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Comenius

Das Dokument enthält zwei Gespräche zwischen einem Lehrer und Schüler. Im ersten Gespräch erklärt der Lehrer dem Schüler die Vorteile von Lesen und Schreiben und warum diese Fähigkeiten so wichtig sind. Im zweiten Gespräch geht es darum, dass der Schüler die erlernten Fähigkeiten im Lesen und Schreiben weiter üben soll.

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Comenius

Das Dokument enthält zwei Gespräche zwischen einem Lehrer und Schüler. Im ersten Gespräch erklärt der Lehrer dem Schüler die Vorteile von Lesen und Schreiben und warum diese Fähigkeiten so wichtig sind. Im zweiten Gespräch geht es darum, dass der Schüler die erlernten Fähigkeiten im Lesen und Schreiben weiter üben soll.

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Jan Amos Comenius

GRUNDAUSBILDUNG
in der Fertigkeit
im Lesen und Schreiben

NB. Das Büchlein hat drei Teile


I. Grundausbildung im Schreiben, mit drei Tafeln.
II. Grundausbildung im Lesen, mit drei Texten.
III. Grundausbildung in Sprechen, mit drei Gesprächen.

Dritter Teil der GRUNDAUSBILDUNG


I. Gespräch
Die Vorteile einer Fertigkeit im Lesen und Schreiben

Lehrer: Schau her, mein Sohn, du hast lesen und schreiben gelernt! Nicht
wahr? Sch üler: Ich hoffe, daß ich es gelernt habe.
2. Lehrer: Und zwar spielend, ohne beschwerliche Anstrengung. Sch üler:
Ich danke Gott, und dir, lieber Lehrer.
3. Lehrer: Es besteht durchaus Grund, daß wir Gott danken, der uns einen
so leichten Weg, eine so bequeme Methode gezeigt hat, die man vorher nicht
kannte.
4. Sch üler: Nicht kannte? Konnten die Menschen nicht immer lesen und
schreiben? Lehrer: Nicht vom Lesen und Schreiben als solchem spreche ich,
sondern von der Fertigkeit, der Routine im Lesen und Schreiben.
5. Sch üler: Kannte man eine solche früher nicht? Lehrer: Eine so einfache
kannte man nicht. In drei Jahren lernte man sonst, was du in drei Monaten
gelernt hast; und nicht einmal so vollkommen. Und es war eine anstrengende
Angelegenheit, die viel Widerwille erregte; ohne Schläge, ohne Rute und Stock
ging es kaum voran.
6. Sch üler: Tatsächlich? Lehrer: Jawohl. Daher hatten die jungen Leute
vor der Schule eine Angst wie vor der Stampfmühle oder der Folterkammer; jetzt
ist sie ein Spiel.
J. A. Comenius, Grundausbildung, III. Teil, 1. Gespräch 2

7. Sch üler: Auch jetzt bedeutet sie noch eine Anstrengung. Lehrer: Ohne
Anstrengung geht nichts; nicht einmal essen oder spielen kannst du, ohne daß du
dich anstrengst, wenn du Anstrengung einmal so auffassen willst. Aber das eine
ist eine beschwerliche Anstrengung, welche abschreckt und die Kräfte verzehrt
und verbraucht, das andere dagegen eine angenehme und schmackhafte, welche
die körperlichen und geistigen Kräfte erneuert, so wie unsere hier, die man nicht
als Anstrengung, sondern als Spiel bezeichnen muß.
8. Sch üler: Das war es tatsächlich. Lehrer: Jedoch stimmt es auch, daß
die Menschen nicht immer lesen konnten.
9. Sch üler: Wann also haben sie es gelernt? Lehrer: Wir wissen nicht,
ob etwas früher aufgeschrieben wurde als das Gesetz Gottes, das Gott persönlich
mit seinen Fingern in die Tafeln einritzte und dem Moses übergab; der lernte es
seinerseits lesen und brachte es anderen bei.
10. Sch üler: Also hat Gott den Menschen die Schrift beigebracht? Lehrer:
So sieht es aus. Genauso wie er es war, der ihnen den Sinn der Kleider gezeigt
hat, als er Adam und Eva bekleidete; und wie man Schiffe baut, als er bei der
Sintflut Noah klarmachte, sich zu retten.
11. Sch üler: Deshalb müssen wir GOTT um so mehr danken. Lehrer:
Alles, was wir an Gutem haben, sind Geschenke Gottes. Dieses Geschenk jedoch,
die Buchstabenschrift, muß man mit Recht höher schätzen als alle übrigen Ge-
schenke.
12. Sch üler: Warum? Lehrer: Weil diese Kenntnis ganz wunderbar ist,
und schön und schmackhaft, und nützlich und notwendig.
13. Sch üler: Warum sagst du wunderbar ? Lehrer: Ist es etwa nicht wun-
derbar, daß die Gedanken abgebildet werden können? und daß die Worte, da-
mit sie nicht mit dem Wind verwehen, auf einem Material festgehalten werden
können? Und deshalb können wir sie, so auf Papier festgehalten, in die Fremde
schicken zu Abwesenden, oder in Behältern der Nachwelt hinterlassen und so mit
diesen reden! Scheint dir dies nicht verwunderlich zusein?
14. Sch üler: Es ist es tatsächlich; aber ich konnte dies so klar nicht beden-
ken. Lehrer: Und nicht weniger verwunderlich ist est,daß wir die Gedanken von
anderen, die sie in Büchern niedergelegt haben, von dort wieder hervorholen und
betrachten können; und ein Gespräch mitanhören können, sogar von Abwesenden.
15. Sch üler: Gweiß verwunderlich. Lehrer: Sogar auch voller Annehmlich-
keit, daß man nicht nur mit der Zunge, sondern auch mit der Hand sprechen kann;
daß man nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit den Augen ein Gespräch
vernehmen kann; daß man nicht nur mit Leuten, die anwesend sind, sondern auch
mit solchen, die Abwesend sind, sich über alles Beliebige unterhalten kann.
16. Sch üler: Ich erkenne, daß es schön ist; aber auch notwendig ? Lehrer:
Warum zweifelst du daran? Sch üler: Weil du gesagt hast, daß die Alten vor
Mose nichts davon wußten.
17. Lehrer: Was es damals von allem gab, ging nur in die Tausende; sie
hatten noch keine große Geschichte hinter sich, also brauchte man keine Ge-
J. A. Comenius, Grundausbildung, III. Teil, 1. Gespräch 3

schichtsschreibung; und sie waren langlebig, und gesund, und hatten noch ein
gutes Gedächtnis und wurden nicht durch allerlei Hin und Her abgelenkt, son-
dern lebten in Ruhe; Jetztz ist die Situation eine andere: das Leben der Menschen
ist kurz, voller Geschäftigkeit; und unendlich v viel muß man lernen; würde das
nicht aufgeschrieben werden, wären wir in Bezug auf das meiste blind, taub und
stumm.
18. Sch üler: Auch heute können viele keine Bücher lesen, und trotzdem sind
es Menschen.
19. Lehrer: Halbmenschen eher: von den unzivilisierten Völkern her, welche
ohne Schrift (in Amerika und anderswo) leben, wird das deutlich; es sind vielmehr
barbarische Menschen, die sich von den wilden Tieren, abgesehen von der äußeren
Gestalt, nur wenig unterscheiden.
20. Sch üler: Und trotzdem sind sie nicht blind, taub und stumm, wie du
sagtest; denn sie sehen, hören und sprechen.
21. Lehrer: Du bist zu einfältig; ich spreche von der inneren Blindheit und
Taubheit. Willst du, daß ich dir klarmache, inwiefern diejenigen, welche keine
Schrift kennen, blind, taub und stumm sind? Sch üler: Ich bitte dich, Lehrer,
belehre mich darüber.
22. Lehrer: Stumm ist, wer seine Gedanken keinen anderen darlegen kann;
nicht wahr? Sch üler: Jawohl, das ist mir klar.
23. Lehrer: Aber wer nicht schreiben kann, kann seine Gedanken einem, der
nicht da ist, nicht darlegen, ist dir das klar? Sch üler: Natürlich kann er es,
durch eine mündliche Botschaft.
24. Lehrer: Wer schreiben kann, kann auch ohne mündliche Botschaft, durch
sich selbst, einem. der nicht da ist, alles, was er will, mitteilen. Sch üler: Ich
verstehe.
25. Lehrer: Also ist einer, der die Schrift beherrscht, für seinen Freund in
der Ferne ein Sprechender; wer sie nicht beherrscht, ein Stummer. Sch üler: Ich
habe keinen Grund zu widersprechen.
26. Lehrer: Und weiter. Taub ist, wer nicht versteht, was gesagt wird, auch
wenn er dabei ist. Dasselbe passiert einem, der der Schrift nicht mächtig ist, so
daß er zwar den Brief eines Freundes oder das Buch eines Gelehrten in Händen
halten oder vor Augen haben kann, es aber trotzdem nicht versteht.
27. Sch üler: Deswegen muß man sagen, er sei taub ? Lehrer: Gewiß, im
Sinne der besagten inneren Taubheit. Schau her! Gib das, worüber wir uns hier
unterhalten – das Gespräch ist ja aufgeschrieben - - , einem, der lesen kann zu
lesen: er wird alles hören, was wir reden. Gib es einem, der nicht lesen kann: er
wird soviel hören wie ein Baumstamm. Folglich ist er taub.
28. Sch üler: Du hast auch gesagt, daß diejenigen, die der Schrift nicht mäch-
tig sind, blind seien. Lehrer: Sie sind es durchaus in diesem unseren Sinne. Denn
blind heißt, wer sogar bei Tageslicht nichts von dem, was er um sich herum hat,
mit seinem Gesichtssinn wahrnimmt, so daß für ihn der Tag genauso finster ist
wie die Nacht. Mach nur einmal den Versuch: gib einem, der der Schrift nicht
J. A. Comenius, Grundausbildung, III. Teil, 2. Gespräch 4

mächtig ist, ein Buch in die Hand, das nur leere Seiten enthält; dann ein Buch
mit unverständlichem Inhalt, schließlich ein Buch, das vom Licht der Weisheit
erfüllt ist: dann frage ihn, was er in jedem der drei sieht. Er wird bestätigen, daß
er in allen dreien gleichviel, das heißt nichts sieht. Folglich ist er blind.
29. Sch üler: Gelobt sei Gott, der Vater (Schöpfer) der Gestirne, der mich für
würdig gehalten hat, mich zur Kenntns der Schrift gelangen zu lassen. Lehrer:
Du tust gut daran, daß du das als Wohltat erkennst. Wie wir für unsere körperli-
chen Gegebenheiten, die Augen, die Ohren, die Zunge, Gott täglich loben müssen,
so müssen wir auch für diese zweiten Augen, Ohren und Zunge, die Schrift
nämlich, Gott ohne Unterlaß loben.
30. Sch üler: Ich werden nicht aufhören, ihn zu loben, solange ich lebe.
Lehrer: Mit Recht. Denn dieses Gut wird schließlich alle Tage deines Lebens
anhalten. Geld, Kleider und andere Güter kann die ein böser Kerl rauben: die-
ses Gut, die Fähigkeit des Lesens, kann dir niemand rauben, wenn du nur nicht
aufhörst, dich mit ihr zu beschäftigen. Darüber werden wir morgen sprechen,
wenn GOTT uns behütet.

II. Gespräch
Die fortgesetzte praktische Anwendung der Fertigkeit im Lesen und Schreiben

Sch üler: Ich bin zur Stelle, verehrter Lehrer.


2. Lehrer: Zu welchem Zweck? Sch üler: Weil du mir gestern versprochen
hast, mir etwas beizubringen.
3. Lehrer: Und was war das? Du zögerst? Du weißt es nicht? Sch üler: Ich
weiß nicht, ob ich es weiß.
4. Sch üler: Eine Schande ist diese Vergeßlichkeit. Da will er etwas beige-
bracht bekommen und weiß nicht was. Sch üler: Du weißt es besser, was du mir
beibringen mußt.
5. Lehrer: Aber auch du mußt wissen, was du lernen mußt, nachdem es dir
einmal gesagt wurde. Sch üler: Ich erinnere mich daran, daß du mich ermahnt
hast, nicht aufzuhören, das Lesen und Schreiben sorgfältig zu üben.
6. Lehrer: Du erinnerst dich richtig; genau das ist es. Sch üler: Aber du
hast versprochen, noch etwas hinzuzufügen.
7. Lehrer: Ja, nämlich die Gründe, warum du oft und gern Bücher lesen
und alles Notwendige schreiben mußt. Des weiteren habe ich versprochen, dir für
beides das Wie beizubringen. Sch üler: Etwas sehr willkommenes dürftest du
damit tun, mein Herr.
8. Lehrer: Häufig lesen und schreiben mußt du aus drei Gründen. Erstens,
damit du das Lesen und Schreiben nicht verlernst. Zweitens, damit du in beidem
täglich gewandter wirst; drittens, damit du den Erfolg deiner Fertigkeit erntest.
J. A. Comenius, Grundausbildung, III. Teil, 2. Gespräch 5

9. Sch üler: Sprich über die einzelnen Punkte deutlicher. Lehrer: In allen
Bereichen wird das, was man weiß, dadurch bewahrt, daß man es wiederholt.
Nicht wiederholen, was man gelernt hat, heißt es vergessen. Wenn du aber das
Lesen und Schreiben vergessen willst, warum hast du es dann gelernt? Davor
nimm dich in acht!
10. Sch üler: Ich glaube nicht, daß ich es so leicht vergessen kann. Lehrer:
Im Gegenteil; sogar sehr leicht, wenn du nicht wiederholst, übst und hartnäckig
dabei verharrst. Umgekehrt aber: wenn du wiederholst, übst und hartnäckig dabei
verharrst, wirst du von Tag zu Tag gewandter und kräftiger werden.
11. Sch üler: Was hast du über die praktische Anwendung der Fertigkeit ge-
sagt? Lehrer: Daß du es nicht umsonst gelernt hast oder es umsonst kannst.
Wozu nämlich sollte es gut sein, etwas zu können, ohne es praktisch anzuwen-
den? Genau so wie wenn du Hände haben, aber nicht arbeiten wolltest, Füße, aber
nicht laufen, Augen, aber nicht sehen, eine Zunge, aber nicht sprechen, Zähne und
einen Magen, aber nicht essen wolltest.
12. Sch üler: Das ist etwas anderes. Lehrer: Wieso etwas anderes? Den Weg
zu den Schätzen kennen und sich die Schlüssel dazu besorgen, aber trotzdem nicht
hingehen, um sie zu öffnen und zu holen, wäre das nicht Dummheit?
13. Sch üler: Durchaus. Aber ich verstehe nicht, warum du das sagst. Leh-
rer : Du verstehst es nicht? Bücher enthalten die Schätze des Wissens, sind aber
für die verschlossen, die des Lesens uns Schreibens unkundig sind. Während du
also die Schlüssel, nämlich die Kenntnis des Lesen und Schreibens, dir bereits
erworben hast, willts du nicht hingehen, um dir die Schätze zu erwerben?
14. Sch üler: Doch, Herr; denn ich verstehe jetzt, wozu es gut ist, lesen zu
können, aber belehre mich darüber, worauf ich achten soll. Lehrer: Ich werde
dich darüber in sieben Regeln belehren.
15. Erstens achte darauf, daß du zum Lesen ein gutes Buch nimmst, welches
dir etwas Gutes beibringen kann. Dummes Zeug zu lesen ist unnütz, vielmehr
schädlich.
16. II. Nimm (soweit du kannst) ein volständiges, unbeschädigtes, sauberes
Exemplar : und behandle es selbst sauber, und zerreiße es nicht, und beschmutze
es nicht.
17. III. Fange mit dem Lesen ganz vorne an, schreite kontinuierlich bis zum
Ende voran; achte dabei darauf, daß du nichts ausläßt oder überspringst. Denn
gute Bücher sind wie eine Leiter, die man zu dem Zweck irgendwohin angelehnt
hat, daß man zu etwas Erhabenem hinaufsteiegn kann. Wenn man dort eine
Sprosse herausnimmst, kann man nicht weitersteigen.
18. IV. Lies nichts unkonzentriert, sondern konzentriere dich auf das Lesen.
Unaufmerksam lesen ist soviel wie mit geschlossenen Augen etwas betrachten
wollen; oder in der Fülle der Dinge die Augen hierhin und dorthin wenden, aber
bei nichts verweilen wollen.
19. V. Wenn du etwas für andere vorliest oder vorträgst, sei deine Aussprache
klar, deutlich und verständlich; damit die Zuhörer alles richtig hören und richtig
J. A. Comenius, Grundausbildung, III. Teil, 2. Gespräch 6

verstehen können.
20. VI. Bei jedem Komma halte ein wenig inne; noch mehr bei einem Doppel-
bzw. Strichpunkt; am meisten aber, wenn du bei einem Punkt angelangt bist.
Denn da muß man Luft holen für den nächsten Satz.
21. VII. Sobald aber ein Kapitel aufhört, höre auch du auf ; denn was folgt,
ist ein anderes Thema, auf das du dich demnächst vielleicht nicht wirst einlassen
müssen. Wenn doch, lies weiter. Hast du das verstanden?
22. Sch üler: Ich hoffe es. Welches aber sind deine Ermahnungen hinsichtlich
des Schreibens? Lehrer: Hauptsächlich drei. Daß du deine Hand übst, schön
zu schreiben, II. auch dazu, schnell zu schreiben. III. Und auch dazu, täglich gute
Dinge zu sammeln.
23. Sch üler: Warum dazu, schön zu schreiben? Lehrer: Weil es für einen
Studenten eine Schande ist, solche Buchstaben zu malen, wie sie vielleicht auch
ein Huhn durch Scharren zustande brächte.
24. Sch üler: Wenn man sie nur lesen kann. Lehrer: Das genügt nicht;
sorge dafür, daß das, was du schreibst, beim Leser einen Reiz ausübt.
25. Sch üler: Wozu aber schnell schreiben? Lehrer: Das ist für einen Stu-
denten unendlich nützlich; je schneller er schreibt, desto mehr kann er schreiben,
d. h. umso größere Schätze des Wissens kann er sammeln.
26. Sch üler: Ich bin zuversichtlich, daßich zwei oder drei Blätter tägich
schreiben kann. Lehrer: Das ist nichts; man muß versuchen, daß die Hand
mit der Zunge Schritt hält.
27. Sch üler: Wieso das? Lehrer: Damit du imstande bist, mit der Schreib-
feder vom Mund eines Sprechenden das Wissen aufzunehmen.
28. Sch üler: Das kommt mir unmöglich vor. Lehrer: Wenigstens die
Hauptgedanken, anhand derer du dich an den Rest erinnern kannst. Gleich-
wohl hatten die Alten eine Stenographie, mit deren Hilfe sie die aus dem Mund
strömende Rede wortwörtlich auffingen.
29. Sch üler: Wir jedoch kennen diese nicht? Lehrer: Bei anderen Völkern
kennen sie manche sehr wohl; sie ist nämlich in England wiederbelebt worden.
Bei uns kommt sie nur bei den Zahlen vor.
30. Sch üler: Inwiefern? Lehrer: Mit Großbuchstaben und Ziffern. Die
Jahreszahl sechzehnhundertvierundfünfzig nämlich (welche 29 Buchstaben hat)
kann man auch nur mit den sieben Buchstaben [Link] oder den vier Ziffern
1654 ausdrücken. Aber lassen wir das, zumal du ja die Zahlzeichen noch nicht
gelernt hast.
31. Sch üler: Aber ich will sie lernen. Lehrer: Du willst? Dann lerne sie,
ich will deine Fortschritte nicht hemmen.
32. Sch üler: Ich danke dir, edelmütigster Lehrer. Lehrer: Pass auf! Wir
haben zwei Arten von Zahlzeichen, Buchstaben und Ziffern.
33. Sch üler: Welche Buchstaben? Lehrer: Die folgenden sieben: I. V. X. L.
C. D. M. I nun bedeutet eins, V fünf, X zehn, L fünfzig, C hundert, D fünfhun-
dert, M tausend. Ziffern aber gibt es zehn: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 0.
J. A. Comenius, Grundausbildung, III. Teil, 3. Gespräch 7

34. Sch üler: Bringe mir ihre Verwendung bei. Lehrer: Ich werde sie dir
beibringen, die der Buchstaben und die der Ziffern. Auf folgende Weise verwendet
man sie: eins I. 1, zwei II. 2, drei III. 3, vier IV. 4, fünf V. 5, sechs VI. 6 usw. bis
tausend.
35. Sch üler: Ich weiß nicht, ob ich dies alles werde behalten können. Lehrer:
Gräme dich darüber nicht; die Praxis wird sie dir vertraut machen.
36. Sch üler: Sag, wie dient die Schrift dazu, täglich gute Dinge zu sammeln?
Lehrer: Du wirst das erfahren, wenn du alles, was du täglich an Schönem und
Behaltenswertem liest, entweder danach im Buch dir anstreichst oder in ein be-
sonderes Buch dir notierst.
37. Sch üler: Wozu das? Lehrer: Damit du alles, was du einmal gelernt
hast, gleichzeitig vor dir hast und es in Ruhe wiederholen kannst, damit nichts
verschwindet. Dazu nämlich dienen diese das Gedächtnis unterstützenden Bücher:
wenn jemand sich solche anlegt und schöne Dinge hineinschreibt, wird er gebildet
werden.
38. Sch üler: Du willst also, mein Herr Lehrer, in mir einen Gebildeten ha-
ben? Lehrer: Durchaus; ja sogar einen Weisen. Denn die Fundamente eines
Gebäudes legen und nichts darauf errichten, das wäre kein Zeichen eines gesun-
den Menschenverstandes.
39. Sch üler: Was hat das mit mir zu tun? Lehrer: Weil du, nachdem du
dir die Anfängsgründe im Lesen und Schreiben angeeignet hast, das Fundament
der ganzen Bildung gelegt hast; darüber nichts zu bauen, wäre eine Schande.
[Link] üler: Was aber ist – ich bitte dich inständig darum – der Grund dafür,
daß du wünschst, daß ich nicht nur gebildet, sondern auch weise werde? Was ist
der Unterschied? Lehrer: Brechen wir für heute ab. Komme morgen wieder,
ich werde es dir nicht verheimlichen.

III. Gespräch
Der weitere Fortschritt des Lernens und die höheren Schulen

Sch üler: Sei gegrüßt, liebster Lehrer. Lehrer: Sei auch du gegrüßt. Warum
so früh?
2. Sch üler: Weil du gesagt hast, ich solle wiederkommen, damit du mich über
die Weisheit unterrichten kanst. Lehrer: Wohlan, mein Sohn! In mir steigt gute
Hoffnung auf in bezug auf dich! Denn die Weisheit GOTTES spricht folgender-
maßen von sich: Ich liebe die, die mich lieben, und die, die in der Frühe für mich
wach sind, werden mich finden (Sprüche 8, 17). Los jedoch, lege mir deutlich dar,
was du willst.
3. Sch üler: Du hast gesagt, Herr, du wollest mir aufzeigen, was es heißt,
gebildet zu sein; und was es heißt, weise zu sein. Lehrer: Du hast gut aufgepaßt.
Damit ich dich jedoch darüber belehren kann, beantworte mir einige Fragen.
J. A. Comenius, Grundausbildung, III. Teil, 3. Gespräch 8

4. Sage mir, warum du meine Schule hier besuchst. Sch üler: Damit ich
meinen Eltern gehorche, die mich hierher geschickt haben.
5. Lehrer: Es ist zwar gut, wenn die Kinder ihren Eltern in allem gehorchen,
auch wenn sie nicht verstehen, warum etwas befohlen wird. Für dich ist es jedoch
bereits an der Zeit, daß du von dir aus erkennst, was gut und was schlecht ist.
Weißt du also, warum dich deine Eltern in die Schule schicken? Sch üler: Damit
ich etwas lerne.
6. Lehrer: Was aber sollst du lernen? Sch üler: Lesen und Schreiben.
7. Lehrer: Sonst nichts? Mein kleiner Lehrling, wie wenig du noch bedenkst!
Sch üler: Was also wird noch verlangt?
8. Lehrer: Die Schule muß für dich das Vorspiel oder die Vorbereitung für
das ganze Leben sein; ja sogar für die Ewigkeit. Sch üler: Das kapiere ich nicht.
9. Lehrer: Du kapierst das nicht? Weißt du, daß du sterben wirst? Sch üler:
Jawohl. Alles, was geboren wird, muß sterben.
10. Lehrer: Und glaubst du, daß es nach dem Tode noch ein Leben gibt?
Sch üler: Ja. Denn das bekenne ich im Apostolischen Glaubensbekenntnis: Ich
glaube an die Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben.
11. Lehrer: Richtig. Aber was für ein Leben wird dieses ewige Leben sein
? Ein glückliches oder ein unglückliches? Sch üler: Das von denen, die in alle
Ewigkeit mit Gott zusammenwohnen werden, ein glückliches; das von denen aber,
die vom Antlitz Gottes ausgeschlossen sein werden, ein unglüchliches.
12. Lehrer: Warum aber werden manche ausgeschlossen sein ? Sch üler:
Weil sie in diesem gegenwärtigen Leben Gott, ihrem Schöpfer, nicht mit reinem
Herzen gedient haben, sondern ihm den Rücken gekehrt haben; also wird auch er
ihnen den Rücken kehren.
13. Lehrer: Erkennst du also, daß das Leben hier der Vorbereitung des ewigen
Lebens dient? Sch üler: Vielleicht ist es so.
14. Lehrer: Nicht vielleicht: genau so ist es. Das ganze gegenwärtige Leben
wird uns deswegen geschenkt, damit wir uns auf die Ewigkeit vorbereiten.
15. Sch üler: Jedoch kapiere ich nicht, was es heißt gebildet zu sein, und was
es heißt weise zu sein. Lehrer: Du wirst es bald kapieren; laß uns einen Schritt
nach dem anderen gehen, überstürze dich nicht.
16. Sag noch einmal, warum wir in dieser Welt leben. Sch üler: Ich weiß es
nicht, herr; belehre mich darüber.
17. Lehrer: Du hast es doch schon gesagt: diejenigen, die hier Gott nicht
zuverlässig dienten, würden im anderen Leben von Gott verstoßen werden. Hast
du das gesagt? Sch üler: Jawohl.
18. Lehrer: Du siehst also, daß derjenige, der dort mit Gott wohnen will,
hier Gott in Frömmigkeit dienen muß. Sch üler: Das sehe ich.
19. Lehrer: Wer hier also fromm lebt, der bereitet sich auf ein glückliches
Leben vor; ja? Sch üler: Jawohl.
20. Lehrer: Also dient das gegenwärtige Leben der Vorbereitung des zukünf-
tigen? Sch üler: Ganz und gar.
J. A. Comenius, Grundausbildung, III. Teil, 3. Gespräch 9

21. Lehrer: Siehst du aber, daß das gegenwärtige Leben seine eigenen Stufen
oder Altersstufen hat? Sch üler: Welche?
22. Lehrer: Die erste Stufe heißt Kleinkindalter (frühe Kindheit), die zweite
Kindheit (Knabenalter), die dritte Zeit des Erwachsenwerdens (Reifezeit) oder
Jugendzeit; dann das Mannesalter, schließlich das Greisenalter. Verstehst du das?
Sch üler: Jawohl.
23. Lehrer: Und hoffst du, bis zum Greisenalter, oder wenigstens bis zum
Mannesalter zu leben? Sch üler: Ich wollte es, so Gott will.
24. Lehrer: Und verstehst du, daß in allem jeweils das Erste den Weg ebnet
für das Zweite, und das Zweite für das Dritte, das Dritte für das Vierte usw. ?
Sch üler: Ich verstehe nicht, was das heißt.
25. Lehrer: Wenn du auf den Sprossen einer Leiter auf einen Baum steigen
wolltest, kannst du dann auf die dritte oder vierte Sprosse steigen ohne die erste?
Sch üler: Vielleicht nicht. Zuerst nämlich muß ich auf die erste Sprosse steigen,
dann auf die zweite, von der auf die dritte und so weiter.
26. Lehrer: Richtig. Und kann einer ein Mann werden, wenn er nicht ein
Jugendlicher gewesen ist? Sch üler: Nein. Lehrer: Und ein Jugendlicher,ohne
vorher ein Kind gewesen zu sein? Sch üler: Nein. Lehrer: Und ein Kind, ohne
ein Kleinkind gewesen zu sein? Sch üler: Nein.
27. Lehrer: Du hast ein gutes Urteilsvermögen. Du siehst also, daß man
durch das Kleinkindalter in die Kindheit geht, durch die Kindheit in die Jugend-
zeit (Reifezeit), durch die Jugendzeit (Reifezeit) in das Mannesalter, danach in
das Greisenalter? Sch üler: Das ist offensichtlich.
28. Lehrer: Folglich soll sich das Kind auf die Jugendzeit (Reifezeit) vorbe-
reiten, der Jugendliche (der Heranreifende) auf das Jungmannesalter, der junge
Mann auf das Mannesalter, der Mann auf das Greisenalter? Sch üler: Jawohl.
29. Lehrer: Sag mir: Kann man ein Schneider oder Schuster sein, ohne daß
man das Schneider- oder Schusterhandwerk gelernt hat? Sch üler: Nein.
30. Lehrer: Diese und andere Handwerksberufe, wann erlernen die Leute sie?
Doch im frühen Jungmannesalter? Sch üler: Jawohl.
31. Lehrer: Du siehst also, daß die vorangehende Altersstufe der folgenden
den Weg bereitet? Sch üler: Jawohl.
32. Lehrer: Also bereitet das ganze Jungmannesalter für das ganze folgende
Leben den Weg; ist die das klar? Sch üler: Es scheint so zu sein.
33. Lehrer: Und ist dir auch bewußt, daß die Handwerker für das, was sie
herstellen, ihre Werkstätten haben? Zum Beispiel hat der Gerber eine Werkstatt,
wo er das Leder herstellt; und der Schneider und Schuster eine, wo er Kleider und
Schuhe macht. Nicht wahr? Sch üler: Ich habe das gesehen.
34. Lehrer: Folglich dürfen auch den Menschen die Werkstätten nicht fehlen,
wo sie sich auf das Leben vorbereiten, d. h. für alle Aufagben des Lebens tauglich
gemacht werden.
35. Sch üler: Diese Werkstätten des Lebens aber, wo sind sie ? Lehrer: Du
weißt es nicht? Du hast doch schon die erste durchschritten.
J. A. Comenius, Grundausbildung, III. Teil, 3. Gespräch 10

36. Sch üler: Ich habe keine gesehen; wo ist sie? Lehrer: Du hast keine
gesehen? Und ob du eine gesehen hast, und ob du eine siehst! Die Schulen sind
die Wekstätten der Menschen; dort werden die Begabung und die geistigen Fähig-
keiten so geweckt, daß der Mensch für alles, was ihm im ganzen Leben, sogar in
der Ewigkeit widerfahren kann, vorbereitet wird. Verstehst du jetzt? Sch üler:
Jawohl.
37. Lehrer: Das Ziel dieser Werkstätten der Menschenbildung also, der Schu-
len, ist es, die Menschen zu echten Menschen zu machen, die für ihr ganzes Leben,
ja sogar für die Ewigkeit in der richtigen Weise vorbereitet sind. Sch üler: Ich
verstehe; indes verstehe ich noch nicht, was es heißt, gebildet oder weise zu sein.
38. Lehrer: Du wirst es schon noch verstehen, hör nur zu. Gott hat gesagt:
Wenn sie doch nur weise wären und Verstand hätten und ihr Ende bedächten
! (Deut. 32, 29). Der Dichter aber: Wer weise ist, ist gewappnet für unzählige
Situationen. Siehst du, was es heißt, weise zu sein? Sch üler: Ich weiß nicht
recht.
39. Lehrer: Hör’ also zu, ich will es wiederholen. Weise ist, wer für sein Ende
(d. h. für die Ewigkeit) im ganz besonderem Maße Vorsorge trifft; und wer auch
in diesem Leben hier für alles, wozu er herangezogen wird, tauglich ist. Sch üler:
Wer nun wird gebildet genannt?
40. Lehrer: Gebildet wird genannt, wer viel gesehen, gelesen und gelernt hat;
und deshalb sprechen und etwas vortragen kann; auch wenn er nichts von einer
handwerklichen Tätigkeit oder von dem, was für das Leben (und zwar auch für
das küftige, ewige) nützlich ist, versteht, oder sich nicht darum kümmert.
41. Sch üler: Kann einer Wissen besitzen, aber nichts machen? Lehrer:
Es gibt sehr viele, die viele Dinge gelernt haben, und in diesem Sinne sind sie
gebildet; aber sie tun wenig oder nichts Gutes, und in diesem Sinne sind sie nicht
weise.
42. Sch üler: Folglich wäre es besser, weise zu sein als gebildet?Lehrer:
Auf jeden Fall besser. Das Beste jedoch ist es, wenn Bildung und Weisheit sich
verbinden. Deshalb habe ich gestern gesagt, daß es mein Wunsch sei, daß du
durch den Besuch der Schule nicht nur gebildet, sondern auch weise wirst.
43. Sch üler: Möge Gott das geben. Was aber ist erforderlich, damit ich das
werde? Lehrer: Erforderlich ist, daß du dich nicht mit der Fertigkeit im Lesen
und Schreiben zufrieden gibst, sondern auch die höheren Schule besuchst, und
dafür sorgst, daß du dich in der Philosophie ausbildest.
44. Sch üler: Oh, gerne und sehnsüchtig. Aber was wird man mir dort bei-
bringen? Lehrer: Mit drei Buchstaben will ich es dir sagen: W. H. R., d. h. weise
sein, handeln, reden.
45. Sch üler: Was heißt das, weise sein ? Lehrer: In diesem Falle heißt es,
alles verstehen, was man verstehen kann; damit du mit hellem Verstand durch
die Welt gehst und überall zwischen wahr und falsch, zwischen gut und böse
unterscheiden kannnst, damit dich nichts zu Fall bringt.
46. Sch üler: Und was heißt handeln ? Lehrer: Eben das, daß du das tust,
J. A. Comenius, Grundausbildung, III. Teil, 3. Gespräch 11

von dem du weißt, daß es gut ist; daß du aber das, von dem du erkennst, daß es
böse ist, nicht tust.
47. Sch üler: Was aber schließlich heißt reden ? Lehrer: Gedanken und
Handlungen (und zwar die eigenen wie auch die anderer) anderen mitteilen. Das
trägt sehr zur Verbreitung des wahren Wissens bei.
48. Sch üler: Aber reden kann ich bereits; ich brauche also keine andere Schu-
le. Lehrer: Mein kleines Kind, wie wenig weißt du schon, was reden heißt! Du
redest nicht, nein; sondern du stotterst. Das heißt, du hast noch keinen Grund-
stock, von dem aus du reden kannst, und du kannst noch nicht über alles reden,
und noch nicht geschmackvoll, geschweige denn wirksam (erfolgreich), und nicht
in immer wieder anderen Sprachen.
49. Sch üler: Was heißt das, in anderen Sprachen reden? Lehrer: Es gibt
drei Sprachen der Bildung. Erstens die hebräische, von allen die älteste, in der
das Wort Gottes des Alten Testamentes abgefaßt ist. Zweitens die griechische,
die weiseste von allen, in der das Wort Gottes des Neuen Testamentes abgefaßt
ist. Die dritte ist die lateinische, heutzutage international die bekannteste von
allen, das gemeinsame Verständigungsmittel der Völker. Darüberhinaus aber hat
fast jedes Volk sein eigenes Idiom (seine eigene Sprache), so daß du, wenn du mit
ihnen verkehren willst, notgedrungen ihre Sprache lernen mußt.
50. Sch üler: Wie viel das doch ist, für mich kaum zu bewältigen! Lehrer:
Alles kann der bewältigen, dem Gott hilft. Gott aber hilft denen, die ihn fürchten,
und fromm sind, und beten, und sich anstrengen. Derart also sollst du sein und
sei guter Hoffnung. Alles Notwendige wirst du lernen, wenn du es der Reihe nach
lernst; täglich etwas Schönes, Angenehmes, Nützliches.

JA
Möge dir Gott helfen! Amen.

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