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Riumph Des Erzens: PDF - Familie Mariens 21. Jg. (II) 2013 Nr. 117

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Triumph des Herzens

LEIDEN, DAS ZUM SEGEN WIRD


PDF - Familie Mariens
21. Jg. (II) 2013
Nr. 117
Leiden im Liebesplan Gottes
J eder Mensch, vom Kind bis zum Greis, ob
gläubig oder ungläubig, kennt Leiden. Doch wie
Seiner Liebe. Das Kreuz wird zum Zeichen größ-
ter Liebe - Liebe bis zum Äußersten. „Wenn ich
schwer fällt es uns, mit dem Leiden in rechter über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu
Weise umzugehen! Wenn wir von Katastrophen mir ziehen.“ (Joh 12,32) Damit wollte Jesus sa-
oder Kriegen hören, von Holocaust, Hunger und gen: Als Gekreuzigter Gottmensch werde Ich al-
Seuchen, dann steigt nicht selten die Frage auf: les verwandeln. Das ist die Erlösung! Damit än-
„Wie kann Gott so etwas zulassen!“ Eigentlich dert sich alles.
kann nur der Christ die Frage nach der Ursache
und dem Sinn des Leidens beantworten. Denn im
Blick auf Christus am Kreuz weiß der Gläubige:
N un geschieht aber etwas Wunderbares:
Der erlöste Mensch darf sogar an dieser Erlö-
der göttliche Erlöser hat alle Leiden der ganzen sung und Rettung anderer mitwirken. Als Erste
Schöpfung umfangen, in Sich hineingenommen von allen schenkte Jesus diese miterlösende
und durch Seine Liebe geheiligt. Deshalb kommt Gnade Seiner Mutter, die, wie der sel. Papst Jo-
mit dem Leiden immer auch Christus und Seine hannes Paul II. sagte, „an allen Leiden ihres
Liebe zu mir. Dieses Wissen lässt den Christen gekreuzigten Sohnes Anteil hatte“. Die Im-
ganz anders leiden als einen Ungläubigen. maculata hat durch ihre Makellosigkeit und

D a das Wesen Gottes die Liebe ist, könnte


Er nie wollen, dass Seine Geschöpfe leiden. Das
Gnadenfülle in derart hohem Maße das Leiden
ihres Sohnes für die Erlösung der Welt mitge-
tragen, dass Johannes Paul II. nicht zögerte, sie
würde Seinem Wesen völlig widersprechen. Je- „Miterlöserin“ zu nennen. Diese Gnade, sein
der liebende Vater weiß das. Leiden und Tod Leiden vereint mit Christus miterlösend aufzuop-
haben also ihren Ursprung ganz und gar nicht in fern, möchte Gott allen Menschen schenken.
Gott, sondern allein in der freien Abkehr des Ge- Da der Mensch nicht für das Leiden erschaffen
schöpfes von Gott, seinem Schöpfer, der Quelle ist, lehnt er sich natürlicherweise dagegen auf. Er
seines einzigen Glückes. Durch die Abkehr von bedarf des Gebetes, das die Seele öffnet und be-
Gott stürzt sich der Mensch in unzählige Schmer- fähigt, das Leiden in Liebe anzunehmen, vereint
zen und abgründige Leiden, deren letzte Konse- mit Jesus zu tragen und es Gott für die Bekehrung
quenz der Tod ist. Da wir nun eine einzige große anderer aufzuopfern. Das muss man nicht immer
Menschheitsfamilie sind, miteinander verbun- spüren, sondern es genügt ein aufrichtiger Wil-
den, füreinander verantwortlich und voneinan- lensakt. Dann ist das Leiden plötzlich nicht mehr
der abhängig, tragen oft Unschuldige die Folgen etwas, was uns von Gott trennt, sondern ein kost-
sündhafter Entscheidungen anderer, wie etwa ein bares Geschenk, das uns vergöttlicht, d. h. uns
Kind, das abgetrieben wurde. Oder denken wir an unmittelbar und tief mit Gott vereint. Aus dieser
eine hl. Edith Stein, die zu ihrer Schwester Rosa Vereinigung mit Gott brechen sogar im Leiden
sagte, als die Gestapo sie abholte: „Komm, wir Trost und Freude auf. Durch die Vereinigung mit
gehen für unser Volk!“ Christus erlebt jeder Leidende, was der hl. Paulus
Durch Seine unendliche Liebe hat Jesus das an in seinem Brief an die Galater schrieb: „Nicht
und für sich wertlose Leiden unendlich wertvoll mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir!“
und kostbar gemacht. Er hat es vergöttlicht, ihm (Gal 2,20) Das heißt auch: „Nicht mehr ich leide,
verwandelnde Kraft gegeben, ja zur Quelle der sondern Christus leidet in mir.“ Dann hat das
Gnade und des Segens werden lassen. Er machte Leiden erlösende Kraft und wird zum Segen für
aus Seinem Leiden, Kreuz und Tod einen Beweis dich und für andere.

2
Die hl. Matrona
71 Jahre lang betete und litt die hl. Matrona (1881-1952) für ihr Volk.
Einer Feuersäule gleich bewahrte die russisch-orthodoxe Sühneseele inmitten
grausamster Christenverfolgung von Seiten der Kommunisten ebenso wie
von dämonischen Mächten einen unerschütterlichen Glauben an die Liebe Gottes.
Tausenden Hilfesuchenden erteilte sie Rat, heilte Kranke, befreite von Dämonen
Gequälte und sprach über zukünftige Dinge, als lese sie in einem offenen Buch.

M atrona Dmitrijewna Nikonowa wurde


1881 in dem kleinen Dorf Sebino 280 km süd-
die Heiligen und die Gottesmutter lebendig vor
ihr. Gerne ging Matrona mit ihren Eltern zur Li-
lich von Moskau in einer armen Bauernfamilie turgie in die nahe gelegene Kirche, wo sie gleich
als viertes Kind geboren. Ihre Mutter Natalja links am Eingang in der Ecke ihren Stammplatz
hatte noch vor der Geburt einen prophetischen hatte. Dort stand sie oft unbeweglich wie eine
Traum, in dem sie erlebte, wie sich ein weißer Säule viele Stunden lang und sang zum Stau-
Vogel mit menschlichem Gesicht, aber geschlos- nen aller mit dem Chor die liturgischen Gesänge
senen Augen auf ihrer Hand niederließ. Als dann auswendig mit.
ihr Töchterchen blind, ja sogar ohne Augen mit Die Kinder im Dorf hatten leider nicht die fein-
geschlossenen Lidern geboren wurde, verstand fühlige Art ihrer Eltern. Gerne hätte Matrona mit
sie die Symbolik dieses Traumgesichtes. Trotz ihnen gespielt, doch sie machten sich über sie
ihrer Armut gaben sie daraufhin das behinderte lustig, schlugen das wehrlose Kind mit Brenn-
Kind nicht wie in dieser Zeit üblich in ein Kin- nesseln oder setzten sie in eine Grube, um zu be-
derheim, sondern umsorgten es mit viel Liebe. obachten, wie es ihr gelingen würde, mit Mühe
Bald schon bemerkten die Eltern, wie gerne ihre herauszukriechen. Dann lachten sie sie aus und
Kleine betete, und obwohl sie ja vollkommen behandelten sie so schlecht, dass sie sich von
blind war, sprach sie mit den Ikonen, als stünden ihnen zurückzog und allein zu Hause spielte.

Außergewöhnliches Leiden - außergewöhnliche Gaben


Z ur Blindheit kam nun noch die Ein-
samkeit. Doch Gott belohnte Matrona schon
Taufkreuz abgelegt?“, öffnete die Kleine ihr
Hemdchen mit den Worten: „Aber Mama, ich
als Kind mit außergewöhnlichen Gnaden. habe doch mein Kreuz hier auf der Brust!“
Als eines Tages Mutter Natalja ihre sechsjäh- Was die Mutter nicht verstehen konnte, erzählte
rige Tochter rügte: „Weshalb hast du dein Matrona später einer Vertrauten. Einmal war ein

Gelähmt und blind, war sie ganz von Gott abhängig und den Menschen völlig ausgeliefert. Doch gerade diese äußerste
Hilflosigkeit erduldete sie mit so großer Liebe, dass sie zur geistigen Mutter für ihr Volk wurde. Ähnlich wie ihre heiligmä-
ßige russische Zeitgenössin Makaria, über die wir im Triumph des Herzens Nr. 111 berichtet haben, lebte auch die hl.
Matrona in äußerster Armut, oft sogar im Elend. Doch ihre Leiden, die sie in heroischer Ergebenheit trug, wurden nicht
nur für die vielen Besucher, die sie damals empfing, zur Gnadenquelle, sondern auch bis in die heutige Zeit hinein für die
Tausenden Gläubigen, die täglich an ihr Grab kommen, um der Heiligen ihre Nöte anzuvertrauen.

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alter Mann zu ihnen in die kleine Hütte gekom- aber vor allem die Gabe der Liebe zu jedem
men und hatte um etwas zu trinken gebeten. Sie Menschen, der im Laufe ihres Lebens zu ihr
reichte ihm einen Holznapf mit Wasser. Er trank, kam. Nicht jeder meinte es gut mit ihr. So ge-
gab den Napf zurück und klopfte mit der Hand schah es, dass sich in ihrem 17. Lebensjahr nach
leicht an ihre Brust. An dieser Stelle prägte sich der Hl. Kommunion eine Frau näherte, von der
dann ein Kreuz ein, das man noch 1998 bei der sie wusste, dass sie ihr äußerst feindselig gesinnt
Hebung der Reliquien als Wölbung am Brustkorb war. „Ich bin ihr nicht aus dem Weg gegan-
feststellen konnte. Matrona versicherte, dass sie gen“, erzählte Matrona, „denn ich wusste, es
damals der hl. Nikolaus besucht hatte. war der Wille Gottes, dass ich diese Verwün-

I m Alter von acht Jahren begann das blinde


Mädchen über Dinge zu sprechen, die sie
schung auf mich nehme.“
Von diesem Tag an konnte Matrona nicht mehr
gehen, da ihre Beine gekrümmt blieben. Weil
unmöglich wissen konnte. Anfangs lachte man sie selbst dies und viele andere dämonische
sie aus, doch als immer mehr alles so eintraf, Bedrängnisse mit Geduld ertrug und aufopfer-
wie das Kind es vorausgesagt hatte, kamen die te, konnte sie die Menschen von Verfluchungen
Menschen von nah und fern, um es um Rat zu und dämonischen Bindungen befreien. Matrona
fragen. warnte alle: „Ihr dürft euch nicht an Wahrsa-
Gott schenkte der kleinen großen Beterin und gerinnen oder sogenannte Heilerinnen wen-
Dulderin nun auch die Gabe der Heilung, der den, denn sie bringen wohl leiblich etwas in
Bilokation, des Wunderwirkens, der Unterschei- Ordnung, doch fügen sie der Seele unsag-
dung der Geister, der Befreiung von Dämonen, baren Schaden zu.“

Zwei Feuersäulen begegnen sich


S olange Matrona noch gehen konnte, wurde sie
immer wieder von einer wohlhabenden Freundin,
auf, zur Seite zu treten und einen Gang frei zu
machen. Dann rief er, ohne das Mädchen je zuvor in
Lidia Jankowa, zu Pilgerfahrten eingeladen. Sie be- seinem Leben gesehen zu haben: „Matronuschka,
teten am Grab des hl. Sergej von Radonesch, ver- komm, komm her zu mir! Seht, hier geht meine
ehrten die heiligen Mönche in der Kiewer Lawra, Nachfolgerin, die achte Säule Russlands!“ Wir
deren Leiber schon seit Jahrhunderten unverwest in wissen nicht, ob die damals elfjährige Matrona die
Särgen ruhten, und kamen 1892 auch nach St. Pe- Bedeutung dieser Worte in ihrem ganzen Umfang
tersburg. Dort wohnten sie einer Hl. Messe des be- erfassen konnte. Doch im Laufe ihres Lebens wurde
rühmten Wundertäters Johannes von Kronstadt bei. erfahrbar, was der hl. Johannes von Kronstadt, der
Am Ende der Liturgie forderte der heilige Priester - wie ein Johannes Vianney für Frankreich - ein
die versammelten Gläubigen mit lauter Stimme Vater für das russische Volk war, prophezeit hatte.

Eine Sühneseele im kommunistischen Moskau


A ls 1925 die beiden Brüder Matronas,
Michail und Ivan, in die kommunistische Par-
rer tiefgläubigen Schwester, die täglich Leute
empfing, um sie durch Wort und Tat im christ-
tei eintraten, wurde ihnen die Anwesenheit ih- lichen Glauben zu bestärken, unerträglich, und

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sie befürchteten Repressalien. Voll Mitleid mit zum Essen eingeladen worden war, fragte ich sie:
ihrer Familie verließ die 44-jährige Matrona ‚Matronuschka, wie kommt es, dass wir beide
ihr Elternhaus und zog zu ihrer Schwester nach von diesem Hering essen und doch immer
Moskau. gleich viele Stücke auf der Platte sind?‘ Da
Als Christin bekam sie keine Aufenthaltsgeneh- antwortete mir die Heilige: ‚Du kümmere dich
migung und musste deshalb häufig ihren Wohn- nicht darum und iss weiter!‘“
ort wechseln. Da sie zudem gelähmt war, trugen
Freunde sie von Verwandten zu Bekannten. Sie Äußerlich verlief Matronas Leben ruhig und
lebte in Hütten, windigen Räumen und Kellern, gleichmäßig: Am Tag empfing sie bis zu 40
oft unter ärmsten Verhältnissen. Durch innere Besucher. Dann saß sie mit gekreuzten Beinen
Eingebung wurde sie immer vor einer bevor- aufrecht, ihre Hände segnend über demjenigen
stehenden Razzia der Geheimpolizei gewarnt. ausgestreckt, der vor ihr kniete, wobei sie sein
Nur einmal gelang es ihr nicht, früh genug zu Haupt leicht mit den Fingern berührte. Dann be-
fliehen. Da half der Herr ihr auf andere Weise: kreuzigte sie ihn, sagte mit wenigen Worten, was
Dem Polizisten, der gekommen war, um sie für seine Seele nötig war, betete und ließ ihn ge-
zu verhaften, rief sie zu: „Lauf schnell nach hen. Jeder Tag war mit den Trübsalen und Küm-
Hause, denn dort ist ein Unglück passiert.“ mernissen derer angefüllt, die sie um ihre Für-
Überraschenderweise folgte er sogleich ihrer bitte baten. Wenn es Abend wurde, gönnte sich
Weisung und fand seine Frau, deren Kleider sich Matrona ganz erschöpft ein wenig Ruhe. Klein
am Petroleum entzündet hatten, schwer verletzt von Gestalt wie ein Kind, saß sie, meistens halb
in der Wohnung. Es gelang ihm gerade noch, sie zur Seite geneigt, auf die Hand oder Faust ge-
rechtzeitig ins Krankenhaus zu bringen, um ihr stützt und schlummerte so ein wenig. Die meiste
das Leben zu retten. Als man ihn am nächsten Zeit der Nacht aber verbrachte sie im Gebet.
Morgen fragte, ob er die Blinde endlich fest- Schon sehr früh sagte Matrona die Revolution
genommen habe, gab er zur Antwort: „Diese voraus, wie man „rauben, die Kirchen zer-
Blinde werde ich auf keinen Fall verhaften. stören und nacheinander alle Gläubigen
Hätte sie mich nicht gewarnt, wäre meine verjagen wird“. Sie wusste um die Ermordung
Frau nicht mehr am Leben.“ der Zarenfamilie, aber auch, dass die jüngste

M atrona musste mit jedem Unterschlupf


zufrieden sein, den die Vorsehung ihr gab.
Schwester des Zaren, Olga Romanowa, sich
retten konnte und in der Gegend von St. Peters-
burg in einem kleinen leerstehenden Häuschen
Das Leidvollste dabei war, dass der Herr als versteckt lebte. Matrona fand zuverlässige Ver-
Sühne von ihr verlangte, sich von einer Frau traute, die Olga heimlich Nahrung brachten.
versorgen zu lassen, die sich Satan verschrieben
hatte, schwarze Magie betrieb und häufig Die blinde Dulderin tröstete sehr viele Frauen,
betrunken war. Oft bekam sie von ihr nicht die nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Rück-
einmal genug zu essen. Gerade in dieser Zeit, kehr ihres Mannes warteten. Durch eingegos-
die für Matrona besonders leidvoll war, wirkte senes Wissen konnte sie sagen, ob der Erwartete
Gott viele außergewöhnliche Wunder, auch noch am Leben war. Sie selbst erzählte, wie sie
die Vermehrung von Nahrungsmitteln. Eine während des Krieges in Bilokation an der Front
Besucherin erzählt: „Als ich einmal von Matrona den Soldaten beistand.

Jahrzehntelang opferte die hl. Matrona ihre unzähligen Leiden in Liebe auf. Wen wundert es, dass Gott ihr dafür eine
überaus große Fürbittemacht verlieh! Wer am Grab der Heiligen beten möchte, muss darum mit einigen Stunden
Wartezeit rechnen. Unter den Besuchern sind überraschend viele Menschen: Frauen, die keine Kinder bekommen
konnten und auf die Fürsprache Matronas hin empfangen haben, junge Mütter in Erwartung mit der Bitte um eine ge-
sunde Schwangerschaft und ebenso viele Ehepaare mit ihren neugeborenen Babys, um für die gute Geburt zu danken.

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, Jedem, der sich um Beistand und Hilfe
an mich wendet, werde ich in seiner
Sterbestunde beistehen.“

Ihr Heimgang und Wirken vom Himmel aus


D rei Tage vor ihrem Heimgang, dem 2. Mai
1952, ließ der Herr Matrona ihre Sterbestunde
Jahres in das orthodoxe Frauenkloster der
Schutzmantelmadonna in Moskau übertragen.
wissen. Voll Güte, aber mit letzten Kräften, nahm Im Jahr 2004 wurde Matrona von Patriarch Ale-
sie von Freunden und Besuchern Abschied, die xij II. heiliggesprochen. Von diesem Zeitpunkt
in diesen Stunden zu ihr kamen. Den Besorgten an begann ein endloser Menschenstrom zur Iko-
versprach sie: „Wenn ich gestorben bin, dann ne und zum Grab Matronas zu pilgern.
kommt an mein Grab. Ich werde dort immer
zugegen sein, werde euch helfen und für euch
beten wie zu meinen Lebzeiten in der Welt.
M itten in der Stadt Moskau stehen die
Besucher stundenlang in der Warteschlange,
Sprecht mit mir, vertraut mir euren Kummer bis sie endlich ihre Sorgen und Bitten ihrer
an, und was ich eurer Seele sage, das tut.“ Matuschka, ihrem Mütterchen, anvertrauen
Die hl. Matrona hatte auch vorausgesagt: „Wenn können. Und die Erfahrung zeigt: die hl. Matrona
ich gestorben bin, werden nur ganz wenige verweigert niemandem ihre Hilfe und ihren
mein Grab besuchen, nur solche, die mir Schutz. Unzählige Gebetserhörungen und Wunder
besonders nahestehen. Wenn diese sterben, sind bezeugt, und fast täglich kommen neue hinzu.
wird mein Grab vernachlässigt werden, Tatjana aus Moskau erzählt: „Im Sommer 1994
kaum, dass noch jemand vorbeikommt. Erst kam es zum Bruch mit einer mir nahestehenden
viele Jahre später wird man von mir erfahren Familie. Ich war tief gekränkt und hatte nicht die
und sich an mich erinnern. Dann wird das Kraft zu verzeihen. So brachte ich diese Kränkung
Volk in Scharen herbeiströmen, um in seinem zum Grab unserer hl. Matrona. Als ich sie dort um
Kummer bei mir Hilfe zu suchen. Sie werden Hilfe bat, hörte ich innerlich die Worte: ‚Gott tritt
mich bitten, für sie zum Herrn zu flehen, und den Stolzen entgegen, den Demütigen aber
ich werde allen helfen und alle erhören.“ schenkt er seine Gnade.‘ (Jak 4,6)
Genau so hat es sich verwirklicht. Am 8. März Daraufhin bin ich den Weg nach Hause nicht
1998, 46 Jahre nach ihrem Tod, wurden auf gegangen, sondern förmlich geflogen. Mein Herz
dem Danilow-Friedhof die Reliquien der hl. war so sehr geläutert worden, dass ich nun sogar
Matrona gehoben und am 1. Mai desselben selbst bereit war, um Verzeihung zu bitten.“

Quelle: Hl. Matrona, Stariza von Moskau,


Verlag Hagia Sophia 2012

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Das Kreuz hat Flügel
Der spanische Journalist Manuel Lozano Garrido (1920-1971),
genannt „Lolo“, verstand es, seine unheilbare Krankheit als Geschenk aus der Hand
Gottes anzunehmen, und wurde so zum wahren Apostel der Freude. In bewunderns-
werter Weise glaubte er an die
miterlösende Berufung aller Leidenden.
2010 wurde er als erster Journalist seliggesprochen.

M anuel Lozano Garrido wurde als


fünftes von sieben Geschwistern in dem anda-
Hier entfalteten sich seine selbstlose und hu-
morvolle Art, die die Altersgenossen anzog, sein
lusischen Städtchen Linares in Südspanien ge- klares Urteil und seine hohen Ideale. Hier wur-
boren. Er war ein fröhliches Kind, ein Lausbub, de das geistige Fundament einer feurigen Liebe
der begeistert Theater und Fußball spielte und zu Christus, zur Hl. Eucharistie und zur Gottes-
die Natur sehr liebte. Nach dem frühen Tod der mutter gelegt, einer Liebe, die seinen aposto-
tiefgläubigen Eltern begann für die Geschwister lischen Eifer beflügelte, Menschen für Christus
eine harte Zeit. Manolo selbst trat mit elf Jahren zu gewinnen. Hier entdeckte er auch seine Lei-
der örtlichen Jugendgruppe der „Katholischen denschaft für das Schreiben: „Mit 15 Jahren
Aktion“ bei, einer kirchlichen Laienbewegung, war mir meine Berufung ziemlich klar … ich
die fortan zu seiner geistlichen Familie wurde. wollte Journalist werden.“

„Wir können es! “


1936, als Lolo 16 Jahre alt war, brach der aufnehmen konnte. Unermüdlich wirkte er
Spanische Bürgerkrieg aus und damit eine nun als Katechet, besuchte Kranke, schrieb
schwere Verfolgung der Kirche. Gottesdienste seine ersten Artikel als Propagandachef des
wurden verboten, viele Priester und Laien Jugendzentrums der Katholischen Aktion und
verhaftet oder erschossen. Auch unter Manolos leitete sogar ein christliches Radioprogramm.
Freunden, den Jugendlichen der Katholischen
Aktion, erlitten manche das Martyrium.
Vom einzigen nicht inhaftierten Priester der
I m Sommer 1940 unternahm Manuel eine
große Jugendwallfahrt nach Saragossa zum
Stadt wurde Lolo beauftragt, den verfolgten Heiligtum „Unsere Liebe Frau von der Säule“,
Katholiken die Hl. Kommunion zu bringen. der „Virgen del Pilar“. Dort, vor dem Gnadenbild
Diese Erfahrung, den Eucharistischen Herrn der Gottesmutter, erinnerte der Priester die
inmitten des Krieges bei sich zu tragen, prägte Jugendlichen an ihre Altersgenossen, die nur
den Jugendlichen tief. Bald schon wurde Manolo wenige Monate zuvor ihr Leben für Christus
verhaftet und für drei Monate eingesperrt, doch hingegeben hatten, und rief ihnen die Frage Jesu
selbst hier im Gefängnis verlor er seinen Humor an Jakobus und Johannes zu: „Könnt ihr den
nicht! Nach seiner Freilassung musste Manuel Kelch trinken, den Ich trinken werde?“ In
mit seinen nur 17 Jahren an die republikanische ihrer Liebe und Begeisterung antworteten sie,
Front, ehe er 1939, nach dem Krieg, neben und Lolo mit ihnen, einstimmig: „Wir können
einer Lehrerausbildung sein Apostolat wieder es!“ Manuel war jetzt 20 Jahre alt. Drei Jahre

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später sollte der Herr ihm einen Kelch reichen, Kreuzesannahme hineinwachsen. „Den Willen
bis zum Rand gefüllt und ganz anders, als Lolo Gottes annehmen … Wir sagen: Ich akzep-
ihn sich vorgestellt hatte. Denn als er ab 1942 tiere, ich akzeptiere!, tun es aber wie einer,
zum erneuten Militärdienst in Madrid weilte, der dem lieben Gott einen Blankoscheck
zeigten sich vermehrt Anzeichen einer schweren ausstellt, jedoch hofft, die Summe, die Er
Krankheit. einträgt, möge möglichst niedrig ausfallen.
Es begann mit heftigen Schmerzen in den Annehmen - ein schönes Wort, in unserer
Beinen, bald konnte Lolo keine Treppen mehr Vorstellung hat es aber einen eingebauten
steigen. Erst nach eingehenden Untersuchungen Tropfenzähler. Christliches Akzeptieren ist
in Madrid stand die furchtbare Diagnose fest: viel mehr als ein einfaches Zustimmen. Es
Morbus Bechterew, eine bis heute unheilbare bedeutet, es als ein Gut zu lieben, wenn Gott
rheumatische Erkrankung vor allem der uns etwas gibt oder nimmt. Es bedeutet, total
Wirbelsäule, die, begleitet von zeitweise und bedingungslos zu vertrauen, dass alles,
unerträglichen Schmerzen, schnell und was Gott tut oder zulässt, reine Güte ist.“
unaufhaltsam zur völligen Versteifung führt!
Manuel nahm dieses Kreuz vorbehaltlos an, Er bat Jesus nur: „Leihweise: überlass mir Dein
als er mit dem Vermerk „unheilbar krank“ aus Herz für ein, drei, fünf Jahre, die ich noch zu
dem Wehrdienst entlassen wurde. Er verstand leben habe. Dein Herz, nicht aus Egoismus,
es wohl als Geschenk, doch musste er mit jeder damit ich alles leicht und ohne Anstrengung
Verschlechterung der Krankheit durch Schmerz meistere, sondern damit ich meine Pflicht gut
und Dunkelheiten hindurch immer tiefer in die erfüllen kann, Dich ohne Maß zu lieben.“

Die Trösterin von Lourdes


und die Kraft der Hl. Eucharistie
Bald nach der Diagnose bot sich Lolo 1943 die sich in ihrer tröstenden Gegenwart vom Lei-
Gelegenheit, in Begleitung seiner Schwester denskampf auszuruhen. Jesus legte er einmal die
Lucia an einer Wallfahrt nach Lourdes Worte in den Mund: „Von einer Mutter strömt
teilzunehmen. In eindrucksvoller Weise wurden etwas aus, das wie Feuer ist, wie Zucker,
ihm dort die Quellen bestätigt, aus denen er alle Friede, Glück und Freude. Ich gebe euch die
Kraft für seinen Leidensweg schöpfen sollte. Garantie, dass ihr nie ohne Zärtlichkeit sein
Lucia erzählte: werdet. Denn Ich will, dass ihr, auch wenn
„Mit irrsinniger Freude kamen wir zur Grot- ihr schon alt seid, ein Herz in euch habt, das
te … Ich legte einen Handspiegel auf Lolos weich wird, wenn euch zum Weinen zumute
Knie, damit er die Statue der Gottesmutter ist. Ich gebe euch Meine Mutter, die ein Herz
in der Felsennische sah, denn er konnte ja hat so groß wie ein Berg, und das genügt.“
seinen Kopf nicht heben. Als ich den Spiegel Als Höhepunkt des Lourdesaufenthaltes nennt
wegnahm, war er voller Tränen.“ Manuel aber die tiefe Erfahrung des Eucharisti-
Die begeisterte Liebe zu Maria bewirkte in Ma- schen Krankensegens. Lolo lebte ganz aus der Hl.
nolo nicht nur Leidensmut. Er verstand es auch, Eucharistie.

Lucia berichtete über den Aufenthalt mit Manolo an der Grotte: „Lolo betete nie um seine Heilung. Er sagte dort zur Gottesmut-
ter: ‚Ich opfere dir auch meine Freude … die so fruchtbare Freude.‘“ Sie sollte ihm helfen, diese bis zum Schluss zu bewahren.

8
V ereint mit ihr, lebendig und unbeweglich,
wurde sein Leben zu einem einzigen
Messe in seiner Wohnung. Ein Priester, der dort
zelebrierte, bezeugte:
immerwährenden Opfer. In den folgenden Jahren „Mir schien, in dieser Messe gab es zwei
sollten sich die Priester von Linares abwechseln, Altäre und zwei Opfer. Christus war in dem
um Manuel täglich die Hl. Kommunion zu Brot, das ich eben konsekriert hatte. Doch
bringen. Und im September 1962, kurz bevor Er war auch in diesem Leib, der durch bald
Lolo am Fest des hl. Franziskus erblindete, 30 Jahre glücklichen Leidens so verwüstet
erlaubte der Diözesanbischof die Feier der Hl. war.“

Bevor die erste Hl. Messe in seinem Zimmer gefeiert wurde, bat Lolo spontan: „Bringt die Schreibmaschine
und stellt sie unter den Altartisch, damit der Stamm des Kreuzes von Golgota in die Tastatur eindringt und
darin Wurzeln schlägt.“

„ Mit Liebe leiden heißt erlösen“


„Wenn einer fragt, wie Gott ist, sag,
dass Er zuallererst Vater ist, dann sag, was du willst.“
D ie Erfahrung des glaubensvollen Leidens
so vieler Menschen in Lourdes, die Erfahrung
erlösende Kraft zu verleihen, die Sein
Kreuz hatte, um die Welt zu erlösen … Dazu
der dort fast greifbaren Liebe der Gottesmutter sind zwei Dinge notwendig: unser Wille
und des Eucharistischen Herrn ließen Manuel im und unsere Liebe.“ Der Schmerz wurde Lolo
Blick auf sein eigenes Kreuz das Entscheidende somit zur Berufung und zum Mittel, um in all
verstehen: „In Lourdes begannen mir die seiner Unbeweglichkeit missionarisch tätig zu
Tragweite und der universale Sinn des sein. In diesem glücklichen Verständnis konnte
Leidens aufzugehen.“ Er verstand, dass sein Lolo lächelnd sagen: „Ja, das Kreuz wiegt
bewusst angenommener Schmerz nicht nur schon etwas, aber es hat Flügel.“
für ihn selbst „eine reinigende, heiligende
Seite hat, die Frieden und Herzensfreude
bewirkt“, sondern auch für andere zur Quelle
S o war eine weitere herrliche Frucht von
Lourdes schließlich das Werk „Sinai, Gebets-
übernatürlichen Lichtes wird. Er schrieb später: gruppen für die Presse“, das Lolo gründete, in
„Christus ist in allen jenen, die leiden … dem bald über 300 Kranke in etwa 20 Gebets-
nicht nur, um diese Leiden zu teilen und gruppen, dazu zahlreiche Klöster, ihre Gebete
erträglicher zu machen, sondern um sie mit und Leiden für die katholische Presse aufopfer-
den Seinen zu vereinen, um ihnen dieselbe ten.

9
Beruf: Gelähmter und Journalist …
1943 saß Manolo bereits im Rollstuhl, seine mehr gebrauchen konnte, diktierte er seiner
Hände und Füße begannen sich zu verkrüm- Schwester oder auf ein Tonbandgerät. Seine
men, mit nach vorne geneigtem Oberkörper Berufskollegen, die Lolo sehr schätzten, sagten
nahm er die starre Haltung einer „4“ ein. So über ihn: „Er war Journalist vom Scheitel
verbrachte er 28 Jahre in ständigen Schmerzen, bis zur Sohle.“ Bis zu seinem Lebensende
die letzten neun Jahre zudem in Blindheit. Sein veröffentlichte er neun Bücher und über
Leben spielte sich in einem einzigen Raum ab, 300 Artikel, in denen er seine Erfahrungen
in dem ihn seine Schwester Lucia fortwährend verarbeitete, um anderen Hoffnung zu
umsorgte, in dem er schlief, betete, aß und ar- vermitteln. So verwirklichte sich, was er zu
beitete. Lolo litt sehr unter der Vereinsamung. Beginn seiner Behinderung geschrieben hatte:
Doch klagte er nie über all diese enormen Op- „Der Schmerz meiner Krankheit änderte
fer. Je mehr die Leiden zunahmen, desto stär- meinen Lebensweg radikal. Ich verließ die
ker wurde sein Wille, ohne jedes Selbstmitleid Klassenzimmer, gab meinen Lehrertitel auf,
ein möglichst „normales“ Leben zu führen. Einsamkeit und Stille wurden mein Anteil.
Die Zeit bis zum frühen Nachmittag gehörte Der Journalist, der ich gerne gewesen wäre
dem Gebet, oft stundenlang betrachtend vor … der kleine Apostel, von dem ich träumte,
seinem Kruzifix, sein Rosenkranz hing immer zog nicht mehr durch die Stadtviertel.
an der Armlehne seines Rollstuhls. Den Rest Doch habe ich mein Ideal und meine
des Tages arbeitete, las, schrieb und korrigierte Berufung noch vor mir, in einer Fülle,
Manuel unermüdlich; als er die Hände nicht von der ich nie zu träumen gewagt hätte.“

. . und Apostel der Freude


L olos Leiden und die Art, wie er damit
umging, ließen ihn reifen und wurden ihm zum
Traurigkeit und sucht nach einem Spalt,
wo er hineinkann.“ Auch wenn Manuel
inneren Reichtum, mit dem er die Menschen mit Lucia allein war, lächelte er nicht immer.
beschenkte - zum literarischen und geistigen Für Außenstehende aber schien sein Lächeln
Apostolat. Doch sein größter Reichtum, der alle „ewig“. Er wusste: „Die Freude im Herzen
beeindruckte, war seine Freude. zu haben, ist Ergebnis von Kampf und
Er war der Überzeugung: „Was den Christen Selbstverzicht: sie ist die bleibende Frucht
kennzeichnet, sind nicht Geduld, Ergebung einer Eroberung.“
und vielleicht nicht einmal Güte, sondern
Freude. Denn wer eine Prüfung freudlos Diese Freude, die im Willen Gottes wurzelte,
erträgt, ist nicht völlig in das Geheimnis war andauernd, tief, friedvoll und ansteckend.
des Kreuzes eingedrungen. Alle Tugenden In dieser positiven Haltung begegnete er
wachsen aus der Freude. Wer sie hat, hat jedem, den vielen Journalisten, Priestern und
alles.“ Dabei kannte er sehr wohl Dunkelheiten Jugendlichen, die in seiner Wohnung ein und aus
durch Ängste, Einsamkeit, das Erleben seiner gingen, mit dem Angebot seiner großzügigen
Nutzlosigkeit: „Vor dem Fenster meines Freundschaft. Dieser „Mann der Schmerzen“
Herzens flattert der düstere Spatz der im Rollstuhl vermittelte ihnen Hoffnung und

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Vertrauen auf Gottes Güte. Gegen Ende seines Selbst am Tag seines Sterbens, dem 3.
Lebens bekannte Manolo: „Ein Wort ist es, November 1971, gelang es ihm noch, trotz
das aufrichtig in mir aufsteigt: ‚Danke!‘ schwerster Leiden ein Lächeln zu schenken,
Über all dem Leid wurde mein Leben auf ehe er nach kurzem Todeskampf unter
besondere Weise sicherlich reicher, durch dem Ave Maria und dem Vaterunser des
die Liebe, die mir von oben geschenkt Priesters und mit dem Kreuz in der Hand
wurde.“ für immer seine blinden Augen schloss.

Lolo beschwor die Journalisten, ihre Arbeit als Berufung zu erkennen: „Der Journalist weiß wie kein anderer,
wie schwierig es ist, der Wahrheit zu dienen. Er spürt wie kein anderer die Verantwortung, tagtäglich
mit Tausenden Lesern zu kommunizieren; er kennt und fürchtet seine Fehler. Er weiß, dass es einen sehr
schwierigen Ort gibt, Christ zu sein und zu bleiben: die Presse.“

„Aus einem meiner Artikel ging eine Ordensberufung hervor. Gerade im richtigen Moment fand ein Mädchen, das
noch hin und her überlegte, die Welt, die ich ihr darin schilderte, anziehend und tat den entscheidenden Schritt. Viel-
leicht ist das die einzige wohltuende Frucht einer meiner Anstrengungen. Immer eingeschlossen in meinem Zimmer,
sage ich mir, dass ich ja sowieso nur demütiger Sämann sein kann … In Stille säen und in der Einsamkeit, immer
aus der Ferne; das, was uns verbindet, ist: falls es einen Frühling gibt, wird seine Frucht auch in der Ferne reifen.“

Quelle: Rafael Higueras Alamo und Pedro Camara Ruiz, La gioia vissuta.
Vita, profilo spirituale e opere del servo di Dio Manuel Lozano Garrido „Lolo“, Editrice Paoline

Aus dem Credo des Leidens


Ich glaube
an das Leiden als eine Auserwählung.

Ich glaube,
dass das Opferein Telegramm an Gott ist,
auf das Er unfehlbarmit Gnade antwortet.

Ich glaube
an die erlösende Mission des Leidens
und nähere mich
den Leidenden wie einer Kreuzreliquie

Ich glaube
an die Nützlichkeit der Einsamkeit.

Ich glaube,
dass die körperliche Nutzlosigkeit sich für alle
in geistliche Fruchtbarkeit verwandelt.
sel. Manuel Lozano Garrido

11
Gebet der Kranken
Herr, wir, die Kranken, kommen zu Dir.
Wir sind die Nutzlosen der Gesellschaft.
Wir stören überall. Wir können unser Haus nicht verlassen,
um uns in die Welt der Wirtschaft zu stürzen.

Wir verbrauchen unsere armseligen Ersparnisse für Medikamente,


Spritzen und unzählige Arztbesuche.
Alle lachen, wir weinen still.
Alle arbeiten, wir ruhen gezwungenermaßen immer aus,
in einer Ruhe, die unvergleichlich anstrengender ist als alle Arbeit!
Wir können nicht zum Telefon gehen, wenn es läutet,
können dem Freund die Tür nicht aufmachen,
können den umgefallenen Stuhl nicht wieder aufstellen.

Es steht uns nicht frei, einen Mann oder eine Frau zu lieben.
Wir können nicht an ein eigenes Heim, eine Familie denken,
noch können wir mit den Fingern unserer Illusionen
den Haarschopf unserer Kinder streicheln ...

Und dennoch, eine ungeheure Aufgabe wartet auf uns:


den Menschen zu ihrer Rettung zu verhelfen!
Lass uns, Herr, diesen Auftrag erkennen, der uns, vereint mit Dir,
aufgegeben ist. Lass uns seinen tiefen Sinn erkennen.

Herr, empfange unsere Nutzlosigkeit wie einen Strauß herrlicher Lilien.


Nimm diese Blumen in Deine von den Wundmalen gezeichneten Hände,
damit sie zur universalen Erlösung beitragen.

sel. Manuel Lozano Garrido

12
Zwillingsschwestern im Geist
So bekannt Mutter Teresa ist, so wenig wissen
die meisten über ihre beinahe 50 Jahre währende
Freundschaft mit der belgischen Adeligen Jacqueline de Decker.
Diese geistige Einheit war der „Mutter der Armen“ so kostbar, dass sie ihre kranke
Freundin im Rollstuhl nie anders als ihr „zweites Selbst“ nannte.

A ls eine bescheidene, 37-jährige Schwes-


ter in weißem Sari mit blauer Borte am 17. Au-
Ruf Gottes folgend, als Krankenschwester und
Sozialarbeiterin bereits seit zwei Jahren in den
gust 1948 die Sicherheit des Loreto-Klosters Slums von Madras für die Ärmsten wirkte. Durch
von Kalkutta verließ, um sich in den Slums der halb Indien war sie gereist, um „diese kleine
Allerärmsten anzunehmen, war der erste Schritt Nonne mit großen Idealen“ zu treffen. „Ein
zu einem neuen, bald weltumspannenden Orden Jesuitenpriester hatte mir in Madras von ei-
getan. ner ‚Sr. Teresa‘ erzählt, die ähnlich wie ich zu
Von Gottes Ruf inspiriert, begann damals Mutter leben und zu arbeiten beabsichtigte. Wir tra-
Teresas Berufung als Missionarin der Nächsten- fen uns schließlich in der Schwesternkapelle
liebe. Doch ehe sie zur Tat schritt, um in jedem und entdeckten im gemeinsamen Gespräch,
Armen, Kranken, Sterbenden, Bettler und Stra- dass wir die gleichen Ideale teilten … Wir
ßenkind dem heimatlosen, nackten, hungrigen planten, dass ich mich ihr anschließen würde,
und dürstenden Jesus zu dienen, erwarb sich Mut- doch als ich ihr mitteilte, wie schlecht es um
ter Teresa bei Schwestern in Patna medizinische meine Gesundheit bestellt war … kamen wir
Grundkenntnisse. überein, es wäre vernünftiger für mich, vor-
Dort kam es zur denkwürdigen Begegnung mit erst nach Belgien zurückzukehren, um mich
der 35-jährigen Jacqueline de Decker, die, dem dort auszuruhen und untersuchen zu lassen.“

Leiden vereint mit der Passion Jesu


I n ihrer inneren Not machte Jacqueline auf
der Heimreise nach Europa eine Wallfahrt nach
mehr als Schwester nach Indien zurückkehren
würde, was sie bis dahin fest als Gottes Willen
Lourdes, denn sie war überzeugt: „Die Mutter angesehen hatte. Das Gefühl, versagt zu haben,
versteht bestimmt, was ich durchmache.“ Schmerzen, Bitterkeit und Depressionen quälten
Zuhause in Antwerpen stellten Spezialisten fest, sie. Dennoch wollte sie sich tapfer in die ihr so
dass Jacquelines Wirbelsäule irreparabel verletzt unverständliche Lage fügen. „Da der Arzt mei-
war. Bald wiesen ihre Arme, ein Auge und der ner Krankheit keinen direkten Namen gab,
rechte Fuß Lähmungserscheinungen auf, so dass nenne ich sie einfach ‚GgK‘, ‚Gottgegebene
etliche Operationen nötig waren, um eine gänz- Krankheit‘.“
liche Lähmung zu verhindern. Ein ganzes Jahr Damals traf im Herbst 1952 ein Brief Mutter
verbrachte die Kranke im Gipsbett Dann wur- Teresas ein, durch den diese ihrer körperlich
den weitere zwölf Eingriffe an Hals und Rück- schwer behinderten Freundin zu einer neuen
grat notwendig. Jacqueline war klar, dass sie nie Berufung verhelfen durfte: „Jacqueline, heute

13
unterbreite ich dir einen Vorschlag. Du aber in Indien sein, wo viele Seelen sich
sehnst dich doch so sehr danach, Missionarin nach dem Herrn sehnen, aber nicht fähig
zu sein. Warum vereinst du dich nicht geistig sind, von sich aus auf Ihn zuzugehen, denn
mit unserer Gemeinschaft, die du so innig niemand ist bereit, den Lösepreis für sie zu
liebst? Während wir unsere Arbeit in den bezahlen. Du wirst eine wahre Schwester
Slums tun, kannst du … die Arbeit durch der Nächstenliebe sein, wenn du den Preis
deine Leiden und Gebete mit uns teilen. bezahlst … Ich brauche viele wie dich, die
Die Arbeit hier ist unüberschaubar, und sich leidend mit unserem Orden vereinen …
ich brauche Helfer dafür, das stimmt. Aber Gott muss dich bevorzugend lieben, wenn
ebenso brauche ich Seelen wie dich, die Er dir so großen Anteil an Seinen Leiden
für das Werk beten und leiden. Mit deinem schenkt. Sei tapfer und fröhlich, denn Gott
Leib wirst du in Belgien, mit deiner Seele hat dich auserwählt!“

„Meine erste Erfahrung der Annahme von Leiden machte ich mit 15 Jahren. Nach einem Tauchunfall hatte ich starke
Rückenschmerzen, und es war mir, als bitte mich Gott, das Leiden anzunehmen, und ich nahm das Leiden an. Da-
mals begann ich bereits zu überlegen, einmal nach Indien zu gehen, denn ich dachte mir: ‚Es gibt so viele Leidende
in der Welt, doch Gott kann sie nicht erreichen ohne Hände, die für sie sorgen, und ohne Füße, die zu ihnen gehen.
Könnte nicht ich das sein?‘ So entschloss ich mich, mein Leben ganz Gott und dem Dienst am Nächsten hinzugeben.“

Jacqueline nahm den „Missionsauftrag“ an. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass
„Als Mutter Teresa mich bat, kranke und … Kranke jemandem beim Handeln helfen
leidende Helfer für sie zu suchen, begriff könnten … Doch wie Mutter Teresa sagt:
ich erst, wie wichtig die Einheit von Lei- Leiden, vereint mit der Passion Christi, wird
denden und Tätigen für das Reich Gottes ist. zu einem kostbaren Geschenk.“

Ein jeder ist willkommen!


R asch konnte Jacqueline erstaunlich viele
ihrer Leidensgenossen dafür gewinnen, sich mit
meine Seele allein durch den Gedanken ge-
stärkt, dass du für mich betest und leidest.
den verschiedensten Schmerzen, Gebrechen und Dann wird wieder alles leicht, und das Lä-
mit ihren Gebeten für das aufblühende Werk cheln für den lieben Gott stellt sich ganz von
Mutter Teresas hinzugeben. Jede Schwester er- allein ein.“
hielt auf diese Weise mit Namen ein „zweites Zeitlebens blieb Jacqueline Mutter Teresas per-
Selbst“. Das gilt auch heute für nunmehr über sönliches „zweites Selbst“. Sie musste sich weit
5000 Schwestern. 1953 schrieb Mutter Teresa an über 30 Operationen unterziehen und gab 1996,
Jacqueline: „Tatsächlich kannst du viel mehr ein Jahr vor Mutter Teresas Tod, die Leitung der
auf deinem Schmerzenslager tun als ich, inzwischen über 3000 kranken und leidenden
wenn ich herumrenne … Jeder, der eine Mis- Mitarbeiter aus allen Erdteilen, Schichten und Al-
sionarin der Nächstenliebe werden will … tersgruppen ab. Nur zwei Tage vor ihrem Sterben
ist willkommen bei uns, doch ganz besonders schrieb Mutter Teresa am 3. September 1997 ih-
lieb sind mir die Gelähmten, Verkrüppelten rer Zwillingsschwester nach Belgien noch einen
und unheilbar Kranken, weil ich genau weiß, letzten Dankesbrief. Jacqueline Decker starb am
dass sie Jesus viele Seelen zu Füßen legen 3. April 2009 im 96. Lebensjahr und wollte im
werden … Wenn die Zeiten schwer sind, wird indischen Sari beerdigt werden.

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Wenn es keinen Himmel gäbe …
A ls erste von drei leiblichen Schwestern
trat Sr. Sebalda Neger (75 J.) aus Herrenried
Als ganz junge Schwester stellte ich einmal dem
zehnjährigen gelähmten Robert, der völlig auf
in der Oberpfalz mit nur 16 Jahren bei den fremde Hilfe angewiesen war, die unüberlegte
Schönbrunner Franziskanerinnen in Bayern Frage: „Robi, möchtest du nicht auch lieber
ein. Ihr ganzes Ordensleben - im Dezember laufen?“ - „Ja, wenn es keinen Himmel gäbe,
werden es 60 Jahre sein - stellte sie in den Dienst dann schon!“, kam sofort die Antwort.
behinderter Kinder, ermutigt auch durch einige Das machte mich sehr betroffen. Robi hat seine
persönliche Zeilen von P. Pio, der ihr schrieb: Behinderung ein ganzes Leben lang bis zum letzten
„Verehre das Heiligste Herz Jesu, und alles Tag durchgetragen. Im Laufe der Jahrzehnte hatte
wird gut werden!“ ich oft Gelegenheit, ihn zu fragen, wie es ihm
Sr. Sebalda machte unzählige ergreifende gehe, worauf er jedes Mal die gleiche Antwort
Erfahrungen im Umgang mit jungen Menschen, gab: „Mir geht es gut!“ Diese gleichbleibende
die mit einer Behinderung leben müssen Haltung kann ich mir nur so erklären, dass in einem
und deren Leiden zu einer offensichtlichen völlig armseligen Leib eine wunderbare Seele
Segensquelle für sie und für andere wurden. wohnt und dass Gottes Gnade sehr wirksam ist.
Lassen wir sie erzählen: Durch Robi habe ich gelernt, wie außerordentlich
wichtig es ist, behinderten Kindern den Glauben
Der ein oder andere von Ihnen, liebe Leser, hat und die Hoffnung auf unseren liebenden Gott
vielleicht ebenso wie ich mit Behinderten zu weiterzugeben. Denn bei Behinderten geht
tun, und möglicherweise sind Sie gar Eltern vieles nicht mit Worten. Sie können nur durch
eines behinderten Kindes. Mir liegt es in erster liebende Zuneigung und Annahme Gottes Liebe
Linie am Herzen, Zeugnis dafür abzulegen, erfahren. Robi hat verstanden, wie wertvoll
welch wunderbaren Wert ein solches Leben Leiden sein kann. Mit 50 Jahren, gezeichnet von
hat; wie kostbar das Leiden ist, das als Segen einer Krebserkrankung, sagte er mir lächelnd:
von behinderten Menschen ausgeht. Sehr oft „‚Balda‘, du brauchst dir um mich keine
durfte ich diesen Segen von „meinen Kindern“ Sorgen machen! Im Himmel darf ich dann
empfangen und weitergeben. neben dir sein.“

Kettenreaktion der Gnade


T obias, der Sohn einer Familie aus dem
Odenwald, mit der ich schon seit 1982 verbun-
dies für die Familie der erste direkte Kontakt
zur katholischen Kirche und zu Ordensleu-
den bin, zeigt uns, dass ein behindertes Kind ten. Nur die Mutter war evangelisch getauft,
nicht nur eine Sorge ist, sondern im Gegenteil nicht aber der Vater, Tobi und seine Schwester.
zum Segen für die Seinen werden kann. Als Doch schon im ersten Jahr war es der Wunsch der
Tobi mit fünf Jahren zu uns ins Heim kam, war Eltern, Tobi in die katholische Kirche aufnehmen

15
und taufen zu lassen. Seine jüngere Schwester Die Tochter musste ihr den Brief immer wieder
Marion hatte in unserer Kirche die Erstkommu- vorlesen, dann verlangte sie nach dem evan-
nion und die Firmung ihres Bruders miterlebt. gelischen Pastor und starb als glaubende Frau.
Seither bat sie mich oft, doch mit ihren Eltern Diese entscheidende Gnade hatte sie zweifellos
zu sprechen, weil auch sie die Taufe empfangen ihrem äußerlich so ohnmächtigen Enkelsohn zu
wollte. „Ich möchte so sein wie mein Bru- verdanken, der übrigens heute als kräftiger Mann
der“, sagte sie immer wieder. Aber die Eltern zwei unserer Schwestern in der Landschaftsgärt-
hörten nicht darauf, da sie der Ansicht waren: nerei fleißig zur Hand geht.
„Sie ist gesund und muss selber entschei-
den, sobald sie alt genug ist. Mit 14 Jahren
entschied Marion sich glücklich für die Taufe.
K urz möchte ich noch über „unseren“ Ma-
rio berichten, ein Kind, das in besonderer Weise

A m Pfingstmontag im Heiligen Jahr 2000


bekam ich dann einen unerwarteten Anruf von
für mich persönlich zum Segen wurde. Der Bub
war bis zum dritten Lebensjahr immer im Kran-
kenhaus. Seine Eltern, beide erst 18 Jahre alt,
Tobis Vater: „Sr. Sebalda, ich lasse mich tau- waren schon vor der Geburt ihres Kleinen wie-
fen, und ich will Sie so gerne dabeihaben. der geschieden. Als ich den schwerstbehinderten,
Würden Sie kommen?“ Der Mann war da- blinden Mario das erste Mal in den Armen hielt,
mals 58 Jahre alt und besaß eine eigene Firma. wurde er ganz ruhig und schlief ein. Ich wusste
Kurz vor der Taufe vertraute er mir an: „Ich augenblicklich: „Dieses Kind braucht Liebe,
weiß nicht, wie mein Leben verlaufen wäre, falls es überleben soll!“ Die Mutter konnte ihm
wenn es Tobi in unserer Familie nicht gege- diese Liebe zu diesem Zeitpunkt nicht geben, sie
ben hätte, auf jeden Fall anders.“ Es war ein war ja selber in allergrößter Not. So hatte ich das
ergreifender Augenblick, als sein behinderter blinde Bübl sehr oft auf dem Arm und war mir
Sohn die Taufkerze an der Osterkerze anzündete dabei stets bewusst: „Jetzt bist du ein ‚Werk-
und strahlend seinem Vater übergab. Viele der zeug Gottes‘!“ Erst nach drei Jahre langem Bit-
20 Gäste konnten die Tränen nicht zurückhalten. ten bekam ich vom Kindesvater die Erlaubnis, so
„Nun erst sind wir wirklich eine Familie“, dass Mario an einem 8. Mai getauft werden konn-
sagte Marion. Einzig ihre Oma hielt bis kurz vor te. 13 Jahre später ist unser blinder Mario dann
ihrem Sterben an der Überzeugung fest: „Nach als fast 17-Jähriger gestorben - und zwar genau
dem Tod ist alles aus!“ Als ich erfuhr, dass sie an seinem Tauftag. Durch dieses Sterben durfte
bald sterben würde, wollte ich mich mit einem ich noch einmal ganz tief den Segen und auch die
Brief von ihr verabschieden. Da die Schwer- innere Freude spüren. Marios nicht mehr blinde
kranke aber nicht an Gott glaubte, konnte ich Augen schauen nun die Herrlichkeit Gottes, da-
ihr auch nicht von „diesem“ Gott schreiben. So von bin ich fest überzeugt! Gott braucht unsere
lenkte ich ihre Erinnerung auf die Erstkommuni- Hände und unsere Stimme, um uns für das „Recht
on ihres Enkels, denn damals hatte sie nach der auf Leben“ behinderter Menschen einzusetzen,
Feier gesagt: „Schwester, ich werde den Au- was leider nicht mehr selbstverständlich ist. Mit
genblick nie vergessen, als ein Sonnenstrahl welcher Ehrfurcht sollte man doch auf Kranke
Tobi beim Einzug in die Kirche mit Licht um- und Behinderte blicken, denn durch ihre Leiden
fing!“ Im Brief erinnerte ich sie nun an diesen und Behinderung sind sie Gott sehr nahe und
Moment und an das Licht: „So oft im Leben bringen uns Segen und Gnade! Ich für meine Per-
bin ich diesem Licht der Gnade begegnet, son freue mich jedenfalls schon auf den Tag, an
und ich bin zutiefst überzeugt, dass wir alle dem ich all meine Kinder, die ich im Laufe von 55
diesem Licht spätestens an dem Tag begeg- Jahren pflegen und begleiten durfte, im Himmel
nen werden, wenn wir die ‚Schwelle‘ über- wiedersehen darf. Denn dort sind sie gewiss. Wie
schreiten und alles Leid mit seinen Schatten Robi sagte: „Wenn es den Himmel nicht gäbe,
hinter uns lassen dürfen.“ möcht’ ich schon lieber laufen können.“

16
Mein Schmerz half mir zu
meinem Glück
„Eine Bekehrung ist ein größeres Wunder als eine Totenerweckung“,
sagte der hl. Bernhard. Rückblickend kann der niederländische Priester Nars
(Bernardus) Beemster diese Worte seines Namenspatrons nur bestätigen,
denn was musste nicht alles geschehen, bis dieser ungestüme junge Mann
seinen Berufungsweg fand! Lange war er fest überzeugt:
„Das Letzte, was ich sein will, ist Priester!“

M it vier Schwestern und einem Bruder


bin ich in einer katholischen Familie im Nord-
das Lokal verließen. Draußen warteten schon
einige alkoholisierte Gruppen ungeduldig auf
westen der Niederlande in dem kleinen Dorf De ihre Taxis. Die Spannung war groß, denn jeder
Weere aufgewachsen. Im väterlichen Betrieb wollte nur noch ins Bett. Ein Streit brach aus,
für Tulpenzwiebelanbau war ich von klein auf der in eine Massenschlägerei ausartete, in die
fasziniert von den riesigen Landwirtschafts- ich hineingeriet, weil Freunde mich zu Hilfe
maschinen und wollte deshalb später Spitzen- riefen. Als Boxer konnte ich nämlich kräftig
technologie studieren, um als erfolgreicher zuschlagen. Doch in dieser Nacht war ich so
Maschinenbauingenieur meine Träume zu ver- betrunken, dass ich auf die Schläge und Tritte
wirklichen: Geld, großes Haus, tolles Auto und meiner Angreifer nicht einmal mehr reagierte
ein sehr schnelles Motorrad. Doch kurz bevor und regelrecht ins Koma geprügelt wurde.
es zum Studium kam, passierte etwas, das allem
eine neue Richtung gab. Erst nach eineinhalb Tagen erwachte ich im
In unserer Gegend gab es jedes Jahr von April Krankenhaus. Einer Blutspur folgend hatte man
bis September überall Stadtfeste. Zum Verdruss mich beim Kircheneingang bewusstlos, in einer
meiner Eltern war das „mein Leben“. Wir Jungs großen Blutlache liegend, gefunden. So hieß es
gingen jede Woche aus, und zwar lieber dreimal im Polizeibericht. Wie ich zum Kirchenportal
als zweimal! Mein Auftreten war frech, grob und gelangt war, ist mir bis heute unerklärlich.
arrogant. Großspurig gab ich auch in der Gruppe Mein Gesicht war total zerschlagen, und neben
immer wieder mit einer anderen gutaussehenden einem mehrfachen Nasenbeinbruch hatte ich
Freundin an. schwere Hirnschäden erlitten, die Krämpfe und

I n der Nacht vom 19. auf den 20. August 1990


- ich wusste damals als 20-Jähriger nicht, dass es
Zuckungen zur Folge hatten. Eine Lähmung
der linken Gesichtshälfte verursachte mir
große Sprechschwierigkeiten. Auch ließ sich
der Gedenktag meines Namenspatrons, des hl. mein linker Arm nicht steuern, und ein Bein
Bernhard, war - trafen wir Freunde uns mit einer schleppte ich bei ersten Gehversuchen kraftlos
anderen Clique in der Kneipe des Nachbardorfes. nach. Gleichgewichtsstörungen machten mir das
Das Bier floss an diesem Abend in Strömen, und Boxen unmöglich, und als ich das Motorradfahren
es war spät, als wir nach ausgiebigem Saufgelage probierte, fiel ich samt der Maschine um.

17
Weil ich mich zudem kaum mehr konzentrieren etwas Entscheidendes klar: Gott vergibt immer,
und deshalb nicht studieren konnte, musste mein so dass jeder einen Neuanfang machen darf. Mehr
Technikstudium vorerst aufgeschoben werden. und mehr fasziniert vom Glauben, las ich viel
Meine Freunde gingen weiterhin abends aus, doch darüber. Tief trafen mich 1995 in einem Fatima-
ich hatte striktes Alkoholverbot und auch keine Buch die Worte der Gottesmutter an die drei Hir-
Kraft zum Feste feiern. So blieb ich allein zurück tenkinder: „Viele Seelen kommen in die Hölle,
und fühlte mich im Stich gelassen. Anfangs hoff- weil sich niemand für sie opfert und für sie
te ich zwar noch, meinen entgleisten Lebenswan- betet.“ Entsetzt musste ich mit meinen 24 Jahren
del baldmöglichst weiterführen zu können, doch feststellen: „Es gibt eine Hölle, und wenn ich
mein Heilungsprozess dauerte insgesamt mehr mein Leben nicht radikal ändere, werde ich
als sechs Jahre, wobei ich nie wieder zu meiner wahrscheinlich dort enden.“ Wie von selbst
ursprünglichen Kraft und Kondition zurückfand. trugen mich meine Schuhe damals zum alten

P hysisch und auch psychisch war ich ein


halbes Jahr nach dem brutalen Angriff am Ende.
Dorfpfarrer, bei dem ich die Hl. Beichte ablegte.
Welch befreiender Moment!

Meine Gedanken kreisten ständig um den Selbst- Die spürbare Freude, Jesus, meinen Retter, end-
mord eines früheren Boxkumpels, der sich kürz- lich gefunden zu haben, wurde im selben Jahr
lich vor einen Zug geworfen hatte. Immer wieder durch meine erste Medjugorje-Pilgerfahrt noch
quälten mich die Fragen: „Weshalb hat Michel intensiver. Dennoch kostete es mich enorme
das getan? Wozu lebe ich eigentlich? Viel- Überwindung, meinen Freunden nach fünf Jah-
leicht ende ich auch noch wie dieser feine ren erstmals über meine Glaubenserfahrung zu
Kerl!“ erzählen. Die Jungs, fast alle ungläubig, meinten
Als zudem ein Freund, mit dem ich früher viele nur lachend: „Wenn’s dir was bringt und du
Motorradtouren unternommen hatte, bei einem das brauchst, okay. Aber lass uns damit in
schweren Unfall einen Arm und ein Bein verlor Ruhe. Hej, Ober, bitte zehn Bier für uns, und
und für immer gelähmt blieb, waren meine Ver- ein Glas Weihwasser für Nars!“ Ich nahm es
zweiflung und meine Ängste so groß, dass ich diesen „starken Männern“ nicht übel, dass es in
eines Nachts aus dem Bett stieg, niederkniete ihrer Welt, die auch einmal die meine war, keinen
und mit meinen 21 Jahren das erste Herzensgebet Platz für Gott gab.
sprach: „Gott, ich kenne Dich nicht, aber ich Mir hingegen bedeutete es viel, Jesus und Maria
weiß, dass Du existierst. Ich wage es kaum immer mehr den ersten Platz im Leben zu geben.
zu sagen und verdiene es nicht, doch ich bitte Sogar meine Freundin verstand das leider nicht,
Dich: Hilf mir!“ Heute sehe ich, wie wunderbar und sie beendete 1995 unsere schöne Beziehung
mich Jesus erhört hat. mit den Worten: „Du liebst ja Gott mehr als

E twas vom Eigenartigsten in meinem Leben


mich.“ Und wenn es anfangs auch weh tat, so
stellte sich doch heraus, dass sie recht hatte.
war, dass ich von Kindheit an zu jeder Sonntags-
messe ging. Warum ich mir das auch als Jugend-
licher, manchmal sogar ziemlich betrunken und
I ntensiv begann ich nun, nach meinem
Weg zu suchen. Was will Gott von mir?
mit vom Bier nassen Haaren, immer noch „antat“, Ordensleben, Entwicklungshilfe? Nein, das war
war mir selbst ein Rätsel, denn ich war teilnahms- es nicht. Zu guter Letzt meldete ich mich für das
los und begriff nichts. Ich glaube, es war Gott Wintersemester 1996 im Priesterseminar von
selbst, der mich da jeden Sonntagmorgen munter Haarlem-Amsterdam an. Ich fand es einfach
werden ließ und aus dem Bett „zog“. Doch erst schrecklich im Seminar, aber das war mein
nach jener denkwürdigen Augustnacht, als ich Problem, denn ich war noch nicht bekehrt.
dann schon ein 22-jähriger Hightech-Student war, Ich beschuldigte dort jeden. Niemand war gut,
ging ich bewusst zur Kirche. Interessiert spitzte nur ich selbst. Und so ging ich eines Tages zu
ich bei den Predigten die Ohren, und mir wurde unserem Spiritual. Ich hatte eine Liste mit allen

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notierten Kritikpunkten dabei. Die las ich Am 25. Mai 2002 empfing ich die Priesterweihe,
dem 75-jährigen Pater vor: Dies ist nicht und wenn es auch manchmal nicht einfach ist,
gut, und das taugt nichts. Die Seminaristen das Priestertum zu leben, bin ich doch innerlich
taugen nichts, das Essen taugt nichts, die ein glücklicher Priester, der sich kein anderes
Vorlesungen taugen nichts, die Lehrer auch Leben vorstellen kann. Seit Anfang 2012 darf ich
nicht, und zum Schluss sagte ich ihm direkt als Rektor den niederländischen Wallfahrtsort
ins Gesicht: „Und Sie taugen auch nichts.“ „Maria Not“ in Heiloo betreuen.
Daraufhin erwiderte er nur einen Satz:
„Wenn du das nächste Mal wieder deinen Falls in jener entscheidenden Nacht vor beinahe
beschuldigenden Finger ausstreckst, dann 23 Jahren auch mein Namenspatron, der hl.
schau doch einmal auf die eigene Hand, Bernhard, „vermittelt“ hat, bin ich ihm sehr
wie viele Finger da gleichzeitig auf dich dankbar. Meine schweren Verletzungen haben
selbst weisen.“ Das war ein furchtbarer damals mein Leben komplett verändert, und mein
Moment, als er das sagte. Erst nachdem ich Schmerz half mir indirekt zu meinem heutigen
die eigenen Fehler erkannte, eingestand und Glück. Es erstaunt mich immer noch, wie Gott
um Verzeihung bat, konnte meine priesterliche in eine so leidvolle Situation hineinwirkte und
Formung wirklich beginnen. schlussendlich alles so segensreich herauskam.

Als mich Bischof Punt im Sommer 1996 auf das Priestertum ansprach, war meine strikte Antwort: „Nein,
Priester werde ich sicher nicht!“ Drei Tage später klingelte das Telefon, und der Bischof sagte erneut zu
mir: „Wenn du berufen bist und nicht dein Zuhause, Eltern, Besitz und einen neuen Job zurücklassen willst,
um Jesus nachzufolgen, wie Er es von dir erbittet, dann bist du Seiner nicht würdig.“ Das traf mich wie ein
Keulenschlag! War ich schon wegen meiner Entscheidung für Gott bei vielen „unten durch“, so wollte ich
doch wenigstens in den Augen Gottes würdig sein. Nach einer schlaflosen Nacht stand mein Entschluss fest.

Mit der Kapelle der „Vrouwe van alle Volkeren“ in Amsterdam entdeckte ich zugleich die schönste Ma-
rienverehrung, die es gibt: Maria als „Mutter aller Menschen“. Für mich gibt es, ehrlich gesagt, auch kein
tiefsinnigeres Gebet als jenes, das die Gottesmutter in Amsterdam geoffenbart hat. Ja, ich weiß nicht, wo ich
im Leben stünde ohne diese Mutter, die Jesus mir vom Kreuz herab geschenkt hat. Und so bringe ich auch
Jugendliche und Kinder, die mir in der Pastoral anvertraut sind, immer wieder gerne in die Gnadenkapelle.

„ Mein Kreuz - ein Geschenk! “


Die 20-jährige Méabh Carlin aus Lurgan in Nordirland war
noch vor zwei Jahren leidenschaftliche Balletttänzerin.
Heute ist sie schwerst gehbehindert und spricht
zu Jugendlichen, Gebetsgruppen und bei nationalen und internationalen Kongressen
über ihren Glauben. Die lebensfrohe, kontaktfreudige junge Lehrerin hatte sich sehr
danach gesehnt, eine tiefere und lebendige Beziehung mit Jesus zu leben.
Ihre Sehnsucht erfüllte sich, doch auf eine ganz unerwartete Weise.

19
P. Patrick Cahill, einer unserer Priester, erlebte sah ich Gott in den Gesichtern dieser Menschen.
Méabh erstmals im Sommer 2012 beim eucha- Nach einer Reihe von schmerzhaften Untersu-
ristischen Kongress in Dublin, als sie von ihrem chungen im Krankenhaus rollte man mich auf die
Glauben Zeugnis ablegte. Vor kurzem hatte er Intensivstation. Dort lag ich sechs lange Stunden,
die Möglichkeit, seine Landsmännin persönlich unfähig, mich den spanischen Ärzten und Kran-
zu treffen und mit ihr zu sprechen: „Méabh, kenschwestern mitzuteilen, und ganz verwirrt,
wenn man die Fotos kennt, auf denen du als allein und voll Angst. Ich war mir nicht sicher,
Balletttänzerin zu sehen bist, und dir heute ob ich sterben oder leben werde, und wollte mei-
im Rollstuhl begegnet, fragt man sich, wie es ne Familie anrufen, um ihnen zu sagen, dass ich
möglich ist, dass du mit einem solchen Lä- sie liebe. Ich erinnere mich, dass ich nicht wusste,
cheln über Jesus sprechen kannst. Was ist da was ich tun sollte, und so schloss ich meine Augen
in deinem Leben geschehen?“ und betete. Ich konnte mich nicht so lange kon-

Méabh: „ I m Sommer 2011 fuhr ich mit einer


Pilgergruppe zum Weltjugendtag nach Madrid.
zentrieren, um ein Vaterunser zu beten, aber ich
bat Gott, bei mir zu sein. Obwohl ich im Schock,
ganz allein, dalag, erlebte ich Seine Gegenwart
Ich erhoffte mir von dieser Reise, eine leben- um mich und wie Er mich während dieser schwe-
digere Beziehung zu Jesus zu bekommen, etwas, ren Stunden tröstete. Ich vertraute darauf, sollte
was meinem Leben einen tieferen Sinn geben ich sterben, dass dies Gottes Wille war - und so
würde. Am Mittwoch, dem 17. August, dem Tag war ich zufrieden.“
vor der Ankunft des Heiligen Vaters, waren die
Straßen Madrids bereits mit Jugendlichen über- P. Patrick: „Was hat dich in dieser schwierigen
füllt. Als typische Lehrerin übernahm ich die Lage am meisten getröstet und gestärkt?“
Aufgabe, meine Freunde sicher über die Straße zu
führen. Ich war bereits auf der dritten Spur, als ich
nach links schaute: Ein Taxi kam rasend schnell
Méabh: „ A ls ich am frühen Morgen auf
eine andere Station gerollt wurde, waren dort
auf mich zu, und ich wusste, es kann nicht mehr meine Eltern und mehrere Freunde aus der Pil-
anhalten, und ich hatte keine Zeit mehr zu reagie- gergruppe, die die ganze Nacht gewartet hatten,
ren. So stand ich einen Bruchteil einer Sekunde um mich zu besuchen. In dieser Zeit habe ich die
dort und wartete mein Schicksal ab. Liebe Gottes durch meine Freunde und meine
Eltern derart stark erlebt, dass ich das nie wieder
Wenn ich meine Augen schließe, kann ich die fol- vergessen werde. Es wurde mir bewusst, wie ent-
genden sechs Sekunden immer und immer wieder scheidend die Gegenwart der anderen ist, wenn
nacherleben. Das Taxi packte mich, ich machte man leidet. Als ich erfuhr, dass ich am Becken
einen Salto in der Luft, und ich wusste, dass der und in der Leiste mehrere Brüche erlitten hatte,
Kopf beim Fall nicht als Erstes aufkommen darf. wie auch Bänderrisse in den Knien und Füßen,
Ich war nicht bereit zu sterben. Blitzschnell drehte war das zunächst ein ziemlicher Schock. Doch
ich mich um 180 Grad, was mich davor bewahrte, das viele Elend, das ich hier im Krankhaus sah,
mit dem Kopf aufzuschlagen. Wissenschaftler half mir, mich in meiner schwierigen Lage nicht
mögen das der Schwerkraft zuschreiben … ich allein zu fühlen.“
schreibe es Gott zu. Nachdem ich über zwei Fahr-
spuren geschlittert war, schaffte ich es, mich an P. Patrick: „Du hast viele Monate Kranken-
den Rand der Straße zu schleppen, bevor ich in haus und Rehabilitation hinter dir und wirst
die Arme eines völlig Unbekannten sank. Als ich wohl nie mehr Ballett tanzen können, und
zu mir kam, stand eine Menge von Pilgern, darun- doch sehe ich dich als strahlende, ja glück-
ter auch einige meiner Freunde, um mich herum liche Person. Wie ist es dir gelungen, dieses
und half mir, wie sie nur konnte. Auch wenn ich ‚Unglück‘ anzunehmen? Hast du nicht mit
voller Schmerzen war und kaum denken konnte, Gott gehadert?“

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Méabh: „ I ch glaube fest daran, dass alles,
was geschieht, einen Grund hat und dass unser
Méabh: „ E inmal, als ich ganz niedergeschla-
gen im Krankenhaus lag, kam eine Karte von ei-
Leiden nur ein Bruchstück eines größeren und ner Freundin mit den Worten der hl. Katharina
besseren Bildes ist. Mein Weg war und ist nicht von Siena: ‚Sei das, was Gott von dir möchte,
leicht. Ich begegnete vielen Hindernissen und und du wirst die Welt in Brand setzen.‘ Ja,
wurde auf vielerlei Weise herausgefordert. Zu ich bin ich, mit meinen gebrochenen Knochen
Hause angekommen, musste ich mich umge- und meiner Behinderung. Wenn ich dazu ja sage,
wöhnen und meinen Lebensstil ändern, um mich dann kann ich für andere zum Trost und zur Er-
meiner Behinderung anzupassen. Das öffnete mutigung werden. Das erlebe ich immer wieder.
mir aufs Neue die Augen und befähigte mich, Vor kurzem erst kam eine Frau aus Tyrone nach
wahres Mitleid für physisch Behinderte zu ent- der Hl. Messe zu mir und sagte: ‚Mein Mann
wickeln. Das Gehen wiederzuerlernen war ent- ist vor wenigen Wochen gestorben. Ich war
mutigend, da es manches Mal einen Schritt nach völlig niedergeschlagen und wusste nicht,
vorn und zwei nach hinten bedeuten kann. Wenn wie ich allein weiterleben sollte. Aber jetzt,
ich jedoch denke, die nächste Hürde nicht zu nach deinem Zeugnis, habe ich wieder Hoff-
schaffen, wende ich mich an Gott und bitte Ihn, nung. Denn ich sehe an dir, dass es möglich
mich darüber hinweg zu tragen. So wie ich mit ist, in einer aussichtslosen Situation in der
den Physiotherapeuten lerne, einen Schritt nach Kraft Gottes das Leben neu aufzubauen und
dem anderen zu gehen, so lerne ich auch mit je- glücklich zu werden. Danke!‘ Oft erlebe ich,
dem Schritt, meinen Glauben zu vertiefen, und wie Gott die Menschen durch mein Wort oder
das macht mich sehr glücklich. meinen Gesang tröstet und stärkt. Ich weiß,
dass das auch eine Frucht meines persönlichen
Für mich ist der einzige Weg, das Leiden zu Kreuzes ist. Viele Male schon machte ich die Er-
ertragen, ausgeglichen zu bleiben und Gott um fahrung: wenn ich am schwächsten bin, bricht
Hilfe zu bitten. Ich habe die Erfahrung gemacht, die Gnade Gottes ein. Und ich erlebe es als ein
dass die eigentliche Kraft für meinen Weg die Privileg, dass Gott mich gebraucht.“
Beziehung zu Gott ist. Ich habe den Schatz ent-
deckt, still vor dem Allerheiligsten zu beten, Ihn P. Patrick: „Was ist heute für dich wichtig im
anzuschauen und mich von Ihm anschauen zu Leben?“
lassen. Das Gebet ist meine Kraftquelle, und der
Zustand meiner Unbeweglichkeit half mir, die
kleinsten Dinge im Leben zu schätzen. Als ich
„A ls die Ärzte mir sagten, dass es lange
dauern wird, bis ich wieder gehen kann, wenn es
begann, das Kreuz, das mir anvertraut wurde, überhaupt möglich sein wird, war das für mich
nicht als Kreuz zu sehen, sondern als Geschenk, ein unglaublicher Schmerz. Dennoch konnte
öffnete sich mir der Blick für das Schöne im Le- ich Gott für mein Leben danken. Eine meiner
ben. Mein Kreuz befähigt mich, anderen zu hel- Lieblingsheiligen ist Mutter Teresa. Einige ihrer
fen, Gott kennenzulernen, so wie auch ich Ihn Worte haben mich so tief berührt, dass ich sie mir
im Leiden kennenlernen durfte.“ zum Motto genommen habe, wie z. B.: ‚Sei treu
in den kleinen Dingen, denn darin liegt deine
P. Patrick: „Méabh, du sprichst davon, dass Kraft.‘ Das versuche ich von meinem Rollstuhl
du anderen hilfst, Gott kennenzulernen. Du aus zu leben und so ein Beispiel für meine Schüler
hast eine Gebetsgruppe von Jugend 2000 zu werden. Es ist nicht die körperliche Kraft, die
gegründet und singst in einer Musikgruppe zählt, sondern die Kraft des Herzens. Durch mei-
bei Gebetstreffen und Hll. Messen. Wie bist du ne Leiden lernte ich, jeden Augenblick des Tages
zu diesem missionarischen Eifer gekommen?“ zu schätzen und in allem ein Geschenk zu sehen.

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Ein anderes Wort der sel. Mutter Teresa, das hast und dadurch schon für so viele Men-
ich mir zu eigen gemacht habe, ist: ‚Wir kön- schen zum Zeichen der Hoffnung geworden
nen nicht alle große Dinge tun, aber kleine bist. Wer dich hört, wird von deiner Freude
mit großer Liebe.‘ Auch wenn ich könnte, ich angesteckt, von deiner Reinheit angezogen
möchte nichts in meinem Leben ändern, denn und hat das Verlangen, Jesus inniger zu be-
ich habe verstanden: nur durch Leiden können gegnen. Wenn du von Ihm sprichst, dann
wir die Schönheit des Kreuzes entdecken. Man spürt man, dass du von jemandem sprichst,
sieht das Leiden oft als etwas Negatives, aber du den du kennst. Das Kreuz ist für dich zum
kannst keinen Regenbogen sehen ohne den Re- Geschenk geworden, aus dem andere Hoff-
gen! Das Leben besteht nicht darin zu warten, bis nung und Kraft schöpfen. Du gibst uns ein
der Regen vorüber ist, sondern darin, im Sturm Beispiel, was es heißt, im Leiden nicht auf
und Regen zu tanzen! Ich möchte heute mit mei- dich zu schauen, sondern zu geben, was
nen vernarbten Beinen Gott preisen!“ du geben kannst. Weil du dein Leiden als
Geschenk annimmst, bist du zu einer faszi-

P. Patrick: „ W ir danken dir, liebe


Méabh, dass du dein Kreuz angenommen
nierenden Zeugin für den auferstandenen
Herrn und für die Macht des Glaubens ge-
worden.“

Die Heilquelle von


Sarotschij Log
V or ein paar Jahren besuchten wir Missionare
erstmals das sibirische Dorf Sarotschij Log,
einer Regenpfütze das Antlitz der „Gottesmutter
von Kasan“. Doch als sie sich anschickte, die
das 80 km östlich von Talmenka liegt und als Ikone aus dem Wasser zu nehmen, war diese
orthodoxer Wallfahrtsort gilt. Sein Ursprung geht verschwunden, und an ihrer Stelle sprudelte eine
auf den 19. Januar 1921 zurück. Die Gläubigen kräftige Quelle hervor.
feierten damals, wie jedes Jahr, gerade das Fest Das Ereignis sprach sich rasch herum, und immer
der Taufe Jesu, als kommunistische Revolutionäre mehr Gläubige gingen zu den Märtyrern und zur
gewaltsam in ihre Kirche eindrangen, zwölf Quelle, um dort zu beten und in ihren Anliegen
angesehene Männer, unter ihnen den Priester, Heilung zu erflehen. Schon 1921 wurde von
aufriefen, hinaustrieben und sie um ihres einem achtjährigen gelähmten Jungen berichtet,
Glaubens willen erschossen. Dann verscharrten den man zur Quelle trug und mit Wasser daraus
sie die Leichname in einer nahen Talmulde. übergoss. Noch am selben Tag konnte er auf
Dorthin ging nun Mutter Proskovia Petrovna eigenen Beinen heimgehen. 1924 begann man
fast jeden Tag zum Beten, denn sie wollte mit dem Bau einer Kapelle, die aber von den
ihrem ermordeten Sohn nahe sein. Während Behörden sofort zerstört wurde.
sie wieder einmal auf dem Feld bei ihm und Dennoch kamen in den ersten vier Jahren
den anderen Blutzeugen betete, erblickte sie in Tausende Pilger wie zu einem „kleinen

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Sibirischen Lourdes“, was den Kommunisten ein eigenartige Ereignis. Die Dorfverwaltung ließ
großer Dorn im Auge war. Polizeichef Bondar die Senke sofort von Traktoren planieren, doch
Dibrovna schrieb im ausführlichen Polizeibericht eine Woche später zeigte sich dasselbe Phäno-
vom 2. Juli 1925: „Ich wurde davon in men erneut. Mutter Martha, die Oberin der heu-
Kenntnis gesetzt, dass im Dorf Sarotschij Log te dort ansässigen orthodoxen Klostergemein-
eine ‚Heilige Quelle‘ entsprungen sei, zu der schaft, erzählte, wie sie als zwölfjährige Pilgerin
eine gewaltige Zahl von Frömmlern strömt, diese eingeebnete Senke mit eigenen Augen ge-
um Heilung von verschiedenen Gebrechen sehen hatte.
und Krankheiten zu erlangen. Vom 19. - 21.
Juni 1925 trafen wir 2000 Leute an … viele Die Heilquelle, die vom Regime mehrmals
Ältere, aber auch Familien mit Kindern vergeblich zugeschüttet worden war,
und Kranken auf Fuhrwerken, offenbar versiegte nicht, und auch der Pilgerstrom
aus weit entfernten Dörfern, die auf ihrem riss nie ab. Wie in all den vergangenen
Rückweg viele Flaschen, gefüllt mit Wasser Jahren, so geschehen bis zum heutigen
aus der Heilquelle, bei sich hatten. Es wird Tag immer wieder auffallende Heilungen.
von … Heilungen an diesem Ort erzählt Im Frühjahr 2005 wurde die 30-jährige
… wo die erschossenen Banditen von den krebskranke Natalia aus dem nahen Barnaul
Gläubigen als ‚Heilige‘ besungen werden.“ nach dem Empfang der Hl. Beichte und der
Im Laufe mehrerer schwerer Verfolgungswellen Hl. Kommunion sowie dem Bad in der Quelle
brachte man nach 1925 weit mehr als 2000 geheilt. Im Mai 2008 kam Tatjana. „Ich bin
Christen nach Sarotschij Log, die dort furchtbar am Ende, dem Tode nahe!“, sagte sie ganz
gequält wurden, ehe man sie wie die ersten richtig, denn sie war tatsächlich ein körperliches
Märtyrer dieses Ortes ermordete und auf den und seelisches Wrack. Sie weinte, betete, flehte
nahen Feldern und in den Senken vergrub. um Heilung und wusch sich voll Vertrauen an
der Quelle. Und siehe da: schon nach einem
Während des Zweiten Weltkrieges sahen eini- Tag war sie ganz verändert, auch äußerlich. Als
ge junge Männer eines Nachts in einem dieser Tatjana im Juni wiederkam, umarmte sie Mutter
Gräben plötzlich eine Öllampe leuchten, wie Martha voll Lebensfreude und rief aus: „Gott
sie in orthodoxen Kirchen verwendet werden. sei gedankt! Hier heilen der Hl. Geist und
Sie wussten nichts von den Massengräbern ver- die Gottesmutter auf die Fürsprache all der
folgter Christen an diesem Ort und meldeten das Märtyrer dieses Ortes!“

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