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1

Dissertationsschrift:

Im Zeichen des „Tankdrachen“.


Die Kriegführung an der Westfront 1916-1918 im
Spannungsverhältnis zwischen Einsatz eines neuartigen
Kriegsmittels der Alliierten und deutschen Bemühungen um
seine Bekämpfung

zur Erlangung des akademischen Grades doctor philosophiae (Dr. phil.)


vorgelegt von
Alexander Fasse
Einschreibenummer: 505040

an der Philosophischen Fakultät I der Humboldt-Universität zu Berlin.

Erstgutachter: Prof. Dr. Rolf-Dieter Müller

Zweitgutachter: Prof. Dr. Gerd Dietrich

Einreichung: 7. März 2007


Disputatio: 21. Juni 2007
2

Abstract (deutsch):
Gegenstand der vorliegenden Dissertationsschrift ist das zumeist als
Revolution of Military Affairs wahrgenommene Auftreten der ersten
Panzer. Diese „Tanks“ der Jahre 1916-1918 mit den ihnen innewohnenden
Möglichkeiten, das blutige Patt des Stellungskrieges an der Westfront
aufzuheben, beeinflußten der Legende nach das Kriegsende 1918 erheblich.
Die Alliierten erkannten das Potential der neuen Waffe, ließen sich von
frühen Rückschlägen nicht entmutigen und besaßen gegen Ende des Krieges
eine gepanzerte Speerspitze ihrer nun modern auf Feuer und Bewegung
ausgelegten Offensiven, denen man deutscherseits angeblich nichts
entgegenzusetzen hatte. Die deutsche Führung, anscheinend geprägt durch
technikfeindliche und geradezu blauäugig agierende Köpfe, verpaßte bis
zuletzt ignorant jede Chance, ihrerseits auf diese die Landkriegführung bis
heute prägende Waffe zu setzen und selbst Tanks in Massen zu produzieren.
Im Sommer 1918 kollabierten die deutschen Linien, als britische,
französische und amerikanische Tankgeschwader unaufhaltsam auf sie und
ihre technisch und taktisch plötzlich hoffnungslos unterlegenen Verteidiger
einstürmten.
Inwieweit diese plausibel erscheinende Darstellung den Realitäten in
höchsten Führungskreisen beider Seiten und auf den Gefechtsfeldern
entsprach, ist eine grundsätzliche Frage innerhalb der vorliegenden
Dissertation. Anhand der operationsgeschichtlichen Untersuchung der
namhaftesten Tankeinsätze zwischen dem ersten Auftreten der neuen Waffe
im September 1916 und ihrem Siegeslauf im Sommer 1918 wird geklärt,
welcher Anteil am alliierten Sieg den frühen Panzern zuzubilligen ist und
inwiefern sich die deutsche Führung tatsächlich eines letztlich
katastrophalen „Versagens“ schuldig machte.

Militärgeschichte
Erster Weltkrieg
Westfront
Tank
3

Abstract (English):
The central theme of this thesis is the appearance on the battlefield of the
first armoured vehicles, an event generally held to have been a revolution in
military affairs. The exploits of these so-called ‘tanks’ of 1916 -1918, which
had the inherent capability of breaking the bloody deadlock of trench
warfare, contributed greatly during the interwar period to the promotion of a
myth, which went roughly as follows:
The Allies had recognised the potential of this new weapon; did not allow
themselves to be deflected by early setbacks and so, towards the end of the
war, their modern offensives, founded on the joint principles of fire and
manoeuvre, possessed an armoured spearhead, against which the Germans
had no answer. The German High Command, seemingly technophobic and
blundering, ignored right to the bitter end, the chance to throw their weight
behind the development and mass production of weapons, which to this day
play a key role in land warfare. In the summer of 1918 the German lines
simply folded in the face of British, French and American tank squadrons
which rolled forward unstoppably to assault a defence which was suddenly
and hopelessly tactically and technically inferior.
The fundamental question of this thesis is to what extent this apparently
plausible representation of the facts actually corresponds to the reality, both
in the High Commands of both sides and on the battlefield. On the basis of
historical-operational analysis of the most notable tank actions between the
first appearance of the new weapon in September 1916 and its advance to
victory during the summer of 1918, the thesis explores how much credit for
the Allied victory is due to these early armoured vehicles and to what extent
the German High Command itself was actually responsible for this final,
catastrophic failure.

Military History
World War One
Western Front
Tank
4

ABSTRACT (DEUTSCH): ......................................................................... 2

ABSTRACT (ENGLISH): .......................................................................... 3

1. EINLEITUNG..................................................................................... 9

1.1. VORBEMERKUNGEN......................................................................... 9
1.2. DER BETRACHTUNGSGEGENSTAND................................................ 14
1.2.1. Wie „General Tank“ den Ersten Weltkrieg gewann. .......... 20
1.2.2. Wieso „General Tank“ den Ersten Weltkrieg nicht gewann.
............................................................................................. 26
1.3. ANMERKUNGEN ZUR HERANGEHENS- UND ARBEITSWEISE............ 38

2. „DIE ZUKUNFT IST DUNKLER ALS JE.“ DIE WESTFRONT


1914-1916 UND DIE GEBURTSSTUNDE DES TANK................ 50

2.1. DER KRIEGSVERLAUF AN DER WESTFRONT BIS AUGUST 1916. ..... 50


2.2. TECHNIK UND INDUSTRIE ALS URHEBER UND GRUNDLAGE DES
STELLUNGSKRIEGES. ..................................................................... 57
2.3. ORGANISATORISCHE VERÄNDERUNGEN DER DEUTSCHEN
HEERESSTRUKTUR. ........................................................................ 70
2.4. DIE ENTWICKLUNG DES TANK. ...................................................... 76

3. „TANKDRACHEN”. DIE ERSTEN TANKS IN DER


SOMMESCHLACHT, SEPTEMBER-NOVEMBER 1916.......... 87

3.1. DER PLAN, DIE ANGREIFER UND DIE TANKUNTERSTÜTZUNG. ....... 92


3.2. DIE VERTEIDIGER. ......................................................................... 93
3.3. FLERS-COURCELETTE, [Link] 1916.................................. 95
3.4. WEITERE TANKEINSÄTZE BIS ZUM ENDE DER SCHLACHT. ........... 104
3.5. DIE TANKS IN DER SOMMESCHLACHT: BEWERTUNGEN UND
REAKTIONEN. .............................................................................. 108
3.5.1. Britische Perspektiven und Reaktionen. ............................ 110
3.5.2. Deutsche Perspektiven und Reaktionen............................. 120

4. „EIN LOHNENDES ZIEL“. DIE GEBURTSSTUNDE DER


DEUTSCHEN TANKABWEHR, 1916/17.................................... 128

4.1. TANKABWEHRMITTEL UND DIE HYPOTHESE IHRER BEWÄHRUNG IN


DER SOMMESCHLACHT................................................................. 130

4.2. DIE KONZEPTION DER TANKABWEHR. ......................................... 137


5

4.3. EIN EXKURS ZUM DEUTSCHEN TANKBAU. ....................................146

5. „THEY HAD NOT HAD A GOOD DAY”. TANKS UND


TANKABWEHR IN DER OSTERSCHLACHT BEI ARRAS,
APRIL 1917......................................................................................153

5.1. DER PLAN, DIE ANGREIFER UND DIE TANKUNTERSTÜTZUNG. ......161


5.2. DIE VERTEIDIGER.........................................................................165
5.3. DIE KÄMPFE AM 9. UND [Link] 1917. ......................................168
5.4. BULLECOURT UND DIE KÄMPFE AM [Link] 1917. ....................172
5.5. WEITERE TANKEINSÄTZE BIS ZUM ENDE DER SCHLACHT.............177
5.6. TANKS UND TANKABWEHR IN DER SCHLACHT VON ARRAS:
BEWERTUNGEN UND REAKTIONEN...............................................178
5.6.1. Britische Perspektiven und Reaktionen..............................181
5.6.2. Deutsche Perspektiven und Reaktionen. ............................187

6. „FROIDE RÉSOLUTION". TANKS UND TANKABWEHR IN


DER DOPPELSCHLACHT AN DER AISNE UND IN DER
CHAMPAGNE, APRIL 1917.........................................................199

6.1. DER PLAN, DIE ANGREIFER UND DIE TANKUNTERSTÜTZUNG. ......201


6.2. DIE VERTEIDIGER.........................................................................209
6.3. DIE KÄMPFE AM [Link] 1917...................................................217
6.4. WEITERE TANKEINSÄTZE BIS ZUM ENDE DER SCHLACHT.............227
6.5. TANKS UND TANKABWEHR IN DER DOPPELSCHLACHT AN DER AISNE
UND IN DER CHAMPAGNE: BEWERTUNGEN UND REAKTIONEN. ....229
6.5.1. Französische Perspektiven und Reaktionen. ......................236
6.5.2. Deutsche Perspektiven und Reaktionen. ............................246

7. „IN LANGER REIHE TANK AN TANK“. DIE DEUTSCHE


TANKABWEHR AM SCHEIDEWEG, APRIL-MAI 1917........256

7.1. DAS ENDE DER ERSTEN „PANZERABWEHRTRUPPE“......................262


7.2. „MÄNNER GEGEN MASCHINEN.“ ..................................................268

8. „TANKS ARE NO GOOD ON A BATTLEFIELD”. TANKS UND


TANKABWEHR IM SOMMER UND HERBST 1917................283

8.1. TANK CORPS UND ARTILLERIE D’ASSAUT....................................291


8.2. TANKABWEHR. .............................................................................302
6

9. „FROM MUD, THROUGH BLOOD, TO THE GREEN FIELDS


BEYOND“. TANKS UND TANKABWEHR IN DER SCHLACHT
BEI CAMBRAI, NOVEMBER-DEZEMBER 1917. ................... 312

9.1. DER PLAN, DER ANGREIFER UND DIE TANKUNTERSTÜTZUNG. .... 318
9.2. DIE VERTEIDIGER. ....................................................................... 331
9.3. DIE KÄMPFE AM [Link] 1917. ........................................ 356
9.4. DIE FORTSETZUNG DER KÄMPFE VOM 21.-[Link] 1917. . 375
9.5. DER DEUTSCHE GEGENANGRIFF UND DAS AUSKLINGEN DER
SCHLACHT. .................................................................................. 384
9.6. TANKS UND TANKABWEHR IN DEN KÄMPFEN BEI CAMBRAI:
BEWERTUNGEN UND REAKTIONEN. ............................................. 398
9.6.1. Britische Perspektiven und Reaktionen. ............................ 417
9.6.2. Deutsche Perspektiven und Reaktionen............................. 435

10. „GESCHWÄTZ, GESCHWÄTZ UND NOCHMALS


GESCHWÄTZ“. TANKS UND TANKABWEHR VON DER
DEUTSCHEN FRÜHJAHRSOFFENSIVE BIS ZUR
ABWEHRSCHLACHT ZWISCHEN SOISSONS UND REIMS,
MÄRZ-JULI 1918........................................................................... 467

10.1. GRUNDLAGEN UND SYMPTOME DES MILITÄRISCHEN


ZUSAMMENBRUCHS. .................................................................... 473
10.2. ERFOLGE DER ALLIIERTEN MIT TANKS BEI GEGENANGRIFFEN. ... 486

11. „DIE NIEDERLAGE DES DEUTSCHEN HEERES“. TANKS


UND TANKABWEHR IN DER ABWEHRSCHLACHT
ZWISCHEN SOISSONS UND REIMS, JULI-AUGUST 1918. . 494

11.1. DER PLAN, DIE ANGREIFER UND DIE TANKUNTERSTÜTZUNG. ..... 501
11.2. DIE VERTEIDIGER. ....................................................................... 505
11.3. DIE KÄMPFE AM [Link] 1918. .................................................... 521
11.4. DIE WEITEREN KÄMPFE BIS ZUM ABSCHLUß DER SCHLACHT,
ANFANG AUGUST 1918................................................................ 531
11.5. TANKS UND TANKABWEHR IN DER ABWEHRSCHLACHT ZWISCHEN
SOISSONS UND REIMS: BEWERTUNGEN UND REAKTIONEN. ......... 534
11.5.1. Alliierte Perspektiven und Reaktionen............................... 540
11.5.2. Deutsche Perspektiven und Reaktionen............................. 545
7

12. „DIE NIEDERLAGE DES GANZEN VOLKES“. TANKS UND


TANKABWEHR IN DER ABWEHRSCHLACHT ZWISCHEN
SOMME UND AVRE, AUGUST 1918..........................................560

12.1. DER PLAN, DIE ANGREIFER UND DIE TANKUNTERSTÜTZUNG. ......563


12.2. DIE VERTEIDIGER.........................................................................569
12.3. DIE KÄMPFE AM [Link] 1918.................................................579
12.4. DIE FORTSETZUNG DER KÄMPFE IM AUGUST 1918. .....................593
12.5. TANKS UND TANKABWEHR IN DER ABWEHRSCHLACHT ZWISCHEN
SOMME UND AVRE: BEWERTUNGEN UND REAKTIONEN. ..............596
12.5.1. Britische Perspektiven und Reaktionen..............................606
12.5.2. Deutsche Perspektiven und Reaktionen. ............................614

13. „UND DIE TANKS NÄCHSTES FRÜHJAHR?“ TANKS UND


TANKABWEHR IN DEN LETZTEN WOCHEN DES KRIEGES.
...........................................................................................................632

13.1. DAS KRIEGSENDE IM ZEICHEN DER „TANKDRACHEN“. ................633


13.2. KONZEPTION UND ORGANISATION DER DEUTSCHEN TANKABWEHR
BEI KRIEGSENDE...........................................................................646

13.2.1. Die passive Tankabwehr. ...................................................649


13.2.2. Die aktive Tankabwehr.......................................................654
[Link]. Die schwere Artillerie. ..............................................656
[Link]. Die Feldartillerie, Minenwerfer, Sonder- und
Kleingeschütze. .........................................................658
[Link]. Nahkampfwaffen. ......................................................662
[Link]. Flieger und Kraftwagen-Geschütze...........................671

14. SCHLUßBETRACHTUNGEN. .....................................................675

14.1. DIE EVOLUTION DER BRITISCHEN UND FRANZÖSISCHEN


TANKTRUPPEN UND ANGRIFFSWEISE............................................678
14.2. DIE VERÄNDERUNG DES KRÄFTEVERHÄLTNISSES ZWISCHEN
ALLIIERTEN ANGREIFERN UND DEUTSCHEN VERTEIDIGERN. ........687

14.3. „VERHALTEN DER FÜHRUNG“. .....................................................697


14.4. FAZIT............................................................................................708
15. VERZEICHNISSE. ................................................................................710
15.1. VERZEICHNIS ARCHIVALISCHER QUELLEN. ....................................710
8

15.2. VERZEICHNIS UNGEDRUCKTER UND NICHT-ARCHIVALISCHER


QUELLEN. .................................................................................... 712
15.3. VERZEICHNIS GENUTZTER LITERATUR UND GEDRUCKTER QUELLEN.
.................................................................................................... 712
15.4. VERZEICHNIS DER IN DEN ANMERKUNGEN ANGEFÜHRTEN
INTERNETADRESSEN. ................................................................... 755
15.5. ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS. .......................................................... 758
9

1. Einleitung.
1.1. Vorbemerkungen.

Das Thema der vorliegenden Arbeit vereinigt in sich eine Vielzahl von
Aspekten, die mit dem „Tank“ oder frühen „Panzer“ 1 sowie dessen
Entstehungs- und Einsatzgeschichte im Komplex einer militärtechnischen
Revolution 2 verbunden sind. Diese wurden in den vergangenen rund 90
Jahren in kriegs-, operations- und technik- sowie in jüngerer Zeit auch in
kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Betrachtungen 3 von vielen
verschiedenen Seiten behandelt. Der Verfasser einer heutigen Untersuchung
muß demnach gute Gründe haben und zwar sowohl in Hinsicht auf neue
Erkenntnisse, als auch bezüglich einer geschichtswissenschaftlichen
Legitimation und Relevanz einer neuerlichen Abhandlung, um sich heute
diesem Themenfeld zu widmen.
In Hinblick auf die vorliegende Untersuchung von neuen Erkenntnissen zu
sprechen, scheint angesichts der bisherigen Bearbeitungsdichte des
Themenkomplexes auf den ersten Blick recht verfänglich. Sicherlich läßt

1
Die Unterscheidung zwischen „Tank“ (oder „Kampfwagen“ u.ä. überkommenen
Begrifflichkeiten) und „Panzer“ ist dadurch zu kennzeichnen, daß ersterer die während des
Weltkrieges ausgeprägte Vorstufe, den bzw. die Archetypen, darstellt und der Terminus
„Panzer“ die in den 20er und 30er begonnenen und bis heute andauernden, technischen und
einsatztechnischen Evolutionsstufen aller Art subsumiert. Die Trennung beider
Begrifflichkeiten macht aus militärischer und militärtechnologischer Perspektive Sinn, da
sie die unter Bedingungen eines Krieges geborene Innovation von den Möglichkeiten und
Grundlagen ihrer Modifikation und Transformation in anschließenden Friedenszeiten mit
ungebremst weiterlaufenden, zivilen Entwicklungen abgrenzt; siehe dazu Stahlschmidt,
Rainer: Quellen und Fragestellungen einer deutschen Technikgeschichte des frühen
[Link] bis 1945 (Studien zu Naturwissenschaft, Technik und Wirtschaft im
neunzehnten Jahrhundert, Bd. 8), Göttingen 1977, S. 118ff.
2
Zum Begriff, seiner Bedeutung als Ausgangspunkt für die militärwissenschaftliche
Auseinandersetzung mit Kriegführung im Spannungsfeld technischer Innovationen sowie
speziell zum Gegenstand einer Military Revolution des Ersten Weltkrieges siehe Gray,
Colin S.: Strategy For Chaos. Revolutions in Military Affairs and The Evidence of History,
London/Portland 2003, S. 8ff. bzw. S. 170ff.
3
Um zwei Betrachtungen anzuführen, die diesen auf den ersten Blick nicht genuin
militärischen Teilbereich mit hoch interessanten Ansätzen erschlossen, seien genannt: Tate,
Trudi: The Culture of the Tank, 1916-1918. In Modernism/Modernity 4.1. (1997), S. 69-87,
und Wright, Patrick: Tank. The Progress of a Montrous War Machine, London 2000.
10

sich immer ein Aktenbestand benennen, der nach Ansicht eines Bearbeiters
noch nicht ausreichend berücksichtigt wurde. Und es gibt immer wieder
auch mehr oder weniger isolierte Einzelaspekte, die, je nach Verlagerung
des Betrachtungsschwerpunktes eines Autors im Gegensatz zu vorherigen
Arbeiten, zu wenig Berücksichtigung gefunden zu haben scheinen 4 . Das
Ziel der vorliegenden Dissertation ist es aber nicht, dergestalt ausgemachte
„Detaillücken“ zu schließen oder, im Gegensatz dazu, das Bild von der
Frühphase der Entwicklungsgeschichte des Panzers (!) zwangsweise
grundlegend revidieren zu wollen. Der Panzer wird im Ergebnis weiterhin
ein Kriegsmittel bleiben, das die Landkriegführung des [Link]
geprägt hat, und auch weiterhin eine Waffe sein, die, in ihrer Ur- und
Frühform als „Tank“ des Weltkrieges, ihren –allerdings noch genauer zu
bestimmenden- Einfluß auf den Ausgang des globalen Ringens zwischen
1916 und 1918 hatte. Es geht vielmehr darum, skeptisch und durchaus
befreit von einer in weiten Teilen der vergangenen 90 Jahre gepflegten,
meist national veranlagten und auf wehrwissenschaftlichen Gewinn
zielenden, „applikativen“ Kriegsgeschichtsschreibung sowie unbelastet von
individuell-intuitiven oder politischen Vorbehalten 5 an ein Thema

4
Als Beispiel einer historiographisch bewährten Legitimation für eine nochmalige
Beschäftigung mit einem vielfach und vermeintlich bereits abschließend bearbeiteten
Thema findet sich die Anführung „neuen Materials das manches Werthvolle enthält“ etwa
in einer Abhandlung über den Siebenjährigen Krieg von 1868 (Erstauflage); siehe Paulig,
F.R.: Geschichte des siebenjährigen Krieges. Ein Beitrag zur deutschen Geschichte der
Jahre 1740-1763, Frankfurt a. O. 101879, S. IV.
5
Siehe Nowosadtko, Jutta: Krieg, Gewalt und Ordnung. Einführung in die
Militärgeschichte (Historische Einführungen, Bd. 6), Tübingen 2002. Die Autorin geht an
mehreren Stellen, so bereits im Vorwort und ersten Kapitel (siehe S. 7 und 9), auf eine
„Hypothek“ der Militärgeschichte und die gegen sie, ihren Wert und ihre Bearbeiter nicht
selten vorgebrachten Vorbehalte aller Art ein. Zudem ist in Hinsicht auf die frühere
Auseinandersetzung mit Militär- beziehungsweise Kriegsgeschichte festzuhalten, daß sie -
zumindest in Deutschland- massiv (militär-) politischen Prärogativen unterworfen war; zur
Entwicklung der Kriegsgeschichtsschreibung siehe ebenda, S. 35ff., Deist, Wilhelm:
Bemerkungen zur Entwicklung der Militärgeschichte in Deutschland, in Kühne,
Thomas/Ziemann, Benjamin (Hg.): Was ist Militärgeschichte? (Krieg in der Geschichte,
Bd. 6.) München u.a. 2006, S. 315-322, und, hinsichtlich der Operationsgeschichte als
Teilbereich sehr aufschlußreich, Showalter, Dennis E.: Militärgeschichte als
11

heranzugehen, das, in Anbetracht der heute greifbaren und weit verbreiteten


Vorstellungen, dem „Bauchgefühl“ eines Historikers schon nach recht
oberflächlicher Einarbeitung „Kopfzerbrechen“ bereiten muß.
So stellt sich ein ganz erheblicher Teil des Themenfeldes „Tank“, nämlich
etwas, das als deutsche Perspektive zu kennzeichnen ist und sich in der
Berücksichtigung von Ansätzen zur Bekämpfung alliierter Kampfwagen
während des Krieges deutlich wiederfinden lassen müßte, heute als so
begrenzt gewürdigt dar 6 wie die mit der Einführung einer in der
Kriegsgeschichte völlig neuen Waffe auf beiden Seiten der Front
verbundene Komplexität 7 der Materie an sich. In der historiographischen
Aufarbeitung, welche die Angriffswaffe Tank und ihre Nutzer in gleicher
Weise wie die zu ihrer Abwehr vorhandenen Mittel und Kräfte
berücksichtigt haben müßte, sollte angesichts der vergangenen Jahrzehnte
und der Bedeutung der Waffe tatsächlich etwas anderes zu erwarten sein.
Doch, wie weiter unten anhand der Darstellung eines sozusagen
„populären“ und heute allenthalben auffindbaren Bildes vom Tank und

Operationsgeschichte: Deutsche und amerikanische Paradigmen, in Kühne/Ziemann (Hg.):


Militärgeschichte, S. 115-126. (Hinweis: Einmal genannte Titel werden ferner mit
„ebenda“ im Kontext der Anmerkungen oder mit Kurztiteln bezeichnet.)
6
Zu überprüfen ist dies etwa anhand der Literatur- und Quellenverweise einschlägiger und
bezeichnenderweise meist englischsprachiger Titel. So findet sich etwa in dem
informativen Buch über die Tankschlacht von Cambrai 1917 von Smithers eine
kommentierte Aufstellung der genutzten englischsprachigen Titel, aber kein Hinweis auf
deutsche Literatur. Der Verweis darauf, daß die britische amtliche Geschichtsschreibung
sich dieser bereits angenommen habe, scheint letztlich, im Rahmen der Beschreibung einer
Schlacht, die schließlich von zwei Gegnern, nicht zuletzt dem britischen Tank und der
deutschen Feldartillerie als Tankabwehrwaffe, ausgefochten wurde, recht dürftig. Zum Titel
ist ferner anzumerken, daß er trotz dieses Mangels als einziger Literaturverweis zum
Stichwort “Cambrai” in der Enzyklopädie Erster Weltkrieg angeführt wird; siehe dazu
Smithers, A.J.: Cambrai. The First Great Tank Battle 1917, London 1992, S. 184, bzw.
Werth, German: Cambrai, in Hirschfeld, Gerhard/Krumeich, Gerd/Renz, Irina (Hg.):
Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn u.a. 22004, S. 404.
7
Zum Begriff siehe Herbst, Ludolf: Komplexität und Chaos. Grundzüge einer Theorie der
Geschichte, München 2004, S. 28f.
12

seiner Bedeutung dargelegt werden kann 8 , entspricht diese Annahme kaum


den Realitäten.
Eine der Ausnahmen hiervon, die wegen ihrer Patenfunktion für die
vorliegende Arbeit an dieser Stelle ausdrücklich genannt sein soll, liegt mit
Pidgeons Untersuchung des ersten Tankeinsatzes aus dem Jahr 1995 vor 9 .
Erstaunlich ist an dieser Ausarbeitung, die augenscheinlich vom Wunsch
geleitet war, endlich auch die durch deutschsprachige Archvialien und
Literatur zu eruierende Feindperspektive zu berücksichtigen, eine
Ergiebigkeit, die derart angelegte Neubetrachtungen absolut rechtfertigt.
Das auf dieser Basis den Ansatz des Verfassers am zutreffendsten
charakterisierende Stichwort scheint das der „Revision“ zu sein. Impliziert
ist darin ein im Zweifelsfall zumindest „respektlos“ erscheinender Umgang
mit vermeintlich unbeweglich zementiert feststehenden Erkenntnissen über
die Vergangenheit und der Anspruch, durch den gewählten Zugang
ergänzen, neu deuten und wenigstens bis zu einem gewissen Grad auch neu
bewerten zu können, was als ein in seiner Komplexität zwangsweise
reduziertes Produkt der „Geschichte der Elterngeneration“ 10 kolportiert
worden ist.

8
Siehe Abschn. 1.2.1. (Querverweise auf die vorliegende Arbeit werden fernerhin mit
„Abschn.“ oder „Kap.“ gekennzeichnet.)
9
Siehe Pidgeon, Trevor: The Tanks At Flers. An Account Of The First Use Of Tanks In
War At The Battle Of Flers-Courcelette. The Somme 15th September 1916, 2 Bde, Cobham
1995. Zu nennen wären einige Arbeiten mit ähnlich operationsgeschichtlichem und auf
einzelne Schlachten fokussiertem Blickwinkel, wie etwa Showalter, Dennis E.:
Tannenberg. Clash of Empires, Hamden 1991, oder Guénaff, Didier/Jurkiewicz, Bruno: Les
Chars De La Victoire, Louviers 2004, sowie einige der als Reiseführer angelegten und sich
neuerdings intensiv mit der deutschen Perspektive befassenden Bände der Battleground
Europe Serie von Pen & Sword; siehe bspw. Sheldon, Jack: The Germans At Thiepval
(Battleground Europe), Barnsley 2006. Daß gerade in Hinsicht auf die deutschen
Perspektiven Handlungsbedarf erkannt wurde, legen außerdem Arbeiten nahe, die in
direktem Zusammenhang mit dem [Link] des Beginns der Sommeschlacht von 1916
entstanden sind; so Sheldon, Jack: The German Army on the Somme 1914-1916, Barnsley
2005, Hirschfeld, Gerhard/Krumeich, Gerd/Renz, Irina (Hg.): Die Deutschen an der
Somme. Krieg, Besatzung, Verbrannte Erde, Essen 2006, und Duffy, Christopher: Through
German Eyes: The British & the Somme 1916, London 2006.
10
Siehe Herbst, S. 27.
13

Der zweite Anspruch, die geschichtswissenschaftliche Legitimation und


Relevanz der vorliegenden Arbeit, ist mit dem unterstellten Ausfall eines
ganzen Betrachtungszweiges in Form der deutschen Perspektive eng
verbunden, aber etwas diffiziler zu fassen. Denn es handelt sich beim
Themenbereich um etwas, das, im Sinne der berechtigten Ausführungen
Nowosadtkos zur Reputation der Militärgeschichte und der
Militärgeschichte betreibenden Historiker 11 , eine rein kriegsgeschichtliche,
rein militärtechnische, überaus operationsgeschichtslastige und mit
militärischen Fachtermini durchsetzte Ausarbeitung verspricht. Vor allem
der zuletzt genannte Vorbehalt entspräche, sofern real geäußert, zweifelsfrei
allerschlimmsten Befürchtungen. Wenngleich der Verfasser auch bewußt
versucht hat, ihm selbst in ihrer Bedeutung letztlich kaum verständliche
technische Ausführungen auf ein Mindestmaß zu reduzieren, bleibt die
vorliegende Arbeit durchsetzt von „blutigen Verlusten“, deren
zivilsprachliche Entsprechung nun einmal nicht existiert 12 , von der
Benennung von Divisionen und Korps, von Geschütztypen- und
Dienstgradbezeichnungen sowie allerlei sonstigen Elementen militärischer
Fachsprache. Und sie widmet sich, das sollte aus den bisherigen
Vorbemerkungen ersichtlich sein und auf die Vorbehalte des nicht
militärgeschichtlich vorgeprägten Betrachters verschärfend wirken, einem
Forschungsgegenstand der auf den ersten Blick durchaus als „alter Hut“
eines überkommenen und nur allzu „kriegerischen“ Zweiges einer
militärhistoriographischen Subdisziplin der Geschichtswissenschaft
bezeichnet werden könnte.
Einer solchen Argumentation kann aber nicht nur die oben angeführte
Behauptung einer von vielfältigen Fesseln freien und demgemäß aus neuen
Verhältnissen heraus nach neuen Erkenntnissen strebenden Revision
entgegengehalten werden, sondern auch die damit verbundene Hypothese,
daß beachtliche Teile vorheriger Arbeiten auf einer „unfreien“ Grundlage
verfaßt worden sind.
Geschichtswissenschaftlich sollte es an dieser Stelle interessant werden,
geht man über sprachliche und sonstwie geartete Barrieren, welche

11
Siehe Nowosadtko, S.138ff.
12
Siehe ebenda, S. 140f.
14

Historikern die Betrachtung transnationaler Zusammenhänge praktisch


erschwert haben und erschweren, hinaus. Denn gerade mit dem
vorliegenden, so intensiv bearbeiteten Untersuchungsfeld, liegt ein
Themenkomplex vor, welcher nicht nur überaus signifikante Wirkung auf
die Wahrnehmung von Verlauf und Ausgang der „Urkatastrophe“ des
Ersten Weltkrieges, sondern tatsächlich auch auf die Landkriegführung des
[Link] in ihrer Gesamtheit hatte. Es handelt sich demgemäß um
eine Materie, die zumindest anläßlich ihrer Bedeutung für die beiden
Weltkriege und ihrer Aufarbeitung in internationalem Maßstab
außerordentlich dazu geeignet war, schriftstellernden Betrachtern aller Art
eine heutzutage –man schließe sich Pröves hoffnungsvollen Worten zu einer
neuen Historikergeneration nicht allein aus Eigeninteresse an 13 -
weitestgehend fremde, nationalpatriotische, militaristische oder sonstwie die
wissenschaftliche Arbeit hemmende Intentionsgeladenheit aufzubürden. In
diesem Sinne, und man kann dabei parallel zu Wehrhaftmachungstendenzen
der Zwischenkriegszeit auch auf eine in Deutschland nach 1945 ausgeprägte
Aversion gegen eine allzu „blutige“ und mit vermeintlich überkommenen
Ansätzen arbeitende Militärgeschichtsschreibung verweisen, ist die
Beschäftigung mit dem bis heute international vielbeachteten Thema der
vorliegenden Arbeit auch eine kritische Auseinandersetzung mit einem nicht
nur für die deutsche Militärhistoriographie bedeutungsvollen Teilbereich der
Geschichtswissenschaft der vergangenen neun Dezennien.

1.2. Der Betrachtungsgegenstand.

Bereits Anfang der 1920er Jahre interessierte das deutsche Reichsarchiv ein
Sachverhalt, der, als „Tankfrage“ bezeichnet, unter dem Siegel der
Verschwiegenheit zum Gegenstand intensiver Untersuchung wurde 14 . Die

13
„Griffen in den Jahrzehnten zuvor vor allem ehemalige oder aktive Militärs zur Feder,
die ihre eigene Vergangenheit zu bewältigen suchten, so finden sich nun jüngere
Historikerinnen und Historiker, die das Feld unvoreingenommen angehen.“ Zitiert nach
Pröve, Ralf (Hg.): Klio in Uniform? Probleme und Perspektiven einer modernen
Militärgeschichte der Frühen Neuzeit, Köln u.a. 1997, S. 1f.
14
Siehe Bundesarchiv-Militärarchiv (ferner als BA-MA zitiert), RH 61/50768. Die
Arbeitsanweisung für die Bearbeitung der Tankfrage durch den Mitarbeiter Jochim von
15

Beschäftigung mit dem Tank sowie mit allen mit ihm, seiner Produktion,
seiner Bekämpfung und seinen Leistungen während des Krieges
verbundenen Aspekten wurde dadurch motiviert, daß man die
Wirkungsweise der von den Alliierten in Massen eingesetzten Kampfwagen
so klar vor Augen hatte wie ihr nahezu völliges Fehlen in den eigenen
Reihen und einen wenigstens intuitiv mit diesem Umstand verbundenen,
äußerst bitter erachteten Ausgang des Krieges. Schon während der
Endphase desselben waren zudem Vorwürfe von Seiten der Politik und aus
dem Heer laut geworden, die sich gegen die damals entscheidende [Link] 15
als Urheber eines diesbezüglich gravierenden, rüstungstechnischen
16
Versäumnisses gerichtet hatten . Die Begründungen für das Fehlen
deutscher Tankmassen, wie sie von Ludendorff in seinen
Kriegserinnerungen von 1919 und in einer Dokumentenedition von 1920 als
teilweises Eigenverschulden durch Uneinsichtigkeit, maßgeblich aber mit
Verweis auf rüstungstechnische Mangellagen bemerkenswert rasch nach
Kriegsende gegeben worden waren 17 , befriedigten offenkundig schon

1921 enthielt den Passus, daß die Ergebnisse keinesfalls in „unrechte Hände“ fallen dürften.
Daß Geheimhaltung bei allen, auch den von auswärts hinzugezogenen Fachleuten von
Bedeutung war, erschließt sich etwa aus dem Briefverkehr des Reicharchivs mit
„Rheinmetall“, wobei auf die unerwünschten Auswirkungen der Postzensur durch die im
Rheinland stehenden Kräfte des „Feindbundes“ verwiesen wurde.
15
Da es in der vorliegenden Arbeit um einen Betrachtungszeitraum geht, der in erster Linie
der [Link] (Hindenburg und Ludendorff) zuzuordnen ist, wird ferner, unter
Berücksichtigung der Ausnahmen, nur noch von der „OHL“ die Rede sein.
16
Siehe BA-MA, RH 61/50768: Arbeitsanweisung des Reichsarchivs an seinen Mitarbeiter
Jochim hinsichtlich einer anzufertigenden Studie über die „Tankfrage“, 1921.
17
Siehe Ludendorff, Erich: Meine Kriegserinnerungen 1914-1918, Berlin 41919, und
Ludendorff, Erich (Hg.): Urkunden der Obersten Heeresleitung über ihre Tätigkeit 1916/18,
Berlin 1920. Die ausdrucksstärksten Passagen finden sich im zuletzt genannten Titel, S.
525 und bes. S. 536f., während die Kriegserinnerungen auf die „Tankfrage“ an zahlreichen
Stellen und in direktem Zusammenhang mit einzelnen Operationen eingehen. Die Aussagen
Ludendorffs fanden weite Verbreitung, so etwa auch durch sie unterstützende Passagen in
den Veröffentlichungen ranghoher Exmilitärs; siehe bspw. Kuhl, Hermann v.: Die
Kriegslage im Herbst 1918. Warum konnten wir weiterkämpfen? Eine Entgegnung auf die
Schrift von Adolf Köster: Konnten wir weiterkämpfen im Herbst 1918? Berlin 21922, und
Kuhl, Hermann v.: Der Weltkrieg 1914-1918. Dem deutschen Volke dargestellt, Bd. 2,
Berlin 1929, bes. S. 234f.
16

damals nicht. Gleiches galt für den mit dem eigenen Tankbau verbundenen
Komplex der Konstruktion wirkungsvoller Tankabwehrwaffen. Deren
Fehlen wurde mancherorts ebenfalls als „kriegsentscheidende“ Unterlassung
angeführt, was für den Direktor des diesbezüglich wenigstens
mitverantwortlichen Allgemeinen Kriegs-Departements im (preußischen)
Kriegsministerium, von Wrisberg, 1922 Anlaß genug war, eine eindeutig als
Rechtfertigungsschrift identifizierbare Veröffentlichung anzustreben 18 .
All diese Antworten und Rechtfertigungen hielten weder die amtlichen
Geschichtsschreiber, noch sonstwie schriftstellernde, Schlachten und den
Kriegsausgang analysierende Militärs und Ex-Militärs, Historiographen und
Betrachter jeglicher Provenienz davon ab, überaus kritisch zu werten. Noch
1995 widmete sich ein deutscher Doktorand intensiv dem deutschen
„Panzerbau im Ersten Weltkrieg“, um bis dahin offengebliebene Fragen
endlich zu beantworten 19 . Beachtenswert ist hierbei, daß auch diesmal jene
schon lange vor 1939 festgestellte Beschränktheit der früheren deutschen
Führung hinsichtlich der Möglichkeiten von Tanks sowie die grundsätzliche
Nichtigkeit rüstungstechnischer Gründe für ihren einmal mehr als nicht
ausreichend forciert betrachteten Bau festgehalten wurden 20 .
Für die vorliegende Arbeit viel wesentlicher als dieser Komplex des
deutschen Tankbaues bis Kriegsende 1918, von dem am Rande der
folgenden Betrachtungen noch zu zeigen sein wird, daß er real nicht in
direktem Zusammenhang mit einer angeblich kriegsentscheidenden
Wirkung alliierter Kampfwagen stand 21 , ist, was sich als Basis für die nach
1918 geschriebenen Betrachtungen über den alliierten Tank und seine im

18
Wrisberg berief sich ausdrücklich auf derartige Vorwürfe, die sich gegen ihn persönlich
und sein Amt als Mitverursacher eines Versäumnisses „besonders in einer, aber
kriegsentscheidenden Frage, nämlich im Bau von Tanks und Konstruktion von
Tankabwehrmitteln“ richteten. Siehe Wrisberg, Ernst v.: Wehr und Waffen 1914-1918
(Erinnerungen an die Kriegsjahre im Preußischen Kriegsministerium, Bd. 3), Leipzig 1922,
S. 158.
19
Siehe Kaufhold-Roll, Heinrich: Der deutsche Panzerbau im Ersten Weltkrieg, Osnabrück
1995.
20
Unterlagen, die dies untermauern, finden sich in BA-MA, RH 61/50535 und ebenda, RH
61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr.
21
Siehe Abschn. 4.3. mit einem Exkurs zum deutschen Tankbau.
17

Weltkrieg gezeigten Leistungen eruieren läßt. Dies, und damit zugleich die
bisherige wissenschaftlich-schriftstellerische Herangehensweise an das
Thema, scheint, zumindest bei frühen deutschen Autoren und vielleicht auch
später, seit Ende des Zweiten Weltkrieges, unter dem Gesichtspunkt eines
gewissen, möglicherweise gar internationalen „Konsenses“, durch das nicht
von ungefähr genährte und dementsprechend sichere Gefühl geprägt
(gewesen) zu sein, daß die deutschen Verantwortlichen bis 1918 eine
heutzutage überdeutlich erkennbare militärtechnologische Revolution
verschlafen 22 und nicht zuletzt deshalb den Weltkrieg verloren hatten. Ein
für die vorliegende Arbeit überaus wichtiger 23 , nach 1918 schreibender
Generalmajor (der Reichswehr a.D.) Petter schrieb dazu in seiner Studie
über die deutschen Kampfwagen-Abwehr:
„Das zunehmende Interesse der Heimat, sowohl der militärischen als auch der
Zivildienststellen, des Reichstags und des Privatlebens an den Kampfw. ist gerade
im Berichtzeitraum [gemeint ist der Berichtzeitraum des zitierten Kapitels seiner
Arbeit, ab Juli 1918] festzustellen. Jedermann war sich im Zweifel, ob unsere
Abwehr dem immer und immer wieder durch die Kriegstagesberichte und die Presse
gemeldeten Ansturm feindl. Kampfw. standhalten würde. Ein banges Ahnen
durchzog Heimat und Feld. Und das war nur zu berechtigt.“ 24

Die Benennung anderer Gründe -„Dolchstoß“ und „Blockade“ sind in


diesem Kontext zwei überaus bedeutungsschwangere Stichworte- deren
Bewertung vom Zeitpunkt des Schreibens in den letzten 90 Jahren abhängig
gewesen zu sein scheint, trat hierbei parallel, nachgeordnet oder auch allem
anderen vorangestellt auf, ohne den Tank zu irgendeinem Zeitpunkt

22
Erweitern läßt sich dieser fatale Eindruck von mangelnden Fähigkeiten und fehlendem
Intellekt der militärischen Elite auch in Hinsicht auf die legendär-grauenhaften Zustände
des Stellungs- und Materialkrieges selbst. Dieser Punkt, der des zugelassenen und als
unabänderbar in Kauf genommenen Stellungskrieges, wird seinen Teil dazu beigetragen
haben, die Darstellung des Tank als verabsäumte militärtechnische Revolution zu
beflügeln. Zum „Mythos“ der versagenden Militärelite im Stellungskrieg siehe Raths, Ralf:
„Fehlen Sandsäcke, so ist der Graben mit feindlichen Leichen zu verstopfen.“ Die
Entwicklung der deutschen Landkriegführung 1906 bis 1918 im Spiegel von
Dienstvorschriften und Publizistik. Magisterarbeit, Historisches Seminar Universität
Hannover 2004, S. 1ff.
23
Siehe Abschn. 1.3.
24
Zitiert nach BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 265.
18

vollständig seiner Beachtung beziehungsweise seiner Bedeutung für den


Ausgang des Krieges berauben zu können.
Von einem der, oder besser dem „Vater“ dieser markanten Innovation des
Weltkrieges und der daraus hervorgegangenen Panzertruppen weltweit, dem
ersten Stabschef des britischen Tank Corps, Fuller, war die neue Waffe
bereits 1920 als „greatest military invention of the Great War“ bezeichnet
worden 25 . Und er -sowie auch andere nach ihm 26 - attestierte ihr, neben dem
Charakter als der den materiell, psychologisch und in Hinsicht auf die
menschlichen Opfer gleichermaßen verheerenden Stellungskrieg
beendenden Erfindung, kriegsentscheidenden Einfluß an der
Hauptkampffront des Ersten Weltkrieges in Belgien und Frankreich gehabt
zu haben 27 .
Diese Sichtweise wurde späterhin, besonders seit 1939, im Sinne durch
Fuller prognostizierter, zukünftiger Leistungen weiterentwickelter
Fahrzeuge und Einsatzkonzeptionen 28 , durch zahlreiche Beispiele für

25
Siehe Fuller; John F.C.: Tanks In The Great War 1914-1918, o.O. 1920 (Neudruck
Nashville o.J.), S. xi. Die Widmung des Verfassers auf S. ix ist bezeichnend für seine
Auffassung von der kriegsentscheidenden Wirkung des Tank: „I dedicate this book to the
modern knights in armour [...], who through their own high courage and noble
determination on the battlefield, maintained Liberty and accomplished Victory.“
26
Guderian zitierte einen der Väter der modernen (gepanzerten) Kriegführung, den
französischen General Buat, mit den Worten: „Von den zwei Elementen der Taktik hatte
bisher nur eines von der Maschine nutzen: nämlich das Feuer. Es hatte sogar so viel
Nutzen, daß die Bewegung im Gefecht nahezu aufhörte. [...] Nun gibt das Erscheinen des
Motors auf dem Schlachtfelde der Bewegung ihre ganze Bedeutung zurück.“ Zitiert nach
Guderian, Heinz: Die Panzertruppen und ihr Zusammenwirken mit den anderen Waffen,
Berlin 1937, S. 1. Vor dem Hintergrund der Effektivität der Tanks sind stellvertretend für
die intensive Auseinandersetzung mit der Materie einige weitere Titel zu nennen: Guderian,
Heinz: Achtung-Panzer! Die Entwicklung der Panzerwaffe, ihre Kampftaktik und ihre
operativen Möglichkeiten, Stuttgart 51937, Nehring, Walther K.: Kampfwagen an die Front.
Das Buch vom Kampfwagen (Tank), Leipzig 1935, und ders.: Die Geschichte der
deutschen Panzerwaffe 1916-1945, Neudruck Augsburg 1995.
27
Zum Stand der Debatte über die „Tankfrage“ aus britischer Sicht, die auch in den 1990er
Jahren um die Bedeutung der frühen Panzer für den Kriegsausgang kreiste, siehe Travers,
Tim: Could the Tanks of 1918 Have Been War-Winners for the British Expeditionary
Force? In Journal of Contemporary History, Bd. 27, Nr. 3 (1992), S. 389ff.
28
Siehe Fuller: Tanks, S. xvii.
19

effiziente Panzerkriegführung auf eindrucksvolle Weise bestätigt und


bereichert. So stand Ende des [Link] als Beleg einer These des
„Vaters“ der deutschen Panzertruppe des Zweiten Weltkrieges, Guderian,
welcher 1937 behauptet hatte, daß in näherer Zukunft „kein kriegerischer
Zusammenstoß ohne Mitwirkung von Luftstreitkräften und Panzertruppen
denkbar“ sei 29 , fest, daß die direkten Nachfahren der Tanks des Ersten
Weltkrieges die Landkriegführung tatsächlich nachhaltig verändert und
sogar geprägt hatten 30 .
Was die Qualität des Einflusses dieser Waffe anbelangt, so darf man an
dieser Stelle getrost auch auf eine von ihr ausgehende –man wähle einen
nicht allzu wertenden Terminus- „Faszination“ 31 auch fern der ziemlich
unüberschaubaren Mengen an „Panzer-Literatur“, militär- und
kriegsgeschichtlichen sowie militärtechnischen und militärtheoretischen
Veröffentlichungen verweisen 32 . Diese ist heute beispielsweise in
Modellbauabteilungen von Spielwarengeschäften, auf dem Sektor von
Computerspielen oder auch anläßlich von „Waffensystem-Vorführungen“
und „Tagen der offenen Tür“ von Streitkräften -wenn der mehr oder
weniger vorgeprägte Laie dem gewaltigen Eindruck des gepanzerten High-

29
Siehe Guderian: Die Panzertruppen, S. 1.
30
Siehe bspw. Donnelly, Tom/Naylor, Sean: Clash of Chariots. The Great Tank Battles,
New York 1996, S. xiii: „Nevertheless, the tank –along with the airplane- has defined the
character of high-technology conventional warfare in the twentieth century.“
31
Diesen wählte schon Black, um einen populären, dem Ansehen der Militärgeschichte
nicht unbedingt zuträglichen Zugang zum Themenfeld „Weapons and Battlefields“ zu
kennzeichnen: „In many respects, the popular fascination with machines is a continuation
of the schoolboy interest in making replicas that was vastly enhanced by the development
of plastic technology and was exploited by Airfix [einem bekannten Hersteller von
Militärminiaturen und Militär-Modellbausätzen].” Zitiert nach Black, Jeremy: Rethinking
Military History, London/New York 2004, S. 33.
32
Selbst für den Bereich ernsthafter Auseinandersetzungen mit dem Thema ist diese
„Faszination“ oftmals, beispielsweise als Spielen mit bedeutungsschwangeren Begriffen
oder Bildern zu erkennen. So etwa in Buchtiteln und bei der bildhaften
Umschlaggestaltung; siehe bspw. Smithers, A.J.: A new Excalibur. The Development of the
Tank 1909-1939, London 1986, oder Wright: Tank- Das Cover zeigt die auf den Betrachter
eingeschwenkte, beeindruckende (?!) Rohrmündung eines modernen Kampfpanzers.
20

Tech-Gerätes ausgeliefert ist 33 - spürbar. Und man darf mutmaßen,


inwieweit diese Einflüsse und Eindrücke vom Panzer auf Betrachter des
Tank bis heute ihre Wirkung ausgeübt haben, ohne daß diese sich
wesentliche entwicklungstechnische oder von der Lage 1916-1918
abhängige Faktoren in ausreichendem Maße vorzustellen vermochten
beziehungsweise in Erinnerung rufen konnten. Schließlich hatte bereits
Guderian ausdrücklich auf die Unterschiede zwischen dem Tank des
Weltkrieges und dem Panzer nach 1918 hingewiesen 34 .

1.2.1. Wie „General Tank“ den Ersten Weltkrieg gewann.

Kaum verwunderlich erscheint es gerade in der Rückschau auf die


stürmische Entwicklung gepanzerter Kampffahrzeuge und auf ihre
vergangenen Einsätze, daß heutzutage auf Breite zwischen historischem

33
Dieser Eindruck ist zugegebenermaßen ein äußerst subjektiver. Der Verfasser gewann
ihn aus eigener Erfahrung, sowohl als unbedarfter Laie, als auch als Angehöriger einer mit
Leopard 2 ausgerüsteten Einheit, und war keineswegs erstaunt, als er eine (Propaganda-
)Aufnahme aus den 30er Jahren sah, auf welcher zahlreiche, überaus interessiert
erscheinende Kinder einen Panzerkampfwagen der Wehrmacht „in Besitz nahmen“; siehe
dazu Oberlindober, Hanns (Hg.): Deutsche Kriegsopferversorgung. Monatszeitschrift der
Frontsoldaten und Kriegsopfer der National-Sozialistischen Kriegsopferversorgung
(NSKOV.) e.V., [Link]. Folge 4 (Januar 1938), S. 31. Zuweilen sieht man bei derartigen
Gelegenheiten neben „leuchtenden Augen“ und Begeisterung allerdings auch eine Art
Schauder, der sich –auf Nachfrage- dadurch erklärt, daß ein Zuschauer es sich auszumalen
vermag, wie es sein muß, der Waffe im Kampf so hilflos entgegentreten zu müssen wie in
diesem Moment, in dem er im Zweifelsfall nur mit einem Photoapparat ausgestattet ist.
Dem Verfasser schien es übrigens auch so, als sei demgegenüber die Perspektive der
Panzerbesatzung, über beißende Gerüche und geringe Sichtmöglichkeiten beim
Ausstellungsexponat hinaus, etwas nicht einkalkuliertes.
34
Guderian schrieb hierzu in Die Panzertruppen, S. 1f.: „Es wurde dargelegt, wie aus dem
Werkzeug des Stellungskrieges zum Überwinden von Drahthindernissen und Gräben in den
Nachkriegsjahren eine hochbewegliche, schnelle, handlich zu gliedernde Waffe des
Bewegungskrieges entstand.“ Auf S. 5 sprach er die Unterschiede zwischen Tank und
Panzer noch einmal deutlich an: „Das Hauptkennzeichen der Nachkriegspanzerwagen ist
gegenüber den Weltkriegskonstruktionen wesentlich gesteigerte Geschwindigkeit, [...].
Panzerung, Waffenwirkung, Richt-, Sicht- und Nachrichtenmittel sind seit dem Krieg
wesentlich verbessert.“
21

Kinder- und Jugendbuch, über „kriegspornographische“ 35 Erzeugnisse eines


gewissen Schlachten-, Panzer- und Panzertruppenkultes hinweg, bis zur
Auswahlliteratur für Studierende der Geschichtswissenschaft ein Bild von
Mitteln, Verfahrensweisen und Erfolgen der Kriegführung mit Tanks des
Weltkrieges faßbar ist. Dieses stellt sich als leicht verständliche und in sich
logische Initiierung einer stringenten, technischen und
militärtechnologischen Entwicklung dar 36 .
Das heute offenkundig „populäre“ Bild sei als Ausgangspunkt der
vorliegenden Arbeit nun grob skizziert. Dabei wurde auf mehr oder weniger
ausgeprägte Divergenzen in der Festlegung von Darstellungs- und
Bewertungsschwerpunkten, die in den so zahlreichen Veröffentlichungen
internationaler Provenienz zwangsweise vorhanden sind, keine Rücksicht
genommen. Es sei an dieser Stelle auch in dieser Form dargelegt, weil die
Bestandteile dieses Bildes die Gliederung der vorliegenden Arbeit in weiten

35
Der Begriff wurde von Nowosadtko, S. 163, übernommen, da er einen Teil
positivistischer, meist reich bebilderter und mit Schlachtensiegen und –siegern befaßter
Darstellungen treffend illustriert, den man tatsächlich nicht nur im Zusammenhang mit
„Tiger“, „Panther“ und „SS-Panzerkorps“ zu finden vermag, sondern in ganz ähnlicher
Form auch für den Zeitraum 1916-1918. Hier freilich ohne die (deutsche) Betrachter
augenblicklich aufschreckenden Termini und ganz offensichtlichen Bezüge zum
Nationalsozialismus.
36
Die nun folgenden Aussagen finden sich so oder in leicht variierender Form in der
Literatur wieder und sollten als Synthese verstanden werden. Als Literaturnachweis, der
sich an dieser Stelle und in Vorgriff auf in der Arbeit aufgegriffene Titel keineswegs
erschöpfen will, seien genannt: Chickering, Roger: Das Deutsche Reich und der Erste
Weltkrieg, München 2002, bes. S. 217 sowie S. 223f., Heydecker, Joe J.: Der Grosse Krieg
1914-1918. Von Sarajewo bis Versailles, Neudruck Berlin 1997, S. 397-415, Mai, Gunther:
Das Ende des Kaiserreiches. Politik und Kriegführung im Ersten Weltkrieg, München
3
1997, S. 146, Oliver, Kate (u.a. Bearb.): Der Erste Weltkrieg. Vom Attentat in Sarajevo bis
zum Friedensvertrag von Versailles, Hildesheim 2002, S. 52f., Furtado, Peter (u.a. Bearb.):
Der Erste Weltkrieg 1914-1918 (Geschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. 2), Gütersloh 1992,
S. 88f., und die Internetseiten des Deutschen Historischen Museums zum Tank und seiner
Rezeption: H[Link] und
H[Link]
egszeit/[Link] . (Stand vom 14.10.2004; sofern es in den
Anmerkungen nicht anders angegeben ist, entspricht der Stand der zitierten Internetseiten
dem am 13.10.2006.)
22

Teilen vorwegnehmen oder diese, andersherum, als skeptische


Nochmalbetrachtung oder Revision bedingen:
Am [Link] 1916 kamen an der Somme, innerhalb der vermutlich
verlustreichsten Schlacht des Krieges, die ersten Tanks zum Einsatz 37 .
Gedacht als motorisierte und geländegängige Waffenträger, welche die
panzergeschützte Annäherung an deutsche Stellungen und das Ausschalten
der die Infanterie im Vorgehen hemmenden deutschen Stützpunkte
ermöglichen sollten, erreichte eine handvoll britischer Fahrzeuge einen
vielverheißenden Achtungserfolg, von dem aus eine geradlinige
Weiterentwicklung der Waffe ausging. Technische „Kinderkrankheiten“
hafteten diesen ersten Tanks, auch denjenigen, die von den Franzosen bis
Frühjahr 1917 entwickelt wurden, zwar an, doch dies spielte nur anfänglich
eine Rolle. Besser gepanzerte, schnellere und insgesamt zuverlässigere
Fahrzeuge waren baldigst in Bau 38 .
Auf den Einsatz an der Somme, aus dem die Tanks bereits als „Drachen“,
„Bestien“ oder sonstwie benannte Ungeheuerlichkeiten hervorgingen,
folgten im April 1917 ein „kleinerer Panzerangriff“ 39 bei Arras und der
erste französische Tankangriff. Letzterer konnte schon deshalb nicht
erfolgreich sein, weil er mit der tragischst gescheiterten „Nivelle-
Offensive“, einem besonders schauderhaften Symbol einer nutzlosen

37
In die Bearbeitungszeit der vorliegenden Arbeit fiel der [Link] dieses Ereignisses,
das u.a. mit einem „Zeitzeichen“ des WDR gewürdigt wurde. Im Text und Begleittext der
Sendung finden sich zahlreiche Elemente des dargelegten, heutigen Bildes vom Tank und
seiner Wirkung wieder; siehe
H[Link]
mlH und
H[Link]
H (Beide Seiten nach dem Stand vom 15.9.2006).
38
Siehe hierzu vor allem Childs, David J.: A Peripheral Weapon? The Production and
Employment of British Tanks in the First World War, London/Westport 1999. Ebenda, S.
2, ist bereits resümierend und als Entgegnung auf Zweifler zu lesen: „The story of the
British tank in the First World War is one of triumph, of hope and expectation over the
reality (at first) of disappointing performance and poor reliability. It could so easily have
been consigned to the ranks of the many technical also-rans that this period threw up- but
the tank was no ‘peripheral weapon’.”
39
Siehe Werth: Cambrai, in Enzyklopädie Erster Weltkrieg, S. 404.
23

Schlacht im Stellungskrieg an der Westfront, verbunden war. Wenn der


durchschlagende Erfolg des neuen Kriegsmittels bis hierhin auch noch auf
sich warten ließ, so gab es dennoch gute Gründe, an sein Potential zu
glauben und seine Entwicklung voran zu treiben. So sahen es Briten und
Franzosen, nicht aber die selbstgefällige, einfältige und zeitgleich arrogante
deutsche Führung.
Etwas mehr als ein Jahr nach dem ersten Einsatz des Tank war der
Zeitpunkt gekommen, an dem niemand mehr ernsthaft an den
Möglichkeiten der neuen Waffe hätte zweifeln dürfen:
Am [Link] 1917 griffen erstmals in Massen eingesetzte britische
Kampfwagen als Speerspitze eines völlig überraschenden Vorstoßes die
aufgrund neuester Erkenntnisse über den bis dahin geführten Stellungskrieg
befestigte Siegfried-Stellung bei Cambrai an. Sie walzten Drahtverhaue
nieder, überwanden spielend die tiefsten Gräben und überrollten im Nu die
ob ihrer Wehrlosigkeit und der Wucht des Angriffes zutiefst geschockten
Verteidiger. Binnen kürzester Zeit war der zuvor so oft angestrebte
Durchbruch durch die feindlichen Linien an der Westfront erreicht, und in
London wurden Siegesglocken geläutet. Wenn dieses akustische Signal
auch aus vielerlei Gründen verfrüht kam, so untermalte es klangvoll den
Beginn einer neuen Epoche der Landkriegführung 40 , in welcher der Tank,
als Kulminationspunkt von moderner Feuerkraft und wiedergewonnener
Bewegungsfreiheit von Truppe und Führung auf dem Gefechtsfeld, von nun
an im Mittelpunkt stehen mußte.
Die letztendlichen Beweise für seine Schlagkraft, nun durch verbesserte
Fahrzeugmodelle wie den „FT-17“ und den „Whippet“ noch wesentlich

40
Eindringlich sind die Worte Falls’: „However this may be, the Battle of Cambrai was the
type of the battle of the future and its influence on the Second World War was as great as
that on the remainder of the First.“ Zitiert nach Falls, Cyril : The First World War, London
1960, S. 303. Die Worte eines anderen, namhaften Militärgeschichtsschreibers, Liddell
Hart, der über Cambrai als „Wasserscheide“ zwischen dem seit Jahren andauernden
Stellungskrieg und den modernen Methoden, die 1918 den Sieg brachten, gesprochen hatte,
finden sich bspw. in Johnson, J.H.: Stalemate! The Great Trench Warfare Battles of 1915-
1917, London 1995, S. 199, und Winter, Dennis: Haig’s Command. A Reassessment, o.O.
o.J. (1991), S. 114.
24

gesteigert 41 , lieferte der französisch-amerikanische Gegenangriff aus dem


Wald von Villers-Cotterêts heraus am [Link] 1918 und die britische
Offensive vor Amiens am [Link] 1918. Das erste Datum kennzeichnete,
als Schlußstrich unter die deutschen „Entscheidungsoffensiven“ des Jahres
1918, den militärischen Gezeitenwechsel zuungunsten des Deutschen
Reiches. Das zweite Datum, von Ludendorff legendär als „der schwarze Tag
des deutschen Heeres“ deklariert 42 , implizierte die jetzt unausweichlich
gewordene, militärische Niederlage einer dem Feind vorher nahezu
unbesiegbar erschienen Armee, die nun ohnmächtig dem Schrecken
massenhaft auftretender Tanks, dem sogenannten „Tankschrecken“,
ausgeliefert war.
Daß diese Ohnmacht gegenüber einem seit anderthalb Jahren bekannten
Kriegsgerät attestierbar is, lag augenscheinlich an einem schon vor dem
Krieg faßbaren, technischen Unverständnis führender Militärs. So war der
von einem k.u.k. Offizier offerierter Prototyp eines gepanzerten
Kampffahrzeuges bereits 1911 leichtfertig als für das erwartete Kriegsbild
unbrauchbar abgetan worden 43 . Eine Handlungsweise, die während des
Krieges ihre Entsprechungen im ausgebliebenen Bau eigener Tanks und so
fahrlässig-ignoranten wie pervers-dümmlichen Appellen an die den ersten
Panzern gegenüber hilflose Truppe fand, diesen allein mit „Mannesmut“
entgegenzutreten. Selbst ein Ernst Jünger, das sei als Tatbestand ergänzt,
seines Zeichens so etwas wie das Sinnbild eines Verfechters von Macht und
Kraft des auf überlegene Gesinnung bauenden, unbezwingbaren
„Mannesmutes“, konnte sich der verheerenden und letztlich

41
Heydecker, S. 414, nennt etwa für den [Link] 1918 „dreihundertdreißig kleine,
überraschend schnelle und unglaublich wendige Renault-Tanks“. Keine im Kern selten
auffindbare Aussage, aber letztlich alles andere als realitätsnah; siehe und vergleiche
Angaben in Kap. 11.
42
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 547.
43
Zum „Panzer“ des Oberleutnant Burstyn siehe Ogorkiewicz, Richard: Technologie der
Panzer I. Entwicklungsgeschichte, Panzerschutz, Konfiguration (Truppendienst
Taschenbuch, Bd. 40A), Wien o.J., S. 18ff., und Kabisch, Ernst: Somme 1916, Berlin 1937,
S. 155. Ziemlich unkonventionell beriefen sich deutsche Militärschriftsteller der
Zwischenkriegszeit auf Burstyn, um den Panzer als ursprünglich „deutsche“ bzw.
„großdeutsche“ Erfindung darzustellen.
25

kriegentscheidenden Wirkung der Tanks von 1918 –beziehungsweise


diesem Bild von ihnen- bei der Aufarbeitung des Kriegsgeschehens nicht
verschließen 44 .
Dem gewaltigen Eindruck der gepanzerten Waffe entsprechend findet sich
in der Literatur, namentlich in Überblicksdarstellungen zum relevanten
Zeitraum, die allenthalben tabellarisch, das heißt in Form von Zahlen,
welche von Darstellung zu Darstellung übrigens erheblich differieren
können, manifestierte Feststellung, daß Deutschland bei Kriegsende über
eine geradezu lächerlich geringe Anzahl „Panzer“ verfügte, die Alliierten
aber bereits tausende einsatzbereit hatten. Eine Aussage, die dazu geeignet
ist, dem Leser auf sehr subtile Weise den Wahrheitsgehalt der These von
einer entscheidenden Bedeutung des Tank für den Kriegsausgang zu
suggerieren 45 . „General Tank“, wie ein Autor, Heydecker, 1997 in Adaption
anderer, legendärer und in entscheidender Weise wirksamer „Generale“ der
Kriegsgeschichte formulierte, hatte den Krieg für die Alliierten gewonnen 46 .

44
Siehe dazu King, John: „Wann hat dieser Scheißkrieg ein Ende?“ Writing and Rewriting
the First World War (Das Luminar. Schriften zu Ernst und Friedrich Georg Jünger, Bd. 2),
Schnellroda 2003, S. 189ff.
45
Siehe etwa auch die in jeder Weise interessante Rezension zum Neudruck eines
Standardwerkes zur Entwicklungs- und Einsatzgeschichte des Tank aus deutscher
Perspektive: Stragand, August-Wilhelm: Heigl’s Taschenbuch der Tanks, in Die Zinnfigur,
Heft 8/1976, S. 251ff. Dem Leserkreis der Zeitschrift, den man in historischen Fragen als
durchaus bewandert annehmen möchte, lieferte der Rezensent eine eindeutige, auf das
Versagen der deutschen Führung gerichtete Positionierung: „Die beharrenden Kräfte in der
Armee konnten zwei Dinge einfach nicht verstehen: daß es erstens die englischen und
französischen Tanks waren, die uns 1918 die militärische Niederlage beibrachten
(Verhältnis der eigenen Tanks zu denen der Alliierten wie 1:110!), und zweitens konnten
sich die Herren einfach nicht zu dem Gedanken bequemen, daß Panzer einen integrierenden
Bestandteil jeder modernen Armee darstellten.“ Zitiert nach ebenda, S. 252. Beachtlich ist
in diesem Kontext, daß der Verfasser zwar darauf einging, daß sich große Teile der
militärischen Führung nach 1918 daran machten, ihr tatsächliches „Versagen“ durch
Momente wie den „Dolchstoß“ zu kaschieren, bei ihm aber kein dahingehender Verdacht
aufkam, mit dem rezensierten Taschenbuch der Tanks ein anderes Propagandainstrument
dieser Zeit, nämlich ein solches der „Panzerbefürworter“ innerhalb der aufrüstenden
Wehrmacht, in Händen zu halten.
46
Siehe Heydecker, S. 412: „Tatsächlich sind sich alle Historiker heute darüber einig, daß
`General Tank´ den Krieg für die Alliierten gewonnen hat. [... .] Am letzten Tag des
26

1.2.2. Wieso „General Tank“ den Ersten Weltkrieg nicht gewann.

Daß der von Heydecker formulierte Erklärungsansatz für die


Kriegsentscheidung schon in seiner Monokausalität zweifelhaft ist, liegt auf
der Hand. „Die Blockade“, Hunger und damit sonstwie wehrkraftzersetzend
wirksam verbundene Auswirkungen, grundlegende materielle und
personelle Unterlegenheit, verschiedenste Heeresmißstände und ein durch
die Kriegsanstrengungen verursachter, im „verdeckten Militärstreik“ (Deist)
von 1918 endender, „innerer Zusammenbruch“, der Kollaps der
Verbündeten und das Geschehen an anderen Orten als der Westfront sowie
eine Vielzahl weiterer Faktoren, denen kriegsentscheidende Bedeutung
beigemessen werden muß, bleiben unberücksichtigt. Zudem ist es
keinesfalls so, daß es, wie Heydecker durch die Aussage festgehalten sehen
wollte, „heute“ (1997) seien alle Historiker darüber einig, daß „General
Tank“ den Krieg entschied, keinerlei Vorbehalte gegenüber der bis
November 1918 feststellbaren Wirkung dieser Waffe mehr (gab und) gibt.
Mit, gelinge gesagt, als „ignorant“ titulierten Kritikern hatte es bereits Fuller
zu tun. Mit diesen, darunter namhafteste Persönlichkeiten wie Haig,
rechnete er in seinen Erinnerungen schließlich recht unkonventionell ab 47 .
Zudem hatte er schon 1920 darauf hingewiesen, daß sich erst in jüngerer
Zeit gegenüber Wert und Zukunft technischer Innovationen skeptisch
eingestellte Personen, nämlich die hinsichtlich der Eisenbahn und des
Automobiles Zweifelnden, geradezu der Lächerlichkeit preisgegeben
hatten 48 . Dessen ungeachtet, verstummte die Kritik am auch in Deutschland
übernommenen positivistischen Bild 49 eines kriegsentscheidenden Tank

Krieges verfügte das deutsche Oberkommando aber nur über fünfundvierzig Stück [Tanks],
während die Alliierten viele tausend im Feld hatten: Mannesmut gegen eine Armee
feuerspeiender Maschinen!“
47
Siehe Fuller, John F.C.: Erinnerungen eines freimütigen Soldaten, Berlin 1937.
48
Siehe Fuller: Tanks, S. xvii f.
49
Daran beteiligt waren neben Fuller auch andere, ehemalige Angehörige des Tank Corps,
die sich –allerdings auch nicht gänzlich ohne Blick auf kritische Aspekte- einer ruhmvollen
Aufarbeitung der Vergangenheit ihrer Waffengattung widmeten; siehe bspw. William-Ellis,
Clough/William-Ellis, A.: The Tank Corps, o.O. 1919, und Mitchell, F.: Tank Warfare. The
Story Of The Tanks In The Great War, London u.a. 1933.
27

nicht 50 , sondern wurde durch Bestrebungen zu seiner Instrumentalisierung


beim Aufbau moderner Panzertruppen zum Gegenstand eines umfassenden
und in weiten Teilen öffentlichen Diskurses über den Kriegsausgang, die
Kriegführung bis 1918 und das zukünftige Kriegsbild 51 .
Daran beteiligt waren Veteranen und aktive Soldaten, mehr oder weniger
hochrangige Ex-Militärs und Angehörige der Reichswehr und dann der
Wehrmacht sowie, etwa durch den Reichstags-Untersuchungsausschuß zum
„militärischen Zusammenbruch von 1918“ in den 20er Jahren und
verschiedene Einflußnahmen der politischen und militärischen Führung
nach 1933 auf die Debatte als ein Dreh- und Angelpunkt einer auf
„Wehrhaftmachung“ 52 zielenden „Kriegskultur“ 53 belegbar, Politik und
Öffentlichkeit.
Im Rahmen der Gruppe deutscher Veteranen des Weltkrieges, die für ihre
„Alte Armee“ reklamierten, „im Felde unbesiegt“ geblieben zu sein,
erschienen Publikationen, welche die Wirkung der alliierten Kampfwagen
selbst in den sogenannten „Tankschlachten“ (Cambrai 1917, Soissons und
Amiens 1918) relativierten, die auf Beispiele zu ihrer erfolgreichen
Bekämpfung rekurrierten und die, unter teilweise kritischen Hinweisen auf

50
Die Literatur zu Protagonisten und Antagonisten des Ausbaues der Panzertruppe der
Wehrmacht und dabei auftretender Hemmnisse im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges liefert
hierzu zahlreiche Einblicke, die, wegen ihres themenüberschreitenden Charakters weit über
das Jahr 1918 hinaus, hier nicht angeführt sind. Genannt sei allerdings ein damit eng
verbundener Artikel Nehrings, welcher Kritik und Zweiflern auf einem für die vorliegende
Arbeit relevanten Sektor, dem der Panzerabwehr, entgegentrat; siehe Nehring, Walther K.:
Panzerabwehr, in Militärwissenschaftliche Rundschau, [Link]. 1936, Heft 2, S. 182-203.
51
Siehe hierzu Pöhlmann, Markus: Von Versailles nach Armageddon: Totalisierung und
Kriegserwartung in deutschen Militärzeitschriften, in Förster, Stig: An der Schwelle zum
Totalen Krieg. Die militärische Debatte über den Krieg der Zukunft 1919-1939 (Krieg in
der Geschichte, Bd. 13), Paderborn u.a. 2002, S. 358ff.
52
Siehe dazu etwa Gerhard Hirschfelds Ausführungen unter:
H[Link]
und_internationalen_Geschichtsschreibung.html#art1H .
53
Zum Begriff mit seiner Antipode „Friedenskultur“ nach 1945 siehe Kühne, Thomas:
„Friedenskultur“, Zeitgeschichte, Historische Friedensforschung, in Kühne, Thomas (Hg.):
Von der Kriegskultur zur Friedenskultur? Zum Mentalitätswandel in Deutschland seit 1945
(Jahrbuch für Historische Friedensforschung, [Link]. 2000), Hamburg 2000, S. 13-33.
28

Führungsfehler und allgemeine, materielle und personelle Unterlegenheit,


andeuteten, daß es andersgelagerte, exogene aber vor allem auch endogene
Faktoren für die deutschen militärischen Niederlagen des Jahres 1918 und
den Kriegsausgang gab. Darunter fiel, unter Einschränkungen durch
mentalitätsgeschichtlich zweifellos sehr interessante Selbstzensur in der
Freimütigkeit der Artikulation von Fach- und Sachkritik gegenüber
(ehemaligen) Vorgesetzten 54 , auch der „Dolchstoß“. Dessen wiederholte
Anführung als letztendliche und offenbar allgemein verträgliche Erklärung
für den vielerorts schmerzhaft empfundenen Ausgang des Krieges trug ihren
Teil dazu bei, die Wunden der durch den Feind und die eigene Führung 55
geschlagenen Veteranen und die mit deren Auffassungen kaum
korrelierenden Visionen einer jüngeren Generation von Soldaten mit

54
Die Sachkritik am Führungsstil der hohen Generalität des Weltkrieges blieb
augenscheinlich stark durch die Kategorien „Ehrbegriff“ und „Berufsethos“ in ihren mehr
oder weniger glaubwürdigen Ausprägungen begrenzt. So behielt sich Ludendorffs
Spezialist für schwierige Lagen, Loßberg, seine Kritik bis zu einer Veröffentlichung nach
dem Ableben des Ersten Generalquartiermeisters –und Mentors- vor. Und darin findet man
selbst schwere persönliche Angriffe, wegen menschlich unverständlichen, aber schließlich
doch den persönlichen Belastungen eines großen Feldherrn und seines Blickes für das
„Große und Ganze“ entsprechend hinzunehmenden Verhaltens, nur in abgeschwächter
Weise. Und dieses, am Beispiel des Umgangs mit dem General v. Nagel in der Schlacht bei
Arras 1917, besonders deutliche Verfahren (siehe Abschn. 5.6.2.) findet sich auch
anderswo, wie etwa in einzelnen Bänden der offiziösen Reihe „Die Schlachten des
Weltkrieges“. Wo Versäumnisse und Fehlurteile der Führung klar und bis zu einem
gewissen Grad auch als individuell nachweisbar dargelegt wurden, fehlte üblicherweise der
letzte Schritt, nämlich die explizite Benennung von Verantwortlichen und die ausdrückliche
Formulierung ihrer Versäumnisse. Siehe hierzu Loßberg, Fritz v.: Meine Tätigkeit im
Weltkriege 1914-1918, Berlin 1939, und andere, in den Abschnitten der vorliegenden
Arbeit thematisierte Titel der Aufarbeitungs- und Memoirenliteratur aus der
Zwischenkriegszeit.
55
Darunter ist auch die militärische Führung der OHL zu fassen, die es besonders in der
Schlußphase des Krieges nicht unterlassen hatte, „Führung und Truppe“ mannigfaltigen
Versagens anzuklagen (siehe bes. Kap. 5. und Kap. 9ff.). Die Wirkung der in Ludendorffs
„Kriegserinnerungen“ und den „Urkunden“ schriftlich fixierten Aussagen als Stimulans der
Veteranen für Erklärungs- oder Rehabilitierungsversuche, die auf die durch den Tank
ausgedrückte, materielle Überlegenheit des Feindes abzielten oder direkt gegen die
Wehrbereitschaft des eigenen Volkes gerichtet waren, scheint immens gewesen zu sein.
29

nationalsozialistischem Kitt in Form von Helden- und Schlachtenkult


weitestgehend binden zu können.
Die „feldgrauen Heroen“, die Tanks im Nahkampf mit geballter Ladung
oder einzeln am Geschütz entgegengetreten waren, konnten durch
großangelegte Feierlichkeiten rund um Kasernen-Benennungen sowie
Ehren- und Denkmale geehrt werden, womit eine Grundlage gegeben war,
konservativ-militaristisch geprägte Kreise zu beeindrucken und im Sinne
des Regimes schließlich auch zu vereinnahmen. Zeitgleich war auf dem
Tank des Weltkrieges und seiner an sich kaum bestreitbaren Bedeutung für
zukünftige Konfrontationen aufzubauen. Dank des „Dolchstoßes“ gelang
dies schließlich ohne allzu große Reibungen, da hiernach der
Widerstandswille der Alten Armee nach nicht primär durch alliierte Tanks
oder sonstwie gelagerte militärische und eben „ehrenrührige“ Umstände,
sondern durch Heimtücke und Verrat aus der Heimat, durch Sozialisten,
Bolschewisten oder Juden gebrochen worden war. „Panzerbefürworter“ wie
Guderian konnten unter dieser Prämisse und von diesem Punkt aus, an dem
aus dem Tank des Weltkrieges der moderne Panzerkampfwagen für das
Kriegsbild von morgen wurde, ihre Pläne zum Aufbau deutscher
Panzertruppen auch gegenüber „Traditionalisten“ 56 verfolgen, ohne das
Ansehen von Weltkriegsteilnehmern, das der Streitkräfte oder das der auf
ununterbrochener, preußisch-deutscher-großdeutscher Traditionslinie
segelnden Führung zu beschädigen.
Über diese Tendenzen und damit über 1945 hinweg trugen die Präsenz der
Dolchstoßlegende und der durchaus als kriegsverherrlichend und nicht
selten als kriegsvorbereitend zu kennzeichnende Charakter der dem Tank
gegenüber kritischen Schriften der Zwischenkriegszeit ihren Teil dazu bei,
bestimmte, genuin aus deutscher Perspektive gewonnene Erkenntnisse über
die Wirkung alliierter Kampfwagen, die stets in deren Schatten stehende
Tankbekämpfung und die deutsche Kriegführung bis November 1918 zu

56
Siehe hierzu auch Wilhelm, Hans-Heinrich: Heinz Guderian- „Panzerpapst“ und
Generalstabschef, in Smelser, Ronald/Syring, Enrico: Die Militärelite des Dritten Reiches.
27 biographische Skizzen, Berlin/Frankfurt a.M. 1995, S. 190.
30

nivellieren 57 . Die Erinnerung an den namhaftesten Vertreter einer noch als


existent nachzuweisenden deutschen Tankabwehr des Ersten Weltkrieges,
an den „Helden von Flesquières“ bei Cambrai 1917, Unteroffizier Krüger,
dessen Geschichte tatsächlich einem konstruierten Mythos aus der Ehe von
Militarismus und Nationalsozialismus zu entspringen scheint 58 , konnte nach
1945 folglich wohl kaum anders verlaufen als andere Begegnungen
zwischen einer beiderseits der Blockgrenzen und von beiden deutschen
Staaten für sich in Anspruch genommenen „Friedenskultur“ mit anderen
„Kriegshelden“ 59 , der in beiden deutschen Staaten wunschgemäß auf
nimmer Wiederkehr beseitigten Herrschaftssysteme vor Ende der ersten
Hälfte des [Link]. Eine Mischung aus einem im Zweifelsfall
verlegen-beschämten Tolerieren, Verstecken oder einer im Zwielicht
gesellschaftlicher Unaufmerksamkeit geduldeten Erinnerung war
maßgebend.
In dem, was oben als ein heute „populäres“ Bild dargestellt wurde, fehlt
dieser Entwicklung entsprechend grundsätzlich das Element der deutschen
Gegenwehr und Abwehrmaßnahmen gegenüber feindlichen Tanks
beziehungsweise deren „blutige“ Geschichte. Letztere scheint durch eine
zügige Evolution mit dem Fokus auf die besonders betonte,
militärtechnische Revolution von Cambrai 1917 ersetzt. Gezeigt werden

57
Ein sehr gutes Beispiel dafür stellen die Schriften Kabischs, eines
Divisionskommandeurs des Ersten Weltkrieges, dar. Deren Wert, der durch Bestrebungen
des Autors zur Informationsgewinnung und die zum Teil überaus kritischen Worte
gegenüber der Minderleistung von Vorgesetzten verdeutlicht wird (siehe Kap. 9. und Kap.
12.), wurde offenbar durch die Militanz seiner Sprache (die Ausdruck einer gewissen
Gesinnung sein mußte und dies bis zu einem gewissen Grad wohl auch war) und den
unbestreitbaren Charakter seiner Schriften als revanchistische oder wehrkraftfördernde
(Jugend-) Literatur im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges paralysiert; siehe hierzu Kabisch,
Ernst: Der schwarze Tag. Die Nebelschlacht vor Amiens (8./[Link] 1918), Berlin 1933,
und ders.: Gegen englische Panzerdrachen, Stuttgart 1938.
58
Siehe dazu Kap. 9.
59
Siehe dazu die beiden vergleichbaren Fallstudien zu Körner und Weddigen bei Schilling,
Réne: Das Erbe des Heroismus. Theodor Körner und Otto Weddigen in den beiden
deutschen Staaten von 1945 bis 1990, in Kühne, Thomas (Hg.): Von der Kriegskultur zur
Friedenskultur? Zum Mentalitätswandel in Deutschland seit 1945 (Jahrbuch für Historische
Friedensforschung, [Link]. 2000), Hamburg 2000, S. 94-109.
31

eher die Staubfahnen hinter sich herziehenden, alles überrollenden


Stahlriesen aus Wochenschauen der frühen 40er Jahre oder der
Medienberichterstattung zum ersten Golfkrieg Anfang der 90er Jahre, als
eine anzunehmende Realität, die ohne die heute tatsächlich weitgehend
ausgeklammerten Verluste an Fahrzeugen und Besatzungen, getötete,
verwundete, verbrannte oder zerrissene Menschen, kaum vorstellbar ist. Die
Grundlagen dieser real gegebenen, teilweise extrem brutalen und überaus
blutigen Geschichte, die für die Zeit des Ersten Weltkrieges unter den
begrifflichen Vorzeichen einer wirkungsvollen deutschen Tankabwehr
subsumiert sein müßten, sind heute merkwürdigerweise entweder einfach
überaus unkenntlich geworden, oder sie sind ohne auffällige Nachfragen
und kritische Kommentare in den Bereich eines wissenschaftlich
fragwürdigen Kuriositätenkabinetts mit merkwürdig-spektakulären
„Tankgewehren“ 60 , oder eben in den Bereich des hier nur sehr bedingt
hingehörenden, vernachlässigten deutschen Tankbaues mit den
entsprechenden Konnotationen verbannt worden.
Bereits in frühen, den Leistungen der Tanks gegenüber grundsätzlich
vorteilhaft urteilenden Abhandlungen 61 und auch in der alliierten amtlichen
Geschichtsschreibung des Krieges 62 finden sich Beispiele für gescheiterte

60
Zum Tankgewehr siehe Kern, Wolfgang: Das Tankgewehr Mauser M 1918, Hürth 2002.
Was die Beschäftigung mit einer Waffe generell schwierig gestaltet, ist sicherlich der
Eindruck, den solche Ausarbeitungen von sich aus, etwa als „Machwerke“ von
gesellschaftlich und wissenschaftlich gleichermaßen inakzeptablen „Waffennarren“,
erwecken können. Zu einem solchen, sich im Zweifelsfall vielleicht zu vorschnell aber sich
eben dennoch aufdrängenden Urteil siehe die Abbildungen im obengenannten Titel, S. 60
und S. 129ff.
61
An erster Stelle sind in diesem Kontext tatsächlich Fullers „Erinnerungen“
(englischsprachige Erstausgabe 1936) zu nennen, die, neben allen Verheißungen von
zukünftig auf Panzerfahrzeugen und umfassender Motorisierung der Armee aufgebauten
Landstreitkräften, ein sehr düsteres und in vielen Passagen kaum zur stringent-
erfolgreichen, frühen Panzerentwicklung passendes Bild zeichnen.
62
Als Beispiele seien die bezeichnend wortkarge Darstellung des ersten französischen
Tankeinsatzes am 16.4.1917 im französischen amtlichen Werk (siehe auch Kap. 6.), der
Kommentar des britischen amtlichen Werkes zur Rolle der Tanks am 8.8.1918 im Spiegel
deutscher Auffassungen (siehe auch Kap. 12.) und die amerikanische Darstellung des
Kampfes südwestlich Soissons, bei Missy-aux-Bois, am 18.7.1918 (siehe auch Kap. 11.)
32

oder zumindest „wenig kriegsentscheidend“ verlaufene Einsätze mit


erheblichen Ausfällen in den Reihen alliierter Tankeinheiten. Ergänzt
werden diese durch neuere Arbeiten, in welchen diese Aspekte alles andere
als ausgeklammert werden. Fletchers Edition von Gefechts- und
Erlebnisberichten von Angehörigen des Tank Corps zeichnet ein
schonungsloses Bild von der Härte der Kämpfe aus Sicht der
Besatzungen 63 . Und Betrachter, die wie Travers, Griffith, Harris, Paschall
oder Goya weit über Einzelheiten der Tankeinsätze hinaus die Entwicklung
der alliierten Kriegführung und das Zustandekommen des Kriegsendes
analysierten 64 , räumten dem die Landkriegführung vermeintlich
revolutionierenden Kriegsgerät allenfalls eine ambivalent zu beurteilende,
jedenfalls aber keine kriegsentscheidende Rolle ein. In diesen
Betrachtungen, die im Unterschied zu den im vorhergehenden Abschnitt

genannt; siehe Ministère de la Guerre, État-Major de L`Armée-Service Historique: Les


Armées Françaises Dans La Grande Guerre, Bd. V.1., bes. S. 645ff., bzw. Edmonds, Sir
James E./Miles, Wilfred (Bearb.): Military Operations France And Belgium 1918 (History
Of The Great War, Based On Official Documents By Direction Of The Historical Section
Of The Committee Of Imperial Defence), Bd. 4, S. IV, bzw. Center of Military History
United States Army: American Armies and Battlefields in Europe, Washington 1938, S. 84.
Bände des französischen, britischen, deutschen und kanadischen amtlichen
Weltkriegswerkes, das deutsche als „Reichsarchiv (u.a. Hg.): Der Weltkrieg 1914-1918.
Die militärischen Operationen zu Lande“, das kanadische als Nicholson, Gerald W.L.:
Canadian Expeditionary Force 1914-1919 (Official History Of The Canadian Army In The
First World War), Ottawa 1964 im Literaturverzeichnis aufgelistet, werden im Rahmen der
vorliegenden Arbeit weiterhin als LAF, MO, RA und CEF zitiert.)
63
Siehe Fletcher, David (Hg.): Tanks and Trenches. First Hand Accounts Of Tank Warfare
In The First World War, Phoenix Mill u.a. 1994.
64
Siehe Travers, Tim: How The War Was Won. Command and Technology in the British
Army on the Western Front, 1917-1918, Barnsley 22005, Griffith, Paddy: Battle Tactics of
the Western Front. The British Army’s Art of Attack, 1916-18, London/New Haven 1994,
Harris, J. Paul: Amiens To The Armistice. The BEF in the Hundred Day’s Campaign, 8
August-11 November 1918, London/Washington 1998, Harris, J. Paul: Das britische
Expeditionsheer, in Duppler, Jörg/Groß, Gerhard P. (Hg.): Kriegsende 1918. Ereignis,
Wirkung, Nachwirkung, München 1999, S. 115-134, Paschall, Rod: The Defeat Of
Imperial Germany 1917-1918, Chapel Hill 1989, und Goya, Michel: La Chair Et L’Acier.
L’armée française et l’invention de la guerre moderne (1914-1918), Paris 2004, bes. S. 333-
369.
33

genannten, meist überblicksartigen Darstellungen den Charakter von


Facharbeiten haben, stand und steht der Tank in einer Art
Konkurrenzverhältnis zur Schlagkraft der klassischen Waffengattungen, vor
allem der Artillerie und der Masse der Truppen, die bis zum Kriegsende in
einsatzfähigen Infanterie-Divisionen und nicht in Tank-Bataillonen
65
bemessen wurde . So stellte sich die Frage, ob die bis November 1918 mit
vielerlei Mängeln behafteten, wenigen Tanks, welche an Kämpfen aktiv
beteiligt waren und sich dabei meist binnen kürzester Zeit durch technische
Ausfälle 66 und deutsche Waffenwirkung verschlissen, überhaupt eine
Kriegsentscheidung herbeigeführt haben konnten 67 . Das britische amtliche

65
Sichtbar ist dies in den Memoiren Fochs und besonders in der Darstellung der alliierten
und deutschen Kräfteverhältnisse von 1918 durch General Paquet, welcher sich auf die
Unterlagen der französischen Feindaufklärung berief. Tanks spielen in beiden
Veröffentlichungen eine denkbar untergeordnete Rolle, wobei Paquet auch explizit
nachzuweisen versuchte, daß eine deutsche militärische Niederlage von 1918 an der
zunehmenden Schwäche der Armee beziehungsweise der wachsenden numerischen und
qualitativen Überlegenheit der Alliierten, demnach anhand der Zahl eingesetzter und
einsatzfähiger Divisionen, abzulesen war. Siehe dazu Foch, Ferdinand: Meine
Kriegserinnerungen 1914-1918, Leipzig 1931, und Paquet: La Défaite militaire de
l’Allemagne en 1918. L’usure des effectifs allemands. La stratégie allemande et la
manoevre des Alliés, Paris 1925.
66
Im Zusammenhang mit dem üblicherweise „glorreich“ dargestellten FT-17 von 1918,
dem „char Renault“, findet sich etwa folgendes, zeitgenössisches Zitat für 1918: „Le char
Renault est, par définition, un appareil qui est en panne, mais qui cependant, consent à
marcher quelquefois!“ Zitiert nach Goya, S. 368.
67
Ein Autor schrieb hierzu, in Bezug auf die Wirkung der deutschen Artillerie im
Verhältnis zu den 430 Tanks, die am 8.8.1918 den „schwarzen Tag des deutschen Heeres“
herbeigeführt haben sollen, überaus eindeutig: „Trotzdem wäre es ein Irrtum, anzunehmen,
daß die Tanks, weil ihnen die Zukunft gehörte, im Jahre 1918 eine wirkungsvollere Waffe
als Bruchmüllers [der deutsche Artillerie-Spezialist des Weltkrieges] Kanonen gewesen
wären. [... .] Am 21.März war die Mehrzahl der Tanktypen, die den Alliierten bereits zur
Verfügung standen, für tiefe Einbrüche und Bewegungsoperationen kaum besser geeignet
als Bruchmüllers Kanonen. Niedrige Geschwindigkeit und Unzuverlässigkeit hätten ihre
Hauptleistung, wie die der deutschen Kanonen auf den ersten Tag beschränkt. Selbst im
August, als die britische Armee mit großen Mengen leichter und schneller Tanks [...]
ausgerüstet worden war, wurde in Hinsicht auf Durchbruch und Demoralisierung keine
größere Wirkung als die von Hutier [dt. General, der als Urheber moderner, offensiver
Infanterietaktik und Meister der Durchbruchschlacht gilt] am 21.März erzielt.“ Zitiert nach
34

Werk zum Weltkrieg hatte diesbezüglich bereits 1948 geurteilt, daß die bis
dahin von deutscher Seite mit großem Eifer vorgetragene Auffassung, daß
man letztlich den in Massen eingesetzten Tanks unterlegen gewesen sei,
einer kritischen Untersuchung nicht standhielte 68 .
Dieser Sichtweise haben sich bis heute zahlreiche Betrachter der Westfront
im Zeitraum 1916 bis 1918 angeschlossen. Doch bleibt nach wie vor und
selbst über hier und dort vorhandene Reminiszenzen an deutsche
Perspektiven 69 hinaus festzuhalten, daß es sich entweder um Erkenntnisse
aus auf die „alliierte“ Sicht konzentrierten und primär mit „alliierten“
Quellen und „alliierter“ Literatur erarbeiteten Analysen handelt. Andere
Aussagen, die ohne angemessene und archivaliengestützte Berücksichtigung
der deutschen Sichtweise getroffen wurden, fielen letztlich vage, unscharf
und keineswegs hinreichend erklärend aus 70 .

Barnett, Corelli: Anatomie des Krieges. Eine Studie über Hintergründe und entscheidende
Phasen des Ersten Weltkrieges, Esslingen/München 1963, S. 410f.
68
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. IV.
69
Die Bearbeiter der MO gingen tatsächlich auch auf den deutschen Feind ein, doch
wenigstens in den bis direkt nach 1945 erschienen Bänden durchweg auf Basis von
Materialien und Auskünften aus zweiter Hand, etwa aus Truppengeschichten und durch
Mitteilungen des deutschen Reicharchivs (u.a. amtlicher Stellen; siehe bspw. MO 1917, Bd.
1, S. xii). Eine kritische Beleuchtung der hiermit gegebenen Informationen kam über die
Darlegung von Diskrepanzen in der Darstellung und über die mehr oder weniger vage
Artikulation von Zweifeln augenscheinlich nicht hinaus. Eine Beschäftigung mit
Materialien älterer deutscher Provenienz läßt sich auch für die lange nach 1945
geschriebene Literatur attestieren, wobei die fehlende Kritik beziehungsweise die fehlende
Berücksichtigung des Gesamtkontextes des Zustandekommens solcher Mitteilungen und
ihrer Repräsentativität sichtbar bleibt. Belege hierfür bieten die Ausführungen Keegans und
Paschalls zur Tankschlacht bei Cambrai und, um einen der seltenen deutschen Titel zu
nennen, der Anmerkungsapparat der Arbeit Gollas zur selben Schlacht; siehe Keegan, John:
Der Erste Weltkrieg. Eine europäische Tragödie, Hamburg 2001, S. 512f., und Paschall:
Defeat, S. 110ff., bzw. Golla, Karl-Heinz: Tanks...Tanks! Die britischen
Angriffsoperationen bei Cambrai. 20.-[Link] 1917. Der Beginn einer neuen Ära der
Landkriegführung? O.O. o.J. (Libri Books on Demand 2000).
70
Drei Beispiele sind Strachan, Hew: Die Kriegführung der Entente, in Enzyklopädie
2
Erster Weltkrieg, Paderborn u.a. 2004, S.278, Harris, J. Paul: Das britische
Expeditionsheer, in Duppler/Groß: Kriegsende, S. 122f., und Stevenson, David: 1914-1918.
Der Erste Weltkrieg, Düsseldorf 2006, S. 526f. Stevenson schrieb, nachdem er von
35

Aus dem Tank wird eine bis zuletzt mit eklatanten Mängeln behaftete
Unterstützungswaffe, taktisch leidlich erfolgreich, vor allem dazu geeignet,
Gesundheit und Leben der eigenen Infanteristen zu sparen. Und aus
tausenden alliierter Fahrzeuge, wie sie in Abschnitt 1.2.1. für oft
tabellarische Kräfteübersichten bei Kriegsende angeführt sind, werden
plötzlich nur einige hundert, von denen im Einsatz der größte Teil –bei
Amiens zwischen dem 8. und [Link] 1918 392 von 430 Fahrzeugen 71 -
verloren ging, ohne einen tatsächlich durchschlagendenden Erfolg erringen
oder den Krieg mit gepanzertem Stoß in das deutsch-besetzte Hinterland der
Westfront beenden zu können. Warum die OHL, die demgemäß während
des Krieges Gründe genug gehabt zu haben scheint, den Tank zu mißachten,
sich auf Basis der Aussagen Ludendorffs nach 1918 selbst eines zumindest
gewissen „Versagens“ bezichtigte und weshalb die militärische Niederlage
bis heute eng mit dem Themenkomplex Tank verbunden bleibt, muß erst
einmal schleierhaft sein 72 . Ebenso unklar bleibt die Antwort auf die Frage
nach der Grundlage einer augenscheinlich doch recht wirkungsvollen
Bekämpfung der Kampfwagen an der Westfront in den großen Schlachten
der beiden letzten Kriegsjahre.
Die Beurteilung der Leistungen und Wirkungsweisen von Tanks scheint ein
grundlegendes Problem darzustellen, mit dem die skizzierten Sichtweisen
auf den Ursprung des heutigen Panzers, über den Verlauf der damaligen
Kampfhandlungen und über die Qualitäten der früheren Heeresleitungen
und verantwortlichen Führer stehen und fallen. Die diesbezüglich

technischen und taktischen Unzulänglichkeiten der Tanks sowie von mehreren hundert, die
1918 von deutschen Artilleristen abgeschossen worden waren, gesprochen hatte (S. 527):
„Die Tanks konnten einen wichtigen Beitrag als Teil einer Kombination von
Waffensystemen leisten, aber sie waren für sich genommen kein Instrument für den Sieg.“
71
Diese Zahlen liefert Stevenson, S. 526. Zum Problem mit derartigen Angaben siehe
Abschn. 1.3.
72
Pöhlmann wies in seiner Arbeit zur amtlichen deutschen Geschichtsschreibung zum
Weltkrieg bereits darauf hin, daß es hinsichtlich der Person Ludendorffs und seiner Rolle
„in den Nachkriegsdiskussionen um Fragen der deutschen Weltkriegführung“ bis heute
erhebliche Defizite gibt; siehe dazu Pöhlmann, Markus: Kriegsgeschichte und
Geschichtspolitik: Der Erste Weltkrieg. Die amtliche deutsche Militärgeschichtsschreibung
1914-1956 (Krieg in der Geschichte, Bd. 12), Paderborn u.a. 2002, S. 259.
36

vorhandenen Diskrepanzen liefern ein erstaunlich breites Spektrum von


Möglichkeiten. Dieses variiert zwischen den Tanks als militärtechnischer
Revolution und Marginalie, zwischen „Kinderkrankheiten“ in ihrer
Frühphase und zahlreichen technischen Ausfällen neuer Fahrzeugtypen
noch 1918, sowie zwischen wenigstens drei großen „Tankschlachten“ 73 mit
ohnmächtigen Verteidigern oder mit von zerschossenen Tanks übersäten
Gefechtsfeldern.
Hierüber Klarheit zu verschaffen ist die Hauptaufgabe der vorliegenden
Arbeit und die Beantwortung der Frage nach den Leistungen und der
Effektivität der Tanks beziehungsweise der gegen diese ins Feld geführten
deutschen Abwehrmaßnahmen ihre Leitfrage. Darüber hinaus ist der
Ursprung der für die bisherigen Beurteilungen ganz wesentlichen Aussagen
Ludendorffs 74 und seiner „Kameraden“ 75 –gerade auch unter
Berücksichtigung ihres historiographischen Gebrauchs- im Kontext der
Kampfhandlungen und ihrer Auswertungen von grundlegendem Interesse.
Denn der Tank bot für diesen „Feldherrn im Unglück“, wie ihn der frühere
Direktor der Kriegsgeschichtlichen Forschungsanstalt des deutschen Heeres,

73
Siehe Heydecker, S. 413f.: „Drei große Tankschlachten hat der Erste Weltkrieg zu
verzeichnen: Cambrai, Villers Cotterets und Amiens.“ Daß tiefergehende Erkenntnis zur
Rezeption der Tanks auch auf den kleineren Einsätzen beruhen könnte, wird hier nicht
berücksichtigt, ebensowenig, daß es zu strukturellen und technischen Veränderungen
innerhalb der Tankwaffe und zweier Kriegsjahre gekommen sein könnte.
74
Siehe Ludendorff: Urkunden, S. 537: „Dem Feind gleiche Massen deutscher Tanks
entgegenzustellen, waren wir nicht in der Lage. Sie herzustellen, ging über die Kräfte
unserer aufs äußerste angespannten Industrie, oder andere wichtige Dinge hätten liegen
bleiben müssen.“ Als Beispiel für eine unreflektierte Rezeption siehe Chickering, S. 217.
75
Will man den Kreis über Generale wie Wrisberg oder Kuhl hinaus -Kuhl, der Ansichten
und Handlungsweisen seines direkten Karriere-Konkurrenten Ludendorff aus Zeiten lange
vor Kriegsaubruch grundsätzlich negativ gegenüber stand- erweitern, so liegt es nahe,
Fuller oder Guderian (oder etwa auch den längst vergessenen Österreicher, Ritter von
Eimannsberger) darunter zu subsumieren. Beide, und ihre Panzer befürwortende, ziemlich
internationale „Entourage“, konnten auf diesen, aus leidvoller deutscher Erfahrung
gewonnenen Aussagen in ihrem Sinne aufbauen und auf frühere Versäumnisse sowie auf
bekannte und dann allseits anerkannte Lehren aus dem Weltkrieg verweisen. Zum heute
recht unbeachteten „Panzerbefürworter“ aus Österreich siehe dessen maßgeblichste
Veröffentlichung zum panzertechnischen Erbe des Weltkrieges: Eimannsberger, Ludwig
Ritter v.: Der Kampfwagenkrieg, Berlin/München 1938.
37

Foerster, in seiner biographischen Skizze noch nach 1945 rücksichtvoll


nannte 76 , und dessen zuvor in herausragenden Positionen tätigen
Kameraden eventuell eine äußerst günstige Möglichkeit, eine plausibel
erscheinende Erklärung und zeitgleich eine Verschleierungsmöglichkeit für
die wahren Hintergründe des militärischen Zusammenbruchs von 1918 zu
konstruieren 77 . In der Rolle als Zünglein an der Waage, zwischen allseitiger
Überlegenheit der Alliierten und deutschem Durchhaltewillen samt
zeitgenössisch apostrophiertem „Heldenmut“, und erst durch
wehrkraftzersetzende Einflüsse aus der Heimat 1918 in Wert gesetzt, konnte
man der Waffe und ihrer tatsächlichen Unterschätzung singulär-
relativierenden Charakter beimessen. Zugleich war es möglich auf die
allseits bekannten Grenzen der rüstungstechnischen Möglichkeiten
Deutschlands zu verweisen, um sehr viel unangenehmeren, unbeantworteten
Fragen offensiv zu begegnen 78 . Lag es aus Sicht bestimmter Personen nicht

76
Siehe Foerster, Wolfgang: Der Feldherr Ludendorff im Unglück. Eine Studie über seine
seelische Haltung in der Endphase des ersten Weltkrieges, Wiesbaden 1952.
77
Obwohl nicht allzu weit vorgegriffen werden soll, liegt hier ein Verweis auf Ludendorffs
Unfähigkeit, den Realitäten nach dem Scheitern der Frühjahrsoffensiven 1918 ins Auge zu
sehen, nahe. Epkenhans führte dies bereits näher aus und verwies zudem auf Symptome des
inneren Zusammenbruchs, die tatsächlich weit vor der zweiten „Tankschlacht“ und
alliierten Gegenoffensive vom 18.7.1918 im Heer auftraten; siehe Epkenhans, Michael: Die
Politik der militärischen Führung 1918: „Kontinuität der Illusionen und das Dilemma der
Wahrheit“, in Duppler/Groß: Kriegsende, S. 217-233, hier bes. S. 221. Verwiesen sei im
Zusammenhang mit heeresinternen bzw. psychologischen Aspekten und ihrer Bedeutung
für den Zusammenbruch auch auf Ziemann, Benjamin: Enttäuschte Erwartungen und
kollektive Erschöpfung. Die deutschen Soldaten an der Westfront 1918 auf dem Weg zur
Revolution, in Duppler/Groß: Kriegsende, S. 165-182. In beiden Betrachtungen spielt der
Tank als Urheber von spätestens ab Sommer 1918 immer deutlicher werdenden
Auflösungserscheinungen keine Rolle; vergleiche Heydecker, S. 415.
78
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Aussage Fleischers in einer Arbeit zur
Entwicklung der Panzerabwehr im Deutschland der Zwischenkriegszeit, worin dieser
Aspekt sehr klar zum Ausdruck kam: „In der nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland
erschienenen Literatur wurde oft zur Rechtfertigung der Niederlage von 1918 als eine
wichtige Ursache auf das massenhafte Vorhandensein von Panzern auf Seiten der Entente
verwiesen. Das war ein Versuch, die Verantwortung für die Niederlage des deutschen
Imperialismus auf die Militärtechnik und die für ihre Beschaffung zuständigen
Dienststellen zu reduzieren. Dieser Rechtfertigungsversuch ist in Hinblick auf die
38

einfach nur nahe, Fragen nach den militärischen Verantwortlichkeiten für


das dramatische Geschehen von 1918 und seine schon auf den ersten Blick
wenig rationalen Grundlagen einer dann auch noch nicht einmal mehr zeitig
aufgegebenen Entscheindungsoffensive mit einem dezenten
„Eingeständnis“, an eine durch den Tank repräsentierte alliierten
Materialüberlegenheit und den „Verrat“ aus der Heimat, zu kaschieren?
Diese Annahme verlangt als Motiv für eine bewußte Geschichtsfälschung in
Anbetracht der vielseitigen Faktoren, welche parallel zum Tank und dem
„Dolchstoß“ schon seit Kriegsende für den Zusammenbruch benannt
wurden, besondere Beachtung. Daher sind in der vorliegenden Arbeit
keinesfalls nur die Ergebnisse von Kampfhandlungen, sondern auch deren
zeitgenössische Perzeptionen und spätere Rezeptionen berücksichtigt
worden.

1.3. Anmerkungen zur Herangehens- und Arbeitsweise.

Der Ansatz des Verfassers, die „Tankfrage“ unter Maßgabe der soeben
angeführten Bemerkungen zu betrachten, ergab wenigstens drei zu
beachtende zeitliche Dimensionen: Diejenige des auf Basis langjähriger
Forschungsarbeit und durch weitgehend unberücksichtigtes deutsches
Archivgut heute faßbaren Geschehens, diejenige einer bis zum Kriegsende
und damit quasi „zeitgenössischen“ sowie diejenige einer besonders in der
Zwischenkriegszeit und durch Entwicklungen bis 1945 geprägten späteren
Sichtweise.
Um diese Bereiche zusammenzubringen und dabei nicht durch
übergestülpten Strukturalismus oder unnötige Selbstbegrenzung des
Betrachtungsgegenstandes auf eine zuvor fehlende und jetzt eventuell zu
isoliert herausgestellte deutsche Perspektive den Charakter der Arbeit als
eine die bestehende Forschung ergänzende Untersuchung zu verwässern,
war es notwendig, nach früheren Bearbeitungsbeispielen für den
Themenkomplex zu schauen.

Versäumnisse in der Panzerabwehr interessant. Sie werden damit indirekt anerkannt.“


Zitiert nach Fleischer, Wolfgang: Die Entwicklung der Panzerabwehr in Deutschland
zwischen den beiden Weltkriegen. Diplomarbeit, Militärgeschichtliches Institut der DDR,
o.O. (Potsdam) o.J.
39

Pidgeons Ausarbeitung wurde oben bereits genannt 79 , und hierin findet sich
der Versuch, die Beschreibung von zeitlich eng eingegrenzten
Kampfhandlungen in einen größeren Kontext einzubauen und die Sicht der
in diesem Fall relevanten deutsch-britischen Kontrahenten im Sinne von
Reaktionen und Bewertungen zu berücksichtigen. Zudem gefiel die
narrative Darstellungsart bei Pidgeon, da sie für die Revision einer Kette
von zu schildernden Schlachten, Entwicklungen und Entscheidungen
zwischen 1916 und 1918 die Möglichkeit bot, eine stark von militärischen
Fachtermini geprägte, um nicht zu sagen oft auch „zähe“ Materie bis zu
einem gewissen Grad in gefälliger Weise aufbereiten zu können.
Ein namhafter früherer Versuch einer Chronologie, der von Zeschwitz
bearbeitete Teil III von „Heigl’s Taschenbuch der Tanks“ aus den späten
30er Jahren 80 , muß aus Sicht des heutigen Betrachters zwangsweise unter
dem Manko leiden, daß er hinsichtlich seiner Sprache sowie der gewählten
Darstellungsart nach ausdrücklich für ein militärisches Fachpublikum
unternommen wurde. Außerdem ist das Werk vielfach zu einsilbig, zu
oberflächlich und dazu noch, im Sinne der Unterstützung der
zeitgenössischen „Panzerbefürworter“, nicht selten überaus interpoliert 81 .
Vergleichbares gilt für eine dankenswert deskriptive aber auf die deutsche
Sicht begrenzte Darstellung der Tankabwehr des Weltkrieges aus den frühen

79
Siehe Abschn. 1.1.
80
Siehe Zeschwitz, G.P. v.: Heigl’s Taschenbuch der Tanks, Teil III: Der Panzerkampf,
Berlin/München 1938.
81
In Guderians Vorwort zum Taschenbuch der Tanks, Teil III, ist hinsichtlich dieser
Faktoren und einer damals gepflegten „applikativen Geschichtsschreibung“ zu lesen: „Fritz
Heigl, [...,] hatte von Anbeginn die Absicht, ein Standardwerk über die Panzer zu schaffen,
das nicht nur waffen- und kraftfahrtechnische Bilder und Zahlen bieten sollte, sondern
vielmehr durch kriegsgeschichtliche Darstellungen früherer Kämpfe und Angaben über die
Fechtweise nach dem großen Kriege auch auf taktischem und operativem Gebiet
richtungweisend und belehrend wirken konnte. [... .] Die Meinungen über Kampfwert und
Kampfverfahren der Panzer gehen weiter auseinander denn je. Die Erinnerungen an die
Schlachten des Weltkrieges sind verblaßt. [... .] Es war unerläßlich eine Sammlung aller
[hervorgeh.] bisher gemachten Kriegserfahrungen in knapper sachlicher Form
herbeizuführen, die einerseits als Nachschlagewerk dienen kann und andererseits gestattet,
die Grundsätze für die operative, taktische und kriegswirtschaftliche Entwicklung der
Panzerwaffe aus diesem Buch der Geschichte abzuleiten.“
40

30er Jahren, die quellentechnisch für die vorliegende Arbeit sehr


wesentliche Ausarbeitung des damals schon im Ruhestand befindlichen
Reichswehrgenerals Petter 82 . Was beiden Titeln trotz ihrer
Intentionsgeladenheit zugebilligt werden muß, ist das Gelingen der
chronologischen und damit intern-deduktiven Darstellung, wie es sich im
oben dargestellten, „populären“ Bild 83 vom Tank wenigstens auf Umwegen
auch niederschlug. Im Taschenbuch der Tanks und besonders bei Petter
ergibt sich diesbezüglich tatsächlich eine Abbildung von Prozessen, die
dezidiert zeitpunktbezogene Erkenntnisse, Entwicklungen und
Entscheidungen sowie deren Auswirkungen ersichtlich und aus dem
zeitlichen Kontext heraus bewertbar machte. Die damals propagierten
Arbeitsergebnisse muß man in Zweifel ziehen, doch der Weg hin zu diesen
ist einer chronologisch-deskriptiven und schließlich auch narrativen
Nachbeschreitung auch zwecks Kontrastierung der gewonnenen
Erkenntnisse durchaus wert.
Den direkt mit dem Einsatz von Kampfwagen auf einem Gefechtsfeld
verbundenen Kapiteln der vorliegenden Arbeit, die entsprechend der
Darstellung der Tankentwicklung in Abschnitt 1.2.1. sämtliche namhaften
Operationen an der Westfront von der Sommeschlacht 1916 an abdecken
sollten, liegt eine Art Schablone zugrunde 84 , welche eine vor allem im

82
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr. Die Ehren-
Rangliste führte Petter für 1914 als Lehrer der Militärtechnischen Akademie zu Berlin auf.
Sein Stammtruppenteil war das Kraftfahr-Bataillon und 1926 war er als Oberstleutnant im
Reichswehrministerium. Petter war Anfang der 20er Jahre Stabschef der Inspektion der
Kraftfahrtruppen und kannte Guderian persönlich, nachdem dieser in den Stab versetzt
worden war. Die Abhandlung zur Kampfwagen-Abwehr (und einige weitere Arbeiten zum
Themenkomplex) verfaßte er aus dem Ruhestand heraus, als Generalmajor a.D. Siehe dazu
Deutscher Offizier-Bund (Hg.): Ehren-Rangliste des ehemaligen Deutschen Heeres. Auf
Grund der Ranglisten von 1914 mit den inzwischen eingetretenen Veränderungen, Berlin
1926 (Neudruck Osnabrück 1990), S. 627, und Macksey, Kenneth: Guderian der
Panzergeneral, Düsseldorf/Wien 1976, S. 62.
83
Siehe Abschn. 1.2.1.
84
Nach einer an das jeweils vorausgegangene Kapitel anknüpfenden Einleitung unter der
Kapitelüberschrift folgen die Abschnitte „Der Plan, die Angreifer und die
Tankunterstützung“, „Die Verteidiger“, die Darstellung der Kämpfe in chronologischer
Abfolge und ein in historiographischen Überblick sowie die zeitgenössische, alliierte
41

Taschenbuch der Tanks markant hervortretende, klassische Gliederung für


eine operationsgeschichtlich ausgerichtete Ausarbeitung widerspiegelt 85 .
Diese soll aber ausdrücklich auf den Anspruch verzichten, irgendwie
geartete „militärische Lehren“ gewinnen zu wollen, welche über
zeitgenössische und historiographische Einschätzungen und Kritiken
hinausgehen 86 .
Der Leser findet unter der jeweiligen Kapitelüberschrift eine eher
strategisch ausgelegte Einordnung der Grundlagen des im folgenden zu
beschreibenden Geschehens und daraufhin je einen Abschnitt, in dem die
Dispositionen und Mittel der Kontrahenten, eines fast durchweg britischen
oder französischen Angreifers und deutschen Verteidigers, dargelegt
werden. Genauso wie bei der anschließenden Schilderung der
Kampfhandlungen, die angesichts des Kräfteverschleißes gepanzerter
Einheiten im Betrachtungszeitraum meist nur einen oder einige wenige Tage
innerhalb einer sehr viel umfangreicheren Operation umfaßt, werden in
diesen Abschnitten, auf Basis der den Forschungstand repräsentierenden,
sehr zahlreichen Veröffentlichungen und deutscher Archivalien zum Thema,
Erkenntnisse über Planung, Verlauf und Ergebnis von tankunterstützten
Kampfhandlungen gewonnen. Anmerkungen zu deren historiographischer

beziehungsweise deutsche Sichtweise gegliederter Abschnitt „Bewertungen und


Reaktionen“.
85
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, bspw. S. 9ff., zu den britisch-französischen
Frühjahrsoffensiven 1917. Enthalten ist eine Einleitung zur „Kriegslage“ und die
Abhandlung der Schlachten von Arras sowie an der Aisne und in der Champagne unter den
Abschnitten „Angriffsplan“, „Panzereinsatz“, „Angriffsweise“, „Angriffsgelände“,
„Erfolg“, „Fehler“, „Verluste“, „Taktische Lehren“ und „Technische Lehren“.
86
Vergleiche hierzu das Taschenbuch der Tanks, Teil III, bzw. entsprechenden
Lehrcharakter bei Petter und siehe als moderneren Ansatz Anderson, Alan D. (u.a.): An
Experiment in Combat Simulation: The Battle of Cambrai, 1917. In Journal of
Interdisciplinary History, Bd. 2, Nr. 3 (1972), S. 229: „Every military historian is, to some
degree, ‘an arm-chair general.’ In studying a battle, he evaluates the performance of a
commander, and often suggests an alternate strategy which might have brought different
results.” Während die Aussage des ersten Satzes vom Verfasser als Tatsache, Mahnung und
Warnung aufgefaßt wird und -hoffentlich in ausreichendem Maß- berücksichtigt wurde, ist
ausdrücklich festzuhalten, daß das Aufzeigen alternativer Strategien dem Ansatz der
vorliegenden Arbeit nicht zugrunde liegt.
42

Aufarbeitung, darin enthaltene Sichtweisen und unter Umständen bis heute


beeinflussende Trends, Widersprüchlichkeiten und Verwerfungen werden
anschließend zu einer Rekapitulation der Wahrnehmung der Operation
durch die jeweilige Führung der Kontrahenten überleiten. Letzteres
beinhaltet, unter der Überschrift britischer, französischer und/oder
amerikanischer 87 beziehungsweise deutscher „Perspektiven und
Reaktionen“, nicht nur die für die vorliegende Arbeit wesentliche,
quellenorientierte Darstellung des Umganges der deutschen Seite mit der
tankgestützten Operation, sondern auch dessen kritische Betrachtung im
Spiegel zeitgleicher Vorgänge beim Gegner.
Einige Kapitel fallen nicht unter diese Vorgaben. Anders als bei der
Untersuchung der innerhalb der „Tankfrage“ historiographisch besonders
namhaften Operationen war es in einigen Fällen notwendig, Ereignisse und
Vorgänge zu berücksichtigen, die entweder –aus mehr oder weniger rational
nachvollziehbaren Gründen- weniger mit Aufmerksamkeit bedacht wurden,
oder die durch die vom Verfasser formulierte Absicht, deutsche
Perspektiven besonders hervorzuheben, in den Fokus des Interesses gerückt
werden mußten. Hierunter fielen beispielsweise die Entwicklungen im
Rahmen der Flandernschlacht 1917, die dem britischen Tank Corps
organisatorisch beinahe den Todesstoß versetzten und dennoch, obwohl in
der militärischen Fachliteratur oftmals als existenzbedrohender Moment in
der Evolutionsgeschichte der britischen Erfindung Tank markiert, keinen
Eingang in das „populäre Bild“ fanden. Zweifellos überlagerte das folgende
Großereignis, die sagenumwobene erste „Tankschlacht“, Cambrai, diese
zeitweilige Krisis des Tank Corps fast vollständig 88 . Thema eines
zusammenfassenden Kapitels mußte etwa auch sein, was sich auf deutscher
Seite zwischen den ersten Kontakten mit Kampfwagen 1916 und den
Abwehrerfolgen im Frühjahr 1917 in Bezug auf Konzeption und

87
Die Wortwahl innerhalb der vorliegenden Arbeit wurde maßgeblich von der Prägnanz
oder eben der simplen Übernahme zeitgenössischer Begrifflichkeiten geprägt.
Dementsprechend ist „amerikanisch“ ferner grundsätzlich in Bezug auf die Vereinigten
Staaten von Amerika, ihren politischen und militärischen Aktionen, Streitkräften, Bürgern
etc. zu begreifen.
88
Siehe dazu Kap. 8.
43

Organisation einer wirkungsvollen Tankabwehr an Diskussion entspann und


tatsächlich auch zum Ergreifen praktischer Maßnahmen führte. Die hier
mehr als nur erkennbaren Ansätze und maßgeblich aufgrund von
Erfahrungen vom Gefechtsfeld gefällten Entscheidungen waren von großer
Bedeutung für die kommenden Monate 89 . Sie charakterisieren das Ende
dieses Zeitraumes als eine erste Zäsur für die deutsche Tankabwehr des
Weltkrieges und fanden diesbezüglich keine entsprechende
Berücksichtigung im „populären“ Bild.
Für die vorliegende Arbeit und ihren Wert als „Revision“ war vor allem die
Frage nach heute vorhandenen Quellen von Relevanz. Bekanntermaßen
führten die Verluste des Potsdamer Heeresarchivs gegen Ende des Zweiten
Weltkrieges zu erheblichen Einbußen an operationsgeschichtlichen
Archivalien aller Führungsebenen, die früheren Betrachtern, darunter auch
Petter und Zeschwitz, noch zur Verfügung gestanden hatten.
Für den heute im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg (BA-MA) deutlich
spürbaren Ausfall an Akten der OHL, die zudem noch 1918 eine Sammlung
von tankbezogenen Schriftstücken als Grundlage für die Begegnung
kritischer Nachfragen zur „Tankfrage“ hatte anlegen lassen 90 , kam nur in
Frage, nach einer Art Ersatzüberlieferung zu Suchen. Und diese wurde
primär mit den im Kriegsarchiv in München (KA) lagernden Unterlagen der
Heeresgruppe des Kronprinzen Rupprecht von Bayern 91 nicht nur für einen

89
Siehe dazu Kap. 4. und 7.
90
Benannt werden in BA-MA, RH 61/50768 diverse Akten des Chefs des
Feldkraftfahrwesens sowie zwei Bände „Panzerwagen“, die von der (3.) OHL angelegt
worden waren. Petter nannte in RH 61/50769 Unterlagen der „OHL Ic über Panzerwagen,
Tankbekämpfung [,] Tankabwehr, Taktik, Panzer-MG-Wagen“. Diese Akten scheinen
allesamt verloren gegangen zu sein.
91
Siehe KA, HGr Rupprecht. Gerade im Zusammenhang mit diesem monumentalen
Bestand sei eine Anmerkung zur Zitierweise von Archivalien innerhalb der vorliegenden
Arbeit angebracht. Die in den drei besuchten Archiven auffindbaren Bestände sind sehr
uneinheitlich erschlossen, was eine wunschgemäß einheitliche Zitierweise von Grund auf
zumindest schwierig gestaltet. Will man dem nach erwähnten Schriftstücken suchenden
Leser Arbeit ersparen und das Auffinden genannter Dokumente nicht unnötig erschweren,
kann es nicht genügen, den Bestand KA, HGr Rupprecht, mit der zusätzlichen Angabe des
Bundes und mehr oder weniger Details zum jeweils genutzten Schriftstück zu zitieren.
Gerade die Bunde dieses Bestandes glänzen dadurch, den Betrachter mit zahlreichen Akten
44

bedeutenden Teil der verlorenen Akten der OHL gefunden, sondern


wenigstens in Ansätzen auch für diejenigen der Heeresgruppe des
preußischen und deutschen Thronfolgers, Kronprinz Wilhelm. Hinzu trat die
Möglichkeit, neben den beiden im Brennpunkt der Tankeinsätze führenden
Heeresgruppen, diejenige des Herzogs Albrecht von Württemberg anhand
der Akten des Hauptstaatsarchivs Stuttgart (HStAS) zu berücksichtigten.
Innerhalb dieser Bestände fanden sich, der Bedeutung einer Heeresgruppe
als zweithöchster Führungsebene zwischen der OHL und den Armeen
entsprechend angenommen und vom Verfasser erhofft, tatsächlich
Weisungen, Befehle und Mitteilungen aus allen und in alle Richtungen der
militärischen Hierarchie.
Das Fehlen OHL-interner Archivalien, namentlich zu den Ansichten
Ludendorffs und seiner vielleicht interessantesten Stabsoffiziere, Wetzell
und Bauer, konnte hierdurch wenigstens insofern kompensiert werden, als
daß, an den in Petters detaillierter Arbeit berücksichtigten Schriftstücken
gemessen, der größte Teil offizieller Verlautbarungen der obersten Führung
vom Verfasser gesichtet werden konnte.
Ein ebenfalls durch Aktenverlust in Potsdam entstandenes Problem mit den
Perspektiven untergeordneter Stäbe, der eingesetzten Verbände und
Einheiten konnte durch das Hinzuziehen der Münchener und Stuttgarter
Bestände, durch die im BA-MA überlieferte Restmenge preußischer
Akten 92 sowie besonders die Arbeitsakten des Reichsarchivs
beziehungsweise der Kriegsgeschichtlichen Forschungsanstalt des Heeres 93
ebenfalls weitgehend behoben werden. In gewisser Weise durch einen
kriegsgeschichtlichen Zufall besonders ergiebig erwies sich das
Hauptstaatsarchiv Stuttgart, das zum einem die bei einem ersten Besuch des
Verfassers in München gewonnenen Eindrücke einer vielfachen
Parallelüberlieferung von tankbezogen zirkuliertem Schriftgut zwischen

ganz unterschiedlichen Umfanges, paginiert oder nicht paginiert, chronologisch oder


thematisch geordnet, zu konfrontieren. Und so wurde vom Verfasser eine Zitierweise der
Quellen gewählt, die zwar nicht einheitlich ist, dem Leser das Auffinden von Schriftstücken
aber erleichtern sollte.
92
Im BA-MA unter der Bestandssignatur “PH” zu finden. Die hierin vorhandenen Relikte
waren hinsichtlich der Fragestellung tatsächlich nur sehr punktuell ergiebig.
93
BA-MA, RH 61.
45

verschiedensten Fronttruppenteilen und Stäben belegen konnte. Zum


anderen lagert dort mit den Archivalien des Generalkommandos des
XIII.(Württembergischen) Armeekorps glücklicherweise den Bestand eines
Führungsstabes 94 , der innerhalb der vorliegenden Arbeit wenigstens bei
zwei herausragenden Gelegenheiten, bei Cambrai 1917 und bei Soissons
1918, im Brennpunkt des Geschehens stand und mit massiven
Tankangriffen konfrontiert war. Abgesehen davon hatten württembergische
Einheiten, Friedensteile dieses wohldokumentierten Korpsbereiches XIII,
nahezu den gesamten Betrachtungszeitraum über die sicherlich sehr
zwiespältig zu bewertende Gelegenheit, sich feindlichen Angriffen mit mehr
oder minder ausgeprägter Tankunterstützung ausgesetzt zu sehen 95 .
Für die große Zahl preußischer General- oder „Gruppenkommandos“,
Divisionsstäbe, Verbände und Einheiten sah die Überlieferungssituation
streckenweise mehr als düster aus. Und der Verfasser scheut sich nicht,
einmal zuzugeben, daß er etwa Schriftstücke zum ersten französischen
Tankeinsatz am [Link] 1917 wochenlang vergeblich suchte und
schließlich nur durch den Zufallsfund eines aufmerksamen Bekannten in die
Hände bekam 96 und dann auch einzuräumen, daß das mehrfach in Bereiche
rein empirischen Suchens abgeglittene Recherchieren nach möglichen
Überlieferungen bis in die Schlußphase der Entstehung dieser Arbeit

94
HStAS, M 33/2.
95
Würde man geschichtliche Zufälle nicht kennen, könnte bei einem Betrachter
möglichweise der Eindruck entstehen, daß Württemberger eine besondere Affinität für
„Tankdrachen“ hatten. Mit den Geschehnissen zwischen den ersten Tankeinsätzen an der
Somme 1916, bei Thiepval (siehe Abschn. 3.4.), und besonders mit denen bei Bullecourt im
April 1917, wo erstmals Tanks erobert wurden (siehe Abschn. 5.4.), sind sie jedenfalls so
verbunden, wie mit den Ereignissen bei Cambrai 1917 (siehe Kap. 9.) und Soissons 1918
(siehe Kap. 11.), in deren Fokus das XIII. (Württembergische) AK stand.
96
Der Bestand BA-MA, RH 61, der die Arbeitsunterlagen der früheren Forschungsanstalt
des Heeres umfaßt, entpuppte sich diesbezüglich sowohl als unschätzbare als auch mit
Findbuch allein kaum zu erfassende Fundgrube. So fanden sich beispielsweise
aufschlußreichste und zeitnah zum Geschehen verfaßte Berichte zum 16.4.1917 unter der
Signatur BA-MA, RH 61/50597, die laut elektronischem Findbuch verschiedene
Unterlagen aus den Jahren 1943/44 zu „Kriegserfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg“
verspricht. Und dies ist bei der Masse der Akten dieses Bestandes kein Einzelfall.
46

andauerte 97 . Das Ergebnis derartiger Bemühungen ist insofern von Erfolg


gekrönt gewesen, als daß die Übermittlung von Nachrichten, deren
Schnittpunkte mit nicht selten parallelen Meldungen und der Austausch der
verschiedenen Führungsebenen mit den für die Fragestellung der
vorliegenden Arbeit und damit den für die Kriegführung ausschlaggebenden
höchsten Stäben nachgezeichnet sowie in ihrer Bedeutung und Wirkung
erfaßt werden konnten.
Problematischer als die Suche nach Schriftgut der höheren und höchsten
Stellen war eine zu Beginn der Recherchephase durch den Verfasser noch
stärker vorgesehene Berücksichtigung einer militärhistorischen Perspektive
auf den Tank „von unten“ 98 , also in erster Linie aus dem Blickwinkel der
Mannschaften und unteren Chargen der Fronttruppen. Wenngleich der
Gedanke daran nicht vollends aufgegeben wurde und in der vorliegenden
Arbeit auch darauf bezogene Textstellen aufzufinden sind, stellte es sich als
nicht vertretbarer Aufwand heraus, in den Unmengen verfügbarer Nachlässe
und archivierter Selbstzeugnisse nach tankbezogenen Dokumenten und
Passagen zu fahnden. Dies zu vernachlässigen und das Zitieren auf einige
wenige Beispiele zu reduzieren wurde dadurch erleichtert, daß es
gravierende, quellenspezifische Schwierigkeiten beim Beurteilen des Wertes
solcher Dokumente geben muß 99 und sich beim Verfasser zusehends der
Eindruck entwickelte, daß aus den Reihen „der kämpfende Truppe“
stammende Äußerungen nur in wenigen Einzelfällen, höchstens
rudimentären oder auch gar keinen Einfluß auf die Wahrnehmung und

97
Der letzte Fall bezog sich auf den Umstand, daß selbst Suchmöglichkeiten elektronischer
Findbücher und die Gewöhnung eines Betrachters an die zuweilen merkwürdigen
Erfassungsprioritäten der Verfertiger dieser Hilfen nicht davor schützen, mit „falschen“
Suchbegriffen zu arbeiten. Panzer statt Tank und Panzerabwehr statt Tankabwehr mag
dabei noch angehen, doch relevante Signaturen über die Suchformel „-abwehr“ (siehe BA-
MA, RH 61/50601) eruieren zu müssen, ist letztlich so müßig, wie im HStAS die
Unbekannten und Variablen in der Schreibweise des Stabsquartieres des XIII.
(Württembergischen) Armeekorps 1917, Caudry, überprüfen zu müssen.
98
Zur Thematik und zum Begriff siehe Wette, Wolfram (Hg.): Der Krieg des kleinen
Mannes. Eine Militärgeschichte von unten, München 21992.
99
Zur Quellenproblematik siehe ebenda, S. 18ff.
47

Beurteilung des Geschehens durch eigene und erst recht übergeordnete


Führungsstäbe hatten 100 .
In diesem Kontext sei noch angeführt, daß der Verfasser nicht selten auf
Zitate aus Truppengeschichten der Nachkriegszeit zurückgegriffen hat, um
solche Stimmen einzufangen und um die Lücken in der archivalischen
Überlieferung auf dem Gebiet der untergeordneten Stäbe und der am
Geschehen beteiligten Einheiten halbwegs schließen zu können. Über die
Problematik beim Umgang mit einer Literaturgattung, deren höchstes Ziel
die Schaffung von Erinnerungswerken von und für Kriegsteilnehmer war,
daher damals „ehrrührig“ aufgefaßte Sachverhalte und Begebenheiten
auszuklammern hatte, braucht man an dieser Stelle keine näheren
Ausführungen zu machen. Diese in Form, Stil und erkennbarem Grad an
Aufrichtigkeit nicht wirklich homogene Gattung der Weltkriegsliteratur
stellt laut Deist jedenfalls eine Quelle dar, „die –kritisch gelesen- manche
interessanten Informationen zum Alltagsleben der Soldaten vermitteln
kann“ 101 .
Das Problem mit dem Blick „von unten“ und auf Details innerhalb der
Verläufe von Kampfhandlungen generell schlug sich dort nieder, wo es
vorab erwartet werden konnte, aber auch dort, wo angesichts der Menge
veröffentlichter Literatur der vergangenen Jahrzehnte vom Verfasser am
wenigsten damit gerechnet wurde. So waren Zahlen jeder Art, Zahlen zu
Geschützen, Flugzeugen, Verlustzahlen, Nummern eingesetzter Verbände
und Einheiten oder etwa auch Uhrzeiten, ein stetiger Grund für Zweifel,
noch- und abermalige Überprüfungen. Der faßbare Spiegel der Wirrnisse

100
Die Diskussion um die Wirkungsweise der panzerbrechenden Gewehr- und
Maschinengewehr-Munition, die SmK-Patronen, nach den Kämpfen bei Cambrai 1917 sind
dafür auf deutscher Seite so bezeichnend, wie es die dortigen Auswertungen der Kämpfe ab
Sommer 1918 sind. Tatsächlich sollte es nicht erst 1918 von höchsten Stellen sogar zur
Forderung nach Berücksichtigung auch kritischer Stimmen „von unten“ kommen, die bis
dahin -nun offenkundig geworden- durch überzogenen Positivismus auf Dienstwegen und
dort auffindbare Interessenlagen ungehört verhallt waren; siehe bspw. HStAS, M 33/2, Bü.
72: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia Nr. 5131 geh. op. vom 26.10.1917, und ebenda, Bü.
300: HGr Kronprinz Ia/Ic Nr. 6438 geheim vom 27.8.1918.
101
Siehe dazu Deist, Wilhelm: Verdeckter Militärstreik im Kriegsjahr 1918? In Wette: Der
Krieg des kleinen Mannes, S. 162, Anm. 8.
48

innerhalb von Kampfhandlungen, Komplikationen aller Art beim Absetzen,


Einlaufen, Umsetzen und Archivieren von Weisungen sowie eben auch der
bis heute eingetretene Verlust von Archivalien, die Unwissenheit des
Betrachters gegenüber niemals schriftlich erfaßten Vorgängen und das
(nicht nur) dem Historiker doch immer wieder begegnende Phänomen, sich
eklatant widersprechender Aussagen zu ein und derselben, im Zweifelsfall
chaotischen Begebenheit fanden sich auch hier wieder. Hinzu kam, und das
machte das wirklich Unerwartete bei der Behandlung eines so populären
Themas aus, daß eine Kernfrage wie diejenige nach den Zahlen eingesetzter,
ausgefallener und abgeschossener Kampfwagen nie mit glaubwürdig-
aktengestützter oder gar wissenschaftlich eruierter „letzter Sicherheit“ zu
beantworten war 102 .
Was bleibt, sind „Trends“, die, bezogen auf den Tank, vom passiven
deutschen Teil, der Tankabwehr, nicht selten und zuweilen übertrieben
forsch entwickelt, durch Angaben in „alliiertem“ Archivgut
beziehungsweise deren in der Literatur greifbarer Auswertung bestätigt
werden.
So ist, die Einleitung abschließend ganz ausdrücklich darauf hinzuweisen,
daß alle Zahlenangaben und Zeiten, die in der vorliegenden Arbeit angeführt
werden, fragwürdig und diskutabel sind. Daran darf angesichts der
komplexen Thematik kein Zweifel bestehen. Tatsache ist aber auch, daß der
Verfasser bemüht war, Angaben zu finden, deren Provenienz sowie

102
Eine Anfrage des Verfassers zu Aufstellungen über „Verlustzahlen“ oder vergleichbaren
Unterlagen, aus denen einsatzbereite Fahrzeuge, Ausfälle aller Art und blutige Verluste in
den einzelnen Kampfhandlungen ersichtlich wären, wurde über den früheren Heeresattaché
des Vereinigten Königreiches in Berlin, Jack Sheldon, an das Imperial War Museum in
London gesandt. Die Antwort (Christopher Hunt vom 20.4.2006) fiel insofern erstaunlich
aus, als daß auf Angaben in namhaftesten Veröffentlichungen (bspw. Fuller) verwiesen und
zugleich die Frage aufgeworfen wurde, wie „Verluste“ zu definieren seien: In welchem
Zeitfenster, durch Beschuß, durch technischen Defekt, total, reparabel in welcher Zeit, wie
lange ausgefallen usw.? Die reichhaltigen Unterlagen des Tank Corps, so führte die
Antwort ferner aus, seien diesbezüglich bislang tatsächlich noch nicht untersucht und
ausgewertet worden. Für die französische Seite sei hier ergänzt, daß Goya, S. 360, zwar
Zahlen für Verluste der artillerie d’assaut bis zum Kriegsende liefert, diese allerdings genau
dem in der Antwort des Imperial War Museums genannten Problems mangelnder
Differenzierung zu unterliegen scheinen; siehe dazu auch Abschn. 13.2.
49

Gebrauch innerhalb der geschichtswissenschaftlichen Debatte um die


„Tankfrage“ ersichtlich und überprüfbar sind 103 und ferner mit einer
gewissen Sicherheit -über die geschichtspolitischen Interessen der sie zuvor
Gebrauchenden hinweg 104 - tatsächlich einen „Trend“ kennzeichnen. Ein
solcher liegt nach Maßgabe des Verfassers etwa dann vor, wenn von einigen
Hundert am ersten Tag einer Operation vorhandenen Kampfwagen am
Folgetag nur noch ein Bruchteil einsatzbereit war 105 . Dabei spielt es
letztlich keine große Rolle, ob es gerade für die massiven Tankeinsätze seit
Cambrai 1917 durchgängig möglich ist, so detailliert wie für die ersten
Unternehmungen 1916/17 Angaben über vorhandene und eingesetzte oder
ausgefallene Tanks zu machen.

103
Diesen Vorteil, der primär eine Frage von publizierten oder publizierbaren Seiten sowie,
formuliert man etwas boshaft, „griffigen“ Äußerungen zu sein scheint, bietet vielleicht nur
die (qualifizierende) wissenschaftliche Facharbeit, die hinsichtlich der Faktoren Zeit und
Kosten im Regelfall zu Lasten des Verfassers geht. Anhand der für diese Arbeit genutzten
Überblicksdarstellungen, welche weit über die Tank-Thematik hinaus für „populäre Bilder“
verantwortlich sind, ließe sich jedenfalls leicht -und ohne nähere Bezeichnung der
Fallbeispiele an dieser Stelle- der Wert von Anmerkungen zu Fundorten für „Zahlen“
nachweisen.
104
Fuller ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Es beschleicht einen dann der Gedanke an
eine besondere Intentionslage, wenn man im Abgleich mit anderen Publikationen
vergegenwärtigt hat, in seinen Erinnerungen Angaben zu finden, die seinen ehemaligen
Vorgesetzten zu allem anderen als zu Ruhm und Ehre gereichen und wenigstens
stellenweise ziemlich unkonventionell den Zusammenhang zwischen von ihm als unfähig
erachteten Vorgesetzten, versäumten Gelegenheiten und hohen Ausfallraten „seines“ Tank
Corps entwickeln. Der Gedanke an eine sehr spezielle, über beschönigende Darstellungen
des Egos hinausgehende und bis zu diesem Maß auch mit redlichen Mitteln verfolgten
Absicht beschleicht einen jedenfalls dann, wenn man weiß, daß sich ein aus dem aktiven
Dienst verabschiedeter und damit von vielen Zwängen befreiter, letztlich völlig frustrierter
Fuller zur Zeit der Veröffentlichung seiner Erinnerungen (1936) in die Reihen der
britischen Faschisten verirrt hatte; siehe hierzu
H[Link] . (Stand vom 16.01.2007.)
105
Siehe etwa Abschn. 12.3. mit Angaben zur französisch-britischen Offensive vor am
Amiens im August 1918.
50

2. „Die Zukunft ist dunkler als je.“ Die Westfront 1914-1916 und die
Geburtsstunde des Tank.

Das folgende Kapitel umfaßt einige Bemerkungen, die dem Zeitpunkt des
ersten Auftretens von Tanks auf einem Schlachtfeld unbedingt
vorauszuschicken sind, da der seit Ende 1914 ausgebildete Charakter der
Kämpfe an der Westfront wesentlichen Einfluß auf die Schaffung und den
Einsatz der neuen Waffe hatte. In welcher Form sich dieser Einfluß
bemerkbar machte, mag bereits dadurch illustriert sein, daß es noch 1923,
im Zusammenhang mit einer auf jüngsten Erfahrungen basierenden
deutschen Vorschrift nach Kriegsende, über den „Kampfwagen“ hieß, er sei
„nach dem heutigen Stand der Technik im wesentlichen eine Waffe des
Stellungskrieges“ 106 .

2.1. Der Kriegsverlauf an der Westfront bis August 1916.

Der Bewegungskrieg von 1914 war deutscherseits darauf ausgelegt


gewesen, die Gegner im Westen in einem schnellen Feldzug zu besiegen,
um mit den freiwerdenden Verbänden den russischen Gegner an der
Ostfront schlagen und den Krieg siegreich beenden zu können 107 . Daß die
sich aus den Bedingungen des Feldzugsplanes entwickelnde Marneschlacht
bis zu ihrem Abbruch durch die deutsche Seite einen „Kulminationspunkt
des Sieges“ 108 bedeutete, ist die eine Seite einer Malesse, unter der die eine
Entscheidung in der Offensive suchenden Heere und Heerführer aller
kriegführenden Parteien zu leiden hatten. Die andere Seite, die ebenfalls für
alle Kontrahenten galt, offenbarte sich, als nach dem deutschen Rückzug auf
eine Linie, auf der sich die Masse des Heeres ab dem [Link] 1914

106
Siehe Pöhlmann, Markus: Von Versailles nach Armageddon, S. 363. Nach Pöhlmann
handelte es sich um einen Kommentar zur Darstellung der Kampfwagen in der „Vorschrift
zu Führung und Gefecht der verbundenen Waffen“, 1923 von einem Hauptmann v.d.
Leyden veröffentlicht.
107
Siehe Keegan, John: Der Erste Weltkrieg. Eine europäische Tragödie, Hamburg 2001, S.
49ff.
108
Siehe dazu Balck, William: Entwicklung der Taktik im Weltkriege, Berlin 1920, S. 50.
51

einzugraben begonnen hatte, das Auflaufen der französischen und britischen


Truppen nahezu jedwede Aussicht auf ein rasches Kriegsende ausschloß 109 .
Belege dafür, daß keiner der Gegner über ausreichende Mengen an
Kriegsmitteln verfügte, um einen langanhaltenden, auf Feldbefestigungen
basierenden und einem Festungskrieg gleichenden Stellungskrieg zu
verhindern, fanden sich bereits im Oktober und November 1914 in
Flandern. Dort prägten für den Moment noch keine Grabenstellungen das
Gefechtsfeld und als offene Flanke der Westfront bot sich der Schauplatz
für eine letzte strategische Offensive der Deutschen des Jahres 1914 und vor
derjenigen bei Verdun 1916 an. Die Angriffe in Flandern, die hinsichtlich
jedweder überregionalen Bedeutung mit absolut unzureichenden Kräften
durchgeführt wurden 110 , verliefen trotz großer Opferbereitschaft der
Truppen, die nicht nur späterhin prägendes Element eines Langemarck-
Mythos wurde, sondern auch die den ganzen Krieg über geltende
Erwartungshaltung deutscher Truppenführer gegenüber der Einsatz- und
Leistungsbereitschaft ihrer Verbände definierte 111 , desaströs und bestätigten
dem Kopf der deutschen Heeresleitung, Falkenhayn, daß das Kriegsende
1914 offensiv nicht mehr zu erreichen war 112 . Über diese Feststellung
hinaus zeigte der bisherige Verlauf der Operationen, samt des Beispiels
Flandern und einer kurz danach durch die Abwehr französischer Angriffe in
der Champagne zusätzlich gewonnenen Erfahrung ergänzt 113 , daß im

109
Siehe ebenda, S. 256. Am [Link] 1914 hatte Moltke das Eingraben und Halten
befohlen. Bereits einige Tage später standen die Verbündeten einer schier ununterbrochen
erscheinenden Linie deutscher Feldbefestigungen gegenüber. Die Umsetzung von
Falkenhayns Vorstellung, den Feind noch im September aus der neuen Frontlinie heraus
angreifen zu können, scheiterte an den verfügbaren Mitteln; siehe Otto, Helmut/Schmiedel,
Karl: Der erste Weltkrieg. Dokumente, Berlin-Ost 1977, Dok. Nr. 25, S. 91f.
110
Das Tragische hinter der so lange unreflektiert verehrten Symbolik des Langemarck-
Mythos zeigt die Darstellung von Unruh mehr als deutlich; siehe Unruh, Karl: Langemarck.
Legende und Wirklichkeit, Koblenz 1986.
111
Siehe Abschn. 7.2. und 12.5.2.
112
Siehe RA, Bd. 7, S. 3ff.
113
Die Kämpfe in der Champagne treten unter allen Sektoren, an denen um die
Jahreswende 1914/15 intensive Kampfhandlungen stattfanden, als die möglicherweise
ersten hervor, die sich stellungskriegtypisch langandauernd und materialaufwendig
gestalteten. Zwischen dem 20.12.1914 und Mitte Februar 1915 erfolgten in der Champagne
52

Stellungskrieg der Angreifer, gegenüber einem durch Feldbefestigungen


gesicherten und mit moderner Waffentechnik ausgerüsteten Gegner stark
benachteiligt war und immer mit schwersten Verlusten zu rechnen hatte,
ohne unter den derzeit gegebenen Verhältnissen davon ausgehen zu dürfen,
seine Ziele mit den augenblicklich verfügbaren Kräften erreichen zu
können 114 . Die Folgerung Falkenhayns aus dieser Situation und ihren
rüstungstechnischen und kriegswirtschaftlichen Implikationen war, daß es
jetzt um Zeitgewinn gehen mußte, der an der Westfront durch eine strikte
Bindung an die Defensive erreichen war 115 :
„Man durfte hoffen, daß die Zeit gewonnen werden würde, um die für einen
Entscheidungsstoß wirklich ausreichenden Kräfte an Truppen und Material
bereitzustellen.“ 116

Die mit der Wahl der Defensive für die Westfront einhergehende
Verlagerung der Operationen auf den östlichen Kriegsschauplatz versprach
nach Ansicht Falkenhayns zwar nicht, dort einen endgültigen Sieg über den
gefährlichen russischen Gegner baldigst erringen zu können 117 , sie sicherte
jedoch die Grenzen des Reiches, entlastete den Wiener Verbündeten und bot
die Gelegenheit für wenigstens prestigeträchtige militärische Erfolge, die
sich 1915 in der Tat auch einstellen sollten 118 . Im Maßstab der Kriegslage

die ersten größeren französischen Durchbruchsversuche, zwischen denen die


Kampfintensität kaum abnahm. Siehe hierzu auch Cron, Hermann/Goes, Gustav: Mein
Kriegstagebuch, Berlin 1935, Nr. 56.
114
Siehe Afflerbach, Holger: Falkenhayn, München 1994, S. 260.
115
Siehe Falkenhayn, S. 34f. Defensive hieß hier aber keinesfalls, daß den Offensiven im
Osten die Priorität eingeräumt werden sollte, die von den dortigen Führern, Hindenburg
und Ludendorff, gefordert wurde. Falkenhayn sah an der Westfront den Ort, an dem das
politische und das strategische Ziel lag; siehe Kraft, Heinz: Staatsraison und Kriegführung
im kaiserlichen Deutschland 1914-1916, Frankfurt/Göttingen/Zürich 1980, S. 25.
116
Zitiert nach Falkenhayn, S. 45. Vergleiche Otto/Schmiedel, Dok. Nr. 46, S. 137-139.
Der hier von General von Loßberg, dem späteren „Abwehrfachmann“ der [Link],
formulierte Vorwurf, daß Falkenhayn die Situation der Kriegsgegner tatsächlich zu negativ
beurteilte, kann angesichts der Schlußfolgerungen der berüchtigten Weihnachtsdenkschrift
1915 nur unterstrichen werden.
117
Siehe RA, Bd. 7, S. 5.
118
Siehe etwa Keegan, S. 324, zum Durchbruch bei Gorlice-Tarnow (1.-[Link] 1915), „der
die russische Position an der Ostfront erschütterte, das österreichische Heer vor dem
53

handelte es sich hierbei allerdings um marginale Siege, denen als


Trugschluß zur Seite stand, überhaupt annehmen zu dürfen, daß
Deutschland mit seinen Gegnern materiell und personell in absehbarer Zeit
würde gleichziehen können 119 .
Deutschlands Gegner an der Westfront hatten hinsichtlich der Erfahrungen
aus den letzten Kämpfen sehr ähnliche Lehren gezogen. Die französischen
Verluste von 1914 waren gewaltig 120 und bemaßen sich nicht allein in
Verlustzahlen der Streitkräfte, sondern auch im Verlust von Landesteilen
mit wirtschaftlicher und gleichsam politischer Bedeutung. Die Wahl der
Defensive an der Westfront konnte daher keine strategische Option für die
Fortführung der Operationen darstellen, denn die Befreiung des
Nationalterritoriums von den Invasoren war Notwenigkeit und Pflicht,
gleichsam ein dem Befehlshaber, General Joffre, auferlegter politischer
Zwang 121 . Für den Juniorpartner im Westen, den britischen Verbündeten,
dessen kleine Expeditionsstreitmacht 1914 ebenfalls erheblich gelitten hatte,
entwickelte sich der Krieg zu einem fest mit dem französischen Schicksal
verbundenen Konflikt, der mit allen Mitteln und unter allen Umständen
siegreich ausgefochten werden mußte. Neben die Mitverantwortung für
Frankreich und die selbstgewählte Verantwortung für Belgien trat seit
spätestens Februar 1915 noch die direkte Bedrohung der britischen Inseln
und Wirtschaft durch deutsche U-Boote. Auf Dauer blieb auch dem Empire
nur, die wirtschaftlichen und personellen Ressourcen in die Waagschale zu

drohenden Zusammenbruch rettete und dem Deutschen Reich in seinem Zweifrontenkrieg


die Atempause verschaffte, die es ihm erlaubte, 1916 bei Verdun eine Offensive gegen
Frankreich zu beginnen“.
119
Siehe RA, Bd. 7, S. 5. Zur Lageeinschätzung Falkenhayns Mitte 1915 siehe
Otto/Schmiedel, Dok. Nr. 46, S. 137ff., und Afflerbach, S. 262.
120
Siehe dazu RA, Bd. 7, S. 35: „Die Aussichten für eine Fortführung des Angriffs waren
nicht günstig. Ersatzformationen und Depots hatten kaum ausgereicht, die entstandenen
Verluste auszugleichen.“ Keegan, S. 197, gibt 306.000 Gefallene bis Ende 1914 an,
Berghahn 400.000; siehe Berghahn, Volker R.: Sarajewo, [Link] 1914. Der Untergang des
alten Europa, München 1997, S. 110.
121
Siehe Chickering, S. 73. Keegan, S. 267: „Frankreich, im August 1914 das Opfer einer
deutschen Offensive und im bisherigen Kriegsverlauf territorial der Hauptverlierer, musste
angreifen; das verlangten sowohl der Nationalstolz als auch wirtschaftliche
Notwendigkeiten.“
54

werfen und in der Offensive gegen Deutschland und seine Verbündeten das
Heil zu suchen.
Die Angriffe des Jahres 1915, die durch die von französischer Seite
initiierte, deutscherseits als „Winterschlacht in der Champagne“ 122 bekannte
Operation eingeleitet wurden, zeichneten sich bereits dadurch aus, daß ein
Mehr an Artillerie, Infanterie und Material aller Art eingesetzt wurde 123 . Die
Schlachten begannen ein Ausmaß anzunehmen, dessen Materialverbrauch
für Begegnungsschlachten im Stil des Bewegungskrieges allein aus
logistischen Gründen undenkbar gewesen war. Der waffentechnische
Fortschritt und die durch die Leistungssteigerung der Rüstungsindustrien in
immer größeren Mengen verfügbaren Kriegsmittel wurden zusehends zum
Kennzeichen des Krieges im Westen. Schwierigkeiten, wie sie etwa in
Deutschland aufgrund des verhinderten Salpeterzuflusses für die
Munitionsfertigung 1914 aufgetreten waren 124 , konnten überwunden
werden, und die Vermehrung von Technik und Material auf beiden Seiten
der Front war in vollem Gange, während sich ein unverwechselbarer Stil der
Operationen als Durchbruchs- beziehungsweise Abwehrschlachten
entwickelte.

122
Vom 19.2. bis 21.3.1915; siehe dazu auch Bloem, Walter: Der Weltbrand, Berlin 1922,
S. 136ff. Vorausgegangen war vom 8. bis 14.1. die „Schlacht bei Soissons“, die von ihren
Charakteristiken her zu den oben genannten lokalen Gefechten zählt. Der im Gegenangriff
erzielte deutsche Erfolg brachte 5.200 Gefangene, 35 Geschütze und 6 Maschinengewehre
ein; siehe dazu Cron: Mein Kriegstagebuch, Nr. 57, und RA, Bd. 7, S. 23ff.
123
Unter dem legendären Eindruck der Schlachten vor Verdun und an der Somme 1916
scheint dieser Umstand vielfach nicht beachtet worden zu sein. Wenn die Verlustzahlen
etwa für die Schlacht bei Arras 1915, die sich nach Chickering, S. 74, auf 132.000 Soldaten
des Empire und 73.000 Deutsche belaufen haben sollen, im Vergleich zu den über eine
Million Ausfällen in der Sommeschlacht von 1916 auch gering erscheinen mögen, sollte
auf den wesentlich begrenzteren Angriffsraum und die geringere Dauer der Schlacht
hingewiesen werden. Schilderungen der Schlachten von 1915 zeigen bereits denselben
Wahnsinn, der zum Kennzeichen der folgenden Schlachten geworden ist: „Der Lorettoberg
ist ein wüstes Konglomerat von Trichtern und Grabenstücken. Kein Baum und kein Strauch
grünt mehr dort oben. [...] Die Toten liegen unbeerdigt im Niemandsland.“; siehe
Beumelburg, Werner: Sperrfeuer um Deutschland, Oldenburg 1929, S. 133.
124
Siehe Afflerbach, S. 198.
55

Das Resultat der ersten Offensiven der Verbündeten gegen die deutschen
Stellungen war niederschmetternd. Falkenhayns Vorstellungen von der
Überlegenheit des Verteidigenden im Stellungskrieg und das Vertrauen auf
die Leistungsfähigkeit der eigenen Truppen bewahrheiteten sich
125
offenkundig . Die Antwort hierauf war, das Mehr an Material und
Verbänden verfügbar zu machen 126 , das die Deutschen durch die Wirkung
der Masse seiner derzeitigen Vorteile berauben und seine Widerstandskraft
durch mit überlegenen Kräften und Mitteln mit Vehemenz und Elan
vorgetragene Angriffe ersticken würde. 1916 rechnete man damit, daß
dieses Maß an Überlegenheit vorhanden sein und sein Ausspielen an der
Westfront innerhalb dieses Jahres die Entscheidung zugunsten der Entente
bringen würde 127 .
Die deutschen Siege an der Ostfront 1915, auch die österreichisch-
ungarischen Abwehrerfolge gegen den neuen Kriegsgegner Italien und
diejenigen des neuen Verbündeten Türkei gegen britische und französische
Truppen, waren bedeutend. Doch sie waren keinesfalls genug, um den
Waffenerfolg der Mittelmächte in diesem Krieg überhaupt noch in Aussicht
stellen zu können 128 . Was als Ergebnis dieser Erkenntnis von dem nach
einem Ausweg aus der prekären Lage suchenden Falkenhayn im Winter
1915 als deutscher Plan für eine offensive Operation gegen Verdun
formuliert wurde, ist legendär und zugleich berüchtigt 129 . Die Umsetzung
der theoretischen Grundlage dieses Angriffes, in der Quintessenz das
Ausspielen der taktischen Überlegenheit des Verteidigers gegenüber einem
zu blindwütigen Gegenangriffen verleiteten Feind 130 , scheiterte aus
verschiedenen Gründen, die hier allerdings nicht diskutiert werden müssen.
Die mit dem heute aberwitzig erscheinenden und letztlich völlig
gescheiterten Angriffsplan, dem Bild ungeheurer Mengen eingesetzten

125
Siehe Falkenhayn, S. 44.
126
Einen Überblick über die Rüstungsanstrengungen der Entente bietet Keegan, S. 386f.
127
Siehe RA, Bd. 10, S. 44ff., und Afflerbach, S. 351.
128
Vergleiche Kruse, Wolfgang: Kriegsziele, Kriegsstrategien, Kriegsdiplomatie, in Kruse,
Wolfgang (Hg.): Eine Welt von Feinden. Der Große Krieg 1914-1918, Frankfurt a. M.
1997, S. 25-42, S. 30f.
129
Zur sogenannten „Weihnachtsdenkschrift“ siehe RA, Bd. 10, S. 1ff.
130
Siehe RA, Bd. 10, S. 10ff., und Afflerbach, S. 363.
56

Materials und unerhörten Verlusten von jeweils deutlich mehr als 300.000
Deutschen und Franzosen 131 verbundene Schlacht wurde für Deutsche und
Franzosen zum dauerhaften Symbol der „Materialschlacht“ des Ersten
Weltkrieges 132 .
Noch während man hier beschäftigt war, diese Symbolkraft auf dramatische
Weise zu rechtfertigen, entbrannte eine für die Briten nicht weniger
symbolträchtige Materialschlacht.
Die Schlacht an der Somme, die nach einwöchigem Trommelfeuer mit einer
bis dahin selbst auch bei Verdun nicht dagewesenen Artilleriekonzentration
am [Link] 1916 infanteristisch begann, wurde zum Weltkriegs-Trauma des
Empire. Am ersten Tag starben, und die Resonanz auf dieses Ereignis ist
vor Ort zur jährlichen Wiederkehr des Datums bis heute spürbar, knapp
20.000 britische Soldaten. Rund 40.000 weitere fielen an diesem einzigen
Tag zudem verwundet oder vermißt aus 133 . Auf den Willen zur Fortsetzung
der beiden Schlachten auf britischer und französischer Seite hatten die
tragischen Verlustzahlen keinen Einfluß, genauso wenig auf den Glauben,
mit maximalem Materialeinsatz, der von deutscher Seite mit einer gewissen
Verzweiflung wahrgenommen wurde 134 , doch noch die Oberhand gewinnen
zu können.
Diesen Tatsachen hatte sich auch die neue deutsche Heeresleitung, die
[Link], unter Hindenburg und Ludendorff zu stellen, als sie Ende August
1916 ihr Amt übernahm und sich mit den Verhältnissen an der Westfront

131
Siehe Strachan, Hew: The First World War. A new illustrated History, London u.a.
2003, S. 184. Dort sind für die deutsche Seite rund 337.000 und für die französische rund
377.000 Mann Verlust angegeben.
132
Kabisch etwa bezeichnete sie auch als die „reinste Form“ der Materialschlacht; siehe
Kabisch, Ernst: Streitfragen des Weltkrieges 1914-1918, Stuttgart 1924, S. 235.
133
Siehe Keegan, S. 412.
134
Siehe bspw. Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 189: „Die Ausstattung der
Ententearmeen mit Kriegsmaterial war auf eine bisher unbekannte Höhe gebracht. Die
Sommeschlacht bewies es täglich klarer, wie weit der Vorsprung des Feindes war.“
Verschärft wurde dieser Umstand natürlich auch durch den jetzt ausgeprägten
Mehrfrontenkrieg mit zusätzlichen Gegnern, wobei das totgesagte Rußland parallel zu den
schweren Kämpfen an der Wesfront mit einer Generaloffensive aufwarten konnte und die
Lage zusätzlich verschärfte.
57

vertraut machte 135 . Den Befehl zu geben, das sinnlos-blutige Ringen vor
Verdun im Angesicht der Sommeschlacht per Dekret zu beenden, blieb eine
nur theoretisch wirksame Maßnahme 136 , denn die Aggressivität der beiden
Hauptgegner im Westen bedingte eine deutsche Gefangenschaft in beiden
Schlachten. Der Appell an die Widerstandskraft des okkult verehrten
deutschen Soldaten, etwas, das sich wie ein roter Faden durch die noch
folgenden Kapitel der vorliegenden Arbeit ziehen wird, und der Glaube,
dem Feind so lange widerstehen zu können, bis sich seine Offensivkraft und
beziehungsweise oder die politische Unterstützung für die von ihm
praktizierte Kriegführung erschöpfte, waren die einzigen
Hoffnungsschimmer, derer man sich in deutschen Hauptquartieren an der
Westfront im Sommer und Spätsommer 1916 –die [Link] von hier bis zur
Entlassung Ludendorffs im Oktober 1918 137 - hingeben konnte. „Die
Zukunft ist dunkler als je“, urteilte Hindenburg Ende August 1916 138 .

2.2. Technik und Industrie als Urheber und Grundlage des


Stellungskrieges.

Die technischen Neuerungen, die im Vorfeld des Ersten Weltkrieges ihren


Weg in die Streitkräfte der späteren Kriegsgegner gefunden hatten, waren
von grundlegender Bedeutung für den Kriegsverlauf 139 . Allerdings gab es
mit diesen Neuentwicklungen einige Probleme. Sie litten vielfach an
„Kinderkrankheiten“, waren finanziell und logistisch durchaus
anspruchsvoll und standen zumindest in Verdacht, Mittel für die Aufrüstung
und Neubewaffnung auf Gebieten der traditionellen, in einem künftigen
Krieg unzweifelhaft sinnvoll einsetzbaren Waffengattungen in Anspruch zu
nehmen. Zudem läßt sich etwa bei den Luftfahrzeugen ein Wettstreit um die

135
Siehe ebenda, S. 208ff.
136
Siehe ebenda, S. 210 und 228f.
137
Siehe Kap. [Link]., bes. Kap. 13.
138
Zitat Hindenburgs vom [Link] 1916 nach RA, Bd. 11, S. 3.
139
Siehe etwa Schulte, Bernd F.: Die deutsche Armee 1900-1914. Zwischen Beharren und
Verändern, Düsseldorf 1977, S. 308: „Die Waffentechnik stellte der offensiven
Kriegführung schon im taktischen Bereich erhebliche Hindernisse in den Weg, die sich
1870 wie 1904/05 bei Deutschen und Japanern in großen Verlusten ausgedrückt hatten.“
58

Anerkennung zwischen konkurrierenden Systemen unter den Augen


militärisch Verantwortlicher festhalten, wobei beispielsweise in
Deutschland das Flugzeug gegenüber dem bereits erprobten Luftschiff
zuerst das Nachsehen hatte 140 . Viel dramatischer stellte sich die Lage bei
den Landstreitkräften dar, wo es aufgrund der Vielzahl an wertvoll-
zeitgemäß erachtetem, neueinzuführendem Material und der Vielseitigkeit
der Innovationen zu finanziellen Engpässen kam 141 .
Ende der 1890er Jahre war der Rohrrücklauf bei der Artillerie, damit die
Erhöhung der Feuerkraft der Geschütze auf dem Gefechtsfeld, technisch
möglich geworden und mußte im Zeichen eines internationalen Standards
eingeführt werden, um seine signifikanten Vorteile nicht potentiellen
Kriegsgegnern zu überlassen. Ebenfalls um die Jahrhundertwende herum
kam ein modernes Infanteriegewehr hinzu, dann das erste Serienbaumuster
eines brauchbar empfundenen Maschinengewehres 142 .
Das Maschinengewehr kann als Maßstab für die Anforderungen genommen
werden, welche die Einführung einer neuen Waffe mit sich bringen konnte.
Probleme des taktischen Einsatzes innerhalb oder außerhalb der
bestehenden, tradierten Strukturen, die diskutiert und in neuen Vorschriften
verbindlich gelöst sein wollten: die Sicherstellung von speziell

140
Siehe Arndt, Hans: Der Luftkrieg, in Schwarte, Max: Der Weltkampf um Ehre und
Recht, Bd. 4, Leipzig o.J., S. 530. Bereits die einleitenden Worte des Beitrages (S. 529ff.)
beinhalten zahlreiche Hinweise auf technische und menschliche Ursachen für die
schleppende und bis 1914 noch in den Anfängen steckende Luftrüstung.
141
Beispiele auf allen Gebieten, die von diesen militärtechnischen Innovationen betroffen
wurden, finden sich im RA, Anlagenband I zum Ergänzungsband Kriegsrüstung und
Kriegswirtschaft. Schulte, S. 61, schrieb als Fazit der Entwicklung bis zum „technischen
Quinquenat“ von 1911: „Die Finanzfrage und die Mittel, welche an die Flotte gingen,
hemmten bis 1909 den Ausbau der Armee [...].“
142
Bezeichnend ist eben, daß zwischen dem ersten Typ, dem MG 01 und dem Standardtyp
des Ersten Weltkrieges, dem MG 08, nicht nur der Modellnummer entsprechend sieben
Jahre vergingen, sondern auch alle anderen mit dem Projekt verbundenen Fragen Zeit in
Anspruch nahmen. Dasselbe läßt sich auch für eine neue leichte Feldhaubitze anführen. Das
Modell 1898 wurde aus finanziellen Gründen nicht sofort eingeführt, sondern als lFH 98/09
1909 zum Standardtyp bestimmt. Um die Parallelität der Verhältnisse und Probleme zu
illustrieren, kann man auf das französische Maschinengewehr verweisen, von dem erst
1914 ein konkurrenzfähiges Muster vorhanden war.
59

ausgebildeten Mannschaften, ein großer Bedarf an Pferden sowie an


verschiedenartigster Ergänzungsausrüstung für Waffe und Bedienungen
stellten sich ein 143 . Es dauerte in Deutschland diesen Aufgaben
entsprechend bis 1908, um ein Standardmaschinengewehr einzuführen. Und
dieses sollte, in Anbetracht anders gesetzter Prioritäten, die teilweise auch
noch den Glauben an die überragende Bedeutung der Anzahl Gewehrträger
in den Infanteriekompanien implizierte, laut Planungen erst in der Mitte der
1910er Jahre den angestrebten Verbreitungsgrad erreichen 144 .
Das moderne Schnellfeuergeschütz mit Rohrrücklauf und das
Maschinengewehr sind wohl die namhaftesten Neuerungen, aber bei weitem
nicht die einzigen. Denn schon mit diesen beiden Waffen waren
umfangreiche, weitere Umwälzungen, etwa auf dem Gebiet der
Munitionsarten und persönlichen Ausrüstung des Soldaten, verbunden.
Finanzielle Mittel für die Neuausrüstung des Heeres mit konkurrenzfähigen
Waffen waren für diejenigen Typen vorhanden, die als unabdingbar oder als
rational begründbare Improvisationen innerhalb des Massen-Volksheeres
angesehen werden konnten 145 . Dabei spielte der Kriegsplan, der Mobilität,

143
Siehe Linnenkohl, Hans: Vom Einzelschuß zur Feuerwalze. Der Wettlauf zwischen
Technik und Taktik im Ersten Weltkrieg, Bonn 1996, S. 22f. Der Aufwand für eine einzige
Maschinengewehr-Kompanie war bedeutend. Die Zurückhaltung der militärisch
Verantwortlichen gegenüber der komplizierten neuen Waffe wird außerdem angedeutet:
„Alles dies läßt die Einführung des MGs in allen damaligen Armeen besser verstehen,
wenn auch das damalige Verhalten der Militärs nach heutiger Kenntnis der Dinge noch
immer unverständlich bleibt. Eine Nahaufnahme der direkt vor dem Krieg zugrunde
liegenden Verhältnisse in Großbritannien findet sich bei Fuller: Erinnerungen, S. 27ff.
144
Siehe Schulte, S. 69ff. und 311ff.
145
Siehe hierzu RA: Kriegsrüstung und Kriegswirtschaft, S. 85: „Zwar drängte auch der
Generalstab wiederholt auf eine bessere und umfangreichere Bewertung der für die
neuzeitliche Kriegführung unentbehrlichen technischen Hilfsmittel. Aber das
Kriegsministerium war dazu nicht in der Lage, da es vor einem Versuch zurückscheute,
durch Nachtragsforderungen den engen [finanziellen] Rahmen des laufenden Quinquenats
zugunsten der technischen Bedürfnisse zu erweitern, mochte man auch von der
Notwendigkeit einer stärkeren Berücksichtigung der Kriegstechnik auch durchaus
überzeugt sein.“ Diese Handlungsmaxime änderte sich erst mit der Heeresvorlage von
1912, die unter dem Eindruck der damaligen außenpolitischen Lage und eines immensen
Nachholbedarfs umfangreiche Forderungen formulierte; siehe ebenda, ab S. 172.
60

Feuerkraft und einer gut ausgebildeten und ausgerüsteten Masse an Soldaten


ausschlaggebende Bedeutung beimaß, eine hervorragende Rolle 146 .
Die in der Abteilung A7V des (preußischen) Kriegsministeriums
zusammengefaßten technischen Neuerungen von Luftfahrzeugen über
moderne Kommunikationsmittel bis hin zu Kraftwagen konnten es nicht
leicht haben. Die Kavallerie hingegen, als tradiertes Element der
Landkriegführung, behielt ihre Position in der Aufklärung und für
Umgehung und Verfolgung des Feindes. Demgegenüber schienen die
Möglichkeiten von Kraftwagen, die während eines Kriegseinsatzes
wartungsintensiv sein mußten, die technisch insgesamt noch anfällig, wenig
geländetauglich, teuer und auch nicht besonders geschwind waren, keine
Alternative für die allernächste Zeit darstellen zu können, nachdem die
Phase erster Versuche 1899 begonnen hatte 147 . Die kostengünstige
Alternative zum Einführen eines Fahrzeuges, nämlich im
Mobilmachungsfall zumindest für den Etappen- und Sanitätsdienst auf
zivile Lastkraftwagen zurückzugreifen, scheiterte an der geringen
Verbreitung brauchbarer Kraftwagen in der Zivilwirtschaft. Und selbst der
noch direkt vor dem Krieg unternommene Versuch, die Verbreitung eines
als Muster gewählten „Armeelastzuges“ mit Subventionen zu fördern,
mißlang 148 .
Daß man dem aufgrund der damaligen technischen Möglichkeiten
zwangsweise schwerfälligen und gegenüber technischen Pannen anfälligen
Prototyp des Tank den Zugang ins Arsenal verwehrte 149 , mag also weniger
verwundern, berücksichtigt man die Finanz- und Rüstungslage sowie die
Frage nach militärisch unzweifelhaft brauchbaren Waffen- oder eben hier
auch Fahrzeugtypen. Letzteres mußte angesichts einer rasanten

146
Die numerische Überlegenheit blieb ein bedeutender Faktor, dessen Herstellung
gegenüber den potentiellen Kriegsgegnern als Hauptmotiv der Heeresvorlagen deutlich
hervorsticht; siehe bspw. RA: Ergänzungsband I, S. 124. Daneben blieb der tradierte
Anspruch auf Qualität erhalten; siehe Schulte, S. 78ff.
147
Siehe Sußdorf, Walter: Das Feldkraftfahrwesen in Schwarte, Max (Hg.): Der Weltkampf
um Ehre und Recht, Bd. 6, Berlin/ Leipzig o.J., S. 337.
148
Siehe RA: Kriegrüstung und Kriegswirtschaft, Anlagen zum ersten Band, Berlin 1930,
S. 282f.
149
Siehe Abschn. 2.3.
61

Weiterentwicklung der Technik, die ununterbrochen neue Ergebnisse zu


leisten im Stande war, von Bedeutung sein, da zu frühzeitige Festlegungen
die Gefahren kostspieliger Fehlinvestitionen implizierten 150 . Daß man mit
„Kraftwagen“ –im erweiterten Sinn- auch keine „Attacke der Brigade
Bredow“ wie bei Vionville 1870 reiten konnte 151 , mag ein weiterer
Umstand gewesen sein, der nicht nur auf deutscher Seite, sondern bei allen
bis 1914 dem Offensivgedanken verhafteten Heeren, Vorbehalte gegenüber
jeglichen Formen einer Heeresmotorisierung bedingte. Die Zurückhaltung
der Verantwortlichen gegenüber den aus der (Rüstungs-)Wirtschaft, von
Privatleuten oder von (jungen 152 ) Offizieren der Truppe vorgeschlagenen
Neuerungen aller Art sind allerorten –und eben keinesfalls nur in
Deutschland und nur zu diesem Zeitpunkt- feststellbar 153 . Im Angesicht
oder unter dem verklärten Abbild der heroischen Siege und
Kriegserfahrungen von 1870/71 ergrauten Generalen vor 1914 scheint es
zumindest nicht leichtgefallen zu sein, sich mit den technischen
Errungenschaften des frühen zwanzigsten Jahrhunderts anzufreunden und
die Phantasie aufzubringen, über „Kinderkrankheiten“ und das Stigma

150
Siehe Wrisberg, S. 158f. Für den Gesamtbereich der Heeresmotorisierung findet sich
dies auch angedeutet in RA, Ergänzungsband I, S. 280. Bei der Feldartillerie war es um die
Jahrhundertwende auch schon zu solch einem Fall beziehungsweise abschreckenden
Beispiel gekommen. Das gerade neueingeführte Feldgeschütz 1896 wurde augenblicklich
von der modernen französischen Konkurrenz betroffen; siehe Linnenkohl: Vom
Einzelschuß zur Feuerwalze, S. 76ff.
151
Siehe Ortenburg, Georg: Waffe und Waffengebrauch im Zeitalter der Millionenheere
(Heerwesen der Neuzeit, Bd. V.1.), Bonn 1992, S. 151: „Die Kraftäußerungen des Tieres
wurde durch den Einsatz der blanken Waffen im Handgemenge verstärkt und gab damit der
Kavallerie ihren offensiven Geist, der selbst im Zeitalter der Mehrladegewehre noch zu
erkennen war.“
152
Inwieweit dieser Faktor eine Rolle spielte, kann nicht deutlich gesagt werden. Auffällig
ist jedenfalls, daß immer wieder weitblickende Offiziere mit verhältnismäßig geringem
Dienstalter und Dienstgrad Vorreiterrollen einnahmen; siehe Linnenkohl: Vom Einzelschuß
zur Feuerwalze, S. 33ff., und siehe vor allem –für die britische Seite und den Tank- Kap. 2.
153
Siehe etwa Fuller: Erinnerungen, S. 7 bzw. S. 29. Fuller schrieb zu dieser Feststellung in
seiner autobiographischen Abrechnung mit technikfeindlichen Vorgesetzten, daß er trotz
der von ihm selbst vor Kriegsausbruch geäußerten Mahnungen und Warnungen hinsichtlich
der Wirkung moderner (Schnellfeuer-)Waffen zugestehen müsse, daß Phantasie zum
Erkennen ihrer Bedeutung gehörte; siehe Fuller: Erinnerungen, S. 7 bzw. S. 29.
62

finanziell aufwendiger Spielerei hinweg ihren tatsächlichen Wert zu


erkennen 154 .
Für das Deutsche Reich war es ein Vorteil, daß man auf der Seite der
wahrscheinlichen Kriegsgegner, Frankreich und Belgien voran, bei einem
kommenden Krieg starke Festungen würde überwinden müssen. Bei den
Vorbereitungen zur nach dem Schlieffenplan zwangsweise notwendigen
Überwindung dieser armierten Bollwerke und Festungsbereiche war das
deutsche Militär gezwungen, immer ein Auge auf die Anforderungen eines
Festungs- und Belagerungskrieges zu richten. Und es konnte dadurch
Vorteile besonders auf dem Sektor der schweren Artillerie und
Steilfeuerwaffen erreichen, die sich später, im dem Festungskrieg sehr
ähnlichen Stellungskrieg der Jahre 1915-17, positiv bemerkbar machten 155 .
Auch wäre es angesichts des Vorwurfes einer mit Blindheit geschlagenen
militärischen Führung, die dies oder jenes, auch den Wert des ihr
vorgestellten „Panzers“, lange vor Ausbruch des Krieges hätte erkennen
müssen 156 , falsch, nicht anzuerkennen, daß neben die verschiedenen
Ansätze zur technischen Modernisierung des Heeres auch neue Erkenntnisse
traten, deren Spiegelbild Eingang zumindest in aktuelle Dienstvorschriften
fand.
Was sich diesbezüglich sicher feststellen läßt, ist eine Diskrepanz zwischen
dem Bild der Kaisermanöver, mit ungedeckt umherwandelnden
Infanteriemassen und Kavallerieattacken 157 , und den Inhalten der neueren

154
Siehe Perrett, Bryan: Iron Fist. Classic Armoured Warfare, London 1995, S. 15, und
Spielberger, Walter L.: Die gepanzerten Radfahrzeuge des deutschen Heeres 1905-1945
(Militärfahrzeuge, Bd. 4), Stuttgart 1974, S. 11.
155
Eine vor Kriegsausbruch mehrmals geforderte Mobilitätserhöhung bei der Fußartillerie
bedingte bis 1914 einen zumindest in der ersten Kriegshälfte sehr signifikanten Vorteil
Deutschlands an der Westfront. Nur deutsche Verbände führten mobile
Belagerungsartillerie mit sich. Außerdem sind Minenwerfer und speziell zur Niederringung
von Festungen gedachte Pionier-Belagerungtrains zu nennen. Siehe RA, Ergänzungsband,
S. 251ff. und S. 264f. Siehe auch Linnenkohl: Vom Einzelschuß zur Feuerwalze, S. 88f.,
und Balck, S. 23.
156
Siehe Abschn. 1.2.1. Zur Qualität der nach 1918 geäußerten Vorwürfe gegen die
militärisch Verantwortlichen siehe Pöhlmann: Von Versailles nach Armageddon, S. 339f.
157
Siehe dazu auch Balck, S. 4f., mit Andeutungen zum auch damals schon
vorherrschenden Zweifel an der Realitätsnähe der Manöver.
63

Vorschriften vor 1914 158 . Diese gaben tatsächlich nämlich Auskunft über
den Gebrauch des Schanzzeuges 159 , dessen Bestand in den Feldformationen
direkt vor dem Krieg noch einmal vermehrt worden war 160 , instruierten über
Herstellung von Hindernissen und Drahtverhauen 161 sowie umfassend über
den Bau von Schützengräben, Eindeckungen und Unterständen. Auf die
Leistungsfähigkeit der neuen Waffen wurde durchweg eingegangen. Ob die
wenigen Jahre bis Kriegsbeginn ausreichten, um allen Beteiligten vor
Augen führen zu können, welche Auswirkungen die technischen
Neuerungen auf das Kriegsbild haben würden, bleibt auch unter dem Aspekt
des etwa bei Kaisermanövern geradezu „öffentlich“ abgefragten und daher
vielleicht auch zwangsweise anachronistisch-heroischen
Ausbildungsspektrums der Truppen letztlich fraglich 162 .

158
An erster Stelle ist die Feldbefestigungsvorschrift (F.B., D.V.E. Nr. 230) von 1906 zu
nennen, die Anweisung für den Bau und die Anlage von Stellungen für die verschiedenen
Waffengattungen beinhaltet. Im Exerzier-Reglement für die Infanterie (Ex.R.f.d.I.) von
1906 wurde die Fähigkeit der Infanterie zur selbständigen Anlage von Feldbefestigungen
verlangt, s. Ziff. 314, bzw. Ziff. 310-314, S. 92f. Die Felddienst-Ordnung (F.O., D.V.E. Nr.
267) von 1908 enthält keinen Abschnitt explizit zu Aspekten eines Stellungskrieges,
rekurriert aber auf Fälle, in denen „ungedeckte“ Truppenteile eine Rolle spielen. Bedeutend
ist dies vor allem im Kapitel zur Waffenwirkung (Ziff. 575-597, S. 171-176).
159
Dessen Bedeutung selbst beim Angriff wurde hervorgehoben: „Auch beim Angriff wird
das Schanzzeug zur Festhaltung gewonnener Abschnitte und zur Schaffung neuer
Ausgangsstellungen für das weitere Vorgehen wertvolle Dienste leisten; selbst im
feindlichen Feuer kann sein Gebrauch von Nutzen sein.“, siehe F.B. Ziff. 7, S. 3.
160
Siehe Balck, S. 19.
161
Siehe FB Ziff. 80-87, S. 50-54.
162
Dagegen spricht auf der formellen Seite bspw. der Abschnitt zu Waffenwirkung in der
FO, Ziff. 575-597, S. 171-176, wo es u.a. heißt: „Die große Feuergeschwindigkeit, das enge
Zusammenhalten der Geschoßgarbe und die Möglichkeit, mehrere Maschinengewehre auf
beschränktem Raume zu vereinen, ergeben raschen, durchschlagenden Erfolg auch auf
weite Entfernungen.“; siehe ebenda, Ziff. 581, S. 172f. Im ExR, Ziff. 308, S. 92, wurde
darauf hingewiesen, daß Bewegungen auf freiem Gelände angesichts des freien
Schußfeldes für den Gegner „ungünstig“ seien. Dem Schützen sollte in der Ausbildung
gezeigt werden „welche Gegenstände nur Deckungen gegen Sicht, welche Deckung gegen
feindliches Feuer gewähren, [...]; auch die Verwertung von Befestigungsanlagen ist zu
lehren.“ (Ebenda, Ziff. 151, S. 49).
64

Der Eindruck jedenfalls, daß man nun gar keine neuen militärtheoretischen
und wissenschaftlichen Erkenntnisse aus eigenem, heeresinternen Diskurs
oder aus der Betrachtung der jüngsten Kriege in Südafrika und im Fernen
Osten gewonnen hatte 163 , kann nicht bestätigt werden. Vor dem Hintergrund
der bisherigen Ausführungen ist gerade bei der infanteristisch
grundlegendsten Vorschrift, dem Exerzierreglement für die Infanterie von
1906, relevant, daß sie als Lösungsmaxime für den Angriff auf einen zur
Verteidigung bereiten Gegner kaum mehr als Reminiszenzen an die
Kriegführung des [Link] anbieten konnte. Was auffindbar ist, ist
das Postulat des Ausgleichs feindlicher Waffenwirkung durch überlegene
„Moral“ und althergebrachte Möglichkeiten von allerorten internalisierten
Vorstellungen von Disziplin 164 . Bei „Angriff auf einen zur Verteidigung
entwickelten Feind“ sollte unter Umständen, die durch die
Unabwägbarkeiten der Gesamtlage diktiert werden würden, möglichst die
Dunkelheit genutzt werden. Mit oder ohne Schutz durch die Dunkelheit, es
blieb als Leitbild jedenfalls ein nur im günstigen Fall artilleristisch
vorbereiteter Sturmangriff mit gefälltem Seitengewehr 165 .
Das Ergebnis war 1914 das Aufeinandertreffen anachronistisch agierender
Heere mit daraus zwangsweise resultierenden hohen Verlusten. Es war gar
nicht mehr nötig, dem überkommenen Bild des „heroischen“
Infanterieangriffes mit blanker Waffe nachzueifern, um extreme Verluste zu
erleiden. Selbst die Annäherung an den Feind in fortschrittlicher „offener
Ordnung“ 166 endete oft genug blutig im infanteristischen und
artilleristischen Massen- und Schnellfeuer des Feindes. Beispiele für die
Tragik dieser Realität auf dem Schlachtfeld, der von den Soldaten kaum
etwas anderes als das Maximum an Willensstärke und Opferbereitschaft
entgegenzusetzen war, lassen sich für den Zeitraum des Bewegungskrieges
genauso finden wie in den anschließenden Schlachten des Stellungskrieges.

163
Siehe dazu Balck, S. 4ff. Vergleiche Mai, S. 68, und Schulte, S. 304f.
164
Siehe Schulte, S. 293ff.
165
Siehe ExR, Ziff. 362ff., S. 104ff. Für die Kompanie mit etwa 250 Mann wurde eine
Angriffsbreite von 150m vorgeschlagen, womit die Grundlage für die oben angeführte
Waffenwirkung der modernen Gewehre und Maschinengewehre, nämlich eine gewisse
„Dichte“ des Zieles, gegeben war.
166
Siehe ebenda, Ziff. 142ff., S. 47ff.
65

Nicht umsonst entstand aus der blutigen deutschen Niederlage in Flandern


1914 ein Mythos, der nichts anderes feierte als vaterländische Begeisterung
und Hingabe bis zum Letzten 167 .
Der tatsächlich eklatante Unterschied zwischen den Aktionen vor,
denjenigen in und denjenigen nach Flandern 1914 war, daß es schließlich
die Option zur Umfassung des Feindes und damit die Möglichkeiten eines
klassischen Bewegungskrieges nicht mehr gab, da er an sich auf einer
endlos erscheinende Linie von Feldbefestigungen zurückgezogen hatte und
nur noch frontal angegriffen werden konnte. Die moderne Infanterie- und
Artilleriebewaffnung, Deckungs- und Stellungsbauten sowie die
Ausstattung der Truppen mit Munition und Gütern aller Art auf Basis
kriegswirtschaftlich genutzter Industrien ließen die Wirkung des „Feuers“,
des Abwehrfeuers oder von Feuerkraft schlechthin, derart massiv in den
Vordergrund treten, daß die „Bewegung“, sowohl als taktisch-operative, als
auch als individuelle Aktionsmöglichkeit, an der Westfront in
kriegsgeschichtlich bislang vielleicht einzigartigem Ausmaß ins
168
Hintertreffen geriet .
Die Versäumnisse der Vorkriegszeit auszugleichen und auf allen Sektoren,
vor allem auch den technischen Bereichen einer modernen Heeresrüstung,
an eine Vermehrung von Formationen und Material zu gehen, war unter
diesen Umständen der nächstliegende Schritt. Der bei allen an der Westfront
vertretenen Parteien einsetzende, militärtechnisch, taktisch wie
gesellschaftlich und rüstungstechnisch umfassende Effektivierungsprozeß
für einen „Totalen Krieg“ erreichte während des Krieges keine Art von
Vollendung 169 , doch bis zum Sommer 1916 war an der Westfront die Masse

167
Sehr klar herausgearbeitet bei Unruh: Langemarck. Vergleiche damit die pathetisch-
nationale Verklärung bei Thimmermann, Hermann: Der Sturm auf Langemarck. Von einem
der dabei war, München 1933. Siehe auch Hüppauf, Bernd: Schlachtenmythen und die
Konstruktion des „neuen Menschen“ in Hirschfeld, Gerhard (u.a. Hg.): „Keiner fühlt sich
hier mehr als Mensch...“, Essen 1993, S. 53-103.
168
„Von den zwei Elementen der Taktik hatte bisher nur eines von der Maschine nutzen:
nämlich das Feuer. Es hatte sogar so viel Nutzen, daß die Bewegung im Gefecht nahezu
aufhörte.“ Aussage des französischen Generals Buat, zitiert nach Guderian, Heinz: Die
Panzertruppen und ihr Zusammenwirken mit den anderen Waffen, Berlin 1937, S. 1.
169
Siehe dazu Ludendorff, Erich: Der totale Krieg, München 1935, S. 4ff.
66

derjenigen Kriegsmittel und Methoden, die diesen Krieg aus heutiger


Rückschau prägen, in signifikanter Zahl vorhanden.
Die Stellungen, zuerst nur die oben genannten „Wintergefechtsquartiere“,
waren zu Stellungssystemen ausgebaut worden. Mehr als nur eine Linie von
Gräben sicherte die Front. Zum Teil wurden bereits kilometertiefe, durch
Hindernisse gesicherte Stellungssysteme geschaffen, die sich bis heute auf
Photographien und Luftbildern verwirrend ausnehmen und durch die
visuelle Unübersichtlichkeit vermitteln können, wie schwierig sich der
einzige Schlüssel zum Sieg, der Durchbruch, rein praktisch gestalten mußte.
Die Stellungen gewannen an Tiefe und Komplexität, ohne allerdings jetzt
schon ein 1917 unter dem Terminus „Tiefengliederung“ bekannt
gewordenes Verfahren und seine Möglichkeiten über die Absicht zu stellen,
eine erste Linie unbedingt halten zu wollen und auch unbedingt zu
müssen 170 . Die leichten Unterstände aus den Vorschriften der Vorkriegszeit
waren zum Teil imposanten Stollensystemen gewichen, die, verstärkt durch
Stahl und Beton 171 , Stellungstruppen, Stäben und Reserven metertief unter
die Erde Schutz vor Feuer und Witterung boten 172 .
Die Soldaten, die dieses Schlachtfeld beherbergte, wurden mit neuen
Waffen ausgerüstet, die vor allem für die Nahverteidigung gegenüber einem
in Infanterie-Wellen angreifenden Gegner, der Niemandsland und
Hindernisse vor der Stellung zu überwinden hatte, eine erheblich gesteigerte
Feuerkraft bedeuteten.
Maschinengewehre wurden immer zahlreicher und seit 1916 durch ein
„leichtes“ Muster, 08/15, ergänzt 173 . Die fehlende Offensivkraft und
Handlichkeit des immer nur durch eine Gruppe von Soldaten flexibel
einsetzbaren, wortwörtlich schweren Typs, 08, konnte somit wenigstens
ansatzweise behoben werden. Wichtiger war jedoch die Praktikabilität als

170
Siehe Otto/Schmiedel, Dok. Nr. 31, S. 109f., Falkenhayn, S. 30f., und Afflerbach, S.
210.
171
Über den enormen Bedarf orientiert Seeßelberg: Der Stellungskrieg, S. 90ff.
172
Siehe Seeßelberg: Der Stellungskrieg, S. 102ff.
173
Mitte 1916 wurden die ersten „leichten M.G.-Trupps“ des deutschen Heeres gebildet,
nachdem Briten und Franzosen vorangegangen waren; siehe Linnenkohl: Vom Einzelschuß
zur Feuerwalze, S. 179ff., und Cron, Hermann: Geschichte des deutschen Heeres im
Weltkriege 1914-1918, Berlin 1937 (Neudruck Osnabrück 1990), S. 130ff.
67

Waffe der Infanterie 174 , deren Kompanien dieses neue Gewehr erhielten.
Vom früheren Charakter einer technisch komplizierten, geschützähnlichen
Waffe „Maschinengewehr“ blieb wenig 175 , als sie, quasi durch „jedermann“
zu bedienen, in immer größerer Zahl im Heer eingeführt wurde.
Das Infanteriegewehr, die ursprüngliche Hauptbewaffnung der Infanterie,
verlor im Grabenkrieg an Bedeutung. An dessen Stelle traten das
Maschinengewehr und besonders die Handgranate 176 . Nach ersten
Improvisationen durch die Truppe fand dieses Kampfmittel der Pioniere, die
in bescheidenem Ausmaß auch noch Flammenwerfer 177 und den
altertümlichen Minenkrieg 178 einbringen sollten, 1915 weiteste Verbreitung.
Auf kurze Entfernung im Angriff und in der Abwehr sehr wirksam fehlte
den Grabenbesatzungen aber noch ein Kampfmittel auf mittelkurze
Entfernungen, für die ein Artillerieeinsatz zu gefährlich, zu
überproportioniert oder zu ungenau war. Gewehrgranaten, die vor allem auf
französischer Seite fester Bestandteil der Ausrüstung innerhalb der
Infanteriekompanien wurden, waren eine Möglichkeit, dieses Problem zu
beseitigen. Ein zweites, allerdings sehr viel aufwendigeres, war der Einsatz
von „Grabengeschützen“ aller Art. Älteres eigenes Geschützmaterial oder
modernes aus der Kriegsbeute und dem Bestand von vor Ort verfügbaren
Artillerieformationen wurde weit vorgezogen eingesetzt.
Sehr viel praktikabler schien der Einsatz von „Graben-Artillerie“ in Form
leichtbeweglicher Ladungswerfer zum Steilfeuerbeschuß aus Deckungen
heraus. In Deutschland wurden leichte Minenwerfer seit September 1915
von der Infanterie aus den Händen der mit ihnen ursprünglich –eben für den

174
Siehe Cron: Geschichte des deutschen Heeres, S. 131, und Linnenkohl: Vom
Einzelschuß zur Feuerwalze, S. 181.
175
Ein Vergleich zu den ersten Informationen über Maschinengewehre (bspw. Organisation
in „Batterien“ und Abhandlung im Kapitel zu Geschützmaterial) unterstreicht die
bemerkenswerte Entwicklungsgeschwindigkeit; siehe bspw. Hein (Bearb.): Das kleine
Buch vom Deutschen Heere. Hand- und Nachschlagebuch zur Belehrung über die deutsche
Kriegsmacht, Kiel/Leipzig 1901 (Reprint Augsburg 1998), S. 146f.
176
Siehe Seeßelberg: Der Stellungskrieg, S. 440ff.
177
Siehe Dewar, Michael: The First Flame Attacks in Fitzsimons, Bernhard (Ed.): Tanks &
Weapons of World War I, London 1973, S. 48-50.
178
Siehe Kap. 8.
68

vor 1914 angenommenen Festungskrieg- ausgestatteten Pioniere


übernommen, während letztere mit den mittleren und schweren Typen
ausgesprochene Offensivwaffen behielten 179 .
Die Hauptwaffe im Stellungskrieg war die Artillerie 180 . Nur sie war dazu in
der Lage, Hindernisse zu beseitigen, die feindlichen Unterstände, Gräben
und Truppenansammlungen zu zerschlagen, die gegnerische Artillerie
niederzuhalten und die Kampfzone nach hinten abzuriegeln, um feindlichen
Reserven das Eingreifen zu verwehren. Die Vielzahl dieser Aufgaben, die
sich in Unmengen einzelner Ziele, unter Maßgabe komplexer Feuerpläne
und zu gewährleistender Kommunikation, auflösten, bedingte eine Masse an
Geschützen, Massen an Munition, eine umfangreiche Vorbereitungszeit und
eine gewisse Dauer des Beschusses.
Dem Verteidiger konnte somit schon wegen des hierzu immer notwendigen
Einschießens von Geschützen auf neue Ziele lange vor dem Angriff der
feindlichen Infanterie bekannt sein, was in welchem Umfang auf ihn
zukommen würde 181 . Auch das Ausmaß logistischer Vorbereitungen eines
größeren Angriffes, beispielsweise der Bau neuer Truppenlager,
zunehmender Verkehr hinter den Linien, neu im Frontbereich festgestellte
Formationen und neue Stellungsbauten, konnte in der Regel auffallen. Und
es war, gemessen am Umfang der Maßnahmen, üblicherweise durch den
Angreifer auch gar nicht zu verschleiern. Bestätigungen für bevorstehende
„Großkampftage“ konnte Aufklärung liefern, deren Mittel, etwa als
Luftbild-Aufklärung technisch-modern, oder durch Gefangennahme und
Befragung feindlicher Kombattanten faßbar, tradiert waren. Die Vorteile bei
einer Offensive lagen also durchweg in der Hand des Verteidigers, dem Zeit
zu Gegenmaßnahmen blieb 182 . Daß diese Gegenmaßnahmen in nicht

179
Siehe Cron: Geschichte des deutschen Heeres, S. 178f.
180
Siehe dazu Hogg, Ian V.: the guns 1914-1918, New York 1971, S. 8, und Pope,
Stephen/Wheal, Elizabeth-Anne : Dictionary Of The First World War, Barnsley 22003, S.
38ff.
181
Siehe dazu auch Pöhlmann, Markus: Stellungskrieg, in Enzyklopädie Erster Weltkrieg,
S. 866.
182
Siehe Fuller, John F.C.: Die entartete Kunst Krieg zu führen 1789-1961, Köln 1964, S.
189.
69

genügendem Maße getroffen wurden konnten, ist tatsächlich bis zur ersten
„Tankschlacht“ bei Cambrai 1917 183 nicht der Fall gewesen.
Die Ausschau nach Auswegen aus dieser prekären Lage des Angreifers, der
den Sieg in der Offensive suchte, oder irgendwann im Angriff suchen
mußte, beschränkte sich aber nicht allein auf die Frage nach der richtigen,
der „kritischen“ Menge eingesetzten Materials und in die Schlacht
geworfener Truppen, die den Verteidiger irgendwann ersticken mußte. Die
Antwort wurde auch nicht nur auf Seite der Entente gesucht, welcher, wie
oben gezeigt, die Rolle des Angreifers durch den Kriegsverlauf aufgedrängt
worden war.
Der erste Versuch, des Materials Herr zu werden, wurde von deutscher Seite
unternommen 184 . Er war Ausgeburt der Überzeugung Falkenhayns, daß der
Einsatz gänzlich neuer Kriegsmittel eine Wende bringen könnte 185 und ein
glücklicher Ausgang des Krieges allein davon abhing, daß den eigenen
Truppen der Durchbruch an der Westfront gelänge. Unter der Devise „Der
Krieg ist Notwehr und kennt kein Gebot“ 186 wurden Versuche deutscher
Wissenschaftler bei der Schaffung eines wirkungsvollen Kampfstoffes trotz
ethischer und völkerrechtlicher Bedenken unterstützt.
Bereits Ende 1914 war das „Abblasen“ von Gasen in Flandern ins Auge
gefaßt worden. Nach ersten Versuchen mit nicht tödlichen Reizgasen
wartete eine Gruppe Wissenschaftler um Fritz Haber mit einem Chlorgas
auf, das in größerer Menge aus Stahlzylindern „abgeblasen“ werden konnte.
Der erste Einsatz, am [Link] 1915 nördlich Ypern, war unerwartet
erfolgreich 187 . Er war sogar so tödlich erfolgreich, daß für die Ausnutzung
der plötzlich entstandenen Frontlücke keine ausreichenden Kräfte zur
Verfügung standen. Wie Groehler anmerkte, beschränkte sich die
tatsächliche Wirkung vor Ort auf einen taktischen Erfolg, der allerdings

183
Siehe Kap. 9.
184
Siehe Fuller: Die entartete Kunst, S. 189ff.
185
Siehe Afflerbach, S. 260.
186
Siehe Groehler, Olaf: Der Lautlose Tod. Einsatz und Entwicklung deutscher Giftgase
von 1914-1945, Hamburg 1989, S. 26.
187
Siehe ebenda, S. 36ff.
70

weitreichende Folgen hatte 188 . Der Gaskrieg wurde zu einem festen


Bestandteil des Kriegsbildes und durch das Wechselspiel zwischen neuen
Kampfstoffen und wirksameren Abwehrmaßnahmen geprägt. Späterhin
avancierte er zu einem Symbol für die Schrecken des modernen Krieges 189 ,
ohne allerdings feststellbaren Einfluß auf den Ausgang des Krieges
genommen zu haben.

2.3. Organisatorische Veränderungen der deutschen Heeresstruktur.

Der Übergang zu Stellungskrieg stellte die geltende Organisationsform der


deutschen Heeresverbände schnell in Frage. Grundlegend war die die aus
dem Frieden bekannte und auf Rekrutierungsbereichen basierende
Korpsstruktur gewesen, die üblicherweise landsmannschaftlich homogene
Einheiten im Spektrum einer bescheidenen Komponente schwerer Artillerie,
zahlreicher Kavallerie, weniger Telegraphisten und einiger Logistikteile bis
hin zu einer Feldfliegerabteilung und vor allem zwei Infanterie-Divisionen
umfaßte. Letztere bestanden hauptsächlich aus Kampftruppen und waren
unterstellungstechnisch fest an „ihr“ Korps gebunden, welches somit
Führungseinheit für etwa 41.000 Mann aller Waffen und Waffengattungen
war.
Das grundlegende Problem mit dem aus Friedenszeiten übernommenen und
für Belange eines schnellen Bewegungskrieges konzipierten Korpsverband
war, daß er für die Belange der Kriegführung an der Westfront ab Ende
1914 zu schwerfällig war und für einen Zweck einmal zu viele Truppen, ein
anderes mal deutlich zu wenige umfaßte. Und Flexibilität war das, worauf
es ankam, wollte man schnell und mit der lokalen Lage angepaßten Kräften
in Großkämpfe eingreifen, die entweder nur zeitweise und punktuell, oder

188
Groehler, S. 39 bzw. 40.
189
Sichtbar ist dies etwa am Titelbild einer bis heute nachgedruckten, pazifistischen
Veröffentlichung der 20er Jahre, wo mit der Unterschrift „Gottes Ebenbild mit Gasmaske“
ein deutscher Soldat beim Sturmlauf mit gefälltem Gewehr zu sehen ist; siehe Friedrich,
Ernst: Krieg dem Kriege, Frankfurt a.M. 241992.
71

dann auch auf breiten Abschnitten der Front in truppenverschlingendem


Umfang Gestalt annahmen 190 .
Eine erste Aushilfe boten Neuaufstellungen, die 1915 in sogenannten
„fliegenden“, nicht bestimmten Korps zugeordneten Divisionen mit recht
unterschiedlicher Gliederung vorgenommen wurden. Damit schuf man eine
Manövriermasse zur freien Verwendung der OHL, die diese nach Bedarf
einsetzen und auch schneller bewegen konnte.
Auffällig war bei diesen Divisionen, daß sie die künftige Struktur der auf
den Stellungskrieg an der Westfront später zugeschnittenen Verbände
bereits vorwegnahmen. Die landsmannschaftliche Homogenität, die man bei
den auf der Friedensstruktur und den Rekrutierungsbereichen aufgebauten
Korps der ersten Kriegsmonate noch auffand, schwand hier zusehends 191 .
Truppenteile und Angehörige verschiedener Korps- beziehungsweise
Rekrutierungsbereiche wurden vermischt. Die Infanterie beschränkte sich
teilweise bereits auf nur drei statt der üblichen vier Regimenter, die
Artillerie war von vier Feldartillerie-Abteilungen in zwei Regimentern auf
ein Regiment zu drei Abteilungen reduziert worden. An Kavallerie verfügte
die Division nur noch über eine fest zugeteilte Abteilung oder gar Eskadron,
sonst über alle Waffengattungen, die ihr ein selbständiges, taktisches
Handeln ermöglichen konnte 192 . Entscheidend, auch für die Transformation
der Korps, beziehungsweise ihrer Stäbe als „Generalkommando“, war, daß
diese neuen und späterhin die Masse der eingesetzten Divisionen logistisch
auf vorhandene und durch die „Korps“ vor Ort geschaffene Strukturen

190
Siehe Cron: Geschichte des deutschen Heeres, S. 86: „Bald erkannte man, daß der
traditionelle Korpsverband im Stellungskriege schwer aufrecht zu erhalten war. Rein
schematisch gesehen, konnte dort, wo heute zwei Divisionen genügten, morgen schon das
Doppelte oder Dreifache notwendig werden.“
191
Die bisherigen Ergebnisse aus einer noch nicht abgeschlossenen Untersuchung Christian
Stachelbecks am MGFA zur [Link] legen nahe, daß dies für bayerische Verbände in
wesentlich geringerem Ausmaß galt, als es für das preußische Heer und die ihm
angeschlossenen Kontingente galt. Die Frage der landsmannschaftlichen Homogenität
beziehungsweise des Für und Wider gegen den geschlossenen Korpsverband beschäftigte
Militärs den ganzen Krieg über, wie aus der Forderung zu seiner Wiederherstellung von
Seiten des deutschen und preußischen Kronprinzen noch Mitte Oktober 1918 abzulesen ist;
siehe BA-MA, RH 61/50601: HGr Kronprinz an OHL vom 17.10.1918, S. 3.
192
Siehe Cron: Geschichte des deutschen Heeres, S. 98ff.
72

angewiesen waren. Einen weiteren Bruch mit den bestehenden Strukturen


brachte die Verringerung der Geschützzahlen bei der Feldartillerie mit sich.
Man ging von Batterien zu sechs Geschützen auf vier über, machte sie damit
schmaler und schuf sich die notwendigen Kapazitäten für Neuaufstellungen
und eine Heeresreserve. Große Teile der schweren Artillerie wurden
gleichfalls zur Dispositionsmasse der OHL, wobei insgesamt zur Maxime
wurde, Kräfte der Feld- und der Fußartillerie zur Schwerpunktbildung
flexibel zuzuteilen 193 .
Die bestehenden Korps, die im Westen nach der Ausbildung einer Frontlinie
dort lagen, wo man sie zuletzt eingesetzt hatte, wurden demgemäß als
Reduktion auf den Status als Generalkommando zunehmend zu
Führungseinheiten für verschiedenste Verbände in einem Frontsektor. Ohne
Anlaß, das heißt, ohne Großkampf, der eine Verstärkung notwendig machte,
führten sie unter Umständen noch bis 1916 allerdings den Kern an Truppen,
mit dem sie aufgestellt oder in den Krieg gezogen waren. So stand etwa das
Generalkommando [Link] (GK [Link]) mit der 26. und 27.
Reservedivision über ein Jahr in dem Abschnitt, in dem es während der
Sommeschlacht angegriffen wurde. Dies hatte Vorteile. Die Truppe kannte
das Gelände, sie hatte die Stellungen eigenhändig ausgebaut, man hatte
festgelegte und bekannte Feuerbereiche und Feuerstellungen, dazu
selbstgestaltete Unterkünfte und sonstige rückwärtige Einrichtungen 194 .
Diesen Vorteilen gegenüber sollte sich aber auch zeigen, daß die Korpsstäbe
als regionale Führungsstäbe durchaus dazu befähig waren, derart viel
Informationen zusammenzutragen und Kompetenz auszubilden, daß neu im
Frontabschnitt eintreffende Verbände ohne Kenntnis von Geographie, Lage
und Stellungen zweckmäßig instruiert und dann gegebenenfalls ins Gefecht
geworfen werden konnten. In den Stäben der Generalkommandos wurden
Stellen geschaffen, die Spezialwissen der einzelnen Waffengattungen auf
eine neue Weise einbrachten. Maschinengewehroffiziere, Gasoffiziere,
Artilleriekommandeure, denen nun Feld- und schwere Artillerie
unterstanden, Nachrichtenkommandeure, die für Kommunikationsfragen

193
Dies galt für weite Teile der neuformierten technischen und Spezial-Formationen des
Heeres; siehe ebenda, S. 75.
194
Siehe Cron: Geschichte des deutschen Heeres, S. 86.
73

zuständig waren, diverse Verbindungsoffiziere, Karten- und


Vermessungsstellen, Luftbildauswertungsstellen, Stellungsbau- und
Pionieroffiziere und dergleichen mehr zogen ab 1915 in die Stäbe ein und
fanden in den Führungseinheiten auf höherer oder unterer Ebene ein neu
geschaffenes Pendant 195 .
Auf der Ebene der Divisionen beziehungsweise Regimenter, Bataillone,
Abteilungen und Batterien gab es eine weitere Veränderung, welche die
Disposition der Truppe in ihrem Abschnitt betraf. Für die Sicherung der
Front gab es 1914/15 nur ein Prinzip, nämlich die Liniensicherung. Daran
mag maßgeblich der Kräftemangel beteiligt gewesen sein, andererseits
bedingte die Weisung Falkenhayns, die Linie, damit den ersten Graben,
unbedingt zu halten, daß in deren nächster Nähe, sozusagen auf „Breite“,
starke Kräfte konzentriert wurden. Die Liniensicherung sah grundsätzlich
vor, daß die Bataillone eines Regimentes nebeneinander standen und
Reserven aus dem eigenen Bestand ausschieden. Reserven hieß hierbei, daß
nur ein kleiner Teil der Truppe, einzelne Kompanien oder Züge, hinter der
Hauptkampfstellung untergebracht waren. Lagen späterhin mehrere
Schützengräben vor, weichte die Kräftekonzentration an vorderster Front
zwar etwas auf, sie blieb aber durch die Nähe zur unbedingt zu haltenden
Linie grundsätzlich gewahrt. Feindliche Artillerie konnte gegen die hier
versammelten effektiv wirken und Angriffe, die bis in die Grabenlinie
vorkamen, trugen immer den Kern zu einem Desaster für den gesamten
Abschnitt in sich, falls es den Reserven nicht gelang, entscheidend
einzugreifen. Ungünstig an der Liniensicherung war dementsprechend auch,
daß die Unterstützung der im Kampf stehenden Truppe durch Reserven,
gerade wenn sie sich nach weiterem Ausbau der Stellungsabschnitte schon
etwas weiter zurück in durch allerhand „Wohlfahrtseinrichtungen“
bereicherten Ortsunterkünften befanden 196 , nur begrenzt aufeinander
abgestimmt und konzentriert erfolgen konnte. Jeder Truppenteil in Stellung

195
Siehe ebenda, S. 92f. bzw. S. 100.
196
Zu den Anfängen moderner Truppenbetreuung siehe Hugo, Melchior v.: Fürsorge für
das geistige Leben im Heere, Wohlfahrtseinrichtungen usw. in Schwarte, Max (Hg.): Der
Weltkampf um Ehre und Recht, Bd. 8, Berlin/Leipzig o.J., S. 348-388.
74

hatte seine eigene Reserve, die nach Lageeinschätzung des jeweiligen


Kommandeurs angefordert und eingesetzt werden konnte 197 .
Die Abhilfe durch den Übergang zur Tiefengliederung erfolgte verstärkt
nach den Erfahrungen von Verdun und aus der Sommeschlacht, welche
auch für die oben erwähnte Transformation der Korps in Führungseinheiten
für Sektoren als Katalysator wirkten. Die Artilleriewirkung verbot die
Konzentration der Truppe auf engem Raum und in den wenigstens für die
feindliche Luftaufklärung denkbar offensichtlichen vordersten Stellungen.
Der Verschleiß an Kräften aufgrund der alten Einsatzweise der Fronttruppen
war immens und hatte beim Ausfallen von Fronttruppe oder Reserve fatale
Wirkung gezeigt. Gerade das Bereithalten von Reserven, die gezielt zum
Einsatz gebracht werden konnten, um angegriffene Stellungstruppen rasch
zu entlasten, wurde bedeutend. Der massive und koordinierte Gegenstoß,
eine für die Beteiligten durchaus offensive Einsatzart zur Zurückgewinnung
der eigenen Linie, wurde ab Mitte 1916 Tagesgeschäft im Großkampf:
„Die Schlacht an der Somme führte zu einer grundlegenden Änderung der
Anschauungen über das Abwehrverfahren, das passive Dulden der feindlichen
Waffenwirkung hörte auf, ein frischer, offensiver Zug kam in die Kampfführung.“ 198

Die Bataillone der Infanterie-Regimenter wurden in den


Hauptkampfschnitten nun zusehends hintereinander formiert, wodurch im
Divisionsabschnitt drei tiefgegliederte Verteidigungsstreifen entstanden. Die
erste Stellung wurde ausgedünnt, um unnötige Verluste durch den
obligatorisch schweren Artilleriebeschuß des Feindes zu vermeiden und die
nachfolgenden Streifen in wenigstens drei Positionen, für die Kompanien
des Stellungs-, des Reserve- und des Bereitschaftsbataillons, unterteilt. Wo
es möglich war, wurden schußsichere Unterstände und Stollen gebaut und
ein rotierendes Ablöseverfahren zwischen den derart eingesetzten
Kompanien eingerichtet, um Zeit für Zuführung von Ersatz, Ausbildungs-,
Arbeits- und Ruhephasen gleichmäßig zu verteilen. Parallel zur Infanterie
wurde die Artillerie nun auch nicht mehr nach formationstechnischen

197
Balck nennt die Herbstschlacht in der Champagne von 1915 als ausschlaggebenden
Anlaß zum Überdenken der geltenden Einsatzgrundsätze; siehe ebenda, S. 70ff. bzw. S. 82,
vergleiche Seeßelberg: Der Stellungskrieg, S. 105.
198
Zitiert nach Balck, S. 83.
75

Gesichtspunkten, sondern nach Bedarf und Gelände eingesetzt. Um das


Zusammenwirken der verschiedenen Batterien der Feld- und Fußartillerie zu
gewährleisten und eine effiziente Zusammenarbeit mit der Infanterie zu
garantieren, wurden Artilleriegruppen beziehungsweise Untergruppen
verschiedenster Geschütztypen und Zusammensetzung nach Anweisung des
Artilleriekommandeurs gebildet. Diese waren den Gefechtsstreifen und der
Gliederung der Infanterie angepaßt 199 .
Für den Zeitraum bis zum Einfließen der vor Verdun und an der Somme aus
dieser Verfahrensweise gewonnenen Erfahrungen in neue Vorschriften ab
Winter 1916/17 200 läßt sich eine deutliche Uneinheitlichkeit, die
vornehmlich aus der Not und Praxis der jeweiligen Lage auf dem
Schlachtfeld entstand, festhalten. Das System überzeugte 1916 allerdings
derart, daß in seiner Weiterentwicklung der konzeptionelle Schlüssel für die
deutschen Abwehrerfolge von 1917 liegen sollte.
Was dieser neuen, recht wirkungsvollen und dann offiziell adaptierten
Taktik gegenüber nur schleichend wahrgenommen wurde, waren die
Auswirkungen des industrialisierten Krieges mit seinen nicht nur in den
großen Materialschlachten kulminierenden „Destruktionserfahrungen“ 201
auf die Psyche der Soldaten und damit auf die Einsatz- und
Leistungsbereitschaft der Truppen. Und parallel zur diesbezüglichen
Wirkung eines blutig-kriegerischen Erlebens brachte der lang andauernde
Krieg eine zwangsweise Sozialisierung ehemaliger Zivilisten in mit
eklatanten Mißständen aller Art behafteten Streitkräften 202 mit sich, und er

199
Siehe Seeßelberg: Der Stellungskrieg, S. 106ff.
200
Siehe Kap. 5.
201
Zur Verarbeitung des „Frontalltages“ mit den Schrecken des Schlachtfeldes und seinen
Gefahren siehe bspw. Krumeich, Gerd: Kriegsgeschichte im Wandel in Hirschfeld, Gerhard
(u.a. Hg.): „Keiner fühlt sich hier mehr als Mensch...“, S. 24, Ulrich, Bernd/Ziemann,
Benjamin (Hg.): Frontalltag im Ersten Weltkrieg. Wahn und Wirklichkeit, Quellen und
Dokumente, Frankfurt am Main 1994, und Ulrich, Bernd/Ziemann, Benjamin: Das
soldatische Kriegserlebnis in Kruse: Eine Welt von Feinden, S. 127-158.
202
Zum Sektor der sogenannten Heeresmißstände, die in nahezu allen Bereichen des
soldatischen Kriegserlebnisses in den nicht für diese neue Art von Kriegführung
gewappneten Streitkräften auszumachen sind, siehe Hobohm, Martin: Soziale
76

war dazu angetan, nur allzu verständlichen, menschlichen Sorgen 203 -etwa
um Haus und Hof, Arbeitsplatz und Familie, gesunde und baldige
Rückkehr- zunehmend größeren Raum in den Köpfen der Soldaten
einzuräumen.
Die wahre Bedeutung dieser Vorgänge sollte sich wenigstens für die
höheren und höchsten Führungsstäbe und ihre Vertreter in den
französischen und deutschen Streitkräften ziemlich unerwartet offenbaren:
In den sogenannten „Meutereien“ innerhalb des französischen Heeres von
1917 beziehungsweise dem „inneren Zusammenbruch“ der deutschen
Streitkräfte 1918 204 . Bezeichnenderweise traten beide Phänomene auf,
nachdem Truppen in als „kriegsentscheidend“ deklarierte Offensiven
getrieben worden waren und darin mit denkbar größtem Elan und größter
Einsatzbereitschaft den Weg zum Sieg und damit zur Rückkehr in die
Heimat vergeblich gesucht hatten.

2.4. Die Entwicklung des Tank 205 .

Die Idee dazu, feindlichem Feuer durch einen beweglichen Schutz zu


entgehen und durch ihn eine Möglichkeit zur sicheren Annäherung eigener
Soldaten und Waffen an den Feind zu finden, ist sehr alt. Die Traditionslinie
der Tanks und damit auch der Panzer führt wenigstens von den
Vorstellungen der Renaissance über eine Kette von mehr oder weniger
realisierbaren Plänen 206 bis hin zu den ersten Motoren und Maschinen des
ausgehenden [Link]. Maßgeblich die Erfindung des

Heeresmißstände als Teilursache des Zusammenbruchs von 1918 (Werk des


Untersuchungsausschusses des Reichtages, Reihe 4, Bd. 11/1), Berlin 1929.
203
In schriftlichen Selbstzeugnissen sind diese häufig aufzufinden; siehe etwa
Ulrich/Ziemann: Das soldatische Kriegserlebnis, S. 140ff.
204
Siehe dazu Kap. 6. und Kap. [Link].
205
Das Kapitel beschränkt sich maßgeblich auf die Entwicklung des Tanks in
Großbritannien. Details zu teilweise parallelen Entwicklungen in Frankreich werden im
Abschn. 6.1. beschrieben, während deutsche Ansätze im Zusammenhang mit dem
deutschen Tankbau innerhalb eines knappen Exkurses abgehandelt werden, siehe Abschn.
4.3.
206
Siehe Fuller: Tanks, S. 1ff., Perrett, S. 12ff., Smithers: Excalibur, S. 3ff., und
Ogorkiewicz: Technologie der Panzer, S. 16ff.
77

Verbrennungsmotors durch Daimler (1885) ermöglichte es ziemlich


plötzlich, zuvor wahrlich phantastisch erschienene Projekte weiter zu
verfolgen und wenigstens in einer gewissen Art der Vollendung zu
präsentieren.
Seit 1899 wurden den europäischen Streitkräften gepanzerte Radfahrzeuge
angeboten, die oft auch schon mit dem neumodernen Maschinengewehr
bewaffnet und von Privatleuten und später auch Kraftfahrzeugherstellern
entwickelt worden waren. Militärtaktische und –technische Versuchsreihen
mit dieser ersten Fahrzeuggeneration verliefen für die Anbieter aus den
USA, dem Vereinigten Königreich und Frankreich tatsächlich kommerziell
erfolglos, obwohl mit den Fahrzeugen auch einiges Aufsehen in der
Öffentlichkeit verursacht wurde und Belastungstests noch nicht einmal
negativ verlaufen waren 207 . An sinnvolle Einsatzmöglichkeiten aber
glaubten militärische Prüfstellen zu diesem Zeitpunkt scheinbar nur in
Rußland, welches die Qualitäten des gepanzerten Radfahrzeuges als Mittel
gegen innere Unruhen 1905 offensichtlich sehr praktisch vor Augen geführt
bekommen hatte und 1906 die wohl erste Bestellungen dieser Fahrzeuge bei
einem französischen Hersteller eingab 208 .
Bis zum Kriegsausbruch war das Interesse europäischer Militärs an
Panzerwagen dieser Tatsache gegenüber aber so weit geschwunden, daß
allein die italienische und die belgische Armee eine handvoll Fahrzeuge in
aktivem Dienst hatte.
Parallel zu Erprobungen und den ersten praktischen Erfahrungen mit
Panzerwagen wurde von den Konstrukteuren eine schwerere Bewaffnung
bis zu bei den damaligen Feldartillerien gebräuchlichen Kalibern (um
80mm) ins Auge gefaßt. Interessant ist hierbei, realiter auf dem Sektor der
zeitgleich an Beachtung zusehends gewinnenden Fluggeräte, die
Verlagerung des Angebotes hin zu motorisierten Flugabwehrwaffen. Für
diese ist ein starkes deutsches Interesse belegt 209 , was, im Gegensatz zu
allen Vorwürfen der Technikfeindlichkeit und mangelnden Phantasie, doch
belegt, daß man dieser Art Innovationen in Berlin nicht unaufgeschlossen

207
Siehe Perrett, S. 14f.
208
Siehe ebenda, S. 15.
209
Siehe ebenda, S. 15.
78

gegenüberstand 210 . Immerhin lag die begrenzte Nutzbarkeit von


Radfahrzeugen, die in Deutschland und Österreich-Ungarn getestet und
abgelehnt worden waren, für das Gefecht auf dem Schlachtfeld eines
kommenden Krieges schon in der mangelnden Geländetauglichkeit
begründet 211 . Dagegen konnte die Ballon- und Fliegerabwehr durchaus auf
das vorhandene Straßennetz angewiesen bleiben und auf Panzerung, die das
Fahrzeug wahrscheinlich schwerfällig machte und mechanisch überforderte,
verzichten. Die Möglichkeiten von Fluggeräten waren aus dieser
Perspektive gesehen jedenfalls erkannt worden und wurden, zumindest in
der Theorie der Friedenszeit, durch die schnellstmögliche Adaption einer
weiteren Innovation, eines entsprechenden Abwehrmittels in Form mobiler
Flugabwehr-Geschütze, beantwortet 212 .
Das Problem der Geländegängigkeit von Waffenträgern war auf dem Sektor
der schweren Waffen nur begrenzt vorhanden, geht man davon aus, daß ihr
aktiver Einsatz auf dem Gefechtsfeld nur von wenigen Erfindern überhaupt
angedacht und auf die Erfüllung von Sonderaufgaben beschränkt wurde.
Das Produkt einer Idee zu einem geländegängigen Waffenträger außerhalb
stellte das gepanzerte und mit einer 75mm-Kanone bestückte
Kettenfahrzeug des französischen Hauptmanns Lavasseur von 1903 dar.
Diesem folgten bis direkt vor den Kriegsausbruch weitere Vorschläge von
Personen aus verschiedenen Staaten für Kettenfahrzeuge, darunter auch der
wohlbekannte Entwurf des k.u.k. Hauptmann Burstyn von 1911 213 .
Keiner dieser Vorschläge fand Gefallen in den Augen der Verantwortlichen
der Streitkräfte dieser Zeit, obwohl bis 1914 für alle früheren mechanisch-
technischen Probleme -wenigstens theoretisch, zu einem Großteil aber auch

210
In der Einleitung zu Mackseys Beitrag findet sich die Kombination „mistrust und
apathy“ als Begründung für die zeitliche Verschleppung der Einführung von Panzern durch
die militärisch Verantwortlichen; siehe Macksey, Kenneth: The Tank Story, in
Fitzsimmons, Bernard (Hg.): Tanks & Weapons Of World War I, London 1977, S. 88.
211
Siehe Spielberger, S. 15. In Deutschland wurden aus diesem Grund die bis hierhin sehr
umfangreichen Versuche mit Straßenpanzerwagen 1910 eingestellt.
212
Das von der Firma Ehrhardt vorgestellte „Ballon-Verfolgungsfahrzeug“ von 1906 wurde
nicht eingeführt. Dennoch gab es ab 1912 wieder Pläne, die motorisierte Ballon-Abwehr zu
realisieren, was 1915 zu brauchbaren Fahrzeugen führte; siehe Spielberger, S. 15.
213
Siehe Abschn. 1.2.1.
79

praktisch- Lösungen vorhanden waren 214 . Versuche mit dem Kettenantrieb,


der maßgeblich auf die Arbeit des Amerikaners Holt zurückzuführen war 215 ,
waren in Großbritannien erfolgt, wobei sich zahlreiche technische Mängel
zeigten, deren Gegengewicht, das Potential, das nach Weiterentwicklung
bestehen konnte, dort und offensichtlich auch in anderen Armeen nicht
erkannt wurde 216 . Die wenigstens historiographisch gewürdigte „große
Stunde“ des Tank kam mit dem Stellungskrieg und stellte ihn als neues
Mittel zur Überwindung des taktischen Patts auf dem Schlachtfeld neben
das Kampfgas, von dem bereits berichtet wurde.
Aus welcher Richtung die Idee für den Tank in Großbritannien letztendlich
vorgebracht wurde, ist bis heute nicht eindeutig 217 . Jedenfalls kommt dem
Commitee of Imperial Defence und dem ersten Lord der Admiralität,
Winston Churchill, eine ausschlaggebende Bedeutung zu. Ein gewisser
Oberstleutnant Swinton hatte in der Rolle eines Kriegs-Berichterstatters und
als assistierendes Mitglied des Komitees in Frankreich als Augenzeuge
sehen können, wie aufwendig und mühsam schwere Geschütze mit
Raupenschleppern durch das Kriegsgebiet bewegt wurden 218 . Zudem trat
man an ihn mit Plänen für die Konstruktion eines „Landkreuzers“ zum
Fronteinsatz gegen den verschanzten Feind heran 219 , die ihn offensichtlich
darin bestätigten, sich im Oktober 1914 bezüglich seiner neuen Erfahrungen

214
Siehe Ogorkiewicz: Technologie der Panzer, S. 20.
215
Siehe auch Macksey, Kenneth: The Tank Story, in Fitzsimmons, S. 88.
216
Siehe Smithers: Excalibur, S. 11. Ogorkiewicz: Technologie der Panzer, S. 19, verweist
zudem darauf, daß der Kettenantrieb insgesamt noch viel zu wenig bekannt gewesen sei.
Mangelndes Vertrauen in diese Technik konnte somit neben die offenbar gewordenen
technischen Mängel und praktisch nicht gelösten Fragen treten.
217
Die Darstellungen in den bisher aufgeführten Titeln unterscheiden sich deutlich. Der
Verfasser schließt sich den Feststellungen Ogorkiewiczs: Technologie der Panzer, S. 22f.,
an.
218
In allen kriegführenden Heeren wurden nach Kriegsausbruch vor allem zivile Fahrzeuge
aller Art zu verschiedensten Zwecken eingesetzt. In der britischen Armee gab es bei
Mobilmachung neben 80 Lkw, 20 Pkw und 15 Krädern auch 36 „traction-engines“
(Smithers: Excalibur, S. 11). Unter diesen befanden sich bis spätestens Oktober 1914 auch
einige amerikanische „Holt caterpillar tractors“; siehe Perrett, S. 35.
219
Fuller: Tanks, S. 18.
80

und der daraus gewonnenen Erkenntnisse an seinen Vorgesetzten, Hankey,


zu wenden.
Zur gleichen Zeit gab es bereits eine Initiative des Royal Naval Air Service
(RNAS), der 1914 Erfahrungen mit seiner Armoured Car Division
gesammelt hatte, etwas „Besseres“ als Radfahrzeuge zu bekommen 220 . Der
Weg Hankeys führte über Lord Kitchener, welcher der Idee eines
gepanzerten Kettenfahrzeuges mehr als skeptisch gegenüberstand 221 .
Hankey fand sein Glück daraufhin bei Churchill, der Mitglied des Komitees
war und dadurch von den Ideen erfuhr. „Mr Churchill had a clearer grasp of
the future shape of war than had most men”, wie Smithers schreibt 222 . Dies
erwies sich als ein bedeutender Vorteil, der sich, mit dem Einfluß als erstem
Lord der Admiralität gepaart, positiv auf die Entwicklung des Tank
auswirkte. Churchill schrieb im Januar 1915 an den Premierminister,
Asquith, und brachte sein Erstaunen über die Untätigkeit des Heeres und des
Kriegsministeriums zum Ausdruck. Gleichzeitig warb er mit eindringlichen
Worten für das, was in naher Zukunft ein auf Ketten fortbewegter,
gepanzerter Waffenträger zum Lösen des taktischen Patts an der
Hauptkampffront des Krieges in Frankreich und Belgien sein konnte:
„It would be quite easy in a short time to fit up a number of steam [!] tractors
with small armoured shelters, in which men and machine-guns could be placed,
which would be bullet-proof. [… .] The caterpillar system would enable trenches to
be crossed quite easily, and the weight of the machine would destroy all wire
entanglements. [… .] Forty or fifty of these engines, prepared secretly and brought
into positions at nightfall, could advance quite certainly into the enemy’s trenches,
smashing away all the obstructions and sweeping the trenches with their machine-
gun fire, and with grenades thrown out of the top. They would then make so many
points d’appui for the British supporting infantry to rush forward and rally on them.
They can then move forward to attack the second line of trenches.” 223

Wenn man von der Idee des dampfbetriebenen Typs, der baldigst zugunsten
des Dieselmotors aufgegeben wurde, einmal absieht, geht aus dem Text

220
Smithers: Excalibur, S. 15f.
221
Siehe Cooper, Bryan: The Ironclads Of Cambrai. The First Great Tank Battle, London
1967 (Neudruck 2002), S. 22.
222
Zitiert nach Smithers: Excalibur, S. 17.
223
Zitiert nach Fuller: Tanks, S. 19
81

bereits viel von dem hervor, was den Tank des Ersten Weltkrieges zukünftig
zu einer wirklichen Waffe machen sollte.
Am [Link] 1915 wurden Versuche mit einem Holt tractor, der zur
Simulation des Gewichtes von Panzerung, Besatzung und Waffen einen mit
Sandsäcken beschwerten Anhänger zu ziehen hatte, angestellt. Zwar hatte
der Druck der Regierung 224 Kitchener dazu bewegen können, sein
Einverständnis zu dieser praktischen Demonstration zu geben, doch die
Ergebnisse des Tages bedeuteten einen herben Rückschlag für die
Befürworter des Unternehmens. Um das Anliegen eines „Landkreuzers“
nicht versanden zu lassen, entschloß sich Churchill dazu, mit Mitteln der
Marine, also Mitteln seines eigenen Verantwortungsbereiches, weiter zu
arbeiten 225 .
Am [Link] wurde das Landship Commitee gegründet, das unter der
Regie Tennyson d’Eyncourts, des Direktors der Marine-Konstruktions-
Abteilung, auf die Fähigkeiten vornehmlich junger 226 Ingenieure,
Wissenschaftler und Praktiker, wie man sie in den Reihen des RNAS finden
konnte, setzte 227 . Trotz anfänglich auch in der Marine vorhandener
Widerstände 228 , deren gewichtigster Teil mit erfolgreicher
Überzeugungsarbeit an Churchills Nachfolger Balfour –Churchill selbst war
inzwischen Opfer der von ihm forcierten Gallipoli-Unternehmung
geworden- beseitigt werden konnte, entstand im Juni 1915 das Konzept zu
einem „machine-gun destroyer“. Dieser sollte die deutsche Haupt-
Verteidigungswaffe im Stellungskrieg, das Maschinengewehr, effektiv
bekämpfen können 229 .

224
Dieser Druck ist in der Literatur nicht näher spezifiziert, wird sich sehr wahrscheinlich
aber aus Churchills Engagement ergeben haben.
225
Siehe auch Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 228, mit näheren Angaben zum Umfang
von Churchills Unterstützung im Jahr 1917.
226
Wie Smithers (Excalibur, S. 21) angibt, war das älteste Mitglied des Komitees aus den
Reihen des RNAS gerade einmal 36 Jahre alt.
227
Siehe Perrett, S. 35
228
Siehe ebenda. Angeführt wird von Perret besonders der vierte Seelord, Lambert, der sich
in drastischen Worten artikulierte und vom Plan des „Landschiffs“ wenig angetan war.
229
Siehe Fuller: Tanks, S. 21.
82

Nach Diskussionen um verschiedene Entwürfe, worunter sich auch eine


dreirädrige „war machine“ mit 300t Gewicht, drei Geschütztürmen, 800PS-
Antrieb und weiteren schier unglaublichen Daten befand 230 , ging man zu
Versuchen mit kleineren Typen auf der Basis der altbekannten
Raupenschlepper über. Das Ergebnis war „Little Willie“, ein kleines,
wendiges Fahrzeug, dem tatsächlich aber keine Zukunft beschieden war.
Am [Link] wurde ein Joint Naval and Military Commitee gegründet, das
dem nun breiteren Interesse am Bau eines Panzerfahrzeuges, jetzt erweitert
um das Heer, Ausdruck verlieh. Entlang der Spezifikationen, die Swinton
am [Link] 1915 formuliert hatte und die im Laufe der nächsten Monate
präzisiert wurden, gelang es dem gemeinsamen Komitee von Heer und
Marine bis Ende 1915, ein Fahrzeug zu entwerfen, zu bauen und zu testen.
Dieser „Big Willie“, der in Vorgriff auf seine Bedeutung für spätere
Konstruktionen auch als „Mother“ bekannt wurde, stellte den Prototyp des
rautenförmigen und für die britischen Panzerfahrzeuge des Ersten
Weltkrieges scheinbar so typischen Tank dar.
Das Fahrzeug hatte ursprünglich eine Bewaffnung von zwei sechspfünder
(57mm) Schnellfeuergeschützen und drei Maschinengewehren. Die
Forderung Swintons nach einem Typ mit zahlreichen Maschinengewehren,
der die kanonentragenden Wagen vor feindlicher Infanterie schützen sollte,
wurde in der Produktionsphase umgesetzt 231 und schuf eine von damals bis
wenigstens 1918 gültige Unterteilung in „männliche“ und „weibliche“
Tanks 232 . Das erste Baumuster wurde für die Testphase noch als „land
cruiser“ bezeichnet, sollte aber danach, sofern sich seine Praktikabilität
bewiesen hatte, aus Gründen der Geheimhaltung „Tank“ benannt werden 233 .
Auch der seit Dezember 1915 amtierende Oberkommandierende der
Britischen Expeditionsstreitkräfte in Frankreich, Haig, zeigte Interesse an
diesem Fahrzeug und wurde durch einen gewissen Oberstleutnant Elles
seines Stabes, den späteren Kommandeur des Tank Corps, darüber
informiert, so daß auch von dieser Seite Wohlwollen hinzukam und, nach

230
Spezifikationen bei Fuller: Tanks, S. 23.
231
Siehe Ogorkiewicz: Technologie der Panzer, S. 26.
232
Siehe Cooper: Cambrai, S. 30f.
233
Siehe Fuller: Tanks, S. 29.
83

dem erfolgreichen Abschluß der Testphase durch eine Präsentation am


[Link] 1916, am 8. des Monats die Bestellung von 150 Exemplaren des
sogenannten Mark I für die Armee beschlossen wurde 234 . Diese wurden
unter dem Kommando von Swinton in sechs Kompanien zu je 25
Fahrzeugen, 28 Offizieren und 255 Unteroffizieren und Mannschaften
eingeteilt 235 . Das Hauptquartier lag in London, während „Mother“ und das
Ausbildungspersonal dem Übungsplatz des Machine Gun Corps (MGC) in
Bisley überwiesen wurden 236 .
Am [Link] 1916 wurde innerhalb des Munitionsministeriums unter
Lloyd George das Tank Supply Commitee gegründet 237 , das für die
Produktion der Tanks zuständig sein sollte und das Joint Commitee ersetzte.
Die Frage nach dem Fahrzeug und seiner Produktion war damit geklärt.
Was noch nicht geklärt war, war die Organisationsform der gepanzerten
Streitmacht innerhalb der Armee und ihr Personalersatz. Beides wurde
dadurch beantwortet, daß die ersten Tanks und ein Teil des an der
Entwicklung beteiligten Personals des RNAS dem beinahe ebenso jungen
MGC 238 , welches das Tank Department offiziell als „Heavy Section“ unter
dem Befehl Swintons aufnahm, überstellt wurden.

234
Siehe ebenda, S. 30.
235
Siehe ebenda und Cooper: Cambrai, S. 32.
236
Siehe Fuller: Tanks, S. 31 und Cooper: Cambrai, S. 31f.
237
An der Spitze des Komitees stand bezeichnenderweise ein Oberleutnant. Es handelte
sich um den 36jährigen „Bertie“ Stern. Ein Mann mit besten Verbindungen zur Politik und
Finanzwelt („for he was the most clubbable of the men“), ausgewiesen
unternehmungslustig, was seine Beteiligung am Krieg anbelangt, und als freiwilliges
Mitglied der motorisierten Abteilung des RNAS mit Erfahrung im Umgang mit
Dienststellen, Vorgesetzten, Behörden und Fahrzeugen gesegnet; siehe Smithers, S. 18ff.
238
Hierbei empfahl sich scheinbar besonders das Personal des Motor Machine Gun Corps,
einer motorisierten Einheit des MGC, das Anziehungspunkt für junge Freiwillige mit
technischem Verständnis und einer Prise Abenteuerlust gewesen war. Smithers, S. 60,
nennt in deren Reihen u.a. den Sohn des früheren Präsidenten Roosevelt und eine Anzahl
weiterer Freiwilliger aus den Vereinigten Staaten und Kanada. Cooper: Cambrai, S. 32,
berichtet von großen Schwierigkeiten mit der Rekrutierung für die Heavy Section, die nur
mit Überzeugungsarbeit im Schatten der Geheimhaltung vollzogen werden konnte.
84

Geheimhaltung wurde während der gesamten Test- und der


Ausbildungsphase großgeschrieben 239 , was zum Umzug des Tank
Departments auf das abgeschiedene Eleveden Explosive Area in Suffolk
führte. Die dort im Juni 1916 eintreffenden Tanks waren mit kyrillischen
Aufschriften versehen, „With Care to Petrograd“, die den Einsatz der
Fahrzeuge als Wassertransporter beziehungsweise Tankwagen für die
unwegsamen Weiten Rußlands vortäuschen sollten 240 .
Für die Ausbildung der Einheit in Eleveden scheinen Swintons
Bemerkungen zum Einsatz der Tanks von Februar 1916 ausschlaggebend
gewesen zu sein 241 . Der Tank wurde als Unterstützungswaffe der Infanterie
beim Angriff klassifiziert, was zu der letztlich richtungweisenden
Schlußfolgerung führte, daß die Tanks auf maximale Zusammenarbeit mit
anderen Waffen angewiesen sein würden 242 . Im Einsatz würde sich die
Infanterie auf seinen Schutz einerseits, auf seine eigene Feuerkraft
andererseits stützen können. Hindernisse würden überrollt werden und
Maschinengewehrnester ausgeschaltet werden können, noch bevor sie unter
Feuer gerieten. Ferner würden Tanks dazu geeignet sein,
Kommunikationsmittel mitzuführen und Feldkabel für Telefone zu
verlegen. Woran demgegenüber kein Zweifel bestand, war die Gefahr, daß
die Tanks durch feindliche Artillerie und alle Arten von Sprengladungen
außer Gefecht gesetzt werden könnten 243 . Ferner setzte Swinton voraus, daß
allein der erste Einsatz von Tanks, der vollständig durchgeplant und mit

239
Siehe Wright, S. 30 und 34f. Siehe auch Fuller: Tanks, S. 51, mit dem Hinweis
Swintons, daß bis zur vollen Einsatzbereitschaft der Tanks absolute Geheimhaltung zu
wahren sei.
240
Siehe Wright, S. 30. Vergleiche Holmes, Richard: Brazen Chariots, unter
[Link]/history/lj/warslj/guns_09.shtmlH [Stand vom 14.10.2004]. Nach Holmes
stammt die Bezeichnung Tank aus der Produktionsphase, in der Arbeiter die vermeintlich
für die Kriegführung in Mesopotamien bestimmten Teile mobiler Wasserbehälter so
nannten.
241
Siehe Fuller: Tanks, S. 50ff.
242
„The Tanks cannot win battles by themselves”, ist zweifelsfrei eine der zentralen
Aussagen in Swintons Memorandum; siehe Fuller: Tanks, S. 52.
243
Diese Vorstellung blieb bis zum Kriegsjahr 1918 ohne praktische Entsprechung; siehe
Kap. [Link].
85

allen verfügbaren Kräften durchgeführt werden müsse, eine einmalige


Möglichkeit eines strategischen Erfolges beinhaltete:
„Since the chance of success of an attack by tanks lies almost entirely in its
novelty, and the element of surprise, it is obvious that no repetition of it will have
the same follows [...] .“ 244

So richtig Swinton mit der Bedeutung des Überraschungsfaktors und einer


durchdachten Planung lag, so weit wich die Realität hinsichtlich eines
konzentrierten Einsatzes und der Einmaligkeit großer Wirkung von seinen
Vorstellungen ab.
Am [Link] 1916 erschienen Kriegsminister Lloyd George und der
Verantwortliche für den französischen Panzerbau, Oberst Estienne 245 , in
Eleveden, um sich ein Bild von den Fortschritten des Tank Departments zu
verschaffen, andererseits aber auch die Einsatzfähigkeit dieser Truppe vor
dem Hintergrund der Sommeschlacht zu überprüfen 246 . Im August 1916
wurden zwei Kompanien des Tank Departments unter Befehl Oberstleutnant
Broughs mit Personal und 50 Einsatz- sowie zehn Ersatzfahrzeugen nach
Frankreich verschifft 247 .
Als Fazit der Entwicklungsgeschichte des Tank in Großbritannien kann
festgehalten werden, daß sie maßgeblich durch den Einsatz Churchills und
dessen Möglichkeiten geprägt wurde. Das Bild der Generalität, namentlich
Kitcheners, gleicht offensichtlich den Feststellungen, die bis heute zu
deutschen Verantwortlichen und deren Verhältnis gegenüber technischen
Innovationen in Umlauf sind 248 . Auffällig ist für Großbritannien, daß die
Möglichkeit und der Wille vorhanden waren, Ideen verhältnismäßig junger
Personen auch aus neuen Waffengattungen und mit verhältnismäßig
geringem Dienstgrad aufzunehmen und diesen Personen zu ermöglichen,
mit den Vertretern der Wirtschaft nahezu frei zu arbeiten, sie entwickeln
und experimentieren zu lassen. In gewisser Weise, was den Bruch mit einer
dem Militär angeblich innewohnenden Hierarchiebehaftung anbelangt, kann

244
Zitiert nach Fuller: Tanks, S. 51.
245
Siehe Kap. 6.
246
Siehe Wright, S. 33f.
247
Siehe Cooper: Cambrai, S. 33, und Fuller: Tanks, S. 54.
248
Siehe Abschn. 1.2.1.
86

man hier Parallelen zur Entwicklung des Kampfgases in Deutschland


erblicken. Doch bei aller hier attestierbaren Parallelität, die in Hinblick auf
Haber und sein Team doch nichts weiter ausschließt als den erst einmal
ergebnisoffenen Einbezug von heutzutage unter dem Synonym der
„Quereinsteiger“ oder „jungen“ Fachleute abschätzig beurteilten
Ideenbringer, blieb die von britischer Seite gehegte Sorge um einen
deutschen Tankbau 1915/16 faktisch absolut unbegründet 249 .
Was den Stand der Dinge beim Tank Department zum Zeitpunkt der
Verschiffung an die Westfront angeht, so kann festgehalten werden, daß
zwar binnen eines Jahres ein im Test fern der Front erprobtes Fahrzeug und
motivierte Besatzungen gefunden worden waren, die Ausbildung am Tank,
die Ausbildung unter realitätsnahen Bedingungen und vor allem das
Zusammenwirken mit anderen Waffengattungen aber keine Zeit und
Berücksichtigung gefunden hatten 250 . Selbst in dem in Frankreich
errichteten, provisorischen Trainingslager bei Abbeville blieb dazu keine
Gelegenheit, weil man mit geradezu öffentlichen Vorführungen der
erstaunlichen und neuartigen Fahrzeuge beschäftigt wurde. Diese
Vorführungen waren offensichtlich ohne jeden Wert für die Ausbildung der
Truppe, und mit der vorher so sorgfältig gewahrten Geheimhaltung brachen
sie völlig. Wie Cooper harsch formulierte, war es die Arroganz Haigs, der
glaubte, auch mit der Hilfe dieser wenigen Tanks noch im Herbst des Jahres

249
Churchill hatte bereits in seinem Brief an Premierminister Asquith von Januar 1915
darauf verwiesen: „One of the most serious dangers that we are exposed to is the possibility
that the Germans are acting and preparing all these surprises [Tanks, alle Arten von
gepanzerten Kriegsmitteln, künstlicher Nebel], and that we may at any time find ourselves
exposed to some entirely new form of attack.” Zitiert nach Fuller: Tanks, S. 20. Tatsächlich
scheint die erste Meldung über britische Ansätze auf dem Sektor neuartig motorisierter
Landkriegführung mittels gepanzerter Fahrzeuge bereits am 15.10.1915 auf deutscher Seite
angekommen zu sein. Ein Nachrichtenoffizier der OHL bei einer Armee (ferner „NO“) gab
zu Protokoll, daß in Großbritannien ein Wettbewerb zum „Lösen militärischer Probleme,
darunter auch von Auto-Mitrailleusen“ stattfand. Die Begriffswahl, die eher auf einen
damals ja auch bereits bekannten, bewaffneten Kraftwagen (Panzerwagen) als auf ein
Kettenfahrzeug neuer Art hinwies, mag dazu beigetragen haben, daß dieser Beobachtung
kein besonderer Wert beigemessen wurde. Siehe dazu BA-MA, RH 61/50768: Manuskript
Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 2.
250
Siehe Wright, S. 35, und Cooper: Cambrai, S. 34.
87

den entscheidenden Durchbruch an der Westfront erzielen zu können, die


hierfür den Ausschlag gab 251 . Die Proteste Broughs gegen die regelmäßig
dargebotenen Waffen-Shows führten jedenfalls zwei Wochen vor dem
ersten Kampfeinsatz des Tank Detachment zu seiner Absetzung 252 .

3. „Tankdrachen”. Die ersten Tanks in der Sommeschlacht,


September-November 1916.

Zum Zeitpunkt der Ausschiffung der Tanks auf französischem Boden


dauerte die Schlacht an der Somme bereits Wochen an. Seit dem [Link]
1916, dem Beginn der Infanterieschlacht, hatten sich britische Truppen, die
ausnahmslos nördlich der Somme standen, und französische Verbände,
zuerst südlich, dann auch beiderseits des Flusses, in die deutschen
Stellungen hereingearbeitet. Dabei war aus dem Gedanken des großen
Durchbruchs, wie er ursprünglich geplant war, die Aneinanderreihung von
heftigsten lokalen Kämpfen geworden. Die Verluste auf beiden Seiten
waren extrem, und die Standzeiten der eingesetzten Verbände in der
Kampffront äußerst gering 253 .
Der Erfolg der Operation beschränkte sich einerseits auf die Wegnahme von
Geländeteilen einer durch die Artillerien beider Seiten geschaffenen
Mondlandschaft, anderseits, bei den deutschen Verteidigern, auf die
Verlangsamung des fortwährenden Vorrückens der Gegner. Wie lange, zu
welchem Preis und mit welchen Auswirkungen auf die strategische Lage
sich dieses aufhalten lassen würde, darüber herrschte auf deutscher Seite
Sorge, wenngleich man innerhalb der Kämpfe zahlreiche Beispiele für die

251
Siehe Cooper: Cambrai, S. 33.
252
Siehe Wright, S. 37.
253
Die Verzeichnisse des Reichsarchivs zu den in der Sommeschlacht 1916 eingesetzten
Divisionen und ihren Verlusten, RA, Bd. 10 u. 11, Anlage 3 bzw. 4, bieten hierzu gute
Einblicke. Einsatzzeiten für die Infanterie von einer Woche unter Verlust von 25-30 oder
auch mehr Prozent der Stärke waren Normalität.
88

Qualität der eigenen Truppe vorfand 254 und darin bestärkt werden konnte,
daß das Resultat der Schlacht letztlich kaum ein Durchbruch des Feindes
sein würde. Stellungsteile, deren Einnahme vom Angreifer für den ersten
Tag der Schlacht vorgesehen waren, wurden zum Teil dauerhaft behauptet,
und mit einem System von Gegenstößen und Gegenangriffen konnten die
Pendel der lokalen Entscheidungen zum Teil, wie etwa bei Poizières, wo
sechs Wochen gefochten wurde, über lange Zeit in Bewegung gehalten
werden. Der britische Gegner kam in Meterstrecken in grober Richtung
Bapaume voran, während die Franzosen vor Péronne kämpften, ohne dort
im Verlauf der Schlacht noch besorgniserregende Fortschritte machen zu
können. Die Schlacht vor Verdun dauerte an.
Einen strategischen Lichtblick für die Entente stellte der Kriegseintritt
Rumäniens an der Seite der Alliierten in Aussicht, der seit dem [Link]
abzusehen war und am 27. des Monats Realität wurde. Um diesen
angemessen in Wert zu setzen, war es notwendig, den Druck auf die
Mittelmächte aufrechtzuerhalten. Nach französischer und deutscher
Sichtweise 255 war es vor allem Marschall Joffre, der Haig darin bestärkte,
mit den derzeitigen Angriffen fortzufahren, was im September 1916 zu
einheitlichen Offensiven auf möglichst allen Kriegsschauplätzen führen
sollte 256 . Wenn Haig vom Sinn weiterer Operationen an der Somme
scheinbar auch von sich selbst aus überzeugt war und glaubte, daß bei
anhaltendem Druck ein Kollaps der deutschen Widerstandskraft noch im
Herbst 1916 zu erreichen war, so zweifelten bedeutende Männer in der
Heimat 257 . Drei Faktoren, nämlich die Ansichten des französischen
Verbündeten, die eigene Hoffnung auf die Ermattung des Gegners und die
Skepsis, mit der seine Somme-Operation in der Heimat betrachtet wurde,

254
Angriffsziele des Feindes, die bereits am [Link] genommen sein sollten, befanden sich zu
diesem Zeitpunkt noch immer fest in deutscher Hand. So etwa Serre, Beaumont-Hamel und
Thiepval.
255
Siehe LAF, Bd. V.1., Paris 1931, S. X und RA, Bd. 11, S. 51.
256
Siehe Ebenda. Anzumerken ist, daß Joffre ausdrücklich nicht annahm, daß ein Sieg noch
1916 zu erreichen war. Erreichbar schien „der Zusammenbruch der Angriffskraft“, dem
1917 die Vernichtung der „Verteidigungskraft“ der Mittelmächte folgen würde.
257
Namentlich Lloyd George und Winston Churchill. Siehe Johnson, J.H.: Stalemate! The
Great Trench Warfare Battles of 1915-1917, London 1995, S. 80 und Perrett, S. 41.
89

veranlaßten Haig dazu, für den September alle Kräfte zu sammeln und zum
Großangriff auf breiter Front überzugehen. Wie die OHL nach Abklingen
der Schlacht an der Somme öffentlich resümieren ließ, gab es in der Tat
einen bedeutenden Unterschied zwischen der für beide Seiten schon so
blutig-verlustreichen britischen Taktik im Juli und August 1916 und dem,
was sich im September -zum ersten Mal seit dem bis dahin ultimativen
Großkampfgeschehen vom [Link] wieder- offenbarte. Aus der „planlosen
Taktik des allgemeinen Drucks“ 258 wurde ein konzentrierter Großangriff.
Die Befehlshaber der an der Somme kämpfenden Reserve- und der
[Link], Gough und Rawlinson, wurden im August von Haig beauftragt,
Angriffspläne für Mitte des nächsten Monats zu erarbeiten, worin auch der
erstmalige Einsatz von Tanks vorzusehen war 259 .

258
Zitiert nach Baer, C.H. (Hg.): Der Völkerkrieg. Eine Chronik der Ereignisse seit dem 1.
Juli 1914. Mit sämtlichen amtlichen Kundgebungen der Mittelmächte, ergänzt durch alle
wichtigeren Meldungen der Entente-Staaten und die wertvollsten zeitgenössischen
Berichte, Bd. 19, Stuttgart 1918, S. 6. Das Zitat bezieht sich auf einen Pressebericht aus
dem Großen Hauptquartier vom [Link] 1916.
259
Siehe Liddle, Peter H.: The 1916 Battle of the Somme. A Reappraisal, London 1992, S.
93.
90

Abb. 1: Karte zur Schlacht an der Somme 1916 260 .

260
Abb. nach Volkmann, Erich O.: Der große Krieg 1914-1918. Kurzgefaßte Darstellung
auf Grund der amtlichen Werke, Berlin 61938, S. 169.
91

Abb. 2: Karte zum Angriff am [Link] 1916 261 .

261
Abb. nach MO 1916, Bd. 2, S. 320/321.
92

3.1. Der Plan, die Angreifer und die Tankunterstützung.

Ein von Rawlinson erdachter Angriff über mehrere Tage hinweg, der die
Tanks als abendlich-nächtliche Sturmspitzen vorsah, entsprach nicht Haigs
Vorstellungen einer entscheidenden Operation 262 . Bei der abgeänderten
Fassung, die beherzte Teilangriffe im Vorfeld beinhaltete, sollten drei Korps
am [Link] 1916 Combles ([Link]), Flers ([Link]) und
Martinpuich ([Link]) angreifen. Rechts davon würde die Reserve-Armee
gegen Courcelette und links würden die Franzosen zeitgleich vorstoßen. Die
Verteilung der Tanks war dabei ursprünglich so geregelt, daß von den 49
vorhandenen Fahrzeugen jeweils 17 zwei und acht dem dritten angreifenden
Korps Rawlinsons sowie sieben der Reserve-Armee zugeteilt werden
sollten 263 .
Die Tanks flossen erst kurz vor dem Angriff in ihre Bereitstellungsräume
ein. Sie sollten in Gruppen zu zwei oder drei Fahrzeugen durch Gassen in
der eigenen Feuerwalze mit ihr zusammen fünf Minuten vor der Infanterie
die deutschen Stellungen erreichen. Hinter den Sturmtruppen wurde ein
Kavallerie-Korps versammelt, um den beabsichtigten Durchbruch, der durch
die Eroberung von Morval, Les Boeufs, Gueudecourt und Flers erreicht
werden würde, augenblicklich ausnutzen zu können 264 . Die Anzahl der zum
Einsatz zwischen Thiepval und Combles vorgesehenen Infanteriedivisionen
der beiden englischen Armeen betrug 12.
Beginnend am Dritten des Monats setzten die vorbereitenden Teilangriffe
ein, die unter den üblich gewordenen schweren Verlusten auf beiden Seiten
zur Wegnahme so namhafter, strategisch gleichzeitig aber auch so
unbedeutender Trümmerstätten wie Guillemont oder Ginchy führten.
Von den zuerst 49 verfügbaren Tanks blieben für den Angriff am
[Link] lediglich 36 einsatzbereit 265 , was die Diskrepanz zwischen
der oben genannten, angestrebten Verteilung der Fahrzeuge auf die

262
Siehe ebenda, S. 94.
263
Siehe Fuller: Tanks, S. 54.
264
Die detaillierte Darstellung des Angriffsplans findet sich in MO 1916, Bd. 2, S. 288ff.
265
Fuller nennt 32 Fahrzeuge; siehe Fuller: Tanks, S. 55.
93

Angriffstruppen und ihren retrospektiv erstaunlich widersprüchlichen


Einsatzzahlen 266 bedingte.

3.2. Die Verteidiger.

Im Gegensatz zum Angreifer gab es für die Verteidiger im Rahmen der


[Link] (Fritz v. Below) wenigstens zwei Faktoren, die besonders
nachteilig wirkten. Sicherlich ist der Erschöpfungsgrad auch bei den
britischen Truppen durch die direkt vorangegangenen Kämpfe groß
gewesen, doch gerade im zentralen Abschnitt um Flers herum, beim
bayerischen [Link] ([Link] 267 ), war er am [Link] bereits so
groß, daß die Ablösung der bayerischen 3. und 4. Infanterie-Division (3. und
[Link]) vollzogen werden mußte 268 . Als der britische Angriff einsetzte, war
die Ablösung in vollem Gange. Truppenteile verschiedener Verbände waren
im Wirrwarr der Stellungen unterwegs und gerade mit der Übergabe
beziehungsweise Übernahme ihrer Abschnitte beschäftigt 269 . Beim Reserve-
Infanterie-Regiment 211 (RIR 211) der benachbarten [Link]-Division
([Link]) westlich der Straße Albert-Peronne meldete zumindest der
Kommandeur des Stellungsbataillons bei Courcelette, daß seine Einheit in
„katastrophalem Zustand“ sei 270 . Für die Divisionsartillerie mag dies
genauso gegolten haben, legt man die Beobachtung einer Batterie mit nur

266
Siehe Abschn. 3.5.1.
267
Um dem Leser ferner die teils überlangen und sich wiederholenden
Truppenbezeichnungen zu ersparen, werden sie abgekürzt angeführt. Sie sind im
Abkürzungsverzeichnis im Anhang der vorliegenden Arbeit erläutert und aufgelistet; siehe
Abschn. 0.
268
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 126, Akt 213, Bl. 143, mit dem Ablöseplan der
Heeresgruppe vom 14.9.16.
269
Siehe Weniger, Heinrich u.a. (Bearb.): Das K.B. [Link]-Regiment Großherzog
Ernst Ludwig von Hessen (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bayerische Armee,
Bd. 59), München 1929, S. 72.
270
Siehe Fuhrmann, Hans u.a. (Bearb.): Königlich Preußisches Reserve Infanterie-
Regiment Nr. 211 im Weltkriege 1914-1918 (Deutsche Tat im Weltkrieg 1914/1918, Bd.
18), Berlin 1933, S. 167.
94

noch einem einsatzbereiten Geschütz zugrunde 271 . An Artillerie war man


insgesamt deutlich unterlegen und hatte auf der Front der [Link], die sich
auf 45km erstreckte, lediglich 1.000 Geschütze feuerbereit 272 , denen allein
bei der britischen [Link] 1.200 gegenüberstanden 273 .
Der zweite Nachteil ergab sich aus den Belastungen des andauernden
Trommelfeuers, das von deutscher Seite als permanenter Zustand nicht
erwidert werden konnte, den Aufenthalt in der Frontlinie extrem aufreibend
gestaltete und die Stellungen zerstörte. Hindernisse gab es nur noch
rudimentär, Gräben waren eingeebnet, sehr schmal, sehr flach oder, wegen
der feuchten Witterungsverhältnisse, mit Schlamm angefüllt 274 .
Stützpunkte, wie sie sich vor allem in ausgebauten Gebäudeüberresten
fanden, und Artilleriestellungen, die sich durch eigenes Feuer verrieten oder
von feindlichen Fliegern enttarnt wurden, waren Ziel besonders schweren
Beschusses, während sie im Fall eines Angriffs durch das Fehlen oder die
Schwäche äußerer Verteidigungsstellungen immer Gefahr liefen, isoliert
oder überrannt zu werden. Gegenangriffe sollten dagegenwirken, doch
hierfür waren stets einsatzbereite Reserven nötig. Die Gesamtzahl der
deutschen Divisionen im Angriffsbereich der britischen Operation betrug
sieben, also auf dem Papier etwas mehr als die Hälfte der Kräfte des
Angreifers. Da die deutschen Divisionen aber schon aufgrund ihrer
Gliederung, die nur auf neun anstatt der bei den Briten üblichen 12

271
Siehe TG RIR 211, S. 160 und S. 179. Die Angabe bezieht sich auf das RFAR 45 am
8.9. und 15.9.16. Die TG RFAR 45 gibt wenig detaillierte Angaben über vorhandenes und
verlorenes Geschützmaterial am 15.9., dem „Ehrentag des Regiments“, erwähnt aber
mehrfach stärkstes Feuer auf ihren Stellungen und Geschützausfälle; siehe Eckert, Otto
(Hg.): Erinnerungen aus den Kriegserlebnissen des Reserve-Feldartillerie-Regiments Nr. 45
(Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bd. 346), Oldenburg 1932, S. 122ff.
272
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 117, Akt 177, Bl. 41. Es handelt sich um eine
Stärkemeldung der HGr Rupprecht an die OHL vom 16.9.16.
273
Nach MO 1916, Bd. 2, S. 293, verfügte allein die britische [Link] am 15.9. über mehr
als 1.200 Geschütze. Die Geschützzahl lag numerisch auf dem Niveau der deutschen
[Link] bei ihrem Angriff auf den Festungsbereich von Verdun am 21.2.16; siehe RA, Bd.
10, Anlage 1.
274
Siehe TG RIR 211, S. 156ff. Siehe auch Seiler, Reinhard (Bearb.): [Link]
Infanterie-Regiment Nr. 161 (Aus Deutschlands großer Zeit, Heldentaten deutscher
Regimenter, Bd. 109), Zeulenroda 1939, S. 175.
95

Infanterie-Bataillone basierte, im Soll schwächer waren, ist ein wesentlich


ungünstigeres Kräfteverhältnis anzunehmen 275 .

3.3. Flers-Courcelette, [Link] 1916.

Das einleitende Trommelfeuer begann nach deutschen Angaben sehr


uneinheitlich 276 , was auf die Schwierigkeit innerhalb dieser Schlacht
verweist, das tägliche Einerlei schwerster Beschießungen von akuten
Angriffsvorbereitungen zu unterscheiden. In der Nacht zum [Link]
jedenfalls lag schwerstes Artilleriefeuer auf Stellungen und rückwärtigen
Unterkünften, das sich ungefähr ab 6 Uhr morgens zum möglichen
Anzeichen für einen direkt bevorstehenden Angriff steigerte 277 . Gegen 7
Uhr erschienen über dem nebeligen und rauchverhangenen Schlachtfeld
feindliche Flugzeuge, die mit Bomben und Maschinengewehren den Kampf
eröffneten, daraufhin die ersten Tanks. Beim bayerischen [Link]-
Regiment ([Link] 5) bei Flers, das auch von starkem Gasbeschuß berichtete,
nahm man den Angriffsbeginn als Wellen von Schützenlinien, die sich mit
Tanks voran aus den Bereitstellungsräumen am Delville- und Foureaux-
Wald „ergossen“, wahr 278 , während das RIR 211 bei Courcelette später

275
Siehe RA, Bd. 13, S. 54, Anm. 1. Die Bataillone waren ihrerseits ebenfalls schwächer,
da die Sollstärke von über 1.000 Mann nicht aufrecht zu erhalten war. Legt man den
Durchschnitt für diesen Zeitpunkt auf 850 Mann, hatte eine deutsche Division 7.650
Infanteristen, eine britische aber 12.000.
276
Die individuelle Wahrnehmung der Augenzeugen in den deutschen Abschnitten fiel
offensichtlich verschieden. So findet sich einerseits die Bemerkung eines erst kurz vor
Angriffsbeginn einsetzenden Trommelfeuers, dann wieder die Aussage, daß es seit dem
[Link] ununterbrochen „schwerstes Feuer“ gab; siehe etwa Etzel, Hans (Bearb.):
Das K.B. [Link]-Regiment Wrede (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter,
Bayerische Armee, Bd. 51), Würzburg 1927, S. 89.
277
Siehe TG IR 161, S. 173. Vergleiche Bayerisches Kriegsarchiv (Hg.): Die Bayern im
Großen Kriege 1914-1918. Auf Grund der amtlichen Kriegsakten dargestellt, München
2
1923, S. 284. Dort wird angegeben, daß das Feuer bis 2 Uhr abflaute, um dann ab 6.30 Uhr
wieder zum Trommelfeuer zu werden.
278
Siehe TG [Link] 5, S. 72. Die Uneinheitlichkeit in der Umsetzung des Angriffsplans
bestätigt MO 1916, Bd. 2 auch im Rückgriff auf deutsche Quellen; siehe bspw. S. 312,
Anm. 2, mit dem Hinweis, daß beim [Link] 7 zwei Tanks hinter der stürmenden Infanterie
fuhren.
96

festhalten ließ, daß (Schlacht-) Flieger und Tanks noch während des
Trommelfeuers und deutlich vor der Infanterie angriffen 279 . Bei der
[Link]-Division ([Link]) vor Combles, auf dem östlichen Flügel des
Angriffsstreifens der britischen [Link], traten ebenfalls um 7 Uhr Tanks
auf 280 , denen noch vor der Steigerung des Artilleriefeuers eine Stunde zuvor
Stoßtrupps vorausgegangen waren 281 .
Bei Combles, einem der herausragenden deutschen Stellungspunkte dieser
Phase der Sommeschlacht, sah sich unter vielen anderen deutschen
Soldaten der Führer der [Link] des RIR 28 (12./RIR 28), Leutnant
der Reserve Noak, mit einem der angreifenden Tanks konfrontiert. Nach
erstem erstaunten Zögern, so berichtete er später 282 , erkannte er die Gefahr,
die „das Ding“, feuerspeiend und über „Granattrichter und Minenlöcher“
hinwegfahrend, für seinen Abschnitt bedeutete. Der weibliche Tank, dem er
sich direkt gegenübersah, war eines von zwei Fahrzeugen, die hier
eingesetzt wurden. Nach Darstellung in der Truppengeschichte empfingen
Noaks Leute die feindliche Infanterie mit verheerendem Feuer, während
einer der beiden erkannten Tanks mit Handgranatenwürfen –„boldly
attacked by german bombers“ 283 - auf den Benzintank ausgeschaltet werden
konnte. Der andere Tank unterstütze die angreifende Infanterie mit Feuer
seiner Maschinengewehre über einen Zeitraum von mehreren Stunden
hinweg, ohne daß hier, von Noak und in der Truppengeschichte des RIR 28,
etwas von seinem weiteren Schicksal zu erfahren wäre, oder sein Eingreifen
den letztendlich vergeblichen Angriff auf Combles wesentlich beeinflußt
hätte 284 . Die Truppengeschichte des IR 161 berichtet über diesen ersten
Kontakt mit dem „neuzeitlichen Kriegsmittel“ vor Ort allerdings ergänzend,

279
Siehe TG RIR 211, S. 172. Bemerkenswert ist hierbei, daß ein eigener Angriff des
Regiments vor Courcelette direkt in den britischen Großangriff lief (S. 170).
280
Siehe TG IR 161, S. 173, und Peters, Erich: Das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 28 im
Weltkrieg 1914-1918 (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bd. 206), Berlin 1927, S.
108.
281
Siehe TG RIR 28, S. 108.
282
Die Darstellung folgt Zentner, Christian: Illustrierte Geschichte des Ersten Weltkriegs,
München 1982, S. 186f.
283
Siehe MO 1916, Bd. 2, S. 309.
284
Siehe TG RIR 28, S. 103ff. Siehe auch MO 1916, Bd. 2, S. 308f.
97

daß zwei -demnach beide- Tanks letztlich in Brand gerieten und von ihren
Besatzungen fluchtartig verlassen wurden 285 . Immerhin hatten beide
Fahrzeuge zumindest noch am Gefecht teilgenommen, was einem Großteil
der andernorts vorhandenen Tanks verwehrt blieb. Noch schlimmer, bei der
britischen [Link] fielen zwei von drei Tanks aus und der verbliebene
Wagen feuerte zeitweise auf die eigene Truppe 286 . Nachdem sein
Kommandant schließlich über die Lage aufgeklärt worden war und der Tank
endlich auf den Feind wirken sollte, erhielt er starkes
Maschinengewehrfeuer, das mit Sondermunition („SmK“), über die noch zu
sprechen sein wird 287 , Treffer und im wahrsten Sinne des Wortes
durchschlagende Wirkung erzielte. Wegen Treibstoffmangels aber mußte
der Tank schließlich umkehren und die angreifende Infanterie dem üblichen
Schicksal im deutschen Abwehrfeuer überlassen 288 . Bei der britischen
Garde-Division, die mit zehn Tanks hatte angreifen sollen, schieden sechs
vor aktiver Beteiligung aus, während die verbliebenen Wagen wenig
Eindruck auf den Gegner machten und zusätzlich noch die Angriffsrichtung
aus den Augen verloren 289 . Die Hauptlast des Kampfes lag auf der
Infanterie, die unter schwersten Verlusten in den bis zur Nacht dauernden
Kämpfen wenig von dem erreichte, was für den Tag vorgesehen war.
Combles blieb in deutscher Hand.
Bei Courcelette, das schwer befestigt die Straße Albert-Bapaume sperrte,
verlief der britische Angriff erfolgreicher, wobei der Anteil der Tanks am
Erfolg deutlich festzustellen ist. Das Kanadische Korps, dem der Angriff
zufiel, wurde von sechs Tanks der C-Kompanie unter Hauptmann Inglis
begleitet, die eingangs als wundersame Neuheiten von den Infanteristen
bestaunt wurden:

285
Siehe TG IR 161, S. 173. Dort wird auch auf die erste Definition der Tanks im
deutschen militärischen Sprachgebrauch verwiesen, die sie als „Panzerautomobile“
titulierte.
286
Siehe auch unten zum Angriff auf den Foureaux-Wald.
287
Siehe Abschn. 4.1.
288
Siehe MO 1916, Bd. 2, S. 310.
289
Siehe ebenda, S. 311f.
98

„How painfully slow it travelled. Down and up the shell holes it clambered, a
weird, ungainly monster, moving relentlessly forward.“ 290

Wie stark ihre Wirkung, gepaart mit dem bis zum Eindringen der Infanterie
wirkenden Artilleriefeuer, war, davon konnte man sich in den genommenen,
mit deutschen Gefallenen angefüllten Gräben augenblicklich überzeugen 291 .
Wie das britische amtliche Werk aussagt, gaben die Tanks den Infanteristen
„a feeling of superiority and security“ 292 . Allerdings hatten nicht alle
Besatzungen Anteil am Erfolg des Tages. Von den sechs Tanks fielen vier
vor eigentlicher Gefechtsberührung aus. Davon waren zwei von Problemen
mit der Lenkung betroffen und blieben in einem Granattrichter
beziehungsweise einem Verbindungsgraben stecken. Ein anderer teilte
später das Schicksal, nachdem er einen Granattreffer auf die Steuerräder
erhalten hatte. Der vierte Tank warf die Kette. Die beiden übriggebliebenen
Fahrzeuge, darunter auch der Wagen Inglis’, der schon vor Angriffsbeginn
ein Steuerrad durch Artillerietreffer verloren hatte, nahmen am Angriff teil:
„Soon after crossing our front line trench a group of about 50 Germans came up
towards the tank, and to surrender.“ 293

Inglis hatte danach Gelegenheit, seine Waffen direkt und persönlich


einzusetzen, als er der eigenen Infanterie, die in vollem Vormarsch und im
Kampf an der Zuckerfabrik Courcelette begriffen war, nachfuhr. Sein Tank
erhielt noch einen zweiten Artillerietreffer, erreichte aber das eigene
„Camp“. Der andere Tank, der zur aktiven Beteiligung am Angriff auf
Courcelette kam, erreichte das „Camp“ ebenfalls, nachdem er sich auf
Gefechte mit deutscher Infanterie -„engaged by us and finished off by our
infantry“- eingelassen hatte 294 . Die kanadische Infanterie erlitt in den
weiteren Kämpfen des Tages schwere Verluste, nahm aber die Trümmer
von Courcelette und brachte eine ansehnliche Anzahl Gefangener

290
Private Donald Fraser, 31st Battalion Canadian Infantry; zitiert nach Reed, Paul:
Courcelette (Battleground Europe), Barnsley 1998, S. 47.
291
Ebenda, S. 48: „[…] completely wiped out every Heiny.“ Es handelt sich insgesamt um
eine durchaus anschauliche und „lebendige“ Schilderung moderner Waffenwirkung in den
Worten eines einfachen Soldaten.
292
Siehe MO 1916, Bd. 2, S. 339.
293
Bericht Hauptmann Inglis’; zitiert nach Reed, S. 49.
294
Siehe Reed, S. 50, vgl. Abschn. 3.5.1.
99

zusammen. Ein Urteil über die Verteidiger von Courcelette besagt, daß sie,
abgesehen von den Maschinengewehr-Bedienungen, von minderer Qualität
gewesen seien und schlecht geführt worden waren 295 . In der
Truppengeschichte des RIR 211 wurde hinsichtlich des Ausgangs der
Kämpfe vom Versagen der eigenen Artillerie und dem erfolgreichen
Vordringen des Feindes in die kritischen Bereiche zwischen den
Regimentsabschnitten gesprochen 296 . Das RFAR 45, das Feldartillerie-
Regiment der [Link], hatte demgegenüber nach eigenen Angaben am
[Link] 1916 die gewaltige Zahl von 34.800 Granaten verschossen
und 19 seiner dem Soll-Bestand nach vorhandenen 36 Geschütze
verloren 297 . Sicherlich können diese Zahlen kaum als Anzeichen für
etwaiges „Versagen“ oder mangelnden Kampfeswillen gewertet werden.
Östlich von Courcelette gingen die drei Divisionen des britischen [Link]
zum Angriff gegen den High Wood (Fureaux-Wald) und Martinpuich vor.
Um den Wald zu nehmen, waren vier Tanks als Unterstützung der Infanterie
vorgesehen. Die Überbleibsel des Waldes schienen für einen Tankeinsatz
kaum günstig zu sein, weshalb zwei Fahrzeuge versuchten, sie von Osten
her zu umfassen. Das Resultat war, daß beide die Richtung verloren und
auch hier ein Tank auf eigene Truppen feuerte, bevor er sich festfuhr. Ein
dritter Tank, der den Infanterieangriff im Wald begleitete, wurde zuerst
durch einen deutschen Infanteristen angegangen, der auf das Fahrzeugdeck
geklettert war und ein Besatzungsmitglied mit einer Handwaffe verwunden
konnte, bevor der Wagen durch Artillerietreffer in Brand geschossen
wurde 298 . Der vierte Tank fuhr sich fest. Im Abschnitt westlich des Waldes
gingen zwei Tanks mit einer Brigade der [Link] vor. Sie waren nach

295
Siehe Reed, S. 56.
296
Siehe TG RIR 211, S. 173f.
297
Siehe TG RFAR 45, S. 126. Das Soll des Regiments lag bei 36 Geschützen. Der
Geschützbestand am Morgen des 15.9. ließ sich vom Verfasser nicht belegen. Die Anzahl
verschossener Munition übertrifft die üblichen Tagesraten der Geschütze –siehe bspw. KA,
HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Fremde Berichte, Bl. 64: AOK 2 Fussa.B. Nr. 4134/17 vom
7.2.1917- um ein Vielfaches, war aber im sogenannten Großkampf offenkundig nicht
ungewöhnlich. So sind für zwei Divisionen in der Schlacht bei Arras 1917 jeweils über
50.000 Schuß nachgewiesen worden; siehe RA, Bd. 12, S. 252.
298
Siehe MO 1916, Bd. 2, S. 332, und RA, Bd. 11, S. 69, Anm. 1.
100

Aussage des britischen amtlichen Werkes von einigem Nutzen, wobei es


einem Fahrzeug nach erfolgreichem Kampf gegen Maschinengewehr-Nester
und unter stetigem Feuer gelang, den Ostrand von Martinpuich zu erreichen.
Ohne ernsthafte Beschädigungen erlitten zu haben, mußte der Tank zum
Aufnehmen von Treibstoff umkehren 299 . Der zweite Tank war bereits früher
durch direkte Artillerietreffer zerstört worden 300 . Ganz ähnlich geschah es
bei der [Link], die mit zwei Tanks auf Martinpuich vorging. Einer
wurde durch Artillerie außer Gefecht gesetzt, noch bevor er die
Sturmausgangsstellung erreicht hatte, der andere Tank wirkte scheinbar
relativ erfolgreich und wurde schließlich ebenfalls durch Treibstoffmangel
zum Umkehren gezwungen 301 . Bis zum Mittag waren im Abschnitt des
Korps keine Tanks mehr verfügbar, was die weiteren Gefechte denjenigen
gleichen läßt, die zuvor ausgefochten worden waren. Die Infanterie beider
Seiten erlitt furchtbare Verluste bei Angriff, Abwehr, Gegenstoß und
Gegenangriff sowie durch die Artillerien. Nur unter größten Anstrengungen
erreichten die britischen Verbände ihre Ziele und konnten Martinpuich und
den High Wood nehmen.
Im Zentrum des Angriffs bei Flers verlief der Angriff dramatischer und
spektakulärer, woran die 14 im Bereich des XV. Korps eingesetzten Tanks
der D-Kompanie des Tank Detachment überaus deutlich beteiligt waren.
Bereits um 8 Uhr morgens waren die vorderen Teile der deutschen
Stellungen im Besitz der Angreifer und die Verteidiger überrannt 302 . Das
obligatorische deutsche Sperrfeuer fiel in der subjektiven Wahrnehmung der
Bayern vor Ort spärlich aus, wobei der Morgennebel und der Verlust
sämtlicher technischer Kommunikationsmöglichkeiten durch das britische
Artilleriefeuer ursächlichen Anteil gehabt haben dürften. Die alternativen
Nachrichtenmittel, etwa Melder und Brieftauben, fanden ihren Weg nicht,
während man sich bei der abgekämpften [Link] mit den Infanteriemassen
von drei feindlichen Divisionen konfrontiert sah. Vielfach wirkte

299
Siehe MO 1916, S. 333f.
300
Siehe ebenda, S. 333f.
301
Siehe ebenda, S. 334f.
302
Siehe TG [Link] 5, S. 72.
101

flankierendes Maschinengewehrfeuer zwar erfolgreich 303 , doch am Vorstoß


direkt auf Flers änderte dies insgesamt wenig, da sich flankierende
Positionen ihrerseits bald mit direkt vor ihnen auftauchenden Gegnern
befassen mußten. Fast in Form eines Trichters mit Ablauf an den
Sturmausgangsstellungen am Delville-Wald strömte der Feind auf Flers zu
und an beiden Seiten vorbei. Wenn man auch den Tanks, die „erschütternd
wirkten, weil man ihnen gegenüber wehrlos war“ 304 , nicht wirklich etwas
entgegensetzen konnte, als sie feuernd an Gräben entlang fuhren, so stellte
man sich in den verbliebenen Positionen doch auf verzweifelte Verteidigung
ein. Das britische amtliche Werk stellte dementsprechend fest, daß die
entschlossen vorgehenden Angreifer „suffered considerable loss from
machine guns in Pint Trench, but there was no check, although many
Bavarians had to be routed out of shell-hole positions before Tea Support
was reached. The men were so eager that they ran into the British barrage,
and suffered accordingly […]. Dead Bavarians were many and those of the
defenders who survived soon surrendered” 305 . Wenn hier auch der
Widerstand bald überwunden war, so kämpften an verschiedenen Stellen
weitere Verteidiger mit äußerster Verbissenheit, was den britischen
Infanterieangriff für einige seiner Einheiten stellenweise verlustreich
verzögerte:
„Both units encountered isolated opposition which caused some disorganisation,
cost many officers and men, and delayed the advance to the Switch Line, now
crowded with the front battalions and many dead and wounded, both British and
German.“ 306

Bis etwa 8.20 Uhr hatten sich die Verbände der mittleren Angriffsdivision
(41.) auf Flers herangearbeitet, nachdem sich hier die Auflösung jedes

303
Etwa bei der [Link]. auf dem rechten Flügel des Angriffs, wobei ein begleitender Tank
durch deutsche Artillerie bewegungsunfähig geschossen wurde; siehe MO 1916, Bd. 2, S.
319.
304
Siehe TG [Link] 5, S. 72.
305
Zitiert nach MO 1916, Bd. 2, S. 319. Die Stellungsbezeichnungen beziehen sich auf die
ersten deutschen Positionen nördlich und nordöstlich des Delville-Waldes im
Angriffsbereich der brit. [Link].
306
Siehe MO 1916, Bd. 2, S. 320. Switch Line war die deutsche Hauptverteidigungslinie
auf halbem Weg zwischen dem Delville-Wald und Flers.
102

einheitlichen deutschen Widerstandes in Form von Flüchtenden gezeigt


hatte. Der Stoß in den Ort wurde von den verbliebenen Tanks, vier an der
Zahl, unterstützt. Die übrigen Fahrzeuge hatte das bekannte Schicksal, eine
Mischung von Artillerietreffern, technischen Defekten und Scheitern am
Gelände, ereilt. Drei Tanks umfuhren Flers auf der östlichen Seite und
wirkten mit ihren Waffen flankierend auf die letzten deutschen Verteidiger
des Orts, was Panik verursacht haben soll 307 . Der andere, „D.17“, drang
feuernd auf der Hauptstraße in Flers vor, gefolgt von der Infanterie:
„The scene in Flers was without precedent in war. Firing as it went, the tank
lurched up the main street followed by parties of cheering infantry.“ 308

Bis 10 Uhr war der deutsche Widerstand gebrochen, doch an ein weiteres
Vordringen auf das Angriffsziel Gueudecourt war kaum noch zu denken.
Auf deutscher Seite waren die nach vorne befohlenen Ruhebataillone vor
dem Ort, in einem Graben der britischerseits Gird Trench genannt wurde
und als Sperriegel fungierte, in Stellung gegangen 309 . Außerdem setzte jetzt
massives deutsches Artilleriefeuer ein, das den britischen Infanteriestoß mit
zusammengeschmolzenen Truppen im Keim erstickte 310 .
An Tanks kamen aus dem gesamten Gefechtsabschnitt des [Link]
vormittags nur zwei über den Gird Trench hinaus. Beide trafen noch am
Vormittag vor Gueudecourt auf deutsche Feldartillerie 311 . „D.5“ beschoß
die Artilleristen und wartete einige Zeit vergeblich auf die eigene Infanterie,
dann wurde er von den Geschützen südlich des Ortes zerstört. „D.6“ traf
einige hundert Meter westlich davon auf eine Batterie, von der ein Geschütz
ausgeschaltet werden konnte, bevor der Tank selbst abgeschossen wurde.

307
Siehe MO 1916, Bd. 2, S. 323: “Three other tanks (D6, D9, D17) had begun to move
along the eastern edge of the village, smashing machine guns, and spreading panic among
the defenders who survived.”
308
Siehe ebenda, S. 323, siehe auch Heydecker, S. 397f., und Pidgeon, Trevor: The Tanks
At Flers. An Account Of The First Use Of Tanks In War At The Battle Of Flers-
Courcelette. The Somme 15th September 1916, Bd. 1, Cobham 1995, S. 170.
309
Siehe TG [Link] 5, S. 75. Der Befehl für die ab 11 Uhr eintreffenden Bataillone lautete
ursprünglich, einen Gegenangriff auf Flers durchzuführen. Erst am Nachmittag kam es
dazu, erschöpfte sich aber vor Erreichen des Ortes.
310
Siehe MO 1916, Bd. 2, S. 326ff.
311
Siehe ebenda, S. 327ff.
103

Über dieses erste direkte Duell zwischen Tanks und Feldartillerie kursiert
eine Legende, die in direktem Zusammenhang zu den späteren
Ereignissen 312 von Cambrai 1917 steht und auch deshalb von Interesse ist.
Eine Feldartillerie-Batterie unter einem gewissen Freiherrn von Watter soll
auf freiem Feld „bei Flers“ aufgefahren sein und „feuerte in direktem Schuß
auf die Stahlkästen“ 313 . Der einzige dafür in Frage kommende Freiherr von
Watter, Ernst, ein Hauptmann vom FAR 29 314 , dessen [Link] am
[Link] östlich Gueudecourt auch tatsächlich im Einsatz war, ist in
der Truppengeschichte des Regiments für den Ort nicht nachweisbar oder in
einer relevanten Stellenbesetzung genannt. Stattdessen findet sich dort eine
Passage, die sich mit den britischen Angaben zum Verlust von „D.5“ und
„D.6“ halbwegs deckt 315 . Zwei Leutnants des FAR 29, die als
Verbindungsoffiziere bei der Infanterie gewesen waren, trafen bei ihrem
Rückweg auf eine „fast verlassene“ Batterie und bemannten sie. Zwei Tanks
sollen abgeschossen worden sein, wobei allerdings ein Geschütz vernichtet
wurde und einer der beiden Leutnants fiel 316 .
Am Spätnachmittag, als die britischen Versuche, den Angriff in Richtung
auf Gueudecourt zu erneuern, vor allem am deutschen Artilleriefeuer
scheiterten, wurden wahrscheinlich durch das [Link] 12 zwei weitere Tanks
abgeschossen 317 . Einen fünften Abschuß reklamierte das FAR 77 für
sich 318 .

312
Siehe Kap. 9.
313
Siehe Zentner, Christian: Illustrierte Geschichte des Ersten Weltkriegs, S. 187.
314
Siehe Ehren-Rangliste, S. 986. Der im Zusammenhang mit dem Kap. 9. zu Cambrai
relevante Freiherr von Watter (Kurt, zuletzt Generalmajor und Artillerie-Kommandeur 27)
findet sich auf S. 985. Als Kommandeur der Artillerie der [Link] machte er Erfahrungen mit
der Tankabwehr in der Schlacht bei Arras 1917.
315
Aus MO 1916, Bd. 2, gehen Angaben zu den deutschen Gegnern nur bedingt hervor,
was sicher aufgrund des Schicksals der Tanks und fehlender Zeugen verständlich sein
dürfte.
316
Siehe Gerok (Bearb.): Das 2.württ. Feldartillerie-Reg. Nr. 29 „Prinzregent Luitpold von
Bayern“ im Weltkrieg 1914-1918 (Die württembergischen Regimenter im Weltkrieg 1914-
1918, Bd. 19), Stuttgart 1921, S. 59.
317
Siehe TG [Link] 5, S. 76. Bei den Fahrzeugen handelte es sich wahrscheinlich um „D.9“
und „D.17“, die vom [Link] 12 zerstört wurden. In dessen Truppengeschichte findet sich
der Hinweis darauf, daß vom Regiment die ersten beiden Tanks des Weltkrieges
104

3.4. Weitere Tankeinsätze bis zum Ende der Schlacht.

Ohne den Ausführungen zur Bewertung der Kämpfe am [Link]


vorgreifen zu wollen, waren die Verluste des Tank Detachment so
gravierend, daß nur noch wenige Fahrzeuge für weitere Unternehmen vor
Ort zur Verfügung standen.
Am [Link] unterstützten zwei Tanks noch bei den Kämpfen um den
Gird Trench vor Gueudecourt. „D.14“ wurde durch direkte Treffer
vollständig zerstört und „D.11“ ebenfalls getroffen und an der Schaltung
oder dem Getriebe beschädigt, was das Fahrzeug bewegungsunfähig
machte 319 . Hauptmann Stry 320 von der 1./[Link] 2 schrieb hierüber als
Augenzeuge in sein Tagebuch:
„Zwei englische Panzerautos [...] brechen in hoher Fahrt mit großem Schneid aus
Flers vor und nehmen Richtung auf Gueudecourt und Lesboeuf. Sie rechnen aber
nicht mit einem Kanonenzug des [Link]., der versteckt bei
Gueudecourt steht. Wir sehen die unerschrockenen Bedienungsmannschaften aus
ihren Erdlöchern an die Geschütze springen und im Schnellfeuer erst den einen,
nach einiger Zeit auch den zweiten Tank durch Volltreffer erledigen. Nach kräftigen
Detonationen brennen die beiden unheimlichen Dinger noch den ganzen Tag aus,
wobei immer noch Munition auspufft. Wir sind begeistert von diesem Erfolg, den
wir leider nur mitansehen können.“ 321

Am Konzept des Gesamtangriffs mit allen Mitteln wurde auch ohne Tanks
festgehalten und den ganzen Monat auf die bekannte Art und Weise weiter
gekämpft. Die Fortschritte waren allerdings vom selben Typus, den man seit

abgeschossen wurden, doch daran ist aufgrund der zeitlichen Versetzung zu den
Abschüssen von „D.5“ und „D.6“ sowie der Angaben der TG FAR 29 zu zweifeln; siehe
Vereinigung der Offiziere des ehem. Kgl. bayer. [Link]-Regiments (Hg.):
Geschichte des ehemaligen Königlich bayerischen [Link]-Regiments, München
1935, S. 53f.
318
Siehe Benary, Albert (Bearb.): Das Ehrenbuch der ehemaligen Deutschen Feldartillerie,
Berlin 1930, S. 403. Geschildert wird die Vernichtung eines Tanks durch einen Zug der
1./FAR 77 aus der Sicht eines britischen Offiziers und Augenzeugen.
319
Siehe MO 1916, Bd. 2, S. 352.
320
Siry? Laut Ehren-Rangliste, S. 829, 1914 Leutnant im [Link] 2 und Hauptmann im
Reichsheer. Ein Offizier oder Reserveoffizier namens Stry konnte vom Verfasser nicht
nachgewiesen werden.
321
Zitiert nach Benary: Das Ehrenbuch der Feldartillerie, S. 399.
105

dem Auftakt der Schlacht kannte. Links blieb das Bollwerk Thiepval, rechts
der Anker Combles und im Zentrum der Sperriegel von Gueudecourt in
deutscher Hand.
Daran etwas zu ändern, beabsichtigte der Großangriff ab dem [Link].
In Hinblick auf die Konzeption des Angriffs scheint es für die Beschreibung
zu genügen, daß sie dem Vorbild der Schlacht vom [Link] folgte, mit
ebenso großen Truppenmassen und auf vergleichbarer Breite angelegt
war 322 . 13 Tanks wurden bereitgestellt, doch wie zuvor kam es auch nun
wieder ohne direkte Feindeinwirkung zum Ausfall zahlreicher Fahrzeuge.
Bei Thiepval und vor Gueudecourt kamen insgesamt drei Fahrzeuge zum
Einsatz.
Für den [Link] gibt das britische amtliche Werk an, daß ein Tank,
der Teile der [Link] begleitete, die aus südlicher Richtung in Thiepval
eindrangen, schon durch seine Präsenz dazu beitrug, den Feind zu
demoralisieren und zur Aufgabe zu bringen 323 . Weniger freiwillig endete
dagegen der Widerstand, den die Verteidiger der benachbarten [Link]
entgegensetzten. Im Westteil von Thiepval kam es zu erbitterten
Nahkämpfen und vorrückende Teile wurden mit Maschinengewehrfeuer
aufgehalten. Ein Tank erschien und „crushed all resistance“ 324 . Wie die
Truppengeschichte des IR 180, das Thiepval seit Beginn der Schlacht gegen
alle Angriffe gehalten hatte, gegenteilig aussagt, wurde das Schicksal dieser
Bastion infanteristisch besiegelt, indem es dem Feind gelang, von Süden
und Südosten her einzudringen 325 . Hinsichtlich des zuletzt genannten Tanks,
der laut Truppengeschichte des IR 180 samt begleitender Infanterie
schließlich vor einem intakten Hindernis aufgehalten worden sein soll 326 ,
mag dies zutreffen. Daß der andere Tank, bei der [Link], allerdings
einige Bedeutung hatte, was den schnellen Zugang zum Ort und das

322
Siehe MO 1916, Bd. 2, S. 370ff.
323
Siehe ebenda, S. 403.
324
Siehe ebenda, S. 405.
325
Siehe Vischer (Bearb.): Das Württ. Infanterie-Regiment Nr. 180 im Weltkrieg 1914-
1918 (Die württembergischen Regimenter im Weltkrieg 1914-1918, Bd. 9), Stuttgart 1921,
S. 52.
326
Siehe TG IR 180, S. 52.
106

Aufgeben der dortigen Verteidiger anbelangt 327 , scheint deutlich genug zu


sein. Als Randbemerkung sei hier parallel zu den Schwierigkeiten bei der
Bestimmung von Tankabschüssen und den Vorkommnissen bei Flers-
Gueudecourt erwähnt, daß es eine auf britischen Zeitungsmeldungen
basierende Legende um die Tanks von Thiepval gibt 328 . Wohl erstmals vom
„Manchester Guardian“ am [Link] 1916 ins Gespräch gebracht,
sollen Soldaten des IR 180 einen Tank, der beim Überwinden eines
Hohlwegs Schwierigkeiten mit dem Gelände hatte, angegangen haben. Die
als „mutig“ dargestellten Deutschen kletterten der Legende nach auf das
Fahrzeug und versuchten, mit Handwaffen durch die Sehschlitze zu wirken,
was den Wagen letztendlich aber nicht aufhalten konnte. Dieser Vorgang
findet in deutschen Darstellungen keine Entsprechung 329 .
Ebenfalls am 26.p versuchte die [Link], den deutschen Widerstand im
Gird Trench vor Gueudecourt endlich zu überwinden. Ein Versuch am
Vortag war am vehementen Widerstand der stark dezimierten Verteidiger 330
gescheitert, und er sollte nun mit Unterstützung eines einzelnen Tanks
erneuert werden. Maßgeblich beteiligt war an der direkten Vorbereitung des

327
Siehe auch Fuller: Tanks, S. 57. Fuller erwähnt hier auch, daß sich beide Tanks später in
Granattrichtern festfuhren.
328
Deutscherseits erfaßt bei Kabisch, Ernst: Gegen englische Panzerdrachen, Stuttgart
1938, S. 10. Eine hinsichtlich Zeit und Ort weniger detaillierte, dafür aber mit allen
Facetten der Authentizität geschmückte Fassung dieser Geschichte findet sich als „ A True
Story Of The Tanks“ von Lance-Corporal Harry Rayner in The War Illustrated,
Amalgamated Press London, vom [Link] 1916, S. 250. (Ferner wird die Zeitung als
TWI zitiert.)
329
Dies mag allerdings darin begründet sein, daß auch von deutscher Seite Geschehnisse im
Trubel der Schlacht nicht überliefert worden sind. Für beide Parteien, Angreifer und
Verteidiger, kann es sich um das tödliche Ende der Beteiligten während der Schlacht, deren
Gefangennahme durch die jeweilige Gegenseite oder langwierige Verwundungen handeln,
welche Stellungnahmen verhinderten. Hinzu kommt, daß sich gerade auf deutscher Seite,
die den Zusammenbruch von 1918 zu verkraften hatte, erst wieder ein Interesse an diesen
„vergeblichen Taten“ langsam entwickeln mußte und diese Begebenheit in der Masse an
gedenkens- und beachtenswert erachteten Geschehnisse unterging.
330
Siehe Bayerisches Kriegsarchiv: Die Bayern im Weltkrieg, S. 288: „Manche Bataillone
bestanden nur noch aus einigen Unteroffizieren und Mannschaften. Aber die Möglichkeit,
sie aus dem Kampf zu ziehen, war [am [Link]] noch nicht gegeben. Die Schlacht
ging weiter.“
107

Sturmangriffes ein Artillerieflieger, der präzises Artilleriefeuer auf die


deutsche Stellung leitete und während des Angriffs mit den eigenen
Maschinengewehren unterstützte. Der Tank gelangte zusammen mit
Handgranatenwerfern an die Stellung heran und fuhr sie der Länge nach aus
allen Waffen feuernd ab. Nach britischer Angabe wurden acht Offiziere und
362 Unteroffiziere und Mannschaften gefangen, während sich die eigenen
Verluste auf nur fünf Soldaten bezifferten 331 . Nach deutscher Darstellung
endete hier die Geschichte eines Stellungsbataillons:
„Am [Link] vernichtete ein Tankangriff am Vormittag die Reste des
I./6.b.I.R., die noch vorwärts Gueudecourt vereinsamt standgehalten
hatten.“ 332 Die Trümmer des Ortes gingen am Nachmittag verloren.
Die letzten Tankeinsätze des Jahres fanden im November während der
Kämpfe an der Ancre statt, welche die Sommeschlacht von 1916 aus
britischer Perspektive zu einem formalen Ende brachten. Wie Fuller
anführte 333 , handelte es sich um Einsätze des Tank Detachments, die mit
großem Aufwand vorbereitet worden waren. Von spezieller Aufklärung und
dem „tankodrome“, das als Ausgangs-, Versorgungs- und
Instandsetzungsposition mehr war als das frühere „camp“, wird hier
erstmals berichtet. Was trotz dieser Neuerungen, die seit Ende September
unter dem Kommando des neuen Kommandeurs, Elles, vorgenommen
wurden, außerordentlich negative Auswirkung auf die Einsatzfähigkeit der
Tanks haben mußte, waren die ungünstigen Witterungsverhältnisse. Durch
anhaltenden Regen war das für Tanks bereits zuvor extrem anspruchsvolle
Einsatzgelände in ein Meer von Schlamm verwandelt worden. Die fünf am
[Link] eingesetzten Tanks fuhren sich dementsprechend fest, bevor
sie wirken konnten. Am folgenden Tag fiel von drei Fahrzeugen, die am
erfolgreichen Angriff auf Beaumont-Hamel beteiligt waren, einer der
deutschen Artillerie zum Opfer. Die beiden anderen Tanks blieben im

331
Siehe MO 1916, Bd. 2, S. 384 und Fuller: Tanks, S. 57 (Wiedergabe des entsprechenden
Gefechtsberichts des [Link]).
332
Siehe Bayerisches Kriegsarchiv: Die Bayern im großen Kriege, S. 288. Die im Anschluß
an das Zitat zu findende Aussage, daß andere bayerische Einheiten durch einen Tankangriff
am Nachmittag zum Rückzug gezwungen wurden, findet in den britischen Darstellungen
keine Entsprechung.
333
Siehe Fuller: Tanks, S. 58.
108

Schlamm stecken, doch so nah am Feind, daß wenigstens einer mit Kanonen
und Maschinengewehren in den Kampf eingreifen konnte. Das direkte
Resultat war die Gefangennahme der erstaunlich großen Anzahl von 400
deutschen Soldaten 334 . Diese Episode wurde von Fuller später als
„Gefangennahme der 400“ durch die insgesamt 16 Mann starke Besatzung
der beiden Tanks damit als ein herausragendes Ereignis geschildert. Und
dies hat in der Feuerwirkung des einen Fahrzeugs sicherlich die
Berechtigung zur Anerkennung als ein erstes, bemerkenswertes und
ernstzunehmendes Beispiel effektiver psychologischer und taktischer
Wirkung der neuen Waffe auf den Feind 335 .

3.5. Die Tanks in der Sommeschlacht: Bewertungen und Reaktionen.

Die Meinungen über die ersten Kampfeinsätze von Tanks an der Somme
1916 variieren stark. Dabei ist festzustellen, daß der Zeitpunkt und
Standpunkt des Betrachters in den letzten Jahrzehnten von
ausschlaggebender Bedeutung für die Interpretation der Vorkommnisse war,
was sich nahezu von selbst schon aus dem Informationsgrad, der Quantität
und Qualität der Informationen, wenn nicht grundsätzlich aus der Intention
des Schreibenden ergab. Ein Paradebeispiel hierfür liefert Eisgrubers
„Achtung-Tanks!“ 336 , ein pseudoauthentisches Machwerk der späten 30er
Jahre, das durch Pathos und ungehemmtes Spiel mit den historischen
Gegebenheiten ein patriotisch-national verklärtes Bild des Kampfes von
„Männern gegen Maschinen“ schuf. Die schon bei Kabisch 337 zu findende

334
Siehe MO 1916, Bd. 2, S. 505f.
335
Siehe Fuller: Tanks, S. 58. Fuller verschwieg dabei allerdings, daß Teile eines
nordirischen Bataillons die Gefangennahme tatkräftigt unterstützten; siehe MO 1916, Bd. 2,
S. 506.
336
Eisgruber, Heinz: Achtung- Tanks! Berlin 1939.
337
Kabisch: Gegen englische Tankdrachen (1938). Hier ist die wissenschaftliche
Auseinandersetzung mit dem Phänomen Tank im Abgleich von deutschen und britischen
Informationsquellen noch deutlich wahrzunehmen. Obwohl Kabisch das Buch eigenen
Aussagen nach als Jugendbuch für „Knaben im Alter von 12-15 Jahren“ dachte und sich
dieser Anspruch in der lebendigen Darstellung und einem martialischen Grundtenor im
Sinne eines Appells an die Jugend zum Nacheifern widerspiegelt, bemühte sich Kabisch
offenbar ernsthaft um die Feststellung von Fakten. Für das Fallbeispiel Cambrai 1917
109

Dämonisierung und Personalisierung der Tanks als „Ungetüme“, „Biester“,


„Teufelei“ und „Tankdrachen“ 338 , die, wie weiter unten gezeigt werden
wird, ihren Ursprung noch in den Kriegsjahren hatte und kein deutsches
Phänomen war, wurde zur Vollendung geführt. Dagegen steht der deutsche
Soldat, tapfer aushaltend und nur für eine kurze Zeit durch den
„Tankschrecken“ paralysiert. Letztendlich, wenn auch nicht als Infanterist,
war er bei Flers erfolgreich, übte „Rache“ an den „Tankungeheuern“ und
„riß ihnen die Eingeweide heraus“ 339 . Abgesehen von derartigen
Schilderungen, die allenfalls noch Rudimente der Fakten zur Grundlage
haben, beschränkte sich die Wahrnehmung des Geschehens durch Historiker
vielfach auf eine Art bedeutungsschweres Vorspiel für die Tankschlacht bei
Cambrai im darauffolgenden Jahr. Bei Keegan findet sich sogar die
Aussage, daß der Tank die im taktischen Patt feststeckende Offensive an der
Somme belebte und durch den Einsatz zwischen Flers und Courcelette, der
die deutschen Verteidiger erschreckte, einen der „mühelosesten und
spektakulärsten lokalen Siege an der Westfront im bisherigen
340
Kriegsverlauf“ errang . Die Kernthesen der Geschichtsschreibung zum
Einsatz der ersten Panzer in der Sommeschlacht kulminieren allerdings
zurückhaltender in der Verdeutlichung der Gefahr, welche die deutschen
Seite hätte erkennen können. Einer oder gar mehrere lokale britische
Erfolge, die mit wenigen Tanks errungen wurden, hätte die deutsche Seite
alarmieren müssen, hätten ihr eindeutige Zeichen für das Verhängnis
zukünftiger Panzermassen geben müssen. Stattdessen, so der Tenor, habe
die deutsche Führung versagt und die neue Waffe nicht so ernst genommen,
wie es nach dem [Link] 1916 angebracht gewesen wäre 341 . Dieses
Urteil, das sich bei der Rückschau auf das Geschehen schon vom

wurde er etwa bei der Kriegsgeschichtlichen Forschungsanstalt des Heeres vorstellig und
bat höflichst und erfolgreich um die Überlassung des Berichts des Kommandeurs der
[Link]; siehe BA-MA, RH 61/51766: Anfrage Kabischs an die Kriegsgeschichtliche
Forschungsanstalt des Heeres vom 2.6.1937.
338
Siehe Eisgruber: Achtung- Tanks! S. 50ff.
339
Siehe ebenda, S. 52f.
340
Siehe Keegan, S. 416 siehe auch Johnson, Stalemate, S. 81.
341
Siehe vor allem Muther, S. 63 und 113f., der sich dieses generellen Vorwurfs besonders
hinsichtlich der Sommeschlacht von 1916 widmete und ihm widersprach.
110

Standpunkt früherer Betrachter aus divergierender und ambivalenter


darstellen muß und keine Möglichkeit zu einer direkten Überleitung zur
„Quittung“ 342 für das attestierte Unterschätzen der Tanks, Cambrai 1917,
beinhaltet, ist sehr fragwürdig.

3.5.1. Britische Perspektiven und Reaktionen.

Die Sommeschlacht von 1916 endete, ohne daß die Tanks an ihrem
Ausgang einen größeren Anteil hatten. Auch die Operationen, an denen die
Tanks beteiligt waren, mußten als marginale Siege gelten, weil Ziele nur
bedingt erreicht und so blutig wie oft zuvor erkauft worden waren. Auch die
4.000 Gefangenen des [Link] machten im Gesamtmaßstab kaum
etwas aus, noch weniger die genommenen deutschen Stellungen und die
Eroberung einiger Dorftrümmer. Daran schuld, so wurde vielfach später
gesagt 343 , war, was die Tanks angeht, vor allem ihre geringe Zahl. Diesem
Gedanken ist unschwer zu folgen, bedenkt man die geographische und
zeitliche Ausdehnung der Schlacht und legt der Annahme noch nicht einmal
zugrunde, daß ein unbestimmtes Mehr an Tanks den augenblicklichen
Kollaps der deutschen Westfront nach sich gezogen hätte 344 .
Von den 36 Tanks, die am [Link] ihre Sturmausgangsstellungen
verließen, hatte nur ein geringer Teil aktiv in die Kämpfe eingreifen können.
Von diesen minimal neun, maximal 27 Fahrzeugen, die nach teilweise sehr
eigenwilligen Berechnungen diverser Autoren angeführt werden können 345 ,

342
Siehe Abschn. 1.2.1.
343
Siehe Heydecker, S. 399, vergleiche Kabisch, Ernst: Somme 1916, Berlin 1937, S. 165f.
344
Siehe dazu Pidgeon,: Flers-Courcelette, S. 205. Der Autor bezieht sich auf die
ungenutzte Möglichkeit, die noch im Vereinigten Königreich vorhandenen Kräfte für den
ersten Angriff einzusetzen und formulierte: „The 25 tanks of A company which arrived in
France just too late to take part might have made a difference to the outcome of the battle
had it been possible to delay this, but it was not.“
345
Siehe ebenda: „ It is our [the author’s] view that they [the tanks] achieved much,
certainly more than they are normally given credit for. The German records testify to this,
for they contain numerous references to the heavy losses caused by tanks enfilading
trenches and crushing strong points. The British records, no doubt for reasons peculiary
British, dwell at least as much on the shortcomings of the machine. The most widely quoted
‘score-cards’ claim that of 49 tanks available, no more than 36 reached their starting ponts
111

gingen wenigstens neun durch direkten Beschuß beziehungsweise im


Nahkampf verloren 346 . Eine größere Anzahl weiterer Tanks erhielt zudem
Beschädigungen, bei denen im Nachhinein kaum noch zwischen mehr oder
weniger zufälligen Treffern und diversen Defekten sowie dem Ausfall durch
gezielten Beschuß unterschieden werden kann 347 . Ein mehr oder weniger
groß anzunehmender „Rest“ scheiterte zudem an technischen und besonders
geländeabhängigen Schwierigkeiten 348 .
Wie die verschiedenen Augenzeugenaussagen und die Zahl der
Tankausfälle belegten, war die Schwierigkeit beim Überwinden des an der
Westfront so charakteristischen Trichterfelds überaus deutlich zu Tage
getreten. Selbst in den sonst eher kritikfrei zu klassifizierenden Produkten
der britischen Kriegspresse ist diese Beobachtung auffindbar 349 . Die Tanks
waren mit einem Leistungsgewicht von 3,75 Pferdestärken je Tonne
Gewicht nicht nur nach heutigen Maßstäben extrem untermotorisiert 350 ,
wenn man diesen Faktor als ausreichend erachten will, um der
Detailbeschreibung weiterer mechanischer und antriebstechnischer Mängel
im Rahmen der vorliegenden Arbeit aus dem Weg zu gehen. Was die

and only 9 moved ahead of the infantry. The reality, as usual, is a litte more complex. The
figure of 36 is certainly correct but data contained in original documents indicates that,
quite apart from those tanks in the canadian sector which were ordered not to precede the
infantry, as many as 17 may be have advanced ahead of them at some stage [!] of the
attack. The total could be as high as 22. [… .] On the 15th, a total of 27 tanks reached the
German front line, […].“
346
Zwei vor Combles, zwei am Foureaux-Wald und fünf vor Gueudecourt.
347
Zudem waren die Auswirkungen verschieden und differierten zwischen Fahrzeugbrand,
wie bei einem Tank am Foureaux-Wald, und einer minimalen Behinderung, wie sie an
Inglis’ Tank durch Verlust eines Steuerrads auftrat; siehe Abschn. 3.3.
348
Siehe Pidgeon: Flers-Coucelette, S. 206.
349
Siehe The War Illustrated, [Link] 1916, S. 250: „It was like the old tale of a snail
who climbed up the side of a wall three feet and then slipped back two feet. That was
exactly what was happening and every time `Black Bertha´ made a big dash and climbed
partly up the crater side, only to slip back as soon as her stroke was exhausted, we nearly
convulsed with laughter.” Augenzeugenbericht des Lance-Corporal Rayner.
350
Moderne Kampfpanzer liegen etwa bei über 20 bis knapp 30 Ps/t. Selbst ein kaum als
beweglich zu beschreibender deutscher Tiger (P) „Ferdinand“ bzw. “Elefant“ des Zweiten
Weltkriegs lag um 10 Ps/t.
112

Motorisierung, die im Gelände eine nur geringe Geschwindigkeit zuließ,


zudem problematisch machte, war der hohe Verschleißgrad der beweglichen
Teile und die Lautstärke 351 . Zusätzlich konnten Abgasfahnen aus den bis
zur Glut erhitzten Auspuffrohren negative Auswirkungen für die Phase des
nächtlichen Einfließens der Fahrzeuge in ihre Sturmausgangsstellungen
haben 352 . Stern als Verantwortlicher für diese Fragen suchte seit den ersten
praktischen Erfahrungen im September 1916 nach Lösungsmöglichkeiten,
doch abgesehen von Fortschritten auf dem Sektor der Motorenöle bedingte
die Konstruktion des Tanks, daß an Grundsätzlichkeiten mittelfristig nichts
geändert werden konnte 353 . In technischer Hinsicht blieb der Mark I, bei
dem man seit dem Nachfolgetyp, Mark II, zukünftig allerdings auf das
offensichtlich überflüssige Paar hinterer Steuerräder verzichtete und bei
Panzerung und zahlreichen Details Veränderungen vornahm, das anfällige,
aber brauchbare Grundmodell 354 .
Ein Punkt, der fahrzeugbezogen offensichtlich in Kauf genommen werden
mußte, bestand in den Arbeitsverhältnissen und Einsatzbedingungen für die
Besatzung. Diese litt bei einer Einsatzdauer von mehreren Stunden unter
Motorabgasen, die sich im Inneren des Tanks ungehindert breit machen
konnten, weil es keine Entlüftungsanlagen gab, unter infernalischem Lärm
und unter kaum erträglicher Hitze 355 . Einen anschaulichen Eindruck von
diesen Verhältnissen, die bereits ohne direkte Konfrontation mit dem Feind
als „extrem“ zu kennzeichnen sind, bietet der Monate später im
schweizerischen „Intransigeant“ wiedergegebene Bericht eines
französischen Panzeroffiziers, welcher -in Vorgriff auf spätere Ereignisse-

351
Siehe Smithers: Excalibur, S. 78. Eine vom Tank Corps im Vorfeld der Kämpfe von
Cambrai 1917 herausgegebene Schrift verwies darauf, daß noch beim verbesserten
Schalldämpfer des damals gebrauchten Mark IV Tanks Fahrtgeräusche in 227m Entfernung
wahrgenommen werden konnten, sofern sie nicht durch Maschinengewehr- oder
Artilleriefeuer überlagert wurden; siehe Borchert, Martin: Der Kampf gegen Tanks.
Dargestellt an den Ereignissen der Doppelschlacht bei Cambrai, Berlin 1931, S. 27.
352
Siehe Smithers: Excalibur, S. 78.
353
Siehe ebenda, S 76ff.
354
Siehe ebenda, S. 78f. Wie hier angeführt wird, ließ Stern bei den Franzosen und in den
USA nach Motorenalternativen suchen, war jedoch erfolglos.
355
Siehe Wright, S. 48.
113

die Allgemeingültigkeit grauenvoller Verhältnisse in den damaligen Tanks


verdeutlicht:
„Bei unserer Offensive waren wir 8 Mann auf die Dauer von nicht weniger als 26
Stunden im Tank eingeschlossen, ohne Möglichkeit, ihn auch nur einen Moment
verlassen zu können. [...] Inmitten von fürchterlichsten Beschießungen, gezwungen
die erstickende, rauchige Atmosphäre einzuatmen, befindet man sich wie auf einer
einsamen Insel, wohin das Schlachtgebrüll nicht dringen kann. Man sieht wenig und
hört noch weniger von dem, was sich draußen abspielt. Der Lärm unseres Motors ist
höllisch, das `Tack-tack-tack´ unserer Maschinengewehre und das Geknall der
Tankgeschütze betäubend.“ 356

Das, was bei Treffern mit der Besatzung geschah, wurde scheinbar nicht nur
in der Presse nicht thematisiert, sondern von der Führung möglicherweise
sogar als unabänderbar hingenommen. Beschreibungen über das Ende eines
Tanks und seiner Insassen aus deutscher Feder -oder durch deutsche
Aufnahmen dokumentiert 357 - legen jedenfalls nahe, daß es sich beim Tod
im Tank um ein elendiges Sterben als „lebendige Fackel“ handelte, dem als
Alternative das Verenden am Tank, im Kugelhagel, gegenüberstand. Der
Wirkung kleinerer Geschosse, etwa der SmK-Sondermunition, welcher am
[Link] zumindest ein Tank bei der [Link] begegnet war 358 , in
Hinsicht auf eine verschiedenartig verursachte Splitterwirkung im
Fahrzeug 359 , wie sie sich etwa auch durch das Bersten der gläsernen
Periskope ergeben konnte, setzte man simple Lösungen entgegen.
Sonderbekleidung für Tankbesatzungen, deren Erscheinungsformen sich für
den Rest des Krieges auf beiden Seiten schließlich als visuelle Reminiszenz

356
Zitiert nach Baer (Hg.): Der Völkerkrieg, Bd. 25, S. 206. Der schweizerische
Zeitungsbericht wurde am 6.8.1917 durch die Frankfurter Zeitung in Deutschland publik
gemacht und bezieht sich wahrscheinlich auf den ersten Kampfeinsatz von Panzern des
Typs [Link] bei Laffaux am 5.5.1917. Zu den Einsatzbedingungen siehe auch
Fletcher: Tanks and Trenches sowie Perret, S. 39f.
357
Siehe etwa die Aufnahmen in Rex, Hermann: Der Weltkrieg in seiner rauhen
Wirklichkeit. Das Frontkämpferwerk. 600 Originalaufnahmen des Kriegs-Bild- und
Filmamtes und des Kriegsphotographen Hermann Rex, Oberammergau 1926.
358
Siehe Abschn. 3.3. und zum Hintergrund der SmK-Munition Abschn. 4.3.
359
Siehe Fletcher: Tanks and Trenches, S. 16, mit dem Bericht von Lt. Hufham zum
15.9.1916: „They never fired again, both gunners were dead I believe, several bullets and
small shells had penetrated our armour plate, […].”
114

an das Mittelalter ausnahm, wurde auf britischer Seite erstmalig 1917


eingeführt. Bezeichnend ist dabei, daß erst der vehementeste Nachdruck der
Betroffenen vonnöten war, um diese Reaktion auf ein akutes Problem zu
erreichen, und daß diese Lösungen kaum den Erfordernissen entsprachen:
Lederne Schutzkleidung, Helme, kettenpanzerartige Schutzvisiere waren
angesichts der Temperaturen im Tank wenig praktikabel 360 .
Beim taktischen Einsatz der Tanks mußte bereits am [Link]
eingestanden werden, daß technische und geländeabhängige Probleme einen
strikt vorgefaßten Einsatzplan verbaten. Für den [Link] waren
Gassen im vorbereitenden Artilleriefeuer vorgesehen gewesen, durch
welche die Tanks fünf Minuten vor der Infanterie an den Feind kommen
sollten. Wie oben bereits beschrieben wurde, war das Bild, das sich den
deutschen Verteidigern beim britischen Angriff bot, durchaus uneinheitlich
und ist für die Unterschiede zwischen Planung und Durchführung desselben
ein ernstzunehmender Beleg. Die zugesagte Tankunterstützung schied
vielfach aus. Die Fahrzeuge erreichten ihre Positionen teilweise zu spät oder
gar nicht, und sie konnten, wie sich während der Kämpfe herausstellte, trotz
vorheriger Geländeeinweisung die Angriffsrichtung verlieren. Daraus ergab
sich ungewollt, daß Tanks recht unkoordiniert und unkontrolliert, nach
Ermessen der Kommandanten oder erst nach Einweisung durch die
Infanterie, die Rolle einnehmen konnten, die ihnen als
Infanterieunterstützung zugedacht war. Insofern kam Rawlinson mit der
Anordnung, daß sich die damals noch verbliebenen Tanks zukünftig auf
Abruf bereithalten sollten 361 , was die zuverlässige Lage- und
Geländeeinweisung vor einem gezielten Einsatz möglich machen sollte, der
Swintonschen Einsatzkonzeption sehr entgegen.
Was weitere Probleme aufgeworfen hatte, die nichts mit der Qualität des
Fahrzeuges an sich zu tun hatten, war ein breites Spektrum fehlender
Erfahrungswerte und fehlender Ausbildung. Das Tank Detachment war zum
Einsatz am [Link] gerufen worden, bevor es adäquat ausgebildet
war. Ein Mangel, der mit den Ereignissen und Erlebnissen auf dem
Schlachtfeld sicher stückweise behoben wurde und vielleicht auch nur hier

360
Siehe Perrett, S. 41.
361
Siehe MO 1916, Bd. 2, S. 371.
115

zu beheben war 362 , war die Tatsache, daß das Personal bislang keine
Gefechtserfahrung im Verband, teilweise auch gar keine, was den einzelnen
Mann anging 363 , besaß. Dieser Faktor galt nicht nur für die kämpfenden
Teile, sondern auch für die Instandsetzung und Versorgung, die erstmals mit
den Einsatzszenarien in einer –dazu noch gigantischen- Schlacht
konfrontiert waren 364 . Die Überlebenden des Tank Detachment sicherten
diesbezüglich zweifelsfrei einen „Erfahrungspool“, der sich später positiv
auswirken konnte. Die Zusammenarbeit zwischen Tanks und den
traditionellen Waffengattungen steckte noch in den Kinderschuhen 365 . Von
den von Fuller angegebenen, aber in seinen Memoiren leider nicht genauer
definierten besonderen Vorkehrungen zum Tankeinsatz im November 1916
einmal abgesehen, fehlt der Hinweis auf ein intensives Trainieren der
Kooperation oder des „Gefechts der verbundenen Waffen“ nach späterem
Verständnis. Gerade für Infanterie und Tanks, die der Einsatzgrundlage und
der Logik nach am engsten zusammenarbeiten mußten, fehlten
Erfahrungswerte 366 . Schuld an diesem Versäumnis muß nach
Menschenverständnis die geringe Anzahl Fahrzeuge und die Kriegslage, die
kaum Raum für intensive Fühlungnahme zwischen den Waffengattungen
lassen konnte, sein. Vor allem, weil die knappe Präsenzzeit des Tank
Detachment in Frankreich vor der Schlacht für „dynamische Waffenshows“
verbraucht wurde 367 .
Wenn man so will, war der erste Tankeinsatz ein empirisches Experiment,
forciert vollzogen und vordergründig wenig erfolgreich. Es bot keinen
Anlaß, am bisherigen Angriffsverfahren und den „normal tactical
methods“ 368 irgend etwas zu ändern. Wenn Haig am [Link] trotzdem

362
Siehe Fuller: Tanks, S. 59: „Further it must be remembered that, whatever tests are
carried out under peace conditions, the only true test of efficiency is war, consequently the
final test a machine or weapon should get is its first battle […].” Siehe auch MO 1916, Bd.
2, S. 365.
363
Siehe Liddle: Somme, S. 106.
364
Siehe MO 1916, Bd. 2, S. 365.
365
Siehe ebenda, S. 364f.
366
Siehe Pidgeon: Flers-Courcelette, S. 205.
367
Siehe Abschn. 2.3.
368
Siehe MO 1916, Bd. 2, S. 367.
116

1.000 zusätzliche Tanks in Auftrag geben ließ, dann wegen der Hilfe,
welche die neue Waffe als reine Infanterieunterstützung 369 für seine Art der
Kriegführung bedeuten konnte. Es ist nicht klar, inwieweit er die später von
Fuller als Lehren 370 definierten Erfahrungen erkannt hatte oder sie ihm
überhaupt dargelegt wurden 371 . Doch fest steht, daß aus den Tankeinsätzen
an der Somme etwas hervorging, daß ihn ungeachtet der propagandistischen
Aufarbeitung und trotz einiger Skepsis in seinem Umfeld bei Stäben und in
der Heimat am Tank festhalten ließ. Tatsächlich war diese Skepsis
offensichtlich weit verbreitet 372 und bedingte sogar die Annullierung des
gewünschten Bauauftrages, die nur durch direkte Intervention Sterns bei
Lloyd George, dem dieser Vorgang trotz seiner herausragenden Funktion als
Vorsitzender des Kriegsrates nicht bekannt geworden war, rückgängig
gemacht werden konnte 373 .
Deutlich positive Auswirkungen hatten Tanks auf die Psyche der Truppe 374 .
Wie Wright im bezeichnenderweise „Big Joke“ betitelten Kapitel
darstellte 375 , vermittelten das neue Kriegsmittel, seine Eigenartigkeit und
das Wissen um seine Existenz allein auf der eigenen Seite ein
bemerkenswertes Glücks- und Überlegenheitsgefühl. Dieses wirkte, wie das
britische amtliche Werk einschränkend aussagt 376 , effektiv zwar nur zeitlich
begrenzt auf die eigene Infanterie, etwa bis sie sich in den altbekannten

369
Siehe ebenda, S. 367, siehe auch Larson: Armored Warfare, S. 58.
370
Siehe Fuller: Tanks, S. 58f.
371
Fuller formulierte später im Zusammenhang mit den Tankeinsätzen bei Arras und in
Flandern 1917 harsche Kritik am fehlenden Verstand und Gespür des Oberbefehlshabers
gegenüber der neuen revolutionären Waffen und bezweifelte, daß man im Großen
Hauptquartier die entsprechenden Berichte überhaupt las; siehe Fuller: Erinnerungen, S.
101f.
372
Siehe Larson: Armored Warfare, S. 58: „The army’s reaction to the day’s work
[15.9.1916] was generally negative.”
373
Siehe Cooper: Cambrai, S. 45 und Larson: Armored Warfare, S. 58.
374
Diese Wirkung sollte sich später auch auf deutscher Seite, beim Gebrauch eigener
Panzerwagen, einstellen: „Eigene Panzerwagen, auch beim Auftreten in geringer Zahl,
stärken die Moral der Infanterie im Gefecht außerordentlich.“ Siehe KA, HGr Rupprecht,
Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0119: AOK 17 Iabl Nr. 7816 op. vom 7.9.1918, Ziff. b).
375
Siehe Wright, S. 38ff.
376
Siehe MO 1916, Bd. 2, S.
117

Gefechtssituationen wiederfand, doch auf der anderen Seite blieb es nach


Ende der Sommeschlacht als ein an der Front und in der Heimat sehr
allgemein verbreitetes Phänomen bestehen und wurde fester Bestandteil der
propagandistischen Kriegführung 377 . Der Presse bot sich ein reiches
Spektrum an Augenzeugenberichten und Möglichkeiten, den Genius
britischer Erfinder, damit zumindest indirekt das Zutrauen in die Führung
und auf den siegreichen Ausgang des Krieges, zu vermitteln. Daß die Tanks
nur partiell erfolgreich gewirkt hatten, verblaßte vor allem gegenüber den
herausragenden Ereignissen der Kämpfe wie der Einnahme von Flers und
Courcelette 378 und der Tatsache, daß es zahlreiche Belege für vollständige
Demoralisierung und Panik beim Feind gegeben hatte. In Auszügen aus dem
ersten Bericht der „The War Illustrated“ von Anfang Oktober über den
Tankeinsatz klang das folgendermaßen:
„Then the cry went up here, as it had gone up on the left, that Creme de Menthe
was coming. All stood and watched the monster. Would the trees stop it, the deep
hollows, the craters, the threatening wire, the hidden guns? […] There was not a
crater so deep that Behemoth`s claws could not fathom the depths; it ground
machine-guns to powder and the emplacement which had housed them. It drew the
Hun in terror from depth and dug-out, and set him heaving his impotent bombs. But
there is no bomb that can touch Creme de Menthe.” 379

Der Vergleich des Tanks mit dem biblischen Untier Behemoth 380 ist
bemerkenswert und liegt am Anfang einer Kette von oftmals
mystifizierenden und mythologisierenden Gleichsetzungen, die sich bis
heute im Zusammenhang mit den Tanks gehalten hat 381 . Viel wesentlicher
aber ist, daß diese Passage nicht allein die Wirkung der Tanks auf die eigene

377
Siehe dazu besonders Tate: The Culture of the Tank, S. 70ff.
378
Siehe etwa TWI vom [Link] 1916, S. 179ff.: „The Battle of the `Tanks´”. Es wird
vom Einsatz des Tanks “Creme de Menthe” bei Courcelette berichtet.
379
Siehe ebenda, S. 182.
380
Siehe H[Link] dort steht u.a., daß der
Begriff „Behemoth“ auf jedes große, kräftige und unbekannte Wesen angewendet werden
kann, aus dem Hebräischen stammt und Plural von „Biest“ sei.
381
Ein Beispiel ist die von Smithers im Buchtitel vorgenommene Verknüpfung zwischen
der Bedeutung der Siegfriedsage sicherlich gleichzusetzenden, urenglischen Artuslegende
und dem Tank als „A New Excalibur“. Auf deutscher Seite fallen Bezüge zur Siegfriedsage
auf.
118

Truppe schildert, sondern auch diejenige auf den Feind. Tanks ohne
Bindung an die Infanterie waren dem deutschen Abwehrfeuer offensichtlich
unterlegen gewesen. Dort aber, wo die beiden eng verbunden kämpften,
namentlich in Flers und noch deutlicher am [Link] und am
[Link], war die Wirkung trotz ihrer geringen Zahl groß 382 . Die
Berichte, die Anfang Oktober 1916 das Hauptquartier Haigs erreichten,
bestätigten diese Einschätzung des Tanks insofern, als daß „in dealing with
strongpoints and villages when the infantry was held up it had an undoubted
value.“ 383 In diesen Fällen ist von Panik an zahlreichen Stellen die Rede und
der Eindruck, daß die ersten Tanks am [Link] (zumindest) bei
„vielen deutschen Soldaten Panik“ verursachten 384 , ist bis heute mit ihrem
ersten Einsatz und dem Namen Flers verbunden 385 . Hierzu kann man
einschränkend sagen, daß sich Beispiele für geradezu suizidgleiche
Tapferkeit und Flucht- und Paniksymptome die Waage halten, was im
britischen amtlichen Werk (1938) andeutungsweise auch eingeräumt
wurde 386 . Wenn am [Link] „Panik“ auftrat, dann sicherlich als Folge
der Verknüpfung von Umständen, deren Wirkung menschlich zutiefst
verständlich ist und den neuartigen Tank lediglich als „Tüpfelchen auf dem

382
Cooper: Cambrai, S. 44, schrieb: „The smart part played by the tanks, however
successful on a local scale, was overlooked in the general sense of failure.“ Von dieser
Einschätzung ausgenommen blieb nach Cooper Haig; siehe S. 45.
383
Zitiert nach MO 1916, Bd. 2, S. 367. Die Passage bezieht sich auf die Einschätzungen
Rawlinsons.
384
Siehe H[Link] oder
H[Link] (Seiten des
Panzermuseums Munster).
385
Daran beteiligt ist mit allergrößter Sicherheit auch die Vehemenz, mit der die britische
Presse die Erfolge der Tanks von 1916 ausschlachtete. Ein Paradebeispiel dafür von 1917
ist Philip Gibbs Artikel „The Germans on the Somme“ aus dem Daily Chronicle; siehe
H[Link] .
386
Siehe MO 1916, Bd. 2, S. 363: „The Germans fought bravely and well […]. Some
surrenders, it is true, were induced by the great havoc wrought by the British bombardment,
and local panics were caused by individual tanks; but there was no sign of widespread
demoralization.”
119

i“ erscheinen lassen 387 . Dezimiert, umgangen, in Flanken bedroht und durch


die vorherigen Kämpfe erschöpft, zogen es offensichtlich zahlreiche
Soldaten vor, nach teilweise heftigstem Widerstand, oder noch bevor die
kritischste Situation -welche die eigene Person der Anständigkeit und
Barmherzigkeit des Feindes auslieferte- eintreten konnte, aufzugeben oder
zu flüchten. Dieses Bild sollte sich in den folgenden Monaten und besonders
den „Tankschlachten“ vielfach wiederholen 388 . Die heutige Definition des
Begriffs „Panik“ als von körperlichen Symptomen begleiteter, real
unbegründeter Anfall von extremer Angst 389 legt es nahe, ihn in diesem
Zusammenhang nicht zu gebrauchen. Dies gilt ebenfalls für den
[Link] am Gird Trench vor Gueudecourt, wo von unbegründetem
Aufgeben angesichts der Hilflosigkeit der auf sich alleingestellten Infanterie
gegenüber dem dortigen Tank nicht gesprochen werden kann. Diese Aktion
trägt aus britischer Perspektive tatsächlich den Charakter eines
spektakulären Erfolges, der nahezu ohne eigene Verluste errungen wurde.
Wo „Panik“ zutreffend zu sein scheint, ist am [Link], denn hier fehlt
die rationale Basis für die Kapitulation einer derart großen Anzahl von 400
Soldaten vor zwei lahmgeschossenen Tanks. Fuller hob beide Beispiele in
seinen „Tanks in the Great War“ von 1920 deutlich hervor 390 , allerdings
unzweifelhaft mit dem Wissen um den Wert und die Beispielhaftigkeit
beider Momentaufnahmen bis Kriegsende und für die Bewährung einer
damals möglichen Panzerwaffe. Er legte besonderen Wert darauf zu
betonen, daß sich aus den ersten Einsätzen eine Chance zum Lernen ergeben
hatte, die es nahelegte, den [Link] 1916 als Geburtstunde einer neuen
Epoche der Kriegführung anzusehen 391 . Diesem Urteil kann man sich für

387
Auch Fuller attestiert dem Tank eine vor allem moralisch destruktive Wirkung, die
nichts mit den Gefechtsleistungen gemein hat: „... we find exactly the same lowering of
moral by self-suggested fear [!], fear based on the inability to overcome the danger.“ Dies
schrieb er über die Wirkung deutscher Tankangriffe auf britische Truppen 1918, aber ohne
den Gebrauch des Panikbegriffs; siehe Fuller: Tanks, S. 215.
388
Siehe Kap. 9., 11. und 12.
389
Siehe „Angststörungen und Phobien. Definition von Ängsten, Panikattacken und
Phobien“ unter H[Link] .
390
Siehe Fuller: Tanks, S. 56ff.
391
Siehe ebenda, S. 58.
120

die Bedeutung der ersten Tankeinsätze für die britische Seite nur mit
größtem zeitlichen Abstand und in Kenntnis über den weiteren Verlauf der
Evolutionsgeschichte des Panzers anschließen. Die eigentliche Begründung
für das Weiterverfolgen der Tankidee durch Haig trotz aller Widerstände ist
jedenfalls in einem Element zu erblicken, das mit den bisher angewandten
„normal tactical methods“ verbunden war, weniger mit
Einsatzmöglichkeiten eines zukünftigen „Tank Corps“ oder gar einer
„Panzerwaffe“ nach den theoretischen Vorstellungen der 20er und frühen
30er Jahre. Der Tank war, unabhängig von jedem Aspekt, der ihn
alleinagierend als erfolgreich auswies, ein den üblichen Waffenkanon
begleitendes Instrument, welches das Leben von Infanteristen, im
Zweifelsfall Wählern und Staatsbürgern, auf die eine übergeordnete
politische Führung immer stärker ihre Hand legte, schonen konnte 392 .
Lediglich rüstungstechnisch anspruchsvoll, personell gegenüber dem Faktor
mobiler Feuerkraft geradezu billig, war das neue Kriegsgerät dazu in der
Lage, wenigstens punktuell sein taktisches Gewicht in einem günstigen
Verhältnis zwischen Kosten und Wirkung in die Waagschale werfen zu
können 393 .

3.5.2. Deutsche Perspektiven und Reaktionen.

Das größte Problem für die deutsche Seite war die Informationsbeschaffung.
Dieser auf den ersten Blick banale Punkt, der nur von wenigen
Historiographen überhaupt gewürdigt wurde, mußte die allergrößte
Bedeutung für eine Bewertung der folgenden Handlungen und die
Unterstellung eines „Versagens“ der deutschen Führung haben. Heydecker
kam nach offensichtlich recht oberflächlicher Beurteilung der allgemeinen
Umstände und mit der Hilfe des Artikels eines Kriegsberichterstatters 394 zu
dem Schluß, daß die deutschen Befehlsstellen schon direkt um den

392
Siehe Smithers: Excalibur, S. 74, und Griffith: Battle Tactics, S. 58.
393
Um ein Beispiel anzufügen, das Haig zweifelsfrei bekannt wurde, genügt es, darauf zu
verweisen, daß die drei Tanks, die Flers am 15.9.1916 umgingen und flankierend wirkten,
lediglich 24 Mann Besatzung hatten, aber gleichzeitig mindestens die Feuerkraft einer
geschlossenen Maschinengewehrkompanie repräsentierten; siehe Abschn. 3.3.
394
Es handelte sich um den weiter unten angeführten Bericht Dammerts.
121

[Link] herum der technisch-mechanischen Geheimnisse des neuen


Kampfmittels gewahr wurden und ein Tankwrack dahingehend untersuchen
konnten 395 . Der Realität entsprach diese Annahme aber keineswegs.
Wie auf britischer Seite, die eine Rückmeldung über den ersten Tankeinsatz
zu bekommen hoffte, so suchte man auch bei den Deutschen Zeugen und
Zeugnisse, suchte technische und taktische Angaben und Erfahrungen und
versuchte, diese auszuwerten. Das bedurfte einiger Zeit 396 , und was
daraufhin die höheren deutschen Stäbe erreichte, war eine Reihe von
Ausschnitten, Momentaufnahmen, Spekulationen und sogar irreführenden
Angaben, die einerseits auf die Kampfsituationen vor Ort zurückzuführen
sind, andererseits auf das Fehlen fachlich versierter Beobachter und der
Möglichkeit, einen Tank eingehend studieren zu können 397 . Denn
tatsächlich war kein Fahrzeug in den deutschen Linien geblieben. Die Zeit,
um sich etwa die Wracks vor Gueudecourt näher anzuschauen oder sie gar
untersuchen zu können, war minimal, da sie durch den Kampfauftrag
ausgefüllt und durch die Lage vor Ort mit allergrößter Sicherheit verwehrt
wurde.
Umso mehr muß es verwundern, daß der erste heute faßbare Bericht eines
Armeeoberkommandos, das selbst nicht direkt am Geschehen beteiligt
war 398 , bereits am [Link] 1916 zu recht realitätsnahen Einschätzungen

395
Siehe Heydecker, S. 398.
396
In den „Erfahrungen aus der Sommeschlacht“ der OHL wurde auf Tanks nicht
eingegangen; siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Fremde Berichte, Bl. 17: Chef d.
Genst. d. Feldheeres, Ia/Ib Nr. 175 geh. op. vom 25.9.16. Spätere Erfahrungsberichte, die
sich mit der Sommeschlacht befaßten und durch die OHL verbreitet wurden, widmeten sich
dem Aspekt ebenfalls nicht; siehe BA-MA, PH 5 II/350 mit dem Kommentar des AOK 5 zu
den Erfahrungen der [Link].
397
Zu diesen Problemen siehe Pidgeon: Flers-Courcelette, 186ff. Der Autor gibt, u.v.a.
höchst interessanten und für den Erkenntnisgewinn der deutschen Führung unterhalb der
Ebene des AOK 6 relevanten Dokumenten, den ersten Bericht des NO AOK 6 über eine
Gefangenenbefragung wieder (S. 187).
398
Die 3. und [Link] waren nach dem Verlust von ca. 5.400 bzw. 6.000 Mann am 17.9
abgelöst und ab 20.9. der [Link] zugeteilt worden; siehe RA, Bd. 10, Anlage 3, S. 10, Nr.
68 u. 69. Es liegt also auf der Hand, daß die Berichte zum Auftreten der Tanks beim AOK
6 eingingen.
122

kam 399 und in den folgenden Monaten zu einer zentralen Bearbeitungsstelle


für Tankfragen avancierte. Die „englischen Panzerwagen“ bewegten sich
auf „Kettenbändern“ mit 6,5 bis 1,6km/h vorwärts und unterschieden sich in
Fahrzeuge mit Maschinengewehren und solche mit Maschinengewehren und
Kanonen. Die Besatzung bestünde aus einem Offizier und fünf bis sieben
Mann 400 . Was die Wirkung der Panzerwagen im Einsatz anging, so urteilte
das AOK 6 Anfang Oktober 1916, daß vor allem der Faktor Überraschung
ausschlaggebend gewesen war:
„Die Wagen haben den Engländern tatsächlich einige Vorteile gebracht.
Hauptsächlich sind diese aber der Ueberraschung zuzuschreiben.[...] Wie bei jedem
neuen technischen Hilfsmittel das Ungewohnte zuerst wirkt, so geschah es auch hier.
Die Truppe missachtete oder verlachte [ 401 ] zuerst die vorkriechenden Ungetueme.
Als sie dann, scheinbar unverwundbar näher kamen, entstand sogar stellenweise eine
Panik.“ 402

Inwieweit der Gebrauch des Begriffes „Panik“ allein auf die erhebliche
Anzahl Gefangener während der Kämpfe Mitte September und nicht auf
eine Analyse der lokalen Vorkommnisse zurückzuführen ist, muß unklar
bleiben 403 . Dessen ungeachtet ist primär zu attestieren, daß das AOK 6 den
Tanks durch die Faktoren Überraschung und moralische Wirkung auf die
eigene Truppe eine durchaus ernstzunehmende Wirkung zusprach. Das
AOK 6 war mit dieser Sichtweise nicht allein, wie durch die Tatsache belegt
wird, daß die OHL, ebenfalls am [Link], der Heeresgruppe Kronprinz
befahl, die Infanterie-Geschütz-Batterie Nr. 1 (3,7cm Kanonen) an das AOK
1 an der Somme zu überweisen. Der Verwendungszweck der Batterie war
zudem eindeutig beziehungsweise der Gefährdung durch die neue Waffe des

399
KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Fremde Berichte, Bl. 24: AOK 6, Ia. Nr. 70450 vom
5.10.16, Ziff. I.
400
Siehe ebenda.
401
Vergleiche den Bericht des Lt. d. R. Noack in Abschn. 3.3.
402
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Fremde Berichte, Bl. 24: AOK 6, Ia. Nr. 70450,
Ziff. II.
403
„Be that as it may, the reaction of troops on the ground to the tanks’ appearance seems
to have varied from place to place and from unit to unit, indeed from man to man, as one
might expect. There were somme surprising scenes of great bravery, as in High Wood
against D13, and there were scenes of panic, as the [german] High Command later
conceded.“ Zitiert nach Pidgeon: Flers-Courcelette, S. 186.
123

Feindes angemessen formuliert 404 . Zusätzlich wurden dem AOK 1 zur


„Abwehr von Kampfkraftwagen“ 20 Marine-Bootskanonen, 15
Schützengrabenkanonen aus der Zuständigkeit des Kriegsministeriums und
2 Schützengrabenabteilungen des AOK 6 zu je fünf Geschützen
zugesichert 405 . Diese Reaktion der OHL, welche die artilleristischen
Möglichkeiten zur Tankbekämpfung als belegt und erkannt vermuten läßt,
wurde offensichtlich ad hoc auf Basis bestehenden Geräts und der ersten
einlaufenden Meldungen getroffen. Über die Art und Bauweise des Tanks
sowie seine Erscheinungsformen in den Gefechten lagen zu diesem
Zeitpunkt noch keine detaillierten oder gar abschließenden Angaben vor.
Ganz im Gegenteil: mit zunehmender Anzahl fortlaufend eingehender
Berichte verwusch sich das Anfang Oktober durch die Meldungen des AOK
6 gezeichnete Bild.
In den Unterlagen der Heeresgruppe Rupprecht findet sich für den
[Link] 1916 ein auf Vernehmung von Gefangenen basierender Bericht
mit Skizzen 406 , der darauf zu verweisen schien, „daß ganz verschiedenartige
Systeme vom Kampfkraftwagen in Gebrauche sind“.
Der erste Typ 407 (I) entsprach der Skizze und dem begleitenden Text nach in
etwa dem wirklichen Erscheinungsbild des Mark I und bezog sich auf einen
am [Link] nordwestlich Flers abgeschossenen Wagen dieses Typs 408 .
Das Prinzip umlaufender Gleisketten wurde allerdings nicht erkannt, die
Länge dieses Fahrzeuges mit etwa neun Metern und seine Bewaffnung mit
seitlich aus der Panzerwand herausschauenden sechs Maschinengewehren
und zwei Geschützen oder, alternativ, acht bis 12 Maschinengewehren
angegeben. Mit der Skizze ist belegt, daß offensichtlich keine Möglichkeit
bestanden hatte, das Fahrzeug näher zu begutachten.

404
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 117, Akt: 177, Bl. 124: HGr Rupprecht Ia 771 g. Art.
vom 5.10.1916.
405
Siehe ebenda, Bl. 119-118: HGr Rupprecht Ia Art. I 749 g.
406
Siehe ebenda, Bd. 43, Akt: Fremde Berichte, Bl. 36: HGr Rupprecht Ia Art. Nr. 1126
vom 15.10.1916.
407
Siehe ebenda, Ziff. 1 und Skizzen-Anlage 1.
408
Siehe Abschn. 3.3.
124

Der zweite Tanktyp 409 (II) erinnert nur in bescheidenstem Ausmaß an das
Original. Auffällig ist allerdings, daß keinerlei Räder am Heck, stattdessen
aber ein durch Zahnräder angetriebener, umlaufender „Radgürtel“,
verzeichnet wurde. Möglicherweise kam dieser Typus durch Beobachtung
eines weit von den Beobachtern entfernten, an- oder abgeschossenen
Fahrzeuges zustande, was die angenommenen Abmessungen des Tanks, das
Kaliber der beiden mitgeführten Geschütze mit bis zu 7,5cm und eine
Panzerung von 2,5cm erklären mag. Ein Fahrzeug diesen Typs, so wurde in
einer knappen Behandlung der Bekämpfungsmöglichkeiten gesagt, soll auf
5,5km durch eine 10cm Kanonen-Batterie mit großer Wirkung beschossen
worden sein, was die Qualitäten der Fußartillerie-Geschütze für die
Tankbekämpfung unterstrich 410 . Neben diesen würde die Verwendung
vorgeschobener Feldgeschütze und kleinkalibriger „Marine-
Landungsgeschütze“ bei der zukünftigen Bekämpfung in Betracht gezogen
werden.
Am [Link] 411 wurde durch die Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht eine
Art Zusatzerklärung zu den bisherigen Berichten über „englische
Kampfwagen“ veröffentlicht, die der Gesamtheit bis dahin eingereichter
Berichte einen im nachhinein ziemlich kuriosen Tribut zollte. Zwar hatte
man aus Gefangenenverhören die Tarnbezeichnung „Tank“ erfahren, was
der deutschen Sprache für etwa zwanzig Jahre neue Wortschöpfungen
bescheren sollte, und man hatte sogar einen Hinweis auf den technischen
Ursprung der „Tank’s“ (sic!) durch die Bezeichnung als „Cater Pillars“
bekommen, doch ungeachtet dessen kamen nun zwei zusätzliche Typen
eingesetzter Fahrzeuge zutage, welche die Schere zwischen Phantasie und
Realität noch stärker auseinanderklaffen ließen.

409
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Fremde Berichte, Bl. 36, Ziff. 2 und Skizzen-
Anlage 2.
410
Siehe ebenda, Ziff. 2: „Zur Bekämpfung auf weitere Entfernungen erscheinen ausser
Feldartillerie besonders auch 10cm und s.F.H. Batterien geeignet.“
411
Siehe ebenda, Bl. 37: HGr Rupprecht Ia Art.I Nr. 1248 vom 21.10.1916. In der
Zweitüberlieferung in HStAS, M 33/2, Bü. 307 findet sich als Verteiler AOK 4 Fussa. Nr.
192.16.I. Das Dokument erreichte am 4.11.1916 das GK [Link] und seine unterstellten
Divisionen.
125

Der erste Typ 412 (III) kommt dem Original dem Eindruck und den heute
verifizierbaren Informationen nach am nächsten und hatte äußerlich
Ähnlichkeit mit dem früher genannten, neun Meter langen Riesen-Tank des
Typ I. Abgesehen von den diesmal zu gering bemessenen Dimensionen des
Fahrzeuges 413 waren das Paar hinterer Steuerräder, die umlaufenden
Gleisketten, die seitlichen Waffengondeln, die Art der Bewaffnung eines
„männlichen“ Mark I, der „100 PS Petroleum-Motor“, die Besatzung mit
einem Offizier und sieben Mann, ja sogar mitgeführte Brieftauben erkannt
worden.
Im deutlichsten Gegensatz zu diesem Fortschritt in der Tankerkennung
findet sich als zweiter Typ 414 (IV) eine Art gepanzertes „Ei“. Dieses
erschien in der Skizze als –vermutlich- dreirädriges Radfahrzeug mit vorne
angebrachten Kufen und wenigstens einem hinteren Rad, das sich im Sinne
eines Schaufelrads in den Boden gegraben haben soll, um den Tank
vorwärts zu bewegen. Laut den von einem hervorragenden Chronisten des
ersten Tankeinsatzes, Pidgeon, 1995 publizierten Informationen, handelte es
sich bei diesem „Ei“ um das Ergebnis der Beobachtungen eines
Vizefeldwebels am [Link] 1916 415 .
Die verschiedenartige Ausführung und die Eiform des „englischen
Kampfkraftwagens“ kursierte noch einige Zeit 416 . Deshalb ist es auch zur
Illustration der Schwierigkeiten, denen sich die deutsche Seite bei der
Aufklärung des Mysteriums Tank gegenübersah, nicht unbegründet, auf
diese Informationen näher einzugehen. Bei den letzten Kämpfen um
Thiepval Ende September 1916 traten, wie oben berichtet wurde 417 , zwei

412
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Fremde Berichte, Bl. 37: HGr Rupprecht Ia
Art.I Nr. 1248 vom 21.10.1916, Ziff. 1 und Anlage 1.
413
4,5m Länge, 3m Breite über alles und eine Höhe von 3m bis zum Fahrzeugdach.
414
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Fremde Berichte, Bl. 37: HGr Rupprecht Ia
Art.I Nr. 1248 vom 21.10.1916, Ziff. 2 und Anlage 2.
415
Siehe Pidgeon: Flers-Courcelette, S. 191.
416
Vom Zeitpunkt her die späteste Bezugnahme, die hinsichtlich verschiedener britischer
Tanktypen 1916/17 auffindbar war, findet sich in Frerk, Friedrich: Arrasschlacht, Aisne-
und Champagnefront, Leipzig/Siegen 1917, S. 121f. Das patriotisch-pathetisch
überfrachtete „Durchhalte-Büchlein“ erschien nach dem [Link] 1917 (siehe ebenda, S. 158).
417
Siehe Abschn. 3.3.
126

Tanks aktiv auf. Über einen liegt ein Bericht des IR 180 vor 418 , der
offensichtlich seine Zeit brauchte, um bis zur Heeresgruppe
vorzudringen 419 . Der Kommandeur des IR 180 schilderte in einem Bericht
vom [Link], daß sich am britischen Angriff vom [Link] 1916 ein
sehr langsames und bei Granattrichtern stockendes „Panzerautomobil“
beteiligt hatte:
„Länge des Panzerautomobils 5-6m. Seine Gestalt war eiförmig. Auf dem
Automobil war ein viereckiger, niedriger Aufsatz, aus dem die M.G. feuerten. Zahl
derselben konnte nicht festgestellt werden. Vor dem Panzerautomobil befanden sich
Schaufeln, die die Erde beiseite schafften. Ueber die Art der Fortbewegung des
Panzerautomobils können die Augenzeugen keine Angaben machen.“

Dies galt ebenfalls für die Annahme, daß vom Fahrzeug aus Minen
verschossen wurden und ihm bis zu 40 Soldaten entstiegen waren.
Ein vergleichbares Bild, für dessen Zustandekommen vom Verfasser keine
näheren Erklärungen gefunden werden konnten, welches aber
unüberschaubar Parallelen zum Bericht des IR 180 und dem „Ei“, Typ IV,
vom [Link] aufweist, bot ein am [Link] 1916 veröffentlichter
Artikel des Kriegsberichterstatters Dr. Dammert im „Stuttgarter Neues
Tageblatt“ 420 . Hierin wurde über die zwischen Combles und Thiepval
aufgetretenen Panzerkraftwagen gesagt, daß sie „meist die Form eines Eies“
hatten 421 . Sie bewegten sich auf Kettenbändern fort und wurden durch ein
am hinteren Ende des Wagens angebrachtes „Schwanzstück, dessen Räder
sich mit Wucht in die Grabenwand einwühlen und so das Geheuse
ruckweise vorwärts schieben“, gesteuert und bewegt 422 . Der Benzinmotor
wurde ebenfalls genannt. Auf die Unterscheidung zwischen männlicher und

418
Siehe HStAS, M 99, Bü. 142, Bl. 833: IR 180 I Nr. 427 vom 4.10.1916.
419
Da die „Eiform“ hier erstmals genannt ist, scheint der Bericht einen interessanten
Indikator für die Zeit, die Meldungen der Truppe an höhere oder höchste Dienststellen
brauchten, zu bieten.
420
Zitiert nach Baer (Hg.): Der Völkerkrieg, Bd. 19, S. 109ff.: „Die Panzerkraftwagen
(Tanks) in der Sommeschlacht.“ Ob der Verfasser des Zeitungsartikels, Dr. R. Dammert,
Augenzeuge war, er seine Informationen aus der Auslandspresse synthetisierte oder durch
deutsche Stäbe informiert wurde, muß unklar bleiben. Vergleiche Heydecker, S. 398.
421
Siehe Dammert: Panzerkraftwagen, in Baer (Hg.): Der Völkerkrieg, Bd. 19, S. 110.
422
Siehe ebenda.
127

weiblicher Version kam der Verfasser nicht zu sprechen, erwähnte


allerdings, daß die Waffen in „seitlichen schwalbenartigen Türmen“ 423
untergebracht waren. Über die von Dammert erwähnte Gefangennahme
eines als „Monteur“ bezeichneten Besatzungsmitglieds eines Tanks kann
nur spekuliert werden 424 . Im Zusammenhang mit dem von Dammert
genannten eiförmigen Fahrzeug müßten seine Aussagen jedenfalls als
gezielte Fehlinformation gewertet werden.
Einen wesentlichen Fortschritt bei der Klärung des Mysteriums „englische
Panzerkraftwagen“ bedeutete die Drucksache vom [Link] 1916 nicht
nur hinsichtlich der Annäherung der Fahrzeugbeschreibungen an den Mark
I, sondern auch wegen der hier erstmalig ausführlichen Beschreibung seiner
Einsatzweise und der möglichen Bekämpfungsarten. Festgestellt wurde 425 ,
daß Gewehr und Maschinengewehrfeuer gegen die Tanks wirkungslos
waren und mit Handgranaten nur im günstigsten Fall etwas erreicht werden
konnte. Angenommen wurde, daß geballte Ladungen eventuell mehr Erfolg
haben könnten, falls sie durch „im Werfen geübte Leute“ gebraucht und „in
größeren Mengen bereit liegen“ würden. Minenwerfer seien für die
Bekämpfung weniger geeignet. Einzelne Geschütze mit einem Kaliber von
bis zu 7,7cm, die „möglichst gedeckt hinter dem zweiten Graben
aufzustellen sind, um von hieraus flankierend die Panzerkampfwagen auf
nahe Entfernung unter Feuer nehmen zu können“, versprachen mehr Erfolg.
Die Verluste, die bei diesen Geschützen im Artilleriefeuer zwangsweise
eintreten würden, sollten getrost in Kauf genommen werden, da der durch
Tanks mögliche Schaden für die Truppe unzweifelhaft erheblich sein würde.
Die Einteilung in eine artilleristische Nah- und Fernbekämpfung der Tanks
durch die Feld- beziehungsweise die schwere Artillerie wurde an dieser
Stelle erstmalig angeführt, ebenso Überlegungen, ob man mit „Bewegungs-

423
Siehe ebenda.
424
Pidgeon zitierte die möglicherweise erste Gefangenenbefragung, wobei das
entsprechende Dokument des NO AOK 6 vom 18.9.1916 angab, es handele sich um einen
Angehörigen des MMGC. Ob es ein „Monteur“ war, bleibt fragwürdig. Siehe Pidgeon:
Flers-Courcelette, S. 187.
425
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Fremde Berichte, Bl. 37: HGr Rupprecht Ia
Art.I Nr. 1248 vom 21.10.1916, Abschnitt „Bekämpfung“.
128

Hindernissen“, also Mitteln der späteren „passiven Tankabwehr“,


Panzerwagen unschädlich machen könne 426 .
Bis zur abschließenden Beantwortung der zahlreichen und bislang
unbeantworteten Fragen, die sich der deutschen Führung zu diesem
Zeitpunkt stellten, sollten noch einige Monate vergehen. Doch an der
Gefahr, welche von den Tanks ausging, gab es offenbar keine Zweifel 427 .
Programmatisch ergaben sich daraus zwei Ansatzpunkte, die aus einem
Schreiben Ludendorffs an das Kriegsministerium vom [Link] 1916
überaus deutlich hervorgehen:
„Ich bitte daher die Konstruktion und die Massenfertigung von Kampfwagen für
uns so zu beschleunigen 428 , daß die Armeen an den Hauptbrennpunkten des
Kampfes sobald als irgend möglich damit ausgestattet werden können. Gleich
wichtig ist aber die schleunige Ausstattung dieser Fronten mit einer wirkungsvollen
Abwehrwaffe.“ 429

4. „Ein lohnendes Ziel“. Die Geburtsstunde der deutschen


Tankabwehr, 1916/17.

Die eigentliche Geburtsstunde der Tankabwehr festzulegen, ist nicht


einfach. Sicherlich liegt es nahe, sie mit dem ersten Erfolg gegen einen
Tank am [Link] 1916 anzusetzen 430 . Jedoch handelte es sich zu

426
Siehe ebenda.
427
Zu diesem Ergebnis kam auch Pidgeon, der sich, wie bereits angeführt, der deutschen
Archivalien zum Sachverhalt in vorbildlicher Weise angenommen und sie in einem „The
German View“ benannten Kapitel ausgewertet hat: „The threat posed by the first tanks was
therefore not underestimated and it was still being closely analysed, and methods of
combating it were being studied, well into 1917.“ Zitiert nach Pidgeon: Flers-Courcelette,
S. 196.
428
Siehe Abschn. 4.3.
429
Zitiert nach Muther, S. 114. Der Bau eigener Panzerwagen war bereits am 11.10.1916
von der OHL verlangt worden; siehe RH 61/50770: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ic Nr.
36808 op. vom 11.10.1916, und Kaufhold-Roll, S. 36.
430
Siehe auch die Einschätzung Jägers: „If the old question which was here first, the
chicken or the egg? was asked of the tank or the anti-tank gun, there is no doubt: the
129

diesem Zeitpunkt um eine eindeutige Reaktion oder gar Improvisation einer


den Tanks völlig unerwartet ausgesetzten Truppe, was mit einem
planmäßigen, durchdachten Vorgehen nichts gemein haben konnte. Die im
vorherigen Abschnitt angeführte Zuweisung von Geschützen zur
431
Tankabwehr an das AOK 1 basierte ebenfalls nicht auf faktischen
Erkenntnissen, sondern auf einem Kenntnisstand, der im Vermuten
günstiger Waffenwirkung gegen das neue Kriegsgerät, von dem damals
noch so gut wie nichts bekannt war, kulminierte. Und selbst zum Zeitpunkt
von Ludendorffs Schreiben an das Kriegsministerium vom [Link]
1916 432 , das allein im Wissen um eine signifikante oder gar erschreckende
Wirkungsweise des Tanks in Form psychologischer Auswirkung und
größerer Gefangenenzahlen verfaßt wurde 433 , überwog die Anzahl der
Annahmen und Spekulationen gegenüber den Tatsachen.
Überprüft man die drei Faktoren Mittel, Einsatzkonzeption und Bewährung,
stellt man fest, daß für die deutsche Tankabwehr drei große Unbekannte
vorlagen, die mit weiteren Erkenntnissen über die technischen Grundlagen
der Tanks und die taktisch relevanten Vorkommnisse ihrer ersten Einsätze
stehen oder fallen konnten. Dementsprechend reagierte das
Kriegsministerium auf Ludendorffs Weisung zur Konstruktion von
Tankabwehrwaffen und eigenen Panzern mit der augenblicklichen
Einforderung aller Details über Tanks, derer man aus den bisherigen
Berichten und zukünftig habhaft werden konnte 434 . Es wurde mit Nachdruck
darauf hingewiesen, daß, sobald und sofern irgend möglich, Angaben über
Panzerstärken und Abmessungen bei erbeuteten oder zerstörten Fahrzeugen

antidote came first. [… .] But in World War One, for the Germans the antitank artillery
came before the tanks.” Zitiert nach Jäger, Herbert: German Artillery of World War One,
Ramsbury 2001, S. 141.
431
Siehe Abschn. 3.5.2.
432
Siehe ebenda.
433
Siehe RH 61/50770: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ic Nr. 36808 op. vom 11.10.1916, wo
dies bereits deutlich zum Ausdruck kam und zeitgleich vor einer voreiligen Überbewertung
der taktischen Bedeutung gewarnt wurde.
434
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 721: K.M. Allg. Kriegs-Dep. Nr. 193/1.17.A4. vom
11.1.1917. Das Schriftstück findet sich undatiert und offensichtlich in leicht abweichender
Form bei Muther als Anlage 3, S. 337.
130

zu überprüfen und im besten Fall durch Skizzen oder photographische


Aufnahmen zu dokumentieren seien 435 . Die ersten Äußerungen des
Kriegsministeriums zu den erfolgversprechendsten Munitionstypen der
Artillerie gegen Tanks 436 , die einem damals real gegebenen, geringen
Kenntnisstand über die Bauart der Fahrzeuge vordergründig widersprechen
könnten, belegten tatsächlich lediglich, daß man denjenigen Granaten
Effektivität zusprach, welche die größte Wirkung gegen Panzerung aller Art
hatten. Unterstrichen wurde dadurch also allein Unkenntnis, die in der
Banalität der ersten Empfehlung von Seiten des Ministeriums noch durch
die Binsenweisheit, daß die Erfolgsaussichten auf die Wirkung der
verschossenen Granaten bei schwindender Entfernung zum Ziel zunehmen
würden 437 .

4.1. Tankabwehrmittel und die Hypothese ihrer Bewährung in der


Sommeschlacht.

Den Spezialisten der Artillerie-Prüfungs-Kommission (APK) hatte das


Kriegsministerium am [Link] 1916 mit Hinweis auf Dringlichkeit den
Auftrag erteilt, die „Herstellung geeigneter Abwehrmittel“ 438
voranzutreiben. Gefordert wurde, daß es sich um handliche Waffen mit
einem Maximalkaliber von 5,7cm handeln solle, die im günstigsten Fall als
neumoderne „Wallbüchsen“ über den Grabenrand abzufeuern seien. Für die
Abwehr infanteristischer Angriffe sollten sich die neuen Waffen zudem zum
Verschießen von Kartätschen eignen. Der Auftrag stellte die APK vor die
große Aufgabe, aufgrund geringen Wissens über die mit einem neuerdings
gepanzerten Gegner verbundenen Anforderungen ein möglichst simples,
aber äußerst leistungsfähiges Multifunktionsgeschütz mit neuartiger

435
Siehe ebenda, Ziff. 8.
436
Siehe ebenda, Ziff. 2-3.
437
Siehe ebenda, Ziff. 1.
438
Siehe Zitat aus der Anordnung des KM bei Muther, S. 115: „Die englischen
Panzerwagen haben sich als eine Waffe erwiesen, deren Wirkung nicht unterschätzt werden
darf. Die Herstellung geeigneter Abwehrmittel ist besonders wichtig.“
131

Munition zu entwickeln, während gleichzeitig auf die angespannte


Rüstungslage 439 zu achten war.
Ohne auf die Ergebnisse der APK oder weitere Informationen zum Tank zu
warten, suchte die OHL nach einer schnellen Lösung, wie man sie mit der
ersten Entsendung kleinkalibriger Geschütze an die Somme zuvor schon
vollzogen hatte. Wenn auch angesichts der stark variierenden Angaben über
die Panzerung der Tanks (9,3- 25 oder gar 30mm 440 ) nicht mit Gewißheit
gesagt werden konnte, ob diese Geschützarten gegen alle Panzertypen und
Panzerungen wirksam sein konnten, bedeuteten sie eine Verstärkung. Um
diese weiter zu steigern und mit dem Kaliber auf eine sichere Seite zu
gelangen, lag es nun nahe, Geschütze größeren Kalibers zu nutzen. Die
Aufstockung der Anzahl sinn- und auftragsgemäß am nächsten an einer
Tankabwehrwaffe liegenden Infanteriegeschütze wurde noch Ende 1916
beantragt 441 . Ihre Beschaffung als Spezialgeschütz einer 7,7cm Kanone
L/20 war rüstungstechnisch scheinbar nicht zu gewährleisten, und daher
wurden mit überzähligen Rohren der bei der Feldartillerie gebräuchlichen
7,7cm Feldkanone 96 neuer Art (FK 96 n/A) 442 , verschiedenen Lafetten und

439
Siehe ebenda: „Es muß betont werden, daß bei der Lage der deutschen Waffenindustrie
nur ganz einfache, leicht herzustellende Konstruktionen dem Zweck entsprechen würden.“
Verschärfend mußten die Anforderungen des „Hindenburg-Programms“ hierauf wirken;
siehe RA, Bd. 12, S. 18ff.
440
Später wurden 10-30mm für möglich gehalten; siehe Armeeoberkommando 6 (Hg.):
AOK 6 Art. I. Nr. 98452 vom 25.3.1917: Anweisung der Bekaempfung der feindl.
Panzerkampfwagen (Tanks) durch Artillerie (Nachweis über Bibliothek des MGFA,
Signatur 53000), S. 2f., Ziff. 5.
441
Siehe Muther, S. 66. Cron erwähnt den Vorgang nicht.
442
Das Geschütz wurde bei der Feldartillerie ab Frühjahr 1917 durch eine für den
Stellungskrieg durch größere Reichweite geeignetere Feldkanone, die 7,7cm FK 16,
ergänzt. Zu einer vollständigen Verdrängung der FK 96 n/A kam es bis Kriegende nicht,
und der Unterschied beider Geschütztypen vor allem hinsichtlich ihres Gewichts (1.020Kg
zu 1.325Kg bei der FK 16) spielte im Rahmen der Tankabwehr keine Rolle. Inwieweit die
Anfang 1917 begonnene Ausgabe der FK 16 das Freiwerden von Rohren der FK 96 für
Infanterie- und Nahkampfgeschütze positiv beeinflußte, muß so unklar bleiben wie die
Möglichkeit, daß die Erkenntnis eines zu geringen Rüstungsvolumens zum vollständigen
Ersatz der älteren Kanonen Auswirkungen auf das Ende der Nahkampfbatterien hatte. Zu
den beiden Geschütztypen siehe Linnekohl, S. 74 und S. 219.
132

Rohrwiegen Infanteriegeschütze mit kurzem Rohr (L/27) und niedriger


Silhouette improvisiert.
Nachdem seit dem [Link] 1917 der Mark I und damit der oben als Typ
III 443 gekennzeichnete Panzerwagen mit den bisher attestierten Eigenheiten
als Standardgegner angenommen werden konnte 444 , wurde Anfang Januar
1917 die Aufstellung von 50 Nahkampfbatterien (NKB) zu je sechs
Geschützen als Behelfslösung angeordnet 445 .
Basis waren auch hier FK 96 n/A, die wenigstens zum Zeitpunkt der
Zusammenführung des Materials („Gerät-Batterien“) und der Bedienungen
(„Personal-Batterien“) mit artilleristisch ausgebildetem Personal aus den
Feldartillerie-Formationen bemannt wurden 446 . Ausdrücklich und auf allen
Befehlsebenen wurde gefordert, gerade bei der Auswahl der Offiziere und
Richtschützen höchste Maßstäbe anzulegen, damit die selbständig
agierenden Geschützbedienungen ihren taktisch wie disziplinartechnisch
oder „moralisch“ fordernden Aufgaben als auf sich gestellte
Widerstandsinseln im Trubel einer durch Tankeinsatz geprägten Schlacht
gewachsen sein könnten 447 . Was die Erfüllung dieser Aufgaben praktisch

443
Siehe Abschn. 3.5.2.
444
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Eigene Berichte und Verfügungen, Bl. 39: HGr
Rupprecht Ia. Art. I. Nr. 1919 vom 3.1.1917. Der Bericht verweist auch auf größer
dimensionierte, stärker bewaffnete und gepanzerte Tanks von 10 bis 11m Länge, die nach
Gefangenenaussagen in Zukunft auftreten würden. Siehe dazu auch HStAS, M 33/2, Bü.
581: N.O. 1 Nr. 2596 vom 1.1.1917 mit dem Hinweis auf das wahrscheinliche Auftreten
der verbesserten Tanks in der kommenden Frühjahrsschlacht. Siehe auch AOK 6 Art. I. Nr.
98452 vom 25.3.1917, S. 2f., Ziff. 2-6.
445
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 721 [auch in Bü. 307 auffindbar]: Chef d. Genst. d.
Feldheeres Ic/II Nr. 43710 op. vom 10.1.1917 und siehe Cron,: Geschichte des deutschen
Heeres, S. 151f.
446
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 721: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ic/II Nr. 43710 op. vom
10.1.1917, ebenda, AOK 1 Ia Nr. 28459 vom 19.1.1917 und ebenda, Gruppe C (GK
[Link]) Abtg. Ia Nr. 1100 vom 22.1.1917. Trotz aller späteren Einwände in den
Erfahrungsberichten der NKB verweist die Bitte des FAR 74 um Rückversetzung der
überstellten, gut ausgebildeten Mannschaften auf diesen Umstand; siehe KA, HGr
Rupprecht, Bd. 43, Akt: 41, Bl. 20113.
447
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 721: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ic/II Nr. 43710 op. vom
10.1.1917, Ziff. 5), ebenda, AOK 1 Ia Nr. 28459 vom 19.1.1917 und ebenda, Gruppe C
(GK [Link]) Abtg. Ia Nr. 1100 vom 22.1.1917.
133

sehr schwierig gestalten mußte und auch sollte, war die kuriose und vom
ursprünglichen Plan der OHL abweichende Idee 448 , daß die
Nahkampfbatterien quasi als bodenständige Verbände bei den Gruppen
formiert werden sollten. Bodenständig mußte dabei nicht nur bedeuten, daß
die Batterien fest den Gruppen zugeordnet waren, sondern auch, daß sie
tatsächlich unbeweglich waren. Die Batterien verfügten laut
Stärkenachweisung über keine Protzen und Munitionswagen für die
Geschütze und über lediglich vier Zugpferde als Bespannung für einen
Lebensmittel- und einen Packwagen 449 . Das Bespannungsproblem konnte
bei Bewegungen im Gruppenbereich sicher durch die kurzfristige Zuteilung
von Pferden gelöst werden, doch bei Verschiebungen über diesen
Befehlsraum hinaus mußten Schwierigkeiten vorprogrammiert sein. Als
mobile Tankabwehr-Reserve der OHL, für die sie nach Aussagen in der
Tankabwehrvorschrift des AOK 6 vom 25.März 1917 gedacht sein
mußten 450 , waren die Nahkampfbatterien ausstattungstechnisch jedenfalls
denkbar schlecht gerüstet.
Der Weg zu einer speziellen „Tankabwehrkanone“ (Tak) dauerte bis weit
ins Jahr 1918 451 , was sich vor allem –neben den hohen Anforderungen an
eine Neukonstruktion- wohl auch daraus ergab, daß man einen Zufallsfund
an der Westfront machte, der vorläufig von den Sorgen entband, kostbare
Ressourcen für Neuentwicklungen freigeben zu müssen 452 und davon

448
Am 10.1. war angeordnet worden, daß die AOK bei der Aufstellung, Ausbildung und
Verteilung der NKB die ausschlaggebenden Instanzen darstellen sollten. Wie in einer
Anordnung des AOK 1 vom 19.1. aber deutlich wird, wurde der praktische Teil der Arbeit -
samt Vorschlägen für die Verteilung und Zuweisung- an die Gruppen delegiert; siehe
HStAS, M 33/2, Bü. 307: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ic/II Nr. 43710 op. vom 10.1.1917,
Ziff. 4.)ff.
449
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 721: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ic/II Nr. 43710 op. vom
10.1.1917, Anlage. Die Batterien sollten eine Stärke von 1 Leutnant, 1
Offizierstellvertreter, 1 Vizewachtmeister, 8 Unteroffizieren, 8 Gefreiten, 46 Gemeinen und
3 Trainsoldaten haben. Sanitätspersonal und eine Feldküche waren nicht vorgesehen.
450
Siehe Abschn. 4.2.
451
Siehe Kap. 13.
452
Eine Anordnung an die APK, ihre Arbeit an neuen Tankabwehrgeschützen einzustellen
oder mit weniger Anstrengungen weiterzuführen, konnte in den vom Verfasser
eingesehenen Archivalien nicht aufgefunden werden.
134

freisprach, sich mit den bisher getroffenen Maßnahmen auf einem


gefährlich unsicheren Weg zu befinden. Im Februar 1917 gelangten
französische Dokumente in deutschen Besitz, die sich mit der Möglichkeit
eines deutschen Tankangriffs und den dagegen zu ergreifenden Maßnahmen
befaßten 453 . Aus ihnen ging hervor, daß die französische 37mm Kanone M
1916, ein Kleingeschütz, das von der Infanterie im Schützengraben genutzt
wurde 454 , ein wirksames Abwehrmittel darstelle und die Panzerung der
Tanks außerdem mit Stahlkernmunition der Infanteriewaffen zu
durchschlagen wäre 455 . „Daher“, so urteilte das AOK 6 in der scheinbar
ersten gedruckten Tankabwehrvorschrift des Heeres später, „darf man mit
unseren groesseren Kalibern auf sicheren Erfolg rechnen“ 456 . Auch wenn
man diesen Rückschluß an sich als gewagt kennzeichnen muß, sprach das
Spektrum der zur Tankabwehr zur Verfügung stehenden artilleristischen
Waffen, die von der APK umgehend durch spezielle
Panzerabwehrgranaten 457 bis zum Kaliber 7,7cm ergänzt werden sollten,
dafür, sich auf einer sicheren Seite zu befinden.

453
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 307: Chef d. Genst. d. Feldheeres Nr. [Link]. vom
25.2.1917. Siehe auch Muther, S. 67 und S. 114, und Kosar, Franz: Panzerabwehrkanonen
1916-1977, Stuttgart 1977, S. 48.
454
Die deutsche Entsprechung war die 3,7cm Graben-Kanone, die vereinzelt als
Grabenartillerie zur Abwehr von Infanterie und zur Bekämpfung von Stützpunkten und
MG-Nestern genutzt wurde.
455
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 307: Chef d. Genst. d. Feldheeres Nr. [Link]. vom
25.2.1917. Bemerkenswert ist hierbei, daß vielleicht zum ersten Mal überhaupt der Faktor
der Belehrung der deutschen Truppen als Gegengewicht zur moralischen Wirkung der
Tanks von Ludendorff gefordert wurde. Siehe Abschn. 7.2. der vorliegenden Arbeit.
456
Siehe AOK 6, Art. I. Nr. 98452 vom 25.3.1917, S. 5, Ziff. 14.
457
Namentlich die 7,7cm Kanonen-Granate 15 mit Panzerkopf ([Link]. 15 m.P.) und
Hartkerngeschosse für die kleineren Kaliber. Die Leistungsdaten der [Link]. 15 m.P.
versprachen bei einem Aufschlagswinkel von 90 Grad noch über 2.000m, bei 60 Grad bis
zu 2.000m durchschlagende Wirkung auf Panzerplatten von 40 beziehungsweise 35mm;
siehe Muther, Anlage 8 zum „Panzerplattenbeschuß der A.P.K. mit Geschützen der leichten
Artillerie“, S. 353. Britische Dokumente verweisen längst nach Auflösung der NKB auf die
Zuweisung dieses Munitionstyps; siehe General Staff (Intelligence): Notes On German
Shells, General Headquarters 1st May, 1918, S. 80, und AOK 6 Art. I, Nr. 98452 vom
25.3.1917, S. 8, Ziff. 27.
135

Die Panzerung der feindlichen Tanks war, gemessen an den Möglichkeiten


der artilleristischen Tankabwehr, gering, und dies erklärte auch den Erfolg
gegen sie in der Sommeschlacht, als es zum direkten Duell zwischen
Panzerwagen und den Standardmodellen der Feld- und Fußartillerie
gekommen war. Auf Grundlage dieser Erkenntnis und ihrer Untermauerung
durch die erbeuteten Dokumente mußte davon ausgegangen werden, daß die
Bewährungsphase bereits abgeschlossen worden war und man mit dem
Stand von Februar/März 1917 allen bekannten Bedrohungen gegenüber
artilleristisch im Vorteil war: Mit den neuen Munitionsarten wurde den
7,7cm Nahkampfgeschützen die effektive Reichweite von 1.500m, den 5cm
Kanonen von 1.000-1.200m und den 3,7cm Kanonen von 6-800m
gegenüber der maximal angenommenen Panzerung zugestanden 458 . Mit
einer derartigen „Leistungsreserve“ der Geschütze, die sich aus der
tatsächlich zu stark angenommenen Panzerung der Tanks ergab, sah man
auch den von Kriegsgefangenen 459 angekündigten verbesserten
Fahrzeugmodellen ruhig entgegen.
Für die Infanterie konnte man den französischen Beutedokumenten
entnehmen, daß zumindest mit dem „Spitzgeschoß mit Kern“ (SmK) für
Gewehr und Maschinengewehr etwas auszurichten sein dürfte. Diese
Munition war bereits früher zur Bekämpfung von Zielen hinter
Panzerschutz, etwa Stahlschilden, entwickelt worden 460 und drängte sich für
den Kampf gegen Tanks auch auf. Sie war in der Produktion allerdings
teuer, was ein Maß an „Haushalten“ und damit keine allzu große
Verbreitung voraussetzte 461 . Die Durchschlagleistung gegen Stahlplatten
betrug bei einem Auftreffwinkel von 90 Grad 11mm auf 100m und 9mm auf
200m 462 . Von einer alleinigen oder primären infanteristischen Tankabwehr

458
KA, HGr Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0001: Merkblatt der HGr Rupprecht zu
Tankabwehrgeschützen und deren Wirkungsweisen vom 7.4.1917.
459
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 581: N.O.1. Nr. 2596 vom 1.1.1917 und ebenda, Bü. 721:
HGr Rupprecht Ia Art. I. Nr. 1919 vom 3.1.1917.
460
Siehe Weeks, John: Men Against Tanks. A History of Anti-Tank Warfare, New York
1975, S. 22, und Eckhardt, Werner/Morawietz, Otto: Die Handwaffen des brandenburgisch-
preußisch-deutschen Heeres 1640-1945, Hamburg 1957, S. 52.
461
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 55.
462
Siehe Eckhardt/Morawietz: Handwaffen, S. 52.
136

mit Minenwerfern, Maschinengewehren oder auch geballten Ladungen


versprach man sich angesichts der Erfahrungen aus der Sommeschlacht
keinen sicheren Erfolg 463 .
Wahrscheinlich in erster Line, um die bis April 1917 noch bestehenden
Fragen bei nächster Gelegenheit beantworten zu können und um die
Motivation aller Truppen bei der Tankbekämpfung zu steigern, setzte man
für die Zerstörung von Tanks Prämien aus. Solche Gelder wurden
gewöhnlich als Vergütung für das Sammeln oder Erbeuten kriegswichtiger
Rohstoffe, Waffen und Munition an die abliefernden Einheiten als Kollektiv
ausgezahlt, wobei laut einer Aufstellung von November 1916 die
Einbringung eines schweren oder mittleren, gezogenen Minenwerfers mit
300 Reichsmark mit Abstand am höchsten vergütet wurde 464 . Die
Aufmerksamkeit, die dem Phänomen Tank entgegengebracht wurde,
spiegelt sich demnach auch in den 500 Reichsmark wieder, die ab dem
[Link] 1916 für einen Tankabschuß an einen Truppenteil ausgezahlt
werden sollten 465 .

463
Siehe AOK 6 Art. I, Nr. 98452, S. 4, Ziff. 13. Die Unsicherheit gegenüber den
Wirkungsmöglichkeiten der infanteristischen Tankbekämpfung fand ihren Ausdruck auch
darin, daß der Aspekt Tankabwehr in der neuen „Ausbildungsvorschrift für die
Fußtruppen” (A.V.F. 1917) keinerlei Berücksichtigung fand und erst nach der Schlacht von
Cambrai in den zweiten Entwurf der Vorschrift integriert wurde.
464
Siehe Fischbacher (Bearb.): Nachtrag zu dem Nachschlagewerk über: Die
Kriegsgebührnisse des Heeres. Abgeschlossen am [Link] 1916, Berlin 1916, S. 56,
Nr. 21. Wenngleich es sich bei den Geldern nicht um Zahlungen an einzelne Soldaten
handelte, sollten sie ihnen dennoch als Teil der Kompanie- oder Batteriekassen, etwa zum
Erwerb von Marketenderwaren, als Preisgelder bei Sportveranstaltungen oder zur
Ausrichtung von Festivitäten zugute kommen können.
465
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter: Kampfwagen-Abwehr, S. 9f. Für
Bayern ließ das Kriegsministerium am 10.2.1917 verlautbaren, daß der König der
„Kompanie usw.“, die einen feindlichen Tank außer Gefecht setzt, 500RM Geldprämie
zusagte. Grundlage der Bewilligung war vor allem ein ausführlicher Bericht über den
Vorgang samt Skizze, der dem Kriegsministerium nach Prüfung durch vorgesetzte
Dienststellen zukommen sollte; siehe KA, PiBtl 14, Bd. 6: Kriegsministerium München Nr.
18634 vom 10.2.1917. Belegt ist die Tankprämie vielfach, u.a. in einem Bericht der NKB
206, wo auf ausstehende 2.500RM für die Vernichtung von fünf Tanks am 11.4.1917
hingewiesen wurde; siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: 41, Bl. 18666.
137

4.2. Die Konzeption der Tankabwehr.

Auf der Basis der angenommenen Bewährung der vorhandenen,


artilleristischen Waffen in der Sommeschlacht und aufgrund der ersten
Vorschläge zur Tankabwehr veröffentlichte die OHL am 16.März 1916 eine
Weisung über „Besondere artilleristische Hinweise“, die sich im dritten
Abschnitt dem Beschießen von Tanks widmete 466 . Darin standen drei
Aspekte im Vordergrund: Erstens, daß die artilleristische Tankabwehr
vollständig organisiert sein mußte, um die angemessene Feuerverteilung und
Feuerleitung im Gefechtsabschnitt zu gewährleisten, zweitens, daß die
Tanks, die in Zielstreifen von Batterien auftreten, augenblicklich mit allen
Geschützen bekämpft werden müssen, und drittens, daß das Bewußtsein für
die Notwendigkeit von „Kaltblütigkeit“ und von Gewißheit auf
Abwehrerfolg bei Infanterie und Artillerie gleichermaßen ausschlaggebend
für ein positives Ergebnis waren 467 . Die Anweisung blieb hinsichtlich
Details recht vage, besonders was den dritten Punkt und die der Infanterie
zur Verfügung stehenden Abwehrmittel anging. Daß den im Verteiler
aufgeführten Ausbildungsstäben der Artillerie und jedem Truppenteil der
Infanterie –bis hinab zu den Bataillonen- daraus eine gewisse Freiheit, aber
auch Unsicherheit bei der praktischen Umsetzung dieser Richtlinien
erwachsen mußte, kann sicherlich unterstellt werden 468 .
Am 25.März 1917 schuf das AOK 6 eine neunzehnseitige „Anweisung der
Bekaempfung der feindl. Panzerkraftwagen (Tanks) durch Artillerie“ 469 .

466
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 573: Chef d. Genst. d. Feldheeres II Nr. 47850 op.
([Link]) vom 16.3.1917, Ziff. 3.
467
Siehe ebenda: „Allgemein ist zu erwarten, daß die Tanks sehr schwerfällig und langsam
sind, vorzügliche Ziele bieten und trotz Panzerung sehr verletzlich bleiben. Ein Grund zur
Beunruhigung liegt nach allen Versuchsergebnissen bei guter Organisation der Abwehr
nicht vor. Selbstverständlich müssen aber Artillerie und Infanterie die Nerven behalten und
mit Ruhe ihren Angriffen entgegensehen. [...;] die Infanterie muß wissen, daß sie sich im
Einzelfall zur Not noch allein helfen kann.“
468
Siehe auch Abschn. 7.2.
469
Siehe AOK 6, Art. I. Nr. 98452 vom 25.3.1917: Anweisung der Bekaempfung der
feindl. Panzerkampfwagen (Tanks) durch Artillerie. Nebenbei sei angefügt, daß die
Vorschrift trotz der Begrifflichkeit „Panzerkampfwagen“ im Titel den ersten
durchgehenden Gebrauch der Bezeichnung „Tank“ in offiziellen Dokumenten enthielt.
138

Wie die der Vorschrift vorangestellte Reihe von Bestimmungen der


Heeresgruppe Rupprecht und des Chefs des Generalstabes des Feldheeres
zwischen November 1916 und März 1917 nochmals deutlich zeigt 470 ,
bestand auf Seite der höheren und höchsten Führung ein dezidiertes
Interesse an der Tankabwehr. Den Grund dafür legte das AOK 6 in den
ersten Zeilen seiner Anweisung dar:
„Tanks sind zukuenftig an Angriffsfronten in grosser Anzahl und verbesserter
Form bei den Englaendern und wahrscheinlich auch bei den Franzosen zu
erwarten.“ 471

Nach dem Resümee der bisherigen Darstellungen über Fahrzeugart(en) 472 ,


Bewaffnung, Besatzung und Mobilität 473 widmete sich die Anweisung den
aufgetretenen Verwendungsarten. Hierbei schlugen sich die mechanisch-
organisatorischen Probleme auf britischer Seite 474 derart nieder, daß ein
breites Spektrum von Vorkommen und taktischer Verwendung der Tanks,
vor, hinter, nach oder zusammen mit der Infanterie, angenommen wurde 475 .
Das Zurück- oder Stehenbleiben von Tanks im Gefecht führte man auf die
Qualität der Fahrzeuge als dauerhafte Stützpunkte und, viel zutreffender, auf

470
Ebenda, S. 1f. Im Gegensatz etwa zu HStAS, M 33/2, Bü. 573: Chef d. Genst. d.
Feldheeres II Nr. 47850 op. ([Link]) fehlt der Anweisung zur Tankbekämpfung des
AOK 6 ein Verteiler. Dennoch kann aufgrund der Ausfertigung als gedruckte, mehrseitige
Vorschrift, die u.a. auch die einzig auffindbare praktische und detaillierte
Gebrauchsanweisung für Nahkampf- und sonstige Sondergeschütze von Seiten eines AOK
enthält, kaum strittig sein, daß sie für weite Verbreitung im Heer vorgesehen war.
471
Siehe AOK 6, Art. I. Nr. 98452, S. 2, Ziff. 1. Die Aufstellung französischer
Tankverbände nahm man schon seit November 1916 an, wie ein früherer Hinweis auf eine
„artillerie d’assault“ belegt; siehe HStAS, M33/2, Bü. 307: HGr Rupprecht Ia Art. I Nr.
4219 vom 17.11.1916.
472
Grundsätzlich gemäß Typ III (s.o.) als männliche und weibliche Version. Einen
interessanten Zusatz stellte die Vermutung dar, daß der britische Tank zum „Abblasen von
Gas“ geeignet sei. Hieraus formulierte das AOK 6 die Maxime, daß Gasmasken
bereitgehalten werden müssen, wenn mit einem Tankangriff zu rechnen sei; siehe AOK 6,
Art. I. Nr. 98452, S. 2, Ziff. 2. und S. 8, Ziff. 25 und HStAS, M 33/2, Bü. 721: HGr
Rupprecht Ia Art. I Nr. 8000 vom 18.1.1917, Ziff. 8.
473
Siehe AOK 6, Art. I. Nr. 98452, S. 2f., Abschn. A.I.
474
Wie sie von deutschen Beobachtern etwa für das uneinheitliche Vorstoßen am
[Link] 1916 bemerkt worden waren.
475
Siehe AOK 6, Art. I. Nr. 98452, S. 3, Ziff. 8.
139

mögliche Pannen zurück 476 . Die Hauptangriffsziele der Tanks waren


„Stuetzpunkte, Maschinengewehre, Scharfschuetzen und
Batteriebedienungen“ 477 , die sie unter zugegebenermaßen geschickter
Ausnutzung des Geländes und der Sichtverhältnisse angingen. Die
Fahrzeuge wurden offensichtlich erst kurz vor dem Angriff nahe an die
Angriffsziele herangebracht und nutzten das Morgengrauen, um plötzlich
und unmittelbar in das Geschehen eingreifen zu können 478 .
Zu diesen Bemerkungen der Anweisung ist aus heutiger Sicht zu sagen, daß
sie ein erstaunlich realitätsnahes Abbild der bisherigen Tankoperationen
boten und, wenn im Detail damals noch nicht endgültig bewiesen,
nachvollziehbar und vorstellbar, so doch nahezu alle Grundsätzlichkeiten
der späteren Einsätze zwischen dem Debakel von Cambrai 1917 und dem
katastrophalen „schwarzen Tag“ 1918 vorwegnahmen. Das Morgengrauen,
dem man gedanklich den mancherorts sehr dichten Morgennebel sowie
dessen Verstärkung durch künstlichen Nebel beiordnen kann, die Nähe zu
den Angriffszielen durch verdecktes oder –später jedenfalls- unbemerktes
oder unbeachtetes Einfließen in Bereitstellungsräume sowie die größere
Anzahl beteiligter Tanks sind in diesem Zusammenhang äußerst
bemerkenswert und verweisen auf Bedingungen, wie sie in den drei großen
Tankschlachten tatsächlich auch vorliegen sollten 479 .
Die Bekämpfung der Tanks sollte primär Aufgabe der Artillerie sein, der
sich wegen der „langsamen Fortbewegung [ 480 ] und Groesse ein lohnendes

476
Siehe ebenda, S. 3f, Ziff. 9 und 10.
477
Siehe ebenda, S. 3, Ziff. 9.
478
Ebenda, S. 4, Ziff. 11 und 12.
479
Siehe Kap. 9., 11. und 12.
480
Diesem heute sicher zuzubilligenden und damals schon als feste Grundlage
angenommenen Umstand der langsamen Fortbewegung widersprachen einlaufende
Berichte noch Ende März 1917. Zu einem kleineren Tankeinsatz (5 Fahrzeuge) bei Villers-
Faucon am 27.3.1917 schrieb ein Augenzeuge: „Für deckungslose Infanterie ist das
Fahrzeug, wenn es überraschend auftritt, zweifellos ein gefährlicher Gegner. Seine
Bekämpfung durch Artillerie wird durch die große Geschwindigkeit, mit der es sich
bewegt, sehr erschwert.“ Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 126, Akt: 211, Bl. 0001: AOK 1
Ia Nr. 2478 geheim vom 29.3.17.
140

Ziel“ bieten mußte 481 . Abhängig von den Geschütztypen, welche von der
Fußartillerie und Feldartillerie gebraucht wurden, ergaben sich zwei
grundlegende Bekämpfungsarten, die im Oktober bereits vom Stabschef der
Heeresgruppe Rupprecht, von Kuhl, angeführt worden waren 482 , nämlich
die Fern- und die Nahbekämpfung.
Neben den Berichten von Augenzeugen und ersten Analysen der Vorgänge
konnte nun auch auf Ergebnisse von Truppenversuchen 483 zurückgegriffen
werden. Die Waffen der schweren Artillerie, weittragende Kanonen und
großkalibrige Steilfeuergeschütze, wurden für eine geradezu prophylaktisch
wirkende Bekämpfung auf große Entfernung als ideal angesehen, wobei ihre
Aufgaben klar definiert wurden:
„Haupterfordernis: fruehzeitiges Erkennen und Bekaempfen: (dies bester Schutz
gegen Tanks). Endziel: Vernichtung durch Massenfeuer ganzer Batterien, bevor
Tanks zum Nahangriff uebergehen.“ 484

Vorbedingung für dieses Verfahren war eine hervorragend arbeitende


Beobachtung, die Batterien das Erscheinen von Tanks in ihren für
Tankbekämpfung zugewiesenen Zielstreifen schnell melden konnte, und
eine klare Feuerleitung. Auf die Auswirkungen des Großkampfes, nämlich
den Verlust ganzer Batterien oder die Unmöglichkeit für diese, sich der
Tankabwehr im Feuer der feindlichen Geschütze zu beteiligen, wurde
hingewiesen. Der Lösungsansatz für diese sehr wahrscheinlich auftretenden,
praktischen Schwierigkeiten kam recht lapidar geäußert daher und
konzentrierte sich auf die Forderung, daß für ausgefallene Batterien andere
einspringen sollten 485 . Die Annahmen für die Beobachtung, die mit
Fliegern, Ballonen und Erdbeobachtungsstellen arbeiten sollte, entbehrten

481
Siehe AOK 6, Art. I. Nr. 98452, S. 4, Ziff. 14. Über die Möglichkeiten der Infanterie
war man noch im Zweifel.
482
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Fremde Berichte, Bl. 37, Abschnitt
„Bekämpfung“ bzw. Abschn. 3.5.2.
483
Siehe ebenda, Nr. 51: HGr Rupprecht Abt. I/Art. Nr. 9730 vom 13.2.17: Ziff 3.) d). Dort
wird von Beschußtests auf gegen ein „leider vorläufig nicht beweglich darstellbares Ziel“
berichtet. Während die Schüsse der 10cmK oft über das Ziel hinausgingen, war die
Wirkung der schweren Feldhaubitzen „verhältnismäßig rasch und gut“.
484
Siehe AOK 6, Art. I. Nr. 98452, S. 6, Ziff. 19.
485
Ebenda, S. 7, Ziff. 24.
141

zudem erstaunlicherweise aber der Berücksichtigung feindlicher


Waffenwirkung. Daß der Einsatz fliegender Beobachter als
Verfahrensmaxime zwangsweise die Lufthoheit über dem Schlachtfeld
voraussetzte und auf der Erde sehr leicht auch die besten
Kommunikationsmöglichkeiten unterbrochen werden konnten, spielte in der
Anweisung keine Rolle. Vorschläge zur Koordinierung der
Tankabwehrmaßnahmen und eben auch der Feuerleitung der schweren
Geschütze vermißt man ebenfalls, wobei die fehlende Benennung speziell
Verantwortlicher besonders auffällig ist 486 . Die Verantwortung für
Tankabwehrfragen mußte dementsprechend bei den Führern der
Artillerie(n), Infanterie und Pioniere liegen, denen auf der jeweils
nächsthöheren Führungsebene kein in alle Belange eingeweihter Fachmann
als Ansprechpartner gegenüberstand.
Bei der Nahbekämpfung der Tanks mußten diese Faktoren weniger
berücksichtigt werden, da bevorzugt mit den direkt hinter der vordersten
Infanterielinie aufgestellten Einzelgeschützen gegen diejenigen Fahrzeuge
gewirkt werden sollte 487 , die der Fernbekämpfung entgangen waren 488 . Das
Überleben von derart eingebauten Geschützen und ihren Bedienungen sollte
durch Tarnung und Stillschweigen bis zum Auftreten des gepanzerten Zieles

486
Siehe ebenda. Auf der unteren Ebene werden die Führer der Nahkampfbatterien, die
„mit der Oberaufsicht über die 3,7 und 5cm Kanonen beauftragten Offiziere, sowie die
uebrigen vorgesetzten Stellen“ (S. 18f., Ziff. 56) genannt. Die Erwähnung der
Artilleriekommandeure ist zwar auffindbar (S. 19, Ziff. 57), doch bleibt eine Lücke auf
Ebene der Artillerie-(Unter-)Gruppen, der Abteilungen und Bataillone, gerade dort, wo die
Feuertätigkeit während des Gefechts geleitet und koordiniert wurde.
487
Angesichts der damals gerade ausgearbeiteten Vorschriften zur Abwehr im
Stellungskrieg, die keine „vorderste Infanterielinie“ nach früherem Verständnis mehr
kannte, bleibt diese Ortsbestimmung sehr vage. Die neue „Vorpostenlinie“ wird in der
Anweisung nicht explizit genannt, und es wird zudem noch von „Korps“ (S. 14, Ziff. 43)
gesprochen, wo „Gruppe“ der richtigere Begriff gewesen wäre. Der Befehl zur Aufstellung
der NKB enthielt die Angabe, daß die Geschütze 500 bis 1.500m hinter der vordersten
Linie zur Tank- und Sturmabwehr bereitstehen sollten; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 721:
Chef d. Genst. d. Feldheeres Ic/II Nr. 43710 op. vom 10.1.1917, Ziff. 3).
488
Siehe AOK 6, Art. I. Nr. 98452, S. 8, Ziff. 26 und S. 14, Ziff. 43 und 44.
142

im Wirkungsfeld gewährleistet werden 489 . Einer besonderen Feuerleitung


bedürfe es hierbei nicht, sondern lediglich „umsichtiger und geschickter“
Geschützführer und Richtkanoniere, die mit Argusaugen auf die Disziplin
zu achten und bei ihren Untergebenen „Verstaendnis und Interesse“ für ihre
Aufgabe zu wecken hätten 490 . In dieser Hinsicht entsprach die Vorschrift
genau denjenigen Appellen an die Kampfbereitschaft der Truppe, die schon
oft zuvor und immer wieder danach einen Hauptbestandteil von
Erfahrungsberichten bildete. Bei den Erfahrungsberichten zur
Sommeschlacht wird dies besonders deutlich. Denn trotz „Zahl und
Technik, die den Krieg zu beherrschen scheinen“, sei die willensstarke
„Einzelpersönlichkeit“ und der „unerschütterliche Willen der Unterführer
und des einzelnen Mannes“ entscheidend 491 . Daß die Überspannung dieses
Mottos, in seiner 1918 durch die Führung fast ultimativ kultivierten
Ausprägung im Zeichen einer von ihr als „Dolchstoß“ aufgefaßten Variante,
ein unerwartetes Kriegsende herbeiführen sollte, da auch deutsche Soldaten
ihren Gegnern nur bis zu einem gewissen Grad gewachsen waren, schien zu
diesem Zeitpunkt augenscheinlich undenkbar.
Für die artilleristische Nahbekämpfung von Tanks würden vor allem die
Nahkampfbatterien genutzt werden, die den Divisionen unterstellt werden
sollten 492 . Angesichts der geringen Anzahl dieser Geschütze war dies

489
Siehe ebenda, S. 10, Ziff. 34 und S. 15f., Ziff. 48. Dort, S. 16: „Von besonderer
Wichtigkeit ist es, dass die Geschuetze bis zu Beginn der Tankbekaempfung unentdeckt
bleiben. Gute Maskierung ist daher besonders noetig. Grundbedingung ist: direkte
Beobachtung und direktes Richten. Die 3,7cm-K. und 5cm K.i.P.L. [Kanone in Panzer-
Lafette] sind wie die Nahkampfgeschuetze einzeln einzusetzen.“
490
Siehe ebenda, S 13, Ziff. 38 und S. 18f., Ziff. 56.
491
Die Formulierungen finden sich in BA-MA, PH 5 II/350. AOK 5 zu Erfahrungen der
[Link] in der Sommeschlacht, S. 5, Ziff. 24.
492
Siehe ebenda, S. 9, Ziff. 29: „Je eine Nahkampfbatterie ist fuer Einsatz in einem
Divisions-Abschnitt an einer Hauptkampffront vorgesehen.“ Diese geringe Ausstattung
nahm man wohl nicht nur wegen der wenigen Geschütze und Batterien notgedrungen in
Kauf, sondern auch wegen der Effektivität, die man sich von der Fernbekämpfung
versprach. Für die Infanteriegeschütze, die im Sonderfall zur Tankbekämpfung
herangezogen werden sollten, galten den Nahkampfgeschützen vollends gleichende
Anweisungen, wie aus einer undatierten aber wohl frühen Anweisung des
143

allerdings nur dann und dort möglich, wo die OHL die besondere
Gefährdung eines Abschnittes zugestand 493 . Wie sich dieser Anspruch im
Hinblick auf die Ausstattung der Nahkampfbatterien und ihrer zuvor
attestierten Bodenständigkeit bei den Gruppen umsetzen lassen sollte, wurde
mit keinem Wort erläutert. Die Vorbereitungen für die speziellen
Feuerstellungen der Nahkampfgeschütze, die mehrere Schießscharten und
Rampen zum Herausziehen der Geschütze in offene Feuerstellungen haben
mußten, sollten dennoch in allen Divisionsabschnitten der Westfront
vorbereitet werden 494 , womit man der Möglichkeit der Vermehrung der
Tanks und ihrer Mobilität im Mindestmaß Rechnung trug.
Neben die Nahkampfgeschütze würden ergänzend die kleinkalibrigen
Waffen, 3,7cm und 5cm Kanonen, treten, die den Generalkommandos
zugewiesen werden sollten. Für sie galten dieselben Anweisungen wie für
Nahkampfgeschütze, und auch hier wurde ihre geringe Zahl
beziehungsweise der lokale Bedarf als Grundlage der Zuweisung
definiert 495 . Auch aus diesem Grund führte das AOK 6 in einem letzten
Abschnitt zur Nahbekämpfung an, daß alle Teile der Artillerie jederzeit zur
Tankbekämpfung befähigt sein müßten 496 . Sobald sich Tanks als „günstiges
Ziel“ zeigten, und erst recht bei einem direkten Angriff der Kampfwagen
auf die Batteriestellung, sollten sie augenblicklich eingreifen, gleich, ob mit
einem einzelnen oder mit allen Geschützen 497 .
Zusätzlich zur aktiven Bekämpfung der Tanks durch Infanterie, Fern- und
Nahbekämpfung umfaßte die Anweisung Elemente einer passiven
Tankabwehr. Schon durch Kuhl war dies angedacht worden 498 und auch

Kriegsministeriums hervorgeht; siehe BA-MA, RH 61/50601: KM Abt. A4 zu Nr. 1397.17


geh. A4.
493
Siehe AOK 6, Art. I. Nr. 98452, S. 11, Ziff. 35.
494
Siehe ebenda.
495
Siehe ebenda, S. 14, Ziff. 43.
496
Siehe ebenda, S. 17f., Abschn. VI.
497
Siehe ebenda, S. 17, Ziff. 54.
498
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Fremde Berichte, Bl. 37: HGr Rupprecht vom
21.10.1916, Abschn. „Bekämpfung“.
144

diverse Stäbe hatten dazu Überlegungen angestellt 499 . Nun forderte man
zumindest im Wirkungsbereich der für die Nahbekämpfung vorgesehenen
Geschütze „künstliche Hindernisse“, welche die Tanks wenigstens in ihrer
Bewegungsfähigkeit hindern können sollten 500 . Als Mittel wurden tiefe
Gräben und Baumverhaue auf Straßen empfohlen 501 , wobei keine genaueren
Angaben zur Ausführung, etwa notwendige Breite oder Tiefe der Gräben,
gemacht wurden.
Die Anweisung ist in ihren Ausführungen insgesamt recht vage gehalten,
sieht man von den genaueren Bestimmungen zur eigentlich „aktiven“
Bekämpfung, nämlich zum Schießen 502 auf Tanks, einmal ab. Wichtige
Fragen blieben offen und wurden ganz offensichtlich der Bearbeitung
untergeordneter Dienststellen oder gar der praktischen und
situationsbedingten Lösung auf dem Gefechtsfeld überlassen. Dennoch stellt
sie den konzeptionellen Abschluß der Auswertungsphase von Tankeinsätzen
während der Sommeschlacht und die Grundlage für die daran
anschließenden Konfrontationen dar. Der für die Gesamtbetrachtung der
Tankabwehr vielleicht wichtigste Punkt, nämlich der Umstand, daß die
Infanterie in die nächste Schlacht ohne eigene Abwehrmittel zog und im
Zweifelsfall sogar noch durch die eigene, artilleristische Tankabwehr würde
Opfer erleiden müssen 503 , bedarf noch vor der Schilderung des April 1917

499
Siehe etwa HStAS, M 33/2, Bü. 721: AOK 1 Ia/Art. Nr. 29191 geh. Vom 31.1.1917.
Empfohlen wurden unter Ziff. 5 („Pioniertechnische Schutzmaßnahmen“)
Straßensprengungen, die Anlage von 7-9m unter der Erde gelegenen Minenstollen und die
Bereitstellung geballter Ladungen. Inwieweit das AOK die Dimensionen der Tankgefahr in
vollkommener Naivität verkannte, steht angesichts der beiden ersten Maßnahmen und des
mit ihnen verbundenen Aufwands außer Frage. Andere Ideen müssen sicher im
Zusammenhang mit dem geringen Wissen über die Grabenüberschreitfähigkeit der Tanks
gesehen werden, so etwa der Vorschlag des Kommandeurs der Pioniere bei der Gruppe C
der [Link], Wege durch 2m breite und 1m tiefe Fallgruben zu sperren; siehe HStAS, M
33/2, Bü. 721: Gruppe C (GK [Link]) Ia. Pi. Nr. 3928/249/I. vom 7.3.1917.
500
Siehe AOK 6, Art. I. Nr. 98452, S. 9, Ziff. 33a) und S. 5, Ziff. 16.
501
Siehe ebenda, S. 5, Ziff. 16.
502
Siehe ebenda, S. 11ff., Ziff. 36ff. und S. 16, Ziff. 49f.
503
Ebenda, S. 5f. Ziff. 17: „Verluste bei unserer Infanterie durch Nahbekaempfung der
Tanks in unseren vorderen Linien vielleicht stellenweise nicht zu vermeiden. Infanterie
muss aber wissen, dass diese in keinem Verhaeltnis zu dem von unbekaempften Tanks
145

einer relativierenden Erläuterung. Die Artilleriedichte war entsprechend der


Bedeutung dieser Waffengattung im Stellungskrieg hoch, vor allem in jenen
Abschnitten, an denen größere Operationen, etwa durch Einschießen der
feindlichen Artillerie erkennbar, offenbar bevorstanden. Wie oben
angegeben, würden sich dort zusätzlich noch die Tankabwehr- und sonstige
Sondergeschütze befinden. Diese sollten, den Schußweiten angemessen,
direkt hinter oder, nach der Organisation einer für 1917 vorgesehen
neuartigen „Tiefengliederung“ 504 , innerhalb der Verteidigungszone der
Infanterie vor den Artillerieschutzstellungen stehen. Die Nähe zwischen den
beiden Waffengattungen war also gegeben, so daß die Infanterie mit direkter
und unverzüglicher Abhilfe bei Bedrohung durch Tanks würde rechnen
können 505 . Zudem mußte die Ausgangslage für die Infanterie, welche den
Tanks grundsätzlich passiv gegenüberstand, eine vorübergehende sein, denn
die APK arbeitete an neuartigen Tankabwehrwaffen auch für sie. Daß mit
der SmK-Munition, geballten Ladungen und den in der Anweisung nicht
berücksichtigten Minenwerfern 506 mehr oder weniger zuverlässige, im
Zweifelsfall aber sehr wirksame Abwehrmittel zur Verfügung standen,
sollte ferner begünstigend einberechnet sein.

verursachten Schaden [stehen], muss auch zur Ueberzeugung erzogen werden, dass sie bei
Annaeherung von Tanks ausharren kann in der sicheren Erwartung, dass Artillerie sie in
kurzer Zeit von drohender Gefahr befreien wird und so den großen moralischen Eindruck,
den die anfahrenden Tanks hervorrufen, ueberwinden lernen.“ Siehe dazu Abschn. 7.1. mit
entsprechenden Anmerkungen zu Verlusten bei den Nahkampfgeschützen bzw. KA, HGr
Rupprecht, Bd. 43, Akt: Fremde Berichte, Bl. 37: HGr Rupprecht Ia Art. I Nr. 1248 vom
21.10.1916, Abschnitt „Bekämpfung“.
504
Siehe Kap. 5.
505
Siehe AOK 6, Art. I. Nr. 98452, S. 6, Ziff. 17.
506
Vergleiche RA, Bd. 12, S. 16. Im Rahmen der Recherchen zur vorliegenden Arbeit fand
sich der erste Hinweis auf den Versuch zur Einbindung der Minenwerfer in die
Tankbekämpfung auf Divisionsebene bei der Minenwerfer-Kompanie 199, der [Link].
Hierbei wurde ins Auge gefaßt, die schweren und mittleren Werfer mittels „Tank-
B[eobachtungs]-Stellen“ in die Abwehr einzubeziehen und auch für sie die
Tankbekämpfung zur Priorität zu machen; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 721: MWK 199 Nr.
653/17 vom 6.4.1917: „Merkblatt für Bekämpfung von Tanks durch schw. und mittl.
Minenwerfer.“
146

Wie richtig das AOK 6 mit der Masse seiner Annahmen und Anordnungen
vorerst lag, sollte es drei Wochen nach Herausgabe der Anweisung selbst
belegen können, da es unter Generaloberst Freiherr von Falkenhausen und
seinem Stabschef, Generalmajor von Nagel, im April 1917 im Mittelpunkt
der „Osterschlacht bei Arras“ stehen sollte.

4.3. Ein Exkurs zum deutschen Tankbau.

Die „Konstruktion und die Massenfertigung von Kampfwagen“ für das


deutsche Heer war von Ludendorff Anfang Oktober 1916 eingefordert
worden 507 , ebenso, Ende des Monats, die Herstellung von Abwehrwaffen.
Auf beiden Sektoren wurden die Konstruktionsabsichten schon vor dem
Einfluß neu auf den Schlachtfeldern gewonnener Erkenntnisse erheblich
eingeschränkt. Bei der Tankabwehr ging dies so weit, daß man sich vorerst
sicher fühlte, daß vorhandene Waffensysteme den Anforderungen erst
einmal würden genügen können und bei den eigenen Tanks stellte man fest,
daß der Wunschtyp eines allen Ansprüchen genügenden Fahrzeuges
schwerlich in naher Zeit zur Verfügung stehen werde.
Wenn im folgenden also in einem knappen Exkurs auf den deutschen
Tankbau eingegangen wird, dann angesichts der Notwendigkeit, hier nach
ernstzunehmenden Anstrengungen der höchsten Führung bei der Begegnung
der Tankgefahr und des Erkennens der Möglichkeiten von Tanks zu
schauen, und weil die geringe Zahl verfügbarer deutscher Tanks bei
Kriegsende in weiten Teilen der historiographischen Aufarbeitung des
Geschehens zu fragwürdig eindeutigen Urteilen geführt hat 508 .
Im Oktober 1916, als sich das Kriegsministerium den Forderungen der OHL
gegenübersah, waren gerade Tests mit „Überlandwagen“,
Transportfahrzeugen mit Raupenketten-Antrieb, durchgeführt worden.
Diese Tests verliefen jedoch wenig erfolgreich, wenngleich mit den
„Bremer-Wagen“ die Aufstellung der ersten deutschen
Panzerwagenverbände, der „Sturm-Panzerkraftwagen Abteilungen“ 1 und 2,

507
Siehe Abschn. 3.5.2.
508
Siehe Abschn. 1.2.1.
147

in Frühjahr 1917 vollzogen werden sollte 509 . Wie Kaufhold-Roll in seiner


Monographie zum deutschen Panzerbau des Ersten Weltkrieges anführt,
zeigte sich an diesem Umstand, der eine Aufstellung der Abteilungen durch
die Infanterieabteilung (!) des Kriegsministeriums beinhaltete, „die Eile, mit
der Mann auf deutscher Seite zu einer eigenen Panzertruppe gelangen
wollte.“ 510 Hemmend mußte sich hier im viel stärkeren Maße als bei der
Konstruktion artilleristischer Tankabwehrwaffen auswirken, daß man beim
eigenen Panzerwagen auf die Zusammenarbeit mehrerer Dienststellen
angewiesen war. Für das Fahrzeug zeichnete die Verkehrtechnische- (VPK),
für die Bewaffnung die Artillerie- (APK) und die Gewehr-Prüfungs-
Kommission (GPK) verantwortlich. Die Abteilung A7V des
Kriegsministeriums erhielt die Oberleitung des Projektes, in das, neben den
gerade genannten Dienststellen, die Automobilindustrie und die OHL
eingebunden sein mußten.
Nach den Fehlschlägen mit „Überlandwagen“ als gepanzerten
Kampffahrzeugen wurde der Bau eines Kampfwagens „A7V“ beschlossen.
Die Spezifika 511 des Fahrzeuges wurden bis zum [Link] 1916
festgelegt, wobei es allerdings am 15. des Monats zu einer gravierenden
Einschränkung kam: Aus der Basis des A7V sollte ein Kampfwagen und ein
Überlandwagen entstehen. Mehr noch, binnen kürzester Zeit, so erscheint es
heute, ging man von diesem Typ als Hauptmodell für einen eigenen
Kampfwagen weg und verwies auf später folgende Neukonstruktionen 512 ,
obwohl bereits Anfang 1917 ein erstes Holzmodell des A7V geschaffen
worden war. Die Gründe für diese Sicht- und Vorgehensweise noch vor
neuen Erkenntnissen aus dem Geschehen der feindlichen
Frühjahrsoffensiven im April 1917 lagen eindeutig im Bereich zweier
Probleme: Einmal der Fehlerhaftigkeit des Fahrzeuges, das mit einer „zu
tiefen Nase“ immer Schwierigkeiten in unwegsamem Gelände haben mußte
und dessen Fahrwerk den Belastungen des aufgesetzten „Panzergehäuses“

509
Siehe Kauhold-Roll, S. 38f.
510
Siehe ebenda, S. 39.
511
Ebenda, S. 41.
512
Siehe ebenda. S. 42ff.
148

kaum standhalten würde 513 , dann bei der Beanspruchung


kriegswirtschaftlich wichtiger Ressourcen. Zu diesen hatte das Kriegs-
Rohstoff-Amt verkündet, daß ihre Bereitstellung zwar möglich sei, doch bei
jedem weiteren Bedarf, der durchaus erwartet wurde, die Produktion von
„Pulver“ (Munition), U-Booten und Artillerie-Zündern einzuschränken sein
würde 514 . Der Tankbau schien demnach den neu eröffneten
„uneingeschränkten“ U-Boot-Krieg und das umfassende Anstrengungen auf
eher traditionalen Gebieten fordernde Hindenburg-Programm als Grundlage
der erwarteten, schweren Abwehrschlachten an der Westfront in Gefahr zu
bringen 515 . Die OHL wollte dieses Risiko zugunsten eines nicht voll
verwendungsfähigen Fahrzeugmusters offensichtlich nicht eingehen, wohl
auch nicht für eine neue Waffe generell, die etwa im Gegensatz zur
Munitionsherstellung von fraglichem Nutzen war 516 . Immerhin wurde mit
den zur Verfügung stehenden Mitteln und einer Vielzahl von
Testfahrzeugen weiter versucht, getestet und erprobt, was spätestens bis
Frühjahr 1919 als neue Modelle den „K-Wagen“ (weit über 100t Gewicht)
und einen leichten Tank ([Link]) in Aussicht stellte 517 .
Sicher ist hier Zeit versäumt worden, und mit Sicherheit hätte der A7V mit
einer Dringlichkeitsstufe I unter den Rüstungsvorhaben bereits 1917 in
größerer Zahl verfügbar sein können 518 . Doch was man mit diesen

513
Siehe BA-MA, RH 61/50770: Gr. Hauptquartier an KM (A7V) vom 2.3.1918.
514
Siehe ebenda, KRA Nr. M.c. 5855/[Link] vom 3.3.1917. Vergleiche hierzu eine
Stellungnahme der Forschungsanstalt des Heeres von Hildebrand aus dem Jahr 1941, worin
festgehalten wird: „Von der Rohstoffseite her ist der Bau von Panzerkampfwagen
zweifellos nicht mehr verzögert worden als die Fertigung von Kriegsmitteln überhaupt.“
Hildebrand sah die Rohstofflage demnach nicht als ausschlaggebenden Punkt für
unterlassenen Tankbau an, sondern als grundsätzliches Manko einer wirtschaftlich stark
begrenzten Kriegführung; siehe ebenda, RH 61/50535: Stellungnahme Hildebrand vom
4.3.1941, S. 1.
515
Siehe Kauhold-Roll, S. 33ff. und S. 55.
516
Zur Beurteilung des A7V durch die OHL –„als Panzerkampfwagen genügt er nicht“-
siehe auch BA-MA, RH 61/50770: Chef d. Genst. d. Feldheeres Iv Nr. 50257 op. vom
15.3.1917.
517
Siehe Kaufhold-Roll, S. 60ff.
518
Ebenda, S. 77. Bei Fuller findet sich im Zusammenhang mit britischen
Neukonstruktionen von Tanks die bemerkenswerte Aussage, daß die Auslieferung des
149

Fahrzeugen operativ hätte anfangen können, wurde damals und wird von
den meisten Historiographen bis heute nicht ausgeführt oder per se als klar
und deutlich erkennbar vorausgesetzt. Der Tank als Infanterieunterstützung
war die auf britischer Seite bis zur Schlacht von Cambrai 1917 –mehr oder
weniger- akzeptierte Rolle in einem Kampfverfahren, das auf Offensive und
Materialüberlegenheit ausgelegt war. Welchen Vorteil hätte es über ein
taktisch wirksames Maß hinaus für eine deutsche Armee an der Westfront
1917 bedeutet, wichtigste Rüstungsvorhaben zurückzustellen, um mit einer
Anzahl oder auch einer „Masse“ 519 von von zweifelhafter
Betriebstoffzufuhr abhängiger Tanks aus der strategischen Defensive heraus
agieren zu können?
Angesichts eines Bewegungskrieges, der 1914 mit frischen und viel
beweglicheren Truppen gescheitert war und sich zu einem mit dauerhaft
unterlegenen Truppen geführten Festungskrieg größten Ausmaßes
gewandelt hatte sowie angesichts einer Feststellung der OHL aus Zeiten der
Sommeschlacht 1916, daß die deutsche Infanterie „nicht mehr dieselbe ist
wie früher“ 520 , können hier nur Zweifel bleiben. Vor allem bleiben auf der
Grundlage einer Einschätzung der Handlungsweise einer höchsten Führung
vor dem Hintergrund der jeweils beziehungsweise damals vorhandenen
Informationen und Lagebilder, aber auch dann, wenn man spätere Aussagen
aus der kritischen Phase des Zusammenbruchs des deutschen Heeres von
1918 in Betracht zieht, solche Zweifel. So fällt es schwer, den Lobreden auf
den A7V, der tatsächlich Vorteile gegenüber seinen britischen oder

Mark IV vor der Schlacht bei Arras 1917 durch die „niedrige Rangbewertung der
Tankmotoren“ mitverschuldet worden sei; siehe Fuller: Erinnerungen, S. 88 und S. 93.
519
Siehe etwa Kuhl Hermann v.: Entstehung, Durchführung und Zusammenbruch der
Offensive von 1918 (Bd. 3/1 der [Link] des Untersuchungsausschusses des Reichstages:
Die Ursachen des deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1918), Berlin 1927, S. 81.
520
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Eigene Berichte und Verfügungen, Bl. 6: HGr
Rupprecht Ia Nr. 609 geh. vom 27.11.16, S. 2. Hinzu kommt als Indiz für eine zukünftig
ebenfalls zunehmende „Mangellage“, daß bereits nach der Sommeschlacht die Sollstärke
der Bataillone von vormals über 1.000 auf 800 Mann verringert werden mußte; siehe
ebenda, Bd. 117, Akt: 177, Bl. 612: HGr Rupprecht Ic No 1794 geh. vom 16.12.1916. Das
Schriftstück wurde mit einiger Begründung zusätzlich zum „geh.“ mit einem signifikanten
„streng vertraulich“ gekennzeichnet.
150

französischen Gegenstücken hatte, zu folgen, wenn ein AOK im Mittelpunkt


des Geschehens von 1918 folgendermaßen über ihn urteilte:
„Die Panzerwagen sind aus schlechtem Material und schlecht durchkonstruiert.
Ihre Beweglichkeit im Trichtergelände ist so gering, daß ihr Einsatz auf größte
Schwierigkeiten stößt.“ 521

Mehr noch, alliierte Artillerie, Minenfelder und Tankabwehrgeschütze


erwiesen sich 1918 als genauso gefährlich für deutsche Tanks, wie es die
deutsche Tankbekämpfung bislang für die gegnerischen Fahrzeuge und ihre
Besatzungen gewesen war 522 . Der Aktionismus 523 , mit dem 1918 der eigene
Panzerbau verspätet vorangetrieben wurde, hätte schon früher auch neue
Typen hervorbringen können. Doch gegenüber gravierenderen Problemen
des deutschen Heeres und der deutschen Kriegführung, bei denen eklatante
Fehleinschätzungen auf sehr verschiedenen Gebieten ganz offensichtlich die
Grundlage waren 524 , kann der Möglichkeit einer deutschen
525
„Panzertruppe“ 1917/18 nur peripher und nur in Verbindung mit dem

521
Siehe ebenda, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0119: AOK 17 Iabl Nr. 7816 op. vom 7.9.1918.,
Ziff. c). In diesem Bericht wird ausdrücklich auf den guten Willen der Besatzungen, die
positive, moralische Wirkung auf die eigene Truppe und auf den Bedarf zum Ausbau der
eigenen Panzerwaffe verwiesen. Insgesamt seien die eingesetzten, eigenen Fahrzeuge
allerdings wenig erfolgreich gewesen.
522
Als ein Beispiel sei auf den deutschen Angriff beiderseits Reims am [Link] 1918
hingewiesen, wo ein Teil der deutschen Tanks durch französische Tankabwehr-Minen, ein
anderer durch Geschützfeuer außer Gefecht gesetzt wurde; siehe dazu Stenger, Alfred: Der
letzte deutsche Angriff. Reims 1918 (Schlachten des Weltkrieges, Bd. 34),
Berlin/Oldenburg 1930, S. 129f., und Abschn. 11.5.2.
523
Dieser schloß ein, daß den jetzt vehement eigene Tanks fordernden höheren Stäben von
der OHL die neuen verbesserten Typen in Aussicht gestellt wurden, während die A7V den
geringen Fähigkeiten der „Raupenwagen“ entsprächen. Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd.
125, Akt: 210, Bl. 0127: OHL an HGr Rupprecht vom 14.9.1918.
524
Siehe dazu Kap. [Link].
525
Kaufhold-Roll benutzt den Begriff mehrmals und möglicherweise auch mit Bezug zu
Quellen. Hiermit dürfte allerdings kaum das Bild einer selbständig operierenden,
eigenständigen Waffengattung mit operativen Großverbänden nach Vorbild der späteren
Wehrmacht gemeint sein. Dafür fehlt jeder Hinweis darauf, daß man während des Krieges
mehr mit eigenen Tanks zu leisten beabsichtigte, als der Feind mit seinen Fahrzeugen als
Speerspitze von Infanterieangriffen vorgelegt hatte; siehe dazu BA-MA, RH 61/50769:
Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 166f.
151

heute präsenten, logisch erscheinenden Bild einer die Landkriegführung


revolutionierenden Entwicklungsgeschichte des Panzers 526 bis 1918
potentielle Bedeutung für den Kriegsverlauf und Kriegsausgang
zugesprochen werden.
In diesem Zusammenhang ist es auch angebracht, darauf zu verweisen, daß
es möglicherweise bis heute ein ernstzunehmendes und ganz
grundsätzliches Mißverständnis hinsichtlich der Fähigkeiten eines Tanks
und eines Kampfpanzers gibt. Fuller schrieb an einer Stelle seiner
„Erinnerungen“, an der er über Tankbekämpfung sinnierte, daß seiner schon
während des Krieges geäußerten Meinung nach der Tank das beste Mittel
gegen den Tank darstelle 527 . Diese Meinung erscheint logisch und schlug
sich offensichtlich in den späteren Einsatzgrundlagen von Panzertruppen
und den Anforderungen an deren Material sowie in der Bewertung
deutscher Tankabwehr des Ersten Weltkriegs nieder. Ein Beispiel zu einer
solchen Bewertung, das in Anlehnung an Fullers These zu sehen ist und wie
das Aufwiegen „alliierter“ und deutscher Tanks bei Kriegsende den Panzer
indirekt zu den Tankabwehrmitteln zählt 528 , findet sich in Aspreys Buch
über die [Link]:
„The best defense against tanks, direct field-artillery fire (not to mention one’s
own tanks) was apparently not considered.“ 529

Wäre es nicht auch möglich, daß Fuller nicht die tatsächliche, die taktische
und direkte Konfrontation zwischen gegnerischen Tanks auf dem
Schlachtfeld meinte, sondern den gegenseitigen Schlagabtausch zwischen
mit Tanks angreifenden Streitkräften auf operativer Ebene? Eine mögliche
Antwort bietet ein Artikel Nehrings zur Panzerabwehr von 1936, der im
Kern vor allem ein Plädoyer für den Einsatz des Panzers als

526
Siehe Einleitung der vorliegenden Arbeit.
527
Siehe Fuller: Erinnerungen, 102: „Ich erklärte weiterhin, daß, alles in allem, die beste
Tankabwehrwaffe der Tank selbst sei.“ Siehe auch ebenda, S. 207. Fuller hatte die These
schon 1935 in seinem Buch „The Army Of My Time“ formuliert, jedenfalls bezog sich
Guderian auf dortige Aussagen; siehe Guderian: Die Panzertruppen, S. 18.
528
Siehe Abschn. 1.2.
529
Zitiert nach Asprey, Robert B.: The German High Command At War. Hindenburg And
Ludendorff Conduct World War I, New York 1991, S. 354.
152

Panzerabwehrwaffe darstellte 530 . Daß ihm ein solches Plädoyer überhaupt


nötig schien, dürfte an der Zahl der Zweifler gelegen haben, die dem
Panzerkampfwagen noch Mitte der 30er Jahre und trotz vorauszusetzender
Kenntnis der Fullerschen These „keine besondere Eignung für die
Panzerabwehr zugestehen“ wollte 531 . Und selbst Guderian, der ganz sicher
nicht unter die Gegenspieler Nehrings zu rechnen ist, führte an, daß die
diesbezüglichen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, im sagenumwobenen
ersten Gefecht zwischen Tanks bei Villers-Bretonneux am [Link] 1918
kulminierend, keine Rückschlüsse auf Möglichkeiten des modernen
Panzergefechtes, das heißt das Mitte der 30er Jahre deutscherseits
vorausgesehene Gefecht zwischen gepanzerten Verbänden, zuließen 532 .
Grund hierfür sah er vor allem in den technischen Veränderungen, die den
Gegensatz zwischen Nachkriegspanzerkampfwagen und ihren
Möglichkeiten und den allein für einen deutscherseits zukünftig
zwangsweise zu vermeidenden Stellungskrieg gefertigten
„Weltkriegskonstruktionen“ deutlich herausstellten 533 . Er unterstrich
zudem, daß „heute“ –er schrieb dies 1937- die Abwehr überraschend
vorgetragener Massen-Panzerangriffe des Feindes fester Bestandteil des
Aufgabenspektrums der eigenen Panzertruppe sei 534 . Während des Ersten
Weltkrieges war dies nicht so leicht erkenn- und absehbar, und es war
dementsprechend auch keine sui generis vorhandene Grundlage für
Panzerbauprogramme und Einsatzkonzeptionen.

530
Siehe Nehring, Walther K.: Panzerabwehr, in Militärwissenschaftliche Rundschau, [Link].
1936, Heft 2, S. 182-203.
531
Siehe ebenda, S. 191. Die Aussage Fullers erwähnte Nehring indirekt, indem er darauf
verwies, daß beim Royal Tank Corps bereits der Grundsatz galt, daß „die Panzerabwehr
stets die erste und vornehmste Pflicht einer jeden Panzertruppe ist“.
532
Siehe Guderian: Die Panzertruppen, S. 13f.
533
Siehe ebenda, S. 5: „Das Hauptkennzeichen der Nachkriegspanzerwagen ist die
gegenüber den Weltkriegskonstruktionen wesentlich gesteigerte Geschwindigkeit, [...].
Panzerung, Waffenwirkung, Richt-, Sicht- und Nachrichtenmittel sind seit dem Kriege
wesentlich verbessert.“
534
Siehe ebenda, S. 33. Auf S. 18 zitierte Guderian Fuller und dessen These, daß Tanks die
besten Tankabwehrmittel seien.
153

5. „They had not had a good day”. Tanks und Tankabwehr in der
Osterschlacht bei Arras, April 1917.

Die Ausgangsbedingung für die Schlacht und die folgende nahezu


ununterbrochene Kette großer Operationen an der Westfront bis zum
Dezember 1917 war der Wunsch der britischen und französischen Führung,
das fortzusetzen, was mit den Gegenoffensiven bei Verdun und den
Kämpfen an der Somme begonnen worden war 535 . Druck auf die Deutschen
an Punkten und Kampffronten sollte ihre Kampfbereitschaft verringern, ihre
Moral untergraben und ihre Kräfte in einem Ausmaß verbrauchen, das
unerträglich sein würde. Von der Sorge, daß diese Vorgehensweise
wiederum extreme eigene Verluste mit sich bringen würde, ließen sich
Politiker wie der neuernannte britische Premier Lloyd George durch den
sehr positiven und energischen Eindruck der Persönlichkeit Nivelles
entbinden 536 . Nivelle hatte Joffre als Kopf der französischen
Operationsführung abgelöst 537 und forderte mit Nachdruck eine kombinierte
Offensive, die zumindest innerhalb des französischen Anteils einen raschen
Durchbruch erzwingen sollte. Begleitet von einer großangelegten britischen
Unternehmung an der Somme wollte man im Februar zum Angriff in der
Champagne bereit sein 538 . Dieser Plan nahm seit Ende 1916 zusehends
Gestalt an, bedingte allerdings einen mehr oder weniger heftigen Streit um
den Oberbefehl über die verbündeten Truppen an der Westfront. Sieger,

535
Siehe Strachan: The First World War, S. 190f.
536
Siehe Johnson: Stalemate, S. 94: „He [Lloyd George] maintained that he [Nivelle] was
not a believer in prolonged battles of attrition such as the Somme. His method was one
short, decisive rupture, achieved within forty-eight hours, followed by the destruction of the
enemy’s reserves in open fighting. Lloyd George’s fears of yet another costly offensive
were thereby dispelled.”
537
Das „Wegbefördern“ von höchsten Führern, wie es auf deutscher Seite beim Wechsel
zur [Link] unter Falkenhayn vorgekommen war, läßt sich folgendermaßen beschreiben:
„[...] General Joffre was promoted out of battle planning in favour of General Nivelle who
had what was thought to be the answer to the deadlock on French soil.“ Zitiert nach
Oldham, Peter: The Hindenburg Line (Battleground Europe), London 1997, S. 17.
538
Siehe RA, Bd. 12, S. 100ff. Der Plan ging noch auf Joffre zurück; siehe LAF, Bd. V.1.,
S. X.
154

ohne vollständigen „Sieg“, beziehungsweise eine abschließende Klärung


dieser Frage, blieb die französische Seite. Nivelles Plan für eine kombinierte
Frühjahrsoffensive war vorerst das Maß der Dinge 539 . Dessen Vorstellungen
wurden von britischen Militärs durchaus angezweifelt, und Haig behielt sich
für den Fall des Scheiterns vor, selbständig eine von ihm persönlich
gewünschte britische Offensive in Flandern zu beginnen 540 .
Die Gefahren, die von der auf ausgiebigem Materialeinsatz und
Soldatenmassen beruhenden britisch-französischen Strategie für die
deutsche Westfront ausgingen, wurden von der [Link] als Fortführung der
unerträglich verlustreichen Sommeschlacht erwartet. Etwas mehr als vier
Wochen nach ihrer Einsetzung wurden die den Nibelungen entlehnten
Losungsworte „Alberich“, der Name des listigen, durch eine Tarnkappe
geschützt agierenden „finsteren Dämons der Tiefe“ 541 , und „Siegfried“,
Sinnbild eines mit Waffengewalt allein nicht bezwingbaren Helden,
ausgegeben 542 . „Alberich“ stand dabei für die dem Namenspatron
angemessene, „listige“, vom Feind möglichst unbemerkt zu vollziehende
Absetzbewegung unter einer „Tarnkappe“ und „Siegfried“ für die
Qualitäten einer neue Hauptstellung, die auf über 140km Breite zwischen
Arras und Laon geschaffen werden sollte, um eine Frontverkürzung zu
ermöglichen und Zeit zu gewinnen. Das Sommegebiet, um das zuvor so
verlustreich gestritten worden war, wurde ab dem 16.März 1917 von den
Fronttruppen aufgegeben, nachdem seit Anfang Februar mit der Verlegung
von rückwärtigen Dienststellen und Material, dazu auch von über 100.000

539
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 418ff. Dort geht es um Friktionen zwischen Haig und Nivelle
wegen der britischen Offensive in Flandern. Siehe und vergleiche hierzu Strachan: The
First World War, S. 238, und siehe RA, Bd. 12, S. 108ff.
540
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 176, und Kap. 8.
541
Siehe Jürgensen, Wilhelm: Das Füsilier-Regiment Königin Nr. 86 im Weltkriege
(Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bd. 86), Oldenburg 1925, S. 150.
542
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 117, Akt: 177, Bl. 121f.: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia
No 281 [Link]. vom 6.10.16, und ebenda, Bl. 76f.: HGr Rupprecht Id 578 g vom 27.9.16.
Die Weisung an die unterstellten AOK enthält die Ausbaupriorität von „Siegfried“.
Anordnungen zur Ausführung und zu Fragen, die den Rückzug und die Stellung betreffen,
finden sich vor allem in Bd. 88, Akt: 36. Laut RA, Bd. 12, S. 119, erging ein erster Befehl
der OHL in Sachen Siegfried-Stellung am 9.9.1916.
155

Zivilisten 543 im Rahmen dieses Unternehmens, begonnen worden war 544 .


Britisch-französische Pläne zur raschen Fortsetzung der Ende 1916
witterungsbedingt ausgesetzten Sommeschlacht wurden durch diesen
genauso waghalsigen 545 wie neuartigen und logistisch aufwendigen Schritt
kurzfristig durchkreuzt 546 .

543
Siehe RA, Bd. 12, S. 125.
544
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 323, und Kuhl: Der Weltkrieg, Bd. 2, S. 52ff.
545
Den erst einmal sehr plausiblen Überlegungen zur versäumten Gelegenheit eines
deutschen Stoßes in die britische Folgebewegung (diskutiert bei Venohr: Ludendorff, S.
190f.) ist hinzuzufügen, daß die Lageeinschätzungen der betroffenen AOK eher das Risiko
großangelegter feindlicher Offensiven in die eigene Rückzugsbewegung unterstrichen;
siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 88, Akt: 36, Bl. 0034: AOK 6 Ia No 546 geh. vom 5.3.1917,
und ebenda, Bl. 0038: AOK 2 Ia Nr. 84/März. geh. vom 4.3.1917. Siehe auch RA, Bd. 12,
S. 70ff.
546
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 171f.
156

Abb. 3: Karte zum deutschen Rückzug auf die Siegfried-Stellung 547 .

Was die Siegfried-Stellung für die beiden letzten Kriegsjahre jedenfalls


propagandistisch besonders wichtig machte, war ihre Lage im Zentrum der
Westfront und ein beiderseits der Front wahrgenommener Anspruch an ihre
moderne Ausführung. Letztere sollte auf neuesten Erkenntnissen beruhen
und damit dem neuen Verfahren zur Abwehr im Stellungskrieg eine
bautechnische Entsprechung geben. Am [Link] 1916 war vor allem
auf Grundlage der beiden großen Schlachten von 1916, vor Verdun und an

547
Abb. nach Volkmann: Der große Krieg, S. 203.
157

der Somme, die systematisch ausgewertet worden waren 548 , die Vorschrift
„Grundsätze für die Abwehrschlacht im Stellungskriege“ erschienen, der am
15. des Monats die Neufassung der „Einzelheiten über Stellungsbau“
folgte 549 . Grundlage des neuen Abwehrverfahrens wurde das Übergehen zu
einer Auffassung der Front als tiefgegliederter Verteidigungszone (bis zu
10km Tiefe 550 ), die das zuvor praktizierte Festhalten an einer klar
definierten vordersten Linie ablöste. Tiefe Gliederung der Verbände, die
Vermeidung jeglicher Kräftekonzentration im feindlichen Feuer und die
Reaktion auf feindliche Einbrüche mit augenblicklichen Gegenstößen und
vorbereiteten Gegenangriffen als „elastisches Kampfverfahren“ 551 waren die
taktischen Hauptmerkmale der neuen Abwehrmethode. Für den
Stellungsbau wurden wenigstens zwei Grabenlinien, die ihrerseits aus einer
Anzahl Gräben bestehen mußten, und die Anlage einer Vielzahl Stützpunkte
und Widerstandsnester zwischen und hinter diesen vorgesehen 552 . Beim
Stellungsverlauf sollten vorteilhafte topographisch-geographische
Gegebenheiten ausgenutzt werden, wobei es mehr als nur Indizien dafür
gibt, daß die Möglichkeiten zur aktiven und passiven Tankabwehr
Berücksichtigung finden sollten 553 . So liegen von verschiedenen

548
Siehe etwa die „Erfahrungen aus der Sommeschlacht“ des AOK 1, die sich als
Nachdruck des AOK 7 in der Überlieferung der Heeresgruppe Kronprinz wiederfindet: BA-
MA, PH 5 II/350. Siehe auch RA, Bd. 12, S. 32ff.
549
Siehe RA, Bd. 12, S. 38.
550
Statt der bisher üblichen zwei oder wenig mehr Kilometer; siehe ebenda, S. 41.
551
Ebenda, S. 45ff.
552
Ebenda, S. 40ff.
553
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 125, Akt: 206, Bl. 268: HGr Rupprecht Ia/2775 geheim.
vom 12.4.1917. Siehe auch Förster, Gerhard/ Paulus, Nikolaus: Abriß der Geschichte der
Panzerwaffe, Berlin-Ost 1977, S. 22. Die hier genannten „Panzergräben“ beziehen sich
wahrscheinlich auf den Umstand, daß später darauf hingearbeitet wurde, die Stellungsteile
so breit auszuführen, daß Tanks sie nicht überwinden können würden. Andererseits
begegnet einem ein solcher, archivalisch nicht nachgewiesener Panzergraben, 5m breit und
3m tief, auch in der Aisneschlacht vor Juvincourt wieder; siehe Taschenbuch der Tanks,
Teil III, S. 15. Daß auch nach dem Rückzug auf die Siegfried-Stellung an die Anlage
umfangreicher Bauten zur Tankabwehr gedacht wurde, belegt ein Befehl des AOK 1, worin
der Bau von „Fanggruben“ mit 3-4m Tiefe und 12-15m Breite [!] angeordnet wurde; siehe
HStAS, M 33/2, Bü. 307: AOK 1 [unles.] S Nr. 2462 geheim vom 25.3.1917, Ziff. 2.
158

Dienststellen deutliche Belege dafür vor, daß etwa Straßensperren,


Beobachtungsstellen oder die für die Tankabwehr unbedingt notwendigen
Geschützstellungen an günstigen Stellen baldigst errichtet werden sollten,
sofern das vor dem Beziehen der Stellungen noch nicht geschehen war 554 .
Der Aufwand, mit dem man das Projekt Siegfried-Stellung auch auf Kosten
anderer Bauvorhaben vorantrieb, war gewaltig 555 , aber bis zum Bezug der
Stellung im März 1917 in weiten Teilen dennoch zu gering gewesen, um
den Vorstellungen der vergangenen Wintermonate flächendeckend die
gewünschte Gestalt zu geben. Über die Stellungen bei Bullecourt, einem
Ort, der in der folgenden Beschreibung der Rolle der Tanks in den Kämpfen
vor Arras einen besonderen Platz einnehmen muß, urteilte der
Kommandierende General der Gruppe A (GK [Link]) 556 der [Link],
Generalleutnant von Moser:

554
Siehe etwa HStAS, M 33/2, Bü. 307: AOK 1 Ia Nr. 28459 vom 19.1.1917, Anm. zu Pkt.
8, ebenda: HGr Rupprecht Ia Art. I Nr. 8000 vom 18.1.1917, Ziff. 6, ebenda: Gruppe C
(GK [Link]) Ia. Pi. Nr. 3928/249/I. vom 7.3.1917, ebenda: AOK 1 [unles.] S Nr. 2462
geheim vom 25.3.1917 und ebenda, Bü. 722: Gruppe C (GK [Link]) Nr. Ia 1063 op. vom
16.3.1917. Welche Bedeutung der Anlage solcher Einrichtungen zur Tankabwehr
zugesprochen wurde, kann vielleicht durch die kuriose Anfrage der [Link] beim GK
[Link] gezeigt werden, denn man bat um Aufschieben des Baues von Tankabwehr-
Geschützständen zugunsten der eigentlichen Batteriestellungen und dringend benötigter
Unterkünfte; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 722: [Link] [Link]. 6224 vom 11.4.1917.
555
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 117, Akt: 177, Bl. 693ff.: HGr Rupprecht Id Nr. 6822
vom 31.12.1916. Hierbei handelt es sich um eine Aufstellung zum Personalbedarf beim
Ausbau der Siegfried- und der ergänzenden Wotan-Stellung. An Baukräften wurden etwa
25.000 militärische Kräfte aus Pionier- und Landsturmformationen aufgeführt, dazu fast
dieselbe Anzahl Kriegsgefangener, Tausende deutscher Zivilarbeiter sowie
zwangsverpflichtete Angehörige der „Zivilarbeiter-Bataillone“, für die Siegfried-Stellung
insgesamt 68.500 und für die Wotanstellung 14.400 Mann.
556
Hierbei handelte es sich paralleler Überlieferung nach um die Gruppe „Quéant“. In der
Übergangsphase zwischen „Korps“ und „Gruppen“ wurden den Generalkommandos
zwischenzeitlich die Namen der Kommandierenden Generale, dann ein Buchstabe und
zuletzt eine „Örtlichkeit“ (Siehe RA, Bd. 12, S. 291, Anm. 1) zugewiesen. Beim GK
[Link] handelt es sich dementsprechend um das „[Link]“, die „Gruppe A“ der [Link],
die „Gruppe Moser“ und letztendlich die „Gruppe Quéant“; siehe auch Cron: Geschichte
des deutschen Heeres, S. 86ff.
159

„Leider können aber meine Eindrücke über die Linienführung und den Ausbau
der mit dem schönen und hoffnungsvollen Namen Siegfried geschmückten
Verteidigungslinie keine durchweg erfreulichen sein. [... .] Die Stellung selbst ist
unfertig; man hat hier mit der Bauleitung durch Zivilingenieure recht unliebsame
Erfahrungen gemacht: Blendwerk an den Straßen und Ortschaften, an den andern
weniger bequemen Stellen wenig oder nichts oder auch Unzweckmäßiges und
Unvollendetes. Von letzterem namentlich, mitten in den vordersten Gräben drin, eine
große Anzahl von mächtigen Baugruben für Betonunterstände, deren Fertigstellung
nicht gelungen ist. [... .] Die Truppe ist daher fraglos einigermaßen enttäuscht.“ 557

Der Chef des Stabes der Gruppe Arras (GK [Link]), Oberstleutnant von
Thaer, urteilte ebenso deutlich und verwies darauf, daß die „Siegfried-
Stellung nur ein riesiger Graben“ gewesen sei, hinter dem nichts
fertiggestellt war 558 . Die Heeresgruppe Rupprecht hatte „gute, von langer
Hand vorbereitete Stellungen“ 559 zugesagt, nun verlangte sie umfangreiche
Schanzarbeiten von den neuen Stellungsbesatzungen 560 . Daß es sich bei den
Aussagen zu Defiziten der Siegfried-Stellung keineswegs um lokale
Einzelfälle handelt, belegen Berichte von anderen Sektoren. So schrieb das

557
Zitiert nach Moser, Otto v.: Feldzugsaufzeichnungen 1914-1918 als Brigade-,
Divisionskommandeur und als kommandierender General, Stuttgart 1928, S. 280f. Siehe
auch Deutelmoser, Adolf: Die [Link]-Division im Weltkrieg 1914-18 (Württembergs
Heer im Weltkrieg, Heft 5), Stuttgart 1925, S. 56. Ein Luftbild der Stellungen vor
Bullecourt bestätigt tiefe Drahthindernisse, aber eben auch das Fehlen der Unterstände;
siehe Fletcher: Tanks and Trenches, S. 33 bzw. S. 34/35. Siehe auch RA, Bd. 12, S. 128:
„Die Siegfried-Stellung war, wenn auch ihr Ausbau in den letzten Wochen wesentlich
raschere Fortschritte gemacht hatte als früher, im Sinne der Anweisungen der Obersten
Heeresleitung vom September 1916 noch keineswegs fertig“. Trotz dieser
Zustandsbeschreibung von Januar 1917 glaubte man bei der Heeresgruppe Rupprecht
daran, eine halbwegs fertiggestellte Siegfried-Stellung im März beziehen zu können; siehe
ebenda.
558
Siehe Kaehler, Siegfried (Hg.): Generalmajor a.D. Albrecht v. Thaer. Generalstabsdienst
an der Front und in der O.H.L. Aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen 1915-1919,
Göttingen 1958, S. 107 (Brief vom 28.3.1917).
559
Siehe RA, Bd. 12, S. 145.
560
Siehe Moser: Feldzugsaufzeichnungen, S. 281 und Kaehler: Generalmajor v. Thaer, S.
109 (Tagebucheintrag vom 6.4.1917).
160

Generalkommando des [Link] Anfang April 561 , daß weite Teile der
Stellungen neu angelegt werden müßten, da die lokalen Baustäbe bei der
Anlage von Hinterhangstellungen die Bedürfnisse der Beobachtung
vernachlässigt hätten. Die Bauvorhaben seien wegen Arbeiter- und
Materialmangels zudem in weiten Teilen unerledigt geblieben. Kritik an der
Linienführung kam auch von einzelnen Divisionen, die das Fehlen jeglichen
taktischen Verständnisses und eines einheitlichen Bauplans bei den
Baustäben anführten 562 . Und nicht zuletzt die mit der übergeordneten
Bauleitung betrauten Pioniere legten der Heeresgruppe Rupprecht
gleichlautende Berichte vor, die bei keinem Verantwortlichen und
Betroffenen einen Zweifel daran aufkommen lassen konnten, daß das
Vorhaben weit hinter den Wünschen zurückgeblieben war 563 .
Im Gegensatz zu diesen eindeutigen Stellungnahmen 564 führten -damals wie
heute- wohl vor allem der Umfang der Arbeiten, wie er auf britischer und
französischer Seite durch Fliegerbeobachtung festgestellt oder darauf
basierend vermutet werden konnte 565 , und die Kenntnisse über vorgesehene
Anlagen 566 dahin, die Siegfried-Stellung als unüberwindliches Hindernis zu

561
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 307: Gruppe C (GK [Link]) vom 3.4.1917: Entwurf zur
von der HGr Rupprecht am 10.3.1917 eingeforderten Denkschrift zu Alberich-Siegfried,
Teil 4: Alberich Zeit, Ziff. c).
562
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 307: [Link] Abt. I J. Nr. 4394 vom 31.3.1917, Ziff. 4.c), und
ebenda: [Link] Abt. I Nr 5938 geheim vom 31.3.1917, Ziff. 4.c).
563
Siehe HStAS, M 30/1, Bü. 239: Stabsoffizier d. Pioniere Nr. 64 B. Nr. 1614/17. vom
24.3.1917.
564
Es ist noch anzufügen, daß die HGr Rupprecht diese letztendlich als wahr hinnahm, wie
aus dem Befragungstext an die [Link] wegen ihrer Erfahrungen bei den Kämpfen
hervorgeht; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 307: [Link] Abt. Ia. Nr. 1523 vom 10.5.1917, Ziff.
1.).
565
Siehe Johnson: Stalemate, S. 96. Zu bedenken ist hierbei, daß angesichts der
winterlichen Witterungsverhältnisse und der deutschen Luftüberlegenheit im „Bloody
April“ kaum eine effektive Luftaufklärung gegeben sein konnte. Im Umkehrschluß mögen
also vor allem Vorurteile gegenüber einer vorbereiteten Stellung, die man nicht genauer
beobachten konnte, maßgebend gewesen sein; siehe dazu auch MO 1917, Bd. 1, S. 87ff.
566
Wie bei Oldham ersichtlich, wird bis heute nicht in Frage gestellt, ob die so
umfangreichen Pläne für die Siegfried-Stellung auch tatsächlich umgesetzt wurden.
Vielmehr erscheint die Anlage bereits für das Frühjahr 1917 als „impassible barrier“; siehe
Oldham: The Hindenburg Line, S. 28ff. Siehe auch Johnson: Stalemate, S. 96, wo von
161

betrachten. Der Mythos Siegfried-Stellung beziehungsweise „Hindenburg-


Line“ sollte fortan bestehen und auf beiden Seiten, als Selbstbetrug oder
respektvolle Überschätzung des Gegners 567 , Auswirkungen auf
Wahrnehmung von Lagen, Einsatz von Kräften und Beurteilung von
Geschehen im Zentrum der Westfront haben 568 .

5.1. Der Plan, die Angreifer und die Tankunterstützung.

Nachdem der deutsche Rückzug und die Siegfried-Stellung offenbar


geworden waren, empfahl sich für den britischen Teil der
Frühjahrsoffensive die Region Arras. Nördlich der Stadt befanden sich die
letzten Höhen vor dem nordfranzösischen Kohlerevier von Lens, für dessen
Beherrschung der Vimy-Rücken (Vimy Ridge) mit der zentralen Höhe 145
eine besondere Bedeutung hatte. Das Kampfgelände direkt um Arras herum
war von den andauernden Kämpfen seit 1914 geprägt und verfügte über
ausgebaute und nah am Feind gelegene Stellungen. Südlich davon, wo man
sich im Bereich des bei „Alberich“ aufgegebenen Geländes befand, lag man
in einem gerade erst besetzten, verwüsteten Landstrich der neuen Siegfried-
Stellung gegenüber. Vorteilhaft mußte sein, gerade auch für den Einsatz von
Tanks, daß der Verwüstungsgrad des Gebietes in und hinter den deutschen
Stellungen gering war 569 . Es ergab sich diesbezüglich eine für die Vertreter
des Tank Detachment allerdings wenig günstig endende Diskussion 570 über
die Dauer des vorbereitenden Artilleriefeuers, das diesen Vorteil bei
tagelangem Beschuß zunichte machen mußte.

einem im Februar existenten „massive defense system“ gesprochen wird, Chickering, S.


210, der von „gewaltigen neuen Verteidigungsbauten aus Beton und Stahl“ spricht, oder
Keegan, S. 450, der behauptete, daß die neuen Stellungen im Januar 1917 fertiggestellt
gewesen seien und alles bisher Dagewesene übertrafen.
567
Hierbei fallen Parallelitäten zur beidseitigen Wahrnehmung des Festungsbereiches von
Verdun 1915/16 auf.
568
Siehe dazu besonders Kap. 9., 11. und 12.
569
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 95.
570
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 177ff., und RA, Bd. 12, S. 205f. Siehe auch Absch. 5.6.1. der
vorliegenden Arbeit.
162

Abb. 4: Karte zur Osterschlacht bei Arras 571 .

Der Angriffsplan vom 12.März 1917 sah vor, daß der Südflügel der
britischen [Link] (Horne) am [Link] die Vimy-Höhe nehmen sollte,

571
Abb. nach Banks, Arthur: A Military Atlas of the First World War. A map history of the
war 1914-18 on land, sea and in the air, Barnsley 31997, S. 169.
163

während die [Link] (Allenby), auf Breite der Stellungen von nördlich
Arras bis Croisilles angreifend, den Durchbruch durch die Siegfried-
Stellung erzwingen würde. Unterstützend würde am Tag nach dem ersten
Angriff die britische 5. Armee (Gough) gegen die deutschen Stellungen
südöstlich Croisilles vorgehen 572 . Die Armeen verfügten im Angriffsbereich
über 18 Divisionen in der ersten Welle, 13 in der zweiten Welle und eine
zusätzliche Reserve von drei Divisionen. Darunter befanden sich vier
Kavalleriedivisionen, die hinter den Angriffsräumen zur Ausnutzung des
Durchbruchs in Richtung Cambrai bereitgestellt wurden. Die
Artilleriemassierung umfaßte weit mehr als 2.800 Geschütze 573 , denen unter
größtem Aufwand Unmengen an Munition zugeführt worden waren 574 . Am
[Link] begann das vorbereitende Artilleriefeuer mit infernalischer
Stärke 575 .
Tanks sollten an der Operation teilnehmen, wobei sich allerdings für die
beiden neuen Köpfe des Tank Detachments, Elles und seinen im Dezember
hinzugetreten Stabschef Fuller, die Frage ergab, wie dieser Einsatz aussehen
sollte. Die Konzentration von Tanks gegen die Siegfried-Stellung in
größerem Maßstab, ein gezielter Einsatz an einer Stelle, wobei Fuller den
Abschnitt Bullecourt als Operationsgebiet vorsah, und die Verteilung der
Fahrzeuge auf alle angreifenden Verbände der gesamten Angriffsfront stand
vorerst im Raum 576 . Was als Plan für Einsatz und Verteilung heraus kam,
entsprach im Großen und Ganzen der Wahrnehmung der neuen Waffe durch
höhere Stäbe seit der Sommeschlacht: Acht Tanks wurden der [Link], 40
der [Link] und 12 der [Link] zugeteilt. Diese Kräfteverteilung mag
zuerst noch den Anschein relativer Stärke vermitteln, doch verfliegt dieser

572
Siehe RA, Bd. 12, S. 205.
573
Ebenda, Anlage 28. Gezählt ist hier lediglich die britische [Link] mit den
angrenzenden Teilen der [Link] gegen den Vimy-Rücken.
574
Siehe RA, Bd. 12, S. 208.
575
Siehe Behrmann, Franz/Brandt, Walther (Bearb.): Die Osterschlacht bei Arras 1917
(Schlachten des Weltkrieges, Bd. 28). Teil I: Zwischen Lens und Scarpe, Berlin/Oldenburg
1929, S. 30ff., RA, Bd. 12, S. 208, und Ählhäus, Joseph (Hg.): Die [Link] in
der Osterschlacht bei Arras. Der Kampf um die Vimy-Höhe (vom [Link] bis [Link]
1917), Mannheim 1938, S. 21ff.
576
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 95f.
164

Eindruck, wenn rechnerisch maximal vier bis fünf Tanks auf eine Division
entfielen 577 .
Die genaue Anzahl an einem Ort und gegen ein Ziel einzusetzender
Fahrzeuge richtete sich nach der Bedeutung, die der feindlichen Position
beigemessen wurde, und es scheint, nach Abgleich der späteren Aussagen
Fullers 578 und der Angaben zur Planung in den Military Operations 579 , so
gewesen zu sein, daß die Tanks mit weiterer Entwicklung der Schlacht nicht
mehr nur als Infanteriebegleitung, sondern wiederum, wie an der Somme,
auch als einsame Speerspitze gegen die entferntesten Stellungen eingesetzt
werden sollten. Die Wegnahme der ersten Stellung war Aufgabe der
Infanterie, das Vorarbeiten durch und gegen die nächsten Positionen Sache
von Tanks und Infanterie und die Öffnung des Weges durch die letzte Linie
primäre Aufgabe des Tank Detachments, dem Kavallerie zur Ausnutzung
des Durchbruchs –„coute qu’il coute“- folgen würde 580 .
Die geringe Zahl der für die Schlacht verfügbaren Tanks erklärt sich unter
anderem daraus, daß der Ausbau des Tank Detachment keineswegs
abgeschlossen, die Produktionszahl der Neufahrzeuge 581 gering und eine
Anzahl Tanks zu einem wenig erfolgreichen Einsatz nach Palästina 582
entsandt worden war. Mehr noch, bei den 60 für Arras versammelten
Kampfwagen handelte es sich nicht um neu- und vollwertige
Kampffahrzeuge. Vorhanden waren instandgesetzte Wagen des Typs Mark I
und geringer gepanzerte Trainingsfahrzeuge vom Typ Mark II 583 .

577
Den vier Divisionen des [Link] waren 16 Fahrzeuge zugeteilt, dem benachbarten
[Link] mit seinen drei Divisionen dieselbe Anzahl; siehe RA, Bd. 12, S. 207.
578
Siehe Fuller: Tanks, S. 82f.
579
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 186f.
580
Siehe ebenda, S. 180f. und 186f, und Fuller: Erinnerungen, S. 96.
581
Der Typ Mark IV, bei dem gegenüber den Vorgängertypen die Panzerung von 10 auf
12mm verstärkt war, sollte ursprünglich einsatzbereit sein, kam für die Eröffnung der
Schlacht von Arras aber zu spät; siehe Fuller: Erinnerungen, S. 93 und Wright, S. 74.
582
Acht Tanks nahmen am 17.4.1917 an der „[Link] von Gaza“ teil, wo sie,
bezeichnenderweise erst nachdem die Infanterie die türkischen Verteidiger zur Flucht und
Aufgabe bewegt hatten, einige Erfolge gegen verbliebene Stützpunkte erzielten. Insgesamt
entsprechen die Ergebnisse dieses Einsatzes den Erfahrungen aus der Sommeschlacht; siehe
Fuller: Tanks, S. 98ff.
583
Siehe Wright, S. 74, und Fletcher: Tanks and Trenches, S. 21f.
165

Für das Tank Detachment stand die Offensive von Anfang an unter keinem
guten Stern, was sich auch durch kleinere Zwischenfälle, etwa einen
Bahnunfall, bei dem große Treibstoffmengen verbrannten 584 , und durch
einen ungünstigen Wetterumschwung direkt vor Angriffsbeginn zeigt. Als
die Tanks in der Nacht zum [Link] in ihre Bereitstellungsräume einflossen,
hatte starker Schneeregen 585 vor allem das verwüstete Gelände an der
Vimy-Höhe in einen Morast verwandelt. Die Hälfte der hier zum Angriff
vorgesehenen acht Tanks fiel schon beim Anmarsch aus 586 , und ein von
Fuller so wichtig erachteter Flankenangriff der [Link] gegen die
Siegfried-Stellung bei Bullecourt mußte witterungsbedingt vom 10. auf den
[Link] verschoben werden.

5.2. Die Verteidiger.

Wie oben angeführt, bezogen die deutschen Verbände nach dem


„Alberich“-Unternehmen keine Stellungen, die dem propagierten Anspruch
genüge getan hätten. Für den weiteren Ausbau der vordersten
Stellungsbereiche waren kaum ausreichend Kräfte vorhanden, und bis zum
Beginn der Schlacht blieb kaum Zeit, umfassende Nachbesserungen
durchzuführen. Geringfügig günstiger lagen die Dinge bei den Gruppen
Souchez, Vimy und den Nordabschnitten der Gruppe Arras der [Link], die
sich auf alte Positionen stützen konnten. Vom feindlichen Artilleriefeuer
wurden sie allerdings stark in Mitleidenschaft gezogen, was sich einmal aus
der enormen Artilleriekonzentration gegen den „Vimy-Rücken“ 587 , dann vor
allem auch aus der abgeschlossenen Aufklärungsarbeit gegen die seit langer
Zeit vorhandenen Stellungsteile nördlich von Arras erklärt.
11 Divisionen der 6. und [Link] standen am Morgen des [Link] in Linie,
dahinter lagen Teile von fünf weiteren Divisionen als Reserve 588 . Diese
Reserven waren allerdings in Teilen erst im Anmarsch ([Link], [Link],
[Link]) und lagen allesamt weit, nämlich mehr als 15km, von den

584
Siehe Fuller: Tanks, S. 84f. und Fuller: Erinnerungen, S. 96.
585
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 202.
586
Siehe Fuller: Tanks, S. 85.
587
Laut RA, Bd. 12, S. 208, waren darauf 1.100 feindliche Geschütze gerichtet.
588
Siehe ebenda, Beilagen 8 und 9.
166

Frontstellungen entfernt 589 , weil es im frontnahen Bereich angeblich


Unterkunftsprobleme gab 590 . Die Zeit zwischen Erwarten einer
Frühjahrsoffensive und klarem Erkennen der britischen Angriffsabsichten
bei Arras direkt vor dem tatsächlichen Angriff war anscheinend zu kurz
gewesen, um den relevanten Sektor in angemessener Weise zu
verstärken 591 , wenngleich zumindest Indizien dafür vorliegen, daß die
Eingreifdivisionen zuvor auf ihre Aufgaben schulungstechnisch vorbereitet
und hinsichtlich der Ausführung von Gegenstößen und Gegenangriffen
sowie in der Tankabwehr ausgebildet worden waren 592 . Über die Größe und
Ausdehnung der kommenden Kämpfe scheint es bis zum Angriffsbeginn
einige Unklarheit gegeben zu haben, wobei das AOK 6 keine glückliche
Figur machte. So findet sich im Tagebuch des Stabschefs ihrer Gruppe

589
Keegan, S. 452, spricht von 24km Entfernung der Reserven zur Front.
590
Siehe Frauenholz, Eugen v. (Hg.): Kronprinz Rupprecht von Bayern. Mein
Kriegstagebuch, Bd. 2, München 1929, S. 135.
591
Siehe ebenda, S. 202f. Auch in den Beilagen 8 und 9 fehlt jeder Hinweis auf neun
Divisionen als Reserven, wie sie bei Behrmann/Brandt: Osterschlacht, Teil I, S. 22 erwähnt
werden. Der Ursprung der dortigen, äußerst positiven Einschätzungen zu Umfang und
Zustand von Truppen und Stellungen negiert scheinbar bewußt wichtige Gegebenheiten.
Auch das in RA, Bd. 12, S. 219 und S. 221, genannte Garde-Reserve-Korps als
bereitstehende Eingreifreserve ist etwas ominös, da die Heeresgruppe das GRK (mit [Link]
und [Link]) in kritischer Lage tatsächlich als Baustab für die Wotan-Stellung gewählt
hatte; siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 125, Akt: 206, Bl. 268: HGr Rupprecht Ia/2775 vom
12.4.1917. Siehe auch Cron: Mein Kriegstagebuch, S. 143, mit dem Hinweis, daß das GRK
bis zum 14.4. Reserve war und dementsprechend nicht zum Kampfeinsatz kam.
592
So bei der [Link] und [Link]; siehe Gemmingen-Guttenberg-Fürfeld, Frhr. v.: Das
Grenadier-Regiment Königin Olga (1.Württ.) Nr. 119 im Weltkrieg 1914-1918 (Die
Württembergischen Regimenter im Weltkrieg 1914-1918, Bd. 39), Stuttgart 1927, S. 194,
und Brandenstein, v.: Das Infanterie-Regiment „Alt Württemberg“ (3.Württ.) Nr. 121 (Die
Württembergischen Regimenter im Weltkrieg 1914-1918, Bd. 18), Stuttgart 1921, S. 87f.
Hierbei ist nicht nur kein Wort über Tankabwehrausbildung zu finden, sondern sogar, beim
IR 121, S. 88, die Aussage, daß man über dieses Kriegsmittel vor dem Einsatz in der
Schlacht lediglich durch „Wort und Bild“ in Kenntnis gesetzt worden war. Vergleiche
Abschn. 6.2. der vorliegenden Arbeit. Beim FAR 45 der [Link] gehörte andererseits das
Schießen auf „Tanks“ (definitiv nur gegen improvisierte Tank-Zielscheiben, da kein
Hartziel zur Verfügung gestanden haben kann) zur Vorbereitung auf die Schlacht; siehe
Bene, Otto: Das Lauenburgische Feldartillerie-Regiment Nr. 45 (Erinnerungsblätter
deutscher Regimenter, Bd. 63), Oldenburg 1923, S. 71.
167

Arras eine Bemerkung vom [Link], daß eine „Riesenschlacht wie an der
Somme“, deutlich „schneller als das A.O.K. denkt“, zu erwarten sei 593 .
Der Zustand der Verbände wurde laut der Beurteilung des Kampfwertes
durch die Heeresgruppe Rupprecht fast durchweg mit „vollkampffähig“
angegeben. Lediglich die [Link] und [Link] 594 der Gruppe A der [Link]
sowie die [Link], die hinter der Naht zwischen 1. und [Link] stand und
eigentlich für Stellungsbau-Arbeiten vorgesehen war 595 , bedurften drei bis
vier Wochen beziehungsweise weniger als drei Wochen Ruhe, um auf volle
Kampfkraft zu kommen 596 . Die Wirkung des feindlichen, vorbereitenden
Artilleriefeuers ging an den Divisionen natürlich nicht spurlos vorüber,
weshalb für die betroffenen Teile am [Link] nicht näher spezifizierte
„Einschränkungen“ der Kampfkraft attestiert wurden 597 .
Die deutsche Artillerie war der feindlichen numerisch deutlich unterlegen
und umfaßte bei der [Link] etwas mehr als 1.000 Rohre 598 . Davon fielen
laut Angabe des deutschen amtlichen Werkes bis zum Beginn der
Infanterieschlacht schätzungsweise 20% aus 599 . Vergasung von Batterien,
unterbrochene Kommunikations- und Versorgungswege sowie chronischer
Munitionsmangel beeinträchtigte ihre Wirkungsmöglichkeiten zudem
nachhaltig 600 .

593
Siehe Kaehler: Generalmajor v. Thaer, S. 108, und HStAS, M 33/2, Bü. 581: N.O.1. Nr.
3616 vom 23.3.1917. Die Meldung des Nachrichten-Offiziers der OHL beim AOK 1
besagte, daß laut Aussage eines australischen Gefangenen mit einer Offensive bei Arras
gerechnet werden müsse, da viel Artillerie dorthin verlegt werde. Diese Information fand
beim AOK 6 offenbar keinen Widerhall.
594
Diese wurde noch vor Angriffsbeginn durch die ausgeruhte [Link] abgelöst und Reserve
hinter der Gruppe A der [Link].
595
Siehe RA, Bd. 12, S. 202.
596
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 206, Bl. 272: HGr Rupprecht zur
Beurteilung der eigenen Divisionen vom 7.4.1917. Siehe und vergleiche RA, Bd. 12, S.
212.
597
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 206, Bl. 272: HGr Rupprecht zur
Beurteilung der eigenen Divisionen vom 7.4.1917.
598
Siehe RA, Bd. 12, Anlage 28.
599
Siehe ebenda, S. 212, und vergleiche ebenda, S. 204.
600
Siehe ebenda, S. 213.
168

Zur Abwehr von Tanks waren zumindest Teile der vorgesehenen


Maßnahmen umgesetzt worden. Die [Link] verfügte am [Link] über neun
Nahkampfbatterien und 14 3,7cm Kanonen, denen noch 24 5cm Kanonen
aus anderen Abschnitten der Westfront folgen sollten 601 . Diese zahlenmäßig
auf den ersten Blick geringe Ausstattung zeigt allerdings, daß der
Schwerpunkt der Tankabwehr mit Sondergeschützen eindeutig in den
Bereich der zunächst bedroht erscheinenden Armee gelegt worden war.
Innerhalb der Heeresgruppe verfügte sie mit Abstand über die meisten
Tankabwehrgeschütze. Die [Link] etwa besaß demgegenüber lediglich
drei der neuen Nahkampfbatterien 602 . Die seit Anfang des Jahres und noch
direkt vor der Schlacht aus Gefangenenbefragungen gewonnenen
Erkenntnisse über einen wahrscheinlich sehr ausgiebigen Gebrauch der
Tanks in einer kommenden Frühjahrsoffensive waren bei den deutschen
Stäben offensichtlich ernst genommen worden 603 . Die genaue Verteilung
der Sondergeschütze zur Tankabwehr innerhalb der Frontstellungen ist nicht
bekannt, was sich unter anderem aus dem Umstand erklärt, daß sie einzeln,
mit größeren Abständen und mehrfach die Unterstellungsverhältnisse
wechselnd, aufgestellt wurden 604 .
Für diese neue Waffe, die Siegfried-Stellung und das neue „elastische
Kampfverfahren“ stellten die Kämpfe bei Arras die erste Bewährungsprobe
dar.

5.3. Die Kämpfe am 9. und [Link] 1917.

Der Infanterieangriff der britischen [Link] begann ab etwa 5 Uhr und


insgesamt gelang der Sprung in die vordersten deutschen Gräben direkt

601
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0001: HGr Rupprecht zu
Tankabwehrgeschützen und ihren Wirkungsweisen vom 7.4.1917.
602
Siehe ebenda.
603
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 581, mit Meldungen des Nachrichten-Offiziers der OHL
beim AOK 1. Dabei N.O. 1. Nr. 2596 vom 1.1.1917, N.O.1. Nr. 3091 vom 10.2.1917 und
N.O.1. Nr. 3616 vom 23.3.1917.
604
Zumindest in einer der durchgesehenen Truppengeschichten wurden im Gelände bei der
[Link] verteilte Geschütze einer NKB genannt; siehe Zimmerle, Eduard (Bearb.): Das
3.Württembergische Feldartillerie-Regiment Nr. 49 im Weltkrieg 1914-1918 (Die
württembergischen Regimenter im Weltkrieg, Bd. 23), Stuttgart 1922, S. 72.
169

nach dem Vorbeiziehen der artilleristischen Feuerwalze. Der deutsche


Widerstand war nur an einigen wenigen Stellen hartnäckig, nämlich dort,
wo er sich auf intakt gebliebene Drahthindernisse stützen konnte 605 . Wie für
den Angriff des VI. und [Link] belegt ist 606 , erhielten die Angreifer
vielerorts den Eindruck, daß die Verteidiger in ihren Unterständen nur auf
eine günstige Gelegenheit zur Kapitulation warteten, falls sie nicht schon
vorher Reißaus genommen hatten. Fehlende oder unfertige Deckungen und
die lange und intensive Artillerievorbereitung hatten von den Deutschen
Tribut gefordert 607 .
Kurioserweise stehen diese Aussagen in einem gewissen Widerspruch zum
Schicksal der eingesetzten Tanks. So waren beim [Link], im südlichen
Angriffsabschnitt, 12 Tanks der [Link] des D-Bataillons und 10
Tanks der [Link] des C-Bataillons mit der Infanterie der 14. und
[Link] vorgegangen. Die Ausfälle beliefen sich nach kürzester
Einsatzzeit bei der erstgenannten Kompanie auf acht durch deutsche
Artillerietreffer außer Gefecht gesetzte Fahrzeuge, während sich bei der
[Link] sieben Wagen festfuhren und zwei durch Artillerie
abgeschossen wurden. Ein weiterer Tank wurde im Nahkampf mit deutscher
Infanterie durch Handgranaten, welche die Ketten beschädigten,
bewegungsunfähig gemacht 608 . Die Beteiligung der hier zum Einsatz
gekommenen Fahrzeuge wird im britischen amtlichen Werk auffällig
farblos geschildert und kulminiert in Aussagen zu „useful aid“ und über
„did good work“ 609 . Eine Wirkung der eingesetzten Tanks bestand im

605
Vergleiche Abschn. 11.5.2., 12.2. und 12.5.2.
606
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 211 und S. 220.
607
Siehe etwa Gerok (Bearb.): Das 2.württ. Feldartillerie-Reg. Nr. 29 „Prinzregent Luitpold
von Bayern“ im Weltkrieg 1914-1918 (Die württembergischen Regimenter im Weltkrieg
1914-1918, Bd. 19), Stuttgart 1921, S. 67f. Ausdrücklich wird von Zerstörung der
Stellungen, fehlender Verpflegung und der psychischen Wirkung des Artilleriebeschusses
(Apathie) gesprochen.
608
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 212.
609
Siehe ebenda. Vergleiche Fuller: Erinnerungen, S. 101. Dort steht, wie bei Fuller nicht
anders zu erwarten, überaus positiv formuliert: „Am 9. waren die Deutschen demoralisiert,
und die Aktion der Tanks war in jedem Falle, wo sie ihr Ziel erreicht hatten, entscheidend
gewesen.“
170

gegenüberliegenden Lager, bei der Gruppe Arras, allerdings darin, daß man
einem Phantom nachjagte. Generalstabschef von Thaer schrieb dazu, daß
ein durchgebrochener Tank auf einer Straße hinter der eigenen Linie in
Munitions-Kolonnen „wirtschaftete“ 610 . Dasselbe nahm man auch bei der
Gruppe A an, wo ein Geschütz des FAR 49 der [Link] eiligst zur
Tankabwehr gegen eine gleichartige und ebenso absolut fiktive Bedrohung -
welche allein durch Nervosität und Gerüchte verursacht sein konnte-
gerufen wurde 611 .
Nördlich anschließend, beim [Link], waren acht Tanks der [Link]
des C-Bataillons in Zweiergruppen eingesetzt. Sechs Wagen blieben auch
hier stecken, und von dieser Gruppe wird nur ein Tank als hilfreiche
Unterstützung des Angriffs, bei der Einnahme von Tilloy, erwähnt 612 .
Hinsichtlich eines anderen Paares Tanks, das bei der [Link] des Korps’
angriff, bemerkte der Bearbeiter des Bandes der Military Operations zu
Arras, Cyril Falls, sarkastisch, daß es angesichts der Tankverluste dieses
Tages geradezu wundersam erschien, daß einer der beiden Tanks am
Nachmittag noch zu einem erfolgreichen Einsatz kam 613 .
Beim [Link] sah es mit der Tankunterstützung noch düsterer aus. Von
den acht Fahrzeugen der [Link] des C-Bataillons fuhren sich alle
frühzeitig fest oder wurden vor einem für die britische Infanterie spürbaren
Nutzen abgeschossen 614 .
Genauso ungünstig und dennoch ohne negativen Einfluß auf das Ergebnis
des Kampfgeschehens verlief der Einsatz der acht Tanks der [Link]. Ohne
Feindberührung setzte das aufgeweichte und von Trichtern übersäte

610
Siehe Kaehler: Generalmajor v. Thaer, S. 110 (Brief oder Tagebucheintrag vom
9.4.1917). Zum „wirtschaften“ von Tanks im Hintergelände siehe auch –dort erstmalig
vorgekommen- Abschn. 12.3. zum „schwarzen Tag des deutschen Heeres“, dem 8.8.1918.
611
Siehe TG FAR 49, S. 73. Auf welchem Tag dieses Vorkommnis zu datieren ist (vor dem
11.4.), wird aus dem Text nicht deutlich. Es ist auch möglich, daß es sich bei den beiden
„durchgebrochenen“ Tanks um ein und denselben am 9.4.1917 handelte.
612
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 216f.
613
Siehe ebenda, S. 224: „Valuable aid was given by a single tank which –almost
miraculously if we reckon its chances by average of the tank casualties- reached this
position, worked down it, and put at least two machine guns out of action.“
614
Siehe ebenda, S. 227f.
171

Gelände an der Vimy-Höhe einen vorzeitigen Schlußstrich unter ihre


Beteiligung. Als die Fahrzeuge geborgen waren, hatte der Infanterieangriff
bereits so weit Fortschritte gemacht, daß ihr Einsatz an dieser Stelle nicht
mehr sinnvoll erschien, weshalb die Tanks der [Link] überwiesen
wurden 615 .
Am Abend des [Link] konnte die britische Führung auf einen im Verhältnis
zu den vorherigen Schlachten sehr erfolgreichen Tag zurückblicken, der den
Einbruch in die sagenumwobene Siegfried-Stellung und die Eroberung der
Vimy-Höhe mit den „traditionellen“ Mitteln, Infanterie und Artillerie,
gebracht hatte. Die deutschen Verluste waren hoch 616 , und zeitweilig schien
eine Lage Gestalt anzunehmen, die einen Durchbruch in Aussicht stellte.
Doch „der Apriltag war zu kurz“, wie das britische amtliche Werk
erklärt 617 , um das Erreichte strategisch ausnutzen zu können: Britische
Reserven, namentlich die bereitgestellten Kavallerieverbände 618 , standen
genauso weit von Positionen für günstiges Eingreifen entfernt wie die
deutschen Reserve- oder Eingreifverbände 619 . Bis zum Nachmittag des
[Link] änderte sich dies auf beiden Seiten und an der gesamten
Angriffsfront. Die nach und nach verstärkten deutschen Stellungen wurden
durch britische Infanterie und Kavallerie an einigen Stellen mehrfach
hintereinander und heftig attackiert 620 . Das Ergebnis war aus britischer Sicht
wenig zufriedenstellend, wobei die Kavallerie genauso scheiterte, wie es oft
zuvor, ihrer bekannten Anfälligkeit gegenüber dem Feuer moderner Waffen

615
Siehe Fuller: Tanks, S. 85. Vergleiche RA, Bd. 12, S. 213, wo davon gesprochen wird,
daß drei der acht Tanks abgeschossen wurden. Andernorts werden sogar 15 angreifende
Tanks erwähnt; siehe Deutsche Verlagsanstalt: Kriegsberichte aus dem Großen
Hauptquartier. Heft 28: Arras 1917, Berlin/ Stuttgart 1917, S. 8.
616
Thaer schrieb dazu: „Riesig sind die Verluste“. Die TG FAR 60 berichtet von am 11.4.
zur Ablösung gesammelten „Trümmern der Stellungstruppen“, die gerade noch dazu in der
Lage waren, Bedeckung für Artillerie zu „markieren“; siehe Kaehler: Generalmajor v.
Thaer, S. 109, und verschiedene Bearb.: Geschichte des Großherzoglich Mecklenburgische
Feldartillerie-Regiments Nr. 60 im Weltkriege 1914-1918, Hamburg 1921, S. 127.
617
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 225.
618
Siehe ebenda, S. 237.
619
Siehe RA, Bd. 12, S. 214.
620
Siehe ebenda, S. 221ff., und MO 1917, Bd. 1, S. 244ff.
172

wegen, geschehen war 621 und auch noch später der Fall sein sollte 622 . Die
Beteiligung von Tanks an diesen Angriffen war kaum der Rede wert und
fand später in der recht lapidaren Bemerkung des deutschen amtlichen
Werks ihren nicht unberechtigten Höhepunkt, daß es gelang, „die auch von
Tanks begleiteten weiteren Angriffe der Engländer unter blutigsten
Verlusten abzuweisen.“ 623
Die britischen Hoffnungen auf einen günstigen Verlauf der Schlacht bei
Arras mußten am Abend des [Link] trotz 11.000 Gefangener und einer
größeren Beute an Geschützen und Maschinengewehren eher gering
ausfallen 624 . Sogar der Sieg auf der Vimy-Höhe sollte marginaler Natur
bleiben, nachdem sich die deutsche Führung zwangsweise zur
Zurückverlegung der dort unhaltbar erscheinenden Linien um fünf
Kilometer entschlossen hatte 625 .
Dennoch galt für die britische Seite ganz grundsätzlich, die französische
Offensive kämpfend abzuwarten und feindliche Kräfte zu binden. Der
rechte Flügel der [Link], der sich bislang nur in Form von
Ablenkungsangriffen beteiligt hatte, konnte jetzt noch in den Kampf
geworfen werden, um ein vorzeitiges Erstarren der Front zu verhindern und
vielleicht doch noch den Durchbruch zu erzwingen. Für den [Link] wurde
eine erneuerte und kombinierte Offensive der britischen 3. und [Link]
vorgesehen 626 .

5.4. Bullecourt und die Kämpfe am [Link] 1917.

Der Hauptangriff im Morgengrauen des [Link] wurde wiederum von der


zentral stehenden [Link] geführt, wobei sich die Angriffsziele direkt
gegenüber den Sturmausgangsstellungen befanden und diese Tatsache dem

621
Und dabei blieb es auch an den folgenden Tagen der Schlacht; siehe etwa MO 1917, Bd.
1, S. 368.
622
Siehe Kap. 9.f.
623
Siehe RA, Bd. 12, S. 223.
624
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 258.
625
Siehe Kuhl: Der Weltkrieg, Bd. 2, S. 85, und TG FAR 60, S. 127.
626
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 258f.
173

Stoß den Charakter eines bis heute recht einfallslos aussehenden


Frontalangriffs geben mußte.
Tankunterstützung fand sich beim [Link] in der Größenordnung von vier
Fahrzeugen, die Handgranatentrupps der [Link] mit Feuer auf die
Siegfried-Stellung unterstützten 627 , aber in der britischen Darstellung beim
heutigen Betrachter keineswegs den Eindruck einer beachtenswerten
Gefechtswirkung hinterlassen dürften. Auch gibt das deutsche amtliche
Werk für den Abschnitt an, daß von insgesamt zehn angreifenden Tanks
vier durch Artillerie zerstört wurden 628 .
Beim [Link] gelang es sechs von acht Tanks, den Angriff der Infanterie
zu begleiten und der Infanterie einige Hilfe zu bieten, was sich in den
Military Operations wiederum erstaunlich nüchtern und wenig
beeindruckend darstellt. So ermöglichte ein Tank das Eindringen britischer
Infanteriespitzen in einen deutschen Graben und andere Wagen hielten und
kämpften diverse Maschinengewehrnester nieder 629 . Die Einnahme von
Monchy, der sicherlich größte Gewinn des Tages bei der [Link] 630 , wurde
trotz der diesmal deutlicher faßbaren Unterstützung durch Tanks wie die
Erfolge der beiden vorherigen Tage in erster Linie durch die Infanterie
errungen 631 . Ganz anders urteilte eine offiziöse deutsche Darstellung, in
welcher Tanks der britischen Infanterie „donnernd“ „den Weg in das Herz
der deutschen Stellung“ bahnten und selbst der „Löwenmut“ eines
erfahrenen Kompanieführers gegenüber „Stahl und Eisen“ machtlos war 632 .
Immerhin bietet diese schauderhaft pathetische Schilderung der Einnahme

627
Ebenda, S. 260.
628
Siehe RA, Bd. 12, S. 227. Eine Entsprechung in den MO ist nicht auffindbar.
629
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 262f.
630
Siehe Johnson: Stalemate, S. 107. Der letzte deutsche Widerstand auf dem Vimy-
Rücken wurde am Nachmittag des 10.4. durch das Kanadische Korps gebrochen.
631
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 265.
632
Behrmann/Brandt: Osterschlacht, [Link], S. 77f. Die Art der Darstellung mit dem
Hinweis auf jungen bayerischen „Ersatz, der noch nie im Kampf gestanden hat“ (S. 78) legt
nahe, daß es sich bei den Schilderungen zur Tankabwehr um versuchte „Ehrenrettung“
handelt, die den Verlust Monchys kaschieren sollte. Hinweise auf derartige
Vorgehensweisen in den deutschen Truppengeschichten findet man auch in den MO; siehe
MO 1917, Bd. 1, S. 298.
174

von Monchy einige Hinweise darauf, daß es zwischen Tanks und


bayerischen Verteidigern des Ortes zum Nahkampf gekommen war und das
Vordringen der Fahrzeuge und der Kavallerie über den Ort hinaus von
deutscher Infanterie und Artillerie vereitelt wurde 633 .
Wesentlich bedeutender als die Ereignisse hier konnten für die
Gesamtbewertung der Tanks in der Osterschlacht bei Arras 1917 allerdings
die Kämpfe um Bullecourt sein, die sich im Kern zwischen der durch Tanks
verstärkten australischen [Link] des [Link] 634 und der
württembergischen [Link] der Gruppe A 635 abspielten.
Der Angriffsplan der britischen [Link] sah den Hauptstoß in die Siegfried-
Stellung bei Bullecourt mit der australischen [Link] vor, der nach
erfolgtem Einbruch die [Link], das Einschwenken aller Teile in die
Flanken der Deutschen und ein Erweitern des Durchbruchs mit Kavallerie
folgen würden 636 . Dabei sollte den Tanks eine besondere Rolle zukommen.
Ursprünglich war auch hier ihr Einsatz in Zweiergruppen auf der gesamten
Angriffsbreite vorgesehen gewesen, doch es gelang dem Kommandeur des
D-Bataillons und seinem Kompanieführer vor Ort, den Armeebefehlshaber,
General Gough, dahingehend umzustimmen, die verfügbaren Tanks
konzentriert einzusetzen 637 . Wenn auch nicht alle im Moment verfügbaren
Fahrzeuge bei der [Link] zusammengefaßt wurden, so wie es Fuller
gewünscht hatte 638 , so waren bei Angriffsbeginn doch 11 Wagen 639 bei
einer einzigen Division mit knapp 1.500m Angriffsbreite für einen
Überraschungsangriff versammelt worden. Dies bedeutete einen erheblichen
Unterschied zu den Einsatzverfahren zuvor, was sich auch daran zeigt, daß
der Einsatz der Tanks nach vollzogenem Durchbruch den
Divisionskommandeuren vor Ort überlassen werden sollte und nicht, wie

633
Behrmann/Brandt: Osterschlacht, [Link], S. 78, Moser: Die Württemberger im
Weltkrieg, S. 522ff. und Johnson: Stalemate, S. 108.
634
I. Australian & New Zealand Army Corps.
635
Noch am 11.4.1917 wurde die Gruppe der [Link] unterstellt, womit die Grundlage
einer einheitlichen Kampfführung vor Arras geschaffen wurde.
636
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 360.
637
Siehe ebenda.
638
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 98.
639
Ein Tank fiel vor Beginn des Angriffs aus; siehe MO 1917, Bd. 1, S. 364.
175

etwa am [Link], einer detaillierten und vorgefaßten Zielzuweisung


folgte 640 . Mehr noch, es lag der erste Fall vor, bei dem Offiziere des Tank
Detachments derart großen Einfluß auf den Einsatz ihrer Waffe hatten und
bislang theoretische Überlegungen praktisch erproben konnten 641 . Die
Artillerievorbereitung, die zuvor die zentrale Rolle für die Schaffung der
Grundlagen eines erfolgreichen Infanterieangriffs auf befestigte Stellungen
gespielt hatte, trat zugunsten der Tanks erstmals zurück und eröffnete die
Schlacht lediglich mit einem kurzen Trommelfeuer.
Den Plan bereits am [Link] umzusetzen, gestaltete sich allerdings
schwierig, denn starker Schneefall 642 machte das durch die Dunkelheit
schon schwierige Einfließen der Fahrzeuge in ihre Bereitstellungsräume
unmöglich. Erst am [Link] um 5.30 Uhr deutscher Zeit, an einem Morgen
mit noch mehr Schnee als an den Tagen zuvor 643 , konnte der Angriff
beginnen.
Die Motorengeräusche der Tanks waren durch Artilleriefeuer übertönt
worden 644 , und das Erkennen der vorrückenden Fahrzeuge wurde dem Feind
durch den Qualm der einschlagenden Granaten zuerst erheblich
erschwert 645 . Bis auf zwei Tanks, von denen einer vor der Stellung im
Drahthindernis steckenblieb und daraufhin durch Minenwerfer- und
Maschinengewehrfeuer zerstört wurde, gelang der gepanzerte Stoß in die
deutsche Stellung und australische Infanterie kam teilweise bis vor die letzte
Linie des neuen Abwehrsystems, die Artillerie-Schutzstellung. Britischer-
und deutscherseits wurde die moralische Wirkung der Tanks, denen die
Württemberger der [Link] zum ersten Mal gegenüberstanden,

640
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 363.
641
Siehe Fuller: Tanks, S. 87. Die Verteilung der Tanks im Angriffsstreifen folgte der Idee
der „Trident Tactics“, die drei Angriffsspitzen vorsah; siehe Abschn. 5.6.1. der
vorliegenden Arbeit.
642
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 362.
643
Siehe ebenda, S. 364.
644
Siehe Moser: Die Württemberger im Weltkrieg, S. 513, und vergleiche Johnson:
Stalemate, S. 110.
645
Siehe TG FAR 49, S. 73.
176

hervorgehoben 646 . Allerdings handelte es sich ganz offensichtlich um einen


kurzzeitigen Effekt, der auch nur Teile der Truppe erfaßte:
„Many Germans, probably scared by the tanks, which these particular troops had
not seen before, fled towards Riencourt; but in general the enemy stood his ground
and fought grimly.” 647

Einsetzende Gegenstöße der württembergischen Divisionsreserven machten


jedem weiteren Vordringen ein Ende. Stoßtrupps rollten die verlorenen
Stellungsteile von den Flanken her auf und drängten in „zielbewußtem
Zusammenarbeiten die Engländer allmählich wie eine Herde zusammen und
zwangen sie, sich zu Hunderten zu ergeben“ 648 . Knapp 1.200 Australier
gingen in Gefangenschaft. Die Gesamtverluste des Angreifers, für den der
Tag ohne Geländegewinn endete, beziffert das deutsche amtliche Werk auf
3.300 Mann 649 . Für die Tankunterstützung wurde der Kampf zu einem
nahezu vollständigen Desaster. Ein Tank wurde durch Minenwerfer 650 , einer
durch ein einzelnes Maschinengewehr mit SmK-Munition, deren Geschosse
in großer Zahl die Panzerung glatt durchschlagen hatten 651 , andere durch die
Stellungsartillerie außer Gefecht gesetzt. Das FAR 49 der [Link] hielt sich in
seiner Truppengeschichte -und im Unterschied zur Aufarbeitung des
[Link] 1916 durch andere Verbände- davon fern, Abschüsse für
bestimmte Batterien, Geschütze und Soldaten zu reklamieren 652 . Das RFAR
26 nannte in seiner Geschichte ein einzelnes Tankabwehrgeschütz, das, in
offene Feuerstellung gezogen, australische Infanterie auf nächste

646
Siehe Moser: Die Württemberger im Weltkrieg, S. 515, und MO 1917, Bd. 1, S. 366.
647
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 366.
648
Siehe TG [Link], S. 57.
649
Siehe RA, Bd. 12, S. 228. In der ersten Erfolgsmeldung der HGr Rupprecht wurde von
Verlusten in Höhe von 1.000 Mann, 27 eingebrachten MG und neun zerstörten Tanks (von
12) gesprochen; siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 125, Akt: 208, Bl. 311: Lagemeldung HGr
Rupprecht vom 12.4.1917.
650
Siehe Moser: Die Württemberger im Weltkrieg, S. 514
651
Siehe ebenda S. 516.
652
Siehe TG [Link], S. 57, und TG FAR 49, S. 73. Das FAR 49 nennt noch besonders die
erfolgreiche Beteiligung der 6./RFAR 26 bei der Tankbekämpfung.
177

Entfernung bekämpfte, sowie je einen Tankabschuß durch die 5. und


[Link] des Regimentes 653 .
Was die Geschütze einer im Abschnitt der [Link] befindlichen
Nahkampfbatterie angeht, so ergibt sich erst aus den damaligen Gefechts-
und Erfahrungsberichten ein Bild ihrer Wirkungsweise. So sprach der
Artillerie-Kommandeur der [Link] in seiner Zusammenfassung über die
Tankbekämpfung am [Link] davon, daß sie sehr effektiv und schnell
gewirkt hätten 654 . Die [Link] nannte zudem drei Abschüsse, die durch
„Tankgeschütze“ erzielt worden waren 655 .
Insgesamt neun der 11 Wagen wurden kampfunfähig gemacht, davon sieben
innerhalb der deutschen Linien. Die übrigen Tanks hatten sich durch
Ausweichen nach hinten gerettet 656 .

5.5. Weitere Tankeinsätze bis zum Ende der Schlacht.

Die Hauptaufgabe der Schlacht von Arras im Rahmen der kombinierten


britisch-französischen Frühjahroffensive 1917, nämlich das Binden
deutscher Truppen, war am [Link] keineswegs erfüllt, was zwangsweise
zur Fortsetzung der Operationen führen mußte 657 . Eventuelle
Siegeschancen, wie sie am [Link] noch gehegt werden konnten, hatten sich
aber durch die Erfüllung des grundsätzlichen Auftrages im Rahmen der
britisch-französischen Offensive, dem Heranziehen starker deutschen

653
Siehe Klaus, Max (Bearb.): Das Württembergische Reserve-Feldartillerie-Regiment Nr.
26 im Weltkrieg 1914-1918 (Die württembergischen Regimenter im Weltkrieg 1914-18,
Bd. 45), Stuttgart 1929, S. 73.
654
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 573: Gkdo. [Link] Ia Nr. 1620 vom 21.4.1917, dort:
Artillerie-Kommandeur Nr. 27 XIII I.-Nr. 1774 vom 15.4.1917.
655
Siehe ebenda, [Link] Abtl. Ia, 1130 vom 14.4.1917, Ziff. II.) d). Ob sich der Terminus
„Tankgeschütz“ eindeutig allein auf Nahkampfgeschütze bezog, kann allerdings bezweifelt
werden, da Ziff. II.) e) die von der Infanterie bedienten Grabenkanonen als wirksamste
Waffe gegen Tanks empfahl. Hinweise und Beschreibungen von Beispielen ihrer
Leistungsfähigkeit ließen sich allerdings nirgends finden.
656
Siehe TG [Link], S. 57. So wie von 12 angreifenden Tanks gesprochen wird, tauchen in
deutschen Schilderungen grundsätzlich drei Fahrzeuge auf, die unbehelligt zu den
britischen Linien zurückkehrten.
657
Siehe Warner, Philip: Field Marshal Earl Haig, London 1991, S. 227.
178

Reserven 658 , und den Erschöpfungsgrad beim Angreifer 659 nach drei Tagen
Materialschlacht merklich verringert. Bereits wieder am [Link] wurden
Vorstöße mit Tanks und Infanterie vorgetragen und von den Deutschen
abgewiesen 660 , was für die weiteren Kämpfe bis Mitte Mai Programm
werden sollte und der Schlacht in Verlauf und im Ergebnis einen den
Kämpfen an der Somme von 1916 entsprechenden Charakter gab 661 .
Da sich die Rolle der Tanks in diesen Kämpfen aus deutscher
Wahrnehmung heraus nicht von den bisherigen Erfahrungen unterschied
und es auch beim Großangriff am [Link] gelang, sieben Fahrzeuge zu
zerstören 662 , erübrigt sich eine detailliertere Beschreibung des Geschehens.

5.6. Tanks und Tankabwehr in der Schlacht von Arras: Bewertungen und
Reaktionen.

Die Schlacht bei Arras von 1917 ist insgesamt als überaus bedeutend
einzuschätzen, wenngleich die ersten zwei Schlachttage nicht die
Überprüfung des neuen deutschen Abwehrverfahrens vor dem Hintergrund
einer britischen Großoffensive bekannten Typs zeigten. Vielmehr war es der
unfreiwillige Beleg für die Notwendigkeit, ein solches Verfahren
umzusetzen und eine gute, wenngleich gefahrvolle Gelegenheit, frühere
Schwächen nochmals vor Augen geführt zu bekommen. Auf der anderen
Seite, der britischen, folgte Arras der Sommeschlacht und brachte in

658
Nach Cron: Mein Kriegstagebuch, S. 143, trafen bis Ende April 12 Divisionen als
Verstärkung für das AOK 6 ein. Bis zum Abschluß der Schlacht am [Link] erhöhte sich
die Zahl auf 20. Hinzu kamen zahlreiche artilleristische und sonstige Verbände; siehe RA,
Bd. 12, S. 232.
659
Siehe Johnson: Stalemate, S. 111.
660
Siehe etwa Wagner, Rudolf (Hg.): Das [Link]-Elsässische Feldartillerie-Regiment Nr.
51 im Weltkriege 1914/1918 (Deutsche Tat im Weltkrieg 1914/1918, Bd. 31), Berlin 1936,
S. 176, oder, als Beispiel vom 23.4.1917, Moser: Die Württemberger im Weltkrieg, S. 522,
und RA, Bd. 12, S. 249.
661
Siehe Johnson: Stalemate, S. 111: „The offensive was now developing into a pattern of
piecemeal operations so familiar from the later stages of the Somme battle.“
662
Siehe RA, Bd. 12, S. 251.
179

verkürzter Zeit, unter verhältnismäßig geringen eigenen Verlusten 663 und


mit nahezu vollständig herkömmlichen Mitteln 664 , einen großen Erfolg, der
es nach dem ersten Tag der Schlacht hätte nahelegen können, endlich die
Größenordnung an Schlagkraft gefunden zu haben, welcher der Gegner
auch in besten Stellungen nicht standhalten konnte. Einbrüche von bis zu
fünf Kilometern Tiefe und 9.000 Gefangene am ersten Tag wiesen eine
qualitative Leistungssteigerung der britischen Stabsarbeit und besonders der
Infanterie als „Triumph“ 665 aus. Das Ereignis, das diesem Sieg bis heute
Ausdruck gibt, ist die Eroberung des Vimy-Rückens, auf dessen
entscheidender Höhe 145 ein monumentales kanadisches Nationaldenkmal
einen langen Schatten über den Verlauf der Schlacht und die Grundlagen
ihrer umfassenden Bewertung zu werfen scheint 666 .
Da die Tanks in dieser Phase der Schlacht vom Standpunkt des später
Urteilenden aus kaum auffällig waren, kann es auch nicht verwundern, daß
sie eher übergangen werden konnten und oft erst im Zusammenhang mit der
tatsächlich ja winzigen „Schlacht“ um Bullecourt Erwähnung fanden.
Anders als bei Autoren der Fachliteratur zu „Panzern“ sowie den mehr oder
weniger kräftig auf Propagandaeffekte zielenden Autoren der Kriegs- und
Zwischenkriegszeit, die nicht umhin konnten oder wollten, Erfolg und
Mißerfolg der Tanks bei Arras näher zu beleuchten und entsprechend der
jeweiligen Siegesaussichten zu interpretieren, finden sich in
Überblicksdarstellungen zum Ersten Weltkrieg oft sehr oberflächliche

663
Für die ersten drei Tage, die mit den größten Erfolgen verbunden waren, werden von
Keegan, S. 453, 20.000 britische Verluste genannt. Die Verluste der drei bei Arras
kämpfenden britischen Armeen im April und Mai beliefen sich laut MO 1917, Bd. 1, S.
556f., auf etwa 150.000 Mann, während die deutsche [Link] 85.000 Mann verlor.
664
Eine besondere Ausnahme stellen die für den Abschnitt Arras und Vimy
charakteristischen Tunnelsysteme dar, die auch größeren Verbänden eine geschützte
Annäherung an die Sturmausgangsstellungen ermöglichen konnten.
665
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 239, und Keegan, S. 453.
666
Die offizielle Seite des kanadischen Ministeriums für Veteranenangelegenheiten selbst
spricht allerdings in vielen Passagen zur Schlacht (bzw. zur Begründung für das
eindrucksvolle Denkmal) vom singulären Charakter des Erfolges innerhalb der Schlacht.
H[Link] . Zur
Bedeutung der Operation gegen die Vimy-Höhe siehe auch Cave, Nigel: Vimy Ridge
(Battleground Europe), London 1996, S. 147f.
180

Schilderungen. Bei Keegan etwa ist eine solche kaum noch als realitätsnah
zu bezeichnen: Die bei Bullecourt angreifende australische Division, nur
durch einige wenige Tanks begleitet, wurde mit diesen zusammen vor einem
intakten Drahthindernis aufgehalten- so weit die dubiose
667
Zusammenfassung . Chickering ließ den Tanks „während des
Hauptangriffs“, den er nicht datierte, eine besondere Rolle zukommen 668 ,
die er nicht näher definiert. Der Internetbeitrag des „Lebendigen virtuellen
Museums Online“ des Deutschen Historischen Museums zu Arras 1917
spricht zwar von den zum Angriff versammelten Tanks, läßt ihre Rolle
während der Schlacht aber außer Acht 669 . Und Heydecker, der bis hierhin
schon mit einer Geschichte des Tanks im Ersten Weltkrieg „aus einem Guß“
wenig geglänzt hat, verzichtete zur Gänze auf Überlegungen zu den
Tankeinsätzen bei Arras 670 , während in einer der neuesten und
schwergewichtigsten deutschen Veröffentlichungen zum allgemeinen
Themenbereich, der „Enzyklopädie Erster Weltkrieg“, ein Beitrag vom
Verdun-Spezialisten Werth zum Stichwort „Cambrai“ veröffentlicht wurde,
in dem von einem „kleineren Panzerangriff bei Arras 1917“ die Rede ist 671 .
Die Probleme, die Verfasser von Überblicksdarstellungen offensichtlich mit
den Tanks und erst recht mit den völlig vernachlässigten Aspekten der
Tankabwehr bei Arras haben, lassen sich auch in Bewertungen innerhalb der
Fachliteratur finden. Wenn man die geringe Wirkung der Tanks nicht
unberücksichtigt lassen konnte, so blieb die Möglichkeit, sie in den Vorwurf
des Versagens der deutschen Führung zu integrieren, oder darauf zu
verweisen, daß selbst in der Niederlage „Siege“ und der Kern zum späteren,
endgültigen Sieg von 1918 steckten. Ogorkiewicz etwa faßte Arras,
Champagne und Flandern 1917 zusammen, um ohne nähere Betrachtung der
jeweiligen Vorkommnisse und Maßnahmen auf beiden Seiten zu dem

667
Siehe Keegan, S. 453.
668
Chickering, S. 211.
669
Siehe H[Link]
670
Siehe Heydecker, S. 412f. Dort wird unter dem Titel „Verwegene Husarenstücke: mit
Pistolen gegen Tanks“ ein mehr als fragwürdiges Beispiel für Auslassung bedeutender
Sachverhalte zugunsten einer stringenten Argumentation gegeben. Auch zum Desaster der
französischen Tanks in der Champagne fehlt jedes Wort.
671
Siehe Werth, German: Cambrai, in Enzyklopädie Erster Weltkrieg, S. 404.
181

sicherlich legitimen, aber eben äußerst oberflächlichen Schluß zu kommen,


daß die Unterschätzung der Tankwaffe auf deutscher Seite durch die
geringen Leistungen der Tanks gefördert wurde 672 . Perrett dagegen sprach
zwar deutlicher von den Verlusten durch deutsche Tankabwehr bei Arras,
bezog sich in seiner Wertung aber auf den Erfolg bei der Eroberung von
Monchy am [Link], um dann schnell zur französischen Offensive in der
Champagne überzuleiten 673 .
Die Schlacht von Arras 1917 ist ganz offensichtlich ein diffiziles und
vielschichtiges Ereignis, das sich nicht leicht in das heute bestehende Bild -
erst recht nicht in jenes vom Tank des Ersten Weltkrieges- einfügen läßt.
Daß die Schlacht letztendlich zu einem Desaster für den britischen
Angreifer wurde und für ihn eine klare Niederlage bedeutete, steht
allerdings gemeinhin außer Frage 674 .

5.6.1. Britische Perspektiven und Reaktionen.

Arras 1917 markierte bereits dadurch einen besonderen Punkt in der


Entwicklung der britischen Kampfformen an der Westfront und der
Entwicklungsgeschichte des Tank, weil es die erste Großoffensive war, an
der Kampfwagen von Anfang an teilnahmen. Die Rolle, die ihnen hierbei
zufiel, hätte nach allem, was an Erfahrungen aus der Sommeschlacht
erarbeitet und überliefert war 675 , ein Ergebnis erwarten lassen können, das
sich deutlich von dem von 1916 unterschied. Die vielseitigen technischen
Unzulänglichkeiten der frühen Tanks in einem schwierigen, von (eigener)
Artillerie verwüsteten Gelände, die Probleme beim zersplitterten Einsatz der
Fahrzeuge, ihre zu enge Bindung an eine Vielzahl von Einsatzzielen und
ihre Empfindlichkeit gegenüber feindlichem Feuer beim Vorgehen ohne
Infanterieunterstützung waren überaus deutlich geworden 676 . Im Vorfeld der

672
Siehe Ogorkiewicz: Technologie der Panzer, S. 22.
673
Siehe Perrett, S. 46.
674
Siehe etwa Larson: Armoured Warfare, S. 59, oder Fletcher: Tanks and Trenches, S. 21.
Vergleiche Haythornthwaite, Philip J.: The World War One Fact Book, London u.a. 1992,
S. 37.
675
Siehe Abschn. 3.5.1.
676
Siehe ebenda.
182

Schlacht war die Zeit nachweislich mit Auswertung der Erfahrungen und
Schaffung theoretischer Grundlagen für weitere Einsätze verbracht
worden 677 . Es erschien das von Fuller verfaßte „Ausbildungsbüchlein Nr.
16“ 678 , das die zu erreichende Struktur der Verbände, Regelung der
Kommunikationsmöglichkeiten durch Blink-Signale und vor allem die
Kampf- und Einsatzformen der Tankformationen regelte. Unabhängig vom
reglementarischen Fortschritt, den diese Schrift insgesamt für das Tank
Detachment bedeutete, bleibt unverkennbar, daß der Weg zur operativen
Panzerstreitmacht noch weit war. Fuller selbst stellte dies in seinen
Erinnerungen auch fest 679 und sah die Gründe für das Scheitern der Tanks
beim Auftakt der Schlacht von Arras in zwei Faktoren. Der eine verband
sich mit den Tanktypen Mark I und II selbst, die den Anforderungen in
technischer und zahlenmäßiger Hinsicht nicht genügen konnten 680 , und der
andere betraf die Uneinsichtigkeit der höheren Führung:
„Obwohl uns die Deutschen viel zu schaffen machten, machte uns Sir Douglas
Haig und sein ungewöhnlich phantasiearmer Generalstab [,...,] unendlich mehr zu
schaffen.“ 681

Bezeichnend dafür war, daß das „Büchlein Nr. 16“ wegen seiner
Bestimmungen zu den Artillerievorbereitungen, die nicht länger als 48
Stunden dauern sollten, um dem Feind keine Gelegenheit zum Heranführen
von Reserven zu geben und den Tanks ein trichterübersätes Schlachtfeld zu

677
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 88ff.
678
Die einzelnen Teile der Schrift lauteten Tankorganisation, Tanktaktik, Zusammenarbeit
der Tanks mit anderen Waffen, Vorbereitungen zur Offensive, Nachschubwesen,
Verbindungswesen, Verstärkungen, Tarnungsmethoden, Hinzu kam ein Anhang mit
diversen zusätzlichen Detailregelungen und Tabellen; Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 89.
679
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 89: „Damals dachte man nämlich noch nicht daran, Tanks
selbständig einzusetzen.“ Der Satz bezieht sich zweifelsfrei auf die Idee einer operativ
autarken, gepanzerten Speerspitze der Armee.
680
Siehe ebenda, S. 93, und Fuller: Tanks, S. 89.
681
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 88, und vergleiche Fuller: Tanks, S. 89. Bezeichnend für
das frühe Erscheinungsjahr des Buches (1920) dürfte im Gegensatz zu den „Erinnerungen“
sein, daß innerhalb seiner Darstellung die Kritik an der obersten Führung unartikuliert
blieb. So endet das Kapitel zu den Tanks bei Arras, S. 89, mit einem Glückwunsch-
Telegramm Haigs zum hervorragenden Einsatz der Tanks bis zum Abend des 10.4.1917.
183

682
. Eine wirklich richtungweisende Idee der
Vorschrift, nämlich das Aufgeben des langanhaltenden Feuers zugunsten
der Tanks, welche der Infanterie schnell und für den Feind überraschend
Gassen durch die feindlichen Hindernisse bahnen sollten, fand als Folge
keine Verbreitung. Vor Arras wurde genauso auf Trommelfeuer gesetzt wie
zuvor und noch danach. Die Umsetzung der Vorstellungen zu einem
kombinierten Tank- und Infanterieangriff, bei dem die verfügbare
Panzerkraft konzentriert zu einem gezielten Durchbruch zusammengezogen
werden sollte, fand bis zur Planung des Angriffs von Bullecourt ebenfalls
keine Anerkennung, so daß die früheren Anweisungen aus dem Stab des
Oberbefehlshabers bindend bleiben mußten 683 . Die „normal tactical
methods“ 684 blieben bei den Planungen zur Offensive von Arras unberührt.
Tanks waren primär Infanteriebegleitung, ohne daß ihr Einsatz
formationstechnisch oder zahlenmäßig fest geregelt war. Anzahl der Ziele
und erkannter Bedarf ließen es schließlich zu, daß bei Arras sehr
verschieden starke Gruppen von Tanks auf dem Schlachtfeld zu finden
waren. Immerhin fehlen für diese Kämpfe Hinweise darauf, daß es bei den
Tankbesatzungen wie an der Somme zu Desorientierung oder gar
Feuereröffnung auf eigene Truppen kam. Ganz im Gegenteil, denn ein
wirklich signifikanter Fortschritt war anscheinend bei der Ausbildung
gemacht worden. So urteilte der Kommandierende General im Abschnitt vor
Monchy:
„I certainly never again want to be without tanks, when so well commanded and
led.“ 685

Fuller ging in dieser Hinsicht noch einen Schritt weiter, zitierte einen
Bericht, der den Tankbesatzungen ebenfalls ein hervorragendes Zeugnis
ausstellte, und gab die Wertung ab, daß Arras den „Triumph der Ausbildung

682
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 91.
683
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 75.
684
Siehe MO 1916, Bd. 2, S. 367, und Abschn. 3.5.1.
685
General Aylmer Haldane, zitiert nach Perrett, S. 46. Siehe auch Fuller: Tanks, S. 89f.:
„This fine fighting spirit was undoubtedly due to the excellent leadership all officers and
N.C.O.s had exercised during individual and collective training; and to the full recreational
training given to the battalions during these periods, games and sports as a fighting basis
having been sedulously cultivated.”
184

über die bisherige dilettantische Verwendung“ darstellte 686 . Inwieweit hier


das Lob des Vorgesetzten die Realität in Bezug auf den wahren
Gefechtswert der Truppe übertraf, könnte als Unwesentlichkeit undiskutiert
bleiben, doch es gibt einerseits gegenteilige Darstellungen, andererseits
fehlen für Arras die herausragenden Erfolge der Tanks. Nach dem
dramatischen Mißerfolg bei Bullecourt machten die Australier den
Panzersoldaten und deren „zu optimistischer Führung“ heftigste
Vorwürfe 687 , und der auffällige Versuch der Presse zur Integration
wenigstens eines Tanks in die Erfolgsgeschichte der Eroberung von Vimy
Ridge mag die Armut an Glanzlichtern gerade in den erfolgreichen ersten
Tagen der Schlacht deutlich aufzeigen 688 . Dementsprechend lautete auch die
erste Bewertung der Leistungen der Tanks am [Link] im britischen
amtlichen Werk „generally speaking, they had not had a good day” 689 .
Angesichts der Realitäten ist diese Aussage noch als Verharmlosung zu
charakterisieren.
Von den 40 Fahrzeugen, die am ersten Tag der Schlacht bei der [Link]
zum Einsatz kamen, wurden wenigstens 11 durch deutschen Widerstand
ausgeschaltet 690 (27,5%), mindestens 14 fuhren sich fest. Ferner sind
weitere acht Tanks beim [Link] 691 auf die beiden Kategorien Verluste
und Ausfälle zu verteilen, womit letztendlich ein Ausfall von 33 Fahrzeugen
oder 82,5% der Einsatzstärke berechnet werden kann. Diese eindrucksvolle

686
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 100f. Vergleiche Fuller: Tanks, S. 88, wo es zu diesem
harten Urteil nicht kam.
687
Siehe Wright, S. 74, und Fuller: Erinnerungen, S. 100. Siehe auch MO 1917, Bd. 1, S.
239: „Owing to rapid expansion, only the original nucleus of the personnel was well
trained, and the steering was often unskilled.“
688
Siehe Pemberton, Max: The Victory of Vimy Ridge, in TWI vom 28.4.1917, S. 244.
Pemberton blieb mit näheren Ausführungen zum “Tank on Telegraph Hill” sparsam: „To
this [den beherzten Angriff der Infanterie] our old friend the `tank´ contributed gallantly.
We shall hear some droll stories of him when all the truth is written.”
689
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 239.
690
Die durch deutsche Stellen reklamierte Zahl beläuft sich auf 15; siehe RA, Bd. 12, S.
220 und Frauenholz: Kronprinz Rupprecht, Bd. 2, S. 135. Auf S. 137 wird nur von 12
zerstörten Tanks gesprochen, was allerdings auf den Zeitpunkt der Eintragung bzw.
Aktualität der zugrundeliegenden Berichte zurückzuführen sein dürfte.
691
Siehe Abschn. 5.3.
185

Zahl wird durch die Tatsache, daß steckengebliebene Wagen zu bergen


waren, zwar relativiert, doch bleiben die „blutigen“ Verluste mit -je nach
Berechnungsgrundlage- deutlich über 25% erheblich 692 . Daß diese bei
Bullecourt am [Link] noch höher waren, braucht eigentlich nicht mehr
belegt zu werden (82%). Doch es verbinden sich mit dieser Niederlage
besondere Umstände, die Fullers –mehr aus der Retrospektive als aus der
bis hierhin verfolgten Entwicklungsgeschichte des Tanks heraus
verständlichen- Kritikpunkte an Haig und dessen Stab aushebeln müssen.
Wie oben bereits gesagt wurde, hatte das Tank Detachment besonderen
Einfluß auf diese Operation der [Link]. Die Idee, sämtliche Tanks bei der
[Link] und gegen den Abschnitt Bullecourt zu konzentrieren, um an
einem von Artilleriefeuer unberührten Teil der Front zu einen
Überraschungsangriff nach dem ersten, eigentlichen und konventionellen
Infanterie-Artillerie-Angriff bei der [Link] anzutreten, war offensichtlich
Fullers eigener Plan gewesen 693 . Dazu kam es bei den Dispositionen der
Großoffensive in dieser Form nicht, weil erstens, wie schon angeführt, die
im Hauptquartier vorhandenen Einsatzideen für die Tanks den
Vorstellungen einer geradezu autarken, operativen Waffe nicht
entgegenkamen, zweitens, weil das Wetter einen Strich durch die Rechnung
machte. Dennoch gelang es den Kommandeuren der Tankeinheiten vor Ort,
eine neuartige Angriffsweise im Sinne des Stabschefs beim
Armeebefehlshaber zu empfehlen 694 . Theoretischen Vorgaben aus dem
Ausbildungsbüchlein Nr. 16 wurde insofern gefolgt, als die Aufstellung der
Tanks dem System der „Trident Tactics“, dem gestaffelten Einsatz von
Tanks, Infanterie und Kavallerie mit starker Flankensicherung, folgte 695 ,
und sie wurden dadurch übertroffen, daß auf umfangreiche
Artillerievorbereitungen im Vertrauen auf die Fähigkeiten der Tanks

692
Siehe Fuller: Tanks, S. 88: „ […] though the number of casualties sustained exceeded
expectation.“ Legt man 15 zerstörte Tanks zugrunde, ergibt sich eine Verlustquote von
37,5% der Einsatzstärke bei der [Link] am 9.4.1917.
693
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 96.
694
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 360.
695
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 90, Abb. 4, und Fuller: Tanks, S. 87.
186

verzichtet wurde 696 . Der Erfolg blieb versagt, was neben Gründen, die auf
der deutschen Seite zu finden sind, auch daran lag, daß der Angriffsplan
mehrfach geändert worden war, was Verwirrung schuf. Außerdem traten
Tanks letztendlich nicht einheitlich zum Angriff an und die Zusammenarbeit
zwischen Infanterie und Tanks vorab nicht geübt werden konnte 697 . Mehr
noch, falsche Berichte während des Kampfes suggerierten einen
durchschlagenden Erfolg, weswegen es für die vor intakten Stellungen
kämpfende Infanterie nach dem Ausfall der Tanks auch keine Entlastung
durch Artillerieunterstützung gab 698 . Multiples Versagen ist hier zu
attestieren, das kaum mit Haig und dessen Stab in Verbindung zu bringen
ist, wenn man nicht den großen Bogen zurück zur allgemein-theoretischen
Gesamtkonzeption der Tankverwendung bei einer Offensive des
Kriegsjahres 1917 schlagen will. Mit einem konzentriert eingesetzten Mehr
von verfügbaren und besseren Fahrzeugen hätten die Erfolge zwischen dem
9. und [Link] zum Durchbruch ausgebaut werden können, urteilte
Fuller 699 :
„Tankwellen in Staffeln hintereinander mit starker Reserve hätten zweifellos
einen Durchgang für die Infanterie erzwungen und so die Deutschen genötigt,
zurückzuweichen. Die Desorganisation der Deutschen wäre stärker und anhaltender
gewesen, so aber blieb der Angriff der Tanks ohne Unterstützung. Er verpuffte.
Seine Dauer war streng begrenzt, weil zu wenig Tanks und keine Reserven zur
Verfügung standen.“ 700

Grundsätzlich ähneln die Lehren von Arras also denen aus der
Sommeschlacht und ließen den Visionär –sowie den viel später über die
Vorgänge Schreibenden- auf eine Zukunft verweisen, in der die jetzt längst

696
Siehe Fuller: Tanks, S. 88: „The interest of the Bullecourt operation lies in the fact that it
was the first occasion on which tanks were used to replace artillery.“ Siehe auch Fletcher:
Tanks and Trenches, S. 38, mit dem Gefechtsbericht der [Link]-Brigade zum 11.4.1917.
697
Siehe Fuller: Tanks, S. 88, und MO 1917, Bd. 1, S. 364f.
698
„Meanwhile the Australians were fighting it out with no artillery support except for fire
on distant objectives, and no help from the higher command. About 10 A.M. a concerted
series of counter-attacks developed from all sides […].” Zitiert nach MO 1917, Bd. 1, S.
368.
699
Siehe Fuller: Tanks, S. 89 und Erinnerungen, S. 93f. und S. 100f.
700
Zitiert nach Fuller: Erinnerungen, S. 100.
187

bekannten Mängel behoben sein würden 701 . Die große Schwierigkeit mußte
darin bestehen, der Führung die notwendigen Zugeständnisse an materieller
und konzeptioneller Freiheit abzugewinnen. Wie wenig Aussicht darauf
nach den Kämpfen im April und Mai 1917 bestand, stellten die vom
Generalstab im Mai 1917 herausgegebenen „Anweisungen über den
Gebrauch der Tanks und über die Grundgedanken bei ihrer Verwendung als
Hilfsmittel beim Infanterieangriff (S.S. 164)“ 702 deutlich unter Beweis.
Unausgegorener und teilweise widersprüchlicher Inhalt, wie Fuller ihn für
die Notwendigkeit umfangreicher Artillerievorbereitung im Gegensatz zur
Feststellung, daß Tanks sich für einen Einsatz im zerschossenen oder
aufgeweichten Gelände nicht eigneten, erkannte 703 , manifestierte sich
allerorten. Und das machte die Vorschrift zu einer Art Fundgrube für oder
gegen dieses oder jenes Verfahren. Richtungsweisend oder gar bindend
scheint an ihr nichts gewesen zu sein, wie der Einsatz auf einem definitiv
nicht geeigneten Gefechtsfeld in Flandern und die lokale Abänderung der
Grundlagen des Angriffs bei Cambrai noch deutlich machen sollten 704 .

5.6.2. Deutsche Perspektiven und Reaktionen.

Als Ludendorff am [Link] seinen Geburtstag beging, konnte er sich nicht


mehr sicher sein, ob die neuen Vorschriften für die Abwehrschlacht richtig
gewesen waren 705 . Neben den akuten Problemen, die vor allem die

701
Siehe etwa MO 1917, Bd. 1, S. 239.
702
So der Titel der deutschen Übersetzung der S.S. 164, die am 7.1.1918 vom NO AOK 2
veröffentlicht wurde; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 178ff.
703
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 102. Vielerlei Merkwürdigkeiten wären zu benennen,
etwa die Ansicht, daß Tanks (im Schlamm) versunkene Drahtverhaue niederwalzen
könnten (HStAS, M 33/2, Bü. 330, S.6 des Originals von SS 164, Ziff. 6.V.) oder daß
Infanterie einerseits gar nicht mit Tanks vorgehen sollte (Orig. S. 6, Ziff. 6), um sich dem
feindlichen Artilleriefeuer zu entziehen, dann aber doch in den Räumen zwischen den
Fahrzeugen „zu folgen“ hätte (Orig. S. 7, Ziff. 8).
704
Siehe Abschn. 8.1. und 9.1.
705
Dieser Zustand zog sich zumindest bis zum 11.4.1917 hin. Kuhl vermerkte noch für
diesen Tag: „Mehrfach mit Ludendorff gesprochen war sehr niedergeschlagen. Die Ursache
[für das Geschehen vom 9.4.] ist nicht klar, wird jetzt ermittelt.“ Zitiert nach BA-MA, RH
61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, S. 54 (Tagebucheintrag vom 11.4.1917).
188

Heranführung von Ersatz für die schwer angeschlagenen Frontdivisionen


der [Link] betrafen, ging man auf dieser obersten Führungsebene
augenblicklich an die Untersuchung des offenkundigen Mißerfolges, wobei
der Druck, der auf Ludendorff als potentiellem „Hauptverantwortlichen“
lastete 706 , auch darin Ausdruck fand, daß er sich umgehend aus erster Hand
über das Geschehen berichten ließ 707 und zwei Tage später
Generalstabsoffiziere zur Ursachenforschung in den Führungsbereich des
AOK 6 entsandte 708 .
Der erste Tag der Schlacht bedeutete aus Sicht der lokalen Führung eine
„schwere Niederlage“ 709 für die deutschen Truppen. Daß 15 Tanks am
ersten Tag zerstört worden waren, also ein Viertel der insgesamt auf
britischer Seite verfügbaren Wagen, deren Gesamtzahl man freilich nicht
kannte, fiel dabei zuerst nicht ins Gewicht. Einmal waren die Infanterie- und
Geschützverluste ungeheuer, und dann gab es –zumindest in den Augen des
Stabschefs der maßgeblich vom Angriff betroffenen Gruppe Arras, Thaer,
der die ersten Beurteilungen des Geschehens maßgeblich beeinflußte 710 -
keinen Zweifel daran, daß noch wesentlich mehr Tanks in die Kämpfe
eingreifen würden 711 . Was ihre Rolle beim ersten Schlag der Briten angeht,
so ergibt sich aus dieser Annahme Thaers unzweifelhaft die Feststellung
ihrer elementaren Bedeutung beim Angriff, der sich die Heeresgruppe am
[Link] in einer vorläufigen Erklärung anschloß:

706
Siehe dazu auch RA, Bd. 12, S. 32 mit dem Hinweis auf Schwierigkeiten, die sich
Ludendorff bei der Verordnung des unter Ägide des Oberstleutnants Bauer erarbeiteten
neuen Verfahrens geboten hatten.
707
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 334.
708
Siehe BA-MA, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, Eintrag aus dem Fernsprechbuch
(der HGr Rupprecht) vom 11.4.1917.
709
Siehe Kaehler: Generalmajor v. Thaer, S. 109 (Brief oder Tagebucheintrag vom
9.4.1917).
710
Auszüge aus den von Kaehler edierten Selbstzeugnissen Thaers finden sich bei
Frauenholz: Kronprinz Rupprecht, Bd. 2, S. 135, und RA, Bd. 12, S. 220.
711
Siehe Kaehler: Generalmajor v. Thaer, S. 110.
189

„Die zahlreichen Tanks, die der Gegner in diesen Kämpfen einsetzte, erwiesen
sich obwohl wieder viele von ihnen vernichtet wurden doch wieder als wirksames
Angriffsmittel, vor allem bei Nacht.“ 712

Bezüglich der Ergebnisse der Befragung zweier Offiziere der 11. und
[Link] verfaßte die OHL am [Link] ein Fernschreiben 713 . Daraus ging
hervor, daß einmal die deutsche Artillerie besonders unter den ungünstigen
Stellungsbauverhältnissen in der Siegfried-Stellung gelitten hatte, und daß
dort, wo die Tiefengliederung eingenommen worden war, durchaus auch
ohne Eingreifen der Reserven lange Zeit ausgehalten werden konnte 714 . Zu
den Tanks sagten die befragten Offiziere aus, daß sie in geringer Zahl, bei
Tage und vornehmlich auf Straßen vorgegangen waren und, wenngleich sie
in einigen Fällen durch die Linie stoßen konnten, allesamt und baldigst
Opfer der Artillerie geworden waren. Die Sondergeschütze zur Tankabwehr
hatten daran keinen Anteil gehabt, da sie offenbar unzureichend gedeckt
eingebaut gewesen waren und von der feindlichen Artillerie frühzeitig
zerstört werden konnten 715 . Das Fazit legte den Grund des anfänglichen
Mißerfolges bei Arras ganz klar in den Bereich der unzureichenden
Umsetzung der Tiefengliederung, die ohne die Bereitstellung von
Eingreifreserven nah hinter der Front, welche ihrerseits wenig ausgebaut
gewesen war, scheitern mußte 716 . Hinzu kam „lokales Versagen der
vorderen Infanterie an einer Stelle“, nämlich der als „Schuldigen“
ausgemachten [Link]. Dieser Umstand wurde als eine maßgebliche
Erklärung des Mißerfolges mehrmals genannt und fand schließlich auch
Eingang in Ludendorffs Kriegserinnerungen 717 . Der Einsatz „besonderer

712
Zitiert nach KA, HGr Rupprecht, Bd. 125, Akt: 206, Bl. 256: HGr Rupprecht,
Wochenmeldung vom 13.4.1917.
713
KA, HS 3402: Fernschreiben der OHL an AOK 1, dort aufgenommen als AOK 1 Ia Nr.
30 geheim vom 15.4.1917. Der Verteilungsplan in 40 Exemplaren betraf sämtliche
Gruppenstäbe, Divisionen und Offiziere der einzelnen Waffengattungen im Stab des AOK.
714
Ebenda, Ziff. 1.) u. 7.).
715
Ebenda, Ziff. 5.).
716
Ebenda, Abschn.: Besonderer Eindruck.
717
Ebenda, Ziff. 7.) bzw. 8.). Bei der [Link] hätte das Zentrum versagt, was sich für die
Flügel und dann für die benachbarten Divisionsabschnitte dramatisch auswirkte. Siehe auch
Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 334, mit dem Hinweis auf das Versagen einer Division,
„die sonst als gut galt“. Ludendorffs „zweite rechte Hand“ neben Wetzell, der damalige
190

Mittel (Tanks, Gas)“ hatte seiner Ansicht nach keine besondere Rolle
gespielt.
Der ausschlaggebende Faktor für das deutsche Desaster vom [Link] 1917
konnte den ersten Erkenntnissen nach bereits schnell und eindeutig bei den
Dispositionen des AOK 6 vor der Schlacht verortet werden. Diese
Erkenntnis, die in unzureichender Umsetzung der Tiefengliederung und
Bereitstellung der vorhandenen Reserven zu Gegenstoß und Gegenangriff
hinter der bedrohten Front kulminierte 718 , kostete den Stabschef der
[Link], Generalmajor Freiherr von Nagel zu Aichberg 719 , nach dem Fall
Monchys am [Link] seine Dienststellung 720 . Dem nach Eindruck des

Hauptmann Geyer, notierte dazu: „Hauptgrund der Niederlagen vom 24.10., 15.12.16 [bei
Verdun] und 9.4.17 ist das Versagen unserer Infanterie, hervorgerufen durch
Vernachlässigung.“ Zitiert nach BA-MA, RH 61/50637: Privatakten Geyer, Bl. 33.
718
Vermeintliche Belege für das vielseitigste Versagen der Armeeführung lieferte Kuhl mit
seinen „Kriegserinnerungen“ von 1932, deren Nutzung er auch in jedem Einzelfall seiner
Genehmigung unterwarf; siehe BA-MA, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, Einträge
nach dem 11.4.1917, bes. Tagebucheintrag vom 14.4.1917. Das deutsche amtliche Werk
berichtete überdies davon, daß Kuhl als Generalstabschef der Heeresgruppe am [Link]
direkt beim AOK 6 intervenieren mußte, um, statt eines verspäteten und gefährlichen
Gegenangriffs ohne ausreichende Vorbereitungszeit, die Zurücknahme der Front zu
erreichen; siehe RA, Bd. 12, S. 225. Dieser Umstand trug zweifelsfrei auch seinen Teil
dazu bei, die Führung und das Ansehen des AOK 6 zu belasten. Siehe auch Kaehler:
Generalmajor v. Thaer, S. 107ff., und Frauenholz: Kronprinz Rupprecht, Bd. 2, S. 135.
Dort wird von frühzeitigen Mahnungen der HGr gegenüber dem AOK 6 wegen bislang
unterlassenem Heranziehen von Reserven gesprochen.
719
Der General beendete den Krieg als Kommandeur der [Link], was, im Vergleich zur
Verwendung als Stabschef des AOK 6, einer signifikanten Zurücksetzung gleichkam. Er
fiel bei „Straßenkämpfen in München“ im Mai 1919; siehe Ehren-Rangliste, Bd. 2, S. 768.
720
Siehe BA-MA, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, Eintrag aus dem Fernsprechbuch
der HGr Rupprecht vom 11.4.1917. Kurz zuvor hatte Ludendorff Kuhl gegenüber noch
angezweifelt, ob es sinnvoll sei, das AOK 1, das erfolgreiche Führergespann von der
Somme, Below und Loßberg, um der Rettung der Lage willen und angesichts eines
geschwundenen Vertrauens in den Stab des AOK 6, mit der Weiterführung der Schlacht zu
betrauen. Von der Absetzung bzw. klaren Abstrafung Nagels hatte er zu diesem Zeitpunkt
ausdrücklich Abstand genommen; siehe ebenda. Der bayerische General befand sich mit
seinem Schicksal, das er offenbar lautlos ertrug, in allerbester preußisch-deutscher
Gesellschaft, was ein durchaus markantes, sehr viel älteres Beispiel dokumentieren kann.
Ein Chronist des Siebenjährigen Krieges hielt im Zusammenhang mit der zornigen
191

Kronprinzen von Bayern ob dieser Abstrafung „apathisch“ gewordenen


Armeebefehlshaber 721 wurde der aus Sicht Ludendorffs bewährte Stabschef
des AOK 1, Oberst v. Loßberg, ein an der Somme erprobter Fachmann für
die Abwehr im Stellungskrieg 722 , an die Seite gestellt. Damit endete bei der
[Link] die Zeit der von den höheren Vorgesetzten so deklarierten
grundlegenden Fehler, deren Kern im Stab der Armee und dessen
Unverständnis für die Lage und die Adaption der wesentlichen Bestandteile
der neuen Abwehrtechnik gefunden worden war. Allerdings kann man
bezüglich der Disposition von Reserven durchaus auch nach der Rolle der
Heeresgruppe und der OHL fragen, die nicht nur wegen fehlenden,
rechtzeitigen Eingreifens 723 , sondern auch wegen Vorkommnissen am
[Link] an der Aisne fragwürdig erscheint. Letzteres betraf den Umstand,
daß die OHL offensichtlich erst die negativen und aktuellen Erfahrungen
von Arras brauchte, um an der Aisne die versammelten Eingreifdivisionen

Abstrafung des Herzogs von Bevern durch Friedrich den Großen fest: „Ich will noch eins
hinzufügen, welches leider den Lesern seltsam erscheinen wird. Daß nämlich von Bevern
kein Laut der Klage kam. Nichts als Stillschweigen und ergebener Fleiß mit seinen armen
Mitteln kam von Bevern. [... .] Was, wie ich bemerke, eine übliche Verhaltungsweise
preußischer Generale und Soldaten war, wenn sie unverdient oder verdient in
Widerwärtigkeiten dieser Art gerieten. Und es ist eine viel bessere als die des
Beschwerdeführens in den Zeitungen und Forderns einer Untersuchungskommission unter
dem Vorsitz des Chaos und des vierten Standes heutzutage.“ Zitiert nach Carlyle, Thomas:
Geschichte Friedrichs des Zweiten genannt der Große. Neu herausgegeben und bearbeitet
auf Grund der Originalübersetzung von Georg Dittrich, Bd. 5, Meersburg 1928, S. 169f.
721
Siehe Frauenholz: Kronprinz Rupprecht, Bd. 2, S. 141. Von Apathie sprach der
Stabschef des Kronprinzen allerdings nicht, sondern davon, daß sich Falkenhausen einfach
nicht damit hätte abfinden können, samt seines Stabes des vollständigen Versagens
überführt worden zu sein; siehe BA-MA, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl,
Tagebucheintrag vom 14.4.1917.
722
Siehe ebenda, S. 140, mit dem Vermerk einer Aussage Kuhls über Loßberg: „Wenn
überhaupt noch etwas zu machen ist, kann der es machen.“ Siehe auch RA, Bd. 12, S. 229.
723
Siehe Frauenholz: Kronprinz Rupprecht, Bd. 2, S. 133: „Es rächt sich jetzt, daß die
[Link] in den letzten Tagen mit Munition sparte, ihre Reserven, diesseitigen Mahnungen
entgegen, wegen Unterkunftsschwierigkeiten nicht nahe genug an die Stellungsdivisionen
herangezogen und auch nicht rechtzeitig das Heranziehen von Reserven der Heeresgruppe
erbeten hatte. Ich kann mir den Vorwurf nicht ersparen, daß ich dem Oberkommando der
[Link] ein näheres Heranziehen seiner Reserven hätte befehlen sollen [;... .]“
192

freizugeben und näher hinter die Hauptkampflinie rücken zu lassen 724 .


Außerdem sollten für eine Bewertung des Handelns der Verantwortlichen
die späteren Aussagen Loßbergs in Betracht gezogen werden, die
ausdrücklich die Schuld der Heeresgruppe für die prekäre Lage der ersten
Tage unterstrichen und das AOK 6 völlig entlasteten 725 .
Etwas, das sich nicht gänzlich durch das blitzschnelle Ausmachen eines
einzelnen „Hauptschuldigen“ und nach Bereitstellung umfangreicher Mittel
zur weiteren Abwehr in Wohlgefallen auflöste, war unter anderem die Frage
nach der Bedeutung der Tanks. Die oben genannten Ergebnisse der Offizier-
Befragung verwiesen zwar am [Link] nochmals auf die Fehler des
Armeestabes und rechtfertigten das Durchgreifen der OHL im Nachhinein
und vordergründig, doch sie standen, zusammen mit der Meldung über den
bemerkenswerten Sieg der [Link] bei Bullecourt 726 , über den ein
ausführlicher und mit Photos versehener Bericht der Gruppe A weit
verbreitet worden war 727 , hinsichtlich der Einschätzung der Tanks im
Gegensatz zu den Urteilen der Gruppe Arras und der Heeresgruppe.
Besonders in Thaers privaten Aussagen wird dies deutlich. Am [Link]
schrieb er die überaus kritischen Zeilen:
„Unsere Infanterie hat entschieden auch vorn vor den Tanks sich sehr erschreckt
und zwar berechtigterweise, denn sie ist wehrlos dagegen. Infanteriemunition
schlägt nicht durch, jetzt kommt eine Munition, die durchschlagen soll, aber leider
scheint man bei der O.H.L. die Gefahr der Tanks in unbegreiflicherweise zu
unterschätzen.“ 728

Ob der Eindruck wirklich richtig war, wird weiter unten zu klären sein, doch
gerade hinsichtlich der Tankgefahr bleibt bei Thaer offen, inwieweit er sich
des Problems zuvor angenommen und Einblick in die bisherigen

724
Siehe RA, Bd. 12, S. 291, und Abschn. 6.2. der vorliegenden Arbeit.
725
Siehe Loßberg, Fritz v.: Meine Tätigkeit im Weltkriege 1914-1918, Berlin 1939, S.
284f.
726
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 125, Akt: 208, Bl. 311: Lagemeldung HGr Rupprecht
vom 12.4.1917. Die Kernaussage umfaßte die Feststellung, daß trotz der Tanks keine
nennenswerten Erfolge erzielt worden waren.
727
Siehe Moser: Feldzugsaufzeichnungen, S. 292. Der „Tankbericht“ wurde laut Aussage
Mosers direkt an die OHL und alle AOKs der West- und Ostfront gesandt.
728
Zitiert nach Kaehler: Generalmajor v. Thaer, S. 113 (Brief vom 19.4.1917).
193

Untersuchungen und deren Ergebnisse hatte. Denn auffällig ist, daß er zwei
Tage später behauptete, mit „alarmbereit vorgezogenen Halbbatterien“ zur
Abwehr der „Tankbestien“ im direkten Richten ein neues Abwehrverfahren
verordnet zu haben 729 . Dieses Verfahren wurde schon ein halbes Jahr zuvor
in den ersten Äußerungen der Heeresgruppe Rupprecht und in der
Tankabwehrvorschrift des AOK 6 vom März 1917 als Möglichkeit
beziehungsweise Notwendigkeit angeführt 730 und seit Beginn der Kämpfe
von Arras bei der [Link] bereits auch praktiziert 731 . Inwieweit Thaers
obige Kritik allein auf einen momentanen Eindruck zurückzuführen ist, der
sich aus nicht überliefertem Austausch mit der Armee oder der
Heeresgruppe bis zum [Link] ergab, also bis zu einem Zeitpunkt, an dem
man bei der übergeordneten Führung auch schon vom Scheitern der
französischen Tanks an der Aisne wußte, muß unklar bleiben.
Möglicherweise waren es auch schnell getroffene Aussagen an der Schlacht
unbeteiligter Dritter, wie des GK [Link], das schon am [Link] von dem
bei Arras erbrachten Beweis für den Erfolg „planmäßiger, gut vorbereiteter
Bekämpfung der Tanks“ gesprochen hatte 732 , die ihn aufschrecken ließen.
Sehr wahrscheinlich und damit verbunden ist, daß sich Thaer auf die
möglichen Auswirkungen der aufwendig gestalteten Mitteilungen der
Gruppe A über die Ereignisse bei Bullecourt bezog, die seit dem [Link] in
großer Anzahl verbreitet wurden 733 . Der Tenor dieser Sammlung von

729
Ebenda, S. 114 (Brief vom 21.4.1917).
730
KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Fremde Berichte, Bl. 37: HGr Rupprecht Ia Art.I Nr.
1248 vom 21.10.1916, Abschnitt Bekämpfung: „Es wird sich empfehlen, in jedem
Abschnitt eine oder mehrere Batterien zu bestimmen, die jeden erkannten
Kampfkraftwagen ohne weiteres und ohne Rücksicht auf sonstige Kampfaufgaben unter
Feuer nehmen.“ Siehe auch AOK 6, Art. I. Nr. 98452 vom 25.3.1917: Anweisung der
Bekaempfung der feindl. Panzerkampfwagen (Tanks) durch Artillerie, Ziff. 15.b), Ziff. 26.
Ziff. 31 besagt nochmals ausdrücklich, daß beim Fehlen von Nahkampfbatterien zum
direkten Beschuß von Tanks „rechtzeitiges Eingreifen anderer Artillerie sichergestellt“ sein
müsse.
731
Siehe TG FAR 49, S. 73. Siehe auch TG FAR 51, S. 176, mit dem Hinweis auf
unbespannte und bespannte Einzelgeschütze, die zur Tankabwehr bereitgestellt wurden.
732
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 721: GK [Link] Ia Art. No 113 op. vom 11.4.1917.
733
Siehe ebenda, Bü. 573: GK [Link] Ia Nr. 1620 vom 21.4.1917: Berichte über den am
11.4.1917 erfolgten englischen Tankangriff. Bis auf das soeben zitierte Deckblatt handelt es
194

Berichten des Gruppenkommandos, ihrer gerade erst nach neuesten


Erkenntnissen ausgebildeten [Link] und anderer Einheiten im
Korpsabschnitt, ergänzt durch übersetzte feindliche Dokumente wie etwa
einer vollständigen Inventarliste der Tankausstattung mit Geräten aller Art
sowie durch Photos der niedergekämpften Tanks, war eindeutig:
„Der [Link] hat das Gefühl der Ohnmacht gegen diese feuerspeienden
Ungeheuer beseitigt. Wir haben ihre verwundbaren Stellen erkannt und wissen, wo
sie zu fassen sind.“ 734

Ganz offensichtlich unter dem Eindruck des erreichten Abwehrerfolges


gegenüber den Tanks gab die Heeresgruppe Rupprecht am [Link] die
ersten „Erfahrungen und Folgerungen aus den Kämpfen bei Arras“
heraus 735 , welche selbstredend an die OHL und die AOK der Heeresgruppe,
aber etwa auch an die Heeresgruppe Eichhorn an der Ostfront weitergeleitet
wurden. Festgestellt wurde, daß die Tanks den wenig mobilen Modellen von
1916 entsprachen und –dies war zweifelsohne eine Erkenntnis aus der Beute
von Bullecourt- schwächer gepanzert waren, als man zuvor angenommen
hatte. Daraus erklärten sich die Erfolge, die von der Feldartillerie, schweren
Artillerie, mit Panzerkopf-Granaten ausgestatteten Infanterie- und
Nahkampfgeschützen, Minenwerfern und Maschinengewehren mit SmK-
Munition errungen werden konnten. Ebenso wurde aber auch die einmal
mehr erkennbare moralische Wirkung der im Halbdunkel auftauchenden
und feuernd an den Linien entlang fahrenden Kampfwagen auf die
Infanterie festgehalten. Als Gegenmittel empfahl die Heeresgruppe, daß die
Tankabwehr wegen dieser unabwägbaren Bedrohung grundsätzlich Priorität

sich bei allen wiedergegebenen Befehlen und Inhalten um Material, das vor dem [Link]
an höhere Stäbe weitergeleitet worden war. Siehe auch Moser: Feldzugsaufzeichnungen, S.
292. Daß die Aussage des GK [Link] vom 11.4. mit den Erfahrungen Mosers bei
Bullecourt in direkter Verbindung stehen könnte, ergibt sich daraus, daß Moser in seinen
Aufzeichnungen angab, dem kommandierenden General des [Link], Theodor Frhr. v.
Watter, noch am selben Tag Mitteilung über Bullecourt gemacht zu haben; siehe ebenda.
734
Zitiert nach HStAS, M 33/2, Bü. 573: GK [Link] Ia Nr. 1620 vom 21.4.1917, dort:
[Link] Abtl. Ia, 1130 vom 14.4.1917, bzw. GR 123 Nr. 3687 Kr. 3 vom 13.4.1917, Abschn.
D.
735
Siehe BA-MA, PH 5 I/11, Bl. 13f.: HGr Rupprecht Ia Nr. 2853 geh. vom 21.4.1917,
Abschn. IV.
195

für alle einsetzbaren Abwehrwaffen der Artillerie haben müsse, da sichtbare


Abwehrerfolge durch die Schwesterwaffen „beruhigend auf die Infanterie“
wirkten 736 . Offen auffahrende und im direkten Richten feuernde
Feldartillerie hätte hierbei offensichtlich die größte Wirkung. Besondere
Erwähnung fand noch, daß der Kampfwert der Truppe stärker und
persönlich, das heißt durch einen Offizier, zu kontrollieren sei 737 . Den
negativen Erfahrungen mit der [Link] stand man offenbar mit großer
Sensibilität für ein dahinter verborgenes, sehr allgemeines Problem
gegenüber. Zum einen, so darf man aus der Forderung entnehmen, schienen
schriftliche Berichte der Divisionen nicht immer ein realitätsnahes Bild zu
liefern, zum anderen lag in dem neuen Abwehrverfahren das Postulat
stärksten Vertrauens zwischen Führung und Truppe verborgen 738 .
Die Abwehrmittel wurden am [Link], in einer speziell zu den Erfahrungen
mit Tanks verfaßten Erklärung der Heeresgruppe Rupprecht 739 , nochmalig
vorgestellt, wobei die Effektivität der Nahkampfgeschütze und gesondert
bereitgestellter bespannter Züge der Feldartillerie hervorgehoben wurde 740 .
Die schwere Artillerie, von der bisher auch im Zusammenhang mit den
Gefechtsschilderungen in den vorherigen Abschnitten dieser Arbeit nichts
gesagt werden konnte, obwohl sie laut Abwehranweisung vom März des
Jahres die zentrale Rolle der Fernbekämpfung hatte wahrnehmen sollen,
fand ebenfalls Erwähnung. Eine schwere Feldhaubitze sei mit
Munitionswagen unter Kommando des Batterieführers auf freiem Feld
aufgefahren und habe zwei Tanks binnen kürzester Zeit zerstört 741 . Daß
dieses Geschehen nicht einem Ort und Zeitpunkt zugeordnet werden kann,

736
Diesen Effekt benannte die [Link] in ihrem Erfahrungsbericht ausdrücklich und gab an,
daß die Nähe der Artillerie zur Infanterie hebend auf die Stimmung der Truppe wirke,
„denn die Infanterie hat das Gefühl, daß sie gegen alle Wechselfälle sofort über Artl.-
Schutz verfügt u. selbständig sofort die Stelle bezeichnen kann, wo Artl.-Hilfe dringend
ist.“ Siehe HStAS, M 206, Bü. 9: Gr Arras Ia Nr. 6051 Geheim. vom 28.4.1917.
737
Siehe BA-MA, PH 5 I/11, Bl. 13f.: HGr Rupprecht Ia Nr. 2853 geh. vom 21.4.1917,
Abschn. II.
738
Siehe dazu auch Abschn. 6.5.2. und 7.2. der vorliegenden Arbeit.
739
Siehe KA, HS 3402: HGr Rupprecht Art. Nr. 15395 vom 28.4.1917.
740
Siehe ebenda, Ziff. 4.
741
Siehe ebenda.
196

ist die eine Sache, daß hierbei eben wahrscheinlich keine Fernbekämpfung
im eigentlichen Sinne vorliegt, sondern ein eher zwangsweises Einspringen
in die Rolle der Sonder- und Feldartilleriegeschütze, die andere. Immerhin
wird nur an dieser Stelle und nur von einem Geschütz gesprochen, was den
Ausnahmecharakter dieses Vorkommnisses unterstreicht. Die geringe
Bedeutung der Fernbekämpfung von Tanks dürfte sich unzweifelhaft aus
den Verlusten der Artillerie im Verlauf der Kämpfe erklären, wobei die
zeitgleich gewonnenen Erfahrungen aus der Aisneschlacht dem
widersprechend ausfallen sollten 742 . Die zahlreichen Hinweise auf die
Bedeutung der Gefechtsfeldaufklärung und
743
Kommunikationsmöglichkeiten legen es auch nahe, daß diese während
der Schlacht in großem Umfang ausgefallen waren und somit keine
wirkungsvolle Fernbekämpfung organisiert werden konnte 744 . Gemäß der
Anweisungen, daß Tanks Primärziele aller Geschütze in Reichweite sein
sollten 745 , war es zu einer recht unkoordinierten und nach Ermessen der
Führer vor Ort praktizierten artilleristischen Tankabwehr gekommen 746 .
Diese war allerdings selbst ohne Sondermunition derart erfolgreich 747 , daß
man für die Zukunft empfahl, den Batterieführern „voellig freie Hand zu
lassen“ 748 .
Die Bewertung der übrigen Abwehrmittel, besonders der beiden „neuen“
Mittel, endete günstig. SmK-Munition war sehr wirkungsvoll gegen die
dünner gepanzerten Teile, besonders die Seitenwände und Benzintanks. Und
selbst Maschinengewehr- und Gewehrfeuer mit gewöhnlicher Munition
brachte offensichtlich den Vorteil, daß sie die Tankbesatzungen zum

742
Siehe Abschn. 6.5.2.
743
Siehe KA, HS 3402: AOK 1 Ia Nr. 179 geheim vom 26.4.1917: Erfahrungen und
Folgerungen aus den Kämpfen um Arras, Ziff. II.
744
Siehe ebenda: Fernschreiben der OHL an AOK 1 vom 15.4.1917, Ziff. 2 und 6.
745
Siehe AOK 6, Art. I. Nr. 98452 vom 25.3.1917, S. 17f., Abschn. VI.
746
Siehe KA, HS 3402: HGr Rupprecht Art. Nr. 15395 vom 28.4.1917, Ziff. 4.
Hingewiesen wird auf Einzelfeuer statt des ursprünglich als angemessen erachteten
Salvenfeuers der schweren Geschütze.
747
Siehe ebenda. Genannt wurden Sprenggranaten der Feld- und Fußartillerie, deren
Splitterwirkung auch ohne direkte Treffer verheerend wirkte.
748
Siehe ebenda. Siehe auch Abschn. 6.5.2.
197

Schließen der Schieß- und Sichtscharten zwang 749 . Die Untersuchung der
Rolle der Minenwerfer, die, wie man angesichts der knappen Zeilen und
Ausdrucksweise vermuten darf, noch nicht abgeschlossen war, ergab, daß
sie „angeblich grosse Loecher“ in die Seitenwände der Tanks gerissen
hatten 750 . Dies bedeutete eine deutliche Empfehlung dieser Waffen für die
Tankabwehr. Bei den Handgranaten, also einer bei der Infanterie massenhaft
vorhandenen Waffe, konnte wiederum die Unzulänglichkeit einzelner
Sprengkörper bestätigt werden. Was etwas verwundert, ist, daß hier aber
nicht die geballte Ladung, sondern gleichzeitig geworfene, einzelne
Handgranaten als effektive Abwehrmöglichkeit präsentiert wurden. Die
Wirkung hätte wenigstens in einem Fall in der Beschädigung der
Panzerkette gelegen, was der Artillerie die Ausschaltung des
bewegungsunfähigen Tanks erleichtert habe 751 . Der letzte Punkt der
Betrachtung der Tankabwehrmittel betraf die passive Tankabwehr 752 . Etwas
kurios nimmt sich dabei die Aussage aus, daß es die unfertigen Baugruben
der Siegfried-Stellung gewesen seien, die erfolgreich als Tankfallen fungiert
hatten. Gräben von 2,50m Breite wurden als ernstes Hindernis für
Kampfwagen deklariert, was sich als einziges der bislang aufgeführten
Ergebnisse der Gefechtsanalysen später als schwerwiegender Trugschluß
herausstellen und erstaunlicherweise noch im Sommer 1918 als Maxime
gelten sollte 753 . Um noch einmal auf Thaers Kritik an der höchsten Führung
zurückzukommen, liegt in der Breite der „Tankfallen“, die er mit
mindestens vier Meter Breite angab, der einzige sichtbare Unterschied
zwischen den Anweisungen und Erklärungen der Heeresgruppe und seinen
eigenen, die im Namen der Gruppe Arras am [Link] erschienen 754 . Nicht
nur, daß Thaer hierin außerordentlich deutliche Anleihen bei den

749
Siehe KA, HS 3402: HGr Rupprecht Art. Nr. 15395 vom 28.4.1917, Ziff. 4.a).
750
Siehe ebenda, Ziff. 4.b)., und HStAS, M 200, Bü. 34: Minenwerfer-Abt. GR 123 vom
25.4.1917.
751
Siehe KA, HS 3402: HGr Rupprecht Art. Nr. 15395 vom 28.4.1917, Ziff. 4.c).
752
Siehe ebenda, Ziff. 4.d).
753
Siehe Abschn. 9.6.2. und Abschn. 12.5.2.
754
Siehe BA-MA, RH 61/50597: GK [Link] Ia Nr. 6085 vom 29.4.1917, Ziff. III. Das auch
mit einer Zeichnung eines „männlichen“ Mark II ausgestattete Merkblatt hatte einen
Verteiler bis hinab zu den Kompanien.
198

Erfahrungen der [Link] bei Bullecourt machte 755 , sondern, daß er das
Zutrauen der Truppe in die vielseitigen Tankabwehrmittel 756 besonders zu
fördern suchte, muß vor dem Hintergrund seines Tagebucheintrages vom
[Link] auffallen und merkwürdig erscheinen. Von der von ihm zuvor
unterstellten Wehrlosigkeit der Infanterie ist an dieser Stelle nichts zu
finden, ebenso wenig von Relativierung der Abwehrerfolge oder einer
irgendwie gearteten Opposition zu den möglicherweise zu positiv geratenen
Auswertungen des Geschehens durch andere Dienststellen und Stäbe.
Man muß an dieser Stelle nochmals unterstreichen, daß die Abwehrmittel
durchaus zahlreich waren. Daß die deutsche Führung zumindest oberhalb
der Ebene der Divisionen den Tank als Gefahr nicht wahrgenommen haben
sollte, ist in den Erklärungen zur Schlacht von Arras nicht nachweisbar.
Ganz das Gegenteil ist der Fall, denn in den Verlautbarungen der
Heeresgruppe Rupprecht am 21. und [Link] gestand man ihnen wiederum
große moralische Wirkung auf die deutschen Truppen zu 757 . Diese sollte
durch die schon zuvor geforderte Priorität der Tankbekämpfung für alle
Geschützarten relativiert und ihr durch „fortgesetzte Belehrung“ der
Infanterie über die vielfältigen Abwehrmöglichkeiten nachhaltig
entgegengetreten werden 758 . Hiermit wurde ein Anspruch formuliert, der
hier nicht erstmalig vorkam und als einer der wichtigsten Momente der
deutschen Tankabwehr des Ersten Weltkrieges weiter zu verfolgen sein
wird 759 .

755
Siehe ebenda, Ziff. II.
756
Thaer schrieb etwa zur SmK-Munition, daß damit ausgerüstete Infanterie imstande sei,
einen Tank kampfunfähig zu machen (Ziff. III.3.), daß Minenwerfer aller Art zur
Tankabwehr geeignet seien (Ziff. III.4.) und Nahkampfgeschütze, Infanteriegeschütze,
Grabenkanonen sowie bespannte Feldartillerie-Kanonenzüge hervorragend wirken würden
(Ziff. III.5.).
757
Siehe BA-MA, PH 5 I/11, Bl. 13: HGr Rupprecht Ia Nr. 2853 geh. vom 21.4.1917,
Abschn. IV. und KA, HS 3402: HGr Rupprecht Art. Nr. 15395 vom 28.4.1917, Abschn.:
Allgemeines Urteil über die Tanks.
758
Siehe BA-MA, PH 5 I/11, Bl. 13: HGr Rupprecht Ia Nr. 2853 geh. vom 21.4.1917,
Abschn. IV.
759
Siehe Abschn. 7.2. der vorliegenden Arbeit.
199

6. „Froide Résolution". Tanks und Tankabwehr in der Doppelschlacht


an der Aisne und in der Champagne, April 1917.

Das zweite Kapitel der Frühjahrsoffensive sollte Nivelles Vorstellungen


gemäß in der Champagne aufgeschlagen werden und den Sieg mit einem
Durchbruch in Richtung Norden und Nordosten binnen 24 oder maximal 48
Stunden erzwingen. Die Rahmenbedingungen hierfür schienen insofern
günstig, als daß die gigantische Anlage der Schlacht mit einem
Einzugsbereich von der Vimy-Höhe bis westlich Reims die massive
Kräftekonzentration und die Verunsicherung des Gegners hinsichtlich
Schwerpunkt und Zeitpunkt der Operation Vorteile verschaffen können
sollte. So weit entwickelte sich die Theorie, die seit Ende 1916 eifrig
propagiert wurde 760 .
Dabei kamen unerwartet Schwierigkeiten auf, deren ganzes Ausmaß
sichtbar wurde, als die britischen Militärs sich bereits in ihr Schicksal als
Befehlsempfänger der Franzosen gefügt hatten. In Frankreich trat mit dem
Sturz der Regierung Briand am 17.März eine politische Krise ein, die
Nivelle einige seiner persönlichen Einwirkungsmöglichkeiten auf politische
Stellen kostete 761 . Neben anderen Kritikern, die von Nivelle zuvor
wenigstens teilweise schon beiseite gedrängt und zu Stillschweigen
verdammt worden waren 762 , reizte diese Entwicklung einen seiner
wichtigsten Untergebenen, den Führer der für den Hauptstoß in der
Champagne auserkorenen Heeresgruppe „Durchbruch“, General Micheler,
zu offenem Widerspruch fachlicher Natur gegen den Schlachtplan 763 .

760
Siehe Pierrefeu, Jean de: L’Offensive Du 16 Avril. La Vérité sur l’affaire Nivelle, Paris
1919, S. 14ff.
761
Siehe Strachan: The First World War, S. 237f., und Rocquerol, J.: Le Chemin Des
Dames 1917, Paris 1934, S. 86f.
762
Siehe Buffetaut, Yves: The 1917 Spring Offensives. Arras, Vimy, le Chemin des
Dames, Paris 1997, S. 102. Namentlich Foch und de Castelnau wurden vorab ihrer
Kommandos enthoben.
763
Ausschlaggebend war die Erkenntnis Michelers, daß sich seit den ersten Planungen die
Feindlage zusehends änderte und damit die auf positivistischen Annahmen beruhenden
200

Als Resultat der durch den Regierungswechsel hervorgerufenen Zustände


wurde noch nach dem Beginn der Schlacht bei Arras und direkt vor dem
Losbrechen der französischen Offensive zwischen Militärs und Politikern
über deren Durchführung verhandelt und offen diskutiert 764 . Besonderer
Ausdruck des gesunkenen Vertrauens der politischen Führung in Nivelle
war die Einberufung einer Besprechung in Compiègne am [Link] 1917
durch Präsident Poincaré, ausgerechnet am Tag der einsetzenden
Artillerievorbereitung in der Champagne und drei Tage vor Beginn des
britischen Infanterieangriffs bei Arras. Das Ergebnis war zunächst, daß ein
Rücktrittsgesuch Nivelles abgelehnt wurde 765 . Außerdem mußte dieser sich
dazu verpflichten, die Offensive nach 48 Stunden abzubrechen, falls der
Durchbruch zu diesem Zeitpunkt nicht erreicht sei 766 , und daß er überhaupt
erst angreifen würde, wenn die Witterungsverhältnisse günstig und ein
Angriff sinnvoll erschienen 767 . Dies bedeutete faktisch, daß jegliche
Verantwortung für das Gelingen der Offensive auf die Schultern Nivelles
geladen wurde, da im Fall der Fälle äußerst leicht auf die Nichtbeachtung
dieser unverbindlichen Forderungen verwiesen werden konnte. Natürlich
war im April kaum mit günstigsten Witterungsverhältnissen zu rechnen, und
ob der Angriff sinnlos oder sinnvoll sei, hätte in Compiègne geklärt werden
sollen oder müssen. Für Nivelle gab es in dieser Situation nur den Ausweg,
seinen Plan mit Erfolg umzusetzen. Und wenn er den Beginn der Offensive
tatsächlich wegen schlechter Witterungsverhältnisse vom 13. auf den

Angriffsdispositionen zwangsweise hätten modifiziert werden müssen. Nachdem Eingaben


bei Nivelle erfolglos blieben, wendete er sich mit seinen Bedenken an den Kriegsminister;
siehe Rocquerol: Chemin Des Dames, S. 89, und Pierrefeu: L’Offensive Du 16 Avril, S.
31f. und S. 40.
764
Daß die detaillierte Information von Politikern über die Angriffspläne die Gefahr von
Indiskretionen beinhaltete, steht sicher außer Frage. Dennoch ließen sich auf deutscher
Seite keine Belege dafür finden, daß über diesem Weg Erkenntnisse gewonnen werden
konnten; vergleiche Rocquerol: Chemin Des Dames, S. 37, und Buffetaut: The 1917 Spring
Offensives, S. 116.
765
Siehe Rocquerol: Chemin Des Dames, S. 92.
766
Siehe Buffetaut: The 1917 Spring Offensives, S. 102, und Courtois, Réne: Le Chemin
Des Dames, o.O. 1987, S. 67.
767
Siehe Rocquerol: Chemin Des Dames, S. 92f.
201

[Link] verlegte 768 , freilich ohne Absicht, ihn zu verwerfen, dann auch
wegen des Zugzwanges, den das offensichtliche Erlahmen der britischen
Anstrengungen bei Arras schuf.

6.1. Der Plan, die Angreifer und die Tankunterstützung.

Während der britische Angriff bei Arras unabhängig von etwaigen


Durchbruchschancen primär dem Binden deutscher Reserven weit ab vom
Hauptstoß dienen sollte 769 , war die französische Offensive dazu gedacht,
den Durchbruch durch die deutschen Linien nach einer Maxime Napoleons,
„énergie, avticité, vitesse“ 770 , zu erzwingen. Das Gelände, das Nivelle als
Angriffsraum gewählt hatte, zeichnete sich vor allem durch seinen
militärisch anspruchsvollen Charakter mit besten Verteidigungs- und
Beobachtungspositionen für den Feind entlang mehrerer
hintereinanderliegender und von Bächen und Sumpfniederungen gedeckter
Höhenrücken aus 771 . Die Frontlinie in der Champagne verlief nach dem
deutschen Rückzug in die Siegfried-Stellung aus Richtung [Link]
kommend hart südlich bis vor Soissons, wo sie ab Condé mit einer
deutlichen Einbuchtung in die deutschen Linien grob ostwärts führte, um
dann in südöstlicher Richtung nach Reims abzufließen. Von Reims aus
verlief die Linie dann wieder östlich, durch die Champagne in Richtung
Argonnen. Bekanntermaßen hatten die Deutschen seit den schweren
Kämpfen des Jahres 1915 Zeit gehabt, ihre Stellungen auszubauen. Doch in
der Ruhe, die dort seit den früheren Kämpfen geherrscht hatte, konnte auch
der Vorteil einer zumindest relativen Überraschung liegen, deren eventuelle
Einschränkung vor Angriffsbeginn durch die Stärke der Artillerie und
Anzahl der Angriffstruppen aufgewogen werden sollte 772 .

768
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 619.
769
Siehe RA, Bd. 12, S. 101ff.
770
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 579.
771
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 612f.
772
Siehe Rocquerol: Chemin Des Dames, S. 36, mit einem Zitat Nivelles: „Nous romprons
le front allemand quand nous voudrons à la condition de ne pas nous attaquer au point le
plus fort et de faire l’opération par surprise et attaquer brusquée.“
202

Abb. 5: Karte zur Doppelschlacht an der Aisne und in der Champagne 773 .

Hierzu versammelte Nivelle eine bis dahin nicht gesehene Masse von
Truppen und Material, die in zwei Armeen in Stellung auf den Flügeln (3.
und 4.), zwei Angriffsarmeen (6. unter Mangin und 5. unter Mazel) sowie
zwei Reservearmeen (10. unter Duchêne unter 1. unter Fayolle) gegliedert

773
Abb. nach Baer (Hg.): Der Völkerkrieg, Bd. 23, S. 103.
203

war. Die Zahl der verfügbaren Divisionen im 40km breiten


Durchbruchsabschnitt der 5. und [Link] zwischen Condé und
nordwestlich Reims belief sich auf 20 in erster Linie, 14 Infanterie- und
zwei Kavallerie-Divisionen als Reserve dahinter. Alles in allem, die mehr
als 20 Divisionen der 10. und [Link] als Verfügungsmasse Nivelles hinter
den angreifenden Armeen einberechnet, handelte es sich um 59 Infanterie-
und sieben Kavallerie-Divisionen 774 , damit um mehr als die Hälfte der
damals 107 Divisionen des französischen Heeres.
An Artillerie wurden bei der 5. und [Link] 5.350 Geschütze
zusammengezogen 775 , die ab dem [Link] mit ungeheurer Macht begannen,
die deutschen Stellungen und ihre Verteidiger bis in acht Kilometer
Fronttiefe zu beschießen. Wie das Kriegstagebuch der [Link] besagte,
hatte man „rarement donné au fantassin le spectacle réconfortant de
concentrations puissantes et intenses“. Es handelte sich um einen Eindruck,
der als Inferno auf beiden Seiten der Front wahrgenommen wurde, aber
nach verschiedenen Beobachtungen auf französischer Seite noch direkt vor
dem Angriff nicht das erwartete Ergebnis gezeigt hatte. Nach dem
Aufschieben des Angriffstages vom 13. auf den [Link] stellte sich bei der
Artillerie Munitionsmangel ein, und verschiedenste Meldungen sprachen
von einer offensichtlich geringen Wirkung des Feuers gegenüber den
tiefgegliederten und hervorragend befestigten deutschen Stellungen 776 . So
urteilte die [Link] noch am Abend des [Link], daß zwar ein Trichterfeld
wie an der Somme oder bei Verdun geschaffen worden war, die
Destruktionswirkung beim Gegner aber fraglich sei 777 .
Für den Kampf in der Luft, Aufklärungs- und Schlachtfliegereinsätze waren
1.000 Flugzeuge, zwei Drittel der nominell kampffähigen französischen

774
Siehe RA, Bd. 12, S. 305f.
775
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 616f. Vergleiche RA, Bd. 12, Beilage 28 b), Anm. 2. Dort sind
für die 5., 6. und [Link] und zwei Korps der [Link] insgesamt 4.798 Geschütze
angegeben.
776
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 619ff., und LAF, Bd. V.1. Annexes 2, Ann. 1251, 1266, 1315,
1332 und 1345.
777
Ebenda, S. 622.
204

Luftstreitkräfte, im Angriffsgebiet versammelt worden 778 . Und wie bei der


Artillerie zeigten sich auch hier Schwierigkeiten, wie sie in ähnlicher Weise
den Briten bei Arras zeitgleich begegneten: Die deutschen Fliegerverbände
waren mit überlegenen Maschinen ausgestattet, agierten „nombreuse et
aggressive“ und vermochten es spielend, in den französischen Luftraum zu
Beobachtungszwecken einzudringen 779 . Zudem war laut einer Meldung
General Michelers vom [Link] eine Menge der zugeteilten Jagdflugzeuge
eben nicht kampffähig und einsatzbereit 780 .
Für die Offensive in der Champagne war neben der Kräftekonzentration
traditioneller Waffen und Waffengattungen auch der Einsatz französischer
Tanks vorgesehen. Ab dem [Link] versammelte man die verfügbaren
Fahrzeuge hinter der Angriffsfront 781 .
Der Aufbau französischer Tankverbände war zu Beginn nahezu parallel zu
britischen Bestrebungen verlaufen. Oberst Estienne 782 , ein Offizier, der sich
bereits beim Aufbau der französischen Militärfliegerei als talentierter
Innovator hervorgetan hatte 783 , hatte dank Joffres Interesse an der neuen
Waffe bereits Ende 1915 Vollmachten zu Verhandlungen mit Firmen
erhalten und konnte noch im Dezember des Jahres den Bauplan für einen
Kampfwagen, der in direkter Zusammenarbeit mit der Waffenschmiede
Schneider-Creuzot entwickelt worden war, präsentieren 784 . Von diesem
kleinen Fahrzeugtyp, dem char d’assaut 1 (CA-1) oder kurz „Schneider“,
sollten bis Ende November 1916 400 Stück produziert sein. Doch genauso
wie bei einem Konkurrenzunternehmen des Kriegsministeriums in
Verbindung mit der Firma Saint Chamond, von deren Typ ebenfalls 400
Stück gefertigt werden sollten, konnten Lieferfristen nicht eingehalten
werden und Nachbesserungen an den Fahrzeugen verschlangen zusätzliche

778
Siehe RA, Bd. 12, S. 307. Davon waren laut Angabe in LAF, Bd. V.1., S. 617, 500
Beobachtungsflugzeuge.
779
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 620f.
780
Siehe ebenda, S. 618.
781
Siehe ebenda, S. 617.
782
Siehe auch Kap. 2. der vorliegenden Arbeit.
783
Siehe Goya, S. 335.
784
Siehe Förster/Paulus: Abriß, S. 15, und Ogorkiewicz, Richard M.: The French Tank
Force, in Fitzsimons (Hg.): Tanks and Weapons of World War I, S. 98.
205

Zeit 785 . Trotz dieser Probleme forderte Nivelle im März 1917 2.500 Tanks
an 786 .
Was im April 1917 zur Verfügung stand, war eine Armada aus den beiden
Fahrzeugtypen. Der char d`assaut [Link] M16 war mit 23 Tonnen das
schwergewichtigste Modell der französischen Streitkräfte während des
Krieges und hatte als Hauptbewaffnung eine im Bug untergebrachte 75mm
Feldkanone M1897. Die geringe Dimension des Chassis im Vergleich zum
Aufbau und das schwere, weit über das Chassis herausragende Geschütz
ermöglichten eine nur geringe Beweglichkeit im Gelände 787 . Geringfügig
besser sah es beim CA-1 aus 788 , der mit 13,5 Tonnen Gewicht 789 nur halb so
schwer war wie die britischen Gegenstücke. Bei einer Besatzung von sechs
Mann verfügte er über eine kurze, recht eigenwillig auf der rechten Bugseite
angebrachte 75mm Kanone und zwei Maschinengewehre in Kugelblenden
an den Fahrzeugseiten. Die Panzerung lag mit 11mm zwar auf dem Niveau
der Mark-Typen, doch wegen der Gefährlichkeit der deutschen SmK-
Munition wurde an einzelnen Stellen am Bug und an den vorderen Flanken
zusätzliche Panzerung bis auf ein für den [Link] 1917 nachweisbares
Gesamtniveau von 24mm angebracht 790 . Die Geschwindigkeit des
Schneider, etwa 2-4km/h 791 , war mit derjenigen der britischen Tanks
wenigstens vergleichbar, seine Grabenüberschreitfähigkeit mit 1,50-1,80m

785
Förster/Paulus: Abriß, S. 16. Ogorkiewicz gibt dazu ferner an, daß die ersten acht CA-1,
die bis Ende November 1916 ausgeliefert worden waren, wegen Verzögerung in der
Panzerstahlproduktion nur mit minderwertigem Schutz versehen und deshalb lediglich als
Trainingsfahrzeuge zu gebrauchen waren; siehe Ogorkiewicz: The French Tank Force, S.
100.
786
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 578.
787
Förster/Paulus: Abriß, S. 16, und Ogorkiewicz: The French Tank Force, S. 101.
788
Informationen zum Fahrzeug und seiner Entwicklungsgeschichte finden sich unter:
H[Link] .
789
Die Angaben zum Gewicht des CA-1 schwanken zwischen 12,5 und 13,5t, was
vermutlich auf die verschieden starken, zusätzlich angebrachten Panzerplatten
zurückzuführen ist.
790
Siehe KA, HS 3402 : Gruppenkommando S. Abt. I. Art. Nr. 811 vom 20.4.1917, Ziff. 4.
791
Siehe Hellot: Histoire De La Guerre Mondiale, Bd. III : Le Commandement Des
Généraux Nivelle Et Pétain 1917, Paris 1936, S. 29.
206

allerdings geringer 792 . Alles in allem, so scheint es auf dem Papier, hatte
sich das lange Warten auf eigene Tanks gelohnt und zwei Fahrzeuge 793
verfügbar gemacht, die hinsichtlich Bewaffnung und Panzerschutz
erfolgversprechend ausgeführt waren. Die [Link] waren schwer
bewaffnet und demnach als „Angriffs-“ oder „Sturm-Artillerie“ zu
betrachten. Die CA-1 waren deutlich kleiner und für die Verfolgung des
zurückweichenden deutschen Gegners nach vollendetem Durchbruch
vorgesehen. Aus diesem Grund erklärt sich mit großer Wahrscheinlichkeit
auch die riskante Maßnahme, daß der im Vergleich zu den britischen Tanks
(37km) schon große Fahrbereich der CA-1 (60km) mittels zusätzlicher
Treibstoffbehälter, die ungeschützt außerhalb der Fahrzeuge angebracht
waren, erhöht wurde 794 .
Organisatorisch waren unter dem Befehl Estiennes, der zum General
befördert das Kommando über die „Artillerie d’Assaut“ inne hatte,
Gruppen 795 gebildet worden. Diese, die bei einer Ausstattung mit CA-1 aus
Batterien mit insgesamt je 16 Fahrzeugen bestanden, waren als autarke
Unterstützung für Korps vorgesehen 796 . Sie verfügten dementsprechend
über eigene Unterstützungsteile und Logistik und waren im April 1917
zukunftweisender zusammengesetzt als die schwachen Bataillone des Tank
Detachments. Konzeptionell handelte es sich bei den Vorstellungen ihres
Einsatzes um eine Zwischenform, die Fähigkeiten zur
Infanterieunterstützung und die Möglichkeiten der Tanks, einen Durchbruch
aufgrund eigener Durchschlagskraft zu erreichen, nebeneinanderstellte. Die
Nähe zu den frühen Ideen Swintons und den Visionen Fullers, hin zu einer
vollends dem Durchbruch geweihten, gepanzerten Speerspitze des Heeres,
sind dabei unverkennbar. Und sie schlugen sich im Januar 1917 in Estiennes

792
Siehe Ogorkiewicz: The French Tank Force, S. 99.
793
Zum FT-17 siehe Abschn. 6.5.2.
794
Siehe Förster/Paulus: Abriß, S. 20.
795
Um keinerlei unnötige Verwirrung mit dem verschiedenartig gebrauchten Begriff
(„Groupement“ als Verband mehrerer „Groupes“) zuzulassen, wird ferner für die
„Groupes“ der Terminus „Abteilung“ und für „Groupements“ derjenige der „Gruppen“
gebraucht werden. Die 1918 auftretenden Einheiten mit FT-17 wurden in Bataillonen
formiert.
796
Siehe Förster/Paulus: Abriß, S. 36f.
207

„ordre général no 1“ 797 deutlich nieder. Ein Teil der Wagen sollte die
Infanterie begleiten und mit den Bordwaffen gegnerische
Verteidigungspositionen niederkämpfen, nach Möglichkeit aber, auch ohne
Infanteriebegleitung, immer den Weg tief in die feindlichen Stellungen
suchen 798 . Primäre Aufgabe wenigstens des anderen Teils der gepanzerten
Streitmacht war grundsätzlich der Stoß gegen die letzten deutschen
Stellungen, um sich selbst und auch der Kavallerie einen Raum für den
strategischen Durchbruch zu schaffen 799 . Für den Angriff am [Link]
wurden die Tanks exklusiv zum Stoß durch die dritte deutsche Stellung und
darüber hinaus vorgesehen 800 .
Für die Offensive schieden die [Link] wegen technischer Probleme
aus, während die CA-1 in der Größenordnung von 128 Fahrzeugen am
[Link] zum Angriff bereit waren. Sie wurden der [Link] unterstellt 801 ,
deren [Link] d’Armée ([Link]) die Einsatzgruppe „Chaubès“ mit 48
Fahrzeugen und deren [Link] 80 Tanks der Gruppe „Bossut“, beide
benannt nach ihren Kommandeuren, zugeteilt wurde 802 . Eine derart große
Konzentration bei einer Angriffsarmee hatte es bisher nicht gegeben und

797
Siehe Pesqueur, Michel: L’évolution du concept français d’emploi chars entre 1917 et
1924. De l’espoir d’une révolution stratégique à un immobilisme tactique unter :
H[Link] .
798
Siehe ebenda.
799
Siehe auch Boucher, J.: L’Arme Blindée Dans La Guerre. Origine, Èvolution De La
Stratégie. Opérations Dans La Deuxième Guerre Mondiale, Rôle Futur (Collections De
Memoires, Études Et Documents Pour Servir A L’Histoire De La Guerre), Paris 1953, S.
15.
800
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 646.
801
Ursprünglich war für die [Link] die Panzergruppe „Lefèvre“ mit zwei Gruppen
Schneider und einer Gruppe [Link] vorgesehen gewesen; siehe LAF, Bd. V.1., S.
578. Sie nahm an den Gefechten des 16.4.1917 allerdings nicht teil, wofür im frz. amtlichen
Werk keinerlei Erklärung geliefert wird. Die Gesamtzahl der am 16.4.1917 eingesetzten
Tanks wird von einigen Autoren zuweilen auch mit 132, 121, 124 oder 130 angegeben;
siehe bspw. Guttenberg, Erich Frhr. v./Meyer-Gerlach, Georg: Das Königlich Bayerische
Reserve-Feldartillerie-Regiment Nr. 5, München 1938, S. 124, Roqucerol: Chemin Des
Dames, S. 116, oder Loez, André: Le Baptême Du Feu Des Chars D’Assaut Français. Aux
Origines De La Défaite De 1940? In Offenstadt, Nicolas (Hg.) : Le Chemin des Dames. De
l’événement à la mémoire, o.O. 2004, S. 111.
802
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 578 und S. 617.
208

konzeptionell kam hinzu, daß die Gruppen unter ihren beiden


Kommandeuren geschlossen, in den Gefechtstreifen der Korps und nicht auf
Divisionen verteilt, vorgehen sollten. Als Bereitstellungsraum und
Instandsetzungsbasis für beide gepanzerte Einsatzgruppen war von der
[Link] am 31.März Cuiry-les-Chaudardes an der Aisne befohlen
worden 803 . Als Angriffsziele für Bossut wurde die dritte deutsche Linie und
Prouvais, für Chaubès der Stoß auf Corbeny gewählt 804 . Die Entfernungen
zu den Zielgebieten betrugen nach Corbeny etwa 10 und nach Prouvais circa
16km Luftlinie 805 , was sowohl das Zutrauen der Führung in die
Zuverlässigkeit der Fahrzeuge und Fähigkeiten der Kommandanten und
Gruppen-Kommandeure als auch einen deutlichen Unterschied zur
britischen Taktik der möglichst nahen Positionierung der Tanks an ihren
Zielen dokumentiert. Besonders erwähnenswert ist noch, daß zumindest bei
den Spitzenfahrzeugen der Angriffskolonnen „bascules“ mitgeführt worden
sind, die in Form von Kletterbalken oder Brückenteilen beim Überwinden
der Gräben helfen sollten 806 .
Was das Vertrauen der französischen Soldaten und ihrer Führer in die Pläne
des Befehlshabers betrifft, so ist das Bild bis zum Infanterieangriff alles
andere als einheitlich 807 . Neben Micheler, der nach wie vor seiner Skepsis
Ausdruck gab 808 , lassen Meldungen über die möglicherweise gescheiterte
Artillerievorbereitung der Offensive kaum Zweifel daran, daß es einen

803
Siehe ebenda, Bd. V.1. Annexes 2, Ann. 1101.
804
Siehe ebenda, Bd. V.1., S. 617 und S. 646.
805
Nach einer unterstützenden Abfrage der Entfernungen und Fahrtzeiten über
[Link] mit einer zugrundegelegten, optimistischen
Marschgeschwindigkeit von 5km/h ergibt sich für das Ziel Corbeny eine reale Distanz von
11,23km, die in 2 Stunden 14 zurückgelegt werden könnte, und für das Ziel Prouvais
19,66km bei einer Fahrtdauer von 3 Stunden 55. Nicht berücksichtigt sind technische
Defekte, Feindbeschuß, Schwierigkeiten mit Auswirkungen auf die Geschwindigkeit, die
sich etwa aus der Anzahl der Fahrzeuge und beim Überwinden von Engpässen wie Gräben
ergeben könnten, sowie die Zeit, die zum Organisieren und Formieren der Tankgruppen
direkt vor dem Eingreifen ins Gefecht benötigt wird.
806
Siehe LAF, Bd. V.1. Annexes 2, Ann. 1661. Dort bestätigt für das Spitzenfahrzeug der
Kolonne Chaubès.
807
Siehe Buffetaut: The 1917 Spring Offensives, S. 103.
808
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 617.
209

hohen Grad an Verunsicherung hinsichtlich der Umsetzbarkeit der


weitgesteckten Ziele gab. Auf der anderen Seite kann das Zitat eines
Offiziers im Rang eines Bataillonskommandeurs, der, ziemlich
desillusioniert, die geringe Effektivität des Artilleriefeuers klar erkannt
hatte, belegen, inwieweit man dennoch gewillt war, dem Feind einen
heftigen Stoß zu versetzen:
„La bataille sera dure, c’est l’impression de tous; mais tous s’y préparent avec
une froide résolution.“ 809

6.2. Die Verteidiger.

Die Voraussetzungen für den Verteidiger, eine kommende Schlacht


abwehren zu können, waren wohl kaum jemals während des Krieges so
günstig wie in der Champagne im Frühjahr 1917. Besonderen Anteil hatte
hieran die Feindaufklärung am Boden und in der Luft, der es seit Mitte
Februar 1917 gelang, die deutsche Führung mit Informationen über
feindliche Truppenansammlungen und die Rahmenbedingungen der
erwarteten französischen Offensive zu versorgen 810 . Zuerst war eine
Versammlung von 46 feindlichen Divisionen zwischen dem Sommegebiet
und Reims aufgeklärt worden, die mit ihrer Mitte gegenüber der Laffaux-
oder Condé-Ecke, einem kritischen Sektor, in dem die von Norden
kommende deutsche Linie einen scharfen Knick nach Osten machte,

809
Zitiert nach ebenda, S. 619. Siehe auch Hellot: Nivelle Et Pétain, S. 122. Keegan, S.
455f., gibt hierzu das Beispiel der Aussage des britischen Verbindungsoffiziers Spears, der
über seine Beobachtung am Morgen des 16.4.1917 schrieb: „Eine fast freudige Erregung,
eine geradezu optimistische Erwartung überkam die Truppen. Rings um mich sah ich
grinsende Gesichter von Männern, deren Augen leuchteten. Als sie meine Uniform sahen,
kamen einige Soldaten erwartungsvoll auf mich zu. `Die Deutschen werden uns nicht
standhalten..., ebenso wenig wie euch bei Arras. Sie liefen regelrecht davon, nicht wahr?´
Die Wirkung der fröhlichen Stimmen wurde erhöht durch die Lichtreflexe auf Tausenden
von blauen Stahlhelmen.“
810
Angesichts der angenommenen Kräfteüberschüsse der Franzosen war schon seit
Jahresbeginn kein Zweifel über eine kommende Frühjahrsoffensive vorhanden; siehe RA,
Bd. 12, S. 79, Hoeppner, v.: Deutschlands Krieg in der Luft, Leipzig 1921, S. 106, und
Haehnelt: In den Abwehrschlachten 1917, in Neumann, Paul G. (Hg.): Die deutschen
Luftstreitkräfte im Weltkriege, Berlin 1920, S. 478.
210

standen 811 . Am [Link] erbeuteten Verbände der [Link] bei einem


lokal begrenzten Angriff französische Dokumente von Dezember 1916,
deren Inhalt als brisant klassifiziert werden konnte. Aus ihnen ging hervor,
daß die Offensive der Franzosen mit allergrößten Anstrengungen und
größtem Aufwand an Menschen und Material verbunden sein würde und das
Ziel haben sollte, den Durchbruch mit allen Mitteln zu erreichen 812 . Auf
französische Aktivitäten war entsprechend dieser unfreiwilligen und recht
frühzeitig verfaßten Warnung durch die Franzosen das Augenmerk zu
richten, was sich unter anderem auch im Austausch von Ratschlägen und in
Hinweisen zwischen deutschen AOK hinsichtlich der feindlichen
Bestrebungen, eine Art „Super-Offensive“ zu inszenieren, ausdrückte 813 .
Die Luftaufklärung konnte zeitgleich und mit weiteren Bestätigungen im
März den Schauplatz der kommenden Schlacht, die eine Frontlänge von
etwa 100km zu bedrohen schien, eingrenzen. Im Bereich zwischen Condé
und nordwestlich Reims wurden zunehmend zahlreichere Lagerbauten,
Flugplätze und sogar Feuerstellungen für Eisenbahngeschütze festgestellt,

811
Siehe ebenda.
812
Siehe ebenda, S. 280. Die Beute des 15.2.1917 soll nach anderen Angaben aus genauen
Plänen für die Offensive bestanden haben, die aus dem Unterstand des Neffen Nivelles,
eines Hauptmanns, geborgen werden konnten; siehe etwa Hellot: Nivelle Et Pétain, S. 110,
Goes, Gustav: Chemin des Dames, Hamburg 1938, S. 96 und, in abgeschwächter Form,
Ettighofer, Paul C.: Eine Armee meutert. Schicksalstage Frankreichs, Gütersloh 1937, S.
52ff. und S. 91ff. Dieser Behauptung ist insofern zu widersprechen, als daß die
französischen Dokumente zwar detailliert die Veränderung der Angriffsweise mit
Massenangriffen, Tankunterstützung, massivster Artillerievorbereitung und weitgesteckten
Zielen darstellten, über Ort, Zeit und Verbände jedoch keine Information preisgaben. Wie
wichtig die gewonnenen Informationen dennoch waren, zeigte sich darin, daß sie im März
1917 von der OHL für eine gedruckte Informationsschrift ausgewertet wurden; siehe Chef
des Generalstabes des Feldheeres: Das französische Angriffsverfahren nach den unter dem
[Link] 1916 von der O.H.L. herausgegebenen „Anweisungen über Ziel und
Vorbedingungen für eine allgemeine Offensive.“ (Nachweis über MGFA, Bibliothek,
Signatur Gn 6680.)
813
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 65f.: AOK 2 Abt. Ia. Nr. 700/April. vom 11.4.1917,
Ziff. 2.f), und ebenda, Bl. 61f.: AOK 1 Ia/Ib Nr. 2519 vom 7.4.1917, Ziff. 2.). Hier sind im
Verteiler auch die AOK 3 und 7 zu finden.
211

die an der sonst eher verschlafenen Champagnefront als untrügerische


Zeichen für Offensivvorbereitungen gewertet werden mußten 814 .
Die OHL reagierte auf diese Erkenntnisse, welche die Stellungen der
[Link] (v. Boehn) und den rechten Flügel der [Link] (v. Einem) ins
Zentrum des Interesses rückten, mit der Unterstellung beider Armeen unter
die Heeresgruppe Deutscher Kronprinz 815 . Die Heeresgruppe begann
augenblicklich mit der Begutachtung der Abwehrstellungen. Diese waren
nach Maßstab der neuen Vorschriften für Stellungsbau und Gefechtsführung
veraltet, ihnen fehlte rückwärtige Infrastruktur in Form von Bahn- und
Wegenetz und mehr noch, es fehlte eine befestigte Tiefenzone 816 .
Augenblicklich wurden alle verfügbaren Kräfte zu Stellungsbauarbeiten
herangezogen. Zur Sicherheit wurden außerdem Truppen und Arbeitskräfte
aus der Siegfried-Stellung zum Bau der Hunding-Stellung, einer nahezu
parallel hinter der damaligen Front der [Link] verlaufenden Linie,
eingesetzt 817 . Daß trotz dieses Kräfteeinsatzes allerorten „Panzergräben“
angelegt worden sein sollen, oder ein solcher vielleicht auch nur
ausgerechnet vor der später so umkämpften Stellung bei Juvincourt (5m
breit und 3m tief) angelegt worden ist 818 , ließ sich über Archivalien und
Truppengeschichten nicht nachweisen. Es scheint auch äußerst fraglich, daß
vor einer Vorderhangstellung unter Einsichtnahme des Feindes derartig
umfangreiche Erdarbeiten ausgeführt worden sein sollen. Eine beachtliche
Tiefe und Breite der deutschen Kampfgräben, welche den französischen

814
Siehe RA, Bd. 12, S. 280f., und Kuhl: Der Weltkrieg, Bd. 2, S. 87.
815
Siehe RA, Bd. 12, S. 282. Gen. d. Inf. v. Boehn ersetzte Generaloberst v. Schubert am
12.3.1917 als Befehlshaber der [Link]. Die Neuordnung der Befehlsverhältnisse war nach
RA, Bd. 12, S. 282 am 5.3., laut Kronprinz Wilhelm schon am 1.3. angeordnet worden;
siehe Kronprinz Wilhelm: Meine Erinnerungen aus Deutschlands Heldenkampf, Berlin
1923, S. 268.
816
Siehe Kronprinz Wilhelm: Erinnerungen, S. 269.
817
Ebenda, S. 271.
818
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 15. Es wäre zu erwarten gewesen, daß dieses
besonders eindrucksvoll ausgeführte Element der passiven Tankabwehr zumindest in den
der Schlacht folgenden Berichten Erwähnung gefunden hätte.
212

Tanks besonders hinderlich sein konnten, ist in Hinblick auf die geringe
Grabenüberschreitfähigkeit des CA-1 dagegen wahrscheinlich 819 .
Noch einmal, am [Link] 1917, gelangten aufschlußreiche Dokumente in
deutschen Besitz, die bei einem Vorstoß von Verbänden auf dem linken
Flügel der [Link] nordwestlich von Reims eingebracht werden konnten.
Sie offenbarten Umfang, Ziele und die erheblichen Kräfte, die für den
Angriff des französischen [Link] und seiner nächsten Nachbarn vorgesehen
waren. Deutsche Reserven konnten diesen Erkenntnissen nach in diesem
Frontsektor sehr günstig aufgestellt werden 820 .
Die Kräfte der deutschen Verteidiger, die sich noch am [Link] auf die
nicht unbeträchtliche Feuerkraft von 2.431 Geschützen stützen konnten 821 ,
gliederten sich direkt vor dem Beginn der Infanterieschlacht in 15
Stellungsdivisionen bei der 7. und 10 Stellungsdivisionen auf dem rechten
Flügel der [Link] 822 . In einer ersten Linie von Eingreifdivisionen, die
allesamt in Abständen von etwa fünf bis knapp acht Kilometern hinter der
vordersten Linie standen 823 , befanden sich bei der [Link] sieben
Divisionen. Ihre Verteilung folgte ganz offensichtlich dem
Angriffsschwerpunkt der französischen 6., 5. und [Link] bei den

819
Siehe Boucher: L’Arme Blindée, S. 21. Die Breite der ersten deutschen Gräben wird
dort mit 4-5m angegeben.
820
Siehe RA, Bd. 12, S. 288.
821
Siehe ebenda, Beilage 28 b). Da es sich um die Zahl bei Beginn des Infanterieangriffs
handelt, ist die ursprüngliche Rohrzahl und damit auch der Geschützverlust während der
zehntägigen Beschießung nicht berücksichtigt. Nimmt man die 80% Geschützstärke der
Gruppe Sissonne bis zum [Link] 1917 als Anhalt (siehe RA, Bd. 12, S. 295), dann hätte
die frühere deutsche Artilleriestärke über 2.900, wahrscheinlich sogar mehr Geschütze
betragen.
822
Die Zählung folgt den Einzeichnungen in RA, Bd. 12, Beilage 13. Für die [Link] sind
lediglich die drei rechten Flügelgruppen, Reims, Prosnes und Py, gezählt. Das AOK 1
(Fritz v. Below und v. Loßberg, dann, in der Champagne, v. Klüber) wurde am 12.4. für die
erwartete Champagneschlacht freigestellt, übernahm aber erst am 16.4. mittags den Befehl
über die Verbände beiderseits Reims, zwischen 7. und [Link]; siehe Kronprinz Wilhelm:
Erinnerungen, S. 273f., und RA, Bd. 12, S. 292.
823
Interessanterweise gibt das RA, Bd. 12, S. 291 an, daß die Eingreifdivisionen erst nach
den negativen Erfahrungen bei Arras am [Link] freigegeben worden sind, womit man den
stetigen Forderungen der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz erst sehr spät entsprach.
213

Gruppen Vailly, Liesse, Sissonne und Brimont zwischen Condé und


nordwestlich Reims. Bemerkenswert ist bei ihrer Disposition hinter der
[Link] zudem, daß besonders auf die Sicherung der empfindlichen
Gruppengrenzen geachtet wurde. Zumindest die [Link], die [Link] und die
[Link] lagen mit Teilen im Führungsgebiet zweier Generalkommandos.
Beim rechten Flügel der [Link] standen noch einmal vier
Eingreifdivisionen bereit und hinter beiden Armeen eine zusätzliche
Reserve von sieben Divisionen. Das numerische Verhältnis zwischen
Angreifer und Verteidiger schien für die deutsche Seite auf den ersten Blick
durchaus nicht ungünstig, berücksichtigt aber nicht, daß die
Kräftekonzentration der Franzosen im eigentlichen Angriffsbereich
erheblich größer war als die deutsche. Hier standen in Linie und als
Eingreifverbände 18 deutsche Divisionen mehr als 30 französischen der 5.
und [Link] gegenüber, die französische [Link] noch nicht
hinzugerechnet.
Zur Qualität der deutschen Verbände im relevanten Abschnitt kann kaum
etwas mit letzter Sicherheit gesagt werden, da hierzu keine Archivalien
ausfindig gemacht werden konnten. Legt man die simplifizierenden
Pauschalbewertungen deutscher Divisionen durch die Alliierten von 1919
zugrunde 824 , mag aber auffallen, daß hinsichtlich der attestierten
Leistungsfähigkeit eine Anzahl Divisionen aus der Spitzengruppe der
Heeresverbände an der Aisne zu finden waren 825 . Hinsichtlich der
Kampfmotivation ist zudem feststellbar, daß mit erstaunlich eindrücklichen
Worten auf den Ernst der Lage hingewiesen und an den Durchhaltewillen
der Truppe appelliert wurde 826 .

824
Siehe Nash: The 251 divisions.
825
Darunter bei der [Link] die [Link], [Link], [Link], [Link], [Link], [Link] und [Link],
welche nach Nashs Edition der „251 divisions“ wenigstens als hochwertige Gegner
([Link] und besser) angesehen wurden.
826
Ein Armeebefehl des AOK 7 vom 5.3.1917 lautete: „Die längst angekündigte
Frühjahrsoffensive unserer Gegner scheint –beschleunigt durch die Erfolge unserer
wackeren U-Boote- nahe bevorzustehen und wird sich mit einem Hauptstoß gegen den seit
so vielen Monaten ruhigen Abschnitt der [Link] richten. Die Armee ist bereit, den
Gegner zu empfangen und ihn heimzuschicken. Ihr wißt, worum es sich handelt und was
Ihr zu tun habt. Schaut Euch um! Die Vernichtung von Stadt und Land, Wald und Flur, die
214

Bei den als Eingreifdivisionen vorgesehenen Verbänden sah die Situation


insofern anders aus, als daß ihnen, auch im Unterschied zu den
Dispositionen vor der Schlacht bei Arras, ganz besondere Aufmerksamkeit
gewidmet worden war. Der Kronprinz und sein Stabschef, Graf von der
Schulenburg, versuchten gleich nach der Befehlsübernahme anhand
persönlicher Besichtigungen und Gespräche mit den ihnen untergeordneten
Dienststellen, für die Notwendigkeiten, die der Umsetzung des neuen
Abwehrverfahrens zugrunde lagen, zu werben 827 . Den Eingreifdivisionen
mußte hierbei und auch angesichts der Unmöglichkeit, stellungstechnische
Defizite schnell ausgleichen zu können 828 , die allergrößte Bedeutung
zukommen. Und diese Auffassung spiegelt sich nicht allein in gewechselten
Worten, sondern vor allem darin wieder, daß eine Vielzahl der von der OHL
ab Anfang März reichlich gewährten Verstärkungen zum Erlernen der
elastischen Verteidigung besonders geschult wurden oder dies beim
Eintreffen in den Befehlsbereichen der AOK 7 und 3 bereits waren. Teil der
Ausbildung waren theoretische Belehrungen und praktische Übungen, die
unter anderem 829 in den Ruheräumen der Divisionen vorgenommen wurden

Ihr erblickt, droht in noch viel schlimmeren Maße unserem Vaterlande, wenn wir nicht
siegen. Wir kämpfen hier an der Aisne für Hof und Herd, Weib und Kind, genau so, als
wenn wir die Wacht am Rhein hielten. Wir müssen festhalten, was mit dem Blute so vieler
Kameraden erstritten ist [...]. Darum haltet scharfen Ausblick, zumal bei Nacht und Nebel,
daß wir nicht überrascht werden. Seid hart wie Stahl im Feuer und so, wie es unser Kaiser
erwartet. Gebt feste deutsche Hiebe jedem, der Euch nahe kommt, ob es ein weißer,
schwarzer oder brauner Franzose ist. Schlagt zu, bis unser Feind ganz weich wird und um
den deutschen Frieden bittet, den er vor wenigen Wochen in hochmütiger Verblendung
zurückgewiesen hat. Wer möchte ohne diesen siegreichen Frieden zurückkehren? Was
nützte uns das Leben, wenn wir die Sklaven unserer Feinde würden? Nein, das wollen wir
nicht! Wir wollen siegen, und wir werden siegen, weil wir siegen müssen!“ Zitiert nach TG
IR 79, S. 352f.
827
Siehe RA, Bd. 12, S. 282, Kronprinz Wilhelm: Erinnerungen, S. 265ff., und Kuhl: Der
Weltkrieg, Bd. 2, S. 88.
828
Siehe RA, Bd. 12, S. 283 und S. 287ff.
829
Teile der [Link] waren noch bis Anfang April 1917 als Übungsdivision zum Kursus für
höhere Offiziere in Sedan abkommandiert; siehe Engelmann, Wilhelm (Bearb.): Geschichte
des Feldartillerie-Regiments Nr. 99 (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bd. 230),
Berlin 1927, S. 66f., und Rudorff, Franz v.: Das Füsilier-Regiment General Ludendorff
(Niederrheinisches) Nr. 39 im Weltkriege 1914-1918 (Erinnerungsblätter deutscher
215

und den Zweck hatten, elementare Fähigkeiten für den Stellungskrieg und
für die neue Lage modifizierte Grundsätzlichkeiten des längst vergessenen
Bewegungskrieges, etwa das Stoßtruppverfahren, zu vermitteln 830 . Wie
wenigstens eine Truppengeschichte aus den Reihen der [Link] aussagt,
gehörten zum theoretischen Teil der Ausbildung der Infanterie auch
Belehrungen über Tanks und Tankbekämpfung, deren Grundlage
gesammelte und schriftlich fixierte Erfahrungen und Ratschläge waren,
welche reichlich kursiert sein sollen 831 . Praktische Tankabwehrübungen im
direkten Richten und gegen selbstgebaute „Tankscheiben“ wurden
nachweislich bei der Artillerie der [Link], [Link], [Link] und [Link]
durchgeführt 832 . Als Verstärkung der Tankabwehr waren im Bereich der
Gruppen Vailly, Liesse und Sissonne der [Link] zusätzlich neun
Nahkampfbatterien eingeschoben worden 833 . Das Auftreten der
französischen Kampfwagen wurde also durchaus erwartet und mit einer
Zuteilung von Sondergeschützen in einer der [Link] vor Arras zumindest
größengleichen Form gewürdigt 834 . Ferner schufen die Generalkommandos

Regimenter, Bd. 125), Berlin 1925, S. 125f. Sonst kamen für die Ausbildung Aufenthalte
auf Truppenübungsplätzen, etwa demjenigen der Gruppe Sissone, oder bei den Quartieren
in Frage.
830
Dazu gehörte auch die Ausbildung an Übungswerken, die im Gegenstoß mit Stoßtrupps
„genommen“ wurden; siehe etwa TG FR 39, S.125f., oder Demmler, Ernst (u.a.): Das K.B.
Reserve-Infanterie-Regiment 12 (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bayerische
Armee, Bd. 80), München 1934, S. 209f.
831
Siehe TG [Link] 12, S. 210.
832
Siehe Dieterich, Karl (u.a. Bearb.): Das Niedersächsische Feldartillerie-Regiment Nr. 46
im Kriege 1914-1918, Braunschweig 1934, S. 227, Verschiedene Verfasser: General Oskar
Freiherr von Watter, Hamburg o.J., S. 26 [weiterhin zitiert als „Watter“.], Köhn, Herrmann:
Erstes Garde Feldartillerie-Regiment und seine reitende Abteilung (Ehrenblätter deutscher
Regimenter, Bd. 258), Teil I, Oldenburg 1925, S. 327, und Oertzen, v.: Das [Link]-
Feldartillerie-Regiment im Weltkriege (Aus Deutschlands großer Zeit, Bd. 64), Zeulenroda
1933, S. 153.
833
Siehe Goes: Chemin des Dames, S. 195f.
834
Da Archivalien fehlen, sind weitere Tankabwehrmittel bei der 7. nicht festzustellen
gewesen. Bei der [Link] wurde wahrscheinlich ebenfalls auf eine umfangreichere
Zuteilung von Sondergeschützen geachtet, wie einem Bericht des Führers der durch 5cm
Kanonen i.P.L. ergänzten NKB 241 (bei der [Link]) zu entnehmen ist; siehe Strobel:
Nahkampfbatterie. Die Nahkampfbatterie 241 in den Kämpfen um den Hochberg April
216

beziehungsweise die Artilleriekommandeure der Divisionen


„Tankbekämpfungspläne“, die den Batterien nach dem Muster der
bestehenden Vorschriften Zielstreifen zuwiesen 835 .
Die derart für die Abwehr von Infanterie- und Tankangriffen geschulten
Verbände 836 waren ausbildungstechnisch auf dem neuesten Stand und
konnten bis zum Beginn des Artilleriefeuers mit Masse auch als ausgeruht
gelten, wenn man von der Belastung durch Stellungsbauarbeiten und
Einbeziehung der Artillerie in tägliche Feueraufträge absieht 837 .
Die Verluste durch die französischen Artillerievorbereitungen waren bei den
Stellungsdivisionen relativ schwer, wie aus einem Bericht des OHL-
Beobachters Major Bramsch am 11. oder [Link] hervorgeht 838 . Die
Kompanien hatten seinen Eindrücken nach noch Gefechtsstärken von 90 bis
100 Mann und die schlechten Witterungsbedingungen mit Dauerregen täten
das Ihre, um die Leistungsfähigkeit der Infanterie zu vermindern. Die
Artillerie habe gelitten und liege etwa bei der Gruppe Sissonne noch bei
80% ihrer ursprünglichen Stärke, doch häufige Stellungswechsel hätten

1917 in Benary: Das Ehrenbuch der Feldartillerie, S. 454f. Das AOK 6 verfügte über neun
Nahkampfbatterien; siehe Abschn. 5.2. der vorliegenden Arbeit.
835
Siehe KA, HS 3402: Gruppenkommando S. Abt. I. Art. Nr. 811 vom 20.4.1917, Ziff. 1.
836
Neben der [Link], die am 16.4. in Linie vor der ebenso vorher geschulten [Link] im
Abschnitt vor Juvincourt lag, ließen sich auch für die [Link], [Link], [Link], [Link] und
[Link] besondere Ausbildungsmaßnahmen im Vorfeld der Schlacht ausmachen.
837
Siehe TG FR 39, S. 125 mit dem Hinweis auf hervorragende Erholungsmöglichkeiten
während der Ausbildungsphase. Wie die TG [Link] 12, S. 213 angibt, waren bei ihrer
zeitweiligen Verwendung als Stellungsdivision zwar Möglichkeiten für regelmäßige
Ablösungen gegeben, gleichzeitig aber wurde der Ausbau der Stellungen mit allen Mitteln
gefordert. Die TG FAR 99, S. 73, spricht ebenfalls von Belastungen durch Stellungsbau,
besonders aber durch eine zeitweilige Zuteilung zur [Link], wobei Kampfverluste
eintraten, bevor die Batterien wieder der [Link] unterstellt wurden.
838
Siehe RA, Bd. 12, S. 295, und vergleiche die mysteriöse Darstellung bei Chickering, S.
212: „Viele Granaten, die die Franzosen während der ersten neun Tage über der
Champagne abwarfen, fielen hauptsächlich ins Leere, da die Deutschen ohne Wissen der
Franzosen das Gebiet zuvor geräumt hatten.“
217

Verheerenderes verhindert. Insgesamt sei die Stimmung der Truppen gut


und man erwarte den Feind gespannt 839 .

6.3. Die Kämpfe am [Link] 1917.

Um 5 Uhr morgens begann der Infanterieangriff der französischen [Link],


deren Korps mit großem Elan 840 zwischen dem Frontknick von Laffaux und
Condé bis westlich Craonelle auf den Chemin des Dames und die ihm
vorgelagerten Höhen zustürmten. Um 9.30 Uhr hatten sich die Angreifer
zumindest zwischen Soupir und Craonelle bis in die zweite deutsche
Stellung vorgearbeitet 841 . Die Rückmeldungen der Verbände an die höhere
Führung sprachen allerdings schnell davon, daß der deutsche Widerstand
verbissen sei und schwere Verluste eingetreten waren 842 . Der Kampf
dauerte den ganzen Tag über an und brachte die französische Linie, trotz des
Einsatzes der Reserven 843 , bis zum Abend sehr verschieden weit,
letztendlich aber nur sehr begrenzt voran. Geländegewinne von wenigen
hundert Metern bis zu etwa 3,5km lassen sich feststellen 844 . Der Preis für

839
Der Kronprinz schrieb über die Wirkung der französischen Artillerievorbereitung, daß
die Verluste durch das Artilleriefeuer stiegen und daß die Nerven der Truppen durch das
lange Abwarten „bis zum äußersten gespannt“ waren, während ihre Haltung gut und
zuversichtlich gewesen sei; siehe Kronprinz Wilhelm: Erinnerungen, S. 274. Vergleichbare
Aussagen finden sich in RA, Bd. 12, S. 293, wo von „zuversichtlicher Stimmung“, aber
auch „nicht unerheblichen Verlusten und weitgehender Stellungszerstörungen“ gesprochen
wird. Auch als Folge des Feuers mußte die angeschlagene [Link] der Gruppe Brimont am
[Link] von der als Eingreifdivision vorgesehenen [Link] abgelöst werden. Ebenso waren
Ablösungen für Teile der [Link] vorgesehen, die als nicht mehr kampffähig erachtet
wurden; siehe BA-MA, RH 61/51741: Manuskript v. Stützner, S. 57.
840
Dieser wurde den Angreifern in den der Schlacht folgenden Berichten zumindest für den
ersten Sturmangriff zugebilligt, so etwa durch die BED: „Der erste Ansturm des Feindes
war schneidig, der im Graben eingedrungene Feind leistete jedoch unseren sofort
vordringenden Stoßtrupps nur geringen Widerstand- die Teilangriffe hatten keine
energische Stoßkraft mehr.“ Zitiert nach BA-MA, RH 61/50597: Bayerische Ersatz-
Division Ic. Nr. 4437 vom 23.4.1917, Teil B., Ziff. 14.).
841
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 634.
842
Siehe ebenda, S. 635 ([Link]), S. 636 ([Link] und [Link]) und S. 637f. ([Link]).
843
Siehe ebenda, S. 638ff.
844
Siehe RA, Bd. 12, Beilage 15.
218

dieses enttäuschende Ergebnis, das neben den geringen Geländegewinnen


auch nur 3.500 Gefangene aufwies 845 , war immens und ließ sich im Fazit
eines Verbindungsoffiziers Nivelles bei der [Link] am Abend des ersten
Schlachttages dahingehend zusammenfassen, daß die Infanterie zu weiteren
großen Angriffen oder der Erweiterung des genommenen Raumes vorerst
nicht in der Lage sei 846 . Besonders auffällig, so der Verbindungsoffizier, sei
das Ausbleiben eines großen deutschen Gegenangriffs, was darauf
hindeuten könne, daß dem Gegner die Mittel dafür fehlten. Stattdessen
wären lediglich lokal und zeitlich begrenzte Gegenstöße feststellbar
gewesen 847 .
Bei der [Link] setzte ebenfalls um 5 Uhr der Infanterieangriff ein. Auf
ihrem rechten Flügel bei Reims, der mit einer Division ([Link]) und von
Flammenwerfern vorgetragen wurde 848 , kamen die französischen Truppen
gegen anfangs nur geringen Widerstand des Verteidigers immer langsamer
voran, da im Gelände verteilte MG-Nester überaus ernstzunehmende
Hindernisse darstellten 849 . In den genommenen Stellungsteilen, namentlich
in und direkt hinter der ersten deutschen Linie, setzte man sich bei Einbruch
der Dunkelheit fest und mußte überaus zahlreiche deutsche Gegenangriffe
abwehren 850 .
Links davon, beim [Link], sah man sich vor allem intakten deutschen
Positionen und der Feuerkraft von Höhen herabschießender
Maschinengewehre gegenüber 851 . Die Orte Loivre und Courcy hinter der
ersten feindlichen Stellung wurden dennoch genommen und der vom Fort

845
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 640.
846
Siehe ebenda.
847
Siehe ebenda. Daß hiermit der Glaube Nivelles an den Sinn der Fortsetzung der Schlacht
bestärkt werden mußte, könnte ein Grund für die Aufnahme dieser Passage in das frz.
amtliche Werk gewesen sein. Jedenfalls behauptete Balck in seiner Arbeit über den
Stellungskrieg später, Nivelle habe vom neuen Abwehrverfahren seines Gegners gewußt,
wobei sich dies für den Nachrichtenoffizier und seine Meldung definitiv nicht sagen läßt;
siehe Balck, S. 101.
848
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 643.
849
Siehe ebenda, S. 644.
850
Siehe ebenda, S. 644. Das [Link] der [Link] wurde in der Nacht 19 mal angegriffen.
851
Siehe ebenda, S. 644f.
219

Brimont aus nach Nordwesten laufende Höhenzug oberhalb des Forts


erkämpft. Bei einer Division ([Link]) kam man bis nahe an die zweite
Stellung heran, wurde dann aber von einem Gegenangriff der GED
getroffen und zurückgeworfen 852 . Beim Ausklingen der Kämpfe war man
im nicht repräsentativen Maximum, bei der [Link], knapp drei Kilometer
über die eigene Sturmausgangsstellung hinausgekommen 853 .
Die rechts an das [Link] anschließende Flügeldivision des [Link] hatte
bis auf die Wegnahme der Höhe 108 (Mont Sapigneul) an der Aisne so gut
wie gar keinen Geländegewinn gegenüber der [Link] und [Link] zu
vermelden. Südlich des Flusses und des gleichnamigen Kanals stehend, war
sie durch Gegenstöße rasch abgewiesen worden 854 .
Nördlich der beiden Gewässer, zwischen Berry au Bac und La Ville aux
Bois, machten die beiden anderen Divisionen des [Link] wesentlich
größere Fortschritte gegenüber den Verteidigern der [Link], bei der am
Morgen des [Link] noch Ablösungen vorgenommen wurden 855 . Von
großem Vorteil war hierbei für die Franzosen, daß sie das Tal der Miette,
das Richtung Juvincourt führte, und einen Weg zwischen der Aisne und den
Höhen parallel zum Fluß Richtung Guignicourt eröffnen konnten, um
halbwegs gedeckt in die Flanken der Verteidiger zu stoßen. Die Verluste,
besonders an Vermißten, deren Hauptteil als Gefangene zu werten waren,
betrugen allein bei zwei der drei deutschen Infanterieregimenter im
Abschnitt 2.000 Mann 856 . Verzweifelte Gegenstöße, flankierend wirkende
Maschinengewehre und erbitterter Widerstand isolierter Verteidigungsinseln
verursachten zwar ebenfalls große Verluste unter den Angreifern, ihr
Vordringen bis in die Artillerie-Schutzstellung war aber nicht
aufzuhalten 857 . Vor Mittag war die Artillerie-Schutzstellung genommen und
die französische Infanterie wartete auf die Unterstützung durch die Tanks
der Gruppe Bossut, die sich dem Angriffsplan zufolge gegen Prouvais

852
Siehe ebenda, S. 645.
853
Siehe RA, Bd. 12, Beilage 16.
854
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 646.
855
Siehe TG [Link] 5, S. 113, und Bayerisches Kriegsarchiv: Die Bayern im großen
Kriege, S. 376ff.
856
Siehe TG [Link] 5, S. 113.
857
Siehe ebenda und TG [Link] 12, S. 218f.
220

entwickeln sollten 858 , aber durch das mit Trichtern übersäte Gelände nur
langsam vorankamen 859 .
Was dann, in einem Zeitfenster zwischen circa 11.30 Uhr deutscher Zeit,
der ersten Meldung über das Vorgehen einzelner Tanks auf Guignicourt,
und 14.30 Uhr französischer Zeit, dem im französischen amtlichen Werk
angegebenen Zeitpunkt des Eingreifens Bossuts, geschah 860 , ist kaum
rekonstruierbar und demzufolge nur in Schlaglichtern und
Momentaufnahmen darstellbar 861 .
Bei Guignicourt jedenfalls traten am Mittag „mehrere Tanks“ in langer
Reihe auf den Ort zufahrend auf, die ein hervorragendes Ziel für zwei
leichte Feldhaubitzen der 8./[Link] 5 unter Leutnant d.R. Ibach boten:
„Ich ließ mit dem rechten Geschütz in aller Ruhe die Richtung nehmen, die
Tanks noch soweit vorfahren, daß sie in ihrer ganzen Größe angerichtet werden
konnten, und schoß zuerst den Führertank mit ungefähr 4 Schuß in Brand, mit 5-6
Schuß dann den zweiten, während der dritte gleichzeitig mit dem zweiten zum
Halten kam. Er schien gefechtsunfähig geworden zu sein. Gleichzeitig hatte auch die
linke Haubitze 10-12 Schuß auf die gleichen Tanks abgegeben und einwandfrei
Treffer erzielt. [... .] Um 3.30 meldete der seitliche Aufklärer in der linken Flanke,
daß 4 feindliche Tanks im Aisnegrund vorgehen. Ich ließ die Tanks bis in die Höhe
der Batterie vorfahren, um einwandfrei anrichten lassen zu können. Sämtliche 4
Tanks wurden auf eine Entfernung von 100-250m von den beiden Geschützen
zerstört.“ 862

Unterstützt wurde die Tankabwehr nördlich der Aisne auch durch Teile der
Feldartillerie der [Link], die zumindest in Zugstärke innerhalb einer mit FAR
108 kombinierten Nahtbatterie unter Leutnant der Reserve Müller (4./FAR

858
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 646.
859
Siehe Hellot: Nivelle Et Pétain, S. 133.
860
Siehe TG [Link] 5, S. 119, bzw. LAF, Bd. V.1., S. 646. Anzumerken ist angesichts
variierender Zeitangaben in deutschen Schilderungen, daß man am 16.4.1917 auf
Sommerzeit umstellte; siehe TG [Link] 5, S. 113.
861
Einen Überblick über den Einsatz der Tankeinheiten bietet Micheletti, Eric: Berry-Au-
Bac 16 avril 1917 à 6h30, la première attaque des chars d’assaut français, in Gazette des
Armes Nr. 116, April 1983, S. 37-42.
862
Zitiert nach einem Bericht des Leutnants Ibach in TG [Link] 5, S. 119f. Für die
Tankabwehrleistung, die insgesamt sieben Abschüsse am 16.4. umfaßte, wurde Ibach mit
dem Ritterkreuz des Militär-Max-Joseph-Orden ausgezeichnet. Siehe auch Bayerisches
Kriegsarchiv: Die Bayern im Großen Kriege, S. 378.
221

17) nachweisbar sind. Die Batterie wirkte offenbar parallel zur 8./[Link] 5
Ibachs gegen die ersten Tanks, die im Aisnetal vorgingen:
„Schon richtete eine 400m rechts stehende bayer. Nahtbatterie ihr Feuer gegen
die vorgehenden Tanks. Mehrere blieben liegen, aber ein Teil schwenkt auf 4./17
ein. Jetzt gilts. Scharfes Kommando durchschneidet den Lärm der tobenden
Schlacht. Die gelichteten Bedienungen reißen die Geschütze herum, erfassen das
Ziel. Das Feuer fliegt und schon hat’s den ersten Tank erwischt. Das Feuer fliegt: der
zweite, der dritte, bleibt liegen, der vierte auf 100m vor der Batterie.“ 863

Abschüsse im Bereich von Guignicourt reklamierte auch die Artillerie der


ab Mittag herbeieilenden Eingreifdivisionen. Das FAR 108 der [Link], das
bei seinem Einsatz besonders auf die Bedeutung der Tankabwehr
hingewiesen worden war 864 , „erledigte Tanks im direkten Schuß“ 865 auf
erhebliche Entfernungen. Ein Zug der [Link] erzielte laut
Truppengeschichte drei Treffer mit Brandwirkung auf 2.300-1.800m, und
die 6./FAR 108 nahm einen Tank in 5.250m Distanz erfolgreich unter
beobachtetes Feuer 866 . Den Bataillonen der [Link] waren Begleitbatterien
der Feldartillerie zugeteilt, die den Kampf gegen die Kampfwagen ebenfalls
erfolgreich aufnahmen 867 .
Bei Juvincourt, in das laut einer Meldung vom Vormittag französische
Infanterie eingedrungen war, wurden um 12 Uhr im Miette-Tal vorgehende
Tanks gemeldet 868 . Eine Batterie des [Link] 5, die hier hätte sofort wirken

863
Zitiert nach Schönfeldt: Nahtbatterie. Die [Link] des [Link] Feldartillerie-
Regiments Nr. 17 am Damenweg am [Link] 1917 in Benary: Das Ehrenbuch der
Feldartillerie, S. 456f.
864
Siehe Zindler (Hg.): Regimentsgeschichte des Feldartillerieregimentes No. 108,
Hamburg 1919, S. 75
865
Siehe Watter, S. 27.
866
Siehe TG FAR 108, S. 75ff. Beide Batterien erhielten im Juli 1917 die ihnen für
insgesamt drei Abschüsse zustehende Tankprämie. Der Führer des Zuges der 4. Batterie,
Leutnant Apel, wurde für die Tank- und Infanteriebekämpfung mit dem Eisernen Kreuz 1.
und die involvierten Bedienungen der beiden Geschütze mit dem Eisernen Kreuz [Link]
ausgezeichnet.
867
Siehe TG FR 39, S. 130, TG FAR 99, S. 74, und Müller-Loebnitz, Wilhelm (Bearb.):
Das Ehrenbuch der Westfalen. Die Westfalen im Weltkrieg, Stuttgart o.J., S. 394ff. Das
FAR 99 nahm neun Abschüsse für sich in Anspruch.
868
Siehe TG [Link] 5, S. 122. Die TG spricht lediglich von fünf Fahrzeugen, während der
meldende Offizier, Oberleutnant Simm, später angab, daß es 26 waren. Siehe KA, HS
222

können, besaß nur noch ein feuerbereites Geschütz und dieses war nutzlos,
da der zuständige Richtschütze nach Aussage des Batterieführers,
Oberleutnant Simm, „vollständig versagte“. Hinzu kam ein klemmender
Verschluß, der durch eine minderwertige Eisenkartusche hervorgerufen
worden war 869 . Der Batterieführer wurde nun, zwangsweise zur Passivität
verurteilt, Zeuge der Wirkungsweise der Tankabwehr verschiedener
Batterien, die unter dem Befehl der I./FAR 500 unter Hauptmann der
Landwehr Bieberstein standen 870 . Nachdem der Gegenangriff der [Link]
eingesetzt hatte, explodierten die Benzinbehälter von vier Tanks, die nach
Ansicht Simms in das Feuer eines nicht näher bezeichneten bayerischen
Einzelgeschützes geraten waren:
„Ein grandioses Bild, ich sehe noch wie heute brennende Mannschaften aus den
Tanks stürzen und wie brennende Fackeln zusammenfallen.“ 871

Hauptmann Bieberstein berichtete in einem späteren Feldpostbrief, daß


seine Batterien angesichts der geworfenen Infanterie und zuerst
ausbleibender Verstärkungen geradewegs in Nahkampf mit feindlicher
Infanterie verwickelt wurden, während die Tanks zum Angriff vorrollten:
„Es war der reine Nahkampf geworden, unsere Infanterie konnte sich gegen die
Übermacht nicht halten und ging zurück, es waren auch nur noch wenig und der
Feind hatte unsere Höhe links schon überflügelt. Rechts waren 10 Tanks schon
hinter uns, von denen 6 schon nicht mehr weiter konnten und teilweise brannten, 4
sich noch im Kampfe mit meinen Batterien befanden, von diesen dann aber auch
außer Gefecht gesetzt wurden.“ 872

2027: Schilderung über Tankbekämpfung der 4./[Link] 5 durch Oblt. d.R. Simm vom
21.4.1927. Anlaß des Berichtes war übrigens die Frage nach der Rolle eines gewissen
Gefreiten Reimers, der als ehemaliger Angehöriger der Batterie Simm behauptete, auf sich
allein gestellt mehrere Tanks zerstört zu haben.
869
Siehe ebenda.
870
Siehe Bieberstein: Mein schwerster Tag im Jahre 1917. Die [Link] des
Feldartillerieregiments Nr. 500 am [Link] 1917 an der Straße Juvincourt-Guignicourt in
Benary: Das Ehrenbuch der Feldartillerie, S. 457ff. Bieberstein führte offensichtlich eine
aus verschiedenen Batterien unterschiedlicher Truppenteile bestehende Artillerie-
Untergruppe.
871
Zitiert nach KA, HS 2027: Schilderung über Tankbekämpfung der 4./[Link] 5 durch
Oblt. d.R. Simm vom 21.4.1927.
872
Zitiert nach Bieberstein, in Benary: Das Ehrenbuch der Feldartillerie, S. 458.
223

Der Hauptangriff der Gruppe Bossut, der nach deutschen Angaben mit etwa
50 bis 64 Tanks zwischen 12 und 14 Uhr gegen Guignicourt und Juvincourt
vorgetragen wurde 873 , konnte nach einigen, unbestimmbar hohen Ausfällen
durch Fahrzeugpannen im Anmarsch zuerst unter dem Schutz der gedeckten
Annäherungswege und des Rauchs einschlagender Granaten erfolgen 874 .
Sobald die Tanks aber die Niederungen an der Aisne und der Miette
verließen, und ohne Infanterieunterstützung 875 , welche die teilweise in
Nahkampf mit den Tanks verwickelte Artillerie hätte eliminieren können, in
Reihe oder entfaltet zum Angriff übergingen, gerieten sie in das Feuer der
intakten deutschen Geschütze. Am Mittag scheint der Kampf zwischen
Tanks und Infanterie einerseits und deutschen Geschützen, Resten der
Stellungsbesatzungen und Truppenteilen, die zum Gegenangriff übergingen,
andererseits äußerst erbittert gewesen zu sein. Einzelnen Tanks gelang es
offensichtlich, wie auch Biebersteins Aussage bestätigt, durchzubrechen und
Batterien in Flanken und Rücken anzugreifen 876 , doch am Ausgang der
Kämpfe, der durch die große Zahl Tankausfälle und deutsche
Eingreiftruppen entschieden wurden, änderte dies nichts. Bossut fiel 877 und

873
Siehe TG [Link] 5, S. 123f, TG [Link] 12, S. 220f., TG FAR 99, S. 74f., und KA, HS
3402: Gruppenkommando S. Abt. I. Nr. 811 vom 20.4.1917, Ziff. 2. Die Schilderung des
Geschehens bei Loez: Le Baptême Du Feu, S. 111f., angefangen beim Zeitpunkt des
Eingreifens (nach 8.30h) und endend mit der Behauptung, daß fünf Tanks am Mittag die
Erfüllung ihres Gefechtsauftrags in Form der Wegnahme der zweiten deutschen Stellung
vor Juvincourt ohne Infanteriebegleitung gelang, entbehrt der Grundlage und widerspricht
anderen Aussagen.
874
Siehe KA, HS 3402: Gruppenkommando S. Abt. I. Nr. 811 vom 20.4.1917, Ziff. 2.: „Sie
[die Tanks] wurden bei den ungünstigen Uebersichtsverhaeltnissen des Abschnitts von
rückwaertigen Punkten bei der dichten Rauchlagerung infolge des starken Artillerie-Feuers
und der Zerstoerung aller Verbindungsmittel zu vorgeschobenen Beobachtern erst bemerkt,
als sie sich der Artillerie-Schutzstellung naeherten.“
875
Rocquerol nannte als Begründung die schlechte Verständigung zwischen Tanks und
Infanterie; siehe Rocquerol: Chemin Des Dames, S. 117.
876
Siehe auch KA, HS 3402: Gruppenkommando S. Abt. I. Nr. 811, Ziff. 2: „[...] teilweise
brachen sie unter Schnellfeuer aus ihren Geschützen und Maschinengewehren durch die
Artillerie-Schutzstellung durch: dabei fuhren sie ohne Aufenthalt durch die
Drahthindernisse und über die Graeben.“ Siehe auch Bayerisches Kriegsarchiv: Die Bayern
im Großen Kriege, S. 378.
877
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 647, und ebenda, Annexes 2, Ann. 1661.
224

wenigstens 32 CA-1 wurden abgeschossen 878 . Am Abend lag die


Frontstellung des [Link] immerhin bis zu knapp 5km in den früheren
deutschen Linien, womit der größte Erfolg in die Tiefe der feindlichen
Stellungen am [Link] markiert wurde.
Das links anschließende [Link] unterstütze den Nachbarn mit der [Link] gegen
Süd- und West-Juvincourt, das gegen die deutschen Gegenangriffe der 50.
und [Link] nicht behauptet werden konnte, und ging mit der [Link] gegen
den Ort und den Wald La Ville aux Bois sowie die Straße nach Corbeny
vor, wo man mit heftigstem deutschen Maschinengewehrfeuer konfrontiert
wurde 879 . Die Tankgruppe Chaubès war ohne größere Schwierigkeiten, aber
schon mit einem Ausfall von acht Wagen durch technische Defekte 880 , bis
an die Sturmausgangsstellungen herangekommen und konnte früh zum
Angriff auf dem äußerst linken Flügel des eigenen Korps, beziehungsweise
gegen die Divisionsnaht der BED und [Link], übergehen.
Nachteilig erwies sich allerdings, daß, anders als im Abschnitt des
[Link], kaum ein gedecktes Vorgehen in Geländeeinschnitten möglich
war und die deutschen Verteidiger den Anmarsch von zwei Abteilungen
Tanks zu je 12 bis 20 Fahrzeugen recht frühzeitig erkennen konnten 881 . Der
Stoß der Tanks zielte auf Corbeny und wurde bereits in einer Distanz von
1.500 bis 2.000m zu den deutschen Linien von Artillerie im Abschnitt der
BED und von Teilen der dem [Link] direkt gegenüber stehenden [Link]
massiv gefaßt 882 . Einer Batterie des Fußartillerie-Regiments 3 gelangen
hierbei zwei Abschüsse in einer Kolonne von sechs Tanks. Deren
Bekämpfung wurde daraufhin eingestellt, weil das konzentrierte
Abwehrfeuer der deutschen Artillerie derart viel Dreck und Staub

878
Siehe KA, HS 3402: Gruppenkommando S. Abt. I. Nr. 811, Ziff. 2. Diese Zahl umfaßte
29 Fahrzeuge zwischen der früheren ersten deutschen Stellung und der
Artillerieschutzstellung sowie drei, die von den Franzosen vom Schlachtfeld geborgen
werden konnten. Inwieweit die Abschüsse von Guignicourt und im Anmarsch vernichtete
Tanks mitgezählt worden sind, ist unklar. Die Gruppe Sissonne rechnete jedenfalls mit
einem Mehr an Abschüssen in unbekannter Größenordnung.
879
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 648.
880
Siehe ebenda, Bd. V.1. Annexes 2, Ann. 1661.
881
Siehe KA, HS 3402: Gruppenkommando S. Abt. I. Nr. 811, Ziff. 1.
882
Siehe ebenda.
225

aufwirbelte, daß kein gezielter Schuß auf die Fahrzeuggruppe mehr möglich
war 883 . In der Rekonstruktion der Abschüsse des FAR 111 findet sich die
Aussage, daß von einer der beiden großen Fahrzeuggruppen bereits nach
zehn Minuten fünf der 12 anrückenden Tanks zum Stehen gebracht werden
konnten 884 . Bei insgesamt nur vier Volltreffern konnten bis zum Nachmittag
insgesamt 22 oder gar 24 Tanks in Brand geschossen oder anderweitig
gestoppt werden 885 . An dem vollständigen Abwehrerfolg beteiligt war vor
allem der Umstand, daß zumindest eine Kolonne, die bei der [Link]
vorging, nicht dazu in der Lage war, den von der Infanterie bereits
genommenen ersten deutschen Graben zu überwinden 886 . Nach
französischer Aussage gelangten von der Gruppe Chaubès lediglich acht
Fahrzeuge zurück zu ihren Ausgangsstellungen 887 , während die
Besatzungen der an- und abgeschossenen Fahrzeuge -viele intakte wurden
angesichts der verzweifelten Lage offenbar auch selbständig verlassen- nach

883
Siehe Benary, Albert (Bearb.): Geschichte des Fußartillerie-Regiments General-
Feldzeugmeister (Brandenburgisches) Nr. 3 und seiner Kriegsformationen (Deutsche Tat
im Weltkriege, Bd. 57), Berlin 1937, S. 204.
884
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Abt. Felda, Berichte April-Aug.’17, Nr. 4: FAR
111 Nr. 116/17 geh. vom 8.6.1917. Es handelt sich hierbei um einen Bericht des Regiments
„L“ zur Abwehr des französischen Tankangriffs gegen die BED am 16.4.1917. Das
Regiment „L“ war eine gemischte Artilleriegruppe mit einer Feldartillerie-Batterie (7,7cm)
und fünf Fußartillerie-Batterien (10, 15 und 21cm); siehe auch Taschenbuch der Tanks, Teil
III, S. 194 (dort nur vier Fußartillerie-Batterien angegeben).
885
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Abt. Felda, Berichte April-Aug.’17, Nr. 4. Der
Bericht der Gruppe Sissonne vom 20.4. nannte 18 sichere Abschüsse, zu denen
wahrscheinlich aber noch mehr kämen; siehe KA, HS 3402: Gruppenkommando S. Abt. I.
Nr. 811, Ziff. 1.
886
Bei Hellot ist zu lesen, daß die Tanks Chaubès’ in Kolonne vorfuhren und das
Spitzenfahrzeug beim Überwinden des ersten deutschen Grabens Schwierigkeiten hatte.
Dies verhinderte jegliches weitere Vorgehen der dahinter auflaufenden Tanks und führte
dazu, daß die Besatzungen sie unter heftigstem Artilleriebeschuß aufgaben; siehe Hellot:
Nivelle Et Pétain, S. 133. Diese Darstellung beruht augenscheinlich auf dem am 24.4.1917
vom [Link] verfaßten Bericht über den Tankeinsatz; siehe LAF, V.1. Annexes 2, Ann. 1661.
Siehe auch Abschn. 6.5.1. der vorliegenden Arbeit.
887
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 648.
226

Möglichkeit mit Bordwaffen am Infanteriekampf teilnahmen 888 . Da kein


Tank über die erste, verteidigte deutsche Linie hinaus und scheinbar nur im
Bereich der [Link] an diese herankam 889 und die Infanterie des [Link]
genauso unter Maschinengewehrfeuer und deutschen Gegenangriffen zu
leiden hatte wie Verbände andernorts auch, blieb der Erfolg des
verlustreichen Angriffs auf dem gesamten linken Flügel der französischen
[Link] minimal 890 .

888
Siehe ebenda, Bd. V.1. Annexes 2, Ann. 1661. Für das Verlassen der Fahrzeuge, die
dann unbeweglich auf dem Gefechtsfeld standen und beste Ziele boten, sprechen auch die
unerwartet geringen Verlustzahlen der Gruppe: 9 Tote, 38 Verwundete, 4 Vermißte; siehe
ebenda.
889
Siehe BA-MA, RH 61/50597: BED Ic. Nr. 4437 vom 23.4.1917: Erfahrungen aus den
jüngsten Kämpfen, Teil [Link]., Ziff. II.)e.: „Die im Abschnitt der Division vorgeführten
Tanks (etwa 25) waren erledigt, ehe sie unsere Linien erreichten, sie haben den
Angriffstruppen also keine Stütze gegeben.“ Für den Stellungsteil der [Link] wird in RA,
Bd. 12, S. 317, angegeben, daß die Tanks bis auf Höhe der deutschen Stellungen vor
Beginn des Angriffs vorkamen. Diese waren von französischer Infanterie bereits
genommen worden.
890
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 648.
227

Abb. 6: Karte zum Ergebnis des [Link] 1917 891 .

6.4. Weitere Tankeinsätze bis zum Ende der Schlacht 892 .

Als direkte Nachwirkung des Desasters vom [Link] läßt sich im


französischen amtlichen Werk keinerlei Erwähnung beabsichtigter
Tankeinsätze in den ersten Folgetagen auffinden. Daß man vielmehr mit
dem Bergen von Fahrzeugen beschäftigt war, wie deutsche Dokumente
nahelegen, und eventuelle Einsatzpläne angesichts der materiellen und
personellen Verluste unterließ, ist wahrscheinlich 893 .

891
Abb. nach Goes: Chemin des Dames, S. 111.
892
Wegen der zeitlichen Nähe zum Geschehen am 16.4.1917 sei an dieser Stelle lediglich
auf den Tankangriff am 5.5. verwiesen. Der Angriff gegen Malmaison im Oktober des
Jahres gehörte zwar trotz des zeitlichen Abstandes noch zu den Folgekämpfen der Aisne-
und Champagneschlacht, doch wird auf ihn in Hinblick auf die chronologische Darstellung
innerhalb der vorliegenden Arbeit in Kap. 8. eingegangen werden.
893
Siehe KA, HS 3402: Gruppenkommando S. Abt. I. Nr. 811, Ziff. 1. und 2. bzw.
Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 17, wo von einem vorgesehenen Tankangriff bei der
französischen [Link] für den 17.4. gesprochen wird, der abgesagt wurde.
228

Erst am [Link] traten wieder Tanks in Erscheinung, die innerhalb einer


begrenzten Unternehmung der französischen [Link] gegen die deutschen
Stellungen bei Laffaux unterstützend wirken sollten. Der Einsatz wäre zu
vernachlässigen, da auf deutscher Seite keine tiefergehenden Erkenntnisse
gewonnen werden konnten 894 , wenn nicht ein grundsätzlicher Bruch
hinsichtlich des Einsatzverfahrens der Tanks feststellbar wäre. Anders als
am [Link], der sich durch besonders weitgesteckte Ziele und Einsatz der
Tanks in großen Gruppen auszeichnete, ging es nun lediglich darum, der
Infanterie den Weg in die deutsche Stellung zu bahnen, um dann zu
Ausgangspunkten zurückzukommen 895 . Zwei Korps der [Link] erhielten
für diesen Zweck jeweils 16 Tanks 896 , die der französischen Infanterie des
[Link]-Korps ([Link]) auch tatsächlich Vorteile gegenüber den
zahlreichen deutschen Maschinengewehren und beim Kampf um
Stellungsteile verschaffen konnten 897 . Beim [Link] sah dies etwas
anders aus, da beim Einbruch in die Stellung nur noch drei der 16
Kampfwagen helfend in die Kämpfe eingreifen konnten 898 . Die Verluste der
Tankgruppen sollen sich auf 55 Mann 899 und nur sechs abgeschossene
Wagen 900 belaufen haben, was eine größere Anzahl technischer oder
geländebedingter Ausfälle vermuten läßt. Die Bewertung des Unternehmens

894
Archivalien, die auf die Vorkommnisse anspielen, waren nicht zu finden und das
deutsche amtliche Werk beschränkt sich auf Minimalaussagen, was darauf hindeutet, daß
keine Außergewöhnlichkeiten wahrgenommen wurden, die in irgend einer Form den
bisherigen Erfahrungen entgegen standen; siehe RA, Bd. 12, S. 362ff.
895
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 18.
896
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 767f. Vom ersten Einsatz der [Link] wird hier mit keinem
Wort berichtet, anders als im Taschenbuch der Tanks, Bd. III, S. 18. Wie nicht anders zu
erwarten, differieren auch die Zahlenangaben zu eingesetzten und zerstörten Fahrzeugen in
der Literatur erheblich.
897
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 768: „La division provisoire Brécard dépasse le moulin de
Laffaux, grâce au concours efficace des chars qui réduisent au silence les nombreuses
mitrailleuses, sous abris bétonnés, auxquelles se heurte la droite de la division.“ Siehe auch
RH 61/51741: Manuskript v. Stützners, S. 215.
898
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 768.
899
Siehe Loez: Le Baptême Du Feu, S. 113.
900
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 19. Dort sind 27 angreifende Panzerwagen
angegeben.
229

als partieller Erfolg 901 scheint angebracht, bedenkt man, daß hiermit
wenigstens die bedingte Tauglichkeit der Fahrzeuge unter günstigen
Geländeverhältnissen und die Erfolgsaussichten für Tanks in enger
Kooperation mit der Infanterie dokumentiert werden konnten 902 .

6.5. Tanks und Tankabwehr in der Doppelschlacht an der Aisne und in


der Champagne: Bewertungen und Reaktionen.

Das Hauptaugenmerk der späteren Betrachter des Geschehens lag vor allem
auf den Auswirkungen, welche das Desaster der gescheiterten Offensive für
die französische Armee und Kriegführung mit sich brachte. Und diese
Folgen hatten, zusammen mit den ganz spezifischen Anlagen und dem
Verlauf der Offensive, ihren Anteil daran, daß die Schlacht nicht als eines
der „gewohnten Gemetzel“, als das sie Chickering beschrieb 903 , angesehen
werden kann.
Am Abend des [Link] war unter den Soldaten bereits das Bewußtsein
vorhanden, daß die erlittenen Verluste –vielleicht 15.500 Gefallene, 60.000
Verwundete und 20.500 Vermißte bis zum [Link] 904 - in keinem
Verhältnis zu erreichten, erhofften und propagierten Zielen standen 905 .
Hinzu kam eine bemerkenswerte Unordnung in den rückwärtigen
Armeebereichen der beiden Angriffsarmeen, die auf die große
Truppenansammlung auf engstem Raum und eklatante Organisationsmängel

901
Siehe Loez: Le Baptême Du Feu, S. 113 und S. 114.
902
Siehe Goya, S. 347.
903
Siehe Chickering, S. 212.
904
Siehe LAF, Bd. V.1. Annexes 2, Ann. 1917, Tabl. I. Die aufgerundeten Zahlen beziehen
sich auf die Verluste der 4. (17.000), 5. (48.000), 6. (20.000) und [Link] (4.000) und
sind wegen der Wirrnisse innerhalb einer laufenden Operation mit größtem Vorbehalt zu
gebrauchen. Für den Gesamtzeitraum April-Juli 1917 und die gesamten französischen
Streitkräfte (!) bringt Pierrefeu eine Aufstellung, die bei insgesamt 279.000 Ausfällen
110.000 Tote, Vermißte und Gefangene sowie 169.000 Verwundete ausweist; siehe
Pierrefeu: L’Offensive Du 16 Avril, S. 143.
905
Siehe Rocquerol : Chemin Des Dames, S. 119, und Pierrefeu: L’Offensive Du 16 Avril,
S. 100ff. Pierrefeu gibt die Beobachtungen eines Nachrichtenoffiziers des Hauptquartiers
wieder, der sich im rückwärtigen Bereich der 5. und [Link] aufhielt.
230

zurückzuführen war 906 . Alles in allem war dies ein sehr guter Nährboden für
Gerüchte, welche die Verluste und Zustände in der Feuerlinie betrafen, und
gab Anlaß zu einer rapiden Verschlechterung der Stimmung, die sich schon
am 17. in Rufen nach Frieden und in Unmutsbekundungen gegenüber einer
geradezu als kriminell erachteten Führung artikulierte. Dieser wurde
unterstellt, die ihnen anvertrauten Soldaten fahrlässig in den Tod geschickt
zu haben 907 . Wie die Aussage eines schwerverwundeten Stabsoffiziers,
Oberstleutnant Nieger, bekunden kann, blieb der Unmut und die maßlose
Enttäuschung nicht allein Sache der unteren Chargen und Gemeinen:
„C’est à pleurer. Notre attaque, une boucherie plus exactement, m’a laissé un
souvenir épouvantable. Nous sommes revenus aux plus mauvais jours de 1914 et
1915. Je n’ai jamais vu affaire aussi mal montée, aussi mal préparée. Quoi qu’il
puisse m’en coûter, je veux le dire et le répéter…“ 908 .

An den Zuständen, die bis Ende des Monats in offene Verweigerung von
Truppenteilen übergingen und zusammen mit deutlichen Anzeichen
sinkender Kriegsbereitschaft der französischen Bevölkerung Ausmaße einer
überaus bedrohlichen und gesamtstaatlichen Krise erreichten 909 , änderte die

906
Siehe Goes: Chemin des Dames, S. 137. Wie auch Strachan: The First World War, S.
241, und Rocquerol: Chemin Des Dames, S. 150ff., bemerken, dürfte vor allem die
Versorgung der zahlreichen Verwundeten einen bedeutenden Mißstand mit Eigengewicht
für die Stimmungslage aller direkt Betroffenen und indirekt Beteiligten bedeutet haben. Die
Zahl der Verwundeten und Kranken beziffert das frz. amtliche Werk für den Zeitraum bis
zum 25.4. auf rund 65.700 Mann, die über die Lazarette versorgt und in rückwärtige
Sanitätseinrichtungen verbracht worden waren. Zu diesen kamen noch 15.500 leichter
Verwundete, die bei ihren Truppenteilen oder im Operationsgebiet verblieben; siehe LAF,
Bd. V.1. Annexes 2, Ann. 1917, Tabl. II.
907
Siehe Pierrefeu: L’Offensive Du 16 Avril, S. 101.
908
Siehe ebenda, S. 102. Keegan schrieb zum Verhältnis zwischen Offizieren und
Mannschaften bezüglich des Charakters der Verweigerungen: „[... ,] `Meuterei´ zieht
normalerweise Gewalt gegen Vorgesetzte nach sich. Die Ordnung blieb jedoch im Ganzen
erhalten, und die `Meuterer´ wandten gegen ihre Offiziere keine Gewalt an. Im Gegenteil,
während der `Meutereien´ waren die Beziehungen zwischen den einfachen Soldaten und
den Offizieren durch einen seltsamen gegenseitigen Respekt gekennzeichnet, als hätten
beide Seiten erkannt, dass sie gemeinsam Opfer einer Tortur waren, die für die
Mannschaften schließlich unerträglich wurde.“ Zitiert nach Keegan, S. 458.
909
Siehe Strachan: The First World War, S. 241.
231

offizielle Absetzung Nivelles am [Link] wenig 910 . Sein Nachfolger, Pétain,


trat ein schweres Erbe an, das die französischen Truppen an der
Hauptkampffront des Krieges für unabsehbare Zeit als in weiten Teilen
unfähig zu Großunternehmungen auswies und zur Defensive an der
Westfront zwang 911 .
Inwieweit es sich bei diesen strategisch bedeutenden Ergebnissen der
Aprilkämpfe an der Aisne und in der Champagne tatsächlich auch um ein
deutsches Kapitel im „Krieg der versäumten Gelegenheiten“ (Bauer)
handelte, wurde nach 1918, als das Ausmaß der „Meutereien“ deutlich
geworden war, intensiv diskutiert. Vor allem in den Büchern „national“ und
„soldatisch“ gesinnter Autoren wie Bathe (1933), Ettighofer (1937), Goes
(1938) oder Eisgruber (1939) wurde versucht 912 , einen unzulässig direkten
Zusammenhang zwischen den Abwehrleistungen der deutschen Truppen
und den daraus resultierenden, immensen französischen Verlusten als
Primärursache der Verweigerungen zu konstruieren. Unzulässig war dies
deshalb, weil ein Konglomerat verschiedener Ursachen in Betracht gezogen
werden muß. Darin enthalten war ein stetiger Zerfallprozeß, der durch die
Aneinanderreihung blutiger Kämpfe, den ermüdenden Stellungskrieg, den
Charakter eines neuzeitlichen Massenheeres in einem endlos erscheinenden
Krieg sowie individuelle, heeres- oder gesellschaftsinterne Aspekte. Der
Katastrophe vom [Link] kann demnach nur die Rolle als Katalysator

910
Der Absetzung waren am 29.4. die Einsetzung Pétains als, wenn man so sagen darf,
„Generalstabschef zur besonderen Verwendung beim Kriegsminister“ und der Nivelle
telefonisch übermittelte Befehl des Kriegsministers zum Aussetzen eines nördlich von
Reims vorgesehenen Angriffs vorausgegangen. Am 10.5. forderte Präsident Poincaré den
Rücktritt des Generalissimus, welcher jedoch ablehnte. Daß Nivelle versuchte, den ihm so
ergebenen Mangin als Sündenbock zu opfern, mag menschliche Abgründe offenbaren.
Tatsache ist, daß Mangin Nivelle beim Marsch „in die Wüste“, nämlich nach Nordafrika,
nur wenige Tage vorausging, um aus der aktiven Gestaltung der militärischen Geschichte
des Ersten Weltkrieges bis zur Krisenlage des Sommers 1918 zu verschwinden; siehe
Hellot: Nivelle Et Pétain, S. 153ff., und Abschn. 10.2.
911
Siehe ebenda, S. 241ff., Chickering, S. 213, und Kap. 8.
912
Siehe oben bzw. Bathe, Rolf: Frankreichs schwerste Stunde. Die Meuterei der Armee
1917. Eine historische Studie, Potsdam 1933. Vorgelegen hat dem Verfasser die 3.
erweiterte Auflage, Potsdam 1937. Die Parallelen zu anderen Autoren der Zeit sind nur
allzu offensichtlich; siehe auch Abschn. 3.5. der vorliegenden Arbeit.
232

offener Unmutsäußerungen gegenüber den in weiten Teilen des Heeres als


untragbar angesehenen Zuständen zukommen 913 . Jedenfalls war es für
spätere deutsche Betrachter dieser Ereignisse und Umstände unumgänglich,
die Schlacht selbst genauer zu beschreiben und äußerst sinnvoll, gerade den
Tanks und ihrem symbolträchtigen Schicksal, das stellvertretend für den
Kampf zwischen (hochmotivierten, hartgesottenen deutschen) Soldaten und
dem überlegenen feindlichen „Material“ stehen konnte, Raum zu bieten. Ein
Raum, der für viel Frontkämpferpathos – beispielsweise: „Frankreichs
Elitetruppe [die als „Schwarze“ diffamierten Kolonialtruppen] stirbt vor den
Mündungen der feldgrauen Musketiere“ 914 - und wenig überprüfbare
Informationen sowie definitiv verfälschende Darstellungen -„Jetzt rollen,
unheilverkündend die feuerspeienden Panzerungetüme heran, jeden
Widerstand vor sich niederwalzend“ 915 - genutzt wurde 916 . Ein Grund für die

913
Siehe dazu Strachan: The First World War, S. 241f., der diesen Aspekt besonders betont.
Ebenso Keegan, S. 459. Vergleiche Chickering, S. 212. Sehr detailliert beschrieben sind die
Rahmenbedingungen und die lange „disziplinartechnische Vorgeschichte“ der Ereignisse
bei Pedroncini, Guy: Les Mutineries De 1917 (Publications De La Faculté Des Lettres Et
Sciences Humaines De Paris-Sorbonne, Recherches, Bd. XXXV), Paris 1967, S. 21ff.
914
Siehe Ettighofer: Eine Armee meutert, S. 184.
915
Siehe Bathe: Frankreichs schwerste Stunde, S. 116.
916
So sind bei Ettighofer, der in allen seinen Büchern zu überaus „lebendiger“
Szenenmalerei neigt, viele auf den ersten Blick interessante Details faßbar, doch bleiben sie
aufgrund fehlender Nachweise und angesichts einer dürftigen Literaturliste äußerst
fragwürdig. Dementsprechend konnte ein interessanter Umstand wie der Hinweis
„Estiennes“ (der Name selbst fällt nicht) gegenüber General Mazel, bezüglich des
schwierigen Geländes bei Juvincourt (S. 183), in der vorliegenden Arbeit nicht
berücksichtigt werden. Überhaupt sind Unklarheiten feststellbar, die eine Vielzahl Fragen
offen lassen und den Aussagewert des Buches mindern müssen. Als Führer eines einzigen
angreifenden Tankverbandes von 132 Fahrzeugen wird beispielsweise ein Oberst der
Pioniere genannt (S. 183f.). Tatsächlich gab es nun definitiv zwei gepanzerte
Einsatzgruppen. Estienne, der mit dem Oberst zu identifizieren wäre, nahm nicht persönlich
am Gefecht teil und fiel auch nicht. Für Bathe gilt eine vergleichbare Tendenz, allerdings,
angesichts eines umfangreicheren Literaturverzeichnisses und eines rudimentär
vorhandenen Nachweises der Zitate, in abgeschwächter Form. An der Überzeichnung des
„Frontkämpfers“ mangelt es dagegen auch hier nicht, wie ein Beispiel verdeutlichen mag:
„Die verbissene Wut der zerhämmerten Verteidiger steht gegen den wilden Elan des
Angreifers. Kein Bericht meldet die Taten dieser unbekannten Soldaten des Großen
233

große Anzahl Ungenauigkeiten und offener Fragen hinsichtlich des


Gefechtsgeschehens innerhalb solcher Darstellungen liegt sicherlich auch
mit den Schilderungen vor, die auf französischer Seite vorhanden waren und
vorhanden sind. So ließ das französische amtliche Werk (1931) nach
etlichen Seiten zur Darstellung der Ausgangslage und Vorbereitung der
Offensive bemerkenswert geringen Raum für die Berichte über den Einsatz
der beiden Tankgruppen am [Link] und ihr dramatisches Ende 917 .
Vielmehr –und dies dürfte unter Berücksichtigung von Herausgeber,
Intention und Zeitgeist kaum verwundern- suchte man im Untergang noch
das Heroische und sprach, ohne nähere Details zu nennen, von „des
tentatives héroiques, mais infructeuses“ 918 , die zumindest den
Tankbesatzungen unter Bossut angerechnet wurden. Nähere Angaben zu
den Verlusten wurden allein für die Gruppe Chaubès beziffert und,
zusammen mit einer Meldung vom Tod Bossuts durch den Führer einer
seiner Abteilungen, im Anlagenband 2 (1931) gedruckt 919 . Besonders
auffällig an einer Rekapitulation der Ereignisse durch die spätere
Geschichtsschreibung ist, daß vor allem das Geschehen von Juvincourt,
meist verbunden mit einer einzigen, großen Einsatzgruppe unter Bossut,
eine Rolle spielte. Das Schicksal der Gruppe Chaubès, das hinsichtlich des
geringen Erfolges noch viel tragischer zu nennen wäre, blieb dagegen
oftmals ausgeklammert. Feststellbar ist dies sowohl bei Bathe als auch bei
Rocquerol 920 , um nur zwei Beispiele zu nennen. Die Motivation dafür war
bei Teilen der französischen Historiographie allerdings eine andere als im
Deutschland der Zwischenkriegszeit, die dem Bild eines Kampfes zwischen

Krieges, dieser einsamen Trichterkämpfer, die ihre Stellung im wahrsten Sinne des Wortes
bis zum letzten Mann gehalten haben.“ (S. 103.) Wie es angesichts dieser Entschlossenheit
und dieses Todesmutes zu Tausenden deutschen Gefangenen am ersten Tag der Schlacht
kam, ließ der Autor offen.
917
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 645ff.
918
Siehe ebenda, S. 647.
919
Siehe LAF, Bd. V.1. Annexes 2, Ann. 1661 bzw. 1415.
920
Siehe Bathe: Frankreichs schwerste Stunde, S. 115f., und Rocquerol: Chemin Des
Dames, S. 117.
234

den Titanen Frontkämpfer und konzentriert eingesetztem Material


frönten 921 .
Wenigstens zwei Richtungen, die allerdings nicht in Reinform auffindbar
waren, lassen sich in der französischen Historiographie der 20er und 30er
Jahre fassen:
Auf der einen Seite diejenige, die versuchte, eigene Verluste und Erfolge im
Verhältnis gegenüber anderen äußerst blutigen Schlachten beschönigend
darzustellen 922 , um pazifistische und sozialistische Aktivitäten an der Front
und in der Heimat sowie den schädlichen Einfluß der Politik als Ursache für
den Unmut der eigentlich doch siegreichen Truppen und die Unruhen in den
Reihen der Armee verantwortlich zu machen. Man könnte in diesem Sinne
durchaus von der Inszenierung einer „Dolchstoßlegende“ sprechen 923 . Die
Rolle der Tanks am [Link] blieb bei dieser Ausrichtung ausgesprochen
schwierig zu integrieren, denn unzweifelhaft war ihr Schicksal. Der
Rückzug auf den heldenhaften Einsatz der Besatzungen und die Tatsache,

921
Schon bei Frerk, der direkt nach der Schlacht schrieb, ist dies besonders deutlich und
steht zweifellos im Zusammenhang mit der propagandistischen Verwertung der Kämpfe
(siehe Abschn. 7.2. der vorliegenden Arbeit): „Deutsche Artilleristen aber stehen überall an
der Front und werden auch weiterhin dafür sorgen, daß die gepriesenen Tanks nichts weiter
zu bedeuten haben, als einen ziemlich harmlosen Bluff, der wirklich nicht geeignet ist,
Furcht und Verwirrung in die Reihen der Männer zu tragen, die einem zehn oder
mehrtägigem Trommelfeuer ungeheuerlicher Art getrotzt haben.“ Zitiert nach Frerk:
Arrasschlacht, S. 126.
922
Siehe Rocquerol: Chemin Des Dames, S. 131. Bezogen auf die Zahl von 20.000
deutschen Gefangenen und große Beute an Geschützen und Maschinengewehren bis zum
20.4.1917 urteilte er: „Ces résultats ne sont certainement pas des indices de défaite.“
923
Besonders augenscheinlich bei Hellot: Nivelle Et Pétain, S. 168f. und S. 174. Im
Zusammenhang mit Aktivitäten „pazifistischer Elemente“ (S. 169) im rückwärtigen
Heeresbereich, einer verbreiteten sozialistischen Agitation (S. 174) und Arbeiterstreiks
fallen die argumentativen Parallelen zu den späteren Vertretern des „Dolchstoßes“ auf
deutscher Seite besonders auf. Dasselbe gilt, abgesehen vom Bezugspunkt des
Kriegsausgangs, für jeglichen Ansatz zur Propagierung der These, „im Felde unbesiegt“
geblieben sein.
235

daß im Einsatzraum der Gruppe Bossuts der einzig wirklich tiefe Einbruch
in die deutschen Stellungen stattfand, lag somit nahe 924 .
Die zweite Richtung zielte mit einer Spitze gegen die politische Führung
Frankreichs, die es wider besseren Wissens und trotz aller Möglichkeit nicht
schaffte, französische Staatsbürger vor den abstrusen -und längst vor Beginn
des Infanterieangriffs gescheiterten- Plänen Nivelles zu schützen 925 .
Politiker und vor allem Nivelle selbst standen im Zentrum der Kritik 926 . Der
Mut der Truppen, darunter auch besonders derjenige der Tankbesatzungen,
konnte dementsprechend symbolisch für das grundsätzlich gute
Menschenmaterial 927 , um den schauderhaften Ausdruck zu gebrauchen, der
französischen Armee stehen und anhand der erlittenen Verluste die
konzeptionellen und ideellen Defizite verschiedener Ebenen der
militärischen und politischen Führung bestens illustrieren. Innerhalb der
Gesamtdebatte um die Qualitäten der militärischen und politischen Führer
dieser Zeit scheint die Frage nach der Rolle der Tanks allerdings von
marginaler Bedeutung gewesen zu sein 928 .
Beiden Richtungen inne wohnt das Lob und die Anerkennung für Pétain,
der Frankreich aus der Krise führte und -zusammen mit Foch und später
Clemenceau- den Sieg von 1918 erst ermöglichte. Teile dieser Sichtweise
und der als zweite Richtung verzeichneten Anschauungen lassen sich, neben

924
Das frz. amtliche Werk beschränkte sich angesichts der dürftigen Schilderungen im
Hauptband V.1. darauf, Nivelles Lobadresse vom [Link] als Anlage zu veröffentlichen;
siehe LAF, Bd. V.1., S. 646f. und Bd. V.1. Annexes 2, Ann. 1553.
925
Besonders eindrucksvoll nachweisbar bei Heydecker, S. 375ff.
926
Siehe etwa Rocquerol: Chemin Des Dames, S. 92f. Man beachte auch Pierrefeus
Ausführungen zur Konferenz vom [Link] oder seine Anspielungen auf Nivelles „ordres
primitifs“, die angesichts sachkundiger Kritik und Zweifel der vom Autor als fähig
erachteten Generalität (bes. Micheler und Pétain) unverändert blieben; siehe Pierrefeu:
L’Offensive Du 16 Avril, S. 66ff. bzw. S. 40f.
927
Wie etwa bei Rocquerol: Chemin Des Dames, S. 116f. erkennbar ist, hielt man sich
diesbezüglich an die Vorlagen der amtlichen Geschichtsschreibung. Abgesehen von der
Erwähnung nur einer Panzergruppe zu 132 Fahrzeugen unter Bossut ist die Passage zu
deren Eingreifen nahezu deckungsgleich übernommen worden.
928
Siehe Loez: Le Baptême Du Feu, S. 108, oder auch Miquel, Pierre: Le Chemin des
Dames. Enquête de la plus effroyable hécatombe de la Grande Guerre, Paris 1997, S. 164f.
Hier wurden dem Einsatz der Chars lediglich zwei von 270 Buchseiten gewidmet.
236

der allgemeinen Verwirrung um Verlustzahlen 929 , das Gefechtsgeschehen


(einschließlich der Rolle der Tanks 930 ) und die eindeutig negative
Bewertung von Nivelles Plan 931 , in neueren Darstellungen finden.
Interessanterweise findet sich damit verbunden auch immer wieder der Tank
als Thema, der, möglicherweise sogar für die knappe Darstellung der
Schlacht ausgeklammert 932 , dann eine Rolle spielt, wenn Pétain den Befehl
übernimmt und nach dem Weg zum Sieg sucht. Wie etwa Buffetaut als
vorletzten Satz seines Bildbandes zu den Frühjahrsoffensiven der Alliierten
1917 anführt, hatte er zwei Hoffnungsträger: Die USA und die Tanks 933 .

6.5.1. Französische Perspektiven und Reaktionen.

Ganz generell kann man als Bewertung des ersten Kampfeinsatzes


französischer Tanks festhalten, daß die gewonnenen Erkenntnisse und
Erfahrungen denjenigen gleichen, die für den ersten britischen Einsatz an
der Somme formuliert worden sind 934 . Dies verweist deutlich darauf, daß
der Zeitpunkt des Einsatzes, der auf französischer Seite 1916 mit dem den
Briten gegenüber geäußerten Wunsch, auf eine größere Zahl Tanks zu
warten, verbunden gewesen war, um einen konzentrierten, überraschenden
britisch-französischen Schlag auszuführen, keine weitreichende Bedeutung

929
Siehe etwa Berghahn: Sarajewo, S. 110, wo von 200.000 Gefallenen Franzosen in den
ersten zehn Tagen der Schlacht die Rede ist.
930
Siehe Keegan, S. 457, der von 128 Renault-Tanks (FT-17, dessen Prototyp erst im Juli
des Jahres getestet wurde!) spricht, die sich im Gelände festgefahren haben sollen, bevor
sie wirken konnten.
931
Die Zahl anführbarer Titel, gedruckter oder im Internet auf mehr oder weniger
zitierfähigen Websites auffindbarer Textstellen, ist gewaltig.
932
Siehe bspw. Chickering, S. 212, oder Heydecker, S. 375ff. (Abschnitte zur „Nivelle-
Offensive“) bzw. S. 397ff. (Kapitel zur Geschichte der Panzer).
933
Siehe Buffetaut: The 1917 Spring Offensives, S. 188. Es sei zu diesem Titel und zur
Textstelle noch angemerkt, daß die Darstellung der alliierten Panzertruppen deutlich dem in
der Einleitung der vorliegenden Arbeit dargestellten, heutigen Bild folgt. Nicht nur ist
„tanks“ das letzte, bedeutungsschwangere Wort seines Buches, sondern Pétains
Hoffnungen auf die Waffenhilfe der USA werden als Enttäuschung dargestellt, während die
(französischen) Panzer rechtzeitig –zum Entscheiden des Krieges- vorhanden waren.
934
Siehe Abschn. 3.5.1.
237

hatte 935 . Viel eher ist Fuller beizupflichten, der davon sprach, daß manche
Erfahrungen nur im Gefecht gewonnen werden können, um daraus
praktische Erfahrungen zu sammeln und Lehren für die Zukunft zu
formulieren 936 . Beachtenswert ist dabei, das der Preis für diese Erfahrungen
im Fall der französischen Armee 1917 in jeder Hinsicht wesentlich höher
war als derjenige, den die Briten an der Somme und bei Arras zu zahlen
hatten. An personellen Verlusten der Artillerie d’Assaut waren 33 Offiziere
und 147 Unteroffiziere und Mannschaften, 25% der eingesetzten Soldaten,
zu beklagen 937 . Diese Quote ist angesichts der Zahl der verlorenen
Fahrzeuge noch gering zu nennen. Die Zahl der abgeschossenen Tanks
belief sich auf wenigstens 57 938 , wobei diesen noch eine beträchtliche
Anzahl technikbedingter Ausfälle an die Seite zu stellen ist. Lediglich 11
Tanks kamen mehr oder weniger unbeschädigt zurück zu den
Ausgangsstellungen 939 . Damit manifestierten sich in Relation zur Zahl
eingesetzter Fahrzeuge schwere materielle Verluste (ca. 50% 940 ), die sich in

935
Siehe Cooper: Cambrai, S. 33.
936
Siehe Fuller: Tanks, S. 58.
937
Ganz im Gegensatz zu den Fahrzeugverlusten präsentieren sich die personellen Verluste
von insgesamt180 Mann, die durchweg in der angegebenen Größe beziffert werden,
erstaunlich einheitlich; siehe etwa Loez: Le Baptême Du Feu, S. 112.
938
Siehe Rocquerol : Chemin Des Dames, S. 117 und Bathe : Frankreichs schwerste
Stunde, S. 116, wobei Bathe 64 weitere Wagen als „kampfunfähig geschossen“ (!)
hinzufügt. Das Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 16, gibt 66 und Boucher: L’Arme
Blindée, S. 21 sogar 76 abgeschossene Fahrzeuge an. Als Gesamtverlust findet sich bei
Förster/Paulus: Abriß, S. 20, die Zahl von 81 Tanks, davon 60 Ausfälle wegen technischer
Mängel (u.a. Brände, die wegen Überhitzung des Motors entstanden sein sollen).
939
Siehe Rocquerol : Chemin Des Dames, S. 117.
940
Die prozentuale Berechnung muß der zugrundeliegenden Anzahl eingesetzter und durch
Feindeinwirkung zerstörter Fahrzeuge zwangsweise folgen und variiert dementsprechend
von Autor zu Autor. Mit etwa 50% liegt man am unteren Ende einer Bandbreite, die etwa
im Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 16, mit 53% und Boucher: L’Arme Blindée, S. 21,
mit 57% markiert wird. Unter Einbeziehung der technischen Ausfälle und nur 11
zurückgekehrter Tanks kommt man allerdings leicht auf einen Wert bei oder gar über 90%.
Die wohl zuletzt publizierten Zahlen liefert Goya, S. 345, mit 121 eingesetzten und 76
verlorenen Fahrzeugen, worin 57 Verluste durch Feindeinwirkung eingeschlossen sind.
238

den späteren Worten eines Historiographen als „a holocaust of tanks“


darstellten 941 .
Eine der Lehren aus dem ersten Tankeinsatz, wie sie beispielsweise vom
[Link], dem die Gruppe Chaubès unterstellt gewesen war, am [Link]
formuliert wurden 942 , betraf das Gefechtsfahrzeug CA-1. Es hatte sich vor
dem Hintergrund der zahlreichen Ausfälle 943 ohne Feindeinwirkung
herausgestellt, daß die Fahrzeuge eine Vielzahl von Unzulänglichkeiten
besaßen, wobei die geringe Geländegängigkeit des Tanks besondere
Auswirkungen auf die planungstechnischen Fragen und taktischen
Möglichkeiten hatte. Trichter und Gräben, die wegen aufgeweichten Bodens
oder ihrer Breite nicht oder nur schwer zu überwinden gewesen waren,
stellten Hindernisse dar, die jegliche Option für ein erfolgreiches Eingreifen
nach einem operativ, für alle Waffengattungen festgelegten Zeitplan über
den Haufen werfen konnten. Genau dies lag bei beiden am [Link]
eingesetzten Einsatzgruppen vor. Der Gruppe Chaubès –oder zumindest
Teilen derselben- gelang es nicht, sich dem deutschen Artilleriefeuer zu
entziehen, als man vom ersten deutschen Graben aufgehalten wurde 944 . Bei
der Gruppe Bossut waren es die Zerstörungen auf dem Gefechtsfeld in Form
unzähliger Granattrichter, die den Zeitpunkt des Eingreifens bei Juvincourt-
Guignicourt nach hinten hinausschoben 945 - offensichtlich so weit, daß der
Infanterie beim Eintreffen der Tanks bereits jeglicher Angriffsschwung
abhanden gekommen war 946 . Aufklärung durch Tanks und
Besatzungsmitglieder, um das Gelände zu erkunden, sowie die

941
Siehe Falls, Cyril : The First World War, London 1960, S. 260.
942
Siehe LAF, Bd. V.1. Annexes 2, Ann. 1661: Compte rendu sur l’emploi des chars
d’assaut, le 16 avril 1917.
943
Die von Förster/Paulus genannte Zahl von 60 geländebedingten oder technischen
Ausfällen scheint eine passable Angabe darzustellen; siehe Förster/Paulus: Abriß, S. 20.
944
Siehe LAF, Bd. V.1. Annexes 2, Ann. 1661: „ La 1re tranchée allemande, large des près
de 3 m. et très profonde, n’est pas encore suffisamment aménagée lorsque arrive le char de
tête. Il tente néanmoins le passage, bascule en avant et obstrue la piste commencée.“
945
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 646f.
946
Sehr viel klarer als etwa das frz. amtliche Werk, welches lediglich von schlechter
Verbindung oder Koordination zwischen Tanks und Infanterie ausgehen ließ (S. 647),
sprach Rocquerol davon, daß der Infanterieangriff im Feuer deutscher Maschinengewehre
liegen blieb; siehe Rocquerol: Chemin Des Dames, S. 116.
239

Notwendigkeit, durch vorherige Arbeiten Übergangswege für die größeren


deutschen Gräben zu schaffen, wurden als Lehren für die Zukunft
festgehalten 947 . Letzteres konnte den Erfahrungen gemäß unter Feuer nur
schwerlich durch (ungeschützte) Infanterie geschehen. Denn wie man bei
Chaubès’ Gruppe gesehen hatte, verhinderten Maschinengewehrfeuer und
Artilleriebeschuß Arbeiten vor Ort 948 . Die Umsetzung einer
richtungweisenden Idee von 1916, nämlich Begleitinfanterie mit einem
eigenen Fahrzeug auszurüsten, was durch die Zuweisung von
Jägerkompanien auch praktisch angegangen worden war, wurde nach den
ersten Gefechtserfahrungen erstaunlicherweise nicht mehr ins Auge
gefaßt 949 . Tatsächlich scheint es so gewesen zu sein, daß die in der
Kooperation mit Tanks eingeübten Jäger vor dem [Link] gegen
unerfahrene Einheiten ausgewechselt worden waren, welche keinerlei
Bedeutung für den Einsatz hatten 950 .
Als nachteilig hatte sich auch die geringe Geschwindigkeit der Fahrzeuge
und, als Hauptmerkmal der Gefechte, ihre Anfälligkeit gegenüber
Artilleriebeschuß erwiesen. Die dünne, aber mit den britischen Tanks der
Zeit vergleichbare Panzerung trug das Ihrige dazu bei, besonders aber die
Zusatzbehälter für Betriebsstoff waren der Grund für die so zahlreich
beobachtete und für den Einsatz des CA-1 in der Schlacht so
charakteristische Brandwirkung:
„Je verrai toujours –vision d’horreur inoubliable- les hommes enflammés
quittant les chars et courant, torches vivantes, dans la plaine!“ 951

Sie stellte sich auch dann ein, wenn kein direkter Artillerietreffer Ursache
sein konnte, sondern zeigte ihre für die Besatzung so grauenvollen
Konsequenzen schon, wenn Granaten in der Nähe der Fahrzeuge

947
Siehe LAF, Bd. V.1. Annexes 2, Ann. 1661, Ziff. a) und c).
948
Siehe ebenda.
949
Siehe Boucher: L’Arme Blindée, S. 15 bzw. S. 21.
950
Siehe dazu Goya, S. 343ff.
951
Zitiert nach Loez: Le Baptême Du Feu, S. 111. Es handelt sich um einen Auszug aus
den unveröffentlichten Erinnerungen eines Colonel Bourgoin.
240

einschlugen 952 . Das Verbrennen bei lebendigem Leib gehörte in


außerordentlichem Maß zum ersten Tankeinsatz der französischen
Streitkräfte, und es sollte, als nur selten so prägnant überliefertes,
allgemeingültiges Schicksal von Besatzungen gepanzerter Fahrzeuge in der
Ära der Benzinmotoren, auch weiterhin Kennzeichen von Panzereinsätzen
bleiben und nicht vergessen werden- auch dann, wenn davon weder in der
Fach-, noch der sonstigen Literatur die Rede sein sollte.
Der CA-1 wurde angesichts seiner vielseitigen Mängel zum Objekt diverser
Verbesserungen, wenngleich unstrittig war, daß einige unabänderbare
Konstruktionsmängel vorlagen 953 . Stärkerer Panzerschutz, die Verlagerung
des Betriebsstoffbehälters in die wesentlich sicherere Bugsektion und
bessere Beobachtungsmittel wurden jedoch vorgesehen.
Was die fahrzeugbezogenen Mängel multiplizieren mußte, war die Anlage
der Schlacht, die, wiederum in Übereinstimmung zu britischen
Dispositionen bis zu diesem Zeitpunkt, den Tanks eine nur assistierende
Rolle in den ersten Kämpfen, zugleich aber illusionär weitgesteckte Ziele
zuordnete. Daß die Franzosen mit einer sehr viel größeren Anzahl Tanks
antraten, wurde durch diese wenigstens in der ersten Schlachtphase
untergeordnete Funktion relativiert, besonders aber durch die Fehler im
Gesamtplan schließlich gänzlich neutralisiert. Grundsätzlich unterschied
sich die Planung der Aisne- und Champagneschlacht nur insofern von den
vorherigen Offensiven, als mehr Material und mehr Truppen bei längerer
Vorbereitungszeit durch massiert aufgefahrene Artillerie, alles versammelt
auf engstem Raum, angreifen sollten. Wie man auf dramatische Weise
gesehen hatte, war dies nicht das Mittel, um einen irgendwie gearteten
Überraschungsfaktor wahren zu können, der durch deutsche
Luftüberlegenheit und besondere Aufklärungserfolge nochmals
eingeschränkt wurde, nicht das Mittel, um dem Feind die Gelegenheit für
umfangreiche Abwehrmaßnahmen zu nehmen, nicht die Chance auf einen
Durchbruch über die erschöpfte eigene Infanterie hinweg und nicht einmal

952
Siehe KA, HS 3402: Gruppenkommando S. Abt. I. Nr. 811, Ziff. 3, KA, HGr Rupprecht,
Bd. 43, Akt: Abt. Felda, Berichte April-Aug.’17, Nr. 4 und LAF, Bd. V.1. Annexes 2, Ann.
1415.
953
Siehe auch Förster/Paulus: Abriß, S. 20.
241

das Rezept, um überhaupt in die Tiefe der feindlichen Stellungen wirken zu


können. Das alles dokumentierte sich besonders in der später getroffenen
Aussage, daß der [Link] in erster Linie „der Tag der Maschinengewehre“
(„La journée des mitrailleuses“ 954 ) gewesen sei. Eine Bezeichnung, die
deutlich auf Übereinstimmungen zwischen dem traumatischen [Link] 1916
an der Somme und dem [Link] an der Aisne sowie dieselben
Schwierigkeiten und Fehler bei beiden Unternehmungen verweist. In diesem
Sinne lag das Ergebnis der Schlacht in der Bestätigung der Lehren aus den
letzten Kriegsjahren, wie Kuhl es später formulierte 955 . Waren die
Maschinengewehre für die vorstoßende Infanterie verhängnisvoll, dann muß
die bei Angriffsbeginn noch vorhandene artilleristische Feuerkraft der
deutschen Verteidiger als schicksalhaft für die französischen Tanks gelten,
wobei beide Waffen, Maschinengewehre und Artillerie, nur deshalb noch in
derart ausreichendem Maß vorhanden sein konnten, weil die britischerseits
so bezeichneten und französischerseits über alles bekannte Maß so
angewandten „normal tactical methods“ 956 mit den damaligen
infanteristischen und artilleristischen Mitteln –auch oder sogar erst recht bei
deren quantitativer Steigerung mit entsprechend längerer
Vorbereitungszeit 957 - nicht den gewünschten Erfolg bringen konnten.

954
Siehe Rocquerol: Chemin Des Dames, S. 119, und Hellot: Nivelle Et Pétain, S. 167. Die
besondere taktische und moralische Wirkung der deutschen MG wurde auch in deutschen
Berichten zur Schlacht besonders betont ; siehe bspw. BA-MA, RH 61/50597: BED Ic. Nr.
4437 vom 23.4.1917, Teil B., Ziff. 2.), oder BA-MA, RH 61/50597: HGr Kronprinz Ib Nr.
2437 vom 25.4.1917, Ziff. 8.): „Masch.-Gew. im Zwischengelände und
Nahkampfgeschütze sind zugweise und unter Führung von Offizieren oder Offizier-
Diensttuern einzusetzen. Von fester Hand geführte Masch.-Gew. im Zwischengelände
haben gegen Flanke und Rücken des eingebrochenen Feindes ausschlaggebend gewirkt.“
955
Siehe Kuhl: Der Weltkrieg, Bd. 2, S. 92.
956
Siehe MO 1916, Bd. 2, S. 367, bzw. Abschn. 3.5.1. der vorliegenden Arbeit.
957
Nicht umsonst wurde bei einer Besprechung der Verantwortlichen britischen und
französischen Militärs und Politiker am 4./5.5.1917 von Lloyd George angeregt, daß die
Generalität demnächst Details militärischer Operationen für sich und möglichst geheim
halten sollten; siehe Hellot: Nivelle Et Pétain, S. 151. Die Geheimhaltungsfrage spielt in
den Darstellungen der Schlacht generell eine bemerkenswerte Rolle, wobei zu betonen
bleibt, daß es kaum möglich sein konnte, den Aufmarsch der halben französischen Armee
an der Aisne einem Gegner gegenüber zu verschleiern, der das Einschießen einer immensen
242

Wollte man diese Beobachtung allein für 1916 geltend akzeptieren, so ist
anzuführen, daß durch das neue deutsche Abwehrverfahren mit Gliederung
in eine Tiefe, welche die Reichweite der feindlichen Artillerie und die
Ausdauer der Infanterie an ihre Leistungsgrenzen führte, 1917 ein
zusätzlicher Malus auf Seiten des Angreifers hinzukam 958 .
Hinsichtlich der parallelen Erfahrungen der britischen Seite mit ihren
Fahrzeugen sei auf taktischer Ebene noch auf die Mängel bei der
Koordination der einzelnen Gruppen und in der Kommunikation zwischen
den Fahrzeugen und mit der Infanterie hingewiesen 959 . Bestätigung findet
diese Wahrnehmung bereits dadurch, daß es nach Durchsicht einschlägiger
Literatur und der vorhandenen deutschen Quellen kein Bild gemeinsamen
Vorrollens der jeweiligen Tankgruppen gegen die deutschen Linien gibt,
sondern vielmehr ein Erscheinen und Verschwinden in ganz
unterschiedlicher Stärke und über einen längeren Zeitraum hinweg 960 .
Hauptmann Chanoine, der Führer der Abteilung 6 in der Gruppe Bossut,
fühlte sich angesichts der Lage auf dem Schlachtfeld am Spätnachmittag des
[Link] dazu berufen, über den Kopf seines Vorgesetzten hinweg der
[Link] Bericht zu erstatten. Hierbei dokumentierte sich die verworrene
Situation deutlich dadurch, daß Chanoine zum Schicksal des Nachfolgers
Bossuts im Kommando, Forsanz, keinerlei Mitteilung machen und über die
Situation der verschiedenen Abteilungen nur so viel sagen konnte, daß er
zahlreiche Fahrzeuge habe brennen sehen 961 . Eine Verständigung zumindest

Anzahl von Batterien bemerken mußte und durch seine Luftüberlegenheit besonders
günstige Möglichkeiten zur Einsichtnahme in die feindlichen Stellungen und rückwärtigen
Anlagen besaß.
958
Siehe ebenda, S. 121. Hellot beruft sich auf einen Bericht General de Mitrys vom
28.4.1917 zu Ursachen des Mißerfolgs am 16.4. Darin wurde als einer der Hauptgründe für
die geringe Tiefenwirkung gegen deutsche Stellungen angeführt, daß die weittragende
französische Artillerie über zu geringe Munitionsbestände verfügte und durch den Zwang,
in den Feuerbereich deutscher Geschütze verlegt werden zu müssen, um gegen entfernte
Ziele wirken zu können, erhebliche Verluste (25% im Bereich der [Link]) hinnehmen
mußte.
959
Siehe auch Boucher: L’Arme Blindée, S. 21.
960
Siehe KA, HS 3402: Gruppenkommando S. Abt. I. Nr. 811, Ziff. 3 und KA, HGr
Rupprecht, Bd. 43, Akt: Abt. Felda, Berichte April-Aug.’17, Nr. 4.
961
Siehe LAF, Bd. V.1. Annexes 2, Ann. 1415.
243

zwischen den Abteilungsführern lag dieser Meldung zufolge nicht vor 962 .
Immerhin, und dies unterscheidet den ersten französischen vom ersten
britischen Tankeinsatz, liegen keinerlei Berichte über „kopfloses“ Agieren
auf dem Gefechtsfeld vor, bei dem die Tanks Angriffsrichtung und
Angriffsziele aus den Augen verloren hatten, oder gar eigene Truppen
beschossen wurden 963 . Die Ausbildungszeit war für die Franzosen deutlich
länger gewesen, und es scheint durchaus so, als hätten die Besatzungen auch
ohne direkte Kommunikationsmöglichkeiten auf dem Gefechtsfeld sehr
genau gewußt, was wie zu tun sei- etwa der Angriff auf Batteriestellungen
von rückwärts 964 . Was die generelle Wirkung der Tanks auf dem
Schlachtfeld angeht, kann kaum fraglich sein, daß von ihnen keine
besondere moralische Wirkung auf die übrigen Truppen, vor allem die
französische Infanterie ausging- und wenn doch, dann sicherlich keine
positive. Noch im Zusammenhang mit dem ersten, als solchen später
honorierten, erfolgreichen Einsatz der Tanks bei Malmaison im Oktober des
Jahres 1917 965 findet man folgende Aussage aus den Reihen der Infanterie
über ihren Wert:
„L’Invention n’est pas mauvaise, mais ça manque de perfectionnement et ce
n’est pas assez solide, il ne faut pas compter là-dessus.“ 966

Die Verbesserung der Zusammenarbeit mit der Infanterie und allen anderen
Waffengattungen wurde als Erfahrung aus dem Einsatz mitgenommen und
Programm für die Zukunft 967 .
Diese Zukunft lag vor allem in den Händen des neuen
Oberkommandierenden Pétain, der sich, in ganz allgemeiner und
offensichtlicher Parallelität zu seinem Konterpart Ludendorff, mit
dringlicheren und sehr viel allgemeineren Problemkomplexen
auseinanderzusetzen hatte als dem mehr oder weniger geklärten Spezialfall

962
Siehe auch Loez: Le Baptême Du Feu, S. 111.
963
Vergleiche Abschn. 3.5.1.
964
Siehe KA, HS 3402: AOK 1 Ia Nr. 179 geheim vom 26.4.1917, Ziff. IV.
965
Siehe dazu Kap. 8.
966
Zitiert nach Nicot, Jean: Les Poilus Ont La Parole. Dans les tranchées: Lettres du front
1917-1918, o.O. 1998, S. 66, Anm. 6.
967
Siehe Boucher: L’Arme Blindée, S. 21 mit dem Verweis auf die Schlacht von
Malmaison im Oktober 1917. Siehe dazu Kap. 8.
244

der Tanks. Wie es für Ludendorff das Gewinnen von Zeit durch
„Durchhalten“ mit neuem Abwehrverfahren, unter Steigerung der
Rüstungsproduktion, Aufrechterhaltung der Disziplin, „Manneszucht“ und
Kriegsbereitschaft an der Front und in der Heimat war, um die Aussicht auf
eine entscheidende Angriffsoperation zu schaffen, so stand Pétain dem
Problem der Rekonstitution der Offensivkraft seiner Armeen, denselben
Problemen von Disziplin und Durchhaltevermögen und der Hoffnung auf
das Überstehen einer schweren Zeit in der Defensive bis zur Möglichkeit
eines kriegsentscheidenden Schlages gegenüber. In der ersten Phase,
derjenigen der Wiederherstellung der Armee, die am [Link] auf der Pariser
Konferenz mit der Aufgabe der Offensivpläne Nivelles und der britisch-
französischen Verständigung über die Umsetzung einer Ermattungsstrategie
mit einer Kette von kleinen, lokal und zeitlich begrenzten Angriffen
militärstrategisch eingeleitet wurde 968 , konnte den französischen Tanks eine
wichtige Rolle zukommen. Wie am [Link] bei Laffaux gezeigt wurde, hatten
die vorhandenen Fahrzeuge trotz ihrer vielseitigen Mängel einen gewissen,
den britischen Erfahrungen entsprechenden Offensiv- und Gefechtswert.
Dieser bestand unter den Prämissen, daß sie mit klar definierten und nicht
zu weit gesteckten Zielen als Infanterieunterstützung 969 überraschend auf
einem Gelände eingesetzt wurden, das sie nicht von vornherein vor kaum
lösbare Probleme stellte. Zudem, und das muß auffallen, war die artillerie
d’assaut von den Unruhen in der Armee scheinbar nur wenig betroffen und
ging bei Laffaux, zusammen mit Kolonialtruppen und Kavallerie, ins
Gefecht, was ihren Wert situationsbedingt erhöhen mußte 970 . Und

968
Siehe Hellot: Nivelle Et Pétain, S. 151.
969
Der Aussage Bouchers zum Übergehen auf Einsatzcharakter als Begleitwaffe der
Infanterie ist im Zusammenhang mit dieser ersten Phase und unter Verweis auf die Mängel
der CA-1 und [Link] zuzustimmen. Was die Adaption französischer taktischer
Überlegungen hinsichtlich Aufbau und Einsatz operativer Panzerstreitkräfte durch die
britische Seite betrifft, muß ihm unter Hinweis auf die Ereignisse in Flandern 1917
widersprochen werden; siehe Boucher: L’Arme Blindée, S. 21, vergleiche Förster/Paulus:
Abriß, S. 20, bzw. siehe Kap. 8.
970
Neben den Kolonialtruppen mag der Hinweis auf die improvisierte Division Brécard, die
aus drei Regimentern abgesessener Kavallerie bestand (Hellot: Nivelle Et Pétain, S. 148.),
die Notlage bei der Beschaffung angriffsfähiger und –williger Verbände illustrieren. Die
245

tatsächlich gibt es bemerkenswerte Hinweise darauf, daß die Besatzungen,


die Überlebenden wie die gefechtsunerfahrenen Neulinge, darauf brannten,
ihren und ihrer Fahrzeuge Wert unter Beweis zu stellen 971 . Aus der
Tragödie des ersten Tankeinsatzes wurde anhand einer von Nivelle und
Estienne geförderten Verklärung, die auf Basis eines Stereotyps der
Fahrzeugbesatzungen als „Elite“ auf fruchtbaren Boden fallen konnte, ein
Heldenlied mit dem heroischen Protagonisten Bossut 972 .
Für die Vorbereitung des militärischen Sieges nach dem Ausräumen der
Krise wurde der Ausbau der artillerie d’assaut zu einem fest in die Armee
integrierten und den verschiedenen Führungsebenen in allen Belangen auch
bekannten Kriegsmittel vorgesehen. Daß ausreichende Kenntnisse über
technische und taktische Fähigkeiten der Fahrzeuge sowie praktische
Erfahrungen mit Einsatzverfahren und –grundlagen auf den verschiedenen
Führungsebenen und bei den Truppenteilen der verschiedenen
Waffengattungen von ausschlaggebender Bedeutung für den beabsichtigten
Masseneinsatz sein mußten, war als Lehre aus der Schlacht gezogen
worden 973 . Um dies zu erreichen, sollte jeder Heeresgruppe je eine
Abteilung CA-1 und [Link] überwiesen werden, die zusammen mit
dem aufzubauenden „centre destiné“ den Erwerb und die Vermittlung von
Wissen und Erfahrungen gewährleisten sollten 974 . Einen Silberstreif am
fahrzeugtechnischen Horizont sahen Estienne und Pétain im Ergebnis einer
privaten Initiative. Renault konnte noch im April 1917 den ersten Prototyp

Aufschlüsselung der Verbände, in denen gerichtlich geahndete Fälle von Verweigerung o.ä.
vorkamen, weisen keinen Teil der Artillerie d’Assaut als betroffen aus; siehe Pedroncini:
Mutineries, S. 62 und S. 184.
971
Ein Beispiel für diese Haltung der Angehörigen der Artillerie d’Assaut bietet Loez:
„Nous étions furieux de n’avoir pas été engagés et réclamions à cri de prendre part à une
attaque quelle qu’elle fût.“ Siehe Loez: Le Baptême Du Feu, S. 112.
“Nous étions furieux de n’avoir pas été
972
Faßbar ist die erfolgreiche Umdeutung der Katastrophe des 16.4.1917 in einen
glorreichen Gründungsmythos der französischen Panzertruppe bei Corlieu-Jouve: Ceux Des
Chars D’Assaut, Paris 1932, S. 18f.
973
Siehe Hellot: Nivelle Et Pétain, S. 167.
974
Siehe ebenda.
246

eines leichten Tank vorstellen 975 , dessen Konstruktion einer 1916


formulierten Forderung Estiennes nach agilen leichten 976 und
schwergepanzerten schweren Fahrzeugen gefolgt war. Wenngleich die
beiden vorhandenen Gefechtsfahrzeuge ihre Mängel hatten, konnten sie
beide als Begleitwaffen der Infanterie weiter fungieren, während die Rolle
der CA-1, zum Stoß über die genommenen Stellungen des Feindes hinaus,
vom neuen leichten und verhältnismäßig schnellen Modell FT-17
eingenommen werden sollte. Bei nur 6,7t Gewicht und einer am erstmalig
bei einem Tank vorhandenen Drehturm bis zu 22mm starken Panzerung
konnten mit einem 39 PS-Motor 8km/h erreicht werden. Die Fahrzeuge
waren für zwei Mann Besatzung vorgesehen, hatten als Bewaffnung
alternativ ein Maschinengewehr oder eine 3,7cm Kanonen und einen
Fahrbereich vom 60km 977 .
Mit der Verfügbarkeit dieses 1917 in 3.500 Exemplaren 978 bestellten Typs
konnte für Ende des ersten Halbjahres 1918 gerechnet werden 979 . Inwieweit
in der folgenden Zeit von der Umsetzung dieser Vorstellungen wieder
abgegangen wurde, wird später dargelegt werden müssen 980 , doch
festzuhalten bleibt als Kern der französischen Erfahrungen aus der Aisne-
und Champagneschlacht, daß der Krieg auf eine andere als die bekannte und
zuletzt praktizierte Art fortgesetzt werden müsse.

6.5.2. Deutsche Perspektiven und Reaktionen.

Für Ludendorff schwand die Bedeutung der noch laufenden Kämpfe an der
Aisne und in der Champagne offensichtlich besonders deshalb, weil aus den
von ihm verfolgten Einbrüchen in die deutschen Linien, worunter derjenige
mit Tanks bei Juvincourt speziell genannt wurde 981 , keine strategische Krise

975
Siehe Ogorkiewicz: Technologie der Panzer, S. 29.
976
Der Anspruch an den Typ drückte sich im Ausdruck der „faible tonnage“ aus, der als
Bezeichnung für das Fahrzeug von Renault mit dem Kürzel „FT“ übernommen wurde.
977
Förster/Paulus: Abriß, S. 28.
978
Siehe ebenda, S. 25f.
979
Siehe Hellot: Nivelle Et Pétain, S. 167.
980
Siehe Kap. 8. bzw. Abschn. 8.1.
981
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 337.
247

entstanden war. Parallele Unternehmen der Gegner, etwa an der Ostfront,


blieben aus und, das wird man ergänzen können, bei Arras war das alte,
taktische Patt bereits wieder hergestellt. Die Grundlagen für den Erfolg auf
dem Schlachtfeld lagen seiner Meinung nach begründet in den trefflichen
Dispositionen der Heeresgruppe Kronprinz und im neuen Abwehrverfahren,
das er unter dem Aspekt der überlegenen Ausbildung, welche auch die
„Haltung“ der Truppe als Objekt der Anstrengung auf diesem Gebiet
einbezog, subsumierte 982 . Diese Sicht der Dinge gab die OHL in einer
Bewertung der Situation und der Erfolgsgrundlagen vom [Link] 1917 an
die untergeordneten Dienststellen weiter und ergänzte das Lob um eine
knappe Beschreibung des Bildes zukünftiger Kämpfe. Die Gräben seien nur
noch als Scheinstellungen aufzufassen und tiefe Unterstände ganz
aufzugeben, während sich die Infanterie tief gegliedert und die
Maschinengewehre „schachbrettförmig“ auf dem durch Artilleriefeuer
verwüsteten Schlachtfeld zur Abwehr einrichten sollten. Wellen
angreifender feindlicher Infanterie und Tanks würden zwar in diese
Verteidigungszone eindringen, letztendlich aber an Gegenwehr,
Gegenstößen und Gegenangriffen scheitern 983 . Damit traf die OHL den
Tenor, der die zuvor niedergelegten Erfahrungen der Heeresgruppen, die im
Austausch untereinander und mit ihren jeweiligen Armeen und Gruppen
standen, bereits bestimmt hatte. In ihren Berichten waren Aspekte des
elastischen Abwehrverfahrens Kern der Mitteilungen und Anweisungen,
wie für die Heeresgruppe Rupprecht und die Kämpfe bei Arras im
vorherigen Kapitel bereits festgestellt worden ist 984 . Die Heeresgruppe
Kronprinz veröffentlichte am [Link] ihren Bericht zu den Kämpfen 985 und

982
Siehe ebenda, S. 338. Siehe auch Kronprinz Wilhelm: Erinnerungen, S. 287, und Kuhl:
Der Weltkrieg, Bd. 2, S. 91.
983
Siehe BA-MA, PH 5 I/11, Bl. 16f.: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia 2996 geh. op. vom
29.4.1917. Die stellungstechnischen Erfahrungen wurden am 10.6.1917 in einer bindenden
Vorschrift von der OHL zusammengefaßt und ersetzten Teile der praktisch zuvor nicht
erprobten „Vorschrift für die Abwehr im Stellungskriege“; siehe BA-MA, RH 61/51702:
Solger, W.: Die Entwicklung des Stellungskrieges von Ende 1914 bis zum Sommer 1917,
Teil D.: Die Erfahrungen der Frühjahrsschlachten 1917 (vom 14.12.1938), S. 1.
984
Siehe Abschn. 5.6.2.
985
Siehe BA-MA, RH 61/50597: HGr Kronprinz Ib Nr. 2437 vom 25.4.1917.
248

legte darin -sowie in ihrem Kommentar zu den Erfahrungen der


Heeresgruppe Rupprecht zwei Tage später 986 - deutlich dar, daß
verschiedene, teilweise auch mißverständliche Anordnungen geklärt und
modifiziert werden müßten, um das Abwehrverfahren zu effektivieren und
seine weitere, erfolgreiche Anwendung zu garantieren. Beachtung fanden
hierbei, neben anderen Aspekten wie etwa der unbedingten Gewährleistung
funktionierender Kommunikationsmöglichkeiten, die Ausgangbedingungen,
wobei als grundsätzliche Annahme festgehalten wurde, daß vier bis fünf
Kilometer Frontbreite für eine voll kampfkräftige Division mit
ausreichender Artillerie und bereitgestellten Eingreifverbänden dahinter zu
halten seien 987 . Damit stellte man anheim, die Breitenausdehnung der
Divisionsabschnitte deutlich über das Maß hinaus erweitern zu können, das
in der geltenden Vorschrift zur „Abwehrschlacht im Stellungskriege“ mit
etwa zwei bis etwas über drei Kilometer angegeben worden war 988 . Ganz
offensichtlich beflügelten die bisherigen Erfolge das Zutrauen der Führung
in die Defensivfähigkeiten der Truppen. Wesentlicher noch, als es diese
sicherlich immer auch gelände- und stellungsabhängige Maxime sein
konnte, war die Formulierung, daß neue „Angriffsweise und bewegliche
Führung der Verteidigung“, die sich „voll bewährt“ hätten, nicht den
Grundsatz einschränken dürften, „daß der Kampf um die erste Stellung
geführt wird“ 989 . Hiermit wurde als Appell gegen eine möglicherweise

986
Siehe KA, HS 3402: HGr Kronprinz Ib Nr. 1797 geh. vom 27.4.1917. Das Schreiben der
HGr Rupprecht (Ia Nr. 2853) war zuvor bei der HGr Kronprinz zur Verteilung gekommen,
wie KA, HS 3402: AOK 1 Ia Nr. 179 geheim. vom 26.4.1917, belegen kann. Hierbei
handelte es sich um eine auszugsweise Wiedergabe mit umfangreichem Verteiler bis zu den
Divisionen und Sonder-Stabsoffizieren der einzelnen Waffengattungen des AOK. Daß im
Verteiler auch die HGr Kronprinz erscheint, erstaunt ein wenig, denn es legt fast nahe, an
einen intensiveren Austausch zwischen AOK 1 und HGr Rupprecht als direkt zwischen den
beiden HGr zu glauben.
987
Siehe BA-MA, RH 61/50597: HGr Kronprinz Ib Nr. 2437 vom 25.4.1917, Ziff. 3.).
988
Siehe ebenda: Anonymes Schreiben über „Gefechtsausdehnungen“ vom 10.3.1944.
Bezug genommen wird auf die Angaben in „Die Abwehrschlacht im Stellungskriege“ von
Dezember 1916. Die Verbreiterung der Divisionsabschnitte wurde Solger zufolge in die
Vorschrift der OHL vom 10.6.1917 aufgenommen; siehe ebenda, RH 61/51702: Solger:
Entwicklung des Stellungskrieges, Teil D., S. 6.
989
Siehe ebenda, RH 61/50597: HGr Kronprinz Ib Nr. 2437 vom 25.4.1917, Ziff. 1.).
249

bereits damals attestierbare, vielleicht aber auch nur vorausgesehene,


anderweitige Auslegung der neuen Anweisungen durch die Truppen unter
dem Eindruck eines überlegenen Feindes und weit ab von den
Führungsstäben darauf verwiesen, daß es ein vorzeitiges Aufgeben vorderer
Stellungsteile definitiv nicht geben dürfe. Die Faktoren, welche diesen mit
der Kampfbereitschaft der vorne stehenden Truppen und ihrem Vertrauen
auf Entlastung durch Reserven verbundenen Punkt aus Sicht der höheren
Führung beeinflussen können mußten, waren die bereits durch die
Heeresgruppe Rupprecht geforderte Leistungskontrolle der Frontverbände
durch tägliche Prüfung ihres Kampfwertes 990 sowie die Ausarbeitung und
das Einüben zuvor festgelegter Abwehr-, Ausweich- und Eingreifpläne
durch Stäbe und Truppenteile der einzelnen Waffengattungen 991 . Es läßt
sich aus diesen Plänen ein besonderes Maß an Aufmerksamkeit gegenüber
der Kampfbereitschaft der Truppe ablesen, wobei die große Zahl an
Gefangenen, die am [Link] 10.000 überschritt 992 , wahrscheinlich
besonders ins Gewicht fiel. Nicht umsonst und trotz des auf
993
„unvergleichlichen Heldenmut“ basierenden Gesamterfolges appellierte
die Heeresgruppe an ihre Soldaten, daß sich abgeschnittene Truppenteile
halten müßten, bis Unterstützung käme. Andernfalls sei das Durchschlagen
nach rückwärts „mit dem Bajonett“ angebracht 994 .

990
Siehe KA, HS 3402: AOK 1 Ia Nr. 179 geheim. vom 26.4.1917, Ziff. II. Ausdrücklich
wurde darauf hingewiesen, daß diese Kontrollen durch einen Offizier persönlich
vorzunehmen seien, was auf eine klare Wahrnehmung der möglichen Defizite bei lediglich
schriftlicher Meldung durch die Truppenteile deutet. Es handelt sich sehr wahrscheinlich
um einen Bezugspunkt zum festgestellten „Versagen“ der [Link] bei Arras; siehe Abschn.
5.6.2.
991
Siehe BA-MA, RH 61/50597: HGr Kronprinz Ib Nr. 2437 vom 25.4.1917, Ziff.4.), 6.),
12.), 13.), 15.) bis 17.).
992
Siehe LAF, Bd. V.1., S. 640 bzw. 652. Die deutschen Verluste sind in detaillierter
Aufstellung übrigens nicht in den einschlägigen Veröffentlichungen –von den Memoiren
des Kronprinzen Wilhelm über Bathe, Goes und Ettighofer bis hin zum Reichsarchiv- zu
finden. In RA, Bd. 12, S. 410, nennt lediglich einen Verlust von 163.000 Mann bis Ende
Juni 1917.
993
Siehe Kronprinz Wilhelm: Erinnerungen, S. 278.
994
Siehe BA-MA, RH 61/50597: HGr Kronprinz Ib Nr. 2437 vom 25.4.1917, Ziff. 9.).
250

Auffällig ist bei den Schriften der Heeresgruppe Kronprinz, daß Aspekte,
welche nicht die eigenen erfolgreichen Dispositionen betrafen, kaum
Eingang in sie fanden, wenngleich sie von untergeordneten Stäben deutlich
hervorgehoben wurden. Besonders wichtig für die Bewertung des Erfolges
hätte hierbei der Umstand sein müssen, daß zahlreiche Fehler des Feindes
bei der Planung der Schlacht vorgelegen hatten, durch welche die Abwehr
erheblich einfacher geworden war. Die BED sprach dementsprechend ganz
unverblümt davon, daß die Wahl des Angriffsgeländes, ein allzu strenger
Zeitplan und die geringe Artilleriewirkung sehr nachteilige Folgen für den
französischen Angriff gehabt hatten 995 . Wie sich die Aussicht auf
zukünftige Abwehrerfolge ohne diese Faktoren oder gar mit besonderen
Vorteilen für den Feind gestalten würde, wurde in den zur weiteren
Verbreitung 996 gedachten Schriften der Heeresgruppe nicht thematisiert.
Auch zur Tankabwehr fehlen besondere Hinweise, wenngleich man
durchaus damit hätte rechnen können, daß ein besonderer Umgang mit dem
Phänomen des umfassenden Erfolges gegen die erstmalig aufgetretenen
französischen Tanks von Seiten der Heeresgruppe Kronprinz baldigst
vorgelegen hätte 997 .
Mit Einschränkung eines möglichen Quellenverlustes liegen nur an zwei
Stellen direkte Bezugspunkte zum Themenkomplex Tank und Tankabwehr

995
Siehe ebenda, RH 61/50597: BED Ic. Nr. 4437 vom 23.4.1917, Teil A., Ziff. 4.). Siehe
auch ebenda, Teil [Link]., Ziff. II.)7.)d.), mit übereinstimmender Aussage des Artillerie-
Kommandeurs der Division. Der Gesamtbestand der Erfahrungen der Division mit Tanks
gelangte am 1.5.1917 in die Hände der Armeeabteilung C (Ia. Nr. 1075 geh.). Wie bei der
Auswertung der Sommeschlacht bereits gesehen (siehe Abschn. 3.5.2.), konnten nach der
Überstellung eines Verbandes in einen anderen Führungsbereich Berichte –falls überhaupt-
erst auf Umwegen zum früheren Führungsstab gelangen. Die BED wurde Ende April der
AAbt C überstellt.
996
Das Schreiben der HGr Kronprinz vom 25.4.1917 liegt im Bestand BA-MA, RH
61/50597 als Exemplar der Armee-Abteilung C vor, welche die Verteilung bis zu den
Regimentern vorsah.
997
Im Gegensatz dazu veröffentlichte die HGr Rupprecht zusammen mit der Meldung über
die Tanks bei Arras auch neueste Erkenntnisse über französische Fahrzeuge, ihre Bauart
und ihre Verwendung; siehe KA, HS 3402: HGr Rupprecht Art. Nr. 15395. vom 28.4.1917,
Abschn. B.
251

vor 998 . Im Schreiben vom [Link] wurde ausdrücklich auf die Bedeutung
der Tiefenstaffelung der Artilleriebeobachtung hingewiesen 999 , und im
Kommentar zum Erfahrungsbericht der Heeresgruppe Rupprecht sprach
man sich für genaue Regelung der artilleristischen Tankabwehr vor Beginn
der Kämpfe aus, die durch den Batterien zugewiesene Zielstreifen für
Tankabwehr gewährleistet sein sollte. Daß man den Batterien und Führern
vor Ort völlig freie Hand lassen könne, wie es die Heeresgruppe Rupprecht
am [Link] geschrieben hatte 1000 , wurde verneint, da sich die bisherige
Regelung bewährt habe. Diese Auffassung ist angesichts der vorhandenen
Schilderungen aus der Schlacht nur schwer nachzuvollziehen, denn viel eher
scheint das unkoordinierte Feuer aller (noch) vorhandenen Geschütze
erfolgreich dem Grundsatz der Primärbekämpfung von Kampfwagen in
Reichweite gefolgt zu sein. Daß der Wunsch nach Feuerleitung bei der
Tankbekämpfung und ganz allgemeiner „Ordnung“ der Verbände und
Aufgaben einer Grundlinie des Führungsdenkens folgte, braucht sicherlich
nicht hervorgehoben werden, ganz gleich, ob sich entsprechende
Anordnungen im Gefecht tatsächlich würden aufrecht erhalten und
umsetzen lassen 1001 . Zudem muß dem Oberkommando der Heeresgruppe
Kronprinz zugebilligt werden, daß es sich auf Meldungen und Analysen
untergeordneter Dienststellen stützen mußte, die mit Zeitverzögerung
eintrafen und als augenblicklich ausreichende und umfassende
Auswertungen gelten konnten.

998
Petters Bericht spricht von einer „Beschreibung eines franz. Kampfw. von Schneider &
Co.-Creuzot“, die von der HGr Kronprinz „bald“ nach dem 16.4.1917 angefertigt worden
sein soll. Da diese nicht vorlag und Petter Inhalt, Erscheinungsbild und Herausgabedatum
offen läßt, blieb sie für die vorliegende Arbeit unberücksichtigt. Siehe BA-MA, RH
61/50769,: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 91.
999
Siehe BA-MA, RH 61/50597: HGr Kronprinz Ib Nr. 2437 vom 25.4.1917, Ziff. 6.).
1000
Siehe KA, HS 3402: HGr Kronprinz Ib Nr. 1797 geh. vom 27.4.1917, Ziff.: Zu IV.
Letzter Absatz.
1001
So sah der Teil 8 des Sammelheftes für den Stellungskrieg für alle Waffen vom
1.3.1917 vor, daß gelenkte Feuerzusammenfassung aller Artillerieteile gegen Tanks ins
Auge gefaßt werden sollte; siehe BA-MA, RH 61/50769, Manuskript Petter zur
Kampfwagen-Abwehr, S. 299.
252

Der Erfahrungsbericht des AOK 1, dem derjenige der Gruppe Sissonne


beilag, kam am [Link] 1917 zur Verteilung 1002 . Der erste Punkt, den das
AOK 1 als Kommentar zu den Ausführungen der Gruppe Sissonne im
Zeichen des völligen Scheiterns der französischen Tankangriffe ansprach,
betraf die Zuweisung von Zielstreifen, „Tankräumen“, an Batterien der
Stellungsartillerie. Diese sollten durch besondere „Tank-Beobachter“, eine
neue Bezeichnung, die hier erstmals erscheint, vom möglichen Versagen der
Kommunikationsverbindungen in der Schlacht unabhängig gemacht werden
und gegen jeden auftretenden Panzerfeind selbständig wirken können. Die
Umsetzung dieser Forderung, wurde den zuständigen Artillerie-
Kommandeuren überlassen, wobei es sich den Vorstellungen des AOK nach
um Batterien handelte, die aus ihrem Befehlsbereich heraus speziell zur
Tankabwehr abgestellt werden sollten, definitiv nicht um originäre
Nahkampfbatterien 1003 . Dies dokumentiert zum einen die große Bedeutung,
die der Wirkung von Tankangriffen trotz des Sieges an der Aisne
beigemessen wurde, zum anderen die geringe Wirkung der Nahkampf- und
Sondergeschütze. Diese waren, samt der ihnen in zu großer Zahl
zugewiesenen Munition, vielfach in die Hand des Feindes gefallen oder
ohne nachweisbaren Beitrag zum Gefechtsverlauf durch feindliche Artillerie
zerstört worden 1004 . Betrachtet man die entsprechenden Passagen als
Negativ der Ereignisse, dann kommt für die Nahkampfgeschütze eine
ziemlich eindrucksvolle Sammlung an Gründen für ihren Mißerfolg auf dem
Gefechtsfeld zusammen. Ihr Einsatz zu nah am Feind, zu nah an bereits vom
Feind ausgemachten Befehlsstellen und anderen festen Punkten auch im

1002
Siehe KA, HS 3402: AOK 1 Ia Nr. 204 geheim. vom 28.4.1917, bzw.
Gruppenkommando S. Abt. I. Art. Nr. 811 vom 20.4.1917. Das AOK 1 führte im Verteiler
die Sonder-Stabsoffiziere der Waffengattungen, die ihm zugeteilten Gruppen und die HGr
Kronprinz auf, wobei ein „Vorrat fuer neu eintreffende Divisionen“ angelegt wurde.
1003
Siehe KA, HS 3402: AOK 1 Ia Nr. 204 geheim. vom 28.4.1917, Ziff. 1.
1004
Siehe ebenda, Ziff. 2 und Gruppenkommando S. Abt. I. Art. Nr. 811 vom 20.4.1917,
Ziff. 2; dort: „Die zwischen [Link] und Artillerie-Schutzstellung eingesetzten
Nahkampfgeschütze waren durch die vorhergehende Artillerie-Vorbereitung der Franzosen
ausser Gefecht gesetzt.“ Ebenda, Ziff. 5.c): „Vorgeschobene Nahkampfgeschütze bleiben
bei der dem Angriff vorhergehenden Artillerievorbereitung meist nur da erhalten, wo sie
geschickt dem Gelaende angepasst und schusssicher eingebaut sind.“
253

rückwärtigen Bereich hatte Auswirkungen gehabt. Hinzu kam eine


augenscheinlich inadäquate Tarnung der Geschützstände und, dies sollte
sich unter Prämisse katastrophaler Einsatzbedingungen durchaus mit den
späteren Berichten der betroffenen Batteriechefs und -führer decken 1005 , die
Beobachtung, daß die Bedienungen der einzeln im Gelände aufgestellten
Geschütze den taktischen und psychischen Anforderungen ohne
Beaufsichtigung und Kontrolle durch Vorgesetzte nicht gewachsen gewesen
waren 1006 . Als Abhilfe für die Ausfälle von Nahkampfgeschützen und als
Sicherung des rückwärtigen Stellungsbereiches gegen Infanterie- und
Tankeinbrüche wurde die Einbeziehung von Batterien der
Eingreifdivisionen hinter den Stellungstruppenteilen sowie das Ausscheiden
von bespannten Feldartillerie-Zügen oder –geschützen vorgeschlagen 1007 .
Letzteres war ein Lösungsansatz, der als Idee bereits aus den Kämpfen bei
Arras mitgenommen wurde und einen schwerwiegenden Nachteil hatte.
Immerhin bedeutete dies, daß die Anzahl Geschütze, die den
Stellungsdivisionen ursprünglich für artilleristische Primäraufgaben wie
Sperr- und Zerstörungsfeuer zur Verfügung standen, zugunsten einer sehr
begrenzten Aufgabe deutlich herabgesetzt werden würde. Die Frage nach
Vor- und Nachteilen der Übernahme von Spezialaufgaben durch die
Feldartillerie sollte Anfang Mai eine Antwort durch die OHL finden, die für
die Nahkampfbatterien endgültigen Charakter hatte 1008 .
Maßgebliche Bedeutung für die Einschätzung der französischen Tanks hatte
der Umstand, daß man zur Untersuchung zerschossener Fahrzeuge
gekommen war, technische Details, Informationen zu Panzerung und
Bewaffnung sowie Informationen zur Trefferwirkung schnell erfahren

1005
Siehe Abschn. 7.1.
1006
Siehe KA, HS 3402: AOK 1 Ia Nr. 204 geheim. vom 28.4.1917, Ziff. 2. Der hier in
einer abgesetzten Zeile auffindbare Hinweis, daß Nahkampfgeschütze ihre Ziele
grundsätzlich direkt anzurichten hätten, verweist auf unzureichende Ausbildung der
Bedienungen von Kanonen. Dies wird durch die Forderung nach zugweisem Einsatz der
Geschütze unter Befehl des Zugführers nochmals unterstrichen.
1007
Siehe ebenda, Ziff. 4. und 5.
1008
Siehe Abschn. 7.1.
254

hatte 1009 . Den Gesamteindruck des Gefechtsverlaufs konnten diese


Beobachtungen nur stärken, wenn ein gebräuchliches Feldkanonengeschoß
selbst die doppelt gepanzerte Bugsektion eines Tanks durchschlagen konnte:
Jede Art von Geschütz und jede Feuerart, direkt oder indirekt, als Salve
mehrerer Geschütze oder Einzelfeuer, war mit der üblichen Munition
wirkungsvoll gewesen 1010 . Besonders auch die schwere Artillerie, von der
unter der Prämisse ihrer besonderen Rolle bei der Fernbekämpfung bisher
kaum die Sprache gewesen ist, hatte augenscheinlich Anteil am Erfolg. Das
Beispiel des Regiments „L“ bei der Bayerischen Ersatz-Division belegte
dies unter Bezugnahme auf lediglich vier Volltreffer, aber einer großen Zahl
durch Nahtreffer der Haubitzen und Fußartillerie-Kanonen kampfunfähig
geschossener Tanks 1011 , und die Gruppe Sissonne sprach von einem nahezu

1009
Siehe BA-MA, RH 61/50601: KM AD. Nr. 1331.17.g.A4 vom 6.5.1917 (Beurteilung
der frz. Tanks und deutschen Abwehrmöglichkeiten durch die A4) und KA, HS 3402:
Gruppenkommando S. Abt. I. Art. Nr. 811 vom 20.4.1917, Ziff. 4. Das Bergen von
Fahrzeugen war angesichts der erheblichen Schäden an den Fahrwerken unmöglich, daher
wurde umgehend mit dem Ausbau von Teilen begonnen. Einige Photographien
abgeschossener CA-1 und ihrer abmontierten Haupt- und Sekundärbewaffnung wurden im
Juni 1917 von der Abteilung Fremde Heere des Generalstabs in Umlauf gebracht. Daß auf
jegliche Kommentierung der Abbildungen verzichtet wurde, mag den Charakter der
Bildsammlung als auf visuellen Eindruck und Effekt zielende Propaganda nahelegen; siehe
HStAS, M 33/2, Bü. 573: Chef d. Genst. d. Feldheeres Abteilung Fremde Heere Nr. 4532 a.
vom 6.6.1917: Französische Tanks und ihre Waffen.
1010
Siehe KA, HS 3402: Gruppenkommando S. Abt. I. Art. Nr. 811 vom 20.4.1917, Ziff.
3.: „Gegen Tanks hatten alle eingesetzten Geschütze sehr gute Wirkung. Waehrend bei
Feldgeschützen (Feldkan. auch ohne Panzer und ohne Verzoegerung) Volltreffer die Panzer
glatt durchschlugen und die Tanks vernichteten, scheinen bei den schweren Kalibern
(besonders bei den sehr wirksamen s.F.H.) schon groessere Splitter die Waende zu
durchschlagen und gute Brandwirkung zu haben; [... ] .“
1011
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 43, Akt: Abt. Felda, Berichte April-Aug.’17,
Nr. 4: FAR 111 Nr. 116/17 geh. vom 8.6.1917. Bei 7 Fahrzeugen konnte
Explosionswirkung festgestellt werden, 10 weitere wurden durch Beschuß umgeworfen (!)
oder zum Stehen gebracht. Das Regiment sprach ausdrücklich auch davon, daß die
gezeigten Leistungen hinter denen der Nahkampfgeschütze nicht zurückgeblieben seien
und, mehr noch, in gewisser Weise diejenigen der bespannten Feldartillerie-Reserven
übertroffen hätten. Diese wären schon beim Auffahren von französischer Artillerie erfaßt
und außer Gefecht gesetzt worden. Der Punkt scheint in der Diskussion um die Zukunft der
Nahkampfgeschütze Mai 1917 vollends untergegangen zu sein; siehe Abschn. 7.1.
255

unglaublichen Fall, bei dem die Salve einer Batterie schwerer Feldhaubitzen
auf eine Fahrzeugabteilung vier Kampfwagen außer Gefecht gesetzt haben
soll 1012 . Die BED ging nach dem Hinweis ihres Artillerie-Kommandeurs,
der den feindlichen Tanks gerade einmal so viel Platz in seinem Bericht
einräumte, um von ihrer vollständigen Vernichtung zu sprechen 1013 , schnell
dazu über, ein umfassendes und überaus knapp formuliertes Resümee zu
ziehen:
„Feindliche Tanks sind sehr leicht zu erkennen. Unbeholfen und schwerfällig. Es
darf ihnen kein zu großer Wert beigemessen werden.“ 1014

Von den höheren Stäben nicht in dieser klaren Form als Fazit in
Verlautbarungen aufgenommen, deckten sich hierin die Sichtweisen von
Divisionen aus der Arras- und der Aisneschlacht, die gegen Tanks
erfolgreich gekämpft hatten 1015 . Aufgrund dieser Berichte mußten Gruppen,
Armeen und Heeresgruppen ihre Urteile fällen und die OHL über weiteres
Vorgehen und die zukünftigen Rahmenbedingungen für die Tankabwehr
entscheiden. Bei der Klarheit der vorliegenden Ergebnisse hinsichtlich
französischer Tanks und des an Hauptkampfabschnitten zahlreich
vorhandenen Geschützmaterials 1016 kann also kaum verwundern, daß man
deutscherseits zu einem positiven Urteil hinsichtlich der bisherigen eigenen
Dispositionen kam. Was an dieser Stelle und auch ganz unabhängig von der
Frage nach eigenem Tankbau, diversen anderen Versäumnissen oder der
Unfähigkeit, sich die weitere Evolution von Tanks vorstellen zu können,
generell fragwürdig erscheint, ist die geringe Berücksichtigung der

1012
Siehe KA, HS 3402: Gruppenkommando S. Abt. I. Art. Nr. 811 vom 20.4.1917, Ziff. 3.
Von dem Vorkommnis setzte man die Presse ebenfalls in Kenntnis, wie entsprechende
Passagen der Berliner Illustrirte Zeitung, [Link]., Nr. 19 vom 13.5.1917, S. 266, belegen.
1013
Siehe BA-MA, RH 61/50597: BED Ic. Nr. 4437 vom 23.4.1917, Teil [Link]., Ziff. II.)e.).
1014
Zitiert nach ebenda, Teil B., Ziff. 13.).
1015
Siehe Abschn. 5.6.2. bzw. HStAS, M 33/2, Bü. 573: GK [Link] Ia Nr. 1620 vom
21.4.1917, dort: [Link] Abtl. Ia, 1130 vom 14.4.1917, Abschn. D.
1016
Die Artillerie-Abteilung des Kriegsministeriums urteilte hierzu generalisierend: „Alle
eingesetzten Geschütze hatten sehr gute Wirkung. Feldkanonen auch mit gewöhnlicher
Munition; bei schweren Kalibern durchschlagen anscheinend große Sprengstücke die
Panzerwände. Die Tanks gerieten meist in Brand oder explodierten.“ Zitiert nach BA-MA,
RH 61/50601: KM AD. Nr. 1331.17.g. A4 vom 6.5.1917, Ziff. 3.
256

speziellen Verhältnisse, unter denen an der Aisne und in der Champagne ein
Abwehrerfolg hatte errungen werden können. Eine sträflich lange
Vorwarnzeit, Luftüberlegenheit im entscheidenden Moment und
erfolgreiche Erdaufklärung hatten Vorteile gebracht, die in dieser Form
kaum dauerhaft hätten erwartet werden können. Zudem waren die eigenen
Verluste, die Ausfälle an kriegserfahrenen –und man bedenke, auch an
tankabwehrerfahrenen- Soldaten, nicht so unbeträchtlich, als daß man sie
auf Dauer würde ignorieren können. Wie stark in den deutschen
Streitkräften die Vorstellung der überlegenen eigenen Qualitäten gegenüber
feindlichen Quantitäten und damit das Unverständnis für die wenigstens
langfristig wirksame alliierte Ermattungsstrategie verankert war, ist nicht
zuletzt noch darin zu ersehen, daß die deutsche amtliche
Geschichtsschreibung von 1939 sechsstellige Personalverluste in dieser
Schlacht als „Zahlen geringer Bedeutung“ beurteilte 1017 , da sie im
Großkampf immer zu erwarten und angesichts des Erfolges verschmerzbar
gewesen seien.

7. „In langer Reihe Tank an Tank“. Die deutsche Tankabwehr am


Scheideweg, April-Mai 1917.

Die Ergebnisse, die bis Ende April 1917 aus den Kämpfen mit britischen
und französischen Kampfwagen vorlagen, waren für die deutsche
Tankabwehr äußerst bedeutend und umfangreich. Und dies nicht nur
aufgrund der eigenen Erfahrungen, sondern auch durch die Auswertung von
Gefangenenbefragungen. So war in der Verlautbarung der Heeresgruppe
Rupprecht vom [Link] auch die Rede von Aussagen gefangener
Tankbesatzungen, die zu Protokoll gegeben hatten, daß die Tanks ein
verfehltes Kriegsmittel seien, deren Einführung lediglich die Erwägung
ihres moralischen Eindrucks auf die eigene und die feindliche Truppe

1017
Siehe RA, Bd. 12, S. 410.
257

zugrunde gelegen habe 1018 . Hier mit Blick auf die späteren Ereignisse
darauf zu verweisen, daß es sich bei derartigen Aussagen um eklatante
(Selbst-) Täuschung der deutschen Seite handelte, entbehrt nicht des
Charmes, den Blick in die Zukunft und die Fähigkeit der deutschen
Führung, diesen Blick in irgend einer Form zu vollziehen, ins Spiel bringen
zu können. Doch gerade in Hinsicht auf die Möglichkeit einer
Weiterentwicklung der Tankwaffen auf französischer und britischer Seite
fehlten der deutschen Führung offensichtlich handfeste, durch die
Feindaufklärung erbrachte, rationale Grundlagen. Allein die Aussicht auf
ein schwereres und größeres britisches Modell, von dem man Anfang Januar
1917 gehört hatte 1019 , läßt sich in diesem Zusammenhang fassen. Dies
alleine konnte nach den Maßstäben von April-Mai 1917 kaum als
Bedrohung gelten, da man sich zuvor auf eine stärkere Panzerung eingestellt
hatte und die technischen Fähigkeiten eines zweifelsfrei schwerfälligeren
Tanks, den der britische Mark V* 1020 später tatsächlich bedeuten sollte,
noch begrenzter sein mußten als diejenigen der bekannten Typen. Der
Vorstellung größerer Tankmassen konnte man insofern begegnen, als die
Anzahl der vorhandenen Tankabwehrwaffen oder solcher Waffen, die nach
dem Erfahrungsstand für diese Aufgabe in Frage kommen konnten,
beträchtlich war. Nimmt man als Maßstab eine Division nach dem bei Cron
für den Stand Anfang Mai 1917 dargelegten Bild 1021 , dann ergibt sich, daß
108 schwere und 72 leichte Maschinengewehre, 36 leichte, acht mittlere und
vier schwere Minenwerfer, 24 Feldkanonen 7,7cm und 12 leichte
Feldhaubitzen 10,5cm vorhanden waren. Wo diese Zahlen noch nicht
erreicht waren, sollten sie umgehend erreicht und, was die Zuteilung von
schweren und leichten Maschinengewehren sowie einer ständigen
Fußartilleriekomponente der Divisionen betrifft 1022 , zukünftig sogar
übertroffen werden. Handgranaten waren zudem überall in Massen

1018
Siehe KA, HS 3402: HGr Rupprecht Art. Nr. 15395 vom 28.4.1917, Abschn.:
Allgemeines Urteil über die Tanks.
1019
Siehe ebenda, Bd. 43, Akt: Eigene Berichte und Verfügungen, Bl. 39: HGr Rupprecht
Ia. Art. I. Nr. 1919, 3.1.1917.
1020
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 119.
1021
Siehe Cron: Geschichte des deutschen Heeres, S. 117ff.
1022
Siehe ebenda, S. 100, S. 118 und S. 150.
258

vorhanden 1023 . Inwieweit diese Zahlen eine besonders positive Beurteilung


der Abwehrfähigkeit gegenüber Tanks in den bis dato aufgetretenen
Mengen verursachten, oder ob sie lediglich eine Art Mindestmaßstab für
erfolgreiche Tankabwehr bei in der Zukunft möglichen, viel größeren
Angriffen aufgefaßt wurden, war angesichts fehlender aussagekräftiger
Archivalien zu diesem Punkt vom Verfasser nicht festzustellen. Die letzte
Überlegung mag als Grundlage angenommen werden können 1024 , auch weil
die üblichen und gerade an bedrohten Abschnitten zahlreichen zusätzlichen
Kräfte, besonders an Feld- und Fußartillerie, noch gar nicht in Betracht
gezogen sind und ebensowenig dem Faktor Rechnung geschuldet ist, daß
das neue Abwehrverfahren einen Zeitgewinn implizierte, der die
Heranführung umfangreicher Verstärkungen aller Art vor einem
durchschlagenden feindlichen Angriff erlauben würde. Die deutsche
Propaganda nahm entsprechend Bezug auf den Umstand, daß „deutsche
Artilleristen überall an der Westfront stehen und auch weiterhin dafür
sorgen, daß die gepriesenen Tanks nichts weiter zu bedeuten haben, als
einen ziemlich harmlosen Bluff“ 1025 .

1023
Siehe Augustin, Friedrich: Die Pioniere und ihre Kampfmittel, in Schwarte, Max (Hg.):
Der Weltkampf um Ehre und Recht, Bd. 6, Berlin/Leipzig o.J., S. 186. Nach dortiger
Aussage wurden von Divisionen an einem Großkampftag 30.000 Handgranaten verbraucht.
1024
Sie ist zudem auch noch sehr viel später als Idee präsent. In einer Fachpublikation von
1936 wurde ein Bestand von insgesamt nur 54 (3,7cm) Panzerabwehrkanonen, die für die
aktive Panzerabwehr innerhalb einer Infanteriedivision in Frage kamen, ausgegangen und
dies als ausreichend betrachtet. „Da im Normalfalle die Panzerabwehrkanonen der Division
genügen, so erscheint meist nicht erforderlich zu sein, eine zusätzliche, an sich mögliche,
Panzerabwehr zu benutzen, sofern dies nicht außerordentlich leicht und mit ganz
besonderem Vorteil geschehen könnte. Hierzu kämen nur [!] die Pioniere in Betracht.“
Zitiert nach Schell, A. v.: Kampf gegen Panzerwagen, Berlin 1936, S. 31.
1025
Siehe Frerk: Arrasschlacht, S. 126, und Nicolai, Georg: Schillers „Jungfrau von
Orleans“ und der Weltkrieg, in Liller Kriegszeitung (Hg.): Sommerlese 1917, Lille 1917, S.
207: „Die englischen Tanks. Dies Furchtbild der erschreckenden Einbildung/Wird, naeher
angesehn, in nichts verschwinden.“
259

Die am [Link] 1917 verfaßte Zusammenstellung der OHL über feindliche


Kampfwagen ließ für spätere Leser offenbar keinen Zweifel daran 1026 , daß
man mit den bisherigen Dispositionen und Ergebnissen, gerade auch
hinsichtlich der allerorten verfügbaren Tankabwehrwaffen zufrieden war.
Dies wurde in der Historiographie als gravierender Fehler, der etwa bei
Petter besonders auf „schöngefärbte Berichte“ untergeordneter Dienststellen
zurückgeführt wird 1027 , wahrgenommen. Wie es sich mit diesem Einwurf im
Detail auch verhalten mag, und man kann zubilligen, daß die Führer
erfolgreicher Truppenteile großes Interesse an der Bekanntmachung oder
gar Überzeichnung ihrer Leistungen hatten 1028 , so bleiben die
1029
Abwehrerfolge vom April 1917 als Tatsachen bestehen . Die bisherigen
Erfahrungen ließen es rational nicht zu -und gegenteilige zeitgenössische
Aussagen ließen sich im Rahmen der Recherchen zur vorliegenden Arbeit
auch nicht finden- an einen grundsätzlichen Wandel bei Einsatz und Typen

1026
Das Dokument lag im Original nicht vor. Petter nahm darauf aber Bezug und bietet eine
knappe Zusammenfassung; siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur
Kampfwagen-Abwehr, S. 91f.
1027
Siehe ebenda, S. 94. Bemerkenswert ist die Leichtigkeit, mit der Petter über die
Tankabwehrerfahrungen der verschiedenen Dienststellen bei Arras und an der Aisne
hinweggeht. Ebenso, daß die Flandernschlacht keine Berücksichtigung findet und die
Sichtweise der Alliierten vollends ausgeklammert bleibt. Die Folge ist gerade für den hier
relevanten Zeitraum, daß mit Hypothesen gearbeitet wird, denen ungeprüft und undiskutiert
Allgemeingültigkeit unterstellt wird.
1028
Als Beleg für die Richtigkeit dieser Annahme und dafür, daß der Umstand schon
während des Krieges auffällig war, kann das Schreiben des bayerischen Generals v.
Gebsattel an das Kriegsministerium in München dienen; siehe Ulrich, Bernd/Ziemann,
Benjamin (Hg.): Frontalltag im Ersten Weltkrieg. Wahn und Wirklichkeit, Frankfurt 1995,
Dok. Nr. 52. Zudem findet sich im Zusammenhang mit der Überprüfung von Fällen
unerlaubter Entfernungen von der Truppe Anfang 1917 die Meldung des AOK 1, daß bei
einer Division definitiv Überläufer als Vermißte geführt würden; siehe HStAS, M 33/2, Bü.
28, Bl. 37: AOK 1 Ia/III Nr. 28233 streng geheim! vom 17.1.1917.
1029
Petter zweifelte vor allem auch an der Effizienz der SmK-Munition, für deren
Wirkungsweise ihm lediglich der im Bericht der [Link] für Bullecourt geschilderte Fall
vorlag. Tatsächlich aber machte dieselbe Division bereits wieder am 3.5.1917 Erfahrungen
damit, als von 8 angreifenden Tanks 2 durch Artillerie und 3 durch Maschinengewehre
kampfunfähig gemacht werden konnten; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 307: [Link] Abt. Ia. Nr.
1523 vom 10.5.1917, Ziff. 8.).
260

der Tanks zu glauben, der dem deutschen Heer an der Westfront gefährlich
werden könnte. Nach dem, was bisher über die britische Seite geschrieben
wurde, muß es zudem fraglich erscheinen, ob diese Gefahr per se, gerade in
Hinsicht auf ein tiefergehendes, „visionäres“ Verständnis der neuartigen
Waffe bei der für ihren Einsatz letztendlich ausschlaggebenden Führung
vorhanden war. Der Vorreiter der modernen, operativen Panzerstreitmacht,
Fuller, jedenfalls ließ in seinen Äußerungen keinen Zweifel daran, daß an
die Umsetzung seiner Vorstellungen zu diesem Zeitpunkt keiner der
Verantwortlichen an entscheidender Stelle dachte 1030 . Außerdem muß man,
zurück im zeitlichen Kontext und beim deutschen Wissensstand im Frühjahr
1917, auch berücksichtigen, daß die deutsche Seite zwischen Oktober 1916
und Mitte April 1917 aufgrund mangelnden Detailwissens Gefahr gelaufen
war, sich mit den die Tanks und ihre Abwehr betreffenden Entscheidungen
verspekuliert zu haben. Eine kritische Lage, aus der man im April 1917
überaus erfreulich erlöst wurde, da sich Mutmaßungen und Anordnungen
als richtig oder sogar unnötig vor- und umsichtig erwiesen hatten. Ein
phantastisches Mehr an Leistung der Tanks anzunehmen lag offensichtlich
nicht nahe, und ob ein solches während des Krieges überhaupt feststellbar
ist, bleibt im Rahmen der vorliegenden Arbeit weiterhin zu überprüfen. Was
allerdings ganz deutlich aus den Annahmen der OHL hervorgeht, ist eine
grundsätzliche Unterschätzung der alliierten Kontrahenten, denen in dieser
Phase des Krieges vollends abgesprochen wurde, aus eigenen Fehlern lernen
zu können. Etwas, das Monate später als falsch zugegeben werden
mußte 1031 . Der Blick in die Zukunft, nicht auf Grundlage von Meldungen
über zu Erwartendes, sondern Kraft eigener Vorstellungsgabe oder vielleicht
auch unter den Parametern eines „worst case“ Szenarios lag der OHL
augenscheinlich nicht.
Im späten Frühjahr 1917 ergab sich also nicht von ungefähr ein dem
innerhalb von sieben Monaten empirisch und analytisch belegten Bild der

1030
Siehe Abschn. 5.6.1.
1031
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 28, Bl. 136: Chef d. Genst. d. Feldheeres Abteilung Fremde
Heere Nr. 6730a. Geheim. vom Dezember 1917. Bestätigt wurde der britischen Führung
nach den Kämpfen von Cambrai, dazugelernt zu haben und besonders auch die Tanks gut
genutzt zu haben.
261

Tanks entsprechendes Urteil, das de facto zur Zurückstellung des eigenen


Panzerbaus führte 1032 und die Konstruktion spezieller Tankabwehrwaffen
ebenfalls nicht allzu dringend erscheinen ließ. Ergebnisse finden sich für
den letztgenannten Bereich erst 1918 und sind genauso auf Arbeiten der
APK oder GPK oder des Kriegsministeriums als auch auf Lösungsansätze
aus der Truppe heraus zurückzuführen 1033 . Der Rückschluß von den
augenscheinlich hervorragenden artilleristischen Abwehrleistungen im April
und Mai 1917 auf einen scheinbar geringen Druck zur Konstruktion der
„Wallbüchse“ 1034 oder anderer kleinkalibriger Tankabwehrwaffen muß auf
der Hand liegen, wenngleich die hohen Anforderungen an die Konstruktion
in einer rüstungstechnisch schwierigen Lage ihren Teil dazu beigetragen
haben müssen, die Einführung einer Waffe für die Massenproduktion zu
verzögern. Diese Erklärung findet sich jedenfalls bei Muther 1035 und in
Aussagen Ludendorffs gegenüber der Heeresgruppe Rupprecht Mitte
September 1917:
„Die Konstruktion eines solchen [kleinkalibrigen Geschützes] dauert zu lange,
denn bei der jetzigen Lage der Rüstungsindustrie erfordert Lieferung von
Versuchsstücken sehr lange Zeit, Masseneinführung ist überhaupt
1036
ausgeschlossen.“

Interessanterweise konnte man 1918, als der Zwang zum Bau solcher
Waffen zu einem verstärkten Druck auf die Verantwortlichen führte, binnen

1032
Eine chronologische Aufstellung der Anfragen und Antworten zur Aufnahme des
Tankbaus in die Dringlichkeitsstufe 1 belegt, daß es bereits Mitte Februar zu einem
Gesinnungswechsel der OHL gekommen sein muß, der am [Link] 1917 mit dem Hinweis
darauf, daß nur „allerwichtigste Dinge“ Priorität haben sollten, manifestiert wurde; siehe
BA-MA, RH 61/50768: Studie Hildebrandt, S. 1a ff. (Aufstellung der Ereignisse in
chronologischer Reihenfolge).
1033
Siehe Abschn. 10.2. und Kap. 13.
1034
Siehe Muther, S. 115, und Abschn. 4.1. der vorliegenden Arbeit.
1035
Die Darstellung von Muther indiziert, daß es sich kaum um eine befohlene
Verzögerung oder gar einen Abbruch der Versuche handelte, sondern vielmehr um eine
langwierige Versuchsphase mit mehreren Baumustern, die, gewissenhaft ausgeführt, eben
eine gewisse Zeit brauchte und daher 1917 keine greifbaren Ergebnisse mehr lieferte. Siehe
Muther, S. 116.
1036
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 573: HGr Rupprecht Art. Nr. 27557 vom 16.9.1917, Ziff.
1.).
262

kurzer Zeit nicht besonders aufwendige oder komplizierte


Tankabwehrwaffen präsentieren, die zwar einerseits nicht mehr den
ursprünglich geforderten Leistungsparametern entsprachen, dafür aber
grundsätzlich schnell gebaut und recht effektiv eingesetzt werden
konnten 1037 . Das allein die Rüstungslage den Ausschlag gegen die
Einführung einer effektiven Kleinwaffe noch im Jahr 1917 gab, muß
dementsprechend äußerst fraglich sein.
Zwei weitere Resultate aus den Erfahrungen im Frühjahr 1917 mögen
zusätzlich unterstreichen können, daß sich die deutsche Tankabwehr im Mai
des Jahres an einem Scheideweg befand, der die ganz spezifischen
Rahmenbedingungen für den Kampf gegen die neue Waffe und die
Gesamtkriegführung in den nächsten Monaten beeinflussen mußte.

7.1. Das Ende der ersten „Panzerabwehrtruppe“.

Daß man wirklich von einer ersten Panzer- oder Tankabwehr-Truppe im


Sinne einer Waffengattung des Heeres sprechen kann, steht nicht zur
Diskussion, wenn man die der Aufstellung von Nahkampfbatterien
zugrunde liegenden Umstände betrachtet 1038 . Und dennoch waren die
Nahkampfbatterien 201 bis 250 als erste Einheiten überhaupt für den
Primärzweck der Tankbekämpfung formiert worden und sollten als
Verfügungsmasse der OHL in von Tankangriffen bedrohten Abschnitten
eingesetzt werden. Daß in den ersten Erfahrungen mit dem möglichen
Nukleus einer Spezialwaffe, deren Bedeutung mit zunehmendem Gebrauch
der Tanks durch den Feind nur steigen konnte, die Chance zu einer neuen
Waffengattung hätte liegen können, liegt -zumindest aus heutiger
Perspektive betrachtet- auf der Hand.
Die Urteile über die Erfüllung des Kampfauftrages durch
Nahkampfgeschütze mußten im Zusammenhang mit den Kämpfen von

1037
Diese Erkenntnis, nämlich daß eben zuvor kein ausreichender Druck der OHL (u.a.)
vorhanden war, findet sich schon in der Arbeit Jochims von 1921, wo dies für den Tankbau
attestiert wurde; siehe BA-MA, RH 61/50768: Ausarbeitung Jochim, S. 4.
1038
Abgesehen davon fehlen selbstredend die einer Waffengattung eigenen höheren
Vorgesetzten oder die notwendige Stellung mit einer dauernden Vertretung und Inspektion
beim Generalstab.
263

Arras recht positiv 1039 , für die Kämpfe an der Aisne und in der Champagne
aber weniger günstig ausfallen 1040 . Die statische Aufstellung der
Nahkampfgeschütze hinter der ersten Infanterielinie hatte zu lokal
unterschiedlichen aber generell hohen Verlusten geführt. Die übrigen
Sondergeschütze, die zur Tankabwehr zugewiesen worden waren, betraf
dies offensichtlich genauso, denn kein Fall eines Tankabschusses durch sie
ließ sich zweifelsfrei eruieren 1041 . Bis Mitte August 1917 mehrten sich
dann auch die Ansichten über die Ineffektivität der kleinkalibrigen
Sondergeschütze und die Wünsche, sie ganz zurückzuziehen 1042 .
Ernste Zweifel am Sinn der Nahkampfbatterien könnten bei der OHL schon
Ende April 1917 aufgekommen sein, als man zumindest das AOK 2 mit
Nachdruck darauf hinwies, daß die augenblickliche Ausstattung der
Batterien mit 500 Schuß Munition nur darauf deuten könnten, daß sich bei
der lokalen Führung noch kein Verständnis für den Zweck der Geschütze
entwickelt habe. 250 Schuß seien für die Tankbekämpfung durch ein
solches Schweigegeschütz vollkommen ausreichend 1043 . Nachdem die
Erfahrungsberichte aus den beiden Schlachten im April eingelaufen waren,
trafen Anfang Mai die eingeforderten Gefechts- und Erfahrungsberichte der

1039
Siehe etwa HStAS, M 33/2, Bü. 573: Gkdo. [Link] Ia Nr. 1620 vom 21.4.1917, dort:
[Link] Abtl. Ia, 1130 vom 14.4.1917, Ziff. II.)d).: „Tankgeschütze sind nicht zu entbehren;
namentlich zur Bekämpfung von Tanks, die unsere Stellungen durchbrochen haben, und
zur Bekämpfung der ihnen folgenden Infanterie sind sie wertvoll.“ Unter Ziff. II.) e) findet
sich als Quintessenz der infanteristischen Tankabwehrerfahrungen bezeichnenderweise die
Forderung nach handlichen Grabenkanonen für die Infanterie.
1040
Siehe KA, HS 3402: AOK 1 Ia Nr. 204 geheim. vom 28.4.1917, bzw. Abschn. 6.5.2.
1041
Siehe und vergleiche Abschn. 5.4.
1042
Noch im Mai 1917 ließ das AOK verlautbaren, daß die 3,7 und 5cm Kanonen für einen
Einsatz in vorderster Linie ungeeignet seien. Nach den Erfahrungen in der
Flandernschlacht, die es nahelegten, für sie MG mit SmK-Munition als Ersatz zu
betrachten, sprachen sich die HGr Rupprecht und etwa das GK [Link] dafür aus, die
kleinen Geschütze wegen Nutzlosigkeit aus der Linie zu nehmen. Siehe HStAS, M 33/2,
Bü. 721: AOK 2 Ia 223 Mai/Art. 2392/17 vom 14.5.1917, Ziff. [Link] 7.), bzw. ebenda,
HGr Rupprecht Ia Art. Nr. 24097 vom 3.8.1917, Ziff. 1.), und ebenda, Gruppe Caudry (GK
[Link]) Abt. Artl. Nr. 13575 vom 14.8.1917.
1043
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 721: Telegramm aus dem Großen Hauptquartier an AOK 2
vom 26.4.1917.
264

Nahkampfbatterien ein und verwiesen einheitlich auf umfangreiche


Mißstände, die allerdings nur teilweise mit taktischen Fragen zu tun hatten.
An erster Stelle wurden die geradezu katastrophalen
Unterstellungsverhältnisse genannt, welche die Batterien und ihre einzeln
im Gelände verteilten Geschützbedienungen quasi als unbeachtete
Fremdkörper im jeweiligen Befehlsbereich einer Division erscheinen ließen.
Ein Batterieführer brachte dies mit der Aussage auf den Punkt, daß man das
Gefühl gehabt habe, „vollkommen übersehen zu werden“ 1044 . Ablösungen
waren mangels Personal undurchführbar, was zu ungeheuren Belastungen
für die Bedienungen führen mußte 1045 . Auszeichnungen,
Kontributionsgelder, Werkzeuge, Pferde, Bekleidung genauso wie
Disziplinarmaßnahmen blieben mangels interessierter oder wegen stetig
wechselnder vorgesetzter Stellen aus, Lageeinweisungen durch
Befehlsstellen im Einsatzsektor unterblieben und Ersatzmannschaften waren
körperlich untauglich und artilleristisch unzureichend oder gar nicht
ausgebildet 1046 . Interessanterweise lieferten diese Eingaben, so prägnant sie
waren, nicht die primäre Begründung für die Auflösung der
Nahkampfbatterien. Im Fall des oben zitierten Batterieführers und seines
Berichts folgte den offenen Worten der Versuch des AOK 6, ihn über die
Gruppe Arras wegen „beleidigender Aeusserungen“ kriegsgerichtlich zu
belangen. Das Unterfangen scheiterte jedoch, da der betroffene
Offizierstellvertreter Jaffé -bezeichnenderweise nach einem
Nervenzusammenbruch- in ein Lazarett eingewiesen worden war und man
ihn dort nicht fassen wollte oder konnte 1047 . Ob der Nervenzusammenbruch

1044
Zitiert nach KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: 41, Bl. 17155: Übersendung des
Erfahrungsberichts der NKB 220 an die HGr Rupprecht. Siehe auch ebenda, Bl. 16593:
AOK 6 IIa Nr. 12101 vom 9.5.1917 an HGr Rupprecht wegen Kommentierung des Berichts
der NKB 220. Dort wird von „Gleichgültigkeit“ und „Interesselosigkeit“ der Vorgesetzten
gegenüber den Belangen der NKB gesprochen.
1045
Siehe ebenda, Bl. 17155: Erfahrungsbericht der NKB 220. Mit 19 Mann sei drei
Wochen in vorderster Linie ausgehalten worden, was zur vollkommenen körperlichen und
„moralischen“ Erschöpfung geführt habe.
1046
Siehe etwa ebenda, Bd. 43, Akt: 41, Bl. 18666: Bericht der NKB 206, oder ebenda, Bl.
18516f: Bericht der NKB 205, und ebenda, Bl. 802/17II: Bericht der NKB 202.
1047
Siehe ebenda, Bl. 16593: AOK 6 IIa Nr. 12101 vom 9.5.1917.
265

vor oder nachdem man ihn hatte wissen lassen, daß disziplinarische
Sanktionen in Aussicht standen, eintrat, muß dahingestellt bleiben. Die
„beleidigenden Aeusserungen“ jedenfalls sind im überlieferten Schriftgut
nicht auszumachen. Dagegen bezog sich Ludendorff noch auf die
Quintessenz der insgesamt sehr kritischen Erfahrungsberichte und
formulierte als zumindest einen Punkt der Begründung zur Auflösung der
Nahkampfbatterien am [Link] 1917, daß sie in ihrer augenblicklichen Form
nicht lebensfähig seien 1048 .
Veränderungen, welche die genannten organisatorischen und die
mittlerweile bekannten taktischen Mißstände hätten beseitigen können,
spielten in den weiteren Überlegungen keine wirkliche Rolle 1049 . Mit der
Verlautbarung vom [Link] 1917, die besagte, daß die Nahkampf- und
Infanteriegeschützbatterien zu einem Zeitpunkt aufgestellt worden seien, an
dem es ausreichend verfügbares Geschützmaterial gegeben habe, was nun
nicht mehr der Fall sei und die hohen Geschützverluste 1050 der
Sonderbatterien inakzeptabel machte, war die Auflösung beschlossen 1051 .
Daß man nicht nur bei der OHL dachte, sich die ersatzlose Streichung der
gerade aufgestellten Sonderwaffe leisten zu können, wurde in den folgenden
Tagen durch verschiedene Rückmeldungen auf den Auflösungsbefehl
unterstrichen. Das AOK 6 meldete am [Link] keinerlei Bedenken an und
wies auf die vielfältigen Möglichkeiten der Tankbekämpfung durch
schwerere Artillerie, Maschinengewehre mit SmK-Munition und die
Bereitstellung beweglicher Züge der Feldartillerie hin, welche völlig

1048
Siehe ebenda, Bl. 16722: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ic Nr. 54958 op. vom 10.5.1917.
1049
Die OHL selbst hatte noch am 1.5.1917 empfohlen, die Nahkampfgeschütze aus der
Zone des voraussichtlich stärksten feindlichen Artilleriefeuers herauszuziehen und sie
behelfsmäßig zu bespannen; siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur
Kampfwagen-Abwehr, S. 91.
1050
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: 41, Bl. 16722: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ic
Nr. 54958 op. vom 10.5.1917. Es wurde angeführt, daß bei einer Heeresgruppe 47
Nahkampfgeschütze verlorengegangen waren. Mit knapp einem Sechstel der insgesamt
verfügbaren Nahkampfgeschütze handelt es sich tatsächlich um ein erhebliches Ausmaß,
wobei angeführt werden muß, daß unter den Terminus „Nahkampfgeschütz“ sehr
wahrscheinlich auch die übrigen Sondergeschütze (3,7cm usw.) subsumiert worden sind.
1051
Ebenda.
266

ausreichende Mittel darstellen würden 1052 . Am [Link] schlossen sich die


Heeresgruppe Rupprecht 1053 und das AOK 2 dieser Meinung insofern an,
als sie ebenfalls keine Bedenken gegen die Auflösung formulierten. Nach
Ansicht des AOK 2 hatten die Nahkampfbatterien gutes Personal für eine
Aufgabe vereinnahmt, die zu einseitig war, um nicht alternativ durch zur
Tankabwehr abgestellte Teile der Feldartillerie erfüllt werden zu
können 1054 . Daß Feldartilleriezüge, die nach Vorschlag des AOK 2 den
Infanterieregimentern zugeteilt werden sollten, nicht nur bei ihren Batterien
für rein artilleristische Aufgaben fehlen würden, sondern genauso nur dann
zum Feuern kommen konnten, wie es bei den Sondergeschützen zuvor
gewesen war, findet sich als Überlegung auch hier 1055 nirgends wieder.
Zudem scheint man keinen Gedanken daran verschwendet zu haben, daß
nach dem Ende der nah bei oder in den Stellungen der Infanterie stehenden
Sondergeschütze in vorderster Linie keine schweren Waffen unzweifelhafter
Wirkung zur Tankbekämpfung mehr vorhanden waren, die auf größere
Entfernung durchschlagend wirken und den dortigen Truppen auch eine
moralische Stütze bieten konnten.
An der Fähigkeit der Feldartillerie zur Tankabwehr konnte aufgrund der
vorhandenen Erfahrungen kein Zweifel bestehen, doch der Befehl zur
Auflösung aller Nahkampf- und letztendlich auch der Masse der Infanterie-
Begleit-Batterien 1056 beschnitt zwei Entwicklungszweige, deren
Möglichkeiten zukünftig von großer Bedeutung für die Gefechtsleistung des
gesamten Heeres hätten sein können. Eine spezielle Tankabwehr-
Komponente innerhalb der Infanterieverbände, welche der Truppe auch das

1052
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: 41, Bl. 17243: AOK 6 Art. I Nr. 13898/1921
vom 18.5.1917.
1053
Siehe ebenda, Bl. 17243b: HGr Rupprecht Ia Art. Nr. 17243 vom 20.5.1917.
1054
Siehe ebenda, Bl. 17380: AOK 2 Ia Nr. 265 Mai/Artl. 2488/17 vom 20.5.1917.
1055
Siehe Abschn. 6.5.2.
1056
Einige Batterien sollten für Sonderzwecke erhalten bleiben, u.a. bei den
Sturmbataillonen; siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: 41, Bl. 16722: Chef d. Genst. d.
Feldheeres Ic Nr. 54958 op. vom 10.5.1917. Aus einigen NKB wurden nach Mai 1917 noch
IGB gebildet. Offensichtlich waren das Geschützmaterial und die Leistungen
unbefriedigend, so daß es im November 1917 zum Befehl für die Auflösung der IGB kam;
siehe Cron: Geschichte des deutschen Heeres, S. 152.
267

Gefühl hätte nehmen können, den Tanks gegenüber ziemlich wehrlos zu


sein, kam notdürftig erst spät im Jahr 1918 innerhalb der Minenwerfer-
Kompanien auf, während dieselben gleichzeitig auch in die Rolle der
Infanteriebegleitung mit leichten Minenwerfern eingebunden wurden. Nach
dem Ende der Kämpfe von Cambrai im Dezember 1917 verfaßte der
Kommandeur des Sturmbataillons Nr. 5, Rohr, eine Denkschrift, die sich
vor dem Hintergrund der vollständigen Abschaffung von Infanterie-Begleit-
Batterien überaus positiv über die Erfahrungen mit den Infanteriegeschützen
auch im Angriff aussprach und als Rettungsversuch für die Waffe zu
verstehen ist 1057 . Ludendorff beantwortete das Schreiben damit, daß
Neuaufstellungen bei der Feldartillerie Vorrang vor der Weiterentwicklung
der Infanteriegeschütze hätten und an der Ostfront mit auf Dauer der
Infanterie zugeteilten Geschützen der Feldartillerie gute Erfahrungen
gemacht worden seien 1058 . Daß vielleicht eher Berichte bei der
Beantwortung von Rohrs Schreiben eine Rolle spielten, wie sie etwa von
der [Link] an das AOK 4 hinsichtlich Erfahrungen aus der Flandernschlacht
verfaßt worden waren, könnte man annehmen. Die Begleitbatterie dieser
Division verlor drei von vier Geschützen innerhalb von vier Kampftagen,
ohne daß ihnen ein Gefechtswert hätte unterstellt werden können. Dem
letzten Geschütz nahmen nach nur drei Schuß gegen den Feind britische
Nebelgranaten die Sicht 1059 .
Die Chance auf fest und dauerhaft der Infanterie angegliederte
artilleristische Feuerkraft mit einem breiten Einsatzspektrum, das mit
bekanntem Geschützmaterial relativ problemlos die Aufgaben von
Sondergeschützen zur Tankabwehr, Sturmabwehr und Infanteriebegleitung
hätte abdecken können, wurde seit Mai 1917 bewußt aufgegeben und erst
1918 wieder aufgegriffen 1060 .

1057
Siehe KA, HS 3402: Sturmbataillon Nr. 5 (Rohr) Nr. 1479 geheim vom 8.12.1917.
1058
Siehe ebenda: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ic Nr. 73762. op. vom 21.12.1917. Darin:
„Dabei stelle ich aber anheim, vor allem auch Feldartillerie-Batterien mit neuem Gerät, die
mit der Infanterie gut eingespielt sind, für diese Zwecke zu verwenden und nicht in der Inf.-
Geschütz-Batterie das ausschlaggebende Kampfmittel zur Begleitung der Angriffs-
Infanterie zu erblicken.“
1059
Siehe HStAS, M 33/2, Bü 307: [Link] Ia. 3478 vom 12.10.1917, Ziff. 7.)e).
1060
Siehe Abschn. 13.1.
268

7.2. „Männer gegen Maschinen.“

Was die OHL den deutschen Truppen, besonders der Infanterie, nach der
Auswertung der Frühjahrsschlachten 1917 zuzumuten gedachte, war auch
ohne die Beachtung des Sonderfalls Tankabwehr äußerst viel. Die Verbände
sollten gemäß der letzten Bestimmungen des neuen Abwehrverfahrens
relativ breite Sektoren in großer Tiefe besetzen, was zur Folge haben mußte,
daß kleinere und kleinste Teileinheiten verstreut und nahezu auf sich gestellt
im Gelände vorzufinden sein würden. Die Bedeutung der Unterführer und
von „Disziplin und Manneszucht“ in Maschinengewehr-, Minenwerfer- und
Geschützbedingungen, Gruppen, Korporalschaften, Halbzügen und Zügen
mußte angesichts einer auf striktes Halten und gleichzeitiger Fähigkeit zu
Gegenstoß und Gegenangriff ausgelegten Taktik außerordentliche Größe
annehmen. Gerade auch dann, wenn der Schutz, den man durch
umfangreiche Erdarbeiten an der Westfront immer wieder geschaffen hatte,
für die vordersten Stellungsteile per Befehl genommen wurde und man sich
zukünftig, vielleicht noch nicht einmal übertrieben überspitzt
ausgedrückt 1061 , quasi auf freiem Feld dem feindlichen Artilleriefeuer und
zu erwartenden Massensturm zu stellen haben würde 1062 . Im Wortlaut eines
Armeebefehlshabers klang der hohe Anspruch der Führung an die
Kampfkraft der Truppe unter diesen Bedingungen folgendermaßen:

1061
Siehe dazu Abschn. 10.1., Kap. 12. und 13.
1062
Siehe BA-MA, PH 5 I/11, Bl. 16f.: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia 2996 [Link]. vom
29.4.1917. Allgemeingültig wurden die neuen Grundsätze zum Stellungsbau durch eine
Vorschrift vom 10.6.1917; siehe RH 61/51702: Solger: Entwicklung des Stellungskrieges,
Teil D., S. 1. Besonderen Anlaß für die harte Entscheidung, auf umfangreichen Ausbau und
Wiederaufbau durch Artillerie zerstörter Stellungen zu verzichten, dürfte maßgeblich die
HGr Rupprecht mit ihren Erfahrungen aus der Schlacht bei Arras bedeutet haben. Die
(zugegebenen) stellungsbautechnischen Defizite der Siegfriedstellung hatten durch die
bewegliche Führung der Abwehr aufgewogen werden können. Die HGr schrieb dazu: „Es
zeigte sich also, daß die Mängel im Ausbau der Stellungen nicht die nachteiligen Folgen
hatten, die man hätte annehmen können. Es hat sich vielmehr aus der Notlage ein
Kampfverfahren herausgebildet, in dem eine sehr beachtenswerte Weiterentwicklung
unserer Grundsätze über Verteidigung im Stellungskrieg zu erblicken ist.“ Zitiert nach
HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 88: HGr Rupprecht Ic Nr. 2941 geh. vom 2.5.1917.
269

„Ich bin mir bewusst, dass diese Grundsaetze [des Abwehrverfahrens] nicht neu
sind und dass hoeher als alle theoretische Belehrung der Geist der Truppe wiegt.
Daher Aufrechterhaltung der strengen Manneszucht, Erziehung zu energischen
Gegenstössen, Durchdringung aller Mannschaften mit dem Grundsatz, dass eine
brave Truppe, auch wenn sie abgeschnitten ist, weiter kaempft, bis sie durch
Gegenstoss befreit ist, oder sich durchschlaegt.“ 1063

Auf diejenigen Fälle, in denen diese Grundsätze möglicherweise nicht


eingehalten wurden, sich Verbände also nicht „brav“ geschlagen hatten,
reagierte die OHL geradezu allergisch und bemühte sich umgehend um
Klärung des jeweiligen Sachverhalts. Dies war bei der Auswertung der
späten Kämpfe an der Somme genauso, wie es sich mit dem zuerst
scheinbar unerklärlichen Kollaps der deutschen Verteidigung beim
französischen Gegenangriff vor Verdun im Oktober und Dezember 1916 1064
oder beim „Versagen“ der [Link] bei Arras verhielt. Was hieran
bemerkenswert ist, ist der Umstand, daß, jetzt und vor allem auch
späterhin 1065 , handfeste Gründe für hohe Gefangenenzahlen und schwache
Gegenwehr, etwa Ablösebedürftigkeit, schwere Verluste, schlechte
Stellungen, mangelnde Verpflegung und Munition, anscheinend keinerlei
mildernden Umstände darstellten und keine besondere, selbstkritische
Berücksichtigung bei der Beurteilung solcher Fälle fanden 1066 . Statt dessen
scheinen Begründungen durchweg in falschen taktischen Dispositionen,
besonders aber in Form von Defiziten des Truppenteils in Bezug auf die

1063
Zitiert nach HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 66: AOK 2 Abt. Ia. Nr. 700/April Geheim.
vom 11.4.1917, Ziff. 3.
1064
Siehe dazu die Analyse des Archivrats Obkirchners, der diese Vorkommnisse als erste
und überaus deutliche Warnsignale für sinkende Moral und Kampfbereitschaft der Truppe
wertete: „Die Truppe hatte nicht überall bis zum Äußersten gekämpft und, nachdem sie
umgangen war, sich nicht mit aufgepflanztem Seitengewehr durchgeschlagen, sondern sich
gefangen gegeben.“ Siehe BA-MA, RH 61/51507: Forschungsarbeit Obkirchner: Die
Entwicklung der Stimmung im Heere 1916/17, S. 15.
1065
Siehe Kap. 9., 11. und 12.
1066
Ludendorffs Aussage dazu, daß eine Division, die [Link], versagt habe, die zuvor als
gut galt, macht aber deutlich, daß die gerade genannten Gründe nicht in Anrechnung
gebracht wurden; siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 334. Gleiches gilt für die
Bewertung der 3. und [Link] am 15.9.1916 bei Flers, denen Fälle von Panik nachgesagt
wurden, während Erschöpfungsgrad und Beispiele für äußerst tapferes Verhalten aus den
Bewertungen herausblieben.
270

„geistigen und physischen Kräfte der Führer und Truppe“ 1067 gefunden
worden zu sein. Die Auswirkungen dieser Sichtweisen waren
schwerwiegend. Sie waren extrem negativ, was die Form einer vielleicht als
Betriebsblindheit zu charakterisierenden und auf Basis selektiver
Wahrnehmung erfolgenden Ausklammerung der eigenen Schwächen betraf,
und dezent positiv 1068 , wenn aus dem erwachenden Interesse der [Link] für
die Stimmung in der Truppe diverse Ansätze zur Besserungen der
Lebenssituation der Soldaten entsprangen.
Daß sich die Stimmungslage in der Heimat mit zunehmender Kriegsdauer
und unter erschwerten Lebenssituationen stark veränderte, wurde von
Dienststellen in der Heimat recht frühzeitig wahrgenommen. Seit Anfang
1916, als es im Deutschen Reich sogenannte Straßenkundgebungen gab und
zur Verbreitung von Flugblättern kam, die „Frieden heischenden Inhalt“ 1069
hatten, wurde die Sorge zusehends größer, daß aus der bestehenden Lage
fatalste Folgen für die Wehrkraft und damit die erfolgreiche Fortsetzung des
Krieges entstehen könnten. So prophetisch die Worte manches Zuständigen
waren, so verbohrt meinten andere unter dem Deckmantel angeblicher
Ungerechtigkeiten allein die Agitation und Umtriebe sozialistischer und

1067
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 28, Bl. 31: Chef d. Genst. d. Feldheeres I Nr. 36632 vom
8.10.1916. Bemerkenswert sind auch die Zeilen des Kronprinzen zu diesem Sachverhalt,
die trotz ihres Erscheinens Jahre nach Kriegsende, wenig Sensibilität für die Gründe hinter
beobachtetem moralischem Verschleiß der Truppen oder für die eigene materielle
Unterlegenheit ausweisen; siehe Kronprinz Wilhelm: Erinnerungen, S. 283.
1068
Einzelne Inhalte der Bestrebungen dürften an sich positiv aufgenommen worden sein,
vor allem auf dem Sektor der Truppenbetreuung. Dennoch konnte etwa die Heraufsetzung
der Löhnung Ende 1917 nur einen Tropfen auf einen heißen Stein bedeuten. Die Masse der
Heeresmißstände, wie sie etwa im Gutachten Hobohms für den Untersuchungsausschuß des
Reichstages aufgezählt wurden, blieb unberührt und vor allem die propagandistischen
Tätigkeiten wurden in der Nachkriegsbetrachtung (gerade auch durch Ludendorff selbst)
und der historiographischen Aufarbeitung weitgehend als ineffektiv aufgefaßt; siehe etwa
Ulrich, Bernd/Ziemann, Benjamin: Das soldatische Kriegserlebnis, in Kruse: Eine Welt von
Feinden, S. 149.
1069
Siehe Deist, Wilhelm (Bearb.): Militär und Innenpolitik im Ersten Weltkrieg (Quellen
zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Zweite Reihe: Militär
und Politik), Bd. I, Düsseldorf 1970, Dok. Nr. 126. Es handelt sich um ein Schreiben des
bayerischen KM an die bayerischen Staatsminister wegen der Stimmung in Armee und
Heimat vom 1.2.1916.
271

pazifistischer Kreise erkennen zu können 1070 . Als Rezept zur Bekämpfung


dieser schädlichen Einflüsse, die mit der angenommenen Wirkung der
Feindpropaganda zusammenfielen 1071 , bediente man sich nun stärker der
eigenen Propaganda, die in der damaligen Sprachregelung als „Aufklärung“
aufgefaßt wurde 1072 und die Aufrechterhaltung einer zuversichtlichen
Stimmung in der Heimat und unter den Soldaten bezwecken sollte. An der
Front war spätestens seit Ende September 1916 aufgefallen, daß eine
merkliche Schwächung der Kampfkraft der Truppe vorlag, die auf
Überbeanspruchung in zu zahlreichen Einsätzen sowie fehlende Ruhe- und
Ausbildungszeiten zurückgeführt werden konnte 1073 . Neben diese von
militärischen Dienststellen angeführten Punkte trat die Wahrnehmung der
für die Heimat festgestellten Einflüsse 1074 und die zusätzliche Brisanz, die
in den Augen der OHL durch das deutsche Friedensangebot und seine
Ablehnung im Dezember 1916 zusätzlich geschaffen wurde 1075 .

1070
Siehe ebenda, Dok. Nr. 108, Nr. 109 und bes. Nr. 127, worin deutlich wird, wie wenig
Verständnis man (hier das bayerische KM) für die Verhältnisse und Lebensrealitäten der
Bevölkerung aufbringen konnte.
1071
Siehe BA-MA, RH 61/51507: Forschungsarbeit Obkircher: Die Entwicklung der
Stimmung im Heere 1916/17, S. 45.
1072
Siehe Deist: Militär, Bd. I, Dok. Nr. 136.
1073
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Eigene Berichte u. Verfügungen, Nr. 6: HGr
Rupprecht Ia Nr. 609 geh. vom 27.9.1916, HStAS, M 33/2, Bü. 28, Bl. 29f.: AOK 6 Ia Nr.
69014 vom 27.9.1916, und ebenda, Bl. 31: Chef d. Genst. d. Feldheeres I Nr. 36632 vom
8.10.1916.
1074
Siehe Deist: Militär, Bd. I, Dok. Nr. 135, ein Schreiben Ludendorffs an die AOKs
wegen Aufklärung der Truppe über wirtschaftliche Fragen vom 18.10.1916. Auf der einen
Seite nahm der Erste Generalquartiermeister seine Soldaten geradezu in Schutz, wenn er
ihre Beteiligung an der Verbreitung von Gerüchten über die wirtschaftliche Situation auf
Unwissenheit und Urteilslosigkeit und nicht auf einen bösen Willen zurückführt, auf der
anderen Seite ist überaus deutlich, daß die ja tatsächlich zunehmend fatale Lage als Grund
des Mißmuts an der Front als Gerücht abgetan wurde.
1075
Ludendorff schrieb über diese Situation: „Die Kraft daheim war schwer getroffen. Wir
dachten mit Sorge an unseren Lebensunterhalt, aber auch an unsere seelische Spannkraft.“
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 242. Die Bedeutung des Friedensangebotes lag
einerseits darin, daß es im Ausland als Zeichen der deutschen Schwäche aufgefaßt werden
konnte, andererseits in seiner gleichartigen innenpolitischen Wirkung, die den Glauben der
Truppen und Heimat an einen „Sieg-“ oder einen „Verständigungsfrieden“ und damit die
272

Hatte man im September 1916 trotz des erkennbaren Verschleißes der


Kampftruppen noch ihre permanente Überlegenheit über den Feind auch
unter schwersten Bedingungen angenommen 1076 , so belegt die Rührigkeit
Anfang des Jahres 1917, daß man sich nun über die strukturelle Integrität
der Truppen sorgte. Am [Link] ordnete Ludendorff etwa die sofortige
Überprüfung potentieller Fälle von Überlaufen zum Feind und „Feigheit“
an, was die Bestrafung der diesbezüglich überführten Soldaten nach
Kriegsende ermöglichen sollte 1077 . Tags darauf wies er darauf hin, den
abgelösten Verbänden unbedingt Ruhe zu gewähren 1078 und forderte
nochmals die untergeordneten Dienststellen auf, sich der Zahl der
Überläufer zu vergewissern, die möglicherweise gestiegen war 1079 . Daß dem
tatsächlich auch so war, kann mit letzter Sicherheit nicht bestätigt werden,
doch Indizien legen nahe, an eine geringe Zunahme glauben zu können, zu
der auch ohne unerlaubte Entfernungen von der Truppe Anzeichen für
Unzufriedenheit und schwindenden Kampfeswillen in Verbänden
kamen 1080 . Was die Bewertung dieses Sachverhalts für die OHL schwierig
gemacht haben dürfte, offenbarte der Hinweis des AOK 1 auf Fälle, in
denen von untergeordneten Dienststellen Überläufer als Vermißte
ausgewiesen wurden, wodurch ihre Erfassung und die Feststellung von
Trends nachhaltig gestört werden mußte 1081 . Die Beobachtungen durch die
OHL scheinen jedenfalls in ihrer Qualität ausgereicht zu haben,
Veränderungen zu initiieren, die mit Beginn im Frühjahr 1917, dann
tropfenweise fortgeführt und ergänzt, dazu angetan sein sollten, zuvor

Hoffnung auf eine erfolgreiche Fortführung des Krieges untergraben mußte. Siehe ebenda,
S. 243.
1076
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Eigene Berichte u. Verfügungen, Nr. 6: HGr
Rupprecht Ia Nr. 609 geh. vom 27.9.1916.
1077
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 28, Bl. 38: Generalquartiermeister II Nr. 40332/1636 vom
8.1.1917.
1078
Siehe ebenda, Bl. 39: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia Nr. 44158 op. vom 9.1.1917 ,
Ziff. 1.).
1079
Siehe ebenda, Ziff. 2.).
1080
Siehe ebenda, Bl. 42: [Link] Abt. I 169 geh. vom 17.1.1917, und ebenda, Bl. 44: [Link]
Abtlg. Ia. Br. B. Nr. 208 I geh. vom 18.1.1917.
1081
Siehe ebenda, Bl. 37: AOK 1 Ia/III Nr. 28233 streng geheim! vom 17.1.1917.
273

ausgemachte aber beiseite diskutierte Mißstände 1082 zugunsten einer


positiveren Erlebenswelt der Soldaten wenigstens partiell abzuschwächen.
Die Bandbreite dieser Aktivitäten war groß und reichte von der Vermehrung
und Vereinheitlichung der Angebote von Truppenbetreuung
(Marketendereien, Theater, Kinos, Büchereien u.a.) über die Schaffung von
Auskunftsstellen, welche Soldaten bei familiären, finanziellen oder
juristischen Fragen zur Seite stehen sollten, bis zur Heraufsetzung der
Löhnung und der Möglichkeit, an Weiterbildungs- und
Schulungsmaßnahmen für den Zivilberuf teilnehmen zu können 1083 . Zudem
wurde mit Einführung des „Vaterländischen Unterrichts“ und einer
insgesamt gesteigerten und auf „Durchhalten“ zielenden
Propagandatätigkeit versucht, Einfluß auf die Kampfbereitschaft der
Truppen zu nehmen. Die ersten Verbände, welche diese Veränderungen zu
spüren bekamen, waren die für die Ainse-Champagne-Schlacht
vorgesehenen Eingreifdivisionen, die auf Truppenübungsplätzen sowohl das
neue Abwehrverfahren erlernten, als auch, gemäß der oben angeführten
Forderung der OHL, Gelegenheit bekamen, sich von Strapazen der
vorangegangenen Einsätze und der Ausbildung auf möglichst angenehme
Art und Weise zu erholen 1084 . Und dieser Faktor war Ludendorffs Worten
nach dem Krieg zufolge als entscheidend zu charakterisieren, weil die
Gewährung ausreichender körperliche Ruhe, unter gleichzeitiger
Einwirkung auf die mentale Bereitschaft zum Kampf, Garant für die
Entspannung von „schweren seelischen Eindrücken“ und dadurch für den
Erhalt der Kampfkraft sein mußte 1085 . Ausgeruht, auf dem neuesten Stand

1082
Besonders deutlich wird der kuriose Umstand, daß man „Mißstände, Ungerechtigkeiten
und Ungehörigkeiten“ erkannt hatte, sie aber als bei einem derart großen Heer für
unabänderlich deklarierte, bei Deist: Militär, Bd. I, Dok. Nr. 127. Festhalten kann man, daß
zwischen dieser Aussage des bayerischen KM vom 1.2.1916 und der Sicht der OHL ein
Jahr später definitiv ein gravierender Unterschied bestand, der seine Wurzeln in den
unübersehbaren Auswirkungen des Negierens solcher Zustände und der Überforderung der
Truppen hatte.
1083
Siehe dazu Hugo, Melchior v.: Fürsorge für das geistige Leben im Heere,
Wohlfahrtseinrichtungen usw., in Schwarte: Der Weltkampf, Bd. 8, S. 348-388.
1084
Siehe Abschn. 6.2.
1085
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 309.
274

taktischer Erfahrungen und auf den Kampf um „Hof und Herd, Weib und
Kind“ 1086 eingeschworen, durchstanden diese Verbände den Massensturm
des Feindes „und bewiesen ihre alte Überlegenheit über den Erbfeind“ 1087
zu dem Zeitpunkt, an dem die Stimmung in der Heimat in Form von
Massenstreiks an einem neuen Tiefpunkt angekommen war. Daß hieraus
von Seiten der obersten Führung eine Bestätigung für die Richtigkeit der
ergriffenen Maßnahmen auf einem neu beschrittenen Weg der psychisch-
physischen Beeinflussung der Leistungsfähigkeit von Truppen sowie die
Wahrnehmung ungebrochenen und beständigen Kampfeswillens
synthetisiert wurde, mag man den Lobpreisungen für die Tapferkeit der
Truppen entsprechend voraussetzen können 1088 . Wo es definitiv zu einer
solchen Synthese kam, die jedoch als Rückschluß von den Leistungen
einiger weniger Verbänden in ganz spezifischer Lage und an einem
bestimmten Frontabschnitt auf die Masse des Heeres fragwürdig sein muß,
war auf dem Teilsektor der Tankbekämpfung.
Wie die Schreckensrufe von Cambrai und vor allem 1918 erkennen zu
lassen, ging wenigstens die OHL davon aus, daß die als „Tankschrecken“
klassifizierte moralische Wirkung der feindlichen Kampfwagen auf die
Truppen Mitte 1917 überwunden gewesen sei 1089 . Eine Meinung, die durch
die Aussagen mit Tanks konfrontierter Verbände und höherer Dienstellen
untermauert wurde, wie unter Verweis auf die Berichte der BED und die

1086
Siehe Abschn. 6.2.
1087
Siehe Die Schlacht um Reims, Bericht von besonderer deutscher Seite vom 12.5.1917,
in Baer (Hg.): Der Völkerkrieg, Bd. 23, S. 102.
1088
Zu diesem Schluß kam auch Obkircher in seiner Ausarbeitung und betonte dabei: „Die
O.H.L. war hierin nicht blind. Aber an den ganzen [hervorgeh.] Ernst zu glauben und
demgemäss mit rücksichtsloser Schärfe vorzugehen, daran scheint sie unbewußt gehemmt
worden zu sein durch den in unzähligen, bitterschweren Kämpfen festgegründeten Glauben
an den deutschen Soldaten, auch für die Zukunft.“ Siehe BA-MA, RH 61/51507:
Forschungsarbeit Obkircher: Die Entwicklung der Stimmung im Heeres 1916/17, S. 51.
1089
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 93: „Die
O.H.L., die mit Ernst der Frühjahrsoffensive der Entente im Jahre 1917 entgegengesehen
hatte, glaubte mit den vorgetragenen Ergebnissen zufrieden sein zu können. Die Kampfw.-
Gefahr schien durch die getroffenen Maßnahmen gebannt zu sein.“ Bestätigung erfuhr
diese Einstellung durch die weiteren Kämpfe des Jahres bis zur Schlacht von Cambrai;
siehe dazu Abschn. 8.2.
275

[Link] nochmals angeführt werden kann 1090 : Das Gefühl der Ohnmacht
gegenüber den Tanks war beseitigt und ihnen kein großer Wert
beizumessen. Oder, wie es die Worte eines damals bekannten Dramatikers
und Schriftstellers zu den Kämpfen bei Bullecourt am [Link] verhießen:
„Siegfried hatte wie einst den Lindwurm zerschmettert“ 1091 . Daß bislang nur
eine handvoll Divisionen überhaupt mit dem neuen Kriegsmittel der
Alliierten in Berührung gekommen war, daß etwa die Infanterie der BED
gar nicht in Nahkämpfe mit Tanks verwickelt worden war und ihr Urteil
allein auf den Erfolgen der artilleristischen Fernbekämpfung unter
günstigsten Verhältnissen fußte, oder daß die [Link] ein bestens
ausgebildeter und überdurchschnittlich kampfstarker Verband war 1092 , so
wie es auch für die [Link], [Link] und eine Reihe anderer Divisionen galt, die
an den Erfolgen im April direkt beteiligt gewesen waren, spielte für den
Blick auf die Gesamtheit des Westheeres und für den Ausblick in die
Zukunft ganz offensichtlich keine Rolle. Mehr noch, die wichtige
Beobachtung, daß unabhängig von der Güte, Gefechtsstärke und
angenommenen Zuverlässigkeit eines Verbandes bei jedem Tankangriff ein
kritisches, psychologisches Moment vorhanden war, das erst überwunden
sein wollte, um einen Abwehrerfolg zu ermöglichen 1093 , geriet in den

1090
Siehe Abschn. 5.6.2. und 6.5.2. bzw. HStAS, M 33/2, Bü. 573: GK [Link] Ia Nr.
1620 vom 21.4.1917, dort: [Link] Abtl. Ia, 1130 vom 14.4.1917, bzw. GR 123 Nr. 3687 Kr.
3 vom 13.4.1917, Abschn. C. und D., und BA-MA, RH 61/50597: BED Ic. Nr. 4437 vom
23.4.1917, Teil B., Ziff. 13.).
1091
Siehe Lilienstein, Heinrich: Im Kampf mit dem feurigen Drachen, in Baer (Hg.): Der
Völkerkrieg, Bd. 23, S. 98f.
1092
Siehe MO 1917, Bd. 1, S. 364, Anm. 2, und Nash: The 251 Divisions, S. 372f. Dort
findet sich als Bewertung für 1917 (S. 372): „The 27th Division has fought well ever since
the beginning of the war”, und für 1918 (S. 373): „The 27th has always been considered
one of the very best German divisions […].“ Die Division war Anfang 1917 die erste
“Übungsdivision” der OHL bei den neu geschaffenen Lehrkursen für höhere Führer in
Solesmes und Valenciennes. Der Führer der Gruppe A, v. Moser, war der frühere
Kommandeur der Division und mit der Durchführung und Organisation dieser Kurse
beauftragt worden; siehe auch Moser: Feldzugsaufzeichnungen, S. 266ff. und TG [Link], S.
52f.
1093
Siehe etwa KA, HS 3402: HGr Rupprecht Art. Nr. 15395 vom 28.4.1917, Abschn.:
Allgemeines Urteil über die Tanks. Dort liest man: „Der moralische Eindruck auf unsere
276

Schatten einer euphorischen Überbewertung eigener Leistungs- und


Leidensfähigkeit. Die Antwort der höheren und höchsten Führung auf die
Unbekannte X, die Möglichkeit, daß das kritische Moment nicht per se als
von jedem Verband allerorten überwindlich angesehen werden konnte,
kulminierte darin, dem „kopflosen Verhalten der angegriffenen
1094
Infanterie“ als Hauptgrund für erkanntes Versagen durch Schulung und
Belehrung entgegenzutreten:
„Die Infanterie muss zu der Ueberzeugung gebracht werden, dass sie von den
Tanks im Allgemeinen nichts zu fuerchten hat, wenn sie ruhig bleibt und auf den
Erfolg unserer zahlreichen Abwehrmittel vertraut.“ 1095

Wie wenig Erfolg dieser Belehrung der Truppen bislang vergönnt gewesen
war, mag man am Beispiel des AOK 6 erkennen können, welches schon im
Oktober 1916 darauf verwiesen hatte, wie wichtig es sei, „dass auch bei uns
jeder Mann von diesen Wagen gehört hat und weiss, dass sie bei richtiger
Bekaempfung nicht gefährlich sind“ 1096 . Bekanntermaßen änderten der
Befehl und die übrigen Aktivitäten des AOK nichts an den Ergebnissen der
Konfrontation zwischen Tanks und Infanterie an den beiden ersten Tagen
der Schlacht bei Arras. Die Diskrepanz zwischen theoretischer Belehrung
und praktischem Erleben war wohl zu extrem, als daß schriftliche
Zusammenstellungen der Tankabwehrmittel, die ab Mai 1917 auch als
Merkblätter zu finden waren 1097 , allein dagegenhalten konnten. Zumal dann,
wenn solches Schriftgut als Einzelleistung von Stäben erschien, die den
zeitweilig unterstellten Verbänden auf Basis ganz eigener Auffassung des

Infanterie, den das Auftreten der Tanks verursacht, war besonders bei den Kaempfen am 9.
und 11.4. noch immer ein grosser.“ Beachtenswert ist der Gebrauch des Präsenz im
Gegensatz zu jeglicher Vergangenheitsform, welche die Überzeugtheit von einer
Beseitigung dieses Phänomens durch die letzten Erfolge hätte dokumentieren können.
1094
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 79: AOK 2 Nr. 223/ Mai, Art. 2392/17 vom
14.5.1917. Es handelt sich um den Begleitenden Text zum angefügten und unten zitierten
Merkblatt (Bl. 80).
1095
Siehe KA, HS 3402: HGr Rupprecht Art. Nr. 15395 vom 28.4.1917, Abschn.:
Allgemeines Urteil über die Tanks.
1096
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 43, Akt: Fremde Berichte, Bl. 24: AOK 6 Ia.
Nr. 70450 vom 5.10.1916, Ziff. III.
1097
Siehe etwa HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 80: AOK 2 Ia 223 Mai/ Art. 2392/17 vom
14.5.1917: Merkblatt für Tankabwehr.
277

Sachverhaltes Ratschläge erteilten 1098 , oder dann, wenn solche Merkblätter


nicht wie angeordnet zur weitesten Verteilung kamen, sondern durch
untergeordnete Dienststellen allein als Anhalt für mündliche Belehrung
betrachtet wurden 1099 . Der Sektor Tankabwehrausbildung ist insgesamt als
sehr merkwürdig gehandhabt zu charakterisieren, da er trotz des seit 1916
mehrfach geäußerten Wunsches nach Schulung alles andere als einheitlich
organisiert war. Was man den Truppen und den frontnahen und
heimatlichen Ausbildungsstellen mit auf den Weg gab, waren bis zum Ende
der Kämpfe bei Cambrai Anhalte auf Basis der ersten Erfahrungen 1100 ,
keine Ratschläge oder präzise Ausbildungsrichtlinien. Feststellbar ist an
dieser Stelle ein deutliches Vakuum an verbindlichen Weisungen durch die
höchste Führung oder überhaupt ein durchgängiger Meldeweg und ein
funktionierendes Meldewesen, welche die Verbreitung relevanter
Nachrichten und Befehle aufgrund neuester Erfahrungen flächendeckend
garantiert hätten. Bei der Artillerie konnte man mit simplen Mitteln
improvisieren und auf selbstentworfene Tank-Zielscheiben feuern lassen,
wie zumindest an einigen Stellen nachweisbar ist 1101 . Daß dies überall, also
an der ganzen Westfront, bei der Masse der Divisionen oder den
Ausbildungseinrichtungen an der Front und in der Heimat so gehandhabt

1098
Das Merkblatt des AOK 2 verzichtete aufgrund der eingegangenen Berichte, wohl
maßgeblich derer zu den Ereignissen in der Champagne, darauf, die Feldartillerie als
Abwehrmittel überhaupt aufzuführen. Der Schwerpunkt wurde, wie schon in der
Anweisung des AOK 6 vom 25.3.1917, auf die schwere Artillerie gelegt; siehe ebenda,
Ziff. A.
1099
Diesen geradezu unverständlichen Fall dokumentiert das Merkblatt des AOK 2, dessen
Entwurf in HStAS, M 33/2, Bü. 330, noch die Verteilung bis hinab zu den Kompanien
vorsah. In Bü. 721, der Sammlung der für Tankabwehrfragen relevanten Dokumente des
GK [Link], erscheint der Zusatz dieses Verteilers nicht mehr. Statt dessen nur noch der
Hinweis auf mündliche Belehrung; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 721, AOK 2 Ia 223 Mai/Art.
2392/17 vom 14.5.1917, mit dem Zusatz der Gruppe Caudry (GK [Link]) Ia, Art., Ic Nr.
813 op. vom 18.5.1917.
1100
Siehe etwa HStAS, M 33/2, Bü. 573: Chef d. Genst. d. Feldheeres II Nr. 47850 op.
[Link] vom 16.3.1917.
1101
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Eigene Berichte und Verfügungen, Nr. 51:
HGr Rupprecht Art. I/Art. Nr. 9730 vom 13.2.1917, TG FAR 45, S. 71, TG FAR 46, S.
226, TG [Link], Teil I, S. 327, TG [Link], S. 153, und Watter, S. 26 (für FAR 108).
278

wurde, wie diesbezügliche Formulierungen der Heeresgruppe Rupprecht


glauben machen könnten 1102 , ist äußerst unwahrscheinlich, da man hierfür
im Gesamtmaßstab des Westheeres nur spärliche Hinweise finden kann und
das Zielscheiben- und Ausbildungsproblem später noch als gravierender
Mangel thematisiert werden sollte 1103 . Allein für Eingreif-Divisionen und
solche mit Kommandeuren, die -wie derjenige der [Link] 1104 - Eigeninitiative
zeigten, sind besondere Aktivitäten nachweisbar, während die Mehrheit der
Verbände den von Vorgesetzten apostrophierten Wert einer
Tankabwehrschulung ihrer Truppen nicht zum Anlaß für umfangreiche
Maßnahmen nahm. Und dies ist auch verständlich, wenn der Tank laut
einlaufender Berichte kaum als gefährlicher Gegner anzusehen war und als
leichtes Ziel von der Stellungsartillerie schnell außer Gefecht gesetzt
werden konnte. Was für die Masse der Kampftruppen, die mit Gewehr und
Handgranaten bewaffneten Angehörigen der Infanterie, daraus als Resultat
entsprang, war, daß bei kommenden Kämpfen, in denen Tanks als Gegner
auftreten würden, lediglich die Hoffnung auf schnelle Entlastung von
rückwärts oder die Selbsthilfe durch verwegenste oder, je nach Sichtweise,

1102
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 307: HGr Rupprecht Ia Art. Nr. 8000. vom 18.1.1917. Unter
Ziff. 9. wird erwähnt, daß die HGr die Zuweisung von Tank-Zielscheiben („Simulaker“) in
Originalgröße an Schießschulen, Übungsplätze und Beobachterschulen der Artillerie in der
Heimat bei der OHL anregen wolle, während man zeitgleich die Artillerie-Werkstätten der
eigenen AOKs damit beauftragen wolle, für die eigenen Schießplätze und den Übungsplatz
der „Übungs-Division“ (Valenciennes) Scheiben zu fertigen. Da von der [Link] nicht
darüber berichtet wurde, daß sie als Übungsdivision solche Simulaker nutzte, muß fraglich
sein, ob die Ideen der HGr zur Umsetzung kamen. Für die Artillerie-Schießschule in
Jüterbog fand sich –in Ermangelung aussagekräftiger Archivalien- zumindest ein einzelner
Hinweis auf Belehrung in Tankfragen und praktische Schießübungen der (Fuß-) Artillerie
auf „Masken von Tanks“, die über den Schießplatz gezogen wurden; siehe Hartung,
Wilhelm: Großkampf, Männer und Granaten! Wiesbaden 1930, S. 313.
1103
Siehe Abschn. 12.5.2.
1104
Siehe Watter, S. 26. Die familiäre Bindung an einen in Tankabwehrfragen sehr
erfahrenen Mann, den Artillerie-Kommandeur der [Link], sowie die militärische Herkunft v.
Watters aus den Reihen der Feldartillerie führte zu einer hohen Sensibilität für die
Probleme mit dem neuen Kriegsmittel und seiner Bekämpfung. Belegt sind Schauschießen
der Feldartillerie auf Tankscheiben vor den Augen der Infanteristen, was in Ermangelung
von Beutefahrzeugen die vielleicht einzige Möglichkeit bot, ein stärkeres Vertrauen in die
Hilfe und die Fähigkeiten der Schwesterwaffe zu schaffen.
279

suizidgleiche Formen der Nahbekämpfung der Maschinen als Abhilfe in


Frage kam. Beides wurde von der Führung nach den letzten Erfahrungen für
möglich und auch als ausreichend erachtet 1105 , ohne daß die Auswirkungen
eines sich bei anhaltend hohen Belastungen möglicherweise in der Zukunft
noch beschleunigenden Zerfalls- und Demotivationsprozesses innerhalb des
Heeres berücksichtigt worden wären. Dieses Phänomen mußte geradezu
zwangsweise den Willen zum Durchleiden der vielfältigen Schrecken
beziehungsweise die Anzahl von Männern verringern, die mit geballten
Ladungen Tanks angehen oder auf wenige hundert Meter Entfernung mit
Maschinengewehr oder Feldgeschütz den Kampf auf Leben und Tod mit
ihnen aufnehmen würden.
Die Ludendorff freundlich gesinnte Variante einer Begründung für die
augenscheinliche Negierung dieser Umstände konnte lauten, daß sich sein
von „hohem und idealem Pflichtgefühl getragener Geist“ wohl dagegen
sträuben mußte, „den erschütternden Niedergang, wie ihn der Geist unseres
Heeres an vielen Stellen in den letzten beiden Kriegsjahren zeigte, für
möglich zu halten“ 1106 . Abgesehen davon, daß gerade diese hehren Ideale
keineswegs eine plausible Begründung dafür darstellen können, sich seiner
militärischen Verantwortung für Möglichkeiten oder Unmöglichkeit der
zukünftigen Kriegführung zu entbinden, liegen doch ausreichend Hinweise
dafür vor, daß sich Ludendorff der Gefahren der innenpolitischen und
heeresinternen Zustände sehr wohl bewußt war. Wenn man die für das
Frühjahr 1917 relevanten Aussagen in seinen Kriegserinnerungen
betrachtet, sticht ins Auge, wie skeptisch er gerade angesichts der
Wirtschaftslage, der materiellen Überlegenheit der Feinde und der
abbauenden „seelischen Spannkraft“ an der Front und in der Heimat auf
eine siegreiche Fortführung des Krieges schaute 1107 . Sollte der Krieg in
dieser Form andauern, so war die Niederlage unausweichlich und daran

1105
Siehe Lipp, Anne: Meinungslenkung im Krieg. Kriegserfahrungen deutscher Soldaten
und ihre Deutung 1914-1918 (Kritische Studien zur Geisteswissenschaft, Bd. 159),
Göttingen 2003, S. 155. Dem von der Autorin im Zusammenhang mit der Tankbekämpfung
erweckten Eindruck, daß lediglich der „Wille“ von der OHL als ausschlaggebendes
Moment definiert und propagiert wurde, ist allerdings entgegenzutreten.
1106
Siehe BA-MA, RH 61/50768: Ausarbeitung Jochim, S. 3.
1107
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 241ff.
280

würden auch die ergriffenen Maßnahmen nichts ändern können 1108 .


Aussagen an anderer Stelle weisen darauf hin, daß an der Seite dieser Sicht
der Dinge auch ein Hirngespinst wie die Hoffnung auf ein siegreiches
Kriegsende nach dem Abschlagen der feindlichen Angriffe im Sommer
1917 und die eher nebulöse -weil in absehbarer Zeit nicht umsetzbar
erscheinende- Hoffnung auf eine eigene, alles entscheidende Offensive zu
finden waren 1109 . Eine Hoffnung, die Scheuklappen notwendig machte,
wollte man die Niederlage jetzt nicht eingestehen, und sich nur durch den
uneingeschränkten Glauben daran, jedes auftretende militärische Problem
mit vorhandenen Mitteln irgendwie meistern zu können, aufrecht erhalten
ließ. Für die Tankabwehrfragen läßt sich das besonders darin fassen, daß die
Einstellung der OHL ihr Spiegelbild in einer propagandistischen
Ausschlachtung der Erfolge so lange und auch über deutlichste Anzeichen
für schwerwiegende Fehleinschätzungen hinaus fand, bis es in der zweiten
Jahreshälfte 1918 nicht mehr opportun erschien, Front und Heimat mit den
neuesten, niederschmetternden Gefechtsergebnissen zu konfrontieren.
Bis zum nächsten Großereignis wenigstens, das neuen Stoff für die
Untermauerung der Überlegenheit des deutschen Soldaten gegenüber
feindlichen Menschen- und Materialmassen liefern konnte, hielt man sich an
die Siege von Arras und in der Doppelschlacht an der Aisne und in der
Champagne im Frühjahr 1917 1110 , was anhand zweier Gedichte aus
fortgeschrittener Jahreszeit recht eindrucksvoll gezeigt werden kann:

1108
Siehe ebenda, S. 242 und S. 242f.
1109
Siehe Frauenholz: Kronprinz Rupprecht, Bd. 2, S. 85 (Eintrag vom 17.1.1917) bzw. S.
65 (Eintrag vom 22.11.1916).
1110
Indizien dafür liefern u.a. die Vielzahl der authentischen Abbildungen und
Photographien zerschossener oder eroberter Tanks, die sich ab Mai 1917 zum ersten Mal in
illustrierten Zeitungen fanden, sowie eine immense Anzahl Postkarten mit Tankmotiven,
die sich bis heute, als offensichtlich tausendfach reproduzierte, zeitgenössische
Photographien verbreitet, in Angeboten bekannter Internet-Auktionshäuser und des
Militariahandels auffinden lassen. Letzteres basiert auf einem subjektiven Eindruck des
Verfassers, mag aber mit geringem Aufwand überprüft werden und seine Bestätigung
finden können. Zur Veröffentlichung erster Bildquellen zur erfolgreichen Tankbekämfung
siehe bspw. Berliner Illustrirte Zeitung, [Link]., Nr. 19 vom 13.5.1917, S. 265, und Nr.
20 vom 20.5.1917, Titelblatt sowie S. 279, oder Die Wochenschau, Verlag W. Girradet,
Essen/Düsseldorf/Berlin, Nr. 19 vom 12.5.1917, S. 593 und Nr. 20 vom 19.5.1917, S. 616f.
281

A. (Zur Schlacht von Arras.)

Hast Du nicht der Welt den Sieg versprochen,


England, und die Herrschaft der Meere?
Umsonst verbluten Deine Heere,
Deine Flotte hat sich verkrochen,
Und sieh, unwürdig des frühen Danks
Und Jubels, vor unserer Front zerbrochen,
liegen Deine Tanks...[ 1111 ]

B. (Zur Aisne-Champagne-Schlacht.)

Am Berghang, an des Waldes Ecke,


Aus grünem Laub und niedrer Hecke,
Biegt unsre Stellung stark hervor
Und zieht zum Franzmann sich empor.
Der Punkt schien ihm wohl sehr geeignet,
Er hätt’ ihn gern sich angeeignet,
Und da nicht strafbar der Versuch,
Kommt eines Tags auch sein Besuch.
Mit Rattern und mit dumpfem Keuchen
(Wie es erzählen die Augenzeugen)
Wälzt sich heran, ganz breit und lang,
In langer Reihe Tank an Tank.

Ihr Zweck, der ist ja zu verstehen,


Und kaum sind sie schon ganz zu sehen,
Hat sich darüber schon ergossen
Ein wilder Hagel von Geschossen.
Der erste, der nach vorne kam,
Blieb plötzlich stehn, im Kreuze lahm.
Die andern aber froh und heiter,
Die rollen noch nach vorne weiter.
Da legt ein zweiter sich in Breite
Und zeigt uns mal die Hinterseite.
Den andern schien das zu genügen,
Und sie verzichten aufs Vergnügen.

1111
Gedicht eines nicht genannten Verfassers, gedruckt bei Frerk: Arrasschlacht, S. 127. Es
kann spekuliert werden, ob es sich bei dem Gedicht um das Erzeugnis einer amtlichen
Propagandaeinrichtung, etwa der Feldpressestelle, handelt.
282

Es herrscht bei ihnen wohl zur Zeit


Die epidemische Krankheit,
Daß sie zur Lahmheit plötzlich neigen
Und auch die Hinterseite zeigen.
Sie liegen heute noch am Hang-
In langer Reihe, Tank an Tank.
Und seh’ ich einmal noch dahin,
So zieht’s mir lächelnd durch den Sinn:
„Am Berge oben liegt ein Greis,
Der sich nicht mehr zu helfen weiß!“
Drum eines bleibt wohl unverhohlen
Und ist auch ärztlich viel empfohlen:

Man impft die Tanks zu guter Zeit


Mit irgend einer Flüssigkeit,
Die gegen Lahmheit sie beschützt
1112
Damit ihr Vorgehn besser nützt!

Wie das letzte Gedicht eines Infanterieoffiziers des IR 158 der [Link] zeigt,
hielt man es bei der Verarbeitung der Ereignisse, deren Zeuge der Verfasser
wohl nicht gewesen ist, nicht allzu sehr mit der Wahrheit. Die lange Reihe
„Tank an Tank“ gehört zweifelsfrei in den Bereich der Propagandamärchen,
wie sie von amtlicher Seite über die Aisneschlacht verbreitet wurden 1113 .
Überhaupt verweist der Inhalt des Gedichts viel eher auf die Kämpfe gegen
die Gruppe Chaubès als auf das Geschehen im Einsatzraum der [Link] bei
Juvincourt.
Darüber, wie die weniger poetisch veranlagten Soldaten, die Augenzeugen
und direkt Beteiligten der Kämpfe –vor allem die Angehörigen der
Stellungsdivisionen vom [Link] 1917- über diese Art der Aufarbeitung
ihrer Erlebnisse dachten, konnten Hinweise leider nicht gefunden werden.

1112
Gedicht von Leutnant Zeh, IR 158 der [Link], gedruckt in Die Feldgraue. Kriegszeitung
mit Bildschmuck, herausgegeben im Felde v. d. [Link]., Nr. 15, September 1917, S. 24.
1113
Siehe Die Schlacht bei Reims, von besonderer deutscher Stelle, in Baer (Hg.): Der
Völkerkrieg, Bd. 23, S. 101. Darin ließ man verlauten, daß am Abend des 16.4.1917 von 50
angreifenden Tanks „32 in langer Reihe niedergemörsert als formlose Eisenklumpen“ auf
dem Gefechtsfeld lagen.
283

8. „Tanks are no good on a battlefield”. Tanks und Tankabwehr im


Sommer und Herbst 1917.

Die Grundlage für die Fortführung der alliierten Operationen an der


Westfront war durch die Pariser Konferenz Anfang Mai 1114 und
selbstredend durch die wenigstens momentane Schwäche des französischen
Heeres definiert worden. Das Prinzip, dem weiterhin zu folgen war, basierte
auf den bekannten Inhalten einer Ermattungsstrategie mit den Grundsätzen
anhaltenden Druckes auf den Gegner und der implizierten Hoffnung, daß
sich seine physischen und psychischen Kräfte an der Front und in der
Heimat unter einer Vielzahl von Hammerschlägen bis zum Zusammenbruch
verbrauchen würden 1115 . Der Ausfall der französischen Offensivkraft
verlangte nach gesteigertem britischen Engagement bei der Umsetzung
dieses Zieles 1116 , das zumindest Haigs Ansicht nach beste Chancen hatte,
noch 1917 erreicht zu werden. Er beschäftigte sich intensiv, wenngleich
unter Annahme günstigster Zahlen und Hypothesen, die seine
Argumentation stützen konnten, mit dem bisherigen deutschen
Kräfteverschleiß und den Anzeichen für sinkende Kriegsbereitschaft im
Deutschen Reich, was ihn zu einer überaus positivistischen Sichtweise der
Erfolgsaussichten seiner Pläne führte 1117 . Diese kulminierten in der
endlichen Umsetzung des so lange gehegten Wunsches einer Offensive in
Flandern, die zuletzt durch die aufgezwungene Frühjahrsoffensive
verhindert worden war. Die Ausgangsbedingungen, auf die Haig sich auch
zur Rechtfertigung des Unternehmens stützen konnte, waren
erfolgversprechend. Und zum Inhalt der vereinbarten Ermattungsstrategie,
dem durch die Schwäche des Bündnispartners hervorgerufenen Zwang zum
Handeln und einer für die Deutschen als äußerst ungünstig deklarierten
Gesamtlage, gesellte sich die Möglichkeit, durch Wegnahme der deutschen

1114
Siehe Abschn. 6.5.1.
1115
Siehe Strachan: The First World War, S. 245f., und Johnson: Stalemate, S. 124f.
1116
Siehe MO 1917, Bd. 2, S. viii und S. 425.
1117
Siehe dazu das positivistisch geratene Memorandum Haigs vom 12.6.1917 in MO 1917,
Bd. 2, App. XII, S. 423ff. Verwegen muß dabei die Behauptung erscheinen, daß die
Verluste des deutschen Gegners in der Abwehr diejenigen des britischen Angreifers bislang
übertroffen hätten (S. 424).
284

U-Bootbasen in Flandern etwas für die wirtschaftliche Situation und die


Stimmung im Vereinigten Königreich zu tun 1118 .

Abb. 7: Karte zu den Operationen in Flandern 1917 1119 .

1118
Siehe Keegan, S. 493, und Chickering, S. 213.
1119
Abb. nach Volkmann: Der große Krieg, S. 217.
285

Der erste Teil der britischen Operationen gegen die deutsche [Link] in
Flandern begann am [Link] 1917 mit einem Angriff gegen den Wytschaete-
Bogen. Nach der bislang intensivsten Artillerievorbereitung des Krieges, die
mit mehr als 2.200 Geschützen über 17 Tage gegen erkannte Positionen und
Batterien effektiv durchgeführt wurde 1120 , legten 19 Minensprengungen mit
einer unerhört destruktiven Wirkung gegen die vordersten feindlichen
Stellungen und die Gefechtsstärken und Kampfmoral ihrer Besatzungen 1121
den Grundstein zu einer deutschen Niederlage, die Mitte Juni mit der
Wegnahme des Frontbogens durch den Angreifer endete und die Briten von
einer potentiellen Flankenbedrohung der späteren Hauptoperationen im
Norden befreite 1122 .
Der lokale Erfolg im Wytschaete-Bogen entsprach den Grundsätzen der
Ermattungsstrategie und dem Bild vorheriger Schlachten: Der erste
Angriffstag war ähnlich erfolgreich wie der [Link] bei Arras verlaufen.
Zum Preis recht geringer Verluste war relativ viel Gelände gewonnen und
die feindlichen Stellungstruppen geworfen worden, während zunehmender
deutscher Widerstand mit zahlreichen Gegenstößen das weitere Vordringen
der erschöpften Angreifer am Abend des [Link] verhindern konnte und
damit die Erfolgsaussichten für die folgenden Tage deutlich
einschränkte 1123 . Nun hätten weitere, begrenzte Einzeloperationen an
anderen Abschnitten der Westfront oder auch andernorts folgen können.

1120
Siehe Bayerisches Kriegsarchiv: Die Bayern im Großen Kriege, S. 387
1121
Die britische Miniertätigkeit bei der Gruppe Wytschaete (GK [Link]) verminderte
sich seit Ende April zusehends und wurde zuerst als deutliches Anzeichen für
bevorstehende Unternehmungen gewertet. Im Mai schenkte man diesem Sachverhalt keine
besondere Aufmerksamkeit mehr und wurde schließlich durch den immensen Umfang der
Sprengungen vollends überrascht; siehe RA, Bd. 12, S. 430ff. und S. 453ff. Nach einer
dortigen Aussage (S. 456) blieben der [Link] nach den Sprengungen und dem ersten
Infanterieangriff der Briten von drei Kampfbataillonen (zu je ca. 750 Mann) lediglich drei
Offiziere und 30 Mann. Das britische amtliche Werk weist zudem aus, daß die deutsche
Gegenwehr vielerorts bemerkenswert schwach war, was auf die psychische Wirkung des
vorbereitenden Artilleriefeuers und die Minensprengungen zurückgeführt werden kann;
siehe bspw. MO 1917, Bd. 2, S. 59.
1122
Siehe RA, Bd. 12, S. 467f.
1123
Siehe Prior, Robin/Wilson, Trevor: Passchendaele. The Untold Story, London/New
Haven 1996, S. 62.
286

Doch für Haig waren die Junikämpfe, auch ungeachtet der gewonnenen
Möglichkeit zu einer Ausweitung des Erfolges vor Ort 1124 , lediglich ein
Vorspiel für die Flandernschlacht, was, als solches klar kommuniziert, bei
den britischen Politikern einige Besorgnis gegenüber den generellen
Erfolgschancen und den zu erwartenden Verlusten hervorrief. Tatsächlich
hatten beide Seiten bei den Kämpfen im Wytschaete-Bogen nahezu
identisch zu leiden gehabt und verbuchten jeweils Ausfälle in Höhe von
etwa 25.000 Mann 1125 . Was letztendlich den Ausschlag zur Zustimmung des
Kabinetts zur Eröffnung einer Großoffensive in Flandern gab, war die
Rückendeckung, die der erste Seelord, Jellicoe, Haig in Anbetracht der
Wirkung deutscher U-Boote bzw. gegenüber der möglichen Ausschaltung
deutscher U-Boot-Basen in Flandern gewährte 1126 .
Der deutschen [Link] unter General von Arnim, dem Oberst von Loßberg
als Chef des Stabes zugeteilt wurde, der Heeresgruppe Rupprecht sowie der
OHL war es durch die langwierige Vorbereitungsphase der britischen
Offensive möglich, mit einem gewissen Vorlauf abschätzen zu können, was
vom Gegner operativ zu erwarten sein würde. Zuerst behandelte man die
Vorbereitungen gegen den Wytschaete-Bogen noch als Ablenkungsangriff,
der deutsche Kräfte von den momentanen Großkampffronten bei Arras, an
der Aisne und in der Champagne wegziehen sollte 1127 , doch mit den
vermehrten britischen Aktivitäten auch nördlich des Sektors Wytschaete,
stieg die Wahrscheinlichkeit, daß eine Großoffensive in Flandern
bevorstand 1128 . Dementsprechend wurden zusätzliche Kräfte dorthin
gesandt 1129 , die bei ihrem Eintreffen zwar nicht als „vollkampffähig“ zu
bewerten waren 1130 , aber durch die zeitliche Versetzung zwischen den
Kämpfen im Juni und dem Auftakt der Flandernschlacht Ende Juli die

1124
Siehe ebenda, S. 64f.
1125
Siehe MO 1917, Bd. 2, S. 87, und RA, Bd. 13, S. 146.
1126
Siehe ebenda, S. 102ff.
1127
Siehe RA, Bd. 12, S. 431.
1128
Siehe ebenda, Bd. 13, S. 56.
1129
Siehe Loßberg: Meine Tätigkeit im Weltkriege, S. 304ff.
1130
Siehe RA, Bd. 12, S. 445.
287

Gelegenheit zu Auffrischung, Ruhe und Ausbildung bekamen 1131 .


Zusammen mit der Zuführung von Artillerie und Fliegerkräften sowie dem
Ausbau der Stellungen 1132 mit noch zahlreicheren betonierten Anlagen in
und hinter den Verteidigungslinien ergab sich für Loßberg bereits Ende Juni
die Einschätzung, daß nie zuvor eine Armee vor einer Abwehrschlacht so
gut aufgestellt gewesen sei wie die 4. in Flandern 1133 . Daß dem tatsächlich
auch so war, mag man im Vergleich zu den äußerst günstigen Grundlagen
und zielgerichteten Dispositionen der Aisne-Champagne-Schlacht
anzweifeln, doch der Glaube an die Güte der eigenen Truppen, deren gute
Stellungen und hervorragende Ausbildung sowie das bewiesenermaßen
erfolgreiche Abwehrverfahren sind unverkennbar die Faktoren, welche in
den Augen der Armeeführung dazu angetan schienen, jede zahlenmäßige
Überlegenheit des Feindes aufzuwiegen.
Der britische Infanterieangriff begann nach zehntägigem
Vorbereitungsfeuer der Artillerie am 31. Juli, und die letzten größeren
Gefechtshandlungen vor dem Ausklingen der Schlacht fanden in den
Novembertagen 1917 statt. Die Bilanz des Ringens wies geschätzte Ausfälle
in Höhe von mindestens 238.000 1134 britischen und 217.000 deutschen

1131
Siehe etwa Benary (Bearb.): Königlich Preußisches [Link] Feldartillerie-
Regiment Nr. 20 (Deutsche Tat im Weltkrieg 1914/1918, Bd. 14), Berlin 1932, S. 294,
Schatz, Josef (Hg.): Geschichte des badischen (rheinischen) Reserve-Infanterie-Regiments
239, Stuttgart 1927, S. 121f., oder Großmann, August (Bearb.): Das K.B. Reserve-
Infanterie-Regiment Nr. 17 (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bayerische Armee,
Heft 18), München 1923, S. 75. Eine gewisse Ambivalenz in der Ausfüllung der
Ausbildungs- und Erholungszeiten weist die Geschichte des RIR 240, eines
Schwesterregiments des RIR 239 in der [Link], aus. Gerade im Gegensatz zu der von
Ludendorff geforderten Ruhe waren unliebsame Besichtigungen, ausgedehnter Papierkrieg
und die Beschäftigung der Truppe mit körperlichen Arbeiten durchaus auch möglich, was
auf den Ermessensspielraum der mittleren Führung bei der Umsetzung von Weisungen
höherer und höchster Stäbe hindeutet; siehe Lennartz/Nagel: Geschichte des badischen
(später rheinischen) Reserve-Infanterie-Regiments 240 (Aus Deutschlands großer Zeit, Bd.
119), Zeulenroda o.J. (nach 1938), S. 281f.
1132
Siehe Prior/Wilson: Passchendaele, S. 71f.
1133
Siehe RA, Bd. 13, S. 55.
1134
Siehe MO 1917, Bd. 2, S. 365.
288

Soldaten aus 1135 , denen anscheinend nur der Besitzerwechsel einer


verschlammten, vollständig wüsten Einöde gegenüberstand. Tatsächlich
aber, und dabei braucht man noch nicht auf mittel- und langfristige
Konsequenzen, etwa in Form des Verschleißes von Reserven, zu verweisen,
führte die Flandernschlacht auf britischer Seite zu einem merklichen
Vertrauensverlust der Truppe in die Führung sowie eine Strategiediskussion,
in welcher politische Führer -mit Rücksicht auf Front und Heimat- für die
Zeit bis zum Eintreffen der Amerikaner die Defensive durchsetzen
wollten 1136 . Haigs Position gegenüber der politischen Führung war schon
vor dem Ergebnis der noch ausstehenden Kämpfe bei Cambrai
angeschlagen. Auf deutscher Seite bedeutete der Ausgang der
Flandernschlacht einen erheblichen Abwehrerfolg, der die durch das
absehbare Ausscheiden Rußlands aus dem Krieg und den Erfolg der
deutsch-österreichischen Offensive in Italien ab Ende Oktober 1137
veränderte Gesamtlage in Hinblick auf die Grundlagen einer entscheidenden
Operation 1918 erst in Wert setzen konnte 1138 . Was Flandern allerdings
auch bedeutete, war ein enormer Aderlaß an ausgebildeten Mannschaften

1135
Angaben zur Größenordnung der beiderseitigen Verluste variieren enorm, was nicht
zuletzt auch auf den Wunsch zurückgeführt werden kann, hieran Erfolg oder Mißerfolg der
Ermattungsstrategie bzw. des elastischen Abwehrverfahrens zu manifestieren. Außerdem,
und dies ist jedenfalls im britischen amtlichen Werk überaus deutlich, bestimmten
übertriebene und auf Gerüchten basierende Verlustziffern das Bild der Öffentlichkeit von
den (mangelhaften) Qualitäten der Führung. Zur Thematik siehe MO 1917, Bd. 2, S. 360ff.,
und eine diesbezügliche Klarstellung, die auf britische Verluste bis zu 350.000 Mann
deutet, bei Winter, Dennis: Haig’s Command. A Reassessment, o.O. o.J. (1991), S. 110ff.
1136
Siehe Prior/Wilson: Passchendaele, S. 195ff., und hinsichtlich der Wirkung auf die
Moral der britischen Truppen auch Johnson: Stalemate, S. 168, und Strachan: The First
World War, S. 248.
1137
Am 24.10.1917 begann am Isonzo die kombinierte Offensive, in deren Verlauf die
italienischen Streitkräfte bis an die Piave zurückgeworfen wurden und nach dem Verlust
von mehreren hunderttausend Mann durch Truppen ihrer Verbündeten gestützt werden
mußten. Die Auswirkungen dieses Geschehens waren auf beiden Seiten gewaltig; siehe
dazu auch Kap. 9.
1138
Siehe RA, Bd. 13, S. 146.
289

und Unterführern, deren Verlust äußerst schmerzlich war 1139 und während
der Schlacht alarmierende Indizien für eine immer dünner werdende Decke
an personellen Ressourcen und ihre 1918 so deutlichen Auswirkungen
erkennbar werden ließ 1140 . Der bayerische Kronprinz vermerkte am
[Link] 1917 in seinem Tagebuch, daß sich die Ersatzlage nach den
Worten Ludendorffs bedenklich ausnahm und noch schwieriger werden
würde. Er hielt an dieser Stelle zudem fest, wie sehr er persönlich Zweifel
hege, ob die Einberufung des Jahrgangs 1900 ausreichen würde, um die
Belastungen eines weiteren Kriegsjahres überstehen zu können 1141 . Die
diesbezügliche Bedeutung des materiell aufwendigen und verlustreichen
Abwehrsieges in Flandern sowie derjenigen zuvor ist retrospektiv klar zu
erkennen und wurde auch nach der Schlacht, als es um die Möglichkeiten
einer eigenen Offensive im Frühjahr 1918 ging, nachweislich in die Reihe
der beachtenswerten Faktoren aufgenommen. Wie Kronprinz Rupprecht am
[Link] 1917 festhielt, gab Ludendorff in einer Besprechung mit ihm
und Kuhl zu, „daß eine weitere große Abwehrschlacht einen sehr
beträchtlichen Kräfteverbrauch zur Folge hätte, und daß die Frage des
Mannschaftsersatzes ihm Sorge bereite“ 1142 . Der stetige Abgang von
Kräften ohne wesentliche Verbesserung der strategischen Gesamtlage in
Hinblick auf einen baldigen siegreichen Ausgang des Krieges definierte also
maßgeblich den Zwang zur Offensive 1918 1143 . Die Erinnerung an diesen

1139
Siehe Philpott, William J.: Anglo-French Relations And Strategy On The Western
Front, 1914-1918 (Studies In Military And Strategic History), London 1996, S. 148.
1140
Beispielhaft für die Wahrnehmung dieses Umstandes auch in der Truppe mag die
Aussage des Kommandeurs der [Link] von Anfang August 1917 sein, der baldigste
Ablösung der Truppe mit dem Hinweis darauf forderte, daß neben Belastungen durch
Witterungs- und Versorgungsverhältnisse besonders der große Ausfall an voll
ausgebildeten und Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften das „Zusammenhalten
des jungen Ersatzes“ erschwerte; siehe Baumgarten-Crusius, Artur (Bearb.): Geschichte der
Sachsen im Weltkrieg (Sachsen in großer Zeit, Bd. III), Leipzig 1920, S. 75. Siehe auch
Paschall: Defeat, S. 78f.
1141
Siehe Frauenholz: Kronprinz Rupprecht, Bd. 2, S.239.
1142
Siehe ebenda, S. 285.
1143
Siehe BA-MA, RH 61/51716: Anonymes Manuskript zur Ersatzlage 1917/18, S. 8: „Sie
[die OHL] hatte sich trotzdem entschlossen, den Angriff im Frühjahre zu führen. Und trotz
der Ersatzlage oder gerade ihretwegen blieb ihr gar nichts anderes übrig. Eine
290

Umstand verblaßte im Verlaufe der Entwicklungen des nächsten Jahres


allerdings zunehmend, wie in späteren Kapiteln der vorliegenden Arbeit
noch zu zeigen sein wird 1144 .
Im Oktober 1917, in den neben den bedeutenden Kampfhandlungen an der
Westfront auch der Beginn der erfolgreichen deutsch-österreich-ungarischen
Offensive gegen Italien fiel, unternahmen die Franzosen eine Operation,
welche die eigenen Stellungen westlich des Chemin des Dames, bei
Laffaux 1145 , verbessern und gleichzeitig den britischen Verbündeten in
Flandern entlasten sollte 1146 . Benannt nach Primärzielen der Unternehmung,
der Ferme und dem Fort de La Malmaison, wurde der Plan für die „Schlacht
von Malmaison“ als eng begrenzte Operation von vier Korps mit sieben
Angriffsdivisionen unter intensiver Vorbereitung und mit effektivierten
Mitteln gefaßt. Zu letzteren gehörten kurzes aber präzises Artilleriefeuer mit
Explosiv- und vor allem auch Gasgeschossen auf erkundete Feindstellungen
und Batterien, absolute artilleristische Feuerüberlegenheit, die während der
Kämpfe ein Verhältnis von 3:1 aufwies 1147 und zuvor sechs Tage lang
vorbereitend gewirkt hatte, die Erringung der Luftherrschaft zwecks eigener
Beobachtung und Feuerleitung der Artillerie sowie die Eliminierung der
deutschen Erd- und Luftbeobachtung 1148 . Das Resultat der von
französischer Seite am 23. Oktober infanteristisch begonnen und bereits am
[Link] für beendet erklärten Schlacht war im Verhältnis zu den
zeitgleichen Kämpfen in Flandern und den so herben, vorherigen
Rückschlägen beachtlich. Zum Preis von schätzungsweise 14.000 eigenen
Ausfällen waren dem Gegner Verluste in Höhe von etwa 28.000 Mann
beigebracht, 200 Geschütze, 222 Minenwerfer und 700 Maschinengewehre

Verteidigungsweise Führung des Krieges im Jahre 1918 hätte eine viel schärfere
Aufzehrung der Reserven gebracht und dazu drohten die amerikanischen Millionenheere.“
Siehe dazu auch Loßberg: Meine Tätigkeit im Weltkriege, S. 314f.
1144
Siehe Kap. [Link].
1145
Siehe hierzu die Karten in Kap. 6.
1146
Siehe RA, Bd. 13, S. 116, und LAF, Bd. V.2., S. 985ff.
1147
Siehe RA, Bd. 13, S. 117. 1.790 französische Geschütze waren vorhanden.
1148
Siehe LAF, Bd. V.2., S. 968 und S. 1007ff. Die Bedeutung der Erringung der
Luftherrschaft wird auch betont bei Hellot: Nivelle Et Pétain, S. 207.
291

erobert worden 1149 . Mehr noch, die eingangs definierten und geschickt
gewählten Operationsziele waren binnen kürzester Zeit erreicht worden,
was, durch ihre günstige Lage in der Flanke der Siegfried-Stellung, des
Chemin des Dames und der Ailette, den Verteidiger zur Aufgabe der
„Laffaux-Ecke“ und des „Damenweges“ zwang. Bezeichnenderweise
erfolgte die deutsche Rückzugsbewegung ab dem [Link] 1150 , dem
französischerseits als Datum des Endes der Schlacht festgelegten Tag,
womit der operative Erfolg der begrenzten Unternehmung besonders
unterstrichen wird. Der Hauptgewinn, die Wegnahme des Chemin des
Dames, um den seit April 1917 so erbittert gestritten worden war und der
daher von besonderer Symbolkraft war, wurde ohne Massenverluste des
Angreifers erzielt. Gleichzeitig manifestierte die Schlacht von Malmaison
für die Zeitgenossen das Ende der Krise innerhalb des französischen
Heeres 1151 .

8.1. Tank Corps und Artillerie d’Assaut.

Tanks waren an allen drei Operationen der Briten und Franzosen beteiligt,
wobei ihre Leistungen genauso ambivalent erscheinen, wie die gerade
angeführte Zusammenfassung der jeweiligen Schlacht ausgefallen ist.
Die detaillierten Planungen der britischen Seite für die Flandernoperationen
reichten wenigstens bis Anfang 1917 zurück, wie aus diversen im amtlichen
Werk edierten Memoranden hervorgeht. Den Tanks wurde dabei eine Rolle
zugewiesen, die sich zuerst augenscheinlich an die Vorstellung eines
gepanzerten Stoßarmes hielt, welcher über die genommene erste deutsche
Stellung hinweg tief in hintere Verteidigungslinien des Feindes stoßen
sollte 1152 . Ziel war ein Durchbruch, Mittel waren Überraschung und eine
große Anzahl konzentriert eingesetzter Tanks 1153 . Diese Vorstellungen
entsprachen im Grundsatz denjenigen, die von führenden Köpfen des Tank

1149
Siehe LAF, Bd. V.2., S. 1106, und RA, Bd. 13, S. 123.
1150
Zur sogenannten „Bunzelwitz-Bewegung“ siehe RA, Bd. 13, S. 122.
1151
Siehe Philpott: Anglo-French Relations, S. 149, und Pedroncini, Guy: Pétain. Général
En Chef 1917-1918, Paris 1974, S. 108.
1152
Siehe MO 1917, Bd. 2, S. 410ff.
1153
Siehe ebenda, S. 414.
292

Detachment propagiert worden waren und besonders von Fuller als Rezept
erfolgreichen Einsatzes nach Arras gefordert worden waren 1154 . Die Zeichen
für die endliche Berücksichtigung der Ideen innerhalb des Tank Detachment
schienen sich seit April insgesamt zu bessern. Denn mit dem Einverständnis
Haigs zur Aufstockung des Fahrzeug- und Personalbestandes auf 18
Kampfbataillone und umfangreiche Unterstützungsteile 1155 , wurde doch
wenigstens deutlich, daß ein guter Wille vorhanden war, der auf Vertrauen
in die Leistungsfähigkeit der gepanzerten Streitmacht gebaut zu sein schien.
Nun fragte die Führung der britischen Truppen in Frankreich sogar an,
inwieweit Kampfwagen an einer vollkommen neuartigen „Panzer-
Operation“ 1156 , einer amphibischen Landung im Rücken des Feindes an der
flandrischen Küste (Operation „Hush“), teilhaben könnten. Ein Plan, der
angesichts einer Vielzahl technischer und taktischer Schwierigkeiten kaum
realisierbar war und dann auch fallengelassen wurde, aber ganz offenbar
von den Köpfen des Tank Detachment als Gelegenheit zur Darbietung
eigener Improvisationskunst und zu intensivierter Interaktion mit der
Führung genutzt wurde 1157 . Die Hoffnungen auf die Möglichkeit der
Mitsprache und Einflußnahme bei den Operationen in Flandern waren
allerdings trügerisch, wenngleich ihr bis direkt vor Beginn der Schlacht
noch dadurch symbolisch Ausdruck verliehen wurde, daß das Tank
Detachment, offiziell die Heavy Branch des Machine Gun Corps, am [Link]
1917 als „Tank Corps“ in die Reihe der Waffengattungen des Heeres
aufgenommen wurde.
Die Zuführung des neuen Tanktyps Mark IV, der mit 12mm Panzerung
gegen deutsche SmK-Munition sicher sein sollte, lief ab Mitte April 1917
zwar endlich an, erfolgte aber nicht in der zugesagten Größenordnung und
brachte Aufwand bei der Ausbildung der Besatzungen mit sich 1158 . Die

1154
Siehe Abschn. 5.6.1.
1155
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 103f. Gemessen an den damaligen neun
Kampfbataillonen handelte es sich wenigstens um eine Verdoppelung des Bestandes an
Kampffahrzeugen.
1156
Siehe ebenda, S. 106.
1157
Siehe ebenda, S. 106f., und William-Ellis: Tank Corps, S. 69ff.
1158
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 102: „Der Mark-IV-Tank kam nun in großen Massen an
[vergleiche Fuller: Tanks, S. 109, wo er gerade einmal von der Umrüstung von zwei der
293

zugebilligte Vergrößerung des Tank Detachments blieb in den folgenden


Monaten zwischen Büros des Generalstabes und des Kriegsministeriums
hängen, wo man den Bedarf an Fahrzeugen und Personal mangels Priorität
in der Rüstung und beim Ersatzgeschäft nicht decken wollte 1159 , und die
Einsatzkonzeption für Flandern wandelte sich von der Berücksichtigung
einer starken und überraschend eingesetzten Tankstreitmacht hin zu den
bekannten Mustern der „normal tactical methods“. Von konzentriert
eingesetzten Tanks war nicht mehr die Rede, statt dessen wurde die
Verteilung der vorhandenen Fahrzeuge in kleinen Gruppen auf die
Angriffskorps vorgesehen 1160 . Dazu fiel der Artillerie wiederum eine
Schlüsselrolle zu, die tatsächlich schon durch die lange Vorbereitungszeit
für Heranführung von Munition und Geschützen sowie Erreichung der
gewünschten Wirkung jegliche Überraschung zunichte machen mußte 1161 .
Und, wiederum und vor allem, mußten die Eigenschaften des Terrains für
den Tankeinsatz Schwierigkeiten mit sich bringen, die vom ausgiebigen
Gebrauch der Artillerie noch maximiert wurden. Der niedrige
Grundwasserspiegel, zahlreiche Wasserläufe und die bisherigen
Kampfhandlungen hatten ihre Spuren im Gelände hinterlassen und

neun Bataillone im Mai 1917 spricht.] und wir mußten ihn von neuem armieren und zum
großen Teil mit der Ausbildung von vorne anfangen.“ Zum Mark IV siehe auch William-
Ellis: Tank Corps, S. 64.
1159
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 105.
1160
Siehe William-Ellis: Tank Corps, S. 65f., bzw. MO 1917, Bd. 2, Anhänge, bspw. S.
418ff. mit Zuteilungen im Vorfeld der Kämpfe im Wytschaete-Bogen. Interessanterweise
kommentierte Fuller diese Einsatzweise, die er selbst ja oft zuvor kritisiert hatte, im
Zusammenhang mit der Flandernoperation nicht explizit als Manko, sondern versteifte sich
auf die Konkurrenz zur Artillerie und deren Rolle als Vorbereitungswerkzeug der Angriffe.
1161
Fuller nennt für den Verlust der Überraschung eine symptomatische Begebenheit am
16.7.1917, bei der Haigs Stabschef Kiggell auf die direkte Frage des technischen Leiters
der Heavy Branch, Capper, nach den Möglichkeiten eines überraschenden Panzerangriffs
für das Aufreiben der deutschen Reserven nach bekanntem Muster mit großem
Artillerieeinsatz plädierte. Wie an dieser Aussage ersichtlich, stand der Tank in den Augen
der obersten Führung als Instrument definitiv nicht zur Diskussion, um im Rahmen der
Ermattungsstrategie in großer Zahl und überraschend schwere Schläge schnell und in
Bezug auf die zu erwartenden eigenen Verluste relativ günstig zu erreichen. Siehe Fuller:
Erinnerungen, S. 119.
294

wenigstens dem Frontbereich das Gepräge einer unwirklichen, feuchten


Sumpflandschaft gegeben 1162 . Anders als Fuller, der in seinen Memoiren
klar zum Ausdruck brachte, daß das verschlammte flandrische
Operationsgebiet für Tankeinsätze grundsätzlich ungeeignet gewesen sei
und die Anschuldigung erhob, daß dies von Haig als Kenner Flanderns
fahrlässig negiert wurde, bezog sich das britische amtliche Werk auf
General Elles, der in einem Schreiben von September 1917 zum Ausdruck
brachte, daß nicht das Gelände an sich zu grundsätzlicher Kritik am
Angriffsplan berechtigt habe, sondern vor allem der massive
Artillerieeinsatz fatale Folgen nach sich gezogen hatte 1163 . Beides
zusammen darf man als ausschlaggebende Faktoren für die geringe
Durchschlagskraft der Tanks in den flandrischen Operationen betrachten.
Am [Link] 1917 wurden gegen den Wytschaete-Bogen insgesamt 82 Tanks
im Rahmen der [Link]-Brigade bereitgestellt. Davon waren 72 vom neuen
Typ Mark IV auf die drei angreifenden Korps verteilt 1164 . Ihr Zweck
bestand allein darin, Hilfswaffe der vorrückenden Infanterie zu sein und den
Kampf mit deutschen Widerstandsnestern zu suchen. Hierin waren die
wenigstens 40 Wagen 1165 , die am ersten Tag der Schlacht ins Gefecht
geworfen wurden, leidlich erfolgreich, was zum überwiegenden Teil auf die
geringen Möglichkeiten geschoben werden kann, welche sich den
dezimierten und moralisch schwer angeschlagenen deutschen Verteidigern
im verwüsteten Gelände den langsam vorrückenden Tanks gegenüber in

1162
„Der flandrische Boden besteht aus einer sehr weichen und fruchtbaren Humusschicht,
die 1 bis 3 Meter unter die Erdoberfläche reicht. Unter dieser Erdschicht liegt eine
undurchlässige Tonschicht von rd. einem Meter Dicke. Wird diese durch Artilleriewirkung
zerschlagen, so quillt das Grundwasser nach oben und füllt die Geschoßtrichter bis zum
Rande mit Wasser.“ Zitiert nach Loßberg: Meine Tätigkeit im Weltkriege, S. 294.
1163
Siehe MO 1917, Bd. 2, S. 379.
1164
Neben diesen waren noch je sechs Ersatz- und Versorgungstanks der Typen Mark I und
II vorhanden; siehe Fuller: Erinnerungen, S. 110, und William-Ellis: Tank Corps, S. 65.
1165
Die Zahlen differieren wie üblich und belaufen sich auf 40, 46 oder 48 eingesetzte
Tanks für den 7.6.1917. Fuller führt dazu aus, daß 40 bei Angriffsbeginn und später
zusätzlich noch 24 Reservefahrzeuge eingesetzt wurden; siehe Fuller: Tanks, S. 110 bzw. S.
111.
295

einer besonders zu Beginn rasant verlaufenden Schlacht boten 1166 . An


einigen Punkten, etwa in Messines 1167 , bei Oosttaverne oder Wytschaete 1168 ,
wo sich Deutsche zur Verteidigung der Dorftrümmer stellten, konnten
Tanks ihrem Auftrag gemäß eingreifen und der vorgehenden Infanterie
wirkungsvoll assistieren. Spektakulär waren diese Fälle allerdings nicht,
sondern gleichen verschiedenen Momentaufnahmen aus den beiden
vorherigen Einsätzen an der Somme und bei Arras. Immerhin waren die
Verluste wesentlich geringer als zuvor. Angeblich nur zwei Tanks fielen am
ersten Tag der Schlacht deutschem Artilleriefeuer zum Opfer 1169 . Was als
schlechtes Omen für die kommende Flandernschlacht am [Link] erkennbar
wurde, waren die erheblichen Schwierigkeiten mit dem Angriffsgelände, die
nicht nur die Geschwindigkeit und Agilität der Tanks erheblich reduzierten,
sondern, je nach Zahlengrundlage der tatsächlich eingesetzten Fahrzeuge,
für Ausfälle in einer Größenordnung von bis zu 50% verantwortlich waren.
Allein 26 der insgesamt vorhandenen Tanks sollen einer Quelle zufolge
schon vor Beginn des Angriffs im Morast steckengeblieben sein 1170 . Und
dabei war das Wetter, anders als etwa bei Arras, bis zum [Link]
hervorragend gewesen 1171 . Dies änderte sich in den noch folgenden Wochen

1166
Siehe MO 1917, Bd. 2, S. 67: „The majority of 48 tanks of the II Tank Brigade
(Colonel A. Courage) allotted for the morning assault had been unable to keep pace with
the infantry owing to the broken state of the ground, which had reduced their speed to about
ten yards a minute.“ Siehe auch Marshall-Cornwall, James: Haig As Military Commander,
London 1973, S. 231.
1167
Siehe Cooper: Cambrai, S. 58, und MO 1917, Bd. 2, S. 63; dort: „Two machine guns in
action at the edge of the village were at once rushed, but on the left, machine-gun fire from
Swayne’s Farm, 400 yards north of the village, harassed the advance until a tank crashed
through the place, forcing the thirty Germans within to surrender.”
1168
Siehe Fuller: Tanks, S. 111, und MO 1917, Bd. 2, S. 70.
1169
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 21. Über die Verluste wird sich bei anderen
Autoren eher ausgeschwiegen, doch zumindest bei Marshall-Cornwall: Haig, S. 231, findet
sich die Zahl von 11 durch direkte Treffer ausgeschalteten Tanks. Diese bezieht sich sehr
wahrscheinlich auf die Gesamtausfälle des Tank Detachment bis zum Ende der Schlacht
um den Wytschaete-Bogen.
1170
Siehe ebenda.
1171
Siehe Fuller: Tanks, S. 110.
296

der Flandernschlacht insofern, als immer wieder eintretende Regenfälle 1172


und aufquellendes Grundwasser das trichterübersäte Schlachtfeld zusätzlich
versumpfen ließen. Daß man sich auf Seite des Tank Detachment dieser
Schwierigkeiten bewußt war, zeigte die Einführung eines recht simplen
Hilfsmittels, des Kletterbalkens oder „unditching beam“, im Vorfeld der
Flandernschlacht. Es handelte sich dabei um einen eisenbeschlagenen
Balken, der üblicherweise auf dem hinteren Teil des Fahrzeugdecks
transportiert wurde und im Bedarfsfall mittels zweier Ketten quer zur
Fahrtrichtung an den Laufbändern des Wagen befestigt werden konnte, um
beim Anfahren festen Grund zu schaffen 1173 . Wenn dies auch keinen Ersatz
für adäquate Bodenbeschaffenheit des gewählten Einsatzgeländes darstellte,
so war es doch eine wesentliche Verbesserung der Möglichkeiten, sich als
Besatzung im Notfall selbständig aus einer mißlichen Lage befreien zu
können 1174 .
In die Reihe derartiger Besonderheiten und Innovationen im Vorfeld der
Flandernschlacht gehörte auch eine neue Art der Einweisung von
Truppenführern und Unterführern. Seit Anfang Juli existierte ein
überdimensionierter „Sandkasten“ im Wald von Oosthoek, der den
Angriffsraum mit seinen geographischen und topographischen
Begebenheiten sozusagen en miniature darstellte und als begehbares Model
für plastische Eindrücke und das Zusammentreffen von Offizieren aller
Waffengattungen und Dienststellen sorgte 1175 . In Hinsicht auf den zuletzt
genannten Effekt war der Sandkasten für den taktischen Tankeinsatz
sicherlich nicht unbedeutend, denn er konnte für engere Fühlung mit der

1172
Siehe Prior/Wilson: Passchendaele, S. 87 und S. 97.
1173
Siehe William-Ellis: Tank Corps, S. 78f.
1174
Siehe ebenda, S. 79: „Sometimes Tanks would thrash away with their unditching beams
until their vain efforts to struggle out of some quaking quagmire on to better ground
overheated the engines or caused the machine to settle down so hopelessly in the oozing
mud as to be flooded out. Save on the very worst ground, however, the unditching beam
proved a most effective contrivance, and but little have been done in the Ypres fighting
without it.“
1175
Siehe William-Ellis: Tank Corps, S. 80.
297

Infanterie sorgen 1176 . Was allerdings die grundsätzlichen Parameter einer


Einweisung im Gelände betraf, die sich für die Durchführung des
Tankeinsatzes erstmalig an Kompaß-Marschzahlen mit Bezug zu
bestimmten Geländepunkten orientierte 1177 , so verursachten die
Verwüstungen durch Artilleriefeuer vielfach drastische Veränderungen
beziehungsweise den unwiederbringlichen Verlust dieser Bezugspunkte 1178 .
Am Einsatzverfahren der Tanks für die Flandernschlacht änderte sich im
Grundsatz nichts. Sie blieben Hilfswaffe der Infanterie, oder, wie Prior und
Wilson es nannten, eine „infantry protection weapon“ 1179 , die zum
Beseitigen von Stützpunkten in Gruppen auf die Angriffstruppen verteilt
wurden. Für diesen Zweck waren am [Link] 1917 insgesamt 254
Fahrzeuge 1180 aller drei Tank-Brigaden versammelt, die je nach Zielsetzung
der Korps in zwei bis drei Wellen und eine Reserve eingeteilt wurden. Das
Wetter am ersten Tag der Schlacht war schlecht, der Boden von Granaten
aufgerissen und das Gelände eine Schlammwüste, was die vorrückenden
Tanks an wenige brauchbare Wege band, sofern sie nicht stecken bleiben
wollten. Da zudem weder die deutsche Artillerie in genügendem Maße
dezimiert worden war und von Luftherrschaft über dem Angriffsgelände
nicht wirklich gesprochen werden konnte 1181 , definierte sich das Schicksal
der 136 tatsächlich am ersten Tag der Schlacht eingesetzten Fahrzeuge in

1176
Was diesen Punkt betrifft, wies Fuller in seinen Erinnerungen (S. 131) darauf hin, daß
es im Vorfeld der Flandernschlacht nicht nur zur engeren Fühlung kam, sondern die
Tankoffiziere als Berater der Infanteriestäbe fungierten. Das implizierte wohl einen
taktischen Vorteil bei der Zusammenarbeit und Koordination, andererseits war es
deutliches Zeichen der untergeordneten Bedeutung der Tanks als reine
Unterstützungswaffe.
1177
Siehe ebenda, S. 79, und Fuller: Tanks, S. 118.
1178
Siehe William-Ellis: Tank Corps, S. 79: „This system was to prove invaluable when,
later, the tides of battle had obliterated all the nearer landmarks, and men wandered
hopelessly lost in the increasing desolation.“
1179
Siehe Prior/Wilson: Passchendaele, S. 81.
1180
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 23. Davon waren 216 Mark IV
Kampffahrzeuge, 36 Nachschubwagen der Typen Mark I und II und zwei weitere Mark IV
dienten als Träger für Funkgeräte zur Nutzung außerhalb der Fahrzeuge.
1181
Siehe Hoeppner: Krieg in der Luft, S. 116.
298

einem Raum von Minimalerfolgen einzelner Wagen 1182 , dem


Abgeschossenwerden an vom Feind stark gesicherten, unverschlammten
Passagen des Gefechtsfeldes 1183 , dem simplen Steckenbleiben und dem
Steckenbleiben und anschließend durch deutsche Artillerie und Flugzeuge
zerstört werden 1184 . Etwa 70 Tanks, damit rund die Hälfte der eingesetzten
Fahrzeuge, gingen am ersten Tag verloren 1185 und Fuller urteilte vor dem
Hintergrund der Rahmenbedingungen und Zahlen, daß es sich bei dieser
Operation keineswegs um die erhoffte „Tankschlacht“, sondern um eine
„Panzerabwehr-Schlacht“ handelte, die konzeptionell von Anfang an eine
Totgeburt sein mußte 1186 . Schon im Regenwetter des [Link] forderte
Elles von der Armeeführung das Herausziehen seiner Einheiten, um sie für
spätere Einsätze und günstige Gelegenheiten aufzusparen. Dem Vorschlag
wurde von der befehlführenden [Link] (Gough) für die allernächsten Tage
offiziell entsprochen, doch er wurde nicht umgesetzt. Mit der Wiederholung
beziehungsweise der Wiederaufnahme verlustreicher Angriffe unter
Beteiligung des Tank Corps von Mitte des Monats an 1187 wuchs auf dessen
Seite die Befürchtung, sinnlos verbraucht zu werden, ohne in absehbarer
Zeit den notwendigen Ersatz und die zugesagten Verstärkungen zugeführt
zu bekommen 1188 . Diese Sorge mußte sich dadurch verstärken, daß Gough
ein absolut vernichtendes Urteil über Tanks im Einsatz fällte, das sich
folgendermaßen zusammenfassen ließ:

1182
Siehe Prior/Wilson: Passchendaele, S. 91, und MO 1917, Bd. 2, bspw. S. 151 oder S.
202f.
1183
Berühmt-berüchtigt war dabei die Straße Ypern-Menin (Menin Road), deren Verlauf als
„Tank Graveyard“ bekannt wurde. Durch deutsche Tankabwehrgeschütze und Artillerie, so
jedenfalls die auf deutscher Seite im Detail nicht zu bestätigende britische Darstellung,
wurden in diesem Angriffssektor 19 der 52 am 31.7.1917 angreifenden Tanks
abgeschossen. 22 weitere Wagen fuhren sich fest; siehe MO 1917, Bd. 2, S. 157 bzw. S.
157, Anm. 1; siehe auch Johnson: Stalemate, S. 141, und Wright, S. 78.
1184
Siehe dazu auch Griffith: Battle Tactics, S. 163. Den erfolgreichen Fliegereinsatz nennt
William-Ellis: Tanks Corps, S. 84 und S. 86. Siehe dazu auch Abschn. 8.2.
1185
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 27.
1186
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 134.
1187
Eine Aufstellung der Tankbeteiligungen bei Operationen bis zum 9.10.1917 bietet das
Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 31.
1188
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 139, und Perret, S 48.
299

„[Link] negotiate bad ground. [Link] ground on a battlefield will always be bad.
[Link] Tanks are no good on a battlefield.” 1189

Die existentielle Bedrohung des Tank Corps kulminierte dementsprechend


nicht nur im allgemeinen Verschleiß seiner Kräfte, der bis zum Abschluß
der Kämpfe schätzungsweise ein Quantum von 190 Fahrzeugen
ausmachte 1190 , sondern auch in dem in höheren und höchsten Kreisen
geäußertem Unmut und belegtem Unverständnis gegenüber seinen
Einsatzmöglichkeiten und seiner potentiellen Leistungsfähigkeit. Eine
Feststellung, die um so interessanter sein muß, als sie der britischen
Führung im Umfeld der Flandernschlacht nahezu dieselbe Beschränktheit
attestiert, die gemeinhin für die deutsche [Link] und ihr Verhältnis zu den
Tanks angenommen wird 1191 .
Am [Link] forderte Elles erneut das Herausziehen seiner für die
Verhältnisse in Flandern und die hier angewandte Kampfform vollkommen
untauglichen Tanks. Gleichzeitig wies er auf die Möglichkeit hin, an
anderen Fronten, bei der 1. und [Link] beiderseits Arras’, in kleineren
tankgestützten Operationen aktiv werden zu können 1192 . Zu diesem
Zeitpunkt hatte es bereits einen konkreten Plan Fullers für einen
Handstreich gegen das im Befehlsbereich der [Link] von General Byng
gelegene [Link] gegeben, den der Urheber Ende August, in
berechtigtem Glauben an die Ignoranz der militärischen Führung in
Frankreich, gleich an die Fürsprecher des Tanks in London, Stern, Churchill
und Tennyson D’Eyncourt gesandt hatte 1193 . Fünf der acht in Flandern
vorhandenen Bataillone des Tank Corps wurden daraufhin, nach
schriftlicher Intervention D’Eyncourts und mündlichen Vorträgen Elles’ und
Byngs bei Haig aus der Front genommen. Diese Bataillone bildeten
zweieinhalb Monate später den Kern der Angriffstruppen bei Cambrai 1194 .
Über den noch andauernden Einsatz der in Flandern verbliebenen Bataillone

1189
Zitiert nach William-Ellis: Tank Corps, S. 89. Siehe auch Cooper: Cambrai, S. 59.
1190
Die Zahl findet sich bei Griffith: Battle Tactics, S. 163. Legt man 254 Tanks bei Beginn
der Schlacht zugrunde, ergibt sich ein Ausfall von 74,8%.
1191
Siehe Abschn. 1.2.1.
1192
Siehe MO 1917, Bd. 2, S. 243, Anm. 3, und ebenda, S. 379f.
1193
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 156f.
1194
Siehe ebenda.
300

der [Link]-Brigade schrieb Fuller in seinen Erinnerungen die für die Lage
vor Ort und die Situation des Tank Corps’ in dieser „Schlamm-Schlacht“
insgesamt bezeichnende Passage:
„Ein Angriff folgte dem anderen, ein paar Meter Sumpfboden wurden erobert,
ein paar Meter verloren, während Schützenlinien vorne Maschendraht legten, um zu
verhindern, daß die Mannschaften im Schlamm einsanken. Ein typisches Beispiel
war der Angriff am [Link]: 18 Tanks des E-Bataillons und 12 des D-
Bataillons gingen ins Gefecht. Von diesen erreichte nur einer sein Ziel, 19 blieben
stecken, 5 erhielten Volltreffer und fünf hatten Pannen. Der Boden war jetzt so
durchgebuttert, daß einige Tanks im Matsch verschwanden.“ 1195

Noch bevor das Ereignis „Cambrai“ überhaupt seine Schatten vorauswerfen


und der Legende nach eine neue Ära der Landkriegführung begründen
konnte, fand mit der Schlacht bei Malmaison etwas statt, dem
Modellcharakter unterstellt werden konnte 1196 . Eine Modellhaftigkeit, die
derjenigen gleicht, die vom Auftakt der britischen Operation gegen den
Wytschaete-Bogen hätte ausgehen können, wäre nicht programmgemäß die
Flandernschlacht gefolgt.
Wie oben angeführt, spielte in der französischen Konzeption die Frage der
Luftüberlegenheit, der Aufklärung und der Wirksamkeit der Artillerie
zusammen mit dem Faktor Überraschung eine besondere Bedeutung 1197 .

1195
Zitiert nach ebenda, S. 142.
1196
Siehe bspw. Pedroncini: Pétain, S. 105, oder Falls: First World War, S. 285.
1197
Ende August 1917 war ein auf diesen Grundsätzen basierender französischer Angriff
bei Verdun erfolgt. Auch ohne Beteiligung von Tanks und ohne wirkliche Überraschung
brachen die Franzosen tief in die deutschen Stellungen ein. Das Ereignis mag
verdeutlichen, daß die deutsche Verteidigung außerhalb der erkannten Großkampfsektoren,
die Material und Truppen aufsogen, unter erheblicher Schwächung litt. Dieser Umstand
fand keinerlei Würdigung in Ludendorffs Kriegserinnerungen aber Eingang in das KTB des
Kronprinzen Rupprecht; siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 381f., und Frauenholz:
Kronprinz Rupprecht, Bd. 2, S. 268f. (Eintrag vom 6.10.1917 wegen Verminderung
frischer Kräfte für Flandern durch eine erwartete Offensive bei der 7. und [Link]). Auch
auf die Niederlage der [Link] bei Verdun folgten durch Ludendorff persönlich
angeordnete Personalveränderungen. Der Stabschef des AOK 5, der Kommandeur und der
Stabschef des [Link] wurden über den Kopf des Armeeführers, von Gallwitz, hinweg ihrer
Posten enthoben. Gallwitz schrieb: „Es war einleuchtend, daß die Massnahmen eine
Quittung für den Mißerfolg des [Link] darstellten. Obwohl General Ludendorff nicht
mein Vorgesetzter, auch nicht für die Handhabung der Personalien verantwortlich war,
301

Dasselbe galt für die chars d’assaut, wobei ihnen auf Grundlage der
bekannten Fahrzeugmängel, der recht geringen Anzahl einsetzbarer
Fahrzeuge und der bisherigen Erfahrungen keineswegs „visionäre“ und
damit möglicherweise zu anspruchsvolle Aufgaben zugemutet wurden,
sondern genau das, was als Uridee ihr Zweck sein sollte. In diesem Sinne
setzte man sie als Begleitwaffe der Infanterie ein, der von
Maschinengewehren und Widerstandsnestern gesäuberte Gassen in die
feindlichen Stellungen hinein gebahnt werden sollten.
Die technischen Unzulänglichkeiten der Typen [Link] und Schneider
zeigten sich bei dieser Gelegenheit erwartungsgemäß wieder, wie durch
wenigstens 27 vor Angriffsbeginn steckengebliebene Fahrzeuge, 15 weitere,
mit technischen Pannen behaftete Wagen sowie zahlreiche
Kommandantenausfälle durch „Kopfverletzungen“, die durch fehlende
Alternativen zum Beobachten „über Luke“ verursacht worden waren,
dokumentiert wird 1198 . Lediglich neun Tanks sollen durch deutsche
Waffenwirkung ausgefallen sein 1199 , und diejenigen der 67 eingesetzten
Fahrzeuge, die in den Kampf gegen die erschütterten deutschen Verteidiger,
die mit durch Gas- und Artilleriebeschuß massiv dezimierter
Artillerieunterstützung kämpfen mußten und nach hinten durch
französisches Feuer von Versorgung und Reserven abgeschnitten
wurden 1200 , eintraten, bewiesen ihre Nützlichkeit 1201 . Diese ähnelte in ihrer

wusste ich doch, dass er die Seele aller wichtigen persönlichen Maßnahmen war.“ Zitiert
nach BA-MA, N 2214/32: Nachlaß Obkircher, Auszüge aus von Gallwitz, Bd. II‚ Erleben
im Westen 1916/18, S. 5.
1198
Siehe Hellot: Nivelle Et Pétain, S. 206f.
1199
Siehe Goya, S. 349.
1200
Siehe RA, Bd. 13, S. 119. Wie effektiv die französische Aufklärung und die Planung
des Artillerieeinsatzes gearbeitet hatten, belegt ein Abschnitt ebenda: „Hinter einer
Feuerwalze, die zum Beispiel bei der auf Allemant angreifenden Division 16 Schuß in der
Minute auf 100 Meter der deutschen Front legte und in Sprüngen von 50 Metern bis 655
morgens vorwärtsrollte, folgten die Sturmwellen. Sie fanden die Grabenbesatzungen wie
Stoßreserven meist niedergekämpft. Die deutsche Artillerie südlich der Ailette blieb infolge
von Verlusten, Munitionsknappheit, Zerstörung aller Nachrichtenmittel und mangelnder
Beobachtungsmöglichkeiten fast ohne Wirkung. Die Artillerie des zweiten Treffens konnte
nur durch vorgesandte Offiziere Klarheit gewinnen und erst dann das Feuer aufnehmen.“
Zum Zustand der Verteidiger und Verlauf der Kämpfe siehe auch Müller-Loebnitz: Das
302

Form den bei vorherigen britischen Tankeinsätzen üblichen Berichten über


die Beseitigung einzelner Feindpositionen. Doch gemessen an den
Ereignissen des [Link] an der Aisne und den Erwartungen, welche die
französische Führung ein halbes Jahr später und nach den „Meutereien“
hegen durfte, war der Einsatz ein voller Erfolg, der es nicht an
ausschlaggebenden Aktionen der Abteilungen der artillerie d’assaut
innerhalb der begrenzten Operation fehlen ließ 1202 . Im Unterschied zum
Tank Corps und dessen schwieriger Situation zwischen Befehlshabern,
Rüstungspolitik und der Wiederholung von Einsatzfehlern stellte sich die
Lage der artillerie d’assaut wesentlich günstiger dar. Mit Pétain und seinem
Stabschef Foch gab es eine Führungsspitze, welche die Möglichkeiten
dieser Waffe nicht überschätzte, sie nicht überforderte und sie so
gebrauchte, wie die technischen Möglichkeiten es zu diesem Zeitpunkt
zuließen. Mit Aussicht auf den neuen Typ FT-17 1203 und die Vermehrung
der Panzerverbände im Frühjahr 1918, konnte es vor dem Hintergrund der
Bewährung, welche die Schlacht von Malmaison bedeutete, keinerlei
Parallelität zum Existenzkampf des Tank Corps geben.

8.2. Tankabwehr.

Die Wahrnehmung der drei Hauptschlachten an der Westfront zwischen Mai


und November 1917 durch die OHL stellt sich für den heutigen Betrachter
erwartungsgemäß als Anknüpfung an die vorherigen Erfahrungen dar. Dies
hatte zum einen den Grund, daß strategische Belange, welche die Schaffung

Ehrenbuch der Westfalen, S. 429ff. Die [Link] betonte in ihrem Bericht über die Schlacht
ausdrücklich die verheerende Wirkung des Gasbeschusses und der Artillerie-Kommandeur
der [Link] berichtete über eklatantes Versagen des vorgesetzten Stabes (Gr Vailly) bei der
Munitionsversorgung der Batterien; siehe HStAS, M 206, Bü. 9: Chef d. Genst. d.
Feldheeres II. Nr. 5345 geh. op. vom 16.11.1917: Erfahrungen der [Link] über französisches
Gasschießen, bzw. ebenda, M 30/1, Bü. 72: HGr Albrecht Artl. 192 vom 10.11.1917.
1201
Siehe LAF, Bd. V.2., S. 1107f.
1202
Siehe bspw. Pendroncini: Pétain, S. 106 : „Une fois encore les chars les [die deutschen
Maschinengewehre] réduisent au silence. Au cours de l’attaque de la seconde position ils
jouèrent une rôle décisif : ils annihilèrent les défenses de la tranchée Dennewitz, écrasèrent
les mitrailleuses du bois Planté, et s’emparèrent sans coup férir de deux batteries.“
1203
Siehe Abschn. 6.5.1.
303

einer günstigen Ausgangslage für eine deutsche Offensive im kommenden


Jahr betrafen, offenbar Vorrang vor Detailfragen hatten oder diese
überlagerten, dann auch, daß es auf dem Sektor solcher Details wenig
Neuigkeiten zu geben schien.
Den Verlust des Wytschaete-Bogens und der Laffaux-Ecke konnte man auf
Führungsfehler schieben, deren Kern in bekannter Manier vornehmlich auf
lokaler Ebene verortet und sanktioniert wurde 1204 . Die Schlacht in Flandern
dagegen schien in der Folge der Frühjahrskämpfe einmal mehr zu beweisen,
daß der taktische Vorteil auf deutscher Seite lag und, Dank der
hervorragenden Vorbereitung des Frontsektors zur Abwehr, nur in
Augenblicken überhaupt mehr als örtliche Geländeeinbußen drohten 1205 .
Unter diesen Erfolg in Flandern fielen auch die Tanks, deren Einsatz bei
Wytschaete anscheinend gar nicht wahrgenommen worden ist und denen für
die anschließende Flandernschlacht eine so geringe Rolle beigemessen
wurde, daß die bisherigen und von der [Link] getroffenen
Abwehrmaßnahmen, bereitgestellte Tankabwehrzüge der Feldartillerie und
SmK-Munition für die Infanterie 1206 , als völlig ausreichend betrachtet
werden konnten. Der „Tankschrecken“ schien bereits vorher „ziemlich
beseitigt“ 1207 gewesen zu sein, und seine im Verlauf der Kämpfe als

1204
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, etwa S. 382 und S. 392f. Anzumerken ist, daß
die Frage Räumung des Wytschaete-Bogens und der Laffaux-Ecke im Vorfeld beider
Schlachten von verschiedenen Stellen angesprochen und von Ludendorff schließlich
abschlägig beantwortet worden war. Die Stabschefs der beiden bei Malmaison betroffenen
Gruppenkommandos wurden nach dem Desaster durch Ludendorff ihrer Posten enthoben,
was dem heutigen Betrachter durchaus als Stringenz im Führungsverhalten der [Link]
erscheinen muß; siehe RA, Bd. 13, S. 122.
1205
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 392.
1206
Siehe Loßberg: Meine Tätigkeit im Weltkriege, S. 297, S. 300 und S. 303. Die dort
wiedergegebenen Anordnungen wurden von Loßberg am 27.6.1917 den Verbänden der
[Link] bekanntgegeben. Wie aus der TG FAR 20, S.297 und S. 307, hervorgeht, wurden
diese Züge direkt den Infanterie-Regimentern unterstellt und konnten durch diese
angefordert und eingesetzt werden. Mit der SmK-Munition konnten, entgegen jeder
anderweitigen Behauptung, Erfolge gegen die neuen Mark IV Tanks errungen werden;
siehe TG RIR 240, S. 295, mit einem lebendigen Gefechtsbericht vom 5.8.1917. Vergleiche
William-Ellis: Tank Corps, S. 68.
1207
Siehe Loßberg: Meine Tätigkeit im Weltkriege, S. 303.
304

vollständig klassifizierte Aufhebung spiegelte sich später noch bis in die


Kriegserinnerungen Ludendorffs wider, der für den gesamten
Berichtzeitraum der Flandernschlacht kein Wort über diese Waffe verlor.
Dieselbe Geringschätzung brachte die deutsche Propaganda zum Ausdruck,
bei der, an den „großen Bluff“ von April 1917 anknüpfend, wiederum die
Leistung der deutschen Verteidiger und die Schwächlichkeit des alliierten
Kriegsmittels bis hin zum Mitleid mit seinen Besatzungen gepflegt wurde:
„Das Schicksal der Tankangriffe ist bekannt. Die Eisenkolosse wurden zum Teil
schon durch Maschinengewehr aufgehalten, und sie waren verloren, sobald sie in
das Zielfeuer deutscher Geschütze gerieten. Das Schicksal der Besatzung der
erledigten Tanks war furchtbar. Sie verbrannten in den explodierenden
Benzinmassen bei lebendigem Leibe. Die englischen Soldaten haben an das
Eingreifen von einigen hundert Tanks geglaubt. Das war übertrieben. 60 sind zum
Sturme vorgefahren. Davon mußten einige umkehren, einige sind stecken geblieben,
und 25 haben wir erlegt. Sie lagen vor der undurchbrochenen Front, und um sie
herum, scheußlich verzerrt, die halbverkohlten Körper ihrer
Bedienungsmannschaften, die wie lebende Fackeln aus den explodierenden
Panzerkästen geschleudert wurden. Das ist der Verlauf des großen, seit vielen
Monaten vorbereiteten Tankangriffs gewesen.“ 1208

Die Realität war nur bedingt Inhalt derartiger Ausführungen, wie mit der
Frage nach einer frontnahen deutschen Perspektive -und zwar einem Blick
„von unten“- schnell nachgewiesen werden kann. In der Truppengeschichte
des FAR 20 findet sich eine solche Perspektive, nämlich die Sichtweise
eines Zugführers, dessen beide Geschütze am [Link] 1917 in Flandern
zur Tankbekämpfung herangezogen wurden. Das Vorbringen der Geschütze
durch die unter massivem Beschuß liegende Trichterwüste sowie der Kampf
selbst gestalteten sich derart mörderisch, daß man aufgrund der Aussagen
versucht ist, von einem Himmelfahrtskommando zu sprechen 1209 . Daß sich

1208
Zitiert nach Scheuermann, W.: Die Tanks in der flandrischen Schlacht, in Baer (Hg.):
Der Völkerkrieg, Bd. 23, S. 164f. Anzunehmen ist aufgrund der Details dieses Berichtes,
daß er gar nicht die Tanks in der Flandernschlacht 1917 betraf, sondern für die Schlacht bei
Arras im April 1917 gedacht, aber später veröffentlicht worden ist.
1209
Siehe TG FAR 20, S. 307ff. Nicht umsonst fanden wohl auch Soldaten eines
Nachbarzuges Erwähnung, die den in die Schlacht rückenden Kameraden „mitleidig“
nachgeschaut haben sollen, weil deren gesunde Rückkehr nicht zu erwarten gewesen sei.
Aus den Passagen der TG zum Kampf gegen Tanks in Flandern spricht eindeutig auch der
305

bei einer solchen Einsatzweise dennoch Erfolge einstellten, die in ihrer


Gesamtheit den Eindruck nährten, dieser und künftigen Herausforderungen
technisch und mental gewachsen zu sein, lag zweifelsfrei im bewiesenen
und über alle Schwierigkeiten erhabenen Willen der Geschützbedienungen,
den Kampf aufzunehmen sowie in den Eigenschaften des Gefechtsfeldes
begründet, welche die Tanks ihrer ohnehin geringen Mobilität beraubten.
Wie etwa an der Aisne im April 1917, so fußte der Abwehrerfolg aber eben
nur zu einem Teil auf eigenen Dispositionen, „eigenem Willen“ der
Soldaten, ohne den tatsächlich nichts erreicht worden wäre oder eigenen
Kräften, die angewiesen wurden, zur Stelle zu sein. Letztendlich basierten
sie also auf dem Faktor der Kampfbereitschaft der Truppen. Zu einem
anderen, vielleicht sogar gleichgroßen Teil fußte der Erfolg auf Grundlagen,
die vom Feind geschaffen oder zugelassen wurden und dem Verteidiger, im
Sinne eines retrospektiv unterstellbaren, inadäquaten Gebrauchs der Tanks,
Vorteile verschaffen mußten. Letzteres spielte in den Äußerungen der
höchsten Führung keine Rolle und blieb für „Wytschaete, Flandern und
Malmaison“, um diese komplexen Kampfhandlungen und Operationen
vereinfachend zusammenzufassen, genauso undiskutiert wie die
Rahmenbedingungen, die nach den Frühjahrsschlachten zur überaus
günstigen Bewertung der Tankabwehrmöglichkeiten geführt hatten. Die
Kontinuität innerhalb dieser Einschätzungen durch die OHL ist
offensichtlich 1210 , genauso aber auch die Ambivalenz bei der Beurteilung
von Sachverhalten durch die untergeordnete Führung. Sicherlich kann in
Hinblick auf den Tank im Sommer und Herbst 1917 nicht davon gesprochen
werden, daß er mehr als die zuvor schon bezeugte Leistung aufwies. Doch
sein Einsatz im Verband mit einer grundsätzlich veränderten Kampfweise,
wie sie bei Malmaison erstmalig vorkam und auch von der dortigen
deutschen Führung als solche wahrgenommen wurde 1211 , hätte eine

Stolz auf die eigene Leistung, wie er durch ein Gedicht (S. 320) dokumentiert wird.
Worüber nicht hinweggetäuscht werden kann, sind die extremen Umstände, unter denen die
Tankabwehr zu arbeiten hatte und die Wirkung des verschlammten Gefechtsfeldes.
1210
Siehe Abschn. 7.2.
1211
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 152f.: AOK 7 Ia Nr. 101/Nov.17. vom 14.11.1917:
Rückblick auf die Gefechte vom 23.-25.10.1917. Ebenda (Bl. 153) wird angeführt, daß die
306

Reaktion der OHL zumindest in Form eines tiefergehenden und


selbstkritischen Austausches mit relevanten Dienststellen und Frontstäben
erwarten lassen können. Entsprechendes konnte bei Recherchen zur
vorliegenden Arbeit nicht nachgewiesen werden und fand auch keinen
Eingang in das Manuskript Petters zur Kampfwagen-Abwehr, was als
deutliches Zeichen dafür gewertet werden kann, daß ein solcher Vorgang,
wenn überhaupt existent, jedenfalls nicht aktenkundig geworden ist. Die
auch in diesem Zusammenhang interessanten Aufzeichnungen Kuhls
verweisen demgemäß auch nur auf den Umstand, daß das Versagen der
Führung des AOK 7 bei Malmaison und die Blindheit der OHL gegenüber
dem eigenen, noch immer sinnlosen Kräfteverbrauch im Zentrum der
Fragen stand, nicht aber die der Art nach veränderten Aktionen des
Feindes 1212 .
Insgesamt betrachtet ist ein tiefergehender Austausch zwischen den
Frontdienststellen und der OHL nur spärlich nachweisbar, geht es um
Tankabwehrfragen. Wenn man etwa für die Flandernschlacht nach

feindlichen Erfolge durch die Häufung der bekannten Kampfmittel, besonders des
Massenfeuers der Artillerie, des Gaseinsatzes und der Tanks, errungen wurden. Besondere
Erwähnung fand, daß die [Link] bei Malmaison heftigst von Panzerwagen angegriffen
worden war, denen sie nicht standhalten konnte. Konterkariert wird der Inhalt der
Archivalie durch die propagandistische Abhandlung der Schlacht von Malmaison von
amtlicher Seite. Mit keinem Wort wurde auf Tanks eingegangen, mit keinem Wort wurde
der Zwang zum Rückzug vom Chemin des Dames angeführt und der Grundtenor
kulminierte überaus realitätsverfremdend in einer „blutigen Nase“, die sich der französische
Angreifer nach einem „örtlichen Anfangserfolg“ geholt habe; siehe: Die Oktoberschlacht
an der Aisne (Schlacht bei Malmaison). Bericht aus dem deutschen Großen Hauptquartier
vom [Link] 1917, in Baer (Hg.): Der Völkerkrieg, Bd. 23, S. 203-205. Zum Verlauf
des Kampfes im Rahmen der [Link] siehe auch Müller-Loebnitz: Das Ehrenbuch der
Westfalen, S. 429f.
1212
Siehe BA-MA, RH 61/51714: Solger: Akten- und Tagebuchauszüge (Heft/Akt 240):
Tagebucheintrag Kuhls vom 1.11.1917: „‚Ludendorff: ..... Die [Link] werde morgen den
Chemin des Dames räumen“’ Damit ist ein vernichtendes Urteil gesprochen über das ganze
Verhalten der [Link] nach der Aisne-Schlacht. Sie wollte ihre Stellung nach vorn
verbessern. Das wurde damals allgemein gepriesen, auch von der O.H.L. Kostete sehr viel
Truppen und Munition und war doch ohne Erfolg! Ich habe dies damals für gänzlich
verfehlt gehalten, dies nutzlose Bataillieren. Nun ist diese ganze Taktik bankerott. Das war
es auch, was heute Ludendorff so große Sorge machte.“
307

Mitteilungen untergeordneter Stäbe an die OHL sucht, kann zwar so etwas


wie der Bericht des AOK 4 zu Erfahrungen mit Kampfreserven aufgefunden
werden, hierin aber kein Wort, das über die Rahmenbedingungen des
infanteristischen Gegenstoßes oder Gegenangriffs hinausgeht 1213 . Daß es
andererseits und trotz der abermaligen Bewährung des Abwehrverfahrens
und des letztendlichen Abwehrerfolges in Flandern die Einsicht bei den
dortigen Verantwortlichen gab 1214 , Tanks nicht als peripheres Problem
anzusehen, beweist ein Schreiben der Heeresgruppe Rupprecht von Mitte
September 1917 überdeutlich 1215 . Feindliche Tanks seien zwar durch die
bereitgestellten Tankabwehrmittel „vielfach niedergekämpft“ worden, was
in dieser relativierenden Wortwahl für den Betrachter schon an sich
bemerkenswert sein muß, doch würden sie bei der Infanterie jetzt und auch
in Zukunft noch „Verwirrung und Verluste“ hervorrufen. Diese Tatsache
berechtigte zu einer Anfrage bei der OHL nach verbesserten Möglichkeiten
der infanteristischen Tankabwehr. Die Antwort der OHL, die von der
Heeresgruppe ihren Armeen ohne weiteren Kommentar übermittelt wurde,

1213
Siehe HStAS, M 33/2, Bü: 330, Bl. 125ff.: AOK 4 Ia/g No 776/August vom 26.8.1917:
Wichtigste Erfahrungen der Kampfreserven der Armee aus den Schlachten am 31.7 und
16.8.1917. Betont wurde ausdrücklich (Bl. 128), daß der britische Feind der „mit
aufgepflanztem Bajonett und Hurrah vorgehenden Infanterie“ nicht standhielt.
Informationen zur Tankabwehr durch Feldartillerie der Eingreiftruppen waren nicht
enthalten.
1214
Besonders kritisch zeigt sich in diesem Zusammenhang der Chef der Gruppe
Wytschaete, Oberstleutnant v. Thaer. Für Ende September 1917 findet sich in seinen
Aufzeichnungen eine Passage zum erheblichen Kräfteverbrauch während der Kämpfe in
Flandern, und er verwies auf das Fehlen von Tanks auf deutscher Seite: „Hätten wir Tanks,
und zwar in größeren Mengen, die könnten uns helfen, aber wir Deutsche haben keine.“
Siehe Otto/Schmiedel, Dok. 104, S. 263. Nachdem was bislang über die britischen Tanks in
Flandern angeführt wurde, kann man sich auch hier nur schwerlich der Meinung Thaers
anschließen (siehe Abschn. 5.6.2.).
1215
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 573: HGr Rupprecht Art. Nr. 27557 vom 16.9.1917.
Adressaten des von Kuhl unterzeichneten Schreibens, das mit größter Wahrscheinlichkeit
von den Erfahrungen des AOK 4 angeregt worden war, waren AOK 2, 4 und 6. Nicht zu
überprüfen war die enthaltene Aussage, daß es ursprünglich die Heeresgruppe Rupprecht
gewesen sei, welche die Konstruktion einer „Muskete“, der Tankabwehrwaffe der
Infanterie, angeregt habe.
308

ist bereits in einem vorangegangenen Abschnitt dargelegt worden 1216 und


dokumentiert klar das Vertrauen der obersten Führung in die bereits
bewährten, vornehmlich artilleristischen Abwehrmittel. Neben diesem
vertikalen Austausch gab es gleichzeitig das Einfordern jüngster
Erfahrungen zwischen den Heeresgruppen Rupprecht und Kronprinz, wie es
schon für die Bewertungsphase der Frühjahrsschlachten nachweisbar ist 1217 .
Damit erschöpfen sich allerdings die relevanten Mitteilungen, die für den
Zeitraum zwischen Ende der Frühjahrsschlachten bis zur Schlacht von
Cambrai bezüglich der Diskussion von Tankabwehrfragen bei höheren
Stäben des Feldheeres an der Westfront gemacht werden können.
Losgelöst von bekannten Tankabwehrmitteln und dem Austausch mit den
mehr oder weniger frontnahen Führungsstäben des Heeres traten im Verlauf
der Flandernschlacht die Luftstreitkräfte auf den Plan. Anders als es weiter
oben für eine britische Schilderung als Faktum angenommen wurde 1218 ,
finden sich von deutscher Seite für den relevanten Zeitraum keine ganz
eindeutigen und präzisen Belege für erfolgreiche Tankbekämpfung aus der
Luft. Der Kommandierende General der deutschen Luftstreitkräfte, von
Hoeppner, wies in seiner Darstellung der Geschichte der deutschen
Militärfliegerei jedoch ausdrücklich auf die überaus günstige Wirkung von
„Schlachtfliegereinsätzen“ während der Flandernschlacht hin 1219 .

1216
Siehe Kap. 7.
1217
Siehe Kap. 5. und BA-MA, PH 6 I/29, Bl. 147: Anfrage der HGr Kronprinz bei der
HGr Rupprecht wegen neuer Erkenntnisse bei der Tankabwehr vom 3.10.1917.
Neuigkeiten wurden nicht ausgetauscht, wohl aber längst in Frage zu stellende Angaben,
wie zur Graben-Überschreitfähigkeit der britischen Tanks, die mit zu geringen 2,50m
Breite angegeben wurde, weitergereicht. Vergleiche BA-MA, RH 61/50769: Manuskript
Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 115, wo auf die Erfahrungen der HGr Rupprecht mit
den Baugruben der Siegfriedlinie hingewiesen wird. Die HGr teilte laut Petter auf die
Anfrage hin mit, daß Tankfallen von 4m Breite und Tiefe Erfolg versprachen.
1218
Siehe William-Ellis: Tanks Corps, S. 84 und S. 86, bzw. Abschn. 8.1.
1219
Siehe Hoeppner: Krieg in der Luft, S. 146. Suggeriert wird hier die außerordentliche
Wirkung von Fliegern gegen Tanks auch an anderer Stelle, etwa durch eine Zeichnung in
Eberhardt, Walter v. (Hg.): Unsere Luftstreitkräfte 1914-1918. Ein Denkmal deutschen
Heldentums, Berlin 1930, S. 289. Die Abbildung zeigt tieffliegende Bomber beim Angriff
auf britische Tanks und findet sich ohne Textbezug innerhalb eines Berichts Görings zu
Luftkämpfen in der Flandernschlacht.
309

Tatsächlich war eine Schlachtfliegertruppe zu diesem Zeitpunkt noch nicht


vorhanden. Hinter dem Gebrauch des Begriffs verbargen sich zu diesem
Zeitpunkt Tiefangriffe von Flugzeugen mit Maschinengewehren,
Wurfminen und Bomben, die mit ihrem bemerkenswert erfolgreichen
Eingreifen gegen wenig präzise beschriebene „lohnende Erdziele“ 1220 den
Grundstein zum forcierten Aufbau einer auf solche Einsätze spezialisierten
Sparte der Luftstreitkräfte legten. Mehr als nur gestützt wird die Annahme
Hoeppners zum Ursprung der Tankbekämpfung aus der Luft durch eine
speziell auf den Luftwaffeneinsatz in Flandern 1917 ausgerichtete Arbeit
von Stein-Liebensteins aus den 30er Jahren 1221 . Erfolgreiches Eingreifen der
in der Schlacht generell geradezu „rücksichtslos“ eingesetzten deutschen
Flieger ließ sich schon für den ersten Angriffstag attestieren, dann aber auch
für die folgenden Großkampftage wie den [Link] oder den
[Link] 1222 . Genannt wurden vor allem Erdangriffe mit
Maschinengewehren, die große Wirkung gezeigt haben sollen 1223 , und die
besondere Stärke des Einsatzes von Flugzeugen als Schlachtflieger im
Zusammenhang mit dem Vorgehen der Eingreiftruppen. Ohne nähere
Datierung, aber im Kontext eher den Ergebnissen solcher Einsätze Ende
September 1917 zuzuordnen, findet sich bei Stein-Liebenstein die Aussage,
daß es schließlich auch zu Angriffen auf feindlichen Tanks kam, die mit
„geballten Handgranaten“ ausgeführt wurden und Fahrzeuge zumindest zum
Stehen gebracht haben sollen 1224 .
Aus den Erfahrungen in Flandern synthetisierte man jedenfalls ganz
offensichtlich die Möglichkeit einer Tankabwehr aus der Luft, und daß diese
von der OHL als wirkungsvolle Bereicherung des vorhandenen Spektrums

1220
Siehe Hoeppner: Krieg in der Luft, S. 121.
1221
Siehe BA-MA, RH 61/50864: Friedrich Wilhelm v. Stein-Liebenstein: Die
Flandernschlacht im Sommer 1917 und ihr Einfluss auf Tätigkeit und weitere Entwicklung
der deutschen Luftwaffe, Textband. Stein-Liebenstein verfaßte die Arbeit als Major an der
Luftkriegsakademie.
1222
Siehe ebenda, S. 23 (31.7.1917), S. 31 (16.8.1917) und S. 43f. (20.9.1917).
1223
Siehe ebenda, S. 31.
1224
Siehe ebenda, S. 47f. Nähere Angaben zur Herkunft dieser Information machte Stein-
Liebenstein bedauerlicherweise nicht, und er nannte auch kein Beispiel für ein derartiges
Vorkommnis.
310

betrachtet wurde, bezeugt die Vorschrift für Schlachtfliegereinsatz vom


[Link] 1917 1225 . Darin wurde für die neu zu schaffenden
Schlachtflieger die Tankbekämpfung ausdrücklich neben das Eingreifen
gegen feindliche Infanterie und Artillerie gestellt 1226 .
Ebenfalls im Bestand der Luftstreitkräfte und ebenfalls eher im Vorgriff auf
zukünftige Bewährung fand sich ein weiteres Tankabwehrmittel in Form der
Kraftwagen-Flug-Abwehr-Kanonen, kurz Kraftwagen-Flak oder nur K-Flak.
Diese Waffen, auf Lastkraftwagen montierte Beute-Feldgeschütze oder
deutsche 7,7cm Kanonen, wurden keineswegs als Ersatz für die zur
Tankabwehr bereitgestellten, bespannten Teile der Feldartillerie angesehen,
da ihre Geländegängigkeit im für die Westfront bislang charakteristischen
Trichterfeld völlig unzureichend sein mußte. Was der Überlegung ihres
Einsatzes zugrunde lag, basierte unzweifelhaft auf Beispielen für
erfolgreiche Wirkung gegen Infanterieziele in der Flandernschlacht 1227 und
scheint die Möglichkeit zur Sicherung weiter hinter der Kampflinie
gelegener Frontteile gegen Augenblicksziele wie Infanterie und
durchgebrochene Tanks gewesen zu sein. Verhältnismäßig große Mobilität
auf Straßen, schnelle Feuerbereitschaft und eine gute Feuergeschwindigkeit
der Geschütze, denen noch vor den Kämpfen bei Cambrai die rare
Panzerkopf-Munition überwiesen worden sein soll 1228 , vereinten Qualitäten,
die weder bei den früheren Nahkampfgeschützen, noch bei der Feldartillerie
in dieser Form aufzufinden waren 1229 . Allerdings war die Zahl der

1225
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 94.
Gemeint ist der Teil 12 des Sammelhefts der Vorschriften über den Stellungskrieg für alle
Waffen, „Verwendung und Einsatz von Schlachtfliegern“.
1226
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 302.
Ebenda, S. 105, wird auch darauf hingewiesen, daß für die Tankabwehr, die mit SmK-
Munition gewährleistet werden sollte, auch Tests mit einer 2cm Bordkanone eingeleitet
wurden.
1227
Siehe BA-MA, RH 61/50864, Textband, S. 32. Erwähnt wurde das Eingreifen des
Kraftwagen-Flak-Zuges 4 in ein Gefecht gegen britische Infanterie am 16.8.1917, wobei
der Feind mit Schrapnell-Feuer gestoppt werden konnte.
1228
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 105.
1229
Einen Überblick zur Entwicklung der Flugabwehrtruppe und deren Geschützmaterial
während des Krieges bietet Kriegsgeschichtliche Abteilung der Luftwaffe (Hg.):
Entwicklung und Einsatz der deutschen Flakwaffe und des Luftschutzes im Weltkriege
311

verfügbaren Kraftwagen-Flak begrenzt; am „schwarzen Tag“, dem [Link]


1918, sollte etwa das AOK 2 nur über sieben Exemplare verfügen 1230 . Ihre
Primäraufgabe war außerdem nach wie vor der Luftschutz, was sie maximal
als Notbehelf in schlimmsten Lagen in Frage kommen lassen konnte.
Etwas kurios nimmt sich bei beiden Tankabwehrmöglichkeiten durch Teile
der Luftstreitkräfte aus, daß ihr Aufbau und ihre Vermehrung für die
Zukunft indirekt zu Lasten des Heeres gingen. Die Zurücksetzung der
Konstruktion von Tankabwehrwaffen und Tanks für das Heer, die sich für
diesen Zeitraum maßgeblich in der Festlegung auf ein 13mm Kaliber für
eine vollautomatische Abwehrwaffe 1231 und diverse Tests mit
1232
Kettenfahrzeugen ausdrückte, eröffnete den Luftstreitkräften die
rüstungstechnischen Grundlagen für effektive und über vielleicht auch über

(Kriegsgeschichtliche Einzelschriften der Luftwaffe, Bd. 1), Berlin 1938. Auf den
Erdeinsatz der Flak wird darin allerdings mit keinem Wort eingegangen. Vergleiche
Grimme: Flugabwehr und Heimatluftschutz, in Neumann: Die deutschen Luftstreitkräfte, S.
572. Die innerhalb des Beitrages vorhandene Schilderung von Oblt. Grunow (S. 575) zur
Tankbekämpfung durch Flak zwischen Somme und Avre bezieht sich zweifelsfrei auf
Kämpfe im August 1918 und keinesfalls, wie dort angegeben, auf das Kriegsjahr 1916.
1230
Siehe Baur de Betaz (u.a. Bearb.): Die Luftstreitkräfte in der Abwehrschlacht zwischen
Somme und Oise vom 8. bis [Link] 1918 und der Rückblick auf ihre vorausgegangene
Entwicklung (Die deutschen Luftstreitkräfte von ihrer Entstehung bis zum Ende des
Weltkrieges 1918, Bd. 6), Berlin 1942, S. 152.
1231
Siehe Muther, S. 70, und BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-
Abwehr, S. 106. Die Festlegung der GPK durch das KM hinsichtlich der Fertigung eines
13mm Maschinengewehrs zur Tank- und Fliegerbekämpfung (Tuf-MG) erfolgte am
25.10.1917. Siehe dazu auch Michael, St: Deutsches Tuf-MG. 1918, in Zeitschrift für
Heereskunde, Nr. 142/143, Jg. 1955, S. 61: „So erhielt Anfang Oktober 1917 die Gewehr-
Prüfungs-Kommission (G.P.K.) vom Kriegsministerium den Auftrag, ein großkalibriges
M.G. zur Bekämpfung von Tanks und Fliegern zu schaffen, das schon im Frühjahr 1918 in
größerer Zahl an der Front zum Einsatz kommen sollte. Eine Besprechung am [Link]
1917 bei A2 [Infanterie-Abteilung des KM] brachte allein das Ergebnis, daß das Kaliber
der neuen Waffe 13mm sein sollte; mehr geschah eigentlich nicht.“
1232
Siehe BA-MA, RH 61/50768, Studie Hildebrandt, Teil 4a, S. 7ff., ebenda, RH
61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 95ff., und Klietmann, Kurt G.:
Der Bremer- und Marien-Wagen 1914-1918. Aus der Vorgeschichte der deutschen
Kampfwagen-Waffe im [Link], in Zeitschrift für Heereskunde, Nr. 138, Jg. 1954, S.
102-106. Dort werden 1917 parallel zum A7V getestete Fahrzeuge beschrieben.
312

das Maß jedes damaligen Visionärs bei weitem hinausgehende, effiziente


und moderne Tankabwehrwaffen 1233 . Auf Grundlage vom Tank an sich
unabhängiger rüstungstechnischer Vorgaben und auf Ideen für eine größere
Variabilität der bekannten Waffen aufbauend, schuf man quasi als
Nebenprodukte der Luftrüstung die Vorfahren der späteren „Panzerjäger“ zu
Lande und in der Luft. Die Bewährung dieser richtungsweisenden
Tankbekämpfungsmittel sollte bereits einen Monat nach der
Veröffentlichung der oben angeführten Schlachtfliegervorschrift
erfolgen 1234 .

9. „From mud, through blood, to the green fields beyond“. Tanks und
Tankabwehr in der Schlacht bei Cambrai, November-Dezember
1917.

Pläne für eine primär auf Tankmassen bauende Operation hatte es im Tank
Corps schon recht früh gegeben 1235 , doch in den bisherigen
Einsatzverfahren waren die Grundlagen, die hierfür geschaffen werden und
vorhanden sein mußten, durchweg vernachlässigt geblieben. Der Druck auf
das Tank Corps von seiten der militärischen Kritiker war derweil stetig
gestiegen, bis hin zu der im vorangegangenen Kapitel dargelegten
grundsätzlichen Frage nach seiner weiteren Existenz. Die einzige
Alternative, eine solche Entwicklung aufzuhalten und den Wert der neuen
Waffe vor ihrem kläglichen Ende zu demonstrieren, stellte eine Möglichkeit
zur Bewährung dar, die allein auf den bisherigen Erfahrungen und damit auf
dem Verzicht der üblichen Einsatzweise durch die höhere Führung basieren

1233
Siehe Hoeppner: Krieg in der Luft, S. 141. Das nach Kriegseintritt der USA aufgelegte
„Amerikaprogramm“ stellte die Luftrüstung in den Rüstungsprioritäten neben die U-Boot-
Waffe und wies ihr die zum Um- und Ausbau benötigten Arbeitskräfte und Rohstoffe zu.
1234
Siehe Kap. 9.
1235
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 102, mit dem Hinweis auf einen Vorschlag zum Einsatz
einer „Tankarmee“ mit mehr als 1.800 Fahrzeugen vom März 1917.
313

konnte 1236 . Den Plan für eine solche Operation, die auf der Grundlage
„Vorstoß, Schlag, Rückzug“ 1237 schon mit Rücksicht auf die durch Verluste
in Flandern schwindenden Kräfte und vielleicht auch mit Vorsicht
gegenüber der Einmischung zahlreicher höherer Infanterie- und
Artilleriestäbe relativ klein sowie auf 24 Stunden begrenzt geplant
wurde 1238 , konnte Anfang August 1917 zwischen Fuller und Elles diskutiert
werden. Letzterer verwarf Fullers ursprünglichen Plan eines Handstreichs
gegen [Link] 1239 , da ein solcher die Zusammenarbeit mit den Franzosen
voraussetzte und daher sehr wahrscheinlich vom Oberkommando abgelehnt
werden würde 1240 , so daß man nach einem anderen, für eine Tankoperation
geländetechnisch geeigneten Ort Ausschau hielt. Mit dem Abschnitt der
Siegfried-Stellung vor Cambrai im Bereich der britischen [Link] (Byng)
wurde dieser gefunden. Fullers Idee für einen Raid fußte auf Überraschung,
geeignetem Terrain für einen Tankeinsatz und dem Ziel, dem Feind
unabhängig von Geländegewinnen binnen kürzester Zeit schwerste Verluste
beizubringen 1241 .

1236
Bezeichnenderweise fand dieser Aspekt Eingang in den Angriffsbefehl des Tank Corps,
„Special Order, No. 6“ vom 19.11.1917: „To-morrow the Tank Corps will have the chance
for which it has been waiting for many months, to operate on good going in the van of
battle.“ Zitiert nach William-Ellis: Tank Corps, S. 108. Siehe auch Wright, S. 78.
1237
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 153.
1238
Siehe ebenda, S. 152. Vorgesehen waren für einen Schlag gegen [Link] zwei Tank-
Brigaden, zwei britische und zwei französische Divisionen sowie drei Kavallerie-
Divisionen zum Ausnutzen eines möglichen Erfolges oder als infanteristische Reserve.
1239
Dies ist durchaus als glücklicher Umstand für die britische Operation zu werten, da man
auf deutscher Seite Ende Oktober 1917 mit einer Unternehmung gegen die Stadt rechnete,
die Heeresgruppe Rupprecht ihr Augenmerk auf den Sektor gerichtet und für den Fall der
Fälle von der OHL Verstärkungen zugesichert bekommen hatte; siehe BA-MA, RH
61/51714: Solger: Akten- und Tagebuchauszüge (Heft/Akt 240): HGr Rupprecht an OHL
wegen Möglichkeiten eines britischen Angriffs auf [Link] vom 29.10.1917.
1240
Offenbar sah nicht nur Fuller selbst Anzeichen für eine zutiefst „antifranzösische“
Einstellung Haigs, sondern zumindest auch Elles; siehe Fuller: Erinnerungen, S. 106. Siehe
auch Travers: How The War Was Won, S. 70.
1241
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 153, und William-Ellis: Tank Corps, S. 101.
314

Abb. 8: Karten zur Tankschlacht bei Cambrai 1242 .

1242
Abb. oben nach nach H[Link] , Abb.
unten nach Banks, S. 174.
315

Hierfür schien der Frontsektor vor Cambrai außerordentlich günstig zu sein,


da er als relativ ruhiger Abschnitt die Überraschung des Gegners
ermöglichen konnte und über hervorragende Bodenbeschaffenheit ohne die
üblichen Verwüstungen und sonstige Einschränkungen verfügte 1243 . Das
potentielle Gefechtsfeld wurde außerdem in weitesten Teilen durch zwei

1243
Siehe Cooper: Cambrai, S. 68, und Fuller: Erinnerungen, S. 163.
316

Kanäle, im Norden durch das ungeflutete Bett des Canal du Nord und im
Osten und Süden durch den Canal de l’Escaut (auch Canal de Saint-Quentin
oder Schelde-Kanal), eingerahmt, was in den Augen Fullers einerseits
natürliche Grenzen des Tankeinsatzes definierte, andererseits aber auch
einen gewissen Schutz gegen zu erwartende deutsche Gegenangriffe bieten
konnte 1244 . Aus dieser Perspektive wurde das Schlachtfeld für einen
Handstreich als günstig beurteilt. Für alles darüber hinaus mußten die
Kanalbegrenzungen ein ernsthaftes Hindernis darstellen.
Die Vorstellungen Byngs, der sich für den Einsatz von Tanks schnell
erwärmen konnte, mögen allerdings bereits zu diesem frühen Zeitpunkt von
der Idee Fullers für einen reinen Raid ohne weitergehende
Durchbruchabsichten abgewichen sein, da er mit der Idee einer größeren
Unternehmung seiner [Link] gegen den Sektor beziehungsweise Cambrai
schon selbst gespielt und den Gedanken an einen Durchbruch wohl auch
niemals aus den Augen verloren hatte 1245 . Im britischen amtlichen Werk ist
erstaunlicherweise in diesem Zusammenhang zu lesen, es sei Elles gewesen,
der Byng in einer Erweiterung der Pläne Fullers bestärkte 1246 .
Bei einer Präsentation der noch mehr oder weniger vagen Idee eines
Vorstoßes gegen Cambrai, die Byng Haig und dessen Stab am [Link]
1917 persönlich dargelegte, wurde mit Rücksicht auf die fortdauernde
Flandernschlacht, besonders aber durch die Intervention des Stabschefs
Haigs, Kiggell, gegen die neue Operation entschieden. Fallengelassen wurde
der Plan deshalb jedoch nicht, sondern fast konspirativ, wie William-Ellis es
formulierten 1247 , im kleinen Kreis durch Elles, Fuller, Byng und dessen Stab
weiter verfolgt, modifiziert und präzisiert 1248 .
Den Ausschlag für eine Operation bei Cambrai gab die sich ganz allgemein
verschlechternde Gesamtlage, welche dahin tendierte, mit dem Ausklingen
der verlustreichen Schlacht in Flandern, dem Zusammenbruch des
russischen Verbündeten und der Offensive der Mittelmächte gegen Italien

1244
Siehe Fuller: Tanks, S. 138f., und Fuller: Erinnerungen, S. 155f.
1245
Siehe Cooper: Cambrai, S. 66, MO 1917, Bd. 3, S. 8, und Paschall: Defeat, S. 105.
1246
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 7.
1247
Siehe William-Ellis: Tank Corps, S. 101.
1248
Siehe ebenda, S. 77.
317

einen militärisch wie politisch absolut desaströsen Schlußstrich unter die


enormen Anstrengungen der Verbündeten im Jahre 1917 zu ziehen 1249 . Die
Option, sich moralisch arg angeschlagen, ohne handfesten Gewinn und mit
Aussicht auf einen durch Verstärkungen von der Ostfront zusehends
erstarkenden deutschen Gegner in eine Winterpause zu begeben, scheint
schon aus persönlicher Befindlichkeit Haigs, dem militärisch für diese Lage
Hauptverantwortlichen, heraus kaum wählbar gewesen zu sein, so daß er
sich nach Alternativen umsah 1250 .
Die Anreize, die der Plan gegen die Siegfried-Stellung bei Cambrai bieten
konnte, waren vor dem Hintergrund eines düsteren Jahresausgangs relativ
groß. Schon bei den ersten Ausführungen zu einer Unternehmung gegen
[Link] hatte Fuller von der Wiederherstellung britischen Ansehens und
einem für alle Seiten offensichtlichen Schlag gegen Deutschland vor
Wintereinbruch gesprochen- demnach also von Aussichten auf einen Sieg
mit vor allem moralischer Wirkung bei Freund und Feind, der indirekt auch
Haigs persönliche Situation im Zentrum der Kritik aus der Heimat
verbessern mußte 1251 . Dies binnen kürzester Zeit, mit relativ geringer
Truppenzahl, relativ geringem Materialverbrauch und mit der von Byng
gehegten Hoffnung auf einen weitergehenden Erfolg in Form eines
möglichen Durchbruchs 1252 zu erreichen, mußte also aus politischer,
militärischer und persönlicher Sicht verlockend erscheinen.
Am [Link] gab Haig sein Einverständnis zu einem Angriff bei
Cambrai, der sich, zum Unbehagen des eigentlichen Urhebers 1253 , in den

1249
Siehe ebenda, S. 74f.
1250
Siehe Cooper: Cambrai, S. 67: „Haig looked around for some operation that could be
mounted quickly to show immediate results in order to raise morale both at home and
among his troops.“
1251
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 152. Mit einem ganz ähnlichen Tenor warb auch Byng
bei Haig für die Operation; siehe Winter: Haig’s Command, S. 116.
1252
Siehe Marshall-Cornwall: Haig, S. 250.
1253
Siehe Cooper: Cambrai, S. 68, und Fuller: Erinnerungen, S. 163. Ebenda liest man:
„Hieraus ist ersichtlich, daß die Operation keineswegs ein Vorstoß, sondern vielmehr eine
entscheidende Schlacht war. Als ich [Fuller] zu dieser Erkenntnis kam, war ich entsetzt,
denn am [Link] hatte ich diesen Angriffsabschnitt deswegen ausgewählt, weil er gerade
für einen Vorstoß geeignet und für eine entscheidende Operation ungünstig war.“
318

Planungen der [Link] und mit Einverständnis Elles’ vom Raid in eine
großangelegte Operation entwickelt hatte. Und diese wurde von Haig selbst,
zum Leidwesen aller Beteiligter, als Durchbruchsschlacht auf Basis einer
nur fünfwöchigen Vorbereitungszeit verstanden 1254 . Allerdings behielt sich
Haig vor, beim Scheitern der Offensive innerhalb eines Zeitfensters von 48
Stunden, das auch von Fuller als Zeitraum bis zum Eintreffen deutscher
Reserven betrachtet wurde 1255 , den Abbruch der Operation anzuordnen 1256 .

9.1. Der Plan, der Angreifer und die Tankunterstützung.

Die Ziele, die mit dem als Operation „GY“ benannten Stoß in die Siegfried-
Stellung vor Cambrai erreicht werden sollten, wurden nach mehrmaligen
Eingaben Haigs am [Link] 1917 von Byng endgültig festgelegt. Im
Handstreich sollten die deutschen Stellungen zwischen dem Canal du Nord
bei Havrincourt und dem Schelde-Kanal bei Banteux durchbrochen werden,
um eigener Kavallerie den Stoß auf Cambrai, die zentral auf dem gedachten
Schlachtfeld gelegene Höhe des Bourlon-Waldes sowie auf das Ostufer des
Schelde-Kanals zu ermöglichen. Nach dem weiteren Vorankommen der
Hauptkräfte Richtung Norden und Nordosten würde die Kavallerie die
Übergänge über die nördlich Cambrai verlaufende Sensée sperren und so
die Grundlage für die völlige Vernichtung der deutschen Truppen zwischen
den Kanälen und dem Fluß schaffen 1257 .
Bedenkt man die erhebliche Ausdehnung des Schlachtfelds und die
verlängerten Linien, die bei einem Erfolg entstehen mußten 1258 , muß es
unverständlich erscheinen, weshalb für die Zeit nach der Vernichtung der
deutschen Kräfte keinerlei Anweisungen gegeben wurden. Es wurde
lediglich auf spätere Befehle verwiesen, die dem Kampfverlauf
entsprechend abgestimmt sein sollten 1259 und möglicherweise den sehr viel

1254
Siehe Winter: Haig’s Command, S. 115f.
1255
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 95.
1256
Siehe Winter: Haig’s Command, S. 118, und Marshall-Cornwall: Haig, S. 250
1257
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 18 bzw. App. 1 (The Third Army Plan), S. 306ff.
1258
Siehe dazu auch Abschn. 9.5.
1259
Siehe MO 1917, Bd. 3, App. 1, S. 307 und S. 308, sowie App. 2 (Third Army
Instructions to Cavalry Corps), S. 311.
319

weiter gesteckten, auf Valenciennes und Douai zielenden Absichten Haigs


Rechnung tragen konnten 1260 . Von dem ursprünglich von Fuller
angedachten Raid, der den sofortigen Rückzug nach sich ziehen sollte, fehlt
in den Weisungen jede Spur. Dies ist um so merkwürdiger, als für den
Angriff eine beschränkte Anzahl Truppen stark variierender Qualität zur
Verfügung stand und ein Mehr an Kräften für den Aufbau einer neuen und
längeren Frontlinie veranschlagt werden mußte. Der Verbrauch an
Verbänden durch die andauernden Kämpfe in Flandern mußte vor diesem
Hintergrund schwer wiegen, da er die Angriffskräfte und die gerade auch
bei einem Erfolg und dessen Ausweitung benötigten Reserven
1261
reduzierte .
Nichtsdestotrotz belief sich die Anzahl der für die Operation zur Verfügung
stehenden Divisionen auf ein ansehnliches Maß. Neben weiteren Verbänden
anderer Korps, welche mit Ablenkungsunternehmen im Norden und Süden
des Einbruchsraumes betraut wurden, verfügte das [Link] für seinen Stoß
zwischen der Römerstraße Bapaume-Cambrai und Beauchamp über drei
Divisionen (36., 62. und 51.) und eine weitere als nördliche Flankendeckung
(56.), das [Link], das daran anschließend bis südlich Gonnelieu stand,
über weitere vier Divisionen (6., 20., 12. in erster Linie, 29. als Reserve
dahinter) 1262 . Außerdem standen drei Divisionen des [Link] als
Armeereserve zur Verfügung 1263 . Teile von fünf Kavallerie-Divisionen (1.-

1260
Siehe Winter: Haig’s Command, S. 116f. Fuller gab dagegen in einer frühen
Darstellung an, daß der Einsatzplan der [Link] bereits einen Stoß auf Valenciennes
beinhaltete; siehe Fuller: Tanks, S. 144. In die offiziellen Befehle floß dies aber nicht ein,
so weit man sie auf Grundlage der edierten Schriften in MO 1917, Bd. 3, als vollständig
betrachten kann.
1261
Siehe Prior/Wilson: Passchendaele, S. 179. Angezeigt wurde von den Verfassern der
verschwenderische Umgang mit Eliteverbänden, die, wie das Kanadische Korps,
unsinnigerweise in den letzten Zügen der Schlacht verbraucht wurden und für die Operation
gegen Cambrai nicht zur Verfügung standen. Winter gab zusätzlich dazu an, daß Byng das
Kanadische Korps im September noch für den Angriff auf Cambrai angefordert und dessen
Einsatz quasi als Grundbedingung für das Gelingen betrachtet hatte; siehe Winter: Haig’s
Command, S. 116.
1262
Siehe MO 1917, Bd. 3, Sketch 2 und 3.
1263
Siehe Cooper: Cambrai, S. 75. Es handelte sich um die 40., die 59. und die Garde-
Division, die erst im weiteren Verlauf der Schlacht aktiv wurden.
320

5.) wurden zudem zum Kavallerie-Korps vereinigt oder den beiden


Angriffskorps zugeteilt und für den Stoß in die Tiefe der deutschen
Stellungen bereitgestellt 1264 . Eine zusätzliche, aber von britischer Seite aus
Geheimhaltungsgründen und mit Rücksicht auf logistische Schwierigkeiten
wenig geschätzte Hilfe wurde von französischer Seite in Form von zwei
Infanterie- und drei Kavallerie-Divisionen in Aussicht gestellt, die hinter
dem rechten Angriffsflügel aufmarschieren sollten, um dann aus dem
Einbruchsraum nach Süden zu stoßen 1265 . Zu einer direkten französischen
Beteiligung an der Offensive kam es letztendlich nicht, woran der Unwille
der britischen Führung, diese überhaupt in die Planungen zu integrieren,
ursächlich beteiligt gewesen zu sein scheint 1266 .
Am ersten Angriffstag sollten insgesamt sieben Infanterie- und drei
Kavallerie-Divisionen auf etwa 11km Frontbreite, unterstützt von starken
Fliegerkräften, denen auch Schlachtflieger-Aufgaben zugedacht waren 1267 ,
und nach einem kurzen Artillerieschlag mit Spreng- und Nebelmunition aus
1.000 Geschützen 1268 , vorgehen, um die für die Erweiterung des Angriffs
lebenswichtigen Punkte, namentlich die Übergänge über den Schelde-Kanal
und den Bourlon-Wald zu gewinnen.
Wenn diese Kräfteansammlung nun kaum noch etwas mit Fullers Raid zu
tun hatte, so blieben zwei der von ihm gewünschten Operationsgrundlagen
erhalten: Die Überraschung beziehungsweise eine diese und die beständige
Eignung des Geländes garantierende kurze Artillerievorbereitung, welche
von Byng wegen eines in seiner Armee entwickelten Schießverfahrens
„nach Karte“ ohne langwieriges und auffälliges Einschießen der Geschütze
genehmigt wurde 1269 , und die Zusammenziehung aller vorhandenen Teile

1264
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 23.
1265
Siehe ebenda und Zindler, Erwin: Erziehungsarbeit und ihr Erfolg bei Cambrai, in
Watter, S. 135 und S. 138.
1266
Siehe Golla: Tanks, S. 53.
1267
Siehe William-Ellis: Tank Corps, S.105, und Fuller: Erinnerungen, S. 164.
1268
Zur Zusammensetzung der Artillerie siehe MO 1917, Bd. 3, S. 24f.
1269
Als Erfinder dieser Methode gilt auf britischer Seite der Artilleriekommandeur der
[Link], Brigadegeneral Tudor. Mit der Anwendung der Methode konnte der
Überraschungsfaktor gewahrt und gleichzeitig die ziemlich unkontrollierte Verwüstung des
Geländes an wichtigen Stellen, die bis dahin mit Massenfeuer auf Basis eines „trial and
321

des Tank Corps als Speerspitze des Angriffs. Aber anders als ursprünglich
angedacht, bedeutete letzteres keinesfalls, daß dem Tank Corps, wenn schon
nicht im operativen Maßstab, so doch zumindest die gewünschten Freiheiten
und tiefergehenden Einflußmöglichkeiten bei der taktischen Durchführung
überlassen wurden. Einmal dürfte die Frage nach Dienstgrad
beziehungsweise Anciennität der Führungspersönlichkeiten des Tank Corps
dagegen gesprochen haben. Denn ohne außerordentliche Vollmachten
konnten sie den dienstälteren und ranghöheren Kommandeuren der
Divisionen und Korps keine Vorschriften machen 1270 . Zum zweiten war das
Vertrauen dieser Generale –Byng eingeschlossen- in die Fähigkeiten der
Tanks augenscheinlich eher gering 1271 , was größere Einflußnahme der
Führung und Offiziere des Tank Corps zur Utopie und die gepanzerte
Streitmacht grundsätzlich zur Unterstützungswaffe der Infanterie machte.
Dagegen aufzubegehren kam der Spitze des Tank Corps offenbar nicht in
den Sinn 1272 . Es ging vielmehr darum, auf den durch diese Vorgesetzten
manifestierten Grundanlagen aufzubauen und weitgehende
Übereinstimmung mit dem Armeeoberkommando herzustellen, um

error“ Verfahrens durchgeführt worden war, vermieden werden; siehe MO 1917, Bd. 3, S.
6f., Smithers: Cambrai, S. 95, und Cooper: Cambrai, S. 80.
1270
Im Zusammenhang mit der Abänderung des Einsatzplans der Tanks bei der [Link]
(s.u.) schrieb Fuller von seiner Intervention beim Stab der [Link]. Dort wurde seine
Kritik zwar aufgenommen, „aber die Doktrin von der Kommandogewalt [der Divisions-
und Korpskommandeure] war zu tief eingewurzelt“ und nichts geschah; siehe Fuller:
Erinnerungen, S. 178.
1271
Über eine Besprechung im Hauptquartier der [Link] am 8.11.1917 urteilte Fuller:
„Für mich war diese Besprechung von hohem psychologischen Interesse, denn sie zeigte,
daß nur sehr wenige von den anwesenden Generalen ein Verständnis für die Leistungen des
Tanks und infolgedessen auch kein Vertrauen in ihn besaßen.“ Siehe Fuller: Erinnerungen,
S. 169. Siehe dazu auch Cooper: Cambrai, S. 59, bzw. Abschn. 8.1.
1272
Fuller nahm dies sogar hin und formulierte für die Tanks die grundsätzliche
Einsatzmaxime, daß sie die feindlichen Stellungen zu durchbrechen, die Infanterie durch
die Einbruchzone zu begleiten und sie in den Grabengefechten zu schützen hätten; siehe
Fuller: Erinnerungen, S. 173. Ebenda, S. 175f., wird dies nochmals dadurch unterstrichen,
daß Fuller in einer Denkschrift vom 1.11.1917 auf den Charakter der Tanks als
Unterstützungswaffe der Infanterie und die Verantwortung der höheren Infanteriestäbe für
die gemeinsame Ausbildung einging.
322

maximale Wirkung der gepanzerten Kräfte im Zusammenwirken mit der


Infanterie und deren Führungsstäben zu erreichen 1273 .
Zur Hebung des Vertrauens gegenüber dem für viele Einheiten neuen
Partner Tank fanden praktische Demonstrationen vor Infanterie- und
Kavallerie-Einheiten statt, die auch daraus bestanden, daß starke
Verteidigungswerke von Tanks „angegriffen“ und überwunden wurden 1274 .
Der Erfolg der Tanks bei derartigen Vorführungen und gemeinsamen
Trainingseinheiten war laut Fullers Darstellung enorm und steigerte das
Vertrauen der Zuschauer in die gepanzerte Hilfswaffe erheblich 1275 . Eine
Meinung, der sich zumindest auch die [Link]-Brigade anschließen konnte,
wenngleich auf diverse Mängel während der praktischen Ausbildungsphase
mit Infanterieeinheiten und der für diese vollkommen neuartigen
Kampfweise im Verbund hingewiesen wurde 1276 . Diese neue Einsatzweise
fand ihren Niederschlag in verschiedenen Vorschlägen Fullers zum
kombinierten Tank-Infanterie-Einsatz, während ältere Anweisungen
offenbar gültig blieben und diese Anstrengungen konterkarierten 1277 .

1273
Diese Auffassung findet sich bei Fuller mehr oder weniger direkt geäußert wieder, und
er wog in seinen Kriegserinnerungen zwischen der aufgezwungenen Ausweitung seines
ursprünglichen Plans und den bei der Operation erstmals berücksichtigten Grundlagen und
Vorteilen (Überraschung, Wahl des Geländes, Aufgabe des vorbereitenden Trommelfeuers)
ab; siehe Fuller: Erinnerungen, S. 163.
1274
Siehe William-Ellis: Tank Corps, S. 104, und Fuller: Erinnerungen, S. 177.
1275
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 178.
1276
Siehe BA-MA, PH 3/560, Bl. 83f.: „Uebungen zusammen mit der Infanterie wurden
nach den von der [Link] herausgegebenen Instruktionen angestellt. Leider war die Zeit
nur kurz, da nur 8 Tage zur Verfügung standen. Es war dem [jeweiligen Tank-] Bataillon
auch nicht immer möglich, zusammen mit der Infanterie derjenigen Division zu üben, mit
welchen es den Angriff auszuführen hatte. Während der Uebungen konnte man erkennen,
dass die nötigen taktischen Bewegungen einem grossen Teile der Infanterie neu waren. [...
.] Während der Uebungen zeigten sowohl Tank- als auch Infanterie-Offiziere und
Mannschaften großen Eifer, und nur so konnten die guten Erfolge in der kurzen zur
Verfügung stehenden Zeit erreicht werden.“ Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug
aus den am 8.4.1918 vom NO AOK 2 weitergereichten „Erfahrungen der [Link]-Brigade
aus der Cambraischlacht“.
1277
Dazu gehörte allerdings nicht die vom Generalstab herausgegebene Denkschrift „S.S.
164“ von Mai 1917, die bis hinab zu den Bataillonen und Batterien verteilt wurde und
allgemeinere „Anweisungen über den Gebrauch der Tanks und über die Grundgedanken bei
323

Minutiös wurden in Fullers Abhandlung „S.G. 192“ für das Tank Corps die
Grundlagen des kommenden Einsatzes festgelegt 1278 . Die für einen
Angriffssektor vorgesehenen Tanks würden in zwei Gruppen auf die
einzelnen Angriffsziele stoßen. Eine vorgeschobene Gruppe sollte auf sich
gestellt vorgehen und etwaiges Abwehrfeuer niederkämpfen, und die von
Infanterie dicht gefolgte zweite Gruppe nachrücken, um in das
Stellungssystem einzubrechen. Die vorderste Tankwelle hatte aus den
Spitzenfahrzeugen (Advanced Guard Tanks) der als Grundeinheit gewählten
Sektion zu drei Fahrzeugen zu bestehen, denen die beiden übrigen Wagen
(Main Body Tanks) der Sektionen mit Begleitinfanterie als zweite Welle
folgen sollten. Alle Abstände, die zwischen dem Spitzenfahrzeug, den
beiden parallel dahinter fahrenden Wagen und der ihnen in Reihe folgenden
Infanteriezüge, in Tiefe und zu den Seiten, wurden von Fuller auf das
einheitliche Maß von 100 Yards (ca. 90m) bemessen 1279 . Die drei Fahrzeuge
der Sektion hatten sich beim Einbruch in das feindliche Stellungssystem
gegenseitig, etwa in Form eines „überschlagenden Vorgehens“ wie es heute
mit Panzerfahrzeugen der Bundeswehr üblich ist, zu decken und sollten
nach dem Niederringen der deutschen Gegenwehr einen Graben an einer
Stelle überwinden, um in derselben Manier gegen die nächste
Widerstandslinie des Feindes vorzugehen 1280 . Im Fall der Erschöpfung der
Angriffskraft einer Welle sollten Reserven über sie hinwegstoßen und
verhindern, daß die Operation frühzeitig zu einem Stillstand kam. Das
Verfahren wurde insgesamt durch die [Link] genehmigt, aber, ganz den

ihrer Anwendung als Hilfsmittel beim Infanterieangriff“ enthielt. Die enthaltene, zugleich
oberflächliche und schematische Deklassierung der Tanks als reine Infanterie-
Unterstützungswaffe, deren effizienteste Einsatzweise kaum thematisiert wurde, entsprach
in keiner Weise den Vorstellungen des Tank Corps; siehe dazu Abschn. 5.6.1. Siehe auch
Borchert: Tanks, S. 27, mit Auszügen und HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 178ff. Es handelt
sich dabei um eine deutsche Übersetzung des erbeuteten Schriftstückes durch den NO AOK
2 vom 7.1.1918.
1278
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 172ff., und Borchert: Tanks, S. 7ff.
1279
Interessant ist, daß der Bericht der [Link]-Brigade den Abstand zwischen Spitzentanks
und Hauptkräften mit 135m angab, was kaum auf einer Fehlberechnung des deutschen
Übersetzers basiert haben dürfte; siehe BA-MA, PH 3/560, Bl. 83f. (S. 2), Ziff. II., zu b).
1280
Siehe Cooper: Cambrai, S. 78, Fuller: Tanks, S. 141f., und Fuller: Erinnerungen, S.
172ff., mit der ausführlichen Darstellung der Einsatzweise.
324

obigen Feststellungen zu Anciennität und Durchsetzungsvermögen des Tank


Corps entsprechend, in zwei Fällen durch untergeordnete Generale negiert.
Der Kommandeur der [Link] ([Link]), Harper, hielt offenbar nicht
viel von diesen Ideen zur Kooperation zwischen Tanks und Infanterie, da
Kampfwagen bekanntermaßen feindliches Abwehrfeuer anzogen 1281 und
somit ein erhebliches und zusätzliches Gefährdungspotential für seine
Infanterie vorhanden war. Infolge dieser Sichtweise befahl er einen weitaus
größeren Abstand zwischen Infanterie und Main Body Tanks 1282 und
sicherte sich dadurch in der Historiographie einen Großteil der Schuld am
Mißlingen der gesamten Operation 1283 . Tatsächlich handelte es sich bei der
von den Vorgesetzten stillschweigend gebilligten Änderung des Verfahrens,
die sich vergleichbar auch bei der [Link] findet 1284 , lediglich um einen
Fehler mehr, dem etwa der Verzicht auf Angriffswellen, also den möglichen
Einsatz gepanzerter Reserven durch die [Link] an die Seite gestellt
werden kann 1285 .

1281
Diese Auffassung hatte als Tatsache Eingang in die S.S. 164 von Mai 1917 gefunden;
siehe HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 179, Ziff. 3.I., und ebenda, Bl. 180, Ziff. 6.: „Da das
Erscheinen der Tanks sofort das feindliche Artillerie-Sperrfeuer auf sich zieht, so muessen
die Tanks im allgemeinen weder der Infanterie vorausfahren noch zusammen mit der
Infanterie beim Anfang des Angriffs vorgehen.“
1282
Siehe Smithers: Cambrai, S. 94, und Fuller: Erinnerungen, S. 178. Dort wird die von
Harper befohlene Distanz mit 200-300m angegeben.
1283
Siehe Abschn. 9.6.
1284
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 35.
1285
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 165: „Dann wurde nämlich beschlossen, diese dürftige
Reserve auf eine Kompanie herabzusetzen und schließlich verzichtete man überhaupt auf
eine Reserve. Das war ein törichter und, wie ich zeigen werde, verhängnisvoller Beschluß.
[... .] Die Wahrheit ist, daß der Generalstab der [Link], der wegen der Neuartigkeit des
ganzen Angriffsplans naturgemäß etwas nervös war, den Befürchtungen der Korps- und
Divisions-Kommandeure zum Opfer fiel.“ Diese Einschätzung offenbart ein absolutes
Kuriosum insofern, als es zuvor ja zu den elementaren Wünschen der Heavy Branch und
des Tank Corps gehört hatte, endlich alle Kräfte vereinigen zu können. Daß dies nun
geschah, konnte unter diesen Bedingungen kaum Freude hervorrufen, denn schon für den
Auftakt der Kämpfe bei Arras im April 1917 war das Fehlen von Reserven als
schwerwiegender Fehler erkannt worden; siehe Fuller: Erinnerungen, S. 100, bzw. Abschn.
5.6.1.
325

Über die Fragen der Angriffstaktik hinaus gab Fuller in der Abhandlung
„S.G. 192“ klare Anweisungen für die Kommunikation und Signalgebung
zwischen Tanks, Infanterie und Stäben 1286 , über die Aufgaben der „Tank-
Erkundungsoffiziere“, welche den Überblick über den Kampfverlauf
bewahren und daraufhin den Einsatz der Versorgungs- und Ersatzfahrzeuge
koordinieren sollten 1287 , über eingehende Aufklärungs- und
Orientierungsarbeit hinsichtlich des Geländes, der Anmarschwege,
Stabsquartiere, Feuerpläne der eigenen Artillerie und bestmöglichen
Ausgangsstellungen für den Angriff 1288 .
Mehrere bekannte Mißstände, die fast ausschließlich die Einsatzfähigkeit
der Tanks und zur Gänze ihre Effizienz in Zusammenarbeit mit anderen
Waffengattungen betrafen, wurden im Vorfeld der Operation mit besonderer
Aufmerksamkeit bedacht. Ein Problem, das gerade bei einem Angriff auf
eine für ihren hohen Ausbaugrad berüchtigte Feindstellung vorhanden war,
stellte das Überwinden der tiefen deutschen Drahthindernisse und Gräben
dar. Erstere wurden mit durchweg mehreren Dutzend Metern Tiefe
veranschlagt 1289 , was weniger für die Tanks selbst, als für die durch das
Drahtgewirr folgende Infanterie und Kavallerie problematisch sein mußte.
Die Breite der deutschen Gräben wurde mit 4-6m angegeben 1290 , eine
Distanz, die von keinem damaligen Kampfwagen ohne Hilfsmittel
überwunden werden konnte 1291 . Die eine Lösung stellten Spezialtanks dar,
die, als „Wirepullers“ 1292 durch ein „W“ als Zusatz zur Fahrzeugkennung
erkenntlich 1293 , mit hinterhergezogenen Ankern vor dem Gros der Truppen

1286
Siehe Borchert: Tanks, S. 23f.
1287
Siehe ebenda S. 22.
1288
Siehe ebenda, S. 17.
1289
„In front of the main line lay band of band and acre upon acre of dense wire; nowhere
was it less than 50 yards deep“; siehe William-Ellis: Tank Corps, S. 102.
1290
Siehe ebenda.
1291
Die Grabenüberschreitfähigkeit des Mark IV wurde in der S.S. 164 von Mai 1917 mit
2,70-3m angegeben; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 179, Ziff. 2.b).
1292
Siehe Borchert: Tanks, S. 38.
1293
Bspw. „F.W. 1“, was den „Wire cutter“ Nummer 1 des F-Bataillons markierte. Diese
Fahrzeuge, auch „Wire-crushers“ genannt, waren außerdem durch ein am Heck aufgemaltes
326

herfahrend, drahtfreie Gassen schaffen sollten 1294 . Genauso simpel wie


diese „Ankertechnik“ war die Nutzung der Faschine, die nichts weiter
darstellte, als zahlreiche, fest zu einem Körper zusammengeschnürte
Reisigbündel. Diese Faschinen wurde auf den Dächern der Fahrzeuge
mitgeführt und konnten von dort aus in die deutschen Gräben oder andere
tiefe Hindernisse hinabgelassen werden 1295 . Für alle Kampffahrzeuge
wurden solche Faschinen gefertigt, die angesichts ihrer erheblichen Größe
zwar unter normalen Umständen nicht gerade der Fahrzeugtarnung
zuträglich sein konnten, mit Blick auf die zu überwindende Schwierigkeit,
die Ausführung des Angriffs im Morgengrauen und unter Überraschung des
Feindes aber als effiziente Hilfsmittel begrüßt wurden 1296 . Eine
Notwendigkeit, die durch die Bedingung großer Geschwindigkeit des
Vorstoßes und damit primär der schnellen Wiederherstellung der
Gefechtsfähigkeit der Fahrzeuge nach beziehungsweise im Einsatz ausging,
konnte durch eine weitere Neuheit zumindest theoretisch erfüllt werden:
Notwendiger Munitions-, Betriebs- und Schmierstoffersatz 1297 sollte für
jede Tank-Brigade durch 18 Mark I oder II Versorgungswagen nachgeführt

„WC“ erkennbar, wie Photos belegen; siehe etwa Cave, Nigel/Horsfall, Jack: Flesquières
(Battleground Europe), Barnsley 2003, S. 87.
1294
Siehe Smithers: Cambrai, S. 84, und Fuller: Erinnerungen, S. 166. Nach Fuller wurden
32 Fahrzeuge derartig ausgerüstet.
1295
Siehe ebenda, S. 82f., und William-Ellis: Tank Corps, S. 102.
1296
Wie wichtig die Faschinen für das Überwinden der Gräben waren, legte Smithers unter
Bezugnahme auf die Arbeit des „Chinese Labour Corps“, das mit seinen Arbeitern
wichtigen Anteil an der Fertigung hatte, folgendermaßen dar: „Their part in the play was
indispensable; no Labour Corps, no fascines. No fascines, no tank battle.“ Siehe Smithers:
Cambrai, S. 83. Das dort angeführte Verbot zum Gebrauch des despektierlichen Begriffs
„Kuli“ gegenüber den chinesischen Arbeitern fand, anders als die Betonung ihres Wertes
für das Tank Corps, durch Fuller allerdings keine Berücksichtigung; siehe Fuller:
Erinnerungen, S. 145. In den MO findet man zusätzlich zu den Angaben über die Faschinen
die Bemerkung, daß bei einigen Infanterie-Truppenteilen transportable Brücken zum
Überwinden der breiten Gräben angefertigt wurden; siehe MO 1917, Bd. 3, S. 15.
1297
Nach Fullers Denkschrift S.G. 192 betrug der Bedarf an Schmier- und Betriebsstoffen
für einen zehnstündigen Einsatz eines Tanks: 318l Benzin, 23l Motorenöl, 182l Wasser, 63l
Getriebeöl und 7 Pfund Schmierfett; siehe Borchert: Tanks, S. 23.
327

werden, denen einfach gefertigte Transportschlitten angehängt wurden 1298 .


Anders als bei den Faschinen, die ihren großen Nutzen am ersten
Angriffstag unter Beweis stellen konnten, handelte es sich bei den W-Tanks
und Transportschlitten nicht um Innovationen, deren Genialität bei Cambrai
wirklich offenbar werden konnte. Dafür ausschlaggebend waren letztendlich
die mangelnden Möglichkeiten, die durch einen vom Plan abweichenden
Gefechtsverlauf bedingt werden sollten 1299 .
Für die Schlacht in jeder Hinsicht prägend war die schiere Masse an Tanks,
die versammelt wurde. Zusätzlich zu den ersten Bataillonen, die im
September aus der Flandernschlacht gezogen wurden 1300 , waren sämtliche
noch im Vereinigten Königreich befindlichen Fahrzeuge nach Frankreich
beordert worden 1301 . Und schließlich kamen noch die letzten Teile, die
[Link]-Brigade, aus Flandern hinzu, so daß im Vorfeld der Offensive bei
Cambrai alle drei Tankbrigaden mit neun Bataillonen in voller Stärke und
mit einer erheblichen Anzahl an Ersatz- und Sonderfahrzeugen einsatzbereit
waren. Die Gesamtzahl der Tanks belief sich auf 476, wovon 378
eigentliche „Kampffahrzeuge“ des neuen Typ Mark IV waren. Von diesen
wurden 216 dem III. und 108 dem [Link] zugeteilt und den
Gefechtsabschnitten der Infanteriedivisionen zugewiesen, während die
übrigen Wagen als Fahrzeugreserve hinter der Linie bereitgehalten
wurden 1302 . Durch die geringe Anzahl der Divisionen entfiel auf sie eine bis
dahin nie dagewesene Menge an Tanks. Die [Link] kam
dementsprechend auf 60, die [Link] sogar auf 72 Fahrzeuge, die jeweils

1298
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 161 und S. 166, sowie Smithers: Cambrai, S. 83. Nach
Aussagen bei beiden Autoren wurden 110 solcher Schlitten gefertigt.
1299
Nichtsdestotrotz wurde der Gebrauch der Transportschlitten durch deutsche Gefangene
bestätigt, die beim Zurückgehen hinter die britischen Linien solche Gerätschaften auf dem
Weg nach vorne sahen; siehe BA-MA, MSg 101/242: Bericht Major Hermsdorffs (RIR 90)
zum Verlauf des Kampfes bei Cambrai am 20.11.1917. Der Einsatz von „W“-Tanks
während der Schlacht wird durch MO 1917, Bd. 3, S. 56, und Hinweise auf erbeutete bzw.
abgeschossene Fahrzeuge dieses Typs bestätigt; siehe Borchert: Tanks, Anlage 1, S. 85f.
1300
Siehe Abschn. 8.1.
1301
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 105.
1302
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 27f.
328

auf die beiden Angriffs-Brigaden verteilt wurden 1303 . Die Tanks bei der
[Link] allein entsprachen ihrer Summe nach also derjenigen aller
verfügbaren Wagen beim Auftakt der Osterschlacht bei Arras, wobei ihre
[Link] mit 42 Fahrzeugen schon die Zahl der am [Link] tatsächlich
eingesetzten Tanks übertraf 1304 .
Da Überraschung und schnelles Erreichen der Höhen von Bourlon auf dem
linken, sowie der Kanalübergänge auf dem rechten Angriffsflügel für die
Operation der Tanks entscheidend waren, wurde auf Tarnung der
Bereitstellungsräume, detaillierte Beschreibung der Marschwege und
Angriffsziele besonderer Wert gelegt. So wie die Artillerie, die sich das
auffällige Einschießen sparen, bis zum Angriffsbeginn um 7.20 Uhr
(deutscher Zeit) abwarten und sich vor allem der Erfassung deutscher
Stellungen, Stabsquartiere und sonstiger Ziele widmen konnte 1305 , zogen
Angriffsinfanterie und Tanks bis zum Morgen des [Link] überall dort
unter, wo sie vor feindlicher Einsichtnahme geschützt waren.
Gebäudetrümmer, Gärten und Waldstücke dienten hierzu, wobei besonders
der nahe an den deutschen ersten Stellungen gelegene Wald von
Havrincourt beste Maskierungsmöglichkeiten „beinahe vor der Nase des
Feindes“, wie Fuller sich ausdrückte, bot 1306 . Wie die Infanterie
versammelten sich die Tanks bei Nacht. Da ihre Motorengeräusche die
deutschen Vorposten auf geschätzte 900m hätten alarmieren können,
wurden sie wenigstens in dieser Distanz zum Feind aufgestellt, zum Teil
auch noch deutlich weiter hinter der eigenen Linie 1307 . Der Weg aus den
Bereitstellungen in Richtung auf den Feind wurde mit Trassierband für

1303
Aufstellungen zur Verteilung der Tanks auf die Divisionen und ihre Brigaden finden
sich bei Fuller: Erinnerungen, S. 166, und Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 41. Dabei
sind einige Unterschiede deutlich festzustellen, die sich wohlmöglich auf die
unterschiedliche Einberechnung der Reservetanks in die Fahrzeug-Gesamtzahl und
variierende Angaben zu den diversen Spezialfahrzeugen berufen können.
1304
Siehe Cooper: Cambrai, S. 77, bzw. Abschn. 5.1.
1305
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 25f.
1306
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 179, und MO 1917, Bd. 3, S. 36.
1307
Bereitstellungsräume lagen bei Gouzeaucourt, Villers Guislain, im bzw. am Dessart-
und Havrincourt-Wald sowie bei Villers Plouich. Zur Bereitstellung der Tanks siehe dazu
MO 1917, Bd. 3, S. 45f.
329

jedes Fahrzeug abgesteckt, um ein sonst unvermeidliches Durcheinander


beim Abmarsch zu vermeiden und das Auffinden der Wege, das in der
relativen Dunkelheit der Dämmerung des 20. stattfinden mußte, wesentlich
zu erleichtern. Diese Maßnahme trug wohl vor allem dazu bei, daß bei
Cambrai nur zwei Tanks direkt auf dem Weg ins Gefecht Opfer von Tücken
des Geländes wurden 1308 .
Über die Angriffsziele erhielten die Tankbesatzungen an den Tagen vor der
Schlacht noch einmal detaillierte Angaben, die sich vor allem auf die
Eroberung von Masnières und Marcoing und der in oder bei den Ortschaften
gelegenen Kanalbrücken befaßten 1309 . Ihre Wegnahme als Vorbereitung des
Kavalleriestoßes in die Tiefe des Raumes hinter der Siegfried-Stellung war
unerläßlich für das Gelingen des Gesamtplans. Gegenüber der
Informationspolitik und den Vorkehrungen für eine möglichst zielgerichtete
und risikolose Aufstellung des Tank Corps, das seinerseits alles tat, um den
Tanks den richtigen Weg zu zeigen, stand die Tatsache, daß die Kavallerie
weit, nämlich mit nächsten etwa 16 und mit entferntesten Teilen über 30km
vom Durchbruchssektor entfernt versammelt worden war 1310 . Der Anmarsch
der 1., 2. und 5. Kavallerie-Division sollte am frühen Morgen des ersten
Angriffstages beginnen und bis etwa 8 Uhr abgeschlossen sein, während die
3. und [Link] Verfügungs- oder Eingreifreserve der [Link] in Bray
beziehungsweise Athies blieben 1311 . Diese Verfahrensweise barg einige
Gefahren in sich, die den taktischen Einsatz der Kavallerie nicht zuletzt vom
Informationsstand der höheren Stäbe über den Verlauf des Kampfes,
schneller Versammlung der Reitermassen und ihren Einsatz an den richtigen
Punkten am frühen Morgen des Angriffstages abhängig machen mußte.
Eine weitere Gefährdung des Gesamtplans ging davon aus, daß es bei
deutschen Patrouillenunternehmungen an den beiden Tagen vor der

1308
Siehe ebenda. Ein weiterer Tank fiel mit technischen Problemen aus. Das Taschenbuch
der Tanks weist aus, daß insgesamt 16 Tanks vor Angriffsbeginn mit Pannen (aller Art)
ausfielen; siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 41, Anm. 3. Zu den Trassierbändern
siehe auch Abschn. 9.6.1.
1309
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 30f., und Fuller: Erinnerungen, S. 178f.
1310
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 44.
1311
Siehe ebenda, S. 46. Eine Brigade der [Link] kam am Morgen des 20.11. unter den
Befehl des [Link], während die [Link] ab 6.15 Uhr dem [Link] unterstellt wurde.
330

Schlacht zur Gefangennahme britischer Soldaten gekommen war. Inwieweit


der deutsche Gegner das Element der Überraschung ausschalten konnte, war
dementsprechend nicht zweifelsfrei zu klären. Hoffen und ein klein wenig
Bangen, auch über ein plötzlich auf die Bereitstellungen am Wald von
Havrincourt hereinbrechendes Artilleriefeuer-Intermezzo der Deutschen am
frühen Morgen des [Link] hinaus 1312 , bestimmte die Erwartungen.
Diese waren zumindest beim Tank Corps überaus groß und fanden durch
einen Entschluß seines Kommandeurs einen besonderen Ausdruck. General
Elles entschied sich, den Angriff seiner gepanzerten Armada in einem Tank
beim H-Bataillon der [Link] 1313 persönlich zu begleiten, sich also wie
der heroisch verklärte Kavallerieführer früherer Zeiten an der Spitze seiner
Truppen in Todesverachtung 1314 auf den Feind zu werfen. Dieser
symbolische Akt, die wenigstens suggerierte Nähe des Befehlshabers zu
seinen Soldaten und sein Wille, sich am Brennpunkt des Geschehens
ungefordert in höchste Gefahr zu begeben, wurde im „Sonderbefehl Nr. 6“
der Truppe bekannt gegeben 1315 . Damit unterstrich Elles seine Zuversicht in
Hinsicht auf das Gelingen der Operation und zugleich das Vertrauen in die
Kräfte des Tank Corps, für das Erfolg und Mißerfolg bei Cambrai zur
Entscheidung seiner Existenzfrage werden mußten 1316 . Die Aussagekraft

1312
Siehe Abschn. 9.2.
1313
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 41, Anm. 2.
1314
Elles regelte am 19.11. seine Nachfolge im Fall einer leichten, weniger ernsten und
ernsten Verwundung, verwies aber in ironischem Ton darauf, daß diese Regelungen der
Wahrscheinlichkeit nach nicht zur Ausführung kommen bräuchten; siehe Fuller:
Erinnerungen, S. 180.
1315
Siehe ebenda, S. 179.
1316
Siehe William-Ellis: Tank Corps, S. 108: „The statement that the G.O.C. was to lead
the attack came as a great surprise to every one; it was probably greater surprise to some of
the authorities than it was even to the Tank Corps themselves. This decision was generally
accepted with pleasure by the fighting troops, but many of the more thoughtful were filled
with very great anxiety. It was clear that the General’s Tank, The ‘Hilda’, was going to be
trust close behind the barrage in a conspicuous position flying the flag; the dangers that it
ran were, therefore, greater than those run by any of the other Tanks. On the other hand, it
was generally realised that the Tank Corps had, in this action, a very great deal at stake; it
risked not merely machines and lives of its officers and men, but its existence.“ Fuller
urteilte über Elles’ Entscheidung, am Angriff selbst teilzunehmen, daß sie die eigentliche
331

und das Beispiel dieser Entscheidung Elles’ fand in der Folgezeit dauernden
Respekt 1317 , so wie man auch davon ausgehen kann, daß sich das spätere
Führen von Panzerverbänden „von vorne“ darauf berief. Daran änderte auch
der Umstand nichts, daß sich Elles’ Tank, „Hilda“, am [Link]
frühzeitig, um kurz nach 9 Uhr, festfuhr 1318 und von einer Führungsrolle des
Generals an der Spitze der Tanks schon wegen der weiträumigen Verteilung
der Truppe auf die Angriffsfront sowie ihrer Unterstellung unter die
Divisionen faktisch niemals die Rede sein konnte 1319 . Wie in einer der
verschiedenen Versionen zu Elles’ Führungsrolle am [Link] 1917
besonders pathetisch dargestellt wird, entsprach sein Verhalten der für die
Nachwelt lebendig gewordenen Hoffnung auf das Ende des elenden
Grabenkrieges und den Weg zum Sieg unter der inoffiziellen Devise des
Tank Corps: „From Mud, Through Blood, To The Green Fields
Beyond“ 1320 . Die Schlacht hatte damit noch vor ihrem eigentlichen, blutigen
Auftakt einen ersten Mythos hervorgebracht.

9.2. Die Verteidiger.

Die Ausgangslage für die Verbände der Gruppe Caudry (GK [Link],
Theodor Frhr. v. Watter), die den Abschnitt der [Link] (v.d. Marwitz) vor

geistige Schöpfung des Tanks Corps bedeutete und als Inspiration und Ansporn gelten
konnte; siehe Fuller: Erinnerungen, S. 180.
1317
Die Episode findet sich in nahezu allen Schilderungen der Tankschlacht bei Cambrai
mehr oder weniger breit ausgeführt wieder, wobei sich der zugrundeliegende Tenor
vielleicht am besten bei Paschall nachweisen läßt: „Cambrai was a battle that would forever
be marked by courage.“ Siehe Paschall: Defeat, S. 110. Dies schrieb er einen Absatz unter
der Aussage, daß Elles beim Angriff den (!) Spitzentank führen würde, und zwei Seiten vor
seinen Ausführungen über die herausragenden Leistungen des deutschen Majors Krebs bei
der Verteidigung von Flesquières am 20.11.1917 (siehe dazu Abschn. 9.3.). Besonders
betont wird das aufopferungsvolle Verhalten Elles’ bei William-Ellis: Tank Corps, S. 109f.
1318
Siehe Perrett, S. 51, und Cooper: Cambrai, S. 102.
1319
Als einzige Veröffentlichung, in der auf diese nachvollziehbare Einschränkung des
Mythos’ vom General an der Spitze der Tanks hingewiesen wurde, ließ sich vom Verfasser
ein Beitrag in der Militärwissenschaftlichen Rundschau ausmachen; siehe Müller, Eduard:
Der englische Panzerangriff bei Cambrai am 20.11.1917 und seine Lehren für die
Gegenwart, in Militärwissenschaftliche Rundschau, Heft 3/1939, S. 395.
1320
Siehe Perrett, S. 50.
332

Cambrai hielt, wurde durch die Anlage und Ausführung der Siegfried-
Stellung einerseits, andererseits maßgeblich durch die Belastungen des
Heeres während der Kämpfe seit Frühjahr 1917 geprägt. Vom Beziehen der
Siegfried-Stellung an hatte es wenig Material und Kräfte gegeben, die
vielfach gering ausgebauten Linien zu verstärken, oder an ihnen die für
notwendig erachteten Veränderungen vorzunehmen 1321 . In die Liste der
unterlassenen aber für die generelle Sicherheit des Stellungssystems
unumgänglichen Maßnahmen gehörte etwa die Niederlegung oder das
Niederbrennen des Waldes von Havrincourt, der, bei der bedrohlichen Nähe
der feindlichen Gräben vor dem Wald und dem gleichnamigen Ort, beste
Annäherungs- und Maskierungsmöglichkeiten für den Gegner bot. Wie
oben bereits gezeigt wurde, war dies eine Unterlassung mit großem Nutzen
für den verdeckten Aufmarsch der britischen Angreifer vor dem
[Link] 1917.
Im Gegensatz zu den Kampfräumen bei Arras, an der Aisne und in der
Champagne handelte es sich trotz der Bedeutung Cambrais als
Eisenbahnknotenpunkt 1322 um einen zu vernachlässigenden Sektor, bei dem
man unter Maßgabe der bisherigen Erfahrungen mit britischen und
französischen Großoperationen glaubte, Verstärkungen noch zeitig genug
heranführen zu können, bevor eine kritische Lage überhaupt Gestalt
annehmen konnte. Eine Überlegung und Annahme, die für weiteste, nämlich
die augenblicklich nicht von akuter Bedrohung gekennzeichnete Teile der
Westfront als Maxime der OHL angenommen werden muß 1323 und sich

1321
Siehe dazu HStAS, M 33/2, Bü. 256, Bl. 115: [Link] Ia Nr. 2138 op. vom 31.8.1917:
„Das Gelände vor der K1 Linie der S1 Stellung ist für den Angreifer im Allgemeinen
günstig. Sein Gelände überhöht teilweise das unsere. Die nicht annähernde Fertigstellung
des Siegfried, als die Rückzugskämpfe begannen, seine ungünstige taktische Lage und das
schnelle Folgen des Gegners haben unsere Vorgänger veranlasst, vor dem Siegfried
Gelände zu behalten, in Besitz zu nehmen, als Vorpostenzone zu sichern und allmählich
auszubauen.“ Siehe auch ebenda, Bü. 72: Gr Caudry Ia Nr. 49 op. (Entwurf vom
14.11.1917) abgegangen am 20.11.1917 an AOK 2 wegen Mängel der Gruppenstellung,
und Moser: Feldzugsaufzeichnungen, S. 334.
1322
Siehe Golla: Tanks, S. 9.
1323
Tatsächlich galt sie auch nach der Erfahrung mit dem „überraschenden“ Angriff auf
Cambrai noch weiter, wie eine Antwort der OHL auf die dringende Bitte um Zuführung
333

auch in der Vorsichtsmaßnahme stetig von diesen Frontteilen ausgehender


Aufklärungsarbeit gegen die gegenüberliegenden Feindverbände
widerspiegelte 1324 . Die Vorgänge um ein solches Aufklärungsergebnis der
Gruppe Caudry von Juni 1917 liefern für die Richtigkeit der gerade
getroffenen Aussagen ein beredtes Zeugnis und zugleich einen ersten, recht
merkwürdig anmutenden Eindruck von den Eigenschaften und Grundlagen
der Führung des Gruppenkommandos unter Watter.
Das AOK 2, das zuvor von der Gruppe Caudry über eine plötzlich in die
Ruhe des Abschnitts geradezu hereinbrechende 1325 , neuidentifizierte und
„frische“ britische Division informiert worden war 1326 , meldete bei der
Heeresgruppe Rupprecht am [Link] an, daß dringendst eine Verstärkung
des Sektors Cambrai anzustreben sei 1327 . Die neuerkannte Division wurde

von Verstärkungen durch die AAbt. B von Ende Dezember 1917 belegt. Die AAbt. hatte
darauf hingewiesen, daß der Munitionsbestand weit unter das Normalmaß gefallen sei,
woran auch Transportschwierigkeiten ihren Anteil hatten und erbat mit Unterstützung der
HGr, die ihrerseits vor jeglicher Überraschung durch baldigen Munitionsersatz geschützt
sein wollte, baldigste Aufstockung der Bestände. Die OHL sagte dies zu, vertröstete aber
gleichzeitig auf einen späteren Zeitpunkt, wenn hoher Munitionsverbrauch an anderen
Stellen geschwunden sei. Noch im Januar 1918 erinnerte die HGr die OHL an diese
Zusage, der „trotz wiederholter dringender Aufforderung“ und der trotz der Gefahr von
Überraschungsangriffen nicht nachgekommen worden war; siehe HStAS, M 30/1, Bü. 55,
Bl. 4802, Bl. 4401 und Bl. 5089.
1324
In den Anweisungen des AOK 2 zur besonderen Bedeutung dauernder
Aufklärungsarbeit durch Patrouillen fand sich für den Zeitraum direkt vor der Tankschlacht
der Hinweis auf die Dringlichkeit, die sich dafür nach den überraschenden Vorstößen bei
Verdun und Laffaux ergab; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 72: AOK 2 Ia Nr.328/Okt. geh. vom
31.10.1917.
1325
Der Frontsektor gehörte bereits seit längerer Teil zu den ruhigen Abschnitten, in denen
nur abgekämpfte Feindverbände festgestellt wurden; siehe bspw. KA, Heeresgruppe
Rupprecht, Bd. 125, Akt: 206, Bl. 174: HGr Rupprecht Ia Nr. 3116 geh. vom 28.5.1917.
Enthalten ist der Hinweis an die OHL, daß die kampfkräftigen feindlichen Divisionen vor
dem AOK 2 aus der Front gezogen worden und lediglich abgekämpfte Divisionen
zurückgeblieben waren.
1326
Dokumente zum Austausch zwischen den Divisionen, der Gr Caudry und dem AOK 2
wegen der neuerkannten feindlichen Division und dem „Fall Havrincourt“ beinhaltet
HStAS, M 33/2, Bü. 256, Bl. 1ff.
1327
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 356, Bl. 1ff.: AOK 2 Ia Nr. 323/Juni vom 29.6.1917.
334

zusammen mit den Unergründlichkeiten des Waldes von Havrincourt 1328


zum Anlaß genommen, mit einem Ablenkungsangriff oder gar einem
größeren Nebenangriff zu den erwarteten feindlichen Operationen in
Flandern zu rechnen und die Gruppe für alle Eventualitäten wappnen zu
wollen. Zu diesem Zeitpunkt verfügte Watters Generalkommando über drei
Divisionsabschnitte mit erheblichen Frontlängen. 7km bei der direkt bei
Havrincourt eingesetzten Division, 7,5 beziehungsweise 9km für die links
und rechts davon stehenden Divisionen. Eine zusätzliche Division, die
entweder als Eingreifreserve oder -sehr wahrscheinlich- zum Verkürzen der
überlangen Divisionsabschnitte dienen sollte 1329 , acht schwere Feld-
Haubitzen-Batterien, zwei Maschinengewehr-Scharfschützen-Abteilungen,
zwei Jagdstaffeln, fünf Kraftwagen-Flak (K-Flak) und vieles mehr wurde
als Sofortmaßnahme ohne Rücksicht auf die vom AOK noch näher zu
spezifizierende Bedrohung für die Gruppe Caudry gefordert 1330 . Für den
unbefriedigenden Zustand der Siegfried-Stellung kann als besonders
bezeichnend angesehen werden, daß zudem zahlreiche Bautruppen für
sofortigen Einsatz verlangt wurden, „um die dringlichsten Vorbereitungen
vor Beginn des Angriffs treffen zu können“ 1331 .
Unter den Bezeichnungen „Fall Havrincourt“, einem begrenzten Angriff aus
dem Wald heraus, und „Angriff Cambrai“, einer größeren Unternehmung
gegen die etwa 5km hinter der vordersten Stellung gelegene Stadt 1332 ,
brachte das AOK 2 mehrere Seiten mit detaillierten Anforderungen zur
Kenntnis der Heeresgruppe, die nur in geringen Teilen hier angeführt sein

1328
Es ist wahrlich bezeichnend für die Anlage der Siegfried-Stellung und die
Unmöglichkeit einer Behebung ihrer Mängel, daß der Wald und sein dichter Baumbestand
bereits fünf Monate vor der Tankschlacht derartige Beachtung fand; siehe ebenda, Bl. 1.
1329
Zu bedenken ist, daß um 4,5km Abschnittsbreiten als verträgliches Maß galten und
während der Flandernschlacht mit 2,5-3km sogar deutlich darunter gegangen wurde; siehe
BA-MA, RH 61/50597: Anonyme Ausarbeitung über „Gefechtsausdehnungen“ vom
10.3.1944, S. 2, bzw. Loßberg: Meine Tätigkeit im Weltkriege, S. 296.
1330
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 356, Bl. 7.
1331
Siehe ebenda.
1332
Die in beiden Fällen zu erwartenden oder erwarteten Feindkräfte wurden nicht
spezifiziert. Ebenda, Bl. 5, nennt als Ausdehnung des Angriffs Havrincourt-Gonnelieu, also
recht genau die Breite der britischen Operation im November.
335

sollen, um den immensen Kräftebedarf zu sichtbar zu machen, der


gegenüber einem möglichen Ablenkungsangriff oder einer größeren
Unternehmung mit weitergehendem Ziel die Sicherheit des Abschnitts
garantieren können sollte. Dabei handelt es sich um einen beachtenswerten
Prolog für die britische Angriffsoperation bei Cambrai im November 1917,
der bis heute genauso unbeachtet geblieben ist, wie er Charakteristiken der
für die Deutschen insgesamt kritischen Situation an der Westfront im Herbst
1917 und erst recht für die Situation in der zweiten Jahreshälfte 1918
umfaßt beziehungsweise vorwegnimmt.
Für den Fall des begrenzten Unternehmens gegen Havrincourt war der
dortige Divisionsabschnitt durch ein Generalkommando mit zwei
Divisionen in der Frontbreite von 3,9 und 4,2km zu besetzen. Zwei
Maschinengewehr-Scharfschützen-Abteilungen, 30 Feldartillerie-, 12
schwere Feld-Haubitz-, sechs (21cm-) Mörser-Batterien und acht schwere
10 oder 13cm Flachfeuer-Batterien wären erforderlich 1333 . Außerdem, und
dies ist nur eine Auswahl 1334 , sollten ein Stabsoffizier der Pioniere, acht
Pionier-, zwei Pionier-Bau- und zehn Armierungs-Kompanien zum als
dringend erachteten Ausbau der Stellungen herangezogen werden 1335 . Den
Luftschutz, die Luftaufklärung und die Erdkampffähigkeiten sollten durch
vier Jagdstaffeln, drei Schutzstaffeln, fünf Fliegerabteilungen, ein
Bombengeschwader, zahlreiche Scheinwerfer, vier Ballonzüge, sieben K-
Flak und acht weitere, bespannte Flak-Züge oder auch –Batterien
übernehmen 1336 .
Die geforderten Verbände für die Abwehr eines feindlichen Stoßes durch
die Siegfried-Stellung auf Cambrai waren über dieses offensichtlich schon
erhebliche Maß hinaus noch deutlich gesteigert: Zwei Generalkommandos

1333
Siehe ebenda, Bl. 3.
1334
Von der Nennung der eingeforderten Unterstützungsteile der Nachrichtentruppe, des
Sanitätsdienstes, der Kolonnen und Trains wurde mit Rücksicht auf ihre beträchtliche Zahl
vom Verfasser Abstand genommen.
1335
Siehe ebenda, Bl. 7: „Der Ausbau der Kampfzone, besonders der rückwärtigen
Stellungen, erfordert schnellen und reichlichen Einsatz von Stäben und Arbeitskräften. Es
wäre sehr erwünscht den Ausbau vor [hervorg.] Einsetzen des Angriffs bis zu einem
gewissen Abschluß zu bringen.“
1336
Siehe ebenda, Bl. 3 und Bl. 4.
336

mit dreizweidrittel Divisionen wurden gefordert, dazu eine im Verhältnis


zum „Fall Havrincourt“ verdoppelte Anzahl an Artillerieformationen und
eine etwa 30% darüber hinausgehende Vermehrung der übrigen
Einheiten 1337 .
Äußerst bescheiden nimmt sich dagegen die Aufstellung 1338 der tatsächlich
am [Link] bei Havrincourt und im gesamten Gruppenabschnitt
vorhandenen Kräfte aus. Im Kampfabschnitt Havrincourt konnten 18
Feldartillerie-, zwei schwere Feldhaubitzen-, zwei Mörser und fünf ältere
zum Teil vom Feind erbeutete Flachfeuer-Batterien zur Wirkung gebracht
werden 1339 . Die Gruppe verfügte insgesamt über 36 Feldartillerie-, drei
schwere Feld-Haubitzen-, drei Mörser- und eine moderne sowie neun ältere
schwere Flachfeuer-Batterien. Der Umfang der für einen Einsatz im
Frontsektor in Frage kommenden Teile der Luftstreitkräfte belief sich auf
zwei Jagdstaffeln, zwei Fliegerabteilungen, drei Ballonzüge, zwei K-Flak
und fünf mehr oder weniger motorisierte Flakzüge oder -batterien 1340 .
Auf die siebenseitige Liste mit Wünschen des AOK 2, das sich nur begrenzt
auf eine zweifelsfrei aufgeklärte, sondern vielmehr auf eine vage und doch
immer präsente Bedrohung berufen konnte, reagierte das
Gruppenkommando erstaunlich zurückhaltend, bedenkt man, wie
begrüßenswert Verstärkungen sein mußten. Unabhängig von der
Lageeinschätzung durch das AOK 2 oder die Heeresgruppe Rupprecht
wurden lediglich zwei schwere Feld-Haubitzen-Batterien, eine Mörser-
Batterie, eine Fliegerabteilung, eine Schutzstaffel, eine Pionier- und zwei
Armierungskompanien erbeten 1341 . Diese wesentlich bescheidenere
Anforderung der Gruppe Caudry ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Zum
einen waren Divisionsabschnitte über 7km, und mehr waren es bei zwei von

1337
Siehe ebenda, Bl. 5 und Bl. 6.
1338
Auch diese Aufstellung ist nicht vollständig, sondern bezieht sich vornehmlich auf den
Kern an Kampftruppen oder jene Truppengattungen, die nach Ansicht des Verfassers für
den Verlauf der Kämpfe um Cambrai besonders relevant zu sein scheinen.
1339
Was nicht bedeutet haben dürfte, daß diese Kräfte bei der dortigen Stellungsdivision
vorhanden waren. Eingerechnet wurden wahrscheinlich alle Batterien, die bei Havrincourt
wirken konnten.
1340
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 356, Bl. 3ff.
1341
Siehe ebenda, Bl. 12: Gruppe Caudry Ia Nr. 5/op. vom 2.7.1917.
337

drei Divisionen, an sich schon überaus ausgedehnt, was den Wunsch der
Gruppe, diesem Zustand abzuhelfen, nachvollziehbar gemacht hätte. Vor
allem dann, wenn man nicht selbst mit möglicherweise überzogen
wirkenden Forderungen an die übergeordneten Dienststellen heranzutreten
hatte, sondern das vorgesetzte AOK dies von sich aus tat und man sich
dessen Wünschen nur anzuschließen brauchte. Dann erstaunt, daß die
Gruppe selbst mit einer absolut ernstzunehmenden Bedrohung ihres
Abschnitts durch ein großes feindliches Unternehmen rechnete 1342 , aber
auch vor diesem Hintergrund auf maßgebliche Verstärkungen von sich aus
verzichtete.
Die Antwort der Heeresgruppe auf beide Schreiben fiel eindeutig aus 1343 .
Und sie läßt keinen Zweifel daran, daß es an der deutschen Westfront im
Frühjahr und erst recht ab Sommer 1917 Abschnitte gab, die, ungeachtet
ihrer Bedeutung oder ihrer auch durch höhere Stäbe mehr oder weniger
stichhaltig dargelegten Bedrohung, nicht dafür in Frage kamen, auf Kosten
der klar erkennbaren Hauptkampffronten möglicherweise unnötig mit
wertvollen Verbänden und Kampfmitteln versorgt zu werden 1344 . Vor allem,
wie die Heeresgruppe Rupprecht später auch einer erbosten OHL gegenüber
anführte 1345 , wenn die dortigen Stellungen vermeintlich gut ausgebaut
waren und Angriffe von mehr als rein örtlicher Bedeutung auszuschließen
schienen 1346 . Für beide Fälle, den kleinen Angriff auf Havrincourt und die
große Unternehmung gegen das definitiv strategische Ziel Cambrai, waren
keine Kräfte vorhanden, die als augenblickliche oder als in absehbarer Zeit

1342
Siehe ebenda.
1343
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 356, Bl. 13: Heeresgruppe Rupprecht Ia Nr. 3354 geh. vom
3.7.1917.
1344
Besonders für die Zeit nach dem Beginn der britischen Offensive bei Cambrai läßt sich
dies nachweisen; siehe BA-MA, RH 61/51714: Solger: Akten- und Tagebuchauszüge
(Heft/Akt 240), bspw. HGr Kronprinz Ia 2204 geh. vom 21.11.1917 oder HGr Herzog
Albrecht an OHL vom 22.11.1917.
1345
Ludendorff kreidete der Heeresgruppe schon am 20.11.1917 an, daß sie sich um
potentielle Bedrohungen zu wenig gekümmert und ihr Augenmerk ausschließlich auf
Flandern gerichtet habe; siehe Frauenholz: Kronprinz Rupprecht, Bd. 2, S. 291f., und
Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 394.
1346
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 126, Akt: 211, Bl. 0002: HGr Rupprecht Ic No
4561 geh. vom 24.11.1917.
338

verbindlich zuzusichernde Verstärkungen frei wären, antwortete die


Heeresgruppe 1347 . Eine Begründung für eine signifikante Verstärkung des
Sektors Cambrai war in ihren Augen außerdem nur dann gegeben, wenn,
wie vor Angriffen üblich, schwere Artillerie des Feindes beim Einschießen
der Geschütze erkannt sei 1348 . Was sich hinter dieser Maxime der sich
einschießenden schweren Artillerie verbarg, die nicht nur für die
Heeresgruppe, sondern forthin auch für das Gruppenkommando Leitindiz
eines sich anbahnenden Angriffs geworden zu sein scheint und ganz der bis
in allerhöchste Stäbe geltenden Unterschätzung eines bisher als äußerst
berechenbar charakterisierten Gegners folgte 1349 , war das Vabanquespiel der
[Link] an der Westfront seit ihrer Kommandoübernahme.
Für den Abschnitt der Gruppe Caudry ergab sich aus dieser Episode und
ihrem Ausgang in erster Linie der Status als ruhiger Frontabschnitt, bei dem
es nirgends mehr zum Einschießen feindlicher schwerer Artillerie und zu
sonstigen Zeichen für Angriffsvorbereitungen kam. Die weiter fortgeführte
Feindaufklärung 1350 brachte während der Flandernschlacht die Erkenntnis
ein, daß gegenüber abgekämpfte Divisionen standen, die unter dem
Primäraspekt der Auffrischung einen Teil der Linie übernommen hatten.
Auf der deutschen Seite verfuhr man ebenso, und aus Flandern eintreffende
Verbände übernahmen in Ermangelung anderer Kräfte Abschnitte des
„Sanatoriums für Flandern“, wie der Sektor Cambrai nun

1347
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 356, Bl. 13: Heeresgruppe Rupprecht Ia Nr. 3354 geh. vom
3.7.1917.
1348
Siehe ebenda.
1349
Der OHL bot die Diskussion um die Verstärkung des Sektors Cambrai offenbar ein
Paradebeispiel für unnötige Nervosität der untergeordneten Führung. Wie das Ausbleiben
eines britischen Angriffs unterstrich, konnte man derartigen Meldungen und Forderungen
mit Gelassenheit entgegensehen und tat dies auch im direkten Vorfeld der Kämpfe im
November; siehe BA-MA, RH 61/51766: Schreiben v. Ditfurths an die
Kriegsgeschichtliche Forschungsanstalt des Heeres vom 28.1.1939.
1350
Die Aufklärung durch Patrouillenunternehmungen der Stellungsbesatzungen scheint auf
beiden Seiten intensiv gewesen zu sein. Das IR 395 ([Link]), das seit Ende September vor
Ort war, berichtete in seiner Truppengeschichte von Nacht für Nacht erfolgten
Erkundungsversuchen und auch davon, daß spezielle „Jagdkommandos“ aus Freiwilligen
gebildet wurden, um beim Feind Informationen zu beschaffen; siehe Gerth, Max (Bearb.):
Geschichte des Infanterie-Regiments Nr. 395, o.O. 1933, S. 137.
339

bezeichnenderweise genannt wurde 1351 . Dem Charakter des


„Erholungsheimes“ entsprach es auch, daß durch die Abschnittsbesatzungen
zwar besonders das Grabensystem der Siegfried-I-Stellung (S-I) gepflegt 1352
und punktuell kräftig geschanzt wurde, mit dem weiteren Ausbau der etwa
1-2km dahinter befindlichen Zwischen- oder Z-Stellung 1353 , der wiederum
4km weiter rückwärts gelegenen S-II-Stellung (S-II), der zahlreichen
Widerstandsnester und Unterstände aber nur schleppend vorangekommen
wurde 1354 . Der Aspekt der Regeneration der Kampfkraft der eingesetzten
Verbände stand offensichtlich wenigstens gleichberechtigt neben den

1351
Siehe Strutz, Georg: Die Tankschlacht bei Cambrai. 20.-[Link] 1917
(Schlachten des Weltkrieges, Bd. 31), Berlin 1929, S. 8. Siehe auch Golla: Tanks, S. 16f.
Hier allerdings fehlt bei allem Eingestehen der Schwächen der Stellungen vor Cambrai der
klar formulierte Gegensatz zu vorherigen Aussagen über die vollständige Adaption des
elastischen Abwehrverfahrens (S. 11ff.). Dabei muß klar sein, daß dieses nahezu unmöglich
war, wenn schon aufgrund der langen Divisionsabschnitte keine Kräfte für eine Gliederung
in die Tiefe vorhanden waren.
1352
Wie die TG RIR 90 ([Link]) festhielt, war der erste Kampfgraben der S-I
außerordentlich befestigt, was in den weiteren Schilderungen von den übrigen
Stellungsteilen nicht gesagt wurde; siehe Bibeljé-Schwerin: Cambrai. [Link] bis
[Link] 1917 in div. Bearb.: Großh. Meckl. R.-Inf.-Regt. Nr. 90 (Erinnerungsblätter
deutscher Regimenter, Bd. 153), Berlin/Oldenburg 1925, S. 232.
1353
Für den Bereich bei Banteux, in dem das RIR 19 ([Link]) ab Ende September eingesetzt
war, attestierte das Regiment -beispielhaft für die Zustände im Gruppenbereich- zwar gute
vordere Stellungen mit geräumigen und wohnlichen Unterständen, doch schon die durch bis
zu 100m Drahtverhau geschützte Zwischen-Stellung besaß vielfach nur angedeutete Gräben
und Baugruben für unfertige Unterstände; siehe Schwencke, Alexander (Bearb.):
Geschichte des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 19 im Weltkriege 1914-1918
(Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bd. 124), Berlin/Oldenburg/Ratzeburg i. Lbg.
1926, S. 275.
1354
Der Bericht des Regimentskommandeurs des RIR 227 bei seinem Vorrücken auf das
Gefechtsfeld am 20.11. bezeugt den geringen Ausbaugrad der S-II-Stellung deutlich: „[...]
wobei ich mit Mühe durch auf der Höhe angelegten Reihen-Hindernisse mit dahinter
gelegenen, etwa 1 Fuß tief angedeuteten Gräben hindurch kam. Einige größere Lücken im
Hindernis waren vorhanden. Ich ahnte nicht, daß dies die ‚[Link].’ Stellung, die zweite
Siegfriedstellung war.“ Siehe Giese, Franz (Bearb.): Geschichte des Reserve-Infanterie-
Regiments 227 im Weltkriege 1914/18, Halle a.S. 1931, S. 410.
340

Aufgaben der Frontsicherung und –befestigung 1355 . Schließlich äußerte die


OHL noch am [Link], daß der Ausbau der vorderen Stellungen
generell Zeitverschwendung und Vergeudung von Kräften darstelle 1356 , was
man durch die Erfahrungen mit den Destruktionskräften der
vorangegangenen Materialschlachten begründen kann. Für eine
hervorgehobene Berücksichtigung der physischen und psychischen
Regeneration der Verbände spricht, daß einige im Frontsektor
neuankommende Truppenteile von der Gruppe Caudry mit den Segnungen
der Truppenbetreuung, die auch in der Folgezeit aus dem Besuch von
Frontkino und Theater oder der Nutzung der Annehmlichkeiten Cambrais
und anderer vom Krieg unberührter Ortschaften 1357 bestehen konnte,
begrüßt wurden 1358 . Daß in dieser Hinsicht den Überlegungen der OHL zum
Erhalt der Kampfkraft von Verbänden und damit direkt auch den
Vorbereitungsmaßnahmen für die Frühjahrsoffensive 1918 nachgekommen
wurde, zeigte sich noch am [Link] in einem Weisung der OHL zur
Herstellung der „sittlichen und koerperlichen Ueberlegenheit“ des deutschen
Soldaten durch die Kombination von Erholung und Ausbildung während der
Winterperiode 1917/18 1359 . Obwohl erst am Tag des britischen Angriffs
veröffentlicht, mag es sein, daß die für erfahrene Frontkommandeure zuvor

1355
Dies kam in einer Mitteilung des AOK 2 zum Ausdruck, worin darauf verwiesen
wurde, daß der Stellungsbau trotz Arbeitskräftemangels nach Möglichkeit zu
berücksichtigen sei, um zumindest eklatante Schwächen der Linienführung zu beseitigen;
siehe HStAS, M 33/2, Bü. 72: AOK 2 Ia Nr. 230/Okt. geh. vom 29.10.1917.
1356
Siehe ebenda, M 206, Bü. 9: Chef d. Genst. d. Feldheeres II. Nr. 5370 geh. op. Geheim!
vom 18.11.1918.
1357
Friedensgleiche Zustände und Zivilleben gab es in Cambrai selbst und bis zur Schlacht
auch noch in den Dörfern Marcoing, Noyelles und Cantaing am Schelde-Kanal; siehe TG
RIR 90, S. 233, und Ulrich, Herbert (Bearb.): Res.-Inf.-Regiment 52 im Weltkriege
(Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bd. 112), Cottbus 1925, S. 25.
1358
Siehe etwa Arnold, Paul u.a. (Bearb.): Regimentsgeschichte L.I.R. 384 1916-1918,
Hannover 1939, S. 12: „Es gibt auch einige Ruhetage, die natürlich durch den üblichen
Dienst und durch Instandsetzen der Sachen ausgefüllt sind. [... .] Es sind Tage, die auch
frohe Stunden und mancherlei Abwechslung bringen. Dazu gehört sogar eine Lustspiel-
Aufführung im Theater, das von den Lachsalven der alten Krieger erdröhnt.“
1359
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 300: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr. 5359 [Link]. vom
20.11.1917.
341

schon offensichtliche Bedeutung dieser Forderung sowohl bei der


Heeresgruppe als auch beim AOK 2 und der Gruppe Caudry Reaktionen
und Wahrnehmungen gegenüber potentiellen Bedrohungen beeinflußte.
Jedenfalls insofern, als daß mögliche Gefahren vor dem Hintergrund der bis
Herbst 1917 errungenen Erfolge und angesichts der Aussichten auf eine
Kriegswende im Frühjahr 1918 genauso wenig ernst genommen wurden wie
die Möglichkeit veränderter Kampfweise auf Seite des Feindes.
Unter dem Befehl der Gruppe Caudry standen seit dem [Link] 1917:
- an die Gruppe Arras nördlich Bourlon anschließend, die [Link] mit
den LIR 384, 386, 387 und dem FAR 282,
- die [Link] (Oskar Frhr. v. Watter) mit IR 84, RIR 27, RIR 90 und
FAR 108,
- die [Link] mit IR 395, RIR 6, RIR 19 sowie RFAR 9,
- die [Link] mit IR 184, IR 418, RIR 440, FAR 183 in Anschluß an
die Gruppe Quentin.
Für die [Link], die erst am [Link] die [Link] abgelöst hatte1360 , stand
die [Link] mit den RIR 52, 227, 232 und dem FAR 213 in Aussicht, die von
der Ostfront herantransportiert werden und am [Link] beginnend die
[Link] ablösen sollte.
Sämtliche Divisionen waren bei ihrer Ankunft im Befehlsbereich der
Gruppe durch die Flandernschlacht gegangen, hatten teilweise erhebliche
Verluste hinnehmen und ohne maßgeblichen Personalersatz die neuen
Stellungen vor Cambrai besetzen müssen. Dabei konnte wegen der
reduzierten Stärken, der Ruhe- und Ausbildungsbedürftigkeit und der
ausgedehnten Divisionsabschnitte auf eine Tiefengliederung nach dem seit
Frühjahr 1917 geltenden Muster keine Rücksicht genommen werden. Zwei
Bataillone der Regimenter lagen in Stellung, eines stand als Reserve- und
Ruhebataillon bereit, sofern es nicht anderweitig, etwa als Gruppen- oder
Armeereserve, verwandt wurde. Die Frontlängen für die Bataillone und
Regimenter wichen ebenfalls deutlich von dem ab, was als Norm gelten
mußte.

1360
Siehe ebenda, Bü. 142, S. 29: Mittagsmeldung der Gr Caudry an AOK 2 vom
13.11.1917.
342

Ersatz kam in der Folgezeit in spärlicher Zahl bei den Verbänden an, wie
verschiedene Meldungen des Gruppenkommandos mit nur sehr langsam
ansteigenden Gefechtsstärken zeigen 1361 . Die durchschnittliche Bataillons-
Gefechtstärke lag am [Link], in der letzten Stärkemeldung vor der
Schlacht, bei der abzulösenden [Link] auf dem Niveau von etwa 684 Mann,
wobei, wie für eine Landwehr-Division zu erwarten, allerdings ein im
Vergleich zu den anderen Divisionen der Gruppe erheblich größerer Anteil
von Soldaten „garnison-verwendungsfähig“ und damit minder tauglich für
den Kampfeinsatz war 1362 . In der [Link] lag die Bataillonsstärke bei 694, in
der [Link] bei 678 und bei der [Link] bei 674 Mann 1363 . Das Fehl war
angesichts einer normal geltenden Gefechtsstärke von 800 Mann je
Bataillon 1364 nicht unerheblich und besagt zudem noch nichts über die
innere Verfassung des jeweiligen Verbandes. Der eingestellte Ersatz war
oftmals unerfahren und minder gut ausgebildet, woran in den Divisions-
Feldrekrutendepots und durch Ausbildung in den Kampfverbänden zwar
versucht wurde, etwas zu ändern 1365 , doch wogegen, ohne Gelegenheit zu

1361
Zwischen dem 13.10. und dem 13.11.1917 erhöhte sich die durchschnittliche
Bataillons-Gefechtsstärke der Infanterie der [Link] um lediglich 79, die der [Link] um 56 und
die der [Link] um 24 Mann; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 894, Bl. 150: Stärkemeldung Gr
Caudry Abt. IIb. Nr. 18060, 18180 vom 13.10.1917, und ebenda, Bl. 196: Stärkemeldung
Gr Caudry Abt. IIb. Nr. 20920 vom 13.11.1917.
1362
Bei 5082 Mann Gefechtsstärke waren 637 „g.v.“ gemeldete Soldaten eingeschlossen.
Zum Vergleich, und auch als Grund für die dringende Ablösung der Division, kann
angeführt werden, daß der numerisch stärkste Verband der Gruppe, die [Link], ein
Verhältnis von 6251:394 auswies; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 894, Bl. 196: Stärkemeldung
Gr Caudry Abt. IIb. Nr. 20920 vom 13.11.1917.
1363
Siehe ebenda.
1364
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 117, Akt: 177, S. 612: HGr Rupprecht Ic No
1794 geh. vom 16.12.1916.
1365
Siehe etwa Dahlmann, Reinhold (Bearb.): Reserve-Infanterie-Rgt. Nr. 27 im Weltkriege
1914/1918, Berlin 1934, S. 346. Dort wird von Ausbildung beim jeweiligen Ruhebataillon
des Regiments gesprochen, wobei man sich auch eines Übungswerkes nördlich Marcoing
bediente.
343

realen Herausforderungen eines Gefechts, nur begrenzt etwas getan werden


konnte 1366 .
Der Kampfwert der Divisionen der Gruppe Caudry wurde vom AOK 2 am
[Link] in einer Meldung an die Heeresgruppe Rupprecht dem gerade
gezeigten Bild gemäß dargestellt, wobei auffallen muß, daß sich eine
durchweg negative Einschätzung des Kampfwertes auch auf die Verbände
der Nachbargruppen erstreckte 1367 . Mindestens noch zwei Wochen Ruhe
und Ausbildung wurden für die 54. und die [Link] angenommen, um als
„vollkampffähig“ gelten und die höchste Klassifizierungsstufe erreichen zu
können. Die [Link] erschien „nur für ruhige Front geeignet“, und die [Link]
war „nur für Stellungskrieg geeignet“ 1368 . Die [Link], die zu dem Teil
deutscher Streitkräfte gehörte, welcher angesichts der bevorstehenden
Beendigung entscheidender Kampfhandlungen an der Ostfront von dort
abgezogen werden konnte, war nun verfügbar. Was die Beurteilung der
Division durch das AOK 2 unzweifelhaft schwierig machte, war die Frage
ihres Gefechtswertes gegenüber den an der Westfront geltenden
Verhältnissen. Das AOK enthielt sich demzufolge eines Kommentars 1369 ,
was sich sicher nicht als Wertschätzung für einen als ausgeruht und „frisch“
zu bezeichnenden Verband, der einen kritischen Frontabschnitt zu besetzen
haben würde, deuten läßt. Das eingeschränkte Vertrauen in den
Gefechtswert der [Link] auch auf seiten der Gruppe Caudry fand in einer
Meldung an das AOK 2 Ausdruck, in der das Generalkommando darauf

1366
An dieser Stelle sei angemerkt, daß die OHL die bei Cambrai feststellbaren hohen
Gefangenenzahlen auf genau diesen Umstand zurückführte und -in Ermangelung
schlüssiger Alternativen und ohne Rücksicht auf die düstere Personallage- den zukünftigen
Einsatz schlecht ausgebildeten Ersatzes untersagte; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 300: Chef d.
Genst. d. Feldheeres Ic Nr. 5870 geh. op. vom 25.12.1917.
1367
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 206, Bl. 35: AOK 2 Kampfwert-
Meldung vom 17.11.1917. Keine der klassifizierten Divisionen erreichte dabei den
höchsten Status als „vollkampffähig“. Die Verbände der Gruppe Arras, auf deren Schultern
maßgeblich auch der Gegenangriff vom 30.11.1917 lasten sollte (111., 240. und [Link]),
waren also zu diesem Zeitpunkt gleichfalls alles andere als voll einsatzfähig, was auch für
die Divisionen der Gruppe Quentin ([Link], 36. und [Link]) galt.
1368
Siehe ebenda.
1369
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 206, Bl. 35: AOK 2 Kampfwert-
Meldung vom 17.11.1917.
344

hinwies, daß in den Reihen der Division 350 Elsaß-Lothringer ständen,


denen eine gewisse Unzuverlässigkeit zu unterstellen sei, und daß die
Division über keine leichten Maschinengewehre und ihre Batterien nur über
drei statt der üblichen vier Geschütze verfüge 1370 .
„Kritisch“ hieß für den Sektor Cambrai im Kontext der bei der
Heeresgruppe Rupprecht und der OHL einlaufenden Meldungen bis Mitte
November 1917, daß einige Truppenverschiebungen beim Feind Beachtung
verdienten. Mit diesbezüglichen Meldungen, die sich hauptsächlich mit dem
Fokus des Interesses, Flandern, und dortigen Veränderungen sowie deren
Wahrnehmung an anderen Fronten in Form des Einschiebens neuer
Verbände oder sonstiger Auffälligkeiten beschäftigten, kamen Berichte über
plötzliche Zunahme feindlicher Aktivitäten bei der Gruppe Caudry
zumindest bis an das AOK 2 heran. Dabei ist im Zusammenhang mit der
Aufarbeitung des Geschehens bis zum Morgen des [Link] 1917
beachtenswert, daß die Übermittlung von Erkenntnissen aus der
Feindaufklärung bei der Gruppe vom AOK zumindest in einem Fall scharf
gerügt wurde, weil zu schleppend und mit zu großer zeitlicher Verzögerung
zum Geschehen Mitteilungen gemacht worden seien 1371 . Von der Gruppe zu
vermelden waren seit Anfang des Monats verstärktes Störungsfeuer und
plötzliche Feuerüberfälle der britischen Artillerie, die maßgeblich im
Bereich der [Link] vorkamen 1372 .
Diese Dinge waren auffällig und hätten, ohne voreilig zu vehemente Kritik
üben zu wollen, auf der Ebene des AOK 2 und darüber hinaus
beachtenswert erscheinen können. Wovon man bei OHL und Heeresgruppe
etwas erfahren hatte, war das an schwindender Gefechtstätigkeit
festgemachte Ausklingen der Flandernschlacht. Truppenbewegungen vor
dem AOK 4, das Zusammenziehen französischer Kräfte an der Aisne und
britischer Kräfte vor [Link] waren beobachtet worden. Und diese
Aktivitäten machten eine Verlegung des feindlichen

1370
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 256, Bl. 142: Gr Caudry Ia Nr. 300 op. vom 11.11.1917.
1371
Siehe ebenda, Bü. 72: AOK 2 Ia/Ie Nr. 37071/17 vom 28.10.1917.
1372
Siehe ebenda, Bü. 142: Morgen-, Mittags- und Abendmeldungen der unterstellten
Divisionen.
345

Operationsschwerpunktes an der Westfront zumindest möglich 1373 . Mit


einem größeren Angriff rechnete man zu diesem Zeitpunkt aber offenbar
nicht, wie auch die Synthese der Heeresgruppe Rupprecht aus den
verschiedenen Meldungen untergeordneter Stäbe am [Link] 1917
unterstrich:
„Größere Angriffe sind zur Zeit nirgends wahrscheinlich. Teilvorstöße sind bei 2.
wie bei [Link] weiterhin wahrscheinlich. [... .] Es wäre möglich, daß der
Engländer, falls er die Offensive in Flandern aufgibt, zu Teilangriffen an anderer
Stelle schreitet.“ 1374

Mit einem solchen Teilangriff rechnete man bei der Gruppe Caudry bereits
zuvor, wobei aus Archivalien deutlich wird, daß die Anregung zu
Abwehrüberlegungen im Bereich Cambrai maßgeblich vom Stab der [Link]
kam. Am [Link] fragte die Division an, ob im „Fall Havrincourt“,
einem lokal begrenzt erwarteten Stoß auf die Divisionsstellung 1375 , das LIR
384 der [Link] in den eigenen Führungsbereich eingegliedert werden
könne 1376 . Anlaß dazu bot die Tatsache, daß der [Link] das RIR 27, das als
Gruppen- und Armeereserve abberufen worden war 1377 , nicht zur

1373
Siehe BA-MA, RH 61/51714: Solger: Akten- und Tagebuchauszüge (Heft/Akt 240):
Schreiben der HGr Rupprecht an die OHL vom 29.10.1917 und Telegramm Ludendorffs
(Ia Nr. 5337 [Link].) an die HGr Rupprecht vom 14.11.1917.
1374
Zitiert nach KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 206, Bl. 32: HGr Rupprecht Ia
Nr. 4477 geh. vom 17.11.1917. Eine ähnlich lautende Erklärung der HGr findet sich auch
für den folgenden Tag: „Auch bei der [Link] sind Teilvorstöße des Gegners
wahrscheinlich.“ Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 208, Bl. 55:
Mittagsmeldung HGr Rupprecht vom 18.11.1917.
1375
Siehe Nissen, Karl: Die Kämpfe in der Siegfriedstellung und die Tankschlacht bei
Cambrai. [Link] bis [Link] 1917, in Hülsemann (Hg.): Erinnerungsblätter der
ehemaligen Mansteiner. Geschichte des Infanterie-Regiments von Manstein
(Schleswigsches) Nr. 84 1914-1918. [Link], Hamburg 1923, S. 47f. Zur Vereinheitlichung
der Zitierweise der Truppengeschichten wird ferner auch für diese Sammlung von
Einzeldarstellungen die Abkürzung TG gebraucht. Sofern nicht anders angegeben, handelt
es sich ausschließlich um Beiträge aus der [Link] der Erinnerungsblätter zu den
Geschehnissen bei Cambrai 1917.
1376
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 143, Bl. 1: [Link] Ia Nr. 2884 vom 16.11.1917.
1377
Zwei Bataillone waren Gruppenreserve bei Cambrai und eines war in den Sektor
[Link] gesandt worden; siehe Zindler: Erziehungsarbeit und ihr Erfolg bei Cambrai, in
Watter, S. 133.
346

Verfügung stand und somit im besonders bedrohten Zentrum der Gruppe


lediglich zwei Infanterie-Regimenter der [Link] und ein dazwischen
eingeschobenes Regiment (LIR 387) der [Link] -auf 10km Frontlänge, ohne
weitere Reserven und lediglich mit schwacher Artillerie- unter
1378
einheitlichem Befehl standen . Dem Gesuch wurde zwei Tage später
1379
stattgegeben . Zu diesem Zeitpunkt schon unter den Vorzeichen einer an
Kontur gewinnenden britischen Unternehmung, die sich im Laufe des
[Link] in den verschiedenen Divisionsmeldungen an die Gruppe
durch „starken Wagenverkehr“ im feindlichen Hinterland, zunehmende
Feuerüberfälle und rege Fliegertätigkeit erkennen ließ 1380 . Wahrnehmungen,
die in den überlieferten Archivalien alles andere als die später so oft
unterstellte Ruhe im Gruppenabschnitt vor Angriffsbeginn
dokumentieren 1381 und im Nachhinein auch von der Heeresgruppe
Rupprecht zumindest als „Anzeichen für örtliche Angriffe“ gewertet

1378
Siehe ebenda, S. 131.
1379
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 143, Bl. 1: Gr Caudry an [Link] und [Link] vom 18.11.1917.
Erstaunlich ist hierbei, daß der [Link] im Falle eines Angriffs damit faktisch nur ein
Regiment blieb. Daß die Zustimmung zur Unterstellung des LIR 384 unter die [Link] durch
das Gruppenkommando irgendwelche Auswirkungen auf die Vorbereitungen zur Schlacht
oder die Gefechtsführung am 20.11. gehabt hat, war nicht nachzuweisen.
1380
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 142, S. 48ff. Wie die gemeldete Fliegertätigkeit auf
britischer Seite mit der Behauptung Zindlers (siehe Zindler: Erziehungsarbeit und ihr
Erfolg bei Cambrai, in Watter, S. 132) zur wetterbedingten Unmöglichkeit deutscher
Luftaufklärung seit dem 12.11. in Einklang zu bringen ist, muß offen bleiben.
Möglicherweise ist der Grund für das Ausbleiben deutscher Luftaufklärung primär in zu
geringer Flugzeugausstattung des Gruppenabschnitts zu sehen. Vorhanden waren am
20.11.1917 lediglich zwei Fliegerabteilungen und eine Jagdstaffel, die am ersten
Schlachttag arg dezimiert und erst später durch herbeigeholte Einheiten verstärkt wurden;
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 373a: Gr Caudry zur Tankschlacht bei Cambrai vom
30.12.1917, S. 19f.
1381
Siehe ebenda, S. 1ff. Auf S. 1 wurde ausgesagt, daß sich hinter der britischen Front im
zweiten Drittel des Monats „etwas lebhafterer Verkehr“ bemerkbar machte, sonst aber
„keinerlei Anzeichen für einen feindlichen Angriff“ vorhanden waren. Eine Aussage, die
schon in Hinsicht auf den spätestens seit dem 16.11. diskutierten „Fall Havrincourt“ stutzig
machen muß und eigentlich allen Angaben und Maßnahmen der Gruppe in der Zeit
zwischen dem 18. und 21.11.1917 deutlichst widerspricht; siehe vor allem HStAS, M 33/2,
Bü. 144, Bl. 16: Gr Caudry Ia Nr. 403 op. vom 21.11.1917.
347

wurden 1382 . Noch in den frühen Morgenstunden des 18. kamen auch
Ergebnisse starker Patrouillen zur Kenntnis der Divisionen, die, als größere
Erkundungsvorstöße vor dem Hintergrund zunehmender Aktivität beim
Feind ausgeführt, eine wachsende Unruhe der Frontkommandeure belegen.
Von der [Link] wurden an zwei Stellen „Rohrladungen mit Reißzündern“
im eigenen Drahtverhau ausgemacht und im Rahmen der Patrouille „Udine“
eine größere Anzahl Gefangene der britischen Stellungsdivision
eingebracht 1383 . Die Rohrladungen allein hätten angesichts der starken
Patrouillentätigkeit eventuell kaum alarmiert und alarmieren können, da nur
feindliche Truppen erkannt worden waren, deren Vorhandensein bereits
bekannt war 1384 , doch in Kombination mit dem Unternehmen „Venedig“ des
IR 84 der [Link] beinhalteten die Aufklärungsergebnisse tatsachlich
Erkenntnisgewinn und Brisanz. Vom IR 84 waren zwar ebenfalls nur
Gefangene der gegenüberliegenden Stellungsdivision eingebracht
worden 1385 , doch diese sprachen von einer bevorstehenden Ablösung ihrer
Division durch die 51.(Highland) Division 1386 , über Tanks im Wald von
Havrincourt 1387 und über einen für den [Link] geplanten

1382
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 126, Akt: 211, Bl. 0002: HGr Rupprecht Ic No
4561 geh. vom 24.11.1917.
1383
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 142, S. 48, S. 50 und S. 52. Die Mittagsmeldung der
Gruppe (S. 52) nennt als Ergebnis von „Udine“ 35 Gefangene und fünf Maschinengewehre
als Beute.
1384
Genau dieser Faktor wurde von der HGr Rupprecht später zur Rechtfertigung
gebraucht, da man ja keinerlei Information über potentielle Angriffs-, sondern nur über
bereits erkannte Stellungstruppen erhalten hätte (!); siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht,
Bd. 126, Akt: 211, Bl. 0002f.: HGr Rupprecht Ic No 4561 geh. vom 24.11.1917.
1385
Siehe ebenda, S. 50 und S. 52.
1386
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 208, Bl. 54: Lagemeldung der HGr
Rupprecht vom 19.11.1917 mittags. Bemerkenswert ist hierbei, daß es also eineinhalb Tage
brauchte, um die Aussagen der Gefangenen vom 18.11. zur Kenntnis der Heeresgruppe zu
bringen.
1387
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 126, Akt: 211, Bl. 0002: HGr Rupprecht Ic No
4561 geh. vom 24.11.1917. Die TG IR 84, S. 48, sagt hierzu aus, daß von den britischen
Gefangenen erst nachträglich, also wohl nach ihrer Überweisung an eine höhere
Dienststelle (Die [Link] oder die Gruppe?) von bereitgestellten Tanks bei Trescault
gesprochen wurde. Dies reichte nach Aussage der TG aus, um die Division zu beunruhigen
und an einen „Angriff größeren Stiles zu denken“.
348

Großangriff 1388 auf den gleichnamigen Ort 1389 . Bei der [Link] der Gruppe
Arras wurde durch einen irischen Überläufer ebenfalls von einem baldigen
Angriffsunternehmen gegen Havrincourt gesprochen 1390 .
Für den Kommandeur der primär bedrohten [Link] ergab sich hieraus
umfangreicher Handlungsbedarf. Er beantragte bei der Gruppe die
Rückgabe des RIR 27, eine deutliche Verstärkung der schwachen, lediglich
aus neun Batterien des FAR 108 seiner Division, drei Fußartillerie-Batterien
mit älteren Beutegeschützen und zwei schweren deutschen Batterien
bestehenden Abschnittsartillerie 1391 sowie die Zuweisung von Artillerie-
und bezeichnenderweise auch von SmK-Munition 1392 . Nach Aussage

1388
Siehe Hegermann, B.: Die Patrouillenunternehmung am [Link] 1917, in TG
IR84, S. 63ff.
1389
Das Gruppenkommando schrieb hierzu, einmalig selbstkritisch und sich selbst
mehrfach widersprechend, daß es erst am 18.11.1917 früh „Veranlassung zu
Abwehrvorbereitungen“ gehabt hatte, nachdem Gefangene „von dem Vorhandensein
einzelner Tanks sprachen“ und einen Angriff auf Havrincourt am 20.11.1917 nahelegten.
Nach eigenen Angaben, die sich durch die überlieferten Akten des GK [Link] im HStAS,
M 33/2, ausdrücklich nicht bestätigen ließen, ergriff man daraufhin Maßnahmen in Form
von Anträgen beim AOK 2. Nachträglich betrachtet sei die Tiefengliederung der Infanterie
und Artillerie ausreichend gewesen, wenngleich Anordnungen der Gruppe und deren
Anträge beim AOK nicht mehr zur Geltung gekommen seien; siehe HStAS, M 33/2, Bü.
144, Bl. 16: Gr Caudry Ia Nr. 403 op. vom 21.11.1917.
1390
Siehe Moser: Feldzugsaufzeichnungen, S. 333. Moser fügte dieser Information bei, daß
es eine schon oft wiederholte Nachricht war, aber man nach den auch bei der Gruppe Arras
sehr beschränkten Möglichkeiten Vorsichtsmaßnahmen ergriff. Diese lassen sich durch die
Alarmbereitschaft seiner drei Divisionen ab 19.11. abends bestätigen; siehe ebenda, S. 336
und Brandes, Heinz (Bearb.): Geschichte des Kgl. Preuß. Infanterie-Regiments v. Voigts-
Rhetz ([Link].) Nr. 79 im Weltkrieg 1914-1918, Hildesheim o.J., S. 449.
1391
Siehe Zindler: Erziehungsarbeit und ihr Erfolg bei Cambrai, in Watter, S. 131. Wie
gering diese Ausstattung an Artillerie für eine bevorstehende Abwehrschlacht ist, kann ein
Vergleich zur [Link] in der Aisne-Champagne-Schlacht verdeutlichen: Diese Division
verfügte damals über 18 Feldartillerie-, 6 sFH-, 2 Mörser-, 3 10cm- und 2 15cm-Batterien;
siehe HStAS, M 30/1, Bü. 72: HGr Albrecht Ia Nr. 4334 geh. op. vom 14.11.1917: Bericht
der [Link] über die Kämpfe am 16.4.1917, S. 7.
1392
Siehe Kabisch, Ernst: Taktiker und Stratege, in Watter, S. 73. Wie eine bewilligte
Anfrage Kabischs bei der Forschungsanstalt des Heeres von 1937 wegen der Überlassung
der Aufzeichnungen Oskar v. Watters nahelegt, dürften der Beitrag zu Cambrai im
Gedenkbuch für Watter (nach 1939) und das entsprechende Kapitel in „Gegen englische
349

Watters beziehungsweise Kabischs sollen diese Forderungen von der


Gruppe insofern positiv aufgenommen worden sein, als daß sie zusagte,
ihnen im Rahmen des Möglichen nachkommen zu wollen 1393 . Wie aus den
Truppengeschichten der beteiligten Verbände hervorgeht, kam es vor
Angriffsbeginn allerdings nicht mehr zur Zuweisung von SmK-Munition
und eines größeren Bestandes an Artilleriemunition durch das
Gruppenkommando 1394 . Dabei dürfte das Heranschaffen der Granaten
tatsächlich größeren Aufwand und Schwierigkeiten verursacht haben 1395 ,
während die Stahlkernmunition offensichtlich in Depots der Gruppe vorrätig
war, aber auf dem Dienstweg nicht zur Ausgabe kam, sondern zumindest
bei der [Link] „besorgt“ wurde 1396 . Kleinere Bestände dieses Patronentyps
scheint es allerdings bei allen Truppenteilen gegeben zu haben 1397 , wie auch

Panzerdrachen“ (1938) maßgeblich auf den Aufzeichnungen des Kommandeurs der [Link]
beruhen. Dessen Bericht, der von Kabisch im Quellenverzeichnis zum Buch von 1938 auf
den [Link] 1928 datiert wird, ließ sich bei den Recherchen zur vorliegenden Arbeit
allerdings nicht in den durchgesehenen Unterlagen der Forschungsanstalt (BA-MA, RH 61)
oder im Nachlaß Watters (HStAS, M 660/047) auffinden; siehe BA-MA, RH 61/51766:
Anfrage Kabischs bei der Forschungsanstalt des Heeres vom 2.6.1937. Der Bericht Watters
bzw. dessen bei Kabisch deutlich werdenden Inhalte scheinen die Lösung für verschiedene
Unklarheiten hinsichtlich der Zeit bis zum Ende des ersten Schlachttages zu sein.
Unterstrichen wird ein negatives Bild der Leistungen des Gruppenkommandos, wobei sich
dieses für den heutigen Betrachter schon aus den oben geschilderten Vorgängen von
Juni/Juli 1917 angedeutet findet.
1393
Siehe Kabisch: Taktiker und Stratege, in Watter, S. 73.
1394
Zur SmK-Munition vgl. RA, Bd. 13, S. 126.
1395
Siehe TG RIR 27, S. 353. Munition wurde zugesagt, kam aber in großen Teilen zum
Verbrauch am 20.11. zu spät.
1396
Siehe Zindler: Erziehungsarbeit und ihr Erfolg bei Cambrai, in Watter, S. 133.
1397
Siehe etwa TG RIR 90, S. 237: „Gegen 2 Uhr [morgens am 20.11.] kam die Nachricht
von der Brigade, nach Aussage des am Morgen eingebrachten Gefangenen habe der Gegner
Tanks bereit gestellt. Daraufhin wurde sofort die Ausgabe aller vorhandenen K-Munition
an die Maschinengewehre und an die Infanterie veranlaßt; viel K-Patronen kamen nicht auf
jedes Gewehr und auf jeden Mann, aber wir hatten eben nicht mehr.“ Siehe auch TG RIR
27, S. 353: „Der allergrößte Mangel herrschte an Smk-Patronen, die bei der knappen
Ausstattung der ‚ruhigen’ Front auch in kurzer Zeit gar nicht herbeizuschaffen waren.
Versucht worden ist es.“ Unklar bleibt hier, durch wen und auf welchem Weg die
Beschaffung angestrengt worden war.
350

aus späteren Gefechtsdarstellungen hervorgeht- und sei es auch nur deshalb


so, weil etwa das RIR 227 der [Link] seinen Bestand verbotenerweise von
der Ostfront mitgebracht hatte 1398 .
Wie ernst die Lage einzuschätzen war, ließ am Morgen des [Link]
nochmals eine Patrouille des RIR 90 deutlich werden, welche die bisherigen
Aufklärungsergebnisse bestätigen konnte 1399 . Zudem wurde von der [Link]
wiederum auffällig lebhafter Verkehr hinter den feindlichen Linien
wahrgenommen 1400 , und am Abend wurde ein bei der Gruppe Arras
abgefangener britischer Funkspruch bekannt, der mit dem Kode „Dienstag
Flandern“ für einen bevorstehenden Angriff am nächsten Tag sprach 1401 .
Ein Gruppenbefehl beurteilte die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs auf
Havrincourt nun als hoch und forderte von den unterstellten Verbänden
Aufstellungen und Skizzen über Maschinengewehre zur Flieger- und
Tankabwehr ein 1402 . Zwar waren die an die Divisionen weitergereichten
Informationen innerhalb dieses Befehls nicht besonders präzise, wie die
Vernehmung der am 18. eingebrachten Gefangenen und ein zu
unterstellendes Bedürfnis der Gruppe nach Information hätte erwarten
lassen, doch kam hinzu, daß sich der Gruppenkommandeur zur
Lagebesprechung mit dem Kommandeur der [Link], seinem Vetter, traf. Die
Quintessenz des Gespräches lag aus Sicht Oskar Freiherr von Watters darin,
daß seinen mündlich geäußerten Vorschlägen zur Vorbereitung der Abwehr
vom Gruppenkommandeur stattgegeben wurde. Dabei wurde auch der
Einsatz der mittlerweile zu einem Großteil eingetroffenen [Link] „seinen
Wünschen entsprechend“ geregelt, was nichts anderes bedeuten konnte, als
daß die [Link] im Falle eines feindlichen Angriffes Befehlsgewalt über die
neuangekommene Division erhielt und deren Truppenteilen schon jetzt
bestimmte Positionen im bedrohten Abschnitt zuweisen durfte 1403 . Die

1398
Siehe TG RIR 227, S. 416.
1399
Siehe TG RIR 90, 236.
1400
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 142, S. 54. Diese Bewegungen wurden von der Gruppe dem
AOK 2 mitgeteilt, allerdings ganz offenbar ohne weiteren Kommentar.
1401
Siehe ebenda, Bü. 143, Bl. 45.
1402
Siehe ebenda, Bü. 363: Gr Caudry Ia Nr. 381 op. vom 19.11.1917, Ziff. 1.) und 6.).
1403
Siehe Kabisch: Taktiker und Stratege, in Watter, S. 73. Bei der späteren, mit sehr viel
Herzblut und zum Teil großer Schärfe zwischen Oskar Frhr. v. Watter und dem im
351

Richtigkeit der Annahme, daß derartig klare Vereinbarungen getroffen


worden waren, fand noch am [Link] eine Bestätigung darin, daß
zumindest die seit dem 17. des Monats um Cambrai herum in Quartier
befindliche II. und [Link] des FAR 213 der [Link] augenblicklich der
[Link] unterstellt wurden und noch am selben Tag in Stellung gerufen
werden konnten 1404 . Außerdem wurden der [Link] Teile des FAR 282 der
[Link] für die Abwehr des bevorstehenden Angriffs unterstellt, das RIR 27
formell an die Division zurücküberwiesen 1405 und von der Gruppe Caudry
wurde beim AOK 2 ein Fußartillerie-Bataillon mit drei schweren Batterien
sowie Gas- und sonstige Artilleriemunition beantragt 1406 . Hierbei handelte
es sich um Verstärkungen von einem gewissen Wert, aber keinesfalls in
einem Ausmaß, das im Verhältnis zu den Anforderungen des AOK 2 von
Ende Juni 1917 (s.o.) als wenigstens ausreichend für die Abwehr eines
begrenzten Feindunternehmens erachtet werden kann. Interessant ist, daß
das III./RIR 27 vom AOK 2 freigegeben wurde und von der Armee am
[Link] zusätzlich einige Batterien versprochen wurden 1407 , die den

Reichsarchiv für die Reihe „Schlachten des Weltkrieges“ zuständigen Bearbeiter, Soldan,
geführten Diskussion um den geschilderten Hergang des Treffens und seine Ergebnisse
betonte Watter ausdrücklich, daß die [Link] mit der Unterstellung der [Link] fest rechnete.
Dabei unterstrich er, daß es zum Wesen dieser Kämpfe gehörte, daß bestimmte
Anordnungen schnell getroffen und wieder verworfen und oftmals auch gar nicht schriftlich
fixiert worden sind; siehe dazu HStAS, M 33/2, Bü. 660/047, Heft 16 (Diverse
Schriftwechsel Watters, dabei auch mit Soldan um die Jahreswende 1927/28).
1404
Siehe verschiedene Bearb.: Das Feldartillerie-Regiment 213 (Aus Deutschlands großer
Zeit, Bd. 14), Zeulenroda o.J., S. 158. Wie es dazu kam, daß eine Ansprache Oskar v.
Watters an die Abteilungsstäbe und Batterieführer des FAR 213 als ausführliches Zitat
Eingang in die Truppengeschichte fand und sich ihr Inhalt alles andere als mit den
Grundlagen des Einsatzes der beiden Abteilungen bei seiner Division deckt, muß fraglich
bleiben. Daß es, laut dem Zitat, am 19.11.1917 in den Augen des Kommandeurs der [Link]
keinerlei Anzeichen für bevorstehende Kämpfe gegeben haben soll, ist jedenfalls schon
wegen des diskutierten Szenarios „Fall Havrincourt“ vom 16.11.1917 abwegig und kann in
aller Deutlichkeit auf die bei Abfassung der TG offenbare Konkurrenz zwischen 54. und
[Link] um die „Lorbeeren“ von Cambrai verweisen.
1405
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 143, Bl. 45.
1406
Siehe ebenda, Bü. 72: Gr Caudry Ia Nr. 384 op. vom 19.11.1917.
1407
Siehe ebenda, Bü. 373a: Gr Caudry zur Tankschlacht bei Cambrai vom 30.12.1917, S.
3, Ziff. 5.
352

Abschnitt verstärken sollten. Damit ist zumindest deutlich, daß man an


höherer Stelle erkannte, wie schwach die Gruppe einem feindlichen Angriff
gegenüber sein mußte. Neben der Quantität ist auch die Qualität der
zugesagten Verstärkungen einzuschränken. Während die vom AOK zur
Verfügung gestellten Teile erst am 20. November oder später vor Ort sein
konnten, besaßen die Batterien des FAR 213 lediglich drei Geschütze und
waren ohne Munition bei der Gruppe eingetroffen 1408 . Die äußerst geringen
Bestände des Munitionsdepots der [Link], das gerade einmal 4.600 Schuß
aller Kaliber und Arten vorrätig 1409 und zusätzlich noch Teile des FAR 282
zu versorgen hatte, konnten an sich schon nicht den Anforderungen zur
Abwehr eines Angriffs genügen 1410 . Zusätzliche Munition kam spät,
teilweise erst am frühen Morgen des 20. im Gruppenbereich an 1411 . Das
Auffinden und die Auswahl der Stellungen für die neu ankommenden
Batterien scheint zu allem Überfluß nicht besonders glücklich verlaufen
sein, da ältere Positionen bezogen wurden, die kaum zur Nahverteidigung
vorbereitet und nicht an das Fernsprechnetz angeschlossen waren 1412 .
Ob der Gruppe für die Infanterie der [Link], deren RIR 227 seit dem 16.
November mit ersten und deren RIR 52 seit Mittag des [Link] mit
allen Teilen in rückwärtigen Quartieren der Gruppe lag, von der [Link]
detaillierte Einsatzvorschläge für ihren bedrohten Divisionsabschnitt
angetragen wurden, war durch das überlieferte Schriftgut der Gruppe
Caudry nicht zu verifizieren. Watter erwähnte aber einen Umstand, der
damals für ihn als Beweis für eine eindeutige Verständigung mit dem

1408
Siehe TG FAR 213, S. 158.
1409
Siehe Zindler: Erziehungsarbeit und ihr Erfolg bei Cambrai, in Watter, S. 132.
1410
Erinnert sei an die ungeheuren Verbrauchszahlen an Artilleriemunition in
vorangegangenen Kämpfen; siehe etwa Abschn. 3.3. Als Anhalt für den durchschnittlichen
(!) Tages-Munitionsverbrauch kann eine Aufstellung des AOK 2 von Anfang 1917 dienen,
die 250 Schuß für FK und lFH sowie 125 bzw. 100 Schuß für sFH und Mörser auswies;
siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 43, Akt: Fremde Berichte, Bl. 64: AOK 2 Fussa.
B. Nr. 4134/17. vom 7.2.1917. Und die Gr Caudry selbst hatte für einen Feuerschlag gegen
die gegenüberliegenden britischen Stellungen Ende Juni 1917 das AOK 2 um Überweisung
von 5.000 Schuß für Feldkanonen, 4.000 Schuß für lFH und 1.000 Schuß für sFH gebeten;
siehe HStAS, M 33/2, Bü. 256, Bl. 3: Gr Caudry Ia Nr. 1071 op. vom 29.6.1917.
1411
Siehe etwa TG FAR 213, S. 158.
1412
Siehe ebenda, S. 159.
353

Gruppenkommando aufgrund seines Gesprächs mit dem Kommandierenden


General gelten mußte und den heutigen Betrachter -mit seinen Kenntnissen
über die Konsequenzen- verwundern muß. Am Abend des [Link]
erschien zuerst der [Link] der [Link] bei Watter und
meldete ihm die Ankunft der Division 1413 . Watter wies ihn in die Lage ein,
und nachdem er durch die Schilderungen des Generalstabsoffiziers davon
ausgehen konnte, daß die Infanterie der [Link] bis zum Abend bei Cambrai
versammelt wäre, gab er den Befehl zur Bereitstellung der drei Regimenter
entlang des Schelde-Kanals hinter seiner eigenen Division. Die erteilten
Weisungen diskutierte Watter daraufhin noch persönlich mit dem
Kommandeur der [Link], der etwas später ebenfalls bei ihm in Cambrai
eintraf, und auch mit dem Gruppenkommandeur selbst 1414 . Konterkariert
wird diese glaubwürdige Darstellung durch den eigentümlichen Umstand,
daß von ihr keinerlei Spuren in den Truppengeschichten der [Link] zu
finden sind. Es kam bei der [Link] weder zu einer Orientierung über eine
akut-bedrohliche Lage durch das Gruppenkommando oder den eigenen
Divisionsstab, noch zur Erteilung oder gar Ausführung der von der [Link]
gegebenen Bereitstellungsbefehle 1415 . In einem Divisionsbefehl der [Link]
vom [Link] wurde zwar vage von einem möglichen
Angriffsunternehmen des Feindes bei Havrincourt gesprochen, doch
offenbar nur im Sinne einer Mitteilung am Rande, der keine Auswirkungen
auf die eigenen Kräfte und die vorgesehene Ablösung der [Link]
beigemessen werden konnte 1416 . Dies wird noch unverständlicher, wenn

1413
Siehe Kabisch: Taktiker und Stratege, in Watter, S. 74.
1414
Siehe ebenda.
1415
Siehe TG RIR 52, S. 400, TG RIR 227, S. 410, und Bartenwerffer, Erich v./Herrmann,
Alfred (Bearb.): Das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 232 in Ost und West, Teil II
(Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bd. 211, Teil II), Celle 1927, S. 97.
1416
Siehe TG RIR 227, S. 410. Die hier angeführte Information, daß die Ablösung der
[Link] vom 20. auf den 25. und 26.11. verschoben wurde, findet sich auch in der TG RIR
232 (S. 97), nicht aber in der TG RIR 52. Laut Strutz (Tankschlacht, S. 14) wurde in einem
Gruppenbefehl vom 19.11.1917 die Ablösung tatsächlich auf den 25./26.11. verschoben.
Dies ist um so interessanter, als sich hierin einmal mehr die geringe Bereitschaft des
Gruppenkommandos zeigt, die Infanterie der [Link] über die Lage und die Abmachungen
mit der [Link] zu orientieren.
354

man den Befehl des AOK 2 vom [Link] hinzuzieht, der ausdrücklich
davon sprach, daß die [Link] zum Einsatz bei Havrincourt -demnach
wenigstens im Stellungsabschnitt der [Link]- zur Verfügung stehe 1417 .
Insgesamt sind für den Tag vor der Schlacht nur Uneinheitlichkeiten in der
Lageauffassung durch die verschiedenen Stäbe feststellbar, und es wurden
keine der möglichen Bedrohung des Folgetages angemessenen Befehle
durch das Gruppenkommando gegeben. Die [Link] gab scheinbar keinerlei
Weisung für etwaige Abwehrvorkehrungen und die [Link] offenbar nur für
ihr an die [Link] anschließendes RIR 19 und das RFAR 9, welche am Abend
des 19. in erhöhte Alarmbereitschaft für den Morgen des 20. November
versetzt wurden 1418 . Ein Zug der Feldartillerie wurde im Abschnitt des RIR
19 weiter vorgezogen, was als Indiz für Tank- oder zumindest für
Sturmabwehrbereitschaft gewertet werden kann 1419 . Gleichzeitig wurde
allerdings die auch hier geringe Rohrdichte der Artillerie, welche die 36
Geschütze des RFAR 9 der [Link] auf eine Frontlänge von 9km verteilt sah,
durch den Befehl zum Stellungswechsel an eine dort befindliche 9cm
Landwehr-Fußartillerie-Batterie geschwächt 1420 . Zusätzlich befahl die [Link],
einen „Patruljenschleier“ vor die Stellung des RIR 19 zu legen 1421 . Über die
Abwehrvorkehrungen bei der [Link] können Angaben kaum gemacht
werden, doch zumindest in der Truppengeschichte des LIR 384 1422 findet

1417
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 373a, Anlage 3 zum Bericht der Gr Caudry: AOK 2 Ia/b Nr.
232/Nov. Geheim! Armeebefehl Nr. 15/Nov. Vom 19.11.1917, Ziff. 1.).
1418
Siehe TG RIR 19, S. 282, und Keffler, Wilhelm (Bearb.): Das Königl. Preuß. Res.-
Feldartillerie-Regiment Nr. 9, Berlin 1938, S. 219.
1419
Siehe TG RFAR 9, S. 219.
1420
Siehe ebenda. Diese Batterie zu 8 Geschützen wurde zum Ausfüllen einer Lücke
gebraucht, die durch den wegen Umbewaffnung befohlenen Abtransport einer 15cm
Ringkanonen-Batterie aus dem Gruppenabschnitt direkt vor Beginn der Schlacht entstand.
1421
Siehe Moeller, Herbert/Reinicke, Georg: Der Krieg wie er ist! Erfahrungen und Lehren
der Truppe, Bd. 1, Berlin 1942, S. 182. Dort ist ein entsprechender Bataillonsbefehl des
I./RIR 19 vom frühen Morgen des 20.11.1917 wiedergegeben.
1422
Siehe TG LIR 384, S. 13. Da das Regiment der [Link] unterstand, dürfte die Angabe
über Gefechtsbereitschaft am Morgen des 19.11. (!) einen Schreibfehler darstellen. Zu
erwarten wäre diese ab Abend des 19. oder, wie bei der [Link], ab Morgen des 20.11.
gewesen.
355

sich der Hinweis auf erhöhte Gefechtsbereitschaft 1423 . Bei der [Link] galt
diese bereits ab Abend des [Link] und wurde durch weitere
Maßnahmen begleitet, von denen nur ein Teil bereits in Form der
angeordneten –aber eben nicht durchgeführten- Bereitstellung der Infanterie
der [Link] entlang des Schelde-Kanals genannt wurde. Die Kanalübergänge
wurden von den Pionieren der [Link] zur Sprengung vorbereitet 1424 , die
Stellungstruppe zog ihre kläglichen Reserven näher an sich heran und das
RIR 27 wurde als Eingreiftruppe hinter der Divisionsstellung versammelt.
Zum Preis der Verminderung der geringen Munitionsbestände wurden
außerdem für die frühen Morgenstunden des [Link] Feuerüberfälle
auf Anmarschwege und besondere Geländepunkte befohlen, die wohl dem
primären Zweck dienen sollten, den Feind zu einer Reaktion zu verleiten
und so Klarheit darüber zu gewinnen, mit welcher Kräfteansammlung man
es zu tun hatte. Dieser Plan ging nicht auf, da in der von deutschen
Beobachtern auffällig ruhig beschriebenen Nacht 1425 der britische
Gegenschlag erst mit dem Beginn der Offensive erfolgte. Wovon
wenigstens einige Truppenteile noch direkt vor dem Angriff Kenntnis
erhielten, war „ein Tank bei Havrincourt“ 1426 .

1423
Im Unterschied zur Alarmbereitschaft, die sich auf das Bereithalten zu einem Einsatz
bezog, bedeutete Gefechtsbereitschaft einen deutlich höheren Grad der
Abwehrvorbereitung, der eine Truppe in unmittelbarer Nähe zum Feind bei einem Angriff
jederzeit gefechtsbereit finden sollte; siehe und vgl. F.O., Ziff. 251, S. 67 und ebenda, Ziff.
401, S. 105f, und Immanuel (Bearb.): Lehnert’s Handbuch für den Truppenführer, Berlin
1915, Nr. 281, S. 117, und Nr. 319, S. 130f.
1424
Siehe Kabisch: Taktiker und Stratege, in Watter, S. 76f. Wie hier ausgesagt wird, wurde
eine Besichtigung der Sprengvorbereitungen durch den Divisionskommandeur am 19.11.
kurzfristig abgesagt. Andernorts wird darauf verwiesen, daß noch am 20.11. keine Zünder
an den Sprengladungen angebracht worden waren; siehe Strutz: Tankschlacht, S. 59.
1425
Siehe etwa TG IR 79, S. 451, und TG LIR 384, S. 13.
1426
Siehe Moeller/Reinicke, S. 183. Auf die Meldung hin wurde beim I./RIR 19 -und wohl
auch bei den anderen Teilen des Regiments- befohlen, SmK-Munition bereitzustellen.
356

9.3. Die Kämpfe am [Link] 1917.

Um etwa 7.20 Uhr begann die britische Artillerie mit ihrem Trommelfeuer
auf Breite der Gruppen Arras und Caudry 1427 . Zeitgleich setzten sich Tanks
und Infanterie in Bewegung und gingen unter dem Schutz der Dämmerung,
des Rauchs einschlagender Granaten und des dichten Boden- und
abgefeuerten künstlichen Nebels vor. Britische Kampfflieger begannen mit
Tiefangriffen oder drangen zur Feuerleitung in den deutschen Luftraum
ein 1428 .
An den Flanken des Angriffsraumes, bei den Verbänden der Gruppe Arras
und bei der [Link] und dem Großteil der [Link], wurde recht schnell
deutlich, daß die mehr oder minder heftig und zahlreich attackierenden
britischen Truppen keinen ernsthaften Angriff ausführten, sondern lediglich
Ablenkungsmaßnahmen inszenierten 1429 . Fast überall wurden vorfühlende
Patrouillen und kleinere Vorstöße rasch abgewehrt. Lediglich bei der [Link]
der Gruppe Arras kam es zu einem zeitweiligen Einbruch in die
Kampflinie 1430 . Nach einiger Zeit flaute in diesen Bereichen das feindliche

1427
Die Zeitangaben variieren wie üblich (siehe Abschn. 3.3.), wobei der auf britischer
Seite festgelegte Zeitpunkt 7.20 Uhr war, in deutschen offiziellen Berichten von 7.15 und in
den Truppengeschichten von 7-7.30 Uhr die Sprache ist.
1428
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 143, Bl. 57: Flakgruppen-Kommandeur 4, Abendmeldung
vom 20.11.1917, TG IR 395, S. 141, TG RIR 19, S. 287, TG LIR 384, S. 13, TG FAR 213,
S. 160. Der Bericht der [Link] besagte in Hinsicht auf die feindlichen Fliegerkräfte:
„Fliegergeschwader niedrig fliegend und mit [Link].-Feuer die Gräben bestreichend,
warfen ebenfalls Brandbomben mit Leuchtwirkung ab.“ Zitiert nach HStAS, M 33/2, Bü.
373a, Bl. 91: [Link] Ia Nr. 3013 op. geh. vom 28.11.1917. Die Brandbomben fanden
Erwähnung, da die britische Artillerie nach Aussage von Angehörigen der [Link] mit
Brandmunition schoß. Diese ist nicht endgültig nachweisbar, und es bliebe die Frage, ob es
sich um Beleuchtungs- oder Kampfmittel handelte.
1429
Bei der südlichen Flügeldivision der Gruppe Arras, der [Link], die an die [Link] der
Gruppe Caudry anschloß, wurden „Tanks“ mit MG beschossen , die sich schließlich als
Attrappen herausstellten; siehe dazu Moser: Feldzugsaufzeichnungen, S. 336, und TG IR
79, S. 452. Eine Bestätigung dieser bemerkenswerten Täuschungsmaßnahme fand sich in
den britischen Beschreibungen der Schlacht nicht.
1430
Siehe Strutz: Tankschlacht, Anm. auf S. 43, Moser: Feldzugsaufzeichnungen, S. 336f.,
TG IR 79, S. 452, TG IR 395, S. 141, TG IR 184, S. 62f., und Christian, Karl: Das
Heldenbuch vom Infanterie-Regiment 418, Frankfurt a.M. 1935, S. 106.
357

Artilleriefeuer ab, und den Tag über gab es für den größten Teil der
betroffenen Verbände kaum noch etwas anderes zu tun, als der Routine zu
folgen und den Berichten über das Geschehen auf dem Kernschlachtfeld zu
lauschen 1431 .
Dort herrschte nach der ersten Überraschung über die Intensität des
britischen Artilleriefeuers schnell das Chaos, denn Verbindungen rissen ab
und Meldungen über das Geschehen zwischen den Frontverbänden und an
die Führung blieben aus. Man war blind. Bei den Stäben wegen
Informationsmangels und vorne, im wahrsten Sinne des Wortes, weil die
Sichtverhältnisse erst auf kürzeste Distanz das Erkennen und die
Bekämpfung des Feindes erlaubten. Die psychologische Wirkung der
Kombination von mangelnder Sicht und plötzlich auftauchenden Infanterie-
und Tankmassen war zweifellos immens, wie ein Angehöriger des RIR 19
bezeugte:
„Alles wurde in Rauch und Qualm gehüllt. [... .] Da sahen wir sie: Infanterie in
mehreren Wellen und davor- dicke Tanks. [... .] Es geht eklich auf die Nerven, wenn
sich die Ungetüme langsam, aber unaufhaltbar auf Einen zuwälzen. Auch gegen uns
kroch ein solches heran immer näher und näher, Tod und Verderben speiend; darüber
ratternd und mit MG. schießend niedrig kreisende Flieger.“ 1432

Dem morgendlichen Heraufziehen des neuartigen Masseneinsatzes von


Tanks im Verbund verschiedener Waffen und unter besten sonstigen
Voraussetzungen stand zumindest die erste Linie der deutschen Verteidiger
vollends hilflos gegenüber. Die deutsche Artillerie brachte keine
Entlastung 1433 , da sie über so gut wie kein Fernfeuer verfügte und generell

1431
Siehe Moser: Feldzugsaufzeichnungen, S. 336f., TG IR 79, S. 452, TG IR 395, S. 141,
TG IR 184, S. 63, und TG IR 418, S. 106.
1432
Zitiert nach einem Feldpostbrief des Unteroffiziers Moes bei der 6./RIR 19 in TG RIR
19, S. 289f.
1433
Über das deutsche Artilleriefeuer urteilte das britische amtliche Werk, unter anderen
enthaltenden, wenig vorteilhaften Passagen ausgewählt, grundsätzlich: „Few casualties
were caused by the enemy’s counter-barrage, which was late, scattered and inaccurate.“
Zitiert nach MO 1917, Bd. 3, S. 54.
358

zu wenig Feuerkraft einbringen konnte 1434 , ihrerseits nichts sah 1435 , ihre
Munitionsbestände beim unsicher abgefeuerten Sperrfeuer rapide
zusammenschrumpften 1436 oder sie vom feindlichen Feuer selbst erfaßt
wurde 1437 . Die breiten Drahthindernisse wurden von den Tanks einfach
niedergewalzt, und mit der wenigen und scheinbar plötzlich wirkungslos
gewordenen SmK-Munition 1438 sowie Handgranaten war der Kampf der
deutschen Verteidiger so aussichtslos, daß sich selbst in den Reihen
nachweislich kampferprobter Regimenter wie der RIR 19 und 90 rasch
Entsetzen und Mutlosigkeit breit machte 1439 , die wohl nur teilweise durch
das Eingreifen beherzter Führer kompensiert werden konnte 1440 . Noch
schlimmer erging es den Angehörigen der [Link], die mit Tanks nicht
einmal theoretische Erfahrungen gemacht hatten, auf Ablösung hatten
hoffen können und, nachdem die SmK-Munition verschossen war, dem
gepanzerten Stoß hilflos ausgeliefert waren 1441 :

1434
Siehe BA-MA, MSg 101/242: Aussagen der am 20. und 21.11.1917 gefangenen
Offiziere des RIR 90, S. 1, TG LIR 384, S. 15, TG FAR 108, S. 94, und TG RFAR 9, S.
220.
1435
Siehe TG RFAR 9. S. 220, und TG FAR 213, S. 169.
1436
Siehe TG FAR 213, S. 167f., und TG LIR 384, S. 14.
1437
Siehe TG FAR 213, S. 163, wo davon gesprochen wird, daß die 6./FAR 213 ihre drei
Geschütze bereits um 8 Uhr durch feindlichen Artilleriebeschuß verloren hatte. Die
Batterien des FAR 213 hatten offenbar ältere Stellungen übernommen, die dem Gegner
bekannt waren und bekam daher heftigstes Feuer; siehe auch ebenda, S. 165
1438
Siehe BA-MA, MSg 101/242: Aussagen der am 20. und 21.11.1917 gefangenen
Offiziere des RIR 90, S. 2.
1439
Siehe TG RIR 19, S. 290, und BA-MA, MSg 101/242: Aussagen der am 20. und
21.11.1917 gefangenen Offiziere des RIR 90, S. 2: „Von der vorderen Linie kommen Leute
zurück, stehen unter Eindruck des Kampfes, truebe Stimmung, melden Tanks. Leute
angesteckt, sehen Sache als verloren an. Es Bedarf des Eingriffs um sie während des
feindlichen Feuers aus den Unterstaenden herauszuholen.“ (Aussage Lt. Schertz, 3./RIR 90,
Lage um 7.50 Uhr.)
1440
Siehe ebenda und HStAS, M 660/047, Heft 11: Brief Hptm. von Köllers an Watter vom
27.11.1927.
1441
Dies ist der TG LIR 384, S. 13, zu entnehmen, die die einzige Truppengeschichte der
Infanterie der [Link] darstellt. Archivalien speziell zum Kampf der [Link] bei Cambrai
fanden sich allenfalls innerhalb der Berichte des Gruppenkommandos.
359

„Es wirkt jedoch beklemmend und unheimlich, daß unser Feuer die Tanks gar
nicht zu berühren scheint. Auch der Schutz der Drahthindernisse versagt, die Drähte
reißen und knicken zusammen. Die Tanks überqueren die Gräben, streichen sie mit
Geschütz- und M.-G.-Feuer ab, stoßen ins Hinterland vor, den nachfolgenden Wellen
das vollständige Niederringen der Grabenbesatzungen überlassend. Ehe wir das bis
dahin nie Gesehene recht begriffen haben, sind die Tanks schon mitten unter
uns.“ 1442

Bis 9 Uhr waren die Gräben der S-I-Stellung auf der gesamten
Angriffsbreite in der Hand des Feindes, und es wurde von ihm zum Teil
schon darüber hinaus auf die Zwischen-Stellung, vorgegangen. Das LIR
387, das im Zentrum der [Link] stand, war offenbar vernichtet worden, ohne
daß sein Kommandeur überhaupt nur erahnte, was vorne geschah 1443 . Links
und rechts daneben, beim IR 84 und dem RIR 90 waren die Einbrüche tief,
die Verbindungen zwischen den Teileinheiten gingen durch den Zwang zum
Ausweichen gegenüber den vorrollenden Tanks verloren und auch hier gab
es für den Angreifer in den ersten Morgenstunden nichts, was ihn wirklich
aufhalten konnte. Die Tankverluste durch deutsches Sperrfeuer schienen
angesichts der vorrollende Masse unerheblich zu sein 1444 . Die Gegenwehr
der Reste beider Regimenter und auch des RIR 19 war auf der anderen Seite
aber auch verzweifelt 1445 , wobei man sich an Verteidigungsinseln

1442
Zitiert nach ebenda.
1443
Kabisch berichtete davon, daß der Regimentskommandeur noch um 9 Uhr an die [Link]
meldete, in seinem Abschnitt sei alles ruhig. „Kurze Zeit darauf mußte sich der
Regimentskommandeur davon überzeugen, daß die feindlichen Tanks schon in gefährlicher
Nähe seines Gefechtsstandes angelangt seien; sein Regiment war einfach weggewischt
worden, ohne daß er eine Meldung davon erhalten hatte.“ Zitiert nach Kabisch: Taktiker
und Stratege, in Watter, S. 84.
1444
Siehe BA-MA, MSg 101/242: Aussagen der am 20. und 21.11.1917 gefangenen
Offiziere des RIR 90, S. 1 und S. 2. Gemeldet waren insgesamt fünf beobachtete
Tankabschüsse.
1445
Das britische amtliche Werk bemerkte etwa über den Vorstoß nach Ribécourt, das
zwischen S-I- und Z-Stellung lag und um etwa 9 Uhr angegriffen wurde, daß dort aus zwei
Stützpunkten heraus heftigster Widerstand („two centres of resistance held stubbornly out“)
geleistet wurde, bis Tanks ihn brachen; siehe MO 1917, Bd. 3, S. 55. Es handelte sich bei
den erwähnten Verteidigern vor allem um Angehörige des LIR 387 (siehe ebenda, Anm. 1,
S. 56), die das gleiche Schicksal erlitten wie andere Teile links und rechts auch; siehe dazu
etwa TG RIR 90, S. 241.
360

klammerte und kämpfend auf Munition, das erwartete und erhoffte


Eingreifen der Artillerie sowie den Gegenstoß der Reserven wartete.
Eine dieser Inseln bildete das II./IR 84 bei Havrincourt unter Hauptmann
Soltau. Rechts gingen feindliche Tanks und Infanterie nach Norden in die
Flanke des LIR 384 beziehungsweise gegen die [Link] vor, links klaffte das
Loch, das vom LIR 387 hinterlassen worden war. Hierdurch stieß der
Angreifer gegen Flesquières oder, genereller ausgedrückt, nach Nordosten
und Osten in Richtung Zwischen-Stellung und Schelde-Kanal vor. Die
beiden Meldungen Soltaus, die er zwischen 8.45 und 9 Uhr verfaßte und die
um 9.30 Uhr bei der [Link] ankamen, sprachen von einer verzweifelten
Lage, dem Halten bis zum letzten Mann und der Bitte um
Artillerieunterstützung gegen die zahlreichen Tanks 1446 . Watter schrieb nach
Erhalt Kommentare auf beide Meldezettel, wobei einmal die Anerkennung
für Soltaus persönliche Tapferkeit, dann aber vor allem auch die Hoffnung
auf Rettung durch den befohlenen Gegenstoß des RIR 27 und die [Link]
zum Ausdruck kam 1447 . Das Vorgehen dieser Einheiten, die Watter in den
von ihm befohlenen Stellungen am Kanal glaubte, war von ihm um 8.30
Uhr angeordnet worden, so daß mit ihrem Eingreifen in allernächster Zeit
gerechnet werden durfte. Das RIR 27 bei Flesquières ging auch tatsächlich
vor, allerdings ohne sein [Link], das jetzt noch von der Gruppe in
Cambrai festgehalten wurde. Beim Vorgehen über die Zwischenstellung bei
Flesquières hinaus traf der Gegenstoß des Regimentes auf die britischen
Angreifer der [Link], verlor Gefangene und zog sich mit Trümmern
des IR 84 auf den Ort zurück 1448 . Dort bildete der Kommandeur des RIR 27,

1446
Die beiden Meldungen sind wiedergegeben in Steuben, Arndt v.: Harro Soltau, das
Lebensbild eines Frontoffiziers. Gefallen in der Tankschlacht bei Cambrai am
[Link] 1917, Hamburg 1936, S. 93. Ein Faksimile der ersten Meldung findet sich bei
Moeller/Reinicke, S. 200-201.
1447
Siehe ebenda.
1448
Siehe TG RIR 27, S. 362ff. Bezeichnend für den Verlauf des Gegenstoßes ist dabei der
Bericht des Kompanieführers [Link]/RIR 27, Stoltenberg: „Der Feind nahm uns zwischen
seine beiden Tankreihen, stellte uns mit seinen Geschützen und ermöglichte es so seiner
Infanterie, uns zu überwältigen. Während der ganzen Kampfhandlung zählte ich in meinem
Gefechtsabschnitt etwa drei Schuß deutscher Artillerie. Infanterieziele boten sich nur
selten, kurz und einzeln. Unser instinktiv abgegebenes Feuer konnte dem Feind keinen
361

Major Krebs, eine weitere Verteidigungsinsel, nachdem der ursprünglich


befehlführende Kommandeur des I./IR 84 gefallen war. Irgendwann um
diese Zeit fiel auch der allein vor der neuen Abwehrinsel kämpfende
Hauptmann Soltau, und die wenigen Überlebenden seines Bataillons gingen
in Gefangenschaft.
Um 9 Uhr kam es zu einem Telefonat zwischen einem Offizier des
Regimentsstabes des RIR 90 und Watter. Letzterer erklärte auf die
dramatische Lageschilderung des Offiziers hin, daß alle Kräfte im Einsatz
und Verstärkungen von Cambrai aus unterwegs seien 1449 . Eine Stunde
später rief nach Kabischs Darstellung der Kommandeur des RIR 90 an und
sagte aus, daß sein Gefechtsstand nun selbst von einem feindlichen Angriff
bedroht sei. Watter verwies auch ihn auf den vermeintlich laufenden
Gegenstoß, hatte aber offenbar ein mulmiges Gefühl dabei, denn erwartete
Meldungen der vorgehenden Truppenteile der [Link] waren bislang
ausgeblieben. Deshalb entschloß er sich dazu, seinen stellvertretenden
Divisionsadjutanten auszusenden, um mit diesen Verbänden direkt Fühlung
aufzunehmen 1450 . Wovon Watter bis zur Rückkehr des Offiziers, der
zwangsweise in der falschen Himmelsrichtung forschte, nichts wußte, war,
daß die RIR 52 und 227 sowie die I./FAR 213 zwar bis 9 Uhr alarmiert
worden waren 1451 , sich aber noch in ihren Quartieren und nicht in den
Bereitstellungen auf dem Schlachtfeld befanden. Erst um 9.40 Uhr gab das

nennenswerten Abbruch tun und hatte auf die Tanks keine Wirkung,-- zumal mein
Ersuchen um S.m.K.-Munition unberücksichtigt geblieben war.“ Zitiert nach ebenda, S.
365.
1449
Siehe BA-MA, MSg 101/242: Aussagen der am 20. und 21.11.1917 gefangenen
Offiziere des RIR 90, S. 3.
1450
Siehe Kabisch: Taktiker und Stratege, in Watter, S. 84f.
1451
Siehe TG FAR 213, S. 171, TG RIR 52, S. 401, und TG RIR 227, S. 411. In der TG
RIR 227 wird davon gesprochen, daß man gegen 9 Uhr einen Befehl zu sofortigem Einsatz
durch die [Link] bekommen hatte. Diesem Befehl wurde scheinbar insofern gefolgt, als daß
man sich –ohne Karten und Ortskenntnisse- zum Abmarsch bereit machte. Dasselbe galt
wohl auch für die 2./ und 3./FAR 213, die sich mittags mit Teilen des RIR 52 zusammen
auf dem Marktplatz in Cambrai versammelten. Die TG RIR 232, S. 98, berichtet ganz klar,
daß die Befehle der [Link] die drei Infanterieregimenter der [Link] erreichten, dann aber
offenbar ausgesetzt und durch die Sicherung der Kanallinie und des Südteils von Cambrai
ersetzt wurden.
362

Gruppenkommando den Einheiten der [Link] Einsatzanweisungen 1452 :


Zwei Bataillone des RIR 227 wurden jetzt dem RIR 90 unterstellt und
sollten sich augenblicklich über den Kanal bei Masnières nach vorne
bewegen, ein Bataillon kam zur [Link] in Crèvecoeur. Die [Link] sollte nun
über die I./FAR 213 verfügen und das RIR 52, noch unter dem Befehl der
Gruppe, die Linie Fontaine-Proville einnehmen, um Cambrai gegen Westen
und Südwesten zu sichern. Das RIR 232 wurde zur Armeereserve in und bei
Cambrai bestimmt und nahm mit einem Bataillon tatsächlich auch noch
Quartier in einer Kaserne in Cambrai 1453 , während die übrigen Teile eine
Sicherungslinie am Schelde-Kanal zwischen Cantaing und Noyelles
aufbauen sollten.
Die Gültigkeitsdauer dieser Anordnungen war bescheiden. Etwas mehr als
eine Stunde später revidierte die Gruppe sie. Nun, nachdem auch ein
verzweifelter Hilferuf des LIR 387 nach der noch immer ausbleibenden
Unterstützung durch das RIR 52 eingegangen war 1454 , wurde zumindest ein
Teil dessen umgesetzt, was zwischen den beiden Generalen Watter wohl
schon am Tag ausgehandelt worden war: Das RIR 52 wurde der [Link]
unterstellt und das RIR 232 als Gruppenreserve in die Linie Anneux-
Rumilly, halbreisförmig um den Westen und Südwesten von Cambrai
herum, befohlen 1455 . Offenbar war dem Generalkommando zu diesem
Zeitpunkt zu Bewußtsein gekommen, mit welchem Fiasko, das nur noch
durch den Aufbau einer neuen Linie relativiert werden konnte, man
konfrontiert war. Jedenfalls sprach diese Erkenntnis aus den neuen

1452
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 373a, Anlage 4 zum Bericht der Gr Caudry: Fernspruch Gr
Caudry an [Link] vom 20.11.1917, 9.40 Uhr vorm.
1453
Siehe TG RIR 232, S. 98. Diese Handlungsweise erstaunt zutiefst, bedenkt man die
Situation, in der diese Befehle erteilt wurden. Die Gruppe kam damit allerdings einer -
durch die Lage zweifelsfrei überholten- Anordnung des AOK 2 vom Vortag nach, die ein
Regiment der [Link] als Armeereserve gefordert hatte; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 373a,
Anlage 3 zum Bericht der Gr Caudry: AOK 2 Ia/b Nr. 232/Nov. Geheim! Armeebefehl Nr.
15/Nov. vom 19.11.1917, Ziff. 2.).
1454
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 143, Bl. 22: Lagemeldung des LIR 387 vom 20.11.1917,
10.30 Uhr.
1455
Siehe ebenda, Bl. 25: Fernspruch der Gr Caudry an die 107. und [Link] vom
20.11.1917, 10.50 Uhr.
363

Befehlen, und Gegenstöße sollten von nun an unterbleiben 1456 . Hiervon


scheint der Kommandeur der [Link] nichts erfahren zu haben, denn bis
Mittag blieb er über den Aufenthalt und die Bewegungen der Infanterie der
[Link] im unklaren. Dann, gegen 12 Uhr, traf zuerst der von ihm
ausgesandte Stabsoffizier ein, der ihm berichten konnte, daß er nichts und
niemanden von der [Link] gefunden oder gesehen habe. Kurz darauf
erschien der Kommandeur des RIR 52 und konnte bestätigen, daß sein
Regiment gerade einmal im Anmarsch auf Cambrai sei und erst am frühen
Nachmittag gegen 14 Uhr dort eintreffen würde 1457 . Dieser Zeitpunkt und
sehr viel spätere galten für alle Verstärkungen, die von der Gruppe
freigegeben worden waren, ebenso für einige schwere Batterien, die am
Vortag das AOK 2 angekündigt hatte 1458 , und für verschiedene
Ruhebataillone aus dem Armeebereich, die beschleunigt herangeführt
wurden 1459 . Und dabei konnten diese Verbände angesichts der erlittenen
Verluste der Stellungstruppen und der kritischen Lage nur einen Tropfen auf
einen heißen Stein bedeuten. Umfangreichere Hilfe vom AOK 2, der
Heeresgruppe Rupprecht und der OHL, die ab 8 Uhr von Einbrüchen in die
Stellungen der Gruppe Caudry erfahren hatten 1460 , konnten nur

1456
Siehe ebenda, Bü. 373a, Anlage 5 zum Bericht der Gr Caudry: Fernspruch Gr Caudry
an 107. und [Link] von 10.50 Uhr.
1457
Siehe Kabisch: Taktiker und Stratege, in Watter, S. 86.
1458
Als erster Teil der Artillerieverstärkungen kam die 1./[Link] 5 um 10.30 Uhr mit der
Bahn in Cambrai an. Die Batterie wurde auch sogleich ausgeladen, doch wegen
Munitionsmangels kam ihr Einsatz frühestens für den 21.11. in Frage; siehe
Schlörer/Schwinn: Kriegstagebuch der [Link] [Link]. Fußart.-Regiments, Bühl (Baden)
1919, S. 42.
1459
Die ersten Verbände, die ab 16.30 Uhr in Cambrai eintrafen, waren das III./[Link]
unter Major Brederlow, das II./RIR 98 und das III./[Link] 13. Diese wurden am Abend des
20.11. als „Regiment Brederlow“ auf das Schlachtfeld geschickt; siehe KA, 1 R. Korps, Bd.
169: [Link] Ia Nr. 6804 vom 26.11.1917: Erfahrungen im Kampf gegen Tanks
(III./[Link]).
1460
Die Morgenmeldung der Gruppe Caudry an das AOK 2 beinhaltete lediglich starkes
Artilleriefeuer bei Havrincourt seit 6 Uhr; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 142, Bl. 59. Die ersten
Archivalien zu Meldungen über Kampfhandlungen in den Gruppenakten des HStAS ließen
sich mit den Mittagsmeldungen der Divisionen (ebenda, Bl. 61ff.) auffinden, wobei ein
vorheriger, mündlicher oder fernmündlicher Austausch über die Lage zwischen den Stäben
364

tröpfchenweise ankommen und nach Schätzung Ludendorffs frühestens am


[Link] eine Stärke erreichen, die dem britischen Angriff angemessen
war 1461 . Um 14.25 Uhr kam ein Fernschreiben des AOK 2 bei der Gruppe
Caudry an, das die 119. und die [Link] sowie Artillerie im Anmarsch auf
Cambrai meldete 1462 . Für die [Link] gab es nun kaum noch etwas zu tun,
außer den Pionieren der [Link] den Auftrag zuzuweisen, die von den
Divisionspionieren der [Link] bereits zur Sprengung vorbereiteten
Übergänge über den Schelde-Kanal mit zu besetzen und gegebenenfalls
auch zu zerstören 1463 . Außerdem wurde auf das Gerücht hin, daß sich der
Feind bereits in den Vororten Cambrais befände, der Divisionsstab in
Gefechtsbereitschaft versetzt 1464 und das Rekrutendepot in Richtung
Rumilly gesandt.

anzunehmen ist. Ludendorff wurde um 8 Uhr von Major Stappf, dem Generalstabschef des
AOK 2, telefonisch über Einbrüche bei der Gruppe in Kenntnis gesetzt. Die Informationen
mußten zwangsweise vage sein, und auch erst für den Mittag des 20.11. finden sich in
Kronprinz Rupprechts Aufzeichnungen genauere Angaben zum Ausmaß des britischen
Angriffs; siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 394, und Frauenholz: Kronprinz
Rupprecht, Bd. 2, S. 291.
1461
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 394.
1462
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 373a, Anlage 7 zum Bericht der Gr Caudry: Fernschreiben
AOK 2 Ia Nr. 260/Nov. Geheim! vom 20.11.1917, 14.25 Uhr. Bezeichnend für die
undurchsichtige Lage war die ausdrückliche Aufforderung an die Gruppe Caudry, sie
umgehend zu klären. Zudem wurde die [Link] als Eingreifdivision bei der Gruppe Arras
vorgesehen und nicht nach Cambrai beordert. Artilleristische Unterstützung hatte das AOK
2 bereits am Morgen in Form einiger Batterien der Gruppen Quentin und Oise zugesagt;
siehe HStAS, M 33/2, Bü. 143, Bl. 20: Fernspruch AOK 2 an Gr. Caudry von 10.30 Uhr.
Eine Betrachtung dieser beiden Gruppen dürfte mit allergrößter Wahrscheinlichkeit
ergeben, daß sie selbst, in Hinsicht auf Divisionsbreiten und Reserven, nun in einem
genauso desolaten Zustand waren, wie die Gruppen Arras und Caudry zuvor.
1463
Siehe TG RIR 232, S. 101, und Strutz: Tankschlacht, S. 59. Laut Strutz gab die [Link]
den Befehl zur Sprengung der Hauptbrücke von Masnières und der Eisenbahnbrücke
Marcoing um 13.15 Uhr.
1464
Siehe Köller, Max-Georg v.: Im Stab während der Schlacht, in Watter, S. 95. Es wäre
möglich, daß diese Gerüchte in engerem Zusammenhang mit dem Aufklärungsunternehmen
durch Tanks bei der britischen [Link] oder Vorstößen der [Link] auf
Anneux standen (s.u.).
365

Die Situation auf dem Schlachtfeld war bis zum Mittag so weit eskaliert,
daß die Verbände der [Link] mit einem Teil auf Moeuvres und über die
Straße Bapaume-Cambrai nach Norden und mit einem anderen Teil bis
östlich Graincourt zurückgedrängt worden waren 1465 . Verbindung zwischen
den einzelnen Verbänden gab es nicht mehr, demgemäß auch keine „Linie“.
Schutz gegen Tanks, namentlich durch das divisionseigene FAR 282, war
nach einigen Erfolgen nicht mehr vorhanden, da sich die Batterien
verschossen hatten und begannen, sich abzusetzen 1466 . Zeitweilige
Unterstützung kam nach dem Aufklaren der Sichtverhältnisse noch vom
FAR 213, dem es gelang, vorgehende Infanterie unter Beschuß zu nehmen
und, nach eigenen Angaben, bei Havrincourt und Graincourt insgesamt elf
Tanks abzuschießen 1467 . Die Lage in diesem Sektor war dessen ungeachtet
überaus kritisch, denn die Reste der [Link] konnten dem Druck der
britischen 36. und [Link] unmöglich standhalten und gaben den
direkten Weg auf ein primäres Operationsziel des Angriffs, die Höhe des
Bourlon-Waldes, schließlich frei 1468 . Dies blieb der britischen [Link]
nicht verborgen. Eine vorausgeschickte Patrouille von drei Tanks meldete
den Rückzug der Deutschen und daß der Wald feindfrei sei 1469 . Was nun zu
erwarten gewesen wäre, nämlich der Stoß gegen den Bourlon-Wald und
über die Römerstraße nach Cambrai, blieb aus. Ursache hierfür waren die
Ereignisse bei der Nachbardivision vor Flesquières, die für die [Link]
bei jedem weiteren Vorstoß die Gefahr einer offenen rechten Flanke mit
sich zu bringen schien. Daher befahl der Divisionskommandeur um 15.45
Uhr jedes weitere Vorgehen zu unterlassen, woran sich aber nur zum Teil
gehalten wurde. Die Römerstraße wurde noch überschritten und dortige

1465
Siehe TG LIR 384, S. 14.
1466
Siehe ebenda.
1467
Siehe TG FAR 213, S. 161ff. Die Feuerunterstützung kam von der 5./FAR 213, die
nahe des Regimentsgefechtsstandes des LIR 384 stand. Bis 16 Uhr war die Artillerie- und
Infanteriemunition bei der Batterie verschossen, und sie gab ihre Stellung auf.
1468
Siehe TG LIR 384, S. 14. Die Truppengeschichte gibt an, daß noch bis 19 Uhr bei
Cantaing und Moeuvres gehalten worden sei. Von koordiniertem Widerstand kann dabei
allerdings keine Rede sein. Der Regimentsstab und Versprengte des LIR 384 zogen sich
angesichts der aussichtslosen Lage ab 13.30 Uhr auf Cantaing und dann Proville zurück.
1469
Siehe Cooper: Cambrai, S. 123.
366

Gebäude gesichert. Von Graincourt aus gingen einzelne Kompanien und


einige Schwadronen der [Link]-Division bis auf Anneux vor. Wegen
der unklaren Lage auf dem rechten Flügel, der fortgeschrittenen Tageszeit
und des wachsenden deutschen Widerstandes wurden die nach Osten
vorgestoßenen Teile allerdings am Abend auf Graincourt
1470
zurückgenommen .
Nachdem die [Link] die S-I-Stellung am frühen Morgen genommen
hatte, gingen ihre Sturmtruppen, unterstützt durch insgesamt mindestens 36
Tanks 1471 , ab 9.30 Uhr gegen die Zwischen-Stellung vor, die auf einer
Anhöhe direkt vor Flesquières verlief. Die Tanks fuhren wie von der
Division befohlen voraus. Als sie die Anhöhe überschritten, zeigten sie sich
den direkt bei Flesquières aber auch den weiter entfernt stehenden Batterien
der FAR 108 und 213 offen. Sofern es notwendig und möglich war 1472 ,
wurden die Geschütze aus ihren Deckungen gezogen, und die Bedienungen
begannen augenblicklich damit, in direktem Richten und ohne Rücksicht auf
die geringen Munitionsbestände auf die Tanks zu feuern 1473 . Für den so
erfolgversprechend begonnenen Angriff und seine Hauptträger endete damit

1470
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 86. Ob der Kommandeur der [Link] den Befehl zum
Halt nicht bekam oder er ihn einfach ignorierte, muß offen bleiben. Eine frühere Version
der Begründung für das ausgebliebene Vorgehen der [Link] gegen Bourlon legte nahe,
daß die Erschöpfung der Truppe ausschlaggebend gewesen sei; siehe William-Ellis: Tank
Corps, S. 111. Eine Auffassung, die sicher den Divisionskommandeur so lange vor Kritik
gegenüber seiner Risikofeindlichkeit bewahren konnte, bis das britische amtliche Werk
(1948) die Verhältnisse zumindest anhand der gegebenen Befehle (ohne Wertung)
richtigstellte.
1471
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 57 und S. 58.
1472
Bei der 4./FAR 213 soll es wegen der Hanglage ihrer Feuerstellung unmöglich gewesen
sein, die Geschütze vollständig aus den Deckungen zu bringen, so daß sie im Gefecht nur
begrenzt wirken konnten. Die 8./FAR 213 konnte nur ein Geschütz zum Einsatz gegen die
Tanks bringen, da die Feuerstände der beiden anderen Geschütze äußerst ungünstig
angelegt waren; siehe TG FAR 213, S. 160 und S. 167.
1473
Die TG FAR 108 machte hierzu keine detaillierten Aussagen, während das FAR 213 im
Zusammenhang mit der Tankbekämpfung bei Flesquières 18 Abschüsse für sich
reklamierte und von Feuerentfernungen zwischen mehr als 800 und etwa 275m sprach;
siehe TG FAR 213, S. 160ff., und Abschn. 9.6.
367

wenigstens an dieser Stelle der gute Teil des Tages, wie der Bericht eines
Panzerkommandanten des E-Bataillons bezeugen dürfte:
„The trench in question was on the reverse slope of Flesquières Ridge, and
therefore out of our side. On gaining the crest of the ridge we seemed to walk right
into it. Tanks were all over the place; some with noses up, some afire, but all
motionless. At the time we hardly realized what had happened, however we spotted
the offending trench, packed with Huns, fully exposed, and all their fire seemed
concentrated on our tank. [… .] About 20 yards into the German wire we received a
direct hit which left a gaping hole in the side of the tank and wounded everyone
except the driver and myself, but fortunately left the engine still running. As my
gunners were out of action, and another shell landed amongst the sprockets, I
ordered my driver to reverse out of the wire.” 1474

Nach einigen Angaben fielen hier wohl bis zu 28 Tanks aus 1475 , von denen
mindestens 18 vor Ort liegenblieben oder ausbrannten 1476 . Der Legende
nach, die maßgeblich auf Haigs Aussagen zur Schlacht basiert, gingen 16
Abschüsse auf das Konto eines einzelnen deutschen Artillerieoffiziers, über
den später noch zu sprechen sein wird 1477 . Die nahezu ohne Tankschutz
deckungslos angreifende britische Infanterie wurde den Rest des Tages von
den deutschen Verteidigern unter Major Krebs in wechselhaft verlaufende
Kämpfe ohne wirkliche Fortschritte verwickelt 1478 . Wie die mehr oder
weniger zeitnah zum Geschehen verfaßten Aussagen deutscher Teilnehmer
an diesen Kämpfen zeigen, trug der sichtbare Erfolg der Artillerie gegen die
Tanks wesentlich dazu bei, die zusammengewürfelte Truppe Krebs’ zum

1474
Zitiert nach Fletcher: Tanks and Trenches, S. 80f. Der Kommandant berichtete noch
davon, daß ein niedrig fliegendes deutsches Flugzeug abgeschossen wurde, was eine
zeitliche Einordnung des Geschehens vor 14 Uhr erlaubt. Für 13.40 und 14 Uhr meldete
nämlich die Besatzung eines deutschen Beobachters, daß „Flesquières Park“ noch gehalten
würde. Das Flugzeug wurde kurz darauf abgeschossen und die beiden Insassen schlugen
sich nach hinten durch; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 143, Bl. 55f.: Fliegergruppe Caudry,
Abendmeldung vom 20.11.1917, Ziff. 9.).
1475
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 57ff. und S. 90, Anm. 1. Mit 26 Tanks griff die [Link]
der Division an und verlor sie alle. Von den 10 Tanks der [Link] wurden die vorderen
Fahrzeuge ebenfalls abgeschossen.
1476
Siehe Cave/Horsfall: Flesquières, S. 95. Im Gegensatz zu den Angaben in den MO wird
hier von insgesamt 28 ausgefallenen Tanks gesprochen.
1477
Siehe Abschn. 9.6.
1478
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 82f.
368

Aushalten zu motivieren 1479 und ihrerseits mit Maschinengewehren und


Handgranaten gegen die Wagen vorzugehen beziehungsweise die britische
Infanterie niederzuhalten. Plötzlich schien auch das Feuer der Tanks keine
Wirkung mehr zu haben und die Euphorie verleitete zu Aktionen, die man
verwegen, dreist und übermütig, oder einfach auch nur selbstmörderisch
nennen kann:
„Aus ihm [dem Tank] feuerten sie auch wie toll mit M.G., während die
Geschosse der kleinen Geschütze weniger Wirkung hatten. Er kam wieder und fuhr
so weit vor, bis er durch die Wirkung unserer Artillerie und ein rasendes M.G.-Feuer
zum Stehen gebracht wurde. Von Freude und Begeisterung über den Erfolg erfüllt,
rief mein Kompanieführer, Herr Lt. Stappenbeck, die Leute zusammen, um dem
Engländer die M.G. zu entreißen und auch gleichzeitig die Wirkung unserer
Beschießung zu sehen. Da sahen wir, daß er unterhalb der Schießscharten glatte
Durchschläge hatte. So gingen wir, 8 Mann, Herr Lt. Stappenbeck an der Spitze, mit
Handgranaten bewaffnet, gegen den Tank vor. Kaum waren wir 20 Schritt
herangekommen und schon dabei, Handgranaten durch die Öffnungen in der Seite
zu werfen, als wir von engl. Infanterie, ungefähr 30 Mann, überfallen wurden.“ 1480

Das Angebot der [Link] an den Kommandeur der [Link], gegen


Flesquières mit einem Flankenangriff zu unterstützen, schlug Harper am
frühen Nachmittag aus 1481 . Zu einem durch das [Link] um etwa 15.30

1479
Siehe etwa TG RIR 27, S. 379, mit der Aussage eines Unteroffiziers der 6./RIR 27:
„Warum nur unsere Artillerie nicht schießt? Nach Hilfe ausschauend, gleitet rückwärts der
Blick. Da fährt hinter uns ein Geschütz auf, protzt ab und richtet das Rohr. Achtung! hallt’s
zu uns herüber. Schon saust der erste Schuß über unsere Köpfe weg. Dicht beim Tank
schlägt er ein. Der versucht zurückzuschleichen. Vergebens! Der zweite Schuß sitzt schon.“
1480
Siehe ebenda, S. 378, Bericht des Schützen Göpel, [Link]/RIR 27. Unter dem Bericht,
der damit endet, daß eine Gruppe auf den Tank zugehender Leute auf die britische
Infanterie trifft und abgewiesen wird, findet sich der Hinweis auf einen Artikel im
„Ronneburger Tageblatt“ vom 31.3.1918. Der Inhalt des Berichts, so wie er in der TG
veröffentlicht wurde, läßt seinen Gebrauch im Sinne deutscher Propaganda und damit das
Wohlwollen der Zensurstellen sehr gut möglich erscheinen. Immerhin zeigte er
persönlichen Mut, das Vorbild des Führers, die Stärke des Willens und der Männer
gegenüber der Technik und nicht zuletzt auch die Bösartigkeit des Feindes, der dem Bericht
zufolge zwei gefallene Unteroffiziere ausplünderte. Der Tenor anderer, unzweifelhaft nicht
propagandistisch genutzter Berichte und Aussagen der TG in Hinsicht auf die
Motivationslage der Verteidiger von Flesquières wurde jedenfalls getroffen, weshalb der
Auszug an dieser Stelle auch zitiert wurde.
1481
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 86, und Cave/Horsfall: Flesquières, S. 58.
369

Uhr angeregten Angriff mit Teilen der [Link] und der [Link]-
Division in den Rücken und die Südflanke der deutschen Verteidiger bei
Flesquières kam es nicht mehr, da die Koordination und Durchführung des
Unternehmens vor Einruch der Dunkelheit nicht realisierbar schienen 1482 .
Ganz anders sah die Lage weiter südlich aus, wo sich die Angreifer in
großer Zahl auf die Übergänge des Schelde-Kanals zu bewegte. Die Lage
des LIR 387, von dem kaum Informationen geblieben sind, ist äußerst
unklar, doch dürften sich seine Reste, zusammen mit den noch nicht
gefangenen oder aufgeriebenen Kampfgruppen der IR 84, RIR 27 und 90,
im Rückzug auf Noyelles, Marcoing und Masnières befunden haben 1483 .
Tanks waren überall im Gelände sichtbar und wo sich Widerstand zeigte,
gingen sie augenblicklich gegen die Verteidiger vor, denen der Schock
unzweifelhaft tief in den Knochen saß und denen die Munition auszugehen
drohte 1484 . Auch beim RIR 19 stand nun der Kanal –zwischen südöstlich
Masnières und Crèvecoeur- im Mittelpunkt der Kämpfe und nicht mehr die
vorgelagerte Hauptstellung. Immerhin konnte nach dem Einsatz eines
herangeführten Bataillons des IR 395 die Nordflanke der [Link] von der S-I-
Stellung bei Banteux in Richtung Nordosten gehalten werden 1485 , nachdem
auch in diesem Abschnitt der Kampffront alle verfügbaren Kräfte zur

1482
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 83.
1483
Die genauen Verluste am ersten Schlachttag sind schwer zu eruieren. Für das IR 84 und
RIR 90 führt Strutz allerdings eine Kampfstärkemeldung vom Morgen des 21.11. an. Vom
IR 84 waren 7 Offiziere, 1 Arzt und 181 Mann vorhanden, vom RIR 90 noch 4 Offiziere
und 229 Mann; siehe Strutz: Tankschlacht, S. 72. Die TG LIR 384, S. 16, nennt für
denselben Zeitpunkt eine Regimentsstärke von 250 Mann mit 6 Maschinengewehren.
1484
Siehe BA-MA, MSg 101/242: Aussagen der am 20. und 21.11.1917 gefangenen
Offiziere des RIR 90, S. 4. Lt. Schmid, 11./RIR 90, sagte aus, daß seine
Verteidigungsstellung vor Marcoing nahezu vollständig eingeschlossen wurde, während
seine Soldaten durchschnittlich noch 10-15 Schuß Munition gehabt hätten und vier Tanks
auf Minimalentfernung zu feuern begannen bzw. sich der Position von den Flanken her
näherten. Es herrschte „groesste Verwirrung unter den Leuten“. Nach seiner Darstellung
gingen Einzelne bereits selbständig zurück und ließen sich nur teilweise wieder durch
Vorgesetzte daran hindern.
1485
Siehe TG RIR 19, S. 292.
370

Kanalverteidigung befohlen worden waren 1486 . Die


Artillerieunterstützung 1487 war nach dem Abschuß einiger Tanks 1488
ausgefallen, da die Geschütze entweder vom Feind genommen waren 1489 ,
oder man sich wegen Munitionsmangel zurückzog. Selbst nach dem
Aufnehmen der Reste des RIR 19 in eine Linie am Kanal und die S-II-
Stellung bei Crèvecoeur, reichten die Kräfte nicht aus, um eine durchgehend
besetzte Verteidigungsstellung mit Anschluß an den nördlichen Nachbarn
bei Masnières zu schaffen. Da der Feind allerdings sehr viel mehr im Auge
hatte, weiter nördlich über den Kanal zu kommen, konnte im südlichsten
Abschnitt der Angriffsfront für den Rest des Tages aufgeatmet werden.
Zusätzliche Verstärkungen trafen nach Einbruch der Dunkelheit ein 1490 .
In Les Rues Vertes, dem Teil von Masnières auf dem Westufer des Schelde-
Kanals, und Masnières selbst drang der Angreifer am Mittag ein und konnte
hoffen, die nur teilweise gesprengte Brücke zum Übergang über den Kanal
zu nutzen 1491 . Diese Aussicht war trügerisch, denn als um etwa 13.40 Uhr
der erste Tank auf das instabile Bauwerk fuhr, stürzte er mit ihm in den
Kanal. Damit war an dieser Stelle keine Möglichkeit mehr vorhanden, den
Kampf auf dem Ostufer mit Tanks zu unterstützen. Allerdings waren
einzelne britische Kompanien bereits dorthin gelangt, denn außerhalb der
Hauptübergänge in den Ortschaften gab es zahlreiche kleinere Brücken und
Stege, die zumindest von Infanterie und Kavallerie genutzt werden

1486
Siehe ebenda, S. 297. Es handelte sich maßgeblich um Angehörige der Bagagen und
das Personal eines Ausbildungskurses, die auch einige Maschinengewehre mitbrachten.
1487
Ein vorgeschobener Zug der 5./RFAR 9, der gegen 10 Uhr von Tanks überrollt wurde,
zwei lFH der 9./RFAR 9 und vier 15cm Ringkanonen, welche um 10.50 Uhr vom Feind an
der Zwischen-Stellung am Lateau-Wald genommen wurden; siehe TG RFAR 9, S. 221.
1488
Bspw. fielen dem letzten einsatzbereiten Geschütz der 9./RFAR 9 fünf Tanks zum
Opfer, ein weiterer wurde laut TG RIR 19 durch eine gerade ankommende 12cm Batterie
unbekannter Herkunft am Lateau-Wald zerstört; siehe TG RFAR 9, S. 222, bzw. RG RIR
19, S. 293f.
1489
Siehe dazu einige Schilderungen in MO 1917, Bd. 3, S. 66f.
1490
Siehe TG RIR 19, S. 297. Zuerst kamen zwei Kompanien des Rekrutendepots der
[Link], dann das Ruhebataillon des IR 395.
1491
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 64f. Warum die Sprengung der Brücke fehlgeschlagen war,
konnte nicht zweifelsfrei geklärt werden.
371

konnten 1492 . Fortschritte über den Miniatur-Brückenkopf hinaus machte


man allerdings vorerst nicht, da der deutsche Widerstand äußerst verbissen
(„dogged resistance“ 1493 ) war und die britische Infanterie von
Maschinengewehrfeuer niedergehalten wurde.
Marcoing erreichte der Angreifer ebenfalls am Mittag, und auch hier kam es
zum Häuserkampf 1494 . Das Übersetzen der hier vorhandenen Tanks auf das
Ostufer des Kanals unterblieb, obwohl die Haupt- und die Eisenbahnbrücke
von Marcoing unbeschädigt genommen werden konnten 1495 . Grund hierfür
war, daß die vor Ort befindlichen Tanks des B-Bataillons dazu keine
Befehle hatten 1496 . Zusammen mit Infanterie gingen lediglich zwei oder drei
Fahrzeuge auf das Ostufer und von dort gegen die S-II-Stellung und die Flot
Ferme südöstlich Noyelles vor 1497 . Bei Noyelles selbst gab es die
Gelegenheit zum Übersetzen schon nicht mehr, denn die dortige Brücke war
von den Deutschen gesprengt worden 1498 .
Etwa zur selben Zeit wie die ersten Schwadronen der britischen 1., 2. und 5.
Kavallerie-Division erreichten die Spitzen der absandten deutschen
Verstärkungen der [Link] die Brennpunkte des Geschehens. Anneux und
Cantaing wurden ab 14.30 Uhr von Bataillonen der RIR 232 und 52
gesichert, während sich andere Teile auf dem Ostufer des Kanals bei
Noyelles festsetzten und die Reste des RIR 27 in der S-II-Stellung
verstärkten 1499 . Eine Attacke der britischen [Link]-Division von
Noyelles aus in Richtung auf Fontaine wurde um etwa 16.30 Uhr von diesen

1492
Siehe ebenda, S. 69.
1493
Siehe ebenda.
1494
Siehe ebenda, S. 65f.
1495
Siehe TG RIR 90, S. 242. Nach Aussage der TG sei die Zeit zum Sprengen zu kurz
gewesen. Siehe dazu auch Strutz: Tankschlacht, S. 59.
1496
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 73.
1497
Siehe ebenda, S. 74f., und Strutz: Tankschlacht, S. 59ff. Die TG RIR 227, S. 416,
spricht von drei Tanks, die an der Flot Ferme erschienen.
1498
Siehe TG RIR 232, S. 100, und Strutz: Tankschlacht, S. 58, wo ausdrücklich von der
Sprengung durch Pioniere berichtet wird.
1499
Siehe TG RIR 232, S. 98ff, und TG RIR 52, S. 403f.
372

Kräften abgewiesen 1500 und die vor Ort sichtbaren Tanks von mindestens
einer plötzlich auftauchenden Kraftwagen-Flak unter Feuer genommen 1501 .
An der Flot Ferme gelang es Angehörigen des RIR 227 –nach Aussage der
Truppengeschichte- mit Maschinengewehrfeuer einen der angreifenden
Tanks zum Stehen und durch anhaltenden SmK- und Minenwerferbeschuß
die beiden anderen Wagen zum Abdrehen auf Marcoing zu zwingen 1502 .
Daß ein weiterer Abschuß durch eine in der Truppengeschichte des RIR 27
genannte Kraftwagen-Flak erreicht wurde, ist trotz der schwierig zu
klärenden Details immerhin wahrscheinlich, da ausdrücklich angegeben
wurde, daß das abgeschossene Fahrzeug eingehend begutachtet wurde und
keine Beschädigungen durch Infanterie- beziehungsweise
Maschinengewehrbeschuß aufwies 1503 . Wie das britische amtliche Werk

1500
Siehe Strutz: Tankschlacht, S. 65, und TG RIR 52, S. 405.
1501
Siehe TG RIR 52, S. 404 .Zwei K-Flak im Einsatz gegen Tanks an diesem Ort nennt
Strutz: Tankschlacht, S. 64, wobei es sich beim zweiten Geschütz um jenes gehandelt
haben dürfte, das an der Flot Ferme (s.u.) eingesetzt war. In die Abendmeldung des
zuständigen Flakgruppen-Kommandeurs fand dieses Geschehen keinen Eingang, berichtet
wurde lediglich von einem Tankabschuß am Lateau-Wald durch einen Zug der Flakbatterie
710 um etwa [Link]; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 143, Bl. 57: Flakgruppen-Kdr. 4,
Abendmeldung vom 20.11.1917.
1502
Siehe TG RIR 227, S. 416, und TG RIR 27, S. 399.
1503
Siehe TG RIR 27, S. 399: „ [...] ein Fliegerabwehrgeschütz war bis auf 500m
herangefahren und feuerte auch den ersten Tank, welcher nach ungefähr 25 Schüssen etwas
von der Straße abbog und in einem Ackerstück stehen blieb; fünf Mann der Besatzung
entflohen, als [Link]. Bergmann mit fünf Leuten, unter denen auch ich [ein gewisser
Musketier Kunze des RIR 27] mich befand, sich dem Tank näherte. [... .] Wir bargen die
fünf Maschinengewehre sowie zwei Brieftauben. Ich suchte noch an den Außenwänden
nach den Einschlägen der Infanteriegeschosse, fand aber nirgends ein Loch oder eine
Verbeulung, und nehme daher an, daß die Geschosse ohne Wirkung sind, nur könnten sie
durch die Schießscharten die [Link]ützen oder den Führer unschädlich machen.“ Die
spätere Aufnahme von Tankabschüssen, wie sie Borchert vornahm, weist einen
abgeschossenen weiblichen Tank zwischen Kanal und Bahnlinie südöstlich Flot Ferme aus,
während ein zweiter direkt vor Rumilly an der Straße nach Cambrai lag. Letzterer könnte
durch die K-Flak, der erste Tank durch das RIR 227 zum Stehen gebracht worden sein,
wobei die Frage bleibt, wie und wann die Soldaten des RIR 27 diesen begutachteten.
Zudem ist es möglich, daß der Tank an der Straße erst am nächsten Tag dort zum Stehen
373

jedenfalls feststellte, verleidete der deutsche Widerstand bei Marcoing jede


Idee an einen kavalleristischen Einsatz der [Link]-Division, die dort
um etwa 15 Uhr eingetroffen war, so daß keine Impulse zum Stoß über den
Kanal oder nach Nordosten mehr vorhanden waren.
Direkt südlich davon, bei Masnières und dem dort auf dem Ostufer
gebildeten Brückenkopf, kam es bis zum Einschlafen der Gefechtstätigkeit
bei Einbruch der Dunkelheit 1504 noch zu einem Gewaltvorstoß gegen
Rumilly beziehungsweise den Südzugang Cambrais. Eine Schwadron
kanadischer Kavallerie erreichte etwa um 15.15 Uhr Masnières und suchte
sich bis 16.30 Uhr einen Weg auf das Ostufer des Kanals 1505 . Von dort aus
attackierte sie gegen die S-II-Stellung vor Rumilly und konnte zwei der
wohlmöglich letzten drei feuerbereiten deutschen Batterien im Kernbereich
des Angriffssektors zeitweilig nehmen 1506 , bevor sie auf Teile des
Feldrekrutendepots der [Link] traf und von diesem überaus blutig
abgewiesen wurde 1507 . Daß der Ausbruch aus dem Brückenkopf lediglich
von einer Schwadron ausgeführt wurde, lag an den Befehlen, die vom
Kommandeur der [Link]-Division um 16.30 Uhr in Abstimmung mit
der Infanterie ausgegeben worden waren. Da man keinerlei Möglichkeit sah,
die Stoßkräfte noch vor Einbruch der Dunkelheit über den Kanal zu führen
und anzugreifen, war der Entschluß gefaßt worden, mit der Kavallerie auf
dem Westufer zu verbleiben und der Infanterie die vollständige Wegnahme
von Masnières zu befehlen 1508 . Letzteres gelang am [Link] nicht

kam; siehe MO 1917, Bd. 3, S. 105. Zur Verortung von Tankabschüsse siehe Borchert:
Tanks, Karte 1.
1504
Nach Informationen über die Homepage des Amts für Umweltschutz und
Stadtklimatologie der Stadt Stuttgart war der Zeitpunkt des Sonnenuntergangs am
20.11.1917 in Paris 17.06 Uhr; siehe H[Link]
[Link]/mirror/[Link] .
1505
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 69f.
1506
Siehe TG FAR 213, S. 171ff. Es handelte sich um die 2./ und die 3./FAR 213. Die
Stellung der [Link] wurde durch die auf die S-II-Stellung vorgehenden Kräfte des
Feldrekrutendepots wieder gewonnen, und die Geschütze konnten abends noch
zurückgezogen werden. Die 1./FAR 213 war ab 16 Uhr bei Cantaing in Stellung gegangen,
ihr boten sich allerdings am 20.11. keine Einsatzmöglichkeiten mehr; siehe ebenda, S. 170.
1507
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 72, TG RIR 19, S. 297, und Strutz: Tankschlacht, S. 62f.
1508
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 71.
374

mehr 1509 , und mit dem schwindenden Tageslicht schliefen auch hier die
Kampfhandlungen ein- so weit ein, daß es der deutschen Seite möglich
wurde, durch Patrouillen mit den Verteidigern von Flesquières in Kontakt
zu treten 1510 . Flesquières wurde am frühen Morgen des [Link]
geräumt, und die knapp 600 Verteidiger zogen sich zuerst auf die deutsche
Linie bei Cantaing und dann nach Cambrai zurück 1511 .
Welch große Bedeutung der Widerstand bei Flesquières und der Aufbau
einer Verteidigungslinie bis zum Abend des ersten Tages der Schlacht auf
den Verlauf der Kämpfe und das Ergebnis der Schlacht insgesamt hatte, war
der deutschen Seite zu diesem Zeitpunkt nicht klar. Mit der
Wiederaufnahme des Durchbruchsversuches durch den Feind war am
nächsten Tag zu rechnen und die eigene Lage angesichts der schweren
Verluste und trotz der bereits eingetroffenen Verstärkungen weiterhin
kritisch 1512 . Mit etwa 100 Geschützen war der größte Teil der
Stellungsartillerie verlorengegangen und die Zahl von allein 5.000
Gefangenen, welche die Briten bei ihrem Stoß, der stellenweise bis zu 7km
Tiefe in die deutschen Stellungen reichte, gemacht haben sollen, scheint
nicht zu hoch gegriffen zu sein 1513 .
Bis zum Morgen des [Link] wurden durch das AOK 2 verschiedene
Befehle an die Gruppen Arras und Caudry gegeben, die den Einsatz der
Verstärkungen, jetzt auch durch die 3. und [Link], die 34. und die [Link]
sowie sehr zahlreiche Artillerieformationen 1514 , regelten 1515 . Unter anderem

1509
Siehe ebenda, S. 72.
1510
Siehe TG RIR 232, S. 101.
1511
Siehe Strutz: Tankschlacht, S. 68.
1512
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 373a: Gr Caudry zur Tankschlacht bei Cambrai vom
30.12.1917, S. 9, und Strutz: Tankschlacht, S. 72.
1513
Siehe RA, Bd. 13, S. 130f. Tatsächlich führte eine Verlustaufstellung der Gr Caudry
mit „annähernden Zahlen“ für die [Link] und [Link] zusammen etwa 7.300 vermißte
Offiziere und Mannschaften an. Den allergrößten Teil dieser Soldaten dürften die
Gefangenen des ersten Schlachttages ausgemacht haben; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 373a:
Gr Caudry zur Tankschlacht bei Cambrai vom 30.12.1917, S. 21.
1514
Das AOK 2 kündigte für die Gr Arras 12 und für die Gr Caudry 20 Feld- und
Fußartillerie-Batterien an, dazu als Armeereserve weitere 45 Batterien; siehe HStAS, M
33/2, Bü. 373a: Anlage 17 zum Bericht der Gr Caudry: AOK 2 Ia/b Nr. 296/Nov. Geheim!
vom 21.11.1917.
375

sollten noch am 21. an beiden Flügeln des Einbruchssektors artilleristische


Flankierungsgruppen 1516 und infanteristische Eingreifstaffeln 1517 gebildet
werden, um etwaig durchbrechende Gegner im Gegenstoß und durch
Flankenfeuer aufzuhalten.

9.4. Die Fortsetzung der Kämpfe vom 21.-[Link] 1917.

Sehr zum Erstaunen der deutschen Führung vor Ort kam es bis zum Mittag
des [Link] nicht zu einem massiven Angriff des Feindes. Beobachtet
wurden lediglich Bereitstellungen und Brückenbauarbeiten bei Masnières,
während auf den deutschen Stellungen stärkeres Artilleriefeuer lag und es
an einigen Stellen mehr oder minder intensive Plänkeleien gab 1518 .
Das RIR 232 hatte nach einem für den frühen Morgen -offenbar in
Verkennung der Lage und vorhandener Kräfte durch die deutsche
Führung 1519 - angedachten Gegenangriff auf Noyelles am Mittag begonnen
und war in den Ort eingedrungen, wo es zu Häuserkämpfen kam 1520 . Dann,
zwischen 12 und 13 Uhr, wiederholte sich der Machart nach das Bild vom
Vortag, wenngleich die Briten auch mit bescheideneren Mitteln angriffen.
Von Schlachtfliegern unterstützte Tanks und Sturmtruppen griffen die
deutschen Stellungen zwischen Moeuvres und Bourlon-Wald, bei Anneux,

1515
Siehe ebenda, Anlage 9: AOK 2 Ia/b Nr. 283/Nov. Geheim! vom 20.11.1917, und
ebenda, Anlage 10: AOK 2 Ia Nr. 280/Nov. Vom 20.11.1917, 22.20 Uhr.
1516
Siehe ebenda, Anlage 10.
1517
Siehe ebenda, Anlage 11: Fernspruch der Gr Caudry an die [Link], [Link] und [Link] vom
21.11.1917, 10.40 Uhr. Siehe auch ebenda, Gr Caudry zur Tankschlacht bei Cambrai vom
30.12.1917, S. 9.
1518
Siehe ebenda, Gr Caudry zur Tankschlacht bei Cambrai vom 30.12.1917, S. 10, und
Strutz: Tankschlacht, S. 70.
1519
Wer letztendlich den Befehl dazu gegeben hat, ist unklar. Jedenfalls hatte das AOK 2
noch am 20.11.1917 angeordnet, daß „planmäßige Gegenangriffe“ vorzubereiten seien.
Inwieweit sich diese auf die Idee zu einem massiven Gegenangriff, wie er dann am
30.11.1917 erfolgte (siehe Abschn. 9.5.), bezog und nicht auf zeitnahe Einzelaktionen,
bleibt ebenfalls fraglich; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 373a: Anlage 9 zum Bericht der Gr
Caudry: AOK 2 Ia/b Nr. 283/Nov. Geheim! vom 20.11.1917, Ziff. 1.)b).
1520
Siehe TG RIR 232, S. 103f.
376

bei Cantaing und beiderseits Rumilly an 1521 . Die Anzahl der eingesetzten
Tanks lag mit vielleicht 49 zwar deutlich unter der Größenordnung des
Vortages 1522 , doch auf der anderen Seite war nun auch die deutsche
Tankabwehr, repräsentiert durch Artillerie und SmK-Munition, so gut wie
nicht mehr existent 1523 . Die deutschen Verteidiger, einschließlich der nach
und nach eintreffenden Verstärkungen, hatten mit Masse auch noch niemals
gegen Tanks zu kämpfen gehabt und waren, so wie man es für die britischen
Tankbesatzungen angeführt findet 1524 , durchaus erschöpft, als sie in die
Gefechte eintraten.
Der Schwerpunkt der Operationen war von der britischen Führung in den
Nord- und Nordostbereich des Schlachtfeldes verlegt worden und zielte auf
die Wegnahme des Höhenzuges mit dem Bourlon-Wald und die
Erkämpfung des direkten Weges nach Cambrai über die von Bapaume
führende Straße 1525 . Die Fortsetzung des Angriffs in diese Richtung
versprach zumindest noch für den [Link] einen umfassenden Erfolg,
da mit dem Eintreffen umfangreicher deutscher Verstärkungen vor dem
nächsten Tag nicht gerechnet wurde 1526 .
Zwischen Moeuvres und Bourlon kam es am Nachmittag zu einigen
Fortschritten, so daß einige Tanks bis in den Südwestrand des Waldes
vordringen konnten 1527 . Die Infanterie war hierbei allerdings
zurückgeblieben und traf bei ihrem Vorgehen auf entschiedene
Gegenwehr 1528 , die maßgeblich auch auf den Einsatz einer kurz zuvor hinter
der [Link] bereitgestellten „Eingreifstaffel“ der [Link] beruhte 1529 . Auf der
anderen Seite des Schlachtfeldes, in der S-II-Stellung bei der Flot Ferme

1521
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 373a: Gr Caudry zur Tankschlacht bei Cambrai vom
30.12.1917, S. 11ff.
1522
Siehe Eimannsberger: Kampfwagenkrieg, S. 17.
1523
Siehe TG RIR 232, S. 103ff., und TG RIR 52, S. 410f.
1524
Siehe Eimannsberger: Kampfwagenkrieg, S. 17.
1525
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 92f.
1526
Siehe Smithers: Cambrai, S. 124.
1527
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 113.
1528
Siehe ebenda.
1529
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 373a: Gr Caudry zur Tankschlacht bei Cambrai vom
30.12.1917, S. 11.
377

und südlich, wo es seit dem Vortag einen Brückenkopf auf dem Ostufer des
Schelde-Kanals gab, griff britische Infanterie mit etwa zehn Tanks die
Stellungen des als Verstärkung eingerückten „Regiments Brederlow“ ab
Mittag an. Dessen Lage war ohne Artillerieunterstützung längere Zeit
überaus kritisch, doch zusammengefaßtes Maschinengewehr- und
Infanteriefeuer, zuerst auch noch mit SmK-, dann nur noch mit
gewöhnlicher Munition, zwang einige Tanks zum Umkehren 1530 . Andere
wurden von der Infanterie durch die eigene Linie gelassen, und es wurde
dann erfolgreich versucht, ihrem Feuer durch „elastisches Ausweichen“,
stetige Bewegungen und Schwenkungen innerhalb der
Verteidigungsstellung, zu entgehen, während man die britische Infanterie
mit unausgesetztem Beschuß auf Distanz hielt 1531 . Den Ausschlag
zugunsten der Deutschen brachte schließlich ein gerade vor Ort
eintreffender Zug der 7./RFAR 63, der auf freiem Feld abprotzte und
augenblicklich die Tanks unter Feuer nahm:
„Die Lage war kritisch; 3 Tanks waren durchgestoßen bis etwa 300m vor den
Regts.-Gefechtsstand; da erschien im Galopp ein Zug Artillerie, fuhr auf und neben
der Chaussee hinter diesem auf und eröffnete sofort das Feuer auf etwa 800-1000m,
das sehr gut lag. Der Führer-Tank, an seinen Bewegungen als solcher vermutet und
sehr schneidig vorgehend, wurde sofort in Brand geschossen; etwa 5-7 Tanks
wurden auf diese Weise erledigt, blieben liegen, teilweise brennend; Rest fuhr
zurück.“ 1532

Anders als soeben geschildert, wurden wohl nur zwei Tanks tatsächlich
zerstört und blieben mit einem weiteren zusammen, der sich festgefahren

1530
Siehe KA, 1 R. Korps, Bd. 169: [Link] Ia Nr. 6804 vom 26.11.1917: „Die K.-Munition
ging bald aus; das Feuer wurde mit S.-Munition fortgesetzt und hatte sichtlich auch gute
Wirkung, wahrscheinlich gegen die Schlitze, da das zusammengefaßte Massenfeuer, auch
der Infanterie, zweifellos, durch die Schlitze gehend, im Innern der Tanks durch
Splitterwirkung sich unangenehm bemerkbar gemacht haben wird. Jedenfalls drehte ein
Teil der Tanks ab und fuhr zurück.“ Das britische amtliche Werk bestätigte darüber hinaus
zahlreiche Durchschüsse durch die Panzerung der Tanks und urteilte über das Geschehen,
daß an dieser Stelle deutlich geworden war, daß die Mark IV nicht sicher gegen SmK-
Beschuß waren; siehe MO 1917, Bd. 3, S. 104f.
1531
Siehe KA, 1 R. Korps, Bd. 169: [Link] Ia Nr. 6804 vom 26.11.1917.
1532
Zitiert nach ebenda. Siehe dazu auch Strutz: Tankschlacht, S. 90.
378

hatte, auf dem Gefechtsfeld stehen 1533 . Zahlreiche andere Fahrzeuge waren
aber wenigstens so schwer beschädigt worden, daß sie das Gefecht
abbrechen mußten 1534 . Fortschritte wurden von der britischen Infanterie in
diesem Frontabschnitt am [Link] nicht mehr gemacht.
Im Zentrum des Schlachtfeldes, von Noyelles aus nach Norden, waren etwa
20-30 Tanks, einige Schwadronen und starke Infanteriekräfte vorgestoßen.
Für die Soldaten des RIR 232, die am Vormittag in Noyelles eingedrungen
waren, bot sich infolgedessen nur der Rückzug auf das Ostufer des
Kanals 1535 und, angesichts der überlegenen Massen und der Hilflosigkeit
gegenüber den Tanks, von denen nur einige wenige durch SmK-Beschuß
unschädlich gemacht werden konnten 1536 , auch für die nördlich
anschließenden Teile schließlich nur das Absetzen nach rückwärts an.
Cantaing und Anneux wurden nach hartem Kampf vom Angreifer erobert,
und um etwa 17 Uhr wurde deutscherseits das Zurückgehen auf eine neue
Verteidigungslinie, die zumindest dem Namen nach vorhandene Wotan-III-
Stellung hinter Fontaine, befohlen 1537 . Von den Tanks, die den
zurückgehenden Resten der deutschen Stellungsbesatzung nach Fontaine
folgten, konnten drei durch eine K-Flak der Batterie 7 zerstört werden 1538 ,
bevor der Ort in britische Hände fiel.
Obwohl der [Link] nicht gebracht hatte, was man auf Seite der
britischen Führung erhofft hatte, entschloß sich Haig zur Fortsetzung der
Operation wenigstens im nördlichen Abschnitt des bisherigen

1533
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 105. Die Truppengeschichte des RFAR 63 nennt lediglich
einen sicheren Abschuß und daß zwei andere Tanks nach Treffern umkehrten; siehe
Parrisius, Felix: Geschichte des Res.-Feldartillerie-Regiments Nr. 63 (Erinnerungsblätter
deutscher Regimenter, Bd. 141), Oldenburg 1925, S. 96.
1534
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 105: „The tanks of A and F Battalions were, in the words of
one commander, ‚badly mauled’. Only three were lost, two by direct hits from enemy field
guns and one which reached Rumilly was stranded there, and remained in enemy hands; but
several had been set on fire and many were holed by armour piercing bullets.“
1535
Siehe TG RIR 232, S. 106.
1536
Siehe TG RIR 52, S. 415f., und TG RIR 232, S. 105.
1537
Siehe TG RIR 52, S. 421.
1538
Siehe TG FAR 213, S. 177.
379

Kampfraumes 1539 . Es waren noch Reserven vorhanden und man nahm an,
daß die deutschen Verstärkungen nicht ausreichen würden, um die erlittenen
Verluste zu decken. Außerdem würde die Front in Italien durch weitere
Angriffe indirekt zu stützen sein. Dieser Entschluß Haigs stand in
deutlichem Gegensatz zu den Grundsätzen, die dem Operationsplan in
seiner ursprünglichen und seiner dann am [Link] durchgeführten
Form zugrunde gelegen hatten. Ein Rückzug aus dem neugeschaffenen
Frontbogen vor Cambrai scheint außerhalb aller Überlegungen gelegen zu
haben 1540 , und der Wille der Deutschen, ihre Niederlage nicht größer
werden zu lassen, sowie die deutschen Kräfte, die dafür nach dem Ende der
Flandernschlacht frei waren, wurden ganz offensichtlich unterschätzt, ohne
sich der Begründung der früher getroffenen 48 Stunden-Regelung noch
bewußt zu sein 1541 . Dazu war gerade wegen der Lage in Italien die
Möglichkeit gegeben, daß britische Kräfte dorthin transferiert werden
müßten 1542 , und daß sich die geringen Reserven, die drei Divisionen des
[Link], bei der Fortsetzung der Operation gegen zahlreich herangeführte
deutsche Truppen relativ schnell verbrauchen könnten. Von einem
irgendwie gearteten Überraschungsfaktor konnte ebenfalls keine Rede mehr
sein. Die britischen Luftstreitkräfte wurden ab dem [Link] massiv
mit deutschen Fliegern konfrontiert, wobei schwere Verluste eintraten 1543 ,

1539
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 115f.
1540
So wurde als Grund für die Fortsetzung der Operation im Nordteil des genommenen
Geländes, direkt vor dem Höhenzug des Bourlon-Waldes, angeführt, daß die dortigen
britischen Stellungen vollständig vom Feind eingesehen werden konnten und sich daher
nicht für dauerhafte Verteidigung eigneten; siehe ebenda, S. 116, und Golla: Tanks; S. 64.
1541
Siehe Kap. 9.
1542
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 115f.. Die Rückgabe von zwei für Italien bestimmten
Divisionen wurde von Robertson für möglich erklärt, doch diese Entscheidung mußte
zwangsläufig von der Lageentwicklung auf dem italienischen Kriegsschauplatz abhängig
sein.
1543
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 133, Strutz: Tankschlacht, S. 102, und Bodenschatz, Karl:
Jagd in Flanderns Himmel. Aus sechzehn Kampfmonaten des Jagdgeschwaders Freiherr
von Richthofen, München 61941, S. 56f. Die deutsche Führung hatte zudem schon am
22.11. den rücksichtslosen Schlachtfliegereinsatz mit Maschinengewehren und Bomben
gegen Infanterie und Tanks gefordert; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 241: Kommandeur der
Flieger beim AOK 2 Abt. I Br.-B. Nr. 5143 vom 22.11.1917.
380

und die Hauptwaffe des ersten Angriffstages, das Tank Corps, verschliß sich
unter den Dauerbelastungen tagelangen Einsatzes zusehends. Schon am
Mittag des [Link] wurde das Herausziehen der augenblicklich nicht
im Kampf befindlichen Fahrzeuge zur Auffrischung befohlen und dann am
27. ihr vollständiger Abtransport befohlen 1544 . Bis zu diesem Tag, der
eigentlich das Ende der Kampfhandlungen bei Cambrai hätte bedeuten
können, aber letztendlich nur den Abschluß ihrer ersten Phase markierte,
kam es zu anhaltend schweren Kampfhandlungen um den Besitz von
Fontaine, Bourlon und den Bourlon-Wald.
Noch am [Link], der von britischer Seite für die Vorbereitung eines
Großangriffs am Folgetag genutzt werden sollte und verhältnismäßig ruhig
blieb 1545 , wurde Fontaine durch einen lokalen deutschen Angriff
genommen 1546 , und am Vormittag des 23. wiederum von britischer
Infanterie und zahlreichen Tanks angegriffen. Die Masse der Infanterie der
britischen [Link] wurde dabei von den Verteidigern durch Feuer
festgehalten, während diese die Tanks in das Dorf durchstoßen ließen und
sich dort mit ihnen im Nahkampf mit Maschinengewehren und
Handgranaten erfolgreich auseinandersetzten:
„One tank commander reported that when his tank entered the village everything
appeared very peaceful and it was difficult to find anything at which to shoot.
Suddenly, as if at a given signal, a terrific fire was opened from all sides, upon his
tank, chiefly with armour-piercing bullets. In a moment the tank was full of smoke
and flame, and most of its guns were put of action in a few minutes.“ 1547

Die Deutschen, die Fontaine behaupteten, gehörten vornehmlich dem IR 46


an, das in der Tankbekämpfung zumindest theoretisch geschult war, und
erhielten Unterstützung durch diverse vorgezogene Einzelgeschütze der
Feldartillerie und K-Flak 1548 . Die Angaben über die Zahl der zerstörten
Tanks in und bei Fontaine variieren –wie stets- erheblich, doch mit sechs im

1544
Siehe Eimannsberger: Kampfwagenkrieg, S. 17.
1545
Am frühen Morgen erfolgte ein britischer Vorstoß bei Crèvecoeur und Rumilly, der
jedoch abgewiesen wurde; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 373: Gr Caudry zur Tankschlacht bei
Cambrai vom 30.12.1917, S. 13.
1546
Siehe Strutz: Tankschlacht, S. 99.
1547
Zitiert nach MO 1917, Bd. 3, S. 127, Anm. 3.
1548
Siehe Strutz: Tankschlacht, S.103f., und MO 1917, Bd. 3, S. 127.
381

Nahkampf vernichtet gemeldeten Fahrzeugen ist zu belegen, wie anfällig


diese im Orts- und Häuserkampf waren 1549 . Genau diese Feststellung, später
noch ergänzt durch die Wiederholung der früher gewonnenen Erfahrung,
daß schwerfällige Panzerfahrzeuge in bewaldeten Gebieten kaum sinnvoll
einzusetzen sind 1550 , machte der Angreifer im Dorf und Wald von Bourlon.
Von zehn Tanks, die vorgingen, wurden drei durch Artillerie abgeschossen,
und von den sieben übrigen Fahrzeugen kehrten lediglich drei zu den
eigenen Linien zurück, nachdem sie sich verschossen hatten. Die anderen
gingen offenbar beim Kampf um das Dorf verloren 1551 , der in einem Patt
ohne eindeutigen Besitzer des Orts endete. Vom Wald hielten deutsche
Verteidiger am Abend nur noch den Nordzipfel, dann traten in der Nacht
zum [Link] Bataillone der [Link] zum Gegenangriff an, eroberten
einen Tank und nahmen dem Angreifer seine Geländegewinne im Wald
„mit blanker Waffe“ wieder ab 1552 . Bei anhaltender Gefechtstätigkeit dort,
wurde im Laufe des [Link] auch das Dorf Bourlon zurückerobert 1553 .
Der letzte großangelegte britische Angriff bei Cambrai erfolgte am
[Link] um etwa 8 Uhr, nach sehr intensiver fünfundvierzigminütiger
Artillerievorbereitung. Das von vermutlich 12 Tanks unterstützte Vorgehen
einer Brigade der britischen Gardedivision gegen Fontaine litt schnell und
mit teilweise dramatischen Auswirkungen unter konzentriertem deutschen
Maschinengewehrfeuer. Einzelne Kompanien verloren 50% oder mehr ihrer

1549
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 373: Gr Caudry zur Tankschlacht bei Cambrai vom
30.12.1917, S. 16. Das britische amtliche Werk bezifferte die Tankausfälle beim Kampf um
das Dorf auf insgesamt 13; siehe MO 1917, Bd. 3, S. 128. Deutlich mehr, nämlich 20
zerstörte Tanks, nannte die [Link] in ihrem Bericht zu den Kämpfen bei Cambrai; siehe
HStAS, M 33/2, Bü. 241: [Link] Ia Nr. 2292 vom 28.11.1917.
1550
Siehe Abschn. 3.3. mit Ausführungen zum Angriff auf den Fureaux-Wald am
15.9.1916.
1551
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 131. Ausdrücklich wurde auf den gleichartigen Charakter der
Kämpfe um Fontaine und Bourlon hingewiesen.
1552
Siehe Hansch, Johannes/Weidling, Fritz: Das Colbergsche Grenadier-Regiment Graf
Gneisenau ([Link]) Nr. 9 im Weltkriege 1914-1918 (Erinnerungsblätter deutscher
Regimenter, Bd. 283), Berlin/Oldenburg 1929, S. 441f.
1553
Siehe Schulenburg-Wolfsburg, Graf v.d. (Bearb.): Geschichte des Garde-Füsilier-
Regiments (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bd. 157), Berlin/Oldenburg 1926, S.
191ff.
382

Gefechtstärke, bevor sie an den Feind herankamen und in das hartnäckig


verteidigte Dorf eindringen konnten 1554 . Von den Tanks war einer
abgeschossen worden, einer hatte eine technische Panne und ein weiterer
scheiterte auf dem Weg ins Gefecht an einem Baumstumpf des Bourlon-
Waldes, während die übrigen beim Häuserkampf von sehr geringem Nutzen
waren 1555 . Wie in einer Darstellung der Kämpfe berichtet wird, erkletterten
einzelne deutsche Soldaten einen Tank sogar noch in dem Moment, in dem
er sich bereits zum Rückzug gewandt hatte und versuchten, durch die
Sehschlitze ins Wageninnere zu feuern 1556 . Durch einen deutschen
Gegenangriff wurde die Ausgangslage schließlich wiederhergestellt und
Fontaine blieb in deutscher Hand 1557 . Ein ganz ähnlicher Verlauf des
Kampfes ist für die gleichzeitigen Vorstöße auf Dorf und Wald Bourlon
festzustellen. In den Wald konnte zwar tief eingedrungen werden, wobei es
einmal mehr zu verlustreichen Nahkämpfen kam, dann erschöpfte sich
allerdings die Angriffskraft. Das Scheitern der Vorstöße gegen Fontaine und
dann auch bei Bourlon sowie die deutschen Sicherungen um den Wald
herum beendeten hier alle weitere Unternehmungen 1558 . Der größte Teil des
Waldes blieb in britischer Hand.
Beim Garde-Füsilier-Regiment im Dorf Bourlon waren „Tankfallen“
angelegt worden 1559 , worunter man sich primär Straßensperren aller Art

1554
Siehe bspw. MO 1917, Bd. 3, S. 153: „The two companies of Grenadiers moving south
of the Bapaume-Cambrai road were almost wiped out by machine-gun fire from the
direction of la Folie Wood [südöstlich Fontaine]: All officers and N.C.O.’s fell, save one
sergeant who, with six men, fought his way trough to Fontaine church. Here he joined some
of the other two companies of the battalion which, in spite of the help the tanks had given
them, had also suffered heavily.” Siehe auch ebenda, S. 154.
1555
Siehe ebenda, S. 154.
1556
Siehe Moore, William: A Wood Called Bourlon. The cover-up after Cambrai, London
1988, S. 137.
1557
Siehe Strutz: Tankschlacht, S. 112ff.
1558
Siehe ebenda, S. 159ff., MO 1917, Bd. 3, S. 155f., und TG GR 9, S. 453.
1559
Siehe TG GFR, S. 195. Eine genauere Beschreibung der Machart dieser Fallen fehlt
leider, doch wird auf S. 196 auf Straßensperren Bezug genommen. Siehe auch MO 1917,
Bd. 3, S. 158, wo ausdrücklich von starken Barrikaden („strong barricades, stoutly
defended“) gesprochen wird, und bei Strutz: Tankschlacht, S. 166. Für die Anlage echter
383

denken kann, und Feldartillerie stand, auch mit zwei ins Dorf vorgezogenen
Geschützen, zur Sturm- und Tankabwehr bereit 1560 . Die Barrikaden
behinderten die Tanks beim Eindringen in das Dorf, und nach deutscher
Darstellung wurden drei durch die beiden Tankabwehrgeschütze
kampfunfähig gemacht sowie vier weitere auf spektakuläre Weise durch
Infanteristen außer Gefecht gesetzt 1561 :
„Leute der [Link]. kletterten zur größten Belustigung aller von hinten auf
zwei fahrende Tanks und brachten dieselben nach einer Rundfahrt durch den ganzen
Ort durch Hineinwerfen von Handgranaten von oben schließlich zum Stehen. Die
Unteroffiziere Donath und Meißner [Link]. setzten zwei weitere Tanks durch
geballte Ladungen und Handgranaten außer Gefecht und vernichteten die Mehrzahl
der Besatzungen, den Rest nahmen sie gefangen; die sofortige Verleihung des E.K. 1
war die Belohnung.“ 1562

Die britische Schilderung des Geschehens führt schließlich sogar den


Verlust von 10 der 15 insgesamt eingesetzten Tanks an, wobei fünf durch
direkte Artillerietreffer zerstört worden sein sollen und zu fünf anderen
keine Angaben gemacht werden konnten, da man nie wieder etwas von
ihnen zu sehen bekam oder hörte 1563 . Die britische Infanterie wurde
schließlich durch Gegenangriffe geworfen, womit ein für die britische
Führung letztendlich frustrierender Abschluß ihrer Operationen bei Cambrai
gefunden wurde. Dieser Abschluß spiegelte sich auch in den Verlustzahlen
wieder, die nach vorsichtiger Schätzung durchaus auf dem Niveau der
deutschen Ausfälle von 27.000 Mann gelegen haben werden 1564 . Die
blutigen Verluste des Angreifers seit dem [Link] waren allerdings

„Fallen“ oder „Fallgruben“, wie sie für die passive Tankabwehr früher vorgeschlagen
worden waren, dürfte mit allergrößter Sicherheit die Zeit gefehlt haben.
1560
Siehe TG GFR, S. 196, und Strutz: Tankschlacht, S. 165.
1561
Im Zusammenhang mit den Zahlenangaben zu eingesetzten und zerstörten Tanks ist
eine Anmerkung Strutz’ von Interesse: „Die Zahl der abgeschossenen Tanks läßt sich
infolge der vielen Widersprüche, die ebenso wie am 20. oder 23.11. vorhanden sind, nicht
einwandfrei angeben, auch über die Zahl der gegen diesen Abschnitt [Dorf Bourlon]
vorgehenden Tanks lauten die Berichte verschieden, III./Garde-Füs.-Regts meldete ‚etwa
10 Tanks’.“ Zitiert nach Strutz: Tankschlacht, S. 165.
1562
Zitiert nach TG GFR, S. 196.
1563
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 158.
1564
Siehe RA, Bd. 13, S. 131, bzw. MO 1917, Bd. 3, S. 273.
384

deutlich höher, denn die deutsche Berechnung schloß auch etwa 10.000
Vermißte beziehungsweise Gefangene ein 1565 , deren größter Teil bereits am
ersten Schlachttag eingebracht worden war.

9.5. Der deutsche Gegenangriff und das Ausklingen der Schlacht.

Das britische amtliche Werk formulierte die Lage nach dem [Link]
folgendermaßen:
„The limited success achieved by the Cambrai offensive now brought to a close,
had resulted in the creation of a British salient, some nine miles wide and four miles
deep, which was by no means easy to defend.“ 1566

Dieses Ergebnis der britischen Operation entsprach den Vorstellungen der


deutschen Führung, welche die Hoffnung auf eine derartige Entwicklung
schon am ersten Angriffstag gehegt und sich von da an mit der Möglichkeit
zu einem Gegenangriff beschäftigt hatte 1567 . Die Umsetzung, für die zuerst
der [Link] ins Auge gefaßt worden war und die in Befehlen seit dem
24. des Monats geregelt wurde 1568 , litt aber anfangs noch unter dem Zwang
zur Heranführung und Bereitstellung von Truppen sowie den noch nicht
beendeten britischen Angriffen, deren Ergebnisse und Intensität abzuwarten

1565
Die Gesamtzahl der deutschen Gefangenen belief sich am Ende der Kämpfe bei
Cambrai auf 11.100 Mann; siehe MO 1917, Bd. 3, S. 273. Eine detaillierte Aufstellung der
britischen Verluste nach einzelnen Tagen existiert scheinbar nicht, sondern lediglich für
den Zeitraum 20.11.-8.12.1917; siehe ebenda, App. 22, S. 382.
1566
Zitiert nach ebenda, S. 164. Siehe auch Abschn. 9.2.
1567
Siehe BA-MA, RH 61/51766: Schreiben v. Ditfurths und Wetzells an die
Kriegsgeschichtliche Forschungsanstalt des Heeres vom 28.1. bzw. 18.1.1939. Ditfurth
sagte hierin aus, daß Ludendorff und der Stabschef des AOK 2, Stappf, die Möglichkeit
eines deutschen Gegenangriffs auf einen tief und fest in einem „Sack“ gefangenen Gegner
bereits am 20.11.1917 diskutiert hätten. Und Wetzell berichtete davon, daß er mit Stappf
am Abend des 20. oder 21.11., der genaue Zeitpunkt war ihm nicht mehr bekannt, über die
Vorbedingungen einer solchen Unternehmung gesprochen habe. Dabei hätte man sich auf
die schnellstmögliche Umsetzung geeinigt, war sich allerdings auch bewußt, daß dafür
kurzfristig keine ausreichenden Kräfte vorhanden sein würden.
1568
Siehe ebenda, S. 5f., und HStAS, M 33/2, Bü. 374: Bericht der Gr Caudry über die
Angriffsschlacht bei Cambrai vom 9.12.1917, S. 8f.
385

blieb 1569 . Der Wille des Feindes zur Fortsetzung seiner Unternehmungen bei
Cambrai schwand nach dem 27. augenscheinlich, der vormalige Angreifer
war in dem von ihm selbst geschaffenen Frontbogen gefesselt und zu drei
Seiten von den zahlreich herangezogenen deutschen Verstärkungen bei den
Gruppen Arras, Caudry und Busigny 1570 eingeschlossen.
Unter dem Decknamen „Winter“ sollte die Gruppe Busigny am
[Link] gegen 9 Uhr in Richtung Westen über Gonnelieu und Villers-
Guislain Richtung Gouzeaucourt und Fins vorstoßen, die Gruppe Caudry
bei „Götterdämmerung“ ihre seit dem [Link] verlorenen Teile der
Siegfried-Stellung zurückgewinnen und die Gruppe Arras unter dem
Tarnbegriff „Sturmflut“ 1571 , ab 12 Uhr und „soweit es noch möglich ist“,
westlich des Bourlon-Waldes angreifen 1572 . Das Unternehmen hatte,
abgesehen von den teilweise sehr verheißungsvollen Kodenamen und einem
den umfassenden Sieg versprechenden Tagesbefehl des
Armeeoberbefehlshabers 1573 , vor allem den Charakter eines begrenzten

1569
Siehe BA-MA, RH 61/51768: Manuskript Renner von 1938: Der deutsche
Gegenangriff bei Cambrai 1917, S. 4. Siehe auch Moser: Feldzugsaufzeichnungen, S. 344f.
1570
Es handelte sich um das GK [Link] (v. Kathen), das am 23.11.1917 zwischen Gr
Caudry und Gr Quentin eingeschoben worden war; siehe Strutz: Tankschlacht, S. 187.
1571
Oder auch nur noch „Flut“, nachdem das AOK 2 das zeitlich versetzte Antreten der Gr
Arras befohlen hatte und das Gruppenkommando davon alles andere als erbaut war; siehe
BA-MA, RH 61/51768: Manuskript Renner von 1938: Der deutsche Gegenangriff bei
Cambrai 1917, S. 27, und Moser: Feldzugsaufzeichnungen, S. 346.
1572
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 374: Bericht der Gr Caudry über die Angriffsschlacht bei
Cambrai vom 9.12.1917, S. 12: Armeebefehl AOK 2 Ia Nr. 631/Nov. vom 28.11.1917.
Siehe auch Moser: Feldzugsaufzeichnungen, S. 345.
1573
Siehe BA-MA, MSg 101/200: Armeebefehl AOK 2 vom 29.11.1917: „Soldaten der
[Link]! Der Engländer hat durch überraschenden Einsatz von zahlreichen Tanks am
[Link]. einen Erfolg bei Cambrai errungen, durchzustoßen, wie er es wollte, ist ihm Dank
des glänzenden Widerstandes der hierfür eingesetzten Truppen nicht gelungen. Jetzt wollen
wir ihm durch umfassenden Gegenangriff aus seinem Anfangs-Erfolge eine Niederlage
bereiten. Das Vaterland blickt auf Euch und erwartet, dass jeder seine Pflicht tun wird. Also
drauf, mit Gottes Hülfe zum Sieg!“ Als Verteiler nennt der Armeebefehl die Einheiten bis
einschließlich der Bataillone und Feldartillerie-Abteilungen.
386

Angriffs, dem primär die „Abschnürung eines Teils der feindlichen Kräfte
im Bourlon-Wald und bei Marcoing“ zugrunde lag 1574 .

Abb. 9: Karte zum deutschen Gegenangriff bei Cambrai 1575 .

1574
Siehe BA-MA, RH 61/51768: Manuskript Renner von 1938: Der deutsche
Gegenangriff bei Cambrai 1917, S. 28.
1575
Abb. nach Banks, S. 174.
387

Die Begründung für die auffällige Formulierung im Wortlaut der


Angriffsweisungen für die Gruppe Arras, daß sie nur angreifen solle, soweit
dies noch möglich sei, lag darin begründet, daß die verfügbaren Kräfte
durch die vorangegangenen Kämpfe bereits stark geschwächt waren und der
Gruppe gegenüber zumindest mit einem gleichstarken Gegner gerechnet
wurde 1576 . Mit Schwierigkeiten und Einschränkungen der Kampfkraft war
diese Gruppe allerdings nicht allein. Durch die Kürze der Vorbereitungszeit
und die Anzahl der Truppen bedingt, attestierten die Gruppen Caudry und
Busigny, daß hinsichtlich der Munitionsversorgung einiges im argen lag 1577 .
Einschränkungen für die Kampfkraft der Angriffsverbände waren bei der
Gruppe Caudry ausdrücklich auch insofern gegeben, als daß sie lediglich
drei ihrer sechs Divisionen mit „vollkampffähig“ klassifizieren konnte und
zugleich darauf hinwies, daß selbst diese drei nicht für einen größeren
Angriff ausgebildet waren 1578 . Außerdem bemängelte die Gruppe, daß man
über zu wenig schwere Artillerie verfüge 1579 . Vor allem der Mangel in der
Offensivausbildung der Truppe bedeutete ein Manko 1580 , das hinsichtlich
der Erwartungen und Anforderungen an die Truppe von großer Bedeutung
sein mußte. Und gefordert wurde in der Tat viel. So etwa, daß die

1576
Siehe ebenda, S. 9 und S. 12a.
1577
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 374: Bericht der Gr Caudry über die Angriffsschlacht bei
Cambrai vom 9.12.1917, S. 4. Es wurde dabei betont, daß zwar ausreichend Munition
vorhanden sei, diese aber von den Divisionen selbst unzureichend verteilt würde. Die
Gruppe Busigny verwies in diesem Zusammenhang auf Transportschwierigkeiten und die
Möglichkeit nachhaltiger, negativer Folgen; siehe BA-MA, RH 61/51768: Manuskript
Renner von 1938: Der deutsche Gegenangriff bei Cambrai 1917, S. 39.
1578
HStAS, M 33/2, Bü. 374: Bericht der Gr Caudry über die Angriffsschlacht bei Cambrai
vom 9.12.1917, S. 8f.
1579
Siehe ebenda, S. 2.
1580
Dieses wurde als solches auch in nahezu sämtlichen Geschichten der beteiligten
Truppenteile genannt. So etwa in Bund der Offiziere, Sanitäts-, Veterinäroffiziere und
Beamten [des] ehemaligen [Link]. Feldartillerie-Regiments Nr. 70 (Hg.): Chronik Nr. 14:
Cambrai, Münster o.J., S. 1: „Damit war die durch jahrelangen Stellungskrieg den
Anforderungen des Bewegungskriegs entfremdete Division [[Link], Gr Busigny] vor die
besonders schwierige Aufgabe des Übergangs vom Stellungs- zum Bewegungskrieg
gestellt! Für ihre Vorbereitungen dazu konnten nur wenige Tage gewährt werden-
Novembertage mit nur 8 Stunden Tageslicht!“
388

Ortschaften und besonders hartnäckig verteidigte Stützpunkte durch


Liegenlassen und dann umfassenden Angriff zu nehmen seien, oder daß die
Infanterie in äußerst direkter Weise mit der Feldartillerie zusammen
kämpfen und mit ihr und untereinander Aktionen in und aus der Bewegung
heraus abstimmen sollte 1581 . Hinzu kamen die vom Stellungskrieg
abweichenden Bedingungen in den Bereichen Kommunikation und
Logistik, die von hierin ungeübten Kräften ebenfalls improvisiert werden
mußten. Zeit zum Beseitigen auftretender und erkannter Mängel wurde den
Truppen und Stäben nicht gewährt 1582 . Nicht zuletzt wohl auch, weil es
Anzeichen dafür gab, daß der Feind umgruppierte und eventuell an anderen
Stellen nochmals zu größeren Angriffen schreiten würde 1583 . Hierbei spielte
auch der beobachtete Abmarsch der Tanks aus dem Frontbogen vor
Cambrai eine Rolle 1584 , der einerseits als Hinweis auf das Ende der hiesigen
britischen Angriffsoperation gewertet wurde, dann aber auch für potentielle

1581
Fehlende Ausbildung wurde im Grunde genommen durch Appelle an die Truppe
ersetzt, die dann beispielsweise bei der Gruppe Arras so lauten konnten: „Der Infanterie ist
zu erklären, daß diese Feuerwalze ihr bester Freund ist, weil sie den Gegner niederhält, und
daß jedes Zögern im Vorgehen dem Gegner Zeit läßt, sich wieder gefechtsbereit zu
machen.“ Oder: „Während die hinteren Wellen den Kampf um die Ortschaften führen,
gehen die vordersten Wellen weiter auf ihr Angriffsziel vor. Sich im weiteren Verlauf des
Angriffs bietender Widerstand [...] ist unter Zuhülfenahme der beweglichen Feldartillerie
und Ausnutzung jeder schnellen Umfassungsmöglichkeit zu brechen.“ Zitiert nach BA-
MA, RH 61/51768: Manuskript Renner von 1938: Der deutsche Gegenangriff bei Cambrai,
S. 25 bzw. S. 26. Zu den vor allem auch praktischen Fragen und Schwierigkeiten der
Kommunikation und Logistik siehe HStAS, M 33/2, Bü. 374: Bericht der Gr Caudry über
die Angriffsschlacht bei Cambrai vom 9.12.1917, S. 3ff.
1582
Das KTB der Gr Busigny enthält dazu den Eintrag: „Das A.O.K. befiehlt als
Angriffstag den 30.11. Trotz ungünstiger Munitionslage und der Vorstellungen seitens des
Generalkommandos wird dieser Zeitpunkt festgehalten.“ Zitiert nach BA-MA, RH
61/51768: Manuskript Renner von 1938: Der deutsche Gegenangriff bei Cambrai, S. 13.
1583
Siehe ebenda, S. 7 und S. 21, und BA-MA, RH 61/51714: Solger: Akten- und
Tagebuchauszüge (Heft/Akt 240): HGr Rupprecht Ia Nr. 4579 geh. vom 25.11.1917.
1584
Der Abmarsch von 75 Tanks bei Masnères, Marcoing und Ribécourt mit Fahrtrichtung
Westen und Südwesten war von der Gr Caudry am 28.11.1917 festgestellt worden; siehe
HStAS, M 33/2, Bü. 894, Bl. 221: KTB Gr Caudry vom 28.11.1917.
389

Gefahren bei Arras oder [Link] sprechen konnte 1585 . Zusätzliche


Divisionen für den eigenen Angriff wurden von der Heeresgruppe
Rupprecht diesen potentiellen Bedrohungen entsprechend nur für den Fall in
Aussicht gestellt, daß sich die Lage durch einen durchschlagenden Erfolg
mit Option auf Weiterentwicklung des Angriffs hin zu einer Operation
wesentlich änderte. Was davon unabhängig getan werden konnte, um die
beabsichtigte Überraschung des Feindes zu wahren und ihn andernorts zu
binden, sollte in Form von Ablenkungsangriffen bei [Link], bei der 4.
und bei der [Link] geschehen 1586 .
Zur Unterstützung des Angriffs wurden ferner Flammenwerfertrupps und
Minenwerfer heran- beziehungsweise zusammengezogen 1587 . Die [Link], die
linke Flügeldivision der Gruppe Caudry, erhielt zur Vergrößerung ihrer
Stoßkraft das Jäger-(Sturm-)Bataillon Nr. 3 1588 . Auf eine längere
Artillerievorbereitung wurde zugunsten der im Vorfeld stetig geforderten

1585
Siehe BA-MA, RH 61/51768: Manuskript Renner von 1938: Der deutsche
Gegenangriff bei Cambrai, S. 21, mit dem Protokoll eines Telefonats zwischen Kuhl und
Stappf am Abend des 28.11.1917.
1586
Siehe ebenda, S. 14f., und BA-MA, RH 61/51714: Solger: Akten- und
Tagebuchauszüge (Heft/Akt 240): HGr Rupprecht Ia Nr. 4613 geh. vom 28.11.1917.
1587
Erwähnt werden die Flammenwerfer in MO 1917, Bd. 3, S. 177, und von der Gr
Caudry; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 374: Bericht der Gr Caudry über die Angriffsschlacht
bei Cambrai vom 9.12.1917, S. 1: „Verstärkung an Minenwerfern und Flammenwerfern
traf erst am letzten Tage vor dem Angriff ein, die Flammenwerfer zunächst ohne Öl.“ Wie
aus den verschiedenen Befehlen ersichtlich ist, handelte es sich bei den Minenwerfern zu
einem Großteil um Kompanien verschiedener Divisionen, die an einigen Punkten
zusammengezogen wurden. Dazu wurden auch Heerestruppen, wie das Minenwerfer-
Bataillon II bei der [Link] und X bei der [Link] herangezogen; siehe ebenda, S. 22, und
Isenburg: Das Königs-Infanterie-Regiment ([Link].) Nr. 145 im Großen Krieg 1914-
1918. Bd. II: Vom Eintreffen im Gebiet der [Link] ([Link] 1917) bis zur
Demobilmachung und Auflösung, Berlin 1923, S. 9, Anm. 2.
1588
Siehe Gruss, Hellmuth: Die Deutschen Sturmbataillone Im Weltkrieg. Aufbau Und
Verwendung (Schriften der Kriegsgeschichtlichen Abteilung Im Historischen Seminar Der
Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, Heft 26), Berlin 1939, S. 96ff. Der Bericht der Gr
Caudry zum Gegenangriff bei Cambrai enthält keinerlei Hinweise auf den Einsatz des
Sturmbataillons.
390

Geheimhaltung 1589 , einer Feuerwalze und künstlichen Nebels 1590 vor der
eigenen Infanterie verzichtet. Lediglich der Bourlon-Wald und aufgeklärte
Batterie- und Infanteriestellungen sollten im Vorfeld des Angriffs intensiv
vergast und beschossen werden. Außerdem wurden, wie oben bereits
angedeutet, bespannte Teile der Feldartillerie zur direkten Begleitung der
Sturmtruppen abgestellt 1591 und zudem massive Schlachtfliegereinsätze
befohlen 1592 . Die Gesamtzahl der am Angriff beteiligten Divisionen belief
sich auf 18 mit etwa 1.200 Geschützen, denen 13 britische Infanterie- und
vier Kavallerie-Divisionen mit 1.150 Geschützen gegenüberstanden 1593 .
Ein begrenzter deutscher Angriff wurde von der britischen Führung zwar für
möglich gehalten, so etwa am exponierten Bourlon-Wald, jedoch
ausdrücklich keine großangelegte Unternehmung 1594 . Erstaunlich ist, daß
aber selbst dafür keine Abwehrvorbereitungen von der [Link] getroffen

1589
Siehe BA-MA, RH 61/51768: Manuskript Renner von 1938: Der deutsche
Gegenangriff bei Cambrai, bspw. S. 27: „Die Vorarbeiten zum Angriff sind streng geheim
zu halten.“ Oder ebenda, S. 21: „Auf Kuhls Fragen haben Sie Munition und Artillerie
antwortete Stappf mit ja. Zum Schluß sagte Kuhl: ‚Vor allem Vorsicht mit dem
Einschießen, daß er [der Feind] nichts merkt.’“
1590
Dieser findet sich zumindest in einem Befehl der Gruppe Arras wieder; siehe BA-MA,
RH 61/51768: Manuskript Renner von 1938: Der deutsche Gegenangriff bei Cambrai, S.
25. Man kann davon ausgehen, daß sich der Wert künstlichen Nebels spätestens mit den
Ereignissen des 20.11.1917 bewiesen hatte. Zuvor, schon 1916, hatte man offenbar in den
Reihen der HGr Rupprecht an den sinnvollen Gebrauch dieser Sondermunition bei (Gegen-
)Angriffen gedacht, war aber von der OHL darauf verwiesen worden, daß die geringen
Bestände an Nebelmunition ausschließlich zum Kennzeichnen gasverseuchter Flächen
gedacht und eine „Neufertigung vorläufig nicht beabsichtigt“ sei; siehe KA, Heeresgruppe
Rupprecht, Bd. 43, Akt: Fremde Berichte, Bl. 81: Anfrage der HGr Rupprecht an die OHL
wegen Nebelgeschossen vom 26.9.1916.
1591
Siehe BA-MA, RH 61/51768: Manuskript Renner von 1938: Der deutsche
Gegenangriff bei Cambrai, S. 22ff., mit den Angriffsbefehlen der drei Gruppen.
1592
Siehe ebenda, S. 27, und HStAS, M 33/2, Bü. 363: Gr Caudry Ia/c 79 op. geheim! vom
28.11.1917, Ziff. 2.) und 3.).
1593
Siehe RA, Bd. 13, S. 139.
1594
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 168: „But many at General Byng’s headquarters appear to
have been deeply influenced by the opinion of G.H.Q. Intelligence that the enemy’s losses
in Flanders and in the Cambrai battle had exhausted him to such an extent that a heavy
counter-offensive was hardly to be expected.“
391

wurden 1595 . Ganz offensichtlich hofften auch britische Generale in


bestimmten Situationen, die in diesem Fall der deutschen nach der
Flandernschlacht sehr nahe kommt, daß der denkbar schlimmste Fall nicht
eintreten würde.
Am [Link] um 8.50 Uhr setzte sich die Feuerwalze mit den
deutschen Angriffstruppen dahinter in Bewegung 1596 . Schlachtflieger, in
einer Größenordnung, die man auf britischer Seite vom Feind noch nicht
gesehen hatte, warfen Bomben ab und setzten ihre Maschinengewehre im
Tiefflug wirkungsvoll ein 1597 . Die vorausgegangene, fünfzigminütige
Artillerievorbereitung war offenbar besonders dort von verheerender
Wirkung gewesen, wo Minenwerfer konzentriert eingesetzt worden
waren 1598 . Auf britischer Seite rissen, ganz wie am [Link] auf
deutscher Seite im Bereich der Gruppe Caudry, die Verbindungen ab 1599 ,
die Artillerie wurde derart gelähmt, daß sie das Feuer anfänglich nur äußerst
verhalten erwidern konnte 1600 und an zahlreichen Stellen wurden die
Verteidigungsstellungen samt ihren von der Vehemenz des Angriffs
überraschten Besatzungen so schwer getroffen, daß sie dem ersten
Infanterieangriff nicht standhalten konnten 1601 . Neu und von eminenter
Wirksamkeit schien zudem zu sein, daß der Angreifer kaum Frontalangriffe
wagte, sondern sich den noch intakten Stellungsteilen und
Widerstandsnestern von Flanke und Rücken her annäherte 1602 . Die
deutschen Fortschritte bei der Gruppe Caudry und besonders bei der Gruppe

1595
Siehe ebenda, S. 299f.
1596
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 374: Bericht der Gr Caudry über die Angriffsschlacht bei
Cambrai vom 9.12.1917, S. 18.
1597
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 177ff.
1598
Siehe ebenda, S. 177.
1599
Siehe ebenda, bspw. S. 180. Die Parallele zwischen dem hier beschriebenen, aufgrund
dürftigster Lageinformationen agierenden Kommandeur der britischen [Link] und den
deutschen Führern am 20.11.1917 ist überaus deutlich.
1600
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 374: Bericht der Gr Caudry über die Angriffsschlacht bei
Cambrai vom 9.12.1917, S. 18.
1601
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 177.
1602
Siehe ebenda: „Nevertheless few posts appear to have been attacked from the front, the
assault sweeping in between to envelope them from flanks and rear.“ Siehe dazu auch
Abschn. 9.6.
392

Busigny waren dementsprechend in der ersten Phase des Unternehmens


vielversprechend 1603 und führten zur Freigabe von Heeresgruppen-
Reserven, die für den Fall des durchschlagenden Erfolges reserviert worden
waren 1604 . Die Euphorie, die man hinter dieser Entscheidung der
Heeresgruppe erblicken darf, war allerdings unbegründet.
Dies zeigte sich um die Mittagszeit, als man bei der Gruppe Caudry in das
Zentrum des Frontbogens und damit auf das zumindest stellenweise
vorhandene, dort aber um so hartnäckiger verteidigte „Grabengewirr“ der
Siegfried-Stellung eindrang 1605 , und bei der Gruppe Arras, als sie mit ihrem
auf diesen späteren Zeitpunkt verlegten Angriff auf einen durchaus zur
Abwehr eingestellten und längst alarmierten Gegner traf 1606 . Die
letztgenannte Gruppe kam am wenigsten weit vorwärts und drang unter
schweren Verlusten auf beiden Seiten lediglich bis zur Straße Bapaume-
Cambrai vor.
Dort, wo entlang der Angriffsfront der deutschen [Link] weiter
vorgestoßen werden konnte, wurden immer mehr Verbände im Ringen mit
Widerstandsnestern gebunden, blieben hinter dem Vorgehen der jeweiligen
Nachbarn zurück und schließlich ganz liegen. Gravierende Konsequenzen
hatte diese Entwicklung für die [Link], die rechte Flügeldivision der Gruppe
Busigny, der, wie der kaum vorwärtskommenden [Link] zu ihrer Linken
auch, ausdrücklich der Befehl erteilt worden war, ohne Rücksicht auf
Verbindungen nach Westen zu stoßen 1607 . Sei es, daß dieser Befehl bei der

1603
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 374: Bericht der Gr Caudry über die Angriffsschlacht bei
Cambrai vom 9.12.1917, S. 18.
1604
Siehe BA-MA, RH 61/51768: Manuskript Renner von 1938: Der deutsche
Gegenangriff bei Cambrai, S. 39f.
1605
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 374: Bericht der Gr Caudry über die Angriffsschlacht bei
Cambrai vom 9.12.1917, S. 18f.
1606
Siehe Moser: Feldzugsaufzeichnungen, S. 351.
1607
Die Nachbardivision zur rechten Seite, die [Link] der Gr Caudry, war am Nachmittag in
dem erwähnten Grabengewirr der Siegfried-Stellung aufgehalten worden. Dem Befehl, an
diese Division und damit die Nachbargruppe Anschluß zu halten, konnte durch die [Link]
gemäß der Anordnung zum bedingungslosen und raschen Stoß auf Fins unmöglich
nachgekommen werden. Ihre Weisung beinhalte nämlich die Aussagen: „Je schneller [Link]
und [Link] in Richtung Fins vorstoßen, desto günstiger für uns. Anschluß zwischen den
Divisionen ist nach rechts [in Richtung Gr Caudry] zu suchen. Dies darf aber nicht dazu
393

[Link] ernster genommen wurde als andernorts, oder sei es, daß sie im
Unterschied zu den Verbänden an ihren Flanken auf geringeren Widerstand
traf 1608 , jedenfalls fand sie sich am frühen Nachmittag als einsamer Stoßkeil
inmitten der britischen Etappe bei Gouzeaucourt, 5km Luftlinie westlich der
deutschen Linien vom Morgen des [Link], wieder. Gegen ihre
vordersten Teile und Flanken kamen nach 14 Uhr britische Gegenstöße zur
Ausführung, die von Kavallerie eingeleitet und dann durch 36 Tanks 1609 und
Infanterie fortgesetzt wurden. Die Batterien des FAR 70 der [Link] protzten
überall ab, wo man sich Erfolg gegen die große Anzahl Ziele versprach, und
brachten mit der Infanterie zusammen die feindliche Kavallerieattacke zum
Scheitern 1610 . Gegen die Tanks wirkten die Feldgeschütze trotz
Munitionsmangel, der auch für die Infanterieteile der [Link] akut wurde 1611 ,
erfolgreich, und es gelang, fünf Tanks zu zerstören 1612 . Die Rückeroberung

führen, daß eine Division das Vorgehen der Neben-Div. abwartet.“ Zitiert nach BA-MA,
RH 61/51768: Manuskript Renner von 1938: Der deutsche Gegenangriff bei Cambrai, S. 34
(Angriffsbefehl der Gr Busigny).
1608
Das ist nach Schilderungen innerhalb der TG IR 145, Bd. II, allerdings anzuzweifeln.
Fast nebenbei wird dort auf S. 13 erwähnt, daß die Division als Erfahrung aus
vorangegangenen Kämpfen mitgenommen hatte, wie vielversprechend umfassende
Angriffe auf Stützpunkte waren. Zudem scheint die Wiederkehr des Bewegungskrieges
überaus motivierend gewirkt zu haben, wo sie sich deutlich zeigte; siehe ebenda, bspw. S.
16, Anm. 2.
1609
Die im Kampfgebiet noch vorhandenen Teile des Tank Corps war am Morgen alarmiert
worden und setzten sich in größter Eile Richtung Gouzeaucourt in Bewegung. Siehe BA-
MA, PH 3/561, Bl. 86: Erfahrungen der [Link]-Brigade in der Cambraischlacht, und siehe
MO 1917, Bd. 3, S. 189.
1610
Siehe TG IR 145, Bd. II, S. 17f., und TG FAR 70, Chronik 14, S. 7f.
1611
Siehe TG FAR 145, Bd. II. S. 17.
1612
Siehe BA-MA, PH 3/561, Bl. 86: Erfahrungen der [Link]-Brigade in der
Cambraischlacht, MO 1917, Bd. 3, S. 191, und Simon, Eduard: [Link]. Infanterie-
Regiment Nr. 67. Band II: Von den Kämpfen vor Verdun bis zum Ausgang des Weltkrieges
(Erinnerungsblätter Deutscher Regimenter, Bd. 156/II), Berlin 1927, S. 106. Im Gegensatz
dazu besagt TG FAR 70, Chronik 14, S. 11: „Wie der Engländer dann seine Tanks in
breiter Front –immer wieder neue- über den Höhenzug hinweg gegen uns vorschickt, wie
wir deren etwa 30 auf kurze Entfernung abschossen, so daß lauter Jubel in den Batterien
herrschte, wie seine Infanterie dann nur noch zaghafte Versuchte machte, hinter ihrem
deckenden Höhenzug hervor uns anzugreifen,- das werden weiter unten die damaligen
394

von Gouzeaucourt durch britische Gardetruppen konnte allerdings dadurch


nicht verhindert werden 1613 , und schon einige wenige Tanks, die noch vor
ihrem Ende in die deutschen Linien eindringen konnten, sollen die Ursache
dafür gewesen sein, daß die [Link] ins Wanken geriet 1614 . Am Abend des
[Link] war die Division einige Kilometer nach Osten
zurückgegangen und erwartete dort den nächsten Tag, für den die
Fortsetzung des deutschen Angriffs auf breiter Front befohlen war 1615 .
Die Fortschritte bei den Gruppen Arras und Caudry am [Link] waren
zwar erkennbar, aber begrenzt 1616 . Die Gruppe Busigny, der die
Wiedereroberung von Gouzeaucourt ab 9.30 Uhr befohlen worden war 1617 ,
befand sich demgegenüber am zweiten Angriffstag in einer vollständig
anderen Situation. Bereits in den frühen Morgenstunden hatten sich Tanks,
Kavallerie und Teile der britischen Gardedivision ihrerseits zum Angriff
versammelt und kamen den Deutschen der [Link] und [Link] zuvor. Kein
Truppenteil auf einer Seite war ausgeruht oder in einer Ordnung, die einem
Angriffsunternehmen beziehungsweise seiner Abwehr nach üblichen

Batterieführer schildern.- Von unserem Sieg über die Tanks sagt der Bericht der
[Link].: ‚Dank unserer weit vorgezogenen schneidigen Feldartillerie wurde eine
erhebliche Zahl durch direkten Schuß vernichtet.’“ Die enorme Diskrepanz zwischen fünf
und 30 abgeschossenen Tanks könnte sich vor allem damit begründen lassen, daß die
Mehrfachzählung von Abschüssen vorkam und Fahrzeuge, scheinbar getroffen, als
stationäre Widerstandsnester vor der Infanterielinie blieben; siehe Taschenbuch der Tanks,
Teil III, S. 49.
1613
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 190.
1614
Siehe TG IR 145, Bd. II, S. 18f. Nach dortiger Aussage bewirkte der Einbruch von drei
Tanks in die Linie des IR 67 auf der rechten Divisionsflanke die Krise. Siehe auch RA, Bd.
13, S. 140, wo die Bedeutung der Tanks beim britischen Gegenangriff nicht zuletzt dadurch
unterstrichen wird, daß man der Feldartillerie jedwede Abwehrleistung absprach. Daß sich
davon in der TG IR 67, Bd. II, nichts finden läßt, sondern zur Ehrenrettung des Regiments
ganz allgemein vom Zwang zum Rückzug wegen offener Divisionsflanken gesprochen
wird, kann demgegenüber aber nicht erstaunen.
1615
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 374: Bericht der Gr Caudry über die Angriffsschlacht bei
Cambrai vom 9.12.1917, S. 21: AOK 2 Ia 752/Nov. geh. vom 30.11.1917.
1616
Siehe Moser: Feldzugsaufzeichnungen, S. 352, und RA, Bd. 13, S. 142.
1617
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 374: Bericht der Gr Caudry über die Angriffsschlacht bei
Cambrai vom 9.12.1917, S. 21: AOK 2 Ia 752/Nov. geh. vom 30.11.1917, Ziff. 6.) und 7.).
395

Maßstäben gerecht sein konnte 1618 . Den Unterschied zwischen der


Schwäche und Erschöpfung der Angreifer und derjenigen der Verteidiger in
der ersten Phase machten zweifellos die Tanks, von denen nach verspätetem
Eintreffen und Pannen aller Art 1619 , etwa 40 zum Einsatz kamen 1620 . Eine
große Anzahl an Maschinengewehrnestern wurde teilweise samt ihrer
Besatzungen buchstäblich überrollt 1621 , Gräben in bekannter Manier
abgefahren und mit Feuer überschüttet 1622 , so daß sich viele der deutschen
Verteidiger zur Flucht wandten und sich nur mit Mühe von
übriggebliebenen Offizieren wieder sammeln ließen. Die Truppengeschichte
des IR 67 berichtete über diesen Teil des Kampfes aus Perspektive der
Bataillons- und Regimentsführung der betroffenen Einheiten exemplarisch:
„6.30 erfolgte ein feindlicher Artilleriefeuer-Überfall. Da plötzlich, es mochte
nach 7 Uhr sein, erscholl der panikartige Ruf: Die Tanks kommen! Geräuschlos
hatten sich die Kolosse herangeschlichen und standen kurz vor dem Graben. [... .]
Schon ist eines der Ungetüme heran und wälzt sich schwerfällig über den Graben.
Andere folgen, wie häßliche, vorsintflutliche Kröten heranschleichend. Ein wahrer

1618
Siehe bspw. Cooper: Cambrai, S. 209, der für ein Bataillon der Garde eine Stärke von 2
Offizieren und 151 Mann nennt, und Kipling, Rudyard: The Irish Guards In The Great War:
The Second Battalion, Staplehurst 1997, S. 160, der für dieses Bataillon der Irischen Garde
„400 Gewehre“ als Größenordnung nennt. Siehe auch TG IR 145, Bd. II, S. 28, Anm. 2,
welche die durchschnittliche Bataillonsgefechtsstärke vor dem deutschen Gegenangriff am
30.11. mit lediglich 642 Mann angibt. Über den Zustand der [Link] am Morgen des 1.12.
berichtet die TG FAR 70, Chronik 14, S. 14, unter Bezugnahme auf eine Meldung der
[Link]. vom 9.12.1917, daß innerhalb der Gliederung der Verbände Unordnung
herrschte und die gewählte Stellung taktisch von großem Nachteil war.
1619
Siehe BA-MA, PH 3/561, Bl. 86f.: Erfahrungen der [Link]-Brigade in der
Cambraischlacht.
1620
Ebenda lassen sich 41 Fahrzeuge zählen. Das Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 49,
nennt 39 und MO 1917, Bd. 3, S. 240, Anm. 3, führt die Bereitstellung von insgesamt 57
Tanks an.
1621
„An verschiedenen Stellen wurden zerdrückte M.G. gefunden, die mitsamt der
Mannschaft von den Tanks überfahren waren.“ Zitiert nach BA-MA, PH 3/561, Bl. 86.:
Erfahrungen der [Link]-Brigade in der Cambraischlacht. Diese eigentlich zu den Aussagen
über die Erschöpfung der deutschen Truppen vollends gegensätzliche Aussage dürfte in
erster Linie unterstreichen, welche Unterschiede es innerhalb einer Einheit und erst recht
innerhalb eines Verbandes hinsichtlich Kampf- und Leistungsbereitschaft der einzelnen
Soldaten geben konnte.
1622
Siehe ebenda.
396

Regen von Geschossen empfängt sie, die M.G., leichte wie schwere, richten ihren
Feuerstrahl auf ihre Flanken; tapfere Leute gehen ihnen mit Handgranaten zu Leibe.
Aber was nützt das! Wirkungslos prallen die Geschosse an der starken Panzerung
ab, auch die Handgranaten mit ihrer starken Splitterwirkung vermögen den Panzer
nicht zu zerreißen. Und nun eröffnen die Tanks, den Graben überschreitend und
rechts und links einschwenkend, ihrerseits das Feuer. Es ist fürchterlich. [... .] Wir
müssen zurück, um der völligen Vernichtung zu entgehen. [... .] Ein Glück, daß es
erst zu dämmern beginnt; sonst wäre wohl niemand dieser Hölle entronnen. Am
Hohlweg, an der nach Villers-Guislain führenden Straße, etwa 300 Meter rückwärts,
gelingt es den Offizieren, die Leute wieder zum Halten zu bringen.“ 1623

In dieser Lage, die den weiteren Verlauf des Gefechtes vollkommen offen
ließ, nahmen die Batterien des FAR 70 die der weichenden eigenen
Infanterie nachstoßenden Tanks unter Feuer. Wie am Vortag, so ging das
Duell mit der deutschen Feldartillerie für den Angreifer ungünstig aus. Es
wurden wohl mehr als 10 Tanks abgeschossen 1624 , und bereits gegen 11 Uhr
waren die entscheidenden Kampfhandlungen zwischen den völlig
erschöpften Kontrahenten vorüber 1625 .
Der Ausgang des [Link] mit seinen geringen Fortschritten markierte
grundsätzlich das Ende des deutschen Gegenangriffs, dem angesichts der
schweren Verluste und des Verbrauches der spärlichen Reserven von der
Führung keine durchschlagende Wirkung mehr zugesprochen wurde 1626 .
Zwar wurde an verschiedenen Stellen weiterhin schwer gekämpft, doch in
weit geringerem Ausmaß als zuvor und ohne entscheidenden Charakter 1627 .

1623
Zitiert nach TG IR 67, Bd. II, S. 109f. Vergleichbares findet sich auch in der TG IR
145, Bd. II, S. 23f. Der Bericht der [Link]-Brigade erwähnte „die niederschmetternde
Wirkung, welche die Tanks bei ihrem Erscheinen in den Reihen der deutschen Infanterie
verursachten. Viele Infanteristen standen sofort auf und ergaben sich; andere liefen davon“;
siehe BA-MA, PH 3/561, Bl. 88.
1624
Diese Zahl legt die TG FAR 70, Teil II, S. 16, nahe, während das Taschenbuch der
Tanks, Teil III, S. 49, für den 30.11. und 1.12.1917 zusammen 17 Abschüsse anführt.
Genauere Angaben enthalten weder die MO, noch der Bericht der [Link]-Brigade oder
andere der für die Darstellung genutzten Titel und Quellen.
1625
Siehe TG IR 145, Bd. II, S. 26.
1626
Siehe BA-MA, RH 61/51714: Solger: Akten- und Tagebuchauszüge (Heft/Akt 240):
Tagebucheinträge Kuhls über ein Ferngespräch mit Ludendorff am 1.12.1917 und über eine
Besprechung mit dem AOK 2 am Abend des 2.12.1917.
1627
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 249ff.
397

Beide Seiten verlangte es nach Ruhe und Zeit zur Vorbereitung der sich
anbahnenden großen Ereignisse von 1918. Dabei fiel den Deutschen, die
sonst vor allem im Abschnitt der Gruppe Busigny Gelände gewonnen
hatten, noch ein bescheidener Teil der ehemaligen Siegfried-Stellung bei der
Gruppe Caudry zu. Dieser wurde vom Feind zwischen dem 4. und
[Link] geräumt, um die Front zu verkürzen und, mit Blick auf
zukünftige Entwicklungen, besser zu verteidigende Positionen beziehen zu
können 1628 .
Wenngleich die Geländegewinne beider Seiten in der Anfangsphase des
jeweiligen Angriffs, am 20. beziehungsweise am [Link], vor allem
im Verhältnis zu früheren Offensivunternehmungen an der Westfront groß
schienen, besaßen sie keinerlei strategische Bedeutung. Einbußen und
Zugewinne hielten sich nach Beendigung des britischen Absetzbewegung -
mit einem dezenten Vorteil für die Briten- annähernd die Waage. Dasselbe
gilt für die Verluste an Menschen und Material, wobei die amtliche deutsche
Darstellung von rund 41.000 Mann spricht, von denen 14.000 auf die Zeit
des Gegenangriffs ab dem [Link] entfielen und 11.000 Gefangene
subsumierte 1629 . Die britischen Ausfälle lagen mit schätzungsweise knapp
45.000 Mann, darunter 9.000 Gefangene, nur unwesentlich darüber 1630 .
Insgesamt betrachtet liegen mit diesen Zahlen und Aussagen deutliche
Hinweise auf eine Pattsituation vor, wie es sie mit ihrem Charakter als
deutscher Abwehrerfolg schon so oft zuvor gegeben hatte.

1628
Siehe S. 257ff. Ebenda, S. 257, werden die Motive Haigs für die Räumung eines Teils
der genommenen deutschen Stellungen deutlich dargelegt: „The Commander-in-Chief,
however, took a longer view: he expected that in spring the Germans would launch a large-
scale offensive, and in making preparations to meet it he could not afford to retain any
particularly vulnerable point.“
1629
Siehe RA, Bd. 13, S. 143.
1630
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 273 und S. 382, App. 22. Die Summe der deutschen Verluste
wurde auf bis zu 53.300 geschätzt. Unabhängig von jeglichen und vielleicht im Detail noch
so begründeten Zahlenspielen, bleibt hier letztendlich zu unterstreichen, daß beide Seiten
offenbar nur unwesentlich voneinander abweichend große Ausfälle zu beklagen hatten.
398

9.6. Tanks und Tankabwehr in den Kämpfen bei Cambrai: Bewertungen


und Reaktionen.

Von einem Patt bei Cambrai konnte nur beim Vergleich der bislang
üblichen Kategorien von Geländegewinnen und Verlusten gesprochen
werden 1631 . Schon die zeitgenössischen Darstellungen beider Seiten neigten
dazu, den Kämpfen eine besondere Aura zu verleihen, weil ein
apologetisches Ereignis ausgemacht wurde, das Auswirkungen bis auf die
Ebene des kommenden strategischen Erfolges der Alliierten von 1918 und
eine „militärtechnische Zeitenwende“ hinauf haben konnte. Im Zentrum
solcher Sichtweisen auf britischer Seite stand das Element des
konzentrierten Tank-Einsatzes und dessen Erfolg beim Durchstoßen der
legendär schwer befestigten Siegfried-Stellung 1632 . Was hier möglich
gewesen war, mußte späterhin, auch wenn 1918 zuerst noch ein letzter
Ansturm der Deutschen zu überstehen war, immer wieder möglich sein und
letztendlich den Sieg erzwingen 1633 . Die deutschen Verlautbarungen mit
unmittelbarer Nähe zum Geschehen bei Cambrai legten dagegen in üblicher
Manier den allergrößten Wert darauf, die Kämpfe als Beispiel für die selbst
mit Massen von Tanks nicht zu brechende Widerstandskraft des deutschen
Soldaten zu werten und die allesamt gescheiterten Durchbruchversuche der
Feinde im Jahre 1917 in einem Topf zu werfen, um sie ins Lächerliche zu
ziehen oder die Tragik ihres dramatischen Verlaufs beziehungsweise die

1631
Siehe etwa Keegan, S. 515, der das Resultat der Kämpfe als „ein passendes Symbol für
das prekäre Gleichgewicht der Macht an der Westfront Ende 1917“ betrachtete.
1632
Siehe bspw. Pemberton, Max: The Triumph Of The Tanks. How Sir Julian Byng’s
Army Broke the Hindenburg Line, in TWI vom 8.12.1917, S. 322. Siehe auch Sir Arthur
Conan Doyles späteren Bericht zu Cambrai, welcher dieselben Dinge ansprach, wenngleich
etwas analytischer und weniger propagandistisch; siehe
H[Link] .
1633
Es scheint schon beachtenswert, mit welcher Klarheit selbst die britische Presse die
deutsche Frühjahroffensive sehr früh ansprach und somit ihren Teil tat, um das Empire auf
eine schwere Prüfung vorzubereiten; siehe etwa Fraser, Lovat: The Hun’s Last Hope.
Gravity of the Coming German Offensive on the West, in TWI vom 29.12.1917, S. 382,
und ders.: War Problems Of The New Year, in TWI vom 5.1.1918, S. 402.
399

Verantwortungslosigkeit ihrer skrupellos-unfähigen Planer darzustellen 1634 .


Denn selbst, so der Tenor, nach den gigantischen Materialschlachten des
Jahres waren deutsche Soldaten noch dazu in der Lage, quasi aus dem
Nichts heraus überraschend –und man ergänze, auch ohne Tanks-
anzugreifen, um dem Feind eine deutliche und schwere Niederlage zu
bereiten 1635 .
Daß es sich bei diesen Aussagen um Produkte der damaligen Propaganda
beider Seiten handelte, bräuchte sicherlich nicht besonders erwähnt zu
werden, wenn nicht diejenige der britischen Seite, mit einem
unverkennbaren Anteil und durch das Wissen um den Ausgang des Krieges
sowie die zukünftige Bedeutung gepanzerter Kriegführung heute wesentlich
gestärkt, in der späteren Aufarbeitung des Geschehens durch Historiker und
andere Betrachter eindeutig auszumachen wäre. In dieser Hinsicht waren die
Kämpfe bei Cambrai, oder vielmehr ihr spektakulärer Auftakt am
[Link], auf den sich bei den Betrachtungen konzentriert wurde, der
Beginn einer neuen Ära der Landkriegführung 1636 , welcher die deutsche

1634
Siehe bspw. Baer (Hg.): Der Völkerkrieg, Bd. 23, S. 218ff. Die Zeitungen arbeiteten
wie ihre Gegenstücke beim Feind stark mit Bildpropaganda, welche primär abgeschossene
und erbeutete Tanks zeigte, streckenweise aber auch auf britische Darstellungen
zurückkam, um sie zu widerlegen; siehe etwa Die Wochenschau, Nr. 3 vom 19.1.1918, S.
40, oder ebenda, Nr. 6 vom 9.2.1918, S. 87, wo sich des Vergleichs zwischen dem
Masseneinsatz von Tanks und Hannibals „ebensowenig erfolgreichen“ Elefanten
angenommen wurde.
1635
Siehe Baer (Hg.): Der Volkerkrieg, Bd. 23, S. 222f, und besonders Feldpressestelle im
Hauptquartier Mézières-Charleville (Hg.): Die Tankschlacht und die Angriffsschlacht bei
Cambrai, o.O. 1918. Das im Stil vorangegangener Erinnerungsschriften von
Kriegsberichterstattern bei der Heeresgruppe Rupprecht verfaßte Buch thematisierte auf
geringem Raum das Desaster vom 20.11., widmete sich aber ausführlich der erfolgreichen
Tankabwehr und besonders den Erfolgen im Gegenangriff seit dem 30.11. Es begann mit
den auf die bei Erscheinen (April 1918) bereits im Gange befindliche Frühjahrsoffensive
gemünzten Worten: „Dies Büchlein soll euch eine Erinnerung sein an die Schlacht bei
Cambrai, an diese schwere und merkwürdige Doppelschlacht, die vielleicht einmal als
Wendepunkt des Krieges im Westen berühmt werden wird.“
1636
Siehe bspw. Winter: Haig’s Command, S. 114, oder Johnson: Stalemate, S. 199, wo mit
den Worten Liddell Harts von Cambrai als „Wasserscheide“ zwischen dem seit Jahren
andauernden Stellungskrieg und den modernen Methoden, die 1918 den Sieg brachten,
gesprochen wird. Siehe auch Falls: First World War, S. 303: „However this may be, the
400

Seite, trotz allen Heldentums einzelner 1637 und den aus ihren Handlungen
resultierenden Folgen für die britische Operation, insgesamt hilflos
gegenüberstand. Vor allem auch zahlreiche Fehler auf britischer Seite, die
auf Standesdünkel, Uneinsichtigkeit oder mangelnder Risikobereitschaft
basierten, aber anhand der Lehren der Schlacht abgeschaltet werden
konnten, bewahrten die Deutschen Ende 1917 noch vor Schlimmerem 1638 .
Cambrai war, trotz des in üblichen Kategorien des vorangegangenen
Stellungskrieges seit 1914 bemessenen, ungünstigen Ausgangs für den
britischen Angreifer, also die erste der neuzeitlichen Schlachten, die 1918
die deutsche Niederlage besiegelten 1639 . Die deutsche Führung blieb auch
nun, nachdem doch Tankmassen die unüberwindliche Siegfried-Stellung an
einem Tag durchstoßen hatten, der neuen Waffe und ihrer konzentrierten
Verwendung gegenüber ignorant 1640 .

Battle of Cambrai was the type of the battle of the future and its influence on the Second
World War was as great as that on the remainder of the First.“ Siehe auch Cooper:
Cambrai, S. 225.
1637
Wie es bei Keegan durch die ausschlaggebende Bedeutung des an der Tankabwehr sehr
interessierten Kommandeurs der „[Link]“, „General der Artillerie von Walter“
[gemeint ist Oskar Frhr. v. Watter, seinerzeit Generalleutnant und Kommandeur der
[Link]-Division], und „Feldwebel Kurt Krüger“ [Unteroffizier Theodor Krüger]
dargestellt wird und bei Paschall noch intensiv durch die Verdienste Major Krebs’
Ergänzung findet; siehe Keegan, S. 513f. und Paschall: Defeat, S. 110ff.
1638
Siehe dazu etwa Paschall: Defeat, S. 115 und S. 125f., wo General Harpers Versagen
bei Flesquières bzw. die bislang noch fehlende Professionalität britischer Führer im
Umgang mit einem faktisch erreichten Durchbruch angesprochen wird. Siehe dazu auch
Marshall-Cornwall: Haig, S. 254, Cooper: Cambrai, S. 226, Larson: Armored Warfare, S.
60, und Förster/Paulus, S. 41.
1639
Siehe Heydecker, S. 414.
1640
Siehe Chickering, S. 217. Hier wird allerdings noch angefügt, daß, wenn dem Tank und
den Kämpfen bei Cambrai größere Bedeutung beigemessen worden wäre, keine
Möglichkeit mehr bestanden hätte, das Rüstungsdefizit im Bereich des Tankbaus
aufzuholen. Ohne eine derartige Einschränkung findet man Cambrai als Apologie des
deutschen Zusammenbruchs von 1918 etwa auf den Internetseiten des Lebendigen
Museums Online des DHM, wo ausgesagt wird, daß die Schlacht gezeigt habe, „daß die
Deutschen den alliierten Panzern keine wirksame Verteidigung entgegenzusetzen hatten.“
Siehe H[Link] und
H[Link] .
401

Einspruch gegen diese Auffassung der Kämpfe bei Cambrai, die sich in
neueren Überblicksdarstellungen oft sehr prägnant in wenigen Zeilen
formuliert findet, ist recht selten, sieht man von einschränkenden
Bemerkungen zu Einzelaspekten und verschieden gelagerten
Schwerpunkten in Schilderungen der Schlacht ab. Letzteres liegt zudem
häufig auf der Ebene taktischer Fragen und der Rolle einzelner Personen,
wie sie etwa bei der Bewertung des Geschehens bei Flesquières am
[Link] 1917 vorliegen. Mit dem Hinweis auf die Lehren, die von
britischer Seite aus Cambrai gezogen wurden, durften derartige Dinge als
Ausnahmeerscheinungen allerdings in der Kategorie der insgesamt wenig
bedeutenden Episoden abgelegt werden.
Anders sieht es mit Aussagen aus, die Cambrais Bedeutung als
unübersehbare Wendemarke der Landkriegführung in Frage stellen. So etwa
formuliert durch Kielmansegg (1968), der die Schwächen der britischen
Tanktruppe hervorhob und sich durch den Anfangserfolg des ersten
Schlachttages nicht in der Auffassung beirren ließ, daß die damalige
Technik den Einsatz von Tanks im Sinne moderner Panzerverbände
unmöglich gemacht habe. Griffith (1994) unterstrich diese Sichtweise noch
dadurch, daß er in vollkommener Opposition zum „populären“ Bild von
Tanks des Ersten Weltkrieges und ihrer quasi gebetsmühlenartig
apostrophierten entscheidenden Bedeutung aussagte, sie seien bis
Kriegsende 1918 „never anything more than an auxilary to the infantry for a
break-in battle“ gewesen 1641 . Eine Meinung, der sich auch Golla in seiner
kritischen Ausarbeitung zu Cambrai als Wendepunkt der Landkriegführung
im [Link] (2000 1642 ) anschloß. Für das Ereignis Cambrai führte
Griffith außerdem an, daß dort Tanks weit weniger ausschlaggebend für den
Erfolg des ersten Tages gewesen seien, als üblicherweise angenommen
wird, und daß die deutschen Stellungen und ihre Verteidiger
unverhältnismäßig schwach beziehungsweise wenige gewesen seien 1643 .
Letzteres darf auf Basis der vorherigen Aussagen dieses Kapitels als

1641
Siehe Griffith: Battle Tactics, S. 162.
1642
Gollas Ausarbeitung wurde als Book on Demand angeboten und im Jahr 2000 vom
Verfasser angeschafft. Das eigentliche Erscheinungsjahr geht aus dem Buch nicht hervor.
1643
Siehe Griffith, S. 164f.
402

bestätigt angesehen werden. Und ein Zusatz von Griffith, daß das Bild von
der Rolle des Tanks bis 1918 im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges
maßgeblich auch vom Zwang der deutschen Seite zur Rechtfertigung des
militärischen Zusammenbruchs von 1918 konstruiert und mit einem Netz
von Mythen belegt worden sei 1644 , verdient außerordentliche Beachtung,
gerade auch im Zusammenhang mit dem „Schlüsselereignis“ Cambrai.
Für die Überprüfung dieser recht wagemutigen Hypothese Griffith’ bietet
sich ein Blick auf die möglichen Protagonisten einer forcierten
Mythenkonstruktion auf deutscher Seite an. Ludendorffs Aussage zum
deutschen Kampfwagenbau, der angeblich wegen mangelnder Ressourcen
unterblieb und ein Versäumnis darstellte 1645 , wurde beim Reichsarchiv unter
dem Begriff der „Tankfrage“ und mit dem Hinweis auf die Vertraulichkeit
der Forschungsergebnisse spätestens ab 1921 unter die Lupe genommen 1646 .
Dabei kam es zur Sammlung und teilweise auch bereits zur Analyse von
Quellenmaterial, die 1932 mit den Ausarbeitungen des eng den
Kraftfahrtruppen verbundenen Generals Petter abschlossen 1647 . Die
Ergebnisse der Arbeiten Petters waren eindeutig und belegten den Wert des
Tanks während des Weltkrieges beziehungsweise von Panzerstreitkräften in
einem neuen Kriegsbild, so daß Adressaten seiner Ausführungen, etwa
Guderian und Nehring, bei ihrem Wirken für den Aufbau operativer

1644
Siehe ebenda, S. 162: „It [der Tank] also often seems to have held a disproportionately
central place, both during and after the war, in the complex web of German mythologies
that were so ingeniously spun to explain away the crushing allied victory. If this mythology
later accidentally encouraged the Germans to invest in a weapon that would finally evolve
into a serious instrument of breakout in 1939-41, then that surely had remarkably little to do
with the technical capabilities of any tank that ever took the field during the Great War
itself.“
1645
Siehe Ludendorff: Urkunden, S. 536f.
1646
Siehe BA-MA, RH 61/50768. Die Ausarbeitung Jochims („Studie über die Tankfrage“,
1921) beschäftigte sich mit der Frage der rüstungstechnischen Möglichkeiten des Reiches
im Weltkrieg und dem Anteil verschiedener Dienststellen und Personen am weitgehend
unterlassenen Panzerbau.
1647
Siehe BA-MA, RH 61/50769 (Kampfwagenabwehr) und ebenda, RH 61/50771
(Entwicklung der deutschen Kampfwagen).
403

Panzertruppen Nutzen aus ihnen ziehen konnten 1648 . Daß bei diesen
Arbeiten vor allem Momentaufnahmen, technische und taktische Details
sowie Vorschriften und Erlasse der OHL im Zentrum des Interesses standen,
während die Gesamtperspektive auf die Grundlagen der Kriegführung mit
Berücksichtigung einer Vielzahl strategisch bedeutender Fragen und der
Sichtweise des Gegners weitgehend außer acht gelassen wurden, scheint
damals von sekundärer Bedeutung gewesen zu sein 1649 . Das Beispiel der
Abhandlung der Kämpfe von Cambrai bei Petter ist diesbezüglich
exemplarisch für eine Facharbeit im Diskurs innerhalb des damaligen
Militärs 1650 und kulminierte ohne Erwähnung der schwächlichen Siegfried-
Stellung, ihrer wenigen Verteidiger, der nicht vorhandenen Reserven oder
der detaillierten Überprüfung von Führungsentscheidungen allein in den
Faktoren Überraschung und erstmaligem Masseneinsatz von Tanks 1651 .
Diese Deutung kollidierte zumindest partiell mit den in den
Truppengeschichten bereits artikulierten Ansichten bestimmter Kreise der
Weltkriegsveteranen, die sich schon 1919 mit dem Vorwurf Ludendorffs
konfrontiert gesehen hatten, daß es in ihren Reihen Ende 1917 und bei
Cambrai belegt bereits ein Nachlassen des Kampfwillens und Anzeichen für
„Drückebergerei“ gegeben habe 1652 . Die sich dadurch zum Kampf für
Anerkennung und Rehabilitation aufgerufen fühlenden Veteranen taten
einiges dafür, den deutschen Frontkämpfermythos durch Beispiele aus den

1648
Nehring zitierte Petter etwa in seiner Geschichte der deutschen Panzerwaffe mit dem
Fazit zu 1918: „Die feindlichen Kampfwagen hatten ganze Arbeit gegen uns geleistet; nicht
nur moralisch, sondern auch tatsächlich.“ Zitiert nach Nehring, Walter K.: Die Geschichte
der deutschen Panzerwaffe 1916 bis 1945, ND Augsburg 1995, S. 27. Guderian führte
Petters Denkschrift zur Kampfwagen-Abwehr von 1932 auch als Lehrmaterial in der
Reichswehr ein, und das Taschenbuch der Tanks, zumindest dessen Teil III, mit einem
Vorwort Guderians, kann als ein Medium zur weiteren Verbreitung der
Forschungsergebnisse Petters angesehen werden.
1649
Diese fehlten auch durchweg in Nehrings oder Guderians Schriften, wenn dort
Beispiele für den Kampf gegen oder mit Tanks im Weltkrieg angeführt wurden.
1650
So etwa dokumentiert durch Müllers Arbeit zur Tankschlacht in der
Militärwissenschaftlichen Rundschau, Heft 3/1939, S. 389-409.
1651
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 119.
1652
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 434.
404

Reihen der jeweils eigenen Einheit lebendig zu illustrieren 1653 und damit
kollektiv vieles, um jeden Verdacht, im Felde eventuell denn doch besiegt
worden zu sein, weit von sich zu weisen 1654 . Das Reichsarchiv hatte 1929
mit Strutz’ Band zu Cambrai aus der Reihe „Schlachten des Weltkrieges“
den Versuch zugelassen, Frontkämpferpathos nach Stil und Rhetorik der
deutschen Kriegspropaganda mit dem Unglück des materiell Unterlegenen
gegenüber den im größeren Maßstab unüberwindlichen gepanzerten
Vorboten einer modernen Landkriegführung in Einklang zu bringen 1655 .
Doch dies wirkte scheinbar nicht gänzlich überzeugend und wurde dem
Anliegen der Veteranen, besonders offenbar derjenigen aus den Reihen der
[Link], die sich bis dahin nicht genug gewürdigt und zu teilweise harscher
Kritik am Reichsarchiv und anderen Autoren aufgerufen fühlten 1656 , nicht
gerecht.
Gegenüber allen Verlautbarungen über schlacht- und kriegentscheidende
Tanks und allem, was 1918 geschehen war, waren doch auch die Taten
Soltaus und Krebs’ und all der „Feldgrauen“ im Kampf zwischen Männern
und Maschinen zu benennen. Außerdem hatte der Feind, Haig persönlich,
doch irgendwie auch davon gesprochen, daß der deutsche Widerstand bei
Flesquières den Ausschlag für das Scheitern der Offensive gegeben hätte
und gesagt, daß sich dabei ein deutscher Offizier, allein sein Geschütz bis

1653
Dies mußte keinesfalls bedeuten, daß mit Kritik und Schuldzuweisungen an Personen,
Einheiten und außerhalb des eigenen Regiments (o.ä.) gefällten Entscheidungen gespart
wurde. Beispielhaft sind hierfür im Rahmen der Kämpfe bei Cambrai die sich bei den
Feldartillerieregimentern selbst zugesprochenen Tankabschüsse, oder die in den
Truppengeschichten der 54., 107. und [Link] aufzufindenden, gegeneinander und auch
verbandsintern vorgebrachten Anschuldigungen. Insgesamt handelte es sich um den
Ausdruck einer Konkurrenz aller Beteiligter um den größten Anteil an Siegen und die
geringste Schuld bei Niederlagen.
1654
Ausdruck dessen konnte auch der Tank sein, der sich höchst symbolisch als Abbildung
auf Einbänden der Truppengeschichten solcher Einheiten findet, die für sich reklamierten,
auch mit diesem Kriegsmittel fertiggeworden zu sein; siehe etwa TG IR 67, Teil II, oder
TG RIR 52.
1655
Siehe etwa das Schlußwort in Strutz: Tankschlacht, S. 183. Siehe auch Eimannsberger:
Kampfwagenkrieg, S. 24.
1656
Siehe HStAS, M 660/047, Heft 11 und 16.
405

zum Schluß bedienend, besonders ausgezeichnet habe 1657 . Die Suche nach
diesem unbekannten Soldaten, in dem sich die Summe des zeitgemäß
apostrophierten Heldenmutes des Weltkriegs-Frontkämpfers gegen eine
materiell wie personell anscheinend unendlich überlegene „Welt von
Feinden“ vereinte, während er in der Truppengeschichte seines FAR 108
von 1919 nicht einmal Erwähnung gefunden hatte, dauerte bis Anfang der
30er Jahre. Dann erinnerte sich urplötzlich, nach langen, langen Jahren 1658 ,
ein gewisser Leutnant Behrmann, daß die gesuchte Person nur der am
[Link] gefallene Unteroffizier Theodor Krüger seiner 8./FAR 108
sein konnte 1659 . Daß Behrmanns Geschichte nicht zuletzt wegen der
Präzision seiner Angaben Ecken, Kanten und Haken aufwies 1660 , daß sehr
schnell und dauerhaft die Legende von 16 durch Krüger abgeschossene
Tanks aufkam, ohne daß diese in irgendeiner Form verifizierbar waren 1661 ,
oder daß Haigs Worte eventuell auf dem Zwang beruht haben könnten,
einen brauchbaren Grund, nämlich die durch den „Helden von Flesquières“
symbolisierte, todesverachtende Gegenwehr des Feindes, zu präsentieren,

1657
Siehe Hoffmann: Haig, S. 162.
1658
Hauptmann a. D. Dahlmann, ehemaliger Angehöriger des RIR 27 und Verfasser der TG
des Regiments, hatte 1927 im Zusammenhang mit seinen schriftlichen Aufzeichnungen an
Watter davon geschrieben, wie schwer und unsicher es sei, sich mit 10 Jahren Abstand zum
Geschehen auf seine Erinnerung zu verlassen. Einem Leutnant Behrmann, so darf man
sicher etwas sarkastisch ergänzen, machte sein Erinnerungsvermögen dagegen auch nach
13 Jahren ganz offensichtlich keine Probleme.
1659
Siehe Kabisch: Gegen englische Panzerdrachen, S. 67f.
1660
Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß Watter vom früheren Hauptmann Wille
(I./IR 84) schon Mitte der 20er Jahre darüber informiert worden war, daß Behrmann nach
seiner Gefangennahme bei Cambrai angegeben hatte, fünf Abschüsse bei Flesquières erzielt
zu haben; siehe HStAS, M 660/047, Heft 11: Bericht Willes vom 3.7.1924 über seine
Erlebnisse bei Cambrai, S. 16.
1661
Schon 1919 waren die vom FAR 108 reklamierten Tankabschüsse in den Reihen des
Regiments und auf einzelne Personen verteilt worden. Dabei waren auf Behrmanns 8./FAR
108 lediglich sechs entfallen; siehe TG FAR 108, S. 97. Das britische amtliche Werk
urteilte 1948, daß es unmöglich sei, die Tankverluste von Flesquières einem von einer
einzelnen Person bedienten Geschütz zuzuschreiben; siehe MO 1917, Bd. 3, S. 59, Anm. 2.
Dagegen führten schon William-Ellis 1919 an, daß bei Flesquières 16 Tanks direkte Treffer
erhalten hatten, womit vielleicht die historiographische Grundlage für die Krüger
zugeschriebenen Abschüsse gefunden ist; siehe William-Ellis: Tank Corps, S. 111.
406

um das Scheitern der Operation plausibel zu machen 1662 , war in der


öffentlichen Darstellung der Sache offensichtlich von keinerlei Bedeutung
für die Aufwertung Krügers zum versinnbildlichten Ideal des
todesverachtenden Front- und Einzelkämpfers 1663 . Davon abgesehen mußte
ein grundlegender Inhalt der Geschichte Behrmanns beziehungsweise des
Mythos’ vom Unteroffizier Krüger, nämlich daß dieser am [Link] an
seinem Geschütz gefallen sei, unhaltbar sein, wenn die Witwe darüber
informiert worden war, daß ihr Mann am [Link] 1917 im
„[Link]“ der Britischen Expeditionsstreitkräfte in Frankreich verstorben
sei 1664 .
Vor dem Hintergrund des Krügermythos und den Gründen seiner Schöpfung
standen mittelbar zwei in gewisser Weise konkurrierende Parteiungen
voreinander, wenn man die Jünger der Theorie, „im Felde unbesiegt“
geblieben und lediglich dem „Dolchstoß“ zum Opfer gefallen zu sein,
zusammen mit denen, die am Sinn großer, operativer Panzerverbände oder
deren Fähigkeiten zugunsten mehr oder weniger tradierter Kriegsmittel
zweifelten 1665 , den „Panzerbefürwortern“ im Sinne Petters oder Guderians
gegenüberstellt 1666 . Eine Reaktion der letztgenannten Gruppe gerade auf

1662
Das britische amtliche Werk wies 1948 ausdrücklich darauf hin, daß von britischer
Seite keine verläßlichen Angaben zur Grundlage von Haigs Aussage gemacht werden
konnten; siehe MO 1917, Bd. 3, S 59, Anm. 2. Siehe auch Abschn. 9.6.1.
1663
Siehe Riebicke, S. 142f., und Zindler: Erziehungsarbeit und ihr Erfolg bei Cambrai, in
Watter, S. 146. Tatsächlich zeitigte die Einsetzung Krügers als „Held von Flesquières“
selbst in den Reihen der früheren Angehörigen der [Link] einigen Widerspruch oder
zumindest doch Skepsis. Grund dazu bot die Unklarheit der Gefechtssituation und
grundsätzlich die Unvereinbarkeit der von verschiedenen Personen zur Sache getroffenen
Aussagen; siehe HStAS, M 660/047, Heft 11.
1664
Siehe HStAS, M 660/047, Heft 15: Bericht über die Taten Krügers im Hamburger
Fremdenblatt vom 17.11.1937.
1665
Opposition aller Art und Herkunft, die Plänen zur Heeresmotorisierung auf Basis einer
Überbewertung der Leistungen von Tanks bzw. Kampfpanzern entgegenstand, wurde etwa
von Guderian, Nehring oder Manstein intensiv in ihren Memoiren abgehandelt; siehe
bspw.: Guderian, Heinz: Erinnerungen eines Soldaten, Heidelberg 1951, S. 19ff.
1666
Besonders deutlich wird dieser Gegensatz der Anschauungen in der TG RIR 27, S.
415f., in der sich einmal gegen das von Ludendorff entworfene Bild überraschter und
überrannter Stellungstruppen sowie ganz besonders gegen die darauf aufbauenden, von
407

Flesquières und den Frontkämpferkult spiegelt sich etwa in einem mit einer
rhetorischen Frage überschriebenen Kapitel -„Moral gegen Material bei
Cambrai?“- im Taschenbuch der Tanks wider, wobei die aus
Einzelleistungen gezogene Schlußfolgerung, allein mit „Moral“ gegen
Panzermassen bestehen zu können, als vollkommen falsch und
1667
militärtheoretisch irreführend herausgestellt wurde . Der „Tankschlacht
bei Cambrai“ nahm sich auch Guderian in seinem Buch „Achtung-Panzer!“
ausführlich an, wobei er die verzweifelt-heroischen Abwehrleistungen der
den Tanks gegenüber insgesamt hilflosen Truppe, daneben auch eine
lobenswerte aber doch vergebliche „Tatkraft“ ihrer übergeordneten Führung
auf der Ebene zwischen der [Link] und dem AOK 2 und natürlich primär den
schlachtentscheidenden Charakter in Massen eingesetzter Kampfwagen
hervorhob 1668 . An einem Ausgleich zwischen den Lagern im Sinne der
gerade charakterisierten Ausführungen Guderians, welche die militärisch
tatsächlich herausragende Leistungen und Frontkämpferpathos nicht
zwangsweise als retardierende Elemente bei der seelischen und materiellen
Aufrüstung des [Link] bestehen lassen mußten, waren
nationalsozialistisches Regime und Wehrmachtführung offenbar
gleichermaßen interessiert. Unteroffizier Krüger erhielt dementsprechend
am [Link] 1936 ein Denkmal am Kölner Rheinufer, das
„Reichsehrenmal der Deutschen Feldartillerie“, vom Waffenring der
deutschen Feldartillerie unter seinem Vorsitzenden Oskar Freiherr von
Watter gestiftet, das „den Letzten seiner Batterie“ 1669 in heroischer Pose

einem ausgesprochenen „Panzerbefürworter“, Borchert (ehem. Chef der Kraftfahrtruppen


beim AOK 2 und Autor von „Der Kampf gegen Tanks“), formulierten Erkenntnisse aus den
Kämpfen bei Cambrai gewandt wurde.
1667
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 197ff.
1668
Siehe Guderian, Heinz: Achtung-Panzer! Die Entwicklung der Panzerwaffe, ihre
Kampftaktik und ihre operativen Möglichkeiten, Stuttgart 5 (1937), S. 64-82. Als Grundlage
für die zum Teil sehr detaillierten Schilderungen scheint Guderian ausschließlich Strutz’
auch in seinem Literaturverzeichnis genannten Band 31 der Reihe „Schlachten des
Weltkrieges“ genutzt zu haben.
1669
So betitelte Krüger die Berliner Morgenpost vom 21.11.1937, die sich, wie zahlreiche
andere Blätter auch, recht intensiv an der Verbreitung des Mythos’ beteiligte; siehe dazu
HStAS, M 660/047, Heft 15 und 43.
408

hinter seiner zerschossenen Feldkanone, die letzte Handgranate gegen den


Feind schleudernd, zeigte 1670 . Bedeutende Vertreter der Wehrmacht
wohnten der feierlichen Enthüllung des Denkmals bei 1671 und ließen sich,
wie etwa der Oberbefehlshaber des Heeres, für die Festschrift mit markigen
Worten über die Vorbildfunktion Krügers zitieren 1672 . 1938 nahm sich die
Nationalsozialistische Deutsche Kriegsopfer-Versorgung (NSKOV), die
parteiliche Gleichschaltungsinstanz der Veteranenverbände und
Hinterbliebeneninteressen, Krügers an und ließ mit Pomp an dessen
Geburtshaus in Garwitz am [Link] eine Gedenkplakette
anbringen 1673 . Und auch die Wehrmacht ließ es sich –im Vorgriff auf die
Bundeswehr in den 60er Jahren 1674 - nicht nehmen, eine Kaserne nach
Krüger zu benennen, die unter anderem eine Panzerabwehr-Ersatz-
Abteilung beherbergte 1675 . Denn schließlich fiel die Diskussion um die

1670
Eine Abbildung des Denkmals findet sich in Giles, John: The Western Front Then And
Now, London 1992, S. 183.
1671
Siehe Watter, Oskar Frhr. v.: An der Spitze des Waffenrings der deutschen
Feldartillerie. Abschiedsgruß des Generals, in Watter, S. 228.
1672
Siehe HStAS, M 660/047, Heft 43: Festschrift zur Weihe des Reichsehrenmales der
Deutschen Feldartillerie in Köln a. Rhein am [Link] 1936 (Sondernummer der
Zeitschrift: „Die Deutsche Feldartillerie“), S. 8.
1673
Siehe Riebicke, S. 142. Auf telefonische Nachfrage bei potentiellen Nachfahren
Krügers in Garwitz hin wurde dem Verfasser bestätigt, daß dies mit großem Aufwand
geschah und zahlreiche „Goldfasane“, also Vertreter der NSDAP, und hohe Herren der
Veteranenverbände und der Wehrmacht anwesend waren.
1674
Im Rahmen der Begutachtung von Namen der Kasernen der Bundeswehr beim MGFA
im Jahr 2004 konnte der Verfasser Einsicht in die Unterlagen zur möglichen Benennung
einer „Unteroffizier-Krüger-Kaserne“ im Bereich des [Link] im Jahr 1965 nehmen.
Begründet wurde der Vorgang damit, daß sich Krüger zur Hebung des Ansehens der
Unteroffiziere in der Bundeswehr eignete, wobei seine Leistungen im Abschuß von 16
Tanks bei Cambrai und seinem Selbstopfer kulminierten ([Link], G1-Az 45-01-00, vom
22.9.1965). Die Bundeswehrkaserne in Kusel trägt seinen Namen bis auf den heutigen Tag.
1675
Siehe H[Link]
[Link]/Kasernen/Wehrkreis09/Kaserne_BuedingenKrueger-[Link] . Ein ganz
ähnlich gelagertes Beispiel findet sich mit der Winkelmann-Kaserne in Iserlohn, die ihren
Namen einem Vizewachtmeister des RFAR 63 verdankte, welcher 13 Tanks mit seinem
Geschütz abgeschossen haben soll; siehe dazu
H[Link] bzw. Kap. 13.
409

Bedeutung Cambrais, seiner Helden und der Tanks nicht nur in die Zeit des
Aufbaus deutscher Panzertruppen und allgemeiner Förderung der Wehr-
und Kriegsbereitschaft, sondern auch in die Zeit der Schaffung einer
Panzerabwehrtruppe 1676 , der man einen „Krüger“- beziehungsweise
„Cambrai-Kult“ als Gründungsmythos anheften konnte, damit sie in
Kategorien des damals als vorbildlich und heldenhaft Empfundenen dem
elitär-heroischen Ursprung der Panzertruppe nachzukommen vermochte 1677 .
Die Person Krügers, mit ihren sagenhaft-soldatischen Charakterzügen, die
den Kampf bis zur vollkommenen Selbstaufgabe auch in verzweifeltster
Lage verkörperte, wirkte in ihrer Vorbildfunktion generell äußerst

1676
Ohne vor den Kapiteln zu 1918 zu weit abzuschweifen und den Focus zu sehr auf die
deutsche Panzertruppe legen zu wollen, sei nebenbei erwähnt, wie, zeitgleich zu den
geschilderten Vorgängen, die heroischen Weltkriegs-Wurzeln der Panzertruppe im
Kinofilm gefeiert wurden. Im Ufa-Film „Unternehmen Michael“, Regie: Karl Ritter, 1937,
wird eine abgeschnittene deutsche Einheit von einem Beutetank mit Befehlen versorgt,
wobei im Kontext des Films klar ist (ab 1.06h Spielzeit), daß einmal nur ein Tank
überhaupt durch das feindliche Feuer zu den Eingeschlossenen durchkommen kann, dann
das dadurch, bei Gelingen der „Höllenfahrt“ des Vehikels, die moralische Wirkung auf die
eigenen Kräfte enorm ist (Spielzeit 1.07h: „Ein deutscher Tank! Ein deutscher!“) und das in
einem solchen Gefährt nur der Typus eines neuen Heeresoffiziers zu Hause sein kann. Es
handelt sich um einen Offizier, der dem Stereotyp des jungen dynamischen Jagdfliegers
entsprechen könnte, aber ohne irgendwelche snobistischen Allüren, ölverschmiert und mit
Ruß bedeckt, von einem feisten Unteroffizier einer Stabswache als „Schmierfink“
angesprochen werden kann (Spielzeit 0.59h). Als Beleg der literarischen Aufarbeitung der
Wurzeln der deutschen Panzertruppe in dieser Zeit können die Schriften Volckheims
angeführt werden, der aus einem reichen Fundus eigener Erfahrungen bei den ersten
Panzerverbänden 1918 schöpfen konnte und seit Mitte der 20er Jahre mit mehr oder
weniger wissenschaftlichem Impetus schrieb; siehe bspw. Volckheim, Ernst: Der
Kampfwagen in der heutigen Kriegführung, Berlin 1924, ders.: Deutsche Kampfwagen
greifen an, Berlin 1937 und ders.: Unsere neue Panzertruppe, Berlin 1938.
1677
Wie schwer das attestierte Versagen der OHL hinsichtlich des Erbes der neuen
Panzerabwehrtruppen wog, läßt sich an der Diplomarbeit Fleischers ersehen, selbst wenn
diese eher technisch orientiert ist und propagandistisch-ideologische Komplexe wie den
besagten Gründungsmythos ausklammerte; siehe Fleischer, Wolfgang: Die Entwicklung
der Panzerabwehr in Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen. Diplomarbeit,
Militärgeschichtliches Institut der DDR, o.O. (Potsdam) o.J., S. 12f.
410

fördernswert 1678 und versprach im Sinne einer „Inversionslogik“, die trotz


des so tragisch verlorenen Krieges das Sterben für das Vaterland
erstrebenswert zu erhalten trachtete 1679 , beste Werbung für die neue
Wehrmacht des nationalsozialistischen Deutschland.
1937, noch bevor mit der quellenbegründeten Arbeit am Kapitel zu Cambrai
für den Band 13 des Weltkriegswerkes überhaupt begonnen worden war 1680 ,
hatte die Kriegsgeschichtliche Forschungsanstalt des Heeres die Taten der
durch äußere Feinde nicht zu bezwingenden Frontkämpfer zusammen mit
der Überraschung bei Cambrai und den unzweifelhaften Fähigkeiten der
Tanks in die eherne Form eines amtlichen Berichts über die Schlacht
gegossen 1681 . Basis für den siebenseitigen Artikel von 1937 war eine
Aufforderung durch das Reichskriegsministerium gewesen, eine
entsprechende Arbeit als Inhalt der „Richtlinien für den Unterricht über
politische Tagesfragen“ zu liefern. Ganz dem propagandistischen Zweck des
Artikels angemessen 1682 durfte zwischen allem Pathos, das zwar nicht

1678
Bezeichnend dafür und für die Verquickung von Wehrmachts- und Veteraneninteressen
war, was Watter 1938 in seiner Abschiedrede als Vorsitzender des Waffenrings der
deutschen Feldartillerie bezüglich des Krüger-Denkmals ausführte: „Als Motiv für die
Darstellung des bis zum letzten auch am zerschossenen Geschütz noch aufrechterhaltenen
Willens zum Widerstand, wurde die im englischen Heeresbericht ruhmvoll genannte Tat
eines Unteroffiziers des Feldartillerie-Regiments 108 in der Tankschlacht bei Cambrai
genommen. Es war für uns eine Genugtuung, daß der zur Enthüllung gekommene
Oberbefehlshaber des Heeres unter dem lebendigen Eindruck sich anerkennend dahin
aussprach, daß man bei diesem Denkmal sofort wisse, was damit gesagt sein soll.“ Zitiert
nach Watter, Oskar Frhr. v.: An der Spitze des Waffenrings der deutschen Feldartillerie.
Abschiedsgruß des Generals, in Watter, S. 228.
1679
Siehe dazu Behrenbeck, Sabine: Heldenkult oder Friedensmahnung? Kriegerdenkmale
nach beiden Weltkriegen, in Niedhart, Gottfried/Riesenberger, Dieter (Hg.): Lernen aus
dem Krieg? Deutsche Nachkriegszeiten 1918 und 1945 (Beiträge zur historischen
Friedensforschung), München 1992, S. 357f.
1680
Wie sehr viel ambivalenter dem Verlauf der Schlacht und ihren Führern begegnet
werden mußte oder hätte begegnet werden müssen, legen die bis heute überlieferten
Schriftwechsel und Ausarbeitungen der Forschungsanstalt zu Cambrai dar. Das Ergebnis,
RA, Bd. 13, S. 124-145, blieb dahinter weit zurück.
1681
Siehe BA-MA, RH 61/51766: Die Tankschlacht bei Cambrai Ende 1917.
1682
Das Reichskriegsministerium wies ausdrücklich darauf hin, daß sich der zuständige
Bearbeiter des Ministeriums mit „Wünschen für die Ausgestaltung des Aufsatzes“ an den
411

Krüger aber doch andere „Vorbilder“ wie etwa Major Krebs präsentierte
und auf die Aussagen Haigs zu Flesquières einging 1683 , nicht unerwähnt
bleiben, daß es 1917 bei Cambrai „die heute so zahlreichen und wirksamen
Panzerabwehrgeschütze“ noch ebensowenig gab, wie deutsche
1684
„Panzerkampfwagen“ . Daß das von Griffith genannte Netz von Mythen
um den Tank herum und die Dinge, die man am Krügerkult feststellen kann,
nicht allein Selbstzweck oder Zufallsergebnis einer vielschichtig geführten
Diskussion um den Ausgang des Krieges war, zeigt sich letztendlich
überdeutlich in Hitlers Rede im Sportpalast am [Link] 1938. Der
Anlaß dazu lag unzweifelhaft in der Außenpolitik begründet, der Inhalt der
Rede richtete sich aber intensiv auch nach innen. In einer Situation, in der
ungeheuerliche Gebietsansprüche an die Tschechoslowakei einen Krieg

Präsidenten der Forschungsanstalt wenden würde; siehe ebenda: Reichskriegsministerium


6703/37 J III d vom 15.10.1937. Arbeiten über Cambrai, die sich mit voller Absicht nicht
allzusehr an die historische Genauigkeit hielten, hatte es bereits zuvor gegeben, wie Watters
heftige Reaktion auf den Artikel eines Rittmeisters a.D. Plessing vom 1930 belegen kann.
An der Anfertigung des Beitrages war anscheinend das Reichsarchiv beteiligt, das Watters
Reaktion dem Verfassers zukommen ließ. Plessings Antwort auf das Schreiben beinhaltete
die gegenüber den zahlreich angemahnten Fehlern bezeichnende Aussage: „Es kommt
heute denjenigen gegenüber, die das alles nur hören oder lesen sollen, wohl einzig darauf
an, dass sie einen Begriff von der unerhörten Leistung der Truppe, jeden einzelnen Mannes
bis hinauf zum Führer bekommen und von den [hervorgeh.] Stunden, in denen die Division
vom Führer bis zum neueingetroffenen Rekruten, von allen guten Geistern verlassen, indem
die furchtbare Gefahr nicht einmal von der O.H.L. zunächst erkannt und gewürdigt werden
konnte oder wollte, auf sich selbst gestellt, sich dieser entfesselten Hölle –ich kann das
auch heute nicht anders sagen- gegenüber sah.“ Siehe M 660/047, Heft 16.
1683
Siehe BA-MA, RH 61/51766: Die Tankschlacht bei Cambrai Ende 1917, S. 3.
Möglicherweise wollte man sich auf der Seite der Forschungsanstalt nicht allzu sehr auf
unbelegbare Mythen einlassen, um den eigenen Ruf zu wahren. Zudem kam man auch ohne
Krüger zu nennen dahin, ein feldgraues Helden-Szenario mit vielen Einzeltaten zu
konstruieren.
1684
Siehe ebenda S. 2. Die Begriffe „Panzerabwehrgeschütze“ und „Panzerkampfwagen“
sind im Original durch Unterstreichung hervorgehoben. Dasselbe gilt für zahlreiche andere
Begriffe und Namen, wie etwa „Flieger“, „Flaks“ und „Freiherr von Richthofen“ (alles S.
6). Es wäre zu spekulieren, ob die Unterstreichungen direkt auf die vom
Reichkriegsministerium geäußerten „Wünsche“ bezüglich der inhaltlichen Ausgestaltung
und Schwerpunkte des Artikels verweisen.
412

immerhin möglich machten, offenbarte Hitler den Deutschen, daß man mit
„Milliarden“ aufgerüstet habe, um ein „neues Heer mit modernsten Waffen“
und eine Wehrmacht aufzubauen, die in der Welt respektiert werden würde,
sollte sie jemals in Erscheinung treten. Von Hitler besonders genannt
wurden eine Luftwaffe, „die Deutschland vor jedem denkbaren Angriff
schützt“ und, im Kontext der Weltkriegserfahrungen für die Zuhörer
wenigstens ebenso eindrucksvoll, „die beste Luftabwehr und die beste
Tankabwehr, die es auf der Erde gibt“ 1685 . Der Kunstgriff bestand darin,
etwaige Gegensätze in den Anschauungen über den Weltkrieg und aus
diesen resultierende Ängste, wie vor der damals so evidenten materiellen
und technischen Überlegenheit der Feinde mit ihrem Symbol auch in Form
der Tanks, durch die Suggestion einer nun für jeden aller Fälle bestmöglich
gerüsteten Wehrmacht zu beseitigen. Das nationalsozialistische Regime und
sein „Führer“ gaben eine Universalantwort durch das auf den im Weltkrieg
geborenen Typus des „Neuen Menschen“ 1686 gebaute und nun selbstredend
hochgerüstete Reich nach 1933. Und darin fanden alt und jung,
Frontkämpfergeneration und Jugend, Tankabwehr-Helden des Weltkrieges
und Panzeroffiziere der neuen Wehrmacht gleichermaßen ihren Platz 1687 .

1685
Siehe Klöss, Erhard (Hg.): Reden des Führers. Politik und Propaganda Adolf Hitlers
1922-1945, München 1967, S. 191.
1686
Wie forciert der Mythos von „Neuen Menschen“ des [Link] angelegt war und wie
sehr er auf ein mit Legenden überfrachtetes Fronterlebnis des Ersten Weltkrieges aufbaute,
zeigte eine Arbeit Hüppaufs. Darin wurden Langemarck, Verdun und Somme als die
zentralen Schlachtenmythen ausgemacht; siehe Hüppauf, Bernd: Schlachtenmythen und die
Konstruktion des „Neuen Menschen“, in Hirschfeld (u.a. Hg.): „Keiner fühlt sich hier mehr
als Mensch“, S. 53-103. Cambrai blieb wohl zu sehr ein Spezialfall mit enger Bindung an
einen komplexen militärischen Fachdiskurs und zudem mit derart vielen problematischen
Fragen zur deutschen Führung des Weltkrieges behaftet, daß die Schlacht in der
Öffentlichkeit ausschließlich mit der markanten und generellen Vorbildfunktionen Krügers
als Konstruktionshilfe des Frontkämpfermythos’ nutzbringend sein konnte.
1687
Eines der in dieser Hinsicht ausdruckstärksten Produkte der Verquickung von
nationalsozialistisch heroisiertem Frontsoldatentum des Ersten Weltkrieges und neuem
Regime stellt die Rundfunkkampagne des Reichssenders Berlin von 1935 dar, die 1938 in
Buchform verarbeitet wurde. Unter den friedfertig und gut gemeint erscheinenden
Aspekten von Aussöhnung unter den Frontsoldaten aller Seiten, der Klärung der Schicksale
Vermißter und Gefallener sowie der Pflege von Kameradschaft kam ein Stück
413

Die noch immer offenen Fragen über Ursachen und Hintergründe der
Tankschlacht bei Cambrai wurden davon so weit in den Schatten gestellt,
daß sie in der Öffentlichkeit offenbar gar nicht weiterverfolgt wurden. Das
Gedenkbuch für einen der Hauptakteure der Schlacht, Oskar Freiherr von
Watter, das die zumindest dem Gruppenkommando Caudry gegenüber
kritischen Beiträge Kabischs und Zindlers beinhaltete, erschien zudem erst
nach Beginn des Zweiten Weltkrieges (um 1941). Man wird unterstellen
dürfen, daß die Interessenlage zu diesem Zeitpunkt noch weiter von
führungskritischen Ansätzen der Militär- und Kriegsgeschichte entfernt war,
als sie es schon früher, etwa innerhalb des Fachdiskurs’ der Wehrmacht zu
Ursprung, Bedeutung und Rolle der Tanks, gewesen ist. Einen
entsprechenden Eindruck vermittelt auch der Abschnitt zu Cambrai im 1942
von der Kriegsgeschichtlichen Forschungsanstalt des Heeres fertiggestellten
Band 13 des Weltkriegswerkes 1688 . Wenngleich die Schwäche der
deutschen Stellungsbesatzungen am [Link] 1917 und die britischen
Gefangenenaussagen vor dem ersten Schlachttag angesprochen wurden, gab
man dem Leser keinerlei Hilfen für die Einordnung dieser Vorkommnisse

Musterpropaganda zustande, das in die Richtung wies, die in Hitlers Rede am 26.9.1938
zum Ausdruck gebracht werden sollte. Unter anderen Beispielen ist besonders das im Buch
enthaltene Hörspiel des bekannten Kriegsschriftstellers Ettighofer, „Traum am
Douaumont“ bemerkenswert. Es schildert den schaurig-fiktiven Besuch von drei bei
Verdun 1916 Gefallenen im nationalsozialistischen Deutschland von 1938 und zeigt deren
Beglückung im Angesicht der geistigen und materiellen Wiederaufrüstung ihres
Vaterlandes. Nachdem sie ihre „prachtvollen“ Nachfolger in „Feldgrau“ und dazu die
Flieger, Bomber („Fliegende Festungen“) und die von Kraftwagen gezogenen
Panzerabwehrgeschütze gesehen haben, kehren sie, beruhigt für die „Ewigkeit“, in ihre
Gräber zurück. Siehe Ettighofer, Paul C.: Traum am Douaumont. Ein Hörspiel von
Kameradschaft und Ehre, in ders.: „Wo bist du- Kamerad?“ Fronterlebnisse unbekannter
Soldaten, Essen 1938, S. 304-329.
1688
Wie an den überlieferten Manuskripten zu diesem Teil des Weltkriegswerkes deutlich
wird, wurden Passagen, die Uneinheitlichkeiten innerhalb des Führungsgebietes der Gruppe
Caudry vor dem 20.11.1917 illustrieren mußten sowie Fragen nach der Unterstellung von
Verbänden unter die [Link] für den „Fall Havrincourt“ hätten aufkommen lassen können,
gestrichen; siehe BA-MA, RH 61/51765, Heft/Akt 1826: Manuskript Renner zur Schlacht
bei Cambrai von 1939, S. 6.
414

an die Hand 1689 . Vollkommene Überraschung, die Tankmassen 1690 und das
–zu einem deutschen Sieg bei Cambrai 1917 genauso wie zum gewünschten
Eindruck des Krieges bis 1942 passende- Fazit, daß deutsche Truppen auch
ohne längere Vorbereitungen und mit geringeren Mitteln als der Feind
Erfolge erzielen konnten 1691 , bestärkten bereits formulierte,
interessengeleitete Anschauungen.
Eine einschneidende Zäsur auch für die Bewertung der Kämpfe bei Cambrai
1917 bedeutete das Kriegsende 1945. Die Sichtweisen Guderians und
anderer, welche die Kriegführung mittels gepanzerter Truppen
vorausgesehen, geplant und deren Möglichkeiten erschreckend
eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatten, waren zweifelsfrei bestätigt.
Alles was dagegen sprach, darunter auch die Fähigkeit, allein mittels
konventioneller Panzerabwehrwaffen gegen Panzertruppen bestehen zu
können, war ad absurdum geführt worden. Gleichzeitig waren durch die
politischen Veränderungen jegliche Verbingungen zu Frontkämpfer- und
Heldenkult als Inhalte einer deutschen Militärgeschichtsschreibung
abgebrochen worden, und man kehrte der Operationsgeschichte insgesamt
den Rücken zu. Dadurch entstanden zwei Lücken. Eine davon war bedingt
durch die Not der deutschen Historiographie, Operationen ohne neuere
Überprüfung der Grundlagen und unter weitgehender Ausschaltung der
diskreditierten Produkte der deutschen Militärgeschichtsschreibung der
Zwischenkriegszeit in einer auf einen vermeintlichen Kern reduzierten Form
zu präsentieren. Dies führte offensichtlich dazu, eher nach Maßgabe einer
„gefühlten Wahrheit“ und einer gewissen Logik zu urteilen. Eine Logik, die

1689
Siehe RA, Bd. 13, S. 125f. Dasselbe ist für „Der Weltkrieg wie er ist!“ von
Moeller/Reinicke, zwei Stabsoffiziere des OKW bzw. des OKH, zu sagen, die ihrer
Leserschaft 1942 Lehren des „Frontkämpfers“ des Ersten Weltkrieges an die Hand geben
wollten. Dahinter verbarg sich in erster Linie ein in Kapiteln zu verschiedenen
Gefechtsformen subsumiertes Konglomerat an Beispielen für Durchhaltewillen, kühlen
Professionalismus eines deutschen Über-Soldaten und Todesverachtung. Das entsprechend
konzipierte Kapitel zu Cambrai (S. 159-205) ließ es aus, grundlegende Fragen, etwa nach
dem Ursprung der augenscheinlich verzweifelten Lage der Truppe im Angesicht der
Tankmassen, zu stellen, oder diese gar zu beantworten.
1690
Siehe RA, Bd. 13, S. 126ff.
1691
Siehe ebenda, S. 145.
415

zu dem in der Einleitung der vorliegenden Arbeit bereits dargelegten Bild


vom Tank des Ersten Weltkrieges sowie der Bedeutung des
Schlüsselereignisses Cambrai 1917 führte und sich der
Forschungsergebnisse aus dem Ausland bediente 1692 . Die zweite Lücke
ergab sich daraus direkt. Denn ein überaus starkes Interesse breiter Massen
für als leichte Kost aufbereitete und dargebotene sowie einfach und
kostengünstig zu beschaffende kriegsgeschichtliche Darstellungen,
Schlachtenschilderungen und besonders auch militärtechnische
Informationen wurde durch eine andauernde Geringschätzung dieser
Themen durch deutsche Historiker offenbar nicht gestillt. Gerade im
Massenmedium Internet finden sich Versuche, die entstandenen Lücken zu
füllen, wobei nach wissenschaftlichen Maßstäben nur leidlich akzeptable
Ergebnisse auffindbar sind 1693 .
Griffith kann vor dem Hintergrund dieser Ausführungen noch ergänzt
werden, denn sichtbar wird bei der auch im Internet deutlichen Dominanz
englischsprachiger Literatur, daß heute nicht nur von deutscher Hand
gestrickte Mythen zu den Kämpfen bei Cambrai kolportiert werden. So
entwickelt der Abschnitt des Cambrai-Artikels im Onlinelexikon
„Wikipedia“ zum deutschen Gegenangriff das Bild von erstmalig in großem
Umfang durch die OHL eingesetzten Sturmtruppen auf Basis einer gewissen

1692
Ein Paradebeispiel für diesen Umstand stellt der Artikel Werths zu Cambrai in der
„Enzyklopädie Erster Weltkrieg“ dar. Nicht nur die enthaltenen Information weisen
allergrößte Nähe zu englischsprachigen Darstellungen auf, sondern auch der einzige
Literaturhinweis, zu Smithers‘ „Cambrai“, ist bezeichnend. Mit einem Blick in Smithers’
Bemerkungen zu den von ihm selbst genutzten Quellen und Titeln wird deutlich, daß die
Perspektive des ehemaligen deutschen Kriegsgegners nahezu vollständig ausgeklammert
bleibt. Lediglich eine englische Übersetzung von Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ findet
überhaupt Erwähnung. Siehe Werth: Cambrai, in Enzyklopädie Erster Weltkrieg, S. 403-
404, bzw. Smithers: Cambrai, S. 184ff.
1693
Siehe bspw. H[Link] (Stand vom
14.02.2006). Als internationale Enzyklopädie gedacht und mittlerweile von einem
zumindest zweifelhaften Ruf behaftet, der auch zahlreiche Kritiker auf den Plan rief, dürfte
Wikipedia eine der meistbesuchten Informationsplattformen weltweit sein.
Dementsprechend sollte dort dargebotenen Inhalten, etwa dem dubiosen Artikel zu
Cambrai, entsprechende Beachtung auch in einer wissenschaftlichen Arbeit geschenkt
werden dürfen.
416

„Hutier“- oder, modern gesprochen, einer erstmals in diesem Maßstab


angewandten „Infiltrationstaktik“ 1694 . Wie er Leser erfährt, schuf diese die
Grundlage für die Rückeroberung des verlorenen Geländes bei Cambrai und
war hinsichtlich der Entwicklung moderner und höchst effizienter
Einsatzverfahren der Infanterie von außerordentlicher Bedeutung. Woher
der Bezug zwischen Sturmtruppen, die als geschlossener Angriffsverband
gerade einmal ein Bataillon bei der [Link] umfaßten 1695 , Infiltrationstaktik,
Hutier, dem damaligen Oberbefehlshaber der deutschen [Link] an der
Ostfront, und dem Gegenangriff bei Cambrai 1917 letztendlich stammt, ließ
sich bei den Recherchen zur vorliegenden Arbeit nicht zweifelsfrei klären.
Das britische amtliche Werk von 1948 beinhaltete jedenfalls die
Beobachtung vom [Link] 1917, daß sich die deutschen Angreifer
geschickt von den Flanken oder aus dem Rücken den Verteidigern in ihren
Stellungen näherten 1696 . Obwohl es sich lediglich um eine Beobachtung
handelte, die tatsächlich wohl viel eher auf dem banalen und ausgerechnet
auch von der [Link] erkannten Umstand basierte, daß sich die vorgehenden
deutschen Schützenlinien beim Auftreffen auf Hindernisse sowie unter dem
Eindruck feindlichen Feuers schnell in kleine Gruppen auflösten 1697 , als das
ein neuartiges Stoßtruppverfahren flächendeckend von abgekämpften und

1694
Siehe ebenda. Unter der Hutier-Taktik soll dem Artikel zufolge „gezieltes Einsetzen
dieser Stoßtruppen [?] in kleinen Operationsgebieten“ verstanden werden, was die
deutschen Erfolge von 1918 ermöglichte. Wie man durch den internen Wikipedia-Link zur
Seite über Oskar von Hutier erfahren kann, gilt er als Urheber der „Infiltrationstaktik“, die
u.a. bei Cambrai 1917 die Rückeroberung des während der Tankschlacht verlorenen
Geländes ermöglicht haben soll; siehe H[Link]
(Stand vom 14.02.2006).
1695
Siehe Gruss: Die Deutschen Sturmbataillone, S. 96.
1696
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 177.
1697
So formuliert in einem Bericht der durch Teile des Sturmbataillons 3 verstärkten [Link]
zu den Erfahrungen beim Gegenangriff; siehe Gruss: Die Deutschen Sturmbataillone, S.
96f. Smithers führte zudem an, daß die Angreifer sich im hügeligen Gelände sehr gut
verschiedener Einschnitte und Hohlwege bedienen konnten, Gas und Nebel die Sicht der
Verteidiger einschränkten und diese zudem massiv von deutschen Tief- und
Schlachtfliegern angegriffen wurden; siehe Smithers: Cambrai, S. 158f. Es wäre
demzufolge anzunehmen, daß die Wahrnehmung des deutschen Vorstoßes und seiner
Ausführung an vielen Stellen äußerst begrenzt war.
417

soeben herbeigeholten Angriffsdivisionen angewandt wurde 1698 , mag hierin


der Ursprung einer heute weitverbreiteten Erklärung für den aus britischer
Sicht ungünstigen Abschluß der Schlacht gesehen werden 1699 . Schließlich,
und das sollte als Denkanstoß für die Auseinandersetzung mit den
„Sturmtruppen von Cambrai“ verstanden werden, erscheint eine Niederlage
in wesentlich günstigerem Licht, wurde sie von Elitetruppen mit
überraschend innovativen Kampfmethoden gegenüber stark geschwächten
Verteidigern herbeigeführt.

9.6.1. Britische Perspektiven und Reaktionen.

Der erste Eindruck, der sich aus dem unerhört tiefen Vorstoß in die
vermeintlich bestausgebaute deutsche Stellung an der Westfront mit ihrem
bedrohlich-vielsagenden Namen ergeben mußte und sich daraus bis heute
vielfach ergibt, war überwältigend. Die „Hindenburg-Line“ war binnen
weniger Stunden nicht nur auf 15km Breite und in 7km Tiefe eingedellt,
sondern, wie es schien, auch tatsächlich durchstoßen worden. Und wirklich,
so verdeutlicht es sich im Bild tausender Gefangener und scheinbar völlig
geschlagener, nur noch an einigen wenigen Stellen ernstzunehmenden
Widerstand leistender Verteidiger, gab es am Abend des [Link] 1917

1698
Hinweise auf eine derartige Durchbildung von Führern und Truppe ließen sich nicht
finden. Was, wie bei der [Link], gegeben zu sein scheint, sind Elemente des
Bewegungskrieges bei der früheren Ausbildung als Eingreifdivision oder divisions- oder
verbandsinterne Lehren aus vorherigen Kämpfen; Abschn. 9.5.
1699
Wie verbreitet die Annahme einer erheblichen Bedeutung der Sturmtruppen und der
Infiltrationstaktik bei Cambrai 1917 ist, kann mit geringem Aufwand, etwa mit den
Suchbegriffen „Stormtrooper Cambrai“, über Internet-Suchmaschinen überprüft werden.
Wie durch zahlreiche Ergebnisse nahegelegt wird, findet sich zumindest ein Ursprung der
Legende in einem Cambrai gewidmeten Kapitel einer neueren Arbeit zur Taktik der
deutschen Sturmtruppen des Ersten Weltkrieges; siehe Gudmundsson, Bruce I.: Stormtroop
Tactics, New York 1989, S. 140-154. Siehe auch Paschall: Defeat, S. 127, und Asprey: The
German High Command At War, S. 353, dort: „The storm struck early on November 30
with a brief but effective bombardment by gas and smoke shells. Small German units
composed of Sturmtruppen or storm troops used von Hutier’s new assault tactics to bypass
enemy strongpoints and penetrate weaker points in the British line. Lager units followed to
neutralize strongpoints while the spearhead advanced over two miles west of the British
line to be halted only with difficulty by infantry and tanks.”
418

beachtenswerte Defensivkräfte des Feindes im Bereich Cambrai nicht mehr.


Gemessen an den minimalen und ungeheuer blutigen Fortschritten der
Flandernschlacht und deren durch den raschen Erfolg bei Wytschaete -und
genauso am ersten Tag bei Arras- implizierten Verheißungen in Hinsicht auf
den entscheidenden „Big Push“ war der Preis von Cambrai mit etwa 4.000
Mann an eigenen Verlusten so gering 1700 , wie er vielerorts urplötzlich die
Hoffnung auf den Sieg neu aufleben ließ. Die Rückmeldungen über den
Verlauf und die Ergebnisse des ersten Tages der Schlacht waren derart
vielverheißend, daß der Heimat der [Link] 1917 mit Glockengeläut
als herausragender Moment des bisherigen Kriegsgeschehens angezeigt
wurde 1701 . Wie sich im Zusammenhang mit dem weiteren Verlauf und dem
Ausgang der Schlacht herausstellte, ein psychologischer Fauxpas, der
vielleicht seinesgleichen in der britischen Propaganda des Ersten
Weltkrieges sucht und auch entsprechende Berücksichtigung auf deutscher
Seite fand 1702 .
Tatsächlich schien das bis zum Abend Erreichte auch für zahlreiche Zeit-
und Augenzeugen an der Front die Möglichkeit zur Ausnutzung eines
Durchbruchs und damit vielleicht gar zur Kriegsentscheidung in sich
getragen zu haben. Doch anders als bei den höheren Stäben, die mit ihren
Diagnosen über deutsche Verluste und Prognosen über die Fähigkeit des

1700
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 88. Fuller nannte in seinen Kriegserinnerungen die
Verlustzahlen der 16.(Infanterie-)Brigade, welche zwischen dem 20. und 23.11.1917 209
Mann verlor: „Jeder, der diese Verluste, mit denen irgendeiner Front-Brigade während der
ersten drei Tage des Kampfes entweder der Schlacht an der Somme oder der Schlacht von
Passchendaele vergleicht, wird verblüfft sein, wie niedrig sie sind.“ Zitiert nach Fuller:
Erinnerungen, S. 190.
1701
Ein Autor erwähnt ausdrücklich, daß es das erste Mal während des Krieges überhaupt
war, daß zu einer derart emotionsgeladenen Verkündigung einer absolut eindeutigen
Siegesbotschaft geschritten wurde; siehe Griffith: Battle Tactics, S. 164.
1702
Das Erinnerungsbüchlein der HGr Rupprecht zur Schlacht beinhaltete einen Abschnitt
zum „Stand des engl. Stimmungsbarometers waehrend der Schlacht“, worin Presseaussagen
verschiedener britischer Zeitungen zwischen den Extremen „Ein glaenzender Sieg“ (Times,
22.11.1917) und „Mißgeschick“ (Daily Telegraph, 6.12.1917) propagandistisch
ausgeschlachtet wurden. Das Glockenläuten wurde und wird in nahezu sämtlichen
Schriften zur Schlacht thematisiert; siehe u.v.a. Zindler: Erziehungsarbeit und ihr Erfolg bei
Cambrai, in Watter, S. 136, oder Keegan, S. 514.
419

Gegners zum schnellen Heranführen von Reserven 1703 erst Gelegenheit dazu
gaben, die Glocken zu läuten, oder gar den Menschen in der Heimat, die
dazu aufgerufen waren den Klang des Glockengeläuts eindeutig zu
interpretieren 1704 , scheint auf unterer und mittlerer Führungsebene vor Ort
schnell der Eindruck einer verpaßten Chance Herr über die anfängliche
Überraschung gegenüber „der Glanzleistung des Krieges“ (Fuller 1705 )
geworden zu sein. In voller Überzeugung, daß es primär das Verdienst das
Tank Corps gewesen sei, das die Option auf die Vollendung des
weitreichenden Schlachtplans durch die Ausschaltung der deutschen
Verteidiger in ihren wohlbefestigten Stellungen geboten hatte 1706 , schrieb
der Kommandeur der [Link]-Brigade, Baker-Carr:
„Surely masses of galloping squadrons had passed through the ‚gap’ and were
riding ventre-à-terre through village and hamlet, cutting down the fleeing enemy
amid loud cheers from the down-trodden and enslaved peasantry. Not a bit of it. […
.] What a chance that day was missed! Never before and never again was such an
opportunity offered. [… .] Bourlon Wood, Bourlon Village and even Cambrai could
have been captured.” 1707

Und tatsächlich hatte die Kavallerie nach ihrem Eintreffen auf dem
Gefechtsfeld kaum etwas an Verdiensten aufzuweisen, die ihrer Rolle als
Speerspitze beim Ausnutzen des Erfolges entsprach. Lediglich die Attacke
einer einzigen Schwadron auf Rumilly wäre zu nennen. Und dieser Vorstoß

1703
Siehe Marshall-Cornwall: Haig, S. 251, Winter: Haig’s Command, S. 123f., und
Smithers: Cambrai, S. 124.
1704
Die unmittelbare Verbindung der Siegeszeichen und Pressemitteilungen mit dem Wert
des Tanks funktionierte in den Folgetagen so sehr, daß der Tank Synonym für
Siegeszuversicht generell werden konnte, als Werbemittel für Kriegsanleihen äußerst
erfolgreich war und dies über die Niederlage nach dem 30.11.1917 hinaus auch bleib; siehe
Wright, S. 81ff. „There has been no more popular appeal to investors, large and small, than
the Tank. This mysterious engine of war has excited the imagination and the curiosity of
everybody. Coming as it did out of the trenches direct to the homes of British people, it
touched the hearts of those part it was to remain in Blightly.“ Zitiert nach ebenda, S. 92.
1705
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 197.
1706
Durch eine Dankadresse des Befehlshabers der [Link] an Elles und dessen Tank
Corps wurde diese Auffassung am 27.11.1917 grundsätzlich manifestiert; siehe ebenda, S.
193.
1707
Zitiert nach Smithers: Cambrai, S. 122.
420

endete in einem Blutbad, das vom „ill-trained“ Rekrutendepot der [Link]


angerichtet wurde 1708 . Der Grund für das vermeintliche Versagen der
Kavallerie ist aber kaum allein in mangelndem Willen zu sehen, so wie es
Baker-Carrs Aussage suggerieren mag und durch die kühne Aktion der
kanadischen Fort Garry Horse gegen Rumilly wenigstens partiell schon in
Frage gestellt sein muß 1709 , sondern liegt weit tiefer verwurzelt in den
Dispositionen des Operationsplanes und den Zuständen auf dem
Schlachtfeld am [Link]. In einem sehr schmalen Frontabschnitt lagen
Stellungs- und Angriffsdivisionen des III. und [Link], 1000 Geschütze,
hunderte Tanks und unzählige Stabs- und Unterstützungsteile konzentriert
beisammen. Dahinter standen die Divisionen des [Link] und weitere
Unterstützungstruppen sowie, noch weiter hinten, wo noch Raum zur
Versammlung gesehen worden war, das Kavalleriekorps 1710 . Der
Vormarsch war minutiös geplant und schien den ersten Meldungen über das
Gefecht wie ein „Eisenbahnfahrplan“ abzulaufen 1711 . Alle Zeichen standen
auf Erfolg und am Vormittag setze sich, der Forderung des Schlachtplans
nach rücksichtlosem Vorpreschen entsprechend 1712 , alles und jeder in
Bewegung nach vorn, um als Reserve zu folgen, Nachrichtenverbindungen
aufzubauen, Stellungswechsel zu machen oder, wie die Kavallerie, zur
Ausnutzung des Einbruchs in die deutschen Linien zu kommen. Wie sich
diese imposante Vorwärtsbewegung von dicht gedrängten Truppenmassen

1708
Siehe Abschn. 9.3. und Paschall: Defeat, S. 114.
1709
Die britische Presse feierte den Einsatz der Schwadron als „one of the most thrilling
charges in British cavalry annals. The squadron sabred its way through a battery of German
guns and penetrated two miles into enemy territory. It fought its way back on foot, bringing
in all its wounded and a dozen prisoners, having killed 150 of the enemy and put a battery
out of action.“ Zitiert nach TWI vom 5.1.1918, S. 403. Die für den Umgang der
Kriegspropaganda mit Fakten große Beispielhaftigkeit dieser Darstellung läßt sich übrigens
bereits im Vergleich zu den zeitgenössischen Meldungen über die Episode, die tatsächlich
nur 9 deutsche Gefangene und 12 Überlebende der Schwadron zurück in den britischen
Linien sah, belegen; siehe H[Link]
bzw. den Bericht des mit dem Victoria Kreuz ausgezeichneten Schwadronführers, Lt.
Strachan, unter H[Link] .
1710
Siehe dazu MO 1917, Bd. 3, S. 279.
1711
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 190.
1712
Siehe RA, Bd. 13, S. 128.
421

am frühen Nachmittag des ersten Schlachttages für einen Beobachter, den in


Gefangenschaft geratenen Bataillonsführer des I./IR 84, Hauptmann Wille,
auf seinem Weg in die britische Etappe ausnahm, sei an dieser Stelle zitiert:
„Der gewaltige Aufwand der Engländer an technischen Hilfsmitteln aller Art,
ferner an Tanks, Artillerie und Kavallerie wirkt zunächst imponierend, aber nur für
kurze Zeit. Wer die Bewegungen der englischen Artillerie verfolgt, erkennt bald die
erstaunliche Planlosigkeit in den Bewegungen und eine kaum glaubliche
Ungeschicklichkeit bei ihrer Ausführung. Die Batterien fahren fortgesetzt hin und
her, vorwärts, rückwärts und seitwärts, und schließlich durcheinander, keine der
Batterien kommt zum Schuß. Die Engländer scheinen offenbar selbst nicht zu
wissen, was sie wollen und keinen Entschluß fassen zu können. Unsere anfängliche
Befürchtung, daß der englische Angriff bis Cambrai durchgekommen sei, schwindet
mehr und mehr, je länger man dieses Bild der Unentschlossenheit beobachtet.“ 1713

An Entschlüssen und Entschlußkraft mangelte es in dieser Situation sicher


nicht, aber an den Fähigkeiten den zugrunde gelegten Plan zu realisieren. So
lag mit von Wille in der Truppengeschichte des IR 84 erwähnten
Trassierarbeiten der Briten mit breiten weißen Bändern 1714 die Umsetzung
eines Befehls vor, der das Vorrücken der Artillerie in neue Feuerstellungen
regeln sollte 1715 . Was passieren mußte, wenn sich die Trassierkommandos
zu spät in Bewegung setzten, sich verliefen, ihre Markierungen von
Fahrzeugen und Kolonnen aller Art unkenntlich gemacht wurden oder sich
die ihnen folgenden Batterien aus welchem Grunde auch immer ihrerseits
im Gelände verirrten, geschah an diesem Tag offensichtlich auch.
Überhaupt lagen in der minutiösen Planung insofern Risiken, als daß
Unvorhersehbarkeiten oder die denkbar schlimmsten Entwicklungen nicht
einberechnet worden waren und der Gesamtablauf als eine Kette
verschiedenster Abhängigkeiten zwischen den Handlungen
unterschiedlichster Stäbe konstruiert war. So sollte das Kavalleriekorps

1713
Zitiert nach HStAS, M 660/047, Heft 11: Bericht Willes vom 3.7.1924 über seine
Erlebnisse bei Cambrai, S. 8f. Auf S. 10 des Berichtes beschrieb Wille das „planlose
Herumkutschieren der englischen Batterien und auch die Reitübungen der Cavallerie“
zudem als „komisch“ und unterstrich nochmals die aus diesen Beobachtungen resultierende
Hoffnung der in Gefangenschaft geratenen Deutschen darauf, daß der Angriff „sehr bald
pariert werden würde“.
1714
Siehe TG IR 84, S. 91.
1715
Siehe MO 1917, Bd. 3, App. 6a (Third Army Artillery Instructions No. 18), S. 323.
422

dann antreten, wenn die Kanalübergänge des Schelde-Kanals durch die


Infanterie gesichert waren 1716 und generell auf solchen Wegen vorgehen, die
vom III. und [Link] dafür vorgesehen, angegeben und markiert worden
waren 1717 . In der Theorie mußte das banal simpel klingen, doch der
Hinweis der [Link] auf den unbedingt notwendigen und besonders engen
Austausch zwischen dem Kavalleriekorps, der Infanterie an der Spitze des
Angriffs und den beiden Korpsstäben 1718 beschrieb bereits vorab technisch-
logistische Herausforderungen, denen in der Realität der Schlacht nur
schwerlich nachgekommen werden konnte. Denn was für den
Stellungswechsel der Artillerie galt, war auch auf dem Sektor der
Kommunikationsmittel gegeben. Leitungen nach vorne mußten erst gelegt,
dann geprüft und, wenn sie durch marschierende Einheiten gekappt worden
waren -wobei sich Tanks noch am Nachmittag des 20. besonders negativ
hervortaten 1719 - geflickt und wiederum überprüft werden. In der oder besser
den Zwischenzeiten, die nicht etwa, wie es für Fuller geradezu privilegiert
gegeben war, durch zumindest lokal relevante Meldungen der wenigen
Funkstationen überbrückt werden konnten 1720 , herrschte bei höheren Stäben

1716
Siehe ebenda, App. 2 (Third Army Instructions To Cavalry Corps), S. 309.
1717
Siehe ebenda, S. 310.
1718
Siehe ebenda, S. 309f.
1719
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 191: „Was die Tanks anbelangt, so mußten wir die
kampfmüde [Link] aus dem Abschnitt des [Link] in den des [Link] dirigieren, eine
Seitenbewegung, die die meisten Telegraphen- und Telephondrähte zerstörte und eine
grenzenlose Verwirrung hervorrief.“
1720
Daß es sich bei den Kommunikationsproblemen auch beim mit Funkstationen
ausgerüsteten Tank Corps um einen dauernden Zustand während der Kämpfe handelte,
führte der Bericht des Nachrichtenoffiziers der [Link]-Brigade deutlich aus. Sein Fazit für
die Belange des Tank Corps lautete: „Die Erfahrungen haben mich überzeugt, dass es
ausgeschlossen ist, bei grösseren Kampfhandlungen Unterstützung durch das bestehende
Nachrichtenmittelnetz zu bekommen. [... .] Die in der Druckvorschrift SS 167
vorgeschlagenen Einrichtungen haben völlig versagt. Um eine gut arbeitende Verbindung
vor der Kampfhandlung aufrecht erhalten zu können, ist es notwendig, einen Bauzug zu
haben, welcher rasch leichte Luftleitungen –am besten auf den leichten schwarz-weissen
Masten- herstellt. Dazu muß die Abteilung einen besonders hierfür eingerichteten 3
Tonnen-Kraftwagen haben. Kabelleitung ist unpraktisch, da die Leitungen dort, wo Tanks
operieren, auf Masten angebracht werden müssen, sonst werden sie dauernd von den Tanks
zerstört.“ Zitiert nach BA-MA, PH 3/561: Erfahrungen der [Link]-Brigade in der
423

weitgehende Unkenntnis über das Geschehen und den Fortschritt der


Operation. Für die Kavallerie mit ihrer vollständigen Bindung an aktuelle
Informationen vom Schlachtfeld bedeuteten diese Zustände, daß sie an
einem Tag mit nur acht Stunden Tageslicht erst dann aus den
Bereitstellungsräumen herankam, als bereits kostbare Zeit verloren war,
daraufhin ohne klares Lagebild im Gelände umherirrte und zuletzt an
Punkten eintraf, an denen eine andere als die erwartete Gefechtslage vorlag
und es die nun wesentlich fortgeschrittene Tageszeit nahezu unmöglich
machte, mit geballter Kraft zum beabsichtigten Einsatz zu kommen 1721 .
Der aufgrund dieser Tatsachen zwangsweise vorhandene Eindruck, daß sich
das britische Feldheer nach drei Jahren Stellungskrieg und energischsten
Versuchen zum Durchbruch zu kommen bei Cambrai als unfähig erwies, ihn
zu nutzen, wenn er ihm, salopp gesagt, zu Füßen dargelegt wurde 1722 , läßt
sich dadurch stützen, daß signifikante Anzeichen für Führungsschwächen
bei den Verantwortlichen vorlagen. Und zwar Schwächen, die dann
auftraten, wenn sich im festgelegten „Eisenbahnfahrplan“ der Schlacht
Verzögerungen einstellten, welche schnelle Entschlüsse, Improvisation und
Kooperation zwischen den Verbänden voraussetzten. Die Vorgänge bei
Flesquières sind in diesem Zusammenhang als symptomatisch anzusehen.
Und dabei kann durchaus noch unberücksichtigt bleiben, wie es zum
Festliegen der [Link] General Harpers vor dem Ort kam, da das
Problem auch nach dem Ausfall der meisten Tanks noch lösbar gewesen zu
sein scheint. Die Verteidiger waren umgangen, und das Angebot der

Cambraischlacht, Bl. 90f. Über die Funkstationen des Tank Corps legte der Funkoffizier
der Brigade einen gesonderten Bericht vor (ebenda, Bl. 91), der Schwierigkeiten beim
Stellungswechsel und Transport des Gerätes herausstellte.
1721
Siehe Paschall: Defeat, S. 112: „Throughout the day the cavalry units moved from one
place to another, mostly on false information.“ Siehe dazu auch Cooper: Cambrai, S. 132ff.
1722
Siehe Cooper: Cambrai, S. 224, und Paschall: Defeat, S. 126: „An exploited
breakthrough would probably involve a maneuver of fifty to sixty miles. While losses
would decrease in the enemy rear, there was little doubt that a tank formation in 1917
would not be able to sustain a march of ten to twelve miles. That left only the infantry to
exploit a breakthrough, and there is no indication that the British were prepared to use their
foot soldiers in this role. Thus, although the British army hat demonstrated that it could
achieve a penetration, it was poorly prepared to sustain a breakthrough, and had little hope
of taking advantage of it.”
424

[Link] sowie der Vorschlag des [Link] zum umfassenden Angriff in


Flanke und Rücken der deutschen Verteidiger unter Major Krebs hätten
möglicherweise eine schnelle Entscheidung bringen können 1723 . Harper, der
eventuell noch glaubte, die Lage mit eigenen Kräften bereinigen zu können
oder durch die weitere Entwicklung bereinigt zu bekommen sowie davor
gescheut haben mag, sich und seiner bewährten „Highland“-Division eine
unnötige Blöße zu geben, nun allerdings die Hauptschuld am mißlungenen
Durchbruch im nördlichen Abschnitt des Angriffsraumes zu geben 1724 ,
scheint schon deshalb unmöglich, weil die oben angeführten und im
Erscheinungsbild durchaus chaotischen Zustände allerorten gegeben waren.
Zudem ließ es der Kommandeur der [Link] zu, sich ohne akute
Bedrohung von seinem Stoß auf ein erklärtes Primärziel des Unternehmens,
Bourlon, durch die Lage beim Nachbarn vor Flesquières vollständig
ablenken zu lassen. Von Initiative fehlt hier jede Spur, ebenso von
vehementem oder gar selbständigem Eintreten für die rasche Beseitigung
eines erkannten Problems 1725 . Inwieweit Kommunikationsschwierigkeiten,
welche die Entschlußfassung etwa bei den zwei involvierten Korpsstäben
eingeschränkt und verzögert haben dürften, hierfür mitverantwortlich
gemacht werden können, ist fraglich, aber alles andere als abwegig 1726 .

1723
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 281f. Zu den Angeboten siehe Abschn. 9.3. bzw. MO 1917,
Bd. 3, S. 86, Smithers: Cambrai, S. 121, und Cave/Horsfall: Flesquières, S. 58. Fullers
Vorstellung allerdings, daß die herankommende Kavallerie mit Leichtigkeit die Verteidiger
durch beherzte Attacke in Rücken und Flanke zur Aufgabe zwingen und den Ort „in einer
halben Stunde“ hätte säubern können, klingt, nach dem zu urteilen, was die Verteidiger
schon zuvor erfolgreich be- und überstanden hatten, mehr als optimistisch; siehe Fuller:
Erinnerungen, S. 188.
1724
Tatsächlich findet sich nicht nur diese Beschuldigung in der umfangreichen Literatur
zur Schlacht, sondern generell der Vorwurf, daß Harpers Fehlentscheidungen beim Einsatz
der Tanks und damit das quasi zwangsweise existente Problem mit dem Bollwerk
Flesquières ursächlich für das Scheitern der gesamten Operation verantwortlich zu machen
sei; siehe dazu die Ausführungen bei Fuller: Erinnerungen, S. 187, worin die Kritik. Wie
für den Autor üblich, allerdings sehr stark auch gegen die höhere Führung, hier das
[Link], richtete, und siehe bspw. auch Smithers: Cambrai, S. 118ff. und Keegan, S. 514.
1725
Siehe dazu auch Moore: Bourlon, S. 72f.
1726
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 281.
425

Zeichen für geringe Entschlußkraft und Risikobereitschaft lagen an anderen


Stellen ebenfalls vor. Davon waren –im Widerspruch zu Baker-Carrs
eindeutiger Schuldzuweisung- auch Kräfte des Tank Corps nicht frei.
Zumindest ein Teil derjenigen Kampfwagen, die sich bis zum Schelde-
Kanal durchgekämpft hatten, standen am Nachmittag regungslos umher,
ohne daß man aufgrund der Nachrichten über sie davon ausgehen kann, sie
seien zu diesem Zeitpunkt kampfunfähig gewesen 1727 . Es handelte sich
vielmehr um Fahrzeuge, die im Angriffsplan nicht zum Stoß über den Kanal
hinaus vorgesehen waren und deren Besatzungen nun in gutem Glauben
daran, ihr Pensum für diesen Tag erfüllt zu haben, untätig vor Ort
verharrten- offensichtlich ohne sich Gedanken über ein eventuell eher
tragische Schicksal der tatsächlich für den Kanal eingeplanten Tanks und
die Möglichkeiten, die ohne weitere, selbstlose Anstrengungen vertan
wurden, zu machen. Die Mobilisierung der noch verbliebenen physischen
und psychischen Kräfte der unzweifelhaft stark angegriffenen
Besatzungen 1728 durch Führer vor Ort oder auch neue Befehle durch höhere
Stäbe unterblieb weitestgehend. Bei Masnières, das mittags erreicht worden
war, bedurfte es der eher zufälligen Präsenz eines beherzten Offiziers aus
dem Stab des Tank Corps, Hauptmann Martels, um nach dem Ausbleiben
der Kavallerie die Kanalüberquerung mit vor Ort vorhandenen Tanks zu
improvisieren 1729 . Nach dem Mißlingen der Versuche und dem Eintreffen
des lokalen Infanterie- und des Kavallerieführers, die beide Generalsrang
hatten, kam es, wie Cooper schrieb, kurioserweise am Nachmittag zu
Diskussionen zwischen den drei Herren auf offener Straße, die schließlich
nichts weiter als „needless delay and endless conferences“ bedeuteten 1730 .
Das Fehlen von Reserven, so wie es als ein weiteres Defizit des
Operationsplanes von Zeitzeugen und Historiographen festgehalten
wurde 1731 , kann sich, den bis hierin geschilderten Zuständen entsprechend,

1727
Siehe Abschn. 9.3. bzw. MO 1917, Bd. 3, S. 73.
1728
Siehe Moore: Bourlon, S. 82.
1729
Siehe Cooper: Cambrai, S. 126f.
1730
Siehe ebenda, S. 128.
1731
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 191, William-Ellis: Tank Corps, S. 115, Moore:
Bourlon, S. 80, Cooper: Cambrai, S. 224, und Abschn. 9.2.
426

eigentlich nur auf die Fortsetzung der Operation ab dem [Link]


beziehen und hat dafür sicherlich auch uneingeschränkte Bedeutung. Für
den ersten Schlachttag dagegen wird man zu dem Schluß kommen müssen,
daß die vorhanden Kräfte und Reserven nicht adäquat zum Einsatz gebracht
worden waren 1732 .
Die bislang angeführten Fehler und Probleme rückten mit der Frage nach
den Ursachen für den enttäuschenden Verlauf der Schlacht bis zu ihrem aus
britischer Sicht vollkommen niederschmetternden Ausgang in das Zentrum
des Interesses einer verunsicherten Öffentlichkeit, als deren politische und
militärische Vertretung die Regierung, das House of Commons, der Imperial
General Staff und das War Cabinet auftraten. Bis Anfang 1918 wurden
primär die Vorkommnisse bei Cambrai ab dem [Link] Gegenstand
diverser Untersuchungen, deren Ergebnisse zwar personelle Konsequenzen
für die Kommandierenden Generale des III. und [Link] sowie Haigs
engste Mitarbeiter, seinen Stabschef Kiggell und den Nachrichtenchef
Charteris, nach sich zogen, letztendlich aber in Schuldzuweisung an die
unteren Chargen und die Truppe kulminierten und in Hinsicht auf ihren
Erkenntniswert bezüglich der Aufdeckung und Beseitigung von Mißständen
und Fehlern wenig bedeutend waren 1733 . Bemerkenswert ist, daß auch diese
Auseinandersetzung mit operativen Problemen auf höchster politischer und
militärischer Ebene nicht wirklich dazu angetan war, den propagandistisch
massiv genährten Nimbus des Tank Corps als eigentlichen Urheber des
Anfangserfolges in Frage zu stellen. Und dabei nutzte Haig zur
Rechtfertigung der als Schlüsselereignis des ersten Schlachttages

1732
Dies gilt im übrigen auch für die französischen Kräfte, die Gewehr bei Fuß standen, um
im Fall des Durchbruchs den Einsatzbefehl zu erhalten. Haig beschloß, sie nicht
heranzuführen, obwohl er die Fortsetzung des Unternehmens befahl und davon ausging, auf
zusätzliche Unterstützung angewiesen zu sein; siehe MO 1917, Bd. 3, S. 91. Zu der
Einschätzung des Verfassers, daß die tatsächlich vorhandenen Reserven nicht angemessen
genutzt wurden, kam auch Müller in seinem Artikel in der Militärwissenschaftlichen
Rundschau. Ihn interessierten die ihren Einsatz in der Praxis hemmenden Zustände
allerdings nicht; siehe Müller: Der englische Panzerangriff bei Cambrai, in
Militärwissenschaftliche Rundschau, Heft 3/1939, S. 408.
1733
Siehe MO 1917, Bd. 3, S. 293ff., Moore: Bourlon, S. 165ff., Marshall-Cornwall: Haig,
S. 254ff., und Johnson: Stalemate, S. 197f.
427

deklarierten Niederlage bei Flesquières bekanntermaßen den Rückgriff auf


die desaströse Wirkung eines einzelnen deutschen Artillerieoffiziers gegen
die angreifenden Tanks, der stellvertretend für einen überall verbissenen
kämpfenden Gegner stand.
Ob und warum Haig hierbei auf eine fiktive Persönlichkeit beim Feind
zurückgriff, kann dahingestellt bleiben. Denn inwieweit sich hinter dem
fragwürdigen Beispiel eine tiefere Wahrheit verbarg, wird deutlich, wenn
man die Kräfteverhältnisse einmal genauer betrachtet. Sieben britische
Divisionen mit 84 Bataillonen, 1000 Geschützen, 350 Tanks als Speerspitze
und einem dichten Dach aus Schlacht- und Jagdfliegern hatten
zweieindrittel deutsche Divisionen, 21 Bataillone mit deutlich weniger als
200 Geschützen, im ersten Anlauf angegriffen und bis zum Abend des
[Link] in weitesten Teilen aus dem Feld geschlagen. Zieht man den
Faktor „Überraschung“ in seinen für die deutschen Kräfte verschiedenen
Facetten hinzu, außerdem die merkwürdig geringe Bereitschaft der Gruppe
Caudry, ihre Verbände ganz allgemein auf die Abwehr eines
bekanntermaßen bevorstehenden Angriffs einzustellen, den geringen
Ausbaugrad der Siegfried-Stellung und das auch unter Einbeziehung der
Reserven beider Seiten 1734 für die Deutschen sehr ungünstig bleibende
Kräfteverhältnis, kann kaum verwundern, daß der [Link] 1917 einen
tiefen Einbruch und die Chance zum entscheidenden Durchbruch nach sich
zog. Die überragende Bedeutung, die das neue Schießverfahren der
britischen Artillerie als Ausgangspunkt für die Ignoranz deutscher Stäbe
beim Erkennen feindlicher Angriffsvorbereitungen hatte –und hierbei
handelte es sich tatsächlich um echte „Überraschung“ 1735 - sowie die
offenbar immense psychische und physische Wirkung der eingesetzten
Luftstreitkräfte, traten zugunsten eines „Masseneinsatz-Tankspektakels“ in
den Hintergrund. Kritiker der Operation ließen keinen Zweifel daran, daß

1734
Bei einer für die britische Seite positiv ausgelegten Berechnung, die auf qualitative
Wertungen vollends verzichtet und die deutsche [Link] als einsatzfähigen Kampfverband
einbezieht, kommt man auf ein Verhältnis der Infanteriebataillone von 120 britischen bei
der [Link] gegen 45 deutsche der Gruppe Caudry. Die 5 britischen Kavalleriedivisionen
sind nicht berücksichtigt und, für die Einschätzung der deutschen Abwehrkraft wesentlich,
die deutsche Artilleriestärke im Angriffssektor bleibt unverändert auf geringem Niveau.
1735
Siehe Abschn. 9.6.2.
428

das Tank Corps den Sieg errungen hatte 1736 . Sie boten und bieten Lesern bis
heute Beispiele für heroische Taten der Tankbesatzungen, wobei Elles’
persönliches Engagement stellvertretend genannt sei. Präsentiert wird das
Bild einer hervorragend verlaufenden Unternehmung, solange wie sich die
Tanks im Einsatz befanden. Der teilweise heldenhafte Widerstand des
Feindes wäre vergeblich gewesen, wenn doch die britische Kavallerie
gekommen wäre und der Haigsche beziehungsweise Byngsche Plan
Reserven vorgesehen hätte. Selbst die Verlust- und Ausfallzahlen des Tank
Corps fielen bei der zeitgenössischen Aufarbeitung des Geschehens
augenscheinlich genauso in den Schlagschatten des außer durch Tanks nicht
zu erklärenden Erreichten, wie sie in der Analyse durch Historiker als eher
unbedeutend oder gar als akzeptabel deklariert wurden 1737 . Daher auch die
schwerwiegende Schuld Harpers, der sich einer fatalen Tanktaktik hingab
und zusammen mit der tatenlosen Kavallerie den Tageserfolg erst riskieren
konnte. Und selbst dort, wo hinsichtlich der Einschränkung dieses Bildes
geradezu auf einer richtigen Fährte, nämlich auch beim Feind, gesucht
wurde 1738 , gelangte man zu pointiert und zu singulär beispielsweise bei der
Person des Kommandeurs der deutschen [Link] oder bei Major Krebs an.
Diesen konnte zumindest eine lokal gegebene Effizienz der deutschen
Gegenwehr attestiert werden, während die Meriten des Tank Corps
unangetastet blieben 1739 . Tatsächlich waren am [Link], eben in

1736
Siehe bspw. Cooper: Cambrai, S. 225: „Whatever it did not achieve, Cambrai proved
beyond any doubt the value of tanks. The Tank Corps came through with flying colours and
even Haig and others at GHQ were convinced.”
1737
Das Taschenbuch der Tanks bezeichnete die britischen Tankverluste „keineswegs als zu
hoch“, was die Durchdringung der Siegfried-Stellung bis zum Mittag des 20.11.1917
anbelangte. Es ging, für diesen unerklärlicherweise isoliert betrachteten Zeitraum, von 59
verlorenen Fahrzeugen (knapp über 16% der hier angenommenen 362 Tanks) aus; siehe
Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 46.
1738
Dabei wäre u.a. zu nennen Paschall: Defeat, S. 113. In diesem Fall tritt die Person des
Divisionskommandeurs, Watter, weit hinter dem als ausschlaggebend klassifizierten Krebs
zurück, dessen Taten quasi gleichberechtigt neben den Fehlentscheidungen Harpers
erscheinen. Erst mit Krebs –oder besser, erst bei Cambrai durch ihn- lernten die Deutschen
„to direct their machine-gun fire at the vision slits of a tank.“ (S. 114.)
1739
Siehe Keegan, S. 514. Kaum so klar wie hier wird dem Leser in wenigen Zeilen
dargelegt, wieviel Schuld Harper ganz persönlich daran trug, dem Befehlshaber der
429

jenem Kampf vollends eindeutiger Kräfteverhältnisse, 65 Tanks durch


direkte Treffer der deutschen Artillerie verlorengegangen 1740 . Alleine 49
reklamierte das in der Tankabwehr erfahrene und ausgebildete FAR 108 der
[Link] Watters für sich 1741 , was je Geschütz im Sollbestand des Regiments
1,36 Abschüsse bedeutet haben könnte, falls die Abschußangaben ein
einziges Mal gestimmt haben. Falls dieselben nicht stimmten, wie so oft,
blieben die 65 Abschüsse. Und ihre Urheber verteilen sich in diesem Fall
maßgeblich auch auf Angehörige des FAR 213, welches an der Ostfront
eingesetzt und, wie das RFAR 9 und das höchstens zweitklassige FAR 282,
niemals zuvor Tankangriffen ausgesetzt gewesen war. Der Erfolg der
deutschen Feldartillerie gegen die Tanks scheint demgemäß auch nicht
primär mit der Frage nach besonderer Abwehrschulung verbunden gewesen
zu sein, wie man an früheren Einsätzen mit erstem Kontakt zwischen
Artillerie und Tanks schon sehen konnte, sondern funktionierte ad hoc und
ohne Rücksichten auf britische Infanterie, welche die Tanks nun in diesem
oder jenem Abstand oder gar nicht begleitete 1742 . Zusammen mit dem
Geschehen an den Folgetagen, namentlich den hohen Fahrzeugverlusten
beim Kampf um Ortschaften, mußten die Verluste ein deutlicher und in der
Praxis 1743 erbrachter Beleg dafür sein, daß der Mark IV alles andere als
sicher gegen Beschuß war und die Deutschen durchaus auf die Tankabwehr
eingestellt waren.

[Link] (nicht Haig!) den Durchbruch versagt zu haben. Dies ist angesichts des
anzunehmenden Verbreitungsgrades des Buches bedauerlich.
1740
Siehe Moore: Bourlon, S. 82.
1741
Siehe TG FAR 108, S. 96.
1742
Vgl. Travers, Tim: How The War Was Won, S. 7. Selbst in diesem Buch, das durchaus
die Mängel des Mark IV und die blutigen Verluste gegen die deutsche Tankabwehr bei
Cambrai berücksichtigte, klang zumindest an, daß es die fehlende Nähe zwischen Tanks
und Infanterie war, welche der deutschen Feldartillerie die Gelegenheit zum effizienten
Einsatz bot. Dem ist generalisierend schon deshalb entgegenzutreten, weil die Reichweite
der Feldgeschütze erheblich größer war als diejenige der Infanteriewaffen, deren
Wirkungsmöglichkeit gegen weiter entfernt stehende Batterien dementsprechend gering
sein mußte.
1743
Bereits im September 1917 hatten Versuche mit dem Mark IV in der Heimat seine
fahrtechnischen Mängel herausgestellt; siehe Smithers: Excalibur, S. 146f.
430

Letzteres war für Fuller ein Aspekt, der unbedingte Beachtung verdiente,
wenn in der Zukunft „der Erfolg auf einer gesünderen Grundlage als auf
einem Glücksspiel aufgebaut sein sollte“ 1744 und veranlaßte ihn zum
Verfassen einer Abhandlung über deutsche Tankabwehr-Taktik und einer
weiteren zur besseren Koordination zwischen Infanterie und Tanks 1745 . Was
den Mark IV betraf, so stellte er eine Enttäuschung auch insofern dar, als er
die technischen und mechanischen Mängel seiner Vorgänger offenbar
geerbt hatte. Zu den 65 abgeschossenen Wagen kamen allein am ersten Tag
der Operation 71 mit Pannen aller Art und 43, die sich festgefahren hatten,
was bei einem Mittelwert von rund 367 eingesetzten Tanks eine
Ausfallquote von knapp 49% bedeutete 1746 . Damit war rund die Hälfte der
Fahrzeuge nach dem ersten Einsatz zumindest vorrübergehend unbrauchbar,
und für den Rest galt, daß sie und ihre Besatzungen dringend einer
Ruhepause für Regeneration und Instandsetzung bedurften. Wegen der
durch die Schwerpunktverschiebung vom Schelde-Kanal nach Bourlon am
Abend des [Link] notwendigen Bewegungen sowie der befohlenen
Weiterführung des Angriffs am Folgetag, blieb diese aus. Wie bei Einsätzen
zuvor, war die Kampfkraft der Tankverbände und damit die Aussicht auf
weitere Erfolge nach dem ersten Einsatz so weit verringert, daß Fuller am
Nachmittag des ersten Tages der Schlacht die Sinnlosigkeit ihrer
Fortsetzung feststellte 1747 .

1744
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 202, und MO 1917, Bd. 3, S. 290f.
1745
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 202.
1746
Die Zahlen für die Tankverluste und -ausfälle am 20.11.1917 werden durchweg so
angegeben, wie angeführt; siehe bspw. Cooper: Cambrai, S. 135. Für die folgenden Tage
fehlen entsprechende Angaben und sind letztendlich so unsicher wie die Gesamtzahl der am
ersten Schlachttag überhaupt eingesetzten Fahrzeuge.
1747
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 191: „Er [Elles] war fröhlich gestimmt, doch ich wußte,
daß die Schlacht vorüber war oder vielmehr, daß man ihre Beendigung hätte verkünden
müssen, denn ohne Reserven glich sie einem Motor, dem der Betriebsstoff ausgeht. [... .]
So weit war es eine Ritter-Turnierschlacht gewesen. Jetzt aber, infolge des Mangels an
Reserven, sollte es ein Handgemenge werden, eine Reihe von tapferen, heroischen,
verworrenen, hastig inszenierten, unsicheren Angriffen, in denen Infanterie und Tanks
hingeschlachtet und außer Gefecht gesetzt wurden, und zu keinem anderen Zweck, als nur
um die Schlacht fortzusetzen.“
431

Lösungsansätze für diese Probleme des Tank Corps lagen in zwei


grundsätzlich altbekannten Bereichen, die auch an die Phantasie der
Verantwortlichen und Vorgesetzten appellierten, Cambrai mit all seinen
auch beim Tank Corps offensichtlichen Schwierigkeiten als Kostprobe für
zukünftig mögliche gepanzerte Unternehmungen zu verstehen. Der eine
Bereich umfaßte die Abstellung der erkannten Fahrzeugmängel durch einen
neuen Standardtyp, den Mark V. Äußerlich insgesamt baugleich mit dem
Mark IV, aber mit auf 14mm erhöhter Panzerung, einem 150PS-Motor und
durch zahlreiche technische und mechanische Veränderungen wesentlich
sicherer und zuverlässiger einzuschätzen 1748 , stand er als Nachfolger davor,
in Serie produziert werden zu können. Ferner, und diese Erkenntnis dürfte
sich aus den eigenen Erfahrungen mit fehlenden Reservetanks zum
schnellen Einsatz über die ersten Stoßkräfte hinweg und den diesbezüglich
offenkundigen Hoffnungen der Franzosen auf ihren FT-17 ergeben haben,
stand mit dem kurz vor der Serienreife 1749 stehenden 14 Tonnen-Fahrzeug
Medium „A“, dem „Whippet“, ein Fahrzeug in Aussicht, das über eine
deutlich gesteigerte Geschwindigkeit von 13km/h und einen auf 120km
erhöhten Fahrbereich verfügte 1750 . Varianten der beiden neuen Grundtypen,
die etwa als Transportfahrzeuge für Material, Soldaten und Geschütze über
das Aufgabenspektrum des reinen Gefechtsfahrzeuges hinausgingen, waren
bereits angedacht 1751 und im Herbst 1917 partiell schon durch das
Kriegsministerium bestellt worden. Verschiedenste
Fertigungsschwierigkeiten, die nicht zuletzt aus der geringen Priorität des
Tankbaus bei Rüstungsvorhaben resultierten, hatten die Umsetzung dieser
Vorhaben in der für das Ansehen und die Zukunft des Tanks so kritischen
Phase der Flandernschlacht allerdings nachhaltig gestört 1752 . Neben die
Hoffnung auf bessere und typen- beziehungsweise einsatztechnisch
diversifizierte Fahrzeuge trat als zweiter Lösungsansatz der Wunsch nach

1748
Zu den Fahrzeugdaten siehe Förster/Paulus: Abriß, S. 25.
1749
Tatsächlich sollte mit der Serienproduktion bereits im Oktober 1917 begonnen werden,
was sich durch das Fehlen verschiedener Bauteile verschob; siehe dazu Childs, S. 34.
1750
Zu den Fahrzeugdaten siehe Förster/Paulus: Abriß, S. 26f.
1751
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 114f.
1752
Siehe dazu Childs, S. 34ff.
432

einem materiell und personell wesentlich vergrößerten Tank Corps, dessen


Stärke sich nach einem Maximalentwurf Fullers auf neun Brigaden mit 27
Bataillonen und 1.450 Fahrzeugen, 2.827 Offizieren und 26.380 Mann
belaufen sollte 1753 . Wie ambitioniert dieses Projekt war, zeigt sich vielleicht
am ehesten daran, daß die Zahl der bei Cambrai beteiligten Angehörigen der
bislang existenten drei Tank-Brigaden oder neun Tank-Bataillone bei 690
Offizieren und 3.500 Mann gelegen hatte 1754 .
Das Klima, in dem die zukünftigen Vorhaben zwischen dem Ende der
Kämpfe bei Cambrai und dem Beginn der deutschen Frühjahrsoffensive
1918 diskutiert wurden, war für die Befürworter 1755 des Tanks auf den
ersten Blick günstiger als jemals zuvor. Der Wert in großer Zahl
eingesetzter Kampfwagen schien offenkundig belegt, wie auch ein Blick auf
die Verbündeten, Franzosen 1756 und Amerikaner 1757 , mit ihrerseits bereits in
Angriff genommenen beziehungsweise projektierten Vorhaben zum Aufbau

1753
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 198.
1754
Siehe Fuller: Tanks, S. 153.
1755
Der Begriff ist zugegebenermaßen nur allzu schnell und nur allzu leichtfertig gebraucht.
Travers weist in seiner Arbeit berechtigterweise darauf hin, daß bezüglich der
Positionierung gegenüber dem Tank wenigstens vier Gruppen zu unterscheiden seien: Die
enthusiastischen Befürworter (bspw. Fuller und Churchill), die starken Befürworter, die
sich eine Schlüsselstellung der neuen technischen Waffe(n) wenigstens sehr gut vorstellen
konnten (Rawlinson oder der Befehlshaber des Mitte 1918 formierten Australischen Korps,
Monash; siehe Abschn. 10.2. und Kap. 12.), die Traditionalisten (Haig oder Harper) und die
graue Masse der Unentschlossenen. Fullers Erinnerungen machen dazu noch überdeutlich,
daß es jedenfalls in der erstgenannten, vordergründig so eindeutig positionierten Gruppe
deutliche Differenzen in den individuellen Anschauungen gab; siehe Travers: How The
War Was Won, S. 42f., bzw. Fuller: Erinnerungen, S. 199f.
1756
Die Planungen waren darauf ausgerichtet, zusätzlich zu den etwa 450 vorhandenen
Schneider und [Link] bis Ende 1918 30 Bataillone des leichten Typs FT-17 mit
insgesamt 4.000 Wagen zu formieren; siehe LAF, Bd. VI.2., S. 55.
1757
Dabei war durch Stern ein britisch-französisch-amerikanisches Projekt zum Bau eines
schweren Tanks, dem Mark VIII oder „Liberty Tank“, initiiert worden. Vom Mark VIII
sollten auf französischem Boden noch 1918 1.500 Stück für die britische und
amerikanische Armee gebaut werden, wozu es allerdings bis Kriegsende nicht mehr kam.
Von diesem Projekt erfuhr man auf deutscher Seite durch Gefangenaussagen im August
1918; siehe dazu Fuller: Erinnerungen, S. 200, Smithers: Excalibur, S. 145, bzw. HStAS, M
206, Bü. 9: GK zbV 54 Abtlg. Ic Nr. 170 vom 6.8.1918.
433

starker Tankkräfte unterstrich. Von einer mehr oder weniger schleichenden


Auflösung der gepanzerten Einheiten durch „Verbrauch“ sprach nun
niemand mehr, und der erste Teil der Operationen bei Cambrai hatte die in
materieller und personeller Hinsicht wesentlich günstigere Option auf den
Sieg durch gezielt und konzentriert eingesetzte, dem Feind überlegene
Technik konzeptionell zumindest neben die zuvor verfolgten „normal
tactical methods“ gestellt. Unterstützung konnten die Fürsprecher einer vor
allem auf gepanzerter Schlagkraft basierenden, höchst technisierten
Kriegführung in dieser Lage zudem in den Haig und den militär-
theoretischen Traditionalisten gegenüber kritischen Kreisen finden, zu
denen maßgeblich der Premier, Lloyd George, und der seit Juli 1917
amtierende „Munitions“- oder treffender Rüstungsminister, Churchill,
gehörten. Letzterer fand sich, wie zu Beginn der Evolutionsgeschichte des
britischen Tank 1758 , in einer Position wieder, die für die Zukunft des Tank
Corps in rüstungstechnischer Hinsicht wesentlich war. Und er ließ in dieser
Funktion keinen Zweifel daran, daß für ihn allein in der Technik und dabei,
neben der Bedeutung von Flugzeugen, Maschinengewehren und dem
Gaskrieg, besonders in seinem Ziehkind Tank der Schlüssel zum
letztendlichen Sieg über den Feind zu erblicken sei:
„It is undoubtedly within our power to construct in very large numbers armoured
vehicles of various types, some to fight, some to pursue, some to cut wire and
trample trenches, some to carry forward men or machine-gun parties, or artillery, or
supplies, to such an extent and on such a scale that 150,000 to 200,000 fighting men
can be carried forward certainly and irresistibly on a broad front and to a depth of 8
to 10 miles in the course of a single day. The resources are available, the knowledge
is available, the time is available, the result is certain: nothing is lacking except the
will.” 1759

1758
Siehe Kap. 2.3.
1759
Zitiert nach Churchill, Winston: The World Crisis 1911-1918, Bd. II, London o.J.
(1923), S. 1271. Die Textpassage entstammt einem Memorandum Churchills an das War
Cabinet vom 5.3.1918 über das Rüstungsprogramm für 1919. Churchill sicherte sich
übrigens durch seine gerade in dieser Phase, nach Cambrai, „weitschauenden und gründlich
durchdachten Abhandlungen“ als Munitionsminister das Wohlwollen Fullers bis in dessen
Erinnerungen hinein, was angesichts der so breitgefächerten und scharfen Kritik des
visionen- und ideengeladenen, damaligen Oberstleutnants an Vorgesetzten aller Art und
Rangstufen schon beachtlich sein muß; siehe Fuller: Erinnerungen, bspw. S. 197.
434

Der letzte Satz dieses Zitats aus einem der bisherigen Kriegführung
beziehungsweise Haig persönlich gegenüber insgesamt kritischen Text
spielte darauf an, daß es den Traditionalisten unter den Militärs nach
Cambrai und unter dem Hinweis auf die Mängel des Tanks, wie sie sich
zuletzt bei Flesquières und in einem auf Tankabwehr eingestellten Feind
gezeigt hatten 1760 , nicht einfiel, sozusagen den „Diener“, die
Unterstützungswaffe Tank, zum „Herrn“ über die althergebrachten Träger
der Landkriegführung, die Infanterie, Kavallerie und Artillerie, zu machen
und mit bisherigen Auffassungen über die Durchführung von Offensiven
grundsätzlich zu brechen 1761 . Und dabei mußte verstärkend hinzukommen,
daß sich die strategische Lage Ende 1917 grundlegend gewandelt hatte und
den wie immer überaus ambitionierten Plänen Fullers oder den gleichsam
auf den „mechanisierten Sieg“ gemünzten Visionen Churchills in der
nächsten Zeit erheblichen Widerstand entgegenbringen mußte. Mit der
Aussicht auf eine auf Kriegsentscheidung ausgerichtete deutsche Offensive
im Frühjahr 1918 hatte sich die Rollenverteilung zwischen Angreifer und
Verteidiger an der Westfront grundlegend verändert. Und statt Fragen nach
Konzeption und Hauptträgern eigener Offensiven war für den Moment die
Stärke und die Stärkung der Abwehrkraft des britischen Heeres von alles
entscheidender Bedeutung. Angesichts des von Churchill Anfang Dezember
1917 selbst festgestellten Personaldefizits von 645.000 Mann bei den
britischen Streitkräften 1762 , konnte für die Multiplikation des Personals
eines um etliche Brigaden zu vergrößernden Tank Corps vorerst kein
Spielraum gegeben sein 1763 . Seine oben zitierten Ausführungen bezogen
sich dementsprechend auf einen späteren Zeitpunkt, nämlich das Jahr 1919,
auf das alle Anstrengungen zur Stärkung der technischen Waffen hin
ausgerichtet werden sollten. Für den Augenblick blieb die Möglichkeit, nach
Kräften auf diesen Zeitpunkt hinzuarbeiten und dem Tank Corps zumindest

1760
Siehe ebenda. Interessant ist, daß Fuller den zur Tankabwehr vorbereiteten Feind selbst
ja auch ausgemacht und zum Gegenstand von Abhandlungen gemacht hatte, diesen
Umstand seinerseits aber als zwingenden Grund für bessere und vor allem zahlreichere
Tanks anführte.
1761
Siehe dazu Travers: How The War Was Won, S. 37.
1762
Siehe Churchill: World Crisis, Bd. II, S. 1255.
1763
Siehe dazu auch Fuller: Erinnerungen, S. 199.
435

rüstungstechnisch eine höhere Priorität zu geben, welche die stückweise


Vermehrung und Modernisierung des Materials bis auf die von Fuller
vorgestellte maximale Organisationsform zu 27 Bataillonen 1919 sowie die
personelle Aufstockung bis auf die seit Frühjahr 1917 zugesagten 18
Bataillone noch 1918 erlaubte 1764 . Bis zur Umsetzung dieses Vorhabens
wurden die Tanks in die Defensive eingebunden und teils an den vom
erwarteten deutschen Angriff bedrohten Abschnitten als Eingreiftruppe
bereitgestellt, um gegebenenfalls wie bei Gouzeaucourt am [Link]
1917 im Gegenstoß eingesetzt werden zu können, teils als Heeresreserve
zurückbehalten 1765 .

9.6.2. Deutsche Perspektiven und Reaktionen.

Als am frühen Morgen des [Link] die ersten Meldungen über


Einbrüche in die Siegfried-Stellung bei der Gruppe Caudry die OHL
erreichten, zeigte sich Ludendorff durchaus verärgert. Die Heeresgruppe
Rupprecht habe sich, was insgesamt nachweisbar ist, zu intensiv mit den
Vorgängen in Flandern befaßt 1766 , wohin auch ihr Stabschef, Kuhl,
bezeichnender- oder besser peinlicherweise in diesem Moment mit einem
Kraftwagen unterwegs war 1767 . Das Augenmerk gegenüber den
verschiedentlich gemeldeten Truppenbewegungen des Feindes, so

1764
Siehe ebenda, S. 103f. und S. 199, bzw. Kap. 8.
1765
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 199 und S. 218f., sowie Taschenbuch der Tanks, Teil III,
S. 50f.
1766
Siehe BA-MA, RH 61/51714: Solger: Akten- und Tagebuchauszüge (Heft/Akt 240),
bspw.: HGr Rupprecht Ia Nr. 4372 geh. vom 5.11.1917. Das Dokument, das in seiner Form
keinen Einzelfall bei der Konzentration der HGr auf diesem Frontabschnitt darstellt,
beginnt mit den Worten: „Es ist jetzt schon zu erwägen, welche Maßnahmen nach
Beendigung des Großkampfes in Flandern zu treffen sind.“ Vergleichbare Aussagen wie
die folgenden detaillierten Anweisungen fehlen für andere Sektoren des Führungsbereiches
der HGr.
1767
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 394. Ludendorff wiederholte an dieser Stelle
zwar nicht den damals gegenüber Kronprinz Rupprecht vorgebrachten Vorwurf des
Versagens, bedeute dem Leser aber, daß sich das Absenden von Verstärkungen durch die
Abwesenheit des Stabschefs der Heeresgruppe verzögerte.
436

Ludendorffs Vorwurf gegenüber Kronprinz Rupprecht 1768 , war anscheinend


gering gewesen. Angesichts der unklaren Lage war zuerst nicht deutlich, mit
was man bei Cambrai konfrontiert war und welche Auswirkungen das
Geschehen auf die Anfang November mit den höheren Führern der
Westfront besprochene Offensive von 1918 und ihre Vorbereitung haben
würde 1769 . Da die Heeresgruppe nichts genaueres sagen konnte und
Kronprinz Rupprecht und Kuhl sich durch Ludendorffs Worte direkt mit
dem schwerwiegenden Vorwurf des Versagens konfrontiert sahen 1770 ,
entstand ein gewisser Druck auf sie und, in der Fortsetzung der
Befehlskette, auch auf alle untergeordneten Stäbe. Dieser Druck oder besser
Zwang zur Erklärung und Rechtfertigung mehrte sich während des ersten
Schlachttages, der sich als Desaster darstellte 1771 . Daß solche Desaster, so
wie zuletzt jene kurz zuvor, bei Verdun und Malmaison 1772 , durch die OHL
sanktioniert wurden und schwerwiegende Folgen für Offiziere in
Spitzenverwendungen nach sich ziehen konnten 1773 , dürfte maßgeblich dazu
beigetragen haben, daß die Gruppe Caudry am Morgen des [Link]
den Faktor Überraschung neben die angeblich erstmals aufgetretenen und
weder in Umfang, noch nach Einsatzweise näher definierten „Tankmassen“

1768
Siehe Frauenholz: Kronprinz Rupprecht, Bd. 2, S. 292.
1769
Die Besprechung hatte am 11.11.1917 bei der HGr Rupprecht in Mons in Anwesenheit
der Stabschefs der HGr Kronprinz, der 2. und [Link] stattgefunden; siehe Frauenholz:
Kronprinz Rupprecht, Bd. 2, S. 284f., und Asprey: The German High Command At War, S.
349.
1770
Anders als Kronprinz Rupprecht ging Kuhl in seinen Aufzeichnungen mit keinem Wort
auf die Kritik Ludendorffs ein, sondern unterließ es zugunsten der Frage nach der
Bedeutung des deutschen Gegenangriffs und der Offensivplanungen für 1918 vielmehr,
überhaupt auf die „Tankschlacht“ einzugehen; siehe BA-MA, RH 61/50652:
Aufzeichnungen Kuhl, Einträge nach dem 21.11.1917.
1771
Die aus Kronprinz Rupprechts Aufzeichnungen herauszulesende Hoffnung, daß alles
halb so schlimm ausfallen würde, fand sich am Abend des 20.11. nicht bestätigt; siehe
Frauenholz: Kronprinz Rupprecht, Bd. 2, S. 291f.
1772
Siehe dazu Abschn. 8.1. und 8.2.
1773
Ein besonders deutliches Beispiel dafür läßt sich mit den Vorgängen rund um das AOK
6 der Heeresgruppe Rupprecht in der Osterschlacht bei Arras von 1917 verorten, siehe
Abschn. 5.6.2.
437

stellte und versuchte, sich für das Geschehen zu rechtfertigen 1774 . Angeführt
wurde, daß die Gruppe alles erdenkliche und den geltenden Vorschriften
entsprechende getan habe, um den Abschnitt gegen Angriffe zu sichern, daß
sie sogar auf die Gefangenenaussagen vom [Link] hin ganz
kurzfristig noch spezielle Abwehrmaßnahmen ergriffen habe –die nicht
näher benannt wurden und wohl nicht hätten benannt werden können- und
die von ihr als „ausreichend“ bezeichnete -in Wahrheit aber minimale-
Tiefengliederung allein durch die große Zahl an feindlichen Tanks
überwunden worden sei. Eine sozusagen nach oben gerichtete Spitze,
welche einen real maßgeblichen Mißstand, nämlich den nahezu
vollständigen Ausfall der sonst so erfolgreichen Tank-Fernbekämpfung, auf
die Schultern des verantwortlichen AOK 2 verlagerte, führte man in Form
der geringen Artilleriekräfte im Abschnitt an. Außerdem, und dies ist ein
weiterer, in der militärischen Hierarchie nach oben durchgereichter
Vorwurf, nannte man als Grund für den britischen Erfolg den
notgedrungenen Einsatz der kampfschwachen [Link] in der Gruppenfront.
Vorbeugend und möglichlicherweise vornehmlich auf eventuelle Opposition
der [Link] gegenüber dieser insgesamt durchaus interpoliert erscheinenden
Darstellung gemünzt, wurde ferner angeführt, daß die [Link] am
[Link] zwar spät eintraf, sie das „Schicksal des Tages“ aber auch
durch frühzeitigeren Einsatz nicht hätte abwenden können 1775 . Irgendeine
Schuld beim Generalkommando ausmachen zu können, mußte auf
Grundlage der bisherigen Meldungen also ein negatives Licht sowohl auf
das AOK 2, als auch auf die Heeresgruppe werfen. Denn diese waren für die
Stärke beziehungsweise Schwäche des Abschnittes gegenüber der OHL
verantwortlich, hatten von den dortigen Zuständen gewußt und konnten
ihrerseits nichts anführen, was den ja auch alle Stäbe angenehm
entlastenden Überraschungsfaktor in Frage stellte, ohne sich selbst für

1774
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 144, Bl. 16: Gr Caudry Ia Nr. 403 op., Lagebeurteilung vom
21.11.1917, 11 Uhr.
1775
Einen aktenkundigen Hinweis auf Anschuldigungen gegen die Gruppe wegen des
Einsatzes der Division beziehungsweise deren Unterstellungsverhältnisse am 20.11. durch
das AOK 2 oder die Führung der [Link] ließ sich für diesen Zeitpunkt nicht ausmachen. Daß
das AOK etwa fernmündlich kompromittierende Fragen formuliert hatte, ist allerdings
möglich.
438

Kritik Ludendorffs und etwaige Sanktionen angreifbar zu machen. Daß


grundsätzlich die OHL selbst für diese Dinge verantwortlich war, von
schwachen Abschnitten, der kritischen Ersatzlage, der notgedrungenen, weil
kräfteabhängigen Nichteinhaltung der gültigen Abwehrvorschriften auf
weiten Strecken der Westfront und den damit einhergehenden Risiken am
besten hätte wissen müssen, spielte auch diesmal, bei Cambrai, keine
Rolle 1776 . Niemand sah sich dazu veranlaßt, auf die strategische
Verantwortung der OHL zu verweisen und sich dadurch persönlich zu
exponieren.
Das AOK 2 überspielte die Frage nach Ursachen für den tiefen britischen
Einbruch am [Link] dadurch, daß es sich ausschließlich der aktuellen
Lage und den daraus zu ziehenden Erkenntnissen widmete. Am
[Link] berichtete es über Erfahrungen mit der Tankabwehr bei
Cambrai 1777 und beachtenswert ist, daß mit diesen eben nicht die
Grundlagen des Geschehens am ersten Tag der Schlacht, mögliche
Führungsfehler oder die allgemeine Schwäche des Frontabschnitts Cambrai
thematisiert wurde, sondern bereits das erfolgreiche Durchstehen weiterer
Tankangriffe. Daß diese an den Folgetagen weit weniger heftig ausgefallen
waren als zuvor, fand keine Erwähnung, und daß die OHL mit den
eingereichten Erfahrungen vor allem positive Eindrücke der Tankabwehr
durch die Infanterie erreichten, ohne die dem anfänglichen britischen Erfolg
zugrundeliegenden Verhältnisse darzulegen, genierte nicht 1778 . Die

1776
Ludendorff ging auf die kritische Situation des Heeres und ihre Wahrnehmung durch
die OHL auch als Anlaß für den Entscheidungsschlag 1918 in seinen Kriegserinnerungen
ein. In den vom Verfasser gesichteten Archivalien zu den Kämpfen bei Cambrai fand sich
dazu nichts; siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 434.
1777
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 721 AOK 2 Ia Nr. 434/Nov. vom 23.11.1917.
1778
Zu diesem Umstand schrieb der über einen primär auf den Unterlagen der höchsten
Kommandobehörden basierenden Artikel zu Cambrai erzürnte Krebs 1927 an den
Verfasser, den ehemaligen Stabschef der Gr Caudry, Müller-Loebnitz: „Das bedauere ich
[daß nur diese Akten benutzt wurden], zumal ich auch schon im Kriege –nach den Tagen
von Cambrai- den Eindruck hatte, dass zur Klarstellung der Ereignisse die Truppe und ihre
Führer, die doch in erster Linie dazu hätten beitragen müssen, nicht bezw. nicht genügend
herangezogen worden sind. [... .] Die über den Tankangriff am [Link].17 von
Generalfeldmarschall v. Hindenburg in seinen ‚Lebenserinnerungen’ und vom General
439

Vernichtung der bei Fontaine und Bourlon am [Link] vorgegangenen


Tanks durch mit Handgranaten kämpfende Infanterie 1779 konnte als voller
Abwehrerfolg präsentiert werden, ebenso die hervorragende Wirkung der K-
Flak 1780 .
Bei genauerer Betrachtung dieses Berichts, der zwar keine Unwahrheiten
beinhaltet, aber doch halbe Wahrheiten und Schönfärbungen im Sinne der
Vermeidung kritischer Fragen, dürfte auffallen, wie stark vom AOK 2 als
Lehren aus den Kämpfen auch hervorgehoben wurde, was als Kern der
Tankabwehr-Konzeption des Jahres 1917 längst hätte allgemein bekannt
sein müssen. Darunter fiel beispielsweise die Forderung, daß die (Feld-
)Artillerie dazu zu erziehen sei, die Tanks in direktem Richten
anzugehen 1781 .
Die in der Rechtfertigung des [Link] sozusagen „offensiv
ausweichende“ Armee wurde durch ihren Erfahrungsbericht nicht davor
geschützt, schon am [Link] durch die Heeresgruppe direkt
beschuldigt zu werden, Feindnachrichten falsch oder unzureichend
interpretiert zu haben 1782 . Die Armee habe vor dem 20. gemeldet, daß
größere Angriffe nicht zu erwarten seien, und daher sei der britische Angriff

Ludendorff in seinen ‚Kriegserinnerungen’ gefällten Urteile können m.E. nur auf der
mündlichen und schriftlichen Berichterstattung der 54.I.D. vorgesetzten Kdobehörden
beruhen.“ Zitiert nach HStAS, M 660/047, Heft 16.
1779
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 721: AOK 2 Ia Nr. 434/Nov. vom 23.11.1917, Ziff. 1.).
Beachtenswert ist, daß ausgerechnet die infanteristische Tankbekämpfung zuerst genannt
wurde, nicht etwa die für die Schlacht wesentlich wichtigeren Defizite der artilleristischen
Fern- und Nahbekämpfung. Als Ziffer 2.) folgte die Abwehrleistung der deutschen
gegenüber der feindlichen Infanterie. Sehr überspitzt, aber wohl nicht zu unrecht, dürfte
man hier anführen, daß den übergeordneten Dienststellen damit das gegeben wurde, was
diese auch zur Beruhigung und Beschwichtigung hören wollten, vorher gehört hatten und
auch weiterhin, ungeachtet aller abweichenden Erkenntnisse, hören würden: Der deutsche
Soldat war dem Feind überlegen, gleich unter welchen Verhältnissen.
1780
Siehe ebenda, Ziff. 8.).
1781
Siehe ebenda, Ziff. 7.). Ziff. 4.) wies außerdem darauf hin, daß jedem Bataillon zwei
Geschütze zur Tankabwehr beigegeben worden waren und man darf annehmen, daß auch
dies als „Lehre“ verstanden werden sollte. Zu diesen Maßnahmen und ihrer längst erfolgten
Diskussion vgl. bspw. Abschn. 5.6.2., 6.5.2. und 7.1.
1782
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 126, Akt: 211, Bl. 0002: HGr Rupprecht Ic No
4561 geh. vom 24.11.1917.
440

auch für die Heeresgruppe völlig überraschend gekommen. Daß dies nun
nur zum Teil stimmte, nämlich insofern als die neuesten
Aufklärungsberichte mit den Gefangenenaussagen seit dem [Link]
und der Meldung über die Anwesenheit von Tanks schnellstens an die
höheren Stäbe hätten weitergereicht werden müssen, was offenbar durch die
Gruppe Caudry oder das AOK 2 unterblieben war, ist richtig. Genauso
richtig ist aber auch, daß es die Heeresgruppe selbst gewesen war 1783 , die
anscheinend ohne tiefergehende Kenntnis über die Vorgänge an einzelnen
Frontabschnitten in ihren Lageberichten größere Feindangriffe parallel zum
Ausklingen der Flandernschlacht unwahrscheinlich hatte erscheinen
lassen 1784 . Sicher handelte es sich bei der Verfahrensweise mit der
Lagebeurteilung, die in der auf dem Dienstweg hier sichtbaren
Wirkungsweise von oben nach unten zutiefst merkwürdig und wenig
sinnvoll erscheint 1785 , um ein wahrhaftes Kuriosum. Aber es war ein
Zustand, der in der Situation Ende 1917 offensichtlich, wie etwa die
Ausführungen des Kommandeurs der Gruppe Arras nahelegen, von
zahlreichen untergeordneten Stäben hingenommen wurde 1786 . Die

1783
Wie aus den Aufzeichnungen Kuhls hervorgeht, erfuhr die HGr Rupprecht erst im
Laufe des 19.11. vom AOK 2, „daß irgend etwas bevorstände, aber auch offenbar nur ein
örtlicher Angriff“; siehe BA-MA, RH 61/51714: Solger: Akten- und Tagebuchauszüge
(Heft/Akt 240): Tagebucheintrag Kuhls vom 22.11.1917.
1784
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 206, Bl. 32: HGr Rupprecht Ia Nr.
4477 geh. vom 17.11.1917, Lage bei [Link], und ebenda, Akt: 208, Bl. 55: Lagemeldung
der HGr Rupprecht vom 18.11.1917, mittags.
1785
Einen interessanten Beleg für diese Verfahrensweise stellte etwa auch die Warnung der
HGr Rupprecht durch die OHL vor feindlichen Truppenbewegungen bei [Link] dar,
das so weit nun nicht vom Sektor Cambrai entfernt war und wo man auf Bahnverkehr
hinter der englischen Front (!) aufmerksam geworden war; siehe BA-MA, RH 61/51714:
Solger: Akten- und Tagebuchauszüge (Heft/Akt 240): OHL (Ia Nr. 5337 geh. op.) an HGr
Rupprecht vom 14.11.1917.
1786
Moser sprach von einem weit verbreiteten Kadavergehorsam der kommandierenden
Generale gegenüber der höheren Führung. Den Gruppenkommandeuren sei der Einblick in
größere Zusammenhänge zudem verwehrt worden, was die Bildung eigener Urteile und die
Äußerung abweichender Meinungen von sich aus unterband. Mißtrauen gegenüber der
Armeeführung aber auch Abstumpfung seien die Folgen dieser Zustände gewesen. Auch
General v. Gallwitz führte entsprechende Anmerkungen zu Führungsverhältnissen an der
Westfront aus, allerdings von der Position des Armeeoberbefehlshabers der [Link] aus
441

Heeresgruppe führte ebenfalls und ihrerseits vorbeugend beziehungsweise


rechtfertigend an, daß die Stellungen vor Cambrai mit ihren
Drahthindernissen, „die zum Teil eine Tiefe von über 100m hatten“,
hervorragend ausgebaut gewesen seien, was einen Angriff des Feindes von
mehr als örtlicher Bedeutung und vor allem ohne die bislang bekannte
Artillerievorbereitung von sich aus unwahrscheinlich gemacht habe. Damit
belegte man einerseits den der Heeresgruppe Rupprecht für 1917 zu
attestierenden Glauben, daß eine bestimmte Breite von Gräben, die große
Tiefe von Drahthindernissen und sonstige Mittel der passiven Tankabwehr
Stellungen vor Bedrohungen schützen könnten 1787 , vernachlässigte
gleichzeitig aber auch altbekannte Leitsätze, wie die grundsätzliche
Forderung, sich nicht durch plötzliche (Tank-)Angriffe überraschen zu
lassen und stets wachsam zu sein 1788 . Dem heutigen Betrachter dürfte der

gesehen. Nach schweren Mißerfolgen bei Verdun im Frühjahr 1917 sei eine Art
Kontrollsystem durch die OHL und dann die Heeresgruppe Kronprinz zum Prinzip erklärt
worden, das ihm mit tradierten Führungsgrundsätzen unvereinbar und zutiefst peinlich
erschien: „Wo sind unsere altpreußischen Grundsätze hin? Man verliert wirklich die Lust
an der eigenen Arbeit und die Verantwortungsfreudigkeit.“ Siehe Moser:
Feldzugsaufzeichnungen, S. 334, bzw. BA-MA, N 2214/32: Nachlaß Obkircher, Auszüge
aus von Gallwitz, Bd. II‚ Erleben im Westen 1916/18, S. 4.
1787
Schon 1916 hatte Kuhl die ersten Anregungen zur passiven Tankabwehr mittels
Hindernissen gegeben, und die Heeresgruppe Rupprecht wog sich spätestens seit den
Kämpfen bei Arras im Frühjahr hinter der Siegfried-Stellung in Sicherheit. Damals waren
Gräben von 2,50m Breite als für Tanks unüberwindlich und einige zufällig vorhandene
Baugruben in der eigenen Linie als musterhafte Tankfallen präsentiert worden. Siehe dazu
Abschn. 3.5.2. bzw. 5.6.2. und 8.2.
1788
So nicht zuletzt formuliert als Erfahrung der Osterschlacht von Arras, aber auch zuvor
bereits als äußerst bedeutender Faktor bei feindlichen Angriffen und vor allem für
Tankeinsätze eingestuft. Noch Mitte September 1917 hatte die HGr Rupprecht die
unterstellten Armeen darauf hingewiesen, daß es die in Rauch in Staub unerkannt an die
Truppe herangelangten Tanks gewesen waren, die für Verwirrung und Verluste
verantwortlich gemacht werden konnten; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 573: HGr Rupprecht
Art. Nr. 27557 vom 16.9.1917. Die Anwesenheit von Tanks, die wenigstens seit der
Abwehrvorschrift des AOK 6 von März 1917 (siehe Abschn. 4.2.) uneingeschränkt als
Ankündigung eines größeren Angriffs gewertet werden mußte, war der HGr am 19.11.
bekannt, ohne daß es ihrerseits zu einer Reaktion auf die Bedrohung kam. Damals hatte
man u.a. gesagt: „Haupterfordernis: fruehzeitiges Erkennen und Bekaempfen: (dies bester
442

Bericht der Heeresgruppe deutlich vor Augen führen, wie sehr der Feind,
mit der ihm durch das für 1917 universelle Defensivverhalten des deutschen
Heeres gewährten Initiative und Handlungsfreiheit zur Gänze unterschätzt
worden war und man sich bei der Beurteilung einer unklaren Lage auf die
Stärke einer Stellung gestützt hatte, um deren strukturelle Schwächen und
geringe Besatzung man seit Monaten wußte 1789 .
Auch von seiten der Heeresgruppe fehlte nicht eine kleine, aber sicher
gerechtfertigte Spitze nach oben, die von dieser Position aus die OHL quasi
als „Mitwisser“ dieser Zustände direkt betraf:
„An Hauptkampffronten werden solche Tankangriffe angesichts der starken und
tiefgegliederten Artillerie des Verteidigers wohl kaum Aussicht auf Erfolg
haben.“ 1790

Damit widersprach die Heeresgruppe ganz wie nebenbei und letztendlich


unbeachtet und unwidersprochen der schon von Arras her bekannten
Wirkung von überraschenden Angriffen 1791 und den im
Heeresgruppenbereich erst kürzlich bekannt gewordenen Erfahrungen des
AOK 7 aus den Kämpfen bei Malmaison. An diesem Hauptkampfabschnitt
der Westfront hatte die Häufung besonderer Kampfmittel, darunter
besonders auch der Tanks, die eigentliche Ursache einer schweren
Niederlage dargestellt 1792 . Selbstredend war der Sektor Cambrai vor dem
[Link] keine Hauptkampffront und natürlich auch, wie der
Heeresgruppe und der OHL gleichermaßen bekannt sein mußte, nicht
dementsprechend auf feindliche Großangriffe vorbereitet gewesen. Daß

Schutz gegen Tanks). Endziel: Vernichtung durch Massenfeuer ganzer Batterien, bevor
Tanks zum Nahangriff uebergehen.“ Zitiert nach MGFA, Bibliothek, Signatur 53000: AOK
6, Art. I. Nr. 98452 vom 25.3.1917, S. 6, Ziff. 19.
1789
Siehe Kap. 5. und Abschn. 9.2.
1790
Zitiert nach KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 126, Akt: 211, Bl. 0003: HGr Rupprecht
Ic No 4561 geh. vom 24.11.1917.
1791
Loßberg äußerte gegenüber Kuhl, daß das AOK 6 am 9.4.1917 Opfer eines
Überraschungsangriff geworden sei, was nur möglich gewesen sei, weil man fest mit einem
mehrere Tage dauernden Trommelfeuer gerechnet habe; siehe BA-MA, RH 61/50652:
Aufzeichnungen Kuhl, S. 58, Eintrag zum 21.4.1917.
1792
Siehe Abschn. 8.2. bzw. HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 152f.: AOK 7 Ia Nr. 101/Nov. 17
vom 14.11.1917.
443

unzureichende Artillerie und zu lange Divisionsabschnitte für abgekämpfte


Divisionen Ende 1917 zum Normalfall für die sehr zahlreichen „ruhigen“
Abschnitte geworden waren, wie sich drastisch und für den heutigen
Betrachter geradezu plötzlich nach dem Ende der Kämpfe durch
alarmierende Meldungen höchster Stäbe geäußert zeigte 1793 , war Ursache
für die erschreckende Niederlage- viel mehr als irgendwelche
Führungsfehler oder diverses Versagen der Führung. Ausdrücklich als
Kritik an der OHL artikulierte die Heeresgruppe diese Auffassung nicht.
Noch am Abend des [Link] reichte sie einen Bericht zu den
Ursachen des Mißerfolges bei Cambrai nach, der die Krise des
[Link] abschließend und ziemlich gütlich hätte klären können und
wohl auch sollen:
„Wohl zur Ablenkung und zu dem Zwecke, sich einen günstigeren Abschluß [des
Jahres 1917] zu schaffen, hat der Engländer nun einen überraschenden Angriff bei
Cambrai geführt. Überraschung konnte ihm nur dadurch gelingen, daß er als neues
Mittel zur Überwindung unserer dort besonders starken Stellungen außerordentlich
zahlreiche Tankformationen einsetzte. Allein dadurch war es ihm möglich, daß an
der Front keinerlei bestimmte Angriffszeichen erkannt werden konnten.“ 1794

Auf deutscher Seite konnte es nach Darstellung der Heeresgruppe also


weder eine zu attestierende Schuld, noch klar zu benennende Schuldige
geben. Selbst die „besonders starken Stellungen“ und mit ihnen alle Mittel
der passiven Tankabwehr, die man in Form von Tankfallen als vor Ort
gegeben suggerierte, hätten die Tanks nicht aufhalten können 1795 , woraus

1793
Siehe BA-MA, RH 61/51714: Solger: Akten- und Tagebuchauszüge (Heft/Akt 241):
HGr Kronprinz Ia 2225 geh. (eingegangen bei OHL am 6.12.1917) und HGr Herzog
Albrecht Abtlg. Ia Nr. 4846 geh. op. vom 9.12.1917. Das GK [Link] bei der [Link]
sprach die Verhältnisse überaus deutlich an, indem es auf die „Notwendigkeit zur
Selbsthilfe“ zu sprechen kam, welche aus dem Mangel an Abwehrkräften resultierte; siehe
KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 88, Akt: 40, Bl. ILL 40 [Behelfsangabe d. Verf.]: Gr
Aubers Nr. 6193 Ia op. vom 25.11.1917.
1794
Zitiert nach KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 206, Bl. 27: HGr Rupprecht Ia
Nr. 4567 geh. vom 25.11.1917 (bei der OHL via Fernschreiber am 24.11.1917 abends
eingegangen).
1795
Siehe BA-MA, RH 61/51714: Solger: Akten- und Tagebuchauszüge (Heft/Akt 240):
Auszug aus dem Bericht der HGr Rupprecht (Nr. 4567) nach den Unterlagen der
444

sich insgesamt die Gefahr ergebe, daß britische und französische


„Überraschungsangriffe mit Tanks demnächst auch an anderen Stellen“
denkbar seien 1796 . In den weiteren Ausführungen folgte man im übrigen
dem mit dem Bericht des AOK 2 eingeschlagenen Weg und vermied jeden
direkten Bezug auf die Verhältnisse am [Link]. Die formelle
Konzeption der Tankabwehr durch die geltenden Vorschriften habe sich
bewährt 1797 , ebenso die allerdings nur in geringer Zahl vorhandene SmK-
Munition 1798 . Besondere Wirkung hätten die K-Flak erzielt 1799 . Der
Infanterie sei es geradezu mustergültig gelungen, gegenüber
durchgebrochenen Tanks dadurch zu bestehen, daß man sie durchgelassen
und von der folgenden britischen Infanterie getrennt habe 1800 . Durch
Frontoffiziere, namentlich den Kampftruppenkommandeur des I./IR 58
([Link]) und einen Geschützführer der K-Flak, sei ausgesagt worden, daß
„die Tankpanik überwunden sei, da sich die [Abwehr-] Mittel bewährt
haben“ 1801 .
Wie man an der ersten, direkt auf die Erfahrungen mit der Tankabwehr bei
Cambrai bezogenen Verlautbarung der OHL an die höchsten Führungsstäbe

Operationsabteilung der OHL, die ihn mit Datum vom 25.11.1917 in ihre Akten aufnahm,
S. 2.
1796
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 206, Bl. 27: HGr Rupprecht Ia Nr.
4567 geh. vom 25.11.1917.
1797
Siehe BA-MA, RH 61/51714: Solger: Akten- und Tagebuchauszüge (Heft/Akt 240):
Auszug aus dem Bericht der HGr Rupprecht (Nr. 4567) nach den Unterlagen der
Operationsabteilung der OHL, S. 1.
1798
Siehe ebenda, S. 1f. Es wurde ausdrücklich gefordert, daß sämtliche Maschinengewehre
mit der Sondermunition auszustatten seien, was, wie die Heeresgruppe damit eingestand,
nicht der Fall gewesen war.
1799
Siehe ebenda, S. 1.
1800
Siehe ebenda: „Es ist dann gelungen, hinter den Tanks die Linien wieder zu schließen
und die nachfolgende feindliche Infanterie abzuwehren.- Ein Tank kann wohl Gelände
gewinnen, aber er wird es nicht behaupten. Das kann nur die folgende Infanterie. Wird der
Tank von seiner Inf. getrennt, dann wird es oft möglich sein, ihn zu erledigen, zumal er nur
eine beschränkte Munition mitführen kann.“
1801
Siehe ebenda, S. 2.
445

der West- und Ostfront vom [Link] 1917 sehen kann 1802 , nahm sie
die Ausflüchte und das Ausweichen der untergeordneten Stäbe hinsichtlich
der Grundlagen des überraschenden britischen Angriffs insofern an, als daß
erstaunlicherweise und ausnahmsweise keine (weiteren) unmittelbaren
Anschuldigungen erhoben wurden. Ludendorff ließ es sich aber andererseits
auch nicht nehmen, verschiedene Punkte anzusprechen, die sich als eine Art
Mängelliste für die erste Zeit der Tankabwehr bei Cambrai ausnehmen. So
wurde etwa ausdrücklich auf die Bedeutsamkeit der Feindaufklärung und
der Sorgfalt bei allen Tankabwehr-Dispositionen hingewiesen:
„Die Tanks sind ein nicht zu unterschätzendes Kampfmittel. Tankangriffe sind
aber hauptsächlich durch Ueberraschung wirksam. Bei rechtzeitigem Erkennen und
genügender Sorgfalt der Vorbereitungen sind die Abwehrmittel ausreichend, um
1803
feindliche Erfolge auch bei Masseneinsatz von Tanks zu vereiteln.“

Dies implizierte zumindest mittelbar eine scharfe Rüge im Sinne des vorher
schon gegenüber Kronprinz Rupprecht formulierten Vorwurfs der
Unaufmerksamkeit gegenüber potentiellen Bedrohungen. Die Kritik richtete
sich aber durchaus nicht nur gegen die Heeresgruppe, sondern ganz
besonders gegen die lokale, untergeordnete Führung bei Cambrai. Anlaß zu
letzterem dürfte unter anderem, bei dem man ein Muster in Ludendorffs
Herangehensweise bei der Fehlersuche in den Reihen der unteren Führung
und Truppe zu erkennen glauben kann 1804 , der Eindruck gewesen sein, der
durch die vorherigen Äußerungen des AOK 2 und der Heeresgruppe
erweckt worden war. Wenn die frisch ins Gefecht geworfene Infanterie nach
dem ersten Schlachttag mit den Tanks fertig geworden war, und zwar im

1802
Siehe BA-MA, PH 3/294, Bl. 46ff.: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II. Nr. 71189 op.
vom 24.11.1917. Der Verteiler umfaßte die Heeresgruppen und AOK der Westfront, die
Inspektion der Artillerie-Schießschulen, die Artillerie-Übungsplätze, den
Generalstabskursus Sedan sowie den Kommandierenden General der Luftstreitkräfte. Der
Oberbefehlshaber Ost und die ihm unterstellten Heeresgruppen- und
Armeeoberkommandos wurden zudem „nachrichtlich“ informiert.
1803
Zitiert nach ebenda, Bl. 47, Abschn.: Allgemeines.
1804
Erinnert sei an die Aufarbeitung der Kämpfe bei Arras 1917, wo schnell die [Link]
und ihre Führung in den Focus des Interesses rückten, oder an die beiden Stabschefs, die
nach der Schlacht von Malmaison ihrer Stellung enthoben wurden; siehe Abschn. 5.6.2.
und 7.2.
446

Nahkampf, mittels taktischen Ausweichens, ihrer SmK-Munition,


Handgranaten und einer Handvoll K-Flak, so mußte zuvor definitiv und sehr
vielseitig versagt worden sein 1805 . Dementsprechend, und im Gegensatz zur
Äußerung der Heeresgruppe gegenüber der Nutzlosigkeit der passiven
Tankabwehr, wies die OHL an, Frontabschnitte verschärft auf die
geländetechnischen Möglichkeiten von Tankangriffen hin zu überprüfen
und gegebenenfalls durch Barrikaden und Tankfallen zu sichern 1806 . Der
Einbau versteckter Feldartillerie- und Infanterie-Geschütze 1807 , deren
Aufgabe in der Nähe der vordersten Infanterielinie so definiert wurde, wie
zuvor einmal bei den Nahkampfbatterien 1808 , sowie die Einbindung der
leichten Minenwerfer -mit neuartigen Flachbahnlafetten 1809 - in die
Tankabwehr sollte auch an ruhigen Fronten durchgeführt werden. Vor allem
auf die Ausbildung der Artillerie in der Tankbekämpfung sollte Wert gelegt
werden und ferner, vielleicht der bedeutendste Punkt und indirekt der
schwerwiegendste Vorwurf gegenüber der Truppenführung am
[Link], wurde darauf verwiesen, daß es die Grundlage jeden Erfolges
der Tankabwehr sei, die eigene Truppe „fest in der Hand zu halten“ 1810 . Zu
diesem Zeitpunkt noch in ziemlicher Unkenntnis des Geschehens am ersten
Tag der Schlacht 1811 und der tatsächlichen Abwehrleistungen der [Link],

1805
Siehe dazu Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 396. Es findet sich hier auch der direkte
Bezug zu den erfolgreichen Kämpfen am 23.11.1917, was die besondere Wirkung des
Erfahrungsberichts des AOK 2 sowie gleichgearteter und noch folgender Gefechtsberichte
der nach dem 20.11. eingesetzten Verbände auf Ludendorffs Auffassung unterstreichen
dürfte.
1806
Siehe BA-MA, PH 3/294, Bl. 46: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II. Nr. 71189 op. vom
24.11.1917, Ziff. 1.).
1807
Siehe ebenda, Ziff. 2.).
1808
Siehe Abschn. 4.2.
1809
Siehe BA-MA, PH 3/294, Bl. 47: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II. Nr. 71189 op. vom
24.11.1917, Ziff. 3.). Die Flachbahnlafetten, die den direkten Schuß mit dem sonst nur zum
Steilfeuer geeigneten Minenwerfer ermöglichten, waren laut OHL bereits zur
Massenfertigung vorgesehen, würden aber in größerer Zahl erst in einigen Monaten
ausgeliefert werden.
1810
Siehe ebenda, Bl. 47, Abschn.: Allgemeines.
1811
Eine erste Darstellung mit genaueren Erkenntnissen über die Grundlagen des britischen
Angriffes scheint eine vom NO AOK 2 aufgrund erbeuteter Papiere und
447

[Link] und [Link] 1812 wurde also seitens der OHL angenommen, daß genau
dies nicht der Fall und damit die fehlende Kampfbereitschaft der Truppe die
eigentliche Ursache der schweren Krise gewesen war.
Ungeachtet auch späterer Aussagen und Meldungen aus dem Bereich der
Gruppe Caudry, ungeachtet der Belohnung der [Link] mit zwei Orden Pour
le Mérite (s.u.) oder der großen Anzahl abgeschossener Tanks vom ersten
Tag der Schlacht, fand diese Auffassung Eingang in Ludendorffs
Kriegserinnerungen von 1919, in denen er davon sprach, daß sich die
Stellungstruppen hatten überrennen lassen 1813 . Untermauert wurde der
augenscheinliche Unterschied zwischen den Gefechtsleistungen am 20.
November und den darauffolgenden Tagen dadurch, daß Einheiten, denen
nicht nur heute und hinsichtlich ihres Selbstverständnisses Elitecharakter
unterstellt werden kann, nämlich Teile der preußischen Garde, Berichte
herausbrachten, die in ihren Aussagen eindeutig waren und Ludendorffs
Sichtweisen auf die Möglichkeiten der deutschen Tankabwehr bis zum Ende
seiner Tätigkeit als Generalquartiermeister bestimmen würden 1814 . Das
„Regiment Brederlow“ beschrieb plastisch die Effizienz des Ausweichens
der Infanterie gegenüber den Tanks und deren tragisches Ende vor den
Rohren der herangaloppierenden Feldartillerie hinter der eigenen Linie 1815 .
Der Bericht schloß mit den Worten:
„Die Truppe ist zwar angestrengt, aber in vorzüglicher Stimmung; die
Überlegenheit über den englischen Gegner ist ihr erneut bewußt, die Tankgefahr als

Gefangenenaussagen gefertigte Meldung gewesen zu sein; siehe HStAS, M33/2, Bü. 373a,
Bl. 86ff.: NO AOK 2 Nr. 4803 vom 27.11.1917: Der englische Angriff vor der [Link].
1812
Die Reste der [Link] wurden von Cambrai aus an die Ostfront transportiert; siehe RA,
Bd. 13, Beilage 28b, S. 9. Berichte über ihren Einsatz bei Cambrai ließen sich in den
Unterlagen der Gr Caudry und der HGr Rupprecht nicht finden und womöglich ist dies ein
Hinweis auf einen durchaus eingeschränkten Meldeweg auch zwischen West und Ost, wenn
man davon ausgeht, daß die OHL ebenfalls keinen Erfahrungsbericht der Division erhielt.
1813
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 396.
1814
So führte er dem Reichskanzler gegenüber noch am 17.10.1918 die herausragenden
Tankabwehrleistungen von Teilen der preußischen Garde an, um dem Argument der
allgemeinen Hilflosigkeit der Truppe den Wind aus den Segeln zu nehmen; siehe
Ludendorff: Urkunden, S. 567.
1815
Siehe KA, 1 R. Korps, Bd. 169: [Link] Ia Nr. 6804 vom 26.11.1917: Erfahrungen im
Kampf gegen Tanks.
448

leicht überwindbar vor Augen getreten, sobald die Infanterie ihren Zusammenhalt
behält und die Artillerie sie rechtzeitig unterstützt.“ 1816

Denselben Tenor beinhaltete die Meldung der [Link] zu den Kämpfen, in


denen Soldaten des Garde-Füsilier-Regiments –zweifellos im Sinne eines
nicht zu übersehenden Beispiels für die Qualität der Truppe angeführt-
sogar auf die Tanks geklettert waren und man insgesamt 20 Stück im
Nahkampf „erledigt“ habe 1817 . Das Fazit der [Link] lautete:
„Die Division sieht in den Tanks keine Waffe, die bei sachgemäßem Verhalten
der Infanterie pp. einen durchschlagenden Erfolg, wie vom Gegner erhofft, haben
kann. Für jeden Angehörigen der Division ist die anfänglich bestehende Wirkung der
Tanks geschwunden.“ 1818

Zu derartigen Verlautbarungen kamen in den nächsten Tagen noch


zahlreiche weitere, die diese Eindrücke insgesamt und auch für Teile der
Linieninfanterie bestätigten. Die [Link] wies in ihrem Bericht auf die
Wirkungsweise des energisch geführten infanteristischen Gegenstoß hin, der
es am [Link] zumindest mit ermöglicht hatte, 20 Tanks zu
zerstören 1819 . Die Gruppen Caudry und Arras führten Erfolge mit SmK-
Munition 1820 beziehungsweise der agilen K-Flak an 1821 und die Gruppe
Busigny bereicherte das Bild aus der eigentlichen „Tankschlacht“ durch die
Hervorhebung des mustergültigen Einsatzes beweglicher Feldartillerie im
Angriff am [Link] bei Gouzeaucourt, wo sechs von 10 angreifenden
Tanks mit normaler Munition abgeschossen worden sein sollen 1822 .

1816
Zitiert nach ebenda, Abschn.: Lehren.
1817
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 126, Akt: 211, Bl. 0008f.: [Link] I Nr. 11086
geh. (ohne Datum, nach dem 23.11.1917).
1818
Zitiert nach ebenda, Bl. 0009.
1819
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 241: [Link] Ia Nr. 2292 vom 28.11.1917.
1820
Siehe ebenda, Bü. 330, Bl. 157: Gr Caudry Ia 529 op. vom 27.11.1917. Bei Treffern sei
eine lange Stichflamme zu beobachten gewesen, die den Benzintank des Fahrzeuges zur
Explosion gebracht habe.
1821
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 126, Bl. 0016: Gr Arras Abt Ia Tageb. Nr.
8310 geh. vom 7.12.1917.
1822
Siehe ebenda, Bl. 0013: Gr Busigny Ia Nr. 8974 geh. vom 8.12.1917. Bemerkenswert
ist, daß mit dem Geschehen nicht die [Link] (siehe und vgl. Abschn. 9.5.) in Verbindung
gebracht wurde, sondern die Artillerie der [Link].
449

Die Schlußfolgerungen der OHL aus der Schlacht von Cambrai mußten
demzufolge derart ausfallen, daß die geltenden Einsatzgrundsätze für die
Abwehrschlacht, sofern sie berücksichtigt wurden, die vorhandenen
Tankabwehr- und Kampfmittelmittel aller Art, falls die Führung vor Ort sie
zweckmäßig einsetzte, und die Leistungsfähigkeit der Truppe, wenn sie
taktisch und disziplinarisch richtig geführt wurde, vollends ausreichten, um
auch überraschendste Feindangriffe abwehren und gegen Tank- und
Infanteriemassen erfolgreich bestehen zu können. Daß der Tank ein
gefährliches Kriegsmittel darstellte, hatte sich wieder einmal unter Beweis
gestellt. Doch selbst dort, wo multiples Versagen der lokalen und
übergeordneten Führung oder die eng begrenzten militärischen Ressourcen
des deutschen Heeres einen feindlichen Anfangserfolg ermöglichten, waren
unter personell geschwächten und erschöpften Truppen, die von überall her
mehr oder weniger wahllos ins Gefecht geworfen wurden, ausreichende
Kräfte vorhanden, die dem Angreifer mit der im Endergebnis gewohnten
Höchstleistung den Sieg verwehrten. Das schien damals für die OHL eine
Tatsache zu sein, und man wird auch heute nicht umhin kommen, sie als
Summe der bis hierhin festgehaltenen Grundlagen als solche zu akzeptieren.
Den massiven, heeresinternen Einschränkungen, denen dieses Bild noch vor
der Jahreswende unterworfen war, darunter etwa die immer deutlicher
werdende Kriegsmüdigkeit 1823 und der immense Verschleiß der Truppe 1824 ,

1823
Gerade bei den von der Ostfront herangeführten Divisionen war dies in Form einer
hohen Desertionsrate von 10% zu spüren; siehe dazu Bessel, Richard: Die Heimkehr der
Soldaten. Das Bild der Frontsoldaten in der Öffentlichkeit der Weimarer Republik, in
Hirschfeld (u.a. Hg.): „Keiner fühlt sich hier mehr als Mensch...“, S. 264.
1824
Siehe bspw. BA-MA, RH 61/51714: Solger: Akten- und Tagebuchauszüge (Heft/Akt
241): OHL an die Heeresgruppen der Westfront wegen der Schonung württembergischer
Divisionen, denen die Heimat kaum noch Ersatz überweisen könne, oder ebenda: HGr
Rupprecht an OHL wegen 14 Divisionen des Heeresgruppenbereichs die 1917 keine
Ruhezeit von 3 Wochen gehabt hätten, oder KA, 11.I.D., Bd. 96: [Link] Ia Nr. 3150 op.,
worin die [Link] sehr klar taktische und individuenbezogene Mißstände zum Ausdruck
brachte, unter denen „der frische Geist in der Truppe“ litt. Nach einer Anfrage der OHL bei
einer nicht näher genannten Armee (5, 7 oder 2 kämen in Frage), die hohe Gefangenzahlen
bestätigen mußte, erklärte Ludendorff: „Der Ersatz ist mangelhaft ausgebildet, namentlich
die Disziplin läßt sehr zu wünschen übrig. Die Eindrücke des Kampfes sind dagegen immer
450

die noch im Dezember „öfter zu Klagen“ gegenüber der OHL führten 1825 ,
waren demgegenüber und mit der Aussicht auf mehrere Wochen Ruhe und
Ausbildung für die Verbände anscheinend nur von peripherer Bedeutung.
Da nach dem offensichtlichen Ausklingen der britischen
Angriffsoperationen bei Cambrai die Vorbereitung der
kriegsentscheidenden deutschen Offensive des kommenden Frühjahrs im
Zentrum des Interesses stand 1826 , waren Planung, Durchführung und
Auswertung des Gegenangriffs ab dem [Link] 1917 für die OHL
deutlich von größerem Interesse 1827 , als es irgendwelche, sozusagen
rückwärtsgewandten Diskussionen über Belange der „Abwehrschlacht“
überhaupt noch sein konnten 1828 . Und unter diese Belange der Abwehr im

nervenaufreibender geworden.“ Zudem teilte Ludendorff mit, daß die Engpässe im


Ersatzgeschäft des Heeres auch 1918 akut sein würden.
1825
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 300: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia Nr. 5691 geh. op.
Geheim! vom 14.12.1917, Ziff. 1.).
1826
Siehe BA-MA, RH 61/51714: Solger: Akten- und Tagebuchauszüge (Heft/Akt 241):
Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia Nr. 5691 geh. op. Geheim! vom 14.12.1917: Ruhe und
Ausbildung der Truppe, sowie ebenda: [Chef d. Genst. d. Feldheeres] Ia Nr. 5703 geh. vom
14.12.1917. Die Ausrichtung aller Heeresgruppenstäbe auf die Schonung und Ausbildung
der Truppe während des Winters ist in beiden Dokumenten klar erkennbar. Vom Aufbau
effizienter Angriffsverbände und der darauf gerichteten zielstrebigen Schulung der
Divisionen war hier nicht die Rede. Doch spätestens seit der Aussprache über die deutsche
Frühjahrsoffensive bei der HGr Rupprecht, mußte den relevanten Führern auch klar sein,
daß es um Durchbruch und die Entscheidung ging. In einer Verlautbarung der OHL vom
[Link] wurde auch deutlich darauf hingewiesen: „Da die Entscheidung des Krieges
nur offensiv gesucht werden kann, so ist in unserer Winterausbildung dem Angriff der erste
Platz einzuräumen.“ Siehe dazu auch ebenda: HGr Rupprecht Ibd Nr. 4781 geh. vom
11.12.1917, und ebenda (Heft/Akt 240): Tagebuch Kuhl vom 11.11.1917, sowie HStAS, M
206, Bü. 9: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr. 5359 geh. op. vom 20.11.1917, Ziff. II.1.
1827
Siehe dazu auch BA-MA, RH 61/51768: Manuskript Renner von 1938: Der deutsche
Gegenangriff bei Cambrai 1917, S. 113.
1828
Vergleiche ebenda, S. 96. Renner unterstellte der deutschen Führung, daß ihr die
Klärung von Fragen der Tankabwehr nach der Schlacht von besonderem Interesse gewesen
sei. Was ihm bei der Aufzählung verschiedener Ergebnisse der Eruierung von Antworten
nicht auffiel, war der Charakter des Altbekannten (bspw. bespannte Tankabwehrzüge der
Feldartillerie) und der geringe Wille der OHL, auf grundlegende Mißstände und
Effektivitätseinschränkungen überhaupt einzugehen. Siehe dazu auch BA-MA, RH
61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 138.
451

Stellungskrieg fiel selbstverständlich auch die Bekämpfung der


Angriffswaffe Tank. Die wohl zumindest noch von der Gruppe Caudry
Anfang Dezember 1917 erwartete Sanktionierung der ihr möglicherweise zu
unterstellenden und tatsächlichen Fehler aus der Tankschlacht unterblieb
demgemäß letztendlich, und die OHL ließ die Angelegenheit fast gänzlich
auf sich beruhen.
Das galt bezeichnenderweise nicht für Fehler die im Zusammenhang mit der
Angriffsschlacht bei Cambrai ausgemacht wurden. So kam es am [Link]
1918 zur Absetzung des Kommandeurs der Gruppe Arras, der, wie er in
seinen Erinnerungen zum Ausdruck brachte, wenigstens für das AOK 2
einen ungeliebten Untergebenen dargestellt haben muß 1829 und dem man
wegen der geringen Durchschlagskraft seiner Gruppe im Gegenangriff ab
dem [Link], ganz in der bekannten und wenig stichhaltigen Art und
Weise persönliches Versagen ankreiden konnte 1830 .
Diese Entwicklung und dieses Verhalten der OHL ist, mit ihrer Ausrichtung
auf die deutsche Frühjahrsoffensive und den mit ihr verbundenen, vom
Charakter der Kämpfe an der Westfront seit Ende 1914 abweichenden
Kampfformen sowie darauf bezogenen, unter Gesichtspunkten neuerer
Erfahrungen wieder aktuellen Anforderungen des Bewegungskrieges,
verständlich. Es wird allerdings dadurch konterkariert, daß noch Ende
November 1917 Berichte auftauchten, die der Führung genausowenig

1829
Moser notierte etwa für den 18.11.1917: „Der Armeeführer, General v. d. Marwitz,
besucht mit dem Armeechef, Major Stappf, zum dritten Male die Gruppe. Dieser dritte
Besuch gibt mir die vollends endgültige, aber freilich sehr unerfreuliche Klarheit darüber,
in welch schlimmes dienstliches Verhältnis und Verhängnis ich geraten bin.“ Zitiert nach
Moser: Feldzugsaufzeichnungen, S. 333f.
1830
Die Gruppe wurde am 11.12. durch einen scharf rügenden Bericht mit der Unterschrift
Hindenburgs direkt angesprochen. Behauptet wurde, daß verschiedene Grundsätze für die
Durchführung eines Angriffs bei der Gr Arras nicht klar zum Ausdruck gekommen seien
und daher nicht der Erfolg errungen wurde, der gewünscht war. Wie wenig
Erfolgsaussichten man der Gr bei ihrem Angriff schon zuvor attestiert hatte, war ohne
Bedeutung, genauso, daß der Befehl zu einem zeitlich hinter die beiden anderen Gruppen
gelagerten Angriff aufgezwungen worden war; siehe BA-MA, RH 61/51714: Solger:
Akten- und Tagebuchauszüge (Heft/Akt 241): Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia Nr. 5680 geh.
op. vom 11.12.1917 bzw. und bspw. BA-MA, RH 61/51768: Manuskript Renner von 1938:
Der deutsche Gegenangriff bei Cambrai 1917, S. 37a.
452

schmeichelten, wie sie die zuvor formulierten und den ganzen Sachverhalt
quasi „abschließenden“ Erkenntnisse aus der Tankabwehr bei Cambrai
unangetastet ließen. Vom RIR 19 der [Link], die zu dieser Zeit noch immer
der Gruppe Caudry angehörte, wurde am 27. ein Bericht an das
Gruppenkommando weitergeleitet, der mit Kritik nicht sparte 1831 . Das
Regiment führte aus, daß Tanks, von denen man am [Link] 40 vor
dem Abschnitt gehabt hatte, durch ausreichende Artillerie zwar generell
abzuwehren gewesen wären, „dieser Fall aber nicht vorlag“ und man daher
keinerlei Aussicht auf Erfolg gehabt habe 1832 . Wegen der Wirkung der
SmK-Munition gab es beim Regiment zudem erhebliche Zweifel 1833 . Und
schließlich wurde als einzig zielführendes Mittel gegen das Bewußtsein
innerhalb einer „sonst wohlbewährten Truppe“, den Tanks völlig hilflos
ausgeliefert zu sein, gefordert, die Infanterie unbedingt mit einer Waffe
auszurüsten, „mit der sie jederzeit den Kampf gegen die Tanks auch dann
aufnehmen kann, wenn sie vollständig auf sich selbst angewiesen ist“ 1834 .
Diese Forderung deckte sich interessanterweise mit einer früheren der
Heeresgruppe Rupprecht, welche die OHL während der Flandernschlacht
vergeblich aufgefordert hatte, der Infanterie eine eigene Tankabwehrwaffe
zu verschaffen 1835 . Ob das RIR 19 mit seinen Ansichten überhaupt über die
Ebene des vorgesetzten Generalkommandos hinauskam, ist fraglich. In die
Akte der Gruppe Caudry zur Tankschlacht 1836 , die mit ihrem Charakter als

1831
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 307: RIR 19 Nr. 5855 vom 27.11.1917.
1832
Siehe ebenda, Ziff. 8.) a.).
1833
Siehe ebenda, Ziff. 8.) e). Die Zweifel wurden von der [Link] gestützt, nachdem man
Beschußtests auf liegengebliebene britische Tanks am Lateau-Wald durchgeführt hatte.
Lediglich an den Seiten und bei stehenden Ziel seien Durchschläge zu erreichen; siehe KA,
Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 211, Bl. 0017: [Link] Ia No. 4167 vom 8.12.1917.
1834
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 307: RIR 19 Nr. 5855 vom 27.11.1917, Ziff. 11.).
1835
Siehe Abschn. 8.2. bzw. HStAS, M 33/2, Bü. 573: HGr Rupprecht Art. Nr. 27557 vom
16.9.1917.
1836
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 373a: Gr Caudry zur Tankschlacht bei Cambrai vom
30.12.1917. Die Akte umfaßt in erster Linie eine sehr ausführliche Darstellung der
Tankschlacht aus der Perspektive des Gruppenkommandos. Enthalten ist aber auch der
Bericht der [Link] vom 28.11.1917, der als „kritische“ Anlage beigefügt wurde, sowie
dutzende Seiten mit Abschriften eigener Befehle und vor allem der Weisungen der höheren
und höchsten Vorgesetzten. Diese Abschriften lassen sich einerseits als Quellenmaterial bei
453

Rechtfertigungs- und Entlastungsschrift sonst nicht auf eventuelle


Kritikpunkte an der übergeordneten Führung verzichtete, fanden sie
jedenfalls genausowenig Eingang wie sie in den vom Verfasser
eingesehenen Archivalien der Heeresgruppe nachweisbar sind. Selbst wenn
man annimmt, daß der Bericht des Regiments die höheren Stäbe erreichte,
mußten seine waffentechnischen Inhalte nach einer Besichtigung von
Tankwracks bei Bourlon durch den Maschinengewehr-Offizier des AOK 2
am [Link] haltlos erscheinen. Aufgrund der festgestellten
„Einbeulungen, Steckschüsse und Durchschläge“ befahl die Armee noch am
selben Tag, daß jedes Maschinengewehr 08 mit vier Gurten (1.200 Schuß)
und jedes leichte Maschinengewehr 08/15 mit einem Gurt (300 Schuß)
SmK-Munition auszustatten sei 1837 . Bei dieser Forderung des AOK 2
handelt es sich um den scheinbar ersten Fall einer genaueren Bestimmung
des Anteils an Stahlkernmunition für Maschinengewehre überhaupt. Ein
Umstand, der für den heutigen Betrachter, und so auch durch die –damals
wie heute- noch immer im Dunklen liegenden Zahlen für Sollbestände an
Panzerkopfgranaten für die Feldartillerie 1838 angezeigt, äußerst merkwürdig
erscheinen muß.
Vorhandene Zweifel an der Effizienz der SmK-Munition wurden in der
letzten Verlautbarung der OHL zu Tankabwehrfragen vor der

der Abfassung des Berichts des Generalkommandos identifizieren, andererseits legt es der
Gesamteindruck des Vorganges aber nahe, daß es sich um eine schriftlich fixierte
Rechtfertigung gegen etwaige Vorwürfe übergeordneter Stäbe handelte.
1837
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 126, Akt: 211, Bl. 0010: AOK 2 Ia/M.G.O.
Nr. 286/Dez/1810/17 vom 10.12.1917. Im Armeebereich hatte kurz zuvor bereits die Gr
Quentin angeordnet, daß als Richtwert für die Bestände an SmK-Munition 30% anzusehen
seien. Zahlenangaben wurden nicht gemacht und auch nicht zwischen den beiden Standard-
Maschinengewehrtypen unterschieden; siehe ebenda, Bl. 0018: Gr Quentin Ia Nr.
538/Dezbr geheim vom 7.12.1917.
1838
Die OHL ging in ihrem Bericht vom 24.11. zwar auf die [Link]. 15 m.P. unter der
Bezeichnung „Sondergeschoss mit Panzerkopf“ ein, gab allerdings auch diesmal keine
Richtzahlen für Batteriebestände an; siehe BA-MA, PH 3/294, Bl. 47: Chef d. Genst. d.
Feldheeres Ia/II. Nr. 71189 op. vom 24.11.1917, Ziff. 4.).
454

Frühjahrsoffensive vom [Link] 1917 beiseite geräumt 1839 . Nach Tests


der [Link] mit Beutefahrzeugen wurde die absolut vernichtende Wirkung
auf das Fahrzeugdach geworfener geballter Ladungen, drei
zusammengebundenen Handgranaten, die aus nächster Nähe zum Ziel von
„kühnen, geschickten Werfern“ zu plazieren waren 1840 , die hervorragende
Durchschlagskraft behelfsmäßig zum Flachbahnbeschuß umgebauter
leichter Minenwerfer 1841 sowie die Durchschlagleistung der durch britische
Gefangenenaussagen als „gefährliche und zu fürchtende Waffe“ bestätigten
SmK-Patronen festgestellt 1842 . Daß der vollends positive und über jedes
nachvollziehbare Maß einer zumindest nach heutigem Verständnis
laienhaften Versuchsreihe 1843 hinaus sogar mit Allgemeingültigkeit belegte
Gesamteindruck 1844 schon deshalb in die falsche Richtung deuten mußte,

1839
Siehe BA-MA, PH 3/57: Chef d. Genst. d. Feldheeres II No 73004 op. vom 21.12.1917.
Es handelt sich um die Abschrift des Berichtes der [Link] zur Tankbekämpfung in
Versuchen vom 12.12.1917.
1840
Siehe ebenda, Abschn. I.
1841
Siehe ebenda, Abschn. III. Der leichte Minenwerfer schuf mit dem [Link]ß ein ca.
50cm großes Loch in der Panzerung, daß für die potentiellen Insassen tödlich gewesen
wäre. Der Minenwerfer mußte zum direkten Schuß behelfsmäßig eingerichtet werden, da
keine der wenigen testweise bereits an die Westfront ausgelieferten Flachbahnlafetten für
die Versuche zur Verfügung stand.
1842
Siehe ebenda, Abschn. II. 30-50% einer nicht spezifizierten Anzahl von Schüssen mit
Gewehr 98 und Maschinengewehr 08/15 ergaben laut Bericht Durchschläge.
1843
Ohne nähere Spezifizierung des Ziels, etwa nach Beschußwinkeln oder Art des
Fahrzeuges, das auch das Feuer auf einen schwachgepanzerten Mark II Versorgungs-Tank
beinhaltet haben könnte, bleiben an sich schon Fragen über Fragen an die Aussagekraft der
Versuche. Noch ganz davon zu schweigen, daß die strukturelle Integrität ab- und
angeschossener oder ausgebrannter Fahrzeuge, die seit wenigstens einigen Tagen auch der
winterlichen Witterung ausgesetzt waren, kaum einer der Fragestellung angemessenem
Relevanz der Beschußtests gerecht werden konnte.
1844
„Die Infanterie besitzt in geballten Ladungen, S.m.K. Munition und besonders dem
leichten Minenwerfer [für den bislang nur wenige Flachbahnlafetten vorhanden waren]
äußerst wirkungsvolle Tankabwehr- und Bekämpfungsmittel. Eine mit diesen Waffen wohl
ausgerüstete Infanterie braucht einen Tankangriff größeren Stils nicht zu scheuen. Ferner
darf sie kräftiger Unterstützung durch die Artillerie mit Tankabwehrgeschützen und
Sperrfeuer gewiß sein. Jedes [hervorgeh.] Feldartillerie-Geschoß ist im Volltreffer gegen
einen Tank von vernichtender Wirkung.“ Zitiert nach BA-MA, PH 3/57: Chef d. Genst. d.
Feldheeres II No 73004 op. vom 21.12.1917.
455

weil es sich lediglich um Fallbeispiele für absoluten Nahkampf auf


geringste Distanzen, 10-50m bei der Stahlkernmunition und gerade einmal
10-20 Schritt (!) bei den Handgranaten, handelte 1845 , wurde wie bei vielem
vielfach zuvor offensichtlich als irrelevant erachtet. Schließlich wurde die
Verbreitung der Ergebnisse nicht mehr nur dem kleinen Rahmen zwischen
einem RIR 19, einer [Link] oder ihrer Gruppe Caudry überlassen, sondern
die OHL selbst veröffentlichte sie.
Dieselbe Irrelevanz galt grundsätzlich auch für den Bericht der [Link] vom
[Link] 1917 1846 , wenngleich er über die Heeresgruppe Herzog
Albrecht, wohin die Trümmer der Division zur Ausfrischung gesandt
worden waren, wenigstens relative Verbreitung fand 1847 . Der
Divisionskommandeur, Oskar Freiherr von Watter, hatte wohl allen Grund
dazu, dem Gruppenkommando, das ihm und seiner Division mit der
Nichterwähnung ihrer Leistungen sowie der „Unterstellungslüge“ bezüglich
der [Link] 1848 mehr als nur ein Unrecht angetan hatte, einen schweren
Schlag durch die Offenlegung der Verhältnisse am ersten Tag der Schlacht
zu versetzen. Es zirkulierten im Führungsbereich des AOK 2 auch bereits

1845
Siehe ebenda, Abschn. I bzw. II.
1846
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 373a, Bl. 90ff.: [Link] Ia Nr. 3013 op. geh. vom 28.11.1917:
Erfahrungen der [Link] während der Schlacht von Cambrai vom 20.-23.11.1917.
1847
Die [Link], die ebenfalls bei der HGr Herzog Albrecht Verwendung gefunden hatte,
nahm den Bericht der [Link] Mitte Dezember in ihre Akten auf. Der Divisionskommandeur,
Ritter v. Kneußl, erschloß offenbar ohne weitere Kenntnis über den tatsächlichen
Sachverhalt mit wenigen Worten zwei grundsätzliche Mängel der Verteidigung des
Divisionsabschnittes am 20.11.1917, indem er auf dem Dokument die Fragen nach
ausreichenden Tankabwehrgeschützen und ausreichender Munition für die Artillerie
handschriftlich vermerkte; siehe KA, [Link], Bd. 96. In den Unterlagen der Heeresgruppe
oder den Verlautbarungen anderer Stäbe zur Tankschlacht fanden sich keinerlei Bezüge
bzw. Kommentare zum Bericht der [Link] oder dieser selbst.
1848
Kabisch führte dazu aus: „Mündlich hat mir General v. Watter dazu ergänzt, daß er ja
eigentlich, wenn er die Sache so, wie sie gewesen wäre, in seinem Gefechtsbericht hätte
aufnehmen wollen, das Generalkommando hätte anschuldigen müssen, denn bei diesem
habe das, was der Kommandierende General ihm mündlich in Cambrai gesagt hatte [siehe
Abschn. 9.2.], in keiner Weise mit dem gedeckt, was nachher von der Gruppe befohlen und
dazu ihm nicht einmal mitgeteilt worden war.“ Zitiert nach Kabisch: Taktiker und Stratege,
in Watter, S. 90.
456

Dokumente, welche seiner Division eklatante ausbildungstechnische


Mängel, fehlende „innere Stärke“ und zu geringe Leistungsbereitschaft
unterstellten 1849 . Außerdem wies die Gesamtrichtung der Verlautbarungen
zur Tankschlacht bei Cambrai durch das AOK 2, die Heeresgruppe
Rupprecht und, vor allen anderen, der OHL grundsätzlich noch darauf hin,
daß die Verantwortung für etwas, das als Niederlage oder Folge von
Versagen angesehen wurde, in den unteren Rängen zu suchen sei und
persönliche Konsequenzen noch immer in Aussicht stehen konnten. Fakt
blieb zumal, daß zu jeder Überraschung auch Überraschte gehörten. Diesem
Punkt trat Watter in zweierlei Hinsicht energisch entgegen. Einmal in der
Weise, daß er die erfolgreichen Verschleierungsmaßnahmen des Feindes vor
der Offensive sowie das maßgeblich auf fehlendem Einschießen beruhende,
tatsächlich neuartige Angriffsverfahren darlegte und dann, daß er selbst –
man ergänze: er persönlich, nicht das Generalkommando- aufgrund der
vorhandenen Eindrücke und Informationen aus Gefangenenaussagen für
seine Division am Morgen des [Link] Gefechtsbereitschaft befohlen
hatte 1850 . Trotz zahlreicher und ärgster Mängel und Defizite, welche
allesamt zu Lasten der übergeordneten Führung gingen und zu schwache
und mit zu wenig Munition ausgestattete Artillerie 1851 , die schlecht

1849
Sieh KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 126, Akt: 211, Bl. 0014: [Link] Ia Nr. 2082/17
op. vom 28.11.1917. Die [Link] hatte mit Tanks bei Arras zu tun gehabt und bei Cambrai
insofern als sie zur Gruppe Arras gehörte und am Gegenangriff vom 30.11.1917 teilnahm.
Seit April 1917 hatte sie allerdings mit Tankabwehr nur indirekt zu bekommen. Als mit der
obligatorischen Einforderung von Erfahrungen in der Tankabwehr bei Cambrai an sie
herangetreten wurde, stand sie offenbar unter dem Zwang, etwas einreichen zu müssen,
obwohl sie grundsätzlich nichts sinnvolles oder zielführendes einzureichen hatte.
Nichtsdestotrotz wurde ein Bericht gefertigt, dessen Wert in jeder Hinsicht zweifelhaft
erscheint und etwa davon sprach, daß die Tanks zwar die bekannte Form gehabt hätten,
aber von verschiedener Größe gewesen seien.
1850
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 373a, Bl. 90.: [Link] Ia Nr. 3013 op. geh. vom 28.11.1917,
Ziff. 1.). Die Kritik an der Gr Caudry wurde an dieser Stelle auch ausgesprochen, denn
durch die Division angeforderte Artillerie kam nur in geringer Zahl und ohne Munition
(siehe auch ebenda, Bl. 95, Abschn.: Munition), und dringend gewünschte Gasmunition
„traf überhaupt nicht ein“.
1851
Siehe ebenda, Bl. 91f., Abschn.: Verwendung der eigenen Artillerie.
457

ausgebauten rückwärtigen Stellungen 1852 , das völlige Versagen bei der


Zufuhr von Infanterie-Munition und besonders SmK-Patronen 1853 , die
offenbar geringe Wirkung der Stahlkernmunition gegen die Tanks 1854 und
maßgeblich auch das „verspätete“ Eintreffen der [Link] 1855 umfaßten, hatte
die Division aus seiner Auffassung heraus glänzend gefochten. Die
Infanterie hatte sich mit aller Macht bis zum Äußersten gewehrt, war vor
den Kampfwagen ausgewichen und hatte ihre Überlegenheit über die
britische Infanterie in „glänzendem Lichte gezeigt“ 1856 . Allein vor dem
Gefechtsstand von Major Krebs hätten 15 zusammengeschossene Tanks
gelegen 1857 , und Grund dafür war in erster Linie, daß die Divisionsartillerie
„schon aus früheren Kämpfen und durch monatelange Ausbildung
besonders gut“ auf die Bekämpfung von Tanks vorbereitet worden sei 1858 .
Vorwürfe gegen den Divisionskommandeur oder seinen Verband mußten
aufgrund dieser Feststellungen, wie in den vorherigen Abschnitten auch
schon gezeigt wurde, durchaus zurecht, infamen Charakter haben. Der
schwerste Hieb aus der Parade Watters gegen die Diskreditierung seiner
Division und Person heraus lag in den Ausführungen zur Bedeutung der
[Link] und deren Einsatzes durch die Gruppe Caudry:
„Wäre die Infanterie der Eingreifdivision rechtzeitig und nicht erst nach Stunden
an den zugewiesenen Stelle gewesen, wäre es nach Ansicht aller Überlebenden

1852
Siehe ebenda, Bl. 93, Abschn.: Eigener Stellungsbau, Ziff. b).
1853
Siehe ebenda, Bl. 94, Abschn.: Munition. Nach Berechnungen der Division wären für
ihren Abschnitt von 9,2km Länge 10-12 Millionen (!) Schuß Infanteriemunition vonnöten
gewesen, was keineswegs der Fall war. Empfohlen wurden für jedes Maschinengewehr
6.000 Schuß, wovon die Hälfte SmK-Patronen sein sollten.
1854
Siehe ebenda, Bl. 92, Abschn.: Verwendung der eigenen Infanterie, und Bl. 95,
Abschn.: Munition. Zur Wirkung der SmK-Munition führte der Bericht aus: „Das Urteil, ob
die S.m.K.-Patronen die Tankwände an schwachen Stellen durchschlagen, ist noch nicht
feststehend. Von manchen Seiten wird es geleugnet; wo es zugestanden wird, muß es sich
vielleicht um ältere Tanks mit schwachen Wänden handeln.“
1855
Siehe ebenda, Bl. 92, Abschn.: Verwendung der eigenen Infanterie.
1856
Siehe ebenda, Bl. 91, Abschn.: Tanks, bzw. Bl. 92, Abschn.: Verwendung der eigenen
Infanterie.
1857
Siehe ebenda, Bl. 91, Abschn.: Tanks.
1858
Siehe ebenda, Bl. 91f., Abschn.: Verwendung der eigenen Artillerie.
458

möglich gewesen [ 1859 ], den eingedrungenen Feind zurückzuwerfen und die


abgeschnittenen Truppen herauszuhauen. Es kann nicht genug betont werden daß
Eingreif-Divisionen nur Zweck haben, wenn sie mit ihrer Infanterie und Artillerie
dicht hinter den eigenen Truppen stehen. In diesem Falle war eine eigentliche
Eingreif-Division nicht vorhanden; die 107.I.D. wurde dies erst im Verlauf des
20.11. und war nur herangezogen um die [Link]. als Stellungs-Division
abzulösen.“ 1860

Explizit klagte Watter die Gruppe Caudry nicht wegen des


„Mißverständnisses“ über die Unterstellung der [Link] an, doch handelte
sich auch so um Vorwürfe schwerster Art, deren Kern, mit dem falschen
Einsatz einer Eingreifdivision, schon bei Arras zu härtestem Durchgreifen
geführt hatte und wenigstens für den heutigen Beobachter auch jetzt doch
wieder heftigste Reaktionen der OHL erwarten ließ. Wie oben bereits
angemerkt, blieben diese aus und niemand wurde gezwungen, seinen Posten
wegen der katastrophalen Ausgangslage, den eklatanten
Kommunikationsproblemen auf allen Ebenen, verwegenen
Lageeinschätzungen oder unangemessenen Entscheidungen aller Art zu
räumen.
Die Schulddebatte wegen des ersten Schlachttages fand ein bis zum
Kriegsende vorläufiges und zutiefst eigenartiges Ende mit der Verleihung
des Ordens Pour le Mérite an Stappf, Krebs und Oskar Freiherr von Watter
am [Link]. Man kann die beiden Orden für die [Link] als allerhöchste
Anerkennung auffassen, die im Fall Krebs mit dem Charakter als
Auszeichnung für persönliche Tapferkeit für die Fragen der vorliegenden
Arbeit vollends unverfänglich ist. Die Verleihungsbegründung für Watter,
der für den Orden vom Kommandeur der Gruppe Caudry erstaunlicherweise
selbst vorgeschlagen wurde, beinhaltete dagegen ausdrücklich die

1859
Ein hochrangiger Überlebender, der Kommandeur des RIR 90, der sich allerdings nicht
in den Diskurs der Erfahrungen einschalten konnte, weil er in britische Gefangenschaft
geraten war, sah dies mit gutem Grund anders. Er war zu der Erkenntnis gekommen, daß
die Lage auch durch „in Aussicht gestellte“ drei Eingreifbataillone nicht zu ändern gewesen
wäre, wenn diese keine Artillerieunterstützung gehabt hätten; siehe BA-MA, MSg 101/242:
Bericht Major Hermsdorffs (RIR 90) zum Verlauf des Kampfes bei Cambrai am
20.11.1917, Abschn. A.
1860
Zitiert nach HStAS, M 33/2, Bü. 373a, Bl. 92.: [Link] Ia Nr. 3013 op. geh. vom
28.11.1917, Abschn.: Verwendung der eigenen Infanterie.
459

Würdigung seiner Leistungen als Divisionskommandeur und den Umstand,


daß er mit seiner Division den Ausschlag zum Scheitern des britischen
Angriffs gegeben hatte 1861 . Konterkariert wird dadurch nicht nur die oben
angeführte und in den Archivalien nachweisbare, taktisch-konzeptionelle
Irrelevanz der Inhalte seines Berichts vom [Link] 1917 in der
Diskussion um die Tankabwehr bei Cambrai und der ihr unterstellten
Unzulänglichkeiten, sondern auch Ludendorffs spätere Aussagen in seinen
Kriegserinnerungen, nach denen es die [Link] war, die den Tag und die
deutschen Linien rettete, nachdem die Stellungstruppen und damit primär
die [Link] überrannt worden waren beziehungsweise sich hatten überrennen
lassen 1862 . Und diese Aussage machte nicht nur in der Zwischenkriegszeit
Eindruck und führte zu Rehabilitationsbestrebungen, die dann im Krüger-
Denkmal ihren Kulminationspunkt fanden 1863 , sondern scheint schon -und
trotz der Orden Pour le Mérite für Watter und Krebs- um die Jahreswende
1917/18 so verbreitet gewesen zu sein, daß sich ein anonymer Schreiber aus
dem Bereich der [Link], die mit dem RIR 19 ebenfalls von den
generalisierenden Anschuldigungen betroffen war, dazu berufen fühlte, der
Gruppe Caudry einen für die [Link] sehr positiven, für das
Generalkommando aber scheinbar wenig schmeichelhaften Bericht über die
Vorgänge am [Link] zukommen zu lassen. Hierauf reagierte der
Gruppenkommandeur, Theodor Freiherr von Watter, persönlich und mit
großer Schärfe 1864 . Er untersagte die Weitergabe des Schriftstückes, das
offenbar die [Link] als Bollwerk und Entscheidungsfaktor bei der Abwehr
der Briten dargestellt hat, und witterte wohl -vor dem Hintergrund einer

1861
Siehe Kabisch: Taktiker und Stratege, in Watter, S. 91, und Hamelman, William G.:
The History of the Prussian Pour le Mérite Order, Bd. III: 1888-1918, Dallas 1986, S. 535,
Nr. 404: “Awarded the Pour le Mérite Order for outstanding leadership and distinguished
military planning and successful operations during the British tank attack at Cambrai on
November 20, 1917. After four days of fighting, the 54th Infantry Division brought the
British offensive to a halt in its sector and prevented a breakthrough in the German lines.”
1862
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 396.
1863
Siehe Abschn. 9.1.
1864
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 613: Gr Caudry Abt. I.c Nr. 2019 vom 21.1.1918. Der
eingesandte Bericht selbst ist im Büschel nicht enthalten, sondern lediglich die Antwort des
Gruppenkommandeurs, der mit Unterschrift zeichnete.
460

noch immer möglichen Abstrafung durch die OHL- so etwas wie Verrat aus
den eigenen Reihen, als er auf den für ihn bemerkenswerten Umstand
hinwies, daß der Verfasser seine an sich genaue aber nach Meinung des
Kommandierenden Generals natürlich völlig falsche Darstellung mit
internen Papieren und Quellen belegt hatte, die nicht jedermann zugänglich
sein konnten. Der Bericht der [Link] verschwand in einer Schublade oder
sonstwo, jedenfalls spielte er keine Rolle mehr.
Daß aus den Erfahrungen der Tankschlacht bei Cambrai, deren
Aufarbeitung den bis hierhin aufgezeigten Einschränkungen durch
irreführende, zurückgehaltene oder zu positivistisch-einseitige
Verlautbarungen unterlag, überhaupt etwas herauskommen konnte, daß die
deutsche Tankabwehr konzeptionell voranbringen konnte, scheint an sich
schwer denkbar zu sein. Doch tatsächlich sind selbst diejenigen Weisungen
und Befehle, die im Kern nichts als die Rekapitulation längst schon
veröffentlichter Erfahrungen bedeuteten 1865 , durchaus positiv zu sehen.
Schließlich dürfte, außer bei den noch immer wenigen Kampfverbänden,
die, wie die [Link], zuvor schon mit Tanks direkt in Berührung gekommen
waren und in deren Reihen man aufgrund persönlicher Erfahrung und
Eindrücke wußte, wie gefährlich das neue Kriegsgerät gegebenenfalls sein
konnte 1866 , kaum ein anderes Bild von dem neuen Kriegsmittel der Gegner
vorhanden gewesen sein, als das, was sich vielleicht für einen neugierigen
Offizier eines Stabes aus dem Papierberg an Berichten verschiedenster
Stäbe -und über die generelle Aussage der geringen Wirkung von Tanks
hinaus- ergeben konnte. Diese Umstände, der Papierberg, der durch die bei
nicht wenigen Divisionen oft wechselnden Unterstellungsverhältnisse

1865
Dazu gehörten -u.v.a. auf Guppen- oder Divisionsebene- Weisungen des AOK 1 zum
Gebrauch geballter Ladungen, des AOK 2 zu allgemeinen Abwehrmaßnahmen gegen
Tanks und Ausführungen der HGr Rupprecht zum Thema; siehe KA, HS 3402: AOK 1 Ia
Pi. Nr. 47900/498/18 vom 11.1.1918, KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 126, Akt: 211, Bl.
0012: AOK 2 Ias Nr. 226/Dez vom 10.12.1917 bzw. HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 182f.:
HGr Rupprecht Ic/Art. No 35761 vom 16.12.1917.
1866
Diese Annahme wird noch dadurch übertroffen, daß Hptm. Fürsen (ehem. IR 84) an
seinen früheren Divisionskommandeur im Zusammenhang mit den 1917 praktizierten
Tankabwehrübungen schrieb: „Euer Exzellenz haben uns dadurch den ‚Tank-Schrecken’
genommen.“ Siehe HStAS, M 660/047, Heft 11: Brief Fürsens an Watter vom 19.2.1924.
461

zwangsläufig zustandekommen mußte, weil die Vorgesetzten gerne und viel


schrieben oder dazu auch aufgefordert waren, sowie ein geringer
Realitätsgehalt des Schriftgutes zu einem Sachverhalt, den man selbst nicht
einmal im Ansatz anhand eigener Erfahrungen einschätzen konnte, war
tatsächlich ein genereller Mißstand 1867 , der auch bei Cambrai deutlich
zutage trat. General von der Marwitz ließ in diesem Zusammenhang
ziemlich verärgert verlautbaren, daß ihm persönlich am [Link] 1917
Vertreter einer –von ihm bedauerlicherweise nicht näher spezifizierten- neu
bei Cambrai eingesetzten Division begegnet seien, die nicht einmal
theoretisch über Tankbekämpfungsmöglichkeiten orientiert gewesen
1868
waren .
Die Wiederholung altbekannter Grundsätze konnte dementsprechend dazu
dienen, sie wieder in Erinnerung zu rufen und auf ihre stärkere
Berücksichtigung zu drängen 1869 . Die Notwendigkeit dazu wurde von
einigen Stäben noch im Dezember 1917 zum Anlaß genommen, nach

1867
Ohne Bezug zum Tank, sondern als eher generelle Beobachtung dieses Umstandes,
führte die [Link] zu ihren Erfahrungen in Flandern aus: „Sichtung und Beschränkung der
‚grundlegenden Befehle’ ist erwünscht. Sie haben einen Umfang angenommen, dass es
Neulingen in der Abwehrschlacht unmöglich ist, sich waehrend eines voruebergehenden
Einsatzes an der Front ihren Inhalt wirklich zu eigen zu machen.“ Zitiert nach KA, [Link],
Bd. 96: [Link] Abt. Ia Nr. 3150 op.: Erfahrungen der [Link].-Division bei ihrem Einsatz am
Houthulster-Wald vom 12.10.-13.11.17; Ziff. 2.). Die gleiche Aussage, allerdings so scharf
formuliert, daß der Verfasser anonym bleiben wollte, kam der OHL auch in einem
Schreiben zu Ohren, das in jeder Weise und zu zahlreichen Belangen ein „offenes Wort“
pflegte; siehe BA-MA, RH 61/50637: Privatakten Geyer, Bl. 103.
1868
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 28, Bl. 124: AOK 2 Ia Nr. 626/Dez. Geheim! vom
24.12.1917. Petter führte in diesem Zusammenhang aus, daß für die von der Ostfront
herankommenden Verbände, die über nur sehr geringes Wissen um die Tankabwehr verfügt
haben dürften, keine besonderen Einweisungen befohlen oder Anweisungen herausgegeben
worden sind; siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S.
120.
1869
Das AOK 2, dessen Oberbefehlshaber die geschilderten Erlebnisse bei Cambrai hatte,
erließ im Februar besondere Weisungen für die Ausbildung in der Tankbekämpfung, deren
Grundlage die Erkenntnis war, daß wenigstens die moralische Wirkung der Tanks auf
Truppen, die nicht einmal über theoretische Abwehrmöglichkeiten orientiert seien,
zweifellos sei; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 300: AOK 2 Ias Nr. 294/Febr. Geheim! vom
17.2.1918.
462

Lehrmaterial und aktuellen Informationen zu den Grundlagen der


Tankabwehr zu fragen 1870 , oder für den eigenen Führungsbereich
Merkblätter herauszugeben 1871 . Das Informationsblatt des AOK 2 1872 , das in
7.000 Exemplaren und von der Heeresgruppe Rupprecht autorisiert
ausgegeben werden sollte 1873 , basierte vornehmlich auf der Arbeit des Chefs
der Feldkraftfahrtruppen bei der [Link], Borchert 1874 , und zeigte anhand
klarer und leicht verständlicher Skizzen des britischen männlichen und
weiblichen Tanks die besten Wirkungsbereiche für SmK-Munition,
Handgranaten und leichte Minenwerfer. Die simple und informative
Machart des Blattes, das auch ohne umfangreiche Ausführungen seinen
Zweck erfüllen konnte, gefiel augenscheinlich auch der OHL, die drei

1870
Eine Bitte zur Anfertigung eines Merkblattes für die Truppe kam beim AOK 2 von der
Gr Oise; siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 126, Akt: 211, Bl. 0020: Gr Oise Ia Nr.
2747 geh. vom 8.12.1917.
1871
Das AOK 6 veröffentlichte bereits am 10.12. für den Armeebereich ein „Merkblatt für
die Tankbekämpfung“, worin einmal ausgesagt wurde, wie wichtig es sei, daß jeder Mann
wisse, „daß er nicht wehrlos ist“ (Ziff. B.I.6.) und dann die derzeit gültigen und gängigen
Abwehrmöglichkeiten zwischen Ausweichen der Infanterie (Ziff. B.I.4.) und dem
Anfordern von Schlachtfliegern (Ziff. B. III.1.) aufgezählt wurden; siehe ebenda, Bl. 0022:
AOK 6 Ia/Ib No 73871 vom 10.12.1917.
1872
Siehe ebenda, Bl. 0029: Kdr. d. Kraftfahrtruppen AOK 2 vom 23.12.1917: Merkblatt
zur Tankbekämpfung.
1873
Siehe ebenda. Rückseitig findet sich der Eingangsvermerk der HGr Rupprecht als Ic Nr.
36532 op. und der Befehl zur Anfertigung von 7.000 Exemplaren.
1874
Borchert veröffentlichte 1931 das aufschlußreiche Buch „Der Kampf gegen Tanks.
Dargestellt an den Ereignissen der Doppelschlacht von Cambrai“. Dort, S. 65, ist auch das
Merkblatt abgebildet. Wie man seinem Buch entnehmen kann, war er am zweiten Tag der
Schlacht zur „technischen Erkundung“ auf das Gefechtsfeld gesandt worden, wo er bei
Fontaine verwundet wurde. Seinem Kommando gelang es aber zügig, einen ersten Tank
fahrbereit zu machen und für Beschußtests hinter die deutschen Linien zu bringen. Eine
weiterer, der zahlreichen von Borcherts Leuten vom Schlachtfeld geborgenen Tanks, wurde
am 19.12.1917 der OHL vorgeführt und –so spekulierte Petter- dürfte seine Wirkung nicht
verfehlt haben. Dies führte zumindest auf dem Sektor des Tankbaus zu verstärkten
Maßnahmen, die auf deutsche Tankeinsätze im Rahmen der kommenden Offensive
gerichtet waren und der Tankproduktion jetzt in die Dringlichkeitsstufe I der Kriegsrüstung
verhalfen; siehe dazu BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr,
S. 141ff.
463

Monate später eine ähnliche, allerdings mit Photographien arbeitende


Informationsschrift für das gesamte Feldheer herausgab 1875 .
Neue Ideen zur Tankbekämpfung aufgrund der Erfahrungen bis Ende 1917
tauchten etwa in Form eines durch die Heeresgruppe Rupprecht
weitergeleiteten und leidlich obskuren Vorschlages des AOK 1 vom
[Link] 1917 auf, das als Warnsystem gegenüber überraschenden
Tanks Seismographen nutzen wollte, die den Stellungsbesatzungen die
Annäherung durch Tanks anhand der hervorgerufenen Bodenerschütterung
anzeigen können sollten. Diese Idee, die vom Chef des Feldkraftfahrwesens
tatsächlich auch einer Prüfung unterzogen und schließlich wegen fehlender
Nutzungsmöglichkeiten verworfen wurde 1876 , kam bis auf die allerhöchste
Führungsebene und wurde dort beachtet.
Dasselbe galt für die Anfertigung behelfsmäßiger „Panzerjäger“-Fahrzeuge,
wenn man den viel später gebrauchten Begriff wegen seiner zutreffenden
Nutzungsbeschreibung für diese Wagen anführen darf. Nachdem die K-Flak
ihren großen Wert unter Beweis gestellt hatten, wurde von der OHL am
[Link] 1917 angeordnet, daß Feldkanonen 96 auf Lastkraftwagen zu
montieren seien 1877 . Schon am Tag darauf gab die Heeresgruppe Rupprecht
ihren Armeen eine Anleitung zum Bau solcher Improvisationen an die
Hand 1878 , und auch die Heeresgruppe Kronprinz scheint sich augenblicklich
mit der praktischen Umsetzung des Befehls auseinandergesetzt zu
haben 1879 . Das AOK 2 und das AOK 7, also diejenigen Armeestäbe bei den

1875
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 126, Akt: 211, Bl. 0037: Chef d. Genst. d.
Feldheeres Ic. Nr. 77655 geh. op. vom 8.3.1917.
1876
Siehe dazu BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S.
143. Verworfen wurde die Idee, weil man feststellte, daß die durch Radfahrzeuge
hervorgerufenen Erschütterungen größer waren als die der Tanks. Wie sich Seismographen
auf einem Schlachtfeld, das noch immer von Artilleriefeuer geprägt war, praktisch hätte
bewähren können sollen, muß an sich wohl schleierhaft bleiben.
1877
Siehe ebenda, S. 145. Der entsprechende Befehl konnte in den Archivalien der
Heeresgruppe Rupprecht nicht aufgefunden werden, was es fraglich erscheinen lassen muß,
auf welche und wessen Anregung hin die OHL diese Weisung erteilte. Wichtig ist
jedenfalls, daß sie auch dieser Idee gegenüber aufgeschlossen war.
1878
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 126, Akt: 211, Bl. 0026: HGr Rupprecht Art.
Nr. 35407 vom 12.12.1917.
1879
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 145.
464

beiden Heeresgruppen, die zuletzt mit feindlichen Tanks in Berührung


gekommen waren, ließen praktische Versuche mit den Behelfsfahrzeugen
durchführen und kamen zu dem Ergebnis, daß sie nur in sehr begrenztem
Maße ihren Aufgaben beziehungsweise ihren an den K-Flak orientierten
Erwartungen gerecht werden konnten, weil ein zu geringer Feuerbereich,
schlechte Geländegängigkeit und die wenig stabile Gesamtkonstruktion
eklatante Mängel darstellten 1880 . Die OHL kam daraufhin im Februar 1918
zu dem Schluß, die Idee selbst sowie auch den Vorschlag des AOK 7 zur
alternativen Bereitstellung von Kraftwagen zum Anhängen von
Feldgeschützen nicht weiter zu verfolgen und die Option zum „Herrichten
einiger Geschütze auf Lkw“ zur Sache der Heeresgruppen und Armeen zu
machen 1881 . Keine tiefergehende Beachtung fand gegenüber diesen
Vorschlägen das, was die Heeresgruppe Kronprinz am [Link] 1917
anführte. Sie sprach von der Notwendigkeit, die feindlichen Stellungen samt
ihres Hintergeländes auf mögliche Versammlungsräume von Tanks hin
ausgiebig zu erkunden, für jeden eigenen Divisionsabschnitt lückenlose
Abwehr-Pläne zu erstellen, die sämtliche Mittel der aktiven und passiven
Tankabwehr berücksichtigen müßten, und hierdurch einen tief bis ins
Hinterland reichenden „Kampfwagen-Abwehr-Raum“ zu schaffen 1882 .
Besonders der letzte Punkt, der die Einbeziehung mehr oder weniger
bodenständiger Formationen außerhalb der eigentlichen Kampftruppen-
oder Divisionsverbände implizieren mußte, sollte später, 1918, noch von
Bedeutung sein 1883 .

1880
Beim AOK 2 war mit den Tests zumindest das Jäger-Sturm-Bataillon 3 beauftragt
worden, und über das AOK 7 hinaus führte Petter Versuche bei der Heeres-Artillerie-
Schießschule Mouzon mit ebenfalls negativen Testergebnissen an; siehe dazu BA-MA, PH
10 III/22 und ebenda, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 148.
1881
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 147f.
Wie man auf S. 142 erfährt, war kurzzeitig auch im Gespräch, die in diversen Typen
vorhandenen „Raupenwagen“ als Träger für Kanonen zu nutzen, was von der OHL unter
Hinweis auf den Rüstungsbedarf für den Tankbau und sogenannte „Raupen-Lkw“ (für
Transportzwecke und als Artillerie-Zugmaschinen) abgelehnt wurde.
1882
Siehe ebenda, S. 124.
1883
Zum sogenannten „Tankfort“ siehe Abschn. 12.5.2.
465

Eine Reaktion der OHL auf diese Vorschläge, die hinsichtlich der
eigentlichen Bekämpfungsmittel auch etwa die Frage nach dem Gebrauch
von Flammenwerfern einschloß 1884 , ließ sich nicht auffinden und belegt
vordergründig einmal mehr eine nur dürftige Beschäftigung des wichtigsten
Führungsstabes mit ungelösten und neuen Tankabwehrfragen, deren
Relevanz sich andererseits auch in Beutedokumenten für jedermann, auch
Ludendorff, klar darstellte und entsprechende Würdigung erfuhr. Die OHL
veröffentlichte am [Link] ein italienisches Schriftstück zu
Entwicklung, Ausrüstung und Einsätzen der französischen und britischen
Tanktruppen mit dem Kommentar 1885 :
„Mit Sicherheit ist anzunehmen, dass im kommenden Frühjahr Engländer und
Franzosen versuchen werden, sich durch überraschenden und gleichzeitigen
Masseneinsatz von Tanks und von niedrig fliegenden Schlachtfliegern die Basis für
einen grossen Schlachterfolg zu schaffen.“ 1886

Daß, wie Petter es sah 1887 , die OHL daraus nicht die entsprechenden
Folgerungen zog, lag darin begründet, daß es genau dieses kommende
Frühjahr sein sollte, das mit einem alles entscheidenden deutschen
Unternehmen die Gesamtheit dieser Bedrohungen würde eliminieren
können und die angesprochenen Fragen und notwendigen Rückschlüsse zu
Themen der Nachkriegszeit machen mußte. Die strategische Lage definierte
Prioritäten der Taktik, wobei die Tankabwehr nach dem Überstehen der
Abwehrschlachten von 1917 sekundärer Aspekt wurde, während die
Verstärkung der Angriffskraft des deutschen Heeres aber in den
Vordergrund trat. Insofern kann, wie es im deutschen amtlichen Werk zu
lesen ist, auch kaum davon gesprochen werden, daß der Eindruck der
Tankschlacht durch den letztendlichen Sieg bei Cambrai „völlig verwischt“

1884
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 125.
1885
Siehe KA, HS 3402: Chef d. Genst. d. Feldheeres Abteilung Fremde Heere Nr. 4522
vom 26.12.1917: Übersetzung einer italienischen Denkschrift. Berichte des Hauptmanns
Cavaliere Alfredo Bennicelli über den Gebrauch der Panzerkraftwagen „chars-d’assaut und
Tanks“ im englischen und französischen Heere, August 1917.
1886
Zitiert nach BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S.
137f.
1887
Siehe ebenda, S. 138.
466

worden sei 1888 . Die Erfahrungen aus den Kämpfen, die im Zugeständnis
effizienteren Gebrauchs von Tanks durch die Briten 1889 und die zumindest
in einen gewissen, noch nicht gegen den Feind getesteten Offensivwert der
Kampfwagen kulminierten, dazu gewiß auch die persönlichen Eindrücke bei
hohen und höchsten Persönlichkeiten der militärischen Führung aus den
erstmaligen Vorführungen von Beutefahrzeugen beinhalteten 1890 , mußten
unterstreichen, daß der Tank im Angriff tatsächlich einen Gefechtswert
hatte. Daher nahm man die Fertigung eigener Kampfwagen Anfang
Dezember 1917 in die allerhöchste Dringlichkeitsklasse der Kriegsrüstung
auf 1891 .
Da man die Offensive mit ihrem bekannten Ausgang am 21.März 1918 nur
mit einer Handvoll A7V und Beutetanks von Cambrai beginnen konnte und
tatsächlich ein Jahr vergangen war, in dem man den Bau eigener
Kampfwagen nur halbherzig betrieben hatte, bot sich späterhin eine große
Angriffsfläche für Kritik an der OHL 1892 . Bei dieser Kritik sollte allerdings
nicht unberücksichtigt sein, daß neben den Belegen für die unwiderlegbaren
Schwächen von Tanks, wie sie auf dem Gefechtsfeld und in Versuchsreihen
erkennbar waren, belegbar ist, daß man beim Gegner auch um die
Jahreswende 1917/18 noch auf deutsche Kampfwagenangriffe vorbereitet
war 1893 und die Alliierten außerdem über eine immens starke Artillerie, den
Hauptträger der damaligen Tankbekämpfung, verfügten. Über höhere

1888
Siehe RA, Bd. 13, S. 145.
1889
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 28, Bl. 135: Chef d. Genst. d. Feldheeres Abt. Fremde Heere
Nr. 6730a. Geheim. Dezember 1917: Die militärische Lage der Entente im Winter 1917/18,
Ziff. II.) 2.).
1890
Der Kommandeur der Chef der Kraftfahrtruppen AOK 2 führte der OHL am
19.12.1917 einen Tank vor, und anläßlich einer „Tankparade“, bei der Beutestücke der
Schlacht hinter der Front ausgestellt worden waren, besichtigten Kronprinz Rupprecht und
der Kaiser ein Fahrzeug; siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur
Kampfwagen-Abwehr, S. 141, und Feldpressestelle im Hauptquartier Mézières-Charleville
(Hg.): Die Tankschlacht und die Angriffsschlacht bei Cambrai, o.O. 1918, S. 82ff.
1891
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 141.
1892
Siehe ebenda.
1893
Siehe Abschn. 4.1. und BA-MA, PH 3/561, Bl. 210f.: NO AOK 18 B. Nr. 1791 vom
20.4.1918: Französische Befehle des [Link] von Dezember 1917 u. Januar 1918 für
Tankbekämpfung bei vermutetem deutschem Tankangriff in Gegend [Link].
467

Siegeschancen für eine auf zahlreiche Tanks gestützte Frühjahrsoffensive


von 1918, fern der Wahrscheinlichkeit, daß diese zweifellos einen
taktischen Gewinn in der Frühphase der Operation impliziert hätten, kann
man daher auch nur spekulieren 1894 . Ein wirklich beachtliches Versagen der
OHL und der politischen Führung des Deutschen Reiches läßt sich dagegen
konstatieren, wenn man bedenkt, daß nicht bedacht wurde, daß der Krieg
vielleicht bis zum Eintreffen der Amerikaner nicht beendet sein würde.

10. „Geschwätz, Geschwätz und nochmals Geschwätz“. Tanks und


Tankabwehr von der deutschen Frühjahrsoffensive bis zur
Abwehrschlacht zwischen Soissons und Reims, März-Juli 1918.

Im Zeitraum zwischen dem ersten Angriff am 21.März 1918 und dem


[Link] 1918, einem Tag, der als militärischer Wendepunkt des Krieges
gelten kann 1895 , wurden von deutscher Seite sieben große
Offensivoperationen an verschiedenen Punkten der Westfront
unternommen.

1894
Siehe etwa Kuhl Hermann v.: Entstehung, Durchführung und Zusammenbruch der
Offensive von 1918 (Bd. 3/1 der [Link] des Untersuchungsausschusses des Reichstages:
Die Ursachen des deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1918), Berlin 1927, S. 81: „Im
ganzen kann man wohl sagen, daß das neue Kriegsmittel dem Gegner im Jahre 1918 einen
wichtigen Vorsprung verschafft hat, und daß es für uns sowohl beim Angriff wie bei der
Verteidigung von großem Wert gewesen wäre. Bei unserer großen Offensive hätte es
wesentlich zur Überraschung, auf die es in erster Linie ankam, dienen können. Wir wissen
jetzt aus den Veröffentlichungen unserer Gegner, wie nahe wir Ende März dem Durchbruch
waren, bevor die französischen Truppen zur Unterstützung der völlig geschlagenen
Engländer herankamen. [... .] Es ist wohl nicht zu viel behauptet, daß dieser letzte noch
fehlende Druck erreicht worden wäre, wenn 600 Tanks unsere Infanterie schneller Bahn
freigemacht hätten.“ Die Schlußfolgerung Kuhls ließ vollends unbeachtet, wie viele
logistische Probleme bei der Heranführung, Versammlung und Instandhaltung von 600
Tanks vonnöten gewesen wären und an wie vielen praktischen Erfahrungen, welche Briten
und Franzosen in einem Jahr mit blutigen Verlusten bezahlt hatten, es deutscherseits schon
in Hinsicht auf Kooperation von Infanterie und Tanks fehlte.
1895
Siehe Travers: How The War Was Won, S. 107.
468

Abb. 10: Karte zur „Großen Schlacht in Frankreich“, den ersten Teil der deutschen
Offensiven des Jahres 1918 1896 .

Bis zum [Link] durchstießen die 17., 2. und [Link] die britischen Linien
östlich des alten Sommeschlachtfelds und kamen im Rahmen der „Großen
Schlacht in Frankreich“ bis vor Amiens. Noch am [Link] griff die [Link]
französische und britische Truppen westlich Reims an und warf diese in drei
Tagen bis auf den Oise-Aisne-Kanal zurück. Am [Link] begann die
[Link] mit einem Angriff nördlich von Arras, und einen Tag später ging
in Flandern die [Link] vor, um am [Link] den Kemmelberg zu nehmen,
der von deutschen Militärschriftstellern der Zwischenkriegszeit zu einem

1896
Abb. nach Volkmann: Der große Krieg, S. 260.
469

Symbol für die letzte, vergebliche Hoffnung auf ein siegreiches Kriegsende
auserkoren wurde 1897 . Nach einigen durch Umgliederung, Auffrischung und
Versammlung der Verbände erzwungenen Wochen erstürmte die [Link]
am [Link] den Chemin des Dames. Sie initiierte damit die bis Mitte Juni
andauernde „Schlacht zwischen Soissons und Reims“, die vom [Link] an
durch einen Angriff der [Link] auf Noyon begleitet wurde. Die letzte
deutsche Offensive des Krieges eröffneten die 1., die 3. und die [Link] am
[Link] 1918 in der Champagne.
Während dieser Offensiven spielten Tanks in den betroffenen
Frontabschnitten durchweg eine untergeordnete Rolle. Bedingt wurde dies
maßgeblich durch die Erfahrungen, die Briten und Franzosen mit ihnen in
der ersten Zeit der deutschen Offensive bis Anfang April zu machen hatten.
Den Beispielen aus der Abwehr bei Cambrai ab dem [Link] 1917
folgend 1898 hatte man der Angriffswaffe Tank einen Platz in der Defensive
zugedacht und auf britischer Seite 1899 die Verbände des Tank Corps
weiträumig hinter den potentiell bedrohten Abschnitten der Westfront
disloziert, um sie, der Infanterie zugeteilt, für augenblickliche Gegenstöße
bereit zu haben 1900 . Ein Plan, über dessen Aussichten sicherlich zu streiten
wäre. Doch vor dem Hintergrund dessen, was ab dem 21.März auf die
britischen Truppen zukam, nämlich ein Massensturm auf 40km Frontbreite
und nicht allein, eben wie bei Cambrai, die vorgepreschten Teile einzelner
Divisionen 1901 , kann kaum zweifelhaft sein, daß einem konzentrierten
Gegenangriff des Tank Corps unter dessen Führung, wie er von Fullers

1897
Siehe bspw. Cron: Mein Kriegstagebuch, S. 175: „Wenige Stunden haben darüber
entschieden, den Deutschen die sichere Hoffnung auf den Durchbruch, auf den Endsieg, zu
rauben. Tragik deutschen Schicksals!“
1898
Siehe Abschn. 9.5.
1899
Die französichen [Link] und Schneider waren für einen Gegenangriff im Raum
Compiègne versammelt worden. Da ein dort erwarteter deutscher Massen-Tank-Angriff
nicht stattfand und von der ersten deutschen Offensive die weiter nördlich gelegenen
britischen Frontabschnitte an der Somme betroffen waren, blieben der artillerie d’assaut die
bitteren Erfahrungen des Tank Corps vom März 1918 erspart und ihre Einheiten intakt.
Siehe dazu Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 52.
1900
Siehe dazu William-Ellis: Tank Corps, S. 153f., und Taschenbuch der Tanks, Teil III,
S. 50ff.
1901
Siehe Abschn. 9.5.
470

Warte aus richtig erschien 1902 , kaum mehr als ein lokaler Erfolg beschieden
gewesen wäre. Tatsache ist allerdings auch, daß unter den Bedingungen
Ende März nur etwa 180 der 370 vorhandenen Fahrzeuge in die Kämpfe
eingreifen konnten 1903 und ihrem Auftrag entsprechend Gegenstöße
durchführten 1904 . Diese waren in ihrer Wirkung insgesamt äußerst begrenzt,
wie der Befehlshaber der im Zentrum des deutschen Angriffs in Richtung
auf Amiens vorgehenden [Link], General von der Marwitz, in seinen
Aufzeichnung klar zum Ausdruck brachte:
„Gestern [am 23.März] ging’s wieder ein gutes Stück vorwärts, obgleich der
Engländer Tanks vorbrachte; die haben ihren Schrecken gründlich eingebüßt, es
heißt jetzt bloß noch: ‚es kam ein Gegenangriff auch mit Tanks, er wurde
abgewiesen, so und so viel Tanks erledigt.’“ 1905

Die britischen Linien kollabierten auf breiter Front und zum daraus
resultierenden allgemeinen Chaos und den Verlusten im Kampf traten beim
Tank Corps gravierende Probleme, welche durch lange Märsche im Rahmen
der unausweichlichen Rückzugsbewegung über das alte Sommeschlachtfeld
und schließlich auch darüber hinaus verursacht wurden. Wie Fuller für den
Raum Péronne am 23.März beispielhaft festhielt, mußte eine unbestimmt
große Anzahl von Fahrzeugen wegen Treibstoffmangels aufgegeben oder
vor den zu frühzeitig gesprengten Somme-Übergängen stehengelassen
werden 1906 . Ein Schicksal, das für die britischen Tankverbände in einem

1902
Siehe Fuller: Tanks, S. 177, und Fuller: Erinnerungen, S. 218f.
1903
Siehe ebenda und William-Ellis: Tank Corps, S. 171.
1904
Ein Beispiel ist ein gepanzerter Gegenstoß bei Bapaume am 22.3.1918. Von 25
eingesetzten Fahrzeugen sollen lediglich 9 zurückgekommen und 70% der Besatzungen
gefallen oder in Gefangenschaft geraten sein; siehe Toland, John: Gebe Gott, daß es nicht
zu spät ist. 1918. Entscheidungsjahr des Ersten Weltkrieges, München 1981, S. 52ff. Ein
weiteres Beispiel nennt das Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 53f., mit dem Gegenangriff
der ersten Whippet-Tanks am 25.3.1918. Sonst siehe auch Fletcher: Tanks and Trenches, S.
95ff., Fuller: Erinnerungen, S. 220ff., und sehr ausführlich, William-Ellis: Tank Corps, S.
162ff.
1905
Zitiert nach Tschischwitz, v. (Hg.): General von der Marwitz. Weltkriegsbriefe, Berlin
1940, S. 284 (Tagebucheintrag vom 24.3.1918).
1906
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 223.
471

Zeitraum von etwas mehr als zwei Wochen symptomatisch war 1907 . Das
britische amtliche Werk führte diesbezüglich an, daß von den bei der völlig
zersprengten [Link] eingesetzten drei Tank-Bataillonen, die dem Soll
nach einen Fahrzeugbestand von 108 Fahrzeugen hatten, bereits am 24.März
nur noch sechs Tanks vorhanden waren. Der Rest war in Kämpfen
ausgefallen, wegen technischen Versagens oder wegen Treibstoffmangels
verloren worden 1908 .
Die Gesamtzahl der Tankverluste bis zum 27.März gab Fuller mit 120 Mark
IV an 1909 , was sicherlich zu niedrig angesetzt ist, wenn man über die gerade
genannten Verhältnisse bei der [Link] hinaus die Ausfälle bei den
Tankeinheiten der ebenfalls schwer getroffenen [Link] in Betracht zieht.
Die gepanzerten Beutestücke, die den verfolgenden Deutschen im wahrsten
Sinne des Wortes oftmals im Vorbeigehen zufielen, waren für die deutsche
Propaganda hervorragende Motive, die sich den Zeitungslesern an der Front
und in der Heimat als symbolträchtige Zeugnisse für die
Unwiderstehlichkeit der Offensive darstellen lassen konnten 1910 . Auch aus
der Befragung von Gefangenen ergab sich bis zum Ende der „großen
Schlacht in Frankreich“ am [Link] 1918 auf deutscher Seite das Bild
äußerst eingeschränkter Bedeutung der Tanks beim Versuch, sich den
Massen der Angreifer entgegenzustemmen 1911 . So berichtete der
Nachrichtenoffizier der OHL beim AOK 2 über den mitgehörten Inhalt
eines Gespräches zwischen drei in Gefangenschaft geratenen Offizieren,
unter denen sich der Kommandeur der Südafrikanischen Brigade befand.
Auf die von einem Mitgefangenen an ihn gerichtete Frage, ob er die Tanks
während der Kämpfe gesehen habe, antwortete der von der Kraft und der
professionellen Durchführung des Angriffs beeindruckte Brigadegeneral:

1907
Siehe William-Ellis: Tank Corps, S. 171: „Out of 370 Tanks which were fit to fight,
only 180 saw action, a great many machines running out of supplies or being incapacitated
by some temporary mechanical trouble, and so lost without having fired a shot.“
1908
Siehe MO 1918, Bd. 1, S. 419.
1909
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 228.
1910
Siehe bspw. Die Wochenschau, Nr. 14 vom 6.4.1918, S. 229, oder ebenda, Nr. 15 vom
13.4.1918, S. 218.
1911
Siehe BA-MA, PH 3/560, bspw. Bl. 192 und Bl. 225.
472

„Ich nicht. Oh, unsere gottverdammten Tanks! Ihr Maschinengewehr-Korps [das


der Deutschen] ist wunderbar organisiert, aber bei uns gibt es nur Geschwätz,
Geschwätz und nochmals Geschwätz.“ 1912

So gern die damalige deutsche Leserschaft den Bericht auch zur Kenntnis
genommen haben dürfte, so wenig konnte von „Geschwätz“, falls es solches
überhaupt jemals gegeben hatte, auf britischer und französischer Seite nach
dem ersten Chaos noch die Rede sein. Und dies war ein Grund dafür, daß
den Tanks parallel zu den weiteren deutschen Angriffen eine zunehmend
größere Bedeutung zufiel.
Zum Zeitpunkt größter Besorgnis, als die Spitzen der britischen und der
französischen Streitkräfte begannen, sich nahezu unverhohlen gegenseitig
mangelnden Kampfeswillen und fehlende Bündnistreue vorzuwerfen, waren
die Regierungen beider Nationen anläßlich eines ausgesprochenen
Krisentreffens in Doullens am 26.März darin übereingekommen, die
Koordination der Operationen an der Westfront in die Hände des bisherigen
Stabschefs Pétains, General Foch, zu legen 1913 . Am [Link] erfolgte Fochs
Ernennung zum Befehlshaber der alliierten Truppen in Frankreich unter
dem Titel eines „général en chef des armées alliées en France“ 1914 . Bis zum
[Link] wurden seine Befugnisse auf die amerikanischen und italienischen
Truppen und auf alle europäischen Kriegsschauplätze erweitert 1915 . Der
Spielraum, der Foch für die erfolgreiche Fortsetzung der Kampfhandlungen
gegeben war, definierte sich maßgeblich durch die Stärke und den Ausgang
der weiterhin zu erwartenden deutschen Offensiven, so daß seine
Weisungen grundsätzlich die schnelle Reorganisation der Verteidigung in
bedrohten Abschnitten einforderten 1916 . Darüber hinaus sprach er ab Mitte

1912
Zitiert nach ebenda, Bl. 225.
1913
Zur Vorgeschichte der Ernennung Fochs siehe Travers: How The War Was Won, S.
66ff., und LAF, Bd. VI.1., S. 268ff.
1914
Siehe ebenda, Bd. VI.2., S. 10.
1915
Fochs Weisungsbefugnisse waren allerdings diversen Einschränkungen unterworfen,
worunter beispielsweise die Möglichkeit der verschiedenen nationalen Befehlshaber fiel,
beim Ausmachen einer durch Fochs Befehle verursachten Krise die eigene Regierung zu
informieren; zu den Regelungen siehe ebenda und dortige Textverweise, LAF, Bd. VI.1., S.
400ff., und Foch: Kriegserinnerungen, S. 280ff.
1916
Siehe LAF, Bd. VI.1., S. 270ff. und S. 405ff.
473

April von den Erfolgsaussichten begrenzter Gegenangriffe, die den


Deutschen in die Parade fahren und ihnen, ohne vorab zu große
Erwartungen hegen zu dürfen, zumindest enorme Schwierigkeiten bereiten
und ihre strategischen Pläne vereiteln können würden 1917 . Wie Foch Anfang
Mai 1918 präzisierte, ging es darum, durch bestmöglich angelegte
Verteidigungsstellungen unter maximaler Ausnutzung artilleristischer
Feuerkraft und mit vorbereiteten Gegenangriffen den Feind aufzuhalten, zu
binden und nachhaltig zu dezimieren 1918 . Was diesen Plan letztendlich
effektiv machte und den alliierten Abwehrmaßnahmen ein ganz anderes
Gesicht geben mußte als den vorherigen Gegenstößen der Briten oder
beispielsweise einem am [Link] ebenso hastig ausgeführten französischen
Unternehmen an der Avre 1919 , waren die Zustände, die auf deutscher Seite
primär in den jüngst gewonnenen, prestigeträchtigen Frontbereichen nach
einer dort beendeten Offensive vorherrschten.

10.1. Grundlagen und Symptome des militärischen Zusammenbruchs.

Was die Deutschen in den Abschnitten der Westfront betraf, denen die OHL
nach einer Offensive erst einmal jedwede strategische Bedeutung absprach,
so war sowohl das Schwinden an Mitteln als auch an Möglichkeiten und an

1917
Siehe ebenda, S. 405f., und Foch: Kriegserinnerungen, S. 298ff. und S. 331.
1918
Siehe LAF, Bd. VI.2., S. 12f.
1919
Siehe ebenda, Bd. VI.1., S. 417: „Sur le front du groupe d’armées de réserve, ou
l’ennemi n’entreprend plus aucune attaque, la Ier armée passe a l’offensive. Conformément
aux ordres donnés la vielle par le général Debeney, elle ne cherche pas un effort
d’ensemble; pour agir au plus vite, les corps d’armée lancent leurs attaques aussitôt que
chacune d’elles est prête, et après une courte préparation d’artillerie. Malheureusement, le
temps est pluvieux, couvert ; il rend difficile l’observation par avions ; nous nous heurtons,
enfin, à un adversaire qui a utilisé, lui aussi, les trois journées du 1er au 3er avril pour
s’organiser, s’échelonner en profondeur, disposer ses nombreuses mitrailleuses. A peu près
sur tout le front, nos attaques échouent sous le feu violent de l’infanterie allemande.“ Sechs
Tanks, die bei einem der Korps den Angriff begleiteten, konnten wegen Problemen mit
dem aufgeweichten Boden im Angriffsgelände keinen Erfolg bringen. Daß es, wie bei den
britischen Gegenstößen auch, in diesem Frontbereich an der Avre aber noch andere Gründe
für wenig erfolgreichen Tankeinsatz gab, legen einige auf den [Link] datierte
Photographien zerschossener CA-1 nahe; siehe Guénaff, Didier/Jurkiewicz, Bruno: Les
Chars De La Victoire, Louviers 2004, S. 32.
474

Willen, feindlichen Unternehmungen in der von 1917 her bekannten,


verbissenen Weise entgegenzutreten, bereits Anfang April 1918 feststellbar.
Das Ende der „großen Schlacht in Frankreich“ stellte sich für den Stabschef
der Heeresgruppe Rupprecht, Kuhl, folgendermaßen und vollends
charakteristisch für die zukünftigen Verhältnisse in anderen vormaligen
Offensivsektoren dar:
„Gestern [der 5.4.1918] war ein wichtiger Tag. Es zeigte sich bald, daß unser
Angriff nicht recht vorwärts kam, sowohl südlich der Somme wie nördlich bis
einschl. linker Flügel der [Link]. Unsere Truppen können nicht mehr, sie sind
erschöpft. Andererseits hat sich der Feind gesetzt, erheblich verstärkt. Man kann ihn
nicht mehr überrennen. Wir kommen an einen toten Punkt, wir müssen anhalten, die
Versorgung und Munition regeln.“ 1920

Diese Meinung teilten auch andere Personen und in großer Bandbreite eines
grundverschieden anzunehmenden Kenntnisstandes über die „größere“
Lage, die vorhandenen oder noch vorhandenen Mittel und die daraus
resultierenden Möglichkeiten. Zu nennen wäre beispielsweise der
Kommandeur der [Link], der mit äußerst kritischen Bemerkungen zu den
Erfolgschancen der Weiterführung der Offensive gegen einen nun nach
Manier der deutschen Tiefengliederung aufgestellten Feind an die OHL
herantrat 1921 . Ebenso kann Oberstleutnant Bauer angeführt werden, der bei
Ludendorff anmahnte, sich in dieser Situation nicht zu
Verzweiflungsschlägen hinreißen zu lassen, sondern sich, wie die Alliierten
es in den vergangenen Jahren vorgemacht hätten, die Zeit zur Auffrischung
der Verbände und für all die sonstigen und so zahl- und umfangreichen

1920
Zitiert nach RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, S. 127 (Tagebucheintrag vom
6.4.1918). Den Blickwinkel seines Stabschefs teilte auch Kronprinz Rupprecht, wie aus
seinen Aufzeichnungen zum 5.4.1918 hervorgeht; siehe Frauenholz: Kronprinz Rupprecht,
Bd. 2, S. 371f.
1921
Siehe BA-MA, RH 61/50637: Privatakten Geyer, Bl. 75f. (Bericht der [Link] vom
9.4.1918.) Der Kommandeur der [Link] mag zu jenen privilegierten „Frontoffizieren“
gehört haben, über die ein Kritiker des deutschen Heeres während des Ersten Weltkriegs,
Generalmajor v. Gleich, schrieb, daß ihre Worte zu höheren Stäben nur durch
„irgendwelche näheren Beziehungen“ überhaupt durchdrangen; siehe Gleich, Gerold v.:
Die alte Armee und ihre Verirrungen. Eine kritische Studie, Leipzig 1919, S. 18. Ein Blick
in die „Privatakten“ Geyers scheint die Existenz einer solchen Kategorie von Offizieren zu
bestätigen.
475

Offensivvorbereitungen zu lassen 1922 . So berechtigt diese Aussagen klingen,


so sehr mißachteten sie die Logik, die dem insgesamt realitätsfremden und
statistikfeindlichen, wenn nicht gänzlich irrationalen Vabanquespiel
Ludendorffs im Frühjahr 1918 zugrunde gelegen hatte und diesem auch
weiterhin zugrunde lag. Ungeachtet der Vorwürfe, die gegen ihn im
Zusammenhang mit der Durchführung des ersten, an sich als
entscheidend 1923 gedachten Schlages vorgebracht werden können 1924 , und
auch ohne Rücksichtnahme auf den zumindest später geäußerten Unmut
höherer Führer gegenüber Eingriffen der OHL in die Befugnisse von
Heeresgruppen- und Armeestäben 1925 sowie zahlreicher ad hoc wechselnder
Weisungen nach dem 21.März, konnte dieser Denkweise nach der Sieg
allein in der rücksichtslosen Durchführung weiterer Offensiven gefunden
werden 1926 . 230.000 Mann blutige Verluste waren bis zum [Link] von der

1922
Siehe BA-MA, RH 61/50637: Privatakten Geyer, Bl. 73f. (Vortragsmanuskript vom
7.4.1918.)
1923
Siehe ebenda, RH 61/51833: Bericht über eine Befragung Ludendorffs durch Archivrat
Volkmann Anfang August 1923, S. 3f. (zu Frage 5.).
1924
Bauer wies ausdrücklich darauf hin, daß die Herausgabe eines Befehls der OHL, aus
dem die Vorbereitung kommender Schläge ersichtlich sei, durchaus im Interesse der
psychischen Kampfkrafterhaltung der Truppe läge; siehe ebenda, RH 61/50637: Privatakten
Geyer, Bl. 174. Dem Hinweis ist zu entnehmen, daß Ludendorff selbst sich über die
Auswirkungen der gescheiterten Offensive auf die Moral der Truppe offensichtlich keine
grundlegenden Gedanken gemacht hatte, sondern hier der Einfachheit halber und ohne
weitere Erklärungen die Rückkehr zur Abwehr und anderswo ad hoc die Vorbereitung
neuer Angriffe befahl.
1925
Siehe bspw. ebenda, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, S. 132ff., und Frauenholz:
Kronprinz, Bd. 2, S. 371ff. Die ad hoc gefaßten, schnell fallengelassenen oder
wiederaufgenommenen Pläne Ludendorffs samt dessen Eingriffe in taktische Belange der
untergeordneten Führung wurden nach 1918 in zahlreichen Schriften als problematisch
thematisiert; siehe dazu Storz, Dieter: „Aber was hätte anders geschehen sollen?“ Die
deutschen Offensiven an der Westfront 1918, in Duppler/Groß: Kriegsende, S. 73ff.
1926
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 494, und Venohr: Ludendorff, S. 308. Zur
Einstellung eines Armeebefehlshabers, dessen Truppen bis dahin nicht in die erste
Offensive involviert waren siehe Alter, Julius (Hg.): Ein Armeeführer erlebt den Weltkrieg.
Persönliche Aufzeichnungen des Generalobersten v. Einem, Leipzig 1938, S. 383
(Tagebucheintrag vom 31.3.1918): „Was soll nun werden? So fragen wir uns stündlich. [...
476

OHL zu verbuchen gewesen 1927 . Und über diese in jeder Hinsicht tragische
Zahl hinaus war aus dem 1917 diskutierten Ersatzproblem, das damals noch
als Damoklesschwert über der Fortführung der Krieges im kommenden Jahr
geschwebt hatte 1928 , eine unzweifelhaft akute Bedrohung geworden. Der
Jahrgang 1899, an welchem die OHL hinsichtlich der körperlichen und
mentalen Belastungsfähigkeit der Rekruten schon im Vorjahr ihre Zweifel
deutlich geäußert hatte 1929 , war bis Mai 1918 an der Front, so daß für die
nächsten Monate lediglich der Jahrgang 1900 mit erst einmal 304.000
kriegsverwendungsfähigen Rekruten zum Füllen der entstandenen Lücken
in Frage kam. Und dieser konnte frühestens in der zweiten Jahreshälfte mit
vollem Gewicht zum Tragen kommen 1930 . Das unter Berücksichtigung der
Wiedergenesenen und sonstigen Ab- und Zugänge reingerechnete
monatliche Fehl beim Ersatzgeschäft lag Anfang April 1918 bereits bei
70.000 Mann und schien nur noch durch den wahrlich verzweifelten Schritt
zum Einstellen Kriegsverwendungsfähiger aus der Industrie halbwegs
abzuschwächen zu sein. 1931 . Hierbei handelte es sich um einen letztendlich

.] Denn schließlich haben wir die Offensive ja nicht gemacht, um einige Meilen weiter
wieder festzuliegen.“
1927
Siehe RA, Bd. 14, S. 254. Wie Middlebrook nach seinem Versuch zur Eruierung der
britischen (ca. 38.000) und deutschen Verluste (40.000) für den 21.3.1918 angab, handelte
es sich beim ersten Tag der Offensive um den verlustreichsten des ganzen Krieges; siehe
Middlebrook, Martin: Der 21.März 1918. Die Kaiserschlacht, Berlin/Frankfurt a.M./Wien
1979, S. 221.
1928
Siehe Kap. 8.
1929
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 300: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ic Nr. 5870 geh. op. vom
25.12.1917.
1930
Siehe BA-MA, RH 61/51716: Anonymes Manuskript zur Ersatzlage 1917/18, S. 2 und
Anlage 56. Bis zum 29.7.1918 waren vom Jahrgang 1900 230.000 Mann eingezogen
worden, denen in Kürze 38.600 Mann folgen sollten.
1931
Siehe BA-MA, RH 61/51716: Anonymes Manuskript zur Ersatzlage 1917/18, S. 9:
„Der Kräfteverbrauch der Frühjahrsoffensive war doch größer gewesen als man
vorausgesehen hatte, und so war man sich im Kriegsministerium im April 1918 darüber
vollkommen klar, daß die Ersatzfrage nunmehr in ein gefahrdrohendes Stadium getreten
war.“ Die Lösung dieses Problems sollte im Herausziehen Kriegsverwendungsfähiger aus
der Industrie und im Jahrgang 1900 gefunden werden, was angesichts der noch steigenden
Verluste und Abgangszahlen der kommenden Monate illusorisch wurde. Und schon Mitte
477

letalen Trugschluß, der ohne Berücksichtigung der zu diesem Zeitpunkt


schon vorauszusehenden Opfer weiterer Großoperationen zustandekam und
durch die ab Mai spürbaren Auswirkungen der Grippe-Pandemie erheblich
verschärft wurde 1932 . Bis Mitte Juli 1918 sollte sich die Zahl der Ausfälle
auf knapp eine Million beziffern 1933 , die quantitativ aber vor allem auch
qualitativ in einem realistisch überschaubaren Zeitraum nicht mehr zu
ersetzen waren.
Vor dem Hintergrund der Zahlen und des beschönigend „defizitär“ zu
nennenden Ersatzgeschäfts sowie der Notwendigkeit, die jeweils noch
offensivfähig beurteilten Verbände den (neu-) gewählten
Angriffsschwerpunkten zuzuführen, entstanden vor allem bei denjenigen
Truppen, die abseits der aktuellen Brenn- oder Offensivschwerpunkte
verblieben, auf Dauer kaum mehr zu bewältigende Lagen. Im Sommegebiet,
das für die Entwicklung in anderen Sektoren der Westfront nach beendeten
Großunternehmungen bis Mitte Juli 1918 charakteristisch 1934 und im
Zusammenhang mit der dortigen alliierten Offensive am [Link] 1918 von
Relevanz ist 1935 , war aus der durch das Zurückgehen auf die Siegfried-
Stellung Anfang 1917 verkürzten Frontlinie ein 40 bis 60km weit nach
Westen vorspringender Frontbogen mit einer immensen Stellungslänge
entstanden. Dieser war von zunehmend kampfmüden und dauerhaft

Mai wurde von der OHL festgestellt (siehe ebenda, Anlage 53): „Besondere Bestände in
der Heimat nicht mehr vorhanden. Jahrgang 1899 verausgabt.“
1932
Siehe Storz: Die deutschen Offensiven, in Duppler/Groß: Kriegsende, S. 89. Von
amtlicher deutscher Seite wurde die Zahl der Grippekranken im Juni mit 139.000 und für
Juli bereits mit 399.000 Mann angegeben; siehe BA-MA, RH 61/51862: Manuskript v.
Tieschowitz’ für RA, Bd. 14, S. 771.
1933
Siehe RA, Bd. 14, S. 516. Zu den nicht minder schweren, doch letztlich durch den
Einsatz amerikanischer Truppen aufgewogenen Verlusten der Alliierten siehe Foch:
Kriegserinnerungen, S. 306ff.
1934
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 545. Beispiele für identische Entwicklungen
lassen sich in den Schriften Deists und Storz’ finden. Siehe Deist: Militärstreik, S. 146-167,
und dortige Anmerkungen zu weiterführender Literatur, sowie Storz: Die deutschen
Offensiven, in Duppler/Groß: Kriegsende, S. 51-95. Zudem wird im Kapitel zur
Abwehrschlacht bei Soissons (siehe Kap. 11.) darauf eingegangen werden. Siehe auch
Deist: Militärstreik, S. 152f.
1935
Siehe Kap. 12.
478

geschwächten deutschen Truppen zu besetzen, denen Personal- und


Materialersatz nur in begrenztem Umfang zugebilligt werden konnte.
Beispielhaft für diese Lage ist eine „Kampfwertmeldung“ der [Link] von
Anfang Mai 1936 , die eine Durchschnittsstärke ihrer Infanterie-Bataillone von
560 Mann angab und ihre katastrophale Personallage durch den Hinweis auf
den Zustand der Maschinengewehr-Scharfschützen-Abteilung 48
unterstrich. Diese war mangels Mannschaften nur mehr dazu fähig, vier statt
der vorhandenen 12 Maschinengewehre 08 je Kompanie einzusetzen.
Abschließend wies die Division auf die Folge des nahezu ununterbrochenen
Fronteinsatzes 1937 der Truppe hin und bemerkte, daß der
Gesundheitszustand der Soldaten zwar insgesamt gut sei, aber starke
Verlausung aufgetreten sei. Hierbei handelte es sich um ein deutliches Indiz
für fehlende Ruhephasen, in denen üblicherweise auf Hygiene Rücksicht
genommen werden konnte. Was die Verteidigungsfähigkeit der Stellungen
sowie den Aufenthalt der Soldaten im Frontbereich an sich betraf, so kann
man anführen, daß es an den Rändern der neugeschaffenen vordersten Linie
vor dem wiedergewonnenen, völlig verwüsteten Sommeschlachtfeld von
1916 dauerhaft an brauchbaren Stellungen fehlte 1938 . Und dahinter mangelte
es, besonders negativ spürbar bei ungünstigen Witterungsbedingungen wie

1936
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 28, Bl. 310: [Link] Abt. Ia Nr. 2410 vom 8.5.1918. Siehe
auch Abschn. 11.2.
1937
Der Gefechtskalender der Division legt nahe, daß zwischen dem 21.3. und dem
19.5.1918 lediglich einige wenige Tage Ende März und Anfang April eine
Verschnaufpause ausgemacht haben können; siehe Cron: Mein Regiment, S. 109.
1938
Siehe dazu auch BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr,
S. 211, und Tschischwitz: General v.d. Marwitz, S. 289ff. (Tagebucheinträge ab dem
7.4.1918). Noch für Anfang Juni 1918 hielt Marwitz fest, wie rückständig der Stellungsbau
bei seinen Truppen war: „Ich war in der Stellung, das ist aber hier anders als es in den
ausgebauten Stellungen, die wir früher hatten. Es gibt keine Annäherungsgräben und keine
Verbindungsgräben, zur vordersten Linie kann man überhaupt gar nicht gelangen, selbst
Meldeläufer können da am Tage nicht durchkommen, sie würden abgeschossen.“ Zitiert
nach ebenda, S. 296f., Eintrag zum 7.6.1918. Kronprinz Rupprechts Aufzeichnungen zum
6.4.1918 verweisen dagegen darauf, daß das AOK 2 Marwitz’ selbst dazu angeregt hatte,
von verstärktem Stellungsbau abzusehen, um dem Gegner keine Anzeichen für die
Einstellung der Offensive zu bieten und die Truppe zu schonen; siehe Frauenholz:
Kronprinz Rupprecht, Bd. 2, S. 373.
479

im regnerischen April, an den gewohnten Annehmlichkeiten für


Bereitschafts- und Ruhebataillone, sofern diese mangels Kräften überhaupt
ausgeschieden werden konnten 1939 . Schon hieraus mußten sich auf Dauer
Anlässe für eine deutliche Verschlechterung der Stimmung und damit der
Leistungsbereitschaft der Truppe ergeben 1940 , will man nicht eingangs
schon den so schwerwiegenden Umstand anführen, daß sich die
Angriffstruppen des 21.März im geschilderten Zustand, unter dem von Foch
eingeforderten, sich dauernd verstärkenden feindlichen Feuer und im nur
allzu bekannten Stellungskrieg, damit im Bereich offensichtlicher Zeichen
für eine gescheiterte „Entscheidungsschlacht“, bewegten. Ende April mußte
die im Zentrum des Frontbogens vor Amiens stehende [Link]
konstatieren, daß es bei den letzten Kampfhandlungen ernstzunehmende
Anzeichen für schwindende Kampfbereitschaft der Truppe gegeben hatte.
Die Reaktion des AOK 2 auf die Beobachtung, daß sich Soldaten ohne die
sonst gewohnten Beispiele verbissener Gegenwehr den Briten ergeben
hatten, war für den weiteren Umgang der höheren Führung mit diesem
zuerst offenbar als Phänomen klassifizierten Umstand bis zum Kriegsende
mustergültig. Sie kulminierte in der Verlautbarung gegenüber den
unterstellten Verbänden, daß kampflos kapitulierende Soldaten vom Feind
ohne Skrupel niedergeschossen worden seien und „Feigheit vor dem
Feinde“ mit dem Tod zu ahnden sei 1941 . Dies blieb bis zuletzt eine Drohung,
deren erkennbar geringe Reich- und Tragweite zu allen Arten
zeitgenössischer, nachträglicher und historiographischer Annotationen
führte sowie eine geradezu staatliche Grundlage für den von Deist erkannten
„verdeckten Militärstreik“ von 1918 bot 1942 .

1939
Siehe Tschischwitz: General v.d. Marwitz, S. 290f. (Tagebucheintrag vom 9.4.1918):
„Unsere Truppen haben’s ganz schrecklich schwer. Der Lehmpansch nach dem
fortgesetzten Regen ist unergründlich, Mann und Roß sind der Nässe ohne jeglichen Schutz
preisgegeben. Dörfer, oder irgendwelche Unterstände gibt’s eben in breiten Strecken
nicht.“
1940
Eindrucksvoll dokumentiert ist diese Entwicklung für das AOK 2 in HStAS, M 33/2,
Bü. 207. Zum Sachverhalt siehe auch Deist: Militärstreik, S. 152f.
1941
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 28, Bl. 271: AOK 2 Ia Nr. 118/Mai vom 5.5.1918.
1942
Hobohm führte in seinem Bericht für den Untersuchungsausschuß des Reichstages
hinsichtlich der Appelle zum radikalen erzwingen von Disziplin und Gehorsam aus:
480

Die Gefahren, die sich aus den andauernden Kampfhandlungen wechselnder


Intensität unter diesen Bedingungen ergaben, erkannte die deutsche Führung
durchaus. Ebenso nahm sie wahr, daß der Feind von seinen Tanks
zunehmenden Gebrauch machen und dieser gefährlich sein würde. Die OHL
verwies demgemäß bereits Mitte April 1918 in einer Weisung zum
anzuwendenden Abwehrfahren auf die vorhandenen und zahlreichen
„aktiven“ Abwehrmittel und –möglichkeiten gegen die momentan vom
Feind eingesetzten Fahrzeugtypen 1943 . Gelegenheit dazu, diese auf die Probe
zu stellen, gab es Ende des Monats reichlich, wobei es im Rahmen schwerer
Kämpfe im Vorfeld von Amiens, bei Villers-Bretonneux am [Link], zum
ersten direkten Duell zwischen britischen und deutschen Tanks kam.
Wesentlicher als diese episodenhafte Randerscheinung einer
augenblicklichen britischen Reaktion auf eine deutsche Operation mit
begrenztem Ziel war, daß auf freiem Feld und ohne Artillerieunterstützung
zum Angriff vorgehende deutsche Infanterie im Feuer der britischen
Kampfwagen schwerste Verluste erlitt 1944 .
In der Abwehr schien man auf deutscher Seite zu diesem Zeitpunkt noch mit
den immer und immer wieder angreifenden alliierten Tanks fertig zu werden

„Gehorsamserzwingung mit der Waffe in äußerten Fällen ist kriegsgeschichtlich eine


typische Erscheinung, und niemand wird sich wundern, daß auch die deutsche
Kommandogewalt in ihrem Schiffbruch solche Verzweiflungsschritte empfahl. Aber daß
auch hier das Heil nicht zu finden war, liegt auf der Hand. Man hat von solchem
Waffengebrauch des Offiziers gegenüber renitenter Mannschaft bemerkenswert wenig
vernommen. Ich führe das keineswegs auf Feigheit zurück; sondern das Mittel war
meistens unanwendbar und wurde es immer mehr. Der einzelne Pistolenschuß konnte nicht
mehr viel retten, wo die Autorität –sei es des einzelnen Vorgesetzten oder der
Befehlsgewalt überhaupt- nicht mehr zureichte, die Forderungen an die Mannschaften
durchzusetzen.“ Zitiert nach Hobohm: Soziale Heeresmißstände, S. 342. Siehe dazu auch
Jahr, Christoph: Gewöhnliche Soldaten. Desertion und Deserteure im deutschen und
britischen Heer 1914-1918, Göttingen 1998, und Ziemann, Benjamin: Fahnenflucht im
deutschen Heer 1914-1918, in Militärgeschichtliche Mitteilungen 55 (1996), S. 93-130.
1943
Siehe HStAS, M 1/11, Bü. 794, Bl. 8: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr. 7745. geh.
op. vom 17.4.1918, Ziff. 13.
1944
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 54f., und William-Ellis: Tank Corps, S. 172f.
Berichtet wird in beiden Texten über etwa 400 Mann Verlust, die zwei deutschen
Bataillonen binnen kurzer Zeit auf freiem Feld durch das Feuer der Tanks beigebracht
wurde.
481

und konnte weiterhin Abschüsse vermelden 1945 . Allerdings klingen aus den
Verlautbarungen über das Kampfgeschehen auch Unbehagen und an die
übergeordnete Führung gerichtete Warnungen und Hilferufe heraus, die sich
beim AOK 2 am [Link] in einer Meldung über die zu den
gegenüberstehenden feindlichen Massen zusätzlich noch hinzugekommene
Elitedivision „Maroc“ 1946 und den Hinweis auf allein vier abgewehrte
Tankangriffe an einer einzigen Stelle der Front ausmachen lassen
können 1947 . Und was die von der OHL zuvor noch dargelegte Möglichkeit
anbelangte, den vom Feind derzeit genutzten Kampfwagen mit den
bekannten Mitteln widerstehen zu können, so wartete der
Nachrichtenoffizier des AOK 2 am [Link] 1918 mit einem ersten Hinweis
auf einen neuartigen „kleinen“ Tank der Franzosen auf, von dem Gefangene
berichtet hatten. Über deren wenig aufschlußreiche Aussagen zum neuen
Fahrzeug hinaus konnte man erfahren, daß auf alliierter Seite eine
großangelegte Angriffsschlacht vorbereitet wurde 1948 . Fünf Tage nach
diesen in ihrer Brisanz offensichtlich erkannten Befragungsergebnissen
lieferte der Nachrichtenoffizier bezeichnenderweise die Ergebnisse einer

1945
Siehe bspw. HStAS, M 33/2, Bü. 207, Bl. 40: AOK 2 Abendmeldung vom 26.4.1918.
1946
„La Division Marocaine“. Sie umfaßte neben Kolonialtruppen das Feldregiment der
französischen Fremdenlegion sowie ein russisches Bataillon. Zur Gliederung und zum
Gefechtskalender siehe H[Link] . Siehe auch
Abschn. 11.1. und 11.2.
1947
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 207, Bl. 9: AOK 2 Mittagsmeldung vom 26.4.1918.
1948
Siehe BA-MA, PH 3/561, Bl. 203ff.: NO AOK 2 Nr. 1436 vom 21.4.1918: „Die Gef.
[Gefangenen] sind der Ansicht, dass der Tank gute Dienste leistet, besonders wenn das
Moment der Ueberraschung ausgeübt wird. Für die kommende grosse Offensive der
Franzosen rechnet man mit dem massenhaften Einsatz der kleinen Tanks. Auch die
Amerikaner werden sich an der Offensive mit Einsatz vieler Tanks des französischen
Modells beteiligen.“ Die vier bei Morisel an der Avre eingebrachten Gefangenen gehörten
zur Besatzung eines CA-1, der durch den Treffer eines leichten Minenwerfers außer
Gefecht gesetzt worden war. Sie berichteten über neue Fahrzeuge mit einer 37mm Kanone
als Hauptwaffe und einer Geschwindigkeit von bis zu 20km/h, von denen bereits 1.200
fertiggestellt seien. Dies entsprach keineswegs den Tatsachen, mußte aber für deutsche
Ohren überaus beunruhigend klingen.
482

„Nachvernehmung“ der Gefangenen 1949 , wobei wesentlich genauere


Angaben über das angeblich bereits in 1.200 Exemplaren an der Front
befindliche „Modell Renault“ gemacht werden konnten 1950 . Bis Herbst
1918, so sagten die Gefangenen nun aus, würden 10.000 Fahrzeuge dieses
Typs vorhanden sein und für eine gewaltige französisch-amerikanische
Gegenoffensive bereitstehen. Der britische Whippet wurde vom
Nachrichtenoffizier des AOK 2 Mitte Mai gemeldet 1951 und gelangte
Anfang Juli als Abbildung eines französischen Tanks zur Kenntnis der
Leserschaft einer deutschen Illustrierten 1952 , ohne daß man eine Reaktion
darauf, etwa die dem Umstand sicherlich angemessene Herausgabe eines
Merkblattes durch die OHL 1953 , ausmachen kann. Daß der Wahrheitsgehalt
der Gefangenenaussagen beziehungsweise der Meldungen des
Nachrichtenoffiziers angezweifelt wurde, ließ sich vom Verfasser ebenfalls
nicht feststellen. Dies wäre auch kaum verständlich und zu erwarten,
bedenkt man, daß noch in der oben genannten Weisung der OHL zu
Tankbekämpfungsmitteln von „derzeitig genutzten Typen“ gesprochen und
damit direkt der Erwartungshaltung der obersten Führung gegenüber neuen
Fahrzeugentwicklungen für 1918 Ausdruck verliehen wurde. Die Gründe

1949
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 207, Bl. 60: NO AOK 2 Nr. 1521. vom 26.4.1918. Der
Urheber der „Nachbefragung“ ließ sich nicht ausmachen. Es wäre aber primär vom AOK 2,
dann von der HGr Rupprecht und zuletzt von der OHL auszugehen.
1950
Siehe ebenda. Das „Modell Renault“, 4m lang, 1,5m breit und 1,80m hoch, habe bei 18
bis 20PS Motorleistung eine Maximalgeschwindigkeit von 18 bis 20km/h, könne auf
längeren Strecken mit Lastkraftwagen transportiert werden und sei bei einer
durchschnittlichen Panzerstärke von 7mm, die am Turm aber größer sei, entweder mit
einem Maschinengewehr oder mit einer 3,7cm Kanone bewaffnet. Vergleiche hierzu
Abschn. 6.5.1.
1951
Siehe BA-MA, PH 3/561, Bl. 4: NO AOK 2 vom 18.5.1918. Tatsächlich sprach der
Bericht von nur sieben derzeit vorhandenen Fahrzeugen. Doch die Angabe ihrer
Geschwindigkeit mit 16km/h und ihr Vorhandensein an sich, hätte stärkeren Widerhall
erwarten lassen. Davon war weder in den eingesehenen Archivalien, noch in der
Memoirenliteratur etwas spürbar.
1952
Siehe Die Wochenschau, Nr. 27 vom 6.7.1918, S. 440.
1953
Ein solches wurde für den Whippet am 10.8.1918 und für den FT-17 sogar erst am
20.8.1918 herausgegeben; siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0052: Chef d.
Genst. d. Feldheeres Iv Nr. 92657 geh. op. vom 10.8.1918, bzw. ebenda, Bl. 0070: Chef d.
Genst. d. Feldheeres Ic Nr. 94468 op. vom 20.8.1918. Siehe hierzu auch Abschn. 12.5.2.
483

dafür, daß die recht frühzeitigen Meldungen über den FT-17 und über den
Whippet ignoriert wurden 1954 und zusammen mit den Hinweisen auf die
Versammlung von Kräften für eine bevorstehende französisch-
amerikanische Großoffensive in den zeitgenössischen und späteren
Aufzeichnungen der höheren und höchsten Führer sowie den vom Verfasser
eingesehenen Archivalien der obersten Führungsebene keinen Widerhall
fanden 1955 , können unter einer allgemein verbreiteten euphemistisch- und
servil-fatalistischen Einstellung der Verantwortlichen subsumiert werden.
Euphemistisch, weil vielerorts geglaubt wurde, solange die Offensiven
durch die OHL fortgesetzt wurden und diese mit für die Verhältnisse der
Westfront erstaunlichen Ergebnissen aufwarten konnten, die Hoffnung auf
den kurz bevorstehenden Sieg nicht aufgeben zu brauchen. Servil, weil für
den Kenner der Statistiken des Ersatzgeschäfts in der Heimat der rein
mathematisch vorhersehbare Zusammenbruch genauso absehbar war, wie er
sich Frontbefehlshabern durch die zusehends katastrophaleren Zustände in
unterbesetzten und insgesamt vernachlässigten Führungsbereichen
1956
abzuzeichnen begann . Einen „Aufschrei“ der Wissenden gegenüber der

1954
Selbst wenn man annimmt, daß die Zeitangabe in der Aussage der französischen
Gefangenen, „im Herbst“, einen gewissen zeitlichen Spielraum für den Erfolg der
deutschen Truppen nahelegte und das Vertrauen auf die Weisheit der OHL und das von ihr
-aus den nur ihr selbst bekannten und überschaubaren Fakten- verlangte Bauen auf die
Stärke und Schlagkraft des Heeres selbst höchste und erfahrenste Offiziere in die Irre
führen konnte, bleibt die Feststellung, daß diese keine der gebotenen Chancen nutzten, um
auf die akuten, gravierenden und alle vorherigen Einschätzungen in Frage stellenden Fakten
hinzuweisen. Kurios mutet dabei auch an, daß im Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 203,
darauf hingewiesen werden konnte, der OHL sei im Juni ein erbeutetes Exemplar des FT-
17 zugegangen. Dieser Tank ging anscheinend im bürokratischen Sumpf des
Hauptquartiers unter, ohne von den Entscheidungsträgern bemerkt zu werden.
1955
Man darf daneben anführen, daß selbst ein mit einer Facharbeit betrauter Mitarbeiter
der Kriegsgeschichtlichen Forschungsanstalt des Heeres, der mit kritischen Bemerkungen
nicht sparte und dessen Erkenntnisse auch nur zu einem Bruchteil in die amtliche
Veröffentlichung einflossen, im Zusammenhang mit dem [Link] 1918 von „Bataillonen
neuer leichter Renault-Wagen“ sprach; siehe BA-MA, RH 61/52029: Forschungsarbeit v.
Menges zur Abwehrschlacht zwischen Aisne und Marne, S. 28.
1956
Bezeichnend für das Erkennen einer militärisch nicht zu rechtfertigenden und rational
nicht erklärbaren Situation sind die -bedauerlicherweise in Teilen zensiert- edierten
Aufzeichnungen Generaloberst v. Einems. Der Befehlshaber der [Link] in der
484

OHL oder gar dieser selbst gegenüber der Politik 1957 und dem Obersten
Kriegsherrn als Hinweis auf die Ausweglosigkeit der Situation sowie einen
Zwang zu Friedensverhandlungen oder auch als Aufzeigen der
Notwendigkeit operativer Alternativen zum Verbrauch der letzten Kräfte in
offenkundig doch wenig zielführenden aber ungeheuer verlustreichen
Angriffunternehmen unterblieb 1958 . Fatalistisch erklärt sich hiernach von
selbst. Die Möglichkeit einer deutschen Niederlage, die sich nach dem
Verbrauch der nicht mehr ersetzbaren Offensivkräfte zwangsweise
einstellen mußte und sich schon zeitig durch die eigenen Schwächen, den

Champagne schrieb zur Lage der [Link] im südlichen Teil des bis zum [Link]
gewonnen Frontbogens an der Somme: „Von der [Link] keine sonderlichen
Mitteilungen. Was die sehr bedeutende Ausbreitung der [Link] nach Westen bedeutet,
wissen wir nicht [X]. Vielleicht will man die Franzosen veranlassen, gegen sie anzurennen
und sich an ihr zu verbluten.“ Zitiert nach Alter: Generalobersten v. Einem, S. 383 (durch
den Herausgeber an der mit „X“ markierten Textstelle zensierter Tagebucheintrag vom
31.3.1918). Belegt wird durch die Passage einmal, daß die fatale Lage bei einer
Nachbararmee, die an der ersten Offensive teilgenommen hatte, schon anhand des durch
Tagesmeldungen in etlichen hundert Kilometer Entfernung entstandenen Kartenbildes
ausgemacht werden konnte. Ferner, daß trotz der offenkundigen Irrationalität eines mit
schwachen Kräften (letztlich dauerhaft) besetzt gehaltenen „Sommebogens“ nach einer
plausiblen Erklärung für diesen Umstand gesucht wurde. Statt den Kräftemangel, die
Erschöpfung und die Aussichtslosigkeit der Lage als offensichtlichen Offenbarungseid der
eigenen Armeen hinzunehmen, verfiel der frühere Kriegsminister darauf, das der Situation
wohl am wenigstens angebrachte Deutungsmuster mit den indirekten Hinweis auf Verdun
1916 und die materiell und personell unzweifelhaft verheerenden Schlachten von 1917
anzuführen.
1957
Abgesehen von der Affäre Kühlmann (siehe Kap. 11.) kann man allerdings anführen,
daß die Politik ihrerseits wenig Anstalten machte, sich kritisch mit der militärischen Lage
und den aus ihr zu ziehenden Schlußfolgerungen zu beschäftigen; siehe dazu Schwertfeger,
Bernhard: Die politischen und militärischen Verantwortlichkeiten im Verlaufe der
Offensive von 1918 (Bd. 2 der [Link] des Untersuchungsausschusses des Reichstages: Die
Ursachen des deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1918), Berlin 1925, S. 179.
1958
Storz führte zumindest einen Versuch an, der andererseits aber auch nicht als
„Aufschrei“ zu deuten ist. Der zur OHL versetzte Thaer (siehe Kap. 5.) hatte nach Storz’
Worten am 1.5.1918 versucht, Hindenburg „die Augen über den Zustand der Armee zu
öffnen“. Dies mißlang, da der Marschall ganz im Sinne der obigen Ausführungen auf
zahlreiche Berichte über die „glänzende“ Stimmung der Truppe rekurrierte; siehe Storz:
Die deutschen Offensiven, in Duppler/Groß: Kriegsende, S. 88.
485

erstarkenden alliierten Widerstand sowie die Nachrichten über eine


Gegenoffensive und Massen neuartiger Tanks abzuzeichnen begann, wurde
nicht gegen die Siegeschancen abgewogen, sondern so lange beiseite
geschoben oder als Privatmeinung in persönlichen Aufzeichnungen
diskutiert 1959 , bis die Protagonisten der militärischen Elite dazu gezwungen
waren, sich damit zu befassen, ihr jeweiliges Verhalten, ihren individuellen
Anteil und ihre Verantwortung an einer beziehungsweise der mit dem
Kriegsende gleichzusetzenden „Katastrophe“ darzulegen. Und dies geschah
durchweg erst nach 1918 und durch das Verfassen von
„Kriegserinnerungen“ 1960 . Diese enthalten samt und sonders keine
Nachweise für ein ausgeprägteres Bewußtsein der höheren Führung
gegenüber dem unausweichlichen Ergebnis des sich offensichtlich,
unweigerlich und unumkehrbar vollziehenden Wandels der
Kräfteverhältnisse zwischen dem Ende der „Großen Schlacht in Frankreich“
und dem alliierten Gegenangriff auf den Frontbogen zwischen Soissons und
Reims am [Link] 1918. Sie enthalten nichts über die frühe Kenntnis von
feindlichen Tankmassen, den Whippet oder über den später berühmt-
berüchtigten FT-17 1961 und nichts über das Wissen um eine großangelegte
alliierte Gegenoffensive lange vor dem genannten Stichtag. Was statt dessen
auf breiter Basis im Zusammenhang mit den Vorgängen seit Beginn der
Abwehrschlacht zwischen Soissons und Reims angeführt wurde, war die
spätestens von Cambrai 1917 her bekannte und geradezu universelle
„Überraschung“ 1962 .

1959
Siehe dazu auch Kap. 11.
1960
Als Beispiel dafür seien an dieser Stelle die Memoiren Hindenburgs genannt, der im
Zusammenhang mit etwaigen Vorwürfen gegenüber unbegründeter Siegeshoffnungen und
dem darin implizierten Selbstbetrug vom „Vertrauen“ in die innere Stärke eines schon
immer rational überforderten aber doch auch immer wieder siegreichen Heeres sprach;
siehe Hindenburg, Paul v.: Aus meinem Leben, Leipzig 1920, S. 299.
1961
Das erste Mal im Gefecht war der FT-17 bereits einen Monat nach den ersten
Meldungen über ihn. Am 31.5.1918 wurden 30 Fahrzeuge bei einem Gegenstoß im Sektor
Soissons eingesetzt; siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 57f. Widerhall in den vom
Verfasser eingesehen Archivalien der höheren und höchsten Führung fand auch dieses
Ereignis nicht.
1962
Siehe Abschn. 9.5. bzw. Abschn. 11.5. sowie Kap. 11. und 12.
486

10.2. Erfolge der Alliierten mit Tanks bei Gegenangriffen.

Unter diesen Vorzeichen fielen die britischen, französischen und


amerikanischen Gegenangriffe, die bis zum Beginn der letzten deutschen
Offensive ab dem [Link] in Sektoren stattfanden, denen abseits der jeweils
noch ausstehenden Ergebnisse weiterer Angriffsunternehmungen und für
den Augenblick eine kriegsentscheidende Bedeutung abgesprochen werden
konnte, in den Bereich hinzunehmender Voraussehbarkeiten. Gegenüber
Kuhl sprach ein über jedes humanitäre Ideal hinweg zielfixierter Ludendorff
am [Link] sehr zynisch davon, daß man in Kauf nehmen müsse, daß die dort
in Stellung befindlichen Verbände „ausbrennen“ 1963 . In seinen
Kriegserinnerungen schrieb er wesentlich dezenter, aber dennoch auch nicht
realitätsverbunden, von einem „planmäßigen Erstarken des feindlichen
Widerstandes“ 1964 . Damit schob er die zumindest mittelfristig zu
erwartenden Folgen der oben angeführten quasi „internen“ Zustände sowie
und noch mehr die von einem Autor im Umfeld 1965 des Reichsarchivs später
so benannte Möglichkeit der von den Alliierten mit überlegener
Waffengewalt erzwingbaren und real kurz bevorstehenden
„Schicksalswende“ 1966 beiseite.
Ihre zumindest retrospektiv unübersehbaren Boten auf den Schlachtfeldern
der Westfront waren die teilweise massiven und zahlreichen Gegenangriffe,
die, in Ermangelung greifbarer Truppen oder zu deren Schonung gegenüber

1963
Siehe BA-MA, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, S. 156.
1964
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 494.
1965
Im Zusammenhang mit Streitigkeiten über die Darstellung des [Link] 1918 durch den
Bd. 35 der Reihe „Schlachten des Weltkrieges“ wies die Kriegsgeschichtliche
Forschungsanstalt darauf hin, daß die vom Verfasser, einem Archivrat a.D., geäußerte
Meinung eine rein private sei. In Hinblick auf gleichartige Auseinandersetzungen im
Umfeld der Aufarbeitung der Kämpfe von Cambrai 1917 (siehe Abschn. 9.6.) ist dies
insofern von Interesse, als daß die noch heute weitverbreiteten Bände der Reihe immer
wieder als deutschsprachige Primärquellen in englischsprachiger Literatur genannt werden
und ihnen zumindest ein „amtlicher Charakter“ unterstellt wird. Siehe Stenger, Alfred:
Schicksalswende. Von der Marne bis zur Vesle 1918 (Schlachten des Weltkrieges, Bd. 35),
Berlin/Oldenburg 1931, bzw. BA-MA, RH 61/52: Schriftwechsel und Berichtigungen zur
Darstellung der Kämpfe 1918 an der Westfront, Bl. 2ff.
1966
Siehe Stenger: Schicksalswende.
487

den erwarteten Großangriffen des Feindes, maßgeblich auf die Schlagkraft


von Tanks bauten. Drei dieser Unternehmungen seien angeführt, weil sie
jeweils von einem anderen Bündnispartner unter den Alliierten ausgeführt
wurden und die weitere Entwicklung der Lage und Kräfteverhältnisse an der
Westfront bis Kriegsende vorwegnahmen.
Die erste fand parallel zur deutschen Offensive gegen den Chemin des
Dames am [Link] an der Avre statt und hatte die Wegnahme des in
Trümmer geschossenen Ortes Cantigny zum Ziel. Für diesen sehr
begrenzten Auftrag standen Teile der amerikanischen [Link] bereit, die
durch französische Artillerie, Flammenwerfer und 12 CA-1 unterstützt
wurden 1967 . Nach kurzer aber intensiver Artillerievorbereitung konnte
Cantigny binnen weniger als einer Dreiviertelstunde und ohne nennenswerte
Schwierigkeiten oder größere Verluste gewonnen werden 1968 . Die
Verteidiger der im Dezember von der Ostfront herbeigeholten [Link]
wurden vollständig überrumpelt und fügten sich, obwohl das Gelände nach
fachmännischer Einschätzung der Zwischenkriegszeit grundsätzlich gute
Abwehrmöglichkeiten geboten hatte 1969 , in ihr Schicksal 1970 . Von den CA-
1, welche die Speerspitze des Unternehmens bildeten und auf die Deutsche
mit erhobenen Händen zugelaufen sein sollen, ging keiner durch
Abwehrfeuer verloren, was für den ersten Kontakt einer in der Abwehr an
der Westfront und in der Tankbekämpfung unerfahrenen Truppe
drittklassigen Gefechtswertes 1971 mit einem überlegenen Gegner als
bezeichnend angesehen werden kann 1972 . Einen Anlaß zu besonderer

1967
Siehe Center Of Military History, United States Army (Hg.): United States Army in
The World War 1917-1918, Bd. I: Organization of the American Expeditionary Forces,
Washington 1948 (Reprint 1988), S. 19, und Trask, David E.: Cantigny, in Venzon, Anne
C./Miles, Paul L. (Hg.): The United States in the First World War. An Encyclopedia,
London/New York 1995, S. 125ff.
1968
Siehe Center of Military History: United States Army, Bd. I, S. 20.
1969
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 56.
1970
Siehe Hallas, James H.(Hg.): Doughboy War. The American Expeditionary Force in
World War I, Boulder/London 2000, S. 80 (Aussage von Lieutenant Daniel Sargent).
1971
Siehe Nash: The 251 divisions, S. 549.
1972
In zwei Truppengeschichten von Einheiten der [Link] ist nichts über eine besondere
Schulung in der Tankbekämpfung zu finden. Dagegen wird in ihnen ausdrücklich von
488

Unruhe bot das Geschehen für die deutsche Führung offenkundig nicht,
obwohl man sich bis zum [Link] als unfähig erwies 1973 , Cantigny den
Amerikaner wieder zu entreißen. Anlaß zur Beunruhigung gab es auch
nicht, obwohl die amerikanischen Truppen nun ganz offensichtlich nicht
mehr nur vereinzelt, sondern geschlossen sowie zu Angriffen befähigt in
Erscheinung getreten und ein kleiner, präziser Schlag nach dem von den
Franzosen vorexerzierten Modell von Malmaison 1917 Schwächen und
Mängel der deutschen Abwehr klar aufgezeigt hatte. Besonders das
Auftreten der Amerikaner im Angriff hätte eine Reaktion der OHL
gegenüber der politischen Führung des Reiches erwarten lassen- und
unzweifelhaft eine „strategische“ Reaktion. Schließlich hatte Ludendorff
gegenüber Vertretern der Reichtagsfraktionen schon im Sommer 1917 recht
unmißverständlich zum Ausdruck gebracht, daß das Auftreten
amerikanischer Truppen in größerer Zahl ab Sommer 1918
kriegsentscheidenden Charakter haben würde 1974 . Real war dies nun
gegeben.
Der zweite Gegenangriff, der besonders hervorgehoben werden soll, wurde
von französischer Seite unter dem Befehl des zurück an die Westfront
berufenen Generals Mangin 1975 am [Link] 1918 an der Matz durchgeführt.

Ausbildung im Angriffsverfahren und dem Wunsch, eine „Angriffsdivision“ zu werden


gesprochen; siehe Rosen, v./Rundstedt v. (Hg.): Das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 270
im Weltkriege 1914/1918 (Deutsche Tat im Weltkriege 1914/1918, Bd. 56), Berlin 1934, S.
118ff., und Grothe, H. v. (Bearb.): Das Res.-Infanterie-Regiment Nr. 272 im Weltkriege
(Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bd. 127), Berlin 1925, S. 61ff.
1973
Es erfolgten bis dahin zahlreiche Gegenangriffe, die allesamt scheiterten. Am 30.5.
befahl der Befehlshaber der [Link], v. Hutier, die Einstellung der
Rückeroberungsversuche, da vom amerikanisch besetzten Cantigny keine größeren
Gefahren auszugehen schienen; siehe Trask: Cantigny, in Venzon/Miles, S. 126.
1974
Siehe BA-MA, RH 61/50355, Bl. 424ff.: Vortrags- und Besprechungsprotokoll zum
Besuch von Reichtagsabgeordneten bei der OHL am 13.7.1918. Zur Einschätzung der
Wirkung der USA siehe ebenda, Bl. 426f.
1975
Siehe Abschn. 6.5. Ein Urteil über diesen General, der nach dem Scheitern der Nivelle-
Offensive von April 1917 untragbar erschienen war, kann erklären, warum Foch in der
Krisensituation doch wieder auf seine Fähigkeiten zurückgriff: „The most consistently
aggressive French general on the Western Front, his commitment to offensive tactics
merited the nick-name ‚Butcher’ but won several famous victories. [... .] He remained in
489

Die Operation war erst tags zuvor als massiver Stoß in die Westflanke der in
Richtung Compiègne angreifenden deutschen [Link] angeordnet worden,
was die betroffenen französischen Führungsebenen vor nicht unerhebliche
Probleme bei der Koordination sowie beim Zusammenziehen der
vorgesehenen Verbände stellte und die Operation grundsätzlich der Gefahr
aussetzte, wie die britischen Gegenstöße vom März zu enden 1976 . Diese
Möglichkeit wurde vor dem Hintergrund des Wunsches zum Stoppen und
Demoralisieren der Deutschen allerdings in Kauf genommen 1977 , und man
versuchte, sie durch konzentrierten Tankeinsatz und das vorbereitende
Niederkämpfen der feindlichen Artillerie -beziehungsweise der damit
identischen Tankabwehr- zu relativieren. Über die Angriffsspitzen der
Infanterie von vier Divisionen hinweg sollten insgesamt 147 [Link]
und Schneider in die deutschen Stellungen stoßen 1978 . Beurteilt man den
Angriff vom [Link] anhand der Zahl von 72 abgeschossenen Tanks 1979 , die
Opfer der nicht ausgeschalteten und numerisch starken deutschen Artillerie
wurden, so belegte er die Effizienz der deutschen Tankabwehr gegen
bekannte Fahrzeugtypen nach dem Muster, das den Abwehrerfolgen im
Frühjahr 1917 zugrundegelegen hatte 1980 . Blickt man dagegen auf die
Wirkung, welche der französische Einbruch von bis zu 5km Tiefe erzielte
und hält fest, daß kein größeres beziehungsweise ferneres Operationsziel
des Angriffes vorgesehen war, sondern das Beabsichtigte erreicht wurde,
stellte er einen erheblichen Erfolg dar 1981 . Der [Link] war der

the wilderness until mid 1918, when the similary aggressive Foch recalled him to command
the Tenth Army, [...].“ Zitiert nach Pope, Stephen/Wheal Elizabeth-Anne: Dictionary Of
The First World War, Barnsley 22003, S. 302.
1976
Siehe Guénaff/Jurkiewiecz: Les Chars, S. 38f.
1977
Siehe dazu LAF, Bd. VI.2., S. 319f.
1978
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 62f.
1979
Siehe Guénaff/Jurkiewiecz: Les Chars, S. 97. Die Zahl von 144 eingesetzten und 63
verlorenen Fahrzeugen liefert das Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 63, und Goya, S. 351,
nennt 163 eingesetzte und 73 verlorene Tanks.
1980
Detaillierte Angaben zu Verlauf und Ergebnissen des Tankeinsatzes sowie
Informationen über die beteiligten Abteilungen der vier französischen Panzergruppen
liefern Guénaff/Jurkiewiecz: Les Chars, S. 49ff.
1981
Siehe dazu auch Blaxland, Gregory: Amiens 1918, London 1968, S. 140.
490

Angriffsschwung genommen worden, sie wurde in ihrer Flanke bedroht und,


wie die offiziöse deutsche Geschichtsschreibung der Zwischenkriegszeit im
Kontext des nun gescheiterten Stoßes gegen Compiègne und Paris zu
lapidar beschrieb, es blieb ihr nach dem Aufgeben von Gelände nur, sich auf
die Abwehr zu beschränken 1982 .
Das dritte Beispiel aus der Reihe der auf Tanks gestützten alliierten
Gegenangriffe ereignete sich am [Link] im „Sommebogen“, einige Kilometer
nordöstlich von Villers-Bretonneux. In diesem Bereich war es seit Ende
April nicht zu großen Kampfhandlungen gekommen, was den Briten die
Gelegenheit zur Auffrischung ihrer Verbände und zur Reorganisation ihrer
Verteidigung gegeben hatte. Der Eindruck, daß die gegenüberliegenden
deutschen Truppen in ihrer Kampfkraft eingeschränkt waren, bot eine
günstige Gelegenheit für eine Art praktischen Test ihrer Abwehrfähigkeit
und der Angriffsfähigkeit der eigenen Verbände 1983 . Als Ziel einer
begrenzten Operation, die vom Befehlshaber des neugebildeten
Australischen Korps, Monash, geplant wurde, wählte man die taktisch
bedeutenden Höhen von Hamel. Die Hauptlast des Unternehmens hatte die
kampferprobte australische [Link] 1984 zu tragen, welche durch starke
Artillerie, Flieger und die ersten 60 neuen Mark V des Tank Corps
unterstützt wurde. Monash, ein Kommandeur, der von den Qualitäten des
Tanks überzeugt war 1985 , bediente sich bewährter Mittel, die schon bei
Cambrai den Einbruch in die Siegfried-Stellung außerordentlich begünstigt
hatten, namentlich der Überraschung und des natürlichen wie künstlichen

1982
Siehe Bose, Thilo v.: Wachsende Schwierigkeiten. Vergebliches Ringen vor
Compiègne, Villers-Cotterêts und Reims (Schlachten des Weltkrieges, Bd. 33),
Berlin/Oldenburg 1930, S. 162. Siehe und vergleiche LAF, Bd. VI.2., S. 333f.
1983
Zur Vorgeschichte, den einzelnen Planungsschritten und zum genauen Verlauf der
Schlacht siehe Bean, C. E.: The Australian Imperial Force In France During The Allied
Offensive, 1918 (The Official History Of Australia In The War Of 1914-1918, Bd. VI),
Sydney 1942, S. 242ff.
1984
Ein deutscher Bericht über den Kampfwert britischer Divisionen von Januar 1918
beurteilte die bei Arras und mehrfach an der Somme und in Flandern aufgetretene [Link].
Division als „gute Angriffsdivision“ und ordnete sie damit der zweithöchsten
Bewertungskategorie zu; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 536: Abt. Fremde Heere Nr. 4610
Geheim! vom 1.1.1918, Anlage 3, S. 7.
1985
Siehe Abschn. 9.6.1.
491

Nebels. Die neuen Mark V sah sein Plan als reine Unterstützungswaffen der
Infanterie vor, die mit ihr zusammen in die feindlichen Stellungen
eindringen und vorhandenen Widerstand niederkämpfen sollten. Auf die
enge Zusammenarbeit beider Waffen wurde allergrößter Wert gelegt, so
daß, wie Fuller in diesem Zusammenhang einmal erfreut bemerkte, „wenige
Tage vor Beginn der Schlacht zwischen beiden Formationen
[Waffengattungen] die engste Kameradschaft herrschte“ 1986 . Dies war um
so wichtiger, als die australische [Link] im vorherigen Jahr bei
Bullecourt einschlägig negative Erfahrungen mit dem neuen Kriegsmittel zu
sammeln gehabt hatte 1987 . Diesbezügliche Sorgen erwiesen sich als
unbegründet. Die deutschen Verteidiger, die nach Ablösung einer vollends
verbrauchten Division zur erfahrungsgemäß erstklassigen [Link]
gehörten 1988 , wurden binnen kurzer Zeit aus ihren vordersten Stellungen
gedrängt und verloren allein 1.500 Gefangene, während beim Angreifer
Gesamtverluste in Höhe von rund 700 Mann eingetreten waren 1989 .
Anzeichen für einen bevorstehenden Angriff durch Artillerievorbereitung
hatte es nicht gegeben, die deutschen Stellungen waren, wie die
Truppengeschichte des IR 15 es formulierte, „dürftig und lückenhaft
ausgebaut“, zu geringer Ersatz für frühere Ausfälle sowie die grassierende
Grippe hatten für geringe Gefechtsstärken gesorgt 1990 . Und zu allem
Überfluß war die Artillerie der [Link] zum Zeitpunkt des Angriffs gerade
erst mit der Übernahme ihrer Stellungen befaßt 1991 , so daß kaum
artilleristische Feuerkraft zur Abwehr zur Verfügung stand. Mit der
Artillerie war der Hauptträger der von der „großkampferfahrenen“ Division

1986
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 253.
1987
Siehe Abschn. 5.4.
1988
Siehe Nash: The 251 Divisions, S. 228.
1989
Siehe Fuller: Tanks, S. 207.
1990
Siehe Groos, Carl/Rudloff, Werner v. (Bearb.): Infanterie-Regiment Herwarth von
Bittenfeld ([Link]älisches) Nr. 13 im Weltkriege 1914-1918 (Erinnerungsblätter deutscher
Regimenter, Bd. 222), Berlin 1927, S. 306f., und Riebensahm, Gustav (Bearb.): Infanterie-
Regiment Prinz Friedrich der Niederlande ([Link]älisches) Nr. 15 im Weltkriege 1914-18,
Minden 1931, S. 345ff.
1991
Siehe Windhorst, Karl (Bearb.): Das Mindensche Feldartillerie-Regiment Nr. 58 im
Weltkriege 1914-1918, Dortmund o.J. (1930), S. 264.
492

durchaus eingeplanten 1992 Tankbekämpfung ausgefallen, und zur


demoralisierenden Wirkung der Tanks, von denen nur fünf kampfunfähig
gemacht werden konnten 1993 , kam derjenige nahezu ungehindert agierender
britischer Schlachtflieger. Die von Travers angeführte „poor german
morale“ 1994 scheint unter diesen Gesichtspunkten nur einen einzigen und als
Resultat der allgemeinen und besonderen Zustände verständlichen Grund
unter vielen für den hervorragenden 1995 australischen Erfolg bei Hamel
darzustellen. Das Ergebnis der Kämpfe ging wie bei den beiden zuvor
genannten Beispielen für alliierte Gegenangriffe in seiner Bedeutung weit
über einen lokalen Erfolg hinaus. Das Geschehen am [Link] kann als ein
unzweifelhaftes Zeichen für die britische Führung, daß die Zeit dafür reif
war, die Initiative an der Westfront an sich zu reißen, gelten 1996 . Bereits
wenige Tage später, am [Link], erreichte Haig der Angriffsplan des
Oberbefehlshabers der [Link], Rawlinson, für eine großangelegte
Offensive gegen die deutschen Stellungen vor Amiens, auf dessen
Grundlage schließlich, am [Link] 1918, der von Ludendorff so getaufte
„schwarzen Tag des deutschen Heeres“ herbeiführt werden sollte 1997 . Vor
diesem Hintergrund beinhaltete die Schlacht den für die britische Führung
wichtigen Beleg für die Möglichkeiten eines tatsächlich von den Franzosen
seit längerer Zeit genutzten Angriffsverfahrens, das, wenn nicht auf den
Tank als das maßgebliche Element, so doch auf dem ihn unbedingt
einschließenden, massiven Gebrauch moderner und aufeinander

1992
Siehe ebenda, S. 269.
1993
Siehe Travers: How The War Was Won, S. 115. Das Taschenbuch der Tanks, Teil III,
S. 70, spricht von drei Tanks, die vom Angreifer später geborgen werden konnten. Fuller
gibt an, daß fünf Tanks getroffen und später zurückgebracht worden seien; siehe Fuller:
Tanks, S. 207.
1994
Siehe Travers: How The War Was Won, S. 114.
1995
„An Schnelligkeit, Kürze und Vollständigkeit des Erfolges kann keine Schlacht des
Krieges sich mit der von Hamel messen.“ Zitiert nach Fuller Erinnerungen, S. 255.
1996
Siehe dazu RH 61/52014: Manuskript zur Abwehrschlacht zwischen Somme und Oise
vom [Link] bis [Link] 1918, S. 3. Dem Text zufolge hatten die Kämpfe gezeigt,
daß „die deutsche Infanterie nicht mehr ein so furchtbarer Gegner sei wie in den
vorhergehenden Jahren und daß die deutschen Verteidigungsanlagen im Vergleich mit
früheren Zeiten nur geringen Wert hätten.“
1997
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 3, und Kap. 12.
493

abgestimmter Kriegsmittel aufbaute. Über diese Bedeutung einer von der


amtlichen deutschen Geschichtsschreibung der Zwischenkriegszeit mit
Nichtachtung bedachten Miniaturschlacht hinaus 1998 , gelang es den
australischen Angreifern, bei Hamel eine wichtige Beute zu machen. Unter
den deutschen Waffen, die eingebracht worden waren, befanden sich zwei
eigentümliche, insgesamt überdimensioniert erscheinende Gewehre von
rund 16Kg Gewicht und 13mm Kaliber, die in etwa einer Einzelladerversion
des Standard-Infanteriegewehrs 98 entsprach 1999 . Es handelte sich um noch
äußerst rare Exemplare der im Frühjahr 1917 von der OHL dringendst
geforderten, dann insgesamt vernachlässigten und zeitweilig aufgegebenen,
im Oktober 1917 wieder ins Auge gefaßten und seit Mai 1918 für die
Serienfertigung zugelassenen „Wallbüchse“ 2000 . Daß diese merkwürdigen
Gewehre neuartige Tankabwehrwaffen waren, erschloß sich der britischen
Seite rasch. Noch im Juli begannen Beschußtests, und man befaßte sich mit
Möglichkeiten, Tanks und ihre Besatzungen gegen die Wirkung des
Tankgewehres, das zumindest auf Nahkampfentfernung um 50m jede
Panzerung der vorhandenen Tanks durchschlagen konnte, zu sichern 2001 .
Deutsche Hoffnungen auf die psychologisch und taktisch erhoffte und nach
Stand des Vorjahres zu erwartende Entlastung der Truppe durch ein ihr
lange Zeit versprochenes und noch längere Zeit vorenthaltenes, „eigenes“
Tankabwehrmittel hätten demgemäß schon im Stadium vor dessen
massenhafter Verbreitung illusorisch sein müssen. Der Verlust der Waffen
und die Möglichkeit, daß dem Feind dadurch frühzeitig die Gelegenheit zu

1998
Weder in RA, Bd. 14, noch in einem Band der offiziösen Reihe „Schlachten des
Weltkrieges“ wird auf die Schlacht am [Link] im Kontext der obigen Ausführungen explizit
eingegangen.
1999
Siehe Kern, Wolfgang: Das Tankgewehr Mauser M 1918, Hürth 2002, S. 114.
2000
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 205f.,
sowie Abschn. 4.1. und 8.2.
2001
Siehe Kern: Das Tankgewehr, S. 118 und S. 121ff. Petter gab als
Durchschlagleistungen an, daß auf 200m noch 22mm und auf 500m noch 20mm Panzerung
durchschlagen werden konnten. Hierbei dürfte es sich um theoretische Zahlen handeln,
welche in der Realität vor allem vom Auftreffwinkel des Hartkerngeschosses auf das Ziel
abhängig waren; siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-
Abwehr, S. 205.
494

effektiven Schutzmaßnahmen gegeben wurde, fand bei der deutschen


Führung nach Stand der vom Verfasser eingesehenen Archivalien und
gesichteten Literatur dieselbe Berücksichtigung 2002 wie die oben angeführte
Kenntnis von neuartigen Tanktypen mehr oder weniger unbekannter
Qualität, die für eine massive Gegenoffensive bereitgestellt wurden:
nämlich keine.

11. „Die Niederlage des deutschen Heeres“. Tanks und Tankabwehr in


der Abwehrschlacht zwischen Soissons und Reims, Juli-August
1918.

Die strategische Gesamtlage hatte sich für das Deutsche Reich und seine
Verbündeten bis Ende Juni 1918 zusehends negativ entwickelt. Mit der
Reichstagsrede des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes, von Kühlmann,
der das Offensichtliche äußerte, nämlich daß der Krieg allein mit
militärischen Mitteln nicht mehr zu gewinnen sei, lag am [Link] ein Fall
quasi öffentlichen Aufbegehrens eines politischen Protagonisten aus den
Reihen der Reichsleitung gegen die Fortsetzung der deutschen Offensive
nach Gutdünken der OHL vor. Kühlmann, der bei seinen Worten mit
allergrößter Wahrscheinlichkeit sehr viel mehr als nur die Situation an der
Westfront, sondern zumindest auch die katastrophale Versorgungs- und
Ersatzlage der k.u.k. Monarchie im Auge 2003 sowie eine dem Kern seiner
Worte sehr ähnliche und von Ludendorff Anfang Juni 1918 persönlich
abgesegnete, allerdings geheime Note Oberst von Haeftens, des Chefs der

2002
Siehe dazu auch Abschn.13.2.2.
2003
Kuhl erwähnte, daß Kühlmann bereits Anfang des Jahres 1918 „sehr schwarz“ sah, was
die Versorgungslage der Mittelmächte betraf, und anläßlich einer Besprechung mit
Ludendorff und dem k.u.k. Außenminister, Graf Czernin, im Februar 1918 schlimmste
Befürchtungen über die wirtschaftliche Situation des wichtigsten Verbündeten bestätigt
wurden; siehe Kuhl: Entstehung, Durchführung und Zusammenbruch der Offensive, S. 17
und S. 19. Eine Offensive des Verbündeten in Oberitalien am 15.6.1918 blieb zudem nach
unbedeutenden Anfangserfolgen stecken und konnte als Vorbote des militärischen
Zusammenbruchs gewertet werden; siehe RA, Bd. 14, S. 732f.
495

militärischen Stelle beim Auswärtigen Amt, im Hinterkopf hatte 2004 , wurde


von der OHL und ihrem Reichskanzler ziemlich unverhohlen als Verräter
diskreditiert. Er verlor am [Link] seine Dienststellung 2005 . Man wird bei aller
Erregung, die Kühlmann innerhalb der Generalität wegen der ihr
zuzubilligenden militärischen Rücksichtnahme auf die Motivation der
Truppe vor einer neuerlichen Offensive, allein schon verursachte, annehmen
können, daß die Worte des Politikers nicht überall auf taube Ohren stießen
und schlichtweg als defätistisches Gerede 2006 abgetan wurden. So hielt
Generaloberst von Einem in seinen Aufzeichnungen fest, daß zwar „in der
Armee große Empörung“ über Kühlmanns Reichstagsrede herrschte,
andererseits aber auch Besorgnis, da durch sie -man ergänze: zumindest
durch Überlegungen zu ihrer Berechtigung- die Frage aufgeworfen wurde,
warum unter den gegebenen Verhältnissen noch weitergekämpft werden
solle 2007 . Daß von Einem diese Fragestellung im sozusagen öffentlichen
Rahmen der Edition seiner „Kriegserinnerungen“ Ende der 30er Jahre nicht
explizit für seine Person in Anspruch nahm, mag mit dem Hinweis auf eine
Art Selbstschutz, der durch die selektive Zusammenstellung der Memoiren
gewährleistet gewesen sein dürfte 2008 , als beispielhaft für die
schriftstellernde deutsche Generalität des Ersten Weltkrieges angesehen
werden können. Ein Tagebucheintrag Kuhls, der bereits sechs Tage vor
Kühlmanns Rede am [Link] abgefaßt wurde, kann indessen verdeutlichen,
daß düstere Lageauffassungen und Zweifel an befohlenen Operationen und
deren Durchführung bei einigen der bedeutendsten militärischen Führer
grundsätzlich vorhanden waren- wenngleich diese ihre Anschauungen auch
nicht in letzter Konsequenz, das heißt in Richtung auf politische
Konsequenzen, zuende dachten beziehungsweise dahingehend für die
Nachwelt zu Ende formulierten:

2004
Siehe Schwertfeger: Die politischen und militärischen Verantwortlichkeiten, S. 193ff.
2005
Siehe dazu Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 525f., Heydecker, S. 531, und
Chickering, S. 208f.
2006
Siehe dazu Tschischwitz: General v.d. Marwitz, S. 300 (Tagebucheintrag vom
29.6.1918).
2007
Siehe Alter: Generalobersten v. Einem, S. 413 (Tagebucheintrag vom 1.7.1918).
2008
Siehe Abschn. 10.1.
496

„Wir kommen allmählich an den Wendepunkt des Krieges. Das Entscheidende


ist die schlechte Ersatzlage. Die nächsten Angriffe werden unsere Divisionen ganz
verbrauchen. Wir können noch große Vorteile damit erringen, aber wohl nicht die
Entscheidung. Dann die Amerikaner.“ 2009

Ludendorff brachte die ihm bekannte Situation und der sich augenfällig
verschlechternde Zustand des deutschen Heeres nicht davon ab, weiterhin
offensiv eine baldige Entscheidung zu suchen. Kühlmanns Nachfolger, von
Hintze, gegenüber, der ihn wegen der Siegesaussichten Anfang Juli
befragte, soll er dementsprechend versichert haben, er „hoffe den Feind
durch einen nächsten Schlag friedenswillig zu machen“ 2010 . Zum Schauplatz
eines nächsten Hauptschlages, der allerdings erst Ende Juli oder Anfang
August möglich erschien, wählte er den britischen Gegner in Flandern und
behielt sich die aus heutiger Sicht reichlich verwegen erscheinende Option
auf eine direkt daran anschließende Großoffensive zwischen Amiens und
Paris vor 2011 . Für die Zwischenzeit faßte er einen als Ablenkung von der
eventuell schon entscheidenden Flandernunternehmung zu verstehenden

2009
Zitiert nach BA-MA, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, S. 160f. In diesem
Zusammenhang siehe auch Frauenholz: Kronprinz Rupprecht, Bd. 2, S. 395, wo düsterste
Zukunftsprognosen bereits für den 8.5.1918 festgehalten sind. Siehe auch BA-MA, RH
61/52, Bl. 9f.: Brief v. Bocks an die Forschungsanstalt des Heeres vom 6.9.1930 wegen der
französischen Offensive am 18.7.1918. Bock berichtete über einen Vortrag beim deutschen
Kronprinzen im Vorfeld des von Ludendorff verordneten Angriffs vom 15.7.1918, er habe
damals festgestellt (Bl. 10): „ Zu diesem Angriff gehren [gehören] zwei! Einer der die Kraft
hat, ihn zu führen und einer, der sich dies gefallen läßt.“ Kuhl änderte seine privat fixierte
Auffassung später übrigens grundlegend, wenn man die Darstellung der Kühlmann-Affäre
in seiner populären Darstellung des Weltkrieges und seine Schrift zur Kriegslage im Herbst
1918 anschaut; siehe Kuhl: Der Weltkrieg, Bd. 2, S. 374f., und Kuhl: Die Kriegslage, S.
19ff. Ein anderes, gleichgelagertes Beispiel findet sich in der Diskrepanz zwischen
Aufzeichnungen und Handlungsweisen Schulenburgs und seiner Darstellung der Lage bei
Kriegsende für den Untersuchungsausschuß des Reichstages 1925; siehe Schulenburg, Graf
v.d.: Die Lage bei der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz in den letzten Kriegsmonaten, als
Beilage 1 in Bd. 6 der [Link] des Untersuchungsausschusses des Reichstages: Die
Ursachen des deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1918, Berlin 1928, S. 309-320.
2010
Siehe Foerster, Wolfgang: Der Feldherr Ludendorff im Unglück. Eine Studie über seine
seelische Haltung in der Endphase des ersten Weltkrieges, Wiesbaden 1952, S. 12.
2011
Siehe BA-MA, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, S. 159ff. Siehe auch Kuhl: Der
Weltkrieg, Bd. 2, S. 378ff., und RA, Bd. 14, S. 412ff.
497

Angriff der Heeresgruppe Kronprinz beiderseits Reims ins Auge, der am


[Link] 1918 einen operativen Gewinn durch das Herbeizwingen alliierter
Reserven aus Flandern bewirken und gleichzeitig die prekäre
Versorgungslage im „Marnebogen“ zwischen Soissons und Reims beheben
sollte. Dort war als Folge der deutschen Offensive vom [Link] eine tief in
die früheren französischen Stellungen hineinreichende Ausbuchtung der
Front entstanden, deren Scheitelpunkt bei Château Thierry an der Marne lag
und deren Flanken durch den Wald von Villers-Cotterêts (Forêt de Retz) im
Westen sowie den Reimser-Bergwald (Forêt de la Montagne de Reims) im
Osten markiert wurden.

Abb. 11: Karte zur Ausprägung des „Marnebogens“ bis Mitte Juni 1918 2012 .

Die Versorgung der dortigen Verbände mußte mangels brauchbarer


Infrastruktur größtenteils über den westlichen Eckpfeiler des Frontbogens,
den Eisenbahnknotenpunkt Soissons, abgewickelt werden 2013 . Die
verkehrstechnische Bedeutung der Stadt und ihre relative Nähe zu den
französischen Linien brachte den nach lohnenden Zielen für potentielle

2012
Abb. nach Volkmann: Der große Krieg, S. 271. Das AOK 9, das hier nicht noch nicht
verzeichnet ist, wurde zwischen AOK 18 und AOK 7 eingeschoben.
2013
Siehe dazu BA-MA, RH 61/52029: Forschungsarbeit v. Menges zur Abwehrschlacht
zwischen Aisne und Marne, S. 5f.
498

Gegenangriffe suchenden Foch am [Link] dazu, Pétain die Wegnahme der


Soissons vorgelagerten Höhen durch maximalen Gebrauch von Artillerie
und Tanks zu befehlen 2014 , um mit Geschützfeuer effektiv gegen die
zentrale deutsche Nachschubbasis wirken zu können 2015 .
Die Ausweitung dieses begrenzten Vorhabens hin zu einer von den Führern
vor Ort bereits Anfang Juni angedachten 2016 großangelegten Offensive
gegen beide Flanken des von französischer Seite -bezeichnend genug-
„Tasche von Château Thierry“ genannten Frontbogens zwischen Soissons
und Reims wurde maßgeblich durch zwei Faktoren begünstigt. Zum einen
dadurch, daß die Ränder dieser „Tasche“ grundsätzlich durch starke Kräfte
zu sichern waren, weil von dort eine akute Bedrohung für das strategische
Ziel Paris ausging 2017 . Darauf Rücksicht nehmen zu müssen, konnte unter
Umständen und vor allem parallel zur Erfüllung der defensiven Aufgaben
gewährleisten, daß, wenn der Feind hier keinen oder einen nur begrenzten
Durchbruchversuch unternahm, Truppen für Gegenangriffe an günstigen
Stellen bereitstanden 2018 . Zum anderen konnte das Hauptproblem, dem sich
Foch bei der Zusammenziehung starker Kräfte rund um den Frontbogen
anfänglich gegenüber sah, nämlich der Zwang zum Absichern anderer von
deutschen Angriffsoperationen potentiell bedrohter Sektoren der Westfront,
bis Anfang Juli gelöst werden. „Verschiedene Anzeichen“ 2019 , die einmal
den für den Feind unverkennbaren, massiven und geradezu klassischen
Offensivvorbereitungen 2020 sowie, in letzter Konsequenz, mangelhafter

2014
Siehe LAF, Bd. VI.2., S. 405.
2015
Siehe dazu Foch: Kriegserinnerungen, S. 339, und LAF, Bd. VI.2., S. 404ff.
2016
Siehe LAF, Bd. VI.2., S. 406.
2017
Ausdrücklich wies Foch am 1.7.1918 Haig und Pétain auf die besondere Rolle von
Paris als Prestigeobjekt hin, dessen Fall oder auch schon dessen Beschuß durch die
Deutschen unabsehbare politische und propagandistische Bedeutung haben würde; siehe
ebenda, S. 417.
2018
Siehe Foch: Kriegserinnerungen, S. 351: „Etwa von Mitte Juli ab konnte man den
Augenblick herannahen sehen, wo sich die beiderseitigen Kräfte offenbar im Gleichgewicht
befanden. Dann war die Stunde gekommen, wo wir unsererseits die Offensive ergreifen
mußten, wenn der Feind nicht mehr angriff. Und griff er an, so konnten wir mit unserer
Parade einen schweren Schlag verbinden.“
2019
Siehe ebenda, S. 349.
2020
Siehe dazu LAF, Bd. VI.2., S. 418f.
499

Geheimhaltung der deutschen Seite zuzuordnen sind 2021 , sprachen dafür,


daß der Feind den nächsten Schlag an der Ostflanke des Frontbogens,
beiderseits von Reims, ausführen würde. Aufgrund dieser Erkenntnisse
konnten Abwehrvorkehrungen und Angriffsabsichten tatsächlich ruhigen
Gewissens miteinander in Einklang gebracht und starke Kräfte, die bis zum
[Link] 44 französische, amerikanische und italienische Infanterie- und sechs
(berittene) Kavallerie-Divisionen sowie Unterstützungsteile erheblichen
Umfanges ausmachten 2022 , ohne die Sorge herangezogen werden, vom
Feind andernorts überrascht werden zu können. Ende Juni begannen
vorbereitende Unternehmungen gegen die deutschen Stellungen südwestlich
Soissons, die der Gewinnung günstiger Sturmausgangsstellungen dienten,
sehr erfolgreich verliefen und der französischen Führung zudem deutliche
Anzeichen dafür lieferten, daß die Kampfkraft der gegenüberstehenden
deutschen Verbände eher gering einzuschätzen war 2023 .
Als die deutschen Truppen am [Link] beiderseits Reims angriffen, trafen sie
auf einen vorbereiteten Gegner, der den Kampf um die vorderste Stellung
nach und nach aufgab, um sich -wie durchaus lobend anerkannt wurde- nach

2021
Kuhl erwähnte in diesem Zusammenhang, daß die deutsche Offensive bei Reims in
Brüssel und München bereits Wochen vor dem [Link] öffentlicher Gesprächsstoff gewesen
sei und Ludendorff mehrere Briefe aus Deutschland erhalten habe, worin auf den sorglosen
Umgang mit dem Angriffsplan hingewiesen wurde; siehe Kuhl: Der Weltkrieg, Bd. 2, S.
382, und BA-MA, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, S. 166. Üblicherweise wird in der
Literatur die Preisgabe des Angriffsplans deutschen Gefangenen oder Überläufern
zugeordnet, die gemäß Erkenntnis der OHL bereits Anfang Juli ausgesagt hätten. Foch
datierte die relevanten deutsche Gefangenenaussagen erst auf den 14.7.1918, erhielt
tatsächlich aber bereits am 9.7.1918 einen darauf bezogenen Aufklärungsbericht; siehe
HStAS, M 1/11, Bü. 794, Bl. 25: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/Fr. H Nr. 9430 geh. op.
vom 20.7.1918, Foch: Kriegserinnerungen, S. 353, und Paquet: La Défaite, S. 115.
2022
Gerechnet sind lediglich die Divisionen, die an den Außenrändern des Frontbogens
zwischen Soissons und Reims standen (frz. 10., 6., 9. und [Link]); siehe RA, Bd. 14, S.
476, Anm. 3 zu S. 475.
2023
Siehe Stenger: Schicksalswende, S. 8, LAF, Bd. VII.1., S. 42f., und Bourlet, Michael:
État Des Lieux Avant La Bataille, in Cochet, François (Bearb.): Les Batailles De La Marne.
De L’Ourq Á Verdun (1914 Et 1918), Actes du colloque „Batailles emblématiques,
combats oubliés“ tenu á Reims et Verdun les 6 et 7 mai 2004, o.O. 2004, S. 202.
500

dem Muster des seit 1917 praktizierten eigenen Abwehrverfahrens 2024 , auf
vorbereitete, tiefgegliederte, rückwärtige Positionen zurückzuziehen.
Hierauf lief der Angreifer auf, wobei als beachtenswertes Nebenbei des
operativen Großen und Ganzen erstmalig Minenfelder in Erscheinung
traten 2025 , die der deutschen Tankunterstützung spürbare Verluste
2026
beibrachten . Schon am [Link] hatte Foch als Zeitpunkt für die
Gegenoffensive den 18. des Monats bestimmt, und noch am Abend des
ersten Angriffstages bei Reims bestärkte Pétain der Verlauf der Schlacht
darin, dem Generalissimus dieses Datum zu bestätigen 2027 . Nach dem
Verlust von etwa 50.000 Mann 2028 und ohne ein Ziel der Operation erreicht
zu haben, stellte die OHL ihre Reimser Offensive am Morgen des [Link]
ein und ordnete den Abtransport von Truppen und Material nach Flandern
an 2029 .
Neben die taktisch-operative Ohnmacht, die sich auf deutscher Seite bereits
an anderen Stellen der Front besonders durch die nicht adäquat zu
konternden Gegenangriffe der Alliierten offenbart hatte, war in diesem
Moment eine strategische getreten. Ohne die Möglichkeit zur Hand zu
haben, mit einem weiteren Angriff das Geschehen an der Hauptkampffront

2024
Siehe dazu BA-MA, RH 61/50671: KTB HGr Kronprinz vom 15.7.-3.8.1918, S. 3.
2025
Bereits im März 1918 hatten die Briten solche Minenfelder angelegt, doch hiervon
scheint bis zu ihrem ersten Auftreten im September 1918 kaum Notiz genommen worden
zu sein. Bekannt wurden sie zudem in einem tragischen Zusammenhang, da das erste
amerikanische Tank-Bataillon bei seiner Feuertaufe direkt hinein fuhr und erhebliche
Ausfälle hatte; siehe Fuller: Tanks, S. 271, und Kap. 13.
2026
Siehe BA-MA, PH 3/294, Bl. 50f.: Chef [Link]. d. Feldheeres II Nr. 9840 geh. op.
vom 15.8.1918. Die OHL nahm in diesem Schreiben Bezug auf Minen zur
Tankbekämpfung, wie sie am 15.7.1918 bei einem deutschen Tankangriff im Bereich des
[Link] in der Champagne vom Feind erfolgreich genutzt worden waren. Das
Generalkommando hatte hierüber berichtet: „Von den deutschen Panzerwagen wurden 4
durch Tankminen vernichtet. Als Tankminen waren lange Linien mit Rasen zugedeckter
Holzkästen eingebaut, die je eine Flügelmine enthielten. Bei starker Belastung des etwas
offenstehenden Kastendeckels drückte dieser seinerseits auf den Zünder der Mine und
brachte diese zum Detonieren.“
2027
Siehe LAF, Bd. VI.2., S. 518.
2028
Siehe RA, Bd. 14, S. 464.
2029
Zum Verlauf der Kämpfe siehe ebenda S. 446ff.
501

des Krieges weiterhin oder zumindest nochmalig bestimmen zu können,


ging die Initiative zwangsläufig und letztlich unwiederbringlich an den zum
Gegenschlag gerüsteten Gegner über.

11.1. Der Plan, die Angreifer und die Tankunterstützung.

Auf der Ostflanke des „Marnebogens“ bestand bereits am [Link] die


Möglichkeit, mit der [Link] (Berthelot) zu Gegenangriffen überzugehen
und das zuvor verlorene Gelände zurückzugewinnen 2030 . Dieses Vorhaben
sollte mit der Hauptaktion gegen die deutschen Stellungen südwestlich
Soissons abgestimmt werden, so daß der Feind am [Link] auf beiden Seiten
des Frontbogens gleichzeitig unter massiven Druck geraten mußte und die
große Hoffnung gehegt werden konnte, ihn zur Aufgabe seiner Positionen
südlich der Aisne und Vesle zu bewegen 2031 . Die kombinierte Operation litt
am [Link] allerdings unter der Kürze der Vorbereitungszeit, so daß die
[Link] auf Stöße mit begrenztem Ziel beschränkt blieb 2032 . Diese konnten
zwar nicht dazu führen, daß es zur Ausprägung einer von Osten her
zupackenden „Zange“ kam, sie erfüllten aber einen wesentlichen Zweck,
indem die deutschen Kräfte bei Reims gebunden wurden und somit
flankierend wirkender Druck aufgebaut werden konnte.
Für das Hauptunternehmen, das mit der [Link] (Mangin) und der
[Link] (Degoutte) auf etwa 50km Frontbreite zwischen südwestlich
Soissons und der Marne ausgeführt werden sollte, wurde bis zum [Link] die
grobe Richtung Ost mit dem Ziel Fére en Tardenois bestimmt- damit recht
genau der geographische Mittelpunkt des „Marnebogens“ 2033 . Um ihn zu
erreichen, setzte die französische Führung maßgeblich auf den Faktor
Überraschung, der durch die Bereitstellung der Angriffstruppen erst kurz
vor Beginn der Schlacht, die Verschleierung von Bewegungen durch vor
Ort gegebene Deckungsmöglichkeiten und besonders durch die Abriegelung

2030
Siehe LAF, Bd. VI.2., S. 527.
2031
Siehe ebenda, S. 531.
2032
Siehe ebenda, Bd. VII.1., S. 77. Gleiches galt für die [Link] östlich Reims’ und die
[Link] gegenüber dem Südteil des Frontbogens.
2033
Siehe ebenda, S. 44.
502

des Luftraums 2034 , den vollständigen Verzicht auf langwierige


Artillerievorbereitung zugunsten einer gewaltigen Feuerwalze und eine
zeitliche Versetzung des Hauptangriffs bei der 10. (5.35 Uhr) und bei der
[Link] (7.05 Uhr) erreicht werden sollte 2035 .
Der Schwerpunkt der Unternehmung lag bei der [Link] mit ihrem 25km
breiten Angriffsabschnitt. Sie bestand aus vier Korps und insgesamt 16
Infanterie-Divisionen sowie einem zum Durchbruch versammelten
Kavallerie-Korps mit drei Divisionen und einigen Bataillonen französischer
und amerikanischer Infanterie auf Lastkraftwagen 2036 . Die Artillerie der
[Link] umfaßte mehr als 1.500 Geschütze, und zum Erringen der
Lufthoheit sowie für Schlachtfliegereinsätze und Bombenflüge verfügte sie
über 581 Flugzeuge 2037 . Innerhalb der Armee wiederum lag das
Hauptgewicht des Stoßes beim [Link], dem als Bedingung für das
Gelingen der Gesamtoperation die Wegnahme des Höhenplateaus von
Chaudun zufiel. Das Korps verfügte dazu über die für ihre Offensivkraft
bekannte Marokkanische 2038 sowie die mittlerweile kampferfahrene 1. und
2. amerikanische Division 2039 . Die beiden amerikanischen Divisionen

2034
Neben der effizienten Ausnutzung des insgesamt sehr unübersichtlichen, durch
zahlreiche Geländeeinschnitte, Gewässer und vor allem Wälder geprägten Schlachtfeldes
durch den Angreifer machte sich laut späterer deutscher Aussagen die vollkommene
französische Luftüberlegenheit besonders negativ bemerkbar. Der Kommandeur des GK
[Link], Theodor Frhr. v. Watter, beschrieb die Möglichkeiten der Aufklärung später
folgendermaßen: „Die gesamte Korpsfront stand in oder dicht vor dem Wald von Retz dem
Gegner mit verbundenen Augen gegenüber. Im ganzen Korpsgebiet war die
Erdbeobachtung völlig, die Luftbeobachtung ganz ausgeschaltet. Selbst starker Verkehr auf
den großen Straßen des Waldgebietes konnte von den Fliegern nicht mit Sicherheit erkannt
werden.“ Zitiert nach HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 277: GK [Link] Ia Nr. 40 op. geh.
vom 6.8.1918, S. 1.
2035
Siehe BA-MA, RH 61/52029: Forschungsarbeit v. Menges zur Abwehrschlacht
zwischen Aisne und Marne, S. 4ff.
2036
Siehe Stenger: Schicksalswende, S. 14.
2037
Siehe LAF, Bd. VII.1., S. 55.
2038
Siehe Mangin: Comment Finit La Guerre, Paris 1920, S. 196.
2039
Die [Link] verfügte nach ihrem Angriff auf Cantigny am 28.5.1918 über
Offensiverfahrungen, während sich die 2. bei den Abwehr- und Stellungskämpfen zwischen
Aisne und Marne seit Mai 1918 die Anerkennung des deutschen Gegners verdient hatte;
503

bestanden aus Einheiten des US-Friedensheeres und waren mit einem


Personalbestand von nominell jeweils 27.000 Mann erheblich stärker als die
französischen, vor allem aber um ein Vielfaches stärker als die deutschen
Verbände gegenüber 2040 . Hinter diesen drei Divisionen der ersten Welle
standen zwei weitere Infanterie-Divisionen als Eingreifreserve und die
imposante Zahl von 276 Feld- und 172 schweren Geschützen zur
Unterstützung bereit 2041 . Die [Link] umfaßte in drei Korps acht
Divisionen und verfügte über etwa 588 Geschütze und 562 Flugzeuge 2042 .
Die im Unterschied zum nördlichen Nachbarn deutlich geringeren Kräfte
dieser Armee waren auf ihrem linken Flügel, im Bereich des
amerikanischen [Link], konzentriert worden, so daß den beiden übrigen
Korps die Aufgabe zufiel, begleitende Stöße anzusetzen und das bei
günstiger Lageentwicklung beabsichtigte Vorgehen der alliierten Truppen
im Südteil des Frontbogens (französische [Link], de Mitry)
vorzubereiten 2043 .
Neben den umfangreichen Kräften an Infanterie, Artillerie und Fliegern war
rund um den abzuschnürenden Frontbogen die Masse der einsatzfähigen
Einheiten der artillerie d’assaut versammelt worden, so daß es zur bisher
größten Konzentration von Tanks und umfangreichsten, die von der
französischen Armee während des Krieges überhaupt vorgenommen wurde,
kam 2044 .
Am Tag vor dem Angriff gab es innerhalb der französischen Streitkräfte
insgesamt rund 540 leichte und 240 mittlere Tanks, die sich in drei
Regimenter zu je drei leichten Bataillonen mit nominell je 75 FT-17 und
einer Abteilung zu je 30 Schneider oder [Link] gliederten und ferner
fünf selbständige Abteilungen mittlerer Fahrzeuge beider Typen

siehe dazu Abschn. 10.2. bzw. Center of Military History: United States Army, Bd. I, S.
18f. und S. 121f. (Divisionsgliederungen 1917/18 und Personalbestand).
2040
Siehe Abschn. 11.2.
2041
Siehe Stenger: Schicksalswende, S. 14.
2042
Siehe BA-MA, RH 61/52029: Forschungsarbeit v. Menges zur Abwehrschlacht
zwischen Aisne und Marne, S. 35.
2043
Siehe Stenger: Schicksalswende, S. 15f.
2044
Siehe Fuller: Tanks, S. 190.
504

umfaßten 2045 . Beachtenswert ist bei der Organisation dieser gepanzerten


Streitmacht einmal, daß der Ist-Bestand der einzelnen Einheiten wegen
diverser Ausfälle vor Beginn der Kampfhandlungen erfahrungsgemäß
deutlich unter dem Soll liegen konnte und am [Link] auch tatsächlich
darunter lag, dann, daß die drei Kompanien eines leichten Bataillons zu 75
FT-17 jeweils nur 15 Gefechtsfahrzeuge besaßen. Der numerisch starke
Überhang wurde von zwei Wagen für Führungszwecke 2046 und acht
Fahrzeugen als Gerätereserve bei jeder Kompanie ausgemacht 2047 .
Am [Link] waren bei der 5. und der [Link] für die bei ihren vorgesehenen
Nebenangriffe 45 beziehungsweise 90 leichte Tanks FT-17 2048 vorhanden,
die [Link] verfügte über insgesamt 147 und die [Link] über 346
Fahrzeuge aller Typen 2049 . Die Schwerpunktbildung auf der Westflanke des
allgemeinen Angriffs gegen den Frontbogen spiegelte sich demgemäß auch
in der Tankverteilung wider und wurde in diesem Bereich durch die
Unterteilung der Einheiten in zwei Gruppen zusätzlich unterstrichen. Die
eine Gruppe umfaßte Reserven die zum Stoß in die Tiefe der feindlichen
Stellungen bereitstanden und entsprechend der ursprünglichen
Einsatzkonzeption für den leichten Tank 2050 hauptsächlich durch diesen
neuen Fahrzeugtyp gebildet wurde. Bei der [Link] handelte es sich um
90 FT-17 sowie 30 mittlere Tanks und beim amerikanischen [Link] der
[Link] waren 30 FT-17 für diesen Zweck zurückbehalten worden. Alle
übrigen Einheiten, beim [Link] waren es 120 mittlere sowie 45 leichte und
damit nahezu die Hälfte der bei der Armee vorhandenen Fahrzeuge, wurden

2045
Siehe LAF, Bd. VII.1., S. 23.
2046
Darunter ein Fahrzeug des Kompaniechefs und eines vom Modell FT-17 „T.S.F.“,
einem unbewaffneten Funkpanzer; siehe Förster/Paulus: Abriß, S. 29.
2047
Siehe LAF, Bd. VII.1., S. 23. Eine Differenz zwischen den am [Link] versammelten
und den dann tatsächlich eingesetzten Fahrzeugen ist zudem durch technikbedingte
Ausfälle anzunehmen, ohne daß diese quantifizierbar zu sein scheinen; siehe Fuller: Tanks,
S. 192, BA-MA, RH 61/52029: Forschungsarbeit v. Menges zur Abwehrschlacht zwischen
Aisne und Marne, S. 31, Anm. 1, und Hillman, Rolfe L./Johnson, Douglas V.: Soissons
1918, College Station 1999, S. 39.
2048
Siehe LAF, Bd. VII.1., S. 62 bzw. S. 66.
2049
Siehe ebenda, S. 55 und S. 60., vergleiche Guderian: Achtung-Panzer! S. 102.
2050
Siehe Abschn. 6.5.1.
505

auf die Angriffsbereiche der Divisionen bei den drei nördlichen Korps
verteilt und ihrerseits in eine Stoßgruppe, eine Eingreifgruppe und eine
Reserve gegliedert. Beim Angriff hatten die vorne eingesetzten Tanks so
lange hinter der vorgehenden Infanterie zu verbleiben, bis sich
bekämpfenswerte Ziele zeigten 2051 . Dann, nach erfolgreicher Beendigung
solcher Kampfhandlungen, waren sie dazu angehalten, wieder auf die in der
waffentechnischen Kooperation unerfahrene Infanterie 2052 aufzuschließen
und mit ihr zusammen weiter vorzugehen. Hauptaufgabe der Tanks war es
gemäß dieser in der „Directive No 5“ vom [Link] 1918 fixierten
Einsatzkonzeption, in engster Kooperation mit der Infanterie, an diese und
ihr Angriffstempo fest gebunden, den Kampf gegen den Gegner zu
suchen 2053 .
Insgesamt betrachtet, lebte der Angriffsplan von der Ausnutzung des
Moments, der durch die Schwäche der Deutschen eine günstige Gelegenheit
dafür bot, einen konzentrischen Angriff auf den exponierten Frontbogen mit
überlegenen Kräften überraschend durchführen zu können. Die Tanks waren
einmal in großer Zahl, dann sowohl in der bekannten Rolle als
Infanterieunterstützung beim Einbruch in die feindlichen Linien, als nun
auch –und anders als bei Cambrai, wo keine gepanzerten Reserven
zurückbehalten worden waren 2054 - für die Ausnutzung des erwarteten
Eingangserfolges vorgesehen.

11.2. Die Verteidiger.

Die Situation der deutschen Verteidiger des „Marnebogens“ entsprach


grundsätzlich derjenigen, die im vorherigen Kapitel für die deutschen
Truppen im „Sommebogen“ vor Amiens beschrieben worden ist. Aus den

2051
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 78.
2052
Siehe Hillman/Johnson: Soissons 1918, S. 31.
2053
Siehe dazu Pedroncini: Pétain, S. 406ff.
2054
Vergleiche die Darstellung bei Liddell Hart, der nicht nur den Ursprung der
französischen Angriffsweise mit dem Hinweis auf die Anwendung des „Cambraier
Schlüssels“ auf britischer Seite verortete, sondern die große Zahl von Reservetanks für den
Einsatz nach einem Einbruch außer acht ließ; siehe Liddell Hart: Foch. Der Feldherr der
Entente, Berlin o.J., S. 249.
506

Kämpfen seit dem [Link] hatte sich bei der [Link] (v. Boehn) nicht nur
ein ganz erhebliches und letztendlich unersetzliches Maß an Verlusten
ergeben, sondern auch eine Frontlinie, die sich von 100 auf 150km
verlängert hatte 2055 . Die Anfang Juli erfolgte Zweiteilung des ausgedehnten
Frontbogens in den Befehlsbereich der 7. und den die westliche Flanke ab
dem Flüßchen Ourq 2056 umfassenden Befehlsbereich der aus vor Ort
vorhandenen Verbänden neugebildeten [Link] (v. Eben) bedeutete vor
diesem Hintergrund eine allein führungstechnisch wirksame Maßnahme zur
Entlastung des AOK 7. Die [Link] war für den Angriff gegen Reims am
[Link] vorgesehen und wurde für diese Aufgabe mit umfangreichen Mitteln
versehen. Allerdings waren die numerischen und qualitativen Verstärkungen
hier nur kurzeitig vorhanden sowie durch Schwächung des benachbarten
AOK 9 2057 mit dem Resultat gegeben, daß bis zum Abbruch der Schlacht
bei Reims wiederum schwere Verluste eingetreten waren und offensivfähig
beurteilte Verbände samt Unterstützungsteilen für die Offensive gen
Flandern abgingen.
Die Wochenmeldung der Heeresgruppe Kronprinz über den Zustand ihrer
Armeen vom [Link] 1918 wies die 30 Divisionen der [Link] demgemäß
größtenteils noch als „kampfkräftig“ oder zumindest als „noch
kampfkräftig“ aus 2058 , während die [Link] auf der Westseite des

2055
Siehe Kuhl: Der Weltkrieg, Bd. 2, S. 362.
2056
Wie im Kartenbild deutlich wird, war eine Merkwürdigkeit dieser Umgliederung, daß
der Armeeabschnitt der [Link] nicht entlang der quasi natürlichen Grenze des Flüßchens
Ourq verlief, sondern wenige Kilometer nördlich davon; siehe bspw. Stenger:
Schicksalswende, Karte 1. Ein Grund für diese an sich und erst recht in Bezug auf die
Bildung einer einheitlichen Befehlsfront zur Entlastung des AOK 7 sehr eigenwilligen
Entscheidung ließ sich nicht finden.
2057
Siehe BA-MA, RH 61/52029: Forschungsarbeit v. Menges zur Abwehrschlacht
zwischen Aisne und Marne, S. 10.
2058
Das AOK 7 verfügte am 13.7.1918 über 30 Divisionen, von denen 21 als
vollkampffähig und drei als noch kampffähig klassifiziert wurden. Ohne Nennung von
Zahlen und dezidierten Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit einzelner Verbände
wurde in dieser verhältnismäßig günstigen Lage relativierend angemerkt, daß „ein
beträchtlicher Prozentsatz der Offiziere und Mannschaften“ ausgefallen und bislang nicht
zur Truppe zurückgekehrt sei; siehe BA-MA, RH 61/51842: Wochenmeldung der
Heeresgruppe Kronprinz vom 13.7.1918. Wegen der damals üblichen Verfahrensweise der
507

Frontbogens offenkundig in desolatem Zustand war 2059 . Lediglich drei ihrer


Divisionen wurden als „vollkampfkräftig“ bewertet, wobei einer davon,
trotz des ihr zugebilligten Status’, generell abgesprochen wurde, „eine
hochwertige Truppe“ zu sein 2060 und eine Division bis zum [Link] wegen
mangelnder Gefechtsleistungen auffällig wurde 2061 . Für 11 andere Verbände
wurden zwei bis vier und dabei eher mehr als weniger Wochen Ruhezeit 2062
mit Auffüllung des Personalbestandes und Ausbildung veranschlagt, um
überhaupt als „kampfkräftig“ gelten zu können. Zwei weitere Divisionen
schienen grundsätzlich „nur noch für Stellungskrieg geeignet“ zu sein. Die
Bataillonsdurchschnittstärken, die keinesfalls mit den Gefechtsstärken der
Einheiten verwechselt werden dürfen 2063 , lagen zwischen dem
divisionsabhängigen Maximum von 765 und dem Minimum von 445 Mann,
wobei sich der Mittelwert für die Armee auf gerade einmal 573 Mann belief.
Auf Basis des Soll-Bestandes von damals 850 Mann bedeuteten diese
Zahlen schon für sich allein genommen eine massive Einschränkung der
Kampfkraft der Divisionen, deren Aufgaben in Abwehr und Angriff den

Heeresgruppe, nur wöchentlich Meldung an die OHL zu machen, war vom Verfasser -
bedauerlicherweise- kein Statusbericht über die am 18.7.1918 noch bei der [Link]
vorhandenen Divisionen auffindbar.
2059
Ein Betrachter sprach von der [Link] bis zum 18.7.1918 bezeichnenderweise als
einem „Trümmerhaufen“; siehe ebenda, RH 61/51843: Vorarbeiten Solgers zu RA, Bd. 14,
S. 26f.
2060
Siehe ebenda, RH 61/51842: Wochenmeldung der Heeresgruppe Kronprinz vom 6.7.
(zur [Link]) und 13.7.1918.
2061
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 28, Bl. 334: GK [Link] Abt. Ic Nr. 179 op. vom
14.7.1918. Die durch die betreffende Division selbst zu positiv vorgenommene
Einschätzung als „vollkampffähig“ vom 10.7.1918 basierte dabei auf einer
Bataillonsdurchschnittsstärke von nur 398 (die drei MGK einberechnet!) und nicht, wie in
der Wochenmeldung der Heeresgruppe vom 13.7.1918 angeführt, von 508 Mann. Siehe
ebenda, Bü. 244, Bl. 40: [Link] Ia/Nr. 1654 op. vom 10.7.1918.
2062
Bezeichnenderweise wurden zwei Wochen Ruhe, Ausbildung und Auffrischung für
zwei, drei Wochen für drei und vier Wochen für sechs Divisionen veranschlagt; siehe BA-
MA, RH 61/51842: Wochenmeldung der HGr Kronprinz vom 13.7.1918.
2063
Die Durchschnittsstärke umfaßte offenbar auch die Maschinengewehrkompanien und
ist keinesfalls mit der Gefechtsstärke der Bataillone zu verwechseln. Diese ist unter Abzug
von Angehörigen des Gefechtstrosses und der Bagage, von Essenholern, Meldegängern und
sonstigen Ordonnanzen wesentlich geringer anzusetzen.
508

gesunkenen Stärken nicht angepaßt worden waren und angesichts der


Mangellage wohl auch nicht mehr angepaßt werden konnten.
Auf Grundlage der Angaben in der Wochenmeldung der Heeresgruppe
Kronprinz kann die Infanteriestärke der am [Link] dem französischen
[Link] im Zentrum des Angriffs in den ersten Stellungen
gegenüberstehenden deutschen Verbände zumindest angedeutet und darüber
hinaus etwas über ihren generellen Gefechtswert ausgesagt werden. Die
Gruppe Staabs (GK [Link]), welche den nördlichen Bereich der
angegriffenen Stellungen der [Link] besetzt hielt, lag mit der an der Ost-
und Westfront vielfach bewährten [Link], ihrer linken Flügeldivision, im
Angriffsbereich des französischen [Link]. Die Division wurde von der
Heeresgruppe als ruhebedürftig für zwei Wochen angesehen, und ihre
Bataillone hatten eine Durchschnittstärke von 615 Mann. Wie weiter unten
anhand eines Zitats des Divisionskommandeurs zu zeigen ist, entsprach am
[Link] zumindest die hier geäußerte Stärkeangabe nicht annähernd der
Realität beziehungsweise den letztlich ausschlaggebenden Gefechtsstärken.
Die nach Süden anschließende [Link] der Gruppe Watter (GK [Link];
Theodor Frhr. v.) wurde mit 525 Mann je Bataillon bemessen und war
Besatzung der ersten Stellung, obwohl sie in der sonst nur
Landwehrverbänden zugeordneten Kampfwertkategorie, „nur für den
Stellungskrieg geeignet“, verortet wurde. Zur Rechtfertigung dieser
Einschätzung ist über alle Stärkeangaben hinaus zu sagen, daß die Division
dem Gruppenkommando im Vorfeld der Schlacht wegen offensichtlich
nachlassender Gefechtsleistungen und hoher Gefangenen- und
Vermißtenzahlen unangenehm aufgefallen war 2064 . Dieses unangenehme
Auffallen in den Augen der Führung traf auch für den südwärts
anschließenden Nachbarn der [Link], die [Link] 2065 , zu. Bei ihr wurden am
[Link] vier Wochen Ruhebedürftigkeit angenommen, und sie verfügte zu
diesem Zeitpunkt über Bataillone mit lediglich 508 Mann
Durchschnittsstärke. Einen Tag nach der Statusmeldung der Heeresgruppe
erklärte die Gruppe Watter der [Link], daß die [Link] wegen des

2064
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 28, Bl. 333: GK [Link] Ia Nr. 178 Pers. geh. vom
10.7.1918.
2065
Siehe ebenda, Bü. 225, Bl. 12ff: [Link] Abt. Ia Nr. 57/VII geh. vom 11.7.1918.
509

kritischen Zustands der Truppe unbedingt ablösebedürftig sei. Eine


Einschätzung, die mangels Alternativen zu ihrem Einsatz unberücksichtigt
blieb und, nebenbei bemerkt, gleichzeitig für die [Link], die am [Link] als
Heeresgruppenreserve hinter der Gruppenfront stand, angeführt wurde 2066 .
Nimmt man die Divisionen zu neun Bataillonen an, was wegen wenigstens
verhaltener Anzeichen für Auflösung und Zusammenlegung schwacher
Einheiten fraglich sein muß 2067 , dann hatte die Infanterie der drei deutschen
Stellungsdivisionen eine Stärke von etwa 14.800 Mann. Diesen standen dem
Soll nach, noch ohne Berücksichtigung der Marokkanischen Division, rund
28.200 Soldaten allein in den Infanteriekompanien und
Maschinengewehreinheiten der beiden beim [Link] vorhandenen
amerikanischen Verbände gegenüber 2068 . Die Bataillonsstärken dürften bei
der [Link] in den Tagen bis zum Beginn der Offensive noch weiter
abgenommen haben, da es, von einem „auffallend ruhigen“ [Link] 2069
abgesehen, dauerhaft intensive Kampfhandlungen und auch weiterhin den

2066
Siehe ebenda, Bl. 68: GK [Link] Ia Nr. 17/7 op geh vom 14.7.1918. Bezeichnend für
den Kampfwert der nur positivistisch als „Eingreiftruppen“ zu klassifizierenden Verbände
hinter den Abschnitten der [Link] ist auch eine Meldung der [Link], die hinter der [Link]
und der nach Süden gegen das [Link] anschließenden [Link] der Gruppe Watter stand.
Am 17.7. gab sie an, daß ihre durchschnittliche Bataillonsstärke 541 Mann betrage und sie
nicht als vollkampffähig gelten könne, da nicht einmal mehr für jedes leichte
Maschinengewehr eine volle Bedienung vorhanden sei; siehe ebenda, Bü. 244, Bl. 46:
Stärkemeldung der [Link] vom 17.7.1917, und ebenda, Bl. 47: [Link] Ia No 164/18 vom
17.7.1918.
2067
Siehe Breithaupt, H./Engels, E./Raulf, F. (Bearb.): Das Preuß. Reserve-Infanterie-
Regiment Nr. 16, Witten 1934, S. 90: „[Link]. [... .] Die Reste des III./R 16 werden als
10./R 16 zusammengelegt. Die 3.M.G.K. bleibt bestehen. Beide Komp. werden dem II./R
16 angegliedert.“
2068
Siehe Center of Military History: United States Army, Bd. I, S. 121. Gerechnet wurden
vom Verfasser allein die Spalten zu den Infanterie- und Maschinengewehr-Kompanien
sowie diejenigen zu den Divisions-Maschinengewehr-Bataillonen. Die natürliche
Abweichung vom Soll ist angesichts der Schwäche der deutschen Verteidiger durchaus zu
vernachlässigen, wenngleich auch nicht gering. So gab die amerikanische [Link] am
15.7.1918 an, über einsatzfähiges Personal in Höhe von 1.033 Offizieren und 23.633
Unteroffizieren und Mannschaften zu verfügen; siehe ebenda, Bd. 3: Training and Use of
American Units with the British and French, Washington 1989, S. 538.
2069
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 896: KTB GK [Link], Eintrag vom 17.7.1918.
510

schon im Juni vorhandenen schweren Artillerie- und einen besonders


demoralisierenden Gasbeschuß neuer Qualität gab 2070 . Zudem blieb der
Stand der Grippekranken auf einem hohen Niveau 2071 . Das RIR 40 der
linken Flügeldivision der Gruppe Watter, der [Link], für welche am [Link]
eine Bataillonsdurchschnittsstärke von 504 Mann angegeben worden war,
hatte nach Aussage der Truppengeschichte am Morgen des 18. nur noch
eine Gesamtstärke von 35 Offizieren und 902 Unteroffizieren und
Mannschaften 2072 . Diese Angabe kann man, im Unterschied zu den von der
Heeresgruppe Kronprinz am [Link] gemeldeten Stärken und der oben
genannten Zahl von 14.800 Mann für den [Link] 1918, als für die drei
Divisionen gegenüber dem [Link] real gegeben und beispielhaft
annehmen. Die tatsächliche Gefechtsstärke der deutschen Infanterie in
diesem Bereich, noch unter der zweifelhaften Prämisse von neun
Bataillonen je Division berechnet, lag unter Berücksichtigung der weiter
unten anzuführenden Berichte 2073 bei sicherlich nicht mehr als 10.000 Mann
Infanterie.

2070
Siehe BA-MA, RH 61/52029: Forschungsarbeit v. Menges zur Abwehrschlacht
zwischen Aisne und Marne, S. 26. Über die physische und die mentale Wirkung des
Gasbeschusses schrieb der Kommandeur der [Link]: „Der Gasschutzoff. [Gasschutz-
Offizier] sagte mir, daß es sich um amerikanisches Gas handelt, das anscheinend eine
Mischung von unserm Blau- und Gelbkreuz sei. Die Reizwirkung auf die Lungen läßt
anscheinend bald nach; aber die Hautblasen führen zu bösen Geschwüren. Tötlich würden
nur einzelne Fälle verlaufen, hoffe man. Bis jetzt hat die Division allein schon 550
Gaskranke. [... .] Diese Gaserkrankungen machen einen sehr niederdrückenden Eindruck
auf die Truppe. Das ist schon ein fürchterlich heimtückisches Kampfmittel, an dessen
Ingebrauchnahme wir selbst aber, glaube ich, nicht ganz ohne Schuld sind. Dieser
deprimierende Eindruck ist wohl auch die Ursache, daß ich heute wieder meinen kritischen
Tag habe in Bezug auf Siegeszuversicht. An solchen Tagen sehe ich einfach keine
Möglichkeit, den Krieg für uns glücklich zu Ende zu führen; nicht militärisch u. noch
weniger wirtschaftlich.“ Zitiert nach KA, Nachlaß Paul von Kneussl, Tagebuch Nr. 17,
Eintrag zum 14.6.1918.
2071
Siehe BA-MA, RH 61/51842: Wochenmeldung der HGr Kronprinz vom 13.7.1918.
2072
Siehe Gallion, W.: Das Reserve-Infanterie-Regiment 40 im Weltkrieg, Karlsruhe 1936,
S. 312.
2073
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 225, Bl. 12ff: [Link] Abt. Ia Nr. 57/VII geh. vom 11.7.1918,
und KA, Nachlaß Paul von Kneussl, Tagebuch Nr. 17, Eintrag zum 17.7.1918.
511

Außer bei der Infanterie lag eine klar erkennbare quantitative Unterlegenheit
auch bei der Artillerie vor. Den etwa 1.500 Geschützen der französischen
[Link] standen 918 der deutschen [Link] gegenüber 2074 . Hierunter
befand sich ein nicht unerheblicher Teil, der erst kurz vor der Schlacht oder
auch erst nach ihrem Beginn aus dem Bereich der [Link] zurückkehrte,
wo zahlreiche Batterien an den Kämpfen seit dem [Link] teilgenommen
hatten 2075 . Außerdem umfaßte die Geschützzahl eine nicht quantifizierbare
Menge sogenannter „5. und [Link]ütze“. Diese waren den mit
Feldkanonen ausgestatteten Batterien der Feldartillerie nach einer als
Verzweiflungsschritt zu bezeichnenden Verfügung der OHL zur Deckung
der mittlerweile allerorten entstandenen Gefechts- und Verschleißverluste
auf die Geschütz-Reserve des Heeres zurückzugreifen, überwiesen
worden 2076 . Problematisch mußte dabei sein, daß dies ohne die begleitende
Zuweisung von Bespannungen und Bedienungen geschah. Die bis zur
Schlacht diesem Problem gegenüber praktizierten Abhilfen, wenn davon
angesichts eines chronischen Mangels an Pferden 2077 und ausgebildeten
Feldartilleristen überhaupt gesprochen werden darf, bestand aus der
Klassifizierung der Kanonen als „bodenständiges Gerät“ der
Generalkommandos 2078 . Dies machte die Mobilitätsfrage zur Sache

2074
Siehe RA, Bd. 14, Anlage 39 f.
2075
Siehe BA-MA, RH 61/52029: Forschungsarbeit v. Menges zur Abwehrschlacht
zwischen Aisne und Marne, S. 4, Scheffel/Wagner/Winterstein: Das [Link]-Elsässische
Feldartillerie-Regiment Nr. 15 im großen Krieg 1914-1918, Darmstadt o.J., S. 262,
Partzsch (Bearb.): Das Kgl. Sächs. [Link]-Regiment Nr. 32 (Erinnerungsblätter
deutscher Regimenter, Heft 80), Dresden 1939, S. 209, und Verein ehemaliger Offiziere
des Feldartillerie-Regiments Großherzog (Hg.): Das Feldartillerie-Regiment Großherzog
([Link]) Nr. 14 im Weltkriege 1914-1918, Karlsruhe 1933, S. 318f. und S. 323.
2076
Siehe Cron: Geschichte des deutschen Heeres, S. 150.
2077
Bezeichnend für die Lage der Truppen war, daß die [Link] einen französischen Angriff
am 14.7.1918 nicht mit einem sofortigen, starken Gegenstoß beantworten konnte, da den
dazu vorgesehenen Begleitbatterien durch Pferdemangel die zwangsweise benötigte
Mobilität fehlte; siehe BA-MA, RH 61/52029: Forschungsarbeit v. Menges zur
Abwehrschlacht zwischen Aisne und Marne, S. 8a.
2078
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 80, Bl. 16: AOK 9 Abtlg. Ia/b. vom 12.7.1918. Was ihre
Mobilität betraf, entsprach dieser Teil der Feldartillerie dem, was von den
Nahkampfbatterien des Frühjahrs 1917 gesagt worden ist; siehe Abschn. 4.1.
512

gruppeninterner Regelungen und Lösungen, welche durch die Heranziehung


der wenigen Feldartillerie-Rekruten, von Armierungssoldaten, Burschen,
Köchen und Ordonnanzen als Bedienungsmannschaften gewährleistet
werden sollte 2079 . Der Wert dieser forcierten Geschützvermehrung, die auf
Mobilität der Waffen und der Vermittlung umfangreicher technischer und
ballistischer Kenntnisse an ihre Bedienungen angewiesen war, darf also
durchaus angezweifelt werden 2080 . Die Gesamtsituation der Artillerie
wesentlich verschärfend kam noch hinzu, daß sich die Munitionsbestände
der deutschen Artillerie aller Kaliber bis zur Schlacht erheblich vermindert
hatten. So mußte zur Aufrechterhaltung eines als der Lage angemessen
anzusehenden Abwehrfeuers bei der Gruppe Watter am [Link] bereits auf
die schon begrenzten Bestände der Gruppe Staabs, die zwei Tage später
selbst von der französischen [Link] attackiert werden sollte,
zurückgegriffen werden 2081 .

2079
Siehe HStAS, M 33/2, Bl. 44: AOK 7 Ia/Gen. Art. Nr. 3968/18 vom 16.6.1918, und Bl.
13: AOK 7 IIb/Gen. Art. Nr. 4961/18. geheim. vom 18.7.1918.
2080
Siehe TG FAR 15, S. 265: „Die Kanonenbatterien erhalten bodenständige, unbespannte
5. und [Link]ütze. Zur Aushilfe bei ihrer Bedienung waren schon vorher den Batterien
Armierungssoldaten zugeteilt worden,- die dann in der Schlacht am 18. fast überall
versagen. Man hatte allerdings Leute gesandt, die z.T. wirklich nicht
frontverwendungsfähig waren. Hptm. Heinemann allein muß unter 10 Mann 3 wegen noch
nicht verheilter, eiternder Wunden zurückweisen.“
2081
Siehe RA, Bd. 14, S. 475. Watter selbst schrieb dazu, daß die Versorgung der Batterien
mit Munition nur in bescheidenem Ausmaß geleistet werden konnte; siehe HStAS, M 33/2,
Bü. 330, Bl. 277: GK [Link] Ia Nr. 40 op. geh. vom 6.8.1918, S. 2. Ob der
Munitionsmangel allein durch Transportengpässe begründet war, scheint fraglich zu sein.
So galten wegen des ungeheuren Bedarfs an den Hauptkampffronten für die gesamte HGr
Albrecht seit Ende Juni massive Einschränkungen beim Verbrauch von Artilleriemunition;
siehe HStAS, M 30/1, Bü. 55: Fernschreiben der OHL an HGr Albrecht vom 26.6.1918,
und ebenda HGr Albrecht [Link]. Nr. 7744 vom 22.7.1918. Dieselbe Einschränkung
führte v. Menges in seiner Arbeit an und Verwies auf eine Mitteilung des AOK 7 vom
20.6.1918: „Die Einschränkung des Artilleriefeuers, die tageweise bis zur völligen
Artilleriestille geführt werden kann, findet ihre Grenze in unserer Abwehrbereitschaft.“
Zitiert nach BA-MA, RH 61/52029: Forschungsarbeit v. Menges zur Abwehrschlacht
zwischen Aisne und Marne, S. 9, als AOK 7 Ia 808 geh. vom 20.6.1918.
513

Die Luftüberlegenheit lag ebenfalls auf Seite des Angreifers, da den rund
800 Flugzeugen der deutschen 7. und [Link] 2082 , die sich auf die gesamte
Ausdehnung ihrer Linien verteilten, schon deutlich mehr als 1.200
Flugzeuge nur der französischen 10. und [Link] auf der Westseite des
Frontbogens gegenüberstanden.
Bei den erfolgreichen Bemühungen französischer Verbände zur
Verbesserung ihrer Sturmausgangsstellungen und zur Wegnahme deutscher
Beobachtungspositionen seit Ende Juni war es außerdem nicht nur dazu
gekommen, daß die bisher erfolgten Anstrengungen des deutschen
Stellungsbaues 2083 durch Geländeverlust weitestgehend nivelliert wurden
und man wichtige Punkte und Beobachtungsmöglichkeiten verloren hatte,
sondern es waren auch Zustände zutage getreten, welche, über die oben
angeführten Stärkeangaben hinaus, für die Kampfkraft und
Leistungsfähigkeit der deutschen Truppen bezeichnend waren. Bereits am
[Link] hatte der Befehlshaber der [Link], von Boehn, konstatiert 2084 , daß
ein seiner Anschauungsweise nach „unerhörter und unwürdiger Zustand“
eingetreten sei. Nämlich der, daß sich die feindlichen Truppen offenbar
leistungsfähiger sowie aggressiver als die deutschen erwiesen und
moralische Krisen besser zu überwinden gewußt hätten. Boehns Appell an
die Truppen, das eigene „Aushalten“ auch unter den offensichtlich

2082
Siehe RA, Bd. 14, S. 478.
2083
Siehe BA-MA, RH 61/52029: Forschungsarbeit v. Menges zur Abwehrschlacht
zwischen Aisne und Marne, S. 8. Ein Beispiel für die letztlich vergebliche Selbsthilfe der
Truppen beim Sichern ihrer Positionen bietet die TG IR 138: „Der Pionierkommandeur
sagte: an Material, Draht usw. ist so lange nicht zu denken, als die von den Franzosen
gründlich zerstörte Bahn Laon-Soissons nicht wiederhergestellt ist. Doch es gab eine
Aushilfe. Die in der Gegend Chaudun angelegte vorderste Pariser Stellung besaß ein
Drahthindernis, aber auf der unserem nunmehrigen Hintergelände zugewandten Seite.
Sofort wurden alle irgend verfügbaren Leute der Gefechtsbagagen zum Lösen und Rollen
dieses Drahtes angestellt und jede nach vorn fahrende Feldküche und alle sonstigen
Fahrzeuge nahmen von dort so viel Rollen mit, als sie nur irgend aufladen konnten. Die
vordersten Bataillone legten durchgehende Gräben an.“ Zitiert nach Lasch, Wilhelm:
Geschichte des [Link]ässischen Infanterie-Regiments Nr. 138 1887-1919, Saarbrücken
o.J. (1938), S. 301. Die Hindernisse und Gräben gingen durch die französische Angriffe bis
zum [Link] verloren.
2084
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 28, Bl. 339: AOK 7 Ia Nr. 914 geh. pers. vom 2.7.1918.
514

ungünstigsten Rahmenbedingungen als „Ehrensache“ zu betrachten, war


letztlich nichts weniger als obligatorisch und änderte nicht das geringste am
Sachverhalt und dessen Grundlagen. Den möglicherweise taktischen
Symptomen dieser auffälligen Zustände wollten ein Gruppenkommandeur
des AOK 9 2085 , der von den Kämpfen bei Cambrai 1917 her bekannte
Theodor Freiherr von Watter, und dann auch sein Armeebefehlshaber 2086
umgehend näher auf den Grund gehen, wobei beide letztendlich vor
demselben „Phänomen“ standen, dem das AOK 2 im „Sommebogen“
bereits im April 1918 begegnet war 2087 . Den Divisionen wurde befohlen,
ausführlich und umgehend über die Art der Verluste in den letzten
Gefechten zu berichten, da glaubhafte Anzeichen dafür vorlagen, daß sogar
geschlossene Einheiten ohne Gegenwehr ihre Stellungen aufgegeben hatten
und Soldaten geradezu freiwillig in Gefangenschaft gegangen waren 2088 .
Die Rückmeldung einer Division, der [Link], die der höheren Führung am
8. und [Link] diesbezüglich aufgefallen war und am [Link] dessen
ungeachtet in vorderster Linie liegen sollte, führte vier Punkte als
Erklärungen für die von ihr mit keinem Wort in Abrede gestellten
schwindenden Gefechtsleistungen an 2089 . Die vorderste Stellung hatte
wegen ihrer baulichen Mängel im Gefecht keinen Rückhalt und durch das
Fehlen von Unterständen auch keinerlei der sonst üblichen und notwendigen
Annehmlichkeiten geboten. Letzteres hatte gleichermaßen für die
Hauptwiderstandslinie gegolten, weshalb die Truppe auf die vordere Linie
ausgewichen war und dort, im Gegensatz zur bewährten Tiefengliederung,
deutungsgemäß „zu dicht“ gestanden hatte. Die Kompanien wiesen mit
durchschnittlich 50 bis 55 Mann zudem sehr niedrige Gefechtsstärken auf,

2085
Siehe ebenda, Bl. 333: GK [Link] Ia Nr. 178 Pers. geh. vom 10.7.1918.
2086
Siehe ebenda, Bü. 225, Bl. 22: AOK 9 Abt. Ia. Nr. 264. op. vom 11.7.1918.
2087
Siehe Abschn. 10.1.
2088
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 28, Bl. 333 (Vorkommnisse bei der [Link]) und Bl. 334
([Link]) sowie ebenda, Bü. 225, Bl. 12ff. ([Link]). Beachtenswert ist dabei, daß sich
zumindest teilweise auf die Aussagen französischer Gefangener bezogen wurde. Der
Eindruck, daß die deutschen Stellungstruppen am Ende ihrer physischen und psychischen
Kräfte waren, muß dementsprechend als auf französischer Seite weitestgehend bekannt
angesehen werden.
2089
Siehe ebenda, Bü. 225, Bl. 12ff: [Link] Abt. Ia Nr. 57/VII geh. vom 11.7.1918.
515

so daß rechnerisch auf je 20m der zu besetzenden Frontlinie gerade ein


Soldat kam. Gravierend hatte sich außerdem bemerkbar gemacht, daß bei
den ununterbrochenen Kämpfen der Division seit dem [Link] 1918
schwerste Verluste an „fähigen Führern“ eingetreten waren und lediglich
numerisch schwacher und ausbildungstechnisch mangelhaft vorbereiteter
Ersatz hatte eingereiht werden können. Diese ganz grundsätzlichen
Einschätzungen, besonders die zuletzt genannte, äußerten die 28. 2090 und die
[Link] 2091 bis zum Angriffsbeginn ebenfalls deutlich. Die [Link] machte über
ihre an sich schon bemerkenswert eindeutige und unmißverständliche
Mitteilung -„Die Division ist zu Angriff und Abwehr nicht mehr
kampfkräftig“ 2092 - hinaus klar, daß sich die Kampfkraft nicht allein
aufgrund von Durchschnittsstärken bemessen ließ, sondern „in dieser
Kriegslage“ maßgeblich auch vom „Führerverlust“ abhängig sei.
Möglichkeiten zur Beseitigung der gravierenden quantitativen und
qualitativen Defizite gab es auf deutscher Seite, zuletzt auch aufgrund der
von der OHL vorgesehenen Marschrichtung des Heeres nach Flandern,
nicht. Unter Beachtung der lokalen Situation gab es sie selbstredend auch
deshalb nicht, weil der Feind den exponierten deutschen Verbänden durch
stetige Aufrechterhaltung intensiver Kampfhandlungen keine Zeit für
Regenerationspausen gewährte, dann, weil einfach kein Ersatz, weder an
Rekruten, noch an unverbrauchten Kampfverbänden, mehr vorhanden war.
Der Umgang mit diesen in einer Vielzahl von Berichten kommunizierten
Tatsachen war grundverschieden. Hindenburg setzte seinen Erinnerungen
zufolge einmal mehr auf „Vertrauen“ 2093 , das den Truppen, die sich bisher
„so glänzend geschlagen“ hätten, auch diesmal, Mitte Juli 1918, hätte
entgegengebracht werden können, selbst wenn „die zwischen Soissons und

2090
Siehe ebenda, Bü. 244, Bl. 42: [Link] Ia. 1771 op. vom 18.7.1918. Bei einer
Durchschnittsstärke der Bataillone von 627 Mann (statt 546 in der Meldung der HGr
Kronprinz vom 13.7.), die sich nur aus der Auflösung des Feldrekrutendepots erklären läßt,
führte die Division an, daß sich darin die Zahl von 592 unausgebildeten Infanteristen und
122 unausgebildeten Maschinengewehrschützen innerhalb der Division verbarg.
2091
Siehe ebenda, Bl. 49: [Link] Abt. Ia Nr. 1540 vom 18.7.1918.
2092
Siehe ebenda, Bl. 41: [Link] Ia. 1715 op. vom 11.7.1918.
2093
Siehe Abschn. 10.1.
516

Château-Thierry stehenden Truppen nicht alle frisch“ gewesen wären 2094 .


Die Heeresgruppe und ihre Armeeführer, vor deren Augen sich spätestens
seit dem [Link] untrügliche Anzeichen für Offensivvorbereitungen des
Feindes auftaten, resignierten 2095 . Wie Fedor von Bock, ein späterer
Feldmarschall des Zweiten Weltkrieges, der sich im Juli 1918 im Stab der
Heeresgruppe Kronprinz befand, aussagte, lehnte die Heeresgruppe die von
den Armeen geforderte Verstärkungen ab, „wahrscheinlich weil wir wußten,
dass die O.H.L. keine hatte oder keine mehr herausgeben wollte oder
konnte“ 2096 . Die lokale Führung hatte inzwischen mit ihren schwachen
Kräften Maximales zu leisten, um die Abwehr eines Angriffs, mit dem jeden
Tag gerechnet werden konnte, vorzubereiten. Hinsichtlich der Hebung der
Leistungsbereitschaft der Truppe im Vorfeld der „Schicksalswende“ sticht
ein Korpsbefehl der Gruppe Watter vom [Link] 1918 ins Auge. Einleitend
wurde auf die großen Erfolge der noch andauernden Schlacht bei Reims
verwiesen, dann die daraus resultierenden Siegesaussichten direkt mit dem

2094
Siehe Hindenburg: Aus meinem Leben, S. 347.
2095
Siehe Kronprinz Wilhelm: Erinnerungen, S. 331, und BA-MA, RH 61/52, Bl. 2ff. Die
Briefe v. Bocks sind in dieser Hinsicht eindeutig, wie sich anhand eines Auszugs
beispielhaft illustrieren läßt: „Die Ueberwachung der französischen Divisionen durch das
Oberkommando der Heeresgruppe hatte nach unserer Auffassung klar ergeben, dass der
Franzose über völlig ausreichende Reserven verfügte, um einerseits unseren Angriff [vom
15.7.] über die Marne abzufangen und außerdem mit starken Kräften aus dem Walde von
Villers-Cotterets gegen die Westflanke der Marnebeule zum Angriff anzutreten. [... .] Die
O.H.L. war anderer Ansicht! Sie bestand auf dem Angriff und die weitergehende
Schwächung der Abwehrfront zwischen Soissons und der Marne. Ich kann heute nicht
mehr beschwören, ob und wie oft die Armeen und die Generalkommandos an der
fraglichen Abwehrfront von uns auf die drohende Gefahr des französischen Angriffs
hingewiesen worden sind, nehme es aber bei dem regen Meinungsaustausch zwischen
Heeresgruppe und unterstellten Kommandobehörden als ganz selbstverständlich an.“ Zitiert
nach ebenda, Bl. 3f., Brief vom 22.7.1930. Tatsächlich sagt das KTB der [Link] vom
11.7.1918 aus, daß Aussagen von Gefangenen und Überläufern auf einen „nahe
bevorstehenden Großangriff“ auf die Gruppen Staabs und Watter hindeuteten und die
Bereitstellung „starker Reserven, dabei auch Engländer, Amerikaner und Schwarze, von
Tanks und Kavallerie“ berichtet wurde; siehe BA-MA, RH 61/52033: KTB AOK 9, Bd. X,
Eintrag zum 11.7.1918.
2096
Siehe BA-MA, RH 61/52, Bl. 10: Brief v. Bocks vom 6.9.1930.
517

weiteren Durchhalten südwestlich Soissons verbunden 2097 . Man gab der


Truppe also zu verstehen, daß die Führung ihr Martyrium, das „bisherige
Aushalten ohne Ablösung“, anerkannte, verlangte gleichzeitig aber auch, in
dieser Lage auf unbestimmte Zeit weiter zu verharren. Mehr noch, es wurde
die Verantwortung für das Weitere, für die noch offengehaltene Option auf
einen strategischen Sieg bei Reims und die jeweils spezifische Lage des
eigenen Abschnitts, in die Hände der Divisionen, Regimenter, Bataillone,
Kompanien, Züge und Gruppen gelegt, welche „trotz geringer
Gefechtsstärken und eingetretener Verluste“ dazu aufgerufen waren, bis
zum nächsten Tag Reserven auszuscheiden und diese „sicher in die Hand“,
also materiell und mental einsatzfähig zu bekommen 2098 . Eine Aufgabe die
nahezu unmöglich sein mußte, wie einer privaten Lageeinschätzung des
Kommandeurs der [Link] direkt vor der Schlacht zu entnehmen ist:
„Die Besetzung der ganzen Kampfzone macht einen furchtbar dünnen Eindruck.
Die Komp. des Kampfbatls. u. natürlich auch der übrigen Batlne. haben nicht mehr
als 20-25 Mann u. 15 Mann M.G. Besatzungen auf dem Kampffelde. Das ist schon
geradezu erschreckend wenig. Zudem macht der Feind zwar nicht gerade bei uns,
aber im linken Nachbarabschnitt [bei der [Link]] doch ständig kleinere
Angriffsversuche. Da er nun bei Reims doch starke Kräfte freibekommt, könnte es
ihm sehr wohl einfallen, hier einen starken Angriff zu versuchen. Soissons hinter uns
hat für ihn doch etwas Anziehendes. Zudem träfe er damit sehr empfindlich die
Etappe der [Link].“ 2099

Angesichts der schwachen Kräfte stand für das eingeforderte Ausscheiden


kampfstarker Reserven grundsätzlich genauso wenig Spielraum zur
Verfügung, wie für die Umsetzung der Tiefengliederung nach Maßstäben,
die für die Abwehr erwarteter Großangriffe seit Anfang 1917 gegolten
hatten 2100 . Zwar standen hinter den bedrohten Abschnitten Verbände als
Eingreiftruppen bereit, doch deren Zustand entsprach grundsätzlich
demjenigen der nach früher geltenden Maßstäben durchweg als

2097
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 81, Bl. 37: GK [Link] Abteilung Ia Nr. 204 op geh. vom
16.7.1918, Ziff. 1.) und 2.).
2098
Siehe ebenda, Ziff. 3.).
2099
Zitiert nach KA, Nachlaß Paul von Kneussl, Tagebuch Nr. 17, Eintrag zum 17.7.1918.
2100
Siehe besonders Abschn. 6.2. mit der geradezu musterhaften Umsetzung der
Grundsätze des damals noch neuen Abwehrverfahrens.
518

„verbraucht“ zu klassifizierenden Stellungsdivisionen 2101 . Damit fiel das


entscheidende Element des zu praktizierenden Abwehrsystems, nämlich die
Möglichkeit zu kräftigen Gegenangriffen mit kampfstarken Reserven, von
vornherein so gut wie vollständig aus. Innerhalb der Gefechtstreifen der
Infanterie-Regimenter wurden die Bataillone zwar nach dem bewährten
Prinzip in Kampf-, Bereitschafts- und Ruhetruppen eingeteilt, doch fehlte es
hier ebenfalls an numerischer Stärke und an ausgebauten Kampfstellungen,
auf die sich die Vorfeldbesatzungen zurückziehen konnten, um aus ihnen
heraus das Gefecht bis zum Eingreifen der Reserven zu führen. Als
Alternative wurde notgedrungen auf eine „schachbrett-“ und
„stützpunktartige“ Verteilung der Kräfte, wie sie ursprünglich für die
Kampfzone zwischen Hauptkampflinie und Artillerieschutzstellung
vorgesehen gewesen war, ausgewichen. Wie von der OHL Anfang Juli auch
noch einmal angeordnet 2102 , wurde das Vorfeld dementsprechend in eine
Patrouillenzone mit Feldwachen verwandelt, was den zu erwartenden,
nutzlosen Verlust zu schwacher, der Hauptkampflinie vorgelagerter
Besatzungen verhindern sollte, während die Kampf- und
Bereitschaftsbataillone in der Hauptkampfzone dichter zusammenrückten,
um dort für ein hohes Maß an Abwehrkraft zu sorgen 2103 . Wie das Beispiel
der [Link], der linken Flügeldivision der Gruppe Watter, zeigt, fiel dieses
„hohe Maß“ in personeller Hinsicht bescheiden aus und stützte sich
vornehmlich auf die Feuerkraft der im Verhältnis zur Zahl der Soldaten sehr
zahlreichen leichten und schweren Maschinengewehre. Beim IR 136

2101
Versuche, die Kampfkraft der Divisionen durch Ersatz, Ausbildung und Ruhe wieder
zu steigern, dürften mangels der geringen Zeit bis zum Beginn der Schlacht flächendeckend
nicht mehr wirksam geworden sein. Die Gefechtsstärke des IR 145 ([Link]) lag am 1.7.1918
bei 17 Offizieren und 810 Unteroffizieren und Mannschaften. Für die Zeit bis zum
18.7.1918 vermerkt die Truppengeschichte lediglich die Zuteilung von 92 Mann Ersatz.
Siehe dazu TG IR 145, Bd. II, S. 100, und Führen, Franz: Die Hohenzollern Füsiliere im
Weltkriege 1914-1918 (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bd. 40), Berlin 1930, S.
618.
2102
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 80, Bl. 26: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr. 9135 geh.
op. vom 6.7.1918.
2103
Siehe Held, Karl/Stobbe, Otto (Bearb.): Das Königl. Preuß. Infanterie-Regiment Graf
Barfuß ([Link].) Nr. 17 im Weltkriege 1914/1918 (Deutsche Tat im Weltkrieg, Bd. 25),
Berlin 1934, S. 228, TG RIR 40, S. 288ff., TG IR 138, S. 301f., und TG RIR 16, S. 88f.
519

standen ein Offizier und 33 Mann mit sechs leichten Maschinengewehren


im Vorfeld, vier Offiziere und 150 Mann mit neun leichten und 21 schweren
Maschinengewehren in der Hauptwiderstandlinie und dahinter 2104 . Die
Verteilung bei den beiden anderen Regimentern der Division, RIR 40 und
IR 171, war vergleichbar, doch kamen sie mit insgesamt vier Offizieren und
262 Mann beziehungsweise zehn Offizieren und 265 Mann auf einen
höheren Personalbestand 2105 .
Worauf bei der Organisation der Verteidigung augenscheinlich auch ohne
eine besondere Anordnung der höheren Führung im Zusammenhang mit
dem erwarteten Angriff vom [Link] geachtet wurde 2106 , waren
Tankabwehrmaßnahmen, wie sie in der Aufstellung der [Link] zu ihren
Besatzungsstärken durch die Kennzeichnung von Maschinengewehren zur
Tankbekämpfung angedeutet sind. Daß eine solche Kennzeichnung
überhaupt vorgenommen wurde, läßt darauf schließen, daß nur diese
schweren Maschinengewehre über bedeutendere Mengen an SmK-Munition
verfügten. Dies ist um so wahrscheinlicher, als Hinweise auf eine
signifikante Verknappung der kostenträchtigen Stahlkernpatronen bereits
für Ende Mai 1918 vorliegen und ein entsprechend großer Verbrauch in den
nahezu ununterbrochenen Kämpfen gegen Tanks und Schlachtflieger seit
dem 21.März 1918 vorauszusetzen ist 2107 . An verschiedenen Punkten des

2104
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 225, Bl. 17: [Link] Ia Nr. 1670 op. vom 11.7.1918.
2105
Siehe ebenda.
2106
Entsprechende Befehle konnten in dem vom Verfasser eingesehenen Archivgut und in
der Literatur zumindest nicht gefunden werden. Daß es solche gab, ist sehr wahrscheinlich.
Aber es gab sie offenkundig nicht als besondere Anordnungen zur Abwehr des erwarteten
französischen Großangriffs Mitte Juli, sondern eher als generelle und den bisherigen
Kämpfen –man denke auch an den Erfahrungshorizont eines Theodor Frhr. v. Watter-
geschuldete Anweisungen zur Herstellung der Abwehrbereitschaft. Das Vorhandensein von
Tanks im Bereich der gegenüberliegenden frz. [Link] war zudem durch
Gefangenenbefragungen bekannt, wurde aber zumindest von der höheren Führung nicht im
Zusammenhang mit einer feindlichen Großoffensive gesehen; siehe dazu BA-MA, RH
61/52, Bl. 57.
2107
Siehe HStAS, M 30/1, Bü. 55: Mun.-NO d. OHL bei HGr Albrecht 7064 vom
29.5.1918, und ebenda: AOK 19 [Link]./Mun. Nr. 1398 vom 20.6.1918. In beiden Schreiben
wurde ausdrücklich auch vom hohen Munitionsverbrauch und –bedarf zur Abwehr von
feindlichen Flugzeugen gesprochen.
520

unübersichtlichen und mit einigen markanten Geländeeinschnitten


versehenen Gefechtsfeldes wurden zudem „Tankfallen“ -heute im Detail
wohl nicht näher zu spezifizierender Bauart- angelegt, die den gepanzerten
Feind am Passieren von Straßen und engeren Geländedurchfahrten hindern
können sollten 2108 . Für die aktive Bekämpfung von Tanks schieden die
Feldartillerieformationen außerdem „Tankgeschütze“ aus, die nach dem im
Frühjahr 1917 mit den Nahkampfbatterien praktizierten Grundsatz 2109 in der
Nähe der Infanterie versteckt aufgestellt wurden 2110 . Andere Batterien, zu
denen auch die bis zum Beginn der Schlacht aus dem Bereich Reims gerade
zurückgekehrten Formationen gehörten, standen ferner als bewegliche
Reserven zur Infanterie-Begleitung für Gegenangriffe der
Eingreifdivisionen bereit 2111 . Für diese Teile ließ sich die Tankbekämpfung
nicht als ausdrücklich genannte Aufgabe verifizieren, wenngleich dies,
neben der allgemeinen, eher offensiv ausgerichteten Rolle und der
Gewißheit, daß bei der erwarteten Offensive mit den mittlerweile üblichen
Tankangriffen zu rechnen war 2112 , auch unausgesprochen vorausgesetzt
werden kann. Es sollte sich schließlich herausstellen, daß das aus der
Not 2113 , dem Munitionsmangel und dem Wunsch, sich durch das Vorziehen
der Geschütze der Wirkung der Masse feindlicher Geschütze zu entziehen,
geborene Abweichen von den im Stellungskrieg sonst üblichen
Einsatzweisen und Primäraufgaben der Artillerie -nämlich eine besonders
große Feuerdichte durch die Konzentration eines Maximums an Rohren und
abgefeuerter Geschosse zu gewährleisten- eine besondere Bedeutung für die
Tankabwehr und damit für den Verlauf der Kämpfe südwestlich Soissons

2108
Siehe TG IR 138, S. 302, und TG IR 17, S. 227.
2109
Siehe Abschn. 4.2.
2110
Siehe TG FAR 15, S. 263 und S. 266, TG IR 138, S. 303, und TG IR 17, S. 228.
2111
Siehe Stenger: Schicksalswende, S. 50f., TG FAR 14, S. 322, TG FAR 15, S. 266, TG
IR 145, Bd. II, S. 101, und HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 277: GK [Link] Ia Nr. 40 op.
geh. vom 6.8.1918, S. 2.
2112
Siehe BA-MA, RH 61/52029: Forschungsarbeit v. Menges zur Abwehrschlacht
zwischen Aisne und Marne, S. 8.
2113
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 277: GK [Link] Ia Nr. 40 op. geh. vom 6.8.1918,
S. 2, und BA-MA, RH 61/52029: Forschungsarbeit v. Menges zur Abwehrschlacht
zwischen Aisne und Marne, S. 8.
521

insgesamt haben sollte. Mit neuen Erkenntnissen hatte diese


Verfahrensweise wohlgemerkt nichts zu tun, sondern allein mit den
Auswirkungen der fehlenden Schlag- und Feuerkraft der deutschen und
einer berechtigterweise angenommenen Wirkung des Massenfeuers der
vollmunitionierten und rohrstarken feindlichen Artillerie.

11.3. Die Kämpfe am [Link] 1918.

Die Kampfhandlungen südwestlich Soissons lassen sich grob, ohne


Berücksichtigung von Besonderheiten an einigen Stellen, in drei Phasen
einteilen. Die erste, der eigentliche Einbruch in die deutschen Stellungen,
verlief geradezu spektakulär erfolgreich, während die beiden anderen, der
letzte Stoß der ersten Angriffswellen samt der Phase des Heranziehens von
Reserven, sowie die schließlich erfolgten Versuche zum letztendlichen
Durchbrechen der provisorischen deutschen Verteidigungspositionen auf
breiter Front, altbekannten Vorbildern mit entsprechenden Problemen und
dem sich daraus ergebenden Ausgang glichen.
Der Einbruch gelang den alliierten Truppen, die im Zentrum des Angriffs
hinter der gewaltigen Feuerwalze „von nie gekannter Stärke und
unübersehbarer Breite und Tiefe“ 2114 vorgingen, in großer Geschwindigkeit.
Vielfach wurden die Besatzungen der deutschen Stützpunkte und
Widerstandsnester von den feindlichen Schützenlinien einfach
überrannt 2115 . Und dort, wo sich teilweise auch verbissener Widerstand
zeigte 2116 , konnte er durch flankierende und umfassende Angriffe, die durch
den raschen Ausfall benachbarter Feldwachen und Nester im deutschen

2114
Siehe TG RIR 40, S. 297.
2115
Bezeichnend für die Schwäche der deutschen Verteidiger war, daß zumindest bei der
[Link] der Gruppe Staabs gar keine und bei der [Link] der Gruppe Watter anfänglich nur
auf einem Flügel Tanks eine Rolle spielten. Der Einbruch und die Vernichtung der
Stellungstruppen basierten folglich auf dem massiven infanteristischen Stoß und der
Artilleriewirkung; siehe dazu BA-MA, RH 61/52029: Forschungsarbeit v. Menges zur
Abwehrschlacht zwischen Aisne und Marne, S. 41f., und Stenger: Schicksalswende, S. 37
und S. 57f.
2116
Intensive Eindrücke über die Wahrnehmung des deutschen Widerstands, besonders
durch starkes Maschinengewehrfeuer, bieten die Schilderungen amerikanischer Soldaten in
Hallas: Doughboy War, S. 105ff.
522

Abwehrsystem bald nach Angriffsbeginn möglich geworden waren,


ausgeschaltet werden 2117 .
Die obligatorischen Gegenstöße der deutschen Reserven bei den
Stellungstruppen, ein Element des seit Anfang 1917 praktizierten
Abwehrverfahrens, waren von der Schnelligkeit des feindlichen
Vordringens maßgeblich betroffen. Wenn sie auch äußerst zeitnah zum
Erkennen des feindlichen Angriffs angeordnet worden waren, kamen sie,
falls überhaupt, doch zu spät, um ihren eigentlichen Gefechtsauftrag noch
erfüllen zu können. Die Vorgänge beim IR 138, wie sie durch den
Regimentskommandeur, Oberst Crämer, in der Truppengeschichte
geschildert werden, sind für diese Phase der Schlacht symptomatisch 2118 :
„‚Das Kampfbataillon (III./138) wurde um 5,45 Uhr vom Gegner in der
Vorfeldlinie angegriffen. Um 5,55 Uhr brach der Feind in die Hauptwiderstandslinie
der a Kompanie [ 2119 ] ein. Um 5,58 Uhr setzte hiergegen der B.T.K. (II./138), die 6.
und [Link]. zum Gegenstoß an. Der Feind war rechts und links vom I.R. 138
durchgebrochen und hatte das III. und II./138 von den Flanken und von rückwärts
gefaßt. Hauptm. v. Wenden erlitt den Tod, mit ihm viele tapfere Offiziere und
Mannschaften. Hauptm. Kettler und sein Adjutant, Lt. Priebsch, fielen verwundet in
Gefangenschaft. Priebsch hatte mit der Brigade [...] auf dem Pariser Kabel noch bis
zum letzten Augenblick telefoniert. Plötzlich rief er in den Apparat: „Donnerwetter“.
Er war verwundet und gefangen.’ (Oberst Crämer.) Seitdem fehlten jegliche
Nachrichten vom Kampf- und Bereitschaftsbatl.“ 2120

Die französischen Tanks unterstützten die stürmende Infanterie nach


Kräften, wobei die Ausnutzung der zahlreichen Lücken und das
Abschneiden der nach rückwärts ausweichenden deutschen Infanterie

2117
Siehe dazu bspw. BA-MA, RH 61/52, Bl. 78: [Link] Abt. Ia Nr. 2052 vom 9.8.1918,
KA, HS 2698: [Link] 3 I. Nr. 4572 vom 21.7.1918, und Stenger: Schicksalswende, S. 36ff.
2118
Die Einheitlichkeit des Gefechtsgeschehens wird dokumentiert in BA-MA, RH
61/52029: Forschungsarbeit v. Menges zur Abwehrschlacht zwischen Aisne und Marne, S.
41f. ([Link]), S. 44f. ([Link]), S. 53f. ([Link]), S. 55f. ([Link]) und S. 58f. ([Link]).
2119
Die Bezeichnung „a Kompanie“ folgte der Einteilung eines Regiments-
Gefechtsabschnittes nach den einer Infanterie-Kompanie unabhängig von ihrer
Bataillonszugehörigkeit zuweisbaren Räumen.
2120
Zitiert nach TG IR 138, S. 306. Siehe auch TG IR 17, S. 230ff.
523

effizient praktiziert wurde 2121 . Wie ein Unteroffizier des IR 17 über das
„Absetzen“ -und ein solches war es augenscheinlich sehr viel mehr als ein
befehlgemäßes „Ausweichen“- seiner Teileinheit beispielhaft berichtete,
waren die Tanks „schneller als wir und sperrten uns den Rückweg in einem
großen Halbkreis“ 2122 . Daß dies trotz der vorgezogenen Tankgeschütze, der
Maschinengewehre mit oder ohne SmK-Munition, der Vielzahl
Minenwerfer und bei der insgesamt nicht unerheblich großen Rohrzahl der
deutschen Artillerie ohne größere Schwierigkeiten möglich gewesen zu sein
scheint, ergab sich aus mehreren Faktoren, die insgesamt ein Konglomerat
aus den Gegebenheiten bei den vorausgegangenen Kämpfen darstellen.
Durch den intensiven Artilleriebeschuß waren Fernmeldeverbindungen
gekappt worden, was die Übermittlung von Lage- und Zielmitteilungen
erheblich einschränkte und verzögerte. Zusätzlich begrenzte natürlicher und
künstlicher Nebel die Sicht auf nur wenige Meter Kampfentfernung, und das
aufgrund vorheriger Zuweisung von Feuerstreifen sowie nach dem Ausfall
vorgeschobener Beobachter zwangsweise „nach Karte“ abgegebene
deutsche Sperrfeuer wurde vom Feind unterlaufen. Die Munitionsbestände
schwanden binnen kurzer Zeit, so daß sich die Verteidiger schließlich mit
dem nahezu zeitgleichen und ungebrochenen Angriff von Tanks und
Infanteriemassen auf kürzeste Distanz konfrontiert sahen 2123 :
„About 7:00 a.m. the 1st Division reached Missy-aux-Bois and the far edge of
Missy Ravine, which extends to the right from that village. By that time the
resistance had greatly stiffened, and Missy-aux-Bois and the ravine itself were full
of enemy troops. The assaulting units at once pushed into the ravine in the face of
point-blank fire from many batteries of German artillery located therein. These guns,
whose removal had been prevented by the rapidity of the American advance,

2121
Siehe bspw. den Bericht eines Kompanieführers des IR 138 in TG IR 138, S. 308: „Hier
waren wir zwischen Tanks geraten und starkes M.G. Feuer zwang uns, uns hinzulegen.
Wohl um ihre eigenen Truppen nicht zu gefährden und die Hoffnungslosigkeit unserer
Lage erkennend, schossen die Maschinengewehre der Tanks jetzt über uns hinweg bzw. an
uns vorbei. Sie hätten uns zu Brei schießen können. Unser Schicksal war besiegelt und
unsere Widerstandskraft gebrochen. Amerikanische Schützen forderten uns zur Ergebung
auf. Wir waren in Gefangenschaft.“
2122
Siehe TG IR 17, S. 231.
2123
Siehe bspw. TG FAR 229, S. 77, TG FAR 15, S. 269, Stenger: Schicksalswende, S. 42,
und Bayerisches Kriegsarchiv (Hg.): Die Bayern im großen Kriege, S. 518.
524

destroyed a majority of the tanks which accompanied the brigade of the 1st Division
on that flank. However, after a terrific struggle the Germans in the ravine were killed
2124
or taken prisoner, and the guns emplaced in it were captured.”

Zahlreiche Geschützbedienungen gerieten beim Kampf um die deutsche


Stellungsartillerie am Morgen des [Link] in Gefangenschaft oder setzten
sich nach dem Unbrauchbarmachen ihrer Geschütze nach hinten ab 2125 .
Einige leisteten vehementen Widerstand, der, wie es die Truppengeschichte
des FAR 15 pathetisch nannte, im „ruhmvollen Untergang“ 2126 ihrer, später
dann vieler Batterien und letztendlich ganzer Regimenter endete. So
verursachte beispielsweise die 4./FAR 15 zwar zwei der insgesamt zehn
durch das Regiment reklamierten Tankabschüsse des Tages und wirkte auf
kürzeste Distanz gegen die angreifende französische Infanterie, verlor aber
schließlich sämtliche Geschütze im Nahkampf und bestand am Ende des
Tages noch aus einem Unteroffizier und sieben Mann 2127 . Den anderen
Batterien dieses Regiments erging es, der obigen Aussage entsprechend,
grundsätzlich ebenso 2128 , wobei hier wie andernorts auffällig ist, daß
vornehmlich die Infanteriebekämpfung und der Verlust der Geschütze durch
feindliche Infanterie genannt wurde, während Tanks in der Regel als
bekämpfenswerte Augenblicksziele beschrieben werden konnten. Der
Grund für diesen Umstand ist darin zu sehen, daß der Großteil der Tanks
befehlsgemäß hinter den Sturmtruppen der Infanterie vorgefahren und mit
dem Eliminieren von deutschen Widerstandsnestern sowie dem Vorgehen
an sich beschäftigt war, bis er schließlich gegen die Artilleriestellungen und
darüber hinaus vorstieß 2129 .

2124
Zitiert nach Center of Military History United States Army: American Armies and
Battlefields in Europe, Washington 1938, S. 84
2125
Siehe bspw. TG FAR 229, S. 79, und TG FAR 14, S. 323.
2126
Siehe TG FAR 15, S. 270.
2127
Siehe ebenda, S. 270f.
2128
Siehe ebenda, S. 271ff.
2129
Die [Link] schrieb hierzu in ihrem Bericht zum Gefechtsgeschehen: „Um sich die
taktische [hervorgeh.] Ueberraschung zu wahren, verzichtete der Feind auf jede
Artillerievorbereitung und --wenigstens auf der Front der Division wo
zusammenhaengende Gelaendebedeckungen fehlte-- auf das Zusammenziehen starker
Tankgeschwader. Die nicht sehr grosse Zahl der am 18.7. aufgetretenen Tanks folgten
525

Hierzu, und damit zum Beginn der zweiten Phase der Schlacht, kam es ab
etwa 9 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt versuchten die kläglichen Reste der
deutschen Stellungsbesatzungen, oft schon im Zusammenwirken mit
mittlerweile herangekommenen Eingreiftruppen, eine neue
Verteidigungslinie aufzubauen und den Stoß ins Zentrum des Frontbogens
aufzufangen 2130 . In Anbetracht der geringen Kräfte, über welche die
deutschen Verteidiger bei den bis etwa zum Mittag vorgetragenen Angriffen
verfügten, verliefen die Kampfhandlungen insgesamt, und trotz des Zwangs
zum Zurücknehmen der nur euphemistisch als „Frontlinie“ zu
bezeichnenden, schwachen Verteidigungspositionen, für sie noch
erstaunlich günstig. Maßgeblich die Kombination von
Maschinengewehrfeuer, welches die feindliche Infanterie niederhielt 2131 ,
und Feuerkraft der auf kurze Entfernungen wirkenden, oft offen
aufgestellten oder aus den Deckungen hervorgezogenen Geschütze
bewirkte, daß der Angreifer keine wesentlichen Fortschritte machen konnte
und vermehrt Verluste zu erleiden hatte. Im direkten Duell zwischen den
französischen Tanks aller Typen und der deutschen Feldartillerie zeigten
sich die Geschütze und ihre Bedienungen überlegen, wie zahlreiche
Schilderungen zur Tankbekämpfung in diversen Truppengeschichten der
beteiligten deutschen Einheiten verdeutlichen 2132 - und es sich letztlich auch

hinter der Infanterie und wurden nach Art unserer Begleitbatterien zum Brechen besonders
heftigen Widerstands eingesetzt.“ Zitiert nach BA-MA, RH 61/52, Bl. 71: [Link] Ia Nr.
2052 vom 9.8.1918.
2130
Im Bericht der Gruppe Watter über den Verlauf des 18.7.1918 heißt es zur Lage am
Morgen: „Es war nun klar, daß dem Gegner in kurzer Zeit geglückt war, unsere Infanterie
nahezu auf der ganzen Korpsfront zu überrennen, daß ihm ein großer Teil unserer Artillerie
bereits in die Hände gefallen, jedenfalls der größte Teil außer Gefecht gesetzt war und daß
nun alles darauf ankam, zu verhindern, daß aus dem feindlichen Einbruch ein Durchbruch
wurde.“ Zitiert nach HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 280: GK [Link] Ia Nr. 40 op. geh. vom
6.8.1918, S. 7.
2131
In einigen Truppengeschichten wird zudem die Wirkung der Maschinengewehre gegen
die vorgehenden Tanks angeführt, welche durch zusammengefaßtes Feuer zum Umkehren
gezwungen, oder von ihren Besatzungen verlassen wurden; siehe bspw. Menzel/Stepkes,
R.: Geschichte des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 258, Trier 1935, S. 226.
2132
Siehe bspw. TG FAR 14, S. 324f., TG IR 17, S. 233ff., TG FAR 15, S. 277f., TG FR
40, S. 622f., TG RIR 16, S. 90f., TG FAR 32, S. 208f., und Bornstedt, Günther v. (Bearb.):
526

im Ergebnis der Kämpfe am [Link] niederschlagen sollte. Aus dem


Repertoire dieser Gefechtsschilderungen, die, wie so oft in der im letzten
Kern grundsätzlich homogenen Schriftengattung der Truppengeschichten,
für einen heutigen Leser befremdlich, andernfalls aber vor allem
heroisierend und pathetisch klingen, soll an dieser Stelle ein Zitat genügen.
Es illustriert, fast nebenbei, aber nicht von ungefähr, die Gleichartigkeit und
Austauschbarkeit von Erfahrung in der Tankabwehr-Praxis der bisher
dargestellten Schlachten und Gefechte. Über die Kämpfe beim IR 17 auf
dem Höhenplateau bei Chaudun, auf das der Hauptangriff des [Link] der
französischen [Link] direkt zielte und das seit 9.20 Uhr ohne
Unterstützung durch Eingreiftruppen direkt angegangen wurde, berichtete
der Regimentsadjutant, Oberleutnant Senft in der Truppengeschichte:
„Südlich der Pariser Straße erschienen etwa 12 Tanks. In Reihe zu einem kamen
sie an der Straße entlang auf uns zu, Entfernung etwa 400 bis 500m. Hier konnte nur
eins helfen: Artillerie. Es gelang mir auch sehr schnell, Lt. Hoffmann, Feldartl. 15
[FAR 15], zu finden. Seine Batterie stand etwas rückwärts unserer Stellung in einer
Mulde. Die Kanoniere schleppten auf seinen Befehl ein Geschütz vor und bald
sauste die erste Granate aus dem Rohr. Eine Stichflamme schoß aus dem ersten Tank
auf. Der war erledigt. Der zweite, der dritte, vierte folgte. Ich vermag nicht
anzugeben, wieviel Tanks, ob die Hälfte oder gar noch mehr, so umgelegt wurden.
2133
Jedenfalls verschwand der Rest sehr schnell.“

Mit dem Abklingen der Durchbruchsversuche um die Mittagszeit des [Link]


herum trat vielerorts eine Kampfpause ein, die, je nach den lokalen
Gegebenheiten, bis zum Nachmittag oder gar Abend anhielt. Diese
Atempause mußte den Deutschen sehr gelegen sein, um sich Klarheit über
die Lage und den Frontverlauf zu machen, um zusammengeschmolzene
Munitionsbestände, zum Teil durch improvisierte LKW-Kolonnen vom weit
entfernten Laon aus, zu ergänzen und die Befehlsverhältnisse in einer
gezwungenermaßen aus verschiedensten Formationen gebildeten
Defensivlinie zu regeln 2134 . Zumindest von der Gruppe Watter wurde in

Reserve-Infanterie-Regiment 259 (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Heft 175),


Berlin/Oldenburg 1926, S. 211f..
2133
Zitiert nach TG IR 17, S. 233.
2134
Siehe dazu HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 280: GK [Link] Ia Nr. 40 op. geh. vom
6.8.1918, S. 8f., bspw. TG IR 17, S. 236, und Stenger: Schicksalswende, S. 47 und S. 63.
527

dieser Lage auch die Rückverlegung von Kolonnen und Trains aus dem
Frontbogen heraus nach Norden, an die Aisne, befohlen 2135 , was (noch)
nicht autorisierten Maßnahmen zur Aufgabe des Frontbogens
gleichkommen mußte. Auf alliierter Seite war ein Zustand eingetreten, der,
wohlwollend ausgedrückt, als vorsichtig-umsichtiges Nachrücken zur
Sicherstellung des bis Mittag Erreichten zu umschreiben ist 2136 . Dahinter,
überaus signifikant durch die mehr oder weniger ausgedehnte Kampfpause
dokumentiert, verbargen sich grundsätzlich altbekannte Probleme, die schon
mehrfach zuvor die Erweiterung eines gelungenen Einbruchs zum
Durchbruch verwehrt hatten. Die erste Welle der Angriffstruppen hatte sich
verbraucht, war durcheinandergeraten, war verschieden weit und in Teilen
bis an den Rand des durch die eigene Artillerie zu deckenden Geländes
vorgestoßen. Durch die Vorverlagerung der Frontlinie war die
Weitenwirkung der als unverzichtbar aufgefaßten Artillerie 2137 so weit
reduziert, daß die effektive Unterstützung der eigenen Stoßverbände fraglich
sein mußte. Zur Erneuerung des Angriffs mußten Verbände neugruppiert,
Reserven herangeführt und die eigene Artillerie vorgezogen werden 2138 .
Dies nahm nicht nur einige Zeit in Anspruch, sondern war zudem mit
erheblichen organisatorischen Schwierigkeiten behaftet, die auch den Briten
bei Cambrai begegnet waren und damals wichtige, wenn nicht
entscheidende Stunden Tageslicht des „kurzen“ [Link] 1917 gekostet
hatten 2139 . Massiv und parallel zu den britischen Erfahrungen bekam das
hinter der französischen [Link] bereitgestellte Kavalleriekorps diese

Wie konfus die Befehlsverhältnisse nach dem Einsatz der deutschen Reserven sein konnten,
deutet die TG IR 145, Bd. II, S. 103, unter Hinweis auf „Gegenbefehle“ und
„Kompetenzstreitigkeiten“ beim Einsatz des Regiments als Eingreiftruppe der [Link]
zumindest an.
2135
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 281: GK [Link] Ia Nr. 40 op. geh. vom 6.8.1918,
S. 9.
2136
Siehe BA-MA, RH 61/52029: Forschungsarbeit v. Menges zur Abwehrschlacht
zwischen Aisne und Marne, S. 50.
2137
Siehe dazu auch Strachan, Hew: Die Kriegführung der Entente, in Enzyklopädie Erster
Weltkrieg, S. 278.
2138
Siehe LAF, Bd. VII.1., S. 74ff., und Guderian: Achtung- Panzer! S. 96ff.
2139
Siehe Abschn. 9.6.1. zu Cambrai 1917 oder auch Abschn. 5.3. zu Arras 1917.
528

Schwierigkeiten zu spüren, als es versuchte, sich gemäß Befehlen Mangins


vom Morgen des [Link] hinter der neugeschaffenen Frontlinie zum
Durchbruch auf Fére en Tardennois zu versammeln. Die Vormarschwege
der drei Kavallerie-Divisionen waren durch Truppen und Kolonnen
verstopft und das Gelände für den Marsch großer Kavallerieverbände und
ihren Einsatz vom von Feind eingesehenen Höhenplateau von Chaudun aus
grundsätzlich wenig geeignet. Die Zeit verstrich, und am Abend schoben
sich nur einige abgesessenen agierende Teile in die Infanterielinie ein 2140 .
Weitere Reserven, namentlich die Bataillone FT-17 der [Link], waren
gleichfalls am Morgen freigegeben worden, allerdings unter der
bedeutenden Prämisse, daß sie erst dann aktiv in die Kampfhandlungen
eingreifen sollten, wenn die Angriffskraft der Kampfwagen der ersten
Angriffswelle erschöpft sei 2141 . Nur Teile der leichten Tankbataillone
nahmen am Abend an den letzten Vorstößen des Tages teil, die seit dem
späten Nachmittag die dritte und die den Tag abschließende Phase des
Gefechtsverlaufs am [Link] einläuteten.
Diese dritte Phase, deren Eröffnung den Franzosen und Amerikanern im
Unterschied zu den britischen Verbündeten bei Cambrai wohl nur wegen
der Länge des Sommertages überhaupt möglich war, bestand aus dem
Versuch, die hinter dem Angriff zurückgebliebenen Teile des rechten
Flügels der [Link] zusammen mit den dadurch bis dahin im
Vorwärtskommen gehemmt gebliebenen Korps der [Link] voran zu
bringen und mit allen verfügbaren Teilen den Durchbruchsversuch nach
Osten zu erneuern 2142 . Durch heftige Angriffe und in örtlich auch sehr
wechselhaft 2143 verlaufenden Kämpfen bis zur Dunkelheit erzwangen die
Alliierten vielerorts eine weitere Rücknahme der deutschen Stellungen und

2140
Siehe LAF, Bd. VII.1., S. 76f., und Abschn. 9.6.1.
2141
Siehe ebenda, S. 75f.
2142
Siehe ebenda, S. 76f.
2143
So etwa beim RIR 258: „Um 8.15 Uhr abends gingen wieder Tanks zum Angriff vor.
Nordwestlich der Straße Neuilly-Latilly wurden sie vom Artilleriefeuer gefaßt. Sie drehten
ab und verschwanden. Die Infanterie, die den Tanks in dichten Massen gefolgt war, wurde
durch M.G.-Feuer zerstreut.“ Zitiert nach TG RIR 258, S. 231. Einem weiteren Angriff um
22.15 Uhr war durch Vorgehen von den Flanken aus mehr Erfolg beschieden, und man
mußte schließlich auf eine rückwärtige Position ausweichen; siehe ebenda, S. 231f.
529

brachten den Verteidigern wiederum Verluste bei 2144 . Zum Durchbruch


durch die deutschen Verteidigungspositionen kam es aber nicht.
Die Eindringtiefe des französisch-amerikanischen Angriffs vom [Link]
1918 betrug im Zentrum der [Link], beim [Link], ungefähr 6,5km,
während sie in Richtung auf den Südbereich dieser Armee zunehmend und
bei der [Link] dann schließlich deutlich geringer ausfiel 2145 . Die
personellen und materiellen Verluste der Kontrahenten sind für diesen
speziellen Tag nicht explizit verbürgt. Einige Angaben legen aber nahe, daß
auf seiten der Alliierten die amerikanische Infanterie besonders zu leiden
gehabt hatte 2146 . Ebenfalls bedeutend waren die Ausfälle der artillerie
d’assaut bei der [Link], für die Zahlen vorliegen. Dort waren diesen
Angaben zufolge 223 Fahrzeuge zum Einsatz gekommen, von denen
insgesamt 2147 102 (46%) ausfielen, davon 62 (28% der Gesamtzahl) durch

2144
Die TG [Link] 22 sagt hierzu beispielhaft: „Der Rest des [Kampf-] Bataillons zog sich
nach tapferer Gegenwehr auf die Artillerieschutzstellung zurück, auch hier bald von rechts
und links überflügelt mußte der schwache Rest des Bataillons gegen 630 nachm. im starken
feindlichen Infanterie-, M.G.- und Artilleriefeuer die deckungslose Hochebene überqueren,
zog sich gegen die Braunschweiger Höhle zurück und fiel hier dem scharf nachdrängenden
Gegner zum größten Teil in die Hände; nur wenige Leute, 3 Offiziere und 18 Unteroffiziere
und Mann entkamen.“ Zitiert nach Meyer, Hans (Bearb.): Das K.B. [Link]-Regiment
Fürst Wilhelm von Hohenzollern (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bayerische
Armee, Heft 15), München 1923, S. 94.
2145
Siehe Stenger: Schicksalswende, Karte 2, RA, Bd. 14, S. 479, und LAF, Bd. VII.1., S.
77, wo von 9km bei der 10. und 5km bei der [Link] gesprochen wird. Diese
Entfernungen lag allerdings die Bemessung von den französischen
Sturmausgangsstellungen zugrunde, welche zwangsweise ein mehr oder weniger
ausgebildetes Niemandsland einschloß.
2146
Siehe LAF, Bd. VI.2., S. 544. Dort wird von 9.300 Mann Verlust bei den
amerikanischen Verbänden für einen Zeitraum vom 11.-21.7.1918 gesprochen, dem für die
französischen Verbände bei der [Link] gerade einmal rund 2.700 Gefallene,
Verwundete und Vermißte gegenüberstehen. Siehe dazu auch die eindrucksvollen
Gefechtsschilderungen in Hallas: Doughboy War, bspw. S. 109 (Aussage von Oberleutnant
Cumming, 5th Marines, [Link]): „I heard later that my company had one officer 29
men left when we reached the objective. We had gone to this sector with eight officers and
250 men.”
2147
Diese Zahl umfaßte offenbar alle erdenklichen Gründe für den Ausfall von Fahrzeugen.
Dabei muß letztlich unklar bleiben, inwieweit hierunter möglicherweise auch noch
530

die Wirkung der deutsche Artillerie. Der Personalverlust betrug 25% 2148 .
Die Ausfälle der artillerie d’assaut bei der [Link] betrugen nach einer in
Ermangelung französischer Angaben auf deutschen Meldungen basierenden
Zusammenstellung lediglich 15 (17%) von 87 eingesetzten Fahrzeugen 2149 .
Diese im Vergleich zur [Link] signifikant geringeren Verluste sind damit
zu begründen, daß es die Unübersichtlichkeit des Geländes sicherlich nicht
immer gestattete, Tanks zu bekämpfen und es andererseits auch wieder
gelang, Vorstöße frühzeitig zu begrenzen und vorrollende Tanks durch
Feuer von der Fortsetzung ihrer Angriffe abzuhalten 2150 .
Die Verluste der Verteidiger bei den Kämpfen waren äußerst schwer und
kulminierten in der Auffassung der [Link] vom Morgen des [Link] darin,
daß südlich der Aisne „nennenswerte kampffähige Teile, soweit bekannt,
nicht mehr vorhanden“ waren 2151 . Angaben über die Stärken und Verluste
einzelner Einheiten unterstreichen diese insgesamt in der Vernichtung der
Stellungstruppen zusammenzufassende, dramatische Momentaufnahme. So
hatte etwa das [Link] 22 am [Link], nach dem Verlust von drei Offizieren und
967 Unteroffizieren und Mannschaften noch eine Gefechtsstärke von sechs
Offizieren und 63 Mann 2152 - eine Größenordnung, die auch andernorts
nachzuweisen ist 2153 . Überaus bezeichnend für den Gefechtsverlauf ist, daß

tatsächliche Gefechtsverluste -etwa durch Maschinengewehrfeuer, Minenwerferbeschuß


oder Sprengkörper aller Art- fallen, die nicht durch die Angabe zu Verlusten durch
Artilleriewirkung abgedeckt sind.
2148
Siehe Fuller: Tanks, S. 192f., Guderian: Achtung-Panzer! S. 102, und Taschenbuch der
Tanks, Teil III, S. 79. Es wäre anzunehmen, ist aber durch den Verfasser nicht verifizierbar
gewesen, daß sich diese Angabe auf den Bestand an Besatzungen und nicht auf den des alle
Kräfte allumfassenden Personalbestand der artillerie d’assaut bei der [Link] bezieht.
2149
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 82. Die TG RIR 259 gab für seinen Abschnitt
bei der [Link], die dem Zentrum der angreifenden [Link] gegenüberstand, an, daß hier
allein 7 Tanks abgeschossen worden seien; siehe TG RIR 259, S. 211.
2150
Siehe TG RIR 259, S. 211, und TG RIR 258, S. 231.
2151
Siehe RA, Bd. 14, S. 481.
2152
Siehe TG [Link] 22, S. 95.
2153
Siehe TG IR 138, S. 315, und TG RIR 40, S. 309. Das RIR 40 gab über die
Gefechtsstärke hinaus an, daß es am Abend des 18.7.1918 noch einen Gesamtbestand von
23 Offizieren und 264 Unteroffizieren und Mannschaften hatte. Der Anteil der damals noch
531

am ersten Tag der Schlacht schätzungsweise 12.000 deutsche Soldaten in


Gefangenschaft gerieten und rund 250 Geschütze, die angesichts der Rolle,
welche die Artillerie gespielt hatte und weiterhin spielen sollte, einen
schwerwiegenden Verlust darstellten 2154 , von Franzosen und Amerikanern
erbeutet werden konnten 2155 .

11.4. Die weiteren Kämpfe bis zum Abschluß der Schlacht, Anfang
August 1918.

Die an den [Link] anschließenden Kämpfe, welche am frühen Morgen des


nächsten Tages durch kombinierte Tank- und Infanterie-Angriffe nach
massiver Artillerievorbereitung eingeleitet wurden, standen unter denselben
Vorzeichen, welche Durchbruchs- beziehungsweise Abwehrschlachten im
Stellungskrieg bisher zugrunde gelegen hatten. Ohne irgend ein
Überraschungsmoment, aber unter Einsatz vorhandener und herbeigeholter
Reserven, bemühte sich die französische Führung, den Frontbogen
abzuschnüren. Die deutschen Verteidiger setzten diesem Bemühen ihrerseits
Verstärkungen entgegen, denen als Aufgabe schließlich aber nur noch
zufallen konnte, Zeit für die geordnete Zurücknahme der deutschen Linien
auf eine Sehnenstellung nördlich Soissons und Reims, an der Aisne und
Vesle, zu gewinnen 2156 . Bis zum Morgen des [Link] wurde der
Frontbogen geräumt. Die deutschen Streitkräfte hatten schätzungsweise
110.000 Mann verloren, darunter die für die bisherigen Kampfhandlungen

vermißten Unteroffiziere und Mannschaften (638), deren größter Teil die Gefangenen
ausgemacht haben dürften, lag bei 555 Mann; siehe TG RIR 40, S. 312.
2154
Wie aus Verlautbarungen der OHL Anfang August deutlich wird, waren die
Materialausfälle durch Verlust und Verschleiß während der seit März 1918 andauernden
Kämpfe derart groß, daß das Herausziehen einer großen Anzahl Artillerieformationen zur
Neubewaffnung und Auffrischung befohlen werden mußte; siehe BA-MA, PH 3/294, Bl.
24ff., darunter besonders Bl. 27: Telegramm der OHL „an die Heeresgruppen des Westens“
vom 4.8.1918.
2155
Siehe Stenger: Schicksalswende, S. 110f. und S. 220. Obwohl Stenger die auf
französischen Angaben basierende Gefangenenzahlen –zumindest ihrer präziseren
Aufschlüsselung nach- als fragwürdig darstellte, wurden sie in diversen TG und auch bei
Guderian (Achtung-Panzer! S. 98) angeführt.
2156
Siehe RA, Bd. 14, S. 482ff.
532

an der Westfront beachtlich hohe Zahl von mehr als 25.000 Gefangenen 2157 .
An Beute fielen den die Alliierten nach französischen Angaben 612
Geschütze, 211 Minenwerfer und 3.300 Maschinengewehre in die
Hände 2158 . Etwa 95.000 Franzosen, 20.000 Briten, die nach dem [Link] als
Reserven in die Schlacht geworfen worden waren, 10.000 Italiener und
35.000 Amerikaner betrugen die alliierten Verluste im Kampf um den
„Marnebogen“. Mit rund 160.000 Mann fielen die alliierten Verluste beim
Kampf um den „Marnebogen“ also deutlich höher aus als die ihrer
deutschen Gegenspieler. Dieser Umstand mag, nebenbei angemerkt, seinen
Teil dazu beigetragen haben, den in dieser Hinsicht wesentlich
eindeutigeren [Link] 1918, den „schwarzen Tag des deutschen Heeres“,
in seiner Bedeutung besonders hervorzuheben 2159 .
Die Schilderungen über den Verlauf der Kampfhandlungen in den vom
Verfasser eingesehen Truppengeschichten gleichen sich im Kern
signifikant, so daß an dieser Stelle die Darstellung des IR 138 zum [Link]
1918 beispielhaft zitiert sei:
„Von 5 Uhr ab lag stärkstes Artilleriefeuer auf der vorderen Linie und dem
Hintergelände. Um 6,40 Uhr begann der Infanterieangriff in dichten Kolonnen,
unterstützt durch zahlreiche Tanks, aus Chaudun heraus. Der Angriff wurde unter
starken Feindverlusten abgeschlagen. Um 7,20 Uhr drangen 3 Tanks in den
Südwestzipfel der Chazelle Schlucht ein und nahmen die vordere Linie von
rückwärts unter Feuer. Sie wurden durch M.G.-Feuer zur Umkehr gezwungen.
Gegen 8,30 Uhr erfolgten dreimal hintereinander Tankangriffe. [... .] Gleichzeitig
setzten wiederholt feindliche Infanterieangriffe aus Chaudun ein, sie wurden
abgeschlagen. Ab 12 Uhr lag die vordere Linie und das Hintergelände erneut unter
starkem feindlichen Artilleriefeuer. Um 12,50 Uhr wurde auf Befehl der [Link]
die Rückverlegung des linken Flügels auf den Ostrand der Schlucht angeordnet. Die
Bewegung war um 16,20 Uhr durchgeführt. [... .] Um 19,45 Uhr griff der Gegner
nach kurzer, aber heftiger Artillerievorbereitung an der ganzen Front in dichten
Kolonnen, von zahlreichen Tanks begleitet, an. [... .] Die eigene Linie wurde
daraufhin in eine Aufnahmestellung zurückgenommen [...]. Der Gegner hatte an

2157
Die Verluste beider Seiten differieren zum Teil erheblich, wobei sich allerdings auch
die berücksichtigten Zeiträume, Truppenteile und Kampfhandlungen unterscheiden; siehe
ebenda, S. 502f., und LAF, Bd. VII.1., S. 161.
2158
Siehe LAF, Bd. VII.1., S. 161.
2159
Siehe Kap. 12.
533

diesem Tage in Richtung Soissons nur wenig Gelände gewonnen. In der Mitte der
Einbruchsfront, 15km südlich von Soissons, hatte sogar ein kräftiger Gegenangriff
der 20.I.D.[eine herangeführte OHL-Reserve] den Gegner ein großes Stück
zurückgeworfen.“ 2160

Im Sinne der Kernaussagen dieser eher „nüchternen“, wenn nicht gar sehr
verharmlosenden, zugleich für Truppengeschichten als Schriftengattung
auch überaus charakteristischen Beschreibung einer klaren Niederlage 2161
ist der Auffassung Guderians, daß die dem [Link] 1918 folgenden Angriffe
„nichts grundsätzlich Neues“ boten 2162 , zuzustimmen. Beachtenswert ist
dabei allerdings, und Guderian selbst führte die folgenden Zahlen im
Zusammenhang mit seiner Ansicht nach trotz der Erfahrungen bei Cambrai
noch immer fehlenden Abwehrwaffen und mangelnden Ausrichtung der
Kampfweise der Infanterie und Artillerie auf die Tankabwehr an 2163 , wie
sehr sich die artillerie d’assaut bei ihren Einsätzen verschliß: Die
französische [Link] führte am [Link] nur 105 von 241 (zumindest
rechnerisch 2164 ) noch vorhandenen Tanks ins Gefecht. Am 20. waren es
lediglich 32, am Folgetag wieder 100 und am [Link] 82. Bis zu diesem Tag
waren seinen Angaben zufolge 241 (70%) Fahrzeuge dieser Armee durch
verschiedenste Ursachen ausgefallen, davon 112 (33%) explizit durch
Wirkung der deutschen Artillerie 2165 . Am Abend des [Link] wurden die bei

2160
Zitiert nach TG IR 138, S. 314.
2161
Und nichts anderes wird beschrieben. Im deutschen amtlichen Werk wurde für den
19.7.1918 ein Zuwachs auf 17.000 Gefangene und 360 erbeutete Geschütze (dies
entspricht numerisch dem Geschützbestand von 10 Feldartillerie-Regimentern) festgestellt;
siehe RA, Bd.14, S. 486.
2162
Siehe Guderian: Achtung-Panzer! S. 102.
2163
„Es ist eine betrübliche Tatsache, daß acht Monate nach Cambrai die deutsche
Infanterie und Artillerie noch keine Abwehrwaffe gegen Panzer besaß; noch betrüblicher
war aber die seither gleichfalls nicht auf das Erscheinen von Panzern eingerichtete
Fechtweise dieser Waffen.“ Zitiert nach ebenda, S. 100.
2164
Guderian nahm an, daß am 18.7.1918 343 Tanks bei der [Link] vorhanden waren;
siehe ebenda, S. 102.
2165
Siehe ebenda und, mit vergleichbaren Zahlen, Fuller: Tanks, S. 193f., und Goya, S.
356. Ein davon abweichendes Bild liefern die Zahlen eines Aufsatzes zur Tankabwehr von
Stellungstruppen aus dem Jahr 1934, in dem für den [Link] 102 Ausfälle, davon 62 durch
direkte Treffer der Artillerie, und für den [Link] 91 Ausfälle, von denen 50 auf die
534

der [Link] vorhandenen Teile der artillerie d’assaut aus dem Kämpfen
gezogen, „having practically fought to the last machine and the last man“,
wie Fuller später anerkennend feststellte 2166 .

11.5. Tanks und Tankabwehr in der Abwehrschlacht zwischen Soissons


und Reims: Bewertungen und Reaktionen.

In der Bewertung der Schlacht gibt es offenbar bis zur Gegenwart einen
Aspekt, der als unumstritten gelten kann. Und dieser ist die strategische
Tragweite des Scheiterns der letzten deutschen Offensive vom 15. und des
alliierten Gegenangriffs vom [Link] 1918 2167 . Die mit der Beseitigung des
Frontbogens einhergehende Wiedergewinnung umfangreichen
französischen Territoriums war ein genauso wertvolles Ergebnis wie die
dauerhafte Absicherung von Paris, das nun nicht mehr akut bedroht war und
dessen „Rettung“ dazu Anlaß bot, die Kämpfe offiziell unter dem Titel einer
zweiten Schlacht an der Marne zusammenzufassen 2168 . Beides war
zumindest für die spätere Bewertung der Schlacht aber an sich noch nicht
entscheidend. Auch aus der Gegnerperspektive eines Ludendorff gesehen
war es dies nicht, da die alliierten Verluste immens waren und das Pétain
von Foch am [Link] befohlene Operationsziel, die „Vernichtung der
feindlichen Kräfte südlich der Aisne und Vesle“ 2169 , praktisch nicht erreicht

Artillerie zurückgeführt wurden, angegeben sind. 112 Abschüsse durch die Artillerie
stellten sich demzufolge binnen der ersten beiden Tage und nicht erst bis zum 23.7.1918
ein; siehe (ohne Verf.:) Antitank Defense-Front-Line Infantry. What Is The Front-Line
Infantryman To Do When Attacked By Tanks? In U.S. Army Infantery School Mailing
List, Bd. VIII (Juni 1934), S. 33.
2166
Siehe Fuller: Tanks, S. 194.
2167
Siehe u.v.a. Liddell Hart: The Real War, S. 456, Mai: Das Ende des Kaiserreiches, S.
146, Berghahn: Sarajewo, S. 122, Keegan, S. 567ff., Heydecker, S. 527.
2168
Das französische amtliche Werk weist die Kämpfe vom 18.7.-7.8.1918 demgemäß als
„Deuxième Bataille De La Marne“ aus; siehe LAF, Bd. VII.1., bspw. S. 73. Noch vor Ende
der Schlacht hatte sich die französische Presse des Begriffs angenommen und im Kontext
der „L’heure de décisions pour Hindenburg“ genutzt; siehe Rossel, André: 14-18.
Avenement Du Monde Contemporaine (Historie De France A Travers Les Journaux Du
Temps Passé), Thomery 1983, S. 303 (Texte auf dem Titelblatt des Le Petit Journal vom
22.7.1918).
2169
Siehe Foch: Erinnerungen, S. 360.
535

wurde, weil es den Deutschen möglich war, sich auf Positionen an den
beiden Flüssen abzusetzen. Die Auswirkungen des Gegenangriffs bestanden
auf Seite der Deutschen maßgeblich in den erlittenen Verlusten, welche die
Auflösung von zehn Infanterie-Divisionen 2170 und die Herabsetzung der
nominellen Bataillonsstärken an der Westfront von 850 auf 700 Mann 2171
direkt nach sich zog, sowie darin, daß sie ihre für die Flandernoffensive
bestimmten Truppen- und Materialreserven zum Stützen der
angeschlagenen Linien einsetzen mußten. Selbst wenn diese prekäre Lage
nach einiger Zeit der Konsolidierung der Westfront durch die Bildung neuer
Offensivkräfte hätte überwunden werden können, so ging vom [Link] auf
alliierter Seite, namentlich in den Augen ihres Generalissimus’ Foch, der
Impuls aus, genau dies zu verhindern und zur kriegentscheidenden
Generaloffensive zu schreiten:
„Vier Monate lang hatte uns die Überlegenheit des Feindes zur Verteidigung
gezwungen, jetzt hatte ein siegreicher Gegenangriff die Initiative der Operationen
wieder in unsere Hände gelegt. Wir konnten nun die Ereignisse dieses langen und
großen Krieges bestimmen. Nun kam alles darauf an, dem Feind das Gesetz des
Handelns auch weiterhin vorzuschreiben, den Gang der Ereignisse zu entwickeln
und zu beschleunigen und alle unsere Kraft auf eine streng geordnete Kette von
Angriffen zu richten. Alle Kampfmittel der Verbündeten mußten so rasch wie
möglich herangezogen werden, um dem Feinde die Wiederherstellung seiner
Kampfkraft unmöglich zu machen- bis zu seiner endgültigen Vernichtung.“ 2172

Dieser Auffassung des Geschehens als militärischem Wendepunkt des


Krieges folgte angesichts der sich an die Schlacht anschließenden und bis
Kriegsende nahezu ununterbrochenen Angriffe der Alliierten ein großer Teil
der späteren Betrachter- wobei angemerkt sein darf, daß damit sicherlich

2170
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 544.
2171
Siehe Kuhl: Entstehung, Durchführung und Zusammenbruch der Offensive, S. 209, und
Cron: Geschichte des deutschen Heeres, S. 100. Die Gefechtsstärke der Bataillone sollte
sich auf 650 Mann in drei Kompanien belaufen. Der Reduktion folgten Mitte August 1918
organisatorische Veränderungen und die Infanterie-Bataillone lösten ihm Einverständnis
mit den höchsten Vorgesetzten ihre vierten Kompanien auf; siehe dazu KA, Heeresgruppe
Rupprecht, Bd. 117, Bl. 31: „Einverständniserklärung“ der HGr Rupprecht vom 15.8.1918.
2172
Zitiert nach Foch: Kriegserinnerungen, S. 363f. Siehe auch ders.: Zur Steuer der
Wahrheit! Kommentar zu Ludendorff: „Meine Kriegserinnerungen“. Amtliche Urkunden
des französischen Großen Hauptquartiers, Berlin 1919, S. 32.
536

einem sehr allgemein verbreiteten und zeitlosen Wunsch nach einem


symbolträchtigen Moment und einem einzelnen, feststehenden Datum eher
nachgekommen wurde, als daß der [Link] tatsächlich und für sich
alleinstehend die Kriegswende bedeutete. Eine solche fand an diesem Tag in
der unübersehbaren operativen Ohnmacht der Deutschen gegenüber einem
erstarkten und aggressiven Gegner zwar ihren dramatischen Ausdruck, sie
hatte sich aber schon zuvor sehr deutlich angekündigt und scheint,
zumindest aus heutiger Perspektive, spätestens seit April 1918, dem
unersetzlichen Verbrauch deutscher Kräfte und den mangelhaften
Ergebnissen der verlustreichen deutschen Offensiven unausweichlich
gewesen zu sein. Zudem darf nicht vergessen werden, daß Pläne zur
Aufnahme offensiver Kampfhandlungen auf französischer und britischer
Seite vor oder wenigstens parallel zu den Ereignissen seit dem [Link] gefaßt
worden waren 2173 .
Anders als bei der insgesamt übereinstimmenden Bewertung der
strategischen Bedeutung der Schlacht in der Geschichtsschreibung verhält
es sich mit Antworten auf die Frage nach den Gründen für den französisch-
amerikanischen Erfolg am [Link] 1918. Ursächlich dafür verantwortlich
sind sehr wahrscheinlich die in ihren Darstellungen und Urteilen zum Teil
deutlich voneinander abweichenden Auffassungen damaliger Protagonisten,
welche grundsätzliche Erklärungslinien zumindest vorgaben. Eine davon
lieferte Foch, der das Bild eines großen, überlegenen Ganzen auf alliierter
Seite lieferte, das ausreichte, den Feind zu schlagen und zur Offensive
überzugehen. Eher zurückhaltend sprach er über den [Link] von einem
durchgeführten „Gegenangriff“ und gönnte den Tanks, welche er
anscheinend für einen zwar festen, aber in der Masse des Heeres und bei
„strategischer“ Betrachtung der Lage nicht besonders hervorhebenswerten
Bestandteil seiner Streitmacht hielt, in seinen diesbezüglichen Erinnerungen
nur wenige Worte 2174 . In der neueren Historiographie wird diese Richtung

2173
Liddell Hart betonte diese Tatsache ausdrücklich und nicht ohne Grund; siehe Liddell
Hart: Foch, S. 253.
2174
Eine grundsätzliche Entsprechung findet sich in den Darstellungen des französischen
amtlichen Werkes (Bd. VII.1.) und in den Memoiren Mangins, der 321 Tanks bei seiner
[Link] zwar nannte, aber den meisten Raum ihrem Zusammenspiel mit der Artillerie
537

der Darstellung nicht selten geteilt, wobei darüber hinaus mehr oder weniger
klar zu erkennen ist, daß einer allgemeinen, alliierten Überlegenheit an
Menschen und Material die grundsätzliche Schwäche der deutschen
Verteidigung an die Seite gestellt wird 2175 .
Ganz anders verhält es sich mit der Richtung, die bei zwei deutschen
Protagonisten des Ersten Weltkrieges und ihrer literarischen Aufarbeitung
zu finden ist. Für Ludendorff (1919) hatten die zahlreichen Tanks eine
überaus gewichtige Rolle gespielt. Ihren unbestreitbaren Wert als
überraschend eingesetzte Einbruchswaffe schmückte er mit der Lüge vom
erstmaligen Einsatz des FT-17 2176 , der Legende von hohen Getreidefeldern,
in denen sich diese Wagen unentdeckt hatten bewegen können, der Mär von
Infanterie-Transport-Tanks, die Maschinengewehre in den Rücken der
Verteidiger gebracht hätten, und dem in seinen Kritiken obligatorischen
Vorwurf des Versagens von Truppe und Führung vor Ort aus 2177 . Seine
Darstellung führte dazu, daß er sich nach dem Krieg nicht nur einem
kritisch-amüsierten Kommentar Mangins zur Realitätsnähe seiner
2178
Ausführungen gegenüber , sondern auch Unmutsäußerungen seiner

und den drei Angriffsdivisionen des [Link] unter günstigsten Vorraussetzungen der
Operation zubilligte. Die Tanks schienen also nur ein einziger Bestandteil unter vielen
anderen des Erfolgsrezepts gewesen zu sein; siehe Mangin: Comment Finit La Guerre, S.
195f.
2175
Siehe etwa Mai: Das Ende des Kaiserreiches, S. 146, und Keegan, S. 567f., wo -wie bei
Fochs eigenen Schilderungen- ganz allgemein von einem „Gegenangriff“ gesprochen wird,
oder Strachan: Die Kriegführung der Entente, in Enzyklopädie Erster Weltkrieg, S. 278,
Chickering, S. 223, Stevenson, S. 502, und Pope/Wheal: Dictionary of the First World War,
S. 305. Siehe auch H[Link] : „Am 18. Juli begann
die alliierte Gegenoffensive unter General HFerdinand FochH, der angesichts der Erfolge
der ersten deutschen Offensive in der Picardie zum Oberbefehlshaber aller alliierten
Truppen in Frankreich und Belgien ernannt worden war. Die alliierte Gegenoffensive (18.
Juli bis 3. August) zwischen Reims und Soissons wurde infolge des Eintreffens der
Amerikaner mit deutlichem Übergewicht an Truppen und Material gegen einen erschöpften
Gegner geführt, dem nur noch der Rückzug blieb.“
2176
Siehe Abschn. 10.1.
2177
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 540f.
2178
Siehe Mangin: Comment Finit La Guerre, S. 199. Mangin bot als Erklärung für
Ludendorffs eigenwillige Darstellung an, daß der deutsche General nur mittelmäßig über
das Geschehen informiert gewesen sei. Eine Annahme, die man zumindest für den
538

eigenen Untergebenen ausgesetzt sah 2179 . Der andere Protagonist, Kuhl,


lieferte in seinem Bericht für den Untersuchungsausschuß des Reichtages
von 1927 eine noch deutlich monokausalere Begründung für das Desaster
im westlichen „Marnebogen“, nämlich daß die Deutschen zumindest nach
französischen Angaben vom Angriff überrascht worden waren und dies „nur
der Verwendung von Tanks zu verdanken“ gewesen sei 2180 . Teile dieser
beiden Sichtweisen, allen voran die Schlagworte Überraschung und
Tankmassen, finden sich in zahlreichen historischen Betrachtungen des
Geschehens wieder. Und man sieht sie dort, wegen der offensichtlichen und
der vermeintlichen Parallelität zwischen dem eindrucksvollen Auftakt der
Schlacht am [Link] und dem furiosen Beginn der Kämpfe bei Cambrai 1917
sowie dem noch folgenden [Link] 1918, zumindest in ideeller Weise als
erfolgreiche Anwendung eines „Cambraier Schlüssels“ gedeutet, die den
alliierten Gegenangriff zur zweiten Tankschlacht des Krieges deklariert 2181 .

Zeitpunkt der Herausgabe der Kriegserinnerungen Ludendorffs (1919) für sehr fragwürdig
halten muß.
2179
Enthalten war in Kriegserinnerungen auch ein Satz zu einer Division südwestlich
Soissons, deren unerwartetes Versagen zum Zusammenbruch der Linie maßgeblich
beigetragen hatte. Davon fühlten sich zumindest Teile der [Link] angegriffen, wie die TG IR
145, Teil II, S. 101f., belegt. Ebenso unrecht behandelt sah sich der Kommandeur der
[Link], der durch schriftliche Intervention im Dezember 1919 das Zugeständnis
Ludendorffs erwirkte, bei einer Neuauflage seiner Kriegserinnerungen für die [Link]
positive Veränderungen vorzunehmen; siehe BA-MA, N 77/4: Brief Ludendorffs vom
22.12.1919. Zur zeitnahen Kritik siehe Abschn. 11.5.2.
2180
Siehe Kuhl: Entstehung, Durchführung und Zusammenbruch der Offensive, S. 189.
Bereits 1922 hatte Kuhl die entscheidende Wirkung der Tanks am bzw. ab 18.7.1918
hervorgehoben; siehe Kuhl: Die Kriegslage, S. 12.
2181
Siehe Liddell Hart: Foch, S. 249, Heydecker, S. 413f., Perret, S. 60, Wright, S. 109,
Mitchell: Tank Warfare, S. 276, und, um ein frühes Beispiel zu nennen, Recouly,
Raymond: La Bataille De Foch, Paris 1920, S. 91. Siehe auch die für Schülerfragen
offenbar als „Lösungshilfe“ gedachte Seite H[Link]
mit folgenden Aussagen (Text aus der Internetseite kopiert!): „Insgesammt geshen kann
erste Weltkrieg drei große Tankschlachten vezeichnen: Cambrai,Villers Cotterets und
Amiens. [... .] Bei Villers Cotterets überrenen ca. 330 französisch Renault Panzer die
deutsche Frontlinie.“
539

Daß frappierende Ähnlichkeiten zwischen der dieser Sichtweise zufolge


ersten und der zweiten Tankschlacht bestehen, steht außer Frage und kann
mit den Worten des Deutschen Kronprinzen zum [Link] illustriert werden:
„Ohne Artillerievorbereitung, lediglich der schlagartig einsetzenden Feuerwalze
folgend, unterstützt von zahlreichen tieffliegenden Fliegern und von bisher
ungekannten Tankmassen, trat die feindliche Infanterie [...] zum Sturm an.“ 2182

Unter die Ähnlichkeiten fällt aber, neben den hier beschriebenen Anzeichen
für eine Methode und deren maßgeblich auf massenhaften Tankeinsatz
zurückzuführenden Anfangserfolg, auch die Schwäche der deutschen
Verteidiger, eine weiter unten noch zu untersuchende Überraschung und ein
Verlauf der Kämpfe, der die Angreifer ihre Operationsziele trotz
technischer, materieller und numerischer Übermacht nicht erreichen ließ.
Und interessant dabei ist, daß es in der neueren Geschichtsschreibung und
auch im Gegensatz zur Aufarbeitung des Geschehens bei Cambrai kaum
Erklärungen dafür gibt, warum der überraschende Tank-Massenangriff am
[Link] 1918 keinen durchschlagenden Erfolg nach sich zog. In einer der
jüngsten Darstellungen, der von Stevenson (2003 2183 ), wird von den
schwachen deutschen Stellungen und anfangs geringem Widerstand der
Verteidiger gesprochen, was den Amerikanern einen Einbruch von 8km
Tiefe ermöglicht habe. „Schließlich, als die Tanks zusammengeschossen
waren und Maschinengewehrfeuer die Truppen Mangins aufhielt“, so
Stevenson 2184 , kippte die Lage zuungunsten der Alliierten. Daß hier und
auch anderswo mit keinem Wort darauf eingegangen wurde, was und wer
und auf welcher Grundlage die Stoßkraft der Tanks –und zumindest die
deutschen Übersetzer Stevensons sprechen in seinem Namen von 300
„leichten Renaulds“, welche über offene Getreidefelder vorgingen 2185 -
gebrochen hatte, ist hinsichtlich der allgemein in Abrede gestellten
deutschen Tankabwehr schon beachtlich. Schließlich lassen sich

2182
Zitiert nach Kronprinz Wilhelm: Erinnerungen, S. 338. Siehe auch Abschn. 9.3.
2183
Die deutsche Ausgabe, auf die sich die Anmerkungen beziehen, erschien 2006.
2184
Stevenson, S. 502.
2185
Siehe ebenda. Im Zusammenhang mit Stevensons Aussagen zu Tankeinsätzen mit
[Link] und CA-1 1917 (S. 232f.) suggeriert die Textstelle, daß am 18.7.1918 300
„Renaulds“, also FT-17, eingesetzt worden seien.
540

Darstellungen zum Brennpunkt des Geschehens am ersten Tag der Schlacht


auffinden, die, wie die oben zitierten Aussagen über den Stoß der
amerikanischen [Link] auf Missy aux Bois 2186 oder der Gefechtsbericht
des [Link] 3, ein gänzlich anderes Bild ergeben und die Stoßkraft der
Infanteriemassen in den Vordergrund rückten:
„Der Feind hatte äußerst schwere Verluste. Die M.G. feuerten bereits bei
kochendem Wasser, trotzdem war der Gegner nicht zum stehen zu bringen, so daß
ich [Hauptmann Eidam, Regimentsführer des [Link] 3] glaubte der Feind müsse
trunken sein und seine schweren Verluste gar nicht wahrnehmen. Jedes M.G. hatte
schon 3 Gurte verschossen und immer noch blieb der Feind im Vorgehen.“ 2187

In beiden Beispielen –und im Fall des [Link] 3 fiel dem Regimentsführer dies
nicht einmal auf 2188 - wurde die angreifende Infanterie durch zahlreiche
Tanks begleitet. Doch diese Unterstützung konnte ausfallen und fiel eben
zuweilen auch aus. Am Einbruch in die deutschen Linien und am weiteren
Fortkommen des Angriffs, jedenfalls in der frühen Phase der Schlacht,
änderte dies nichts. Die erdrückende Übermacht der vorgehenden
Sturmwellen, die einen Augenzeugen, Ritter von Thoma, „lebhaft an die
Russenmengen bei der Brussilow-Offensive 16“ erinnerten 2189 , konnte sich
in die im dünnhäutigen deutschen Abwehrsystem entstandenen Lücken
werfen und Widerstand durch Angriffe in Flanken und Rücken brechen.
Hierbei war direkte Tankunterstützung sehr hilfreich, aber eben nicht
ausschlaggebend, oder überhaupt, wie die Advanced Guard Tanks bei
Cambrai 2190 , dafür vorgesehen, der Infanterie im Vorausrollen freie Bahn zu
schaffen.

11.5.1. Alliierte Perspektiven und Reaktionen.

Daß ein Ergebnis strategischer Reichweite als Konsequenz aus der Schlacht
um den „Marnebogen“ festzuhalten ist, mag in den Teilen auf den ersten

2186
Siehe Abschn. 11.3.
2187
Zitiert nach KA, HS 2698: [Link] 3 I. Nr. 4572 vom 21.7.1918, S. 4.
2188
Siehe ebenda, S. 5: „Tanks traten im Raum des Regts. nicht auf.“ Vergleiche ebenda:
Kommentar Oberleutnant v. Thomas zum Bericht des Regimentes vom 2.10.1922, Ziff. 1.).
2189
Siehe KA, HS 2698: „Gefangenschaftsbericht“ des Oberleutnant v. Thoma vom
November 1919, S. 4.
2190
Siehe Abschn. 9.1.
541

Blick verwundern, welche den Verlauf und die augenscheinlichen


Ergebnisse der Kampfhandlungen betreffen. Schließlich waren die
Deutschen nicht in der „Tasche“ gefangen worden und ihre Material und
Personalverluste, trotz der relativen Größe, kaum dazu angetan, von einem
letalen Schlag gegen das deutsche Heer an der Westfront sprechen zu
können. Anders als die unübersehbare und durch amtliche Kommuniques
und Zeitungsartikel dokumentierte, moralische Wirkung auf alliierter
Seite 2191 , war diejenige, die von Foch beim Gegner attestiert wurde 2192 ,
zudem alles andere als eine kalkulierbare Größe. Ein namhafter späterer
Betrachter, Liddell Hart, konstatierte daher, daß die Schlacht keinen klar
ersichtlichen, materiellen oder moralischen Entscheidungscharakter gehabt
habe 2193 . Ein anderer Kritiker der Kampfhandlungen, Guderian, der sich mit
den taktischen Gegebenheiten im „Marnebogen“ unter besonderer
Berücksichtigung des Gebrauchs der chars d’assaut annahm 2194 , führte
erhebliche und grundsätzliche Mängel der französischen Angriffsplanung
an. Diese spiegeln nicht nur die bisherigen Erfahrungen mit dem Einsatz
von Tanks generell sowie von Tankmassen speziell wider, sondern erweisen
sich für den Angriff am [Link] 1918 auch als überaus angebracht. Immerhin
handelte es sich um einen Angriff, der gemäß freimütiger Interpretation auf
einem „Cambraier Schlüssel“, zumindest aber auf den jüngsten Erfahrungen
eines maßgeblich auf Tanks und kombiniertem Einsatz der
Waffengattungen basierte 2195 und daher qualitativ ein neues Kapitel der
Evolutionsgeschichte des Tanks und seiner Einsatzmöglichkeiten hätte
aufschlagen können.
Davon weit entfernt, bildete bei Guderian die Erkenntnis den
Kulminationspunkt der Analyse, daß es mit der auf langsames Nachrücken

2191
Einige diesbezüglich interessante Stellungnahmen alliierter Militärs zur Bedeutung der
Kämpfe finden sich unter: H[Link] .
2192
Siehe Foch: Kriegserinnerungen, S. 363.
2193
Siehe Liddell Hart: The Real War, S. 456. Diese Meinung scheint besonders in der
englischsprachigen Literatur recht weit verbreitet zu sein, wobei Züge einer
vorweggenommenen Kriegsentscheidung üblicherweise eher dem 8.8.1918 zugeordnet
werden; siehe Kap. 12.
2194
Siehe Guderian: Achtung-Panzer! S. 89ff.
2195
Siehe Pedroncini: Pétain, S. 406ff.
542

der schwerfälligen Artillerie, zu weit abseits stehender und


beschußempfindlicher Kavallerie sowie der Verbindung von Tanks mit der
wenig mobilen Infanterie nicht möglich sein konnte, aus einem schnell
erreichbaren Einbruch einen Durchbruch zu machen 2196 . Dieser Erkenntnis,
die in der Nachkriegszeit die Grundlage für den Aufbau einer operativen
Panzerstreitmacht mit motorisierten und gepanzerten Teilen verschiedenster
Waffengattungen bildete, ist als Synthese der Erfahrungen des Weltkrieges
grundsätzlich beizupflichten. Auf seiten der von bittersten Erfahrungen wie
der Nivelle-Offensive 1917 geprägten französischen Führung unter Pétain
und Foch stand im Juli 1918 jedoch der klassische Durchbruch nicht im
Mittelpunkt der Operationsplanungen, sondern die Hoffnung auf die
Ermattung des Gegners. Letztere basierte einmal auf der durch vehementen
Widerstand zu erreichenden Abnutzung der angreifenden feindlichen
Truppen, dann auf der Schonung eigener Divisionen zugunsten eines
möglichst umfangreichen Einsatzes technischer Hilfswaffen und schließlich
auf den durch bedachten Umgang mit der Infanterie unter maximalem
Materialeinsatz vorgetragenen Angriffen nach dem Vorbild von Malmaison
im Oktober 1917 2197 . Wie damals, als unter Einbeziehung von Tanks in die
Kämpfe erstmalig der begrenzte Stoß gegen den Feind mit Option auf seine
Erweiterung bei günstigem Verlauf durchexerziert worden war, stellte der
Plan für den Angriff südwestlich Soissons, wie Hart richtigerweise
festhielt 2198 , an sich kein strategisches Meisterstück dar. Die Kampfkraft der
französischen Divisionen war durch die hohen Verluste und die
Anstrengungen der seit März 1918 andauernden Kämpfe herabgesetzt 2199 ,
und die Lageentwicklung hatte es unmöglich gemacht, die über die

2196
Siehe ebenda, S. 101f.
2197
Siehe Abschn. 8.1.
2198
Siehe Liddell Hart: The Real War, S. 456.
2199
Foch beschrieb diese Situation recht dezent damit, daß sehr schwere Verluste
eingetreten waren und die französischen Truppen während der „mit furchtbarer Wucht und
Heftigkeit“ vorgetragenen deutschen Offensiven „einen tiefen Eindruck von der
militärischen Stärke des Gegners bekommen“ hatten; siehe Foch: Kriegserinnerungen, S.
340. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Zusammenstellung von
Feldpostdokumenten, welche den Post-Zensurstellen der französischen 4., 5., 6. und
[Link] aufgefallen waren, auf der Seite: H[Link] .
543

Massenfertigung des neuen, leichten Tanks hinausgehenden Lehren für die


artillerie d’assaut umzusetzen. So blieb es bei einem Versuch, mit den
insgesamt durchaus begrenzten Mitteln einen psychologisch wie operativ
maximalen Erfolg zu erringen. Dies gelang auf Grundlage der „Directive No
5“, welche insgesamt auf Überraschung des Gegners abzielte, die Masse der
chars d’assauts grundsätzlich zu Unterstützungswaffen der Infanterie
machte 2200 , auf die Wirkung massiven Artillerie- und Fliegereinsatzes setzte
und die Ausnutzung eines erzielten Einbruches in die feindlichen Linien von
sehr vage skizziertem, vorausschauendem und methodischem Agieren
abhängig sehen wollte 2201 . Sie war jedenfalls insofern erfolgreich, als daß
durch den Verlauf der Schlacht herausgestellt wurde, daß dem operativ
auffällig kraftlosen Gegner auf diese Weise sehr schwere Schläge
beizubringen waren.
Ein Datum, das auf Basis dieser Feststellungen einen Wendepunkt des
Krieges wohl noch treffender bezeichnet als der 18. Juli, ist der mit den
Erkenntnissen dieses Tages engstens verbundene [Link] 1918, an dem die
Befehlshaber der französischen, britischen und amerikanischen Streitkräfte
an der Westfront, Pétain, Haig und Pershing, mit Foch in dessen
Hauptquartier zusammentrafen und sich über die nächsten Schritte zur
Niederringung des Feindes verständigten 2202 . Grundlage des
Gesinnungswandels Fochs, der nun nicht mehr allein auf die Entscheidung
im Jahr 1919 hinarbeitete, sondern auf ein Kriegsende noch 1918 hoffte,
war, daß er aus den ihn überraschenden Erfolgen des Angriffs der 10. und
[Link] die Erkenntnis gezogen hatte, daß die Möglichkeiten der
Deutschen zur Fortsetzung des Krieges geringer als angenommen waren und
„etwas in ihrem Mechanismus nicht in Ordnung“ sei 2203 . Letzteres gründete

2200
Den früheren Ideen zur Zweiteilung der artillerie d’assaut in die schweren Fahrzeuge
zum Erreichen des Einbruchs und die leichten zur Infanterieunterstützung beim Durchbruch
wurde nominell gefolgt; siehe Pedroncini: Pétain, S. 408. In der Schlacht selbst fand dies
aber offenbar keine Berücksichtigung., wenngleich dem Einsatzprinzip durch das
Zurückhalten leichter Bataillone wenigstens partiell entsprochen worden war.
2201
Siehe ebenda, S. 408f.
2202
Siehe u.a. Blaxland: Amiens, S. 155, und MO 1918, Bd. 4, S. 1f.
2203
Siehe Recouly: Marschall Foch. Erinnerungen von der Marneschlacht bis zur Ruhr,
Dresden o.J., S. 133. Der Autor zitierte hier Worte, die Foch in der letzten Juliwoche einem
544

sich zweifellos auf die sonst üblichen, hier aber nicht zur Entfaltung
gekommenen Gegenangriffe kampfstarker Reserven und die große Anzahl
Gefangener, was zusammengenommen auf materielle und personelle
Schwäche sowie auf mangelnden Kampfeswillen verwies. Was es nun
auszuspielen galt, war die numerische Überlegenheit der Alliierten. Diese
wurde durch das Anlanden von monatlich 250.000 Amerikanern 2204 , welche
zur Entlastung der britischen und vor allem französischen Armee
maßgeblich beitrugen, sowie durch die Verringerung der bislang
erheblichen infanteristischen Verluste durch größte Anstrengungen zur
Vermehrung technischer Hilfsmittel im Spektrum von Artillerie über die
Luftstreitkräfte bis hin zu den Kräften der artillerie d’assaut
gewährleistet 2205 . Letztere war trotz ihrer erheblichen Verluste zu Ansehen
bei der Infanterie gelangt und wurde als hilfreiche Unterstützungswaffe von
ihr verlangt 2206 . Dem konnte von dieser Zeit an durchaus auch entsprochen
werden, da die Rüstungsindustrie dazu in der Lage war, die artillerie
d’assaut wöchentlich um den Fahrzeugbestand eines Bataillons leichter
Tanks zu ergänzen 2207 .
Für die Fortsetzung der Operationen, die mit ihrem offensiven Charakter
bereits am [Link] durch einen begrenzten britisch-französischen Angriff
gegen die deutsche [Link] bei Moreuil vorweggenommen worden
war 2208 , blieben die verfügbaren Mittel und die vorherigen Erfahrungen die

Offizier seines Stabes gegenüber fallengelassen hatte und bei einem Gespräch mit Recouly
in den 20er Jahren bestätigte; vergleiche dazu Foch: Kriegserinnerungen, S. 369, mit dem
Hinweis auf die Entscheidung im Jahr 1919, welche allerdings durch vermehrte
Anstrengungen früher erreichbar schien, und Liddell Hart: Foch, S. 251f.
2204
Siehe Pedroncini: Pétain, S. 414.
2205
Siehe Foch: Kriegserinnerungen, S. 396f.
2206
Siehe Fuller: Tanks, S. 195.
2207
Siehe ebenda, S. 196.
2208
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 83f. Diese begrenzte, französische
Unternehmung brachte rund 1.800 deutsche Gefangene, 5 Geschütze, 45 Minenwerfer und
275 Maschinengewehre als Beute ein und war von 36 britischen Mark V unterstützt
worden. Belegt wurde mit der Operation nach Auffassung des Verfassers des
Taschenbuches der Tanks, daß die Kooperation zwischen beiden Heeren und speziell
zwischen Teilen des Tank Corps und im Zusammenwirken mit Tanks unerfahrener
französischer Infanterie erfolgreich praktizierbar war. Dessen ungeachtet konnte deutsche
545

Grundlage. Von Durchbruchs- und Entscheidungsschlacht-Absichten blieb


man entfernt und folgte der ursprünglich französischen Vorstellung einer
Kette von harten Schlägen an verschiedenen Stellen der Front. Diese sollte,
laut einer später gebrauchten Metapher Fochs, die Wirkung einer Kugel
haben, welche auf einer schiefen Ebene hinablaufend zusehends mehr
Schwung erhält und zusehends schneller oder kraftvoller wird 2209 .

11.5.2. Deutsche Perspektiven und Reaktionen.

Die Erkenntnis, daß der alliierte Angriff auf die Stellungen der 7. und
[Link] wenigstens die Bedeutung einer zweiten Marneschlacht haben
konnte, verursachte bei Ludendorff etwas, das als „seelischen
Erschütterung“ 2210 aufgefaßt werden kann und letztlich nichts anderes
umfaßte, als den Kampf um das persönliche Eingeständnis, daß der
gewagte, eigene Plan gescheitert und der Krieg verloren war 2211 . Die durch
die psychische Belastung hervorgerufene Veränderung in Ludendorffs
Auftreten und Erscheinungsbild wurde von seinem Umfeld deutlich
wahrgenommen 2212 , was durch Situationen belegt ist, in denen seine innere
Anspannung nicht zu übersehen war. So am [Link], an dem es Hindenburg
mit einem erregten Ludendorff zu tun bekam, dessen Verhalten
Insubordination im Beisein von Untergebenen bedeutete. Hindenburgs
Vorschlag, mit den für Flandern bestimmten Kräften einen schnellen
Gegenangriff in die Nordflanke der Alliierten bei Soissons zu führen, wurde
beim gemeinsamen Essen mit einer erzürnten Bemerkung zur Unsinnigkeit
dieser Idee und dem grußlosen Verlassen des Raumes quittiert 2213 . Loßberg,
der am folgenden Tag als Abwehrfachmann von Ludendorff herbeigerufen
wurde, um Optionen zur Fortführung der Kämpfe im „Marnebogen“ zu

Artillerie –angeblich das Feuer einer einzigen Batterie, die durch den Verfasser nicht
verifizierbar war- allerdings 15 (42%) der angreifenden Fahrzeuge außer Gefecht setzen,
und Fuller gab der den schweren Tanks gegenüber verständnislosen französischen
Infanterie die Schuld daran; siehe Fuller: Erinnerungen, S. 264.
2209
Siehe Liddell Hart: Foch, S. 251.
2210
Siehe Foerster: Ludendorff, S. 24.
2211
Siehe Venohr: Ludendorff, S. 350f.
2212
Siehe Foerster: Ludendorff, S. 17ff.
2213
Siehe Görlitz: Hindenburg, S. 190f., und Foerster: Ludendorff, S. 19f.
546

erörtern, erlebte einen Generalquartiermeister, dessen Verhalten dieselben


unsensiblen Züge trug. Der harsche und im Beisein von Betroffenen
geäußerte Vorwurf, daß seine Mitarbeiter, allen voran der Chef der
Operationsabteilung I, Wetzell, bei der Kampfkraftbeurteilung der [Link]
versagt hätten, war Loßbergs Worten nach „eine peinliche Szene“ und soll
beim durch und durch getroffenen Wetzell feuchte Augen hervorgerufen
haben 2214 . Daraufhin ergab sich zwischen Ludendorff und Loßberg ein
Disput wegen der grundverschiedenen Lagebeurteilung beider. Für den
herbeigerufenen Spezialisten schien die Zurücknahme der Front hinter die
Aisne und Vesle unausweichlich, für Ludendorff war sie, wie er angab, aus
politischen Gründen 2215 untragbar, da sich damit ein unverkennbares
Eingeständnis einer schweren Niederlage verband, die seinen Rücktritt nach
sich ziehen mußte 2216 . Ludendorffs Rücktrittsgesuch wurde durch
Hindenburg nicht entsprochen, und der dem Verlauf der Schlacht zweifellos
angemesseneren Sichtweise Loßbergs schließlich nachgekommen.
Bei der Beurteilung der kritischen Lage und deren Ursachen, läßt sich der
innere Kampf Ludendorffs um die Aufrechterhaltung einer letzten
Hoffnung, die mit der Durchführung der Flandernoffensive
beziehungsweise dem Gebrauch der dafür eigentlich vorgesehen Kräfte
gleichzusetzen ist, deutlich anhand sehr eigenwilliger Einschätzungen und
Äußerungen ausmachen. Diese scheinen, wie der definitiv ohne
detailliertere Informationen über den Verlauf des [Link] gegenüber seinen
Mitarbeitern angebrachte Vorwurf des Versagens, auf einer vorgefaßten
Meinung basiert zu haben, die analytisch-rationales Denken durch die
diffuse Klärung einer „Schuldfrage“ bis über das Kriegsende hinaus 2217

2214
Siehe Loßberg: Meine Tätigkeit im Weltkriege, S. 343f.
2215
Major Beck aus dem Stab des deutschen Kronprinzen berichtete laut Kuhl den
Nachbarn der HGr Rupprecht später darüber, daß Ludendorff die Idee der HGr Kronprinz
zur sofortigen Zurücknahme der Linie hinter Aisne und Vesle mit dem Hinweis auf
„Prestigegründe“ bereits einmal abgelehnt hatte; siehe BA-MA, RH 61/50652:
Aufzeichnungen Kuhl, S. 173.
2216
Siehe Loßberg: Mein Tätigkeit im Weltkriege, S. 346f.
2217
Auf die Aussagen in Ludendorffs Kriegserinnerungen ist weiter oben bereits
hingewiesen worden. Ganz ähnliche klingen Bauers Ausführungen, die ein Kapitel über
547

überlagerte. Über den Informationsstand der OHL bezüglich der Vorgänge


im westlichen „Marnebogen“ ist, die Schwere des gerade Gesagten nur
geringfügig relativierend, zu sagen, daß er sicherlich begrenzt war.
Wesentliche Erfahrungsberichte der unteren Führungsebenen wurden erst
im August verfaßt 2218 und gingen angesichts der Fortsetzung der alliierten
Offensive und des Debakels vom [Link] vor Amiens im Durcheinander
unter oder in späteren Berichten, Weisungen und Befehlen auf. Die
Sichtweise der höchsten Führung auf den [Link] und die Umstände, die zu
ihm geführt hatten, beeinflußten sie anscheinend nicht, oder, wie der weiter
unten genannte Erfahrungsbericht der [Link] in einem einzigen Beispiel
zeigt, nur äußerst selektiv 2219 .
Am [Link] 1918 gab die OHL eine erste Lagebeurteilung heraus, die einmal
einen Verrat des Reimser Angriffs durch deutsche Gefangene bekanntgab
und dann auf den [Link] als das Resultat von Überraschung und
„Tankgeschwadern“ einging 2220 . Damit war die Grundlage für einen
vorwurfsvollen Rundumschlag gegen Truppe und Führung geschaffen. Zwei
Tage später, als die Flandernoffensive aus der Perspektive der mit ihrer
Durchführung beauftragten Heeresgruppe Rupprecht in weite Ferne gerückt
war und der Übergang zur allgemeinen Defensive unausweichlich
schien 2221 , erließ die OHL eine auf den jüngsten Erfahrungen basierende
Weisung 2222 . Hierin wurde sich auf der Hälfte des Raumes mit Belangen des
bisherigen Angriffsverfahrens auseinandergesetzt, was man nicht allein als

„Die ‚Schuld’ von Villers-Cotterets“ enthalten; siehe Bauer: Der große Krieg, S. 194. Siehe
auch RA, Bd. 14, S. 502f.
2218
So HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 277ff.: GK [Link] Ia Nr. 40 op. geh. vom 6.8.1918,
ebenda, Bl. 286ff.: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr. 9963 geh. op. vom 24.8.1918:
Erfahrungen der [Link] am 18./19.7.1918, und BA-MA, RH 61/52, Bl. 66ff.: [Link] Abt.
Ia Nr. 2052 vom 9.8.1918.
2219
Siehe unten, HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 286ff.: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr.
9963 geh. op. vom 24.8.1918: Erfahrungen der [Link] am 18./19.7.1918.
2220
Siehe ebenda, M 1/11, Bü. 794, Bl. 25: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/Fr. H. Nr. 9430
geh. op. vom 20.7.1918.
2221
Siehe BA-MA, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, S. 169ff., und Frauenholz:
Kronprinz Rupprecht, Bd. 2, S. 424f.
2222
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 259ff: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr. 9444
geh. op. vom 22.7.1918.
548

auswertendes Resümee des [Link] deuten kann, sondern als Ausdruck der
utopischen Hoffnungen Ludendorffs verstehen muß, doch noch einmal zur
Offensive schreiten zu können- und zwar mit eigenen Tanks und einer
Infanterie, die es verstand, „aus eigener Kraft der tiefgegliederten
feindlichen Maschinengewehre ohne zu große Verluste, aber auch ohne
Verlustscheu Herr zu werden“ 2223 . Vor dem Hintergrund der Ereignisse
schlossen die Betrachtungen über Angriff und anzuwendendes
Angriffsverfahren mit der recht unverfänglichen, weil schon obligatorischen
Ermahnung, daß der Erhalt des „inneren Wertes der Infanterie“
Hauptaufgabe der Führer aller Befehlsebenen sei 2224 . Mit der
Unverfänglichkeit endete es hier aber. Dies wird um so deutlicher, wenn
man einmal die am selben Tag erlassene Weisung des Kriegsministeriums
zur „Erzwingung des Gehorsams im Feld“, das heißt zum Durchgreifen
gegen „Feigheit“ unter rücksichtlosem Gebrauch aller gesetzeskonformen
Mittel, die nötigenfalls auch Waffengewalt einschlossen, betrachtet 2225 und
dann, wenn man den zweiten Teil der Verlautbarung der OHL, über
Abwehrerfahrungen, als Zusammenstellung von Vorwürfen gegen die
Führung im „Marnebogen“ auffaßt. Dieser gegenüber wurde zwar eine
anfängliche taktische Überraschung als minimal entlastender Umstand
zugebilligt 2226 , aber mehr als dieses Teilalibi für die früheste Phase der
Schlacht stand angesichts der Tiefe des feindlichen Einbruchs und der
hohen Gefangenenzahl nicht zur Diskussion. Aus Sicht der OHL konnte
hierin schließlich ein Beweis für mangelnde Wachsamkeit gesehen
werden 2227 und der nachlässigen, lokalen Führung konnten zudem weitere
schwerwiegende Versäumnisse angelastet werden, welche die Wirksamkeit
der bewährten Tiefengliederung aufgehoben hätten. Hierunter fielen vor
allem die unterstelltermaßen gegebene mangelnde Tiefenstaffelung der

2223
Siehe ebenda, S. 5, Ziff. I.2.) f.) und Ziff. I.3.).
2224
Siehe ebenda, S. 6, Ziff. I.3.).
2225
Siehe ebenda, Bü. 300: KM Nr. M. 7385/18. C4. vom 22.7.1918.
2226
Siehe ebenda, Bü. 330, Bl. 259ff.: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr. 9444 geh. op.
vom 22.7.1918, S. 7, Ziff. II.3.).
2227
Siehe ebenda, S. 9, Ziff. II.6.).
549

Artillerie 2228 und die von der OHL attestierte Unterschätzung des
Stellungsbaues durch die „Arbeitsunlust von Truppe und Führung“ 2229 . Den
Tanks widmete die OHL den vorletzten Abschnitt ihrer Ausführungen, und
sie kam auch hier, kurz vor einem scharfen Appell zur Abstellung der
angesprochenen Mängel, nicht ohne Rüge aus. Der Tankbekämpfung sei
zukünftig größere Aufmerksamkeit zuzuwenden und der durch bisherige
Erfolge zu attestierenden „gewissen Mißachtung dieses Kampfmittels“
durch Sorgfalt und Unterweisung der Truppe in den Abwehrmitteln
entgegenzutreten. Sofern dies geschehe, sei durch Ausweichen, SmK-
Munition, die hier erstmals erwähnten Minen, deren Wirkung in der Realität
gerade erst am [Link] durch die Franzosen vorexerziert worden war 2230 ,
geballte Ladungen und durch Geschützfeuer auch den von jetzt an
auftretenden, „stärker gepanzerten, kleineren und beweglicheren Tanks“
beizukommen 2231 .
Was hinter diesen Äußerungen stand, war eine Mischung aus
Desinformation, Falschinformation und Wahrheitsverdrängung, die es
augenscheinlich nicht zuließ, sich die Ausgangslage in Erinnerung zu rufen
und hinsichtlich der getadelten Truppe und ihrer Führer zu einem
wenigstens aus ihrer Perspektive fairen sowie zu einem den tatsächlichen
Gegebenheiten angemesseneren Urteil zu kommen. Wie in einer an
Deutlichkeit und Kuriosität tatsächlich kaum mehr zu überbietenden
Verlautbarung der OHL vom [Link] 1918 geäußert wurde, hätte der
Erfolg der Alliierten vom [Link] vermieden werden können. Und die Tanks,
die maßgeblich für den Verlauf dieses Tages verantwortlich gewesen seien,
hätten bei größerer Wachsamkeit der Truppe und einer von ihren Stäben
stärker auf Tiefengliederung ausgelegter Besetzung der Front nicht
gefährlich werden können 2232 . Zur Illustration der in der OHL verbreiteten
Auffassung, daß schwache deutsche Truppen früher schon wiederholt

2228
Siehe ebenda, S. 6, Ziff. II.1.).
2229
Siehe ebenda, S. 9, Ziff. II.4.).
2230
Siehe Kap. 11.
2231
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 259ff.: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr. 9444
geh. op. vom 22.7.1918, S. 9, Ziff. II.5.).
2232
Siehe HStAS, M 30/1, Bü. 162a, Bl. 18: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia Nr. 9670 geh.
op. vom 4.8.1918.
550

weitaus überlegenen Gegnern standgehalten hatten 2233 und die jetzigen


Ereignisse dementsprechend allein auf taktische und disziplinarische
Versäumnisse -wenn nicht gar auf „bolschewistische Unterwanderung“, wie
es im Kontext der Dolchstoßlegende später leicht umgedeutet werden
konnte 2234 - zurückzuführen sein mußten, war bereits am [Link] ein
Schriftstück zu Verteilung gebracht worden. Darin wurde die Deutsche
Jäger-Division lobend vor dem Hintergrund erwähnt, daß „Gesinnung“ und
„Festigkeit der Manneszucht“ nunmehr die Grundlagen der
Kampfmotivation auszumachen hätten, während vor „weichlicher
Behandlung von Disziplinarvergehen“ gewarnt und ein Prinzip von „Lohn
und Strafe“, letzteres bis hin zur Todesstrafe gegenüber „wiederholter
Feigheit“, zur Führungsmaxime erhoben wurde 2235 . Daß in der Geschichte
der Deutschen Jäger-Division im Jahr 1918 bis dahin keinerlei mit dem
[Link] vergleichbare Kampfhandlungen nachzuweisen sind 2236 , ist die eine

2233
Siehe Bauer: Der große Krieg, S. 194, und HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 264ff.: Chef d.
Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr. 9635 geh. op. vom 8.8.1918, S. 1.
2234
Siehe Frentz, Hans: Hindenburg und Ludendorff und ihr Weg durch das deutsche
Schicksal. Ein Beitrag zur Deutung ihrer geschichtlichen Persönlichkeit, Berlin 1937, S.
208, und Muther, S. 120.
2235
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 300: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia Nr. 9598 geh. op. vom
1.8.1918.
2236
Der Gefechtskalender der aus der infanteristischen Elite der Jägerbataillone
bestehenden Division weist bis Ende April 1918 eine zweimonatige Ausbildungsphase aus,
dann die Teilnahme an Kämpfen im „Sommebogen“, an der Matz und bei Noyon. Daran
schloß sich Ende Juni eine fast einmonatige Ruhephase an; siehe Cron: Mein Regiment, S.
74. Noch am ehesten vergleichbar mit den Belastungen des [Link] scheinen die Kämpfe
Ende April bei Bretonneux gewesen zu sein, wobei sich die Division auch mit
Tankangriffen konfrontiert sah. Allerdings setzten die Briten hier nicht die Mittel ein, die
Franzosen und Amerikaner gegen den „Marnebogen“ warfen, und die Deutsche Jäger-
Division zeichnete sich viel eher bei eigenen Angriffen mit entsprechender Vorbereitungs-
und anschließender Regenerationszeit aus, als dies für Stellungstruppen im „Marnebogen“
und anderswo galt; zu den Kämpfen vor Amiens und den Ruhephasen siehe bspw. Verein
der Offiziere des ehemaligen Kgl. Preußischen (Westfälischen) Jäger-Bataillons Nr. 7
(Hg.): Das Kgl. Preußische (Westfälische) Jäger-Bataillon Nr. 7 (Feldbataillon) im
Weltkrieg 1914-1918 (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bd. 272),
Berlin/Oldenburg 1929, S. 258ff., Jecklin, Wilhelm v. (Bearb.): Das Reserve-Jäger-
Bataillon Nr. 8 im Weltkriege 1914-1918, Erfurt 1930, S. 180ff., und Pflieger (Bearb.):
551

und sehr merkwürdige Seite dieser Äußerung. Allerdings dürfte sie sich der
Masse der hier mit Vorwürfen überhäuften Offiziere wegen Unkenntnis
gegenüber den Zuständen bei einer anderen oder einzelnen Division nicht
als Merkwürdigkeit offenbart haben. Geradezu erschüttert zeigten sich
einige der Berichte Schreibenden aber angesichts des ganz grundsätzlich
von der OHL gezeichneten Bildes, das unzweifelhaft aus davon- und
auseinandergelaufenen Truppen und selbstverschuldeter Ohnmacht
gegenüber einem sogar mancherorts -dort, wo Kolonialtruppen eingesetzt
gewesen waren- auch „kulturell minderwertigen“ Gegner bestand 2237 .
Einige Herren begannen, die Vorwürfe der OHL in einem bisher ungekannt
scharfen Tonfall zurückzuweisen 2238 . Unter ihnen befand sich Theodor
Freiherr von Watter, der diesmal, beim nach Cambrai zweiten großen
Desaster seiner Zeit als Gruppenkommandeur, keinen Hehl daraus machte,
wer und was für den Gefechtsverlauf die Verantwortung trug. Dem
diesbezüglich schon deutlichen Bericht seines Gruppenkommandos über
den ersten Schlachttag vom [Link] ließ er tags darauf einen energisch
formulierten Zusatz mit eigener Unterschrift folgen 2239 . Die Ansicht der
OHL, daß das Desaster mit vorhandenen Mitteln vermeidlich gewesen sei,
wollte er widerlegt sehen und äußerte ferner, daß bei seinem Stab vielmehr

Holsteinisches Feldartillerie-Regiment Nr. 24 (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter,


Heft 50), Berlin/Oldenburg 1922, S. 199ff.
2237
Siehe HStAS, M 1/11, Bü. 794, Bl. 25: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/Fr. H. Nr. 9430
geh. op. vom 20.7.1918. Widerhall fand diese kulturchauvinistische Sichtweise in
zahlreichen Schriften, darunter auch in Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 545, und
Hindenburg: Aus meinem Leben, S. 352.
2238
Darunter fiel anscheinend niemand aus Reihen des AOK 9, welches am 1.8.1918 einen
Armeebefehl zur Tankabwehr herausgab, in dem die Ansicht vertreten wurde, daß sich die
Einsatzweise der feindlichen Kampfwagen geändert habe und nun mit Tankmassen zu
rechnen sei. Interessant wäre diesbezüglich sicher die Reaktion Watters, der mit
„Tankmassen“ ja tatsächlich bereits im Vorjahr zu tun gehabt hatte. Die Abhilfen, die das
AOK 9 gegen den gepanzerten Feind befahl, zeigen zudem eine geradezu devote Annahme
der Sichtweise Ludendorffs, indem sie Hindernisbau und Feuerkonzentration ohne
Einbezug der real gegebenen Möglichkeiten umfaßten; siehe dazu BA-MA, PH 8 I/34, Bl.
39: AOK 9 Abt. Ia/Artl./Pi Nr. 1583 op. geh. vom 1.8.1918.
2239
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 28, Bl. 360f.: GK [Link] Abteilung Ia Nr. 186 geheim!
vom 7.8.1918.
552

der Eindruck vorhanden sei, daß es vorgesetzte Dienststellen gewesen


waren, die nicht mit einem Angriff gerechnet hätten. Denn hieraus konnte,
Watters Auffassung nach, erst „das Wagnis“ erklärt sein, „die wichtige und
bedrohte Korpsfront mit derart abgekämpften Truppen besetzt zu
halten“ 2240 . Dazu daß keine kampfkräftigeren Verbände für
Defensivaufgaben verfügbar gewesen waren und sich die ihm vorgesetzten
Stäbe für Ablösungen und Verstärkungen stark gemacht hatten, fehlte
Watter, anders als noch bei Cambrai, diesmal offenbar das Verständnis
beziehungsweise die notwendige Vorstellungskraft.
Was die Überraschung betraf, die noch lange später im Diskurs zwischen
amtlicher Kriegsgeschichtsschreibung und den im Sommer 1918 Beteiligten
thematisiert wurde 2241 , so konnte davon tatsächlich wohl nur in dem Sinne
der Ausführungen des Kommandeurs der [Link], Kneußl, die Rede sein,
nämlich als „taktische Überraschung“ 2242 , welche die Plötzlichkeit und
Wucht des Angriffs umfaßte. Und die taktische Überraschung war es, auch
bei der [Link] im Zentrum des Stoßes, nicht gewesen, was den ungünstigen
Ausgang des Tages primär verschuldet hatte, sondern die von Kneußl
genannte immense Überlegenheit des in mehreren Wellen hintereinander in
dichten Schützenlinien angreifenden Feindes 2243 . Mit einer Offensive gegen
den „Marnebogen“ war gerechnet worden, und auf die Schwächlichkeit der
eigenen Positionen und Verbände hatten sowohl die Heeresgruppe
Kronprinz als auch die 7. und [Link] vielfach eindringlich hingewiesen.
Wie Ludendorff anläßlich eines Gespräches mit Generaloberst von Plessen,
dem Kommandeur des Großen Hauptquartiers, am [Link], als bereits
französische Vorstöße westlich Soissons durchgeführt worden waren, zu
erkennen gegeben hatte, war er sich der Gefahr damals durchaus bewußt
gewesen, die von der Reimser Offensive und der damit zwangsweise
verbundenen Überdehnung der Fronten und Defensivkräfte ausgehen

2240
Siehe ebenda, Ziff. 2.).
2241
Siehe BA-MA, RH 61/52.
2242
Siehe ebenda, Bl. 66ff.: [Link] Abt. Ia Nr. 2052 vom 9.8.1918, Ziff. 4.).
2243
Siehe ebenda und Ziff. 5.): „Die [Link] Infanterie-Division ist am 18.7. in erster
Linie der feindlichen Uebermacht erlegen, nicht der taktischen Ueberraschung. Der
feindliche Angriff traf auf die gefechtsbereite Division.“
553

mußte 2244 . Davon, daß er dieses Risiko zugunsten seiner Offensivpläne ganz
bewußt in Kauf genommen hatte und demgemäß unter vielen anderen
Sektoren auch die Westfront des „Marnebogens“ -für Watters Erlebenswelt
als Kommandierender General nichts weniger als tragisch- denselben
Einschränkungen unterworfen war, die bei Cambrai 1917 für weite Teile der
Siegfried-Stellung gegolten hatten, wußte er nach dem [Link] anscheinend
nichts mehr. Ganz im Gegenteil. Es war sogar noch am Morgen des ersten
Tages der Schlacht, kurz bevor die erste Meldung über das Geschehen
eintraf, anläßlich einer Besprechung über die Flandernoffensive bei der
Heeresgruppe Rupprecht so gewesen, daß Ludendorff „dem Gerücht“
vehement entgegengetreten war, der Feind habe „im Walde von Villers
Cotterets“ eine große Reservearmee zusammengezogen. Die OHL wisse es
aufgrund zuverlässigeren Materials besser, und überhaupt habe von
umfangreicheren, kampfkräftigen Reserven der Gegner -er schloß diese also
auch für Briten und Amerikaner aus- keine Rede sein können 2245 . Auch
davon, daß sich dauerhaft geringe Stärken der Verbände, kaum erträgliche
Lebensbedingungen für die Truppe und enttäuschte Hoffnungen der
Soldaten, die mit an weiten Teilen der Westfront über Wochen fehlenden
Beispielen für die Kraft und Macht des eigenen Heeres zusammenfielen,
nachhaltig negativ auf die Leistungsfähigkeit von Verbänden auswirken
konnte, wollte er genausowenig wissen, wie er die Meldungen über
Anzeichen nachlassenden Kampfwillens parallel zu seinem vermeintlich
noch unentschiedenen Vabanquespiel gelten gelassen hatte. Die insgesamt
geringe Stärke der Verteidiger war real ausschlaggebend dafür gewesen, daß
die Tiefengliederung nur rudimentär hatte umgesetzt werden können und
daß diese Bemühungen um eine Tiefengliederung letztlich noch dafür
sorgten, die schwachen, eigenen Kräfte ohne Rückhalt 2246 durch

2244
Siehe bspw. Foerster: Ludendorff, S. 14.
2245
Siehe BA-MA, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, S. 174. Kuhl zitierte hier Auszüge
aus den Erinnerungen seines damaligen Beraters in artilleristischen Fragen, Oberstleutnant
Lindenborn.
2246
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 286ff.: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr. 9963
geh. op. vom 24.8.1918: Erfahrungen der [Link] am 18./19.7.1918, S. 4, Ziff. 3.). Die
Division bemerkte, daß nicht Gräben, aber Drahthindernisse, Unterstände und Stollen
554

verteidigungsfähige Positionen weiträumig über das potentielle Gefechtsfeld


zu verteilen 2247 .
Stellungen, deren Wert Ludendorff spätestens seit Herbst 1917 für mehr als
nur fragwürdig erachtet hatte 2248 , wurden plötzlich wieder, innerhalb der
Schriften vom [Link] und [Link], zum unerläßlichen Bestandteil des
anzuwendenden Abwehrsystems deklariert. Die OHL ignorierte hinsichtlich
des Stellungsausbaus im Vorfeld des [Link] 1918 nachweislich, daß
Gräben, Unterstände und Hindernisse weitgehend gefehlt hatten, weil
Materialnachschub nur spärlich herangekommen und die wenigstens
teilweise befestigte deutsche Linie im Kernbereich des alliierten Angriffs
seit Ende Juni auf unausgebautes Gelände zurückgeworfen worden war. Die
am [Link] geäußerte Behauptung, daß sich das Westheer nach dem
beendeten Rückzug aus dem „Marnebogen“ in ausgebauten Stellungen
bereit zur Abwehr befände, war, im Vorgriff auf das folgende Kapitel
angemerkt 2249 , zudem ein Umstand, der Kronprinz Rupprecht drei Tage vor
der britischen Großoffensive vom [Link] wegen des geringen
Ausbaugrades seiner Heeresgruppenfront unangenehm auffiel 2250 und die
Realitätsferne von Ludendorffs Einschätzungen zu diesem Zeitpunkt einmal
mehr dokumentiert.
Über die Probleme der Artillerie, die schon deshalb nicht so verteilt werden
konnte wie am [Link] von der OHL gefordert, weil sie bei Angriffsbeginn
unvollständig war und dazu noch unter Munitionsmangel litt, ist oben

notwendig seien, und daß die eigene Infanterie dort, wo diese vorhanden gewesen waren,
„hartnäckiger und länger“ Widerstand geleistet habe.
2247
Siehe BA-MA, RH 61/52, Bl. 66ff.: [Link] Abt. Ia Nr. 2052 vom 9.8.1918, Ziff. 3.)b):
„Die tiefe Gliederung der Infanterie hat am 18.7. bei den geringen Gefechtsstaerken zu
einer Zersplitterung der Infanteriekraefte gefuehrt. Die Ursachen liegen in der geringen
Schußwirkung der M.G. infolge unguenstiger Sicht, im Fehlen aller Stellungen und in den
sehr geringen Feldstaerken.“
2248
HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 259ff.: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr. 9444 geh.
op. vom 22.7.1918, S. 7, Ziff. II.4.): „Der Stellungsbau ist in letzter Zeit unterschätzt
worden. [... .] Dieser Ansicht ist scharf entgegenzutreten. Gewiß stehen Unterstände an
erster Stelle. Aber auch Gräben und Hindernisse können wir in der Abwehr gar nicht genug
haben.“ Vergleiche Abschn. 9.2. und Abschn. 10.1.
2249
Siehe Abschn. 12.2.
2250
Siehe Otto/Schmiedel, Dok. Nr. 127, S. 311.
555

bereits einiges gesagt worden 2251 , so daß sich längere Ausführungen zu


ihren Defiziten im Bereich artilleristischer Kernaufgaben erübrigen.
Angemerkt sei allerdings noch, daß das AOK 7 bereits am [Link] zu der
Feststellung kam, daß es die feindliche Artillerieüberlegenheit, oder
andersherum, die eigene Schwäche und die Unfähigkeit, die alliierten
Batterien durch eigenes Feuer niederzuhalten, gewesen war, die diesen
Einbruch ermöglicht hatte und zukünftige Einbrüche ermöglichen
würde 2252 .
Von der durch die OHL hervorgehobenen Wirkung der Tanks mit ihrer
durch Fehler der lokalen Führung erhöhten Wirksamkeit, die
„Tankschrecken“, „Panik“ oder gar „Feigheit“ zur Folge hatten -real
handelte es sich um das von Cambrai her bekannte Aufgeben in auswegloser
Lage 2253 - fehlt beim auf Artilleriewirkung fokussierten AOK 7 eine Spur,
aber gleichzeitig auch in den vom Verfasser eingesehen Berichten anderer
Stäbe und Verbände. Ebenso fehlt darauf ein deutlicher Hinweis in den
durchgesehenen Truppengeschichten, was wegen der Möglichkeiten ihrer
Verfasser zum „Reinwaschen“ ihrer Einheiten von jeglichem „Makel“ aus
der Zeit des militärischen Zusammenbruchs von 1918 auffällig ist 2254 .

2251
Siehe Abschn. 11.2.
2252
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 80, Bl. 1: AOK 7 Ia/Gen. Art. Nr. 5380/18. vom 19.7.1918.
2253
Ein eindringliches Zeugnis für die Kampfbereitschaft in der Truppe ist KA, HS 2698:
„Gefangenschaftsbericht“ des Oberleutnant v. Thoma vom November 1919.
2254
Dieses Phänomen durch den nächstliegenden Hinweis darauf erklären zu wollen, daß
als geradezu peinlich oder ehrenrührig wahrgenommene Aspekte der Geschichte einer
Einheit für ein überwiegend durch ehemalige Offiziere als Bearbeiter und Herausgeber
geprägtes Veteranenkollektiv in der Rückschau der 20er und vor allem 30er Jahre
unerträglich gewesen sein dürfte, scheint beim Gegenstand Tank zu sehr zu simplifizieren.
Immerhin boten Ludendorffs Kriegserinnerungen und daneben noch zahlreiche andere
Schriften, die Fehler beim Tankbau und besonders auch eine generelle Unterschätzung der
Wirkung feindlicher Tanks einräumten, die Möglichkeit, sich gegenüber vermeintlichem
Versagen, wie am [Link], auf elegant-oberflächliche Art zu entschulden. Immer war zudem
die Möglichkeit vorhanden, sich von den unschönen Symptomen des militärischen
Zusammenbruchs von 1918 auf Kosten von Nachbareinheiten im perforierten
Stellungssystem zu entlasten, bei denen fehlerhafte Entscheidungen und Schwächen
negative Auswirkungen auf die eigene Truppe, etwa in Form von Umgehung und
feindlichen Flankenstößen, gehabt hatten. Diese für Cambrai charakteristischen und
556

Interessant sind im Zusammenhang mit der psychologischen Wirkung der


Tanks die Ausführungen der [Link], die Ende August 1918 von der OHL im
Heer verbreitet wurden, weil sie eine Kernbotschaft auswiesen, die der
Anfang des Monats artikulierten Sichtweise der höchsten Führung zu
entsprechen schien:
„Die eigene Infanterie war am ersten Tage zunächst durch die Plötzlichkeit des
Angriffs, insbesondere aber durch die große Anzahl der Tanks überrascht. Soviel
auch über die Tanks und das Verhalten gegen sie instruiert und gesprochen war,
soviel die Truppe auch aus Zeitungen und Berichten davon gelesen hatte, so waren
sie ihr doch etwas völlig Neues, völlig Ungewohntes und die Abwehrmittel nicht in
Fleisch und Blut übergegangen; das dürfte nie anders werden, der Mann lernt nur
durch die Praxis, er kann sich vor den Tanks in seiner Phantasie trotz aller
Erzählungen nicht die Vorstellung machen. Er war zudem zweifellos über die Macht
und den Wert der Tanks durch die vielen Instruktionen und die Berichte über sie in
den Zeitungen getäuscht, er hielt sie für schlimmer als er sie nachher in Wirklichkeit
kennen lernte. Es verwirrte ihn zweifellos zunächst die Menge der vorwärts
strebenden Sturmwagen. Als er dann aber sah, wie glänzend Artillerie und
Minenwerfer dagegen wirkten, wenn man nur die Nerven behielt und auf die
Nebenwaffen vertraute, kam das Selbstvertrauen rasch wieder. Am zweiten
Angriffstage war die Truppe die Tanks längst gewöhnt und erkannte: Die Tanks
wirken nur moralisch, sowohl auf den Angegriffenen, der dadurch erschreckt, wie
auf den Angreifer, der dadurch vorgerissen wird. Ihr Auftreten überhaupt ist eine
Folgeerscheinung der gesunkenen Nervenkraft der angreifenden Truppe. Regimenter
von 1914 hätten Tanks nicht benötigt.“ 2255

Andere Aussagen im Bericht dieser Division, die sich wiederum mit den
früheren Angaben wie etwa denjenigen der [Link] deckten, darunter
bezeichnenderweise die geringen Stärken der eigenen Kompanien und das
Fehlen eines Grabensystems 2256 , fielen bei der OHL weitaus weniger ins
Gewicht als die Mitteilungen zur Nervenkraft der eigenen Truppe, die mit

besonders in den Truppengeschichten der 54. und [Link] literarisch ausgetragenen


„Nachhutgefechte“ des Weltkrieges sind für die vom Verfasser zum [Link] 1918
eingesehenen Erinnerungswerke von Einheiten nur insofern nachweisbar, als daß ganz
generell die erdrückende feindliche Überlegenheit und nicht irgendeine Form des
Versagens oder gar weitverbreitete Panik Erwähnung fand.
2255
Zitiert nach HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 286ff.: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr.
9963 geh. op. vom 24.8.1918: Erfahrungen der [Link] am 18./19.7.1918, S. 5, Ziff. 6.).
2256
Siehe ebenda, S. 2, Ziff. 1.).
557

den Tanks ihrer Ansicht nach durchaus leicht fertig werden konnte, und zur
geringen Moral der Angreifer, die ohne Tankunterstützung entweder zaghaft
wie Briten und Franzosen oder mangelhaft und unausgebildet wie die
Amerikaner vorgegangen waren 2257 . Aus der schon vor dem Eingehen
dieses Berichts vorhandenen Einstellung generierte sich Anfang August, als
der „Marnebogen“ geräumt und die Krise, wie im Vorjahr bei Cambrai,
durch herbeigerufene, anscheinend wie immer kampfstarke Reserven
bereinigt schien 2258 , die völlig realitätsfremde Hoffnung darauf, die Abwehr
an der Westfront reorganisieren und erfolgreich praktizieren zu können,
wenn mit den aufgezeigten Mitteln für die Aufrechterhaltung der
Truppenmoral gesorgt und verstärkt etwas gegen die als Stütze feindlicher
Angriffe aufgefaßten Tanks getan werden würde.
Daß zur Tankbekämpfung zahlreiche und bereits frühzeitig eingeführte
Mittel vorhanden seien, gab das Kriegsministerium gegen besseres Wissen
um die Verhältnisse an der Westfront –zu denken ist nur an die
Bedeutungslosigkeit der Panzerkopfmunition und des Tankgewehrs auch im
„Marnebogen“ 2259 - Ende Juli einem mittlerweile offenbar beunruhigt
nachfragenden Reichstag 2260 gegenüber zu verstehen 2261 . Doch

2257
Siehe ebenda, S. 4, Ziff. 4.), HStAS, M 30/1, Bü. 162a, Bl. 18: Chef d. Genst. d.
Feldheeres Ia Nr. 9670 geh. op. vom 4.8.1918, und Ludendorff: Kriegserinnerungen, S.
544f.
2258
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 540.
2259
Zu beiden Tankabwehrmitteln ließen sich keinerlei Belege für ihr Vorhandensein am
18.7.1918 auffinden. Der Bericht der [Link] wies zudem ausdrücklich darauf hin, daß zu
den Tankgewehren keine der von der OHL gewünschten (positiven) Erfahrungen mitgeteilt
werden konnten, da sie nicht vorhanden gewesen waren; siehe BA-MA, RH 61/52, Bl. 71:
[Link] Abt. Ia Nr. 2052 vom 9.8.1918, Ziff. 4.), und siehe auch Abschn. 11.2.
2260
Spätestens seit April 1918 wurden im Reichstag Versäumnisse der Heeresleitung beim
Tankbau erörtert, die von diesem Zeitpunkt an nicht mehr endeten und zu mehrfacher
Stellungnahme der OHL bzw. des KM aufriefen; siehe dazu BA-MA, RH 61/50770:
Abschrift aus der [Link] des Reichstags-Ausschusses für den Reichshaushalt vom
23.4.1918 (aus den Akten des KM), und Kap. 13.
2261
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 263f. In
der Denkschrift des Kriegsministeriums sind sowohl die im Frühjahr 1918 eingeführten
Tankgewehre, die tatsächlich aber nur in geringer Stückzahl vorhanden und bisher nicht als
wesentliche Verstärkung der Tankabwehrfähigkeiten in Erscheinung getreten waren, die
558

entscheidender als der trügerische Eindruck, der durch die Denkschrift


möglicherweise wenigstens kurzfristig vermittelt werden konnte 2262 , um die
Politik in bewährtem Maße von den wahren Verhältnissen abzulenken, ist,
daß Ludendorff mit der Beauftragung der vielfältig umtriebigen, grauen
Eminenz der OHL, Oberstleutnant Bauer, zum Verantwortlichen für die
Tankabwehr die Grundlage dafür geschaffen zu haben glaubte, spätestens
Anfang 1919 über mordernste und höchst effektive Tankabwehrwaffen in
großer Zahl zu verfügen 2263 . Der Terminus der „Niederlage des deutschen
Heeres“ für den [Link], welchen Ludendorff im Vorgriff auf die
„Niederlage des deutschen Volkes“ am [Link] 1918 gegenüber einem
neugierigen Mitarbeiter des Reichsarchivs 1923 als rhetorische Finesse
anwandte 2264 , um seine damalige Überzeugung von der Notwendigkeit zu
Friedensverhandlungen zu untermauern, findet in seinen Verlautbarungen
seit Mitte Juli 1918 argumentativ keinerlei Entsprechung. Das Gegenteil ist
der Fall.
Im vielmehr selbstbetrügerischen Zeichen einer momentanen
Krisenbewältigung im „Marnebogen“ kam der Appell vom [Link]
zustande, der einer mittlerweile offensichtlich allerorten spürbaren
Besorgnis bei Stäben und Truppe gegenüber kommenden Angriffen
entgegentreten sollte. Ausdrücklich wurde von Ludendorff darauf
verwiesen, daß diese Besorgnis völlig unbegründet sei und man den
zurückhaltenden Briten und Franzosen, den „dreisten“ Amerikanern sowie
den alliierten Tanks widerstehen könne, wenn die Truppe aufmerksam und

Panzerkopfmunition der Feldkanonen, die wegen ihres Fehlens an den relevanten


Schauplätzen augenscheinlich keine Rolle gespielt hatte, und neuartige Kleingeschütze für
die Infanterie, welche erst noch zur Einführung kommen mußten, enthalten. Der Text
präsentiert sich sehr deutlich als Rechtfertigungsschrift, die größten Wert darauf legte, alte
und neue Planungen als Belege für die Aufmerksamkeit des Kriegsministeriums und der
OHL gegenüber einem leicht und demnächst gänzlich zu beseitigenden „Tankproblem“
anzuführen.
2262
Siehe Kap. 13.
2263
Siehe Bauer: Der große Krieg, S. 227ff., und BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter
zur Kampfwagen-Abwehr, S.245ff.
2264
Siehe BA-MA, RH 61/51833: Bericht über eine Befragung Ludendorffs durch
Archivrat Volkmann Anfang August 1923, S. 10 (zu Frage 14.).
559

in bewährter Manier tiefgegliedert „ihre Schuldigkeit“ täte 2265 . Details zum


nun anzuwendenden Abwehrverfahren, das wie 1917 die grundsätzliche
Aufgabe hatte, „den Gegner erheblich mehr zu schädigen als er uns“,
folgten ausgerechnet vor dem katastrophalen [Link] 1918, wobei der
Faktor „Moral der Truppe“ in Bandbreite von Appellen an den Willen zum
Durch- und Aushalten in schwierigsten Lagen, der Notwendigkeit „straffer
Führung“ und der umsichtigsten Fürsorge für die Truppe
bezeichnenderweise sämtlichen weiterführenden Ausführungen
vorangestellt wurde 2266 . Taktisch brachte die Weisung nichts grundsätzlich
Neues, wie, auf die Tankbekämpfung bezogen, durch die Erwähnung
vorgezogener Tankabwehr- und Nahkampfgeschütze, die bis zum
feindlichen Angriff schweigen sollten 2267 , verdeutlicht wird. Die Hinweise
auf ein bis zu 3km tiefes Vorfeld 2268 , bei dem auch zukünftig fraglich sein
mußte, mit welchen Kräften es effektiv zu überwachen sein würde, auf die
Tankgewehre, für deren praktische Bewährung 2269 keinerlei Indizien
angeführt werden konnten, und auf die „gute Wirkung“, die hinter der
Hauptwiderstandlinie aufgestellte Tankabwehrgeschütze 2270 bisher ja
tatsächlich oftmals nur zum Preis des Selbstopfers sowie der vorgelagerten
Positionen und ihrer Besatzungen erzielt hatten, unterstreichen nochmals
eindringlich, daß nicht Realitätssinn, sondern verzweifeltes Wunschdenken
und obskure Endsieghoffnungen die Lageauffassungen und
Zukunftsprognosen der OHL definierten. Der Verbindungsoffizier der OHL
beim Kaiser, Major Niemann, fand tatsächlich bereits am [Link] einen
Ersten Generalquartiermeister vor, der sich seelisch offenbar wieder

2265
HStAS, M 30/1, Bü. 162a, Bl. 18: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia Nr. 9670 geh. op.
vom 4.8.1918.
2266
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 264ff.: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr. 9635
geh. op. vom 8.8.1918, S. 1ff.
2267
Siehe ebenda, S. 11, Ziff. 21.
2268
Siehe ebenda, S. 6, Ziff. 14.
2269
Siehe ebenda, S. 16, Ziff. 26. Tatsächlich konnten vom Verfasser keinerlei Hinweise
aufgefunden werden, die zu dieser Annahme berechtigt hätten.
2270
Siehe ebenda, Ziff. 27.
560

gefangen hatte, und „die Aura von Zuversichtlichkeit und Siegeswillen“


verbreitete 2271 .

12. „Die Niederlage des ganzen Volkes“. Tanks und Tankabwehr in der
Abwehrschlacht zwischen Somme und Avre, August 1918.

Während sich die OHL Anfang August 1918 in der Sicherheit wog, an der
Westfront mit keiner unmittelbar bevorstehenden Bedrohung durch
Großoperation des Feindes, sondern allenfalls mit kommenden Teilangriffen
konfrontiert zu sein und zur Reorganisation der eigenen Verbände einige
Zeit zu haben 2272 , waren auf Seite der Alliierten die Würfel für
großangelegte Unternehmungen in allernächster Zeit bereits gefallen.
Eine nach den Kämpfen von Hamel am [Link] von den Briten ins Auge
gefaßte Operation vor Amiens entsprach grundsätzlich den Vorstellungen
Fochs zum nächsten Schritt bei der Fortsetzung der Kette harter Schläge
gegen den kräftemäßig zumindest momentan ins Hintertreffen geratenen
Feind 2273 . Dessen vollverwendungsfähige Verbände konnten zu einem guten
Teil als verschlissen und dezimiert angesehen werden 2274 , und so ergab sich

2271
Siehe Foerster: Ludendorff, S. 39.
2272
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 545ff.: „Ich rechnete mit der Fortsetzung der
feindlichen Angriffe gegen die Vesle, gegen die der Feind sich immer schärfer
heranschlich, oder mit ihrer Ausdehnung auf das Gelände zwischen Aisne und Oise, vor der
der Feind in Besorgnis vor einem deutschen Angriff stark stand. Ich hielt ferner Vorstöße
zwischen Oise und Somme für möglich, vielleicht auch gegen unsere Stellungen bei Albert
und in der Lys-Ebene, endlich im Sundgau. Ich nahm aber an, daß es sich nur um einzelne
Teilangriffe handeln würde, denn auch der Feind war mitgenommen, und zwar im
allgemeinen nicht weniger als wir. [... .] Anfang August hoffte ich bestimmt auf Abwehr
der bevorstehenden Teilangriffe und die Möglichkeit, Gegenstöße in kleinerem Rahmen als
bisher zu führen. Auch in überaus ernsten Lagen war es bisher gelungen, strategische
Aushilfen zu finden; es war für mich kein Grund anzunehmen, daß es diesmal nicht
glücken werde.“
2273
Siehe Abschn. 10.2. und Fuller: Erinnerungen, S. 262.
2274
Siehe LAF, Bd. VII.1., S. 162f., mit Angaben zur französischen Wahrnehmung der
deutschen Kampfreserven am 7.8.1918. Daraus ergab sich, daß 67 Infanteriedivisionen in
der deutschen Reserve, von denen 39 als voll einsatzbereit angesehen werden konnten, 77
561

die Möglichkeit, dort zuzuschlagen, wo in erster Linie schwache deutsche


Stellungstruppen geringen Kampfwertes ausgemacht worden waren. Dies
schien gegenüber der britischen 4. (Rawlinson) und dem an sie
anschließenden linken Flügel der französischen [Link] (Debeney), also
bei der deutschen [Link] und dem Nordflügel der deutschen [Link]
zwischen Somme und Avre, gegeben zu sein 2275 , so daß Foch Haig und den
beiden Armeebefehlshabern am [Link] 1918 die Ausarbeitung einer
gemeinsamen Operation befahl 2276 .

alliierten gegenüberstanden, von denen 41 ausgeruht waren und zu denen noch 10


Kavallerie-Divisionen hinzugezählt werden konnten. Die Masse der ausgeruhten alliierten
Divisionen (21) stellten gemäß dieser Aufstellung die Streitkräfte des Empire. Vergleiche
MO 1918, Bd. 4, S. 6f., mit davon abweichenden -aber für die deutsche Seite nicht
günstigeren- Zahlen aus Sicht der britischen Feindaufklärung. Von 141 deutschen
Stellungsdivisionen galten 78 und von 60 Divisionen in Reserve 28 als „unfit“.
2275
Siehe Harris, J. Paul: Amiens To The Armistice. The BEF in the Hundred Day’s
Campaign, 8 August-11 November 1918, London/Washington 1998, S. 106f.
2276
Siehe Foch: Kriegserinnerungen, S. 372.
562

Abb. 12: Karte zur britisch-französischen Offensive zwischen Ancre und Oise 2277 .

Bei der Besprechung Pétains, Pershings und Haigs mit Foch am 24. des
Monats wurde das Ziel der nächsten Angriffe dahingehend präzisiert, daß
die Befreiung und Sicherung der von Paris ausgehenden, strategischen
Eisenbahnlinien erreicht werden sollte, worunter sich auch die Strecke
Paris-Amiens befand. Der Plan, die Deutschen hiervon und vom

2277
Abb. nach Volkmann: Der große Krieg, S. 286.
563

Eisenbahnknotenpunkt Amiens, der zudem eine Art Naht zwischen den


britischen und französischen Streitkräften bildete, wegzudrängen, wurde an
den folgenden Tagen grundsätzlich in Übereinstimmung mit vorher
gefaßten britischen Absichten sowie mit Unterstellung von Debeneys
Armee unter britischen Befehl ausgearbeitet. Die Umsetzung wurde für den
[Link] 1918 angeordnet 2278 .

12.1. Der Plan, die Angreifer und die Tankunterstützung.

Für Fuller war es in der Planungsphase der ersten großen Offensivoperation


an der Westfront seit Cambrai offenbar nicht leicht, von der Idee einer als
Entscheidungsschlacht modifizierten Weiterentwicklung des Schlachtplans
für den [Link] 1917 absehen zu müssen. Warum, das erschließt sich,
wenn man die entsprechenden Passagen seiner Kriegserinnerungen
betrachtet. Diese rekurrieren darauf, daß von Rawlinson bereits am [Link]
1918 der Einsatz von „soviel Tanks als möglich“ für die Operation bei
Amiens gefordert wurde, um Infanterie zu sparen, und sich der
Kommandierende General des Australischen Korps der [Link], Monash,
Fullers Ideen gegenüber überaus offen gezeigt hatte 2279 . Den Vorschlägen
Fullers, welche seinen eigenen Aussagen nach die französische [Link]
sehr viel stärker in den Plan einbezogen gesehen hätten, als das später der
Fall war, und etwa in Erwähnung der Defizite von Kavallerie beim Vorstoß
ins feindliche Hinterland altbekannte Schwierigkeiten berücksichtigen
sollten, wurde, möglicherweise tatsächlich aus einer von ihm angedeuteten
gewissen Frankophobie der britischen Entscheidungsträger heraus und
wegen der wenig konkreten Planungsanweisungen durch den britischen
beziehungsweise alliierten Oberbefehlshaber 2280 , von Rawlinson nicht
entsprochen 2281 . Wer und was schließlich für den Operationsplan, einzelne

2278
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 2ff.
2279
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 263.
2280
Unter Bezugnahme auf Rawlinsons Aufzeichnungen findet sich dieser Punkt auch bei
Travers: How The War Was Won, S. 118.
2281
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 263ff. Fuller schrieb über eine Besprechung mit
Rawlinson am 17.7.1918, der er damals, wegen des bis zum 28.7. in England befindlichen
Elles, quasi als Kopf des Tank Corps beiwohnte: „Überrumpelung und Geheimhaltung
564

Elemente desselben und zuletzt die von Zeitgenossen und Historiographen


meist sehr viel später unterstellten Fehler und Versäumnisse einer Schlacht
verantwortlich war, die in Relation zu vorhergehenden Unternehmen ein für
die Westfront nach 1914 einmaliges Ergebnis zeitigte, kann an dieser Stelle
im Detail undiskutiert bleiben 2282 .
Was sich schließlich ergab, war ein Cambrai insgesamt und Hamel
besonders in der ersten Schlachtphase in Anlage und Durchführung ziemlich
entsprechendes Unternehmen der [Link], dem ein leicht zeitversetzter,
ansonsten aber parallel vorgesehenen Angriff des französischen Nachbarn
zur Rechten angegliedert wurde. Unter Voraussetzung eines günstigen
Gefechtsverlaufes war eine Ausweitung der Operation einzukalkulieren.
Detaillierte Befehle für die Fortsetzung der Schlacht nach der Sicherung der
strategischen Bahnlinie wurden von der [Link] nicht ausgegebenen,
sondern für einen späteren Zeitpunkt angekündigt 2283 .
Ausgehend von den britischen Sturmausgangsstellungen zwischen
Morlancourt südlich der Ancre bis zur Römerstraße Amiens-Roye und den
französischen Positionen von dort bis Hargicourt an der Avre hatten die
beiden Armeen als Primärziel eine bogenförmig nach Westen ausgestülpte

waren die Parolen, und aus diesem Grunde war General Rawlinson strikt dagegen, daß
diese Operation ein gemeinsames französisch-britisches Unternehmen sein sollte. Sollten
die Franzosen den Wunsch haben, mitzumachen, so war er der Ansicht, daß sie einen
angegliederten, nicht aber einen gemeinsamen Angriff aus der Gegend von Montdidier
unternehmen sollten.“ Zitiert nach ebenda, S. 262f.
2282
Siehe Abschn. 12.5.2. Etwa zu Fullers Einvernehmen mit einem erfahrungsbedingt von
vornherein unsinnigen und allen (erst recht den in seinen Veröffentlichungen geäußerten
eigenen) Anschauungen widersprechenden Einsatz der Whippets als Unterstützungswaffen
der überkommenen Kavallerie siehe Prior, Robin/Wilson, Trevor: Command on the
Western Front. The Military Career of Sir Henry Rawlinson 1914-1918, Cambridge/Oxford
1992, S. 307. Die vor dem 8.8.1918 vorgenommen Abänderungen des Operationsplans
dürften schließlich nur durch Einsicht in die vorhandenen Archivalien einem Urheber
zuzuordnen sein. Im Kontext zu den für die [Link] archivaliengestützten Feststellungen
von Prior/Wilson bleibt allerdings festzuhalten, daß sich Fuller zwischen Ende Juli und
Anfang August nachweislich im Vereinigten Königreich aufhielt und schon deshalb kaum
den von beiden Autoren und ihren Quellen unterstellten Einfluß auf die Planungen gehabt
haben dürfte; siehe Fuller: Erinnerungen, S. 267f., und Blaxland: Amiens, S. 184f.
2283
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 557, App. VI: Fourth Army General Staff Instructions, 31st
July, 1st August And 4th August, 1918.
565

Linie, die „Amiens Outer Defences“, zwischen Méricourt, Harbonnières,


Caix, Quesnel und Hangest zu erreichen und gegen Gegenangriffe der
Deutschen zu sichern 2284 . War dies geschehen beziehungsweise in
ausreichendem Maße gewährleistet, sollte die britische [Link] in Richtung
Ham und die französische [Link] in Richtung Roye vorgehen 2285 .
Die Rolle der beiden nördlichen Korps der französischen [Link] konnte
hierbei trotz ihrer starken Artillerie- und Fliegerkräfte mit über 1.000
Rohren im Angriffssektor und mehr als 1.000 Flugzeugen im Armeebereich
angesichts nur begrenzter Tankeinheiten, die 90 FT-17 umfaßten, und der
wenigen Infanterieverbände, die sich bei etwa 34km Frontlänge auf 15
Divisionen in vier Korps beliefen 2286 , nur eine unterstützende sein, welche
maßgeblich durch den Erfolg der Briten beeinflußt werden mußte. Für den
Fall des Erfolges hielt man ein Kavalleriekorps von drei Divisionen bereit
und konzentrierte seine Kräfte von vornherein auf dem an die [Link]
angelehnten linken Flügel ([Link]), wo fünf Divisionen Infanterie und
die beiden für die zweite Angriffswelle vorbehaltenen Tank-Bataillone
standen.
Der gegen die deutsche [Link] gerichtete Hauptstoß sollte im mit etwa
18km Ausdehnung recht schmalen Sektor der britischen [Link] erfolgen,
die hierfür auf den Umfang von fünf Divisionen beim [Link], fünf beim
Australischen Korps im Armeezentrum und fünf beim Kanadischen Korps
an der Naht zur französischen [Link] aufgestockt wurde 2287 . Die zehn für
die Durchführung des Angriffs bestimmten Divisionen konnten als

2284
Diese Linie wurde mit „Amiens Outer Defences“ angesprochen und in den Befehlen
der [Link] als Position der „furthest objectives“ bezeichnet, die augenblicklich zur
Abwehr deutscher Gegenangriffe eingerichtet werden sollten; siehe ebenda, S. 556.
2285
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 524f., App. II: GHQ Operation Order Of The 29th July,
1918, ebenda, S. 573: App. VIII: GHQ Operation Order Of The 5th August, 1918, und
ebenda, S. 575: Fourth Army Operation Orders Of 6th August 1918.
2286
Siehe LAF, Bd. VII.1., S. 167ff. Für die Artillerie dürften etwa 1.000 Geschütze zur
Wirkung im Angriffsbereich des 8.8.1918 gekommen sein.
2287
Die Angaben zu den britischen Divisionen (hier MO 1918, Bd. 4, S. 22) schwanken
zum Teil signifikant, wobei die Diskrepanzen wohl primär durch die unterschiedliche Zahl
der vorhandenen, der für den Angriff eingeplanten sowie der tatsächlich eingesetzten
Verbände bedingt sind. Siehe hierzu bspw. Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 86, und
vergleiche MO 1918, Bd. 4, S. 532: App. I: Order Of Battle 8th August 1918.
566

ausgeruht gelten und waren durch Überweisung von Ersatz auf eine aus
französischer Sicht beachtlich hohe Stärke gebracht worden 2288 , welche mit
durchschnittlich rund 7.000 Mann (Infanterie) angenommen werden
kann 2289 . Zudem galt der größte Teil von ihnen, vor allem die kanadischen
und australischen Verbände, auch beim Feind als überaus ernstzunehmender
Gegner, wenn nicht gar generell als Elite unter den Angriffstruppen des
Empire 2290 .
Wie beim französischen Nachbarn wurde auch von der britischen Armee ein
Kavalleriekorps mit drei Divisionen in Reserve behalten, dem es nach
Wegnahme der ersten deutschen Verteidigungslinie zufallen sollte, über die
übrigen Angriffstruppen hinweg gegen das Primärziel und anschließend,
sobald wie möglich, darüber hinaus vorzustoßen 2291 . Hinter der Armee
standen 2070 Geschütze aller Kaliber bereit 2292 , für die zwei wesentliche
Neuerungen darin bestanden, daß sich die Masse der schweren Batterien auf
die Bekämpfung feindlicher Artilleriestellungen zu konzentrieren hatte und
daß nach deutschem Muster Feldartillerie-Batterien zur sofortigen
Begleitung des Infanteriestoßes bespannt bereitstehen sollten 2293 . Für die
Beherrschung des Luftraums, für Bomben- und Schlachtfliegereinsätze
sowie für Demoralisierungsversuche mit Flugblattabwürfen 2294 und zur

2288
Siehe LAF, Bd. VII.1., S. 167, und Harris: Amiens, S. 107.
2289
Siehe Prior/Wilson: Command, S. 285.
2290
Anfang 1918 galten deutscherseits die 1. und [Link] sowie die 1. bis 4.
kanadische Division als „besonders gute Angriffsdivisionen“. Die 3. und [Link]
Division wurden zudem als „Gute Angriffsdivisionen“ klassifiziert; siehe HStAS, M 33/2,
Bü. 536: Abteilung Fremde Heere Nr. 4610 Geheim! vom 1.1.1918, Anlage 3. Da die
kanadischen Divisionen diesen besonders guten Ruf hatten, wurden zur Täuschung der
deutschen Feindaufklärung einige Einheiten nach Flandern transportiert, die dort
Angriffsabsichten inszenieren sollten; siehe Bose, Thilo v.: Die Katastrophe des [Link]
1918 (Schlachten des Weltkrieges, Bd. 36), Berlin/Oldenburg 1930, S. 19.
2291
Siehe ebenda, S. 558f., App. VI: Fourth Army General Staff Instructions, 31st July, 1st
August And 4th August, 1918, und ebenda, S. 575: Fourth Army Operation Orders Of 6th
August 1918.
2292
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 23.
2293
Siehe Fuller: Tanks, S. 219.
2294
Siehe Schulze, Hans (Bearb.): Das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 217 im Weltkriege,
Eisleben 1932, S. 200f.
567

Verschleierung des Truppenaufmarsches 2295 konnten 800 Flugzeuge


zusammengezogen werden 2296 .
Anders als bei der Armee Debeneys, die in Ermangelung verfügbarer
Tanks 2297 beim Angriff maßgeblich auf die Wirkung kurzen und heftigen
Artilleriebeschusses, welcher mit dem Beginn des britischen Vorgehens um
5.20 Uhr beginnen und mindestens eine Dreiviertelstunde dauern sollte 2298 ,
setzen mußte, bildete bei der britischen [Link] die Stoßkraft der Einheiten
des Tank Corps -neben der Überraschung des Feindes- einen wesentlichen
Faktor der gesamten Unternehmung. Unter größter Geheimhaltung, die für
alle Aspekte der Truppenversammlung vor dem [Link] galt 2299 , konnten
insgesamt 13 Bataillone des Tank Corps und eine erhebliche Zahl von
Unterstützungs- und Versorgungsfahrzeugen versammelt werden 2300 . Von
den acht im Soll aus 36 Kampfwagen des Typs Mark V bestehenden
Bataillonen wurde eines Armeereserve, eines wurde dem am ersten Stoß nur
mit zwei Divisionen beteiligten III. und, dem Schwerpunkt der Operation
entsprechend, je drei dem Australischen und dem Kanadischen Korps
unterstellt. Die ersten 72 Mark V* Tanks, bei denen es sich um zum
Mannschaftstransport von etwa 20 Personen um 1,80m verlängerte 33
Tonnen schwere Versionen des Mark V handelte 2301 , waren in zwei
Bataillone gegliedert. Je eines überwies man den Kanadiern und Australiern,
um im Sinne der späteren Behauptungen Ludendorffs zu derartigem

2295
Zu den verschiedenen Verschleierungs- und Täuschungsunternehmen siehe Blaxland:
Amiens, S. 160f., und Bose: Die Katastrophe, S. 17f.
2296
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 25.
2297
Nach den Verlusten im „Marnebogen“ und zur Auffrischung und Vorbereitung der
nächsten französischen Großoperation waren offenbar keine weiteren Einheiten der
artillerie d’assaut verfügbar. Bestrebungen Debeneys, Tanks des britischen Verbündeten
überstellt zu bekommen, blieben erfolglos; siehe ebenda.
2298
Der Angriff sollte zeitlich gestaffelt vorgenommen werden, wobei das [Link]
zuerst, eben um 6.05 Uhr, anzutreten hatte. Das südlich anschließende [Link] hatte sich um
9.40 Uhr dem Angriff infanteristisch anzuschließen; siehe LAF, Bd. VII.1., S. 167f.
2299
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 550, App. VI: Fourth Army General Staff Instructions, 31st
July, 1st August And 4th August, 1918.
2300
Zur Zusammensetzung und Verteilung der Einheiten des Tank Corps siehe Fuller:
Erinnerungen, S. 267, ders.: Tanks, S. 219f., und Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 87.
2301
Siehe dazu Fuller: Tanks, S. 44f.
568

Geschehen im „Marnebogen“ 2302 durch mitgeführte


Maschinengewehrtrupps 2303 infanteristische Feuerkraft schnell und sicher an
die Brennpunkte des Geschehens bringen zu können 2304 . Die beiden Korps
erhielten eine zusätzliche Verstärkung durch Straßen-Panzerwagen, wobei
dem Australischen Korps als Ausgleich für die Fahrzeuge der
2305
Maschinengewehrtruppe des kanadischen Nachbarn das [Link] des
Tanks Corps mit 12 dieser maschinengewehrbewaffneten Fahrzeuge
zugeteilt wurde. Auf den Faktor Geschwindigkeit, der sich mit dem Einsatz
der allerdings stark an vorhandene Wege gebundenen Panzerwagen
verband, setzte man auch bei der experimentell vorgenommenen Verteilung
der vorhandenen Whippets. Die beiden mit diesem Typ ausgestatteten
Bataillone zu je 48 Tanks wurden als gepanzerte Begleitung der Kavallerie
vorgesehen, um deren Anfälligkeit gegenüber deutschem Feuer etwas
entgegensetzen zu können.
Über die eigentlichen Kampffahrzeuge hinaus verfügte die britische
[Link] über etwa 120 Versorgungstanks, welche der Beförderung von
Material, Munition und Proviant für die Infanterie und für die Tankeinheiten
dienen sollten 2306 . Unter diesen befanden sich auch einige „Gun-Carrier“,
die ursprünglich zum Befördern einer Haubitze samt Munition konzipiert
worden waren und äußerlich einer gedrungenen und verlängerten Version
des Whippet mit Ladefläche glichen 2307 . Mit dieser Ladekapazität waren sie
auch zum Bewegen anderer Lasten in der Lage, und da in der Literatur kein
mitgeführtes Geschütz erwähnt wird, traten sie am [Link] wahrscheinlich
in der Rolle der Versorgungsfahrzeuge in Erscheinung. Einen schmerzlichen
Verlust im Vorfeld der Schlacht stellte die Zerstörung von 25
Versorgungstanks samt Ladungen am Abend des [Link] dar, die durch
den Zufallstreffer einer deutschen Granate und daran anschließendes

2302
Siehe Abschn. 11.5.
2303
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 61.
2304
Siehe ebenda, S. 56.
2305
Siehe ebenda, S. 52.
2306
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 267.
2307
Siehe dazu Fuller: Tanks, S. 47. Tatsächlich entsprachen die „Gun-Carriers“ technisch
dem Mark IV; siehe dazu auch Fletcher: Tanks and Trenches, S. 137.
569

Wirkungsfeuer der deutschen Artillerie verursacht wurde 2308 . Die


Gesamtzahl der versammelten Kräfte des Tank Corps beeinflußte dieses
Ereignis aber nicht nachhaltig, da sie auf dem Papier rund 550 Fahrzeugen
aller Typen 2309 und aufgrund einer den Ist-Stärken angemesseneren
Berechnung 2310 immer noch 414 Kampf und 95 Versorgungstanks umfaßte.
Laut Befehl der [Link] und im Unterschied zu den bitteren Erfahrungen
mit Reserven bei Cambrai, welche den Franzosen am „Marnebogen“
ebenfalls begegnet waren 2311 , hatten alle für den Angriff bereitgestellten
Teile bei Beginn der Schlacht zum Vorgehen beziehungsweise Eingreifen
bereit zu sein 2312 . Die Versammlung der Truppe auf engstem Raum und erst
recht ihr gemeinsames, geballtes Vorgehen schienen Rawlinson offenkundig
die beste Gewähr dafür zu bieten, in der ersten Phase der Schlacht maximale
Wirkung gegen den Feind zu erzielen. Die Gefahr für die Fortsetzung der
Kämpfe, die trotz vorheriger Bekanntgabe von Grenzen zwischen Einheiten
und Zuweisung von Einsatzräumen an die verschiedenen Verbände
angesichts der Truppenmassen und dem in den ersten Stunden
vorherrschenden dichten Nebel bestehen mußte und sich mit der Zeit in
Vermischung von Einheiten sowie allgemeiner Unordnung ausdrücken
konnte, wurde zugunsten des sicheren Erfolges in Kauf genommen 2313 .

12.2. Die Verteidiger.

Hinsichtlich der deutschen Verteidiger ist grundsätzlich festzuhalten, daß


sich an ihrer Lage seit Ende der deutschen Offensivanstrengungen bei der 2.

2308
Siehe Mitchell: Tank Warfare, S. 231.
2309
Diese Berechnung ergibt sich unter Subtraktion der 25 zerstörten Versorgungstanks aus
der Aufstellung im Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 87.
2310
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 24. Auch hier wurden die 25 am 7.8.1918 zerstörten
Versorgungstanks vom Verfasser subtrahiert.
2311
Siehe Abschn. 11.3.
2312
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 550, App. VI: Fourth Army General Staff Instructions, 31st
July, 1st August And 4th August, 1918. Bezeichnend für die Beachtung, die man dem
Problem mit zu weit abseits stehenden und unvorbereiteten Reserven schenkte, ist, daß
diese Anordnung im Befehl als zweiter Punkt direkt hinter der Geheimhaltung Erwähnung
fand.
2313
Siehe Travers: How The War Was Won, S. 116, und Prior/Wilson: Command, S. 308.
570

(v.d. Marwitz) und der [Link] (v. Hutier) grundsätzlich nichts zum
Besseren gewandt hatte. Die Bedingungen, unter denen sie an der Somme
und Avre die Zeit bis zum [Link] 1918 zu überstehen hatten, sind mit
denjenigen identisch, die in den beiden vorangegangenen Kapiteln
geschildert wurden 2314 .
Die Truppen lagen, wo es der Feind duldete und wo, wegen der Hoffnung
auf Täuschung des Feindes hinsichtlich etwaiger Angriffsabsichten sowie
mit Rücksicht auf eine dadurch beeinflußbare „Volksmeinung“, von eigener
Seite keine der insgesamt unerwünschten 2315 Frontveränderungen
durchgeführt und erlaubt wurde, mit Masse noch immer dort, wo die
Offensiven zum Stehen gekommen waren. Abgesehen von den zum Teil
versumpften Positionen an den Flußläufen der Ancre, Somme und Avre
waren dies vor Amiens durchweg weithin einsehbare Flächen einer nur noch
durch Siedlungstrümmer und Waldreste bereicherten früheren
Kulturlandschaft. Für militärische Verbände implizierte diese lediglich
geringe Deckungsmöglichkeiten und im Fall der Verteidigung nur dann
einen gewissen Vorteil, wenn die Sicht auf den sich annähernden Gegner
gewährleistet und ausreichend Kräfte zu seiner Abwehr vorhanden waren.
Der Ausbau der eher zufällig und in weiten Teilen wenig günstig
verlaufenden Abwehrlinien litt stark unter der geringen Personalstärke der
eingesetzten Einheiten und den unausgesetzten Bemühungen des Feindes,
die Stellungsbesatzungen durch stetigen Artilleriebeschuß und immer
wieder auch durch kleinere und größere Unternehmungen zu lähmen 2316 .

2314
Siehe Abschn. 10.1., 10.2. und 11.2.
2315
Der Zurücknahme der eigenen Linien auf verteidigungsfähigeres Gelände scheint aus
dem Sichtwinkel Ludendorffs vollends undenkbar gewesen zu sein. Während der noch
laufenden Offensiven galt die Täuschung des Gegners hinsichtlich eigener
Angriffsbemühungen aus deshalb absichtlich bestehengelassenen, weniger zur
Verteidigung geeigneten Positionen heraus als Tugend (siehe Abschn. 10.1.). Danach führte
Ludendorff „Prestigegründe“ an, die zum Festhalten am zuvor gewonnenen Gelände
zwangen; siehe dazu auch Aussagen Becks, welcher den Herren der HGr Rupprecht Bericht
über die Ereignisse nach dem 18.7.1918 erstattete, unter BA-MA, RH 61/50652:
Aufzeichnungen Kuhl, S. 173.
2316
Von „lebhafter Kampftätigkeit“ vor dem 8.8.1918 berichten die Truppengeschichten
durchweg; siehe bspw. Meyer, Werner (Hg.): Das Infanterie-Regiment von Grolmann
571

Ein Ergebnis dessen war, daß sich die Truppe bei der ihr verordneten
Umsetzung der Tiefengliederung auf kleinere Grabenstücke, Feldwachen
und Widerstandsnester stützen mußte 2317 . Selbst für die
Hauptwiderstandslinie galt dies, und so bestand sie beim RIR 265 nur aus
Schützenlöchern oder war „bestenfalls brusttief gegraben“ 2318 . Die
allerdings anscheinend nur in seinen persönlichen Aufzeichnungen faßbare
Besorgnis des Heeresgruppenkommandeurs, Kronprinz Rupprecht,
gegenüber der von Ludendorff am [Link] proklamierten Güte der
augenblicklichen Verteidigungspositionen an der Westfront war demnach
durchaus berechtigt 2319 . Die Behauptung Ludendorffs scheint hier insgesamt
die Folge einer durch den [Link] 1918 nur kurzzeitig überwundenen
Selbstüberschätzung gewesen zu sein, die, aus den unter eklatantem
Kräftemangel errungenen Abwehrerfolgen und der arroganten Annahme
eines unfähigen Gegners 1917 generiert, tatsächlich spätestens seit
Malmaison und Cambrai, besonders aber seit der Offensichtlichkeit des
gescheiterten Entscheidungsschlages und seiner Bedingungen im Frühjahr
1918 gefährlich fragwürdig hätte erscheinen müssen.
In den Kontext unüberwundener Selbstüberschätzung gehört auch das
zweite, wesentliche Resultat der Stellungskämpfe an Somme und Avre vor
der britisch-französischen Offensive. Die Kampfkraft der dort eingesetzten
Verbände konnte unter den gegebenen Bedingungen nur in die von der
[Link] aus dem „Marnebogen“ her bekannten Regionen absinken. Diese
Verhältnisse mußten die Wahrscheinlichkeit gering ausfallen lassen, daß die
vorhandenen Truppen einem kommenden, feindlichen Angriff -gleich, ob

([Link]) Nr. 18 im Weltkriege (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bd. 285),


Berlin/Oldenburg 1929, S. 373, Götz, August (Bearb.): Das K.B. [Link]-Regiment
Großherzog Friedrich II von Baden (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bayerische
Armee, Bd. 43), München 1926, S. 38ff., und Bergeder, Fritz: Das Reserve-Infanterie-
Regiment Nr. 202 auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges 1914-1918, Berlin 1939, S. 225.
2317
Siehe TG [Link] 8, S. 38f., TG IR 18, S. 371 und S. 375f., TG RIR 217, S. 204, TG RIR
202, S. 225f., TG IR 13, S. 308, und TG FAR 58, S. 270f.
2318
Siehe Walther, W. (Hg.): Das Res.-Infanterie-Regiment Nr. 265 (Aus Deutschlands
großer Zeit, Bd. 265), Zeulenroda 1933, S. 293f.
2319
Siehe HStAS, M 30/1, Bü. 162a, Bl. 18: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia Nr. 9670 geh.
op. vom 4.8.1918, und Otto/Schmiedel, Dok. Nr. 127, S. 311, bzw. Abschn. 11.5.2.
572

dieser nun nochmals so begrenzt wie etwa bei Hamel am [Link], oder eben
sehr viel größer, wie dann am [Link], ausfallen mochte- standhalten
können würden. Neben die Defizite des Stellungsbaus trat, daß die
deutschen Divisionen mangels Ersatzkräften dauerhaft den Belastungen
eines oft und über lange Zeit nur durch interne Ablösungen unterbrochenen
Stellungskrieges ausgesetzt waren. So konnte das GR 2 der [Link] bei
seiner Ablösung direkt vor dem [Link] 1918 auf denkwürdige 100 Tage
Einsatz vor Amiens zurückblicken, welcher die Gefechtsstärken der
Kompanien auf durchschnittlich 50 Mann reduziert hatte 2320 . Ganz ähnlich
sah es bei anderen Einheiten und Verbänden aus, die, wie die [Link],
welche mit 65 Offizieren und 2027 Unteroffizieren und Mannschaften im
Stellungskrieg vor dem [Link] theoretisch den Bestand von mehr als drei
Infanterie-Bataillonen eingebüßt hatte 2321 , an die Grenzen einer irgendwie
verantwortbaren Leistungsprognose gelangt war. Die Bataillone der
genannten Division verfügten am [Link] 1918 noch über eine
aufgerundete durchschnittliche Grabenstärke (ohne MGK) von rund 170
Mann und ihr Feldartillerie-Regiment war zum Abstellen von Bedienungen
für die überwiesenen „5. und [Link]ütze“ nicht in der Lage 2322 . Auf
britischer Seite nahm man an, daß die deutschen Divisionen in etwa auf
3.000 Mann kamen 2323 , und dies dürfte der Realität der infanteristischen
Gefechtsstärken durchaus angemessen gewesen sein.
Auch die zumindest in geringem Maß gewährten Ruhephasen hinter der
Front scheinen den physischen und psychischen Kräfteverschleiß der
Truppe nicht mehr aufgewogen zu haben, wie etwa die Truppengeschichte
des [Link] 8 sehr deutlich belegt und unter Hinweis darauf, daß die Führung

2320
Siehe TG GR 2, S. 433.
2321
Siehe TG RIR 202, S. 232. Angeführt wurde zwar, daß am 1.8.1918 Ersatz in Höhe von
565 Mann überstellt worden war, dieser jedoch „nicht verwendungsfähig“ gewesen sei. Die
Division hatte allein am 4.7.1918 zwei komplette Bataillone verloren.
2322
Siehe ebenda, S. 232f. Zu den „5. und [Link]ützen“ siehe Abschn. 11.2. Bose zitierte
zur Herausstellung der geringen Stärken Meldungen der [Link]. Diese, als „kampfkräftig für
den Stellungskrieg“ klassifiziert, konnte für den 3.8.1918 eine durchschnittliche
Grabenstärke (ohne MGK) ihrer drei Regimenter in Höhe von 255, 286 und 404 Mann
angeben; siehe Bose: Die Katastrophe, S. 28.
2323
Siehe Harris: Amiens, S. 107.
573

das Regiment trotz seines Hilferufes mangels Alternativen bereits Ende Juli
1918 wieder zum Fronteinsatz rief, unterstrich:
„Kampfwert der Truppe: Die acht Tage Ruhe im bewohnten Etappengebiet haben
den durch die lange, aufreibende Stellungszeit bei Hangard und Moreuil stark
herabgesunkenen Kampfwert der Truppe bis jetzt noch fast gar nicht heben können.
Im Gegenteil ist durch das Vorziehen des Regimentes nach Villers Carbonnel und
schließlich gar nach Proyart, nachdem man doch allgemein mit einer Mindestruhe
von drei Wochen rechnen zu dürfen glaubte, die Stimmung in der Truppe erheblich
schlechter geworden. Die derzeitigen, infolge der immer noch grassierenden sog.
spanischen Influenza, so geringen Kompaniestärken müssen einen Einsatz der
Truppe vorläufig als bedenklich erscheinen lassen. Andererseits tut es der Truppe
dringend not, endlich einmal richtig, systematisch und eingehend geübt und
ausgebildet zu werden.“ 2324

Eine ganze Reihe von Kommandeuren meldete Vorgesetzten, daß ihre


Truppenteile ablöse- und ruhebedürftig seien und keinerlei Gewähr für
zukünftige Gefechtsleistungen mehr übernommen werden könne 2325 . Die
katastrophalen Zustände, samt physischer und psychischer Auswirkungen
der Grippe-Pandemie, schlechter Verpflegung und der kritischen
Gesamtlage, die sich nach der Niederlage des [Link] laut Kuhl jedermann
durch „einen Blick auf die Karte“ erschloß 2326 , waren allerorten bekannt.
Daß rudimentäre Linderungsversuche direkt vor der Offensive, welche beim

2324
Zitiert nach TG [Link] 8, S. 40.
2325
Siehe Bose: Die Katastrophe, S. 27ff.
2326
Siehe BA-MA, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, S. 174: „Die Art wie wir in
unserer offiziellen Berichterstattung über die Ereignisse sprechen, ist unglaublich verkehrt.
Wir sprechen von großen Siegen, die uns erlauben, die Operationen in die gewünschten
Bahnen zu lenken usw. Darauf fällt doch niemand hinein. Ein Blick auf die Karte zeigt
doch jedem den Stand der Dinge. Wir haben Soissons aufgegeben und stehen wieder hinter
Aisne und Vesle. Eine gänzlich gescheiterte Operation [Kuhl bezieht sich auf den Angriff
am 15.7.1918], die uns ungeheure Kräfte gekostet und unseren ganzen weiteren
Operationsplan umgeworfen hat. Wir haben nicht einmal die nötigsten Divisionen zur
Ablösung der ausgebrannten Stellungsdivisionen, die wir immer wieder vertröstet haben.
Die Zuversicht des Gegners ist gewachsen, die Stimmung in der Heimat und das Vertrauen
der Truppe gesunken.“ Siehe hierzu auch Creutz, Martin: Die Pressepolitik der kaiserlichen
Regierung während des Ersten Weltkriegs. Die Exekutive, die Journalisten und der
Teufelskreis der Berichterstattung (Europäische Hochschulschriften, Reihe III, Bd. 704),
Frankfurt a.M. 1996, S. 264ff.
574

AOK 2 die bis zum Morgen des [Link] noch nicht abgeschlossenen
Ablösungen zweier vollends erschöpfter Divisionen umfaßten 2327 , zeitlich
mit der alliierten Offensive zusammenfielen und die Lage verschärften, war
sicherlich zufällig. Dennoch waren sie, da lediglich teilweise kampfkräftige
Verbände zum Einsatz gebracht werden konnten 2328 , bezeichnend für die
kritische Situation des deutschen Westheeres und für das voraussehbare
Resultat der bevorstehenden Kampfhandlungen.
Nach dem Abklingen der Schlacht um den „Marnebogen“, welche laut
Ludendorff bekanntlich nur begrenzte Angriffe nach sich ziehen konnte,
denen man mit Zuversicht entgegensehen durfte 2329 , liefen bei höheren
Stäben aus den Reihen der Fronttruppe diverse Meldungen über beobachtete
feindliche Aktivitäten ein 2330 . Eine davon, die trotz der erdrückenden
Luftüberlegenheit der Alliierten von einem Flieger gemacht werden konnte
und sich über etwa 100 feindliche Tanks im Anmarsch auf die Naht
zwischen 2. und [Link] ausließ 2331 , verdient besondere Beachtung. Nicht
deshalb, weil sie während der Recherchen innerhalb der amtlichen
deutschen Geschichtsschreibung des Weltkrieges als Falschmeldung
„entlarvt“ (1938) 2332 und im Kontext der Veröffentlichung der
Arbeitsergebnisse (1944/1956) zur Relativierung der Versäumnisse der
deutschen höchsten Führung angeführt wurde, sondern weil sie Eingang in
die Lagemeldung der Heeresgruppe Rupprecht vom [Link] 1918
gefunden hatte 2333 . Dies hätte nach dem Stand aller 1918 geltenden
Bestimmungen zur Tankabwehr, nicht zuletzt aber auch wegen der

2327
Zu den taktischen Auswirkungen der bei Angriffsbeginn noch nicht beendeten
Ablösungen siehe TG RIR 217, S. 204, TG RIR 265, S. 292ff., und TG GR 2, S. 433f.
2328
Es handelte sich um die [Link] und die [Link], welche nach einer Ruhezeit seit Ende
Juli als „voll kampffähig“ galt; siehe RA, Bd. 14, S. 554, Anm. 1, und zur [Link] Suhr
(Bearb.): Das [Link] Infanterie-Regiment Nr. 157 im Frieden und im Weltkrieg
1897-1919, Zeulenroda 1934, S. 286ff.
2329
Siehe Abschn. 11.5.2.
2330
Siehe Bose: Die Katastrophe, S. 17ff., TG IR 18, S. 379, und TG RIR 217, S. 201
(Kolonnenverkehr, Gefangenenaussagen, „Tankgeräusche“).
2331
Siehe ebenda, S. 18. Bose wertete die Tanks als jene 90 FT-17, welche der
französischen [Link] überweisen worden waren.
2332
Siehe RA, Bd. 14, S. 551 und dortige Anm. 2.
2333
Siehe Bose: Die Katastrophe, S. 18.
575

zumindest den höchsten Stäben bekannten und allerspätestens seit dem


[Link] überaus aktuellen Erfahrungen mit plötzlichen Tank-
Massenangriffen aufschrecken sowie entsprechende Reaktionen nach sich
ziehen müssen. Soweit bekannt ist, unterblieben diese vollständig 2334 .
In einem gewissen Gegensatz dazu fanden „Tankabwehrmaßnahmen“, um
einen relativ neutralen Terminus zu wählen, welcher keinerlei Urteil über
den Grad an Einheitlichkeit impliziert, durch die Stellungstruppen durchaus
Berücksichtigung. Jedenfalls insofern, als daß abgestellte
Tankabwehrgeschütze oder bespannte Tankabwehrbatterien der
Feldartillerie in Truppengeschichten ebenso erwähnt werden wie mit SmK-
Munition –von vornherein unzureichend 2335 - ausgestattete
Maschinengewehre 2336 . So berichtete etwa das FAR 58 der [Link] davon,
daß zwei Geschütze vorgezogen worden waren, in deren Feuerstellungen
100 Panzerkopfgranaten und 100 Schrapnells lagerten, daß eine
vergleichbare Munitionsausstattung auch in Batteriestellungen, von denen
aus Tanks vermutlich zu bekämpfen sein würden, vorhanden war, daß die
zur Tankbekämpfung vorgesehenen Maschinengewehre mit 1.000 Schuß

2334
Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang ein die Aufzeichnungen Marwitz’
kommentierender Abschnitt des vormaligen Stabschefs des AOK 2 und späteren Editors
der Aufzeichnungen des Armeebefehlshabers, Tschischwitz: „Für einen Großangriff
[hervorgehoben] waren aber an keiner Stelle Anhaltspunkte erkennbar geworden. Auch
eine Fliegermeldung über den Marsch von etwa 100 Tanks auf der Straße Ailly-Morisel,
also gegen den linken Flügel der Armee, konnte nicht als bedrohlich angesehen werden,
denn ein Tankangriff der Franzosen über [hervorgehoben] die Avre war unwahrscheinlich.“
Zitiert nach Tschischwitz: General v.d. Marwitz, S. 302. Macksey führte in diesem
Zusammenhang einen unbekannten Stabsoffizier mit den Worten an: „Not even a request to
keep a sharp look-out...The Army Staff was astonishingly indifferent.“ Zitiert nach
Macksey, Kenneth: Tank Warfare. A History of Tanks in Battle, Bungay 1971, S. 61.
2335
Siehe TG RIR 217, S. 209.
2336
Siehe TG IR 18, S. 378, TG RIR 217, S. 214, Pantlen, Hermann: Das
Württembergische Feldartillerie-Regiment König Karl (1.Württ.) Nr. 13 im Weltkrieg
1914-1918 (Die württembergischen Regimenter im Weltkrieg 1914-1918, Bd. 43), Stuttgart
1928, S. 184, ohne Verf.: Geschichte des [Link] Feldartillerie-Regiments Nr. 47,
Fulda 1920, S. 195, und Heidrich, Fritz (Bearb.): Geschichte des [Link]ßischen
Feldartillerie-Regiments Nr. 79 (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Artillerie-Heft
2), Berlin/Oldenburg 1921, S. 117.
576

SmK ausgestattet wurden und daß es einen „Leiter der Tankabwehr“


gab 2337 . Mit welchen Befugnissen dieser „Leiter“ konkret ausgestattet war
und inwieweit seine Funktion durch die sehr spezifischen Erfahrungen der
[Link] am [Link] 1918 motiviert war, muß unklar bleiben. Festzuhalten ist
aus Sicht und nach Erkenntnisstand des Verfassers, daß es sich bei dieser
Stelle offenbar um eine divisionsintern angestrebte, hier erstmalig benannte
Lösung eines Problems handelt, das in Form fehlender verantwortlicher
Fachoffiziere für Tankbekämpfungsfragen in der vorliegenden Arbeit
bereits im Zusammenhang mit den Vorschriften vom Frühjahr 1917
angesprochen worden ist 2338 . Zumindest bei einigen Verbänden waren
außerdem einige Tankgewehre vorhanden, und es war zudem so, daß
mancherorts der Versuch zur Umsetzung der jüngsten Befehle der OHL
hinsichtlich eines Schutzes der Stellungen durch Minen unternommen
wurde 2339 .
Wie sich aus einem späteren Befehl der Heeresgruppe Gallwitz über
Erfahrungen mit der sogenannten „Flachmine 17“ ergibt, stellte der
[Link] 1918 im Bereich des GK [Link] des AOK 2 deutscherseits die
erste praktische Erprobung dieser sicherlich für die meisten
Frontkommandeure neuen Abwehrwaffe dar 2340 . Das Attribut „neu“ kann

2337
Siehe TG FAR 58, S. 269.
2338
Siehe Abschn. 4.2.
2339
Zu den Tankgewehren berichtet die TG RIR 217, S. 205, vom Vorabend der Schlacht,
daß sich ein stellvertretender Bataillonsadjutant nach einem Gespräch mit
Offizierkameraden über Tanks dazu angeregt sah, Vorsorge zu treffen. Die Episode
kulminiert schließlich in der Aussage des Adjutanten, er habe sich „um das Tankgewehr
gekümmert und das Handgranatenlager nachgesehen“. In der Truppengeschichte wird
einige Seiten weiter ein zweites Gewehr genannt; siehe ebenda, S. 218. Ansonsten
schweigen sich die vom Verfasser durchgesehenen Truppengeschichten zu diesen Waffen
aus. Daß die [Link] über sie verfügte und in ihrem Abschnitt der Front auch Minen
einsetzte, ergibt sich aus dem späteren Erfahrungsbericht der Division; siehe HStAS, M
30/1, Bü. 162, Bl. 67: [Link] I Nr. 1042 geheim. vom 16.8.1918, Ziff. 1.)b). Die
Verwendung von Minen im britischen Angriffsraum vom 8.8.1918 wird zudem genannt bei
Dietz, Otto: Der Todesgang der deutschen Armee. Militärische Ursachen, Berlin 1919, S.
75.
2340
Siehe BA-MA, PH 3/975, Bl. 19: Auszug aus HGr Gallwitz Pi. Nr. 846 geh. vom
24.8.1918, Ziff. 1.)b).
577

dabei keineswegs darüber hinwegtäuschen, daß der Einsatz von


Tankabwehr-Minen nicht nur bei der Abwehr der deutschen Offensive am
[Link] 1918 durch die Franzosen sowie schon im März 1918 von den Briten
vorweggenommen 2341 , sondern nachweislich bereits Anfang November
1916 von einem auf tragische Weise eng mit der Evolutionsgeschichte des
Tanks verbundenen deutschen General, Theodor Freiherr von Watter,
angeregt worden war 2342 . Daß der damalige Gedanke an Minen zur
Tankabwehr -und parallel dazu der Gedanke an Anti-Personenminen- nicht
weiter verfolgt wurde, könnte eventuell durch die Zerstörungskraft des für
1916 und 1917 so charakteristischen Massenfeuers der Artillerie erklärt
werden, in dem feste Einbauten unsinnig erschienen sein müssen.
Andererseits besteht im Fall von Watters Eingabe des Jahres 1916 genauso
gut die Möglichkeit, daß sie in der Masse der bei höheren Stäben
eingereichten Berichte und Meldungen unterging oder spätestens nach den
Abwehrerfolgen in den Materialschlachten von 1917 ad acta gelegt wurde.
Ein weiterer oder alternativer Grund für die Zurückhaltung höherer
Dienststellen gegenüber versteckt ausgelegten Sprengmitteln ergab sich aus
früheren Frontversuchen, bei denen durch zu empfindliche Zünder eigene
Verluste entstanden waren und die Truppe aus Angst davor geradezu
„gelähmt“ gewesen sein soll 2343 . Die Besorgnis gegenüber dieser äußerst
unerwünschten Wirkung zeigte sich in den Äußerungen höchster Stabe zu
Minentypen von 1918 durch die Forderung nach Sicherheit der eigenen

2341
Siehe Kap. 11, Abschn. 11.5.2. und Kap. 13.
2342
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 721: GK [Link] Abt. IId Nr. 13262 vom 9.11.1916.
2343
Siehe dazu Seeßelberg: Der Stellungskrieg, S. 310: „In der ersten Zeit des
Stellungskrieges bauten die Pioniere zur Landsicherung der Truppe auch vielfach
‚Tretminen’ ein, welche explodierten, sobald jemand darauftrat, oder ‚Drahtminen’, die zur
Wirkung kamen, sobald an einem ausgelegten oder ausgespannten Draht gezerrt wurde. Die
Truppe selbst hat sich mit dieser Art der Sicherung nicht lange zu befreunden vermocht.
Der Verfasser wirkte in seinem Regiment jedenfalls auf baldige Befreiung dieser
Einrichtung hin, da ihr Vorhandensein die Mannschaften verängstigte und alle
Unternehmungslust lähmt; es waren wegen der beargwöhnten Drähte im Vorgelände bei
Reims zeitweise kaum Patrouillen hinauszubekommen. Die anfangs oft ausgelegten Tret-
und Drahtminen sind (außer im Gebirge) größtenteils wohl bald aus dem
Sicherungsbetriebe der Infanterie wieder ausgeschieden. Auch den Minensicherungen
gegen Kampfwagen scheint keine Zukunft beschieden zu sein.“
578

Truppe sehr deutlich 2344 . Unabhängig von der Überraschung durch


französische Tankabwehrminen und dem Fehlen industriell gefertigter
deutscher Sprengfallen war es im Sommer 1918 so, daß, offenbar von den
Pionieren des bislang von Tankangriffen unbetroffenen AOK 5, binnen
kurzer Zeit eine mit geringem Aufwand herzustellende Truppenlösung
improvisiert werden konnte. Ein im Bereich des AOK 1 bereits Anfang des
Jahres erfolgreich getestetes Modell, die „Flachmine 18“, spielte in diesem
Kontext kurioserweise keine Rolle, wie es überhaupt kaum Erwähnung und
Berücksichtigung gefunden zu haben scheint 2345 . Bei der Flachmine 17 des
AOK 5 handelte es sich um ein insgesamt 6kg schweres Behältnis, dessen
Ladung, 17 bis 20 Handgranaten-Sprengköpfe, durch einen auf große
Gewichte reagierenden Belastungszünder zur Explosion gebracht wurde 2346 .
Die Bewährung dieses Tankabwehrmittels stand Anfang August 1918 noch
aus, und daß in den vom Verfasser eingesehenen Truppengeschichten mit
keinem Wort auf es eingegangen wird, dürfte darauf hindeuten, daß im
angegriffenen Frontsektor vor Amiens nur eine sehr begrenzte Zahl der
Flachminen 17 behelfsmäßig angefertigt und verlegt worden ist 2347 .
Das Bild vollkommenen unterlegener deutscher Kräfte kulminiert vor dem
Hintergrund der obigen Bemerkungen darin, daß das dem britischen
Hauptstoß ausgesetzte AOK 2 am Morgen des [Link] 1918 zwar über
insgesamt 11 Divisionen in Linie und drei Divisionen dahinter verfügte,
deren Kampfwert aber erheblich und in mehrerlei Hinsicht eingeschränkt

2344
So betonte die HGr Gallwitz, daß die Flachmine 17 einen „besonders sinnreichen“
Zünder besitze, der nicht durch das Gewicht eines Schützen betätigt würde, und daß sie
gefahrlos auch auf steinigen Boden geworfen werden könne. Die OHL legte besonderen
Wert auf die eindeutige Kennzeichnung von Minenfeldern zum Schutz eigener Patrouillen
und darauf, daß das Gewicht des einzelnen Schützen keine Detonation auslösen würde;
siehe BA-MA, PH 3/975, Bl. 19: Auszug aus HGr Gallwitz Pi. Nr. 846 geh. vom
24.8.1918, Ziff. 1.)b), und ebenda, Bl. 18: Chef d. Genst. d. Feldheeres II. Nr. 9840 geh.
op. vom 15.8.1918.
2345
Siehe KA, HS 3402: AOK 1 Ia Pi. Nr. 47900/498/18 vom 11.1.1918, Ziff. 8), und Kap.
13.
2346
Siehe HStAS, M 30/1, Bü. 162a, Bl. 67: [Link] I Nr. 1042 geheim. vom 16.8.1918, Ziff.
1.)b).
2347
Siehe dazu Abschn. 12.5.2. bzw. HStAS, M 33/2, Bü. 300: AOK 2 Iab Nr. 577/August
geh. vom 21.8.1918, Ziff. 19.).
579

war. Trotz der überaus positiven Einschätzung der Leistungsfähigkeit dieser


Verbände durch die oberste Führung 2348 galten von den drei der für die
Umsetzung der Tiefengliederung so wichtigen „Eingreifdivisionen“ zudem
zwei als „abgekämpft“, und ein weiterer Verband dieser
Kampfwertkategorie lag in Stellung. Lediglich zwei Divisionen wurden als
voll kampfkräftig angesehen 2349 . Artilleristisch war das AOK 2 mit seinen
749 Geschützen 2350 dem Gegner im Verhältnis eins zu vier unterlegen,
wobei verschärfend hinzu kam, daß der Feind etwa 95% der Feuerstellungen
erkannt hatte und diese bei Angriffsbeginn erfolgreich unter Wirkungsfeuer
nehmen konnte 2351 . In der Luft, aber auch nur unter Einberechnung der
Hälfte der Fliegerkräfte der [Link], kam statistisch eines der 365
deutschen Flugzeuge auf fünf gegnerische Maschinen 2352 . Und diese
Berechnung basiert augenscheinlich auf den Angaben zum Sollbestand der
Flieger, der mit 166 Flugzeugen beim AOK 2 deutlich über der Zahl der 106
tatsächlich am [Link] startbereiten Maschinen lag 2353 . Die feindliche
Überlegenheit war in allen Bereichen erdrückend, ohne daß man an dieser
Stelle zusätzliche Überlegungen zur Leistungsbereitschaft der erschöpften
Verbände anstellen oder anführen muß.

12.3. Die Kämpfe am [Link] 1918.

Die ersten Stunden der Schlacht, die um 5.20 Uhr durch plötzlich und mit
größter Intensität einsetzendes Trommelfeuer der Artillerie eingeleitet
wurde, standen im Zeichen eines nahezu undurchdringlichen Nebels, dessen
taktische und psychologische Wirkung auf die Effizienz der deutschen
Verteidigung in einem später verfaßten Bericht eines Augenzeugen des FAR
58 erkennbar wird:

2348
Zur Bewertung der deutschen Verbände in der Rückschau auf den katastrophalen
8.8.1918 siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 545ff.
2349
Siehe RA, Bd. 14, S. 554, Anm. 1.
2350
Siehe ebenda Beilage 39g.
2351
Siehe bspw. TG FAR 47, S. 195f., und TG FAR 58, S. 282.
2352
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 25.
2353
Siehe dazu Baur de Betaz (u.a. Bearb.): Die Luftstreitkräfte, S. 156f. Im Soll enthalten
waren 52 Jagdflugzeuge und sechs Schlachtflieger.
580

„Ringsum, durch den feuchten Nebel eigentümlich gedämpft und zerstreut,


ertönt mit überraschender Plötzlichkeit stärker und stärker werdender Donner, zuerst
nördlich des Flusses [der Somme] aus der Gegend Morlancourt, dann gerade vor uns
bei Villers-Brétonneux. [... .] Nach wenigen Sekunden ertönen ringsum die
Abschüsse unseres Sperrfeuers. Jedem ist klar: Der Feind trommelt! Von Norden
nach Süden, soweit das Ohr reicht, umspült uns die gewaltig donnernde Flut. Man
weiß nicht, wo sie anfängt. Man weiß nicht, wo sie aufhört. [... . ] Das Feuer, wie aus
dem Jenseits herabgeschleudert, erreicht schnell den Grad äußerster Heftigkeit. In
dem tobenden Lärm kann man nur die nächstliegenden Schüsse unterscheiden, oft
nicht einmal diese. Nur das Surren der Sprengstücke um unsere Köpfe, der Qualm,
der um die Geschütze streicht, beweisen die Nähe des Einschlags. [... .] Noch verrät
kein M.G.-Geprassel, wie sonst, den Beginn des Infanteriesturmes. Die
Leuchtzeichen, die das Sperrfeuer lenken, verschluckt Nebel. Man ist völlig
abgeschnitten und der Batterieführer allein auf sich angewiesen.“ 2354

Das Gefühl der Soldaten in den Vorfeldpositionen, in der


Hauptwiderstandslinie und bei den Geschützbedienungen, völlig auf sich
allein gestellt zu sein, ergab sich aus Sichtweiten, die sich zumindest
anfangs auf maximal 10m belaufen haben sollen 2355 und jedwede visuelle
Wahrnehmung von Lage und Situation über diese Distanz hinweg
unmöglich machten, sowie daraus, daß Sichtbehinderung und feindliches
Artilleriefeuer optische Signalmittel und technische
Kommunikationsmöglichkeiten weitestgehend unbrauchbar gemacht
beziehungsweise dauerhaft zerstört hatten 2356 .
Im Unterschied zu den meisten Artilleristen, die, abgesehen von den
Bedienungen der vorgeschobenen Tankabwehrgeschütze, hinter der
Kampflinie der Infanterie standen, sich durch die Abgabe unbeobachteten
Sperr- und Vernichtungsfeuers auf vorher zugewiesen Räume von den
potentiellen Gefahren des Bevorstehenden geradezu ablenken und vor
einem Auftreten feindlicher Kräfte von einer Warnung durch die im obigen
Zitat erwähnten Anzeichen für den Kampf um die Stellungen ausgehen
konnten, mußten die Stellungsbesatzungen mit einer plötzlich über sie

2354
Zitiert nach Müller-Loebnitz: Das Ehrenbuch der Westfalen, S. 518f.
2355
Die Sichtweiten werden durchweg auf 5-10m angegeben; siehe bspw. TG RIR 215, S.
206, TG IR 18, S. 376, und TG FAR 79, S. 115.
2356
Siehe TG FAR 79, S. 115, TG FAR 13, S. 181, TG RIR 217, S. 206, und TG [Link] 8, S.
41.
581

hereinbrechenden Konfrontation rechnen. Dieser nervlichen Anspannung


sowie der Gewißheit, daß bei Gefechtsberührung nicht einmal der
allernächste Nachbar, das allernächste Maschinengewehrnest, geschweige
denn ein Nahkampfgeschütz oder die Artillerie würde unterstützen
können 2357 , und erst recht dem psychischen Druck, den dann tatsächlich aus
dem Nichts auftauchende, „gespenstische Umrisse der Tanks im Nebel“ 2358
vor der eigenen Position verursachten, hielt ein kaum quantifizierbarer,
möglicherweise nicht unerheblicher Teil der Truppe bei Gefechtsberührung
nicht stand. Soldaten ergaben sich, oder sie suchten, mit oder ohne Waffen
und zumindest teilweise nur halbbekleidet 2359 , ihr Heil in der Flucht nach
hinten 2360 .
Zum Bild eines „poor fight“ 2361 , den die deutschen Vorfeldbesatzungen und
Kampfbataillone aus später geäußerter Sicht der Angreifer lieferten 2362 ,

2357
Als einzige von den durchgesehenen Truppengeschichten benannte die TG RIR 217, S.
216, diesen Faktor als entscheidend. Die Überlegung, daß bei solchen Sichtweiten schon
jegliche Hilfestellungen durch die normalerweise –sicher auch menschlich- Allernächsten,
die Angehörigen der eigenen Einheit, ausgeschlossen sein mußten, scheint dem Verfasser
der vorliegenden Arbeit rein intuitiv eine gravierende Einschränkung der Kampfkraft
bedeutet zu haben.
2358
Siehe TG RIR 217, S. 210.
2359
Siehe dazu MO 1918, Bd. 4, S. 48, TG GR 2, S. 434f., TG FAR 79, S. 115, und TG
RIR 217, S. 222. Vor allen den zu Gegenstößen antretenden Einheiten scheinen durchweg
bereits von Kampf gezeichnete, verwundete, unverwundete und bzw. oder nur mit „Hemd
und Hose“ bekleidete Soldaten begegnet zu sein.
2360
Siehe bspw. TG FAR 13, S. 187, TG FAR 79, S. 115, TG GR 2, S. 434f., Fletcher:
Tanks and Trenches, S. 148f. (Bericht über den Einsatz von Tank No. 9003 des [Link]-
Bataillons), oder MO 1918, Bd. 4, S. 48, dort: „Twenty-one of the twenty-eight tanks (six
being held in reserve and one ditched) reached the front line on the plateau and went ahead
of the 13th and 14th Battalions [der kandischen Infanterie]. The Germans whom they
encountered, demoralized by their looming up out of the mist, fled, many only half
dressed.”
2361
Siehe Fletcher: Tanks and Trenches, S. 149 (Bericht über den Einsatz von Tank No.
9003 des [Link]-Bataillons). Das kanadische amtliche Werk führte an, daß sich der
Vorstoß in den ersten Stunden für viele Soldaten eher wie ein Marsch ausnahm, nicht wie
der entscheidende Auftakt einer großen Schlacht; siehe Nicholson, Gerald W.L.: Canadian
Expeditionary Force 1914-1919 (Official History Of The Canadian Army In The First
World War), Ottawa 1964, S. 374.
582

gesellten sich Beispiele energischster Gegenwehr andernorts. Diese


schwand zuweilen erst nach dem im Zweifelsfall verlustreichen
Heranarbeiten des Angreifers an ein Widerstandsnest bis auf wenige
Meter 2363 , oder bedeutete im Extrem eine deutsche Geschützbedienung, die
auf minimale Distanz den direkten Schuß auf einen Tank und somit die
gemeinschaftliche Selbsttötung durch die Explosion der eigenen Granate
wählte 2364 . Worauf diese Reaktionen zurückzuführen sind, ob auf
entschlossenere Führer, ausgeprägteres „Kameradschaftsgefühl“, blindes,
weiterhin festes oder gefestigteres Vertrauen auf die Funktionsweise des
Abwehrverfahrens mit der zu erwartenden Entlastung durch Gegenstöße
und Gegenangriffe, den Umstand, daß einige dieser Teile vielleicht
„lediglich“ von feindlicher Infanterie angegriffen wurden 2365 , oder gar die
Möglichkeit, daß das Ausmaß der Kämpfe und die Vorgänge außerhalb der
begrenzten, wortwörtlich „vernebelten“, eigenen Perspektive gar nicht zu
Bewußtsein und Kenntnis der Soldaten kamen 2366 , mag dahingestellt
bleiben. Im Fall der genannten Geschützbedienung, für welche diese
Annahmen nur partiell Bestand gehabt haben dürften und für deren
Verhalten diese Aspekte aus heutiger Sicht zudem auch keinerlei nur
halbwegs plausible Erklärung bieten, kommt man auf dieselben,
menschlichen Unerklärbarkeiten zurück, die in der vorliegenden Arbeit
bereits in Form zahlreicher Beispiele für die Nahbekämpfung von Tanks mit
affektgleichem und suizidähnlichem Charakter erwähnt worden sind 2367 .

2362
Siehe bspw. Fletcher: Tanks and Trenches, S. 156 (Bericht des [Link]-Bataillons): „A
number of tanks were ditched from inability to see the ground in front of them; as against
this disadvantage the moral effect upon the enemy of tanks emerging upon them from the
mist was enormous, and the fist objective was won with comparative ease.”
2363
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 51.
2364
Siehe ebenda, S. 46, Anm. 1.
2365
Siehe ebenda, S. 48: „The enemy parties in the intervals between the tanks, however,
though surprised, offered stout resistance to the on-coming infantry. Leaving these to be
dealt with by the supports, the leading lines pushed on in the fog.”
2366
Immerhin berichtete das FAR 13 sehr eindrucksvoll darüber, daß man es im Nebel gar
nicht wahrgenommen hatte, wie in direkter Nähe zu den eigenen Feuerstellungen Tanks
durchgebrochen waren; siehe TG FAR 13, S. 187.
2367
Siehe etwa Abschn. 3.3. und 9.4.
583

Das, was die Truppengeschichte des IR 13 unter „kurzer Heldenkampf“, der


sich, wenn nicht gleich durch Tanks, dann aber durch die folgende britische
Infanterie entschied, beispielhaft für andere Einheiten am [Link] 1918
subsumiert 2368 , stellte für den Gegner und nicht zuletzt seine
Tankbesatzungen eine Herausforderung dar, deren Überwindung in der
britischen amtlichen Geschichtsschreibung (1947) an zahlreichen Stellen
gewürdigt wurde. Etwa im Zusammenhang mit dem [Link] des Tank
Corps bei der angreifenden [Link] der kanadischen Infanterie:
„The machines of A Company, except for one, gave little but moral aid to the
infantry. They had to cross the Luce at Domart bridge in single File, and about four
minutes after Zero [5.24 Uhr], the last tank when a hundred and fifty yards clear of
the bridge received two direct hits. The barrage on the road being very heavy, the
remaining 13 tanks were deployed and three became ditched in the swamp. Six other
tanks received direct hits before reaching Hamon, thus only six remained.” 2369

Wie sich später erst in aller Deutlichkeit zeigen sollte, erreichten die
Fahrzeugausfälle durch technische Pannen, das Festfahren von Tanks im
Gelände und feindlichen Beschuß ein Ausmaß, das im Kampf seit Flandern
1917 und sonst überhaupt nur während der ganz anders gelagerten
Verhältnisse des März 1918 vorgekommen war. Das Risiko, welches
zugunsten eines auf einen Sieg im ersten Anlauf angelegten Gewaltstoßes
mit der Offensive im Nebel eingegangen worden war, zeigte seine Tücken
so schnell wie seine Wirkung auf den Feind. Eine Anzahl Tanks hatte ihre
Sturmausgangsstellungen gar nicht erst erreicht, weil die
Fahrzeugbesatzungen Marschwege nicht erkennen konnten oder
verfehlten 2370 , und im wenigstens eingangs „nebulösen“ Trubel der Schlacht
verloren Besatzungen den letzten geographischen Überblick und standen
schließlich dort, wo sie laut Operationsplan nicht hingehörten 2371 . Die

2368
Siehe TG IR 13, S. 310.
2369
Zitiert nach MO 1918, Bd. 4, S. 45. Die oben genannte Geschützbedienung war für
einen der hier genannten Abschüsse verantwortlich.
2370
Siehe bspw. ebenda, S. 45.
2371
Neben zahlreichen anderen Textstellen siehe ebenda, S. 50 (Zitat aus dem
Kriegstagebuch des [Link]-Bataillons): „According to the battalion diary: although the
ground was hard and suitable, ‚all tanks more or less lost direction and most, when the mist
584

Auswirkungen dieser Entwicklung, welche die Zusammenarbeit von Tanks


und Infanterie nachhaltig, aber anscheinend in Hinsicht auf das
Tagesergebnis letztlich nicht wesentlich störte, lagen zum größten Teil im
Bereich der Fortsetzung der Offensive. Zu einem anderen Teil lagen sie
allerdings auch bereits im Bereich der Art, wie sich die britischen Angreifer
dem letzten Hindernis vor dem Erreichen des Primärziels, der durch
Rawlinson definierten Linie Méricourt, Harbonnières, Caix, Quesnel und
Hangest 2372 , den deutschen Artilleriestellungen, näherten.
Versprengte Infanteristen, die an den Feuerstellungen des FAR 79 bereits
um 6.30 Uhr unter dem Zuruf „Alles ist verloren!“ vorbeigekommen sein
sollen, veranlaßten die Bedienungen dazu, ihre Geschütze zur
Tankbekämpfung und Sturmabwehr aus den Deckungen heraus auf freies
Feld zu bringen 2373 . Ausgewichene, noch bewaffnete und mit Munition
ausgestatte Reste der Stellungsbesatzungen stellten sich ebenfalls zum
Kampf und bildeten zusammen mit den jeweils divisionseigenen
Gegenstoß-Kräften, darunter aus Trainsoldaten und Schreibern bestehende
„letzte Reserven“ 2374 , die beim Vorgehen in völlig unklarer Lage und im
Nebel teilweise Gefechtsberührung bekommen hatten, aber nicht völlig
zersprengt worden waren, Auffanglinien 2375 .
Hinter diesen Linien, wo Bagagen, rückwärtige Dienste und Verwundete
versuchten, sich gemäß der jüngsten Befehle 2376 nach Osten abzusetzen,
wirkten feindliche Flieger verheerend. Wie der Führer einer erst am

cleared, found themselves in sectors other than their own.” Siehe dazu auch Fletcher: Tanks
and Trenches, S. 154 (Bericht des [Link]-Bataillons), und CEF, S. 373.
2372
Siehe Kap. 12.
2373
Siehe TG FAR 79, S. 115.
2374
Siehe TG IR 13, S. 311, und TG RIR 217, S. 229.
2375
Siehe TG RIR 217, S. 208 und S. 222f., TG [Link] 8, S. 40f., TG RIR 202, S. 226f., und
TG RIR 265, S. 298.
2376
Siehe etwa TG RIR 217, S. 230. Die TG RIR 265, S. 303, nennt als Zeitpunkt für den
Befehl zum Abrücken der Bagagen nach Osten 7 Uhr. Interessant ist in diesem
Zusammenhang der spätere Erfahrungsbericht der [Link], die das Abrücken ihrer Bagagen
als schwere Pflichtverletzung auslegte. Es ist zu spekulieren, ob dieser Tatbestand
tatsächlich, etwa durch gerüchteweise, „panische“ Überlieferung am 8.8.1918, oder dann
doch durch einen der Division bei Abfassung ihres Berichts nicht bekannten Befehl eines
ihrer Offiziere verursacht worden ist; siehe dazu Abschn. 12.5.2. bzw. TG IR 18, S. 380f.
585

[Link] zur [Link] überstellten Pionierformation in seinem Tagebuch


festhielt, begannen diese „mit dem Maschinengewehr zu mähen“, was ein
Bild ergab, dessen nähere Beschreibung dem Augenzeugen unmöglich
erschien 2377 . Damit nicht genug, einzelne Panzer-Fahrzeuge, denen es
gelang, einen Weg bis hinter die noch existenten Verteidigungspositionen
zu finden, traten nun erstmals auch real in einer Rolle auf, die bei Arras
1917 2378 schon als Gerücht für Besorgnis gesorgt hatte. Nun
„wirtschafteten“ Tanks und Panzerwagen, um Thaers Ausdruck aus der
Osterschlacht zu gebrauchen, tatsächlich unter völlig überrumpelten
Schanzkommandos 2379 und in den Kolonnen und Trains 2380 .
Mit zeitlichen Versetzungen, die von Geschwindigkeit und Ausmaßen des
Einbruchs in die deutschen Linien –die bei der Abwehr erfolgreichere [Link]
attestierte bei ihrem linken Nachbarn, der [Link], bereits um 8 Uhr eine
Tiefe von 4 bis 5km 2381 - abhängig waren, standen die deutschen Batterien
mit oder ohne Infanteriebedeckung wenige Stunden nach Beginn des
Angriffs im Feuergefecht mit feindlichen Tanks und feindlicher Infanterie.
Letztere trat meist geschlossen auf, erstere kamen, je nach lokaler Situation,
durch vorherige Ausfälle und den Nebel bedingt 2382 , in kleineren Gruppen
oder auch einzeln nacheinander an die Stellungen heran. Ein massives
Problem bei ihrer Bekämpfung bestand bereits am frühen Morgen in
zusehends zusammenschrumpfenden Munitionsbeständen der Artillerie 2383 ,
welche seit Auftakt der Schlacht ihre Sperrfeuerräume beschoß, aber von
rückwärts zuerst keinen Nachschub und dann später auch keine Protzen zum

2377
Siehe Kriegstagebuch 1914/18 des Feldwebel-Leutnant Goos, Führer der Armee-
Brücken-Abteilung 4, Eintrag zum 8.8.1918 (Manuskript, im Besitz des Verfassers der
vorliegenden Arbeit).
2378
Siehe Abschn. 5.3.
2379
Siehe TG RIR 217, S. 213
2380
Bekannt wurde nach dem Krieg besonders die Geschichte von „Musical Box“, einem
Whippet, welcher ohne weitere Unterstützung stundenlang hinter den verbliebenen
deutschen Positionen gegen Versprengte und Kolonnen wirkte und nach 11 Stunden
Einsatz schließlich von einer Granate in Brand geschossen wurde; siehe William-Ellis:
Tanks Corps, S. 201ff., und Mitchell: Tank Warfare, S. 240f.
2381
Siehe TG FAR 13, S. 182.
2382
Siehe William-Ellis: Tank Corps, S. 198.
2383
Siehe TG IR 18, S. 377, TG RIR 265, S. 296, und TG FAR 13, S. 187.
586

Bergen der Geschütze mehr bekam. Und ein weiteres Problem lag im
entstandenen Mangel an Infanteriemunition, namentlich an SmK-Patronen.
Letztere waren von den Stellungstruppen zuvor mit einigem Erfolg auch
gegen Tanks 2384 verschossen worden, oder sie mußte, nachdem sich der
Nebel langsam lichtete und feindliche Schlachtflieger im Tiefflug in großer
Zahl angriffen 2385 , zur Fliegerabwehr gebraucht werden 2386 . Die Furcht
gegenüber den Tanks, die der Chef der 2./FAR 13, Hauptmann von
Gravenitz, nach dem Ausfall seiner Geschütze und wegen des Fehlens von
Stahlkernpatronen später eingestand 2387 , mag unter diesen Bedingungen
auch bei vielen Mannschaften vorhanden gewesen sein, so daß nicht
wenige, verwundet und unverwundet, panisch oder in berechtigter
Erkenntnis ihrer Chancenlosigkeit, mit und ohne Waffen, auf eigene Faust
die Feuerstellungen, verbliebenen Widerstandsnester und Auffangstellungen
verließen 2388 . Der Kampf zwischen den britischen Angreifern und den in
erster Linie auf die noch feuerbereite deutsche Artillerie sowie auf die
verbliebenen Maschinengewehre gestützten Verteidigern verlief, den
einheitlichen Bedingungen im Zentrum des alliierten Angriffs entsprechend,
grundsätzlich sehr ähnlich. Die Truppengeschichte des FAR 47 berichtete
hierzu exemplarisch über das Ende der 6. und [Link] des Regimentes:
„Allmählich verzog sich der Nebel und es wurde klarer. Bald tauchten auch von
Süden her in der Flanke der Batterien Tanks auf, von denen drei erledigt wurden,
Infanterie folgte. Von einzelnen zurückkommenden Infanteristen und Minenwerfern
unterstützt, hielten sich die beiden Batterien mit den noch feuerbereiten Geschützen,
Maschinen-Gewehren, Handfeuerwaffen und Handgranaten in erbittertem
Nahkampf, bis die schwache Bedienung von der gewaltigen Uebermacht von Süden
und Westen erdrückt wurde. Gegen 9.30 Uhr fielen die beiden Batterien in
Feindeshand, nachdem die [Link] noch in den letzten Minuten mit ihrem noch

2384
Siehe TG RIR 217, S. 222f.
2385
In den Truppengeschichten werden feindliche Fliegerkräfte durchweg genannt und
erscheinen somit als ein Hauptcharakteristikum des auf materielle und technische
Überlegenheit bauenden britischen Angriffs; siehe dazu u.v.a. TG RIR 217, S. 207 oder S.
223, TG IR 18, S. 378.
2386
Siehe TG RIR 217, S. 209, S. 222 und S. 232, und TG IR 13, S. 312.
2387
Siehe TG FAR 13, S. 187.
2388
Siehe ebenda und TG IR 18, S. 380 TG RIR 202, S. 231.
587

einzig feuerbereiten Geschütz die bereits von Feind genommene [Link]


beschossen hatte.“ 2389

Bevor Batteriestellungen überrannt, vom Feind eingekreist zur Übergabe


gezwungen oder von ihren Besatzungen aufgegeben wurden 2390 , brachten
die Bedienungen zumindest den gepanzerten Angreifern vielerorts
erhebliche Verluste bei. So beispielsweise im Bereich des RIR 265, wo eine
Haubitze des FAR 243 vier Tanks abgeschossenen haben soll 2391 , oder bei
der 6./FAR 58, die mit noch zwei feuerbereiten Geschützen an der
Römerstraße nach [Link] stand. Von vorüberfahrenden Panzerwagen
bereits ausflankiert, konnte die Batterie vor ihrer Überwältigung sieben
Tanks zerstören 2392 .
Die zurückgehenden Überbleibsel der Stellungstruppen sowie
Alarmreserven und in Gefechtsbereitschaft versetzte Stäbe versuchten
daraufhin, eher in Kampfgruppenmanier, als noch auf formationstechnischer
oder „einheitlicher“ Basis, das Vorankommen des Feindes zu vereiteln.
Unterstützung fanden sie hierbei durch den Einsatz der für Gegenstöße und
Gegenangriffe bereitgehaltenen, numerisch an sich schwachen Kräfte. Zu
diesen gehörte beispielsweise die bespannte „Tankbatterie“ des FAR 79, die
ab 6.30 Uhr im Einsatz war und im Laufe des Tages sechs Tanks zerstörten
konnte 2393 , oder zwei am Vortag abgelöste Bataillone des GR 2, die gegen
8.30 Uhr aus ihrem frischbezogenen Ruheraum abgerückt waren und ohne
Begleitung durch Artillerie auf das Gefechtsfeld vorgingen. Wie die
Truppengeschichte in einem dem Alter und elitären Selbstverständnis des
1679 gestifteten, preußischen Grenadier-Regimentes angemessenen, nichts

2389
Zitiert nach TG FAR 47, S. 196.
2390
Siehe bspw. TG RIR 217, S. 218 und S. 223, TG IR 18, S. 377, TG FAR 13, S. 186, TG
FAR 47, S. 195, TG FAR 58, S. 282, und William-Ellis: Tank Corps, S. 198f. Das
kanadische amtliche Werk führte den Widerstand inmitten der wahrgenommenen
Auflösungserscheinungen folgendermaßen an: „Although there were some cases of German
gun crews being credited with firing until the last round before they deliberately destroyed
their pieces.“ An anderer Stelle wurde konstatiert: „There were costly tank casualties from
German batteries firing over open sights“; siehe CEF, S. 377 bzw. S. 378.
2391
Siehe TG RIR 265, S. 302.
2392
Siehe TG FAR 58, S. 283.
2393
Siehe TG FAR 79, S. 117.
588

weniger als arroganten Tonfall berichtete 2394 , glaubte den als „Gesindel
ohne Waffen“ klassifizierten Kameraden, auf die man traf und die über den
bisherigen Gefechtsverlauf Auskunft gaben, zuerst niemand. Dann tauchte
völlig überraschend ein einzelner Tank auf, der durch zusammengefaßtes
Maschinengewehr- und Minenwerferfeuer in Brand geschossen werden
konnte. Kurz darauf sah man sich, urplötzlich, mit Mengen an Tanks, von
denen schließlich zwei kampfunfähig gemacht werden konnten, Infanterie
und Kavallerie sowie energisch attackierenden Schlachtfliegern
konfrontiert 2395 .
Heftige Feuergefechte und Nahkämpfe entspannen sich um einzelne, mehr
oder weniger isolierte Positionen, lokal gebildete Auffanglinien,
Waldstücke, Ruhe- und Stabsquartiere. Die Deutschen, so wie gerade für die
beiden schwachen Bataillone des GR 2 dargelegt, waren hierbei
hoffnungslos unterlegen 2396 und konnten beispielsweise bei der
Verteidigung des Divisionsstabes der [Link], sozusagen beim letzten
Kampf um die imaginäre „Truppenfahne“, um die „Ehre, Vergangenheit
und Zukunft“ eines Verbandes des Ersten Weltkrieges, noch ungefähr 500
Mann verschiedenster Kampf- und Unterstützungseinheiten
mobilisieren 2397 . Anders als im Fall dieses Divisionsstabes, bei dem der

2394
Siehe TG GR 2, S. 434ff.
2395
Daß es sich auch gerade bei den abziehenden rückwärtigen Einheiten nicht unbedingt
einfach um „Gesindel“ handelte, erschließt sich aus den in der Truppengeschichte des FAR
221 angeführten Beobachtungen beim Eintreffen auf dem Gefechtsfeld: „Reste der
überrumpelten deutschen Truppen fluteten uns entgegen, Inf. Bagagen, Kolonnen,
Sanitätskompanien, einzelne Protzen und sonstige Fahrzeuge, die die Verbindung mit ihren
Verbänden verloren hatten und sich vor dem rasch vordringenden Feinde zu retten suchten.
Feldpost in hilfloser Verzweiflung will uns die Kasse anvertrauen. [... .] ‚Wollt ihr zum
Tommy fahren?’ rief man uns entgegen. Aber genaue Angaben konnte keiner machen. Die
wüstesten Gerüchte schwirrten umher, engl. Kav. sei in unserem Rücken in Chaulnes usw.
Der erste Eindruck war der eines fürchterlichen Durcheinanders, hoffnungsloser
Verwirrung und Kopflosigkeit. Unsere Abtlgen. [Abteilungen] waren wirklich der einzig
ruhende Pol.“ Zitiert nach Beyer, Walther/Scheitza, Erich: Königlich Preußisches
Feldartillerie-Regiment Nr. 221 (Deutsche Tat im Weltkrieg 1914/18, Bd. 13), Berlin 1933,
S. 271.
2396
Siehe auch bspw. TG IR 157, S. 292f.
2397
Siehe TG RIR 217, S. 230f.
589

Angreifer abgewiesen werden konnte und vier Tanks durch


Maschinengewehrbeschuß mit SmK-Patronen verlor 2398 , widerstanden viele
andere Positionen der Vehemenz und den Mitteln, mit welchen der
Angreifer Ziele anging, nicht 2399 .
Im Gegensatz zum bis hierhin entstandenen Eindruck eines in der Masse
ungebrochenen Fortschreitens der Operation der britischen [Link] stand
am frühen Nachmittag, daß einige Positionen der deutschen
Restverteidigung nicht mehr attackiert wurden, nachdem dort Vorstöße
abgewiesen worden waren und die Kampfhandlungen andernorts, etwa beim
oben erwähnten GR 2, das am Abend unbehelligt auf eine weiter hinten
notdürftig gebildete Linie zurückzugehen konnte 2400 , auf Feuerkämpfe
begrenzt blieben. Auch das zum augenblicklichen Gegenstoß gegen den
gerüchteweise allerorten durchgebrochenen und jetzt unbehelligt
vorgehenden Feind eilends per Lastkraftwagen herbeigeholte FR 122 traf
am Spätnachmittag lediglich auf die eigenen, spärlichen Sicherungen und
schob sich, so wie beispielsweise auch die eintreffenden Batterien des FAR
221 2401 , in die vorhandenen, sehr dünnen Verteidigungslinien ein 2402 .
Der Grund dafür, daß der Angreifer nicht mehr oder eben nur noch mit
signifikant verminderter Aggressivität an einzelnen Stellen weiter vorstieß,
ergab sich daraus, daß das Primär- und Tagesziel bis dahin -beim
Australischen Korps war dies gegen 13.30 Uhr bereits gegeben-
weitestgehend erreicht worden war. Unter Rücksichtnahme auf die während
des tiefen und rapden Vordringens entstandene erst einmal konfuse Lage

2398
Siehe ebenda.
2399
Siehe bspw. CEF, S. 377. Die dort genannte Wegnahme eines energisch verteidigten
Waldstückchens unter Beteiligung von Tanks wurde als „one of the finest features of the
day“ beschrieben.
2400
Siehe TG GR 2, S. 438. Siehe etwa auch TG IR 13, S. 313.
2401
Siehe TG FAR 221, S. 270ff.
2402
Siehe dazu Gnamm, Hellmut: Das Füsilier-Regiment Kaiser Franz Joseph von
Österreich, König von Ungarn (4.Württ.) Nr. 122 im Weltkrieg 1914-1918 (Die
württembergischen Regimenter im Weltkrieg 1914-1918, Bd. 14), Stuttgart 1921, S. 225f.
Sie auch Storz, Karl: Das Württ. Feld-Artillerie-Regiment Nr. 238 im Weltkrieg 1914-1918
(Die württembergischen Regimenter im Weltkrieg 1914-1918, Bd. 16), Stuttgart 1921, S.
85.
590

und die durcheinandergeratenen Einheiten sowie wegen eines sich


wenigstens in der subjektiven Wahrnehmung versteifenden Widerstandes
des Feindes entschieden Führer vor Ort, es beim plangemäßen Etablieren
einer durchgängigen Verteidigungslinie zu belassen 2403 . Detaillierte
Anweisungen zur Fortsetzung des Angriffs, der schließlich schon zeitig
einen Einbruch von bis zu 12km Tiefe bedeutete, waren im Operationsplan
für die Infanterie auch nicht enthalten gewesen. Die zum Vorgehen über das
erreichte Primärziel vorgesehene Kavallerie hatte ihre Unterstützung durch
die Whippets im Nebel und wegen der unterschiedlichen
Marschgeschwindigkeiten bereits früher verloren 2404 . Berittene Stöße über
die eigene Infanterie hinweg scheiterten im deutschen Abwehrfeuer,
welches gegen Kavallerie, wie so oft zuvor, mit verhältnismäßig geringem
Aufwand und Einsatz wirkungsvoll war, oder sie blieben Episoden, bei
denen sich vorgepreschte Schwadronen schließlich wieder auf die
neugewonnene Infanterielinie zurückzogen 2405 . Für das Oberkommando der
britischen [Link] und Haig, in deren Verantwortung das weitere Vorgehen
lag, hatten sich aufgrund der nach und nach eintreffenden Lageberichte aus
der insgesamt verheißungsvollen Situation an den Operationsflanken zudem
Probleme ergeben. Das [Link] hatte die Ziellinie, die „Amiens Outer
Defences“, mit seinen beiden Angriffsdivisionen nicht erreicht, und auf der
anderen Seite des Schlachtfeldes verlautbarte Debeney, daß seine Armee
erst am nächsten Tag auf Höhe der Eindringtiefe des britischen Stoßes zur
Fortsetzung der Operation bereitstehen könne. Dem so vermittelten
Eindruck angemessen, welcher bei sofortiger Fortsetzung der Operation
keine einheitliche Angriffsfront, sondern lediglich einen an den Flanken den
wenigstens erfahrungsgemäß zu erwartenden deutschen Gegenmaßnahmen
gegenüber exponierten Stoß zu bedeuten schien, wurde der Entschluß
gefaßt, die verbleibenden Stunden des [Link] für Vorbereitungen zur
Wiederaufnahme des Angriffs am nächsten Morgen zu nutzen 2406 .

2403
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 71ff.
2404
Siehe William-Ellis: Tank Corps, S. 201
2405
Siehe bspw. MO 1918, Bd. 4, S. 69f.
2406
Siehe ebenda S. 85ff.
591

Dieser wie auch immer zu bewertende Verzicht auf die sofortige


Weiterführung des Angriffs, dessen Auswirkungen sich wohl nur dem
später und aus vermeintlich informationstechnisch überlegener Position
heraus Wertenden in der vollen Bandbreite eines abzuschätzenden Für und
Wider erschließt, relativierte das beeindruckende Ergebnis des ersten Tages
der Schlacht vor Amiens grundsätzlich nicht. Den Deutschen war binnen
weniger Stunden eine der in jeder Hinsicht schwersten militärischen
Niederlagen des Krieges bereitet worden und dabei waren die eigenen
Verluste erstaunlich gering ausgefallen. Bis zum Abend hatten die
Deutschen knapp 12.500 Gefangene an die britische [Link] und weitere
3.300 Gefangene an die französische [Link] verloren 2407 . Dazu konnten
unüberschaubare Mengen an Waffen und Kriegsgerät aller Art sowie
mindestens 330 Geschütze 2408 als Beute eingebracht werden. General von
der Marwitz bezifferte die Verluste seiner Armee auf knapp 28.000 Mann
und 400 Geschütze 2409 , die sich im Bild gesammelter Reste deutscher
Bataillone, die am Abend die neue Frontlinie bildeten, durchaus
widerspiegelten. Das RIR 217 konnte am [Link] noch eine Kompanie
unbekannter Größe bilden 2410 , das RIR 265 am selben Tag noch ein
Bataillon mit 11 Offizieren und etwa 200 Mann 2411 , das IR 18 verfügte am
[Link] über etwa 100 Mann in Linie 2412 . Das FAR 58, das innerhalb der
großen Zahl ausgefallener Regimentsangehöriger 59 Richtkanoniere, 47
Fahrer und 80 am Maschinengewehr ausgebildete Soldaten als schwerlich
zu ersetzenden Verlust an Spezialisten zu verbuchen hatte, dazu sämtliche
Geschütze und über 250 Pferde 2413 , bestand nur noch auf dem Papier.
Demgegenüber beliefen sich die britischen Ausfälle auf weniger als 9.000

2407
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 84f.
2408
Siehe ebenda, S. 85, und vergleiche ebenda, S. 58 und S. 73, wo als Geschützbeute des
Kanadischen Korps 161 und 173 für das Australische Korps 173 angegeben sind.
2409
Siehe Loßberg: Meine Tätigkeit im Weltkriege, S. 354.
2410
Siehe TG RIR 217, S. 232.
2411
Siehe TG RIR 265, S. 310.
2412
Siehe TG IR 18, S. 384.
2413
Siehe TG FAR 58, S. 287.
592

Mann 2414 , von denen schätzungsweise 3.500 auf das Kanadische und
lediglich 652 Mann (!) auf das Australische Korps, welche die Speerspitze
des Angriffs gebildet hatten, entfielen 2415 . Schwerwiegendere Verluste
waren beim Royal Flying Corps eingetreten, das zwar effektiv mit
Schlachtfliegern in die Kämpfe hatte eingreifen können, aber zumindest
über den Randbereichen des Schlachtfeldes heftigst von deutschen Fliegern
attackiert worden war. Insgesamt 96 (13%) Maschinen gingen an diesem
„unlucky day“ des RFC verloren 2416 . Noch gravierender stellten sich die
materiellen Ausfälle beim Tank Corps dar, das laut amtlicher Angabe mit
415 Fahrzeugen im Einsatz gewesen war. Von diesen wurden 100 (24%)
durch direkte Waffenwirkung des Feindes außer Gefecht gesetzt 2417 , was im
prozentualen Verhältnis zu vorherigen Tank-Einsätzen an sich keine
Abweichung von einer erfahrungsgemäß immer hohen Verlustziffer
darstellt. Was allerdings die Gesamtausfälle des Tank Corps unter
Einberechnung aller nur denkbaren Pannen und Mängel anbelangt, so ergibt
sich aus der Tatsache, daß am Morgen des [Link] 1918 nur 145 Tanks
klar zum Gefecht waren 2418 , ein 65%iger Fahrzeugschwund nach dem ersten
Gefechtstag. Trotz der neuen und technisch als zuverlässiger eingeschätzten
Mark V, insgesamt gut für Tankeinsätze geeigneten Geländes sowie der
eingeschränkten Verteidigungsfähigkeit des Gegners war die Schlagkraft
der gepanzerten Einheiten einmal mehr nach einem Tag Einsatz überaus
signifikant gesunken.

2414
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 84. Die französischen Verluste für den 8.8.1918 ließen sich
nicht eruieren. Im amtlichen Werk sind für die [Link] in der Zeit vom 6.-11.8.1918 rund
1.800 Gefallene, 11.000 Verwundete und 1.000 Vermißte aufgeführt, was vor dem
Hintergrund der folgenden Gefechte ohne Überraschungsmoment darauf hinweist, daß die
Ausfälle am 8.8.1918 verhältnismäßig gering waren; siehe LAF, Bd. VII.1., S. 384.
2415
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 58 und S. 159.
2416
Siehe ebenda, S. 84. Wie dort unter Anm. 5 zu lesen ist, wurde von deutscher Seite der
Verlust von 12 Maschinen eingestanden.
2417
Siehe Fuller: Tanks, S. 224, und Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 94 (hier
angegeben: 465 britische und französische Tanks sowie 100 Ausfälle durch deutsche
Waffenwirkung).
2418
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 87, Anm. 1.
593

12.4. Die Fortsetzung der Kämpfe im August 1918.

Der großen Ähnlichkeit zwischen dem Verlauf des ersten Schlachttages im


„Marnebogen“ und dem [Link] 1918 vor Amiens entsprach auch der
Charakter der Folgekämpfe. Die britische Seite versuchte, ihre
Angriffsfähigkeit wiederherzustellen, um an den grandiosen Erfolg vom
Vortag anknüpfen zu können, und die Deutschen stemmten sich mit den
Resten der früheren Stellungstruppen, herangeführten Heeresreserven sowie
Einheiten und Verbänden aus Nachbarsektoren dagegen 2419 . Wie bei
Kämpfen zuvor zeigte sich hierbei, daß es einfacher war, eine Verteidigung
zu improvisieren, die bei ungünstigster Lageentwicklung zudem auf eine
langsame Zurücknahme der Linie setzen konnte 2420 , als auf einem gerade
genommenen Gefechtsfeld die Grundlage für einen koordinierten
Großangriff zu schaffen. Die Schwierigkeiten, die den Briten bis zum
Morgen des [Link] begegneten, glichen demgemäß denjenigen, die schon
zuvor aufgetreten waren. Straßen und Wege waren verstopft, die
Kommunikationsmöglichkeiten noch, oder etwa durch Tankbewegungen,
welche die Telefonleitungen zerstörten, wieder eingeschränkt, die Artillerie,
besonders die schwere, nicht oder nicht zum befohlenen Zeitpunkt zur
Stelle 2421 . In den durch diese Probleme verursachten Einzelgefechten ohne
Überraschungsmoment ab dem [Link] zeigten sich die deutschen
Verteidiger den nun wesentlich weniger vehement vorgetragenen Angriffen
insgesamt gewachsen. Weitere Geländeverluste und auch weiter steigende
Gefangenenzahlen stellten sich zwar ein, jedoch nicht in einem dem ersten
Operationstag entsprechenden Ausmaß und definitiv als Folge der geringen
deutschen Kräfte beziehungsweise der immer noch deutlichen
Überlegenheit des Angreifers. Dessen Tankunterstützung schrumpfte, von
den 145 einsatzbereiten Fahrzeugen am [Link] ausgehend, rasch
zusammen und bestand am Folgetag noch aus 67 Wagen, womit laut Fuller

2419
Siehe RA, Bd. 14, S. 555ff.
2420
Siehe ebenda, S. 558ff. Die Zurücknahme der Linie bis hinter die Somme stand
mehrfach zur Diskussion und wurde schließlich vom weiteren Verlauf der Kämpfe
abhängig gemacht. Dieser ließ bis Ende des Monats tatsächlich gar keine andere Wahl zu.
2421
Siehe Blaxland: Amiens, S. 186ff., und CEF, S. 383 und S. 388.
594

„nichts Wesentliches geleistet“ werden konnte 2422 . Am [Link] waren es


nur noch 38 2423 . Von den 688 bis dahin im Einsatz gewesenen Tanks waren
laut Fuller 480 wenigstens zeitweilig gefechtsunfähige Fahrzeuge vom
Schlachtfeld geborgen und den Instandsetzungswerkstätten überwiesen
worden 2424 . Neben den in dieser Zahl enthaltenen technischen und sonstigen
Ausfällen standen die eigentlichen Gefechtsverluste, welche in erster Linie
von den vom AOK 2 nun ausdrücklich auf die Tankbekämpfung
eingeschworenen 2425 deutschen Batterien verursacht wurden und sich auf 39
am 9. und 30 am [Link] beliefen 2426 . Von deutscher Seite wurden
hierbei unter anderem die Leistungen des FAR 221 besonders
hervorgehoben, dessen Kommandeur mit der folgenden und hinsichtlich der
Bewertung der Kämpfe beachtenswerten Begründung von der [Link]
erfolgreich zum Orden Pour le Mérite eingegeben wurde (Auszug):
„Schon drei Tage darauf, am [Link], wurde die Infanterie der Division (zwei
Drittel Inf. Brigade), an Geist noch vortrefflich, an Zahl eine ausgebrannte Truppe,
in Lastautos vorgeworfen, um den Durchbruch der Engländer an der Römerstraße
zwischen Proyart und Rainecourt zu verhindern. In dieser Lage stieß dort Major v.
Kranold mit seinem [Link]. 221 zur Division, brachte blitzschnell und mit
sicherem Blick seine Abteilungen persönlich an die richtigen Stellen und übernahm
sodann mit Ruhe und Umsicht die Tätigkeit des abkommandierten [Link]. Dem
schneidigen, rücksichtslosen und doch verständnisvollen und ruhig sicheren
Einsetzen der Batterien, die ihrerseits von tüchtigen Offizieren geführt bis in die
vorderen Linien fuhren, um die anrückenden Tanks abzuschießen, ohne dabei den
Blick für andere Aufgaben zu verlieren, gelang es nicht nur, die den Tanks
gegenüber ohnmächtige Infanterie zu schützen, sondern sie auch fernerhin Tag und
Nacht (8. bis [Link]) so zu erleichtern und ihr solch kräftigen Halt zu geben, daß
es tatsächlich fertig gebracht wurde, mit sozusagen einer Handvoll todesmutiger,
ehrliebender Infanteristen (kaum 1.500 Gewehre) eine über 4km lange Linie zu

2422
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 274.
2423
Siehe Guderian: Achtung- Panzer! S. 118.
2424
Siehe Fuller: Tanks, S. 227, und Travers: How The War Was Won, S. 127.
2425
Siehe RA, Bd. 14. S. 561.
2426
Siehe Fuller: Tanks, S. 225ff., und Guderian: Achtung-Panzer! S. 118.
595

behaupten gegen die besten engl. Truppen (Australier usw.), gegen zahlreiche Tanks
und überlegene Artillerie.“ 2427

Am [Link] entschied sich Haig entgegen einer Forderung Fochs dazu,


die Schlacht abzubrechen. Von der [Link] war auf sich zusehends
versteifenden Widerstand der Deutschen verwiesen worden, und demgemäß
erschien die Option auf baldige Angriffe an anderen Stellen der Front
wesentlich verlockender, als die Aussicht darauf, in der strukturellen Wüste
des alten Sommeschlachtfeldes gegen einen erstarkten Gegner kämpfen zu
müssen 2428 .
In allerdings nicht unumstrittenen, nackten Zahlen, welche in der späteren,
historiographischen Aufarbeitung der Kämpfe beim jeweiligen Gegenüber
durchweg sehr viel höher als hier angegeben veranschlagt wurden 2429 ,
umfaßte die Bilanz der Schlacht im Kerngebiet vor Amiens, daß die Briten
rund 20.000 2430 , die Franzosen knapp 14.000 2431 und die Deutschen,
einschließlich der etwa 30.000 Gefangenen, schätzungsweise 48.000
Mann 2432 verloren hatten. Hinsichtlich der deutschen Verluste ist
bemerkenswerterweise zu konstatieren, daß tatsächlich nicht nur bei der
[Link] eine ganz erheblicher Anteil (75%) Gefangener an der
Gesamtsumme der Verluste konstatierbar ist, sondern auch im nicht durch
„Tankmassen“ getroffenen Führungsbereich des AOK 18, wo auf den
Ausfall von 11.500 Mann rund 5.500 „Vermißte“ kamen 2433 .

2427
Zitiert nach Hildebrand, Karl-Friedrich/Zweng, Christian: Die Ritter Des Ordens Pour
Le Mérite des [Link], Bd. 2: H-O (Die Ritter Des Ordens Pour le Mérite, Teil 2),
Bissendorf 2003, S. 263f. Die Verleihung des Ordens erfolgte am 1.9.1918.
2428
Siehe dazu Liddell Hart: The Real War, S. 464f., Stevenson, S. 505f., und Blaxland:
Amiens, S. 195f.
2429
Siehe und vergleiche dazu MO 1918, Bd. 4, S. 162 (deutsche Verluste ca. 75.000), und
RA, Bd. 14, S. 567 (alliierte Verluste mindestens 60.000).
2430
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 154.
2431
Siehe LAF, Bd. VII.1., S. 384.
2432
Siehe RA, Bd. 14, S. 567.
2433
Siehe BA-MA, RH 61/51963: Forschungsarbeit Strube zum 8.8.1918, S. 48.
596

12.5. Tanks und Tankabwehr in der Abwehrschlacht zwischen Somme


und Avre: Bewertungen und Reaktionen.

Was die Sicht späterer Betrachter auf den [Link] 1918 betrifft, so finden
sich erhebliche Differenzen in seiner Bewertung. Daß es sich beim nur allzu
offensichtlichen Resultat der Tages um eine schwere oder vielleicht sogar
die schwerste Niederlage einer deutschen Armee im gesamten Kriegsverlauf
an der Westfront handelte, war dabei als Gegenstand weitaus weniger
diskutabel als die Frage nach Ursachen und Auswirkungen.
Mai (1987), Heydecker (1988) und Chickering (2002) etwa, dazu zahlreiche
Autoren früherer und späterer Veröffentlichungen 2434 , positionierten sich
sehr nahe bei dem, was von Ludendorff in seinen Kriegserinnerungen
(1919) ausgesagt worden war und den ersten Tag der Schlacht zu jenem
berühmten und vielzitierten „schwarzen Tag des deutschen Heeres“ 2435
machte 2436 . Ludendorff zufolge war festzuhalten, daß „kampfkräftige“
deutsche Divisionen binnen kürzester Zeit von überraschend erschienenen
„Tankgeschwadern“ überrollt worden waren. Dabei war es zu Szenen
gekommen, die er im deutschen Heer für undenkbar gehalten hatte und die
darin ihren besonderen Ausdruck fanden, daß zum Gegenangriff vorgehende

2434
Siehe bspw. Kuhl: Entstehung, Durchführung und Zusammenbruch der Offensive, S.
195, Schwertfeger: Die politischen und militärischen Verantwortlichkeiten, S. 222,
Zentner: Illustrierte Geschichte des Ersten Weltkriegs, S. 383, Volkmann: Der große Krieg,
S. 287, Perrett, S. 64, Asprey: The German High Command At War, S. 448f., Stratz,
Rudolph: Der Weltkrieg. Ein deutsches Volksbuch von dem Weltgeschehen 1914 bis 1918,
Berlin 1933, S. 360, Bloem, Walter: Der Weltbrand, Berlin 1922, S. 300f., und Wright, S.
109 (Wright merkte interessanterweise nicht, daß „Marshal“ Ludendorffs Ansicht sich so
sehr gar nicht von derjenigen Kuhls oder Schwertfegers –wessen Gutachten von ihm
gemeint war, geht aus dem Text nicht hervor- für den Untersuchungsausschuß unterschied.
Auch bei ihm waren Tanks und der Überraschungseffekt entscheidend.).
2435
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 545: „Der [Link] ist der schwarze Tag des
deutschen Heeres in der Geschichte dieses Krieges.“
2436
In lexikalischer Form für ein Handbuch liest sich der 8.8.1918 als „Zusammenbruch der
Westfront“ durch einen „Panzerangriff der Alliierten“, der die „Entscheidung für das
baldige Ende des Ersten Weltkrieges“ herbeiführte; siehe Harenberg Verlag (Hg.): Was
geschah am...? Alle Ereignisse der Geschichte geordnet nach den Tagen des Jahres,
Dortmund 1996, S. 630. Der 18.7.1918 fand in dieser Publikation übrigens keine
Erwähnung.
597

Soldaten von flüchtenden Kameraden als „Streikbrecher“ tituliert worden


seien 2437 . Das für die Gesamtbewertung der Schlacht als militärische Zäsur
des Weltkrieges bedeutende Fazit Ludendorffs aus dem Geschehen, das er
1923 ausdrücklich als eine durch Fehler der Truppe und Truppenführung
geschaffene „Niederlage des [von Defätisten u.a. unterwanderten,] ganzen
Volkes“ gedeutet sehen wollte 2438 , bestand seinen Ausführungen nach aus
seiner persönlichen Überzeugung, daß der Krieg nun zu beenden gewesen
sei 2439 .
Mai sah eine direkte Verbindung zwischen den den Krieg in erheblichem
Maß entscheidenden Tanks und eine den [Link] kennzeichnenden
„Panik“ 2440 . Für Chickering lieferte die von „400 Panzern“ mit Artillerie-
und Luftunterstützung geschlagene Schlacht den Beleg für die schwindende
Moral der Deutschen, was die kommende Auflösung des Heeres und damit
das Kriegsende vorwegnahm 2441 . Und bei Heydecker war es primär
„General Tank“, der „mit drei gewaltigen Schlägen“, bei Cambrai 1917 und
bei Soissons und Amiens 1918, „die deutsche Front ins Wanken gebracht
und moralisch niedergebrochen“ hatte- was letztlich dazu führte, daß am
Abend des [Link] durch Tanks zurückgetriebene Infanteristen das Wort
von den „Streikbrechern“ in den Mund nahmen 2442 .
Einen skeptischeren Umgang mit der vor allem durch Ludendorffs
Aussagen schon rasch nach Kriegsende beeinflußten Sichtweise behielten
sich zumindest einige Verfasser von Schriften in der Zwischenkriegszeit bei
der Suche nach Ursachen für das Desaster des [Link] 1918 vor 2443 . Ob

2437
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 545ff.
2438
Siehe BA-MA, RH 61/51833: Bericht über eine Befragung Ludendorffs durch
Archivrat Volkmann Anfang August 1923, S. 10 (zu Frage 14) und S. 11 (zu Frage 15).
2439
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 551.
2440
Siehe Mai, S. 146. Diese eher vorsichtige Konstruktion einer Verbindung zwischen
Tanks und „Panik“ findet sich etwa auch bei Afflerbach, Holger: Die militärische Planung
des Deutschen Reiches und der Mittelmächte, in Michalka: Der Erste Weltkrieg, S. 309.
2441
Siehe Chickering, S. 224.
2442
Siehe Heydecker, S. 415.
2443
Daß dies nicht ausschließlich an den damaligen Verhältnissen, sondern viel eher mit der
zeittypischen Beschäftigung mit Truppenteilen und der jüngsten Vergangenheit lag mögen
die mit dem 8.8.1918 verbundenen, Ludendorffs Aussagen gegenüber kritischen Passagen
598

das Wort von den „Streikbrechern“ tatsächlich gefallen war, ob daraus


gegebenenfalls und überhaupt ein Gesamturteil über die Kampfmoral ganzer
Verbände, einer Armee oder gar eines gesamten Heeres gefällt werden
konnte 2444 und ob es neben den angesprochenen Gründen für die fast 30.000
Gefangenen noch bedeutende andere gab, stand im Zeichen einer
allgemeinen Rekapitulation des Kriegsgeschehens und einer spezifisch
deutschen „Schuldfrage“ des Zusammenbruchs von 1918 zur Diskussion.
Und dies anscheinend nicht allein durch einen im Geist der Zeit wurzelnden
Rehabilitationsversuch der wunschgemäß unbesiegt gebliebenen
(ehemaligen) deutschen Streitkräfte und die geschichtlichen Vorstellungen
eines jungen „[Link]“ begründet 2445 , sondern zumindest auch wegen
der Offensichtlichkeit von Fehlern und Oberflächlichkeiten eines eben
maßgeblich durch Ludendorff geprägten Geschichtsbildes. Dessen
Fehlerhaftigkeit, und impliziert ist darin jener Hang Ludendorffs zu einer
die Schuld von Truppe und Führung maßlos und voreilig herausstellenden
Rückschau, bei der entscheidende Versäumnisse und Fehleinschätzungen
der OHL grundsätzlich ausgeklammert blieben, wurde innerhalb der
vorliegenden Arbeit bereits im Zusammenhang mit dem [Link] 1918 auf
vergleichbarem Niveau attestiert 2446 .
Anders noch als in seinem Gutachten für den Untersuchungsausschuß des
Reichstages zu den Ursachen des deutschen Zusammenbruchs von 1918
(1927), in denen er als militärischer Sachverständiger und einer der
bedeutendsten militärischen Protagonisten durchaus die Linie Ludendorffs
wählte, äußerte sich Kuhl in seinem zweibändigen „Volksbuch“ über den
Weltkrieg (1929). Der Charakter der Veröffentlichung als moralisch
aufbauende Lektüre für ein breites deutschsprachiges Publikum schloß ein,
daß, im Sinne einer die militärischen Protagonisten des Jahres 1918 von

in einer neueren Truppengeschichte belegen; siehe dazu Kaltenegger, Roland: Das


Deutsche Alpenkorps im Ersten Weltkrieg. Von den Dolomiten nach Verdun. Von den
Karpaten zum Isonzo, Graz/Stuttgart 1995, S. 266ff.
2444
Diese berechtigte Frage nahm Kabisch auf; siehe Kabisch, Ernst: Der schwarze Tag.
Die Nebelschlacht vor Amiens (8./[Link] 1918), Berlin 1933, S. 201.
2445
Siehe dazu Abschn. 9.6. zu parallelen Vorgängen bei der „Aufarbeitung“ der
Vorkommnisse bei Cambrai 1917 in der Zwischenkriegszeit.
2446
Siehe Abschn. 11.5.2.
599

Verantwortung für den Kriegsausgang weitgehend befreienden Mär eines


„Dolchstoßes“, selbstredend nicht primär das deutsche (Volks-) Heer und
seine elitäre Führerschaft, sondern wehrkraftzersetzende Kreise in der
Heimat und die Politik für den vorformulierten „schwarzen Tag“ und das
bitterliche Kriegsende die Schuld trugen. Kuhl kam ohne eine besondere
Betonung der in diesen Kontext nur leidlich passenden militärischen
Faktoren Tanks und Überraschung zu dem allerdings interessanten Urteil,
daß das „Nachlassen der Kampfkraft nicht einfach mit dem Vorwurf des
Versagens“ abzutun sei, sondern das Resultat einer Überbeanspruchung der
Truppe darstelle, welche angesichts numerischer Unterlegenheit immer
wieder –tatsächlich auch erfolgreich- ins Gefecht geführt werden mußte.
Die Aussage, daß dessen Widerstandwille durch „revolutionäre und
antimilitaristische Wühlarbeit“ aus der Heimat heraus mit entsprechend
kriegsentscheidenden Resultaten untergraben worden war 2447 , ließ keine
Frage mehr danach zu, inwieweit die Verantwortlichen, auch Kuhl selbst,
die Truppe in fahrlässiger Weise überschätzt und über den Zenith der letzten
Siegeshoffnungen hinaus wissentlich in ungleiche Kämpfe geschickt
hatte 2448 .
Festgestellt wurde die geringe Objektivität gegenüber militärischen
Gegebenheiten des [Link] 1918 etwa auch von Bose in einem Band der
halbamtlichen Schriftenreihe „Die Schlachten des Weltkrieges“ (1930) 2449
und vom ehemaligen Divisionskommandeur Kabisch in einer stark
„feldgrau“ eingefärbten, aber zumindest halbwissenschaftlich zu nennenden
und durch beachtenswerte, persönliche Erfahrungen bereicherten
Abhandlung über die „Nebelschlacht vor Amiens“ (1933) 2450 . Unter

2447
Siehe Kuhl: Der Weltkrieg, Bd. 2, S. 406.
2448
Siehe BA-MA, RH 61/51833: Bericht über eine Befragung Ludendorffs durch
Archivrat Volkmann Anfang August 1923, S. 11 (zu Frage 15). Im Sinne einer solchen
„Mitschuld“ führte Ludendorff zum 8.8.1918 explizit an, daß Kuhl sich kurz zuvor
persönlich von der Frontlage überzeugt und von feindlichen Offensivvorbereitungen nichts
zu berichten gehabt hatte. Vergleiche hierzu die in Abschn. 12.2. genannte Aufnahme der
100 durch einen Flieger gesichteten Tanks in die Tagesmeldung der HGr Rupprecht.
2449
Siehe Bose: Die Katastrophe, S. 196ff.
2450
Siehe Kabisch: Der schwarze Tag, S. 201. Siehe auch ders.: Gegen englische
Panzerdrachen, S. 94ff.
600

Hinweis darauf, daß „keine Armee der Welt aus lauter Helden bestehe“ und
es, durch das Katastrophale des Gefechtsverlaufs bedingt, sicherlich
menschlich verständliche, panische Reaktionen gegeben habe, äußerte
Kabisch sich eindeutig und hielt fest, daß von einem „Sich-überrennen-
lassen“ der durch Ludendorff präsentierten Sichtweise keine Rede sein
dürfe 2451 .
Parallel zu Militärschriftstellern kamen Truppengeschichten auf der Basis
nicht in Feindeshand gefallener Kriegstagebücher und aufgrund mündlicher
Überlieferungen der zum Teil in Gefangenschaft geratenen
Regimentsangehörigen zu dem Ergebnis, daß es in den vom plötzlichen
Angriff betroffenen Einheiten neben verschiedenen, nicht
wegzudiskutierenden Beispielen für grundsätzlich „ehrwidriges“,
panikartiges Verhalten und zu schnell erloschenen Kampfwillen, ebensogut
Fälle außerordentlicher Tapferkeit und für offenkundig ungebrochenen
Durchhaltewillen gab. Die Verantwortlichkeit der höheren und höchsten
Führung für die Grundlagen dieser Feststellung wurde nicht selten deutlich
herausgestellt und unter Hinweis auf den hohen Erschöpfungsgrad und die
geringe Zahl der Verteidiger genauso klar bezeichnet, wie sie durch Belege
für die tatsächlich unverständliche Ignoranz vorgesetzter Stäbe gegenüber
den aus der Truppe gemeldeten Anzeichen für eine bevorstehende Offensive
des Feindes untermauert werden konnte 2452 .
Im Gegensatz zu den Schriften ehemaliger Angehöriger des Tanks Corps
wie William-Ellis (1919) und Mitchell (1933) 2453 oder deutschsprachigen

2451
Siehe Kabisch: Der schwarze Tag, S. 202.
2452
Siehe etwa TG RIR 217, S. 232, TG IR 18, S. 377f., TG [Link] 8, S. 40, TG RIR 202, S.
232, und Anmerkungen zur Schwäche von Stellungen, Kräften usw. in Abschn. 12.2.
Einige Truppengeschichten verzichteten möglicherweise aus einer gewissen
„Vornehmheit“ heraus auf eine dezidierte Kommentierung des Geschehens und seiner
Grundlagen zu Gunsten einer nichtsdestotrotz aussagekräftigen Beschreibung der
Ausgangs- und Endsituation des 8.8.1918 oder danach erzielter Erfolge; siehe bspw. TG IR
13, S. 308 und S. 314, TG FAR 58, S. 285, TG FAR 13, S. 190, und TG RIR 265, S. 292ff.
und S. 310.
2453
Siehe William-Ellis: Tank Corps, S. 214f., und Mitchell: Tank Warfare, S. 258.
601

Autoren wie Stegemann (1921) und Zwehl (um 1923) 2454 , welche den Sieg
bei Amiens vor allem dem zweifellos aufopferungsvollen Einsatz und den
taktischen Vorteilen der Tanks zuschrieben, bestätigten die relevanten
Bände des australischen (1942) und britischen amtlichen Werkes (1947) die
beispielsweise in deutschen Truppengeschichten präsenten Auffassungen
ganz grundsätzlich. Und sie lieferten selbst auf der Grundlage eines
durchaus deutlich erkennbaren Willens, die Leistungen der eigenen Truppen
und die Qualität des Sieges nicht durch allzu schwerwiegende
Zugeständnisse an eine irgendwie geartete Schwäche des Feindes zu
verwässern 2455 , dennoch zahlreiche Beispiele für dessen gewohntermaßen
sehr hartnäckigen Widerstand. Dies erfolgte nicht zuletzt auch durch das
Herausstellen einer nicht so recht zu einem völlig und zutiefst
demoralisierten Gegner passenden Fortsetzung der Kämpfe, die den
Abbruch der Schlacht wegen eines sich verhärteten deutschen Widerstandes
sowie drei weitere, sehr blutige und schwere Kriegsmonate nach sich zog.
Im Vorwort des britischen amtlichen Werkes zur Schlacht vor Amiens
findet sich zudem die im Zusammenhang mit dem heute existenten Bild
vom Tank des Ersten Weltkrieges und seines Siegesfanals, dem „schwarzen

2454
Siehe Stegemann, Hermann: Geschichte des Krieges, Bd. 4, Berlin/Stuttgart 1921, S.
602f., und Zwehl, Hans v.: Die Schlußkämpfe an der Westfront, August bis Oktober 1918,
in Schwarte: Der Weltkampf, Bd. 3, S. 546f.
2455
Anführen kann man zuerst einmal die Frage nach den Verlusten des Feindes, die, wenn
man 3.000 Mann Gefechtsstärke zugrundelegt, bei veranschlagten 75.000 Mann (MO 1918,
Bd. 4, S. 162) den Ausfall der infanteristischen Kampfkraft von 25 deutschen Divisionen
bedeutet haben würde. Bezeichnend für eine Grundeinstellung dem Gegner und den durch
seinen Geschichtsschreibern verbürgten Unterlegenheit gegenüber ist die folgende Passage:
„Incidentally, the Germans, one and all, claim in almost every occasion to have been
assailed by superior numbers –for instance, when two German divisions were driven off
Mont [Link] after a long fight by an Australian brigade numbering no more than 1,200
men, our opponents claim to have been ousted by vast superiority in guns, men and tanks.“
Zitiert nach MO 1918, Bd. 4, S. IVf. Die Unkenntnis der alliierten Stäbe und die Ignoranz
so manchen, meist englischsprachigen Militärgeschichtsschreibers gegenüber der
tatsächlichen Stärke deutscher Verbände ab Sommer 1918 mag nach einem Blick in Nash
(The 251 divisions) der amerikanischen Feindaufklärung (1919) und Aussagen im obigen
Stil als belegt angenommen werden.
602

Tag“, überaus erstaunliche und dort vielleicht am wenigsten zu erwartete


Aussage:
„Most readers will be surprised to learn of the heavy casualties which were
suffered by the tanks and how small was their material effect. It was otherwise with
their moral effect; so it has pleased many Germans to attribute their defeat in the
field to the tanks. This excuse will not bear examination.” 2456

Die Schnittstelle zu den dem Bild der kriegentscheidenden Schlacht und


Tanks gegenüber bis heute kritischen deutsch- und vornehmlich
englischsprachigen Betrachtungen zum Geschehen lag vornehmlich im
Bereich der zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort überraschend
ausgespielten Überlegenheit der Alliierten. Diese konnte, deutscherseits mit
Fokus auf die eigenen Schwächen und die Führungsfehler höherer und
höchster Stabe, britischerseits durch Betonung der Qualität der
Angriffstruppen, der ausgiebigen Nutzung von Technik sowie des
wenigstens anfangs mustergültigen Zusammenwirkens der Waffengattungen
als Lehre aus den letzten Kriegsmonaten, eine sehr verschiedenartige
Gewichtung implizieren. Zur Illustration mag Deist (2004) angeführt sein.
Unter Beibehaltung des Stigmas einer „sich an diesem Tage in besonders
eklatanter Weise zeigenden Demotivierung der Truppe“, die etwa auch
Kabisch, wenigstens in einem Mindestmaß und durch gezielte politische
Agitation sowie durch die katastrophale taktische Situation
hervorgerufen 2457 , gesehen hatte, erblickte Deist gerade in der durch die
OHL zu verantwortenden Überforderung der Truppe den eigentlichen
Grund für das Desaster des [Link] 1918 2458 . Die Wirkung der
„Tankgeschwader“, die bei ihm keinerlei Berücksichtigung finden und auch
schon bei Strachan (2003) durch den Hinweis auf hohe Verluste durch
technische Mängel und ausdrücklich auch durch die deutsche Tankabwehr
fragwürdig gemacht worden war 2459 , hatten tatsächlich bereits Travers
(1992) und Harris (1998) im Sinne der oben angeführten und schon

2456
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. IV.
2457
Siehe Kabisch: Der schwarze Tag, S. 201.
2458
Siehe Deist, Wilhelm: Die Kriegführung der Mittelmächte, in Enzyklopädie Erster
Weltkrieg, S. 269.
2459
Strachan: The First World War, S. 309.
603

vorweggenommenen „examination“ des britischen amtlichen Werkes stark


relativiert. Travers zitierte unter anderem einen kanadischen
Brigadekommandeur mit den knappen Worten „The tanks proved a
dissapointment“ 2460 und definierte den Tank in einer Weise als nützliches
Kriegsgerät, wie man ihn bereits in seiner Lage- und Geländeabhängigkeit
in den wenigstens vermeintlich doch längst überkommenen technischen und
taktischen Situationen an der Somme 1916 und bei Arras 1917 findet 2461 .
War er in einer spezifischen, geradezu „swintonschen“ 2462 Ausgangslage, in
der Infanterie etwa von feindlichem Maschinengewehrfeuer zum Stehen
gebracht worden war, vorhanden, konnte er unterstützend wirksam sein-
taktisch, bei der aktiven Beseitigung von Hindernissen aller Art oder durch
seine moralische Wirkung, die dem Feind die Aussichtslosigkeit seiner Lage
suggerierte. Fehlte er, so war er, all der vermeintlich längst ausgeschalteten
„Kinderkrankheiten“ zum Trotz, zuvor liegengeblieben, oder kampfunfähig
geschossen worden 2463 . Was Travers parallel zu Harris anführte, war die
hohe Einsatz- und Leistungsbereitschaft der Angriffstruppen aus den
Dominions 2464 . Was ihn von Harris, in dessen Arbeit zum BEF zwischen
„Amiens“ und dem Waffenstillstand sich das Ergebnis des [Link] 1918

2460
Siehe Travers: How The War Was Won, S. 123.
2461
Siehe Abschn. 3.5.1. und Abschn. 5.6.1.
2462
Siehe Abschn. 2.3.
2463
Siehe Travers: How The War Was Won, S. 122ff. Aus den kommentierten
Textauszügen zu Berichten und Erlebnissen aus den Reihen des Tank Corps sei nur eine
kurze Passage zitiert. Diese scheint allerdings dazu angetan, selbst die unter geringsten
Verlusten vom Australischen Korps am 8.8.1918 erreichten Ergebnisse primär dem
Angriffsgeist der Infanterie oder, zwischen den Positionen vermittelnder, jedenfalls nicht
primär den Tanks zuzuordnen: „Once again, did the Australian Corps perform better with
their tanks on 9 August? It cannot be said they did. For instance the 8th Tank Battalion,
there were very high casualties. ‘A’ Company lost 3 out of 3 tanks at Vauvillers […].”
Zitiert nach ebenda, S. 126. Siehe auch Stevenson, S. 526, und Pope/Wheal: Dictionary of
the First World War, S. 24, mit ähnlichem Tenor. Ein Indiz für eine alles andere als
perfekte Zusammenarbeit zwischen Infanterie und Tanks am 9.8.1918 liefert das
Kriegstagebuch des 31. Bataillons der kanadischen Infanterie, unter:
H[Link] .
2464
Siehe Travers: How The War Was Won, S. 122.
604

sehr positiv darstellt 2465 , allerdings deutlich trennt, war das Herausstellen
von Mängeln, Problemen und Fehlern, die beim Versuch, den von
Ludendorff und Teilen der deutschen Militärgeschichtsschreibung der
Zwischenkriegszeit akklamierten, realen strategischen Erfolg aus der Gunst
der Stunde heraus militärisch tatsächlich zu erreichen, in Erscheinung
getreten waren 2466 . Blaxland 2467 (1968) hatte diese Probleme geradezu in
der Tradition des erwartungsgemäß mit allem, das Tanks und ihren Einsatz
durch die britische Führung betraf, unzufriedenen Fuller (1936) und eines
Guderian (1937), die allerdings beide den [Link] 1918 als entscheidenden
Erfolg der Tanks -Fuller sprach von einem „strategischen Waterloo“-
auffaßten, klar benannt 2468 . Festgehalten werden konnte eine Art bitterer
Beigeschmack des Sieges vor Amiens. Bestimmt wurde er dadurch, daß die
alliierten Streitkräfte selbst unter den ab Mitte des Jahres 1918 gegebenen,
sehr günstigen Voraussetzungen nicht dazu in der Lage waren, ein „Gefecht
der verbundenen Waffen“ über die Dauer eines Tages hinaus -und man
ergänze im Sinne der vorliegenden Arbeit: über die Rudimente eines längst
verlorenen deutschen Heeres und die Relikte seiner Abwehrdoktrin hinaus-
zu praktizieren 2469 .
Im Unterschied zu den nicht selten recht knappen Auslassungen über die
Schlacht vor Amiens, die man im Gegensatz zu der ihr dennoch
unterstellten Bedeutung besonders in Überblicksdarstellungen und im
Internet finden kann 2470 , ist zu unterstellen, daß es neben der durch

2465
Siehe Harris: Amiens, S. 104ff. Siehe auch Harris: Das britische Expeditionsheer, in
Duppler/Groß: Kriegsende, S. 120ff.
2466
Siehe Travers: How The War Was Won, S. 117f.
2467
Dessen Arbeit wird interessanterweise im Literaturverzeichnis Travers’ (siehe ebenda,
S. 224) nicht genannt.
2468
Siehe Blaxland: Amiens, S. 184ff., Fuller: Erinnerungen, S. 272ff., und Guderian:
Achtung-Panzer! S. 116ff.
2469
Siehe Blaxland: Amiens, S. 184ff. und bes. S. 201, wo ein nach Amiens (wieder-
)gewonnener Glaube der britischen Truppen an einen „carefully planned, methodical blow“
statt eines irgendwie gearteten entscheidenden Schlages als Resultat der Schlacht angeführt
wird. Siehe auch Pope/Wheal: Dictionary of the First World War, S. 24.
2470
Siehe oben und zum Internet beispielsweise
H[Link] und
H[Link] oder, woraus zitiert sei (Text aus
605

Ludendorff 1919 diktierten inhaltsschwangeren Auffassung durchaus


ambivalente und davon deutlich abweichende Ansichten gibt. Allen gemein
ist eine Auseinandersetzung mit den Äußerungen des früheren Ersten
Generalquartiermeisters, dem aufgrund der heute immer noch gegebenen
Vielschichtigkeit der Sichtweisen zugestanden werden kann, die
Einordnung der Schlacht, der Tanks und des deutschen Heeres in ein
offenbar allgemein vertretbares Bild des Kriegsausganges 1918 so
nachhaltig bestimmt zu haben, daß man die folgende, recht repräsentative
Passage an einem der wichtigsten deutschsprachigen Anlaufpunkte für
Geschichtsinteressierte im Internet finden kann:
„Bei Amiens begannen am 8. August 1918 insgesamt 35 alliierte Divisionen
einen weiteren Vorstoß auf die deutsche Front. Die 20 britischen Divisionen setzten
dabei 360 schwere Tanks vom Typ ‚Mark V Star’ [Mark V*] und 96 leichte
Panzerwagen vom Typ ‚Whippet’ ein, die eine Geschwindigkeit von über 12 km/h
erreichten. Die 15 französischen Divisionen verfügten über 90 Tanks und hatten mit
etwa 1.000 Kampfflugzeugen die eindeutige Luftüberlegenheit. Dem zusätzlich von
amerikanischen Hilfstruppen [ 2471 ] gestützten Sturmangriff hatten die Deutschen
kaum etwas entgegenzusetzen, in ihre Frontlinie wurde ein tiefer Keil getrieben.
Dabei zeigte sich vor allem, daß die Kampfmoral der deutschen Soldaten gebrochen
war, die sich verausgabt hatten und zu Tausenden resigniert ergaben. Angesichts der
schweren Niederlage nach dem Durchbruch von Amiens war die Oberste
Heeresleitung (OHL) überzeugt, daß der Krieg mit militärischen Mitteln nicht mehr
zu gewinnen war.“ 2472

der Seite kopiert),


H[Link] : „Am
[Link] 1918 traf die 2. deutsche Armee bei Amiens ein neuer schwerer Schlag.
Massierte alliierte Tankverbände überwanden auf einer Frontbreite von 30 Kilometern bei
Nebel die deutschen Infanteriestellungen und standen etwa eine halbe Stunde nach
Angriffsbeginn in den deutschen Batteriestellungen, deren Geschütze kaum zum Schuß
kamen. Ein deutscher Bericht [dessen Provenienz durch die Internetseite nicht erklärt wird]
bemerkt hierzu: "Ungeordnete Haufen deutscher Soldaten gehen durch die Artillerielinie
zurück. Panischer Schrecken vor den Tanks und Kampfüberdruß lassen sie aus den Händen
ihrer Offiziere gleiten.....Ein Unglückstag, ein schwarzer Tag....."
2471
Eine der für die Schlacht bereitgestellten Reserven war die amerikanische [Link],
von welcher Teile auch direkt beim Angriff beteiligt waren; siehe MO 1918, Bd. 4, S. 76.
2472
Zitiert nach H[Link] .
606

Die dem Kern dieser Darstellungsweise gegenüber skeptischeren, vor allem


aus der Zwischenkriegszeit stammenden, deutschsprachigen Betrachtungen
finden hierin keinen Niederschlag, ebensowenig die gleichartig veranlagten
einer meist englischsprachigen, kriegsgeschichtlichen Literatur der letzten
Dezennien. Daß die Kampfmoral der deutschen Truppen ganz generell und
maßgeblich durch den Tank gebrochen worden war, wie es auch in heutigen
Schulbüchern dargestellt wird 2473 , bleibt demzufolge genauso nur eine
Behauptung, wie es die allzu enge Verquickung dieser generalisierenden
Hypothese mit „Tankmassen“, denen deutsche Soldaten hilflos –oder doch
zumindest hilfloser als andere Soldaten anderer Armeen damals oder später-
gegenüberstanden haben sollen, ist.

12.5.1. Britische Perspektiven und Reaktionen.

Der von Fuller erwähnte Charakter der Schlacht vor Amiens als ein dem
Feind bereitetes Waterloo, war auf den ersten Blick, wie er selbst
eingestand 2474 , nicht auszumachen. Statt dessen war auf einen siegreichen,
ersten Tag einer Operation zu blicken, wie es solche zuvor schon häufiger,
etwa mit dem [Link] 1917 bei Arras, dem [Link] 1917 bei Wytschaete oder
dem [Link] 1917 bei Cambrai, gegeben hatte. Impliziert war darin in
früheren Fällen nicht gewesen, dem Kriegsende wesentlich näher
gekommen zu sein, oder diese Hoffnungen waren nach dem furiosen
Auftakterfolg relativ rasch wieder abhanden gekommen. In der
Wahrnehmung des „schwarzen Tages“ scheint dies insofern anders gewesen
zu sein, als daß er die Initialzündung für eine Kette kommunizierbarer

2473
Siehe bspw. Lendzian, Hans-Jürgen/Mattes, Wolfgang (Hg.): Zeiten und Menschen,
Bd. 3, Paderborn 2001, S. 275, oder Ballof, Rolf u.a.: Epochen und Strukturen. Grundzüge
einer Universalgeschichte für die Oberstufe, Bd. 2, Frankfurt a.M. 1996, S. 218. Ebenda
liest man: „In der Gegenoffensive setzten
die Alliierten besonders ihre überlegenen Tanks ein, gegen die die deutsche
Artillerie wehrlos war. Am 'schwarzen Tag', dem 8. August 1918, gingen sieben
deutsche Divisionen bei Amiens verloren. Danach begann der Zusammenbruch der
Mittelmächte: Bulgarien und die Türkei gaben auf.“
2474
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 278. Dasselbe galt für William-Ellis, die anführten, den
kriegsentscheidenden Charakter nicht mit letzter Sicherheit erkannt zu haben; siehe
William-Ellis: Tank Corps, S. 212.
607

Erfolge der Alliierten und einen maßgeblich moralischen Sieg bedeutete,


der, in Parallelität zur Wirkung des [Link] auf die Franzosen 2475 ,
Hoffnungen auf einen baldigen und glücklichen Ausgang des Krieges neu
beflügeln konnte. Der im vorangegangenen Abschnitt genannte „bittere
Beigeschmack“ des Sieges vor Amiens, wegen durch Fehler verursachter
Auslassung von Möglichkeiten zu einem wesentlich verheerenderen Schlag
gegen den Feind, blieb auf den Erkenntnishorizont der damals auf höchster
Ebene wissenden und erkennenden Führer und Planer, die letztlich doch mit
sich und dem Erreichten zufrieden sein konnten, sowie den zum Teil sehr
viel später auf die Ereignisse zurückschauenden Betrachtern beschränkt.
Propagandistisch verband sich mit dem Namen Amiens das Bild eines
Triumphes 2476 , der weder durch horrende Gesamtverluste noch durch
effektive Abwehrmaßnahmen des Feindes eingetrübt wurde, und,
wenngleich er an sich noch nichts abschließendes beinhaltete, doch Zeugnis
davon ablegte, daß Deutschlands militärische Kraft am Ende war 2477 .
Untrennbar mit dem Triumph verbunden war der Masseneinsatz von Tanks,
die neben ihrer bekannten, taktischen Fähigkeit, Widerstandsnester
feindlicher Infanterie bekämpfen zu können, erstmalig auch bis zu den im
Motto des Tank Corps herbeigesehnten „green fields beyond“
durchgestoßen waren und eine unzweifelhaft große Wirkung auf den
Widerstandswillen noch kämpfender oder bereits vom Gefechtsfeld
geflohener Feinde ausgeübt hatten. An der Überhöhung ihres Einsatzes
wurde, wie im vorangegangenen Abschnitt erwähnt, in der Folgezeit im

2475
Siehe Kap. 11. und Abschn. 11.5.2.
2476
Siehe bspw. Captain R.J. Renison: The Battle of Amiens, in Canada- An Illustrated
Weekly Journal vom 21.8.1918, unter:
H[Link]
sNo=164H .
2477
Siehe Fraser, Lovat: The Germans Foiled In The West, in TWI vom 31.8.1918, S. 34:
„We have passed through perilous times, but we can now breath more freely, and there is
every reason to hold that in the west the enemy’s hour has gone beyond recall.” Siehe auch
ders.: Collapse Of The German Front, in TWI vom 7.9.1918, S. 50, und ders.: When Shall
We Reach The Rhine? In TWI vom 14.9.1918, S. 66, worin eine selbst durch
anerkanntermaßen hartnäckigen deutschen Widerstand ungebrochen positive Sichtweise
auf die bei Amiens und in den folgenden Angriffen errungenen Erfolge als militärische
Gezeitenwende präsentiert wird.
608

Sinne ihrer schlachtentscheidenden Unüberwindlichkeit 2478 , wie sie etwa bei


Mitchell deutlich wird, gearbeitet, aber auch schon am [Link] war der
Kolumnist der „The War Illustrated“ so weit, den [Link] als den „Day of
‚the Whippet’“ zu bezeichnen 2479 .
Hiergegen und auch gegen die den Einsatz der neuen Tanks besonders
hervorhebende Lobadresse Rawlinsons vom [Link] 2480 stand etwa, daß
sich der Kommandeur der 3. (leichten) Brigade, Hardress-Lloyd, wegen der
Verluste der Whippets bei ihren vereinzelten Vorstößen und der Idee ihres
Gebrauchs als Speerspitze eines Angriffs, kritisch äußerte und gravierende
Fehler attestierte. So schien ihm das Fahrzeug wegen mangelnder
Geschwindigkeit (!) kaum dazu geeignet, mit Kavallerie oder in der ihnen
eigentlich als Kavallerie-Ersatz zugedachten Rolle ohne den Schutz der
schweren Tanks agieren zu können 2481 . Die Kritik an den neuen
Fahrzeugtypen war auch in anderer Form feststellbar, die zudem über die
zahlreichen taktischen Defekte hinausgingen. So waren die Mark V und V*
dadurch bei ihren Besatzungen besonders negativ aufgefallen, daß sich in
ihrem Inneren Motorabgase zu betäubender Dichte angesammelt hatten.
Von einer Besatzung eines Mark V ist bekannt, daß sie ihr Fahrzeug wegen
dieses Umstandes im Gefecht zu verlassen gehabt hatte 2482 ; und über die
Rückkehr nicht abgesetzter, in einem Mark V* transportierter
Maschinengewehrtrupps berichtete Mitchell:
„They staggered from the machine in a semi-aspyxiated condition; some had
been vomiting, and others were on the point of fainting. The extremely hot and close
atmosphere of a tank interior on a sunny August day, combined with the cordite and
petrol fumes, had soon bowled them over, and as they slowly came round, they

2478
Siehe Mitchell: Tank Warfare, S. 258: „Instead, he [der Feind] suddenly found himself
vigorously attacked and driven back in confusion by these ame enfeebled armies, led by a
fleet of tanks against he was practically powerless.”
2479
Siehe Fraser, Lovat: Foch’s New Attack Before Amiens, in TWI vom 24.8.1918, S. 18.
2480
Siehe Fuller: Tanks, S. 227.
2481
Siehe William-Ellis: Tank Corps, S. 213.
2482
Siehe ebenda, S. 200: „With the prolonged running at high speed the interior of the
Tank rapidly became unbearable through heat and petrol fumes, and the crew were forced
to evacuate it and to take cover underneath. At this moment two of the crew were wounded,
one was sick, one fainted and one was delirious.”
609

swore forcibly and repeatedly that never again would they travel in tanks, not for all
the generals in creation!” 2483

Und dabei hatten diese mitgeführten Soldaten, vielleicht die ersten


„Panzergrenadiere“ der Geschichte, noch das Glück gehabt, überhaupt aus
dem Gefecht zurückzukommen. In diesem spezifischen Fall hatte das daran
gelegen, daß das deutsche Abwehrfeuer am Entladeort zum Ausbooten zu
stark erschienen war. Für eine ganze Zahl der langsamen Riesen und ihre
Besatzungen gab es keine Rückkehr. So begegnete Fuller bei einer
persönlichen Besichtigung des Schlachtfeldes am [Link] „einer traurigen
Reihe abgeschossener Mark-V*-Tanks, die alle, nachdem sie eine kleine
Anhöhe erklommen hatten, von einer Batterie von Feldgeschützen außer
Gefecht gesetzt wurden, ähnlich wie bei Flesquières“ 2484 .
Das Resümee der Erfahrungen des Tank Corps zu den Kämpfen bei
Amiens, wie es von Fuller in einem auf sie folgenden Bericht festgehalten
wurde, fiel demgemäß weitaus unvorteilhafter aus, als man es dem heute
populären Bild der Schlacht entsprechend erwarten würde. Und weit über
die Forderung nach neuen Fahrzeugen für die als „Plan 1919“ projektierte
und bekannt gewordene, tankgestützte Entscheindungsoffensive 2485 hinaus,
war eine grundlegende Kritik an der Planung der Schlacht und des Einsatzes
der Tanks enthalten 2486 . Ihre Operationen waren von festgefaßten Zielen,
die sich während der Kämpfe nicht beliebig abändern und erweitern ließen,
abhängig. Starke Reserven waren grundsätzlich immer auszuscheiden, um
gegen ein erschöpfungs- und technikbedingtes Erschlaffen der Kampfkraft
in entscheidenden Gefechtsmomenten etwas in der Hand zu haben. Die
allein zum Durchbrechen der feindlichen Stellungen geeigneten schweren

2483
Zitiert nach Mitchell: Tank Warfare, S. 247. William-Ellis berichteten darüber, daß
Teile der Maschinengewehrtrupps im wortwörtlichen Sinne nur „abgeliefert“ worden waren
und andere die Fahrzeuge wegen der unerträglichen Zustände zuvor bereits verlassen
hatten, um zu Fuß auf ihre Ziele vorzugehen; siehe William-Ellis: Tank Corps, S. 207.
2484
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 273, und zum Mythos Flesquières siehe Abschn. 9.3.f.
2485
Zum sogenannten „Plan 1919“, der eine Kriegsentscheidung an der Westfront im
Sommer 1919 durch den Einsatz von 10.500 Tanks herbeiführen sollte, siehe MO 1918,
Bd. 4, S. 545. App. V: Memorandum By The Chief Of The General Staff, 25th July, 1918:
British Military Policy 1918-1919, und Fuller: Erinnerungen, S. 279ff.
2486
Siehe ebenda, S. 274ff., und Fuller: Tanks, S. 228f.
610

Tanks mußten durch Infanteriebegleitung stärker gegen feindliche


Tankabwehr geschützt sein und ein Einsatz des Whippets mit Kavallerie
zusammen sei fernerhin undenkbar, da der leichte Typ in nicht durch andere
Waffen behinderter, freier Ausübung seiner Rolle als „mechanische
Kavallerie“ einzusetzen sei.
Die Quintessenz von Fullers Äußerungen zum [Link] bedeuteten
tatsächlich umfassendste Kritik an der höheren und vor allem höchsten
Führung, die, wie so viele Male zuvor seit den ersten Tankeinsätzen, seiner
Ansicht nach nicht wirklich verstanden hatte, wozu gepanzerte Fahrzeuge
tatsächlich in der Lage waren 2487 . Der Beweis des Gegenteils blieb durch
das rasch folgende Kriegsende zwangsweise aus, und der „Plan 1919“, für
eine primär auf Tankmassen basierende und auf Bewegungs- oder gar den
sagenumwobenen „Blitzkrieg“ ausgerichtete Einsatzdoktrin der
verschiedenen Waffengattungen 2488 , kam nicht mehr zur Verwirklichung.

2487
Fullers abrechnende Aussagen über Haig seien wegen ihrer Prägnanz und Schärfe an
dieser Stelle zitiert: „Es ist in der Tat seltsam, daß dieser Mann, dessen Eigensinn in der
Offensive uns beinahe in der Schlacht bei Ypern ruiniert hätte und dessen Eigensinn in der
Defensive uns beinahe in der Schlacht an der Somme ruiniert hätte, vom August an der
treibende Faktor der alliierten Armeen werden sollte. Das war in der Tat so und es muß ihm
zugute gehalten werden, denn niemand kann leugnen, daß er sich in den letzten hundert
Tagen des Krieges den Ereignissen anzupassen verstand wie eine Hand dem Handschuh.
Doch mir erscheint es noch seltsamer, daß diese Ereignisse nicht von ihm oder von seinen
Ideen herbeigeführt wurden, sondern durch den Tank und in nicht geringem Maße durch
meine Ideen. Das Fahrzeug, das er nicht begreifen konnte, welches er instinktiv haßte und
das er mit Freuden abgeschafft hätte, machte ihn zu einer der hervorragenden Gestalten des
Krieges. Doch am merkwürdigsten scheint es mir, daß ich, der ich ihn damals und jetzt
noch für einen der phantasielosesten und kurzsichtigsten Generale gehalten habe, der
jemals eine britische Armee befehligt hat, ein Mann, gegen dessen Steinzeitideen ich mit
Macht angekämpft hatte, daß ich seit Dezember 1916 eine so große Rolle in dieser seiner
Apotheose gespielt habe. Es würde falsch sein, zu behaupten, daß ich den Tank geschaffen
habe, denn ich formte nur seine Taktik, aber es ist richtig und historisch korrekt zu sagen,
daß der Tank Lord Haig groß gemacht hat.“ Zitiert nach Fuller: Erinnerungen, S. 299f.
2488
Siehe dazu Macksey, Kenneth: Tank Tactics 1939-1945, London 1976, S. 7f., und eine
informative und waffentechnisch illustrierte Seite im Internet:
H[Link]
1/[Link] .
611

Dieser sehr mit Fullers Person und Visionen verbundenen Anschauung, die,
seiner Meinung nach und aller Probleme und Fehler ungeachtet, doch den
bei Amiens errungenen historischen Sieg von „machine-power“ über „man-
power“ beinhaltete, stand in der Wahrnehmung späterer Betrachter
entgegen, daß es sich beim [Link] vielleicht weitaus weniger um einen
Erfolg des Tank Corps handelte, als durch dessen Protagonisten und deren
Epigonen suggeriert.
So ist hinsichtlich der Seite des Feindes anzuführen, daß seine bei Hamel
sichtbare Schwäche als ein entscheidendes Moment zum Angriff bereits in
der Operationsplanung zum [Link] angeführt worden war 2489 . Das rapide
und in Relation zu früheren Unternehmungen wenig verlustreiche
Vordringen entsprach also durchaus vorhandenen Hoffnungen auf eine
schone gesunkene Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft des Feindes,
die nicht zuletzt dadurch berechtigt waren, daß bei den Deutschen, wie Foch
über den [Link] gesagt hatte, „etwas in ihrem Mechanismus nicht in
Ordnung“ war 2490 . Dazu gehörte unterlassener Stellungsbau, dessen Fehlen
in der Operationsplanung der [Link] erkannt worden war 2491 und dafür
den Ausschlag gab, daß auf die Beteiligung der schweren Geschütze an der
Feuerwalze und auch auf die Mitnahme von Faschinen auf den Tanks
verzichtet werden konnte. Außerdem belegten Gefangenenaussagen nach
der Schlacht, daß wohl die Hälfte der Befragten mit einer bevorstehenden
Offensive gerechnet hatte, was berechtigterweise darauf hindeutet, daß die
Weitergabe von Informationen über alliierte Angriffsvorbereitungen
unterblieben oder irgendwo auf dem Dienstweg der Deutschen
steckengeblieben war 2492 . Der Grad der Schwäche der deutschen
Verteidiger wurde wohl nicht in vollem Ausmaß erkannt, was allerdings
seinen Grund im Auftreten wenigstens partiell hartnäckigen Widerstandes,
dem Heranziehen von Reserven und vor der Schlacht noch vorgenommener
Ablösungen hat. Außerdem darf man auf Basis der vorhergehenden beiden

2489
Siehe Kap. 12.
2490
Siehe Abschn. 11.5.1.
2491
Siehe MO 1918, Bd. 4, S. 12 und S. 552, App. VI: Fourth Army General Staff
Instructions, 31st July, 1st August And 4th August, 1918.
2492
Siehe Travers: How The War Was Won, S. 120.
612

Kapitel anführen, daß sie ja selbst auf deutscher Seite nicht vollends erkannt
und auf jeden Fall nicht in klaren Worten kommuniziert worden ist und ihre
Darstellung beim Sieger, sowohl im zeitlichen Kontext der
Kampfhandlungen ab dem [Link], als auch bei der Aufarbeitung des
Kriegsgeschehens seit Kriegsende 1918, den unliebsamen Charakter gehabt
hätte, die Leistung der eigenen Führung und Truppe zu schmälern.
Auf der Seite des Angreifers, der von offenkundigen Fehlern der Deutschen
so weit profitieren konnte, daß, wie Travers anführte, trotz der
Gefangenenaussagen im Feindaufklärungs-Bericht des Kanadischen Korps
der Nimbus vollständiger Überraschung dann quasi hemdsärmelig
kämpfender Verteidiger enthalten bleiben konnte 2493 , waren zudem aus
eigenem Antrieb die Bedingungen zumindest für einen grandiosen
Tageserfolg geschaffen worden. Neben dem Faktor Überraschung ist die
Ausnutzung von Nebel zu nennen, welcher Schutz bei der Annäherung an
den Feind gewährte und diesem die Möglichkeit zu koordiniertem
Feuerkampf nahm. Daß er zugleich ein zweischneidiges Schwert war,
welches die eigenen Kräfte behindern konnte, geht aus dem Gefechtsverlauf
allerdings auch hervor und fand seinen Niederschlag in einer Forderung
Fullers, (künstlichen) Nebel fernerhin nur noch als Abwehrmittel zu
betrachten und ihn aus Angriffsplanungen auszuschließen 2494 . Wesentlich
für den britischen Erfolg war ebenfalls gewesen, daß die britische Artillerie
dem deutschen Gegenüber durch die Zerstörung von
Kommunikationsmitteln und auch besonders durch das Niederkämpfen der
größtenteils erkannten Batteriestellungen erheblichen Schaden zufügen
konnte. Wie Harris in seiner Analyse der Schlacht festhielt, wurden
tatsächlich nur 27% der Verluste der [Link] durch deutsches
Artilleriefeuer hervorgerufen 2495 , was signifikant unter den sonst üblichen
Margen von etwa 75% im Stellungskrieg und immer noch mehr als 50% im
Bewegungskrieg lag 2496 . Für das ungünstige Verhältnis zwischen Verlusten
der deutschen Artillerie und der durch sie erzielten Wirkung, wie es von

2493
Siehe ebenda.
2494
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 275.
2495
Siehe Harris: Amiens, S. 106.
2496
Siehe dazu Riebicke, S. 177.
613

Guderian im simplifizierenden Resümee von 400 verlorenen Geschützen


gegenüber 100 abgeschossenen Tanks angeführt wurde 2497 , gibt es
demgemäß Gründe, die schließlich kaum etwas mit der Wirkung der Tanks
zu tun haben und sich angesichts der ungünstigen Gefechtsbedingungen
recht eindrucksvoll ausnehmen. Und sie erscheinen auch deshalb
eindrucksvoll, weil an die Seite der schwachen deutschen Infanteriekräfte,
welche die Artillerie hätte schützen können, numerisch überlegener und
hoch motivierter Feind trat. Diesem, namentlich den Angehörigen des
Kanadischen und Australischen Korps, kann so wie den französischen und
amerikanischen Soldaten im Befehlsbereich des [Link] am [Link] 1918
zugestanden werden, als Elite, hochmotiviert, vergangenen Waffentaten
nacheifernd oder solche zum Ruhme der Nation unbedingt erbringen
wollend, mit großem Elan angetreten zu sein. Auch ohne Tankunterstützung
wurde feindlicher Widerstand mit infanteristischen Mitteln gebrochen 2498 .
Auf die Fortführung des Krieges wie auch auf das Bild vom Tank und seiner
Wirkung hatte dies alles nur begrenzte Wirkung. Und wenn doch, dann nur
insofern, als daß sich aus dem Sieg vor Amiens Zuversicht, Stolz und
Erfolgsbewußtsein aller Beteiligter synthetisieren lassen konnten 2499 . Auf
dieser Basis, mittels massiver, zeitlich begrenzter Schläge an verschiedenen
Stellen der Westfront, deren Wucht sich mehr psychologisch als real in den
daran als Speerspitze beteiligten Tanks erfassen ließ, ging es in die
Schlußphase des Krieges.

2497
Siehe Guderian: Achtung-Panzer! S. 118.
2498
Siehe Harris: Amiens, S. 107, und Travers: How The War Was Won, S. 121f. Zur
Parallelität der Verhältnisse am 18.7.1918 siehe Abschn. 11.3. und 11.5.
2499
Mit allergrößter Prägnanz wird dies in der schon lyrisch anmutenden Beschreibung der
Beisetzung von Gefallenen des Tank Corps deutlich, die zwar erst 1933 erschien, in sich
aber durchaus einen „authentischen“ Charakter trägt: „We returned to bury our comrades in
one long pit, with blankets for their shrouds. Even as the padre was reading the burial
service, we heard the fierce rat-tat-tat-tat of machine guns...The Canadians were launching
their attack. At the same moment the newspaper boys were racing and shouting down Fleet
Street and the Strand. Excited people eagerly grabbed a paper and read the unbelievable
news. The shouting spread to the city and the West End. ‘Great British victory! Piper!’
‘Triumph of the tanks! Piper!’ London thrilled with joy. The end was in sight at last…We
looked down the row of still forms, and wondered, what it all meant. ‘Ashes to ashes…Dust
to Dust…’ ‘Great British victory! Piper!’” Zitiert nach Mitchell: Tank Warfare, S. 255f.
614

12.5.2. Deutsche Perspektiven und Reaktionen.

Wie bei Arras 1917 ließ sich Ludendorff über den beunruhigend
verlaufenen ersten Tag der Schlacht durch zum Schauplatz des Geschehens,
zum AOK 2, entgesandte Offiziere berichten. Gewohnheitsgemäß noch
bevor die Erkenntnisse aus diesem Versuch, hinter die Kulissen der
betroffenen Armee und der Vorgänge einer für Ludendorff unerwartet
eingetretenen „schweren Niederlage“ 2500 zu schauen, dem Heer mitgeteilt
wurden 2501 und noch vor dem Eingang der schriftlichen Gefechtsberichte
der beteiligten Verbände, hatte der Erste Generalquartiermeister seine
Sichtweise fertig gefaßt. Dem erschütterten und dann zum Friedensschluß
gewillten Kaiser teilte er bei einem Lagevortrag am [Link] seine
vorgefertigte Meinung über das „Versagen der [Link]“ mit. Dieses war,
seiner Ansicht nach, nicht allein mit einer Übermüdung der Truppen zu
erklären 2502 , und er legte dar und empfahl, weiterhin keinen Fußbreit Boden
mehr aufzugeben. Wie Ludendorff später und mit einer wenigstens im
Kontext des Schocks vom [Link] gerade auch für den [Link]
anzunehmenden Aufrichtigkeit versicherte 2503 , ging es ihm von diesem
Moment an nur darum, eine gesicherte militärische Lage herzustellen und
unter „eventuellem“, langsamem Ausweichen die Grundlagen für
aussichtsreiche Friedensverhandlungen zu schaffen beziehungsweise in der
Hand zu behalten. Inwieweit diese Auffassung über einige wenige Tage und
einen auch dem Reichskanzler gegenüber im Geheimen geleisteten
Offenbarungseid vom [Link] 2504 hinaus bestimmend war, muß fraglich
sein. Schließlich verband sich mit dem ersten Eingeständnis des verlorenen
Krieges am [Link] sofort auch ein Hoffnungsschimmer in Form einer
Nachricht aus Wien. Diese besagte, daß der Verbündete, falls nötig, noch

2500
Siehe Foerster: Ludendorff. S. 42.
2501
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 330: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr. 9757 geh. op.
vom 11.8.1918.
2502
Siehe Foerster: Ludendorff, S. 42.
2503
BA-MA, RH 61/51833: Bericht über eine Befragung Ludendorffs durch Archivrat
Volkmann Anfang August 1923, S. 10 (zu Frage 14) und S. 11 (zu Frage 14).
2504
Siehe Ludendorff: Kriegserinnerungen, S. 552f., und Auszüge aus dem Protokoll der
Besprechung zwischen dem Kaiser, der OHL und der Reichsleitung finden sich in
Otto/Schmiedel, Dok. Nr. 129, S. 313f.
615

bis zum Frühjahr 1919 durchhalten könne 2505 . Das Frühjahr 1919 spielte
insofern eine geradezu magische Rolle, weil bis dahin die von der OHL als
Teil des militärischen Hauptdefizits aufgefaßten Mängel, fehlende Tanks
und zu wenige Tankabwehrwaffen, beseitigt sein würden 2506 . Gegen die
andere Hälfte des wenigstens seit den Geschehnissen im „Marnebogen“
feststehenden militärischen Problemkomplexes in den Augen der OHL, die
Fehler einer offenbar kampfunwilligen Truppe und die Kopflosigkeit und
Weichheit ihrer Führung, hoffte Ludendorff offenbar, in Übereinstimmung
mit bekannten Verfahrensweisen und jüngsten Verlautbarungen, etwas
erreichen zu können.
So war eine erste Reaktion auf die aktuelle Situation, daß er seine Fachkraft
für militärisch besonders schwierige Lagen, Loßberg, noch am [Link] aus
einem Heimaturlaub zurückgerufen und in der Funktion als Stabschef der
baldigst 2507 neuzubildenden Heeresgruppe des bislang „ungeschlagenen“
Generalobersten von Boehn zur Lageorientierung in den Bereich der zu
führenden 9., 18. und [Link] gesandt wurde 2508 . Dieser Umorganisation
der Verhältnisse im Zentrum der Westfront lag augenscheinlich ein
gesunkenes Vertrauen Ludendorffs gegenüber bestimmten hohen Offizieren
zugrunde. Beim durch den [Link] belasteten Befehlshaber der [Link], von
Eben, der nun die Armee-Abteilung A übernahm, fiel die Abstrafung noch
verhältnismäßig glimpflich aus. Beim zum Kommandeur einer nicht einmal
dem Friedensheer zugehörigen Infanterie-Brigade deklassierten Stabschef
des AOK 2, Oberst von Tschischwitz 2509 , besaß sie den Charakter einer
harschen Abstrafung in der Manier des „Falls Nagel“ bei Arras 1917 2510 .
Wie Ludendorff sich im Zusammenhang mit der Absetzung Tschischwitz’
gegenüber Generaloberst von Einem, dem Vorgesetzten des zum neuen
Stabschef des AOK 2 bestimmten Oberstleutnant Klewitz, ausdrückte, sollte

2505
Siehe Foerster: Ludendorff, S. 43.
2506
Siehe Abschn. 11.5.2. und BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-
Abwehr, S. 245ff.
2507
Die Befehlsübernahme erfolgte am 12.8.1918.
2508
Siehe dazu Loßberg: Meine Tätigkeit im Weltkriege, S. 352f.
2509
Siehe Ehren-Rangliste, S. 340, und Tschischwitz: General v.d. Marwitz, S. 303 (Eintrag
zum 10.8.1918).
2510
Siehe Abschn. 5.6.2.
616

hierdurch tatsächlich „die über alle Maßen große Schweinerei“ (sic!) bei der
[Link] in Ordnung gebracht werden 2511 .
Von naheliegenden praktischen Maßnahmen zur Beseitigung der kritischen
Lage, die über Organisations- und Personalveränderungen hinausgingen,
wollte er nichts wissen, falls sie nicht konform zum eingeforderten starren
Durchhalten waren. So konnte der am [Link] durch Tschischwitz und
Marwitz persönlich über die ihnen unhaltbar erscheinende Lage des AOK 2
informierte Kuhl seine Ansichten zu einer ihm nun geboten erscheinenden
Zurücknahme der Front genausowenig bei Ludendorff durchsetzen 2512 wie
Loßberg, der die Aufgabe der exponierten Frontbogen auch früher schon
angeregt hatte 2513 . Die Schuld Ludendorffs, der für die für Truppe und
Führung so schwierigen Ausgangssituationen der Abwehrkämpfe seit
Frühjahr 1918 und damit letztlich für die katastrophalen Gefechtsverläufe -
auch erst einmal fern der Frage nach Kopflosigkeiten, Tanks und
friedenspolitischer Agitation aus der Heimat- verantwortlich war, hatten
beide Generalstäbler erkannt 2514 . Auf die Bewertung des Geschehens und
die kommenden Ereignisse hatte dies keinen Einfluß. Und so konnte erst am
[Link] das erste Merkblatt über den tatsächlich schon seit Mitte Mai
bekannten und in der britischen Presse auch bereits vorgestellten 2515
Whippet -dem auch erst am 20. des Monats ein Merkblatt zum FT-17
folgte 2516 - von der OHL herausgegeben werden 2517 , ohne daß damals oder

2511
Siehe Alter: Generalobersten v. Einem, S. 424 (Eintrag zum 10.8.1918).
2512
Siehe BA-MA, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, S. 176f.
2513
Siehe Loßberg: Meine Tätigkeit im Weltkriege, S. 352.
2514
Siehe BA-MA, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, bspw. S. 160f. (siehe auch Kap.
11.), und Loßberg: Meine Tätigkeit im Weltkriege, S. 353. Ebenda ist zu lesen: „Es [der
8.8.1918 bei der [Link]] war wohl die größte Niederlage, die eine deutsche Armee im
Weltkriege erlebt hat. Diese Katastrophe fiel aber letzten Endes auf General Ludendorff
zurück, der die Widerstandskraft der durch die große Schlacht in Frankreich errichteten
deutschen Kampffront weit überschätzt und meinen Vorschlag am 19.7., diese Front in die
Siegfriedstellung zurückzunehmen, nicht durchgeführt hatte.“
2515
Siehe TWI vom 22.6.1918, S. 325.
2516
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0070: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ic
Nr. 94468 vom 20.8.1918. Auch über dieses propagandistisch als „Mosquito-Tank“
bezeichnete Fahrzeug war bereits in der feindlichen Presse berichtet worden; siehe TWI
vom 3.8.1918, S. 424.
617

später auf die Kuriosität dieses Umstandes besonders verwiesen worden ist.
Das Gegenteil war der Fall. Denn betrachtet man etwa die Aufzeichnungen
General von der Marwitz’, der davon sprach, daß ihm die bei Cambrai
eingesetzten Tanktypen weiterhin nichts ausgemacht hätten, vor Amiens
aber schnellere und beweglichere Fahrzeuge –man erinnere sich jetzt an die
Mär vom „Day of ‚the Whippet’“ 2518 - aufgetreten seien 2519 , so wird
deutlich, daß im Zusammenhang mit den Tanks entweder ein gravierendes
Vermittlungsproblem vorlag und, beziehungsweise oder, bestimmte Herren
in verantwortungsvollen Positionen ihren Aufgaben nicht gerecht wurden
und früher oder später danach trachteten, diese Tatsache vor ihrem Ego und
der Nachwelt zu verbergen 2520 .
Die am [Link] 1918 von der OHL herausgegebene Erklärung zum
Desaster vor Amiens entspricht dieser naheliegenden Vermutung und
knüpfte in Stil und Inhalt nahtlos an die realitätsfremden Appelle und
Verlautbarungen zu den Kämpfen im „Marnebogen“ an. Als Gründe für die
Niederlage der [Link] wurde bezeichnenderweise erstens angeführt, daß
sich die Truppe überraschen und durch „Massentankangriff“ aus der
Fassung habe bringen lassen. Zweitens führte die OHL an, daß keine
ausreichend ausgebauten Stellungen vorhanden gewesen seien und drittens,
daß die Artilleriezuteilung fehlerhaft gewesen sei, wodurch den für
Gegenstoß und Gegenangriff bereitgestellten Einheiten die Unterstützung
im Kampf gegen durchgebrochenen Feind gefehlt habe 2521 . Die Weisungen
zur Beseitigung der attestierten Fehler, die sich sämtlich auf Tanks und ihre
Bekämpfung bezogen und Faktoren wie die physische und psychische

2517
Siehe KA, HGr Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0052: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ic
Nr. 92657 geh. op. vom 10.8.1918, und Abschn. 10.1.
2518
Siehe Abschn. 12.5.1.
2519
Siehe Tschischwitz: General v.d. Marwitz, S. 304 (Eintrag zum 10.8.1918).
2520
Die einfühlsamen Worte v. d. Marwitz’ über die Situation seiner Stellungstruppen, die
real geradezu schutzlos auf „Äckern“ lagen und de von Foch geforderten massiven Angriffe
geradezu herausforderten, liest sich im Kontext der Entwicklungen des Jahres 1918 weitaus
weniger vorteilhaft für den General, als dies auf den ersten Blick der Fall sein dürfte.
2521
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 330: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr. 9757 geh. op.
vom 11.8.1918. Vergleiche dazu das Beispiel des GR 2 und anderer zum Eingreifen
herbeigerufener Teile in Abschn. 12.3.
618

Erschöpfung der Truppe, deren geringe infanteristische und artilleristische


Stärke, mangelnde Munition, die Witterungsumstände und vor allem die
Ignoranz der höchsten Führung gegenüber diesen längst vor der Schlacht
feststellbaren Zuständen nicht berücksichtigten, umfaßten primär die Anlage
umfangreicher Bauten zur Abwehr feindlicher Tanks an der Front und
dahinter 2522 . Der Durchbruch feindlicher Kampfwagen bis auf
Stabsquartiere und die Rückzugswege von Bagagen, Kolonnen und Trains
am [Link] fand damit eine Würdigung, die allerdings, wie der durch die
Führung mit Nachdruck zu verlangende Stellungsbau zum Schutz der
Infanterie, die wortwörtlich „in der Erde verschwinden“ sollte 2523 , eine
phantastische Note hatte. Immerhin handelte es sich um Befehle für eine
hunderte Kilometer lange Westfront, die vom Feind nach dessen Belieben
attackiert werden konnte. Und dann war es so, daß derartige Vorhaben
schon vorher wegen fehlenden Personals oder zu dessen Schonung sowie
wegen fehlenden Materials nicht hatten umgesetzt werden können 2524 .
Phantastisch und zweifellos dazu geeignet, den Leser unter Beachtung der
Verhältnisse des Sommers 1918 an „Führerbefehle“ aus der Spätphase des
Zweiten Weltkriegs zu erinnern, klang der Appell an Stellungsbesatzungen,
bis zur „letzten Patrone und zum letzten Mann“ auch dann „tagelang“ zu
halten, wenn sie umgangen und eingeschlossen worden waren 2525 . Nahezu
gleichlautende frühere Aufrufe, die allerdings 1917 auf den Zusatz eines

2522
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 330: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr. 9757 geh. op.
vom 11.8.1918, Ziff. 2: „Weit mehr als bisher muß im Stellungsbau und in Anlagen zur
Tankabwehr verlangt werden und der Abneigung der Truppen zu Schanzen mit allen
Mitteln entgegengewirkt werden. [... .] Hier [hinter der Kampfzone] kommt es vor allem
darauf an, sich gegenseitig flankierende Stützpunkte durch zur nachhaltigen Verteidigung
eingerichtete und verdrahtete Ortschaften, Fermen, Waldstücke, Geländeeinschnitte,
Straßendämme zu schaffen und die Tankabwehranlagen herzustellen. [... .] Es muß völlig
ausgeschlossen sein, daß durch die vorderste Linie durchgebrochene Tanks, ohne
Hindernisse und Widerstand zu finden, auf und neben den Straßen meilenweit bis in
[hervorgeh.] die Quartiere von Divisionsstäben durchstoßen können.“ Siehe auch ebenda,
Ziff. 4.d).
2523
Siehe ebenda.
2524
Zum Stellungsbau siehe Abschn. 6.5.2., 10.1., 11.5.2. und 12.2.
2525
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 330: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr. 9757 geh. op.
vom 11.8.1918, Ziff. 3.
619

„wenn nötig tagelangen“ Widerstandes verzichtet hatten 2526 , kennzeichneten


das Aushalten in einer solchen Lage als unumgängliches Element des
damals noch neuen Abwehrverfahrens mit Tiefengliederung. Dieses war
1918, angesichts der allerorten spür- und sichtbaren Auswirkungen früher
erlittener Verluste, nicht mehr funktionsfähig, wie durch den Umstand
illustriert wird, daß die [Link] vor dem [Link] nur über zwei
„vollkampffähig“ beurteilte Verbände und über keinerlei kampfstarke,
ausgeruhte Reserven für massive Gegenangriffe verfügte 2527 . Die 1917 noch
mit dem Appell unauslöschlich verbundene ausdrückliche Versicherung,
daß bereits Gegenstöße (eigener Einheiten) abgeschnittenen Truppen
Rettung bringen würden 2528 , war jedenfalls im Maßstab einer an einem Tag,
mehr oder weniger plötzlich und irgendwo auf dutzenden Kilometern Breite
kollabierenden Armeefront illusorisch- und sie war in der Weisung der OHL
vom [Link] 1918 bezeichnenderweise auch gar nicht mehr enthalten 2529 .
Die suggestive Aussage Ludendorffs, daß ein „Gegner, der umgeht, selbst
umgangen ist“, und seine Forderung nach Abriegelung von Einbruchstellen,
bei denen der Durchbruch „einzelner Tanks“ und einiger, durch
Infanteriefeuer zu vernichtender Kavallerie-Abteilungen 2530 , kein Grund

2526
Siehe dazu Abschn. 7.2.
2527
Siehe Abschn. 12.2.
2528
Siehe dazu Abschn. 7.2. und HStAS, M 33/2, Bü. 330, Bl. 66: AOK 2 Abt. Ia. Nr.
700/April Geheim. vom 11.4.1917, Ziff. 3: „Ich bin mir bewusst, dass diese Grundsaetze
[des neuen Abwehrverfahrens] nicht neu sind und dass hoeher als alle theoretische
Belehrung der Geist der Truppe wiegt. Daher Aufrechterhaltung der strengen Manneszucht,
Erziehung zu energischen Gegenstössen, Durchdringung aller Mannschaften mit dem
Grundsatz, dass eine brave Truppe, auch wenn sie abgeschnitten ist, weiter kaempft, bis sie
durch Gegenstoss befreit ist, oder sich durchschlaegt.“
2529
Dasselbe ist über eine Verlautbarung Hindenburgs zu sagen, die unter Appell an eine
preußisch-deutsche Tradition zum Durchhalten darauf verwies, daß bewegliche
Verteidigung nicht mit einem auch von der Führung zu oft und leichtfertig befohlenen,
vorzeitigen Aufgeben der Haupt-Widerstands-Linie gleichzusetzen sei. Die Stellungen
seien „auch gegen fdl. Uebermacht um jeden Preis zu halten“. Siehe BA-MA, PH 3/294,
Bl. 19: [Link] Abt. Ia No 2521 pers. vom 20.9.1918.
2530
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 330: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia/II Nr. 9757 geh. op.
vom 11.8.1918, Ziff. 4.a).
620

zum Zurückgehen der eigenen Linie bedeuten könne 2531 , war den
Ausgangslagen des „schwarzen Tages“ und seiner Vorgänger seit
Malmaison im Oktober 1917 ebenfalls völlig unangemessen. Mit der
folgenden Rekapitulation der in und hinter Kampfzone beweglich bereit-
beziehungsweise in günstig angelegten Positionen aufzustellenden
2532
Feldartillerie sowie der infanteristischen Tankabwehrmittel
(Minenwerfer 2533 , Maschinengewehre und Tankgewehre 2534 ), lieferte die
OHL den unterstellten Stäben und Verbänden keine grundsätzlich neuen
Ratschläge.
Hierzu paßte auch die Weisung vom [Link] 1918, die inhaltlich
allerdings etwas präziser gefaßt war und sich mit den jetzt besonders
wichtigen „mechanischen Mitteln“ der Tankbekämpfung
auseinandersetzte 2535 . Mitgeteilt wurden die Erfahrungen des [Link] mit
Minen am [Link] 1918 2536 und der generell gehaltene Befehl zum
Improvisieren dieser Waffen sowie anderer Elemente der passiven
Tankabwehr. Der Zwang zu Improvisationen sowie eine erstaunliche
Unkenntnis über Anlage und Ausführung von Tankabwehr-Hindernissen
führte, trotz aller guten Absichten der betroffenen Soldaten und
Dienststellen, mancherorts zu merkwürdigen Blüten. So beurlaubte das
Pionier-Bataillon 242 einen Hauptmann nach Deutschland, um dort ganz
privat für die Herstellung eines von ihm persönlich entwickelten
Minenzünders zu sorgen, und das Bataillon selbst begann Ende August an
der Aisne mit dem Bau eines Tankgrabens in den längst überkommenen
aber offensichtlich und bezeichnenderweise nie deutlich genug als unsinnig
vermittelten 2537 Dimensionen von 2,50m Breite und 2m Tiefe 2538 .

2531
Siehe ebenda, Ziff. 3.
2532
Siehe ebenda, Ziff, 4.a).
2533
Siehe ebenda, Ziff. 4.b.)
2534
Siehe ebenda, Ziff. 4.c).
2535
Siehe BA-MA, PH 3/294, Bl. 018: [[Link] Ia Nr. 6846 vom 19.9.1918:] Chef d. Genst.
d. Feldheeres II Nr. 9840 geh. op. vom 15.8.1918.
2536
Siehe Kap. 11. und Abschn. 12.2.
2537
Das Bataillon folgte den Dimensionen des Grabens nach einer Verlautbarung der
Heeresgruppe Rupprecht von Ende April 1918, welche durch den Einsatz von Faschinen
bei Cambrai und den Verlauf der vorausgegangenen Kämpfe längst überholt war; siehe
621

Sei es, ob nun die Angst vor persönlicher Sanktionierung oder die davon
alles andere als losgelöste Sorge um den potentiell bedrohten eigenen
Abschnitt den Ausschlag gab, die Weisungen der OHL nach dem [Link]
zogen jedenfalls in den Stäben der Westfront eine tankbezogene
Geschäftigkeit nach sich, wie sie in diesem bis zum Kriegsende reichenden
Ausmaß nur mit Aktivitäten in der Zeit zwischen September 1916 und Mai
1917 zu vergleichen ist. Jetzt spätestens wurde der Tank, auf dessen
Bekämpfung alle Anstrengungen von Stäben und Einheiten verschiedenster
Waffengattungen unter der Prämisse, das hiervon -und nicht von
mangelnden Grabenstärken, fehlenden Geschützen und fehlender Munition-
Sieg und Niederlage, das „Durchstehen“ schwerer Lagen oder „ehrloses“
Kapitulieren abhängig sei 2539 , zu einem Mythos. Ein Mythos, in dem sich
Bilder tapferster aber schließlich oft genug sinnloser Gegenwehr, eines
materiell unbesiegbaren Gegners, dem die an Symbolkraft unübertreffliche
Ikone „Tank“ bei jedem größeren Angriff vorausgetragen wurde, Verrat
aller Facetten und aus allen Richtungen, enttäuschter Hoffnungen,
menschlich verständlichster Resignation und Verzweiflung frei verbinden
lassen konnten. Hinzu kam die Vorstellung eines bis zuletzt doch
ungeschlagenen Heeres unter den jeweils verschiedenartigen Vorgaben
gesellschaftlicher und historischer Rahmenbedingungen und Strömungen
der letzten 90 Jahre.
Nach dem [Link] 1918 wurden die Truppen von „neuesten“ Mitteilungen
und Befehlen, die als Resultate schwerer Niederlagen und grob
vorgeworfenen Versagens allesamt in harsche Appelle an Durchhaltewillen
und Improvisationskunst gehüllt waren, geradezu überschwemmt 2540 . Einige

dazu Abschn. 5.6.2., 8.2. und 9.6.2. bzw. KA, HS 3402: HGr Rupprecht Art. Nr. 15395
vom 28.4.1917.
2538
Siehe HStAS, M 200, Bü. 137: KTB Pi. Btl. 242, Einträge ab dem 28.8.1918.
2539
Das AOK 2 interpretierte die Gefahren in einer ersten schriftlichen Würdigung der
Ereignisse des 8.8.1918 bezeichnenderweise dahingehend, daß von nun an immer mit
Tankangriffen zu rechnen sei und daher alle Gegenmaßnahmen gegen diese zu richten
seien; siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0063: AOK 2 Ia Nr.
863/Aug. geh. vom 20.8.1918, Ziff. 1 und 2.
2540
Zu diesem Mythos gehörte auch, daß die OHL in Weiterentwicklung der kollektiven
Tankprämie von 1917 und ihrer aus dem [Link] gewonnenen Überzeugung heraus, daß
622

Beispiele höherer Stäbe seien stellvertretend genannt, bei denen eine auf
dem Weg bis zum Unterführer an der Front nachfolgende Summierung
schriftlich mitgeteilter Ratschläge, Weisungen und Befehle von
Dienststellen vorauszusetzen ist.
Das AOK 6 verkündeten seinen Truppen am [Link], daß bei der 2. und
[Link] 1.000 Tanks eingesetzt worden seien, davon noch mehr für
weitere Großeinsätze bereitstünden und diesbezügliche Abwehrmaßnahmen
aller bekannten Arten nun allein ausschlaggebend für die erfolgreiche
Verteidigung der Stellungen sein würden 2541 . Die Heeresgruppe Kronprinz
hatte am Vortag bereits die Parole ausgegeben, daß mit dem „Masseneinsatz
von Tanks“ zu rechnen sei und richtete ihr Augenmerk unter diesem
Gesichtspunkt tatsächlich auch auf die Frage der Witterungs- und
Beobachtungsverhältnisse, welche direktes Schießen der Feldartillerie
beeinträchtigen konnten. Als Ausweg aus einer solchen, ihr vom [Link] her
bekannten sehr prekären Lage, die als wesentlicher Teil des Geschehens
vom [Link] im Tenor der offiziellen Verlautbarungen schriftlich noch gar
nicht zur Beachtung gekommen war 2542 , wurde die durch Rohr- und

Abwehrleistungen generell so zu würdigen seien wie individuelle Verdienste im Angriff,


nun quasi als „Zuckerbrot“ auch die Verleihung von Auszeichnungen für erfolgreiche
Tankabwehr forderte. Der Pour le Mérite für Major Kranold des FAR 221 (siehe Abschn.
12.4.) ist dabei ein Beispiel für eine zunehmende Erwähnung von Tanks im Zusammenhang
mit dem offenbar gewünschten Bild von technischer Bedrohung und persönlicher
Überwindung in der Öffentlichkeit; siehe dazu KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt:
210, Bl. 0055: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ia Nr. 9762 geh. op. vom 16.8.1918. Die
beabsichtigte, aber letztlich zweifelhafte, weil zu individuelle Wirkungsweise der höchsten
Gunst- und Gnadenerweise sowie der feststellbaren Nennungen in den amtlichen
Kommuniques umschrieb Ludendorff (ebenda) folgendermaßen: „Ich bitte auch durch
Verleihung von Auszeichnungen für besonders erfolgreiche Tankabwehr die Selbsttätigkeit
des Einzelnen und der Truppe anzuspornen und ihr Selbstvertrauen zu heben.“ Schließlich,
die feststellbaren Resultate dieser späten Forderung völlig hinten anstellend, blieb das
Auszeichnungswesen ein gravierender Heeresmißstand; siehe dazu Hobohm: Soziale
Heeresmißstände, S. 100f.
2541
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0041: AOK 6, Ia/Ib No
4161 geh. vom 12.8.1918.
2542
Man wird dies als deutlichen Hinweis darauf werten müssen, daß sowohl für damalige
als eben auch für heutige Betrachter im Regelfall kein Zugang zu Informationen und
Informationswegen vorhanden ist, die nicht schriftlich oder zumindest nicht im offiziellen
623

Munitionsmangel weitestgehend längst überkommene artilleristische


Fernbekämpfung angeführt (Sperr- und Vernichtungsfeuer). Auf deren
„vernichtende Wirkung“ müsse man sich -der Ausdrucksweise nach
bezeichnend genug- „schlichtweg verlassen“ 2543 . Die [Link] bat am
[Link] um fahrbereite feindliche Fahrzeuge für die Schulung der
Verbände in der Tankbekämpfung 2544 , was wegen des Fehlens verfügbarer
Beutetanks von der OHL aber erst einmal abgelehnt wurde 2545 . Die
nochmalige Vorstellung dieses offenbar als sehr sinnvoll erachteten
Gedankens durch die Heeresgruppe Rupprecht am [Link] brachte als
Ergebnis, daß die den Heeresgruppen auf längere Zeit zugewiesenen
deutschen Kampfwagen zu Vorführungen herangezogen werden
konnten 2546 . Mit diesem Zugeständnis, das den wenigen, deutscherseits
einsatzbereiten Fahrzeugen und ihren Besatzungen einen Sonderauftrag
neben den Belastungen der Kampfeinsätze einbrachte, war die Grundlage
für eine Beseitigung der von höheren Einflüssen zuvor völlig frei
gehandhabten „Simulaker-Frage“ 2547 genauso geschaffen, wie für die
Einrichtung spezieller Tankbekämpfungs-Vorführungen nach Art der
sonstigen Lehrkurse des Westheeres. Nachdem der General der Pioniere des
AOK 6 Ludendorff anläßlich eines Vorführungsexperimentes persönlich

Schriftverkehr dokumentiert worden sind. Die beiden Köpfe der Heeresgruppe, der
Kronprinz und sein Stabschef, v.d. Schulenburg, hatten zweifellos alle Mittel, Wege und
Beziehungen, um sich, abseits der von Ludendorff an das gesamte Heer gerichteten
Verlautbarungen, ein Bild der Lage zu verschaffen. Der Nebel des 8.8.1918 scheint
demzufolge als ganz wesentlicher Bestandteil der Bedingungen für die verheerende
Niederlage das AOK 2 noch vor Bekanntwerden der Gefechts- und Erfahrungsberichte
kommuniziert worden zu sein.
2543
Siehe BA-MA, PH 3/294, Bl. 018: [[Link] Ia Nr. 6846 vom 19.9.1918:] Auszug aus
HGr Kronprinz Ia Nr. 6320 geh. vom 11.8.1918.
2544
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0044: AOK 17 an HGr
Rupprecht vom 14.8.1918.
2545
Siehe ebenda, Bl. 0045.
2546
Siehe ebenda, Bl. 0049.
2547
Siehe dazu Abschn. 7.2. Am 17.8.1918 wurde nun auch von der Seite der OHL nach
„Holzmodellen“ der feindlichen Tanks für Schulungszwecke gefragt, die bei
entsprechender Nachfrage im Auftrag der OHL gefertigt werden könnten; siehe KA,
Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0054: OHL vom 17.8.1918.
624

vom Wert „dynamischer Waffenshows“ nach heutigem Verständnis hatte


überzeugen können 2548 , wurden diese ab Ende August zu einer
regelmäßigen Einrichtung 2549 . Ihr Erfolg bestand einmal darin, daß das
Publikum die Gelegenheit dazu bekam, die Eigenarten und Schwachstellen
des Tanks mit eigenen Augen fern einer chaotischen Gefechtssituation
erkennen zu können, dann darin, daß durch die Lehrtruppe tatsächlich auch
experimentiert werden konnte. Die Auswirkungen des Sehens mit eigenen
Augen führte etwa dazu, daß das oben erwähnte und mit dem Bau von
Tankfallen beauftragte Pionier-Bataillon 242 die Unsinnigkeit seines
zweifellos in völliger Unkenntnis der realen Bedürfnisse begonnenen
Unterfangens erkennen konnte und seinen Miniaturgraben nun nicht mehr
als ausreichend erachtete 2550 , sondern zum Verlegen improvisierter Minen
überging 2551 . Ein anderes, klar faßbares Ergebnis der mit den Vorführungen
verbundenen Experimente durch Sturm-Bataillone war, daß leichte
Flammenwerfer als wirkungsvolle Tankbekämpfungsmittel entdeckt wurden
und, laut einem Befehl der OHL von Mitte September, zu diesem Zweck
den Pionierkompanien in schließlich sechs Exemplaren überwiesen werden
sollten 2552 .

2548
Siehe ebenda, Bl. 0072: AOK 6 vom 23.8.1918. Anläßlich dieser ersten, bis zum 30.8.
durchgeführten (siehe ebenda, Bl. 0076 und Bl. 0089) experimentellen Vorführung beim
Sturm-Bataillon 6 in Tournai entstand ein eindrucksvoller Bildbericht, der vom General der
Pioniere des AOK 6 veröffentlicht wurde; siehe BA-MA, PH 3/975: AOK 6 Pi/Tank No
70581 vom 6.9.1918.
2549
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0076: HGr Rupprecht Iaf
Nr.64714 vom 25.8.1918. Die Vorführungen bestanden aus fahrerischen Einlagen, einem
Vortrag über passive Tankabwehr, Vorführungen zur Wirkungsweise von
Tankhindernissen und Minen sowie Beschußtests auf ältere Beutetanks mit
Maschinengewehr, Handgranate und leichtem Minenwerfer (siehe dazu auch ebenda, Bl.
0062).
2550
Erinnert sei daran, daß das AOK 1 beim Bau der Siegfried-Stellung „Fanggruben von
10-15m Breite und 3-4m Tiefe verlangt hatte; siehe dazu Kap. 5.
2551
Siehe HStAS, M 200, Bü. 137: KTB Pi. Btl. 242, Eintrag zum 31.8.1918.
2552
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0153: Chef d. Genst. d.
Feldheeres Ib Nr. 98473 op. vom 17.9.1918. Angekündigt wurde die Zuweisung von zwei
kleinen Flammenwerfern, die später auf sechs je Kompanie aufgestockt werden sollten.
625

Die schriftlichen Gefechtsberichte der am [Link] betroffenen Verbände


erreichten die OHL Mitte August 1918. Und abgesehen von Umstand, daß
die Verfasser in der Regel keine Gelegenheit mehr dazu gehabt hatten, sich
über das Ende der Vorfeldbesatzungen, der Kampf- und
Bereitschaftsbataillone sowie der Stellungsartillerie aus glaubwürdiger,
„erster Hand“ ein umfassendes Bild zu verschaffen, da die überlebenden
Träger dieser Erfahrungen in Gefangenschaft geraten waren, trifft sie das
Manko, erst nach den bereits Tage vorher kursierenden Mitteilungen der
OHL und anderer höherer Stäbe verfaßt worden zu sein. Sich gegen die auf
unbekannten Wegen gewonnenen und früher geäußerten Erkenntnisse der
Vorgesetzten und dazu noch auch gegen eine Flut ihrer Verlautbarungen zu
stellen, dürfte auch jetzt noch, in der dramatischen Lage des Sommers 1918,
kaum einem verantwortlich zeichnenden Offiziere eingefallen sein 2553 .
Hinzu kam, daß zum Hergang des Gefechtes auch bei den involvierten
Divisionen kaum mehr als Eindrücke vorhanden gewesen sein dürften,
welche vor dem Hintergrund früherer Niederlagen durchaus Anlaß dazu
gaben, sich rechtfertigen und entschuldigen zu müssen. Bei der [Link], so
stellte es die Truppengeschichte ihres IR 18 später mit allergrößtem
Bedauern fest, führte dies in erster Instanz zu einem späterhin einer
größeren Öffentlichkeit bekanntgewordenen Bericht 2554 , welcher
unehrenhaftes Versagen von Teilen des Verbandes besonders deutlich
herausstellte 2555 . Nichtsdestotrotz ließ der Kommandeur zwei Tage später,

2553
Siehe hierzu Gleich: Die alte Armee, S. 94. Der frühere General hielt in seiner
kritischen Studie zu den „Verirrungen“ der Armee hinsichtlich des Berichtswesens fest: „In
manchen Fällen aber hat die Berichterstattung von unten nach oben tatsächlich versagt,
weil manche Offiziere schon im Frieden aus einer übertriebenen und falschen Rücksicht
sich mitunter scheuten, dem Vorgesetzten die volle und ganze Wahrheit zu berichten.“
2554
Die Auswirkungen des Berichts lassen sich auch an der Erwähnung der [Link] anläßlich
der Besprechung über die Fortführung des Krieges am 17.10.1918 in Berlin erkennen; siehe
dazu Ludendorff: Urkunden, S. 561, und Kap. 13.
2555
Siehe TG IR 18, S. 380f. Der angeführte Divisionsbefehl der [Link] beinhaltete die
Sätze: „Leider haben aber auch viele Soldaten der Division ihre Pflicht nicht erfüllt. Alle
diejenigen, die nicht Front gemacht haben, als der Feind sie nicht mehr drängte, die, anstatt
die vorderste Linie aufzusuchen und zu halten, die Front für den Feind frei machten und die
Bagagen oder Peronne oder sonst einen sicheren Ort aufsuchten, haben ihre im Fahneneid
beschworene Pflicht schwer verletzt. Sie haben vor ihren Vorgesetzten und Kameraden und
626

am [Link] 1918 2556 , in einer neuerlichen Erklärung kaum Zweifel daran,


daß die Befehle seiner Vorgesetzten schwere Fehler impliziert hatten. Auf
die Frage nach den offenbar dringlich gewünschten Erfahrungen mit der
Flachmine 17, den Tankgewehren sowie Minenwerfern wurde, zumindest
dem äußeren Anschein der Meldung nach, recht lapidar -aber eben
aussagekräftig genug- geantwortet, daß nichts mitzuteilen sei, da keine
Bedienungsmannschaften aus dem Gefecht zurückgekehrt seien 2557 . Daß im
Bericht dieser Division, ebenso wie in demjenigen der [Link] tags darauf,
der später namentlich von Kabisch 2558 betonte Nebel als erstgenannter und
ausschlaggebender Grund für ihre praktische Vernichtung angegeben
wurde 2559 , spielte in der Folgezeit keine Rolle mehr.
Daran änderte auch das AOK 2 mit seinem Erfahrungsbericht vom
[Link] 1918 nichts mehr, worin der Nebel zumindest neben die
„Tankmassen“ gestellt wurde 2560 . Sein Bericht besaß und besitzt diesem
Umstand gegenüber tatsächlich insofern Wert, als daß darin, entweder noch
durch den abberufenen Tschischwitz, oder schon durch den neuen
Stabschef, Klewitz 2561 , verursacht, ein zwar nicht sonderlich
selbstkritisches, aber, davon abgesehen, ein durchaus umfassendes Bild der
Gründe für die Niederlage dargeboten wurde. Außerdem brachte der Bericht
einige bis dato unartikuliert gebliebene Ansichten zu bisherigen
Erfahrungen mit Tanks und zu Grundsätzen ihrer Bekämpfung zum

vor ihrem Gewissen eine schwere Schuld wieder gutzumachen. Aber ganz ehrlos und
vaterlandsverräterisch haben die gehandelt, die ihre Waffen fortwarfen, um schneller
fortzukommen und um nicht wieder in den Kampf geführt werden zu können.“
2556
Siehe HStAS, M 30/1, Bü. 162a, Bl. 67: [Link] I Nr. 1042 geheim. vom 16.8.1918.
2557
Siehe ebenda, Ziff. 1.)b).
2558
Siehe Abschn. 12.5.
2559
Siehe HStAS, M 30/1, Bü. 162a, Bl. 67: [Link] I Nr. 1042 geheim. vom 16.8.1918, Ziff.
1.)a), und ebenda, Bl. 63a: [Link] Ia Nr. 195/VIII. vom 17.8.1918.
2560
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 300: AOK 2 Iab Nr. 577/August geh. vom 21.8.1918.
2561
Da der Bericht vom 21.8. datiert, kann man annehmen, daß er zumindest unter Klewitz’
Regie entstanden ist. Dies wäre gegebenenfalls ein deutlicher Hinweis auf die Eindeutigkeit
des das AOK 2 grundsätzlich entschuldigenden Gesamtbildes von Ausgangsbedingungen
und vom Verlauf der Kämpfe oder auch dafür, daß dem vormaligen Stabschef des AOK 3
diese oder ähnlich negative Verhältnisse aus seinem früheren Führungsbereich durchaus
bekannt gewesen sind.
627

Ausdruck. Als letzter Punkt umfangreicher Äußerungen zum Geschehen


und zur Beseitigung vorhandener Mängel war ein stofflich völlig vom
bestimmenden Inhalt der Tankabwehr-Fragen losgelöst erscheinender
Hinweis darauf enthalten, was vom AOK 2 als eigentliche Ursache des zu
erklärenden Desasters betrachtet wurde:
„Geringe Gefechtsstärken drücken auf die Moral der Truppe, die sich dann noch
schwächer fühlt, als sie eigentlich ist.“ 2562

Bei diesem „Hinweis“ auf die psychisch wie taktisch gravierende


Einschränkung des Gefechtswertes der Verbände blieb es. Und in gewisser
Weise in Opposition dazu standen die in den ersten Sätzen des Berichtes
genannten Faktoren Überraschung und Tankmassen, welche die Infanterie
gelähmt und zu panischen Reaktionen verleitet hätten. Der Nebel war dem
Bericht zufolge –und den Realitäten des [Link] 1918 zweifellos
angemessen- taktisch von ausschlaggebender Bedeutung gewesen, da durch
ihn die Wirkungsmöglichkeiten der Truppe, namentlich der Artillerie 2563
und der statischen Tankabwehrwaffen (Maschinengewehre, leichte
Minenwerfer, Tankgewehre und Tankgeschütze), wesentlich vermindert
worden seien 2564 . Maschinengewehre hätten über zu geringe Bestände an
SmK-Munition verfügt und dennoch einige Entlastung dadurch gebracht,
daß ihr Feuer auf Sehschlitze die Sichtmöglichkeiten der Tankbesatzungen
und damit die Präzision deren Feuers beeinträchtigt habe 2565 . Ähnlich
wirksam seien die leichten Minenwerfer gewesen, die Tanks zumindest zum
Abdrehen gezwungen haben sollten 2566 . Daß von beiden Waffentypen in der
Realität und über die geschilderten Resultate hinaus Wirkung erzielt worden
war, kam hier nicht zur Sprache. Und angesichts der durch den Nebel
bedingten und für die Kämpfe spezifischen geringen Schußentfernungen
erscheint dies insofern als ein Bonus, als daß Bezüge auf solche Erfolge
lediglich zu neuen oder neuerlichen Fehlurteilen nach Vorbild der

2562
Zitiert nach HStAS, M 33/2, Bü. 300: AOK 2 Iab Nr. 577/August geh. vom 21.8.1918,
Ziff. 33.).
2563
Siehe ebenda, Ziff. 17.).
2564
Siehe ebenda, Ziff. 13.).
2565
Siehe ebenda, Ziff. 14.).
2566
Siehe ebenda, Ziff. 15.).
628

Untersuchung der Kämpfe bei Cambrai hätten verleiten können 2567 . So blieb
eine ambivalente, aber gewiß nicht befriedigende Leistung der
infanteristischen Abwehrwaffen zu attestieren. Diese spiegelte sich auch
hinsichtlich der Erfahrungen mit Tankgewehren und Minen wider. Die
13mm Gewehre wurden wegen ihrer langsamen Schußfolge als nur geringer
Gewinn betrachtet 2568 und die Minen, bei denen man eine gute Wirkung
festgestellt haben wollte, was trotz eines in der Literatur zu den Ursachen
der deutschen Niederlage auffindbaren Hinweises auf eine diesbezügliche
Falschmeldung tatsächlich durchaus der Fall sein kann 2569 , waren zwar
Hoffnungsträger, aber noch zu wenig zahlreich gewesen 2570 .
Die Lösungs- und Verbesserungsvorschläge des AOK 2 basierten auf der
Betrachtung der eingesetzten Abwehrwaffen und auf der Erkenntnis, daß
vom Feind in Form „großer Tanks“, der Mark V*, die mit Hindernisbauten
fertig werden würden 2571 , und „gepanzerter Autos“ mit 20km/h
Geschwindigkeit 2572 Typen genutzt worden waren, welche neue Probleme

2567
Siehe Abschn. 9.6.2.
2568
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 300: AOK 2 Iab Nr. 577/August geh. vom 21.8.1918, Ziff.
16.).
2569
Dietz berichtete über einen Stabsoffizier, der es versäumt hatte, in seinem bedrohten
Abschnitt vor dem 8.8.1918 Minen auslegen zu lassen, später aber die Zerstörung von zwei
in Wahrheit durch Artilleriefeuer kampfunfähig gewordenen Tanks reklamierte und auch
auf Nachfrage von Vorgesetzten hin über seine positiven Erfahrungen mit Minen Auskunft
gab; siehe dazu Dietz: Der Todesgang, S. 75.
2570
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 300: AOK 2 Iab Nr. 577/August geh. vom 21.8.1918, Ziff.
19.).
2571
Siehe ebenda.
2572
Siehe ebenda, Ziff. 5.)b.). Die Panzerwagen, von denen keiner abgeschossen worden
war und untersucht werden konnte, waren im Bericht der [Link] als „neuer Tank“ mit
35km/h Geschwindigkeit und einer anzunehmenden größeren Empfindlichkeit gegenüber
Beschuß klassifiziert worden. Bei genauerer Betrachtung ist der Bericht der [Link] ziemlich
vage, was den Einsatz neuer Fahrzeugtypen anbelangt. So ist eine Trennlinie zwischen den
langsamen und für die Artillerie leicht zu bekämpfenden Mark V und V* genausowenig
erkennbar wie zwischen den Whippets und den Panzerwagen. Die Division verfaßte ihren
Bericht offensichtlich auf Basis wenig präziser und kaum verbürgter Zeugnisse, womit ein
grundsätzliches Problem mit der Quellenart der Gefechtsberichte und Kriegstagebücher
einmal mehr überdeutlich gekennzeichnet ist; siehe HStAS, M 30/1, Bü. 162a, Bl. 63a:
[Link] Ia Nr. 195/VIII. vom 17.8.1918.
629

verursacht hatten, denen die bisherigen Maßnahmen nicht gerecht würden.


Richtungweisend waren die neben dem obligatorischen Verweis auf
gründlichere Tiefenstaffelung und bereitgestellte bespannte Batterien bei
Eingreiftruppen 2573 geäußerten Empfehlungen zur Sicherung des Vorfelds
durch Minen 2574 und vor allem diejenigen zur Sicherung des jetzt von
Tankdurchbrüchen gefährdet erscheinenden Geländes hinter der
eigentlichen Kampfzone. Dort sollten einmal Hindernisse und Sperren
vorhanden sein und durch „rückwärtiges Personal“ besetzt werden, und
dann, gegen die jetzt offenkundige Gefahr durchgebrochener Tanks,
stützpunktartig „Tankforts“ angelegt werden 2575 . Der Begriff „Tankfort“
taucht hier nach Wissensstand des Verfassers erstmalig auf und stellt an sich
einen Beleg für die grundsätzlich nicht falsche, zweifelsfrei aber
unnötigerweise verspätete und, in Anbetracht des Zeitpunkt seines ersten
Gebrauchs, letztlich obskure Sichtweise der deutschen Führung auf die
Realität dar. Wie vom AOK 6 2576 und der Heeresgruppe Rupprecht 2577

2573
Siehe ebenda,, M 33/2, Bü. 300: AOK 2 Iab Nr. 577/August geh. vom 21.8.1918, Ziff.
22.) und 23.).
2574
Siehe ebenda, Ziff. 20.).
2575
Siehe ebenda, Ziff. 25.) und 21.).
2576
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0108: AOK 6 Ia/Pi Nr.
4399 geh. vom 3.9.1918. Bezeichnend für das grundsätzliche Problem beim Aufbau eines
„Tankforts“ ist die hier enthaltene Forderung nach einem „energischen“ Offizier als
Kommandant, der dazu gewillt sein sollte, „bis zum letzten Mann auszuhalten und alle
erreichbaren Tanks zu vernichten“. Der situationsbedingte Hilferuf -oder besser: der
verzweifelte Appell, an die Truppe bzw. die diesem Kommandanten unterstellten Soldaten-
„nicht den Kopf zu verlieren“, war in der Weisung ebenfalls enthalten. Im Trubel der
Kämpfe seit Ende August scheinen diese Ideen letztlich nicht mehr flächendeckend
umgesetzt worden zu sein. Was im Gegensatz zu Belegen für Umsetzung und etwaige
Erfolge allerdings vorhanden ist, sind zahlreiche Weisungen zu intensiver Schulung des
rückwärtigen Personals in der Tankbekämpfung; siehe bspw. HStAS, M 33/2, Bü. 300:
AOK 3 Ia Nr. 9248 wk. geheim vom 30.8.1918.
2577
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0139 vom 5.9.1918 und
folgende Blätter als Teil der Diskussion zwischen höheren Stäben um die Organisation der
Tankabwehr. Ergänzend zu den ersten Ausführungen des AOK 6 wurde von der
Heeresgruppe Rupprecht die Zuweisung von K-Flak und Lkw angeregt, was eine als
notwendig erachtete Mobilität der aus „Ordonnanzen, Schreibern usw.“ zu bildenden
Fortbesatzungen garantieren können sollten (siehe ebenda Bl. 0144). Zur Schulung der
630

präzisiert wurde, sollte es sich bei diesen Stützpunkten um Lagerstätten für


infanteristische und artilleristische Tankabwehrwaffen aller Art handeln 2578 ,
welche im Bedarfsfall durch Angehörige rückwärtiger Einheiten und
Dienststellen besetzt und bei der Nahbekämpfung von Tanks zum Einsatz
gebracht werden sollten. Anders als diese Idee, die als
2579
Diskussionsgegenstand von den höheren Stäben gewürdigt und
zumindest stellenweise auch umgesetzt wurde 2580 , obwohl sie kurioserweise
ausgerechnet die einem immer lauter geäußerten Vorwurf nach
verweichlichte, zunehmend kriegsmüde und ehrlose „Etappe“ als Träger der
infanteristischen Nahbekämpfung im Sinn von „Panzervernichtungstrupps“
vorsah, blieb die vom AOK 2 vorgetragene Bitte um ein gepanzertes
Abwehrfahrzeug auf „Rädern und Raupenband“ faktisch so ergebnislos wie
es gleichlautende Vorstöße nach Cambrai 1917 gewesen waren 2581 . Und
dies war möglich, obgleich auch jetzt wieder die positive Wirkung der am
ehesten mit einem solchen „Panzerjäger“ vergleichbaren K-Flak bei der
Tankbekämpfung vom AOK, welches am [Link] nur sieben Stück zur
Verfügung gehabt hatte 2582 , angeführt wurde 2583 .

„rückwärtigen Teile“ in der Tankabwehr siehe auch BA-MA, PH 8 I/34, Bl. 47:HGr
Kronprinz Ia,c Nr. 6343 (als Abschrift der [Link] datiert vom 14.8.1918).
2578
Siehe ebenda, Bl. 0108: AOK 6 Ia/Pi Nr. 4399 geh. vom 3.9.1918. Als Ausstattung
wurden 1-2 nicht weiter spezifizierte „Geschütze“, 1-2 lMW, 2 MG, 3-4 Tankgewehre, 1-2
Flammenwerfer und zahlreiche Handgranaten empfohlen.
2579
Praktische Erfolge der „Tankforts“ und ihrer Besatzungen ließen sich durch den
Verfasser nicht feststellen. Dem stehen auf nicht näher spezifizierter Basis entstandene
englischsprachige Äußerungen in einem lexikalischen Werk entgegen, worin sich
bemerkenswert positiv über ihre Wirkung in den letzten Kriegswochen ausgesprochen
wird; siehe Pope/Wheal: Dictionary of the First World War, S. 462. Auch Goya, S. 362,
erwähnt die Anlage der Forts.
2580
Siehe etwa HStAS, M 200, Bü. 157: GK [Link] Ia Nr. 4418 op. geh. vom 10.9.1918,
Ziff. 2.). Da die Kämpfe der auf den 8.8.1918 folgenden Wochen denselben Charakter
hatten wie jene in den beiden „Tankschlachten“ zuvor, mag es kaum verwundern, daß in
den Gefechtsberichten –jedenfalls denen, die vom Verfasser eingesehen wurden- keinerlei
Rückmeldung über erfolgreiche Tankabwehr aus den „Forts“ heraus feststellbar ist.
2581
Siehe Abschn. 9.6.2.
2582
Siehe Baur de Bataz (u.a. Bearb.): Die Luftstreitkräfte, S. 152.
631

Zumindest die Heeresgruppe Rupprecht nahm diese Umstände schließlich,


während der Kämpfe im September 1918, zum Anlaß, im Führungsbereich
vorhandene K-Flak kraft eigener Befehlsbefugnis für die Rolle der jetzt -
und noch im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges 2584 - fehlenden
Spezialfahrzeuge für aktive Bekämpfung von Tanks zu vereinnahmen 2585 .
Tatsache ist, daß sowohl Tests beim AOK 2, als auch das Gutdünken der
darauf bezogenen negativen Ergebnisse durch die Heeresgruppe Rupprecht
um die Wende zum Jahr 1918 ausschlaggebend für den ausgebliebenen Bau
von behelfsmäßigen K-Flak und neuartigen „Panzerjäger“-Fahrzeugen auf
Ketten gewesen waren 2586 .
Dieses Defizit und andere angesprochene Mängel sowie die zahlreichen
Forderungen zu ihrer Behebung fanden in den Wochen bis zum Kriegende
nur noch sporadisch Berücksichtigung, da die durch den [Link] und den
[Link] eingeleiteten Kampfhandlungen keine Zeit für eine
flächendeckend wirksame Umgestaltung und Neuorganisation der
Tankabwehr mehr zuließen.

2583
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 300: AOK 2 Iab Nr. 577/August geh. vom 21.8.1918, Ziff.
18.): „[Link]’s haben wieder hervorragende Dienste geleistet.“ Mit sieben Abschüssen
waren die K-Flak nachweislich von der [Link] zuvor besonders positiv hervorgehoben
worden; siehe HStAS, M 30/1, Bü. 162a, Bl. 67: [Link] I Nr. 1042 geheim. vom 16.8.1918,
Ziff. 2)d). Wahrscheinlich eben diese sieben Abschüsse, erzielt durch die K-Flak 29,
meldete auch der Bericht des Kommandierenden Generals der Luftstreitkräfte in seinem
Bericht zum 8.8.1918; siehe Baur de Bataz (u.a. Bearb.): Die Luftstreitkräfte, S. 295.
2584
Siehe Nehring: Panzerabwehr, in Militärwissenschaftliche Rundschau Heft 2/1936, S.
189ff.
2585
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt 210, Bl. 0145: HGr Rupprecht Ic No.
67266 vom 14.9.1918.
2586
Siehe dazu Abschn. 9.6.2.
632

13. „Und die Tanks nächstes Frühjahr?“ 2587 Tanks und Tankabwehr in
den letzten Wochen des Krieges.

Parallel zu den als Resultate des „schwarzen Tages“ beschriebenen


Geschehnissen des vorhergehenden Kapitels dauerten die Kampfhandlungen
an der Westfront unter der geltenden Einsatzdoktrin Fochs beziehungsweise
Ludendorffs weiter an.

Abb. 13: Karte zu den Angriffsoperationen der Alliierten bis Kriegsende 2588 .

2587
Im Rahmen dieses Kapitels wurde auf Querverweise weitgehend verzichtet, sofern
diese nicht mit dem originalen Wortlaut von Zitaten verbunden sind, oder direkten Bezug
zu Aussagen innerhalb von Anmerkungen oder Inhalten dieses und oder eines anderes
Kapitels haben.
2588
Abb. nach Volkmann: Der große Krieg, S. 288.
633

Hierbei war und blieb die Rolle von Angreifer und Verteidiger bis
Kriegsende so eindeutig verteilt, wie sie es im Jahr 1917 gewesen war. Auf
diese Operationen ausführlicher einzugehen scheint unnötig, obwohl es sich
bei ihnen nicht, wie Fuller es sehen wollte, um „kleinere
2589
Kampfhandlungen“ in der Folge des [Link] handelte, sondern,
zumindest aus deutscher Perspektive, um die schwersten und
verlustreichsten Kämpfe des gesamten Krieges 2590 . Die Ursache dazu, sie
hier nicht detailliert zu beschreiben, liegt darin begründet, daß das
Zurückwerfen des deutschen Heeres in Belgien und Frankreich in
Einzelschritten, wie es am [Link] von den Franzosen zwischen Oise und
Aisne und am [Link] von den Briten nördlich der Somme wieder
offensiv in Angriff genommen wurde, keine wesentlich neuen Erkenntnisse
für das in dieser Arbeit behandelte Thema bietet.

13.1. Das Kriegsende im Zeichen der „Tankdrachen“.

Das Tank Corps, an allen namhaften Operationen der letzten Wochen bis
zum Waffenstillstand als Speerspitze beteiligt, kam nach dem [Link]
nicht wieder auf eine mit diesem Datum verbundene oder vergleichbare
Einsatzstärke. Es mußte als Geräteersatz auf Mark IV zurückgreifen und
konnte vor Bapaume am [Link] nur rund 200 Fahrzeuge versammeln,
von denen 37 durch direkte Treffer verloren gingen 2591 . Bei den nach 1917
wiederum entbrannten Kämpfen um die Relikte der einmal mehr in den
Fokus des Interesses gerückten Siegfried-Stellung Ende September standen
knapp 400 Panzerwagen und Tanks, darunter 40 Tanks des hier erstmalig
eingesetzten, amerikanischen [Link], zur Verfügung 2592 . Über die
Zahl der tatsächlich an einem Tag ins Gefecht gerollten Fahrzeuge –am

2589
Siehe Fuller: Erinnerungen, S. 278. Einen Überblick über die französischen
Tankeinsätze zwischen August und November 1918 bietet Goya, S. 357ff.
2590
Siehe bspw. KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 117, Akt: 173, Bl. 24: HGr Rupprecht
Iab Nr. 9273 geh. vom 28.8.1918, zu den Kämpfen nördlich der Somme: „Die Kämpfe bei
der [Link] haben bisher einen derartig starken Kräfteverbrauch erfordert, wie noch an
keiner Stelle der Westfront.“
2591
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 96f., und Fuller: Tanks, S. 252f.
2592
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 102f., und zum Einsatz des Bataillons vom
29.9.-23.10.1918 den Bericht bei Fletcher: Tanks and Trenches, S. 184f.
634

[Link] waren es laut Fuller nicht mehr als 175 2593 - und deren
Verluste sind in der Literatur nur wenige Angaben zu finden, die allerdings
bezeichnend sein dürften. Ein Bataillon Mark V*, das am 27. dieses Monats
gegen den Bourlon-Wald und Flesquières vorging, verlor von 26
Fahrzeugen 11 im deutschen Abwehrfeuer und von 34 amerikanischen
Tanks fielen zwei Tage später 24 in einem bis dahin unbekannten britischen
Minenfeld von Februar 1918 aus 2594 .
Die artillerie d’assaut konnte zwischen dem [Link] und dem
[Link] 480 Tanks zum Einsatz bringen, von denen 60 durch deutsche
Artillerie außer Gefecht gesetzt wurden und insgesamt 215 nicht aus
eigenem Antrieb vom Schlachtfeld zurückkehren konnten 2595 . Genauso
erhebliche Ausfälle gab es Ende September während der französisch-
amerikanischen Großoffensive beiderseits Verdun, wobei hierfür nominell
mehr als 600 Fahrzeuge aller Typen vorhanden waren. Wie viele von ihnen
zum Einsatz kamen, ist nicht bekannt, doch anzunehmen ist aufgrund der
gewohntermaßen seit spätestens Juli 1918 praktizierten Unterstellungsweise
der chars d’assaut unter Infanteriestäbe, daß es zu koordiniertem
Masseneinsatz nicht kam 2596 . Die Wirkung auf die deutschen Truppen, die
sich von einem „ersten Schreck“ erholt hatten, war jedenfalls in der
Wahrnehmung eines involvierten deutschen Gruppenkommandos derart
gering, daß es sich zur Aussage verstieg, den Tanks sei jeglicher
nennenswerter Kampfwert abzusprechen 2597 . Die Verluste der
Kampfwageneinheiten bis zum [Link] waren tatsächlich auch erheblich

2593
Siehe Fuller: Tanks, S. 270.
2594
Die Zahlenangaben schwanken zum Teil erheblich; siehe ebenda, S. 271, vergleiche
ders: Tanks, S. 313, und Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 107. Von Interesse ist
vielleicht, daß es sich nicht um Minenkonstruktionen handelte, sondern um versteckt
eingebaute Minenwerfer-Munition mit empfindlichen Zündern. Der Bericht des Bataillons
über die Kämpfe spricht von einigen durch die Minen zerstörten Tanks und von „many
casualties“ beim folgenden Kampf, die durch deutsches Artilleriefeuer verursacht wurden;
siehe Fletcher: Tanks and Trenches, S. 185.
2595
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 100.
2596
Siehe ebenda, S. 110.
2597
Siehe BA-MA, RH 61/50597: Maasgruppe Ost (GK [Link]) Ia Nr. 3878 op. vom
29.9.1918.
635

und beliefen sich auf 367 Fahrzeuge und etwa 40% der Besatzungen 2598 .
Am [Link] erfolgte der vorletzte größere, durch Tanks begleitete
Angriff des Krieges, der als Kooperation interalliierter Kräfte gegen die
deutsche „Hermann-Stellung“ südwestlich Cambrai gerichtet war. Lediglich
74 Tanks kamen zum Einsatz von denen wenigstens 22, meist durch
Festfahren oder technische Pannen und lediglich sechs durch deutsche
Artillerietreffer, ausfielen 2599 . Kurz vor Kriegsende, ab dem [Link],
griffen nochmals Tanks die Hermann-Stellung an. Diesmal waren es rund
80 britische Fahrzeuge aller Typen, denen allerdings so kurz vor dem
Waffenstillstand kaum noch ernsthafter deutscher Widerstand
2600
entgegenschlug .
Die Vorstellung auf deutscher Seite, daß die Tanks das ausschlaggebende
Element bei der Abfolge schwerer Niederlagen waren, welche zwischen Juli
und November 1918 385.000 in Kriegsgefangenschaft geratene Deutsche
und den Verlust von rund 6.600 Geschützen -rund einem Drittel der im Juli
noch vorhandenen Rohre 2601 - bedeuteten 2602 , verfestigte sich zusehends. Die
OHL, hiervon seit den Kämpfen um den „Marnebogen“ so überzeugt wie
von wenigstens partieller Unfähigkeit von Führern und Unwilligkeiten in
der Truppe, erhielt dafür immer wieder Bestätigung. So etwa durch das
AOK 17, welches Anfang September repräsentativ für Verlautbarungen der

2598
Siehe Taschenbuch der Tanks, Teil III, S. 111.
2599
Siehe ebenda, S. 114.
2600
Siehe ebenda, S. 118ff. Fuller resümierte für das Tank Corps, daß seit dem 8.8.1918
1.993 Tanks und Panzerwagen eingesetzt worden waren, von denen 887 instandgesetzt
werden mußten und bis auf 15 Totalverluste auch repariert wurden. Die personellen
Ausfälle betrugen, von einer Stärke von 1.500 Offizieren und ca. 8.000 Mann im August
ausgehend, 598 Offiziere und 2.826 Mann; siehe Fuller: Tanks, S. 276 und S. 286f. Für die
artillerie d’assaut gibt das französische amtliche Werk zumindest Verlustziffern, die mit
dem Abgang von 298 Offizieren und 2052 Mann in der Zeit vom 15.7. bis 25.9.1918 eine
ganz ähnliche Tendenz ausweisen; siehe LAF, Bd. VII.1., App. 11, S. 396. Goya, S. 360,
beziffert die materiellen Verluste der artillerie d’assaut zwischen dem 18.7.1918 und dem
Kriegsende auf 327 Fahrzeuge.
2601
Siehe Linnenkohl: Vom Einzelschuß zur Feuerwalze, S. 283, mit angegebenen 13.100
Feld- und 7.300 Fußartillerie-Geschützen.
2602
Siehe eine Aufstellung bei Harris: Das britische Expeditionsheer, in Duppler/Groß:
Kriegsende, S. 120.
636

höheren Stäbe formulierte, daß der feindliche Infanterist „ohne Tankschutz


feige“ und es den eigenen Divisionen durchaus möglich gewesen sei,
durchgebrochene Tanks „überall weiter hinten“ zu eliminieren 2603 . Daß dies,
den Vorbildern „Marnebogen“ und „schwarzer Tag“ entsprechend, nach wie
vor nur auf Kosten der weiter vorn eingesetzten Teile geschehen war und
diese einem taktisch plötzlich aus (künstlichem) Nebel und Rauch
heraustretenden gepanzerten Feind mit massivster „Infanterieunterstützung“
–eher das Umgekehrte, Massen an Infanterie mit Tankunterstützung, war
auch jetzt der Fall- insgesamt hilflos gegenüberstanden hatten, war oder ist
zumindest heute zwischen den Zeilen dieser Verlautbarung zu erkennen und
zudem am Ergebnis der Kämpfe ablesbar. Die Wirkung der Tanks sollte
dem AOK 17 zufolge zukünftig durch das altbekannte sich Überrollenlassen
der Infanterie in selbstredend vorausgesetztem ungebrochenen Glauben an
rechtzeitige Unterstützung durch Kräfte aller Art kompensierbar sein. Diese
Linie, die nichts mehr mit den Depressionen vom [Link] und [Link]
gemein hatte, sondern zuversichtlich in die Zukunft verwies, wählte nun
einmal mehr die OHL, welche am [Link] als Erfahrung aus den
letzten Kämpfen mitteilte, „daß eine gute Truppe, die fest in der Hand ihrer
Führer ist, unserem Gegner auch trotz der neuen Kampfmittel sich
unbedingt überlegen gezeigt hat“ 2604 . Und tatsächlich konnten selbst in
dieser Schlußphase des Krieges noch sowohl Beispiele für effektive
Gegenwehr der Stellungstruppen, als auch für die Schlagkraft vorhandener
Eingreifreserven und hervorragende Einzeltaten gemeldet werden 2605 .
Darunter fiel bis Ende September unter anderem ein der Legende von
Unteroffizier Krüger bei Cambrai in jeder Hinsicht sehr ähnlicher Fall in
Form eines Vizewachtmeisters Winkelmann (2./RFAR 63), der 13 Tanks

2603
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0124: AOK 17 Iabl Nr.
7853 op. vom 8.9.1918. Siehe dazu auch Alter: Generalobersten v. Einem, S. 436 (Eintrag
zum 17.9.1918).
2604
Siehe HStAS, M 1/11, Bü. 794, Bl. 60: Chef d. Genst. d. Feldheeres II Nr. 10162 op.
vom 4.9.1918, Ziff. 9.).
2605
Siehe Alter: Generalobersten v. Einem, S. 436 (Eintrag zum 17.9.1918), mit der
Angabe, daß durch die [Link] 72 französische Tanks abgeschossen worden seien. Siehe auch
ebenda, S. 438 (Eintrag zum 24.9.1918), mit der Aussage, daß die 200.(Jäger-) Division
„wie eine Mauer“ gestanden habe.
637

zerstört haben soll und von einer Panzerabwehrabteilung der Wehrmacht


zum Namengeber für eine Kaserne auserkoren wurde, die bis Anfang der
1990er Jahre als „Winkelmann-Kaserne“ von der Bundeswehr genutzt
wurde 2606 . Derartige Eindrücke, deren Wurzeln hinsichtlich der möglichen –
oder, besser: gegenüber der wahrscheinlichen- Verschiedenartigkeit jeweils
gegebener Lagen und Ausgangssituationen wie immer 2607 undiskutiert
blieben, dürften zusammen mit den Hoffnungen auf Rüstungen bis Frühjahr
1919 und die Unvorstellbarkeit einer militärischen Niederlage ihren Teil
dazu beigetragen haben, daß die Generalität an der Westfront und die von
Ludendorffs Sichtweise bestimmte [Link] die Fortsetzung des Krieges
beabsichtigte 2608 . Dies fand in unangemessenen Appellen an

2606
Winkelmann, der bereits seit dem 17.4.1918 mit dem preußischen Goldenen
Militärverdienstkreuz ausgezeichnet war, schoß laut Truppengeschichte am 10.8.1918
sechs Tanks unter Beweisen artilleristischer Meisterfertigkeit (indirektes Feuer mit
Feldkanone) ab und weitere sieben wurden von seiner Batterie am 29.9.1918 außer Gefecht
gesetzt. Sein Batterieführer wurde am 29.9.1918 im Heeresbericht genannt. 1937 befand
eine Panzerabwehr-Abteilung in Iserlohn Winkelmanns Leistungen wert, der dortigen
Kaserne den Namen zu geben, wobei es bis zur Konversion des Objekts Anfang der 90er
Jahre auch in Bundeswehrzeiten blieb. Siehe dazu Parrisius, Felix: Geschichte des Res.
Feldartillerie-Regiments Nr. 63 (Ehrenblätter deutscher Regimenter, Bd. 141), Oldenburg
1925, S. 124f. und S. 134f., sowie H[Link] .
2607
Zu vergleichen ist dies etwa mit dem Einsatz der [Link] bei Cambrai, die unter ganz
anderen Verhältnissen auf das Gefechtsfeld trat, als dies für die Stellungstruppen der Gr
Caudry galt. Auch die lobende Anerkennung für die Deutsche Jäger-Division vom
1.8.1918 kann hier angeführt werden; siehe Abschn. 9.6.2. und 11.5.2.
2608
Die Kriegserinnerungen der Generalität sind angefüllt mit derartigen Hinweisen,
Berichten und selbstgewonnenen Eindrücken, so daß an dieser Stelle ein eindeutiger Beleg
für die geltende Ansichtsweise genannt sei. General v.d. Marwitz ließ sich von einem bei
einem Tankangriff verwundeten Unteroffizier berichten und notierte: „Die Leute wären
beim ersten Erscheinen der Tanks teilweise zurückgegangen (zu dumm denn da kriegen sie
erst recht eins ab), er sei nun allein geblieben und beim ‚Anschlußnehmen’ habe er den
Schuß bekommen. Natürlich ist auch er ausgerissen, vielleicht etwas später als die anderen.
‚Na, waren denn nun die Verluste groß in der Kompanie?’ ‚Nein gar nicht, ich war der erste
Verwundete’, also ist’s bloß [hervorgeh.] der Schrecken vor den Dingern, nicht deren
tatsächliche Wirkung. Immer wieder muß man das den Leuten sagen, und wo sie sich
wehren, da geht’s auch.“ Zitiert nach Tschischwitz: General v.d. Marwitz, S. 324 (Eintrag
zum 29.9.1918).
638

Durchhaltewillen und Beschwörung der Tapferkeit der Truppe jedenfalls


weiterhin seine Entsprechung 2609 .
Der Standpunkt des wegen Erschöpfungs- und Überarbeitungsbelastung in
ärztlicher, um nicht zu sagen in „ganzheitlich-psychologischer“ Behandlung
befindlichen 2610 Ludendorff nach den dramatischen Ereignissen, die sich
Ende September allein militärisch durch erhebliche Geländeverluste, das
Zusammenschmelzen der personellen und materiellen Schlagkraft des
Heeres, ausdrücklich auch durch den unausgesetzten Masseneinsatz
feindlicher Tanks 2611 sowie Angebote zu Friedensverhandlungen von seiten
der kollabierenden Verbündeten darstellten, bestand am [Link] 1918
aus der erneut artikulierten Erkenntnis, daß tatsächlich keine Hoffnung auf
ein siegreiches Kriegsende mehr bestehen könne und
Waffenstillstandsverhandlungen umgehend eingeleitet werden müßten 2612 .
Bezeichnend für die Wechselhaftigkeit dieses nun allerdings in Bitten der
Reichsleitung um Friedensvermittlung an Washington und schwerwiegende
innenpolitische Veränderungen mündenden Eingeständnisses, das
Ludendorff Chickerings Meinung zufolge ironischerweise „zum Vater der
deutschen Demokratie“ machte 2613 , war, daß noch tags zuvor Referenten
des Kriegsministeriums dem Reichstags-Hausaltsausschuß ausführlich
dargelegt hatten, daß die zu allem Übel den Ausschlag gebenden alliierten
Tanks zukünftig keinen Schrecken mehr verbreiten können würden.
Schließlich, und die Redner waren bezeichnenderweise ausdrücklich damit
beauftragt, dies darzulegen, habe die OHL nie geruht, sich der Tankfrage

2609
So bspw. vom AOK 7, das in einem Merkblatt erklärte, „Ueber 100m trifft der Tank
nichts und schießt nur Loecher in die Luft und den Erdboden“, was den Tank allein zu
einem „Schreckmittel“ mache; siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 126, Akt: 211, Bl.
0040: HGr Rupprecht Ic 6795 (vom AOK 7 am 29.9.1918 übersandt). Die OHL forderte
das Weiterkämpfen nach dem Bekanntwerden des Wiener Friedensangebotes unter dem
Motto, daß die Bereitschaft über Frieden zu verhandeln nicht dem Geist widerspräche, „in
dem wir den Kampf für unsere Heimat führen“; siehe ebenda, Bd. 117, Akt: 173, Bl. 22:
Chef d. Genst. d. Feldheeres Nr. 10296 op. vom 15.9.1918, und vergleiche dies mit dem
Defätismusvorwurf gegen Kühlmann in Kap. 11.
2610
Siehe dazu Foerster: Ludendorff, S. 71ff.
2611
Siehe dazu Ludendorff: Urkunden, S. 535ff.
2612
Siehe ebenda und Asprey: The German High Command At War, S. 464.
2613
Siehe Chickering, S. 227.
639

anzunehmen und eine der kriegswirtschaftlichen Lage des Reiches


angemessene Lösung des Problems zu finden. Dies sollte in allernächster
Zeit, durch baldigst zu erwartende, „vervollkommnete Abwehrwaffen“
gegeben sein, welche die Tankgefahr völlig beseitigen würden 2614 .
Zwei Wochen darauf, als das Ausscheiden der drei verbündeten Staaten aus
dem Krieg praktisch gegeben war und man sich einem sich erheblich
beschleunigenden Zerfallsprozeß der eigenen Streitkräfte mit Symptomen
im Spektrum von Waffenverkäufen an Zivilisten 2615 , Plünderungen 2616 und
immer weiter um sich greifender „Drückebergerei“ 2617 an der Westfront
gegenüber sah, wandelte sich die Meinung Ludendorffs surrealer Weise
noch ein letztes Mal.
Der Ausgangspunkt einer Besprechung in Berlin am [Link], die unter
Regie des seit Anfang des Monats amtierenden Reichskanzlers, Prinz Max
von Baden, und in Anwesenheit der führenden Köpfe der Reichsleitung und
Streitkräfte stattfand, war die Frage nach den Erfolgsaussichten einer
Fortsetzung des Krieges. Diese hatte sich ergeben, weil die Antwort des
Hoffnungsträgers Wilson auf das jüngste Friedensersuchen weit weniger
günstig als erhofft ausgefallen war. Wie der neue Reichskanzler es
interpretierte, wohl deshalb, weil der amerikanische Präsident „durch die
amerikanischen Chauvinisten und durch den Druck Frankreichs und
Englands in eine schwierige Lage geraten war“ 2618 . Zur Debatte stand nun
die vielleicht doch noch gegebene Option darauf, den ziemlich zahlreichen

2614
Siehe BA-MA, RH 61/50601: Auszug aus dem Protokoll der [Link] des
Reichstags-Ausschusses für den Reichshaushalt am 27.9.1918. Siehe auch die bei Petter
überlieferte sehr ähnlich lautende Note des Kriegsministeriums von Ende Juli in Abschn.
11.5.2.
2615
Siehe HStAS, M 200, Bü. 34: GK 51 Korpstagesbefehl Nr. 15 vom 23.10.1918
(Bezieht sich auf Waffenverkäufe deutscher Heeresangehöriger an belgische Zivilisten, was
mit dem Tod zu bestrafen sei).
2616
Siehe ebenda, Fernspruch der OHL Ia Nr. 10864 vom 20.10.1918 (Wegen scharfer
Kontrolle von Truppen „requirierter“ Gegenstände).
2617
Siehe dazu u.v.a. ebenda, M 30/1, Bü. 162a, Bl. 9: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ic Nr.
95581 op. vom 24.8.1918, ebenda, Bl. 23b: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ic Nr. 10421 geh.
op. vom 26.9.1918, oder ebenda, M 200, Bü. 34: GK 51 Abt. Ia Nr. 442/Okt. Geheim.
Persönlich! vom 19.10.1918.
2618
Siehe Ludendorff: Urkunden, S 556ff.
640

Feinden weiterhin die Stirn zu bieten, bis diese zu einer auf gleicher
Augenhöhe ausgehandelten diplomatischen Einigung gewillter wären.
Ludendorffs Meinung war vor diesem Hintergrund selbstredend von
ausschlaggebender Bedeutung. Und er führte sogleich aus, daß das
Schreckgespenst eines Durchbruchs an der Westfront nicht wahrscheinlich
sei -von ihm auch nicht gefürchtet werde! 2619 - und er mit Hilfe der
alleräußersten Ausnutzung der personellen Ressourcen des Reiches
„vertrauensvoll in die Zukunft“ blicke 2620 .
Bemerkenswert ist an dieser Stelle, daß Ludendorff mit dem hier
geäußerten, ziemlich unverhohlenen und direkten Vorwurf, daß eine ihm
bislang vorenthaltene Ausnutzung der Kräfte überhaupt erst Schuld für die
eingetretene Lage sei, einmal ganz klar die Auswirkungen geringer
Gefechtsstärken auf die Leistungsfähigkeit von Verbänden anerkannte.
Etwas, das in den an das Heer gerichteten Verlautbarungen ausgeklammert
blieb und zuvor –wie in vorausgegangenen Kapiteln sehr deutlich geworden
sein sollte- keine „Entschuldigung“ oder diskutable Erklärung für
„Versagen“ dargestellt hatte. Beachtlich ist ebenso, daß er mit keinem Wort
darauf einging, für wie wenig psychisch und moralisch belastungsfähig der
letzte Ersatz, tatsächlich der Ersatz seit Ende 1917 und dazu auch Teile des
Offizier- und Unteroffizierkorps 2621 , von ihm erachtet worden war.
Tatsächlich hatte er noch am [Link] den höchsten Stäben der
Westfront mitteilen lassen, daß neu in die Front gestellte Mannschaften „den
Eindrücken eines feindlichen Angriffes mit Tanks, mit Kavallerie oder mit
Schlachtfliegern nicht gewachsen waren“ 2622 .
Nun gab es, anscheinend urplötzlich wieder, einen in Wahrheit offenbar zu
keinem Zeitpunkt ganz aufgegebenen Hoffnungsschimmer, der dadurch
genährt wurde, daß es all der erkannten Schwierigkeiten ungeachtet immer
noch gelang -erst am 15. bei Ypern wieder, wie er bei der Besprechung am

2619
Siehe ebenda, S. 559.
2620
Siehe ebenda, S. 560.
2621
Siehe HStAS, M 30/1, Bü. 162a, Bl. 23b: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ic Nr. 10421
geh. op. vom 26.9.1918.
2622
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0123: Chef d. Genst. d.
Feldheeres Ic Nr. 97769 op. vom 3.9.1918.
641

[Link] anführte- dem Feind trotz Löchern in der Front und


Geländeverlusten erfolgreich zu widerstehen. Dies sei auch den
Amerikanern gegenüber der Fall, die man trotz ihrer Zahl nun auch nicht
überschätzen dürfe 2623 . Selbst Truppenteile, die wie die [Link] am [Link],
versagt hätten, würden sich im Augenblick wieder „glänzend“ schlagen.
Die Stimmung in der Heimat stellten die anwesenden Kenner, darunter
Scheidemann, der von der in der Arbeiterschaft weiter verbreiteten
Auffassung „lieber ein Ende mit Schrecken, als Schrecken ohne Ende“
berichtete, düster dar, was in Teilen auch für Ludendorffs Beschreibung der
Stimmung an der Front zutraf. Allerdings verwies der Erste
Generalquartiermeister sogleich auf den vorauszusetzenden Willen aller
Anwesenden, diesen „Stimmungen“ umgehend entgegenzuwirken 2624 , und
er versuchte, für seinen Verantwortungsbereich die Hoffnung darauf zu
hegen, mit der Armee nach Überstehen der nächsten vier Wochen „fein
heraus“ zu sein 2625 . Seine schönfärbende Sichtweise, oder eben das
„Dilemma der Wahrheit“, wie Epkenhans es nannte 2626 , gipfelte darin,
fragwürdigen deutschen Ersatz in Größenordnung von maximal 700.000
Mann bis Frühjahr 1919 gegenüber einem gleichzeitig allein statistisch zu

2623
Siehe Ludendorff: Urkunden, S. 561.
2624
Die Situation beschrieb ein Generalkommando an der Westfront zwei Tage später und
unter Annahme, daß das Gerücht eines bevorstehenden Waffenstillstands entscheidend zu
den katastrophalen Verhältnissen beigetragen habe, folgendermaßen: „An vielen Stellen
sind in juengster Zeit Anzeichen sich lockernder Manneszucht in einer die Schlagfertigkeit
der Truppe ernstlich gefaehrdenden Weise in Erscheinung getreten. Aus der Kampflinie,
waehrend des Gefechts, sind Leute einzeln und in Trupps ohne Befehl und Gewehr
zurueckgegangen. Die rueckwaertigen Strassen sind angefuellt von Drueckebergern. Die
Absperrmassnahmen der Divisionen und des Generalkommandos haben nicht ausgereicht,
diesen Rueckstrom von der Kampffront aufzuhalten. Ausschreitungen im rueckwaertigen
Gebiet, Pluenderungen und Zerstoerungen von Magazinen haben stattgefunden.“ Zitiert
nach HStAS, M 200, Bü. 34: GK 51 Abt. Ia Nr. 442/Okt. Geheim. Persönlich! vom
19.10.1918, Ziff. 1.). Die hier erwähnten Absperrmaßnahmen umfaßte etwa das
Durchkämmen des rückwärtigen Gebietes, das Sammeln der dabei vorgefundenen
Militärpersonen und die anschließende Rückführung der Leute zu ihren Truppenteilen unter
Bewachung; siehe ebenda, [Link] Abt. Ia J. Nr. 6203 vom 19.10.1918.
2625
Siehe Ludendorff: Urkunden, S. 563.
2626
Siehe Epkenhans, Michael: Die Politik der militärischen Führung 1918: „Kontinuität
der Illusionen und das Dilemma der Wahrheit“, in Duppler/Groß: Kriegsende, S. 217-233.
642

erwartenden Kräftezuwachs der Alliierten in Höhe von allein 1,1 Millionen


Mann amerikanischer Truppen als gute Grundlage für eine aussichtsreiche
Fortführung der Kampfhandlungen anzuführen 2627 . Dies nötigte den
Reichskanzler offenkundig dazu, nach den materiellen beziehungsweise
technikbezogenen Kräfteverhältnissen –wenn man so will: nach Belegen für
den Sachverstand des Fachmannes- zu fragen. In der Luft, so gab
Ludendorff in der Manier, mit der er ein bisheriges Aushalten des
schwachen Heeres gegenüber weit überlegenem Feind zu Lande bereits
ausgemalt hatte, zur Kenntnis, war man zwar numerisch eins zu drei
unterlegen, aber, wie die selbst in der Feindpresse gewürdigten
Gefechtsleistungen bewiesen, doch keineswegs faktisch. „Und die Tanks
nächstes Frühjahr?“, bohrte der Reichskanzler nach und erhielt eine
Antwort 2628 , deren Bedeutung als ein Ausgangspunkt der vorliegenden
Arbeit bereits in der Einleitung angeführt wurde und eine Kommentierung
im Kontext der Lage Mitte Oktober 1918 verdient.
Richtig war, daß es Truppenteile gab, die Tankangriffen standhielten oder
deren Angehörige sich gar in Gegenstoß und Gegenangriff mit großem Elan
und mit Erfolg auf den gepanzerten Feind stürzten. Noch für Anfang
November läßt sich dies etwa in Form einer „schneidigen Leistung“ der
[Link]-Brigade finden, deren Jäger Tanks im Nahkampf zerstörten 2629 .
Daß nun aber die dem Beispiel zugrundeliegende Gefechtssituation oder die
hier erwähnten Truppenteile repräsentativ für die Leistungsfähigkeit und
Leistungsbereitschaft der breiten Masse der vorhandenen Einheiten und
Verbände gewesen ist, muß mehr als fraglich sein. Und es muß in der Weise

2627
Siehe Ludendorff: Urkunden, S. 567.
2628
Siehe ebenda: „Ich hoffe, daß wenn unsere Infanterie wieder zu Kräften kommt, auch
der Tankschrecken, der schon einmal überwunden war und wiedergekommen ist, nochmals
überwunden wird. Er kam mit aller Kraft am [Link] durch den Nebel und wer weiß was
sonst. Ist aber die Stimmung der Truppen wiederhergestellt, so machen sich Teile von
ihnen, namentlich die Jägerbataillone und die Gardeschützen, geradezu einen Sport daraus,
die Tanks abzuschießen. Es lockt auch aus materiellen Gründen, denn in den Tanks gibt es
immer gute Verpflegung. Wir konnten nur nicht Schritt halten mit dem Bau von Tanks,
weil wir zuerst Lastautos bauen mußten; aber bis nächstes Frühjahr werden wir darin weiter
sein.“
2629
Siehe HStAS, M 200, Bü. 34: GK 51 Abt. Ia Nr. 35/Nov. geh. vom 2.11.1918.
643

zweifelhaft sein, in der bereits die frische, gerade erst aufgrund der neuesten
Erfahrungen ausgebildete [Link] im April 1917 bei Bullecourt mit Tanks
fertig geworden war, in der diese Division, als einer der wenigen
kampfkräftigen Verbände und gerade erst in die Linie eingeschoben, selbst
am [Link] 1918 standgehalten hatte. Auch die [Link], die bei Cambrai
1917 mit Leistungen geglänzt hatte, wäre in diesem Zusammenhang zu
nennen. Denn diese Verbände sowie auch Einheiten und Teileinheiten
anderer Truppenteile, welche in Gänze zuvor noch nicht derart positiv in
Erscheinung getreten waren und plötzlich durch Leistung hervorstechen
konnten, zeichnete offenkundig etwas aus, das einerseits -historiographisch
ist dies hinlänglich nicht untersucht- in den militärsoziologischen und
psychischischen Bereich zu fallen scheint und ein erstaunliches Maß an
Willigkeit der Soldaten implizierte 2630 . Andererseits ist eine besondere
Rücksichtnahme der Führer und Führung auf ihre
Regenerationsmöglichkeiten zu konstatieren. Durch die Belastungen der
Kämpfe seit März 1918, mangelnde Ruhe- und Ausbildungszeiten sowie
fehlenden Ersatz, schwand die Zahl der „vollkampfkräftigen“ Verbände
zusehends und nicht wenige gingen, um eine sonst für altpreußische
Truppenteile des Siebenjährigen Krieges sinnfällige Bezeichnung zu
benutzen 2631 , in die „Verschleißgruppe“ der Stellungsdivisionen über. Zum
Teil, so scheint es, geschah dies ohne es selbst in letzter Konsequenz zu
bemerken oder wahrhaben zu wollen, wie beispielsweise ein recht obskur
anmutender Streit zwischen der [Link] und dem Alpenkorps wegen des
Verlustes des Mont [Link] bei Péronne Ende September 1918 zeigen
mag 2632 . Im Notenwechsel der beiden Verbände warf man sich gegenseitig
Versagen und Unzuverlässigkeit vor, welche keineswegs auf gefallene

2630
Zu verweisen ist einmal mehr auf die in Bearbeitung befindliche Dissertation Christian
Stachelbecks (MGFA) zur [Link], die in diesem Kontext Erkenntnisse verspricht.
2631
Siehe Bleckwenn, Hans: Die friderizianischen Uniformen, Bd. I: Infanterie I (Die
bibliophilen Taschenbücher Nr. 444), Dortmund/Osnabrück 21987, S. 43ff.
2632
Siehe BA-MA, RH 61/51833. Versagen und Unzuverlässigkeit warfen sich beide
Divisionen gegenseitig vor, wobei die Anlage des Aktes, in dem diese Schriftstücke
gesammelt wurden, zahlreiche andere Dokumente enthält, die über die katastrophale
Stimmungslage in der Truppe, ihre Überbeanspruchung und ihre geringen Gefechtstärken
berichten.
644

Gefechtsstärken und die durch vorherige Belastungen gesunkene


Einsatzbereitschaft der Soldaten zurückgeführt wurde. Vielmehr ging es in
dem Sinne, in dem Hindenburg im Zusammenhang mit dem [Link] 1918
„Vertrauen“ angeführt hatte und in dem den deutschen Soldaten geradezu
eine Tradition von Wundertaten gegen einen historisch und einen explizit
unter den Verhältnissen dieses Krieges gesehen immer überlegenen Feind
attestiert wurde, um den Hintergrund der am [Link] an den
Reichskanzler gerichteten Worte Ludendorffs und einer diese wesentlich
erhellenden Äußerung des Oberkommandos der Heeresgruppe
Kronprinz 2633 .
Gleichfalls am [Link], wobei nicht eindeutig zu klären war, ob
Ludendorff das Schreiben noch vor der Besprechung mit dem Reichskanzler
zur Kenntnis nahm 2634 , erklärte die Heeresgruppe des deutschen und
preußischen Thronfolgers die Fortsetzung des Krieges nach einem Scheitern
der Friedensverhandlungen zu einem „Kampf auf Leben und Tod“ für Heer
und Heimat und einem Kampf um die „Ehre“, welchen man sich selbst und
der „Vergangenheit und Zukunft schuldig“ sei 2635 . Die Stabilisierung einer
zurückgenommenen, kürzeren Front, selbst einer „Rheinfront“, schien an
sich möglich 2636 , wenn verschiedene Maßnahmen ergriffen würden, die sich
dem heutigen Leser als unzweifelhafte Boten eines tatsächlich „totalen
Krieges“ darstellen. Neben zu forcierenden, umfangreichen militärischen
Umorganisationen, welche etwa die „rücksichtlose Beseitigung aller

2633
Siehe dazu Kronprinz Wilhelm: Erinnerungen, S. 360f., und eine offenbar vollständige
Textfassung in BA-MA, RH 61/50601. Nicht deutlich wird aus den Aussagen des
Kronprinzen, ob es sich um ein von ihm selbst aufgesetztes Schreiben handelt. Es ist zwar
in der ersten Person gehalten, was den besonderen Charakter als persönliche
Meinungsäußerung des Thronfolgers herauszustellen scheint, Absender ist aber die HGr
ohne weitere Signatur.
2634
Schon am 4. des Monats hatte die HGr Boehn ein gewichtiges Schreiben
herausgegeben, in dem es hieß: „Die Kampfkraft der Verbände der Heeresgruppe ist durch
die andauernden Kämpfe weiterhin eingeschränkt. Trotzdem ist der feste Wille, die
augenblickliche Stellung so lange als denkbar zu halten, unerschüttert.“ Zitiert nach KA,
Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: „ILL 76“, Bl. 16: HGr Boehn Ia/Ie Nr. 1646 op.
geh. vom 4.10.1918.
2635
Siehe BA-MA, RH 61/50601: HGr Kronprinz vom 17.10.1918, S. 1.
2636
Siehe ebenda, S. 1f.
645

höheren Truppenführer, die wegen Überälterung oder aus sonstigen


Gründen ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind“, sowie die Heranziehung
allen einsatzfähigen Personals aus lagegemäß entbehrlichen Stäben und
Heereseinrichtungen aller Art einbezog 2637 , sollten Zurückstellungen
aufgehoben, die Dienstpflicht ausgeweitet und die Hilfsdienstpflicht bis zum
[Link] verlängert werden. Denn der Krieg, so der die Denkschrift
der Heeresgruppe abschließende Wortlaut, „den wir jetzt zu führen
gezwungen sind, kann nach menschlicher Voraussicht nicht so lang dauern,
daß es nicht berechtigt erscheint, nunmehr den letzten Offizier, letzten
Mann und alle Kräfte des Heimatheeres heranzuholen“ 2638 .
Zu dem von der Heeresgruppe hier skizzierten „Endkampf“, der
legitimatorisch noch immer damit spielte, den Alliierten bei
Friedensverhandlungen durch den ultimativen Widerstand des Reiches auf
gleicher Augenhöhe begegnen zu können 2639 , der mit einem von
Hindenburg unterzeichneten Heeresbefehl vom [Link] de facto von der
[Link] ausgerufen wurde 2640 und parallel zum Heer bekanntermaßen auch
von der Flotte verlangt wurde 2641 , kam es in diesem Krieg nicht mehr.
Sowohl die politisch Verantwortlichen, als auch das Verhalten von
Angehörigen der Land- und Seestreitkräfte verwehrten die
Durchführung 2642 . Zwei Tage nach dem letzten Durchhaltebefehl der [Link]

2637
Siehe ebenda, S. 3.
2638
Siehe ebenda, S. 4.
2639
Schulenburg schrieb über die Beweggründe des Schreiben der Heeresgruppe in einer
Abhandlung für den Untersuchungsausschuß des Reichstages 1925: „Den Feinden fielen
dabei Elsaß-Lothringen und das linke Rheinufer als Pfänder in die Hand. Sie waren von
solcher Stärke, um die Durchführung eines Siegfriedens zu erzwingen und die Fortsetzung
des Feldzuges über den Rhein zu erübrigen.“ Zitiert nach Schulenburg: Die Lage bei der
Heeresgruppe Deutscher Kronprinz in den letzten Kriegsmonaten, S. 317.
2640
Siehe Ludendorff: Urkunden, S. 577f.
2641
Den Anlaß zu einem selbstmörderischen Unternehmen der Marine bot grundsätzlich
ebenso wie beim Heer nicht die Aussicht, damit den Krieg noch entscheiden zu können,
sondern der Aspekt der Wahrung bestehender Ehr- und Wertvorstellungen; siehe dazu
Groß, Gerhard P.: Die Seekriegführung der Kaiserlichen Marine im Jahre 1918
(Europäische Hochschulschriften, Reihe III, Bd. 387), Bern u.a. 1989, S. 417.
2642
Zu diesen Vorkommnissen im Oktober 1918 siehe auch Creutz: Die Pressepolitik, S.
284.
646

wurde Ludendorff entlassen und gut zwei Wochen später trat der
Waffenstillstand in Kraft.

13.2. Konzeption und Organisation der deutschen Tankabwehr bei


Kriegsende.

Im Zusammenhang mit den direkt auf den [Link] 1918 folgenden


Ereignissen wurde bereits gesagt, daß die militärische Führung mit
zahlreichen, mehr oder weniger praktisch umsetzbaren Ratschlägen und
Weisungen zur Umsetzung der jüngsten Erfahrungen an die Truppe
herantrat. Was bei allen denkbaren und hinsichtlich der Erhaltung von
Kampfkraft und des Durchstehens feindlicher Angriffe zu unterstellenden
guten Absichten dadurch nicht gewährleistet sein konnte, war eine für das
gesamte Heer verbindliche Tankabwehr-Vorschrift, wie sie durch diverse
Schriften der OHL des Vorjahres und besonders durch die inhaltlich
mittlerweile überholten Bestimmungen der „Abwehrschlacht im
Stellungskriege“ gegeben gewesen war. Zwar veröffentlichte etwa das AOK
17 eine umfangreiche und illustrierte Abhandlung 2643 , die aufgrund der
jüngsten Gefechtserfahrungen Aktualisierungen enthielt, doch mit dieser
Lösung, die der Art nach bereits im Frühjahr 1917 durch das AOK 6
praktiziert worden war, gab sich die OHL nun offenkundig nicht mehr
zufrieden. Als ein Schritt zur Abhilfe fanden im September zwei als
grundlegende Hilfestellung aufzufassende, mehrseitige Merkblätter der
Abteilung „Fremde Heere“ Verbreitung, die sich mit den französischen
beziehungsweise britischen Tanks und ihrer Verwendung befaßten 2644 .
Inhaltlich waren darin sämtliche Erkenntnisse über die Bauart der
verschiedenen Fahrzeugtypen, die Organisation der feindlichen

2643
Siehe Armeeoberkommando 17 (Hg.): AOK 17 Iag Nr. 8538 op. vom 21.9.1918:
Tankabwehr. (Nachweis über MGFA, Bibliothek, Signatur 41416).
2644
Siehe KA, [Link], Bd. 169, Akt: Tanks und Tankabwehr: Chef d. Genst. d.
Feldheeres, Abteilung Fremde Heere Nr. 16741.: Französische Tanks und ihre Verwendung
(Nur für den Dienstgebrauch.), September 1918, und ebenda: Chef d. Genst. d. Feldheeres,
Abteilung Fremde Heere Nr. 17428.: Die englischen Tanks und ihre Verwendung.
Bearbeitet auf Grund von erbeuteten Befehlen und Papieren sowie von Gefangenen-
Aussagen, September 1918.
647

Tankverbände und ihre Einsatzweisen zusammengefaßt. Auf Möglichkeiten


zur Tankbekämpfung wurde vor diesem Hintergrund nicht dezidiert,
sondern eher im Sinne eines Negativbildes aus der Sicht der Gegner, die
ihre Kampfwagen effizient einsetzen wollten, eingegangen. Dieses Manko,
das den informationsbezogenen Wert beider Schriftstücke keineswegs
mindert, sollte durch exklusiv der Tankabwehr gewidmete Teile innerhalb
der zu überarbeitenden Vorschrift für den Stellungskrieg beseitigt werden.
Hierunter war der „Teil N“, der spätestens Mitte September konzeptionell
fertiggestellt war. Seine Drucklegung aber verzögerte sich, möglicherweise
aus Gründen einer der Bürokratie der Streitkräfte geschuldeten, der Lage -
wenigstens aus heutiger Sicht- unzweifelhaft unangemessenen,
„preußischen Korrektheit“ heraus. Die Worte des Generals der Pioniere bei
der OHL, Marschall von Bieberstein, mit denen er seinen Fachkollegen bei
den Heeresgruppen und in den Armeestäben an der Westfront am
[Link] eine Vorabversion zukommen ließ, lassen eine dahingehende
Interpretation jedenfalls sehr gut zu 2645 . Die vom [Link] 1918 datierte
und etwa von Ludendorff unter diesem Veröffentlichungsdatum auch
angeführte 2646 Vorschrift war zu diesem Zeitpunkt augenscheinlich nicht
herausgegeben worden, und es bleibt zweifelhaft, wann oder ob sie dem
Heer überhaupt noch während des Krieges zugeführt wurde.
Die Bestimmungen des „Teil N“ brauchen schon aus diesem Grund an
dieser Stelle nicht einzeln rekapituliert zu werden. Statt dessen können sie,
unter Einbeziehung der letzten Befehle zur Tankabwehr höherer Stäbe
sowie einer in den um die Jahreswende 1918/19 entstandenen Lehrbüchern
für den Soldaten- beziehungsweise Führernachwuchs enthaltenen Synthese
der Kriegserfahrungen 2647 , einer systematischen Betrachtung unterzogen

2645
„Teil 1 b, Vorschriften für den Stellungskrieg, ist neu bearbeitet und in Druck. Teil N
der Vorschrift behandelt Tankabwehr [hervorgeh.]. Da die Drucklegung noch einige Zeit in
Anspruch nehmen wird, andererseits der Tankbekämpfung durch Minen pp. zur Zeit
höchste Bedeutung beigemessen ist [!], wird der Teil N vorläufig abschriftlich übersandt.“
Zitiert nach BA-MA, PH 3/975, Bl. 003: Chef d. Genst. d. Feldheeres, General der Pioniere
Nr. 18339 [unles.] 18.I. vom 18.9.1918.
2646
Siehe Ludendorff: Urkunden, S. 592.
2647
Siehe Rohrbeck (Bearb.): Taktik. Ein Handbuch auf Grund der Erfahrungen im
Weltkriege, Berlin 1919, S. 197ff., Erdmann/George (Bearb.): Waffenlehre. Ein Hand- und
648

werden, welche die Organisation und die Wirkung der einzelnen Waffen bis
zum Kriegsende umfaßt.
Bedeutend für die Gesamtkonzeption der Tankabwehr und den folgenden
Ausführungen unbedingt vorauszuschicken ist, daß sich die OHL nicht dazu
durchringen konnte, sie auf den verschiedenen Führungsebenen, von den
Divisionsstäben bis hin zur OHL selbst, durch einen „etatisierten
Tankoffizier“ leiten zu lassen 2648 . Die Einsetzung solcher Fachleute, die,
zwecks Bündelung der wenigstens von Infanterie, Artillerie und Pionieren
durchzuführenden Einzelmaßnahmen koordinierend, kontrollierend und
verantwortlich oder zumindest beratend tätig sein können sollten, wurde
zwar prinzipiell befürwortet, doch scheinbar ohne nähere Spezifikation ihres
Aufgabenbereiches und ihrer Befugnisse, ohne Präzisierung der an sie und
ihre Vorbildung gestellten Anforderungen und ohne sie den bereits
vorhandenen „etatisierten“ Fachoffizieren der Stäbe überhaupt gleichstellen
zu wollen. In Ermangelung erhellender Archivalien war es nicht möglich,
eine rationale Erklärung für diese eigenartige Verfahrensweise anzuführen.
Eine plausible Erklärung könnte aber der Umstand bieten, daß ein solcher
„Tankoffizier“ gerade durch das zwangsweise mit seinen umfassenden
Aufgaben verbundene Einwirken auf die Tätigkeitsbereiche der
Maschinengewehr-Offiziere, Kommandeure der Artillerie und Pioniere, der
Führer von Kolonnen und Trains und anderer „Spezialisten“, was, vielleicht
als Einmischung und Beschneidung vorausgesetzter Fachkompetenz
aufgefaßt, zu ungewünschten Friktionen hätte führen können, vermieden
werden sollte. Der zur Diskussion gestellte und vielfach wohl auch noch

Lehrbuch für Offiziere und Offizieraspiranten, Berlin 1919, S. 109f., und Toepffer
(Bearb.): Der Pionierdienst im Kriege mit einem Überblick über die Entwicklung des
Festungsbaues auf Grund der Kriegserfahrungen, Berlin 1919, S. 20ff. Wie aus den
Vorworten der drei Titel hervorgeht, handelte es sich um Veröffentlichungen, die allein
wegen des plötzlichen Kriegsendes den Charakter als Handbücher „auf Grund der
Kriegserfahrungen“ hatten. Inhaltlich entsprachen sie dem Stand von Herbst und Winter
1918.
2648
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0136: Fernschreiben der
OHL zur Ablehnung einer Etatisierung der Tankabwehroffiziere vom 14.9.1918.
649

eingesetzte 2649 Fachoffizier, in dessen Händen theoretische und praktische


Belange der waffengattungsübergreifenden Tankabwehr in Bandbreite
pioniertechnischer Arbeiten, der Disposition infanteristischer und
artilleristischer Abwehrwaffen, der Anlage von Tankforts, der Belehrung
der Truppe oder der Abfassung problemspezifischer Erfahrungsberichte und
Vorschriften von Anfang an hätte liegen können, war in der Schlußphase
des Krieges von absolut fragwürdiger Relevanz.
Was gegen Ende des Krieges gegeben war, war eine Organisation, welche
konzeptionell auf den frühesten Verlautbarungen zum Sachverhalt und
damit maßgeblich auf den waffengattungsspezifischen
Bekämpfungsmethoden, nämlich der primär den Pionieren überantworteten
passiven und einer der Infanterie und Artillerie überlassenen aktiven
Tankabwehr basierte.

13.2.1. Die passive Tankabwehr.

Direkt nach dem Auftreten der ersten Tanks 1916 in verschiedenen Facetten
angedacht fand die passive Tankabwehr bei der Anlage starker
Verteidigungspositionen an der Westfront bis Frühjahr 1917 einige
Beachtung. Was ihren Wert, gleichsam den Wert tiefgegliedert ausgebauter
Stellungssysteme generell, im Laufe des Jahres verminderte, war der
Umfang zu leistender Arbeiten, von denen durch den immensen
Artillerieeinsatz während der Großkämpfe des Jahres oft kaum etwas blieb.
Die Abwehr des Feindes auf Basis der durch Waffeneinsatz an einem Ort
nahezu automatisch geschaffenen Trichterwüsten wurde mehrfach belegt,
wobei das Beispiel Flandern durch die Eigenschaften des Gefechtsfeldes,
namentlich seine Tanks und Infanterie gleichermaßen an der Bewegung
hemmende Verschlammung, das eindrucksvollste Beispiel bot. Aufwendige
Bauarbeiten im Bereich der vordersten Stellungen, wo mit der verheerenden
Wirkung artilleristischen Massenfeuers erwartungsgemäß immer zu rechnen
war, schienen vergeblichen Aufwand zu bedeuten. Die Kämpfe bei
Cambrai, in denen der Artillerie keine Gelegenheit gegeben war, das

2649
Siehe BA-MA, PH 8 I/34, Bl. 95f.: AOK 18 Ia Nr. 7790 geh. vom 20.9.1918. Hier
findet sich die Einsetzung von Tankoffizieren beim AOK, bei den Gruppen und Divisionen
angeordnet.
650

Landschaftsbild so nachhaltig wie zuvor zu prägen, waren hierfür eine


Bestätigung insofern, als daß vermeintlich hervorragend ausgebaute
Verteidigungspositionen kaum mehr ein Hinderniswert beigemessen werden
konnte. Tanks rollten über tiefe Drahtsperren und für unpassierbar erachtete
Gräben offenkundig problemlos hinweg und bahnten der folgenden
Infanterie Wege in die deutschen Linien. Das Resultat dieses Vorganges
hätte sein können, sich nun intensiver mit der Frage des Stellungsbaues zu
beschäftigten, um Bedürfnisse der Tankabwehr und der Infanterie im
Stellungskrieg auf Basis jüngster Erfahrungen miteinander in Einklang zu
bringen. Hierzu kam es unter der Prämisse des zugunsten einer
Entscheidungsoffensive für das Frühjahr 1918 quasi beendet erklärten
Stellungskrieges erst, als sich nicht adäquat durch Hindernis- und
Schutzbauten gesicherte deutsche Truppen 1918 feindlichen Angriffen mit
kombinierter Waffenwirkung ausgesetzt sahen.
Die nach dem [Link] 1918 angeregten Maßnahmen zur Effektivierung der
passiven Tankabwehr, die von den Pionierstäben veröffentlicht wurden und
demgemäß aus sich heraus keine fachübergreifende Zusammenarbeit und
Koordination zwischen den mit Tankabwehrfragen beschäftigten Stellen
beinhalteten, wiesen dieser zwei Aufgabenfelder zu. Einmal ging es darum,
feindliche Kampfwagen schon vor möglichen Gefechtshandlung gänzlich
vom Eindringen in die eigenen Stellungen abzuhalten, dann darum, ihre
Wirkungsmöglichkeiten zumindest soweit einzuschränken, daß sie mehr
oder weniger bewegungs- und kampfunfähig eine leichte Beute der aktiven
Bekämpfung, auf jeden Fall aber keine akute Bedrohung der Truppe mehr
darstellen konnten.
Die Mittel für das vollständige Verhindern von Tankangriffen als
günstigstem Fall lagen maßgeblich im Bereich der kaum durch die
Stellungsbesatzungen selbst beeinflußbaren, weil von höheren Stäben
befohlenen Linienführung. Gab es natürliche oder künstliche Gewässer, die
wenigstens fünf Meter breit und einen Meter tief sein sollten 2650 , Sümpfe,
Steilhänge von mehr als 45° Steigung oder dicht gewachsene Bestände an
massiven Bäumen, so war der günstigste Fall gegeben und eigene

2650
Siehe BA-MA, PH 3/975, Bl. 003: Chef d. Genst. d. Feldheeres, General der Pioniere
Nr. 18339 [unles.] 18.I. vom 18.9.1918, Ziff. 167.).
651

Arbeitsleistungen nicht oder nur in beschränktem Ausmaß notwendig. Der


andere Fall, die Sicherung von Gelände, welches nicht von sich aus zur
Abwehr von Tankangriffen beitrug, erforderte dagegen erhebliche und
gegebenenfalls material- und zeitaufwendige Arbeiten, in die Spezialisten
eingebunden sein mußten. Die hierbei für sinnvoll erachteten
2651
Sprengmaßnahmen, darunter die Beseitigung von Brücken und das
Schaffen von unüberwindlich tiefen Sprengkratern 2652 als einfachste
Alternative zu den arbeitsintensiven „Tankfallen“, „Tankgruben“ 2653 oder
gar den durch Gebrauch von Faschinen seit Cambrai 1917 völlig obsoleten
„Tankgräben“ 2654 , waren dabei noch die schnellste und billigste Variante,
wenn es sich um nicht mehr als die Sicherung sensibler Punkte wie
Ortseingänge und Straßenengpässe handelte. Gegen die kleineren
Tanktypen versprach man sich bereits ausreichende Wirkung durch kleinere
Sperrbauten, wie sie den amerikanischen Truppen im Herbst 1918 in Form
von Betonpfeilern, die teilweise mit Ketten verspannt waren, oder
einbetonierten Stahlträgern und Schienen 2655 begegneten 2656 . Wegen des

2651
Siehe ebenda, Bl. 004, Ziff. 176.).
2652
Siehe ebenda, Ziff. 174.).
2653
Die als ausreichend betrachteten Dimensionen dieser Fallen und Gruben waren denen
ähnlich, die für die Gewässerbreite und Tiefe angegeben wurden. Das AOK 6 empfahl
zudem, die 5m breiten und mindestens 2m tiefen Hindernisse mit Wasser aufzufüllen; siehe
ebenda, Bl. 005: AOK 6 Ia/Pi. Nr. 4399 geh. vom 3.9.1918, Ziff. II.
2654
Wie unterschiedlich die Wahrnehmung der Bedrohung durch Tanks bei den Verbänden
sein konnte, belegt der Bericht der [Link] zu den Kämpfen an der Aisne im August 1918.
Die Qualität der Erfahrungen dürfte sich gravierend von derjenigen der am 18.7. und
8.8.1918 betroffenen Verbände unterschieden haben. Wie aus dem Bericht hervorgeht,
konnten mangels Gefechtsberührung keine Erfahrungen mit feindlichen Tanks mitgeteilt
werden, was die Division aber keineswegs davon abhielt, sich zu Fragen der Tankabwehr
zu äußern. Nervosität der Truppe sei die bedauerliche Folge stetiger Belehrungen über
feindliche Tanks, deren Bekämpfung der Artillerie doch getrost überlassen werden könne.
Sonst, so die [Link], sei die ganze Angelegenheit doch durch einige gute Tiefbau-
Unternehmen und die Anlage eines 4m breiten und 2,5m tiefen Grabens –der offenbar für
die gesamte Westfront vorstellbar schien- aus der Welt zu schaffen; siehe dazu HStAS, M
33/2, Bü. 300: [Link] Abt. Ia Nr. 1853 op. vom 29.8.1918, Ziff. VII.).
2655
So wurde der [Link] vom befehlführenden k.u.k. Generalkommando ein ausdrücklich
als Ersatz für die arbeitsintensiven Tankgräben gedachtes “Schienentankhindernis” zur
652

baulichen und zeitlichen Aufwandes, den diese Einrichtungen, laut


Ludendorff etwa Prellböcke wie an toten Eisenbahngeleisen 2657 , mit sich
brachten und sie an vorderster Front unter Feindeinsicht von Grund auf
schwierig gestaltete, kamen sie ebenfalls ausschließlich für besondere
Punkte und den hinteren Stellungsbereich in Frage.
Die Hauptstütze der passiven Tankabwehr bei der flächendeckenden und
unbedingt bis weit in die rückwärtigen Stellungen vorzunehmenden
Stellungssicherung sollten Minen und Minenfelder darstellen. An zumindest
konstruktionstechnisch vorbereiteten Typen gab es die bereits erwähnte
Flachmine 17, die ihren Test vor Amiens bestanden hatte, und einen
alternativen Typ, die „Tankmine 18“ 2658 . Der Unterschied zwischen beiden
Arten bestand vornehmlich in der Zünderkonstruktion und darin, daß die
Tankmine 18 scheinbar ausschließlich mit Sprengstoff und nicht, wie der
Typ 17, wahlweise mit Handgranaten-Köpfen oder Sprengstoff zu laden
war. Beide, die sich bei einem Gewicht von sechs bis sieben Kilogramm
auch noch zum Werfen oder Schleudern gegen einen Tank im Nahkampf
eignen können sollten, mußten durch die Armee-Pionier-Parks in
Eigenverantwortlichkeit angefertigt werden 2659 . Da die Produktionsleistung
gering, aber durch den gleichzeitigen Anspruch umgehend zu
gewährleistender und flächendeckender Sicherung ein immenser Bedarf
gegeben war, wurden Behelfskonstruktionen auf Basis deutscher mittlerer
und schwerer Minenwerfermunition vorgesehen, die zum Schutz der

Erprobung empfohlen; siehe BA-MA, PH 3/975, Bl. 024: Gruppe Ornes (k.u.k.
[Link]) Pi Nr. 109 vom 11.9.1918.
2656
Siehe dazu Rubel, A.C.: The Barrier Type of Tank Defenses in the [Link] and
Grande Montagne Sectors by the 304th Engineers under Col. James F. Barber, in Corps of
Engeneers, Bd. IX (1919), S. 294-305.
2657
Siehe HStAS, M 1/11, Bü. 794, Bl. 55: Chef d. Genst. d Feldheeres II Nr. 9840 geh. op.
vom 15.9.1918.
2658
Kurioserweise gibt ein Bericht des AOK 1 zur Wirkung geballter Ladungen von Januar
1918 (!) an, daß eine Flachmine 18 vom Armee-Pionierpark konstruiert und erfolgreich
getestet worden sei; siehe KA, HS 3402: AOK 1 Ia Pi. Nr. 47900/498/18 vom 11.1.1918,
Ziff. 8).
2659
Siehe BA-MA, PH 3/975, Bl. 004: Chef d. Genst. d. Feldheeres, General der Pioniere
Nr. 18339 [unles.] 18.I. vom 18.9.1918, Ziff. 173.)f.) und g.) sowie Bildanhang der
Mitteilungen mit Konstruktionszeichnungen.
653

Infanterie und des Kraftwagenverkehrs ebenfalls mit unempfindlichen


Zündmechanismen und, wie alle Sprengmittel, für die eigene Truppe
erkennbar eingebaut werden sollten 2660 . Daß hierfür ausschließlich deutsche
Munition verwandt und mittels billiger Zusatzmaterialien für Zünder und
Einbau, so Beton, diverse Drähte und Hölzer, zum Einsatz kommen sollte,
hatte seinen Grund möglicherweise weniger in der Zuverlässigkeit und
Verfügbarkeit eigenen Materials, als in rüstungstechnischen Zwängen. So
belehrte die OHL noch am [Link] 1918 nicht näher spezifizierte
Adressaten, welche in massenhaft vorhandenen britischen Kanonenzündern
praktikable Minenzünder erblickt hatten, daß diese zwar sehr gut geeignet,
aber aus kriegswichtigem Messing seien und deshalb der deutschen
Rohstoffbewirtschaftung ausgeliefert werden müßten. Abhilfen sollten in
der Heimat gefertigte Zünder darstellen 2661 , deren hier proklamiertes
Vorhandensein allerdings in Frage gestellt sein darf und, falls damals doch
in der Heimat vorhanden, den betroffenen Truppenteilen an der Front für
den Moment wohl auch nicht weiterhelfen konnten 2662 .
Die Effizienz der passiven Tankabwehr mußte zwangsweise darunter leiden,
daß die Bewegung, die durch die alliierten Angriffe seit Mitte Juli 1918 in
die Westfront gebracht worden waren, kaum Gelegenheit ließ,
umfangreiche, zeit- und arbeitsintensive Ein- und Umbauten als
Sicherungsmaßnahmen zu gewährleisten. Versucht wurde dies, und wenn,
dann unter personellen und materiellen Einschränkungen, welche sich in der
kritischen Sichtweise des Gegners auf diesen Sektor der deutschen
Tankabwehr niederschlugen.
Die verschiedenen Arten von Hindernisbauten wurden mit Interesse studiert
und wenigstens teilweise als wirkungsvoll erachtet, während die Rolle der
anscheinend oft genug nicht funktionierenden Minen unter dem
Gesichtspunkt eines fraglos ungünstigen Verhältnisses zwischen Aufwand

2660
Siehe ebenda, Bl. 003f., Ziff. 170.) und 173.)a.) bis e.).
2661
Siehe HStAS, M 30/1, Bü. 55, Bl. 8754: Fernschreiben der OHL vom 20.10.1918.
Genannt wurde ausdrücklich der Kanonenzünder Typ Nr. 106. Daß mit diesem zusammen
auch die Patrone von Fronttruppenteilen als Minen-„Komplettlösung“ genutzt oder
wenigstens angedacht worden ist, ist anzunehmen.
2662
Die Parallelität zum Vorhandensein von Tankgewehren im Artillerie-Depot Mainz ist
offensichtlich; siehe Kap. 13.
654

und Nutzen gesehen wurde 2663 . Eine Betrachtung der französischen


Tankverluste während des Krieges, die sich auf 753 Fahrzeuge belaufen
haben sollen, wies dementsprechend -bei aller Fragwürdigkeit der
angegeben Zahl, doch aber dem Trend nach- sehr signifikant aus, daß
lediglich 16 Fahrzeuge durch Minen zerstört wurden 2664 . Daß beiden
Richtungen passiver Abwehrmittel, vor allem aber der Tankmine, eine
Zukunft beschieden sein mußte, wenn Lage, Zeit und Material ihren
Gebrauch zuließen beziehungsweise zuverlässigere Minen-Muster
vorhanden waren, scheint allerdings schon gegen Ende des Krieges kaum
mehr fraglich gewesen zu sein 2665 .

13.2.2. Die aktive Tankabwehr.

Als erfolgversprechendstes Mittel der aktiven Tankabwehr war nach dem


ersten Auftreten von gepanzerten Kampfwagen die die Schlachten 1916 und
1917 prägende Artillerie ausgemacht worden. Angesichts zweier
„Artillerien“, der Feld- und der Fußartillerie, von denen die erstere
eindeutige, die zweite wenigstens vielversprechende Leistungen dargeboten
hatte, lag es nahe, auf die Wirkung von Geschützen das Hauptaugenmerk zu
richten.
Die Ausstattung mit Spezialmunition und die auf Gerät der Feldartillerie
aufbauende Verstärkung der Truppe durch speziell auf die Tankabwehr
ausgerichtete Sonderbatterien wurden vorbereitet beziehungsweise
durchgeführt. Die Tankabwehrfähigkeit der Infanterie, und darin hatte ein
erster Schock gelegen, war kaum bestimmbar gewesen und stand erst einmal
unsicher im Raum. Die an den Hauptkampffronten zusammengezogenen
Kräfte der Artillerie, die Nahkampf- und Infanteriegeschützbatterien,

2663
Siehe William-Ellis: Tank Corps, S. 221f., und Goya, S. 362.
2664
Siehe Goya, S. 362:
2665
Siehe dazu Toeppfer: Der Pionierdienst, S. 21, und American Expeditionary Forces
(Hg.): AEF Ordnance Bulletin of August 24, 1918: Anti-Tank Defenses, in Corps of
Engineers, [Link] (1919), S. 422-429, und (ohne Verf.:) Antitank Defense-Front-Line
Infantry. What Is The Front-Line Infantryman To Do When Attacked By Tanks? In U.S.
Army Infantery School Mailing List, Bd. VIII (Juni 1934), S. 42ff. Vergleiche Seeßelberg:
Der Stellungskrieg, S. 310.
655

kleinkalibrige Grabengeschütze, Minenwerfer, die der Infanterie zugesagte


Ausstattung mit Stahlkernpatronen und besonders ein in den einzelnen
Soldaten gesetztes Vertrauen, auch gegen einen gepanzerten Feind mit
gewohntermaßen hoher Einsatzbereitschaft selbst im Nahkampf mit
Handgranaten zu bestehen, gaben zu größten Hoffnungen Anlaß.
Hoffnungen, hinter denen die Konstruktion und Produktion
weiterentwickelter und neuartiger Tankabwehrwaffen, welche der Infanterie
Rückhalt hätten zugute kommen lassen, zurückfielen.
Wie die Frühjahrsschlachten von 1917 belegten vermeintlich kein Manko,
sondern eher ein Glücksfall, der ein der spannungsgeladenen Kriegs- und
angespannten Rüstungslage gegenüber unangebrachtes Vergeuden von
Ressourcen vermieden hatte und mehr als nur die gehegten Hoffnungen auf
die Abwehrkraft der Truppen insgesamt bestätigte. Bei Arras gab es
Beweise für die Schlagkraft der Feldartillerie und der Infanterie, wobei sich
der Name Bullecourt mit den durch die herausragenden Leistungen der
[Link] tatsächlich eindrucksvoll repräsentierten Möglichkeiten des neuen
Abwehrverfahrens und einer diesem System und der deutschen Infanterie
gleichsam gemeinen und allgemeinen Überlegenheit gegen jeden Feind zu
Fuß, zu Pferd und auch auf „Ketten“ paarte. Die Aisne-Champagne-
Schlacht belegte letzteres nochmals, gerade nach der Belastung durch das
überaus intensive und vor allem langandauernde Artilleriefeuer des
hochmotivierten Gegners. Hinzu kam ein Beleg für dessen seit 1915
praktiziertes, klar erkennbares und trotz aller Fehlschläge weiterhin
ungebrochen angewandtes Angriffsverfahren, das deutscherseits
erfahrungsgemäß immer die Möglichkeit ließ, frühzeitig jeden neu
gewählten Angriffsschwerpunkt eindeutig ausmachen und adäquat zur
Abwehr vorbereiten zu können. Daß unter diesem Gesichtspunkt, der bis
November des Jahres unwandelbar festzustehen schien, die
Fernbekämpfung von Tanks durch zum Massenfeuer vereinte Feuerkraft
weittragender Geschütze ein erstes, ein einziges und ein letztes Mal
signifikante Erfolge mit sich brachte, fiel kaum auf. Denn wenn der
französische Gegner das alte Angriffsprinzip der Durchbruchs- und
Materialschlachten unter dem Motto „coute qu’il coute“ mit der
Frühjahrsoffensive für seinen Teil auf eine neue Spitze getrieben hatte, so
656

gab die Flandernschlacht das damals noch ausstehende Exempel des


britischen Gegners. Mit letzterer bestätigte dieser auf Kosten seiner
Soldaten jedes üble Vorurteil und bestärkte ein arrogantes deutsches
Überlegenheitsgefühl, welches noch vor Jahreswende wieder implizierte,
den Krieg aus eigener Kraft gewinnen zu können.
Die „Schlappe“ von Cambrai, fahrlässig verursacht –gleich welchen
Standpunkt auf einer Seite man wählt- und durch zumindest leidlich
erfolgreiche aber auf jeden Fall lehrreiche Gegenaktionen ausgeglichen,
bestätigte nun zwar den Tank als brauchbare Offensivwaffe, bedingte mit
ihrem Charakter als Belastungstest beim Überwinden der feindlichen
Kampfwagen aber zugleich auch das weiterhin ungebrochene Zutrauen der
OHL in die Schlagkraft der Truppen generell. Dieser Glaube wurde
aufrechterhalten, bis durch die Lageentwicklung im Sommer 1918 deutlich
wurde, daß, unter Auffrischung der voraussetzungsgemäß allseits bekannten
taktischen Grundsätze, ein technisches Nachsteuern bei der Tankabwehr
notwendig war, um den jetzt in großer Zahl und mit neuen Fahrzeugtypen
angreifenden Alliierten gewachsen zu sein.

[Link]. Die schwere Artillerie.


Die artilleristische Fernbekämpfung von Tanks war die Domäne der
Fußartillerie, die mit Haubitzen ab 15 und mit weittragenden Kanonen ab
10cm Kaliber dazu in der Lage war, jeden Kampfwagen auf größere
Entfernung, auch über den für alle anderen Waffen bestimmten maximalen
Wirkungsbereich von 1.500m 2666 hinaus, zu zerstören. Abgesehen von der
Qualität der Bedienungen und der Güte der schweren Waffen, welche die
Wirkung direkt oder indirekt auf Distanz abgegebenen Fernfeuers mit nur
wenigen Schuß pro Minute und Geschütz eklatant beeinflußten, lag dem
erfolgreichen Einsatz die Notwendigkeit zugrunde, immer eine größere
Anzahl Fußartilleriegeschütze im Abwehrraum versammelt und
einsatzbereit zu haben. An der Aisne 1917 war dies für Verhältnisse der
Westfront geradezu einzigartig und ziemlich eindrucksvoll gegeben
gewesen. Seit Cambrai aber -und hier gibt es einen signifikanten

2666
Siehe Rohrbeck: Taktik, S. 200. 1.500m galt bei Kriegsende als maximaler
Wirkungsbereich der Nahbekämpfung durch direkten Schuß.
657

Unterschied zur sonst wirklich bahnbrechenden Aktion von Malmaison im


Monat zuvor- wurden die Erfolgsbeispiele rar, weil das auf Überraschung
setzende neue Kampfverfahren der Alliierten sowie der Kräftemangel 2667
und die führungstechnischen „Eigenartigkeiten“ auf deutscher Seite eine
wirkungsvolle Kräfte- und Feuerkonzentration maßgeblich beeinträchtigten.
Als Forderung nach zusammengefaßter Feuerwirkung gegen gepanzerte
Ziele blieb eine Hoffnung auf die schweren Geschütze der Fußartillerie
artikuliert und wurde von höheren Dienststellen noch Anfang August 1918
verlangt 2668 . Doch an der lagebedingten Marginalisierung der
Fernbekämpfung änderte dies nichts. Zwar empfahl Bauer noch Anfang
September 1918 die Entwicklung einer speziellen Fußartillerie-Munition zur
Tankabwehr auf geringe Entfernungen 2669 , was auch nicht unbedingt für
eine hervorgehobene Wirkungsweise der Fernbekämpfung durch
großkalibrige Geschütze spricht, doch in den verschiedenen Anweisungen
zur Bekämpfung von Kampfwagen und auch in den direkt nach Kriegsende
erschienen Lehrbüchern fanden die schweren Geschütze nur am Rande und
unter sehr allgemeiner Berücksichtigung ihrer Sperr- und
Vernichtungsfeuer-Qualitäten Erwähnung 2670 .

2667
Hiervon war die Fußartillerie in besonderem Maße betroffen, wie Verlautbarungen der
OHL über knappen Geräteersatz und ein möglichst umfangreiches Herausziehen der
schweren Geschütze zur Schonung und Neuausrüstung ab August 1918 nahelegen; siehe
dazu BA-MA, PH 2/294, Bl. 26: Fernschreiben der OHL an das KM vom 1.8.1918, und
ebenda, Bl. 27: Fernschreiben der OHL an die Heeresgruppen des Westens vom 4.8.1918.
2668
Siehe bspw. BA-MA, PH 8 I/34, Bl. 39: AOK 9 Abt. Ia/Artl./Pi Nr. 1583 op. geh. vom
1.8.1918: Armeebefehl für Tankbekämpfung, oder ebenda, PH 3/975, Bl. 25: Auszug aus
HGr Kronprinz Ia Nr. 6320 geh. vom 11.8.1918. Die Heeresgruppe formulierte, daß bei
Nacht oder unsichtigem Wetter“, was eine gezielte Nahbekämpfung durch Geschütze
unmöglich machen würde, das planmässig vor den eigenen Linien liegende Sperr- und
Vernichtungsfeuer zur Tankabwehr genügen müsse.
2669
Siehe HStAS, M 30/1, Bü. 55: Chef d. Genst. d. Feldheeres IIb Nr. 101790 op. vom
6.10.1918, ebenda, Chef d. Genst. d. Feldheeres IIb Nr. 103404 op. vom 21.10.1918, und
BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 277.
2670
Siehe bspw. BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S.
237, und Rohrbeck: Taktik, S. 200: „Bei Massenangriffen ist es Pflicht aller
Nahkampfgruppen, zur Tankbekämpfung selbständig überzugehen. Außerdem sind
schwere Steilfeuerbatterien [hervorgeh.] zur Bekämpfung zu bestimmen. Sie erhalten
658

Die Bedeutung der militärischen Traditionswaffe, die Operationen dieses


Krieges von der Bezwingung der belgischen und französischen Grenzforts
an lautstark durch gewaltige Detonationen zumindest mitgeprägt hatte,
schwand im Angesicht des Verbrennungsmotors und der auf das
Schlachtfeld zurückgekehrten „Bewegung“ -wohl viel präziser: im
Angesicht des dämmernden „Gefechts der verbundenen Waffen“ 1917/18-
tatsächlich außerordentlich. Doch dies war nur solange der Fall, bis sie
selbst Jahre später „motorisiert“ oder „gepanzert“ wurde und die
kleinkalibrige Feldartillerie auf Nimmerwiedersehen vereinnahmen und
überflügeln konnte.

[Link]. Die Feldartillerie, Minenwerfer, Sonder- und Kleingeschütze.


Nach einer Aufstellung über die Verluste der artillerie d’assaut war „die
deutsche Artillerie“, also beide deutschen Artillerien gemeinsam, für 97%
der abgeschossenen mittleren und 81% der abgeschossenen leichten Tanks
verantwortlich 2671 . Der mit Abstand größte Teil der hierunter fallenden 301
Schneider und [Link] sowie 356 FT-17 dürfte vor dem Hintergrund
dessen, was soeben über die Fußartillerie gesagt wurde, auf die
„vernichtende Wirkung“ 2672 der Feldkanonen zurückzuführen sein. So stellt
sich die Feldartillerie im gesamten Betrachtungszeitraum als Hauptträger
einer aktiven Tankbekämpfung dar 2673 , welche geschütztechnisch in zwei
wesentliche Einsatzgruppen zu teilen ist. Auf der einen Seite diejenige der
Stellungstruppe, welche, die Fußartillerie eingeschlossen, die bekannten,

bestimmte Geländeteile, d.h. in der Regel Zielstreifen dicht vor unseren Linien zugewiesen,
gegen die sie beobachten können und auf die sie sich in Zeiten der Ruhe einzuschießen
haben. Tritt ein Tank in einem solchen Zielbereich einer Batterie auf, so schwenkt sie mit
allen Geschützen auf den Tank ab und setzt ihn mit Salvenfeuer außer Gefecht.“
2671
Siehe Goya, S. 362.
2672
Siehe Toeppfer: Der Pionierdienst, S. 20.
2673
Belegt ist dies u.a. durch die Spitzenposition, der ihr in nahezu allen Dokumenten
eingeräumt wird. Die Aussage bei Erdmann/George: Waffenlehre, S. 100, nämlich daß die
Tankabwehr während des Krieges „immer mehr Sache der Artillerie“ wurde, ist zu
vernachlässigen. Wie in vorherigen Kapiteln gezeigt werden konnte, war die Feldkanone
von Anfang an die erst einmal nächstliegende und dann auch die praktisch wirkungsvollste
Tankabwehrwaffe.
659

artilleristischen Primäraufgaben übernahm und erst in zweiter Linie, sobald


Tanks gemeldet oder im Feuerbereich erschienen, eingreifen sollte, und auf
der anderen Seite Geschütze, Züge und Batterien, welche, in allernächster
Nähe zur Infanterie oder als mobile Eingreifreserve weiter hinten, exklusiv
für die aktive Tankabwehr bereitstanden 2674 .
Die Wirkungsweise der Feldartillerie der beiden Gruppen ist durch die
Darstellung der Kämpfe, besonders derjenigen im Zusammenhang mit den
drei „Tankschlachten“ ausreichend illustriert worden zu sein, so daß an
dieser Stelle keine weiteren Ausführungen nötig sind.
Die nun wieder in’s Kalkül gezogene und schon 1917 gewonnene
Erkenntnis aber, daß aus den Feldartillerie-Abteilungen zur Tankabwehr
ausgegliederte Geschütze die Erfüllung der weiterhin gegebenen und
tradierten Aufgaben beeinträchtigte, brachte bei der Suche nach Aushilfen
gegen Kriegsende wenigstens erwähnenswerte Veränderungen mit sich.
Die bei den Divisionen vorhandenen leichten Minenwerfer waren 1917
hinsichtlich ihrer Fähigkeiten bei der Kampfwagenbekämpfung zuerst
ambivalent beurteilt worden, dann zumindest dem Postulat der Führung
nach zu einer maßgeblichen Stütze der Tankabwehr avanciert. Tatsächlich
fehlen auf der Seite „alliierter“ Darstellungen markante Hinweise auf die
Wirkung von Minenwerfern, was man aber anderseits auch wieder auf die
Unmöglichkeit schieben kann, den Einschlag einer 7,7cm
Feldkanonengranate von der Detonation einer 7,6cm Mine im Chaos der
Schlacht oder im nachhinein unterscheiden zu können. Mitte August wurden
die Divisions-Minenwerferkompanien zugunsten von
Minenwerferkompanien bei den Infanterie-Regimentern aufgelöst, die einen
Bestand von 3 mittleren und 9 leichten Werfern haben sollten 2675 . Die für
die aktive und direkte Tankabwehr und Infanterie-Unterstützung erdachten
Flachfeuerlafetten sollen jedenfalls bereits im Frühjahr 1918 überall

2674
Siehe als ein Beispiel der taktischen Aufstellung die Verteilung der Artillerie bei der
[Link]; siehe BA-MA, PH 3/294, Bl. 57ff.: [Link] Ia Nr. 687 op. vom 10.9.1918. Die
Masse der Artillerie sollte tief gegliedert etwa 4-5km hinter der Haupt-Widerstands-Linie
stehen. Eine Nahkampfgruppe sollte zur Wirkung gegen das eigene Stellungsvorfeld weiter
vorgezogen sein und einzelne Geschütze zur Tank- und Sturmabwehr bei der Infanterie
sowie als mobile Reserve zur Verfügung des Eingreiftruppenkommandeurs bereit sein.
2675
Siehe Cron: Geschichte des Deutschen Heeres, S. 183.
660

vorhanden gewesen sein 2676 und trugen zweifelsfrei dazu bei, die Artillerie
in engster Zusammenarbeit mit der infanteristischen Nahbekämpfung zu
entlasten 2677 . Versuche mit einem doppelläufigen Zwittergeschütz, welches
die Qualitäten der Minenwerfer im Stellungskrieg, als Infanterie- und als
Tankabwehr-Waffen durch die Adaption eines 3,7cm Rohres miteinander
kombinieren sollten, befriedigten bis Kriegsende nicht 2678 .
Eine wesentliche Bereicherung des erfolgversprechend einsetzbaren
Waffenspektrums in der durch die Wahrnehmung des Tanks als
entscheidendem Angriffsmittel des Feindes geprägten Zeit nach dem
[Link] schien es, die Idee der Nahkampf- beziehungsweise
Tankgeschütze von Frühjahr 1917 wieder aufzugreifen. Die Einführung der
Infanterie-Geschütze als Allzweckwaffe der Infanterie wurde zwar noch
befohlen, und dieses bildete über 1918 hinaus faktisch den Nukleus der
13.(Infanterie-Geschütz-) Kompanien der Infanterie-Regimenter der
Reichswehr und Wehrmacht, für den Ersten Weltkrieg aber kamen auch
diese Neukonstruktionen, namentlich das 7,7cm Infanterie-Geschütz 18, zu
spät 2679 . Dasselbe galt für die Parallelkonstruktion zum Tankgewehr, das
13mm Tank- und Flieger-Maschinengewehr (Tuf-MG), das, offensichtlich
wegen der Artverwandtschaft der Waffen, den mit dem in der
Funktionsweise sehr ähnlichen MG 08 ausgestatteten Maschinengewehr-
Scharfschützen-Abteilungen bei den Divisionen überwiesen werden
sollte 2680 . Für eine über die deutsche Seite und den Ersten Weltkrieg hinaus
erkannte Bedeutung bei der Bekämpfung von gepanzerten Zielen durch
Schnellfeuer großkalibriger Geschosse spricht, daß es in Form des
gleichzeitig konstruierten 12,7mm Maschinengewehres (.50cal.,

2676
Siehe Jäger: German Artillery, S. 145.
2677
Siehe Rohrbeck: Taktik, S. 60: „Der l.M.W. mit Flachbahn-Lafette [hervorgeh.] ist
besonders als Begleitgeschütz der Infanterie vorteilhaft verwendbar. Er ist der F.K. 96
durch größere Beweglichkeit und daher leichtere Verbindung mit der Infanterie überlegen.
[... .] In der Abwehr sind Tanks, vorgehende Infanterie und M.G. besonders günstige Ziele
für den Flachbahnbeschuß des l.M.W.“
2678
Siehe Muther, S. 91f.
2679
Siehe Jäger: German Artillery, S. 139f.
2680
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0137: Weisung der OHL
vom 14.9.1918.
661

„Browning“) einen Konterpart auf amerikanischer Seite gibt 2681 . Es handelt


sich dabei um eine Waffe, die sich noch heute, als wohl einziges noch in
aktivem Dienst befindliches Tankabwehrmittel des Ersten Weltkrieges im
Archetyp, im Bestand auch zeitgemäß-modern ausgerüsteter Streitkräfte
wiederfinden läßt. Vom Tuf-MG waren Ende August 1918 50 Stück in
Produktion, und bis zum Frühjahr 1919 –hier stößt man einmal mehr auf
diesen Zeitpunkt- sollten 1.000 gefertigt sein 2682 . Das Kriegsende kam dem
Einsatz der Waffe allerdings zuvor.
Zwei Waffentypen, die noch zum Einsatz kamen und dennoch, primär wohl
wegen ihrer geringen Zahl, keine feststellbaren Auswirkungen auf den
Verlauf des Geschehens mehr nehmen konnten, waren 2cm
Maschinenkanonen und 3,7cm Tankabwehr-Kanonen (Tak). Ende August
hatte die Abteilung Fremde Heere der OHL darauf verwiesen, daß die
bekannten französischen 3,7cm Kanonen des Modells 1916 bei der
Infanterie in großer Zahl zur Bildung von Tankabwehr-Formationen genutzt
würden 2683 , und bis Mitte Oktober war man deutscherseits dazu in der Lage,
zumindest damit zu beginnen, auf diesem Sektor gleichzuziehen. Zur
Verfügung standen allerdings lediglich „behelfsmäßige Konstruktionen“, an
welche selbstredend „nicht die Anforderungen moderner, durchgebildeter
Waffen gestellt werden“ konnten 2684 . Merkmale der Improvisation hafteten
allen getesteten und zum Einsatz vorbereiteten Typen an, wobei die
Einfachheit der Konstruktionen, etwa beim Gebrauch der Rohre technisch
veralteter 3,7cm Revolverkanonen, genauso ins Auge sticht, wie der
Rückgriff auf bekannte Waffen, zum Beispiel die 2cm Kanonen „Becker
Muster II“ und „Ehrhardt“, und eklatante Mängel. So war Dauerfeuer bei
den Maschinenkanonen untersagt, um Störungen zu vermeiden, und ihre
Munition nicht unter den Typen austauschbar. Für den
Nahbekämpfungsbereich konnte man mit Wirkung bis 500m bei den 3,7cm

2681
Siehe Jäger: German Artillery, S. 143.
2682
Siehe dazu Michael: Deutsches Tuf-MG, S. 62.
2683
Siehe HStAS, M 1/11, Bü. 794, Bl. 57ff.: Chef d. Genst. d. Feldheeres Abt. Fremde
Heere. Geheim. vom 22.8.1918.
2684
Siehe ebenda, M 30/1, Bü. 55: KM Truppen-Departement Nr. 2649/18. geh. A4. vom
14.10.1918.
662

Geschossen und mit 250m bei den 2cm Kanonen rechnen, wobei eine
Leistungssteigerung durch die Einführung von Sondermunition baldigst
noch erreicht werden sollte 2685 . Zweifellos würden die neuen Geschütze
eine durchaus wirkungsvolle Verstärkung der Tankabwehr bedeutet haben,
falls sie in größerer Zahl noch während des Krieges zur Auslieferung
gekommen wären. Tatsächlich verfügte die Heeresgruppe Rupprecht bei
einem Soll-Bestand von 228 3,7cm Tak am [Link] 1918 aber nur über
96 2686 .

[Link]. Nahkampfwaffen.
Außer der Artillerie selbst, und derjenigen des „kleinen Mannes“,
Minenwerfern und zugeteilten Sondergeschützen bei der Infanterie, standen
den von Kampfwagenangriffen betroffenen Soldaten ausgesprochene
Nahkampfmittel zur Verfügung, von denen ein Teil bereits bei den ersten
Kontakten mit Tanks 1916/17 zum Einsatz gekommen war. Das geradezu
ultimative Bekämpfungsmittel blieb die auf nächste Entfernung
anzubringende Sprengladung in der bekannten Form als Handgranate und
daraus improvisierter geballter Ladung oder neuerdings die dem Tank
„entgegengeschleuderte“ Mine. Gewehr- und Maschinengewehrfeuer mit
der weiterhin raren SmK-Munition spielten bis zum Kriegsende zudem eine
Rolle. Allerdings war die zerstörerische Wirkung beider Waffen gegenüber
neuen Kampfwagentypen zuletzt so gut wie vollständig aufgehoben 2687 .
Was sich beim verzweifelten Kleinwaffenbeschuß aller Waffen, Kaliber und
Munitionstypen dagegen nach wie vor und als eine beachtliche Entlastung
der angegriffenen Soldaten einstellen konnte, war das Umkehren und

2685
Siehe ebenda, und zu den verschiedenen Varianten der Geschütze sowie deren
technische Spezifika siehe Muther, S. 81ff.
2686
Siehe ebenda.
2687
Dies schlug sich auch in den ersten Erfahrungsauswertungen nach dem Krieg nieder.
Siehe etwa Rohrbeck: Taktik, S. 201: „Die M.G.-Bedienung muß beachten, daß ihre
Hauptaufgabe bei der Abwehr von Tankangriffen in der Bekämpfung der den Tanks
folgenden Infanterie liegt, daß sie sich erst auf nächste Entfernung zum Selbstschutz
[hervorgeh.] mit ihrem Feuer gegen die Tanks selbst zu wenden hat. Jede Verschwendung
der S.m.K.-Munition auf größere Entfernung ist Verschwendung dieser wertvollen,
beschränkten Munition.“
663

Abdrehen der Tanks 2688 , deren Besatzungen durch das intensive Feuer
entweder eingeschüchtert oder von irgendwie ins Fahrzeuginnere gelangten
Geschossen beeinträchtigt wurden. Diesen Effekt wortwörtlich „gezielt“, in
jeder Hinsicht weniger aufwendig und im Ergebnis für den Besitz eines
ganzen Abschnittes und das Überleben seiner Besatzung weniger
„ultimativ“ und risikoreich zu erreichen, sollte forciert werden, weshalb die
OHL Ende September bekanntgeben ließ, daß Gewehre mit Zielfernrohren
gegen Sehschlitze Erfolg gebracht hätten 2689 . Trotz des obskuren Ursprungs
dieser Erkenntnis, die auf der „Aussage eines Frontoffiziers“ basierte,
gereichte in diesem Stadium der Ludendorffschen Auswegsuche
offenkundig zu einem Heeresbefehl zweifelhaftesten Inhalts, während
ernsthafte Fehler- und Problemlösungen schon zuvor und auch jetzt noch
auf sich warten ließen.
Über den Einsatz der Infanterie im Zusammenspiel mit der Feldartillerie bei
der Tankabwehr berichtete ein Gruppenkommando aus einem der
Brennpunkte der amerikanisch-französischen Offensive beiderseits Verdun
Ende September 1918:
„Die Infanterie läßt sie nahe herankommen und beschießt sie mit M.G.’s
(S.m.K.-Munition) und aus Gewehren ebenfalls mit S.m.K.-Munition, Artillerie in
direktem Schuß. Die Tanks kehren darauf hin meist um. Fahren sie doch weiter, so
bleibt die Infanterie ruhig liegen und überläßt ihre Erledigung der Artillerie. In
wiederholten Fällen wurden auch Tanks dadurch erledigt, daß Infanteristen
Handgranaten in die Schießöffnungen hineinwarfen. Es muß der Infanterie immer
wieder zum vollen Bewußtsein gebracht werden, daß den Tanks ein eigentlicher
Kampfwert überhaupt kaum zukommt und daß die von ihnen drohende Gefahr im
wesentlichen überwunden ist, wenn sie der Infanterie keinen Schrecken mehr
2690
einflößen.“

Der gewisse Stolz auf die Abwehrleistung mit sehr geringen Mitteln, der im
hier nicht vollends zitierten Dokument sehr deutlich zum Ausdruck kommt,
mag zwar alles andere als unberechtigt sein, doch eine Gewähr für

2688
Erwähnt wird dieser Effekt auch im Bericht der [Link] zum 8.8.1918; siehe HStAS,
M 33/2, Bü. 300: AOK 2 Iab Nr. 577/August geh. vom 21.8.1918, Ziff. 14.) und 15.).
2689
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0164: OHL an HGr
Rupprecht vom 23.9.1918.
2690
Zitiert nach BA-MA, RH 61/50597: Maasgruppe Ost (GK [Link]) Ia Nr. 3878 op. vom
29.9.1918.
664

gerechtfertigte Erfolgsprognosen konnten die zur Wirkung gebrachten


Waffen keineswegs darstellen, weshalb ja auch schon 1917 eine
„Wallbüchse“ gefordert worden war. Diese wurde jetzt, ab Spätsommer
1918, als 13mm Tankgewehr in größerer Zahl bei den
2691
Minenwerferkompanien der Infanterieregimenter verfügbar. Wie aus
dem Merkblatt zum verhältnismäßig schwer gepanzerten FT-17 hervorging,
rechnete man damit, daß die 13mm-Munition überall durchschlüge und
versuchte alles, um der Waffe gegenüber bei der Truppe Hoffnung und
Vertrauen zu erwecken 2692 .
Die Schwierigkeiten mit dem Gewehr lagen in zwei Bereichen, welche
letztendlich dazu führten, daß es als improvisierte Behelfslösung geringen
taktischen Wertes in das Kuriositätenkabinett der historischen Panzerabwehr
einging: Im Bereich rüstungstechnisch-logistischer Mängel und im Bereich
taktischer Ineffizienz 2693 .
In „größerer Zahl“ hieß auf dem Sektor der Produktion dieser Waffen
tatsächlich nur, daß Tankgewehre ab August in signifikant gestiegener
Größenordnung bei der Truppe verfügbar waren. Ihre Zahl blieb gering. Die
Heeresgruppe Rupprecht meldete im August einen auf ihre drei Armeen
verteilten voraussichtlichen Stand von 436 Gewehren zum 20. des
Monats 2694 . Hierunter befand sich die [Link], die einen Monat später
enerviert bemerkte, sie habe statt eines Sollbestandes von 405 Gewehren
lediglich die von der Heeresgruppe für den [Link] schon ausgewiesenen

2691
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0137: Weisung der OHL
vom 14.9.1918.
2692
Siehe ebenda, Bl. 0070: Chef d. Genst. d. Feldheeres Ic Nr. 94468 vom 20.8.1918.
2693
Die wenigstens begrenzte Effizienz von Tankgewehren, oder den interessanterweise
international verbreiteten „Panzerbüchsen“ als ihren Nachfolgemodellen wurde in
Industriestaaten bereits in der Zwischenkriegszeit erkannt und dann durch Erfahrungen des
„Blitzkrieges“ bzw. aufgrund der Erfahrungen im Einsatz gegen jüngste Panzervarianten
bestätigt. Siehe dazu Fleischer, Wolfgang: Die Entwicklung der Panzerabwehr, S. 18, und
Kosar: Panzerabwehrkanonen, S. 23f.
2694
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0047. Die [Link] besaß
150, die 6. 136 und die 17. wiederum 150 Gewehre.
665

136 2695 . Wiederum einen Monat später, sage und schreibe zwei Monate
nach der ersten Meldung, waren es bei neun Divisionen und einem Armee-
Reservebestand des AOK 6 sogar nur 104 Exemplare 2696 . Das AOK 17 der
Heeresgruppe Rupprecht hatte für den [Link] 324 Gewehre gemeldet
und im September angefragt, ob nicht 150 Gewehre –offenbar zum
Ausgleich für einen bestehendenden Fehlbestand- nachgeliefert werden
könnten 2697 . Die Antwort der OHL war bezeichnend und benannte
„beschränkte Lieferung an Tankgewehren und hohe Verlustzahlen“ als
Ursache für die augenblickliche Unmöglichkeit, dieser Bitte
nachzukommen 2698 .
Plausible Gründe für den offenkundig geringen Produktionsumfang der seit
Anfang des Jahres zur Auslieferung gebrachten, so lange erwarteten und
spätestens seit Mitte 1918 in ihrem bescheidenen und dennoch attestierbaren
Gefechtswert unstrittigen Waffe konnten vom Verfasser nicht ausgemacht
werden. Der Wechsel von einer kurzläufigen zu einer verlängerten Version
im Frühjahr mag ein Grund sein 2699 , der sich möglicherweise neben eine
bürokratische Verschleppung der Dringlichkeit bis zur Bestallung Bauers
als Verantwortlichem der OHL für diese Fragen stellt. Erst am [Link]
wurde eine Tagesproduktion von 50 Gewehren erreicht 2700 . Mit diesen
Gründen möglicherweise auch gepaart sticht auf jeden Fall ins Auge, unter
welch begrenzten rüstungstechnischen Kapazitäten die Einführung einer in

2695
Siehe ebenda, Bl. 0135: AOK 6 Ia/Pi/Tank Nr. 72469 vom 11.9.1918. Die Zuführung
der fehlenden Waffen wurde ausdrücklich von der Heeresgruppe gefordert.
2696
Siehe ebenda, Bl. 0148: AOK 6 Pi. Nr. 73939 vom 22.10.1918. Die Verteilung der
Gewehre umfaßte: [Link]= 13, [Link]= 28, [Link]= 0, [Link]= 2, [Link]= 15, [Link]= 10,
[Link]= 12, [Link]= 0, [Link]= 12, Reserve des AOK= 12. Das AOK 17 meldete parallel
dazu, daß alle MWK mit 4 (je Division also 12) und die Generalkommandos zusätzlich mit
5 Tankgewehren ausgestattet seien und daß sich die Armeereserve auf 33 belaufe; siehe
ebenda, Bl. 0149.
2697
Siehe ebenda, Bl. 161: Antwort der OHL an die HGr Rupprecht vom 20.9.1918 wegen
Bitte des AOK 17 um Zuweisung von 150 Tankgewehren.
2698
Siehe ebenda.
2699
Siehe ebenda, [Link]. Korps, Bd. 169: KM Nr. 1777/9. 18. A2. III. vom 25.9.1918, Ziff.
2., und Kern: Das Tankgewehr, S. 54f.
2700
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0178.
666

fünfstelliger Größenordnung möglichst schnell zu verbreitenden Waffe zu


leiden hatte.
So fand das beachtliche Gewicht des Gewehres, immerhin rund 16kg mit
einem dem großen Kaliber entsprechenden Rückstoß, zwar Beachtung, doch
mehr als den Hinweis auf die Anbringungsmöglichkeit der sonst
gebräuchlichen Maschinengewehr-Zweibeine konnte das Kriegsministerium
nicht anbieten 2701 . Es gab jedenfalls keine mit dem Gewehr zusammen
ausgelieferte und nicht anderswo vielleicht illegitim zu organisierende
Stützkonstruktionen. „Wegen Kostenersparnis“, wie das Kriegsministerium
zugab 2702 , fehlten bei den ausgelieferten Gewehren einzelne Werkzeuge, die
erwartungsgemäß mit hätten übergeben sein sollen. Zwar war das Fehl an
„Fettbürsten“ und „Werg“, die an der Front bei den Maschinengewehr- oder
Gewehrschützen dem Soll-Bestand nach tatsächlich auch vorhanden waren,
aus diesem Grunde nicht gravierend, doch es war ein Umstand mehr, der die
Armut der deutschen Kriegführung illustriert. Ersatzteile waren derart rar,
daß sie genauso wie Ersatz für verlorene und funktionsuntüchtige Gewehre
–der schwere des Problems angemessen, hier wirklich erstaunlich
unbürokratisch- ohne schriftliche Begründungen angefordert werden können
sollten 2703 . Vorschriften zum Gebrauch des „T.-Gewehrs“, die zudem noch
nur vorläufigen Charakter hatten und zu einem Drittel aus Hinweisen zur
Störungsbeseitigung bestanden, wurden nur mit jeweils jeder dritten Waffe
zusammen ausgegeben 2704 . Und die Gewehre selbst, dazu auch all ihre
Munition und sämtliche Zubehör- und Ersatzteile, waren ab Oktober nach

2701
Siehe ebenda, [Link]. Korps, Bd. 169: Vorläufige Anleitung zum Gewehr für
Tankbekämpfung (T.-Gewehr.), Abschn. II. Die Vorschrift ist undatiert, wird aber im
Schreiben des KM vom 25.9.1918 unter dem Hinweis erwähnt, daß sie auch „fernerhin“ in
dieser Form ausgeliefert werden würde; siehe ebenda: KM Nr. 1777/9. 18. A2. III. vom
25.9.1918, Ziff. 5.
2702
Siehe HStAS, M 30/1, Bü. 55: KM Allg. Kriegs-Departement Nr. 2472/10.18. A2 III.
vom 4.11.1918.
2703
Siehe KA, [Link]. Korps, Bd. 169: KM Nr. 1777/9. 18. A2. III. vom 25.9.1918, Ziff. 1.
Nicht einmal der verantwortliche Teileinheits- bzw. Einheitsführer war zum Nachweis
aufgerufen, und die Rücksendung fehlerhafter Stücke wurde für unnötig erklärt.
2704
Siehe ebenda, Ziff. 5.
667

einem Plan des Kriegsministeriums im Artillerie-Depot Mainz in


Eigenverantwortlichkeit der Armeen abzuholen 2705 .
Das hiermit verbundene „Abholen erbeten“ 2706 , wie es wirklich sehr lapidar
von der OHL und dem KM seit August angewiesen wurde, tritt im Blickfeld
des Betrachters als ein weiterer Grund für die begrenzte Verbreitung und
damit auch für die bescheidene Wirkung der „Wallbüchsen“ auf. Kuhl
nannte im Zusammenhang mit Schwierigkeiten beim Ersatz von
Artilleriematerial im Sommer 1918 „Hemmnisse beim Antransport und der
Verteilung“. Diese scheinen sich auch hier widerzuspiegeln 2707 und die
Zuteilung der letztlich rund 15.800 produzierten Tankgewehren 2708
nachhaltig beeinflußt zu haben.
Nicht nur mit der rüstungstechnischen Mangellage auf das Engste
verbunden, sondern der vielleicht wesentlichste Teil derselben und zugleich
ein ausschlaggebender Faktor für die eingeschränkte taktische Bedeutung
des Tankgewehres war, daß für jedes Gewehr nur 60 Patronen 2709
ausgegeben werden konnten. Wenn die Kostbarkeit von Munition im
Rahmen der vorliegenden Arbeit bereits für SmK-Patronen und
Kanonengranaten 15 mit Panzerkopf angeführt wurde, so liegt hier eine
neue Qualität vor, die notwendigerweise eklatante Auswirkungen auf den
erfolgreichen Gebrauch des in seinen individuellen Belastungen für die
Schützen vollends neuartigen Tankgewehres haben mußte. Im krassen
Gegensatz zur oben genannten Vereinfachung des Ersatzwesens bei Waffen
und Zubehör stand Ende September, daß die Auslieferung der 13mm-
Patronen strenger Überwachung und schriftlich fixierter
Nachschubanforderungen durch ein AOK (!) unterworfen war:

2705
Siehe bspw. ebenda, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0178. Hier findet
sich ein Plan für die Abholung von je 500 Gewehren durch die 2., 17., 6. und [Link] in
Dekaden ab dem 19.10.1918. Das Artillerie-Depot Mainz wird im Zusammenhang mit den
Tankgewehren allerorten erwähnt und scheint die zentrale Anlaufstelle für damit
verbundene Fragen und Nachschubleistungen gewesen zu sein.
2706
Siehe bspw. ebenda, Bl. 0118.
2707
Siehe Kuhl: Die Kriegslage, S. 9.
2708
Siehe Kern: Das Tankgewehr, S. 45.
2709
Siehe KA, [Link]. Korps, Bd. 169: KM Nr. 1777/9. 18. A2. III. vom 25.9.1918, Ziff. 4.
668

„Die [...] vorgesehene Überweisung von 500 Patronen zu Ausbildungszwecken


an jedes Armee-Oberkommando findet nicht statt. Die Übungsmunition wird auf
2710
monatlich bis zu 5 Schuß für jedes Gewehr erhöht [ ]. Besonders hervorgehoben
wird aber, daß die beschränkte Munitionsfertigung auch weiterhin ein äußerst
2711
sparsames Umgehen mit der Munition gebietet.“

Die Frage nach den Schützen, also Soldaten der Minenwerferkompanien,


die nur günstigenfalls körperlich und hinsichtlich kampftechnischer
Erfahrungen auch mit dem sehr ähnlichen Gewehr 98 wirklich geeignetes
Personal liefern konnten, stellt sich, wenn man sich vergegenwärtigt, welche
im Unterschied zur Aufstellung der Nahkampfbatterien 1917 wahrscheinlich
sehr viel seltener gewordenen Qualitäten die OHL nun einforderte:
„hierbei kommt es vor allem darauf an, dasz die gewehre besonders tuechtigen
und kaltbluetigen leuten anvertraut werden, die sichere gewaehr fuer die auswirkung
dieser wirksamen waffe bei feindlichen tankangriffen bieten.“ 2712

Das Resümee der OHL und des Gegners zur Wirkung dieser funktions- und
waffentechnisch letztlich sehr simplen Waffe war grundverschieden, was
schon deshalb nicht verwundern sollte, weil die OHL auch hier und jetzt
nicht einsehen und zugestehen wollte, daß es handfeste, auch ihr selbst
bekannte, offensichtliche Gründe für den ausbleibenden Erfolg gab. Die
Auswirkungen der alliierten Tankgewehr-Beute von Hamel am [Link] 1918
muß man noch nicht einmal bemühen, um anzuführen zu können, daß die
wenigen Tankgewehre in den Händen von nur rudimentär vor- und
ausgebildeten Schützen von Grund auf aus wenig wortwörtlich
„durchschlagenden“ Erfolg versprechen und letztlich auch erbringen
konnten.

2710
Der Ausdruck „enerviert“ für die Anmerkung des AOK 6 zur Zahl der vorhandenen
Tankgewehre nach dem 20.8.1918 erklärt sich in diesem Zusammenhang vor allen dadurch,
daß das AOK explizit auf den Mißstand verwies, lediglich 2 Patronen je Gewehr (!) für
Übungszwecke der Schützen bewilligt bekommen zu haben. Zur Ausbildung der
Fertigkeiten der Schützen bettelte das AOK 6 ferner geradezu um die alternativ-
fragwürdige Minimal-Lösung über möglicherweise lieferbare „Platzpatronen“ (wohl um
„Manövermunition“ nach Verständnis eines Bundeswehrsoldaten).
2711
Zitiert nach KA, [Link]. Korps, Bd. 169: KM Nr. 1777/9. 18. A2. III. vom 25.9.1918,
Ziff. 4.
2712
Zitiert nach KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0137: Weisung der
OHL zur Überweisung der Tankgewehre an die MWK (vom 14.9.1918).
669

William-Ellis lieferten für die Perspektive des Tank Corps die Angabe, daß
wahrscheinlich nicht mehr als ein Prozent der später erbeuteten
Tankgewehre von ihren Schützen im Gefecht abgefeuert worden war 2713 .
Und trotz der Aussage von Mitchell, daß während der Kämpfe Ende August
und Anfang September dennoch zahlreiche Kampfwagen von
2714
Tankgewehren beschossen und getroffen wurden , fehlen Belege für eine
signifikante Wirkung der 13mm Gewehr-Geschosse 2715 . Ein Bericht des
[Link] des Tank Corps zum [Link] 1918 unterstreicht diesen
Umstand deutlich und sogar unter der fragwürdigen Maßgabe, daß die
Tankgewehrschützen hervorragend ausgebildete „Experten“ gewesen seien:
„A number of anti-tank rifles, handled by highly trained experts, were brought to
bear on his tank; his driver and observer were both shot trough the head and killed,
two others of the crew were wounded and the tank was perforated in over twenty
places. In spite of this he kept on the move, destroying many machine-gun nests,
knocked out all the large rifles and silenced the enemy; the infantry was thus
enabled to make their way forward into the village with no loss.” 2716

Daß die geringe Schußfolge und Trefferwirkung dieser Waffen 2717 , die
taktische Situation mit ihrer Kombination aus Nebel, fehlenden

2713
Siehe William-Ellis: Tank Corps, S. 221: „The chief disadvantage of the anti-Tank
rifle, however, was that the German soldier would not use it. He was untrained in its use,
afraid of its kick, and still more afraid of the Tanks themselves. It is doubtful if one per
cent. of the A.T. rifles captured in our Tank attacks had ever been fired.”
2714
Siehe Mitchell: Tank Warfare, S. 264. Bestätigt wird dies dadurch, daß alliierte
Gefangene angaben, daß deutsche Tankgewehre zumindest gefürchtet seien. Über den
genaueren Hintergrund dieser Meldung konnte der berichtende NO AOK 5 allerdings keine
Mitteilung machen; siehe BA-MA, PH 5 II/147, NO AOK 5 Buchnummer 20737, S. 2,
vom 28.10.1918.
2715
Siehe Goya, S. 362: „Ainsi, si le fusil antichar de 13mm était efficace au champ de tir
jusqu’à trois cents mètres contre les FT17, son action réelle a été nulle.”
2716
Zitiert nach Fletcher: Tanks and Trenches, S. 198.
2717
Siehe Nehring: Panzerabwehr, in Militärwissenschaftliche Rundschau, [Link]. 1936, Heft
2, S. 187: „Es dürfte daher zweifelhaft sein, ob Schützen den Kampf mit feuernden und in
Rudeln auftretenden Panzerkampfwagen, welche sie in 1 Minute (gleich 300m!) überfahren
können, erfolgreich führen mit einer Waffe, deren Wirkung erst auf solche nahen
Entfernungen beginnt. Im Kriege versagten die 13mm-Tankabwehrgewehre aus diesen
Gründen, da die den Bedienungen zugemutete moralische Belastung (Wirkung bis 200m
Entfernung gleich früher 2 bis 3 Minuten!) zu groß war.“ Der Bemessung der Wirkung
670

Deckungsmöglichkeiten, vorrollenden Tanks, vorgehenden


Infanteriewellen, einer infernalischen Feuerwalze und auf jedes sich
darbietende Ziel niederstoßenden Schlachtfliegern, mangelnde Ausbildung,
fehlende Motivation und physische Belastungsgrenzen der Schützen
zusammengenommen den Ausschlag für die letztlich sehr begrenzten
Erfolge der Tankgewehre gaben, negierte die OHL vollends. Statt dessen,
und selbst nach einer Bestätigung der Ineffizienz durch Tests beim Lehr-
Infanterie-Regiment 2718 , findet sich in einer Rekapitulation des durch die
Truppe „sehr verschieden“ beurteilten Gewehres Anfang Oktober 1918 2719
in Form von Vorwürfen zu falscher Handhabung und übertriebenen
Hoffnungen alles wieder, was an Anschuldigungen gegenüber
inkompetenten Führern und feigen Truppen schon zuvor auf anderem
Gebiet geäußert worden war. Zutiefst wundersam nimmt sich dabei ein
abschließender Satz aus, der darauf rekurrierte, daß der Ausbildung der
Truppe im Umgang mit der Waffe größte Aufmerksamkeit gewidmet
werden müsse, damit „der Schütze die Voraussetzungen ihrer Wirkung
kennt. Nur dann wird er Vertrauen darauf haben“ 2720 . Aber wie sollte er

durch Nehring ist sicherlich entgegenzusetzen, daß ausgerechnet in zwei von drei
Tankschlachten –und in allen dreien spielten ungünstigste Sichtverhältnisse eine
herausragende Rolle, in der ersten gab es dazu noch keine Tankgewehre- geringe
Sichtweiten bedeutend waren. Schußentfernungen von weniger als 200m waren also schon
dadurch real gegeben. Die Auswirkungen konzentrierten MG- oder Kleinwaffenfeuers
legen es zudem nahe, Tank- und später auch Panzerbesatzungen durch mit Dauerfeuer aller
Waffen deutlich aufgezeigtem Widerstandswillen zum Abbruch des Angriffs bewegt haben
zu können. Für Verhältnisse des Ersten Weltkrieges mußten Tankgewehre definitiv eine
zumindest das Spektrum der wirksamen Abwehrmöglichkeiten bereichernde Waffe
darstellen.
2718
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 266f.
Das Regiment stellte bis zum 25.9.1918 fest: „Das Gesamtergebnis ist, daß von 18
Schüssen wahrscheinlich keiner den Kampfw. bewegungs- und kampfunfähig gemacht
hätte.“
2719
Siehe KA, [Link]. Korps, Bd. 169: Chef d. Genst. d. Feldheeres IIb Nr. 100266 op. vom
1.10.1918. Falsche Handhabung und übertriebene Hoffnungen, demgemäß falsches
Schießen mit ungünstigem Auftreffwinkel der Geschosse und die nun irrig deklarierte
Annahme, mit einem einzelnen 13mm Geschoß signifikante Wirkung erzielen zu können,
wurden als Fehler benannt.
2720
Siehe ebenda.
671

Vertrauen auf ein unhandliches, schweres Gewehr mit ein paar Schuß
Munition haben, das er zuvor ein paar- oder gar keinmal unter
Schießplatzbedingungen hatte abfeuern dürfen und nun unter chaotischsten,
physisch und psychisch das Maximum an Leistung abfordernden
Gefechtsbedingungen auf nächste Entfernung, ab ausdrücklich maximal 200
bis 300m 2721 , zu Wirkung bringen sollte?
Bezogen auf den Einsatz von Flammenwerfern lagen ähnliche Probleme
vor, da es sich um eine Waffe für den ausgesprochenen Nahkampf auf
Distanzen bis etwa 20m handelte 2722 , die in großer Zahl so bald wie
gefordert nicht verfügbar sein konnte. Spätestens mit den
„Tankvorführungen“ beim Sturmbataillon 6 konnten die leichten
Flammenwerfer als effektive Abwehrmittel angesehen werden 2723 . Sie
waren allerdings bei den Infanterie-Pionierkompanien der Divisionen zu
diesem Zeitpunkt überhaupt nicht vorhanden, was nach sich zog, daß die
OHL am [Link] die Zuteilung von erst einmal zwei Exemplaren je
Kompanie und die Ausbildung und Aufstellung dortiger
2724
Flammenwerfertrupps verfügen mußte . Den ersten beiden Werfern
sollten später vier weitere folgen, und selbst wenn bis Kriegsende einzelne
Belege für den erfolgreichen Einsatz –das bedeutet nichts anderes als
Belege für einen wahrlich grausamen Feuertod der Tankbeatzungen-
vorlagen, so kam es auch hier letztlich nicht mehr zur flächendeckenden
Umsetzung des Vorhabens 2725 .

[Link]. Flieger und Kraftwagen-Geschütze.


Weniger eine Frage der flächendeckenden Einführung neuer Waffen wie bei
den Tak, Tankgewehren oder Flammenwerfern, sondern besonders die
Frage der Beherrschung des Gefechtsfeldes an sich dominierte die

2721
Siehe ebenda.
2722
Siehe Rohrbeck: Taktik, S. 138.
2723
Siehe BA-MA, PH 3/975: AOK 6 Pi/Tank No. 70581 vom 6.9.1918.
2724
Siehe KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125, Akt: 210, Bl. 0154: Chef d. Genst. d.
Feldheeres Ib Nr. 98473 op. vom 17.9.1918.
2725
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 281, und
Toepffer: Der Pionierdienst, S. 21.
672

Effizienzfrage des Anteiles der Luftwaffe an der Tankabwehr der zweiten


Hälfte des Jahres 1918.
Im Bereich der durch Flugdienst zu erbringenden Leistungen, namentlich
auf dem Gebiet der aktiven Tankbekämpfung durch Schlachtflieger und seit
den Kämpfen vor Amiens auch in Ausnahmefällen durch Jagdflugzeuge
nach dem Beispiel Ritter von Greims 2726 sowie bei der Aufklärung von
Tanks durch Beobachtungsflüge, war die Luftüberlegenheit über dem
Gefechtsfeld bestimmend. Und hier konnten deutsche Flieger in Parallelität
zur Lage beim Heer zwar mit der jeweils herbeigeholten Verfügungsmasse
nach einiger Zeit etwas ausrichten und Schwerpunkte bilden 2727 , doch kaum
vorbeugend eingreifen und nach Anforderung durch die
Stellungsbesatzungen taktisch zielgerichtet Hilfe bringen. Bei allen
Erfolgen, die sich anhand erstaunlich hoher Abschußzahlen –so für
September 1918 noch 110 deutsche gegenüber 773 alliierten
Flugzeugverlusten 2728 - festmachen lassen, mußte das der Infanterie bei
Tankangriffen anempfohlene Herbeirufen von „Tieffliegern“ 2729 mit ganz
erheblichen Unsicherheiten verbunden bleiben, die maßgeblich von
Geländekenntnissen und noch stärker von Behinderungen durch alliierte
Jagdflugzeuge bedingt wurden 2730 . Dies mag auch am Bericht des AOK 2

2726
Den ersten Tankabschuß mit Maschinengewehrfeuer aus der Luft reklamierte der später
noch als letzter Befehlshaber der Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg bekannt gewordene
Ritter v. Greim für sich, einen zweiten Abschuß erreichte der Flügelmann Greims, ein
Vizefeldwebel Pütz, kurze Zeit später in derselben Kampfhandlung. Einen knappen Bericht
dazu lieferte Greim selbst in Oberlindober (Hg.): Deutsche Kriegsopferversorgung, [Link].
Folge 7 (April 1937), S. 17f. Das Fazit Greims lautete: „Eine neue Möglichkeit war
gewonnen, unsere schwer ringende Infanterie gegen die stärksten Träger der mit Übermacht
geführten Angriffe, die Tanks, zu unterstützen.“
2727
Siehe Baur de Betaz (u.a. Bearb.): Die Luftstreitkräfte, S. 202.
2728
Siehe Potempa, Harald: Die Königlich Bayerische Fliegertruppe 1914-1918, (Diss.
Universität München) Frankfurt a.M. 1997, S. 76.
2729
Siehe etwa die Vorschläge der Heeresgruppe Rupprecht zur Organisation der
Tankabwehr nach dem 5.9.1918 in KA, Heeresgruppe Rupprecht, Bd. 125. Akt: 210, Bl.
0144.
2730
Siehe dazu Baur de Betaz (u.a. Bearb.): Die Luftstreitkräfte, S. 207 und S. 210ff.
Tatsächlich finden sich für den 8.8.1918 „prozentual hohe Verluste“ genannt, die primär
auf die Unkenntnis der Besatzungen herbeigerufener Schlachtflieger hinsichtlich des
673

über die Kämpfe am 8.August1918, der immerhin für die britischen


Luftstreitkräfte mit erheblichen Ausfällen verbunden war, ablesbar sein,
denn es räumte den Schlachtfliegern hierin noch am [Link] keinen Platz
ein 2731 . Die Waffenausstattung der Schlachtflieger, ein starres, nach vorne
feuerndes und ein bewegliches Maschinengewehr hinten sowie
Wurfgranaten und 12,5kg-Bomben, war für die Tankbekämpfung
tatsächlich auch wenig ideal, wie sich bei Sprengversuchen in Frankfurt an
der Oder am [Link] zeigte 2732 . Die Wirkung der kleinen Bomben war
selbst bei Nahzündung in einer Distanz zum gepanzerten Ziel von einem
Meter enttäuschend gering, und die Mitnahme der wesentlich
zerstörerischeren 50kg-Bomben verbat sich angesichts eingeschränkter
Nutzlasten der damaligen Flugzeuge 2733 und anscheinend zugunsten einer
gegen weiche Ziele erprobten Wirkung kleiner Sprengkörper. Demgemäß
wiesen erste Lehrbuchparagraphen zur Führung des Gefechtes der
verbundenen Waffen von 1919 die Schlachtflieger auch nicht ausdrücklich
als Tankabwehrmittel aus, sondern sprachen sehr viel allgemeiner von
ihrem Einsatz gegen „lohnende“ Erdziele an und hinter der Front 2734 .
Anders, wenngleich aber auch unter dem Faktor der „Zahl“ leidend, stellten
sich K-Flak als überaus effiziente Tankbekämpfungswaffen dar.
„Vorzügliche Dienste“ 2735 und „vernichtende Wirkung“ 2736 wurden ihnen
bekanntermaßen seit 1917 und auch über das Kriegsende hinaus
zugeschrieben, doch an den zwei großen Fehlern der mit Kraftwagen
bewegten Flugabwehrkanonen änderte dies nichts.
Zum einen blieb als taktisches Manko erhalten, daß die Geschütze primär
dem Luftschutz zu dienen und sich nur im Notfall in die aktive Tankabwehr

Geländes und der Linienführung zurückzuführen gewesen sein sollen. Wie gering die
Wirkung der Schlachtflieger an diesem Tag tatsächlich war mag man auch daran
festmachen, daß, zweifelsfrei in Ermangelung hervorhebenswerter eigener Schilderungen,
eine britische Quelle als Erfolgbeleg angeführt wurde (siehe S. 212, Anm. 1).
2731
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 300: AOK 2 Iab Nr. 577/August geh. vom 21.8.1918.
2732
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 282.
2733
Siehe ebenda.
2734
Siehe Rohrbeck: Taktik, S. 275f.
2735
Siehe ebenda, S. 200.
2736
Siehe Toepffer: Der Pionierdienst, S. 20.
674

einzuschalten hatten 2737 , wodurch zwei kaum miteinander in Einklang zu


bringende Aufgaben, die eine als Infanterie-Nah-Schutz, die andere im
Sinne tiefgegliederter Raumüberwachung, gestellt waren. Dieser Umstand,
zusammen mit der an gute Verkehrswege gebundenen und dadurch
grundsätzlich eingeschränkten Mobilität der Fahrzeuge 2738 , ließ sie für die
Tankabwehr erst dann in Erscheinung treten, wenn der Kampf um die
vordersten Stellungsteile –im Zweifelsfall immer zuungunsten ihrer
deutschen Besatzungen- bereits abgeschlossen und der Feind in den
rückwärtigen Raum einzudringen versuchte.
In dieser Situation, das war das zweite grundsätzliche Manko der Waffe,
war das Vorhandensein von K-Flak in einer dem Problem angemessenen
Zahl absolut fraglich. Wie viele dieser Geschütze gebaut wurden, ließ sich
von Verfasser nicht feststellen, doch Cron gibt in seiner „Geschichte des
Deutschen Heeres“ an, daß 1918 unter Einberechnung aller Aufstellungen
lediglich 80 einzelne Kraftwagengeschütze und 39 K-Flak-Batterien mit je
zwei Geschützen vorhanden gewesen sind 2739 . Diese sehr geringe Zahl
durch Improvisation des Heeres auszugleichen war, wie schon gezeigt
worden ist, nach Cambrai diskutiert und verworfen worden. Die Qualitäten
der K-Flak standen dagegen allerdings weiterhin außer Frage. So entschloß
man sich Anfang November 1918, nachdem dies erstmalig bereits im
Dezember 1917 ergebnislos in Auge gefaßt worden war 2740 , 150 LKW
bereitzustellen, auf die die auch beim A7V gebrauchte belgische 5,7cm
Beute-Kanone montiert wurde. Zum Fronteinsatz gelangten diese Fahrzeuge
nicht mehr 2741 .

2737
Siehe dazu Baur de Betaz (u.a. Bearb.): Die Luftstreitkräfte, S. 224.
2738
Siehe Erdmann/George: Waffenlehre, S. 56: „Allgemein kann gesagt werden, daß die
leichten K. Flak [bis zum Kaliber 7,7cm] infolge ihrer Beweglichkeit und schnellen
Feuerbereitschaft am meisten befähigt waren, in nicht zu bergigem, mit gutem Wegenetz
versehenen Gelände in vorderster Linie Verwendung zu finden. Die pferdebespannten
[hervorgeh.] Flak waren zwar weniger beweglich, besaßen aber den K. Flak gegenüber den
Vorteil, daß sie sich besser dem Gelände anpaßten und weniger von der Gunst der
Gelände[-] und Wegeverhältnisse abhängig waren.“
2739
Siehe Cron: Geschichte des Deutschen Heeres, S. 215f.
2740
Siehe BA-MA, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S. 144.
2741
Siehe ebenda, S. 279.
675

14. Schlußbetrachtungen. 2742

Wie in der Einleitung aufgezeigt wurde, lag und liegt der Schwerpunkt bei
der Betrachtung der Kampfwagen des Ersten Weltkrieges im Bereich eines
siegreich von den Alliierten ins Feld geführten „General Tank“ und bei
einem der deutschen Führung zu unterstellenden „Versagen“ 2743 hinsichtlich
der Produktion adäquater Tankabwehrmittel sowie eigener Tanks.
Beginnt man die Schlußbetrachtungen damit, den letztgenannten, in der
vorliegenden Arbeit nur am Rande gestreiften Aspekt eines deutschen
Kampfwagenbaus zuerst zu betrachten, kann man auf eine aussagekräftigte
Begebenheit aus der Zeit kurz vor Kriegsende verweisen, um einige immer
wieder angeführte Behauptungen ad absurdum zu führen. Kuhl etwa, der die
dramatische Entwicklung der Kriegslage im gesamten Betrachtungszeitraum
an herausragender Stelle als Stabschef der Heeresgruppe Rupprecht
miterlebte, führte nach dem Krieg das Fehlen deutscher Tanks in einer
Größenordnung von 600 Fahrzeugen als überaus gewichtiges Manko bei der
Durchführung der Entscheidungsoffensive vom 21.März 1918 an 2744 .
Wovon er vielleicht nichts wußte, was aber auch anderen Personen, die sich
des Themas annahmen, nicht bewußt geworden sein dürfte 2745 , war die sich
nur wenige Tage nach der „Desertion“ des von Ludendorff mit den

2742
Wegen des zusammenfassenden Charakters der Schlußbetrachtungen wurden wie in
Kap. 13. auch hier weitgehend auf Querverweise verzichtet.
2743
Siehe dazu Wrisberg, S. 158, Muther, S. 113f., und Fleischer: Die Entwicklung der
Panzerabwehr, S. 13f.
2744
Siehe Kuhl: Entstehung, Durchführung und Zusammenbruch der Offensive, S. 81.
2745
Siehe bspw. BA-MA, RH 61/50138: Manuskript Solgers zu „Wandlungen des
Feldherrnbegriffs von der Zeit Moltkes bis zum Ende des Ersten Weltkrieges“ von Juli
1944, S. 18f., und ebenda, RH 61/50769: Manuskript Petter zur Kampfwagen-Abwehr, S.
319: „In der Heimat waren [bei Kriegsende] alle Maßnahmen getroffen, um dem Heere
1919 800 LK II-Wagen und eine noch nicht bestimmte Zahl Kampfw. ‚Oberschlesien’
[eines schweren Typs] zuzuführen. Eine Vergrößerung dieses Programms war möglich und
auch ins Auge gefaßt.“ Ergänzend sei zum Typ „Oberschlesien“ angeführt, daß Anfang
Oktober 1918 noch zwei Prototypen von der OHL in Auftrag gegeben worden waren, diese
aber bis Kriegsende nicht mehr fertiggestellt wurden; siehe dazu ebenda, S. 253.
676

Rüstungsprojekten für 1919 betrauten Oberst Bauer 2746 breitmachende


Erkenntnis vom [Link] 1918, daß 670 für das kommende Frühjahr
vorgesehene leichte Kampfwagen die Leistungsfähigkeit der deutschen
Kraftstoffbewirtschaftung überstiegen hätten 2747 . Das Projekt schien daher
„kaum durchführbar“, obwohl man ihm nach den dramatischen Ereignissen
bis zum [Link] 1918 die höchste Dringlichkeitsstufe unter den
Rüstungsvorhaben eingeräumt hatte 2748 . So waren letztendlich nicht einmal
mehr die noch im Frühjahr 1917 berechtigterweise im Raume stehende
Frage der für den Kampfwagenbau benötigten Rohstoffe 2749 oder etwa die
bis Kriegsende vorhandene Konkurrenz des Kampfwagenbaus zur (Last-)
Kraftwagenproduktion 2750 für die Unmöglichkeit deutscher „Tankmassen“

2746
Bauer teilte in seinen Erinnerungen mit, daß er sich bei der Entlassung Ludendorffs
krankmeldete, was dem Wunsch entsprach, sich dem seinerseits so tragisch empfundenen
Schlußakt des Krieges ganz bewußt zu entziehen; siehe dazu Bauer: Der große Krieg, S.
254f. Vor diesem Hintergrund wird man getrost von „Desertion“ sprechen können. Einen
besonderen Beigeschmack erhält seine Handlungsweise nämlich, wenn man bedenkt, daß
vergleichbares Verhalten von Mannschaften des Heeres, welche im Zweifelsfall für sich in
Anspruch genommen haben können, sich einem „tragisch empfundenen“ und an der Front
dazu noch vielleicht sogar blutigen Schlußakt zu entziehen, von bestimmten Kreisen mit
dem Stigma der „Drückebergerei“ belegt und militärstrafrechtlich mit den Tode bedroht
wurde.
2747
Siehe BA-MA, RH 61/50770: Ergänzungen zu RA, Bd. 14, durch Hildebrand, S. 3.
Vorgesehen waren 670 leichte Kampfwagen des Typ LK II.
2748
Siehe ebenda.
2749
Siehe Wrisberg, S. 160ff. Interessanterweise teilte selbst ein harscher Kritiker der
[Link], Archivdirektor Solger, der in einer Ausarbeitung über den „Feldherrnbegriff“ den
von allen Verantwortlichen versäumten Tankbau als gravierendes Versäumnis anführte, die
Sichtweise Wrisbergs und anderer, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Er schrieb: „Als
in der zweiten Jahreshälfte des Jahres 1917 der Gedanke einer grossen Westoffensive
Gestalt anzunehmen begann, war es wahrscheinlich schon zu spät, um jetzt noch neue
technische Kriegsmittel in dem gebotenen grossen Ausmasse zu schaffen.“ Zitiert nach BA-
MA, RH 61/50138: Begleitende Ausführungen Solgers zu seiner Arbeit und die
„Wandlungen des Begriffes ‚Feldherr’ von Moltkes Zeit bis zum Ende des [Link]“
von 1943, S. 44.
2750
Kraftwagen, direkte Konkurrenten der Tanks was Betriebsstoffe und Motorentechnik
anbelangt, waren nicht nur nützlich für Transporte aller Art, sondern bewiesen ihren Wert
vielfach auch dann, wenn es um das rasche Heranführen von Eingreiftruppen an die
Brennpunkte des Geschehens ging. In den Truppengeschichten sehr vieler, innerhalb der
677

ausschlaggebend, sondern fehlende Betriebsstoffe, die für die dauerhafte


Einsatzfähigkeit hunderter Fahrzeuge im Jahre 1916, 1917 und genauso
auch 1918 und 1919 hätten entscheidend sein müssen.
Eine Stärkung der Kampfkraft des deutschen Heeres hätten Tanks in jeder
größeren Zahl bedeutet, auch wenn man von Begriffen wie etwa
„Überrollen“ und „Tankschrecken“, welche Erfolge mit Kampfwagen im
Extrem beschreiben, im Angesicht einer tatsächlich niemals kollabierten
deutschen Westfront Abstand nimmt. Daran, und damit auch an einem
diesbezüglichen Versagen der deutschen Führung, kann vor dem
Hintergrund der alliierten Kampfwageneinsätze mit ihrem breiten Spektrum
an Beispielen für wenigstens taktische Wirkung kein Zweifel bestehen. Dies
gilt ebenso für die Tatsache, daß der zumindest gewisse Wert damals
genutzter und erst recht der Nutzen weiterentwickelter Fahrzeuge für die
zukünftige Kriegführung spätestens Ende 1917 auf allen Seiten erkannt
worden war 2751 . Wie in der Einleitung zur vorliegenden Arbeit versichert
wurde, gibt es nach einer Betrachtung des Zeitraumes 1916-18
dementsprechend keinen Anlaß, die Evolutionslinie vom zumindest als
wertvoll erachteten Tank des Weltkrieges hin zum frühen Panzer, zum
Kampfpanzer, zu verschiedensten Arten gepanzerter Fahrzeuge und zu
operativen Panzertruppen in Frage zu stellen.
Was den Wert und Nutzen der Tanks während des Krieges anbelangt,
demnach also die Fragen danach, ob es sich für die Heere an der Westfront
lohnte, für den Aufbau einer neuen Waffengattung rüstungstechnisch
materielle und personelle Opfer zu bringen und inwieweit ein primär der

vorliegenden Arbeit genannter Einheiten, die in dieser Rolle auf das Gefechtsfeld kamen,
wird der LKW-Transport erwähnt; siehe etwa TG RIR 52, S. 406, zu Cambrai. Zu diesem
Konkurrenzverhältnis siehe Sußdorf: Das Feldkraftfahrwesen, in Schwarte: Der
Weltkampf, Bd. 6, bes. S. 368.
2751
Siehe dazu bspw. Fleischer: Die Entwicklung der Panzerabwehr, S. 12, und Weeks, S.
22. Für die deutsche Seite sind in diesem Kontext die Aussagen aus dem Bereich der
Heeresgruppe Albrecht zur Organisation der Feldartillerie nach dem Krieg, in denen die
zukünftigen Tankabwehrfähigkeiten beziehungsweise Gefahren durch Kampfwagen bereits
im Frühjahr 1917 berücksichtigt wurden, sowie die Forderung Ludendorffs nach eigenen
Kampfwagen nach den Kämpfen bei Cambrai erwähnenswert; siehe HStAS, M 30/1, Bü.
72, Bl. 155: HGr Albrecht vom 16.5.1917, bzw. Abschn. 9.6.2.
678

[Link] zu unterstellendes Versagen gravierende Auswirkungen auf den


Kriegsverlauf hatte, so sind verschiedene Faktoren in Rechnung zu stellen,
welche bei einem Abgleich der Situationen im Sommer 1917 und im
Sommer 1918 sehr deutlich zutage treten. Drei Betrachtungsfelder sind
hierbei in Form der Evolution der britischen und französischen Tanktruppen
und Angriffsweise, der Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen den
Streitkräften der Entente oder Alliierten und den Deutschen sowie der
Auswirkungen von Entscheidungen und Ansichten der für Kriegführung
und das Gefechtsgeschehen jeweils relevanten Führungsebenen zu
berücksichtigen. Dabei ist auch zu klären, in welchem Ausmaß nicht direkt
auf die Kampfwagen und ihre Einsätze zu beziehende Elemente der
Kriegführung Einfluß auf den Verlauf von Kampfhandlungen und deren
heutige Wahrnehmung unter den Vorzeichen des in der Einleitung
skizzierten „populären“ Bildes vom Tank hatten.

14.1. Die Evolution der britischen und französischen Tanktruppen und


Angriffsweise.

Die den britischen und französischen Angriffen an der Westfront


zugrundeliegenden „normal tactical methods“ wurden durch die Schaffung
gepanzerter Einheiten bis weit in das Jahr 1917 hinein nicht wesentlich
beeinflußt. Sie umfaßten innerhalb der Suche nach einer
Durchbruchsmöglichkeit durch die deutschen Stellungen den Gebrauch der
Kampfwagen ganz im Sinne der ihnen von Swinton ursprünglich
zugedachten taktischen Rolle als Mittel gegen deutsche
Maschinengewehrnester und Stützpunkte. Als Unterstützungswaffe
angreifender Infanterieverbände, welche wie die eine Offensive mit
langanhaltendem Massenfeuer einleitende Artillerie unter einem dem
Gegner kaum zu verheimlichenden logistischen Aufwand nach längerer
Vorbereitungszeit in großer Zahl bereitgestellt wurden, blieben Tanks
grundsätzlich ein marginaler Faktor der britischen und französischen
Operationen an der Somme 1916, bei Arras, an der Aisne und in Flandern
1917.
Geringe Fahrzeugzahlen, mangelndes Training und fehlende Erfahrungen
der Besatzungen mit ihrem Material im Einsatz und bei der Kooperation mit
679

anderen Waffengattungen, technische Defizite der ersten Tankmodelle


sowie die vor allem auf britischer Seite faßbare Unwilligkeit der den
tradierten Methoden verhafteten Operationsplaner, Belange der gepanzerten
Einheiten zu berücksichtigen, waren hierfür ausschlaggebend. Dies wird
auch durch einzelne taktische Erfolge 2752 , den propagandistisch geförderten
Wert der Tanks und ein wachsendes Interesse von Teilen der Generalität an
dem neuartigen Kriegsgerät sowie die mit seinem Einsatz zuweilen
verbundenen großen Hoffnungen nicht neutralisiert. Letztere finden sich
etwa im Rahmen der französischen Offensive vom [Link] 1917 wieder,
bei der erstmals in einer Größenordnung von mehr als 100 Fahrzeugen
eingesetzte Kampfwagen den Sturmkolonnen der Infanterie einen Weg in
die Entscheidungsschlacht des Krieges bahnen sollten. Obwohl den
eingesetzten Tanks auch bei dieser Gelegenheit –jedenfalls denjenigen der
Gruppe Bossut mit ihren 80 Fahrzeugen- einiger Erfolg beim ersten
Einbruch in die deutschen Stellungen beschieden war, wurde das
Unternehmen zu einem Fiasko mit weitreichenden Auswirkungen auf die
zukünftige Kriegführung der Franzosen. Mit dem Debakel des
Schlachtverlaufes in Flandern einige Wochen später trat der Zwang zu
einem Überdenken der bislang praktizierten Angriffsweise mit
langanhaltenden Artillerievorbereitungen und stürmenden Infanteriemassen
auch beim britischen Verbündeten ein. Einem weiterhin in Belgien und
Nordfrankreich eingegrabenen und von den unerhörten Anstrengungen
seiner Gegner scheinbar unbeeindruckten deutschen Feind stand bis zum
Spätsommer 1917 ein niemals dagewesener Blutzoll der Entente gegenüber,
welcher diese einerseits zum Haushalten mit den personellen Ressourcen
zwang, andererseits zu erheblichem politischen Druck auf die militärisch
Verantwortlichen in Frankreich und Großbritannien führte.
Die Folgen dieser Lage, die durch die Offensive der Mittelmächte in Italien
und den absehbaren Totalausfall des russischen Verbündeten noch erheblich
verschärft wurde, hatten strategische Dimensionen, die im Verzicht der
Franzosen auf Angriffsoperationen großen Stils bis zum Eintreffen
amerikanischer Truppen sowie in der sich daraus ergebenden Rolle des
britischen Verbündeten als Hauptträger der nächsten Kampfhandlungen zu

2752
So etwa am 26.9. und 13.11.1916 an der Somme; siehe Abschn. 3.4.
680

sehen sind. Immer deutlicher zeichnete sich gegen Ende des Jahres zudem
ab, daß die Deutschen für 1918 Trümpfe in der Hand hielten, die einen
grundlegenden Rollenwechsel zwischen Angreifer und Verteidiger an der
Westfront immer wahrscheinlicher werden ließen. Hinsichtlich des
Umganges mit dieser Lageentwicklung war von erheblicher Bedeutung, daß
die Suche nach Schonungsmöglichkeiten für die französischerseits erst
wieder zu Offensivleistungen zu motivierende und bei Briten und Franzosen
gleichermaßen eben nicht unerschöpfliche Masse ihrer Soldaten in Richtung
auf eine verstärkte Nutzung von Material und Technik wies. Hierbei fiel den
Tanks parallel zur Neukonzeption des Artillerieeinsatzes und einer
verstärkten Nutzung der Luftstreitkräfte eine wichtige Rolle zu.
Bei einem Abwägen zwischen den bisherigen und den durch neue
Fahrzeugmuster in größerer Zahl zu erwartenden Leistungen gegenüber den
materiellen und personellen Produktions- und Instandhaltungskosten sowie
in Hinblick auf die Personen wie beispielsweise Fuller, Estienne, Churchill
oder Pétain möglich erscheinenden Modifikationen des Angriffsverfahrens
weg von den routiniert-blutigen Methoden der bisher fruchtlosen
Materialschlacht stand der Tank in hellem Licht da.
Ein guter Teil des sonst so überaus verlustreichen Einbruches in die
feindlichen Stellungen konnte auf die Schultern verhältnismäßig weniger
Soldaten in demnächst verbesserten Fahrzeugen verlagert werden, deutsche
Hindernisanlagen und Grabensysteme wurden überwindbar, und selbst
wenn von den Kampfwagen rational nur eine verhältnismäßig geringe
Waffenwirkung gegen den Feind zu erwarten war, konnte man mit einer
psychischen Wirkung auf die hinter ihnen vorgehende eigene und die vor
ihnen eingegrabene gegnerische Infanterie rechnen. Ein früheres Problem,
nämlich das mit einem üblicherweise durch heftigstes Artilleriefeuer
geprägten Einsatzgelände, welches mit Sprengtrichtern übersät war und für
Tankbewegungen schon ohne zusätzliche Einschränkungen durch
nachteilige Witterungsbedingungen überaus ungeeignet war, ließ sich
beseitigen, ohne beim Angriff auf Artillerieunterstützung verzichten zu
681

müssen. Im Sinne einer militärtechnischen Revolution 2753 bot das in der


zweiten Hälfte des Jahres 1917 entwickelte Artillerie-Schießverfahren „nach
Karte“, das ohne langes Einschießen von Geschützen Wirkung garantierte,
genau dies und ersparte den Angreifern zukünftig die apokalyptischen und
in jeder Weise hinderlichen Trichterwüsten der vorherigen Jahre. Darüber
hinaus war es dazu geeignet, die für die feindliche Aufklärung leicht
erkennbaren artilleristischen Offensivvorbereitungen mit dem auffälligen
Einschießen neuer Batterien nachhaltig zu verändern und für ein zumindest
größeres Maß an Überraschung des Gegners zu sorgen. Der Faktor
„Überraschung“ wurde zu einem zentralen Element und seine Wahrung mit
allen Mitteln versucht. Die Bedeutung von Kooperation zwischen Infanterie
und Kampfwagen, den beiden Waffengattungen, die immer in enger
Verbindung gegen den Feind vorzugehen hatten, war frühzeitig erkannt
worden und konnte durch praktische Schulungen sowie durch theoretische
Belehrungen zusehends intensiviert werden. Die positiven Auswirkungen
dieser Belehrungs- und Aufklärungsarbeit beschrieb Fuller in seinen
Veröffentlichungen mehrfach sehr eindrücklich, und daneben lassen sich
auch andere Stimmen vernehmen, die gegebenenfalls noch vor einer
gemeinsamen Bewährung von Infanterie und Tanks auf dem Schlachtfeld
einen das Vertrauen bestärkenden Charakter solcher Maßnahmen in der
Schlußphase des Krieges illustrieren können 2754 .

2753
Siehe Harris: Amiens, S. 44, Balck, S. 263, und bes. Gray, S. 170ff., welche diesen
schießtechnischen Fortschritt und seine Auswirkungen auf die Durchführung
überraschender Angriffe herausstellten.
2754
Einen Eindruck von der Richtigkeit der Ausführungen Fullers liefern die Notizen im
Tagebuch eines britischen Brigade-Kommandeurs, der noch für den 1.9.1918 festhielt, daß
eine theoretische Belehrung über Tanks durch einen auswärtigen Offizier mit folgendem
Tenor durchgeführt worden war: „Yesterday afternoon Captain Rochfort-Boyd came to
give us a clear and most interesting lecture on Tanks, which I have not yet seen in action.
He said that the Germans are terrified of them, and that they completely demoralised their
defences in recent operations... .“ Der Herausgeber der Aufzeichnungen sah sich übrigens
dazu genötigt, den Leser auf die in der zitierten Passage erkennbare Übertreibung bezüglich
einer auf deutscher Seite vorhandenen Terrorwirkung der Tanks hinzuweisen; siehe
Terraine, John (Hg.): General Jack’s Diary. The Trench Diary Of Brigadier-General J.L.
Jack, D.S.O., London 32003, S. 257.
682

Unter diesen Voraussetzungen bedeuteten die Anlagen und Planungen der


Angriffe bei Malmaison und Cambrai im Oktober beziehungsweise
November 1917 konzeptionelle Fortschritte, die sich durch taktische und
technische Neuerungen sowie durch die Gewährleistung
erfolgversprechender Rahmenbedingungen für Tankeinsätze speziell und
Angriffsoperationen ganz allgemein auszeichneten. Hervorgerufen wurden
diese Fortschritte, das sollte man bei einem Urteil über deutsches
„Versagen“ im Hinterkopf behalten, durch die von der militärischen
Führung geschaffene katastrophale Lage des französischen Heeres, durch
die selbstverschuldete Situation des massiv unter politischen Druck
geratenen Haig sowie durch das Vorhandensein rüstungstechnischer,
materieller und personeller Ressourcen. Es handelte sich um Experimente
im Stil eines auswegsuchenden „learning by doing“, deren Erfahrungen
schließlich Pate für die Erfolge von 1918 stehen sollten.
Die Patenschaft der historiographisch eher weniger beachteten Aktion bei
Malmaison und der legendären ersten „Tankschlacht“ bei Cambrai für die
Phase alliierter Angriffsoperationen ab Mitte 1918 erstreckt sich auf alle
oben erwähnten Einzelaspekte. Sinnbild dessen sind die Geschwindigkeit,
mit der recht spektakuläre Geländegewinne und hohe Gefangenzahlen zu
verzeichnen waren, Tanks und Schlachtflieger als markante Angriffsspitzen
einer mit erdrückender materieller Überlegenheit durchgeführten Operation,
eine allem Anschein nach durch „Überraschung“ und Ausnutzung von
Witterungsbedingungen (Nebel) hervorgerufene Ohnmacht der deutschen
Verteidigung sowie geringe eigene Verluste in den ersten Stunden.
Worauf sich die Patenschaft aber über die Anlage der Schlachten und ihre
besonders durch die von Tanks geprägte spektakuläre Anfangsphase hinaus
auch ausdehnt, ist der weitere Verlauf der Kampfhandlungen. Malmaison
stellt diesbezüglich sicherlich eine Ausnahme dar, da das Erreichen des
beabsichtigten Nahzieles der Operation den Feind auf breiter Linie zu einem
Rückzug und zur Aufgabe des Prestigeobjektes Chemin des Dames zwang.
Ein für sich alleinstehend wirklich entscheidender Erfolg gegen die in ihren
Stellungen ausmanövrierten Deutschen resultierte daraus aber sowenig, wie
er sich etwa mit den Tagen ab dem [Link] oder [Link] 1918 verbinden
läßt.
683

Nach einigen Stunden rapider Fortschritte des Angreifers und erheblichen


Einbußen an Personal und Material beim Verteidiger gerieten die
Operationen ins Stocken. Die Kampflinien hatten sich aus dem Deckungs-
und Wirkungsbereich der nun vorzuziehenden eigenen Artillerie bewegt.
Was von den ersten Wellen der angreifenden Infanterie und den Tanks noch
gefechtsfähig war, hatte seine Stoßkraft erschöpfungs-, verschleiß- und
ausfallbedingt weitgehend eingebüßt. Reserven, deren Bedeutung sowohl
durch die mit dem Mark V* und dem „Gun Carrier“ repräsentierten
Lösungsansätze, als auch durch die bis zuletzt faktisch gegebene
Unmöglichkeit, dem jeweiligen Brennpunkt des Geschehens zeitnah frische
Stoßkräfte zuzuführen, illustriert wird, fehlten dauernd. Bis das Chaos der
neu gegen den Feind vorgehenden Einheiten aller Waffengattungen entwirrt
war und diese zum Ausnutzen eines jeweils erreichten „Beinahe-
Durchbruchs“ mit entsprechenden Befehlen ausgestattet und über die
aktuelle Lage orientiert bereitstanden, hatte sich die deutsche Verteidigung
reorganisiert. Was nun folgte, so vom [Link] oder [Link] 1918 an, war
ein den früheren Materialschlachten in zunehmendem, aber niemals mehr
gleichendem Maße ähnelndes Hineinarbeiten in stündlich erstarkende
Widerstandspositionen.
Was ab dem [Link] 1918 erreicht wurde, war dementsprechend nicht etwa
ein kriegsentscheidender Durchbruch mit den Feind in seinem Hinterland
oder an seinen Flanken treffenden, eventuell sogar von Tanks angeführten
Stoßgruppen. Die Ergebnisse der alliierten Angriffe in der zweiten
Jahreshälfte 1918 lassen sich auch nicht allein durch die Anrechnung
üblicher Erfolgsparameter im Spektrum eigener und feindlicher Verluste
oder anhand des von der Präsenz der Deutschen befreiten Territoriums
fassen. Hohe Verluste waren den Deutschen schon früher, etwa in den
dramatisch verlaufenen Anfangsphasen der Kämpfe bei Arras mit 11.000
Gefangenen am [Link] und den verheerenden Minensprengungen bei
Wytschaete am [Link] 1917 beigebracht worden, und Geländegewinne von
einigen Kilometern Tiefe waren seit 1915 immer wieder zu verbuchen
gewesen 2755 .

2755
Zu diesem Umstand siehe auch BA-MA, RH 61/51963: Forschungsarbeit Strube zum
8.8.1918, S. 51.
684

Im Unterschied zu diesen früheren Ergebnissen bemaß sich der Nutzen der


Operationen seit Mitte 1918 aber einerseits darin, daß nach Fochs
Weisungen aus dem dramatischen Frühjahr 1918 „Materialschlachten“
sowie die damit verbundenen hohen eigenen Verluste de facto zugunsten
erneuerter Offensiven an anderen Stellen der Westfront zu vermeiden und
stattdessen lokale und -wenn man so will- vordergründig marginale Siege zu
suchen waren. Andererseits, mit diesen „marginalen Siegen“ ohne eine
damals wirklich offensichtliche Bedeutung als Kriegsentscheidung 2756 eng
verbunden, ergaben sich letztlich wahrhaft entscheidende
Operationsergebnisse aus dem Kontext einer sich bis Mitte 1918 vollends
gewandelten Kriegslage, in welcher Erfolge und Verluste aller Art und
Form auf alliierter beziehungsweise deutscher Seite in ihrer militärischen
und psychischen Wirkung auf Front und Heimat potenziert sein mußten.
Auf die zeitlich parallelen Entwicklungen auf der deutschen Seite und damit
auf einen „deutschen Anteil“ an diesen Um- und Zuständen, wird weiter
unten eingegangen werden. Für Briten, Franzosen und Amerikaner kann für
diese abschließende Phase des Krieges an der Westfront jedenfalls
festgehalten werden, daß operativ zählte, dem Feind im Sinne einer
ununterbrochenen Dezimierung seiner Kräfte nachhaltigen Schaden
zuzufügen und es nach den Vertrauensverlusten der letzten Jahre und
besonders der Krise des vergangenen Frühjahres psychologisch äußerst
wichtig war, mit glaubhaft kommunizierbaren Erfolgsmeldungen aufwarten
zu können. Beides wurde in einem Ausmaß erreicht, das am [Link]
1918 zum Waffenstillstand führte.
Für das Ende der Kampfhandlungen an der Westfront spielten Tanks
zweifelsfrei eine Rolle, die durch die stärkere Berücksichtigung von
Material und Technik bis Spätsommer 1917 vorgegeben war. Von da an
fuhren durch Schlacht- und Artillerieflieger unterstützte „Tankdrachen“ den
aus deutscher Sicht (weiterhin) erschreckend dichten Wellen alliierter
Infanterie voraus, brachen mehr oder weniger „überraschend“ in Stellungen

2756
Hierunter fallen die drei in Abschn. 10.2. genannten Unternehmungen vom 28.5., 11.6.
und 4.7.1918 genauso wie die "zweite und dritte Tankschlacht" des Weltkrieges und die an
sie anschließenden Angriffe an der Westfront bis zum Waffenstillstand.
685

ein und suchten dem Auftrag nach den direkten Vergleich mit Bollwerken
des Widerstandes.
Hierbei war letztlich nicht wirklich erheblich, daß im gesamten
Betrachtungszeitraum immer wieder und bis zuletzt 2757 sehr hohe Verluste
an Fahrzeugen zu verbuchen waren. Um hierzu abschließend einige Zahlen
zu nennen, kann man 748 französische und rund 1.000 britische Tanks
anführen, die nach einer französischen Zusammenstellung von 1936 durch
feindliche Waffenwirkung ausfielen 2758 . Dies waren 17 beziehungsweise
33% der jeweils bis zum Kriegsende gebauten Fahrzeuge und
berücksichtigte augenscheinlich keine Ausfälle durch technische und
sonstige Pannen, deren Ausmaß dem deutschen Feind bis zuletzt ins Auge
stach 2759 . Operativ waren diese Verluste nicht erheblich, weil die
„Materialschlacht“ und das mit ihr verbundene, geradezu verbissene
Hineinarbeiten in den Feind an einem Ort aufgegeben wurde. Fiel die
Tankunterstützung für frische Angriffstruppen nach einiger Zeit aus und
verstärkte sich der feindliche Widerstand, wurde auf eine Fortsetzung der
Operation an dieser Stelle verzichtet 2760 . Bis zu diesem Zeitpunkt hatte man

2757
Um eine Größenordnung anzugeben, die zwar nur für die britische Seite gilt und
angesichts des "Zahlendilemmas" der vorliegenden Arbeit (siehe Abschn. 1.3.) nur einem
"Trend" nach eine Richtung ausweist, kann man Griffith anführen. Gestützt auf Zahlen des
britischen amtlichen Werkes gab er an, daß einer Division in den Kampfhandlungen
zwischen dem 15.8. und dem 11.11.1918 durchschnittlich 10 Tanks zugewiesen waren und
davon statistisch nur 6 aus dem Einsatz zurückkamen. Bei geschätzten 1.015 eingesetzten
Fahrzeugen des Tank Corps betrugen die Ausfälle 589 Kampfwagen, darunter 125 leichte;
siehe Griffith: Battle Tactics, S. 167.
2758
Siehe Eimannsberger: Kampfwagenkrieg, S. 78. Die Personalverluste werden hier für
die Briten mit 5% Toten, 17-24% Verwundeten und 2% Vermißten angegeben, für die
Franzosen mit 3%, 14-19% und 2%.
2759
Siehe bspw. BA-MA, PH 5 II/147: NO AOK 5 Buchnummer 20737 vom 28.10.1918,
S. 2.
2760
Dies mag man als eine Lehre des Weltkrieges für Angriffsoperationen auffassen,
welche -in Guderians „Achtung-Panzer!“ mehrfach gewürdigt- durch Erfahrungen bis 1945
in ihrer Richtigkeit bestätigt worden zu sein scheint. Die besondere Beachtung der
Ausfallquote bei den Tanks vor Amiens nach dem [Link] 1918 und die davon zu
erwartenden Auswirkungen auf die Angriffsfähigkeit der Infanterie lag auch einer
gleichsam militärtheoretischen und militärhistorischen „Lehrschrift“ von 1950 zugrunde;
siehe Kearsey, A.: The Battle Of Amiens 1918 and Operations 8th August-3rd September,
686

das von Foch den eigenen Unternehmungen abverlangte Prädikat einer


Dezimierung des Gegners erreicht und in der Regel auch glaubhafte
Siegesmeldungen gewonnen, deren tatsächlicher Haupterfolg unzweifelhaft
in geringen eigenen Menschenopfern zu sehen war. Eimannsberger
resümierte über den Wert der alliierten Tanks dementsprechend mit den
Worten:
„Die Verluststatistik der Infanterie einerseits, der Tanktruppen andererseits,
spricht eine deutliche Sprache, die nicht zu überhören ist: Der Kampfwagen hat im
letzten Krieg denen, die ihn gebrauchten, ungeheuer viel Blut erspart.“ 2761

Diesem Urteil konnten sich zahlreiche Betrachter der Tanks des Weltkrieges
mit gutem Grund anschließen 2762 . Denn in diesem Aspekt der Schonung der
Infanterie, einer durchweg auf die Anfangsphasen von Operationen
begrenzten taktischen Wirkung, die bei Cambrai am [Link] 1917
zweifellos erstmals wirklich prägnant zutage trat 2763 , sowie einer
psychischen Bedeutung hinsichtlich der Motivation und der
Siegeszuversicht an der Front und in der Heimat auf seiten der Alliierten
erkennt man einen unbestreitbaren Wert der Tanks für die Kriegführung.
Für sich allein gesehen, entsprang hieraus niemals eine kriegsentscheidende
Bedeutung der Kampfwagen, von denen Swinton schon im Februar 1916
prophezeit hatte, daß sie Schlachten niemals allein würden gewinnen
können 2764 . Lösungsansätze für die Probleme beim Schritt vom Einbruch in
die feindlichen Stellungen, der im Sinne des von Liddell Hart ausgemachten
„Cambraier Schlüssel“ 2765 und wie Griffith feststellte 2766 , auch Dank der
Tanks, primär aber mittels verbesserter Planung und Zusammenarbeit aller
Waffengattungen zusehends effektiver wurde, hin zu einem voll
ausgenutzten Durchbruch wurden bis zum Ende des Krieges nicht mehr

1918. The Turn of the Tide on the Western Front, Aldershot 1950, bspw. S. 19ff., S. 59f.
und S. 60f.
2761
Zitiert nach Eimannsberger: Kampfwagenkrieg, S. 79.
2762
Siehe etwa Smithers: Excalibur, S. 74, und Griffith: Battle Tactics, S. 58.
2763
Siehe Griffith: Battle Tactics, S. 162.
2764
Siehe Fuller: Tanks, S. 52.
2765
Siehe Liddell Hart: Foch, S. 249.
2766
Siehe Griffith: Battle Tactics, S. 162ff.
687

erfolgreich umgesetzt. Der „Plan 1919“ wies allerdings deutlich in diese


Richtung 2767 .

14.2. Die Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen alliierten


Angreifern und deutschen Verteidigern.

WAS DIE TANKS ABGESEHEN VON DEN MAßNAHMEN DER BRITEN UND
FRANZOSEN ZUR STEIGERUNG IHRES KAMPFWERTES IM VERBUND
MIT ANDEREN WAFFENGATTUNGEN TAKTISCH UND OPERATIV

ZUSEHENDS WIRKUNGSVOLLER MACHTE, WURDE MAßGEBLICH

DURCH EINEN UNÜBERSEHBAREN WANDEL DER

KRÄFTEVERHÄLTNISSE AN DER WESTFRONT BESTIMMT. DIESER


WANDEL BETRAF AN SICH ALLERDINGS KEINESWEGS NUR DIE
STATISTISCHE BEMESSUNG VON ZAHLENVERHÄLTNISSEN DER SICH

INSGESAMT UND AUF DEN VERSCHIEDENEN KRIEGSSCHAUPLÄTZEN

GEGENÜBERSTEHENDEN STREITKRÄFTE, SONDERN VIELMEHR DIE

MÖGLICHKEITEN FÜR DEN HIERBEI UNTERLEGENEN, GEGEBENE


MIßVERHÄLTNISSE IN ENTSCHEIDENDEN MOMENTEN AUSGLEICHEN
ZU KÖNNEN.

Die Deutschen und ihre Verbündeten waren numerisch und materiell


grundsätzlich im Hintertreffen. Dies war eine Tatsache, die den skeptischen
Ausspruch des erstmals mit der gesamten Dimension dieser Tatsache
konfrontierten Hindenburg nach Einsetzung der [Link] Ende August 1916
über eine mehr denn je dunklere Zukunft 2768 der deutschen Bemühungen um
einen glücklichen Ausgang des Krieges absolut erklärlich macht.
Den von Kriegsbeginn an düsteren Statistiken gegenüber wirkten sich auf
der Seite der Mittelmächte über die längere Zeit des Krieges allerdings zwei
Faktoren überaus begünstigend aus: Schwerpunktverschiebungen auf einer
„inneren Linie“ und der besonders an der Westfront 1915-17 faßbare Bonus
aus der Rolle des Verteidigers im Stellungskrieg 2769 .

2767
Siehe bspw. Perrett, S. 66, Wright, S. 136f., oder Paschall: Defeat, S. 224.
2768
Siehe RA, Bd. 11, S. 3.
2769
Siehe dazu auch RH 61/50138: Manuskript Solgers zu „Wandlungen des
Feldherrnbegriffs von der Zeit Moltkes bis zum Ende des Ersten Weltkrieges“ von Juli
1944, S. 17a.
688

Schwerpunktverschiebungen, für die im operativ großen Maßstab und


offensiv ausgerichtet etwa mit den Erfolgen in Italien im Oktober 1917
sowie auf die Westfront bezogen und defensiv ausgerichtet mit den
Abwehrmaßnahmen an der Aisne und in der Champagne bis Mitte April
1917 zwei bedeutende Beispiele vorliegen, fanden grundsätzlich an der
Grenze zum kräftetechnisch Machbaren statt. Ein punktuelles und
zielgerichtetes Aufwiegen der eigenen Unterlegenheit auf allen Sektoren
technischer, materieller und personeller Ebenen bedeutete in diesem
Kontext immer, daß gleichzeitig weniger gefährdet erscheinende
Schauplätze und Abschnitte wortwörtlich „Opfer“ zu bringen hatten und
von Kräften entblößt wurden. Dieses Risiko mußte hingenommen werden
und schien auch gefahrlos hingenommen werden zu können, solange man
über feindliche Truppenbewegungen informiert blieb und dadurch
ausreichende Zeit für entsprechende Gegenmaßnahmen behielt. Den
bisherigen Erfahrungen an der Westfront gemäß wurde Briten und
Franzosen bis in den Herbst 1917 hinein aus bornierter deutscher Sicht
heraus zudem abgesprochen, von den bisherigen, aufklärungstechnisch
auffälligen und daher bislang immer zu konternden Verfahrensweisen
abweichen zu können.
Kam es zu Großkampf und Materialschlacht war deutscherseits durchweg
für ein ausreichendes Maß an Abwehrkraft gesorgt. Wenngleich selbst
hierbei meist kein statistisch allzu günstig erscheinendes Verhältnis
zwischen den Kräften des Angreifers und Verteidigers geschaffen werden
konnte, wogen waffen- und stellungstechnische sowie taktische Vorteile im
Spektrum zwischen Maschinengewehren, ausgebauten Grabensystemen und
einer seit Anfang 1917 in die Tiefe gegliederten Verteidigung mit
eingreifbereiten Reserven dahinter so schwer, daß es zu den berühmt-
berüchtigt hohen Verlusten der Entente kam und ihren Offensiven der
operative Durchbruch durch die deutschen Stellungen verwehrt blieb.
Ein sich diesen Abwehrerfolgen gegenüber und zusätzlich zur altbekannten
numerischen Unterlegenheit langsam besorgniserregend ausnehmender
Schwund an Kräften war Mitte Juli 1917 2770 in seinen für 1918 und das

2770
Siehe BA-MA, RH 61/50355, Bl. 424ff.: Vortrags- und Besprechungsprotokoll zum
Besuch von Reichtagsabgeordneten bei der OHL am 13.7.1918, bzw. siehe Abschn. 10.2.
689

Wirksamwerden der amerikanischen Hilfe auf Seite der Entente absehbaren


Auswirkungen von den deutschen militärisch Verantwortlichen erkannt
worden. Diese hatten auch politischen Autoritäten gegenüber recht
unverblümt das Schreckensszenario einer aus eigener Kraft schließlich nicht
mehr aufzuhebenden Überlegenheit der Entente ausgemalt. Diesem Fall
durch eine Entscheidungsoffensive 1918 vorzugreifen, wurde als Plan
gefaßt, der sich in Anbetracht der aus Rußland zurückkommenden Verbände
auch auf ein günstigeres Kräfteverhältnis stützen konnte. Vor seiner
Umsetzung stand allerdings die nochmalige und vollends überraschende
Konfrontation mit einem britischen Gegner, welcher nach den Erfahrungen
der letzten Monate offenkundig dazu gewillt war, mit völlig anderen als den
gewohnten Methoden noch 1917 einen signifikanten Erfolg im Westen zu
erringen.
Das Geschehen ab dem [Link] 1917 bei Cambrai ist hinsichtlich des
deutschen Umgangs mit dem geschilderten Kräftemangel, seinen Folgen
und den beiden Boni aus Truppenverschiebungen und der defensiven Rolle
von besonderem Interesse. Cambrai ist gerade dann von Relevanz, wenn
man dazu bereit ist, bei der Nennung dieses Namens nicht automatisch das
Kriegsmittel Tank, eine veränderte Vorgehensweise des britischen
Angreifers und die diesbezügliche Bedeutung der Kämpfe für das
Geschehen im zweiten Halbjahr 1918 oder gar für Entwicklungen nach
Kriegsende in den Vordergrund zu stellen. Denn ganz deutlich ist bei einer
auf die deutsche Seite fokussierten Betrachtung der Ausgangslage bei der
Gruppe Caudry, wie eklatant sich die für deren von der übergeordneten
Führung minderwichtig erachteten Abschnitt geltenden Bedingungen für
eine erfolgversprechende Abwehr von denen unterschieden, die in den
direkt vorausgegangenen Materialschlachten und im damaligen Brennpunkt
des Geschehens an der flandrischen Kanalküste für das Ende der
Operationen im Feuer moderner Waffen gesorgt hatten.
Nicht umsonst, eben wegen jener Konzentration der grundsätzlich
begrenzten Kräfte in Flandern (und wegen der Offensive gegen Italien),
galten die Stellungen vor Cambrai als „Sanatorium“, waren sie im
Verhältnis zu Gruppenabschnitten mit „Bedrohungslage“ gesehen
erschreckend dünn und mit abgekämpften Verbänden besetzt. Nicht von
690

ungefähr legten die OHL und die ihr untergeordneten Stäbe grundsätzlich
besonderen Wert auf Aufklärung, welche die Verlagerung oder
Neuausrichtung des feindlichen Angriffsschwerpunktes erkennen sollte, und
gaben vor dem [Link] zumindest Mutmaßungen über aktuelle
feindliche Truppenbewegungen abseits der offenkundig gerade
ausgeklungenen Riesenschlacht an der Küste heraus.
Als der britische Angriff erfolgte, standen in der wegen monatelangen
Kräftemangels jeder Art schlecht ausgebauten und dünn besetzten
Siegfriedstellung vor Cambrai weiterhin aus vorherigen Kämpfen bereits
erschöpfte und dezimierte Verteidiger, über deren Schwäche der Einbezug
der [Link] in die Hauptkampflinie schon Bände spricht. Der Rückhalt durch
die sagenumwobene Stellung war gering, denn der Gewinn, den jedes mehr
oder weniger „perfekt“ ausgebaute System von Defensivpositionen bei der
Abwehr vorgehender und gewonnenes Gelände sichernder Infanterie
grundsätzlich bieten konnte, ging durch die Breschen schlagenden
Kampfwagen verloren. Die Mittel, um die in großer Zahl vorrollenden
Tanks durch Fernbekämpfung zu zerschlagen oder durch Nahbekämpfung
wenigstens auf breiter Front abzuweisen, fehlten mangels geeigneter Waffen
und der geringen Sichtweiten entweder ganz, oder sie waren wegen der
geringen Dichte einer mit Munition zudem noch unzureichend
ausgestatteten Artillerie zumindest sehr gering. Die bei Arras, an der Aisne
und in der Champagne sowie in Flandern bewährte Tiefengliederung samt
der Bereitstellung kampfstarker Eingreifreserven war ohne die verfügbaren
Truppen nicht umsetzbar. Daher ging dieses Mal mit einem tiefen Einbruch
in die deutschen Linien und nach dem Ausbleiben des augenblicklichen
deutschen Gegenstoßes in den durch den Kampf zermürbten und selbst
erschöpften Feind nicht nur die Gefangenschaft großer Teile der nicht mehr
entsetz- und entlastbaren Stellungstruppen, sondern auch ein faktisch
erreichter Durchbruch einher.
Das Bereinigen dieser katastrophalen Situation erfolgte demgemäß nicht ad
hoc wie etwa noch an der Aisne am [Link] 1917. Der feindliche
Durchbruch im Zentrum der Westfront konnte stattdessen erst mit
Zeitverzögerung, aber immerhin einmal mehr, durch das blitzschnelle
Heranziehen andernorts verfügbar erscheinender Teileinheiten, Einheiten
691

und schließlich ganzer Verbände abgeriegelt werden. Deren wenigstens


anfänglich geringer Umfang wurde durch die gravierenden und bis
Kriegsende nicht überwundenen Probleme des Gegners beim Ausbauen des
Eingangserfolges sowie durch den auch hier gegebenen und oben erörterten
taktischen Bonus des Verteidigenden im Stellungskrieg geradezu
übertüncht. Vielleicht ein letztes Mal während des Krieges gelang in Form
des Gegenangriffs vom [Link] sogar so etwas wie die Umsetzung des
erst im vorausgegangenen Frühjahr eingeführten Prinzips kampfstarker
Eingreifreserven, welche unter Abschätzung der Risiken andernorts bei
Cambrai versammelt wurden, um dem Feind auf dem zuvor verlorenen
Gelände offensiv die Stirn zu bieten.
Das Ergebnis dieser Kampfhandlungen bis Anfang Dezember im zeitlichen
Kontext der Jahreswende 1917/18 wurde in Kapitel 9 bereits als Niederlage
des Angreifers erörtert und darüber hinaus in Abschnitt 14.1. etwas über die
Bedeutung der „Tankschlacht“ als Muster kampfwagengestützter alliierter
Angriffe 1918 gesagt. Parallel dazu sticht ein hoher Grad an
Beispielhaftigkeit der Rahmenbedingungen und der Ausgangslage mit
verschärftem Blick auf die bestehenden Kräfteverhältnisse ins Auge, den
Cambrai 1917 für den weiteren Verlauf des Geschehens an der Westfront
bis zum Kriegsende aus deutscher Perspektive beinhaltet.
Für die Zeit ab Mitte 1918 spiegelte die Situation tatsächlich fast alle Vor-
und Nachteile von Angreifer und Verteidiger so wider, wie sie für den
[Link] 1917 festgestellt worden sind. Die Grundlagen dafür, den
[Link] und den [Link] 1918 als mit dem ersten Tag der ersten
„Tankschlacht“ wenigstens vergleichbar spektakulären Einbruchserfolgen
ansehen zu können, sind mit den technischen und taktischen Mitteln der
französischen und britischen Überlegenheit sowie neudefinierten
Angriffsdoktrinen genauso gegeben, wie man sie in der deutschen
Schwäche bei der Verteidigung eines aus Sicht der höheren und höchsten
Führung unerwartet angegriffenen, zuvor als minderbedroht erachteten
Frontsektors mittels weniger abgekämpfter Truppen wiederfindet. Was den
namhaften Beispielen von 1918 „Cambrai“ gegenüber ganz deutlich fehlt,
ist das Auswetzen geschlagener Scharten mittels massiver Gegenschläge
mehr oder minder schnell vor Ort verfügbarer deutscher Reserven. Diese
692

Reserven gab es im Sommer 1918 nur noch in äußerst begrenztem Umfang


oder gar nicht mehr, so daß Einbruchsschlachten nach dem Muster von
Cambrai nahezu völlige Siege des Angreifers über ermattete und in jeder
Hinsicht unterlegene deutsche Stellungstruppen möglich wurden.
Die Wirkung der Alliierten auf die deutsche Front ab Mitte Juli 1918, die
rein militärisch betrachtet und für sich genommen keineswegs
kriegsentscheidend war, sondern nur eine Kette schwerer Niederlagen
bedeutete, ist primär auf den Mangel an Kräften, nicht aber primär oder gar
allein auf die Wirkung alliierter Tankmassen, nicht auf bolschewistische
Unterwanderung im Sinne des „Dolchstoßes“ und wohl auch nicht auf einen
„verdeckten Militärstreik“ zurückzuführen. In Sachen „Dolchstoß“ bediente
sich etwa ein unbekannter „Frontsoldat“, der den Ursachen des
Zusammenbruchs in einer kleinen Schrift von 1920 nachging, ausgerechnet
der Worte Hindenburgs. Dieser hatte ganz im Gegensatz zu Äußerungen ein
Jahr später 2771 noch im Dezember 1918 verkündet:
„Bei der wachsenden Zahl unserer Gegner, bei dem Zusammenbruch der uns bis
an das Ende ihrer Kraft zur Seite stehenden Verbündeten und bei den immer
drückender werdenden Ernährungs- und Wirtschaftsfragen hat sich unsere
Regierung zur Annahme harter Waffenstillstandsbedingungen entschließen
2772
müssen.“

Wie der anonyme Verfasser des Heftes sehr richtig bemerkte, fehlt diesen
Worten jeder Bezug zu verräterisch-wehrkraftzersetzenden Einflüssen aus
der Heimat 2773 , und man muß ergänzen, es fehlen ebenso Bezüge zu
feindlichen Tanks und zu „Drückebergerei“ und Massendesertion im Heer.
Daß Hindenburg den Kollaps der Verbündeten und die Zahl der Gegner
nannte, dagegen aber kein Wort über das Schwinden der eigenen Mittel

2771
Siehe Keil, Lars-Broder/Kellerhoff, Sven Felix: Deutsche Legenden. Vom „Dolchstoß“
und anderen Mythen der Geschichte, Berlin 2002, S. 33.
2772
Zitiert nach ohne Verfasser: Der „Dolchstoß“. Warum das deutsche Heer
zusammenbrach, Berlin 1920, S. 37.
2773
Interessanterweise finden sich Beispiele dafür, daß es derartige Bemühungen
linksgerichteter und/oder pazifistischer Kreise während des Krieges gegeben hat. Deren
Eigengewicht darf man angesichts der Gesamtbedingungen, unter denen Front und Heimat
den Krieg erlebten, allerdings gering einschätzen; siehe etwa Eildermann, Willi: Jugend im
Ersten Weltkrieg. Tagebücher, Briefe, Erinnerungen, Berlin-Ost 1972, bspw. S. 367.
693

sagte, tritt als Teil eines von früheren militärischen Verantwortlichen wie
Ludendorff und Kuhl 2774 gepflegten Systems der Verschleierung von
erheblicher Schuld und gravierenden Fehlern in das Blickfeld des
Betrachters.
Wie Dietz 1919, nach dem von Pöhlmann ausgemachten kurzen „Winter der
Kritik“ in der deutschen Militärhistoriographie 2775 , behauptete, diente die
Erwähnung von Tanks im Kontext militärischer Niederlagen an der
Westfront offenkundig als Deckmantel der wahren Ursachen für eintretende
Mißerfolge 2776 . Dies zu glauben, fällt um so leichter, je deutlicher einem
Betrachter wird, in welchem Umfang sich das deutsche Heer bis Mitte Juli
1918 verbraucht hatte und welche Auswirkungen dies für die Fortsetzung
des Krieges haben mußte.
„Cambrai“ war abseits der deutschen Offensiven bis zum [Link] 1918
plötzlich überall, und die früher noch ertragenen Ausfälle in den Reihen der
mit massiver Überlegenheit attackierten Stellungstruppen waren weder auf
dem Schlachtfeld zu kontern, noch mit einem militärisch gerechtfertigten
oder zumindest propagandistisch glaubhaft vermittelbaren Attribut des
„Abwehrerfolges“ auszugleichen. Das taktisch maßgebliche Verfahren der
Tiefengliederung konnte mit den zusammengeschrumpften Einheiten nicht
mehr funktionieren, sondern führte zu einer Zersplitterung der Kräfte.
Genausowenig half es, die Tiefengliederung zugunsten einer wieder
stärkeren Zusammenziehung der Stellungsbesatzungen halbwegs ad acta zu
legen, da hiermit die Nachteile und Gefahren einer Einbrüchen gegenüber
anfälligen Liniensicherung verbunden waren. Außerdem war eine

2774
Man denke hierbei nur an Kuhls Veröffentlichung über die Kriegslage im Herbst 1918
und die Frage des Weiterkämpfens, die nicht zuletzt den Kenner seiner persönlichen
„Aufzeichnungen“ -jedenfalls des Materials, das er als solche den amtlichen deutschen
Geschichtsschreibern zukommen ließ- in größte Verwunderung versetzen muß; siehe bspw.
Kuhls Tagebuchnotiz zum 6.9.1918, BA-MA, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, S.
190f.
2775
Siehe Pöhlmann: Kriegsgeschichte, S. 61ff.
2776
Siehe Dietz: Der Todesgang, S. 74: „Als ein Mangel wird es aufgefallen sein, daß bei
der Aufzählung der die deutsche Armee zerstörenden Ursachen noch mit keinem Worte der
Tanks gedacht wurde, die in den letzten Jahren des Krieges immer dazu herhalten mußten,
wenn es galt, einen Mißerfolg zu begründen.“
694

signifikante Steigerung der Defensivkraft zwischen einer sichernden


Kompanie oder dann zwei, mit nicht mehr 50, sondern 100 Mann im
Verteidigungsbereich 2777 , nicht zu erwarten 2778 . Sie war rational betrachtet
schon deshalb nicht auf diese Weise erreichbar, wenn die von Grund auf
geschwächten Einheiten denselben Einsatzbedingungen, denen gegenüber
sich numerisch gesehen stärkere Einheiten -auch noch ohne Belastung durch
die psychischen Auswirkungen gescheiterter „Entscheidungsoffensiven“-
schon im Vorjahr bei Cambrai nicht wirklich gewachsen gezeigt hatten,
ausgeliefert wurden.
Man wurde mit jeder offensiven Aktion in der ersten Hälfte des Jahres 1918
schwächer und verfügte durchweg über keine adäquat ausgebauten
Stellungen im Bereich eines nicht mit Bedacht ausgewählten, sondern
zufällig entstandenen oder gar durch den Feind diktierten Frontverlaufes.
Was die Motivation der Soldaten anbelangt, so ist schließlich, wenigstens
aus der Rückschau des sehr viel später Geborenen heraus betrachtet, überaus
erstaunlich, daß sich auch in den letzten Monaten des Krieges Beispiele für
verbissenste Gegenwehr finden lassen, die zur entscheidenden Bedeutung
eines „verdeckten Militärstreiks“ im Sinne Deists oder derjenigen
wehrkraftzersetzender politischer Einflüsse aus der Heimat nicht so recht
passen wollen. Die hohen Gefangenzahlen und das Mitte des Jahres
vereinzelte Auftreten von Bildern wie dem in Ludendorffs
Kriegserinnerungen verewigten Lautwerden des Rufes „Streikbrecher“ bei
Amiens erklären sich aus der Frustration und dem Schrecken der Soldaten
gegenüber einem nunmehr vollends offensichtlich, unendlich überlegenen
Gegner mit seinen gepanzerten Angriffsspitzen, seiner Unterstützung durch

2777
Wie die Tagebuchaufzeichnungen des Kommandeurs der [Link] in Stellung
südwestlich Soissons am 17.7.1918 zu „20-25 Mann u. 15 Mann M.G.“ betonen, sind 50
Mann je Kompanie möglicherweise sogar noch zu hoch gegriffen; siehe KA, Nachlaß Paul
von Kneussl, Tagebuch Nr. 17, Eintrag zum 17.7.1918.
2778
Um ein Beispiel bereits vor dem 18.7.1918 zu nennen, kann die [Link] angeführt
werden, welche der Führung wegen nachlassender Gefechtsleistungen aufgefallen war und
ihr „Versagen“ auch gar nicht in Abrede stellte, sondern in Bandbreite von
Überbeanspruchung, nachteiligen und schlechten Stellungen sowie Kräftemangel auf
handfeste Ursachen dafür verwies; siehe HStAS, M 33/2, Bü. 225, Bl. 12ff: [Link] Abt. Ia
Nr. 57/VII geh. vom 11.7.1918.
695

unbehelligt agierende Schlachtflieger und anscheinend unerschöpflichen


Infanteriemassen sowie aus dem völligen Scheitern des eigenen taktischen
Abwehrverfahrens aufgrund mangelnder eigener Kräfte.
War man wie beispielsweise bei Missy am [Link] 1918 einem massierten
feindlichen Stoß, gleich, ob dieser nun in erster Linie durch Tanks, mit
Tanks oder primär von Infanteriewellen in sonst nur von den Russen
bekannter Dichte 2779 getragen wurde 2780 , ausgesetzt, konnte weiterer
Widerstand abgeschnittener Teile nur so lange sinnvoll und vertretbar sein,
wie Opfer durch das erkennbar wirksame Binden feindlicher Kräfte
gerechtfertigt erschienen und Aussicht auf Entsatz bestand. Nichts davon
war gegeben, denn im Gegensatz zum Gegner verfügte man selbst nicht
mehr über die Mittel des vorherigen Jahres 2781 und war vor Ort auch nicht

2779
Siehe KA, HS 2698: „Gefangenschaftsbericht“ des Oberleutnant v. Thoma vom
November 1919, S. 4, bzw. Abschn. 11.5. und bspw. BA-MA, RH 61/51: [Link] Abt. Ia
Nr. 2052 vom 9.8.1918, Ziff. 4.).
2780
Vergleiche hiermit Alter: Generalobersten v. Einem, S. 428 (Tagebucheintrag vom
28.8.1918): „Die OHL. hielt die Tanks für ein überwundenes Kampfmittel, ließ keine bauen
und muß nun erleben, daß der Feind alle seine Erfolge fast nur den Tanks verdankt. Durch
sie nimmt er unsere, sich immer noch vor ihnen graulende Infanterie massenhaft gefangen.
Das ist ein Verlust, den wir nicht mehr lange ertragen können, denn es fehlt uns an
Nachersatz.“ Ohne Anspielungen auf Tanks sagte der Führer der [Link] in seinen
Erinnerungen dagegen sehr viel näher an den Realitäten der Westfront 1918 orientiert: „Im
blutigen feurigen Endkampf des Krieges, als das Eisenmaterial der Fabriken der ganzen
Welt sich hemmungslos auf die halb verhungerten, verlausten und abgerissenen deutschen
Infanteristen ergoß, als eine neue, wohlgenährte amerikanische Armee und alle übrigen
Feinde ansetzten, gleichzeitig an allen Stellen der deutschen Front den Todesstoß zu
versetzen, [...:] da sind es immer dieselben gewesen, erst Kompanien von 50, dann zu 40,
schließlich zu 10 Mann, die in geradezu einzig in der Geschichte dastehender Hingebung
und Tapferkeit der Welt ein Beispiel dafür gegeben haben, daß Idealismus größer ist als
Materialismus.“ Zitiert nach Einem, Karl v.: Erinnerungen eines Soldaten 1953-1933,
Leipzig 31933, S. 188f. Läßt man die hier sichtbaren Auswüchse eines „Im Felde
unbesiegt“-Frontkämpfer-Pathos einmal unbeachtet, so finden sich mit der besonderen
Betonung der Amerikaner, sowie mit dem Hinweis auf die zugeschrumpften Verteidiger die
beiden entscheidenden militärischen Faktoren der Niederlage. Tanks sind hierbei
zusammen mit Flugzeugen, Munition und Geschützen im „Eisenmaterial der Fabriken der
ganzen Welt“ subsumiert und nur ein teil der Summe alliierter Überlegenheit.
2781
Siehe dazu bspw. BA-MA, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, S. 189 (Eintragung
zum 4.9.1918): „Ludendorff beklagt sich immer über den starken Verbrauch an Divisionen,
696

dazu gewillt, das bis dato schon bis an die Grenze des Machbaren
praktizierte Aus- und Durchhalten in solch verzweifelter Lage über „die
letzte Patrone“ hinaus auch tatsächlich „bis zum letzten Mann“ zu suchen.
Schließlich, und zu der Erkenntnis, daß hierzwischen und den
Gefechtsleistungen der Truppe ein elementarer Zusammenhang bestand,
kamen deutsche Militärs in führenden Positionen wie Generaloberst von
Einem offenkundig während des Krieges gar nicht und später nur unter
verklärendem Einfluß von Frontkämpferpathos, war man bereits mit dem
„letzten Mann“ ins Gefecht gegangen. Jedermann konnte sehen, wie die
winzigen Kompanien in der Folgezeit von 50 bis auf zuletzt 10 Mann 2782
zusammenschrumpften. Umfangreiche Truppenauflösungen als Abhilfen
gegen Mannschafts-, Führer- und Ersatzmangel in bestehenden Formationen
belegten und belegen den unaufhaltsamen Verfall des Heeres zudem2783 .
Für eine in ihren personellen Mitteln eingeschränkte oder „arme“ und eine
an ihren materiellen Möglichkeiten gemessen zuletzt wohl sogar
„armselige“ deutsche Kriegführung 2784 , die im Laufe des letzten
Kriegsjahres zu allem Überfluß auch genötigt war, Soldaten das Häuten
allerlei Vierbeiner zugunsten der Kriegsrohstoffgewinnung finanziell
schmackhaft zu machen 2785 und bis Kriegsende nicht einmal mehr dazu in
der Lage war, 150 LKW mit 5,7cm Beutekanonen zu bestücken, um sie
gegen die als psychologisch besonders wirksamen erkannten gepanzerten

schlechte Führung, aber das sind gar keine Divisionen mehr. Man kann mit ihnen gar nicht
aus der Tiefe fechten. Sie sind viel zu schwach dazu. Man kann auch den Abschnitt gar
nicht damit besetzen wie früher.“
2782
Siehe Einem: Erinnerungen, S. 188f.
2783
Cron gibt an, daß im August 1918 neun, im September 12, im Oktober fünf und im
November eine Division „aus Gründen der Ersatzlage und mangelndem inneren Wert der
Truppe“ aufgelöst werden mußten; siehe Cron: Geschichte des deutschen Heeres, S. 105.
Den desaströsen Zustand der deutschen Verbände gegen Kriegsende beschreiben die in der
Beilage 2 des Bd. 6 der [Link] des Untersuchungsausschusses des Reichstages zum
Zusammenbruch von 1918 ab S. 321 zusammengefaßten Meldungen überaus eindringlich.
2784
Siehe dazu auch Wrisberg, S. 160ff.
2785
Siehe HStAS, M 200, Bü. 34: KM Kriegsamt Nr. L. 200/8.18 K.R.A. vom 8.10.1918.
Aufgelistet sind hierin Vergütungen für die Ablieferung von Häuten und Fellen, die sich
zwischen 3 RM für eine „Großviehhaut“, 2 RM für Felle verschiedener Wildtiere und 1
RM für Hundefelle (!) bewegten.
697

Spitzen feindlicher Angriffe schnellstens ins Feld zu führen, gab es nach


den horrenden Ausfällen 2786 durch die eigenen Offensiven 1918 keine
Chance mehr, den Alliierten an der Westfront mit Siegeszuversicht
entgegentreten zu können. Die große Zäsur war das auf deutscher Seite von
verlustreichsten Verzweiflungsangriffen sowie zunehmender Agonie und
Lethargie geprägte Frühjahr 1918 2787 . Mit ihr hatten britische und
französische Kampfwagen sowie fehlende deutschen „Tankmassen“ und
auch die Tankabwehr im Gesamtmaßstab der Operationen wenig bis gar
nichts zu tun, wie auch Marwitz eingestand, als er Anfang Oktober die Lage
betrachtete:
„Ich weiß die Bedingungen Wilsons nicht genau, aber das weiß ich, daß meine
Divisionen nicht ausreichend aufgefüllt werden können, so bei der 2. und ebenso bei
der [Link]; es fehlt uns also der Ersatz. Dieses Eindrucks kann man sich nicht
erwehren und mit unzureichenden Kräften kann man auf Dauer nicht fechten. Die
Verhältnisse sind unseren Gegnern genau bekannt. Sie wissen, daß sie ihnen ihre
Erfolge verdanken, und da liegt’s nahe, daß sie die völlige Niederwerfung, völligen
Sieg erreichen wollen.“ 2788

14.3. „Verhalten der Führung“.

Das Verhalten der militärischen Führung stand und steht als Dauerthema bis
heute im Zentrum der Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg. Bei den
Franzosen, das ist in Form ungeklärter Fragen rund um die „Nivelle-
Offensive“ von April 1917 besonders ersichtlich 2789 , gibt es Zweifel an der

2786
Neben den hier auffindbaren Dokumenten beziehungsweise Zahlen bietet BA-MA, RH
61/51716: Anonymes Manuskript zur Ersatzlage 1917/18, auf S. 8 eine entscheidende
Aussage, um die Bedeutung der Kräfte- und Ersatzlage für das Geschehen 1917/18
herauszustellen: „Sie [die OHL] hatte sich trotzdem entschlossen, den Angriff im Frühjahre
zu führen. Und trotz der Ersatzlage oder gerade ihretwegen blieb ihr gar nichts anderes
übrig. Eine Verteidigungsweise Führung des Krieges im Jahre 1918 hätte eine viel
schärfere Aufzehrung der Reserven gebracht und dazu drohten die amerikanischen
Millionenheere.“
2787
Siehe dazu auch Travers: How The War Was Won, S. 179.
2788
Zitiert nach Tschischwitz: General v.d. Marwitz, S. 328 (Tagebucheintrag zum
6.10.1918).
2789
Ersichtlich ist dies etwa in den bis heute auffindbaren, geradezu verzweifelt-
anklagenden und nicht durch den Sieg von 1918 nivellierten Epilogen zum Geschehen, die
698

Kompetenz ihrer Generalität des Weltkrieges, und so wie es sich heute auch
internettechnisch fassen läßt, liegt für den Bereich des früheren britischen
Empire unter der Überschrift „Lions led by Donkeys“ dezidierte Kritik an
Haig und seinen Generalskollegen vor 2790 .
Das Für und Wider hierbei faßbarer Anschuldigen und Vorwürfe, in deren
Zentrum erschreckend und unnötig große Opfer der khaki oder horizontblau
gekleideten „Löwen“ stehen, die durch ineffiziente Strukturen sowie
Skrupellosigkeit, Unwissenheit und Verantwortungslosigkeit einer Riege
von „Eseln“ in hohen Positionen verursacht wurden, braucht an dieser Stelle
nicht weiter erläutert werden 2791 . Einige signifikante Beispiele wie etwa die
Uneinsichtigkeiten Nivelles bis zum Desaster ab Mitte April 1917 oder die
Vernachlässigung des bei Cambrai gewonnenen Raumes durch die britische
Führung bis zum unerwartet heftigen deutschen Gegenangriff am
[Link] 1917 sind den Kapiteln der vorliegenden Arbeit auffindbar.
Für die alliierte Seite der Front und bezogen auf die „Tankfrage“ sei einmal
mehr auf Fuller verwiesen, dessen Schriften nicht nur nicht mit Kritik an
den Vorgesetzen auf vielerlei Gebieten im Bereich der Schnittstellen von
Militär, Rüstung und Politik in der Heimat sowie hinsichtlich der
Operationsplanung und Truppenführung an der Westfront sparen, sondern
zudem darauf verweisen, daß der gegen die [Link] erhobene Vorwurf des

beispielsweise einen im April 1917 gegebenen festen, aber fehlgeleiteten Glauben


französischer Soldaten in die eigenen Siegeschancen der Wucht der deutschen Offensive
am sagenumwobenen Chemin des Dames im Mai 1918 gegenüberstellen; siehe bspw.
Miquel: Chemin des Dames, S. 260.
2790
Es sei angesichts der Fülle von Ergebnissen bei der exemplarischen Eingabe dieser
Phrase in eine bekannte Suchmaschine nur ein wissenschaftlich ausgerichtetes Beispiel für
eine Antwort genannt, das mit weiterführenden Biographien britischer „Donkeys“
aufwarten kann: H[Link] (Stand vom
18.02.2007).
2791
Siehe etwa Liddell Hart: The Real War, S. 276ff., mit Ausführungen zu Haig, der
britischen Generalität und dem Tank, oder Harris: Amiens, S. 30, mit dem Fazit über Haigs
Führung: „In theory he believed in a devoted style of command. In practice he often
interfered unwisely in the plans of his army commanders, pressing for greater audacity than
situations warranted and wasting British and Dominion lives as a result.“
699

„Versagens“ auf dem Sektor des Tankbaues genausogut der britischen


Generalität zu machen ist 2792 .
Den Unterschied zwischen letztlich dann doch recht zahl- und vor allem
hilfreich zur rechten Zeit ins Feld geführten Tankeinheiten seitens der
Alliierten und nur einer handvoll Kampfwagen bei den Deutschen machten
diesen und vorausgegangenen Ausführungen gemäß drei Bereiche aus:
Die Verfügbarkeit rüstungstechnischer Kapazitäten, die Modifikationen der
Angriffsweise durch den Zwang der Notlagen von 1917 und halbwegs
günstige Ausgangsbedingungen, um Visionäre und Reformer als
Trumpfkarten an entscheidender Position jederzeit ausspielen zu können.
In Frankreich war der spätere Schöpfer der artillerie d’assaut, Estienne, als
Fachmann für moderne Artillerietechnik und die junge Militärfliegerei
bereits vor 1914 zu Ansehen gekommen 2793 , da er Wege zu eröffnen schien,
die numerische Unterlegenheit der französischen Streitkräfte gegenüber
ihrem potentiellen deutschen Feind auszugleichen. Und im Vereinigten
Königreich konnte beim aus der Not der Stunde geborenen Aufbau eines
Millionenheeres während des Krieges etwa auch ein Betätigungsfeld für den
gesellschaftlich umtriebigen „Berti“ Stern gefunden werden.

2792
Aus den Erinnerungen sei eine Passage als Beleg angeführt, die sich aus den
Erlebnissen des Tank-Fachmannes anläßlich einer Besprechung im „Großen Hauptquartier“
in London Anfang Januar 1918 über Zukunftsfragen der Tanks ergab: „Diese Zahlen
brachten die Militärs in Verlegenheit und es erhob sich eine wilde Diskussion am Tisch. Sie
wurde mit der Frage eingeleitet: ‚Können Tanks Kanalschleusen überqueren?’ und sie
endete mit der Frage: ‚Kann eine zweipfündige Granate eine Backsteinmauer
durchschlagen?’ Als das Durcheinander derart groß war, daß die Generale nicht mehr
wußten, was sie sagen sollten, sagte der Admiral ganz unvermittelt, daß er 300 Mark-V-
Tanks verlängern könnte, und daß er hoffe, daß dieser Typ schließlich von dem Liberty-
oder Mark-VIII-Tank ersetzt werden würde. Da die wenigstens wußten, wovon er sprach,
brachte jemand, der offenbar noch weniger wußte, plötzlich die Diskussion von dem
größten Tanktyp auf den kleinsten, den französischen Renauld, und teilte der Versammlung
mit, daß sich 9000 im Bau befänden: 2500 für die Franzosen, 1200 für die USA. und 300
für uns. Dann folgte ein peinliches Schweigen, denn offenbar hatte der Redner vergessen,
wer die restlichen 5000 erhalten sollte.“ Zitiert nach Fuller: Erinnerungen, S. 200.
2793
Siehe dazu auch die diesen Umstand und die Person Estiennes besonders würdigende
Einleitung General Weygands in Bourget, P.-A.: Le Général Estinenne, penseur, ingénieur
et soldat, Paris 1956.
700

Wie sah es demgegenüber auf deutscher Seite aus?


Die „feldgrauen Löwen“, die hohe Reputation beim Feind genossen und -
kurioserweise über alle Vorkommnisse des Jahres 1918 hinweg- wenigstens
eine Weile in die eherne Form eines „Frontkämpfermythos“ gegossen
waren, gelten in der Militärgeschichtsschreibung bis heute als hervorragend
organisiert und geführt 2794 .
Während am Kern dieser Aussage nicht gerüttelt worden zu sein scheint, ist
der Nimbus des „unbesiegten Frontsoldaten“ allerdings vergangen und
einem menschlicheren Antlitz der deutschen Kriegsteilnehmer gewichen.
Von der Aura besonders effizienter und geschickter deutscher Kriegführung
in den Jahren 1914-18 auf höchster Ebene ist kaum etwas geblieben, auf das
nicht der Schatten von Vabanquespiel, Fehlentscheidungen und Hybris fällt.
Die Tankfrage stellt hierbei nur einen Teilsektor dar, allerdings einen mit
erheblichem Symbolwert, welcher sich gemäß der Argumentationsmuster
des in der Einleitung vorgestellten „populären“ Bildes aus der Ablehnung
des Panzerfahrzeuge von Burstyn 1911, vernachlässigtem Bau von Tanks
und Tankabwehrwaffen 1917 und den „Quittungen“ für diese
Uneinsichtigkeiten im Jahre 1918 ergibt.
Wie gezeigt wurde, ist dieser Symbolwert allerdings nicht unbedingt mit
den Realitäten in Einklang zu bringen. In Form bescheidener
Gefechtsleistungen feindlicher Tanks sowie mit dem Funktionieren des
eigenen Abwehrverfahrens lagen durchaus rationale Gründe für eine
Geringschätzung der Kampfwagen bis Ende 1917 vor. Der deutsche
Verzicht auf einen forcierten Tankbau im Frühjahr 1917 ergibt sich aus
diesen Tatsachen genauso wie aus begrenzten Rüstungskapazitäten, die nach
Wrisbergs Meinung wohl zu keinem Zeitpunkt so gegeben waren 2795 , als
daß man Tanks nicht als „Luxuswaffe“ hätte betrachten dürfen. Dieser
Aspekt sollte heute wenigstens als zusätzliche und als plausible Erklärung

2794
Siehe dazu bspw. Chickering, S. 30ff., Harris: Amiens, S. 3ff. („German militay
excellence“), Stevenson, S. 67ff., und Sheldon: Somme, S. 396ff., wo auf S. 406 über die
deutsche Armee am Vorabend der Sommeschlacht 1916 geurteilt wird: „This was the army
which fought the Battle on the Somme. Drawn from the whole of German society, it was of
good quality, well trained, experienced and battle-hardened. It was always short of
manpower and materiel, but it was an extremely effective fighting organisation.”
2795
Siehe Wrisberg, S. 160ff.
701

für die tankbezogenen „Fehlentscheidungen“ der OHL in Betracht gezogen


werden. Daß die Niederlage 1918 viel stärker durch die Auswirkungen eines
sich extrem verschlechterten Verhältnisses der Kräfte als durch Tankmassen
verursacht wurde, kann zudem nicht mehr fragwürdig sein.
Für die damaligen Verantwortlichen bedeutete letzteres insofern ein
grandioses Dilemma, als daß sich die Schuldfrage sowohl für das Mißlingen
und die Chancen deutscher Entscheidungsoffensiven 1918 als auch für die
zweifelsfrei vermeidbaren Opfer der anschließenden Monate und das
niederschmetternde Kriegsende aufdrängte. „Antworten“ wurden von
namhaften Militärs nach 1918 reichlich und mit dem klar erkennbaren
Charakter mehr oder weniger prophylaktisch geäußerter Rechtfertigungen
und Ausreden präsentiert. Spätestens seit Ludendorffs Kriegserinnerungen
von 1919 nahmen Tanks hierbei eine besondere Stellung ein, die als
indirekte Aufforderung an alle früheren Kameraden verstanden werden
muß, von den eklatanten Fehlern in allen Bereichen und auf allen
Führungsebenen abzulenken, um das Ansehen des deutschen Militärs und
seiner Protagonisten –nicht zuletzt der jeweils eigenen Person- zu schützen.
Abstriche beim Eingehen auf dieses Angebot betrafen der Tendenz nach vor
allem die Wandlung des von Ludendorff als „wehrkraftzersetzend“
unterwandert gekennzeichneten Heeres hin zur Präsentation einer
unbesiegten Schar „Feldgrauer“ und ein hier und dort schließlich doch
härteres „Zupacken“ gegen die Person des Ersten Generalquartiermeisters,
sein engeres Umfeld und gefällte Entscheidungen wie etwa im
Zusammenhang mit der Offensive vom 21.März 1918.
Asprey nannte in diesem Kontext die Namen einiger zeitgenössischer
Kritiker. Darunter befanden sich neben Persönlichkeiten, die sich wie
General Hoffmann quasi von Natur aus oder wie Conrad von Hötzendorf
und Prinz Max von Baden wegen ihrer Stellung sowie menschlicher
Friktionen halber kaum jemals uneingeschränkt Ludendorffs
Argumentationen hätten anschließen können, beispielsweise Kronprinz
Rupprecht und Thaer 2796 . Deren Verlautbarungen sind absolut lesenswert,
von allergrößtem Interesse und stellen verschiedenste Aspekte des
Führermythos „Hindenburg-Ludendorff“ auf einen harten Prüfstein- da wird

2796
Siehe Asprey: The German High Command At War, S. 10f.
702

man Aspreys einleitenden Ausführungen zu seiner Arbeit über die [Link]


uneingeschränkt zustimmen können. Die Gefahr besteht allerdings darin,
den in diesem Gewand daherkommenden Ansichten so weit zu folgen, daß
„Esel“ durchweg an Karten- und Schreibtischen des Großen
2797
Hauptquartiers , des Generalstabes oder des Kriegsministeriums
ausgemacht werden, während man „Löwen“ nicht nur in den
Schützengräben, sondern in erheblichem Ausmaß auch in „frontnahen“
Stäben und sogar bis hinauf in die Spitze von Heeresgruppenkommandos zu
erkennen meint. Zu leicht glaubt man diesen, sie hätten in bester Absicht
nichts anderes verfolgt, als aus wechselnden Stimmungslagen des faktisch
hauptverantwortlichen Ludendorff und aus den von ihm auf Grundlage
abwegiger Auffassungen gegebenen Befehlen das denkbar Beste zu machen.
Kuhl hielt exemplarisch für dieses Bild anläßlich einer Aussprache mit
Hindenburg erzürnt in seinem Tagebuch fest:
„Also alle anderen sind schuld, nur nicht die O.H.L.! Tatsächlich ist es
umgekehrt. Die Offensive über die Marne war leichtsinnig, da man den
Flankenangriff kommen sah und da man wußte, daß der Ersatz zu Ende war und wir
uns völlig verausgabten.“ 2798

Nach Betrachtung der Grundlagen der mit einem sozusagen deutschen


„Lions led by Donkeys“-Komplex und eben dem Kriegsende eng
verbundenen „Tankfrage“ sind derart extreme Schuldzuweisungen
weitestgehend unhaltbar.
Thaers persönliche Erinnerungen, bei deren Authentizität man sich auf den
Editor, Kaehler, zu verlassen hat, weisen gelinde gesagt

2797
Ein wirklich merkwürdiges Beispiel für eine verschrobene Sicht der Dinge nennt Kuhl
in Form eines Auftrittes des Kommandanten des Großen Hauptquartiers: „Gestern Abend
und heute Morgen war Generaloberst v. Plessen hier. Er hat alle Armeen bereist, hat aber
keinen Schimmer von der Lage. Er meint, wenn wir jetzt standhielten, hätten wir im Herbst
den Krieg gewonnen! Lauter Unsinn!“ An diese Äußerung anschließend, beschrieb Kuhl
selbst die offensichtlich katastrophale Situation: „Ich befürchte, wir können auch in den
neuen Stellungen auf der ganzen Front den Kampf nicht durchführen. [... .] Die Berichte
der Postüberwachungsstellen geben ein trübes Bild von der Mißstimmung der Truppe. Von
der Heimat entwerfen alle die daher kommen, dasselbe Bild.“ Zitiert nach BA-MA, RH
61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, S. 189 (Eintrag zum 4.9.1918).
2798
Zitiert nach ebenda, S. 190 (Eintrag zum 6.9.1918).
703

„Merkwürdigkeiten“ auf. Die von ihm anscheinend früh vorhergesehene


Bedeutung der Tanks ist bereits bei Arras erkennbar, wo von ihm ein
tatsächlich niemals existenter durchgebrochener Tank als Bedrohung
aufgefaßt wird und er behauptet, in Form bespannt bereitgehaltener
Feldartilleriebatterien ein neues Tankabwehrverfahren gefunden zu haben.
Das Verfahren war nachweislich bereits früher empfohlen worden und das
von ihm unterzeichnete Merkblatt zur Kampfwagenbekämpfung nach den
Erfahrungen bei Arras stand trotz der vermeintlich vorausschauenden und
die OHL anklagenden Worte Thaers in Kaehlers Tagebuchedition
keineswegs im Gegensatz zu damaligen Anweisungen und Sichtweisen.
Hatte Thaer durch Zufall einfach nichts von den im Frühjahr 1917 reichlich
kursierenden Mitteilungen zur Kenntnis genommen und im Befehlsbereich
seiner Gruppe Arras tatsächlich ein „neues“ Tankabwehrverfahren
erfunden? Oder, diese Begründung mag auch möglich sein, hatte er das
Merkblatt des Gruppenkommandos nur dergestalt konform verfaßt, um bei
Soldaten Zutrauen zu schaffen, wo die Richtigstellung der von
uneinsichtigen Vorgesetzten dauerhaft bestimmten „Wahrheiten“, nur
panische Reaktionen im Heer hervorrufen konnte? Thaers vermeintlich
prophetische Aussagen zum Tank in der flandrischen Schlammwüste von
1917, wo sich das Fehlen deutscher Tanks angeblich überaus negativ
ausgewirkt haben soll, fiel real jedenfalls mit Goughs verheerendem Urteil
„Tanks are no good on a battlefield“ zusammen.
Auch Kronprinz Rupprecht, der sich -zusätzlich zu allen persönlichen und
fachlichen Differenzen aus der Kriegszeit- zu Beginn der 1920er Jahre mit
Ludendorff in einem „Ehrenstreit“ befand 2799 , welcher schließlich zur
Verbannung des ehemaligen Ersten Generalquartiermeisters und
Ehrenvorsitzenden aus dem Bund Bayerischer Offiziere führte, vergaß in
seiner Position als Kommandeur einer Heeresgruppe mehr als einmal, die
mit seinen Stellungen als Thronfolger und Heeresgruppenkommandeur
verbundene Verantwortung. Diesbezüglich findet sich im Rahmen der
vorliegenden Arbeit einmal -Rupprechts rechte Hand Kuhl war an all dem

2799
Siehe dazu einen Bericht über eine außerordentliche Vertreter-Versammlung am
5.11.1924 in den Mitteilungen des Verbandes der bayerischen Offiziers-Regimentsvereine,
Nr. 210 vom 12.11.1924 (in Besitz des Verfassers der vorliegenden Arbeit).
704

unzweifelhaft intensiv beteiligt- die Affäre Nagel. Mit der Tankfrage und
dem Kriegsende scheint sie auf den ersten Blick kaum etwas zu tun zu
haben, sondern entweder mit der Abstrafung eines unfähigen Generals, oder
mit der Begleichung persönlicher Rechnungen in einer Situation, in der nach
präsentablen „Schuldigen“ für eine Niederlage gesucht wurde. Tatsächlich
kulminiert in diesem Beispiel einiges mehr, nämlich ein bei Ludendorff
ausgeprägtes Gebaren, das nach schnellen Antworten verlangte sowie
ziemlich unreflektiert zu überstürzten Reaktionen –im Zweifelsfall zu
Personalentscheidungen- neigte und von Untergebenen ohne lauten
Aufschrei mehr oder weniger gütlich hingenommen wurde. Rupprecht und
Kuhl hatten jedenfalls in diesem Fall kein Problem mit der Opferung des
Stabschefs des AOK 6, die den Blick auf wahre Gründe der Krise vom
[Link] 1917 bei Arras kaschieren konnte. Die zweite Situation in der
Rupprecht beziehungsweise sein Heeresgruppenkommando besonders
unrühmlich auffällt, findet sich im Vorfeld des [Link] 1918, als man die
Meldung über auffahrende Tanks zwar weitergab, gleichzeitig aber weder
Alarm- und Tankabwehrbereitschaft befahl, noch für eine signifikante
Verstärkung des betroffenen Abschnittes der [Link] sorgte 2800 . Und dabei
waren die ersten und viele der folgenden Erfahrungsberichte aus dem
Zusammentreffen mit Kampfwagen sowie die darin enthaltenen und noch
1918 geltenden Empfehlungen beim Umgang mit tankgestützten
Feindangriffen auf die Heeresgruppe, also auf Rupprecht und Kuhl,
zurückzuführen.
Solche personenbezogenen Beispiele, wie sie hier exemplarisch für Thaer
und Rupprecht angeführt wurden, lassen sich in sehr großer Zahl und
tatsächlich auch in voller Bandbreite der Führungsverantwortlichkeiten
deutscher Generale finden.
So ist für den [Link] 1918 in Ergänzung der Versäumnisse der
Heeresgruppe Rupprecht anzumerken, daß offenkundig nicht nur sie ihre
eigenen Weisungen und Ratschläge vergessen hatte. Das AOK 2 General

2800
Angesprochen wird dieses Vorkommnis auch in BA-MA, RH 61/50157:
Forschungsarbeit Förster zum Bild des „modernen Feldherrn“, S. 28. Direktor Förster
nannte in diesem Kontext allerdings keine Namen und ließ das Heeresgruppenkommando
auch in RA, Bd. 14, von Vorwürfen verschont.
705

von der Marwitz', welches schon bei Cambrai einer von oben diktierten
Lageauffassung gefolgt war, zog keine eigenen Schlüsse aus der Mitteilung
der Heeresgruppe zu den im Anmarsch gemeldeten Tanks, die wenigstens
die Alarmbereitschaft ihrer dezimierten Verbände hätte garantieren können.
Stattdessen glaubte man, daß ein Großangriff nicht bevorstehe und
präsentierte selbst Jahre später in den „Erinnerungen“ von der Marwitz nur
Hinweise auf ein bösen Vorurteilen entsprechendes Treiben im Armeestab
vor dem [Link] 1918 2801 .
Im Sinne der Affäre Nagel sind etwa die Erlebnisse Gallwitz' oder das
Verhalten des AOK 2, der Heeresgruppe Rupprecht und der OHL gegenüber
Moser nach dem bei seiner Gruppe geradezu „befehlsgemäß“ gescheiterten
Gegenangriff am [Link] 1917 zu nennen. Wahrheiten zu sagen oder
gegebenenfalls auch eingestehen zu müssen, fiel Untergebenen aller
Dienstgrade offenkundig so schwer wie den Vorgesetzten, hiermit so
umzugehen, daß nicht Augenwischerei, Selbstbetrug und Notlösungsrezepte
mit minimaler Halbwertzeit herauskamen. Andererseits nutzten
Untergebene auf Divisions- und Gruppenebene ihre Berichte vor den
unübersehbaren Katastrophen ab Mitte 1918 offenkundig nur selten, um
solche „Wahrheiten“ in ummißverständlicher Form, welche Verhandlungen
über Sachverhalte hätte ermöglichen können, zur Sprache zu bringen. So
war der Kommandeur der Gruppe Caudry nach November 1917 darauf
bedacht, kritische Stimmen zu den Grundlagen des [Link] zum
Schweigen zu bringen, und am Beispiel des Offizierstellvertreters Jaffé und
seinem Bericht über die Nahkampfbatterien im Frühjahr 1917 kann man
ablesen, daß es nicht ungefährlich war, Mängel deutlich anzusprechen.
Eine den Realitäten angemessene Auswertung von Kampfgeschehen kam
solchem Verhalten gemäß vielfach gar nicht zustande, und wenn es einem

2801
Siehe Tschischwitz: General v.d. Marwitz, S. 301ff. (Kommentar Tschischwitz` zur
Lageentwicklung bis zum 8.8.1918 und Einträge vom 5.-8.8.1918). Erwähnt werden
Belanglosigkeiten, die eine völlige Ahnungslosigkeit belegen. Selbst wenn es sich bei
Tschischwitz’ Edition um eine Mischung von privaten Aufzeichnungen und Briefen von
der Marwitz’ handelt, bei denen Notizen zum führungstechnischen Tagesgeschäft
weitgehend ausgeklammert blieben und aus Geheimhaltungsgründen wohl ausgeklammert
bleiben mußten, fehlt auch im Kommentar des Herausgebers jeder Ansatz, dieses Bild zu
verwischen beziehungsweise richtigzustellen.
706

aus seiner Sicht ungerechtfertigterweise in Mißkredit gebrachten


Kommandeur überhaupt einfiel, seinem Unmut an höherer Stelle Luft zu
machen, dann geschah dies entweder erst in der Schlußphase des Krieges,
als es für Fehlerdiagnosen definitiv zu spät war, oder offenkundig nicht
selten durch anonyme Schreiben an die OHL, wie sie sich in den Unterlagen
Geyers noch heute finden lassen 2802 . Es ist kein Wunder, daß die
Heeresgruppe Kronprinz am [Link] 1918 darauf verwies, wie stark sich
die tatsächliche Lage an der Front vom Lagebild der höheren Führung
unterschied 2803 . Diesen Zustand wird man allerdings nicht primär der OHL
anlasten können, sondern vor allem dem Heeresgruppenkommando selbst.
Daß dessen Führer, der Deutsche Kronprinz, in seinen Memoiren keinen
Platz für Ausführungen zu diesen Dingen ließ und sich während des Krieges
in Kritik an der [Link] erging 2804 , um dieser noch im Oktober 1918
Vorschläge zu einem „Verzweiflungskampf“ als Ausweg aus der
strategischen Lage zu unterbreiten, spricht für sich genommen bereits Bände
über das menschliche und führungstechnische Klima rund um die
Spitzenpositionen des Heeres.
Hingewiesen werden muß auch auf die in so vielen Darstellungen sogar bis
heute enthaltene Absurdität von „Überraschungen“. Lange vor dem [Link]
1918 und den an ihm angeblich erstmals und überraschend auf- sowie in
großen Mengen aus scheinbar unerwartetem Nebel hervorgetretenen
leichten Tanks vom Typ FT-17 hatte der Nachrichtenoffizier des AOK 2
von ihrer Existenz und Massenproduktion berichtet. Ein erbeutetes
Exemplar war der OHL zuvor bereits -aber tatsächlich ohne greifbare
Konsequenzen- überwiesen worden. Der Nebel, die vom Feind nach einem
verschleierten Aufmarsch für einen Angriff genutzten frühen
Morgenstunden und mit Gewißheit zu erwartende größere Mengen

2802
Siehe BA-MA, RH 61/50637.
2803
Siehe HStAS, M 33/2, Bü. 300: HGr Kronprinz Ia/Ic Nr. 6438 geheim vom 27.8.1918.
2804
Siehe etwa BA-MA, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, S. 194 (Eintrag zum
4.10.1918).
707

verbesserter Tanks waren schon 1916/17 Inhalt von Mitteilungen aller


Führungsebenen gewesen 2805 .
Was sollte es angesichts dieser Verhältnisse einem Theodor Freiherr von
Watter und den ihm unterstellten Divisionen im Juli 1918 nutzen, vor der
Katastrophe in seinem Gruppenabschnitt um Ablösungen und Verstärkung
zu bitten oder danach seinem Unmut gegenüber einer fahrlässig von
Vorgesetzten herbeigeführten Lage zu artikulieren, wenn bei diesen mehr
oder wenige vollständige Klarheit über die grundsätzlichen Lageverhältnisse
herrschte und notwendig erkannte Bemühungen um frische Kräfte -
„wahrscheinlich weil wir wußten, dass die O.H.L. keine hatte oder keine
mehr herausgeben wollte oder konnte“ 2806 - unterblieben?
Die Lage war nach März und erst recht ab Mitte Juli 1918 verzweifelt. Und
sie war dies, weil zum Faktor effizienterer Angriffsmethoden beim Feind
und einem durch die Verluste bis Mitte des Jahres gravierend verschobenen
Kräfteverhältnis die Nachteile einer ehedem einmal erfolgreichen
Armeeorganisation mit zuerst bewährten und eingespielten, dann
2807
verfahrenen und zuletzt gar festgefahrenen Strukturen kamen . Die
Wirkung alliierter Tankeinsätze wurde durch diese in hohen und höchsten
Stäben während des Krieges erkennbare Tendenz in einem nicht
unbeträchtlichen Umfang gesteigert. Die Übersteigerung der Wirkungsweise
von Kampfwagen aber verließ die Basis jeder Realitätsnähe aus einem
bestimmten Grund, den schon Fleischer in seiner Dissertation anführte:
„In der nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland erschienenen Literatur wurde
oft zur Rechtfertigung der Niederlage von 1918 als eine wichtige Ursache auf das

2805
Bezeichnenderweise auch von Mitteilungen des AOK 2 v.d. Marwitz; siehe HStAS, M
33/2, Bü. 300: AOK 2 Ias Nr. 294/Febr. Geheim! vom 17.2.1918.
2806
Siehe ebenda, RH 61/52, Bl. 10: Brief v. Bocks vom 6.9.1930.
2807
Gleichs Kritik zu den „Verirrungen“ des deutschen Heeres offenbaren vor allem auch
Fehler, die sich bereits in der Friedenszeit eingeschlichen hatten, Dietz’ „Todesgang“ fühlte
den Ursachen des Kriegsendes auf den Zahn und Hobohms Gutachten für den
Untersuchungsausschuß des Reichstages bot einen erstaunlichen Einblick in die während
des Krieges aufgetretenen Mißstände aller Art. Die in den drei Titeln angesprochenen
Problemfelder im Spektrum von Vetternwirtschaft, beschönigenden Berichten,
übersteigerter Karriereorientierung, „Generalstabswirtschaft“ oder etwa Überheblichkeiten
finden ihre Beispiele in den Kapiteln der vorliegenden Arbeit.
708

massenhafte Vorhandensein von Panzern auf Seiten der Entente verwiesen. Das war
ein Versuch, die Verantwortung für die Niederlage des deutschen Imperialismus auf
die Militärtechnik und die für ihre Beschaffung zuständigen Dienststellen zu
reduzieren.“ 2808

14.4. Fazit.

Britische und französische Tanks fügten den deutschen Truppen an der


Westfront erheblichen Schaden zu. Hierfür waren die Bemühungen der
alliierten Militärs, den Kampfwageneinsatz effektiver zu gestalten, ein für
die Deutschen immer ungünstigeres Kräfteverhältnis und der Unwille ihrer
Führung, mit althergebrachten Verfahrens- und Sichtweisen zu brechen, um
den Realitäten ins Auge sehen und daraus die richtigen und ihrer
Verantwortung entsprechenden Schlüsse zu ziehen, die Ursachen.
Demgegenüber konnte es nur noch von untergeordneter Bedeutung sein, daß
ein guter Teil des von Hindenburg angesprochenen „Vertrauens“ in die
Leistungsfähigkeit deutscher Soldaten bis zuletzt gerechtfertigt war. Mit
Tanks und einem naturgemäß immer wieder auftretenden „Tankschrecken“
lokal fertig zu werden, Einbrüche abriegeln und angegriffene
Frontabschnitte für einen Moment noch konsolidieren zu können war eines.
Die hierbei entstandenen Ausfälle sowie ein psychisches Debakel für die
stets unterlegenen eigenen Soldaten und ihre auf ein baldiges Kriegsende
hoffenden Angehörigen in der Heimat nach dem Sturz aus höchsten Höhen
der Siegeshoffnung im Frühjahr 1918 zu kompensieren, war etwas völlig
anderes.
Fern ihrer tatsächlichen taktischen Bedeutung, die selbst Foch für begrenzt
hielt 2809 , lösten die in den letzten Monaten der Kampfhandlungen an der
Westfront den alliierten Angriffen vorausrollenden Tanks die das Kriegsbild
zuvor dominierende Artillerie in ihrer Symbolwirkung ab und wurden zum
Sinnbild alliierter Überlegenheit. Dies geschah mit einiger Berechtigung,
aber doch ohne die reale Basis dafür, dem neuen Kriegsmittel darüber
hinaus eine dezidiert „kriegsentscheidende“ Bedeutung beimessen zu
können. In dieser Hinsicht waren Tanks nur eine einzige militärtechnische

2808
Zitiert nach Fleischer: Die Entwicklung der Panzerabwehr, S. 14.
2809
Siehe Foch: Kriegserinnerungen, S. 413.
709

Innovation des Weltkrieges, welcher ein Platz neben vielen anderen und
nicht vor diesen eingeräumt werden muß.
Ein großes Hemmnis bei einer zutreffenden Verortung der Bedeutung von
Tanks stellte der Versuch militärischer Kreise nach 1918 dar, Kampfwagen
als Vehikel zur Verschleierung von eigenen Fehlern und mehr oder weniger
allgemeinen Mißständen im Diskurs um den Kriegsverlauf und das
Kriegsende zu nutzen. Diese Anstrengungen waren recht erfolgreich wie
man an der Existenz des in der Einleitung skizzierten „populären“ Bildes
ablesen kann.
Argumentativ waren sie lächerlich und obskur, denn hinter jedem
tatsächlich auf dem Sektor der „Tankfrage“ zu unterstellenden Versagen
scheinen elementarere und gravierendere Fehler einzelner und des –wie
Fleischer in Anlehnung an die Terminologie der ostdeutschen
Geschichtsschreibung sagte 2810 - deutschen „Imperialismus“, nämlich des
etablierten militärischen und politischen Systems und seiner vielfältigen
Auswüchse überaus deutlich durch.
Belege hierfür und die Unsinnigkeit der Vorstellung von
„kriegsentscheidenden“ Tanks, zudem auch für die Abwegigkeit der von
deutschen Militärs formulierten These, militärisch unbesiegt geblieben zu
sein und von ihrer Warte aus alles getan zu haben, um die Niederlage
abzuwenden, füllen die Seiten der vorliegenden Untersuchung.
Aus dem ihr zugrundeliegenden Quellenmaterial sei zum Abschluß ein den
Aufzeichnungen Kuhls entliehenes Zitat angefügt. Einmal mehr
unterstreicht es, wie weit auch zwischen deutschen militärisch
Verantwortlichen in den letzten Monaten des Krieges offen diskutierte
Ansichten von dem abwichen, was sie selbst und viele andere nach
November 1918 als Hauptursachen für die Niederlage anführten:
„Die Lage auf dem Balkan ist hoffnungslos. Nun wird die Entente auf
Konstantinopel marschieren. Österreich kommt in die schwierigste Lage. Die
Rumänen sind höchst unsicher. [Kuhl zitiert Ludendorff:] ‚Der Feldzug ist durch die

2810
Siehe Abschn. 14.3.
710

Ereignisse auf dem Balkan verloren.’ – Also nun gibt Ludendorff zu, daß der Krieg
verloren ist. Aber nicht nur durch den Balkan!“ 2811

Man kann Kuhl nur beipflichten, denn auch die Situation an der Westfront,
in Italien, in der Luft, zur See und in der Heimat war trostlos geworden.
Eine Hervorhebung der Tanks sucht man hier, bei der Betrachtung der
Gesamtlage aus gutem Grund vergeblich.

15. Verzeichnisse.

15.1. Verzeichnis archivalischer Quellen.

Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, Abt. IV Kriegsarchiv (KA),

11.I.D., Bd. 96

1 R. Korps, Bd. 169

HGr Rupprecht, Bd. 43, Akt: Abt. Felda, Bd. 43, Akt: Eigene Berichte, Bd.
43, Akt: Fremde Berichte, Bd. 43, Akt: 41, Bd. 88, Akt: 36, Bd. 88, Akt: 40,
Bd. 117, Akt: 177, Bd. 125, Akt: 206, Bd. 125, Akt: 208, Bd. 125, Akt: 210,
Bd. 126, Akt: 211, Bd. 126, Akt: 213

HS 2027, 2698, 3402

Nachlaß Paul von Kneussl, Tagebücher

PiBtl 14, Bd. 6

Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg (BA-MA),

2811
Zitiert nach BA-MA, RH 61/50652: Aufzeichnungen Kuhl, S. 194 (Eintrag zum
3.10.1918).
711

MSg 101/200, 101/242

N 77/4, 2214/32

PH 3/57, 3/294, 3/975, 3/560, 3/561, 5 I/11, 5 II/147, 5 II/350, 6 I/29, 8 I/34

RH 61/50138, 61/50157, 61/50355, 61/50535, 61/50597, 61/50601,


61/50637, 61/50652, 61/50671, 61/50768, 61/50769, 61/50770, 61/50864,
61/51507, 61/51702, 61/51714, 61/51716, 61/51741, 61/51765, 61/51766,
61/51768, 61/51833, 61/51842, 61/51843, 61/51862, 61/51963, 61/52,
61/52014, 61/52029, 61/52033

Hauptstaatsarchiv Stuttgart (HStAS),

M 1/11, Bü. 794

M 30/1, Bü. 55, Bü. 72, Bü. 162, Bü. 162a, Bü. 239

M 33/2, Bü. 28, Bü. 72, Bü. 80, Bü. 81, Bü. 142, Bü. 143, Bü. 144, Bü. 207,
Bü. 225, Bü. 241, Bü. 244, Bü. 256, Bü. 300, Bü. 307, Bü. 330, Bü. 356,
Bü. 363, Bü. 373, Bü. 373a, Bü. 374, Bü. 536, Bü. 573, Bü. 581, Bü. 613,
Bü. 721, Bü. 722, Bü. 894, Bü. 896

M 99, Bü. 142

M 200, Bü. 34, Bü. 137, Bü. 157

M 206, Bü. 9

M 660/047
712

15.2. Verzeichnis ungedruckter und nicht-archivalischer Quellen.

Bericht über eine außerordentliche Vertreter-Versammlung am 5.11.1924 in


den Mitteilungen des Verbandes der bayerischen Offiziers-
Regimentsvereine, Nr. 210 vom 12.11.1924 (in Besitz des Verfassers der
vorliegenden Arbeit).

Kriegstagebuch 1914/18 des Feldwebel-Leutnant Goos, Führer der Armee-


Brücken-Abteilung 4. (In Besitz des Verfassers der vorliegenden Arbeit.)

„Unternehmen Michael“, Regie: Karl Ritter, Ufa, 1937.

15.3. Verzeichnis genutzter Literatur und gedruckter Quellen.

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April 1917, in Benary, Albert (Bearb.): Das Ehrenbuch der ehemaligen Deutschen
Feldartillerie, Berlin 1930, S. 454-455.

Strutz: Tankschlacht
Strutz, Georg: Die Tankschlacht bei Cambrai. 20.-[Link] 1917 (Schlachten
des Weltkrieges, Bd. 31), Berlin 1929.
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Suhr (Bearb.): Das [Link] Infanterie-Regiment Nr. 157 im Frieden und im
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Sußdorf, Walter: Das Feldkraftfahrwesen in Schwarte, Max (Hg.): Der Weltkampf
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The War Illustrated, Amalgamated Press London: Ausgaben vom 7.10.1916,
28.10.1916, 28.4.1917, 8.12.1917, 29.12.1917, 5.1.1918, 22.6.1918, 24.8.1918,
31.8.1918 und 14.9.1918.

Toepffer: Der Pionierdienst


Toepffer (Bearb.): Der Pionierdienst im Kriege mit einem Überblick über die
Entwicklung des Festungsbaues auf Grund der Kriegserfahrungen, Berlin 1919.

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Unruh, Karl: Langemarck. Legende und Wirklichkeit, Koblenz 1986.

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Verein der Offiziere des ehemaligen Kgl. Preußischen (Westfälischen) Jäger-Bataillons Nr.
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im Weltkrieg 1914-1918 (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Bd. 272),
Berlin/Oldenburg 1929.
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TG FAR 14
Verein ehemaliger Offiziere des Feldartillerie-Regiments Großherzog (Hg.): Das
Feldartillerie-Regiment Großherzog ([Link]) Nr. 14 im Weltkriege 1914-
1918, Karlsruhe 1933.

Vereinigung der Offiziere des ehem. Kgl. bayer. [Link]-Regiments (Hg.):


Geschichte des ehemaligen Königlich bayerischen [Link]-Regiments,
München 1935.

TG FAR 213
Verschiedene Bearb.: Das Feldartillerie-Regiment 213 (Aus Deutschlands großer
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TG FAR 60
Verschiedene Bearb.: Geschichte des Großherzoglich Mecklenburgischen
Feldartillerie-Regiments Nr. 60 im Weltkriege 1914-1918, Hamburg 1921.

Watter
Verschiedene Verfasser: General Oskar Freiherr von Watter. Dem Gedenken eines
großen Soldaten, Hamburg o.J.

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Vischer (Bearb.): Das Württ. Infanterie-Regiment Nr. 180 im Weltkrieg 1914-1918
(Die württembergischen Regimenter im Weltkrieg 1914-1918, Bd. 9), Stuttgart
1921.

Volckheim, Ernst: Der Kampfwagen in der heutigen Kriegführung, Berlin 1924.

Volckheim, Ernst: Deutsche Kampfwagen greifen an, Berlin 1937.

Volckheim, Ernst: Unsere neue Panzertruppe, Berlin 1938.

Volkmann: Der große Krieg


Volkmann, Erich O.: Der große Krieg 1914-1918. Kurzgefaßte Darstellung auf
Grund der amtlichen Werke, Berlin 61938.
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Wagner, Rudolf (Hg.): Das [Link]-Elsässische Feldartillerie-Regiment Nr. 51 im
Weltkriege 1914/1918 (Deutsche Tat im Weltkrieg 1914/1918, Bd. 31), Berlin
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Winter: Haig’s Command


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Wrisberg, Ernst v.: Wehr und Waffen 1914-1918 (Erinnerungen an die Kriegsjahre im
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Zentner: Illustrierte Geschichte des Ersten Weltkrieges


Zentner, Christian: Illustrierte Geschichte des Ersten Weltkriegs, München 1982.

Zeschwitz, G.P. v.: Heigl’s Taschenbuch der Tanks, Teil III: Der Panzerkampf,
Berlin/München 1938 (Neudruck Landshut 1971).

Ziemann, Benjamin: Enttäuschte Erwartungen und kollektive Erschöpfung. Die deutschen


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Ziemann, Benjamin: Fahnenflucht im deutschen Heer 1914-1918, in Militärgeschichtliche


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49 im Weltkrieg 1914-1918 (Die württembergischen Regimenter im Weltkrieg, Bd.
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Zindler, Erwin: Erziehungsarbeit und ihr Erfolg bei Cambrai, in verschiedene Verfasser:
General Oskar Freiherr von Watter. Dem Gedenken eines großen Soldaten,
Hamburg o.J., S. 130-147.

TG FAR 108
Zindler (Hg.): Regimentsgeschichte des Feldartillerieregimentes No. 108,
Hamburg 1919.

Zwehl, Hans v.: Die Schlußkämpfe an der Westfront, August bis Oktober 1918, in
Schwarte, Max (Hg.): Der Weltkampf um Ehre und Recht, Bd. 3, Berlin/Leipzig
o.J., S. 545-597.

15.4. Verzeichnis der in den Anmerkungen angeführten Internetadressen.

(Nach dem Stand vom 13.10.2006, sofern in den Anmerkungen nicht anders
vermerkt.)

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756

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d_internationalen_Geschichtsschreibung.html#art1

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o=164

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szeit/[Link]

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l

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758

15.5. Abkürzungsverzeichnis.

AAbt. = Armee-Abteilung
Abschn. = Abschnitt
Abt. = Abteilung
AK = Armeekorps
amerik. = us-amerikanisch
APK = Artillerie-Prüfungs-Kommission
Art. = Artillerie
Artl. = Artillerie
b. = bayerisch
BAK = Ballonabwehrkanone
Batl. = Bataillon
Batlne. = Bataillone
Batt. = Batterie
bayer. = bayerisch
BED = Bayerische Ersatz-Division
BEF = British Expeditionary Force
Brig. = Brigade
brit. = britisch
BTK = Bereitschaftstruppenkommandeur
Btl. = Bataillon
CA = Armeekorps (französisch)
Div. = Division
ED = Ersatz-Division
engl. = englisch
FAR = Feldartillerie-Regiment
Fhr. = Führer
FK = Feldkanone
Flak = Flugabwehr (-kanone)
Frhr. = Freiherr
frz. = französisch
FuAR = Fußartillerie-Regiment
759

GED = Garde-Ersatz-Division
Gen. = General
Genst. = Generalstab
GFAR = Garde-Feldartillerie-Regiment
GFR = Garde-Füsilier-Regiment
GID = Garde-Infanterie-Division
GK = Generalkommando oder Gardekorps
GPK = Gewehr-Prüfungs-Kommission
GR = Grenadier-Regiment
Gr = Gruppe
GRD = Garde-Reserve-Division
GRK = Garde-Reservekorps
HGr = Heeresgruppe
Hptm. = Hauptmann
HWL = Haupt-Widerstands-Linie
ID = Infanterie-Division
Inf. = Infanterie
IR = Infanterie-Regiment
Kampfw. = Kampfwagen
Kdr. = Kommandeur
K-Flak = Kraftwagen-Flugabwehrkanone
Kgl. = Königlich
KGr. (m. P.) = Kanonengranate (mit Panzerkopf)
KM = Kriegsministerium
Komp.= Kompanie
KTK = Kampftruppenkommandeur
LD = Landwehr-Division
lFH = leichte Feldhaubitze
LKW = Lastkraftwagen
lMG = leichtes Maschinengewehr
lMW = leichter Minenwerfer
Lt. = Leutnant
Mannsch. = Mannschaften (Unteroffiziere und Gemeine als Gruppe)
Maj. = Major
760

MG = Maschinengewehr
MGK = Maschinengewehrkompanie
MGO = Maschinengewehroffizier
MGSSA = Maschinengewehr-Scharfschützen-Abteilung
mMW = mittlerer Minenwerfer
MW = Minenwerfer
MWK = Minenwerferkompanie
NO = Nachrichtenoffizier
Offz. = Offizier
OHL = Oberste Heeresleitung
Olt. = Oberleutnant
preuß. = preußisch
RD = Reserve-Division
Regt. = Regiment
Res. = Reserve
RFAR = Reserve-Fußartillerie-Regiment
RFC = Royal Flying Corps
RIR = Reserve-Infanterie-Regiment
RK = Reservekorps
RM = Reichsmark
RNAS = Royal Naval Air Service
RTK = Reservetruppenkommandeur
sächs. = sächsisch
sFH = schwere Feldhaubitze
sMG = schweres Maschinengewehr
SmK = Panzerbrechende Infanteriemunition
Tak = Tankabwehrkanone
TG = Truppengeschichte
Tuf-MG = Tank- und Flieger-Maschinengewehr
Uffz. = Unteroffizier
VFw. = Vizefeldwebel
VPK = Verkehrstechnische-Prüfungs-Kommission

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