Faust 13
Faust 13
Faust 2 ist für Fischer ein ungeheures Ärgernis. In seiner Erregung über den aus seiner
Perspektive so misslungenen Faust 2, macht Fischer in seinem langen Text zum zweiten Teile
von Goethes Faust in seiner Publikationsreihe Kritische Gänge, wo er alles mögliche
beleuchtet, 1861, einen Vorschlag, wie der Faust II eigentlich hätte aussehen müssen. Bei
Fischer hätte Faust mit schrecklichem Gewissenswissen nach dem Tod Margarethes
angefangen, Schriften der Reformatoren zu lesen, hätte die Möglichkeit bekommen, am
kaiserlichen Hofe Gutes zu bewirken.
Mephisto aber schaffe es vorübergehend, ihn ganz von den guten Intentionen abzuziehen, ihn sogar
am Papsthof der Borgias noch tiefer in Verbrechen zu versenken. habe Faust erkannt, dass er
damals, als er sich bestimmen ließ, mit seinem guten und hohen Zweck es an Höfen mit Fürsten zu
versuchen, schwer irrend in die Bahn geriet, die ihn abwärts bis zu diesem Äußersten am Papsthof
führte, er hat vor allem beschlossen zu büßen, arm zu werden und mit eigener Hand die mütterliche
Erde zu bauen. Das ist jetzt nicht augenzwinkern gemeint.
Das ist der ernst gemeinte Alternativvorschlag. Faust habe, so Fischer weiter, vergessen, dass er für
das Volk kämpfen wollte. Das Herz fürs Volk hatte er auf dem schlüpfrigen Pfade verloren.
Nun will er mit dem Volke entbehren, leiden, arbeiten. Ich, Fischer, behaupte, dass Faust durch
diese Lebensform geführt werden muss. Soll er der Menschheit Wohl und Weh auf seinen
Busenhäufen, das ist ein Originalzitat Faust 1, so muss er auch arm, ein armer Arbeiter, ein
Proletarier werden, er muss auch das durchwandern, er muss auch das kosten, wie es tut, sein Brot
im Schweiß des Angesichtes essen.
Faust gewissermaßen als Bauernführer im 16. Jahrhundert. Das alles aber ist nur ein Vorschlag
von Fischer, hier ganz kurz als ein inhaltlicher Entwurf ausgeführt.
Im selben Jahr, 1861, setzt er sich hin und schreibt eine grandiose Literatursatire mit dem Titel
Faust der Tragödie dritter Teil in drei Akten, treu im Geiste des zweiten Teils des götischen Faust.
1886 erscheint eine zweite umgearbeitete und vermehrte Auflage. Und mit der befasse ich mich.
Sensationell. Schauen wir uns das Titelbild einmal genauer an. Faust, der Tragödie, dritter Teil, treu
im Geiste des zweiten Teils des götischen Faust, gedichtet von Deutobold Symbolizetti Allegoriovic-
Mystifizinski.
Das ist eins der sensationellsten Dichterpseudonyme, das ich kenne. Das beinhaltet alles, was
Fischer über Goethes Faust II denkt. Deutobolde sind diejenigen, die sich daran das Hirn zermaten.
Goethe ist ein Symbolizetti, ein Allegoriovic und ein Mystifizinski. Einer, der mit hermetischen
Symbolen und nicht verstehbaren Allegorien spielt und so alles mystifiziert, was er dort zu Papier
gebracht hat. Deutobold, Symbolizeti, Allegorijovic, Mystifizinski.
Das kann man sich nur einfach mehrfach auf der Zunge zergehen lassen. Eine ganz wunderbare
Idee. Schauen wir uns den Text in groben Zügen an.
Ich kann hier tatsächlich nur in groben Zügen darstellen. Die zweite Fassung ist inklusive des auch
noch darzustellenden höchst metafiktionalen Nachspiels 224 Druckseiten lang. Das ist also schon
etwas. Die Grundkonstellation ist einfach. Faust ist nach dem Ende der Bergschluchten-Szene bei
Goethe noch nicht im Himmel angekommen. Viele im 19.
Jahrhundert haben sich darüber aufgeregt, dass Faust angeblich viel zu schnell und unumständlich
in der Bergschluchten-Szene in den Himmel gehoben werde. Ich habe versucht, Ihnen zu zeigen,
dass Faust Unsterbliches alles andere ist als Faust, aber das sah man im 19. Jahrhundert anders.
Faust ist also nicht im Himmel angekommen, sondern in einer Art Vorhimmel. Dort lebt er mit
Lieschen. die wir von der Brunnen-Szene kennen.
In der ersten Fassung war es Gretchen. Das hat Fischer dann aber nicht mehr so gut gefallen, weil
Gretchen in der zweiten Fassung so erlöst ist durch ihre tragische Geschichte, dass sie direkt in den
Himmel aufrücken durfte. Dort in diesem Vorhimmel lebt Faust mit Lieschen.
die Gretchen gegenüber am Brunnen über das Bärbelchen gelästert hatte, zusammen, ich zeige
Ihnen Lieschen gleich, keine Sorge, und unterrichtet, also Faust unterrichtet, so wie es in der
Bergschluchten-Szene angedeutet war, den Chor Seliger Knaben. Zitat Faust, den Jungen soll ich
Faust, den zweiten Teil erklären. Gegenstand seines Unterrichts gegenüber den seligen Knaben ist
der zweite Teil des Faust, den er denen erklären soll.
Direkt nebenan haben Valentin und Bärbelchen, also das Mädchen, über das Lieschen lästert, und
Valentin, der Bruder Margaretes, den Faust ersticht, eine Gaststätte. in der viele der kommenden
Szenen spielen. Lieschen hat in 1.1 einen langen Monolog, in dem sie das Ganze anmoderiert. Ich
bin das Lieschen, das am Brunnen trug, einst des Gespräches mit dem Gretchen pflog. Erinnert
euch, wie sie aus meinem Munde vom Bärbelchen vernahm, die schlimme Kunde.
Weil ich nun damals so moralisch sprach, ließ mir der Herr in seiner großen Gnade des Fegefeuers
heiße Qualen nach und läutert mich auf minderhartem Pfade. Er wählte mich nach meines
Lebensendung zu sonderlich bedeutungsvoller Sendung. Er nannte mich zu Hochgewichtgestelle.
Im Himmelsvorraum, an der heiligen Schwelle, darf ich als Faust die Seelenfreundin leben, bis wir
gereift, ins Heiligtum zu schweben. Das arme Gretchen, das zu hart gebüßt, ihr ist jedwede
Läuterung erlassen. Faust, so stellt sich im weiteren Verlauf des ersten Aktes von Dreiern heraus,
muss, um tatsächlich in den Himmel aufgenommen zu werden, eine Reihe von Prüfungen bestehen,
auf die ich gleich zurückkommen werde.
Im achten Auftritt des ersten Aufzugs stellt eine tiefe Bassstimme ihm diese Verpflichtung vor. Auf,
Dr. Heinrich Faust, es ist genug geschmaust.
Dir reicht das Schicksal jetzt noch einen Bittern. Noch einmal sollst hinab, du, zu den Müttern." Als
Faust ein wenig einknickt, Sagt dieselbe Stimme etwas milder.
Zu deiner Hilfe soll der Valentin, du Hasenfuß, mit dir hinunterziehen. Drei Prüfungen sind
ausersehen. Man hofft, du werdest sie bestehen.
Die erste ist nicht gar zu schwer. Heiß geht es bei der zweiten her, wird Feindesmacht auch
überstark stampft und euch hilft Überlebensmarkt. Die dritte ist noch schwerer.
Prüf dich als treuen Lehrer. Faust tritt allerdings schon früher auf als hier. in der achten Szene, als er
erfährt, was in den zwei Folgeakten passieren muss.
Er wird schon vor der Ansage des Geistes, der hier mit tiefer Bassstimme spricht, kleineren
Prüfungen unterzogen. In 1, 2, unmittelbar nachdem Lieschen das Ganze anmoderiert hat, lernen
wir ihn kennen, als einen, der zur Strafe Eine Diät, eine strenge Diät üben muss. Kartoffeln, Lattich,
Pfade, Pflanzenkost. Vegan sozusagen. Der keines Alkohols sich erfreuen darf. Er ist widerstrebend
einverstanden.
Wo sage ich mir im Namen der Moral den Grund und Zweck von dieses Dabens Qual? Doch ist es
jedem eingeboren, das ein Gefühl hinan und vorwärts strebt, wenn vor dem Geist in Stille reif
gegoren, mit holdem Dampf ein Sauerkräutchen schwebt, wenn zart geräuchert neben
Schweinesrüssel ein Wurstpaar dampft in der Wackernschüssel, die nebst Verzeih, ich muss ein
wenig schmatzen, bayerische Knödel oder Schwabenspatzen, dazu ein Tröpfchen edles Firnes nass
vom Keller aus dem Lagerbier gelassen. In dem dritten und vierten Vers denkt man ja noch, Faust
habe noch etwas. von dem strebenden Intellektuellen übrig behalten, doch ist es jedem eingeboren,
das sein Gefühl hinan- und vorwärts strebt, spätestens aber, wenn in holdem Dampf ein
Sauerkräutchen schwebt, ist diese intellektuelle Schwebensillusion auf jeden Fall erloschen.
Erkenntnisabsicht, Aus Faust I und aus Faust II, egal ob wir daran denken, dass ich erkenne, was
die Welt im Innersten zusammenhält oder ob es heißt, am farbigen Abglanz haben wir das Leben in
der anmutigen Gegend, in Faust II. Erkenntnisabsicht ist durch biederzünftige Begierde nach, wenn
auch verbotener, Hausmannskost ersetzt. In 1,3 versucht Mephisto vieles, Faust mit einem Küchen-
und Fresstraum von Schinken und Würsten und allem Möglichen zu essen, zu verführen, wird aber,
weil Lieschen Valentin von nebenan herbeiruft, von diesem mit einer Malzschaufel aus dem Zimmer
hinausgeworfen.
Also Mephisto. Eine erste Prüfung, die Faust mit Hilfe sozusagen bestanden hat. Schauen wir uns
den Lobgesangskorps der unsichtbaren guten Geister einmal an.
Das mache ich hier intensiv, weil dies der kürzeste Lobgesangskorps ist, der sich auf eine
bestandene Prüfung Fausts bezieht. Der taucht immer wieder auf und ist immer ein Genuss zu
lesen. Für mich zumindest.
Ich weiß nicht, ob Sie diesen Genuss teilen können. Dieser Chor, der auf die erste gelungene
Prüfung erfolgt, ist ein Modell für alle entsprechenden Chöre, auf die ich nach den folgenden
bestandenen Prüfungen nur auszugsweise zurückkommen werde. Der Chor also im Gesang, der
seligen Geister glücklich erstanden.
Das ist eine Parodie auf das Christ ist erstanden mit dem Faust von der Selbstmordfantasie im
ersten Faust im Studierzimmer gewissermaßen gerettet wird. glücklich erstanden, selig der
Sterbliche, welcher die reizende, küchengewerbliche, sinneneinheizende, brätelnde, schmatzige,
fleischliche, gänzliche, prickelnde, salzige, quirlende, brenzliche, wurstliche, fettige, lockend,
barbettige, lüsterne, kitzliche, gaumenerhitzliche, weinlich, bespitzliche, schmatzende, bitzliche,
malzige, hopfige, spundenfortklopfige, seideleinspritzliche, gährende, bockige, schäumende,
flockige, mittelbar nützliche Prüfung wenn auch mehr nun tatsächlich mehr dem Erfolg als dem
Verdienste nach bestanden. Das ist, wie ich eben schon andeutete, eine aus meiner Perspektive
stilistisch fast kongeniale Parodie auf dem Gesang der Engel nach Fausts Selbstmordphantasie.
Christ ist erstanden, Freude dem Sterblichen, den die verderblichen, schleichenden erblichen
Mängel umwandeln. Das gleiche Textmuster, das Fischer hier sozusagen bis zum Abwinken
durchspielt. Und es ist das Muster, wie gesagt, für alle weiteren Prüfungsgesänge des Chors.
Die zweite Prüfung noch im ersten Akt, bevor Faust überhaupt von den drei Prüfungen, die noch
folgen, erfährt. Die zweite Prüfung inszeniert Mephistopheles. Faust ist es, um seines Seelenheils
willen, strengstens untersagt, die Knaben, die er unterrichtet, so frech und renitent und
relegationswürdig sie auch sein mögen, die Knaben körperlich zu züchtigen.
Mephisto redet den Knaben allerhand Schülerstreiche ein. Sie werfen mit Knallerbsen, legen etwas
Kleberiges auf seinen Stuhl, sägen den Zeigestock an und so fort. Und Faust, als er hereinkommt,
riecht er den Teufel.
Zitat, es ist so schwül, so dumpf ichi. Das ist der Satz von Margarete, als sie in ihr Zimmer
zurückkommt, nachdem Faust und Mephisto am Abend ein kleines, reinliches Zimmer dort gewesen
sind. Und Faust lässt sich provozieren.
Er hebt den Zeigestopp zur Prügelstrafe, weil er vom Mephisto den dummen Einfall hatte, dass die
Kinder ihn ansägen könnten, zerbricht er, bevor überhaupt irgendetwas passieren kann. Auch diese
Prüfung also besteht er durch diesen glücklichen Zufall glücklich erstanden, selig der Sterbsliche,
welcher die herbstliche, beinahe verderbsliche, heil doch erwerbsliche, knallende erbsliche,
erbsliche knallende, rutschende, fallende Prüfung bestanden." Zitat Ende.
Das allerdings sind nur Vorstufen zu den wahren Prüfungen, die auf Faust zukommen und die
Gegenstand des zweiten Aktes sind, in den hinein Faust, wie gesagt, mit Valentin geht. Wir hören es
schon von jener tiefen, furchtbaren Bassstimme in 1,8. Faust und Valentin müssen zunächst zu den
Müttern.
Diesmal allerdings anders als in Faust 2 sehen wir die Mütter. Es gibt sie wirklich. Sie sitzen in einer
tiefen Höhle und die Regieanweisung sagt, der Raum, in dem die Mütter sitzen, ist eigentlich gar
kein Raum.
Es ist fast ein Unraum, in dem die Mütter sitzen. Kaffee trinken und aus allerlei Zeug Figuren
basteln. Als Faust hineinkommt, verschwinden sie.
Allerdings erscheint plötzlich Helena aus einer Seitenspalte der unterirdischen Höhle. Euphorion
erscheint wie im zweiten Faust, hüpfend und schwebend und singend. Ich zitiere ihn.
Bin nicht nur Sang und Klang, sondern auch Tatendrang, nicht nur Geistsüberschwang, sondern
auch Don Juan. Als er zu knapp über Valentin und Faust hinfliegt, nimmt Valentin ihn kurzerhand
aus der Luft und verabreicht ihm eine Tracht Prügel auf den Hosenboden. Helena, Zitat, entsetzt
vom Anblick dieser grausen Schaudertat, gibt verhauchend ihre Seele jetzt zurück, so sagt sie, in
das geheimnisvolle Müttermagazin." Zitat Ende. Sie lässt ihre Krinoline, also ihren Reifrock, zurück
und zerfällt. Fausts Reaktion darauf, dass von Helena nur der Reifrock überbleibt.
Uh! Dieser Wendung Tiefsinn ist enorm. Es bleibt vom Antiken nur die Form. Genau getroffen, was
Goethe mit dem Spiel mit Helenas Kostüm am Ende des dritten Aktes von Faust 2 gewissermaßen
gemacht hat. Auch Euphorion springt aus Überdruss, Zitat, mit einer heftigen Stellung ans Gewölbe
auf und fällt zerplatzt in Form von Guter Percher Lappen herunter. Guter Percher ist eine Art
Naturgummi. Faust, Zitat, Bühnenanweisung, stößt die Lappen mit dem Fuße zu den
Krenolinenresten. und sagt, fort mit dem Plunder und zertreten sei die tatenfaule Humanisterei.
Helena und Euphorion werden gewissermaßen in ihren Überbleibseln nur noch mit Füßen getreten.
Damit hat er die Prüfung bestanden.
die Helena-Prüfung wie der Gesang unsichtbarer guter Geister bestätigt. Die zweite Prüfung in 2,5
ist noch aber witziger. Eine Menschengestalt, ein Mann mit einem Stierkopf und ein Löwe treten auf
und mit Hilfe eines Bauern kann Faust den Löwen, den Mann mit dem Stierkopf und auch die
Menschengestalt besiegen.
Prüfung bestanden, wieder der Chor. In der letzten Prüfung treten Schatten oder Schemen, ein
großer Hund, ein kleiner Fuchs, der verschiedentlich anspielt, auch sprachlich und durch Zitate
anspielt, auf Goethes Vers etwas Reinecke Fuchs und eine Meute rotgestreifter Katzen auf. Alle
diese Tiere bepinkeln, entschuldigen Sie dieses Wort, bepinkeln wie Heineke Fuchs in Goethes 1.
Epos in dem Schlusskampf mit dem Wolf ihren Schweif und wischen das Tier Urin durch die Augen
von Faust und Valentin und schwächen damit deren Widerstandskraft. Zwei himmlische Gestalten
allerdings helfen Faust und Valentin mit neuen Schwertern, was ermöglicht, dass die
Tiererscheinungen wieder verschwinden. Die, ich zitiere, kritische, griffige, schwindelhortpfiffige,
fuchsschweifbeschiffige, reineckefossige, keineswegsbossige, wirklich kanossige Prüfung Der
Chorus mysticus unterbricht wegen Konjugationsproblemen, die jetzt erfolgen müssten.
Und nach einem kurzen Zwischenspiel setzt der Chor fort. Doch noch mit Hilfe des Beistands der
Geister älterer Meister und wenn man ungeniert sonderlich konjugiert diesmal stetset statt Prüfung
bestanden hat, bestanden haben wird, wirklich nur kurz beirrt, noch hat bestanden. Auch diese
Prüfung ist geschafft.
Die Mütter treten noch einmal kurz auf. Valentin wirft sie schlicht und einfach an die Wand, wo sie in
Papierfetzen verwandelt hängen bleiben, so wie die Bühnenanweisung sagt. Der Chor feiert die
Vernichtung und schließt.
Sagen wir Amen nach dem Examen. Damit ist aber das Ende der Prüfungen, denen Faust
unterworfen werden muss, noch nicht erreicht, bevor er in den Himmel darf. Der Erzengel Michael
sagt nämlich in 3,1 zu Mephisto, er dürfe Faust noch einmal prüfen.
Dann darfst du noch einmal ihn fassen. Zu Fausti Sanctificatur bedarf es noch einer Doppelkur,
einer trockenen und einer nassen. Du darfst sie leiten, darfst für seine Nerven nach Lust die
Läuterung schärfen.
Die erste Kur findet statt in Valentins Wirtshaus. Faust wird entkleidet und Valentin muss ihn kitzeln,
zunächst sanft. Dann härter, zuletzt schlagen, richtig festschlagen und dann Rückwärts vom
festesten Schlagen wieder bis zum sanftesten Kitzeln gehen.
Die trockene Prüfung. In einer letzten Prüfung wird Faust wiederum nackt von einer gleichsam
brutalen Rund-um-Massage-Dusche von Thales, den Nereiden, Tritonen und anderen
Wassergöttern, die alle die klassische Walpurgisnacht bevölkern, auf das Härteste abgespritzt. Und
nach vollzogener Tortur Faust erhebt sich langsam vom Boden, während ihm ein Kostüm anwächst,
weißer Frack, weiße Weste und Beinkleider.
An den Schultern werden durch die geöffneten Nähte Rudimente von Flügeln sichtbar, sagt der
Doktor Marianus. Zu Faust? Flutenumflossener, wasserbeschossener, wirksam begossener, nun
desinfekterer, saubergeleckterer, sichtlich perfekterer, mutig erhebe dich, irdischer Streberich, bald
wirst du schweberig. Dr. Marianus, der noch viel Vergleichbares sagt, inszeniert Faust-Purgation,
also die letztliche Reinigung vor dem Auffahren in den Himmel, so wie die brutalen Aufnahmerieten
studentischer Burschenschaften. Schon in 3,6 nennt er die kommenden Prüfungen die Fuchsentaufe
oder den Fuchsenstoß. Fuchsentaufe und Fuchsenstoß sind sozusagen Spezialtermini der
burschenschaftlichen Riten, die die Aufnahme in den Kreis der Burschenschaft betreffen.
Fuchsentaufe und Fuchsenstoß werden an Faust vollzogen. Damit sind wir zwar faktisch noch nicht
am Ende, weil 3.11 noch eine lange Szene ist, in der gewissermaßen die Himmelfahrt vorbereitet
wird.
An deren Ende jedoch sagt die BA Also die Bühnenanweisung, wir kommen gleich nochmal darauf
zu sprechen, dass tatsächlich Faust mit allen Anwesenden in den Himmel auffahre. Auch hier gibt
Dr. Marianus die Anweisung.
Empor nun ganzes Auditorium, aufschwingt euch zum Emporium, allwo unbeschnipfelt, die Idee sich
gipfelt, wo das I sich tüpfelt, wo der Weltbaum wipfelt, wo die Weltwurst zipfelt. Während sämtliche
leibhafte Personen sich anfassen und nach der Höhe des Wolkenberges zu schweben beginnen,
ertönt ein Chorus Mysticus. wie am Ende von Faust 2.
Dieser Chorus Mysticus allerdings, bei Fischer, ist die brutalstmögliche Karikatur des Schlusschors
von Faust 2. Dort nämlich hieß es, alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis, das Unzulängliche, hier
wird's Ereignis, das Unbeschreibliche, hier ist es getan, das Ewigweibliche zieht uns hinan. Und bei
Fischer, in der Karikatur, das Abgeschmackteste, hier ward es geschmeckt, das Allervertrackteste,
hier ward es bezweckt, das Unverzeihliche, hier sei es verziehen, das ewig Langweilige, zieht uns
dahin.
Und Fischer setzt dem Ganzen noch ein poetisches, ein metapoetisches Nachspiel hinzu. Zwar sind
jetzt Faust und einige andere emporgehoben in den Himmel, Valentin und Berbel wollen aber im
Vorhimmel bleiben, weil es im Himmel möglicherweise gar nicht so zünftig zugeht, wie sie es gerne
haben. In Valentins und Bärbels Gaststube spielen die zwei Szenen des Nachspiels, des sehr
langen Nachspiels.
Als erste trifft eine neue Lieferung zukünftiger Himmelsgäste ein, und zwar Goethe-Forscher. Die
Stoffhuber und die Sinnhuber. Diejenigen, die sich der positivistischen Entdeckung von Quellen und
Bezügen, vor allem auch meist unsinnigen oder zufälligen Bezügen zu biografischen Details aus
Goethes Leben begnügen.
Das sind die Stoffhuber. Gesang der Stoffhuber. Was um sechs Uhr oder sieben, wann er diesen
Vers geschrieben, was vielleicht präzis halb achte, als er zu Papiere brachte, diesen Einfall, diesen
Witz, Und auf der anderen Seite die Sinnhuber, die jede einfache wörtliche Bedeutung eines Verses
im Text eines Wortes strikt ablehnen und hinter allem die tiefste philosophische Bedeutung
fantasieren.
Gesang der Sinnhuber. Lebe hoch die tiefere Deutung, bloß exaktes ist von übel, hoch die
philosophische Häutung, Schälung dichterischer Zwiebel. Die beiden Gruppen geraten derartig in
Streit miteinander, die haben dann auch alle sprechende Namen wie Denkocke und so weiter, der
gehört natürlich zu den Sinnhubern, die geraten in Streit miteinander, der zur Schlägerei ausartet, so
arg, dass Valentin sie aus seiner Gaststätte hinauswerfen muss.
Das Ganze ist eine umfangreiche 37 Druckseiten lange Philologensatire und wenn man die Faust 2
Erforschung insbesondere der Jahre bis 1886 daneben legte, würde man Figuren identifizieren
können, als ganz bestimmte Kollegen von Fischer an verschiedenen Universitäten, die genau das
entweder in Vorlesungen oder in Publikationen gesagt haben, was hier karikiert wird. Das ist auf den
Punkt. Die Goethe-Philologie der Zeit, die hier durch den Kakao gezogen wird.
Zuletzt aber in der zweiten Szene des Nachspiels tritt ein alter Herr auf, als die Kneipe wieder leer
ist. Ein alter Herr. Der Auftritt mit den Worten, hineingeheimnisst habe ich dies und das, damit sie
tüchtig auszuraten kriegen, schon recht.
Doch lustiger ist der Spaß, wenn sie die Stieg hinunterfliegen. Der alte Herr hat also mitgekriegt,
dass die Goethe-Philologen von Valentin die Treppe hinuntergeworfen sind. Der alte Herr ist Goethe
selbst. der zunächst mit Bärbelchen und Valentin Smalltalk betreibt und ein bisschen stolz ist über
Valentin, denkt er beiseitesprechend, ein Staatskerl, darf ich selbst mir sagen, den ich gemacht in
meinen besten Tagen. Zitat Ende. der dann aber von einem hinzukommenden Unbekannten
angesprochen wird, der sich als Verfasser der Literatursatire, die wir gerade lesen, vorstellt,
Friedrich Theodor Fischer.
Der nennt den Grund für seine Parodie. Verstehen kannst du meines Spottes born, Erkrankte Liebe
ist mein ganzer Zorn. und Fischer erläutert, also die Fischerfigur erläutert Goethe, der Goethe-Figur,
wie er beim Götz von Berlichingen, beim Echmond, beim ersten Faust, um nur Dramen zu nennen,
auch beim Wilhelm Meister in den Lehrjahren, ein glühender Verehrer Goethes gewesen sei und wie
das Spätwerk, insbesondere der Faust 2, einen Schandfleck auf diese Verehrung gesetzt habe.
Aber vorher schon, hat die Fischer-Figur auch diese Goethe-Kritik gewissermaßen relativiert und
gewissermaßen in eine andere Richtung gelenkt. Hätt ich's mit dir allein zu tun, ließ ich vielleicht die
spitze Feder ruhen. Allein die blind lobpreisenden Verehrer, nussknackerisch-scholastischen
Erklärer, Kleinmeister, brillenauigen Magister, die Famuli, die Pietätsfilister, die Goethe-Reifen, die
Goethe-Pietisten, die selbstgefällig Diamantelnisten, nur dieses Volk, für welches du ein Gott ist
schuldig, dass mein Tadelwart zum Spott.
Da liefert er noch einmal einen bitteren Seitenheb auf die Goethe-Philologie der eigenen Zeit. Und
nimmt die Goethe-Philologie als den eigentlichen Grund für die Satire, die aus der Befassung mit
Faust II entstanden ist. Und die Goethe-Figur gibt zu, wie unbequem auch dieser Flegel spricht,
gestehe ich mir, ganz Unrecht hat er nicht.
Man hat mir es doch am erreichten Ziele im Himmelslicht auf einmal selber klar, dass ich zuletzt ein
alter Schnörkler war. Also ein Ornamentenmaler, einer der lieber mit Allegorien und Bildern spielt,
als irgendetwas zu sagen. Ich bezweifle, dass der zweite Faust nur Allegorien, Spielerei ist und nur
Schnörkelei.
Ich glaube, ich habe Ihnen auch gezeigt, dass man damit was anfangen kann. Fischer konnte es im
19. Jahrhundert nicht, wie quasi niemand in diesem Jahrhundert.
Schließlich wird die Fischer-Figur des Nachspiels von Mephisto in die Hölle gezogen. Wird bestraft
sozusagen, aber Goethe, also die Goethe-Figur sagt abgehend, er werde an gehöriger Stelle relativ
zügig ein gutes Wörtchen für Fischer einlegen, damit auch er aus den Qualen errettet werde. Finis
operis.
Schon in der Frühromantik Also vor 1800. Bisher war vor 1800 nur das Fragment der götischen
Dichtung bekannt, noch kein Faust I. Schon vor 1800 in der Frühromantik begann eine letztlich
unheilvolle Interpretationsrichtung des Fauststoffs und zwar am Gegenstand des götischen
Fragments.
Friedrich Schlegel formulierte erstmals die Nationalisierung des Stoffes. Man finde, so sagt er in
Fragment 545 in seinen Fragmenten zur Poesie und Literatur, man finde, Zitat, im Faust die
deutsche Mythologie wie die alte Mythologie im Dante. Zitat Ende. Manuel Bauer, der ein ganz
wundervolles Buch über den literarischen Fauststoff 2018 vorgelegt hat, fasst das so zusammen.
Faust, ehe dem Inbegriff des verzweifelnden Melancholikers wird in Schlegels Auslegung von
Goethes Fragment als titanischer Gemütskraft- und Tatenmensch gefeiert, der er im Fragment noch
war. Das ist noch gewissermaßen in Anführungszeichen Urfaustbeginn, also ohne die letztlich
klassizistischen Aneignungsstrategien, die Goethe dem Text oder Annäherungsstrategien, die
Goethe dem Text angedeihen lässt.
Schlegels Interpretation, so Manuel Bauer weiter, sollte sich vor Selbstständigen und einer wichtigen
Rezeptionsrichtung das Wort reden. Faust wird schon hier, wenn auch noch zurückhaltend, zum
Synonym und das ist Aus meiner Perspektive eine grandiose Fehllektüre von 150 Jahren
Faustphilologie oder Faustbefassung wird zum Synonym für einen nationalkulturellen
Überlegenheitsanspruch der Deutschen. Und Bauer sieht bei Friedrich Schlegel meines Erachtens
zurecht, Zitat, Grundzüge zu einer Ideologie des Faustischen.
Bauer fasst zusammen, Faust ist von Schlegel an der expansive, ohne Unterlass von Begierden und
Unersättlichkeit angetriebene, dabei aber stets abgründige und unrettbare Tatmensch. mit dem im
Nationalsozialismus der Erwerb von Land in Anführungszeichen, das heißt also die kriegerische
Besetzung von Land im Osten und im Westen, gerechtfertigt wird in der DDR und in der
Sowjetunion. Jeder sogenannte Kollateralschaden sozialistischer Wirtschaft, einige Millionen Tote in
der Hungerkrise, in der Ukraine und andernorts unter Stalin, einige Millionen, diese
Kollateralschäden werden gerechtfertigt von der DDR-Philologie.
Philemon und Baucus müssen sterben, weil kleinbürgerliches Eigentum unter sozialistischen
Bedingungen keinen Platz hat. Das steht da ernsthaft. Faust wird als der Tatmensch, als der
vielleicht Unrettbare, aber für das Deutsche stehende Tatmensch ideologisiert.
Und das beginnt in Schlegels Fragmenten. In die Geschichte der Nationalisierung des Stoffs gehört
Fischers Faust 3. Einerseits im Blick auf seine Entstehung und Vorgeschichte.
Fischers Alternativa, Faust II, Sie erinnern sich an den Bauernführer von eben. Fischers Alternativa,
Faust II, fordert nahezu eine nationale Weiterführung des Stoffes. Also ein Faust als Weiterführer
der Ideen Thomas Münzers und Ulrichs von Hutten.
im Kontext der Reformation, die deutsche Revolution, die Faust anführt. Die Satire, Faust 3, wie ich
Ihnen eben etwas ausführlicher vorgeführt habe, karikiert einerseits den Ausgangstext, stilistisch aus
meiner Perspektive oft kongenial, also das ist ein fantastisches Stück Literatur, und andererseits
karikiert der Text aber auch das nationalistische. in der filiströsen Sauerkraut-Semmelknödel-
Fantasie Fausts im ersten Akt, genauso wie in der scharfen Polemik gegen die deutschen
Philologen, die, gleich ob Sinn oder Stoffhuber, als Goethe-Pietisten veralbert werden.