Riumph Des Erzens: PDF - Familie Mariens 17. JG (VI) 2009 Nr. 98
Riumph Des Erzens: PDF - Familie Mariens 17. JG (VI) 2009 Nr. 98
DAS SALZBURGER
GNADENKIND
Beim „Christkindl-Pater“
Auch wenn der Künstler des Loretokindls Ordensmann, der schon von Jugend an eine
unbekannt ist, lässt sich die Geschichte der ganz lebendige und vertraute Beziehung zum
zierlichen Elfenbeinfigur doch bis zum Jahr Göttlichen Kind hatte, bei Mutter Euphrasia
1620 zurückverfolgen. Damals hatte Gräfin das schöne Figürchen sah, bettelte er so lange,
Oettingen die nur 11 cm große Statue Mutter bis sie es ihm schließlich bis zu seinem Tod als
Euphrasia Silberrath zum Geschenk gemacht, Leihgabe überließ.
die gerade dabei war, ein Kapuzinerinnenkloster
in Ensisheim im Elsass aufzubauen. Am selben Mit Freude nahm P. Chrysostomus die Statue
Ort stand damals P. Johannes Chrysostomus zu sich und ging mit dem Jesuskind so liebevoll
Schenk den Kapuzinern als Guardian und um, als hätte er es mit einer lebendigen Person
Novizenmeister vor. Als dieser heiligmäßige zu tun. In seiner Schlichtheit betete und sprach
2
er stundenlang zu „seinem Kindl“ und ließ Ihm des Wunders: Nicht der kleinste Riss war mehr
sogar ein veilchenblaues Kleid nähen. Bald zu sehen!
wurde der allseits beliebte Kapuziner in seiner Ähnliches ereignete sich während einer seiner
Umgebung nur noch der „Christkindl-Pater“ Seelsorgereisen, auf die der Kapuziner das
genannt. Jesuskind stets in einem kleinen Holzkästchen,
Solch aufrichtige Verehrung lohnte das dem sogenannten „Stammhäuschen“, mitnahm.
Jesuskind Seinerseits mit großen Gnadengaben, Die Statue war unterwegs gegen einen Stein
die unglaubwürdig erscheinen würden, gestoßen und gespalten. Weil in Überlingen
wären sie nicht als notariell beglaubigte, der herbeigerufene Bildhauer Georg Hain den
authentische Berichte im Archiv der Schweizer Schaden nicht ausbessern konnte, nahm der
Kapuzinerprovinz nachzulesen. Dort heißt es „Christkindl- Pater“ direkt beim Jesuskind
u. a., dass P. Chrysostomus einmal die Statue Zuflucht. Als der Bildhauer anderntags erstaunt
mit den Worten auf das Gesims seiner Zelle feststellte, dass die Statue wieder vollkommen
stellte: „Sieh, ich eile jetzt in die Kirche, wohin hergestellt war, machte das einen derartigen
mich der Gehorsam zum Chorgebet ruft. Daher Eindruck auf ihn, dass er kurz darauf bei den
übergebe ich Dir selbst die Sorge für Dich, bis Kapuzinern eintrat und später als P. Probus
ich zurückkomme.“ dieses Wunder unter Eid bestätigte.
Als er seine Zelle wieder betrat, lag das Kind in Auf unerklärliche Weise kehrte das Kindlein
vier Stücke zerbrochen auf dem Boden. Auf sein auch mehrmals in P. Chrysostomus’ Zelle zurück,
lautes Weinen hin eilten die Mitbrüder herbei, wenn er Es gutmütig geliehen hatte oder Es ihm
denen er voll Schmerz die kaputte Statue zeigte. genommen worden war. Zudem verlieh das
Wieder allein, bemühte er sich, die Scherben, Jesuskind ihm eine wunderbare Herzensschau,
so gut es ging, zusammenzufügen, und klagte die ihm unter anderem als Novizenmeister sehr
dabei: „Jesulein, Du hättest besser auf Dich hilfreich war. So wusste er oft schon detailliert
achten sollen. Jetzt habe ich niemanden, der um die inneren Prüfungen seiner Novizen, noch
Deine anmutige Gestalt wieder ganz machen ehe sie ihm diese anvertrauten.
könnte. Wenn es Dir gefällt, mach Du nun selbst Nachdem P. Chrysostomus 1643 bei den
den Schaden wieder gut!“ Kapuzinern in Delsberg (heute Delémont) im
Und tatsächlich: Nach dem Mittagessen fand P. Ruf der Heiligkeit gestorben war, übergab der
Chrysostomus beim Betreten seiner Zelle die Provinzial das Figürchen seiner leiblichen
kostbare Statue vollständig wiederhergestellt. Schwester, Sr. Maria von Herbstheim, die im
Auch die herbeigerufenen Patres waren Zeugen Kloster Diefferndorf in Schwaben lebte.
3
wie es nun liebevoll genannt wurde, ein. befindlichen „Kindlaltar“ gestanden hatte, stieß
Und bis heute riss der Strom der Pilger und man bei den folgenden Aufräumungsarbeiten
Hilfesuchenden nicht ab. auf eine nicht explodierte 500 kg schwere
Bereits seit 72 Jahren halten die Kapuzinerinnen Bombe und, darunterliegend, den unversehrten
in ihrer Kirche Tag und Nacht Ewige Anbetung. Aussetzungsthron des Jesuleins. Wäre diese
Selbst als das Kloster St. Maria Loreto im Bombe explodiert, hätten die Schwestern mit
Sommer 1941 beschlagnahmt wurde und nur dem Allerheiligsten und dem Loretokindl im
noch vier Schwestern mit der Oberin notdürftig Luftschutzkeller ihr Grab gefunden.
in der Sakristei wohnen durften, konnte in der
angrenzenden Kirche am Sakramentsaltar weiter Zu Weihnachten konnte jedoch in der
angebetet werden. behelfsmäßig instandgesetzten Sakristei bereits
Als Salzburg jedoch am 11. November 1944 wieder angebetet und das Loretokindl verehrt
schwer bombardiert wurde und die Schwestern werden. 1948 kehrten dann alle Schwestern aus
den wie so oft aufgesuchten Luftschutzkeller ihrem Exil zurück und halfen unter unsäglichen
wieder verlassen hatten, fanden sie ihre Kirche Mühen beim Wiederaufbau. An Heiligabend
großteils eingestürzt. Einzig das große Kruzifix 1949 zelebrierte der Salzburger Erzbischof auf
hing, den riesigen Trümmerhaufen überragend, dem neuen Gnadenkindl- und Sakramentsaltar
noch an seinem Platz. zur Freude aller das erste Hl. Messopfer mit
Dort wo der Sakramentsaltar mit dem sich darüber feierlicher Aussetzung des Allerheiligsten.
Schon in unserer Kindheit hatten wir daheim die sie regelmäßig mit dem Zug nach Salzburg
eine tiefe Beziehung zum Loretokindl, weil fahren musste. Es war eine schwierige Zeit:
unsere Mutter von Ihm geheilt worden war. Das mitten im Krieg, zu Hause vier kleine Kinder
geschah 1942, nachdem die Mutter mit 32 Jahren zu versorgen und eine Strahlenbehandlung, die
eine schwere Brustkrebsoperation gehabt hatte. rasende Kopfschmerzen verursachte!
Anschließend bekam sie viele Bestrahlungen, für Als die Mutter wieder einmal vom Krankenhaus
4
heimkehrte und stöhnte: „Ich halte diese dann telefonisch mit: „Der Fall Ihres Mannes ist
Schmerzen nicht mehr aus! Mir scheint, mir platzt leider so aussichtslos, dass es wohl besser wäre,
der Kopf!“, war gerade ein Nachbar zu Besuch. wenn er sterben dürfte. Es sind schon so viele
Er hatte einen sogenannten „Loretostreifen“ Gehirnzellen abgestorben. Sie können nur mehr
mitgebracht, ein weißes Stoffstückchen, das am beten und auf ein Wunder hoffen, denn wir wissen
Loretognadenkind berührt worden war. Ohne nicht mehr weiter!“ Verzweifelt rief ich meine
große Erklärung legte er ihr den Loretostreifen Mutter an, die sich noch am selben Vormittag
auf den Kopf, und nach einer halben Stunde mit meinem Bruder Franz entschloss: „Wir
waren die Schmerzen vollständig verschwunden. fahren sofort nach Salzburg zum Loretokindl!“
Sie kehrten seitdem auch nie mehr zurück! Die Auch ich nahm an diesem 22. Dezember 1983
Heilung durch das Loretokindl war sogar so zum ersten Mal nach langer Zeit wieder innerlich
vollständig, dass die Mutter ihr ganzes Leben Zuflucht zum Jesuskind. Am selben Vormittag
lang - sie starb zwei Wochen vor ihrem 90. begleitete ich unseren Herrn Pfarrer in die Klinik,
Geburtstag - gesund gewesen war. Dankbar für wo Hans die Krankensalbung empfing. Und noch
ihre Heilung, nahm sie uns dann von klein auf am selben Abend bekam ich durch Professor
immer wieder nach Salzburg ins Loretokloster Dimat die überraschende Nachricht: „Völlig
mit. Doch als wir Kinder erwachsen wurden und unerwartet ist eine Besserung eingetreten! Ihr
jeder seinen eigenen Weg ging, kamen wir leider Mann ist ansprechbar, und der Kreislauf wird
von der Verehrung des Loretokindls ganz ab. stabil!“ Mir aber ging es durch den Kopf: die
Als wäre es erst gestern gewesen, so gut erinnere Loretowallfahrt, die Krankensalbung und nun
ich mich noch heute an jenen 18. Dezember 1983. die plötzliche Besserung, und alles an ein und
An diesem Sonntagabend ging mein Mann Hans, demselben Tag - das kann kein Zufall sein!
damals 43 Jahre alt, mit einem Bekannten in den Am Samstag, dem 24. Dezember, durfte ich
Wald auf Fuchsjagd. Doch ganz überraschend dann Hans erstmals auf der Intensivstation
kam er nur eine knappe Stunde später wieder besuchen. „Heut’ ist Heiliger Abend“, sagte
heim und klagte: „Ich hab’ so wahnsinnig ich bei der Begrüßung zu ihm. Und dieser
Kopfweh. Mir geht’s so schlecht!“ Gleich rief ich Satz ist das Einzige, woran sich Hans vom
den Notarzt, der jedoch nur zu Schmerztabletten Krankenhausaufenthalt bis heute erinnern kann.
riet. Weil sich der Zustand meines Mannes aber Nur dieser eine Moment an Heiligabend ist ihm
ständig verschlechterte und er nach Mitternacht im Gedächtnis geblieben - nichts vorher und
überhaupt keine Reaktion mehr zeigte, holte ich nichts nachher.
höchst besorgt erneut den Arzt. Bevor ich am folgenden Tag, dem Christtag,
wieder ins Krankenhaus fuhr, war es mir ein
Dann ging alles ganz schnell: Ein Notarztwagen Bedürfnis, das Loretokindl aufzusuchen. Dort
lieferte Hans gegen Morgen in Traunstein ins versprach mir die Pfortenschwester, für meinen
Krankenhaus ein, wo man eine Gehirnblutung Mann zu beten, und gab ihm aus der Ferne mit
feststellte, und noch am selben Vormittag kam dem Gnadenkindl den Segen. Von diesem Tag
er nach Salzburg in die Nervenklinik. Die an ging es so sehr bergauf, dass er zu Silvester
Schädeldecke musste sofort geöffnet werden. gar nicht mehr operiert werden musste, wie es
Die behandelnde Ärztin machte mir keine eigentlich vorgesehen war. Die Ärzte hatten bei
Hoffnungen: der letzten Voruntersuchung erstaunt festgestellt:
„Es sieht nicht gut aus. Die Blutung geht nach „Wir finden nichts mehr, was zu operieren wäre!“
innen“, sagte sie. Die folgenden vier Tage war
Hans ohne Bewusstsein, und bei jedem meiner Hans wurde daraufhin von der Spezialklinik
besorgten Anrufe hieß es: „Mit Ihrem Mann ins Traunsteiner Krankenhaus verlegt, wo man
steht es schlecht.“ drei weitere Computertomographien vornahm,
Am Donnerstagmorgen, zwei Tage vor dem weil den Ärzten der Salzburger Befund so
Heiligen Abend, teilte mir Professor Dimat ungewöhnlich erschien. Doch letztlich hieß es
5
auch hier: „Es gibt nichts mehr zu operieren. schon wieder ganz normal zur Arbeit gehen.
Es ist nichts mehr da.“ Nach insgesamt Seither ist das Loretokindl bei uns hoch in
vierwöchigem Krankenhausaufenthalt durfte Ehren, und in unserem Glauben hat sich vieles
Hans nach Hause, und zu Ostern konnte er geändert!
Josef Abfalter, der Vater von P. Francisco, und einen sogenannten ‚Loretostreifen‘, ein
beschreibt, wie es dazu kam, dass seine Familie Stück Stoff, das an der Statue des Loretokindls
eine tiefe Beziehung zu diesem Gnadenkind berührt worden war. Für meine Schwester und
fand: „Hans Hunklinger gehörte zu meinen mich waren das immer ganz beeindruckende
besten Freunden im Schützenverein. Als er Momente.“ So wurde dieses Heiligtum eine
1983 aufgrund einer Gehirnblutung in einen geistige Heimat für die ganze Familie.
lebensbedrohlichen Gesundheitszustand kam,
beteten wir Schützen alle für seine Heilung. Von Am 27. April 1992, es war der Montag nach dem
seiner Frau erfuhren wir dann, dass er durch die Barmherzigkeitssonntag, brach ganz unerwartet
Hilfe des Loretokindls auf wunderbare Weise großes Leid in das Leben der jungen, glücklichen
wieder gesund geworden war. So begann auch Familie ein. Hubert, gerade 13 Jahre alt, war
ich mich für dieses Heiligtum in Salzburg zu leidenschaftlicher Fußballspieler. An diesem
interessieren, und unsere Familie lernte diesen Tag hatte seine Mannschaft das Spiel gewonnen,
Wallfahrtsort kennen und lieben. Gerne gingen und völlig außer sich vor Freude über den Sieg,
wir dort zur Sonntagsmesse, die Prälat Ferdinand waren die Jungen kaum zu bändigen.
Holböck, ein Autor weitverbreiteter und gern Als sie auf dem Nachhauseweg einen nicht
gelesener Heiligenbücher, zelebrierte. Es beschrankten Bahnübergang überquerten,
waren für mich und meine Frau unvergessliche geschah das Unglück: In ihrem Jubel waren
Gnadenstunden, nicht zuletzt auch wegen der die Kinder so laut, dass die Fahrerin des Autos
bereichernden und packenden Predigten.“ den herankommenden Zug nicht bemerkte. Er
Auch P. Francisco, damals der kleine raste mit hoher Geschwindigkeit in das Auto
Hubert, erinnert sich noch lebendig an diese hinein. „Wir waren zu viert auf der Rückbank
Wallfahrten: „Nach der Hl. Messe gingen wir gesessen“, erzählt P. Francisco. „Sebastian,
immer zur Klosterpforte und klingelten, um den mein bester Freund, wurde durch den Aufprall
besonderen Segen zu erbitten. Eine Schwester so schwer verletzt, dass er acht Tage nach dem
kam zum Klausurgitter, öffnete ein kleines Unfall im Krankenhaus starb. Ich hatte einen
Fenster und segnete jeden Einzelnen von uns Schädelbasisbruch, und Bernhard, der leibliche
mit der Originalstatue des Loretojesuleins, Bruder von Sebastian, ist seit diesem Unfall
wobei sie lange Gebete flüsterte. Dann bekam körperlich schwer behindert. Robert verlor beim
jeder von uns als Geschenk ein Gebetsbildchen Aufprall seine Zähne.“
6
Das tragische Ende eines Fußballspiels! Hubert wusste: Hier kann nur mehr der Himmel helfen.“
wurde sofort in die Nervenklinik nach Salzburg Acht Tage verbrachte Hubert auf der
gebracht. Es war nicht sicher, ob er überleben Intensivstation, bevor er ins Landeskrankenhaus
würde. Die erste Nacht verbrachte er auf dem überführt werden konnte. Dort musste er wie ein
Operationstisch, da man, wäre der Gehirndruck Kleinkind alles neu erlernen: gehen, sprechen, ja
gestiegen, die Schädeldecke sofort hätte öffnen überhaupt alle motorischen Bewegungen. Doch
müssen. Gott sei Dank blieb er davor bewahrt. für alle Beteiligten, sowohl für die Familie als
Hildegard, die Mutter P. Franciscos, berichtet: auch für die Ärzte, war es ein Wunder, dass von
„Da Hubert durch Medikamente in Tiefschlaf diesem Unfall außer einer kleinen Kopfnarbe
gelegt worden war, konnten wir ihn täglich nichts zurückgeblieben ist.
besuchen. Danach fuhren wir jedes Mal zum P. Francisco ist fest überzeugt: „Das Vertrauen
Loretokindl und beteten dort stundenlang für meiner Eltern zum Loretokindl hat mir die volle
unser Kind. Die Schwestern gaben uns die Gesundheit wieder zurückgeschenkt. Ich kann
bekannten Loretostreifen mit, und ich legte Gott nur für alles danken, was Er durch dieses
Hubert so ein Tüchlein unter das Kopfkissen. Gnadenkind gewirkt hat.“
Doch wenn ich tags darauf wiederkam, war es Seit Oktober 2008 wirkt P. Francisco als
nicht mehr da, die Krankenschwestern hatten es Missionar in Uruguay. Er ist Pfarrer des
weggenommen. Aber ich gab nicht nach und ließ Heiligtums der hl. Theresia vom Kinde Jesu
jeden Tag ein neues Loretostreifchen unter dem in Chamizo, das am 3. Oktober dieses Jahres
kranken Kopf meines Sohnes zurück, denn ich eingeweiht wurde.
Erst gestern, am 6. Oktober, kam eine Frau aus man ihm den rechten Arm amputieren wollte. In
Maria Schmolln im Innviertel/A, die schon ihrer Not brachten ihn seine Eltern hierher zum
Ende Juli hier für ihren Großneffen Simon aus Jesulein. Gegen alle Erwartung war der Arm in
Braunau/A gebetet hatte. Diesmal sagte sie kurzer Zeit wieder heil!“
strahlend: „Danke dem Loretokindl! Simon Nach St. Maria Loreto finden Menschen aller
hatte mit seinen fünf Jahren bisher nur mit den Altersstufen ihren Weg, selbst Andersgläubige
Eltern geredet. Doch zehn Tage nachdem ich oder weniger Gläubige. Aus dem In- und Ausland
den Jesuskindsegen für ihn erhalten hatte, fing bringen Pilger ihre Anliegen zum Jesuskind,
er zu sprechen an - mit allen!“ bitten um Seinen Segen oder kehren zum
Kurz vor Pfortenschluss um 16.30 Uhr trat eine Danken zurück. Zudem erreicht uns auch viel
Frau namens Angela-Michaela Sperl ein, die Bitt- und Dankespost, die ab und zu sogar direkt
Folgendes berichtete: „Vor Jahren erlebte ich „An das liebe Loretokindl“ adressiert ist. In
als Junglehrerin in Bad Ischl Wunderbares mit Dankesbriefen, die Schränke füllen, könnte man
einem Schüler. Er war von einem Apfelbaum stundenlang über verschiedene Gnadenerweise
gefallen und hatte sich so schwer verletzt, dass des Loretokindls lesen. Brigitte Rössig aus
7
Buchenberg/D z. B. schrieb im Mai 2007 als Trost mener Beruhigungsmittel kaum mehr Schlaf
für Menschen mit ähnlichen Problemen: „Über fand. „Damals setzte ich abrupt alle Medika-
30 Jahre belasteten die Alkoholprobleme meines mente ab und legte - obwohl ich schlimme Ent-
Mannes unsere Ehe. Irgendwann hörte ich vom zugserscheinungen hatte - zusammen mit mei-
Loretokindlein. Seitdem vertraute ich Diesem ner Mutter alles Vertrauen einzig ins Gebet zum
jahrelang meinen Mann an. Erst letzten Herbst Loretokindl, Dem ich von Herzen danke. Denn
bekam er die Einsicht und Kraft, völlig auf den langsam ging es mir immer besser.“
Alkohol zu verzichten. Ich bin überzeugt, das
verdanken wir dem Loretokindlein. Man muss Von ihrem siebenjährigen Neffen, der mit
zwar manchmal lange auf Erhörung warten, Blinddarmdurchbruch in die Klinik kam, schrieb
vertrauen und darf die Geduld nicht verlieren, eine Familie aus Ottweiler/D: „Der Arzt hatte
aber Hilfe bekommt man ganz sicher!“ keine Hoffnung mehr, und der Junge kam ins
Eine Ordensfrau aus Zweibrücken in der Sterbezimmer. Wir daheim flehten alle innig zum
Pfalz/D erhielt 1981 nach einem Gehörsturz Loreto-Jesulein. Er überlebte die Nacht, und 14
und vier Rückfällen von einer Mitschwester Tage später bei der Visite sagte der Arzt zu den
im Krankenhaus ein Bild des Loretokindls, zu zehn Medizinstudenten, die anwesend waren:
dem sie nun täglich betete. Auch legte sie einen ‚Dass dieser Junge noch lebt, ist ein Wunder!‘“
gesegneten Loretostreifen unter ihr Kopfkissen Ebenfalls von einem „Wunder“ sprachen Ärzte 1980
oder band ihn sich ans Ohr. Nach wenigen Tagen bei einem Patienten aus Forchtenstein/A, dessen
ging sie gesund heim und schrieb: „Mit diesem Wunde nach einer schweren Nierenoperation trotz
Zeugnis möchte ich anderen Mut machen, dass aller medizinischen Bemühungen nicht heilte.
vertrauensvolles Gebet von Gott erhört wird.“ „Da brachte meine Schwester einen am Jesuskind
Eine Frau aus Strass im Attergau/A berichtete: berührten Loretostreifen. Ich legte ihn auf, und
„Ich bin eine große Verehrerin des Gnadenkindes über Nacht fing die Wunde zu heilen an!“
in St. Maria Loreto. Besonders intensiv aber betete Aus Röthis in Vorarlberg/A wiederum schrieb
ich in jener Nacht zu Ihm, in der mein Sohn einen eine Mutter, dass ihr Baby täglich mehrmals
Autounfall mit schwersten Kopfverletzungen unter heftigen Erstickungsanfällen litt. Genau von
hatte. Die Ärzte gaben ihm nur noch einen Tag dem Tag an, als sie versprach, ein Jahr lang zum
zu leben. Es war wie ein Wunder, dass er aus dem Loretokindl zu beten, hatte es nie wieder einen
Koma erwachte, und ich weiß: Das verdanken Anfall. Im Juni 1983 dankte aus Tirschenreuth
wir dem Gnadenkind!“ in der Oberpfalz/D auch eine andere glückliche
Hilfe erfuhr auch eine Allgäuerin aus Buchen- Mutter dem Jesulein: „Vor einem Jahr bat ich im
berg/ D. Drei Jahre lang litt sie an schweren Kloster, mit mir um ein gesundes Kind zu beten,
Schlafstörungen, bis sie trotz wahllos eingenom- das jetzt genau neun Monate später zur Welt kam.“
Auf unsere Bitte hin erzählte die junge Pfortenschwester auch ein wenig
darüber, wie das Loretokindl Sich so manche Berufung selbst „fischte“.
Zum Beispiel Sr. M. Immaculata (†2004), die Es Sich fest im Haarkranz des Mädchens. Da
sieben Jahre lang Oberin in unserem Kloster scherzte Mutter M. Magdalena: „Es scheint,
war. Als Kind pilgerte sie mit ihren Eltern und das Jesulein will Dich an Sich ziehen. Vielleicht
neun Geschwistern jedes Jahr von Abtenau/A gehst Du einmal ins Kloster!“ Erschrocken
zum Loretokindl. Als sich Notburga Promok, erwiderte Notburga: „Daran habe ich nie
so hieß sie mit bürgerlichem Namen, dabei gedacht!“, erzählte aber später oft, wie sie nach
wieder einmal von der damaligen Oberin das diesem Segen keine Ruhe mehr fand. Auf der
Gnadenkind segnend „aufsetzen“ ließ, verfing Heimfahrt im Zug konnte sie nur noch denken:
8
„Ja, ins Kloster sollst Du gehen!“ Acht Tage Krankenschwester, Rosa, als zukünftige Sr. M.
später stand sie dann mit einem kleinen Koffer Veronika dem Ruf nach St. Maria Loreto. Meine
vor unserer Klosterpforte und sagte: „Jetzt bin Einkleidung hatte sie tief beeindruckt. Wieder
ich da!“ daheim, verstand sie: „Mein Platz ist beim
1994, als ich selbst dann mit 30 Jahren meinen Loretokindl.“
Hebammenberuf aufgab und hier in Salzburg
eintrat, war es diese Notburga, die mich als Während des Gespräches mit Sr. M. Josefa
Mutter M. Immaculata willkommen hieß. Sie kam die Salzburgerin Marianne Polder, um am
erlaubte auch, dass Petra, die jüngste von uns Klausurgitter das Jesuskind zu verehren und sich
sieben Geschwistern aus dem Schwarzwald, für den Segen geben zu lassen. Bescheiden erklärte
14 Tage hier im Kloster mitleben durfte: „Das sie: „Wissen Sie, ich will dem Loretokindl heute
Dirndl kann auch gleich bleiben!“, meinte die nur danken. Ist es doch genau ein Jahr her, seit
Oberin schmunzelnd, worauf ich erwiderte: „Sie man mir im Oktober 2008 im Krankenhaus
bleibt bestimmt nicht!“ Und doch! Petra, die als sagte: ‚Ihr Tumor im Magen muss sofort entfernt
Altenpflegerin nie an ein Ordensleben gedacht werden.‘ Da erwiderte ich: ‚Gut, aber heute
hatte, erkannte in diesen stillen Tagen tief ihre bleibe ich noch nicht da. Zuvor gehe ich noch
Berufung. ins Loretokloster zur Hl. Beichte und zur Hl.
Es folgte, was nur Gott wirken konnte: Ein Jahr Kommunion und lasse mich unbedingt mit dem
nach mir trat sie im September 1995 bei uns ein Jesulein segnen!‘ Und so geschah es!
und bekam den Ordensnamen Sr. M. Philomena. Als mir kurz darauf ein faustgroßer Tumor
Gleichzeitig ging unser Bruder Ferdinand, der und der ganze Magen entfernt wurden, verlief
bei meiner Einkleidung deutlich den Ruf zum trotz meiner 81 Jahre alles bestens. Auch die
Priestertum verspürt hatte, ins Seminar, um anschließende Chemotherapie, die immer
nach seiner Weihe dankbar die Primizmesse Stunden dauerte, habe ich sehr gut vertragen. Ja,
beim Loretokindl zu feiern. Als Dritte im ich musste einfach heute hierherkommen, um
Bunde folgte 1996 eine mit uns befreundete dankbar für alle Hilfe Zeugnis zu geben!“
Unsere Gegend ist eine Verbanntensiedlung. Ich war damals achtzehn Jahre alt, er vielleicht
Mein Vater kam zu der Zeit hierher, als in zwanzig. Timoschas Lebensführung war die
Russland noch die Leibeigenschaft herrschte. In allerbeste. Warum er vom Gericht zur Verbannung
unserer Familie lebten wir nach dem üblichen verurteilt worden war, wusste niemand so genau.
schlichten russischen Glauben. Mein Vater war Es hieß, ein Onkel, der zugleich sein Vormund
belesen und vermittelte mir eine große Liebe war, habe fast das ganze Gut des Waisenknaben
zum Wissen, weshalb mir Timofej Ossipowitsch durchgebracht bzw. sich angeeignet. Timofej
als mein vornehmster Freund galt. aber habe damals, temperamentvoll und seiner
Timofej kam als junger Mann in unsere Siedlung. Jugend entsprechend, die Beherrschung verloren,
9
es sei zwischen ihm und dem Onkel zum Streit mit allem zufrieden?“- „Wie meinst Du das?“,
gekommen, und er habe den Onkel mit dem Messer fragte er. - „Hast Du jetzt alles wieder, was
angegriffen. Dank Gottes Barmherzigkeit habe er Du in deiner Heimat verloren hast?“ Timofej
jedoch nur die Hand des Onkels durchstochen. wurde bleich, sagte aber kein Wort, sondern
Seines jugendlichen Alters wegen sei ihm keine lenkte nur schweigsam das Pferd. Da bat ich
schwere Strafe auferlegt worden: Als einer vom um Entschuldigung: „Vergib! Ich dachte, jenes
gehobenen Stand der Kaufleute wurde er in die Böse sei schon lange vorbei.“ - „Es kommt nicht
Verbannung geschickt. darauf an“, antwortete er, „dass es lange vorbei
Obwohl Timoscha um neun Zehntel seines ist … Es ist vorbei, dennoch denkt man daran.“
Vermögens gebracht worden war, war ihm noch
genug geblieben, um sich bei uns ein Haus zu Es tat mir so leid, weil es immer noch so finster
bauen. Das Unrecht jedoch, das er erlitten hatte, in Timofejs Herzen war. Er kannte zwar die
„kochte“ in seiner Seele, und lange hielt er sich Heilige Schrift und verstand es, gut vom Glauben
von jedermann fern. Er saß zu Hause und las zu reden, doch wenn er die Erinnerung an dieses
Bücher. Ich besuchte ihn des Öfteren, und so Unrecht ständig im Gedächtnis bewahrte, zeigte
begann eine Freundschaft zwischen uns. Anfangs das doch, dass das Wort Gottes ihm nichts nützte.
ließen mich meine Eltern ungern gehen: „Man Ich wurde nachdenklich, zumal ich ihn in allem
weiß nicht, wer er ist und warum er sich von allen für klüger als mich selber hielt. Er fragte: „Woran
zurückzieht. Möge er Dir nur nichts Schlechtes denkst Du gerade?“ - „An Nichts Besonderes“,
beibringen.“ Ich aber konnte sie beruhigen, dass antwortete ich. - „Du denkst über mich nach.“
ich nichts Schlechtes von ihm vernahm, sondern - „Ja, ich denke auch über Dich nach.“ - „Was
im Gegenteil mit ihm über den Glauben sprach denkst Du von mir?“ - „Bitte sei nicht böse. Ich
und Bücher las, die uns lehren, wie man nach dachte: ‚Du kennst die Schrift, doch Dein Herz
dem heiligen Willen Gottes lebt. Bald ging ist voll Zorn und unterwirft sich Gott nicht. Hast
nun auch mein Vater zu ihm und lud ihn zu uns Du denn unter solchen Umständen irgendeinen
nach Hause ein. Meine Eltern sahen, dass er ein Nutzen von der Schrift?‘“
guter Mensch war, und gewannen ihn lieb. Es Timofej wurde nicht böse, aber sein Antlitz
tat uns nur leid, ihn oft düster, niedergedrückt verfinsterte sich, und er warf mir vor: „Du kennst
und mutlos zu sehen, wenn er an das Unrecht die Heilige Schrift zu wenig, um Dich auf sie zu
dachte, das ihm angetan worden war. Erwähnte berufen. Und Du hast auch keine Ahnung von
man seinen Onkel, wurde er ganz bleich, und dem Unrecht, das es in der Welt gibt.“ - „Da hast
anstatt seiner üblichen Freundlichkeit blitzte Du recht“, gestand ich. Dann erzählte er mir, er sei
sogar Zorn in seinen Augen auf. nicht wegen des Geldes so zornig gegen seinen
Onkel geworden, sondern aus einem anderen
Der Herr aber half seiner Schwermut bald ab: Grund: „In alle Ewigkeit wollte ich darüber
Meine Schwester gefiel ihm, er heiratete sie, schweigen, jetzt aber will ich mich bei Dir als
hörte auf, sich zu grämen, begann wieder zu meinem Freund aussprechen.“
leben, aufzublühen und erwies sich nach zehn So erzählte er mir, dass sein Onkel schon seinen
Jahren als ein höchst kapitalkräftiger Mann. Er Vater tödlich gekränkt, seine Mutter durch den
baute seiner Familie ein schönes Haus, richtete es Kummer, den er ihr bereitet, ins Grab gebracht
geschmackvoll ein und genoss die Achtung aller. und ihn selbst verleumdet hatte. Das Schlimmste
Seine Frau und seine Kinder waren gesund, und aber war, dass dieser Onkel, obwohl schon ein
man möchte meinen, alles vergangene Leid war alter Mann, mit Schmeicheleien und Drohungen
vorbei und vergessen. Er aber dachte noch immer das junge Mädchen zur Frau genommen hatte, das
an das Unrecht, das ihm widerfahren war. er, Timoscha, von Kindheit an liebte und heiraten
Einmal, als wir zusammen in einem Wägelchen wollte. „Kann man denn das alles vergessen?
fuhren und in aller Freundschaft plauderten, Das vergebe ich ihm, solange ich lebe, nicht!“ -
fragte ich ihn: „Bruder Timoscha, bist Du jetzt „Gewiss“, erwiderte ich, „das Unrecht, das man
10
Dir angetan hat, ist groß. Dass die Heilige Schrift vergäße er die ganze Heilige Schrift und verfiele
Dir aber zu nichts nütze ist, ist ebenfalls wahr.“ dem Racheteufel. In meinem Herzen aber blieb
Er aber begann mir darzulegen, wie doch nach ich zuversichtlich, denn ich war sicher, der Herr
dem Alten Testament die heiligen Männer selbst werde meinen Freund aus der Sünde des Zornes
die Gesetzesbrecher nicht geschont, ja sie mit erretten.
eigenen Händen getötet hätten. Wollte doch
der Arme auf diese Weise seine Gesinnung Timofej lebte schon das sechzehnte Jahr bei uns
vor mir rechtfertigen. Ich antwortete ihm in als ein Verbannter, und schon fünfzehn Jahre
meiner Schlichtheit einfältig: „Timoscha, Du war er mit meiner Schwester verheiratet. Er
bist ein kluger Kopf, bist belesen und weißt hatte drei Kinder, liebte seine Blumen, vor allem
alles. In Sachen der Schrift kann ich Dir nicht die Rosen am Bretterzaun, und soviel ich weiß,
widersprechen. Ich bin ein sündiger Mensch und betete er dort auch häufig.
beschränkten Verstandes, deshalb verstehe ich
lange nicht alles. Doch möchte ich Dir sagen, Einmal hatte er das Evangelium mitgenommen.
dass im Alten Testament alles so altertümlich ist Er sah nach den Rosenstöcken, dann setzte
und für unseren Verstand irgendwie zweideutig. er sich, schlug das Buch auf und begann zu
Im Neuen Testament aber steht es deutlicher. lesen, wie Christus beim Pharisäer zu Gast war,
Dort leuchten über allem die Worte ‚liebe und der Ihm aber nicht einmal Wasser gab, um die
vergib‘, und das ist köstlicher als alles andere, Füße zu waschen. Diese Kränkung, die dem
ist wie ein goldener Schlüssel, der jede Tür Herrn damit angetan wurde, war für Timofej
öffnet. Sollte man etwa nur irgendeine geringe so unerträglich, dass er zu weinen begann. In
Verfehlung vergeben und nicht gerade die ärgste diesem Augenblick ereignete sich das Wunder,
Schuld?“ Er schwieg. Da dachte ich: „Herr, von dem er mir später berichtete: „Ich schaute
wenn es Dir doch gefiele, durch mich ein Wort um mich und dachte: ‚Was habe ich doch für
zur Seele meines Bruders zu sagen!“ einen Besitz und Überfluss! Mein Herr dagegen
lebte in solcher Armut und Niedrigkeit!‘ Meine
Und ich erinnerte ihn, dass auch Christus Augen füllten sich mit Tränen, und ich konnte
nirgendwo ein Zuhause hatte, dass sie Ihn trotz allen Bemühens ihrer nicht Herr werden.
verspotteten, schlugen und bespien. Er aber In diesem Zustand, gleichsam unbewusst wie in
vergab allen. „Folge lieber diesem Beispiel“, einer Ohnmacht, rief ich aus: ‚Herr, kämest Du zu
empfahl ich, „und nicht dem Brauch von Rache mir, ich gäbe mich selbst Dir hin.‘ Irgendwoher
und Vergeltung.“ Er aber rechtfertigte sich, indem hörte ich im Windhauch die Antwort: ‚Ich werde
er mir von jemandem berichtete, der geschrieben kommen.‘ “
habe, dass gewisse Dinge zu vergeben dasselbe
wäre, wie wenn man das Übel vermehre. Dem Timofej kam zitternd zu mir gerannt und fragte
konnte ich nicht widersprechen. So sagte ich mich: „Was denkst Du? Kann der Herr wirklich
nur, ich sei besorgt, dass die vielen Bücher ihn zu mir zu Gast kommen?“ - Ich antwortete:
letztlich um seinen Verstand brächten. Und „Bruder, das weiß ich auch nicht. Was sagt die
ich sprach aus, wozu mein Herz mich drängte: Heilige Schrift dazu?“ - „Christus ist immer
„Solange Du an das Böse, das Dir widerfahren derselbe: gestern, heute und in Ewigkeit. Ich
ist, denkst, ist das Böse lebendig. Lass es sterben, wage nicht, es nicht zu glauben.“ - „Dann glaube
dann wird Deine Seele beginnen, in Frieden zu es!“ - „Ich werde veranlassen, dass man immer
leben.“ Doch Timofej drückte mir nur fest die ein Gedeck auf dem Tisch für Ihn bereithalte“,
Hand: „Ich kann nicht. Hör auf, Du machst mir entschied Timofej. Von diesem Tag an ließ er
nur das Herz schwer.“ Und so schwieg ich. am Tischende den Ehrenplatz frei, davor einen
Es verstrichen weitere sechs Jahre. Ich großen Lehnsessel und ein Gedeck auf dem
beobachtete ihn und sah, dass er immer noch Tisch. Auf die verständlichen Fragen seiner Frau
litt. Würde er irgendwo seinen Onkel treffen, entgegnete er nur, er müsse das eines Gelübdes
11
wegen so halten „für den vornehmsten Gast, der alles, so wie Er es geboten hat, auszuführen!
da käme“. Das eine verstehst Du nicht, das andere wirst
Timofej erwartete den Erlöser nicht nur an Du vergessen, das dritte wiederum vermagst Du
jenem Tag, nachdem er das Wort im Rosengarten nicht zu erfüllen. Doch tu’, wie Du es in deiner
vernommen hatte, sondern auch noch am Seele vernimmst. Wird der Herr kommen, so
dritten Tag und am darauffolgenden Sonntag wird Er alles ergänzen, und solltest Du jemanden
und dann an jedem Feiertag. Bald war er ganz vergessen haben, den Er dabeihaben will, wird
erschöpft vor lauter Unruhe, weil der Herr nicht Er ihn selbst herbeiführen.“
kam. Dennoch ließ er nicht nach im Vertrauen, Als wir am Weihnachtstag mit der ganzen
dass der Herr Sein Versprechen halten werde. Familie zu Timofej kamen, war seine geräumige
„Tagtäglich bete ich: ‚Ja, komm, Herr!‘, und Stube voller Leute, die nach Sibirien verbannt
warte. Doch ich höre nicht die ersehnte Antwort: worden waren: Männer, Frauen und Kinder aus
‚Ja, Ich komme bald‘“, so gestand er mir. Ich verschiedenen Gegenden, Russen wie Polen
wusste nicht recht, was ich dazu sagen sollte. und Bekenner des estnischen Glaubens. Timofej
Manches Mal dachte ich, mein Freund sei hatte alle armen Siedler versammelt. Die großen
hochmütig geworden, und deshalb verwirre ihn Tische waren mit feinen Leinendecken bedeckt
eine trügerische Versuchung. Doch die Zukunft und voll köstlicher Speisen. Die Mägde liefen
belehrte mich eines Besseren. hin und her und stellten Käse und Schüsseln mit
Das Christfest kam. Es war harte Winterzeit. Am Fleischpasteten darauf.
Heiligen Abend kam Timofej zu mir: „Lieber Schon dämmerte es draußen. Es war niemand mehr
Bruder, morgen erwarte ich den Herrn.“ Ich zu erwarten, denn es hatte ein Schneegestöber
antwortete schon lange nicht mehr auf solche begonnen, ein Stürmen und Wehen, als wäre
Aussagen, fragte ihn aber dennoch: „Was gibt der Jüngste Tag hereingebrochen. Nur ein
Dir diese Gewissheit?“ - „Diesmal“, berichtete Gast fehlte noch, der ehrenvoller war als alle
er, „sobald ich nur das ‚Komm, Herr!‘ gebetet anderen. Man hätte die Kerzen schon anzünden
hatte, geriet meine ganze Seele in Bewegung, und sich zu Tische setzen müssen, denn es war
und es klang in ihr auf wie mit Posaunenschall: ganz dunkel geworden, und wir alle warteten
‚Ja, Ich komme bald.‘ Morgen ist Sein heiliges beim schwachen Licht der Lämpchen vor den
Fest - sollte Er mich nicht an diesem Tage Heiligenbildern.
besuchen wollen? Komm Du mit der ganzen Timofej ging bald umher, bald saß er, und befand
Verwandtschaft zu mir, denn mir bebt die Seele sich augenscheinlich in quälender Unruhe. Seine
vor lauter Furcht.“ ganze Zuversicht war ins Wanken geraten. Es
„Timoscha“, sagte ich, „Du weißt, dass ich das schien sicher zu sein, dass der „große Gast“ nun
alles nicht beurteilen kann. Auch erwarte ich doch nicht kommen werde. Er seufzte auf, sah
nicht, den Herrn zu schauen, weil ich ein sündiger mich traurig an und sprach: „Nun, lieber Bruder,
Mann bin. Doch weil Du unser Verwandter ich sehe, entweder ist es Gottes Wille, mich zum
bist, werden wir zu Dir kommen … Du aber, Gespötte zu machen, oder Du hattest recht: Ich
wenn Du mit Sicherheit einen so großen Gast habe es nicht verstanden, all jene zu versammeln,
erwartest, ruf nicht Deine Freunde zusammen, denen Er begegnen möchte. Alles geschehe
sondern suche nach einer Ihm wohlgefälligen nach Gottes Willen; lasst uns beten und uns zu
Gesellschaft.“ - „Ich verstehe“, antwortete er, Tische setzen.“ Er trat vor das Heiligenbild und
„ich werde sofort meine Knechte und meinen begann mit lauter Stimme: „Vater unser, der
Sohn durch das ganze Dorf schicken und alle Du bist im Himmel“, und danach: „Christ wird
Verbannten einladen, die in Not sind und der geboren, lobsinget! Christ kommt vom Himmel,
Hilfe bedürfen. Sollte Gott mir die wunderbare verkündet es, Christ ist auf Erden …“
Gnade erweisen, dass Er zu mir käme, soll
Er alles, wie Er es geboten hat, vorfinden.“ - Sobald er aber dieses Wort ausgesprochen hatte,
„Timofej“, entgegnete ich, „niemand vermag schlug plötzlich irgendetwas so fürchterlich
12
von außen an die Wand, dass alles zu wanken geblieben. Es war Timofejs Feind, sein Onkel,
begann. Dann fuhr ein lautes Getöse durch der ihn völlig zugrunde gerichtet hatte. Timofej
den breiten Flur, und unversehens sprang nahm ihn an beiden Händen und setzte ihn
die Stubentür sperrangelweit auf. Alle Leute auf den vornehmsten Platz. Dann begann der
erschraken zutiefst, und viele stürzten zu Boden. Alte mit knappen Worten zu berichten, dass er
Nur die Wagemutigsten blickten zur Tür. In alles verloren habe: Familie und Reichtum. Er
der Tür aber stand ein uralter Mann, bekleidet wanderte schon lange, um den Neffen zu finden
mit schlechten Lumpen. Zitternd hielt er sich, und ihn um Verzeihung zu bitten. Er habe sich
um nicht zu fallen, mit beiden Händen an den danach gesehnt, sich aber zugleich vor Timofejs
Wandbrettern fest. Von hinten her aus dem Flur, Zorn gefürchtet. In diesem Schneegestöber habe
der unbeleuchtet war, fiel ein geheimnisvoller er den Weg verloren und war dem Erfrieren nahe,
heller Schein, und über die Schulter des Alten er glaubte, nun sterben zu müssen. „Plötzlich
streckte sich eine schneeweiße Hand, die eine jedoch“, erzählte er, „leuchtete mir irgendein
längliche, tönerne Lampe mit einem Flämmchen Unbekannter und sagte: ‚Geh hin und wärme
hielt. Draußen tobte das Schneegestöber, aber Dich an meinem Platze und iss aus meiner
es brachte die Flamme nicht zum Flackern. Und Schale‘, griff mich an beiden Händen, und so
diese Flamme schien dem Alten ins Gesicht und kam ich hierher.“ Timofej jedoch antwortete
auf die Hand, auf der eine alte verwachsene vor allen: „Ich, Onkel, kenne Deinen Begleiter.
Narbe zu sehen war, von der Kälte ganz weiß Das war der Herr, der gesagt hat: ‚Hungert
geworden. Dein Feind, so speise ihn mit Brot; dürstet ihn,
Als Timofej den Alten erblickte, geschah das so tränke ihn mit Wasser.‘ Setze Dich bei mir
Wunder. Er schrie: „Herr, ich sehe ihn und auf den vornehmsten Platz, iss und trink Ihm
nehme ihn in Deinem Namen auf. Du selbst zur Ehre und bleibe in meinem Haus, wenn Du
aber gehe nicht bei mir ein, ich bin ein böser und willst, bis zu Deinem Lebensende.“
sündiger Mensch.“ Damit verneigte er sich mit Seitdem nun blieb der Alte bei Timofej, und
dem Antlitz bis zum Boden. Mit ihm zugleich sterbend segnete er ihn. Timofej aber fand
fiel auch ich nieder vor Freude darüber, dass ihn für immer Frieden. So wurde er gelehrt, in
die echte, christliche Demut durchdrungen hatte, seinem Herzen eine Krippe für den auf Erden
und rief laut: „Christus ist mitten unter uns!“ geborenen Erlöser zu errichten. Und ein jedes
Und alle antworteten: „Amen!“ Das bedeutet: Menschenherz vermag zu solch einer Krippe zu
„Es ist wirklich wahr!“ werden, wenn es das Gebot erfüllt: „Liebt eure
Nun brachte man Licht. Timofej und ich Feinde, tut Gutes denen, die euch beleidigen.“
richteten uns vom Boden auf. Die weiße Hand Dann wird Christus in dieses Herz eingehen und
war nicht mehr zu sehen, nur der Alte war dort Wohnung nehmen.
13