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Die Frau, Die Gegen Türen Rannte: Roddy Doyle

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Roddy Doyle

Die Frau, die gegen Türen rannte


(The Woman Who Walked Into Doors)

Für die Bühne bearbeitet von OLIVER REESE


Deutsch von RENATE ORTH-GUTTMANN

F 1444
Bestimmungen über das Aufführungsrecht des Stückes

Die Frau, die gegen Türen rannte (F 1444)

Dieses Bühnenwerk ist als Manuskript gedruckt und nur für den Vertrieb an
Nichtberufsbühnen für deren Aufführungszwecke bestimmt. Nichtberufsbühnen
erwerben das Aufführungsrecht aufgrund eines schriftlichen Aufführungsvertrages mit
dem Deutschen Theaterverlag, Grabengasse 5, 69469 Weinheim, und durch den Kauf
der vom Verlag vorgeschriebenen Rollenbücher sowie die Zahlung einer Gebühr bzw.
einer Tantieme.
Diese Bestimmungen gelten auch für Wohltätigkeitsveranstaltungen und Aufführungen
in geschlossenen Kreisen ohne Einnahmen.
Unerlaubtes Aufführen, Abschreiben, Vervielfältigen, Fotokopieren oder Verleihen der
Rollen ist verboten. Eine Verletzung dieser Bestimmungen verstößt gegen das
Urheberrecht und zieht zivil- und strafrechtliche Folgen nach sich.
Über die Aufführungsrechte für Berufsbühnen sowie über alle sonstigen Urheberrechte
verfügt der S. Fischer Verlag, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt/Main
Paula Spencer

3
I.

Ich wusste es, noch bevor er was gesagt hatte. Als ich die Tür aufmachte, hatte
es geklickert. Der Polizist war nicht älter als zwanzig und guckte belämmert.
- Missis Spencer?
Jahrelang bin ich umgekommen vor Angst, wenn ich die Tür aufmachen musste.
Wir hatten eine Klingel, die machte einen Mordskrawall, wenn sie losging,
wackelte die Wand, ich machte einen Satz bis an die Decke, die Kinder fingen an
zu brüllen, es war echter Wahnsinn. Ein Gefühl, als ob sie dich in einer Falle
geschnappt, als ob sie dich auf frischer Tat ertappt hätten und du versuchst, die
Sachen verschwinden zu lassen, mit denen sie dich ertappt haben, Sachen, die
Charlo in der Diele hatte liegenlassen, Sachen die er geklaut und da deponiert
hatte. Er hat die Klingel dann ausgewechselt. Nicola, meine Älteste, wollte partout
nicht durch die Hintertür ins Haus, sie wollte vorn rein, das fand sie erwachsener.
Sie klingelte gut und gern zehnmal die Minute.
- Hab meine Jacke vergessen.
- Hab mein Geld vergessen.
- Hab die falschen Jeans an.
Als sie an einem Samstagvormittag zum hundertsten Mal geklingelt hatte, hab ich
ihr eine geschmiert, da war sie dreizehn oder vielleicht erst zwölf, aber jedenfalls
viel zu alt für so was. Ich hab sie geschlagen, wie eine Frau die andere schlägt,
peng, direkt ins Gesicht. Ich hatte einen sitzen, das muss ich dazusagen. Es tat
mir leid, ich wollte mich noch bremsen, aber da war’s schon passiert. Sie war
ganz verdattert. Sie tat mir Leid, aber verdient hatte sie es. Und es ärgerte mich,
dass ich getrunken hatte, es war mir peinlich, meist kriege ich es so hin, dass
keiner was merkt. Ich war einfach ausgerastet; bloß wegen der blöden Klingel. Du
bist gemein, sagte sie und knallte die Tür und war weg.
Die neue Klingel hatte einen hübschen Bing-Bong-Gong. Aber ich war trotzdem
jedesmal fix und fertig, wenn Leute klingelten: Die Bullen, die Charlo holen,
Lehrer, die John Paul holen, Typen, die sich Geld holen wollten. Bing-Bong. Was
vorn an der Tür steht, ist immer mit Vorsicht zu genießen. Es klickerte, sobald ich
aufmachte und den Bullen sah. Ich sah es ihm an, auch wenn ich’s noch gar nicht
wissen wollte. Diesmal war er nicht gekommen, um Charlo zu holen, es war nicht
das Übliche. Er hatte Schiss, und er wollte was loswerden. Er tat mir leid, weil er
die Drecksarbeit machte musste. Ich bat ihn auf eine Tasse Tee rein. Er saß mit
der Mütze auf dem Kopf und erzählte mir seine ganze Familiengeschichte.

4
Mir wurde schwummerig, als ich Charlo zum erstenmal sah. Ehrlich. Meine Beine
waren wie Gummi, ich musste kichern und wusste plötzlich, dass ich Lungen
hatte, sie waren total leer und ließen keine Luft mehr raus.
Da drüben, der an der Wand.
Charlo Spencer.
Meine Freundin stupste mich.
Ich guckte hin und wusste, wen sie meinte. Es konnte kein anderer sein. Nach
allem, was ich gehört, nach allem, was ich erwartet hatte. Er war in einer Clique
und trotzdem ganz für sich. Die Hände in den Taschen, nur die Daumen guckten
raus, eine Zigarette zwischen den Lippen. Das macht mich jetzt noch genauso an
wie damals. Zigaretten sind sexy, auch wenn sie stinken und man Krebs davon
kriegt. Schwarze Bomberjacke, Jeans, Turnschuhe. Groß, total lässig. Er wusste,
dass wir ihn beobachteten.
Wir hatten getanzt, alle zusammen in einem Kreis. Ich schwitzte ein bisschen und
spürte den Schweiß, als ich Charlo sah. Das war kein Schwarm, das war Sex. Ich
wär am liebsten hingegangen und hätte ihn gebissen.
Er nahm die Zigarette aus dem Mund und blies einen tollen Rauchstrahl nach
oben ins Licht, der den alten Rauch wegdrängte und direkt an die Decke stieg.
Die Musik. Frauen erinnern sich immer an die Musik. Sugar Baby [Link] den
Rubettes. Charlos Melodie, nur wusste er das nicht.
- Willst du tanzen?
Ich ließ ihn einen Moment zappeln.
- Warum nicht?
Es war perfekt abgepasst. Die Rubettes waren zu Ende, und Frankie Valli sang
My Eyes Adored You. Das muss er sich so zurechtgelegt haben. Bei Frankies My
schob er seine Arme durch meine Arme, und als Frankie bei Eyes angelangt war,
lagen seine verschränkten Hände auf meinem Rücken. Er hatte getrunken, man
roch es, aber es störte mich nicht.
But I never laid a hand on you -
Ich legte meinen Kopf an seine Schulter. Ich gehörte ihm.

5
Eine Weile wusste ich überhaupt nichts. Wo ich war. Warum ich da unten lag.
Dann sah ich Charlos Füße, dann seine Beine, die mit dem Fußboden ein
Dreieck bildeten. Er war ganz weit weg. Hoch über mir. Ich musste mich nach
hinten biegen, um ihn zu sehen. Dann beugte er sich vor. Guckte mein Gesicht
an. Prüfend, suchend. Ob irgendwo ein blauer Fleck war – oder Blut. Er drehte
meinen Kopf, in seinem Gesicht war ganz viel Sorge und Liebe. Nur in die Augen
guckte er mir nicht.
Du bist hingefallen, sagte er.

Wenn ich zurückdenke, finde ich, dass wir es schön zu Hause hatten. Carmel,
meine Schwester, hat es anders in Erinnerung, und Denise redet nicht drüber,
wahrscheinlich, weil sie dann einer von uns recht geben müsste. Mir oder
Carmel.
Ich weiß noch, wie ich in meinem Kinderbett lag, und über mir wehte der
Schlafzimmervorhang; ein Vorhang mit Blumen drauf. Von unten hörte ich das
Radio, und Mammy summte beim Tischdecken. Carmel lag in ihrem Bett und
schlief. Denise gab’s noch nicht. Das ist meine erste Erinnerung, und ich glaube,
sie stimmt. Das Kinderbett war weiß, an manchen Stellen war die Farbe
abgeplatzt. Am Kopfende war das Bild von einem Rehkitz. Ich hatte es die ganze
Zeit für einen Hund gehalten aber als Daddy das Bett dann später für Eddie vom
Boden holte, war ich elf, und da war es ein Rehkitz. Wenn ich glücklich denke
und Zuhause, sehe ich immer einen Vorhang wehen und die Sonne an der Wand
und dass ich kuschelig daliege. Letzte Woche, als ich drüben bei Mammy war,
hab ich sie gefragt. Hatten wir mal geblümte Vorhänge, hab ich gefragt, und sie
hat gesagt nein, immer nur gestreifte.

Zu Hause gab es nie Überraschungen, nicht mal zu Weihnachten. Einmal wollte


ich auch eine Überraschung haben, weil meine beste Freundin eine kriegte. Ich
schrieb an den Weihnachtsmann, dass ich mir eine Überraschung wünschte,
aber ich schrieb auch rein, was er mir bringen sollte, weil Mammy eine
Andeutung gemacht hatte, was ich kriegen würde, und am Ende wär’s sonst was
anderes geworden. Es gab überhaupt nie Überraschungen bei uns, keiner
klingelte an der Haustür, keiner guckte durchs Küchenfenster. Was vom
Sonntagsbraten übrig war, gab’s am Montag mit gekochten Kartoffeln. Wenn ich
morgens aufwachte, wusste ich genau, wie alles laufen würde.

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- Paula! Paula! Zeig uns deine Möpse.
Ich kriegte meinen Busen in der fünften Klasse. Nur zwei in meiner Klasse hatten
schon einen, ich und Fiona. Monatelang steckten wir ständig zusammen, nur wir
zwei. Weil wir einen Busen hatten. Ich war wahnsinnig stolz darauf, als ich erst
mal drüber weg war, wie Mammy mich angeguckt hatte. Sie ist rot geworden.
Ich werde das nie vergessen, diesen Ausdruck auf Mammys Gesicht. Als wenn
ich ihr wer weiß was getan hätte. Ein paar Tage später sah dann alles anders
aus.
- Wir gehen heute in die Stadt, sagte sie.
Nur wir zwei, ohne Geschwister. Toll.
Bei Clery kaufte sie mir zwei Büstenhalter. Dann ging sie mit mir in ein Lokal und
kaufte mir einen gefüllten Krapfen und eine Fanta.
Ich sollte nicht die Krapfenkrümel in die Fanta spucken, sagte sie, das machten
nur Kinder, und ich sei kein Kind mehr.
- Schließlich trägst du jetzt einen BH.

Das Gesicht von Mammy damals im Badezimmer ist eine von den wenigen
Sachen aus meiner Kindheit, an die ich mich nicht gern erinnere. Sie haben mich
bestohlen, hat sie gedacht, als sie meinen Busen sah. Sie haben mir mein kleines
Mädchen weggenommen. Bei Nicola ist es mir nämlich ganz genauso gegangen,
nur hab ich mich mächtig zusammengerissen – hab mich alleine ausgeheult. Ich
bin mit Nicola in die Stadt gefahren, aber nicht zum BH-Kaufen sondern in einen
Film nur für Erwachsene, Dirty Dancing, das hatte ich ausgesucht, weil sie da
schönen Sex machen, kein Gegrunze, viel Zärtlichkeit. Immer, wenn Patrick
Swayze ins Bild kam, habe ich sie gestupst, und nach einer Weile stupste sie
zurück.
So locker war es hinterher nie mehr zwischen uns. Nie mehr.

Er war wirklich scharf, besser könnte ich ihn nicht beschreiben - vom ersten bis
zum letzten Augenblick. Charlo war kein schöner Mann, das nicht. Als wir zum
erstenmal auf dem Feld draußen Sex hatten und so betrunken waren, ich
besonders, und ich gar nicht richtig wusste, was da abging, nur dass er schwer
auf mir lag und mir furchtbar schlecht war, hinterher ging’s mir ganz mies, ich war
nass und wund und hatte ein schlechtes Gewissen und furchtbaren Schiss, da
hätte ich’s schon ganz gern gehabt, wenn er einer von diesen schönen Männern
gewesen wär, die hätten mich auf starken Armen nach Haus getragen. Die hätten
mich gar nicht erst auf einem Feld gevögelt!

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Er wischte seinen Schwanz an der Innenseite von der Bomberjacke ab. Schöne
Männer machen so was nicht. Ich musste an Robert Redford und seine
Picknickdecke denken...

Der Arzt guckte mich nie richtig an. Er beguckte sich Teile von mir, aber er sah
mich nie als Ganzes. Er guckte mir nie in die Augen. Besoffen, sagte er sich, und
dann war der Fall für ihn gelaufen.

Als ich Charlo zum ersten Mal sah, noch bevor ich sein Gesicht richtig erkennen
konnte, wusste ich, was Liebe ist. Schon war ich eifersüchtig, schon rechnete ich
damit, dass er mich verlassen würde, wünschte mir fast, dass er ein Arschloch
wär, da hatte ich noch nicht mal seine Stimme gehört.

Ich hab ihn geliebt, als ich ihn rauswarf. Ich hab ihn geliebt, als der Bulle klingelte.
Ich liebe ihn jetzt.

In der Schule musste ich mich neben Derek O'Leary setzen, weil wir den gleichen
Nachnamen hatten. Er furzte den ganzen Tag. Hob den Hintern an, damit man es
auch hörte. Er versuchte mich anzufassen, bis ich ihm eine schmierte. Fick dich,
sagte ich und musste prompt aufstehen, weil ich gestört hatte.
- Na, Paula? Ist wohl nicht sehr angenehm, was?
Da stand ich schon eine halbe Stunde.
- Nein, Miss.
- Setzen.
- Danke, Miss.
Derek O'Leary glotzte mich an.
- Du stinkst nach deinen Tagen.
- Du stinkst nach Scheiße.
- Tage.
- Scheiße.
- Tage.
- Scheiße.
Drei Jahre lang.
Es war ein ganz schöner Schreck, als mir klar wurde, daß ich dumm war. Das
ging am ersten Tag in der Hauptschule los. Der Direktor las die Namen vor und
bei den ersten fünf Klassen war ich nicht dabei, und der Schulhof wurde immer
leerer, und ich hätte heulen können. Ich hatte alle meine Bücher mit, meine

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Tasche war bleischwer. Und die Schuluniform war komplett bis auf die Söckchen.
Flaschengrün, wirklich toll. Und es fing an zu regnen. Alle meine Freundinnen
waren schon drin, bis ich aufgerufen wurde. Die letzte Klasse, da war eigentlich
schon alles klar.

In Haushaltswirtschaft war ich nicht ganz so schlecht. Miss Travers hatte immer
eine Mütze auf, weil sie so fror. Sie hatte einen Sprung in der Schüssel. Sie hatte
keine Zeiteinteilung. Wir taten gerade erst das geschlagene Ei zum Mehl, wenn
es klingelte.
- Das erste oder das zweite Mal, Mädels?
- Das zweite Mal.
- Achgottachgott, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man Spaß an einer Sache
hat.

In der neuen Schule wurde ich hart; früher war ich nicht so gewesen.
- Du stinkst nach Scheiße.
Vorher hab ich so was nie gesagt. Jetzt musste ich mich abgebrüht benehmen
und schmutzig denken. Musste kämpfen. Irgendwas musste ich an mir haben,
das die Typen anzog, das sie reizte, mich anzufassen. Mein Busen, für den ich zu
jung war. Mein Haar. Meine Beine und Arme und mein Hals. Irgendwas an mir
war unrein und schmutzig. So dachte ich damals, ich war fest davon überzeugt.
Ich sagte keinem was davon, ich hätte nicht gewusst, wie man so was sagt, und
ich wollte es auch nicht. Ich war irgendwie, ohne es zu begreifen und ohne dass
ich was dagegen machen konnte, eine dreckige Schlampe geworden, an der sich
alle aufgeilten. Ich roch an mir rum, vielleicht war es ja das, - ein Geruch, den
man abwaschen konnte, und dann würden sie mich in Ruhe lassen, und alles
würde sein wie früher. Aber ich roch nichts, und es wurde nie wieder wie früher.
- Fick dich.
- Fick dich.
- Fick dich ins Knie.
- Fick dich.
Den ganzen Tag.
- Lass deine beschissene Pfoten von mir weg.
- Mach deine beschissene Hausaufgabe allein.
- Gib das zurück, du Fotze.
Wir kamen als Kinder hin und wurden zu Tieren. Und keiner scherte sich darum.

Ich bin dann zwei Wochen mit einem gegangen. Das musste sein. Du kannst

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einen Typ nicht bloß wichsen, du musst ihn lieben. Ich hab’s nicht noch mal
gemacht, er hat’s nicht verlangt.
Dabei steh ich eigentlich auf Romantik. Wenn es irgendwo am Strand gewesen
wär oder meinetwegen noch im Park. Wenn Martin Kavanagh mir in die Augen
gesehen hätte. Wenn er nicht so bescheuert gewesen wär. Auf der Weltkarte vor
uns hatte jemand Südamerika Titten und eine Fotze angemalt. Ich wischte mir die
Hand am Söckchen ab. Eigentlich sollte man sich überhaupt nicht die Hand
abwischen müssen. Mir fiel wieder Robert Redford und sein Picknickdecke ein.

Fest steht, dass ich es in der 5a nicht gemacht hätte. Angefangen hatte es damit,
dass ich aufgerufen wurde, als es anfing zu regnen, und das Ende vom Lied war,
dass ich auf der letzten Bank, in der letzten Klasse einem gutaussehenden
Vollidioten einen runterholte. So machte man sich in der 5e einen Namen.

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Ich – damals.
Das Mädel, das Martin Kavanagh gewichst hat, war eins siebenundfünfzig. Ihre
Schwester hatte sie gemessen. Sie hatte glattes braunes Haar. Sie hatte sich
vorgenommen, es so lange wachsen zu lassen, bis sie drauf sitzen konnte. Sie
hatte Frauenbeine, das kleine Mädchen war ein für allemal weg. 85er Büste. Das
war damals ein gängiges Wort, Büste. Sie hatte sich schon dreimal die Beine
rasiert. Sie wusste, dass sie dumm war, aber es störte sie nicht sehr. Sie wollte
nicht mehr Lehrerin werden, sondern Stewardess oder Schauspielerin. Aber im
Grunde hätte sie jeden Job gemacht. Ihre Mutter sagte, sie wäre hübsch genug
um Model zu werden. Aber sie hatte einen schiefen Zahn – damit war’s also
nichts. Auch Sängerin wär sie gern geworden. Da konnte sie auf einem Hocker
sitzen und die langsamen Nummern singen. Sie kannte den ganzen Text von
American Pie auswendig und Vincent. Sie saß auf dem Fensterbrett in ihrem
Kinderzimmer, wenn sie Vincent sang. Sie hasste die Schule, aber sie war
glücklich. Sie war froh, dass sie Martin Kavanagh gewichst hatte. Sie schämte
sich und war stolz. Sie war jemand. In ein paar Monaten würde sie von der
Schule abgehen. Sie hatte ihr ganzes Leben vor sich.

Ich - jetzt.
Die Frau, die Charlo Spencer masturbiert hat, ist eins sechzig, aber sie ist in
letzter Zeit ein bisschen eingegangen – sagt ihre Schwester. Sie hat immer noch
braunes Haar aber sie trägt es jetzt blond; das findet sie frischer. Sie sieht gut
aus, wenn sie daran denkt, sich gerade zu halten, und wenn man nicht so genau
hinguckt, aber so genau gucken tut sowieso keiner. Ihr Gesicht ist voll von roten
Äderchen. Man kann sie gut verstecken. In zwei Monaten wird sie
neununddreißig. Gebt ihr einen Spiegel, Make-up und eine halbe Stunde Zeit,
und sie sieht aus wie eine Dreißigjährige. Schaut sie an, wenn sie morgens
aufsteht, und ihr denkt, sie ist fünfzig. Sie putzt Büros, für zwei Pfund fünfzig die
Stunde. Vormittags putzt sie auch privat. Bei einer Stellenvermittlung ist sie auf
der Liste, aber sie hat kein Telefon. Sie hat vier Kinder. Sie ist Witwe. Und
Alkoholikerin. Sie hat Wunden im Herzen, die nie aufhören weh zu tun. Manchmal
denkt sie, dass sie Krebs hat und dass sie ihn verdient. Sie hat keine besonders
hohe Meinung von sich, aber ist nicht mehr so sicher, dass sie dumm ist.

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Es kam nicht überraschend. Charlo war seit über einem Jahr nicht mehr im Haus.
Ich hatte ihn rausgeworfen. Aber er war immer noch mein Mann. Deshalb war der
Bulle zu mir gekommen. Ich war immer noch Mrs. Spencer. Ich machte noch eine
Tasse Tee, weil das so üblich ist. Ich ging nicht an den Wodka. Ich nahm mich
zusammen. Ich tat mir einen Löffel Zucker mehr in den Tee.
Charlo war tot.

- Was ist es eigentlich passiert?


Der Bulle sagte nichts.
- Wie ist es passiert? Das haben Sie mir nicht gesagt.
- Er ist ... Er ist erschossen worden.
- Oh...
- Es war einer von uns. Spezialeinheit.
- Danke. Es ist nur, damit ich Bescheid weiß.
- Er war bewaffnet.
Ich wollte nichts mehr hören; ich hatte genug.
- Er hat eine Frau umgebracht.
- Wer hat eine Frau umgebracht?
- Mister Spencer.
- Es kommt bestimmt in den Nachrichten. Im Fernsehn.
- Okay.
- Wiedersehn.

In dem Moment, als Charlo anfing, mit mir zu tanzen, war ich keine Schlampe
mehr. Das vergess ich nie. Die Leute guckten mich an und sahen eine andere
Frau. Mein Vater nannte mich eine Schlampe, als ich mir zum ersten Mal die
Wimpern getuscht hatte. Carmel hatte andauernd Zoff mit ihm. Er schleppte sie
nach oben ins Badezimmer. Er schruppte ihr Gesicht mit der Nagelbürste.

Ich weiß nicht, wie oft ich das in den nächsten Jahren gehört habe. Stell dich
nicht an, Schlampe. Unentwegt. Du warst eine Schlampe, wenn ein Kerl dir die
Zunge in den Mund stecken durfte, und wenn du ihn nicht ranlassen wolltest,
warst du eine Pissnelke. Oder auch eine Schlampe. Je nachdem.
Manchmal beides. Richtig machen konntest du es nie. Noch ehe ich was über

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Sex wusste, noch ehe ich mit der Grundschule fertig war: Schlampe. Mein Daddy
sagte es, die Typen sagten es, die andern Mädchen sagten es. Sobald ich mit
Charlo ging, war damit Schluss. Es war unglaublich.
Ich hätte splitterfasernackt mit zwei Fluppen zwischen den Lippen rumlaufen und
mir das Schamhaar kämmen können - und es hätte keinen mehr gejuckt. Ich
gehörte jetzt Charlo, und dadurch war ich eine anständige Frau geworden. Die
Kerle machten keine dreckigen Bemerkungen mehr, wenn ich vorbeiging. Sie
hatten alle Schiss vor Charlo, und das fand ich toll. Ich hätte Charlo einen Kerl
zeigen und sagen können, schlag ihn tot, und er hätte es gemacht. Das wussten
sie. Und ich wusste es.

Toll war das, das erste Mal mit ihm nach Hause zu gehen. Ich schätze, es war
das Beste von all den Jahren mit ihm, auch wenn sich das jetzt vielleicht blöd
anhört. Es war warm und windig. Ich erinnere mich genau, und es kratzt mich
auch nicht, wenn jemand beweisen kann, dass es geregnet hat. Es hat nicht
geregnet, es war wunderschön. Ich hatte kein bisschen Angst vor ihm. Nach nur
zehn Minuten war er wie ein richtiger Freund, aber er machte mich auch an. Ich
fand ihn - ja eben echt scharf. Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn er mich
hinter eine Mauer gezogen hätte – aber er hatte Achtung vor mir. Ich wusste,
dass er es noch machen würde, ich weiß immer, was auf mich zukommt. Typen
sind wie einfache Kreuzworträtsel, du kennst die Lösung, noch ehe du die Frage
zu Ende gelesen hast.

Er hielt meine Hand. Er brachte mich nach Hause. Er war der King, und dadurch
war ich auch wer – keine Queen, keine Prinzessin – einfach wer. Es war ein
Anfang. Es gab mir was. Ich spürte es in meinem Gang.

- Nicht alle Männer sind Arschlöcher, sagte ich zu Carmel.


- Nenn mir einen, der keins ist, sagte Carmel.
- Okay...
- Na los. Einen wenigstens.
- Okay, sagte ich. - Herrje, ich glaub, ich bin besoffen. Robert Redford.

Ich war nicht betrunken. Mein Kopf war klar. Ich war hellwach; Ich war voll da. Ich
war in Ordnung. Ich konnte meinem Gedächtnis trauen. Mein Vater war mein
Vater; meine Vergangenheit war meine Vergangenheit. Die Sachen, die ich im
Kopf hatte, stimmten. Mein Vater war ein netter Kerl gewesen. Charlo würde ein
liebevoller Ehemann sein und ich war eine gutaussehende Frau, ich war nicht

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immer so wie jetzt. Ich hab nur am Wochenende getrunken. Mein Haar war fast
so lang, dass ich darauf sitzen konnte. Ich kochte ein tolles Sonntagsessen. Ich
entdeckte Bisto-Fertigsoße. Ich lag in meinem Kinderbett, und der Wind spielte
mit den Vorhängen. All diese Sachen waren in meinem Kopf, und sie stimmten.

- Er hat eine Frau umgebracht.


- Es kommt bestimmt in den Nachrichten.
- Okay.

- Ich sag es Nicola. Wenn sie kommt. Sie ist nämlich bei der Arbeit. Sie hat
Arbeit.

Ich war stolz auf sie. Ich hatte mein Leben gründlich versaut, ihr würde das nie
passieren. Nicht, weil sie Arbeit hatte oder schön war - meine Kinder sind alle
schön -, sondern weil sie auf eine ganz besondere Art die Achseln zucken
konnte. Mit diesem Achselzucken würde sie an allen Charlos und Arschlöchern
vorbeikommen. Sie würde nie ein Alki werden wie ihre Mutter. Sie würde nie wie
fünfzig aussehen, ehe sie verdammt noch mal fünfzig war, und dann würde sie
wahrscheinlich aussehen wie vierzig. Nicola war was ganz Besonderes.
Manchmal war ich so neidisch auf sie, dass ich ihr sonstwas hätte antun können.
Sie war mein Stolz und meine Freude. Ist es noch.

- Dein Daddy ist tot, Liebling.


Was alles in einem Achselzucken liegen kann.
- Wie ist es passiert?, fragte sie mich.
Jetzt zuckte auch ich die Achseln.
- Erschossen. - Das muss man sich mal vorstellen.
Wir fingen an zu lachen.

Das gelbe Absperrband und Polizisten.


Zuerst war der Wagen im Bild, dann Charlo, der danebenlag unter der Decke.
Sein Fuß war noch in der offenen Tür. Den Wagen kannte ich nicht. Die Socken
schon, ich hatte sie ihm gekauft. Hübsche Häuser. Er gehörte da nicht hin.

Mein Name ist Paula Spencer. Ich habe vier Kinder. Es hätten fünf sein können,
ich hatte eine Fehlgeburt. Nicola ist die Älteste. Sie ist achtzehn. Sie hat Arbeit

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und einen festen Freund, Tony. Ein großartiges Mädchen, um das ich mir keine
Sorgen zu machen brauche. Danach kommt John Paul. Er ist sechzehn. Ich weiß
nicht, wo er ist. Er hat mal irgendwo in der Stadt kampiert, in einem Abbruchhaus,
aber ich glaube, da ist er nicht mehr. Er lässt sich nicht mehr blicken. Keiner redet
mit mir über ihn. Ich rede mit keinem über ihn. Alles spricht dafür, dass er
drogensüchtig ist. Er hat meine Mutter beklaut. Schon ein paar Mal. Bei mir
macht er das nicht, er weiß, hier ist nichts zu holen. Er hat eine Tätowierung auf
dem Arm, die hab ich ihm geschenkt, es ist das einzige, was uns noch verbindet.
Die nächste ist Leanne. Sie ist zwölf. Sie ist toll. Ich wünschte, sie würde nie
erwachsen werden. Am Samstag hatte sie einen Knutschfleck am Hals. Sie hat
gemerkt, dass ich es gesehn hab, gesagt hab ich aber nichts. Sie sagt so
komische Sachen, dass ich immer lachen muss. Eine gute Schülerin, aber ein
bisschen vorlaut. Sie soll die Schule zu Ende machen, bis zur Reifeprüfung. Die
erste von den Spencers, die das geschafft hat. Zum Schluss kommt Jack, mein
Baby. Er ist fünf. Er hat noch sein Babygesicht und seinen Babybauch. Wenn ich
mies drauf bin, geh ich immer zu Jack und guck ihn an. Ich hab ihm Bye Bye
Blues beigebracht, und er weiß genau, wann er es singen muss. An seinen Vater
erinnert er sich nicht. Sagt er. Für seine Sachen hab ich mehr Geld ausgegeben
als für die von allen anderen zusammen. Gebrauchte Klamotten für Jack? Nie!

Ich bin Alkoholikerin. Das hab ich noch keinem gesagt. Will ja auch keiner
wissen. Ich hab nie was dagegen gemacht, hab nie versucht aufzuhören. Ich
glaube, wenn ich es wirklich wollte, könnte ich es. Ich hab schon immer gern was
getrunken, schon als Sechzehnjährige, als ich noch gar nicht mit Charlo ging. Ich
könnte nicht sagen, bis wann es mir einfach nur geschmeckt hat und ab wann ich
es gebraucht hab.
Ich trinke alles. Meine Kinder kriegen kein ordentliches Essen, weil ich trinke.
Aber ich hab es im Griff. Ich trinke jetzt nur noch, wenn Jack im Bett ist. Seit drei
Monaten, einer Woche und drei Tagen. Leicht ist es nicht. Ich darf nicht im Haus
rumsitzen; ich geh mit ihm in den Park. Ich stell die Flaschen hinten in unseren
Schuppen, dafür hab ich extra ein Vorhängeschloss geholt, und werf den
Schlüssel in das lange Gras. Den zweiten Schlüssel hab ich in die Tonne
geworfen, an dem Tag, als die Müllabfuhr kam. Ich hab eine Familienpackung
Kartoffelchips wieder ins Regal gestellt, um dafür das Schloss kaufen zu können.
Es ist nur klein, wahrscheinlich könnte ich es knacken, aber ich tu’s nicht. Darauf
bin ich stolz. Wenn Jack im Bett ist, suche ich den Schlüssel. Manchmal dauert
es eine halbe Ewigkeit, aber ich finde ihn immer. In der Kälte, in Dunkelheit und
Regen. Aber wenn er im Bett ist, macht mir das nichts. Manchmal schick ich ihn

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