Wolfgang Kurz
Kleines Einmaleins
des
Dirigierens
Prof. Wolfgang Kurz studierte Dirigieren an der Hochschule für Musik in München sowie
Philosophie (Baccalaureat) an der Hochschule für Philosophie ebenda. Nach einem ersten
Engagement als Solorepetitor und Musikalischer Assistent
von Generalmusikdirektor Wolfgang Sawallisch an der
Bayerischen Staatsoper in München folgten weitere Verpflich-
tungen als Kapellmeister an das Hessische Staatstheater in
Wiesbaden sowie das Mainfranken-Theater in Würzburg.
Seit 1988 ist er als hauptamtliche Lehrkraft für Dirigieren
an der Hochschule für Musik in Würzburg tätig.
Im Rahmen des Europäischen ERASMUS Programmes und
des DAAD wurde er mehrfach als Gastdozent an ver-
schiedene europäische Hochschulen (Porto, Salamanca,
Monopoli, Sevilla, Bari u.a.) für Orchesterprojekte und
Masterclasses Dirigieren eingeladen.
Wolfgang Kurz ist Dirigent des Würzburger Kammerorch-
esters. Von 1998 bis 2018 leitete er den Bad Mergentheimer Kammerchor. Von 2006 bis 2010
war er Musikalischer Leiter der Bayerischen Kammeroper Veitshöchheim. Daneben nimmt
er bei verschiedenen Orchestern Verpflichtungen als Gastdirigent wahr. Seine Kompositionen
für Männerchor und Kinderchor wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.
Informationen im Internet: [Link]
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Inhalt
Inhalt 5
Vorwort 7
Der Grundschlag. Impulse 9
Der Auftakt 10
Die Schlagfigur 11
Die Taktarten 12
1. Modelle mit einem Schwerpunkt 12
2. Modelle mit zwei Schwerpunkten 12
3. Modelle mit drei und mehr Schwerpunkten 13
Der Abschlag 14
Die Fermate 15
Übergänge 16
Einsätze 17
Der Taktstock 17
Die Probenarbeit 18
1. Vorbereitung der Proben 18
2. Probentechnik 18
3. Das Einstimmen des Orchesters 20
Anhang 21
I. Rezitative 21
II. Grundlagen für die Arbeit mit Streichern 23
Die Spieltechniken 23
III. Übungen zur Unabhängigkeit der Hände 27
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Die Kunst besteht darin,
das Überflüssige wegzulassen.
(Michelangelo)
Vorwort
Die Kunst des Dirigierens - obwohl vielfach als eine magische Kunst angesehen - ist durch-
aus eine handwerkliche Kunst. Musikalität, Genie, Führungsqualität, pädagogische und
psychologische Fähigkeiten sind wohl die native Grundlage für eine gute dirigentische
Arbeit. Dennoch gibt es auch erlernbares Handwerk, technisches Werkzeug für die Vermitt-
lung künstlerischer Inhalte, die - bei aller Vielfalt und Individualität dirigentischer Sprache
- sehr wohl objektiven Kriterien genügen sollten. Aus meiner langjährigen Unterrichtserfah-
rung versuche ich in diesem Büchlein die wichtigsten technischen und praktischen Dinge
zusammenzufassen. Neben den Grundlagen zur Schlagtechnik und Probenarbeit findet sich
im Anhang auch ein Abriss zu den Problemstellungen beim Dirigieren von Rezitativen und
bei der Arbeit mit Streichern sowie einigen Übungen zur Unabhängigkeit der Hände.
Bei aller technischer Raffinesse des dirigentischen Vokabulars sollte jedoch immer eine
einfache, natürliche Selbst-Verständlichkeit der Zeichensprache zum Maßstab genommen
werden.
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Der Grundschlag. Impulse
Zu den wichtigen dirigentischen Aussagen zählt das Setzen von Impulsen oder Schlägen.
Der physikalische Impuls setzt Bewegung in Energie um und wird durch zwei Faktoren be-
stimmt:
1. Der Impuls wird eingeleitet durch die beschleunigende Bewegung hin zum Impuls-
punkt.
2. Der Impuls wird in entgegengesetzter Richtung aufgelöst durch Verlangsamung der
Bewegung zurück vom Impulspunkt.
Der dirigentische Impuls hat die Richtung der Schwerkraft. Alle Impulse sind nach unten
gerichtet. Alle Bewegungen, die nach unten gerichtet sind, haben impulsive Eigenschaft.
Der primäre Impulsträger ist das Handgelenk.
Die Stärke des Impulses ergibt sich aus dem Verhältnis der Dauer der Bewegungen zum
Impulspunkt und der Dauer der korrelierenden Bewegung zurück vom Impulspunkt.
Beispiele:
Achtelbewegungen im Viertel-Metrum haben die Proportionen 1:1. Die Dauer der Bewe-
gung zum Impulspunkt steht hinsichtlich der Dauer der Bewegung weg vom Impulspunkt
im Verhältnis 1:1. Sechzehntelbewegungen im gleichen Metrum haben die Proportionen 1:3.
Die Impuls gebende Bewegung verläuft dreimal so schnell wie die Auflösung des Impulses.
Die Impulse im Takt 1 des nachfolgenden Beispiels haben die Proportion 1:1 während der
Takt 2 in der Proportion 1:2 geschlagen werden muss.
Schlagtechnische Impulse sollten demnach entsprechend dem vorliegenden musikalischen
Verlauf nach folgenden Kriterien gegeben werden:
Artikulation:
Beispiel: Ein staccato hat einen härteren Impuls als ein legato.
Rhythmische Struktur:
Beispiel: Zweiunddreißigstel-Bewegungen im Viertel-Metrum (Proportion 1:7) erfor-
dern einen wesentlich härteren Impuls als Achtel- Bewegungen im gleichen Metrum
(Proportion 1:1).
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Wichtig: Natürlich ist es sinnvoll, mit den betreffenden Musikern vor dem Einsatz Kon-
takt aufzunehmen (Blickkontakt). Halte die Konzentration vor dem Auftakt! Vermeide un-
nötige Bewegungen!
Die Schlagfigur
Die Schlagfigur baut auf einer Grundlinie auf, die - physikalisch betrachtet - der Höhe mit
der günstigsten Hebelwirkung unserer Arme und Hände entspricht („Klatschen“). Der phy-
sikalisch ermittelten Grundlinie entspricht die ,rhetorische‘ Ebene, auf der unsere Gesten
und Gebärdensprache stattfinden. Auf dieser Grundlinie werden alle Schläge gegeben. Die
Zählzeiten werden durch Richtungen angezeigt. Nicht die Position des Schlagpunktes be-
stimmt den Stellenwert eines Schlages innerhalb der Taktfigur sondern die Richtung des
Schlages.
Die Schlagfigur ist ein abstraktes Diagramm eines musikalischen Ablaufes und stellt die
Koordinaten der Schwerpunkte (Senkungen) bzw. deren dialektisch entsprechenden Auflö-
sungen (Hebungen) dar. Dem ersten Schwerpunkt - das entspricht der Zählzeit „1“ eines
Taktes - geben wir die Richtung der Schwerkraft, also der nach unten gerichteten Vertika-
len. Nachgeordnete Schwerpunkte werden durch die Bewegung vom Körper weg, also nach
außen dargestellt. Bei mehr als zwei Schwerpunkten müssen auch die „schwachen“ Richtun-
gen zur Darstellung der musikalischen Gewichtungen herangezogen werden. Den Auflösun-
gen der Schwerpunkte entsprechen Bewegungen entgegen der Schwerkraft bzw. nach innen
gerichtete Bewegungen.
Analogien zur Ableitung der Schwerpunkte innerhalb der Taktfigur1:
Auftakt Aufstrich Einatmen Hebung
Abtakt Abstrich Ausatmen Senkung
Wichtig: Zeige dem Orchester deutlich die „1“, auch für alle Leertakte!
1
Achtung: dem dirigentischen Einatmen entspricht das bewusste sängerische Einatmen, d.h. auch
hier ist der Impuls auf das Zwerchfell nach unten gerichtet!
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Die Taktarten
Aus den Ableitungen über die Schwerpunkte der Schlagfiguren ergeben sich die
im Folgenden für die Bewegungen der rechten Hand dargestellten Diagramme.
1. Modelle mit einem Schwerpunkt
Das ganztaktige Modell Der Zweiertakt Der Dreiertakt
2. Modelle mit zwei Schwerpunkten
Der Vierertakt Der Fünfertakt (Variante: 3 + 2)
Der Fünfertakt (Variante: 2 + 3) Der Sechsertakt
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Anhang
I. Rezitative
Beim Dirigieren von Rezitativen stellt sich für den Dirigenten die Aufgabe, den Solopart
einer Gesangsstimme/eines Instrumentes mit dem Orchester zu koordinieren. Auf einen
einfachen (wohlgemerkt: gelegentlich stark verkürzenden) Nenner gebracht:
den Solisten begleiten, das Orchester leiten.
Selbstverständlich ist es nicht immer möglich, einem Solisten uneingeschränkt zu folgen
ohne den Gesamtablauf zu stören. Es erfordert daher ein gutes Reaktionsvermögen und
waches Gespür für musikalisch-dramaturgische Abläufe. Rezitativdirigieren lebt von der
ständigen Wechselwirkung zwischen Solisten und Dirigent/Orchester.
Tricks und Tips:
• Bei neuen Einsätzen des Orchesters nach Möglichkeit zwei Schläge vorher stehen blei-
ben, also nicht immer schlichtweg „durchdirigieren“. Siehe auch die Beobachtungen im
Abschnitt „Übergänge“ S. 16.
• Aufgabenteilung der Hände: rechte Hand für das Orchester, linke Hand für die „gesti-
sche Verständigung“ mit dem Solisten (z.B. Einsätze, Anhalten, Verzögerungen
u.v.a.m.)
• Wichtig: Jeder neue Takt muss dem Orchester angezeigt werden, mindestens die neue
„1“. Auch Leertakte müssen gegeben werden. Längere Pausen können „gebündelt“,
d.h. außerhalb des Metrums zusammengefasst werden (z.B. 10 Takte auf einmal in
schneller Folge nacheinander abschlagen)3.
• Leertakte werden mit dem Taktstock angezeigt. Dabei zeigt die Taktstockspitze deut-
lich unterhalb der Grundlinie nach unten (Handgelenk!).
Wichtig: Vor den Orchesterproben sollte man unbedingt die Rezitative mit den Solisten
durchsprechen!
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Bei längeren Begleitpassagen in Instrumentalkonzerten werden die neuen Takte jeweils
„zur richtigen Zeit“ angeben.
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II. Grundlagen für die Arbeit mit Streichern
Im Folgenden werden die wichtigsten Strichtechniken aufgeführt. Grundsätzlich ist zu be-
achten, dass dem Abstrich, der ja (entsprechend dem schlagtechnischen Impuls) der
Schwerkraft folgt und zu Beginn der Bogenführung mit dem Gewicht der Bogenhand aus-
gestattet ist, ein größeres Gewicht zukommt als dem Aufstrich. Als Faustregel kann somit
festgehalten werden:
Kräftiger Einsatz Abstrich (am Frosch) abtaktig
Dezenter Einsatz Aufstrich (an der Spitze) auftaktig
Crescendo Aufstrich
Decrescendo Abstrich
Typisches Beispiel für die Disposition von Auf- und Abstrich:
Crescendo im Aufstrich, Decrescendo im Abstrich.
Die Spieltechniken
1. Détaché (frz. „abgetrennt“) war im 18. Jahrhundert gleichbedeutend mit „staccato“,
bezeichnet heute jedoch, dass bei jeder Note ein Strichwechsel stattfindet (zwischen
Ab- und Aufstrich gewechselt wird). Im Gegensatz zur Praxis des 18. Jahrhunderts
versteht man heute unter Détaché eine Strichart, die dem Legato nahekommt („dicht
spielen“).
2. Legato. Hier werden mehrere Noten analog zum notierten Legato-Bogen in einer
Strichrichtung gebunden gespielt. Im 18. Jahrhundert wurden die Legato-Bögen aber
auch oftmals als Phrasierungsbögen eingesetzt. Dadurch entstanden zum Teil Legato-
Bögen in einer Länge, die nicht mehr sinnvoll zu spielen war. Es obliegt dem Dirigen-
ten, mit zu entscheiden, an welcher Stelle Bogenwechsel stattzufinden haben.
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III. Übungen zur Unabhängigkeit der Hände
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