht in einem Flugzeug befindet.
Weltwissen ist, das Leser zum Verständnis eines Texte verweisen üblicherweise auf eine Vielzahl
eigentlich einfach klingenden Satzes aufbringen semantischer Rahmen, von denen manche sehr
müssen. Beispiel (53b) referiert auf die Konventi- konkret sind und für Details des Textes eine Rolle
on, dass Briefträger täglich Schriftstücke transpor- spielen, während andere abstrakter sind und da-
tieren, die üblicherweise im Laufe des Vormittags mit den Text auf einer thematischen Ebene ver-
in einem Behältnis außerhalb der Wohnung des ständlich machen. Die Geschichte von Britta und
Empfängers deponiert und dort auch täglich von dem alten Fahrrad evoziert zum Beispiel eine Rei-
ihm abgeholt werden. In ähnlicher Weise setzt Bei- he von semantischen Rahmen, von denen zwei auf
spiel (53c) ein Wissen um die kulturelle Institution der Makroebene Interpretationen anbieten, näm-
der Schule voraus, und der Sinn von (53d) er- lich ›etwas finden‹ und ›Diebstahl‹. Der erste Rah-
schließt sich nur Lesern mit einem Vorwissen über men hat die Elemente eines Finders, eines Gefun-
Fußball und seine Regeln. denen und eines Ortes, an dem etwas gefunden
Der wesentliche Punkt der Theorie der seman- wird. Für den Finder ist das Gefundene von Wert
tischen Rahmen ist also, dass Wörter Bedeutung oder Nutzen, so dass er es in Besitz nimmt und
erhalten, weil sie mit semantischen Rahmen asso- vom Ort des Findens entfernt. Die Geschichte in
ziiert werden. Ein Wort wie Abseits ist mit dem Beispiel (48) ließe sich nach diesem Schema so
Rahmen eines Fußballspiels assoziiert; ein Wort auffassen, dass Britta ein Fahrrad findet. Aller-
wie Hypotenuse ist mit dem Rahmen eines recht- dings lässt Britta in der Geschichte das Fahrrad
winkligen Dreiecks verbunden. Ein semantischer stehen, was sich durch den zweiten semantischen
Rahmen hat typischerweise verschiedene Rah- Rahmen erklären lässt. Bei einem Diebstahl nimmt
menelemente, die zusammen ein Ganzes erge- ein Stehlender ein Diebesgut in Besitz und entfernt
ben. Wörter und Sätze bezeichnen diese Rah- es von dem Ort, an dem der Vorbesitzer es gelas-
menelemente. Angewandt auf das Textverstehen sen hat. Während die beiden semantischen Rah-
bedeutet das, dass Leser einzelne Textelemente men zentrale Strukturelemente teilen, blendet der
als Verweise auf semantische Rahmen auffassen, Rahmen des Findens den Vorbesitzer des Gutes
die ihnen ein Verständnis des Textes ermöglichen. komplett aus, im Rahmen des Diebstahls hingegen
Sätze, die auf genau dieselben Tatsachen referie- kommt er als geschädigte Partei vor. Die Geschich-
ren, können deshalb durchaus auf unterschiedli- te lässt die Interpretation zu, dass Britta abwägt,
che semantische Rahmen verweisen, wie etwa die welcher semantische Rahmen ihrer eigenen Situa-
Sätze in (54): tion am nächsten kommt, und dass sie das Mit-
nehmen des Fahrrads letztlich als Diebstahl ein-
(54) (a) An diesem Tag blieb Kapitän Schmidt an Land. schätzt, sich mit der Rolle des Stehlenden nur
(b) An diesem Tag blieb Kapitän Schmidt am Boden. ungern identifiziert und darum zu Fuß weitergeht.
Weiterführende Literatur
Gute Überblicke zu satzwertigen Konstruktionen aus der Sprachgeschichte des Deutschen. Ein Stan-
finden sich in den Referenzgrammatiken einzel- dardwerk zum Prozess des Parsing ist Frazier/
ner Sprachen, wie z. B. Eisenberg (2006) für das Clifton (1996), zur anaphorischen Referenz emp-
Deutsche oder Quirk et al. (1985) bzw. Huddles- fehlen sich die Beiträge in Barss (2002). Kintsch
ton/Pullum (2002) für das Englische. Eine sehr (1998) liefert eine aktualisierte Darstellung propo-
empfehlenswerte typologisch angelegte Übersicht sitioneller Theorien des Textverstehens, John-
gibt Payne (1997). Zur diachronen Analyse syn- son-Laird (1980) eine nach wie vor treffende Be-
taktischer Komplexität bieten Hopper/Traugott schreibung der Theorie mentaler Modelle. Die
(2003) sowie Heine/Narrog (2011) einen Einstieg, Theorie der semantischen Rahmen ist in Petruck
Szczepaniak (2011) diskutiert speziell Beispiele (1996) zugänglich dargestellt.
215
5.4
Satz und Text
Aufgaben
Aufgaben
1. Die folgenden Beispiele illustrieren verschiedene Probleme, mit denen übliche Definitionskriterien
des Satzbegriffes behaftet sind. Diskutieren Sie diese Probleme anhand der Beispiele.
2. Identifizieren Sie alle Mittel der Kohäsion in dem folgenden kurzen Textausschnitt aus Kapitel 2:
»Die Laute einer Sprache fallen einem zunächst gar nicht auf. Wenn wir Sprache hören oder auch selbst sprechen,
machen wir uns im Normalfall keine Gedanken über die einzelnen Laute, aus denen sich der Redestrom zusam-
mensetzt. Erst wenn wir auf Probleme stoßen, kommt uns diese Seite der Sprache zu Bewusstsein, zum Beispiel
beim Erwerb einer Fremdsprache, wenn wir bemerken, dass es dort Laute gibt, die es in unserer eigenen Sprache
nicht gibt, oder wenn wir uns versprechen und DV-Tuell statt TV-Duell sagen.
Ein wichtiger Punkt bei der Beschäftigung mit Lauten ist, dass sie auf keinen Fall mit Buchstaben gleichgesetzt
werden dürfen. Das zeigt sich zum Beispiel schon darin, dass mehrere Buchstaben für einen Laut stehen können,
wie bei der Buchstabenkombination sch in Asche. Wenn von Lauten die Rede ist, so bezieht sich das immer auf
Bestandteile der gesprochenen Sprache und nicht auf Bestandteile der Schrift.«
Das zeigt sich zum Beispiel schon darin, dass mehrere Buchstaben für einen Laut stehen können.
5. Auf einer sprachwissenschaftlichen Tagung berichtet eine Teilnehmerin von ihrer Feldforschung,
bei der sie eine Sprache dokumentiert hat, in der es ausschließlich Objektrelativsätze zu geben
scheint (etwa: Das Tier, das wir jagen, muss hier entlanggelaufen sein). Nach dem Vortrag gibt es
zahlreiche Wortmeldungen. Wie lautet wohl die erste Frage?
6. Diskutieren Sie die folgenden Beispielsätze im Hinblick auf die Vorhersagen von seriellen Parsing-
modellen.
7. Welche semantischen Rahmen sind für das Verständnis der folgenden Beispielsätze notwendig
und was sind die Elemente dieser semantischen Rahmen?
(a) Wir haben 18 Stimmen dafür, drei dagegen und zwei Enthaltungen.
(b) Ich habe gestern eine Stunde lang meine Vorhand trainiert.
(c) In der Kreidezeit war der Brachiosaurus längst ausgestorben.
Martin Hilpert
216
6.1
6 Sprachliche Interaktion
6.1 Grundbegriffe: Sprache als Handeln
6.2 Sprechakttheorie
6.3 Ethnomethodologie
6.4 Konversationsanalyse
6.5 Interaktionale Linguistik
6.6 Multimodalität
Definitionen
Die ➔ linguistische Pragmatik beschäftigt sich mit der Frage, wie verbale Interaktion zwischen den
Menschen abläuft und gestaltet wird, was ihre Regeln sind, wie sie lokal organisiert und struktu-
riert ist und welchen übergreifenden Ordnungsprinzipien sie folgt.
217
6.2
Sprachliche Interaktion
Sprechakttheorie
6.2 | Sprechakttheorie
Die Sprechakttheorie geht auf den Sprachphiloso- Sprechaktverben (performative verbs): Zu der Un-
phen John L. Austin (1911–1960) zurück und wur- terscheidung zwischen performativen und konsta-
de von seinem Schüler John Searle (*1932) weiter- tiven Äußerungen gelangte Austin, indem er eine
entwickelt. Austins zentraler Gedanke lautet, dass Gruppe von Äußerungen näher betrachtete, in de-
mit jeder sprachlichen Äußerung zugleich eine nen sog. Sprechhandlungsverben oder Sprechakt-
Handlung ausgeführt wird. Dieser Gedanke ist verben (performative verbs) vorkommen. Dabei
prägnant in dem Titel seines Hauptwerks zusam- handelt es sich um Verben wie taufen, ernennen,
mengefasst: How to Do Things With Words. Es ist versprechen, verurteilen, gratulieren, bitten, raten,
postum im Jahr 1962 erschienen und hat zusam- grüßen usw., die eben jene Handlungen bezeich-
men mit John Searles einflussreichem Werk nen, die durch die entsprechende Äußerung voll-
Speech Acts (1969) in der Linguistik die sog. zogen werden. Damit Äußerungen, die solche Ver-
pragmatische Wende eingeläutet: Sprache wur- ben enthalten, Handlungen konstituieren können,
de nun nicht mehr ausschließlich als abstraktes müssen sie überdies in der 1. Person Singular Prä-
System betrachtet, sondern im Hinblick auf ihre sens Indikativ Aktiv verwendet werden. Gelegent-
Gebrauchsbedingungen und als Instrument des lich tritt die Formel hiermit hinzu, die sich wie die
Handelns untersucht. Austins Schlüsselfrage lau- in der 1. Ps. Sg. enkodierten Sprecherdeixis auf die
tet, inwieweit etwas zu sagen etwas zu tun bedeu- unmittelbare Sprechsituation bezieht. Betrachten
tet und inwieweit wir etwas tun, indem bzw. da- wir dazu die Beispiele (1a) und (1b):
durch dass wir etwas sagen (Austin 1962: 91). Der
Gedanke, dass ›etwas sagen‹ zugleich ›etwas tun‹ (1) (a) Ein Priester in einer Kirche spricht, während er einem
bedeutet, ist im Begriff des Sprechakts auf den Baby Wasser aus dem Taufbecken über den Kopf gießt,
Punkt gebracht. Ein Sprechakt ist eine sprachliche den Satz Ich taufe dich auf den Namen Hannah aus.
Äußerung, durch die ein Sprecher nicht nur redet, (b) Eine Standesbeamtin sagt zu dem vor ihr stehenden
sondern faktisch eine Handlung (Akt) vollzieht. Paar: Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau.
Die Theorie der Sprechakte wird von Austin in
mehreren Gedankenschritten entwickelt. Die Standesbeamtin und der Priester machen mit
Performative und konstative Äußerungen: Aus- ihren jeweiligen Äußerungen keine deskriptiven
tin unterscheidet zunächst zwei Typen von Äuße- Aussagen über die Welt, sondern sie vollziehen
rungen: Handlungen: Die Standesbeamtin vollzieht durch
■ konstative Äußerungen, in denen Aussagen ihre Äußerung den Akt des Vermählens, so wie der
über die Welt getroffen werden und denen man die Priester durch seine Äußerung den Akt der Taufe
Wahrheitswerte ›wahr‹ oder ›falsch‹ zuweisen vollzieht. Äußerungen dieser Art können zwar
kann, und nicht wahr oder falsch sein, wohl aber können sie
■ performative Äußerungen, für die eine sol- misslingen, verunglücken oder sich als ungültig
che Zuweisung nicht möglich ist. Ihre Besonder- erweisen. Das heißt, sie unterliegen bestimmten
heit besteht darin, dass sie keine deskriptive Aus- Bedingungen, die die Voraussetzung für ihre er-
sage über die Welt machen, sondern etwas tun. folgreiche Durchführung sind.
So vollzieht die Äußerung Hiermit verurteile ich Gelingensbedingungen: Das Aussprechen des
Sie zu einer Geldstrafe von 10 000 Euro den Akt Satzes Ich taufe dich auf den Namen Hannah allein
der Verurteilung, der damit rechtsgültig wird. Der reicht nicht aus, damit der Taufakt erfolgreich, d. h.
Verurteilte kann darüber verzweifelt sein oder in im Sinne der entsprechenden Konvention oder In-
Revision gehen, aber es wäre sinnlos, wollte er stitution (in diesem Fall einer Kirche) rechtmäßig
darauf mit Nein, das ist unwahr reagieren. Im Ge- und gültig vollzogen wird. Die Person, die die Taufe
gensatz zu solchen performativen Äußerungen ausführt, muss dazu befugt sein. Wenn also die
vollziehen wir mit Äußerungen wie Mein Kater Großmutter oder der Nachbarsjunge ans Taufbe-
Kasimir frisst keine Vögel keine Handlungen, son- cken tritt und denselben Satz äußert, ist das Kind
dern wir sagen etwas über die Welt aus. Diese nicht im Sinne der Kirche (gültig) getauft worden.
Aussage ist entweder wahr oder falsch, je nach- Sprechakte sind also nur dann erfolgreich, wenn sie
dem, ob der Kater Kasimir Vögel frisst oder nicht. die geltenden Bedingungen erfüllen und korrekt
Austins besonderes Interesse galt den performati- ausgeführt werden. Umgekehrt können Sprechakte
ven Äußerungen. aus unterschiedlichen Gründen scheitern. Austin
218
6.2
Sprachliche Interaktion
Sprechakttheorie
unterscheidet zwischen Fehlzündungen (misfires), wohl ich gar nicht da bin, ein Missbrauch vor,
die auftreten, wenn der Sprechakt fehlerhaft ausge- denn in beiden Fällen wird die Aufrichtigkeitsbe-
führt bzw. die entsprechende Konvention verletzt dingung verletzt.
wird, und Missbräuchen (abuses), die zustande Damit erweist sich die ursprünglich getroffene
kommen, wenn jemand eine performative Äuße- Unterscheidung zwischen performativen Äuße-
rung artikuliert, dabei aber nicht ehrlich ist. In sol- rungen, die eine Handlung vollziehen, und kon-
chen Fällen stehen die in der Äußerung verkünde- stativen Äußerungen, die wahre oder falsche
ten Absichten, Verpflichtungen und Gefühle in Aussagen über die Welt machen, als hinfällig. In
Widerspruch zur wahren Einstellung und Hand- der elften und zwölften Vorlesung seines Buchs
lungsintention des Sprechers. Ein Missbrauch liegt gibt Austin die performativ-konstativ-Unterschei-
beispielsweise vor, wenn ich sage, Ich verspreche dung folglich auf (Austin 1994: 167). Die Unter-
dir, dass ich morgen dein Fahrrad repariere, in Wirk- schiede liegen lediglich im Grad der Explizitheit:
lichkeit aber eine Reise nach Paris gebucht habe Während es auf der einen Seite Äußerungen gibt,
und (weiß, dass ich) am Folgetag bereits im Zug in denen die Handlung durch ein performatives
sitzen werde. Dann ist zwar ein Versprechen gege- Verb (ein Sprechaktverb wie taufen, versprechen,
ben worden, aber es wird nicht eingelöst und der bitten) zugleich metasprachlich benannt wird,
Adressat im Nachhinein betrogen. Aufrichtigkeit gibt es auf der anderen Seite Äußerungen, in de-
stellt folglich eine Schlüsselvoraussetzung dar, die nen die Handlung, die durch sie vollzogen wird,
die Beteiligten einander in der Regel wechselseitig implizit bleibt. Wir haben es also nicht mit per-
unterstellen. Es gibt noch weitere Differenzierun- formativen gegenüber nicht-performativen Äuße-
gen, die wir hier nicht weiter ausführen. rungen zu tun, sondern mit expliziten und impli-
Explizite und implizite Performative: Bei seiner ziten Performativen. Daraus folgert Austin, dass
Analyse der performativen Äußerungen richtete alles Sprechen immer zugleich Handeln ist.
Austin sein Augenmerk auf zwei Aspekte: erstens Strukturaufbau und Klassifikation von Sprech-
den Grad an Konventionalisierung und zweitens akten: Sprechakte – und das heißt alle sinnvollen
den Gebrauch von explizit-performativen Ver- sprachlichen Äußerungen – lassen sich in drei Teil-
ben. Dabei stellte er zum einen fest, dass keines- handlungen oder Teilakte zergliedern: den lokutio-
wegs alle Performative so stark konventionalisiert nären Akt, den illokutionären Akt und den perlo-
und zu Ritualen verfestigt sind wie die in den Bei- kutionären Akt.
spielen (1a) und (1b). Zum anderen erkannte er, ■ Mit dem lokutionären Akt ist das Äußern von
dass nicht alle Performative notwendigerweise ein Lauten, Wörtern und Sätzen gemeint.
explizit-performatives Verb, d. h. ein Sprechakt- ■ Von dieser reinen Äußerungsebene unterschei-
verb, in der ersten Person Präsens (z. B. ich ver- det Austin die damit vollzogene Handlung, die
spreche hiermit, ich gelobe, ich gratuliere etc.) ent- eine Warnung, eine Bitte, ein Versprechen, eine
halten müssen. Auch eine Äußerung wie Ich bin Drohung, eine Empfehlung etc. sein kann. Die-
morgen um drei zum Fahrradreparieren da kann ser Teilakt wird illokutionärer Akt genannt.
ein Versprechen sein; Äußerungen wie Kann je- ■ Der perlokutionäre Akt bezeichnet die Konse-
mand das Fenster zumachen? oder Es ist kalt hier quenzen und Auswirkungen, die der illokutio-
drin können eine Bitte oder eine Aufforderung näre Akt auf den Adressaten hat, ob er etwa
konstituieren. Wenn nun mit einer scheinbar kon- von einer Drohung eingeschüchtert, von einem
stativen Äußerung wie Es ist kalt hier drin auf der Argument überzeugt oder überredet wird.
Handlungsebene eine Aufforderung vollzogen
wird, die den Adressaten dazu bewegt, aufzuste- Die illokutionären Akte bilden den theoretischen
hen und das Fenster zu schließen, bricht der Un- Kern der Sprechakttheorie. So haben Austin und
terschied zwischen performativen und konstativen Searle sich bemüht, durch die Zusammenstel-
Äußerungen zusammen. Auch mit konstativen lung von illokutionären Verben die Vielfalt an
Äußerungen tun wir also mehr, als lediglich etwas Sprechakten in eine umfassende Klassifikation
über die Welt auszusagen. Das zeigt auch ein ge- zu bringen. Während Austin ausführliche Listen
nauerer Blick auf die Bedingungen ihres Gelingens von einzelsprachspezifischen Sprechaktverben
und Misslingens. Wenn ich behaupte, dass der Ja- erstellt und diese in bestimmte Gruppen zu un-
guar vor dem Universitätsgebäude mein Auto ist, terteilen versucht hat, war Searles Interesse auf
was aber gar nicht stimmt, liegt, wie bei dem Ver- ein einzelsprachunabhängiges, universales In-
sprechen, morgen das Fahrrad zu reparieren, ob- ventar von Sprechakten gerichtet. In seiner Typo-
219
6.3
Sprachliche Interaktion
Ethnomethodologie
Definitionen
Vorschläge zu einer exhaustiven Typologie werden
Ein ➔ Sprechakt ist der Vollzug einer Handlung durch eine sprachliche bis heute vorgelegt und diskutiert, ohne dass es
Äußerung. Ein Sprechakt wird in drei Teilakte zergliedert: einen abschließenden Konsens gäbe.
■ den lokutionären Akt, der im Äußern von Lauten, Wörtern und Sät- Anders als die illokutionären Akte, die auf Kon-
zen besteht, ventionen beruhen und sich in fünf Arten klassifi-
■ den illokutionären Akt, durch den eine Handlung wie z. B. eine War- zieren lassen, entziehen sich die perlokutionären
nung, eine Frage, eine Aufforderung, ein Befehl, eine Bitte etc. voll- Akte einer Klassifikation.
zogen wird, Die vom Sprecher intendierte Wirkung und die
■ den perlokutionären Akt, mit dem eine bestimmte Wirkung auf den tatsächliche Wirkung auf den Adressaten (also Illo-
Adressaten ausgeübt wird. kution und Perlokution) müssen nicht deckungs-
gleich sein. So mag ein Erwachsener von der Dro-
Sprechaktverben (performative Verben) sind Verben wie bitten, taufen, hung eines Kindes Ich hau dich nicht eingeschüch-
geloben, verurteilen, die eine sprachliche Handlung bezeichnen, die tert, sondern amüsiert sein. Bewirkungsabsicht
durch die Verwendung dieser Verben in der 1. Person Präsens Indikativ und tatsächliche Wirkung fallen auseinander. Der
Aktiv vollzogen wird. Eine solche performative Verwendung eines per- perlokutionäre Akt lässt sich folglich nicht an dem
formativen Verbs kann durch den Gebrauch des Pronominaladverbs jeweiligen Sprechakt selbst, sondern erst im nächs-
hiermit zusätzlich unterstrichen werden. Es verdeutlicht, dass die ten Zug an der Reaktion des Adressaten ablesen.
Handlung im Äußerungsmoment selbst vollzogen wird: Ich taufe dich Mit dieser Feststellung sind wir an einen neural-
hiermit auf den Namen Hannah. gischen Punkt bei der Betrachtung von sprach-
licher Interaktion gelangt, der uns in der Folge
weiter beschäftigen wird. Dabei steht der Gedanke,
logie unterscheidet er fünf Grundtypen von dass sprachliches Handeln immer im Bezug auf ein
Sprechakten: Gegenüber vollzogen und von diesem Gegenüber
■ Repräsentativa, mit denen als wahr behauptete mitgestaltet wird, im Vordergrund.
Aussagen über die Welt gemacht werden (be- Würdigung und Kritik: Die Sprechakttheorie ist
haupten, feststellen, aussagen), nicht empirisch fundiert, sondern gründet auf In-
■ Direktiva, mit denen eine Handlungsforderung trospektion und bleibt damit spekulativ. Sie arbei-
an den Adressaten gerichtet wird (auffordern, tet mit erfundenen Beispielen, deren Richtigkeit
befehlen, bitten), nicht durch Daten belegt wird, sondern der Intui-
■ Kommissiva, mit denen der Sprecher eine Selbst- tion der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaft-
verpflichtung eingeht (versprechen, anbieten), ler überlassen bleibt. Während die Sprechakttheo-
■ Expressiva, mit denen der Sprecher einen psy- rie versucht hat, Äußerungen abstrakt und kon-
chischen Zustand im sozialen Kontakt zum textunabhängig zu klassifizieren, untersuchen die
Ausdruck bringt (sich entschuldigen, (be-)dan- im Folgenden ausführlich behandelten Ansätze
ken), gratulieren, grüßen), und schließlich sprachliche Äußerungen in ihren tatsächlichen
■ Deklarativa, mit denen in institutionalisierter Verwendungskontexten.
Form stark ritualisierte, offizielle Handlungen
vollzogen werden (taufen, verurteilen).
6.3 | Ethnomethodologie
Die Ethnomethodologie ist ein Forschungsansatz, wichtigen Einfluss auf die Analyse der verbalen
der in den 1960er Jahren in der amerikanischen Interaktion aus.
Soziologie entwickelt wurde. Begründer und Na- Der Terminus ›Ethnomethodologie‹ setzt sich
mensgeber der Ethnomethodologie ist Harold aus den Bestandteilen ›Ethno-‹ und ›Methodologie‹
Garfinkel (1917–2011), dessen grundlegende Ar- zusammen. Pate für diese Begriffsbildung stand
beiten in dem 1967 erschienenen Buch Studies in das Konzept der ethno-science (Bergmann 2000b;
Ethnomethodology veröffentlicht sind. Auch wenn Streeck 2005), eine Forschungsrichtung in der
die Ethnomethodologie ursprünglich aus der So- nordamerikanischen Kulturanthropologie, die die
ziologie stammt, übt sie, vermittelt über die kognitive Organisation von Wissens-, Vorstellungs-
Konversationsanalyse (s. 6.4), bis heute einen und Orientierungssystemen sozialer Gemeinschaf-
220
6.3
Sprachliche Interaktion
Ethnomethodologie
221
6.3
Sprachliche Interaktion
Ethnomethodologie
222
6.4
Sprachliche Interaktion
Grundannahmen
und Methoden
6.4 | Konversationsanalyse
Die Konversationsanalyse (conversation analysis, der Übersetzung des englischen Terminus conver-
oft abgekürzt CA) ist wie die Ethnomethodologie sation analysis durch ›Konversationsanalyse‹ auch
in den 1960er Jahren im Rahmen der amerikani- die Bezeichnungen ›Gesprächsforschung‹ und
schen Soziologie entstanden. Sie hat sich als ei- ›Gesprächsanalyse‹ verwendet. Der deutsche Aus-
genständige Forschungsrichtung aus der Ethno- druck ›Konversationsanalyse‹ ist insofern nicht
methodologie entwickelt. Um dies zu betonen, ist ganz passend, als ›Konversation‹ im Sinne von
oft auch von ethnomethodologischer Konversati- ›gepflegtem Gespräch‹ den Forschungsgegen-
onsanalyse die Rede. Im Deutschen werden neben stand nur unzureichend kennzeichnet. Denn die
Konversationsanalyse beschäftigt sich nicht mit
diesem bestimmten kommunikativen Subtyp von
Definition Gesprächen, sondern mit allen Formen münd-
licher Kommunikation, von Streit und Klatsch
Die ➔ (ethnomethodologische) Konversati- bis hin zu institutionellen Gesprächstypen (z. B.
onsanalyse ist eine aus der amerikanischen im Rahmen der Arzt-Patient-Kommunikation, der
Soziologie stammende Forschungsrichtung, schulischen Interaktion, der Behörden- oder Unter-
die durch die empirische Analyse von au- nehmenskommunikation, Bewerbungs-, Beratungs-
thentischen Alltagsgesprächen verbale Prak- oder Prüfungsgesprächen etc.).
tiken ermittelt, die sowohl kontextsensitiv
als auch kontextunabhängig sind. Kontext-
sensitiv bedeutet, dass die Praktiken auf die
lokalen Umstände des konkreten Gesprächs 6.4.1 | Grundannahmen und Methoden
zugeschnitten sind; mit Kontextunabhängig-
keit ist gemeint, dass diese Praktiken zu- Man kann die Konversationsanalyse als for-
gleich systematisch als abstrakte, gesprächs- schungspraktische Umsetzung des von der Ethno-
übergreifende Regelmechanismen methodologie entwickelten Programms in die em-
beschreibbar sind. pirische Sprachanalyse verstehen. Um was für
Daten handelt es sich? Wie werden sie erhoben,
223
6.4
Sprachliche Interaktion
Konversationsanalyse
der Analyse zugänglich gemacht, ausgewertet und wohl kontextsensitiv als auch kontextunabhängig
dargestellt? zu bestimmen, in methodologisch reflektierter
Gegenstand und Ziel: Gegenstand der Konver- Weise verfolgt.
sationsanalyse ist die sich reflexiv konstituierende Authentisches Datenmaterial: Der ethnometho-
interaktive Geordnetheit des Gesprächs. Das Ziel dologisch fundierten Konversationsanalyse geht es
besteht darin, die Mittel der interaktiven Her- darum, die im Gespräch auftretenden Praktiken
stellung konversationeller Ordnung aus der Per- der Beteiligten als konversationelle Ethno-Metho-
spektive der Beteiligten und in der Prozessualität den zu ermitteln. Daher legt sie größten Wert dar-
des Entstehens zu beschreiben. Die Methode dazu auf, authentische Gespräche zu untersuchen, in
ist die Sequenzanalyse (s. 6.4.2). Die Beschrei- denen sich die konversationellen Alltagspraktiken
bung der konversationellen Phänomene erfolgt mit unverstellt zeigen. Konversationsanalytiker provo-
dem Anspruch, zugleich kontextsensitiv und ab- zieren weder absichtlich bestimmte Situationen,
strakt zu sein. Das heißt, dass Mikrobeobachtun- noch generieren sie Daten in künstlich arrangier-
gen zu bestimmten verbalen Praktiken (z. B. einer ten experimentellen Settings, die mit der sozialen
konkreten Gesprächseröffnung oder -beendigung, Wirklichkeit wenig oder gar nichts zu tun haben.
zu Verzögerungen, Sprecherwechsel, Unterbre- Stattdessen erheben sie ihr Datenmaterial dort, wo
chung usw.) in ihrem Kontext systematisch auf es tatsächlich vorkommt, indem sie in den ent-
kontextunabhängige, übergeordnete Regelmecha- sprechenden Situationen das Gesprächsgeschehen
nismen zurückgeführt werden. mit Audio- bzw. Videogeräten aufzeichnen.
Order at all points: Die Grundannahme der Kon- Beobachterparadoxon: Die Anforderung, real
versationsanalyse lautet, dass alles geordnet ist ablaufende Gespräche in natürlichen Vorkom-
und dass umgekehrt nichts im Gespräch als zufäl- menszusammenhängen zu untersuchen, konfron-
lig angesehen werden sollte. Auch so unscheinbare tiert die Konversationsanalyse mit einem Problem,
Phänomene wie Verzögerungssignale (äh, ähm), das auch in der Soziolinguistik (Labov 1970: 47)
Abbrüche, Pausen usw. treten systematisch auf bekannt ist: das Beobachterparadoxon. Es besteht
und müssen als Bestandteile der interaktiven Mi- darin, dass man die Welt der Sprache und der
kro-Ordnung analysiert werden. Aus der Annah- sprachlichen Interaktion wissenschaftlich beob-
me, dass alles geordnet ist, folgt, dass bereits die achten will, aber durch eben jene Beobachtung
Transkription des Datenmaterials (s. u.) ein wichti- den Gegenstand beeinflusst. Die beobachtenden
ger, mit großer Sorgfalt zu erledigender Arbeits- Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind
schritt und eine professionelle Praxis ist. also paradoxerweise bestrebt, etwas zu beobach-
Einzelfallanalyse und Bildung von Kollektionen: ten, das sich so nur dann beobachten ließe, wenn
Zu den methodologischen Grundprinzipien der die Beteiligten gerade unbeobachtet wären. Das
Konversationsanalyse gehört weiterhin, dass die Problem betrifft auch den Einsatz von audio-visu-
Untersuchungsfragen nicht von außen an das Da- ellen Aufzeichnungsmedien als technische Ver-
tenmaterial herangetragen werden, sondern aus längerung des Auges des Beobachters. Die Lösung
den Daten selbst, d. h. induktiv, entwickelt wer- dieses Problems besteht nicht darin, ohne das
den. Die Analyse beginnt damit, dass man zu- Wissen der Beobachteten heimlich Daten aufzu-
nächst eine minutiöse Einzelfallbeschreibung ei- nehmen, sondern in methodisch kontrollierter
nes interessanten Phänomens wie zum Beispiel Weise mit dem Beobachterparadoxon umzugehen.
einer Gesprächseröffnung, einer Alltagserzählung, Dazu gehört zum einen, Persönlichkeitsrechte und
einer Vorwurfsaktivität, eines syntaktischen For- Datenschutzbestimmungen zu respektieren (s. u.),
mats, eines prosodischen Phänomens etc. anfer- und zum anderen, die Datenaufnahme so einzu-
tigt. Im nächsten Schritt sucht man nach ähnli- richten, dass die natürlichen Interaktionsabläufe
chen Fällen und erstellt Sammlungen rekurrenter nicht behindert oder gestört werden.
Fälle. Diese Beispielsammlungen werden Kollekti- Datenschutz und Ethos: Für eine wissenschaft-
onen genannt. Auf der Grundlage größerer Kollek- liche Analyse ist die technische Aufzeichnung von
tionen, in denen ein Phänomen immer wieder- Gesprächen unumgänglich. Allerdings verbieten
kehrt und unter Umständen auch in bestimmter das wissenschaftliche Ethos und die Achtung der
Weise variiert wird, lässt sich das Phänomen syste- Persönlichkeitsrechte der Betroffenen die Auf-
matisch im Hinblick auf übergreifende Struktur- zeichnung und Nutzung von Gesprächen ohne de-
muster analysieren und beschreiben. Auf diese ren Erlaubnis. Man muss sich das Einverständnis
Weise wird das Ziel (s. o.), verbale Praktiken so- der Betroffenen einholen, sie über die Nutzungs-
224
6.4
Sprachliche Interaktion
Grundannahmen
und Methoden
zwecke der Daten aufklären und bei der Datenauf- Ausdruck ›trans-scribere‹ besagt, handelt es sich
bereitung, -nutzung und -veröffentlichung auf Da- dabei um eine Übertragung aus dem akustischen
tenschutzmaßnahmen achten. Letzteres bedeutet, Medium ins Medium der Schrift. Resultat der
dass die Daten anonymisiert werden müssen, in- Transkription ist das Transkript. Erst das Tran-
dem persönliche Informationen, die Aufschluss skript ermöglicht es, systematische Beobachtun-
über die Identität der Betroffenen geben können gen zur Geordnetheit der Fülle an Einzelphäno-
wie z. B. Personen-, Orts- und Institutionsbezeich- menen anzustellen, indem es einerseits einen
nungen, geändert bzw. durch Pseudonyme ersetzt Überblick über den Gesamtverlauf eines Ge-
werden. sprächs, seine organisatorischen Strukturen und
Datenaufzeichnung: Ein Gespräch ist ein flüch- interessante Stellen gewährt und andererseits das
tiges Ereignis, das in der Zeit stattfindet und ver- detaillierte Betrachten und Vergleichen von Ein-
geht. Dem Problem der Flüchtigkeit des Ge- zelsequenzen gestattet.
sprächs begegnet die Konversationsanalyse mit Das Transkript stellt nicht nur ein ganz we-
bestimmten Methoden und Ansprüchen an die sentliches Arbeitsinstrument der Konversations-
Datenerhebung, Aufzeichnung und Bearbeitung. analyse dar, sondern es fungiert auch als erstes,
Ein Gespräch soll in seiner Ereignishaftigkeit, sei- wichtiges Erkenntnisinstrument im Umgang mit
ner Dynamik und seinem zeitlichen Verlauf von dem Datenmaterial. Transkribieren stellt keine
Anfang bis Ende, mit allen seinen Details und in mechanische Tätigkeit dar, sondern ist bereits Teil
seiner räumlich-situativen Ökologie festgehalten der analytischen Praxis, die Professionalität im
werden. Zugleich muss man sich als Konversati- Hören bzw. Sehen und eine Theorie der gespro-
onsanalytiker/in bewusst sein, dass Audio- oder chenen Sprache verlangt. Grundlegend ist dabei
Videoaufnahmen nicht das Ereignis selbst, son- die Auffassung der order at all points (s. o.).
dern Repräsentationen davon sind, die die Wirk- Nimmt man das Postulat von der Geordnetheit
lichkeit zwangsläufig reduzieren. So erfassen Au- ernst, bedeutet das für die Praxis des Transkribie-
dioaufnahmen zwar das gesprochene Wort, nicht rens, dass auch die kleinsten und unscheinbarsten
aber das körperlich-visuelle Verhalten der Beteilig- Phänomene mit notiert werden müssen, da sich
ten. Dies kann durch Videoaufnahmen aufgezeich- auch in ihnen jene Geordnetheit manifestiert. Dazu
net werden, doch diese werden immer aus einer gehören Versprecher, Korrekturen, Abbrüche, Pau-
bestimmten Perspektive und einem Kamerawinkel sen und deren Dauer, Stottern, Überlappungen, Ver-
angefertigt, so dass unter Umständen nicht zu je- zögerungssignale, dialektale Lautungen, Ausrufe,
dem Augenblick in der Interaktion alle visuell be- schnelleres und langsameres Sprechen, Lachen,
deutungsvollen Aspekte erfasst werden. Darüber Weinen, Stimmqualität wie gepresste Stimme usw.
hinaus gibt es viele Phänomene, die von den Betei- Transkripte müssen bestimmte Standards erfüllen
ligten wahrgenommen und interaktiv relevant und werden nach Transkriptionskonventionen an-
werden können, die sich aber der audio-visuellen gefertigt, die eigens für die Verschriftlichung gespro-
Aufzeichnung entziehen. Das betrifft zum Bei- chener Sprache entwickelt wurden.
spiel Wahrnehmungen, die über die anderen drei Transkriptionskonventionen: Es gibt unter-
der fünf menschlichen Sinne vermittelt werden, schiedliche Transkriptionskonventionen, die in der
also olfaktorische (Geruchs-), gustatorische (Ge- mittlerweile über 60-jährigen Entwicklungsge-
schmacks-) und taktile (Berührungs-/Tast-)Wahr- schichte der Konversationsanalyse entstanden sind.
nehmungen. Auch für den nächsten Arbeitsschritt, In der anglo-amerikanischen Forschungstradition
die Transkription, gilt, dass die Komplexität des der Konversationsanalyse werden in der Regel die
Originalereignisses einem erneuten Transforma-
tions- und Reduktionsprozess unterworfen wird, Hinweis
der gleichwohl unumgänglich ist.
Transkription: Audio- bzw. Videoaufzeichnun- Im Anhang dieses Buches sind diese ➔ Transkriptionskonventionen
gen sind nur der erste Schritt, um ein Gesprächs- aufgelistet. Die im Folgenden angeführten deutschen Beispiele sind
ereignis der Flüchtigkeit des Augenblicks zu ent- nach GAT2 (Neufassung von GAT) transkribiert; fremdsprachige Bei-
reißen. Um Gespräche oder bestimmte Gesprächs- spiele werden in zum Teil vereinfachter Form aus den jeweiligen Publi-
ausschnitte im Detail analysieren zu können, kationen zitiert.
müssen sie der wiederholten, detaillierten Be- Das Layout des Bandes verlangte es, in Transkriptionen gelegentlich
trachtung zugänglich gemacht werden. Dazu wer- Zeilenumbrüche zuzulassen.
den sie verschriftlicht bzw. transkribiert. Wie der
225
6.4
Sprachliche Interaktion
Konversationsanalyse
von Gail Jefferson entwickelten Transkriptions- soll, eindeutig ein Transkriptionszeichen zugeord-
konventionen verwendet. Im deutschsprachigen net wird.
Raum stellt GAT (Gesprächsanalytisches Tran- Ikonizität bedeutet, dass die Konventionen
skriptionssystem) (Selting et al. 2009) mittlerwei- nach Möglichkeit Ähnlichkeitsbeziehungen zwi-
le das geläufigste Transkriptionssystem dar. schen gewähltem Zeichen und dargestelltem Phä-
Detaillierungsstufen: Die GAT-Konventionen nomen berücksichtigen.
gründen auf dem Zwiebelprinzip. Es besagt, dass Relevanz besagt, dass die Konventionen für alle
Transkripte auf unterschiedlichen Detaillierungs- diejenigen Phänomene Transkriptionszeichen be-
stufen angefertigt und schrittweise ausgebaut reitstellen, die sich als einschlägig für die Analyse
werden können. Die niedrigste Stufe bildet das erwiesen haben.
Minimaltranskript, das durch weitere Ergänzun- Formbezogene Parametrisierung schließlich ist
gen zum Basistranskript und schließlich zum ganz entscheidend: Sie bedeutet, dass nicht inter-
Feintranskript erweitert werden kann. Auf diese pretativ, sondern formbezogen transkribiert wer-
Weise können Transkripte je nach Forschungsinte- den soll. Statt also die Stimme eines Sprechers als
ressen, Analysezwecken und Präzisionsanforde- ›wütend‹ oder ›aggressiv‹ zu interpretieren, sollen
rungen unterschiedlich stark ausdifferenziert wer- im Transkript die prosodischen Parameter (z. B.
den und bleiben zugleich dadurch kompatibel, erhöhte Lautstärke, gesteigerte Geschwindigkeit)
dass sie einheitlichen, aufeinander aufbauenden erfasst werden, die dann erst im nächsten Schritt
Notationsregeln folgen. Sie können im Untersu- im Zusammenhang mit anderen Merkmalen inter-
chungsprozess durch wiederholtes Anhören bzw. pretativ ausgewertet werden.
Ansehen der Audio- bzw. Videodaten fortschrei- Aufbau eines GAT-Transkripts: In einem GAT-
tend verfeinert werden. Neben dem Kriterium der Transkript stehen die Beiträge der unterschiedli-
stufenweisen Verfeinerbarkeit liegen den GAT- chen Sprecherinnen und Sprecher untereinander
Konventionen als weitere Kriterien Lesbarkeit, in eigenen Transkriptionszeilen. Die Zeilen werden
Eindeutigkeit, Relevanz und formbezogene Para- durchnummeriert. Jeder Sprecher erhält eine Spre-
metrisierung zugrunde. chersigle, die ein Kürzel seines (anonymisierten)
Lesbarkeit wird dadurch sichergestellt, dass an- Namens (z. B. ›AS‹ für ›Anja Stukenbrock‹ oder
stelle einer spezialisierten phonetischen Umschrift ›Sa‹ für ›Sabine‹) darstellt. Sofern institutionelle
eine literarische Umschrift benutzt wird. Aller- Interaktionen untersucht werden, können rollen-
dings gibt es einige Abweichungen von der Stan- bezogene Sprechersiglen verwendet werden (z. B.
dardorthographie. Dies betrifft vor allem die Inter- ›Pa‹ für ›Patient‹, ›Th‹ für ›Therapeut‹ usw.).
punktionszeichen (Komma, Semikolon, Punkt, Zur Transkription wird eine äquidistante
Fragezeichen, Gedankenstrich, Doppelpunkt, Aus- Schriftart (Courier) verwendet, damit die Ab-
rufezeichen), die keine syntaktische Funktion, son- stände zwischen den Zeichen gleich bleiben. Dies
dern spezifische prosodische bzw. lautsprachliche ist erforderlich, um die zeitlichen Beziehungen
Merkmale indizieren: So stehen Komma und Fra- zwischen den transkribierten Einheiten (einzel-
gezeichen für mittel und stark ansteigende Intona- nen Lauten, Wörtern, Phrasen, Pausen, Überlap-
tion am Ende einer Äußerungseinheit, Semikolon pungen usw.) im Transkript exakt abzubilden.
und Punkt für mittel und stark fallende Intonation Beginnt beispielsweise ein zweiter Sprecher wäh-
am Ende einer Äußerungseinheit. Der Gedanken- rend eines noch andauernden Redezugs des ers-
strich wiederum zeigt gleich bleibende Intonation ten Sprechers zu reden, können so Anfangs- und
an. Ein Doppelpunkt markiert, dass ein Laut oder Endpunkt der überlappenden Rede bis auf den
eine Silbe gedehnt wird: Je nach Anzahl der einge- einzelnen Laut genau dargestellt werden, indem
fügten Doppelpunkte lässt sich im Transkript die die überlappenden Segmente beider Sprecher un-
Dauer einer Dehnung ablesen, mit der z. B. das tereinander notiert werden. Der rechts stehende
Verzögerungssignal ähm (nämlich als ä:hm, ä::hm Auszug stellt ein GAT2-Transkript auf mittlerer
oder ä:::hm) ausgesprochen wird. Eine ausführli- Stufe dar. Das heißt, es handelt sich um ein Basis-
che Charakterisierung dieser und weiterer GAT- transkript. Phillip (Phi) beschwert sich bei Marco
Zeichen findet sich im Anhang dieses Buches (Mar) darüber, dass Susan und Ingrid über alle
(s. Kap. 12.4). möglichen Dinge lästern.
Eindeutigkeit bedeutet, dass jedem auditiven
Phänomen, das in der Transkription erfasst werden
226
6.4
Sprachliche Interaktion
Grundannahmen
und Methoden
Ein GAT-Transkript werden normalerweise erst auf der nächsten Tran- Beispiel
skriptionsstufe, d. h. im Feintranskript, gemacht.
In der ersten Transkriptzeile können wir sehen, Allerdings gestattet uns das Zwiebelprinzip, das
dass auf die durchgängige Zeilennummerierung Basistranskript an bestimmten Stellen mit Merk-
(a) die Spechersigle (b) und anschließend die malen aufzufüllen, die uns besonders wichtig
transkribierte Äußerungs- bzw. Turnkonstrukti- oder auffällig erscheinen.
onseinheit (c) folgt. In der ersten Phrase trägt das Auf die Rückfrage des zweiten Sprechers in Zeile 4
Pronomen JE:des den Hauptakzent (d), der durch antwortet der erste Sprecher mit einer doppelten
Großbuchstaben für die akzentuierte Silbe mar- Bejahung; der Unterstrich (h) zwischen den bei-
kiert wird. Wie an dem Doppelpunkt außerdem den ja-Partikeln zeigt die Verschleifung zwischen
zu erkennen ist, wird das Pronomen obendrein den beiden Silben an. Nachdem die Personenrefe-
gedehnt ausgesprochen. Eine weitere durch Dop- renz geklärt ist, fährt der erste Sprecher fort (Z. 7)
pelpunkt markierte Dehnung findet sich in der und überlappt dabei kurz mit dem zweiten Spre-
Antwortpartikel in Zeile 9. Die erste Äußerungs- cher, der seinerseits eine kurze Bestätigung liefert
einheit endet mit mittel fallender Tonhöhenbe- (Z. 6). Die untereinanderstehenden eckigen Klam-
wegung, wie das Semikolon indiziert (e), gefolgt mern (i) in den Zeilen 6 und 7 geben genau an,
von einer Mikropause (f). Es findet ein Sprecher- wann die Überlappung der beiden Sprecher be-
wechsel statt. Dies erkennen wir daran, dass in ginnt und wo sie endet. Hier handelt es sich nur
der zweiten Transkriptzeile eine neue Sprechersi- um einen einzigen Laut. Zuletzt verzeichnet das
gle auftaucht. Die Antwort des zweiten Sprechers Transkript in Zeile 10 einen besonders starken Ak-
erfolgt sehr leise. Dies indiziert das in spitze zent auf dem Wort !LÄS!tern. Dieser wird dadurch
Klammern (g) gesetzte »p« für »piano«, »leise«. markiert, dass zusätzlich zu den Großbuchstaben
Auch in Zeile 4 reagiert der zweite Sprecher wie- für den Hauptakzent Ausrufezeichen (j) für einen
der mit verminderter Lautstärke. Solche Angaben extra starken Akzent hinzugesetzt werden.
(a) Zeilennummerierung
(b) Sprechersigle
(c) Turnkonstruktionseinheit
(e) mittel fallende Tonhöhenbewegung
(d) Hauptakzent in der am Ende der Intonationsphrase
Intonationsphrase
(f) Pause
01 Phi: über JE:des teil; (-)
02 Mar: <<p>ja;> (g) piano, d.h. leise gesprochen
03 Phi: waren die Irgendwie am LÄStern.
04 Mar: <<p>wer SUsan und INgrid;>
05 Phi: ja_JA, (h) Unterstrich für Verschleifungen
06 Mar: j[a]
07 Phi: [a]ber NICHT so:- (i) Überlappung
08 lachen dadrüber wie WIR das machen,
09 Mar: ja::,
10 Phi: am !LÄS!tern. (j) besonders starker Akzent
Status von Transkripten: Wir haben bereits festge- weiteren Transformationsprozess unterworfen, der
stellt, dass Audio- und Videoaufnahmen keine die Beziehung zwischen dem Originalereignis und
neutralen Repräsentationen des Originalereignis- dem Datum erneut verändert (vgl. Stukenbrock
ses sind. Dasselbe trifft noch weit mehr auf die 2009b). Auch wenn die Transkription mit dem
Transkription zu. Transkripte sind keine objekti- Anspruch und dem Ziel erfolgt, das Audio- oder
ven Repräsentationen dessen, was in den Audio- Videodatum so wenig wie möglich zu interpretie-
bzw. Videoaufnahmen aufgefunden wird. Durch ren, tragen Transkripte immer die Spuren des Ver-
die Transkription wird das Originalereignis einem stehens desjenigen, der sie angefertigt hat. Dies
227
6.4
Sprachliche Interaktion
Konversationsanalyse
zeigt sich zum Beispiel darin, in welchem Maß Qualitäten und nonverbalen Aspekten eingeräumt
prosodische Merkmale in der Transkription mit be- wird. Transkripte sind wissenschaftliche Konstruk-
rücksichtigt werden, welcher Stellenwert paraver- te, die wie die Audio- und Videodaten von Wissen-
balen Signalen wie Lachen, Weinen, stimmlichen schaftler/innen konstituiert werden.
Zur Vertiefung
Multimodale Transkription
In den Anfängen der Konversationsanalyse wurde fast ausschließlich mit Audiodaten gearbeitet. Eine häufig ge-
nutzte Datenquelle bildeten Tonaufzeichnungen von Telefongesprächen. Telefongespräche haben den Vorteil,
dass der visuelle Kommunikationskanal wegfällt und das Datenmaterial folglich weniger komplex ist. Bei Tele-
fongesprächen ist diese Reduktion methodologisch unproblematisch, da die Einschränkung auf den akustisch-
auditiven Kanal gleichermaßen für die telefonisch verbundenen Gesprächsbeteiligten wie für den auf Audioauf-
zeichnungen angewiesenen Konversationsanalytiker gilt. Hat man jedoch lediglich Tonaufnahmen von Ereignis-
sen zur Verfügung, in denen sich die Beteiligten in einer face-to-face-Interaktion befinden und neben dem
auditiven auch visuellen Zugang zueinander und zu ihrer Umgebung haben, entsteht eine Diskrepanz zwischen
der Teilnehmerperspektive und der Perspektive des Konversationsanalytikers. Eine solche Diskrepanz wider-
spricht dem Grundanliegen der Ethnomethodologie und der Konversationsanalyse, die Teilnehmerpraktiken zu
rekonstruieren.
Aus diesem Grund werden in aktuelleren Untersuchungen zur face-to-face-Interaktion von kopräsenten, sich
wechselseitig wahrnehmenden Personen zunehmend Videokameras zur Aufzeichnung des körperlichen Verhal-
tens der Beteiligten eingesetzt. Damit stellt sich das Problem der Verschriftlichung gestischer Verhaltensweisen,
von Mimik, Blickorganisation, Körperorientierung etc. – kurz: der nonverbalen oder körperlich-visuellen Aus-
drucksressourcen. Bis heute liegen keine einheitlichen Konventionen für die Transkription visueller Ausdrucks-
ressourcen vor. Klar ist, dass sie immer nur selektiv erfolgen kann und dabei stark reduktionistisch verfahren
muss. Es haben sich zwei Verfahrensweisen eingebürgert, die auch miteinander kombiniert werden können:
erstens die Erstellung und Integration von Standbildern in das Verbaltranskript und zweitens die symbolische
Transkription körperlich-visueller Ausdrucksmittel auf jeweils eigenen Transkriptionszeilen. Beide Verfahren
haben ihre Vor- und Nachteile.
Beim Standbildverfahren werden wenige ausgewählte Momente in der Interaktion zeitlich eingefroren und auf
anschauliche Art ganzheitlich präsentiert, allerdings auf Kosten einer durchgängigen, kategorial getrennten Er-
fassung der verschiedenen körperlichen Ausdrucksebenen. Demgegenüber leistet die symbolische Transkrip-
tion auf gesonderten Zeilen eine fortlaufende Alignierung von sprachlichen und körperlichen Ausdrucksmit-
teln, doch gehen dabei zwangsläufig Anschaulichkeit und die Gestalthaftigkeit der Phänomene verloren.
Stattdessen müssen die Leser/innen eines solchen Transkripts in einem inneren Visualisierungsprozess erst
mühsam rekonstruieren, wie sich das Ereignis als Ganzes abgespielt hat. Zudem werden solche Transkripte
sehr schnell extrem komplex und verlangen ihren Lesern eine hohe Dechiffrierungsleistung ab. Beide Verfah-
ren sind auf unterschiedliche Art interpretativ und erzwingen Entscheidungen darüber, was man für relevant
erachtet und was nicht.
Im Folgenden werden die beiden Verfahren anhand desselben Ausschnitts kontrastiert. Der Ausschnitt stammt
aus einer Stadtführung. Um die Komplexität zu reduzieren, konzentrieren wir uns ausschließlich auf die die
Rede begleitende Gestik des Stadtführers.
Standbildverfahren: Die Standbilder werden aus der Videoaufnahme ausgewählt; sie erfassen entscheidende
Momente für ein bestimmtes Phänomen (z. B. den Gestenverlauf). Verbindungslinien verankern die Stand-
bilder im Verbaltranskript, indem sie sie so exakt wie möglich den simultan gesprochenen Lauten bzw. Silben
zuordnen. Zur Anonymisierung der aufgenommenen Personen sind in diesem Text alle Standbilder aus der
Videoaufnahme durch Zeichnungen ersetzt worden.
(Ich danke Ina Hörmeyer für die Transformation der Standbilder in originalgetreue Zeichnungen.)
228
6.4
Sprachliche Interaktion
Grundannahmen
und Methoden
1/2 Sf-v: wir stEhen HIER, vor einem (.) verWALtungsgebäude der eon;
Sf-g: |~~~~~~~******;;;;;;;|
Beide Transkripte erlauben es uns, jeweils unterschiedliche Dinge zu erkennen. An beiden ist der Gestenhöhe-
punkt als das zentrale Phänomen abzulesen. Doch während man auf den Bildern zusätzlich die Blickausrich-
tung, die Körperorientierung und ausgewählte Momente des Zusammenspiels dieser Ausdrucksressourcen
sehen kann, vermittelt die symbolische Transkription den exakten Moment, an dem die Gestenbewegung in
Relation zur Sprache einsetzt. Sie zeigt außerdem, wann und wie lange sie den Höhepunkt erreicht, wann die
Rückzugsbewegung einsetzt und wann die Gestenbewegung vollständig abgeschlossen ist. Wollten wir in das
symbolische Transkript außerdem Informationen für Kopf- bzw. Blickausrichtung und Körperorientierung auf-
nehmen, müssten wir dafür eigene Transkriptionszeilen anlegen und dort die relevant erscheinenden Parameter
mit der Verbalzeile sowie mit der Gestenzeile alignieren. Je mehr Ebenen (Blick, Gestik, Körperorientierung,
Mimik etc.) beschrieben werden sollen, desto komplexer wird das Transkript.
229
6.4
Sprachliche Interaktion
Konversationsanalyse
230
6.4
Sprachliche Interaktion
Sequenzielle Organisation
Der Begriff ➔ Sequenzialität erfasst das Weitere typische Paarsequenzen sind Frage und Ant-
zeitliche und interaktionale Organisations- wort. Im nächsten Ausschnitt aus einem Gespräch
prinzip, wonach Äußerungen und Äuße- in einer Wohngemeinschaft stellt Josef fest, dass
rungseinheiten im Gespräch in geordneter noch Pudding im Kühlschrank ist, und fragt Martin,
Weise aufeinanderfolgen, ineinandergreifen ob er den Pudding essen möchte. Dieser antwortet
und sich zu größeren Einheiten verketten. mit einer Verneinung und liefert nach einer kurzen
Pause eine Begründung für seine Ablehnung:
231
6.4
Sprachliche Interaktion
Konversationsanalyse
Definitionen
3 Cla: Hi.
➔ Paarsequenzen sind in Paaren auftretende Redezüge von zwei ver- 4 Nel: Whatcha doin’. EPTprä
schiedenen Sprechern, bei denen der erste Paarteil den zweiten Paar- 5 Cla: Not much. ZPTprä
teil interaktiv fordert bzw. hochgradig erwartbar macht. Erster und
zweiter Paarteil sind daher strukturell eng miteinander verbunden. In 6 Nel: Y’wanna drink? EPTb
der Terminologie der CA ausgedrückt setzt der erste Paarteil den zwei- 7 Cla: Yeah. ZPTb
ten Paarteil konditionell relevant.
Typische Paarsequenzen, die durch konditionelle Relevanz miteinander 8 Nel: Okay.
verbunden sind, sind Frage – Antwort, Gruß – Gegengruß, Angebot –
Annahme (präferiert) / Ablehnung (dispräferiert). Bei der Basissequenz haben wir es im vorliegen-
den Fall mit einer klassischen Paarsequenz zu tun:
Einladung – Annahme/Ablehnung. Die vorge-
(5) »Pudding« schaltete Prä-Sequenz besteht aus einer Frage und
einer Antwort; sie stellt eine untergeordnete Paar-
1 Jo: hier is noch_n PUTting; sequenz dar. Sie dient Nelson dazu, interaktiv
EPT: Frage 2 willse den noch ESsen, ›vorzufühlen‹, ob die Einladung Aussicht auf einen
ZPT: Antwort 3 Ma: <<t>nä den ESS_isch ni_mehr.> (.) erfolgreichen, d. h. zur Annahme der Einladung
4 der steht da schon VIER TAge; führenden zweiten Paarteil hat. Da die Adressatin
bereits aus der Initiierung der Prä-Expansion durch
Konditionelle Relevanz: Die Erwartbarkeit oder Nelson vermuten kann, dass eine Einladung folgen
Projektion, die durch den ersten Paarteil aufgebaut wird (auch wenn diese Einladung noch gar nicht
wird, bezeichnet man als konditionelle Relevanz. explizit erfolgt ist), hat sie im nächsten Gesprächs-
Konditionelle Relevanzen können unterschiedlich schritt (der Antwort innerhalb der Prä-Expansion)
stark ausgeprägt sein. Dies führt dazu, dass das die Möglichkeit, ihre Haltung gegenüber dieser
Nicht-Einlösen eines konditionell relevant gesetz- projizierten nächsten Handlung zum Ausdruck zu
ten nächsten Redezugs mal mehr, mal weniger bringen. Die Prä-Expansion ist hier also aktivitäts-
stark markiert ist. spezifisch auf das Sequenzformat der Einladung
Expansionen (expansions): Paarsequenzen bilden zugeschnitten. Clara kann durch den Zuschnitt ih-
die Grundeinheit von Sequenzen; sie sind aber er- rer Antwort Nelson entweder ermutigen, fortzufah-
weiterbar. Diese Erweiterungen oder Expansionen ren und eine explizite Einladung auszusprechen
können an verschiedenen Stellen eingefügt wer- (go ahead-response), oder sie kann einen solchen
den. Prä-Expansionen stehen vor der eigentlichen Redezug blockieren (blocking response). Clara ent-
Paarsequenz, Post-Expansionen werden an die Ba- scheidet sich für die erste Option; eine erfundene
sissequenz angehängt, und Einschübe (insertions) blocking response haben wir zum Vergleich darun-
treten zwischen den Bestandteilen einer Basisse- tergestellt:
quenz auf. Dies soll an einigen Beispielen verdeut-
licht werden. Die Paarsequenz, die die Basis bildet, 4 Nel: Whatcha doin’.
wird mit tiefgestellten b markiert, so dass EPTb den 5 Cla: Not much.
ersten Paarteil und ZPTb den zweiten Paarteil der *5 Cla: *I’m studying for my exam.
Basissequenz bezeichnet. Prä-Expansionen werden
mit einem tiefgestellten prä, Post-Expansionen mit Aufgrund ihrer paarweisen Sequenzstruktur wer-
einem tiefgestellten post und Einschübe mit einem den solche Prä-Expansionen in der konversations-
tiefgestellten ein markiert. analytischen Literatur auch als Prä-Sequenzen
Prä-Expansionen (pre-expansions): Eine Basisse- (oder Vorlaufsequenzen) bezeichnet (Sacks 1992:
quenz kann vor dem ersten Paarteil erweitert (ex- 685 ff.; Schegloff 2007: 28).
pandiert) werden. Im folgenden Beispiel möchte Einschübe (insertions) treten zwischen dem ers-
der Anrufer, Nelson, die Angerufene, Clara, zu ei- ten Paarteil der Basissequenz (EPTb) und dem pro-
nem Drink einladen: jizierten zweiten Paarteil (ZPTb) der Basissequenz
auf und verzögern daher die Einlösung der durch
(6) »a drink« (aus Schegloff 2007: 30) den ersten Paarteil der Basissequenz hergestellten
konditionellen Relevanzen. Während Prä-Expansi-
1 Cla: Hello onen vom ersten Sprecher durchgeführt werden,
2 Nel: Hi. um das Terrain für die nachfolgende Paarsequenz
232
6.4
Sprachliche Interaktion
Präferenzorganisation
zu sondieren, werden Einschübe vom zweiten Martin stellt Frank eine aus zwei Turnkonstrukti-
Sprecher initiiert. Genauer gesagt wird der erste onseinheiten bestehende Frage (Z. 1–2), die zwei
Teil einer Einschub-Sequenz (EPTein) vom zweiten Antwortalternativen eröffnet. Diese Frage bildet
Sprecher an der Stelle produziert, an der von ihm den ersten Paarteil einer Paarsequenz, die eine
eigentlich der zweite Paarteil der Basissequenz er- Antwort konditionell relevant setzt. Frank gibt
wartet wird. Die Produktion des zweiten Paarteils diese Antwort, indem er die zweite Alternative
der Basissequenz wird jedoch nicht abgeblockt bestätigt (Z. 3: ICH wohn alleine.). Damit ist die
oder verweigert, sondern lediglich sequenziell auf Basissequenz aus erstem (Frage) und zweitem
den Zeitpunkt verschoben, zu dem die Bedingun- Paarteil (Antwort) abgeschlossen. Allerdings wie-
gen (z. B. Verstehens- oder Wissensvoraussetzun- derholt Martin im nächsten Redezug Franks Ant-
gen) dafür geschaffen worden sind. wort (Z. 4: du wohnst alLEIN;). Dieser wiederum
Im folgenden Beispiel nimmt Sandro bei seinem setzt überlappend mit Martins Rückfrage zu einer
Freund Julius eine Unregelmäßigkeit der Haut Reformulierung seiner Antwort an (Z. 5: also
wahr und fragt ihn danach (Z. 1). Julius stellt zu- ich …) und präzisiert seine erste Antwort dann
nächst eine Gegenfrage (Z. 2), da er nicht weiß, (… wohn jetzt schon seit geRAUmer- also seit etli-
worauf sich Sandros Frage bezieht. Nach einer chen jahren alLEIne,). In diesen beiden Post-Ex-
kurzen Pause, in der Julius seinem Freund gestisch pansionen wird eine Basissequenz interaktiv wei-
die entsprechende Stelle zeigt, sind die Vorausset- terbearbeitet, die bereits als abgeschlossen gelten
zungen für eine Antwort erfüllt und Julius produ- kann. Grundsätzlich sind alle Sequenzen auch
ziert seine Antwort (Z. 4–6): nach ihrem Abschluss potenziell erweiterbar. Im
vorliegenden Fall initiiert Martin durch seine
(7) »Bobbel« Wiederholung, die von Frank als Rückfrage ver-
standen wird, eine Reparatur. Reparaturen und
1 Sa: was hasch_n du da EPTb ihre sequenziellen Positionen werden wir in Kapi-
für_n BOBbel; tel 6.4.5. kennenlernen.
2 Ju: wo; EPTein Schematisch lassen sich die dargestellten Ex-
3 [(-)] pansions-Varianten wie folgt veranschaulichen:
[((Sa zeigt Ju den
Bobbel, indem er seinen Prä-Expansion
Freund an der Sprecher A: erster Paarteil
entsprechenden ZPTein (nonverbal)
Einschub
Körperstelle
mit dem Zeigefinger Sprecher B: zweiter Paarteil Abb. 1:
berührt))] Post-Expansion Expansionsformate
4 Ju: ach so NICH da; ZPTb
5 das_s_n LEberfleck;
6 nicht das du_n ABreißt;
6.4.3 | Präferenzorganisation
Post-Expansion: Erweiterungen können schließlich
auch auf die Basissequenz folgen und bilden dann Bestimmte Typen von Paarsequenzen wie Einla-
einen Sequenz-Nachlauf/eine Nachlaufsequenz: dungen, Bitten oder Bewertungen eröffnen alter-
native Möglichkeiten für den zweiten Paarteil. Auf
(8) »alleine wohnen« eine Einladung kann z. B. eine Annahme oder eine
Ablehnung erfolgen. Gespräche sind so organi-
1 M: wohnst du jetzt noch bei EPTb siert, dass im Fall von Alternativen strukturell eine
deiner MUTter?= Präferenz für eine der beiden Alternativen festge-
2 =oder wohnst du alLEIne; stellt werden kann; im Fall der Einladung wird bei-
3 F: ICH wohn alleine. ZPTb spielsweise die Annahme der Einladung präferiert.
4 M: [du wohnst] alLEIN; EPTpost Damit unterscheidet sich der Begriff von unserem
5 F: [also ich ] ZPTpost Alltagsverständnis, demzufolge Präferenz psycho-
wohn jetzt schon seit geRAUmer- logisch im Sinne von persönlichem Geschmack,
6 also seit etlichen jahren alLEIne, subjektiven Neigungen und Einstellungen verstan-
den wird. Im Gegensatz dazu erfasst der konversa-
233
6.4
Sprachliche Interaktion
Konversationsanalyse
234
6.4
Sprachliche Interaktion
Sprecherwechsel
(turn-taking)
Im Gegensatz zu den meist prompt produzierten weder von vornherein fest, wer als nächstes
präferierten Redezügen werden dispräferierte zwei- drankommt, noch wann der Nächste oder die
te Paarteile verzögert realisiert. Es treten Pausen, Nächste drankommt, d. h. wie lange der letzte
Verzögerungssignale und andere Arten von Disprä- Sprecher das Rederecht behält. (In institutionel-
ferenzmarkern (wie naja und ähnliche Diskursmar- len Settings ist das teilweise anders; in einer Ge-
ker) auf, die dem Interaktionspartner anzeigen, richtsversammlung kontrolliert z. B. der vorsit-
dass die präferierte Erwiderung nicht erfolgen kann. zende Richter die Zuweisung des Rederechts
Im folgenden Beispiel sind die beiden Teilneh- sowie die Inhalte der Redebeiträge.) Woher wis-
mer damit beschäftigt, draußen ein Nachtlager ein- sen die Gesprächsbeteiligten also, wann ein vor-
zurichten, und unterhalten sich über die Tempera- heriger Beitrag abgeschlossen ist und sie selbst
tur, die von ihnen unterschiedlich empfunden wird: das Wort ergreifen können? Wie organisieren sie
den nahtlosen zeitlichen Anschluss an den vor-
(11) »frisch« angehenden Beitrag, und wie lösen sie das Pro-
blem, dass weitere Teilnehmerinnen und Teilneh-
1 Arndt: schon FRISCH;=ne, mer möglicherweise im selben Moment zu Wort
2 (1.3) kommen möchten?
3 Josef: ach KALT find ick_s NICH,= Die Fragen zeigen, dass die Regulierung des
4 =aber: (.) hier die SCHLAFsäcke, Sprecherwechsels und die Verteilung des Rede-
5 die ham (-) OFfen uff_m RAsen rechts keineswegs banal sind, sondern eine inter-
jelegen. aktive Koordinationsleistung aller Beteiligten dar-
stellen, die immer wieder und in jedem Moment
Der erste Sprecher äußert eine Bewertung, indem aufs Neue erbracht werden muss. Dies ist kaum
er die nächtliche Temperatur als frisch bezeichnet möglich, ohne dass es Mechanismen bzw. Verfah-
(Z. 3: schon FRISCH;=ne,). Die Äußerung schließt rensweisen gibt, die – wie das Ampelsystem an
mit einem question tag (ne), der den Adressaten einer Kreuzung – den ›Verkehr‹ zwischen den Teil-
zu einer – übereinstimmenden – Folgeäußerung nehmern regeln. Übertragen auf die Gesprächsor-
einlädt. Doch anstelle einer präferierten Überein- ganisation bedeutet das, dass Gesprächsbeteiligte
stimmung produziert der zweite Sprecher eine ge- über Verfahrensweisen bzw. Methoden verfügen,
genlaufende zweite Bewertung, die er allerdings um die geordnete Abfolge einzelner Redebeiträge
nicht unmittelbar anschließt, sondern durch eine (turns) ›lokal‹ (d. h. im jeweiligen sequenziellen
Pause deutlich verzögert (Z. 2) und durch ach Kontext) und situativ zu organisieren und den
(Z. 3) als dispräferiert markiert (Z. 3: ach KALT Sprecherwechsel (turn-taking) zu regeln. Mit eth-
find ick_s NICH). Besonders auffällig ist die lange nomethodologisch geschultem Bewusstsein kön-
Pause (Z. 2), durch die der zweite Sprecher seine nen wir fragen, wie diese Methoden aussehen,
Folgeäußerung verzögert. Solche Verzögerungen mittels derer den Beteiligten immer wieder ein er-
sind bereits ein Signal, das eine drohende gegen- folgreicher Sprecherwechsel gelingt, auch wenn
laufende Bewertung indiziert. Gespräche sich ungeplant von Augenblick zu Au-
genblick entwickeln.
Die Regeln des Sprecherwechsels wurden von
Sacks, Schegloff und Jefferson in einem inzwi-
6.4.4 | Sprecherwechsel (turn-taking) schen klassischen konversationsanalytischen Auf-
satz aus dem Jahr 1974 (»A simplest systematics
Die Beteiligten eines Gesprächs reden normaler- for the organization of turn-taking for conversa-
weise nicht wild durcheinander, sondern nachei- tion«, in erweiterter Form als Sacks/Schegloff/Jef-
nander. Es entstehen weder größere Pausen noch ferson 1978) untersucht. Danach besteht das
längere Phasen gleichzeitigen Redens. Es muss Turn-Taking-System aus zwei Komponenten:
also einen Mechanismus geben, der den Wechsel zum einen der Turnkonstruktionskomponente, die
zwischen den Redezügen verschiedener Sprecher den inneren, formalen Aufbau der einzelnen Re-
reibungslos möglich macht. Das erscheint uns dezüge betrifft, und zum anderen die Turnzutei-
auf den ersten Blick selbstverständlich, ist aber lungskomponente, die die Regeln für die Vertei-
angesichts der Tatsache, dass die Sprecherbeiträ- lung des Rederechts enthält.
ge in ihrer Länge und Dauer variabel sind, durch- 1. Turnkonstruktionskomponente: Redezüge kön-
aus bemerkenswert. In Alltagsgesprächen steht nen aus ganz unterschiedlichen Elementen beste-
235
6.4
Sprachliche Interaktion
Konversationsanalyse
hen und daher auch ganz unterschiedlich lang nächste redeübergaberelevante Stelle erreicht, an
sein. Manche Redezüge bestehen nur aus einem der Sprecherwechsel erfolgen kann. Daran orien-
einzelnen Wort, wie z. B. der Begrüßungsformel tiert sich auch der Arzt. Denn obwohl in der Rede
hallo oder den Höflichkeitsfloskeln bitte und dan- des Patienten mehrere Mikropausen auftauchen,
ke, andere aus Phrasen (meine kleine Schwester), ergreift er erst nach Abschluss des gesamten Rede-
aus einem einzelnen Satz (mein Bruder kommt beitrags des Patienten das Wort, indem er eine An-
nicht mit) oder auch aus mehreren aufeinander schlussfrage stellt (Z. 12), auf die der Patient naht-
folgenden Sätzen (mein Bruder kommt nicht mit, los antwortet (Z. 13), woraufhin der Arzt wiederum
aber mein Cousin wollte noch vorbeikommen) nahtlos ein Rückmeldesignal produziert. Der Spre-
oder einer Mischung aus diesen sprachlichen For- cherwechsel funktioniert hier also vollkommen
men (nein danke, ich komm nicht mit). Solche reibungslos.
minimalen Einheiten, nach denen Sprecherwech- Es stellt sich die Frage, wie die Gesprächsbetei-
sel möglich ist, werden Turnkonstruktionsein- ligten erkennen, dass ein Redebeitrag abgeschos-
heiten (turn construction units, TCUs) genannt. sen ist. Um diese Frage zu beantworten, müssen
Oft sind Redezüge aber aus mehreren TCUs zu- wir uns den inneren Aufbau der Turnkonstrukti-
sammengesetzt, wie das folgende Beispiel veran- onseinheiten genauer ansehen. Jede solche Äuße-
schaulicht, in dem ein Arzt seinen Patienten dazu rung entwickelt im Prozess ihrer Produktion be-
befragt, ob bestimmte Bewegungen besonders stimmte formale Gestaltungseigenschaften, die
starke Schmerzen verursachen: den Grad ihrer Vollständigkeit und Abgeschlossen-
heit anzeigen. So weisen eine geschlossene syn-
(12) »Schmerz« taktische Struktur (die allerdings nicht aus einem
›vollständigen Satz‹ bestehen muss!), semantisch-
01 A: gibt_s bestimmte beWEgungen, pragmatische Vollständigkeit (Interpretierbarkeit)
02 die den (.) den SCHMERZ, (-) und eine fallende oder deutlich steigende Intonati-
03 sofOrt verSTÄRken? onskontur darauf hin, dass eine Äußerung als ab-
04 P: JA:, geschlossen gelten und folglich Sprecherwechsel
05 also alle beWEgungen, stattfinden kann.
06 wenn der arm ABgespreizt isch- °h
07 oder wenn ich jetzt ne beWEgung- (.) Betrachten wir dazu das folgende Beispiel:
08 SCHNELL- (.)
09 nach Oben, (.) (13) »Sauerteigbaguette«
10 und dann MERK ich,
11 JETZT kommt_s REIN; 1 J: SAUerteigbaguette-
12 A: und so nach HINten? 2 C: geNAU;
13 P: nach hInten GEHT gar nicht so VIEL, 3 J: kann man sOwas im LAden kaufen?
14 A: hm; 4 C: JOa;
5 J: was ist SAUerteigbaguette;
Die Frage des Arztes (Z. 1–3) besteht aus drei Into- 6 C: die Ursprüngliche (—) form des
nationsphrasen, die auf syntaktischer Ebene ein französischen WEISSbrots-
zweigliedriges, hypotaktisches Satzgefüge (aus 7 (0.5)
Fragesatz und abhängigem Relativsatz) bilden. 8 ä:h (.) war eigentlich gar keine STANge?
Auf konversationeller Ebene liegt eine einzige,
wenngleich recht komplexe Turnkonstruktions- Die Beteiligten, Jonas und Christoph, unterhalten
komponente vor. Erst mit dem Ende der dritten sich über ein Kochrezept, in dem Sauerteigba-
Intonationsphrase (Z. 3) ist eine redeübergaberele- guette vorkommt. Jonas fragt nach, was Sauerteig-
vante Stelle erreicht. Das heißt Sprecherwechsel baguette ist (Z. 5). Es findet Sprecherwechsel statt
ist möglich und wird faktisch auch vollzogen. Die (Z. 6), und Christoph beginnt, die Frage mit einer
Antwort des Patienten erschöpft sich nicht mit der etwas weiter ausholenden – hier nicht vollständig
Antwortpartikel JA (Z. 4), die für sich genommen wiedergegebenen – Erklärung zu beantworten. Im
bereits eine Turnkonstruktionskomponente bildet Augenblick interessiert uns nur der innere Aufbau
und Sprecherwechsel gestatten würde, sondern von Jonas’ Frage. Wir können feststellen, dass
entfaltet sich in der Folge über sieben weitere Into-
nationsphrasen (Z. 5–11). Erst dann wird die 5 Jo: was
236
6.4
Sprachliche Interaktion
Sprecherwechsel
(turn-taking)
237
6.4
Sprachliche Interaktion
Konversationsanalyse
gezeigt werden. Auch der Blick spielt eine wichtige abläuft, indem sie die Rechte und Pflichten der Ge-
Rolle beim Turn-Taking: Ein gegenwärtiger Spre- sprächsbeteiligten in eine hierarchisch organisierte
cher kann z. B. dadurch, dass er einen Blick auf Struktur bringen. Die Turnzuweisungskomponente
eine spezielle Person richtet, diese aus dem Kreis charakterisiert den Sprecherwechsel in jedem be-
der Adressaten als Folgesprecher auswählen. liebigen Alltagsgespräch in abstrakter, verallgemei-
Neben der Prosodie und den nonverbalen Si- nernder Form. Sie ist in diesem Sinn kontextfrei.
gnalen ist auch der Kontext entscheidend dafür, Andererseits definiert sie die Art und Weise, wie
was von den Interaktionsbeteiligten als vollständi- der jeweilige Kontext das Turn-Taking beeinflussen
ger Redebeitrag aufgefasst wird. So ist das Frage- kann, d. h. sie ist zugleich auch kontextsensitiv.
wort was im Beispiel »Sauerteigbaguette« allein Das Regelsystem gilt für informelle Alltagsgesprä-
nicht in der Lage, eine abgeschlossen Äußerung zu che. In institutionellen Kontexten können regelhaf-
bilden; im folgendem Kontext konstituiert es hin- te Abweichungen vom Turn-Taking-System festge-
gegen sehr wohl einen vollständigen Redebeitrag. stellt werden (s. Vertiefungskasten S. 237).
Die mittel fallende Intonationsbewegung, die die Zunächst einige allgemeine Beobachtungen
Intonationsphrase abschließt, markiert dies: zum Sprecherwechsel (Sacks/Schegloff/Jefferson
1974: 700 f.):
(14) »Fett absaugen« ■ Sprecherwechsel findet immer wieder statt.
■ In den allermeisten Fällen spricht nur einer.
1 Ve: würdste des MAchen lassen? (.) ■ Gleichzeitiges Sprechen ist üblich, aber nur für
2 Sa: WAS; kurze Zeit.
3 Ve: würdste würdste dir FETT absaugen lassen? ■ Übergänge ohne Pause oder Überlappung bil-
den zusammen mit Übergängen mit geringfügi-
Zwei Frauen, Vera und Sandra, unterhalten sich gen Pausen oder Überlappungen die überwälti-
über ihre Figurprobleme und die Möglichkeit ope- gende Mehrheit der beobachteten Fälle.
rativer Schönheitskorrekturen. Auf Veras Frage ■ Die Reihenfolge der Redezüge (turns) ist nicht
(Z. 1) antwortet Sandra nicht sofort, sondern stellt festgelegt, sondern variiert.
mit dem Interrogativpronomen was (Z. 2) eine Ver- ■ Die Länge der Redezüge (turns) ist nicht festge-
ständnisrückfrage. Dadurch signalisiert sie, dass sie legt, sondern variiert.
Veras Frage nicht verstanden hat, und initiiert eine ■ Die Länge des Gesprächs ist nicht vorab fest-
Reparatur, die Vera im nächsten Turn durchführt gelegt.
(zu Reparaturen s. ausführlich Kap. 6.4.5). Vera ■ Die Redeinhalte sind nicht festgelegt.
wiederholt ihre Frage, indem sie die durch das Pro- ■ Die Verteilung der Redezüge ist nicht vorab fest-
nomen des unspezifisch bezeichnete Behandlungs- gelegt.
art als FETT absaugen (Z. 3) präzisiert. ■ Die Zahl der Gesprächsbeteiligten ist variabel.
Übergaberelevante Stellen (transition-relevance ■ Innerhalb eines Redebeitrags können längere
space): Der Ort, an dem ein Sprecherwechsel statt- Pausen, Schweigephasen oder Abbrüche auf-
finden kann, weil die Äußerung sichtbar abge- treten.
schlossen ist, wird als übergaberelevante Stelle be- ■ Es werden bestimmte Verfahren der Rederechts-
zeichnet. Er stellt aber nur einen möglichen Über- verteilung angewendet. So kann ein gegenwärti-
gabepunkt dar, der erst dadurch faktisch zum Spre- ger Sprecher durch eine adressierende Frage den
cherwechsel führt, dass der gegenwärtige Sprecher nächsten Sprecher auswählen, oder Gesprächs-
tatsächlich aufhört zu reden und ein anderer Spre- beteiligte können sich selbst zu nächsten Spre-
cher zu reden beginnt. Gelegentlich kommt es an chern machen, indem sie zu sprechen beginnen.
solchen möglichen Übergabepunkten zu Überlap- ■ Die Turnkonstruktionseinheiten (TCUs) sind
pungen (overlap) zwischen gegenwärtigem und strukturell variabel.
künftigem Sprecher oder zwischen mehreren künf- ■ Es gibt Reparaturmechanismen für Fehler beim
tigen Sprechern, die in gleicher Weise das Ende des Sprecherwechsel oder bei Rederechtsverletzun-
vorherigen Beitrags antizipiert haben und simultan gen. Wenn zwei Sprecher gleichzeitig sprechen,
zu sprechen beginnen (Simultanstart). wird z. B. einer vor Beendigung seines Beitrags
aufhören zu sprechen und der andere seinen
2. Turnzuweisungskomponente: Die Regeln der überlappten Redebeitrag eventuell nach Ende
Turnzuweisungskomponente erklären, warum der der Simultansprechphase wiederholen und da-
Sprecherwechsel meist reibungslos und geordnet durch das Problem reparieren.
238
6.4
Sprachliche Interaktion
Sprecherwechsel
(turn-taking)
Regel 1: (a) Wählt der Sprecher (S) im Laufe sei- 1a: FREMDWAHL
Wählt aktueller Sprecher
nes Redebeitrags einen nächsten Sprecher (N) aus, nächsten Sprecher?
so muss dieser als Nächster sprechen und es findet
Sprecherwechsel statt. Dabei handelt es sich um
Fremdwahl (current speaker selects next). ja nein
(b) Wählt der Sprecher (S) im Laufe seines Re-
debeitrags keinen nächsten Sprecher (N) aus,
kann sich jeder andere Gesprächsbeteiligte selbst nächster Sprecher wird
zum nächsten Sprecher machen. Dabei bekommt aktueller Sprecher
der, der als Erster zu sprechen beginnt, das Re-
derecht (first starter-Prinzip). Es findet Sprecher-
wechsel durch Selbstwahl statt. 1b: SELBSTWAHL
(c) Hat der Sprecher (S) im Laufe seines Rede- (nach first starter-Prinzip)
beitrags keinen nächsten Sprecher (N) ausgewählt Wählt nächster Sprecher
sich selbst?
und wählt sich niemand sonst selbst zum Folge-
sprecher, so kann der augenblickliche Sprecher (S)
fortfahren, bis ein nächster möglicher Abschluss-
punkt erreicht ist. ja nein
Regel 2: Ist Regel 1c zur Anwendung gekommen
und der augenblickliche Sprecher (S) fährt fort zu
sprechen, dann gelten beim nächsten übergaberele- first starter wird
vanten Ort (TRP) erneut die Regeln 1a-c, und zwar aktueller Sprecher
so lange, bis es zum Sprecherwechsel kommt.
Die Regeln sind hierarchisch geordnet: Als Ers-
1c: SELBSTWAHL
tes gilt Regel 1a. Wenn jedoch Regel 1a nicht zur Spricht aktueller Sprecher
Anwendung kommt, greift als Nächstes Regel 1b. weiter?
Wird diese nicht realisiert, greift Regel 1c. Im An-
schluss daran geht mit Regel 2 der ganze Mecha-
nismus – beginnend bei Regel 1a – in eine neue ja nein
Runde, und so immer fort (s. Abb. 2).
Ein Redebeitrag ist nicht vorab in seiner Länge
und seinem Aufbau festgelegt. Länge und Aufbau aktueller Sprecher
2: Neudurchlauf
werden von den Gesprächsbeteiligten gemeinsam bleibt/spricht weiter
und interaktiv hergestellt. Der Sprecher zeigt im
Prozess seines sich entwickelnden Redebeitrags
an, wann eine TCU abgeschlossen ist und ob an
deren Ende auch der gesamte Redebeitrag been- eins Turns selbst. Sein Aufbau ist das Ergebnis der Abb. 2:
det werden soll, d. h. ob Sprecherwechsel stattfin- verbalen und nonverbalen Signale, die der Spre- Das Turn-Taking-System
den kann oder ob er seinen Turn weiterführen cher während des Sprechens von seinen Hörern
möchte. Während sich der Sprecherbeitrag entfal- erhält, die auf diese Weise mitgestaltend tätig wer-
tet, analysieren die Hörer ihn darauf hin, wann ein den (s. 6.6). Die Konversationsanalyse geht davon
übergaberelevanter Punkt erreicht werden wird aus, dass Turns gemeinsame, interaktive Hervor-
und sie folglich selbst die Chance haben, das Wort bringungen von Sprecher und Hörer darstellen
zu ergreifen. und auf deren enge wechselseitige Orientierung
Doch nicht nur Anfang und Ende eines Turns und Koordinierung gegründet sind. Anhand des
sind Resultat der Zusammenarbeit zwischen den Beispiels im folgenden Vertiefungskasten lässt sich
Beteiligten, sondern auch die online-Gestaltung das nachvollziehen.
239
6.4
Sprachliche Interaktion
Konversationsanalyse
Zur Vertiefung
Tina erzählt, dass die Trennung für sie sehr überraschend kam (Z. 1, Z. 3). Ihr Gesprächspartner signalisiert
durch das zweimalige Bestätigungssignal ja (Z. 2, Z. 4), dass er aktiv zuhört. Kurze Rückmeldungen dieser Art,
die in einer Vielzahl von segmentalen und prosodischen Varianten vorkommen, stellen keine Turnübernahmen
dar. Sie werden als Fortsetzungssignale (continuer) bezeichnet, die dem augenblicklichen Sprecher signalisie-
ren, dass er die Sprecherrolle weiterhin behalten kann und soll. Auf diese Weise kann der Rezipient durch sein
Verhalten mitbestimmen, wie lange der Redebeitrag des Sprechers wird. Allerdings gibt es keine 1:1-Zuordnung
von Formen und Funktionen. Formen wie ja, ja_ja, hm_hm haben nicht per se die Funktion, aktive Zuhörer-
schaft zu signalisieren, sondern immer nur in Bezug auf bestimmte sequenzielle Kontexte und Sprecherhand-
lungen. Nehmen wir z. B. die sehr häufig auftretende Form hm_hm, so kann sie – mit steigend-fallender Intona-
tion auf der zweiten Silbe – in bestimmten Kontexten auch Erstaunen oder plötzliches Erkennen (change of
state token) signalisieren. In wieder anderen Kontexten kann sie – mit steigender Intonation auf der zweiten
Silbe – aber auch Zweifel zum Ausdruck bringen.
Zurück zu unserem Beispiel: In Zeile 5 atmet Dirk hörbar ein (Z. 5: °hh) und zeigt dadurch an, dass er den
Turn übernehmen möchte. In direktem Anschluss formuliert er eine Rückfrage (Z. 6), die sich auf das Verhal-
ten von Tinas Exfreund bezieht. Als die Rückfrage syntaktisch und semantisch-pragmatisch vollständig ist, si-
gnalisiert auch die fallende Intonation, dass die Turnkonstruktionseinheit beendet und eine turnübergaberele-
vante Stelle erreicht ist. Dirks Frage bildet den ersten Paarteil einer Paarsequenz und setzt als zweiten Paarteil
eine Antwort von Tina konditionell relevant. Tina übernimmt daraufhin den Turn und beantwortet Dirks Frage
(Z. 7). Dieser schließt sofort eine weitere Rückfrage an (Z. 8), deren Beginn mit der letzten Turnkonstruktions-
komponente von Tinas Äußerung überlappt. Solche Überlappungen (overlaps) werden laut Transkriptionskon-
ventionen durch eckige Klammern markiert (s. die Erläuterungen in Kap. 6.4.1). Dabei zeigt die linke Klammer
den Beginn der Redeüberlappung und die rechte Klammer deren Ende an:
240
6.4
Sprachliche Interaktion
Reparaturen
Überlappungen kurz vor Ende von Turnkonstruktionseinheiten sind nicht als Verstöße gegen die Regeln des
Turn-Taking zu verstehen, sondern als Indiz dafür, dass Hörer während des Redebeitrags des Sprechers bereits
das Ende einer Äußerung antizipieren, also übergaberelevante Stellen voraussehen und ihr eigenes Verhalten
daran ausrichten (Projektion). So kann Dirk in Tinas Äußerung, die von einer Negationspartikel eingeleitet
wird, nach den emphatischen Adverbien überhaupt und GAR das Negationsadverb nich antizipieren und schon
simultan zum voraussichtlich letzten Wort in Tinas TCU das Wort ergreifen und seine erste Rückfrage beginnen
(Z. 8: er).
Auf diese erste folgen noch zwei weitere Rückfragen, so dass sich eine dreigliedrige Liste ergibt (Z. 8, 9, 10).
Die dritte Konstruktionskomponente enthält das akzentuierte Anredepronomen DICH (Z. 10). Diese Dreierstruk-
tur und die Tatsache, dass Tinas Person durch das Personalpronomen so stark in den Fokus gerückt wird, macht
eine turnübergaberelevante Stelle in hohem Maß erwartbar: Tina ist nun aufgefordert, Stellung zu nehmen.
Die Tatsache, dass Tina in Z. 11 das Wort ergreift, zeigt, dass sie Dirk so verstanden hat (next turn proof proce-
dure). Doch überlappt ihre Turnübernahme mit einer Turnfortsetzung des ursprünglichen Sprechers Dirk, der
nämlich eine weitere (vierte) Reformulierung seiner Rückfrage produziert:
11 T: °h [ne es is ]
12 D: [sein ] !UN!mut geäußert irgend sowas;
Dieser Fall von Simultansprechen stellt nun anders als die vorher beobachtete Überlappung eine Turbulenz im
Gespräch dar, denn die Interaktionsteilnehmer verstoßen gegen das fundamentale Prinzip des Turn-Taking, wo-
nach immer nur eine Person zu einem bestimmten Zeitpunkt spricht (one speaker at a time). Eine solche Verlet-
zung muss interaktiv bearbeitet werden. Das geschieht, indem Tina ihren Beitrag zunächst zurückzieht. Sie
bricht ihre begonnene Äußerung ab und ergreift erst wieder das Wort, nachdem Dirk seine vierte Rückfrage be-
endet hat:
11 T: °h [ne es is]
12 D: [sein ] !UN!mut geäußert irgend sowas;
13 T: ne: also es is auch SO,
In ihrer Antwort negiert Tina zunächst Dirks Mutmaßungen (Z. 13: ne:) und projiziert dann mit dem Reformu-
lierungsindikator (Gülich/Kotschi 1987) also und der darauf folgenden so-Konstruktion (Z. 13: also es is auch
SO,) eine längere Erklärung. Damit macht die Sprecherin klar, dass sie einen längeren Turn für sich reklamiert,
der erforderlich ist, um das begonnene Argument zu vervollständigen.
241
6.4
Sprachliche Interaktion
Konversationsanalyse
242
6.4
Sprachliche Interaktion
Reparaturen
243
6.4
Sprachliche Interaktion
Konversationsanalyse
(Z. 1). Dabei verwendet er den Ausdruck Black Reparatur in 1. Position: Die erste Möglichkeit
Muslims, der von seinem Adressaten Jo im nächs- zu einer Reparatur besteht entweder innerhalb
ten Redezug durch Black Panthers (Z. 3) repariert oder unmittelbar nach der Turnkonstruktionsein-
wird. Die fallende Intonation am Turn-Ende zeigt, heit, in der das Reparandum (R) aufgetreten ist,
dass Jo nicht etwa eine Rückfrage stellt, sondern d. h. am nächsten redeübergaberelevanten Punkt.
den Ausdruck Black Muslims in Pats Äußerung In jedem Fall ist die Reparatur sequenziell so orga-
durch Black Panthers ersetzt. Damit initiiert Joe nisiert, dass Reparandum und Reparaturdurchfüh-
nicht nur eine Reparatur, sondern führt sie auch zu- rung vom selben Sprecher kommen. Um eine sol-
gleich selbst durch. Der erste Sprecher ratifiziert die che Reparatur in erster Position handelt es sich im
Reparatur durch eine Wiederholung des reparieren- Beispiel (15) (»Hausbesetzer«). Die hier vorliegen-
den Ausdrucks (Z. 4). Es schließt sich eine Klä- de sequenzielle Organisation – Reparandum (R),
rungssequenz an, in der Pat sein Erstaunen über Reparaturinitiierung (RI) und Reparaturdurchfüh-
seine fehlerhafte Referenzherstellung zum Aus- rung (RD) im selben Turn – ist konstitutiv für die
druck bringt (Z. 6). selbstinitiierte Selbstreparatur:
Die vier Reparaturtypen im Überblick: Aus der
doppelten Unterscheidung zwischen Selbst- und 1. Sprecher A: R RI RD
Fremdreparatur einerseits (Frage: Wer führt die Re-
paratur durch?) sowie zwischen selbstinitiiert und Abb. 4: Selbstinitiierte Selbstreparatur in 1. Position
fremdinitiiert andererseits (Frage: Wer leitet die Re-
paratur ein?), ergeben sich insgesamt vier Möglich- Reparaturen an der redeübergaberelevanten Stelle
keiten. Die Kreuzklassifikation (Abb. 3) fasst die finden ebenfalls noch vor einem Sprecherwechsel
vier Möglichkeiten tabellarisch zusammen. statt. Für diesen Fall haben wir oben das Beispiel
Reparaturen sind ein sequenzielles Phänomen (16) (»ein Uhr«) gesehen. Er lässt sich wie folgt
(Schegloff/Jefferson/Sacks 1977: 365). Sie sind darstellen:
zum einen eingebettet in das System des Sprecher-
wechsels, mit dem die Differenzierung zwischen 1. Sprecher A: R RI RD
Selbst- und Fremdinitiierung sowie zwischen Selbst-
und Fremddurchführung eng zusammenhängt. Abb. 5: Selbstinitiierte Selbstreparatur in 1. Position
Zum anderen bestehen Reparaturen selbst aus un- (Variante)
terschiedlichen Segmenten, die ihrerseits in einer
geregelten Abfolge stehen und dadurch ebenfalls Reparatur in 2. Position: Die Reparatur tritt hier
Bestandteile der sequenziellen Organisation bil- im Folgeturn auf, im ersten Turn steht also das Re-
den. Die beiden Segmentteile sind Reparaturiniti- parandum (R). In der zweiten Position besteht nun
ierung und Reparaturdurchführung. Im Folgenden erstens die Möglichkeit zu einer selbstinitiierten
wollen wir uns ansehen, welches die verschiede- Fremdreparatur. Dies ist dann der Fall, wenn die
nen sequenziellen Positionen sind, die die vier Re- Reparaturinitiierung vom ersten Sprecher noch in
paraturtypen einnehmen. demjenigen Turn vollzogen wird, in dem auch das
Sequenzielle Positionen für Reparaturen: Keh- Reparandum selbst auftritt, die Reparaturdurch-
ren wir noch einmal zu den Beispielen zurück, so führung hingegen vom zweiten Sprecher und da-
können wir feststellen, dass die vier Reparaturty- mit erst nach dem Sprecherwechsel geleistet wird.
pen systematisch ganz bestimmte sequenzielle Po- Diesen Fall haben wir in Beispiel (17) (»Dan
sitionen einnehmen. Sie befinden sich an jeweils Watts«) gesehen:
unterschiedlichen Positionen in Relation zur Pro-
blemquelle. 1. Sprecher A: R RI
Abb. 3: 2. Sprecher B: RD
Formen von Reparaturen
Abb. 6: Selbstinitiierte Fremdreparatur in 2. Position
Selbstreparatur Fremdreparatur
selbstinitiiert selbstinitiierte Selbstreparatur: selbstinitiierte Fremdreparatur: Außerdem besteht die Möglichkeit, dass sowohl
Beispiel 15, 16 Beispiel 17
die Reparaturinitiierung als auch die Reparatur-
fremdinitiiert fremdinitiierte Selbstreparatur: fremdinitiierte Fremdreparatur: durchführung nach dem Sprecherwechsel vom
Beispiel 18, 19 Beispiel 20 zweiten Sprecher vollzogen werden. Reparaturini-
244
6.4
Sprachliche Interaktion
Reparaturen
tiierung und Reparaturdurchführung werden also Für diesen Fall haben wir bislang noch kein Bei-
in demjenigen Turn ausgeführt, der unmittelbar spiel betrachtet. Folgender Ausschnitt illustriert
auf den Turn folgt, der die Problemquelle enthält. die Reparatur in dritter Position:
Der zweite Sprecher identifiziert ein Element aus
der Rede seines Vorgängers als problematisch und (21) »screws« (aus Liddicoat 2007: 198)
repariert es sofort. Bei der fremdinitiierten Fremd-
reparatur liegen Reparaturinitiierung und Repara- 1 Gary: yuh got anymore screws.
turdurchführung also gleichermaßen im zweiten 2 Harry: yeah I got lo:ts.
Turn. Diesen Fall repräsentiert das Beispiel (20) 3 Gary: Well, I wanted one
(»Black Panthers«): 4 Harry: O:H okay.
245
6.5
Sprachliche Interaktion
Interaktionale Linguistik
Zur Vertiefung
Die sprachlich und interaktiv unaufwändigste Reparatur ist die selbstinitiierte Selbstreparatur, die positionell an
erster Stelle kommt. Reparaturinitiierung und Reparaturdurchführung liegen sequenziell am dichtesten am Re-
parandum. Die selbstinitiierte Selbstreparatur stellt die schnellstmögliche Reparatur in Relation zum Reparan-
dum dar und wird vom Gesamtsystem vor allen anderen Reparaturtypen schon deshalb präferiert, weil sie einer
möglichen Gefährdung von Intersubjektivität sofort begegnet. Fremdreparaturen werden demgegenüber sequen-
ziell verzögert und dadurch tendenziell verhindert, dass dem ursprünglichen Sprecher erst noch eine Chance
zur Selbstreparatur eingeräumt wird. Dies zeigt sich auch darin, dass Reparaturen, sofern sie keine selbstinitiier-
ten Selbstreparaturen sind, typischerweise lediglich fremdinitiiert, aber nicht fremddurchgeführt werden, womit
der ursprüngliche Sprecher eine weitere Gelegenheit zur (fremdinitiierten) Selbstreparatur erhält. Zuletzt
schließlich manifestiert sich die Präferenz für Selbstreparatur bzw. umgekehrt die Tatsache, dass Fremdreparatu-
ren dispräferiert sind, darin, dass fremdreparierende Sprecher ihre Äußerungen oftmals abschwächen.
246
6.5
Sprachliche Interaktion
Interaktionale Linguistik
247
6.5
Sprachliche Interaktion
Interaktionale Linguistik
Unterschiede zwischen typologisch ähnlichen und wissen, woran sie ist. Anstatt eine Kausalbezie-
weit voneinander entfernten Sprachen heraus. hung zwischen den beiden Teilsätzen herzustel-
len, liefert der weil-Satz die Erfahrungsgrundlage
Im Folgenden soll die Arbeitsweise der Interaktio- für die im Bezugssatz geäußerte emotionale Ambi-
nalen Linguistik anhand einiger einschlägiger Bei- valenz der Sprecherin: Einer möglichen Hoffnung
spiele aus dem Deutschen erläutert werden. auf eine erneute Liebesbeziehung steht die defi-
Weil-Sätze mit Verbzweitstellung: Sätze, die nitive Aussage des Ex-Freundes gegenüber. Die
mit weil eingeleitet werden, werden im Deutschen Umstellprobe zeigt, dass die beiden Stellungsva-
normalerweise zu den Nebensätzen gerechnet. rianten, weil + Verbzweitstellung und weil + Ver-
Nebensätze sind durch Verbletztstellung gekenn- bletztstellung, im vorliegenden Fall nicht aus-
zeichnet. Doch kann man in der gesprochenen tauschbar sind:
Sprache häufig weil-Sätze beobachten, bei denen
das Verb statt in der nebensatztypischen Verbletzt- *ich weiß es nicht, weil er mir letztens gesagt hat,
stellung in der hauptsatztypischen Verbzweitstel- dass er mich nicht mehr liebt.
lung auftritt. Interaktionslinguistische Studien ha-
ben nachgewiesen (Günthner 1993), dass solche Das Beispiel gehört zur Gruppe der epistemischen
Nebensatzkonstruktionen keineswegs als Fehler weil-Verknüpfungen (Günthner 1993a: 42). Episte-
oder als Bedrohung für die Regel der deutschen mische weil-Sätze stellen keine kausale Begrün-
Nebensatzstellung (Verbletztposition) und damit dung im Sinne einer Ursache-Folge-Beziehung für
als Evidenz für einen grundlegenden syntakti- den Sachverhalt des Bezugssatzes dar. Stattdessen
schen Wandel zu bewerten sind, sondern systema- liefern sie die Wissens- bzw. Erfahrungsgrundlage
tisch ganz bestimmte Funktionen in der Interak- für die im Bezugssatz geäußerte Annahme. In un-
tion erfüllen. Ihr Vorkommen stellt daher weder serem Beispiel wird im Bezugssatz keine Annah-
einen Verlust noch einen Beleg für den ›Nieder- me, sondern ein Zustand der Verunsicherung und
gang der deutschen Sprache‹ dar, sondern im Ge- des Zwiespalts formuliert.
genteil eine Ausdifferenzierung unserer kommuni- Neben epistemischen weil-Sätzen gibt es noch
kativen Möglichkeiten und Ressourcen. andere Typen von weil-Sätzen mit Verbzweitstel-
Im folgenden Beispiel geht es um eine junge lung, die hier nicht weiter ausgeführt werden kön-
Frau (S) und ihren Ex-Freund, der sich ohne eine nen (vgl. ausführlich Günthner 1993a). Auch für
Erklärung von ihr getrennt hat: sie gilt, dass anstelle einer inhaltlichen Kausalbe-
ziehung alternative funktionale Beziehungen zwi-
(23) »Hoffnung« schen den beiden Teilsätzen signalisiert werden.
Über die syntaktische Besonderheit der Verbzweit-
1 D: äh_äh steht daHINter noch die HOFFnung, stellung und die dadurch gelockerte Bindung zwi-
2 dass es vielleicht DOCH wieder äh: schen den beiden Teilsätzen ist diesen Konstrukti-
in die GÄNge kommen könnte; onen auf prosodischer Ebene gemeinsam, dass die
3 S: °h ich WEISS es nich,= jeweiligen Teilsätze getrennte Intonationskonturen
4 =weil er hat äh:m_er_hat mir LETZtens gesagt, aufweisen. Dieses Merkmal trägt ebenfalls zur grö-
5 dass (.) dass er mich nich mehr LIEBT, ßeren Eigenständigkeit der beiden Teilsätze bei.
Verallgemeinernd ist festzuhalten, dass die weil-
Nachdem Sabine (S) das Bedürfnis geäußert hat, Sätze mit Verbzweitstellung andere Funktionen
ihren Ex-Freund zu einem klärenden Gespräch haben als die klassischen weil-Sätze mit Verbletzt-
wiedersehen zu wollen, fragt Doris (D), ob sich stellung. Die beiden Stellungstypen sind nicht be-
hinter diesem Wunsch die Hoffnung auf Versöh- liebig austauschbar.
nung verbirgt (Z. 1–2). In der Antwort bringt Sabi- Obwohl-Sätze mit Verbzweitstellung: Unter-
ne ihre Skepsis gegenüber einem solchen Gedan- suchungen zu den funktionalen Unterschieden
ken zum Ausdruck (Z. 3: ich WEISS es nich,) und zwischen unterschiedlichen Satzstellungsmus-
schließt einen weil-Satz mit Verbzweitstellung an tern liegen auch zu obwohl-Sätzen und wobei-
(Z. 4). Dieser weil-Satz stellt jedoch keine Begrün- Sätzen vor. Im Folgenden betrachten wir ein Bei-
dung dafür dar, dass sie nicht weiß, ob sie noch spiel für einen obwohl-Satz mit Verbzweitstellung.
Hoffnungen hegen kann. Das wäre unlogisch, Klassische obwohl-Sätze sind durch Verbletztstel-
denn die Aussage des Ex-Freundes, sie nicht mehr lung gekennzeichnet. Obwohl-Sätze mit Verb-
zu lieben, versetzt sie im Gegenteil in die Lage zu letztstellung formulieren eine konzessive Bezie-
248
6.5
Sprachliche Interaktion
Interaktionale Linguistik
hung (s. Kap. 5.1.3) zwischen den Sachverhalten Satz zu tun, der etwas einräumt, das in Wider-
der beiden Teilsätze, die sich dadurch auszeich- spruch zum Bezugssatz steht, ohne dass die Gül-
net, dass etwas ausnahmsweise gilt, das auf- tigkeit deswegen ausgehebelt wird. Stattdessen
grund der grundsätzlichen Unvereinbarkeit der leitet die Sprecherin (Ve) mit dem obwohl-Satz
beiden Sachverhalte normalerweise nicht gilt. Im eine Selbstreparatur ein, mit der die Gültigkeit der
obwohl-Satz wird etwas eingeräumt, das in Wi- Aussage im vorangegangenen Satz außer Kraft ge-
derspruch zu dem steht, was aus dem Inhalt des setzt wird. Typisches Merkmal von obwohl-Sätzen
Bezugssatzes zu folgern wäre. Dadurch wird mit Verbzweitstellung ist, dass die beiden Teilsätze
aber die Gültigkeit dieser Schlussfolgerung nicht in zwei verschiedenen Schritten getrennt assertiert
außer Kraft gesetzt. Dies verdeutlicht das folgen- werden können, d. h. unabhängig voneinander
de Beispiel: wahr oder falsch sind. Sie werden obendrein pro-
sodisch deutlich voneinander abgesetzt. Im Bei-
(24) »Preisabsprache« spiel (25) findet sogar ein mehrfacher Sprecher-
wechsel zwischen dem ersten und dem zweiten
1 S: m_vater ham_se ja sogar mal verKLAGT, Teilsatz statt. Solche obwohl-Konstruktionen mit
2 wegen PREISabsprache; Verbzweitstellung werden nicht nur zu selbstiniti-
3 obwohl wir keine preisabsprache ierten Selbstreparaturen eingesetzt, sondern sie
geHABT ham, können auch vom zweiten Sprecher zur Initiie-
rung einer Fremdreparatur bzw. als Vorlaufele-
In dem Ausschnitt gründet die konzessive Bezie- ment zur Markierung einer Nichtübereinstimmung
hung zwischen den Teilsätzen darauf, dass man gebraucht werden.
normalerweise nicht verklagt wird wegen Dingen,
die man nicht getan hat, der Vater des Sprechers Im nächsten Beispiel wird eine obwohl-Konstrukti-
aber dennoch verklagt wurde. Auch wenn Un- on mit Verbzweitstellung zur Einleitung einer
schuld und Anklage eigentlich unvereinbar sind, Nichtübereinstimmung mit der vorangehenden
wird in der vorliegenden Äußerung das Eintreten Sprecherin verwendet. Dort unterhalten sich zwei
beider Sachverhalte festgestellt. Zugleich bringt Frauen, Sarah und Vera, über Mode:
der Sprecher zum Ausdruck, dass dadurch die
grundsätzliche Unvereinbarkeit der beiden Sach- (26) »Mode«
verhalte nicht außer Kraft gesetzt wird, sondern
dass nach wie vor die Annahme gilt, dass man 1 Sa: ist ja ganz moDERN,=ne,
nicht unschuldig verklagt wird. 2 [(hm:) dass die sich TRAUen; ]
Als Kontrast betrachten wir im Folgenden einen 3 Ve: [ja_ja obwohl das_is ] ja schon wieder vorBEI,
obwohl-Satz mit Verbzweitstellung. In dem Aus- 4 Sa: JA?
schnitt unterhalten sich zwei Frauen, Jana und
Vera, über ihre sportlichen Aktivitäten:
Nachdem Sarah festgestellt hat, das ein bestimm-
(25) »laufen« ter Kleidungsstil modern ist (Z. 1), stimmt Vera
zwar mit der Affirmationspartikel ja_ ja zu (Z. 3),
1 Ja: gehst du sonst normal auch (.) äh LAUfen, doch dann leitet sie mit obwohl eine Sarah wider-
2 Ve: ja_JA; sprechende Äußerung ein. Hier fungiert obwohl als
3 Ja: ja Vorlaufelement zur Kontextualisierung einer kom-
4 Ve: hm_hm menden Nichtübereinstimmung der zweiten Spre-
5 ja obwohl durch den BRUCH- (.) cherin (vgl. ausführlich Günthner 1999a: 420 ff.).
6 Ja: WAS?
7 Ve: durch den BRUCH- Nachdem wir am Beispiel von weil- und obwohl-
8 bin ich ja nicht mehr LAUfen gegangen; Sätzen mit Verbzweitstellung typische Konstrukti-
onen der gesprochenen Sprache kennengelernt
Nachdem Vera Janas Frage (Z. 1) danach, ob sie und gesehen haben, dass sie spezifische Funktio-
regelmäßig laufen geht, bejaht hat (Z. 2), nimmt nen in der Interaktion ausüben, wenden wir uns
sie ihre Aussage durch einen obwohl-Satz mit zum Schluss einem Phänomen zu, dass in beson-
Verbzweitstellung wieder zurück (Z. 5, Z. 7). Hier derer Weise mit der Zeitlichkeit gesprochener
haben wir es nicht mit einem konzessiven obwohl- Sprache zusammenhängt. Die Strukturen der
249
6.5
Sprachliche Interaktion
Interaktionale Linguistik
mündlichen Sprache können nur adäquat erklärt Die in Zeile 3 angehängte Nominalphrase unser
werden, wenn als prägender, bedingender Faktor BAby stellt eine Erweiterung des Satzes über sein
ihre online-Emergenz im Gespräch berücksichtigt mögliches Ende hinaus dar. Nachdem der Satz hin-
wird. Das bedeutet, dass einfache Sätze ebenso ter KLEIN (Z. 2) bereits einen Abschlusspunkt be-
wie komplexere Strukturen nicht als ganze, vorab sitzt, wird er über die Satzgrenze hinaus durch
verpackte Fertigstrukturen produziert und rezi- die angefügte Nominalphrase unser BAby (Z. 3)
piert werden, sondern linear in der Zeit konstruiert expandiert. Die nachgeschobene Nominalphrase
und ko-konstruiert werden: Sie können vom Spre- steht in einem Substitutionsverhältnis zum Perso-
cher flexibel gestaltet, umgestaltet, aufgegeben nalpronomen es (Z. 2) im Vorgängersatz. Es liegt
und vom Rezipienten mitgestaltet werden. Das Pa- ein bestimmter Typus von Rechtsexpansion vor:
radebeispiel für die zeitliche Flexibilität gramma- Bei diesen sog. Rechtsversetzungen wird die Vor-
tisch-syntaktischer Einheiten sind unterschiedli- gängerstruktur durch die Expansion lediglich mo-
che Typen der Erweiterbarkeit. difiziert, nicht jedoch durch neue Informationen
Rechtsexpansionen: Bei Rechtsexpansionen rhematisch weitergeführt. Die Expansion tritt para-
werden abgeschlossene syntaktische Einheiten digmatisch an die Stelle einer Konstituente im Vor-
über ihren möglichen Endpunkt hinaus durch wei- gängersatz. Rechtsversetzungen (Auer 1991) kön-
teres sprachliches Material erweitert bzw. expan- nen sowohl prosodisch integriert als auch nicht
diert; diese Erweiterungen sind von der Vorgänger- integriert sein. Im vorliegenden Beispiel ist sie nicht
äußerung grammatisch abhängig. Es werden integriert und bildet eine eigene Intonationsphrase.
mehrere Typen von Rechtsexpansionen unter- Ein anderer Typ von Rechtsexpansion liegt im
schieden (Auer 1991, 1996, 2006; Schegloff 1996; nächsten Beispiel vor. Erneut handelt es sich um
Ford/Fox/Thompson 2002). Dabei ist die Termino- eine Modifikation des Vorgängersatzes, doch im
logie im Englischen und Deutschen nicht einheit- Unterschied zur Rechtsversetzung in Beispiel (27)
lich, was unter anderem darauf zurückzuführen gibt es in Beispiel (28) keine Konstituente, die
ist, dass die Frage, welche Phänomene hinzuge- durch die Expansion ersetzt werden könnte.
rechnet werden und welche nicht, unterschiedlich Stattdessen ist die Expansion als nachträgliche
beantwortet wird. Diese Frage hängt wiederum Einfügung aufzufassen, die eigentlich in die Vor-
davon ab, in welchem Maß neben syntaktischen gängerstruktur hätte integriert werden können. Im
Kriterien zusätzlich prosodische, semantische und Transkript markiert das Zeichen @ die Stelle, an
pragmatische Kriterien in die Definition einbezo- der die Expansion hätte stehen sollen. In dem Aus-
gen werden. Für das Deutsche gibt es unterschied- schnitt unterhalten sich M und F über eine Probe-
liche Klassifikationsvorschläge (z. B. Altmann fahrt mit einem Mercedes:
1981; Auer 1991, 1996, 2006). Bei der Darstellung
der folgenden Beispiele bildet die Typologie von (28) »Mercedes« (aus Auer 2006: 288)
Auer (1991) die Grundlage. Definitionskriterium
ist dort neben der Frage nach dem syntaktischen 1 M: des_hab_i_der ganz vergessen zu
Aufbau von Expansionen die Frage nach deren berICHten,
prosodischer Integration bzw. Nichtintegration in 2 h dass ich gestern morgen:,
die Vorgängeräußerung. Die im Folgenden disku- eh @ PRObe gefahrn bin mit_m (.)
tierten Beispiele werfen lediglich ein Schlaglicht 3 merCEdes;
auf das vielschichtige Phänomen der Rechtsexpan-
sionen, das hier nicht erschöpfend behandelt wer- Prosodisch integrierte nachträgliche Einfügungen
den kann. wie die vorliegende werden Ausklammerungen
In Ausschnitt 27 schauen sich die Beteiligten genannt. Im Unterschied dazu bezeichnet man pro-
gemeinsam Photos an. Die Sprecherin gibt dazu sodisch nicht integrierte nachträgliche Einfügun-
folgende Erklärung ab: gen als Nachtrag (Auer 1991: 146). Das folgende
Beispiel führt solch einen Fall vor:
(27) »Baby«
(29) »Kaltenbach«
1 A: also da:
2 bei den ersten photos is_es noch ganz KLEIN, 1 M: im vordern haus ha_me:r (.)
3 unser (.) BAby; a e_kunststofftür @ NEIgmacht,
2 vom KAltenbach,
250
6.5
Sprachliche Interaktion
Interaktionale Linguistik
Wie an der eigenständigen Intonationskontur der Vorzeichen erscheint der körperliche Gewaltakt
Expansion (Z. 2) zu erkennen ist, wird sie nicht in der Chinesen umso unangemessener. Die Bedeut-
die Vorgängerstruktur integriert. samkeit, die die Sprecherin dem Informationswert
Das folgende Beispiel funktioniert ähnlich wie ihrer Expansion unterlegt, manifestiert sich pro-
das vorherige. Die Expansion, um die es geht, be- sodisch in dem Tonhöhensprung – angezeigt durch
findet sich in Zeile 4. Die Sprecherin H erzählt den Pfeil (s. GAT2-Konventionen in Kap. 12.4).
eine Geschichte, in der ein afrikanischer Student Syntax, Prosodie und zeitliche Platzierung bewir-
von chinesischen Studenten zusammengeschlagen ken eine Steigerung des Informationswerts der Ex-
wurde, weil er eine Chinesin zum Tee eingeladen pansion und konstituieren sie als Pointe der Erzäh-
hatte: lung: Sie bildet nicht nur informationsstrukturell
den Höhepunkt, indem durch die neue Informati-
(30) »Chinesin zum Tee« (aus Auer 2006: 283) on das Verhalten der Chinesen ins Absurde gewen-
det wird, sondern sie ist Teil der sozialen Bewer-
1 H: der Eine:.hhwa mal verDROSChen tungsaktivitäten und des moralischen Konsens,
worden vonner ganzen °h den die beiden Sprecherinnen an dieser Stelle her-
2 HORde: chinesischer kommilitonen °h stellen. Die Reaktion von S, die mit der stark ak-
3 weil er (-) sich erDREIStet hatte: zentuierten Negation NEIN (Z. 5) Ungläubigkeit
°h eine chiNEsin zum TEE und Empörung zum Ausdruck bringt, zeigt deren
HLQ]XODG>HQ Ĺ1$&+PLWWDJV Affiliation mit Hs Bewertung.
5 S: [NEI:N Am letzten Ausschnitt, der in kürzerer Form be-
reits bekannt ist (s. Beispiel 28), lässt sich ab-
Am Ende erweitert H ihren Redebeitrag, indem sie schließend nachvollziehen, dass Rechtsexpansio-
die adverbiale Bestimmung NACHmittags anfügt, nen auch von beiden Beteiligten gemeinsam
nachdem der Satz bereits abgeschlossen ist. Die konstruiert bzw. weiterbearbeitet werden können:
tief fallende Intonation am Ende des Verbs einzula-
den (Z. 4) signalisiert Abgeschlossenheit; die über (31) »Probefahrt« (aus Auer 2006: 288)
die Satzgrenze hinausgehende Erweiterung NACH-
mittags ist prosodisch nicht integriert. Wie in Bei- 1 M: des_hab_i_der ganz vergessen zu
spiel (29) wäre folgende Veranschaulichung mit berICHten,
dem Zeichen @ als Stellvertreter für die Stelle, an 2 h dass ich gestern morgen:,
der das Adverb in die Vorgängerstruktur eingefügt eh PRObe gefahrn bin mit_m (.)
werden könnte, denkbar: 3 merCEdes;
4 F: mit_dem GROßn,
3 weil er (-) sich erDREIStet hatte: 5 M: eh mit dem dreihundertACHder
°h eine chiNEsin @ zum TEE
HLQ]XODG>HQ Ĺ1$&+PLWWDJV Die erste Erweiterung wird von M in Zeile 2–3
5 S: [NEI:N durch die nachgeschobene Präpositionalphrase
(mit_m merCEdes) vollzogen. Sie ist prosodisch
Allerdings geht bei dieser Interpretation ein ganz integriert und fällt in die Kategorie der Ausklam-
wesentlicher Aspekt der interaktiven Funktion merungen (s. o.). Anschließend fragt F nach, in-
verloren, die gerade durch die Platzierung des dem sie die finale Präpositionalphrase durch mit_
Adverbs just an der Stelle, wo Sprecherwechsel dem GROßn (Z. 4) ersetzt und dabei syntaktisch
stattfinden kann, zustande kommt. Durch die Er- auf die Vorgängerstruktur rekurriert. In seiner Ant-
weiterung wird die Vorgängerstruktur nicht ledig- wort ersetzt M diese wiederum durch mit dem drei-
lich modifiziert wie im vorherigen Beispiel, son- hundertACHder (Z. 5).
dern es wird eine wichtige neue Information Expansionen finden sequenziell an dem Ort
nachgeliefert, die für die Bewertung der Harmlo- statt, an dem auch Turn-Taking stattfinden kann.
sigkeit der Einladung relevant ist. Stellt nach gän- Es ist der ›interaktivste Ort‹ im Gespräch, wo
gigen Vorstellungen eine Einladung zum Tee einen Sprecherwechsel, aber auch gemeinsames Wis-
moralisch unbedenklichen Akt dar, so unter- sen ausgehandelt wird. Rückblickend auf das
streicht die Tatsache, dass die Einladung oben- konversationsanalytische Kapitel zu den Repara-
drein zur harmlosen Nachmittagszeit stattfinden turen (s. 6.4.5) können wir anhand dieses Bei-
sollte, die Integrität des Afrikaners. Unter diesen spiels außerdem feststellen, dass Rechtsexpansio-
251
6.6
Sprachliche Interaktion
Multimodalität
nen auch die Funktion von Reparaturen ausüben Was wir an den vorherigen Beispielen exempla-
bzw. dass Reparaturen syntaktisch die Form von risch für die Syntax gesehen haben, gilt auch für
Rechtsexpansionen annehmen können. Im vorlie- Strukturen auf anderen Sprachebenen: Sie sind kei-
genden Fall handelt es sich um eine fremdinitiier- ne vom sequenziellen Kontext unabhängigen, ab-
te Selbstreparatur, bei der F durch ihre Rückfrage strakten Einheiten, sondern situativ emergierend,
(Z. 4) M zu einer Präzisierung (Z. 5) veranlasst. auf die Erfordernisse des lokalen Interaktionspro-
Erweiterungen sind weder ein Kuriosum noch zesses zugeschnitten und aus kontextspezifischen
grammatische Schönheitsfehler, sondern sie gehö- Routinen hervorgegangen. Die Betrachtung konkre-
ren zu den Kerntechniken der mündlichen Kom- ter Gesprächsausschnitte lehrt uns, dass die gespro-
munikation, die durch die Zeitlichkeit des Ge- chene Sprache in der face-to-face-Interaktion oft
sprochen-Gehörten bedingt sind und eine Ressour- anderen Regeln gehorcht als den in Standardgram-
ce dialogischer Rückkoppelungs-, Aushandlungs- matiken zur Schriftsprache aufgestellten Normen.
und Ko-Konstruktionsprozesse zwischen Sprecher
und Adressaten darstellen.
6.6 | Multimodalität
In den vorherigen Abschnitten wurde bereits dar- Sprache in der Interaktion nicht nur eine Hinwen-
auf hingewiesen, dass die Konversationsanalyse dung zum Gesprochen-Gehörten, sondern auch
lange Zeit vor allem mit Audiodaten (insbes. Tele- eine Integration des Gezeigt-Gesehenen (Hausen-
fongesprächen) gearbeitet und die körperlich-visu- dorf 2007: 12) in die linguistische Theorie, Me-
ellen Aspekte der Kommunikation unberücksich- thodologie und Empirie erfordert. Um der postu-
tigt gelassen hat. Seit die Forschung begonnen lierten Gleichrangigkeit des Gesprochen-Gehörten
hat, auf der Grundlage von Videoaufnahmen visu- und des Gezeigt-Gesehenen auch terminologisch
elle Ausdrucksressourcen wie Gestik, Mimik, gerecht zu werden, werden anstelle des Terminus
Blickverhalten, Körperorientierung etc. mit in ›nonverbal‹ die Bezeichnungen ›körperlich‹, ›visu-
die Analyse einzubeziehen, zeigt sich, dass auch ell‹, ›körperlich-visuell‹ oder ›kinesisch‹ bevorzugt.
körperlich-visuelle Ressourcen eine systematische Partizipationsrahmen, Partizipationsstatus und
Rolle bei der Organisation so grundlegender Regel- Produktionsformat: Wird Interaktion als multimo-
systeme wie dem Turn-Taking und den Reparaturen dales Gesamtgeschehen verstanden, müssen die
spielen. isolierten Konzepte von Sprecher und Hörer auf-
Die Anfänge zu dieser Perspektiverweiterung gegeben werden zugunsten einer Betrachtung
können in der langen Entwicklung der Gestenfor- aller Beteiligten, die durch den Begriff des Par-
schung (Efron 1941/1972; Ekman/Friesen 1969; tizipationsrahmens (participation framework,
Kendon 1972; 1980, 1990; 2004; McNeill 1992, Goffman 1981: 137) erfasst wird. Innerhalb des
2000, 2005) gesehen werden. Während sich frühe- Partizipationsrahmens konstituieren sich die Sta-
re Untersuchungen vor allem mit der Rolle von tus der Beteiligten wechselseitig durch ihre inter-
Blick und Gestik beschäftigt haben (Goodwin aktiven Praktiken (Goodwin 2008), die neben
1980; Streeck 1993, 2002, 2009), sind im Lauf der dem Verbalen auch das Körperlich-Visuelle um-
Zeit weitere körperliche Ressourcen dazugekom- fassen. Die Art der Beteiligung ist nicht allein auf
men, und mittlerweile werden auch der Umgang die Sprecher- und Hörer-Rolle beschränkt, son-
mit Objekten und der Raum als interaktive Res- dern weitaus komplexer.
source (Goodwin 2000, 2003, 2007; Hausendorf/ Sprecherrolle: Goffman unterscheidet auf der
Mondada/Schmitt 2012) mit in die Analyse einbe- Seite des Sprechers unterschiedliche Produk-
zogen. Auf diese Weise etabliert sich als neues, tionsformate (Goffman 1981: 144): die Sprecher-
innovatives Forschungsparadigma die Multimoda- rolle des Animators (talking machine bzw. sound-
litätsforschung. ing box), der einen fremden Text lediglich
Grundannahmen: Die Multimodalitätsforschung artikuliert; die Sprecherrolle des Autors (author)
begreift Sprache als »multi-channel communica- bzw. sprachlichen Urhebers der geäußerten Wör-
tion system« (Stivers/Sidnell 2005) und geht da- ter und schließlich die Sprecherrolle des Auftrag-
von aus, dass eine angemessene Behandlung von gebers (principal), dessen Auffassung repräsen-
252
6.6
Sprachliche Interaktion
Multimodalität
253
6.6
Sprachliche Interaktion
Multimodalität
254
6.6
Sprachliche Interaktion
Multimodalität
begonnen hat, Kernbereiche der (ethnomethodolo- sondern es zeigt auch, dass wir die Zeitlichkeit der
gischen) Konversationsanalyse einer kritischen Interaktion unter multimodalen Gesichtspunkten
Prüfung zu unterziehen, erweisen sich einige neu betrachten müssen. Der Patient beginnt be-
Grundannahmen als ergänzungsbedürftig. reits aufzustehen (zweites Standbild) und den
Multimodalität und Paarsequenzen: In Kapitel zweiten Paarteil zu produzieren, bevor der Arzt
6.4.2 haben wir die verbale Struktur von Paarse- seinen Redebeitrag beendet hat. Es gibt also eine
quenzen betrachtet. Bitten und Aufforderungen Simultaneität im multimodalen Zusammenspiel
stellen klassische erste Paarteile dar, deren präfe- zwischen den Beteiligten, die auf der verbalen
rierter zweiter Paarteil das Gewähren der Bitte Ebene allein so nicht vorkommt, wo das one speak-
bzw. das Erfüllen der Aufforderung darstellt. Sol- er at a time-Prinzip gilt (s. o.).
che zweiten Paarteile müssen jedoch nicht zwangs- Multimodalität und Turn-Taking: Sacks’, Scheg-
läufig verbal eingelöst werden. Im Gegenteil be- loffs und Jeffersons Untersuchungen zum Turn-
deuten Bitten und Aufforderungen ja häufig, dass Taking-System basierten auf Audioaufnahmen von
der Adressat zu ihrer Erfüllung nicht nur verbal, traditionellen Telefongesprächen. Die neuen tech-
sondern gerade auch körperlich etwas tun muss. nologischen Entwicklungen (Videofonie, Mehrpar-
Beispiel (32) stammt aus einer Arzt-Patient-In- teienkommunikation, Datenaufzeichnungs-, -spei-
teraktion. Der Patient leidet seit einer Hüftoperati- cherungs- und -übermittlungfunktionen etc.) haben
on unter starken Schmerzen. In der Sequenz for- das Telefon allerdings inzwischen in ein mobiles,
dert der Arzt den Patienten auf, wieder aufzustehen teils multimodales Medium verwandelt. Die mul-
und im Raum auf und ab zu laufen. timodale Untersuchung der Interaktion zeigt, dass
Wie auf dem ersten Standbild (links) zu sehen neben syntaktischen, prosodischen und seman-
ist, sitzt der Patient, als der Arzt seinen Redebei- tisch-pragmatischen Faktoren auch das Blickver-
trag beginnt. Der Redebeitrag des Arztes stellt eine halten, Körperorientierung und Gestik eine
Aufforderung dar und bildet den ersten Teil einer wichtige Funktion für die Rederechtsorganisa-
Paarsequenz (Z. 1). Der durch den ersten Paarteil tion spielen (vgl. Goodwin 1980; Mondada 2007;
konditionell relevant gesetzte zweite Paarteil be- Schmitt 2005).
steht darin, dass der Patient der Aufforderung
nachkommt und in der 0.8-sekündigen Pause
(Z. 2) aufsteht (zweites und drittes Standbild). Da-
mit, dass der Patient aufgestanden ist, hat er auf
körperliche Weise den erforderlichen zweiten
Paarteil produziert und die konditionellen Rele-
vanzen erfüllt, wie der Arzt im dritten Schritt
durch das Bestätigungssignal (Z. 3) anzeigt.
An dem Beispiel wird nicht nur deutlich, dass
unsere Aktivitäten multimodal organisiert sind,
(32) »aufstehen«
255
6.6
Sprachliche Interaktion
Multimodalität
Multimodalität und Grammatik: Zum Abschluss Erste Einschub-Sequenz: Die zweite Spreche-
soll dargestellt werden, dass die multimodale Per- rin verschafft sich diese Voraussetzungen, indem
spektive auf sprachliche Interaktion linguistische sie durch eine Rückfrage eine Einschub-Sequenz
Kernbereiche neu beleuchten kann. Am deut- initiiert. Die Rückfrage stellt eine Reparaturiniti-
lichsten wird dies am Phänomen der Deixis in ierung dar und ist im Kontext der zu erfüllenden
der Sprache (vgl. Stukenbrock 2009a; Stuken- Aufforderung als Gegenaufforderung an die erste
brock i. Dr.). Das folgende Beispiel soll dies zei- Sprecherin zu verstehen, ihre ursprüngliche Auf-
gen und überdies einige der behandelten Themen forderung zu präzisieren. Dabei liefert die zweite
unter multimodaler Perspektive zusammenfüh- Sprecherin selbst einen möglichen Kandidaten
ren. Das Beispiel stammt aus einer Kochsendung. zur Präzisierung ihrer Handlung (Z. 7). Dieser
Betrachten wir zunächst seine sequenzielle Orga- wird durch die Antwort der ersten Sprecherin
nisation: (Z. 8) ratifiziert. Doch damit ist die Sache noch
nicht beendet.
(33) »Pfanne« (vereinfacht) Zweite Einschub-Sequenz: Überlappend mit
der Antwort der ersten Sprecherin initiiert die
01 K: a:ber sie kÖnnen auch mal die PFANne hier, EPTb zweite Sprecherin bereits die nächste Einschub-
02 °hh die hIer schon AUFsteht- Sequenz, indem sie erneut eine Klärung der von
03 =n_bIsschen HÖher stellen, ihr auszuführenden Aufgabe verlangt (Z. 9). Eine
(…) solche Klärung leistet die erste Sprecherin im
07 G: HIER draufdrücken;=ne? EPTe1 nächsten Gesprächsschritt in ausführlicher Form
08 K: ge [NAU, ZPTe1 (Z. 10–12).
09 G: [in die MItte; EPTe2 Erst nach Abschluss der zweiten Einschub-
10 K: EINfach nur so- ZPTe2 Sequenz und einer Mikropause bestätigt die zwei-
11 also ich sag mal mIttlere temperaTUR, te Sprecherin mit JA (Z. 14), dass sie die Aufforde-
12 so sEchs SIEben? rung ausführt.
13 (-) Die Äußerung HIER draufdrücken ist nicht per-
14 G: JA, ZPTb sonenmarkiert. Wer was womit tun soll, erhellt
also in hohem Maß erst aus dem sequenziellen
und handlungspraktischen Kontext. Das gilt auch
In der Sequenz fordert die Fernsehköchin (K) ih- für die referenzielle Bedeutung des Lokaladverbs
ren Gast (G) auf, die Herdtemperatur für eine HIER. Worauf es sich bezieht, wird nur verständ-
Pfanne höher zu stellen (Z. 1–3). Da G mit dem lich, wenn die Sprecherin zugleich körperlich
Herd nicht vertraut ist, vergewissert sie sich mit zeigt, welche räumliche Gegebenheit (welchen
der Rückfrage HIER draufdrücken, dass sie den Herdknopf) sie meint, und wenn die Adressatin in
richtigen Herdknopf betätigt. Grammatisch setzt diesem Augenblick auch sieht, worauf die Spre-
sich ihre Rückfrage aus dem deiktischen Lokal- cherin zeigt. Um sehen zu können, worauf die
adverb HIER und dem Infinitiv des Verbs draufdrü- Sprecherin gestisch zeigt, muss die Adressatin ih-
cken zusammen. Es fehlen das Subjekt und ein fi- ren Blick zunächst auf den Körper der Sprecherin
nites Verb (soll ich hier draufdrücken/auf diesen orientieren, deren Zeigegeste wahrnehmen, den
Knopf drücken?). Welche Faktoren tragen dazu Blick anhand der Zeigegeste auf den Suchraum
bei, dass die Äußerung verständlich ist? richten und dort schließlich das Zeigeziel ermit-
Paarsequenz, Präferenz und sequenzieller Kon- teln (vgl. Stukenbrock 2009a; Stukenbrock i. Dr.).
text: Zunächst wird durch den unmittelbaren se- Wie genau dieser Prozess der interpersonellen Ko-
quenziellen Kontext eine Paarsequenz konstituiert, ordinierung unter Beteiligung von Sprache, Blick
deren erster Paarteil aus der Aufforderung der Kö- und Gestik abläuft, veranschaulicht das multimo-
chin besteht und deren präferierter zweiter Paar- dale Transkript (s. nächste Seite) desselben Aus-
teil das Ausführen der Aufforderung durch G wäre. schnitts.
Die entstandenen konditionellen Relevanzen legen Das erste Bild zeigt, dass der Gast perzeptorisch
es nahe, eine Verzögerung des zweiten Paarteils auf die Köchin ausgerichtet ist, diese aber noch
darauf zurückzuführen, dass die zweite Spreche- auf ihre eigenen Hände blickt. Erst auf dem zwei-
rin erst die Voraussetzungen schaffen muss, unter ten Bild blickt sie auf die gemeinte Pfanne und ori-
denen sie sich zur Durchführung des zweiten entiert die Wahrnehmung ihrer Adressatin mit
Paarteils imstande sieht. dem deiktischen Lokaladverb hIer (Z. 2) und einer
256
6.6
Sprachliche Interaktion
Multimodalität
257
6.6
Sprachliche Interaktion
Aufgaben
Weiterführende Literatur
Aufgaben
1. Wiederholen Sie das Garfinkel’sche Krisenexperiment und notieren Sie den exakten Wortlaut
sowie die körperlich-visuellen Reaktionen (Gestik, Blick, Körperorientierung, Bewegung
im Raum etc.) Ihrer Interaktionspartner/innen.
2. Notieren Sie auf der linken Seite einer zweispaltigen Tabelle einen kurzen Dialog von 3–4 Sätzen,
so wie er real stattgefunden hat. Alternativ können Sie auch eine Audioaufnahme eines kleinen
Dialogs machen. Erklären Sie anschließend, was Sie genau unter den jeweiligen Äußerungen
verstanden haben und was zu diesem Verständnis an Wissen beigetragen hat, indem sie diese
verstehensbildenden Komponenten parallel zu den Äußerungen jeweils in die gegenüberliegende
Tabellenspalte eintragen. Vergleichen Sie anschließend die beiden Spalten. Was fällt Ihnen auf?
3. Identifizieren Sie die Paarsequenzen in folgenden Ausschnitten und bestimmen Sie, um welchen
Typ von Paarsequenzen es sich jeweils handelt. Benennen Sie dazu bei jedem Beispiel den ersten
und den zweiten Paarteil.
258
6.6
Sprachliche Interaktion
Aufgaben
Beispiel (mu05)
01 A: und wenn du des jEden tag MACHST, (.)
02 dann MACHST (.) MERKST da gar nix mehr; (.)
03 I: °h und man rennt ja IMmer-
04 =äh wobei,
05 °h wie geSAGT,
06 ich FIND einglich,
07 ich hab_s mir SCHLIMmer vorgestellt;
08 weil mir hatten ja vorher die WOHnung auf-
09 =alles auf einer FLÄche,
10 das wAr natürlich-
11 hat AUCH was gehabt.
Anja Stukenbrock
259
7.1
261
7.1
Variation und Wandel
Begriffsklärung
und Überblick
262
7.2
Variation und Wandel
Lautliche Faktoren
(3) (a) the sad and angry side of [Bush]Possessor <w II>By <w NP1>Elaine <w NP1>S. <w NP1>Povich
(Possessorphrase endet in einem Sibilanten: [E)]ݕݜ
(b) [Bush]Possessor ’s sad and angry side <w NP1>CHICAGO <w NN1>TRIBUNE
(Haplologieeffekt in der Possessorphrase: [E)]]ܼݕݜ
263
7.2
Variation und Wandel
Sprachinterne
Einflussfaktoren auf
sprachliche Variation
264
7.2
Variation und Wandel
Lexikalisch-semantische
Faktoren
Zur Vertiefung
5%
4% Deskriptive Statistik und Inferenzstatistik
4% Analytisch bedienen wir uns in diesem Abschnitt Methoden der deskriptiven Sta-
tistik und der Inferenzstatistik. Die deskriptive Statistik ist mit der Beschreibung
3% von Daten befasst. So beschreibt Abbildung 1 prozentuale Häufigkeiten. Im wei-
teren Verlauf dieses Kapitels werden wir auch Durchschnittswerte (beispielsweise
die durchschnittliche Länge oder durchschnittliche Texthäufigkeiten) betrachten.
2%
Dagegen ist die Inferenzstatistik an der Frage interessiert, ob auf der Basis von
1% Stichproben generalisierbare Aussagen gemacht werden können. (Jede Korpus-
1% untersuchung ist im Prinzip eine Stichprobenuntersuchung, da jedes Korpus eine
endliche Sammlung sprachlicher Belege ist.) Der 2u2-Chi-Quadrat-Test auf Un-
0% abhängigkeit, der in 7.2.1 zur Anwendung gekommen ist, ist ein solcher infe-
of-Genitive s-Genitive renzstatistischer Test: Man überprüft, inwiefern Unterschiede zwischen zwei
Stichproben (z. B. zwei Genitivdistributionen) Rückschlüsse auf Unterschiede
Abb. 2: Anteil der Genitivkonstruktionen, bei denen der zwischen den beiden Grundgesamtheiten, aus denen die Stichproben entnom-
Possessor eine s-Genitivkonstruktion enthält (Rekursion) men wurden, zulassen.
Im Datensatz, der hier untersucht wird, stützen sich die in Abbildung 1 angege-
benen Prozentzahlen auf 998 of-Genitiv-Beobachtungen (von denen 292 einen
Wir können aus Abbildung 2 ersehen, dass die finalen Sibilanten im Possessor aufweisen) und 1134 s-Genitiv-Beobachtungen
Tendenz zur Rekursionsvermeidung die beobacht- (von denen 156 einen finalen Sibilanten im Possessor aufweisen). Die vier Fel-
bare Variabilität tatsächlich beeinflusst. Possesso- der, die der 2u2-Chi-Quadrat-Test untersucht, sind also 998/292/1134/156. Der
ren, die wie in Beispiel (4) eine s-Genitivkon- Test kommt auf der Basis einer mathematischen Formel, die hier nicht weiter
struktion aufweisen, sind zwar insgesamt selten interessiert, zu dem Ergebnis, dass in Anbetracht der relativ hohen Stichproben-
(insgesamt machen sie nur ca. 2 % aller Possesso- größe davon auszugehen ist, dass ein echter, d. h. nicht nur zufällig durch die
ren im Datensatz aus), sie sind aber auf statis- Auswahl der Stichprobe bedingter Unterschied zwischen of- und s-Genitiven
tisch signifikante Weise ungleich verteilt: 4 % aller besteht.
of-Genitivpossessoren weisen eine eingebettete s- Verringern wir nun versuchsweise die Stichprobengröße um den Faktor 100, hal-
Genitivkonstruktion auf, aber nur 1 % aller s-Geni- ten aber die Distributionen (=Prozentsätze) konstant. Dies führt zu den folgen-
tivposessoren. Tatsächlich also ist Rekursion unbe- den vier Feldern: 9,98/2,92/11,34/1,56. Angesichts der radikal verringerten Stich-
liebt (wenn auch möglich), und diese Tatsache probengrößen verbietet uns der Chi-Quadrat-Test nun eine Generalisierung. Dies
findet ihren Niederschlag in den Verteilungen der deshalb, da nun die Wahrscheinlichkeit, dass wir fälschlicherweise einen Unter-
im Korpus gefundenen Genitivformen. schied zwischen den Genitivtypen annehmen, obwohl die numerische Fluktua-
tion rein zufällig sein mag, bei nicht akzeptablen 38 % liegt. In der wissenschaft-
lichen Literatur darf konventionell eine Generalisierung erst dann vorgenommen
werden, wenn die Irrtumswahrscheinlichkeit geringer als 5 % ist.
7.2.3 | Lexikalisch-semantische Faktoren Wir fassen zusammen: Der 2u2-Chi-Quadrat-Test testet Unterschiede zwischen
zwei Distributionen auf ihre statistische Signifikanz, wobei sowohl die Größe der
Belebtheit: Oftmals können auch semantische Ei- Stichproben als auch die Verschiedenheit der Distributionen in Betracht gezogen
genschaften der lexikalischen Einheiten, die im wird. Gries (2008, s. Kap. 3 und 4) bietet eine sprachwissenschaftlich orientierte
Variationskontext auftauchen, die sprachliche Va- Einführung in die deskriptive Statistik sowie in die Inferenzstatistik.
riation steuern. Bei der englischen Genitivalterna-
tion ist dies klar der Fall – und übrigens teilweise
auch bei der Genitivvariation im Deutschen, wo es Faktors empirisch nachgegangen werden? Zu-
manchmal ebenfalls von semantischen Eigen- nächst empfiehlt es sich, die an sich gradiente,
schaften des Possessors abhängt, ob der Genitiv d. h. ohne scharfe Kategoriengrenzen daherkom-
pränominal (Marias Buch) gebildet werden kann mende Belebtheitsskala in ein paar relativ gut ab-
oder nicht (??des Hauses Dach). Verglichen mit dem grenzbare Kategorien zu unterteilen. Eine mögli-
Deutschen aber besteht im Englischen eine sehr che derartige Kategorisierung wird in Tabelle 1
viel stärkere Tendenz, dass der Grad der Belebtheit (nächste Seite) vorgeschlagen.
eines Possessors direkt proportional zur Wahr- Zum Beispiel ist eine Regierung (government)
scheinlichkeit ist, dass der pränominale s-Genitiv zwar an sich eine abstrakte Entität und deshalb
gewählt wird. Wie kann der Wirksamkeit dieses unbelebt, andererseits besteht sie aber aus Men-
265
7.2
Variation und Wandel
Sprachinterne
Einflussfaktoren auf
sprachliche Variation
schen, die ein Kollektiv formen. Wendet man nun Im Deutschen wird das Hilfsverb SEIN primär bei
die in Tabelle 1 skizzierte Kategorisierung auf den zustandsändernden Verben und bei Bewegungs-
englischen Genitivdatensatz an, ergeben sich die verben ausgewählt (ich bin gefahren, das Holz ist
prozentualen Verteilungen in Abbildung 3. verbrannt), andernfalls wird HABEN verwendet (er
Man erkennt, dass die Belebtheit des Genitiv- hat gelitten). Wo echte Variation besteht (z. B.
possessors in der Tat ein wichtiger Faktor ist – die das Unkraut hat/ist gewuchert) gibt es Interpre-
aus Abbildung 3 ersichtlichen Unterschiede sind tationsspielraum hinsichtlich der Aktionsart des
statistisch signifikant. Mehr als zwei Drittel (72 %) Verbs. Übrigens ist die Hilfsverbselektion noto-
aller s-Genitive haben menschliche Possessoren, risch anfällig für Sprachwandelprozesse: Wäh-
gleichzeitig haben fast zwei Drittel aller of-Geniti- rend beispielsweise im modernen Spanisch nur
ve (64 %) unbelebte Possessoren. Kollektive Pos- haber (HABEN) verwendet werden kann, war die
sessoren scheinen den s-Genitiv zu bevorzugen Selektion des Hilfsverbs im Spanischen bis etwa
(62 % zu 38 %), jedoch ist hier die Präferenz nicht zum Ende des 17. Jahrhunderts variabel und –
allzu stark ausgeprägt. ähnlich wie im modernen Deutschen – stark be-
Ein weiteres Beispiel zur Bedeutung lexikalisch- einflusst durch die Aktionsart des Hauptverbs
semantischer Faktoren: Viele europäische Spra- (Rosemeyer, im Druck).
chen verwenden als Hilfsverben der Perfektkon-
struktionen HABEN-Verben und/oder SEIN-Verben.
In Sprachen, die beide Hilfsverben benutzen (wie
z. B. das Deutsche und das Französische), hängt 7.2.4 | Pragmatische Faktoren
die Selektion des Hilfsverbs oft unter anderem von
der Aktionsart (=der inhärenten Semantik) des Sprachliche Variation kann weiter von pragmati-
Hauptverbs bzw. der Verbalphrase ab. Man unter- schen (oder textlinguistischen) Faktoren abhän-
scheidet so z. B. unter anderem zwischen: gen. Wir wollen in diesem Kapitel zwei pragmati-
■ durativen Verben und Verbalphrasen, die einen sche Faktoren genauer betrachten: Informations-
andauernden Vorgang beschreiben (z. B. fern- struktur und Thematizität.
sehgucken, leiden), Informationsstruktur: Das Thema ›Informati-
onsstruktur‹ spielt in der modernen Linguistik in
verschiedenen Ansätzen eine wichtige Rolle. Hier
80 % wollen wir den Begriff eng im Sinne des sog. ›alt-
72 % vor-neu‹-Prinzips verstehen: Sprachbenutzer nei-
70 %
64 % 62 % gen dazu, diskurs-alte (d. h. aus dem vorherigen
60 % Diskurs bereits bekannte) Entitäten vor diskurs-
neuen Entitäten zu platzieren. Dieses Prinzip
50 %
führt hinsichtlich der englischen Genitivalternati-
40 % 38 % on zu zwei Hypothesen: Wenn der Possessor dis-
36 %
28 % kurs-alt ist, sollte der s-Genitiv präferiert werden,
30 %
da diese Konstruktion den Possessor vor dem Pos-
20 % sessum platziert. Wenn dagegen der Possessor
diskurs-neu ist, sollte umgekehrt eine Präferenz
10 % für den of-Genitiv erkennbar sein. Empirisch lässt
0% sich der Informationsstatus (diskurs-alt versus
Abb. 3: of-Genitive s-Genitive diskurs-neu) auf vielerlei Weise operationalisie-
Distribution von Genitiv- menschliche kollektive unbelebte ren. Im Folgenden wird eine sehr einfache Kodie-
konstruktionen nach Possessoren Possessoren Possessoren rungsmethode benutzt: Ein gegebener Genitivpos-
Belebtheit des Possessors sessor soll dann als ›diskurs-alt‹ gelten, wenn die
266
7.2
Variation und Wandel
Pragmatische Faktoren
267
7.2
Variation und Wandel
Sprachinterne
Einflussfaktoren auf
sprachliche Variation
nenter ist als die Ortsangabe, so wird das Subjekt Welchen Einfluss könnte das Gesetz der wach-
eher der Ortsangabe folgen, wie im Beispiel Er zijn senden Glieder auf die Genitivvariation im Engli-
in Brussel geen getto’s – hier ist die Ortsangabe schen haben? Die Erwartung ist, dass ein längerer
weniger überraschend als die Tatsache, dass es Possessor präferentiell mit dem of-Genitiv kodiert
keine Ghettos gibt. Im ersten Beispiel (Er ligt een wird (denn dieser platziert den Possessor nach
bompakket op de zesde verdieping) hingegen ist dem Possessum), während umgekehrt ein längeres
der Standort der Bombe durchaus genauso interes- Possessum wenn möglich mit dem s-Genitiv ko-
sant wie die Tatsache, dass es eine Bombe gibt. diert werden sollte.
Man kann in Abbildung 6 sehen, dass diese Er-
wartung zutrifft: Die durchschnittliche Länge ei-
nes of-Genitiv-Possessors im Datensatz (in dem
7.2.5 | Prozessierungsfaktoren es sehr viele Genitivkonstruktionen gibt, weswe-
gen wir Durchschnittswerte berechnen) beträgt
Das Gesetz der wachsenden Glieder: Wir wenden 2,6 Wörter, die eines s-Genitiv-Possessors aber
uns nun jenen sprachinternen Faktoren zu, die ihre nur 1,8 Wörter. Umgekehrt beträgt die durch-
Existenz letzten Endes der Natur der menschlichen schnittliche Länge eines of-Genitiv-Possessums
Sprachverarbeitung verdanken. Dazu gehört das nur 1,5 Wörter, die eines s-Genitiv-Possessums
sogenannte Gesetz der wachsenden Glieder (Be- aber immerhin 1,8 Wörter. Beide Differenzen sind
haghel 1909), das für VO-Sprachen wie das Engli- statistisch signifikant.
sche gilt (wo also das Objekt typischerweise dem Die Tendenz, die umfangreicheren Satzglieder
Verb folgt; s. Kap. 8.2.2; in OV-Sprachen wie dem den weniger umfangreichen Gliedern folgen zu
Japanischen gilt die umgekehrte Präferenz). In lassen, lässt sich auch in vielen anderen Sprachen
solchen Sprachen besteht die Tendenz, längere beobachten. Otto Behaghels grundlegende Überle-
Konstituenten kürzeren Konstituenten folgen zu gungen zum Gesetz der wachsenden Glieder fußen
lassen. Man hat argumentiert (Hawkins 1994), z. B. auf Textbelegen aus dem Altgriechischen, La-
dass diese Tendenz dem System der menschlichen teinischen und Deutschen. Und man wird Behag-
Sprachverarbeitung insofern entgegenkommt, als hel wohl zustimmen, dass sich Goethes Formulie-
dieses Information so effizient wie möglich zu pro- rung »muß man [leben]Glied 1 und [Menschen sehen,
zessieren versucht. Das Gesetz der wachsenden die sich recht lebendig bemühen]Glied 2« in Wilhelm
Glieder ermöglicht eine effizient frühe Identifizie- Meisters Lehrjahre (zitiert in Behaghel 1909: 128)
rung der emergenten syntaktischen Struktur, da besser anhört als die konstruierte Alternative
umfängliche Konstituenten nicht die Prozessierung »muß man [Menschen sehen, die sich recht leben-
weniger umfänglicher Konstituenten aufhalten. dig bemühen]Glied 1 und [leben]Glied 2.«
3,0
2,6
2,5
2,0
1,8 1,8
1,5
1,5
1,0
0,5
Abb. 6:
Durchschnittliche Länge 0,0
of-Genitive s-Genitive
des Possessors und
Possessums (in orthogra- durchschnittliche durchschnittliche
Länge des Länge des
phischen Wörtern) und Typ
Possessors Possessums
der Genitivkonstruktion
268
7.2
Variation und Wandel
Prozessierungsfaktoren
Zur Vertiefung
Multivariate Analysemethoden
Sämtliche bisher diskutierten sprachinternen Faktoren sind nicht-kategorisch. Das heißt, dass zwar beispiels-
weise die starke Tendenz bestehen mag, belebte Possessoren mit der englischen s-Genitiv-Konstruktion zu kodie-
ren, dass jedoch diese Tendenz dennoch nicht ausnahmslos ist (z. B. weist die Genitivkonstruktion in (5), the
car’s starter, zwar einen unbelebten Possessor auf, dieser wird aber dennoch mit einer s-Genitiv-Konstruktion
kodiert). Ein Grund für die Existenz solcher Gegenbeispiele ist die Tatsache, dass verschiedene relevante Fakto-
ren genau entgegengesetzte Effekte haben können: Der Belebtheitsgrad des Genitivpossessors mag den s-Genitiv
favorisieren, aber die Informationsstruktur des Textes (alt-vor-neu) kann gleichzeitig den of-Genitiv wahrschein-
licher machen. Verschiedenste Faktoren beeinflussen ein sprachliches Ereignis, aber lediglich probabilistisch.
Seit den 1970er Jahren bedient sich die Variationslinguistik daher sogenannter multivariater Analyseverfah-
ren, um den Effekt einzelner sprachinterner Determinanten in der Zusammenschau aller relevanten Faktoren
zu bestimmen. Multivariate Verfahren benutzen die Mathematik der Ungewissheit, um die Chancen, dass ein
bestimmtes sprachliches Ereignis eintritt, zu modellieren. Am populärsten in der Variationslinguistik sind logis-
tische Regressionsverfahren. Sie sind beispielsweise die Grundlage des ›Variable Rule (Varbrul)‹-
Programmpakets, das in der Labovianischen Variationslinguistik oft benutzt wird.
Hier ist ein Regressionsmodell, das den probabilistischen Einfluss der bislang besprochenen Faktoren auf die
Wahl der englischen Genitivstruktur (possessor-finale Sibilanten, im Possessor eingebettete s-Genitiv-Konstruk-
tionen, Belebtheit des Possessors, Informationsstruktur, Thematizität und das Gesetz der wachsenden Glieder)
auf die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer s-Genitiv-Konstruktion modelliert.
Quotenverhältnis
Das sog. Quotenverhältnis (auch bekannt als odds ratio) quantifiziert den probabilistischen Einfluss der einzel-
nen Faktoren. Werte > 1 bedeuten, dass ein Faktor bzw. eine Faktorenausprägung den s-Genitiv wahrschein-
licher macht; Werte < 1 bedeuten dagegen, dass Faktor/Faktorenausprägung den of-Genitiv wahrscheinlicher
macht. (Ein Wert von 1 würde also bedeuten, dass ein Faktor keinerlei Einfluss auf die Genitivauswahl hat.)
Die Quotenverhältnisse im obigen Modell sind also folgendermaßen zu interpretieren: Ein finaler Sibilant am
Ende des Genitivpossessors verändert ceteris paribus die Chancen, dass das sprachliche Ereignis ›s-Genitiv‹ auf-
tritt, um einen Faktor von 0,23; die Chancen verringern sich also um 77 %. Verglichen mit einem unbelebten
Possessor erhöhen sich ceteris paribus dagegen die s-Genitiv-Chancen um das 7,14-fache, wenn der Possessor
menschlich ist. Ferner verringert jedes zusätzliche Wort in der Possessorphrase die s-Genitiv-Chancen um einen
Faktor von 0,46 und so weiter. Insgesamt sagt das oben skizzierte, sehr einfache Modell beträchtliche 77 % der
Genitivvorkommen im Datensatz korrekt voraus. Der analytische Vorteil einer multivariaten Analyse ist, dass
die relative Wichtigkeit einzelner Faktoren elegant und zugleich präzise quantifiziert werden kann.
Tagliamonte (2006, Kap. 7) und Gries (2008, Kap. 5.4) bieten gut nachvollziehbare Einführungen in die multi-
variate Regressionsmodellierung.
269
7.3
Variation und Wandel
Außersprachliche
Dimensionen
sprachlicher Variation
270
7.3
Variation und Wandel
Diatopische Variation
271
7.3
Variation und Wandel
Außersprachliche
Dimensionen
sprachlicher Variation
272
7.3
Variation und Wandel
Diaphasische Variation
273
7.3
Variation und Wandel
Außersprachliche
Dimensionen
sprachlicher Variation
274
7.3
Variation und Wandel
Diachrone Variation
0.001100 %
0.001000 %
0.000900 %
0.000800 %
0.000700 % Abb. 11:
0.000600 % Vorkommenshäufigkeit
0.000500 % der Phrasen dem Manne
0.000400 % und dem Mann in der
0.000300 % Google-Buchdatenbank
0.000200 % (in % aller Phrasen in der
0.000100 % Datenbank, vertikale
0.000000 % Achse) zwischen 1800 und
1800 1820 1840 1860 1880 1900 1920 1940 1960 1980 2000
2000 (Suchabfrage über
dem Manne dem Mann [Link]
ngrams/; Michel et al. 2011)
275
7.3
Variation und Wandel
Außersprachliche
Dimensionen
sprachlicher Variation
4
Robach (1974) (zusammengefasst in Berschin et al.
2008) überprüfte dies auf der Grundlage von Inter- 2
views mit Sprechern und Sprecherinnen verschie-
0
Definition weiblich männlich
276
7.3
Variation und Wandel
Gender
277
7.4
Variation und Wandel
Sprachwandel im Licht
der Variationslinguistik
278
7.4
Variation und Wandel
Sprachwandel im Licht
der Variationslinguistik
Zentralisierungsgrad
0.8
auf Martha’s Vineyard außerordentlich systema- 0.7
tisch war und sowohl sprachinterne als auch – und 0.6
vor allem – sprachexterne Facetten hatte. Er führte 0.5
Erhebungen mit 69 einheimischen Bewohner/in- 0.4
nen durch. Sie bestanden zum einen aus einem 0.3
lexikalischen Fragebogen, der den Grad der Zen- 0.2
tralisierung von Dܼund D ݜin einer Reihe von Le- 0.1
xemen (z. B. spider, dowdy) überprüfte, zum ande- 0
> 75 Jahre 61 bis 75 Jahre 46 bis 60 Jahre 31 bis 45 Jahre
ren aus einem Interview zur sozialen Orientierung
der Informanten. Schließlich ließ er zum Zweck /aɪ/ /aʊ/
instrumentalphonetischer Analysen teilweise auch
Texte vorlesen. Um den Grad der Zentralisierung
seiner Informanten quantitativ zu erfassen, ordne- 1960er Jahren Sprachwandel stattgefunden haben Abb. 14:
te Labov jeder Dܼ/ und Dݜ-Äußerung einen Wert musste. In dieser Zeit hatte besonders die Zentrali- Zentralisierungswerte
auf einem Zentralisierungsindex zu, der von 0 sierung des Diphthongs D ݜstark zugenommen. von Dǰ und DȐ für
(keine Zentralisierung) bis 3 (maximale Zentrali- Labov folgerte daraus (im Sinne der strukturellen ausgewählte Alters-
sierung) reichte. Auf diese Weise war es Labov Analogie, s. o.), dass auf Martha’s Vineyard die gruppen in Labovs
möglich, einzelne Sprecher oder Sprechergruppen Zentralisierung des Dܼ-Diphthongs die primäre In- Material; höhere
durch ihre durchschnittlichen Zentralisierungs- novation war. Da die Sprecher (zumindest auf Indexwerte bedeuten
werte zu charakterisieren. Martha’s Vineyard) symmetrische Vokalräume stärkere Zentralisierung
Sprachinterne Faktoren: Ähnlich wie in der Fall- (d. h. symmetrische Vorder- und Hinterzungenvo-
studie zur Genitivvariation fand Labov, dass der kale) zu präferieren scheinen, löste die Zentralisie-
durchschnittliche Zentralisierungsgrad von Dܼ rung des Dܼ-Diphthongs die parallele Zentralisie-
und D ݜvon einer überschaubaren Anzahl von rung des Dݜ-Diphthongs aus.
sprachinternen Faktoren abhing, unter anderem: Sprachwandel in der scheinbaren Zeit: Oft ver- Echtzeit vs. scheinbare Zeit
■ vom phonetischen Kontext: Zum Beispiel be- fügt man in der Soziolinguistik jedoch nicht über
günstigte ein folgender [t]-Laut (wie in bite) die den Luxus guter Echtzeitdaten. Geht man von der
Zentralisierung, ein folgender [m]-Laut (wie in nicht ganz unvernünftigen Annahme aus, dass
time) machte Zentralisierung unwahrscheinli- Sprecher Aussprachemuster und deren soziale Be-
cher. deutung vor dem Ende der Pubertät erlernen und
■ von der Prosodie: Die Zentralisierung war stär- dann nicht mehr nennenswert verändern, kann
ker, wenn das Wort im Satzakzent stand. man jedoch aus der altersbedingten Variation auf
■ vom Lexem: Einige Lexeme (z. B. sliding) neig- Sprachwandel schließen. Dies tat auch Labov. Ab-
ten besonders stark zur Zentralisierung. bildung 14 visualisiert die Zentralisierungsgrade
von vier Altersgruppen. Es wird deutlich, dass äl-
Sprachwandel in Echtzeit: Labov untersuchte zu- tere Informanten auf Martha’s Vineyard weniger
nächst, wie sich die Zentralisierung im Material zentralisieren. Diese Tatsache interpretierte Labov
seiner Studie (also in den frühen 1960er Jahren) als Evidenz dafür, dass auf Martha’s Vineyard der
zu den früheren Erhebungen auf Martha’s Vine- Lautwandel in vollem Gange war. Der Echtzeitver-
yard verhielt. Labov berücksichtigte dazu die Da- gleich zwischen dem LANE und Labovs selbst
ten aus dem Linguistic Atlas of New England erhobenem Material (1930er versus 1960er Jahre)
(LANE) aus den 1930er Jahren. Der LANE doku- spiegelte sich also in der synchronen Variation
mentiert vier Sprecher auf Martha’s Vineyard, die zwischen den Alterskohorten auf Martha’s Vine-
zum Erhebungszeitpunkt 56 bis 82 Jahre alt wa- yard in den frühen 1960er Jahren.
ren. Diese Sprecher weisen Zentralisierungsgrade Die jüngste Altersgruppe in Labovs Material
von 0,86 für Dܼund von nur 0,06 für Dݜauf. Im (14 bis 30 Jahre) wies übrigens nur durchschnitt-
Vergleich dazu zeigten viele von Labovs Informan- liche Zentralisierungsindices auf (Dܼ 0,37; Dݜ
ten höhere Zentralisierungsgrade (besonders was 0,46) – hier überlagerten andere gesellschaftliche
Dݜangeht). Labov schloss aus diesem Vergleich Faktoren wie die Einstellung zum Inselleben den
von Echtzeitdaten, dass zwischen den 1930er und Einfluss des Sprecheralters.
279
7.4
Variation und Wandel
Sprachwandel im Licht
der Variationslinguistik
1,2
Zentralisierungsgrad
1
0,8
0,6
0,4
0,2
Abb. 15:
Zentralisierungswerte 0
Edgar- Oak Vineyard Oak North West Chilmark Gay
von Dǰ und DȐ nach town Bluffs Haven Bluffs Tisbury Tisbury (up- Head
Orten auf Martha’s (down- (down- (down- (up- (up- (up- island) (up-
Vineyard. Höhere island) island) island) island) island) island) island)
Indexwerte indizieren /aɪ/ /aʊ/
stärkere Zentralisierung
280
7.4
Variation und Wandel
Sprachwandel im Licht
der Variationslinguistik
Zentralisierungsgrad
nellen Inselleben korreliert. Diejenigen Informan-
ten, die dem traditionellen Inselleben gegenüber 0,8
positiv eingestellt sind, weisen die höchsten Zen-
0,6
tralisierungswerte auf, die Informanten mit negati-
ven Einstellungen die niedrigsten. Informanten mit 0,4
neutralen Einstellungen haben durchschnittliche
0,2
Zentralisierungswerte.
Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang 0
Fischerei Landwirtschaft andere
auch vier 15-jährige Informanten, von denen zwei
nach eigener Auskunft planten, die Insel zu verlas- /aɪ/ /aʊ/
sen, und zwei langfristig auf der Insel leben woll-
ten. Laut Labovs Daten weisen die ›Fahnenflüchti-
gen‹ Zentralisierungswerte zwischen 0,00 und only since he came from college. I guess he wanted Abb. 16:
0,40 auf, die ›Bleiber‹ dagegen hatten wesentlich to be more like the men on the docks …« (1963: Zentralisierungswerte
höhere Indexwerte – zwischen 0,90 und 1,19. 300). Fälle wie die dieses jungen Mannes bezeich- von Dǰ und DȐ nach
In diesem Licht fügt sich also aus dem Puzzle net man als Fälle von Hyperkorrektur: Sprecher Berufsgruppe; höhere
der vielfältigen Korrelationen zwischen Zentrali- imitieren eine prestigeträchtige Variante und schie- Indexwerte indizieren
sierung und sozialen Faktoren das folgende Ge- ßen dabei manchmal sogar über das Ziel hinaus, stärkere Zentralisierung
samtbild zusammen: Die soziale Triebfeder des indem sie extremeres sprachliches Verhalten an
Wandels hin zu stärkerer Zentralisierung der Di- den Tag legen als die Sprechergruppe, die sie ei-
phthonge Dܼund D ݜauf Martha’s Vineyard ist der gentlich imitieren wollen. Hyperkorrektur verstärkt
bedrohte – bzw. der als bedroht empfundene – Sta- sozial motivierte Wandelprozesse zusätzlich.
tus des traditionellen Insellebens. Labovs Studie Der größte Widerstand gegen die Bedrohung
beschreibt einen mit sozialer Bedeutung aufgelade- durch die summer people war, wie wir gesehen
nen Wandelprozess: Die Zentralisierung der Di- haben, im ländlichen up-island-Teil der Insel vor-
phthonge Dܼ und D ݜsignalisierte eine positive zufinden (s. Abb. 15), besonders im Dörfchen
Einstellung des Sprechers zum traditionellen In- Chilmark, dessen Bewohner – zumeist Fischer
selleben und hob die Identität des Sprechers als (s. Abb. 16) – als besonders ›gute‹ Vineyarder gal-
›Vineyarder‹ hervor. Deshalb hatten die zentrali- ten. In der Tat beobachtete Labov bei diesen Spre- Abb. 17: Zentralisierungs-
sierten Diphthonge auf der Insel ein verdecktes chern die höchsten Zentralisierungswerte. Daher werte von Dǰ und DȐ
Prestige, denn die soziale Bedeutung der zentrali- vermutete Labov, dass die zentralisierten Diph- in Abhängigkeit von der
sierten Diphthonge ist nur Eingeweihten auf thongvarianten in dieser Gruppe entstanden sein Einstellung zum traditio-
Martha’s Vineyard zugänglich. Die Variation zwi- müssen. Andere Gruppen auf der Insel, die dem nellen Inselleben; höhere
schen den Alterskohorten (s. Abb. 14) spiegelt ei- Inselleben gegenüber positiv eingestellt und zu Indexwerte indizieren
nerseits den diachronen Wandelprozess wider. seiner Verteidigung bereit waren, imitierten bzw. stärkere Zentralisierung
Andererseits sind die hohen Indexwerte für die Al-
tersgruppe der 31- bis 45-Jährigen auch ein Zeichen
dafür, dass diese Altersgruppe in besonderer Weise 0,7
unter sozialem Druck stand: Die Individuen dieser 0,6
Kohorte hatten sich in ihrer Mehrheit bewusst da-
Zentralisierungsgrad
0,5
für entschieden, ihr Leben auf der Insel zu verbrin-
gen, was in ökonomischer Hinsicht nicht immer 0,4
einfach war. Umso stärker bekannten sie sich zum 0,3
Inselleben und signalisierten dies durch extrem
0,2
hohe Zentralisierungswerte. So berichtete eine In-
formantin Labovs, dass ihr Sohn, der laut Labovs 0,1
Metrik ungewöhnlich stark zentralisierte, den Insel- 0
akzent erst dann wirklich zu benutzen anfing, als positiv neutral negativ
er aus dem College auf die Insel zurückkehrte: /aɪ/ /aʊ/
»You know, E. didn’t always speak that way … it’s
281
7.4
Variation und Wandel
Sprachwandel im Licht
der Variationslinguistik
Weiterführende Literatur
Als Überblickswerke zu empfehlen sind Chambers Variation im deutschen Sprachraum lassen sich
(2003), Downes (1998) und Tagliamonte (2006, Barbour/Stevenson (1998) und Niebaum/Macha
2011). Chambers/Trudgill (1998) bieten eine Ein- (1999) empfehlen, als Einführung in die Soziolin-
führung speziell in die soziolinguistisch orientierte guistik Dittmar (1999).
Dialektologie. Als Überblick über die dialektale
Aufgaben
1. In 7.1 wurden Beispiele für lexikalische, lautliche, morphologische und syntaktische Variablen
genannt. In der Literatur wurden in jüngster Zeit auch diskurspragmatische Variablen besprochen.
(Die Diskurspragmatik widmet sich sprachlichen Mitteln, mit denen geschriebene und besonders
gesprochene Diskurse strukturiert werden). Finden Sie Beispiele für derartige Variablen.
2. Im Deutschen kann man Wortstellungsvariation beobachten, wenn das Mittelfeld ein nominal
realisiertes Subjekt und ein pronominal realisiertes Objekt aufweist (vgl. Heylen 2005):
282
7.4
Variation und Wandel
Aufgaben
(a) Nach einiger Zeit nahm [ihn] [der diensthabende Offizier] ins Gebet.
(b) Nach einiger Zeit nahm [der diensthabende Offizier] [ihn] ins Gebet.
3. In der bekannten »department store«-Studie untersuchte William Labov, wie oft Angestellte in
drei Kaufhäusern in New York City (Saks – gehobene Preisklasse; Macy’s – mittlere Preisklasse;
S. Klein – niedrige Preisklasse) das postvokalische /r/ in Lexemen wie fourth und floor artikulie-
ren. Was die Aussprache von floor anbelangt, so ergab sich dabei das folgende Bild (nach Labov
1972, Abb. 13.2; Prozentsätze bezeichnen die relative Häufigkeit, mit der das postvokalische /r/
artikuliert wird):
Warum variiert wohl die Häufigkeit der rhotischen Variante mit dem Kaufhaus? Wie interpretieren
Sie die je nach Kaufhaus mehr oder weniger ausgeprägten Unterschiede zwischen ungezwunge-
nem und sorgfältigem Sprechstil?
4. Sprecher und Schreiber des Deutschen haben die Wahl, Relativsätze entweder durch D-Pronomina
(der, die, das etc., wie in das Haus, das ich sah) zu markieren oder aber durch W-Pronomina
(welcher, welche, welches etc., wie in das Haus, welches ich sah).
(a) Wie würden Sie die Bedingungen dieser Variation im Gegenwartsdeutschen charakterisieren?
(b) Greifen Sie auf die Google-Buchdatenbank ([Link] zu, um festzustel-
len, ob die Popularität der beiden Varianten im geschriebenen Standarddeutschen seit 1750
diachronen Veränderungen unterworfen war. Benutzen Sie zur Suche geeignete N-Gramme
wie z. B. auf den er und auf welchen er.
(c) Welche zusätzlichen Relativsatzmarkierer findet man in umgangssprachlichen oder dialekta-
len Varietäten des Deutschen?
5. Im Englischen besteht bei einer Reihe von Adjektiven die Möglichkeit, Steigerungsformen
entweder morphologisch (z. B. friendlier) oder aber periphrastisch (z. B. more friendly) zu bilden.
Hilpert (2008, Tab. 5) berechnet ein logistisches Regressionsmodell, das den Einfluss einer Anzahl
von sprachinternen Faktoren auf die Wahl der Steigerungsvariante modelliert. Es folgt ein Auszug
aus dem Modell; die vorhergesagte Variante ist die periphrastische Steigerung mit more (die Zah-
len nennen jeweils das Quotenverhältnis).
283
7.4
Variation und Wandel
Aufgaben
Funktion
– Attributive Verwendung (a friendlier man) 0,51
– Prädikative Verwendung (the man is friendlier) 1,58
Interpretieren Sie das Modell. Welche Faktoren begünstigen die periphrastische Variante,
welche die morphologische Variante? Was sind die drei wichtigsten Faktoren?
Benedikt Szmrecsanyi
284
8.1
8.1 | Grundbegriffe
8.1.1 | Sprachtypologie und Universalien
Jeder, der in seinem Leben eine Fremdsprache ge- Definition
lernt hat – und sei es nur eine eng mit dem Deut-
schen verwandte wie das Englische –, hat dadurch Eine ➔ Sprachfamilie ist eine Gruppe von Sprachen, die genetisch ver-
einen kleinen Einblick darin erhalten, wie unter- wandt sind, also auf eine gemeinsame Vorgängersprache zurückgehen.
schiedlich Sprachen sein können. In der Welt wer-
den heute 6000 bis 7000 Sprachen aus ganz un-
terschiedlichen Sprachfamilien gesprochen. Eine von über 5 Milliarden Sprecher/innen gespro-
wichtige Aufgabe der Sprachwissenschaft ist es, chen werden (s. Tab. 1).
diese Sprachen sorgfältig zu dokumentieren und Typologische Klassifikation: Bei der typologi-
die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen schen Klassifikation von Sprachen wird eine
ihnen wissenschaftlich zu beschreiben. Den lingu- möglichst große und repräsentative Stichprobe
istischen Datenbestand der Welt zu sichern ist von genetisch, historisch und geografisch unver-
schon deshalb wichtig, weil viele Sprachen akut bundenen Sprachen in Bezug auf einen Parame-
vom Aussterben bedroht sind. Laut Schätzungen ter untersucht, der vornehmlich funktional (also
stirbt derzeit etwa alle zwei Wochen mit ihrer letz- semantisch oder pragmatisch) definiert ist. Im
ten Sprecherin oder ihrem letzten Sprecher eine Lauf dieses Kapitels werden mehrere solche Para-
Sprache aus. meter besprochen (s. 8.2). Hier ein einfaches Bei-
Sprachfamilien: Laut Ethnologue, einem umfas- spiel: Mit Sprache kann man ausdrücken, was
senden Referenzwerk, das die Sprachen der Welt wem gehört (Possessivität). Man kann sich nun
katalogisiert, existieren auf der Welt 116 Sprach- fragen, wie Sprachen Besitzverhältnisse in Nomi-
familien. nalphrasen kodieren. Der systematische empiri- Tab. 1:
Ordnet man die Sprachfamilien der Welt nach sche Vergleich ergibt, dass einige Sprachen Be- Sprachfamilien,
der Anzahl der heute noch gesprochenen Spra- sitzverhältnisse an dem Wort markieren, das sich die mindestens 5 % der
chen, stellt man fest, dass die sechs größten auf den besessenen Gegenstand (das Possessum) auf der Welt gesprochenen
Sprachfamilien ca. 4400 Sprachen abdecken, die bezieht (Helmbrecht 2008). Andere Sprachen hin- Sprachen umfassen
Sprachfamilie Anzahl lebendiger Sprachen Anzahl von Sprecher/innen Beispiele für Länder und Sprachen
Niger-Kongo 1510 ca. 382 Millionen Igbo (Nigeria), Susu (Guinea), Swahili (Tanzania),
Lingala (Demokratische Republik Kongo), Xhosa (Südafrika)
Austronesisch 1231 ca. 354 Millionen Bunun (Taiwan), Fiji (Fiji), Malagasy, Antankarana (Madagaskar),
Maori (Neuseeland), Motu (Papua Neuguinea)
Transneuguinea 475 ca. 3 Millionen Fataluku (Ost Timor), Aghu (Indonesien), Huli (Papua Neuguinea)
Sinotibetisch 445 ca. 1,3 Milliarden Mru (Bangladesh), Mandarin (China), Karbi (Indien),
Dungan (Kyrgyzstan), Lisu (Thailand)
Indoeuropäisch 426 ca. 2,7 Milliarden Hindi (Indien), Paschtu (Pakistan), Armenisch (Armenien),
Griechisch (Griechenland), Ukrainisch (Ukraine), Spanisch, Deutsch,
Russisch
Afro-Asiatic 353 ca. 360 Millionen Kabylisch (Algerien), Arabisch (Lybien), Hebräisch (Israel),
Gude (Kamerun), Somali (Somalia)
285
8.1
Die Verschiedenheit der Sprachen
Grundbegriffe
286
8.1
Die Verschiedenheit der Sprachen
Sprachtypologie
und Universalien
Zur Vertiefung
»Jede Sprache ist ein System, dessen sämmtliche Theile organisch zusammenhängen und zusammenwirken.
Man ahnt, keiner dieser Theile dürfte fehlen oder anders sein, ohne dass das Ganze verändert würde. Es scheint
aber auch, als wären in der Sprachphysiognomie gewisse Züge entscheidender als andere. Diese Züge gälte es
zu ermitteln; und dann müsste untersucht werden, welche andere Eigenthümlichkeiten regelmässig mit ihnen zu-
sammentreffen. Ich denke an Eigenthümlichkeiten des Wort- und des Satzbaues, an die Bevorzugung oder Ver-
wahrlosung gewisser grammatischer Kategorien. Ich kann, ich muss mir aber auch denken, dass alles dies zu-
gleich mit dem Lautwesen irgendwie in Wechselwirkung stehe. Die Induction, die ich hier verlange, dürfte
ungeheuer schwierig sein; und wenn und soweit sie gelingen sollte, wird es scharfen philosophischen Nachden-
kens bedürfen, um hinter der Gesetzlichkeit die Gesetze, die wirkenden Mächte zu erkennen. Aber welcher Ge-
winn wäre es auch, wenn wir einer Sprache auf den Kopf zusagen dürften: Du hast das und das Einzelmerkmal,
folglich hast du die und die weiteren Eigenschaften und den und den Gesammtcharakter! – wenn wir, wie es
kühne Botaniker wohl versucht haben, aus dem Lindenblatte den Lindenbaum construieren könnten. Dürfte
man ein ungeborenes Kind taufen, ich würde den Namen Typologie wählen.« (Gabelentz 1901/1995: 481)
Heutzutage herrscht hingegen eine partielle Sicht der Typologie vor, d. h. typologische Klassifikationen zielen
nicht mehr primär auf globale Charakterisierungen des Wesens einzelner Sprachen ab (Shibatani/Bynon 1999:
1–16; Whaley 1997: 23; Song 2001: 41–45). Vielmehr ist man darum bemüht, in möglichst detaillierter Form die
Bandbreite der strukturellen Variation einer Vielzahl von Sprachen in Bezug auf einen bestimmten Parameter zu
beschreiben. Dabei ist man zu der Erkenntnis gelangt, dass Sprachen oft über mehrere Konstruktionstypen für
einen gegebenen Parameter verfügen. Im Yukagir, einer sibirischen Sprache, hängt die Markierung von Besitz in
possessiven Nominalphrasen beispielsweise vom Possessor ab: Ist der Possessor ein Pronomen (Beispiel a), ver-
wendet man flexionsfreie Aneinanderreihung. Ist der Possessor ein Nomen (Beispiel b), kann das Verhältnis
durch eine Genitivmarkierung am Nomen markiert werden (Nichols 1999: 53):
Die Idee, Sprachen immer eindeutig Sprachtypen zuordnen zu können, ist daher von der Vorstellung abgelöst
worden, dass einzelne Sprachen die in der Welt für einen Parameter existierenden Konstruktionstypen in unter-
schiedlichem Ausmaß realisieren, wobei ein Konstruktionstyp dominant (also im Sprachgebrauch am häufigs-
ten) sein kann. Wenn man sagt, dass eine Sprache einem bestimmten Typ angehört, meint man also, dass in
dieser Sprache in Bezug auf einen Parameter ein bestimmter Konstruktionstyp dominant ist (Croft 2002: 42–45).
Ein wichtiges Erkenntnisziel aus den Anfängen der Typologien ist jedoch erhalten geblieben: Die Identifizierung
von Korrelationen zwischen einzelnen Parametern. Zum Beispiel lässt sich die folgende Korrelation aufstellen:
Wenn in einer Sprache die dominante Anordnung von Subjekt (S), Objekt (O) und finiter Verbform (V) in
Hauptsätzen SOV ist, werden in dieser Sprache unterordnende Konjunktionen am Ende von Adverbialsätzen
stehen und die Sprache wird Postpositionen (und nicht Präpositionen) verwenden (mehr dazu in 8.2.2). Aller-
dings handelt es sich bei solchen Korrelationen nur um Tendenzen und man kann auf diese Weise bei weitem
nicht alle Charakteristika einer Sprache vorhersagen.
287
8.1
Die Verschiedenheit der Sprachen
Grundbegriffe
288
8.1
Die Verschiedenheit der Sprachen
Sprachtypologie
und Universalien
belegt, z. B. durch das Englische (5), das Kosraea- ➔ Wenn eine Sprache sechs Farben unterscheidet,
nische (Caroline-Atoll) (6) und Jamiltepec Mixtec dann hat sie ein Wort für ›blau‹.
(Mexico) (7) (Croft 2003a: 343): ➔ Wenn eine Sprache fünf Farben unterscheidet,
dann hat sie sowohl ein Wort für ›gelb‹ als auch
(5) (a) red book für ›grün‹.
ADJ N ➔ Wenn eine Sprache vier Farben unterscheidet,
dann hat sie entweder ein Wort für ›grün‹ oder für
(b) three books ›gelb‹.
NUM N ➔ Wenn eine Sprache drei Farben unterscheidet,
dann hat sie ein Wort für ›rot‹.
(6) (a) mwet kuh ➔ Alle Sprachen haben ein Wort für ›schwarz‹ und
N ADJ eines für ›weiß‹.
Männer stark
In einer Formel ausgedrückt:
(b) mwet luo
Lila/rosa/orange/grau braun blau gelb und
N NUM
grün rot weiß und schwarz
Männer zwei
289
8.1
Die Verschiedenheit der Sprachen
Grundbegriffe
die Sonorität oder Schallfülle der Phone zum Sil- unterscheiden sich diese Zweige der Linguistik je-
benkern hin ansteigt. Am wenigsten sonor sind doch in ihrer Schwerpunktsetzung und ihren Zie-
Obstruenten, also Verschlusslaute (z. B. /p, t, k, b, len. Im Folgenden sollen zur besseren Einordnung
d, g/; Sonoritätsstufe 1) und Frikative (z. B./ v, f/; der Typologie kurz einige Abgrenzungsmerkmale
Sonoritätsstufe 2), gefolgt von Nasalen (z. B. /n, zu ihren Nachbardisziplinen skizziert werden.
m/; Sonoritätsstufe 3) und Liquiden (/r, l/; Sonori- Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft:
tätsstufe 4). Die höchste Schallfülle haben Halb- Die zu Beginn des 19. Jahrhunderts vornehmlich
vokale (z. B. /j/; Sonoritätsstufe 5) und Vokale (So- in Deutschland begründete historisch-vergleichen-
noritätsstufe 6). In beliebten Konsonantenabfolgen de Sprachwissenschaft ist der älteste Zweig der
vom Typ /bl/ am Silbenanfang steigt die Sonorität komparativen Linguistik. Sie ist bemüht, aufgrund
relativ stark an, in diesem Fall um 3 Sonoritätsstu- des Vergleichs von Sprachen genetische Verwandt-
fen. In am Silbenanfang stark dispräferierten Ab- schaftsbeziehungen festzustellen (z. B. zwischen
folgen wie /lb/ hingegen sinkt die Sonorität. Für Englisch und Deutsch als westgermanischen Spra-
die mögliche Kombination zweier Konsonanten im chen oder Dänisch und Isländisch als nordgerma-
Silben-Onset besagt die Sonoritätshierarchie, dass nischen Sprachen). Dabei wird angenommen, dass
Sprachen mit dispräferierteren Konsonantenabfol- der Grad der Ähnlichkeit zwischen Sprachen mit
gen auch präferiertere Abfolgen erlauben (Berent dem Grad ihrer genetischen Verwandtschaft korre-
et al. 2008: 5321): liert. So zeigt beispielsweise ein Vergleich einiger
Wörter aus dem Grundwortschatz der in Tabelle 4
Sonoritätsabfall konstante Sonorität schwa-
genannten toten und lebendigen Sprachen, dass
cher Sonoritätsanstieg starker Sonoritätsanstieg
das Deutsche dem Gotischen (einer ausgestorbe-
(z. B. /lb/ /bd/ /bn/ /bl/)
nen ostgermanischen Sprache) und Schwedischen
Alle Arten von Universalien sind erklärungsbe- näher steht als dem Lateinischen und Französi-
dürftig. Wie ist es zu erklären, dass die Mehrheit schen. Der Stammbaum in Abbildung 1 stellt die
der Sprachen Besitzverhältnisse am Possessum rekonstruierten Verwandtschaftsbeziehungen zwi-
von Nominalphrasen markieren, aber kaum eine schen diesen und anderen Sprachen der indo-
Sprache dies sowohl am Possessor als auch am europäischen Sprachfamilie dar.
Possessum tut? Warum ist es für Sprachen (bzw. Die hypothetische (rekonstruierte) Vorläufer-
Sprachbenutzer) wichtiger, schwarz und weiß zu sprache für alle indoeuropäischen Sprachen wird
unterscheiden als lila und rosa? Warum gibt es als Proto-Indoeuropäisch (in deutschsprachigen
kaum eine Sprache, in der das Zahlwort nach dem Fachkreisen auch Urindogermanisch) bezeichnet,
Nomen steht, das attributive Adjektiv aber davor? was darauf zurückzuführen ist, dass sich ihre
Mögliche Antworten auf Fragen dieser Art werden Nachfolgesprachen von Indien bis Europa erstre-
in 8.1.3 diskutiert. cken. Es wird angenommen, dass das Proto-Indo-
europäische um die Mitte des 4. Jahrtausends
v. Chr. in der Gegend des Schwarzen Meeres ge-
sprochen wurde. Die indoeuropäische Sprachfami-
8.1.2 | Typologie als Zweig lie ist mit etwa drei Milliarden Sprecher/innen (da-
der komparativen Linguistik runter mehr als 90 % aller Einwohner Europas) die
heute am weitesten verbreitete und besterforschte
Die Typologie ist als Disziplin, die sich mit dem Sprachfamilie der Welt.
Vergleich von Sprachen beschäftigt, ein Zweig der Ein weiteres Ziel der historisch-vergleichenden
komparativen Linguistik und als solche mit der Sprachwissenschaft besteht in der Rekonstrukti-
historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft, der on ausgestorbener Sprachstufen einer Sprachfa-
Areallinguistik und der kontrastiven Linguistik milie. Dies geschieht einerseits durch den systema-
verwandt. Trotz ihrer gemeinsamen Ausrichtung tischen Vergleich ihrer attestierten Folgesprachen,
290
8.1
Die Verschiedenheit der Sprachen
Typologie als Zweig der
komparativen Linguistik
Ostgermanisch Gotisch
Lateinisch
Italisch BalkanromanischRumänisch
ItaloromanischItalienisch, Sardisch
Albanisch Albanisch
Griechisch Griechisch
Armenisch Armenisch
291
8.1
Die Verschiedenheit der Sprachen
Grundbegriffe
andererseits auf der Grundlage postulierter Sprach- terscheiden (kontrastive Hypothese, vgl. Lado
wandelprozesse, von denen angenommen wird, 1957). Die kontrastive Linguistik war anfänglich
dass sie regelhaft und ausnahmslos verlaufen. So also rein pädagogisch orientiert. Von detaillierten
besagt beispielsweise die sogenannte erste Laut- kontrastiven Befunden erhoffte man sich die Mög-
verschiebung, dass die indogermanischen Ver- lichkeit, Fehlerquellen und Lernschwierigkeiten
schlusslaute *p und *d (ein Sternchen vor dem im Fremdspracherwerb vorhersehen und auf die-
Laut bedeutet in der historisch-vergleichenden ser Grundlage verbesserte Lehr- und Lernmateria-
Sprachwissenschaft, dass er nicht aus historischen lien entwickeln zu können. Inzwischen gelten die
Quellen nachgewiesen werden kann, sondern re- Grundannahmen der frühen kontrastiven Linguis-
konstruiert wurde) im ersten Jahrtausend v. Chr. in tik als teilweise grob vereinfachend. Zwar trifft es
bestimmten lautlichen Umgebungen zu urgerma- zu, dass Eigenschaften der Muttersprache manch-
nisch *f bzw. *t wurden. Tabelle 4 zeigt, dass die- mal fälschlich auf die Fremdsprache übertragen
se Differenzierung zwischen den germanischen werden (z. B. wenn Muttersprachler des Deutschen
und den anderen indoeuropäischen Sprachen in im Englischen get mit become verwechseln; man
den Reflexen einiger urgermanischer Wörter noch spricht dann von negativem Transfer oder Inter-
heute sichtbar ist: So weisen beispielsweise das ferenz). Mittlerweile ist aber auch empirisch er-
englische und das schwedische Wort für Fuß am wiesen, dass nicht immer nur Unterschiede, son-
Wortanfang einen stimmlosen Frikativ auf, wäh- dern gerade auch Ähnlichkeiten zwischen Spra-
rend die französischen und spanischen Entspre- chen Fehler begünstigen können (so stellt der
chungen, welche die germanische Lautverschie- korrekte Gebrauch des englischen Present Perfect
bung nicht mit vollzogen haben, an dieser Stelle gerade aufgrund seiner formalen Ähnlichkeit zum
einen Verschlusslaut aufweisen. deutschen Perfekt eine Herausforderung für deut-
Kontrastive Linguistik: Während die historisch- sche Muttersprachler dar). Darüber hinaus weiß
vergleichende Sprachwissenschaft eine Vielzahl man heute auch, dass besonders im Bereich der
von Sprachen zur Erschließung genetischer Bezie- Grammatik häufig Fehler begangen werden, die
hungen und früherer Sprachstufen untersucht, nicht durch strukturelle Ähnlichkeiten oder Unter-
konzentriert sich die kontrastive Linguistik auf schiede erklärbar sind, sondern ganz andere Ursa-
den ausführlichen synchronen Vergleich von zwei chen haben. Trotz dieser Vorbehalte muss jedoch
Sprachen, und dies hinsichtlich einer großen Band- betont werden, dass sich die Vorhersagen der kon-
breite von Strukturmerkmalen. Dabei stehen tradi- trastiven Linguistik in den Bereichen der Phonetik
tionell vor allem die Unterschiede zwischen den und Phonologie als verlässlich herausgestellt ha-
beiden untersuchten Sprachsystemen im Vorder- ben (Kortmann 1999, Kap. 5).
grund. Grund für diese Ausrichtung ist eine zentra- Die Tatsache, dass der kontrastive Vergleich von
le Hypothese aus der Frühphase der kontrastiven Sprachen nicht im erwarteten Maß zu unmittelbar
Linguistik in den 1950er und 1960er Jahren, der zu- umsetzbaren Erkenntnissen für den Fremdspra-
folge beim Fremdsprachenerwerb vor allem solche chenunterricht führte, bedingte einerseits vertiefte
Strukturen Schwierigkeiten bereiten, in denen Untersuchungen und die Entwicklung differenzier-
Ziel- und Ausgangssprache sich voneinander un- terer Modelle im Bereich der Zweitspracherwerbs-
Beispiel Typologie und Fremdsprachenerwerb (s. Kap. 2.4.1) wie dove – duff, rib – rip, ridge –
rich, dog – dock oder lose – loose gleich auszu-
Die Markedness Differential Hypothesis lässt sprechen. Umgekehrt bereitet die Auslautverhär-
sich anhand eines Beispiels aus der kontras- tung englischsprachigen Lernern des Deutschen
tiven Phonologie Deutsch-Englisch illustrieren. meist keinerlei Probleme. Diese Asymmetrie im
Im Deutschen gibt es im Silben- und Wortaus- Spracherwerbsprozess erklärt die Markedness
laut keine stimmhaften Obstruenten; Wörter wie Differential Hypothesis dadurch, dass Auslautver-
Stab, Rad, Tag werden also /ݕtap/, /rat/, /tak/ härtung als typologisch verbreiteter Prozess auch
ausgesprochen. Diese sogenannte Auslautver- leicht zu erlernen ist. Die Situation im Englischen
härtung (s. Kap. 2.5.2) führt bei deutschen Ler- ist aus typologischer Sicht hingegen relativ unge-
nern des Englischen zu vielen Interferenzfeh- wöhnlich und bereitet Lernern daher besondere
lern, da sie dazu neigen, englische Minimalpaare Schwierigkeiten (Kortmann 1999, Kap. 5).
292
8.1
Die Verschiedenheit der Sprachen
Funktionale Gründe
für Ähnlichkeiten
zwischen Sprachen
forschung. Andererseits entstanden spätestens ab Artikel, Verlust des Infinitivs), die beispielsweise
den 1970er Jahren auch Ableger der kontrastiven das Rumänische mit keiner anderen romanischen
Linguistik, die nicht mehr in erster Linie ange- Sprache oder das Bulgarische und Mazedonische
wandte Ziele verfolgten, sondern primär als Zwei- mit keiner anderen slawischen Sprache teilen
ge der theoretischen und deskriptiven Linguistik (s. dazu 8.3).
zu betrachten sind (Kortmann 1998; Shibatani/ Die Typologie unterscheidet sich von diesen
Bynon 1999: 14). Beide Richtungen haben sich Disziplinen sowohl in ihrer Breite als auch in ihrer
teilweise von der Typologie als neuem Bezugsrah- Zielsetzung. Wie oben bereits erwähnt, vergleicht
men inspirieren lassen. sie eine sehr große Anzahl von Sprachen, die im
Beispielsweise hat sich erwiesen, dass die Typo- Idealfall weder genetisch noch geografisch ver-
logie einer Fremdsprache einen nachweisbaren bunden sind, im Hinblick auf nur einige wenige
Einfluss auf ihren Erwerb hat. So hat sich gezeigt, Variationsparameter. Als Gründervater der moder-
dass im Fremdsprachenerwerb nicht alle Unter- nen Sprachtypologie gilt der US-amerikanische
schiede zur Muttersprache Schwierigkeiten be- Linguist Joseph Harold Greenberg (1915–2001),
reiten, sondern besonders solche, in denen die der ab den 1950er Jahren unter anderem aufgrund
Fremdsprache aus typologischer Sicht ungewöhn- zahlreicher von ihm vorgeschlagener typologi-
licher ist als die Muttersprache (Markedness Diffe- scher Universalien und seiner Beiträge zur geneti-
rential Hypothesis, s. das Beispiel auf der gegen- schen Klassifikation afrikanischer, amerikanischer,
überliegenden Seite). eurasiatischer und indopazifischer Sprachen Be-
In der eher theoretisch ausgerichteten kontras- rühmtheit erlangte.
tiven Linguistik hat der Bezug auf die Typologie zu
der Erkenntnis geführt, dass es lohnend ist, Unter-
schiede zwischen Sprachsystemen nicht als unver-
bundene Kontraste bei einzelnen Merkmalen auf- 8.1.3 | Funktionale Gründe
zufassen. Vielmehr ist es oft möglich, systematische für Ähnlichkeiten zwischen Sprachen
Zusammenhänge zwischen ganzen Bündeln von
Kontrasten aufzuzeigen. Beispielsweise hängt die Funktionale Typologie: Die Tatsache, dass die Un-
Tatsache, dass das Englische im Vergleich zum terschiedlichkeit der Sprachen begrenzt ist und
Deutschen nur wenig Kasusmorphologie aufweist bestimmten Ordnungsmustern folgt, verlangt nach
(Adjektive und Artikel werden gar nicht dekliniert, einer Erklärung. In der Sprachtypologie geht man
Nomen existieren neben der Grundform nur noch davon aus, dass hier außersprachliche, funktio-
in der Possessivform, z. B. dog, dog’s), mit seiner nale Prinzipien am Werk sind. Das bedeutet,
relativ festen Wortstellung zusammen: Während dass universelle Ähnlichkeiten in der Form von
das Deutsche grammatische Relationen mit Hilfe Sprachen nicht auf angeborene sprachspezifische
verschiedener Kasusformen markiert (das Subjekt Prinzipien zurückgeführt werden, wie es von an-
durch den Nominativ, das direkte Objekt durch deren linguistischen Schulen getan wird (s. Vertie-
den Akkusativ und das indirekte Objekt durch den fungskasten zu Universalien in der Generativen
Dativ), verwendet das Englische zu diesem Zweck Grammatik S. 297). Vielmehr wird angenommen,
die feste Abfolge Subjekt – Verb – Objekt. Die Kor- dass Sprache universell bestimmte kommunikati-
relation zwischen flexionsarmer Morphologie und ve Funktionen erfüllt, die – zusammen mit allge-
fester Wortstellung ist aus der Typologie schon meinen kognitiven und physiologischen Prinzipi-
lange bekannt. en – ihre Struktur formen. Da es ein Markenzeichen
Die Areale Linguistik (oder: areale Typologie) ist der modernen Typologie ist, die Formen sprachli-
synchron orientiert und befasst sich mit Ähnlich- cher Konstruktionen in Bezug auf ihre Funktionen
keiten zwischen genetisch nicht verwandten zu erklären, wird sie auch als funktionale Typo-
Sprachen, die in geografisch angrenzenden Regio- logie bezeichnet (Evans/Green 2006: 758–761;
nen gesprochen werden und sich aufgrund von Hawkins 1994: 1–3).
Sprachkontakt angeglichen haben. Berühmt in Ökonomie und Ikonizität: Als wichtigste struk-
diesem Zusammenhang ist der Balkan-Sprach- turformende Kräfte gelten in der funktionalen Ty-
bund. Die ihm angehörigen Sprachen (im Wesent- pologie die Ökonomie und die Ikonizität (Haiman
lichen das Griechische, Albanische, Rumänische, 1983; Haspelmath 2008; s. auch Kap. 5.2.1). Das
Bulgarische und Mazedonische) weisen eine Reihe Prinzip der Ökonomie besagt in seiner allgemeins-
von Eigenschaften auf (z. B. nachgestellter definiter ten Form, dass Sprachen universell die Tendenz
293
8.1
Die Verschiedenheit der Sprachen
Grundbegriffe
294
8.1
Die Verschiedenheit der Sprachen
Funktionale Gründe
für Ähnlichkeiten
zwischen Sprachen
295
8.1
Die Verschiedenheit der Sprachen
Grundbegriffe
und lief) und/oder der Intensivierung (z. B. sehr dung von Homonymie ab. Wie wir jedoch oben
sehr laut) (Moravcsik 1980: 27). gesehen haben (s. Tab. 6 und 7), ist Homonymie –
also der Zusammenfall mehrerer Flexionsformen –
Hier wird deutlich, dass selbst unterschiedliche bei seltenen Formen aus ökonomischen Prinzipien
Spielarten desselben Ikonizitätstyps nicht unbe- gerade ein präferiertes Muster.
dingt konvergieren: Der syntagmatische Isomor- Reihenfolgeikonizität: Diese Art der Ikonizität
phismus bevorzugt die Wiedergabe jeglicher Be- lässt sich anhand der bereits erwähnten Universa-
deutung, während die Komplexitätsikonizität lie zur Abfolge von Protasis und Apodosis in Kon-
nur die Wiedergabe komplexer Bedeutungen fa- ditionalsätzen veranschaulichen (s. 11). Die Tatsa-
vorisiert. che, dass zumindest in gesprochenen Varietäten
Distanzikonizität ist eine weitere Art der Ikoni- von Sprachen die Voraussetzung bevorzugt vor der
zität auf der syntagmatischen Achse. Sie besagt, Konsequenz steht, hängt mit der Abfolge der Er-
dass die Nähe zwischen zwei sprachlichen Kon- eignisse in der realen Welt zusammen (s. auch
stituenten in einem Satz ihre konzeptuelle Nähe Kap. 5.2). In (11a) spiegelt die Reihenfolge der Teil-
oder ihre Relevanz füreinander widerspiegelt. Ein sätze die reale Reihenfolge der Handlung wider.
Beispiel ist der Ausdruck von veräußerlichem und Hingegen sind Sätze wie (11b) in sehr vielen Spra-
unveräußerlichem Besitz, der von manchen Spra- chen zwar ebenfalls möglich, aber weniger häufig;
chen morphologisch unterschieden wird. Als un- umgekehrt gibt es aber keine Sprache, die nur die
veräußerlicher Besitz zählen in diesen Sprachen Nachstellung erlaubt.
z. B. Körperteile oder Verwandte. Viele Sprachen,
wie z. B. das Abun (West Papua), verwenden für (11) (a) Wenn du dein Zimmer aufräumst, gehen wir auf den
den Ausdruck von unveräußerlichem Besitz eine Spielplatz.
Konstruktion, in der Possessor und Possessum (b) Wir gehen auf den Spielplatz, wenn du dein Zimmer
sich näher stehen als in anderen Possessivkon- aufräumst.
struktionen. So wird in Beispiel (9) der unveräu-
ßerliche Besitz des Arms durch einfache Juxta- Dominanz und Harmonie: Unter einer dominan-
position von Possessor und Possessum ausge- ten Wortstellung versteht man eine, die univer-
drückt, während der Ausdruck von veräußerlichem sell präferiert ist. Bezüglich der Reihenfolge von
Besitz wie in Beispiel (10) zusätzliche Morpholo- Zahlwörtern (Num) und Nomen (N) gilt z. B. die
gie erfordert, die Possessor und Possessum auf Reihenfolge Num N als dominant, während N
der syntagmatischen Achse voneinander trennt Num rezessiv ist. Bei der Reihenfolge von Adjek-
(Haspelmath 2008: 15). tiven (Adj) und Nomen gilt N Adj als dominant
und Adj N als rezessiv (Croft 2003a: 344). Wie das
(9) ji syim Prinzip der Dominanz mit dem der Harmonie in-
ich Arm teragiert, lässt sich anhand einer bereits in 8.1.1
›mein Arm‹ erwähnten implikativen Universalie illustrieren,
deren tetrachorische Tabelle hier in veränderter
(10) ji bi nggwe Form nochmals wiedergegeben wird (dominante
ich von Garten Wortstellungen sind fett markiert, Felder sind
›mein Garten‹ nummeriert):
296
8.1
Die Verschiedenheit der Sprachen
Funktionale Gründe
für Ähnlichkeiten
zwischen Sprachen
Zur Vertiefung
ringo-o tabe-ru
Apfel-ACC ess-NPST
›einen Apfel essen‹ (Cristofaro 2006: 223)
In der englischen Version dieser Phrase (eat an apple) steht der Kopf hingegen links. Man sagt, dass das Japani-
sche eine kopffinale (head-final) Sprache ist, während das Englische eine kopfinitiale (head-initial) Sprache ist.
Sprachen (und ihre Lerner/innen) müssen sich bezüglich der Variable Kopfparameter also entweder für den
Wert kopfinitial oder kopffinal entscheiden. »Prinzipien und Parameter« erklären auch, warum Sprachen trotz
einer angenommenen Universalgrammatik strukturell unterschiedlich sein können (s. Kap. 4.7.3).
Die Tatsache, dass Chomsky’sche Universalien Aussagen über potentiell in Sprachen vorhandene Strukturen tref-
fen, impliziert, dass selbst eine Struktur, die in keiner Sprache belegt ist, theoretisch eine Universalie sein kann
(Evans/Levinson 2009: 436). Das bedeutet auch, dass Universalien auf der Grundlage der Untersuchung einer
einzelnen Sprache postuliert werden können (Chomsky 1980: 48). Chomsky’sche Universalien sind also im Ver-
gleich zu typologischen Universalien keine deskriptiven Generalisierungen über empirisch belegte Grenzen
sprachlicher Verschiedenheit (s. 8.1.1), sondern mental angelegte, wenn auch in Einzelsprachen nicht unbedingt
realisierte Strukturen.
Adj N (Feld 3) ist nicht belegt, was auch nicht Hier greift das Prinzip der Harmonie. Innerhalb
verwunderlich ist, da keiner dieser Wortstel- von Nominalphrasen erfüllen Zahlwörter und Ad-
lungstypen dominant ist. Wie ist es aber zu erklä- jektive dieselbe Funktion als Modifikatoren eines
ren, dass es Sprachen gibt, die eine dominante Nomens. Sprachen, die eine dominante mit einer
Wortstellung mit einer rezessiven kombinieren? rezessiven Sprachstellung kombinieren, sind in
297
8.2
Die Verschiedenheit der Sprachen
Wichtige typologische
Parameter
syntaktischer Hinsicht konsistent, weil ihre Modi- nante Wortstellungen miteinander verbinden, die
fikatoren entweder immer vor (Adj N und Num nicht miteinander harmonieren, oder harmonie-
N) oder nach (N Adj und N Num) dem Kopf ste- rende Wortstellungen miteinander kombinieren,
hen. Man sagt, dass in diesen Sprachen die rezes- die nicht dominant sind. Wortstellungen, die we-
sive mit der dominanten Wortstellung harmo- der dominant noch harmonisch sind, sind ausge-
niert. Sprachen können also entweder zwei domi- schlossen.
Kodierungen Die Relationale Typologie vergleicht, wie Sprachen (14) The child (S) is sleeping.
von Argumenten Nominalphrasen kodieren, die Argumente von
Verben sind. Intransitive Verben wie schlafen ver- (15) The father (A) is bathing the child (P).
langen ein einziges Argument (S – intransitives
Subjekt). Transitive Verben sind solche, die – wie Ergativ-Absolutiv-Sprachen: Es gibt jedoch auch
z. B. das Verb sehen – zwei Argumente verlangen. Sprachen, in denen P und S einen gemeinsamen
Als Agens (A) bezeichnet man das Argument, das Kasus verwenden (den sog. Absolutiv), während
die von einem transitiven Verb bezeichnete Hand- es für A einen separaten Kasus – den Ergativ –
lung verursacht, ausführt oder kontrolliert. Als Pa- gibt. (Man sagt, dass in diesen Sprachen S nach P
tiens (P) bezeichnet man das Argument, das bei ausgerichtet ist.) Ein Beispiel für eine solche Aus-
transitiven Verben die Handlung ›erleidet‹. richtung ist die australische Sprache Dyirbal (Booij
Nominativ-Akkusativsprachen: In den indoeuro- 2007: 193; Dixon 1994: 166 ff.):
päischen Sprachen werden S und A typischerweise
durch die gemeinsame syntaktische Funktion des (16) ƾuma banaga-nyu
Subjekts ausgedrückt; die syntaktische Funktion [Link] zurückkehr-NFUT
des P wird durch das direkte Objekt erfüllt. ›Der Vater (S) kehrte zurück.‹
298
8.2
Die Verschiedenheit der Sprachen
Wortstellungstypologie
299
8.2
Die Verschiedenheit der Sprachen
Wichtige typologische
Parameter
Abb. 3:
1. SOV [497]
2. SVO [435]
Verteilung der Grund- 3. VSO [85]
wortstellungstypen 4. VOS [26]
5. OVS [9]
in einer Stichprobe 6. OSV [4]
von 1228 Sprachen 7. No dominant order [172]
Sprache versteht man die gewöhnliche Anordnung Für SOV-Sprachen ist ein Bündel von Wortstel-
von nicht-pronominalem Subjekt (S), nicht-prono- lungsmerkmalen charakteristisch, die im ersten
minalem Objekt (O) und finiter Verbform (V) in Beispielkasten auf der Seite gegenüber vorgestellt
Haupt- und Aussagesätzen, die nur aus diesen drei werden.
Satzgliedern bestehen. Als gewöhnlich gilt dabei Verberstsprachen: Die Gruppe der Verberst-
die Anordnung, die in einer Sprache am häufigsten sprachen (V1-Sprachen) umfasst die Grundwort-
ist. So ist im Englischen die Reihenfolge OVS zwar stellungstypen VSO und VOS. V1-Sprachen wie
möglich, kommt aber viel seltener vor als SVO: das austronesische Fiji (VSO/VOS), das keniani-
sche Turkana (VSO) oder das mexikanische
(23) John (O) I (V) see (S). Lealao Chinantec (VOS) sind in der Welt viel
seltener als SOV-Sprachen. Das Fiji ist ein Bei-
(24) I (S) see (V) John (O). spiel für eine V1-Sprache, in der die Anordnung
von S und O frei ist. Daher ist im folgenden Satz
Verbreitung der Grundwortstellungstypen: Wie nicht eindeutig, welche Konstituente das Subjekt
Abbildung 3 zeigt, sind die sechs logisch mögli- darstellt (das Klitikum e, das am Satzanfang
chen Wortstellungstypen (SOV, SVO, VSO, VOS, steht und mit dem Subjekt kongruiert, kann den
OSV, OVS) in der Welt nicht gleichermaßen ver- Satz nicht disambiguieren, da ›das Kind‹ und
breitet (Dryer 2011). ›der alte Mann‹ beide in der dritten Person Sin-
SOV-Sprachen wie das nordamerikanische Sla- gular stehen):
ve, das kaukasische Lesgisch oder das papua-neu-
guineische Siroi repräsentieren den in der Welt (26) e rai-ca a gone a qase
häufigsten Wortstellungstyp, der hier anhand des 3SG seh-TRANS ART Kind ART [Link]
Lesgischen veranschaulicht wird (alle Beispiele V S/O S/O
aus Dryer 2007: 61–63): ›der alte Mensch sah das Kind‹ oder ›das Kind sah den alten
Menschen‹
(25) Alfija-di maqѺ ala kxࡏ e-na
Alfija-ERG Artikel schreib-AOR Die Beispiele aus dem Fiji (im unteren Kasten) zei-
S O V gen, dass die Worstellungsmerkmale von V1-Spra-
›Alfija schrieb einen Artikel.‹ chen denen von SOV-Sprachen systematisch entge-
gengesetzt sind (alle Beispiele aus Dryer 2007: 65).
300
8.2
Die Verschiedenheit der Sprachen
Wortstellungstypologie
1. Adverbien der Art und Weise stehen nach dem e vina’a ca’e o Waitabu mai Suva
Verb: 3SG gut mehr ART Waitabu von Suva
Adj M St
bau ’ada va’a-totolo noo ›Waitabu ist besser als Suva.‹
etwas lauf ADV-schnell ASP
›Versuche schneller zu rennen.‹ 5. Unterordnende Konjunktionen stehen am An-
fang von Adverbialsätzen:
2. Als Adpositionen werden Präpositionen ver-
wendet: ni=[u sa [Link] va’a-levu]
wenn=1SG ASP müde ADV-groß
mai Wairi’i ›wenn ich sehr müde bin‹
von Wairi’i
›von Wairi’i‹
a liga-i Jone
ART Hand-POSS John
›Johns Hand‹
301
8.2
Die Verschiedenheit der Sprachen
Wichtige typologische
Parameter
302
8.2
Die Verschiedenheit der Sprachen
Morphologische
Sprachtypen
Zur Vertiefung
Grundwortstellung im Deutschen
Die Charakterisierung der Grundwortstellung im Deutschen ist dadurch erschwert, dass die Stellung der Satz-
glieder relativ frei ist, was das Deutsche letzten Endes zu einem Mischtyp macht (Roelcke 2011: 57). Zieht man
unterschiedliche Satzarten in Betracht, stellt man sogar fest, dass im Deutschen alle sechs logisch möglichen
Stellungsvarianten existieren (s. Kap. 4.5.1).
StellungSatzbeispiel Satzart
SVO Friedrich schreibt Gedichte Aussagesatz
Wer schreibt Gedichte? Fragesatz (Ergänzungsfrage)
OVS Gedichte schreibt Friedrich Aussagesatz (mit Emphase)
Was schreibt Friedrich? Fragesatz (Ergänzungsfrage)
VSO Schreibt Friedrich Gedichte? Fragesatz (Entscheidungsfrage)
VOS Schreibt Gedichte Friedrich? Fragesatz (Entscheidungsphrase mit Emphase)
SOV dass Friedrich Gedichte schreibt (eingeleiteter) Nebensatz
[Friedrich] der Gedichte schreibt Relativsatz (mit Subjektbezug)
OSV [dass] Gedichte Friedrich schreibt Eingeleiteter Nebensatz (mit Emphase)
[Gedichte] die Friedrich schreibt Relativsatz (mit Objektbezug)
Stellung von Subjekt, Objekt und Verb im Deutschen (nach Roelcke 2011: 58)
Bei genauerer Betrachtung der Beispiele fällt allerdings auf, dass die Typen, bei denen das Objekt vor dem Sub-
jekt steht (also OVS, VOS und OSV) der Emphase oder relativ außergewöhnlichen syntaktischen Konstruktionen
(Relativsätzen mit Objektbezug) vorbehalten sind. Interessanterweise sind diese drei Typen auch die, die in der
Welt besonders selten vorkommen (s. Abb. 3).
Wendet man das in der funktionalen Typologie gängige Prinzip an, dem zufolge die Grundwortstellung einer
Sprache durch die gewöhnliche Reihenfolge von S, O und finitem V in nicht-emphatischen Haupt- und Aussage-
sätzen definiert ist, ist das Deutsche als SVO-Sprache zu betrachten.
Es muss jedoch hervorgehoben werden, dass andere Schulen der Linguistik zur Feststellung der Grundwortstel-
lung ganz andere Kriterien anwenden. So gehen einige Modelle der Generativen Grammatik davon aus, dass der
universelle Satzbauplan menschlicher Sprachen ein satzeinleitendes Element (einen Komplementierer) vorsieht.
Sätze, die mit einem solchen Element anfangen – also Nebensätze, die mit einer unterordnenden Konjunktion
eingeleitet werden –, spiegeln diesen Satzbauplan am besten wider; alle anderen Satzarten werden als davon
abgeleitet betrachtet. Da deutsche eingeleitete Nebensätze üblicherweise die Satzgliedfolge SOV aufweisen,
muss diese als die Grundwortstellung betrachtet werden (s. Kap. 4.7.3). Diese Auffassung wird auch unterstützt,
wenn ein weiteres Kriterium angewendet wird, demzufolge die Reihenfolge von O und V in subjektlosen syntak-
tischen Konstruktionen für die Grundwortstellung ausschlaggebend ist. Zu diesen Konstruktionen gehören u. a.
substantivierte Infinitive mit Objekt (Bücher lesen ist Hugo eine Freude) und subjektlose Antworten auf Ergän-
zungsfragen (Was möchtest du tun? Bücher lesen). Solche Konstruktionen zeichnen sich im Deutschen durch die
Reihenfolge OV aus, was erneut für die Grundwortstellung SOV spricht (Roelcke 2011: 59 f.).
stamm (s. Kap. 3.2.3). Der Wortstamm bezeichnet den es im Nominativ Plural nogti nicht aufweist.
den Bestandteil eines Worts, der seine lexikalische Typisch für fusionierende Sprachen ist schließlich
Bedeutung trägt und als Basis zur Bildung flektier- auch die Existenz von Flexionsklassen. Alle
ter Wortformen dient. In fusionierenden Sprachen Wörter, die in einer Sprache nach demselben Mus-
kann sich die Realisierung des Wortstamms unter ter flektiert werden, gehören einer gemeinsamen
dem Einfluss von Flexionsaffixen verändern. So Flexionsklasse an.
erhält das Wort Zahn im Nominativ Plural einen Tabelle 9 macht dies am Beispiel der Deklination
Umlaut (Zähne), und das russische Wort für Nagel einiger russischer Wörter deutlich. Im Russischen
enthält im Nominativ Singular nogot’ einen Vokal, gibt es z. B. keine allgemeinverbindliche Endung,
303
8.2
Die Verschiedenheit der Sprachen
Wichtige typologische
Parameter
304
8.2
Die Verschiedenheit der Sprachen
Morphologische
Sprachtypen
Zur Vertiefung
»[D]iese beiden einfachsten Fälle bezeichnen auch die beiden Hauptgattungen aller Sprache. Alle übrigen Fälle
sind bei näherer Ansicht nur Modifikationen und Nebenarten jener beiden Gattungen; daher dieser Gegensatz
auch das ganze in Rücksicht aus die Mannichfaltigkeit der Wurzeln unermeßliche und unbestimmbare Gebiet
der Sprache umfaßt und völlig erschöpft.« (Schlegel 1808: 45)
Auf dem Kontinuum zwischen diesen beiden Extremen verortet er unter anderem die agglutinierenden Sprachen
und vermutet, dass Sprachen sich diachron entlang des Kontinuums entwickeln (z. B. vom agglutinierenden
zum fusionierenden Sprachtyp).
August Wilhelm Schlegel arbeitete in seinem Werk Observations sur la langue et la littérature provençales
(1818) die Ausführungen seines Bruders Friedrich aus. Wie auch sein Bruder betrachtet er das Sanskrit und
die mit ihm verwandten indoeuropäischen Sprachen als den allen anderen Sprachen überlegenen Sprachtyp.
A. W. Schlegel bezeichnet die indoeuropäischen Sprachen als flektierend und nimmt innerhalb der flektieren-
den Sprachen eine Unterteilung in synthetische (z. B. Sanskrit, Altgriechisch und Latein) und analytische Spra-
chen (z. B. romanische Sprachen und Englisch) vor. Analytische Sprachen unterscheiden sich in seiner Termi-
nologie insofern von synthetischen Sprachen, als sie anstelle gebundener Flexionsformen periphrastische
Konstruktionen verwenden. Das bedeutet, dass grammatikalische Bedeutungen nicht durch Affixe, sondern
durch separate Wörter ausgedrückt werden (z. B. Adpositionen anstelle von Kasusendungen, flektierte Hilfsver-
ben anstelle gebundener Flexionsmorpheme). Ein weiterer Unterschied zu synthetischen Sprachen bestehe in
der Tendenz, syntaktische Beziehungen durch Wortstellung auszudrücken. Im Gegensatz zu isolierenden Spra-
chen – und wie in synthetischen Sprachen – werden Flexionsbedeutungen aber obligatorisch ausgedrückt,
305
8.2
Die Verschiedenheit der Sprachen
Wichtige typologische
Parameter
und zwar durch Formen, die teilweise selbst flektiert werden können (Hilfsverben). Innerhalb der indoeuropäi-
schen Sprachen sind laut A. W. Schlegel die analytischeren Sprachen historisch aus synthetischeren Sprachen
entstanden (z. B. beim Übergang vom Altgriechischen zum Neugriechischen).
Wilhelm von Humboldt fügte in seinem posthum veröffentlichten Werk Über die Verschiedenheit des mensch-
lichen Sprachbaus und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts (1836) den von sei-
nen Vorgängern vorgeschlagenen Sprachtypen den polysynthetischen Typ hinzu. Wie diese vertritt er eine
ganzheitliche (holistische) Typologie – er geht also davon aus, dass der morphologische Typ einer Sprache ein
grundlegender Wesenszug ist, der etwas über die Sprache als Ganzes aussagt.
In Übereinstimmung mit der modernen funktionalen Typologie nimmt Humboldt an, dass alle menschlichen
Sprachen unabhängig von genetischen Verwandtschaftsbeziehungen Ähnlichkeiten aufweisen, die durch außer-
sprachliche Faktoren wie die physiologische Beschaffenheit des Artikulationsapparats determiniert sind:
»Die Formen mehrerer Sprachen können in einer noch allgemeineren Form zusammenkommen, und die Formen
aller thun dies in der That, insofern man überall bloß von dem Allgemeinsten ausgeht: von den Verhältnissen
und Beziehungen der zur Bezeichnung der Begriffe und der zur Redefügung nothwendigen Vorstellungen, von
der Gleichheit der Lautorgane, deren Umfang und Natur nur eine bestimmte Zahl articulirter Laute zuläßt, von
den Beziehungen endlich, welche zwischen einzelnen Consonant- und Vocallauten und gewissen sinnlichen
Eindrücken obwalten, woraus dann Gleichheit der Bezeichnung, ohne Stammverwandtschaft, entspringt. Denn
so wundervoll ist in der Sprache die Individualisirung innerhalb der allgemeinen Übereinstimmung, daß man
ebenso richtig sagen kann, daß das ganze Menschengeschlecht nur Eine Sprache, als daß jeder Mensch eine be-
sondere besitzt.« (von Humboldt 1836: 63)
Der US-amerikanische Ethnologe und Linguist Edward Sapir (1884–1939) schlug in seinem Buch Language:
An Introduction to the Study of Speech (1921) formale Parameter vor, auf deren Grundlage Unterschiede zwi-
schen morphologischen Sprachtypen objektiv erfasst werden können. Zu diesen heute noch gängigen Kriterien
gehören insbesondere der Grad, zu dem die Wörter einer Sprache aus mehreren Morphemen bestehen können
(analytisch-synthetisch-polysynthetisch), und der Grad an Verschmelzung, den ihre Morpheme gegebenenfalls
aufweisen (agglutinierend-fusionierend). Sapir grenzte sich explizit von seinen Vorgängern ab, die von der Über-
legenheit der indoeuropäischen Sprachen ausgingen:
»Es gibt noch einen vierten Grund dafür, daß die Typologie der Sprachen gewöhnlich zu keinem befriedigenden
Ergebnis geführt hat. […]. Es handelt sich um die auf dem Evolutionismus fußende Denkart, die um die Mitte
des vorigen Jahrhunderts ihren Weg in die Geisteswissenschaften fand und die erst heute ihre Herrschaft über
die Geister zu lockern beginnt. Ein anderes Motiv mehr persönlicher Art ebnete diesem aus den Naturwissen-
schaften übernommenen Vorurteil den Weg und verband sich mit ihm. Dies entsprang dem Umstand, daß die
Muttersprache der weitaus meisten Sprachforscher einem ganz bestimmten Typ zugehörte, dessen ausgeprägteste
Varianten Latein und Griechisch waren, zwei Sprachen, die diese Forscher in ihrer Kindheit erlernt hatten. Auf
solche Weise bildete sich in ihnen ganz natürlich die Überzeugung, daß sich in den ihnen so vertrauten Spra-
chen das »Höchsterreichbare« aller bisherigen Sprachentwicklung finde und daß alle anderen Typen nur Stufen
auf dem Weg zur Schaffung des von ihnen so verehrten »flektierenden Typs« seien. Alles was dem im Sanskrit,
im Lateinischen, im Griechischen und im Deutschen vorliegenden Modell entsprach, wurde als Ausdruck des
»Höchsterreichbaren« akzeptiert, alles was davon abwich, wurde mit scheelen Augen angesehen oder bestenfalls
als bemerkenswerte Verirrung zur Kenntnis genommen. Eine aus solchem voreingenommenen Denken und Füh-
len geborene Typologie ist natürlich ohne weiteres als unwissenschaftlich gebrandmarkt. Ein Sprachforscher, für
den der morphologische Typus des Lateinischen den naturgegebenen Höhepunkt jeder möglichen Sprachentwick-
lung darstellt, gleicht dem Zoologen, der die Welt des Organischen als ein riesiges Komplott zur Schaffung des
Rennpferdes oder der Holsteiner Kuh betrachtet. Die Sprache in ihren Urformen ist der symbolische Ausdruck
menschlicher Intuition. Diese Intuition kann hundertfältige Gestalt annehmen, wobei die Art der sich ergebenden
Formen nichts mit dem materiellen Fortschritt oder der materiellen Rückständigkeit der menschlichen Verbände
zu tun hat, die sich ihrer bedienen. Wenn wir daher die Sprache ihrem tiefstinneren Wesen nach verstehen wol-
len, müssen wir uns von allen lieb gewordenen Wertmaßstäben freimachen und uns daran gewöhnen, an Eng-
lisch, Deutsch oder Hottentot mit der gleichen kühlen Objektivität heranzutreten.« (Sapir 1921/1961: 116 ff.)
306
8.3
Die Verschiedenheit der Sprachen
Morphologische
Sprachtypen
Der US-amerikanische Typologe Joseph Harold Greenberg (1915–2001) quantifizierte diese und andere mor-
phologische Parameter in einem wegweisenden Artikel, der als Gründungswerk der quantitativen Typologie gilt
(Greenberg 1960) (s. Tab. 12). Neben verfeinerten Indizes, die den Grad der Ausprägung bestimmter Parameter
in Sprachen messbar und somit vergleichbar machen, sind seither zahlreiche weitere Methoden zur Quantifizie-
rung typologisch relevanter Eigenschaften von Sprachen vorgeschlagen worden. Dazu gehören beispielsweise
Methoden, um Korrelationen zwischen Parametern fassbar zu machen, und Methoden, die es ermöglichen, die
Distanz zwischen Sprachen in Bezug auf ganze Bündel von Parametern zu messen (Cysouw 2005, 2007; Kemp-
gen/Lehfeldt 2000; Maslova 2000).
307
8.3
Die Verschiedenheit der Sprachen
Arealtypologie
(am Beispiel Europas)
ich habe geschrieben, I have written oder Schwe- päischen ›Normalfall‹, dass Sprachen sowohl defi-
disch jag har skrivit. In einer repräsentativen nite (der/die/das, the) als auch indefinite Artikel
Stichprobe von insgesamt 222 Sprachen der Welt, (ein/eine, a/an) haben. Selbst innerhalb Europas
die Dahl und Velupillai (2011) untersucht haben, gibt es schon in den meisten slawischen Sprachen
gab es überhaupt nur in ca. der Hälfte (108 Spra- gar keine Artikel; andere europäische Sprachen
chen) eine Perfektkonstruktion. Diese Perfektkon- haben entweder nur definite (z. B. keltische Spra-
struktionen speisten sich grob aus drei Quellen: chen) oder indefinite Artikel (z. B. Türkisch). Welt-
Quellen für Perfekt- ■ Possessivkonstruktionen mit Verben des Ha- weit sind es weniger als 8 % aus einer Stichprobe
konstruktionen bens (7 von 108 Sprachen = 6,5 % und damit von 400 Sprachen, die sowohl über definite als
lediglich ca. 3 % aller 222 untersuchten Spra- auch indefinite Artikel verfügen.
chen); Europa als Kontinent vs. Europa als Kultur-
■ Konstruktionen mit einem Verb des Aufhörens/ raum: Nach einer weiten, seit den 1990er Jahren
Beendens oder einem Adverb mit der Bedeu- in der Sprachwissenschaft bevorzugten geografi-
tung ›schon‹ (21 von 108 Sprachen = 19,4 %), schen Definition von Europa werden die europäi-
■ anderen Konstruktionen (80 von 108 Sprachen schen Sprachen von ca. 700 Millionen Menschen
= 74 %). in einem Gebiet gesprochen, das im Osten durch
den Ural, das Kaspische Meer und im Süden
Abb. 4: Die Perfektkonstruktionen des ›haben‹-Typs, also durch den Kaukasus, das Schwarze Meer und den
Perfektkonstruktionen der weltweit seltenste Konstruktionstyp eines Per- Bosporus begrenzt ist. Daneben gibt es eine enge-
des ›haben‹-Typs fekts (s. die weißen Punkte in Abb. 4), sind aus- re, bis dahin weithin akzeptierte Definition (Hin-
(aus Dahl/Velupillai 2005: schließlich auf Europa, vor allem das westliche richs 2010), die Europa in erster Linie kulturhis-
280–281/WALS) Europa beschränkt. torisch und -anthropologisch versteht, also als
Eine ähnliche Sonderrolle spielt Europa in Be- einen über viele Jahrhunderte gewachsenen Kul-
zug auf die Verwendung von Relativpronomen turraum, der – grob gesprochen – im Osten mit
zur Einleitung von Relativsätzen, also von flektier- Moskau und im Südosten mit dem Balkan endet.
ten Formen wie welcher/welche/welches oder who/ Während es nach der traditionellen, kulturraum-
whose/whom im Gegensatz z. B. zu (unflektierten) basierten Definition ca. 60 bis 70 indigene Spra-
Relativpartikeln wie engl. that. Diese Option ist chen in Europa gibt, steigt diese Zahl gemäß der
charakteristisch für die geschriebenen (!) Stan- weiten, geografiebasierten Definition auf ca. 120
dardsprachen Europas, ganz besonders Westeu- an. (Schwankungen in den Zahlenangaben haben
ropas, findet sich aber in den Sprachen der Welt mit dem Problem der unklaren, teilweise politi-
nur höchst selten. Ähnliches gilt für den westeuro- scher Willkür unterworfenen oder historischen
308
8.3
Die Verschiedenheit der Sprachen
Arealtypologie
(am Beispiel Europas)
309
8.3
Die Verschiedenheit der Sprachen
Arealtypologie
(am Beispiel Europas)
310
8.3
Die Verschiedenheit der Sprachen
Arealtypologie
(am Beispiel Europas)
bund, der fast ausschließlich auf den schriftsprach- (32) Jana mu go dade pismoto.
lichen Standardvarietäten der (vor allem west- und Jana [Link]. [Link] geb.3SG Brief+[Link] Abb. 5:
zentral-)europäischen Sprachen basiert. na deteto/ na edno dete. SAE-Karte (nach Haspel-
Die Suche nach Belegen für regional beschränk- zu Kind+[Link] zu [Link] Kind math 2001, aus van der
tere Sprachbünde als SAE war hingegen nur teil- ›Jana gab den Brief dem/einem Kind (das ich kannte).‹ Auwera 2011: 296);
weise erfolgreich. Für vermutete Sprachbünde im 9 Merkmale (orange),
Ostsee- und im Mittelmeerraum konnten keine Wichtig ist, dass genetisch eng verwandte Spra- 8 Merkmale (fette Linie),
überzeugenden Belege gefunden werden (vgl. chen außerhalb des Konvergenzareals diese Merk- 7 Merkmale (fett gestri -
Wälchli 2011; Sansó 2011). In beiden Fällen findet male nicht aufweisen, d. h. sie sind durch Sprach- chelte Linie), 6 Merkmale
man lediglich multiple Kontaktüberlagerungszo- kontakt entstanden. Häufig ist die Gesamtheit der (gepunktete Linie)
nen, d. h. paarweise Strukturähnlichkeiten von
unmittelbar benachbarten Sprachen. Das einzige
überzeugende Beispiel für einen kleineren Sprach-
bund innerhalb von Europa ist der Balkan-Sprach-
bund. Ice
Der Balkan-Sprachbund ist zweifellos der am Sam
längsten und besten dokumentierte und im welt-
weiten Vergleich nach wie vor wohl überzeu-
gendste Fall eines sprachlichen Konvergenzareals Nor Rus
(u. a. auch wegen des systematischen Einbezugs Far Fin
der gesprochenen Varietäten, inklusive der Balkan- Swd
Dialekte). Zu den markantesten konstitutiven Ir Dan Lith
Strukturmerkmalen des Balkan-Sprachbunds ge-
hören die drei folgenden: g
Eng Frs Yid
■ nachgestellter definiter Artikel (z. B. Rumänisch Pol
Dut
om-ul ›Mensch-der‹, Albanisch vajz-a ›Mäd- Brt Cz
chen-das‹); Grm
■ Infinitiversatz durch finite Nebensätze (z. B. Fr Ung Rm
Griechisch șel-o na maș-o ›will-ich dass lerne- Frln Rum
Slve
ich ˜ ich will lernen‹ und Bsq Cro Sr
■ die Verdoppelung von direkten und indirekten It Alb Blg
ni
Objekten durch pronominale Klitika, wie in Bei- Spn
spiel (32) aus dem Mazedonischen (Tomić 2011: Srd
314): Grk Trk
Mlt
311
8.3
Die Verschiedenheit der Sprachen
Arealtypologie
(am Beispiel Europas)
312
8.3
Die Verschiedenheit der Sprachen
Arealtypologie
(am Beispiel Europas)
Neugrie-
Balkan-SlawischBalkan-RomanischAlbanisch chisch
MzdBlgRumM-RumArom Total
Kasus und Artikel
1. nachgestellte Artikel + + + + + + – 6
2. Präpositionen zum Ausdruck von Kasusrelationen (Bsp. 33) + + (+) + (+) (+) (+) 3 (4)
Pronominale Klitika
3. Dativ/Akkusativ-Zusammenfall + + (+) – – – + 3 (1)
4. Objektverdoppelung durch pronominale Klitika (Bsp. 32) + + + + + + + 7
Konjunktivkonstruktionen
5. mit Konjunktivmarkern (Bsp. 34) + + + + + + + 7
6. Verben mit Konjunktivmorphologie (Bsp. 34a, 35a) – – + + + + – 4
7. »blanke« (nicht durch Hauptsatz eingeleitete) Konjunktive + + + + + + + 7
(Bsp. 35)
8. mit ›wollen‹ zum Ausdruck des Futurs (Bsp. 36) – (+) (+) – + + – 2 (2)
9. mit ›haben‹ zum Ausdruck des Futurs (Bsp. 37) + + (+) + – (+) – 3 (2)
10. Modus Evidentialis + + – + (+) + – 4 (1)
8 8 (1) 5 (4) 8 6 (2) 7 (2) 4 (1)
Tab. 14: Auftreten ausgewählter grammatischer Balkanismen in den Kernsprachen des Balkan-Sprachbunds (nach Tomić 2011: 320)
(34) (a) Feata lipseaschce (tă) s-neagă. (Arom.) (36) Va s-yin măne. (Arom.)
Mädchen+[Link] soll.3SG [Link] [Link] [Link] [Link]-komm.1SG morgen
›Das Mädchen sollte gehen.‹ ›Ich werde morgen kommen.‹
313
8.3
Die Verschiedenheit der Sprachen
Arealtypologie (am
Beispiel Europas)
Zur Vertiefung
314
8.3
Die Verschiedenheit der Sprachen
Aufgaben
Weiterführende Literatur
Die beiden Standardeinführungswerke in die schen und interaktiven Dokumentation der geo-
Sprachtypologie sind Comrie (1989) und Croft grafischen Verteilung von mehr als 140 Merk-
(2002). Empfehlenswert sind darüber hinaus auch malen und Merkmalskombinationen in den
Whaley (1997) und Song (2001). Handbücher, die bisher erfassten Sprachen der Welt (http://
detailliert über alle Facetten der Sprachtypologie [Link]/),
informieren, sind Song (2011) und Haspelmath et ■ die Website von Ethnologue: Languages of the
al. (2001). Online-Ressourcen, die für jede sprach- World, einem umfassenden Referenzwerk, das
typologisch interessierte Person von größtem Nut- die Sprachen der Welt katalogisiert und auch
zen sein dürften, sind: Statistiken und Karten enthält ([Link]
■ das von der Universität Konstanz beherbergte [Link]/).
Universalienarchiv, das in der Literatur doku- Einen umfassenden Überblick über die europäi-
mentierte Universalien unterschiedlicher Art schen Sprachen aus typologischer und arealtypo-
elektronisch erfasst und mit verschiedenen logischer Sicht gibt das Handbuch von Kortmann
Suchoptionen zugänglich macht ([Link] und van der Auwera (2011). Eine sehr informative
[Link]/archive/intro), Wiki-Website zur vergleichenden europäischen
■ die elektronische Version des World Atlas of Dialektsyntax findet sich hier: [Link]
Language Structures (WALS), einer systemati- [Link]/.
Aufgaben
1. Der Unterschied zwischen kopf- und dependensmarkierenden Konstruktionen existiert nicht nur
auf der Ebene von Phrasen, sondern auch auf der von Sätzen (hier gilt das Verb als der Kopf;
seine Argumente sind die Modifikatoren). Sehen Sie sich die folgenden Beispiele an und klassifi-
zieren Sie! Sind immer eindeutige Zuordnungen möglich?
(b) Abchasisch (Kaukasisch, Georgien) (Song 2001: 199, Nichols 1986: 61)
a-xàc’a a-pƫ°ԥࡽs a-š°q°’ԥࡽ Ø-lԥࡽ-y-te-yt’
der-Mann die-Frau das-Buch es-ihr-er-gab-FINITE
›Der Mann gab der Frau das Buch.‹
2. Hawkins (1983: 84) stellt die folgende implikative Universalie auf: »Wenn in einer Sprache Nomen
vor Demonstrativpronomen stehen, stehen Nomen auch vor Relativsätzen.« Zeichnen Sie eine
tetrachorische Tabelle zu dieser Universalie!
315
8.3
Die Verschiedenheit der Sprachen
Aufgaben
3. Greenberg (1963: 78 f.) stellt die folgende statistische Universalie auf: »In Sprachen mit Präpositio-
nen folgt der Genitiv fast immer dem Bezugsnomen; in Sprachen mit Postposition geht er ihm fast
immer voran.« Zeichnen Sie eine tetrachorische Tabelle zu dieser Universalie. Warum handelt es
sich hier nicht um eine implikative Universalie?
4. Sehen Sie sich die folgenden Beispiele aus dem Dyirbal an (Song 2001: 147). Welcher Faktor spielt
bei der morphosyntaktischen Kodierung der Argumente eine Rolle? Inwiefern ergibt sich dadurch
ein differenzierteres Bild als in 8.2.1 dargestellt? (Denken Sie an den Unterschied zwischen
holistischer und partieller Typologie!)
5. Im Deutschen kann eine Nominalphrase im Nominativ zugleich als Agens eines transitiven Verbs
und als einziges Argument eines intransitiven Verbs fungieren, wie im Satz Der Vater sah den
Jungen und stolperte. Im Dyirbal hingegen kann eine Nominalphrase im Absolutiv zugleich als
Patiens eines transitiven Verbs und als einziges Argument eines intransitiven Verbs fungieren
(Song 2001: 195). Übersetzen Sie die folgenden Sätze (die Reihenfolge der Verben spiegelt auch im
Dyirbal ikonisch die Reihenfolge der Handlung wider):
6. Vergleichen Sie die folgenden Beispielpaare und überlegen Sie, warum sie als Standardbeispiele
für Distanzikonizität gelten.
316
8.3
Die Verschiedenheit der Sprachen
Aufgaben
317
9.1
9.1 | Grundlagen
Die Entstehung von Sprache kann man aus ver- ist mein Bild. Mit solchen komplexen Ausdrücken Die menschliche
schiedenen Perspektiven betrachten: kann man Aussagen über etwas machen; sie gehen Sprachfähigkeit
■ Wie kam der Mensch zur Sprache (Phyloge- über die Symbolfunktion einzelner Wörter hinaus.
nese)? Genauer: Worin besteht eigentlich die Genau hierin liegt aber die entscheidende Qualität
menschliche Sprachfähigkeit? der menschlichen Kommunikation: Menschen tei-
■ Wie erwerben Kinder Sprache (Ontogenese)? len einander etwas mit, und sie machen Aussagen
■ Wie sind die jüngsten Sprachen entstanden über etwas (Prädikation).
(Kreolgenese)? Ontogenese: Beim Erstspracherwerb (Kap. 9.3)
wird das Kind schon in eine kommunizierende und
Die Forschungsliteratur zu jedem dieser Themen sprechende Gemeinschaft hineingeboren und muss
füllt viele Bände; insofern erscheint der Versuch, beim Kommunizieren die Umgebungssprache(n)
sie in einem Kapitel zu behandeln, vermessen. Je- erlernen. Die Untersuchung der Entstehung von
doch haben sie auch einen gemeinsamen Nenner, Sprache im Individuum (Ontogenese, aus griech.
der im Folgenden herausgearbeitet werden soll: on ›das Seiende‹ und génesis ›Geburt‹) gibt uns also
Sie beruhen alle auf der menschlichen Fähigkeit vor allem Aufschluss über die Lernmechanismen
zur Kommunikation und der Fähigkeit zum Ler- und die kognitiven und sozialen Fähigkeiten, die
nen von grammatischen, semantisch-pragmati- Kinder brauchen, um Sprache lernen zu können.
schen und sozialen Strukturen. Kreolsprachen: In der kommunikativen Ausnah-
Phylogenese: Bei der Entstehung von Sprache mesituation, die zur Ausbildung von Pidgin- und
in der menschlichen Phylogenese (aus griech. Kreolsprachen führt (Kap. 9.4), treffen erwachse-
phýlon ›Stamm‹ und génesis ›Ursprung‹) fragen wir ne, schon der Sprache mächtige Menschen aufein-
danach, wie unsere Vorfahren ein Sprachsystem ander, ohne dass es eine gemeinsame Sprache gibt.
entwickelt haben, d. h. nach der Evolution von Hier stellt sich ein zweifaches Problem: Die Er-
Sprache (Kap. 9.2). Dabei mussten Symbole ausge- wachsenen müssen eine Verkehrssprache entwi-
bildet werden, also konventionalisierte Form- ckeln, um überhaupt miteinander kommunizieren
Funktionseinheiten wie etwa das Wort Bild mit der zu können; die Kinder müssen eine Umgebungs-
Bedeutung ›ikonische Darstellung in einem materi- sprache erwerben, die gerade erst im Entstehen
ellen Medium‹. Charakteristisch für das menschli- und daher (noch) nicht konsolidiert ist. Das Kind
che Sprachsystem ist aber mehr: Es erlaubt es, kann also nicht einfach die Umgebungssprache re-
solche Symbole zu verknüpfen, um komplexe Aus- produzieren, sondern muss aus dem heterogenen
drücke zu bilden, wie etwa das rote Bild oder das Sprachinput ein eigenes Sprachsystem schaffen.
319
9.2
Die Entstehung von Sprache
Sprachentstehung
in der Phylogenese
15 Kya
45 Kya
35–40 Kya
50–60 Kya
45 Kya
senschaftlern, Paläontologen, Genetikern, An- gische fitness landscape (also die Reproduktions-
thropologen und anderen zusammenarbeiten, um rate bestimmter Genotypen) beeinflussen kann:
zu einer biologisch und kulturell plausiblen Re- Nicht nur die rein körperliche Stärke, sondern auch
konstruktion der menschlichen Sprachfähigkeit die soziale Kompetenz oder der geschickte Einsatz
zu kommen (vgl. Christiansen/Kirby 2003; Evans/ von kulturellen Artefakten wie Brillen oder Flucht-
Levinson 2009). Im Zentrum unserer Diskussion autos beeinflussen unsere Überlebenschancen ent-
des Sprachursprungs steht daher die Integration scheidend. Levinson (2006) spricht von einer twin
sprachwissenschaftlicher Erkenntnisse in einem track evolution, um die Interaktion von biologi-
interdisziplinären Diskurs. scher und kultureller Evolution zu betonen. Toma-
Die Sprachfähigkeit ist nicht nur das zentrale sello fügt hinzu, dass die kulturelle Tradierung von
Merkmal, das Menschen von anderen Spezies un- Wissen einen Wagenheber-Effekt (ratchet effect)
terscheidet, sie prägt das Miteinander der Men- hat: Die Menschheit kann sich selbst auf höhere
schen auch so nachdrücklich, dass man sich ge- Stufen der Entwicklung hieven (Tomasello 2010).
meinsames Handeln ohne Sprache gar nicht Wir überwinden heute unsere biologischen Gren-
vorstellen kann. Die Erklärung der menschlichen zen mittels vieler kultureller Artefakte von einfa-
Sprachfähigkeit hat also mindestens zwei Kompo- chen Sehhilfen bis hin zu immer schnelleren Fort-
nenten: Die genetisch-biologische Evolution, die bewegungsmitteln. Ebenso dient Sprache heute
die Sprech- und Sprachfähigkeit des Menschen er- nicht mehr nur der direkten Kommunikation, son-
möglicht, und die kulturelle Evolution, die die dern wir können unsere Gedanken in Schrift fixie-
Übermittlung von Symbolsystemen und Wissen ren und auf vielfältige Weise über die Grenzen von
von Mensch zu Mensch ermöglicht. Zeit und Raum hinweg übermitteln.
Die biologische und die kulturelle Evolution in- Gesichertes Wissen: Als gesichert kann aller-
teragieren, weil die kulturelle Evolution die biolo- dings das Folgende gelten:
Definition ■ Die Wiege der Menschheit stand in Afrika. Die
späteren Wanderungen erfolgten immer wieder
➔ Genetische Evolution findet durch Übertragung des Erbguts oder nach einer gewissen Siedlungsstabilität (found-
Mutation statt. Bei biologischen Adaptationen führen Veränderungen er effect) in Schüben (s. Abb. 1).
im Phänotyp zu einer verbesserten Anpassung an die Umgebung. ■ Es gilt jedoch bis heute als weitgehend unge-
➔ Kulturelle Evolution findet durch Übertragung von Information statt, klärt, welche Wanderungsbewegungen der
sei es durch Imitation oder Instruktion. Durch kulturelle Übertragung Menschheit es gab und wie sie mit der Aus-
verfestigen sich Verhaltensweisen in einer Gesellschaft, sie können von prägung der menschlichen Sprache und den
mehreren Individuen ausgeübt und von der nächsten Generation Sprachfamilien korrelieren; dies analysieren
gelernt werden (nach Christiansen/Kirby 2003). Sprachwissenschaftler heute im Zusammen-
schluss mit Genetikern (Hurford/Dediu 2009).
320
9.2
Die Entstehung von Sprache
Sprachentstehung
in der Phylogenese
■ Ein Sprach- oder Sprechgen gibt es nicht. Prä-Adaptationen betreffen vor allem die Entwick-
Stattdessen gibt es extrem komplexe Interaktio- lung der Physiologie und Motorik, die das Spre-
nen von DNA-Sequenzen und Stoffwechselpro- chen, Gebärden und Schreiben möglich machen
zessen und damit nur einen sehr indirekten (s. Vertiefungskasten; für eine ausführliche Dar-
Zusammenhang zwischen Sprache und DNA stellung vgl. Duncker 2011), sowie die Entwick-
(Fisher 2006). lung bestimmter kognitiver Fähigkeiten wie die
■ Sprache ist ein komplexes System, das nicht der Gedächtnisleistung und der Mustererkennung.
auf die Struktureigenschaften reduziert werden Mit Prä-Adaptationen lässt sich erklären, dass Sprache als Adaptation
kann, sondern physiologische, kognitive, und die Sprache zwar ein universales Merkmal der
soziale Aspekte umfasst (Beckner et al. 2009; Menschen ist, aber nicht selbst durch Mutation
Hurford 2008). entstanden, also direkt genetisch spezifiziert ist.
Eine Analogie kann das veranschaulichen: Körper-
Universalgrammatik: Da nur die menschliche Spe- lich normal entwickelte Menschen haben gut be-
zies Sprache ausgebildet hat, liegt die Vermutung
nahe, dass sie auf genetischen Unterschieden zu Zur Vertiefung
anderen Spezies beruht. Diese Hypothese stellte
Noam Chomsky 1959 auf: Er geht davon aus, dass Biologische Prä-Adaptationen für Sprache
Sprache – genauer: die Fähigkeit zur Bildung von Vor etwa 1,5 Millionen Jahren begann ein über-
grammatischen Sätzen – auf einer angeborenen, durchschnittliches Hirnwachstum; dadurch konnten
also genetisch definierten Universalgrammatik be- sich parallel zur Zunahme der Intelligenz der Homi-
ruht. Nur mit dieser Annahme ließe sich erklären, niden auch langsam die neuronalen Voraussetzun-
dass alle menschlichen Sprachen ähnliche Struk- gen für die entstehende Sprachfertigkeit entwickeln
tureigenschaften aufweisen und alle Kinder dieser (vgl. MacNeilage 2008).
Welt in überraschend kurzer Zeit Sprache lernen Vor etwa 100.000 Jahren entwickelten sich die phy-
können (vgl. Chomsky 2011). Aus genetischer Per- siologischen Voraussetzungen der menschlichen
spektive kann der Zusammenhang zwischen Ge- Lautsprache (Johansson 2005: 153). Grundlegend
nom und Sprache jedoch nur ein sehr vermittelter für die Bildung von Vokalen und Konsonanten war
sein: Es ist nicht davon auszugehen, dass be- die veränderte Form des Ansatzrohrs sowie dessen
stimmte Struktureigenschaften von Sprache direkt Flexibilität. Die tief ansetzende Zungenwurzel er-
auf dem Genom kodiert sind (Marcus/Fisher 2011). laubte in Verbindung mit einer engen Stimmritze in
Eine plausiblere Auffassung von der Entstehung einer stark gewölbten Mundhöhle die differenzierte
von Sprache ist, dass sie einerseits auf allgemeinen Artikulation von Lauten.
kognitiven Fähigkeiten zur Mustererkennung und Notwendig für die Lautproduktion war zudem eine
Regelabstraktion beruht, andererseits auf den in genaue neuronale Steuerung der einzelnen Ele-
der menschlichen Spezies besonders ausgeprägten mente, die sich etwa in der allmählichen Vergröße-
sozialen Fähigkeiten (Tomasello 2010). In dieser rung des thorakalen Nervenkanals zeigt. Sie machte
Sichtweise beruht der wesentliche Schritt zur die für das Sprechen (und Singen) wichtige Atem-
Sprache nicht auf einer genetischen Adaptation für kontrolle möglich (Fitch 2009). Ausgehend von der
Sprache, sondern auf der kulturellen Evolution. In Erkenntnis, dass Menschen ebenso wie Säugetiere
diesem Sinne wäre Sprache wie ein sich entwi- für die Vokalisierung Körperteile nutzen, die ur-
ckelnder und diversifizierender Organismus, und sprünglich nur für Ernährung und Atmung entstan-
sprachliche Vielfalt ein Resultat der Ausbreitung den waren, wird auch dem Vorgang des Kauens
kommunikativer Systeme (Evans/Levinson 2009). eine grundlegende Bedeutung als Wegbereiter der
Prä-Adaptationen: Was ist dann aber der Anteil artikulatorischen Kontrolle des Sprechens zugewie-
der biologischen Adaptation an der Entstehung sen (MacNeilage 2008: 91 f.).
von Sprache? Er liegt in den Prä-Adaptationen, Bislang konnte ein Gen identifiziert werden, das in
d. h. biologischen Veränderungen, die nicht an Zusammenhang mit der menschlichen Sprechfähig-
sich zu Anpassungen führen, aber diese möglich keit steht. Eine bestimmte Variante des Fox-P2 Gens
machen. Zum Beispiel sind die biologischen Ver- scheint an der Steuerung der Feinmotorik im Ra-
änderungen im menschlichen Vokaltrakt keine chenraum beteiligt zu sein, so dass bestimmte Mu-
Veränderungen zum Zweck des Sprechens, aber tationen auf diesem Gen zu Sprachstörungen führen
sie machen Sprechen möglich, indem sie differen- können (Fisher 2006; Ramus/Fisher 2009).
ziertere Lautproduktionen erlauben. Biologische
321
9.3
Die Entstehung von Sprache
Sprachentwicklung
beim Kind
Zur Vertiefung
wegliche Hände und benutzen diese zum Essen. der Fähigkeit zum Aufbau von Kategorien (Wissen
Dies beweist aber weder, dass sich die Hände zum über Objekte, Sachverhalte, Ereignisse) ein System
Zwecke des Essens entwickelt haben, noch, dass entwickelt, mit dem wir durch Gesten (Zeichen-
es ein ›Essen mit der Hand‹-Gen gibt, das uns sprache) und/oder Laute (Lautsprache) über Ob-
dazu bringt, mit den Händen zu essen. Ein sol- jekte, Sachverhalte, Ereignisse und vieles mehr
Selektive Vorteile ches universales Verhalten muss überhaupt nicht kommunizieren können (vgl. Bates 1979).
durch Sprache genetisch spezifiziert sein, sondern ist wahr- Wenn man davon ausgeht, dass die biologische
scheinlich einfach die Konsequenz der Tatsache, Evolution dafür sorgte, dass Menschen differen-
dass alle Menschen die gleiche Problemlösungs- ziert artikulieren können, bleibt zu erklären, wie
strategie verfolgen: Sie möchten Nahrung in ihren und wann sie Symbole bildeten (Deacon 1997)
Mund bekommen, und dazu bieten sich im Nor- und warum sie diese zur Kommunikation benutz-
malfall die Hände an. Auf Sprache bezogen heißt ten. Die Frage, welche selektiven Vorteile die
dies: »language is a new machine made out of old Entstehung von Sprache brachte, kann als recht
parts« (Bates/MacWhinney 1988: 147). Menschen gut beantwortet gelten: Sprache ist ein Instrument
haben durch Prä-Adaptationen wie der Fähigkeit des Wissensaustausches und Sprache ist ein Mittel
zum Gestikulieren und zur Lautproduktion sowie zur Pflege sozialer Beziehungen.
322
9.3
Die Entstehung von Sprache
Die Rolle der Umwelt
für den Spracherwerb
der was wie? Spracherwerb ist auch ein Sozialisa- Zur Vertiefung
tionsprozess; Kinder erwerben nicht nur ein
Sprachsystem, sondern sie wachsen auch in eine Sprache als angeborenes Organ?
bestimmte Sprachgemeinschaft hinein. Dabei wer- 1959 läutete Noam Chomsky die ›kognitive Wende‹ in der Sprachwissenschaft
den nicht nur die grammatischen Strukturen und ein: Im Gegensatz zu der zur damaligen Zeit dominanten Schule des amerikani-
der Wortschatz einer Sprache gelernt, sondern schen Strukturalismus forderte er, dass die Sprachwissenschaft nicht nur be-
auch die kulturspezifischen Regeln der Kommuni- schreibend, sondern erklärend sein müsse (Chomsky 1959). Insbesondere müsse
kation und die Weltsicht, die durch eine Sprache sie erklären, wie die menschliche Sprachfähigkeit beschaffen sei; zur Klärung
kodiert wird (s. Kap. 10). Daher stellt sich die Fra- dieser Frage müsse sie sich an naturwissenschaftlichen Verfahren orientieren und
ge, wie die sozial-kommunikative Ontogenese mit Hypothesen testen. Chomsky sieht eine strikte Trennung zwischen der menschli-
der sprachlichen interagiert. chen Sprachfähigkeit und der Kommunikation bei Tieren. Man kann Tieren zwar
Anders als beim Zweitspracherwerb bringt das einen relativ großen Zeichenvorrat beibringen, aber man kann bisher nicht nach-
Kind beim Erstspracherwerb keine eigene Spra- weisen, dass nicht-menschliche Kommunikationssysteme eine formale Komplexi-
che mit, sondern lernt die Umgebungssprache(n). tät erlangen, die über einfache Wortkombinationen hinausgeht. Also scheint vor
Kinder müssen aber natürlich die sprachlichen allem die Syntax das herausragende Merkmal menschlicher Sprachen zu sein,
Strukturen nicht neu entwickeln, mit denen sie insbesondere die Eigenschaft der Rekursivität, die es erlaubt, durch die wieder-
kommunizieren, sondern sie können sich an den holte Anwendung derselben Regeln unendlich viele und unendlich komplexe,
›Lösungen‹ der Sprachgemeinschaft orientieren. aber korrekte Sätze zu bilden (Hauser/Chomsky/Fitch 2002; s. auch Kap. 4.7.2).
Hierfür haben Kinder in der Regel ein sehr unter- Chomsky stellt die Hypothese auf, dass die menschliche Sprachfähigkeit auf ei-
stützendes Umfeld. Sehr kontrovers diskutiert wird ner angeborenen Universalgrammatik (UG) beruht. Er hält diese Hypothese für
hingegen die Frage, welche kognitiven Vorausset- logisch zwingend: Kinder lernen die wesentlichen syntaktischen Strukturen jeder
zungen die Kinder für diesen Lernprozess mitbrin- möglichen Sprache nicht nur innerhalb weniger Jahre, sondern – so Chomsky –
gen müssen: Sind es womöglich schon angeborene fast fehlerfrei und ohne nennenswertes Training und oft auch ohne hinreichende
Strukturen einer Universalgrammatik, die allen Evidenz, weil der Input, den sie aus ihrer sprachlichen Umgebung bekommen,
menschlichen Sprachen zugrunde liegt, wie es nicht ausreichend, widersprüchlich und/oder fehlerhaft ist (Chomsky 2011). Kin-
Noam Chomsky vorschlägt (s. Vertiefungskasten)? der beherrschen grammatische Strukturen, die sie nie gehört haben (fehlende po-
Oder lernt man Sprache, indem man sich an den sitive Evidenz) und machen andererseits erwartbare Fehler nicht, obwohl nie-
kommunikativen Gewohnheiten der Umgebung mand ihnen sagt, dass dies keine möglichen Strukturen sind (fehlende negative
orientiert und im Laufe der Entwicklung die Ähn- Evidenz). Dieses logische Problem des Spracherwerbs lässt sich laut Chomsky
lichkeiten und Unterschiede zwischen verschiede- nur durch die Annahme einer angeborenen Universalgrammatik lösen, die das
nen Äußerungen wahrnimmt und so die Grundka- Kind mit einem spezifischen Vorwissen um mögliche syntaktische Strukturen
tegorien und die Systematik des Systems über menschlicher Sprachen ausstattet. Die sprachspezifischen Setzungen dieser Uni-
Generalisierungsprozesse im Sinne einer Musterer- versalgrammatik werden durch bestimmte Merkmale in den Inputsprachen akti-
kennung und Musteranpassung abstrahiert (vgl. viert (vgl. Eisenbeiß 2009). Alle nicht durch die Universalgrammatik geregelten
Behrens 2009a, b; Hohenberger/Peltzer-Karpf 2009; Aspekte menschlicher Sprachen müssen hingegen gelernt werden (vgl. Am-
Lindner/Hohenberger 2009)? bridge/Lieven 2011).
Diese Möglichkeiten schließen einander auf den
ersten Blick nicht aus, jedoch beruhen sie auf zwei
einander fundamental entgegengesetzten Vorstel-
lungen von Sprache: einerseits der Idee einer auto-
nomen, unabhängig von anderen Aspekten der 9.3.1 | Die Rolle der Umwelt
Kognition lernbaren Syntax, die losgelöst von für den Spracherwerb
Sprachgebrauch und Kommunikation besteht, an-
dererseits einer gebrauchsbasierten Vorstellung Damit Kinder sprechen lernen, müssen sie in einer Das Umfeld
von Sprache, die berücksichtigt, dass wir Sprache kommunizierenden Sprachgemeinschaft aufwach- des Spracherwerbs
zu weit mehr als der Verbalisierung von Gedanken sen. Experimente, in denen man Kinder isoliert
benutzen. Wir können mit Sprache zum Beispiel hat, um so herauszufinden, welche ›Ursprache‹ sie
auch Handlungsanweisungen geben, die Gültigkeit sprechen, endeten in der Regel mit ihrem Tod. Es
von Behauptungen bezweifeln oder abschwächen, sind keine Fälle bekannt, in denen Kinder ohne
uns selbst positionieren oder Andere aus- und ein- Input Sprache gelernt hätten. Insofern ist Sprache
grenzen. kein Instinkt, also eine Eigenschaft oder ein Ver-
halten, das sich in stereotyper Weise bei allen Art-
genossen gleich und weitgehend unabhängig von
323
9.3
Die Entstehung von Sprache
Sprachentwicklung
beim Kind
Umweltfaktoren entwickelt (Tomasello 1995). Ochs 1986, Brown 2003; sowie die Überblicksdar-
Stattdessen lernen Kinder eine oder mehrere von stellungen Lieven 1994; Saxton 2010). Zudem sind
einigen tausend Sprachen in enger Anlehnung an die Selbstaussagen von Eltern über die Art, wie sie
die Konventionen ihrer direkten Umgebung. mit ihren Kindern interagieren, nicht sehr verläss-
Sprachliche Sozialisationsstile: Die sprachliche Sozialisati- lich, sondern spiegeln eher ihre kulturellen Erwar-
Sozialisation on ist kulturspezifisch (Keller 2007, 2011). In westli- tungen als das tatsächliche Verhalten.
chen Gesellschaften wird die Interaktion mit Klein- Sozialisation und Input: Die Frage, wie Sozialisa-
kindern primär über die Fernsinne geführt (Sehen, tionsstil, Sprachangebot und Spracherwerb inter-
Hören); dabei gilt die Aufmerksamkeit oft unge- agieren, steht heute im Zentrum der Forschung. Aus
teilt dem Kind, indem man sich z. B. über das der Tatsache, dass möglicherweise einige Kinder
liegende Baby beugt und mit ihm spricht. Dies nur wenig kindgerichtete Sprache zu hören bekom-
bezeichnet man als distalen Sozialisationsstil men, folgt nicht, dass normale Erwachsenenspra-
(Keller 2011). Ebenso wird in der Erziehung Wert che als Input den gleichen Lerneffekt hat. Saxton
auf die Selbständigkeit und Autonomie gelegt. Im (2010) vergleicht das Sprachangebot mit einem Büf-
proximalen Stil erfolgt die Sozialisation der Klein- fet an Möglichkeiten, von denen wir wissen, dass
kinder hingegen stark über die Nahsinne (Fühlen), sie den Spracherwerb erleichtern. Dabei zeichnet
indem Kinder z. B. am Körper getragen werden, sich in der Forschung ab, dass kindgerichtete Spra-
wodurch nicht immer face-to-face-Kontakt be- che den Spracherwerb etwas beschleunigen kann
steht. Die Interaktion ist eher nicht sprachlich, und beim Erwerb bestimmter Strukturen hilft (Sza-
sondern rhythmisch-vokalisch (z. B. Singen mit gun 2006: 182–189). Gerade in den frühen Stadien
gleichzeitiger motorischer Stimulation durch Wie- des Spracherwerbs (s. u.) findet das Lernen nur in
gen). Der proximale Stil geht oft einher mit dem der direkten Interaktion und in konkreten Hand-
Erziehungsziel der Integration in die Gemeinschaft lungskontexten statt. DeLoache (2004) zeigt, dass
sowie zum Respekt vor Anderen (Keller 2011). Kinder für den Erwerb der allerersten Wörter die
Kindgerichtete Sprache: Im distalen Kommuni- Objekte im wahrsten Sinne des Wortes begreifen
kationsstil passen sich die Erwachsenen häufig be- müssen. Daher lernen sehr kleine Kinder z. B. keine
stimmten Merkmalen der Sprache der Kinder an; Wörter aus dem Fernsehen, selbst wenn sie ihnen
wir verwenden kindgerichtete Sprache (KGS, im in sehr kindgerechter Weise dargeboten werden.
Englischen child directed speech, CDS). Diese An- Auch danach lernen sie besser in direkter Interak-
passungen machen die Sprache leichter wahr- tion (z. B. beim gemeinsamen Lesen von Büchern)
nehmbar und ihre Strukturen leichter erlernbar als durch passiven Medienkonsum. Generell belegt
(vgl. Szagun 2006, Kap. 7): verlangsamte Sprech- die Forschung, dass der Effekt von nicht kontextua-
geschwindigkeit, höhere Tonlage, klarere Ausspra- lisiertem Input (Fernsehen, Radio, Liedtexte, Ge-
che sowie vereinfachte, aber korrekte Sätze. Hinzu spräche im Hintergrund) auf den Spracherwerb in
kommen Wiederholungen oder Erweiterungen der frühen Kindheit marginal ist (vgl. Saxton 2010:
von kindlichen Äußerungen. Das Kind sagt z. B. 87–88; Kirkorian/Wartella/Anderson 2008).
Ball ham! und die Mutter spielt Möchtest du den Minimalinput: Heute wissen wir mehr über die
Ball haben? zurück. Mehrere Studien haben nach- optimierenden Mechanismen des Spracherwerbs
gewiesen, dass Erwachsene sich oft sehr subtil auf als über den unteren Grenzwert, d. h. wir wissen,
den Sprachstand des Kindes einstellen und diese unter welchen Bedingungen Spracherwerb über-
Anpassungen die Sprachentwicklung begünstigen haupt stattfindet und auch, welche Faktoren ihn
(scaffolding; vgl. Hoff 2006; Saxton 2010; Choui- begünstigen. Jedoch wissen wir nicht, wie viel In-
nard/Clark 2003). Jedoch war die Relevanz sol- put minimal nötig ist, um Sprache zu lernen. Die
cher Anpassungen für den Spracherwerb lange meisten Kinder haben – zum Glück! – sehr viel
umstritten, da argumentiert wurde, dass die Er- mehr Input, als sie zum Sprechenlernen brauchen.
wachsenen nicht in allen Kulturen kindgerichtete Ebenso ist erwiesen, dass Kinder nur das verarbei-
Vereinfachungen praktizieren und kindgerichtete ten, wofür sie kognitiv bereit sind. Vygotksy defi-
Sprache somit keine notwendige Bedingung für niert die Zone der proximalen (also im Bereich
den Spracherwerb sein kann. Saxton (2010) relati- des Möglichen liegenden) Entwicklung (zone of
viert diese Einschätzung allerdings: Zurzeit wissen proximal development) als die Distanz zwischen
wir noch vergleichsweise wenig Konkretes über dem, was ein Kind alleine erreichen kann, und
tatsächliches Interaktionsverhalten in verschiede- dem, was es mit Hilfestellung (scaffolding) errei-
nen Kulturen (vgl. aber Ochs 1988; Schieffelin/ chen kann (Vygotsky 1978: 86). Ein Neugeborenes
324
9.3
Die Entstehung von Sprache
Die Rolle der Umwelt
für den Spracherwerb
Verhältnis von Spracherwerb und Input Kinder aus den Sozialhilfefamilien hörten im Beispiel
Durchschnitt 620 Wörter pro Stunde, die der
In einer Langzeitstudie mit 42 US-amerikanischen Akademikerfamilien 2150. Dies heißt, dass die
Familien unterschiedlicher Schichten (Akademi- erste Gruppe bis zum Alter von vier Jahren 10
ker-, Arbeiter- und Sozialhilfe-Haushalte) fanden Millionen Wörter Input hatte, die der Akademi-
Hart/Risley (1995) heraus, dass Qualität und kerkinder jedoch über 30 Millionen Wörter
Quantität des sprachlichen Inputs in den ersten (Hart/Risley 1995: 132). Auch der größere Wort-
drei Lebensjahren der beste Prädiktor für den schatz und die reichhaltigeren Sprachstrukturen
schulischen Erfolg dieser Kinder waren. Anders im Input beeinflussten den Sprachstand der Kin-
ausgedrückt: Kinder, die in den ersten drei Le- der nachhaltig: Hart/Risley stellten nicht nur
bensjahren vergleichsweise geringen und wenig eine hochsignifikante Korrelation im Wortschatz
variablen Input hatten, konnten dies bis zur und den grammatischen Strukturen der Eltern
Schulzeit nicht kompensieren. und ihrer Kinder fest, sondern auch eine Über-
Wie kann man das erklären? Zunächst einmal: nahme des Interaktionsstils: Die Akademiker-
Alle Familien waren fürsorglich in ihrer Kinderer- und Arbeiterkinder hörten mit 13 bis 18 Monaten
ziehung und um das Wohl der Kinder besorgt, vorwiegend affirmative, ermutigende Äußerun-
und alle Kinder lernten sprechen. Jedoch zeigte gen, ihr eigener Sprachgebrauch mit 34 bis 36
sich, dass in den Akademiker-Haushalten nicht Monaten zeigte einen gleichen Anteil an affirma-
nur weit mehr mit den Kindern gesprochen tiven Äußerungen (s. Tab. 1). Anders bei den
wurde, sondern typischerweise auch anders: Die Kindern aus den Familien, die von der Sozialhilfe
Sätze in den Familien, die von Sozialhilfe lebten, lebten: Sie hörten vorwiegend negative, verbie-
waren oft kurz und direktiv. Dies ging mit wenig tende Äußerungen, und zeigten später selbst die-
Varianz im Wortschatz und eher einfachen syn- sen Redestil.
taktischen Strukturen einher. Dagegen war der Wie oben angedeutet, korrelieren ermutigende
Interaktionsstil in den Akademikerfamilien häufi- und entmutigende Elternäußerungen mit der
ger argumentierend und begründend. Dies korre- Komplexität der Sprache: Ermutigende Äußerun-
lierte wiederum mit einem größeren Wortschatz gen waren oft begründend (enthielten also z. B.
und unterschiedlicheren und komplexeren Satz- Nebensätze) und zeichneten sich durch eine grö-
strukturen. ßere Differenziertheit in der Wortwahl aus. Ent-
Besonders beeindruckend ist, dass sich in der mutigende Äußerungen waren hingegen oft kurz
Tab. 1:
Studie der Effekt dieser qualitativen und quanti- und knapp, imperativisch, und zeigten insgesamt
Frequenz verschiedener
tativen Unterschiede sogar berechnen ließ: Die weniger lexikalische Varianz.
sprachlicher Handlungen
pro Stunde und pro Jahr
Gruppe Ermutigungen/Bestätigungen Entmutigungen/Verbote
(bei angenommenen 5200
Pro Stunde Pro Jahr Pro Stunde Pro Jahr Stunden Kommunikation
Akademiker 32 166.000 5 26.000 pro Jahr) in verschiedenen
Arbeiter 12 62.000 7 36.000 US-amerikanischen
Schichten (nach Hart/
Sozialhilfe 5 26.000 11 57.000
Risley 1995, 132).
wird kein Passiv erwerben, auch wenn es 100 Bei- zeiteffekt der Quantität und Qualität der Umge-
spiele pro Stunde hört. Ein Kind, das die Grund- bungssprache eindeutig nachweisbar.
strukturen der Verbflexion und Zeitformen wie Die Studie von Hart/Risley (s. Beispiel) und
z. B. das Perfekt gemeistert hat und ›bereit‹ für das weitere Studien belegen also eindrucksvoll den
Passiv ist, braucht hingegen nur sehr wenige Bei- Effekt des Sprachangebots auf den Spracherwerb
spiele, um es zu lernen (vgl. Abbot-Smith/Beh- (vgl. z. B. Huttenlocher 1998; Huttenlocher/
rens 2006). Vasilyeva/Cymerman/Levine 2002; Rowe 2008).
Langzeiteffekte: Während zurzeit noch unklar Eine spracharme Umgebung in der Familie ist
ist, wie viel Input ein Kind minimal braucht, um dem Spracherwerb abträglich. Umfangreiche
Erwerbsprozesse in Gang zu setzen, ist der Lang- Frühförderung kann dennoch Abhilfe schaffen:
325
9.3
Die Entstehung von Sprache
Sprachentwicklung
beim Kind
Hart/Risley (1995: 205) extrapolieren, dass Kin- ■ Joint attention, die ›kognitive Revolution‹ im
der in Sozialhilfefamilien 41 Stunden pro Woche Alter von ca. 8–9 Monaten. Das Kind richtet nun
außerhäuslicher Spracherfahrung bedürften, um seine Aufmerksamkeit gezielt auf Dinge, denen
auf das gleiche Maß an Spracherfahrung zu kom- sich auch der Interaktionspartner zuwendet. Dies
men wie die Kinder aus der Arbeiterschicht. zeigt sich z. B. daran, dass das Kind der Blickrich-
tung des Kommunikationspartners oder seinen
(Zeige-)Gesten folgt (Tomasello/Carpenter 2011).
■ Intentionen erkennen: Im Alter von 1–3 Jah-
9.3.2 | Der Verlauf des ungestörten ren lernen Kinder, die Intention anderer Sprecher
Spracherwerbs zu erkennen, und damit intendierte Handlungen
von ›Unfällen‹ zu unterscheiden. Kinder reagieren
Die wesentlichen Stadien des Spracherwerbs las- z. B. unterschiedlich, je nachdem, ob der andere
sen sich relativ einfach zusammenfassen: Kinder ihre Wünsche (z. B. Essen oder Spielzeug geben)
sprechen zunächst in einzelnen Wörtern und klei- nicht erfüllen kann oder nicht erfüllen will (Toma-
nen kurzen Phrasen und lernen dann, diese Wör- sello/Rakoczy 2003; Rakoczy/Tomasello 2008).
ter zu Zwei- und Mehrwortäußerungen zusam- ■ Theory of Mind: Mit ca. 4 Jahren entwickeln die
menzusetzen. Kinder eine Theory of Mind des Gesprächspartners
(Röska-Hardy 2011). Sie erkennen, dass andere
Menschen eigene Bewusstseinszustände haben.
Vorsprachliche Phase
Damit einher geht die Fähigkeit zur Perspektiven-
Stadien des Spracherwerbs Noch bevor Kinder die ersten Wörter produzieren übernahme. Der klassische Test dafür ist der soge-
(was typischerweise mit 12 bis 18 Monaten ge- nannte false belief test: Zwei Puppen, Molly und
schieht), lernen sie zu artikulieren, angefangen Sally, spielen und legen das Bonbon in einen von
mit Gurrlauten über Konsonant-Vokal-Silbenredu- zwei Körben mit Deckeln. Sally geht hinaus, und
plikationen (gagagaga, dadada) bis hin zu kom- währenddessen legt Molly das Bonbon in den ande-
plexeren Lautclustern (Klann-Delius 2008; Szagun ren Korb. Sally kommt zurück, und das Kind wird
2006). Ebenso durchlaufen Kinder in dieser Zeit gefragt, wo Sally das Bonbon wohl suchen wird?
schon wichtige Phasen der Entwicklung des Kinder, die bereits zur Perspektivenübernahme fä-
Sprachverstehens: Sie lernen die prosodischen und hig sind, zeigen auf den ersten Korb, da sie wissen,
phonetischen Muster ihrer Muttersprache(n), so dass Sally ja nicht wissen kann, dass sich das Bon-
dass sie Wörter oder kleine Phrasen im Schall- bon mittlerweile im anderen Korb befindet. Jüngere
strom wiedererkennen können (Höhle 2005). Und Kinder zeigen hingegen auf den zweiten Korb, da
schließlich lernen sie viel über die Welt: nicht nur sie selbst wissen, dass das Bonbon nun im zweiten
über Objekte, sondern auch über Ereignisse und Korb ist. Sie lösen die Aufgabe also aus ihrer eige-
deren Abfolgen, wie z.B. Routinen beim Anklei- nen Perspektive, nicht aus der Sallys.
den, Essen, ins Bett gehen.
Wortschatzerwerb Damit sind die drei Voraussetzungen gegeben,
Wortschatzerwerb
um Wörter zu lernen:
■ Lautformen können aus dem Schallstrom seg- Das Lernen von Wortbedeutungen lässt sich nicht
mentiert werden. durch einfache Assoziation zwischen den Dingen
■ Lautformen können mit einem Inhalt assoziiert und ihren Namen erklären, sondern setzt pragmati-
werden. sche Fähigkeiten voraus. Naiv könnte man denken,
■ Das Kind versteht, dass andere Menschen Wör- dass man Kindern Wörter beibringen könnte, in-
ter benutzen, um auf etwas zu referieren oder dem man z. B. auf eine Tasse zeigt und Tasse sagt
um etwas zu erreichen. Das Erkennen der In- (ostentatives oder zeigendes Lernen). Aber Zeigen
tention hinter einer Äußerung ist Vorausset- allein reicht nicht, um herauszufinden, auf welchen
zung für das Lernen der Wortbedeutung. Aspekt des Objekts oder der Situation die Zeigeges-
te gemünzt ist. Tomasello (2009) schildert eine Sze-
Der erfolgreiche Verlauf des Spracherwerbs hängt ne, in der zwei Freunde an einer Bibliothek vorbei-
davon ab, dass das Kind bestimmte Meilensteine gehen und einer auf ein Fahrrad zeigt. Was diese
in der Entwicklung der sozialen Kognition meis- Zeigegeste bedeutet, hängt von dem geteilten Vor-
tert, nämlich: wissen dieser Freunde ab: Sie kann bedeuten, dass
dort ein hübsches Fahrrad steht oder dass es genau
326
9.3
Die Entstehung von Sprache
Der Verlauf
des ungestörten
Spracherwerbs
Wortschatzlernen durch Erkennen der Intention Wort toma nie zusammen mit dem intendierten Beispiel
Gegenstand gehört, denn der war zum Zeitpunkt
In dem Experiment von Tomasello/Barton (1994) der Äußerung in einem verschlossenen Behälter.
bekamen die Kinder die Anweisung: let’s go find Sie haben das neue Wort auch nicht einfach mit
the toma! Toma ist ein erfundenes Wort (nonce dem erstbesten Gegenstand assoziiert, denn
word), das Kind kann also nicht wissen, was es dann hätten sie systematisch auf den Gegenstand
bedeutet. Eine Versuchsleiterin schaute nun in aus dem ersten Behälter zeigen müssen. Die kor-
fünf verschiedene Behälter und machte viermal rekte Zuordnung des neuen Wortes zum gemein-
ein enttäuschtes, aber einmal ein erfreutes Ge- ten Gegenstand lässt sich also nur aus dem Er-
sicht, ohne etwas zu sagen. Eine zweite Ver- kennen der Intention der ersten Versuchsleiterin
suchsleiterin kam herein und bat die Kinder, ihr erklären: Die Kinder haben den Sinn der Aktion
das toma zu zeigen – und die Kinder zeigten das verstanden (›Toma finden‹), und sie haben an-
Objekt, bei dem die erste Versuchsleiterin ein er- hand der Reaktion der ersten Versuchsleiterin er-
freutes Gesicht gemacht hatte. Die sozial-kogni- kannt, welches der fünf Objekte wohl das toma
tive Leistung ist komplex: Die Kinder haben das sein muss.
das Fahrradmodell ist, das der Zeigende sich schon bedeuten muss, auch wenn es im Kontext einer
lange wünscht, oder das, das ihm gestern gestohlen Tasse geäußert wird.
wurde, oder auch das seiner Ex-Freundin, der er auf Wortgeburten: Die ersten Wörter von Kindern
keinen Fall begegnen möchte. Damit die Zeigegeste sind an konkrete Handlungskontexte gebunden
richtig interpretiert werden kann, muss der Zeigen- (s. Beispiel S. 328).
de wissen, dass der Freund weiß, was es mit genau Roy und sein Team belegten durch ihre Studie Sozial-pragmatische
diesem Fahrrad auf sich hat (common ground). die Annahme von Entwicklungspsychologen wie Erwerbsprozesse
Wörter lernen durch Erkennen der Intention: Bruner (1987), dass das Wortlernen durch Hand-
Ein Experiment von Tomasello/Barton (1994) lungsroutinen (sog. scripts, nach Schank/Abelson
zeigt, wie das Lernen von Wörtern schon bei 1977) unterstützt wird (Roy/Frank/Roy 2012). Sol-
Zweijährigen funktioniert, ohne dass man auf den che scripts erlauben Kindern, Ereignisse zu segmen-
Gegenstand zeigt oder gemeinsam auf ihn schauen tieren und die entsprechenden Komponenten mit
muss. Kinder in diesem Alter können neue Wort- Wörtern oder Phrasen zu verbinden. Das Hand-
formen mit Bedeutungen assoziieren, wenn sie lungsskript des Essens beinhaltet z. B. nicht nur die
die Intention des Sprechers erschließen können Komponenten und Abfolgen der Mahlzeit, sondern
(s. Beispiel oben). auch Verhaltensnormen wie ordentlich am Tisch zu
Weitere Prinzipien: Clark (1993) formuliert sitzen. Aufgrund dieser Assoziationen geht das kon-
zwei weitere sozial-pragmatische Prinzipien des zeptuelle Wissen von Kindern oft weit über die ei-
Wortlernens: gentliche Wortbedeutung hinaus; gleichzeitig weiß
■ Das Prinzip des Kontrasts: Jeder Unterschied das Kind sicher noch nicht alles, was man im Sinne
in der Form wird vom Kind als Unterschied in einer erwachsenensprachlichen Bedeutung mit die-
der Bedeutung interpretiert (ebd.: 69). sem Wort verbinden würde. Die weitere Wortschatz-
■ Das Prinzip der Konventionalität: Wenn es für entwicklung besteht also auch aus einer Feinanpas-
eine bestimmte Bedeutung einen konventiona- sung des mentalen Lexikons: Wortbedeutungen
lisierten Ausdruck gibt, geht das Kind davon werden differenziert und Wörter in ein semanti-
aus, dass die Sprecher ihn benutzen, um Miss- sches Netzwerk integriert (Clark 1993).
verständnisse zu vermeiden (ebd.: 67). Lexikalische Entwicklung und die Zusammenset-
zung des kindlichen Wortschatzes: Es gibt große in-
Die Prinzipien des Kontrasts und der Konventiona- dividuelle Unterschiede beim Auftreten des ersten
lität bedingen einander. Ohne Konventionalität Wortes; die meisten Kinder erwerben es zwischen
wäre jede Bezeichnung willkürlich. Ohne Kontrast dem ersten und zweiten Geburtstag. (Nach dem
ließe sich hingegen die Ausdifferenzierung des zweiten Geburtstag werden Kinder oft, wenn auch
Wortschatzes nicht erklären. Wenn das Kind be- nicht immer zu Recht, als late talker klassifiziert.)
reits weiß, dass die ganze Tasse Tasse heißt, geht Typischerweise erfolgt der Erwerb der nächsten
es davon aus, dass das Wort Henkel etwas anderes Wörter eher langsam; es dauert oft mehrere Monate,
327
9.3
Die Entstehung von Sprache
Sprachentwicklung
beim Kind
bis Kinder einen aktiven Wortschatz von ca. 50 Mondsichel entsprechend) als Mond bezeichnet
Wörtern haben. Oft schließt sich daran ein soge- (Szagun 2006, Kap. 6; Kauschke 2012, Kap. 5.3).
nannter Vokabelspurt an: Nachdem Kinder die
Funktion und den Nutzen von Wörtern begriffen
Erwerb der Grammatik
haben, lernen sie schnell weitere hinzu. Szagun/
Stumper/Schramm (2009) geben eine detaillierte Zum Grammatikerwerb gehört vor allem
empirische und theoretische Analyse der Gemein- ■ der Erwerb der Syntax, also der Wortstellung
samkeiten und der individuellen Unterschiede im und der Regeln der Verknüpfung von Wörtern
Grammatikerwerb Wortschatz- und frühen Grammatikerwerb und be- zu syntaktischen Einheiten;
legen die große Bandbreite der normalen frühen ■ der Erwerb der Morphologie, der sowohl den
Sprachentwicklung im Deutschen. Die semanti- Aufbau der Paradigmen als auch die Funktion
schen Gruppen, in die sich die neu erworbenen der Morpheme (im Deutschen vor allem Kasus,
Wörter zusammenfassen lassen, spiegeln den Alltag Numerus, Genus, Tempus, Modus) umfasst.
der Kinder wider: Zu Objektbezeichnungen (No-
men) kommen Ausdrücke für Aktivitäten und Ereig- In diesem Abschnitt konzentrieren wir uns auf die
nisse (Verben wie gehen oder auch Verbpartikeln Verben, da sie im Deutschen eine besonders interes-
wie auf oder hoch, um den entsprechenden Zustand sante Schnittstelle zwischen Morphologie und Syn-
herbeizuführen). Eine wichtige Rolle spielt auch die tax darstellen. Wir können im Deutschen finite und
relativ große Gruppe sozial-pragmatischer Ausdrü- nicht finite Verbformen unterscheiden: Finite Verben
cke wie hallo oder tschüss (Kauschke 1999, 2012). kongruieren nach Person und Numerus mit dem
Über- und Untergeneralisierungen: Der Erwerb Subjekt und werden für Tempus flektiert (ich ma-
eines Worts verlangt nicht nur eine erste Zuord- ch-e, du mach-st, sie mach-te-n), während nicht-fini-
nung von Form und Funktion, sondern auch das te Verbformen wie Infinitiv und Partizip diese Infor-
sukzessive Lernen des richtigen Bedeutungsum- mation nicht tragen (du sollst machen, du hast das
fangs eines Wortes. Hierbei kann es zu Unter- wie gemacht). Solch ein morphologisches System ist
auch Übergeneralisierungen kommen. Untergene- nicht ungewöhnlich, es findet sich in allen germa-
ralisierung bedeutet z. B., dass nur der Hund des nischen Sprachen in unterschiedlicher Komplexi-
Nachbarn als Wauwau bezeichnet wird, bei einer tät. Jedoch zeigt das Deutsche, ebenso wie z. B.
Übergeneralisierung hingegen wird die Wortbe- das Niederländische und das auf dem Niederländi-
deutung zu weit gefasst, oft auf Basis eines per- schen beruhende, in Südafrika gesprochene Afri-
zeptuellen Merkmals. Zum Beispiel werden alle kaans, einen Verbzweit-Effekt, der sich in der sog.
runden (Mond, Ball, Zitrone) oder halbmondför- Satzklammer niederschlägt: Finite und nicht-finite
migen Objekte (Horn einer Kuh, der Form der Formen stehen an unterschiedlichen Positionen im
328
9.3
Die Entstehung von Sprache
Der Verlauf
des ungestörten
Spracherwerbs
Satz (s. Kap. 4.5.1). In Hauptsätzen stehen finite Ver- Zur Vertiefung
ben je nach Satzmodus (Frage- oder Aussagesatz) an
der ersten oder zweiten Stelle, im Nebensatz jedoch Datenquellen in der Spracherwerbsforschung
am Ende. Nicht-finite Formen stehen im Hauptsatz Spracherwerbsforschung wird sowohl durch die Analyse von Korpora als auch ex-
final, im Nebensatz im Deutschen präfinal. perimentell betrieben. Bei den Korpusuntersuchungen lassen sich Längsschnitt-
Die Beziehung zwischen Verbflexion und Wort- studien von Querschnittstudien unterscheiden (longitudinal bzw. cross-sectional):
stellung ist im Deutschen sehr systematisch und In Längsschnittstudien wird die Sprachentwicklung von Kindern regelmäßig er-
regelhaft, jedoch für Lerner sehr schwierig zu fasst, sei es in Form von Tagebuchaufzeichnungen oder Ton- und Videoaufnah-
durchschauen, insbesondere wegen der oft großen men (Behrens 2008b). Die Erhebung von Längsschnittdaten ist sehr aufwändig,
Distanz zwischen dem finiten und nicht-finiten daher werden meist nur einzelne oder wenige Kinder beobachtet. Jedoch bieten
Verbteil im Hauptsatz. Viele Zweitsprachlerner des diese Daten eine gute Übersicht über den allgemeinen Spracherwerb und seine
Deutschen, aber auch sprachgestörte Kinder, ha- Entwicklung. In Querschnittstudien werden größere Kohorten von Kindern unter-
ben Mühe, diese Strukturen zu erlernen. Hingegen sucht, um z. B. den Wortschatz von Zwei-, Drei- und Vierjährigen zu analysieren.
meistern deutsche Kinder sie mühelos: Sie machen Solche Analysen können durch die Auswertung von natürlichen Daten geschehen
fast keine Fehler in der Zuordnung von Wortstel- (man nimmt die Kinder im freien Spiel oder beim Erzählen auf) oder auch durch
lung zu Verbflexion. Finite Verben stehen bei ih- gezielte Elizitation bzw. standardisierte Elternfragebögen (z. B. Szagun/Stumper/
nen – sofern man es bei den sehr kurzen Sätzen Schramm 2009). Der Vorteil von Querschnittstudien liegt darin, größere Gruppen
überhaupt sagen kann – in der Regel in der linken von Kindern unter vergleichbaren Bedingungen untersuchen zu können, um so
Satzklammer, infinite Verben (Infinitive, Partizipi- z. B. typische Erwerbssequenzen von atypischen oder verzögerten Entwicklungs-
en) am Satzende (vgl. Tracy 2007). verläufen abgrenzen zu können. Dazu werden Kinder nach Alter, Sprachstand
Erwerb der deutschen Verbstellungsregeln: Der und anderen Faktoren wie Schicht und Geschlecht verglichen.
Erwerb der Finitheit und der Wortstellung ist sehr In Experimenten kann man das sprachliche Wissen von Kindern sowohl in der
gut untersucht und sehr stabil (z. B. Behrens 1993; Sprachproduktion als auch im Sprachverstehen sehr gezielt überprüfen und so
Szagun 2006; Tracy 2007). Der Entwicklungsver- spezifische Hypothesen testen (Blom/Unsworth 2011).
lauf wird im Folgenden anhand der Längsschnitt-
daten von Simone illustriert, die Max Miller in den
1970er Jahren erhoben hat (Miller 1976); die Da-
ten wurden von Behrens (1993) ausgewertet. Die Allerdings ist nicht immer deutlich, ob es sich Erwerb des Verbalsystems
zitierten Beispiele sind in der CHILDES-Datenbank wirklich um finite Verbformen handelt, da oft das im Deutschen
zugänglich ([Link] Die Al- Subjekt ausgelassen wird und sowohl die Infinitive
tersangaben folgen dem Format JJ;[Link], nicht als auch viele Präsensformen auf -en enden (bei
gesprochene Elemente sind zur Verdeutlichung in Simone oft dialektal als -e realisiert). Wenn wir
runden Klammern ergänzt. dennoch unterstellen, dass die Formen finit sind,
Nicht-finite Phase: Fast alle Verbformen sind so beruht dies auf einer Interpretation der Intenti-
infinit und stehen meist in finaler Position (sofern on des Kindes und auf der Systematik in der Wort-
sie in Mehrwortsequenzen auftauchen). stellung, weil z. B. das Negationselement nicht im
Deutschen dem finiten Verb folgt.
(1) (Simone 1;9.11) Teller ham.
(7) (Simone 1;10.20) stecke Bauch.
(2) (Simone 1;9.11) mehr streiche.
(8) (Simone 1;10.20) passe nich.
(3) (Simone 1;10.20) (ka)putt dedange (›gegangen‹) Schaukel.
Erwerb der mehrteiligen Verben: Bereits wenige
Erwerb finiter Verbformen: Es gibt zunächst we- Wochen nach den ersten finiten Verbformen tau-
nige, aber dann stetig mehr finite Verbformen, die chen mehrteilige Verben auf (getrennte Partikel-
an der richtigen Position (V1 oder V2) stehen, so- verben oder – etwas später – modale Infinitive und
fern überhaupt Elemente folgen. das Perfekt).
(4) (Simone 1;10.20) geht nicht des. (9) (Simone 1;11.23) is Haus bebaub (›gebaut‹).
(5) (Simone 1;10.21) Mone (sch)läft. Im Laufe der Entwicklung werden immer mehr
grammatikalische Relationen overt (also durch
(6) (Simone 1;10.21) Elefant (sch)läft. grammatische Morpheme) kodiert, jedoch erset-
329
9.3
Die Entstehung von Sprache
Sprachentwicklung
beim Kind
zen sie die früheren Formen nicht komplett. Statt- ler Vollverben im Input Modalverb- oder Perfekt-
dessen finden sich in jedem Stadium der Entwick- strukturen (Behrens 2006). Hier stehen die nicht-
lung wenige komplexere Äußerungen neben vielen finiten Infinitive und Partizipien in der Regel am
gut beherrschten einfacheren Strukturen (Behrens Ende:
2006).
(12) Das kannst du alleine machen.
(10) (Simone 2;2.18)
Junge aua (ge)macht hat. (13) Willst du deinen Schnuller haben?
(11) (Simone 2;2.18) (14) Wer hat die Schaukel kaputt gemacht?
Simone will auch gucke.
Auffällig ist, dass die eigentliche Satzaussage sich
Die in den ersten fünf Monaten ihrer Entwicklung in betonter Position am Ende des Satzes befindet,
typischen Verbformen zeigen, dass Simone viele also in sehr salienter Stellung. Geht man davon
Aspekte des Deutschen zu lernen beginnt und sich aus, dass Kinder über einen kleinen Arbeitsspei-
in ihrer Grammatik relativ schnell typische Wort- cher verfügen, sind es die letzten Elemente im
stellungsmuster stabilisieren. Dies ist gemeint, Satz, die am besten ›hängen bleiben‹. Es ist also
wenn man liest, Kinder erwerben Sprache schnell schon aus wahrnehmungspsychologischen Grün-
und fehlerfrei: Teller ham, stecke Bauch oder mehr den sehr wahrscheinlich, dass im Deutschen (und
streiche sind nicht wirklich korrekt im Sinne einer Niederländischen) infinite Kinderäußerungen wie
normativen Erwachsenengrammatik, jedoch re- (al)leine machen, Schnuller haben, Schaukel (ka-)
präsentieren sie ein basales Regelsystem. Kinder putt (g)emacht typisch sind (Wijnen/Kempen/Gil-
machen also weniger Fehler, als sie theoretisch lis 2001).
machen könnten: Ein Satz wie du gehen Schule ist Inputmuster: Dass die Inputmuster bestim-
typisch für Zweitsprachlerner des Deutschen, aber mend sind, zeigt sich auch daran, dass der oben
nicht für Kinder im Erstspracherwerb. skizzierte Erwerbsverlauf nur für Vollverben gilt,
Generalisierung Angeborene Regeln oder Generalisierung über und auch hier nur für einige: nämlich solche, die
sprachlicher Regeln Inputdaten? Dass Kinder viele Fehler nicht ma- Aktivitäten (machen, laufen) und Resultate (ka-
chen, die sie theoretisch machen könnten, wurde puttmachen, fallen) bezeichnen. Zustandsverben
als Indiz dafür gesehen, dass sie über eine angebo- wie lieben, wissen, sitzen treten bei Kindern wie
rene Universalgrammatik verfügen. Sie bewahrt Erwachsenen fast ausschließlich finit auf. Ebenso
sie davor, unsinnige Annahmen über das Sprach- werden Kopula und Modalverben von Anfang an
system zu machen, denn die Kinder verfügen ja in im Präsens oder Präteritum, also finit verwendet
den durch die Universalgrammatik geregelten Be- (Behrens 1993).
reichen der Grammatik über die gleiche Kompe- Diese funktionale Trennung zwischen finiten
tenz wie Erwachsene. Die Universalgrammatik und nicht-finiten Formen gilt selbst bei Bedeu-
würde also auch ohne Lernen dafür sorgen, dass tungsvariation desselben Verbs. Im Deutschen kann
sich z. B. die Verben in den richtigen Positionen gehen z. B. ›funktionieren‹ bedeuten (das geht
befinden (Tracy 2007: 80–81). Die Abweichungen nicht). In dieser Funktion tritt es bei Erwachsenen
von der Erwachsenensprache ergeben sich nach und Kindern vor allem finit auf, während gehen als
dieser Auffassung lediglich dadurch, dass die Akti- Bewegungsverb sowohl finit als auch infinit vor-
vierung der Universalgrammatik komplex ist und kommen kann (ich gehe nach Hause; willst du weg-
in Schritten verläuft (Eisenbeiß 2009) und dass gehen?). Anhand detaillierter Korpusanalysen lässt
einzelsprachliche Details wie der Wortschatz ge- sich zeigen, dass deutsche, niederländische und
lernt werden müssen. englische Kinder nicht nur die dominanten Muster
Doch eine genauere Betrachtung der Erwerbs- in der Verwendungsweise dieses vielschichtigen
daten erlaubt eine viel einfachere Erklärung: Die Verbs lernen, sondern auch sehr genau die typi-
ersten Äußerungen von Kindern sind kurz und we- schen morphosyntaktischen Gebrauchsmuster für
nig komplex, d. h. die Chance, überhaupt gravie- die einzelnen Verbbedeutungen und Flexionsfor-
rende Grammatikfehler zu machen, ist relativ men aus dem Input aufgreifen (Behrens 2003;
klein. Zudem folgen die beobachtbaren Entwick- Theakston/Lieven/Pine/Rowland 2002).
lungssequenzen dem, was wir auf Basis des Inputs Frequenzeffekte: Die Studien zum Erwerb der
erwarten würden. Im Deutschen sind ca. 35 % al- Verbflexion und der Wortstellung im Deutschen
330
9.3
Die Entstehung von Sprache
Generalisierung von
sprachlichem Wissen
Tomasello (1992) prägte die Metapher der Inseln: 9.3.3 | Generalisierung von sprachlichem
Kinder produzieren kleine formelhafte Muster, ge- Wissen
neralisieren diese aber zunächst nicht auf neue
Kontexte. Frühe Mehrwortäußerungen sind also so Usage-based theories: Will man den Spracher-
isoliert wie Inseln, zwischen denen keine Verbin- werb ohne die Annahme von angeborenen Regeln
dungen bestehen. Wenn Kinder z. B. ein transitives erklären, müssen diese aus dem Input, der sprach-
Verb mit Objekt verwenden (Ball treten), heißt das lichen Erfahrung, abstrahiert werden. In sogenann-
nicht, dass sie alle möglichen Verben mit allen ten gebrauchsbasierten Theorien des Spracher-
331
9.4
Die Entstehung von Sprache
Die Entstehung von
Pidgins und Kreolsprachen
werbs (usage-based theories; vgl. Tomasello 2000; speichert haben. Nach nur wenigen Beispielen
Diessel 2004; Behrens 2009a, 2009b) bilden un- wissen sie, dass die Wahrscheinlichkeit, dass gu
analysierte, lexemspezifische Konstruktionen den auf da folgt, höher ist, als die, dass gu auf bi folgt.
Anfang der Entwicklung. Im Laufe der Entwick- Die Kinder können sich diese Fähigkeit auch für
lung setzt eine Schemabildung ein: Wiederkehren- den Spracherwerb zunutze machen. Im Laufe der
de Muster werden erkannt, und ihre Gemeinsam- Entwicklung lernen sie nicht nur wahrscheinliche
keiten werden abstrahiert. Aus Beispielen wie er von unwahrscheinliche(re)n Abfolgen zu unter-
lacht, er spielt, er wäscht kann das Muster er scheiden (der Mann vs. Mann der), hochfrequen-
VERB-t ermittelt werden, ebenso kann Variation in te Muster prägen sich auch besser ein (entrench-
der Subjektposition (Anne lacht, sie spielt, er ment) und sind leichter zu verarbeiten und zu
wäscht) zur Entwicklung der abstrakten Kategorie produzieren.
›Subjekt‹ führen. Hinzu kommt, dass der Einstieg in komplexere
Statistisches Lernen Wie wahrscheinlich ist es, dass Kinder das sprachliche Strukturen in der Regel über eine be-
überaus komplexe System der Grammatik über stimmte Funktion erfolgt. In mehreren Studien
solche Generalisierungen erlernen? Zum einen konnte sowohl an Spontandaten als auch in Experi-
wissen wir, dass die Fähigkeit zum Erkennen menten gezeigt werden, dass Kinder die Struktur
musterhafter Reihen schon in der vorsprachlichen von Relativsätzen und Komplementsätzen nicht im
Phase vorhanden ist. Spielt man z. B. 8–9 Monate Ganzen erwerben, sondern über bestimmte Formen
alten Kindern sinnlose Silbenfolgen vor (wie bi da in einer bestimmten Funktion. Im Erwerb von Kom-
gu do ku pi), reagieren sie bereits nach 2 Minuten plementsätzen bildet die Konstruktion ich glaub
anders auf Silbenfolgen, die in der Reihe enthalten den Einstieg, die zunächst meist ohne nebensatzty-
waren (etwa da gu do), als auf solche, bei denen pische Merkmale wie Komplementierer (dass) und
die Silben nicht in derselben, bekannten Reihen- Nebensatzwortstellung (verbfinal) benutzt wird
folge präsentiert werden (etwa da do pi; vgl. Go- (ich glaub, da steht ein Haus; vgl. Brandt/Diessel/
mez/Gerken 2000; Romberg/Saffran 2010; Saffran Tomasello 2008; Brandt/Lieven/Tomasello 2010;
2003). Weder die Betonung noch die Bedeutung Diessel 2004). Der Erwerb der korrekten Wortstel-
helfen den Kindern, diese Aufgabe zu lösen. Die lung, der Komplementierer und der Erweiterung
unterschiedliche Reaktion auf gehörte und un- des Repertoires an Komplement-Verben ist ein Pro-
bekannte sinnlose Silbenfolgen lässt sich nur zess, der sich über mehrere Jahre erstreckt und sich
dadurch erklären, dass die Kinder die Übergangs- als graduelle Abstraktion aus Verben und Satzstruk-
wahrscheinlichkeiten zwischen den Silben abge- turen erklären lässt (Diessel 2004).
332
9.4
Die Entstehung von Sprache
Die Entstehung von
Pidgins und Kreolsprachen
hen keinerlei neue Sprachen, denn die Kinder der (17) Me saba plenty (nach Siegel 2008b: 2)
Handelspartner sprechen ja weiter mit ihren Eltern
deren Sprache; das Pidgin wird nur mit Handels- (17) bedeutet etwa: ›Ich wissen viel‹ – zusammen-
partnern, nie mit den eigenen Kindern verwendet. gesetzt aus dem Pronomen Me ›Ich‹ sowie einem
Die Erwachsenen leben nach wie vor in ihrer Hei- spanischem Verbstamm (von saber ›wissen‹) und
mat und kehren nach dem vollzogenen Geschäft einem englischen Adverb. Das kann dann je nach
wieder in ihre Sprachgemeinschaft zurück. Sprecher und Situation heißen, dass ›ich viel
Im viel bekannteren Kolonialszenario ist der weiß‹, dass ›ich viel wissen will‹ oder aber, dass
bekannteste Fall der Sklavenhandel, der vom 16. ›ich viel wusste‹.
bis zum 19. Jahrhundert eine große Anzahl von ver- Aus einem Pre-Pidgin kann ein stabilisiertes
sklavten Arbeitskräften aus Westafrika in die sog. Pidgin entstehen, das nicht nur aus lexikalischen
Neue Welt brachte. Dabei entstanden in den afrika- Fragmenten besteht, sondern erste grammatische
nischen Ausgangshäfen, während der mehrmonati- Strukturen enthält, auch wenn diese noch nicht voll
gen Überfahrt nach Amerika auf den Schiffen und ausgebaut und nicht bei allen Sprechern der Ge-
schließlich auch in den Kolonien selbst erzwunge- meinschaft in gleicher Weise konventionalisiert
nermaßen Pre-Pidgins, da es keine gemeinsame sind. Wir wissen oft nur indirekt von diesen stabili-
Sprache und auch keine Anführer gab, die eine be- sierten Pidgins. Wenn überhaupt, sind einzelne Sät-
stimmte Sprache als gemeinsames Idiom etabliert ze überliefert. Dies sei an den folgenden Beispielen
hätten. Diese Pre-Pidgins sind im Wesentlichen An- (aus Siegel 2008b: 2) demonstriert:
sammlungen von Wörtern, d. h. ihnen fehlt jede Abb. 2:
systemhafte Grammatik. Sie unterliegen starken (18) White man allsame woman. ›Weiße Männer sind wie Pidgins und Kreolsprachen
sprecherbezogenen und situativen Schwankungen. Frauen.‹ (Solomon Islands 1880) weltweit (nach: Michaelis
Ein typisches Pre-Pidgin-Beispiel ist: et al. 2013)
333
9.4
Die Entstehung von Sprache
Die Entstehung von
Pidgins und Kreolsprachen
(19) Suppose me come along school, bay-and-bay me no savee generiert wird. Voraussetzung für diesen Prozess
fight. ›Stellt Euch vor/stell dir vor, ich komme zur Schule ist nach Bickerton ein »Bioprogramm«, die dazu-
und werde nicht kämpfen können.‹ (Queensland 1886) gehörige Hypothese heißt deshalb Language Bio-
program Hypothesis (LBH). Die Bioprogrammhypo-
Hier werden nicht mehr nur Wörter aneinander- these ist immer wieder bestritten worden (z. B.
gereiht. Allsame in (18) bedeutet ›sind genauso wie‹ Patrick 2008; Siegel 2008a,b), dennoch prägt sie die
(wörtlich ›ganz gleich‹), bay-and-bay wird in (19) wissenschaftlichen Diskussionen – auch außerhalb
als Futurmarker verwendet (und also nicht mehr in der Kreolistik – bis heute nachhaltig (Ennis/Pfän-
seiner wörtlichen Bedeutung ›nach und nach‹). Es der 2010).
sind also zwei grammatische Marker entstanden. Grundannahmen der LBH: Bickerton selbst for-
Entstehung von Kreols: In einigen Fällen benutzten die Men- mulierte die Annahmen in einem drei Jahre nach
Kreolsprachen schen ein Pidgin im Alltag, und manche von ihnen dem Buch erschienenen Aufsatz pointiert wie folgt:
verwendeten es auch mit ihren Kindern. Folglich
eigneten sich diese Kinder das erweiterte Pidgin »The LBH claims that the innovative aspects of Creole
grammar are inventions on the part of the first generation
als Erstsprache an, und es wurde zu ihrer Gemein- of children who have a pidgin as their linguistic input,
schaftssprache. Man spricht dann von einem Kre- rather than features transmitted from preexisting lan-
ol oder einer Kreolsprache. Anders als ein Pidgin guages. The LBH claims, further, that such inventions
und wie jede andere uns bekannte Sprache hat das show a degree of similarity, across wide variations in lin-
guistic back-ground, that is too great to be attributed to
Kreol eine volle Lexik und eine vollständige Gram- chance. Finally, the LBH claims that the most cogent ex-
matik, und es ist nicht eingeschränkt im Gebrauch, planation of this similarity is that it derives from the struc-
d. h. alles kann damit ausgedrückt werden. Die ture of a species-specific program for language, genetically
meisten Wörter einer Kreolsprache kommen aus coded and expressed, in ways still largely mysterious, in
the structures and modes of operation of the human
einer der Kontaktsprachen, der sog. Lexifizierer- brain.« (Bickerton 1984: 173)
sprache (engl. lexifier language, in einer älteren
Terminologie manchmal auch Superstrat ge-
nannt) – in der Regel die Sprache der dominanten Die drei Grundannahmen der LBH sind also
Gruppe. (s. 9.4.2–4):
Während also die Lexeme der Kreolsprachen in ■ Kinder erfinden Kreolsprachen in nur einer Ge-
der Regel sehr gut bezüglich ihrer Herkunft be- neration. Notwendig seien diese Erfindungen
stimmt werden können, ist dies für die grammati- durch einen historisch einmaligen Bruch in der
schen Merkmale schwierig; sie können manchmal Weitergabe der Sprachen der Eltern, auf welche
ganz neu erscheinen, manchmal in Teilen einer die Kinder keinen Zugriff hätten. Der Input sei, so
oder mehreren anderen Kontaktsprachen ähneln, Bickerton, auf fragmentierte, sehr rudimentäre
z. B. den Dialekten der Kolonialsprache und den – Kommunikationssysteme beschränkt gewesen. Die
oft aus Afrika stammenden – Sprachen der Skla- innovativen Merkmale der Kreolsprachen hätten
ven, traditionell bezeichnet als Substratsprachen. sich also keinesfalls graduell und über mehrere
Sprechergenerationen aus dem Aufeinandertreffen
der beteiligten Kontaktsprachen herausgebildet.
■ Kreolsprachen haben verschiedene Lexik, aber
9.4.1. Roots of Language dieselbe Syntax. Diese Ähnlichkeit liegt nicht ein-
fach an der Ähnlichkeit der Kolonialsprachen, die
In den frühen 1980er Jahren erschien ein weltweit nicht wesentlich am Input beteiligt waren. Viel-
rezipiertes Buch, das die Diskussion über die Ent- mehr sei sie eine Konsequenz der allen Menschen
stehung dieser Sprachen bis heute bewegt: Roots of eigenen Sprachfähigkeit. Die Kreolgrammatik ist
Language (1981), verfasst von dem in Hawaii leh- daher sehr nah an der von Chomsky postulierten
renden Wissenschaftler Derek Bickerton. In diesem Universalen Grammatik (s. Kap. 9.2).
Buch nimmt Bickerton einen qualitativen Unter- ■ Aus den beiden ersten Annahmen abgeleitet
schied zwischen den kaum strukturierten, sehr va- postuliert Bickerton, dass in der Kreolgenese der
riablen Pidgins der Erwachsenen und den systema- bisher einzige historisch belegte Fall vorliege, in
tischen Kreolsprachen der Kinder an. Ganz einfach welchem unsere genetische Kodierung, das Bio-
gesagt: Kreolsprachen ergeben sich laut Bickerton programm für Sprache, von den Kindern direkt ab-
immer dann, wenn mit dem fragmenthaften Input gerufen wurde und sich in den neu entstandenen
eines Pidgins ein neues, vollwertiges Sprachsystem Kreolsprachen niederschlage.
334
9.4
Die Entstehung von Sprache
Haben alle Kreolsprachen
dieselbe Syntax?
335
9.4
Die Entstehung von Sprache
Die Entstehung von
Pidgins und Kreolsprachen
(21)
Anglokreol: Wi figa se unu neva du da wok de yet.
Iberokreol: Nos ta kere ku boso nunka no a hasi e trabou alli.
Frankokreol: Nou krè zòt pa jen fè sa travay-a.
Glosse: wir glauben (dassIII) ihr nie nichtIV machen die Arbeit daV
Übersetzung: ›Wir glauben, dass ihr diese Arbeit (noch) nie gemacht habt.‹
(22)
Anglokreol: Wi a aks unu fi du di wok (we) wi tel unu bout.
Iberokreol: Nos ta pidi boso pa hasi e trabou ku nos a papia di dje.
Frankokreol: Nou ka doumandé zòt pou fè sa travay nou palé zòt a.
Glosse: wir am bitten euch VI fürVII machen die Arbeit wir sagen euch dieVIII
Übersetzung: ›Wir bitten euch, die Arbeit zu machen, von der wir sprachen.‹
Grammatische Merkmale I. Artikel: Im Unterschied zu europäischen Lexifi- hen fast immer auf die Präposition ›an‹ bzw. ›am‹
von Kreolsprachen zierersprachen ist die Setzung von definiten Arti- zurück.
keln in den Kreolsprachen nicht obligatorisch, III. Statische Verben: Eine kleine Gruppe von
wenn der Kontext Klarheit schafft. Wenn die Arti- Verben, die sogenannten statischen Verben, wer-
kel gesetzt werden, so stehen sie im Unterschied den allerdings in der Regel nicht aspektmarkiert,
zu den Lexifizierersprachen in allen Kreolsprachen wenn ein gegenwärtiger Zustand ausgedrückt wer-
nach dem Substantiv. Allerdings sieht man an un- den soll. ›Wir glauben‹ heißt also einfach wi figa
serem Beispiel, dass die Kreolsprachen in diesem oder nou krè. Hier zeigen die Beispiele unter (21),
Punkt zwar ähnlich, aber doch nicht ganz gleich dass trotz aller Parallelen diese Regel nicht durch-
sind; im Kreolischen von Jamaika steht zusätzlich gängig gilt: Das Papiamentu verwendet den As-
zu dem nachgestellten -dem auch noch ein voran- pektmarker, vgl. nos ta kere.
gestelltes di-, d. h. ›die Männer‹ wird übersetzt mit IV. Die Negation wird in den Kreolsprachen oft
di man-dem (s. 20). Aus typologischer Sicht liegen doppelt markiert: ›nie nicht‹ bedeutet einfach
hier also zwei wichtige Unterschiede zwischen ›nicht‹; vgl. etwa Iberokreol nunka no a unter (21).
den germanischen und romanischen Sprachen ei- V. Der bestimmte Artikel im Plural wird in den
nerseits und den Kreolsprachen andererseits vor, Kreolsprachen in der Regel durch Anhängen des
da die Artikel in den Kreolsprachen in der Regel Personalpronomens an das Nomen gebildet: dem/
nachgestellt und nicht obligatorisch sind. nan/ya: kar-dem (Anglokreol), auto-nan (Iberokre-
II. Die Verben sind in Kreolsprachen immer ol), oto-ya (Frankokreol) ›die Autos‹. Der definite
unveränderlich. In der Regel wird eine reduzierte Artikel ist in den Kreolsprachen nicht obligatorisch
Form des Infinitivs (se < say, di < dire und bisa und wird, wo nötig, durch eine Demonstrativkon-
< avisar) verwendet. Numerus und Person wer- struktion ersetzt, welche der im Deutschen in der
den ausschließlich in den Pronomina ausgedrückt, gesprochenen Sprache gebräuchlichen Klammer-
nicht in Endungen, also z. B. mi a se, yu a se, i a konstruktion die … da entspricht: ›die Arbeit da‹
se. Soll der Satz präsentische Bedeutung haben, wird dann ausgedrückt als da work de (Jamaika-
so wird dies nicht durch eine eigene grammati- kreol), sa travay-a (Guyanais) und e trabou alli
sche Tempuskategorie ausgedrückt, sondern es (Papiamentu) (s. 21).
wird der progressive Aspekt genutzt, der durch VI. Einige pronominale Pluralformen sind
einen präverbalen Marker (z. B. a, ka, ta) kodiert nicht aus der europäischen Sprache übernommen.
wird (s. die Beispiele unter 20). Diese Marker ge- So verwendet zwar das Guyanais für die Formen
336
9.4
Die Entstehung von Sprache
Ähnlichkeit der
Kreolsprachen
der 2. Ps. Pl. ein Wort, das auf das Französische chen Sprache besonders auffällig und daher der
zurückgeht (zòt > vous autres, wörtlich ›ihr ande- primäre Input für die Lerner. (Schriftlichkeit spielte
ren‹), das Jamaikakreol jedoch unu (aus Igbo unu, in einer Sklavengesellschaft so gut wie keine Rolle.)
in Konvergenz mit Wolof yena, Kimbundu yenu Im mündlichen Sprachgebrauch können auch im
und Kongo yeno, vgl. Patrick 2008: 632; s. 22). Im Deutschen wie im Französischen die definiten Arti-
Papiamentu kommt das Pronomen der 3. Ps. Pl. kel durch analytische Demonstrativkonstruktionen
nan (s. 20) aus der Nigerkongosprache Ido. ersetzt werden. So sagen wir beispielsweise statt die
VII. Die Präposition ›für‹ (realisiert als fi < for, Leute in mündlicher, informeller Kommunikation
pa < para, pou < pour) wird in den Kreolspra- durchaus die Leute da. Im Französischen, insbeson-
chen sehr polyfunktional zur Verknüpfung von dere in Varietäten der westafrikanischen Franko-
Elementen im Satz und zwischen Sätzen einge- phonie, hört man anstelle von les gens (Schriftfran-
setzt (s. 22). zösisch) ces gens-là oder les gens-là. Geht man Entstehung der Kreol-
VIII. Das Relativpronomen bleibt oft, aber davon aus, dass der von den Sklaven zu hörende sprachen aus den
nicht in allen Kreols (vgl. das Iberokreol ku, 22) Input in der Kolonialzeit näher am informellen, mündlichen Varietäten
unausgedrückt. mündlichen Sprachgebrauch gelegen hat als am
schriftsprachlich-formellen Französisch, so ist der
Unterschied womöglich weniger groß, als man dies
aus sprachtypologischer Sicht zunächst annehmen
9.4.4 | Ist die Ähnlichkeit der Kreol- könnte. Für diese Hypothese spricht nicht zuletzt,
sprachen biologisch-genetisch oder dass der Gebrauch der definiten Artikel in der Wie-
kognitiv-interaktional bedingt? deraufnahme, d. h. hier in der Rechtsversetzung
(right dislocation, dislocation à droite) in den Kreol-
Nun ist zu prüfen, ob die bisherige Darstellung sprachen häufiger als im Französischen und in eini-
auch noch Bestand hat, wenn wir die Kreolspra- gen Kreolsprachen sogar obligatorisch Verwendung
chen nicht mit der Standardvarietät des Englischen, findet. In unserem Beispiel würde man also in den
Französischen usw. vergleichen, sondern mit den Kreols in der Regel so etwas sagen wie die Leute da,
mündlichen, dialektalen Varietäten dieser Spra- die sagen, anstelle von: die Leute sagen.
chen. Denn es waren ja soziohistorisch betrachtet Verben: Merkmal II besagt, dass Verben im Kre-
gerade diese Varietäten, nicht etwa die Standard- ol morphologisch unveränderlich sind. Sie werden
sprachen, die den (reduzierten) Input in der kolo- also nicht durch Endungen modifiziert, sondern
nialen Lebenssituation der Kreolen prägten. durch vor dem Verb stehende Marker. Auch hier
Artikel und Pronomina: Wie am Beispiel des Gu- scheint es einen auffälligen Unterschied zu einigen
yanais zu sehen ist, stehen die definiten Artikel europäischen Sprachen mit mehr oder weniger
nach dem Bezugsnomen: wonm-ya ›die Männer‹, ausdifferenzierter Verbmorphologie zu geben. Al-
Diese Form ist aus wonm-yé-là entstanden (< fran- lerdings haben viele europäische Sprachen in ihrer
zösisch les hommes, eux, là), d. h. wörtlich: ›Män- heutigen Form keine sehr differenzierte Morpholo-
ner-die-da‹. Auf den ersten Blick stellt die Nach- gie mehr; im Englischen wird im Präsens nur noch
stellung des definiten Artikels in der Tat einen die 3. Ps. Sg. von den übrigen Formen durch die
wesentlichen Unterschied zu den germanischen Endung -s (she sing-s) abgesetzt. Im Französischen
und romanischen Sprachen dar, wo der definite Ar- werden zwar die Singularformen und die 3. Ps. Pl.
tikel mit wenigen Ausnahmen (nordgermanische teils je unterschiedlich geschrieben (je parl-e, tu
Sprachen) vor dem Bezugswort steht (die Männer). parl-es, il parl-e, ils/elles parl-ent), doch werden
Allerdings ist dieser Unterschied weit geringer, sie alle gleich gesprochen.
wenn der frankokreolische Artikel nicht mit dem Für die Entwicklung der Verbalmorphologie der
französischen Artikel, sondern dem französischen Kreolsprachen sind Vereinfachungsstrategien ty-
Demonstrativ verglichen wird. Die Grammatikali- pisch, die man gut aus dem Spracherwerb unter
sierung (s. Vertiefungskasten S. 338) des Demons- besonderen Umständen erklären kann. Während
trativums zum Artikel ist in den Sprachen der Welt sich in den europäischen Sprachen die Kinder im
vielfach belegt. Dies erklärt die Stellung nach dem Erstspracherwerb mit regelmäßigen Formen wie
Nomen: Die Demonstrativkonstruktion ist im Fran- gehte anstelle von ging gegen die Sanktionen ihrer
zösischen ces hommes-là. In dieser Klammerkon- Eltern nicht durchsetzen können, waren die kreoli-
struktion war ohne Zweifel das postnominale là schen Kindern während der Entstehungszeit ihrer
wegen seiner betonten Endstellung in der mündli- Sprache mit ähnlichen Vereinfachungen sehr erfolg-
337
9.4
Die Entstehung von Sprache
Die Entstehung von
Pidgins und Kreolsprachen
Zur Vertiefung
Grammatikalisierung
Unter ›Grammatikalisierung‹ verstehen wir das Werden von Grammatik aus der Lexik. Genauer: »Grammatikali-
sierung ist […] das allmähliche Entstehen von festen Mustern (= grammatischen Schemata) aus lockeren, dis-
kursiven Strukturen, und das gleichzeitige Entstehen von abstrakten Elementen (= grammatischen Elementen)
aus konkreten Elementen. Metaphorisch könnte man also sagen: Grammatik ist geronnener Diskurs« (Haspel-
math 2002a: 18; s. auch Kap. 3.5.2 und 3.5.3). Nehmen wir als illustrierendes Beispiel das deutsche Verb haben.
Es wird als lexikalisches Vollverb in Wir haben einen Hund verwendet. Es wird aber auch als grammatischer
Marker der Verpflichtung (deontische Modalität) verwendet, wie in Er hat noch Hausaufgaben zu machen. Und
noch stärker geronnen ist die klar grammatische Verwendung zum Ausdruck des analytischen Perfekts, etwa in
Sie hat das neue I-Phone gekauft.
Es gibt eine Vielzahl von Kriterien, mit deren Hilfe der Grad der Grammatikalisierung gemessen werden kann;
ein sehr nützliches Kriterium ist die Frage, wie obligatorisch ein Element ist. In der Lexik gibt es typischer-
weise eine offene Liste von Alternativen, z. B. im Hundebeispiel das Vollverb besitzen als Alternative zu haben.
Auch im Hausaufgabenbeispiel kann haben zu noch durch müssen ersetzt werden; für das Perfekt jedoch gibt
es (außer bei Verben der Bewegung, er ist gegangen) keine Alternative: das Hilfsverb haben ist im I-Phone-Bei-
spiel alternativlos.
In den romanischen Sprachen ist das Verb für ›haben‹ sogar noch weiter grammatikalisiert worden; wir finden
es in der Morphologie in der Form des Futurs: je chanter-ai, tu chanter-as etc. (wörtlich: ›zu singen habe ich‹,
›zu singen hast du‹ etc.; vgl. franz. j’ai ›ich habe‹, tu as ›du hast‹ etc.). Mit anderen Worten: Das, was die Fran-
zosen selbst für Morpheme halten, ist einmal aus einem Verb entstanden.
Da dieser Weg im Laufe der Zeit in der Sprechergemeinschaft in Vergessenheit gerät, lässt sich die Entwicklung
nicht umkehren. Man sagt dann: Grammatikalisierung ist uni-direktional (Haspelmath 1998). Daher erlaubt die
Grammatikalisierungstheorie den Linguist/innen eine sehr sichere Rekonstruktion von Sprachwandelprozessen.
Für die Sprecher/innen hingegen ist das Ergebnis oft nicht mehr transparent; chanter-ai ist z. B. ein Wort gewor-
den (univerbiert).
Wir haben bisher über morpho-syntaktische Aspekte von Grammatikalisierung gesprochen; es gibt jedoch auch
semantische Aspekte. Wenn ein Element aus dem Lexikon in die Grammatik wandert, dann kommt es oft zu ei-
ner semantischen Verschiebung: die konkrete Bedeutung eines Bewegungsverbs wird z. B. zum abstrakteren
Konzept ›Zukunft‹. Die Ausgangsbedeutung bleibt bei diesen Prozessen nicht immer erhalten: I will do it heißt
keineswegs immer, dass man es aus ganzem Herzen möchte. Und wenn man sagt: je vais écrire une lettre, muss
es gar nicht sein, dass man vorher noch irgendwo hingeht. Es gilt also: Die Bedeutung der Elemente wird im
Zuge der Grammatikalisierung immer abstrakter. Nehmen wir das erste Beispiel oben noch einmal auf: Die Be-
deutung von haben in Sie hat ein I-Phone gekauft – also ›Vergangenheit‹ – ist abstrakter als die Bedeutung von
haben i. S. v. ›besitzen‹. Im Französischen und Englischen kann das Tempus Futur auch mithilfe des Verbums
gehen ausgedrückt werden. Wieder gilt: Als Vollverb drücken to go bzw. aller konkret eine Fortbewegung aus,
als grammatikalisiertes Morphem jedoch abstrakt ›Zukunft‹.
Schon an den wenigen Beispielen wird deutlich: In den Sprachen der Welt dienen immer wieder dieselben sog.
Grundkonzepte (Raible 2003) als Ausgangspunkte für Grammatikalisierungen. Das stärkste konzeptuelle Prinzip
in Grammatikalisierungen ist die auf Nähe in der Erfahrung der Sprecherin beruhende Metonymie. Wenn ich
etwas noch zu erledigen habe, oder wenn ich erst irgendwo hingehen muss, um etwas zu tun, dann ist das er-
fahrungshalber eben noch nicht passiert; das Verb für ›gehen‹ ist also geeignet, ›Zukunft‹ auszudrücken. In den
Sprachen der Welt gibt es drei Hauptquellen für Futura, nämlich Verben des Gehens, des Müssens und des Wer-
dens (im Sinne von ›sich entwickeln‹). Das u. a. im Deutschen gebräuchliche werden ist allerdings weltweit eher
die seltenste der drei Möglichkeiten.
Ausgangspunkt der Grammatikalisierungen ist also einerseits die Kognition, z. B. die Wahrnehmung kategoriel-
ler Ähnlichkeiten etc. Ausgangspunkt ist andererseits auch die situierte Interaktion: Sprecher sind immer auch
Hörer und nehmen die Lautketten chanter-ai oder going-to im Laufe der Zeit als ein Wort chanterai und gonna
wahr (Univerbierung). Dabei verschmelzen sehr unterschiedliche Elemente miteinander, die nur eine Voraus-
setzung erfüllen müssen: Sie müssen direkt nacheinander zu hören gewesen sein; vgl. auch engl. don’t < do
not, deutsch zum < zu dem; franz. il y a ›es gibt‹ < ille ibi habet, wörtl. ›es hat dort jenes‹, span. conmigo <
cum me cum, wörtl. ›mit mir mit‹ etc. Auch die bekannte französische Frageformel qu’est-ce que, deren Univer-
338
9.4
Die Entstehung von Sprache
Ähnlichkeit der
Kreolsprachen
bierung in SMS-Kommunikationen inzwischen auch grafisch als keske realisiert ist, geht auf eine im Gespräch ge-
nau so zu hörende Fokusstruktur zurück und hieß ursprünglich ›was ist es, das …‹. Vor diesem Hintergrund wird
die in der Eingangsdefinition zitierte Aussage Haspelmaths verständlich, Grammatik sei »geronnener Diskurs«
(Haspelmath 2002a, 270).
Ein entscheidendes Ergebnis der Grammatikalisierungsforschung ist, dass diese Prozesse immer wieder neu
stattfinden. Derzeit beobachten wir beispielsweise, dass in verschiedenen Varietäten des Englischen (und Deut-
schen) neue grammatische Marker zur Einleitung von wörtlicher Rede entstehen: he goes …/she was like …;
vgl. im Deutschen: sie so …. Zugleich werden vor langer Zeit begonnene Prozesse der Grammatikalisierung
fortgesetzt. Beispielsweise deuten die Restriktionen, mit denen die franz. Präposition chez traditionellerweise
verwendet wird (aller chez le docteur ›zum Arzt gehen‹, aber aller au supermarché ›zum Supermarkt gehen‹) für
den Linguisten darauf hin, dass diese Präposition aus dem Wort für Haus (casa/case) entstanden ist; man geht
eben wörtlich ›zum Haus des Doktors‹, aber nicht zum ›Haus des Supermarktes‹. Seit einiger Zeit hört man al-
lerdings durchaus Franzosen, die sich auf den Weg chez Monoprix (Name einer Supermarktkette) machen. Da-
her vertreten einige Linguisten die Auffassung, dass die Grammatik einer Sprache am ehesten als fortlaufende
Grammatikalisierung zu modellieren ist (vgl. Hopper/Traugott 2003).
reich: Verben werden in den Kreolsprachen invaria- (b) Aspekt in französischen Dialekten: Tempus und Aspekt
bel nach frequenten und regelmäßigen und daher moi, je suis à venir in Kreolsprachen
auch gut perzipierbaren Bildungsmustern in der Aspekt im französisch-basierten Guyanais:
Ausgangssprache gebildet. Im Französischen sind mo ka (<qu’à) vini
das die Formen des Partizips, der 2. Ps. Pl. und des
Infinitivs der Verben auf -er, die gleich gesprochen (c) Aspekt in iberischen Varietäten:
werden (z. B. [al’e], ›gegangen‹, geschrieben aller/ estoy (a) venir / estoy viniendo
allé/allez ›gehen, (ihr) geht, gegangen‹). In den Aspekt im spanisch-portugiesisch-niederländisch-basier-
Frankokreolsprachen enden deshalb fast alle Ver- ten Papiamentu:
ben, die im Standard-Französischen einen Infinitiv mi ta (< estoy a) bini
auf -e, -re, -oir haben, auf -é, also sowohl alé (›ge-
hen‹) als auch randé (statt [Link]. rendre ›zu- Die Dialekte, nicht die Standardvarietäten, haben
rückgeben‹ mit vielen unregelmäßigen Formen) also offenbar als Input für die Kreolgenese gedient.
oder savé, pouvé (statt unregelmäßigem savoir, pou- Das entspricht dem sog. founder principle (Muf-
voir ›wissen/können‹). Im Iberokreol ist analog eine wene 2001), das besagt, dass die ersten Generatio-
Regularisierung der Verbendungen v. a. auf -a fest- nen der Siedler überproportional starken Einfluss
zustellen, also der Form der 3. Ps. Sg. der Verben auf die Ausbildung von Sprachformen hatten, die
auf -ar. Es erfolgt also keine Regularisierung nach in der Kolonialzeit in der Neuen Welt entstanden.
übereinzelsprachlichen Mustern, sondern einzel- Die ersten Siedler waren natürlich Dialekt-, nicht
sprachlich nach dem frequentesten Typ. Standardsprecher. So erklärt sich, dass die dialek-
Markierung von Aspekt am Verb: Auffällig ist, talen Aspektmarkierungen be at doing, être à faire
dass die Kreolsprachen im Unterschied zu den eu- und être après faire Ausgangspunkt von Gramma-
ropäischen Standardsprachen kaum Tempus aus- tikalisierungsprozessen wurden.
drücken, dafür aber sehr oft Aspekt. In den Dia- In den Dialekten ist die aspektmarkierte Kon-
lekten der europäischen Kolonialsprachen sind struktion mit der Präposition (be doing / be at do-
Aspektmarkierungen allerdings durchaus üblich, ing; estar haciendo / estar a fazer) allerdings nur
wie die folgende Übersicht über einige Verlaufsfor- eine unter vielen, die zudem nicht obligatorisch
men zeigt: ist, denn es gibt ja eine Präsensform im Französi-
schen, Englischen etc.; Aspekt ist ein eher margi-
(23) (a) Aspekt in englischen Dialekten: naler Bereich der Grammatiken. Im Kreol hingegen
I am (at) coming wird Aspekt auf Kosten von Tempus obligatorisch.
Aspekt im englisch-basierten Kreol Jamaikas: Dies ist mit der stärkeren situativen Relevanz von
mi a kom Aspekt in vorwiegend mündlichen Sprachen be-
gründet worden (Pfänder 2000): Während wir in
der Schriftkommunikation die Dinge zeitlich ge-
339
9.4
Die Entstehung von Sprache
Die Entstehung von
Pidgins und Kreolsprachen
nau situieren müssen, ist dies aufgrund der kom- Welt finden; sie sind also keinesfalls kreolspezi-
munikativen Kopräsenz der Teilnehmer im Münd- fisch (vgl. Heine/Kuteva 2005).
lichen nicht so wichtig. Hier zählt vielmehr, ob Statische Verben: Merkmal III besagt, dass eine
etwas abgeschlossen oder noch im Verlauf ist (also kleine Gruppe von Verben, die sogenannten stati-
aspektuelle Kategorien). schen Verben, nicht mit Aspektmarker verwendet
Allerdings lässt sich nicht für alle Kreolsprachen wird; dies betrifft Verben wie ›wissen‹, ›glauben‹,
die an/am-Periphrase für die Verlaufsaspektform ›höflich sein‹. Aber auch in den Non-Standardvarie-
aus den Dialekten der Kolonialsprachen ableiten – täten der europäischen Sprachen, die den imper-
manche Kolonialsprachen kennen diese Periphrase fektiven Aspekt grammatikalisiert haben (wir sind
auch in den Dialekten nicht. Trotzdem müssen wir am Bier Trinken), gilt dieselbe Einschränkung: Wir
kein biologisches Programm annehmen; es reicht sagen nicht – oder doch nur höchst selten – wir
hin, die Erfahrungswirklichkeit einzubeziehen. sind das am Wissen, dass du kommst. Wir können
Wenn wir jemanden sehen, der gerade im wörtli- uns eine Handlung TRINKEN gut in ihrem Verlauf
chen, lokalen Sinn ›am Arbeitsplatz‹, d. h. ›am vorstellen; gleiches gilt nicht für einen Zustand
Arbeiten‹ ist, dann wird der Verlauf der Arbeit WISSEN.
Negation in Kreolsprachen wahrgenommen. Die durch die Präposition ›an‹ Die doppelte Negation (Merkmal IV) ist in den
ausgedrückte räumliche Relation hat also eine Standardvarietäten der europäischen Sprachen
konzeptuelle Ähnlichkeit zum zeitlichen Verlauf. nicht oder nur mit vielen Einschränkungen mög-
Auch die grammatischen Marker für Gegenwart lich (z. B. ne … pas, aber nicht pas jamais; no …
und Vergangenheit sind in den Kreolsprachen rar, nunca, aber nicht nunca … no); in den Non-Stan-
und auch dafür gibt es ein ausdifferenziertes Re- dardvarietäten, z. B. den Dialekten, sind aber dop-
pertoire an Aspektmarkern. In Tabelle 2 sieht man, pelte Negationen durchaus geläufig, *nicht nie ist
dass dies für Kreolsprachen mit englischem, fran- aber auch in den Dialekten nicht belegt.
zösischem und iberoromanischem Lexikon glei- Eines der gewichtigsten Argumente der Bio-
chermaßen gilt (für das Jamaikakreol vgl. Patrick programmhypothese bezieht sich auf die Stellung
2008: 614 f.; für das Papiamentu vgl. Maurer 1998: des Negators. Tatsächlich haben wir heute in al-
161; für das Guyanais und weitere 20 Kreolspra- len Kreolsprachen Strukturmuster wie SBJ-NEG_
chen vgl. Pfänder 2000: 200–205): PST_PROG-VERB-OBJ, z. B. in folgendem Beispiel
aus dem französisch-basierten Guyanais:
perfektiver imperfektiver Futur
Aspekt Aspekt (24) I pa té ka fè sa
Jamaikakreol Ø/done a, bin a go SBJ NEG PST PROG machen OBJ
Tab. 2: wörtlich: er nicht war am Machen das
Papiamentu Ø/kaba ta, taba ta lo
Aspekt- und Futurmarker ›Er machte das nicht.‹
Guyanais Ø/fini ka, té ka ké
in drei Kreolsprachen
Vor dem Verb steht ein Aspektmarker, davor ein
Alle in der Tabelle aufgeführten Aspekt-/Tempus- Tempusmarker, davor ein Negationsmarker. In den
formen sind in den Kreolsprachen durch Gramma- europäischen Lexifizierersprachen ist das nicht
tikalisierung lexikalischer Mittel neu entstanden möglich. Die seit einigen Jahren verfügbaren älte-
oder sie sind zumindest stärker als in den Lexifi- ren Dokumente zeigen jedoch, dass die heute vor-
zierersprachen grammatikalisiert. Im Jamaikakreol gefundene Regelmäßigkeit damals noch nicht vor-
wählten die Kreolen go für das Futur und done für handen war. Hier kommen auch andere Abfolgen
den perfektiven Aspekt, im Papiamentu lo (aus vor; z. B. kann die Negation pa auch nach dem
port. logo / span. luego ›dann‹) und kaba (port./ Verb (wie im Französischen) stehen, und zwi-
span. ›beendet/beenden‹) für den perfektiven As- schen dem Tempus- und dem Aspektmarker kön-
pekt; im Guyanais ké aus qu’aller/qu’allé (›grad nen Adverbien eingefügt werden. Dies zeigt klar,
mal gehen‹) für das Futur und fini für den resulta- dass die von Bickerton angenommene frühe Sys-
tiven Aspekt. Für die Bildung des Futurs nutzen temhaftigkeit nur teilweise zutrifft. Erst heute,
also zwei der drei Kreolsprachen das Konzept ›ge- etwa 300 Jahre nach der angenommenen Entste-
hen‹, und alle drei verwenden für die Bildung der hung der Kreols, sind ihre grammatischen Systeme
Vergangenheit Verben mit der Bedeutung ›fertig voll ausgebildet und ›regelmäßig‹. Allerdings hatte
haben‹. Diese Grammatikalisierungspfade entspre- Bickerton nicht völlig unrecht: Im Vergleich zu den
chen denen, die wir allgemein in den Sprachen der meisten uns bekannten Sprachgenesen vollzog
340
9.4
Die Entstehung von Sprache
Ähnlichkeit der
Kreolsprachen
sich die Kreolgenese im Zeitraffer; nur eben auch (26) Rechtsmarkierung (Guyanais):
nicht so schnell, dass eine Generation genügt hät- travay nou palé a
te. Kreolsprachen entstanden nicht abrupt, sie ent- wörtlich etwa: die Arbeit, wir sprachen davon
wickelten sich graduell. ›die Arbeit, über die wir sprachen‹
Definite Artikel: Laut Merkmal V ist der definite
Artikel in den Kreolsprachen nicht obligatorisch (27) Nullmarkierung (Anglokreol):
und wird, wo nötig, durch eine Demonstrativkon- da girl her mother stay work Walmart
struktion ersetzt. Das kennen wir z. B. auch aus ›das Mädchen, ihre Mutter arbeitet bei Walmart‹
dem gesprochenen Deutschen, wo wir außerhalb
formeller Kontexte nicht diese/jene Arbeit, son- Auch in den gesprochenen Nicht-Standardvarietä- Artikel und Pronomina
dern die(se) Arbeit da sagen. Analog gilt diese Be- ten der Kolonialsprachen dürfte man die Relativ- in Kreolsprachen
obachtung auch für die europäischen Nachbar- pronomina zum Ausdruck von ›deren/dessen‹,
sprachen. Allerdings sind diese Formen in den also engl. whose, franz. dont und span. cuyo,
Kreolsprachen zu einem einzigen Marker gramma- kaum in mündlichen Korpora finden. Vielmehr
tikalisiert. Sie bilden auch die Quellstruktur für die werden ganz wie im Kreol lose reihende Konstruk-
in einigen Kreolsprachen neu entstehenden Arti- tionen bevorzugt, die nicht syntaktisch, sondern
kel; franz. ›le travail‹ entspricht im Frankokreol kontextuell und/oder prosodisch die Integration
travay-a (aus ›ce/le travail-là‹). herstellen (vgl. die Übersetzung des voranstehen-
Im Plural der Pronomina (Merkmal VI) werden den Beispiels: ›das Mädchen, ihre Mutter arbeitet
einige pronominale Formen nicht aus der europäi- bei Walmart‹). Bei der ersten Vorstellung der Bei-
schen Sprache übernommen. Andere werden aus spiele haben wir gezeigt, dass sich die Kreolspra-
Material der europäischen Sprache neu grammati- chen in diesem Merkmal nur oberflächlich ähneln;
kalisiert, so z. B. zòt > vous-autres ›ihr‹ (wörtlich denn Ausgangspunkt ist für die Anglokreolsprache
›ihr andere‹). Diese Grammatikalisierung ist kogni- eine grammatische Option, die schon in der Lexifi-
tiv naheliegend und auch für mehrere Nicht-Kreol- zierersprache vorhanden war, in der Frankokreol-
sprachen beschrieben worden (vgl. span. vosotros sprache nicht. Schaut man genauer in Daten des
›ihr‹ und Varietäten des Französischen z. B. in gesprochenen überseeischen Französisch der Ko-
Nordamerika). lonialzeit, so findet man satzfinales là sehr häufig
Präposition ›für‹: Bei Merkmal VII wird deutlich, als pragmatischen Marker (z. B. l’homme-là je le
dass in der Syntax der Kreolsprachen bestimmte connais bien là il est venu là l’autre jour là wört-
grammatische Wörter weiter grammatikalisiert lich: ›der Mann da, ich kenne den da, er ist hierher
wurden. Dies gilt z. B. für die jamaikakreolische gekommen da, neulich da‹). Im Input war also là
Präposition fi (<engl. for), analog in den Franko- als ›Rechtsklammer‹ im Sinne eines strukturieren-
kreolsprachen für pou, in den Hispanokreolspra- den Elements durchaus schon zu hören. Allerdings
chen für pa, in den deutschen Kreolsprachen für hat die Kreolsprache einen wesentlichen Gramma-
für (s. Vertiefungskasten; s. Beispiel (25) aus dem tikalisierungsschritt vollzogen und aus dem münd-
Guyanais (Pfänder 2013): lich zu hörenden, nicht-obligatorischen Material
ein obligatorisches grammatisches Element zur
(25) Jan fi give you the book (Anglokreol) Relativsatzmarkierung gemacht.
Jean pou wa mo liv-a. (Guyanais) Resümee: Unsere Diskussion der acht Merkma-
›John muss dir das Buch geben.‹ le von Kreolsprachen hat ergeben, dass diese in
den europäischen Kolonialsprachen keineswegs so
Die Präposition pou bzw. fi wurde hier zu einem exotisch sind, wie Bickerton annimmt. Sie kom-
Marker für deontische Modalität (Verpflichtung) men fast alle in ihren Non-Standardvarietäten vor,
weiter entwickelt. die vermutlich der primäre Input für die Kreolkin-
Relativpronomen: Merkmal VIII zufolge bleibt der waren; die europäischen Kolonisten waren in
das Relativpronomen oft unausgedrückt oder wird den seltensten Fällen Standardsprecher.
durch eine am Ende des Relativsatzes stehende
Partikel ersetzt. Quantitative Analysen: Die Ähnlichkeit der Kreol-
sprachen untereinander und mit ihren europäi-
schen Lexifizierersprachen kann man auch quanti-
tativ untersuchen. Dabei zeigt sich: Die Kreolspra-
chen sind zwar nicht so identisch, wie Bickerton
341
9.4
Die Entstehung von Sprache
Die Entstehung von
Pidgins und Kreolsprachen
Papiamentu
INDONESIAN Cape Verdean
Zamboangueño
Guinea Bissau
Seychellois
BAMBARA PRIAHÃ Berbice Dutch
AKAN Jamaican
Krio
MANDARIN
Ndyuka
AINU
Dominican
KOLYMA YUKAGHIR
ENGLISH Haitian
Abb. 3: Tok Pisin
KIMBUNDU Angolar
Phänogramm zur BRAHUI Negerhollands
Darstellung der Ähnlich-
keit zwischen 18 Kreol- KOYRA CHIINI Nubi
Korlai
sprachen (rechts) und 12 MINA Palenquero
Nagamese
Nicht-Kreolsprachen (links)
(aus Bakker et al. 2011: 32)
0.01
North
WelE SW core L1t
NfIdE
IrE EA AusE
ManxE
SE TsmVE L2 ButIE
AppE
L1c ScE BISAfE
FIkE
ChlsE IndE
OzE MItE L1c
ChcE
CollAmE
OSE InSAfE EAAVE SEAmE
NZE UAAVE RAAVE
WhSAfE
WhZimE BahE
PakE StHE
TznE
SLkE TdCE
GhE
core L2 FijiE LibSE
KenE
NigE VLibE
UgE TrinC
CamE Bajan
HKE MalE JamE
CollFijiE
Abb. 4: CollSgE
AbE
Phänogramm zur PalmE
Darstellung der Ähnlich- HawC
keiten zwischen 74 TP Norfk
Varietäten des Englischen Pidgins BelC Creoles
Bisl TorSC GhP
bzw. englischbasierten
RRc BrC
Pidgins und Kreolsprachen CamP SanAC VinC Gullah
auf der Grundlage von 235 EMarC BahC JamC
NigP Krio Sranan GuyC
Merkmalen (aus Kortmann
Saram
2013; die Abkürzungen
werden in Tab. 3 erläutert)
342
9.4
Die Entstehung von Sprache
Ähnlichkeit
der Kreolsprachen
annahm, aber sie bilden doch eine Gruppe, wenn Linie) und das Jamaican (7. von links); das Guya- Tab. 3:
man sie syntaktisch mit Nicht-Kreolsprachen ver- nais wurde in der Studie von Bakker et al. nicht Die Englischvarietäten
gleicht. Abbildung 3 zeigt das Ergebnis einer Un- berücksichtigt; doch ist das in demselben Sektor und englischbasierten
tersuchung von 50 syntaktischen Merkmalen in 30 liegende Seychellois (5. von links) dem oben be- Pidgins und Kreolsprachen
Sprachen, dabei 18 Kreolsprachen (Bakker et al. sprochenen Guyanais sehr ähnlich. aus Abb. 4
2011: 32). Die Autoren zeigen mittels moderner Die Abbildung macht deutlich, dass die Kreol-
statistischer Methoden (phylogenetisches Netz- sprachen rechts als eine Gruppe stehen. Man sieht,
werk), dass die Kreolsprachen sich untereinander dass das Jamaikakreol vom Englischen weiter ent-
ähneln und von anderen Sprachen der Welt ver- fernt ist als von den Kreolsprachen mit französi-
schieden sind; auf der rechten Seite von Abbil- scher oder iberischer Lexifizierersprache.
dung 3 sind im oberen Bereich zwei der drei oben Bakker et al. (2011: 32) haben allerdings in ih-
näher besprochenen Kreolsprachen zu erkennen, rer Studie das Englische lediglich in seiner schrift-
das Papiamentu (2. von links ab der gestrichelten sprachlichen Standardform berücksichtigt. Kort-
343
9.4
Die Entstehung von Sprache
Die Entstehung von
Pidgins und Kreolsprachen
Zur Vertiefung
Aus Neuguinea wird von Mühlhäusler (2001: 245) berichtet, dass dort auf den Inseln Tumleo und Ali noch ein
deutschbasiertes, stabilisiertes Pidgin gesprochen wird. Es ist in jüngerer Zeit stark vom Englischen beeinflusst
worden, wie das folgende Beispiel zeigt:
ich gut arbeiten, planti work, ich hauskuk bleiben, … orait, mi wok long schneider, wantime …
›ich hab gut gearbeitet, hab (immer) viel Arbeit (gehabt), ich bin (nach wie vor) Köchin, … okay, ich arbeite(te)
lange (als/mit) Schneider, eine gewisse Zeit …‹
344
9.4
Die Entstehung von Sprache
Aufgaben
mann/Szmrecsanyi (vgl. Kortmann 2013, Abb. 4) des Englischen, die als Zweitsprache gesprochen
haben hingegen den strukturellen Abstand zwi- werden (etwa das Englische, das in Indien oder
schen drei Gruppen von Varietäten gemessen: Singapur gesprochen wird). In dieser Studie be-
englischbasierte Kreolsprachen, als Erstsprache stätigt sich, dass die Pidgins und Kreolsprachen
erworbene Varietäten des Englischen (etwa Dia- eine Gruppe bilden, auch wenn die Unterschiede
lekte oder nationale Varietäten) und Varietäten zwischen ihnen erheblich sind.
Weiterführende Literatur
Einen guten, wenn auch an der Oberfläche blei- teraktionsmuster (parenting styles) werden von
benden Überblick über die in diesem Kapitel be- Keller (2011) sehr anschaulich dargestellt. Empfeh-
sprochenen Themen bieten Deutscher (2008) und lenswerte Einführungen zum Spracherwerb sind
in ausgesprochen gut lesbarer Form Zimmer besonders E. Clark (2009), Saxton (2010) und
(1981), der auch die Kreolsprachen diskutiert. Brooks/Kempe (2012) sowie für das Deutsche Sza-
Für die Phylogenese bietet sich als Einstieg Ait- gun (2006), Tracy (2007), Kauschke (2012) sowie
chison (1996) an. Die evolutionären Vorteile der Klann-Delius (2008).
Entwicklung von Sprache erörtert Dessalles (2007). Als vertiefende Lektüre zur Kreol-Genese eig-
Zur Sprache als soziales adaptives System verwei- net sich Siegel (2008b) am besten, der einen Ein-
sen wir auf Steels (2009) und Beckner et al. (2009) blick in die konkurrierenden Genesemodelle gibt
sowie Evans/Levinson 2009. Die Grundlage der und auch Fallstudien englisch- und französischba-
Sprache in der Kooperation erläutert besonders To- sierter Kreolsprachen vorstellt. Über die spani-
masello (2010). schen und portugiesischen Kreolsprachen kann
Tomasello (2009, 2010, Tomasello/Carpenter man bei Maurer (1998) sowie aus diskursanalyti-
2011) arbeitet die sozialen und kulturellen Wur- scher Sicht bei Bachmann (2005) mehr erfahren.
zeln des Spracherwerbs heraus, Rakoczy/Haun Den ohne Zweifel faszinierendsten Überblick über
(2012) geben einen Überblick über die Entwick- 30 Kreolsprachen mit Einzelbeschreibungen, Text-
lung der allgemeinen und sozialen Kognition in und Tonbeispielen und typologischen Karten ge-
der vorsprachlichen Phase. Kulturspezifische In- ben Michaelis et al. (2013).
Aufgaben
1. Analysieren Sie die Pluralfehler (Übergeneralisierungen) der Kinder Simone und Pauline.
345
9.4
Die Entstehung von Sprache
Aufgaben
2. Entscheidend für den Spracherwerb ist, festzustellen, ob kindliche Äußerungen produktiv sind,
also nicht nur imitiert und nicht nur an einzelne Lexeme gebunden. Diskutieren Sie, wie ein
ideales Forschungsparadigma für eine Langzeitstudie aussehen müsste, bei dem sie den Erwerb
von Fragestrukturen eines Kindes analysieren möchten (zur Methodik vgl. auch die Aufsätze in
Behrens 2008a).
»It is clear in fact that creole languages develop as the result of ›linguistic violence‹ (and, as we shall see, frequently
social violence too). In other words, we have to reckon with a break in the natural development of the language,
the natural transmission of a language from generation to generation.« (Arends/Muysken/Smith 1995: 4)
Kramer (2004) hingegen hält den Bruch in der Weitergabe der Sprache für überall in der Sprach-
geschichte gegeben, d. h. er ist nicht als definierendes Element für Kreolisierung geeignet:
»Die Schwäche dieser Erklärung liegt auf der Hand: Auch beim Übergang vom Keltischen zum Lateinischen im
antiken Gallien liegt ein »break in the natural development of language« vor, die Neuzeit kennt genügend Fälle von
»linguistic violence« beim Wechsel von einer Staatssprache zu einer anderen Staatssprache bei Grenzverschiebun-
gen. Die »natural transmission of a language from generation to generation« ist überall dort unterbrochen, wo statt
des Lokaldialektes die Standardsprache an die nachfolgende Generation vermittelt wird – aber mit Kreolisierung
hat das alles nicht zu tun.« (Kramer 2004: 69–70)
Nennen Sie Argumente für die eine und die andere Position.
4. In einer Diskussion der Terminologie der Kontaktlinguistik plädiert Mufwene (1997) dafür, die Ter-
mini ›Pidgin‹ und v. a. ›Kreol(-Sprache)‹ nicht als streng voneinander abgrenzbare Varietätentypen
zu operationalisieren, sondern als Zeichen der Abgrenzung von Sprechweisen in der kolonialen
und postkolonialen Zeit, die nur diskursiv-identitär begründet sind.
»The terms pidgin and creole have less to do with how the categories, or families, are conceptualized than with
some sociohistorical circumstances which prompted the names.« (Mufwene 1997: 55)
346
10.1
10.1 | Einleitung
Sprache ist nicht nur ein Mittel zum Ausdruck von Weise und mit welchen Konsequenzen Sprache,
Gedanken, sondern Sprache und Sprechen sind sprachliche Praktiken und Kultur vernetzt sind, ist
vor allem kulturelle Praktiken, mit denen wir so- Thema dieses Kapitels.
ziale Handlungen durchführen. Wie, auf welche
Das Ritual des zerstampften Reises ein paar wenige Körner Reis. Nach einer Beratung Beispiel
mit seinen Angehörigen darüber, wie er nun wei-
An einem Februarnachmittag 1993 in Junigau/ ter vorgehen solle, bittet der Bräutigam die Braut
Nepal: ein zweites Mal um Reis. Dieses Mal verwendet er
Der Sedan-Stuhl mit der Braut wird von einigen die informelle Anredeform timi; eine Art »Du«,
Männern den Berg hinuntergetragen. Am Fuß des das in Nepal gegenüber engen Verwandten bzw.
Berges setzen sie den Stuhl ab, denn nun soll das Familienmitgliedern mit gleichem Status verwen-
»Ritual des zerstampften Reises« durchgeführt wer- det wird: »Frau, gib mir den zerstampften Reis,
den, bevor die Braut ins Haus des Bräutigams ge- denn die Hochzeitsgesellschaft hat Hunger.« Wie-
bracht wird. Die Angehörigen der Braut reichen ihr der erhält der Bräutigam nur ein paar wenige Reis-
ein großes Blatt (das als Teller dient) mit zerstampf- körner. Daraufhin beraten sich die Angehörigen
tem Reis und legen es auf ihren Schoß. Zerstampf- des Bräutigams erneut, woraufhin dieser ein drit-
ter Reis ist in Nepal ein beliebtes Gericht. Nachdem tes Mal zu seiner zukünftigen Frau geht. Nun re-
der Bräutigam von seinen Verwandten angehalten det er sie mit ta an, einer Anredeform, die man
wurde, seine zukünftige Frau um Reis zu bitten, gegenüber sozial Niedrigstehenden (kleinen Kin-
geht er auf den Sedan-Stuhl zu, auf dem die Braut dern, Ehefrauen, Tieren etc.) verwendet. Dem
sitzt. Zunächst redet er sie mit der Höflichkeitsform Bräutigam ist seine Nervosität und Unsicherheit
»Sie« (tapƗi in Nepali) an und richtet die folgende hinsichtlich dieser respektlosen Anredeform anzu-
sehr höflich gehaltene Bitte an sie – als einer Per- merken. Doch nachdem er seine Bitte als Auffor-
son mit höherem Status: »Bitte liebe Frau, wären derung an eine sozial niedrigstehende Person vor-
Sie so lieb und würden mir den zerstampften Reis gebracht hat, geben die Angehörigen der Braut
geben, denn die Hochzeitsgesellschaft hat Hunger.« sowie sie selbst ihm gehorsam den gesamten Reis,
Die Bitte bleibt jedoch recht erfolglos: Die Braut so dass er ihn an die Hochzeitsgesellschaft vertei-
und ihre Angehörigen geben dem Bräutigam nur len kann (Ahearn 2011: 5; Übersetzung S. G.).
Eine rein linguistische Beschreibung der in dieser deformen signalisieren nicht einfach nur Distanz
Episode verwendeten Anredeformen als distanz- und Nähe, sondern sie gehören zur rituellen Aus-
sprachliches »Sie« (tapƗi) vs. nähesprachliches handlung der kulturell geprägten Rollen des Ehe-
»Du« (timi und ta) würde deren Funktionen nicht manns und der Ehefrau, im Zuge derer die Braut
hinreichend erfassen. Stattdessen müssen komple- mit dem Wechsel der Anrede- und Höflichkeitsfor-
xe kulturspezifische Konventionen als Teil des Ge- men Schritt für Schritt die Rolle der gehorsamen
brauchskontexts berücksichtigt werden: Die Anre- Gattin annimmt.
347
10.1
Sprache und Kultur
Einleitung
Diese Episode zeigt, dass Kultur und Sprache nicht schiedlichen kulturellen Kontexten realisiert? Wie
als zwei voneinander unabhängige Erscheinungen werden soziale Bedeutungen wie Alter, Geschlecht,
betrachtet werden können. Sprache ist ein kultu- soziale und kulturelle Zugehörigkeit/Distinktion,
relles Phänomen par excellence und Kultur ein Status, institutionelle Rollen, Höflichkeit etc.
integraler Bestandteil jeder sprachlichen Inter- sprachlich indiziert? Wie interagieren soziale Nor-
aktion: Um eine Sprache zu verstehen, müssen men, kulturelle Erwartungen und sprachliche
wir die sozialen und kulturellen Kontexte kennen, Praktiken? (s. Kap. 6: Sprachliche Interaktion).
in denen sie gebraucht wird und zu deren Konsti- ■ Kulturelle Aspekte sprachlicher Verschieden-
tution sie beiträgt. Dies zu untersuchen, ist Ziel heit, Sprach- und Kulturkontakte: Hierzu zählen
der Anthropologischen Linguistik. Untersuchungen zu Pidgin- und Kreolsprachen, zur
Definition Interkulturellen Kommunikation, zu Mehrsprachig-
keit und Sprachmischungen etc. (s. Kap. 11: Mehr-
Die Forschungsrichtung, die sich systematisch dem Zusammenhang von sprachigkeit und Sprachkontakt).
Sprache und Kultur widmet, ist die linguistische Anthropologie bzw. ■ Standardisierung von Sprache und die Ent-
➔ anthropologische Linguistik. (Aufgrund der sprachwissenschaftlichen stehung von Nationalsprachen: Welche Prozesse
Ausrichtung dieser Einführung soll im Folgenden der Begriff der ›an- der sprachlichen Standardisierung und der Entste-
thropologischen Linguistik‹ verwendet werden.) Sie untersucht Sprache hung von Nationalsprachen lassen sich insbeson-
als Ressource und sprachliche Handlungen als kulturelle Praktiken, die dere in multiethnischen und multilingualen Ge-
zur Konstruktion sozialer Wirklichkeiten beitragen. meinschaften beobachten? In welcher Beziehung
stehen sie zu den vorhandenen politischen und
ökonomischen Machtstrukturen?
Anstatt also Sprache als vom Kontext losgelöstes, ■ Schrift, Schriftlichkeit und Schriftsysteme
autonomes System zu betrachten, hat die anthro- (literacy): Hierzu gehören u. a. Fragen nach den
pologische Linguistik das Ziel, die sprachlichen Auswirkungen von Schrift, Schriftlichkeit und
Prozesse der Herstellung von Kultur in der kon- Schriftsystemen auf Sprache, Sprachgebrauch und
kret situierten Interaktion zu erforschen. Ihre kulturelle Praktiken, aber auch Fragen nach unter-
theoretischen und methodologischen Grundlagen schiedlichen Schrifterfahrungen in verschiedenen
befinden sich folglich an der Schnittstelle von Gesellschaften, den verschiedenen Gebrauchswei-
Sprachwissenschaft und Anthropologie. Sie be- sen von Schrift im Alltag sowie nach schriftsprach-
fasst sich mit einer Vielzahl an Fragestellungen, lichen Normierungsprozessen.
die allesamt auf die enge Verwobenheit zwischen ■ Sprachwandel und Sprachtod im Kontext
menschlichen Daseinsformen, Sprache und Kultur kultureller Wandelerscheinungen: Aufgrund von
verweisen (Günthner 2010). Globalisierung und zunehmender Mobilität verlie-
Fragestellungen und Ziele Die zentralen Fragestellungen der anthropolo- ren kleinere lokale Sprachen immer mehr an Be-
der anthropologischen gischen Linguistik sind: deutung. Welche sozialen und kulturellen Pro-
Linguistik ■ Die Entwicklung menschlicher Sprachfähig- zesse führen letztendlich zum Aussterben von
keit: Wie hat sich die menschliche Sprachfähigkeit Sprachen? Welche Dimensionen sozialer und kul-
entwickelt und welche Unterschiede gibt es zwi- tureller Lebenswelten gehen mit dem Tod einer
schen tierischer und menschlicher Kommunika- Sprache verloren? Wie kann man eine vom Aus-
tion? (s. Kap. 9: Ursprung der Sprache). sterben bedrohte Sprache dokumentieren?
■ Der Zusammenhang von Sprache, Denken
und Wirklichkeit (›sprachliches Relativitätsprin- Definitionen von Kultur: Trotz der Schwierigkeit ei-
zip‹): Inwiefern beeinflusst unsere Sprache die Art, ner Definition sollen im Folgenden vier prominente
wie wir die Welt wahrnehmen? Auffassungen von ›Kultur‹ vorgestellt werden.
■ Universalien menschlicher Sprachen und Kultur als Wissen: Diese vor allem auf den US-
menschlichen Kommunikationsverhaltens: Wo amerikanischen Anthropologen Ward Goodenough
zeigen sie sich und worauf lassen sie sich gegebe- (1957/64) zurückgehende Auffassung betrachtet
nenfalls zurückführen? (s. Kap. 8: Die Verschie- Kultur nicht als eine Ansammlung von materiellen
denheit der Sprachen und Kap. 9: Die Entstehung Gegenständen oder Verhaltensweisen, sondern als
von Sprache). Wissenssystem: Mitglieder einer Kultur haben auf-
■ Kulturspezifische kommunikative Praktiken: grund ihres gemeinsamen Wissens vergleichbare
Wie werden bestimmte Genres, mündliche per- Denkweisen, verarbeiten ihre Umwelt ähnlich und
formances, kommunikative Rituale etc. in unter- interpretieren alltägliche Gegebenheiten auf über-
348
10.1
Sprache und Kultur
Einleitung
Zur Vertiefung
»Die Analogien aller wilden Sprachen bestätigen meinen Satz: jede ist auf ihre Weise verschwenderisch und
dürftig, nur alle auf eigne Art. Wenn der Araber für Stein, Kamel, Schwert, Schlange (Dinge, unter denen er
lebt!) so viel Wörter hat, so ist die ceylanische Sprache, den Neigungen ihres Volks gemäß, reich an Schmeiche-
leien, Titeln und Wortgepränge. Für das Wort Frauenzimmer hat sie nach Stand und Range zwölferlei Namen,
da selbst wir unhöflichen Deutschen z. E. hierin von unsern Nachbarn borgen müssen. Nach Stand und Range
wird das Du und Ihr auf achterlei Weise gegeben, und das sowohl vom Taglöhner als vom Hofmann; der Wust
ist Form der Sprache. In Siam gibt es achterlei Manieren, ich und wir zu sagen, nachdem der Herr mit dem
Knechte oder der Knecht mit dem Herren redet. Die Sprache der wilden Kariben ist beinahe in zwo Sprachen
der Weiber und Männer verteilt, und die gemeinsten Sachen, Bette, Mond, Sonne, Bogen, benennen beide an-
ders − welch ein Überfluß von Synonymen! Und doch haben eben diese Kariben nur vier Wörter für die Far-
ben, auf die sie alle anderen beziehen müssen − welche Armut! Die Huronen haben jedesmal ein doppeltes
Verbum für eine beseelte und unbeseelte Sache, so daß Sehen bei ›einen Stein sehen‹ und Sehen bei ›einen
Menschen sehen‹ immer zween verschiedene Ausdrücke sind; man verfolge das durch die ganze Natur − welch
ein Reichtum! In der peruanischen Hauptsprache nennen sich die Geschlechter so sonderbar abgetrennt, daß
die Schwester des Bruders und die Schwester der Schwester, das Kind des Vaters und der Mutter ganz verschie-
den heißt; und doch hat eben diese Sprache keinen wahren Pluralismus! Jede dieser Synonymien hängt so sehr
mit Sitte, Charakter und Ursprung des Volks zusammen; überall aber charakterisiert sich der erfindende
menschliche Geist.« (Herder 1772/1975: 149 f.)
Im 19. Jahrhundert erreichte die Debatte um den Ausdruck der Kultur einzelner Völker in sprachlichen Struktu-
ren u. a. durch die Schriften von Wilhelm von Humboldt einen Höhepunkt. Man war der Überzeugung, dass
Kultur nicht ohne Rückgriff auf Sprache und Sprache nicht ohne Bezug auf Kultur adäquat untersucht und be-
schrieben werden können. So betrachtete Humboldt (1830–35/1963) Sprache als »äußerliche Erscheinung des
Geistes der Völker«. Der Mensch lebt mit seiner Umwelt so, wie das Netz der Sprache diese ihm zuführt:
»Durch denselben Act, vermöge dessen er die Sprache aus sich herausspinnt, spinnt er sich in dieselbe ein, und
jede zieht um das Volk, welchem sie angehört, einen Kreis, aus dem es nur insofern hinauszugehen möglich ist,
als man zugleich in den Kreis einer andren hinübertritt. Die Erlernung einer fremden Sprache sollte daher die Ge-
winnung eines neuen Standpunkts in der bisherigen Weltansicht seyn.« (Humboldt 1830–35/1963; VII 6: 107–108)
Auch Hermann Paul (1880/1975: 6) vertrat die Position, dass das Sprechen eine zentrale kulturelle Tätigkeit
darstellt und die Sprachwissenschaft folglich sowohl aufgrund ihres Gegenstandes als auch angesichts der Ela-
boriertheit ihrer Methoden die Kulturwissenschaft par excellence repräsentiert:
»Es gibt keinen zweig der cultur, bei dem sich die bedingungen der entwicklung mit solcher exactheit erkennen
lassen als bei der sprache, und daher keine culturwissenschaft, deren methoden zu solchem grade der vollkom-
menheit gebracht werden kann wie die der sprachwissenschaft.«
einstimmende Weise. Die Kultur einer Gesellschaft ser spricht von Kultur als einem System an Bedeu-
besteht folglich aus dem, was man wissen und tungen, in das der Mensch ›verstrickt‹ ist: Die
glauben muss, um als Mitglied der Gesellschaft zu Analyse von Kultur »ist daher keine experimentelle
gelten, und somit aus dem, was Menschen ›im Wissenschaft, die nach Gesetzen sucht, sondern Auffassungen von Kultur
Kopf haben‹, um am alltäglichen Handeln ange- eine interpretierende, die nach Bedeutungen
messen teilnehmen zu können. sucht« (ebd.: 9). Eine entscheidende Rolle in die-
Kultur als Text: Diese semiotisch fundierte ser Konzeption spielt die Metapher ›Kultur als
Auffassung geht auf den US-amerikanischen An- Text‹, die sich auf die ›Lesbarkeit‹ kultureller Prak-
thropologen Clifford Geertz zurück (1983/91). Die- tiken mittels hermeneutischer und interpretativer
349
10.2
Sprache und Kultur
Die Erforschung sprach-
licher Handlungen im
kulturellen Kontext
Methoden bezieht. Analysegrundlage bilden dabei wickeln Menschen sich im Laufe der Zeit zu
nicht (nur) schriftliche Texte, sondern auf einer ›kulturierten‹ Mitgliedern einer Gesellschaft. Zen-
grundlegenderen Ebene Bedeutungssysteme in tral für diesen Ansatz ist die Auffassung von Kultur
konkreten Handlungszusammenhängen. Die Sym- als einem emergenten Phänomen; d. h. kulturelle
bole, die kulturelle Bedeutungen herstellen (z. B. Konventionen, Denk- und Interpretationsweisen,
die Farbe der Kleidung bei Hochzeiten, die speziel- Werte und Schemata etc. sind nicht fest, sondern
len Hochzeitsgerichte und die Hochzeitstänze werden in der sozialen Interaktion in Auseinander-
etc.), sind stets Formen interpretativer Auslegung setzung mit der jeweiligen Umgebung und dem
von der Welt. Kultur zu untersuchen, heißt folg- Gegenüber aktualisiert, bestätigt und modifiziert.
lich, Bedeutungsgewebe, die mittels Symbolen ko- Um kulturelle Phänomene verstehen zu können,
diert sind, zu entschlüsseln. muss man folglich konkrete Prozesse sozialer In-
Kultur als (verkörperte) Praxis: In diesem ins- teraktion erforschen (Brown 2006).
besondere mit den Arbeiten des französischen So-
ziologen Pierre Bourdieu (1987) verbundenen An- Bei allen vier Kulturbegriffen kommt Sprache und
satz wird Kultur als alltägliche Praxis betrachtet, Kommunikation eine zentrale Rolle zu: Im kogni-
und zwar insbesondere als ein Pool verfestigter tiven Konzept gilt Sprache als Fenster zum mensch-
Handlungsformen. Diese Handlungsformen sind lichen Denken und Wissen. Der symbolischen
eng mit dem menschlichen Körper verbunden. So Auffassung von Kultur zufolge ist Sprache deshalb
ist die Art und Weise, wie wir unseren Körper ein- zentral, weil sie unser wichtigstes Zeichensystem
setzen, um zu gehen, essen, trinken, reden, lachen ist. Im Rahmen eines Praxisansatzes wird Sprache
etc. immer schon kulturell überformt: Wir haben für besonders relevant erachtet, weil eine Vielzahl
diese Praktiken im Laufe unserer Sozialisation von an zentralen alltäglichen Praktiken sprachlich fun-
unseren Eltern, Geschwistern, Freund/innen, sozi- diert ist. Im dynamischen Kulturkonzept schließ-
alen Netzwerken etc. erworben und geben sie an lich kommt der Sprache insofern eine besondere
andere weiter. Rolle zu, als sie einerseits eng mit kognitiven Pro-
Kultur als emergenter Prozess in zwischen- zessen vernetzt und andererseits das zentrale Mit-
menschlichen Interaktionen: Diese dynamische, tel alltäglicher Wirklichkeitskonstitution ist. Somit
interaktional ausgerichtete Konzeption von Kultur ist es auch wenig überraschend, dass alle genann-
hat sich seit den 1990er Jahren in den Subdiszipli- ten Kulturkonzepte zu einer intensiven Diskus-
nen der Sprachwissenschaft, Anthropologie und sion über das Verhältnis von Sprache, Kultur und
Psychologie herausgebildet, die soziale Interaktion Kognition und um die ›Kulturalität von Sprache‹
in Hinblick auf kulturbezogene Fragestellungen bzw. die ›Sprachlichkeit von Kultur‹ geführt haben
untersuchen (vgl. Gumperz 1982; Gumperz/Cook- (Günthner/Linke 2006).
Gumperz 2007; Duranti 1997 oder Brown 2006). Im Folgenden werden wir uns ausgewählten
Kultur gilt hierbei sowohl als Wissen als auch als Themenbereichen der anthropologischen Linguis-
Form sozialen Verhaltens in zwischenmenschli- tik zuwenden und einige Schlüsselbegriffe, die für
cher Interaktion. Durch ihre Sozialisation (und er- die Erforschung des Zusammenhangs von Sprache
möglicht durch ihre biologische Ausstattung) ent- und Kultur zentral sind, einführen.
350
10.2
Sprache und Kultur
Die Erforschung sprach-
licher Handlungen im
kulturellen Kontext
Stellen Sie sich die folgende Situation vor: aufeinander: Der chinesische Sprecher hat die Beispiel
idiomatische Grußformel ChƯ guò le ma? (»Ha-
Sie arbeiten als Deutschlehrer/in an einer chine- ben Sie schon gegessen?«) aus dem Chinesischen
sischen Hochschule und gehen an einem Spät- wörtlich ins Deutsche übersetzt, und die deutsche
nachmittag auf dem Campus Ihrer Hochschule Teilnehmerin hat die übersetzte Floskel als eine
spazieren. Ein chinesischer Kollege kommt Ihnen Hinleitung zu einer Essenseinladung interpretiert,
entgegen und begrüßt Sie auf Deutsch mit »Gu- wie sie im Deutschen gebräuchlich ist. Im chine-
ten Tag, Frau X (Herr Y). Haben Sie schon geges- sischen Kontext kann man auf die Grußformel
sen?« Eventuell werden Sie diese Äußerung als beispielsweise mit ChƯ guò le (»Ja, ich hab schon
Einleitung zu einer nun folgenden Essenseinla- gegessen«) reagieren und damit signalisieren, dass
dung interpretieren und voller Erwartung ant- alles in Ordnung ist und man Zeit zum Plaudern
worten: »Nein, noch nicht«. Doch Ihr Kollege re- hat. Man kann aber auch Hái méiy΅u chƯ guò, w΅
agiert zu Ihrer Verwirrung mit: »Na, dann möchte xiànzài huí jiƗ chƯ fàn (»Nein, noch nicht, ich gehe
ich Sie nicht weiter stören. Sie haben sicherlich gerade nach Hause zum Essen«) antworten und
Hunger.« damit indizieren, dass man keine Zeit hat.
In dieser Episode treffen unterschiedliche kom- Dieses Beispiel zeigt, dass für die adäquate Bewäl-
munikative Praktiken und divergierende Erwar- tigung von Begrüßungen nicht nur sprachliches,
tungen an soziale Begegnungen unter Bekannten sondern auch kulturelles Wissen notwendig ist.
nander witzeln, wie sie ihr Interesse oder Desinte- Begrüßungen können sich jedoch – wie das oben
resse am Gegenüber zum Ausdruck bringen, wie angeführte Beispiel zeigt – in der Form und Hand-
sie ihre Gesprächspartner um etwas bitten, sie be- habung deutlich voneinander unterscheiden: In
leidigen oder ihre Entrüstung zeigen). Zur Erfor- einigen Gesellschaften haben sie die Form einer
schung der Rolle von Sprache und Sprechen im Frage nach der Gesundheit, in anderen bestehen
Alltagsleben der Menschen genügt es folglich sie aus einer Erkundigung danach, wohin die/der
nicht, die Grammatik einer Sprache losgelöst von Andere gerade geht bzw. was er oder sie gerade
ihrem sozialen Kontext zu beschreiben, sondern es vorhat, und in wieder anderen Gesellschaften er-
ist notwendig zu erforschen, wie Sprache im Alltag kundigt man sich, ob das Gegenüber bereits ge-
verwendet wird – also dort, wo sie in kulturelle gessen hat. Selbst innerhalb eines Sprachraums
Zusammenhänge und soziale Aktivitäten einge- existieren oftmals regionale und soziale Varianten
bettet ist. Dies wird oben anhand von Begrüßungs- sowie persönliche Vorlieben der Begrüßung wie
konventionen illustriert. Grüß Gott! Wie geht’s?, Servus, Tach! Wie isses?,
Begrüßungsrituale: Alle menschlichen Gesell- Moin moin! etc. Im arabischen Raum grüßt man
schaften kennen Begrüßungsrituale. Sie sind nach u. a. mit as-salâmu alaykum (»Unversehrtheit sei
Duranti (2001c: 212) kulturübergreifend durch fol- auf Dir/Friede sei mit Dir.«), woraufhin der Be-
gende sechs Merkmale gekennzeichnet: grüßte mit wa-alaykum as-salâm (»Auch auf Dir
■ Begrüßungen werden zu Beginn einer sozialen sei Unversehrtheit/Auch mit Dir sei Friede.«) ant-
Begegnung ausgetauscht. wortet. Oftmals zeichnen sich in der Art der Be-
■ Sie etablieren (vor allem in der face-to-face-In- grüßung kulturelle Konventionen hinsichtlich
teraktion) ein geteiltes Wahrnehmungsfeld. sozialer Beziehungen, Hierarchien und Macht-
■ Sie sind paarweise organisiert, wobei der erste verhältnisse ab.
Teil der Begrüßung einen zweiten Paarteil als Markierung sozialer Hierarchien: Während Be- Soziale Hierarchien
Reaktion des Gegenübers erwartbar macht. grüßungen in den heutigen westeuropäischen und
■ Sie sind relativ vorhersagbar in Bezug auf Form nordamerikanischen Gesellschaften tendenziell
und Inhalt. soziale Gleichheit symbolisieren, was sich in iden-
■ Sie bilden insofern eine räumlich-zeitliche In- tischen oder nur leicht modifizierten Begrüßungs-
teraktionseinheit, als sie pro Interaktion nur formeln der Gesprächsteilnehmer manifestiert,
einmal (zu Beginn) auftauchen. zeichnen sich Begrüßungsrituale in vielen anderen
■ Sie haben die Funktion, dem Gegenüber zu zei- Kulturen durch eine klare Markierung sozialer
gen, dass er/sie eine Person ist, die Kenntnis- Hierarchien aus. Bei den Wolof, einer hierarchisch
nahme verdient. organisierten, muslimischen Gesellschaft im Sene-
351
10.2
Sprache und Kultur
Die Erforschung sprach-
licher Handlungen im
kulturellen Kontext
Beispiel Begrüßungs- und Anredeformen vor ›Lehrerin Wang‹) durch die geschlechtsneutrale,
und während der Kulturrevolution in China alle sozialen Schichten umfassende Form tóngzhì
(›Genosse/Genossin‹) ersetzt. Im Zuge der chine-
Vor der Kulturrevolution (d. h. vor 1966) waren sischen Öffnungspolitik in den 1980er und
die Begrüßungsformeln in schulischen Klassen- 1990er Jahren wurde tóngzhì allerdings wieder
zimmern stark ritualisiert: Die Lehrerin begrüßte zugunsten einer Wiederbelebung der traditionel-
zunächst die Schüler mit der Formel tóngxué- len Anredeformen xiojiČ (›Fräulein‹), xiƗnsheng
men ho! (›Schüler gut!‹), und diese antworteten (›Herr‹), tàitai (›Madame/Frau‹) etc. zurückge-
mit loshƯ ho! (›Lehrerin gut!‹). Dieses Begrü- drängt.
ßungsritual war von nonverbalen Handlungen Heutzutage wird tóngzhì (›Genosse/Genossin‹)
begleitet: Die Schüler mussten als Zeichen des in der Volksrepublik China fast nur noch in offi-
Respekts gegenüber der Lehrerin aufstehen. ziellen Parteikontexten verwendet. Zugleich gilt
Während der Kulturrevolution wurde dieses Be- tóngzhì seit der in den 1990er Jahren (vor allem
grüßungsritual jedoch durch die Redewendung in Hongkong und Taiwan) aufgekommenen Be-
ràng w΅men jìng zhù Máo zh·xí wàn shòu wú wegung für die Gleichberechtigung von sexuel-
jiƗng! (›Lasst uns voller Respekt dem Vorsitzen- len Minderheiten auch als Bezeichnung für Ho-
den Mao ein langes Leben wünschen!‹) ersetzt. mosexuelle. Mit dem der Arbeiterbewegung
Der erste Teil der Äußerung ràng w΅men jìng zhù entstammenden und Solidarität markierenden
Máo zh·xí wurde vom Klassensprecher vorgetra- Begriff tóngzhì wollte man eine positiv konno-
gen, der zweite Teil wàn shòu wú jiƗng, der aus tierte und Gemeinschaft suggerierende Anrede-
einer idiomatischen Redewendung besteht, die form unter sexuellen Minderheiten schaffen und
vor der Revolution nur gegenüber dem Kaiser Gleichgesinnte ermutigen, gemeinsam für soziale
verwendet werden durfte, wurde drei Mal von Gleichberechtigung zu kämpfen.
allen Schülern sowie der Lehrerin geäußert. Der skizzierte Wandel der Anredeformen in
Ferner wurden in der Kulturrevolution soge- China spiegelt die enge Verwobenheit von kom-
nannte feudalistische Anredeformen (wie »Herr«, munikativen Praktiken (wie Begrüßungs- und
»Meister«, »Frau«, »Madame«, »Fräulein« etc.) so- Anredeformen) und soziopolitischen Entwick-
wie Berufsbezeichnungen bei der Anrede (wie lungen innerhalb einer Gesellschaft wider.
gal, werden Eloquenz und Redseligkeit prinzipiell Folgefragen an das Gegenüber nach dessen Fami-
negativ bewertet und gelten als Zeichen für den lie, Gesundheit etc. (Irvine 1974: 168).
Methoden der Ethnografie niedrigen Status einer Person (Irvine 1974). Es Methoden: Ethnografische Studien zu kultur-
der Kommunikation wird daher erwartet, dass sozial Niedrigstehende spezifischen Kommunikationsweisen (wie Begrü-
ihren Status dadurch zum Ausdruck bringen, dass ßungsritualen oder Anredeformen) beleuchten
sie verbal aktiver sind, während sozial hochste- nicht nur die Vielfalt sprachlicher Formen und
hende Personen wortkarg und passiv sind. Das Funktionen in unterschiedlichen kulturellen Kon-
kommunikative Verhalten der oberen Gesell- texten, sondern auch den engen Zusammenhang
schaftsschicht reflektiert insofern diese sprachli- zwischen soziokulturellem Wandel und Sprach-
che Ideologie, als ihre Vertreter (insbesondere wandel.
Männer) wenig und unartikuliert reden. Häufig Die Fragestellungen, Methoden und theoreti-
stellen Männer der sozialen Elite gar professionelle schen Annahmen der Ethnografie der Kommunika-
Sprecher an, um in der Öffentlichkeit nicht selbst tion stehen in mehrfacher Hinsicht im Gegensatz
reden zu müssen. Diese Verflechtung von Redse- zur strukturalistischen und generativen Linguistik,
ligkeit und niedrigem sozialen Status kommt auch die die Sprachwissenschaft in den 1960er bis 1990er
bei Begrüßungen zum Ausdruck: Von der sozial Jahren dominierte: Statt die Sprachkompetenz eines
niedrigstehenden Person wird erwartet, dass sie idealen Sprechers in einer homogenen Sprachge-
auf den Höherstehenden zugeht und die Grußse- meinschaft zu modellieren, setzt sie sich zum Ziel,
quenz initiiert. Auf diese Weise signalisiert sie ih- Sprache in den Alltag zurückzuholen und damit zu
ren Respekt vor dem Gegenüber und reproduziert den Menschen, die mittels Sprache (mündlich oder
zugleich ihren eigenen niedrigstehenden Status. schriftlich, in informellen oder formellen, in priva-
Weitere Strategien zur Selbstherabsetzung sind ten oder institutionellen Kontexten, medial vermit-
352
10.3
Sprache und Kultur
Schlüsselkonzepte
10.3 | Schlüsselkonzepte
Für Studien zur Erforschung sprachlichen Han- Kommunikative Praxis/kommunikative Praktiken: Kommunikative Praxis
delns in kulturellen Kontexten spielen u. a. die fol- Anstelle von festen, homogenen Sprachstrukturen
genden Konzepte eine zentrale Rolle: gehen Arbeiten der anthropologischen Linguistik
■ Kommunikative Praxis/kommunikative davon aus, dass sprachliche Formen und Funktio-
Praktiken nen sich in der kommunikativen Praxis herausbil-
■ Indexikalität und Kontextualisierung den, sedimentieren und transformieren und folg-
■ Sprachliche Ideologie lich auch dort zu untersuchen sind (Günthner
■ Partizipationsstruktur 2003, 2010; Ahearn 2011). Sie wenden sich damit
■ Sprechgemeinschaft insbesondere gegen die Annahme eines idealisier-
■ Soziale Identität ten grammatischen Regelapparates, der als in sich
■ Performanz (performance) geschlossenes System frei von allen kommunikati-
ven, funktionalen, medialen und soziokulturellen
353
10.3
Sprache und Kultur
Schlüsselkonzepte
Vernetzungen ist. Stattdessen zielt die Analyse auf Gebrauch von Anredeweisen und Höflichkeitsfor-
die Beschreibung verfestigter sprachlich-kommu- men kann die soziale Beziehung der Interagieren-
nikativer Formen und Funktionen – kommunikati- den indizieren, die Verwendung bestimmter lexi-
ver Praktiken – in ihrem lebensweltlich veranker- kalischer Ausdrücke oder Strategien des Code-
ten Gebrauch. Gesprächsteilnehmer/innen ver- Switching können Hinweise auf die soziale
wenden sprachlich-kommunikative (grammatische, Identität eines Sprechers liefern, die Reduzierung
semantische, pragmatische, prosodische, gestisch- des Sprechtempos kann anzeigen, dass nun eine
mimische und interaktiv-sequenzielle) Verfahren, wichtige Mitteilung kommt etc.
um in enger Koordination mit ihrem Gegenüber Im Gegensatz zu symbolischen Zeichen haben
soziale Handlungen zu vollziehen. die indexikalischen keine kontextfreie referen-
Der Praxisbegriff verweist dabei auf den Pro- zielle Bedeutung: Die Reduzierung des Sprechtem-
zesscharakter der Konstitution sozialer Wirk- pos markiert nicht immer die Überlieferung einer
lichkeit durch sprachliches Handeln: Eine grund- zentralen Information. Eine Sprecherin kann mit
legende Idee des Konzepts der kommunikativen der Verlangsamung der Sprechgeschwindigkeit
Praxis ist, dass sprachlich-kommunikative Verfah- auch bestimmte Emotionen (Langeweile, Gereizt-
ren menschliche Handlungen, soziale Strukturen heit etc.) ausdrücken, sie kann markieren, dass sie
und kulturelle Konzepte einerseits erzeugen, ande- trotz einer Überlappung mit der Äußerung des Ge-
rerseits die kommunikativen Verfahren selbst wie- genübers ihr Rederecht behalten möchte oder dass
derum durch Handlungen, soziale Strukturen und sie die Rede einer phlegmatischen Person lediglich
kulturelle Kontexte geprägt, reproduziert und mo- wiedergibt etc. Kontextübergreifend gültige Bedeu-
difiziert werden. tungszuschreibungen sind daher bei indexikali-
Im Falle des eingangs skizzierten »Rituals des schen Zeichen nicht möglich, auch wenn die situa-
zerstampften Reises« verwendet der Bräutigam in tive Bedeutungsentfaltung oftmals bestimmten
den verschiedenen Versionen seiner Bitte bzw. Auf- Tendenzen bzw. Bedeutungskernen folgen kann
forderung unterschiedliche sprachliche Mittel zum (z. B. wird eine Reduzierung der Sprechgeschwin-
Ausdruck von Höflichkeit, sozialer Nähe und Sta- digkeit in der Regel nicht zur Markierung einer
tus, die bestimmte Beziehungen zur Braut herstel- schnell ablaufenden Handlungsfolge eingesetzt).
len. Diese sprachlichen Praktiken der Anrede und Eng verwoben mit dem Prinzip der Indexikali-
Gestaltung von Aufforderungshandlungen stehen tät ist das von John Gumperz und Jenny Cook-
selbst wiederum in enger Verknüpfung zu kulturel- Gumperz (Gumperz 1982) entwickelte Konzept
len Vorstellungen von sozialen Beziehungen – ins- der Kontextualisierung. Dieses besagt, dass Inter-
besondere der Beziehung zwischen den Geschlech- agierende durch die Art der Ausführung ihrer (ver-
tern bzw. zwischen Braut und Bräutigam. balen und nonverbalen) Handlungen diese inter-
Indexikalität Indexikalität und Kontextualisierung: Der Be- pretierbar machen und dadurch zugleich den
griff der Indexikalität verweist auf die umfassen- Kontext, in den die Handlungen eingebettet wer-
de Kontextbezogenheit sprachlicher Äußerun- den, selbst mitkonstruieren (Auer 1986). Man
gen. Jede Äußerung enthält Hinweise auf ihre geht also nicht davon aus, dass der jeweils rele-
kontextuelle und situative Einbettung. Hierzu vante soziale Kontext einfach als eine Ansamm-
zählen neben den klassischen deiktischen Sprach- lung materiell gegebener Entitäten vorhanden ist,
mitteln wie Pronomina, Demonstrativa und be- an die sich die Interagierenden sprachlich anpas-
stimmten Adverbien, die auf die Gesprächsteil- sen müssen, sondern der Kontext gilt als ein sozi-
nehmer sowie Dinge bzw. Orte im situativen Um- ales und interaktives Konstrukt, das durch die
feld verweisen, und grammatischen Formen zur sprachlich-kommunikativen Praktiken der Inter-
Markierung von Person, Tempus und Aspekt auch agierenden einerseits (mit-)erzeugt wird und an-
prosodische, syntaktische, kommunikative, ges- dererseits die Praktiken der Interagierenden beein-
tisch-mimische Verfahren sowie die Auswahl flusst und prägt (reflexiver Kontextbegriff).
sprachlicher Mittel aus einem u. U. mehrsprachi- Der Prozess der aktiven Kontextherstellung
gen Repertoire. So kann beispielsweise die Stimm- durch die Interagierenden wird als Kontextuali-
höhe (in Kombination mit Schwankungen in der sierung bezeichnet, für die kulturell geprägte, in-
Sprechgeschwindigkeit, Tonhöhe und Lautstärke) dexikalische Zeichen, die sogenannten Kontextu-
auf die Geschlechtszugehörigkeit der/des Spre- alisierungshinweise, zur Verfügung stehen.
chenden hindeuten, der Akzent eines Sprechers So berichtet Gumperz (1982), wie Mütter in
gibt oft Hinweise auf seine regionale Herkunft, der spanisch-englischen Gemeinschaften in New York
354
10.3
Sprache und Kultur
Schlüsselkonzepte
355
10.3
Sprache und Kultur
Schlüsselkonzepte
le: Je nach Gattung (Witze, Klatschgeschichten, Um den dynamischen Prozess sozialer Grup-
wissenschaftliche Vorträge, Arzt-Patienten-Ge- pen, multipler Zugehörigkeiten mit den jeweiligen
spräch etc.) werden den Beteiligten Partizipations- kommunikativen Praktiken sowie die kommunika-
rollen zugeteilt, die von spezifischen Erwartungen tive Konstitution von Gemeinsamkeit und Exklusi-
begleitet werden. on erfassen zu können, wurden in den letzten Jah-
Auch am »Ritual des zerstampften Reises« sind ren alternative Konzepte sozialer Formationen
Braut und Bräutigam mit jeweils spezifischen Par- diskutiert wie communities of practice (Eckert/
tizipientenrollen beteiligt, die wiederum eng mit McConnell-Ginet 1999) und soziale Netzwerke
entsprechenden kommunikativen Praktiken sowie (Milroy 1980; Rampton 2010).
mit kulturell geprägten Erwartungen an Genderrol- Soziale Identität wird nicht etwa als eine feste,
len verwoben sind. dem Individuum anhaftende, unveränderliche Ei-
Sprechgemeinschaft Sprechgemeinschaft: Auch wenn zahlreiche Ar- genschaft, sondern als kommunikative Markie-
beiten zu Sprache und Kultur mit dem Begriff der rung der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen
Sprechgemeinschaft arbeiten, so ist dieser Begriff oder Kategorien verstanden (Kroskrity 2001: 106).
durchaus umstritten. In der Ethnografie der Kom- Individuen verfügen über multiple soziale (gen-
munikation versuchte man zunächst, mithilfe der-, alters-, berufs-, lebensstil-, interessenbezoge-
dieses Konzepts eine Verbindung zwischen be- ne, ethnische, nationalitätsspezifische etc.) Identi-
stimmten sprachlichen Praktiken einerseits und täten, die sie gemäß kulturell konventionalisierter
kulturellen Gruppen andererseits herzustellen Praktiken aktualisieren (Dirim/Auer 2004; Eckert
(Hymes 1979; Duranti 1997). 2000).
Nach Gumperz (1968/2001: 50) basiert das Identitätsbezogenes Handeln (acts of identi-
Konzept der Sprechgemeinschaft auf folgenden ty; LePage/Tabouret-Keller 1985) kann indexika-
(idealisierten) Annahmen: lisch u. a. durch die Verwendung bestimmter
■ Die Mitglieder einer Sprechgemeinschaft inter- Sprachen, Varietäten, Variablen, Stile etc. erfol-
agieren häufig miteinander. gen, die mit nationalen, regionalen, ethnischen
■ Sie verfügen über ein gemeinsames ›verbales oder sozialen Typisierungen assoziiert sind, oder
Repertoire‹, auch wenn sie teilweise unter- es kann durch bestimmte kommunikative Prakti-
schiedliche Dialekte sprechen. ken geleistet werden (spezifische Begrüßungsfor-
■ Ferner teilen sie gewisse soziale Normen hin- meln, Partizipationsstrukturen, bestimmte Höf-
sichtlich angemessenen Sprachgebrauchs (d. h. lichkeitskonventionen etc.). Darüber hinaus
sie verfügen über dieselben sprachlichen Ideo- können acts of identity aber auch durch direkte
logien). Selbst- bzw. Fremdzuschreibungen vorgenom-
men werden (wie ich als Studentin … oder du als
Doch gerade im Zuge aktueller Globalisierungsten- Österreicher …).
denzen und Migrationsbewegungen erweisen sich Auch wenn soziale Identitäten situationsspezi-
diese Annahmen, die eine gewisse Homogenität in fisch aktiviert werden, so heißt dies nicht, dass
der Gemeinschaft unterstellen, als nicht unproble- diese beliebig und frei wählbar sind: Acts of iden-
matisch. So zeichnen sich spätmoderne Gesell- tity unterliegen nämlich durchaus sozialer Kon-
schaften durch eine Pluralisierung der Lebens- trolle und situativ erwartbaren Anforderungen
formen aus, die die Annahme eines kohärenten (seien dies institutionelle Erwartungen an profes-
Normen- und Kommunikationssystems zuneh- sionelle Identitäten oder familien- bzw. gruppen-
mend problematisch erscheinen lässt. Folglich rü- bezogene Erwartungen an Mitglieder etc.). Auch
cken mittlerweile vermehrt Untersuchungen zur können z. B. ethnische, kasten- und statusbezoge-
Variabilität und zu den unterschiedlichen Funktio- ne Zuschreibungen gegen den Willen einer Person
nen kommunikativer Praktiken und den damit für sie vorgenommen werden.
verbundenen Ideologien innerhalb einer Gruppe So werden im »Ritual des zerstampften Reises«
bzw. Gemeinschaft ins Zentrum der Betrachtung. die sozialen Identitäten der Teilnehmenden als
Auch Erfahrungen transitorischer Zugehörigkeiten Braut bzw. Bräutigam sowie als Angehörige der
sowie nation- bzw. raumübergreifender Minder- Braut bzw. des Bräutigams durch spezifische kom-
heitengemeinschaften, die dank moderner Medien munikative Praktiken (u. a. durch den graduellen
in engem Kontakt stehen, sind Gegenstand linguis- Wechsel der Anredeformen) konstituiert. Sie sind
tischer Studien zu sprachlichen Vergemeinschaf- aber innerhalb des Rituals der Hochzeit nicht frei
tungsprozessen geworden (Rampton 2010: 274). wählbar.
356
10.4
Sprache und Kultur
Kommunikative
Gattungen
Performanz (performance): Der Begriff verweist Kompetenz ohnehin primär in der Performanz zei- Performanz
auf Formen des kommunikativen Ausdrucks, die ge (Bauman/Briggs 1990; Duranti 1997).
den situierten kommunikativen Prozess als spezi- Mittlerweile wird meist zwischen einem weiten
fische, kontextuell verankerte Vorführung rahmen und einem engen Performanzbegriff unterschieden:
(Bauman/Briggs 1990) und dabei u. a. die Sprach- Der weite Performanzbegriff versteht Perfor-
verwendung selbst ins Zentrum der Aufmerksam- manz (u. a. im Sinne einer Weiterentwicklung des
keit rücken. (Der englische Begriff der performance der Sprechakttheorie entstammenden Konzeptes der
wird häufig auch im Deutschen verwendet, um Performativität, s. Kap. 6.2) als sprachlich-kommu-
Verwechslungen mit dem Performanzbegriff der nikativen Prozess der Herstellung von sozialen
Generativen Grammatik zu vermeiden, der sich Wirklichkeiten durch soziale Handlungen (z. B. des
allgemein auf die beobachtbare Sprache – E-lan- doing gender oder doing culture; s. 10.5 und 10.7).
guage – bezieht.) Der engere Performanzbegriff bezieht sich
In der Tradition der Generativen Grammatik hingegen auf die Darbietung verbaler Kunstfertig-
wird Performanz in Opposition zur Kompetenz keiten vor einem Publikum. Performance wird hier
(dem Wissen um die formale Struktur der Sprache als eine (alltags-)ästhetisch markierte Kommuni-
als einem abstrakten, idealisierten und kognitiven kationsform betrachtet, die auf spezifische Art ge-
Regelsystem) verstanden und mit der (unter Um- rahmt ist und vorgeführt wird (Bauman 1989;
ständen) defizitären und fehlerhaften Umsetzung s. auch 10.4). Diese Art der performance kommt
formaler sprachlicher ›Regeln‹ im konkreten u. a. bei verbalen Debatten, Erzählungen, Festtags-
Sprachgebrauch gleichgesetzt. Das insbesondere reden etc. zum Ausdruck, bei denen das Gesagte
auf Noam Chomsky zurückgehende Postulat, die im Rahmen der betreffenden Vorführung nach äs-
Kompetenz sei der zentrale Untersuchungsgegen- thetischen Kriterien beurteilt wird (z. B. »eine ge-
stand der Linguistik, wurde in mehrfacher Weise lungene Rede«, »ein guter Erzähler« etc.).Was die
kritisiert. Einerseits wurde der Begriff auf den beiden Performanz-Konzepte verbindet, ist die
kommunikativen Bereich ausgedehnt (zur ›kom- Perspektive auf kommunikative Praktiken im situ-
munikativen Kompetenz‹ vgl. Hymes 1972), an- ierten Vollzug und die Blickrichtung auf die jewei-
dererseits rückte – u. a. durch die Arbeiten der Eth- ligen sozialen bzw. ästhetischen Faktoren, die zu-
nografie der Kommunikation – die Performanz ins gleich zur Markierung sozialer Zugehörigkeiten
Zentrum der Sprachbeschreibung, zumal sich eingesetzt werden.
357
10.4
Sprache und Kultur
Kommunikative
Gattungen
traut gemacht und lernen, dass diese Gattung Beteiligten spezifische Partizipationsrollen (Pro-
strukturelle Verfestigungen auf unterschiedlichen fessor/in vs. Student/in) zuweist. Die Teilnehmer
Ebenen aufweist (wie Ort und Verlauf, zeitlicher verwenden die der Gattung entsprechenden sprach-
Rahmen, sequenzielle Organisation, Einstieg ins lich-kommunikativen Praktiken und aktivieren so
Thema, Präsentation des Stoffes etc.) und den kulturelles Wissen und soziale Konventionen. Gat-
358
10.4
Sprache und Kultur
Kommunikative
Gattungen
359
10.4
Sprache und Kultur
Kommunikative
Gattungen
Beispiel Fan, eine chinesische Germanistin, berichtet: Sprechstunden macht. Ich kannte die Form
Sprechstunde überhaupt nicht. Und da hab ich
»Diese Sprechstunden, die gibt es bei uns in dann andere Chinesen gefragt, was man denn in
China nicht. In China besuchen die Studenten den Sprechstunden eben reden sollte. Und da ha-
den Prof zu Hause. Das bedeutet: man hat was, ben die gesagt: übers Studium. Man sollte denen
man will was von dem Lehrer. Normalerweise. erzählen, was man alles gemacht hat. Man geht
Als ich dann nach Deutschland kam, wusste ich mit einem Ziel hin. Und man muss eben das Ziel
wirklich am Anfang gar nicht, was man in diesen erreichen, wenn man rauskommt.«
starke Unterschiede zu einem entsprechenden Im 19. Jahrhundert war die Visite als spezifische
Vortrag in Deutschland auf (Kotthoff 2002). Wäh- Art des Höflichkeitsbesuchs eine gebräuchliche All-
rend deutsche Wissenschaftler/innen den Zuhö- tagsgattung, die tief in die sozialen Konventionen
renden meist zu Beginn eine Orientierung zum bestimmter Gesellschaftsschichten eingebettet war.
thematischen Aufbau des Vortrags und zur Fra- (Heutzutage verwenden wir den Begriff fast aus-
gestellung liefern, fehlt in russischen Vorträgen schließlich in Zusammenhang mit dem Arztbesuch
in der Regel eine solche Orientierungshilfe. Fer- bei Patienten im Krankenhaus.) Felix Mendelssohn-
ner sind die deutschen Vorträge thematisch meist Bartholdy schrieb 1836 an seine Schwester Fanny:
stark fokussiert, während der thematische Sko- »Zuweilen möchte ich ein klein wenig toll werden,
pus der russischen Vorträge sehr weit reichen wenn ich an die Visiten denke, die morgen losge-
kann und damit oftmals eher einem Festvortrag hen, es sind denen - - - 163, wohlgezählt! Was sagst
bei uns entspricht. Bei den deutschen Vorträgen du nun, Kantor? Und bei meinem Bart, ich muß sie
werden Unterthemen häufig explizit genannt, alle machen« (Linke 1996: 180).
dies ist bei den russischen nicht der Fall. Auch ist Doch sterben nicht nur Genres aus, sondern wir
bei den russischen Vorträgen gelegentlich nicht können auch die Entstehung neuer Gattungen be-
klar auszumachen, was eigene Thesen und Ge- obachten, die sich gegenwärtig u. a. für die Inter-
danken sind und was von anderen Forschenden net- bzw. Mobilfunkkommunikation, für das
stammt; d. h. die Zitationskonventionen unter- Fernsehen, für wirtschaftliche Unternehmen, für
scheiden sich. den akademischen Bereich und für das Privatle-
Historischer Wandel Gattungswandel: Mit sozialen und kulturellen ben ausbilden: SMS-Mitteilungen unter Jugendli-
Wandelprozessen ändert sich auch das Repertoire chen, Casting-Shows im Fernsehen, Headhunting-
der kommunikativen Gattungen. So bildeten Te- Telefonate, universitäre Sprechstunden per Skype,
legramme Ende des 19. und Anfang des 20. Jahr- Speed-Dating-Veranstaltungen und vieles mehr. Mit
hunderts ein wichtiges Genre, um dringende Mit- diesen Gattungen werden Beziehungen gestaltet,
teilungen über räumliche Distanzen hinweg zu Institutionen mit konstituiert, Machtstrukturen ver-
kommunizieren (vor allem in Zeiten, in denen es festigt und soziale/kulturelle In- und Exklusionen
noch keine oder kaum Privattelefone gab). Im erzeugt. Da verfestigte kommunikative Formen ei-
Jahr 1978 übermittelte die Deutsche Bundespost nen wesentlichen Teil der Architektur sozialer Insti-
noch rund 13 Millionen Telegramme, doch mit tutionen und kultureller Gemeinschaften bilden, ist
der Entwicklung neuer medialer Formen wurde es ein zentrales Anliegen der Gattungsanalyse, die-
das Telegramm schließlich durch andere Kommu- se Verflechtungen zwischen sprachlich-kommuni-
nikationsformen (wie SMS, E-Mail, Handy-Telefo- kativen Strategien und soziokulturellen Strukturen
nat etc.) ersetzt. aufzuzeigen (Günthner/Knoblauch 2007).
360
10.5
Sprache und Kultur
Sprache und Geschlecht
Speed-Dating als institutionalisierte Form 353 Mt: dU bist dreiundZWANzig? (--) Beispiel
des Erstkontaktes bei der Partnersuche 354 [ich;]
355 Ta: [ich ]WERD jetzt VIERundzwanzig.
Als neue Gattung der Partnersuche hat sich das 356 Mt: du bIst VIERundzwanzig;
Speed-Dating entwickelt, bei dem sich poten- 357 JA.
zielle Partner/innen in zeitlich begrenzten 358 Ta: also im aPRIL;
(5–10-minütigen) Zweiergesprächen kennenler- 359 in DIEsem sinn. (-)
nen. Die Teilnehmer/innen sind hierbei mit der 360 JA.=
kommunikativen Aufgabe betraut, sich innerhalb 361 =und was MACHST du?
weniger Minuten so zu präsentieren, dass das 362 Mt: äh ich stuDIER ja_germanIstik,
Gegenüber Interesse an weiteren Kontakttreffen 363 und psychologIE,
entwickelt. Folglich sind diese kurzen Gespräche und kommunikaTIONSwissenschaften.
darauf angelegt, viele und möglichst aussage-
kräftige Informationen über das Gegenüber zu Auch der 2009/10 im Fernsehen ausgestrahlte
erhalten, um Gemeinsamkeiten und Differenzen Werbespot von Kinderschokolade greift diese
zu eruieren, sich ›näher zu kommen‹ und eine rasch aufeinanderfolgenden Frage-Antwort-Se-
Passungsprüfung vorzunehmen. Wie Franz’ quenzen als typisches Gattungsmerkmal von
(2010) Analyse zum Ablauf dieser Gattung ver- Speed-Dating-Gesprächen auf. Im folgenden Aus-
deutlicht, zeichnen sich die Interaktionen u. a. schnitt sind die Milch (M) und die Schokolade
durch rasch aufeinander folgende Frage-Antwort- (S) in ein Speed-Dating-Gespräch involviert:
Sequenzen aus: In rasantem Tempo werden mög-
lichst viele Informationen zur Biographie, zur »Kinderriegel«
Freizeitgestaltung und zu sonstigen Vorlieben 01 ((Speed-Dating-Klingel))
des Gegenübers eingeholt. 02 Mod: meine DAmen,
Der folgende Ausschnitt, der einem Speed-Da- 03 PLATZwechsel bItte, ((die Milch
ting-Gespräch zwischen Tanja (Ta) und Matthias geht zum Tisch der Schokolade und
(Mt) entstammt, veranschaulicht das typische setzt sich))
Fragemuster in diesen Gesprächen: 04 M: HAllo;
05 S: HI.
SPEED-DATING (FRANZ 2010) 06 bist du kompliZIERT?
345 Ta: [((lacht ca. 1.2 Sek))] 07 M: NEIN.
346 (1.3) 08 S: mh (.)geNUSSmensch oder HEKtiker;
347 ja wunderbAR. 09 M: nah (.) geNUSS.
348 wie alt BIST du dEnn.
349 Mt: ä:h zweiundZWANzig.
350 Ta: <<p> dreiundZWANzig.> (Der dazugehörende Spot war 2010 im Internet
351 Mt: dreiundZWANzig, (--) unter [Link]
352 Ta: mh? zu finden; 4.12.2010)
361
10.5
Sprache und Kultur
Sprache und Geschlecht
Zur Vertiefung
Die alltäglichen Methoden (everyday methods) der Geschlechterkonstruktion untersuchte der Soziologe
Harold Garfinkel (1967) in seiner mittlerweile klassischen Studie zur transsexuellen Agnes. Er beschreibt darin
die Strategien, die Agnes beherrschen musste, um in der amerikanischen Gesellschaft der 1960er Jahre als Frau
wahrgenommen und behandelt zu werden. Diese umfassten neben der gestisch-mimischen Selbstdarstellung,
der Art sich zu kleiden, zu gehen, zu sitzen etc. vor allem auch sprachlich-kommunikative Verfahren.
Mit der sozialen Konstruktion der Geschlechtszugehörigkeit beschäftigte sich auch Erving Goffman (1977/94).
Seine interaktionssoziologische Arbeit zu Techniken des gender display beschreibt die tief im Alltag veranker-
ten Praktiken der ›Inszenierung‹ dieser unsere Gesellschaft so beherrschenden Zweiteilung der Menschen in
Männer und Frauen. Dabei wirft er die Frage auf: »Wie kommt es, daß so geringfügige biologische Unterschiede
wie die zwischen Frauen und Männern eine solche zentrale Rolle erhalten, daß sie unsere gesamte soziale Or-
ganisation, unser Alltagsleben, unsere Machtverteilung etc. bestimmen?« (Goffman 1977/94: 139). Er argumen-
tiert, dass moderne westliche Gesellschaften den nicht sehr großen biologischen Unterschied zwischen den Ge-
schlechtern geradezu rituell überhöhen, so dass das Geschlecht als Prototyp sozialer Kategorisierung behandelt
wird: Die Zweiteilung der Geschlechter fängt bereits mit der Geburt an und verfolgt uns unser Leben lang. Sie
findet sich in der Arbeits- und Rollenaufteilung in der Familie, im Sport, in der Berufswahl und auf dem Ge-
haltszettel, in den Abteilungen von Kaufhäusern, auf fast jedem offiziellen Antragsformular, wo wir ankreuzen
müssen, ob wir weiblich oder männlich sind; sie dringt bis zu den öffentlichen Toiletten vor, und sie findet sich
auch in der (englischen und deutschen) Sprache (z. B. den geschlechtsspezifischen Vornamenregelungen, bei
den Anredeformen oder den Pronomen der 3. Person Singular). Die alltägliche Interaktion gilt Goffman als der
Ort, an dem Geschlechterdifferenzen entstehen: Hier stellen wir Gender-Identitäten her, und zugleich bestätigen
wir mit den kulturell spezifischen Praktiken des gender display die jeweiligen Vorstellungen einer scheinbar na-
türlichen Ordnung zwischen den Geschlechtern, die doch tatsächlich kulturell geprägt ist (s. u.).
In Anlehnung an die Arbeiten von Garfinkel (1967) und Goffman (1977/94) wurde das ethnomethodologische
Konzept des doing gender (West/Zimmerman 1987) entwickelt. Die soziale Geschlechtszugehörigkeit wird hier-
bei nicht länger als etwas gesehen, was ist (being), sondern als etwas, was getan wird (doing). ›Geschlecht‹ gilt
folglich nicht als ein Merkmal, das eine Person hat, sondern als eine im Prozess der Interaktion herzustellende
Leistung (accomplishment), an der alle Interagierenden beteiligt sind.
Das eng mit dem doing gender verwobene, ebenfalls prozessorientierte Konzept des indexing gender (Ochs
1992) verweist darauf, dass es – zumindest in modernen Gesellschaften – kaum sprachlich-kommunikative
Praktiken gibt, die exklusiv auf das Geschlecht verweisen. Vielmehr existieren zahlreiche Strategien (z. B. die
Verwendung von derben Schimpfwörtern), die in Kombination mit anderen Verfahren (z. B. einer tiefen Stimme,
einer stark dialektalen Varietät) Geschlechtszugehörigkeit indizieren (s. o., Stichwort ›Indexikalität‹). Indexing
gender vernetzt somit sprachlich-kommunikative Praktiken der Gender-Konstruktion mit sozialen Rahmen-
bedingungen, Rollenerwartungen, kulturellen Gender-Ideologien etc. und stellt damit Bezüge zwischen kontex-
tuellen Indizierungen von Gender und größeren soziokulturellen Erwartungen und Normen her.
ligen kulturspezifischen Praktiken des doing gen- zept betrachtet, das in sozialen Interaktionen her-
der und damit zugleich kulturspezifische Erwar- gestellt wird.
tungen und Vorstellungen gender-adäquaten Ver- ■ Gender kann auf unterschiedlichen sprachli-
haltens. chen Ebenen indiziert werden: Gender-Zuwei-
■ Gender ist nichts, was wir einfach ›haben‹, sungen können durch eine Vielfalt an sprachlichen
sondern etwas, das wir ›tun‹ bzw. indizieren: Verfahren, die auf recht unterschiedlichen Ebenen
Statt an essentialistischen Vorstellungen scheinbar (Phonologie, Prosodie, Morphologie, Syntax, Lexi-
gegebener Geschlechtsidentitäten festzuhalten, die kon, Sprechhandlungen, Gattungen, Gesprächs-
sich in klar zu beschreibenden Verhaltensweisen stile, Gestik, Mimik etc.) angesiedelt sind, vorge-
widerspiegeln, wird Gender als dynamisches Kon- nommen werden.
362
10.5
Sprache und Kultur
Sprache und Geschlecht
■ Gender impliziert meist Asymmetrie: Gender- Weibliche Stimmen zeichnen sich in europäischen
Identitäten basieren auf kulturellen Ideologien und nordamerikanischen Gesellschaften durch
über die scheinbare Natur der Geschlechterver- häufigere und schnellere Wechsel der Sprech-
hältnisse. Frauen und Männer bzw. weibliches geschwindigkeit, Tonhöhe und Lautstärke aus,
und männliches Verhalten werden nicht nur als wodurch die Stimmen involvierter und emotiona-
unterschiedlich betrachtet, sondern die jeweiligen ler wirken (Graddol/Swann 1989).
Unterschiede werden in der Regel auch bewertet. Phonologie, Grammatik und Lexikon: Gender
In zahlreichen kulturellen Gruppen und Kontexten kann auch durch grammatische Merkmale indi-
kommt dabei dem Verhalten bzw. den Attributen, ziert werden. So signalisieren z. B. männliche
die mit Männlichkeit assoziiert werden, ein höhe- Sprecher des Koasati (einer indianischen Sprache
res Prestige zu. Folglich sind Studien zu Gender im Südosten der USA) ihr Geschlecht durch Hinzu-
oftmals eng mit Fragen nach Macht, Status und fügen des Suffixes -s an das Verb jeder Äußerung.
Prestige verwoben. Nicht nur Verben der 1. Person, die auf den Spre-
cher selbst verweisen, sondern alle Verbformen
Im Folgenden werden wir einige Bereiche vorstel- erhalten dieses Suffix (Foley 1997: 300). Nach Sa-
len, die für die kommunikative Indizierung von pir (1949/1968: 211 f.) weist das Yana (eine Spra-
Gender-Identitäten in unterschiedlichen Spra- che in Nordkalifornien) starke Gender-Differenzie-
chen und kulturellen Kontexten relevant sind rungen im Bereich der Morphologie auf: Hier wird
(vgl. Günthner/Kotthoff 1991; Günthner 2006; nicht nur bei Pronomen und Affixen zwischen
Ahearn 2011; sowie Kap. 7.3.5). weiblichen und männlichen Formen unterschie-
Stimme und Prosodie: In wohl allen kulturellen den, sondern auch die Tempusmarkierung diver-
Gruppen bildet die Stimme ein wesentliches Mit- giert – je nach Geschlecht des Sprechenden.
tel zur Markierung von Gender-Zugehörigkeit. Im Formen der Gender-Markierung, die den Inter- Kommunikative
Allgemeinen haben Frauen eine höhere Stimme aktionsteilnehmern bzw. dritten Personen feste Indizierung von
als Männer. Dies ist teilweise auf anatomische Gender-Identitäten zuteilen, existieren in unter- Gender-Identitäten
Unterschiede zwischen den Geschlechtern zurück- schiedlichsten Sprachen und zeigen vielfältige Aus-
zuführen: Männer haben in der Regel längere prägungen; so zwingen uns im Deutschen die Pro-
Stimmbänder, die langsamer vibrieren und tiefere nomen der dritten Person Singular (er und sie) zur
Töne erzeugen als die von Frauen. Hinzu kommt Geschlechtszuweisung in Bezug auf die Person,
der Einfluss von Hormonen, die in der Pubertät über die wir reden. In anderen Sprachen entfällt
zum Absinken der Tonhöhe bei Jungen führen. So diese Pflicht. Im Chinesischen wird z. B. das Prono-
weist die Stimme europäischer Männer einen Ton- men ta sowohl zur Referenz auf eine weibliche als
höhenumfang von 75 bis 230 Hertz auf, der von auch auf eine männliche Person eingesetzt. In der
europäischen Frauen liegt zwischen 110 und 330 schriftlichen Kommunikation wird allerdings an-
Hertz (Graddol/Swann 1989: 20 ff.). Allerdings zei- hand der betreffenden Schriftzeichen zwischen
gen sich kulturelle Unterschiede: Während in eini- Männern [Ⅵ] und Frauen [Ⰸ] unterschieden.
gen Kulturen die Tonhöhenunterschiede zwischen Im Gegensatz zu diesen obligatorischen Ge-
den Geschlechtern stark ausgeprägt sind, unter- schlechtszuweisungen belegen die mittlerweile
scheiden sich weibliche und männliche Stimmen klassischen soziolinguistischen Studien von Labov
in anderen Kulturen weniger deutlich. Ferner zei- (1966) und Trudgill (1974) phonologische und
gen Untersuchungen bei Kindern, dass Jungen be- morphologische Gender-Marker, die sich erst aus
reits vor der Pubertät, und damit vor dem Stimm- der quantitativen Verteilung bestimmter Variablen
bruch, zu tieferen Stimmen neigen, da sie auf ergeben (wie die Aussprache des postvokalen /r/
diese Weise gesellschaftlich kodierten Rollenerwar- in New York in Worten wie car, card oder floor
tungen entsprechen wollen. Die Stimmhöhe ist oder die Realisierung des Suffxes -ing mit einem
also kein rein anatomisches Phänomen, sondern auslautenden alveolaren vs. velaren Nasal in Wör-
auch ein soziales. Das Beispiel der Stimme ver- tern wie moving, going in Norwich, Großbritanni-
weist also bereits auf die komplexe Interaktion so- en; s. Kap. 7.3.5). In der nordamerikanischen bzw.
ziokultureller und biologischer/physikalischer Fak- britischen Gesellschaft vermeiden Frauen der un-
toren beim gender display. teren Mittelschicht (im Gegensatz zu den Männern
Neben der Stimmhöhe tragen auch prosodi- dieser Schicht) stigmatisierte Nicht-Standard-Vari-
sche Merkmale zur Kontextualisierung von Gen- anten und tendieren in statistisch signifikanter
der bei und fungieren somit als Gender-Marker: Weise zu phonologischen und morphologischen
363
10.5
Sprache und Kultur
Sprache und Geschlecht
Formen, die prestigereicher sind und folglich mit sehr wohl unabgeschwächte Formen der Dissens-
einer sozial höheren Schicht assoziiert werden. markierung, ironische Angriffe und konfrontative
Dieses Muster ist in modernen westlichen Sprech- Strategien. Kulturanthropologische Arbeiten bele-
gemeinschaften derart verbreitet, dass es inner- gen außerdem, dass kooperatives und höfliches
halb der Soziolinguistik gar als das soziolinguisti- Verhalten keineswegs ein universelles Merkmal
sche Gender-Muster schlechthin bezeichnet wird. weiblichen Stils ist.
Häufig wird argumentiert, dass Frauen in diesen Klassische Gegenbeispiele kommen aus Ma-
Sprechgemeinschaften ihren niedrigeren sozialen dagaskar (Keenan 1974/91) und Papua Neugui-
Status zu kompensieren versuchen, indem sie nea (Kulick 1992). In diesen Gemeinschaften sind
prestigereichere Formen verwenden. Aufgrund ih- es die Männer, die einen indirekten und höflichen
rer eigenen Stellung in der Gesellschaft zeigen sie Redestil pflegen. Dieser Stil gilt als harmonieför-
in ihrem Sprachverhalten eine soziale Aufwärts- dernd und zielt darauf ab, Konfrontationen und
mobilität. Zugleich wurde beobachtet, dass die Gesichtsverlust zu vermeiden. Aufgrund seiner In-
stigmatisierten Nicht-Standard-Varietäten zwar of- direktheit hat der männliche Stil in diesen Gemein-
fiziell als prestigearm gelten, aber trotzdem ein schaften einen höheren Status als der weibliche.
›verdecktes‹ (covert) Prestige haben, da sie mit Ei- Dieser zeichnet sich durch Direktheit aus und gilt
genschaften wie Solidarität, sozialer Nähe und als Quelle des Konflikts und daher als Bedrohung
körperlicher Kraft und Stärke assoziiert werden für soziale Beziehungen. Zugleich wird das Ge-
sowie zur Konstruktion von Männlichkeit beitra- sprächsverhalten der Frauen als Hinweis darauf
gen (Trudgill 1974; Kotthoff 1992; Ayaß 2008). gesehen, dass Frauen von Natur aus emotionaler,
Geschlechtsspezifische Gesprächsstile: Zahlrei- unbeherrschter und unsozialer sind, während der
che Studien zeigen, dass Frauen in westlichen Ge- höfliche Redestil als Indikator für den männlichen
sellschaften einen kooperativen Gesprächsstil Gemeinschafts- und Harmoniesinn gilt. In öffent-
bevorzugen, der Konfrontationen vermeidet und lichen Gesprächen ist der männliche Stil obli-
nach interaktiver Harmonie strebt. Der männliche gatorisch, da hier Konflikte vermieden werden sol-
Stil gilt dagegen als kompetitiv ausgerichtet und len; aus diesem Grund sind öffentliche Sprecher in
dominanzorientiert. Sprache werde von Männern der Regel Männer. Muss jedoch eine unangenehme,
primär dazu verwendet, Hierarchien herzustellen negative Nachricht übermittelt werden oder liegt
und zu verfestigen (Tannen 1990). Dies wurde ein Problem mit den Nachbarn vor, so wird es den
u. a. durch Arbeiten zu wissenschaftlichen Diskus- Frauen überlassen, dass sie das Gegenüber be-
sionen im deutschsprachigen universitären Kon- schimpfen und mit ihm streiten; dadurch werden
text bestätigt (Baron 1998). Selbst statushohe Teil- wiederum die Vorstellungen von Frauen als ›unbe-
nehmerinnen (Professorinnen) bringen in der herrscht‹ und ›unsozial‹ bestätigt.
Regel ihre Gegenmeinungen recht gemäßigt vor Geschlechtsspezifische kommunikative Strate-
und vermeiden fast gänzlich die bei männlichen gien: Eine Vielzahl linguistischer Arbeiten hat ver-
Sprechern immer wieder auftretenden Phänomene sucht, kommunikative Strategien wie Unterbre-
des Scheinlobes und der Scheinzustimmung. Iro- chungen, Fragen und Hörersignale in Beziehung
nische Formen der Kritik am Gegenüber sind bei zum Geschlecht der Sprecher/innen zu setzen.
weiblichen Diskutierenden in wissenschaftlichen So wurde z. B. postuliert, dass Unterbrechungen
Diskussionen selten nachzuweisen, wodurch ih- als Rederechtsverletzung in Zusammenhang mit
ren Äußerungen die vernichtende Schärfe fehlt, männlichem Dominanzverhalten stehen. Mittler-
die sich bei einigen ihrer Kollegen findet. Ferner weile belegen allerdings zahlreiche empirische
sind Wissenschaftlerinnen in fachlichen Auseinan- Analysen, dass Männer keineswegs allgemein
dersetzungen eher zu Konzessionen und Ein- häufiger unterbrechen als Frauen. Einfache Zu-
schränkungen der Gültigkeit ihrer eigenen Aussa- ordnungen von bestimmten konversationellen
gen bereit; sie neigen sehr viel stärker als ihre Phänomenen (wie Unterbrechungen) zu einer ein-
männlichen Kollegen zu Selbstkritik. zigen Funktion (Dominanz herstellen) sind nicht
Auch wenn diese Ergebnisse die These man- haltbar. Ein und dieselbe Strategie kann eingesetzt
gelnder weiblicher Konfrontationsbereitschaft zu werden, um unterschiedliche, ja sogar diametral
bestätigen scheinen, so gelten sie doch nicht pau- entgegengesetzte konversationelle Ziele zu errei-
schal: Dieselben Sprecherinnen verwenden in an- chen: Unterbrechungen können auch Zeichen so-
deren Kontexten und Gattungen (in privaten Argu- zialer Nähe sein, Empathie bekunden, die Spre-
mentationen, informellen Streitgesprächen etc.) cherin unterstützen oder allgemein Ausdruck einer
364
10.5
Sprache und Kultur
Sprache und Geschlecht
engagierten Beteiligung am Gespräch sein (Kott- terschiede, Macht etc. herstellen. In zahlreichen
hoff 1993). Kontexten werden Unterbrechungen tatsächlich
In der viel diskutierten Theorie der zwei Kul- verwendet, um Dominanz auszuüben, und Hörer- Die Theorie der
turen (Maltz/Borker 1982/91; Tannen 1990; Günth- signale werden systematisch verweigert, um der zwei Kulturen
ner 1992; Ayaß 2008) wird davon ausgegangen, Sprecherin oder dem Sprecher die konversationel-
dass Frauen und Männer unterschiedlichen Kom- le Unterstützung zu entziehen. Eine Gleichsetzung
munikationskulturen mit divergierenden kommu- von kommunikativen Handlungen (wie Unterbre-
nikativen Regeln angehören und ein und dieselbe chung, Hörersignal etc.) und einer einzigen Funk-
kommunikative Strategie für Frauen und Männer tion ist allerdings nicht möglich; die jeweilige
unterschiedliche Bedeutung hätte. In gemischt- Funktion ergibt sich erst, wenn man die anderen,
geschlechtlichen Interaktionen würden folglich zugleich auftretenden kommunikativen Verfahren,
die Äußerungen der einen Person (z. B. einer ihre sequenzielle Platzierung, ihre Einbettung in
Frau) auf der Grundlage eines anderen kommuni- die entsprechenden Aktivitätstypen, Gattungen
kativen Systems interpretiert (dem des Mannes), und Sprechereignisse sowie die Form ihrer Durch-
was zu systematischen Missverständnissen und führung berücksichtigt.
Fehlschlägen führe. Während zum Beispiel Hörer- Sprachliche Varietäten: Neben den besproche-
signale wie mhm, ja etc. für Frauen ›Ich höre Dir nen sprachlich-kommunikativen Merkmalen, die
zu. Mach weiter.‹ bedeuteten, hätten sie für Män- der Indizierung von Geschlecht dienen können,
ner die Bedeutung ›Ich bin einverstanden‹. Dass sollte nicht unerwähnt bleiben, dass in zahlrei-
Frauen häufiger Hörersignale verwendeten als chen Kulturen sprachliche Varietäten oder gar
Männer, wäre folglich darauf zurückzuführen, Sprachen geschlechtsbezogen verteilt sind. Da
dass sie intensiver zuhörten und dies auch signa- Männer in vielen traditionellen Kulturen eine bes-
lisierten, während Männer seltener zustimmten. sere Ausbildung erhalten (bzw. überhaupt in den
Wenn eine Frau mhm sage, würde der Mann Genuss einer Schulbildung gelangen), sind sie oft-
dies – entsprechend seinen eigenen kulturellen mals diejenigen, die die Standard- und Schriftspra-
Kommunikationskonventionen – als Zustimmung che beherrschen. Aufgrund ihrer größeren Mobili-
interpretieren. Umgekehrt führten die selteneren tät bzw. bedingt durch Handelskontakte sind
Hörersignale der Männer bei weiblichen Gesprächs- Männer in vielen Kulturen auch eher bilingual als
teilnehmerinnen zu der Interpretation, dass sie Frauen: Die wenigen monolingualen Sprecher von
ihnen nicht zuhörten. Empirische Studien ver- Berbersprachen in Algerien sind beispielsweise al-
deutlichen jedoch, dass Hörersignale – je nach lesamt Frauen. Der umgekehrte Fall liegt jedoch in
sequenzieller Platzierung und prosodischer Reali- Guatemala vor, wo vor allem die Frauen neben ih-
sierung – weitaus mehr interaktive Funktionen rer Muttersprache (einer Mayasprache) noch Spa-
haben können, als lediglich Zustimmen und Zu- nisch beherrschen, was darin gründet, dass sie
hören zu signalisieren. Beispielsweise können sie durch den Verkauf ihrer Produkte auf den Märkten
auch eine kritische Haltung indizieren, zur Klä- mit Spanisch in Kontakt kommen (Saville-Troike
rung auffordern, Empathie zeigen, Erstaunen 1982/2008: 77).
markieren etc. Frauen und Männer setzen Hörer- Kommunikative Gattungen: Das Gattungsreper-
signale je nach Kontext unterschiedlich ein und toire kann ebenfalls – je nach geschlechtsspezifi-
können sie auch situationsadäquat interpretieren scher Arbeitsteilung, Zugang zu unterschiedlichen
(Günthner 1992). Alltagsbereichen etc. – gender-bezogen variieren.
Die Theorie der zwei Kulturen mit divergieren- Während Klagelieder in nahezu allen Gesellschaf-
den Gesprächsstrategien ist nicht zuletzt auch des- ten eine weibliche Gattung sind (s. 10.4), gelten ri-
halb äußerst fragwürdig, weil Mädchen und Jun- tuelle Beschimpfungen unter schwarzen Jugendli-
gen sowie Frauen und Männer (zumindest in chen als eine primär männliche Gattung (Abrahams
westlichen Kulturen) in ständigem kommunikati- 1974). Auch (männliche) türkische Jugendliche
ven Kontakt miteinander stehen. Folglich müssten praktizieren rituelle Beschimpfungen, die sich zu
sie zumindest über passive Kenntnisse des ande- Rededuellen entwickeln können (Dundes et al.
ren Stils verfügen und die entsprechenden kom- 1972; Tertilt 1997) und deren performance eine
munikativen Strategien interpretieren können hohe Schlagfertigkeit und rhetorisches Geschick
(Günthner 1992: 127). Damit soll nicht bestritten erfordert. Oftmals sind bestimmte Gattungen auf-
werden, dass Interagierende mittels bestimmter grund der geschlechtsspezifischen Teilnahme an
kommunikativer Strategien Dominanz, Statusun- den entsprechenden Ereignissen nur Männern vor-
365
10.5
Sprache und Kultur
Sprache, Denken,
Wirklichkeit
Zur Vertiefung
»Menschliche Wesen leben weder nur in der objektiven Welt noch allein in der, die man gewöhnlich die Gesell-
schaft nennt. Sie leben auch sehr weitgehend in der Welt der besonderen Sprache, die für ihre Gesellschaft zum
Medium des Ausdrucks geworden ist. Es ist durchaus eine Illusion zu meinen, man passe sich der Wirklichkeit
im wesentlichen ohne Hilfe der Sprache an und die Sprache sei lediglich ein zufälliges Mittel für die Lösung der
spezifischen Probleme der Mitteilung und der Reflexion. Tatsächlich wird die ›reale Welt‹ sehr weitgehend unbe-
wußt auf den Sprachgewohnheiten der Gruppe erbaut […]. Wir sehen und hören und machen überhaupt unsere
Erfahrungen in Abhängigkeit von den Sprachgewohnheiten unserer Gemeinschaft, die uns gewisse Interpretatio-
nen vorweg nahelegen.« (Sapir 1949/68; zitiert in Whorf 1956/63: 74)
Sapirs Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Sprache und Denken wurden von seinem Schüler Benja-
min Lee Whorf radikalisiert und mündeten in der als sprachliches Relativitätsprinzip berühmt gewordenen
Hypothese, die Whorf (1956/63: 20) auf der Basis seiner Untersuchungen zur Sprache der Hopi-Indianer wie
folgt zuspitzte:
»Aus der Tatsache der Strukturverschiedenheit der Sprachen folgt, was ich das ›linguistische Relativitätsprinzip‹
genannt habe. Es besagt grob gesprochen folgendes: Menschen, die Sprachen mit sehr verschiedenen Grammati-
ken benützen, werden durch diese Grammatiken zu typisch verschiedenen Beobachtungen und verschiedenen
Bewertungen äußerlich ähnlicher Beobachtungen geführt. Sie sind daher als Beobachter einander nicht äquiva-
lent, sondern gelangen zu irgendwie verschiedenen Ansichten von der Welt.« (Whorf 1956/63: 20)
Die Thesen Whorfs lösten eine Reihe empirischer Studien aus, die sich zum Ziel setzten, die Frage nach der lin-
guistischen Relativität zu überprüfen. Brent Berlins und Paul Kays (1969) Untersuchungen belegten Universa-
lien in der Farbwahrnehmung und schienen zunächst die These von der sprachlichen Relativität zu widerlegen.
Seit den 1990er Jahren haben jedoch Untersuchungen wie die von John Lucy (1992), Stephen Levinson (1996;
2003) und Penelope Brown (2006) die Sprachabhängigkeit menschlicher Kognition bestätigt und die Diskussion
um ›sprachliche Relativität‹ erneut in Gang gebracht.
366
10.6
Sprache und Kultur
Sprache, Denken,
Wirklichkeit
367
10.6
Sprache und Kultur
Sprache, Denken,
Wirklichkeit
Beispiel Verwendung von Raum-Konzepten Norden. Trotz dieses Unterschieds bewahrte der
bei Guugu-Yimithirr-Sprechern Erzähler mit seinen Gesten exakt die absoluten
Himmelsrichtungen, in denen sich die geschil-
Der US-amerikanische Anthropologe John Ha- derten Ereignisse abspielten. Bei den Beschrei-
viland filmte einst Jack Bambi, einen Guugu bungen, wie das Boot kenterte, wo ein großer Hai
Yimithirr-Sprecher, als dieser von einem Schiff- auftauchte etc., stimmten beide Male die sprach-
bruch erzählte. Zwei Jahre später filmte der eng- lichen und gestischen Details hinsichtlich der
lische Anthropologe Stephen Levinson denselben Himmelsrichtungen genau überein; d. h. die Er-
Sprecher beim Erzählen derselben Geschichte. eignisse waren im Gedächtnis des Erzählers in
Beim ersten Mal saß Jack Bambi so, dass er nach Ausrichtung auf die Himmelsrichtungen gespei-
Westen blickte; beim zweiten Mal blickte er nach chert (Levinson 2003: 5).
368
10.7
Sprache und Kultur
Doing Culture –
die interaktive
Konstruktion von Kultur
369
10.7
Sprache und Kultur
Doing Culture –
die interaktive
Konstruktion von Kultur
Blick. Kulturelle Identität wurde in traditionellen Praxis deutscher Ärzte, die Akupunkturbehand-
Untersuchungen oft pauschal aus der Sprache oder lungen durchführen, bei Feng-Shui-Beratern in
Nationalität abgeleitet. Dies führte dazu, dass die Deutschland etc. Schließlich ist zu berücksichti-
interaktionale Konstruiertheit kultureller Zugehö- gen, dass sich kulturelle Fremdheit auch in Inter-
rigkeit vernachlässigt wurde und stattdessen teils aktionen zwischen Personen mit derselben Spra-
lediglich kulturelle Stereotypen und Ideologien re- che oder Nationalität manifestieren kann (Auer/
produziert wurden (›Die Deutschen sind direkt‹, Kern 2001). Folglich richtet sich der Blickwinkel
›Die Japaner sind höflich‹, ›Die Chinesen sind un- aktueller Arbeiten zu interkulturellen Begegnun-
durchschaubar‹ etc.). gen zunehmend auf die lokalen kommunikativen
Aktuelle sprach- und sozialwissenschaftliche Prozesse der Konstruktion kultureller Zugehörig-
Untersuchungen gehen demgegenüber jedoch da- keiten und auf Differenzen in konkreten Interak-
von aus, dass kulturelle Differenzen bzw. Fremd- tionszusammenhängen: Die Fragestellung verla-
heit oder Andersheit nicht objektiv das Verhältnis gert sich entsprechend von ›Was sind die gegebe-
zweier Personen oder Gruppen zueinander kenn- nen kulturellen Differenzen?‹ zu ›Was tun die
zeichnen, sondern als Ergebnis interaktiver Er- Interagierenden, um kulturelle Differenzen bzw.
zeugung und Zuschreibung gesehen werden Zugehörigkeiten zu indizieren?‹ Der Prozess,
müssen (Günthner 1993b, 1999b). Mit anderen durch den kulturelle Zugehörigkeit bzw. Anders-
Worten: Kulturelle Zugehörigkeiten und Abgren- heit relevant gesetzt wird, wird dabei als doing
zungen sind nicht einfach vorhanden (z. B. auf- culture bezeichnet.
grund verschiedener Muttersprachen, Geburtsorte, Stereotype: Eine wesentliche Strategie des do-
Hautfarben, Nationalitäten etc.), sondern sie wer- ing culture stellen Zuschreibungen kultureller Ste-
den in zwischenmenschlichen Interaktionen (re-) reotypen dar. Dies soll im Folgenden anhand eines
produziert, fokussiert, bestätigt oder modifiziert. Gesprächsausschnitts erläutert werden (s. S. 371).
Darüber hinaus lässt sich kulturelle Zugehö- Dieser Gesprächsausschnitt veranschaulicht,
rigkeit insbesondere in der globalisierten Welt wie Guo kulturelle Differenzen zwischen ›uns‹
nicht territorial verorten: So findet man beispiels- (den Chinesen) und ›ihnen‹ (den Deutschen) situ-
weise chinesische Praktiken und Wissensbestän- ativ konstruiert und als Erklärung einsetzt. Seine
de nicht nur in China, Taiwan, Hongkong oder Frau ist mit einer kommunikativen Praktik kon-
Singapur, sondern auch in den China-Towns ame- frontiert, die ihr nicht vertraut ist: Die Gäste haben
rikanischer und europäischer Großstädte, in der ihre Aufforderung zu essen direkt abgelehnt und
Definition auch ihr Essen nicht mehrfach gelobt. (Im chinesi-
schen Kontext sind Aufforderungen zum Weiteres-
Mit dem der Ethnomethodologie entstammenden Konzept des sen häufig lob-elizitierende Strategien: Mehrfaches
➔ doing culture (s. auch 10.5 zu doing gender) wird auf den Aspekt der Lob des Essens während des Abends wird erwar-
interaktiven Hervorbringung kultureller Zugehörigkeiten bzw. Fremd- tet.) Ihr Mann schreibt diese (Nicht-)Handlung der
heiten fokussiert. Hierbei rücken die interaktiven Verfahren, mit denen fremden Kultur zu und nutzt sie für eine Differen-
Gesprächsteilnehmer/innen kulturelle Zuschreibungen produzieren, zierung zwischen ›denen‹ und ›uns‹. Indem er die
ins Zentrum der Analyse. Deutschen als »nicht so sehr ja beSCHEI:den.« (Z.
19) kategorisiert, konstruiert Guo zugleich – auf
370
10.7
Sprache und Kultur
Doing Culture –
die interaktive
Konstruktion von Kultur
Doing Culture bei einer Essenseinladung aufgetragen wurden und die Gäste (Kurt und Uli) Beispiel
darauf hingewiesen haben, dass sie »VÖ[Link].
Kurt und Uli sind bei Bao und Guo zum Essen SATT.« (Z. 3) sind, stellt Bao einen weiteren Tel-
eingeladen. Guo lebt bereits seit einigen Jahren ler mit chinesischem Essen auf den Tisch und
in der Bundesrepublik, während Bao, seine Frau, fordert – gemäß der chinesischen Etikette – ihre
erst vor einigen Monaten nach Deutschland ge- Gäste auf, weiter zuzugreifen:
zogen ist. Nachdem bereits mehrere Gerichte
Nach dem wiederholten Ablauf der Aufforderung wendig bei DEUtschen. ja?«. Guo setzt dabei das
zum Essen durch die Gastgeberin Bao und der für Bao ungewöhnliche Verhalten von Kurt und
Ablehnungen durch Kurt schaltet sich Guo in Uli (die Tatsache, dass diese Baos Aufforderung,
Zeile 5 ein. Aufgrund seiner jahrelangen Deutsch- weiter zuzugreifen, direkt ablehnen; Z. 2–3 und
landerfahrung präsentiert er sich als Experte und 9–10) in Bezug zur kulturellen Kategorie ›Deut-
belehrt seine Frau über die deutschen Tischsitten sche‹ (Z. 6). In Zeile 19 expliziert Guo seine
(Z. 5–6) und somit über die kommunikativen Interpretation des Verhaltens der Gäste: »die
Konventionen der für sie fremden Kultur: »du deutschen ja. (–) sind so nicht so sehr ja
MUßt nicht I:MMer sAgen. eh. das NICHt not- beSCHEI:den.«
der Folie der Fremdidentifikation – die kulturelle in dieser Form Verstehensprobleme zu bewälti-
Selbstidentifikation der ›bescheidenen Chinesen‹. gen. Zugleich wird ersichtlich, dass keine einfa-
Die Gesprächssequenz verdeutlicht, dass Fremd- che Zweiteilung der Gesprächsteilnehmenden in Kulturalität als
kulturalität als Erklärungsressource stark an ›Einheimische‹ vs. ›Fremde‹ möglich ist: Während Erklärungsmuster
die Umstände der Gesprächssituation gebunden Bao die Rolle der mit den deutschen Konventio-
ist. Wie im vorliegenden Beispiel greifen Inter- nen nicht Vertrauten einnimmt bzw. zugewiesen
agierende häufig in Situationen interpretativer bekommt, konstituiert Guo für sich den Status
Unsicherheiten auf kulturelle Stereotype zurück, des Wissenden und damit den einer Mittlerper-
um Nichtzugängliches erklärbar zu machen und son zwischen den Kulturen.
371
10.7
Sprache und Kultur
Aufgaben
Weiterführende Literatur
Nahezu alle Einführungen in die anthropologi- und Kognition am Beispiel divergierender Raum-
sche Linguistik sind englischsprachig. Besonders konzepte.
zu empfehlen sind die Monographien von Ahearn Saville-Troike (1982/2008) bietet eine grundle-
(2011), Duranti (1997) und Foley (1997). Eine gute gende Einführung in die Ethnografie der Kommu-
Grundlage zu den Schlüsselbegriffen der anthro- nikation. In Günthner/Kotthoff (1991) finden sich
pologischen Linguistik liefert Duranti (2001b); in zahlreiche klassische Aufsätze zu Sprache und
Duranti (2001a) sind einige klassische Aufsätze Geschlecht im Kulturvergleich. Ayaß (2008) ist
der anthropologischen Linguistik zu finden. Das eine gelungene Einführung in Fragen der kom-
2006 erschienene Themenheft »Linguistik und Kul- munikativen Konstruktion von Geschlecht. Eine
turanalyse« der Zeitschrift für Germanistische Lin- exzellente Einführung in das Konzept der kommu-
guistik (ZGL) bietet weitere grundlegende Einbli- nikativen Gattung liefert die Arbeit von Berg-
cke in den Zusammenhang von Sprache und mann (1987). Aber auch Luckmann (1986) und
Kultur aus linguistischer Perspektive. Der darin Günthner/Knoblauch (1994, 2007) führen in die
enthaltene Aufsatz von Brown (2006) sowie die Gattungsanalyse ein. Eine noch immer aktuelle
Monografie von Levinson (2003) sind aktuelle Monographie zu Fragen Interkultureller Kommu-
Darstellungen zum Zusammenhang von Sprache nikation sowie zu Diskursstrategien im Kultur-
kontakt bietet Gumperz (1982).
Aufgaben
1. Diskutieren Sie die folgenden beiden Definitionen von linguistischer Anthropologie und anthro-
pologischer Linguistik!
»Anthropological linguistics is that sub-field of linguistics which is concerned with the place of language in its wider social and
cultural context, its role in forging and sustaining cultural practices and social structures. […] Anthropological linguistics views
language through the prism of the core anthropological concept, culture, and as such, seeks to uncover the meaning behind the
use, misuse or non-use of language, its different forms, registers and styles. It is an interpretative discipline peeling away at lan-
guage to find cultural understandings.« (Foley 1997: 3)
»[…] linguistic anthropology will be presented as the study of language as a cultural resource and speaking as a cultural practice.
As an inherently interdisciplinary field, it relies on and expands existing methods in other disciplines, linguistics and anthropology
in particular, with the general goal of providing an understanding of the multifarious aspects of language as a set of cultural
practices, that is, as a system of communication that allows for interpsychological (between individuals) and intrapsychological
(in the same individual) representations of the social order and helps people use such representations for constitutive social acts.«
(Duranti 1997: 2–3)
2. Inwiefern werden durch die unterschiedlichen Formen der Begrüßung in den folgenden deutschen
und chinesischen SMS-Mitteilungen soziale Bedeutungen kommuniziert?
(b) »Maus«
Lea an Frieda: 16.6.2007, 11:45
Hey Maus, hab mich leider super verspätet u. bin erst um halb 3
in B-Stadt. Können wir auch morgen nachmittag cafe trinken? o.
heute später? wie ist es dir wegen deinem arbeiten lieber? Ich
bleib bis montag. Tut mir leid;-)
372
10.7
Sprache und Kultur
Aufgaben
(c) »Brasserie«
Rolf an Sebastian: 24.10.2009, 18:44
Hey haste bald mal wieder Lust n Bierchen zu schlürfen? Meld
dich mal die Tage bei mir! LG
(d) »Gastvortrag«
Lena Müller an Frau Prof. Bucher: 23.1.2009, 12:04
Liebe Frau Prof. Bucher, ich warte direkt am Gleis auf Sie.
Herzlich, Lena Müller.
(e) »Einladung«
Lijie an Zhu Han: 2010, genaues Datum unbekannt
⅁䓀䤓 ㎂㒠㼰
Liebe (Attribut-)PART denken ich nicht
›Mein Liebster denkst du an mich?‹
(f) »Nachfrage«
Jiazhi an Yi: 2010, genaues Datum unbekannt, 14:00
ⰗⰗ᧨⇯Ⰼ⚦᧻
Mama, du gut (Frage-)PART?
›Mama, geht es dir gut?‹
(g) »Dummkopf«
Ping an Jiasheng: 2010, genaues Datum unbekannt, 21:30
䶷奚䧰ℕ⚦᧻
Dummkopf, schlafen (Aspekt-)PART (Frage-)PART?
›Dummkopf, hast du (schon) geschlafen?‹
3. Auch wenn in westlichen Gesellschaften oftmals die Ideologie vertreten wird, dass unsere
Anredepraktiken symmetrisch seien, so existieren dennoch verschiedenste Kontexte, die sich
durch asymmetrische Anredeformen (wie du auf der einen Seite und Sie auf der anderen; bzw.
Vorname vs. Frau/Herr + Nachname) auszeichnen. Skizzieren Sie Kontexte, in denen im Deut-
schen asymmetrische Anredeformen durchaus verwendet werden!
4. Erläutern Sie mithilfe der Konzepte der Kontextualisierung und Indexikalität die Sprachverwen-
dung in den folgenden Redewiedergabepassagen!
BANK ((SCHWABEN))
42 Udo: seit i auf d_BANK geh,
43 SAget se,
44 <<prononciert> grüß GOTT herr WEISSmann;
45 womit kann ich DIEnen herr WEISSmann;>
46 alle: ((lachen))
47 Udo: seit mir den kreDIT HÄN; gell,
48 VORher händ se
49 <<herablassend, mürrisch> aah de: WEISSmann;>
373
10.7
Sprache und Kultur
Aufgaben
Die Studentin Ira unterhält sich mit den Jugendlichen Samir, Ali, Mesut und Karim über Jugend-
sprache und deren Unterschiede zur Sprache der Erwachsenen. Der folgende Ausschnitt setzt ein,
nachdem Samir und Ali Ausdrücke in Arabisch, Kurdisch und Deutsch präsentiert haben, die sie
als typisch für ihre Jugendsprache betrachten und die sich ihrer Meinung nach von der Sprache
der Erwachsenen unterscheiden. Ab Zeile 114 führt Samir typische Begrüßungsformeln an, die die
Jugendlichen (»wir alle«; Z. 115) bzw. Vertreter der jeweiligen kulturellen Gruppen verwenden:
374
10.7
Sprache und Kultur
Aufgaben
Xpet, ein Tzeltal-sprechender Teenager, schaut sich zwei Fotos an, die – bis auf die spiegelverkehr-
te Darstellung – identisch sind. Penny Brown fragt nun Xpet nach dem Unterschied zwischen den
beiden Fotos. Nachdem Xpet mehrmals von einem Foto auf das andere starrt, runzelt sie ihre Stirn:
»Sie sind gleich. Lediglich auf dem hier sind ein paar schmutzige Fingerabdrücke drauf.« Sie ist
also überzeugt, dass die beiden Abzüge identisch sind (Levinson 2003: 4–5; dt. Übersetzung S. G.).
7. Diskutieren Sie folgende Episode aus einer Interaktion zwischen X, einem deutschen Lektor in
Thailand, und Y, einem thailändischen Studenten. Beschreiben Sie das Missverständnis zwischen
X und Y und erläutern Sie, worauf es basiert.
Der deutsche Lektor, der vor kurzem ein neues Haus in Thailand bezogen und dort auch einige
Wertgegenstände untergebracht hat, begegnete bei einem kleinen Spaziergang einem jungen
Mann. Dieser initiiert folgenden Dialog:
Erläutern Sie, was bei dieser Begegnung passierte und worauf das Missverständnis basiert!
(Hierzu: Kimsuvan 1984: 124–125)
8. Wie fällt ein Stein in verschiedenen Sprachen – oder ist ein fallender Stein stets ein fallender
Stein? Lesen Sie den untenstehenden Text und beschreiben Sie, welche kulturellen Relevanzen
durch welche Ausdrucksweisen markiert werden.
»Thus, when we observe an object of the type that we call a ›stone‹ moving through space towards the earth, we involuntarily
analyze the phenomenon into two concrete notions, that of a stone and that of an act of falling, and, relating these two notions to
each other by certain formal methods proper to English, we declare that ›the stone falls.‹ We assume, naively enough, that this is
about the only analysis that can properly be made. And yet, if we look into the way that other languages take to express this very
simple kind of impression, we soon realize how much may be added to, subtracted from, or rearranged in our own form of expres-
sion without materially altering our report of the physical fact.
In German and in French we are compelled to assign ›stone‹ to a gender category — perhaps the Freudians can tell us why this
object is masculine in the one language, feminine in the other; in Chippewa we cannot express ourselves without bringing in the
apparently irrelevant fact that a stone is an inanimate object. If we find gender beside the point, the Russians may wonder why
we consider it necessary to specify in every case whether a stone, or any other object for that matter, is conceived in a definite or
an indefinite manner, why the difference between ›the stone‹ and ›a stone‹ smatters. ›Stone falls‹ is good enough for Lenin, as it
was good enough for Cicero. And if we find barbarous the neglect of the distinction as to definiteness, the Kwakiutl Indian of
British Columbia may sympathize with us but wonder why we do not go a step further and indicate in some way whether the stone
is visible or invisible to the speaker at the moment of speaking and whether it is nearest to the speaker, the person addressed, or
some third party. ›That would no doubt sound fine in Kwakiutl, but we are too busy!‹ And yet we insist on expressing the singu-
375
10.7
Sprache und Kultur
Aufgaben
larity of the falling object, where the Kwakiutl Indian, differing from the Chippewa, can generalize and make a statement which
would apply equally well to one or several stones. Moreover, he need not specify the time of the fall. The Chinese get on with a
minimum of explicit formal statement and content themselves with a frugal ›stone fall.‹.«
(Sapir, Edward (1924): »The Grammarian and his language«. In: American Mercury 1, 149–155)
Susanne Günthner
376
11.1
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt sind Begriffe, weisen der Menschen, die diese Sprachen spre-
die sich wechselseitig bedingen: Denn Sprachkon- chen, oder der gesellschaftlichen Gruppen, in de-
takt findet in der Regel dort statt, wo Individuen nen diese Sprachen verwendet werden. Unter
oder Sprachgemeinschaften mehrere Sprachen ne- ›Sprachkontakt‹ versteht man dagegen die wech-
beneinander verwenden. Der Begriff ›Mehrspra- selseitige Beeinflussung von zwei oder mehreren
chigkeit‹ bezieht sich dabei auf die psycho- und Sprachen, d. h. der Begriff rückt die Struktur der
soziolinguistischen Eigenschaften oder Verhaltens- beteiligten Sprachen ins Zentrum.
11.1 | Mehrsprachigkeit
11.1.1 | Typen von Mehrsprachigkeit zweisprachig bezeichnet werden kann, wenn er Typen von
die gleiche Kompetenz in beiden Sprachen besitzt Mehrsprachigkeit
Es mag aus unserer mitteleuropäischen Perspek- und sie gleichzeitig von Kind auf erlernt hat (vgl.
tive befremdlich klingen: Statistisch gesehen gibt Oksaar 2003: 27 ff.). Diese Annahme ist deswegen
es weltweit mehr mehrsprachige als einsprachige unrealistisch, weil eine mehrsprachige Person sel-
Menschen. Man denke nur an die afrikanischen ten alle Situationen des Lebens in beiden (oder
Staaten, den indischen Subkontinent, weite Teile mehreren) Sprachen meistern muss; außerdem
Asiens und Osteuropas. Viele Forscher sind daher kann man auch noch nach dem Kindesalter eine
der Meinung, dass Mehrsprachigkeit die Regel und sehr hohe Kompetenz in einer Sprache erwerben.
Einsprachigkeit die Ausnahme ist. Grundsätzlich muss man davon ausgehen, dass
Bei der Definition von Mehrsprachigkeit wer- ›perfekte‹ Mehrsprachigkeit, d. h. quasi-mutter-
den in der Regel drei verschiedene Formen unter- sprachliche Kompetenz in zwei oder mehr Spra-
schieden (Lüdi 1996): chen, die Ausnahme bildet. Im Allgemeinen ist für
■ Individuelle Mehrsprachigkeit bezieht sich die Herausbildung der Kompetenzen in den zwei
auf den einzelnen Sprecher. oder mehr Sprachen der Sprachgebrauch in unter-
■ Gesellschaftliche Mehrsprachigkeit meint den schiedlichen Domänen (oder in unterschiedlichen
Sprachgebrauch in mehrsprachigen Staaten sozialen Rollen) ausschlaggebend.
oder Regionen. Meist ist bei einem mehrsprachigen Individu-
■ Institutionelle Mehrsprachigkeit meint die um eine Sprache dominant, wobei sich aber diese
Verwendung mehrerer Arbeitssprachen in Insti- Dominanz im Lauf des Lebens immer wieder ver-
tutionen. schieben kann. Die Gebrauchsbedingungen für
377
11.1
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Mehrsprachigkeit
die jeweiligen Sprachen können ganz unter- nen) Minderheiten zugunsten der Letzteren (vgl.
schiedlich sein. So kann ein mehrsprachiger Spre- Nelde 1994: 119).
cher beispielsweise zwei (oder mehrere) Ge- Institutionelle Mehrsprachigkeit ist dann gege-
brauchssprachen haben, die täglich in einer ben, wenn die Verwaltung einer Stadt, eines Be-
Vielfalt von Situationen gesprochen werden. zirks, eines Landes oder einer Organisation ihre
Manche Sprecher haben auch eine ›Wochenend- Dienste in mehreren Sprachen anbietet. Das ist
sprache‹, die bei der wöchentlichen Heimkehr in z. B. in den territorial mehrsprachigen Staaten der
die Familie gesprochen wird, und eine ›Wochen- Fall, aber natürlich auch in internationalen Organi-
tagssprache‹, die alle täglichen Bedürfnisse wäh- sationen wie der UNO, dem Europa-Parlament
rend der Arbeitswoche erfüllt. Außerdem kann es usw.
sein, dass ein Sprecher eine Sprache nur in ihrer Diskursive Mehrsprachigkeit: Zusätzlich zu die-
gesprochenen Form und die andere überwiegend sen bisher in der Forschung diskutierten Formen
als geschriebene Form verwendet (vgl. Lüdi/Py von Mehrsprachigkeit schlägt Franceschini (2011:
1984: 8). 347) eine vierte Dimension vor, nämlich die dis-
Gesellschaftliche Mehrsprachigkeit: Unter ge- kursive Mehrsprachigkeit. Franceschini grenzt die-
sellschaftlicher Mehrsprachigkeit versteht man die se von der individuellen Mehrsprachigkeit dadurch
Tatsache, dass auf ein und demselben Territorium ab, dass sie sie als eine mehrsprachige Praxis defi-
mehrere Sprachen gesprochen werden. Das ist in niert, nämlich als die Herstellung von Sinn im Di-
der Regel in Gebieten der Fall, in denen sog. alog. Darunter sind etwa die verschiedenen Prakti-
Sprachminderheiten leben, z. B. im Baskenland ken des Code-Switchings (s. 11.1.4), Gespräche
oder in Südtirol. In diesen Gebieten haben nicht zwischen Muttersprachlern und Nicht-Mutter-
alle dort lebenden Menschen die gleiche Sprache sprachlern, der Gebrauch einer Lingua Franca,
als Erstsprache. Manche sprechen zu Hause nur von Ethnolekten u. Ä. zu zählen.
Baskisch oder Deutsch, andere nur Spanisch oder
Italienisch. Manche sprechen beide Sprachen des
Territoriums von klein an, nämlich Kinder aus
gemischtsprachigen Familien (zum bilingualen 11.1.2 | Erwerb von Mehrsprachigkeit
Erstspracherwerb s. nächste Seite). Diese unter-
scheiden sich von den ›sekundär zweisprachigen‹ Bei individueller Mehrsprachigkeit haben Sprecher
Sprechern, die die zweite Sprache erst im Kinder- im Laufe ihres Lebens mehrere Sprachen erwor-
garten oder gar in der Schule erlernen (vgl. Riehl ben. Die Dominanz der Sprachen kann sich im
2001: 57). Seltener dagegen ist eine Konstellation Laufe des Lebens immer wieder verschieben. Man
wie in der Schweiz, wo jede der Staatssprachen in kann Sprachen auch wieder vergessen, und davon
einem eigenen Gebiet gesprochen wird. In diesem kann sogar die Erstsprache betroffen sein. In die-
Fall spricht man von territorialer Mehrsprachig- sem Falle spricht man von Spracherosion (lan-
keit. In dieser Form von mehrsprachigen Staaten guage attrition; vgl. Schmid 2011).
können die Individuen, die in dem jeweiligen Ge- Typen des Erwerbs: Beim Erwerb mehrerer
biet leben, in allen Institutionen und Situationen Sprachen muss man grundsätzlich unterscheiden
ihre Erstsprache verwenden, nicht jedoch in den zwischen:
anderen Staatsgebieten (dazu ausführlich Riehl ■ ungesteuertem (spontanem) Zweitspracher-
2009a: 60 ff. und Matras 2009: 47 ff.). werb (second language acquisition)
Dieser Typus von gesellschaftlicher Mehrspra- ■ gesteuertem Zweitspracherwerb, d. h. Zweit-
chigkeit ist jedoch eher selten. So wird etwa in fast spracherwerb durch Unterricht (second lan-
allen afrikanischen Ländern nicht nur innerhalb guage learning)
der Staatsgrenzen eine Vielzahl verschiedener
Sprachen gesprochen, sondern auch in ein und In vielen Fällen sind beide Möglichkeiten gekop-
demselben Territorium. Auch in den modernen pelt, z. B. bei Kindern aus Migrantenfamilien.
europäischen Staaten ist dies mittlerweile keine Diese lernen die Sprache des Gastlandes spontan
Ausnahme mehr. In Europa verschiebt sich das im Umgang mit Gleichaltrigen und aus ihrer sons-
Verhältnis zwischen bodenständigen (autochtho- tigen sprachlichen Umwelt (acquisition) und
nen) Minderheiten – wie etwa die Deutschen in gleichzeitig durch gezielten Sprachunterricht in
Südtirol und im Elsass oder die Dänen und Sorben der Schule (learning). Die Übergänge zwischen
in Deutschland – und zugewanderten (allochtho- (bewusstem) Lernen und (unbewusstem) Erwerb
378
11.1
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Erwerb von Mehr-
sprachigkeit
379
11.1
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Mehrsprachigkeit
Sprachmischung lässt nach, wenn das Vokabular Die dominante Sprache hat also einen stärkeren
in jeder der beteiligten Sprachen so groß ist, dass Einfluss auf die schwächere Sprache als umge-
die Kinder keine Notwendigkeit mehr sehen, sich kehrt. In neueren Forschungen wird deshalb nicht
mit einem Wort aus der anderen Sprache zu behel- mehr die Frage gestellt, ob es ein oder zwei Syste-
fen. Als Kriterium für die Existenz zweier getrenn- me gibt, sondern wie stark der Kontakt zwischen
ter Lexika kann deshalb gelten, dass die Kinder den Sprachen ist und in welchen Bereichen es zur
eine ausreichende Zahl von Übersetzungsäquiva- Trennung kommt (vgl. J. Paradis 2007). So hat
lenten zur Verfügung haben (Yip/Matthews 2008: etwa Döpke (2001) in ihrer Studie zu deutsch-eng-
35). Die Trennung der Lexika ist darüber hinaus lisch aufwachsenden Kindern die Äußerungen der
auch vom Sprachbewusstsein abhängig, also von mehrsprachigen Kinder mit denen gleichaltriger
der Frage, ob die Kinder wissen, dass es zwei Spra- einsprachiger verglichen. Sie untersuchte dabei
chen gibt. besonders die Position des Verbs (Mum play ten-
Formen des Transfers Grammatischer Transfer: Bisher haben wir nur nis / Mama Tennis spielen), die Finitheit (häufiger
von einem gemischten Lexikon gesprochen. Wie im Deutschen) und die Stellung von Negation oder
sieht es nun mit der Grammatik aus? Kinder über- Modalpartikel (I don’t go – Ich gehe nicht, He also
tragen im doppelten Erstspracherwerb bisweilen goes – er geht auch). Dabei konnte sie folgende
grammatische Strukturen der einen Sprache auf Beobachtungen machen:
die andere. Im folgenden Beispiel weitet das ■ Die zweisprachig aufwachsenden Kinder pro-
deutsch-englisch zweisprachige Kind Hildegard duzierten in allen Entwicklungsstadien wesent-
die Regel von der Zweitstellung des deutschen lich mehr korrekte Strukturen für die jeweiligen
Verbs nach dem Muster Dann ist hier deine Schule Sprachen als abweichende.
auf das Englische aus (Leopold 1949, zit. nach Ro- ■ Fast alle von der Erwachsenensprache abwei-
maine 1995: 209): chenden Strukturen kommen auch bei einspra-
chigen Kindern vor, nur verwenden die zwei-
(1) Then is here your school. sprachigen sie häufiger.
■ Die beiden Sprachsysteme entwickeln sich von
Bei Kindern, bei denen das Englische dominant Anfang an, aber es gibt wechselseitige Einflüsse
ist, findet sich der umgekehrte Fall für das Deut- (cross language cue competition).
sche. Hier wird z. B. das finite Verb im Nebensatz
wie im Englischen an die zweite Position gesetzt Grundsätzlich kann man sagen, dass diejenigen
(2a). Ähnliches findet sich auch bei italienisch- Strukturen zuerst erworben werden, die in beiden
deutsch aufwachsenden Kindern in früheren Pha- Sprachen gleich sind. So verwenden etwa franzö-
sen (2b): sisch-deutsch zweisprachige Kinder hauptsächlich
die Wortstellung SVO (Subjekt-Verb-Objekt), die in
(2) (a) Und das ist, was ich hab heute gemacht. beiden Sprachen vorkommt, während einsprachi-
(Louise 5;8, Aufnahme Washington, 2003, unveröff.) ge französische Kinder häufiger das Subjekt ans
Satzende stellen und einsprachige deutsche das
(b) Guck mal was mach ich. Verb. Deutsch-italienisch aufwachsende Kinder er-
(Carlotta 2;8; vgl. Müller et al. 2011: 179) kennen, dass im Deutschen wie im Italienischen
Definition das Verb an zweiter Stelle des Satzes auftreten
kann (wobei der Sequenz SVO in einer Verbzweit-
Der Begriff ➔ cross language cue competition besagt, dass die Sprecher sprache wie dem Deutschen eine andere syntakti-
bestimmte Strukturregelmäßigkeiten der beiden Sprachen kennen, sche Analyse zugrunde liegt als der SVO-Abfolge
etwa dass die Abfolge OV (Objekt-Verb) für das Deutsche, aber nicht im Italienischen). Sie lernen deshalb früh SVO-
für das Englische typisch ist (z. B. Tennis spielen), und dass VO in beiden Strukturen, aber nicht, dass die Anwesenheit einer
Sprachen möglich ist (z. B. Vater spielt Tennis – Father plays tennis). subordinierenden Konjunktion diese Stellungs-
Die Kinder wissen aber nicht, unter welchen Bedingungen VO im Deut- möglichkeit im Deutschen ausschließt und die
schen auftritt, d. h. nur im Aussagesatz (Hauptsatz). Studien von Gene- Schlussstellung des Verbs (SOV) erzwingt. Somit
see (2005 ff.) und anderen zeigen, dass die Kinder nur dort mischen, wird die Hauptsatz-Nebensatz-Symmetrie von der
wo die Sprachen eine ähnliche Struktur aufweisen. Wie die Erwachse- romanischen auf die deutsche Sprache übertragen
nen befolgen auch sie bestimmte Beschränkungen für Code-Switching (Müller et al. 2011: 174 ff.).
(s. u. 11.1.4) (vgl. auch den Überblick bei De Houwer 2009: 277 ff.). Die Bevorzugung bestimmter Strukturen der
beiden Sprachen kann auch dadurch bedingt sein,
380
11.1
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Erwerb von Mehr-
sprachigkeit
dass der Input in der anderen Sprache unklar ist. von Zweitspracherwerb. Auch hier unterscheidet
So kann man im Französischen Adjektive vor oder man weiter zwischen dem sog. frühkindlichen
nach dem Nomen platzieren, während sie im Eng- Zweitspracherwerb (bis zum Alter von sechs Jah-
lischen oder Deutschen immer voranstehen. Der ren) und dem Erwerb in einem späteren Stadium
Grund, warum im Französischen die Adjektive ein- als älteres Kind oder Erwachsener. Die Problema-
mal vor, einmal nach dem Nomen stehen, ist für tik, die im zweiten Fall auftritt, ist, dass beim Er-
das Kind zunächst nicht durchschaubar. In einer werb in einem späteren Stadium (etwa ab zehn
zweisprachigen Situation präferiert das Kind daher Jahren) ein akzentfreies Beherrschen einer Spra-
zu Beginn die Voranstellung nach dem Muster des che kaum mehr möglich ist. Man spricht daher
Englischen oder Deutschen, weil dort die Inputda- von einer kritischen Periode für Zweitspracher-
ten eindeutig sind (vgl. Yip/Matthews 2008: 46 ff.). werb (neuerdings wird auch häufiger der Termi-
Beschleunigung durch Transfer:Die gegenseitige nus ›sensitive Periode‹ verwendet).
Beeinflussung der Sprachsysteme im doppelten Die kritische Periode: Für die Unterschiede zwi-
Erstspracherwerb kann aber auch zur Folge haben, schen dem Zweitspracherwerb vor dem Alter von
dass der Erwerb bestimmter Strukturen in einer zehn Jahren und dem späterem Erwerb gibt es ver-
Sprache beschleunigt wird. So konnten etwa Yip/ schiedene Erklärungsmöglichkeiten:
Matthews (2008) zeigen, dass mit Englisch und ■ Prozess der Lateralisation
Chinesisch aufwachsende zweisprachige Kinder ■ Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und
schneller die w-Fragen im Englischen lernen als Akzent
gleichaltrige monolinguale englische Kinder. Der ■ Verminderte Wahrnehmung phonetischer Kon-
Grund liegt darin, dass w-Fragen im Chinesischen traste
weniger komplex sind und daher auch von einspra-
chigen chinesischen Kindern schneller erworben Der Prozess der Lateralisation bezeichnet die Spe-
werden als die englischen w-Fragen von einspra- zialisierung der Großhirnhemisphären auf be-
chig englischen Kindern. Wenn nun die bilingualen stimmte Funktionen wie Sprache, Händigkeit und
Kinder die Kategorie der w-Frage bereits aus dem Gestalterfassung. Durch die Lateralisation entsteht
Chinesischen kennen, fällt es ihnen leicht, die eine anatomische und vor allem funktionelle Un-
Struktur auch im Englischen zu erwerben. Das gleichheit der beiden Hirnhälften (funktionelle
heißt, in diesem spezifischen Fall beschleunigt der Asymmetrie). In Bezug auf die sprachliche Ent-
bilinguale Erstspracherwerb sogar den Erwerb ei- wicklung fällt eine deutliche Dominanz der linken
ner bestimmten grammatischen Konstruktion. Hemisphäre für Sprache auf (vgl. Hanser 2000:
Auswirkungen des bilingualen Spracherwerbs: 114 f.). Die Hemisphärendominanz für Sprache
Insgesamt kann man daher die Frage nicht beant- entwickelt sich aber erst im Verlauf der Hirnrei-
worten, ob bilingual aufwachsende Kinder die fung (Corballis 1991). Für die grundlegenden Fä-
Grammatik der beiden Sprachen gleich schnell er- higkeiten der Lautsprache ist eine erste Spezialisie-
werben wie monolinguale, da dies vom Typus der rung mit fünf bis sechs Jahren erreicht. Im Verlauf
grammatischen Konstruktion in den jeweiligen der Schulzeit nimmt mit dem Erlernen der Schrift-
Sprachen abhängt. Es gibt drei Möglichkeiten sprache die Spezialisierung weiter zu und ist mit
(nach Müller et al. 2011): dem Eintritt in die Pubertät weitgehend abge-
■ Beschleunigung: Weniger häufige Konstruktio- schlossen. Bei Kindern, bei denen der Prozess der
nen in einer Sprache können durch Einfluss der Hemisphärenspezialisierung noch nicht ganz ab-
anderen Sprache schneller erworben werden. geschlossen ist, wird auch die rechte Hemisphäre
■ Verzögerung: Sind Strukturen in einer Sprache noch stärker zum Spracherwerb herangezogen.
besonders komplex, kann das zur Verlangsa- Die zweite Erklärung besteht darin, dass die
mung des Erwerbs führen. Ausbildung der Persönlichkeit sehr stark mit der
■ Transfer: Es kommt zu Abweichungen, die bei eigenen Stimme und dem eigenen Akzent zusam-
monolingualen Kindern nicht vorkommen. menhängt. Das würde bedeuten, dass man nach
dem Eintritt in die Pubertät die Aufgabe von Per-
sönlichkeitsmerkmalen fürchtet, wenn man einen
Zweitspracherwerb
anderen Akzent oder eine andere Sprache an-
Erwirbt ein Mensch seine zweite Sprache nach nimmt (vgl. Oksaar 2003: 64 f.).
dem Alter von etwa drei Jahren, spricht man nicht Die dritte Erklärungsmöglichkeit, die vermin-
mehr von bilingualem Erstspracherwerb, sondern derte Wahrnehmungsfähigkeit für phonetische
381
11.1
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Mehrsprachigkeit
Kontraste, besagt, dass die Fähigkeit, bestimmte terschiedlichen Gebrauch der beiden Negations-
Nuancen zwischen den Lauten einer Sprache zu verfahren.
unterscheiden, von frühester Kindheit an immer Wichtig für das Weiterkommen von Stufe zu
mehr abnimmt. Allerdings weisen neuere Studien Stufe und damit für die Entwicklung einer komple-
darauf hin, dass auch Erwachsene eine zweite xeren Lernergrammatik ist ein verstehbarer Input:
Sprache bei entsprechendem Training durchaus Zu lange Monologe und zu viele unbekannte Wör-
noch perfekt erlernen können (vgl. Gass/Selinker ter behindern den Erwerb und die Weiterentwick-
2008: 405 ff.; Oksaar 2003: 52 ff.). lung der Lernergrammatik (vgl. Ellis 1997: 47). Un-
terschiedliche Lernergrammatiken entstehen aber
Interlanguage: Für den späteren Zweitspracher- auch dadurch, dass die Lerner verschiedene Stra-
werb (ungesteuert wie gesteuert) spielt die Theo- tegien des Spracherwerbs entwickeln und je nach
rie der interlanguage eine entscheidende Rolle. ihrer Erstsprache (oder anderer vorher gelernter
Eine interlanguage (Lernervarietät) ist aufzufassen Sprachen) bestimmte Strukturen dieser L1 als in
als eigenes System auf dem Weg zu einer Ziel- die interlanguage übertragbar erachten und andere
sprache: nicht (ebd.: 76 f.).
Lernervarietäten ■ Jede solche Lernervarietät besitzt neben vielen
instabilen Komponenten eine innere Systematik
(Lernergrammatik). Die Funktionen von Wör-
tern oder Strukturen innerhalb dieser Systema- 11.1.3 | Mentale Repräsentation
tik lassen sich nicht alleine aus der Zielsprache von Mehrsprachigkeit
ableiten.
■ Der gesamte Spracherwerb lässt sich als eine Wichtige Fragen im Zusammenhang der individu-
Reihe von Übergängen von einer Lernervarietät ellen Mehrsprachigkeit betreffen die Organisation
zur nächsten auffassen; die Übergänge zeigen der Sprachen im menschlichen Gehirn:
ebenfalls eine gewisse Systematik. ■ Sind die Sprachen eines mehrsprachigen Indivi-
■ Die Lernergrammatik ist durchlässig für Input duums in unterschiedlichen oder gemeinsamen
aus der Zielsprache und für Transfer aus der L1 Bereichen des Gehirns lokalisiert?
(oder einer anderen bereits gelernten Sprache). ■ Wie sind die Sprachen miteinander vernetzt?
■ Die Lernergrammatik ist veränderlich: Sie kann ■ Wie werden die jeweiligen Sprachen bei der
sich von einem Tag auf den anderen ändern, Sprachproduktion von mehrsprachigen Spre-
wenn neue Regeln dazukommen. chern aktiviert?
Nach Selinker (1972 ff.) ist die Systematik der in- Die Organisation des mehrsprachigen Lexikons ist
terlanguage das Ergebnis eines psycholinguisti- dabei ein zentrales Forschungsthema. Frühere Un-
schen Zusammenspiels zwischen zwei Sprachsys- tersuchungen erbrachten widersprüchliche Ergeb-
temen, das der Erstsprache und das der Zielsprache. nisse, die von der Art der Aufgabenstellung ab-
Interlanguages zeigen mehr Variation als natürli- zuhängen schienen: Die Ergebnisse aus freien
che Sprachen. So kann es sein, dass ein und der- Assoziationstests unterstützten die Idee eines ge-
selbe Sprecher, der das Englische als Zweitsprache meinsamen Speichers, während lexikalische Ent-
erwirbt, in der einen Äußerung don’t verwendet scheidungsaufgaben für ein Zwei-Speicher-Modell
und in der nächsten no, um ein Verb zu verneinen: sprachen (Kroll/de Groot 1997). Inzwischen ist
jedoch die auf Paradis (2004: 210 ff.) zurückgehen-
(3) (a) No look my card. de Meinung vorherrschend, dass die Sprachen in
(b) Don’t look my card. (Gass/Selinker 2008: 260) unterschiedlicher Weise mit ein und demselben
konzeptuellen Erfahrungsspeicher verbunden sind.
Beide Möglichkeiten sind für den Lerner des Engli- Die Konzepte sind unabhängig von der Sprache,
schen zunächst austauschbar. Zuerst wird sehr enthalten aber sprachspezifische Merkmale. Nach
viel häufiger no verwendet, dann immer mehr dieser sog. Subset-Hypothese befinden sich alle
don’t. In der Übergangsphase ist die Variation zwi- Wörter in einem mentalen Lexikon und werden
schen no und don’t besonders stark (vgl. Gass/ durch die gemeinsame Verwendung enger mitein-
Selinker 2008: 260). Der Lerner macht zunächst ander verbunden. Wörter, die besonders häufig
auch keinen Unterschied in der Bedeutung. Erst miteinander auftreten, sind also besonders stark
allmählich entwickelt er Hypothesen über den un- miteinander verknüpft. Da in der Regel Wörter aus
382
11.1
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Mentale Repräsentation
von Mehrsprachigkeit
383
11.1
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Mehrsprachigkeit
Beispiel Aktivierung benachbarter Lautmarken tisch. Es werden aber gleichzeitig auch benach-
barte Lemmata aktiviert (z. B. Tisch, Tresen,
Ein deutsch-französisch bilingualer Sprecher äu- Pult), außerdem Lemmata aus der anderen Spra-
ßerte folgenden Satz: Wir finden ein Büro für Sie. che, in diesem Falle französisch bureau. Die Ak-
Er meinte damit ›wir finden einen Schreibtisch tivierung der entsprechenden Lautmarke zu die-
für Sie‹ (frz. bureau ›Büro, Schreibtisch‹). Diese sem Lemma, also des französischen phonologi-
semantische Übertragung lässt sich folgenderma- schen Wortes [byݓo], aktiviert die fast identisch
ßen erklären: Der Sprecher aktiviert zuerst auf klingende Lautmarke im Deutschen [byro] mit,
der Bedeutungsebene das Konzept ›Schreibtisch‹ da beide durch starke Nervenbahnen miteinan-
und dazu die entsprechende Wortmarke Schreib- der verbunden sind (vgl. Riehl 2002).
384
11.1
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Code-Switching
385
11.1
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Mehrsprachigkeit
che aussprechen können (vgl. dazu auch Bullock kalische Einheiten und grammatische Strukturen
2009). Beispiele für Gastwörter im Sinne von Gros- aus zwei verschiedenen Sprachen in einem Satz
jean sind die folgenden aus dem Englischen stam- vorkommen (ebd.: 1). Muysken (ebd.: 3) geht da-
menden Wörter to switch und to slash, die lautlich von aus, dass dabei drei verschiedene Prozesse am
und morphologisch völlig an das Französische an- Werk sind: Insertion, Alternation und kongruente
gepasst werden (Grosjean 2008: 161): Lexikalisierung.
Im Falle der Insertion werden Einheiten aus ei-
(8) (a) On peut switcher les places? ner anderen Sprache in eine Basissprache einge-
›Können wir die Plätze tauschen?‹ bettet. Dies können entweder einzelne Wörter/
(b) Il a slashé le rideau. Stämme oder auch komplexe Konstituentenein-
›Er hat den Vorhang zerrissen.‹ heiten sein (s. 10a). Beginnt ein Satz dagegen in
einer Sprache und endet in der anderen, handelt
Nach der unten in 11.2.2 gegebenen Definition es sich um eine Alternation (10b). Haben die bei-
wäre es sinnvoll, in diesem Zusammenhang von den Sprachen in dem jeweiligen gemischten Satz
Transfer zu sprechen: Ein individueller Sprecher (partiell oder vollständig) dieselbe grammatische
übernimmt Elemente aus der einen Sprache und Struktur, aber benutzen Material aus unterschied-
passt sie in das System der anderen Sprache ein, lichen mentalen Lexika (s. o.), spricht Muysken
d. h. er schaltet nicht in die andere Sprache um, von kongruenter Lexikalisierung (10c):
wie es der Terminus Code-›Switching‹ nahelegt,
sondern er überträgt sprachliche Zeichen von der (10) (a) yo anduve in a state of shock por dos días
einen Sprache in die andere. (Muysken 2000: 5)
In der mehrsprachigen Rede kommt oft der ›Ich fiel für zwei Tage in einen Schockzustand.‹
Sprachwechsel bei einzelnen Wörtern bzw. Wort-
stämmen zusammen mit dem Sprachwechsel von (b) Wenn ich mich so fühle, geh’ ich ’raus in den Garten
längeren Einheiten gemeinsam vor, wie etwa in und/well look after my flowers. (Clyne 1991: 194)
dem folgenden Beispiel:
(c) Weet je what she is doing? (Muysken 2000: 149)
(9) (Deutsche Auswanderer in Australien, Aufnahme 2006; un- ›Weißt Du was sie tut?‹
veröffentl.)
Na sacht der Adolf: Ja, wir wollen net, dass s’ suffert. Wir Im Fall von (10c) beginnt der Satz auf Niederlän-
wollen net äh —. Ja, hat er gsacht, des is — not much we disch und an der Stelle von what wird die Sprache
can do, hat er gsacht. […] Und dann am nächsten Tag, da hat gewechselt. Dies wird dadurch begünstigt, dass
der Tierarzt angrufen, hat er gsacht, ich hab es richtig – hier die syntaktische Struktur für beide Sprachen
meine, mein – decision, die war richtig, hat er gsagt. Die äh gleich ist, d. h. Niederländisch und Englisch ken-
Ich – da war ich relieft, ich sach – ah, sach ich: I feel – ich nen den gleichen Typus von indirektem Fragesatz.
sach I feel uh relieved. In solchen Fällen ist die Matrixsprache, d. h. die
Basissprache, die dem Satz zugrunde liegt (s. u.
Während die englischen Verben suffer und relieve S. 390), nicht bestimmbar.
eindeutig in das System der deutschen Sprache in- Neben diesen Abgrenzungsaspekten interessie-
tegriert sind (vgl. die Suffixe der 3. Pers. bzw. des ren vor allem die Funktionen und Motivationen
Partizips), stellt decision einen Grenzfall dar, über des Code-Switchings. Dabei ist zu unterscheiden
den man sich streiten könnte, da das Nomen selbst zwischen:
nicht flektiert wird. Eindeutige Fälle von Code- ■ pragmatisch motiviertem oder funktionalem
Switching sind dagegen die Mehrwortverbindun- Code-Switching
gen not much we can do und I feel uh relieved, die ■ psycholinguistisch motiviertem oder nicht-funk-
jeweils ein Zitat wiedergeben (s. u.). tionalem Code-Switching
Code-Mixing: Eine andere Einteilung der Phäno- Funktionales Code-Switching: Wie bereits er-
mene des Sprachwechsels nimmt Muysken (2000) wähnt, geht die Forschung über die Funktion von
vor: Er vermeidet den Terminus Code-Switching Code-Switching im Diskurs vor allem auf die Ar-
und spricht stattdessen von Code-Mixing als über- beiten des amerikanischen Soziolinguisten und
greifendem Phänomen in einer bilingualen Rede. Anthropologen John Gumperz zurück (vgl. Blom/
Der Begriff steht also für alle Fälle, in denen lexi- Gumperz 1972). Code-Switching hat nach seiner
386
11.1
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Code-Switching
Definition vor allem eine Kontextualisierungsfunk- Das Zitieren in einer Sprache ist eine der häufigsten
tion und ist ein wichtiger Teil sprachlichen Han- Formen von Code-Switching und kommt in allen
delns. Daneben gibt es rein durch die Situation mehrsprachigen Gruppen vor. Das hat zum einen
bedingte Gründe, die ebenfalls Code-Switching damit zu tun, dass man oft die Stimmlage und den
auslösen können. Man unterscheidet daher zwi- Wortlaut eines Zitats wiedergeben möchte, aber es
schen situativem und konversationellem Code- findet auch der umgekehrte Fall statt. Das zeigt,
Switching (vgl. Auer/Eastman 2010: 95 ff.). dass es sich bei dieser Form des Code-Switchings
Situatives Code-Switching: Beim situativen um einen sog. Kontextualisierungshinweis (con-
Code-Switching ändert sich die Sprache als Folge textualisation cue) handelt, d. h. ein Signal, das ei-
einer neuen Situation. So wechselt man etwa die nen Wechsel des Gesprächskontextes ankündigt.
Sprache, wenn ein neuer Gesprächspartner adres- So wechseln etwa Sprecher häufig die Sprache, Funktionales
siert wird, mit dem man normalerweise eine an- wenn sie eine persönliche Einstellung oder Bewer- Code-Switching
dere Sprache spricht. Diese Funktion wird auch tung zum Ausdruck bringen wollen – in diesem
als direktive Funktion bezeichnet (vgl. Appel/ Falle sprechen Appel/Muysken (1987: 119 f.) von
Muysken 1987: 119). In anderen Fällen ist auch expressiver Funktion, z. B.:
das Thema ausschlaggebend: Gerade Kinder und
Jugendliche wechseln häufig in ihre Schulspra- (14) (a) (italienische Auswanderin in Australien; Corpus 2009, un-
che, wenn sie sich über Schulfächer unterhalten, veröff.)
weil diese in der Regel nur in dieser Sprache vor- Siamo ritornati a Roma e poi l’abbiamo lasciato. It was just
kommen: amazing. Era proprio perfetto.
›Wir sind nach Rom zurückgekehrt und dann haben wir es
(11) (Deutsche in Australien, 2. Generation; Clyne 2003: 161) wieder verlassen. Es war einfach unglaublich. Es war wirk-
Denn gehen mer zu unsen Raum und warten, bis der Lehrer lich perfekt.‹
’reinkommt und fangen an. Mir lernen Englisch und … Well,
we learn English, geography, history, science. (b) (Lovari Romani-Deutsch; Matras 2009: 119)
Las ekh roj, aj kamelas te phagel pesko dand. Ta sar zuma-
Bisweilen spielt auch der Typ der Interaktion eine das kodo nakhadas e roj, aj mulas. Das war Tragödie. Ale þi
Rolle: Man kann mit ein und derselben Person für žanelas […]
ein privates Gespräch die eine Sprache wählen, ›Sie nahm einen Löffel und sie wollte den Zahn aus ihrem
beim Wechsel in eine geschäftliche Interaktion Mund rausbohren. Aber als sie das versuchte, verschluckte
aber in die andere Sprache übergehen. Auch ein sie den Löffel und starb. Das war Tragödie. Aber sie wusste
Wechsel der Örtlichkeit kann Sprachwechsel be- nicht […]‹
wirken: Bei vielen Sprachminderheiten sprechen
die Sprecher zu Hause ihre Minderheitensprache Auch metakommunikative Äußerungen, d. h. Äu-
und wechseln in die andere Sprache, wenn sie in ßerungen über Sprache, werden häufig durch
einen öffentlichen Raum treten. Hier eine Be- Code-Switching in die andere Sprache kontextuali-
schreibung dieser Situation durch eine Russland- siert. In folgendem Beispiel fällt der Sprecherin die
deutsche: Bezeichnung Tierarzt nicht ein, und sie kommen-
tiert dies auf Russisch:
(12) (Russlanddeutsche Sprecherin; Riehl 2009a: 24)
Dort waren Nachbarn, deutsche Frauen. No und wir haben (15) (Russlanddeutsche Sprecherin; Riehl 2009a: 25)
immer – gesprochen Deutsch. Und wo wir kamen raus aufn Meine Mutter, die hat gearbeit als Köcherin und mein – Opa –
Hof, hab ich angefangen Russisch sprechen dort. der war — kak veterinar kak u nich govoritsja?
›wie heißt Tierarzt, wie sagt man bei Ihnen?‹
Konversationelles Code-Switching: In einer mehr-
sprachigen Gemeinschaft kann aber auch bei Weitere Funktionen von Code-Switching: Über
gleich bleibender Situation Code-Switching auftre- die bei Gumperz erwähnten Funktionen des kon-
ten. Das hat meist diskursstrategische Gründe und versationellen Code-Switchings hinaus lassen
erzielt einen kommunikativen Effekt, z. B. wenn sich noch weitere anführen (vgl. Appel/Muysken
ein wörtliches Zitat auf diese Weise markiert wird 1987: 119 ff.). Eine dieser Funktionen kommt be-
(s. dazu aus Beispiel 9): sonders bei Sprechern von Sprachminderheiten
häufig vor, die eine unvollständige Kompetenz in
(13) Ah, sach ich: I feel – ich sach I feel uh relieved. ihrer Erstsprache erworben haben, nämlich die re-
387
11.1
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Mehrsprachigkeit
ferentielle Funktion. Diese besagt, dass der Spre- zu Involviertheit oder persönlichen Meinungsäu-
cher dann in die andere Sprache wechselt, wenn er ßerungen, der they-code eher zu einer sachorien-
Schwierigkeiten hat, das, was er sagen möchte, in tierten Warnung, zu Distanz zum Geschehen
der Sprache der Interaktion auszudrücken: oder zur Darstellung allgemeiner Fakten. Deshalb
hat das Wechseln von der einen in die andere
(16) (Russlanddeutsche Sprecherin; Riehl 2009a: 25) Sprache in vielen Fällen eine kommunikative Be-
KS: Wir haben die Fische – sortirovat’ [= ›sortieren‹] wie? deutung.
CR: sortiert. Diese Identitätsfunktion der Sprache kann aber
KS: in die Käste uflege alles. Gesaulzn haben mer immer. Der auch der Grund sein, warum es überhaupt zu
Winter habn mer zamoraživali i ukladyvali v jaščiki, letom Code-Switching kommt: Bei Forschungen zum
solili i na nitki nanizyvali, vot ėto byla naša rabota. […] – Code-Switching bei deutschsprachigen und italie-
[zu OT] Perevedite nischsprachigen Einwanderern in Australien stellte
›zum Gefrieren gebracht und in die Kisten gelegt, im Sommer sich heraus, dass häufig der we-code (also in die-
haben wir gepökelt und auf die Fäden aufgereiht, so das war sem Fall das Deutsche oder Italienische) die
unsere Arbeit […].‹ – [zu OT] Übersetzen Sie‹ schwächere Sprache der Probanden war. Sie wähl-
ten aber aus Identitätsgründen diese Sprache als
Die Sprecherin KS möchte hier erklären, was sie Konversationssprache; wurden dann aber Themen
während ihres Aufenthaltes in Sibirien machen angesprochen, die in dieser Sprache nicht adäquat
musste. Da sie mit einer monolingualen Sprecherin behandelt werden konnten, wechselten sie in die
CR spricht, versucht sie das zunächst auf Deutsch. dominantere Sprache, in diesem Fall das Engli-
Offensichtlich misslingt dies aber, und sie fährt auf sche. In diesen Fällen wurde dann der Sprach-
Russisch fort. Am Ende fordert sie dann eine mit- wechsel häufig kommentiert, z. B. mit Ich muss
anwesende zweisprachige Sprecherin (OT) auf, zu das jetzt auf Englisch sagen, weil ich nicht weiß,
übersetzen (perevedite). wie es auf Deutsch heißt. Meist kehrte der Sprecher
Es gibt noch einige weitere Funktionen, wie danach wieder zur Ausgangssprache zurück, in-
z. B. die bei Appel/Muysken (1987) erwähnte poe- dem er einfach den letzten Satz in dieser Sprache
tische Funktion des Code-Switchings (Sprach- wiederholte (vgl. Riehl 2009a: 26).
spiele, Witze; ausführliche Darstellungen finden Wie diese Beispiele zeigen, wird der Wechsel
sich bei Auer 2010; Auer/Eastman 2010; Gardner- der Sprache immer erst im Gespräch ausgehan-
Chloros 2009: 66 f. und Matras 2009: 121 ff.). delt. Wichtig ist dabei, wie der Gesprächspartner
Code-Switching Code-Switching und soziale Identität: Sehr viele auf einen Codewechsel eingeht, ob er ihn auf-
und Identität Untersuchungen gehen davon aus, dass Code- greift oder zur Ausgangssprache zurückkehrt. Oft
Switching zwischen zwei Sprachen einem Wechsel endet ja das Gespräch nicht in der Sprache, in
zwischen einem we-code und einem they-code der es begonnen hat. Hier finden interessante
gleichkommt und dass daher beim Code-Switching Prozesse der wechselseitigen Anpassung der Ge-
verschiedene soziale Identitäten der Sprecher akti- sprächspartner statt, die sog. Akkommodation
viert werden (vgl. etwa die Beiträge in Auer 1998 (Giles 1980).
oder Mair 2003). Dies deutet der Sprecher im fol- Nicht-funktionales Code-Switching: Neben
genden Beispiel an: dem gerade besprochenen Typ von Code-Swit-
ching, der kommunikative Funktionen hat, gibt
(17) Manchmal wenn ich deutschsprachige Bekannte treffe, spre- es noch einen zweiten, der auf interne Prozesse
che ich deutsch, otherwise I speak only English (Clyne 2003: der Sprachproduktion zurückzuführen ist. Hier
160). geschieht der Wechsel von der einen in die ande-
re Sprache ohne Absicht des Sprechers. Clyne
Unter den Zuwanderern in Australien, von denen (1967 ff.) bezeichnet dies als psycholinguistisch
dieses Beispiel stammt, entspricht jede der bei- motiviertes Code-Switching. Ein Beleg für nicht-
den Sprachen einer anderen Identität: Deutsch intentionales Code-Switching sind Äußerungen,
hat die Funktion des we-code und Englisch die bei denen die Sprecher sich nach dem Code-Swit-
Funktion des they-code. Gumperz (1982: 93) hat ching selbst korrigieren:
anhand von Sprecherbefragungen festgestellt,
dass jeder der beiden Codes mit bestimmten dis- (18) (Sprecherin aus Südtirol; Riehl 2002: 73)
kursiven Funktionen assoziiert ist. Der we-code Da hängen dann die drogati ’rum (-) äh die Drogierten (-)
passt eher zu einer persönlichen Aufforderung, oder wie sagt man auf Deutsch (--) Drogenabhängige.
388
11.1
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Code-Switching
In diesem Beispiel zeigen die Pausen und der Verzö- delt, ist das Lehnwort Oblast’ (›Verwaltungsbe-
gerungsmarker äh an, dass die Sprecherin das zirk‹) in (21b) ein Wort, das nur in der russland-
Code-Switching erst nachträglich bemerkt und sich deutschen Sprachgemeinschaft vorkommt, dort
verbessern will. Der Grund ist, dass sie mit einem aber bereits konventionalisiert ist (vgl. Riehl
monolingualen Sprecher spricht und daher italieni- 2010b).
sche Ausdrücke vermeiden möchte. Daher ersetzt 3. Bilinguale Homophone: Darunter sind in bei-
sie das italienische Wort drogati in einem zweiten den Sprachen ähnlich lautende Wörter zu verste-
Anlauf durch eine Ad-hoc-Entlehnung (die Drogier- hen, wie in folgendem englisch-niederländischen
ten). Auch hier bemerkt sie, dass das Wort so nicht Beispiel:
existiert: oder wie sagt man auf Deutsch?
Trigger-Effekte: Der nicht-intendierte Wechsel (22) Dit kan be anywhere. (Clyne 1991: 194)
von einer Sprache in die andere kann durch be-
stimmte Auslösewörter (trigger words) hervorge- Solche Formen kommen natürlich in genetisch eng Nicht-funktionales
rufen werden (in Anlehnung an Clyne 1991: verwandten Sprachen weitaus häufiger vor als in Code-Switching
1993 ff. und 2003: 162 ff.). Dies sind in der Regel in nicht verwandten. Aber es gibt auch in weniger
beiden Sprachen identische oder ähnlich klingen- eng verwandten Sprachen Homophone, die ähnli-
de Wörter. Clyne (1967) bezeichnet diese als sog. che Bedeutungen haben. Im Russlanddeutschen
homophonous diamorphs. Nach Clyne (2003: klingen beispielsweise die deutsche dialektale Dis-
162 ff.) fallen darunter folgende Phänomene: kurspartikel no (›nun‹) und die russische Adversa-
1. Eigennamen sind in der Regel in beiden Spra- tivpartikel no (›aber‹) identisch:
chen identisch:
(23) Gib mir her deine Frau, wir gehen zusammen da in die
(19) Es war Mr Fred Burger, der wohnte da in Gnadenthal and he Wiste. No, kak ja i ne mogla ego videt’.
went out there one day and Mrs Roehr said to him (Clyne ›Gib mir deine Frau her, wir gehen zusammen in die Wüste.
1994: 112) Nun/aber wie, ich konnte ihn auch nicht sehen.‹ (Riehl
2009a: 28)
Gnadenthal ist der Name einer alten deutschen
Siedlung in Australien und tritt im Englischen und Die Auslösewörter erleichtern den Übergang von
im Deutschen in der gleichen Form auf. Das Vor- einer Sprache in die andere, weil sie in beiden
handensein des Wortes in beiden Sprachen be- Sprachsystemen vorhanden sind.
wirkt hier den Übergang zum Englischen.
2. Lexikalische Entlehnungen können Ad-hoc- Neben den erwähnten lexikalischen Übereinstim-
Entlehnungen (Bsp. 20, deutsch/englisch) oder mungen können auch syntaktische oder phone-
schon etablierte Entlehnungen (Bsp. 21, deutsch/ tisch-phonologische Ähnlichkeiten zwischen den
italienisch bzw. deutsch/russisch) sein. Sprachen den Wechsel von der einen in die andere
auslösen. Das heißt überall da, wo sich Elemente
(20) Ich les grade eins/ das is’ ein/ handelt von einem alten/ se- des Systems überlappen, wird der Übergang von
condhand-dealer and his son (Clyne 1991: 194) einer Sprache zur anderen erleichtert (s. o. zu kon-
gruente Lexikalisierung). Diesen Effekt belegten
(21) (a) Come che l’ha conosciuto su i film? Not in the films, are Broersma/de Bot (2006) in einer Untersuchung
you, these pornographic films he gets in? zum Code-Switching bei Niederländisch-Arabisch-
›Wie, Sie haben ihn über die Filme kennen gelernt? Nicht Sprechern: Bei Wörtern, die in einem Basissatz
in diesen Filmen, oder, diese pornographischen Filme, in vorkamen, der auch ein trigger word enthielt,
die er reingeht?‹ (Bettoni, zit. Clyne 1991: 194) switchten die Probanden in 29,6 % der Fälle, bei
Wörtern, bei denen im Basissatz kein trigger word
(b) Der war über die ganze Oblast’. Nu on mne srazu dal vorkam, dagegen nur in 12,6 %. Das bedeutet,
napravlene. dass die Anwesenheit von Auslösewörtern oder
›Der war zuständig für den ganzen Verwaltungsbezirk. anderen strukturellen Ähnlichkeiten den Wechsel
Also, er hat mich sofort in die Arbeit eingewiesen.‹ (Riehl von der einen Sprache in die andere zwar nicht
2009a: 28) erzwingt, dass er aber in diesen Fällen signifikant
öfter vorkommt.
Während es sich in (21a) film um ein allgemein im Die grammatische Struktur des Code-Switchings:
Standarditalienischen etabliertes Lehnwort han- Eine Reihe von Arbeiten beschäftigen sich mit der
389
11.2
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Sprachkontakt
grammatischen Seite von Code-Switching (vgl. In einer neueren Version, dem sog. 4-M-Modell,
den Überblick bei Gardner-Chloros 2009: 91 ff.). In gehen Myers-Scotton und Jake (2001) davon aus,
ihnen wird versucht, allgemeine Regeln zu finden, dass es unterschiedliche Typen von Morphemen
an welcher Stelle im Satz oder innerhalb einer gibt, nämlich Inhaltsmorpheme und Systemmor-
Phrase man von einer Sprache in die andere wech- pheme. Während bei Inhaltsmorphemen problem-
seln kann. los von einer in die andere Sprache gewechselt
Grammatische Strukturen Die umfassendste und einflussreichste Theorie werden kann, muss man bei den Systemmorphe-
des Code-Switchings ist in diesem Zusammenhang das Matrix Lan- men differenzieren: Nur solche, die früh im
guage Frame Model (MLF) von Myers-Scotton Sprachproduktionsprozess aktiviert werden (early
(etwa Myers-Scotton 2002, 2006). Danach gibt system morphemes) – wie Determinanten (unbe-
eine Sprache, die sog. Matrixsprache, den mor- stimmter/bestimmter Artikel) und Partikeln bei
phosyntaktischen Rahmen für die Äußerung vor, Partikelverben –, erlauben den Sprachwechsel. Bei
d. h. sie bestimmt die Reihenfolge der Elemente Morphemen, die Beziehungen innerhalb einer
(Morpheme Order Principle) und die Auswahl der Phrase oder eines Satzes anzeigen (late system
syntaktisch relevanten grammatischen Morpheme morphemes) – wie Verb-Subjekt-Kongruenz –, ist
(System Morpheme Principle), die andere Sprache dagegen kein Code-Switching möglich (vgl. Myers-
wird in diese Matrixsprache eingebettet (embed- Scotton 2006: 267 ff.). Man muss hier aber wissen,
ded language). Nach dieser Theorie kann man dass in diesem Modell unter Code-Switching sehr
z. B. nicht sagen: *You will die Kirche see. Denn häufig das verstanden wird, was in anderen Mo-
hier ist die Matrixsprache Englisch, und deshalb dellen als Ad-hoc-Entlehnung definiert wird, näm-
sollte auch die Wortstellung dem englischen Mus- lich die Übernahme eines Elements aus einer Spra-
ter folgen (in diesem Fall: You will see die Kirche). che S1 in eine Sprache S2.
11.2 | Sprachkontakt
11.2.1 | Was ist Sprachkontakt? Definition
Wenn Sprachen sich wechselseitig beeinflussen, Unter ➔ Sprachkontakt versteht man die
dann spricht man von Sprachkontakt. Diese wech- wechselseitige Beeinflussung von zwei oder
selseitige Beeinflussung kann natürlich nur statt- mehreren Sprachen oder Varietäten. Zwei
finden, wenn zumindest ein Teil der Sprecher der oder mehrere Sprachen stehen miteinander
beiden Sprachen bilingual ist. Dass Sprachkontakt in Kontakt, wenn sie von ein und demselben
zunächst beim einzelnen bilingualen Sprecher Individuum abwechselnd gebraucht werden
stattfindet, spiegelt sich auch in der Definition oder wenn sie in derselben Gruppe
Weinreichs (1953) wider: Zwei oder mehrere Spra- gebraucht werden.
chen stehen miteinander in Kontakt, wenn sie von
ein und demselben Individuum abwechselnd ge-
braucht werden. Der eigentliche Ort des Sprach- sung sind der Ort des Sprachkontakts Gesellschaf-
Abb. 3: kontakts ist damit das Gehirn des mehrsprachigen ten oder soziale Gruppen: Zwei oder mehrere
Sprachgebrauch Sprechers. Dieser psycholinguistischen Begriffsbe- Sprachen stehen dann in Kontakt miteinander,
in einer gemischt- stimmung steht eine soziolinguistische Begriffsbe- wenn sie in derselben Gruppe gebraucht werden.
sprachigen Gruppe stimmung gegenüber, die im Wesentlichen von Beim Sprachkontakt innerhalb einer Sprachge-
(aus Riehl 2009a: 12) Nelde (1983) etabliert wurde. Nach dieser Auffas- meinschaft ist es allerdings nicht notwendig, dass
jedes einzelne Mitglied der Gruppe beide Sprachen
spricht, denn der Ort des Sprachkontakts ist die
Gruppe im Ganzen (s. Abb. 3).
S1 als L1 + S1 + S2 als L1 + Neben einer bestimmten Zahl von Sprechern,
S1 S2
S2 als L2 S2 S1 als L2 die nur die eine (S1) oder nur die andere Sprache
(S2) sprechen, gibt es Sprecher, die entweder bei-
de Sprachen als Erstsprachen oder eine Sprache
als Erstsprache und die andere als Zweitsprache in
390
11.2
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Formen des
Sprachkontakts
391
11.2
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Sprachkontakt
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Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Formen des
Sprachkontakts
sich die Gebrauchskontexte von schon vorhande- bahnhof-a gidiyorum (›jetzt fahre ich zum Haupt-
nen Strukturen unter dem Einfluss der Geberspra- bahnhof‹, mit Dativsuffix am entlehnten deut-
che verändern: Dann bekommen diese bereits exis- schen Wort Bahnhof, das entsprechend der
tenten Muster noch zusätzliche Funktionen. In der türkischen Grammatik die Richtung einer Bewe-
Phonologie und Prosodie ist das materielle Entleh- gung angibt). Allerdings ist die Integration von Le-
nen häufiger, z. B. der Ersatz von Phonemen der xemen nicht bei allen Sprachen oder Wortarten in
Aufnahmesprache durch die entsprechenden Pho- gleich einfachem Maße durchführbar. Dies lässt
neme oder Muster der Gebersprache. sich etwa bei der Integration von Verben in ver-
Entlehnung lexikalischer Einheiten: Am häufigs- schiedenen Sprachen zeigen. Im Deutschen funkti- Lexikalische Entlehnung
ten übernommen werden Inhaltswörter, die zur oniert die Einpassung von Verben aus Kontakt-
Anpassung an sich verändernde Lebenswelten be- sprachen gut, sie lassen sich entweder mit Hilfe
nötigt werden (sog. cultural borrowings; vgl. My- des aus dem französisch-deutschen Sprachkontakt
ers-Scotton 2006: 212). Nach Clyne (2003: 111 ff.) erprobten Suffix -ieren oder aber mit dem einfa-
sind das vor allem Lexeme, die keine direkte Ent- chen deutschen Suffix -en integrieren, vgl.:
sprechung in der eigenen Sprache haben, weil sie ■ Südtiroler Deutsch: stuffieren (> ital. stufarsi
einem sozialen Bereich (Domäne) angehören, in ›überdrüssig sein‹)
dem normalerweise nur die Kontaktsprache ver- ■ Brasilianisches Deutsch: incomodieren (> port.
wendet wird (z. B. die Domäne ›Arbeitswelt‹ bei incomodar ›belästigen‹)
Migranten und Sprachminderheiten). Es kann aber ■ Australisches Deutsch: collecten (> engl. to
auch sprachinterne Gründe dafür geben, warum collect ›sammeln‹)
Wörter entlehnt werden. Zum Beispiel hat im aus- ■ Russlanddeutsch: snaje (snat’ ›wissen‹, mit
tralischen Deutsch (d. h. der Varietät des Deut- deutschem Infinitivsuffix -e ~ standarddt. -en)
schen, die von deutschen Auswanderern nach
Australien gesprochen wird) das englische Wort Wenn dagegen deutsche Verben in andere Spra-
butcher die deutschen Entsprechungen Metzger, chen integriert werden sollen, gibt es öfter Schwie-
Fleischer, Fleischhauer etc. ersetzt, möglicherweise rigkeiten, die zu einer analytischen Form der Ent-
weil es im Deutschen kein einheitliches Lexem da- lehnung mit Hilfe eines Passepartout-Verbs (in der
für gab. Verben werden besonders dann übernom- Regel mit der ursprünglichen Bedeutung ›machen‹)
men, wenn sie in der Gebersprache eine einfachere führen. So werden etwa im Deutschlandtürkischen
Argumentstruktur haben. So ersetzt etwa das ein- deutsche Verben mithilfe des türkischen Verbs
fache transitive Verb remembern das im Deutschen yapmak ›machen‹ integriert, das deutsche Verb
reflexive sich erinnern mit Präpositionalkasus oder bleibt dabei im Infinitiv (z. B. tauschen yapmam
servicen (lassen) das Funktionsverbgefüge einen ›ich tausche nicht‹, wörtlich ›ich mache nicht tau-
Service machen (lassen) (Riehl 2009a: 93). schen‹); dasselbe geschieht im Deutschlanditalie-
Integration in das zielsprachliche System: Die nischen mit fare ›machen‹ (fa una Pokemon-Karte
entlehnten Lexeme werden in unterschiedlichem einsetzen ›er setzt eine Pokemon-Karte ein‹, faccia-
Maße in das zielsprachliche System integriert: Hier mo schmücken ›wir schmücken‹; vgl. Krefeld 2004:
kann man zwischen phonologischer und morpho- 105). Analoge Strukturen sind auch aus anderen
logischer Einpassung unterscheiden. Die phonolo- Sprachpaaren bekannt.
gische Integration ist häufig graduell (s. o. zu Gros- Dies lässt vermuten, dass ähnliche phonotakti-
jean S. 384) und teils auch in unterschiedlichen sche Regeln bzw. die gleiche Silbenstruktur von
Entlehnungsphasen verschieden. So wurden etwa Sprachen die morphologische Integration erleich-
frühe Entlehnungen aus dem Englischen im Deut- tern oder vielleicht sogar erst möglich machen.
schen lautlich angepasst (Streik < strike, Keks < Das kann man an aus dem Englischen entlehnten
cakes), während das heute nicht mehr geschieht. Verben im Australiendeutschen zeigen, auf die
In manchen Sprachen ist die phonologische An- man deutsche Verben reimen kann: expiren – ver-
passung so stark, dass das Ausgangswort gar nicht feiern, showern – dauern, gehookt – gespukt, in-
mehr zu erkennen ist: z. B. Pirahă topagahai < vaden – entscheiden (Riehl 2009a: 97). Auf
engl. tape-recorder, Jordanisches Arabisch banšer *tauschmak oder *schmückiare würde man dage-
< engl. puncture (Beispiele aus Matras 2009: 149). gen im Türkischen oder Italienischen kein Verb
Morphologisch werden Nomina in der Regel reimen können, sie klingen daher in den Zielspra-
durch Anhängen von Flexionsaffixen integriert, chen sehr ungewöhnlich. Das macht auch plausi-
z. B. aus dem Deutschlandtürkischen: šimdi haupt- bel, warum Sprachen wie Pirahă oder Arabisch die
393
11.2
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Sprachkontakt
Semantische Übernahmen entlehnten Wörter dann lautlich extrem verändern Semantische Übernahmen: Häufig werden Be-
müssen (wie oben gezeigt), um sie in ihr System deutungen von Wörtern der Kontaktsprache auf
einpassen zu können. Wörter der Nehmersprache übertragen, ohne dass
Neben der Entlehnung von Inhaltswörtern ist dabei fremdes Wortmaterial übernommen würde.
auch die Entlehnung von Diskursmarkern sehr Das passiert am häufigsten bei sog. cognates, also
beliebt. Das sind Wörter, die das Gespräch steu- etymologisch miteinander verwandten Wörtern in
ern und keine eigentliche semantische Bedeutung beiden Sprachen. Je näher Sprachen miteinander
haben, z. B. dt. na ja. Sie haben »interaktionsstra- verwandt sind, desto mehr gemeinsamen Erbwort-
tegische« Funktionen oder tragen zur Strukturie- schatz haben sie. So hat das Deutsche in Namibia
rung von Äußerungen bei (Blankenhorn 2003: die erweiterte Bedeutung von afrikaans lecker
75 ff.). Aufgrund dieser Funktion stehen sie nach ›schmackhaft, herrlich‹, wie in Das an dem See,
Matras (1998: 310) dem Kommunikationssystem das war so lecker, die Bedeutung von afrikaans
der Gestik nahe und werden umso eher entlehnt, klar ›fertig, bereit‹ wie in Hier ist noch ein Happie,
je weniger durchsichtig ihre lexikalische Bedeu- dann bist du klar oder die Bedeutung von afri-
tung ist, d. h. je gestenhafter sie sind. In bilingua- kaans/engl. besig/busy wie in Diese Straße ist sehr
len Sprachgemeinschaften, die einen intensiven beschäftigt übernommen (Riehl 2009a: 97).
Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft haben, wie das Semantischer Transfer ist nicht auf Inhaltswör-
in fast allen Sprachinseln der Fall ist, durchziehen ter beschränkt, sondern kann auch bei verwand-
entlehnte Diskursmarker oft den ganzen Text und ten Funktionswörtern erfolgen. Hier ist der
geben ihm eine typische Struktur. Fast in allen deutsch-englische Sprachkontakt sehr aufschluss-
Sprachkontaktkonstellationen zwischen dem Spa- reich, weil bei diesem Sprachenpaar auch Kon-
nischen und den amerindischen Sprachen werden junktionen, Präpositionen und Vergleichspartikeln
zum Beispiel die Diskursmarker pero und porque etymologisch verwandt sind (Beispiele nach Riehl
aus dem Spanischen entlehnt (Stolz/Stolz 1996). 2009a: 98):
(Ursprünglich ist pero natürlich eine Konjunktion
und porque eine Subjunktion, aber beide wer- (26) (Australiendeutsch)
den – wie z. B. im Deutschen auch also (s. 25a) – (a) Der Hase und ich werden jetzt nicht hingucken, weil Ni-
im gesprochenen Spanisch als Diskursmarker ver- kolas die Karten vermischen wird.
wendet.) Beispiele für die Entlehnung von (vgl. engl. while ›während‹)
Diskursmarkern sind die folgenden:
(b) Wenn ich ein ganz junges Kind war […]
(25) (a) (Lovari Romani; Matras 2009: 139) (vgl. engl. when ›wenn, als‹)
Laki familija sas also kesave sar te phenav, artisturi, ne?
Ihre Familie war PART so wie COMP sag.1SG Künstler, PART (c) Das war bei Gesetz verboten.
›Ihre Familie war also so, wie soll ich sagen, Künstler, nicht?‹ (vgl. engl. by law ›per Gesetz‹)
(b) (Australiendeutsch; Riehl 2009b: 205) Es gibt daneben auch semantische Übernahmen bei
I: Was haben Ihre Eltern eigentlich gesagt, als Sie sagten Sie etymologisch nicht miteinander verwandten Wör-
gehen nach Australien? tern: so etwa im Russlanddeutschen Brot in der Be-
EM: Well, meine Mutter war schon tot. deutung ›Getreide‹ (vgl. russ. chleb ›Getreide, Brot‹),
[auf Tonband] aufschreiben (vgl. russ. zapisat’ ›auf-
(c) (Russlanddeutsch, Riehl 2009b: 213) schreiben, aufzeichnen‹), Platz im Südtiroler
I: Haben Sie Latein auch gekonnt? Deutsch in der Bedeutung ›Stelle‹ (vgl. it. posto
TM: Ja, die Lateina, koneþno. Lateinisch, die hab ich gelernt, ›Platz, Stelle‹) oder im Australiendeutsch in der Be-
wo ich noch klein war. (russ. koneþno = ›natürlich‹) deutung ›Besitz‹ (vgl. engl. place ›Platz, Besitz‹).
Auch die Bedeutungen innerhalb von festen
Matras (2009: 100) erklärt die Häufigkeit der Ent- Kombinationen (Kollokationen) werden entlehnt.
lehnung von Diskursmarkern damit, dass mehr- Darunter fallen etwa Beispiele wie (aus Riehl
sprachige Sprecher kommunikative Routinen ohne 2009a: 99):
referentielle Bedeutung weniger stark unterdrü-
cken können als Wörter mit referentiellem Bezug. (27) (a) (Südtiroler Deutsch)
Das gilt selbst, wenn sie im monolingualen Modus Sie hat den Bus verloren.
sprechen (s. o. S. 384). (vgl. it. perdere l’autobus ›den Bus verpassen‹)
394
11.2
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Formen des
Sprachkontakts
Syntaktische Entlehnungen: Bei Sprechern des (29) üç yüz mark para al-ır-dı bir mektup ne gönder-ir-di
Deutschen als Erstsprache, die einem langen und drei hundert Mark Geld nehmen-AOR-PAST ein Brief REL schicken-AOR-PAST
intensiven Sprachkontakt ausgesetzt sind, wird die ›Er nahm 300 Mark für jeden Brief, den er verschickt hat.‹
Zweitstellung des Verbs auf alle Typen von Neben-
sätzen übertragen (Beispiele aus Riehl 2009a: 100): nen: Auch hier übernimmt das Mazedonische Tür-
kisch aus den benachbarten Sprachen Mazedo-
(28) (a) (Russlanddeutsch) nisch und Albanisch eine Konstruktion, bei der der
Wie wir kommen nach Kasachstan, war Schnee. Possessor nach dem Possessum steht, statt – wie
(vgl. russ. kak my prijechali v Kazachstan, …) im Türkeitürkischen üblich – davor (Bsp. aus Ma-
tras 2009: 254):
(b) (Ungarndeutsch)
das hilft […], dass sie können die deutsche Sprache. (30) (a) Türkisch:
(vgl. ungar. […], hogy tudják a német nyelvet.) damad-ın e܈ya-lar-ı
stallbursche-GEN [Link]
(c) (Australiendeutsch)
Wenn wir waren Kinder, […] (b) Mazedonisch:
(vgl. engl. when we were children) ališta-ta na zet-ot
kleid-DEF zu stallbursche-DEF
Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass es sich in
Fällen wie (28a) um eine Ausklammerung (c) Mazedonisches Türkisch:
(s. Kap. 6.5) einer obligatorischen Angabe handelt, ruba-lar-ı damad-ın
wie sie auch im gesprochenen Deutsch vorkommt, [Link] stallbursche-GEN
Beispiel (28c) lässt sich jedoch auf diese Weise ›die Kleider des Stallburschen‹
nicht erklären. Wie Clyne (1994) herausgefunden
hat, werden in den älteren deutschen Sprachin- Das Mazedonische Türkisch behält also die für das
seln, z. B. im Pennsylvania-Deutsch oder im aus- Türkische typische Possessivkonstruktion mit dem
tralischen Deutsch, schon etwa 45 % aller Neben- Genitiv am Possessor und der Possessivendung am
sätze mit Verbzweitstellung gebildet. Hier wird ein Possessum bei und ahmt nicht etwa die analyti-
syntaktisches Muster der Gebersprache, das in der sche Konstruktion des Mazedonischen (mit der
Aufnahmesprache bereits vorhanden ist (Verb- Präposition na ›zu‹ und ohne Markierung durch
zweitstellung), auf Umgebungen ausgedehnt (Ne- ein Suffix an den beiden Nomen) nach. Der einzi-
bensatz), in denen es in der Aufnahmesprache ge Punkt, in dem das Mazedonische Türkisch mit
nicht verwendet werden kann. Ähnlich verhält es den Umgebungssprachen konvergiert, ist die Wort-
sich im Namibiadeutschen, das den Infinitiv mit stellung.
395
11.2
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Sprachkontakt
396
11.2
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Entwicklungstendenzen
im Sprachkontakt
pelz‹, schnajderuk ›Flickschneider‹ (vgl. Weissberg ■ Beschleunigung von in der Sprache bereits an-
1988: 233). gelegten Entwicklungstendenzen in eine be-
Phonologische und prosodische Entlehnungen: stimmte typologische Richtung (z. B. Kasusab-
Aus der Phonologie einer Kontaktsprache wird oft bau)
lautliches Material (d. h. Phoneme) übernommen. ■ Befolgung bestimmter kognitiver Prinzipien
Manchmal werden aber auch Strukturen kopiert, (z. B. Näheprinzip)
z. B. intonatorische Muster oder phonotaktische ■ Ausbau latenter Kategorien (z. B. Aspekt)
Regelmäßigkeiten. Für prosodische Muster der
Kontaktsprache trifft das schon in sehr frühen Sta- Beschleunigung von Entwicklungstendenzen: Seit Entwicklungstendenzen
dien des Kontakts zu. So zeigt Birkner (2004), dass althochdeutscher Zeit wird das Flexionssystem des
brasiliendeutsche Sprecher bei gemischtsprachi- Deutschen immer mehr reduziert. Besonders die
gen Aufzählungen nur den im Portugiesischen üb- Markierung der Kasus im Nominalparadigma geht
lichen Tonhöhenverlauf verwenden, d. h. eine immer mehr zurück. Das sieht man sehr schön an
steigend-fallende Kontur, nicht aber die Plateau- den deutschen Dialekten, in denen dieser Prozess
kontur (mit auf einer Höhe bleibendem Ton), die schon viel weiter fortgeschritten ist als in der deut-
in diesem Kontext im Deutschen üblich ist. Im schen Standardsprache. Abbau der Kasusmarkie-
Russlanddeutschen wird bei Aufzählungen ein rung ist aber auch für Kontaktvarietäten des Deut-
Muster verwendet, das ebenfalls einer russischen schen typisch, und zwar sogar im Sprachkontakt
Intonationskontur entspricht, der sog. IK 3. Kenn- mit Sprachen, die eine reiche Flexion haben (wie
zeichnend dafür ist der plötzliche Anstieg des To- die slawischen Sprachen). Man kann also von einer
nes im Intonationszentrum (Riehl 2009a: 107). typologisch bedingten Sprachvereinfachung spre-
Außerdem werden phonotaktische Regeln aus dem chen (Rosenberg 2003: 288). Der Sprachkontakt be-
Russischen ins Deutsche übertragen, so das sog. schleunigt lediglich eine Tendenz, die bereits in der
a-kanje. Dies heißt, dass ein o oder a vor einer Sprache angelegt ist (vgl. auch Clyne 1991: 179).
Akzentsilbe in einem russischen Wort zu a oder Befolgung kognitiver Prinzipien: Manche Er-
Schwa reduziert wird. Beispiele für die Übertra- scheinungen im Sprachkontakt folgen bestimmten
gung dieser Regel im Russlanddeutschen sind tele- kognitiven Prinzipien. In diesen Bereich gehört der
faniert statt telefoniert, kanfirmiert statt konfir- Abbau der Verbklammer im deutschen Hauptsatz
miert, Aperation statt Operation, Kampanist statt zugunsten der Kontaktstellung der Verbteile. Kon-
Komponist. Das letzte Beispiel zeigt, dass es sich taktsprachen, die selbst die Kontaktstellung ken-
nicht um eine Übernahme von Lexemen zusam- nen, unterstützen diese Entwicklung. Aber auch
men mit ihrer russischen Aussprache handelt, im Kontakt mit Sprachen wie dem Russischen und
sondern tatsächlich um die Entlehnung von pho- Tschechischen, die eine sehr flexible Wortstellung
nologischen Regeln: Das Übersetzungsäquivalent haben, finden wir einen Abbau der Verbklammer.
lautet im Russischen kompozítor. Das könnte damit zusammenhängen, dass nach
dem kognitiven Prinzip der Nähe (Givón 1990:
970 f.) Einheiten, die funktional, konzeptionell
oder kognitiv zusammengehören, auch an der
11.2.3 | Entwicklungstendenzen sprachlichen Oberfläche, d. h. zeitlich oder räum-
im Sprachkontakt lich, nahe zusammenstehen sollten. Nach diesem
Prinzip sollten die zusammengehörenden Teile des
Stolz (2008: 25) weist darauf hin, dass Entlehnun- Verbs, nämlich der Träger der grammatischen In-
gen regelmäßigen Mustern folgen. So werden zum formation (Hilfsverb) und der Träger der semanti-
Beispiel im Kontakt mit dem Italienischen als Ge- schen Information (Vollverb), in relativer Nähe
bersprache ähnliche Diskursmarker entlehnt (etwa zueinander stehen. Das ist aber bei extremer
allora und contra) wie beim Kontakt amerindi- Klammerbildung nicht gegeben.
scher und austronesischer Sprachen mit dem Spa- Ausbau latenter Kategorien: Im Falle der obliga-
nischen (pero und porque). In Riehl (2009a) konn- torischen Markierung des progressiven Aspekts im
te gezeigt werden, dass auch umgekehrt ein und Pennsylvania-Deutschen wird eine bereits in der
dieselbe Sprache, nämlich das Deutsche, im Kon- Sprache vorhandene Ausdrucksweise genutzt, um
takt mit den unterschiedlichsten Sprachen ähnli- eine voll grammatikalisierte Kategorie der Kontakt-
che Entlehnungen aufweist. Hier lassen sich die sprache (Verlaufsform, Aspekt) auszudrücken.
folgenden Entwicklungen erkennen: Statt der Nachbildung der englischen Konstruktion
397
11.3
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Mischsprachen
(ich bin gehend) wird eine eigene Form benutzt, hohe Deckungsgleichheit von Ausdrucks- und In-
die im Deutschen schon optional vorhanden war: haltsseite in beiden Sprachen. In der Morphologie
ist am Gehen. Durch den Einfluss der Kontaktspra- erzielt man Ökonomie meist durch eine Vereinfa-
che Englisch wird nun diese Möglichkeit gramma- chung von Formen und Reduktion des Formen-
tikalisiert. reichtums. Damit muss sich der Sprecher ein klei-
Kognitive Ökonomie: Die gerade beschriebenen neres Inventar an Formen merken und nicht so
Tendenzen werden durch ein übergeordnetes Prin- viele Ausnahmen einzeln abgleichen. In der Syntax
zip gesteuert, nämlich das der kognitiven Ökono- werden ebenfalls Varianten reduziert, z. B. indem
mie. Die Sprecher versuchen, die unterschiedlichen man in der Wortstellung nicht mehr zwischen
Sprachsysteme so zu organisieren, dass sie viele Haupt- und Nebensatz unterscheidet. Gleichzeitig
der Strukturen möglichst ökonomisch nutzen kön- besteht aber hier viel stärker als in der Morpholo-
nen. Dabei geht es weniger um die Speicherung – gie die Möglichkeit, den anderen Code zu kopieren,
denn hier ist die Kapazität des Gehirns ja sehr so dass möglichst viele syntaktische Muster für
hoch –, sondern um die Geschwindigkeit bei ähnliche Funktionen eingesetzt werden können.
Sprachverarbeitung und Sprachproduktion. Im Be- Die Konvergenzprozesse werden durch strukturelle
reich des Lexikons wird ausdrucksseitige Ökono- Ähnlichkeit und Verwandtschaft der beteiligten
mie angestrebt: Reduktion von Benennungsvarian- Sprachen sowie durch ähnliche phonotaktische Be-
ten für ein und denselben Referenten und möglichst dingungen erleichtert.
11.3 | Mischsprachen
Es gibt Fälle von umfassendem und massivem entstanden aber auch auf Plantagen, im Bergbau
Sprachkontakt, die am Ende zu einer regelrechten oder in multi-ethnischen Schiffsmannschaften, be-
Sprachmischung führen, so dass ein Sprecher, der sonders im Zusammenhang der Sklaverei (Rick-
nur die eine oder die andere Sprache spricht, die ford/McWhorter 1997). Viele Pidginsprachen bil-
gemischte Form nicht mehr verstehen kann. Einen deten sich im Kontakt von europäischen mit
Extremfall dieser Sprachmischungsprozesse stel- afrikanischen und austronesischen (überwiegend
len Pidgin- und Kreolsprachen dar, einen ande- in Indonesien und Polynesien beheimateten) Spra-
ren bilinguale Mischsprachen. chen heraus, und zwar mit dem Lexikon einer eu-
ropäischen Sprache und der Grammatik mehrerer
afrikanischer oder austronesischer Sprachen. Ne-
ben den auf europäischen Sprachen basierenden
11.3.1 | Pidgin- und Kreolsprachen Pidginsprachen gibt es eine Reihe von Pidgins, die
nicht von europäischen Sprachen beeinflusst sind,
Pidginsprachen entwickeln sich in der Regel in z. B. den Chinook-Jargon an der Westküste Kana-
Umgebungen, in denen eine allgemeine Sprache das (s. u.) oder das Fanakalo (Süd-Afrika), dessen
der Verständigung benötigt wird, und zeichnen Basis eine Bantusprache ist. Weitere Beispiele sind
sich durch eingeschränkten Gebrauch und einfa- das chinesische Pidgin-Russisch und das Rus-
che Strukturen aus. In Fällen, in denen der Ge- senorsk: Ersteres ist eine Verständigungssprache
brauch ausgedehnt wird und sich komplexere zwischen Chinesen und Russen, Letzteres eine
grammatische Strukturen entwickeln, entstehen zwischen Russen und Norwegern.
aus den Pidgins Kreolsprachen (s. Kap. 9.4). Es gibt drei wichtige Kriterien für die Bestim-
Am häufigsten treten Pidginsprachen im Zu- mung von Pidginsprachen:
sammenhang mit Handelsbeziehungen auf. Sie ■ Unverständlichkeit im Hinblick auf die Quell-
Definition sprachen
■ Konventionalisierung (Stabilisierung)
Eine ➔ Pidginsprache ist eine vereinfachte Sprache, die sich als Kom- ■ keine Erstsprache einer Sprechergemeinschaft
munikationsmedium zwischen zwei oder mehreren Gruppen von Men-
schen herausbildet, die keine gemeinsame Sprache haben. Das Pidgin Unverständlichkeit: Obwohl in der Entstehungs-
wird vor allem in Handelskontexten verwendet. phase eines Pidgins oder im Falle typologisch sehr
nah verwandter Sprachen wechselseitige Versteh-
398
11.3
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Sprachliche Charakteristika
von Pidgins
barkeit gegeben sein kann, sind Pidgins in der Re- 11.3.2 | Sprachliche Charakteristika
gel nicht ohne Weiteres für die Sprecher der Kon- von Pidgins
taktsprachen verständlich. Ein Beispiel dafür ist
das Russenorsk, ein Handelspidgin, das sich vor Typisch für Pidgins sind Wort-Paraphrasen durch
allem in den Hafenstädten an der nordnorwegi- einfachere Wörter. Das betrifft auch den Grund-
schen Küste aufgrund von intensiven Handelsbe- wortschatz; vgl. dazu folgende Beispiele aus dem
ziehungen zwischen russischen Kaufleuten und Tok Pisin, das zwar heute eine Kreolsprache ist,
norwegischen Fischern herausbildete. Diese Spra- aber in vielen Fällen noch die Paraphrasierungs-
che wurde von den Sprechern auch moja på tvoja muster des Pidgin erhalten hat (aus Mesthrie et al.
(›meine für deine‹) genannt. Das bedeutet, dass 2000: 291):
die Russen meinten, Russenorsk sei Norwegisch,
und die Norweger, es sei Russisch (Thomason/ (33) (a) gras bilong fes (›grass belong face‹) ›Bart‹
Kaufman 1988: 167 f.). (b) gras bilong hed (›grass belong head‹) ›Haare‹
Manchmal wird ein von den Sprechern der Aus- (c) gras bilong ai (›grass belong eye‹) ›Augenbraue‹
gangssprache noch verstehbares Pidgin von Spre-
chern ganz anderer Sprachen als Verständigungs- Eine weitere Besonderheit ist die Vereinfachung
mittel verwendet. Das war etwa so im Fall des der Grammatik, z. B. das Ersetzen von Tempus-
Chinook-Jargon: Sprecher des Lower Chinook, ei- markierungen am Verb durch einfache Adverbien
ner indianischen Sprache am Columbia River, wie before, today, later (s. Kap. 9.4.3):
konnten dieses Pidgin verstehen, aber es wurde
von den Europäern auch mit anderen Gruppen (34) (Chinese Pidgin English; vgl. Mesthrie et al. 2000: 292)
von Indianern und sogar von bestimmten Spre- before my sellum for ten dollars
chern von Indianersprachen selbst verwendet before I sell for ten dollars
(Thomason/Kaufman 1988: 169). ›Ich habe es für 10 Dollar verkauft.‹
Stabilisierung: Das zweite wichtige Kriterium für
das Vorliegen eines Pidgins ist die Konventionali- Morphologische Besonderheiten von Pidgins
sierung. Eine Pidginsprache muss man lernen, sie (vgl. Winford 2003: 276):
kann nicht von einem Sprecher einfach produziert ■ Fehlen von Affixen und Flexion
werden, indem er seine eigene Sprache ad hoc sim- ■ Fehlen von funktionalen Kategorien wie Tem-
plifiziert und ein paar Begriffe durch anderssprachi- pus, Aspekt und Modus (TAM)
ge ersetzt. Natürlich gibt es auch hier Grenzfälle in ■ Minimales Inventar von Funktionsmorphemen
der Entstehungsphase einer Pidginsprache (vgl. wie Artikel, Quantifizierer, Präpositionen, Kon-
Thomason/Kaufman 1988: 169). nektoren und Komplementierer
Keine Verwendung als Erstsprache: Das dritte ■ Begrenzte Anzahl von Fragewörtern und Prono-
wichtige Charakteristikum für ein Pidgin ist, dass mina
es von niemandem als Muttersprache gesprochen ■ Verwendung eines universalen Negationsmar-
wird. Alle Pidginsprecher haben noch eine andere kers
Sprache, in der sie sich ausdrücken können. Das
hängt natürlich mit den reduzierten Ausdrucks- Syntaktische Besonderheiten von Pidgins:
möglichkeiten von Pidgins zusammen. Sie haben ■ Analytische Strukturen, bei denen grammati-
nicht nur einen eingeschränkten Wortschatz und sche Funktionen durch die Wortfolge ausge-
eine vereinfachte Grammatik, sondern es fehlen drückt werden
ihnen auch die Möglichkeiten für stilistische oder ■ Begrenzte Anzahl von Satzmustern durch das
pragmatische Differenzierungen (vgl. Rickford/ Fehlen von Bewegungsregeln
McWhorter 1997: 240). Sobald der Bedarf besteht, ■ Fehlen von Mechanismen der Subordination
die Sprache in weiteren Kontexten anzuwenden, und Einbettung
kann sie ausgebaut werden und alle nötigen gram-
matikalischen und stilistischen Kategorien entwi- Vereinfachungen in der Phonologie: Vereinfachun-
ckeln. In der Regel entstehen so Kreolsprachen gen zeigen sich auch auf dem Gebiet der Phonolo-
(s. Kap. 6.3). gie. Auch hier findet man ein reduziertes Inventar
von Phonemen und einen Verlust von phonologi-
schen Kontrasten im Vergleich zur sog. Lexifizie-
rersprache, d. h. der Sprache, aus der das überwie-
399
11.3
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Mischsprachen
gende Lexikon stammt. In der Regel werden v. a. das Pidgin übernommen werden, auch wenn er
Laute eliminiert, die die Kontaktsprachen nicht eine markierte Form ist. Wenn die Ausgangsspra-
teilen, besonders solche, die in der Lexifiziererspra- chen miteinander typologisch verwandt sind, fin-
che markiert sind. Es gibt auch Pidgins, die eine det man ebenfalls kompliziertere morphosyntakti-
beträchtliche Variation in ihrem Phoneminventar sche Strukturen als bei nicht verwandten Sprachen
zeigen. Das sind meist solche, die von verschiede- (Thomason/Kaufman 1988: 192 ff.).
nen Sprachgemeinschaften benutzt werden wie Breitere Definition von Pidgin: Schon diese kur-
Formen von Pidgins Chinook Pidgin und Mobilian Pidgin. Beide Spra- zen Ausführungen deuten darauf hin, dass man
chen werden auf dem amerikanischen Kontinent sich bei der Beschreibung von Pidgin- (und Kreol-)
als Handelssprache zwischen den Sprechern einer Sprachen von dem Gedanken verabschieden muss,
Vielzahl verschiedener indianischer Sprachen mit dass es sich dabei um eine einheitliche Erschei-
europäischen Siedlern verwendet. Die unterschied- nung handelt. Das ergibt sich schon daraus, dass
lichen Sprecher haben quasi einen Akzent in der Pidgins ein weit verbreitetes Phänomen darstellen,
Pidginsprache, der von ihrer jeweiligen Erstsprache das weit über die bekannten, im Zusammenhang
beeinflusst ist (Winford 2003: 277 f.). mit der Kolonialisierung entstandenen Sprachfor-
Weitere Formen von Pidgins:Pidgins erscheinen men hinausgeht. Die strukturelle Verschiedenheit
in der gerade beschriebenen Form vor allem als der Pidgins ergibt sich aus den verschiedenen betei-
radikal vereinfachte Sprachen. Thomason/Kauf- ligten Sprachen, ihren verschiedenen Gebrauchs-
man (1988) weisen allerdings darauf hin, dass für kontexten und der unterschiedlichen Zusammen-
diesen Eindruck vor allem die bekannteren und setzung der Sprechergruppen.
besser untersuchten Pidgins verantwortlich sind,
die ein europäisches Lexikon und afrikanische
oder austronesische Substratsprachen haben. Be-
trachtet man dagegen Pidgins außerhalb des euro- 11.3.3 | Zur Entstehung
päischen Kontexts, findet man größere Unterschie- von Pidginsprachen
de und v. a. markierte Strukturen, die in einer
maximal vereinfachten Sprache gar nicht vorkom- Wie entstehen die typischen Strukturen eines Pid-
men dürften. So zeigt etwa das Hiri Motu, eine gins? Zur Beantwortung dieser Frage wurden in
Pidginsprache, die auf der Papuasprache Motu ba- der Forschung drei Prozesstypen vorgeschlagen:
siert und Einflüsse aus dem Englischen, Tok Pisin ■ Vereinfachung der Lexifizierersprache(n) durch
und weiteren austronesischen Sprachen aufweist, deren Sprecher
die Wortfolge OSV (Objekt – Subjekt –Verb). Diese ■ Relexifizierung der Substratsprache(n)
Struktur kommt nur sehr selten in den Sprachen ■ Universale Tendenzen
der Welt vor und gilt daher als sehr markiert.
Andere Pidgins wie das Fanakalo, das an der Vereinfachter Input: Diese Prozesse schließen ei-
Ostküste Südafrikas entstand, haben eine relativ nander nicht aus, es ist vielmehr sogar wahr-
ausgeprägte Morphosyntax, z. B. Tempussuffixe scheinlich, dass sie in der Regel ineinandergrei-
oder Passivmarkierungen, die sonst für Pidgin- fen. Dennoch ist zu fragen, welcher Prozess die
grammatiken unüblich ist. Beispiele wie diese deu- Pidginisierung auslöst. Nach der am häufigsten
ten darauf hin, dass es sich bei der Herausbildung vertretenen Auffassung ist dies die Vereinfachung
von Pidgins wohl um eine wechselseitige sprachli- der Lexifizierersprache durch ihre Sprecher (Fergu-
che Angleichung der verschiedenen Kontaktspra- son 1971). Diese hat Gemeinsamkeiten mit sog.
chen handelt. Der Grad der Vereinfachung wird Ausländerregistern, also der Art und Weise, wie
zwar von allgemeinen Tendenzen gesteuert, hängt man mit Fremden, die die Sprache nicht gut be-
aber auch davon ab, ob die Sprecher bereits ähnli- herrschen, spricht. Aus der Genese einiger Pidgins
che Strukturen aus anderen Sprachen, mit denen wie dem auf dem Delaware (einer Indianersprache
sie in Kontakt kommen, kennen. Viele Menschen in Nordamerika) basierenden wissen wir, dass die
in Afrika, Südamerika und Austronesien sind viel- Sprecher manchmal absichtlich eine stark verein-
sprachig und sprechen außer ihrer Erstsprache fachte Form ihrer Sprache mit Fremden verwende-
noch eine ganze Reihe von anderen, meist benach- ten, diese aber glaubten, die ›richtige‹ Sprache zu
barten Sprachen. Kennen nun die Sprecher bei- lernen (Thomason/Kaufman 1988: 175).
spielsweise aus einer dieser Nachbarsprachen Relexifizierung: Die zweite These geht davon
etwa einen präfigierten Plural, dann kann dieser in aus, dass die Sprecher der Substratsprachen nach
400
11.3
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Bilinguale Mischsprachen
11.3.4 | Bilinguale Mischsprachen Media Lengua ist weder für Sprecher des Que-
chua noch für Sprecher des Spanischen verständ-
Media Lengua: Neben Pidginsprachen, die in der lich. Die lexikalischen Einheiten des Spanischen
Regel auf den Kontakt zwischen mehr als zwei venir (hier als bini), pedir (hier: pidi) und favor
Sprachen zurückgehen, gibt es auch eine Reihe (hier: fabur) werden nicht nur in das andere
von Mischsprachen, die in bilingualen Gemein- grammatische System eingepasst, sondern auch
schaften entstanden sind. Auch hier kann die lautlich verändert. Allerdings wäre es zu einfach
Grammatik aus der einen und das Lexikon aus der zu behaupten, die grammatische Struktur der
anderen Sprache stammen. Ein klassisches Bei- Media Lengua gehe alleine auf das Quechua zu-
spiel ist die sog. Media Lengua. Diese Sprache rück. Durch den langen Sprachkontakt gibt es
wird in einigen kleinen Städten und Dörfern im Entlehnungen aus dem Spanischen nicht nur bei
Hochland von Ecuador gesprochen, v. a. in der den Inhaltswörtern, sondern auch bei den Funk-
Stadt Salcedo und Umgebung. Sie hat hier die tionswörtern (v. a. Präpositionen und Konjunkti-
Funktion einer Gruppensprache zwischen indiani- onen). Umgekehrt gibt es auch Wortstämme aus
schen Bauern, Handwerkern und Bauarbeitern. dem Quechua. Durch die Inkorporation von spa-
Muysken (1997: 374) konnte feststellen, dass die nischen Lautstrukturen in den morphosyntakti-
Media Lengua bei jüngeren Erwachsenen und Kin- schen Rahmen des Quechua mussten sowohl die
dern in der Nähe der Stadt Salcedo sogar die Stelle spanischen Elemente an die Struktur des Que-
401
11.3
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Mischsprachen
(37) La Cendrieuse mâka tout kî-piskeyiht-am tout in North Dakota gesprochen wird, verbindet die
Das Aschenputtel jedoch alles PAST -putzt-es alles französische Nominalgrammatik mit der Verbal-
grammatik der Indianersprache Cree, d. h. die
la maison, le plancher kî-kisîpêkin-am. grammatische Struktur stammt in diesem Fall aus
das Haus den Boden PAST -wusch mit der Hand- es beiden Sprachen, die an der Entstehung der Misch-
›Aschenputtel jedoch, machte alles sauber. Sie putzte das Haus, den Fußboden.‹ sprache beteiligt waren (vgl. dazu Beispiel (37)
aus Matras/Bakker 2003). In diesem Beispiel sieht
chua angepasst als auch die Quechua-Grammatik man das Nebeneinander von französischsprachi-
strukturell verändert werden. gen Nominalphrasen (La Cendrieuse, tout, la mai-
Michif: Eine andere bekannte bilinguale Misch- son, le plancher) und Verbphrasen aus dem Cree
sprache, das Michif, das im Westen Kanadas und (kî-piskeyiht-am, kî-kisîpêkin-am).
Weiterführende Literatur
Zum Thema Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt hend vom bilingualen Erstspracherwerb und
gibt es eine Vielzahl von Einführungsbüchern und Zweitspracherwerb v. a. auf den Sprachkontakt bei
Handbuchartikeln, die meisten auf Englisch. Einen individuellen Sprechern ein. Die unterschiedlichs-
allgemeinen Überblick über die Sprachkontaktfor- ten Aspekte des Sprachkontakts sowie verschie-
schung (mit Ausblick auf einige Bereiche der denste Sprachkontaktkonstellationen werden in
Mehrsprachigkeitsforschung) in deutscher Spra- den Artikeln des von Hickey (2010) herausgegebe-
che, auf dem auch Teile dieses Kapitels beruhen, nen Handbuchs Language Contact vorgestellt.
bietet Riehl (2009a). Sehr fundierte Darstellungen Zum Thema Mehrsprachigkeit ist besonders
in englischer Sprache liefern Thomason (2001), das Einführungsbuch von Altarriba/Heredia
Winford (2003), Clyne (2003), Myers-Scotton (2008) zu empfehlen. Dort werden verschiedenste
(2006) und Matras (2009), wobei die Darstellungen Aspekte von Mehrsprachigkeit diskutiert, u. a.
jeweils ganz unterschiedliche Akzente setzen. auch die mentale Repräsentation von Mehrspra-
Während Thomason v. a. die historische Genese chigkeit sowie gesellschaftspolitische Aspekte. Ei-
und unterschiedliche Konstellationen von mehr- nen sehr umfassenden Überblick über vielfältige
sprachigen Gesellschaften betrachtet, legt Winford Aspekte des Erwerbs von Mehrsprachigkeit, bil-
den Schwerpunkt auf die Konstellation und Genese dungspolitische und individuelle Aspekte der
von Mischsprachen, besonders Pidgin- und Kreol- Zweisprachigkeit, mehrsprachigem Verhalten so-
sprachen. Der Schwerpunkt bei Clyne liegt auf der wie gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit bietet
Beschreibung von unterschiedlichsten Transfer- auch das von Auer/Wei (2007) herausgegebene
erscheinungen, dem Phänomen der Erleichterung Handbuch. Weitere Einführungen befassen sich
von Transfer und den jeweiligen psycholinguisti- mit Teilaspekten, wie die Darstellungen zum bi-
schen und soziolinguistischen Erklärungen. Myers- lingualen Erstspracherwerb von Müller et al.
Scotton konzentriert sich auf psycholinguistische (2011) und de Houwer (2009) oder zum Code-
und soziolinguistische Aspekte von Code-Swit- Switching von Gardner-Chloros (2009) und Müller
ching und Sprachmischung. Matras geht ausge- et al. (in Vorb.).
402
11.3
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Aufgaben
Aufgaben
1. Vergleichen Sie die folgenden Situationen des Spracherwerbs und geben Sie die unterschiedlichen
oder gemeinsamen Faktoren an, die den Erwerb des Deutschen beeinflussen. Berücksichtigen Sie
dabei u. a. die verschiedenen Sprachen, die Lernsituation und die Person des Lerners:
(a) Ein Kind (2 Jahre) wächst in Deutschland auf und lernt Deutsch von der Mutter und Türkisch
vom Vater.
(b) Ein italienisches Kind (5 Jahre) lernt Deutsch als Zweitsprache in Deutschland.
(c) Ein US-amerikanischer Junge (13 Jahre) lernt Deutsch als Fremdsprache in der Schule in den
USA.
(d) Eine Niederländerin mit höherer Schulbildung (60 Jahre) lernt Deutsch als Fremdsprache
im Selbststudium.
(e) Eine Brasilianerin ohne Schulbildung (28 Jahre) lernt Deutsch als Bedienung in einem
Restaurant.
2. Führen Sie die Funktionen an, die Code-Switching im Gespräch haben kann! Welche dieser
Funktionen finden Sie in den folgenden Beispielen (Code-Switching Deutsch-Russisch):
3. Folgende Beispiele stammen aus dem Deutschen in Namibia, das in Sprachkontakt mit Englisch
und Afrikaans tritt. Erläutern Sie für jedes der folgenden Beispiele, um welche Sprachkontakter-
scheinungen es sich dabei handelt:
(a) Ich muss diese aukies checken. (afr. ugs. oukie ›Kerl, Typ‹)
(b) Ich hab noch brai-fleisch in der deep freeze.
(afr. braii ›Grill‹, engl. deep freeze ›Gefriertruhe‹)
(c) Sonntag war mooies Wetter. (afr. mooi ›schön, hübsch‹)
(d) Wenn es zu viel regnet, frottet es. (afr. om te frot ›verderben‹)
(e) Das Telefon ist heute sehr beschäftigt.
(afr. besig, engl. busy ›beschäftigt, tätig, überlaufen‹)
(f) Ich habe keine Lust, um nass zu werden.
(afr. Ek het nie lus om nat te word nie)
(g) Er hieß Alberts mit Nachname.
(Afrikaanse Deklination ist wie im Englischen)
(h) Ich weiß nicht, das isst der.
(keine Entsprechung im Afrikaansen/Englischen)
403
11.3
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt
Aufgaben
4. Diskutieren Sie anhand des folgenden Textausschnitts, inwieweit man hier von Sprachkontakter-
scheinungen sprechen kann (Ukrainisch hat wie Russisch eine freie Wortstellung, keine Artikel,
aber 6 Kasus) und welche Gemeinsamkeiten Sie hier mit Lernervarietäten finden:
Interview mit einer jungen Kindergärtnerin aus der Ukraine, Magdalena O., die aus der dort
ansässigen deutschsprachigen Minderheit stammt. Der Dialekt der Minderheit ist eine Mischung
aus Fränkisch und Österreichisch.
Magdalena: Er hat unterrichtet die Kinder, was gehen bei uns in die Schule ukrainische, erste, vierte Klasse. Jetzt is pensioniert
doch noch hat er eine Stunde in vierte Schule, noch arbeit, ja, noch Stunde hat.
Interviewer: Und wie viele Kinder haben Sie, zwei, nicht?
Magdalena: Ja, zwei Sohnen. Einer wird sein fünfzehn und der andere schon hat im Januar zehne. Mit den Freunden nur sprechen
nur Ukrainisch sie.
[Über ihre Arbeit im Kindergarten; wie viele Sprachen sie dort sprechen muss]
Jetzt ich hab ein Kind in die Gruppe. Sie von Russland hat fahren zuerst und die Großmutter und jetzt geht zum uns in Kinder-
garten. No, sie ward gor nix Ukrainisch. Und ich muss sie lern jetzt Ukrainisch. Gestern war die Kinder in Musiksaal und ham
singen Deutsch und sie fragt: Was ist des? Sie hat nicht hören noch die deutsche Sprach.
5. Der folgende Text stammt von einem Gastarbeiter aus Spanien. Erläutern Sie die sprachlichen
Besonderheiten des Textes! Diskutieren Sie, ob man bei diesem Beispiel von Pidgindeutsch
sprechen kann oder nicht!
[Miguel B. beschwert sich beim Interviewer darüber, dass deutsche Arbeiter in der Fabrik sich
immer unterhalten dürfen, die ausländischen Arbeiter dagegen würden vom Vorarbeiter immer
dazu ermahnt, schneller zu arbeiten.]
Wann ich arbeite – vielleich andre Mann egal italienisch oder deutsch zusamme spreche un dann Vorarbeiter komme: »Hee, wo du
arbeit? Was machen? Aah, des Maschine arebeit! Alla, schnell, schnell, schnell arebeite! Ich sachen: »Langsa, langsa«. Deutsche
Mann – swei Mann oder drei Mann imme sprechen, imme sprechen harbe Stunde aber – oder Vorarbeiter keine sachen, abe Aus-
länder sprechen, sagen: »Was machen?« Imme arebeit, imme arebeit. Ja, langsam machen.
404
Anhang
1.1
Literaturverzeichnis
1 Literaturverzeichnis
407
1.1
Literaturverzeichnis
Grundlagenwerke,
Zeitschriften, Internet-
Ressourcen
408
1.2
Literaturverzeichnis
Zitierte Literatur
409
1.2
Literaturverzeichnis
Zitierte Literatur
Germans as Intercultural Communication. In: Aldo Di Behaghel, Otto (1909): Beziehungen zwischen Umfang
Luzio/Susanne Günthner/Franca Orletti (Hg.): Culture und Reihenfolge von Satzgliedern. In: Indogermanische
in Communication. Amsterdam: Benjamins, 89–116. Forschungen 25, 110–142.
Auer, Peter/Wei, Li (Hg.) (2007): Handbook of Multilingua- Behrens, Heike (1993): Temporal Reference in German Child
lism and Multilingual Communication. Berlin/New Language: Form and Function of Early Verb Use.
York: de Gruyter. Universiteit van Amsterdam: Koninklijke Woehrmann.
Austin, John (21969): How To Do Things With Words. Behrens, Heike (2003): Bedeutungserwerb, Grammatikali-
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429
2
Abkürzungen für grammatische Kategorien
430
2
Abkürzungen für grammatische Kategorien
431
3.1
Materialien
Phonetische
Transkriptions-
konventionen (IPA)
3 Materialien
(IPA Chart,
[Link]
[Link]/ipa/[Link],
available under a Creative
Commons Attribution-
Sharealike 3.0 Unported
License. Copyright © 2005
International Phonetic
Association)
432
3.2
Materialien
Konversationsanalytische
Transkriptions-
konventionen (GAT2)
Minimaltranskript
Sequenzielle Struktur/Verlaufsstruktur
[ ] Überlappungen und Simultansprechen
[ ]
Pausen
(.) Mikropause, geschätzt, bis ca. 0.2 Sek. Dauer
(-) kurze geschätzte Pause von ca. 0.2–0.5 Sek. Dauer
(-) mittlere geschätzte Pause v. ca. 0.5–0.8 Sek. Dauer
(- - -) längere geschätzte Pause von ca. 0.8–1.0 Sek. Dauer
(0.5) gemessene Pausen von ca. 0.5 bzw. 2.0 Sek. Dauer
(2.0) (Angabe mit einer Stelle hinter dem Punkt)
Rezeptionssignale
hm, ja, nein, nee einsilbige Signale
hm_hm, ja_a zweisilbige Signale
nei_ein, nee_e
ݦ
hmݦhm mit Glottalverschlüssen, meistens verneinend
Sonstige Konventionen
((hustet)) para- und außersprachliche Handlungen und Ereignisse
<<hustend> > sprachbegleitende para- und außersprachliche Handlungen und Ereignisse
mit Reichweite
( ) unverständliche Passage ohne weitere Angaben
(xxx), (xxx xxx) ein bzw. zwei unverständliche Silben
(solche) vermuteter Wortlaut
(also/alo) mögliche Alternativen
(solche/welche)
((unverständlich, unverständliche Passage mit Angabe der Dauer
ca. 3 Sek))
((...)) Auslassung im Transkript
ĺ Verweis auf im Text behandelte Transkriptzeile
433
3.2
Materialien
Konversationsanalytische
Transkriptions-
konventionen (GAT2)
Basistranskript
Sequenzielle Struktur/Verlaufsstruktur
= schneller, unmittelbarer Anschluss neuer Sprecherbeiträge oder Segmente
(latching)
Akzentuierung
AkZENT Fokusakzent
ak!ZENT! extra starker Akzent
Sonstige Konvention
<<erstaunt> > interpretierende Kommentare mit Reichweite
Feintranskript
Akzentuierung
akZENT Fokusakzent
akzEnt Nebenakzent
ak!ZENT! extra starker Akzent
Auffällige Tonhöhensprünge
Ĺ kleinere Tonhöhensprünge nach oben
Ļ kleinere Tonhöhensprünge nach unten
ĹĹ größere Tonhöhensprünge nach oben
ĻĻ größere Tonhöhensprünge nach unten
Verändertes Tonhöhenregister
<<t> > tiefes Tonhöhenregister
<<h> > hohes Tonhöhenregister
434
3.2
Materialien
Konversationsanalytische
Transkriptions-
konventionen (GAT2)
aus: [Link]
435
4
Lösungen der Aufgaben
Kapitel 2
1. Schmuck (4), Verein (7), Pfuhl (3), Taxi (5), Zahn (3), Schimmern (5) und Dach (3)
(Affrikaten und Diphthonge zählen wir hier als zwei Laute, auch wenn die Affrikaten im Silben-
modell nur ein Quantitätszeichen erhalten. Es ist aber zu beachten, dass es sich artikulatorisch
bei Affrikaten und Diphthongen eigentlich um zwei Laute handelt).
2. >ޖGD[ݕޙWXO@>ޖUHܳԥQܼݕޙUP@>ޖNhܼQGޙܣDܣWVW@>ޖWVDܼWޙUDܼ]ԥ@>ޖPܼOoݕޙDݜP@
*Diese Laute kommen im Deutschen meistens mit Länge vor, also >H] und [y], und stehen in der
Wortakzentsilbe, z. B. <Esel, Fehler, übel, Gemüt>. Das Gleiche gilt für das [i], [ø], >X] und
[o]: <Liebe, Löwe, Mut, Lob>.
4. Eine Gegenüberstellung in Minimalpaaren ergibt folgende Phoneme: /p, b, s, ݕ, k, i, a/. Nicht
phonemisch sind [u] und [ԥ], da sich mit ihnen kein Minimalpaar bilden lässt. Sie erfüllen folglich
nicht die Anforderung der Bedeutungsdifferenzierung. Eine genauere Analyse des lautlichen
Kontexts zeigt, dass [u] nach stimmhaften Lauten steht, [ԥ] hingegen nach stimmlosen Lauten.
Das Vorkommen der beiden Varianten ist durch den Lautkontext bedingt; es handelt sich um
komplementär distribuierte Allophone.
5. Bei der Sequenz [mt] folgen ein bilabialer Nasal und ein alveolarer (stimmloser) Plosiv aufeinan-
der. Gemeinsam ist den beiden Lauten, dass sie einen oralen Verschluss bilden, allerdings an
verschiedenen Stellen. Ein Unterschied ist, dass für den Nasal das Velum gesenkt ist, für den
Plosiv aber nicht. Im artikulatorischen Übergang vom [m] zum [t] müssen nun verschiedene
artikulatorische Gesten zeitlich miteinander koordiniert werden: Zum einen muss das Velum ange-
hoben werden, zum anderen der bilabiale Verschluss gelöst und der alveolare Verschluss gebildet
werden. Wird nun das Velum angehoben, bevor der bilabiale Verschluss gelöst ist, entsteht eine
kurze Phase mit bilabialem Verschluss und gleichzeitig gehobenem Velum. Die Luft entströmt
nicht durch die Nase, sondern wird im Mundraum an den geschlossenen Lippen gestaut; es
entsteht also ein bilabialer Plosiv [p] oder [b]. (Die Bewegung der Stimmlippen lassen wir hier
außer Acht).
436
4
Lösungen der Aufgaben
7. Weitere Beispiele sind ship[V], kick[V], flag[]], load[]], hors[ܼ]]/[ԥ]], church[ܼ]]/[ԥ]]. Die ent-
sprechende Pluralform hängt davon ab, mit was für einem Laut das Singularwort auslautet. Nach
Sibilanten ([V] )]ݤݕwird vor dem Plural-s noch ein Vokal eingefügt, es folgt also die Endung
[ܼ]]/[ԥ]]. Ansonsten folgt nach stimmlosem Laut das [s], nach stimmhaftem Laut das []]. Es han-
delt sich in diesen Fällen also um eine Assimilation.
8.
o- o- o-
O R O R O R
N K N K N K
X X X X X X X X X X X X X X
p l t s ∫ t r a l b a m
Ω
I
o- o- o- o- o- o-
O R O R O R O R O R O R
N K N N N K N N K
X X X X X X X X X X X X X X X X X X
f l c t e m i n I s t a
h 3 a p s t
Kapitel 3
1. Die Lösung zu dieser Aufgabe ist abhängig von den Sätzen, die Sie gewählt haben.
Hier ist ein Beispiel:
437
4
Lösungen der Aufgaben
2. Alle waren sie Komposita: Edel-Aar, all-wahr, Dritt-Teil, Kien-Föhre, in-eben, das Nieder-(ge)setzte,
Sper(ling)-Aar, Schuh-Suter, Wind-Braue.
Manche Wortteile sind dem Deutschen abhandengekommen: Die ersten Teile in elend (lat. alius
›anderer‹), heuer und heute (ahd. hiu ›dieser‹), die zweiten Teile in Holunder (engl. tree ›Baum‹),
Wurzel (got. walus ›Stab‹) und beide Teile in Messer (schwed. mat ›Essen‹, sax ›Scheere‹) und
Welt (got. waír ›Mann‹, alds ›Menschenalter‹) (vgl. Keller/Kirschbaum 2003).
3. Wie der Zyklop bei Odysseus ist der Tiger der Toܩa ein Wesen, das der Sprache nur sehr ober-
flächlich mächtig ist. Der Tiger scheint nicht zu wissen, dass nicht alle Wörter der Sprache eine
Referenz haben, und hält das Echowort Kiger für eine wirkliche Gefahr, er fasst Kiger fälschlicher-
weise referenziell auf. Nun kommt der Tiger, der für den Toܩa nicht-referenziell ist, weil er ihn
nicht sieht, ja neben dem Kiger in der Äußerung vor. Das legt ikonisch nahe, dass die ihm entspre-
chende Gestalt auch nicht fern sein kann. Hiermit ist die Geschichte auch ein Beispiel dafür, dass
man Ikonizität leicht überstrapazieren kann.
4. Die Lösung hängt natürlich vom gewählten Sprachenpaar ab, allerdings wird für das Deutsche
auffallen, dass es im Gegensatz zu Eltern für Mutter und Vater sowie Geschwister für Bruder und
Schwester bei Onkel und Tante keinen Oberbegriff gibt. Dann gibt es mit Enkel mindestens eine
geschlechtsneutrale Bezeichnung, aber auch Kind ist eigentlich eine Verwandtschaftsbezeichnung
in einer seiner Bedeutungen. Des Weiteren fällt auf, dass in der Bezeichnung nicht zwischen
Verwandten in der väterlichen und mütterlichen Linie unterschieden wird. Obwohl viele deutsche
Verwandtschaftsbezeichnungen aus dem Indoeuropäischen ererbt sind, ist das System diachron
keineswegs völlig stabil. Früher gab es Muhme und Oheim. Im 17. und 18. Jahrhundert haben
dann die Tanten und Onkel aus dem Französischen Einzug gehalten. In gewissen Teilen des
Deutschen ist die Invasion französischer Begriffe noch weiter fortgeschritten. In der Schweiz, aber
auch in anderen deutschsprachigen Gebieten, hat man Cousins und Cousinen statt Vettern und
Basen. Die Kusine hat es auch über die Schweiz hinausgebracht. Die Base war übrigens ursprüng-
lich die Vaterschwester, der Vetter der Vaterbruder, die Muhme die Mutterschwester und der
Oheim der Mutterbruder. Früher unterschied man noch zwischen väterlicher und mütterlicher
Linie. Dann sollten wir auch die Schwieger- und Stiefverwandten nicht ganz vergessen, für die
es im Deutschen so praktische Präfixe gibt. Allerdings ist es bei Schwager und Schwägerin wieder
komplizierter, und dann wissen wir immer noch nicht, was ein Schwippschwager ist.
5. Die Ausbildung von prototypischen Bedeutungsstrukturen, d. h. die Frage, welche Vertreter als zentral
oder peripher betrachtet werden, ist besonders von kulturellen Fragen, aber auch von der Erfahrungs-
komponente und damit dem Alter abhängig. Die kulturbedingte Erfahrung, dass zu besonderen An-
lässen Spielzeug geschenkt wird, kann dazu führen, dass etwas für den Alltag Notwendiges nicht
mehr als Geschenk wahrgenommen wird. Natürlich kann auch mangelndes Interesse bzw. mangeln-
der Enthusiasmus für Kleidungsstücke der Grund dafür sein, dass diese nicht als Geschenk eingestuft
werden. Ebenso würde sich ein Dreijähriger über eine Flasche Wein beschweren, auch wenn dies für
die meisten erwachsenen mitteleuropäischen Jubilarinnen und Jubilare ein sehr guter Vertreter
der Kategorie wäre. In einer Umgebung, in der Alkohol z. B. aus religiösen Gründen nicht will-
kommen ist, stellt sich die Situation natürlich wieder gänzlich anders dar.
6. Bei den Inessivformen (›in etwas befindlich‹) und Elativformen (›aus etwas heraus‹) lassen sich
leicht zwei charakteristische Morpheme -s und -st identifizieren. Allerdings ist es seltsam, dass
man, wenn man diese abtrennt, auf die Genitivform und nicht auf die Nominativform kommt.
Die Genitivform ist bei den Beispielen immer länger als die Nominativform, es lässt sich jedoch
kein gemeinsames Genitivmorphem abstrahieren. Auch hilft es wenig, für die vier Beispiele vier
Paradigmen anzusetzen, dann wäre jedes Lexem ein Paradigma für sich. Am einfachsten ist es,
wenn man die Genitivformen als Grundform ansetzt und den Nominativ mit Hilfe des morpho-
logischen Prozesses der Subtraktion durch Tilgung des finalen Vokals bildet.
438
4
Lösungen der Aufgaben
7. Es sind keine Fernseh- und Radioapparate oder Zeitungen, die hier rennen. Gemeint sind Leute,
die bei Fernsehen, Radio und Zeitung arbeiten. Die Personen stehen in einer sachlichen Bezie-
hung zu Fernsehen, Radio und Zeitung, es handelt sich also um Metonymie. Beim Einrennen der
Türe ist es etwas problematischer. Es kann ja durchaus sein, dass die Journalisten zum Teil
buchstäblich vor der Tür stehen und, wenn man diese öffnet, gleich hineinströmen, dann wäre es
auch eine Art Metonymie. Wahrscheinlich ist es aber so gemeint, dass die Medienschaffenden sich
auf alle möglichen Arten melden, also auch anrufen oder E-Mails schreiben, wo es keine Türen
gibt. Man bedient sich also einer Bezeichnung aus einem anderen Bereich, um die wahrgenomme-
ne Ähnlichkeit einer erzwungenen Kontaktaufnahme wiederzugeben, es ist also eine Metapher.
8. Das Meronym (a) Fingerspitze mit dem Holonym Finger sowie die Reversive (c) hinfallen und
aufstehen sind Bilderbuchbeispiele. Bei (b) ist es schon etwas schwieriger zu sagen, ob ein Deckel
ein Teil einer Pfanne ist. Wenn Deckel ein intrinsischer Bestandteil von Pfanne wäre, wäre es
kaum einer Erwähnung wert, dass dieser bestimmte Deckel besonders eng zu dieser bestimmten
Pfanne gehört. Der in (d) verwendete Kontext X und andere Y schließlich suggeriert, dass Jungs
ein Hyponym von Esel ist, und umgekehrt Esel ein Hyperonym von Jungs, etwa wie in Esel und
andere Haustiere oder in Jungs und andere Jugendliche. Inwiefern diese durch den Kontext
suggerierte Bedeutungsbeziehung tatsächlich zutrifft, möchten wir der individuellen Erfahrung
unserer Leserinnen und Leser anheimstellen.
9. Es geht hier eindeutig um die situativ angepasste diskursive Klärung der Prototypenstruktur des
Begriffs ›Behälter‹. Prototypische Behälter wie Glas oder Flasche werden zuerst genannt. Dass Herr
Lehmann nur an Behälter für Flüssigkeiten denkt, kann mit der feuchtfröhlichen Umgebung zu
tun haben, in der er sich bewegt (das wäre dann also ein Beispiel für kontextuelle Bedeutung).
Warum ist Fass ein weniger prototypischer Behälter als Glas? Dies hat vielleicht mit der geringeren
Häufigkeit oder niedrigeren Situationsgebundenheit zu tun. Fässer trifft man nur in wenigen
Situationen an, Gläser und Flaschen stehen überall herum. Das Beispiel Kotztüte zeigt, dass es
bei Prototypen nicht nur um ihre Häufigkeit, sondern auch um ihre Salonfähigkeit gehen kann.
Gewisse Wörter nimmt man einfach nicht in den Mund, wenn man nicht Herr Lehmann ist,
besonders nicht, wenn es um so etwas Wichtiges geht wie Lebensinhalt. Lebensinhalt ist sicher
eine Metapher. Das Leben metaphorisch als Behälter zu konzeptualisieren, schließt dann mit ein,
unser Tun und Erleben oder unsere Vorstellung davon als Objekte wahrzunehmen, die hinein-
gefügt werden können. Da es im West-Berlin der 1980er Jahre offenbar vor allem darum ging,
anderen mitzuteilen, was für einen Lebensinhalt man hat, mag uns das an die Leitungsmetapher
von Reddy (1979/1993) erinnern: IDEAS (OR MEANINGS) ARE OBJECTS, LINGUISTIC EXPRESSIONS ARE CONTAINERS,
COMMUNICATION IS SENDING.
10. Haben Sie die Lösung der Aufgabe schon in Angriff genommen? Auch im Deutschen ist Kriegs-
metaphorik vertreten, wenn Diskussionen beschrieben werden: von angreifen oder niedermachen
und sich verteidigen, über haltbare oder unhaltbare Behauptungen, niederschmetternde Argumente
bis hin zu schieß los! sollen hier nur einige genannt werden.
Kapitel 4
1. Lesart 1:
Was hat er ausprobiert? [Das Notebook mit dem ultraschnellen Koprozessor im Hobbyraum.]
Lesart 2:
[Das Notebook mit dem ultraschnellen Koprozessor] hat er im Hobbyraum ausprobiert.
Lesart 3:
Womit hat er das Notebook ausprobiert? [Mit dem ultraschnellen Koprozessor im Hobbyraum.]
Lesart 4:
Er hat [im Hobbyraum] [mit dem ultraschnellen Koprozessor] [das Notebook] ausprobiert.
439
4
Lösungen der Aufgaben
2. Wortarten:
(a) Manchmal (Adverb) frage (Vollverb) ich (Personalpronomen) mich (Personalpronomen)
händeringend (Adjektiv/Präsenspartizip eines Vollverbs), ob (Subjunktion) ich (Personalpro-
nomen) nicht (Adverb/Negation) besser (Adjektiv) BWL (Eigenname) studiert (Vollverb) hätte
(Auxiliar).
(b) In (Präposition) ihrer (possessives Artikelwort) Rede (Substantiv) am (Präposition) Montag-
morgen (Substantiv) hat (Auxiliar) die (definiter Artikel) Bundeskanzlerin (Substantiv) eine
(indefiniter Artikel) höhere (Adjektiv) Leistungsfähigkeit (Substantiv) vom (Präposition)
deutschen (Adjektiv) Bildungssystem (Substantiv) gefordert (Vollverb).
(c) Heutzutage (Adverb) erwarten (Vollverb) die (definiter Artikel) Fußballfans (Substantiv) von
(Präposition) den (Artikel) Spielern (Substantiv), dass (Subjunktion) sie (Personalpronomen)
nach (Präposition) jedem (quantifizierender Artikel) Spiel (Substantiv) eine (indefiniter
Artikel) Ehrenrunde (Substantiv) laufen (Vollverb).
(d) Aber (Konjunktion) gestern (Temporaladverb), da (Adverb) hat (Auxiliar) dieser (Demonstra-
tivartikel) Kerl (Substantiv) tatsächlich (Sprechereinstellungsadverb) gesagt (Vollverb), wir
(Personalpronomen) sollen (Modalverb) BWL (Substantiv) studieren (Vollverb)!
Phrasenkategorien, Satzfunktionen:
(a) [AdvP Manchmal] frage [NP ich] [NP mich] [AP händeringend],
Temporaladverbial Subjekt (?indir. Obj.) Modaladverbial
[S ob ich nicht besser BWL studiert hätte]
dir. Objekt
Anmerkung: FRAGEN ist ein Prädikat mit zwei Akkusativobjekten (wie auch LEHREN); da es
aber wenig Sinn macht, zwei direkte Objekte anzunehmen, sollte man analog zu jemandem etwas
geben den zweiten belebten Aktanten als indirektes Objekt sehen. Das wird aber nicht gemacht,
darum einfach ›zweites Akkusativobjekt‹. Bei näherer Betrachtung ist jedoch auch diese Lösung
fraglich. Wahrscheinlicher ist, dass ›sich etw. fragen‹ einen idiomatisierten separaten Lexikonein-
trag als inhärent reflexives Verb hat. Somit ist ›sich‹ logischer Teil des Prädikats und kein Satz-
glied. Deshalb kann man es z. B. nicht wirklich gut erfragen: ?Wen hast Du das gefragt? – Mich.
(c) [AdvP Heutzutage] (Temporaladverbial, HS) erwarten [NP die Fußballfans] (Subjekt, HS) [PP von
den Spielern] (Präpositionalobjekt, HS), [ S dass [NP sie] (Subjekt, NS) [PP nach jedem Spiel]
(Temporaladverbial, NS) [NP eine Ehrenrunde] (direktes Objekt, NS) laufen] (direktes
Objekt, HS).
fett = Konstituente des Hauptsatzes
(d) Aber [AdvP/NP gestern], [AdvP da] (Resumptivum) hat [NP dieser Kerl] (Subjekt) [AP tatsächlich]
(Sprechereinstellungsadverbial) gesagt, [S wir sollen BWL studieren] (direktes Objekt)
fett = Konstituente des Hauptsatzes
Konstituententests (Auswahl):
(a') Händeringend frage ich mich manchmal, ob … (Vorfeldprobe)
(a'') [S Ob ich nicht besser BWL studiert hätte], frage ich mich manchmal händeringend.
(Vorfeldprobe)
(b') Was hat er von wem gefordert? … (Fragetest)
440
4
Lösungen der Aufgaben
(b'') [VP [NP höhere Leistungsfähigkeit] [PP vom deutschen Bildungssystem] gefordert] hat in ihrer
Rede am Montagmorgen die Bundeskanzlerin. (Vorfeldprobe mit VP)
(c') Was erwarten die Fußballfans von den Spielern? (Fragetest)
(c'') Von den Spielern erwarten die Fußballfans heutzutage, ... (Permutation, Vorfeldtest)
(d') Dieser Kerl hat gestern tatsächlich gesagt, ... (Permutation, Vorfeldtest)
(d'') Das (= [S wir sollen BWL studieren]) hat dieser Kerl tatsächlich gesagt. (Pronominalisie-
rungstest)
3. Topologische Felderanalyse
VFLKMF RK NF
HS Manchmal frage ich mich händeringend ob … hätte
NS ob ich nicht besser BWL studiert hätte
VF LKMF RK
In ihrer Rede am hat die Bundeskanzlerin höhere Leistungsfähigkeit gefordert
Montagmorgen vom deutschen Bildungssystem
VF LK MF RKNF
HS Heutzutage erwarten die Fußballfans dass sie nach jedem Spiel
von den Spielern eine Ehrenrunde laufen
NS dass sie nach jedem Spiel laufen
eine Ehrenrunde
KOORVVFVFLKMF RK NF
HS Aber gestern da hat dieser Kerl gesagt wir sollen BWL
tatsächlich studieren
NS1 wir sollen BWL studieren
441
4
Lösungen der Aufgaben
6. Als Attribute dienen die unterstrichenen Elemente (doppelte Unterstreichung = Attribut innerhalb
eines Attributs):
442
4
Lösungen der Aufgaben
Beispiele Eigentlich habe ich für Sie ein besseres Ergebnis erhofft
Quantitativ: (freie Angabe) x (obligat) y (fakultativ) z (obligat) 3-wertig
Qualitativ: a) morphosyntaktisch NP (NOM) PP (für) NP (AKK)
b) synt. Funktion Subjekt PP-Objekt dir. Objekt
c) semantische Val. 41: AGENS 42: BENEFAKTIV 43: THEMA
Anmerkung zu den Verben, die eine inhärent reflexive Variante haben: Diese sollten als gesonder-
te Lexikoneinträge betrachtet werden; somit brauchen hier die Prädikate sich erhoffen und sich
erschrecken nicht behandelt zu werden. Sonst müsste es ja auch Diskussionen geben bei Verben
wie (sich) etwas denken, (sich) erinnern, (sich) verlegen etc., die ohne Reflexivum eine andere
Bedeutung haben.
443
4
Lösungen der Aufgaben
Beispiele Schon immer sind die Kinder über den Donner erschrocken
Schon immer sind die Kinder darüber, dass es erschrocken
donnerte
Quantitativ: (freie Angabe) x (obligat) y (fakultativ) 2-wertig
Qualitativ: a) morphosyntaktisch NP (NOM) PP (über/AKK bzw. S)
b) synt. Funktion Subjekt PP-Objekt
c) semantische Val. 41: EXPERIENS 42: STIMULUS
NP
N’
AP N’
viele AP N’
schöne N° PP
P’
Bücher P° NP
über Linguistik
9. Die Sätze (a), (b), (d) und (e) können erzeugt werden, (c) kann nicht erzeugt werden.
Dass Satz (e) erzeugt werden kann, ist unerwünscht. Die hier vorgeschlagene Phrasenstruktur-
grammatik übergeneriert also.
444
4
Lösungen der Aufgaben
10. Die Phrasenstrukturgrammatik kann die Sätze (a) und (e) erzeugen. Die Sätze (b), (c) und (d)
können nicht erzeugt werden. Die Phrasenstrukturgrammatik übergeneriert im Fall des uner-
wünschten Satzes (e) und untergeneriert im Fall des erwünschten Satzes (c). Die Unter- und
Übergenerierungen kommen dadurch zustande, dass die Grammatik nicht zwischen transitiven
und intransitiven Verben unterscheidet. Statt nur einer Wortklasse V sollten wir daher zwei Typen
von Verben unterscheiden, transitive (TV) und intransitive (IV). Diese verwenden wir für zwei
alternative Regeln zur Realisierung von VP:
VP o TV NP
VP o IV
Damit kann die Phrasenstrukturgrammatik wie erwünscht den Satz (c) ebenfalls erzeugen, aber
ebenfalls erwünschterweise nicht mehr den Satz (e). Es ergibt sich allerdings ein neues Problem:
Nun wird auch der Satz (d) möglich. Um (d) auszuschließen, muss die Phrasenstrukturgrammatik
auch noch mit Kasusinformation erweitert werden: Statt einer einzigen Kategorie NP muss
zwischen NP(NOM) und NP(ACC) unterschieden werden:
S o NP(NOM) VP
NP(NOM) o Det(NOM) N(NOM)
NP(ACC) o Det(ACC) N(ACC)
VP o TV NP(ACC)
VP o IV
Darstellung CP
im CP/IP-Modell:
X C IP
weil NP I’
Gustav VP I
AdvP V’ hat
vorhin NP V’
seine Studenten NP V
445
4
Lösungen der Aufgaben
Satz (b)
CP
NPi C’
die Studenten C IP
sindj ti I’
VP I
AdvP V’ tj
gestern NP V’
alle AdvP V’
pünktlich um 10 PP V
Der Vorfeldposition entspricht jeweils die Position SpecCP, die in Satz (a) leer ist. In Satz (b) ist
die NP die Studenten ins Vorfeld bzw. nach SpecCP bewegt. Die linke Satzklammer entspricht der
Position C, die entweder mit einer Subjunktion (Satz a) oder mit dem hierhin bewegten Verbteil
(I, vgl. Satz b) besetzt ist. Der rechten Satzklammer entsprechen die Positionen V und I.
Kapitel 5
1. Keines der Beispiele gliedert sich in Subjekt und Prädikat (eine Nominalphrase und eine Verbal-
phrase).
Beispiele (a) und (d) können nicht als wahr oder falsch angesehen werden.
Beispiele(c) und (d) sind nicht unabhängig, sondern bedürfen einer vorausgehenden Äußerung.
446
4
Lösungen der Aufgaben
3. (a) Komplementsatzkonstruktion:
Wir bemerken, dass es dort Laute gibt, die es in unserer eigenen Sprache nicht gibt.
(b) Adverbialsatzkonstruktion:
Erst wenn wir auf Probleme stoßen, kommt uns diese Seite der Sprache zu Bewusstsein.
(c) Relativsatzkonstruktion:
die einzelnen Laute, aus denen sich der Redestrom zusammensetzt
4. Der semantische Bezug ist weder temporal noch kausal oder final. Vielmehr ist die semantische
Relation eine Elaboration, ähnlich wie dies bei Relativsätzen der Fall ist: Der untergeordnete Satz
mit dass ist koreferenziell mit dem Präpositionaladverb darin.
5. Eine Frage, die auf jeden Fall gestellt würde, wäre die, wie die Teilnehmerin sicherstellen konnte,
dass Subjektrelativsätze (etwa: Die Männer, die Tiere jagen, sind gestern aufgebrochen) in der
Sprache nicht möglich sind. Nach der Zugänglichkeitshierarchie von Keenan und Comrie (1977)
müsste die beschriebene Sprache diese Möglichkeit bieten.
6. Die drei Beispielsätze enthalten sogenannte lokale syntaktische Ambiguitäten, was bedeutet, dass
Hörer beim Parsing der Sätze Hypothesen zu deren Strukturen aufstellen, die zu einem späteren
Zeitpunkt wieder verworfen werden müssen. In Beispiel (a) ließe sich das Fragment Ich habe das
Geld als ein kompletter Satz interpretieren, so dass das Verb haben syntaktisch als lexikalisches
Vollverb analysiert würde. Der weitere Verlauf des Satzes hingegen macht deutlich, dass haben
hier als Auxiliar des Perfekts verwendet wird, so dass sich die zunächst aufgestellte Hypothese
nicht als tragfähig erweist. Ein serielles Parsingmodell würde vorhersagen, dass Hörer eine
semantische Analyse des Verbs haben nicht vornehmen, ehe die komplette syntaktische Struktur
des Satzes erfasst ist.
7. (a) Der Satz basiert auf dem semantischen Rahmen einer Entscheidungsfindung mittels Abstim-
mung. Die notwendigen Rahmenelemente dafür sind Teilnehmer, die über ein Stimmrecht
verfügen, Stimmoptionen, die üblicherweise Annahme, Ablehnung und Enthaltung beinhal-
ten, sowie eine moderierende Instanz, die zur Abstimmung aufruft, die Ergebnisse konstatiert
und das Ergebnis der Abstimmung festhält.
(b) Der Begriff der Vorhand verweist auf den semantischen Rahmen des Tennisspiels oder einer
verwandten Sportart.
(c) Ein vollständiges Verständnis des Satzes erfordert Wissen um zwei semantische Rahmen, zum
einen Kenntnisse über erdgeschichtliche Zeitalter und zum anderen die Idee, dass biologi-
schen Spezies eine Lebensdauer zueigen ist. Für einen heute aufwachsenden Jugendlichen ist
der Satz mehr oder minder trivial; für einen Erwachsenen im europäischen Mittelalter wäre
der Satz komplett unverständlich.
Kapitel 6
1. Diese Aufgabe zielt darauf ab, zum einen das Beobachtungsvermögen zu schulen und dabei zum
anderen vorzuführen, dass das Notieren aus der Erinnerung heraus nicht ausreichend ist, um alle
relevanten Ausdrucksebenen und ihr zeitliches Zusammenspiel zu erfassen. Bereits das Notieren
des verbalen Anteils stößt ohne Aufzeichnungsgeräte rasch an seine Grenzen. Zugleich kann
deutlich werden, dass wir als kompetente Interaktionsteilnehmer sehr wohl in der Lage sind,
Abweichungen vom erwartbaren Verhalten multimodal wahrzunehmen. Für eine wissenschaft-
liche Beschreibung allerdings reicht dies nicht aus. Um die ersten Eindrücke der wiederholten
Beobachtung zugänglich zu machen, benötigen wir das in Kapitel 6.4 beschriebene methodische
Instrumentarium.
447
4
Lösungen der Aufgaben
2. Diese kleine Übung soll die Indexikalität verbaler Interaktion vorführen und in der Gegenüberstel-
lung der zwei Spalten verdeutlichen, dass unser Verstehen ›for all practical purposes‹ sowohl auf
lokale, situativ hergestellte als auch auf situationstranszendierende Wissensbestände rekurriert,
die wir im Gespräch nicht verbalisieren, sondern stillschweigend voraussetzen. Das explizite
Ausformulieren der verstehensbildenden Komponenten nimmt ein Vielfaches an Raum ein und
könnte theoretisch ad infinitum fortgesetzt werden. Als weiterführende Reflexion bietet sich ein
Vergleich unterschiedlicher Dialoge darauf hin an, ob sie hinsichtlich des stillschweigend voraus-
gesetzten Wissens voneinander abweichen. Die Frage nach den Gründen für derartige Abweichun-
gen und Unterschiede führt zu der Erkenntnis, dass sich das Ausmaß an wechselseitig Gewusstem
und daher stillschweigend Vorausgesetztem umgekehrt proportional zu dem Grad an verbaler
Explizitheit verhält.
3. (a) Die Paarsequenz liegt in Zeile 1/2 vor: Aufforderung/Annahme. Zusätzlich ist zu beobachten,
dass R in Zeile 3 obendrein eine Gegenaufforderung äußert, die eine Annahme seitens T
konditionell relevant setzt.
(b) Es liegen drei Paarsequenzen vor:
I (Z.1/2): Fokussierungsaufforderung/Fokussierungsbestätigung
II (Z. 3/4): Gruß/Gegengruß
III (Z. 5/6): Frage/Antwort
4. (a) Es handelt sich um eine fremdinitiierte Selbstreparatur: Roger initiiert durch seine Rückfrage
(Z. 4) eine Reparatur (Fremdinitiierung), die sein Gesprächspartner Dan anschließend (Z. 5)
durchführt (Selbstdurchführung).
(b) Es handelt sich um eine selbstinitiierte Selbstreparatur: A beginnt einen dass-Satz (Z. 2),
der jedoch nicht vervollständigt, sondern vor der Produktion des Verbs abgebrochen wird.
A setzt neu an, indem sie bis zur Subjunktion dass retrahiert (Z. 3) und ein anderes syntakti-
sches Format wählt, in dem das agentivische Subjekt (ausgedrückt durch das Indefinitpro-
nomen jemand in Z. 2) im ersten dass-Satz durch ein deiktisches Demonstrativpronomen
(DAS in Z. 3) im zweiten dass-Satz ausgetauscht wird.
448
4
Lösungen der Aufgaben
Kapitel 7
1. Drei Beispiele für diskurspragmatische Variablen:
■ Quotativa: … und er so, »Warum nicht?« versus … und er sagte, »Warum nicht?«
■ ›General extenders‹: they used to drink beer and stuff like that versus they used to drink beer or
whatever
■ ›Fußballer-Du‹: Für die Freude, die du in dem Moment empfindest, gibt es einfach keine Worte
(Philipp Lahm) versus Für die Freude, die man in dem Moment empfindet, gibt es einfach keine
Worte
3. Wie wir gesehen haben, war spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg in den USA die rhotische
Variante diejenige, die offenes Prestige trug. Die Wahrscheinlichkeit, dass Angestellte in den drei
Kaufhäusern rhotische, d. h. prestigeträchtige, Varianten benutzen, scheint dabei mit dem
sozioökonomischen Status der jeweiligen Kundschaft zu korrelieren: wohlhabende Kund/innen
bekommen rhotische Varianten zu hören, weniger wohlhabende Kund/innen bekommen mehr
nicht-rhotische Varianten zu hören.
Die teilweise deutlichen Unterschiede zwischen den Sprechstilen deuten darauf hin, dass sich die
Angestellten in allen Kaufhäusern aber bis zu einem gewissen Grad bewusst sind, dass die
rhotische Variante offenes Prestige genießt – daher steigt die relative Häufigkeit der rhotischen
Variante bei sorgfältigem (d. h. eigenkontrolliertem) Sprechstil an.
Die drei wichtigsten Faktoren sind: Anzahl der Silben des morphologisch unmarkierten Adjektivs
(563,41), finales /l/ (36,71) und finales /li/ (21,32).
449
4
Lösungen der Aufgaben
Kapitel 8
1. Beispiel (a) ist eher dependensmarkierend, da das Verhältnis zwischen dem Verb und seinen
Argumenten primär durch Kasusmarkierungen an den Argumenten markiert wird. Das Verb
verweist aber in Numerus und Genus auf das Subjekt.
Beispiel (b) ist kopfmarkierend, da die syntaktische Funktion der Argumente am Verb markiert
wird.
Beispiel(c) ist stärker kopfmarkierend als Beispiel (a), da das Subjekt ausschließlich am Verb
markiert wird. Der Satz enthält aber auch ein dependensmarkierendes Element, und zwar die
Kasusmarkierung am Objekt.
2.
NDem DemN
RelN - x
NRel x x
3.
NGen GenN
Präp x -
Postp - x
Bei dieser Universalie impliziert die Anwesenheit eines Merkmals die Anwesenheit eines anderen
Merkmals und umgekehrt. Es werden dadurch zwei Merkmalskombinationen ausgeschlossen,
während implikative Universalien nur eine Merkmalskombination ausschließen.
5. (a) Der Vater kehrte zurück, und die Mutter sah ihn.
(b) Die Mutter sah den Vater, und er kehrte zurück.
Kapitel 9
1. (a) Obwohl die Fehler sehr unterschiedlich sind, zeigen sie, dass die Kinder schon eine Menge
über den komplexen deutschen Plural wissen:
Nomen mit Pluralreferenz werden markiert (Ikonizität: da Plural mehr ist als Eines, wird etwas
hinzugefügt). Selbst dort, wo im Standard kein Morphem angehängt wird, finden wir sie bei
Kindern: Schnuller-s (8), Mutter-s (10), Messer-s (23), Teller-s (24), Löffel-n (25). Dabei werden
besonders oft die Morpheme -n und -s übergeneralisiert.
450
4
Lösungen der Aufgaben
Die Kinder haben alle vier Pluralsuffixe erkannt: der -e-Plural ist zwar vergleichsweise frequent im
Deutschen, jedoch findet sich die Endung -e auch bei vielen Singularformen: In den Beispiel-
sätzen finden sich Ohr-e (1), Ball-e (3), Huhn-e (21), Korb-e (22) sowie Papagei-e (17). Die ersten
vier Fehler zeigen, dass die Kinder auch erkannt haben, dass der -e-Plural besonders oft bei
einsilbigen Neutra oder Maskulina vorkommt (Schuh-e, Boot-e). Der -er-Plural ist im Deutschen
nicht sehr frequent, trotzdem haben die Kinder ihn als Pluralmarker erkannt: Blatt-er (7), Bau-
klötz-er (4), Pünkt-er (6). Hier zeigt sich auch, dass der -er-Plural oft zusammen mit dem Umlaut
vorkommt (Rad – Räder).
(b) Die typischsten und eindeutigsten Pluralmorpheme sind jedoch -n und -s. Sie bilden ein
starkes Schema: Laut Köpcke (1998) sind Nomen mit dem Artikel die und der Endung -s oder -n
fast immer Pluralformen. So kommt es auch zu Doppelmarkierungen des Plurals, indem an den
Standard-Plural auf -e oder -er noch ein -s oder -n angehängt wird, um eine besonders deutliche
Pluralmarkierung zu erzielen: Räd-er-n (11), Stuhl-e-n (12), Decke-n-s (13), Tier-e-n (14),
Eis-e-n (15), Haar-e-n (18), Löch-er-n (19), Hühn-er-n (20), Hase-n-s (26).
Hinzu kommt, dass einige dieser Endungen auf -n im Dativ-Plural vorkommen (mit den Rädern,
zu den Tieren), also durchaus im Input als Pluralformen attestiert sind. Hier könnte es also der
Fall sein, dass die Kinder diese Formen als Pluralformen registrieren, aber noch nicht ihre
Kasusbedingtheit erkennen, weil sie Kasus im Deutschen später als Numerus erwerben.
Keiner dieser Fehler ist also ein ›dummer‹ Fehler: Kinder übergeneralisieren nicht einfach das
häufigste oder eindeutigste Pluralmorphem, sondern sie registrieren sehr genau, welche Morphe-
me zu welchen Nomen passen (abhängig von Silbenstruktur und Auslaut und evtl. auch in
Interaktion mit dem Kasuserwerb). Übergeneralisierungen passieren genau dort, wo das System
mehrere Möglichkeiten zulässt (vgl. Dock-Dock-s vs. Rock-Röck-e). Generell sind Pluralformen
bei einsilbigen Nomina am schwersten vorherzusagen. Hier bilden Kinder oft auch verschiedene
Pluralformen (vgl. Bauklötz – Bauklötzer; Pünkt – Pünkter). Hingegen machen sie bei der
eindeutigen Regel, dass Nomen auf -e den -n Plural bekommen (Klasse-n), keine Fehler.
2. Zunächst müssen Sie definieren, welche Fragestrukturen Sie in Ihre Analyse einbeziehen möch-
ten: Nur die w-Fragen (mit Fragepronomen wie wer, wie, was) und/oder auch ja/nein-Fragen, die
durch Inversion von Subjekt und Verb gebildet werden. Danach müssen Sie sowohl die Analyse-
kriterien als auch die Art und Größe des nötigen Datensatzes festlegen.
Dann müssen Sie bestimmen, welche Kriterien für Produktivität Sie in Ihrer Untersuchung
ansetzen, da ein einziges Beispiel wenig aussagekräftig ist und auch das mehrmalige Auftreten
der gleichen Frage (Was ist das? Und was ist das?) noch nicht auf Produktivität hindeutet. In der
Regel erwartet man mindestens drei verschiedene Strukturen, um von einer einsetzenden Produk-
tivität zu sprechen (das Fragepronomen was sollte dann z. B. mit mindestens drei verschiedenen
Verb-types vorkommen).
Die Gesamthäufigkeit der Struktur bestimmt die Größe des Datensatzes, den Sie brauchen, um
Ihre Untersuchung durchführen zu können. Wenn Sie sehr kleine Korpora haben (z. B. 1 Stunde
Aufnahme alle 2 Wochen), kann es sehr lange dauern, bis sie drei verschiedene types finden, da
es gerade bei nicht so häufigen Strukturen eher Zufall ist, wenn Sie sie in einer Aufnahme finden
(Tomasello/Stahl 2004; Rowland/Freudenthal/Fletcher 2008). Sie bräuchten in diesem Fall also
dichtere Daten (z. B. 1 Stunde Aufnahme pro Tag). Alternativ dazu könnte man Eltern bitten, ein
sogenanntes thematisches Tagebuch (topical diary) zu führen, in dem sie alle relevanten Fragen
eines Kindes aufschreiben und so idealerweise eine lückenlose Entwicklungssequenz erstellen.
Auch hier gilt es abzuwägen: Tagebuchdaten können uns lückenlose(re) Erwerbsverläufe bieten,
sind aber nicht zu quantifizieren. In Transkripten konkreter Kommunikation hat man weniger
Beispiele, aber die Möglichkeit, die Entwicklung einer Struktur zu anderen Aspekten in Beziehung
zu setzen: Wie verändern sich z. B. die Type/Token-Verhältnisse im Verlauf der Entwicklung als
Maßstab für wachsende Varianz im Ausdruck? Wie verhalten sich die Strukturen in der Sprache
des Kindes zu denen im Input?
451
4
Lösungen der Aufgaben
3. Dass alle im Text referierten Erklärungen zur Kreolisierung bei aller Verschiedenheit in der
theoretischen Grundausrichtung (von Bickerton 1981 bis Kortmann 2013) darin übereinstimmen,
dass die Kreolsprachen aus typologischer Sicht eine Gruppe von Sprachen bilden, die von den
übrigen Sprachen der Welt verschieden sind, ist ein starkes Argument für den Standpunkt von
Arends et al. (1995), den kolonialen »Bruch« als tragendes Element einer Definition von Kreol-
sprachen als Sprachen sui generis zu betrachten. Dagegen und mithin für Kramers (2004) Position
sprechen jedoch die vielen Parallelen zwischen Kreolisierung und Spracherwerb, die im Kapitel
aufscheinen. Bringt man die Argumente zusammen, ist wohl eine dritte Position zu vertreten, die
zwischen Arends et al. und Kramer vermittelt und zugleich über sie hinausgeht: Die Kolonial-
sprachen und die Sprachen der Sklaven spielten als Input für die Entstehung der Kreolsprachen
durchaus eine Rolle. Allerdings war dieser Input aufgrund der spezifischen kolonialen Ökologie
ausschließlich mündlich, unvollständig zugänglich und sehr von einer Pluralität von Dialekten
geprägt. Im vielfältigen Sprachkontakt sind also ebenfalls Reanalysen und nachfolgende Gramma-
tikalisierungsprozesse zu berücksichtigen.
4. Außer Mufwene (1997) haben noch verschiedene andere Autoren plausibel dargelegt, dass
Diskurse eine große Rolle bei der Benennung von neu entstandenen Sprachen oder Sprachformen
spielen, für das Kreolische z. B. sehr schön Bachmann (2005). Dennoch zeigen jüngere Unter-
suchungen, die auf einer breiten empirischen Basis Sprachen vergleichen, dass die Kreolsprachen
tatsächlich starke Gemeinsamkeiten untereinander und Unterschiede zu anderen Sprachen
aufweisen (z. B. Bakker/Daval-Markussen/Parkvall/Plag 2011; Kortmann/Szmrecsanyi 2011).
In der aktuellen Forschung werden die Kriterien für einen solchen Vergleich und die Datenbasis
allerdings noch weiterentwickelt (vgl. Michaelis et al. 2013).
Kapitel 10
1. Die etwas unterschiedliche Perspektive bzw. Fokussierung sollte herausgearbeitet werden: Im
Falle von »Anthropologischer Linguistik« (Definition von Foley 1997) steht die Sprache und deren
Verortung im sozialen und kulturellen Kontext im Fokus; im Fall der »Linguistischen Anthropo-
logie« (Definition von Duranti 1997) stehen kulturelle Praktiken sowie die interdisziplinäre
Ausrichtung im Zentrum. Sprache wird bei Durantis Definition als »Set von kulturellen Praktiken«
und »Kommunikationssystem« bezeichnet, die Menschen verwenden, um soziale Handlungen
durchzuführen. Foley zufolge spielt Sprache eine Rolle »in forging and sustaining cultural prac-
tices and social structures« und ist somit ebenso handlungsrelevant.
452
4
Lösungen der Aufgaben
4. Zur Animation der Begrüßungsfloskel der Bankangestellten (Z. 44 f.) wechselt Udo vom Dialekt
(Schwäbisch) in eine standardnahe Varietät (trotz der süddeutschen Begrüßungsfloskel »grüß
GOTT«). Dieser markierte Wechsel ins Standarddeutsche in Kombination mit der institutionell
markierten, höflichen Floskel »womit kann ich DIEnen herr WEISSmann;« sowie die wiederholte
Anrede »herr WEISSmann;« nach jeder Redeeinheit (Z. 44 und 45) kontextualisieren eine gewisse
Unterwürfigkeit bzw. indizieren eine asymmetrische Beziehung zwischen den Interagierenden.
Die zitierte Begrüßung steht nicht nur in Kontrast zur sprachlichen Varietät der Interagierenden in
der Erzählsituation (dem Schwäbischen), sondern sie wird im Folgenden (Z. 48 f.) auch mit der
früheren Anredeweise der Bankangestellten kontrastiert. In Zeile 49 rekonstruiert Udo erneut
fremde Rede, die sich nun durch einen herablassenden, mürrischen Ton und eine despektierliche
Anredeweise (»de: WEISSmann;«) auszeichnet und in die schwäbische Variante zurückfällt:
»<<herablassend, mürrisch> aah de: WEISSmann;>«.
Mit dem markierten Code-Switching ins Standarddeutsche in Kookkurrenz mit der formellen,
höflichen Begrüßung und der reduplizierten Anrede in den Zeilen 44 und 45 kontextualisiert Udo
also, dass er nun als ›etwas Besseres‹ behandelt wird.
5. (Mögliche Lösung): Mit dem Konzept des doing culture wird der Aspekt der interaktiven Hervor-
bringung kultureller Zugehörigkeiten bzw. Fremdheiten fokussiert. Hierbei rücken die interaktiven
Verfahren, mit denen Gesprächsteilnehmer/innen kulturelle Zuschreibungen produzieren, ins
Zentrum der Analyse.
Samir liefert im vorliegenden Gesprächsausschnitt zunächst Beispiele für Begrüßungssequenzen
unter Jugendlichen in verschiedenen Sprachen (»Arabisch«, Kurdisch und Deutsch). Den »gene-
risch« eingeführten Vertretern der jeweiligen ethnischen Gruppe (»der ARaber«, Z. 117 und »der
KURde«, Z. 118) werden unterschiedliche Begrüßungsformeln zugeordnet: »der ARaber sagt immer
<<f> WORE:::k;>«; »der KURde sagt immer«: »ez kurbAne cane te.« (auf Deutsch übersetzt
bedeutet dies: »ich opfere mein Leben für dein Leben«). In Zeile 119 führt Samir schließlich auch
»den Deutschen« ein, der mit »MOIN MOI:N;« grüßt. Ali setzt in Zeile 124 zu einer Erläuterung ein
und führt gegenüber Ira aus, dass nur »wir kaNACKen« solche »wörter (und) sätze« verwenden.
Die Selbstattribuierung ist insofern aufschlussreich, als hier eine von außen stammende negative
Kategorisierung von der entsprechenden Gruppe (Jugendliche mit Migrationshintergrund) aufge-
griffen und als Selbstkategorisierung umfunktionalisiert wird. Die zuvor erwähnten Kurden und
Araber weist Ali nun der sozialen ›wir‹-Gruppe der »kaNACKen« zu, die sich auch sprachlich von
den Deutschen, welche sich mit »MOIN MOI:N« begrüßen, unterscheidet. Anhand der Zuord-
nung »wir kaNACKen« (Z. 124) werden zugleich kulturelle Differenzen zwischen ›uns‹ (»wir
kaNACKen«) und ›ihnen‹ (»die DEUTschen«, Z. 125) situativ konstruiert und damit ein Zuschrei-
bungsprozess des ›Eigenen‹ und ›Anderen‹ in Gang gesetzt (Hahn 1994: 140; Günthner 1999b).
Ali baut ab Zeile 124 die von Samir begonnene Kontrastierung der Redeweisen zwischen den
Arabern und Kurden auf der einen Seite und den Deutschen auf der andern Seite aus und konstru-
iert weitere kulturelle Zugehörigkeiten: Die Deutschen werden nun zusammen mit den Holländern
und »diese[m] REST« (Z. 125) einer gemeinsamen Gruppe zugeordnet, die sich mit einem be-
schwingt und freundlich klingenden »guten nTAG, wie ngEhts;« (Z. 126–127) begrüßt. Diese Art
der Begrüßung lehnen die Jugendlichen für sich selbst ab: »wollen wir einfach nich EINsetzen;«
(Z. 130), »weil bei uns geht SO was nicht AB.« (Z. 132). Mit der Bewertung »das hört sich bisschen
(.) verSCHWULT an;« (Z. 133) bringen sie die Sprechweise der »DEUTschen, hOlländer« und dem
»REST« mit Verweichlichung bzw. einem unmännlichem Duktus in Verbindung.
6. Da die absolute Ausrichtung der Gegenstände auf den Fotos identisch ist, bemerkt die Tzeltal-
Sprecherin die spiegelverkehrte Darstellung nicht (bzw. thematisiert sie nicht, da sie aus ihrer
Perspektive nicht relevant ist). Die relevanten Unterschiede für sie sind die Fingerabdrücke auf
einem der Fotos.
453
4
Lösungen der Aufgaben
7. Die in Thailand (bzw. Ostasien) gängigen Begrüßungsformeln »Wohin gehen Sie?« oder »Gehen
Sie spazieren?« werden von Ausländern oftmals nicht als Routineformeln der Begrüßung erkannt,
sondern wörtlich im Sinne von »ich möchte wissen, wohin Sie gehen?« interpretiert. Der thailän-
dische Student hat hier die in Thailand gängige Begrüßungsformel ins Englische übersetzt, was
bei dem deutschen Lektor Misstrauen auslöste (vgl. Kimsuvan 1984).
Kapitel 11
1. a) In diesem Fall handelt es sich um bilingualen Erstspracherwerb. Das Kind erwirbt in beiden
Sprachen eine muttersprachliche Kompetenz. Da das Deutsche nicht nur in der Familie,
sondern auch in der Umgebung gesprochen wird, ist zu erwarten, dass es die dominante
Sprache des Kindes wird. Dies kann sich jedoch im Laufe des Lebens wieder ändern.
b) Hier handelt es sich um frühkindlichen Zweitspracherwerb; die Erstsprache übt zunächst
noch einen Einfluss aus, dennoch kann das Kind muttersprachliche Kompetenzen im Deut-
schen erzielen, da es in der Schule in der Regel dominant Deutsch erzogen wird. Es ist
allerdings am Anfang mit Transfererscheinungen zu rechnen.
c) Bei diesem Beispiel handelt es sich um gesteuerten Zweitspracherwerb. Da der Junge nur in
der Schule mit der deutschen Sprache konfrontiert wird, erwirbt er sie nur bis zu einem
bestimmten Niveau (Lernersprache). Es ist mit einer Reihe von Transfererscheinungen
(Interferenzen) aus dem Englischen zu rechnen. Da der Junge bereits 13 Jahre alt ist, hat er
die sog. sensitive Periode des Spracherwerbs schon überschritten.
d) Die Niederländerin befindet sich ebenfalls in einer gesteuerten Spracherwerbssituation. Sie
wird die Sprache auch als Lernersprache erwerben, kann aber aufgrund ihrer Vorbildung zu
einem hohen Niveau kommen. Die typologische Ähnlichkeit des Deutschen und Niederländi-
schen kann den Erwerb erleichtern, es kann aber zu Ähnlichkeitshemmungen kommen.
Allerdings kommt u. U. auch der Altersfaktor zum Tragen.
e) Die Brasilianerin lernt das Deutsche ungesteuert. Aufgrund ihrer fehlenden Schulbildung und
der Beschränkung auf die Arbeitsumgebung ist mit einer Fossilisierung (d. h. Stillstand der
Lernersprache auf einer bestimmten Stufe) zu rechnen. Die Lernerin erlernt v. a. Chunks und
kann sich schon bald in routinierten Alltagssituationen entsprechend ausdrücken.
454
4
Lösungen der Aufgaben
Bei Beispiel (a) handelt es sich um einen Hinweis auf den Wechsel des Gesprächskontextes; in
diesem Fall hat der Sprachwechsel Zitatfunktion. Der Inhalt des Gesprächs wird in der anderen
Sprache wiedergegeben.
Bei Beispiel (b) kann man von expressiver Funktion sprechen: Der Codewechsel ins Russische
kontextualisiert eine emotionale Einstellung des Sprechers. Diese wird durch die anschließende
Wiederholung der Äußerung auf Deutsch noch verstärkt.
Beispiel (c) gibt eine metakommunikative Äußerung wieder, die durch Wechsel ins Russische
kontextualisiert wird: Dem Sprecher fällt das Wort ›Kamel‹ im Deutschen nicht ein, und er
kommentiert dies auf Russisch.
3. a) Lexikalische Übernahme: Das afrikaanse Lexem oukie wird übernommen und lautlich und
morphologisch ins Deutsche integriert.
b) Lexikalische Übernahme: Im Falle von brai-fleisch handelt es sich um eine hybride Bildung
aus dem afrikaansen Lexem braii und dem deutschen Wort Fleisch. Durch die Wortbildung ist
eine völlige Integration ins System gewährleistet. Deep freeze ist eine Übernahme aus dem
Englischen – durch die Flexionslosigkeit hat es eine Zwischenposition zwischen Code-
Switching und Entlehnung.
c) Lexikalische Übernahme: Das Adjektiv mooi wird aus dem Afrikaansen übernommen und
durch Anfügen der Adjektivendung -es ins System des Deutschen integriert.
d) Lexikalische Übernahme: Das Verb om te frot wird aus dem Afrikaansen entlehnt und durch
Anfügen der deutschen Verbendung -et ins System der deutschen Sprache integriert.
e) Semantische Übernahme: Die zusätzliche Bedeutung ›überlaufen‹ des afrikaansen und
englischen Wortes (besig bzw. busy), die beide etymologisch mit dem deutschen Wort
beschäftigt verwandt sind, wird auf das deutsche Lexem übertragen.
f) Morphosyntaktischer Transfer: Hier wird ein Muster der Gebersprache, das in der Aufnahme-
sprache bereits vorhanden ist (um … zu-Konstruktion), auf Umgebungen ausgedehnt, in
denen es in der Aufnahmesprache nicht verwendet werden kann. Die finale Infinitivkonstruk-
tion mit um … zu wird auf alle Infinitive übertragen.
g) Vereinfachung der Flexion durch Kontakteinfluss: Die Kasusmarkierung der schwachen
Nomina des Deutschen wird im Sprachkontakt abgebaut. Es handelt sich hierbei um eine
typologisch bedingte Vereinfachung.
h) Abbau der Verbendstellung im Nebensatz im Zuge der kognitiven Ökonomie: Haupt- und
Nebensatz haben die gleiche Wortstellung. Durch die Reduktion der Varianten wird die
Geschwindigkeit bei der Sprachproduktion und -verarbeitung erhöht.
4. In diesem Gesprächsausschnitt findet man Beispiele für den Abbau der Kasusflexion: in vierte
Schule [statt in der vierten], in die Gruppe [statt: in der Gruppe]. Dies kann jedoch nicht durch die
Kontaktsprache ausgelöst sein, da diese ein reiches Flexionssystem im Bereich der Kasus aufweist.
Es handelt sich daher um eine Vereinfachungstendenz im Sprachkontakt und eine Entwicklung in
eine bestimmte typologische Richtung.
■ Das Fehlen der Artikel vierte Schule [statt: in der vierten], Stunde hat [statt eine Stunde], in
Kindergarten [statt: in den], in Musiksaal [statt: in dem] ist durch den Sprachkontakt mit dem
Ukrainischen ausgelöst, das über kein Artikelsystem verfügt. Auch die Wortstellung kann vom
Ukrainischen beeinflusst sein.
■ Die Nähe zur Lernervarietät erreicht dieser Gesprächsausschnitt durch seine Variation,
z. B. Im Januar (Präposition mit Artikel, korrekt) gegenüber in Musiksaal (Präposition ohne
Artikel, normabweichend), Schule ukrainische (abweichende Stellung des Adjektivs) gegenüber
die deutsche Sprach (korrekte Adjektivstellung).
■ Ähnlich den Lernervarietäten werden die Partizipformen durch Infinitivformen ersetzt:
hat fahren, ham singen, hat hören.
■ Es findet sich die Verneinung nix wie im sog. Gastarbeiterdeutsch.
455
4
Lösungen der Aufgaben
Ähnliche Vereinfachungstendenzen finden sich auch bei Pidgins. Aber es handelt sich hier nicht
um eine Mischung von fremdem mit deutschem Vokabular, wie das etwa bei Handelspidgins der
Fall ist. Ein weiteres Kriterium von Pidgins, nämlich dass sie für Sprecher der Ausgangssprache
unverständlich sind, trifft ebenfalls nicht zu. Auch das Merkmal der Stabilität ist nicht gegeben,
da es ständig die Möglichkeit gibt, der Zielsprache näherzukommen. Außerdem besteht hier eine
relativ hohe Variation: Wann ich arbeite = Subordination, bei anderen Sätzen fehlt sie (s. o.); bei
Maschine steht ein Artikel, der bei den anderen Substantiven fehlt. Es gibt auch eine Variation bei
den Verbendungen: spreche – sprechen, arbeit – arebeit. Das deutet auf eine Lernervarietät
(Interlanguage) hin.
456
6
Die Autorinnen und Autoren
Peter Auer, Professor für Germanistische Linguistik an der Freiburg (8. Die Verschiedenheit der Sprachen; zus. mit
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (1. Einleitung) Alice Blumenthal-Dramé)
Heike Behrens, Professorin für Kognitive Linguistik und Peter Öhl, PD Dr., Institut für Linguistik, Johann-Wolfgang-
Spracherwerbsforschung an der Universität Basel (9. Goethe-Universität Frankfurt am Main (4. Wörter und
Die Entstehung von Sprache; zus. mit Stefan Pfänder) Sätze; zus. mit Guido Seiler)
Pia Bergmann, Dr., Akademische Rätin am Deutschen Stefan Pfänder, Professor für Romanische Sprachwissen-
Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (2. schaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (9.
Laute) Die Entstehung von Sprache; zus. mit Heike Behrens)
Alice Blumenthal-Dramé, Dr., Akademische Rätin am Claudia Maria Riehl, Professorin für Germanistische
Englischen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Linguistik mit Schwerpunkt Deutsch als Fremdsprache
Freiburg (8. Die Verschiedenheit der Sprachen; zus. mit an der Ludwig-Maximilians-Universität München (11.
Bernd Kortmann) Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt)
Andrea Ender, Dr., Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Guido Seiler, Professor für Germanistische Linguistik an
Institut für Mehrsprachigkeit der Université de der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (4. Wörter und
Fribourg (3. Wörter; zus. mit Bernhard Wälchli) Sätze; zus. mit Peter Öhl)
Susanne Günthner, Professorin für Deutsche Philologie/ Anja Stukenbrock, Professorin für Germanistische
Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms- Linguistik/Schwerpunkt Pragmatik an der Universität
Universität Münster (10. Sprache und Kultur) Duisburg-Essen (6. Sprachliche Interaktion)
Martin Hilpert, Professor für Englische Linguistik an der Benedikt Szmrecsanyi, Professor für Linguistik an der
Université de Neuchâtel (5. Satz und Text) Universität Leuven (7. Variation und Wandel)
Bernd Kortmann, Professor für Englische Philologie/ Bernhard Wälchli, Professor für Allgemeine Sprachwissen-
Sprachwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität schaft an der Universität Stockholm (3. Wörter; zus. mit
Andrea Ender)
6 Bildquellenverzeichnis
S. 18: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1109-030, Fotograf: S. 300: Verteilung der Grundwortstellungstypen in einer
Thomas Lehmann. Stichprobe von 1228 Sprachen – aus: Dryer, Matthew S.
S. 52: Artikulationsorgane – aus: Reetz, Henning (2003): (2005): »Word order«. In: Martin Haspelmath/Matthew S.
Artikulatorische und akustische Phonetik. Trier: Dryer/David Gil/Bernard Comrie (Hg.): The World Atlas
Wissenschaftlicher Verlag, S. 101. of Language Structures. Oxford: Oxford University Press,
S. 53: Mediosagittalschnitt des Kopfes – aus: Pompino- S. 332–333.
Marschall, Bernd (2009): Einführung in die Phonetik. S. 308: Perfektkonstruktionen des ›haben‹-Typs – aus:
Berlin: de Gruyter, S. 44. Dahl, Östen/Viveka Velupillai (2005): »Tense and aspect«.
S. 58: Ohr – aus: Neppert, Joachim M. H. (1999): In: Martin Haspelmath/Matthew S. Dryer/David Gil/
Elemente einer akustischen Phonetik. Hamburg: Helmut Bernard Comrie (Hg.): The World Atlas of Language
Buske Verlag, S. 273. Structures. Oxford: Oxford University Press, S. 280–281.
457
7
Sachregister
7 Sachregister
A Anapher 14, 151, 190, Auftraggeber 252 Code-Switching 355, 378,
Ablaut 98 193, 210 Aufzeichnungsmedien 384, 388
Absolutiv 104, 298 Anaphernauflösung 16, 224 – funktionales 386
Absolutiv-Ergativ-Sprache 210, 211 Ausbau-Sprachbund 311 – konversationelles 387
161, 298 Angabe 160 Ausbausprachen 309 – nicht-funktionales 388
accomplishment 222 – freie 156, 159, 160 Ausklammerung 251 – psycholinguistisch
accountable 221 Anglokreolsprachen 335 Auslautverhärtung 71 motiviertes 388
AcI-Konstruktion 200 Anhebung 200 Auslösewörter (trigger – situatives 387
active filler strategy 209 Anhebungsprädikat 200 words) 389 cognates 394
adaptativ 24 Animator 252 Ausrufesatz 169 Computerlinguistik 211
Ad-hoc-Entlehnung 385 Anonymisierung 225 Aussagesatz 169 constraints 85
Adjektiv 7 Anredeform 347, 352, Außenohr 57 Construction Grammar
Adjektivattribut 152 353 Autor 252 38
Adjektivphrase 142 Ansatzrohr 48 Autosegment 66 Cours de linguistique
Adressat 253 anterior 64 autosegmentale Phono- générale 32
Adverb, attributives 153 Antezedens 193 logie 66, 81, 82 covert category 130
Adverbial 149 anthropologische Auxiliar 164 CP-IP-Modell 182
– kausales 150 Linguistik 17, 25, creaky voice 79
– lokales 150 347–371 B cross language cue
– modales 150 antizipatorische Koartiku- Balkanismen 312 competition 380
– temporales 145, 150 lation 67 Balkan-Sprachbund 293, CV-Modell 74
Adverbialsatz 195, 201 Antonym 124 311
Affigierung 76 Antwort 19 Basisstruktur 170 D
Affix 9, 96 aperiodische Schwingung Baumdarstellung 142 Datenaufzeichnung 225
Affixsuppletion 98 52 Bedeutung 13, 91, 109, Datenschutz 224
Agens 157 apikal 64 121 Dativ 274
Agentiv 299 apo-koinu-Konstruktion – kommunikative 117 – freier 148
agglutinierende Sprachen 11 Bedeutungsrelation 123 Dativobjekt 147
10, 304 Appell 112 Begrüßung 351, 352 Dauer 77, 78, 79
Akkommodation 388 Approximant 52, 54, 64 bekommen-Passiv 148 default 164
Akkusativobjekt 147 Arbitrarität 109, 113 Belebtheit 172, 265 Defektivität 63, 102, 127
Akronym 108 Archilexem 127 Benefaktiv 157 Definitheitseffekt 171
Aktant 154 areale Linguistik 293, 312 Beobachterparadoxon Degeminierung 70
Aktionsverb 157 Arealtypologie 293, 307 224 Dehnung 70
Aktiv 299 Argument 154, 160, 188, Bernoulli-Effekt 53 Deixis 14, 106, 151
aktive Füllung 209 212 Bewegung 34, 181 Deklarativ 168, 220
Aktivierungsmodell, – designiertes 161 Bezeichnendes 111 Deklination 95
interaktives 383 – fakultatives 159, 160 Bezeichnetes 111 Deklinationsklasse 100
Aktiv-Inaktiv-Sprachen – obligates 159 bildspendender Bereich Dekomposition,
299 Argumentstruktur 154, 125 semantische 118
akustische Phonetik 46 162, 171 bilingualer Spracherwerb Denotat 112, 123
Akzent 79 Artikulation 2, 53, 58 381 dental 53
Allomorph 76, 96, 97, Artikulationsart 64 bilingualer Sprachmodus dependensmarkierende
302 Artikulationsbewegung 2 384 Sprachen 286
Allophon 62 Artikulationsort 53, 64 Binaritäts-Prinzip 179 Dependentien 154
Alltagspraktiken 221 Artikulator 54 Bioprogramm 334 Dependenz 154, 156
Alphabetschrift 3 artikulatorische Geste 67 blend 97 Deponens 102
Alternation 386 artikulatorische Phonetik Blickverhalten 252 Derivation 10, 13, 94, 95
alveolar 53 46, 52 Blockierung 107 Derivationsmorphem 77
Ambiguität Aspekt 94, 339 British National Corpus Determinativkompositum
– globale 207 Aspiration 51, 64 274 103
– lexikalische 207 Assimilation 66, 70 Buchstabe 3 Dezibel (dB) 47, 78
– lokale 207 – partielle 70 burst 51 diachrone Variation 32,
– syntaktische 206 – progressive 71 262, 270, 274
ambisilbisch 74 – regressive 71 C Dialekt 339
Amboss 57 – totale 70 carryover-Effekt 67 Dialektologie 39, 270, 312
American Sign Language Assoziationslinie 66, 82 Chi-Quadrat-Test 265 Dialektometrie 270, 271,
115 Asyndese 190 chunks 331 273
Amplitude 47, 52 Audiodaten 247 Click 51, 52, 55 Dialog 36
Analogie 278 auditive Phonetik 46, 57, clipping 108 Dialogizität 19
analogischer Wandel 30 58, 78 Cochlea (Schnecke) 57 diaphasisch 262, 270, 272
analytische Sprachen 304 Aufnahmesprache 391 Code-Mixing 386 diastratisch 270, 276
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Sachregister
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Sachregister
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7
Sachregister
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7
Sachregister
Parsingmodell 207, 210 phonologische Regel 68, Progressiv 104 Register 270, 272
– paralleles 206, 208 83 Projektion 241 – geschriebene 274
– serielles 206, 207 phonologisches Wort 72, proklitisch 102, 105 – gesprochene 274
Parsing-Strategien 209 77, 105 Pronominaladverb 149, Reihenfolgeikonismus
Partizipation 355 Phonotaktik 61, 69, 73 193 296
Partizipationsrahmen Phrase 11, 140, 141 Proposition 188, 212 Rekonstruktion (von
252 – phonologische 72, 105 Prosodie 5, 72, 78, 86, Sprachstufen) 26, 290
Partizipationsrollen 252, Phrasenkategorie 142 100, 105, 237, 279, 363 Rektion 9, 140, 141, 142
253, 355 Phrasen-Prinzip 179 prosodische Domänen 72 Rekursion 178, 264
Partizipialattribut 152 Phrasenstruktur 11, 140, prosodische Morphologie Relativadverb 197
Partizipialsatz 199, 201 141 100 Relativanschluss 197
Passiv 273 Phrasenstrukturmodell, prosodische Struktur 86 Relativitätsprinzip,
– unpersönliches 161 generatives 178 proto-indoeuropäisch sprachliches 367
Passivierung 161 Phylogenese 319 290 Relativpronomen 168
Patiens 157 Pidgin Prototypen 120, 121 Relativsatz 153, 192, 197
patois 335 – expandierendes 333 Prototypensemantik 122 – appositiver 197
pattern borrowing 392 – stabilisiertes 332 Prozess, morphologischer – freier 154, 198
Perfektiv 94 Pidginsprachen 319, 332, 76, 98 – kopfloser 198
performance 357 333, 344, 398, 399, 400 Prozessierungsfaktoren – restriktiver 197
Performanz 34 Plosiv 51, 52, 54 268 – weiterführender 198
performative Äußerung Polysemie 116, 127, 159, Psycholinguistik 25 Relativum 197
218, 220 160, 197 Psychologie 29 Relevanz 94
performatives Verb 218 polysynthetische Sprachen Relexifizierung 400
Performativität 357 304, 305 Q repair 242
Periodendauer 47 Portmanteau-Wort 97 Quantität 73, 74 Reparandum 242
Periodenfrequenz 47 Possessivität 285, 289 quantitative Linguistik Reparatur 241, 242, 244
Periodisierung 274 Possessor 266, 286, 289 131 report talk 277
Periphrase 102 Possessum 285, 289 Quantor 155 Repräsentativa 220
perlokutionärer Akt 17, postalveolar 53 quasi-periodisch 47 Resilbifizierung 74, 76
219, 220 Postposition 309 Quelle 157 Resumptiv 174
Permutationstest 61, 143 Prä-Adaptation, bio- Quelle-Filter-Modell 48 retraktiv 11
perseverierende Koartiku- logische 321 Quellsignal 48 Rezenz 88
lation 67 PRAAT 47 Quellsprache 391 Rezipient 157
Person 94, 199 Prädikat 154, 212 Quintessenz 213 Rhema 36, 173
Persönlichkeit 381 Prädikatenlogik 155 Rolle, semantische 157,
Perspektive 16 Prädikativ 167 R 172
Pertinenzdativ 148 – freies 150 Rachen 54 Rückbildung 107, 108
Perzeption, Verben der Prädikativkonstruktion radikal 65 Rückfrage 240
199 167 radoppiamento sintattico
Pferderennen-Modell 107 Prädikatskonstante 155 70, 74 S
pharyngal 53 Präferenz 233, 234, 256 Rahmen Sagen und Meinen, Verben
Phase 47 Präfix 96, 98 – semantischer 214 des 212
Phon 60 Prager Schule 33 Rahmenelement 215 Satz 6, 137–184, 187, 188
Phonation 52 Pragmatik 23, 24, 212 Randperson 253 – kordinierter 195
Phonem 4, 60 – linguistische 217 rapport talk 277 Satzadverbial 151
Phonemanalyse 60 pragmatische Wende 218 ratchet effect 320 Satzakzent 79
Phoneminventar 61 Präpositionalattribut 153 Raum 270, 367 Satzart 168
Phonetik 2, 46, 61 Präpositionalobjekt 148 räumliches Denken 367 Satzaussage 173
– akustische 46 Präpositionalphrase 142 Rauschen 52 Satzbedeutung 117
– artikulatorische 46, 52 Präpositionalphrase, Reanalyse 204 Satzexpansion 204, 205
– auditive 46, 57, 58, 78 adverbiale 149 rebracketing 204 Satzgegenstand 173
phonetische Struktur 3 Präsentativkonstruktion Rechtsexpansion 250 Satzglied 12
Phonologie 3, 4, 23, 61, 267 Rechtsversetzung 250, Satzgliedstellung, flexible
83, 363 Pre-Pidgin 332 337 12
– autosegmentale 66, 81, Prestige Reduktionssilbe 76 Satzklammer 165
82 – offenes 262 Reduktionsvokal 75 – linke 166
– nichtlineare 66 – verstecktes 262 Reduplikation 99 – rechte 166
– strukturalistische 33 Prinzip der Konventionali- – partielle 99 Satzkomplexität 276
phonologische Äußerung tät 327 – totale 99 Satzlänge 276
72, 105 Prinzip des Kontrasts 327 Referent 112, 128 Satzmodus 168, 170
phonologische Markiert- Prinzipien (und Para- Referenz Satznegation 133
heit 69 meter) 34, 178, 180 – anaphorische 190, 193 Satzsemantik 13, 117,
phonologische Phrase 72, Produktionsformat 252 – kataphorische 190, 194 118, 131
105 Produktivität 331 – temporale 9 Satztyp 168
phonologischer Prozess – (morphologischer Reflexivität 221 Satztypologie 12
63, 66, 68, 72, 79 Prozesse) 10 Regens 141, 142 Satzverkettung 201
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