Nachrichten Aus Mittelerde: J.R.R. Tolkien
Nachrichten Aus Mittelerde: J.R.R. Tolkien
TOLKIEN
NACHRICHTEN AUS
MITTELERDE
Mit Einleitung, Kommentar, Register und Karten
herausgegeben von Christopher Tolkien
KLETT-COTTA
Hobbit Presse
[Link]/hobbitpresse
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Unfinished Tales of Númenor and
Middle-earth« im Verlag George Allen & Unwin Ltd., London
© 1980 by Allen & Unwin Ltd.
Published by arrangement with Harper Collins Ltd., London
EINLEITUNG 9
TEIL EINS
DAS ERSTE ZEITALTER
I. Von Tuor und seiner Ankunft in Gondolin 37
Anmerkungen 93
II. Narn I Hîn Húrin:
Die Geschichte der Kinder Húrins 100
Túrins Kindheit 100
Der Wortstreit zwischen Húrin und Morgoth 114
Túrins Abreise 118
Túrin in Doriath 131
Túrin bei den Geächteten 146
Von Mîm, dem Zwerg 164
Die Rückkehr Túrins nach Dor-lómin 178
Túrins Ankunft in Brethil 187
Die Reise Morwens und Nienors nach Nargothrond 192
Nienor in Brethil 206
Die Ankunft Glaurungs 213
Glaurungs Tod 225
Túrins Tod 237
Anmerkungen 246
Anhang 252
TEIL ZWEI
DAS ZWEITE ZEITALTER
I. Eine Beschreibung der Insel Númenor 271
Anmerkungen 282
II. Aldarion und Erendis:
Das Weib des Seefahrers 283
Anmerkungen 344
III. Die Linie von Elros: Könige von Númenor 352
Anmerkungen 362
IV. Die Geschichte von Galadriel und Celeborn
und von Amroth, König von Lórien 367
Anmerkungen 405
Anhänge: A: Die Wald-Elben
und ihre Sprache 410
B: Die Sindarin-Fürsten der Wald-Elben 412
C: Die Grenzen von Lórien 415
D: Der Hafen von Lond Daer 416
E: Die Namen von Celeborn und Galadriel 423
TEIL DREI
DAS DRITTE ZEITALTER
I. Das Verhängnis auf den Schwertelfeldern 429
Anmerkungen 441
Anhang: (Númenórische Längenmaße) 451
II. Cirion und Eorl und die Freundschaft
zwischen Gondor und Rohan 455
1. Die Nordmenschen und die Wagenfahrer 455
2. Der Ritt Eorls 466
3. Cirion und Eorl 474
4. Die Überlieferung Isildurs 487
Anmerkungen 491
III. Die Fahrt zum Erebor 504
Anmerkungen 514
Anhang: Bemerkungen zu den Texten 515
IV. Die Jagd nach dem Ring 528
1. Von der Reise der Schwarzen Reiter, gemäß dem Bericht,
den Gandalf Frodo gab 528
2. Andere Versionen der Geschichte 535
3. Betreffend Gandalf, Saruman und das Auenland 546
Anmerkungen 552
V. Die Schlachten an den Furten des Isen 556
Anmerkungen 571
Anhang 574
TEIL VIER
I. Die Drúedain 587
Anmerkungen 599
II. Die Istari 604
Anmerkungen 624
III. Die Palantíri 627
Anmerkungen 642
Register 649
EINLEITUNG
ﱠ
–9–
insgesamt in einem anderen Verhältnis zueinander: zusammen-
genommen ergeben sie kein Ganzes. Dieses Buch ist nichts an-
deres als eine Sammlung von Texten, unterschiedlich in Form,
Intention, Ausführung und Entstehungszeit (und auch in der
Bearbeitung durch mich), die Númenor und Mittelerde zum
Gegenstand haben. Doch der Grund zu ihrer Veröffentlichung
ist für mich im Prinzip der gleiche, der auch die Publikation des
Silmarillion rechtfertigte, wenn er auch weniger gewichtig ist.
Ich denke an jene, die nicht darauf verzichten möchten, die Ge-
stalten Melkors und Ungolianths zu sehen, wie sie vom Gipfel
Hyarmentirs hinabblicken auf Yavannas »Wiesen und Felder,
Gold unter dem hohen Weizen der Götter«; auf die Schat-
ten, die Fingolfins Heer beim ersten Mondaufgang im Westen
wirft; auf Beren, der in Wolfsgestalt unter Morgoths Thron
lauert; oder auf das Licht des Silmaril, das plötzlich in der
Finsternis des Waldes von Neldoreth aufleuchtet – sie werden,
glaube ich, feststellen, dass formale Mängel dieser Geschich-
ten bei weitem aufgewogen werden durch die Stimme Gandalfs
(die man hier zum letzten Mal hört), als er beim Treffen des
Weißen Rates im Jahre 2851 den hochmütigen Saruman hän-
selt, oder wie er, nach dem Ende des Krieges um den Ring, in
Minas Tirith erzählt, dass er die Zwerge zum berühmten Tref-
fen nach Beutelsend sandte; durch das Auftauchen Ulmos, des
Herrn der Wasser, aus dem Meer bei Vinyamar; durch Mab-
lung aus Doriath, der sich »wie eine Wühlmaus« unter den
Trümmern der Brücke bei Nargothrond verbarg; oder durch
den Tod Isildurs, als er sich mühsam aus dem Schlamm des An-
duin befreite.
Viele Texte dieser Sammlung sind Ausarbeitungen von The-
men, die anderswo kürzer behandelt oder zumindest angedeutet
wurden. Es muss zugleich gesagt werden, dass einiges in diesem
Buch von Lesern des Herrn der Ringe als vielleicht kaum lesens-
wert empfunden werden wird. Sie begreifen die geschichtliche
– 10 –
Struktur Mittelerdes nur als Hilfsmittel, nicht als Endzweck
und verlieren über der Erzählung die ihr zugrunde liegende
Absicht aus dem Auge. Sie spüren wenig Verlangen nach wei-
teren Untersuchungen um ihrer selbst willen. Sie wollen nicht
wissen, wie die Reiter der Mark von Rohan organisiert waren,
und belassen die Wilden Menschen aus dem Druadan-Wald
ruhig dort, wo sie sie gefunden haben. Sicherlich hätte mein
Vater nicht behauptet, diese hätten unrecht. In einem Brief
vom März 1955, vor der Veröffentlichung des dritten Teils des
Herrn der Ringe, schrieb er:
– 11 –
In einem Brief aus dem folgenden Jahr schrieb er:
– 12 –
›unvollendet‹, jedoch in unterschiedlichem Maße und in ver-
schiedener Bedeutung des Wortes, und sie haben eine unter-
schiedliche Behandlung erforderlich gemacht. Weiter unten
werde ich der Reihe nach zu jeder von ihnen etwas sagen. An
dieser Stelle möchte ich die Aufmerksamkeit lediglich auf ein
paar allgemeine Grundzüge lenken.
Die wichtigste Frage ist die des ›inneren Zusammenhangs‹,
die sich am besten anhand des »Die Geschichte von Galadriel
und Celeborn« überschriebenen Textes illustrieren lässt. Dieses
ist eine ›unvollendete Geschichte‹ im weiteren Sinne: keine
Erzählung, die plötzlich abbricht wie »Von Tuor und seiner
Ankunft in Gondolin«, keine Reihung fragmentarischer Stücke
wie »Cirion und Eorl«, und dennoch bildet sie einen elemen-
taren Erzählstrang in der Geschichte Mittelerdes, der nie eine
fest umrissene Gestalt erhalten hat und in der letzten Fassung
liegen blieb. Die Einbeziehung der unveröffentlichten Erzäh-
lungen und Skizzen zu diesem Thema hat deshalb zugleich zur
Folge, dass die Geschichte nicht als eine festgelegte, unabhän-
gig existierende Wirklichkeit betrachtet werden darf, über die
der Autor (in seiner Rolle als Übersetzer und Herausgeber) ›be-
richtet‹, sondern als ein in seinem Kopf wachsender und sich
verändernder Entwurf. Als der Autor seine Werke nicht mehr
selbst herausgab, nachdem er sie seiner eigenen detaillierten
Kritik und Vergleichung unterzogen hatte, werden die weiteren
Erkenntnisse über Mittelerde, die sich in seinen unveröffent-
lichten Schriften finden, des Öfteren in Gegensatz zu Tatsa-
chen geraten, die bereits ›bekannt‹ sind. In solchen Fällen wer-
den die neuen Elemente, die man in das bereits bestehende
Gebäude einfügt, weniger zur Geschichte der erfundenen Welt
selbst beitragen als zur Geschichte ihrer Erfindung. In diesem
Buch habe ich diese Tatsache von Anfang an akzeptiert. Außer
bei geringfügigen Details wie bei unterschiedlicher Nomenkla-
tur (wo eine Beibehaltung der handschriftlichen Form zu un-
– 13 –
angemessener Verwirrung geführt oder umfangreiche Erläute-
rungen notwendig gemacht hätte), habe ich im Interesse der
Übereinstimmung mit bereits publizierten Werken keine Ver-
änderungen vorgenommen, sondern mein Augenmerk viel-
mehr auf Widersprüche und Unterschiede gerichtet. In die-
ser Hinsicht sind die unvollendeten Erzählungen in Nachrichten
aus Mittelerde folglich vom Silmarillion grundsätzlich verschie-
den. Dort war es die übergeordnete, wenn auch nicht aus-
schließliche Aufgabe des Herausgebers, einen Zusammenhang
zwischen der inneren und äußeren Form herzustellen.
Von einigen besonderen Fällen abgesehen habe ich die
publizierte Form des Silmarillion in der Tat wie einen festen
Bezugspunkt behandelt und ihr den gleichen Stellenwert zuge-
sprochen wie jenen Werken, die mein Vater selbst ediert hat.
Die ungezählten ›unautorisierten‹ Entscheidungen zwischen
Varianten und konkurrierenden Versionen, die den Schaffens-
prozess begleiteten, habe ich dabei nicht berücksichtigt.
Inhaltlich hat das Buch ausschließlich erzählenden (oder
beschreibenden) Charakter: Alle Texte über Mittelerde und
Aman, die in erster Linie philosophischer oder spekulativer
Natur sind, habe ich ausgeschlossen, und wo solche Gegen-
stände von Zeit zu Zeit auftauchten, habe ich sie nicht weiter-
verfolgt. Bei der Einteilung der Texte habe ich ein einfaches
und angemessenes Verfahren angewendet, indem ich sie in Ab-
teilungen gliederte, die den ersten drei Zeitaltern der Welt zu-
geordnet sind, wobei einige Überschneidungen unvermeidlich
waren, wie bei der Sage von Amroth und ihrer Entfaltung
in der »Geschichte von Galadriel und Celeborn«. Der vierte
Teil ist eine Zugabe, denn die darin enthaltenen Texte sind all-
gemein gehaltene Diskurse, die keine oder nur schwache Ele-
mente einer Geschichte aufweisen. Der Abschnitt über die
Drúedain verdient in der Tat eine eigenständige Aufnahme in
die Geschichte vom »Getreuen Stein«, die einen kleinen Teil
– 14 –
davon bildet. Dieser Abschnitt veranlasste mich, auch Texte
über die Istari und die Palantíri aufzunehmen, weil gerade diese
Texte (besonders die frühen) bei vielen Neugier geweckt haben.
Dieses Buch schien mir der geeignete Rahmen, um entspre-
chende Erläuterungen zu geben.
Die Anmerkungen scheinen an manchen Stellen recht um-
fangreich zu sein, doch man wird feststellen, dass sie dort,
wo sie sich besonders häufen (wie in »Das Verhängnis auf den
Schwertelfeldern«), weniger dem Herausgeber als dem Autor
zuzuschreiben sind. Dieser neigte in seinen späten Werken
dazu, verschiedene Handlungsstränge durch eingeschobene
Anmerkungen miteinander zu verbinden. Ich habe durchge-
hend versucht zu verdeutlichen, welche Anmerkungen vom
Herausgeber stammen und welche nicht. Wegen der Fülle des
in den Anmerkungen und Anhängen erfassten Materials habe
ich es für das Beste gehalten, die Seitenverweise im Index nicht
auf die Texte selbst zu beschränken, sondern alle Teile des Bu-
ches einzubeziehen, diese Einleitung ausgenommen.
Beim Leser habe ich durchaus eine leidliche Kenntnis der
veröffentlichten Werke meines Vaters vorausgesetzt (vor allem
des Herrn der Ringe), denn eine andere Verfahrensweise hätte
den editorischen Apparat stark vergrößert, der ohnehin schon
manchem recht umfangreich vorkommen mag. Gleichwohl
habe ich fast allen wichtigen Stichworten des Index kurze er-
klärende Angaben hinzugefügt, in der Hoffnung, den Leser vor
dauerndem Nachschlagen an anderen Orten zu bewahren.
Verweise auf Das Silmarillion beziehen sich auf die illustrierte
Ausgabe von 2011, beim Herrn der Ringe werden die Bandnum-
mer, die entsprechenden Bücher und Kapitel angegeben.*
* Zitiert wird nach der Carrouse-Übersetzung Der Herr der Ringe, die der revidier-
ten vollständigen Fassung der englischen Ausgabe von 1967 entspricht und die »An-
hänge« wie auch ein ausführliches Register enthält. (A. d. Ü.)
– 15 –
Es folgen nun einführende bibliografische Anmerkungen zu
den einzelnen Texten.
TEIL EINS
I Von Tuor und seiner Ankunft in Gondolin
Mehr als einmal hat mein Vater gesagt, der »Fall von Gondo-
lin« sei als erste Geschichte des Ersten Zeitalters verfasst wor-
den, und es gibt keinen Grund, an seiner Erinnerung zu zwei-
feln. In einem Brief aus dem Jahr 1964 erklärte er, dass er sie
»aus dem Kopf« geschrieben habe, »während eines Genesungs-
urlaubs von der Armee im Jahre 1917«; bei anderen Gelegenhei-
ten gab er die Entstehungszeit mit 1916 oder 1916–1917 an. In
einem an mich gerichteten Brief aus dem Jahre 1944 schrieb er:
»Mit dem Schreiben [des Silmarillions] begann ich erstmals
in überfüllten Armee-Baracken, inmitten von Grammophon-
lärm.« In der Tat sind einige Verszeilen, in denen die sieben
Namen Gondolins auftauchen, auf die Rückseite eines Stückes
Papier gekritzelt, auf dem die »Bedeutung der Verantwortung
in einem Bataillon« dargelegt war. Das früheste Manuskript
existiert noch und umfasst zwei kleine Schulhefte. Es ist schnell
mit Bleistift geschrieben, zu einem großen Teil durch Zusätze
in Tintenschrift ergänzt und mit zahlreichen Korrekturen ver-
sehen. Auf der Grundlage dieses Textes hat meine Mutter of-
fenbar 1917 eine saubere Abschrift angefertigt. Doch in der
Folge wurde dieses Manuskript weiterhin von Grund auf über-
arbeitet. Die Zeit, in der dies geschah, kann ich nicht genau be-
stimmen, doch war es vermutlich zwischen 1919 und 1920, als
mein Vater in Oxford zum Mitarbeiterstab des damals noch
unvollendeten Wörterbuches gehörte. Im Frühjahr 1920 wurde
er vom Essay-Club seines Colleges (Exeter) zu einer Lesung
eingeladen, und er las dort den »Fall von Gondolin«. Was er als
– 16 –
Einleitung zu seinem »Essay« zu sagen beabsichtigte, geht aus
seinen Notizen hervor, die noch erhalten sind. Darin entschul-
digt er sich, dass es ihm nicht möglich gewesen sei, einen kriti-
schen Text zu verfassen, und er fährt fort: »Folglich musste ich
etwas bereits Geschriebenes lesen und verfiel in meiner Not
auf diese Erzählung, die natürlich bis heute das Licht der Welt
noch nicht erblickt hat … Vor geraumer Zeit erwuchs in mei-
ner Vorstellung (besser gesagt: wurde entworfen) ein abge-
schlossener Zyklus von Ereignissen in einer erfundenen Elben-
welt. Einige dieser Episoden sind flüchtig skizziert worden …
Die vorliegende Geschichte gehört nicht zu den besten, doch
ist sie die einzige, die überhaupt so weit überarbeitet ist, dass
ich, so wenig zufriedenstellend die Revision auch war, es wagen
kann, sie vorzulesen.«
Die Geschichte von Tuor und dem Auszug aus Gondolin
(wie der »Fall von Gondolin« im frühen Manuskript über-
schrieben ist) blieb viele Jahre liegen, obgleich mein Vater in
einem gewissen Stadium, vermutlich zwischen 1926 und 1930,
eine kurze, gedrängte Version verfasste, die einen Teil des
Silmarillion bilden sollte. (Dieser Titel taucht übrigens erstmals
in einem Brief meines Vaters an den Observer vom 20. Februar
1938 auf.) Diese Fassung wurde nachträglich weiter überarbei-
tet, um sie mit veränderten Konzeptionen in anderen Teilen des
Buches in Einklang zu bringen. Viel später begann er mit der
Arbeit an einer völlig umgestalteten Erzählung mit dem Titel
»Von Tuor und dem Fall von Gondolin«. Sie ist sehr wahr-
scheinlich 1951 verfasst worden, als der Herr der Ringe abge-
schlossen, seine Veröffentlichung aber noch zweifelhaft war.
Stilistisch und inhaltlich von Grund auf verändert, doch unter
Beibehaltung vieler wesentlicher Züge der Jugendfassung, ent-
faltet sich in der Geschichte »Von Tuor und dem Fall von Gon-
dolin« detailliert ausgearbeitet die gesamte Sage, die dem kur-
zen XXIII. Kapitel des veröffentlichten Silmarillion zugrunde
– 17 –
liegt. Es ist jedoch schmerzlich, dass er nur bis zu jenem Punkt
gelangte, an welchem Tuor, über die Ebenen Tumladens bli-
ckend, Gondolins ansichtig wurde. Es gibt keine Anhalts-
punkte, warum er die Geschichte an dieser Stelle abbrach.
Dieser Text wird hier abgedruckt. Um Verwirrung zu ver-
meiden, habe ich ihn »Von Tuor und seiner Ankunft in Gon-
dolin« betitelt, da über den Fall der Stadt nichts berichtet wird.
Wie immer bei den Werken meines Vaters, existieren verschie-
dene Lesarten und von einem kurzen Abschnitt (in dem sich
Tuor und Voronwe dem Sirion nähern und ihn überqueren)
mehrere konkurrierende Fassungen, wodurch eine geringfügige
editorische Bearbeitung notwendig wurde.
Es bleibt somit die bemerkenswerte Tatsache, dass die einzige
vollständige erzählerische Ausformung der Tuor-Geschichte
(sein Aufenthalt in Gondolin, seine Ehe mit Idril Celebrindal,
die Geburt Earendils, der Verrat Maeglins, die Plünderung der
Stadt und das Entkommen der Flüchtlinge), die in seiner Vor-
stellung vom Ersten Zeitalter einen zentralen Platz einnimmt,
bereits in jener Jugenderzählung geleistet wurde. Gleichwohl
steht außer Frage, dass diese (höchst bemerkenswerte) frühe
Erzählung zur Aufnahme in das vorliegende Buch ungeeignet
ist. Sie ist in jenem extrem archaisierenden Stil verfasst, den
mein Vater damals schrieb, und drückt unvermeidlich Tenden-
zen aus, die mit der Welt des Herrn der Ringe und des Silmaril-
lion in der vorliegenden Form nicht im Einklang stehen. Sie ist
zusammen mit den Texten aus der mythologischen Frühphase
einem Buch von Lost Stories (»Verlorene Geschichten«) zu-
gehörig; dieses ist selbst ein sehr inhaltsreiches Buch und für
jeden, der sich mit der Entstehungsgeschichte Mittelerdes be-
fasst, von größtem Interesse. Es könnte jedoch nur im Rahmen
einer größeren, komplexen Studie veröffentlicht werden.
– 18 –
II Die Geschichte von den Kindern Húrins
– 19 –
Silmarillion entnahm ich notgedrungen einen großen Teil der
entsprechenden Passagen der Túrin-Geschichte diesen Mate-
rialien, die sich in ihrer Vielfalt und in ihren Bezügen unter-
einander außerordentlich vielschichtig darstellen.
Für den ersten Teil dieses zentralen Abschnitts (bis zum Be-
ginn von Túrins Aufenthalt in Mîms Wohnung auf dem Amon
Rûdh) habe ich aus dem vorliegenden Material eine zusam-
menhängende Erzählung kompiliert, die im Umfang mit an-
deren Teilen der Narn vergleichbar ist und die an einer Stelle
(Seite 164f.) eine Lücke aufweist. Jedoch von dort an (Seite 178)
bis zu Túrins Ankunft am Ivrin nach dem Fall Nargothronds
gab ich diese Methode als unergiebig auf. Die Lücken in der
Narn waren hier allzu groß und konnten nur durch den entspre-
chenden, bereits publizierten Text des Silmarillion ausgefüllt
werden. Dennoch habe ich in einem Anhang (Seite 252f.) ver-
einzelte Fragmente aus dem entsprechenden Teil der geplanten
längeren Erzählung angeführt.
Im dritten Abschnitt der Narn (beginnend mit der Rück-
kehr Túrins nach Dor-lómin) wird ein Vergleich mit dem Sil-
marillion (ab Seite 372) zahlreiche (zum Teil sogar wörtliche)
Übereinstimmungen zeigen. Dagegen habe ich im ersten Ab-
schnitt des vorliegenden Textes zwei längere Passagen wegge-
lassen (vgl. Seite 101 und Anmerkung 1 sowie Seite 114 und An-
merkung 2), weil es sich um unerhebliche Varianten von
Passagen handelt, die in Das Silmarillion aufgenommen sind.
Diese Überschneidungen und wechselseitigen Beziehungen
zwischen einem Werk und einem anderen können unter-
schiedlich interpretiert und von verschiedenen Standpunkten
beurteilt werden. Meinem Vater machte es Freude, den glei-
chen Stoff in einem anderen Zusammenhang neu zu erzählen;
doch einige Teile verlangten nicht nach einer ausführlicheren
Behandlung in einer längeren Fassung, und es gab keinen An-
lass, sie um ihrer selbst willen neu zu formulieren. Wenn ande-
– 20 –
rerseits alles noch im Fluss war und die endgültige Anordnung
der verschiedenen Erzählstränge in weiter Ferne lag, konnte
dieselbe Passage probeweise an verschiedenen Stellen einge-
fügt werden. Doch auch auf einer anderen Ebene lässt sich
eine Erklärung finden: Geschichten wie der von Túrin Tu-
rambar war bereits vor langer Zeit eine besondere dichterische
Form verliehen worden (in diesem Fall war es die Narn i Hîn
Húrin des Dichters Dírhavel); Redewendungen oder sogar
ganze Passagen (besonders Szenen von großer rhetorischer
Eindringlichkeit wie Túrins Ansprache an sein Schwert vor
seinem Tod) dieser Fassungen konnten als Ganzes von jenen
beibehalten werden, die später Zusammenfassungen der Ge-
schichte der Altvorderenzeit erstellten (als solche ist Das Sil-
marillion gedacht).
TEIL ZWEI
I Eine Beschreibung der Insel Númenor
– 21 –
entziffern, lautet aber mit ziemlicher Sicherheit Almaida. So-
weit ich sehe, taucht er nirgendwo anders auf.
– 22 –
Der Schritt vom stakkatohaften Annalenstil zum voll ent-
falteten Erzählen vollzog sich gleichwohl stufenweise, in dem
Maße, in dem die Abfassung des Schemas fortschritt. Im älte-
ren Teil der Geschichte habe ich große Teile des Textes umge-
schrieben und einen gewissen Grad stilistischer Homogenität
im Hinblick auf den gesamten Ablauf der Erzählung zu errei-
chen gesucht. Die Bearbeitung bezieht sich ausschließlich auf
die sprachliche Form; es wurde weder die Bedeutung geändert,
noch wurden Elemente eingeführt, die nicht authentisch sind.
Das letzte Schema, auf dem der Text im Wesentlichen be-
ruht, trägt den Titel: Der Schatten des Schatten: Die Geschichte
vom Weib des Seefahrers; und die Geschichte der Prinzessin Schä-
ferin. Das Manuskript endet abrupt, und ich kann keine ge-
sicherte Erklärung dafür geben, warum mein Vater die Arbeit
abbrach. Eine maschinenschriftliche Fassung, die bis zu diesem
Punkt reicht, wurde im Januar 1965 abgeschlossen. Außerdem
existieren zwei Seiten in Maschinenschrift, bei denen es sich
nach meinem Urteil um das zuletzt verfasste Material handelt.
Es ist offensichtlich der Anfang einer Fassung, die als abschlie-
ßende Version der gesamten Geschichte geplant war, und sie
liegt dem Text auf den Seiten 283–285 zugrunde (wo die Hand-
lungsabrisse am dürftigsten sind). Dieser Text trägt den Titel
Indis [Link] »Das Weib des Seefahrers«: Eine Geschichte aus dem
alten Númenórë, die von den ersten Gerüchten über den Schatten be-
richtet.
An das Ende der Erzählung habe ich jene kargen Hinweise
gesetzt, die Aufschluss über ihren Verlauf geben können.
– 23 –
sich um ein wichtiges Dokument zur Geschichte des Zweiten
Zeitalters handelt und ein großer Teil des vorhandenen Mate-
rials zu diesem Zeitalter in den Texten und Kommentaren die-
ses Buches Platz gefunden hat. Es liegt ein durchgearbeitetes
Manuskript vor, in dem die Lebens- und Regierungszeiten der
Könige und Königinnen von Númenor vollständig erfasst und
auf manchmal unklare Weise korrigiert sind; ich habe mich be-
müht, die jeweils letzte Formulierung anzugeben. Der Text
stellt einige unwesentliche chronologische Rätsel, erlaubt aber
auch die Klärung einiger offensichtlicher Irrtümer in den An-
hängen zum Herrn der Ringe.
Die genealogische Tabelle der früheren Generationen der
Linie von Elros basiert auf verschiedenen, eng zusammenhän-
genden Tabellen, die aus derselben Periode stammen, in der in
Númenor die Diskussion um die Regelung der Nachfolge statt-
fand (vgl. Seite 339.). Es gibt einige kleinere Varianten bei un-
bedeutenden Namen: So erscheint Vardilme auch als Vardilyë
und Yávien als Yávië. Die in meiner Tabelle angegebene Form
halte ich für die spätere.
– 24 –
öffentlichten Texte zu diesem Thema beschränkt und auf jede
Auseinandersetzung mit den übergreifenden Fragen verzichtet,
die der Entwicklungsgeschichte des Textes zugrunde liegen.
Dann nämlich müsste man die Betrachtung des gesamten Ver-
hältnisses zwischen den Valar und den Elben in die Diskussion
einbeziehen, und zwar beginnend mit der allerersten Entschei-
dung, die Eldar nach Valinor zu rufen (beschrieben im Silma-
rillion), und vieler anderer damit zusammenhängender Fragen.
Darüber hat mein Vater vieles geschrieben, was nicht in den
Rahmen dieses Buches gehört.
Die Geschichte Galadriels und Celeborns ist derart mit
anderen Sagen und Historien verwoben (Lothlórien und die
Wald-Elben, Amroth und Nimrodel, Celebrimbor, der die
drei Elbenringe schmiedete, der Krieg gegen Sauron und das
Eingreifen der Númenórer), dass sie nicht losgelöst davon be-
handelt werden kann. Also fasst dieser Abschnitt des Buches,
die fünf Anhänge eingeschlossen, im Grunde genommen
das gesamte unveröffentlichte Material zur Geschichte des
Zweiten Zeitalters in Mittelerde zusammen (und stellenweise
reicht die Erörterung unvermeidlich in das Dritte Zeitalter
hinüber). In der »Aufzählung der Jahre«, wie sie sich in An-
hang B zum Herrn der Ringe findet, heißt es: »Das waren die
dunklen Jahre für die Menschen von Mittelerde, aber die Jahre
der Glanzzeit von Númenor. Über die Geschehnisse in Mit-
telerde gibt es nur wenige und kurze Aufzeichnungen, und
ihre Daten sind oft unzuverlässig.« Doch sogar jenes kleine
Überbleibsel aus den »dunklen Jahren« verändert sich in dem
Maße, wie das Nachsinnen meines Vaters darüber sich ver-
tiefte und wandelte. Ich habe nicht versucht, Widersprüche
auszugleichen, sondern sie eher aufgedeckt und die Aufmerk-
samkeit auf sie gelenkt.
Voneinander abweichende Versionen brauchen nicht in je-
dem Fall unter dem Gesichtspunkt betrachtet zu werden, die
– 25 –
Frage der Priorität zu klären; mein Vater als ›Autor‹ oder ›Er-
finder‹ kann in solchen Fällen nicht immer vom ›Aufzeichner‹
alter Traditionen unterschieden werden, die in mannigfachen
Formen über unterschiedliche Personen und durch lange Zeit-
alter weitergereicht wurden (als Frodo in Lórien Galadriel traf,
waren mehr als sechzig Jahrhunderte vergangen, seit sie nach
dem Untergang Beleriands nach Osten über die Blauen Berge
ging). »Hierüber gibt es zwei Meinungen, und welche die rich-
tige ist, wissen nur jene Weisen, die jetzt verschwunden sind.«
In seinen letzten Lebensjahren schrieb mein Vater vieles
über die Etymologie der Namen in der Elbensprache, und in
diese weit gespannten Diskurse ist auch ein großer Anteil an
Geschichte und Sage eingebettet. Doch da diese Einschübe
der primär philologischen Absicht untergeordnet und beiläufig
eingestreut sind, war es notwendig, sie herauszulösen. Deshalb
besteht dieser Teil des Buches weitgehend aus kurzen Zitaten,
und weiteres Material gleicher Provenienz hat seinen Platz in
den Anhängen gefunden.
TEIL DREI
I Das Verhängnis auf den Schwertelfeldern
Dies ist eine ›späte‹ Erzählung, für die es keinen Hinweis auf
eine präzise Datierung gibt. Ich neige dazu, sie eher der End-
phase der Schriften über Mittelerde zuzuordnen (zusammen
mit »Cirion und Eorl«, der »Schlacht an den Furten des Isen«,
den Drúedain und den philologischen Aufsätzen in der »Ge-
schichte von Galadriel und Celeborn«) als der Zeit, in der der
Herr der Ringe veröffentlicht wurde, oder den Jahren danach.
Es existieren zwei Fassungen: ein unbearbeitetes Typoskript der
ganzen Erzählung (erkennbar das erste Stadium des Entwurfs)
und ein zweites, sauberes Typoskript mit vielen Veränderungen,
– 26 –
das an dem Punkt abbricht, wo Elendur Isildur zur Flucht über-
redet (Seite 434). Für den Herausgeber blieb wenig zu tun.
– 27 –
in eine rückblickende Unterhaltung in Minas Tirith eingebaut
werden, doch ich musste darauf verzichten, und sie erscheint in
kurzer Form lediglich in Anhang A, wobei die Auseinanderset-
zungen zwischen Gandalf und Thorin weggelassen sind.
Es gibt viele Texte, die sich mit den Ereignissen des Jahres 3018
des Dritten Zeitalters befassen und die ansonsten aus der Ge-
schichte »Die Großen Jahre« und den Berichten, die Gandalf
und andere dem Rat von Elrond erstatteten, bekannt sind. Es
handelt sich ohne Zweifel um jene »Skizzen«, die im obigen
Brief erwähnt werden. Ich habe ihnen den Titel »Die Jagd nach
dem Ring« gegeben. Die Manuskripte selbst, in erheblicher,
wenn auch nicht ungewöhnlicher Unordnung, habe ich auf
Seite 535f. ausführlich beschrieben. Jedoch mag die Frage ihrer
Datierung hier erörtert werden (denn ich glaube, dass sie alle,
eingeschlossen »Betreffend Gandalf, Saruman und das Auen-
land« im dritten Teil dieses Abschnitts, aus der gleichen Zeit
stammen). Sie wurden nach der Veröffentlichung des Herrn der
Ringe geschrieben, denn es finden sich Verweise auf die Seiten
der Buchausgabe. Sie unterscheiden sich jedoch in der Datie-
rung bestimmter Ereignisse von den Daten, die in der »Aufzäh-
lung der Jahre« (Anhang B) genannt werden. Die Erklärung ist
einfach: Diese Texte wurden nach der Veröffentlichung des ers-
ten Bandes, jedoch vor der des dritten geschrieben, der die An-
hänge enthält.
– 28 –