Skript MSA
Skript MSA
9. Auflage, Urheberrecht:
Lehrstuhl für Mikrotechnik und Medizingerätetechnik
Technische Universität München
Vorwort
Jedes Lebewesen auf der Erde besteht aus einer Vielzahl von Mikrosystemen, den Zellen.
Trotz ihrer geringen Größe von nur einigen Mikrometern werden viele Aufgaben im täglichen
Leben von ihnen übernommen. Sie transportieren, wandeln und erzeugen Energie,
produzieren Bausteine oder kommunizieren mit Nachbarn. Es ergibt sich hieraus, dass
Mikrosysteme ihre jeweiligen Aufgaben besser, preiswerter und schneller erledigen als ihre
großen Vorbilder aus der Makrowelt.
Heutzutage gibt es viele Geräte und Anwendungen, in denen Mikrosysteme eine zentrale Rolle
spielen; und das nahezu unsichtbar und unbemerkt. Als Beispiele werden hierzu mögliche
Einsatzorte in Kraftfahrzeugen aufgelistet. Durch Verwendung eines Drehratensensors (ESP)
werden die Fahrzeuge besonders sicher, durch einen Hochdrucksensor (Benzineinspritzung)
besonders energiesparend und durch einen Luftgütesensor (Klimaregelung) besonders
komfortabel durch den Straßenverkehr geleitet.
Die Entwicklung der Mikrosystemtechnik geht aus der Mikroelektronik hervor. Allein der Name
beschreibt den systemischen Charakter. Allen Systemen gemeinsam ist die Integration von
verschiedenen Funktionen, Materialien und Technologien. Die Mikrosystemtechnik vereint
dabei viele Basistechnologien wie die Mechanik, die Optik, die Fluidik, aber auch neue
Technologien. Aufgrund ihres kleinen Formats sind Mikrosysteme besonders platz- und
gewichtssparend.
Am Anfang der Vorlesung werden die vielfältigen Einsatzbereiche, der Begriff und die
Zielmärkte der Mikrosystemtechnik erörtert. Im nächsten großen Abschnitt werden die
Eigenschaften und die Herstellung ihrer typischen Werkstoffe, wie bspw. Silizium oder Blei-
Zirkonat-Titanat (PZT) beschrieben. Da nur Werkstoffe alleine, ohne einer ein- bzw.
aufgeprägten Struktur keine Möglichkeiten zur Entfaltung des vollen Funktionsspektrums
bieten, widmet sich der dritte Teil der Vorlesung der Mikrostrukturierung. Dabei werden die
Standardprozesse, von Fotolithographie über Ätzprozesse zu Abscheidevorgängen
beschrieben. Da jedes Mikrosystem nach außen hin kontaktiert werden muss, wird im
Anschluss auf die diversen Möglichkeiten hierzu eingegangen. Generell sind die Standard-
Mikrostrukturierungsprozesse sehr aufwendig, langwierig, teuer und schwer zu reproduzieren.
Daher wird im vierten Teil der Vorlesung auf Alternativen aus dem Rapid Prototyping
eingegangen. Nachdem die Grundlagen der Mikrosystemtechnik geschaffen worden sind,
werden die Anwendungsfelder in Aktorik und Sensorik, zusammen mit den jeweils
zugrundeliegenden physikalischen Effekten gezeigt. Den Abschluss der Vorlesung bilden
kurze Ausblicke in die Glasfasertechnik, in die Mikroskopie, in die magnetische Mess- und
Speichertechnik und in die Nanotechnologie.
Im vorliegenden Skript werden die Kernthemen der Vorlesung zusammengefasst und teilweise
mit zusätzlichen Erklärungen erweitert. Nur das Lesen des Skriptes alleine ersetzt keinesfalls
den Besuch der Vorlesung, da hier viele weitere Folien gezeigt, kurze Experimente vorgeführt
und zu vielen einzelnen Kapiteln auch Videofilme zum besseren Verständnis gezeigt werden.
Da eine kontinuierliche Verbesserung an Vorlesung, Übung und Skript nur durch einen aktiven
Dialog zwischen Studenten und Dozenten entsteht, wird zu jeder Zeit gerne um konstruktive
Kritik gebeten.
Vorwort 3
Literaturempfehlung
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Inhalt: Portal zur Mikrosystemtechnik mit Lexikon, News etc.
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Inhalt: Viele Informationen zur Prozesstechnologie in der MST
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Inhalt: Viele Informationen zur Prozesstechnologie in der MST
4 Literaturempfehlung
Inhaltsverzeichnis
Vorwort ........................................................................................................................3
Literaturempfehlung .....................................................................................................4
Einführung ...........................................................................................................7
Silizium .............................................................................................................. 11
Piezokeramik ..................................................................................................... 23
Piezoanwendungen ........................................................................................... 33
Fertigungsverfahren .......................................................................................... 41
Aktoren .............................................................................................................. 63
Sensoren ........................................................................................................... 73
Glasfasern ......................................................................................................... 93
Inhaltsverzeichnis 5
Einführung
Die Inhalte der Vorlesung Mikrotechnische Sensoren/Aktoren gliedern sich in vier große
Themengebiete: die Werkstoffe, die Fertigungstechniken, die Aktoren und die Sensoren.
Die Werkstofftechnik behandelt die Gewinnung, die Verarbeitung und Bearbeitung und die
Eigenschaften der wichtigsten Stoffe in der Mikrosystemtechnik. Dabei wird zu jedem
Werkstoff auf seine Eignung als Konstruktions- und/oder Funktionswerkstoff eingegangen.
Ausführlich wird hierbei mono- und polykristallines Silizium, Piezokeramiken und
Formgedächtnislegierungen besprochen.
Ein wichtiger Aspekt in der Mikrosystemtechnik sind die unterschiedlichen
Fertigungsverfahren. Dies betrifft sowohl deren Eignung für den Einsatz in der Mikrotechnik
als auch die dazu notwendigen Voraussetzungen. Eine zentrale Rolle nimmt hierbei das
anisotrope Ätzen von Silizium ein. Die meisten Fertigungsverfahren stammen aus der
Mikroelektronik. Eine ganze Reihe von Verfahren kommt aber auch aus der Feinwerktechnik
und dem Rapid Prototyping.
Die ganze Palette der physikalischen Effekte wird auf die Einsatzmöglichkeiten in Aktoren
und Sensoren der Mikrosystemtechnik beleuchtet. Vertieft wird dabei der Piezoaktor
besprochen. Am Beispiel des Tintendrucks und der Dosiertechnik werden zudem auf weitere
Aktorprinzipien eingegangen.
Im letzten Kapitel werden dann exemplarisch einige Anwendungsbeispiele und neueste
Trends der Mikrosystemtechnik vorgestellt.
Definitionen
Mechatronik: Ingenieurswissenschaft, die zur Verbesserung der Funktionalität von
technischen Systemen und zur Integration von mechanischen, elektronischen und Daten
verarbeitenden Komponenten verwendet wird.
Nanotechnologie: Verfahren und Prozesse zur Strukturierung von Funktionselementen in der
Größenordnung von Nanometern, bspw. Speicherelemente, die aus wenigen Atomen
bestehen.
Mikrotechnik: Technologie, die die Herstellung miniaturisierter mechanischer, optischer und
elektronischer Komponenten und ihre Integration ermöglichen. Fertigungstechnische Basis
der wichtigsten Verfahren ist die Halbleitertechnologie. Typische Größenordnung der
Auflösung liegt im µm-Bereich.
Mikrosystemtechnik: Integration von nichtelektrischen Funktionen in die Mikroelektronik.
Nach der Definition von der VDE/VDI-Gesellschaft ist die „Mikrosystemtechnik der Überbegriff
für die gemeinsame Verwendung verschiedener, mindestens zweier Basistechnologien. Unter
diesen Basistechnologien haben die folgenden drei – Mikroelektronik, Mikromechanik und
Mikrooptik – einen hohen Reifegrad erreicht, der zu ihrer häufigen Anwendung in einem
Mikrosystem führt“.
Batch-Prozess: Fertigungsprozess, bei dem viele Siliziumscheiben, auf denen sich wiederum
viele Chips befinden, gleichzeitig bearbeitet werden.
Sensoren: Elemente, die physikalische, chemische oder biologische Eingangssignale in
elektrische Ausgangssignale umwandeln.
1. Einführung 7
Aktoren: Aktive Verbindungsglieder zwischen dem informationsverarbeitenden Teil von
elektrischen Steuerungen und technischen oder nichttechnischen Prozessen.
MEMS: Micro Electro Mechanical Systems. Amerikanische Bezeichnung für
Mikrosystemtechnik.
Produkte
Die Abb. 1 zeigt die Marktanteile (sowohl reelle als auch prognostizierte) von verschiedenen
Produkten aus der Mikrosystemtechnik im Zeitraum von 2017 bis 2023.
Größten Anteil hierbei haben Beschleunigungsaufnehmer. Vor allem die Integration von
immer neuen Komponenten in Smartphones oder auch Tablets (bspw. automatisches
Umschalten von Hochkantbild auf Breitkantbild) sind verantwortlich für diesen großen
Marktanteil. Weitere mögliche Anwendungsfelder sind bspw. bei Festplatten zu finden, um
einen Head Crash zu vermeiden oder in der Automobiltechnik, um Airbags auszulösen.
Drucksensoren haben ebenfalls ein breites Einsatzspektrum und stellen somit die zweit meist
verkauften MEMS Produkte dar. Ihr Einsatz kann bspw. die Detektion von Undichtigkeiten in
pneumatischen Systemen, die Messung von Durchflussmengen oder auch die Messung von
Höhenunterschieden (z. B. Flughöhe) sein.
8 1. Einführung
Abb. 1: Umsatz des MEMS und Sensor Markts von 2017 bis 2023 in Billion USD. (Quelle: Status of the
MEMS Industry 2018 report, Yole Développement, Mai 2018)
Gyroskope werden meist im Automotive Bereich für die Navigation verwendet, sofern kein
GPS Signal vorhanden (Straßentunnel, Parkhaus etc.) ist. Weitere wichtige Anwendung findet
sich bei Flugzeugen, um bspw. den künstlichen Horizont zu zeigen.
Darüber hinaus gibt es weitere wichtige Produkte in der Mikrotechnik.
Schreib-Lese-Köpfe für Festplatten, die neben standardisierten PC Anwendungen auch den
Einzug in portable Abspielgeräte wie Smartphones, Videokameras und DVD Rekorder
gefunden haben.
Tintenstrahldruckköpfe bleiben nach wie vor einer der profitabelsten Märkte der
Mikrosystemtechnik, vor allem durch das verstärkte Ausdrucken digitaler Fotos, das wiederum
durch die steigende Anzahl von Kameratelefonen getrieben worden ist. Stark im Trend lag
auch die Integration von wieder verwendbaren Tintenstrahldruckköpfen in Druckern.
Mikrodisplays, wie der DLP-Chip (Digital Light Processing) von Texas Instruments, haben
einen starken Umsatz durch den steigenden Verkauf bspw. von Heimkinoanlagen in
vorliegendem Zeitraum gefunden.
Gänzlich neue Anwendungen in der Mikrosystemtechnik sind bspw. Flüssiglinsen für
Autofokus und Zoom in Kameratelefonen oder auch miniaturisierte Greifer für die
Medizintechnik.
1. Einführung 9
Branchen
Im Wesentlichen beherrschen drei Hauptfelder den Markt der Mikrosystemtechnik. Dies sind
die Datenverarbeitung, die Automobiltechnik und die Unterhaltungselektronik.
Den größten Anteil verbucht hierbei die Unterhaltungselektronik. Die drei treibenden Kräfte
in der Unterhaltungselektronik sind dabei Smartphones, hochauflösende Flachbildschirme und
Speicherplatz in digitalen Geräten.
Die Automobiltechnik stellt ein großes Anwendungsfeld mit einigen sehr umsatzstarken
Produkten wie bspw. Airbag- oder Reifendrucksensoren, dar. Durch die rapide Entwicklung
von autonomem Fahren und dem immensen Sensorbedarf der Technologie, erhält die
Branche weiteren Aufwind.
Die Datenverarbeitung wird hauptsächlich durch den hohen Bedarf an Schreib-Lese-Köpfen
oder auch Speicherbauelementen (Transistoren, Dioden, Kondensatoren etc.) getrieben.
Ein weiterer, sehr schnell wachsender Markt der Mikrosystemtechnik ist die Medizintechnik;
wobei neben der Medizin im Krankenhaus vor allem Systeme zur Unterstützung von älteren
Personen zunehmend wichtiger werden. Aber auch im Bereich der Drohnen und Roboter,
intelligenten Gebäudetechnik und körpergetragenen Geräten ergeben sich in naher Zukunft
weitere Einsatzfelder von Geräten, die Mikrosysteme nutzen.
10 1. Einführung
Silizium
Einer der wichtigsten Werkstoffe der Mikrosystemtechnik ist Silizium. Es sind sowohl die
guten mechanischen als auch die elektrischen Eigenschaften dafür verantwortlich. Die
elektrische Leitfähigkeit liegt zwischen der von Metallen und der von Dielektrika (Halbleiter).
Wesentlich ist aber, dass sich durch Dotierung mit Fremdatomen diese um mehrere
Größenordnungen verändern lässt.
Gewinnung
1700 − 2300 K
SiO2 + 2C ⎯⎯⎯⎯⎯ → Si + 2CO
Dieses Rohsilizium ist noch stark verunreinigt und enthält ca. 2 % Fremdstoffe. Daher eignet
es sich noch nicht für die Anwendungen in der Mikrosystemtechnik. Zur Erzielung eines
höheren Reinheitsgrades wird das Rohsilizium durch eine Reaktion mit Salzsäure in das
gasförmige Trichlorsilan (SiHCL3) überführt.
Si + 3HCl ⎯⎯⎯
600 K
→ SiHCl3 + H2
Zur Rückgewinnung des reinen Siliziums erfolgt die Umkehrung des Prozesses. Dabei wird
SiHCL3 in Verbindung mit Wasserstoff in eine Quarzglocke geleitet, in der sich
widerstandsbeheizte Siliziumstäbe befinden (sog. „Seelen“). Unter vermindertem Druck
verdampft das Trichlorsilan und wird unter Einwirkung von thermischer Energie dissoziiert.
SiHCl3 + H2 ⎯⎯⎯
1400 K
→ Si + 3HCl
Nur das hochreine elementare Silizium schlägt sich dabei in polykristalliner Form auf den
Siliziumseelen nieder.
2. Silizium 11
Typen von Festkörpern
Da das bislang gewonnene Silizium als polykristalliner Festkörper vorliegt, wird an dieser
Stelle kurz auf die drei verschiedenen Typen von Festkörpern eingegangen.
Abb. 3: Die drei Typen von Festkörpern: amorph (Links), polykristallin (Mitte) und einkristallin (Rechts).
Amorphe Festkörper sind vielschichtig, weil hierunter alle Festkörper zusammengefasst
werden, die keine regelmäßige Struktur besitzen. Die meisten Gläser sind Vertreter dieser
Gattung. Mit dem Verlust einer makroskopischen Struktur gehen auch viele typische
Eigenschaften eines Kristalls verloren. Beispielsweise sind die meisten amorphen Festkörper
schlechte elektrische Leiter.
Bei polykristallinen Festkörpern handelt es sich um Werkstoffe, die aus vielen kleinen
Einzelkristallen bestehen, die durch Korngrenzen voneinander getrennt werden und
gewissermaßen eine Mischform aus einkristallin und amorph darstellen. Sie bestehen aus
einer Ansammlung von kleinen Einkristallen, die ungeordnet zu einem großen Ganzen verbaut
sind. Sie sind in der Herstellung gegenüber Einkristallen sehr viel günstiger und werden oft in
Solarmodulen verwendet.
Einkristalline Festkörper besitzen eine regelmäßige Anordnung ihrer Bausteine. Die Art der
zugrundeliegenden Struktur ist verantwortlich für viele Eigenschaften eines Festkörpers. In der
Technik werden meistens Einkristalle wegen ihren reproduzierbaren Eigenschaften gegenüber
polykristallinen Festkörpern eingesetzt. Da sie nahezu keine Korngrenzen oder andere
Strukturfehler besitzen, erhöhen sich die mechanische Belastbarkeit und der Wirkungsgrad
des Materials. Dabei haben diese Einkristalle eine einheitliche Ausrichtung der Gitterstruktur.
Da in der Mikrosystemtechnik eine hohe mechanische Belastbarkeit, eine gute elektrische
Leitfähigkeit und ein hoher Wirkungsgrad gefordert werden, sind in ihren Anwendungsfeldern
meistens einkristalline Festkörper im Einsatz.
Abb. 4: Das Kristallgitter von Silizium mit innenliegenden Atomen (rot), Außenflächenatomen (gelb)
und Eckatomen (grau).
Die Atomdichte pro Einheitswürfel berechnet sich somit zu:
• 4 Atome vollständig im Inneren des Würfels ➔ 4 Atome
• 6 halbe Atome auf den Würfelaußenflächen (andere Hälfte zählt zum Nachbarwürfel)
➔ 3 Atome
• 8 achtel Atome an den Ecken (ein Eckatom wird von den 8 angrenzenden Würfeln
geteilt) ➔ 1 Atom
• Anzahl der Atome pro Einheitswürfel ist 4 + 3 + 1 = 8
Damit ergibt sich als Atomdichte bei Silizium:
8 𝐴𝑡𝑜𝑚𝑒 8 𝑎𝑡 22
𝑎𝑡
𝑁𝑉 = = = 5 ∙ 10
𝐸𝑖𝑛ℎ𝑒𝑖𝑡𝑠𝑤ü𝑟𝑓𝑒𝑙 (0,543 ∙ 10−7 𝑐𝑚)3 𝑐𝑚3
Millersche Indizes
Zur Beschreibung der Ebenen, Richtungen und zur Charakterisierung der Wafer benutzt man
die Millerschen Indizes. Schneidet eine Kristallebene in einem Koordinatensystem die x-
Achse in a, die y-Achse in b und die z-Achse in c, so werden die reziproken Achsenabschnitte
(1/a, 1/b, 1/c) mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner multipliziert. Das Produkt ergibt die
Millerschen Indizes (h k l) der Ebene. Äquivalente Ebenen (Parallelverschiebung) werden mit
{h k l} bezeichnet. [h k l] beschreibt die spezielle Kristallrichtung (Flächennormale), wo
hingegen <h k l> alle äquivalenten Kristallrichtungen beschreibt. Negative Vorzeichen werden
über oder auch unter den Indizes markiert.
2. Silizium 13
Abb. 5: Visualisierung der wichtigsten Millerschen Indizes.
Der Winkel zweier Ebenen mit den Indizes (h k l) und (h’ k’ l’) ergibt sich im kubischen Gitter
zu:
ℎ ∙ ℎ′ + 𝑘 ∙ 𝑘′ + 𝑙 ∙ 𝑙′
cos(𝛼) =
√ℎ2 + 𝑘 2 + 𝑙 2 ) ∙ (ℎ′2 + 𝑘′2 + 𝑙′2 )
Kristallfehler
Als Kristallfehler (auch Gitterfehler) werden Unregelmäßigkeiten in einem sonst periodischen
Kristallgitter bezeichnet. Sie sind von grundlegender Bedeutung für viele Eigenschaften eines
Kristalls, wie seine chemische Reaktivität, Stofftransport und Diffusion im Kristall sowie für
seine mechanischen Eigenschaften. Prinzipiell lassen sich diese statischen Fehler in vier
Kategorien unterteilen.
14 2. Silizium
Abb. 7: Eindimensionale Kristallfehler.
Eindimensionale Kristallfehler sind linienförmig gestörte Gitterbereiche wie bspw.
Versetzungen. Sie entstehen an den Stellen im Kristall, an denen Ebenen aufeinandertreffen.
Diesen Fehler kann man sich als zusätzlich eingeschobene Atomlage im Kristall vorstellen.
Die entstehende Begrenzungslinie nennt man Stufenversetzung. Falls die
Begrenzungsflächen nicht senkrecht, sondern parallel zueinander um eine Atomlage
verschoben werden, spricht man von einer Schraubenversetzung. Meistens treten beide
Versetzungsarten gemeinsam auf.
2. Silizium 15
Dreidimensionale Kristallfehler sind kleinste Körper mit anderer Struktur als der
„Wirtskristall“ selbst. Sie bleiben entweder als Verunreinigung beim Schmelzvorgang zurück
oder werden gewollt zur Eigenschaftsänderung des Kristalls (bspw. Verfestigung) eingebaut.
Auch Lufteinschlüsse, so genannte Lunker stellen dreidimensionale Kristallfehler dar.
Einkristallherstellung
Da in der Mikrosystemtechnik eine hohe mechanische Belastbarkeit, eine gute elektrische
Leitfähigkeit und ein hoher Wirkungsgrad gefordert werden, sind in ihren Anwendungsfeldern
meistens einkristalline Festkörper im Einsatz.
Für die Herstellung der einkristallinen Festkörper aus den polykristallinen Festkörpern gibt es
zwei Verfahren:
• Tiegelziehverfahren (Czrochalski-Verfahren)
• Zonenziehverfahren (Float-Zone-Verfahren)
Tiegelziehverfahren
Das von Czrochalski erfundene Tiegelziehverfahren aus dem Jahr 1918, basiert auf dem
Ziehen von einkristallinen Halbleiterstäben aus der Schmelze.
Das polykristalline Silizium wird in einem Tiegel unter Schutzgas-Atmosphäre durch eine
Hochfrequenzheizung zunächst aufgeschmolzen und bis auf ca. 1440 °C weiter erhitzt, um
mögliche Kristallisationskeime zu zerstören. Zur Vermeidung von Verunreinigungen besteht
der drehbare Tiegel aus hochreinem Quarz (aus Halterungsgründen ist dieser meist von einem
Graphittiegel umgeben). Die Temperatur wird anschließend oberhalb des Schmelzpunktes bei
etwa 1425 °C gehalten. An einem drehbar gelagerten Stab (< 1 U/sec), der von oben bis an
die Oberfläche der Schmelze herangeführt wird, befindet sich ein Impfkristall.
Abb. 10: Prozessschema des Tiegelziehverfahrens (Links) und ein fertiger Einkristall (Rechts).
Impfkristalle dienen als Kristallisationskeime, an denen sich das Silizium aus der Schmelze
abscheidet und sich an die vorgegebene Kristallorientierung des Impfkristalls „anbaut“. Dieser
Vorgang wird als „Animpfen“ bezeichnet.
16 2. Silizium
Da die Tiegeltemperatur nur wenig über dem Schmelzpunkt des Materials liegt, wird die
Schmelze am Ort des eingetauchten Keims unterkühlt. Der Keim beginnt zu wachsen, wobei
das sich anlagernde Silizium die Kristallorientierung des Keims übernimmt. Der so
entstehende Stab bewegt sich nun unter ständigem Drehen langsam nach oben, ohne dass
der Kontakt mit der Schmelze unterbrochen wird. So entsteht ein stabförmiger Einkristall,
dessen Durchmesser wesentlich durch die Ziehgeschwindigkeit (einige cm/h) bestimmt wird.
Ist der Enddurchmesser (max. 300 mm) erreicht, wird nur noch die Länge vergrößert. Dabei
sind Längen bis zu 2,5 m möglich. Durchmesser von 450 mm waren bereits in der Entwicklung,
haben sich bisher aber aufgrund der umfangreichen notwendigen Infrastrukturänderungen in
der Waferbearbeitung nicht durchgesetzt.
Durch Hinzufügen von Dotierstoffen und gezielter Temperatureinstellung ist eine Modifikation
der physikalischen Halbleitereigenschaften an dieser Stelle möglich.
Zonenschmelzverfahren
Beim Tiegelziehverfahren lösen sich die Elemente aus dem Tiegel (hauptsächlich Bor,
Kohlenstoff und Sauerstoff) in der Schmelze. Für viele Anwendungen ist daher der Grad der
Verunreinigung zu hoch. Für einige Spezialanwendungen (Forschung, Leistungstransistoren
etc.) sind noch reinere Einkristalle nötig.
Das Zonenschmelzverfahren ist eine Möglichkeit zur Herstellung extrem reiner Einkristalle.
Hierbei wird der polykristalline Siliziumstab, beginnend an einem Impfkristall, langsam durch
eine Hochfrequenzspule gezogen. Die Schmelzzone „wandert“ somit den Stab entlang. Da der
Einbau von Verunreinigungen in dem Kristall energetisch ungünstig ist, reichern sich
Verunreinigungen in der Schmelze an. Wird der Siliziumstab im Vakuum oder unter
Schutzgasatmosphäre bewegt, liegen die Verunreinigungen abschließend unter 1 ppb (1
Fremdatom auf 1 Mrd. Si-Atome).
Abb. 11: Prozessschema des Zonenschmelzverfahrens (Links), die Schmelzzone (Rechts oben) und
eine Ziehanlage (Rechts unten).
2. Silizium 17
In der Praxis wird dieses Verfahren aber nur bis Scheibendurchmesser von etwa 150 mm
angewendet. Bei dickeren polykristallinen Siliziumstäben aus dem Trichlorsilan-Reaktor treten
Risse im polykristallinen Gefüge auf. Diese führen in der Induktionsspule zu Durchschlägen
im Kristall, wobei sich Versetzungen bilden und den Stab unbrauchbar machen.
Eine anwendungsspezifische Modifikation mit Dotierstoffen ist durch Zugabe von gasförmigen
Verbindungen möglich.
Waferherstellung
Um aus den gewonnen Einkristallen Siliziumwafer herzustellen, werden unabhängig vom
vorausgegangenem Einkristallherstellungsverfahren folgende Schritte durchlaufen.
Abb. 12: Funktionsweise und Aufbau der Multidrahtsäge (Links) und der Innenlochsäge (Rechts).
(Quelle: Wehl)
1. Der Einkristall wird mithilfe einer Innenlochsäge in ca. 30 cm lange Stücke geschnitten.
2. Der resultierende Siliziumzylinder wird auf seinen Solldurchmesser geschliffen und die
Kristallorientierung mit einem Flat gekennzeichnet. Hierbei wird der Zylinder parallel
zur gewünschten Kristallebene abgeflacht.
3. Mithilfe der Innenlochsäge oder einer Multidrahtsäge wird der Stab in einzelne Wafer
zersägt. Die Innenlochsäge produziert dank des sehr stabilen Sägeblatts sehr ebene
Wafer, ist durch die Dicke des Blattes allerdings mit Materialverlust behaftet und
erzeugt nur einen Wafer pro Schnitt. Die Multidrahtsäge ermöglicht die simultane
Vereinzelung mehrerer Wafer, die aber unebener sind.
4. Mit diamantbesetzten Scheiben werden die Wafer grob auf die gewünschte Dicke
geschliffen.
5. Ein konkaver Diamantfräser verrundet die Kanten für höhere Robustheit und bessere
Handhabung im folgenden Lithographieprozess.
6. Jeder Wafer wird per Lasergravur nummeriert.
7. Die Wafer werden von beiden Seiten auf eine definierte Dicke und Parallelität geläppt.
8. Zuletzt werden die Wafer nasschemisch gereinigt, chemisch mechanisch poliert (CMP)
und eventuell benötigte Schichten, wie Opfer-, oder Maskierungsschichten, werden
abgeschieden.
18 2. Silizium
Isotropes Ätzen
Beim isotropen Ätzen von Silizium ist die Ätzlösung aus HF/HNO3 (Fluorwasserstoff und
Salpetersäure) so stark, dass die unterschiedlichen Bindungsenergien der Siliziumatome im
Kristall je nach Richtung keine Rolle spielen. Folglich läuft der Prozess isotrop
(richtungsunabhängig) ab. Im Ergebnis bedeutet dies, dass sowohl der vertikale als auch der
horizontale Abtrag gleich sind.
2. Silizium 19
Anisotropes Ätzen
Stark alkalische Medien (pH > 12) wie wässrige KOH-Laugen ätzen kristallines Silizium über
die Summenformel
Si + 4OH- ⎯
⎯→ Si(OH)4 + 4e-
Da die Si-Atome der verschiedenen Kristallebenen für Ätzreaktionen unterschiedliche
Aktivierungsenergien aufweisen und das KOH-Ätzen von Silizium nicht diffusions- sondern
ätzratenlimitiert ist, erfolgt der Ätzvorgang anisotrop (richtungsabhängig). Es werden hierbei
die {100} Ebenen schneller als die {110} und {111} Ebenen geätzt. Die Erklärung hierzu liegt
an der unterschiedlichen Anzahl der Bindungen, mit denen die Siliziumatome an der
Oberfläche an den Kristall gebunden sind. Atome in {100} Oberflächen weisen zwei freie
Bindungen auf. Im Gegensatz dazu verfügen Atome in {111} Oberflächen nur über eine einzige
freie Bindung. Dies bedeutet, dass die Ätzlösung zwei bzw. drei Bindungen aufbrechen muss,
woraus die niedrigere Ätzrate von {111} Oberflächen zurück zu führen ist. Aber auch die
Flächendichte der Siliziumatome ist für {111} Ebenen höher als für alle anderen Ebenen. Diese
Anisotropie hat beim Ätzen unterschiedlich orientierter Siliziumwafer folgende Auswirkungen:
• <111> orientierte Si-Wafer werden kaum angegriffen
• <100> orientierte Wafer bilden Pyramiden mit quadratischer Grundfläche und {111}
Ebenen als Mantelflächen
• <110> orientierte Wafer bilden rechtwinklige Gräben mit {111} Ebenen als Flanken
20 2. Silizium
Ätzstoppverfahren
Nasschemische Ätzprozesse sind generell in Bezug auf Reproduzierbarkeit sehr schwer zu
prozessieren. Kleinste Veränderungen an Konzentration oder auch Temperatur führen zu
Unregelmäßigkeiten im Endergebnis. Um dennoch einen definierten Tiefenabtrag zu erlangen,
werden verschiedene Ätzstoppverfahren verwendet.
Die beiden einfachsten Ätzstopps stellen die Anisotropie und der Zeitabbruch dar. Die
Anisotropie wird dadurch bestimmt, dass die Ätzrate an Ätzstoppebenen (bspw. {111} Ebene)
automatisch reduziert wird. Bei einem Zeitabbruch werden dagegen die genaue Kenntnis von
Ätzrate, Konzentration, Temperatur u.v.m. benötigt.
Eine weitere einfach realisierbare Technik stellt der natürlich selektive Ätzstopp an
dielektrischen Schichten wie Siliziumdioxid oder -nitrid dar. An diesen Stellen weist die
Kalilauge auch Ätzeigenschaften auf; jedoch mit der hohen Selektivität zwischen Silizium und
Dielektrika, nur gering.
Abb. 15: Zwei Beispiele für Ätzstoppverfahren: Ätzstoppschichten (Links) und der elektrochemische
Ätzstopp (Rechts).
Eine andere Möglichkeit eines Ätzstopps sind hochdotierte p++-Siliziumschichten, an denen
die Ätzrate signifikant abfällt. Allerdings ist diese Art mit Nachteilen verbunden. Durch die hohe
Dotierkonzentration von mehr als 1000 ppm (1000 Fremdatome auf 1 Mil. Si-Atome) und den
kleineren Durchmesser des Boratoms schrumpft die Mikrostruktur. Es kann somit zu
mechanischen Spannungen kommen. Weiterer Nachteil sind die hohen Kosten des
Implantationsprozesses.
Der letztmögliche Ätzstopp ist der elektrochemische. Auf einem n-Silizium befindet sich die
zu ätzende Schicht, die niedrig p-dotiert ist, so dass das p-Silizium gerade noch geätzt wird.
Mit einer elektrischen Kontaktierung ist der pn-Übergang in Sperrrichtung gepolt; es kann nur
ein sehr kleiner Sperrstrom fließen. Dieser dient zur Kontrolle der Ätzung. Eine ätzresistente
Platinelektrode liefert die Elektronen, die über die KOH-Moleküle zum pn-Übergang geleitet
werden. Die KOH-Lösung ätzt erst das p-Silizium. Beim Erreichen der n-Schicht fehlt dem pn-
Übergang das p-Silizium, aus dem sperrenden Übergang ist jetzt ein n-Widerstand geworden.
Der Strom durch den Widerstand steigt stark an. Dieser Stromanstieg wird gemessen und die
Ätzung kann gestoppt werden. Die Nachteile dieser Technik liegen in der Einzelkontaktierung
der Wafer, was im Ergebnis zu keiner Batchfertigung führt.
2. Silizium 21
Angriff an konvexen Ecken
Wie aus dem vorherigen Abschnitt zu erkennen ist, werden beim anisotropen Ätzen von
Siliziumwafern die erforderlichen Maskierungsschichten unterätzt. Allerdings gibt es nach
Form der Ecken Unterschiede:
• Konkave Ecken werden solange unterätzt, bis die Ätzlösung so viel Material
abgetragen hat, dass sie an einer Ätzstoppschicht – {111} Ebene – endet.
• Konvexe Ecken, wie sie in obiger Folie gekennzeichnet sind, werden bei
ausreichender Ätzzeit vollständig unterätzt und verändern hiermit die gewünschte
Form. Zu erklären ist dies, dass in einer konvexen Ecke, kristallografisch betrachtet,
alle Ebenenorientierungen für den Angriff der Ätze zur Verfügung stehen.
Durch die Einführung von Kompensationsstrukturen wird das Unterätzen von konvexen Ecken
deutlich verzögert. Diese sind dabei so berechnet, dass die erhöhte Ätzrate genau dann die
gewünschte Ecke erreicht, wenn die Hauptstruktur den Boden erreicht.
22 2. Silizium
Piezokeramik
Piezokeramiken sind Funktionswerkstoffe, die sich aufgrund des Piezoelektrischen Effekts für
viele Anwendungen in der Mikrotechnik eignen.
Piezoelektrischer Effekt
Der piezoelektrische Effekt beschreibt die Änderung der elektrischen Polarisation und somit
das Auftreten einer elektrischen Spannung an Festkörpern, wenn diese elastisch verformt
werden. Umgekehrt verformen sich bestimmte Materialien beim Anlegen einer elektrischen
Spannung.
Abb. 17: Die zwei Ausprägungen des Piezoeffekts für Sensoren und Aktoren.
Der direkte piezoelektrische Effekt ist im Jahr 1880 von den Brüdern Jacques und Pierre
Curie entdeckt worden. Bei Versuchen mit Turmalinkristallen fanden sie heraus, dass sich bei
einer mechanischen Verformung der Kristalle elektrische Ladungen bilden. Diese
entstandenen Ladungen können dann in Form einer elektrischen Spannung abgegriffen
werden. Das Auftreten der elektrischen Spannung eignet sich besonders gut für
Sensoranwendungen, wie Druck-, Beschleunigungs- und Kraftsensoren.
Beim reziproken piezoelektrischen Effekt führt eine angelegte Spannung am Kristall zu
einer Verformung, die für Aktoranwendungen verwendet wird.
Natürliche Piezoelektrika sind Einkristalle wie bspw. Quarze oder Turmalin. Bei diesen ist der
Effekt jedoch sehr gering. Für technische Anwendungen werden deswegen ferroelektrische,
polykristalline Keramiken bevorzugt, deren Zusammensetzung allgemein durch die Perowskit-
Formel beschrieben wird.
3. Piezokeramik 23
Anschaulich kann der piezoelektrische Effekt durch die mechanisch induzierte
Polarisationsänderung in Quarz (SiO2) demonstriert werden. Zwischen Silizium und
Sauerstoff besteht eine Ionenbindung mit O--Anionen und Si+-Kationen. Durch die Deformation
der Gitterstruktur werden die Anionen bzw. Kationen verschoben, so dass an der
Kristalloberfläche eine positive bzw. negative Ladungsdichte entsteht. Dies tritt aber nur bei
entsprechender Anisotropie der Kristallstruktur auf, bei der sich auch die
Ladungsschwerpunkte der positiven und der negativen Ionen gegeneinander verschieben.
24 3. Piezokeramik
versehen. Oberhalb einer bestimmten Temperatur, der Curie-Temperatur1, weist das Gitter ein
hohes Maß an Symmetrie auf, da das zentrale Ion nun im Zentrum des Kristalls Platz findet.
Abb. 19: Die Position des Zentralatoms in Abhängigkeit von der Temperatur (Links) und die Auswirkung
der Polarisation auf die Ausrichtung der Kristallite (Rechts).
Kühlt man die Keramik unter Anlegen eines elektrischen Feldes ab, kann der sonst statistisch
verteilte Prozess so beeinflusst werden, dass die Zentralionen der Polarisationsspannung am
nächsten liegender Raumrichtung ausweichen.
Nach dem Abkühlen der Keramik und dem Abschalten des Feldes bleibt diese Orientierung
erhalten.
Diese Orientierung kann durch folgende Maßnahmen verloren gehen:
• Angelegtes starkes Gegenfeld
• Starke mechanische Belastung
• Erwärmung auf die Curie-Temperatur
Abb. 20: Veranschaulichung des reziproken und des direkten Piezoeffekts, sowie das
Koordinatensystem des Piezomoduls (Mitte).
1
Die Curietemperatur ist die Temperatur, bei der ferromagnetische Materialien ihr Dauermagnetfeld verlieren.
Beim Erhöhen der Temperatur sorgt die Temperaturbewegung für einen gleichmäßigen Durchbruch der Spin-
Anordnung. Bei der Curietemperatur verschwindet die Ordnung, weil die thermische Energie größer als die
Energie der magnetischen Wechselwirkung geworden ist.
3. Piezokeramik 25
Die folgenden Formeln beschreiben die wichtigsten piezoelektrischen Zusammenhänge
zwischen resultierender Dehnung Δl, angelegter elektrischer Spannung U und wirkender Kraft
F. Weitere eingehende Größen sind die Länge des Piezos l, sein E-Modul E, die
Querschnittsfläche A, der Elektrodenabstand d, die Dielektrizitätskonstante ε und das
Piezomodul dij. Die Indizes des Piezomoduls entsprechen der Richtung des elektrischen Felds
(i) und der mechanischen Spannung (j), wobei die Nummerierung dem abgebildeten
Koordinatensystem zu entnehmen ist. Die wichtigsten Piezomodule sind d33 für den
Längseffekt, d31 für den Quereffekt und d15 für den Schereffekt.
Mechanische Dehnung:
∆𝑙 1 𝐹 𝑈
= ∙ + 𝑑𝑖𝑗 ∙
𝑙 𝐸 𝐴 𝑑
Elektrische Verschiebungsdichte
𝑄 𝐹 𝑈
= 𝑑𝑖𝑗 ∙ + 𝜀 ∙
𝐴 𝐴 𝑑
∆𝑙 1 𝐹 𝐴 𝐴
Steifigkeit des Piezoaktors: 𝑈 = 0 = ∙ ⟹ 𝐹 = ∆𝑙 ∙ ∙ 𝐸 = ∆𝑙 ∙ 𝑐 ⟹ 𝑐 = ∙ 𝐸
𝑙 𝐸 𝐴 𝑙 𝑙
Piezowandler
Der Längseffekt und der Quereffekt treten immer gemeinsam auf. Der Längseffekt verursacht
den Quereffekt durch die normale Querkontraktion. Mit dem Längseffekt erzielt man
Längenänderungen von ~ 2 ‰, mit dem Quereffekt von ~1 ‰.
Lange dünne Wandler mit den Elektroden auf den Flachseiten ermöglichen durch Nutzung des
Quereffekts große Feldstärken bei kleinen Spannungen (vgl. E = U/d) mit großen wirksamen
Längen (Längsschwinger - Quereffekt).
Um beim Längseffekt mit kleinen Spannungen auszukommen, muss man die Keramik stapeln
und Elektroden zwischen den einzelnen Schichten einbringen. Das bedeutet, dass man bei
gleicher Spannung mit vielen einzelnen Piezos (kleine Elektrodenabstände – Gefahr des
Durchschlags bei hohen Spannungen) einen viel größeren Hub erreicht, da sich die einzelnen
Hübe aufsummieren; im Gegensatz zu einem gleich großen einzelnen Piezoaktor (großer
Elektrodenabstand).
26 3. Piezokeramik
Abb. 21: Verschiedene Bauformen von Piezowandlern.
Verklebt man einen dünnen Wandler mit einem zweiten und steuert einen oder beide Wandler
an (mit unterschiedlicher Polarisierung oder Spannung), so erhält man einen Biegewandler.
Grundlage ist dabei der Bimetalleffekt.
Verklebt man eine Piezoscheibe mit einer Membran, so wölbt sich die Membran, wenn die
Piezoscheibe dicker wird und dabei in radialer Richtung schrumpft.
Piezoröhrchen mit Elektroden an der inneren und äußeren Mantelfläche vergrößern ihre
Wandstärke, wenn man ein Feld in Polarisationsrichtung anlegt. Zugleich werden sie kürzer
und der mittlere Umfang verringert sich. Nachdem sich am Außenradius beide Effekte
überlagern, kann man die Röhrchen so dimensionieren, dass sich beide Effekte aufheben und
der Außenradius konstant bleibt.
Scherwandler benötigen zum Polarisieren eine andere Richtung als beim Betrieb. Deshalb
müssen die Elektroden mit denen polarisiert wird, wieder entfernt werden und zum Ansteuern
neue Elektroden normal zu den ersten angebracht werden. Ein Nachpolarisieren im Betrieb ist
deshalb nicht möglich.
Piezoelektischer Stoßantrieb
Der Wirkungsgrad ist definiert als das Verhältnis von Nutzen zu Aufwand. Am Beispiel eines
piezoelektrischen Stoßantriebs soll der Wirkungsgrad eines Wandlers bestimmt werden.
Der Aufwand ist die elektrische Energie, die an den Anschlussklemmen der Elektroden der
Keramik eingespeist wird.
Als Nutzen wird die mechanische Energie definiert, die als kinetische Energie beim Stoß von
der Keramik an eine Masse abgegeben wird.
3. Piezokeramik 27
Abb. 22: Ein Piezoelektrischer Stoßantrieb zur experimentellen Ermittlung des Wirkungsgrads.
Die Keramik ist als Piezostapelaktor ausgelegt, der an einem Ende fest eingespannt ist. Am
anderen Ende befindet sich eine Kugel, die lose am freien Ende der Keramik anliegt. Die
Keramik lässt sich wie ein Kondensator aufladen. Das elektrische Feld sorgt für eine
mechanische Spannung in der Keramik, die sich durch Dimensionsänderungen wieder
ausgleicht. Da die Keramik an einem Ende eingespannt ist und nur das andere Ende frei ist,
beginnt der Ausgleichsvorgang am freien Ende und läuft als Verdünnungswelle zur
Einspannstelle, um von dort reflektiert zu werden. Vom eingespannten Ende kehrt sie dann
als Verdickungswelle zurück und so fort. Wäre die Kugel nicht vorhanden, dann würde das
freie Ende zufolge der Querkontraktion eine reine Dreieckschwingung ausführen.
Die Kugel wird vom freien Ende beschleunigt. Die dabei abgegebene Energie lässt sich leicht
bestimmen, wenn man die Kugel als Pendel aufhängt, die Masse der Kugel kennt und die
Steighöhe bestimmt, bei der im Umkehrpunkt die kinetische Energie in potentielle Energie
umgesetzt ist.
Der Versuchsaufbau kann auch zur Demonstration des „Aktor-Sensor-Prinzips“ benutzt
werden. Fällt die Kugel nach dem Erreichen der maximalen Steighöhe wieder auf dem
Piezoaktor zurück, so kann die dadurch in der Keramik erzeugte Verdickungswelle durch ein
entsprechendes Spannungssignal sensiert werden. Wartet man die Zeit ab, bis die Welle an
der Einspannstelle angekommen ist, kann der dann homogene Spannungszustand durch
Anlegen einer elektrischen Spannung „herausgenommen“ werden. Nach außen hin macht sich
das dadurch bemerkbar, dass die auftreffende Kugel am Ende der Keramik liegen bleibt und
nicht zurückprallt.
Wirkungsgrad
Die elektrische Energie Wel, die zum Umladen der Keramik nötig ist, lässt sich ermitteln, indem
man Strom und Spannung beim Umladen aufzeichnet und den Wirkanteil errechnet. Auch aus
der Kapazität C der Keramik und der Spannungsdifferenz ∆U kann man die aufgenommene
Energie berechnen.
1
𝑊𝑒𝑙 = ∙ 𝐶 ∙ 𝑈2
2
28 3. Piezokeramik
Die mechanische Energie Wm, die von der Kugel aufgenommen wird, ergibt sich aus der
Kugelmasse m, der Erdbeschleunigung g und der Steighöhe h.
𝑊𝑚 = 𝑚 ∙ 𝑔 ∙ ℎ
Die gemessene Steighöhe ist von der Kugelmasse abhängig. Die Höhe h ist umso größer je
kleiner die Kugelmasse m ist. Das Produkt der beiden steigt mit zunehmender Kugelmasse
zunächst an, erreicht ein flaches Maximum, um dann langsam wieder abzufallen. Im gezeigten
Beispiel wird das Maximum von Wm bei einer Kugelmasse von 3,5 g erreicht. Damit lässt sich
der Wirkungsgrad η bestimmen.
𝑊𝑚
𝜂=
𝑊𝑒𝑙
Abb. 23: Einfluss der Kugelmasse auf die Parameter des Experiments..
Da die aufgenommene elektrische Energie von der Kugelmasse unabhängig ist, erreicht auch
der Wirkungsgrad η bei der Kugelmasse von 3,5 g seinen Maximalwert von etwa 12 %.
Der Wirkungsgrad ist also von der Anpassung der Last an den Wandler abhängig. Das gilt
natürlich nicht nur für den Stoßantrieb, sondern allgemein für elektromechanische Wandler.
Generell besitzen Piezokeramiken einen Wirkungsgrad von 12-15%.
3. Piezokeramik 29
Arbeitsdiagramm
Arbeitsdiagramme von Piezokeramiken zeigen die Beziehung zwischen Verformung und
Kraft in Abhängigkeit des elektrischen Feldes (bzw. elektrischer Spannung) auf. Zusätzlich
sind Steifigkeiten zweier Einspannungen, eingezeichnet.
Abb. 24: Drei Arbeitsdiagramme eines Piezoaktors bei verschiedenen angelegten Spannungen.
Für die markierten Arbeitspunkte kann folgende Aussage getroffen werden: „Bei einer
Steifigkeit von 200 N/µm kann der Piezo bei einer Betriebsspannung von 333 V eine Kraft von
1.000 N mit 5 µm Längenänderung erreichen“. In obiger Abbildung sind für einen Piezoaktor
drei Arbeitsdiagramme bei verschiedenen angelegten Spannungen zu sehen. Die
Ordinatenschnittpunkte zeigen die unbehinderte, freie aktuatorische Verformung (𝐹 = 0) nach
folgender Formel:
𝑈
∆𝑙 = 𝑙 ∙ 𝑑𝑖𝑗 ∙
𝑑
Die Abszissenschnittpunkte zeigen die maximal erzielbare Kraft des Piezos bei „unendlich
steifer“ Einspannung (∆𝑙 = 0) nach folgender Formel:
𝑈
𝐹 = − 𝑑𝑖𝑗 ∙ ∙𝐴∙𝐸
𝑑
In vielen technischen Anwendungen wird als Arbeitsdiagramm nur eine Kurve bei einem
gewissen Spannungswert vorgegeben. Oft ist es wichtig zu wissen, wie viel Spannung
angelegt werden muss, um eine benötigte Kraft oder Auslenkung zu erreichen. Dies berechnet
sich nach folgender Beziehung:
𝐹𝑏𝑒𝑘𝑎𝑛𝑛𝑡 𝑈𝑏𝑒𝑘𝑎𝑛𝑛𝑡 ∆𝑙𝑏𝑒𝑘𝑎𝑛𝑛𝑡
= =
𝐹𝑔𝑒𝑠𝑢𝑐ℎ𝑡 𝑈𝑔𝑒𝑠𝑢𝑐ℎ𝑡 ∆𝑙𝑔𝑒𝑠𝑢𝑐ℎ𝑡
30 3. Piezokeramik
Hystereseverhalten
Wie bereits erwähnt, erhält eine ferroelektrische Piezokeramik erst durch einen Polarisations-
prozess ihre piezoelektrischen Eigenschaften.
Um die elektrische Hysteresekurve zu erklären, wird im Ursprung (1) begonnen, einem
neutralen Punkt auf der Neukurve, in dem die Dipolmomente der einzelnen Domänen
ausgeglichen sind. Die Dipolmomente besitzen im Ursprung die Möglichkeit, sich in alle sechs
Richtungen in der Perowskit-Einheitszelle auszurichten.
Durch Anlegen eines elektrischen Feldes richten sich die Domänen bis zu einer
Sättigungspolarisation (2) in Richtung des elektrischen Feldes aus. Alle Domänen sind
gleich ausgerichtet.
Abb. 25: Die elektrische Hysteresekurve (Links) und die mechanische Hystereskurve (Rechts).
Durch Abnahme des elektrischen Feldes bis auf null geht die Polarisation zwar wieder zurück,
es bleibt aber die sogenannte Remanenzpolarisation (3) erhalten. Jetzt weist die Keramik
piezoelektrische Eigenschaften auf. Die Änderung der Polarisation durch das angelegte
elektrische Feld wird als irreversibel bezeichnet, da sie nach Abschalten des Feldes erhalten
bleibt.
Erst ein Richtungswechsel ruft wieder eine Änderung hervor. In (4) sind die piezoelektrischen
Eigenschaften wieder verloren, da sich die Dipolmomente der einzelnen Domänen
neutralisieren. Dieser Zyklus kann über die Punkte (5), (6), (7) zurück auf (2) wiederholt
werden. Die Neukurve wird allerdings dabei nie mehr durchlaufen.
Da die Polarisationsänderung auch immer mit einer Formänderung verbunden ist, gilt es auch
die mechanische Hysteresekurve zu erklären. Dabei entsprechen die markierten Bereiche
denen der elektrischen Hysteresekurve.
Die Richtung der Ausdehnung bestimmen die vierwertigen Kationen in der Keramik. Wird die
Polarisation durch ein äußeres elektrisches Feld geändert, springt das Kation an eine neue
Stelle. Der typische Verlauf der mechanischen Längenänderung wird auf Grund ihrer Form
auch „Schmetterlingskurve“ bezeichnet.
3. Piezokeramik 31
Piezoanwendungen
Die zuvor beschriebenen Eigenschaften von Piezokeramiken sind verantwortlich für den
weitrechenden Gebrauch von Piezoaktoren. In diesem Kapitel werden einige Anwendungen
aufgezeigt.
4. Piezoanwendungen 33
Biegewandler
Bei Piezobiegewandlern macht man sich den Quereffekt von polarisierten Piezokeramiken
zunutze, um eine Längenänderung eines relativen langen dünnen Streifens zu erreichen.
Tropfenerzeugung – Scherwandler
Auch der Schereffekt lässt sich zur Tropfenerzeugung nutzen. Ein flacher Streifen aus
Piezokeramik wird zunächst auf der Ober- und Unterseite mit Elektroden versehen und
polarisiert. Nach dem Polarisieren werden die Elektroden wieder entfernt. Der Streifen wird mit
feinen Schlitzen versehen, die als Tintenkanäle dienen. Das Schlitzen erfolgt mit der
Wafersäge, die die Schlitze etwa in der Mitte des Streifens auslaufen lässt.
Im Hochvakuum werden die Schlitzwände schräg mit Elektroden bedampft, so dass nun ein
elektrisches Feld senkrecht zur Polarisationsrichtung angelegt werden kann. Die Kanäle
werden durch ein Deckblatt nach oben verschlossen. Durch eine Querrille im Deckblatt erfolgt
die Tintenversorgung. Nach vorn sind die Kanäle durch eine Düsenplatte verschlossen. Durch
34 4. Piezoanwendungen
den Schereffekt verwölben sich die Kanalwände und stoßen Tropfen, getrieben von der
Volumenänderung der Kammer, durch die Düsen aus.
Abb. 27: Aufbau eines Druckkopfes der auf dem Schereffekt basiert.
Da die Verengung eines Kanals zur Aufweitung der beiden benachbarten Kanäle führt, kann
nur jede dritte Düse gleichzeitig einen Tropfen ausstoßen. Deshalb werden die Düsen
gruppenweise angesteuert.
Da die Tinte unmittelbar mit der Piezokeramik in Kontakt kommt, wird nichtleitende Tinte
verwendet oder die Keramik mit einer Passivierungsschicht überzogen. Die Keramik kann
nach der Entfernung der Polarisierungselektroden nicht mehr nachpolarisiert werden. Auch die
Ansteuerimpulse können die Polarisierung nicht stützen.
Wanderwellenmotor
Bei einem Piezo-Wanderwellenmotor werden mit Piezoaktoren mechanische Wanderwellen
mit einer sehr kleinen Amplitude an der Oberfläche eines Schwingstators erzeugt. Der
Schwingstator wird dabei in Resonanz mit Frequenzen von 20-100 kHz betriebenen.
Abb. 28: Schematische Darstellung der Biegung des Stators eines Wanderwellenmotors (Links) und die
notwendige Polarisierung der Piezokeramikscheibe (Rechts).
4. Piezoanwendungen 35
Stator und Rotor wirken an ihrer Kontaktschicht unter hohem Druck aufeinander. Die daraus
entstehenden mikromechanischen Wechselwirkungen des Kontaktes führen zu einer
Drehbewegung des Rotors.
Das Schwingverhalten des Stators wird über die periodische Zufuhr von Energie an die
Piezoaktoren gesteuert, so dass sich im Ergebnis eine Transversalschwingung im
Schwingstator aufbauen und aufrechterhalten lässt.
Dazu sind auf dem Schwingstator zwei getrennt ansteuerbare Segmente aus Piezokeramik
aufgebracht. Die Piezokeramik ist abschnittsweise, jeweils senkrecht zur Ringachse
polarisiert. Wird ein Segment sinusförmig angesteuert, ergibt sich wegen der wechselnden
Polarisierung eine ortsfeste Dickenschwingung, die sich auch in den „passiven“ Teil des Rings
ausbreitet. Da sich aber dort ebenfalls ein um λ/4 versetzt angeordnetes Piezosegment
gleichartiger Polarisierung befindet, welches mit einen um 90° verschobenen Sinus
angesteuert wird, kommt es zu einer Überlagerung dieser beiden „ortsfesten“ Schwingungen.
Das Ergebnis der Aufsummierung der beiden Amplituden ist ein entlang des Umfangs
wanderndes Maximum, welches den Rotor mitnimmt.
Piezo Linearantrieb
Linearantriebe sind Antriebssysteme, die zu einer translatorischen Bewegung führen. Sie
ermöglichen die Führung von Maschinen oder Teilen in Anlagen entlang einer Achse.
36 4. Piezoanwendungen
Takt 1: Klaue 1 wird geöffnet, Klaue 2 bleibt in Verbindung zur Schubstange.
Zeitgleich hierzu werden die Piezostapelaktoren angesteuert und dehnen sich
Takt 2: maximal aus. Über die Klaue 2 wird die Bewegung auf die Schubstange
übertragen, die sich so nach rechts bewegt.
Takt 3: Klaue 1 wird geschlossen, Klaue 2 wird geöffnet.
Am Piezostapelaktor wird die Spannung abgenommen, so dass sich dieser
Takt 4: wieder verkürzt. Die freie Klaue 2 wird zurückgezogen, während die Klaue 1
die Schubstange an ihrer Position hält.
Diese vier Takte werden beliebig oft wiederholt, so dass sich im Ergebnis jede Position
anfahren lässt. Beispiele für die Anwendung von Piezolinearantrieben sind die statische und
dynamische Präzisionspositionierung, Präzisionsmechanik oder auch Schaltanwendungen.
Die erreichbaren Auflösungsgrenzen liegen dabei im nm-Bereich. Der sonst übliche
Reibschluss zwischen Klauen und Schubstange kann durch eine Mikroverzahnung in einen
Formschluss übergeführt werden, um die übertragbaren Kräfte zu erhöhen.
Piezomotor
Ein weiteres Funktionsprinzip eines Piezolinearantriebs ist der Piezomotor. Dieser Aufbau
besteht aus zwei verklebten Piezokeramiken, die als Biegewandler vier mögliche Positionen
des freien Endes, abhängig von ihrer elektrischen Ansteuerung, anfahren können.
Abb. 30: Die vier möglichen Positionen eines Biegewandlers (Links) und der schematische Aufbau eines
Piezomotors (Rechts).
4. Piezoanwendungen 37
Über diese vier möglichen Endpositionen wird ein einfacher Linearantrieb realisiert. In der
Abbildung wird der vereinfachte Aufbau gezeigt, der aus vier Piezoverbänden und einer
schiebbaren Platte besteht.
Piezorotationsantrieb
Um aus den kleinen Einzelhüben von Piezoaktoren eine Drehbewegung zu erzeugen, ist von
der Firma Siemens in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl MiMed ein Piezorotationsantrieb
entwickelt worden. Dieser Antrieb ist in der Lage, hochgenau Drehwinkel mit hohen
Drehmomenten und geringen Drehzahlen zu erzeugen.
Abb. 31: Aufbau des Piezorotationsantriebs (Links) und REM-Aufnahme der Mikroverzahnung (Rechts).
Der Aufbau besteht aus einem Ring, auf den jeweils um 90° versetzt zwei Piezoaktoren wirken.
Die Ringinnenfläche wird durch den erzeugten Hub der angesteuerten Piezos auf eine drehbar
gelagerte Welle gedrückt. Die Piezoaktoren werden nun so angesteuert, dass der Ring eine
Kreisbahn beschreibt. Durch den ständigen Kontakt des Ringes mit der Welle wird eine
Rotationsbewegung der Welle erzeugt.
Um das Drehmoment des Antriebes zu steigern und Schlupf zu vermeiden, wird die Welle und
der Ring mit einer Mikroverzahnung versehen. Diese Außenverzahnung der Welle greift in die
Innenverzahnung des Ringes. Die Innenverzahnung des Ringes besitzt einen Zahn mehr als
die Welle. Wird der Ring kreisförmig bewegt, so fördert die Welle den Ring pro Umlauf einen
Zahn weiter.
Im reibschlüssigen Fall und bei einem konstanten Wellendurchmesser ist das Drehmoment
nur von der Andruckkraft und dem Reibkoeffizienten zwischen Welle und Ring abhängig. Die
Drehzahl resultiert somit aus der Ansteuerfrequenz der Aktoren und der Anzahl der Zähne.
Durch die Miniaturisierung des Antriebes besitzt dieser Rotationsantrieb ein breites
Einsatzspektrum; überall dort, wo Genauigkeit und Kraft gleichzeitig gefordert sind, wie bspw.
in der Medizintechnik. Auch das Fehlen von elektromagnetischen Feldern macht ihn in diesem
Anwendungsfeld interessant.
38 4. Piezoanwendungen
Formgedächtnislegierungen – Einwegeffekt
Es gibt Metalllegierungen, welche die Eigenschaft besitzen, sich bei Temperaturänderungen
in eine früher eingeprägte Form zurück zu transformieren. Diese Formänderung beruht darauf,
dass bei Überschreiten einer bestimmten kritischen Temperatur mechanische und thermische
Veränderungen im Kristallgefüge einsetzen. Alle technisch interessanten
Formgedächtnislegierungen basieren auf Nickel-Titan- und Kupfer-Zink-Aluminium-
Legierungen. Es werden bei ihnen zwei Bereiche unterschieden.
1. Austenit: Phase oberhalb der kritischen Temperatur, in der das Metall hart und schwer
verformbar ist.
2. Martensit2: Phase unterhalb der kritischen Temperatur, in der das Metall weich und
leicht verformbar ist.
Bei Formgedächtnislegierung (engl.: „shape memory alloy [SMA]“) gibt es zwei Effekte: Den
Einweg- und den Zweiwegeffekt.
2
Hinweis: Die martensitische Umwandlung ist kein rein auf Stahl beschränktes Phänomen. Dessen bekannten
Phaseneigenschaften (Austenit: weich, Martensit: hart) sind nicht auf FGL-Legierungen übertragbar.
4. Piezoanwendungen 39
Formgedächtnislegierungen – Zweiwegeffekt
Wie bereits beschrieben, erlaubt der Einwegeffekt nur eine einmalige Formänderung. Das
erneute Abkühlen in die Martensitphase bewirkt keine Formänderung. Will man
Formgedächtnislegierungen auch für die Aktorik nutzen, benötigt man Legierungen, die sich
an zwei Formen – eine bei hoher und eine bei niedriger Temperatur – erinnern können.
Vorteile Nachteile
40 4. Piezoanwendungen
Fertigungsverfahren
Die meisten technologischen Prozesse, die in der Mikrosystemtechnik Verwendung finden,
gehen aus älteren und gut etablierten Verfahren der Mikroelektronik hervor. Die wichtigsten
dieser Verfahren werden in diesem Kapitel beleuchtet.
Technologische Grundprozesse
Dabei folgen viele Verfahren einem Standard-Prozessflow, den ein Chip während seiner
Fertigung durchläuft. Ausgangspunkt stellt ein einkristalliner Siliziumwafer dar. Die ersten
Schritte in der Fertigung sind Abscheideprozesse, um Maskierungs- oder Opferschichten auf
der Oberfläche der Wafer zu erzeugen, die in nachfolgenden Prozessen als funktionale Helfer
dienen. Im Anschluss erfolgt die Strukturierung dieser Schichten; entweder über
konventionelle Fotolithographie oder neuartigen Verfahren, wie der Laserablation. Nachdem
die gewünschten Bereiche freigelegt worden sind, können diese entfernt oder modifiziert
werden, bspw. durch Dotierung. Diese Schritte durchläuft ein Chip mehrmals bei seiner
Herstellung, mit immer anderen Strukturen und Dimensionen für elektrische, mechanische
oder optische Funktionen, so dass im Ergebnis ein Mikrosystem entsteht. Letzter Schritt in der
Fertigung ist die Kontaktierung und der Schutz vor äußeren Einflüssen, was thematisch der
Verbindungstechnik zugeordnet wird. Ein sehr wichtiger Aspekt bei der Herstellung ist die
mögliche Batchfertigung; einer Massenfertigung, in der jeweils 25 Wafer gleichzeitig in einem
Boot bearbeitet werden. Die meisten Prozesse der Mikrotechnik sind sehr empfindlich gegen
äußere Einflüsse, so dass sie größtenteils in Reinräumen durchgeführt werden müssen.
In der Mikrotechnik wird zwischen Volumen- und Oberflächenmikromechanik unterschieden.
Die Volumenmikromechanik stellt dabei den traditionellen Weg dar. Die Strukturierung
erfolgt in die Tiefe des Materials, vorwiegend in Silizium. Dadurch entstehen Strukturen, die
dem typischen nasschemischen Ätzverhalten von einkristallinem Silizium folgen.
Hervorzuheben ist, dass die subtraktive Gestaltung des Substrates durch viele
trockenchemische Ätzprozesse, wie bspw. reaktives Ionenätzen, keinen Einschränkungen in
der Endform unterliegt (vgl. Kompensationsecken bei KOH-Ätzen).
Die Oberflächenmikromechanik ist eine Erweiterung der Gestaltungsmöglichkeiten, bei der
additiv Schichten auf der Oberfläche des Chips aufgebracht werden. Die Strukturbildung bleibt
zwar zunächst ein zweidimensionaler Prozess, doch durch den Einbau von Opferschichten
und deren Entfernung können bewegliche Schichtstrukturen im Systemaufbau in der dritten
Dimension erschlossen werden.
Schichten
In Abb. 34 werden die wichtigsten Schichten aufgezeigt, die für die Prozessierung von
Siliziumwafern besondere Bedeutung haben und nachfolgend erklärt werden.
Isolierschichten sind Schichten, die als Dielektrika dienen. Ein Beispiel aus der
Mikroelektronik ist das Gateoxid eines Transistors, das den Stromfluss zwischen Gate und
Substrat verhindert. Auch in der Mikromechanik finden sich solche Schichten wieder. Eine
vorhandene SiO2-Schicht auf einem Siliziumwafer verhindert einen Kurzschluss zwischen
Substrat und einer auf der Oberfläche aufgebrachten Heizstruktur bei entsprechender
Temperatur.
5. Fertigungsverfahren 41
Abb. 34: Werkstoffe, Dicken und Verfahren mit denen Funktionsschichten auf Wafern aufgebracht
werden.
Maskierschichten dienen als Strukturübertragungsmedium. So wird das hoch selektive SiO2
als Ätzmaske für das nasschemische Ätzen von Silizium mit KOH verwendet.
Metallisierungen werden vorzugsweise für die Verwendung von Leiterbahnen oder auch
Kontaktierungen auf Chips verwendet.
Unter Passivierung versteht man die gezielte Erzeugung einer nichtmetallischen
Schutzschicht, welche die Korrosion des darunterliegenden Werkstoffes verhindert.
Besonders in der Mikrofluidik wird die Passivierung benötigt.
Einkristalline Schichten, die auf Wafer aufgebracht werden, werden meistens epitaktisch
erzeugt. Dies bedeutet, man bringt eine Schicht gleicher Morphologie auf eine andere. Meist
ist das Ziel der Epitaxie, auf hochdotierten Halbleitern, niedrig dotierte Gebiete herzustellen.
Sensitive Schichten werden dem Namen nach entsprechend als Sensoranwendungen
verwendet. Beispiel hierfür stellen mäanderförmige Temperatursensoren aus Platin dar.
Die letztmögliche Verwendung finden Widerstände in der Mikrotechnik.
Thermische Oxidation
Bei der thermischen Oxidation werden die Siliziumwafer bei ca. 1.000 °C in einem
Oxidationsofen oxidiert. Dieser Ofen besteht im Wesentlichen aus einem Quarzrohr, in dem
sich die Wafer auf einem Carrier aus Quarzglas befinden, mit drei bis fünf getrennt regelbaren
Heizwicklungen und verschiedenen Gaszuleitungen.
Der Sauerstoff strömt dann als Gas über die Wafer und reagiert an der Oberfläche zu SiO 2.
Es entsteht eine glasartige Schicht mit amorpher Struktur. Je nach Prozessgas finden dann
verschiedene Oxidationen statt. Die thermische Oxidation unterteilt sich in die trockene und
die feuchte Oxidation.
42 5. Fertigungsverfahren
Abb. 35: Verfahrensschema der thermischen Oxidation.
Bei der feuchten Oxidation wird der Sauerstoff durch ein Bubbler-Gefäß mit Wasser
(ca. 95 °C) geleitet, so dass sich zusätzlich zum Sauerstoff auch Wasser in Form von
Wasserdampf im Quarzrohr befindet. Dieser Prozess findet bei 900-1000 °C statt. Dadurch
erreicht man schon bei geringen Temperaturen ein schnelles Oxidwachstum, das allerdings
im Vergleich zur trockenen Oxidation, eine mindere Qualität aufweist. Es dient daher bspw.
als Maskierungsoxid.
Bei der trockenen Oxidation wird der Sauerstoff direkt auf das Silizium geleitet. Die Schicht
wächst relativ langsam, dafür aber mit hoher Dichte. Dadurch werden die Ansprüche guter
Stabilität gegenüber hohen elektrischen Feldern erfüllt, die bspw. beim Gateoxid eines
Transistors gefordert sind.
Unabhängig von Art der Oxidation findet die Reaktion immer an der Grenzfläche Substrat -
Siliziumdioxid statt. Der Sauerstoff reagiert am Anfang an der Waferoberfläche zu SiO2.
Nachfolgender Sauerstoff muss nun durch diese SiO2-Schicht diffundieren um an die
Grenzfläche zu gelangen. Die Aufwachsrate hängt nur zu Beginn von der Reaktionszeit ab;
danach wird sie von der Diffusionsgeschwindigkeit des Oxids durch das SiO2 bestimmt. Mit
zunehmender Oxiddicke verlangsamt sich das Wachstum. Bei der thermischen Oxidation wird
Silizium, durch die Reaktion mit Sauerstoff zu SiO2, verbraucht. Das Verhältnis der
aufgewachsenen Oxidschicht zu verbrauchtem Silizium beträgt ~ 2,27; d.h. das Oxid wächst
zu ~ 44 % der Oxiddicke in das Substrat ein. Kritisch sind die durch die unterschiedlichen
Temperaturkoeffizienten von Si und SiO2 beim Abkühlen entstehenden mechanischen
Spannungen.
5. Fertigungsverfahren 43
Abb. 36: Verfahrensschema der Chemical Vapor Deposition (CVD).
Zur Realisierung dieses Verfahrens ist generell eine Anregung der Komponenten, die
miteinander reagieren, notwendig. Diese Aktivierungsenergie wird thermisch über eine
Heizung oder ein Plasma zugeführt.
Die ablaufenden Prozesse bei der Schichtbildung sind:
1. Transport der Reaktanten aus der Strömungszone zur Substratoberfläche.
2. Absorption der Reaktanten an der Oberfläche.
3. Diffusion der Reaktanten an der Oberfläche
4. Zerfall der Moleküle unter Bildung von desorbierbaren Abprodukten.
5. Oberflächendiffusion der Restradikale.
6. Einbau der Restradikale in die Festkörperoberfläche.
7. Desorption der Abprodukte und Transport in die Strömungszone.
8. Transport der Abprodukte aus dem Reaktor.
Epitaxie
Der Begriff Epitaxie stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „geordnetes
Aufwachsen“ von Kristallen an einem Kristallkeim.
44 5. Fertigungsverfahren
Abb. 37: Verfahrensschema der Epitaxie.
Wächst das gleiche Material weiter, spricht man von Homoepitaxie. Wachsen stattdessen
zwei unterschiedliche Materialien aufeinander, spricht man von Heteroepitaxie. Für die
Heteroepitaxie ist Vorraussetzung, dass die Kristallgitter der beiden Materialien ähnlichen
Gitterabstand besitzen. Eine Gitterfehlanpassung würde zu hohen mechanischen
Verspannungen führen.
In der Siliziumtechnologie wird vorwiegend die Gasphasenepitaxie (Chemical Vapor
Deposition) verwendet. Weitere Verfahren stellen die Molekularstrahl- und
Flüssigphasenepitaxie dar.
Ein weites Einsatzgebiet von epitaktischen Schichten findet sich bei der Herstellung von
Verbindungshalbleitern, wie bspw. GaAs wieder. Bei dieser Halbleiterklasse bildet ein Element
aus der Gruppe III mit einem Element aus der Gruppe V des Periodensystems eine
abgesättigte 8-Elektronenschale. Die weiteste Anwendung bei der Heteroepitaxie stellt die
Herstellung von Laserdioden dar, da der Schichtaufbau aus vielen Schichten mit Dicken von
wenigen Nanometern gemischter Materialien besteht. Weiterer Einsatz findet sich in der
Siliziumepitaxie wieder, in der elektrochemische Ätzstopps zwischen einem hochdotierten n-
Substrat und einer niedrig dotierten p-Schicht realisiert werden.
5. Fertigungsverfahren 45
Zusammenstöße mit noch im Vakuum vorhandenen Gasteilchen minimiert werden, d.h. die
freie Weglänge muss sehr viel größer sein als der Abstand der Verdampferquelle zum
Substrat. Neben dem Vakuumverdampfen mit einer Heizung für die Dampfbildung, gibt es
noch das Laserstrahl-, Elektronenstrahl-, Lichtbogen- und Molekularstrahlverdampfen. Der
Nachteil des thermischen Vakuumverdampfens ist die schlechte Kantenbedeckung und das
dringend erforderliche Vakuum. Aus diesem Grund wird es in der Massenproduktion nicht
verwendet.
Abb. 38: Verfahrensschema des Vakuumbedampfens (Links) und der Kathodenzerstäubung (Rechts).
Beim Kathodenzerstäuben (Sputtern) wird zwischen einer negativ geladenen
Targetelektrode und einer geerdeten Substratelektrode ein Plasma in einem Edelgas (bspw.
Argon) gezündet. Die im Plasma entstehenden positiven Argonionen werden zur negativen
Targetelektrode beschleunigt und schlagen dort Targetatome (bspw. Aluminium) heraus. Die
neutralen Targetatome durchqueren das Plasma und setzen sich auf dem Substrat ab. Der
Sputtervorgang erzeugt durch Stoßprozesse zwischen den Targetatomen und dem Edelgas
eine große Winkelverteilung. Dies führt zu einer akzeptablen und konformen Kanten-
bedeckung.
Fotolithografie
Siliziumwafer werden über diverse Ätzprozesse strukturiert. Damit eine vordefinierte Form
durch die Ätzlösung entsteht, wird eine Maskierungsschicht benötigt (bspw. SiO2 bei KOH-
Ätzen von Silizium), die die in das Substrat zu übertragene Form abbildet. Um solch eine
Maskierungsschicht zu strukturieren, werden die Prozesse aus der Fotolithographie
46 5. Fertigungsverfahren
durchlaufen. Den Ausgangspunkt bei nachfolgender Erklärung bildet ein Siliziumwafer mit
aufgebrachter SiO2-Schicht, die in weiteren Prozessen als Maske für das darunterliegende
Silizium dient.
5. Fertigungsverfahren 47
Nach dem Softbake kann die eigentliche Belichtung (4) erfolgen. In einer Belichtungsanlage
werden die Wafer zu einer Glasmaske, die teilweise mit Chrom beschichtet ist, durch
Justiermarken ausgerichtet und belichtet. Diese selektiv mit Chrom beschichtete Maske wird
mittels Elektronenstrahllithografie aus einem komplett beschichteten Rohling (dem Blank)
erzeugt, indem nicht benötigtes Chrom entfernt wird. Dadurch können bei der späteren
Belichtung partiell Bereiche des belackten Wafers erreicht werden. Je nach Art des Lackes
werden belichtete Teile löslich oder unlöslich (positiv bzw. negativ Fotoresist).
Danach kann die Struktur in einem Entwicklerbad (5) herausgelöst werden.
Um dieser Fotoresistschicht für den nachfolgenden Ätzschritt, der eigentlichen
Maskierungsschicht des Siliziumwafers, ihre Ätzresistenz zu verleihen, erfolgt ein erneuter
Heizschritt, der Hardbake (6).
Im Anschluss erfolgt die eigentliche Strukturierung, wie das Ätzen der Maskierungsschicht
mit HF/HNO3 aus der SiO2-Schicht.
Nachdem die Schicht strukturiert ist, kann der Fotolack einfach mit Azeton gestrippt (7)
werden.
Belichtungsarten
Wie aus dem vorherigen Abschnitt hervorgeht, erfolgt der Strukturübertrag durch Belichtung
der Fotoresistschicht. Es gibt hierzu drei verschiedene Realisierungsmöglichkeiten.
Abb. 40: Prinzip der Kontaktbelichtung (Links) und der Proximitybelichtung (Rechts).
Bei der Kontaktbelichtung steht die Quarzmaske direkt im Kontakt zum Substrat. Der Vorteil
hierbei ist, dass das Verfahren die beste Auflösung bietet, da der Auflösungsverlust durch
Lichtbeugung auf ein Minimum reduziert wird. Allerdings besteht hierbei die Gefahr, die Maske
oder die Fotoresistschicht durch die Kontaktstelle zu beschädigen, wenn sich bspw. ein
Staubkorn an der Grenzfläche befindet.
Weitere Belichtungsart ist die Proximitybelichtung. Hierbei sind Maske und Substrat ~ 20 µm
voneinander getrennt. Der sich dadurch ergebene Vorteil ist, dass keine Gefahr einer
Beschädigung besteht. Allerdings wird durch den Abstand und dem damit entstehenden
Beugungsmuster die Auflösung begrenzt. Aus Proximityabstand d, halber Resistdicke r und
verwendeter Wellenlänge λ folgt für die minimale Strukturbreite bmin :
1
𝑏𝑚𝑖𝑛 = √𝜆 ∙ (𝑑 + 𝑟)
2
48 5. Fertigungsverfahren
Abb. 41: Aufbau der Projektionsbelichtung.
Die letzte Form stellt die Projektionsbelichtung dar. Hier werden die Masken nicht im
Maßstab 1:1 in den Fotoresist abgebildet; durch ein Linsensystem wird dieser verringert.
Großer Vorteil hierbei ist, dass Strukturfehler oder Verunreinigungen auch in einem kleineren
Maßstab auf den Fotoresist übertragen werden. Bei der Projektionsbelichtung wird nicht der
gesamte Wafer sondern die einzelnen Chips hintereinander belichtet. Dazu verfährt ein
Waferstepper das Substrat jeweils an die gewünschte Position. Wegen der endlichen
Schärfentiefe der Abbildungsoptiken können nur dünne Fotolacke mit dieser Methode belichtet
werden. Aus der numerischen Apertur NA und verwendeter Wellenlänge λ folgt für die
minimale Strukturbreite bmin :
𝜆
𝑏𝑚𝑖𝑛 =
2 ∙ 𝑁𝐴
𝑁𝐴 = 𝑛 ∙ sin(𝛽)
5. Fertigungsverfahren 49
Rapid Prototyping und Verbindungstechnik
Rapid Prototyping beschreibt die schnelle und günstige Fertigung von Prototypen. Neben den
wichtigsten Rapid Prototyping Verfahren, wird in diesem Kapitel auch die Verbindungstechnik
betrachtet, die die Schnittstelle zwischen der Mikro- und der Makrowelt herstellt.
Liga Verfahren
Die Entstehung des LIGA-Verfahrens wurde Ende der 70er Jahre am Kernforschungszentrum
Karlsruhe entwickelt. Im Rahmen der Uran-Isotropentrennung sollten sehr kleine Trenndüsen
hergestellt werden.
Die wesentlichen Prozessschritte des LIGA-Verfahrens gehen auf die Bestandteile des
Namens zurück: Lithographie, Galvanik und Abformung.
Abb. 42: Die sechs Grundschritte des LIGA Verfahrens. (Quelle: Handbuch Mikrotechnik)
Im ersten Schritt, der Lithographie, wird eine mehrere hundert Mikrometer dicke Resistschicht
auf einer elektrisch leitfähigen Grundplatte aufgebracht. Dies geschieht entweder durch
Aufpolymerisieren oder Aufkleben. In den meisten Fällen besteht diese Schicht aus
röntgenempfindlichen Polymeren, wie Polymethylmethacrylat (PMMA). Aber auch
Epoxydharze, wie der negative Fotoresist (SU8) finden Verwendung.
Aufgrund der hohen Resistdicken wird eine sehr energiereiche Synchrotronstrahlung benötigt.
Wie auch bei der „normalen“ Fotolithographie erhält der Resist nach einem Entwicklerbad
seine Form. Dabei wird nicht nur die eindimensionale Struktur, sondern auch deren Höhe
genutzt.
6. Rapid Prototyping und Verbindungstechnik 51
Durch die Galvanik wird eine Komplementärstruktur aus dem nach dem Entwicklungsprozess
vorhandenen strukturierten Resist aus Metall aufgebaut. Dabei startet die Metallabscheidung
auf der elektrisch leitfähigen Platte.
Im Anschluss wird der Resist gestrippt und man erhält die metallische negative Form, die oft
auch als Urform bezeichnet wird.
In den beiden nachfolgenden Prozessen wird die metallische Form mit Kunststoff gefüllt und
dadurch abgeformt.
Die Vorteile des LIGA-Verfahrens liegen hauptsächlich in einem sehr hohen Aspektverhältnis
(Höhe zu Fläche 100:1), in einem metallischen Urmodell und der Weite der abformbaren
Materialien. Allerdings sind die sehr aufwendige und teuere Synchrotronstrahlung, die schwer
realisierbare 3D-Strukturierung und die mangelnde Integration in die Silizium-Elektronik von
Nachteil.
Mittels LIGA-Technik werden bspw. Zahnräder für Miniaturgetriebe (Zahnarztbohrer)
hergestellt.
ASE Tiefenätzen
Nachdem bislang nur nasschemische Ätzprozesse vorgestellt worden sind, wird an dieser
Stelle das wichtigste trockenchemische Ätzverfahren kurz erläutert.
Der ASE-Prozess (Advanced Silicon Etching) oder auch DRIE-Prozess (Deep Reactive Ion
Etching) ist ein zweistufiger, alternierender Trockenätzprozess, bei dem sich ein Ätz- und ein
Passivierungsschritt abwechseln. Ziel ist es, möglichst anisotrop und tief zu ätzen.
Drahtbonden
Bislang sind Verfahren und Werkstoffe zur Herstellung von Mikrosystemen diskutiert worden.
Allerdings ist ein Mikrosystem ohne Anschluss in die Makrowelt - um Daten aus- bzw.
einzugeben, zu kommunizieren oder das System mit elektrischer Spannung zu versorgen -
nicht einsatzbereit. Hierzu werden neben Energie- vor allem Kommunikationsschnittstellen
benötigt, die diese Aufgaben lösen. Man unterscheidet hierbei zwischen drahtlosen und
drahtbehafteten Verfahren.
Ball-Wedge-Bonden
Beim Thermosonic Ball-Wedge-Bonden wird der Golddraht durch eine Kapillare aus
Sintermetall oder Keramik geführt. Mittels einer Knallgas-Brennerflamme oder einer
elektrischen Entladung wird das unten herausragende Drahtende aufgeschmolzen, so dass
sich durch die Oberflächenspannung eine Kugel (von engl. „ball“) mit zwei- bis dreifachen
Durchmesser des Drahts bildet. Dieser Ball wird unter Druck, Wärme und Ultraschall auf die
Kontaktfläche gebondet. Der Draht wird dann zur zweiten Kontaktstelle geführt und wieder
mittels Ultraschall, Wärme und Druck kontaktiert.
Wedge-Wedge-Bonden
Ein weiteres Drahtverfahren stellt das Ultraschall Wedge-Wedge-Bonden dar. Das
Besondere an diesem Verfahren ist, dass der Draht ausschließlich mit Ultraschallbewegungen
des Werkzeuges auf dem Pad mikroverschweißt wird.
Abb. 47: Aufbau eines einzelnen Flip-Chip-Kontakts (Links) und eine passende Platine (Rechts).
Die einzelnen Schritte sind:
1. Metallisierung des Chips/Wafers.
2. Aufbringen einer Lackmaske und Abscheidung des Lotes an den Öffnungen.
3. Lackmaske entfernen und Metallschicht (ohne Lot) selektiv ätzen.
4. Lot zu Kugeln aufschmelzen.
5. Leiterplatte mit Flussmittel benetzen.
6. Chip/Wafer drehen (engl. „flip“) und genau auf Leiterplatte positionieren.
7. Aufbau erwärmen, so dass das Lot schmilzt und eine elektrische Verbindung mit der
Leiterplatte eingeht (Reflow-Löten).
Die Vorteile der Flip-Chip Technologie gegenüber anderen Technologien sind die möglichen
hohen Anschlusszahlen (Fläche gegenüber Rand bei konventioneller Kontaktierung), kürzere
Verbindungslängen, bessere elektrische Eigenschaften, geringerer Wärmewiderstand,
kleinere Padflächen, geringere Bauhöhe und weniger Prozessschritte.
Nachteilig ist, dass die gesamte aufwändige Technologie für die Umverdrahtung, das
Bumping und das Unterfüllen zur Verfügung stehen muss.
Anodisches Bonden
Bislang sind im vorliegenden Kapitel nur Techniken aufgezeigt worden, die für die
Kontaktierung der Chips zur Makrowelt dienen. Oft besteht aber auch die Aufgabe, flächige
Verbindungen zwischen bereits strukturierten Substraten herzustellen. Ein Verfahren hierzu
stellt das Anodische Bonden von Siliziumwafer mit Pyrex-Glas dar. Diese Verbindung wird
oft zum Verschluss von Mikrofluidikstrukturen verwendet.
Rapid Prototyping
Der Begriff Rapid Prototyping (RP) steht ursprünglich für das schichtweise Erzeugen von
Bauteilen. In der Zwischenzeit hat sich aber die Bedeutung deutlich erweitert. Rapid
Prototyping steht auch für eine Entwicklungsstrategie, welche erste Funktionsmuster mit
6. Rapid Prototyping und Verbindungstechnik 57
einbindet, um den iterativen Entwicklungsprozess zu beschleunigen. Viele der bekannten RP-
Verfahren haben sich derart weiterentwickelt, dass sie funktionsfähige Bauteile liefern. Man
spricht dann von Rapid-Manufacturing. Wenn auch üblicher Weise keine Bauteile im
Volumenbereich von Mikrometern gefertigt werden, sind diese Verfahren per se durch
Schichtdicken im Mikrometerbereich den Fertigungsverfahren der Mikrotechnik zuzuordnen.
Abb. 49: Die wichtigsten Rapid Prototyping Verfahren: Stereolithographie (Links), Selektives Laser-
Sintern (Mitte) und Fused Deposition Modeling (Rechts).
Das Prinzip der Stereolithographie (SLA) beruht auf der Aushärtung eines Photopolymers
durch Laserstrahlung. Die Plattform, auf dem die Mikrostruktur dabei entstehen soll, befindet
sich in einer mit dem Photopolymer gefüllten Wanne; anfänglich knapp unter der Oberfläche
der Flüssigkeit. Nach jedem Schritt wird das Werkstück einige Mikrometer in die Flüssigkeit
abgesenkt und auf eine Höhe zurückgefahren, die um den Betrag einer Schichtstärke unter
der vorherigen liegt. Der flüssige Kunststoff über dem Teil wird dann durch einen Wischer
gleichmäßig verteilt. Dann fährt ein Laser auf der neuen Schicht über die Flächen, die
ausgehärtet werden sollen und sich dabei mit den bereits gebauten Schichten unterhalb
verbinden. So entsteht schichtweise ein Bauteil.
Beim Lasersintern (SLS) entstehen die Modelle aus einem Kunststoff- oder Metallpulver, das
durch einen Laserstrahl zusammengeschweißt wird. Auch hier liegt wie bei der
Stereolithographie ein schichtweiser Aufbau vor, bei dem nach jedem Schritt neues Pulver ins
Bett gelegt wird. Beim Metallsintern durch den Laser erhält man ein sehr hitzebeständiges und
robustes Bauteil für hohe Beanspruchungen.
Im Fused Deposition Modeling Verfahren (FDM) wird ein drahtförmiger Kunststoff
verflüssigt. Der Materialauftrag erfolgt durch Extrudieren mit einer in der Fertigungsebene frei
verfahrbaren Heizdüse.
Beim 3D-Drucken erfolgt ebenfalls ein schichtweiser Aufbau. Der Druckkopf druckt dabei
einen Binder in eine Startschicht aus gips- oder stärkeartigen Material.
Wafersäge
Ziel bei der Fertigung von Mikrosystemen ist es, solange wie möglich auf Waferebene zu
arbeiten, um hiermit Zeit- und Kostenaufwand durch die zur Verfügung stehenden Batch-
Prozesse zu minimieren. Erst in einem der letzten Schritte werden die Chips aus den Wafer
herausgetrennt. Die wichtigsten Verfahren hierzu sind das Diamantritzen, das Nassätzen, die
Laserablation, das Bandsägen und das Trennschleifen mit einer Wafersäge.
Senkerodieren
Auch wenn die Mikrofunkenerosion kein klassisches Verfahren des Rapid Prototypings
darstellt, wird sie an dieser Stelle beschrieben, da zumindest die Drahterosion durch ihre
softwaregestützte Ansteuerung sehr flexibel eingesetzt werden kann.
Das Prinzip der Funkenerosion beruht auf der materialabtragenden Wirkung elektrischer
Entladungen zwischen zwei elektrisch leitenden Elektroden. Bei dem Prozess werden die
beiden Elektroden (Werkzeug und Werkstück) in einer isolierenden Flüssigkeit einander
angenähert, bis die angelegte Spannung eine Entladung auslöst. Das umgebende
6. Rapid Prototyping und Verbindungstechnik 59
Dielektrikum gewährleistet hierbei konstante Entladungsbedingungen. Der Abtrag erfolgt
durch eine vom Entladeprozess ausgehende Kombination elektrischer, thermischer und
mechanischer Vorgänge. Dabei wird durch eine direkte Umsetzung von elektrischer Energie
in Wärme, Material aufgeschmolzen und abgetragen. Nach Anlegen eines elektrischen
Spannungsimpulses baut sich das elektrische Feld im Arbeitsspalt auf. Freie Ladungsträger
nehmen im Feld Energie auf und heizen das Dielektrikum bis es zur Bildung von Gasbläschen
kommt. Dieser Vorgang verstärkt die Energieaufnahme und es kommt zur Ausbildung eines
Plasmakanals. Dabei entstehen sehr hohe Drücke und Temperaturen. Daraufhin bricht das
elektrische Feld durch den leitenden Plasmakanal zusammen und die Gasblase implodiert.
Die hohe Temperatur und der Schalldruck hinterlassen im Werkstoff einen Krater. Die Ionen
im Plasma wandern nun aufgrund der angelegten Spannung in Richtung Werkstück, während
die Elektronen in Richtung Werkzeug wandern. Dadurch erhöht sich der Abtrag des
Werkstücks wesentlich gegenüber dem des Werkzeugs.
Abb. 52: Schematischer Aufbau für die Laserablation (Links) und ein damit gefertigter mikrotechnischer
Zwei-Achs-Tisch mit Festkörpergelenken (Rechts).
Mit Nd:YAG-Lasern sind Strukturabmessungen von einigen Mikrometern und Abtragtiefen bis
in den mm-Bereich möglich. Der Nd:YAG-Laser kann durch eine Frequenzvervielfachung mit
unterschiedlichen Wellenlängen (1064 nm, 532 nm, 355 nm) betrieben werden. Damit eignen
sie sich zur Strukturierung von nahezu allen Materialien, wie Polymeren, Metallen, Keramiken
und Glas. Die kürzeren Wellenlängen führen zudem zu einer besseren Fokussierbarkeit und
damit zu einer höheren Strukturauflösung.
Der Nd:YAG-Laser unterscheidet sich vom Excimer-Laser hauptsächlich in der Abtragsrate
und den maximalen lateralen Abmessungen. Eine flächige Bearbeitung im unteren mm-
Bereich wird demnach mit Excimer-Lasern durchgeführt, während Strukturen mit mm-
Abmessungen oder Bohrungen mit Nd:YAG-Lasern erzeugt werden.
Excimer-Laserstrahlquellen emittieren, analog zu frequenzverdreifachten Nd:YAG-Lasern, im
UV-Wellenlängenbereich und ermöglichen sehr hohe Strukturgenauigkeiten mit
Abmessungen im Submikrometerbereich. Ein wesentlicher Vorteil der Nd:YAG-Laser besteht
in dem einfachen Fertigungsprozess durch Scanneroptiken, welche durch die gezielte
Ablenkung des Laserstrahls eine einfache Übertragung der Strukturen ermöglichen, während
beim Excimer-Laser auf Maskentechniken zurückgegriffen werden muss.
Der Materialabtrag mittels Laser erfolgt durch thermische Interaktion der eingebrachten
energiereichen Strahlung mit dem abzutragenden Werkstoff. Dabei wird das Material lokal
aufgeschmolzen bzw. sublimiert und durch den auftretenden Dampfdruck von der
Bearbeitungsstelle weggetragen.
Aktoren
Die Mikrosystemtechnik kann als miniaturisierte Mechatronik gesehen werden. Historisch
wiederum ist die Mechatronik aus der Gerätetechnik hervorgegangen. Diese war schon immer
durch das Zusammenspiel Präzisionsmechanik, Elektronik und Software geprägt. Der Aufbau
von Mikrosystemen kann daher durch das Geräteschema nach VDI/VDE 2422 beschrieben
werden. In diesem stellen die Aktoren die Schnittstelle zwischen der Steuerung und dem
Prozess dar, den sie beeinflussen.
7. Aktoren 63
Direkte Kraftentstehung
Die Zahl der physikalischen Effekte, die sich für elektromechanische Wandler eignen, ist
übersichtlich. In Abb. 54 sind die Effekte aufgezeigt, bei denen direkt eine Kraft entsteht.
Direkte Längenänderung
Die drei oben genannten Effekte erzeugen nicht primär eine Kraft auf einen Körper, sondern
mechanische Spannungen, die sich in Längenänderungen auswirken. Behindert man die
Längenänderungen, so kann man daraus Kräfte ableiten.
64 7. Aktoren
Abb. 55: Die drei Prinzipien der direkten Längenänderung.
Der elektrostriktive Effekt beruht auf Asymmetrien des Kristallgitters in bestimmten
Kristallen, wie bspw. Quarz, Tomalin, Seignettesalz und auch Eis. Ein äußeres elektrisches
Feld führt zu Verspannungen und somit zu einer Längenänderung. Der Effekt ist auch
umkehrbar. Entdeckt haben den Effekt die Geschwister Curie um 1880. In der Keramik aus
Blei-Zirkonat-Titanat (PZT), genannt Piezokeramik, kann der Effekt ebenfalls genutzt werden,
wenn man die Keramik vor Beginn der Nutzung polarisiert und dabei die Asymmetrien in
annähernd gleiche Richtungen ausrichtet. Die relativen Längenänderungen liegen im Bereich
von maximal 1-2 ‰.
Der magnetostriktive Effekt tritt in bestimmten Legierungen, vor allem in Eisen-Nickel-
Legierungen auf. Legt man an einen Ferromagneten ein äußeres magnetisches Feld an, so
richten sich die Weissschen Bezirke gleich aus. Durch das Drehen der Dipole ändert sich die
Länge eines Stabes im Bereich der Längenänderungen des elektrostriktiven Effektes. Der
Effekt wurde zuerst von Joule 1847 beschrieben. Er ist ebenfalls umkehrbar.
Der thermostriktive Effekt beschreibt die Ausdehnung von festen Körpern, Flüssigkeiten und
Gasen bei Temperaturänderung. Besonders ausgeprägt ist der Effekt beim Phasenwechsel
von flüssig nach gasförmig. Bereits Heron von Alexandria hat den Effekt etwa 100 v. Chr. zum
Öffnen von Tempeltüren benutzt. Ein elektromechanischer Wandler wird daraus, wenn die
Erwärmung elektrisch erfolgt.
Elektrostatischer Aktor
Elektrostatische Aktoren finden häufig Verwendung in der Mikrotechnik, da die
Miniaturisierung zu so kleinen Plattenabständen führt, dass anders als in der Makrowelt
nutzbare Kräfte entstehen. Die elektrische Kraft versucht beide Platten in Kontakt zu bringen.
Die mechanische Rückstellkraft steht im Gleichgewicht mit der elektrischen Feldkraft. Dabei
wird eine mechanische Arbeit geleistet. Da beide Energien (mechanisch und elektrostatisch)
im Gleichgewicht stehen, gilt:
7. Aktoren 65
1 1 𝐴
𝑊𝑒𝑙 = ∙ 𝐶 ∙ 𝑈2 = ∙ 𝜀 ∙ ∙ 𝑈2
2 2 𝑑
𝑊𝑚 = 𝐹 ∙ 𝑑
1 𝐴
𝐹∙𝑑 = ∙ 𝜀 ∙ ∙ 𝑈2
2 𝑑
1 𝐴
𝐹 = ∙ 𝜀 ∙ 2 ∙ 𝑈2
2 𝑑
Wird eine bewegliche Kondensatorplatte um das Wegelement x1 gegenüber der
Ausgangsstellung ausgelenkt, gilt für die mechanische Rückstellkraft:
𝐹𝑚 = −𝑥1 ∙ 𝑐
Durch die Verschiebung um das Wegelement x1 ändert sich die elektrische Kraft zu:
1 𝐴
𝐹𝑒𝑙 = ∙𝜀∙ ∙ 𝑈2
2 (𝑑 − 𝑥1 )2
Die Kraft-Weg Linie der Rückstellkraft ist linear. Die elektrische Kraft zeigt hyperbolisches
Verhalten. Existieren zwei Schnittpunkte, so ist der jeweils linke Schnittpunkt ein stabiler
Gleichgewichtspunkt, während der rechte Schnittpunkt einen instabilen
Gleichgewichtszustand beschreibt. Beim instabilen Gleichgewichtspunkt tritt der Pull-In bzw.
Snap-In-Effekt auf. Ab diesem Punkt ist die mechanische Kraft nicht mehr in der Lage, das
Aneinanderziehen der Kondensatorplatten zu verhindern. Erhöht man die Spannung, fallen
stabiler und instabiler Schnittpunkt in einem Punkt zusammen, das Kräftegleichgewicht wird
instabil und der Snap-In-Punkt ist erreicht.
66 7. Aktoren
Die Kapazität eines Kondensators ist wie folgt definiert:
𝐴
𝐶=𝜀∙
𝑑
Durch die Kapazitätsänderung werden sowohl die aktorischen als auch die sensorischen
Effekte der Elektrostatik hervorgerufen. Dabei besteht zum einen die Möglichkeit über die
Geometrie und zum anderen über verschiedene Dielektrikaanordnungen die Kapazität zu
verändern.
Günstig für die Nutzung eines physikalischen Effekts sind lineare Zusammenhänge. Diese
werden nur durch eine veränderliche Plattenfläche erreicht (siehe obige Formel).
Die Gesamtkapazität eines Kondensators, welcher mit mehreren Dielektrika gefüllt ist,
berechnet sich je nach Anordnung als Reihen- bzw. Parallelschaltung von Kondensatoren.
Geschichtete Dielektrika berechnen sich über eine Reihenschaltung zu:
1 1 1
= +
𝐶𝑔𝑒𝑠 𝐶1 𝐶2
𝑏0 ∙ 𝑙0
𝐶1 = 𝜀𝑟1 ∙
𝑎1
𝑏0 ∙ 𝑙0
𝐶2 = 𝜀𝑟2 ∙
𝑎2
Verschiebbare Dielektrika berechnen sich über eine Parallelschaltung zu:
𝐶𝑔𝑒𝑠 = 𝐶1 + 𝐶2
𝑏0 ∙ (𝑙0 − 𝑙)
𝐶1 = 𝜀𝑟1 ∙
𝑎0
𝑏0 ∙ 𝑙
𝐶2 = 𝜀𝑟2 ∙
𝑎0
Wanderkeil-Relais
Das Wanderkeilrelais besteht aus einer Siliziumzunge, die sich unter dem Einfluss einer auf
ihrer Oberseite aufgebrachten und unter Zugspannung stehenden, dünnen
Siliziumnitridschicht, aufwölbt.
7. Aktoren 67
Das Wanderkeilrelais ist bezogen auf die Elektrostatik hervorragend für die Stellaufgaben
geeignet, da die elektrostatische Kraft für kleine Abstände stark zunimmt. Durch das
allmähliche Anlegen der gebogenen Ankerelektrode schaltet das Relais bereits bei
vergleichsweise geringer Spannung, obwohl der Anker einen aus mikrotechnischer Sicht
gesehen großen Kontaktabstand überwinden muss.
Trotz der geringen Abmessungen bringt dieses Relais die typischen Eigenschaften eines
Relais mit: Volle galvanische Trennung zwischen Last- und Steuerkreis durch eine
Isolationsschicht (bspw. SiO2) auf dem Substrat.
Typische Werte bzw. Eigenschaften für ein Wanderkeilrelais sind schaltbare Ströme von
200 mA und eine hohe Schockfestigkeit, garantiert aufgrund der geringen Masse der
Schaltzunge (ca. 10 µm dick).
Mikrorelais lassen sich extrem dicht packen und in einem Standard SMD-Gehäuse (surface
mounted device) integrieren.
Typische Anwendungsgebiete liegen bspw. in Leiterplatten-Testsystemen, Schalter in
batteriegepufferten Geräten oder Kleinsignalanwendungen.
Elektrostatische Antriebe
In folgender Abbildung sind die vier wichtigsten elektrostatischen Antriebskonzepte aus der
Mikrotechnik mit ihren jeweiligen Eigenschaften aufgezeigt.
68 7. Aktoren
mit n als Anzahl der Kammpaare und C(x) als bauformabhängige Kapazität. Wie obige
Gleichung zeigt, wird die von Kammantrieben erreichbare elektrostatische Antriebskraft neben
der Bauform und der angelegten Spannung, wesentlich von der Anzahl der Kammpaare
bestimmt. Um den Stellweg zu vergrößern, können die Kondensatorstrukturen konisch
ausgelegt werden.
Aufhängungen
Aufhängungen zählen in der Mikrotechnik zu den Grundbausteinen der Funktions- und
Formelemente. Vertreter aus dieser Gruppe sind schwingfähige Feder-Masse-Anordnungen.
Sie werden als Grundbausteine von sensorischen und aktorischen Wandlern angewendet.
Beispiele hierzu sind Signalwandler für physikalische Größen oder Energiewandler.
Abb. 59: Vier wichtige Aufhängungen für sensorische und aktorische Wandler.
Federn kennzeichnen sich dadurch aus, dass sie eine bewegliche Masse mit einem festen
Rahmen verbinden und somit eine Rückstellkraft erzeugen. In der Mikrosystemtechnik werden
Biegebalken, Torsionsbalken oder Membranen als Federn eingesetzt. Über die
Gestaltungsform der Aufhängung der beweglichen Masse am Rahmen können wichtige
Parameter wie Empfindlichkeit, Querempfindlichkeit, Eigenfrequenz oder die maximal
auftretende Spannung in den Federn beeinflusst werden.
In obiger Folie sind die Grundformen mit ihren jeweiligen Eigenschaften von Aufhängungen
für lateral bewegte Strukturen aufgezeigt, welche alle Feder-Masse-Anordnungen darstellen.
Im einfachsten Fall können die Systeme mit einem möglichen Freiheitsgrad betrachtet werden,
für die folgende Bewegungsgleichung gilt:
𝑚 ∙ 𝑥̈ + 𝑘 ∙ 𝑥̇ + 𝑐 ∙ 𝑥 = 𝐹(𝑡)𝑠
mit c als der Federsteifigkeit, x der Auslenkung, k der Dämpfungskonstanten und F der
erregenden Kraft.
Für die Berechnung der mechanischen Kennwerte von mikrotechnischen Aufhängungen
gelten unabhängig von den geringen Dimensionen die Gesetze der Kontinuumsmechanik.
7. Aktoren 69
Digital Light Processing
Lange Zeit ist die Mikroaktorik im Gegensatz zur Mikrosensorik stiefmütterlich behandelt
worden, da der breite Nutzen der kleinen erreichten Stellwege noch nicht erkannt worden war.
Durch die rasche Entwicklung in der Unterhaltungs- und Kommunikationsindustrie stieg auch
ihre Bedeutung in der Mikrotechnik rasch an. Ein sehr wichtiges Produkt stellt die DLP-Technik
(Digital Light Processing) dar.
DLP ist eine Technologie, die von Texas Instruments entwickelt wurde. Sie basiert auf vielen
kleinen mikroskopischen Spiegeln, die auf einem DMD-Chip (Digital Mirror Device) angebracht
sind. Die Spiegel sind dabei kleiner als ein Fünftel des Durchmessers eines Haares. Dabei
wird ihre Bewegung durch elektrostatische Felder gesteuert.
Abb. 60: Funktionsweise und Aufbau eines Digital-Light-Processing-Chips. (Quelle: Texas Instruments)
Das Einzelelement besteht aus einer quadratischen Spiegelfläche (16 x 16 µm), die an zwei
Torsionsfedern aufgehängt ist. Über die Elektrostatik lassen sich die Spiegel in ihrer Stellung
über der Diagonalen kippen (bis zu 5000-mal pro Sekunde). Die gesamte Struktur wird in
Oberflächenmikromechanik durch wiederholte Abscheidung von Opfer-/Maskierschichten und
Aktivstrukturen hergestellt. Die Ansteuerung der Spiegel erfolgt in digitaler Weise.
Für die Bildproduktion werden die einzelnen matrixförmig angeordneten Spiegel
(zusammengefasst als Array) beleuchtet. Ihre Kippstellung entscheidet darüber, ob sie direkt
in die Optik reflektiert oder ausgeblendet werden. Im Ergebnis entsteht ein Bild aus vielen Pixel
(ein Pixel stellt einen Spiegel dar), dessen Helligkeit dynamisch über den relativen Anteil der
Spiegelstellung „eins“ oder „null“ gesteuert wird.
Für die Farbdarstellung gibt es zwei unterschiedliche Möglichkeiten.
Bei der 1-Chip Technologie wird in den Lichtweg vor dem DMD-Chip ein Farbrad geschaltet,
auf dem Farbfilter der Grundfarben (RGB-System: Rot, grün und blau) rotieren.
Bei der 3-Chip Technologie wird das Licht nach der Lampe mit dichroitischen Spiegeln in die
drei Grundfarben zerlegt und einzeln auf drei DMD-Chips verteilt.
Heutzutage sind im Digital Light Processing Auflösungen von 2048 x 1080 möglich, dies
bedeutet eine Spiegelanzahl von ~ 2,2 Millionen Spiegeln.
70 7. Aktoren
Elektrodynamischer Wandler
Elektrodynamische Wandler beruhen auf der Kraftwirkung auf einen stromdurchflossenen
Leiter mit der gerichteten Länge im Magnetfeld B nach der Lorentzkraft (Betragsgleichung):
𝐹 =𝐼∙𝐵∙𝑙
sin(𝑙⃗, 𝐵
⃗⃗) = sin(90°) = 1
Bei der Verwendung von elektrodynamischen Wandlern wird das bewegliche Wandlerelement
über zuvor genannten Aufhängungen realisiert. Die Stromzufuhr wird über die beweglichen
Elemente geliefert. In der Aktorik stellen die erreichte Wandlerkraft und das erreichte Moment
wichtige Kenngrößen dar. Das maximal erreichbare Moment ist wesentlich von der
magnetischen Flussdichte (B) im Luftspalt und vom elektrischen Strom abhängig.
Abb. 61: Elektrodynamischer Wandler mit Wandlerelementen (1), Düsen (2), Glassubstrat (3), Wanne
zur Tintenversorgung (4), untere Dichtfläche der Düsenräume (5), Magnetsystem (6) und Flussleitblech
(7).
Elektrodynamische Wandler nach obiger Skizze - Planarspule auf einem beweglichen
Siliziumsubstrat und festen Permanentmagneten - werden bspw. in MEMS-Scannern oder
Tintendruckköpfen eingesetzt.
Elektrodynamische Wandler in der Mikrotechnik müssen kleine Dimensionen aufweisen. Um
dennoch eine akzeptable Kraftwirkung zu erzielen, sind Magnetwerkstoffe mit hoher
Energiedichte erforderlich. Besonders gesinterte Permanentmagnete auf Basis seltener
Erden, wie Samariumkobalt (SmCo), sind für diese Aufgabe geeignet.
Eine weitere Realisierungsmöglichkeit von elektrodynamischen Wandlern in der Mikrotechnik
sind Permanentmagnete auf einem beweglichen Wandlerelement. Allerdings sind hiermit zu
viele Nachteile verbunden, wie bspw. die eingeschränkte Dynamik und die schwere
Prozessierung, so dass diese Aktorform selten verwendet wird.
Schrittmotor
Schrittmotoren bestehen aus einem beweglichen Teil, dem Rotor und einer festen
Komponente, den Stator. Dabei wird im Stator ein rotierendes elektromagnetisches Feld
erzeugt, das den Rotor um einen definierten Schritt weiterdreht.
Der große Vorteil von Schrittmotoren gegenüber anderen Motorkonzepten wie bspw.
Synchron- oder Gleichstrommotoren ist, dass sie dem außen angelegten Feld exakt folgen.
Somit erspart man sich die Positionsrückmeldung über Encoder, Drehgebern oder ähnlichem.
Wird allerdings ein Schrittmotor überlastet, das heißt Lastmoment >> Motormoment, kann der
Motor dem Drehfeld nicht mehr exakt folgen und überspringt einzelne Schritte.
7. Aktoren 71
Abb. 62: Die unterschiedlichen Phasen eines Schrittmotors.
Der Schrittmotor wird anhand seiner Bauform nach Reluktanz- und Permanentmagnet
Schrittmotoren unterschieden.
Beim Reluktanzschrittmotor besteht der Rotor aus einem gezahnten Weicheisenkern. Bei
Weicheisen verschwindet nach Abschalten des Statorstromes das Magnetfeld. Beim
Anschalten des Stromes fließt der magnetische Fluss durch den Weicheisenkern des Rotors.
Die Drehbewegung des Rotors entsteht durch die Verringerung des magnetischen
Widerstandes, da vom gezahnten Stator der nächstliegende Zahn des Rotors angezogen wird.
Beim Permanentmagnet Schrittmotor, wie in obiger Folie gezeigt, bestehen der Stator aus
einem Weicheisenkern und der Rotor aus Permanentmagneten mit abwechselnden
Polaritäten. Durch die Ausrichtung des dauermagnetischen Rotors zum Magnetfeld des
Stators, wird eine schrittweise Drehbewegung erreicht.
Typische Anwendungsgebiete von Schrittmotoren sind Antriebe in Schreib-/Leseköpfen in
Diskettenlaufwerken, Antriebe von Werkzeugmaschinen oder Antriebe für die Zeiger einer
Armbanduhr.
72 7. Aktoren
Sensoren
Die Sensorik stellt die Schlüsseltechnologie der Mikrotechnik dar. Während mikrotechnische
Aktoren nur in Spezialbereichen in hohen Stückzahlen Einsatz finden, haben Sensoren viele
Anwendungsbereiche in großen Stückzahlen erobert.
Sensoren
Sensoren liefern Informationen aus dem Prozess an die Steuerung. Das eigentliche
Wandlerelement wandelt mechanische, thermische oder andere physikalische bzw.
chemische Größen in elektrische Größen. Häufig werden mechanische Größen umgeformt,
bevor sie dem Wandlerelement zugeführt werden.
8. Sensoren 73
Aufbau eines Sensors
Zur Signalverarbeitung, das heißt Verstärkung, Filterung, digitaler Umsetzung, logischer
Entscheidung oder temporärer Speicherung, werden heutzutage für Sensoren meistens
mikroelektronische Schaltungen verwendet.
Messfehler
Messfehler unterscheidet man wie folgt:
• Der absolute Fehler ist die Differenz von Istwert und Sollwert.
• Der relative Fehler ist die Differenz von Istwert und Sollwert bezogen auf den Sollwert.
74 8. Sensoren
• Der Gerätefehler ist die Differenz von Istwert und Sollwert bezogen auf den
Messbereich.
• Die systematischen Fehler zeichnen sich dadurch aus, dass sie für jeden Messpunkt
einen bestimmten Betrag und ein bestimmtes Vorzeichen haben. Sie lassen sich durch
Messungen mit einer genaueren Messeinrichtung erfassen oder sich berechnen, wenn
die Zusammenhänge bekannt sind. Systematische Fehler lassen sich korrigieren.
• Die zufälligen Fehler sind nicht vorhersehbar. Sie schwanken nach Betrag und
Vorzeichen. Werden unter sonst gleichen Bedingungen mehrere Messungen
durchgeführt, so lässt sich der Einfluss der zufälligen Fehler verringern. Mittelwert und
Standardabweichung charakterisieren die Qualität der Messung.
𝜎(𝑍) = √𝑉𝑎𝑟(𝑍)
8. Sensoren 75
Messverfahren
Als Messprinzip bezeichnet man den charakteristischen physikalischen Effekt, der zur
Erfassung der Messgröße benutzt wird.
Das Messverfahren bezeichnet die Art der Anwendung und Umsetzung des Messprinzips.
Zur Fehlervermeidung werden Anti-Aliasing-Filter eingesetzt, die höhere Frequenzen aus dem
Signal entfernen.
76 8. Sensoren
Schließlich kann man nach der Ausschlagmethode oder mit einer Kompensationsmethode
messen.
Bei der Ausschlagmethode wirken sich Nichtlinearitäten der Signalwandler störend aus.
Bei der Kompensationsmethode findet ein Nullabgleich statt. Die Differenz zwischen
Messgröße und Vergleichsgröße wird in einem Regelkreis minimiert. Der Wert der
Vergleichsgröße stellt den Messwert dar.
8. Sensoren 77
Bei der Puls-Dauer-Modulation (PDM) ist die Information in die Dauer der Pulse übertragen,
die mit konstanter Amplitude in einem festen Takt übertragen werden.
Die Puls-Modulations-Verfahren können sowohl zeitdiskret als auch wertdiskret oder beides
gemeinsam sein.
Messsignalaufbereitung
Messsignale liegen meist in analoger Form vor, das heißt wert- und zeitkontinuierlich. Sollen
die Messwerte computergesteuert weiterverarbeitet werden, so ist eine Analog-Digital-
Wandlung erforderlich.
78 8. Sensoren
Kapazitive Sensoren
Wird bei einem Plattenkondensator der Plattenabstand a vergrößert oder verkleinert, so ändert
sich seine Kapazität C indirekt proportional zum Abstand. Das ergibt eine nichtlineare
Kennlinie. Je kleiner der Abstand wird, desto stärker steigt die Kapazität an.
Verschiebt man die Kondensatorplatten seitlich, so verändert sich die wirksame Fläche A. Die
Kapazität ändert sich direkt proportional zur Fläche. Damit ergibt sich bei rechteckigen
Platten ein linearer Zusammenhang und die Empfindlichkeit ändert sich nicht beim
Durchlaufen des Messbereichs.
Elektrodynamische Sensoren
Bei elektrodynamischen Messfühlern befindet sich eine Leiterschleife im Feld eines
Permanentmagneten oder auch eines Elektromagneten. Bewegt sich der Leiter, so wird in ihm
ein Strom induziert. Dabei ist es nicht von Bedeutung, ob der Magnet ruht und sich der Leiter
bewegt oder umgekehrt. Es können auch der Magnet und der Leiter in Ruhe sein und das
Magnetfeld durch ein bewegtes Weicheisenteil verändert werden. Das Weicheisen kann
normal zur Achse des Magneten bewegt werden oder in Richtung der Achse. Besonders
wirksam ist ein Queranker, der einen definierten Luftspalt zum Joch des Permanentmagneten
hat. Zur Sensierung von Drehzahlen kann man die Anordnung nach c) in Verbindung mit einer
weichmagnetischen Verzahnung verwenden.
8. Sensoren 81
Abb. 72: Unterschiedliche Prinzipien für elektrodynamische Sensoren.
Die an den Klemmen der Spulen auftretenden Spannungen sind als Kleinsignal der
Geschwindigkeit v des Magneten, des Weicheisens oder der Spule proportional.
𝑏
𝑈𝑖𝑛𝑑 = ∫ 𝐸 ∙ 𝑑𝑙 = 𝑙 ∙ 𝑣 ∙ 𝐵
𝑎
𝐸 = −𝑣 × 𝐵
Eine typische Anwendung des elektrodynamischen Prinzips ist auch der Tachogenerator oder
Gleichstromgenerator. Ein mit einer Spule umwickelter, weichmagnetischer Anker dreht sich
im Feld eines Permanentmagneten. Dreht sich die Spule mit konstanter
Winkelgeschwindigkeit, so wird eine sinusförmige Spannung an der Spule induziert. Ändert
man jeweils im Nulldurchgang die Polarität, so entsteht eine gleichgerichtete Sinusspannung,
die der Drehzahl proportional ist.
Hall-Effekt
Einer der bekanntesten Sensoren für die Magnetfelddetektierung ist der Hallsensor. Der
Hallsensor besteht aus einem Halbleitermaterial mit vier elektrischen Anschlüssen.
𝐹⃑𝐿𝑜𝑟𝑒𝑛𝑡𝑧 = 𝑞 ∙ (𝑣⃑ × 𝐵
⃗⃑)
Die Lorentzkraft lenkt die Elektronen ab. Dadurch reichern sich an einer Seite des Sensors
Elektronen an, wo hingegen auf der anderen Seite die Elektronen verarmen. Dadurch entsteht
82 8. Sensoren
ein elektrisches Feld, welches eine rückziehende Kraft auf die Elektronen ausübt. Im
Gleichgewichtszustand sind beide Kräfte gleich groß:
𝐹𝑒𝑙𝑠𝑡𝑎𝑡 = 𝐹𝐿𝑜𝑟𝑒𝑛𝑡𝑧
𝐹𝑒𝑙𝑠𝑡𝑎𝑡 = 𝑞 ∙ 𝐸𝑒𝑙𝑠𝑡𝑎𝑡
𝐼
𝑗 =𝑞∙𝑛∙𝑣 =
𝑑∙𝑤
𝑈𝐻𝑎𝑙𝑙 𝑗 1 𝐼∙𝐵 𝐼∙𝐵
𝑞 ∙ 𝐸𝑒𝑙𝑠𝑡𝑎𝑡 = 𝑞 ∙ 𝑣 ∙ 𝐵 ⟹ = ∙ 𝐵 ⟹ 𝑈𝐻𝑎𝑙𝑙 = ∙ = 𝑅𝐻𝑎𝑙𝑙 ∙
𝑤 𝑞∙𝑛 𝑞∙𝑛 𝑑 𝑑
In obiger Formel stellt j die Stromdichte, q die Elementarladung und n die Anzahl freier
Ladungsträger dar.
Im Ergebnis wird die entstandene Potentialdifferenz als Hallspannung UHall abgegriffen und
gibt Rückschluss über die Größe des magnetischen Feldes.
Widerstandssensoren
Widerstands-Messfühler sind wie die kapazitiven und induktiven Messfühler passive
Sensortypen. Zur ihrer Auswertung ist eine Hilfsenergie erforderlich. Der elektrische
Widerstand R ist abhängig von der Leiterlänge l, dem Leiterquerschnitt A und dem spezifischen
Widerstand ρ des Leiters.
𝑙
𝑅=𝜌∙
𝐴
Ändert sich aufgrund einer mechanischen Spannung die Leitergeometrie, so muss sich auch
der Widerstand ändern.
Piezoelektrische Sensoren
Piezoelektrische Kristalle und Piezokeramiken lassen sich sowohl als elektro-mechanische
Wandler einsetzen als auch als Wandler, die mechanische Größen in elektrische umsetzen,
demnach als Aktor und als Sensor. Am Beispiel eines Quarzkristalls wird der Aufbau der
Elementarzelle beschrieben und die Ladungsverschiebungen, die auftreten, wenn die Keramik
verformt wird. Die entstehenden Ladungen lassen sich von entsprechend angebrachten
Elektroden abgreifen.
𝑄 𝐹 𝑈 𝑑𝑖𝑗 ∙ 𝐹
= 𝑑𝑖𝑗 ∙ + 𝜀 ∙ ⟹
𝐴 𝐴 𝑑 𝐶
𝑄 =𝐶∙𝑈
Setzt man zwei Quarzkristalle spiegelbildlich so zusammen, dass der longitudinale Piezoeffekt
wirksam wird, so entsteht ein Kraftmesser. Die elektrische Ladung Q ist zumindest in einem
begrenzten Bereich proportional zur aufgebrachten Kraft F. Der Proportionalkoeffizient k heißt
Kopplungsfaktor und hat die Dimension As/N. Da die elektrische Ladung leicht abfließt, benutzt
man zur Signalaufbereitung Ladungsverstärker und trifft Vorkehrungen, dass der Drift die
Messsignale nicht verfälscht.
Für dynamische Messungen, bei denen es nicht auf den Gleichanteil ankommt, eignen sich
piezoelektrische Wandler erheblich besser als für statische Messungen.
Da man die Piezokeramik sowohl als Sender von Druckwellen, wie auch als Empfänger
einsetzen kann, reichen zwei solche Wandler, um die Schallgeschwindigkeit in einem Fluid
stromauf und stromab zu vergleichen und daraus die Strömungsgeschwindigkeit zu ermitteln.
84 8. Sensoren
Abb. 75: Funktionsweise des piezoelektrischen Effekts (Oben) und Beispiele für Piezosensoren (Unten).
Photodiode
Bestrahlt man den pn-Übergang einer Diode mit Photonen, deren Energie größer als der
Bandabstand (Egap) ist, so werden in der Raumladungszone Elektronen-Loch-Paare nach dem
inneren Fotoeffekt generiert und in einen elektrischen Strom umgewandelt. Durch die
Diffusionsspannung wandern die generierten Ladungsträger in das jeweils entgegengesetzte
dotierte Gebiet (Diode wird in Sperrrichtung betrieben).
8. Sensoren 85
mit Φ als Strahlungsleistung, q der Ladung, h als Plankschen Wirkungsquantum, f der
Frequenz und η(λ) der wellenlängenabhängigen Quantenausbeute.
Photodioden bestehen bspw. aus Silizium, Germanium oder auch aus Polymeren. Da das
Licht auf den pn-Übergang auftreffen muss, befindet sich dieser hinter transparenten
Elektroden. Die oberste Schicht ist dabei sehr dünn, damit die Photonen nicht bereits dort
absorbiert werden.
Photodioden werden mit flüssigem Stickstoff gekühlt, da die Wärmestrahlung bei
Raumtemperatur bereits ausreicht, um Elektronen vom Valenz- in das Leitungsband zu heben.
Anwendung in der Sensorik finden Photodioden bspw. als Empfänger von Lichtwellenleitern,
von IR-Strahlung der Fernsehfernbedienung oder auch in photoelektrischen Rauchmeldern.
Fluidische Sensoren
Die breiteste Anwendung in der Mikrofluidik finden Sensoren als Strömungs- und
Temperatursensoren.
Bei den standardisierten Strömungssensoren wird die Strömung indirekt auf eine Membran
geleitet. Die Auswertung erfolgt meistens piezoresistiv oder kapazitiv.
Abb. 77: Zwei Arten von Drucksensoren, mit piezoresistiver und kapazitiver Auswertung.
Kapazitive Drucksensoren enthalten ein in einem Siliziumchip eindiffundierten Kondensator.
Durch Druckbeaufschlagung wird der Abstand der Membran zu den Elektroden verringert. Bei
piezoresistiven Drucksensoren sind elektrische Widerstände aufgebracht. Über eine
druckabhängige Verformung der Membran und der darauf eindiffundierten
verformungsabhängigen Widerstände kommt es zur Ausbildung einer elektrischen Spannung.
Andere Bauformen von Strömungssensoren nutzen den piezoelektrischen Effekt oder die
Induktion. Der Nachteil der mechanischen Durchflussmessung ist die Abhängigkeit der
Drallkraft, des Druckabfalls und der Coriolis-Kraft von der Fluiddichte. Eine
Temperaturkompensation ist daher erforderlich, weil die Dichte der meisten Fluide stark
temperaturabhängig ist.
Viele einfache Temperatursensoren machen sich den Seebeck-Effekt zunutze.
Beim Seebeck-Effekt entsteht zwischen zwei Punkten eines elektrischen Leiters, die
unterschiedliche Temperaturen aufweisen, eine elektrische Spannung. Diese ist vom
Seebeck-Koeffizient α des jeweiligen Materials und der Temperaturdifferenz ∆T der beiden
Leiterenden abhängig:
𝑈𝑆𝑒𝑒𝑏𝑒𝑐𝑘 = 𝛼 ∙ ∆𝑇
86 8. Sensoren
Chemische Sensoren
Chemische Sensoren sollen chemische Informationen einer Probe in ein der Konzentration
proportionales Signal umwandeln. Idealerweise soll ein chemischer Sensor reversibel auf
Konzentrationsänderungen reagieren. In der Regel bestehen chemische Sensoren aus einer
element- bzw. molekülerkennenden Schicht, die mit der Probe wechselwirkt, und selektiv eine
Information der Probe in eine Sensorgröße umwandelt.
Lab-on-the-Chip
Chip-Labore (engl.: „Lab on the chip”) stellen den Versuch dar, an lebenden Zellen möglichst
viele biologische Vorgänge und Reaktionen zu erfassen. Neben der biologischen Forschung
ist vor allem die Pharmaindustrie an solchen Chips interessiert. Hier sollen schnelle
Untersuchungen zur Wirksamkeit von Medikamenten auf lebenden Zellen ermöglicht werden.
8. Sensoren 87
Auf einem Chip werden verschiedene Sensoren realisiert. Der Chip enthält ein Gehäuse und
wird in eine Nährlösung mit lebenden Zellen getaucht. Die Zellen wachsen auf den Sensoren
auf, werden mit Wirkstoffen beschickt und die Reaktion gemessen.
Messbare Parameter an einer Zelle sind:
• pH-Wert (Ansäuerung der Zelle)
• Sauerstoffverbrauch durch Zellatmung
• Morphologie der Zelle, Zellwachstum
• Elektrische Aktivität
Häufig wird für das Chip-Labor Silizium verwendet. Vor allem die geringe Dimension ist für die
Flexibilität hinsichtlich Zeit und Ort besonders wichtig. Eines der wenigen aktuellen
Einsatzbeispiele von Chip-Laboren ist der Bereich der automatisierten Ionenkanalanalyse.
Cytosensoren
Cytosensoren sind Sensoren, die die Wirkung von Cytostatika (Krebsheilmedikamente) an
lebenden Krebszellen testen. Dies ist notwendig um eine patientenindividuelle Therapie
festzulegen. Hintergrund ist, dass histologisch gleichartige Krebszellen bei unterschiedlichen
Patienten unterschiedlich auf gleiche Cytostatika reagieren.
Dabei sind die Krebszellen, die mittels einer Biopsie dem Patienten entnommen wurden,
zwischen zwei durchlässigen Membranen in einer speziellen Zellkapsel eingeschlossen und
werden über einen kontrollierten Zustrom mit Nährstoffen versorgt.
88 8. Sensoren
Abb. 80: Aufbau eines Cytosensors.
Die zu untersuchende Substanz (Cytostatika) kann in die Zellkammer eingeleitet und für einen
bestimmten Zeitraum mit den Zellen zusammengebracht werden. Resultiert daraus eine
veränderte metabolische Aktivität (Stoffwechseländerung) der Zellen, so ist auch die
Exkretionsrate (Abgabe von körpereigenen Stoffwechselprodukten) von bestimmten
Säureprodukten verändert, was zu einer Modifikation der Oberflächenladung des
potentiometrischen Sensors führt. Diese Modifikation wird vom Cytosensor System als eine
Signalveränderung gegenüber dem Ausgangswert angezeigt.
Beschleunigungssensoren
Mikrosensorik findet vor allem im Kfz-Bereich enorme Anwendungen, da der immer kleiner
werdenden Raum und die höhere Integration von Elektronik im Kfz die Vorteile der
Mikrosensorik fordern. Bei den notwendigen hohen Stückzahlen können die
Fertigungsverfahren ihre dann einsetzende Kosteneffizienz ausspielen.
Prinzipiell lässt sich ihr Einsatzgebiet in drei Kategorien unterteilen: Antriebsstrang, Komfort
und Sicherheit.
Nachfolgend werden zwei wichtige Sicherheitsanwendungen, der Beschleunigungs- und der
Drehratensensor vorgestellt.
Eine der bekanntesten Anwendungen aus dem Kfz-Bereich für die Mikrosensorik sind laterale
Beschleunigungssensoren, die ab einem gewissen Schwellwert bspw. Airbags zünden.
8. Sensoren 89
Abb. 81: Aufbau eines Beschleunigungssensors. (Quelle: Bosch)
Oberflächenmikromechanische Beschleunigungssensoren, wie in der Abbildung zu
sehen, besitzen kammartige Elektroden um das Sensorsignal zu erhöhen, auch als
Interdigitalstruktur bezeichnet. Die Massen werden üblich als seismische Massen bezeichnet.
Eine Elektrode der als Kondensator wirkenden Kammstruktur ist freitragend an einer Feder
eingespannt; die zweite Elektrode ist ortsfest mit dem Substrat verbunden.
Kommt es zu einer Beschleunigung, wirkt auf die massebehafteten flexibel aufgehängten
Elektroden eine Kraft, die in Abhängigkeit von der Steifigkeit der Anordnung zu einer
Auslenkung führt. Aus der damit verbundenen Abstandsänderung der Kondensatorelektroden
kann ein proportionales Spannungssignal gewonnen werden.
𝐴
𝐶1 = 𝜀 ∙
𝑑+∆
𝐴
𝐶2 = 𝜀 ∙
𝑑−∆
2∙∆
∆𝐶 = 𝐶2 − 𝐶1 = 𝜀 ∙ 𝐴 ∙ ( )
𝑑2− ∆2
Mikromechanischer Drehratensensor
Beschleunigungs- und Drehratensensoren sind die zentralen Messfühler, um die
notwendigen Informationen über den Fahrzustand eines Autos zur Verfügung zu stellen. Dazu
misst die Bordelektronik die Rotationsgeschwindigkeit der Räder, die Quer- und
Längsbeschleunigung des Autos, die Bewegungen des Lenkrades und die Drehrate um die
Hochachse des Fahrzeugs. Aus allen diesen Daten wird präzise errechnet, wohin das
Fahrzeug steuert und der Fahrer lenkt.
90 8. Sensoren
Abb. 82: Aufbau eines mikromechanischen Drehratensensors. (Quelle: Bosch)
Beim Drehratensensor wird die bei Kurvenfahrten oder Schleuderbewegungen auftretende
Coriolis-Beschleunigung gemessen.
Die Coriolis-Kraft FC ist eine Trägheitskraft welche auf ein, sich relativ zu einem Bezugssystem,
bewegtes System wirkt. Sie tritt auf, wenn eine Relativgeschwindigkeit bezüglich des
rotierenden Bezugssystems auftritt, welche nicht parallel zum Vektor der
Winkelgeschwindigkeit ist. Sie steht dann normal zur Winkelgeschwindigkeit Ω des
Bezugssystems und normal zur Relativgeschwindigkeit vr:
⃗⃗⃗⃑
𝐹𝑐 = 2 ∙ 𝑚 ∙ (𝑣 ⃗⃗⃑)
⃗⃗⃗⃑𝑟 × Ω
Für die Beschleunigung gilt demnach:
𝑎𝑐 = 2 ∙ ⃗⃗⃗⃑
⃗⃗⃗⃗⃑ ⃗⃗⃑
𝑣𝑟 × Ω
Kapazitive Drehratensensoren werden in Interdigitalform aufgebaut. Die beweglichen Kämme
sind an einem Mittelsteg befestigt, der über Federn nachgiebig aufgehängt ist. Die Coriolis-
Kraft kann damit die Masse des Beschleunigungsaufnehmers um einen Weg auslenken, was
wiederum zu einer Kapazitätsänderung zwischen den Kämmen führt. Diese Änderung kann
wie auch bei einem einfachen Beschleunigungssensor in einer geeigneten elektronischen
Form, wie bspw. ∆U(Ω), ausgewertet werden.
Temperatursensor
Die Temperaturabhängigkeit einer Größe X wird über ihren Temperaturkoeffizienten α
bestimmt. Er gibt an, um wie viel sich die Größe X mit der Temperatur T ändert:
1 ∆𝑋
𝛼= ∙
𝑋 ∆𝑇
Eine typische Größe zur Detektierung von Temperaturunterschieden stellt der elektrische
Widerstand dar. Man unterscheidet hierbei zwischen einem Kaltleiter und einem Warmleiter.
8. Sensoren 91
Abb. 83: Kennlinien und Symbole eines Heißleiters (NTC) und Kaltleiters (PTC).
Steigt der Widerstand mit zunehmender Temperatur, spricht man von einem Kaltleiter.
Sinkt der Widerstand mit zunehmender Temperatur, spricht man von einem Warmleiter.
Für Metalle gilt, dass mit zunehmender Temperatur die Anzahl der Gitterschwingungen im
Kristall zunimmt, die Elektronen öfters streuen und ihre Beweglichkeit abnimmt. Es gilt daher,
dass bei Metallen der Widerstand mit zunehmender Temperatur zunimmt (Kaltleiter).
Bei Halbleitern wird die Leitfähigkeit hauptsächlich durch die vorhandene Dotierung bestimmt.
Die Anzahl der von den Dotieratomen freigesetzten Ladungsträger ist stark
temperaturabhängig. Im typischen Temperaturbereich von - 50 °C bis + 150 °C ist die Anzahl
der Ladungsträger konstant und die Beweglichkeit nimmt aufgrund der Streuung ab. Der
Widerstand steigt somit bei zunehmender Temperatur (Kaltleiter).
Bei Keramiken ist die Erzeugung von Ladungsträgern im typischen Temperaturbereich von -
50 °C bis +150 °C noch temperaturaktiviert, der Widerstand sinkt also ab. Durch Anwesenheit
vieler Störladungen können aber Energiegrenzen gebildet werden, die den Widerstand
erhöhen. Mit der Materialauswahl, der Materialmischung und dem Herstellungsverfahren kann
je nach Wunsch der eine oder der andere Leitertyp eingestellt werden. Die Regel ist jedoch,
dass man mit Keramiken meist einen Heißleiter erzeugt.
Im Heißfilm-Luftmassenmesser wird einem beheizten Sensorelement durch
Wärmeübergang vom Heizelement auf den Luftstrom umso mehr Wärme entzogen, je größer
die vorbeifließende Luftmasse ist. Die so entstehende Temperaturdifferenz ist ein Maß für die
vorbeiströmende Luftmasse.
92 8. Sensoren
Glasfasern
Glasfasern sind aus der modernen Kommunikationstechnik nicht mehr wegzudenken. Ihre
Funktionsweise liegt allerdings in der Welt der Mikrotechnik.
9. Glasfasern 93
Signalübertragung
Den Ausgangspunkt bei der Signalübertragung bildet die Modulation der Lichtmenge, die
direkt mit einer Lichtquelle oder mit einem externen Modulator realisiert wird. Als
Strahlungsquellen kommen Halbleiterlaser oder auch Leuchtdioden zum Einsatz. Im
Anschluss wird das Signal übertragen. Auf der Empfangsseite wird ein amplitudenmodulierter
Lichtstrom von einer Photodiode in ein elektrisches Signal gewandelt.
Das Grundprinzip der Signalausbreitung in einer Glasfaser beruht auf der Totalreflexion. Fällt
ein Lichtstrahl auf eine Grenzfläche zwischen einem optisch dichteren Medium mit der
Brechzahl nk und einem optisch dünneren Medium mit der Brechzahl nm, so wird der Strahl in
Abhängigkeit von seinem Einfallswinkel gebrochen oder total reflektiert. Unter dem
Einfallswinkel versteht man den Winkel zwischen dem Lot auf die Grenzfläche und dem
einfallenden Strahl. Der gebrochene Strahl kann maximal einen Winkel von 90° gegen das Lot
annehmen. Wird dieser Winkel überschritten, geht die Brechung in eine Totalreflexion über.
Wird der minimale Biegeradius der Glasfaser unterschritten, so kann an der Grenzschicht von
Kern zu Mantel keine Totalreflexion mehr stattfinden und ein Teil des Lichtes entweicht aus
dem Glaskern.
94 9. Glasfasern
Glasfasertypen
Glasfasern werden anhand der Anzahl an möglichen Ausbreitungswinkeln (Moden)
innerhalb des Kerns unterschieden.
Abb. 85: Die drei wichtigsten Glasfasertypen mit Stufenprofil oder Gradientenprofil.
Bei Multimodefasern können Lichtwellen unter verschiedenen Winkeln gleichzeitig durch die
Faser gesendet werden. Aufgrund der dann unterschiedlichen Lichtwege und der damit
unterschiedlichen Laufzeiten, kommt es hierbei zu einer Signalverbreiterung. Dem Empfänger
ist es am Ende der Übertragungsstrecke eventuell nicht mehr möglich, einzelne zeitlich eng
aufeinander folgende Impulse auseinander zu halten. Daher eignen sich Multimodefasern
nicht zur Übertragung hoher Bandbreiten über große Distanzen.
Die Standard-Multimodefaser besitzt ein Stufenprofil der Brechzahlen. An den Grenzflächen
wird das Signal hart reflektiert, da die Brechzahl zwischen Kern und Mantel scharf abfällt. Der
Vorteil dieser Form ist, dass die Faser eine geringe Empfindlichkeit gegenüber Biegeverlusten
aufweist, jedoch ist die Übertragungsrate gering.
Um die Rate zu erhöhen, wird die Multimodefaser im Gradientenprofil hergestellt. Dies
bedeutet, dass die Brechzahl des Kerns parabelförmig vom Kern zum Mantel abnimmt.
Hierdurch wird erreicht, dass Randmoden, die einen längeren Weg zu überbrücken haben,
sich schneller ausbreiten können, während kernnahe Moden mit kürzerem Weg durch die hier
geringere Lichtgeschwindigkeit annähernd gleichzeitig das Ende der Faser erreichen.
Hierdurch wird eine höhere Übertragungsrate gegenüber dem Stufenprofil erreicht.
Bei Singlemodefasern (= Monomodefaser) wird immer nur eine Lichtwelle geradlinig durch
die Faser geleitet, da der Kerndurchmesser einer Singlemodefaser gegenüber der
Wellenlänge des Lichtes so klein ist, dass sich nur ein Modus ausbreiten kann. Damit sind
wesentlich größere Übertragungsdistanzen möglich. Singlemodefasern sind im Vergleich zu
Multimode-fasern teurer in der Herstellung, gewährleisten aber eine bessere
Langstreckenübertragung und können circa 50 GBit/s Daten ohne zusätzliche Verstärkung
übertragen.
9. Glasfasern 95
Modendispersion
Am Anfang des Lichwellenleiters sind zwei Impulse im kurzen Abstand folgend vorhanden.
Schon nach kurzen Zeiträumen können sich die Impulse verbreitern und schließlich im
Ergebnis überlappen (= Dispersion). Dieser Effekt kann dazu führen, dass der Empfänger
nicht mehr unterscheiden kann, ob es sich um zwei Einzelimpulse oder einen Einzelimpuls
handelt. Bei Glasfasern wird zwischen der Moden- und der Materialdispersion unterschieden.
Die zuvor beschriebene Laufzeitdifferenz wird „Modendispersion“ genannt und tritt nur bei
Multimodefasern auf.
𝑙 𝑛 ∙𝑙
Laufzeit des Grenzstrahls: 𝜏2 = 𝑣 ∙sin(𝛽
= 𝑐∙sin(𝛽𝑘
1 𝑔𝑟𝑒𝑛𝑧 ) 𝑔𝑟𝑒𝑛𝑧 )
𝑙∙𝑛 𝑛𝑚
Laufzeitdifferenz: ∆𝜏 = 𝜏2 − 𝜏1 = 𝑐∙𝑛 𝑘 ∙ (𝑛𝑘 − 𝑛𝑚 ) 𝑚𝑖𝑡 sin(𝛽𝑔𝑟𝑒𝑛𝑧 ) = 𝑛𝑘
𝑚
Materialdispersion
Während im Vakuum die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichtes und damit der
Brechungsindex (nLuft = 1) für alle Frequenzen konstant ist, gilt in durchsichtigen Körpern wie
Glas, dass die Ausbreitungsgeschwindigkeit und damit auch der Brechungsindex von der
Frequenz des eingestrahlten Lichtes abhängig sind. Dabei beschreibt der Brechungsindex
eines Mediums das Verhältnis der Ausbreitungsgeschwindigkeit einer elektromagnetischen
Welle im Vakuum gegenüber der Ausbreitung im zugrundeliegenden Material. Es gilt der
Zusammenhang, dass die Ausbreitungsgeschwindigkeit für langwelligeres Licht größer als für
96 9. Glasfasern
kurzwelligeres Licht ist. Ein Beispiel hierzu ist, dass rotes Licht (λ = 625 - 780 nm) eine größere
Ausbreitungsgeschwindigkeit als blaues Licht (λ = 430 - 500 nm) im gleichen Medium hat.
Daraus folgt, dass der Brechungsindex des roten Lichtes kleiner ist als der des blauen in der
Glasfaser.
Die aus diesem Zusammenhang resultierenden Laufzeitunterschiede nennt man Material-
dispersion.
Daraus folgt, dass sich die in ihrer Wellenlänge unterschiedlichen Anteile des eingekoppelten
Signals unterschiedlich schnell längs der Faser ausbreiten. Das Signal mit seiner endlichen
spektralen Breite erfährt demnach beim Durchlaufen der Faser auch aufgrund der
Materialdispersion eine zeitliche Verbreiterung, was im schlimmsten Fall zu einer Überlappung
der Impulse führt.
Durch Verwendung eines Lichts mit geringer spektraler Breite kann die Materialdispersion
verringert werden. Eine weitere Verringerung der Materialdispersion wird durch die Wahl eines
günstigen Wellenlängenbereichs erreicht.
Sensoranwendungen
Glasfasern findet man nicht nur in der Übertragungstechnik wieder. Glasfasern können auch
als Sensoren eingesetzt werden. Dabei wird zwischen extrinsischen und intrinsischen
9. Glasfasern 97
Sensoren unterschieden. Bei extrinsischen Sensoren ist die Glasfaser nur für den An- und
Abtransport von Licht zum eigentlichen Effekt, der das Lichtsignal moduliert, verantwortlich.
Bei der Modulation können bei unterschiedlichen Sensortypen alle charakteristischen
Merkmale von Licht beeinflusst werden. Häufig wird die Lichtstärke verändert, aber auch
Phasenunterschiede und Änderungen der Polarisation können genutzt werden. Beim
intrinsischen Sensor wird direkt das Licht in der Faser in seinen Eigenschaften verändert.
Faseroptische Sensoren besitzen viele positive Eigenschaften wie Unempfindlichkeit
gegenüber elektromagnetischen Störfeldern, Explosionseigensicherheit, Einsatzmöglichkeit in
strahlenbelasteter Umgebung und ideale Potentialtrennung.
Nachfolgend wird zu den wichtigsten Sensortypen ihre Funktion erörtert.
98 9. Glasfasern
Bei einem optischen Abstandssensor wird das aus einem Lichtleiter abgestrahlte
Lichtbündel nach der Reflexion am Messobjekt durch einen zweiten Lichtleiter aufgenommen
und durch optoelektronische Wandler in eine elektrische Spannung umgesetzt. Durch den
Austritt aus dem Faserkern in ein Medium mit anderem Brechungsindex wird die Lichtwelle
gedämpft und es kommt zu Laufzeitunterschieden.
Optische Temperatursensoren beruhen auf der Wärmeempfindlichkeit eines
Lichtwellenleiters. Bei Wärmeeinwirkung in den Kern der Faser entsteht eine Gitterschwingung
im Molekülverband des Kerns. Treffen die Lichtstrahlen auf diese angeregten Elektronen des
Moleküls, kommt es zu einer Wechselwirkung. Es entsteht im Lichtwellenleiter eine
temperaturabhängige Lichtstreuung, die um den Betrag der Resonanzfrequenz der
Gitterschwingung verschoben ist. Typische Anwendungen für optische Temperatursensoren
sind sicherheitsrelevante Anwendungen, wie die Brandmeldung in Tunneln oder
Zwischenlagerstätten für radioaktiv belastetes Material.
9. Glasfasern 99
Abb. 90: Funktionsprinzip eines Faserkreisels.
Beim Faserkreisel wird monochromatisches Licht mit Hilfe eines halbdurchlässigen Spiegels
in zwei Teilstrahlen zerlegt und in entgegengesetzten Richtungen durch eine Faser geleitet.
Aufgrund der unterschiedlichen Laufzeiten ergibt sich eine von der Winkelgeschwindigkeit
abhängige Phasenverschiebung der beiden Teilstrahlen. Nach dem Austritt aus der Faser
werden beide Teilstrahlen überlagert und die Phasenverschiebung durch die entstehende
Interferenz ermittelt.
Faserkreisel enthalten im Gegensatz zu Laserkreiseln keine Verschleißteile, allerdings werden
sie bislang noch nicht als Konsumgüter verwendet, was ihre Herstellung sehr teuer macht. Sie
kommen unter anderem in Navigationssystemen für Flugzeuge und Schiffe sowie
Unterwasserfahrzeuge als inertiale Navigationssysteme zum Einsatz.
100 9. Glasfasern
Mikrotechnische Anwendungen
Das letzte Kapitel ist ein Ausblick auf weitere Anwendungen der Mikrotechnik, wie die
Mikroskoptechnik, Magnetspeichertechnik und Nanotechnologie.
Einführung Mikroskoptechnik
Die Ursprünge der Mikroskoptechnik gehen bis in das 17. Jahrhundert zurück. Im Jahr 1605
beschäftigte sich Cornelis Jacobszoon Drebbel mit Linsen und erforschte damit
Vergrößerungen. 1665 baute Robert Hooke mit Linsen das erste (dokumentierte) zweilinsige
Lichtmikroskop. Damit erstellte er bis dahin unbekannte mikroskopische Zeichnungen
pflanzlicher Zellen. Er veröffentlichte sein Buch „Micrographia“ 1665 mit zahlreichen
mikroskopischen Zeichnungen.
Über die Jahrhunderte ist die Technik stetig verbessert worden, neue Technologien kamen v.
a. im 20. Jahrhundert hinzu, wie das Elektronenstrahl- oder das Rasterelektronenmikroskop.
Die maximal erreichbare laterale Auflösung bei Mikroskopen liegt in der Größe der
Wellenlänge des verwendeten Lichts. Strukturen eines bestrahlten Objekts kann man
demnach nur erkennen, wenn die Wellenlänge kleiner ist als die Größe dieser Struktur. Will
man noch kleinere Strukturen sichtbar machen, so hilft nur das Verkleinern der Wellenlänge
des verwendeten Lichts.
Einfache Aufbauten von Mikroskopen sind das standardisierte Lichtmikroskop oder das
Digitalmikroskop.
Lichtmikroskope bilden die Bilder in Echtfarben ab, der Tiefeneindruck entsteht mit
Stereomikroskopen (2 getrennte Okulare). Hiermit werden noch Punkte mit einem Abstand
von ca. 0,5 µm getrennt wahrgenommen. Die Auflösung bei Tiefenmessungen liegt bei
< 10 µm.
Bei der Digitalmikroskopie wird das Okular durch eine CCD-Kamera ersetzt. Die Vorteile der
Digitalmikroskopie gegenüber der Lichtmikroskopie sind eine hohe Tiefenschärfe durch eine
hohe Lichtempfindlichkeit, eine „unendliche“ Tiefenschärfe durch Verstellung des Fokus, die
digitale Bildzusammensetzung, die direkte Bildschirmmessung und die 3D-Bilderzeugung.
Nachfolgend werden verschiedene Arten von Mikroskoptechniken erklärt, die neben den
herkömmlichen Prinzipien der Vergrößerung, wie bspw. bei der Licht- oder Digitalmikroskopie,
auch andere Formen benutzen.
Röntgenmikroskopie
Der Unterschied des Röntgenmikroskops zu anderen Mikroskopen liegt darin, dass man statt
sichtbarem Licht Röntgenstrahlung nutzt, welche zunächst den Vorteil der kürzeren
Wellenlänge bietet, was potentiell höhere Auflösungen ermöglicht. Der Aufbau ähnelt hierbei
stark der Lichtmikroskopie. Man unterscheidet hierbei zwischen abbildenden und rasternden
Systemen.
Bei abbildenden Systemen wird eine Probe mit der Röntgenstrahlung durchleuchtet. Der
transmittierte Anteil der Strahlung wird auf einen optischen Sensor, wie bspw. einen CCD-
Sensor (Charge Coupled Device), abgebildet.
Raster-Elektronen-Mikroskopie
Das Raster-Elektronenmikroskop beruht auf der rasternden Abtastung der Probe mit einem
Elektronenstrahl. Durch das Erhitzen eines Wolframdrahtes (Kathode) wird ein
Primärelektronenstrahl erzeugt, der durch einen Steuerzylinder fokussiert und durch eine
Anode beschleunigt wird. Anschließend passiert der Primärelektronenstrahl
elektromagnetische Spulen, um gebündelt und fokussiert auf das Objekt zu treffen. Mit Hilfe
eines XY-Ablenksystems wird ein Zeilenraster erzeugt; die Objektoberfläche wird durch den
Primärelektronenstrahl Punkt für Punkt und Zeile für Zeile abgetastet, wodurch so genannte
Sekundärelektronen freigesetzt werden. Die Intensität der Sekundärstrahlung ist vom
102 10. Mikrotechnische Anwendungen
Neigungswinkel der Objektoberfläche abhängig. Über einen seitlich schräg angebrachten
Detektor werden die Elektronen aufgefangen. Dadurch entsteht unter anderem die Plastizität
der Objekte, denn durch die schräge Anordnung erscheinen dem Detektor zugewandte Details
heller als abgewandte. Am Detektor entstehen in einem Szintillator Lichtblitze (Szintillator =
Körper, der beim Durchgang von energiereichen Photonen oder geladenen Teilchen angeregt
wird und die Anregungsenergie in Form von Licht abgibt), die von einem Photomultiplier
elektrisch rückverwandelt und verstärkt werden. Dieses elektrische Signal wird auf den
Bildschirm eines Monitors übertragen.
Rastersondenmikroskopie
Rastersondenmikroskopie ist der Oberbegriff für alle Arten der Mikroskopie, bei denen das
Bild nicht mit einer optischen Abbildung erzeugt wird. Vielmehr steht hierbei die
Wechselwirkung einer so genannten Sonde mit der Probenoberfläche im Vordergrund.
Die Probenoberfläche wird mit der Sonde und einer darauf angebrachten Nadel Punkt für
Punkt (rasternd) abgetastet. Die sich für jeden einzelnen Punkt ergebenden Messwerte
werden dann zu einem digitalen Bild zusammengesetzt. Dabei ist die Nadel auf der Sonde
biegeweich auf einen Cantilever für hohe Empfindlichkeiten gelagert.
Konfokalmikroskopie
Das Prinzip des Konfokalmikroskops ist in obiger Folie dargestellt. Konfokalmikroskope
erzeugen optische Schnitte mit mikroskopischer Auflösung in räumlich ausgedehnten
Objekten, die (= Schnittbilder) mit einem Computer schichtweise zu einer räumlichen
Darstellung zusammengesetzt werden können.
Im Gegensatz zu Lichtmikroskopen wird in Konfokalmikroskopen das Licht von ober- oder
unterhalb der Objektebene mit einer Lochblende unterdrückt.
Fluoreszenzmikroskopie
Fluoreszenz bedeutet, dass ein Photon beim Übergang eines Elektrons von einem höheren
in einen tieferen Energiezustand eines Moleküls nach Absorption von Licht kurzer Wellenlänge
emittiert wird. Diese Eigenschaft nutzt man aus, indem man bestimmte Stoffe mit
Fluoreszenzfarbstoffen (Fluorochrome) markiert und so in einem Fluoreszenzmikroskop
sichtbar machen kann.
Stimulated-Emission-Depletion-Mikroskopie
Die STED-Mikroskopie (Stimulated Emission Depletion) basiert sowohl auf den
Grundprinzipien der Lasertechnik als auch auf denen der Fluoreszenzmikroskopie. Der
Schlüssel zur Steigerung der optischen Auflösung ist hierbei die Verkleinerung des
(fluoreszierenden) Brennflecks. Bei der Fluoreszenzmikroskopie werden Farbstoffmoleküle in
einer Untersuchungsprobe zur Emission von Licht durch einen Lichtstrahl bzw. Laserstrahl
angeregt. Das Nachleuchten der Farbstoffe wird dabei zur Verbesserung der Auflösung
genutzt.
Abb. 98: Prinzip des Schreibens und Lesens mithilfe von Magnetspeichern. (Quelle: Siemens)
Es gibt zwei verschiedene Arten von Schreib-/Leseköpfen:
• gesinterte Ferritköpfe
• Köpfe in Halbleitertechnik
Gesinterte Ferritköpfe gehören zu den Magnetköpfen. Sie bekommen ihre Schreib- und
Lesefähigkeit durch einen Elektromagneten. Diese Köpfe sind groß und können nicht sehr
dicht über der Plattenoberfläche schweben. Bei heutigen Platten könnten sie nicht mehr
zwischen Daten und Rauschen unterscheiden.
Heutzutage werden Köpfe in konventioneller Halbleitertechnik gefertigt, auch als
Dünnschichtköpfe bezeichnet. Hier sind Schreib- als auch Leseeinheit nebeneinander
gelagert. Der Schreibkopf funktioniert aber immer noch nach der Induktionstechnik. Der
Lesekopf benutzt den gigantisch magnetoresistiven Effekt. Sie werden wie Halbleiterchips
hergestellt und stellen eine komplizierte Schaltung dar. Der Lesekopf ist meistens aus einer
Nickel-Eisen-Legierung gefertigt.
Einsatzbereiche
Analyse Raster-Tunnel-Mikroskop
Wie bereits gezeigt, gibt es eine Vielzahl an Mikroskoptechniken. Allerdings ist keines dieser
genannten Verfahren so genau, zerstörungssicher und klein, wie das
Rastertunnelmikroskop (RTM). Hinzu kommt, dass es unabhängig vom Aufstellort, wie in
Luft, im Vakuum oder sogar in Flüssigkeiten arbeitet.
Fullerene
Fullerene sind neben Diamant und Graphit die dritten möglichen Modifikationen von
Kohlenstoff. Alle Fullerene haben Käfigstrukturen und sind aus Kohlenstoffatomen aufgebaut,
die sich zu fünf- und sechsgliedrigen Ringen zusammenschließen; somit sind insgesamt 12
Fünfringe notwendig, um zu geschlossenen Polyedern zu gelangen, wie sie die Fullerene
darstellen. Der wichtigste Vertreter der Fullerene besitzt die Formel C60. Jeder Fünfring ist von
5 Sechsringen umgeben und jeder Sechsring von 3 Fünf- und 3 Sechsringen. Auf einen
Fußball übertragen bedeutet dies, dass keine zwei (schwarzen) Fünfecke miteinander
verbunden sind, jedoch stehen alle (weißen) Sechsecke abwechselnd mit Fünf- und
Sechsecken in Kontakt.
Im Jahr 1985 haben die Chemiker R. Curl, H. Kroto und R. Smalley erstmals das Fulleren C60
hergestellt. Mit Hilfe eines Lasers haben sie Graphit verdampft. Hierbei entstehen allerdings
nur winzige Mengen an C60. Für diese Leistung erhielten die drei Forscher 1996 den
Nobelpreis. 1990 ist ein Verfahren entwickeltet worden, um C60 in größeren Mengen
herzustellen. Graphit wird in einer Heliumatmosphäre im elektrischen Lichtbogen verdampft.
Im dabei entstehenden Ruß sind bis zu 15 % Fullerene enthalten, die mit Toluol als
Lösungsmittel extrahiert werden können. Inzwischen werden Fullerene nach diesem Verfahren
in größeren Mengen gewonnen, wobei die Herstellung sehr kostengünstig ist (100 mg C60
kosten ca. 50 Euro).
Nanotubes
Nanotubes sind Röhren, deren Durchmesser kleiner als 100 nm ist. Besonders gut untersucht
sind Kohlenstoffnanoröhren (engl.: „carbon nanotubes“); es gibt aber auch Nanoröhren aus
Bornitrid, Sulfiden und Halogeniden.
Man unterscheidet einwandige Nanotubes (Single-walled = SWNT), die aus einer aufgerollten
Graphitschicht mit Durchmessern bis 3 nm bestehen; und mehrwandige Nanotubes (Multi-
walled = MWNT), die aus konzentrischen Graphitröhren mit Durchmessern bis zu 80 nm
aufgebaut sind. Die Enden der Röhren können geschlossen oder geöffnet sein; das Innere
kann leer oder gefüllt sein. Um von einer Röhre sprechen zu können, muss die Länge den
Durchmesser übersteigen; bei Kohlenstoffnanoröhren wurden bereits Längen von bis zu 20
cm erreicht.
Die drei Verfahren, mit denen Kohlenstoffnanoröhren hergestellt werden, sind die
Lichtbogensynthese, die Laserverdampfung von Graphit und die Gasphasenabscheidung
(CVD). Bei den beiden erstgenannten Verfahren wird Graphit elektrisch bzw. mit einem Laser
verdampft und die in der Gasphase entstehenden Nanotubes werden abgeschieden. Beim
CVD-Verfahren wird ein kohlenstoffhaltiges Gas über einen Katalysator geleitet, an dem die
Nanotubes gebildet werden.
Wissenschaftliche Visionen bei Verwendung von Nanoröhren fokussieren sich auf einen
Weltraumlift, der über Nano-Seile mit der Erdoberfläche verbunden ist.
Aerogel
Aerogele sind hochporöse Festkörper, bei denen das Volumen aus bis zu 98 % Poren besteht.
Die meisten Aerogele basieren auf Silicaten, wobei auch andere Stoffe wie Metalloxide oder
Polymere als Ausgangsbasis dienen.
Grundlagen ...................................................... 93
A Signalübertragung ........................................... 94
Typen ............................................................... 95
Aktor GMR-Effekt......................................................... 111
Elektrodynamisch............................................. 64
Elektromagnetisch ........................................... 64
Elektrostatisch ........................................... 64, 65 L
Elektrostriktiv ................................................... 65
Magnetostriktiv ................................................. 65 Laserablation ........................................................ 60
Thermostriktiv .................................................. 65 LIGA-Verfahren .................................................... 51
Ätzen Lithographie
Anisotrop.......................................................... 20 EUV ............................................................... 116
Ätzstoppverfahren ............................................ 21
Isotrop .............................................................. 19 M
Konvexe Ecken ................................................ 22
Magnetoresistiver Effekt ..................................... 108
Messfehler ............................................................ 74
B Messsignale ......................................................... 78
Biegewandler ........................................................ 34 Mikrofunkenerosion .............................................. 59
Bonden Mikroskop
Anodisch .......................................................... 56 Einführung ..................................................... 101
Ball-Wedge-Bonden ......................................... 54 Fluoreszenz ................................................... 105
Drahtbonden .................................................... 53 Konfokal ......................................................... 104
Wedge-Wedge-Bonden ................................... 55 Raster-Elektronen .......................................... 102
Rastersonden ................................................ 103
Rastertunnel .................................................. 114
C Röntgen ......................................................... 101
STED ............................................................. 106
CVD-Prozess ........................................................ 43 Mikrosystemtechnik
Definition ............................................................ 8
D Markt.................................................................. 8
Millerschen Indizes ............................................... 13
Dispersion
Material ............................................................ 97
Moden .............................................................. 96 N
DRIE-Prozess ....................................................... 52 Nanomaterialien
Aerogele ........................................................ 119
E Nanotubes ..................................................... 118
Nanotechnologie
Einkristallzüchtung Einsatzorte ..................................................... 113
Tiegelziehverfahren ......................................... 16 Entwicklung.................................................... 112
Zonenziehverfahren ......................................... 17 Materialien ..................................................... 117
Elektrodynamischer Wandler ................................ 71 Vorteile .......................................................... 114
Elektrostatische Antriebe ...................................... 68
Aufhängungen ................................................. 69
Epitaxie ................................................................. 44 O
Oberflächenmikromechanik .................................. 41
F
Festkörper ............................................................ 12 P
Festplatte Piezoelektrischer Effekt ........................................ 23
Lesen ............................................................. 109 Direkt ............................................................... 23
Schreiben....................................................... 109 Hysterese ........................................................ 31
Flip-Chip-Technik ................................................. 56 Polarisation ...................................................... 24
Formgedächtnislegierungen Reziprok .......................................................... 23
Einwegeffekt .................................................... 39 Wandler ........................................................... 26
Zweiwegeffekt .................................................. 40 Wirkungsgrad................................................... 27
Fotolithographie Piezoliniearantrieb ................................................ 36
Belichtungsarten .............................................. 48 Piezorotationsantrieb ............................................ 38
Schritte............................................................. 46 PVD-Prozess ........................................................ 45
G R
Glasfaser Rapid Prototyping ................................................. 57
122 Stichwortverzeichnis
S Widerstand....................................................... 83
Silizium
Scherwandler........................................................ 34 Eigenschaften .................................................. 11
Schichtaufbau in der MST .................................... 41 Einkristall ......................................................... 16
Schrittmotoren ...................................................... 71 Gewinnung....................................................... 11
Sensor Kristallstruktur .................................................. 12
Aufbau ............................................................. 74
Beschleunigung ............................................... 90
Chemisch ......................................................... 87
T
Cyto ................................................................. 88 Thermische Oxidation........................................... 42
Drehraten ......................................................... 90
Elektrodynamisch............................................. 81
Fluidisch........................................................... 86 V
Hall................................................................... 82 Volumenmikromechanik ....................................... 41
Induktiv ............................................................ 80
Kapazitiv .......................................................... 79
Lab on the chip ................................................ 87 W
Magnetostriktiv ................................................. 81
Wanderkeilrelais ................................................... 67
Photodiode....................................................... 85
Wanderwellenmotor.............................................. 35
Piezoelektrisch ................................................. 84
Wandler ................................................................ 26
Temperatur ...................................................... 91
Stichwortverzeichnis 123