0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
86 Ansichten418 Seiten

Krieg

Hochgeladen von

mihail
Copyright
© All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen
0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
86 Ansichten418 Seiten

Krieg

Hochgeladen von

mihail
Copyright
© All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen

LUDWIG RENN: KRIEG

J3///S
LUDWIG RENN

KRIEG

FRANKFURTER SOCIETÄTS-DRUCKEREI G. M. B. H.
ABTEILUNG BUCHVERLAG, FRANKFURT AM MAIN
ENTWURF DES EINBANDES UND SCHUTZUMSCHLAGS VON ALBERT FUSS

GAÄl

21.-30. TAUSEND

ALLE RECHTE VORBEHALTEN


COPYRIGHT 1929 BY FRANKFURTER SOCIETÄTS-DRUCKEREI G. M. B. H.
PRINTED IN GERMANY
FRANKFURTER SOCIETÄTS-DRUCKEREI G. M. B. H.,
FRANKFURT AM MAIN
DANK AN FRITZ HERBERT LEHR
VORMARSCH
Vorbereitungen
Ich war am Tage der Mobilmachung Gefreiter
geworden. Zu meiner Mutter hatte ich nicht mehr
fahren können und hatte ihr Abschiedsgrüße ge­
schrieben, Am Tage des Ausmarschs bekam ich ihre
Antwort:
Mein Junge! Bleibe treu und halte Dich recht,
das ist alles, was ich Dir schreiben kann. Wir
haben hier sehr zu tun. Dein Bruder ist auch ein­
gezogen, und wir beiden Frauen müssen alles
allein machen. Mit den Enkeln ist noch nicht zu
rechnen. Ich schicke Dir ein Paar warme Socken
mit. Leb wohl! Deine Mutter,
Ich steckte den Brief in meine Brieftasche und
ging in die Kantine, mir noch etwas Briefpapier zu
holen. Leute liefen auf den Gängen, In der Kantine
standen sie vor dem Schanktisch.
„Du, Ludwig!" Ziesche schob mir grinsend ein
Schnapsglas hin, „Auf den ersten Russen!"
Ich stieß mit Ziesche an.
Max Domsky, die „Perle“, saß auf einem Tisch
und baumelte mit den Beinen. Er sah einen nach
dem andern an und freute sich,
Im Hintergrund hielt ein bärtiger, dicker Ge­
freiter eine Rede: „Die sollen sehen, was deutsche

7
Hiebe sind, die Hunde!" Es stieß ihn auf. „Ich
kenne das Gelichterl — Ich war nicht umsonst
drei Jahre in Paris! — Wenn nur ein deutscher
Landstürmer kommt, laufen sie schon davon! —“
Ich hatte das Briefpapier gekauft und ging
hinaus. Die „Perle“ kam mir nachgelaufen. Ich sah
ihn nicht einmal an.
„Freust du dich nicht?" fragte er.
„Doch!“ sagte ich frostig.
„Du bist nicht unten geblieben?"
„Ich kann das Gerede nicht leiden!"
Er schwieg. Ich merkte, daß er mir etwas sagen
wollte.
Als wir in unsrer Stube waren, setzte ich mich
auf einen Schemel und fragte: „Nu, was hast du
denn?"
Er setzte sich an den Tisch und sah mich an,
als erwartete er etwas von mir. Meine Frage schien
ihm gar keine Frage gewesen zu sein.
„Fürchtest du dich vor dem Kriege?" fragte ich.
„Die freuen sich doch alle."
Ich dachte nach. Sicher hing das, was ihn gerade
beschäftigte, mit dem Kriege und der Todesgefahr
zusammen.
„Ludwig!"
Ich erschrak. Er hatte mich noch nie Ludwig
genannt.
„Ich habe keinen Vater.“ Er sagte das, wie man
jemand ein Stück Brot hinlegt. Was sollte ich da­
mit tun? — Ihm die Hand geben? — Dieser Mensch
war gar nicht rührselig.
„Max," sagte ich, „du hast aber einen Bruder!“
Ich schämte mich.

8
Er sah mich ganz ruhig an. Er hatte mich ver­
standen! Und dabei verstand er sonst oft die ein­
fachsten Dinge nicht.
Er zeigte keinerlei Freude. Sagte auch nichts,
sondern machte sich fertig zum Antreten. Ich nahm
den schweren Tornister auf den Rücken. Ich er­
wartete auch von ihm nichts mehr. Einige kamen
hereingepoltert. Ich ging noch einmal auf den
Abort und dann die Treppe hinunter zum Antreten.
Ich hatte das Gefühl, daß meine Augen ganz außer
mir umher sähen, während ich selber ganz in mir
war. Meine Beine bewegten sich, das Gepäck war
schwer, aber das hatte mit mir nichts zu tun.

Bahnfahrt
Wir traten auf dem Kasernenhof an. Hinter
uns wurden die Wagen bespannt. Der Leutnant
Fabian kam vergnügt gegangen, einen kleinen,
schwarzlackierten Tornister wie einen Schulranzen
auf seinen breiten Schultern. Er trat vor uns hin
und sagte:
„Ich brauche euch keine Rede zu halten. Wir
sind ja eine Familie! Und eine Perle haben wir,
Gott sei Dank, auch in unsrer Familie!"
Wir lachten. Das war gut, dachte ich; jetzt
wissen die Reservisten auch gleich, was unser Leut­
nant für einer ist. Denn fast alle liebten die Perle,
wenn er auch als Idiot galt.
„Dritte Kompanie — stillgestanden! — Mit
Gruppen rechts schwenkt — marsch! — Halt! —
Kompanie — marsch!" Die Musik setzte ein. Die
Pauke dröhnte von den Kasernenwänden. Ich mar­

9
schierte in der vordersten Gruppe. Vor dem Ka­
sernentor war eine Menschenmenge aufgestaut und
machte uns Platz.
„Mach’s gut, Emil!“ rief jemand.
„Hurra!" schrien ein paar Jungen.
„Wie 1870!" hörte ich leise sagen und begegnete
einem alten Herrengesicht, aus dem mich zwei
graue Augen freundlich ansahen. „So ging ich da­
mals auch hinaus," sagte er zu mir, und ich war
vorüber und sah andre Menschen.
Ein Nelkenstrauß flog mir an die Brust. Ich fing
ihn gerade noch und sah mich um. Am Straßen­
rand stand eine und lachte mich unter einem tief
sitzenden Hut an.
Helle Sonnenschirme waren aufgespannt, darun­
ter Damen mit großen Hüten. Auf einmal sah ich
rechts meinen Onkel aus der Menge ragen. Er
schwenkte den Hut über seinem Kopf und lachte
mich an. Ich wußte nicht, wie ich wieder grüßen
sollte, und war verlegen. Aber ich freute mich.
Wromm, wromm, wromm dröhnte die Pauke
unter der Eisenbahnbrücke und wurde dahinter
wieder Wumm, wumm, wumm.
Wir rückten auf den Güterbahnhof, Dort legten
wir das Gepäck ab und warteten.
Ein paar Damen gingen umher mit blumenge­
schmückten Körben und verteilten Brötchen und
Schokolade.
Langsam rollte der Zug heran. Es waren Güter­
wagen, an deren Schiebetüren Birkenäste steckten,
Für die Offiziere war ein Wagen dritter Klasse.
An die Wagenwände waren mit Kreide Inschriften

10
und Bilder gemalt, kleine Männer mit großen
Köpfen und Franzosenkäppis darauf.
Ungewöhnlich günstiges Angebot!!!
Freie Fahrt!
Einziges Risiko ein paar Schüsse!
Dafür direkt nach Paris!
Ein Signal wurde geblasen.
„Dritte Kompanie an die Gewehre! Gepäck und
Gewehr in die Hand nehmen! Einsteigen!"
Sie drängten sich, zuerst hineinzukommen, wegen
der günstigen Plätze. Bänke ohne Lehnen stan­
den in den Wagen. Ich hatte gar keine Eile. Die
Leutnants liefen am Zuge entlang. Irgend jemand
rief aus dem Wagen etwas. Eine Lokomotive kam
mit schwarzen Rauchballen, die sich drehten, lang­
sam die Schienen her. Wieder rief einer etwas. Ich
fuhr in die Höhe. Hatte nicht die Perle schon
mehrmals nach mir gerufen?
Er reckte den Kopf aus dem Wagen: „Ich hab'n
Platz für dich!" Er fuhr zurück und hatte drin einen
Streit mit einem. Sie schienen es darauf abgesehen
zu haben, den Platz immer wieder zu besetzen, so­
bald er nach mir schrie.
„Na,“ rief der Leutnant, „wie lange soll denn
das noch dauern?“
Die Perle hatte mir einen Platz an der linken
Wand offen gehalten. Da konnte ich mich an die
Wand lehnen, aber ich konnte nicht hinaussehen.
Draußen wurde Verschiedenes gerufen. Die Loko­
motive pfiff, und der Zug rollte langsam fort. Wo­
hin ging es? — Nach Rußland, sagte man. Wie sieht
Rußland aus? Hier scheint die Sonne. Rußland
konnte ich mir nur als graue Oede denken.

11
„’s geht nach dem Westen!“ rief einer an der
offnen Schiebetür. „Wir sind eben abgebogen. Es
geht nach Paris!"
„Hurra! Hurraaa!“ schrien Kinderstimmen
draußen.
An der Tür sangen sie „Deutschland, Deutsch­
land über alles“ ins Stoßen der Räder hinein. Der
Gesang wurde allgemein. Im Nachbarwagen sangen
sie schwermütig langsam:
Marie, Marie, das ist mein Nam,
den ich vom Regiment bekam.
Ich tausch mit keiner Fürstin nich,
sie lebt nicht glücklicher als ich.
Wieder brüllten Kinder Hurra, und wieder
wurde mit einem Lied geantwortet. Der Sonnen­
schein wurde auf den Gesichtern der an der Tür
Stehenden rot, Ziesche sah ich mit seinen weißen
Zähnen lachen, aus lauter Freude, daß etwas ge­
schah.
Dann wurde es schnell dunkel. Im Wagen war
es heiß von der Sonne, die den Tag über auf dem
Dach gebrütet hatte. Wir fuhren langsamer und
hielten.
Ein Lichtschein fiel auf die rechte Wagenwand.
„Aussteigen zum Essenempfang!"
Man regte sich, wurde wach, stand auf. Im
Dunkeln kramte man nach Kochgeschirr und Eß­
besteck. Elektrische Taschenlampen gaben grelle
Blitze.
Wir stiegen über die Bänke, traten draußen an
und wurden in eine große Holzbude geführt. Kar­
bidlampen standen auf Tischen von frischem Holz.
Hinter einer Tafel gaben Damen Rindfleisch mit

12
Nudeln aus. Ein uralter Mann in Oberstenuniform
ging auf und ab. Unter der niedrigen Mütze hing
sein weißes Haar bis auf die dicken Achselstücke.
Die Fahrt ging weiter. Gleichmäßig schlugen die
Räder. Von der Tür her wurde es kühl. Die Perle
war ganz auf mich gesunken. Schließlich schlug sein
Kopf auf meine Knie. Davon wachte er halb auf
und begann wieder zu sinken. Ich schlief noch
nicht. Ich dachte auch nicht. Aber ich war nicht
ruhig.

Ich wachte von einer Unruhe auf. Jemand


drängte sich von hinten an mich.
„Laß mich mal durch. Ich kann's Wasser nicht
mehr halten.“
Ich zog die Perle an mich heran. Er wachte
nicht auf. Der andre mußte einen nach dem andern
wecken. Als er zurückkehrte, waren die meisten
schon wieder eingeschlafen und mußten noch ein­
mal geweckt werden. Es war dunkel und recht kalt.
Rings war Unruhe.

Ich wachte wieder auf. Es war Dämmerung. Die


Perle schlief noch. Er sah schmutzig und elend aus.
Einige dehnten sich gähnend.
Es wurde noch kälter, obwohl die Sonne kam.
Die Perle wachte auf und lachte mich ver­
schlafen an.
„Ich hab Hunger,“ sagte er und öffnete den
Tornister unter der Bank. Dabei stieß er mit dem
Kopf an den vor ihm.
„Laß einen doch schlafen!" knurrte der, er­
munterte sich und fing auch an zu essen.

13
Der Zug hielt.
„Aussteigen zum Kaffeeholen!"
„Da kann man doch seine Knochen wieder
sammeln!"
Wir stiegen aus, reckten uns und liefen umher.
Auf einem offnen Wagen thronte unsere rauchende
Feldküche, Die Köche in Mänteln gaben mit der
Kelle den Kaffee in die Feldkessel.
Wir fuhren wieder. Manchmal sah ich etwas von
vorbeilaufenden Bäumen oder Häusern. Ich ver­
suchte aufzustehen. Aber das Gepäck lag überall
am Boden umher und ließ einen nicht fest stehen.
Draußen schrien Kinder Hurra. Wir sangen.
Ein paar spielten auf den Knien Skat.
Der Abend kam und die Nacht, Die Bänke
wurden immer härter. Ich lehnte immer links an
der Wand und fühlte mich schief gebogen,
„Da ist der Rhein!"
Man drängte sich nach der Tür. Ich gab es
nach einem kurzen Versuch auf, dahin zu kommen.
In andern Wagen sangen sie schon die „Wacht am
Rhein". — Bin ich nicht glücklich daran, einen Krieg
zu erleben! Es ist doch irgendeine Loslösung. Wie
schlimm für die, deren Jugend ohne das vergeht!
Ich zündete mir eine Zigarette an. Die Nacht
war endlos. Ich lag seitlich eingeknickt an der
rüttelnden Wagenwand und versuchte, mich besser
zu setzen. Aber die Perle rutschte bei meinem
Versuch vornüber und ich zog ihn mühsam wieder
einigermaßen zurecht. Ich wachte mehrmals von
dem Schmerz in der Seite auf. Mein Kopf schlug
mit etwas zusammen. Das war der Kopf der Perle,
der mir über den Knien hing.

14
Am nächsten Morgen tauschte ich meinen Platz
mit der Perle, um einmal etwas anders zu sitzen.
Draußen schien wieder die Sonne. An der Tür
sprachen sie davon, was sie sahen. Weinberge soll­
ten da sein und Burgruinen. Ich schlief bald wieder
ein und wachte erst zu Mittag völlig auf.
Was sahen alle schmutzig und unrasiert aus!
Aber sie waren auf ihre Weise vergnügt...
Auf einer Station gab es Mittagessen. Dann
fuhren wir weiter. An der Tür sagten sie, wir
führen durch ein enges Waldtal.
Wir hielten.
„Aussteigen!"
Wir kletterten über die Bänke hinaus. Ein
Stationsgebäude und mehrere kleine Häuser. Jen­
seits stieg ein Waldberg auf. Wir waren steif und
setzten das Gepäck zusammen.
„Wo mögen wir sein?“ fragte ich den Ziesche.
Der lachte nur.
„Wir können gleich mal nachsehen," sagte ein
älterer Unteroffizier sehr deutlich. Er war wohl
Lehrer. „Da habe ich eine Karte. — Ich denke, wir
müssen hier in dieser Gegend sein."
Seine Karte war augenscheinlich aus einem
Schulatlas gerissen und war nicht sehr genau. Aber
ich sah doch, daß wir noch weit von Frankreich
entfernt waren.
Unterdessen wurden die Feldküchen und andere
Wagen losgebunden und auf den Bahnsteig gezogen.
Ohne darauf zu warten, bis sie fahrbereit wären,
marschierten wir ab. Es ging an einem Bach ent­
lang. Die Sonne schien noch heiß. Aber das Mar­
schieren nach dem langen Sitzen belebte. Nach

15
anderthalb Stunden kamen wir in ein Dorf. Am
Eingang warteten die Quartiermacher auf uns.
„Erster Zug hier in die Scheune!“
„Hier ist aber wenig Stroh!“
„Sie sagen, sie hätten jetzt keins.“
Wir legten das Gepäck ab und gingen wieder
auf die Straße. Wir waren vergnügt und kauften
uns Wein, der hier billig war. Ich setzte mich mit
Ziesche damit auf den Bock eines Wagens, der
hinter unsrer Scheune stand. Der Mond schien
schon. Eine feuchte dünne Luft kam vom Bach
herauf. Wir gingen noch ein Stück spazieren in der
hellen Nacht. Als wir in die Scheune zurückkamen
und tastend unsre Plätze suchten, schnarchten
schon alle.

Märsche
Am nächsten Tag begannen die Märsche. Die
Tage waren heiß, und wir waren nicht ans Gebirge
gewöhnt. In den ersten Tagen blieben viele an der
Straße liegen, im Schatten einer Eberesche, mit
aufgerissenem Rock und dem Taschentuch auf dem
Kopf. Dann gewöhnten sie sich daran. Wir über­
schritten mehrere Höhenzüge und tauchten in ein
tiefes Tal. Jenseits ging es in einem Birkengrund
steil aufwärts. Schon von den Höhen, von denen
wir kamen, hatten wir gesehen, daß das Dorf, nach
dem wir sollten, auf der höchsten Kuppe lag. Die
ersten Märsche waren kurz gewesen. Heute mutete
man uns schon eine große Leistung zu.
Wir mußten mehrmals rasten. Die Sonne
brannte in das Tälchen, in dem wir uns schon seit

16
Stunden aufwärts schoben. Endlich wurde es
flacher. Die Straße wandte sich rechts um. Da lag
das Dörfchen gedrängt auf der Kuppe, Kanonen
und Munitionswagen standen auf der Straße.
Wir bogen auf einen Acker und schlugen Zelte
auf. Noch brannte die Sonne. Wir zogen uns ganz
aus, hängten das durchschwitzte Zeug draußen auf
und legten uns ins Zelt. Ich schlief nicht. Es war
zu heiß dazu. Durch die Zeltbahn über mir drang
ein braunes Licht. So lag ich wohl eine Stunde.
„Die Feldküche ist da!“
Wir zogen uns halb an und holten Essen und
Kaffee.
Später saß ich mit Ziesche und der Perle am
Hang, wo man weit über das Tal hin und die Berg­
züge sah. Ich fühlte mich leicht und still. Schatten
krochen die Berge hinauf. Es wurde immer dunkler
um uns. Aber das Licht auf den Höhen blieb.
Da kam ein sonderbarer murrender Ton wie ein
leiser Trommelwirbel und wurde immer stärker.
Auf einmal hinein ein Bläserakkord! Von unsern
Zelten liefen sie nach dem Dorf. Auch Ziesche lief
dahin. Wahrscheinlich spielte unsre Regiments­
musik.
Wir marschierten gegen die belgische Grenze.
Ich hatte mich seit dem Ausmarsch nicht rasiert
und hatte eine Krause ums Kinn, fast durchsichtig
blond und ganz weich. Das kam mir ziemlich
schlapp vor. Einige wollten sich nicht rasieren, bis
der Krieg zu Ende wäre. Ich hätte es schon gern
getan, aber ich dachte: vielleicht kommt man dann
längere Zeit nicht dazu und muß den Bart stehen
Renn, Krieg 2
17
lassen; und dann sind einem die andern mit dem
Bart voraus.
Nach einem kurzen Marsch saßen eines Nach­
mittags die Offiziere unter einem breiten Baum an
der Straße. Einige spielten Skat. Unser dünner
Hauptmann, der allgemein verhaßt war, saß im
Grase, und der große, dicke Leutnant Fabian hatte
eine Haarschneidemaschine in der Hand und hatte
dem Hauptmann die eine Seite des Kopfes schon
geschoren. Er machte alle möglichen Schwünge mit
den Armen dazu und klapperte mit der Maschine
in der Luft.
„Jetzt müssen mir Herr Hauptmann gehorsamst
parieren!" rief er, „Sonst laß ich Herrn Hauptmann
gehorsamst so."
„Ich werd' Ihnen schon helfen!"
„Ich schere Herrn Hauptmann nur weiter, wenn
mir Herr Hauptmann gehorsamst einen Wunsch
erfüllen!"
„Die Hälfte meines Königreichs können Sie gern
kriegen!"
„Ich bitte Herrn Hauptmann gehorsamst, nicht
zu spaßen!"
„Ja, was wollen Sie denn haben?"
„Das muß ich mir erst mal überlegen,"
„Das wär ja noch schöner! Wenn Ihnen nichts
einfällt, dann darf ich wohl so bleiben?"
„Herr Hauptmann werden einem armen Leut­
nant doch etwas Bedenkzeit gewähren!"
Da fiepten auf einmal Querpfeifen, und Trom­
meln schlugen ganz in der Nähe. Der Leutnant
sprang auf und rief: „Da kommt das zweite Batail­
lon!" und lief mit der Haarschneidemaschine davon.

18
Der Hauptmann saß im Gras und schimpfte:
„Spitzbube! — Sie kriegen 'ne Flasche Sekt! —
Der Halunke hört nicht!"
Unser Bataillonskommandeur saß daneben, und
es stieß ihn vor Lachen.
Wir kamen an die belgische Grenze. Da gab es
einen Aufenthalt. Sie haben die Straße aufgerissen
und Sperren gebaut, hieß es.
Wir marschierten weiter. Ein Zollhaus. Dann ein
französisch beschriebener Wegweiser.
„Wo ist denn die Straße aufgerissen?" fragte ich
ungeduldig.
„Nu, du latschst ja eben drüber!" lachte
Ziesche.
Wie, das war alles? Ein paar Steine aus der
Straßenpflasterung gerissen! An der Straßenseite
standen die Stümpfe von Bäumen, in über ein Meter
Höhe abgehackt, und die Bäume lagen auf der
Wiese, Fichten, so gleichmäßig gewachsen und so
hoch und gerade, wie ich noch nie welche gesehen
hatte. Damit hatten sie die Straße gesperrt? Es
tat mir um das schöne Holz leid.
Von den Telegraphenstangen hingen zerschnit­
ten die Drähte, damit wir nicht telephonieren
könnten, Rechts stand ein kleines Haus. Ein Mann
lehnte an der Tür, die Mütze tief ins Gesicht ge­
zogen, und stierte uns an. Der Mann haßte uns.
Weshalb muß man sich hassen, wenn man gegen­
einander Krieg führt?
Etwas entfernter von der Grenze wurden die
Einwohner freundlicher. Aber immer blieben mir
die Belgier unheimlich. Wir stellten in den Nächten
sorgsam Wachen aus. Auch die Offiziere schliefen
2*
19
nie einzeln in Häusern; denn man erzählte sich von
nächtlichen Morden, und daß die Belgier schreck­
lich grausam wären.
Das Land wurde immer bergiger. Wir marschier­
ten durch große Laubwälder. Dann kam ein Tal mit
Landhäusern und eine Stadt. Und dahinter ging es
steil auf einen Berg, weil wir abseits der Straße
übernachten sollten.
Sonderbar war manchmal das Sonnenlicht zu
Mittag auf den kahlen Bergrücken. Nackt waren
die Rücken und das Licht darauf gelbbraun, aber
nicht traurig, sondern mit einem Schimmer, der
mich fremd stimmte.
Wir näherten uns der Maas. Dort gibt es eine
Schlacht, sagte man. Eines Abends kamen wir in
ein Dorf und wußten alle: das ist das letzte Quar­
tier vor der großen Schlacht.
Auch am nächsten Tage blieben wir dort. Wir
hatten uns gemeinsam von dem Bauer, bei dem wir
lagen, ein Schwein gekauft und kochten es in
kleinen Kochlöchern in seinem Obstgarten. Unter­
offizier Zache setzte sich zu uns. Er war schon in
den letzten Tagen gedrückt gewesen. Jetzt saß er
am Feuer und hing zwischen seinen Knien.
„Ich komme nicht zurück,“ sagte er.
Was sollte ich dazu sagen? Daß Ziesche und
die Perle nichts dazu sagten, war selbstverständ­
lich. Er erwartete nur von mir etwas, oder er­
wartete er nichts?
Der Einjährige Lamm saß auch dabei. Der sah
Zache mit großen, ruhigen Augen an. Lamm war
mir vom ersten Tag an, wo ich ihn gesehen hatte,
lieb gewesen. Aber ich hatte eine Scheu vor ihm.

20
Und er hatte, wie es schien, eine Scheu vor allen
Menschen, besonders aber vor Zache, den er,
glaube ich, haßte. Und Zache behandelte ihn auch
sehr schlecht. Lamm war nämlich sehr ungeschickt
in allen körperlichen Dingen, dazu schwächlich. In
seinen, übrigens sehr ausdrucksvollen Augen war
fast immer eine Aengstlichkeit, die Zache zu ärgern
schien, mir aber gefiel. Daß Lamm aber durchaus
kein Kommando richtig abgeben konnte, das miß­
fiel auch mir an ihm,
„Renn!" rief der Leutnant Fabian vom Hause
her, „Machen Sie eine Patrouille mit?"
„Jawohl, Herr Leutnant!"
„Ich will auch mit!“ sagte Ziesche ruhig.
Wir gingen zu Fabian.
„Gut!" sagte er, „Kommen Sie auch mit! Aber
jetzt beeilt euch! In weniger als einer Stunde ist
es schon dunkel. Und bis dahin müssen wir noch
weit!"

Auf Patrouille
Wir waren sieben Mann mit dem Leutnant.
„Gewehr umhängen! Ohne Tritt — marsch!"
Die Perle kam uns nachgelaufen.
„Da hast du ein Stück Wellfleisch!” flüsterte er.
„Aber 's tropft!" Er gab mir das warme, wabblige
Stück in die Hand,
„Ich danke dir," sagte ich. „Aber was soll ich
jetzt damit tun?"
„Steck's doch in den Feldbecher!" sagte er und
blieb zurück.
Ich hakte den Feldbecher vom Brotbeutel ab,

21
drückte es hinein und steckte den Becher aufrecht
in die rechte Rocktasche. Es wärmte mein rechtes
Bein. Ich lächelte in mir, wegen des warmen Ge­
fühls, und auch weil er mir das nachgebracht hatte.
Aber dann wurde ich aufmerksam.
Wir gingen an dem vordersten Posten vorbei in
den schon dämmrigen Wald. Der Weg war steinig
und ging steil abwärts in einen Grund. Der Leutnant
schritt eilig voran. Vielleicht wußte er schon Ge­
naueres über die Stellung der Franzosen. Wir be­
mühten uns, nicht so laut zu gehen, aber es ging
bei den Zweckenstiefeln nicht anders. Dunkel stan­
den die Fichten in der stillen, klaren Luft.
Eine schmale, halb verfallne Brücke führte über
eine Schlucht, in deren Tiefe ein dünnes Wasser
rauschte. Der Weg ging steil aufwärts. Zwischen
den Bäumen war es unheimlich schwarz, während
der Himmel in der Weglücke noch leicht strahlte.
Der Leutnant blieb stehen und winkte mit der
Hand, still zu sein. Wir standen. Beim Atmen
knirschte das neue Lederzeug.
Es ging weiter. Wir mußten uns schon dem
nächsten Bergkamm nähern. Der Leutnant blieb
öfter stehen. Kein Geräusch war zu hören, nicht
einmal ein Flügelschlag oder ein Rascheln im ge­
fallenen Laub. Der Wald hörte rechts auf. Eine
Höhe war vom Himmel begrenzt. Wir verließen den
Weg nach links und schlichen am Waldrand ent­
lang. Unter uns war kurzes Gras. Links fiel der
Wald in ein dunkles, tiefes Tal. Einige hundert
Meter vor uns hing schon ein Nebelstreifen an
einem Wald vorsprung. Dort hielten wir. Es war

22
schon ziemlich dunkel. Der Leutnant winkte uns
um sich herum.
„Jenseits der Höhe fließt die Maas, Ob die
Franzosen auf unserm Ufer sind, weiß ich nicht.
Aber wenn sie auf unserm Ufer sitzen, dann sitzen
sie nicht unmittelbar davor. Hier am Waldrand ist
es gefährlich weiterzugehen, wegen Ueberraschun-
gen. Rechts auf der Höhe läuft eine Straße, da sind
wahrscheinlich Posten und Patrouillen. Also in der
Mitte. Die Leute auf der Straße müssen wir gegen
den Himmel sehen, dagegen können sie uns gegen
den Wald nicht sehen."
Wir gingen in einem Haferfeld vor. Es hatte
stark getaut. Die Halme bogen sich um die Beine
und ließen knallend los. Meine Hosen waren schon
bis zum Rockschoß durchnäßt.
Zwei Spuren im Getreide! Die Halme lagen in
derselben Richtung, in der wir gingen. — War das
eine Patrouille gewesen? Zwei Mann wären dafür
reichlich wenig. Es müssen schon Zivilisten ge­
wesen sein. Daß die durch den Hafer gegangen
sind, ist verdächtig. Die haben sicher spioniert,
Surrrr! fährt es vor uns auf! Mein Herz stockt.
Wir stehen. Nur ein Rebhuhn! Ich schämte mich.
Der Leutnant lachte etwas verlegen.
Wir schritten weiter in die graue Dämmerung
und kamen auf eine flache Höhe. Auf einmal
stockte der Leutnant. Er winkte mit der Hand nach
unten. Ich kniete nieder.
Ein sonderbares Geräusch kam von vorn, wie
ein Klirren von Draht.
„Was ist das?" flüsterte der Leutnant.
Die Hufe vieler Pferde im Galopp auf uns zu!

23
Ich entsichre das Gewehr. Der Leutnant knackt
an seiner Pistole. Die Hufe immer näher! Ich bringe
das Gewehr in Anschlag. Jähes Halten drüben!
Drähte klirren. Durchschneiden sie jetzt den Draht­
zaun? — Nichts ist zu sehen als unbestimmtes
Grau. Sie können nur fünfzig Schritt vor uns sein.
— Die Drähte klirren immer noch. Mir läuft eine
Gänsehaut über den Rücken. Was ist das nur? —
Ich setze das Gewehr ab. Der Leutnant beginnt ge­
bückt vorzuschleichen. Wir gehen mit, das Gewehr
bereit. Er bleibt stehen und schleicht weiter. Er
kniet nieder und zeigt nach vorn. Undeutlich be­
wegt sich etwas vor uns. Es sind Rinder, Der Leut­
nant steckt die Pistole ein.
,,Da haben wir uns aber nasführen lassen! Es
sind Rinder, die sich am Drahtzaun schaben, und
Pferde, die herumgerannt sind."
Wir bogen nach rechts am Drahtzaun entlang.
Ein paar Bäume und Häuser erschienen. Nirgends
Licht. Wir schlichen links an den Häusern hin. Ein
kurzer Weg zwischen Steinmauern, Dann fiel die
Wiese sanft ab. Wir kamen an den Rand, wo es
steil in die Tiefe ging, in der es stark rauschte.
Dicker, weißer Nebel hing unten.
„Dort unten fährt wohl eine Eisenbahn?“
sagte ich,
„Es ist nicht gut möglich, daß hier noch Züge
fahren. Das muß die Maas sein. Aber ich wundre
mich auch, daß sie so laut rauscht. — Jetzt müssen
wir versuchen, hinunterzukommen."
Er tastete vorwärts. Geröll war am Hang. Er
kam ins Rutschen. Ich faßte ihn am Arm. Aber er

24
rutschte weiter. Ziesche faßte mit an, und wir zogen
ihn herauf. Er zitterte etwas, sagte aber nichts.
Wir gingen nach links am Hang entlang, einen
Pfad zu suchen. Die Wiese hob sich wieder. Wir
kamen auf eine kleine Kuppe, von der es nach drei
Seiten steil abfiel. Wir blieben an einem wilden
Rosenstrauch stehen.
„So viel ist sicher," sagte der Leutnant, „daß man
hier nicht mit Truppen hinunterkann. Das sollten
wir nämlich feststellen. — Wir werden hier rasten.
Vor Ueberraschung sind wir ja sicher.“
Ich breitete meine Zeltbahn aus und setzte mich
mit dem Leutnant und Ziesche darauf. Der Becher
war in der Rocktasche umgefallen. Die ganze Tasche
war von der Brühe fettig. Glücklicherweise war
sonst nichts in der Tasche gewesen.
Ich teilte das Fleisch mit dem Taschenmesser,
und wir aßen es zu dritt. Ziesche gab Brot und
Fabian hartgekochte Eier.
Es fing leise an zu regnen.
„Wir müssen bis zum Morgen hier bleiben,"
sagte der Leutnant, „um uns noch einmal bei Tage
die Gegend anzusehen. Aber hier wird es elend kalt
und naß. Wir werden mal sehen, ob wir nicht im
Dorf unterkommen können."
Mir kam das Uebernachten im Dorf bedenklich
vor. Die Belgier sollten ja schon mehrfach in der
Nacht welche umgebracht haben. Und zudem konn­
ten wir nicht wissen, ob nicht im Dorf sogar feind­
liche Soldaten steckten.
Wir kamen an den ersten Gutshof. Er war von
einer hohen Mauer umgeben, fast wie eine Burg.

25
Das Tor stand offen. Mehrere Hunde schlugen im
Hause an. Fabian ließ zwei am Tor zurück.
„Sofort, wenn Gefahr ist, schießen!" flüsterte er.
Wir schlichen in den Hof. Da ist es unheimlich
düster, in der Mitte ein schwarzer Misthaufen, Die
Hunde bellen. Der Leutnant klinkt an der Tür, Sie
ist verschlossen. Er klopft. An einem Fenster er­
scheint ein Licht und verschwindet. — Der Leut­
nant schlägt mit dem Pistolengriff an die Tür, drei­
mal. Die Schläge dröhnen aus dem Hause zurück.
Die Hunde bellen. Ein entferntes Fenster wird er­
leuchtet, dann das nächste. Jemand kommt schlür­
fend und öffnet. Wir dringen hinein. Der Leutnant
öffnet die Tür gegenüber. Zwei große Männer und
eine Frau stehen drin und sehen uns stumm an.
Der Leutnant macht eine Handbewegung nach
rechts: „Nach Waffen durchsuchen!"
Ich sehe noch, wie die Frau ihm zu Füßen fällt,
und trete in die Stube rechts. Da ist es dunkel. Ich
gehe zurück, Licht zu holen. Die Frau hat die Beine
des Leutnants umfaßt und schreit etwas immer
wieder.
„Haben Sie etwas gefunden?" fragt er.
„Nein, Herr Leutnant, es ist dort dunkel."
„Dann hinaus!"
Wir standen draußen,
„Wir müssen etwas andres suchen," sagte der
Leutnant, noch wie unbewußt. Jetzt vorsichtig sein!
Die denken ja alle noch zurück an den unheim­
lichen Hof. Und wir stehen hier auf der Dorfstraße
ohne jede Vorsicht.
„Da war was nicht in Ordnung," sagte Fabian.
„Weshalb hatte die Frau solche Angst?"

26
Wir gingen langsam die Straße entlang. Das Dorf
schien nur aus drei großen Höfen zu bestehen. Links
kam ein nach drei Seiten offener Schuppen.
„Hier werden wir die Nacht zubringen," sagte
der Leutnant.
Mir erschien der Platz ziemlich sicher; denn
links war eine Mauer, und nach den übrigen Seiten
war es frei.
Wir schleppten Stroh herbei.
„Renn, Sie stehen Posten.“
Ich hängte die Zeltbahn um und ging vor dem
Schuppen auf und ab.
Was die Frau entsetzt war! Was das unheimlich
war, da drin! Das muß schon irgendeinen Grund
gehabt haben. Ob sie vielleicht da drin ein paar
von unsren Husaren umgebracht haben? Es sollen
doch welche verschwunden sein. — Ich stand auf
einmal vor einem Gedanken: die Pferde vorhin? Die
schweren belgischen Pferde rennen doch nicht auf
einmal in der Nacht so herum. Das waren Kavalle­
riepferde.
Ich hörte leise Schritte hinter mir und wandte
mich um. Es war der Leutnant.
„Hören Sie," flüsterte er, „Sie machen mit Ihren
Nagelstiefeln zu viel Lärm. Da sich das nicht ver­
meiden läßt, solange ein Posten steht, kommen Sie
lieber mit unter das Dach, und wir wachen ab­
wechselnd. Ich fange damit an; ich kann so wie so
noch nicht schlafen."
Ich legte mich, das Gewehr im Arm. neben
Ziesche hin. Unter dem Stroh waren irgendwelche

27
eisernen Geräte verborgen, auf denen ich liegen
mußte, weil sonst kein Platz mehr war. Gerade
unter meinem Kreuz lag schräg eine Stange.
Ich lag. Der feuchte Wind strich mir übers Ge­
sicht und kroch auch hie und da durch die Falten
der Zeltbahn, Ich lag und konnte nicht einschlafen.
Der Punkt hier war mir doch nicht recht geheuer.
Immer zog es mich, in die Gegend zu sehen. Aber
der Leutnant hätte es gemerkt.
Schritte? — Jemand berührt mich. Ich fahre auf.
„Die andern wecken," flüstert der Leutnant. Er
hat schon die Pistole in der Hand.
Ich packe Ziesche am Arm. Er richtet sich auf.
Die Tritte sind schon nah. Ueber zehn Mann, schätze
ich. Einer schnarcht. Das Lederzeug knirscht bei
jedem Atemzug. Ich stoße den Schnarcher in die
Seite. Er schnarcht auf und schläft weiter. Ich höre
Ziesche das Gewehr entsichern. Vielleicht dreißig
Schritt von uns stehen sie jetzt und flüstern. Zu
sehen ist nichts. Wir sind nur fünf zur Abwehr be­
reit, Sie müssen uns bemerkt haben. Wenn man nur
ein Wort verstehen könnte!
„Guten Abend, Reichart!” ruft Fabian und
steht auf.
„Guten Abend," ruft es zurück, wie erlöst. Es
war eine andre Patrouille unsres Regiments.
Die Offiziere sprachen miteinander. Dann ging
die Patrouille Reichart nach rechts weiter.
„Verflucht," sagte Fabian. „Hier bleiben wir
nicht."
Wir zogen uns wieder nach links, wo wir vorhin
versuchten, hinabzuklettern.

28
Auf einmal war auf der dunkeln Wiese ein röt­
licher Schein, Wir wandten uns um. Drüben brannte
eine Scheune, vielleicht schon jenseits der Maas,
vielleicht aber auch auf einer vorgeschobenen Höhe
unsres Ufers,
Auf der Höhe mit dem wilden Rosenstrauch, wo
wir vorhin saßen, setzten wir uns auf die Zeltbahn.
Der Regen machte ein feines Geräusch im Gras.
Ueber die Höhe strich gleichmäßig der Nebel in
dünnen Streifen. In der Ferne knallten ein paar
Gewehrschüsse. Zwei schliefen schon wieder. Drüben
schlugen die Flammen aus dem Dach, links mit
heller Flamme, rechts düster rot und qualmig. Das
Dach brach ins Innere. Funken stoben in den
schwarzen Himmel, und eine lange Flamme wurde
herausgezogen, riß ab, und unten blieben kleinere
Flammen, züngelnd, unruhig. Balken fielen funken­
sprühend herab. Die Glut wurde düsterer. Es reg­
nete nicht mehr. Nur der Nebel näßte noch. Da kam
langsam der Tag. Der Leutnant schlief nicht. Manch­
mal regte er sich ein klein wenig. Einer wachte auf,
dehnte sich mit den Ellbogen und strich sich mit
den Händen über die Augen, Dann wurde er leb­
hafter und schnitt Brot.
„Es hat keinen Sinn, noch länger hier zu blei­
ben," sagte Fabian. „Der Nebel geht in den nächsten
Stunden nicht weg und wir müssen bis zehn Uhr
hinten sein."
Wir gingen nach dem Dorf und kamen auf die
Höhe. In der Mulde dahinter wurden Geschütz­
stellungen geschanzt.
„Was soll denn das heißen?" sagte Fabian. „Es
sind wohl noch viel mehr als unsre Patrouillen hier

29
vorn gewesen? Sonst könnten die doch hier nicht
so friedlich schanzen."
Wir gingen durch die Mulde. Auf der nächsten
Höhe tauchte ein Reiter auf. Das war unser
Adjutant,
„Ihre Kompanie kommt gleich hinter mir! —
Unsre Armee greift an!"

Die Schlacht an der Maas


Unsre Kompanie kam über die Höhe, voraus zu
Pferd der Hauptmann.
„Guten Morgen!" rief er. „Heute gibt’s das
Eiserne Kreuz oder den Heldentod!"
Wir setzten uns an den Anfang unsres Zuges.
Die Perle sah mich an, blaß und schmutzig,
„Wie kommt ihr denn schon jetzt hierher?"
fragte ich.
„Wir sind in der Nacht alarmiert worden," sagte
er nüchtern.
Wir marschierten über ein Rübenfeld. Die
Strünke waren regennaß und gingen bis an die
Knie. Auf den Rüben glitt man aus.
Wir kamen zu dem Dorf und hielten an dem
Schuppen, in dem wir in der Nacht gelegen hatten.
Die Sonne begann durchzudringen. Ueber uns war
schon blauer Himmel.
Der Hauptmann kam geritten, sprang vom
Pferde und gab dem Pferdehalter, der angerannt
kam, die Zügel.
„Wir greifen an!" rief er. „Der erste und der
zweite Zug gehen vor, der dritte bleibt hier zu mei­
ner Verfügung!"

30
Wie sollen wir nur über den Fluß kommen?
dachte ich.
„Erster Zug schwärmen!" kommandierte Fabian.
Wir gingen vorwärts und auseinander. Ich
mußte links um den unheimlichen Hof herum. Vorn
über dem Nebel kam schon ein Bergrücken des
jenseitigen Ufers im Sonnenschein heraus. Rechts
knallten ein paar Schüsse. Wir kamen auf eine
mäßig fallende Weide mit Drahtzäunen. Rechts
hatte Fabian schon den stärker fallenden Hang
erreicht. Einzelne Felsblöcke und flaches Geröll
ragten aus der Wiese. Wir stiegen über einen
Stachelzaun. Vor uns standen einige breite Bäume
auf einem Vorsprung. Das war der Rand eines
Steinbruchs, in dessen Tiefe ein Haus stand, und
rechts und links noch mehrere. Links stand eine
Fabrik mit rotem Schornstein an der Straße, vor
der ein Streifen Wiese lief. Dann kam der Wasser­
streifen der Maas. Drüben im Nebel, von der
Morgensonne gefärbt, hob sich das andre Ufer mit
Häusern, Gärten, Höhenrücken und einer aufwärts
gebogenen Straße mit Bäumen.
Ein paar Gewehrkugeln kamen von drüben ge­
zirpt.
„Der Nebel wird schon dünner," sagte Ziesche.
„Wir teilen uns hier,“ sagte ich, „Ich gehe mit
denen hier rechts, geht ihr links um den Stein­
bruch."
Ein Blick des Unteroffiziers Zache traf mich. Er
ging, wie ich gesagt hatte. Ich wunderte mich dar­
über. Ich lief mit dem Einjährigen Lamm, Ziesche
und der Perle an einem Gebüschstreifen auf einem
schmalen Pfad abwärts. Eine Kugel zirpte hoch

31
über uns weg. Drüben die Franzosen mußten von
der Sonne geblendet werden, die gerade hinter uns
stand. Der Pfad wurde immer abschüssiger und
hörte auf einer steilen Wiese auf. Zwischen dem
Steinbruch und dem nächsten Hause rechts kamen
wir auf die Straße. Das andre Ufer lag friedlich im
Sonnenschein.
Da! Wir fahren herum. Aus dem Steinbruch
platzt und knallt Gewehrfeuer, so rasend —, es
pfeift dicht um uns. Ich reiße das Gewehr hoch
und knalle in den Steinbruch.
„Dort aus dem Haus!" schreit Ziesche.
Das Haus hat zwei Fenster im obern Stock nach
uns heraus. Unsre Schüsse gehen alle in die Haus­
wand statt in die Fenster. Aber die Fenster­
scheiben müßten Löcher haben, wenn es von dort
heraus schösse!
„Hinter das Haus hier!" schreie ich und renne
in den schmalen Gang zwischen Haus und Felsen,
an den ein Kaninchenstall angebaut ist. Die andern
sind auch da. Das Gewehrgeknalle hört auf. Ich
deute hinaus.
„Wir Ochsen! Die haben doch vom andern
Ufer geschossen, und wir sind so blöde, denen den
Rücken zuzukehren und gegen eine Wand zu
schießen, weil dort die Einschläge knallen!"
Sie sahen zu Boden. Ich wußte, daß ich jetzt
auf sie rechnen konnte. Aber was nun? Ueber den
Fluß konnten wir nicht. Wo waren die andern
vom Zuge?
Das Haus im Steinbruch lag etwas zurück und
hatte eine Mauer nach uns zu. Dahinter, etwas
rechts, lag ein Haus an der Straße, dahinter die

32
Fabrik mit der roten Esse. Zwischen den beiden
Häusern erschien einer auf der Straße und sah
sich um. Drei kamen hinterher und standen da.
Rasselnd setzte das Feuer ein. Sie warfen sich auf
die Straße. Die machens noch dümmer als wir!
Soll ich brüllen? Sie würden's ja nicht hören! Mir
zittert es in der Brust. Sie bleiben liegen. Es
klatscht und patzt von Schüssen.
„Ich muß da hinüber!“ sagte ich.
Die Perle sah mich blaß an.
„Wie willst du denn da ’nüber?" fragte Ziesche.
„In den Straßengraben, und darin entlang."
„Der ist zu flach," sagte Ziesche trocken,
„Es muß aber sein!“ sagte ich und konnte mich
doch nicht entschließen.
Da sprang einer drüben auf und kam die Straße
entlang gelaufen.
„Hierher!“ schrie der Einjährige.
Der andre lief auf der Straße, den linken Unter­
arm vorm Gesicht, um sich gegen die Schüsse zu
decken. Plötzlich lief der Ziesche hinaus,
„Hierher!“ schrie er aus vollem Halse und blieb
stehen.
,Ziesche!’ wollte ich rufen, aber er zuckte zu­
sammen und kam eilig zurück. Der andre hum­
pelte hinterher. Es war Lehmann.
„Ich hab eins ins Bein," sagte er,
„Setz dich mal auf den Holzklotz," sagte Ziesche
und kniete vor ihm hin. „Was ist denn mit den
andern?"
„Die liegen dort auf der Straße. Zache ist tot,
und der Handow Emil wollte, daß ich ihn mitnehme,
Reno, Krieg 3
33
aber er konnte nicht lauten, und die schossen
immer aus der Fabrik.“
Aus der Fabrik? Ich sah hinüber. Sollte das
wieder so eine Täuschung sein? Nein, kaum. Soll­
ten dort Truppen sitzen? Ausgeschlossen! Die
hätten ja sonst den Fluß hinter sich und keine
Fähre. Also diese verfluchten Belgier! Wenn noch
mehr Leute von uns da herunterkommen?! Aber
die müssen ja die Toten auf der Straße liegen
sehen.
„Renn!"
Ich war bei der plötzlichen Anrede zusammen­
gefahren.
„Was wollen wir denn hier tun?“ fragte der
Einjährige Lamm.
Habe ich mich etwa feige benommen? dachte
ich plötzlich. Ich sah dabei die Oberschenkelwunde
des Lehmann. Hätten wir dort vorn liegen bleiben
müssen und hinüberschießen? Wir waren doch
hinter das Haus ausgerissen! Und Lamm mußte
mich daran erinnern, daß wir uns im Gefecht be­
fanden und ich Pflichten hätte. Aber was hier tun?
„Wir müssen hier ins Haus,“ sagte ich, „Wir
wissen ja gar nicht, was die übrige Kompanie
macht. Vielleicht können wir aus einem Fenster
nach rechts hinübersehen. — Dein Ohr blutet ja,
Ziesche! Soll ich dir's verbinden?“
Er schüttelte grinsend den Kopf: „Das bißchen!“
Er wickelte dem Lehmann ein Verbandpäckchen
um den entblößten Oberschenkel. Das Hosenbein
hing aufgeschlitzt herunter.
Die Perle stand am Kaninchenstall und hatte

34
einen Finger durchs Gitter gesteckt, an dem ein
weißes Kaninchen schnupperte.
Ich fuhr auf. Draußen Schritte. Ein Offizier
läuft von oben kommend vorbei, hinter ihm etwa
dreißig Mann. Wenn sie uns sehen, hier hinter dem
Hause versteckt?!
„Wir müssen mit vor!“ sagte ich hastig. Ziesche
war mit Verbinden fertig.
„Laßt mich nicht hier allein!" sagte Lehmann.
„Jetzt kommt's auf andres an!"
Der fremde Zug ist schon vor dem Hause im
Steinbruch. Wir rennen hinaus. Lehmann humpelt
auch mit. Knallen rings! Sie werfen sich auf die
Straße. Ein paar wollen umkehren.
„Dorthin!" schreie ich und deute um die Ecke
des Steinbruchhauses. Ein Heuwagen steht quer
vorm Eingang,
„Dort aus dem Hause schießen sie!" schreit
einer. Schon wieder die Belgier! Ich reiße das Ge­
wehr hoch und schieße. Neben mir schießen sie
auch. Welche laufen hinter mir nach dem Stein­
bruchhaus, auch Lehmann. Ich drücke wieder ab.
Es knipst. Verflucht! ich hatte keine Patrone mehr
im Lauf! Es prasselt.
„Nimm mich mit, Kamerad!" schreit einer, „Faß
mich unter der Schulter!"
Ich werfe das Gewehr in die linke Hand und
packe ihn um den Leib. Ob es ihm wehtut, ist jetzt
gleich! Er ist schwer. Es knallt gegen die Haus­
wand. Er tritt mit dem linken Fuß auf und sinkt
wieder ein. Zwischen Haus und Wagen ist nur ein
schmaler Gang. Etwas reißt an meiner Mütze. Der
Kopf summt mir. Ich zerre ihn vorwärts. Er stöhnt.
3*
35
Wir sind schon am ersten Fenster vorbei. Er be­
ginnt mir aus dem Arm zu rutschen. Seine Hüfte
ist weich. Ich kralle mich in seinen Rock. Der sitzt
straff. Ich kann nur eine kleine Falte machen.
Jemand stürzt an uns vorbei und um die Ecke,
ohne Gewehr.
Jetzt herum! Wir sind hinter dem Haus.
Ich lehnte das Gewehr an die Wand, faßte den
Verwundeten mit beiden Armen und setzte ihn
gegen die Rückwand des Hauses neben einen, dem
das Blut dick aus der Nase lief,
„Dorthin!" hörte ich einen aufgeregt sagen.
Ich wandte mich um: „Seid ihr verrückt! Hier­
bleiben!“
Es war ein fremder Unteroffizier, Ich erschrak.
Aber er sah mich flehend an.
„Wir stellen hier Posten aus!“ sagte ich und
dachte es untergeben stramm zu tun, aber es kam
barsch heraus. „Heh, Ziesche! Du beobachtest da­
hinüber! Wenn sich was an einem Fenster zeigt,
drauf schießen!"
Der Unteroffizier faßte Mut: „Wir werden auch
einen Posten ausstellen."
Ich sah mich um. Die Sonne schien auf den Hof.
Etwa zehn Mann standen herum. Ebensoviel lagen
am Boden und auf den umherstehenden Wagen und
Geräten verwundet. Das war eine Schmiede hier.
Am Boden gerade vor mir lag Sander, der vor­
hin mit Zache herunterkam, und sah ohne Regung
in den Himmel.
Ich kniete bei ihm nieder, „Wo hast du's denn?
Er richtete seinen Blick auf mich, ganz schwarz:
„Im Bauch," und sah wieder starr in die Höhe.

36
„Kann ich dir helfen?"
Er schüttelte kaum merklich den Kopf.
Ich stand auf. Mein Blick haftete über dem
Steinbruch an den Baumkronen, die herübersahen,
und da war alles da, was geschehen war. Als ich
dort oben war, war ich noch nicht feige! Vorhin.
— Feigheit ist es doch nicht! Ach, ist denn das
keine Feigheit, wenn man den Kopf verliert vor
ein paar Schüssen! Vorhin habe ich in den Stein­
bruch geknallt, und jetzt wieder gegen das Haus!
Obwohl ich wissen mußte, daß das wieder nur Ein­
schläge waren! Nicht einmal habe ich in meiner
Angst gemerkt, daß ich keine Patrone mehr im
Lauf hatte! — Jetzt liegt der fremde Leutnant dort
vorn tot. Der ist nicht feige gewesen, der ist ehr­
lich gefallen. Und liegt dort tot! — Das war mir
plötzlich so schrecklich.
Und ich habe meine Leute von dort drüben vor­
gelockt, und weshalb? Weil ich nicht feige aus­
sehen wollte! Aussehen, aussehen! Als ob ich nicht
die Feigheit, die Angst in mir gehabt hätte! — Die
Gedanken peitschten in mir. Und ich war doch aus­
gerissen; denn wir hatten gelernt, daß man nicht
zurückgehen darf, auch nicht hinter ein Haus. —
Auf einmal gähnte in mir ein Gedanke: wären wir
vorn geblieben, wären wir jetzt tot, und wofür?
Ganz nutzlos. Dann hätte ich die Perle und die
andern geopfert. — Ich mußte also schuldig werden,
was ich auch tat!
Ich sah, wie die Perle etwas an Lamms Feld­
flasche untersuchte. Jetzt wurde mir auch bewußt,
daß die Artillerie wohl schon seit einiger Zeit
schoß. Es rauschte über das Tal, dröhnte und

37
stampfte breit und hallte ununterbrochen aus dem
Steinbruch, ohne Unterscheidung, was von deut­
scher Seite kam oder den Franzosen,
Ich trat zu den beiden.
„Du," lachte die Perle, „ich hab eine durch den
Hosenboden und dem Lamm hat’s die Feldflasche
zerlöchert."
Mir fiel ein, daß es vorhin an meiner Mütze
gezerrt hatte. Ich nahm sie ab. An der rechten
Seite war ein Stück an der Paspel aufgeschlitzt.
Die Perle lachte meine Mütze an und betastete
die zerrissene Stelle. „Sieh mal meinen Hosen­
boden!" sagte er.
,Ach,‘ dachte ich, ,du weißt ja nicht, was hier
vor sich geht, du Glücklicher!“
„Wo ist der Lehmann?" fragte ich,
„Dort hinter der Karre.“
Ich wandte mich von ihnen ab. Man mußte doch
hier irgend etwas tun! Aber wenn vorn noch Ver­
wundete lagen, vorschicken, — daß vielleicht noch
wieder welche verwundet würden?
Die Artilleriegeschosse rauschten über uns, bar­
sten und stampften.
Dazwischen peitschten Gewehrschüsse oder ein
Maschinengewehr ratterte. Auf einmal puffte es
über uns im Steinbruch und prasselte daraus. Ich
duckte mich unwillkürlich. Einer von den fremden
Leuten griff sich an den Arm. Sein Aermel war
zerfetzt. Einer machte sich um ihn zu schaffen.
„Das war ein Schrapnell," sagte der fremde
Unteroffizier.
„Herr Unteroffizier!" sagte ich. „Sollten wir

38
nicht das Haus hier besetzen? Wir stehen doch
ganz nutzlos dahinter.“
„Aber wenn welche drin stecken, wie drüben?"
„Aus dem Nachbarhause hat es nicht geschossen,
das waren nur Einschläge."
Er schüttelte den Kopf: „Der Mann dort hat
einen Schuß quer durch die Nase, und er hat mir
erzählt, daß er den erst bekommen hätte, als er
schon zurückrannte."
„Jawohl, Herr Unteroffizier, das kann sein.
Vorhin sagte schon einer, daß sie aus der Fabrik
beschossen worden wären, gegen die wir hier
durch das Nachbarhaus gedeckt sind. — Wenn wir
hier das Haus besetzen, können wir wahrscheinlich
alles übersehen und auch unsere Verwundeten besser
unterbringen."
„Gut,“ sagte der Unteroffizier.
Ich holte Ziesche, Lamm und die Perle. Ziesche
nahm ein Eisen, das am Boden lag, und ging gegen
die Tür. Er versuchte sie aufzustemmen.
„Wir müssen erst die Schmiede erbrechen,"
sagte er.
Das Schmiedetor wich ein paar kräftigen
Tritten. Er holte ein Beil und schlug damit auf das
Türschloß los. Mir war beklommen zumut. Ich
hielt das Gewehr bereit. Die Leute des Unteroffi­
ziers sahen nur von ferne zu.
Ein neuer Schlag. Die Tür ging auf. Lamm trat
rasch ein. Ich schämte mich und ging nach. Wir
waren auf einem Gang, der durchs Haus nach der
vorderen Tür führte, mit einer schmalen Treppe
links. Die erste Tür rechts war verschlossen. Wir

39
gingen zur nächsten und kamen in eine leere Küche.
Ziesche machte sich an den Herd.
,,Das Haus ist bewohnt. Es ist noch Glut drin."
Im ganzen Erdgeschoß war kein Mensch. Wir
stiegen die Treppe hinauf. Ich öffnete die erste Tür.
Eine Frau lag in einem breiten Bett und sah
mich mit alten, leeren Augen an. Eine andre saß
daneben und starrte mich an.
„Du brauchst dich nicht zu fürchten, Mutter,"
sagte ich.
Die neben dem Bett — sie war wohl erst
zwanzig Jahre — begann schrecklich schnell mit
Ausrufen zu plappern.
„Können Sie nicht französisch?“ fragte ich
Lamm.
Er brachte stockend irgend etwas heraus.
Sie antwortete und hob flehend ihre Hände.
„Was sagt sie denn?“
„Die alte Frau läge im Sterben, und wir sollten
sie in ihrer letzten Stunde in Frieden lassen."
„Sagen Sie ihr doch, daß wir nur ein Fenster
nebenan besetzen müssen."
Aus dem Eckzimmer war nach links nur eine
Ecke der Fabrik zu sehen.
Die Perle sah nach vorn hinaus, „Dort brennt's!"
Drüben schienen mehrere Häuser in Brand ge­
schossen worden zu sein. Rechts verdeckte der
Steinbruch die Aussicht nach der übrigen Kom­
panie. Ich ließ meine Leute oben und ging wieder
hinunter, Im Herde machte einer Feuer, um Kaffee
zu kochen. Andre trugen die Verwundeten herein.
Auf dem Hof lehnte noch Lehmann sehr blaß an
der Wand. Sander lag noch so da, den Blick nach

40
oben. Neben ihm hatte sich eine Lache Blut ge­
bildet. Die Sonne schien ihm ins Gesicht, Die mußte
ihn blenden.
Ich ging, die andern herunterzuholen, um unsre
Verwundeten besser zu legen. Als ich wieder auf
den Hof kam, sah ich jemand die Straße entlang
rennen.
„Hierher!" schrie ich.
„Renn!" rief er vergnügt und kam auf den Hof
gelaufen. Es war Eckold, die Ordonnanz des Leut­
nants. „Herr Leutnant fragt, wie's hier steht. Dort
liegen doch welche auf der Straße. Wer ist denn
das?“
Ich erzählte es ihm,
„Du," sagte er, „bei uns ist's auch nicht zum
besten gegangen. Unser Hauptmann ist aus einem
Hause hinterrücks erschossen worden. Ich kann dir
sagen: die Wut, die wir hatten! Und dabei kamen
wir erst an das Haus nicht 'ran, weil sie so
schossen, und wir lagen unten. Aber dann haben
sie's von oben her erstürmt und die Leute an die
Wand gestellt und erschossen."
„Sage mal, hat's denn gar nicht geschossen,
während du hier herüberliefst?"
„Doch, ein paar vereinzelte Schüsse, Aber viel
schießen die von drüben nicht mehr, so wie unsre
Artillerie 'neingefunkt hat!"
Er lief wieder davon. Wir faßten den Sander
ganz vorsichtig an und trugen ihn in die Schmiede.
Er gab keinen Ton von sich. Den Lehmann setzten
wir zu ihm.
Unterdessen war das Artilleriefeuer noch stär­
ker geworden und dröhnte im Tal ununterbrochen.

41
Als wir wieder die Treppe hinaufstiegen, plötz­
lich ein Krach und Prasseln irgendwo oben. Die
jüngere Frau kam aus der Tür gestürzt und
schrie irgend etwas. Wir liefen in unser Eck­
zimmer. Die Decke hing zerrissen mit Binsen und
Kalk herunter. Eine Fensterscheibe war zerbrochen,
und auf dem Tisch lagen Kalkstückchen und weißer
Staub.
Lamm kam. „Drüben bei den Frauen ist nichts
geschehen. Aber die Sterbende sitzt im Bett und
will sich durchaus anziehen. Sie sah gräßlich aus."
Wir schwiegen. Vor dem Dröhnen des Artillerie­
feuers war nichts nebenan zu hören. Ich beobach­
tete das jenseitige Ufer. Da war Rauch und Qualm,
nicht zu erkennen, ob von Artillerieeinschlägen
oder den brennenden Häusern.
Was sollten wir hier? Ich setzte mich auf einen
Stuhl. Mir war elend zumute.
Nach einer Zeit raffte ich mich auf. Nur irgend
etwas tunl Ich ging hinunter, nach den Verwun­
deten zu sehen. Dem Lehmann war der Kopf vorn­
über gesunken. Er schnarchte unruhig und blaß mit
offnem Munde. Sander sah immer noch unbeweg­
lich in die Luft. Der stirbt, dachte ich, und wollte
beten. Aber ich konnte nicht.
Ich ging auf den Hof und sah um die Haus­
ecke. Da lagen die Toten auf der Straße. Wenn
Verwundete darunter wären? Jetzt könnte man
helfen. Aber ich hatte keinen Mut mehr. Der
Sonnenschein tat mir weh und das Kanonengedröhn.
Ich schlich wieder hinauf und setzte mich auf
den Stuhl. Lamm stand am Fenster und beobachtete.
Wie entsetzlich lang dieser Tag war!

42
,,Da draußen kommen welche!" sagte Lamm
plötzlich. „Der Vizefeldwebel Ernst mit Leuten."
Ich erhob mich. Wirklich! Daß die nur nicht zu
weit marschierten! Merkwürdig genug, daß sie noch
nichts auf den Pelz gekriegt hatten!
Ich lief hinunter. Er kam gerade mit zwei
Gruppen auf den Hof.
„Wo ist das von Franktireurs besetzte Haus?"
Er protzte gern etwas mit seiner Bildung.
Ich zeigte es ihm,
„Die Fabrik nehmen wir! Führen Sie uns!"
Ich holte mein Gewehr und das Beil. „Herr
Feldwebel, es wäre gut, einer hinter dem andern
erst mal hinters nächste Haus."
Ich lief hinter dem Wagen und einem kleinen
Gemüsegarten in den engen Gang zwischen Fels­
wand und Haus. Ich sah den hinteren Flügel der
Fabrik auf nur etwa hundert Schritt vor mir. Ich
klinkte an der Tür. Sie war zu. Ich stellte das Ge­
wehr an die Wand und schlug mit der Rückseite
des Beils gegen das eiserne Schloß. Unterdessen
kam schon Ernst mit den ersten gerannt.
„Vorsicht!" rief ich; denn ich holte zum zweiten
Schlage aus, und es war wenig Raum auf dem
Felsgang. Ich schlug mit beiden Händen. Es dröhnte.
Die Türklinke fiel auf die Steine.
Ich holte zu einem neuen Schlage aus. Ein
Schuß knallte scharf. Er mußte dicht hinter mir
durchgefahren sein.
„Ihr verdammten Hunde!" schrie Ernst,
Noch ein Schuß. Irgendein Geräusch hinter mir.
Ich schlug, aber diesmal schwach.
„Zersplittre doch die Tür!" rief einer.

43
Ich drehte das Beil um. Es krachte von meh­
reren Schüssen. Einer schoß mir dicht am Kopf ab,
daß es in den Ohren gellte. Ich schlug. Das Beil
faßte gut, aber die Tür war sehr stark. Ich wuch­
tete das Beil aus dem Holze. Schüsse!
„Dorthin!" schrie Ernst und rannte mit meh­
reren nach der Fabrik zu aus dem Gang. Ich drehte
mich nicht um, sondern schlug weiter. Das Gewehr -
geknalle wurde noch häufiger. Mir schien es auch,
als ob Schrapnells herüber kämen.
„Gib mal her!“ sagte einer hinter mir. Ich gab
ihm das Beil. Es schoß gerade nicht hierher. Von
Ernst konnte ich nichts sehen.
„Stemmen!" rief der andre. Wir lehnten uns
gegen die Tür, die schon einen Riß hatte. Sie
knackte und ging auf. Ich griff nach meinem Ge­
wehr und rannte hinein. Auf dem Flur standen ein
Mann und eine Frau mit hochgehobenen Händen
und versperrten so den Weg.
„Fort!“ schrie ich, drückte den Mann mit dem
Ellbogen beiseite und lief die Treppe hinauf. Ich
riß eine Tür auf. Zwei Kinder standen darin und
zitterten. Ich hatte keine Zeit für sie. Mehrere
kamen mir nachgerannt. Ich lief ans Fenster. Da
lag die Fabrik, Aber Obstbäume verdeckten sie
zum Teil. Links hinter einem grasbewachsenen
Wall lagen einige und schossen hinüber. Das mußte
Ernst sein.
„Alle Fenster besetzen!" schrie ich. „Die ver­
fluchten Bäume!"
Ich rannte hinaus. Die Kinder liefen mir in ihrer
Angst gerade vor die Beine. Ich riß die nächste
Tür auf.

44
„Hierher!" schrie ich zweien zu, die herauf­
kamen. „Auf alles schießen, was sich in der Fabrik
zeigt!“ Diese Leute waren alle so langsam!
Ich lief hinunter. Der Mann und die Frau stan­
den noch mit erhobenen Händen und sahen mich
ausdruckslos an. Ich lief unten zu den Fenstern,
die nach der Fabrik gingen. Hier störten die Bäume
nicht so sehr. Oben aus den Fenstern schoß es.
Drüben am Wall sah ich Ernst aufstehen und
zu uns zurücklaufen. Zwei folgten ihm. Aber es
lagen dort noch welche; wieviel, konnte ich nicht
erkennen. Ich lief nach der Tür,
„Verdammtes Pack!" schrie Ernst. „Wenn wir
die kriegen, dann wird ja kein Pardon gegeben!"
Er war außer Atem und keuchte vor Wut.
Die beiden andern kamen hereingerannt, der
eine mit zerschossenem Helm. Er nahm ihn ab.
Blut lief heraus, über die Stirn und rechts der Nase
nach dem Munde. Er streckte die Zunge heraus und
leckte es auf, „Seht mal nach, was es ist!" Er
beugte den Kopf vor. Die Haare waren in einer
kurzen Linie mit Blut verklebt,
„Es ist nur ein Streifschuß,“ sagte Ernst.
„'s kam mir auch nicht so schlimm vor,"
lachte er,
„Herr Feldwebel!” sagte einer. „Hier scheint
ein Kellereingang zu sein." Er zeigte auf ein vier­
eckiges Brett im Boden. Der Mann und die Frau
sahen hin und hielten noch immer die Hände hoch.
Ich zog an dem kleinen eisernen Ring die Klappe
hoch. Es war eine enge Treppe darunter.
Ernst rief dem Mann ein Wort zu. Der lief fort
und kam mit einer Kerze wieder. Ernst stieg mit

45
noch einem hinunter. Mir waren die Verwundeten
am Erdwall wieder eingefallen. Es knirschte in mir
vor Wut der Hilflosigkeit.
Da stieg aus dem Loch ein Zivilist böse lächelnd
heraus. Ich hatte ein schlimmes Gefühl gegen ihn.
Er drehte sich um und sah höhnisch den Mann
und die Frau mit den hochgehobenen Händen an.
— Ach, ist das alles gräßlich! Weshalb hat ihnen
noch niemand gesagt, daß sie die Hände herunter­
nehmen sollen?
Ernst kam herauf und hielt dem lächelnden
Mann einen Pack Patronen hin. Der zuckte die
Achseln und sagte etwas. Ernst verhandelte mit
beiden Männern. Der Mann aus dem Keller ant­
wortete nur mit einem höhnischen Grinsen. Der
andre bewegte seine Hände nach Stirn und Herzen
und dazwischen hob er immer wieder die Arme.
Meine Angst stieg.
„Hier gibt's nichts!" sagte Ernst auf einmal
deutsch. „Sie werden nach Kriegsrecht erschossen!"
Davor hatte ich mich gefürchtet, aber jetzt war
ich auf einmal ganz kühl.
„Verzeihen Herr Feldwebel!" sagte ich und
wunderte mich über meine Ruhe. „Das ist vielleicht
Kriegsrecht, aber wäre es nicht besser, ihnen zu
sagen: wenn ihr die Verwundeten dort drüben holt,
ist die Sache erledigt. — Auf der Straße liegen
vielleicht auch noch Verwundete. Und die Belgier
werden doch nicht auf ihre eignen Landsleute
schießen.“
Ernst sah mich überlegend an. „Verdient haben
sie es ja nicht!“ Er wendete sich an die Männer,

46
die unsrer Unterhaltung gespannt gefolgt waren,
ohne doch augenscheinlich etwas davon zu ver­
stehen.
Ernst schickte sie fort und stellte einen an die
Tür mit der Weisung, sofort zu schießen, wenn sie
einen Fluchtversuch machten.
Ich ging zu der Frau und bedeutete ihr, die
Arme herunterzulassen. Sie tat es. Aber es kam
einer aus einer Tür, und zitternd hob sie die Arme
wieder.
„Die Hunde!" knirschte der Posten an der Tür.
„Nehmt euch in acht!" brüllte er hinüber und hob
sein Gewehr. Ich sah hinter ihm hinaus. „Die
Bande," schimpfte er, „läßt dem Verwundeten die
Beine auf dem Boden schleifen! Aber jetzt nehmen
sie sich schon mehr in acht.“
Das Haus war klein für die vielen Menschen.
Draußen heulten und donnerten die Artillerien.
Die Belgier trugen die Verwundeten in die
Stube rechts und gingen von neuem los.
Ich stieg die Treppe hinauf, um nach dem ande­
ren Maasufer zu sehen. Der Fluß lag still im
Sonnenschein, Es mußte schon Nachmittag sein. Ich
zog die Uhr. Sie stand. Ja, ich hatte die letzte
Nacht nicht geschlafen und daher das Aufziehen
vergessen.
Nach einer Weile stieg ich wieder hinunter. Der
Mann aus dem Keller hatte einen Verband um den
Arm und schimpfte leise. Jetzt lachte er nicht mehr
und sah kräftig und ernst aus. Durch eine offne Tür
sah ich die Toten liegen. Da lag Zache mit wächser­
nem Gesicht und Händen wie aus Holz.

47
„Herr Feldwebel," sagte ich, „kann ich wieder
hinübergehen?"
„Ja,“ sagte er. „Hier haben Sie einen Schnaps."
Ich trank ihn hinter. Mich verwunderte, daß er
so leutselig war; in der Garnison war er stets un­
nahbar gewesen.
Drüben war alles unverändert. Ich ging hinauf.
Ziesche und die andern begrüßten mich freundlich.
Ich setzte mich auf den Stuhl in der Ecke. Es war
ja gut, daß sie von all dem nichts merkten!
Um mich waren die andern geschäftig, aber ich
wußte nicht, was sie taten. Der Kopf war mir zum
Platzen. In meinen Ohren sauste es.
Ich weiß nicht, wie lange ich so gesessen habe.
Jemand nahm mich an der Hand. Die Perle führte
mich zum Tisch. Sie hatten Mehlklöße in Fett ge­
braten und gaben Brot und Kaffee dazu. Ich aß
stumm und vornübergebeugt, um mir nicht ins Ge­
sicht sehen zu lassen. Ich merkte, daß Lamm mich
öfters ansah, als wollte er etwas Ermunterndes
sagen. Ich sah auf und wollte abwehren. Aber als
ich seine Augen sah, und daß sie freundlich waren,
da drehte sich der Boden unter mir. Ich legte mich
auf den Tisch und weinte. Die Perle streichelte mir
die Schulter. Wenn sie sich nur nicht um mich
kümmern wollten!
Nur halb bewußt merkte ich, daß die Perle
hereinkam. Er mußte fortgewesen sein. Er brachte
seinen Tornister. Ich war nicht imstande aufzu­
passen, was sie taten.
Nach einer Zeit faßte er mich am Arm und legte
mich auf den Boden, den Tornister unter dem
Rücken, und deckte mich mit seinem Mantel zu.

48
Ich dachte irgendwo weit weg: darf ich denn das
in der Schlacht? Aber es war zu weit weg.

Ich wachte davon auf, daß die Perle neben mir


kniete und mir Kaffee einflößen wollte.
„Was siehst du schmutzig aus!" rief ich. Er
lachte und sagte:
„Ich hab Feuer gelöscht, oben." Er deutete mit
dem Daumen nach der Decke.
Ich stand auf und setzte mich an den Tisch. Mir
war sonderbar zumut. Ich hatte sofort, als ich auf­
wachte, alles gewußt, was geschehen war, und doch,
es war anders. Die Geschehnisse waren weit weg­
gerückt. Ich fühlte mich wunderbar rein und leicht,
wie ein Kind.
Draußen war es still geworden. Nur im Hause
hörte ich sprechen und umhergehen.
Bald darauf kam der Befehl, nach rechts zu
sammeln. Es dämmerte schon. Die Straße war voll
von marschierenden Menschen und Wagen. Hie und
da brannten Häuser, vor allem am anderen Ufer.
Dort zogen sich vor den glutroten Fensterhöhlen
Kolonnen nach rechts und erschienen unnatürlich
groß. Die jenseitigen Höhen hinauf gingen breite
Schützenlinien. Wir hatten gesiegt.
Die Kompanie sammelte in einem Baumgarten
und sollte dort warten, bis sie übergebootet würde.
Auf der Straße daneben saß, die Stuhllehne zwi­
schen den Beinen und das Kinn darauf gestützt, der
General Hahne, unser Brigadekommandeur, und
starrte in die Flammen eines brennenden Hauses.
Ich setzte mich nah dem Wasser auf einen
schmalen Wiesenpfad neben den Lamm. Es wurde
Renn, Krieg 4
49
immer dunkler, Drüben fiel eine geschmolzene
Dachrinne auf die Straße. Ein feuchter Wind trieb
Funken über die still fließende Maas, die sonderbar
grau aussah, wie eine Schlange. Weiterhin, wo sie
nach links bog, machten die Brände einen Feuer­
strom aus ihr.
„Ich hatte gedacht,” sagte Lamm, „man würde
im Kriege hart. Bist du auch so widerlich weich?"
Er stand auf, etwas schwankend, und legte sich
schlafen. Hatte er mich mit Absicht du genannt?
„Kommst du nicht auch schlafen?" fragte die
Perle. „Ich hab deinen Tornister von der Küche
geholt. Sie hat euch Patrouillenleuten das Gepäck
mit vorgebracht,"
Wir tasteten uns nach unserm Platz. Der Leut­
nant schlief schon neben unserm neuen Gruppen­
führer, Unteroffizier Pferl. Ich legte mich zwischen
Ziesche und die Perle und schlief ziemlich feucht
und kühl.

Nach Frankreich
Am Morgen standen wir an der Feldküche herum
und tranken Kaffee. Ich zeigte dem Eckold das
Haus über dem Steinbruch. „Das ist wohl gestern
auch abgebrannt? Das haben wir noch in der Nacht
vorher durchsucht. Es war unheimlich da drin."
„Ihr habt doch nicht darin übernachtet?“ rief
Eckold.
„Nein, Weshalb fragst du denn?"
„Nu, da seid ihr ja in 'ner hübschen Mörder­
höhle gewesen! Da drin hat man die Ausrüstungs­
stücke von zwei Husaren gefunden. Die Pferde
hatten sie auf die Weide getrieben. Aber sie waren

50
mit ihren frischen Stempeln nicht unkenntlich zu
machen."
„Und was ist aus den Leuten geworden?"
„Nu, totgeschossen, und den Hof angezündet."
So hatte ich mir in der Nacht die Sache gedacht.
Aber gerade daß sie genau so sein sollte, war mir
zu einfach. Ich traute dem Eckold nicht ganz, ob
es auch wirklich gerade dieser Hof gewesen ist.
Wir wurden auf Fähren von zwei Pontons durch
Pioniere übergebootet. Sie hatten schon die ganze
Nacht durch gerudert und ruderten noch immer
mit Macht.
Am andern Ufer standen gefangene Franzosen
in ihren bläulichen Uniformen und sahen stumpf
drein.
Wir traten an und marschierten erst ein Stück
am Maasufer entlang. Am Bahndamm und in den
Gärten waren Barrikaden mit Schießscharten er­
richtet. Wir hatten allerdings von unserm Ufer aus
nichts davon sehen können.
Die Sonne brannte uns auf den Rücken. Auf der
Straße lagen französische Tornister, Käppis und
Gamaschen.
„Hier hat einer gar seinen Rock wegge­
schmissen!” sagte Ziesche.
„Und dort liegt ein Gewehr," sagte Unteroffizier
Pferl. „Die müssen doch nur gedacht haben, wie sie
fortkommen. So 'ne Truppe ist doch in der näch­
sten Zeit gar nicht wieder kampffähig."
Je höher wir kamen, desto mehr lag herum:
Mäntel, Hosen, Schuhe, Gewehre, Bajonette und
höckrige, blaue Feldflaschen. Das war doch ein
Sieg!
4*
51
„Hier liegen Patronenpäckchen," sagte der Leut­
nant. „Die hebt mal auf, daß wir sie in den nächsten
Bach schmeißen. Sonst schießen nur die verfluchten
Belgier damit, wenn sie mal einen einzelnen Mann
treffen."
„Möchten wir nicht auch die Gewehre unbrauch­
bar machen, Herr Leutnant?" sagte Ernst.
Wir versuchten den Gewehren die Kolben ab­
zuschlagen. Aber es war zu gutes Holz. Da ver­
suchten wir die Korne zum Zielen abzuschlagen.
Aber auch die saßen verflucht fest.
Rechts in einer Wiesenmulde standen vier Ge­
schütze verlassen. Ein Munitionswagen stand auf
der Straße, und davor lagen drei Pferde in ver­
wirrten Strängen.
Wir wurden immer heißer vom dauernden Stei­
gen und Sehen. Ich sah noch, was mich hätte freuen
können, weggeworfne Artilleriemunition, ganze Ge­
wehrhaufen, Schlafdecken, Aber ich konnte mich
nicht mehr freuen. Von hinten kamen die Eindrücke
von gestern angekrochen. War ich gestern so ge­
wesen, wie ich mir mein Benehmen in der ersten
Schlacht geträumt hatte? Hatte ich nicht von Hel­
dentum geträumt, daß ich einen Offizier aus dem
Feuer zurücktrage oder in furchtbarem Kampf
einen Schwarzen niederstoße? — War denn das
nötig, daß ich so etwas Gräßliches erlebte! Erst
ausreißen, wenn auch nur hinter das Haus, aber
das als erste Handlung im Felde! Und dann sich
noch so lächerlich zu machen, gegen eine Stein­
bruchswand zu schießen! Wie war denn das nur
möglich? Wie sollten denn hinter der Steinbruchs­
wand Feinde sitzen?

52
Ich wollte nicht mehr daran denken. Ich wollte
das alles vergessen. Aber das kam immer von unten
her wieder, und jedesmal dumpfer.
Wir marschierten durch ein schon fast herunter­
gebranntes Dorf. In den Häusern glimmten noch
Balken. Dort war ein Gestank. Ich hatte einmal als
Kind einen Brand in einem Nachbardorf erlebt. Da
war Vieh verbrannt. Aber das war es hier nicht.
Das waren Menschen.
„Dort liegt einer drin," sagte Ziesche.
Als ich hinsah, waren wir schon vorbei.
Am Abend krachte auf einmal eine Kanone dicht
vor uns. Die Marschkolonne hielt. Der Leutnant
Fabian, der gerade zu Fuß ging, rannte vor. Nach
wenigen Minuten kam er zurück,
„Die verfluchten Belgier haben aus einem Haus
auf unsre Spitze geschossen. Der Leutnant und drei
Mann sind tot. Die hatten sich in dem Haus so gut
verbarrikadiert, daß eine Kanone auf der Straße
aufgefahren ist und hat gleich im direkten Schuß
das Haus in Brand geschossen."
Am nächsten Tag marschierten wir wieder. Wie­
der brennende Dörfer, aus denen die Belgier ge­
schossen hatten. Wieder glimmende Balken, ein­
stürzende Dächer und Geruch von verbrannten
Menschen. Dieses Land ekelte mich an. Ich war
nicht mehr wütend auf die Belgier, wenigstens
meistens nicht, sondern mich grauste vor ihnen und
vorm Kriege, diesem gräßlichen Kriege mit seinem
Völkerhaß. Wie würde das erst in Frankreich wer­
den, unsrem alten Feinde?
Wir näherten uns der französischen Grenze. Ein
brennendes Dorf. Plötzlich brach ein Dach neben

53
mir herein. Funken stoben zu meinen Füßen hoch.
Es war so heiß, daß wir anfingen zu rennen.
Dann kamen wir in einen kleinen Wald. Fabian
betrachtete die Karte: „Am andern Waldrand ist
die französische Grenze."
Wir traten aus dem Walde. Vor uns lag im
Sonnenschein ein Dorf. Wir marschierten hinein.
Die Leute standen an den Türen mit ganz freund­
lichen Gesichtern. So also ist Frankreich?

Le Mont
Rechts lag in einiger Entfernung ein Fichtenholz,
viereckig und dürr. Sonst nur braune Fläche mit
Sonnenschein, und vor uns die Marschkolonne im
Staub. So war es seit dem Morgen.
Manchmal hielten wir. Dann ging es weiter.
In der Ferne murrten Kanonen.
Der Schweiß lief nicht, er machte nur den Staub
feucht. Das Gewehr drückte auf die Schulter. Die
Hände waren dick und ohne Falten.
Ein Haus stand an der Straße, Türen und Fenster
offen. Drin ein zerwühltes Bett. Auf dem Tisch
Geschirr und Gläser. Vor der Tür zerbrochene
Flaschen und Stühle. Die Einwohner waren vor uns
geflohen.
Wir kamen in einen Wald. Schnurgerade lief die
Straße. Links kam polternd Artillerie vorgetrabt.
Rechts hielt eine Munitionskolonne. Dazwischen
torkelten wir mit heißen, weichen Füßen.
Die Artillerie blieb stehen, und die Munitions­
kolonne fuhr an. Von vorn kam ein Meldeoffizier

54
geritten und wollte durch. Artilleriefeuer war jetzt
vor uns. Wir marschierten.
Die Sonne verschwand hinter den Bäumen. Der
Wald hatte einen schwarzen, unregelmäßigen Man­
tel. Wieder trabte die Artillerie vor und dröhnte
mit Eisen in unsre stumpfen Ohren. Im Dämmer­
licht wurden die Pferde bewegte Klumpen.
Plötzlich hielt man vor uns. Wir prellten auf und
standen. Man konnte sich nicht auf den Boden
setzen, weil es so eng war zwischen den Wagen
und Pferden in der Dunkelheit.
„Hast du noch was zu trinken?" fragte die Perle
mit schwerfälliger Stimme.
Ich hakte meine Feldflasche ab und gab sie ihm.
Dann trank ich auch. Das Wasser war dick und
warm.
Wir standen. Man legte und setzte sich doch hin.
Da ging es weiter.
Auf einmal rannte ich an meinen Vordermann
an. Es wurde schon wieder gehalten. Wir sanken
hin, und standen auf; es ging weiter.
Mein Gesicht traf eine kühle Luft. Ein rotes
Licht schimmerte, um das es undurchdringlich
schwarz war. Die Waldmauern wichen. Wir stolper­
ten über Eisenbahnschienen weg. Links kam ein
Haus, Dahinter bogen wir auf die Wiese.
„Die Herren Zugführerl“ rief der Leutnant leise.
„Meine Herren, wir übernachten dicht an den
Franzosen. Vor uns stehen nur noch ein paar Posten.
Wir müssen das Gewehr im Arm schlafen, kein
Licht und kein Lärm!"
Unterdessen war die Feldküche herangekommen.

55
Auf ihrem Verdeck stand hinter einem Brett eine
Oellampe.
Wir hatten einen Gefangenen zur Bewachung
bekommen. Der saß in einem runden Strohhaufen
und sah bewundernd auf unsre Feldküche. Der
Mann war über dreißig Jahre alt, und jeder in der
Kompanie wußte schon, daß er drei Kinder hatte,
aus der Nähe von Paris stammte, und daß es
schrecklich wäre für die Franzosen, immer auszu­
reißen. — Ich dachte bei mir: eine richtige Stadt­
pflanze; weiß alles, aber versteht nichts. Ich hatte
auf einmal so einen Haß gegen alle geschwätzigen
Leute, auch gegen unsre, die ihn bedienten, um nur
mit ihm schwatzen zu können. Ihm gefiel das in
seinem Strohhaufen,
Der Leutnant kam zu mir: ,,Sie müssen noch
eine Verbindungspatrouille machen, zum Nachbar­
regiment rechts. Ich möchte wissen, wo die
nächsten Postierungen sind."
Ich ging mit Ziesche und Lamm. Es war leicht
neblig und näßte. Rechts war der hohe Wald. Links
fiel es nach den Franzosen zu ab. In geringer Ent­
fernung hallte dort ein Gewehrschuß. Das mußte
von einem unsrer Posten sein.
In einiger Entfernung vor uns sahen wir er­
leuchtete Fenster. Von dorther schallte Lärm. Als
wir nahe herankamen, erkannten wir Stühle und
einen Tisch vor dem Haus. Da wurde Skat gespielt.
Aus dem Innern schallten laute Stimmen.
„Wo liegt die nächste Feldwache?" fragte ich.
„Hier im Hause," nickte einer und spielte
weiter.

56
Ich ging hinein und prallte auf einen Haupt­
mann, „Als Verbindungspatrouille. Ich soll mich
erkundigen, wo die nächsten Postierungen stehen."
„Das weiß ich nicht. Gehen Sie mal dort ins
nächste Zimmer."
Im Nebenzimmer saßen und standen mehrere
Leute, darunter ein Vizefeldwebel, und tranken
Rotwein.
„Als Verbindungspatrouille, Ich soll mich er­
kundigen, wo die nächsten Postierungen stehen."
„Unsre Posten stehen etwa vierhundert Meter
weiter vorn, wahrscheinlich anschließend an Ihre
Posten. Sie können ja selbst nachsehen." Er er­
zählte weiter. Die Leute lachten. Ich ging hinaus,
„Jetzt gehen wir zu den Posten vor." Vielleicht
hätte ich mich noch vor zehn Minuten nicht so
schnell entschlossen. Wie frisch die Süddeutschen
hier den Krieg auffassen, hatte mir gefallen. Warum
waren wir nur so schrecklich schwer?
„Ssst!" machte Ziesche und deutete nach links
vorn. Ein Aufblitzen und ein Schuß, der ins Tal
hinunterrollte.
Wir schlichen näher. Dort standen zwei.
„Worauf schießt ihr denn?"
„Dort vorn bewegte sich einer.“
Ich versuchte, vorn etwas zu erkennen. Unten
im Grunde brannte ein kleines Feuer, „Ist das eine
französische Feldwache?"
„Ja, sie müssen sehr müde gewesen sein, daß
sie nicht mehr weiter gekommen sind. Und sie
müssen doch Feuer machen, weil sie keine Feld­
küchen haben,"

57
Jetzt sah ich weiter links durch den Nebel noch
einen Schein, größer, aber weniger bestimmt.,.
Ein Geschoß von drüben zirpte über uns weg.
Wir wendeten uns zur Straße zurück. Ein großes
dunkles Ding kam auf uns zu. Es brüllte gedehnt.
„Können wir die Kuh nicht melken?" flüsterte
Lamm.
„Das geht nicht. Haben Sie nicht das Brüllen
gehört? Die hat Euterbrand, weil sie nicht gemolken
worden ist. Wenn Sie der an die Euter kommen,
schlägt sie."
„Läßt sich da nichts mehr machen?"
„Nein, morgen oder übermorgen ist sie tot. —
Das ganze Vieh geht hier so zugrunde, weil die
Leute geflohen sind.“
Ich meldete dem Leutnant Fabian.
Es war stockdunkel, neblig und regnete. Bei
der Kompanie schnarchte es. Es stank. Ich tastete
vorsichtig. Der hier mußte die Perle sein. Daneben
fühlte ich eine Lücke, in der eine Zeltbahn lag, auf
der sich eine Pfütze gesammelt hatte. Wahrschein­
lich hatte sie die Perle abgeschnallt, damit das
Stroh nicht naß würde. Ich drängte mich zwischen
die zwei. Unter der Zeltbahn lag auch mein Mantel.
Den zog ich an und knöpfte mich in die Zeltbahn.
Das Gewehr legte ich in meinen rechten Arm.
Worauf lagen wir nur, daß es so stank?
Der Regen tropfte mir auf die Augenlider. Eine
Kuh brüllte in der Nähe. Vorn ein Schuß. Das
Tropfen ins Gesicht störte mich. Wir hatten es
doch bisher gut gehabt, daß es nicht regnete.
Ich drehte mich auf die Seite. Aber da tropfte

58
mir der Regen ins Ohr, Ich deckte meine Mütze
darüber. Pfui, wie das stank!

Ich wachte von einem Brüllen auf. Die Kuh


mußte beinah auf uns treten. Das arme Tier hatte
Schmerzen und suchte die Menschen auf.
Mehrere Schüsse knallten kurz hintereinander.

Ein fahler Morgen mit dichtem Nebel. Ich be­


wegte mich. Da lief mir Wasser auf die Hand. Es
war ganz still, und ich schlief wieder ein.

Ich wachte wieder auf. Ziesche stand im Nebel


hoch und war mit seiner Zeltbahn beschäftigt. Ich
erhob mich. In den Falten meiner Zeltbahn stand
Wasser. Man sah nur vielleicht acht Schritt weit.
Meine Sachen waren steif und kalt vor Nässe, Dort
lag eine Kuh tot mit emporgerecktem Bein und
geblähtem Euter.
„Wir haben in den Scheißrinnen der Franzosen
geschlafen," sagte Ziesche nüchtern.
Wir holten an der Feldküche Kaffee. Der Fran­
zose saß noch in seinem Haufen. Man mochte sich
nicht setzen und trat hin und her.
Ziesche hatte in einem Hause noch Platz für
uns gefunden. Ich setzte mich in eine Ecke auf den
Boden und schlief ein.

Es krachte. Ich fuhr auf. In der Stube Hin-


und Herrennen.
„An die Gewehre!" schrie es draußen.
Zwei Schrapnelle platzten über dem nächsten
Hause, Pferde wollten umkehren und brachten die

59
Stränge durcheinander. Wir liefen zu Gewehr und
Gepäck.
„Züge ausschwärmen!" schrie der Leutnant,
Lamm sah blaß und elend aus.
Wir schwärmten nach rechts über eine Wiese,
die ganz hellgrün war. Oben in den Wolken war
ein Glanz. Weit unten im Grunde hing noch etwas
Nebel.
Schrupp! Schrupp! fuhr es über uns weg.
„Hinlegen!" schrie der Vizefeldwebel Ernst.
Wir warfen uns ins nasse Gras. Rechts stand
ein Baum, hinter dessen breiten Stamm sich Unter­
offizier Pferl, unser Gruppenführer, warf.
Ftt! Ftt! spuckten Schrapnelle über uns weg.
Links vor uns eine kleine Rauchwolke, viel­
leicht zehn Meter über der Wiese. Das Schrapnell
liegt zu weit vor uns und spuckt nur seine Blei­
kugeln in die Wiese.
Da, vor uns das nächste! Etwas surrt über uns
weg. Mein Bauch und die Oberschenkel sind schon
naß vom Gras.
Rechts vorn wieder ein Wölkchen! Es macht
einen Rauchring. Die Wiese ist leicht gewölbt, daß
man nicht in den Grund sehen kann, wo die Fran­
zosen liegen müssen.
Noch weiter rechts das vierte Schrapnell!
Links wieder eins, aber näher! Wenn sie so
weiterschießen, von links nach rechts!
Da! Ich bekomme einen leichten Schlag an die
Brust. Mein dritter Waffenrockknopf ist leicht ein­
gebeult. Ich suche im Gras.
Rechts der nächste Schuß! Da ist die Kugel.
Sie ist noch heiß.

60
Das vierte Schrapnell ganz rechts. Ich stecke
die Kugel in meine rechte Rocktasche. — Was
kommt jetzt?
Jetzt links! Das war ganz dicht. Einer winselt.
Gleich muß es hier sein.
Bramm! Ich fühle einen heißen Hauch. Mir hat
es nichts getan. Ich sehe nach links. Der Albert
sieht mich an: „Ich bin verwundet am linken Bein.
Soll ich zurückgehen?"
Rechts das Schrapnell!
„Warte mal, bis wir wissen, wo die nächsten
Schrapnelle liegen."
Der vierte Schuß rechts! Jetzt muß sich's ent­
scheiden. Ich sehe nach links.
Da, hinter uns!
„Bleib lieber noch hier."
Ich wende mich ganz zurück. Hinten auf der
Straße fahren Geschütze auf. Da saust es in die
Pferde hinein. Die Leute rennen durcheinander.
Unterdessen gehen die Schüsse hinten nach
rechts.
Wieder ein Rauch links vor uns! Wie [Link]
anfing. Meine Angst steigt
Vor mir Nummer zwei!
Dann drei!
Vier!
Jetzt näher! Eins!
Zwei!
Drei!
„Zug Ernst! Auf! Marschmarsch!" brüllt der
Vizefeldwebel.
Ich reiße mich auf und vor. Dort ist ein Draht­
zaun mit Stacheln. Ich hebe ein Bein darüber. Am

61
andern hakt es sich ein. Ich hinüber. Ein Dreieck
hängt herunter. Wir kommen auf den stärker faL
lenden Hang.
„Hinlegen!” brüllt Ernst.
Ich sehe mich um. Wo liegen jetzt die Schüsse?
Einzelne Gewehrkugeln schwirren aus dem Grunde.
„Geradeaus in den Büschen Franzosen! Visier
neunhundert! — Schützenfeuer!“ brüllt Ernst.
Die Büsche liegen unten noch im Nebel. Hier
scheint schon die Sonne. In den Büschen ist nichts
zu erkennen. Ich ziele auf einen besonders dichten
Busch und schieße. Jetzt knallt es ringsum.
Ueber mir spuckt es! Das ging über uns. Wäh­
rend ich ziele, zähle ich:
Drei!
Vier!
„Unteroffizier Pferl!" schreit Ernst. „Vor­
kommen!“
Verflucht! Pferl liegt noch hinter dem Baum
und rührt sich nicht.
Eins! Es ist wieder ein Stück vor uns.
„Unteroffizier Pferl!" brüllt Ernst, so laut er
kann.
Zwei!
„Gruppenweise Vorgehen!" brüllt Ernst.
Drei!
„Gruppe Lamm!" ruft der Einjährige links von
mir, „Sprung! Auf! Marschmarsch!“
Wir rennen vor, Lamm voraus. Ein dünner
Buschstreifen auf einem Steinwall liegt vor uns.
„Stellung!" schreit Lamm. „Visier achthundert!"
Wir werfen uns hinter die Steine. — Das ist ja
ein Kerl, der Einjährige! Und in der Garnison

62
wurde er nicht einmal Gefreiter, weil er kein Kom­
mando herausbrachte.
„Auf die zurückgehenden Franzosen!“ schreit
Lamm. „Visier tausend! Schützenfeuer!“
Wirklich! Aus den Büschen tauchen kleine
Gruppen auf und schleichen zurück. Wir schießen
hastig. Aber es scheint keiner getroffen zu werden.
Die Franzosen verschwanden in einem Walde.
Unser Feuer hörte auf. Ich sah mich um. Rechts
war eine Gruppe noch weiter vorgegangen. Ziesche
lag neben mir. Wo ist die Perle?
„Marsch!" befahl Lamm.
Wir gingen dem Grunde zu. Links lief ein stei­
niger Weg, an dem drei Tote lagen. Einige waren
dort mit Verwundeten beschäftigt. Die Perle war
nicht darunter.
Im Grunde trafen wir die zweite Kompanie und
schlossen uns ihr an. Wir marschierten durch ver­
schiedene Waldstücke. Es wurde Abend und Nacht.
Der Hauptmann der zweiten Kompanie entließ
uns, und wir suchten unsre Kompanie. Im Dunkeln
kamen wir an verschiedene Trupps heran und
fragten: „Dritte Kompanie?"
Auf einmal eine Stimme: „Ludwig?" Das war
die Perle.
Ich blieb stehen und war ganz ruhig. „Wo hast
du denn gesteckt?"
„Ich bin mit der Gruppe rechts von euch vor­
gegangen,“ lachte er.
„Wo ist Unteroffizier Pferl?" fragte Ernst.
„Ich weiß nicht, Herr Feldwebel.“
„Sie führen jetzt die erste Gruppe. Und wenn
er wiederkommt, er kriegt sie nicht wieder!"

63
Jemand zog mich am Aermel. Es war Lamm.
Ich folgte ihm abseits. Ob er es übel aufnahm, daß
ich jetzt sein Vorgesetzter war?
„Verzeih," sagte er, „daß ich heute statt deiner
kommandierte."
„Ach was!" rief ich. „Das hat mir doch furcht­
bar gut gefallen! — Uebrigens, nennst du mich ab­
sichtlich immer du?" Ich schämte mich ein bißchen.
„Nein, das habe ich schon aus Versehen getan,
aber — mir gefällt’s gut."
,„Lamm!" rief Fabian.
„Herr Leutnant!“
„Ach, hier sind Sie! — Offen gestanden, ich habe
Sie immer für einen in jeder Hinsicht unbrauch­
baren Menschen gehalten! Nehmen Sie mir meine
Offenheit nicht übel! Wissen Sie, daß ich Sie eben
zum Eisernen Kreuz eingegeben habe? Aber unter
uns, nicht wahr? Renn hält auch seinen Mund!" Er
rannte fast fort, um seine Rührung nicht zu zeigen.

Lugny
Wir hatten seit Tagen kein Brot. Mittags und
abends aßen wir Fleisch in fetter, heißer Brühe.
Wer hätte Zeit gehabt, Gemüse zu putzen, wo wir
abends und im Dunkeln in eine Scheune krochen
und früh vor Tage alarmiert wurden. Eine Nacht
blieben wir gar auf dem Straßenpflaster eines
Ortes liegen, weil man vergessen hatte, uns zu
sagen, daß es unsre Nachtruhe sein sollte. In dieser
Nacht schien der Mond. Es war kalt auf den
Steinen. Dicht vor mir lag der Leutnant mit seinem

64
schwarzen Bart und stöhnte und redete mit sich
selbst wie im Fieber.
Die Sonne ging früh und heiter auf. Wir mar­
schierten auf einer geschwungenen Waldstraße in
den kühlen Morgen. Endlich einmal keine von die­
sen schnurgeraden, baumlosen Militärstraßen Na­
poleons! Auch der Leutnant war munter. Aber er
war recht mager geworden und grau im Gesicht,
vielleicht vom Schmutz.
Gegen Mittag bezogen wir Quartiere. Wir häng­
ten unsre Uniformen und Wäsche in die Sonne und
wuschen uns am Brunnen. Heute konnte man sogar
die Füße waschen, die wir zwei Wochen — oder
noch länger — nicht aus den Stiefeln gezogen
hatten. Wir setzten uns vergnügt um den runden
Tisch des verlassenen Hauses. Ziesche kochte
Kaffee.
„Alarml" schrie es draußen. Wir rannten nach
Röcken und Stiefeln. In zehn Minuten stand die
Kompanie abmarschbereit auf der Straße. Vorn
irgendwo wummerten die Kanonen.
„Wissen Herr Leutnant, was es gibt?" fragte
Ernst.
„Ich weiß nicht mehr als Sie."
So standen wir eine Stunde in der Mittagsglut
auf der Straße. Dann marschierten wir mit vielen
Stockungen ab. Es wurde Abend und Nacht, bis
wir ein Dorf erreichten. Dort blieb die Kompanie,
während unser Zug als Feldwache weiterrückte.
„Sie sind mit Ihrer Gruppe Unteroffizierposten
eins, etwa fünfhundert Meter vor uns an diesem
Feldweg."
Wir marschierten an. Die Nacht war dunkel.
Renn, Krieg 5
65
Ich zählte meine Schritte, Beim dreihundertsech­
zigsten Schritt sah ich dicht rechts des Weges eine
kleine Erhöhung. Da lagen Feldsteine umher und
die Wiese fiel nach vorn ab. Links stand ein
Kornfeld.
Ich stellte die beiden Posten ein paar Schritt
vor uns an den Weg. Aber wohin mit den übrigen?
Im Kornfeld wären sie unsichtbar, aber auch leicht
zu überraschen. Und wenn wir angegriffen würden,
müßten sie nach rechts auf die Erhöhung. Also lieber
gleich dort lagern!
„Wie bekommen wir denn das Essen hier vor?“
fragte einer.
Ich schickte ihn mit unsern Feldkesseln hinter
und setzte mich auf den Tornister, Gestern war der
Mond erst gegen drei Uhr morgens aufgegangen,
heute also gegen vier. Dazu war der Himmel be­
deckt. Es war kühl und feucht auf der Höhe, Von
links vorn kam ein leiser Wind.
Lamm setzte sich zu mir. „Weißt du, wo die
Franzosen liegen?“
„Nein.“ Was sollte man weiter reden?
Nach einer Zeit hörte ich hinter uns Blech
klappern. Das Essen kam und Kaffee. Ich begann
zu löffeln. Es war Kalbfleisch in viel Brühe, .
„Warum kriegen wir nur nie Brot?“ fragte einer.
„Weil wir so schnell marschieren, daß die
Bäckereikolonne nicht nachkommt," entgegnete
Ziesche.
Damit war das Gespräch wieder zu Ende. Sie
legten sich schlafen, außer Lamm, Wir saßen
schweigend nebeneinander.

66
Schritte hinter uns, die rasch näher kamen. Es
war Ernst. Ich meldete,
,,Im Fall eines feindlichen Angriffs," sagte er,
„werde ich Ihnen hier kaum Hilfe bringen können,
weil unsre Front nach halblinks ist.“
„Wo stehen die Nachbarposten rechts?"
fragte ich.
„Ich habe eine Patrouille dorthin geschickt, aber
sie hat keine Truppen angetroffen. Wahrscheinlich
hängen wir hier rechts in der Luft."
„Wissen Herr Feldwebel etwas von den Fran­
zosen?"
„Nein, nichts. — Ich gehe jetzt zu Posten zwei.
Der muß jenseits des Feldes an der Straße stehen.
Gute Wache!"
Wir setzten uns wieder. Wir waren hier auf uns
allein angewiesen.
Nichts war zu hören als manchmal ein Tritt
eines der Posten und das Schnarchen hinter mir.
Ich versuchte nach der Uhr zu sehen, konnte
aber die Zeiger nicht erkennen. Lamm sah nach
seiner Leuchtuhr.
„Es ist fast zwölf."
„Dann mußt du mit Ziesche aufziehen."
Er weckte den Ziesche. Die beiden andern
legten sich schlafen. Ich sah in die Nacht hinaus.
— Da hatte ich neben dem Einjährigen fast zwei
Stunden gesessen, und wir hatten nichts gefunden,
das sprechenswert gewesen wäre.
Ich stand auf und ging ein Stück nach rechts.
Dort stand ich eine Weile. Aber was sollte das?
Ich ging zurück und setzte mich wieder. Wenn man
nur etwas Richtiges zu denken hätte! Rauchen
5*
67
konnte man hier auch nicht. Der Gedanke daran
hatte das Rauchgelüst in mir wachgerufen. Ich
stand wieder auf. Ich hatte noch zwei Zigaretten.
Vielleicht gab es hier einen Fleck, wo man sie un­
gesehen anzünden könnte. Im Korn? Nein, die zwei
vorn könnten es merken.
Endlich waren die zwei Stunden um. Ich weckte
die nächsten Posten und erklärte ihnen unsre Lage.
Als ich zurückkam, saß Lamm wie vorhin neben
meinem Tornister.
„Bist du nicht müde?" fragte ich.
„Ich habe das Militär unglaublich gehaßt," sagte
er ganz in sich versunken. „Aber das ist ja ein
Unsinn, daß etwas gar keinen Sinn hätte.“
„Und was soll das Militär für einen Sinn haben?"
fragte ich ohne eigentliches Interesse.
„Das kann ich dir auch nicht sagen. Aber wie
soll unser Schicksal je ein Umweg sein?"
„Da glaubst du also, daß das Leben ganz genau
auf ein Ziel losgeht?"
„Ja, so ähnlich muß es sein.“
Nach einer Weile stand er auf und legte sich
schlafen. Anfangs war ich angeregt. Dann aber
wurde ich sehr müde. Ein paar Male fiel mir der
Kopf vornüber,..
Um nicht einzuschlafen, stand ich auf und ging
hin und her.
Pferdegetrappel ?
Ich lauschte.
„Renn!" rief leise der eine Posten.
„Ja, ich hab's gehört.“
Ich faßte die Schläfer fest an, daß sie gleich
richtig erwachten.

68
„Hier die Kuppe besetzen! Gewehr vor! Aber
nicht schießen, bevor ich's sage!"
Ich lief zu den Posten hinüber. Die Reiter waren
schon ziemlich nah,
„Ihr beiden hier ins Korn, daß wir sie unter
Kreuzfeuer nehmen können! Den Weg freilassen!
Ich schmeiße da Tornister hin, daß die Pferde er­
schrecken."
Ich lief zurück und schleppte ein paar Tornister
und Decken auf den Weg, die da unheimlich aus­
sahen. Dann legte ich mich mit auf die Kuppe, Das
Trappeln kam heran, vielleicht zehn Pferde.
„Halt! Wer da!" schrie ich.
„Patrouille Husaren," lachte einer.
„Vorsicht!" rief ich, „Auf der Straße liegen
Tornister!"
Sie kamen im Schritt heran, vorn ein Unter­
offizier.
„Haben Herr Unteroffizier Franzosen getroffen?"
„Nein, die Dörfer vorn sind leer, keine Maus
drin.“
Wir waren alle munter geworden und schwatzten
durcheinander. Ich bat den Ziesche, für mich zu
wachen, und wickelte mich in die Decke und Zelt­
bahn.

Als ich aufwachte, war heller Tag.


Ein Mann kam von hinten: „Die Posten sollen
zur Feldwache zurückrücken."
Wir rückten ab. Auf einem Stoppelacker mit
Getreidepuppen lag die Kompanie. Auf der Straße
rückten Truppen vor. Wir holten an der Feldküche
Kaffee und sollten noch ein paar Stunden ruhen.

69
Ich legte mich in eine Kornpuppe und ließ mir die
Sonne auf die Beine scheinen.

Ich wachte auf. Die Luft war heiß und zum


Faulenzen. Vorn wummerten ununterbrochen die
Kanonen.
Wir brachen auf. Es ging mit vielen Stockungen.
Die Artillerie wurde vorgezogen und blieb wieder
stehen. Wir marschierten in einer stehenden Staub­
und Schweißdunstwolke. Beim geringsten Halt legten
sich alle hin, so schwül war es. Der Kanonendonner
wurde immer hörbarer. Wieder trabte die Artillerie
vor. Vor uns war eine Lücke entstanden. Wir ver­
suchten nachzukommen. Aber die Lücke wurde
noch größer. Vor uns ritt der Leutnant. Er hatte
eine Haselrute in der Hand und trieb sein Pferd
damit an. Aber nach wenig schnelleren Schritten
schlich es wieder und fing an zu stolpern. Schließ­
lich stieg er ab und gab das Pferd seinem Burschen
zum Nachführen.
Wir kamen auf eine Höhe. Vor uns dehnten sich
die heißen Wiesen. Kein Baum, kein Haus. Nur ganz
in der Ferne schienen mir Schrapnellwölkchen im
Dunst zu stehen. Wenn es nur wenigstens ein Wasser
hier gäbe, daß man die Feldflasche wieder füllen
könnte!
Am Straßenrand saßen und lagen welche mit
schmutzigen Taschentüchern auf dem Kopf, die
Hände und Gesichter aufgequollen. Es wurden
immer mehr, die nicht weitergekommen waren.
Schließlich kamen wir in ein Dorf und rasteten.
Wir zogen die Röcke aus und wuschen uns am
Brunnen.

70
„An die Gewehre! Gepäck auf!" schrie der
Leutnant,
Ich fuhr in das Hemd und den Rock und
schnallte irgendwie um.
„Was ist denn los, Herr Leutnant?" fragte Ernst.
„Die Franzosen sind uns schon fast im Rücken.
Sehen Sie dorthin!"
Auf die Straße, die wir gekommen waren,
fuhren Schrapnelle. Die Marschkranken flohen in
ein Feld hinein.
Wir marschierten in einem Wiesengrund schräg
rückwärts.
Tsch! Tsch! sausten zwei Schrapnelle über uns
weg. Links vor uns standen zwei Feldküchen. Auf
einmal stand dort eine schwarze Wolke auf der
Wiese.
Hramm! krachte es gräßlich hinterher. Plötzlich
stand daneben noch so eine Wolke,
„Das sind Granaten," sagte der Leutnant.
„Lassen Sie jetzt Ihren Zug schwärmen! Wo die
Franzosen liegen, weiß ich auch nicht."
Wir schwärmten aus. Ich war mit meiner Gruppe
ganz links.
Es ging eine Wiese hinauf. Vor uns war blauer
Himmel. Gewehrkugeln pfiffen scharf über uns weg.
„Marschmarsch!" befahl Ernst.
Ich rannte zwei Schritte, sah, daß die Leute
nicht mehr rennen konnten, und fiel auch wieder
in Schritt.
Links tauchte ein kleiner rechteckiger Fichten­
wald auf. Darin knallten die Schüsse an die
Stämme. Wir schlichen weiter.

71
„Dort drin sitzen sie auf den Bäumen!" schrie
einer.
Sie rissen die Gewehre hoch und platzten sinn­
los gegen die Baumkronen. Ein paar knieten, andre
hatten sich hingeworfen,
„Da ist doch gar niemand!" schrie ich. Sie
knallten weiter.
„Stopfen!" brüllte ich,
„Stopfen!“ brüllte Lamm.
Sie setzten ab,
„Seht nur hin!" schrie ich wütend, „ob da
jemand in den Baumkronen sitzt! Ihr solltet euch
schämen, so den Kopf zu verlieren! — Marsch!“
Sie standen auf und folgten.
Durch den Aufenthalt war der Zug auseinander­
gekommen. Ich hatte jetzt die ganze linke Hälfte.
Ernst selbst mit der andern Hälfte war ver­
schwunden.
S! S! Ss! fuhren die Gewehrkugeln immer näher,
Sch — pramm! Granaten hinter uns. Wir muß­
ten gleich auf der Höhe sein und duckten uns.
Rechts stand ein Geschütz auf der Höhe. Kano­
niere schleppten Munition, schossen,
Bramm! Bramm! Schwarze Wolken rings darum.
Ein Mann wurde wie aufrecht nach hinten ver­
schoben.
Vor uns schrie jemand: „Nicht einschieben! Wir
liegen schon in drei Reihen hintereinander!“
Sl S! Sch! — Preng, pamm! Rammsss! krachte,
zischte, zirpte es. Die Franzosen lagen wahrschein­
lich dicht hinter der Höhe.
„Hinlegen!" brüllte ich.
Ich warf mich hin. Rechts und vorn lag alles

72
voll Menschen. Nach links konnte ich nicht sehen.
Da fiel die Höhe ab. Aber es schien mir dort
ruhiger zu sein.
„Nach links hinüberziehenl“ schrie ich durch
das Getöse. Ich erhob mich halb und schlich ge­
bückt nach links. Ziesche vor mir. Die andern
lagen noch,
„Linksum marsch!" kommandierte ich.
Es kamen noch einige mit. Nach wenigen
Schritten waren wir aus dem tollsten Gezisch. Ich
zog sie noch ein Stück weiter nach links. Dann
wendeten wir uns nach vorn. Da war eine leere
Wiese, rechts ein Dorf, in dem es brannte. Viel­
leicht kamen wir so den Franzosen in die Flanke.
Vor uns im Grunde schlängelte sich ein Bach unter
Weiden,
S! S! zischte es auf einmal von vorn. Auf der
nächsten Höhe lagen welche wie die Zielscheiben
gegen den Himmel.
„Stellung! Drüben auf der Höhe Schützen —
Visier sechshundert! Schützenfeuer!"
Ich schlug an. Die Ziele drüben saßen über Korn
und Kimme wie kaum auf dem Exerzierplatz.
Ein Schuß vor mir ins Gras!
Ich drückte ab. Das mußte sitzen, wenn das
Visier nicht falsch war. Um mich schossen sie
lebhaft.
Am rechten Ohr sauste es mir vorbei.
Ich zielte wieder. Auf einmal wurde mein Gegen­
über größer. Ich schoß ab.
„Sie gehen zurück!" schrie ich.
Wir platzten die Schüsse heraus, wie es nur
ging. Drüben verschwand einer nach dem andern.

73
„Marsch!“ kommandierte ich. Wir mußten ihnen
nach. Wir stiegen über einen Viehzaun und kamen
an den Bach. Da lag einer im Wasser, den roten
Hosenboden nach oben. Drüben saßen oder lagen
tote und verwundete Franzosen.
Ich sprang über den Bach. Einer hinter mir
schöpfte mit der Hand Wasser und schlürfte es.
Gewehrschüsse von hinten. Der Hornist Kinder
ging neben mir.
„Blase,“ sagte ich ihm, „daß uns unsre Leute
nicht in den Rücken schießen!“
„Was denn?“ fragte er.
„Was du willst!“
Er blies den Zapfenstreich. Ein Schuß von rechts.
Dort lag ein Kornfeld, und darin gingen Franzosen
parallel zu uns zurück.
„Nach rechts!“ schrie ich. „Visier vierhundert!
Schützenfeuer!" Ich schmiß mich hin und schoß wie
ein Toller. Die Franzosen waren vielleicht hundert­
fünfzig Schritt entfernt. Neben mir knallten sie.
Dort fiel einer ins Korn. Einer hob das Gewehr und
schoß im Stehen nach uns. Sie kamen aus dem
brennenden Dorf. Wir hatten sie in der Flanke.
Einer nach dem andern tauchte im Korn unter.
Sicher waren nicht alle getroffen. Allmählich wurde
ich ruhiger und zielte genauer.
Rechts aus dem Dorf kam hoch aufgerichtet ein
Offizier. Er sank ins Korn. Keiner war mehr zu
sehen.
Ich stand auf. Hinter uns am Bach sah ich
Deutsche stehend auf die Verwundeten schießen.
Ich rannte hin. Es waren Leute der vierten Kom­
panie.

74
„Was macht ihr denn?" schrie ich,
„Die Hunde haben von hinten auf uns ge­
schossen!" sagte einer erbittert.
„Und unsern Leutnant Röhle haben sie im Dorf
erstochen, wie er schon verwundet dalag!"
Ich ging zu meinen Leuten zurück. Es waren
nur noch sechs Mann, darunter zwei von andern
Kompanien. Sollten wir weiter vorgehen?
Der Hauptmann der vierten Kompanie kam ge­
gangen: „Besetzen Sie die Höhe hier vorn!"
Wir schlichen die Höhe hinauf. Meine Beine
waren auf einmal schwer, und meine rechte Schul­
ter schmerzte vom vielen Schießen.
Auf der Höhe, von der uns vorhin die Fran­
zosen beschossen hatten, lag ein Schwarzer mit
weißen Pumphosen.
Vor uns dehnten sich Kornfelder. Darin stand
ein Trupp Franzosen um etwas herum.
„Der Trupp Franzosen! Schützenfeuer!“
Drüben stoben sie auseinander. Ich griff in die
Patronentasche, um neu zu laden. Sie war leer, die
andre auch. Und die zwei Patronengurte um den
Hals hatte ich schon vorhin weggeworfen, weil sie
leer waren. Also 230 Patronen hatte ich heute ver­
schossen! Ja, da konnte die Schulter wehtun!
Die Sonne versank hinter den Höhen rechts. Es
war noch immer heiß.
Ein Mann kam: „Ihr sollt zum Biwakplatz des
Bataillons zurückkehren, “
Wir hängten das Gewehr um. Auf der Wiese
lagen Verwundete. Ziesche hatte einen untergefaßt,
der schwer humpelte.
Ein französischer Offizier, klein und dick, stöhnte

75
im Grase. Ich wollte sehen, was ihm fehlte. Aber
er winkte ab. Trotzdem knöpfte ich ihm den Rock
auf. Aus seiner rechten Hüfte quoll Blut, wie aus
einer Brunnenröhre. Ich zog ein Verbandpäckchen
aus der Tasche und wickelte es ihm um den Leib.
Dabei wurde mein rechter Aermel fast bis zum
Ellbogen blutig. Vielleicht war es ein Unsinn, ihn
bei dem Blutverlust zu verbinden. Einer hielt ihm
die Feldflasche hin. Er schob sie mit der Hand weg.
„Du denkst wohl, wir wollen dich vergiften?'*
sagte der Mann und setzte ihm die Flasche an den
Mund, Der Offizier trank gierig.
Unterdessen hatten die andern noch mehr
deutsche Verwundete aufgelesen. Ich mußte an
einer Zeltbahn mit anfassen, in der einer stöhnend
lag.
Wir kamen an den Bach. Die Franzosen saßen
da und flehten mit Gebärden, sie mitzunehmen.
Einer schlug an seinen umgehängten Brotbeutel und
breitete die Hände aus, daß sie nichts zu essen
hätten.
„Wir haben selbst kein Brot. Und mitnehmen
können wir euch auch nicht, das müßt ihr schon
einsehen.”
Es wurde immer dunkler. Nur im Dorfe flacker­
ten die Brände. Wir gingen den Weg durchs Dorf.
Da lagen überall Tote, hier ein Turko auf einem
deutschen Offizier,
Unser Verwundeter in der Zeltbahn stöhnte bei
jedem Schritt, den wir machten.
Wir kamen in einen Wiesengrund. Da stand
unsre Feldküche, Fabian davor mit Ernst und dem
Kompaniefeldwebel, Sie hatten Aluminiumteller vor

76
sich auf dem Küchenverdeck und hliesen in die
heißen Löffel. Ernst sah mich: „Wie viel bringen
Sie mit?"
„Vier von der Kompanie, Herr Feldwebel."
„Es fehlen hundert Mann,“ sagte Fabian, „Aber
es müssen darunter auch viele Marschkranke sein.“
Ich ging zum Zug. Es waren nur noch etwa
dreißig Mann, nach den Gewehrpyramiden gezählt.
„Hat einer die Perle gesehen?" fragte ich.
„Der ist tot. Er hat oben auf der Höhe einen
Schuß durch den Kopf gekriegt."
„Und Lamm?“
„Ich habe ihn nicht gesehen."
Ich schnallte mein Kochgeschirr ab und ging zur
Feldküche.
„Der Einjährige Lamm läßt Sie noch grüßen,"
sagte der Feldwebel.
„Ist er verwundet?"
„Ja, und recht schwer. Er hat Schüsse durch
beide Arme und Beine und dazu noch einen Kolben­
schlag auf den Kopf. Er sah gräßlich aus."
Als ich mit Essen fertig war, rief mich Ernst.
Er saß auf einer Zeltbahn im Grase und hatte eine
Flasche in der Hand. Bei ihm standen noch zwei
Gruppenführer.
„Setzt euch mal hierher. Wir müssen den Zug
neu einteilen, — Haben Sie Feldbecher da? —
Renn behält die erste Gruppe.“ Er goß uns Rotwein
in die Becher,
Fabian kam mit dem Feldwebel und setzte sich
dazu.
„Wir haben heute im Regiment über zwanzig
Offiziere verloren," sagte Fabian wie von ferne.

77
Ich nippte am Becher. Der Rotwein war herb
und kalt.
„Die Perle ist auch gefallen," sagte der Feld­
webel,
„Das war doch Ihr Freund, Renn," sagte
Fabian.
Die Flasche war ausgetrunken.
„Gute Nacht!" sagte der Leutnant und stand auf.
Wir legten uns auch schlafen.

Amicourt
Nacht. Wir warten auf der Straße. Rechts
Häuser, links eine tiefer liegende Wiese.
Das dritte Bataillon soll die französischen Vor­
posten überfallen.
Fabian spricht leise mit Ernst: „Sie haben ent­
laden müssen, daß kein vorzeitiger Schuß losgeht,
und sollen in breiter Linie mit aufgepflanztem
Seitengewehr — —"
Gewehrknallen!
Klatsch! Klatsch! fallen Geschosse auf die
Straße.
„Links auf die Wiese, und hinlegen!" ruft der
Leutnant.
Von hinten ein Reiter im Galopp auf der Straße.
„Welche Kompanie?"
„Dritte Kompanie!"
„Ausschwärmen und vorgehen!"
„Vor uns ist noch unser ganzes Bataillonf"
„Herr Gott! Befehl der Division: ausschwärmen!"
schnauzte die Stimme.

78
„Ganze Kompanie links heraus schwärmen!"
brüllte Fabian,
Ich renne ein Stück vor.
S! S! S! S! sausen die Kugeln. Es ist stockdunkel.
Ich sehe nichts als schwarze Wiese vor mir,
„Marschmarsch!“ brüllt Fabian.
Wir rennen. Es knattert ununterbrochen. Aber
nichts ist zu sehen,
„Hinlegen!“ brüllt Fabian.
Ich werfe mich ins Gras. Es knallt und saust.
„Marschmarsch!" brüllt Ernst.
Was ist denn mit dem Leutnant, daß er nicht
kommandiert? Wir laufen weiter in das unsichtbare
Feuer hinein. Rechts gegen den Himmel eine mäch­
tige Baumkrone. Links sehe ich drei dicht hinter­
einander. Es ist Ernst mit seinen Schätzern. Das
Feuer hat etwas nachgelassen.
Wir fallen in Schritt.
Vorn taucht etwas auf, ein Wald. Leute laufen da
durcheinander, Schreie, Kommandos und Fluchen!
„Wenn die Kompaniechefs nicht da sind, dann
übernehme ich die Führung hier vorn!" schimpft
ein langer, dünner Leutnant.
Fabian kam von links gegangen. „Was ist hier
zu tun? Ich komme mit der ganzen Kompanie,"
„Gar nichts vorläufig, als Ordnung halten! — So
eine Schweinerei hier! Wir kommen hier vorn an
den Wald, da sitzen sie auf den Bäumen und knallen
von oben herunter! Und wir stehen unten mit ent­
ladenen Gewehren! Lade du mal, wenn einer auf
dich schießt! Das hat jetzt der Divisionskomman­
deur mit seiner verfluchten Vorliebe für den Nah­
kampf! Wenn man diese überständig gewordnen

79
Leute doch abschaffen könnte! Und wo sind die
ganzen Kompaniechefs?" Er wetterte weiter.
Zu meinen Füßen lag einer röchelnd.
Aus dem Walde schrie es: „Hilfe, Kameraden!"
Dort half einer einem andern aufstehen. Aber
es ging nicht.
Ernst meldete: „Mein Zug hat drei Leichtver­
wundete. Und der Krankenträger Weiß fehlt. Ich
hatte ihm befohlen, hinter dem Zug herzugehen."
„Sammeln Sie die Kompanie hier!" sagte Fabian,
„Und schieben Sie eine Gruppe vor in den Wald,
in deren Schutz wir die Verwundeten sammeln
können. Der Verbandplatz ist dort hinten an dem
großen Baum."
„Renn!" sagte Ernst, „Uebernehmen Sie die
Sicherung hier vorn am Wege! Wie weit Sie dazu
vorgehen müssen, kann ich von hier aus nicht be­
urteilen."
Wir gingen ausgeschwärmt mit bereitgehaltenem
Gewehr in den Wald hinein. Dunkle Klumpen lagen
am Boden. Dort ächzte einer. Zwischen den Bäumen
knackte es, halblaute Worte und Stöhnen. Dort
kamen welche mit einem in der Mitte. Vorn win­
selte einer. Wir gingen vorsichtig weiter. Man
konnte nicht wissen, ob die Franzosen noch im
Walde saßen.
Dort links mußte der Winselnde liegen. Ich ging
ein paar Schritte vom Wege ab. Er lag neben einem
Fichtenstamm unbeweglich und winselte nur. Ich
kniete nieder. Er hatte Blut am rechten Ohr.
„Du!" sagte ich.
Er winselte nur und schien ohne Bewußtsein.
Indem hörte ich vorn wieder etwas, konnte aber

80
nicht recht unterscheiden, was das für ein Geräusch
war. Es war wie Holz und auch wieder wie von
einem Wesen.
Ich winkte meine Leute heran. „Wir schleichen
jetzt links vom Wege weiter. Dort vorn ist etwas."
Ich ging mit vorsichtigen Schritten weiter. An
den Bäumen sah ich einen Schein. Auf einmal blen­
dete es mich ins Gesicht. Ich zog mich noch weiter
nach links, um nicht gerade auf das Feuer zuzu­
gehen. Ich sah fast nichts, obwohl das Feuer nicht
hell brannte. Vor mir hörten die Bäume auf. Drüben
war ein neuer Waldsaum. Dazwischen war ein
Streifen Wiese, auf dem rechts das Feuer brannte.
Einer bewegte sich dort. Ich kniete hinter einen
Baum, Zum Feuer waren es fünfzig Schritt oder
weniger. Dort saß ein Franzose, der Scheite nach­
legte, die prasselten. Das war das Geräusch von
vorhin gewesen. Mir kam die Sache so sonderbar
und unheimlich vor, mit dem einen Mann. Nein, da
lag noch etwas am Boden.
Ich schlich zu Ziesche zurück. „Bleibt mal hier!
Ich schleiche das Feuer von dorther an. Wenn was
geschieht, schießt von hier aus ins Feuer, daß ich
währenddessen ausreißen kann."
Ich zog mich nach dem Wege zu. Im Wald lag
etwas quer. Ich trat von Baum zu Baum. Der da
lag, hatte ein Franzosenkäppi auf.
„Oo-ää!" Ich war erschrocken. Der am Feuer
hatte nur gegähnt.
Wieder hinter den nächsten Baum. Da! Rechts
Menschen am Boden und Tornister. Ich stand starr.
Vielleicht war das eine Feldwache, und ich hatte
mich zwischen die Posten und das Feuer ge-
Renn, Krieg 6
81
schlichen? Aber dann hätten uns die Posten längst
bemerken müssen, und der am Feuer säße nicht
so ruhig.
Ich trat hinter den nächsten Baum. Dabei stieß
ich an etwas Blechernes. Ich hatte keine Zeit, dar­
nach zu sehen, denn der Franzose sah plötzlich auf.
„Bon jour, monsieur!“ sagte er und hob ein
Kochgeschirr in die Höhe. Ich war mir nicht klar,
ob er mich wirklich sähe; denn augenscheinlich
blendete ihn das Feuer. Vielleicht wollte er nur auf
alle Fälle freundschaftliche Beziehungen anknüpfen.
Er ließ sein Kochgeschirr sinken und sagte etwas.
„Wo Français?" fragte ich.
Er deutete hinter sich und winkte, als wären sie
weit weg.
Ich ging auf ihn zu bis an den Waldrand und
winkte nach meinen Leuten.
Die tauchten so plötzlich aus dem Dunkel auf,
daß es mir dem Franzosen gegenüber Spaß machte,
der mit ganz runden Augen das sah.
Jetzt sah ich genauer: ein Stück weiter rechts
lief der Weg, An dem lagen tote Franzosen, Tor­
nister, Gewehre, Sie waren, wie es schien, beim
Essen überrascht worden. Vor den halb ausgegeßnen
Eßnäpfen grauste mich.
„Du, Hartmann," sagte ich, „du kannst doch ein
bißchen Französisch; frag mal den aus!“
Hartmann war ein schlanker, schwarzer Kerl
mit blitzenden Augen. Er setzte sich zu ihm ans
Feuer.
Ich stellte die übrigen am Waldrand auf.
„Die haben Brot hier,“ sagte Hartmann. Er war

82
mir in diesem Augenblick unheimlich, ich weiß
nicht, warum.
„Was hast du sonst noch erfahren?"
„Hier im Walde haben zwei Kompanien gelegen.
Der eine Hauptmann ist verwundet, sie haben ihn
aber mitgenommen."
„Gut. Sieh dich mal nach Brot um."
Er legte Tornister und Gewehr beiseite und
machte sich an das herumliegende Gepäck, Sonst
war es still, nur in der Ferne hinter uns schrie ein
Vogel.
„Das ist der Totenvogel," sagte Ziesche.
Mich schreckte die Bemerkung.
Hartmann kam mit zwei halben Broten und
mehreren Konservenbüchsen gegangen.
Von hinten Schritte auf dem Weg. „Ihr sollt
zurückkommen.“
Als wir aus dem Walde traten, war es etwas
heller geworden. Unter dem mächtigen Baum
brannte eine kleine Laterne. Da verband ein Arzt.
Rings lagen welche, einer mit aufgerißner Brust,
wächsern und tot. Andre stöhnten.
Ich meldete dem Leutnant. „Wir haben auch
zwei Brote."
„Die behaltet nur für euch. Für die Kompanie
reichen sie doch nicht.”
Der Arzt erhob sich von seiner Arbeit, Er hatte
die Aermel hochgestreift und blutige Arme. „Ich
bin fertig," sagte er ruhig. „Ich habe kein Verband­
zeug mehr und ganz unzureichende Instrumente."
Er trat ganz dicht an den Leutnant: „Morgen früh
sind zwei Drittel der Verwundeten hier tot."
Krieh! Krieh! schrie es über uns im Baum.
6*
83
Ich ging zum Zuge. Der Leutnant folgte mir.
„Mein Pferd ist natürlich nicht hier vor gekommen
mit Schlafsack und Decke. Ueberdies habe ich heute
wieder einen Burschen verloren, schon den zweiten.
Da müssen wir schon unter einer Decke schlafen."
Seine Worte klangen unbestimmt. Er mußte sich
recht elend fühlen.
Auf der Wiese standen Kornpuppen. Ich
schleppte Stroh heran. Dann schnitt ich dem Leut­
nant eine Scheibe Brot ab.
„Sie haben's auch nötig," sagte er.
„Herrn Leutnant geht's nicht gut.“
„Es geht mir etwas im Kopf herum. — Es gibt
Dinge, die sind schlimmer als die Leute, die hier
liegen und morgen tot sind."
Ich wagte nicht danach zu fragen. Er schwieg
auch und sah in die Sterne neben der dunkeln
Baumkrone.
Wir streckten uns nebeneinander aus. Die Decke
reichte nur über meinen halben Leib.
Die Verwundeten stöhnten. Einer gähnte, als
könnte er nicht wieder aufhören.
Krieh! Krieh! schrie der Vogel.
Der Leutnant atmete unruhig. Was hatte er nur?
Krieh! Krieh! schrie der Vogel.
Ich hatte vorhin einen gesehen, der lag ganz
ruhig auf einer Trage und blickte in die Sterne,
wie damals der Sander in der Schmiede. Was war
aus Sander geworden?
Der Leutnant atmete im Schlaf. Vielleicht war
er wie ein Kind, das zu viel gesehen hat.
Krieh! Krieh! schrie es im Baum.

84
Ich sah wieder die Augen ruhig in die Sterne
sehen.
Wie lange geht das noch so weiter?

Es war noch recht kühl und feucht. Die Sonne


blinkte mit ihrem obern Rand über eine ferne
Wolkenbank. Es war ganz still. Der Leutnant
neben mir schlief noch. So blieb ich auch liegen
und sah in den Baum, zwischen dessen dunklem
Laub der Himmel dünn blau war.
Ich fühlte mich kalt, fror aber nicht.
Rings begannen sie aufzustehen, sich zu recken
und dann ihre Decken und Zeltbahnen zusammen­
zulegen.
Ich kroch aus unsrer gemeinsamen Decke
heraus. Meine Hände waren noch braun vom Blut
des französischen Offiziers, Das war, glaube ich,
vor einer Woche. Seitdem hatte ich mich nicht
mehr gewaschen.
Der Verbandplatz lag ruhig. Auf geschnittene
Röcke, ein nacktes Bein. Der Mann auf der Trage
starrte mit toten Augen in den Himmel.
An der Feldküche standen die Köche schon
wieder in Hemdärmeln. Sie hatten wahrscheinlich
schon lange gearbeitet. Der eine hatte keinen
Hemdärmel mehr am rechten Arm, mit dem er
Kaffee mit der Schöpfkelle in die vorgehaltenen
Feldkessel gab. Aus dem offnen großen Kessel
wallte weißer Rauch.
Neben uns auf der Straße marschierten Truppen
vor und verschwanden im Walde. Ob der Franzose
noch am Feuer saß?
Der Leutnant kam im Mantel zur Küche. Er sah

85
blaß aus und hatte Schmutzstreifen auf dem Gesicht.
Ich wollte ihm wieder Brot geben, aber er wies es
mit einer eckigen Handbewegung zurück. Da nahm
mir der Küchenunteroffizier das Brot aus der Hand,
strich es mit Schweinefett und reichte es Fabian.
„Woher haben Sie denn Fett?" fragte der.
„Wozu bin ich denn Küchenunteroffizier, Herr
Leutnant?"
„Wir haben ein Loch für die Toten gegraben,“
sagte Ernst. „Herr Leutnant werden doch eia paar
Worte am Grabe sprechen?"
Fabian wandte sich ab: „Ich kann nicht.“
Ich fühlte mich auf einmal müde und elend. Die
Sonne fing eben an, warm zu scheinen.
Ein paar Schritte abseits stand eine Strohfeime.
Dort machte ich mir ein Loch und legte mich
hinein, daß nur die Beine draußen lagen.

Ich wachte von einem Gespräch dicht neben


mir auf.
„Krankenträger Weiß!“ sagte Fabian. „Mir hat
Ihr Zugführer gestern abend gemeldet, daß Sie
beim Angriff nicht da waren.“
Ich stand schnell auf, um fortzugehen.
„Bleiben Sie hier, Renn! Es ist mir lieb, wenn
ein Zeuge bei der Verhandlung ist. — Haben Sie
den Befehl von Herrn Feldwebel Ernst erhalten,
dem Zug zu folgen?“
Ich wollte ihm nicht ins Gesicht sehen. Aber ich
sah seine Beine zittern.
„Jawohl, Herr Leutnant."
„Weshalb?"
Er antwortete nicht, zitterte nur.

86
„Aus Angst?“
„Jawohl, Herr Leutnant.“
Fabian schwieg. „Sie sind ehrlich,“ sagte er end­
lich. — „Ich kann das jetzt nicht entscheiden.
Warten Sie bei dem Baum!"
Weiß ging langsam fort. Seine Arme hingen so
unlebendig herab.
Der Leutnant legte sich ins Stroh zurück.
Ich ging etwas abseits und sah dem Marschieren
der Truppen zu. Ich hatte eine furchtbare Angst
um Weiß und auch um den Leutnant, Wenn den
plötzlich die Wut packte und —. Nein, er war doch
ganz ruhig gewesen, aber — das war ja das Un­
heimliche daran —, man wußte nie, was er dachte.
Sollte ich eigentlich noch weiter dableiben?
Aber wenn ich fortlief, und der Leutnant ärgerte
sich darüber und entlüde es auf den erbärmlichen
Weiß —? Meine Gedanken irrten und kamen immer
wieder qualvoll an die selben Stellen. Und da
stimmte es nicht. Konnte ich nicht etwas tun?
„Renn?“
Ich lief zurück und stand in großer Angst vor
ihm.
„Gehen Sie zu Weiß,” er sah mich geistes­
abwesend an, „und holen Sie ihn her!" Er legte
sich wieder zurück. Dabei sah ich seine ganze Er­
regung, und das gab mir etwas Hoffnung.
Weiß trat am Baum im umhergestreuten Stroh
herum und sah mich leer an.
Ich machte nur eine Bewegung mit dem Kopfe.
Er kam mit.
Ach! das war wieder falsch! Jetzt denkt er, ich
verachte ihn, weil ich nicht mit ihm gesprochen

87
habe. Ich will ihm sagen —, nein, ich habe ihm
nichts zu sagen.
Wir kamen zur Feime. Ich wußte nicht, wohin
ich mich stellen sollte, und blieb neben ihm stehen.
Der Leutnant blieb sitzen und sah ihn scharf an.
„Krankenträger Weiß! Sie wissen, daß ich Tat­
bericht wegen Feigheit vorm Feinde gegen Sie ein­
reichen müßte. Sie würden vor ein Kriegsgericht
gestellt und wären für Ihr Leben geschändet. —
Ich mache mich selbst strafbar, wenn ich nicht Tat­
bericht einreiche. Trotzdem tue ich es vorläufig
nicht. Es widersteht mir, Sie vor Gericht zu stellen,
wo wir vielleicht schon heute wieder ins Gefecht
kommen. Ich kann nur mit ganz freien Menschen
ins Gefecht gehen, nicht mit halben Gefangenen.
Wider meine dienstliche Pflicht schätze ich Sie als
Mensch und habe ein solches Vertrauen zu Ihnen,
daß ich Ihnen sage: Der Vorfall ist für mich nie
geschehen. Ihre Sache ist es, dafür zu sorgen, daß
auch Ihre Kameraden ihn vergessen. — Gehen Sie
jetzt!"
Weiß machte kehrt und ging gesenkten Hauptes
fort. Er zitterte noch im Gehen.
„Renn! setzen Sie sich mal hierher!"
Ich setzte mich neben ihn. Aber er sagte nichts
weiter, sondern legte sich auf die Seite, den Rücken
zu mir, als wollte er schlafen.
Er hatte sich wohl erst während seiner Worte
endgültig entschlossen; denn erst sagte er: ich
werde vorläufig keinen Tatbericht einreichen, und
dann hatte er alles ausgestrichen, was geschehen
war.
So lag er lange. Ich wurde immer aufmerksamer

88
auf seinen Zustand, und mir wurde sehr bange.
Was brütete er nur?
Er richtete sich auf: „Ich habe Sie als Zeugen
genommen. Ich möchte nicht, daß über den Weiß
in der Kompanie geredet wird. Es ist lähmend für
einen Menschen, wenn man ihn verachtet.------ Es
ist fürchterlicher, einen guten Menschen für sein
Leben als Feigling zu stempeln, als ihn totzu­
schießen!"
Wir marschierten ab, in den Wald hinein. Das
Feuer auf dem Wiesenstreifen glimmte noch. Aber
der Franzose war nicht mehr da.
Weiter hin lagen am Weg viele Tote dicht zu­
sammen, darunter ein französischer Offizier,
Gegen sechs Uhr abends trafen wir unsre große
Bagage, die rechts auf einer Höhe hielt.
„Habt ihr Brot?"
„Mehr als ihr braucht, um zu platzen!"
„Dort ist der Marketender! — Habt ihr Ziga­
retten?"
Wir kamen in einer großen Scheune unter, aßen
und waren sehr vergnügt.

Rasttag
Am nächsten Morgen beim Kaffeeausgeben rief
der Feldwebel aus: „Heute bleiben wir hier!”
„Du, wir gehn baden!“ sagte Ziesche. „Hinter
unserm Hof ist ein Kanal.“
Wir gingen gleich dahin, zogen uns aus, legten
die Sachen in die Sonne und sprangen ins Wasser.
Der Kanal war tief und floß ruhig. Wir schwammen
hin und her, plantschten und bespritzten uns. Auf
der Wiese jagten sich ein paar.

89
Dann traten wir zur Löhnung an. Alle sahen
irisch und vergnügt aus. Es gab viel Geld; denn
seit Beginn der Kämpfe hatte keine Löhnung aus­
gegeben werden können.
Als wir weggetreten waren, stürmten alle zum
Marketender, der auf unserm Hof hielt. Bald gab
es dort nur noch Briefpapier und Stiefelwichse.
Im Nachbarhof lag der Feldpostwagen. Ich legte
mich ins Stroh und schrieb einen Brief an die
Mutter,
Nachmittags rückten wir auf eine Wiese außer­
halb des Ortes und stellten uns im großen Quadrat
zum Feldgottesdienst auf. Vor der Front standen
die Offiziere, Der Pastor kam angeritten im langen
grauen Rock mit Militärschlapphut. Auf der Brust
hing ihm ein silbernes Kreuz an einer silbernen
Kette. Er stieg vom Pferde und trat in die Mitte.
„Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen
wird, dann werden wir sein wie die Träumenden.
— Liebe Kameraden, sind nicht wir die Gefange­
nen? Sind wir nicht gefangen von Angst und
Schrecken und Todesfurcht? Ringsum haben wir
den Tod gesehen in tausend Gestalten täglich. Und
sind wir nicht befangen von den Eindrücken?------
Wenn aber der Herr uns Gefangene erlösen wird,
dann werden wir sein wie die Träumenden. —
Denkt nur um zehn Minuten zurück: da wäret ihr
noch Gefangene. Jetzt aber habt ihr euch von den
Schrecknissen ab hin zu Gott gewendet. Und ist
euch nicht jetzt, als träumtet ihr nur, daß es so
etwas gibt? Und ist euch nicht zugleich, als hättet
ihr bisher geträumt, und hier erst, an der Schwelle
Gottes, finge das Leben an?----------- "

90
Das gibt es wirklich?
Ich sah Tauben von einem Dach auffliegen und
ihre Flügel in der Sonne glitzern. Ein kleiner Hund
kam mitten in das Quadrat gelaufen und schnup­
perte dem Geistlichen an den Gamaschen.
Später am Tag saß ich mit Ziesche im Stroh. Sie
schwatzten und ich schwatzte mit. Aber das war
nur ganz außen. In mir war ein Glanz, daß es ein
Reich gäbe, das aus den Träumen meiner Jugend
war, nur stärker. Und in dem Reich gab es keine
Gefechte und — Feldküchen. Es ist ja auch gar
nicht der Krieg, was so furchtbar ist, sondern — ja
was? Ich ahnte wohl etwas davon, aber in die
Nähe der Gedanken kam es nicht.
Wir legten uns schlafen. Der Leutnant war ver­
gnügt.

Die Marneschlacht
Braune Flächen. Baumlos lief die gerade Straße
in der Staubwolke der Marschkolonne.
Es wurde gehalten. Ich legte mich in den flachen
Straßengraben auf den Tornister. Wie dick meine
Hände waren.
„Auf!"
Alles drehte sich um mich. Die Felder waren in
der Sonne noch düsterer geworden. — Man sollte
nicht auf dem Marsch in der Sonne schlafen! —
Meine Beine waren Klumpen, Wenn nur die Straße
mal eine Ecke machte!
Endlich kam ein Haus. Davor drängte sich ein
Trupp um einen Wassereimer. Einer hatte einen
Becher geschöpft und setzte ihn an. Er bekam einen
Sfoß und goß sich das Wasser in den offenen Rock.

91
Eine Frau brachte einen neuen Eimer aus dem
Hause. Ein Haufen stürmte darauf los. Die Frau
erschrak, setzte den Eimer hin und lief ins Haus
zurück. Der vorderste bückte sich. Sie drängten
ihn von hinten. Er stieß den Eimer um und fiel
beinahe. Das Wasser floß glitzernd auf die Straße.
Endlich kam eine Straßenbiegung, nach rechts
in ein Dorf. Dort wurde gehalten. Auch der Leut­
nant wußte noch nicht, was weiter würde.
Hartmann war mit einigen in einen Garten ge­
laufen und saß schüttelnd in einem Birnbaum. Wir
hatten ja schon wieder kein Brot mehr. An einer
Mauerwand hockten welche; fast alle hatten Durch­
fall, Auf der Straße lagen welche im Häuserschat­
ten und schliefen.
Eine Bataillonsordonnanz kam gelaufen: „Es
geht weiter!"
Schwer erhoben sie sich. Die eben noch Birnen
schüttelten, sahen auf einmal müde aus.
„Wie weit ist's noch, Herr Leutnant?" fragte
Ernst.
„Ich habe den Ort noch nicht gefunden." Er
suchte auf der Karte. „Da!" Er zeigte es Ernst, der
abgespannt aussah.
„Herr Leutnant, so weit bringen wir die Leute
nicht mehr."
„Still! Wir müssen es versuchen. Wir mar­
schieren am Anfang des Haupttrupps, da können
wir gleichmäßig marschieren."
„Renn, Sie stellen die Verbindungsleute zwischen
der ersten Kompanie und uns!“
Die erste Kompanie marschierte ab. Nach einer
Minute ließ ich die ersten zwei Verbindungsleute

92
gehen, nach einer weiteren die zweiten, dann die
dritten, ich selbst ging mit den vierten. In einem
Abstand folgte mir die Kompanie.
Wir marschierten in einer flachen Mulde. Die
Sonne ging unter, Schatten wuchsen von rechts auf
den Flächen. Es wurde dunkel. Die nächste Ver­
bindungsrotte konnte ich nicht mehr dauernd sehen.
Nur manchmal sah ich eine Bewegung.
Ein Dorf kam und ging vorbei. Unregelmäßige
Waldstücke lagen zu beiden Wegseiten.
Hinter uns hörte ich: „Kompanie halt!"
„Hinten wird gehalten!" rief ich vor und horchte.
Ich hörte nicht, daß sie den Ruf Weitergaben,
„Komm mal mit, Hartmann! Wir scheinen den An­
schluß verloren zu haben und müssen uns ausein­
anderziehen."
Ich stellte ihn ein Stück weiter vorn auf und
lief weiter, so schnell ich noch konnte. Dort gin­
gen sie.
„Hinten wird gehalten!" schrie ich.
Einer rief nach: „Hinten wird gehalten!" aber
müde und leise vorn antworteten sie wieder nicht.
„Habt ihr denn noch A-nschluß?" fragte ich.
„Ich weiß nicht,” sagte der eine,
„Das müßt ihr aber wissen!“ schrie ich ihn an,
„Wenn ihr nicht Verbindung halten könnt, dann
muß ich's allein machen!"
Ich rannte weiter. Wie sollte ich nur bis da vor
kommen, wenn das überall so war?
Ich rannte, fiel wieder in Schritt und rannte
wieder. Der Tornister schlug mir auf den Rücken.
Ich wurde immer wütender und verzweifelter.

93
Da sah ich auf einmal zwei am Straßenrande
sitzen.
„Was soll denn das hier?” schrie ich.
„Es wird doch gehalten," sagte Ziesche ruhig.
„Habt ihr den Ruf weitergegeben?"
„Ja, vorn halten sie auch."
Ich setzte mich zu ihnen. Mein Herz schlug wild.
„Wie weit ist’s denn noch?“ fragte Ziesche.
„Ich weiß nicht!” entgegnete ich heftig, ohne es
zu wollen.
Nach einiger Zeit hörte ich Schritte hinter uns.
Das gab wieder ein Rufen, daß weitermarschiert
würde.
Wieder kam ein Dorf und ging vorbei. Der Boden
war sandig. Waldstücke begleiteten uns. Dann
schloß es sich zu dürrem Fichtenwald zu beiden
Seiten. Es war ganz still.
Auf einmal lag einer rechts am Wegrand. —
Wenn sie schon nachts liegen bleiben, das ist
schlimm! — Ein Stück weiter lagen wieder zwei.
Der Wald wich links zurück. Es wurde heller.
Dicht vor uns gingen die nächsten zwei.
Der Weg bog nach links in ein Dorf hinab. Ob
es das war? Es ging durchs Dorf.
Die zwei vor uns schwankten, und wir kamen
ihnen schnell näher. Ich lief vor, um sie anzu­
treiben, Es waren aber Leute der ersten Kompanie,
die nicht mehr mitkamen. Vor ihnen gingen wieder
drei. Wie sollte man da überhaupt noch Verbindung
halten? Am Straßenrand lagen gleich fünf oder
sechs. Und die alle nur von einer Kompanie!
Wieder Häuser vor uns. Es wurde ein langge­
strecktes Dorf. Und es ging durch.

94
Ich blieb stehen. Vielleicht waren von meinen
Leuten auch welche liegen geblieben? Ich stand,.
Niemand kam. Endlich Hartmann allein, die ganze
Rotte vor ihm fehlte,
„Wo ist der andere?"
„Der hat nicht weitergekonnt,"
„Hast du Verbindung mit der Kompanie?"
„Nein, ich höre sie schon lange nicht mehr.
Aber ich konnte doch nicht stehen bleiben.“
Mich faßte ein Schreck, Wenn sie einen falschen
Weg marschiert waren bei den vielen Weggabeln?
Ich ging mit Hartmann und überlegte. Nach vorn
war der Abstand zu groß, nach hinten aber auch.
Auch wenn ich mich selbst als Verbindungsmann
einschob, war die Kette nicht mehr herzustellen.
Und sollte ich Zurückbleiben? Wenn die Kompanie
falsch marschiert war, nützte das auch nichts mehr.
Es wurde mir schwer zu denken. Mein Hirn war
heiß und dumpf.
Vor uns tauchten Häuser grau aus der grauen
Fläche. Das mußte doch das Marschziel sein!
Das Dorf war klein. Drüben ging es wieder hin,
aus. Zurückgebliebene schwankten vor uns.
Nach kurzer Zeit hörten wir vorn Stimmen.
Wieder standen Häuser. Dort hielt die erste
Kompanie.
Ich blieb stehen und lauschte, ob unser Batail­
lon käme. Ein paar Nachzügler kamen ange­
schlichen.
Ein breites Geräusch von vielen Stiefeln, Rei­
ter tauchten auf, das war das Bataillon.
Wir bekamen eine Scheune zugewiesen. Die
Leute fielen hinein. Ich breitete vorn am Eingang

95
die Zeltbahn aus. Einer kam hereingetorkelt und
legte sich darauf.
„Geh runter! Das ist für Herrn Leutnant."
Er brummte etwas und blieb liegen.
„Herr Leutnant kann doch nicht draußen schla­
fen! Du mußt doch Vernunft haben!"
„Hier ist doch kein Platz," murmelte er, rückte
aber beiseite,
„Wer ist hier drin?" fragte es durch die Tür,
„Dritte Kompanie, Herr Hauptmann," sagte ich.
Es war der Führer der zweiten, der sehr grob war.
„Die Scheune gehört uns!“ rief er, „Ihr habt hier
nichts zu suchen!"
„Verzeihen Herr Hauptmann,“ sagte ich, „die
Scheune ist uns vom Herrn Bataillonsadjutanten zu­
gewiesen worden."
„Nein, die Scheune ist für uns! Ihr müßt raus!"
Unsere Leute fingen an zu murren: „Wir gehen
nicht raus!"
Da kam unser Leutnant, „Dieses Gehöft ist mir
zugewiesen, Herr Hauptmann.“
„Nein!“ brüllte der.
„Ich gehe nicht hinaus, bis es das Bataillon be­
fiehlt!“ sagte Fabian leise und scharf.
„Dann werden Sie draus vertrieben!" tobte der
Hauptmann.
„Wir gehen nicht raus!“ Sie machten sich zur
Abwehr bereit.
„Dann hauen wir euch raus!“ rief einer von der
zweiten Kompanie und rückte dem Scheunentor
näher.
„Ich suche Herrn Hauptmann schon die ganze
Zeit!" rief die Stimme unseres Adjutanten. „Ich

96
kann allerdings vergeblich suchen, wenn Herr
Hauptmann in einem falschen Hof sind!"
Die zweite Kompanie zog ab. Der Hauptmann
schimpfte vor sich hin.
„Das war doch unwürdig eines Offiziers, so einen
Streit anzufangen," sagte ich zu Ziesche.
„Den können aber auch seine eignen Leute nicht
leiden."
„Still!“ sagte Fabian. „Wenn wir vor der
Scheune gestanden hätten, uns hätte auch die Wut
gepackt. Nach so ’nem Marsch darf man's nicht so
genau nehmen.“
Der Leutnant legte sich, ich neben ihn und
deckte ihn zu. Er zitterte am ganzen Körper.
„Herr Leutnant brauchen keine Angst zu haben.
Wir sorgen schon für Herrn Leutnant."
Er hörte sofort zu zittern auf. Ich wunderte
mich, daß ich gewagt hatte, ihm so etwas zu sagen.
Er lag still wie ein gehorsames Kind. Auf einmal
fing er wieder zu zittern an, aber nur kurz,

„Essen holen!" rief draußen der Küchenunter­


offizier.
Ein paar standen auf. Ich schlief wieder ein.

„Herr Leutnant!“ sagte eine Stimme in der Tür.


„In einer halben Stunde stehen die Kompanien
abmarschbereit."
Ich stand auf. Es war noch Nacht. Ich fühlte
starken Hunger.
Draußen stand die Feldküche.
„Habt ihr noch was zu essen?" fragte ich die
Köche.
Renn, Krieg 7
97
„Nein, jetzt ist nichts mehr da. Weshalb habt
ihr denn in der Nacht nicht aufstehen wollen?"
„Gibt's nicht mal wieder Brot?" fragte einer
nüchtern.
„Diese Nacht ist ein Brotauto gekommen. Aber
das Brot ist schlecht."
„Gib nur her,“ sagte ich.
Ich biß in das Brot hinein. Es war bitter und
innen weich wie zerlaufener Käse. Ich hielt es an
die Laterne. Außen war es grün und innen weiß.
Es war völlig verschimmelt. Ich warf es weg.
Wir marschierten ab. Vorn war starker Kano­
nendonner. Die Dämmerung kam fahl und nüchtern.
Hinter einem fichtenbestandenen Hang legten
wir uns hin. Die Sonne kam über die Höhe weg
und briet Harz aus den Nadeln.
Die Feldküche kam und machte ihren Deckel
auf. Es gab Wellfleisch mit etwas Zwiebeln daran.
Auf halber Höhe saß Weiß an einen Fichten­
stamm gelehnt. Ich stieg zu ihm hinauf und löffelte.
„Du," sagte ich, „Herr Leutnant ist krank und
phantasiert."
Er antwortete nicht.
„Du mußt mir helfen, wenn es mit ihm schlech­
ter wird."
Er sah mich mit einem großen Blick an und
nickte.
Ich ging zu meiner Gruppe zurück, legte mich
an den Hang und schlief bald ein.
Gegen Mittag marschierten wir ab. Ich fühlte
mich offen und frisch. Fabian hatte trotz der bren­
nenden Sonne zwei Mäntel an und schlotterte vor
Frost.

98
Wir rückten hinter Waldstücken gedeckt vor
und legten uns seitlich der Straße wieder in den
Wald. Vorn donnerten die Kanonen, Auch links von
uns im Walde mußten Geschütze stehen.
Aul einmal kam es herangerohrt und schlug
dicht neben der Straße ein. Noch zwei schwere
Granaten folgten.
Wir rückten weiter vor.
„Wissen Herr Leutnant, wie die Lage ist?"
fragte Ernst.
„Ich weiß nur, daß wir die letzte Reserve der
Armee sind. Vorn kämpfen sie schon seit gestern."
Wir zogen uns über eine Fläche mit einzelnen
Wacholdersträuchern,
Ein Husar kam von vorn: „In unserer rechten
Flanke sind zwei französische Schwadronen."
Vorn war lebhaftes Gewehrfeuer.
Es ging in einer Mulde weiter. Vorn an einer
erhöhten Straße lagen ein paar Offiziere.
Surr! Surr! fuhren zwei Schrapnelle über uns
weg.
Vorn stand ein großer, dicker Offizier auf und
winkte zu Boden, blieb aber selbst stehen,
„Sind Sie von der Armeereserve?" fragte er.
Er stand hoch aufgerichtet mit flatterndem Um­
hang auf der Straße. Von drüben setzte ein Maschi­
nengewehr ein: tak tak tak tak.
„Wie die schießen!" lachte er. „Ich glaube, die
schießen auf mich." Er bewegte sich langsam von
der Straße herunter.
Unsere Kompanie lachte. Einige standen auf,
knöpften sich die Hosen ab und hockten hin,
Sch—pramm! fuhr es mitten unter sie. Eine

99
Rauchwolke stand zwischen ihnen. Ein paar pack­
ten ihre Hosen hoch und liefen so zur Kompanie,
Nur einer blieb sitzen, sein breites Hinterteil uns
zu. Und den Kopf wie eine Eule nach hinten ver­
dreht, glotzte er die Rauchwolke an.
„Max, das kam dir wohl unerwartet?" rief einer.
Der General kam breitbeinig gegangen und sah
sich den Mann mit der Rauchwolke an.
Sch—pramm! krachte eine Granate links vor
uns. Vorn schossen mehrere Maschinengewehre.
Ueber die Straße kamen Sanitäter mit Kranken­
tragen zurück.
Links kamen welche von vorn. Sie schienen
meist verwundet zu sein. Jetzt kamen auch welche
über die Straße. Sie liefen unruhig.
„Hierher!" rief Fabian.
Pramm! eine Granate.
„Ich bin verwundet, Herr Leutnant!“ rief einer
vorwurfsvoll.
„Ich meine doch nur die Unverwundeten!"
Es waren Leute unseres zweiten Bataillons.
Ein Offizier — es war der Leutnant von Boehm
— stürmte auf Fabian los: „Die Schweine!"
„Was ist denn los?“ lachte Fabian.
„Die Schweine haben mir meine Zigaretten ge­
klaut."
„Die Leute von deiner Kompanie? Das ist aber
ruppig!"
„Ach nee, die Schweine, die Franzosen!"
„Aber wie kommen denn die zu deinen Ziga­
retten?"
„Nu, ich trug den Hesse zurück, weil er einen
Schuß in den Bauch hatte. Aber die Franzosen

100
waren so dicht hinterher, daß ich meinen Tornister
wegschmeißen mußte. Und da waren hundert Stück
Zigaretten drin! Die haben die nun, die Schweine!"
„Aber wo ist denn Hesse?"
„Ich hab ihn liegen lassen müssen, um nur selbst
noch fortzukommen."
Pramm! vor uns.
„Aber wie kam denn das alles?”
„Ach, scheußlich! Wir gingen im Walde vor.
Auf einmal kracht’s von allen Seiten. Der Haupt­
mann Martin kriegte eins in den Kopf. Der Major
ist auch tot und Bender auch. — Und die Schweine
rauchen jetzt meine Zigaretten!"
Er teilte die Zurückgekommenen in neue Grup­
pen ein.
Vorn hatte das Gewehrfeuer fast ganz aufge­
hört. Es begann zu dämmern.
Auf der Straße erschienen zwei Offiziere. Der
eine humpelte. Es war unser Regimentskommandeur.
Sein Adjutant hatte ihn untergefaßt,
„Wie steht's vorn?“ fragte der General.
„Wir haben hier vorn den Waldrand besetzt und
graben uns ein, Rechts sind Franzosen gemeldet.“
Wir marschierten in der Senkung nach rechts ab.
Die Mondsichel hatte schon an Licht gewonnen.
Wir kamen auf einen Weg. Da lag lang ausge­
streckt ein Franzose,
„Sehen Sie mal, ob er tot ist.“
Ich faßte seine Hand. Sie war steif. Mir lief eine
Kälte durch den Körper.
Nicht weit davon hielten wir an einer halb­
offenen Feldscheune, um die Büsche standen.
„Zugführer!" rief der Leutnant leise. — „Wir

101
gehören zur rechten Flankendeckung. Vor uns lie­
gen zwei Kompanien, — Sie hören sie schanzen. —
Wir stehen als Reserve dahinter. Wir dürfen natür­
lich kein Licht machen. Der zweite Zug stellt Posten
um die Scheune.“
Wir legten das Gepäck in den großen Raum.
Es lag nur wenig Stroh verstreut am Boden. Ich
raffte etwas für den Leutnant und Ernst zusammen.
Draußen hörte ich die Feldküche kommen. Wir
gingen hin. Der Kompaniefeldwebel stand dabei
und holte Papiere aus seiner Ledertasche. „Wo ist
Herr Leutnant?“ fragte er.
Ich sah mich um.
Der Pferdehalter kam mit dem Kompanieführer­
pferd: „Ich bringe den Schlafsack und die Decke.
Wo soll ich's denn hinlegen?“
„Herr Leutnant ist doch sonst immer beim
Essenausgeben," sagte Ernst,
Mich faßte eine ganz sonderbare Angst, Ich
lief nach der Scheune. Niemand war drin. Doch,
dort lehnte einer im Dunkeln.
„Herr Leutnant?“ fragte ich leise,
„Ja, was gibt’s?"
„Soll ich Herrn Leutnant das Essen bringen?"
„Ja, ich kann nicht recht gehen; ich bin so
schwindlig."
Ich lief zur Feldküche.
„Bring Herrn Leutnant die Sachen in die
Scheune," sagte ich dem Pferdehalter.
Ernst sah mich an,
Ich brachte einen Aluminiumteller, der sehr heiß
war, hinein und kniete vor ihm hin. Er aß wenig.
Der Kompaniefeldwebel zündete eine Kerze an und

102
hatte einen Becher mit Rotwein, Fabian sah fiebrig
aus.
Ich ging zur Feldküche, um Weiß zu suchen.
„Du," sagte ich, „wo ist unser Bataillonsarzt?“
„Ich weiß nicht.“ Er sah mich ängstlich an.
Ich überlegte. In der Nacht und in dem Wald­
gelände konnte ihn auch niemand finden.
Ich ging wieder in die Scheune. Der Feldwebel
legte dem Leutnant Unterschriften vor. Dann deckte
ihn Ernst zu.
„Ich danke Ihnen,“ sagte er und lag ganz still.
Die Leute waren auch ganz still. Ich legte mich
hin. Was sollte nur aus uns werden?
Durch die Scheune zog die feuchte Nachtluft.
Wie schrecklich mußte das sein bei solchem Fieberl
Ich erschauerte und fühlte mich selbst krank. So
hatte ich mir den Krieg nicht vorgestellt. Da kom­
men einem die Menschen so schrecklich nah,
schrecklich, denn man kann sie doch nicht halten.
Sie werden alle wieder fortgerissen.
Der Leutnant schlief schon.

„Herr LeutnantI“ — Es war frühe Morgendäm­


merung. — „Die Kompanie soll hier vorn das Wald­
stück besetzen und sich eingraben.“
Wir rückten ein paar hundert Meter vor. Das
Gelände fiel nach vorn zu unregelmäßigen Wald­
stücken ab.
Ich begann mit dem kurzen Spaten zu schan­
zen. Unter der obersten steinigen Schicht stieß ich
auf eine harte, dunkle Schicht. Wir hatten nur eine
Beilpicke bei der Gruppe, mit der einer links hackte.

103
Ich versuchte in meinem Loch mit der Spaten­
kante tieier zu kommen.
Nach wenigen Minuten schon lief mir der
Schweiß über die Stirn. Unterdessen war es hell
geworden, und die Sonne beschien die Krone einer
Eiche, die breit aus dem Walde herausragte.
Die harte Tonschicht war dünn, und darunter
war gelber Sand, so daß ich bald mein Loch tief
genug hatte, um halb liegend, halb kniend daraus
schießen zu können.
Hinter uns hatte sich Fabian mit seinen Ordon­
nanzen und Weiß unter eine Fichte gelegt.
Ein Gewehrschuß von vorn!
Ich fuhr herum, konnte aber nichts bemerken.
Das Schanzen hatte aufgehört. Alles war totenstill.
Noch ein Schuß!
Vor uns näherte sich ein Waldstück wie ein Keil
bis auf etwa zweihundertfünfzig Meter. Links davon
sprang der Wald zurück und kam von da schräg
bis dicht an unsre Linie heran, deren linker Flügel
hinter einer kleinen Erhöhung verborgen lag.
Links ein paar Gewehrschüsse in einiger Ent­
fernung, Ein deutsches Maschinengewehr rattert
Trrrrr!
Ich bin mit meiner Gruppe auf dem äußersten
rechten Flügel. Ich sehe nach rechts. Neben mir
liegt Ziesche, dann Lehmann und hinter einem
Steinhaufen etwas entfernter Hartmann. Der Kerl
scheint zu schlafen!
Ich laufe hinüber.
„St!" macht Hartmann und bleibt ganz still
liegen.
Ich lege mich neben ihn.

104
„Du," flüstert er, „da unten an der Waldecke
bewegt sich was."
„An welcher, an der rechten oder der linken?"
„An der linken."
„Du, die Franzosen dürfen auf keinen Fall von
ihrem Wald in unsern kommen. Es sind nur zwanzig
Schritt von einem Zipfel zum andern. In dem
Zwischenraum müssen wir sie abschießen. Wenn
mehrere kommen, nimmst du den rechten, ich den
linken.“
Hartmann nickt.
„Dort!" flüstert er und schiebt sein Gewehr vor.
In der linken Waldecke bewegt sich einer. Plötz­
lich rennt er mit großen Schritten nach rechts.
„Vorsicht!" sagt Hartmann.
Es muß der Leutnant von Boehm sein. Dort
kommt noch einer und ein dritter. Ein Schuß knallt.
Sie verschwinden im rechten Waldzipfel.
Von links zwei Schüsse rasch hintereinander.
„Schützenfeuer!" brüllt Ernst.
„Kümrnre dich nur um deine Waldlücke!" schreie
ich Hartmann ins Ohr.
Von links aus dem schrägen Waldrand sind ein
paar Franzosen getreten. Einer fällt hin, einer rennt
zurück.
Aus dem Waldkeil treten welche nach rechts.
Die Franzosen sind längs unsrer Stellung angesetzt.
Ich lege auf den nächsten an. Die Schüsse platzen.
Ich drücke ab. Er fiel schon. Ich lade.
Hartmann schießt.
Hinter uns kommen welche gerannt.
An der Waldecke rennen zwei nach rechts. Ich
halte kurz vor den hinteren.

105
Neben Hartmann werfen sich zwei, neben mich
der Leutnant.
Ich schieße.
Drei neue erscheinen in der Lücke.
Zwei Schüsse neben mirl
Einer läuft drüben zurück. Ein Schuß dort! Er
stürzt zusammen. Die Patrouille von Boehm ist
wahrscheinlich noch dort.
Ein Gewehrschuß von links fährt dicht über uns
weg.
„Kommen Herr Leutnant von dem Haufen her­
unter!" schreie ich, es ist aber gerade still.
Indem sehe ich den Leutnant an und er mich,
leer, mit grauem Blick.
Er sieht sich ruhig um. Ganz auf dem linken
Flügel knallt noch ein Schuß. Er steht ruhig auf:
„Ordonnanzen!“ und geht langsam nach seiner
Fichte.
„Der ist alle," sagte Hartmann ohne Bewegung.
Nach einiger Zeit merkte ich, daß mein Rücken
von der Sonne unangenehm warm war.
Stunden vergingen. Die Sonne brannte. Ein
paar Mal drohte ich einzuschlafen.
Ich hatte großen Hunger. Meine Feldflasche
hakte ich ab und schichtete einen kleinen Stein­
haufen darüber, um den Kaffee zu kühlen.
Süi-krapp! kam eine Granate und fuhr zwischen
uns und dem Leutnant in den Boden.
Sch-bra-rrr! Die Splitter sausten.
Ich sah mich um. Die Ordonnanzen und Weiß
sahen nach den Granateinschlägen. Der Leutnant
lag und schien es gar nicht zu bemerken.

106
Pramml Zwei Schritt hinter meinem früheren
Loch,
Die Einschläge wanderten nach der Mitte der
Kompanie. Alle lagen zu weit. Die meisten gingen
blind in den Boden. Nur jede dritte bis vierte Gra­
nate krepierte.
Auf einmal klang eine Granate anders. Ich sah
mich um. Wohin sie jetzt gingen, konnte ich nicht
sehen. Wahrscheinlich schlugen sie in die Nähe
der Feldscheune, in der wir übernachtet hatten.
Ich wurde stumpf. Es krachte immer gleich­
mäßig.
Die Sonne stand schon schräger und schien uns
ins Gesicht. Seit einiger Zeit schlugen die Granaten
wieder in unsre Nähe.
„Sanitäter!" Das war Lehmann im Nachbarloch.
Von hinten kam Weiß gelaufen. Er sah blaß aus.
Die Einschläge lagen in der Nähe des Baumes,
unter dem Fabian lag.
Kramms! Ich fuhr zusammen. Es war sehr nah.
Weiß wischte etwas Rotweißes aus dem Gesicht.
Dann wischte er die Hand im Gras ab. Lehmann
schrie und wurde undeutlicher,
„Was ist geschehen?" fragte ich.
„Es hat mich von Lehmann bespritzt, Gehirn."
„Hat dir's auch was getan?"
„Ich weiß nicht. Der Aermel ist mir aufgerissen."
Ich kroch zu ihnen hinüber. Lehmann war schon
still geworden. Sein Hinterkopf war aufgefetzt, mit
schwarzen Haaren. Dem Weiß war der rechte
Aermel am Oberarm aufgeschlitzt.
„Gib mal dein Messer her!“
Ich schnitt ihm den Rockärmel ab. Am Hemd­

107
ärmel war ein Blutfleck. Den Aermel schnitt ich
auch weg. Er hatte auf dem Oberarmmuskel einen
blutunterlaufenen Kratzer.
„Das tut wohl sehr weh?“
„Ich weiß nicht,” entgegnete er kläglich. Ich
wickelte ihm ein Verbandpäckchen darum,
„Hilfe, Sanitäter!” schrie es links drüben.
Weiß sah mich ängstlich an.
„Hilfe! Sanitäter!"
„Geh hinüber!” sagte ich hart, Aber ich wußte
nicht, ob es recht war.
Weiß stand auf, ohne mich anzusehen, und lief
gebückt hinüber.
Ich nahm seinen Rockärmel und steckte ihn in
die Tasche. Dem Lehmann mußte ich seine Wert­
sachen abnehmen. Ich griff in seine Taschen. Da
war nur ein Taschentuch, ein kleiner Spiegel und
die Brieftasche. Für die Erkennungsmarke und die
Uhr mußte ich ihn umwenden, und das ohne mich
unnötig zu zeigen. Ich stemmte mich gegen seine
Schulter und wälzte ihn auf den Rücken. Sein Kopf
fiel mit der offenen Wunde in den Sand.
Ich knöpfte ihm Rock und Hemd auf und schnitt
das Band der Erkennungsmarke durch. Seine Brust
war noch warm. Dann zog ich die Uhr mit der sil­
bernen Kette vorn aus der kleinen Tasche, steckte
alles ein und kroch zu Hartmann zurück.
Eckold, die Ordonnanz, rief von hinten: „Herr
Feldwebel Ernst zu Herrn Leutnant!"
Ernst lief gebückt hinter und kniete bei dem
Leutnant, der nur den Kopf etwas erhoben hatte.
Dann kam er zu mir vorgelaufen und legte sich

108
neben mich. Was wollte er denn von mir? Er sah
unruhig aus.
„Herr Leutnant hat mir das Kommando der
Kompanie übertragen und mir gesagt, das hier wäre
der wichtigste Punkt der Kompanie. Seien Sie un­
bedingt wachsam hier!"
„Wissen Herr Feldwebel etwas von der allge­
meinen Lage?"
„Die Franzosen haben heute früh auf breiter
Front unsre Armee angegriffen, sind aber überall
abgeschlagen worden.“
Er lief gebückt nach links fort.
Das Schießen hatte aufgehört. Was sollte aus
uns werden ohne den Leutnant?
Sch—pack! in unsre Linie, aber ein Blindgänger.
S—pomm! Wieder schrie einer. Das mußte
Häusler aus meiner Gruppe sein. Ganz von drüben
kam Weiß mit dem Verband um den nackten
Oberarm,
Die Sonne neigte sich. Links stand die Mond­
sichel über dem Walde. Es wurde ganz still. Weiß
verband links. Die Sonne verschwand. Der Mond
machte scharfe Schatten.
Ich stand auf und ging hinüber zu Weiß. Er war
aufgestanden.
„Ich habe deinen Aermel mitgebracht. Wie ist’s
denn mit deinem Arm?“
„Er tut weh, aber das macht nichts," entgegnete
er sonderbar frei und frisch. Er sah aber sehr blaß
aus.
Ich steckte ihm den Aermel an.
Eckold kam gelaufen.
„Was gibt's?"

109
„Die Kompanie rückt ab,“ Er sah mich nicht
an und lief schnell weiter. Das war sonst nicht seine
Art. — Hieß das Rückzug?
Ernst sammelte die Kompanie und schied eine
Nachspitze und eine Patrouille als Flankendeckung
aus.
„Es geht zurück," murmelte einer.
„Wo ist Fabian?" fragte mich Liebold.
„Ich weiß nicht,“ sagte ich und wandte mich ab.
Wir rückten zwischen Waldstücken zurück.
Rechts hörte ich Schanzzeug klappern. Da mar­
schierten auch Truppen ab. Niemand sprach ein
Wort.
Wir hielten. Hier sammelte das Regiment.
Einige Kompanien hatten kaum mehr vierzig Mann.
Ernst stand stumm vor der Kompanie.
Ich fragte ihn leise: „Wo ist Herr Leutnant,
Herr Feldwebel?"
„Ins nächste Lazarett."
„Wissen Herr Feldwebel, was ihm fehlt?"
„Wahrscheinlich Typhus.“
Wir rückten auf der Straße weiter zurück. Ich
fühlte mich so elend und konnte nicht sprechen.
Körperlich war es nicht, obwohl ich großen Hunger
hatte. Aber der Gedanke, daß es zurückging! —
Wie weit? Um mich brüteten sie.
Wir marschierten. Der Mond ging unter. Wenn
wir doch wenigstens mal die Feldküche träfen!
Wir hielten auf einer erhöhten Straße.
„Wer liegt denn da?" fragte Ernst und deutete
auf den Straßenhang,
„Ein Offizier," sagte ich und stieg hinunter. Er

110
hatte sich ganz in seinen Umhang eingewickelt.
Ich erschrak.
„Herr Leutnant!"
Er wickelte sich aus dem Umhang und sah
sich um.
„Wie kommen denn Herr Leutnant auf die nasse
Wiese?"
„Renn? — Gott sei Dank, mir ist etwas besser,”
Ich half ihm aufstehen und auf die Straße hinauf.
„Ich wollte ins Lazarett. Aber das sollte den
Franzosen übergeben werden. Hier bin ich nicht
mehr weitergekommen.“
Vor uns marschierten sie wieder ab. Wir muß­
ten auch antreten. Ich hatte den Leutnant unter­
gefaßt. Wenn ich ihn ließ, kam er in Gefangen­
schaft, Er war sehr groß und schwer und konnte
nicht so schnell gehen wie die Truppe. Ich mußte
ihn ziehen. Bald war ich in Schweiß, und mein
rechter Arm, mit dem ich immer vorwärts drückte,
war schon lahm. Wie sollte ich es nur anders
machen?
„Lassen Sie mich nur liegen,” sagte er leise. „Ich
kann nicht mehr so schnell, mich schwindelt so."
„Auf keinen Fall!” sagte Ernst, „Ich mit Renn
bringe Herrn Leutnant schon in ein Quartier."
Er faßte den Leutnant von rechts an. Er war
sehr kräftig und hatte weder Tornister noch Ge­
wehr, Aber es wurde immer schwerer, den Leut­
nant vorwärts zu bringen. Er gab manchmal einen
Laut von sich, der gräßlich war. Mir lief der
Schweiß schon von der Nasenspitze.
„Hier steht die Feldküche," sagte Hartmann
auf einmal.

111
Wir zogen den Leutnant aus der Kolonne. Der
Kompaniefeldwebel half ihm mit dem Kutscher auf
den Bock.
Wir liefen der Kompanie nach. Ich stieß mit
Brust und Stirn gegen einen Chausseebaum und
taumelte weiter. Meine Vorstellungen verwirrten
sich im Rennen.
Der Tag fing an zu dämmern.
Wir hatten doch seit vorgestern abend nichts
mehr gegessen.
Als ich vorn ankam, hielt die Kompanie vor
dem Hofe, wo wir den Streit mit dem Hauptmann
der zweiten Kompanie gehabt hatten.
Leutnant von Boehm gab die Befehle für die
Unterkunft. Er führte wohl jetzt die Kompanie? Er
half Fabian von der Feldküche und führte ihn ins
Haus. Eckold trug ihm das Essen hinein.
„Das ist ’ne ganz andre Art Kompanieführer,”
sagte Ziesche.
„Wo hast du denn deinen Aermel?" fragte ich
Weiß, der kreidebleich und schmutzig an der
Küche stand und löffelte,
„Der ist mir abgegangen.“ Irgendeine Angst
stand in seinen Augen, aber nicht eine vorm
Schießen,
„Willst du nicht mal zum Arzt gehen?“
Er schüttelte den Kopf.
„Weshalb denn nicht?"
„Du mußt mir helfen, daß ich bei der Bande
bleibe."
Wollte er denn noch immer zeigen, daß er
nicht feig wäre?

112
„Aber da mußt du dir einen neuen Rock ver­
schaffen. Sonst sehen alle, was du hast."
Er nickte. Irgend etwas war heute mit ihm
nicht richtig. Ich hätte ihn gern gefragt, warum
er dableiben wolle. Aber er wollte wohl nichts
sagen.
Unterdessen war es schon heller Tag ge­
worden, Wir legten uns in die Scheune. Ich mußte
gähnen und fühlte mich recht matt. Dazu konnte
ich nicht schlafen. Was war das alles häßlich!
Mich fror auf einmal. Hatte mich der Leutnant
angesteckt?

Ich fuhr auf. Einer lag halb auf mir, und ich
mußte hinaus, und sehr eilig. Ich wälzte ihn zurück
und kroch hinaus. Draußen schien die Sonne. Auf
dem Hof rauchte die Feldküche. Ich lief ums
Haus in den Garten.
Ich hatte starken Durchfall.
Als ich aufstand, war ich sehr leicht, aber auch
etwas schwach. Ich ging zurück.
Auf der Straße stand jetzt ein Bauernwagen.
Boehm führte unsern Leutnant, dessen Gesicht alt
und fiebrig aussah, und half ihm in den Wagen,
„Grüß die Heimat!" rief Boehm.
Fabian gab ihm die Hand und sah mich traurig
an. Der Wagen fuhr ab.

Rückzug
„Fertigmachen! In einer halben Stunde steht
die Kompanie!“
Wir marschierten wieder nach vorn. Es wun-
Renn, Krieg 8
113
derte mich, wie gleichgültig es mir war, wohin wir
marschierten. Die Sonne brannte gerade herunter.
Wir zogen uns nach links in den Wald. Vor
uns stieg eine ziemlich bedeutende Höhe an,
Boehm rief die Zugführer.
„Wir gehören zur Nachhut und haben den Auf­
trag, zusammen mit unsrer Maschinengewehr­
kompanie und einer Abteilung Feldartillerie die
Franzosen aufzuhalten. Niemand darf sich oben
auf der Höhe zeigen außer den Posten,"
„Kommt die Feldküche vor?“ fragte Ernst,
„Nein, die ist schon mit der Gefechtsbagage
abgerückt."
Ich fühlte mich ausgezehrt und legte mich unter
einen Baum. Es war wunderbar still. Nur einige
Fliegen summten. Es roch nach frischem Harz. Der
Himmel zwischen den Fichten war tiefblau und
glänzend. Solchen Himmel gab es auch zu Hause
auf unserm Berge.
Wenn die Franzosen kämen, ahnungslos die
Straße entlang? Ich freute mich fast darauf und
schlief ein.

Ich wachte auf und lag im Walde. Die Sonne


schien schon schräg. Ein kräftiges Hungergefühl
trieb mich auf. Ich wunderte mich, niemand um
mich zu sehen.
Sie hatten sich etwas abseits in den Schatten
einer Baumgruppe gesetzt und hörten dem Leut­
nant zu,
„Das gönne ich den Franzosen nicht, daß sie
uns jetzt nachkommen können, als hätten sie ge­
siegt, Die Hunde sind doch so feige, daß sie jetzt

114
noch nicht da sindl Sie riechen wahrscheinlich
unter jeden Busch, ob nicht ein Deutscher drunter
sitzt!"
Von oben kam einer atemlos: „Herr Leutnant,
sie kommen die Straße entlang!"
„Die Höhe besetzen! Aber nicht schießen, bis
sie nicht auf hundert Meter heran sind!"
Wir liefen ausgeschwärmt die Höhe hinauf.
Der Wald zog sich noch zwanzig Schritt den andern
Hang hinunter, Rechts auf der Straße kam die
französische Spitze, ein kleiner Klumpen Menschen.
Rrrrrr! setzte jenseits der Straße eins unsrer
Maschinengewehre ein.
Die Franzosen fuhren auseinander in die
Straßengräben,
Sch! Sch! Von hinten fuhr es über uns weg und
schlug irgendwo in den Wald.
Rechts ratterten mehrere Maschinengewehre,
dazwischen unregelmäßiges Gewehrfeuer. Für uns
war die Aussicht nach weiter vorn durch eine
niedrige Waldhöhe versperrt.
Rechts hörte das Schießen auf. Nur unsre
Artillerie schoß.
Wir warteten. Rechts setzte ein Maschinen­
gewehr ein, brach aber bald ab. Unsre Artillerie
hatte auch aufgehört zu schießen,
Sch! S! S! S! kam es von vorn und rauschte
hinter.
Ram! ra! Rammm! hinten im Grunde.
SsSsSsSs! ging es rechts hinüber.
„St!" machte Ziesche.
Ich sah links drei aus dem Walde kommen. Sie
gingen langsam auf unsre Höhe los.
8*
115
Ramml krachte es links hinter uns in den Wald.
Hatten sie uns doch schon entdeckt?
Krap-parrr! Die Granate schien in einer Baum­
krone krepiert zu sein.
Aus dem Wald kamen etwa zehn Mann un­
regelmäßig verstreut, immer mehr.
„Jeder einen Mann aufs Korn nehmen und ent­
sichern!“ rief Ernst ganz leise. Wir flüsterten den
Befehl weiter.
Sch! Schl kam wieder unsre Artillerie von
hinten vor, aber von weiter hinten, wie es mir
schien.
Ich legte an auf einen, der das Gewehr unter
dem Arm langsam heraufstieg.
„Schützenfeuer!" schrie Boehm gellend.
Ich drückte ab. Das Feuer knatterte. Mein
Mann lag. Ein paar rannten noch und warfen sich
hin. Ich schoß auf den nächsten rechts.
Es waren Geräusche von schwerem Krachen.
Aber im Walde hallte es zu stark, um es zu unter­
scheiden.
S! S! zirpten ein paar Kugeln über uns weg.
Unsere Maschinengewehre ratterten. Ich sah rechts
von mir Hartmann laden und schießen und wieder
laden. Er schien wie im Fieber.
„Ruhiger schießen!“ brüllte Ernst.
Das Knallen ließ etwas nach. Mir schien es, als
schössen die deutschen Batterien nicht mehr.
Maschinengewehre hörte ich auch nicht.
„Zurückgehen!“ wurde von links durch die
Linie gerufen.
Das Gewehrknallen hörte auf. Hinter uns

116
krachten Granaten. Wir standen auf und gingen
den Hang hinab.
Kramm! Rechts vor mir flog neben einem Busch
Dreck auf, und eine schwarze Wolke stand.
Pack! fuhr es links etwas näher in den Boden.
Kappramm! riß es in halber Höhe an einem
Baum. Die Krone kippte ab und fiel in die unteren
Aeste. Zwei rannten eilig dort vorbei. Sollte man
auch rennen? Hartmann kam dicht zu mir.
Wack! in den Boden.
„Jetzt durch!“ sagte ich und rannte los, um ein
paar Bäume.
Kramm! links, und warf Dreck umher.
Es wurde offner, nur noch einzelne Büsche.
Krapp! rechts hinter uns.
Wir waren durch. Ich hörte zu rennen auf und
sah mich um. Sie rannten noch hinter mir. Ziesche
fehlte. Nein, dort kam er hinter einem Busche her­
vor, ziemlich langsam und sah immerfort nach
rechts und links.
„Was rennt ihr denn?“ rief er. „Du wärst bei­
nah 'neingerannt.“
Ich wendete mich ab. Sie sahen mich an. Ein
Unsinn zu rennen! Ich haßte mich.
„Passen Sie doch auf, Renn!" rief Ernst. Ich
fuhr zusammen, er gab das Zeichen zum Sammeln.
Die Franzosen schossen weiter auf verschiedne
Stellen im Walde. Wir marschierten zurück und
bogen auf die Straße. Im Dämmerlicht erkannte ich,
daß unser ganzes Bataillon dagewesen war, viel­
leicht noch mehr. Es wurde still.
Unter Halten und Stocken kam der Marsch in
Gang. Vor uns fuhr eine Batterie. Der hinterste

117
Wagen klapperte von Eisen, Das Mondlicht lag
auf dem dunkeln Kasten, aus dem irgendwelche
Stangen ragten. Ich fühlte mich elend und erbärm­
lich.
Wir kamen wieder in das Dorf, wo wir den
Streit mit dem Hauptmann hatten. Das nächste
Dorf kam, das kurz dahinter lag. — Wenn wir den
ganzen Marsch zurück machen müßten, den wir
damals vor machten?
Wir hielten ein-, zweimal.
Der Mond ging unter. Es wurde ganz dunkel.
Und dann begann es langsam hell zu werden.
Der Himmel hatte sich umzogen. Vor uns lag eine
weite, kahle Fläche. Das Gras auf den Wiesen war
braun und wie rot. Es lastete schwül.
Wir hielten. Ich legte mich auf den Tornister.
Zu beiden Seiten der Straße hockten sie nieder.
Sie hatten nichts im Magen. Bei mir schien der
Durchfall vorübergegangen zu sein. Der Himmel
blendete mich, und ich schloß die Augen.
Auf einmal zupfte mich jemand am Aermel. Ich
sah in das fahle Gesicht von Weiß mit ganz er­
schöpften Augen. Ich fuhr erschreckt empor: „Was
ist mit dir?"
„Mein Arm tut so weh, und der Tornister drückt
so.“
Ja, Weiß war überhaupt schwächlich.
„Aber wie soll ich dir helfen?"
„Ich weiß nicht,“ flüsterte er kläglich.
„Warte mal," sagte ich. Es wurde mir sauer
aufzustehen. Ich ging zu Ernst.
„Herr Feldwebel, der Weiß hat einen Prell­
schuß am Arm, aber er wollte bei der Kompanie

118
bleiben. Aber jetzt kann er doch nicht mehr.
Könnte er nicht wenigstens ein Stück auf einer
Kanone mitfahren?"
„Ich weiß schon," entgegnete Ernst. „Ich werde
es Herrn Leutnant sagen.“
Als ich zu ihm zurückkam, saß Weiß am Straßen­
rand. Er zitterte und versuchte, es mir nicht zu
zeigen.
Ich sagte ihm: „Hab keine Angst. Wir sind
bald da." Aber ich glaubte es selbst nicht. „Dann
sehe ich deinen Arm mal nach." Ich wußte aber
gar nicht, was man mit so einem Arm macht,
Boehm ging zur Artillerie vor und holte dann
Weiß und einige, die nicht mehr fortkonnten.
Wir marschierten weiter. Am Straßenrand lagen
Schanzzeug, Telephontornister, Seitengewehre, aber
keine Marschkranken. Denn wer liegen blieb, kam
in Gefangenschaft.
Gegen neun Uhr vormittags kamen wir in ein
Dorf. Dort sollten wir bleiben. Die Feldküche stand
da und war hoch mit Broten beladen.
Der Adjutant kam im scharfen Trab geritten:
„Sofort abmarschieren, in dieser Richtung!" Er
deutete dahin, von wo wir eben kamen.
„Verfluchte Scheiße!"
„Man kann uns doch nicht hin und her zerren
wie die jungen Hunde!"
„Ruhe!“ brüllte Boehm.
„Herr Leutnant!" sagte ein Unteroffizier. „Das
geht nicht mehr."
„Wir sind im Kriege! Da läßt sich keine Rück­
sicht nehmen!"
Wir marschierten wieder nach vorn und legten

119
uns in eine flache Mulde. Boehm nahm die Zug­
führer vor und bestimmte die Abschnitte. Wir
schwärmten aus und schanzten in dem Sandboden.
Ich hatte bald ein Loch gegraben, groß genug, mich
hineinzulegen. Dann gab ich meinen Spaten dem
Linke, der seinen gestern weggeworfen hatte, weil
er so schwer war und immer mit dem Stiel ans
Knie schlug.
Die Feldküche kam hinter uns in die Mulde ge­
fahren. Sie hatten vier Pferde vorgespannt, um sie
mit der schweren Belastung in dem Sandboden
fortzubringen, und trieben die Pferde mit Hüo und
Peitschenknallen vorwärts.
Wir traten zum Essenempfang an.
Boehm befahl, in drei bis vier Stunden noch
einmal Essen auszugeben.
Ich ging zu Weiß, obwohl es mir selbst schwer
wurde zu gehen und ich lähmend müde war. Er
hatte sich einen neuen Rock verschafft, der ihm
um seinen dünnen Leib schlotterte. Ich half ihm
den Rock ausziehen. Die Binde saß noch auf der
Stelle, hatte sich aber zusammengedreht und mußte
drücken. Ich wickelte sie ab. Das Päckchen war mit
Blut angeklebt. Ich versuchte, es vorsichtig abzu­
lösen. Aber er griff hin und riß es herunter. Die
Schmarre war schon zugeheilt. Aber der Muskel
war geschwollen und sah blau aus.
„Ist das gefährlich?“ fragte ich ihn.
Er schielte hinunter: „Das ist ganz harmlos,
aber’s tut lausig weh.“
„Komm!" sagte ich. „Jetzt ziehen wir wieder
deinen Rock an, und dann schlafen wir drüben in
meinem Loch.“

120
Ich hörte, wie Boehm mit Ernst sprach: „Es ist
noch die neue Nachhut vor uns. Wir brauchen keine
besonderen Vorsichtsmaßregeln.“
Ich legte die Zeltbahn unten in das Loch; denn
der Sand war feucht. Unser Loch war eng für zwei.
Ich begann auf einmal zu frösteln. Weiß zitterte,
wohl vor Ueberanstrengung.
„Lehn dich an mich an, daß dein Arm ganz frei
liegt!“
Ich zog noch an der Decke herum. Dann wußte
ich nichts mehr.

„Kompanie fertigmachenl“
Heftiger Kanonendonner.
Pramm! schlug eine Granate vielleicht zwei­
hundert Meter vor uns ein. Es war mir, als hätte
es schon lange geschossen. Der Himmel sah unheim­
lich schwarz aus mit einem fahlen Glanz.
Ich stand auf. Weiß schlief noch. Wie blaß er
aussah! Es tat mir leid, ihn zu wecken. Ich packte
ihn am Bein.
Er schnaufte und sah sich auf einmal um.
„Wie ist dir jetzt?" fragte ich.
Er wischte sich die Augen mit dem Handrücken
und lächelte: „Gut."
Ist das ein Kind! dachte ich.
Eine Granate schlug ganz nah ein. Ich könnte
mich danach umsehen, aber ich tat es nicht. Die
Kanonen wummerten. Oder war das Donner? Ein
Windstoß fegte Staubwolken über die Fläche.
Wir sammelten rückwärts und marschierten ab.
Hinter uns donnerten noch die Kanonen. Von rechts

121
trieb uns ein Wind Staub und Hagel ins Gesicht,
Die Körner sprangen auf den Feldern.
Boehm ging vor uns mit schief gehaltnem Kopf
und sagte: „Da wird man doch wenigstens mal rein!
Aber gemein ist, daß man dabei nicht rauchen
kann!"
Stoßweise kam der Wind, bald mit dicken
Wassertropfen, bald mit Hagel. Am Gewehr lief
das Wasser entlang und tropfte vom Helm in den
Hals.

Sainte Marie-La Benolte


Ich weiß nicht, wieviele Tage wir marschierten.
Ich kann mich überhaupt der Einzelheiten dieser
Märsche nicht erinnern. Wir waren schweigsam ge­
worden. Es regnete Tag für Tag. In den Nächten
froren wir in den durchnäßten Sachen. Unser drittes
Bataillon wurde eingesetzt und kam in der Nacht
mit wenigen Mann und ohne Offiziere wieder. Ich
wagte nicht zu denken: wann geht es uns auch so,
und ich dachte es doch heimlich vor mir. Immer
weiter ging es hinter der Front nach Norden.
Eines Nachmittags hockte ich neben Hartmann
hinter einem Hause. Wir konnten nicht ganz an die
Wand gehen, weil da Brennesseln wuchsen.
„Du," sagte Hartmann, „kennst du meine
Braut?“
„Nein." Ich weiß nicht, wie es mir in dem
Augenblicke kam, ich dachte, er ist der bestge­
wachsene Kerl in der Kompanie, nur sieht er zu
finster aus.
„Wenn mir was geschieht," er sah zwischen

122
seinen Knien auf den Boden, „mußt du's ihr schrei­
ben." Er war erregt und wollte es nicht zeigen.
„Meine Eltern wollten nichts von ihr wissen, —
und ihre nichts von mir." Er zog ein Stück Zeitung
aus der Tasche, zerriß es und wischte sich ab. Das
tat er so gräßlich bedächtig. Was sollte ich nur
sagen? „Sie heißt Hanna Seiler und wohnt Adolf i-
straße 31.“
Wir standen auf und gingen ins Haus hinein. Er
putzte sein Gewehr. Ich rasierte mich, um nicht das
gleiche zu tun wie er.
Weiß hatte Rock und Hemd ausgezogen und
wusch sich. Sein Oberarmmuskel schillerte noch in
allen Farben.
„Weshalb wolltest du eigentlich damals nicht ins
Lazarett?“ fragte ich.
„Ich weiß doch, wie's bei einem Lazarett auf
dem Marsche ist. Da ist es besser bei der Kom­
panie, wo sich welche um einen kümmern."
„'s gibt Post!" schrie einer vor dem Hause,
Ziesche lief hinaus.
Er brachte mir einen Brief und legte ihn mir
auf den Tornister, Es war die Schrift meiner
Mutter, Ich wollte mich erst fertig rasieren und
waschen.
Ernst sah zur Tür herein; „Sofort fertigmachen!"
Er verschwand wieder.
Wir warfen unser Zeug in die Tornister. Den
Brief legte ich auch hinein.
Auf der Straße traten sie schon an,
„Wir werden nach Sainte Marie vorgezogen.“
sagte Boehm. „Was wir dort sollen, weiß ich auch
noch nicht!"

123
Wir rückten über eine weite Wiesenfläche in
Wald. Unterdessen begann es zu dunkeln.
Wir hielten und setzten uns in den Straßen­
graben. Bald schliefen einige. Ich war nüchtern.
Was sollte ich mit der dummen Telegraphenstange
vor mir? Wenn es nur irgend etwas gäbe, was einem
die Angst zudecken könnte. Ja, saufen! — Wenn
man etwas hätte. Aber nein, ich würde nicht be­
soffen ins Gefecht gehen. Mich schwindelte vor dem
Gedanken. — Wenn man nur wenigstens wüßte,
wie lange es noch dauert, und wenn man die
Gegend kennte, in der man angreifen soll!
„Herr Leutnant möchten zum Bataillonsführer
vorkommen.“
Boehm stand auf und ging.

Ich wachte auf. Meine Beine lagen mit den


Stiefeln etwas zu hoch und hohl. Ich war ganz in
den Graben hineingerutscht. Die Knie taten mir
weh. Mein Gesäß war naß geworden.
Ich war zu nüchtern, um wieder einzuschlafen.
Der Gedanke, zu rauchen oder etwas zu essen,
ekelte mich. Das nützte doch nichts für den An­
griff, — Warum mußte ich wieder ins Feuer hinein­
laufen? Die andern, die gingen mich ja nichts an
— nein, die Kompanie schon, aber die andern Kom­
panien nicht. Mögen die doch angreifen, aber wir
nicht noch einmal! Ist es nicht einmal genug?
Einer kam von vorn auf der Straße gerannt.
„Dritte Kompanie?“
„Ja.“
„Sofort antreten, aber ohne Lärm!”
„Auf die Straße!" befahl Ernst leise.

124
Wir marschierten ab. Nach wenig Schritten lich­
tete sich der Wald. Häuser tauchten auf und eine
Kirche mit niedrigem Zeltdach. Offiziere standen
auf der Straße.
„Mir folgen!" flüsterte Boehm. „Das Bataillon
greift an."
Er ging eilig die Dorfstraße voraus. „Halt!“
flüsterte er. „Nach hinten durchsagen: die Zug­
führer zu mir!“
Die Zugführer standen stramm.
„Machen Sie sich’s bequem! — Wir sollen die
Franzosen aus dem Walde vor uns vertreiben.
Unsere Kompanie ist in der Mitte. Wenn wir aus
dem Dorf ins Freie kommen, zieht sich der zweite
Zug rechts, der dritte links heraus. Unsere Front
ist halbrechts. Sie müssen Ihre Leute bei der
Dunkelheit Zusammenhalten, und kein lautes Wort!
— Jetzt los!"
Ernst gab das Zeichen zum Antreten.
Rechts und links stand noch je ein kleines
Haus. Wir bogen von der Straße nach rechts auf
eine Wiese. Von rechts lief ein Damm herüber. Von
einem Walde war nichts zu sehen. Zu beiden Sei­
ten hörte ich das Schanzzeug der vormarschieren­
den Züge klappern.
Wir kletterten den Eisenbahndamm hinauf. Vor
uns lag der Wald auf dreihundert Meter. Die steile
Böschung hinunter.
Links ein Gewehrschuß! Der Wald war schon
nah. Ernst flüsterte: „Schwärmen!"
Ich rannte vor meine Gruppe. Vor mir zog Ernst
die Pistole aus der Ledertasche.
Links wildes Gewehrgeknatterl

125
„Marschmarsch!“ schrie der Leutnant.
Zwei Schüsse von vorn! Noch zwanzig Schritt
bis zum Waldrand.
Gewehrschüsse peitschten. Ich sah das Auf­
blitzen im Walde.
Der Leutnant warf sich hin. Ich links neben ihn.
Einer kam rechts vorgelaufen und fiel. Mir fuhr
durch den Kopf, das müßte Ziesche sein — sollte
ich schießen? Es peitschte um die Ohren. Aufblitzen
im Waldrand hie und da mit roten Flämmchen,
Dicht über meinen Kopf weg! Mein Kinn steckte
in den Grashalmen. Die Schultern drückte ich her­
unter, Links schoß ein französisches Maschinen­
gewehr.
Boehm bewegte sich.
Ein Schuß dicht! Es knallte. Wie spät mochte
es sein? Vielleicht war die Morgendämmerung
schon nahe.
Das Feuer ließ etwas nach. Das Maschinen­
gewehr links tackte.
Sch! Sch! Sch! Sch! fuhr es über uns weg und
schlug hinten ins Dorf.
„Zurück!“ flüsterte Boehm.
Ich legte das Gewehr in die linke Hand und be­
gann mich rückwärts zu schieben.
Ein Schuß vor meinem rechten Arm in den
Boden.
Sch—parr! Sch—pang! dicht weg in den Bahn­
damm,
Ich schob mich weiter. Meine Hosen streiften
sich in die Höhe. Vor uns war es still geworden.
Nur rechts schoß es lebhaft, und links tackte das
Maschinengewehr mit kurzen Unterbrechungen.

126
Vielleicht sehen sie uns nicht mehr, dachte ich
und erhob mich etwas mehr vom Boden, um leich­
ter kriechen zu können.
Rechts lag, der vorhin hinfiel.
Ich schob mich hinüber. Er regte sich nicht.
Vielleicht war es auch Ziesche nicht?
Ich kam dicht neben ihn. Es war Ernst, Er hatte
den linken Arm halb unter dem Körper.
Ich faßte ihn an der Schulter. Nichts regte sich
an ihm. Ich griff in seine Taschen und steckte seine
Sachen ein.
Ich sah nach vorn. Der Wald war so dunkel, daß
ich vielleicht aufstehen könnte. Ich erhob mich auf
die Knie. Ein Schuß links vorbei! — Natürlich, sie
müssen mich ja gegen den Himmel sehen.
Ich kroch weiter,
„Hilfe!“ flüsterte es links. Es war Schanze von
meiner Gruppe.
„Was hast du denn?"
„Meine beiden Beine!“ ächzte er.
Wie sollte ich dem helfen?
„Kannst du gehen?“
S—kramm! ram! ramm! ram! ram! irgendwo
hinten.
Er versuchte sich aufzurichten. „Ich kann nicht.“
„Ich will versuchen, dir von hinten Hilfe zu
bringen.“
Er weinte leise. Wie sollte ich ihm nur Hilfe
bringen? Wenn ihn hier die Morgendämmerung über­
fiel, so dicht an den Franzosen? Ich versuchte ihn
um den Leib zu fassen und irgendwie fortzuziehen.
„Ra!" machte er. Es war ein ganz unterdrück­
ter Schmerzlaut. Es ging auch nicht.

127
Ich stand auf.
Ein Schuß dicht links!
Ich ging weiter.
Links lag wieder einer.
„Wer ist das?“
Er antwortete nicht, bewegte aber seine Arme
ein wenig. Er lag auf dem Rücken.
Ich beugte mich dicht über ihn, Hartmanns
Augen, ganz schwarz!
Ich faßte seine Hand, ob ich ihn zum Bewußt­
sein brächte, und drückte sie heftig in schrecklicher
Angst. Er merkte es nicht.
Ich ließ seine Hand los und stand auf.
Mir fiel ein, daß ich ihm seine Sachen hätte ab­
nehmen sollen. Aber ich ging weiter.
Vor mir sprachen ein paar.
„Wir müssen ihn auf Gewehre setzen,“ sagte
Boehm.
Das Maschinengewehr setzte wieder ein.
„Ich kann nicht zugreifen," entgegnete Ziesche.
Jetzt war ich so nah gekommen, daß ich sah,
daß Ziesche seinen rechten Daumen in die Höhe
hielt.
Ich half Boehm den Mann auf zwei Gewehren
tragen. Der hatte einen Schuß ins rechte Fußgelenk.
„Drüben wird schon der Himmel hell," sagte
Boehm, „und wir müssen noch über den verfluchten
Bahndamm!"
Es wurde erschreckend schnell sichtiger. Der
Bahndamm zeichnete sich deutlich gegen den auf­
hellenden Himmel. Ein paar kletterten ihn hinauf
und kamen oben scharf und dunkel heraus.

128
Tack tack tack tack tack setzte das Maschinen­
gewehr ein. Ein paar Schüsse knallten.
Einer rollte die steile Böschung herab. Die ande­
ren sprangen wieder herunter und kamen zu uns.
Wir wurden dadurch sieben Mann, — übrigens
der mit der Roten-Kreuz-Binde ist doch Weiß. Aber
er bewegt sich so seltsaml
„Wir müssen uns eingraben," sagte Boehm, „Vor
heute abend kommen wir nicht zurück."
Wir setzten den mit dem Fußgelenkschuß sorg­
sam hin, Ziesche half mit der linken Hand.
Boehm ordnete an: „Renn schanzt hier, rechts
davon ich und daneben die beiden von der zweiten
Kompanie. — Sie, Ziesche, geben mir Ihren Spaten
und halten Wache. Sehen Sie sich mal um, ob hier
nicht welche herumlaufen, die auch nicht hinter
können,"
Wir begannen zu graben. Dem Schanze konnte
ich keine Hilfe mehr bringen. Es wurde schon merk­
lich heller.
In zwei Handbreiten Tiefe stieß ich auf weißen
Kalk.
„Hat nicht jemand eine Beilpicke?" fragte ich.
Niemand antwortete. Es war sinnlos, in den Kalk
mit dem kurzen Spaten eindringen zu wollen. Daher
schälte ich den dunklen Boden in größerer Breite
ab und warf ihn als Wall vor mich.
Einzelne Schüsse knallten,
Sch—pramm! fuhr es hinter den Bahndamm.
Jetzt war mein Loch groß genug für mich. Aber
ich mußte darin noch Verwundete aufnehmen. Ich
sah mich um. Hinter mir lag Weiß auf dem Rücken
Renn, Krieg 9
129
und atmete kaum. Erst mußte ich Weiterarbeiten;
dann konnte ich mich um ihn kümmern.
Ziesche hatte noch drei Mann aufgesammelt.
Einer begann links zu schanzen.
„Mach es so,“ sagte ich, „daß wir nachher unsere
Löcher verbinden können."
Ich arbeitete hastig wegen der geringen Zeit.
Mein Nachbar kam auch schnell vorwärts, und wir
schaufelten schon die letzte Scheidewand zwischen
den beiden Löchern weg, als ich auf einmal auf
die Helligkeit aufmerksam wurde. Ich sah nach
vorn. Der Wald lag im leichten Nebel schon recht
deutlich, aber —
„Herr Leutnant," sagte ich, „die Franzosen
können uns, wenn wir liegen, hier nur sehen, wenn
sie auf die Bäume klettern."
Boehm sah nach vorn. „Nu, da zünde ich mir
erst mal 'ne Zigarette an."
Er stand auf, stellte sich nach dem Wind und
steckte eine Zigarette in den Mund,
Ein Schuß! Er kniete hin. „Verfluchte Bande! —
Aber ich rauche doch! — Pfui!“ Er spuckte aus.
„Das hat mir ’n paar Zähne eingehauen!"
Der Schuß war ihm quer durch den Mund ge­
gangen. Ich rutschte zu ihm.
„Lassen Sie nur! Der Zunge hat’s nichts ge­
tan. — Da sieht man doch, wozu das Rauchen gut
ist!"
Ich sah, daß es ihm doch weh tat.
Ich kroch zu Weiß. „Was ist denn mit dir?"
„Ich habe einen Brustschuß.“
Ich half ihm in das Loch.
Ziesche kam herübergekrochen, auf die linke

130
Hand und den rechten Ellbogen gestützt, Sein
Daumen war oben breit und blutig.
„Soll ich dich verbinden?"
„Verbinde lieber die andern!" sagte er schroff.
Er mußte starke Schmerzen haben.
Unterdessen hatte der links von mir den mit
dem Schuß ins Fußgelenk in unser Loch gezogen
und schnitt ihm den Stiefel auf.
Ich knöpfte dem Weiß Rock und Hemd auf. Er
hatte einen kleinen Einschuß links unter dem
Schlüsselbein.
„Dreh dich mal auf die Seite!“
Ich schnitt ihm das Hemd auf. Auch der Aus­
schuß war klein und hatte nur wenig geblutet. Ich
legte ihm das Verbandpäckchen auf den Rücken.
„Hast du nicht Heftpflaster zum Ankleben?
Sonst hält's nicht.“
S! fuhr ein Schuß dicht über mich weg. Es war
heller Tag, und ich hatte mich unvorsichtig hoch
erhoben.
Ich knöpfte dem Weiß den Rock wieder zu
und bedeckte ihn mit Mantel und Zeltbahn,
„Deck mir’s auch über die Augen!“ bat er,
Ziesche hatte sich schon selbst mit der linken
Hand ein Verbandpäckchen um den Daumen ge­
wickelt und hielt mir’s hin, daß ich ihm einen
Knoten machte.
„Es macht, als wollte da ein Viech auskriechen,"
lachte er.
Der Leutnant war noch unverbunden. Ich hatte
kein Verbandpäckchen mehr, Seidel, mein Neben­
mann, auch nicht.
9‘
131
„Du Weiß!“ sagte ich und deckte ihn etwas auf.
„Ich muß nur in deine Verbandtaschen."
Er antwortete nicht und atmete nur schwach.
Wahrscheinlich tat ihm das Atmen weh.
Ich holte eine gerollte Binde aus seiner Tasche
und deckte ihn wieder zu.
Vorn immer einzelne Gewehrschüsse. Ob sie
unsre Verwundeten dort einzeln abschossen? Viel­
leicht auch Schanze, dem ich versprochen hatte,
Hilfe zu bringen? Aber was sollte ich tun?
Ich kroch hinüber zum Leutnant. Er hatte sich
auf den Bauch gelegt und spuckte von Zeit zu Zeit
etwas aus. Ich nahm ihm den Helm ab. Merk­
würdig! Die Verwundeten sind alle wie die Kinder!
Die Binde wickelte ich ihm über den Scheitel und
ums Kinn.
„So muß ich doch aussehen wie eine Wasch­
frau!“ sagte er,
„Aber mit Bart, Herr Leutnant."
Jetzt mußte ich noch zu denen rechts. Aber
da waren vier Schritt Zwischenraum, Wenn sie
drüben auf den Bäumen saßen, mußten sie mich
sehen.
Ich kroch hinüber. Ein paar Regentropfen fielen
ins Gras. Dort lagen vier dicht nebeneinander in
einem Loch. Einer hatte einen Verband um den
Unterarm. Und neben ihm lag einer auf der Seite
und sah mich schrecklich an. Um Mund und Nase
war alles aufgequollen und voll Blut. Er hatte den
Kopf so auf die Tornisterkante gelegt, daß es auf
den Boden tropfte. Ich erkannte an Stirn und
Augen: das war Eckold. Wie sollte man den nur
verbinden? Er sah mich ununterbrochen an.

132
„Kann ich dir helfen?"
Er antwortete nicht. Wahrscheinlich konnte er
nicht sprechen,
„Ihr hier,“ sagte ich zu den Unverwundeten,
„müßt abwechselnd wachen. Wir machen's drüben
auch so,"
Der Eckold kann doch nicht einmal essen und
trinken! dachte ich. Und der Regen tropft ihm ins
Gesicht, Aber es hat keinen Sinn, dazubleiben und
ihn zu betrachten wie eine Sehenswürdigkeit, Ich
kroch zurück,
„Jetzt kannst du schlafen," sagte ich zu Seidel,
„Wenn ich müde bin, wecke ich dich."
„Mach mir doch mal meine Zeltbahn ab und
den Mantel," sagte Ziesche. Ich deckte ihn zu.
Vom Umherkriechen war ich ganz mit aufge­
weichtem Kalk und Erde beschmiert. Es regnete
immer stärker. Das gab ein leises Geräusch im
Gras, Sonst war es ganz still. Meine Zeltbahn hatte
Weiß.
„Komm mit unter meine Zeltbahn," sagte Seidel.
Es war ein ganz junger Kerl mit rundem Gesicht
und runden blauen Augen.
Wir lagen still nebeneinander. Ich machte mir
einen Einschnitt in den Wall, um nach vorn sehen
und schießen zu können. Dann lag ich, und der
Regen prickelte auf die Zeltbahn. Ich war ganz
ruhig, oder ich meinte es zu sein. Allmählich kamen
allerlei Vorstellungen hervor: daß das doch nicht
die Perle war, neben mir unter der Zeltbahn, son­
dern Weiß. Und doch, wenn ich mich nicht besann,
war es die Perle. Der Regen prickelte. Hartmann

133
war doch ein Sterbender gewesen,-------Die Wald­
kronen vorn über der Wiese bewegten sich nicht.
Gegen Abend hörte ich rechts ein Stöhnen, das
sich wiederholte, Ziesche begann sich auch unter
der Zeltbahn zu bewegen. Weiß schien zu schlafen,
Aber nach einer Weile bewegte er die Hand. Ich
kroch zu ihm. In unserm Loch stand eine Pfütze.
Ich deckte ihm das Gesicht auf.
„Brauchst du etwas?"
„Nein," lächelte er. „Mir geht's gut."
Ich versuchte wieder zu lächeln, aber konnte es
nicht. Ich deckte ihn wieder zu. In mir krampfte es
sich: der stirbt! — Aber wenn er sich doch wohl
fühlt? Man kann sich doch nicht freuen, wenn
einer auch angenehm stirbt. — Aber vielleicht ist
es wirklich nicht so schlimm? Drüben stöhnte es
wieder.
Die Dämmerung kam. Dann wurde es dunkel.
Ich stand auf.
„Wollen wir nicht jetzt hintergehen, Herr Leut­
nant?"
Er stammelte etwas. Wahrscheinlich hatte er
geschlafen. „Ach, es ist dunkel?"
Seidel und ich nahmen den mit dem Fußgelenk­
schuß auf unsre Gewehre.
Weiß stand auf und behauptete, ohne Mühe
gehen zu können. Das verwunderte mich. Eckold
mußte getragen werden.
Wir stiegen vorsichtig den steilen Bahndamm
in die Höhe. Auf einmal rutschte ich mit dem linken
Fuß. Der auf den Gewehren heulte leise auf und
faßte mich noch fester um den Hals, Dann ging es
drüben wieder hinunter und gegen das Dorf zu.

134
Mehrere Menschen bewegten sich auf uns zu.
Es war eine Patrouille mit Krankenträgern. Wir
übergaben ihnen unsre Verwundeten, Ich gab
Ziesche und Weiß die Hand, wußte aber weder
etwas zu sagen, noch nur zu denken. Den Eckold
wagte ich nicht anzurühren,
Boehm ging noch mit uns vier Unverwundeten
weiter ins Dorf.
Wir traten in einen dunkeln Flur. Boehm klopfte
an eine Tür.
„Herein!" rief cs von drin.
Boehm machte die Tür auf. Drin stand unser
Bataillonskommandeur im Mantel bei einer etwas
flackernden Kerze, — Die Fensterscheibe war zer­
brochen.
„Boehm!" rief er und ergriff ihn an beiden
Händen. „Können Sie sprechen?" sagte er und sah
besorgt auf den Verband.
„Sogar noch rauchen, Herr Major!" sagte Boehm.
„Na, das ist gut. — Aber was wollen die vier
da?"
„Die bringe ich gesund zurück."
„Es sind gestern auch nicht viel mehr zurück­
gekommen, — Gehen Sie in den Hof gegenüber!
Wir haben nur noch eine Kompanie im Bataillon,
unter Leutnant Eger."
Drüben standen die vier Feldküchen auf dem Hof.
„Renn!“ rief der Feldwebel und gab mir die
Hand.
Aber ich konnte nicht mehr. Er fragte mich aus.
Ich weiß nicht, was ich antwortete.
Am nächsten Morgen rückten wir hinter nach
Chailly,

135
STELLUNGSKRIEG
DER STELLUNGSKRIEG VOR CHAILLY

I
Bisweilen will es mir scheinen, als hätte ich die
zwei Wochen in Chailly nur geträumt.
Als ich am Abend des Tages nach dem Gefecht
von Sainte Marie im Quartier mein Gepäck abge­
legt hatte und den Tornister öffnete, lag der Brief
darin, den ich vor zwei Tagen erhalten hatte, noch
ungelesen.
Mein Junge! Pastors Alfred ist gefallen, wo,
habe ich vergessen. Ich war gestern bei Pastors.
Sie lassen dich grüßen. Der Pastor sagte zu mir:
Ich wünsche Ihnen ein Glück, das uns bei unserem
einzigen Kinde nicht beschieden gewesen ist.
Dabei rollten ihm die Tränen herunter, und er
ging bald in seine Stube. Schreibe ihnen mal.
Du kannst das so hübsch. Sonst kann ich dir
nichts erzählen, als daß ich jeden Tag für dich
bete. Deine Mutter.
Ich ging ins Freie, Ich traf welche von der Kom­
panie auf der Straße. Eine alte Frau keifte vor
ihrer Tür, Ein kleiner Hund fegte mit eingezogenem
Schwanz um eine Ecke. Ich sah das alles und sah
es nicht.
Im Quartier saßen die Kameraden und rauchten
und schwiegen, Oder sie spielten Karten, und dabei

139
schweigt der Mensch ja auch. Sie waren düster und
wurden unwillig, wenn einer sie nach ihren Erleb­
nissen befragte. Mir war das unverständlich. Wenn
mich nur mal einer fragtel dachte ich. Aber eines
Nachmittags befragte mich der Leutnant Eger,
unser neuer Kompanieführer, nach den näheren
Umständen der Verwundung Boehms. Ich erzählte
ihm, wie der sich die Zigarette anbrannte, und
freute mich, daß Eger darüber lachte; denn ich
hatte auf einmal eine Furcht, von dem übrigen zu
sprechen, was da geschehen war.

II
Ich kam gerade von einem Gang durchs Dorf
nach Hause. Es war Abenddämmerung. Im Quartier
packten sie die Tornister.
„Was packt ihr denn?"
„Weißt du denn noch nicht, es geht wieder
vor?" sagte einer mürrisch. Die andern sahen gar
nicht auf.
Ich machte mich an meinen Tornister. Meine
Hände waren mir lahm. Warum noch einmal vor?
Wozu hatte man uns hier ordentlich zu essen ge­
geben, wenn es wieder hineingehen sollte?
Neben mir murmelte einer etwas von gräßlicher
Totenwiese. Aber ich wußte nicht, ob ich ihn rich­
tig verstanden hatte. — Wenn man wenigstens
wüßte, wohin es ginge! Irgendwo vor uns sollten
sie sich auf hundertfünfzig Meter, und weniger sogar,
gegenüberliegen. Wie kann man, — — und, Herr
Gott, wie kann ich da leben?
Wir traten vorm Hause an. Wir waren etwa
sechzig Mann, die Reste von vier Kompanien. Der

140
Mond schien aui den Platz. — Der Kompanieführer
wird uns schon sagen, worum es sich handelt.
Die Zugführer meldeten dem Leutnant.
„Ohne Tritt — marsch!“
Es ging die Straße nach Sainte Marie vor. Wir
kamen in den Wald und hielten wie damals dicht
vorm Ort. Sollten wir noch einmal dort angreifen?
Nach einer halben Stunde kam Eger aus dem
Dorf zurück.
„Ohne Tritt — marsch!“
Wie sich das alles wiederholte, war mir unheim­
lich. Und dazu der schweigende Leutnant.
Es ging durch das Dorf und auf die Wiese, auf
der jetzt ein Pfad getreten war. Vor uns der Bahn­
damm lag im Mondschatten. Als wir dicht heran­
kamen, sah ich, daß eine tiefe Rinne hinauf­
führte. Die kletterten wir, der Leutnant vorauf,
einer hinter dem andern. Oben war der Graben so
tief, daß ich mich nur etwas zu bücken brauchte,
um unter den Schienen durchzukommen. Auch an
der andern Böschung war der Graben tief. Unter
uns sah ich im Mondschein einen unregelmäßigen
Graben mit kreideweißen Aufwürfen.
„Der Zug dritte Kompanie," wendete sich der
Leutnant an unsern Zugführer, „kommt am weite­
sten rechts. Sie müssen selbst fragen, wo die Zugs­
grenzen sind.“
Wir gingen in dem geschlängelten, knietiefen
Graben entlang. Ich sah mich nach der Stelle um,
wo wir damals den Tag über mit den Verwundeten
gelegen hatten, konnte sie aber nicht finden.
Jetzt kam ein anderer Graben von links her
schräg auf unsern zu. Der sah merkwürdig unordent-

141
lieh aus, als läge er voll Gerümpel, Ich bog um die
letzte Ecke, Der Graben war breit und auch tief,
und darüber war rechts eine Gartentür, oder so
etwas, gelegt und Zeltbahnen darüber gehängt, Nach
vorn ragten aus dem Dach zwei Gewehre und Helme.
Das waren Posten, die zum Dach heraussahen. Wir
konnten nicht alle durch die enge Zelthütte kriechen,
stiegen nach hinten aus dem Graben und gingen da
weiter.
Die Gruppe, die ich ablösen sollte, lag in einem
Grabenschlauch, der mit Astwerk und Rasenbatzen
eingedeckt war.
„Die müssen erst mal ’raus, ehe wir hinein­
können,“ sagte ich meinen Leuten, Ich steckte
kniend meinen Kopf in die Höhle: „Wir kommen,
euch abzulösen.“
Ein Unteroffizier kam herausgekrochen und hielt
mir eine lange Rede, was wir alles tun sollten und
nicht tun dürften: Nicht laut sprechen! Nicht den
Graben verunreinigen; wir müßten’s eben halten
bis zur Nacht! Vor allem größte Aufmerksamkeit
auf den Feind, und der Graben müßte unbedingt
bei feindlichem Angriff gehalten werden.
Wozu sind wir denn sonst da? dachte ich ärger­
lich, Er erzählte noch immer weiter. Ich hörte gar
nicht mehr darauf, konnte mir auch das alles gar
nicht auf einmal merken.
„Das ist, glaub ich, alles. — Ach ja, bei Nacht
sollen alle wachen, bei Tage nur die Hälfte.
Links vor uns liegt auf etwa fünfzig Schritt ein
Horchposten.“
„Hat die Kompanie Patrouillen vorgemacht?"
fragte ich. „Ich meine, ob man den Toten vorn die

142
Erkennungsmarken und Wertsachen abgenommen
hat?"
„Ja, aber ich war nicht vorn, — Haben Sie denn
damals den Sturm hier mitgemacht?"
„Ja,“ sagte ich, äußerlich kalt.
„Unsere Horchposten vorn wollen noch in der
letzten Nacht das Schreien der Verwundeten vorn
gehört haben. Bei Tage kann man vorn nichts
sehen."
Ich fühlte mich aufgewühlt. Der Angriff war
zwei Wochen her. Da konnte doch niemand mehr
leben. Aber wenn doch?
Die bisherige Gruppe rückte ab. Wir richteten
uns in der Erdhütte ein. Es war sehr eng. Dann
ging ich wieder ins Freie, Ich wollte vor, um selbst
nachzusehen. Aber solange der Mond schien, war
daran nicht zu denken.
Unser Zugführer kam und ordnete auch noch
alles mögliche an. Ich sagte ihm, daß ich vor wollte.
„Dazu müssen wir aber erst einmal den Kom­
panieführer fragen."
Ich ärgerte mich wieder.
„Sie wollen eine Patrouille machen?" fragte der
Leutnant Eger. Er warnte mich, ja nicht unvor­
sichtig zu sein und auf den Boden zu achten, daß
ich nicht unversehens stolperte und uns verriete.
Ich sollte zwei Mann mitnehmen, aber wir sollten
nicht zu dicht Zusammengehen. Er fand kein Ende
und gab mir wohl eine halbe Stunde gute Rat­
schläge. Ich hatte meinen Plan, vorzugehen, schon
gründlich satt. Sind wir Kinder? Ich mache ja nie
wieder eine Patrouille — oder heimlich!
Ich kroch aus der Höhle des Leutnants, Draußen

143
war die Luft frisch, und der Mond stand schon dicht
über dem Walde hinter uns.
Ich besprach die Patrouille mit Seidel und noch
einem, sagte ihnen aber kein Wort von dem, was
der Leutnant gesagt hatte. Unterdessen ging der
Mond unter.
Einer unsrer Posten machte: ,,St!“
„Was gibt's denn?" flüsterte ich.
„Da vorn hat sich was bewegt.“
Ich sah scharf in die Richtung und glaubte auch
etwas Dunkles wahrzunehmen. Konnten franzö­
sische Patrouillen vorn sein?
„Schieß drauf, wenn sich’s wieder bewegt!“
sagte ich.
Das machte mich etwas unruhig. Wir krochen,
das Gewehr bereit, sehr vorsichtig aus dem Gra­
ben, Das Schwarze wurde deutlicher, aber auf­
fallend dünn. Es war ein Holzpfahl. Daneben waren
noch mehrere eingeschlagen und mit einigen Dräh­
ten verspannt.
Wir mußten uns halblinks halten, weil wir da­
mals von weiter links her angegriffen hatten. Ich
entsann mich der Form einer Baumgruppe, die ich
gegen den Himmel gesehen hatte. Die wollte ich
zuerst suchen.
Wir traten leise auf, Das Gras war feucht und
raschelte nur wenig. Ich hatte den andern gesagt,
keine schlenkernden Bewegungen zu machen, weil
man die im Dunkeln am leichtesten sieht.
Am Boden etwas. Ich war unsicher: nach der
Entfernung konnten es die Horchposten sein.
„Halt, wer da," flüsterte es.
„Patrouille dritte Kompanie.“ Ich ging zu ihnen

144
hin: „Sagt denen, die euch ablösen, daß wir vorn
sind und sie vorsichtig sind mit Schieße n."
Wir gingen weiter. Den oberen Rand des Wal­
des sah ich schon deutlicher gegen den Himmel.
Deshalb duckte ich mich langsam und kroch dann
auf allen vieren. Dort schien etwas zu sein. Ich
bewegte mich ganz langsam. Das Ding vor mir war
zu niedrig für einen Menschen, Ich war auf zwei
Schritt heran. Es war auffallend dunkel. Ich griff
danach. Es war eine Schlafdecke mit einem Tor­
nister darunter.
Auf einmal roch ich etwas. Der Wind stand von
links her. Wir krochen dahin. Umrisse kamen her­
aus. Es waren zwei oder drei Leichen. Während die
beiden sich mit ihnen befaßten, suchte ich mit den
Augen nach meiner Baumgruppe. Sie mußte noch
weiter links sein. Daher zogen wir uns in dieser
Richtung und blieben in der Linie der Gefallenen.
Hartmann mußte etwas weiter vorn liegen.
Ich kroch etwas nach vorn und sah einen allein
liegen. Das konnte er sein. Aber die Baumumrisse
vorn waren nicht die der Nacht. Sollte meine Er­
innerung nicht richtig sein?
Ich raunte Seidel zu: „Ich krieche da vor. Zieht
ihr euch hier weiter."
Als ich vorkam, war es ein Franzose. Er roch
sehr. Sein Rock war aufgerissen. Wahrscheinlich
war er schon durchsucht worden. Ich sah mich
wieder um. Da lag noch einer. Das war Hartmann,
Ich durchsuchte ihm die Taschen. Sie waren leer.
Aber sein Brotbeutel und sein Tornister lagen noch
da. Ich wälzte ihn auf den Bauch, um beides ab-
Renn, Krieg 10
145
machen zu können. Vielleicht war noch etwas Per­
sönliches von ihm darin.
Dann rutschte ich zurück und zog Tornister und
Brotbeutel nach.
Wir kehrten zurück. Ich kroch zu Leutnant Eger
in seine Höhle, Er hatte geschlafen. Ich gab ihm
die abgenommenen Papiere in die Hand.
„Pfui, das stinkt aber!"
Auf einmal einige Granaten nicht weit rechts
von uns. Der Wald dort verhinderte uns, etwas zu
sehen. Das Feuer wummerte und krachte ununter­
brochen. Wir standen und horchten. Es war leicht
neblig. Auf einmal, — ich fühlte einen Schauer mir
über die Kopfhaut rieseln, — wie ein tierisches
Brüllen. Oder hatte ich mich getäuscht? Rasseln­
des Gewehrfeuer! Einige Kugeln zirpten über uns
weg.
„Ich bin verwundet," sagte einer.
„Wo denn?"
Er griff sich an die Brust und zog aus dem
Brustbein ein Geschoß heraus, das jedenfalls schon
lahm gewesen und daher nicht tiefer eingedrungen
war.
Das Gewehrfeuer ließ nach, auch das Artillerie­
schießen, und es wurde ganz still,
„Was war das?” hörte ich einen murmeln.
Wir krochen in unsre Höhle. Ich lehnte mich an
die eine Wand. Die Beine konnte ich nicht ganz
ausstrecken, weil einer unten quer vor lag.
„Tritt mich nicht ins Zifferblatt!" sagte einer.
„Wenn du auch dein Zifferblatt an meine Stiefel
hältst."

146
„Meine Nase war bisher noch ganz gut für die
Woche."
Gegen Mittag wachte ich voll auf. Vom Aus­
gang her, vor dem ein Sack hing, drang etwas
Tageslicht herein.
In die Lehmwände waren Pflöcke gesteckt, auf
denen Brot, Wurst, Zigarren lagen.
„Ihr stinkt aber!" schimpfte Seidel.
„Und bei der Kälte!"
Ich kroch hinaus. Draußen schien die Sonne auf
die Wiese. Wir machten unsern Stall auf, um etwas
frische Luft hineinkommen zu lassen, wogegen einer
Einspruch erhob: „Jetzt beginnt’s gerade drin ge­
mütlich zu werden, und da laßt ihr's wieder 'naus!“
Wir frühstückten gemächlich in der Sonne. Dann
schrieb ich an Hartmanns Braut.
Am Nachmittag kamen zwei Granaten über uns
weggesaust und fuhren in den Bahndamm. Sonst
war nichts zu sehen und zu hören. Dann kam der
Zugführer und erzählte, heute früh hätten die
Schwarzen beim Nachbarregiment angegriffen; jetzt
lägen sie wie eine Schützenlinie tot vor unsrer
Stellung,
Wir waren drei Tage in Stellung. Dann rückten
wir hinter nach Chailly und nach drei Tagen wieder
vor in Stellung. Unser Unterstand wurde immer
vollkommener mit Bordbrettern für die Feldkessel
und Nägeln an der Decke, um die Wurst und das
Brot so aufzuhängen, daß die Ratten nicht daran
kämen.
Da unser Unterstand den Graben völlig ver­
sperrte, bauten wir einen Umgehungsgraben, in dem
nun der Verkehr ging. Auch mit dem Bau einer
io*
147
Latrine wurde begonnen, damit man auch bei Tage
austreten könne,

III
Unterdessen war Ersatz eingetrolfen. Das waren
recht stattliche Landwehrleute, zum großen Teil
Unteroffiziere und Gefreite, Da konnte ich natür­
lich nicht Gruppenführer bleiben.
Der Leutnant Eger ließ uns alle der Größe nach
antreten. Dadurch kam Seidel ganz auf den linken
Flügel, und ich als Größter kam unter lauter Land­
wehrleute.
Der Leutnant ließ wegtreten, ohne uns zu sagen,
wie es nun mit den Quartieren werden sollte. Die
Leute schimpften, weil sie auseinandergerissen
worden waren, die sich kannten.
Der Feldwebel unsrer Kompanie kam die Straße
entlang. Ich gab ihm das Verzeichnis unsrer Gruppe,
das er verlangt hatte, und sagte ihm, daß Herr
Leutnant uns durcheinandergeschmissen hätte.
„Das geht doch gar nicht!" rief er. „Die Leute
der vier ehemaligen Kompanien werden doch in Ver­
pflegung und Löhnung und allem getrennt geführt!
Ich kann mir doch nicht aus allen Zügen die Leute
jedesmal rauspflücken wie die Himbeeren! Ich gehe
sofort zu Herrn Leutnant."
Ich freute mich, daß der Feldwebel dem Leut­
nant mal die Wahrheit sagte. Aber es nützte nichts.
Eine neue Quartiereinteilung wurde befohlen. Ich
mußte umziehen zu den bärtigen Landwehrleuten.
Die fanden sich schnell in die Verhältnisse im
Schützengraben und gaben aufeinander gegenseitig
acht, daß die Arbeiten und der Wachtdienst genau

148
ausgeführt wurden. Das gefiel mir anfangs ganz gut.
Aber dann wurden mir die Leute schrecklich lang­
weilig. Sie sprachen immer mit ernsten Mienen von
ihren Frauen, Sie waren schon alle etwas im Leben.

IV
Eines Tages verbreitete sich das Gerücht, hin­
ten wäre neuer Ersatz, viele Offiziere und Kriegs­
freiwillige, eingetroffen.
Wir wurden abgelöst und marschierten hinter
nach Chailly. Diese Nacht war es recht kühl in
unsrer Stube. Zwei Fensterscheiben waren zer­
brochen und an ihrer Stelle Pappdeckel notdürftig
befestigt.
Am Morgen ging ich Wasser holen, in der an­
gebrochenen Waschschüssel, die uns allen zum
Waschen und Rasieren diente. Es war etwas neblig,
aber die Sonne schien schon warm,
Ich wusch mich.
„Der Ersatz kommt!" rief einer.
Ich trocknete mich eilig ab und lief hinaus, Vorm
Quartier des Regimentskommandeurs standen sie,
weithin die Straße entlang angetreten, vor der
Front die Offiziere, und der dritte war der Leut­
nant Fabian. Ich war erregt, ob er mich sehen
würde. Er sah blaß aus, sehr ernst und abgemagert.
Der Oberst kam aus dem Hause, schritt die Front
ab und ließ den Ersatz einteilen. Dann rückten die
Abteilungen auseinander, Fabian kam mit seinen
Leuten gerade auf mich zu marschiert.
„Renn!“ rief er. „Da trifft man doch noch einen
von der alten Bande wieder!" Er streckte mir die
Hand hin.

149
„Bekommen Herr Leutnant unsre Kompanie
wieder?“
„Freuen Sie sich denn da?"
„Da freuen sich alle, Herr Leutnant!" rief ich.
Ich lief zu Seidel und erzählte es ihm,
„Kann ich nicht bei eurer Kompanie bleiben?"
sagte er traurig.
„,Wie meinst du denn das?"
„Nu, jetzt werden doch unsre vier Kompanien
wieder getrennt werden und ich kenne doch von
meiner eigentlichen Kompanie gar niemand."
„Du! Bitte doch unsern Feldwebel, daß du zu
uns kommst, aber schnell; bei der Unordnung der
Neueinteilung geht das am ehesten!“
Er rannte fort.
Wir traten vor unserm Quartier an. Unsre
Gruppe kam bis auf zwei Mann zu Fabians Kom­
panie. Dafür bekamen wir einen Kriegsfreiwilligen
und Seidel. Der Kriegsfreiwillige war ein feiner
Junge, mit dunklem Haar und schwarzen, ängst­
lichen Augen.
Wir mußten wieder in ein andres Quartier
ziehen. Der Kriegsfreiwillige schien nicht daran zu
denken, daß man sich einen Platz zum Schlafen
suchen müßte, und war sehr erstaunt, als ich ihn
darauf aufmerksam machte. Er hieß Kaiser. Was er
;on Beruf wäre, war ich zu scheu zu fragen. Aber
sicher kam er eben erst von der Schule.
Auf einmal kam. der Ziesche herein.
„Wo kommst du denn auf einmal her?“
fragte ich.
„Nu, ich war doch die ganze Zeit da. Aber du
hattest deine Augen wer weiß wo. Ich kann doch

150
nicht im Gliede das Gewehr abschießen, daß du
mich bemerkst!"
Ich sah mir seinen Daumen an. Er hatte nur eine
kleine Einkerbung auf der Kuppe,
„Wie weit vor uns wird denn gekämpft?" fragte
Kaiser.
„Was?" Ich konnte gar nicht fassen, was er sich
vorstellte.
Er wurde verlegen,
„Bist du denn blöde geworden?" sagte Ziesche.
„Du mußt doch wissen, wo ihr in Stellung liegt!"
„Ach so! Etwa drei Kilometer vor uns. Da muß
man's doch ein Stück vor uns schon schießen
hören.“
„Ach, Sie denken, da schießt’s immerfort? Nein,
da gibt's gar nichts zu schießen!" lachte ich.
Er sah mich ungläubig an,
„Wirklich! Sie sehen nichts als eine Wiese vor
sich, und die ist hell, wenn die Sonne scheint, und
grün, wenn's regnet. Man steht da Posten und fegt
den Graben und baut den Unterstand aus. Und am
Tage kommen vier Granaten, immer um elf Uhr,
und immer auf dieselbe Stelle."
Kaiser schien irgendwie erschreckt. Ich hatte
eine böse Lust, es weiter zu treiben.
„Quatsch!“ sagte Ziesche und zog mich hinaus,
„Was ist denn in dich gefahren?" sagte er. „Du
warst doch sonst ein ganz guter Kerl."

V
Leutnant Fabian war allerdings ein anderer Füh­
rer als Eger. Er lief überall umher, sah sich die
kleinsten Dinge an und war bald wieder gesund

151
und dick wie früher. Er trank gern Wein und
Schnaps, aber sonst lebte er mit uns sehr einfach.
In einer Nacht brach eine Wand seines Unter­
standes auf ihn herunter. Er kroch aus dem Schutt,
zog seine Decke heraus und legte sich, ohne jemand
etwas zu sagen, in eine Grabennische, die mit einem
Wellblech gegen Regen geschützt, nach dem Gra­
ben zu aber weit offen war. Als sein Bursche am
Morgen den Kaffee brachte, fand er den Unterstand
verschüttet und grub mit den Ordonnanzen nach
dem Leutnant.
Schließlich fanden sie ihn gemächlich gähnend
in seiner Nische.
„Wo sollen wir den neuen Unterstand hinbauen,
Herr Leutnant?" fragte die eine Ordonnanz.
„Ich habe doch schon einen," antwortete er faul.
Die Geschichte wurde tagelang immer wieder
in der Kompanie erzählt. Den Leuten gefiel sie sehr.
Aber sie nahmen doch Fabian zu einfach. Er war
ein merkwürdiges Gemisch von Trägheit und Be­
triebsamkeit. Für ihn mußte immer etwas los sein.
Hinten in Chailly war aber nichts los. Da war er
dann schwermütig und betrank sich jeden Abend.
Auch ich liebte die Tage in Ruhe nicht. Die
Quartiere waren eng und zugig. Ueberall lagen
Tornister und Stiefel herum. An unserm kleinen
Tisch wuschen sie sich und aßen und spielten Kar­
ten. Hätte ich etwas lesen wollen, ich hätte mich
auf mein Lager am Boden setzen müssen. Ich hatte
aber auch nichts zu lesen. Ziesche und Seidel waren
stumpfsinnig. Mit Kaiser hatte ich längst nichts
mehr zu sprechen. Er wollte Theologe werden.

152
Aber wenn ich ihn darüber etwas fragte, sagte er
immer; „Das weiß ich noch nicht.“
An Gott dachte ich nicht. Höchstens sagte ich mir:
vielleicht gibt es ihn. Aber was wissen wir davon?
Oefters war Gottesdienst in der Kirche von
Chailly. Der Pfarrer predigte immer schwach. Er
hatte drei oder vier Fragen, die er immer wieder
aufstellte. Ich konnte sie alle nicht recht leiden.
Aber bei einer geriet ich immer in Wut. Warum hat
Gott den Krieg zugelassen? Einmal hörte ich genau
darauf, wie er die Frage lösen würde. Aber auf ein­
mal war es zu Ende, und ich hatte keine Antwort
gehört, nur Worte.
Wenn ich aus der Kirche kam, brauchte ich ein
paar Stunden, um meine Erbitterung wieder los­
zuwerden, Seidel gegenüber schimpfte ich rück­
sichtslos, Er versuchte mich dann zu beruhigen.
„Du glaubst doch selbst an nichts!" schrie ich.
„Das weiß ich nicht."
„Weshalb wird man gezwungen zuzuhören?
Wenn sie weiter nichts zu sagen haben, als dumme
Fragen zu stellen!"
Kaiser suchte ich diese Stimmungen zu ver­
bergen, weil der daran hing und, wie ich fühlte,
ehrlich.
Unterdessen ging das Leben sehr alltäglich wei­
ter, mit Stiefelputzen, Schanzen und Postenstehen.
Wenn man wenigstens einen Menschen hätte, mit
dem man sprechen könnte!

VI
Nach ein paar Frösten war es wieder warm ge­
worden. Die Sonne beschien die eine Kreidewand

153
des Grabens. Ich hatte mich in die Sonne gesetzt
und rasierte mich mit Kaffee, — denn Wasser
hatten wir nicht im Graben.
Ein Stück weiter, an einer Schulterwehr röstete
Seidel über einem kleinen Feuer Brotscheiben, die
er auf ein Seitengewehr gespießt hatte. Er tat das
immer vor Sonnenuntergang, weil da nie Vorgesetzte
kamen, höchstens unser Zugführer, und bei dem
war immer das größte Feuer, und daher sagte er
nichts.
,,Was war denn in deinem Paket?“ fragte
Seidel.
„Zigarren und eine Wurst."
„Kriege ich auch was?"
Eine Zugordonnanz kam gelaufen: „Alles soll
sich fertig machen! Die Gruppenführer zu Herrn
Feldwebel!"
„Was gibt's denn?"
„Weiß nicht!"
„Vielleicht ist der Krieg alle?" lachte Seidel.
Ich antwortete nicht und trocknete mir das Ge­
sicht ab.
Unser Gruppenführer kam vom Zugführer
zurück. Er sah uns nicht an: „Wir sollen diese
Nacht die Dreieckschanze nehmen. Mit Einbruch
der Dunkelheit werden wir hier durch eine vor­
gezogene Kompanie abgelöst werden. — Renn, Sie
gehen zum Kompanieführerunterstand, Verband­
päckchen zu empfangen!"
Vor den Unterständen rollten sie das Sturm­
gepäck.
Wo mochte die Dreieckschanze liegen?

154
Leutnant Fabian stand vor seinem Unterstand
und besprach etwas mit seinen Telephonisten.
„Ist drüben auch ein Sanitätsunterstand, Herr
Leutnant?" fragte der Sanitätsunteroffizier.
„Das müssen wir dort sehen. — Haben Sie dem
Bataillon die Sache mit den Küchen gemeldet,
Esche?“
„Jawohl, Herr Leutnant. Das Bataillon will die
Küchen in Chailly zurückhalten und ihnen tele­
phonieren, wohin sie vorkommen sollen."
„Sind die Verbandpäckchenempfänger da?" rief
der Sanitätsunteroffizier.
„Hier erste Gruppe erster Zug!" rief ich.
„Wieviel Mann seid ihr?“
„Neun Mann, Herr Unteroffizier!"
„Hier nimm die eisernen Portionen für euren
Zug mit!" fuhr Esche dazwischen.
„Ich hab doch nichts zum Tragen mit,“
„Es war euch aber gesagt worden, ihr solltet
Zeltbahnen mitbringen!“
Sie drängten und schrien durcheinander und
um mich herum.
Ich ging zurück. Die Dämmerung schlich in die
Grabenwinkel. Eine Ratte huschte oben die Schutt­
aufwürfe entlang.
Nach einer Stunde kam die Kompanie von hin­
ten und besetzte unsre Stellung. Wir rückten nach
rechts ab. Wir schoben uns, einer hinter dem
andern, im Graben entlang. An einer Stelle blinkte
aus einem Unterstand links ein rötliches Licht.
Dann war es schwarz, kaum mehr die Gräben-
ränder gegen den Himmel zu sehen.
Dann stiegen wir nach vorn aus dem Graben. Es

155
ging über einen Acker mit Rüben, auf denen man
mit den Zwecken an den Stiefeln rutschte. Es
stank auf einmal. Links lagen zwei tote Ochsen, die
übergroß aussahen. Vielleicht waren sie sehr auf­
getrieben.
Ein Gewehrschuß aus unsrer rechten Flanke,
gar nicht weit, der seltsam lang hinhallte.
Wir schwenkten nach links und zogen uns dann
in großem Bogen nach rechts. Auf einmal hörte ich
Stimmen, aber wie aus der Erde herauf. Ich sah
scharf hin und gewahrte rechts etwas Weißes,
Breites. Das war ein Kreidesteinbruch, in den wir
hinabbogen. Man lief hin und her. Elektrische Lam­
pen blitzten auf.
„Wo soll das Schanzzeug hingelegt werden?"
„Wo ist der Sanitätsunterstand?"
„Seid doch still! Wir sind nur zweihundert Meter
von den Franzosen! Macht eure Taschenlampen
aus!" flüsterte einer.
Unser Zugführer kam dicht zu mir heran. Was
will der?
„Sie sollen zu Herrn Leutnant kommen. Er ist
dort oben." Er deutete nach dem Steinbruchsrand.
Ich drängte mich durch die Leute. Hier war eine
Bude an die Felswand gebaut. Daneben führten
Stufen zu einem schmalen Absatz, auf dem mehrere
Offiziere standen.
„Gefreiter Renn zur Stelle!" meldete ich leise.
„Sie sind heute meine dritte Ordonnanz. Gehen
Sie zu den Zügen! Sie sollen sich dicht hier an
diese Wand legen!“
Im Steinbruch war es stiller geworden.
Als ich wieder zu Fabian kam, stand der Major,

156
unser Bataillonskommandeur, neben ihm und gab
leise Anweisungen: „---------- Und wenn die Sturm­
züge der drei andern Kompanien die Schanze ge­
nommen haben, ziehe ich Ihre Kompanie vor. Es
muß dann sofort eine neue Feuerlinie gegen die
Franzosen eingerichtet werden. Dazu liegen hier
im Steinbruch Stahlblenden. Dann muß auch die
Schanze mit unserm Grabensystem verbunden
werden.“
Er flüsterte das alles im harten Ton kühler
Ueberlegung. Ich hatte so noch nicht befehlen
hören. Aber so ist es richtig.
Vor uns war nichts zu sehen als eine leicht an­
steigende Wiese.
„Jetzt ist es Zeit,“ flüsterte der Major.
Mich überrieselte es.
Links hörte ich leises Klirren von Schanzzeug.
Da gingen sie vor.
Weit hinten: Wamml Ein Abschuß. Das Ge­
schoß kam langsam am Himmel herauf.
Pamm Pamm Pamm Pamm! rasend schnell dicht
über uns weg und schlug Ramm worr Ramm Ramm!
vorn ein.
Die schwere Granate wölbte slslsl herunter,
immer schärfer. Pra-ramm! schlug sie ein.
Hinten dumpfe Abschüsse. Es bumste, heulte
und zischte ganz wild von den verschiedensten
Stellen und schütterte vorn unregelmäßig in den
Boden.
Keine Abschüsse mehr. Was kam jetzt?
Die letzten Granaten schlugen ein,
„Schlecht gemacht von der Artillerie!” knurrte

157
der Major. „Sie sollte ohne Pause weiter hinter
schießen."
Vorn ein Gewehrschuß, zwei, drei. Dann pras­
selte es und pfiff. Ich duckte mich. Aber der Major
stand unbeweglich. Ich richtete mich auf.
Die Kugeln zischten um uns. Sehr vereinzelte
Granaten kamen. Ich starrte in die Dunkelheit.
Wenn der erste Sturm mißlang, kamen wir
dann dran?
Von vorn kamen welche gerannt. „Hilfe, Sani­
täter!"
„Wie steht’s vorn?" fragte der Major kalt.
„Ach, die liegen dal Das Schanzzeug klapperte.
Da gingen drüben ein paar Schüsse los, und sie
schmissen sich hin und schossen wieder!“
Der Major bewegte wie kauend den Mund. Es
pfiff und knallte, „Ich muß ein paar Leute haben,
die vorgehen!"
Von vorn kamen wieder welche: „Sanitäter!"
Fabian rief in den Steinbruch: „Wer will frei­
willig eine Patrouille machen?"
„Hier!“ schrie es aufgeregt. Das war Kaiser.
Er kam die Stufen heraufgerannt mit einem andern
Kriegsfreiwilligen.
Eine frische Stimme rief von links: „Sanitäter!"
„Hierher!" riefen einige aus dem Steinbruch.
„Kommt vor mit Tragen!" rief er.
„Von welcher Kompanie sind Sie?” fragte der
Major.
Der Mann kam dicht heran und stand auf ein­
mal stramm. Er war klein und schon älter. „Vierte,
Herr Majori"
„Wie steht’s bei Ihnen?“

158
„Starke Verluste! Wir sind nicht herangekom-
men!"
Es knatterte von Schüssen,
„Gut, gehen Siel — Die Kriegsfreiwilligen! Sie
gehen vor, in dieser Richtung! Ich möchte wissen,
was die zweite Kompanie erreicht hat!“
Sie kletterten hinaus und rannten in die Dun­
kelheit, Mir war sehr bange um sie,
„Herr Major!" rief es aus dem Steinbruch,
„Herr Oberst möchte Meldung haben, ob der Sturm
gelungen ist,"
„Wozu immer das Fragen! Ich werde melden,
wenn es Zeit ist!“
Es war etwas heller geworden. Aber man sah
noch nichts Genaueres. Das Gewehrknattern der
Schüsse hielt an. Ich wunderte mich: es störte
mich nicht mehr.
Von vorn kamen zwei gerannt und stellten sich
vor den Major oben hin: „Wir haben die zweite
Kompanie nicht getroffen, Herr Major!" meldete
Kaiser ganz außer Atem.
„Kommen Sie hier herunter! Es ist unvernünf­
tig, sich nutzlos dem Feuer auszusetzen!"
Sie kletterten unbeholfen auf den Absatz, Da
baute sich Kaiser wieder auf: „Die erste Kompanie
hat zuerst Feuer bekommen. Herr Leutnant Albert
soll tot sein."
Von rechts kam einer: „Meldung der zweiten
Kompanie: Die Kompanie lief ins Feuer der vier­
ten hinein und hat sich auf ihren Ausgangspunkt
zurückgezogen."
„Die Kompanie soll dort weitere Befehle ab­
warten! — Der Sturm ist mißlungen!” wandte er

159
sich bitter an Fabian. „Wenn der Brigadekom­
mandeur noch einen Angriff wünscht, mag er ein
andres Bataillon nehmen! — Wenn wir lauter
solche Leute hätten wie diese Kriegsfreiwilligen,
dann wären wir jetzt in der Schanze!“
Wir stiegen in den Steinbruch, Verwundete
wurden auf Tragen gebracht. In der Holzbude ver­
banden sie. Ein Arzt kam heraus und ein Sanitäts­
unteroffizier mit einer Laterne. Sie beleuchteten
einen, der tintenfaßgroße Durchschüsse in den
Beinen hatte.
„Ist das nicht eine Granatverwundung?“ fragte
Fabian. „Ich habe es doch aber gar nicht mit Gra­
naten schießen hören.“
„Nein, das ist von einem Dumdumgeschoß."
„Damit schießen also die Franzosen wirklich?"
„Sie sehen es. Es ist eine Bestialität!” sagte
der Arzt und ging unwillig weiter. Der mit den
Durchschüssen war schon tot.
Am Boden lagen Spaten, blutige Röcke, Fetzen
von Hemden, Brotbeutel, Gewehre.
Das Schießen hatte aufgehört. Wir rückten nach
unsrer Stellung zurück. Kaiser hielt sich dicht zu
mir, sagte aber kein Wort.
Langsam kam die Dämmerung. Kaiser sah blaß
und schmutzig aus. Aber seine Augen waren son­
derbar hell.

VII
Die Kompanie war auf der Straße in Chailly
angetreten.
„Stillgestanden!" kommandierte der Feldwebel.

160
Fabian kam und stellte sich vor die Front. Er
hatte ein Papier in der Hand.
„Im Namen Seiner Majestät des Kaisers hat der
Kommandierende General das Eiserne Kreuz zwei­
ter Klasse folgenden verliehen: Vizefeldwebel
Heller, Gefreiten Renn, Ziesche, Marx, Seidel. —
Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück dazu! —
Rührt euch!"
Er kam zu mir, machte ein kleines, blaues Paket
auf und zog mir das schwarzweiße Band mit dem
Kreuz daran ins zweite Knopfloch. „Sie müssen's
noch mit einer Nadel feststecken. — Freuen Sie
sich?" Er gab mir die Hand.
Ich wurde verlegen, weil alle nach mir sahen.
Das Kreuz trug ich den ganzen Tag lang. Die
Sonne schien auf die verschlammte Straße. Jeder,
der mir begegnete, schien mich anzusehen. Ich kam
nicht aus dem Gefühl heraus, rot zu werden.
Offen wagte ich nicht, mir das Kreuz genauer
anzusehen. Deshalb ging ich am Nachmittag aus
dem Ort hinaus. Der blitzende silberne Rand gefiel
mir sehr. Gern hätte ich einen Spiegel dagehabt.
Am Abend verpackte ich das Kreuz, daß es
nicht blind würde, und ließ nur das Band in meinem
Knopfloch.

VIII
Ich schlenderte als Gefreiter vom Grabendienst
zwischen den hartgefrorenen Kreidewänden. Auf
seinem Auftritt stampfte ein Alarmposten mit hoch­
geschlagnem Mantelkragen. Ein Stück weiter
schwenkte einer vor einem Unterstand ein Koch­
geschirr, durch dessen hineingestoßene Löcher
Renn, Krieg 11
161
glühende Holzkohle sah. Dann ging er hinein und
hängte den Wärmebehälter an die Decke. Drin
frühstückten sie.
Ich bog in den Latrinengang. Ziesche saß vorn­
übergebeugt auf der Stange und las die Zeitung.
„Du," sagte er, „wir bauen 'nen Turm.“ Er
deutete in die Grube. „Du mußt auch helfen. Aber
gut zielen, daß es richtig drauf fällt und oben an­
friert. Die zweite Gruppe hat schon einen höheren
Turm als wir. Wir werden uns doch nicht lumpen
lassen!“
Ich ging wieder in den Hauptgang und dann den.
nächsten Graben vor nach der vorderen Stellung,
die neu angelegt war und daher ordentlicher aus­
sah. Dort standen nur wenige Posten.
Ein Papier lag am Boden. Ich hob es auf und
warf es aus dem Graben.
Seidel stand auf einem Auftritt, das Gewehr
neben sich, und sah aufmerksam auf das Arm­
auflagebrett vor sich. In der rechten Hand hatte
er einen Strohhalm und berührte damit ab und zu
etwas, das auf dem Brett sein mußte. Ich näherte
mich ihm langsam.
„Was machst du eigentlich da?“
Er fuhr zusammen. Dann lachte er: „Komm mal
'rauf!“
Neben ihm lag seine Uhr.
„Ich habe da 'ne dicke Laus gefangen und will
sehen, wie weit die in zehn Minuten kommt. Aber
das Luder will nicht geradeaus laufen. Da muß ich
sie immer wieder in die alte Richtung bringen.“
An der nächsten Grabengabel war einer be­

162
schäftigt, ein Holzschild anzubringen mit der Auf­
schrift:
RECHTE GRENZE R 2 b

S—Rams! eine Granate.


Ich stieg auf einen Auftritt. Links verflog eine
braune Wolke, Es mußte bei unserm zweiten Zug
gewesen sein.
Ich ging hinter nach der Hauptstellung. Dort
kam der Sanitätsunteroffizier gerannt, hinter ihm
zwei Krankenträger.
,,Was gibt’s?"
„Einer beim zweiten Zug ist verwundet."
Ich sah ihnen nach. Wie schnell die zur Hand
waren!
Unser Oberst kam den Graben entlang, hinter
ihm der Bataillonskommandeur, der Leutnant Fabian
und der Bataillonsadjutant.
Ich meldete mich: „Als Gefreiter vom Graben­
dienst, erster Zug, dritte Kompanie!"
„Haben Sie keine Signalpfeife?"
Ich zog sie aus der Manteltasche.
„Die Diensthabenden sollen die Pfeife offen
herunterhängend tragen!" sagte der Oberst zu
Fabian.
Der legte die Hand an die Mütze: „Zu Befehl,
Herr Oberst!"
„Ich vermisse die Grabenbezeichnung in Ihrem
Abschnitt!" sagte der Oberst. „Wo geht zum Bei­
spiel dieser Gang hin?“
„Zur Latrine des ersten Zugs, Herr Oberstl"
„Haben Sie dort Chlorkalk zum Desinfizieren?"
Fabian sah mich fragend an.
11*
163
Ich nickte mit den Augenlidern,
„Jawohl, Herr Oberst," sagte Fabian und
Lächelte heimlich etwas.

IX
Der Winter verging. Ich machte ein paar Pa­
trouillen und brachte Stücke des französischen
Drahtverhaus als Beute zurück. Ein paarmal gab
es Schießereien. Ich verwaltete die Bücherei, Im
übrigen fühlte ich mich leer und betrank mich oft.
Ziesche und Seidel spielten Karten, Ich konnte
es auch, hatte aber gar kein Verständnis dafür, wie
man das Spiel ernst nehmen könnte. Deshalb wollte
auch niemand mit mir spielen, was mich übrigens
nicht kränkte.
Kaiser zog sich auch immer mehr von den ande­
ren zurück. Er litt unter den Nichtigkeiten des
Schützengrabenkrieges. Ich verstand sehr wohl,
daß er mit Begeisterung ins Feld gegangen und
daß es für ihn eine qualvolle Anstrengung war,
sich die Begeisterung zu erhalten, wenn er mit
seinen schwachen Armen Eisenbahnschienen zum
Unterstandsbau tragen und nun schon Monate hin­
durch an einer Stelle Posten stehen mußte, wo er
nicht einmal die französischen Gräben sah. Aber
ich konnte ihm nicht helfen. Wenn ich einmal
kriegsbegeistert gewesen war, wie nach dem Ueber-
gang über die Maas, war meine Begeisterung schnell
abgestanden, und ich hatte mich nach anderen Ge­
fühlen gesehnt, —
Eines Tages wurden wir gegen Typhus geimpft.
Wir bekamen eine Flüssigkeit unter die Haut ge­
spritzt. Die Krankenträger hatten uns gesagt, daß

164
wir gegen Abend Fieber bekommen würden. Mir
wurde sehr unwohl. In der Nacht wurde ich von
allerhand unheimlichen Vorstellungen gejagt, die ich
nicht recht sehen konnte.
Ich wachte auf. Es war Tag. Das Stroh knisterte.
Einer stöhnte.
„Du,“ sagte Seidel, „ich habe solchen Durst."
Ich stand auf. Die Stelle, wo ich gestern die
Spritze bekommen hatte, schmerzte etwas. Sonst
fühlte ich mich ziemlich frei,
Seidel lag da und sah um die Augen verquollen
und alt aus. Ich fühlte seine Stirn. Sie war heiß.
Er hatte große Angst, Das sah ich seinen Augen
an, die mich immer suchten.
Diesen Tag war es in unsrer Kompanie wie in
einem Lazarett. Aber am nächsten Morgen waren
wir auf einmal alle vergnügt. Die Sonne schien
draußen, Blumen blühten. Seidel erzählte mir
lachend, er hätte gedacht, er stürbe.
Eines Nachmittags saß ich bei offenem Fenster
in meiner Bücherstube. Draußen hörte ich ein paar
Worte, die ich nicht verstand, aber von einem
Klang, daß ich aufmerksam wurde.
Ich sah Kahle, einen älteren verheirateten Mann
unsrer Kompanie, in Bettlerhaltung vor dem Pfar­
rer, der mit der Gartenschaufel in der Hand vor
ihm ausriß. Was war denn da geschehen?
Kahle kam langsam nach der Haustür ge­
schlichen.
Es klopfte,
„Herein!"
Er kam gebückt durch die Tür — er war sehr

165
lang und hager — und kam mit einem alten Lächeln
zu mir herüber und faßte mich um den Hals.
Ich schob seinen Arm zurück: „Willst du ein
Buch haben?"
„Nein,“ er lächelte mich verliebt an, „dich!“
Dazu drückte er seinen Bauch vor.
„Entweder such dir ein Buch aus oder geh
'naus!“
Seine krummen Knie zitterten.
„Geh hinaus und überleg dir draußen, was du
willst!“
Er blieb unschlüssig stehen.
Ich nahm meine Bücherliste, als hätte ich da
etwas aufzuschreiben.
Er ging gebeugt zur Tür. Dort blieb er stehen
und sah mich sehnsüchtig an.
Ich blätterte.
Er kam wieder heran.
„Was willst du noch?“
„Du —“ lächelte er mutlos.
„Geh!“ sagte ich hart.
Er schlich hinaus. Ich hörte, daß er vor der Tür
stehen blieb. Dann ging er langsam fort. —
Die Tür wurde aufgerissen, und Seidel kam
herein: „Du, hast du schon gehört, der Kahle hat
den Feldwebel Lau überfallen?“
„Wann? Und wie denn überfallen?"
„Heute früh. Der Feldwebel saß und schrieb.
Auf einmal packt ihn einer von hinten und will ihn
küssen."
„Und was hat der Feldwebel gemacht?"
„Nu, wie der ist: er ist aufgesprungen und hat
gelacht. — Er hat's Fabian gemeldet, daß sie Kahle

166
fortbringen, ich glaube in ein Nervenkranken­
lazarett."
Ich sah durchs Fenster den Pfarrer aus dem
Garten kommen, zaghaft, ob der Feind noch da
wäre.
X
Anfang Juni wurde unser Bataillon aus der
Front gezogen, und wir marschierten etwa dreißig
Kilometer hinter in die Etappe, um wieder gerade
zu werden. Wir hatten uns alle das Krummgehen
angewöhnt, durch das dauernde Bücken in den nied­
rigen Unterständen und im Graben, wo hier ein
Balken darüberlag, dort Telephondrähte hingen.
Das ungewohnte Marschieren in der Hitze mit
vollem Gepäck strengte uns sehr an. Man war
durch das Nachtleben und Wohnen in dunklen und
feuchten Unterständen wie ausgenommen.
Wir kamen in ein Dorf, das sich mit einer stei­
len, breiten Straße aus einem grünen Tal hinauf­
zog. Oben quer vor lag ein größeres, graues Haus,
das Schloß.
Unsre Gruppe kam rechts in ein breites, nied­
riges Haus, zu dessen Tür ein paar Stufen hinauf­
führten. Drin kam uns ein alter Herr mit sorgsam
gescheiteltem weißen Haar entgegen und lud uns
mit einer Handbewegung ein, hinter in den Hof zu
kommen, der mit breiten Steinen bepflastert war.
Links an der Mauer stand eine lange Bank mit
einem Tisch und Stühlen. Er deutete darauf und
führte uns weiter in einen geräumigen Pferdestall
mit eisernen Raufen und Krippen und Schlag­
bäumen zwischen den Ständen. Rechts war eine
Box, Da sollten wir schlafen.

167
„Wenn Kahle hier wäre," sagte Seidel, „dann
müßte er dahinein, damit er uns nicht nachts über­
fallen könnte.“
Wir aßen an dem Tisch zu Abend. Im hinteren
Teil des Hofs war ein Garten mit Trauerweiden,
Sträuchern und Blumen und einer großen Laube.
Wir erfuhren, daß der alte Herr der Vater des
Schloßbesitzers war, und daß er in seinen jungen
Jahren Rennen geritten hatte. Von der Straße sah
das Haus aus wie die Bauernhäuser auch.
In den nächsten Tagen exerzierten wir und
machten Gefechtsübungen, Ich fühlte mich gesund.
Der Leutnant lachte schon am frühen Morgen,
wenn er zum Dienst kam. Auch die Zug- und
Gruppenführer waren vergnügt, und die Heiterkeit
teilte sich der ganzen Kompanie mit. Dabei wurde
stramm exerziert, und bei den Gefechtsübungen
waren alle bei der Sache, vielleicht weil Fabian
selbst dabei Gefechtsformen ausprobierte und dann
die Vorzüge und Nachteile eines Angriffsverfahrens
vor allen besprach, —
An einem klaren, warmen Abend ging ich mit
Seidel spazieren. Im Unterdorf trafen wir den
Vizefeldwebel Lauenstein und zwei Unteroffiziere.
Wir gingen mit ihnen im Grund an kleinen, einge­
zäunten Gärten entlang. Die Sonne ging unter.
Dann wurden die Weiden und Pappeln und alle
Dinge durchsichtig.
Lauenstein redete ununterbrochen. Ich hörte nur
halb zu.
„Dort,“ unterbrach ihn der eine Unteroffizier,
„liegt ein Haus, da sind zwei hübsche Mädchen drin.

168
Der Ortskommandant hat die Fenster vergittern
lassen, damit niemand zu ihnen geht.“
„Die muß ich sehen!" rief Lauenstein.
Das Haus war niedrig und sah düster aus. Wir
gingen durch den Garten, in dem wenige, unge­
pflegte Blumen standen, und klopften.
Niemand regte sich. Unterdessen ging Seidel um
das Haus. Lauenstein klopfte wieder,
„Hierher!“ rief Seidel leise um die Ecke.
An der Rückwand des Hauses war ein Fenster
hinter dem Maschendraht offen. Der eine Unter­
offizier riß den Draht an einer Ecke ab, und wir
krochen einer hinter dem andern hinein.
Eine Tür öffnete sich links. Mit einem Licht kam
ein alter Mann heraus, murmelte etwas und ver­
schwand wieder. Einer machte rechts eine Tür auf.
Drin brannte auf einer Kommode ein Licht. Rechts
standen einander gegenüber zwei Betten, und darin
lagen zwei.
„Bon jour,” sagte einer. Die beiden sahen uns
stumm an. Die Unteroffiziere gingen zu ihnen, gaben
ihnen die Hand und setzten sich auf den Bettrand.
Wir setzten uns an der Kommode auf Stühle. Die
links begann gelangweilt ein Gespräch, So viel ver­
stand ich, daß sie eigentlich in Nancy wohnten und
vom Krieg hier bei Verwandten überrascht worden
waren.
Der links hatte sie umfaßt und drückte ihr den
Busen, Der rechts flüsterte.
„Hier gefällt mir’s!“ wendete sich Lauenstein an
mich. „Da sieht man auch was!"
Da fing ein Kind im Bette rechts an zu schreien.
Das mußte unter der Bettdecke stecken.

169
Seidel stand auf und ging nach der Tür. Lauen­
stein und ich folgten. Wir krochen wieder durch den
Draht hinaus.
,,Da lernt man doch mal Französisch!“ rief Lauen­
stein. „Hier gehen wir jeden Abend her, den einen
Tag ich mit Renn, den nächsten die andern!"
„Und Seidel darf zusehen!“ lachte ich.
„Nu, es hat doch nicht jeder immer Lust. Da
geht er eben dann.“
Seidel ging stumm vor uns her. An den ersten
Häusern des Orts verabschiedete sich Lauenstein.
Kaum war er in seinem Haus verschwunden, da
platzte Seidel los: „So ein Schwein! Ich werde mir
doch nicht befehlen lassen, wenn ich zu 'nem Mädel
gehen soll! So weit geht die Dienstgewalt nicht!“
Er schimpfte immer weiter.
Ich lachte und konnte mich nicht halten. Das
machte Seidel noch wütender, und seine Wut
machte mich immer mehr lachen. Schließlich waren
wir beide erschöpft.

In unserm Hause spielte jemand Klavier. Die


Landwehrleute saßen am Tisch auf dem gepflaster­
ten Hof.
Wir setzten uns. Der Mond kam über ein Dach
und versilberte die Blätter der Trauerweiden. Die
Landwehrleute sahen träumerisch hinüber. Ich be­
trachtete sie der Reihe nach. Der eine hatte einen
Hängebart unter Falten, die von der Nase herab­
gingen. Der andere hatte ein rotes, rundes Gesicht
mit kleinen, wäßrigen Augen. Die konnten weh­
mütig sein, und sonst sprachen sie nur vom Essen!
Akkorde kamen aus dem Zimmer und vertön-

170
ten in den fernen Himmel, der doch viel grenzen­
loser war als diese Musik.
Ich sah den Mond und die Blätter der Weiden
und die Blumen, deren Farben bleich ausgelöscht
waren. Die Natur ist nicht gefühlvoll, auch nicht,
wenn man gefühlvoll ist. Sie ist ganz kalt und hart,
und das ist so schön an ihr. Das ist auch schön an
den Leuten da, daß sie bei ihrer Wehmut so häßlich
sind.
Die Zeit in der Etappe ging ihrem Ende ent­
gegen.
Wir standen auf einer Wiesenhöhe bereit zur
Besichtigung. Auf der Straße kamen Offiziere ge­
ritten. Das Auto des Kommandierenden kam ange­
surrt. Er stieg aus und aufs Pferd.
Zuerst sollte die Kompanie des Leutnants Eger
besichtigt werden. Er saß auf einem dicken Apfel­
schimmel und versuchte, ihn vor die Mitte seiner
Kompanie zu bringen. Der Schweiß stand ihm auf
der Stirn. Wir wußten, er konnte nicht reiten.
Unser Bataillonskommandeur gab ihm seinen
Gefechtsauftrag. Er sollte in der Richtung halblinks
vorgehen und den Gegner, der im Anmarsch ge­
meldet wäre, aufhalten.
Er setzte seine Kompanie nach halblinks an
einem Waldrand entlang in Marsch und ritt selbst
rechts davon vor. Auf einmal fiel sein Pferd in
Galopp und lief immer schneller quer über die
Fläche. Dort war ein kleiner Esel an einen Pfahl
gebunden. Der Esel erschrak und lief um den Pfahl
herum, der dicke Apfelschimmel mit Leutnant Eger
darauf immer hinterdrein.
Die Offiziere auf ihren Pferden lachten, nur

171
unser Major nicht. Der sah völlig starr hinüber. Die
Pferdehalter — es waren lauter kleine Husaren
— sprangen wie die Teuf eichen umher vor Freude.
Ein Offizier setzte sich über die Wiese in Galopp,
Eger und den Esel von dem Apfelschimmel zu be­
freien.
Das Gefecht wurde abgebrochen. Bei den übri­
gen Besichtigungen schien der Kommandierende
General zwischen Lachen und Aerger zu stehen.
Von unsrer Kompanie verlangte er eine Vorinstruk­
tion durch Leutnant Fabian über Schießlehre, wor­
auf wir gar nicht vorbereitet waren. Aber Fabian
fragte so geschickt und bekam so flinke Antworten,
daß wir alle Mut gewannen.
„Ich habe mich gefreut,“ sagte der Komman­
dierende, „so gute Haltungen und ein so frisches,
gerades Wesen bei der dritten Kompanie gesehen
zu haben. Ich spreche vor allem dem Führer meine
Anerkennung aus, daß er sich so schnell in eine
unerwartete Aufgabe hineinfand."
Wir waren stolz über das Lob und unsern Leut­
nant und verachteten die vierte Kompanie wegen
ihres Führers Leutnant Eger.
Am übernächsten Tage marschierten wir wieder
vor und gleich in unsre alte Stellung.

XI
Während wir hinten exerziert hatten, waren
wieder neue Bücher angekommen. Darunter war
eine Geschichte der Philosophie. Ich ärgerte mich,
daß sie uns solche Sachen ins Feld schickten, freute
mich aber zugleich, weil ich mir immer so etwas
gewünscht hatte, und ich las.

172
Da war von der Zahl die Rede. Aber wie soll
man sich nur das vorstellen? Wie kann denn die
Zahl der Urstoff sein, aus dem man schließlich
Häuser und Gedanken baut?
Ich wühlte in mir und mühte mich. Ich ergriff
auch einen Sinn an manchen philosophischen Sätzen.
Aber es war nicht der richtige, den ich suchte.
Ich las rauchend und brütend.
Daneben schrieb ich. Schon zum drittenmal be­
schrieb ich das Gefecht von Lugny. Wenn ich vom
Schreiben aufstand, fror ich und war steif, aber
dann war auch eine Heiterkeit in mir, die alles hell
machte, was ich sah. Dagegen sah ich, wenn ich
von der Philosophie aufstand, alles grau und
grämlich.
An den Schriftstellern fiel mir auf, wie willkür­
lich sie die Worte setzten, obwohl es doch eine
ganz klare Notwendigkeit gab, wie man die Worte
setzen muß, daß nämlich die Worte immer in der
Reihenfolge stehen, wie sie der Leser erleben soll,
zum Beispiel nicht: eine grüne, über mehrere Kup­
pen ansteigende Wiese; denn zuerst muß man doch
wissen, daß es eine Wiese ist, und daher muß das
Wort vorn im Satze stehen. Um mir über das Wich­
tige klar zu werden, stellte ich mir stets das ganze
Bild mit allen Einzelheiten vor, mit Beleuchtung,
jedem Geräusch und jeder seelischen Regung. Dann
schrieb ich erst und ließ alles weg, was nicht un­
bedingt notwendig war. Aber dieses Schema nützte
für die Darstellung der wichtigsten Dinge gar nichts,
Dafür fehlten mir stets die Worte. Ich versuchte,
ungewöhnliche Worte zu gebrauchen. Es nützte
nichts. Das beschäftigte mich dann den ganzen Tag.

173
Am Abend, wenn ich auf dem Stroh lag, kam mir
dann wohl ein Gedanke. Aber wenn ich ihn am
Morgen nüchtern prüfte, warf ich ihn wieder weg.
Was fehlte, war immer im Grunde dasselbe, und
doch wußte ich nicht, was es war. Gewiß, dachte
ich, fehlt es mir nur an irgendeiner Erkenntnis.
Und ich suchte weiter in der Philosophiegeschichte.
Nach zwei Monaten hatte ich das Buch durchge­
quetscht und stand eines Nachmittags von der letz­
ten Seite auf, mit nichts. Jeder Philosoph sagt
etwas anderes, und darunter die neuesten recht
gleichgültige Dinge. Eine Weltanschauung gibt es
eben nicht, weil es viele gibt und alle weder falsch
noch wahr sind. Ich gab die Hoffnung auf, weiter­
zukommen.
XII
Ich war zehn Tage nach der Heimat beurlaubt.
Der Feldwebel händigte mir den Urlaubsschein aus.
Ich packte meine Schilderung des Vormarsches in
einen großen Bogen Papier, um sie meiner Mutter
zur Aufbewahrung zu geben. Bis zur Marneschlacht
hatte ich geschrieben. Das Weitere schien mir zur
Darstellung nicht geeignet zu sein.
Am nächsten Morgen, unausgeschlafen, mar­
schierte ich die baumlose Straße im Dunkeln nach
dem kleinen Bahnhof.
Der Zug fuhr ab.
Langsam kam das Tageslicht.
Merkwürdig, daß ich so genau jetzt mit allem
fertig geworden bin, mit dem Vormarsch und mit
der Geschichte der Philosophie. Ich stand nun frei
für alles, aber wofür? Was gibt es denn noch?
Meine Mutter kam mir aus dem Hause entgegen­

174
gelaufen, umarmte und küßte mich. Wenn sie wüßte,
wie es in mir aussieht, daß ich an nichts mehr
glaube, sie würde mich nicht küssen!
Ich sagte nichts, küßte sie auch nicht wieder,
sondern ging verlegen mit ihr ins Haus.
Meine Schwägerin stand in der Stube und gab
mir die Hand. Sie sah sofort das Band des Eisernen
Kreuzes in meinem Knopfloch.
„Junge, wir haben Kaffee da. Du willst doch
welchen?“
„Ich möchte mich erst mal waschen."
Sie führte mich in die eine der beiden Stuben
oben, die sonst immer verschlossen waren. Da war
für mich ein Bett gemacht. Es roch etwas unbe­
wohnt. Die Möbel waren gut gehalten, aber leblos
vom wenigen Gebrauch.
„Mach dir's hier bequem! Wenn du runter­
kommst, ist alles fertig."
Sie ging hinaus. Ich zog mir den Rock aus. Jetzt
wohnte ich im Ehrenzimmer. Ich galt etwas in der
Familie.
Auf dem Tisch mit der Plüschdecke lag ein
Photographiealbum. Ich schlug es auf. Da war mein
Großvater, dick und mit einem stolzen Gesicht
voller Falten. Und dort mein Vater als ganz junger
Mann. Er saß nachlässig auf einem Stuhl, und mit
so treuherzigen Augen! Es mußte damals etwas an
ihm gewesen sein, was ich an ihm nicht mehr ge­
kannt hatte. Vielleicht hat er auch hochfahrende
Gedanken gehabt wie ich und hat es eines Tages
gefunden, daß wir nicht weiterkommen können!
Als ich hinunterkam, waren die Kinder da, drei
Mädchen und ein Junge. Meine älteste Nichte war

175
schon fünfzehn Jahre alt und tat zugleich nah ver­
wandt und unnahbar. Die kleineren waren einfacher
und sahen mich immerfort an.
„Nu, erzähl mal!" sagte meine Mutter,
Was erzählen? Ich hatte ein Grauen davor. Aber
dann kam ich doch ins Reden, und so, daß ich gar
nicht wieder aufhörte.
In den nächsten Tagen ging ich überall umher,
zu den Bienenkörben und auf den Berg.
Von den Kindern faßte nur der kleine Junge
wirkliches Vertrauen zu mir, Er wollte immer mit
mir gehen, und ich nahm ihn gern mit. Er ging dann
schweigend und ernsthaft neben mir her. Sonst war
ich unruhig und half im Haus und auf dem Felde.

XIII
Wir kamen in eine Reservestellung und dann
wieder vor. Die Franzosen schienen Munition zu
sparen und schossen kaum mehr die täglichen
Störungsgranaten,
Die Gräben wurden aufgeräumt und neue
Unterstände gebaut. Wir trieben neben unserm
Unterstand einen Schacht in die Kreide und steif­
ten ihn mit Minierrahmen ab. Es wurden große
unterirdische Tunnelanlagen begonnen, damit uns
eine Beschießung nichts mehr anhaben könnte. Da
arbeitete man tagsüber bei Grubenlampen unten
und schüttete nachts die Miniersäcke voll Kreide
hinter den Graben aus.
Wir kamen nicht wieder nach Chailly in Ruhe,
sondern in ein Waldlager, wo zeltförmige Baracken
von den Pionieren gebaut wurden. Dort gefiel es
mir anfangs ganz gut. Aber dann nahmen die Läuse

176
in den Baracken so überhand, daß man sich vor
ihnen nicht mehr zu retten wußte. Wir bekamen
damals kein Stroh mehr für die Lagerstätten, weil
ja in Deutschland alles auszugehen begann, sondern
Papierstöße. Darauf lag man sehr hart, und die
Läuse saßen in dem mürben Papier.
Vor allem hatten wir kein Wasser im Lager und
mußten es eine halbe Stunde weit von einem ein­
samen Gehöft herübertragen. Der Brunnen, den die
Pioniere bauten, war schon zwanzig Meter tief und
gab noch kein Wasser.

Eines Morgens ließ mich Fabian rufen.


,,Es tut mir leid," sagte er, „daß ich Sie ab­
kommandieren muß, aber ich habe keinen andern
geeigneten Gefreiten. Sie müssen hinter nach Fro-
mentin in die Regimentswerkstätten als Tischler.“
Ich stand starr. Ich sollte von meiner Gruppe
fort?
„Es wird Ihnen schwer?" sagte Fabian. „Wür­
den Sie es denn vorziehen, hier vorn in der Gefahr
zu bleiben, anstatt hinten in Sicherheit zu sein?“
„Jawohl, Herr Leutnant."
„Ihnen geht es nur wie mir,“ sagte er traurig.
„Man reißt mich von meiner Kompanie weg, die
ich seit zwei Jahren hier im Felde führe. Ich kenne
jeden und jeder kennt mich. Und nur weil ein
Aelterer da ist, der mal eine Kompanie führen
möchte. Ich bin hinter in die Etappe zum Rekruten­
depot verschickt."
„Wenn Herr Leutnant nicht da sind, will ich
auch nicht dableiben!" platzte ich heraus.
Er lächelte mich düster an und gab mir die
Renn, Krieg 12
177
Hand. „Leben Sie wohl!“ Er wandte sich ab und
ging hinaus.
Ich packte meinen Tornister. Den Seidel konnte
ich kaum ansehen, so bitter war ich.
Draußen war es neblig und frostig. Krähen
saßen auf den Wiesen und flogen vor mir auf.
Ich meldete mich in Fromentin bei einem Feld­
webelleutnant, der mir einen Platz in einer freund­
lichen Stube bei fünf, meist älteren Handwerkern
anwies.
Die Werkstatt lag gegenüber. Ich hatte Muni­
tionskästen, Armauflagebretter und Grabenschilder
anzufertigen.
Wenn ich zurückdenke, ist mir diese Zeit wie
eine Wiese im Winter. Was ich gedacht habe,
weiß ich nicht. Ziesche kam bald nach mir in die
Schmiede. Er sah jetzt verrußt aus. Seine Zähne
und Augen standen weiß im Gesicht und die Lippen
tiefrot. Aber weiter weiß ich von ihm aus dieser
Zeit nichts.
Ein neuer Frühling kam. Kaiser war bei irgend­
einem Patrouillenunternehmen gefallen. Begann ich
denn innerlich zu sterben und fest zu werden in
Gewohnheiten und Meinungen und ablehnend gegen
alles, was ich nicht verstand?

178
DIE SOMMESCHLACHT
Eines Nachmittags kam unser Regimentskom­
mandeur mit seinem Ordonnanzoffizier in die
Werkstatt. Unter einem Gespräch öffneten sie die
Tür.
„Aber denken Sie sich,” sagte der Oberst,
„hundert Geschütze auf einen Kilometer Front­
breite! Denken Sie sich das nur bei uns! Unsre
Leute würden dem Trommelfeuer auch nicht stand­
halten!“
Sie brachen das Gespräch ab.
Ich zeigte ihnen meine Kästchen und Brettchen.
Sie sahen kaum hin und gingen wieder.
Sie mußten von den Kämpfen an der Somme
gesprochen haben. Ich hatte die Nachrichten
darüber flüchtig in der Zeitung gelesen. Ich
wußte auch, daß unser Nachbarregiment nach der
Somme abmarschiert war. Aber ich hatte nicht
darüber nachgedacht. Was hatte ich denn das ganze
letzte Jahr überhaupt gedacht? Wenn unser Regi­
ment auch hinkam? Uns Handwerker — würden
sie uns hier lassen? Ich wollte es glauben, um mich
zu beruhigen. Aber mit Grauen glaubte ich es nicht.
Und so unvorbereitet! schrie ich in mir. Weshalb
so unvorbereitet? Weshalb hatte ich denn an nichts
gedacht?
12*
179
Aber was sollte ich denn denken? Es gibt doch
nichts zu denken! Alles ist doch hohl.
An den Abenden, wenn die andern Karten spiel­
ten, war die Angst da. Manchmal ging ich am Abend
allein hinaus. Manchmal war ich lustig und erzählte
den andern Geschichten, daß sie sich krümmten vor
Lachen. Und ich lachte mit. Aber es war nur
Krampf. Ich besoff mich. Aber es nützte nichts.
Weshalb habe ich jetzt solche Angst? Fürchte
ich mich denn vorm Tode? Nein, nicht so sehr.
Oder vor einer Verwundung? Nein, kaum. Oder
vorm Gefangenwerden? Ach, ich werde ja nicht
gefangen. All das ist es also nicht? Was ist es
denn?

Am 16. September 1916 kam auch für uns der


Abmarschbefehl,
Wir rückten einige zwanzig Kilometer hinter
die Front und blieben in einem Dorf.
Am nächsten Morgen saßen wir in unsern
Quartieren, rauchten und warteten. Wir hatten Be­
fehl, uns nicht aus den Quartieren zu entfernen und
uns alarmbereit zu halten.
Es wurde Mittag. Wir hatten keine Feldküche
und hatten nur ein halbes Brot der Mann empfan­
gen, dazu ein kleines Stück Kriegsfett. Und das alles
war schon am Morgen aufgegessen worden. Unser
Führer, der ältliche Feldwebelleutnant Kretzschmar,
lief aufgeregt umher.
Gegen drei Uhr kam er und sagte, wir sollten
an der Küche der Husaren Essen holen.
„Wann geht's denn fort, Herr Leutnant?"

180
„Ich habe noch keinen Befehl."
Dieser Tag verging, ebenso der nächste. Ich
wollte einen Brief schreiben und holte Bleistift und
Papier heraus. Aber ich kam nicht über „Liebe
Mutter!" hinaus.
Wieder ein Tag. Der Abend kam. Wir legten
uns schlafen.
Am folgenden Morgen um neun Uhr kam end­
lich der Befehl zum Abmarsch auf den Bahnhof.
Dort standen schon zwei Rekrutenkompanien mit
blassen Achtzehnjährigen in neuen Röcken. Sie
sahen uns neugierig an. Wir waren lauter große,
kräftige Kerle, der Regimentsbademeister mit sei­
nem roten Gesicht, Ziesche und der andre Schmied,
sechs Meldehundführer, meist Polizisten. Auch Fiffi,
eine kleine, scharfe Rattenfängerin, hatten sie mit­
gebracht. Ihren fünf Jungen hatte ich noch in Fro­
mentin einen Kasten für die Reise machen müssen.
Wir stiegen ein. Die großen Wolfshunde zerrten
an ihren Ketten und sprangen mit einem Satz in
den Wagen.
Der Zug fuhr langsam durch flaches, graues
Land, nur manchmal ein paar Kirschbäume und
weiße Häuser.
Ziesche holte ein kleines Schachbrett aus dem
Tornister und begann mit dem Bademeister zu
spielen. Sie redeten kein Wort.
Auf einer Station empfingen wir Mittagessen.
Der Nachmittag wurde noch grauer und ein­
töniger.
Auf einem Bahnhof hielten wir über zwei Stun­
den. In der Ferne hörten wir schon gedämpft das
Brummen der Kanonen.

181
„Ein feindlicher Flieger ist gemeldet, ein soge­
nannter Doppeldecker!" rief jemand auf dem Bahn­
steig.
„Ob der denkt, daß Doppeldecker gefährlicher
sind als Eindecker?“ lachte der Bademeister. „Laßt
mich mal ans Fenster! Ich will mir den weisen
Mann mal ansehen!"
Der Rufer war ein blasser Bahnbeamter. Etliche
liefen nach dem Fliegerkeller, der wenig geräumig
aussah. Aus den Fenstern unsres Zugs lehnten sie
lachend und sahen sich das Gedränge am Flieger­
keller an.
Ein deutscher Flieger nach dem andern stieg auf,
aber kein französischer zeigte sich. Allmählich
kamen die Leute vorsichtig wieder aus dem Keller.
„Erst habt ihr mich ’neingezogen in euren ver­
dammten Fliegerkeller, und dann habt ihr mir auch
noch den Helm zertreten!" schimpfte einer. Es war
ein Frontsoldat; man sah es an seinem geflickten
und zu weiten Rock.
Schließlich fuhr der Zug langsam weiter. Leere
Güterzüge kamen uns entgegen, die vielleicht Holz
und Munition vorgebracht hatten. An einem neuen
Bahnhof arbeiteten gefangene Russen. Dann kamen
wir nach Ham in der Picardie und stiegen aus.

Regen. Ein verschlammter Platz vorm Bahnhof


und in der Ferne eine Burg mit runden Türmen.
Wir standen mitten unter andern Truppen, Ver-
pflegswagen, Lastautos. Verwundete mit durch­
bluteten Verbänden liefen umher, von oben bis

182
unten mit Lehm bespritzt, darunter gefangene Fran­
zosen in langen, blauen Röcken.
Unser Feldwebelleutnant sah sich hilfesuchend
um: „Weiß denn keiner von euch, wo das Regiment
liegt?“
Niemand antwortete. Er drängte sich zu den
Verpflegswagen und fragte die Fahrer. Dann war er
verschwunden.
Es regnete gleichmäßig auf uns nieder. Wir
hängten uns die Zeltbahn um und standen. Es troff
vom Helm. Beim Stehen wurde das Gepäck noch
schwerer.
Es begann zu dämmern.
Der Feldwebelleutnant kam zurück. Seine Brille
war voller Regentropfen. Er sagte, er wäre auf der
Bahnhofskommandantur gewesen. Da hätte aber
niemand von unserm Regiment gewußt. Dann wäre
er auf der Fernsprechstelle gewesen. Da hätten sie
die Division gekannt. Aber er hätte keinen An­
schluß bekommen.
Es war graue Dämmerung.
„Herr Leutnant Kretzschmar?" rief es auf ein­
mal, und ein Mann mit umgehängter Zeltbahn
tauchte auf. „Ich bin von Herrn Oberstleutnant ge­
schickt, die Abteilung vorzuführen."
„Gewehr umhängenl Ohne Tritt marschl"
Wir drängten uns zwischen Fuhrwerken und
Menschen durch. Die Häuser der Stadt muteten
mich vornehm an. Ich war lange in keiner Stadt
gewesen. Die letzten Häuser glitten vorbei. Draußen
war Schlamm auf der Straße, leere Aecker rechts
und links, und Regen. Unser Wegführer hatte
magere, alte Züge und hastige Bewegungen.

183
„Wie sieht's denn vorn aus?“
„Ach, Herr Leutnant, unser Regiment! Wenn ich
dran denke, wie wir herrückten! Und jetzt! — Bei
jeder Kompanie nur noch ein paar Mann, und Offi­
ziere überhaupt nicht mehr, außer zwei oder dreien!
Und die sind schmutzig und hungrig — ja, die Feld­
küchen können doch nicht vor, weil die Franzosen
immer in unsre Artillerielinie Sperre schießen. Da
liegen Leichen und tote Pferde. Wenn man aber da
durch ist, dann ist's vorn gar nicht so schlimm. —
Ach, unser Regiment! Herr Leutnant, wenn man
bald jeden zweiten kennt, und man kommt um 'ne
Grabenecke, da hängt'n Bein aus der Wand raus.
Wer ist denn das? Ach, das ist doch der Emil,
weißt du, dem der Schmidt-Max mal die Hosen­
beine zugenäht hatte, und wir haben noch so ge­
lacht! Ja, Herr Leutnant, wenn man die alle kennt!“
Er schluchzte.
Es regnete.
Dann kam wieder seine Stimme: „Aber der
Oberstleutnant — was unser Regimentskommandeur
ist — das ist ein Mann! Ich bin ja bei ihm Ordon­
nanz, und ich weiß, wo er rumläuft! Wenn wir an
'ne gefährliche Stelle kommen, da sagt er: .Bleiben
Sie hier, Schendler!' Man will das natürlich nicht
zugeben; man hat doch auch seine Ehre! Aber es
ist nichts zu machen: er geht allein weiter. — Vor
drei Tagen — oder wann es war — man kann's
nicht mehr im Kopf behalten! — als die Franzosen
das dritte Bataillon abgeschnitten hatten, da hat er
die Reserven herangeführt, und dann, nach zwei
Stunden, die ganzen Gräben voller Gefangene, 700
Mann und 'n ganzes Schock Offiziere! Wir waren

184
wie besoffen, wie die alle kamen! — Aber dann am
nächsten Tag —!“
Ein Schauder kroch mir über die Kopfhaut, Ich
mußte gähnen und war wie ausgespreizt.
Er erzählte und schluchzte. Der Schlamm
patschte unter den Stiefeln. Vor uns in einiger Ent­
fernung war eine flache Höhe. Von dort müßten wir
nach vorn sehen können.
Auf einmal hörte ich: er sprach von meiner
Kompanie. ,,— Der Leutnant Waldtke, was der
Kompanieführer von der dritten war — es war
eigentlich so'n Frommer, — der hat sich verteidigt!
Erst hat er geschossen. Dann wurde er am Bein
verwundet. Da hat er noch Handgranaten ge­
schmissen. Er muß nicht mehr ganz bei sich ge­
wesen sein. Wie sie ihn zurückgetragen haben, hat
er geflucht und hat immer Handgranaten schmeißen
wollen. Sie haben ihn kaum festhalten können. Und
wenn Herr Leutnant den gekannt haben — das war
doch so'n sanfter Mensch und hat's nicht für richtig
gehalten, zu rauchen und was zu trinken. Wenn der
nur durchkommt! — so ein junges Blut!“
Wir kamen auf die Höhe. Vor uns blitzte es da
und dort und weit hinten auf dem schwarzen Hori­
zont. Kanonenschläge waren schon deutlicher.
Leuchtkugeln fuhren an verschiedenen Stellen in
die Höhe und zerfielen in gelbe Trauben. Ich wußte:
gelbe Trauben waren das Sperrfeuerzeichen. Dort
wurde also angegriffen. War das dort, wo wir hin
sollten?
Wir rasteten.

185
Ich wachte auf. Kochgeschirre klapperten.
Ich richtete mich auf, dehnte mich, erinnerte
mich: ich war in einem Zelt. Draußen schien heller
Tag. Ich war noch naß, fühlte mich aber warm und
wohl. Was war nur die Nacht gewesen? Es kam
mir wie eine Geschichte vor, die ich gelesen hätte,
so unwahrscheinlich, mit dem weinenden Menschen.
Ich schnallte mein Kochgeschirr ab. Ich kniete
dabei und merkte auf einmal, daß ich sehr vergnügt
war. Ich mußte sogar über meine Vergnügtheit
lachen. Das ist freilich ein großer Unsinn, aber
hübschl
Die schlammige, zertretene Wiese draußen gefiel
mir, und daß es Kaffee gab.
Nach dem Kaffeetrinken traten wir an. Der
Oberstleutnant kam und schritt unsre Front ab. Er
sah grau und ernst aus. Ich lachte ihm gerade ins
Gesicht, ich konnte es nicht ändern.
Er wurde plötzlich aufmerksam: „Nanu! Sie
freuen sich wohl gar, an die Somme zu kommen?"
„Jawohl, Herr Oberstleutnant!" rief ich.
„So so?" lächelte er. „Aber ich glaube doch
nicht so ganz daran." Er wandte sich an seinen
Ordonnanzoffizier, der hinter ihm ging: „Aus solchen
Leuten bestand mein ganzes Regiment, als wir her­
kamen, — Wenn wir zum zweiten Male eingesetzt
werden, wird es nicht mehr so sein."
Wir wurden verteilt. Ich kam mit Ziesche wieder
zu meiner alten Kompanie. Die lag nicht weit da­
von in einem großen Hof.
Seidel kam gegangen. Ich lief auf ihn zu.
Er lachte: „Merkst du denn gar nichts?"

186
„Nu, du bist sehr dreckig? — Ach so?" Er war
Vizefeldwebel geworden.
„Was machst du denn auf einmal für ein Ge­
sicht? Du denkst doch nicht etwa, daß du vor mir
strammstehen willst?"
Seidel betrachtete mich von der« Seite: „Weißt
du, daß Fabian wieder die Kompanie führt?” ver­
suchte er neu mit mir anzuknüpfen. —
Fabian stand auf dem Hof: „Ach, da sind ja noch
Bekannte!" rief er. „Uebrigens, ich brauche Ge­
fechtsordonnanzen. Dazu sind Sie und Ziesche mir
gerade recht."
Fabian war Oberleutnant geworden. Wir wohnten
mit in seinem Hause, mit seinem Burschen Eilitz zu­
sammen. Der war gewaltig groß und breit und hatte
eine breite, gebogene Nase. Zum Reden schien er
nicht eingerichtet. Uebrigens hatte er eine ganz
hohe, dünne Stimme. Zuerst hielt ich ihn für so
einen Dummkopf wie die Perle. Aber dann merkte
ich, daß er sogar sehr gescheit war und seinen Ver­
stand nur unter einer fabelhaften Gutherzigkeit
verbarg.
Die Nacht träumte ich, ich sollte gekreuzigt wer­
den. Ich überlegte mir, daß ich dann tot wäre und
mich davor fürchten müßte. Aber davor fürchtete
ich mich nicht, sondern nur vor den Schmerzen.
Vor denen aber so, daß ich schweißgebadet auf­
wachte.
Es war schon Tag. Ich ging, mich am Brunnen
zu waschen. Die Sonne schien auf den Hof. Mein
Traum beschäftigte mich, und daß ich*'mich nicht
vorm Tode gefürchtet hatte. Es ist wohl etwas
Richtiges daran.

187
Später ging ich mit Ziesche zum Schießen. Wir
mußten über eine flache Wiesenhöhe. Ich wollte
ihm meinen Traum erzählen, aber — es hat keinen
Sinn. Wenn man da vorn eine Kugel vor den Kopf
kriegt — es ist auch gleichgültig; es geht nur einen
selbst etwas an.

Schon mehrmals waren Gerüchte umgegangen,


wir müßten in der kommenden Nacht vor. Aber es
war nie richtig gewesen.
Das Wetter war trübe, Die andern spielten
Karten. Ich hatte mit meinen Sachen zu tun, und
weil ich unbeschäftigt war, suchte ich so gut zu
nähen wie meine Mutter, Meine Unterhosen waren
so zerrissen, daß nur noch die Beine zusammen­
hingen. Der Hosenboden war fast weg, und Knöpfe
hatte ich auch nicht mehr. Es gab auch keine zu
kaufen. Ich nähte einen Strick an beiden Seiten fest,
um damit die Unterhose um den Leib zu binden.
Mein einziges Paar Strümpfe hatte schon lange
keine Fersen mehr; denn ich hatte keine Wolle
zum Stopfen, und meine Mutter konnte mir auch
keine schicken, weil es keine mehr zu kaufen gab.
Aber sie hatte mir ein Paar Fußlappen geschickt,
die sie aus einem Stück Flanell geschnitten hatte.
Der nächste Morgen war strahlend schön. Beim
Antreten sagte Fabian: ,,Heute abend geht's vor.
Ein Teil unsres Regiments hat schon diese Nacht
die vorderste Stellung besetzt. Wir kommen da­
hinter in Bereitschaft in den Wald von Bourraine.
Vorläufig ist es in unsrer Stellung ruhig. Aber man
darf sich auf so was nicht verlassen.“

188
Fabian ließ wegtreten.
Ich hatte nichts mehr zu tun und ging ziellos
im Dorf umher, lehnte über die Brücke und sah zu,
wie sich das Schilf im Wasser bewegte, und ging
wieder zurück. Die Essenszeit kam. An diesem Tage
gab es zum ersten Male die gute Offensivverpfle­
gung. Dann legte ich mich schlafen. Man wußte
nicht, wann man wieder dazu käme.
Um fünf Uhr nachmittags traten wir auf dem
Hofe an. Der Himmel hatte sich umzogen, und es
begann in feinen Tropfen zu regnen.
Fabian kam im Stahlhelm und war ganz dick
von Mänteln, Ledertaschen, Seitengewehr, Dolch,
Pistole und Gasmaske.
Wir rückten auf die Straße hinaus. Da standen
große Lastautos mit Planen darüber. Ich kam vorn
zum Wagenführer eines Autos.
Die Autos liefen flott auf der breiten Land­
straße. Ich sah das vorherlaufende und manchmal
auch das davor durch den strömenden Regen, der
an die klirrenden Scheiben vor uns prickelte. Es
begann schon zu dunkeln.
Plötzlich lag eine schwarze Schlange auf der
Straße. Wir bremsten. Das Auto vor uns hatte seine
Kette verloren. Der Unteroffizier neben mir beugte
sich hinaus: „Wißt ihr den Weg?"
„Nee!“
„Geh du mal rüber, Ernst, und führ sie nach!“
Unterdessen war vor uns nur noch graue Dun­
kelheit. Im schnelleren Tempo liefen wir weiter, um
die andern einzuholen.
Ein Dorf kam und eine Straßengabel. Wir liefen
langsamer.

189
„Wie mögen die gefahren sein? Nu, ’s ist egal;
wir fahren drauf los!"
Hinten war das nächste Auto aufgelaufen. Von
dort rief man etwas, der Unteroffizier sprang hin­
aus und lief hinter.
Er kam wieder: „Auch hinter uns ist die Ver­
bindung abgerissen. Wir sind nur noch zwei Wagen
zusammen. — Los!"
Wir liefen weiter ins Dunkle, bogen rechts und
links um. Straßenbäume tauchten auf und kamen
knatternd vorbeigerannt. Häuserschatten glitten
vorüber. Zwei grelle Lichtaugen kamen aus einem
Grund herauf, näherten sich, und vorbei!
Plötzlich bremsten wir. Ein kleiner Offizier in
einem Umhang stand an der Straßenseite mit aus­
gestrecktem Arm. Noch zwei Offiziere lösten sich
aus der Dunkelheit,
„Welche Kompanie?" fragte die Stimme unseres
Bataillonskommandeurs.
„Dritte, Herr Hauptmann!"
„Gott sei Dank! Da ist die wenigstens voll­
zählig!"
Wir stiegen aus und rückten ein Stück auf einem
schlammigen Wege vor. In der Ferne waren
schwere Detonationen. Auf einem Acker setzten
wir die Gewehre zusammen und hängten die Zelt­
bahnen um. Ich wollte mir eine Zigarette anzünden,
aber es tropfte so vom Helm, daß sie schon pappig
war, bevor ich sie in Brand hatte. Einige batten
sich trotz des Schlammes hingesetzt.
Ich ging zum Bataillonsstab vor: „Weshalb war­
ten wir eigentlich hier?"
„Das Bataillon, das wir ablösen, soll uns Leute

190
schicken, die uns vorführen. Aber es ist noch nie­
mand da,"
Ich patschte durch den Schlamm zur Kompanie
zurück. Ich sah einen gelben Widerschein und
wandte mich um. Leuchtkugeln fuhren vorn in die
Höhe gerade dort, wo ich meinte, daß wir hinmüß­
ten, und fielen als gelber Regen nieder. Verfluchtl
dachte ich und patschte weiter.
Die Batterien vor uns begannen zu bellen. An
einigen Stellen sah ich das Aufblitzen der Ab­
schüsse. Immer mehr Leuchtkugeln fuhren auf und
platzten. In der Kompanie war es totenstill. Einer
schnarchte.
Die Leuchtzeichen wanderten nach rechts.
Und müssen wir gerade in der Nacht vor, in der
sie wieder angreifen!
Allmählich flaute das Schießen ab, nur noch
der Regen tropfte vom Helm. Ich setzte mich zu
Ziesche auf die Zeltbahn. Keiner sprach ein Wort
Stunden vergingen. Es regnete.
„Kompanie auf! Gepäck auf! Auf der Straße an­
treten!”
Ich war steif von Frost und Nässe. Die Zeltbahn
war auch steif und kalt.
Auf der Straße standen vor uns drei ohne Ge­
päck,
„Wie müssen wir marschieren?“ fragte Fabian.
„Wir wissen hier nicht Bescheid, Herr Ober­
leutnant. Wir sind immer von wo anders vor­
gerückt."
„Hübsche Führer!"
Einer von unsern Unteroffizieren sagte, er wüßte

191
den Weg bis zu einem Wegekreuz, wo wir uns
dann wahrscheinlich links halten müßten.
Wir bogen von der Straße ab auf einen weichen
Acker, um das Dorf vor uns zu vermeiden, in das
es immer einmal schoß. Auf dem weichen Boden
kam bald unsere Marschordnung auseinander. Immer
wieder kam von hinten der Ruf: „Halten!"
Die Leute, die ja meist eben erst aus der Heimat
kamen und an das Vorrücken über Aecker bei
Nacht nicht gewöhnt waren, stapften schon in lan­
ger, dünner Reihe durch den zähen Lehm. Die Nacht
war pechschwarz, nichts zu erkennen, weder am
Boden noch am Horizont,
„Herr Oberleutnant!" sagte der Unteroffizier.
„Ich weiß nicht mehr, wo wir sind. Es ist alles so
ein gleichmäßiger Schlamm unter den Füßen, und
überall ist es zerfahren, daß man nicht wissen kann,
ob das ein Weg ist oder keiner. Ich denke, es ist
das beste, wir machen kehrt und suchen die große
Straße."
„Gut, führen Sie weiter!“ Ich wunderte mich,
daß Fabian so ruhig blieb.
Wir bogen scharf nach links ab.
Auf einmal kam einer durch den Lehm gerannt:
„Herr Oberleutnant Fabian!"
„Ach, Sie sind's, Schubert?”
„Ich traf das Ende Ihrer Kompanie und dachte,
Sie wissen den Weg nicht. Sie können sich an meine
Kompanie anhängen. Wir haben bis zu den Gräben
den gleichen Weg."
„Ein hübscher Sirup, durch den man latscht!“
Es hatte zu regnen aufgehört.
Ein Leichengestank begleitete uns ein Stück.

192
Dann senkte sich der Boden, ohne daß man er­
kennen konnte, was da war. Ich glitt aus und fuhr
auf den Hosen die nasse Lehmbahn hinunter in
einen flachen Graben, Ganz in der Nähe mußte
wieder eine Leiche liegen. Beim Weitertasten stieß
ich auf Schotter und dann an Eisenbahnschienen.
Ein Stück ging es noch querfeldein. Dann bogen
wir nach links auf eine Straße.
„Bleiben Sie mal hier, Renn, und sehen Sie, ob
die Kompanie beisammen ist!"
Sie latschten gebückt an mir vorbei. Einer nach
dem andern fragte: „Sind wir bald da? Kann nicht
mal gehalten werden?"
Auf einmal war die Reihe zu Ende. Der letzte
sagte: „Die sind schon lange zurückgeblieben."
Ich blieb stehen und wartete.
Es kam niemand. Vorn verlor sich das Geräusch
der Marschierenden. Ich lief ihnen nach.
Es war ein wenig heller geworden. Aber ich kam
schlecht vorwärts. Der feste Straßengrund war mit
glitschigem Lehm bedeckt. Dazu hinderte mich die
umgehängte Zeltbahn. Ich erreichte das Ende der
Kolonne und rannte weiter.
Der Oberleutnant sagte, ich sollte vor zu Leut­
nant Schubert laufen und ihn bitten, einmal zu
halten.
Ich rannte weiter. Vom Regen war mein Zeug
steif und schwer. Die Kompanie war lang ausein­
andergezogen.
Schließlich kam ich vorn an. Der Schweiß lief
mir übers Gesicht. Der Leutnant knurrte etwas, ließ
aber halten.
Als die Kompanie wieder zusammen war, ging
Renn, Krieg 13 10*3
es langsam weiter. Die Straße hob sich allmählich
bis zu einer Höhe, auf der wir nach rechts in einen
Hohlweg hinabbogen.
Vor uns schien eine Kolonne zu halten. Beim
Näherkommen sah ich zwei Wagenkolonnen neben­
einander, die den ganzen Weg versperrten. Nur links
blieb ein schmaler Raum, Da zogen wir uns, einer
hinter dem andern, vor.
Vor uns schoß es heftig, gar nicht weit.
Ein paar Granaten fuhren dicht über uns weg
und schlugen hinten auf der Höhe ein. Die schweren
Kolonnenpferde standen ruhig, als ginge es sie gar
nichts an. Leute luden dicke Granaten ab, über die
wir wegsteigen mußten.
Links im Steilhang kam ein Grabeneinschnitt, in
den wir einbogen.
An einer Grabengabel stand der Leutnant Schu­
bert und sagte: „Ich glaube, Sie müssen jetzt rechts
gehen. Ich muß schnell meiner Kompanie nach! Es
fängt schon an, hell zu werden,“
Damit rannte er nach links davon. Wir gingen
rechts weiter, der Beschußstelle immer näher. Vor
uns war ein roter Schein unter den dunkeln Wol­
ken. Fabian stieg auf einen Auftritt und sah hinaus.
„Ist das nicht Bourraine hier vorn?“
Wir stiegen auch hinauf. Zwei- bis dreihundert
Meter vor uns brannte es in einem Dorf, über dem
ununterbrochen Schrapnelle Feuer spuckten.
„Das ist nicht Bourraine," sagte der eine Weg­
führer. „Aber was es ist, weiß ich nicht.“
„Da links ist ein Wald. So muß der Bourraine-
Wald nach der Karte liegen."
„Nein, das ist er nicht."

194
„Weiter!" sagte Fabian,
Links an einem Unterstand! trat ein Posten hin
und her,
„Wie heißt das Dorf vor uns?“
„Das weiß ich nicht,"
„Wer liegt hier im Unterstand?"
„Unser Bataillonsstab."
„Was soll das heißen: unser Bataillonsstab? —
Renn, fragen Sie mal unten!"
Ich stolperte die enge Treppe hinunter. Bei
einem trüben Licht saß ein dünner Offizier in einem
schmutzigen Mantel. Er sagte mir, vor uns läge
wirklich Bourraine, und wir wären nur zu weit nach
rechts in den nächsten Regimentsabschnitt ge­
kommen,
Ich rannte hinauf,
„Aus dem Graben!" befahl Fabian.
Wir krochen neben dem Posten hinaus. In
meiner Hast kam mir die Zeltbahn unter die Beine,
und ich rutschte wieder hinunter.
Im Boden waren mannstiefe Granattrichter,
einer am andern, auf deren Kämmen wir uns rechts
und links wandten. Da war kein Grashalm mehr.
Dann hörten die Trichter auf, und es kam ebne
Wiese, Wir gingen in einer Entfernung am Walde
entlang und bogen dann scharf auf sein unteres
Ende. Dort stand ein Sanitätswagen. Zwei tote
Pferde lagen davor.
Ein Mann kam aus dem Wald: „Ich soll Herrn
Oberleutnant die Unterstände übergeben. Unsere
Kompanie ist schon vor mehreren Stunden ab­
gerückt, um noch vor Hellwerden hinterzukom­
men."
13*
195
Sch-p! fuhr ein Geschoß über uns weg und in
den Boden, ohne loszugehen.
Sch-p! ein zweites.
„Vorwärts!" rief Fabian. „Hier in den Graben
hinein!“
„Hier links," sagte der Mann, „liegen Sanitäts­
unterstand und Kompanieführer, die übrige Kom­
panie im Wald.“
Irgendwo detonierte eine Granate.
Wir liefen in einen Graben, in den Lehmstücke
von den Wänden und Aeste gefallen waren.
„Sie können gehen,“ sagte Fabian kühl zu den
Führern.
Im Vorübergehen wurden die Unterstände ver­
teilt. In der Mitte des Waldes endigte der Graben
mit einer schwarzen Oeffnung. Eine Treppe führte
hinunter.
„Hier ist der Tunnel," sagte der Mann. „Da
kommt der Rest der Kompanie mit einem Zugführer
unter.“
„Und ich?" fragte Fabian.
„Am untern Waldende, wo die toten Pferde
liegen.“
„Das hätten Sie aber gleich sagen können!" Er
mußte es vorhin überhört haben.
Wir standen im engen Graben, die halbe Kom­
panie hinter uns. Es schoß immer heftiger.
Wir kletterten nach vorn aus dem Graben. Der
Wald war dicht und voll abgebrochner Aeste. Nach
wenigen Schritten hingen wir in Stacheldraht fest,
der in dem Astgewirr nicht zu sehen war. Es klirrte
und klapperte in den Bäumen. Aeste sprangen ab.

196
Draußen vorm Waldrand da und dort leichtes Auf­
blitzen auf der Wiese und kleine Rauchwolken am
Boden im grauen Dämmerlicht. Das Krachen und
Knacken hallte und rauschte im Stahlhelm, daß
man kein Geräusch bestimmen konnte. Ich sah nur,
daß es Schrapnelle und Granaten waren. Wieder
kamen wir in Draht. Am Boden sah ich den Mantel
eines Maschinengewehrs und ein schmutzigbleiches
Gesicht mit Stahlhelm. Der Posten stand in einem
mit Astwerk zugedeckten Erdloch. Wir bogen aus
dem Wald hinaus ins Freie, um schneller vorwärts
zu kommen. Aber da war auf einmal kniehohes
Drahtverhau. Beim Durchsteigen blieb eine der
Schnuren meiner Zeltbahn hängen, und beim Lösen
riß ich mir ein Dreieck in den Aermel. Wir liefen
am Waldrand entlang. Ich blickte mich immerfort
nach allen Seiten um, wohin es schösse. Jetzt lief
der Graben, in den wir gekommen waren, dicht am
Waldrand. Wir sprangen hinein und liefen weiter.
Bald mündete er auf die Straße, Wir liefen um die
toten Pferde herum, in so kleinem Bogen, als man
bei der glitschigen Straße konnte, und fuhren ziem­
lich atemlos in unsern Bau. Das war aber nur eine
Treppe, ohne Unterstand unten daran. Auf der
linken Seite waren ziemlich oben ein paar Minier­
hölzer als Lagerstätte wagerecht gelegt. Daneben
blieb nur ein schmaler Gang nach dem unteren
Lager.
Eilitz warf einen großen Sack hin, den er außer
seinem Gepäck noch getragen hatte, und packte
aus. Er zündete eine Kerze an und klebte sie dem
Oberleutnant auf die untere Pritsche.
„Renn, Sie müssen noch einmal weg, diese

197
Meldung zum Bataillon bringen! Das muß auch hier
wo im Walde liegen.“
Ich wollte hinauslaufen. Aber Ziesche sagte:
„Ich komme mit. Dann weiß ich auch gleich, wo’s
Bataillon liegt."
Er hängte sich die Gasmaske um, und wir liefen
hinaus. Es war schon recht hell. Die toten Pferde
vor dem Sanitätswagen hatten aufgetriebne Leiber,
daß ihre Beine in die Luft standen, und stanken.
Wir liefen in den Graben hinein.
Ramm! detonierte eine Granate dicht hinter uns.
Ich bekam einen Lehmbatzen in den Hals.
Links in einem schmalen Seitengraben stand
ein Posten.
„Weißt du, wo der Stab erstes Bataillon liegt?"
„Hier drin."
Wir kamen an eine Tür mit einer Drahtglas­
scheibe und klopften.
„Herein!" Drin saß der Hauptmann mit seinem
Adjutanten an einem großen Tisch; sie aßen Brot.
Ich übergab die Meldung.
Als wir wieder in unsern Bau kamen, hatte Eilitz
schon Kaffee gewärmt und schnitt vergnügt Brot.
„Wie die schießen!" lachte er und zeigte mit
dem Daumen hinaus.
„Sie denken wohl," lachte Fabian, „das ist das
Schlachtenpotpourri in der Grünen Tanne mit Ra­
keten und Fröschen!"
Ich setzte mich mit Ziesche auf die Treppe und
frühstückte. Dann legten wir uns schlafen, oben
Eilitz mit Ziesche, unten Fabian an der Wand, ich
neben ihm. Draußen schlugen die Granaten gegen
die Bäume.

198
Zu Mittag wachten wir auf. Wir aßen Brot mit
Konservenwurst. Dann ging Fabian aus, sich die
Gegend anzusehen, und nahm mich mit.
Es war leicht neblig. Kein Schuß fiel weit und
breit. Wir gingen in den Graben hinein. An einer
Stelle war ein Baum darübergefallen und ragte mit
spitzen, gebrochnen Aesten hinein, daß wir darunter
durchkriechen mußten. Der Graben wurde immer
flacher und führte dann dicht am Waldrande hin.
Links war in einiger Entfernung ein zweites Wald­
stück zu sehen.
„Hören Sie mal,“ sagte Fabian, „wenn man euch
Ordonnanzen braucht, dann habt ihr meistens keine
Ahnung, wo was liegt. Ich sage Ihnen jetzt alles,
was ich selbst weiß, und Sie instruieren den Ziesche,
— Das Waldstück dort vorn ist der Türkenwald.
Dort liegen die übrigen Kompanien unsres Batail­
lons, Etwa achthundert Meter davor liegt das
zweite Bataillon in der vordersten Stellung. Also
prägen Sie sich das mal ein. Der Regimentsstreifen
ist noch nicht einen Kilometer breit, und darin
liegen, immer mit etwa achthundert Meter Abstand,
ganz vorn zweites Bataillon, im Türkenwald vor
uns das erste Bataillon, bis auf unsere Kompanie,
hier im Bourraine-Wald wir, die dritte Kompanie,
dahinter das dritte Bataillon. Wozu wir hier liegen,
das können Sie sich wohl nun auch denken: als
Gegenstoßkompanie, für den Fall, daß die Fran­
zosen vorn eingedrungen sind."
Wir kamen an den Tunnel. Die Decke der
Treppe wurde von zwei Eisenbahnschienen ge­
tragen, die auf recht schwachen Hölzern lagen.
Unten lastete ein feuchtkühler Dunst von nassen

199
Sachen, Tabaksrauch und Ruß, in dem die Kerzen
braunrot brannten, die in halber Höhe in Abstän­
den an irgendwelche Gegenstände geklebt waren.
Ganz in der Ferne war ein grauer Schimmer von
Tageslicht. Das war der Tunnelausgang,
Wir mußten uns bücken, um nicht an die Decke
zu stoßen. Auf der rechten Tunnelseite waren
Betten aus Maschendraht gebaut, zwei übereinan­
der. Daneben war der Gang so eng, daß einer, der
dastand und aß, auf sein Bett kriechen mußte, um
uns durchzulassen. Nun saß er mit großem, blondem
Bart und harmlosen blauen Augen zwischen nassen
Strümpfen, Brot, Stiefeln, Zigarren und Briefpapier
und lächelte über seine Unordnung.
Links ging ein schmaler, finsterer Gang ab,
„Wo führt denn das hin?"
„Zum Abort, Herr Oberleutnant."
Wir tappten in den Gang hinein. Die Wände
waren ohne Holzversteifung, bloßer Lehm. Fabian
knipste seine elektrische Lampe an. Da saßen sie
auf einer langen Stange, wie die Eulen im Dunkeln,
die Köpfe zu uns gedreht. Auf dem schmalen Gang
vor ihnen ragte eine Wand Handgranatenkisten.
„Guten Morgen, Herr Oberleutnant!" sagte es
auf einmal. Das war der Leutnant der Landwehr
Eisoldt, der Führer unsres ersten Zuges.
„Empfangen Sie immer in dieser Stellung?"
„Nein, Herr Oberleutnant, ich —“ Er zog Papier
aus der Tasche und wischte sich verlegen ab.
„Haben Sie schon nachgesehen," sagte Fabian
ärgerlich, „wieviel Handgranaten hier liegen, und
ob sie scharf gemacht sind?“
„Nein, Herr Oberleutnant."

200
„Ich möchte Meldung darüber haben! Guten
Tag!"
Ich wunderte mich darüber, daß der Eisoldt eine
so offenbare Furcht vor Fabian hatte. Aber frei­
lich, er war wohl recht dumm, und Fabian schien
ihn nicht leiden zu können. Die Kompanie liebte
den Eisoldt auch nicht.
Wir gingen zurück nach dem Hauptgang, von
dem noch mehrere Nebengänge zu Unterständen
abgingen, in denen Pioniere und Artilleriebeob­
achter wohnten. Einige Gänge führten auch in jetzt
verlaßne Betongeschützstände. Der ganze Tunnel
war etwa siebzig Meter lang.
Wir gingen noch im Graben ein Stück gegen
Bourraine und kehrten durch den Wald außerhalb
des Grabens zurück.
„Sehen Sie mal: da sind Unterstandseingängel
Hier muß ein unterirdisches Munitionsdepot explo­
diert sein. Der Trichter hat ja über zehn Meter
Durchmesser, und diese Tiefe! — Wenn da unten
Leute waren —?"
Im Walde lag ein großes Bündel in einer Zelt­
bahn, durch die oben ein Ast gesteckt war. Eine
Leiche hockte darin.
„Wir wollen es da hinauf auf die Wiese tragen.
Dort scheint ein Friedhof zu sein."
Wir schleppten das Bündel den Hang hinauf und
setzten es zwischen ein paar Holzkreuze. Es lagen
Unbeerdigte da, alles grau und still.
Irgendwo begann es zu wuchten. Aus dem
Türkenwald vor uns wuchsen Granatwolken,

201
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück
schickte uns Fabian fort, die Gräben, die nach vorn
führten, zu erkunden. Es war ein kalter Morgen.
Der sonst so schweigsame Ziesche schwatzte alles
mögliche.
Als wir/ in den Türkenwald kamen, wunderte
ich mich, daß er viel weniger zerzaust war als unser
Wald. Es gab da sogar noch grüne Büsche. Daneben
standen im Sonnenschein mit Zweigen bedeckte
Erdhütten, Um die sonnten sich Leute der zweiten
Kompanie. Einer rasierte sich. Ein paar spielten
Skat. Der Liebert aus unserm Nachbardorf machte
sich mit seinem Gewehr zu schaffen.
„Bei euch ist's aber hübsch!" sagte ich,
„Aber gestern war's gar nicht hübsch! Dort
drüben hat’s eine Baracke eingedrückt. Die sind ja
schnell rausgewesen!"
Wir gingen quer durch den Wald. Am jenseitigen
Rand lief ein verfallener Graben. Den gingen wir
nach links und bogen dann in einen andern, der
nach vorn führte. Der Graben wurde immer schlech­
ter, so daß wir manchmal mit halbem Leibe heraus­
ragten.
„Du!" sagte auf einmal Ziesche, der hinter mir
ging.
„Was gibt's denn?"
Er deutete nach unten. Da sah ich einen Aermel
mit Hand. Die Leiche war sonst ganz in den Lehm
getreten. Ich zögerte, drüberzugehen und sah mich
um. Rings war eine flache Lehmwüste, auf die die
Sonne schien. Langsam kam am Himmel ein großer
französischer Flieger, umgeben von drei kleinen,
die sich in leichten Bögen um ihn bewegten.

202
„Du, das ist ein Artillerieflieger. Da gibt's Be­
schuß. Wir wollen lieber zurück.“
Da kam schon die erste Granate und fuhr
berstend, etwa fünfzig Meter von uns, in den Wald.
Wir stiegen aus dem Graben und liefen quer­
feldein.
An unserm Wald drehte ich mich um. Der ganze
Türkenwald war voll Rauch und Staub. Auf ein­
mal flog ein ganzer Baum in die Luft.
Sch-kremm! fuhr es vorbei.
Wir sprangen in den Graben. Jetzt krachte es
so dicht hinter mir, daß ich mich nach Ziesche um­
sah. Er sah mich auch an und lachte.
Wir rannten um die Pferde und polterten in den
Unterstand.
„Euch hat's wohl auch vertrieben?“ lachte
Fabian. „Nu, was seht ihr mich so an! Ich hab eins
in die Fresse gekriegt! Es ist aber nur Dreck.“
Der Eilitz brachte Wasser und hielt ihm dann
einen kleinen Spiegel vor. Er hatte einige blutige
Abschürfungen. Die betrachtete er, dann nickte er
befriedigt.
Der Beschuß ließ bald nach. Fabian nahm
mich mit.
Vom Türkenwald her sahen wir drei Mann
kommen. Einer hatte seinen Stahlhelm in der Hand.
Ein anderer — jetzt erkannte ich Liebert — hatte
Rock und Hemd weit aufgerissen.
„Wohin wollen Sie?“
„Ach, Herr Oberleutnant, wir sind vorn im Wald
verschüttet worden! Unser ganzer Zug ist ver­
schüttet! Wir sind nur rausgekommen, weil wir am
Ausgang lagen! Dort vorn schießt’s immer noch!"

203
Liebert keuchte. Er erkannte mich nicht.
Fabian schickte sie in den Tunnel, Wir kehrten
um und gingen zum Bataillonsunterstand. Ich setzte
mich zu den Ordonnanzen und beobachtete, wie die
Offiziere sprachen.
„Gut!" sagte der Hauptmann. „Bringen Sie alles,
was von der zweiten Kompanie zurückkommt, in
den Tunnell Und stellen Sie hinten an die Graben­
gabel, wo ja alle durch müssen, einen Zugführer mit
einer Wache, der die Leute abfängt! Sonst laufen
sie in ihrer Angst wer weiß wohin."
Die Tür wurde geöffnet und einer hereinge­
schoben. Der war ganz nackt. Er hatte um den
Hals einen Strick mit der ovalen Erkennungsmarke,
Der Hauptmann sah ihn an: „Was bedeutet
denn das?“
„Herr Hauptmann," sagte die Ordonnanz, die
ihn gebracht hatte, „ich kann nichts aus ihm raus­
kriegen, Er ist von der zweiten Kompanie."
„Gebt ihm mal einen Mantel!" Man zog ihm
einen Mantel an, und er stand da. „Sind Sie ver­
schüttet gewesen?" „Die Decke kam runter," „Und
dann?” „Ich weiß nicht." „Dann sind Sie wohl raus­
gekrochen?“ „Ich weiß nicht.“ „Ich meine — Sie
sind wohl aus dem Unterstand gekrochen?" Er
zögerte: „Ich konnte doch nicht." „Weshalb denn
nicht?“ „Der Fuß, der saß fest." „Und da haben
Sie den eingeklemmten Stiefel ausgezogen?” Er
zögerte wieder: „Es war so eng." „Ordonnanzen!
Bringt ihn mal zum Arzt! Und gebt ihm auch heißen
Kaffee — oder haben wir keinen mehr?”
„Wir haben genug, Herr Hauptmann."

204
„Wie sich nur einer ganz ausziehen kann,"
wandte er sich an Fabian, „wenn ihm nur der
Stiefel festsitzt! — Ob man sich auch so dumm be­
nehmen würde?”
„Ich glaube nicht,” überlegte Fabian. „Dazu ge­
hört schon ein gehöriger Mangel an Selbstbe­
herrschung!"

Die ganze Nacht durch krachte es um unsern


Unterstand, Manchmal schütterte der Boden. Dazu
stanken die Pferde immer stärker.
Mitten in der Nacht polterten zwei die Treppe
herunter.
„Was ist denn los?”
„Verzeihen Herr Oberleutnant! Wir wußten
nicht, daß hier der Kompanieführer wohnt! Es
schoß eben so. Da sind wir hier herein!"
Gegen Morgen krachte es auf einmal näher als
sonst, und jemand kroch auf der Treppe herum.
„Wer ist das?”
„Eilitz! — Es schoß so, da sind wir tiefer
runter.”
Wieder nach einer Zeit rief es von draußen: „Ist
hier Sanitätsunterstand?"
„Der nächste Eingang, nebenan!" riefen wir alle
zu gleicher Zeit.
Dann kam jemand: „Herr Oberleutnant, ich
melde meinen Zug vom Schanzen in vorderer Linie
zurück. Wir haben drei Mann Verwundete."
Kaum wurde es hell, da standen wir auf und
tranken frierend Kaffee. Dann ging Fabian allein
fort und kam erst nach einigen Stunden wieder.

205
„Man hat den Führer der zweiten Kompanie
jetzt gefunden, natürlich tot. Wir haben jetzt als
vierten Zug die Reste der zweiten Kompanie. Leut­
nant Eisoldt führt sie. — Und jetzt ziehen wir um,
in den Tunnel.“
Es war draußen ruhig, so daß wir ungestört von
unsern Pferden wegkamen. Eins von ihnen war ge­
platzt, und die Gedärme hingen blau und rot auf
die Straße.
Im Tunnel hockten die Leute der zusammenge­
schossenen zweiten Kompanie im Tabaksrauch und
Dunst: „Die schießen uns noch hier unten zu­
sammen! — Oder die Franzosen kommen vorn in
die Gräben rein, und dann sind sie auch bald hier!"
„Wir müssen uns noch alle zum Krüppel
schießen lassen! — Uns ziehen sie doch erst aus
der Stellung, wenn nur noch die Garnisondienst­
fähigen und Fahrer übrig sind!"
Wir zogen in einen Unterstand, in dem schon
zwei Offiziere mit ihren Leuten lagen. Die mußten
zusammenrücken.
Der Abend und die Nacht waren unruhig. Der
eine Feldküchenkoch und der Küchenfahrer wurden
beim Essenausgeben verwundet. Immerfort kamen
Boten zu den drei Offizieren, die an dem einen
Tische saßen und schrieben. Ich mußte mehrmals
zu verschiednen Stellen laufen. Endlich gegen Mor­
gen legten wir uns schlafen. Rings an die Wände
waren Pritschen gebaut, immer zwei übereinander.
Ich lag oben, unter mir Ziesche. Ueber mir war ein
Loch in der Decke, wahrscheinlich um ein Ofenrohr
durchzustecken. Dadurch hörte ich das Krachen im

206
Walde, bald näher, bald ferner, einen hellen, hölzer­
nen Ton. Es waren Schrapnelle, mit denen der Wald
abgestreut wurde.

Am nächsten Tage sah ich die Leute wieder im


Tunnel hocken und rauchen: „Es geht eben nicht
mehr! — Wir kommen nicht nach Deutschland zu­
rück! In ein paar Tagen ist man entweder drüben
bei den Franzosen gefangen oder man liegt irgend­
wo in einem Graben, und die andern latschen einem
über die Leiche weg!"
Ich begann mich über die zweite Kompanie zu
ärgern. Was nehmen sie sich nicht zusammen! So
nehmen sie den armen Rekruten, die eben erst an
die Front riechen, noch den letzten Mut!
Im Hauptgang des Tunnels hatten sie noch dritte
Betten dicht unter der Decke gebaut. Es mußte ein
Kunststück sein, sich dahinein zu biegen. Bei uns
war noch ein vierter Offizier untergekommen, mit
Burschen, so daß wir uns im Schlafen ablösen
mußten, ich mit Ziesche.
Draußen war warmer Sonnenschein. Viele fran­
zösische Flieger kreisten über unsern Stellungen
und flogen über uns weg nach hinten. Deutsche
Flieger schien es nicht zu geben. Wir liebten an
sich die Fliegerleute nicht, wegen ihres anmaßenden
Wesens, jetzt wurde immer häufiger über sie ge­
schimpft.
Gegen Mittag umwölkte es sich, und es begann
stark zu regnen. Ein Artilleriebeobachtungsoffizier
kam aus dem Türkenwald als letzter, der dort aus­

207
gehalten hatte. Der mußte auch noch in unsern
Unterstand. Jetzt hatte sogar der Oberleutnant sein
Bett nicht mehr für sich allein, sondern schlief ab­
wechselnd mit Eilitz.
Mit dem Dunkelwerden begann wieder das Feuer
ziemlich heftig in unsern Wald und das Gelände
ringsum.
Als Eilitz mit den dampfenden Feldkesseln kam,
sagte er mit seiner hohen Stimme: „In die Nähe der
Küche hat es auch mit Gasgranaten geschossen."
„Woran haben Sie denn das gemerkt?"
„Es waren so kleine Wölkchen da. Erst hatte
ich nicht drauf geachtet. Aber wie ich's Essen
kriege, da riecht's auf einmal so süßlich und mir
wurde's für'n Augenblick ganz wie dumm!"

Am nächsten Tage war es wieder klar geworden.


Es schoß seit dem Morgen mit schweren Granaten
in unsern Wald. Zwei Unterstände unsres zweiten
Zugs wurden zerschossen und mußten geräumt wer­
den. Die Leute daraus mußten auch noch in den
Tunnel.
Zu Mittag auf einmal ein toller Krach ganz nah.
Die Erde zitterte. Wir liefen in den dunkeln Gang,
der zum Haupttunnel führte. Aber von dort kamen
welche gelaufen und drängten uns zurück.
„Was ist denn los?"
„Es hat eben den Tunnel eingeschossen!"
Ich roch auch schon den Granatdunst.
Als sich die Aufregung etwas gelegt hatte,
gingen wir in den Tunnel. Die Kerzen brannten

208
noch trüber. Aber es waren nur zwei Deckenhölzer
in der Mitte angeknickt. Sonst war nichts ge­
schehen.
Nachmittags mußte ich mit einer Meldung zum
Bataillon. Vor dem Unterstand war Blut von einem
Posten, der hier verwundet worden war. Die dicke
Glasscheibe war eingedrückt und die Scherben
lagen am Boden. Aber der Hauptmann und sein
Adjutant lachten sehr vergnügt.

Wieder hörte ich es in der Nacht über mir


krachen und an die Bäume schlagen.
Der nächste Morgen war klar. Die Sonne schien,
und ein großer französischer Flieger kreiste, um­
geben von kleinen, über uns. Wieder stiegen die
riesigen Granatwolken aus dem Türkenwald.
Zu Mittag kam eine Bataillonsordonnanz — mir
fiel seine Blässe auf: „Herr Oberleutnant, das Ba­
taillon läßt mitteilen, daß die Franzosen den
Türkenwald besetzt haben. Die dritte Kompanie
soll den Waldrand hier besetzen."
Ich hatte ein Gefühl, als ob plötzlich alles weiß
geworden wäre.
„Ordonnanzen, fertigmachen 1"
Es war fünf Minuten nach zwölf Uhr.
„Züge alarmieren! Zugführer zu mir!"
Ich lief durch den dunkeln Gang in den Tunnel
und dort in die erste Tür links. Leutnant Eisoldt
saß mit zwei Pionieroffizieren beim Skat.
„Herr Leutnant! Die Züge sollen alarmiert wer­
den! Die Herrn Zugführer zu Herrn Oberleutnant!"
Renn, Krieg 14
209
Er sah mich mit weiten Augen an: „Was ist
denn los?”
„Die Franzosen sind im Türkenwald.”
Er hatte noch die Karten in der linken Hand
und griff mit der rechten nach der Gasmaske: „Was
sollen wir tun?“
„Vorläufig nur alarmieren!" Ich lief weiter zu
Seidel.
Der rauchte seine Pfeife und sagte nur: „Jetzt
geht's los," klopfte seine Pfeife aus und stand auf.
Ich lief zurück und fand Fabian mit dem Haupt­
mann oben in einem der Betongeschützstände,
Am Rande des Türkenwaldes sah ich Leute um­
hergehen, konnte aber nicht erkennen, ob es Fran­
zosen waren. Wie sollte es nur möglich sein, daß
die Franzosen schon so nah waren und man keinen
einzigen Gewehrschuß gehört hatte? Es müßte
doch auch ein Bote von vorn daseinl Vielleicht
stimmte alles gar nicht?
Auch der Hauptmann schien im Zweifel: „Es
scheinen mir Deutsche zu sein, Schicken Sie doch
mal eine Patrouille hinüber!"
Oder waren die Franzosen beim Nachbarregiment
eingebrochen und hatten sich zwischen uns und
unsre vordre Linie geschoben?
Jenseits des Türkenwalds stieg eine gelbe Leucht­
kugel hoch und zerfiel. Fabian zeigte es dem Haupt­
mann: „Es müssen sich noch welche vorn halten,
die Leuchtzeichen abschießen. Sollte man nicht
gleich zum Gegenstoß vorgehen?”
„Nein, der Regimentskommandeur hat sich den
Entschluß dazu vorbehalten. Wir müssen seinen
Befehl abwarten."

210
Unterdessen kamen die Zugführer und flüsterten
in einer Ecke. Am Boden lag ein Toter, dem sie -
Schuh und Strümpfe und auch die Hosen ausge- |
zogen hatten; denn wir alle hatten Mangel an Be- i
kleidung.
Wir standen und warteten. Schließlich kam der
Führer der abgesandten Patrouille zurück und mel­
dete, sie wären aus dem Türkenwald angeschossen
worden, aber er glaubte, daß es Deutsche wären.
■— Einer von der Patrouille war am Bein verwundet.
„Haben Sie denn nicht angerufen?“
„Jawohl, Herr Hauptmann. Aber sie antworteten
nicht."
Fabian sah den Patrouillenführer sonderbar an
und schickte ihn fort. Man glaubte ihm wohl nicht.
Eine Ordonnanz kam von der Kompanie, die
halbrechts vor uns lag, und meldete: „Der Türken­
wald ist von den Franzosen besetzt. Von den
Kompanien vorderster Linie keine Nachricht."
Von rechts kamen ein paar Artilleristen und
schleppten einen zwischen sich. Dem waren beide
Beine über den Knien abgeschossen. Das Blut troff
aus den Hosenfetzen.
Unterdessen waren schon drei Stunden seit der
ersten Nachricht vergangen. Fabian schickte mich
zu den Zügen, ihnen zu sagen, daß sie Fleisch­
büchsen, Hartspiritus und Selterswasser bei Eilitz
empfangen sollten, weil heute wahrscheinlich die
Küche nicht vorkommen könnte.
Ich ging im Graben entlang, in dem jetzt Posten
aufgestellt waren. Einer stand ganz geduckt da,
so daß selbst sein Helm nicht aus dem Graben sah.
14’
211
Ich blieb stehen: „Wovor fürchtest du dich
denn?”
Er sah mich nicht an. Er war einer von den
Achtzehnjährigen der zweiten Kompanie,
„Sieh nur mal raus!" lachte ich. „Es ist ja gar
niemand zu sehen! Und die Sonne scheint!”
Er regte sich nicht. Was sollte ich tun?
Als ich zurückkam, lag in unserm Unterstand
der Mann ohne Beine am Boden und heulte. Er
schien ohne Besinnung. Eilitz gab über ihn weg die
Fleischbüchsen und das andre aus.
Ich ging wieder in den Geschützstand. Dort war
aber Fabian nicht mehr. An der Oeffnung des Be­
tonstandes stand der rothaarige Herschel als Posten.
Neben ihm lag der am Boden, der vorhin hier als
Posten stand.
„Hat es denn geschossen?" fragte ich.
„Ja, vorhin kamen ein paar Schrapnelle hierher."
Dabei wandte er sich an mich, und ich sah: der
hat gar keine Angst! — Wenn er heute fiele? Es
würde mir ehrlich leid tun; denn das ist ein Kerl.
— Ich falle ja nicht. Das stand mir ganz fest. Aber
ruhig war ich darum doch nicht.
Es kam jemand die Treppe herauf.
„Renn!“ sagte Fabian ruhig und lächelte ein
klein wenig. „In dreiviertel Stunde.“ Dann wurde
er dienstlich: „Ich habe den Ziesche schon fortge­
schickt, die Züge zu holen. Eilitz bleibt hier. Wir
müssen jetzt gehen."
Wir gingen ein Stück den Graben entlang und
warteten auf die Kompanie. Der Sonnenschein lag
noch gelblich auf der Wiese draußen. Aber der
Wald war schon grau.

212
Es dauerte über eine halbe Stunde, bis die Kom­
panie zusammen war. Fabian gab halblaut Befehle
und kroch mit uns aus dem Graben in eine völlig
zerschossene Batteriestellung dicht dabei, in der
wir uns hinter Wälle in halbverschüttete Gräben
legten. Er zeigte den Zugführern einen Gebüsch­
streifen, der sich nach dem Türkenwald zu vorzog,
und erklärte, wie angegriffen werden sollte.
Wir mußten jetzt noch auf die vierte Kompanie
warten, die links von uns angreifen sollte. Schließ­
lich kamen Leute dieser Kompanie aufrecht durch
den Wald gegangen. Sie schienen keine Ahnung zu
haben, worum es sich handelte.
„Wenn sich die Kerle doch wenigstens hinlegen
wollten!“ flüsterte mir Seidel zu. „Siehst du, dort
kommt schon so ein verfluchter französischer Flie­
ger! Daß wir jetzt in der Dämmerung einen Gegen­
stoß machen, ist doch jedem Kind klar! Und daß wir
ihn aus diesem Gebüsch heraus machen, auch! Wenn
wir nur nicht noch vorher eins abkriegen!“
Der Hauptmann kam mit seinem Adjutanten und
legte sich neben uns. Vor uns stand der Mond und
begann an Licht zuzunehmen, während rechts noch
der Himmel rotgelb über die Fläche sah.
Immer noch war die vierte Kompanie nicht voll­
zählig. Endlich kam der Führer mit dem Rest der
Leute.
Fabian schickte einen Mann vor, die letzten
hinderlichen Drähte mit der Drahtschere zu zer­
schneiden. Er kroch auf dem Bauch aus dem höher­
liegenden Walde heraus.
Da kam es angerauscht: Krach! Der Boden flog
auf, wenige Schritte vor dem mit der Drahtschere,

213
und warf Lehmbatzen bis zu uns. Der Mann sprang
auf und warf sich in einen Granattrichter.
„Können wir nicht jetzt, Herr Hauptmann?"
fragte Fabian ungeduldig,
„Ja, los!"
„Folgen!" flüsterte Fabian. Wir krochen hinter
ihm aus dem Walde. Im Gebüschstreifen stand ich
auf. Fabian lief schnell. Die Ranken des Brombeer-
gebüschs hielten einen sehr auf,
Bramm! dicht hinter mir. Ich bekam Lehm in
den Hals, und die Gasmaske fiel mir herunter. Ich
hob sie auf und lief weiter. Ihr Band war zerrissen.
Ich sah mich plötzlich nach Ziesche um. Hinter mir
lief nur Seidel. Fabian hatte schon einen Vorsprung,
und es wurde immer dunkler. Alles verschwamm
weißlich im Zwielicht.
Fabian hielt und kniete nieder. Fünf Schritte
vor uns hörte das Brombeergestrüpp auf. Bis zu dem
dunkel ragenden Türkenwald waren es kaum hun­
dert Meter. Dazwischen ebne Wiese.
Fabian flüsterte mit Seidel und zeigte ihm, wie
angegriffen werden sollte. „Ich komme dann mit
der Unterstützung nach, wenn Sie im Walde sind
und helfe Ihnen, wo sich die Franzosen etwa noch
halten."
Seidels Zug war jetzt da, aber von den andern
Zügen kein Mensch. Ziesche fehlte.
Links klapperte Schanzzeug. Das mußte die
vierte Kompanie sein. Ein paar Gewehrschüsse.
Fabian beugte sich zu Seidel: „Die vierte Kom­
panie ist bemerkt worden. Greifen Sie an!"
Seidel gab mit dem Arm das Zeichen. Sie stan­
den auf und liefen in die graue Dämmerung hinaus.

214
Jemand kam von hinten gerannt: „Fabian! Der
Hauptmann ist verschüttet. Sie führen das Ba-
taillonl“
Peitschendes Gewehrgeknall um uns und leich­
tes Aufblitzen am Waldrand,
„Der größte Teil Ihrer Kompanie ist auch ver­
schüttet! Ich habe mich herausgebuddelt und bin
zu Ihnen gelaufen!"
Es pfiff um uns. Fabian deutete mit einer erreg­
ten Bewegung vor: „Da laufen sie! Ich kann sie
nicht mehr aufhalten! — Sie laufen zu weit rechts!"
Meine Augen bohrten sich vor: Das ist ja
schrecklich! Die laufen fast an den Franzosen ent­
lang! Dort stürzt einer, und noch einer!
Dann sah ich niemand mehr. Am Waldrand
flammten rote Feuer auf. Es peitschte um die
Ohren. Ich fühlte den Wind von einem Geschoß
am Hals.
Was ist mit Seidel? — und Zieschel
Ein Schlag auf meinen linken Oberarm!
„Ich bin verwundet," sagte ich,
„Wo?“ fragte Fabian.
Ich zeigte es ihm.
Der Oberarmmuskel begann zu schmerzen, als
ob er aufgedunsen würde.
„Haben Sie ein Messer?" fragte der Adjutant.
Ich hatte es in der linken Hosentasche und ver­
suchte mit der rechten Hand quer über den Leib
hineinzugreifen.
Er merkte es und zog es heraus.
Es pfiff und knallte.
Er schnitt den Aermel ab. Wo es schmerzte,
war nichts zu sehen.

215
„Ein tüchtiges Loch!" sagte der Adjutant. „Das
wird ein Verbandpäckchen gar nicht decken. Aber
kommen Sie mal in den Granattrichter!"
Wir krochen in einen breiten Trichter, in dem
wir sicher waren,
„Wo ist denn die Wunde, Herr Leutnant?"
„Nahe der Schulter. Der Schuß muß von schräg
links gekommen sein!"
„Aber ich merke gar nichts von Bluten?"
„Es blutet auch kaum.“
„Meine Leute!“ knirschte Fabian,
„So, jetzt müssen wir aber den Aermel wieder
anstecken. Ihr Arm glänzt so weiß im Monden­
schein, daß es die Franzosen drüben sehen müssen."
Er steckte mir Hemd- und Rockärmel mit einer
Sicherheitsnadel ganz schief wieder an.
Das Gewehrfeuer ließ etwas nach,
„Gehen Sie doch mal hinüber," sagte Fabian,
„was die vierte Kompanie erreicht hat!“
Der Adjutant verschwand im Gebüsch.
Ich merkte, wie verstört Fabian war, und sagte,
ihn abzulenken: „Ziesche muß auch verwundet
sein. i*
„Alle ordentlichen Leute sind verwundet, nur
ich nicht! Wie soll ich nur überhaupt wieder vor
meine Kompanie treten? Ich bin hier vorn gewesen
und habe nicht mit angegriffen, weil ich auf die
andern Züge wartete! Das glaubt mir doch aber
kein Mensch!"
Der Adjutant kam zurück: „Die vierte hat gar
nicht erst angegriffen, weil sie solches Feuer be­
kamen."

216
„Und wegen diesem Pack habe ich meine Leute
da vor gehetzt!"
„Na, na! Die können nichts dafür. Wir wollen
lieber froh sein; sie haben nur drei Leichtver­
wundete. — Aber wollen wir nicht jetzt hinter­
gehen?"
Kein Schuß fiel mehr. Die roten Feuer waren
erloschen. Wir gingen langsam im Mondschein
zurück, nur noch drei.
Ich begann vor Kälte zu zittern. Der Schmerz
war fast vergangen.
Als wir an den Waldrand kamen, standen da
einige.
„Sie sind ja da!" rief der Leutnant Eisoldt den
Adjutanten an. „Wir graben die ganze Zeit nach
Ihnen. Herr Hauptmann hat überall nach Ihnen ge­
sucht."
„Was? Ist der auch da? Ich hab doch nach ihm
gesucht!"
Ich fragte einen: „Habt ihr den Ziesche ge­
sehen?"
„Er ist gleich hinter dir verwundet worden. Es
hat ihm die ganze eine Gesichtshälfte weggerissen."
„Lebt er noch?“
„Nee, der hat gar nichts gemerkt.”
Vorm Bataillonsunterstand drehte sich Fabian
nach mir um: „Meine besten Leute sind heute weg
—." Er fand nicht weiter und drückte mir nur die
Hand.
„Auf Wiedersehen, Herr Oberleutnant!" rief ich.
Er nickte: „Gehen Sie in den Unterstand! Eilitz
soll Sie nach dem Verbandsplatz bringen. — Man

217
ist unsicher im Gehen mit so einem angeschosse­
nen Arm.“
Einige Schrapnelle fuhren in den Wald und klap­
perten in den Aesten. Ich ging nach dem Tunnel.
Im Unterstand lag der ohne Beine, jetzt tot.
Eilitz fuhr in die Höhe: „Wo ist der Ober­
leutnant?"
„Gesund, im Bataillonsunterstand." Ich freute
mich, daß er sich so gesorgt hatte.
„Ist der Wald wiedergewonnen worden?"
„Nein. Es ist auch keiner in den französischen
Graben gekommen."
„Doch, ich!“ sagte es gereizt hinter mir. Ich
fuhr herum: Seidel! „Ich bin drin gewesen!" sagte
er, aber gar nicht wie er selbst, „Aber als ich mich
umsah, war keiner mehr da, und der Graben war
auch von Franzosen leer. Da bin ich vorsichtig im
Graben nach rechts weiter und bin da zur ersten
Kompanie gekommen. Wo ist der Oberleutnant?”
„Im Bataillonsunterstand."
Er lief ohne ein weiteres Wort hinaus.
Eilitz führte mich ganz unnötig vorsichtig am
rechten Arm und half mir aus dem Graben.
Da fiel mir ein, daß meine Briefe, und was ich
mir sonst aufgeschrieben hatte, noch im Unterstand
lagen. Ich hatte sie nicht mit vorgenommen, für den
Fall, daß man in Gefangenschaft geriete. Denn es
standen Bemerkungen über Truppenbewegungen
darin.
„Du, warte mal hier; ich muß noch was holenl"
Ich kletterte wieder in den Graben und tappte
durch die dunkeln Gänge.
Im Unterstand brannte noch das Licht. Ich stieg

218
über den Toten weg, steckte die Papiere in die
Rocktasche und tastete zurück.
Als ich Eilitz nicht an der Stelle traf, wo ich
ihn verlassen hatte, rief ich leise: „Eilitz! — —
Pauli"------- Eine Angst befiel mich. Ich kletterte
mühsam aus dem Graben, — Ich sah niemand. Ich
stolperte über Aeste und umgebrochene Bäume, —
Da! Er lag ausgestreckt im Astgewirr. Der Mond
schien ihm ins Gesicht. Er hatte etwas Blut über
dem einen Auge. Mich fröstelte, und ich ging
weiter.

219
VERWUNDET
Ich ging durch den toten Wald. Silbrig und kahl
standen Bäume und Aeste im Mondschein.
Ein Erdwall kam und ein öder Platz mit Kran­
kentragen und Zeltbahnen darübergedeckt. Das
waren Tote.
Roter Lichtschein kam aus einer Oeffnung am
Boden.
Ueber mich weg zischte ein Schrapnell.
Ich stieg die Treppe hinunter. Rechts waren zwei
Aerzte bei hellweißen Karbidlampen mit einem ent­
blößten Oberschenkel beschäftigt, Oberkörper und
Kopf waren im Schatten.
Links stöhnte auf einem Schemel der Vizefeld­
webel Hornung, wie es schien, ohne Verwundung,
vielleicht verschüttet gewesen.
Ich wußte nicht, was ich tun sollte, und blieb
vor ihm stehen.
Er sah auf, sagte unnatürlich: „Guten Abend!“
und begann sich wieder zu bewegen. Er war fast
gut angezogen, obwohl lehmig. Ich liebte ihn nicht;
er war gern höhnisch, „Ach, dieses Gefühl im Kopf!
Alles dreht sich herum in mir."
Ich hörte das wie von ferne. Ich fühlte etwas
herankriechen. Ein Schauder überrieselte mich,
„Ich sollte zur Kompanie zurück? Nein, ich

220
meine nicht, daß ich vorn hin sollte; da war ich ja
vorn." Spricht er nur mit mir? dachte ich und
konnte doch nicht zuhören. „Als mir das kleine
Brett auf dem Rücken lag, da wollte ich stürmen.
Ach nein! Ich weiß natürlich, was ich meine!“ Das
klang boshaft und verächtlich. „Meine Gedanken
sind immer fortgelaufen." Er machte mit dem Kopf
eine Kreisbewegung. Die machte mein wanderndes
Gefühl noch tuchiger.
Der Arzt trat zu Hornung: „Ich habe Ihnen
etwas gegeben. Jetzt nehmen Sie sich zusammen!
— Und Sie?“ wandte er sich an mich. „Waren Sie
nicht Ordonnanz bei Fabian? — Kommen Sie mal
gleich her!"
Man setzte mich auf einen Schemel. Jemand
machte die Sicherheitsnadel auf meiner Schulter
los und zog mir Aermel und Rock aus. Das Hemd
wurde heruntergestreift. Ich fror.
„Ein tüchtiger Fleischschuß! Sie können von
Schwein reden! Der Splitter hat ordentlich gefetzt,
•— oder war es ein Schrapnell?"
„Nein, ein Gewehrschuß."
„Das muß aber dann sehr aus der Nähe ge­
wesen sein."
„Auf achtzig Meter, Herr Oberarzt."
„Ach, Sie haben den Sturm mitgemacht?"
„Nicht eigentlich. Ich wartete mit Herrn Ober­
leutnant auf die Reste der Kompanie." Es war
grauer Nebel um mich.
„Wie haben die Leute angegriffen?"
„Vorzüglich, Herr Oberarzt! Sie waren ganz um­
gewechselt gegen vorher.“

221
„So? Es sind scheußliche Verwundungen
drunter."
Hinter mir murmelte Hornung etwas, aber es
war im schwarzen Nebel verschlungen. Ich hielt
mich ganz aufrecht, daß es nicht noch näher käme.
„Nun noch die Tetanusspritzei Waschen Sie ihm
hier die Haut!"
Auf der rechten Brustseite wusch der Sanitäts­
unteroffizier mit etwas Kaltem einen kleinen Fleck.
Der Arzt packte dort die Haut und stach die
Spritze ein. Ich sah nichts mehr vor Schwärze und
hielt mich ganz steif.

Ich erwachte. Ein Glück rieselte in mir. Ich


hörte Stöhnen. Hornung saß über mir. Ich lag auf
einer Trage. Meine Brust war fest beim Atmen.
Da fühlte ich einen breiten Verband.
„War ich lange bewußtlos?" fragte ich Hor­
nung.
„Ich weiß nichts. Die Zeit ist ausgedehnt —."
Ich sah nach innen. Da saß es schrecklich mit
dem Wolltuch. Was ist das! — Auf meiner Brust
waren kühle Blasen. Steif tappten meine Finger
darauf. Das kam heran, zum Entsetzen nah! —
Jetzt-------------------
Das Erwachen war lächelnd. Oh, daß alles vor­
überging!
Hornung stöhnte: „Wenn ich mich nur über­
geben könnte! Der Wurm im Kopf!"
Auf dem Verbandstisch brannten die beiden
Karbidlampen. Der Oberarzt kam und trat mir vors
Licht: „Nu, wie ist's Ihnen?"
„Gut, Herr Oberarzt!“

222
„Erzählen Sie noch etwas vom Sturm! War das
nicht schrecklich?“
„Nein, es war herrlich, wie die vorstürmten,
alle, — die vorher im Tunnel klagten! Einer hat
gesagt, — ich hörte es im Vorübergehen, — es wäre
ihm gleich, ob er gefangen würde. Und der ist vor­
gerannt und hingestürzt. Wahrscheinlich ist er tot.“
„Aber das ist doch nicht herrlich!“
„Doch, Herr Oberarzt, wie sie auf einmal alle
Angst verloren hatten! Daß es sie gepackt hatte
und sie angriffen, das war unvergleichlich schön!"
Die Angst kam wieder, aber durchleuchtet von
dem Gedanken an den herrlichen Angriff. Noch
konnte sie nicht Herr werden.
„Und wie war es denn, als Sie ohnmächtig
wurden?"
„Es kam so heran, und ich sah nur noch das
Licht. Und dann packte es mich, und ich machte
mich ganz steif, um es nicht heranzulassen. Dann
wußte ich nichts mehr. Aber beim Aufwachen war
es sehr schön."
„Und fühlen Sie sonst nichts?"
„Ich habe den ganzen Körper voller Blasen, und
mein Mund ist geschwollen. Meine Finger sind auch
steif.“
Er murmelte etwas, auf das ich in dem grauen
Ankriechen nicht hören konnte. Das wuchs und war
so entsetzlich, so furchtbar tuchen. Ich mußte mich
innen in meinem Kopf zusammenziehen, ganz grau.
Oben war noch ein Widerschein, sonst Tuchklum­
pen. Die Lippen, Hooch! Das kam gräßlich, noch
näher und noch gräßlicher und wuchs bleiern. Aber

223
ich wollte es bezwingen, mich festmachenl Noch
näher und gräßlicher! Nein!-----------
Die beiden Aerzte flüsterten zusammen.
„Das ist es nicht, Herr Kollege. Ich halte es für
Wundstarrkrampf. Haben Sie gehört, wie er von
dem Angriff sprach? Das ist gewissermaßen eine
positive Ekstase, die der negativen entspricht.
Uebrigens ist der Puls recht schwach. Ich werde
mal sehen, ob er wieder zu sich gekommen ist."
Er kam zu mir: „Ich werde Ihnen mal etwas
Kognak geben." Er goß mir ein. Es durchfeuerte
mich.
„Nu, wie ist's jetzt mit Ihnen?“
„Es wird mir etwas schwer zu sprechen, Herr
Oberarzt, weil meine Lippen so dick sind. Auch
die Blasen sind noch größer geworden. Aber sonst
fühle ich mich sehr wohl.“
„Es schießt übel draußen," sagte er. Ich merkte,
daß er mich beobachtete. Er schien nicht mehr zu
wissen, was er fragen könnte, und verließ mich.
Sonderbar, daß es mir begegnete, daß etwas an
mir beobachtenswert war.
Ich lag froh.
Hornung stöhnte. Jemand wurde herunterge­
tragen, die zerrissenen Hosen zuerst. Die Aerzte
hantierten. Eine Zeit verging.
Ich wurde wieder aufmerksam. Es war nur
Atmen im Unterstand. Der Oberarzt kam: „Wie
steht es?"
„Sehr gut, Herr Oberarzt.“
„Es ist schon spät. Wir müssen sehen, daß Sie
noch hinterkommen. Ich werde Ihnen den Sanitäts­

224
Unteroffizier mitgeben, für den Fall, daß Sie wieder
einen Kollaps kriegen,"
Ich mußte zwar nicht, was Kollaps heißt, sagte
aber: „Es passiert nichts mehr!“
„Und Sie," wandte er sich an Hornung, „müssen
auch fort.“
„Ich kann nicht, Herr Doktorl“
„Das ist Unsinn! An der Luft werden Sie gleich
freier,"
Ich stand auf. Hornung bewegte sich nur auf
seinem Schemel,
„Jetzt stehen Sie auf!“
„Ich kann nicht!" hauchte er.
„Nehmen Sie ihn mal am Arm!"
Ich faßte ihn zögernd am Oberarm. Da stand er
auf einmal leicht auf. Was war da geschehen? An
der Unterstandstreppe mußte ich ihn loslassen. Er
stieg voraus. Auf einmal wankte er nach hinten.
Wenn er auf mich fiel? Ich war hilflos mit dem ein­
gebundenen Arm! Ich packte ihn rasch am Arm
und schob ihn hinaus.
Draußen schien der Mond auf die weißlichen
Aeste und auf die Toten.
„Jetzt rasch!" sagte der Sanitätsunteroffizier.
„Hier schießen sie immer mit Schrapnellen her. Dort
die Wiese hinauf!"
Wir begannen zu rennen. Hornung torkelte
rechts an mir, und links war ich fest und hilflos.
Ich versuchte, mit ihm in gleichen Schritt zu kom­
men, aber es ging nicht. Wir wankten den Hang
hinauf und zwischen den Kreuzen des Friedhofs und
unbeerdigten Toten durch.
Surr! ein Schrapnell dicht links.
Renn, Krieg 15
225
Wir stockten vor einer quer liegenden Leiche.
Surr! wieder eins,
„Was ist denn?" wandte sich der Sanitätsunter­
offizier um und wollte Hornung am rechten Arm
über die Leiche helfen,
„Lassen Sie mich!" sagte der gereizt.
Wir kamen an einen Graben. Ich konnte einge­
bunden, wie ich war, nicht springen, und Hornung
wurde an meiner Seite schlaff.
Der Sanitäter lief am Graben entlang. „Hier­
her!" rief er.
Hier war der Graben eingeschossen.
„Jetzt weiter! Das ist die übelste Stelle!"
Wir kamen in den Hohlweg.
„Hier in einem dieser Unterstände müssen Sie
warten, bis ein Sanitätswagen kommt. — Gute
Besserung!"
Vor uns war im Steilhang ein Treppeneingang,
unten Licht. Beim Hinuntersteigen ächzte Hornung.
Unten arbeiteten drei Pioniere an einem Gang.
Es lag ein Stoß Minierholz da, auf den sich Hor­
nung setzte, ohne ein Wort zu sagen.
„Können wir hier bleiben, bis ein Sanitätswagen
kommt?“ fragte ich,
„’s wird euch aber kalt werden,” antwortete
einer, ohne seine Arbeit zu unterbrechen,
Hornung begann wieder mit seinen Bewegungen
und schien keine Luft zu bekommen.
Die Feuchtigkeit des Holzes drang durch die
Hosen. Mir stieg eine Uebelkeit auf, die mich ganz
beschäftigte. Nach einer Weile ließ es nach. Ich
betastete auf meiner nackten linken Brustseite die

226
großen Blasen, Ein Frostschauer nach dem andern
überlief mich und ging bis in die Haarwurzeln.
Im Stollen arbeiteten sie,
„Noch eine Idee höher! Der Zapfen sitzt noch
nicht, — So, jetzt!“
Plötzlich bemerkte ich etwas an Hornung, Seine
Augen lagen im Schatten. Sein Gesicht sah merk­
würdig braun und fremd aus. Er bewegte die Lip­
pen und die Falten um den Mund, als ob er auf der
Bühne spräche, — er war ja Schauspieler. Mir fiel
ein, wie unnatürlich er im Sanitätsunterstand ge­
sprochen hatte, wie auf der Bühne
„Du, trag mal die Säcke fort! Dann machen wir
’ne Pause.“ Sie schleppten die Säcke mit ausge­
kratztem Lehm an die Treppe und lehnten sie an
die Wand. Dann setzten sie sich auf einen Holzstoß
und begannen Brot zu schneiden,
„Ich glaube, heute kommt kein Sanitätswagen
mehr. Das schießt zu elend auf die Straßen!“
Da können wir nicht hierbleiben, dachte ich und
bewegte mich etwas. Ich fühlte mich durchkältet
und mußte ganz weit gähnen. „Herr Feldwebel!"
sagte ich, „Wäre es nicht besser, wir versuchten
selbst hinterzukommen?"
„Nee, das geht nicht," sagte einer der Pioniere,
„Wißt ihr denn den Weg? Und 's ist recht kalt
draußen."
„Das ist noch immer besser, als halb nackt hier
unten zu sitzen.“
Sie betrachteten von der Seite meine bloße
linke Seite.
„Paul!“ sagte der eine. „Mußt du nicht jetzt hin­
ter? Du könntest sie doch mitnehmen."
15"
227
Hornung saß unbeweglich da und atmete schwer.
Ich nahm ihn am Arm. Er stand schwer auf.
,,Danke für die Aufnahme," sagte ich.
,,Da ist nichts zu danken," murmelte einer.
Es war dunkel und still auf der lehmigen Straße.
Als wir auf die Höhe kamen, sah ich noch einmal
nach vorn. Weit rechts stieg eine weiße Leucht­
kugel auf. Ein einzelner Gewehrschuß verlor sich.
Der Pionier führte uns einen anderen Weg, als
den wir vor einer Woche vormarschiert waren,
eigentlich keinen Weg, sondern über einen alten
Acker mit nassen Strünken. Wir kamen zu verfalle­
nen Häusern. Aus einem Keller drang spärliches
Licht. Ich fror an meinen Blößen neben dem Ver­
band.
„Um das nächste Dorf," sagte der Pionier, „steht
alles voll Batterien. Da schießt es viel hin.“
Links kam ein schwarzer Graben, an dem wir
auf zehn Schritt entlang gingen. Hinter uns kam
es leise: S—ch—s—ch, ganz auf uns und wurde
schärfer,
„Hinlegen!" brüllte der Pionier und lag dunkel
am Boden.
Wir beiden standen ohne Entschluß.
Sch! fuhr es herab.
Map—kremm! Ein brauner Baum sauste auf,
fünf Schritt vor uns. Hornung neigte den Ober­
körper.
Pu—pu—pu! fielen Lehmbatzen nieder. Ich be­
kam nassen Lehm in den offnen Kragen.
Der Pionier stand auf: „Das war verflucht nah!"
Ein Abschuß gellte über uns weg.
„Wir müssen in den Graben," sagte der Pionier,

228
Wir folgten ihm. Der Lehm rutschte mir tiefer und
war kalt am Rücken.
Der Pionier rutschte in den Graben und streckte
Hornung seine Hand herauf. Der beugte sich und
kam ungeschickt hinein. Ich fürchtete mich mit nur
einem brauchbaren Arm und legte mich auf die
rechte Seite, Der Pionier faßte mich vorsichtig an
den Hüften.
Im Graben liefen wir schnell um die runden
Lehmecken. Oben kamen Mauertrümmer. In einer
Grabenerweiterung saß massig eine Haubitze mit
runden Geschoßkörben um sie.
Hinter dem Dorf hörte der Graben in einer
Wiesenfläche auf. Hornung ging jetzt ohne Hilfe.
Ich fühlte mich frisch zum Gehen,
Wir kamen auf eine Straße, dann durch ein
wenig zerschossenes Dorf.
Die Dämmerung begann.
„Dort ist das Feldlazarett," sagte der Pionier und
deutete auf einen großen Hof.
Als wir hineintraten, kam ein Arzt aus einem
niedrigen Gebäude rechts: „Ich war gerade mit
Verbinden fertig. — Nu, Ihr Verband ist ja gut!
Haben Sie Schmerzen?"
„Nein, Herr Doktor."
„Na, kommen Sie mal mit!" sagte er munter. Er
brachte uns in ein niedriges Gebäude. Rechts und
links lagen Verwundete dicht nebeneinander. Ich
kam zwischen zwei, von denen der links die Decke
über den Kopf gezogen hatte. Der rechte sah mich
blaß an. Ich ließ mich auf den rechten Arm nieder
und legte mich behutsam auf den Rücken. Ein

229
Krankenwärter brachte eine Decke und legte sie
mir über.
„Brauchst du sonst was?"
„Nein, danke."
Das Tageslicht durch die Fenster störte mich,
Die Wolldecke war mir an den bloßen Stellen rauh.
Ich schloß die Augen. Aber ich war sehr wach. Die
Begebnisse der Nacht kamen mir in Bildern, aber
unzusammenhängend und nackt: die Straße, auf der
wir zuletzt kamen, wie sie beim Angriff hinfielen,
Eilitz lag im Walde, an dessen Tod ich schuld war.
Und der Saal hier und die Decke! Neben mir rechts,
der atmete unregelmäßig. Das quälte mich. Ich
schielte nach ihm. Er bewegte ein Knie unter der
Decke. Ich machte wieder die Augen zu und dachte:
ich müßte doch müde sein!
Ich schlief ein.
Ich fuhr auf. Jemand hatte mich gefragt, ob ich
aufstehen könnte. Ein Krankenwärter stand zu
meinen Füßen und sah auf mich herunter.
„Ja," sagte ich und richtete mich auf.
Er zeigte nach dem Tisch rechts hinten. Dort
gäbe es Frühstück. Ich erhob mich und ging ver­
dächtig leicht hinüber.
An dem Tisch saßen mehrere, schmutzig und
blaß. Ich setzte mich auf einen Schemel, Ein paar
redeten. Mich quälte es, zuzuhören.
Becher mit dünnem, heißem Kaffee wurden vor
uns gesetzt. Dazu gab es eine Schnitte Brot. Ich
hatte Hunger, aber es schmeckte mir an dem Tisch
nicht. Ich stand bald auf. An der Wand hing ein
Spiegel. Scheu warf ich einen Blick hinein und er­

230
schrak. Ich war wie eine weiße Fläche mit ein paar
dunkeln Augen drin.
Gegen Abend wurde ich in ein Sanitätsauto ver­
laden. Ich mußte mich dazu auf eine Trage legen
und bekam eine dünne Decke übergelegt. Man schob
mich oben in den dunkeln Wagenraum, Unter mir
lagen schon zwei. Dann kam rechts noch eine Trage
mit einem darauf hereingefahren. Die Klappe hin­
ten wurde zugemacht und verschlossen. Durch einen
Ritz drang etwas fahles Licht.
Der Motor wurde angekurbelt. Es ratterte. Sie
stiegen vorn auf. Plötzlich zog es an. Schwankend
surrte das Auto fort. Ich wurde auf der gespannten
Leinwand der Trage leicht in die Höhe geworfen
und fiel schwer auf die Stangen der Trage, gerade
mit der Wunde, Da hob es mich schon wieder in
die Höhe. Die Straße mußte sehr ausgefahren sein.
Wenn wenigstens das Auto nicht so weiche Federn
hätte! Es schwankte hin und her. Ich versuchte
mich mit der freien Hand gegen die Decke zu stem­
men. Dabei machte ich mich aber steif, und es wurde
nur schmerzhafter. Auf die Seite konnte ich mich
nicht legen; denn ich hätte mich nur auf den ge­
sunden Arm legen können, und dann wäre keine
Hand zum Festhalten frei gewesen. So ließ ich mich
wippen und fliegen und schloß die Augen. Da hatte
ich wieder das Gefühl, ich könnte hinunterfallen.
Unter der dünnen Decke war es kühl. Meine Blasen
fühlten sich gänsehäutig an. Es ging um Ecken und
wieder geradeaus. Wagen rumpelten. Infanterie­
kolonnen latschten vorbei. Ununterbrochne Stöße
kamen: Steinpflaster.
Wir hielten, Stimmen. Jemand klapperte hinten

231
am Schloß und öffnete, Tageslicht. Ein Trage wurde
unter mir herausgezogen. Ein Frostschauer überfiel
mich.
Man zog mich heraus. Ich sah ein Haus. Der
Himmel, obwohl trübe, blendete mich. Sie trugen
mich mit den Füßen zuerst eine Treppe hinauf. Das
erheiterte mich ein wenig. Dann kam ein großes,
helles Zimmer mit Betten.
Eine Schwester lächelte mich von oben an:
„Können Sie allein auf stehen?“
Ich streifte die Decke zurück und erhob mich.
Sie führte mich an ein weißes Bett. Ich knöpfte den
Rock auf, soweit er zugeknöpft gewesen war. Dann
trat ich die lehmigen Stiefel von den Füßen. Die
waren sehr schmutzig. Ich schämte mich und deckte
mich schnell zu.
„War es schlimm da vorn?“
„Nein, — oder vielleicht doch."
Sie lächelte und ging zu dem, der eben herein­
getragen wurde.
Eine Kälte durchschauerte mich. Die Angst kam
wieder. Ein sprödes, dumpfes Ziehen und das
grauenvolle Herankriechen, Meine Blasen waren
noch größer geworden.
Nach einer Weile wich das Gefühl. Rechts im
nächsten Bett bewegte sich einer stöhnend hin und
her. Sein Gesicht war rund und rot. Die Schwester
kam zu ihm: „Nachher werden wir Ihren Rücken
noch einmal mit Aether waschen. Jetzt gibt's zu
essen — oder haben Sie keinen Appetit?"
Sie fühlte ihm die Stirn. Dann sah sie zu mir
herüber: „Haben Sie Schmerzen?“

232
„Nein, aber Hunger!“ Ich wurde auf einmal sehr
vergnügt.
Am nächsten Tage wurde ich wieder in ein Auto
verladen und auf den Bahnhof gefahren. Sie setzten
mich auf meiner Trage in einen niedrigen Eisen­
bahnwagen mit vielen kleinen Fenstern.
Wir fuhren ab. Jedes Stoßen der Räder stieß mir
in die Wunde, Dazu kam wieder die Angst und das
Ziehen.
Wie viele Tage wir fuhren, weiß ich nicht.
Manchmal stand ich auf, um nur nicht immer in die
Wunde gestoßen zu werden. Ich bat, man möchte
mich eine Nacht sitzen lassen. Aber die Schwester
erlaubte es nicht, und es wäre auch nicht gegangen.
Ich hatte Fieber und mußte immerfort austreten.
Die Schwester schien um mich besorgt zu werden.
Immer wieder kam das Gefühl und war häßlich und
spröde. Am Körper juckte es mich. Ich mußte Läuse
haben. Aber ich konnte nichts dagegen tun. Ich
dachte verzweifelt: Bleibt denn das immer so, daß
dieses Gefühl wiederkommt? Wenn es aber vorbei
war, dann war ich glücklich.
Es war Nacht. Unser Zug hielt. Ich beachtete
es nicht mehr,
Krankenträger kamen herein und faßten meine
Trage. Sie trugen mich vorsichtig hinaus, aber ich
hatte Angst. Jetzt ging es über die Schienen. Wenn
sie stolperten, das könnte ich nicht mehr ertragen!
Wir kamen an ein großes Gebäude wie einen
Speicher. Daran ging es entlang. Was wollten sie
nur mit mir? Es ging mehrere Treppen hinauf,
Weiße Gänge.
„Hier herein!" sagte eine alte Frauenstimme. Sic

233
stand in der Tür mit auf dem Bauch gefalteten
Händen und sah mich aus weißen, gestärkten Kopf­
binden sehr gut an.
Man trug mich in einen Saal mit zwei Reihen
Betten. Die Nonne half mir sanft aufstehen. Ich
zitterte am ganzen Körper. Die Zähne schlugen mir
aufeinander.
„Ich habe Läuse," sagte ich verzweifelt.
„Die werden wir bald los sein,“ lächelte sie.
„Wo es sauber ist, gefällt's denen nicht."
Sie legte mich ins Bett und deckte mich zu. Ich
zitterte und konnte es nicht verhindern.
Die Nonne kam mit einem Becken, nahm mir die
Füße aus dem Bett und begann sie mit warmem
Wasser zu waschen.
„Sie haben Fieber?" fragte sie mit etwas näseln­
der Stimme, die aber sehr gut war.
„Ja, ich glaube,“ stotterte ich.
„Wir werden Sie gleich Herrn Doktor vorstellen.
Wir haben hier einen sehr tüchtigen Arzt. Der ist
unermüdlich vom Morgen bis in die Nacht."
Sie steckte meine Füße wieder unter die Decke.
Ein Wärter kam mit einem flachen Wagen auf
Gummirädern, Darauf mußte ich mich legen. Er fuhr
mich hinaus in einen engen Raum. Auf einmal surrte
es, und wir fuhren hinunter.
Er schob mich in einen Saal mit Becken und
Instrumenten, Da setzte er mich auf einen weiß­
bezogenen Tisch und zog mir das Hemd aus. Um
die Hüften legte er mir die Decke, daß ich nicht
ganz nackt dasäße. Dann wickelte er den Verband
von Brust und Schulter, Ich zitterte und klappte
mit den Zähnen.

234
„Das hat aber geeitert!"
Jemand ging unruhig hinter mir auf und ab,
blieb stehen und schien mich zu beobachten. Ein
Arzt konnte es nicht sein. Der Mensch hier hatte
Angst. Er ging wieder auf und ab, blieb stehen
und machte wieder ein paar Schritte, schrecklich
unruhig. Ich klappte verzweifelt mit den Zähnen.
Wenn er mich nur nicht beobachtete!
Der Wärter hatte den Verband abgewickelt und
warf ihn in einen Eimer. Fast alles war braun
durchtränkt. War das alles Eiter?
Die Tür wurde rasch aufgemacht.
„Doktor Sand!“
„Lindkamp,“ sagte eine leise, tiefe Stimme.
„Sie sind nicht verwundet, Herr Hauptmann?"
„Nein, ich bin krank."
„Aber es fehlt die Ueberweisung vom Feld­
lazarett.“
„Ich bin nicht überwiesen."
„Dann dürfen wir Sie aber nicht aufnehmen,
Herr Hauptmann."
Ich fror furchtbar an Brust und Rücken.
„Was soll ich denn tun?" murmelte der Haupt­
mann.
„Wir können Sie ja hier behalten, aber immer
unter der Voraussetzung, daß wir Ihr Bett nicht
anderweitig brauchen. — Wir müssen auch darüber
berichten."
„Das ist Ihre Pflicht," murmelte der Hauptmann.
Rasche Schritte zu mir. Ein Mann im weißen
Mantel, noch jung.
„Was haben Sie?“ — Wo sind die Instrumente,
Schwester?"

235
Instrumente klapperten hinter mir. Ich zuckte
zusammen.
„Tat das weh?”
„Nein, Herr Doktor,“ stotterte ich.
Es kamen welche zur Tür herein.
Die Wunde wurde mit etwas Kaltem betupft.
Ich wollte mich zusammennehmen und hörte auf zu
zittern. Da schlugen mir wieder die Zähne zusam­
men. Selbst das konnte ich nicht mehr! Ich fing
krampfhaft an zu weinen. Es schüttelte mich vor
Frost.
„Jetzt schnell verbinden und ins Bett!" sagte
der Arzt und legte mir etwas Breites, Weiches auf
die Wunde.
Der Wärter umwickelte mir die Brust mit einer
breiten Binde und flüsterte: „Nicht Angst haben!“
Er fuhr mich auf den Gang. Ein kleiner Offizier
sah mich mitleidig an. Ich konnte nicht sehen, was
er für Abzeichen auf den Achselstücken hatte.
Aber ich ahnte, daß es der Hauptmann war.
„Haben Sie große Schmerzen?“
„Nein, — Herr Hauptmann. — Mich friert —
nur — so.“ Ich brachte es nur stockend heraus, so
schüttelte mich der Frost.
Er sah weg und machte auf einmal eine ver­
legene Verbeugung: „Lindkamp."
0 Gott! dachte ich, er hält mich für einen Offi­
zier! Ich kann mich ihm doch nicht vorstellen.
„Ich bin nur Gefreiter, Herr Hauptmann."
Er sah mich traurig an und ging neben meinem
Wagen her.
„Wie heißen Sie?“ murmelte er.
„Renn, Herr Hauptmann.“

236
„Wenn Sie irgend etwas brauchen — ich liege
im Zimmer 209.“
Er wandte sich ab und blieb stehen. Ich wollte
ihm gern etwas sagen. Aber ich war doch nur Ge­
freiter, und ich zitterte vor Frost und konnte nichts
finden.
Man legte mich ins Bett. Die Nonne deckte
mich zu.
„Morgen ist's schon besser," lächelte sie. „Das
macht nur die lange Bahnfahrt."
Das machte mich wirklich ruhiger. Nur draußen
fror ich und zitterte. Ich lag weiß und sauber im
Bett. Irgend etwas war in mir sehr fröhlich.

Ich wachte auf von einem Gesang nebenan. Da


mußte eine Kapelle sein, und die Nonnen sangen.
Es war Tag und hell im Saal und ganz still. In allen
Betten horchten sie.
Nach einer Weile kam die Nonne lächelnd mit
gefalteten Händen. Sie war alt und voll Falten,
aber die guten, etwas wässrigen Augen waren mir
lieb. Sie ging die Betten ab.
„Nu, wie ist's heute?"
„Sehr gut,” lachte ich.
Sie hob mich sacht empor. Auf meinem Kissen
war ein kopfgroßer brauner Fleck.
„Es hat schon wieder den ganzen Verband
durchgeeitert! Wir müssen noch dickere Bäusche
unterlegen."
Zwei Mädchen brachten Frühstück herein, Es
schmeckte mir, nur hatte ich noch mehr Hunger.
Am Nachmittag kam der Hauptmann und
brachte mir zwei Taschentücher, Ich war verlegen.

237
Ob das ein Geschenk sein sollte? Er saß auf mei­
nem Bettrand und wurde auf einmal alt.
„Sind Sie schon lange im Westen?“
„Seit Kriegsbeginn, Herr Hauptmann."
„Ich war immer im Osten,“ sagte er verloren.
„Und da kam ich nach dem Westen, gleich vor. Ich
habe nicht einmal den Regimentskommandeur ge­
sehen. ------ Mein Adjutant wollte mich nicht gehen
lassen. Aber das geht doch nicht! sagte er immer
wieder,------ Aber ich konnte nicht. Ich saß immer
nur im Unterstand und wußte gar nicht, was ich
machen sollte, — Das können Sie natürlich nicht
verstehen," Er sah mich sehr traurig an.
„Doch, Herr Hauptmann," murmelte ich.
„Aber ganz können Sie es nicht verstehen. Sie
sind anders, — — Ich habe Frau und Kinder zu
Hause. Die würden sich freuen, Sie kennen zu ler­
nen." Ein Schimmer von Freude kam in seine Züge.
Wie entsetzlich! dachte ich. Er hat jeden Maßstab
verloren, für sich und andere! Wenn es nur nie­
mand gehört hat!
„Wenn Sie etwas brauchen, — ich habe meine
Koffer da."
Er gab mir die Hand und schlich hinaus.
Der Hauptmann kam noch ein paarmal. Er er­
schien mir immer älter und unentschlossener. Ich
überlegte wieder und wieder, was ich ihm sagen
sollte, ob ich ihm vielleicht irgend etwas erweisen
könnte, was ihm wohl täte? Aber ich fand nichts.
Ich fand mich kalt und dachte, er müßte mich für
herzlos halten. Die Kameraden im Saal witzelten
über ihn. Vielleicht hatten sie recht, aber es ver­
letzte mich. Dann blieb er aus.

238
Ich fragte die Schwester. Sie sah mich ernst an:
„Es soll nicht bekannt werden; er hat sich das
Leben genommen."
Merkwürdig! Ich war nicht einmal betroffen.
Ich nahm es hin, nur als Tatsache.
Mir fiel Eilitz ein, den ich draußen hatte stehen
lassen, — und er war gefallen. Ich empfand keine
Reue darüber, aber es bewegte mich.
Meine gräßlichen Zustände wurden seltener und
schwächer. Die Blasen gingen zurück. Nur die
Wunde eiterte noch jede Nacht den Verband durch.
Ich durfte schon stundenweise aufstehen. Mich mit
einer Hand anzuziehen, lernte ich schnell. Es
machte mir nur Schwierigkeiten, das Hemd in die
Hosen zu stecken; denn entweder hielt ich die
Hose fest oder ich stopfte das Hemd hinein und
dabei rutschte mir die Hose hinunter, die auch zu­
geknöpft noch zu weit war. Deshalb lehnte ich mich
gegen einen Bettpfosten und hielt so die Hose fest.
Eines Morgens kam der Doktor und betrachtete
die Wunde.
„Jetzt können wir die Wunde zusammenziehen.
Sie ist ganz schön sauber geworden. Haben Sie
Mut dazu?“
„Jawohl, Herr Doktor!"
„Gut! Bringen Sie ihn in den Operationssaal!"
Ich ging mit dem Wärter in den Raum, in dem
ich in der ersten Nacht gewesen war. Man ent­
blößte mir die Wunde. Eine Nonne wusch mir die
Wundumgebung mit Aether,
Der Doktor kam.
„Drei Wundklammern! — Es ist kein ange­

239
nehmes Gefühl. Wollen Sie lieber eine Spritze
haben?"
„Nein, Herr Doktor, Ich fürchte mich mehr vor
Spritzen als vor richtigem Schmerz."
„Daß Sie mir aber nicht schreien!"
„Nein, Herr Doktor.“
Der Wärter faßte meine Handgelenke.
Der Doktor klapperte hinter mir mit Instru­
menten: „Jetzt geht's los!“
Er stach mir über der Wunde ins Fleisch. Das
war so schlimm nicht. Dann darunter. Weiter links
wieder oben und unten. Dann die dritte Klammer,
„So, jetzt kommt das Zusammenziehen."
Ich fühlte, wie sich die Stachel tiefer hinein­
bohrten, als wollten sie das Fleisch ausreißen.
Jetzt kam die nächste, und dann —, Das war nicht
angenehm.
„Gut stillgehalten!"
Ich ging hinauf in den Saal. Die Schulter hielt
ich etwas schief, aber ich war vergnügt. Ich legte
mich ins Bett, hatte aber keine Ruhe und stand
nach einer halben Stunde wieder auf und ging auf
und ab. Es war, als schwölle das Fleisch immerfort
und würde weher und weher von den Metall­
klammern. —
Dann kam das Essen. Es widerstand mir, und
ich aß nur wenig.
Dann legte ich mich ins Bett und schlief ein.

Ich wachte auf. Ungreifbare Vorstellungen wie


durchsichtige Balken und Drähte waren noch quä­
lend vom Traum da. Ich sah unruhig. Der Schmerz

240
war nicht so schlimm wie das. Ich trank ein wenig
Kaffee und ließ das Brot liegen.
Die Nonne kam besorgt.
„Haben Sie keinen Appetit? Wir müssen ein­
mal das Thermometer einlegen."
Ich lag still. Die Zeit floß zäh. Die Nonne nahm
das Thermometer heraus und sah darauf. Ihre
Augen waren wohl schon etwas schwach. Sie
schüttelte es nach unten.
„Wir müssen noch einmal messen.“
Ich wußte schon, daß ich Fieber hatte.
Sie ließ mich lange liegen. Dann zog sie es her­
aus und sah darauf.
„Wir müssen Herrn Doktor rufen.“
Er war nach wenigen Minuten da und betrach­
tete die Wunde.
„Es ist alles in Ordnung. Aber es kann immer­
hin sein. Wenn wir die Wundklammern heraus­
nehmen, dann vergeht das Fieber. Aber die Hei­
lung wird um Wochen, wenn nicht Monate, ver­
zögert.“ Er sagte das wie fragend zu mir.
„Ich will lieber das bißchen Fieber haben,”
sagte ich.
„Gut, geben Sie ihm eine Spritze für die Nacht,
Schwester Brigittel"
Zu Abend konnte ich nur einen Bissen essen und
brachte ihn kaum hinter. Dann wusch mir der Wär­
ter eine Stelle am rechten Oberarm. Die Nonne
kam mit einer gläsernen Spritze mit trüber Flüssig­
keit. Sie zog die Haut ab und drückte das Zeug
hinein. Es gab eine runde Erhöhung der Haut wie
eine Beule. Der Wärter klebte ein kleines Pflaster
auf den Einstich.
Renn, Krieg 16
241
„Gute Nacht," sagte sie mit ihrer etwas weiner­
lichen Stimme und nickte lächelnd. Ich liebte sie
sehr.
Ein Ziehen ging durch meinen Körper, als würde
er ganz lang. Das Ziehen hielt an. Der Schmerz
wurde ferner, als würde er abgelöst von der Schul­
ter, Ich beobachtete in mir das Ziehen und lag
ganz still.

Mitten in der Nacht wachte ich auf mit einem


Begehren zu trinken. Ich hatte nichts da und wußte
auch nicht, ob ich trinken dürfte. Es ließ mir keine
Ruhe. Ich lag lange, zwar äußerlich still, aber innen
peinlich bewegt. Eine elektrische Lampe brannte im
Saal. Die war mir angenehm. Einige schnarchten.
Einer bewegte sich unruhig und stöhnte.

Der Gesang nebenan weckte mich aus einer


Unruhe. Der Schmerz haftete wieder nah und weh
an der Schulter. Ein düsteres Licht war im weißen
Saal. Ich wußte nicht, woher das kam. Fern schlug
eine Tür zu. Ich hörte leise in den Doppelfenstern
das Singen des Windes und ein fernes Dröhnen wie
Donner.
Die Nonne kam herein und sah in dem fahlen
Licht verwittert und gelb aus.
„Nun, wie war die Nacht?" lächelte sie. Da war
sie mir am Klang der Stimme wieder bekannt.
„Nicht sehr schön. Ich möchte lieber nicht wie­
der Morphium haben."
Das Frühstück kam. Ich trank den Kaffee nicht
aus und aß nur wenig. Ans Fenster prickelte es.
Ein gelber Aufschein von einem Blitz, Jetzt hörte

242
ich deutlich den Donner, Die Nonne legte mir das
Thermometer in die Achsel, Mir war gar nicht wohl.
Der Doktor kam.
Die Nonne flüsterte; ich verstand es: „Er hat
fast vierzig Grad."
„Machen Sie mal den Verband ab!"
Ich mußte mich vorbeugen,
„Da ist eine leichte Rötung. Er muß allein ge­
legt werden, und Sie, Schwester Brigitte, über­
nehmen ihn allein, daß niemand angesteckt wird!
Wir wollen hier keine Wundrose in den Saal
kriegen!"
Der Wärter kam mit dem Wagen auf Gummi­
rädern. Er fuhr mich einen Gang entlang nach der
anderen Seite der eingebauten Kapelle, Jetzt lag
ich isoliert.
Das Fieber stieg. Das Thermometer zeigte schon
am Morgen 40 Grad. Meine Phantasie fing an, sich
heftig zu verwirren. Das Fieber stieg noch immer
und hatte schon fast 41 Grad erreicht. Zu essen
bekam ich nur hie und da geschlagenes Ei mit
Kognak. Das schmeckte süß und duftete. Meine
Träume verwirrten sich immer mehr. Ich war fertig.
Die Zeit rann zäh. Das Fieber ließ langsam
nach. Der Doktor fand die Wunde im besten Hei­
len, die Flecken darum aber recht rot. Ich fühlte
mich schrecklich schwach. — Dann erklärte der
Doktor eines Tages: „Die Sache sieht gut aus. Wir
können jetzt die Wundklammern herausnehmen.”
Er griff nach dem Verbandswagen, und mit ein paar
schnellen Griffen waren die Klammern fort.
Gegen Mittag erfuhr ich: ich war Unteroffizier

16' 243
geworden. Dér Feldwebel hatte es geschrieben, Ich
freute mich.
Am Nachmittag ging nochmal die Phantasie mit
mir um. Aber am nächsten Morgen war ich fieber­
frei. Ich schlief noch viel und wachte jeden Tag
vergnügter auf.
Dann kam meine Versetzung ins Garnison­
lazarett. Meine Wunde war zwar noch nicht ganz
geschlossen, aber ich durfte den Arm schon etwas
bewegen. Vorläufig konnte ich ihn nur zwei Hand­
breit von der Hüfte seitwärts führen.

244
DIE AISNE-CHAMPAGNE-SCHLACHT 1917

I
Wir fuhren mit einem großen Genesenentransport
ins Feld. Wo kamen wir hin? Die Fahrt ging über
Metz. Das Regiment mußte also wieder am süd­
lichen Teil der Front liegen. Wir stiegen aus, er­
staunlich kurz hinter Metz, und marschierten in ein
Waldtal ab. Der Tag war trüb und windig. Der
Wald sah unwirtlich aus.
Nach etwa zwei Stunden Marsch lag vor uns ein
runder Berg mit einem kleinen Waldschopf darauf.
Wir bogen links ab. Da lag den Berghang hinauf
ein Dorf.
Wir hielten vor einer Villa mit Garten. Einige
Leute unseres Regiments kamen herbei und be­
trachteten uns von ferne.
Ich wurde mit Hänsel und einigen wieder zur
dritten Kompanie bestimmt.
Um zu melden, ging ich ins Kompaniegeschäfts­
zimmer. An einem kleinen Tisch, den Rücken zu
mir, saß ein Leutnant.
„Unteroffizier Renn mit vierzehn Genesenen zur
Stelle!"
Der Leutnant drehte sich um.
„Guten Tagl" Er gab mir die Hand. Ich ergriff

245
sie zaghaft und sah ihn erstaunt an. War das wirk­
lich der frühere Einjährige Lamm?
„Habe ich mich denn so verändert, daß du mich
nicht wiedererkennst? “
„Doch, Herr Leutnant."
„Sind wir im Dienst, daß du mich Herr Leutnant
nennst?" lachte er.
Ich war noch ganz verblüfft: was der Lamm jetzt
für eine kräftige Sprache hatte! Und er war breit
geworden und sah überhaupt ganz anders aus, so
ruhig und sicher.
Wir gingen nach unserem Quartier den Berg
hinauf.
Wir lagen weit hinter der Front in den Ar­
dennen zum Exerzieren und zur Vorbereitung für
die zu erwartende Frühjahrsoffensive der Franzosen.
Diesmal hatte die Heeresleitung eine ganze
Armee zum Gegenstoß bereit, und dazu gehörten
wir.
Die Kompanie hatte sich völlig verändert. Ich
kannte nur zwei, drei, und auch unter denen keinen
genauer. In meiner Gruppe waren einige blasse,
dünne Jungen, die beim Exerzieren sehr ungeschickt
waren, vor allem Brand, der einen immer hilflos
ansah. Hänsel war der kräftigste von allen. Er
machte alles mit großer Ruhe und Sicherheit, aber
auch nicht mehr, als verlangt war. Es schien ihm
geradezu Freude zu machen, ja nichts weiter zu tun.
Sonst war noch der Gefreite Hartenstein da, ein
zäher, langer Mensch mit dunklem Gesicht, einsilbig
und grob, aber tüchtig, und dann Weickert, der
beste Schütze in der Kompanie, lebhaft und etwas
geschwätzig.

246
II
Es war schon April und noch recht kalt, als der
Abmarschbefehl kam. Die französische Offensive
sollte begonnen haben.
Wir marschierten mehrere Tage durch waldiges
Bergland. Dann kamen wir in eine kahle Ebene und
zu Mittag in eine Stadt, so klein, wie bei uns selten
ein Dorf ist. Unser Zug kam in das letzte Haus
rechts am andern Ausgang. Die Sonne schien warm
wie im Sommer. Unsere Gruppe lag oben in einer
Kammer, die ein Fenster hatte mit so niedriger
Bank wie ein Fußschemel. Dahin setzte ich mich
mit Hänsel. Draußen dehnte sich eine Ebene mit
einer krummen, sandigen Straße mit vorn drei ge­
bückten, noch kahlen Obstbäumen. Weiterhin ver­
lor sich die Straße in der Steppe ohne Baum und
Strauch und Hügel.
Unser Zugführer sah über uns weg hinaus: „Hier
müßte ein Dichter wohnen."
Ich sah ihn erstaunt an. Er war ein großer, star­
ker Mensch, noch jung. Er sah heute fleckig rot und
angestrengt aus und blickte sehnsüchtig in die
Ferne. Die Luft zitterte über der Steppe.
„Mir ist gar nicht wohl," sagte er.
„Was ist denn Herrn Feldwebel?"
„Ich vertrage das Marschieren nicht."
Er legte sich auf den Boden und sah gequält aus.
Ich wunderte mich, daß er das Marschieren nicht
vertrüge; denn er war ein guter Turner und Läufer
und hatte große Kräfte.
Hänsel faßte mich am Aermel und zog mich

247
hinaus. Wir gingen ein Stück in die Ebene und
setzten uns in die Sonne auf einen kleinen Wall.
„Wo steckt ihr denn?" rief Weickert und kam
angelaufen. „Wir sind alarmiert worden. Eben sind
welche von vorn gekommen und haben gesagt, dort
stünde es schlecht. Die Franzosen wären tief in
unsre Stellungen eingebrochen."

III
Wir marschierten über die Ebene in ein dürres
Waldgelände. Vor uns rollte ununterbrochen der
Kanonendonner. Am Himmel jagten graue Wolken.
Windstöße durchkälteten uns. Wir bogen von der
Straße ab in dünnen Fichtenwald, Dort schlugen wir
für die Nacht Zelte auf und legten uns hinein. Der
Wind war noch heftiger geworden. Neben mir war
eine Ritze, wo zwei Zeltbahnen zusammengeknöpft
waren. Da durch pfiff der Wind und spritzte ab und
zu Regentropfen herein, mit Schneeflocken ge­
mischt. Wir hatten uns dicht zusammengelegt und
froren doch noch. — Werden wir morgen vorn ein­
gesetzt?
Am Morgen krochen wir verfroren aus den Zel­
ten, Unsre Feldküche stand da und dampfte aus
dem Kessel in den treibenden Nebel. Unsre Pferde
waren an die Fichten angebunden und bewegten
sich unlustig.
Der Kaffee machte uns nur mäßig wärmer. Vorn
donnerten die Kanonen. Wir waren seltsam ver­
gnügt und legten uns wieder ins Zelt, schwatzten,
aber nicht lange. Dann wurden wir zu faul zum
Mundaufmachen und schliefen,
„Zelte abbauenl Fertigmachen zum Abmarsch!"

248
Wir rissen die Zelte ein und schnallten die
nassen Zeltbahnen auf die Tornister. Man stand
herum, die Hände in den Hosentaschen und die
Schultern hochgezogen. Es schneite mit dicken
Flocken.
„Du, Albin, jetzt geht's los!" sagte einer. Aber
keiner lachte.
„Dir bläst's schon noch rechtzeitig durch ein
Schußloch, wie durch 'ne Esse!"
Drei ließen sich mit den Rücken gegeneinander
nieder und standen wieder so auf.
„Wie wär’s mit 'm Spielchen, Max? ’s schneit so
schön."
Sie setzten sich auf einen Baumstamm und spiel­
ten mit zerlumpten Karten. Schneeflocken fielen
ihnen darauf.
Drüben zündeten welche ein Reisigfeuer an. Der
dichte, weiße Qualm mischte sich mit dem Schnee­
treiben. Vor uns rollte und stampfte ununterbrochen
der Kanonendonner. An einem der Feuer sangen sie.
Stunden vergingen. Es hörte auf zu schneien.
Gegen Abend marschierten wir ab. Wozu sie uns
sechs Stunden vorher die Zelte hatten abbrechen
lassen, konnte niemand einsehen.
Wir marschierten in ein Waldtal und an einem
Bach hinunter. Das Tal wurde weit. Der Wald wich
zurück, Rechts lag ein großes Dorf. Auf einer langen
Holzbrücke gingen wir über den versumpften Bach.
S—ch! kam es gesaust und fuhr
Wack! neben der Brücke in den Sumpf.
Wahrscheinlich sollten wir diese Nacht vorn ab­
lösen.

249
Vor uns lagen dichtbewaldete Berge. Wir hör­
ten es schießen, sahen aber nichts.
Wir kamen in einen hohen Eichenwald.
„Zelte aufschlagen!"
Es dämmerte schon. Wir scharrten mit den Füßen
den matschigen Schnee von den gelben Blättern am
Boden,
Meine Gruppe baute mit der zweiten Gruppe
zusammen ein breites, flaches Zelt, um noch Zelt­
bahnen übrig zu behalten, uns darauf zu legen. Dann
krochen wir hinein. Die Bäume bewegten sich ein
wenig. Auf dem Zelt raschelten ganz leise die fallen­
den Schneeflocken. Wassertropfen fielen hier und
dort von den Bäumen ins Laub. In der Ferne waren
noch andere Geräusche: fahrende Wagen auf einer
Straße und Granateinschläge bald näher, bald
ferner.
Ramm! krachte es ganz nah. Ramm! weiter
rechts. Die Splitter zirpten draußen umher.
„Misthunde! Ich habe eins in den Rücken!"
fluchte Weickert.
„Hat nicht einer ’n Hindenburgbrenner?"
Der dünne Brand hatte einen in der Tasche und
zündete den Docht an, Weickert hatte einen Preller
im Rücken, der kaum geblutet hatte und nicht ein­
mal verbunden zu werden brauchte.
„Da ist's nichts mit dem Heimatschuß," sagte er.
„Aber’n Loch habe ich dafür im Rock.” Er zog sich
den Rock wieder an und legte sich schlafen. Wir
löschten das Licht aus.
Ramm! Das mußte vor uns gewesen sein.
Nach einer Zeit: Ramm! etwas seitwärts.

250
Meine Gedanken wanderten fort. Ich hörte es
noch ein paarmal einschlagen.

Wramml Bewegung im Zelt.


„Was ist denn?“
„Macht mal Licht!"
„Scheiße!" schimpfte einer und stöhnte.
Ein Streichholz flammte auf. Alle sahen ins Licht.
„Was ist denn mit dir, Albin?“
„Ich habe eins in den Fuß. Schneid mir doch den
Stiefel auf!“
Einer lag und kümmerte sich nicht darum und
zuckte nur mit dem rechten Bein. Er hatte einen
Kopfschuß und wußte nichts mehr. Hänsel lief zu
den Sanitätern.
Am Morgen blieben wir in den Zelten; denn
draußen war es eisig kalt, und die Feldküche war
nicht da. Das Artilleriefeuer rollte ununterbrochen.
Heute geht's aber wirklich vor, dachte ich. Mir war
bange.
Gegen Abend wurden einige vom vierten Zug
verwundet. Als sie der Sanitätsunteroffizier ver­
band, bekam er einen Splitter ins Bein. Er kam zu
Lamm gehumpelt, der mit gekreuzten Armen ruhig
dastand, und sagte, mit seinen gutmütigen Augen
lächelnd: „Jetzt hab ich selbst eins ins Bein, Herr
Leutnant!"
Unwillkürlich lächelte ich mit.
Gegen sechs Uhr abends kam unsre Feldküche
mit vier Pferden ohne Vorderwagen mühsam die
morastige Wiese herauf. Der Deckel wurde aufge­
macht.
„Essen empfangen!"

251
In langer Reihe traten wir an.
Ich hatte schon Essen empfangen, da kam ein
Läufer: „Befehl vom Bataillon: Die Kompanien mar­
schieren sofort ab, in dieser Richtung!“
„Deckel zu!" befahl Lamm,
„Aber das Essen hält sich nicht bis morgen, Herr
Leutnant!“ sagte der eine Koch. „Wir müssen's
wegschütten!"
„Schütten Sie's weg!“ sagte Lamm kalt.
Ich versuchte einen Löffel aus meinem Koch­
geschirr zu essen. Aber es war zu heiß. Da
schüttete ich das Kochgeschirr auf die Wiese aus.
In Eile packten wir unser Zeug zusammen und
traten an.
„Hier durch das Erlengebüsch!" befahl Lamm
ungeduldig. Wir drängten uns durch die dichten
Aeste. Drüben war ein faltiger Wiesenhang mit
Wald rechts oben. Zwei Kompanien unsres Batail­
lons zogen sich schon wie Raupen vor uns über die
Wiesenfalten. Weiter links fuhr eine Batterie im
Galopp vor. Die berittenen Fahrer schlugen mit
Knuten auf die Pferde.
Auf einer Höhe stand ein General mit ein paar
Offizieren und sah durchs Fernglas nach vorn.
„Das ist doch mal was!“ sagte ich zu unserm
Zugführer, der neben mir ging. „Hier sind doch
Truppen da zum Gegenstoß!"
Der Zugführer sah mich mit leeren Augen an,
„Werden wir zurückkommen?"
„Ja," sagte ich und sah nach vorn. Aber ich
merkte, wie er an meinem Gesicht hing. Die Furcht
muß jeder mit sich selber abmachen, dachte ich;

252
ich kann dir nicht helfen. Ich kann mich doch nicht
von dir zurückzerren lassen.
Wir kamen in eine Kiesgrube. Lamm rief die
Zugführer zusammen:
„Wir stürmen morgen früh in der Dämmerung.
Dazu gehen wir bei Anbruch der Dunkelheit in eine
Bereitschaftsstellung weiter vorn.“
Die Zugführer gingen stumm auseinander.
Wir warteten, daß es dunkel würde. Hänsel lag
neben mir am Rande der Kiesgrube auf dem Rücken.
Die Sonne schien noch, aber wärmte nicht. Zwei
deutsche Flugzeuge kamen hintereinander in mäßiger
Höhe über uns weg. Man konnte deutlich die
schwarzen Kreuze unter den gelben Flügeln sehen.
Schließlich verschwand die Sonne hinter den
Kiefern, und es begann sehr langsam dunkel zu
werden,
„Züge fertigmachen! Der erste Zug folgt mir!"
sagte Lamm und ging langsam voraus. Gleich hinter
der Kiesgrube wurde der Wald lichter. Da begann
ein tiefer, breiter Graben, Wir stiegen hinein und
schoben uns langsam vorwärts. Vor uns war die
vierte Kompanie, und die schien durch irgendein
Hindernis aufgehalten zu werden. An verschiedenen
Stellen schoß es.
„Ich bin verwundet, Herr Leutnant!" sagte plötz­
lich unser Zugführer. Ich hatte es nicht hier schießen
hören.
„Wo denn?" fragte Lamm.
„Am Bein." Er lehnte an der Grabenwand.
„Gute Besserung! Unteroffizier Sander über­
nimmt den ersten Zug!“
Auf einmal kam die Kompanie vor uns in Gang.

253
Rasch ging es um eine Ecke. Der Graben führte
steil abwärts in einen Grund. Unten schlug ein
Schuß ein, und wieder einer, immer in regelmäßigen
Zeitabständen, Plötzlich war der Graben mit zer-
schoßnem Holz und Erde gesperrt. Lamm stieg nach
rechts hinaus. Vielleicht dreihundert Meter vor uns
brannte etwas mit roter Glut. Dorthin gingen die
regelmäßigen Schüsse,
Wir liefen hinter dem Hindernis wieder in den
Graben. Das Ende der vierten Kompanie war ren­
nend vor uns verschwunden. Die Brandstelle war
nur noch hundert Schritt entfernt. Lamm fing an zu
rennen.
Die nächste Granate!
„Platz da!" schrie es. Eine Kette Leute kam auf
uns zugerannt, vielleicht Essenholer, und drückte
Lamm gegen die Wand. Ich bekam von einem Vor-
beilaufenden in der Eile einen Schlag an die Brust.
Es waren etwa zehn Mann. Wir rannten weiter,
Bramm! dicht vor uns.
Der Graben war hier flach. Die Glut machte die
Umgebung schwarz. Ich trat unsicher. Es war ein
Wagen, der brannte.
Daran vorbei!
Ein Schuß hinter uns!
Den anderen Hang hinauf!
„Hierher!" sagte die Stimme unsres Bataillons­
kommandeurs von außerhalb des Grabens.
Wir kletterten hinaus.
„Richten Sie sich hier für die Nacht ein, so gut
es geht!"
Es waren zwei Erdgruben da, nur knietief, aber
breit genug, um je zwei Züge aufzunehmen.

254
„Hier hinein der erste und zweite Zug! Lassen
Sie Platz für mich und meine Läufer und das Sani­
tätspersonal!“ sagte Lamm.
Sander kam,
„Du führst den Zug," sagte ich.
„Wird gleich angegriffen?“ fragte er erschreckt.
„Nein, erst morgen früh, Du mußt jetzt hier die
Plätze für die Gruppen bestimmen." Er sah mich
hilflos an. Ich merkte, er konnte gar nicht mehr
nachdenken vor Angst.
„Soll ich's mal machen?"
Er sah mich verständnislos an.
„Ich werde die Plätze verteilen," sagte ich.
Nach etwa einer halben Stunde lagen wir dicht
gedrängt in Zeltbahnen, Mänteln und Decken in der
offnen Grube. Der Himmel war schwarz. Ab und zu
kam ein Stern hervor und verschwand wieder.
Die Luft war feucht und wie leer vor Kälte.
Hänsel lag neben mir und atmete. Er schlief wohl
noch nicht. Hatte er denn gar keine Angst? Er war
ja ganz anders als ich und alle, die ich kannte. Und
auch Lamm schien gar keine Angst zu haben! Sind
das nur ganz andre Menschen, die das nicht kennen?
Ramm! schlug eine Granate in der Nähe ein.
Weiter den Hang hinauf noch eine!
Unter meinem Rücken lag ein Stein und drückte
mich. Ich fror und war unruhig. Vielleicht, wenn
man erst richtig durchgefroren ist, kommt die Ruhe,
bei der man gleichgültig wird. Morgen früh — wenn
man nur wüßte, wie die Gegend aussieht, in der wir
stürmen sollen!
Bramml

255
IV
„Die Kompanien sollen sich fertig machen, Herr
Leutnant!"
Es war stockdunkel. Alle standen auf, ohne daß
sie geweckt zu werden brauchten. Stumm schnallten
wir die Zeltbahnen, Decken und Mäntel auf.
„Zweiter Zug fertig!"
„Du mußt melden!" sagte ich zu Sander.
Wir standen. Der Bataillonskommandeur kam.
„Ist die dritte Kompanie fertig?"
„Jawohl, Herr Major!"
„Das zweite Bataillon greift an. Wir liegen da­
hinter bereit, — Es kann ein ziemlich peinlicher
Tag werden."
Wir zogen uns ein Stück nach rechts an einen
dunklen Steilhang.
„Hier einrichten! Wir müssen mit Artilleriefeuer
rechnen."
Wir verteilten uns am Hang. Dort waren schon
Löcher geschanzt, etwa dreißig Zentimeter tief.
„Du, Hänsel, wir richten hier das Loch für uns
zwei ein!"
Wir schnallten die Spaten ab und erweiterten
das Loch. Vor dem Steilhang ging es eine Wiesen­
höhe mit jungen Fichten hinauf. Hinter uns war es
straßenbreit eben. Da wurden Maschinengewehre
nach rechts getragen. Jenseits des ebenen Streifens
schien es jäh nach dem Grunde abzufallen. Weiter
war bei dem Dämmerlicht nichts zu sehen.
Rechts ein paar Infanterieschüsse! Ich sah durch
die Bäume Leuchtkugeln wie Trauben niederfallen.
Maschinengewehre ratterten!

256
Prasselndes Gewehrfeuer!
Ramm! ramm! ramm! ramm! hinter uns in den
Grund.
Bramm! rapp! rapp! bramms! krack! ramm! Fun­
kensprühen am Boden.
Ich ließ den Spaten fallen und sprang in das
Loch. Hänsel krümmte sich schon links zusammen.
Es war eng für unsre Beine.
Drüben schrie einer.
Einer lief draußen vorbei.
Die Granaten entfernten sich die Höhe hinauf.
Ich hob den Kopf.
Hinter den Bäumen wieder zerfallende Leucht­
kugeln.
Bramm! ganz dicht, Es sauste mir vom Krach in
den Ohren.
Ich duckte den Kopf,
Eben war ein merkwürdiges Geräusch nebenan,
nicht ganz wie ein Zerbrechen und nicht wie eine
gewöhnliche Granatdetonation.
„Renn," sagte Hänsel.
„Ja, was ist?“
„Ich wollte nur wissen, wie es dir geht.“
Ein toller Krach in der Nähe!
Ich sah eine schwarzbraune Wolke am Steilhang
stehen und forttreiben. Das hatte gesessen!
Leute rannten vorbei.
Die Granaten rückten wieder die Höhe hinauf
und wurden seltener.
Jemand kam und guckte in unser Loch. Es war
Lamm.
„Ich wollte nur sehen, wie’s euch geht.“
Er lächelte blaß im Dämmerlicht,
Renn, Krieg 17
257
Ich stieg hinaus und sah ins Nachbarloch, wo
das merkwürdige Geräusch war. Eine dunkle Decke,
unter der einer winselte.
„Was ist dir denn?"
Er antwortete nicht. Da sah ich erst: die Decke
hatte ein großes, zackiges Loch.
Ich hob die Decke etwas.
Ich sah Sanders Gesicht und zugleich rotes
Fleisch, so unregelmäßig — und ich wollte es auch
nicht wissen — er lag im Sterben.
Ich mußte mich um den Zug kümmern.
Weickert saß in seinem Loch und sah entsetzt
aus.
„Warst du hier allein?“
„Nein, hier war noch Elsner."
„Und was ist mit dem?“
„'s hat ihm den Schädel aufgerissen, Da lag
alles offen.“
„Aber er lebt noch?“
„Ich weiß nicht. Er ist ganz ruhig fortgegangen.
Das war schrecklich!"
Weickert starrte mich noch immer mit aufge-
rißnen Augen an.
Ein Stück weiter wurde verbunden. Da war eine
ganze Gruppe verwundet oder tot.
Ich sah mich um. Wieder fielen Leuchttrauben
nieder.
„In die Löcher!“ schrie ich und rannte nach
unserm Loch. Dort war Hänsel nicht,
Leute kamen mir entgegengerannt.
Einer hielt eine rote Hand in die Luft wie einen
Leuchter.
Bram! krapp! rams! pä—arr!

258
Zwei Offiziere kamen vorbei, Der eine war unser
Oberst, Er ging aufrecht. Der andere sah sich
scheu um.
Ramm! App! Ramms! Karr!
Der Angriff mußte mißglückt sein!
Steinstückchen flogen umher.
Ich duckte mich tiefer ins Loch.
Was tut nur Hänsel noch draußen?
Es krachte und krachte, bald näher, bald ferner.
Graue Wolken von Einschlägen trieben über uns
weg.
Es roch immer stärker nach Pulver.
Ein Schlag an mein gekrümmtes linkes Knie!
Etwas fiel herunter.
Ich griff danach und zuckte zurück. Es war
glühend heiß.
Einer lief schreiend vorbei. Hänsel war es nicht.
Daß mir der Splitter nichts tat, lag an den Tuch­
falten am Knie, die nachgaben. Man müßte sich die
Schlafdecke recht faltig überlegen.
Ich nahm Hänsels Decke und betrachtete den
Granatsplitter von vorhin. Er war von der Größe
einer Dolchklinge und mit zwei gezackten
Schneiden.
Da hörte ich einen hölzernen Ton ankommen,
immer schärfer:
App!
Das war wohl ein schwerer Blindgänger.
Ra — um — pa — pa!
Die Erde schütterte.
Nein, das war eine ganz schwere Granate, die
erst im Boden detoniert.
Schreien an mehreren Stellen.

259
Ein Schlag auf meine Decke!
Der Splitter war nur radiergummigroß.
Der Pulvergeruch wurde immer stärker.
Ich sah nach der Uhr, Sie schossen schon eine
Stunde ununterbrochen. Soll das so den ganzen Tag
fortgehen? Und wenn man dabei —. Ja, man muß
sich das schon mal ganz vorstellen.
Hö — ju! kam es an.
Erdbatzen fielen auf meine Decke.
Wenn man verwundet wird, da kann man von
hier fort. Aber — das ist nicht richtig. Man muß
durchhalten!
Wramms! Ich fuhr zusammen.
Weshalb erschrecke ich nur! Wenn ich —, aber
wo ist der Hänsel?
Es schien nachzulassen.
Ich richtete mich auf.
Noch ein paar Granaten in den Grund. Es war
sehr hell. Die Sonne wollte wohl durchkommen.
„Habt ihr Hänsel gesehen?" fragte ich Brand.
„Nein.“
Ich war lähmend erschrocken,
„Du, komm mal her!“ rief Hartenstein. „Wir haben
drüben ein Lebensmitteldepot gefunden mit Selters­
wasser und Feldzwieback; der ist allerdings ein
bißchen muffig."
Er hielt mir ein Säckchen Feldzwieback hin.
„Hast du was von Hänsel gesehen?"
„Nee."
Ich nahm den Zwieback und eine Flasche
Selterswasser.
Lamm kam gegangen: „Bei der vierten Kompanie
sind üble Verluste. Unser Bataillonskommandeur

260
und der Führer der zweiten Kompanie sind ver­
wundet."
„Und wie ist es mit dem Sturm?“
„Der ist völlig mißglückt, fast alle Führer tot. \
Sie sind in der Dunkelheit zu weit rechts gekommen
und an den Franzosen fast entlang gelaufen. Aber
genaue Nachrichten fehlen noch. Die Reste liegen in
Granattrichtern dicht vor den Franzosen.“
„Vorsicht!" schrie ich. „Es geht wieder los!" Ich
sah wieder die Leuchtkugeln in Trauben fallen.
Wir sprangen in die Löcher,
Granaten summten, Splitter flatschten und zirp­
ten über uns. Schwere Granaten kamen angerohrt,
erschütterten die Erde und warfen Dreck um sich.
Ich hatte mich ins Loch ganz tief hineingelegt und
knabberte Feldzwieback.
Ach, vielleicht wissen die Sanitäter, was mit
Hänsel ist?
Das Feuer dünkte mich schwächer als das letzte­
mal. Es dauerte bis zwölf Uhr zehn.
Ich stieg aus dem Loch gleichzeitig mit Lamm,
Der Vizefeldwebel Poehner vom zweiten Zug
kam angeschlichen und sank vor Lamm auf die
Knie. Er hielt die Hände auf seine Brust.
„Herr Leutnant," stöhnte er — „ich — eine Gra­
nate hat mich auf die Brust — ich —“
„Sprechen Sie nicht," sagte Lamm. „Sie brauchen
sich nicht zu entschuldigen. — Renn, führ mal
Herrn Feldwebel zum Sanitätsunterstand!"
Ich nahm ihn am Arm und brachte ihn zum
unteren Steilhang, Dort stieg ich immer ein Stück
hinunter und half ihm dann. Er konnte kaum gehen.

261
Ich setzte Poehner an den Eingang. Da war er
ziemlich geschützt.
„Habt ihr was von Hänsel gesehen?"
„Ja, hier ist er. Aber,“ flüsterte der Kranken­
träger, „sprich wenig mit ihm! Es hat ihm das halbe
Gesäß herausgerissen."
„Ist das gefährlich?"
„Das Gelenk scheint in Ordnung zu sein, aber
es ist eine schrecklich große Wunde.“
Ich ging tiefer in den Stollen. Auf einer Holz­
pritsche lag er auf dem Bauch mit den Stiefeln
nach mir.
„Hänsel!" rief ich leise.
Er wendete den Kopf und sah nach mir. „Es ist
gut von dir, daß du kommst. Aber geh lieber. Du
hast zu tun und kommst auch durch.”
Ich konnte nicht antworten vor Beklemmung.
Draußen war es sehr hell. Einige noch kahle
Birken standen am Hang.
Lamm rief mich. Es standen schon zwei bei ihm.
„Wir müssen die Kompanie neu formieren. Drei
Zugführer und ein Drittel der Kompanie sind weg.
Unteroffizier Renn übernimmt den ersten und zwei­
ten Zug, die die stärksten Verluste gehabt haben,
als neuen Zug Renn. Den dritten Zug behält Vize­
feldwebel Trepte, den vierten übernimmt Unter­
offizier Langenohl. Aber es ist noch eine Schwierig­
keit; der Unteroffizier Busch ist dienstälter als
Renn. Er ist aber erst eben ins Feld gekommen.
Ich kann ihm in solcher Lage keinen Zug geben. Er
tritt zum Zug Trepte. Ich werde es selbst mit ihm
besprechen. Im übrigen soll sich jeder hüten, des­
halb übel über Busch zu reden!"

262
Ich teilte meine Gruppen neu ein und nahm als
Zugsläufer Israel und Wolf in das leergewordene
Loch neben mir, um sie zu Meldungen zur Hand zu
haben.
Wieder setzte das Artilleriefeuer ein.
Granatgestank, Krachen, herumfliegender Dreck!
Nach einer halben Stunde ließ es nach. Decken
lagen umher, Schanzzeug, Stahlhelme, Gasmasken,
Leibriemen, Gewehre, Handgranaten, Tornister und
blutige Tuchfetzen, In einem Loch war einem ein
Splitter in die Handgranate am Leibriemen gegangen,
und die hatte ihm den Leib aufgerissen. Der andre,
der im Loch gewesen war, lief schreiend umher und
wußte nicht, was er wollte. Ich ließ ihn fortbringen,
denn er konnte sinnlos irgendwohin laufen.
Wieder krachten und sausten die Granaten.
Jemand kam schreiend gerannt.
Ich sah hinaus, Es war der Leutnant Hornung.
„Ist hier noch Platz? Dort drüben ist's zu
furchtbar!"
„Dort drüben, Herr Leutnant!“ rief ich.
In meinem Loch war allerdings auch Platz, aber
ich wollte ihn nicht dahaben.
Er saß drüben und schrie bei jedem Schuß auf.
Der Beschuß dauerte nur kurz.
„Du, Israel, hast du gehört," sagte Wolf mit sei­
ner langsamen Sprache, „wie der Leutnant von der
zweiten gebrüllt hat? So was macht doch selbst
unsereins nicht, obwohl man keine Verantwortung
weiter hat!“
„Ach, sei still!“ sagte Israel.
Die Sonne ging gerade unter. Da sah ich schon
wieder die Leuchttrauben.

263
Ich rannte zurück.
Es krachte, stampfte und schütterte.
Ss! fuhr es dicht über meinen Kopf weg und in
den Grund.
Ramm! karr! wrammsl
Ich duckte mich tiefer.
In den Ohren sauste es.
Irgend etwas schlug an meinen Helm.
Ich zog die Decke ganz über mich.
Pramm! harp! Kötsch! Rum-rum-pa! ra! hrätsch!
Parrl
Mein Gott, das ist ja entsetzlich!
Ich krampfte mich zusammen. Und wenn es
einen erwischt, — nichts merkt man mehr, auch
keinen Schmerz, — einfach zu Ende! Was ist
eigentlich daran so schlimm?

„Wer ist denn das, der hier schläft?"


„Unteroffizier Renn, Herr Leutnant! Der hat die
ganze Zeit während des Feuers geschlafen," sagte
Israel.
„Dabei hat er schlafen können?" sagte Lamm.
Ich konnte unter der Decke nichts sehen. Aber
ich hörte noch andere flüstern, und alle wunder­
ten sich.
Ich blieb so, bis sie weggegangen waren. Dann
schlug ich die Decke zurück.
Es war Nacht. Ueber mir funkelten die Sterne.
Es mußte kalt sein. Aber ich fühlte mich warm und
wohl.
Man trug Verwundete vorbei. Ich stand auf,
noch ganz im Staunen darüber, daß ich eingeschla­
fen war.

264
Ich hörte Israel eifrig sprechen und ging zu ihm,
„Ich habe angeordnet," sagte er, „daß die Grup­
pen die Tagesverluste melden, weil du schliefst,"
Und auf einmal fing er ein klein wenig zu lachen
an: „Wie hast du nur bei dem Krach schlafen kön- !
nen? Wir haben alle vor deinem Loch gestanden,
und die Kompanie sagt, du wärst unverwundbar."

V
Gegen Mitternacht ließ Lamm uns Zugführer
rufen,
„Die weiter vorgeschobenen Teile des Regi­
ments werden jetzt zurückgezogen. Dann sind wir
hier vorderste Linie. Die Züge Trepte und Langenohl
besetzen hier den Steilhang. Zug Renn setzt sich
in die Lücke zwischen hier und der Nachbar­
division, Hier ist ein Mann, der dich hinüberführt."
Wir rückten ab. Es war völlig dunkel. Erst ging
es eben nach rechts. Dann bogen wir nach hinten
in den Grund ohne Weg durch einen Wald oder
ein hohes Gebüsch voll abgebrochener Aeste und
mit Granattrichtern im Boden, Ein schmaler Strei­
fen mit Gras kam, dann halbhoher Fichtenwald,
Ich hatte das Gefühl, daß wir immerfort die Rich­
tung änderten. Wieder kam Wiese.
Unser Führer hielt und sah sich nach allen Sei­
ten um. Einzelne dunkle Stellen konnte ich unter­
scheiden, aber nicht, was es war.
„Wir müssen suchen," sagte der Führer.
Wir gingen weiter in der Dunkelheit. Am Boden
lag etwas Schwarzes. Der Führer bückte sich.
„Es ist ein toter Franzose, aber nicht der in der
Nähe unsrer Stellung.“

265
Birken standen auf einmal dicht vor uns. Der
Boden war völlig aufgeschossen und hell.
„Vorsicht! Hier liegt alles voller Granaten!"
Ein Geschütz mit Protze stand da, davor tote
Pferde.
Wir bogen nach links in eine Grube.
„Hier ist der Unterstand."
Ich ging hinein. Darin saß ein Leutnant mit sie­
ben Mann.
„Kommen Sie, meine Kompanie abzulösen? —
Hoffentlich sind Sie stärker als ich. Das hier ist
mein Rest. Alles, was ich Ihnen zu übergeben habe,
sind fünf leichte Maschinengewehre.”
„Wir haben fast keine am Maschinengewehr
ausgebildeten Leute, Herr Leutnant!"
„Wir hatten überhaupt keine. — Noch eins: die
Nachbardivision liegt mit einer Feldwache etwa
150 Meter rechts rückwärts von uns in einem Gra­
ben. Da müssen Sie Verbindung aufnehmen." Er
lachte dazu etwas seltsam, „Also, ich wünsche
Ihnen mehr Glück, als wir hier hatten. — Ja, hören
Sie: seien Sie etwas vorsichtig mit den Posten bei
Tage, daß sie keinen unnötigen Beschuß her­
kriegen!“
Er zog mit seinen sieben Mann ab,
Ich schickte Israel an Lamm, die Ablösung zu
melden. Dann stellte ich zwei Posten auf und zog
die am Maschinengewehr ausgebildeten Leute her­
aus. Es waren nur vier Mann, und alle kannten nur
das schwere, nicht aber das leichte Maschinen­
gewehr. Ich bemannte drei Maschinengewehre mit
je einem Führer und drei Mann. Danach behielt

266
ich noch drei Gruppen unter Hartenstein, Weickert
und Sendig.
„Und wie wird die Unterbringung?" fragte
Hartenstein,
Der Unterstand, in dem der Leutnant gewesen
war, faßte nur zehn bis zwölf Mann. Da legte ich
Hartensteins Gruppe hinein und sah mich weiter
um. Die Grube, in der wir uns befanden, war ein
großer Geschützeinschnitt, Ein schweres Geschütz
mit einem gebrochenen Rad stand schief darin.
Wir fanden noch einen Eingang, Aber das
Unterstandsdach war wie abgedeckt, und die Bal­
ken lagen zerfetzt umher,
„Hier ist noch ein Geschützeinschnitt,“ sagte
Sendig.
Dort fanden wir noch zwei Unterstände. Ich
ging mit Weickert in den einen. Jemand zündete
Licht an. Vor uns in der Ecke lehnte einer.
Weickert fuhr zurück. Am Boden lag auch einer
ganz krumm, Weickert sah sie entsetzt an, und
seine Leute standen starr.
„Seid nicht dumml“ sagte ich, „Wir schaffen sie
hinaus."
Einer trat vor, um den am Boden anzufassen.
Er lachte höhnisch. Ich wollte ihm helfen. Da sagte
Weickert: „Aber der Leichengeruch bleibt doch
drin!"
„Gut," sagte ich. „Dann sucht euch selbst eine
Unterkunft!" Ich wollte hinausgehen.
„Wir haben heute noch nichts gegessen!" klagte
einer.
„Ich werde Herrn Leutnant bitten, daß wir die
zweite eiserne Portion essen dürfen."

267
„Ich habe keine mehr."
„Da kann ich dir nicht helfen. Warum hast du
sie vorher gegessen!"
„Man muß doch fressen, wenn man Hunger hat!"
knurrte einer,
„Woher soll ich euch denn was geben?" Ich
ging hinaus und zu Sendig. Der hatte sich schon
in seinem Unterstand eingerichtet, mit den Ma­
schinengewehrleuten zusammen.
Unterdessen waren etwa zwei Stunden seit der
Ablösung vergangen. Ich fühlte mich unruhig wegen
der Gruppe Weickert.
Wolf hatte mein Gepäck zu Hartenstein hinge­
bracht und mir ein Lager bereitet. Mir war es noch
ungewohnt, daß ich bedient wurde.
„Ist denn Israel noch nicht zurück?"
„Nein.“
„Ich muß jetzt Verbindung nach rechts auf­
nehmen. Wolf kommt mit! Du, Hartenstein, über­
nimmst während der Zeit den Zug!"
Wir nahmen unsere Gewehre, Draußen traf ich
Weickert.
„Ich habe noch einen Unterstand gefunden.“
Ich ließ ihn mir zeigen. Er lag am weitesten
links etwas abseits.
„Du mußt hier auch Posten aufstellen!"
„Es ist mir unheimlich hier," sagte er. „Kann
ich nicht ein Maschinengewehr bekommen?"
„Wir müssen das erst mal bei Tage sehen. Ich
kann die Leute nicht noch einmal umziehen lassen,
bevor ich weiß, daß es nötig ist."
Ich ging mit Wolf nach rechts rückwärts. Aber
war das auch die Richtung?

268
Wir kamen auf eine Wiese. Da lag wieder ein
toter Franzose. Die Wiese stieg ziemlich steil an
und wurde mit jedem Schritt zerschossener.
Mein rechter Fuß verfing sich im Draht. Es
schien ein zerschossenes Drahthindernis zu sein.
Vor uns zog sich quer ein weißer Wall.
„Halt, wer da!"
„Verbindungspatrouille, dritte Kompanie.“
Es war ein Posten unsres Regiments, der in
einem tiefen Graben stand. Wir stiegen in den Gra­
ben. Da lagen welche drin. Einer richtete sich auf:
„Woher kommen Sie?"
Nach der Art zu sprechen vermutete ich, daß es
ein Offizier war. Er stellte eine Menge Fragen. Ich
verstand nicht recht, was er wollte.
„Aber da müssen Sie ja vor uns liegen? Wir
hatten immer angenommen, daß wir hier vorderste
Linie sind.“
Er wies mich weiter nach rechts.
Hier schien es gar keine Unterstände zu geben.
Der ganze Graben lag voller Schlafender. Deshalb
stiegen wir nach hinten aus dem Graben in einen
hohen Wald.
Ich stand auf einmal still. Rechts war ein dunk­
ler Gegenstand, Ich sah ihn deutlich. Es war ein
Wagen, aber —.
Ich ging darauf zu und konnte es nicht fest­
stellen. Ich konnte ihn schon mit der Hand er­
reichen und wußte nicht —. Ich trat noch näher.
Es stank. Da sah ich: ein Pferd hing mit Vorder­
beinen und Kopf aus dem Wagen.
Rings lagen Bäume, Aeste, Balken, Drahtrollen
und eiserne Pfähle.

269
„Hier scheint ein Förderbahnhof gewesen zu
sein," sagte Wolf, „Aber dort —
Er deutete in einen Baum, Ueber einen starken
Ast hing ein Pferd, sonderbar dünn, nur wie eine
Haut, Was müssen das für Granaten gewesen sein,
daß sie ein ganzes Pferd da hinaufgeworfen haben!
Sch — kremm! in die Trümmer,
Wir gingen eilig weiter.
Die Feldwache der Nachbardivision fanden wir
dreißig Schritt vor dem Hauptgraben in einem, nach
vorn führenden Graben. Mir schien da eine rechte
Unordnung zu sein.
Sie lagen schon drei Tage hier, und der Feld­
wachhabende wußte weder, wo wir lagen, noch wie
die Stellung seiner Division verlief.
Wir kehrten querfeldein zurück und sahen
schon nach kurzer Zeit unseren Birkenwald.
Es begann zu dämmern. Vor Hartensteins Unter­
stand standen etwa zehn Mann mit zwei schweren
Maschinengewehren.
Israel kam mir lebhaft entgegen.
„Herr Leutnant hat dir einen Zug schwere
Maschinengewehre geschickt und läßt grüßen und
sagen, es solle eine eiserne Portion gegessen
werden."
„Ja, wo soll ich euch unterbringen? Wir haben
nur noch einen Unterstand. Da sind aber zwei
Tote drin."
„Ach, die schmeißen wir raus," sagte der
Maschinengewehrzugführer — es war ein Sergeant.
„Herr Leutnant kommt!" rief Israel,
„Guten Morgen, Renn!” sagte Lamm und gab

270
mir die Hand. „Ich muß dich gleich mal sprechen
und Sergeant Schatz.“
Er nahm uns vor und sah sich die Gegend an,
die eben im Dämmerlicht auftauchte. Wir waren
auf einer kleinen Erhöhung mitten im Grund.
Rechts lag ein breiter Berg mit zwei flachen
Höckern. Die glänzten sonderbar blauweiß,
„Das ist der Weiße Berg, um den seit Tagen
gekämpft wird. Dort und vorn liegt für hier die
Gefahr, Der Aufstellungspunkt ist gut, aber er ist
wie eine einsame Insel. Es ist der gefährdetste Punkt
der ganzen Division. Fühlst du dich hier stark
genug?“
„Ja, ich habe drei Gruppen, zwei schwere und
fünf leichte Maschinengewehre. Von den leichten
habe ich drei bemannt."
„Aber du hast doch gar nicht genug ausgebildete
Leute.“
„Nein, nur vier. Aber vielleicht kann der
Sergeant die übrigen über das Wichtigste unter­
richten.“
Lamm sah mich überlegend an.
„Sergeant Schatz, Sie übernehmen auch unsere
Maschinengewehre und stellen Ihre eigenen Posten!
Aber ich muß Sie, obwohl Sie dienstälter sind, fürs
Gefecht dem Unteroffizier Renn unterstellen."
Er ging mit seinem Läufer zurück.
Es war ganz hell geworden. Ich ging in den
Unterstand. Israel hatte eine Rindfleischkonserve
für sich und mich geöffnet und im Feldkessel über
Hartspiritus gewärmt. Wir warfen Feldzwieback
hinein, der aufweichte, und aßen es so.

271
Israel war Violinbauer und hatte blitzende,
braune Augen, Wolf war Arbeiter, sehr bedächtig
und schweigsam, mit etwas stumpfen blauen Kuh­
augen, war aber gar nicht dumm. Er pflegte in
einer Ecke zu sitzen und Israels lebhaften Reden
zuzuhören und ab und zu etwas sehr deutlich zu
sagen. Er war wohl kaum neunzehn Jahre, schlank,
groß und hielt viel auf seinen Anzug und seine
Hände.
Wir legten uns und schliefen.

VI
Ich wachte gegen Mittag auf und fühlte mich
sehr hungrig. Uebrigens war ja heute mein Ge­
burtstag.
„Du,“ sagte ich zu Hartenstein, „könnten wir
nicht eine Patrouille da hinüberschicken, wo ihr
gestern den Feldzwieback gefunden habt?“
„Ja, Kettner kann das machen mit noch einem.
Der ist sehr findig, — besonders beim Läusefangen.
Da greift er sich nur in den Rock und hat sie
schon."
Kettner, der dabei saß, lachte: „Ja, das ist was
für mich! Aber ich gehe lieber alleine."
Ich ging hinaus und sah mich um. Der Unter­
stand mit abgedecktem Dach war wohl ein explo­
diertes Munitionsdepot. Die Granaten, die weit
umhergestreut lagen, waren etwa fünfzig Zenti­
meter lang. Wenn ich nur wüßte, ob sie noch ge­
fährlich wären! Vorn bei dem schief stehenden
Geschütz, wo jetzt Brand als Posten stand, lagen
wenigstens keine.

272
„Weißt du, wo unsre Postierungen stehen?"
fragte ich ihn.
„Nein." Er sah mich ängstlich an. Er schien vom
gestrigen Trommelfeuer noch ganz verstört zu sein.
„Siehst du dort links den Granateinschlag? Dort
liegt der Kompanielührer mit den beiden andern
Zügen. Dann kommt die große Lücke bis zu uns,
und dort rechts hinter uns liegt die nächste Feld­
wache der Nachbardivision."
Ich erschrak selbst, als ich das sagte. Wenn hier
im weiten Umkreis vor uns die Franzosen angriffen,
mußten wir sie allein abwehren. Dann konnte der
einzelne Posten nicht zugleich schießen und alar­
mieren. Ich mußte noch Alarmposten stellen.
Ich ging nach rechts weiter. Im nächsten Ge­
schützeinschnitt stand nur ein schweres Maschinen­
gewehr mit einem Posten daran. Dabei lagen hier
35 Mann in zwei Unterständen. Ich ging in Sendigs
Unterstand, wo auch die leichten Maschinen­
gewehre lagen.
„Weshalb ist denn keins von euren Maschinen­
gewehren draußen?"
„Es hat uns niemand was gesagt."
„War der Sergeant Schatz nicht hier und hat
euch die Plätze gezeigt?"
Sie sahen mich dumm an. Ich ärgerte mich.
„Du mußt einen Posten aufstellen, Sendig, gleich
hier oben zum Alarmieren der beiden Unterstände.
Wir müssen auch sehen, daß wir uns, solange es
ruhig ist, alle übers Maschinengewehr instruieren
lassen. Wozu haben wir denn die Dinger?"
„Wie wird's denn heute mit der Verpflegung?
Wir haben doch seit drei Tagen nichts Ordent-
Renn, Krieg 18
273
liches gekriegt, und die eisernen Portionen sind
aufgegessen."
„Ich habe schon einige abgeschickt. Ich sage es
euch, wenn ich was kriege."
Draußen krachte eine Granate.
„Fängt der Mist wieder an!" schimpfte Sendig.
Ich ging hinaus. Es war dicht vor den Posten
gegangen. Dort war noch der Granatrauch.
Was soll ich Schatz sagen? Ich muß es auf einen
Streit ankommen lassen.
Ich ging in den anderen Unterstand. Schatz
spielte mit den beiden Gewehrführern Skat.
„Sie haben wohl meinen leichten Maschinen­
gewehrleuten noch nicht gesagt, daß sie Ihnen
unterstehen?"
Er sah mich halb hochmütig, halb feige von der
Seite an.
„Wir müssen uns schon darüber einigen," sagte
ich, „wie wir das machen wollen. Wo dachten Sie
denn, daß die leichten Maschinengewehre bei einem
Angriff hinkommen?"
„Gleich hier oben," sagte er gleichgültig und
gab eine Karte.
„Was? alle fünf Maschinengewehre auf kaum
sechs Meter Breite!" Ich hatte das Gefühl, blaß zu
werden vor Wut,
„Nu, wenn Sie wollen, können Sie sie ja wo
anders hinstellen."
Ich wußte darauf nichts zu antworten. Sollte
ich einfach hinaufgehen und befehlen, was ich
wollte? Aber was würde Lamm dazu sagen?
„Können Sie mir nicht jemand zur Verfügung

274
stellen, der meine Leute übers Maschinengewehr
instruiert?"
„Ja. —■ Trumpfl" Er knallte eine Karte auf den
Tisch.
„Wen?” fragte ich und fing an, in den Knien
zu zittern vor Wut,
„Dort, den Gefreiten Janetzky.“
„Kann ich über ihn verfügen?"
„Machen Sie, was Sie wollen.“
„Ja, das werde ich!“ brüllte ich ihn an und ging
mit klopfendem Herzen hinaus. Sie lachten hinter
mir her.
Ich holte meine Gruppenführer und die Be­
dienungsleute der leichten Maschinengewehre zu­
sammen und suchte mit ihnen die Stellen aus, wo
man sie bei einem Angriff hinstellen könnte.
„Wir stehen hier am gefährdetsten Punkt des
ganzen Divisionsabschnitts. Leider haben die schwe­
ren Maschinengewehrleute dafür gar kein Ver­
ständnis."
„Der Schatz, das ist 'n ganz falscher Hund,"
sagte Hartenstein, „Ich habe schon erlebt, wie der
von seinem Kompanieführer 'rausgefenstert wurde."
„Ich hatte ihn gebeten, daß er uns jemand zum
Instruieren am Maschinengewehr gibt. Aber ich
glaube, da können wir vergeblich warten. Wir
müssen aber die Dinger bedienen können. Nehmt
euch doch jeder ein leichtes Maschinengewehr in
euren Unterstand und laßt euch von den Ausge­
bildeten die nötigsten Griffe zeigenl"
„Das wollte ich schon immer lernen," sagte
Weickert. Die andern nickten.
Unterdessen wuchtete es von schweren Gra­
ts*
275
naten rechts auf dem Weißen Berge. Der ganze
rechte Hang lag in einer grauweißen Wolke. Auch
an dem Graben hinter uns wuchsen Granatwolken
seine ganze Breite hin. Nach dem Steilhang links
oben, wo wir gestern lagen, schoß es auch wieder
heftig, nur sahen dort die Granatwolken dunkler
aus, vielleicht vom Waldboden.
„Wir müssen gut aufpassen," sagte ich. „Wenn
die Franzosen in den Wald vor uns kommen, dann
können sie den andern'Zügen in die Flanke und
den Rücken kommen."
„Die Lücke ist lausig groß!“ sagte Weickert
und sah mit großen Augen hinüber.
„Wenn die Posten aufpassen, fürchte ich nichts,"
sagte ich.
Kettner kam gebeugt mit einer Wolldecke auf
dem Rücken, in der es gläsern klapperte.
„Wir sollten uns nicht so viel hier zeigen,"
sagte Hartenstein. „Die Franzosen müssen uns vom
Weißen Berg aus sehen können."
Kettner ließ die Decke nieder: „Ich habe In­
dianer spielen müssen. Wie ich ans Lebensmittel­
depot kam, stand da ein Posten. Da dachte ich:
lieber nicht fragen, sondern abwarten! Indem Eing's
an zu schießen. Ich setze mich in 'nen Granat­
trichter und warte. Da höre ich, wie einer dem
Posten sagt, bei Beschuß käme doch keiner klauen,
und er solle jetzt Weggehen. Da bin ich nachher an­
geschlichen und hab das mitgebracht.”
Er hatte nicht nur Selterswasser und Zwieback,
sondern auch Trockengemüse in Würfeln. Das war
allerdings etwas feucht geworden.
Ich verteilte die Lebensmittel und schickte

276
Israel an Lamm, ob heute abend die Feldküche
käme und wohin. Hier vor in den Grund konnte
sie wegen der Gräben nicht kommen.
Unterdessen hatte sich Hartenstein ein leichtes
Maschinengewehr in unsern Unterstand geholt und
auf den Tisch gestellt.
Brand, der am schweren Maschinengewehr aus­
gebildet war, fingerte verlegen daran herum und
begann mit nach oben verdrehten Augen:
„Das Maschinengewehr 08 ist eine Selbstlade­
waffe. Es besteht —
„Laß doch den Kotz,” sagte Hartenstein, „und
zeig uns, wie man mit dem Ding schießt!”
Brand betrachtete es verlegen und wollte den
Deckel aufmachen. Aber es ging nicht,
„Geh weg!" sagte Kettner, machte es auf und
sah hinein. Alle redeten durcheinander. Es wurde
an der Waffe herumgetastet und geschraubt. Der
Lauf wurde herausgezogen.
„So können wir gar nicht damit schießen," sagte
Brand.
„Warum denn nicht?"
„Weil kein Wasser im Mantel ist, und weil der
Dampfablaßschlauch fehlt.“
„Da müssen wir Selterswasser hineingießen."
meinte Kettner.
Jemand kam die Treppe heruntergepoltert.
„Warum paßt hier niemand auf!“ schrie Lamm,
„Die Franzosen stellen sich am Weißen Berg zum
Angriff bereit. Wo ist Sergeant Schatz?"
„Wolf alarmiert links, Israel rechts!" schrie ich.
„Hier bleiben!" schrie Lamm. „Wozu sollen sich
alle zeigen? Nur die schweren Maschinengewehre!"

277
Er rannte hinaus, ich hinterher.
„Wo liegt Schatz?"
„Hier, Herr Leutnant!"
Er rannte hinein. Unten hörte ich schimpfen.
Schatz mit seiner ganzen Bande und dem zweiten
Maschinengewehr kam herausgerannt.
„Dort!" rief Lamm. „Sehen Sie denn nicht? Am
linken Hang des Berges über dem rechten Zipfel!"
Sie sahen hinüber.
„Welches Visier?" schrie Lamm den Schatz an.
Der sah aufgeregt hinüber,
„Vierhundert?" stotterte er.
„Neunhundert!" brüllte Lamm. „Maschinenge­
wehre fertig?"
„M. G. eins fertig!“
„Kommandieren Sie!“ schrie Lamm.
„Ein Strich Tiefenfeuerl“ sagte Schatz.
Das rechte Maschinengewehr ratterte los. Lamm
sah durchs Fernglas. Das linke Maschinengewehr
mußte sich erst eine Auflage schaffen.
„Stopfen!“ brüllte Lamm. Das Rattern hörte auf.
„Wohin schießen Sie denn, Mensch? Habt ihr denn
alle keine Augen? Jetzt sind sie natürlich ver­
schwunden!"
Er sah mich mit einem wütenden Blick an:
„Kommen Sie mit mir, Unteroffizier Renn und
Sergeant Schatz! Die unnötigen Leute sollen hier
verschwinden!"
Er ging stumm aus dem Geschützeinschnitt und
blieb bei der Haubitze mit dem toten Pferde stehen.
Wir standen stramm.
„Weshalb paßt hier niemand auf?" Er machte
eine Pause und sah uns an. „Weshalb haben Sie,

278
Sergeant Schatz, keine Stellung für Ihr zweites
Maschinengewehr vorbereitet? Haben Sie Entfer­
nungen schätzen lassen? Woher weiß ich denn die
Entfernung? — Sie werden sofort die Entfernungen
schätzen! Ich werde morgen Ihre Posten abfragen,
und außerdem werde ich Ihrer Kompanie mitteilen,
daß Sie unbrauchbar sind. Sie können gehen!"
Schatz machte kehrt und ging weg. Lamm sah
mich an, und ich merkte, daß ihm die Aussprache
auch schrecklich war.
„Schatz ist ein erbärmlicher und verlogner
Mensch! Ich kenne ihn schon vom Rekrutendepot.
Aber mit dir, das verstehe ich nicht! Soll ich denn
hier einen andern Zugführer herschicken? Du wirst
alle Mühe haben, mich zufriedenzustellen! Ich sage
dir's offen, ich werde dich kontrollieren. Das hielt
ich bisher für unnötig!"
Er atmete erregt und ging langsam fort.
„Halt!“ sagte er plötzlich. „Die Küche kommt
gegen Morgen, Die Essenholer sammeln sich an
meinem Unterstand. Guten Tag!”
Er ging fort. Ich dachte: du sollst mich kon­
trollieren, das ist mir lieb! Und weh mir, wenn du
mich schlapp findest!
Ich war nicht traurig über den Vorfall. Nein,
seine Vorwürfe taten mir wohl; denn er hatte recht.
Ich hätte auch Entfernungen schätzen müssen.
Ich ging zu den Gruppen und gab meine Befehle
über die Posten und für die Essenholer, sie sollten
möglichst Wasser für die Maschinengewehre mit­
bringen und sehen, ob nicht irgendwo Dampfablaß­
schläuche herumlägen.
Unterdessen hatte es angefangen, hierher zu

279
schießen. Es waren schwere Granaten, die sehr
schnell da waren und große, dolchförmige Splitter
umherwarfen. Aber sie kamen wenigstens regel­
mäßig. Der Posten im linken Geschützeinschnitt
wurde leicht am Ohr verwundet.
Bis ich alles mit den Gruppen besprochen hatte,
brauchte ich fast drei Stunden, und auch dann fiel
mir immer noch Neues ein. Wußten sie, was das
Sperrfeuerzeichen war, um Artilleriefeuer anzu­
fordern? Waren genug Leuchtpistolen da und ge­
eignete Munition?
Das Artilleriefeuer hörte auf. Es wurde dunkel.
Ich hatte noch keine namentliche Liste meines
Zuges.
Die Essenholer gingen fort. Ein Läufer kam von
Lamm: „Herr Leutnant läßt fragen, ob das Gerät
der leichten Maschinengewehre vollständig ist, und
die Unterstände sollen abgeblendet werden, daß
nachts kein Lichtschein zu sehen ist. — In der
Morgendämmerung soll von vier bis sechs Uhr alles
wachen und sich umgeschnallt in den Unterständen
bereithalten.”
Ich ging wieder zu den Gruppen und gab alles
bekannt. Dann ging ich zu den Posten und fragte
sie aus, ob sie alle wichtigen Punkte im Gelände
kannten.
Meine Leute hatten Interesse an der Hand­
habung der Maschinengewehre gefunden. Sie woll­
ten überall hineinsehen können, wie die Sache zu­
sammenhinge. Ich verwunderte mich über ihren
Eifer.
Es war schon nach Mitternacht. Ich fühlte
meinen Magen erbärmlich leer. Heute wieder nur

280
Feldzwieback und dazu einen Gemüsewurfei in
Selterswasser gekocht. Die Essenholer waren vor
vier Stunden abgerückt.
Ich schweifte draußen umher und besah mir die
Gegend und wie die Posten standen.
Um halb vier Uhr kamen endlich die Essenholer
schwer bepackt. Einer trug einen Blechtornister mit
Wasser. Ein andrer hatte einen schweren Sack mit
Brot.
„Wo seid ihr denn so lange gewesen?"
„Erst haben wir uns verlaufen," lachte Israel.
„Dann war die Küche nicht da, weil’s auf die Straße
schoß. Sie kommt überhaupt nicht vor Mitternacht,
weil sie nicht über die Höhe hinten dürfen, bevor's
dunkel ist. Und dann sind’s anderthalb Stunden
vom Küchenhalteplatz bis hierher, — Herr Feld­
webel läßt sagen: er möchte täglich mit der Küche
eine Stärkemeldung von den Zügen haben, weil er
hinten nicht erfährt, wer wieder verwundet ist. Sie
wußten überhaupt noch nicht, daß wir so viele ver­
loren haben. Daher haben sie viel zu viel Brot vor­
geschickt.”
Das Essen war auf dem Wege kalt geworden.
Wir mußten Hartspiritus sparen und aßen es so.
Wir hatten auch nur noch zwei Hindenburgbrenner,
und davon war der eine schon fast herunter­
gebrannt.
Unterdessen war es vier Uhr geworden. Ich ließ
umschnallen und ging zu den andern Gruppen, Sie
hatten es vergessen oder waren zu faul gewesen.
Sollte ich auch zu Schatz gehen? Ja, vielleicht
wußte er nicht von dem Befehl. Ich traf sie alle
schlafend. Ich weckte Schatz und sagte es ihm. Er

281
erhob sich widerwillig und setzte sich an den Tisch.
Aber er weckte seine Leute nicht. Das geht mich
nichts an, dachte ich und ging zu den Posten,
Es wurde langsam hell. Der Berg kam heraus
mit seinen zwei Kuppen. Unsre Artillerie bellte
von hinten vor. Die Geschosse rauschten vorüber
und schlugen drüben fern ein. Die französische
Artillerie schwieg.
Mir fiel eine kleine Erhöhung dreißig Schritt
vor uns auf. Ob die sich nicht zum Aufstellen von
Maschinengewehren eignete? Ich ging dahin und
legte mich in mehrere Granattrichter, ob von da
gutes Schußfeld wäre. Auf einmal hörte ich Schritte
hinter mir.
„Guten Morgen, Rennl" sagte Lamm und hielt
die Arme hinter seinem Rücken. „Ich komme eben
aus deinen Unterständen und von den Posten. Es
war alles in Ordnung. Aber den Schatz habe ich
gehörig hochgenommen. Der Mensch ist zu schlapp,
seine Leute zu wecken.“
Ich wunderte mich: Lamm lächelte mich die
ganze Zeit an und hielt die Arme immer hinter dem
Rücken, was doch sonst nicht seine Gewohnheit
war.
„Du,“ sagte er, „gestern war nicht die rechte
Gelegenheit —" er lachte gerade heraus und
brachte auf einmal ein Paket in Zeitungspapier
hervor, „du hattest doch gestern Geburtstag?"
Ich konnte zuerst gar nichts sagen.
„Woher weißt du denn das?"
Er bewegte lächelnd den Kopf hin und her:
„Rate nur — nein, du kriegst's nicht heraus, weil's
so einfach ist. Ich blätterte neulich in der Stamm­

282
rolle, und da fand ich’s und schrieb mir’s auf, —
Aber sieh nur nach, was es ist,“
Ich schlug es auseinander. Oben lag eine Schach­
tel Zigaretten und darunter ein Buch: Simplicius
Simplicissimus.
,.Kennst du das?"
„Nein, ich habe nie davon gehört."
„Das ist was für dich. So bist du auch wie
der da. — Aber jetzt ist die Zeit zu wachen vorbei.
Ich bin müde."

VII
„Renn!" rief einer.
Ich wachte auf. Es war nur etwas Licht von der
Treppe her im Unterstand. Einer bewegte sich auf
mich zu. Draußen wuchtete es.
„Ist was passiert?“
„Wir haben schon drei Verwundete, und es
schießt immer weiter zu uns."
Ich erhob mich rasch und lief die Treppe hinauf.
Links in Weickerts Geschützeinschnitt sprangen
krapp! krapp! große, weiße Staubwolken hoch.
„Wo sind die drei verwundet worden?"
„Der erste als Posten am Unterstand, die andern
beiden als Posten vorn am leichten Maschinen­
gewehr."
„Was stehen jetzt für Posten?"
„Nur einer vorn."
„Den soll Weickert einziehen, solange es so
dahin schießt! Wir übernehmen hier die Beobach­
tung für euch mit.“
Der Bote ging erst zögernd fort. Als er aber in

283
die Höhe der Granaten kam, rannte er, daß die
Birken vor ihm vorbeisausten.
Ich setzte mich oben in den Treppenhals. War
das richtig, den Posten einzuziehen? Doch wohl.
Aber ich mußte es Lamm melden.
Ich ging hinunter, weckte Wolf und schickte ihn
fort. Dann saß ich wieder oben. Ich fühlte mich
müde und angegriffen. Dazu juckte es mich am
Halse. Ich zog den Rock aus und untersuchte den
Kragen. Es war nichts daran zu finden. Aber in der
Halsbinde saß eine ganze Brut junger Läuse. Ich las
sie ab und warf sie hinaus. Wenn nur das nicht
noch dazukämel Ich zog auch das Hemd aus. Das
Bündchen war zerschlissen. In den Fäden saßen
auch noch welche.
Draußen schien die Sonne. Aber auf der Treppe
war es kalt. Ich zog mich wieder an. Es krachte
und stampfte und warf Kalkstaub in die Höhe. Ich
sah zu Boden.
Ramms!
Ich fuhr auf. Beinahe wäre ich ganz einge­
schlafen. Jetzt schießen sie wohl auch hierher?
Oben in der blauen Luft surrte es. Zwei kleine Flie­
ger zogen da kleine Kreise. Beim Wenden blitzten
sie silbern. Weiter nach den Franzosen zu zog ein
großer Flieger weite Kreise mit breiten Flügeln und
Schwanzflosse, aber ohne Leib. Das war ein Flieger,
der das französische Feuer lenkte.
Tack — tack — tack! Maschinengewehrfeuer in
der Luft. Zwei deutsche Flieger kamen schräg hin­
tereinander gerade auf die kleinen Silberilieger zu.
Die schwangen sich. Einer tauchte nieder und
wurde abwärts verfolgt. Weiße Schrapnellwölkchen

284
bliesen von den Franzosen her und blieben wie
Schäfchenwolken in der Luft.
Auf einmal sah ich, wie der eine Silberflieger
stürzte, immer schneller. Ein Flügel löste sich und
schaukelte in der Luft wie ein Blatt. Der andre
Flügel löste sich. Der Rumpf fuhr kerzengerade
herunter, den Schwanz oben, über ihm eine Qualm­
schnur. Er brannte und fuhr irgendwo weit drüben
in den Wald.
Kramms!
Ich bekam ein Kalkstückchen an den linken
AermeL
Weickert kam gerannt und fuhr zu mir in die
Treppe.
„Unser Unterstand ist eingeschossen!“ schrie er.
„Wo sind die andern?"
„Ich weiß nicht. Unser Maschinengewehr ist
kaputt!“
Es kam wieder einer.
„Ist jemand verwundet?"
„Ja, der Stoll August, aber nicht schlimm."
„Wo sind die andern?"
„Die laufen herum.“
„Hol sie hierher!"
Er lief hinaus.
Die Leute kamen. Nur zwei hatten ihre Ge­
wehre. Sie redeten aufgeregt durcheinander.
„Der ganze Unterstand ist platt."
„Unsinn! Ich bin zuletzt raus. Es hingen nur 'n
paar Balken runter."
„Nee, ich hab's doch gesehen, wie die ganze
Decke runterkam!"
Was mache ich nur mit den Leuten? dachte ich.

285
Wolf kam von Lamm zurück.
„Herr Leutnant läßt für die Meldung danken.
Er beobachtet von oben, wie es hier steht. Von
da oben sieht's wirklich so aus, als könnte hier
niemand mehr leben.“
Ich schickte Israel ab, das neue Unglück und
den Fliegerkampf zu melden.
Ich konnte mit den aufgeregten Leuten nicht
zusammenbleiben; denn ich mußte überlegen, was
ich nun tun wollte. Daher rannte ich hinüber zu
Sendig. Dorthin waren bisher nur wenige Schüsse
gegangen. Von seiner Treppe aus konnte man nach
dem Weißen Berg hinübersehen, auf den es auch
lebhaft schoß, aber von deutscher Artillerie. Gegen
zwei Uhr nachmittags flaute dort das Feuer ab.
Auch bei uns war es stiller geworden.
Ich ging in meinen Unterstand zurück und aß
etwas. Dann legte ich mich, um zu schlafen.
Weickerts Leute hatten ihre Ausrüstung von drüben
geholt und schliefen.

„Renn!" sagte Israel. „Herr Leutnant läßt sagen,


man erwartet für heute abend einen französischen
Angriff. Von fünf Uhr ab soll alles alarmbereit sein.“
„Gut!" sagte ich und versuchte wieder zu
schlafen. Aber mußte ich nicht die Besetzung neu
einteilen? Und dann mußte Weickert ein neues
Maschinengewehr bekommen. Aber er hatte ja nur
noch sechs Mann.
Ich stand vor Unruhe auf und ging hinaus. Der
Weiße Berg war in eine Staubwolke gehüllt, daß
man nichts Genaues erkennen konnte. Beide Ar­
tillerien schossen heftig. Deutsche Flieger kamen

286
ziemlich tief von hinten über den Grund weg. Auch
zu Lamm schoß es wieder.
Ich ging zu dem eingeschossenen Unterstand
und fand dort noch sieben Patronenkästen mit
Maschinengewehrgurten, Ich nahm zwei mit und
schickte hinüber, die übrigen zu holen.
Ka—Ramms!
„Das ist ’ne ganz schwere Marke," sagte Har­
tenstein.
Weickerts Leute kamen mit den Patronenkästen
atemlos zurück.
„Jetzt schießen sie hierher!”
Ra—ramm!
„Verflucht! Das gilt uns!"
Wir saßen und warteten. Es war schon fünf Uhr.
— Solange sie so schießen, kommen sie nicht.
Sendig ließ melden, daß sein Posten vorn tot
wäre, er hätte den neuen Posten an einen ge­
schützteren Fleck gestellt.
„Uns werden sie schon hier auch noch raus­
schießen!" sagte einer von Weickerts Leuten.
„Halt's Maul!" sagte Hartenstein. „Mit dem Ge­
quak machst du's nicht anders!“
Das Schießen ging fort. Einmal schwankte der
Unterstand.
Nach anderthalb Stunden wurde es still. Ich
ging hinaus. Nur noch irgendwo in der Ferne rum­
pelten die Kanonen.
Einer von Lamms Läufern kam,
„Mit Einbruch der Dämmerung sollt ihr um­
ziehen, Herr Leutnant erwartet dich dann oben —
dort über den schwarzen Fichten!“
„So weit vorn?"

287
„Er hat gesagt: je weiter vorn, desto weniger
Artilleriefeuer."

VIII
Als es dunkel war, brachen wir auf, hinter uns
in langer Reihe die Maschinengewehre. Wir zogen
uns über die weißgeschoßne Wiese und dann an
einem Waldsaum aufwärts. Es wurde immer steiler.
Auf einmal kamen wir in Draht, von dem im Walde
und bei der Dunkelheit nichts zu sehen war. Ich
dachte, es wären nur ein paar Drähte, Aber ich trat
immer weiter in Draht, der überdies teils straff,
teils in losen Schlingen gespannt war. Das Hinder­
nis war etwa sieben Meter breit. Ich ließ die Leute
hinter mir, die mit den Maschinengewehren nur
langsam vorwärts kamen, und lief mit Israel und
Wolf voraus.
„Renn!" rief es leise von links. Das war Lamm,
Er stand in einer verlaßnen Batteriestellung.
„Ich habe heute von oben das Feuer bei euch
gesehen," flüsterte er, „Mir war himmelangst. Ich
habe mit Herrn Oberst, der heute da war, die Stel­
lung hier besprochen. Der Punkt hier liegt freilich
auf den ersten Blick einfach verrückt. Aber wahr­
scheinlich wird es nicht herschießen. Die Franzosen
dürfen aber nicht ahnen, daß wir hier liegen. — Die
Nachbardivision ist gebeten worden, ihre Feld­
wache weiter vorzuschieben. Du mußt mal fest­
stellen, ob sie's getan hat. Ich traue in solchen
Sachen niemand mehr."
Unterdessen bellten unsre Geschütze immer
regelmäßig von hinten vor, und mit singendem Ton
wölbten Geschosse über uns weg. Die Einschläge

288
waren merkwürdig leise, obwohl nicht sehr weit
von uns,
„Was sind das für Geschosse?" fragte ich.
„Ach so, das weißt du ja noch nicht. Das sind
Grünkreuz-Granaten, sehr üble Gasgranaten. Damit
wird unsre Artillerie jetzt jeden Abend auf die
vorderen französischen Gräben schießen."
Wir verteilten die Unterstände. Es waren vier
ehemalige Artillerieunterstände da, recht eng und
schlecht gebaut. Ich nahm den am weitesten rechts.
„Es kommen nicht alle unterl“ sagte ich zu
Lamm.
„Das dachte ich mir. Die übrigen müssen im
Freien unterkommen.”
„Wie meinst du das?“
„Komm mit! Der betreffende Gruppenführer und
der Führer eines leichten Maschinengewehrs soll
auch mitgehen!“
Ich nahm Weickert und Brand mit.
„Leise sein!“ flüsterte Lamm.
Wir stiegen rechts hinunter. Auch hier war ein
Drahthindernis in halber Höhe. Wir traten vorsichtig
einer hinter dem andern hindurch. Unten war eine
Schlucht mit ebener Sohle, die nach rechts vorn
führte. Es war düster da. Einzelne Granattrichter
zwischen ganz niedrigen Fichten am Boden,
„Hier kommt die Gruppe und das leichte
Maschinengewehr her.“
„Aber wenn wir einen Graben schanzen, dann
wissen die Franzosen gleich, wo wir sind."
„Ja, ihr müßt euch eben so einrichten, daß es
auf der Fliegerphotographie so aussieht wie Granat-
trichter.“
Renn, Krieg 19
289
„Herr Leutnant,“ sagte Weickert, „wir haben
aber hier gar keinen Schutz nach rechts.“
Ich sah den rechten Hang an, der steil empor­
stieg. Man konnte nicht zwanzig Schritte weit sehen.
„Aber verstehen Sie denn gar nicht?“ flüsterte
Lamm. „Von oben, wo Renn liegt, kann man nicht
in den Grund hier sehen. Deshalb liegen Sie hier
und schützen die rechte Flanke von Renn. Und Sie
können wieder nicht nach rechts sehen, aber Renn
von oben sieht alles rechts bis zum Weißen Berge.
Der stellt oben ein Maschinengewehr auf, nur zu
Ihrem Schutz. Das schießt quer über Sie weg. Und
Zug Langenohl liegt links so, daß er mit seinen
Maschinengewehren die ganze Wiese vor Renn be­
streichen kann. Und bei mir liegt Zug Trepte mit
zwei schweren Maschinengewehren bereit, dahin
vorzugehen, wo Gefahr ist. Ihr müßt doch auch Ver­
trauen zu mir haben!"
Ich schämte mich, daß ich das nicht gleich ge­
sehen hatte.
Ein großer Teil der Nacht ging mit Aufstellung
der Posten und Maschinengewehre hin. Dann ging
ich mit Israel nach der Nachbardivision. Ich fand
die Feldwache nur zwanzig Meter weiter vorn als
früher. Wir lagen jetzt fünf- bis sechshundert
Meter vor ihnen. Als ich wieder vorkam, waren die
Essenholer da. Israel erzählte, daß der Zug Langen­
ohl zwei Verwundete hätte. Dann kam die Zeit,
wo wir umgeschnallt wachen mußten. Es war noch
dunkel. Ich ging in die Schlucht und suchte nach
den bewohnten Trichtern.
„Vorsicht!" sagte auf einmal eine Stimme
unter mir.

290
Ich sah einen runden Stahlhelm sich in einem
Busch bewegen. Es war Brands Stimme. Ich beugte
mich hinunter und sah, daß es kein Busch war,
sondern Kiefernäste über einem Loch, Darunter war
das Maschinengewehr versteckt.
„Wo sind die andern?“ fragte ich.
„Hier unten. — Wir haben das Loch unten eckig
geschanzt und uns Sitze gemacht mit Holz aus der
verlassenen Batterie oben."
Ich tappte weiter. Bei Weickert war das Loch
oben etwas erweitert, aber unverdeckt. Unten hat­
ten sie eine Zeltbahn gespannt, daß es bei Tage
aussehen sollte, als wäre die dunkle Zeltbahn ein
Schatten des Lochs.
Unterdessen wurde der Himmel blaß. Ich stieg
nach der Batterie hinauf, die von der Schlucht wie
ein befestigter Berg aussah.
Unser Unterstand hatte zwei Ausgänge, einen
nach dem Weißen Berg, in den ich mich zu Israel
und Hartenstein setzte. Beide waren mir recht lieb
geworden, besonders der muntere Israel. Er aß
Brot und schnitt mir auch etwas ab. Der Weiße
Berg leuchtete bläulich wie von innen heraus. Die
Waldstücke waren noch schwarz,
„Sieht nicht der Berg aus wie ein Kamel?“
sagte Israel.
„Du meinst wohl ein Dromedar," meinte Har­
tenstein. „Er hat doch zwei Höcker."
„Hast du mal ein Dromedar gesehen?" fragte
Israel nach einer Weile,
„Ja, in Hamburg."
„Du bist weit herumgekommen?"
Hartenstein machte eine Bewegung mit der

,9‘ 291
Hand, zu schweigen. Ein Fink hatte angefangen zu
singen. Er mußte in der Birke sitzen, die fünf
Schritt hinter dem Unterstand vor schwarzen Fich­
ten stand,
Israel warf ein paar Brotkrumen unter den Baum.
Der Fink sang.
Hartenstein warf ein kleines Stück Konserven­
wurst hin. Ich betrachtete die Birke. Sie hatte an
den Spitzen schon ein klein wenig Grün. — Aber
konnten die Posten auch bei Tage abgelöst werden,
ohne gesehen zu werden? Ich stieg in den Unter­
stand. Von dort führte ein schmaler Gang in den
nächsten Raum, und von dort ging der zweite Aus­
gang nach hinten. Da stieg ich hinaus. Hier war ich
gegen den Weißen Berg gedeckt. Die Geschützein­
schnitte waren eng und dicht beisammen. Der
Posten ragte nur mit dem Kopf heraus und konnte
nach rechts und vorn sehen, wo ein dunkler Wald
die ansteigende Wiese begrenzte. Aber der runde
Stahlhelm hob sich deutlich ab. Vielleicht wäre es
gut, ihn mit Kreide zu beschmieren? Aber hinter
uns der dunkle Wald. Dagegen müßte man ihn dann
erst recht sehen. Ich nahm einen abgeschossenen
Birkenzweig und wand ihn um seinen Helm. Der
Posten lachte. Aber die auffallende, runde Form
des Helms war ziemlich verdeckt.
Die Maschinengewehrposten im nächsten Ein­
schnitt standen zu hoch. Ich stellte sie tiefer und
ließ die Maschinengewehre mit Geäst bedecken,
ohne erst Schatz zu fragen. An der Birke waren
die hingeworfenen Brotkrumen verschwunden.
Wir legten uns schlafen. In mir war eine kleine
Sehnsucht, aber eine ganz stille. Wenn die Fran­

292
zosen erst angegriffen haben, dann werden wir
wohl abgelöst,

IX
Ich schlief noch nicht eine Stunde, als ich ge­
weckt wurde: „Herr Major und Herr Leutnant sind
draußen."
Der Major wollte nur die neue Aufstellung
sehen und ordnete an, daß in der Nacht Horch­
posten vorgeschoben würden. Sie blieben nicht
lange da.
Die Läuse juckten mich wieder. Ich lauste und
legte mich dann. Gegen zehn Uhr weckte mich
Israel: „Unten in der Schlucht scheint einer ver­
wundet zu sein."
Ich ging nach dem rechten Ausgang und hörte
einen winseln. Aber was sollte ich tun? Man durfte
ja bei Tage nicht hinunter.
Auf dem Weißen Berg und an dem großen Gra­
ben hinter uns wuchsen wieder die Granatwolken
wie die Bäume.
Ich ging zum nächsten Posten vor und sagte
ihm, er sollte scharf nach dem linken Hang des
Weißen Bergs beobachten und sofort melden, wenn
er etwas sähe.
„Kann ich nicht ein Fernglas bekommen?“
fragte er,
„Ich werde um eins bitten."
Ich ging am Steilhang nach links.
S—krämm! fuhr es dicht über mich weg in den
Grund. Hier war der Wald noch ziemlich erhalten.
Rechts war eine Latrine mit schiefgeschossenem
Dach. Ich ging dahin und setzte mich. Ich hatte

293
kein Papier mehr außer Briefbogen und sah mich
um, ob nicht etwas Geeignetes herumläge. Da sah
ich rechts einen nackten Fuß, der aus einem Schutt­
haufen ragte. Er sah gelblich aus.
S—parr! Sehr—kräpp!
Ich lief weiter. Der Wald wurde dünner. Hier
waren rechts die Löcher im Steilhang mit Decken,
Tornistern und Gasmasken. Links neben einem
hohen Schutthaufen sah ich einen Kopf mit Stahl­
helm, Der Posten sah mich erstaunt an.
„Wo liegt Herr Leutnant?“
„Hierl“
Ich sprang neben ihn in einen engen Gang. Da
war eine Treppe.
Ramms!
Unten flüsterte einer im Dunkeln:
„Sei leise, Herr Leutnant schläft!"
Allmählich gewöhnte ich mich an das Dämmer­
licht.
„Sag Herrn Leutnant, wenn er aufwacht, wir
hätten gern ein Fernglas, und einer in der Schlucht
scheint verwundet zu sein.“
Draußen krachte es ununterbrochen. Ich setzte
mich, um ein Nachlassen des Feuers abzuwarten.
Aber ich hatte keine Ruhe. Ich hatte niemand ge­
sagt, wo ich hingegangen war. Ich rannte hinaus,
beim Posten aus dem Gang, und den Hang entlang.
Hier war es stiller. Ich ging langsam weiter. An
einer Stelle waren ein paar Drähte gespannt. Ich
stieg vorsichtig durch und sah am Boden eine Hand
'! liegen. Sie lag schwarz und wie aus Leder ausge-
I streckt am Boden. Kleine, tiefschwarze Käfer be­
wegten sich darauf. Ich beugte mich nieder: viel­

294
leicht kannte ich die Hand? Nein, sie war mir
fremd.
Vor meinem Unterstand traf ich den einen
Gewehrführer von Schatz, Er schien mich zu er­
warten,
„Kannst du uns nicht die Lage hier mal sagen?
Schatz sagt uns nichts. Und wem unterstehen wir
hier eigentlich?"
„Wenn es drauf ankommt, mir!“
„Du, besprich doch alles mit uns! Der Schatz
hat ja keine Ahnung vom Maschinengewehr. Er ist
erst kürzlich aus der Etappe gekommen, und unser
Kompanieführer scheint nicht zu wissen, was das
für ein Kerl ist.“
„Ich will euch gern über alles unterrichten. Aber
dazu müßt ihr zu mir kommen. Ich kann euch nicht
von Schatz holen, weil er dienstälter ist als ich.“
„Ach, dienstälter! Er ist faul und feige! Wir
wollen einen ordentlichen Führer haben, das sagen
alle!“
Ich legte mich wieder schlafen. Aber bald
kamen die beiden Gewehrführer. Ich stand wieder
auf. Wenn nur die Franzosen bald angriffen, daß
wir abgelöst würden! Das war doch auf die Dauer
nicht auszuhalten,
In der Abenddämmerung begannen unsere Ge­
schütze zu bellen. Ich ging mit den Horchposten vor
auf die Wiese, Der Mond schien. Die Granattrichter
hatten tiefe Schatten. In einem der Trichter lag
einer mit Stahlhelm, das Gewehr im Anschlag nach
vorn.
„Ist denn schon ein Horchposten vorgeschoben?"
flüsterte ich.

295
„Nein."
Wir gingen nah hin. Der Mann war tot.
Ein Stück weiter saßen zwei in einem Trichter
an die Wand gelehnt, auch tot.
Ich legte die Horchposten in Trichter und ging
nach der Schlucht.
Brand stand neben seinem Loch und zitterte
leise am ganzen Körper.
„Was ist denn mit dir?"
„Ich weiß nicht. Es ist schon seit ein paar
Tagen so."
„Ist hier jemand verwundet?"
„Im nächsten Loch, zwei. Die sind schon hinter."
Ich kam zu Weickert. Er saß in seinem Loch
oben und sah mich mit entsetzten Augen an,
„Werden wir nicht bald abgelöst? Ich habe den
ganzen Tag hier gesessen und nicht schlafen
können."
„Willst du für den Tag was zu lesen haben?“
„Nein, ich habe die Psalmen. Etwas anderes
kann ich nicht lesen."
Ich konnte nichts sagen. Wie hatte sich der ver­
ändert! Seine Augäpfel standen weiß im Gesicht.
„Wir müssen Horchposten aufstellen!" sagte ich.
Er stieg aus dem Loch und holte zwei Mann,
Wir gingen vorsichtig in der Schlucht vor. Sie hob
sich etwas und bog leicht nach rechts. Rechts lag
ein unheimlich schwarzer Wald. Ich legte die Posten
in zwei Trichter dicht nebeneinander und ging mit
Israel und Weickert noch weiter, um zu sehen, was
vor uns war.
Mehrere Leichen lagen am Boden.
Die Schlucht wurde noch düsterer.

296
Hier lagen noch mehr Tote.
Links standen drei niedrige Holzbuden. Ich
schickte Israel hinein und beobachtete nach vorn
und dem dunklen Wald, der nur wenige Schritte
von uns entfernt stand. Es stank ringsum.
„Es sind lauter Leichen drin," flüsterte Israel.
„Habt ihr Mut, noch weiter mitzugehen?"
„Ja," flüsterte Israel.
Ganz langsam gingen wir, das Gewehr bereit.
Vorn lichtete es sich. Rechts stieg es zu einer
Kuppe an. Die war mir nicht recht geheuer. Ich
sah mich nach Weickert um. Er hatte nur eine
Leuchtpistole.
„Geh zurückl“ flüsterte ich.
Wir beiden zogen uns vorsichtig im linken
Waldrand nach der Lichtung. Vor uns hob sich eine
Wiese im Mondschein mit einigen weißen Trichtern.
„Dort!" flüsterte Israel und deutete vorsichtig.
Ich sah zwei weiße Streifen vielleicht vier­
hundert Meter vor uns, die sich rechts nach uns
zu bogen. Das mußten die französischen Gräben
sein.
„Wenn die so schräg zu uns liegen," sagte ich,
„dann werden hier links oben keine Franzosen sein.
Wir kehren jetzt in einem Bogen nach links
zurück.“
Wir stiegen links im Walde empor. Es war ein
dichtes Astgewirr. Zweige knackten. Es ließ sich
nicht vermeiden.
Wir kamen in Draht,
„Halt, wer da!“ schrie es von oben.
„Patrouille Renn!" schrie ich. Es war mir sehr

297
unheimlich. Ich kannte die Stimme nicht. Aber ich
ging ganz langsam weiter.
„Wer ist das?“ schrie es von oben.
„Renn!“ schrie ich, „von der dritten Kompanie!"
„Daß die uns nur nicht Handgranaten auf den
Kopf schmeißen!" flüsterte Israel.
Wer ist nur hier so weit vorn? dachte ich. Ein
Deutscher muß es sein. Ich bog die Aeste ausein­
ander. Ein steiler Schuttkegel. Oben stand einer,
die Handgranate in der Hand.
„Immer herankommen lassen!“ flüsterte eine
andere Stimme,
„Herr Feldwebel Treptel" sagte ich laut.
Ein zweiter trat oben an den Rand.
„Ach, Renn? Kommen Sie nur herauf!"
Oben traf ich etwa zwölf Mann. Trepte gab mir
die Hand: „Das hätte bald ein Unglück gegeben!
Liegen Sie denn da unten?“
„Nein, in dieser Richtung. — Aber wie kommen
Herr Feldwebel hierher?"
„Ich werde jetzt jede Nacht hier vorn in den
Unterständen liegen als Falle für französische
Patrouillen. Es sind nämlich Anzeichen da, daß die
manchmal hierherkommen."
Ich sah mich um. Es war wieder eine ehemalige
Batteriestellung, Die Geschütze waren noch da,
lange und hohe Kanonen,
Wir wendeten uns zurück und traten aus dem
hohen Walde auf eine fallende Wiese. Der Mond
stand schon tief und machte noch schwärzere Schat­
ten in den großen Trichtern am Boden. Da lag wie­
der ein Toter und stank. Aber die Gegend kam mir
merkwürdig unbekannt vor. Hier mußten unsere

298
Horchposten liegen. Wir gingen langsam und sahen
in jeden Trichter.
„Da liegt einer unserer Posten," flüsterte ich.
Wir gingen auf den Trichter zu, in dem er lag.
„Vor uns im Walde liegt der Zug Trepte," sagte
ich dem Posten.
Er antwortete nicht. Ich beugte mich nieder. Er
stank.
Wir fanden die Horchposten etwas weiter rechts.
Ich ging in den Unterstand und zeichnete eine
Skizze mit. den Ergebnissen unserer Erkundung.
Die Schlucht rechts, in der Weickert lag, nannte
ich die Leichenschlucht und die Buden weiter vorn
die Leichenbuden, Da fiel mir ein, daß Weickerts
Leute es vielleicht als eine Vorbedeutung ansehen
würden, wenn sie in der Leichenschlucht lägen. Ich
strich das Wort aus und nannte sie nach unserm
Fink die Finkenschlucht.
Weickert kam herein.
„Mir ist was passiert. Als ich von vorn zurück­
kam, nur mit der Leuchtpistole, und zu den Leichen
komme, sehe ich auf einmal, wie sich einer dort
erhebt. Ich bleibe stehen. Er schleicht vorsichtig
nach dem Wald hinüber und verschwindet nach
den Franzosen zu."
„War er bewaffnet?"
„Wie's schien, nicht.“
„Weshalb hast du ihm nicht eine Leuchtkugel
aufgebrannt?"
„Ich habe schon dran gedacht. Aber ich dachte,
der wird nicht allein sein."

299
X
Bei Morgengrauen begann es leise zu regnen.
Wir warfen dem Finken Brotkrumen hin. Eine
Amsel war auch gekommen. Ich war traurig. Meine
armen Leute in den Löchern ohne Dach über sich!
Dazu war es kalt.
Der Tag war bei uns ruhig. Nur auf dem Weißen
Berge wuchtete es, der wurde täglich kahler. Das
wenige Grün an den Hängen verschwand auch noch.
Ich schlief ein paar Stunden ungestört.
Am folgenden Tage regnete es wieder in der
Dämmerung, Dann kam die Sonne, aber auch fran­
zösische Artillerieflieger. Nach der Batterie im
Grunde, in der wir früher gelegen hatten, schoß es
heftig, ebenso in den Grund hinter uns und auf den
großen weißen Graben hinten bis zum Weißen Berg.
Ein Läufer kam:
„Herr Leutnant läßt fragen, wie es hier steht.
Auf dem linken Teil des Regimentsabschnitts liegt
schwerer Beschuß. Bei der zehnten Kompanie sind
zwei Offiziere verwundet."
„Hier ist es ruhig."
Mich plagten die Läuse. Ich wollte wachen und
nahm den Simplicius Simplicissimus vor. Aber ich
buchstabierte nur und verstand nichts. Ich dachte
an die Leute unten in der Schlucht. In einem Loch
waren nur noch zwei, und die mußten immer ab­
wechselnd wachen, und während des Essenholens
war gar nur einer da. Und sie klagten nicht einmal.
Das Buch quälte mich. Ich machte es zu und
legte mich auf die Pritsche. Ich wollte nicht schlafen.

300
„Vor Zug Langenohl greifen sie an! Sie sind
aber abgeschlagen. Herr Leutnant kommt mit Zug
Trepte hierher.“
Ich sprang auf,
„Alles fertigmachen und besetzen!"
Ich ergriff Gewehr und Gasmaske und stürzte
hinaus.
Der Weiße Berg war eine Staubwolke.
„Alles alarmieren und besetzen!“ schrie ich in
die Unterstände hinein.
Ich rannte zu den Maschinengewehren.
Links aus dem Walde stiegen rote Leuchtkugeln.
Vorn war nichts zu sehen.
Unsere Artillerie bellte und grunzte hinter den
Höhen vor.
Wir gingen in die Unterstände.
Alle schwatzten durcheinander,
Wieder kam ein Läufer: „Herr Leutnant läßt
sagen, daß die Franzosen links in die Gräben ein­
gedrungen, aber im Gegenstoß überall wieder hin­
ausgeworfen sind. Von der Nachbardivision fehlt
jede Nachricht. Es soll sofort nach Dunkelwerden
Verbindung dahin aufgenommen werden!“
Am Abend machte ich mich mit Israel auf den
Weg. Es war leicht neblig, dabei aber hell. Ich
wollte den Graben, der von der Nachbarfeldwache
nach vorn führte, in Höhe unsrer Postierung erkun­
den. Wir gingen durch die Schlucht und drüben, wo
es eben war, durch einen Streifen Birken,
„Von hier ab Vorsicht!" flüsterte ich Israel zu.
„Es sollte mich doch wundern, wenn sich nicht die
Franzosen heute beim Angriff in dem Graben so­
weit wie möglich vorgeschoben hätten!"

301
Wir schlichen Schritt für Schritt, die Augen
vorn.
Der Graben lief nur zwanzig Schritt vom Birken­
streifen. Nichts regte sich.
Wir kamen an den Graben und sahen hinein.
An der Grabenwand lehnten Gewehre, deutsche
Gewehre an die zwanzig Stück. Ist eine Feldwache
in der Nähe? Weshalb stellt sie dann ihre Gewehre
hierher?
Ich zog Israel etwas abseits.
„Das ist mir verdächtig. — Ich kann allerdings
nicht sagen, warum, — Geh du hier in den Birken
entlang. Ich gehe am Graben."
„Ich gehe mit dir," flüsterte er.
Ich fühlte mich unsicher werden.
„Nein," sagte ich aber, „du nützt mir hier nichts.
Geh drüben!"
Er gehorchte.
Ich schlich am Graben entlang und wie vor
dauerndem Schrecken. Wenn mich mein Gefühl
warnt? Nein, das ist jämmerlich.
Es war zu neblig, um den weißen Graben hinten
zu sehen. Der mußte aber in unsrer Hand sein; sonst
hätte Lamm etwas erfahren und es mir mitgeteilt.
Der Birkenstreifen war zu Ende. Israel kam zu
mir herüber. Er schien auch unruhig zu sein.
Wir näherten uns der Stelle, wo die Feldwache
liegen mußte. Dort war niemand. Nur ein Tornister
lag im Graben und einige Handgranaten.
Wir kamen an die Stelle, wo die Feldwache vor­
her gelegen hatte. Dort war gar nichts.
Wir kamen an den weißen Graben.

302
„Wir gehen erst mal zum nächsten Posten unse­
res Regiments."
Der Posten dort sagte, die Nachbardivision läge
nach wie vor in dem Graben, Nicht fünfzig Meter
von hier würden wir den nächsten Zugführer treffen.
Wir gingen im Graben dahin.
Ein Vizefeldwebel mit zwei ?4ann begegnete mir,
„Als Verbindungspatrouille!“ meldete ich, „Wis­
sen Herr Feldwebel, wo die Feldwache jetzt steht,
die hier links vorn lag?“
Er sah mich mißtrauisch an: „Von wo kommen
Sie?“
„Von dort, wo sie früher stand."
„Und ist sie nicht mehr da?“ fragte er bestürzt.
„Nein, wir haben nur Gewehre gefunden.“
„Haben Sie Zeit, mir das zu zeigen?"
„Jawohl, Herr Feldwebel."
Er ging hastig voraus. Wir kamen zu der Stelle,
wo der Tornister und die Handgranaten lagen. Er
sah stumm umher.
„Wo sind die Gewehre?”
„Weiter vorn, Herr Feldwebel."
Er ging finster vorwärts. An den Gewehren blieb
er stehen und wendete sich plötzlich an seine Leute:
„Nehmen Sie so viel Gewehre, wie jeder tragen
kann! Ich komme nach!"
Er betrachtete stumm, wie sie mit den Ge­
wehren abzogen.
„Wohin gehen Sie jetzt?“ fragte er.
„Dorthin." Ich zeigte nach links vorn,
„Was wollen Sie denn dort?"
„Dort liegt mein Zug."
„Ach, Sie sind Zugführer? — Dann kann man ja

303
ein offenes Wort reden. — Ist der Mann sicher?"
Er sah mißtrauisch auf Israel,
„Unbedingt sicher, Herr Feldwebel." Ich ver­
stand den Sinn der Frage nicht.
Er stieg aus dem Graben und kam ein Stück
mit uns.
„Sie müssen mir mein Mißtrauen entschuldigen.
Ich bin Ostpreuße. Aber meine Leute sind meist
Elsässer. Wissen Sie, was die Gewehre bedeuten?
Die Hunde sind übergelaufen!" Er spuckte aus. „Das
kann einer gar nicht verstehen, der's nicht kennt,
wenn man seinen eigenen Leuten nicht trauen kann!
Die beiden, die ich mit den Gewehren fortgeschickt
habe, sind auch von der Bande! — Ich würde am
liebsten auch überlaufen! — Aber nicht zu den
Franzosen, sondern zu Ihnen. — Wenn ich jetzt zu
meinem Kompanieführer komme, muß ich ihm sagen:
mein Zug ist fort! — Wohin denn? Ach, Kotz!“
Er spuckte wieder, hatte aber nichts mehr zum
Spucken, „Gott erhalte Deutschland!" Er wandte
sich um und ging mit großen Schritten zurück.
Seit der Dämmerung schoß unsre Artillerie leb­
haft. Der Wind stand von vorn. Wir gingen diesmal
von hinten in die Schlucht. Es roch immer stärker.
„Das muß doch unser eigenes Gas sein?“ meinte
Israel.
Weickert und seine Leute traf ich mit aufge­
setzten Gasmasken, wie die Affen anzusehen.
Oben in der Batterie roch es nur wenig.
Lamm wartete schon auf mich. Meine Meldung
von den Ueberläufern schien ihn zu beunruhigen.
„Ich habe dir auch eine unangenehme Mitteilung

304
zu machen. Gegen Morgen soll Ersatz hier vorn
eintreffen."
„Weshalb ist das unangenehm?"
„Nu, erstens ist es recht mißlich, in einer Trich-
terstellung Ersatz einzureihen. Denke dir nur, die
Leute kommen heraus, hören in der Dunkelheit nur
ein paar Stimmen und werden in ein Loch gestopft.
Und ich gar, — sehe sie nicht und höre sie nicht.
Da ist doch gar kein Verhältnis da. — Und zwei­
tens: wenn wir in absehbarer Zeit abgelöst würden,
würde man mit der Einreihung warten, bis wir hin­
ter kommen. Verstehst du's nun?"
Ich sagte niemand davon, auch nicht den Grup­
penführern.
Unsre Artillerie hatte aufgehört zu schießen.
Trotzdem war der Gasgeruch noch recht stark.
Der Zug Trepte schickte einen Mann: vor einer
halben Stunde hätte eine französische Patrouille
Handgranaten in die Batterie vor uns geworfen.
Die Essenholer kamen ohne Wolf, Der war unter­
wegs leicht verwundet worden.
„Wer wird denn jetzt zweiter Läufer?" fragte
Israel.
„Ich will mir's überlegen."
Ich wollte vielleicht einen vom Ersatz nehmen.
Es wurde allmählich hell.
Ein Läufer kam: „Du möchtest mal zu Herrn
Leutnant kommen."
Unterwegs sagte er mir: „Der Ersatz ist da. Das
ist aber 'ne Bandel Ein Drittel scheint sich unter­
wegs verdrückt zu haben. Und die übrigen!"
Ich traf Lamm vor seinem Unterstand mit einem
Renn Krieg 20
305
ältlichen Vizefeldwebel, der die Lippen hängen ließ,
und etwa zwanzig Mann.
„Der Ersatz ist jetzt erst gekommen," sagte
Lamm übellaunig. „Jetzt kann ich niemand mehr
vor in die Löcher schicken. Diese hier habe ich
nicht in den Unterständen hier unterbringen kön­
nen. Wieviel haben bei dir noch Platz?"
Jetzt übernimmt der Vizefeldwebel meinen Zug,
dachte ich. Und der Mensch kann doch nichts. Das
sieht man ja.
„Sie müssen eben bei mir unterkommen." Ich
hatte keine Kraft mehr zu fragen, wie die neue
Zugseinteilung würde.
Lamm ermunterte sich: „Dann bekommst du
auch alle zu deinem Zuge. Der Vizefeldwebel Sand­
korn wird dir nur zur Verpflegung und Unterbrin­
gung zugeteilt. Ich nehme in Aussicht, ihn später
an anderer Stelle zu verwenden, wenn er einmal
die Verhältnisse kennengelernt hat, vielleicht als
Grabenfeldwebel."
Ich sah Lamm an und fühlte mich klein.
„Darf ich gleich hier einteilen?" lachte ich. „Bei
mir geht's nicht gut."
„Mach’s, wie du denkst," lächelte Lamm. Er
hatte wohl gemerkt, was in mir vorgegangen war.
„Ist hier jemand am leichten oder schweren
Maschinengewehr ausgebildet?"
Drei traten vor.
„War jemand sonst noch in einer besonderen
Stellung?“
Da trat ein Mensch vor, klein und übermäßig
breit und sagte mit ganz langsamer, weinerlicher
Stimme: „Gefreiter Funke, ich war zwei Jahre

306
Ordonnanz beim Kompanieführer," Dazu strahlte er
mich aus einem breiten, schmutzigen Gesicht an,
und ein Tropfen hing ihm von der Nase, Er wischte
ihn mit dem Handrücken weg. Ich wollte nicht, aber
ich mußte lachen, und alle lachten ringsum. Er
lächelte noch mehr. Er schien unser Lachen nur als
Freundlichkeit zu empfinden. Ich überlegte: Er ist
mindestens vierzig Jahre und muß doch auch tüch­
tig sein, daß er so lange beim Kompanieführer war.
„Sie werden Läufer bei mir."

XI
Nachmittags saß ich mit Israel und Hartenstein
im Ausgang nach dem Weißen Berg. Nur in der
Ferne schoß es irgendwo. Vielleicht waren das die
letzten Kämpfe dieser Offensive gewesen?
Wir warfen unsern Vögeln Brocken hin. Es war
trocken und staubig. Die jungen Birkenblättchen
sahen grau aus. Ueber den Weißen Berg kam eine
große Wolke gesegelt wie ein grauer Sonnenschirm
und ließ dicke Tropfen in den Staub fallen.
Hartenstein beobachtete das alles schweigend
mit ein paar dunklen Falten über der Nase. Israel
zog die Stirn quer in Falten:
„Die neuen Leute haben dich gern, Renn."
„Sie kennen mich noch gar nicht.“
„Doch, weil du den Vater Funke zu deinem
Läufer gemacht hast."
Jemand kam die Treppe herauf,
„Guten Tag, Renn." Lamm setzte sich zu uns. Er
sah blaß, aber munter aus.
„Du mußt mir mal genau zeigen, wie es auf dem
Weißen Berg steht. Ich hatte nämlich gemeldet, die
20"
307
Franzosen säßen oben. Diese Meldung ist an die
Division dort gegangen und die schreibt, meine
Meldung stimme nicht; sie hätten den Berg ganz."
„Das ist nicht wahr! Siehst du den Graben
zwischen den beiden Kuppen? — Es ist nur eine
flache Rinne. — Das ist der vorderste französische
Graben."
„Ja, so hab ich's auch beobachtet."
„Wie können sie denn da sagen, sie hätten den
Berg ganz? Das ist doch einfach gelogen. Unsre
Artillerie schießt doch auch immer auf die linke
Kuppe."
Lamm sah nachdenklich hinüber.
„Du hast wohl nie darüber nachgedacht, wie so
eine Meldung zustande kommt? Hinten bei den
höheren Stäben wissen sie doch nicht, wie's vorn
steht.“
„Schicken sie denn niemand vor?"
„Hast du schon jemand bei uns gesehen? — Und
was würde es ihnen auch nützen? Denke dir doch,
hier käme einer her. Es wären für ihn alles nur
Waldstücke und Gründe. Und wenn wir ihm etwas
nicht zeigen wollten, dann würden wir sagen: dort
ist's gefährlich, oder: dort kann man bei Tage
nicht hin."
„Aber die Truppen müssen doch richtig melden,
wie's vorn steht!"
„Das tun sie aber nicht.“
„Das versteh ich nicht."
„Denke dir doch mal, die Truppen dort oben
hätten gemeldet, sie hätten nur die eine Kuppe.
Sofort würde von hinten befohlen, die andre auch
zu nehmen. Das wäre aber Wahnsinn, weil sich dort

308
niemand halten kann, weil die französische Artille­
rie in die Gräben hineinschießen kann wie in die
Fleischmulden."
„Das will ich nicht verstehen!"
„Es wird dir nichts nützen. Es ist doch so."
„War das 1914 auch schon so?“
„Sicher nicht. Damals war noch keine Feind­
schaft zwischen Front und hinten."
„Aber wer ist schuld an der Feindschaft?"
„Beide. Die hinten verstanden die Truppe nicht
mehr, als es zum Stellungskrieg kam, und die Truppe
glaubte alles besser zu wissen und wollte nicht
mehr gehorchen, weil sie es ist, die die Opfer
bringt."
Er ging fort.
Diesen Tag und den folgenden war ich düsterer
Stimmung. Ich wollte nicht sehen, was er gesagt
hatte. Ich fürchtete mich, einzugestehen, daß das
Auflösungszeichen waren.

XII
Es schoß wenig. Aber ich hatte wieder Verluste
unten in der Schlucht. Das leichte Maschinengewehr
dort bekam einen Splitter in den Mantel, so daß das
Wasser ausfloß. Es mußte zur Reparatur hinterge­
schickt werden. Weickert war abgemagert und sah
aus wie ein Schwindsüchtiger. Brand zitterte immer­
fort und hatte ganz helle Augen bekommen, aber er
sagte nichts. Ich hatte den Jungen sehr lieb ge­
wonnen.
Eines Nachts kam Lamm und fragte schroff: „Wo
liegt Brand?"
„Unten in der Schlucht."

309
„Führe mich hin!"
Der Mond schien hell. Ich ging voraus. Was
hatte er nur mit Brand? Was sollte ich Lamm sagen,
wenn er etwas gegen ihn hätte? Lamm schien
wütend zu sein.
„Hier!" flüsterte ich.
Man sah nur einen Stahlhelm im Astgewirr.
„Sind Sie Brand?“
„Nein, Herr Leutnant. — Emil, komm mal rauf!
Herr Leutnant will dich sprechen."
Ein Rumoren unten. Ein bloßer Kopf tauchte
aus den Aesten auf und band sich hastig die Hals­
binde um.
„Im Namen Seiner Majestät des Kaisers hat
Ihnen der Kommandierende General das Eiserne
Kreuz verliehen. Sie haben es redlich verdient."
Lamm reichte seine Hand hinunter, Brand ergriff
sie zaghaft und ließ sie wieder los.
„Nehmen Sie nur auch das Eiserne Kreuz,"
lachte Lamm. Brand griff danach.
Die andern im Loch wünschten ihm ungestüm
Glück.
„Ruhe! Ruhe!" lachte Lamm. „Ihr weckt ja die
Franzosen drüben!"
Lamm nahm mich beiseite: „Jetzt zum nächsten.
— Wie ich mit meinem Spruch anfing, mitten in
die Halsbinde hinein, da dachte ich, ich hätte was
sehr Dummes gemacht."
„Das vergessen dir die Leute nie, daß du ihnen
das Eiserne Kreuz hier ins Loch gebracht hast!" —
Am Morgen war es neblig. Ich ging am Hang
entlang.

310
In meiner Batterie sah ich Sendig auf seiner
Treppe sitzen und einen Brief schreiben.
„Du!“ sagte ich und setzte mich auf die oberste
Stufe. „Du mußt heute abend den —"
Kramm!
Es gellte mir in den Ohren. Holzsplitter flogen
umher. Die Granate war dicht über meinem Kopfe
detoniert. Sendig polterte hinunter. Ich rutschte ihm
nach. Er sah nach mir herauf.
„Du mußt heute abend —"
„Höre mal," unterbrach mich Sendig, „weißt du
eigentlich, daß du für unverwundbar giltst? Jetzt
glaub ich’s wirklich auch. Hat es dir wirklich nichts
getan?"
„Nein," ich sah an mir hinunter, „Doch, den
Schaft meines Gewehres hat es aufgeschlitzt."
Sendig schüttelte den Kopf: „Das ist unerhörtl
Das ist unerhört!"
„Jetzt laß mich mal endlich weiterreden! Also,
du löst heute abend den Weickert und sein Maschi­
nengewehr ab. Du hast’s besser, als er's gehabt hat,
denn jetzt ist einigermaßen warmes Wetter, und die
Trichter sind eingerichtet."
„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich
mach's gern."
In meinem Unterstand legte ich mich aufs Lager,
Von der Granatdetonation sauste der Unterstand
um mich wie eine Muschel. Ich gähnte und dabei
sauste es noch mehr. Ich lag und wollte schlafen.
Die Läuse plagten mich. Ich empfand es stärker als
sonst. Jetzt geht es auch mit meiner Kraft zu Ende.
Drei Wochen hier vorn, in der Nacht umhergelaufen
und am Morgen stündlich aufgestört.

311
Ich lag überwach. Zu Mittag stand ich auf, um
etwas zu essen. Aber ich hatte keinen Hunger.
„Was ist denn mit deinem Gewehr?“ fragte
Israel.
„Ach, nichts! Wir müssen ein neues suchen.
Draußen liegen noch welche herum.“
„Aber wie ist denn das gekommen?"
„Ach, laß mich dochl“
Ich legte mich wieder auf das Lager.
Funke hatte sich eine Zigarre angebrannt — er
pflegte sie am Mundstück zu zerkauen — und er­
zählte:
„Mein Kompanieführer damals sagte immer: man
soll sich nicht unnötig in Gefahr begeben. Aber
wenn's drauf ankam, da war er da, und da konnte's
schießen, wie's wollte. Das war eben ein feiner
Mann. Und wie er mit unsereinem umgehen konnte!
Nu, ich bin doch Tischler, und das war 'n vornehmer
Mann — allerdings nicht von Adel — aber ’n vor­
nehmer Mann------ "
Ich hörte das alles und das langweilte mich quä­
lend, und doch mußte ich ihn gern haben wegen
seiner Herzensgüte. Schließlich schlief ich halb ein.
Von oben schrie es: „Die Franzosen stellen sich
am Weißen Berg bereit!“
Ich fuhr in die Höhe und hatte einen heftigen
Schmerz auf der Brust.
„Alles bereitmachen, aber unten bleiben! Israel,
zu Herrn Leutnant, melden!"
Ich hängte mir die Gasmaske um und stolperte
die Treppe hinauf, die zum Weißen Berg führte. Es
schmerzte mich zu atmen.

312
Ich sah nichts am Weißen Berg als Dunst, durch
den die Sonne blendete.
S—krammf — S—kramm! fuhr es über uns weg
in den Grund. Einzelne Gewehrschüsse drüben.
Maschinengewehre setzten ein und ratterten. Mir
schien es, als ob sie hierher schössen. Auf dem
deutschen Abhang des Berges stiegen ununter­
brochen Granatwolken hoch.
Es peitschte so von den Maschinengewehren,
daß man außer ihnen nichts mehr hören konnte.
Ich mußte mir bei dem Schrecken des Alarms
etwas an der Brust gedehnt haben.
Jemand kam gerannt. Israel reichte mir das
Kompaniebefehlsbuch.
„Komm herein!" schrie ich. „Was läufst du jetzt
mit dem Befehlsbuch herum!"
„Ach, das bißchen Schießen!" lachte er.
Ramm! Ramm! in die Schlucht.
Zwei kamen gerannt. Lamm mit einem Läufer
fuhr in unsre Treppe.
„Was gibt's hier?" schrie er mir ins Ohr.
„Nichts bei uns!" brüllte ich zurück.
Das Maschinengewehrfeuer ließ allmählich nach.
Schwere Geschosse rauschten über uns weg nach
dem weißen Graben hinter uns und der Höhe
darüber. Unsre Artillerie bellte und spuckte.
Dann ließ auch das nach, und es wurde sehr
still.
Gegen Abend kam Sendig: „Können nicht die
andern Gruppen heute für uns Essen holen, damit
wir gleich mit allen Leuten in der Schlucht ablösen
können?"
Ich bestimmte, daß Hartenstein mehr Leute

313
hinterschickte, und ließ auch Funke und Israel,
beide hinuntergehen.
Ich ging, sobald es dunkel war, hinaus und in
die Schlucht. Weickert kam mir aufgeregt entgegen,
„Ich habe wieder drei Mann verloren, darunter
zwei tot! Ich kann nicht mehr alle Löcher besetzen!”
„Sendig löst dich ab. Da kommen schon die
ersten Leute."
Vom jenseitigen Schluchthang kam jemand her­
unter. Wer war das? Ich ging ihm entgegen. Es war
ein Leutnant.
Ich meldete. Er grüßte höflich,
„Ich bin der Führer der Kompanie, die rechts
an Sie anschließt. Wir haben gestern die Stellung
bezogen. Ihre Kompanie hat gemeldet, daß wir zu
weit hinten lägen. Deshalb werden wir uns hier
vorn neben Ihnen eingraben. Ich hoffe auf gute
Nachbarschaft und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie
mir zeigten, wie wir's am besten machen; denn Sie
kennen die Verhältnisse besser.“
Wir stiegen den jenseitigen Hang hinauf. Oben
lagen seine Leute wie auf dem Exerzierplatz aus­
geschwärmt, das Gewehr im Anschlag. Um Gottes
willen! dachte ich. Die sind wohl noch nie im Krieg
gewesen!
Ich zeigte ihm, wie wir die Trichter einrichten,
nicht in gerader Linie, sondern möglichst unregel­
mäßig.
„Das darf ich nicht,“ sagte er. „Mein Bataillons­
kommandeur hat mir strengste Anweisung gegeben,
wie ich es machen soll.“
Ich war damit auch zufrieden; denn in diesem

314
Regiment schienen energische Führer zu sein. Man
ließ mir vielleicht etwas zu viel Freiheit,
Lamm kam gegangen und begrüßte den Leut­
nant: „Es ist das erstemal, daß die Nachbardivision
Verbindung mit uns aufnimmt!"
„Wie ist das möglich?" fragte der Leutnant,
„Es ist so."
„Sie sollen über uns nicht zu klagen haben.“
Wir gingen zurück.
„Ich habe dir etwas mitzuteilen," sagte Lamm
ernst.
Habe ich wieder etwas versäumt? dachte ich.
Er blieb stehen. Es war dunkel.
„Du bist wegen Auszeichnung vorm Feinde zum
Vizefeldwebel befördert. — Hier habe ich dir mein
Portepee mitgebracht und ein paar Knöpfe, — es
sind freilich nur Gefreitenknöpfe."
Ich wollte ihm danken, — aber war denn das
nicht zuviel? Ich hatte doch die Stellung hier, die
wichtigste in der ganzen Division!
„Freust du dich denn nicht?"
„Doch, doch, aber — ihr macht mich nur ein­
gebildet."
Er lachte und wollte etwas sagen. Aber er
lachte immer mehr und gab mir nur das Portepee
in die Hand und ging voraus.
An meinem Unterstand trafen wir Hartenstein:
„Hier, gratulieren Sie dem Renn zum Vizefeld-
webel! Hat er's verdient?"
„Jawohl, Herr Leutnant, er hat's verdient,"
sagte er gerade.
Mich peinigte das. Aber es war auch eine

315
Freude dabei, daß er nicht neidisch war; denn ich
hielt Hartenstein für tüchtiger als mich.

XIII
Funke kam mit Feldkesseln. „Es hat Verluste
gegeben, vier Mann vom Zuge, Israel kommt gleich,
der kann’s besser erzählen."
Israel kam aufgeregt herunter und setzte den
Wassertornister und einen Sack ab. Seine Rock­
schöße und Taschen waren voll Blut.
„Daß die so wenig Kameradschaft haben! —
Wie wir bei den Küchen standen, da kam eine
Gruppe Granaten in die Leute der vierten Kom­
panie. Die fuhren mitten hinein. Da kommen wie­
der Granaten, und eine geht in den Küchenkessel
der vierten und spritzt die Verwundeten mit heißem
Essen voll. Die schrien. Da reißt die ganze Bande
aus, statt zu helfen! Ich habe nach ihnen gerufen,
sie sollten mir helfen, aber niemand kam!“
„Ja,” sagte Funke, „Israel war der einzige, der
sich um die Verwundeten gekümmert hat."
„Einem hatte es beide Beine abgeschossen, und
es hatte ihn dazu über und über mit Suppe be­
schüttet. Den hab ich allein auf einen Wagen laden
müssen, und ich wußte nicht, wie ich ihn anpacken
sollte, überall tat's ihm weh!"
Sie redeten durcheinander. Funke sagte immer
wieder: „Ja, Israel ist der einzige, der weiß, was
Kameradschaft ist."
Nachdem wir gegessen hatten, sprachen die
andern wieder ruhig. Nur Israel war von einer un­
erklärlichen Aufregung und Unruhe.

316
„Wenn mir mal was geschieht —, mir hilft nie­
mand!" sagte er.
„Ich helfe dir," sagte Funke.
„Du kannst mir nicht helfen! Das war mein letz­
ter Abend! Mir hilft niemand mehr!"
„Du lebst noch lange," sagte Funke. „Der liebe
Gott vergißt die guten Menschen nicht."
„Ach! Ich weiß es doch: das war mein letzter
Abend! — Und ich möchte noch nicht sterben!"
Wenn sie nur nicht jetzt merken, daß ich Vize­
feldwebel geworden bin! Ich wußte nicht, warum
mir der Gedanke so schrecklich war. Ich zog Har­
tenstein am Aermel nach der Treppe.
Es war hell draußen. Die Amsel sang in der
Birke und der Fink nicht weit davon, Hartenstein
warf Brotkrumen hinaus.
„Sage ihnen nicht, daß ich Vizefeldwebel ge­
worden bin!"
„Weshalb denn nicht?"
„Bitte, sag's ihnen nicht! Ich hab so ein Gefühl."
Nach einer Weile sagte er: „Das muß aber
schrecklich gewesen sein beim Essenholenl Der
Israel erschrickt doch nicht so leicht, — und er ist
ganz außer sich."
Ich sah hinüber nach dem Weißen Berg, der
sonderbar still dalag. Er war sehr schön.
„Irgendwo muß etwas blühen," sagte Hartenstein.
„Es ist so ein Duft da.“
Vor uns lagen nackte Kreidesteine, und die
Birke war zerzaust. Sie hatte noch einmal ausge­
schlagen, dann mußte sie eingehen. — Aber ein
Duft war da von irgendwelchen Blüten,
Wir legten uns schlafen. Israel schlief schon.

317
Nur Funke saß da, in sich versunken und rauchte
eine Zigarre.

„Befehl vom Bataillon! Alles soll die Stellung


besetzen! Die Franzosen stellen sich zum Angriff
bereit!" schrie es von oben.
Wir ergriffen Gasmasken, Gewehre, Helme und
stürzten hinaus. Im Nu waren die Geschützstände
dicht besetzt. Die Maschinengewehre waren bereit.
Die Sonne schien. Es war still. Nur ganz in der
Ferne war ein leises Wummern, Nirgends war auch
nur eine Bewegung zu sehen. Ich schickte Funke
zu Lamm, ihm zu melden, wir hätten besetzt, aber
es wäre ganz still, auch kein Anzeichen eines An­
griffes. Unterdessen ordnete ich an, die Leute soll­
ten niederknien, damit man nicht vom Weißen
Berg aus die vielen Menschen sähe und wir Artille­
riefeuer herbekämen.
Es blieb still. Da kam Funke gerannt, so schnell
wie ihn seine kurzen Beine trugen: „Israel ist tot!“
„Wo? — Hat es denn geschossen?"
„Am Steilhang im Walde liegt er."
„Und was hat Herr Leutnant gesagt?"
„Wir sollten wieder in die Unterstände gehen.“
Ich ließ meine Leute wegtreten und lief am
Steilhang entlang. Von weitem sah ich ihn liegen,
ausgestreckt auf dem Rücken, unter einer Fichte.
Ich kniete neben ihm nieder. Er hatte das Kom­
paniebefehlsbuch in der Hand, das er hatte zu
Lamm zurückbringen wollen. Ich hatte es ihm nicht
gesagt. Vorn auf der Stirn hatte er ein wenig Blut,
und etwas Hirn war ihm auf den Rock gespritzt.
Ich nahm das Befehlsbuch und trug es zu Lamm.

318
„Dieser Alarm war doch unglaublich!“ schimpfte
er, „Ich habe dem Bataillon eine gesalzene Mel­
dung geschrieben, wir wüßten hier vorn besser, ob
ein Angriff bevorsteht, als sie hinten! — Wir wer­
den gegen Morgen durch die sechste Kompanie ab­
gelöst. Die Küche wird uns halbwegs zum Lager
treffen."
Ich ging zurück, wieder an Israel vorbei, und
in den Unterstand. Funke kaute an einem Zigarren­
stummel und klagte um Israel: „Das war der beste
Mensch, den ich gesehen habe. Und wie er gewußt
hat, daß er sterben müßte! Das ist auch nur bei
guten Menschen so."
Hartenstein saß vornübergebeugt und zeichnete
mit dem Finger auf dem Boden, wo nichts zu zeich­
nen war. Ich legte mich auf mein Lager und weinte
bitterlich.

XIV
Gegen Abend begruben wir den Israel am Steil­
hang, wo er gefallen war; denn dort war es schön.
Wir wollten hinten ein Kreuz für ihn machen mit
seinem Namen und seinem Todestag.
Gegen Morgen kam die sechste Kompanie.
Ich schickte meine Leute sofort weg, damit sie
noch vor Hellwerden aus dem gefährlichsten Be­
reich kämen, und blieb noch mit Funke da.
Mich löste ein energischer Vizefeldwebel ab.
Ich sagte ihm, er sollte recht vorsichtig sein, daß
er kein Artilleriefeuer herlenkte.
„Ach was!“ rief er. „Wir haben keine Angst!”
Als wir aufbrachen, dämmerte es schon ein
wenig. Wir gingen am Steilhang entlang und kamen

319
dann in einen Graben, der durch Wald führte und
vor einer großen Wiese aufhörte. Die war ganz
grün. Das war so merkwürdig, daß sie nur grün war
und gar nicht weiß.
Es hatte stark getaut. Wir kamen in die Trüm­
mer eines Ortes. Wir waren durstig geworden und
traten in ein zerfallenes Gehöft, dessen Wände
innen rosa angemalt waren. Flieder blühte am
Brunnen. Die Sonne blitzte mit den ersten Strah­
len über den Horizont weg. Das klare Wasser
glitzerte im Becher, Ich glaubte nie dergleichen
gesehen zu haben.
Dann wanderten wir weiter. Funke erzählte von
seinen Kindern. Ich hörte es, aber nur den Ton
seiner Rede. Ich war merkwürdig leicht.
Nach einer Zeit trafen wir die Kompanie am
Straßenrande sitzen. Wie wenig das waren! Sie
waren schmutzig und unrasiert, aber sie waren
heiter.
An der Straße lagen tote Pferde und zer­
schossene Wagen. Ein wenig abseits wurde an
etwas gebaut.
Hinter einer Höhe hielt unsre Feldküche. Wir
empfingen Essen, legten uns auf den Bauch an die
Erde, aßen und ließen uns von der Sonne be­
scheinen.
Lamm verkündete, das wäre erst das gestrige
Mittagessen, und heute gegen Abend würde noch
einmal Essen ausgegeben werden.
Sie grunzten vor Freude.
Wir marschierten durch einen großen Wald und
kamen nach einigen Stunden recht müde ins Lager.
Zwischen Fichten wuchsen weiches Gras und

320
wilde Rosen. Wir schlugen Zelte auf und schliefen
bis in den Nachmittag. Da war das zweite Mittag­
essen fertig. Dann spielte die Regimentsmusik nicht
weit davon, und wir liefen hinüber. Aber als die
Sonne unterging, legten wir uns wieder in die Zelte
und schliefen bis zum Morgen, Der war heiter. Wir
holten uns Wasser und wuschen und rasierten uns.
Lamm war am Morgen ausgeritten und kam mit
einem Zweig Kirschblüten auf dem Pferde zurück
und reichte mir den Zweig.
„Was soll ich denn damit?" fragte ich,
„Ich habe doch den ganzen Baum gesehen, an
dem er war,“ lachte er.
Ich war verlegen, ja ablehnend gegen seine Ver­
gnügtheit. Weickert war auch schon wieder munter.
Ich nahm meine Decke und ging weit abseits an
einen Hang, zog mich aus und legte mich in die
Sonne. Ich wollte niemand sehen.

XV
Am nächsten Tage ging es wieder vor. Als ich
in meine Batterie kam, war ich erstaunt, wie
schrecklich öde es da aussah. Was wir Wiese nann­
ten, war ein Trichtersieb mit einzelnen Gras­
büscheln. Und es roch sehr nach Granaten.
Der erste Tag verging ruhig.
Aber ich merkte jetzt, wie angegriffen wir
waren. Gestern hatte Weickert so frisch ausge­
sehen, heute war er wieder grau und verfallen. Am
Abend hatten zwei auf einmal hohes Fieber und
mußten sofort hintergeschickt werden.
In der Nacht lief ich umher. Meine Leute waren
unaufmerksam. Die drei Tage Ruhe schienen sie
Renn, Krieg 21
321
zerstreut zu haben, und sie wußten wieder, daß es
ein anderes Leben auch für sie gab, als Posten im
Trichter zu sein.
Um Mitternacht plagte mich der Hunger. Ich
hatte aber nichts mehr zu essen und schweifte
draußen umher, nur weil ich nicht wußte, was ich
sonst tun sollte. Der Mond ging auf. Hinten im
Grund hing Nebel. Der Weiße Berg drang mit der
Glatze mystisch durch die Finsternis. Alle Dinge
waren seltsam klar. Ich ging zu Israels Grab, auf
dem jetzt das Holzkreuz stand. Die Morgenkälte
faßte mich und machte mich schauern.
Als das Essen kam, widerstand es mir. Ich aß
nur mit Ekel einen Löffel, Und jetzt mußte man
noch zwei Stunden wachen!
Ich zündete mir eine Zigarette an. Ich konnte
nicht rauchen. — Vielleicht hatte ich nur einen
verstimmten Magen. Wir hatten Schnaps bekom­
men. Ich goß etwas in meinen Feldbecher und
trank. Aber es stieg mir hoch, und ich lief eilends
hinaus in der Meinung, ich würde mich übergeben.
„Der Fink ist heute nicht gekommen," sagte
Hartenstein. „Nur die Amsel.“
Schließlich legte ich mich schlafen. Ich schlief
aber nicht richtig; ich hörte alles, und ich verflocht
es verquält in andere Vorstellungen.
Am Nachmittag schrie es herunter: „Die Fran­
zosen greifen auf dem Weißen Berg an!"
Ich stürzte hinauf. Am französischen Hang sah
ich welche hinaufklimmen und in Vertiefungen ver­
schwinden, — man konnte dort nicht mehr zwi­
schen Gräben und Trichtern unterscheiden. — Auf
dem deutschen Hang wuchsen die Granatwolken

322
wie Gebüsche. Rote Leuchtkugeln platzten in der
Luft. Unsere Artillerie begann zu bellen und weit
hinten dumpfe Abschüsse. Das deutsche Sperrfeuer
war ungewöhnlich heftig. Auf den Kuppen tauchten
für Augenblicke Gestalten auf und verschwanden
wieder, — man wußte nicht, ob Deutsche oder
Franzosen.
Da kamen rechts Infanteriekolonnen im Lauf­
schritt den Berg hinan. Ich sah sie dunkel gegen
den hellen Himmel. Ein einzelner Mann schien An­
weisungen zu geben. Er war größer und stärker als
die andern. Die Kolonnen zerteilten sich. Ich sah
nur noch den Offizier stehen. Auf einmal tauchte
auf der rechten Kuppe von rechts her ein Mann
auf und einer von links, beide, wie es schien, mit
gefälltem Gewehr. Und beide gingen nach der deut­
schen Seite weg,
„Hast du das gesehen?" fragte Hartenstein.
„Ja, das war ein Nahkampf, Den hätte ich mir
allerdings auch anders vorgestellt. Er sah recht
mager aus."
Einzelne rannten von rechts über die erste
Kuppe weg. Der Zustand der letzten Zeit war wie­
der hergestellt. — Weshalb bewegte man nur immer
wieder die Waage? Nur zum Zermürben?
In dieser Nacht lief ich wieder umher. Ein Läu­
fer kam, ich sollte zu Lamm kommen.
Er saß bei einer Kerze vor einem schmalen
Wandtisch und schrieb,
„Setz dich mal hier neben mich auf die Bank.
Ich möchte mit dir durchsprechen, wer zur Eingabe
zu Auszeichnungen in Frage kommt. Ich bin ja der
Kompanie so fremd geworden, daß ich kaum einen
21*
323
mehr kenne. Jetzt, wo es etwas stiller ist, hat sich
das Meldungschreiben wieder so vermehrt, daß ich
in der letzten Nacht nur gerade einmal zu Langen­
ohl vorgekommen bin. Ich muß einfach meinen
Zugführern vertrauen, daß sie ihre Pflicht tun."
Er sprach müde.
Gegen Morgen, als das Essen kam, war mir sehr
übel. Ich zwang mich, wenigstens etwas zu essen.
Um drei Uhr morgens zu Mittag zu essen, wenn
man ein Frühfieber hat! Noch zwei Stunden zu
wachen, schien mir unmöglich.
Ich setzte mich zu Hartenstein auf die Treppe.
Wir saßen stumm nebeneinander. Er warf keine
Krumen hinaus; es war kein Vogel da und sang.
Er atmete nur. Sonst regte sich nichts an ihm.
Wir schwiegen, und das Schweigen dehnte sich und
wurde eine entsetzliche Leere. Was sollte man nur
sagen? Ich hatte nichts mehr,
Hartenstein stand auf: „Jetzt ist es aus,“ und
ging hinunter. Aber das war es nicht gewesen. Er
hatte etwas gesagt, und das war gut von ihm. Ich
sah nach der Uhr. Wir mußten noch eine Stunde
wachen. Aber ich stand auf und legte mich schla­
fen. Und doch war ich Führer und hätte ein Bei­
spiel geben müssen.
Ich schlief nicht ruhig. Draußen begann es zu
schießen, ganz in die Nähe. Ich hörte es und ließ
es geschehen. Der Unterstand schwankte einmal.
Sand rieselte durch die Decke. Funke sprach mit
einem, der meldete, daß der Posten links ver­
wundet wäre.
Nach einer Weile kam Hartenstein: „Jetzt

324
schießt es zu Lamm. Ein französischer Artillerie­
flieger ist oben."
Ru — rumm! kam wieder ein Schuß.
Kra — ramm!
Ich rollte mich nach vorn.
Etwas streifte mich.
Ich fuhr nach dem Ausgang.
Hinter mir war ein menschliches Geräusch.
Hartenstein sah mich entsetzt an. Das war schon
draußen.
Einer rannte nach der Schlucht hinunter,
Funke lief ihm nach und kehrte zurück,
„Der ist verrückt geworden," sagte Hartenstein
und lief nach links fort.
Ich ging wieder in den Unterstand, Ich weiß
nicht, warum; ich ging ganz langsam, nahm meine
Gasmaske, das Gewehr und den Helm. Die Decke
war hinten eingedrückt. Ein Kopf sah mich hinten­
über aus dem Schutt an. Der war tot. Ein Feld­
kessel lag umgefallen auf einer Schlafdecke, mit
Essen darübergeschüttet.
Ich ging hinauf.
Ra — ramm! links.
Hartenstein und Funke waren nicht mehr hier.
Kremml
Ich bekam Dreck ins Gesicht und fing an zu
rennen am Steilhang entlang.
Israels Grab war ein Trichter geworden, an
dessen Rand Stücke des Holzkreuzes halb ver­
schüttet lagen.
Meine Hast wurde immer größer. Ich hatte
etwas versäumt und konnte mich nicht erinnern,
was.

325
Ich rannte bei Lamm die Treppe hinunter. Ich
sah nur seine Stiefel auf der Pritsche und eine
Wolldecke darüber,
„Was gibt's?“ fragte er.
Ich setzte mich auf die Holzbank,
„Herr Leutnant!" sagte ich. „Wir sind ver­
schüttet,"
„Bist du verwundet?"
Das hatte ich mir noch nicht überlegt.
„Nein.“
Er erhob sich. Ich wagte nicht, ihn anzusehen.
Er stand vor mir.
„Wieviel Verluste habt ihr?"
„Ich weiß nicht."
„Du weißt nicht?" sagte er scharf.
Ich wußte doch selbst, daß ich meine Pflicht
nicht getan hatte!
„Wir können das nicht so lassen," sagte er
ruhig, „Ich komme mit hinüber."
Wir gingen zusammen hinaus. Er blieb stehen.
„Sieh mich mal an.“
Ich hatte das Gefühl, die Augen ringsum zu
drehen, um seinen Blick zu vermeiden.
„Komm mal mit," sagte er ganz ruhig, „Wir
werden zusammen das Nötige anordnen. — Hast
du denn keine Ahnung, wer fort ist?"
„Doch, Bilmofsky ist fortgelaufen, er war so
schon ein Tor und scheint den Rest zu haben.“
Lamm fragte mich aus. Das Schießen hatte auf­
gehört. Allmählich wurde wieder alles klarer.
„So, jetzt gib deine Anordnungen!" sagte Lamm
fröhlich. „Ich bleibe bei dir."

326
Ich war verzweifelt, ordnete aber an und stellte
die Verluste fest. Zwei lagen unten verschüttet,
einer war verwundet, Bilmofsky war sinnlos fort­
gerannt und fünf waren nicht zu brauchen. Sie
saßen stumpf aufgeregt in den Unterständen,
„Ich gehe jetzt zurück," sagte Lamm. „Ich werde
dafür sorgen, daß ihr abgelöst werdet."
Ich war in einem seltsamen Zustand. Es war, als
verlöre ich immer wieder das Denken und müßte
es neu lernen. Mich quälte das Gefühl der Schlapp­
heit, versäumter Pflicht. Dabei fühlte ich mich elend
und wie in ständiger Sehnsucht. Wenn ich den
Wald ansah, sehnte ich mich nach ihm. Und wenn
ich an die Kameraden dachte, sehnte ich mich nach
ihnen. Am Abend kam ein Läufer: „Herr Leutnant
läßt sagen, daß die ganze Kompanie gegen Morgen
abgelöst wird und hinter ins Lager rückt."

XVI
Am Tage nach der Ablösung kam Lamm gegen
Abend zu mir:
„Gehst du ein Stück mit spazieren?"
Wir gingen an einem Fichtenwäldchen entlang.
„Du," sagte ich, „ich hab ein schrecklich schlech­
tes Gewissen."
„Weshalb denn?"
„Als unser Unterstand eingeschossen wurde, —
da habe ich mich nicht zusammengenommen. Ich
kam mir sehr unehrlich vor; denn vorher hatte ich
mich hingelegt, obwohl ich nicht durfte."
Er sah schweigend zu Boden.
„Konntest du dich denn zusammennehmen?"
„Ich hätte es tun müssen."

327
„Aber ich frage dich, ob du es auch konntest?"
„Ich weiß nicht, — aber ich glaube doch.“
„Hast du dir schon einmal überlegt, was ein
Nervenschock eigentlich ist?"
„Nu, eine Erschütterung."
„Damit kommst du nicht weiter. Bei jedem
Schreck wird irgendein Eindruck vors Bewußtsein
gebannt. Man starrt den Eindruck an. Aber der ist
gerade unwesentlich. Wer die Geisteskraft hätte,
sich bei einem unerwarteten Ereignis frei umzu­
sehen, könnte nicht erschrecken. Du quälst dich mit
irgendeiner Vorstellung. Aber die ist ganz gleich­
gültig. Weshalb du dich höchstens schämen könn­
test, das ist, daß du dich nicht umsehen willst. Und
sieh mal dort den blühenden Kirschbaum — des­
wegen habe ich dich nämlich hergeführt, — sieh
ihn dir mal an. Siehst du was dran?” Er lachte.
„Nu, er blüht." Ich konnte sonst nichts daran
sehen. Er lachte immer mehr. Ich wurde ganz ver­
legen, weil ich so gar nichts sah.
„Es ist auch nichts weiter dran," lachte er.
Ich verstand gar nicht, was er wollte.
„Sage mal, wo war denn eben dein Nerven­
schock mit allen seinen Vorstellungen?"
„Fort." Auf einmal wurde es mir klar. „Aber
du! Es ist doch was an dem Kirschbaum, Er ist
nämlich wirklich schön,” lachte ich.
„Bravo! Bravo!“ rief er und wurde auf einmal
ernst. „Aber weißt du was? Du bist furchtbar an­
gegriffen, Du hast hier hinten gar keine Pflichten,
und wenn wir wieder vorkommen, will uns der
Major an eine ganz ruhige Stelle tun. Er hat sehr

328
nett mit mir gesprochen und mir gesagt, das könnte
ja auch gar niemand auf die Dauer aushalten."
„Ich habe mich schon immer gewundert, daß es
die Leute in den Löchern so lange ausgehalten
haben," sagte ich.
„Und ich habe mich gewundert, daß niemand
einen Ton gesagt hat. Weißt du, dazu gehört schon
eine furchtbare Gutmütigkeit, — oder ein entsetz­
licher Stumpfsinn.“

XVII
Wir marschierten wieder vor und lösten an einer
ruhigen Stelle im Walde ab. Die Züge Trepte und
Langenohl kamen vor. Mein Zug lag mit Lamm
zusammen vierhundert Meter dahinter in einem
Stollen mit neun Eingängen. Endlose Treppen führ­
ten hinunter. Unten war ein pechfinsterer, langer
Gang, von dem kleine Wohnstollen abgingen. Dort
roch es nach nasser Kreide, eingeweichtem Holz und
Moder, Als Tisch benutzten wir Minierholzstapel
und auch als Lager; denn auf dem bloßen Boden
war es zu feucht. Der Stollen war seit Monaten
unbewohnt gewesen.
Als ich hinunterkam, schauerte mich. Wir zün­
deten einen Hindenburgbrenner an. Er brannte trüb.
Funke rauchte wie immer eine Zigarre. Aber sie
schmeckte ihm nicht. Auch die anderen rauchten;
ich konnte es noch nicht wieder. Binnen kurzem
war eine schreckliche Luft, als ob sie Pilze ge­
raucht hätten. Wir legten uns schlafen. Ab und zu
fiel in einem der leeren Gänge ein Wassertropfen
von der Decke, Wie schrecklich leer es hier war!
Im übernächsten Stollen lag Lamm mit seinen Leu­

329
ten, sonst war alles rechts und links leer. Eigent­
lich war es ja gleichgültig, ob noch jemand im
Stollen lag, aber, — ich wußte nicht, warum, —
es war ängstigend.
Als wir eine Zeit, nicht sehr lange, geschlafen
hatten, wollten alle hinaus.
„Das dürfen wir nicht," sagte ich. „Es sind schon
einmal alle neun Gänge des Stollens eingeschossen
gewesen —■ drei sind ja noch zu. Und deshalb soll
sich kein Mensch zeigen."
„Aber wir können uns doch wenigstens auf die
Treppen setzen?"
Die Treppen gingen nach Norden, Kein Strahl
Sonne drang hinein. Wir sahen nur blendend weiß
vor uns eine sonnenbeschienene Kreidewand,
Ich hatte im Stollen so gut wie nichts zu tun,
hatte aber keine Ruhe zum Lesen. Das Licht war
auch zu schlecht dazu. Ich lag die meiste Zeit in
einem Halbschlaf, Am zweiten Tage wurde mir klar,
ich hatte Fieber, besonders gegen Morgen, immer
wenn das Feldküchenessen kam. Ich glaubte, daß
die Ruhe hier das beste wäre, und sagte niemand
etwas. Aber in der nächsten Nacht, als das Essen
kam, fühlte ich mich so schwindlig und es war mir
so übel, daß ich beschloß, es Lamm zu sagen. Lamm
war gerade mit dem Major vorn in der Stellung. Ich
legte mich hin und deckte mich zu. Trotzdem
schlotterte ich vor Frost. Nach einer Weile wurde
es besser. Ich unterließ die Meldung. Es kam mir
unglaublich kläglich vor, sich vorn in Stellung und
als Zugführer krank zu melden.
Zu Mittag hatte ich kräftigen Hunger und aß
tüchtig. Ich glaubte, es würde schon wieder besser.

330
Aber gegen den nächsten Morgen war mein Zu­
stand ganz schrecklich. Funke wollte mich zwingen,
etwas zu essen. Ich konnte aber wirklich nicht.
Dazu hatte ich große Angst, und der Frost schüt­
telte mich. Aber ich wollte doch noch einen Tag
warten.
Am nächsten Morgen ging ich zu Lamm. Er ging
mit mir zum Sanitätsunterstand und sprach heimlich
mit dem Arzt.
Der Oberarzt ließ mich das Hemd herunter­
streifen und klopfte und horchte lange an meiner
Brust.
„Der Mann muß hinter. Aber Sie können ihn bei
der Kompanie behalten. Das läßt sich machen. —
Nutzen Sie das schöne Wetter und die gute Luft im
Waldlager aus — das ist ja das reinste Sanatorium
— und wenn ich hinterkomme, stellen Sie sich mir
wieder vor! — Was kommt denn da noch für einer?"
Einer unsrer Sanitäter führte den Brand. Der
sah schrecklich aus, mit tiefen Ringen unter den
Augen, die den Arzt verängstigt ansahen,
„Die Sache kenne ich schon,” sagte der Arzt und
untersuchte ihn kurz. „Die Lunge ist in Ordnung.
Der Vizefeldwebel kann Sie mit hinternehmen.
Legen Sie sich auch viel in die Sonne. Das ist nicht
so gefährlich, wie es aussieht, — Wir haben jetzt
recht viel Fälle der Art," wendete er sich an Lamm,
„besonders bei Ihrer Kompanie."
„Können die allein hintergehen?" fragte Lamm.
„Ja, getrost."
Lamm begleitete uns hinaus und gab mir sehr
herzlich die Hand: „Erhol dich erst einmal hinten

331
eine Zeit. Das übrige sehen wir dann. Die Tornister
schicke ich euch mit dem Packwagen diese Nacht,"
Die Sonne war eben aufgegangen. Das Gehen
war mir angenehm.
Ich wollte Brand am Arm nehmen, aber er
sagte: „Ich kann allein.“
So gingen wir still durch die Gräben, über die
grüne Wiese und kamen auf die Straße.
Wir wurden bald müde und setzten uns in den
Straßengraben, Ich hätte jetzt gern, etwas zu essen
und zu trinken gehabt. Aber mein Tornister war ja
noch vorn.
Wir gingen weiter. An einem Bach stand eine
verfallne Mühle von blühendem Flieder umgeben.
Unten im Wasser bewegten sich grüne Pflanzen wie
Schlangen. Dann kamen wir in einen Wald und
gingen an einer Förderbahn entlang, an deren
Böschungen rote Erdbeeren zwischen grünen Blät­
tern wuchsen. Wir setzten uns, müde aber glücklich.
Wir gingen wieder und setzten uns wieder und
kamen erst zu Mittag ins Waldlager, wie Kinder auf
einem Ausflug.

332
DER STELLUNGSKRIEG 1917/18

I
Ich hatte das Recht, mich gehen zu lassen. Aber
das konnte ich bald nicht mehr. Ich las den Sim­
plicius Simplicissimus.
Brand und ich gingen jeden Morgen mit den
Schlafdecken an einen Südhang mit weichem Gras
und jungen Fichten. Dort zogen wir uns aus. Ich
wickelte mich in die Decke und legte mich darin
in die Sonne. Da schwitzte ich, daß es mir von der
Nasenspitze tropfte. Darauf zog ich mich wieder
halb an und legte mich in den Schatten, Nach
einiger Zeit pflegte ich sehr munter zu werden.
Am übrigen Tage lagen wir in den Erdbeeren.
Es waren so viele da, daß man nur um sich zu
pflücken brauchte, ohne aufzustehen.
Am Tage bevor die Kompanie von vorn zurück­
kam, gingen wir, für Lamm, Hartenstein und Funke
Erdbeeren zu pflücken.
Ich gewann mich in einer Woche ganz wieder,
so daß ich mich sogar nach einer Tätigkeit sehnte.
Der Oberarzt, dem ich das sagte, schüttelte den
Kopf: „Seien Sie mal geduldig!"
Aber ich glaubte kaum mehr daran, daß ich
krank wäre

333
II
Brand rückte dann mit der Kompanie wieder
vor, Dafür waren Weickert, Jauer und mehrere
andre von dem plötzlichen Fieber befallen worden
und kamen zurück. Auch bei andern Kompanien
zeigte sich dasselbe: plötzlich vierzig Grad Fieber.
Dann wurde unser Regiment aus der Front
herausgezogen und marschierte in einem langen
Marsch weit hinter in unversehrte Dörfer, in denen
die Einwohner am Abend sangen und Gitarre
spielten. Mich strengte der Marsch an. Brand, Jauer
und ein paar andre mußten das letzte Stück des
Marsches auf dem Maschinengewehrwagen gefahren
werden, so erschöpft waren sie.
Hinten tat ich wieder Dienst bei der Kompanie.
Wir exerzierten gerade auf einer Wiese, als ein
Läufer vom Bataillon kam.
„Vizefeldwebel Renn ist zum Sturmbataillon
kommandiert. Er steht heute drei Uhr nachmittags
abmarschbereit vorm Bataillonsgeschäftszimmer."
„Der Dienst beim Sturmbataillon,“ sagte Lamm,
„wird dir besser sein als im Graben.“
Mir leuchtete das nicht ein. Ich hatte allerdings
keinen rechten Begriff, was ein Sturmbataillon wäre.
Vorm Bataillonsgeschäftszimmer traf ich einen
jungen Leutnant und einige Unteroffiziere und Ge­
freite. -
„Vizefeldwebel Renn dritte Kompanie zur
Stelle!"
Der Leutnant machte eine Verbeugung und
grüßte: „Lindner.“
Ich hielt meine Gesichtsmuskeln fest, aber viel­

334
leicht verzog ich sie doch ein wenig. Er wurde leicht
rot: „Ich bin gestern erst zum Leutnant befördert
worden."
„Soll ich feststellen, ob alle zur Stelle sind, Herr
Leutnant?" fragte ich aus Verlegenheit, Lindner
konnte noch nicht zwanzig Jahre alt sein.
Wir marschierten in ein grünes Tal.
„Was ist eigentlich ein Sturmbataillon, Herr
Leutnant?"
„Ich weiß es auch nicht recht. Ich weiß nur, daß
wir als Patrouillen- und Stoßtruppführer ausgebildet
werden sollen,"
Wie kann man denn in so was ausgebildet wer­
den können? dachte ich.
Unser Ausbildender war ein junger Offizier mit
dem Eisernen Kreuz erster Klasse. Er hatte einen
Berliner Ton und war außer Dienst affig und an­
maßend, aber im Dienst vergaß er das. Da war er
jungenhaft natürlich und eifrig.
Die Sonne glühte auf den Flächen. Wir mußten
Maschinengewehre schleppen und Handgranaten
werfen, in Gräben vorgehen und geräuschlos krie­
chen. Anfangs strengte es mich sehr an. Ich schwitzte
bei jeder Gelegenheit, und die Umgebung zerrann
mir ein paarmal vor den Augen, doch nur für kurze
Zeit. Dann wurde es mir täglich leichter. Der Dienst
ging vom Morgen bis zum Abend, nur mit zwei
oder drei Stunden Mittagspause. Ich hatte keine
Zeit zum Nachdenken und fühlte mich wohl,
Lindner war immer mit mir zusammen, auch
außer Dienst.
„Ich kann mich noch nicht hineinfinden, Offizier
zu sein," sagte er mir, „Meine Familie ist schreck-

335
lieh stolz darauf; denn es hat's noch keiner so weit
gebracht. Aber ich kann nichts dafür — im Frieden
wäre ich's auch nie geworden."

III
Es war schon gegen den Herbst, als ich zur
Kompanie zurückkam. Niemand fragte mehr nach
meiner Krankheit. Ich selbst erinnerte mich nur
daran wie an etwas ganz Fremdes. Ich fühlte mich
völlig gesund und war es auch.
Ich meldete mich bei Lamm — es war im
Kompaniegeschäftszimmer, Er nahm ein Blatt vom
Tisch und reichte es mir.
„Leutnant d. R. Lamm tritt als Ordonnanzoffizier
zum Stab des ersten Bataillons. Oberleutnant Löß-
berg wird mit der Führerstelle der dritten Kompanie
beliehen."
„Wer ist der neue Kompanieführer?"
„Der kommt vom Divisionsstab, Es gibt einen
Befehl, wonach die Offiziere der höheren Stäbe ab
und zu in der Front Dienst tun müssen."
„Ist das ein Grund, uns unsern Führer zu
nehmen?"
„Beruhige dich darüber. Ich wäre auch sonst
Ordonnanzoffizier geworden."
Am nächsten Morgen versammelte Lamm die
Kompanie.
„Ich bin zum Bataillonsstab versetzt und ver­
lasse euch heute. Daß es mir schwer wird, werdet
ihr verstehen. Aber leichter macht mir meinen Fort­
gang, daß ich glaube, daß ich meinem Nachfolger
eine gute Kompanie übergebe. Auf Wiedersehen,
Kompanie!"

336
Wir traten weg.
„So einen kriegen wir nicht wieder," sagte Wolf,
der von seiner Verwundung geheilt war.
Funke setzte sich in eine Ecke, kaute an seinem
Zigarrenstummel und murmelte etwas von gutem
Menschen vor sich hin.
Am Abend kam das Gerücht, der Neue wäre da.
„Wie sieht er denn aus?"
„Er hat'n Monokel und 'nen Reitstock."
„Das stinkt nach Etappe."
Ich merkte, die ganze Kompanie lehnte ihn ab,
nicht eigentlich aus sachlichen Gründen, sondern
weil er nicht Lamm war.
Am andern Morgen beim Antreten zum Dienst
kam er. Der Feldwebel ließ stillstehen und mel­
dete ihm.
„Ich bin unter dem heutigen Tage mit der drit­
ten Kompanie beliehen worden. Ich habe Gutes von
der Kompanie gehört. Ich rechne damit, daß meine
Kompanie die beste im Regiment wird. Mit Gott
für König und Vaterland ist von je unser Spruch
gewesen und soll es bleiben, und damit begrüße ich
Sie! — Rührt euch! Feldwebel, kommen Sie mit
und stellen Sie mir die Unteroffiziere vor!"
„Vizefeldwebel Renn.“
„Sie haben Lederknie und Wickelgamaschen. Ist
das beim Regiment erlaubt, Feldwebel?"
„Er ist erst vor zwei Tagen vom Sturmbataillon
gekommen."
„Das ist gut. Wir werden einen ganzen Stoßzug
zusammenstellen. Uebrigens steht, wie ich sehe, die
ganze Kompanie wie Kraut und Rüben durchein­
ander, alte neben jungen und Riesen neben Zwer-
Renn, Krieg 22
337
gen. Hat denn niemand den Versuch gemacht, das
zu ändern?"
„Nein, Herr Oberleutnant. Die bisherigen Kom­
panieführer haben die immer zusammengelassen,
die sich kannten."
„Das geht nicht so. Das gibt doch gar kein mili­
tärisches Bild. Wir wollen sofort umformieren. Sie,
Renn, kommen mit mir und bezeichnen mir die
Leute, die für den Stoßzug in Frage kommen."
Ich deutete auf Wolf.
„Gut."
Ich zeigte auf Funke.
„Den? Wie kommt die Kompanie überhaupt zu
so alten Leuten? — Ich wünsche, Sie das nächste
Mal gewaschen und in einem besseren Rock zu
sehen!"
Wir stellten den neuen Zug zusammen mit
Unteroffizier Hauffe und dem Gefreiten Sänger als
Stoßtruppführern. Für den dritten Stoßtrupp fehlte
noch der Führer.
„Wie heißen Sie denn?" fragte Lößberg einen
vielleicht achtzehnjährigen Burschen mit strahlen­
den blauen Augen, den ich noch nicht kannte.
„Hähnel, Herr Oberleutnant!" schrie der Junge.
Ich sah Lößberg von der Seite an.
Er sah blaß aus, etwas aufgedunsen und hatte
Lippen, deren Weichheit mir nicht gefiel.

IV
Lößberg hatte durch die Formierung nach der
Größe die Abneigung der Kompanie gegen sich noch
verschärft, hauptsächlich bei denen, die in den
Frühlingskämpfen zusammengewesen und nun aus­

338
einandergerissen waren. Das waren aber die ein­
zigen, die überhaupt eine Meinung hatten. Nur
Funke trat in seiner unglaublichen Gutmütigkeit
für ihn ein, obwohl ihn Lößberg geradezu verächt­
lich behandelte und immerfort etwas an seinem
Anzug oder an seiner Haltung auszusetzen hatte.
Wir rückten am Tage nach der Umformierung
in den Graben. In dieser Nacht sahen wir Lößberg
nicht. Er kam erst am nächsten Morgen, sich alles
anzusehen. Ich zeigte ihm meinen Zugabschnitt.
Ein älterer Mann fegte den Graben.
„Mir fällt die Unsauberkeit Ihrer Leute auf. Wir
müssen streng auf Sauberkeit halten. Dieser Mann
sieht ja unglaublich aus!"
„Es wird sich das kaum erreichen lassen, bis
wir nicht bessere Unterstände haben; denn bei den
meisten sind die Eingänge so eng, daß man auf
allen vieren herauskriechen muß und dabei voll­
kommen schmutzig wird."
„Sich nicht erreichen lassen, gibt's für mich
nicht!" sagte er scharf. „Wir müssen das durch­
drücken, und es geht!“
Im nächsten Unterstandseingang saß einer mit
bloßem Oberkörper und suchte Läuse. Er stand
verlegen auf, konnte aber nicht strammstehen, weil
der Eingang zu niedrig war.
„Stellen Sie sich ordentlich hin!" herrschte ihn
Lößberg an.
Er trat heraus und versperrte so den Graben.
„Was hat der Mann jetzt zu tun?" fragte mich
Lößberg.
„Jetzt haben die Leute Frühstückspause, Herr
Oberleutnant."
22*
339
„Wie lange?“
„Das ist so genau nicht festgelegt; denn jetzt
ist auch die Zeit, zu der geschlafen wird.“
„Weshalb jetzt?"
„Weil sie in der Nacht Transporte gehabt haben,
diese Nacht Eisenbahnschienen und mittlere Minen
für die Minenwerfer hinter der Elisabethhöhe.“
„Wie lange hat das gedauert ?"
„Von Mitternacht bis zum Hellwerden."
„Da müssen aber die Leute gebummelt haben!"
„Die Minen sind sehr schwer und müssen vor­
sichtig getragen werden."
Ich merkte, Lößberg suchte danach, etwas zu
verbessern, verstand aber wohl zu wenig davon.
„Als Unteroffizier vom Grabendienst!“ meldete
sich der lange Sänger.
„Haben Sie sich heute schon gewaschen?“ Sän­
ger sah wirklich sehr schmutzig im Gesicht aus.
„Nein, Herr Oberleutnant, wir haben kein Was­
ser im Graben."
„Das ist kein Grund! Wer will, findet schon
etwas. — Mein lieber Renn, das geht nicht! Wir
sind doch keine Räuberhorde, sondern eine Kom­
panie Seiner Majestät!" Dieses schöne Wort schien
ihm selbst zu gefallen.
Wir kamen zu einem Posten. Es war ein rot­
bäckiger, junger Kerl, der stramm meldete. Löß­
berg trat auf den Auftritt und legte ihm den Arm
um den Hals.
„Nun zeigen Sie mal, was Sie hier zu beobach­
ten haben!"
Der Posten erklärte es.
Wir gingen weiter.

340
„So sollten alle Leute Ihres Zuges sein, so frisch
und gerade!"
„Hier ist die rechte Grenze meines Zugab­
schnitts, Herr Oberleutnant."
„Ich spreche die Zugführer um elf Uhr in mei­
nem Unterstand! — Guten Morgen!“
Ich ging mit Sänger zurück.
„Der ist gar nicht so schwer zu behandeln,"
lachte er. „Wir werden ja bald wissen, wann er
seine Rundgänge macht, und da stellen wir hübsche
Leute auf Posten."
Um elf Uhr trafen wir Zugführer uns vor seinem
Unterstand. Er hielt uns fast zwei Stunden die ver­
schiedensten Mißstände vor und gab an, wie es ge­
ändert werden sollte.
Schließlich wurden wir entlassen.
„Was soll man da tun, Herr Leutnant?" fragte
ich den Zugführer unsres ersten Zuges. „Das geht
doch gar nicht, und bei diesem System werden die
Leute überhaupt nicht zum Schlafen kommen.“
„Man sagt: ja, und macht es, wie man will,“
lachte der Leutnant. Trepte lachte auch. Mir war
gar nicht zum Lachen. Ich sorgte mich um meine
Leute. Was sollte man nur tun? Gehorchen muß
man, aber doch auch für seine Untergebenen ein­
treten,

V
Ich mußte zugeben, daß manche von Lößbergs
Anordnungen wirklich gut waren. Aber zugleich
war eine Unehrlichkeit in allem. Lößberg wollte
nicht sehen, daß auf diese Weise die Verbesse­
rungen dort, wo sie, wenigstens mir, am notwendig­

341
sten erschienen, an den Unterständen, fast völlig
liegen blieben, und daß alles nur fürs Auge geschah.
Hinter seinem Rücken hintergingen wir Zugführer
ihn und ebenso die Gruppenführer, wo wir nur
konnten, vor allem in den Stunden, zu denen er
sich nicht zeigte. In der Nacht kam er nie aus sei­
nem Unterstand, weil er nachtblind war.
Das merkte er wohl auch und suchte sich bei
den Mannschaften einen Anhang zu gewinnen,
Hauffe, Hartenstein und Sänger waren für liebens­
würdige und große Worte ganz unempfänglich. Aber
auch der junge Hähnel zeigte sich ihm gegenüber
sehr kühl, während er sonst eher zutraulich war.
Er konnte allerdings auch sehr grob werden, wenn
ihm etwas nicht paßte. Er hatte etwas in seinen
großen, hellblauen Augen, weshalb ihn alle liebten
und beschützen wollten, wenn es notwendig ge­
wesen wäre. Er war nicht im mindesten hübsch,
aber niemand konnte sich dem Zauber seiner strah­
lenden Augen entziehen. So ging es auch Lößberg,
der ihn bald zum Gefreiten und kurze Zeit darauf
zum Unteroffizier machte. Hähnel freute sich sehr
darüber, aber er fühlte nicht die geringste persön­
liche Dankbarkeit gegen Lößberg, was der nicht
begreifen konnte.
Nicht alle waren so unbestechlich. Lößberg
pflegte denen, die ihm gefielen, neue Röcke zu
verschaffen, und von diesen glaubten auch die mei­
sten an seine großen Worte. Aber unter seinen
Günstlingen war auch nicht ein wirklich tüchtiger
Mensch. Im übrigen schlief er sehr wenig und war
vom Morgen um sechs Uhr bis häufig nach Mitter­
nacht tätig. Da hielt er Besprechungen, — er liebte

342
sich zu hören und machte sich daran besoffen, seine
eigne Organisation zu bewundern, — schrieb große
Meldungen an seine Vorgesetzten, die er scheinbar
mit seinen Läufern — oder wer sonst bei ihm war
— besprach, um zu zeigen, wie gut er so etwas
könnte, entwarf Ausbildungspläne und kümmerte
sich kurz um alles angelegentlich.
Ich betrachtete das ohne Bewunderung, nur mit
kühlem Staunen, wie es jemand fertig brächte, aus
bloßem kaltem Ehrgeiz so ungeheuer zu arbeiten,

VI
Es wurde Winter.
Der Pfarrer Schlechte war nicht mehr da. Ein
junger Hilfspfarrer war für ihn gekommen. Der war
Vizefeldwebel bei unserm Regiment, und er pre­
digte auch in dieser Uniform. Der peinigte uns nicht
mit der Frage, weshalb Gott den Krieg zugelassen
hätte, sondern er erzählte sehr schlicht und mit
großer Frische aus der Bibel. Und damit hatte er
den Erfolg, daß bisweilen in der Baracke weiter
darüber gesprochen wurde.
Dieser Vizefeldwebel wurde aber schwer ver­
wundet, und für ihn kam ein anderer, der nie an
der Front gewesen war. Das war ein sonderbarer
Mann.
„Der Kaiser hätte den Krieg nicht beginnen dür­
fen," sagte er in einer Predigt, und kurz darauf:
„Der Kaiser hat den Krieg nicht begonnen."
Die Predigten dieses Mannes ärgerten mich
nicht, ich suchte mein Vergnügen darin, herauszu­
bringen, wie er eigentlich auf seine Feststellung

343
kam. Einmal sagte er: ,,Es ist euch eine Lust, für
König und Vaterland zu sterben!“
Wußte der Pfarrer denn gar nichts von unserm
Empfinden des Krieges? Und hielt er denn den
Krieg etwa für etwas Gutes? Wozu deckte er den
wunden Punkt des Krieges gerade von der Kanzel
aus auf?
Am Tage nach dieser Predigt hielt ein Offizier,
den ich nicht kannte, einen Aufklärungsunterricht,
weshalb wir Krieg führten und weshalb wir Bel­
gien brauchten. — Was? das verfluchte Belgien
wollen wir behalten? Wegen irgendeines äußeren
Vorteils wollen wir uns mit diesem Volk belasten?
— Denken denn unsre Führer, daß sie uns damit
den Krieg schmackhafter machen, daß sie uns ihre
Sorgen auf laden?
Ich verfiel in Grübeln. Was ist denn das Vater­
land? Nichts? Eine altgewordene Redensart? Aber
es ist doch etwas. Ich liebe es vielleicht auch.

VII
Im März gibt es eine große deutsche Offensive,
sagte man. Ich mußte zugeben: Lößberg hatte die
Kompanie gut ausgebildet. Vielleicht war sie wirk­
lich die beste im Regiment. Sie war besser vorbe­
reitet, als wir es 1914 beim Ausmarsch gewesen
waren.
Da hieß es auf einmal: der Oberleutnant geht
wieder zu einem höheren Stab. Er hat sich hinter­
gebohrt. Er war eigens deshalb auf Urlaub. Aber
er will vor seinem Abgang noch ein großes Pa­
trouillenunternehmen machen, um Gefangene einzu­

344
bringen. Und dann wird das Regiment aus der
Front gezogen für die Offensive,
Lößberg ließ hinten beim Waldlager einUebungs-
werk bauen, das die feindlichen Gräben nach
Fliegeraufnahmen nachbildete. Daran sollten die
ausgewählten Mannschaften üben.
Hauffe kam zu mir: „Ich mache das Unter­
nehmen nicht mit."
Ich war darüber erstaunt. Er war der beste
Patrouillenführer der Kompanie.
„Wie kommt das denn?“
„Der Oberleutnant zeigte mir die Pläne, und da
habe ich ihm gesagt: der Sache traue ich nicht; es
sind zu viel Menschen dabei." Er lachte.
„Weißt du, wer sonst mitmacht?"
„Er hat sich den Leutnant Lindner als Führer
geborgt. Sonst machen die Stoßtrupps von Hähnel
und Sänger und noch einige von den andren Zügen
mit. Es sollen auch Pioniere dabei sein, um das
französische Drahthindernis zu sprengen, und eine
Unmenge von Artillerie und Minenwerfern und
Maschinengewehren soll schießen."
Ich soll also nicht mitmachen, dachte ich kühl.
Der Patrouillenabend kam. Eine Leuchtkugel
ging hoch, und das Schießen begann. — Ein schwe­
rer Fehler, dachte ich, das Schießen mit einem
Leuchtzeichen von der Stelle aus anzufordern, wo
man stürmen will. Ein gescheiter Gegner weiß
sofort alles.
Es stampfte und bellte von hinten.
Chach — chach — chach — sch! kamen die
schweren Wurfminen hoch aus der Luft gependelt
und detonierten mit breitem Krachen. Maschinen­

345
gewehre ratterten von hinten, daß ich unwillkür­
lich den Kopf einzog, obwohl ich wußte, daß sie
absichtlich zu hoch schossen und nur verwirren
sollten. Und das ging schon seit Minuten. — Zu
viel! Viel zu viel! Das kann nicht gelingen! — Ich
sah die Stoßtrupps aus dem Graben steigen. Unter­
dessen schoß es ununterbrochen weiter.
Ein Krachen nicht weit. War das die Sprengung
des Drahthindernisses oder ein französischer Ein­
schlag?
Ramm! Ramm! Ramm! Das französische Sperr­
feuer hatte eingesetzt, und zwar äußerst heftig.
Ich zitterte vor Erregung. Hähnel, Sänger und
der größte Teil meines Zuges waren vorn.
Jemand kam in den Graben gesprungen und
andre hinterher,
„Was ist denn eigentlich los?" schrie Sänger.
„Weshalb sollen wir denn zurückgehen?" fragte
Hähnel.
„Weshalb haben Sie nicht angegriffen?" schrie
Lößberg.
„Herr Leutnant Lindner schrie von vorn:
.Zurück! zurück!'" sagte Hähnel,
Lindner sprang in den Graben. Es schoß heftig
um uns.
„Ich habe nicht ,Zurück!' gerufen, sondern die
Pioniere, weil das Hindernis noch nicht gesprengt
war.
„Also dann jetzt vor!" schrie Lößberg erregt.
„Sind die Stoßtrupps bereit?” fragte Lindner.
„Nein, jetzt ist alles durcheinander!" schrie
Sänger, um sich verständlich zu machen. „Ich habe
nur zwei Mann da!“

346
„Bringen Sie die andern her!" schrie Lößberg.
„Herr Oberleutnant!" sagte Hähnel ruhig. „Das
ist mißglückt!"
„Mißglückt gibt es nicht!“ schrie Lößberg.
„Herr Oberleutnant!" sagte Sänger. „Die Sache
war falsch angelegt."
„Rücken Sie hinter!" schrie Lößberg und ging
fort. Es schoß immer noch heftig von beiden Seiten.
Lamm kam gerannt: „Der Bataillonskomman­
deur möchte wissen, wie viel Gefangene gemacht
sind! Es muß doch soweit sein?“
„Alles mißglückt!"
Er sah mich starr an: „Wie kommt das?"
Ich brüllte ihm einiges zu, um mich verständ­
lich zu machen. Eine Leuchtkugel stieg hoch, das
Beendigungszeichen,
„Da werden ja die höheren Stäbe rasen vor
Wut! Bis hinauf zum Armeeführer hatte er alle für
die Sache in Bewegung gesetzt,"
Lamm lief fort.
Das Feuer ließ nach. Ich hatte zwei Verwundete
im Zuge durch das französische Sperrfeuer,

VIII
Gegen Morgen kam ein Läufer.
„Herr Feldwebel möchte zu Herrn Oberleutnant
kommen.“
Ich fand ihn gebeugt auf einem Stuhl sitzen. Er
stand müde auf:
„Mein lieber Renn! Ob es wohl möglich ist,
Leute zu finden, die in der nächsten Nacht ver­
suchen, Gefangene zu machen?"

347
„Soll wieder mit Artillerie und Minenwerfern
gearbeitet werden, Herr Oberleutnant?"
„Nein, wir müssen versuchen, es ganz geheim
zu machen."
„Dann will ich die Patrouille machen, Herr
Oberleutnant, — Kann ich Fliegeraufnahmen dazu
haben?“
„Alles, was Sie wollen, mein lieber Rennl"
Ich machte mich zuerst an die Fliegeraufnahmen.
Sie waren so scharf, daß ich sogar die Drahthinder­
nisse erkennen konnte. Ich fand an einer Graben­
biegung nach vorn eine kleine Erweiterung, die
ihrer Form nach ein Postenstand sein mußte. Frei­
lich lag dieser Postenstand an einer Stelle des
feindlichen Grabensystems, die sehr weit von unse­
rem entfernt war, wohl siebenhundert Meter. Aber
das hatte wieder den Vorteil, daß sie dort einen
Handstreich am wenigsten erwarten würden.
Ich ging zu Hauffe.
„Ich gehe nicht, wenn es nicht befohlen wird,“
sagte er.
Ich ging zu Hartenstein.
„Du wirst auch nie klug werden!" sagte er. „Für
Lößberg, den Hund, rühr ich keinen Finger! Aber
für dich muß ich schon mitkommen. Ich hab hier
noch einen, Leuschel, der ist zwar nicht geübt, aber
der Kerl hat Kräfte und Verstand. — Wie hast du
dir’s denn gedacht?"
„Ich dachte, mit etwa zwei Mann den Posten
anzupacken und auszuheben. Dafür sind wir drei
gut. Und dann noch vier Mann zum Abriegeln der
Gräben, daß wir nicht überfallen werden. Ich habe
ein paar junge Kerle, die das können."

348
Als es hell geworden war, betrachtete ich die
französischen Gräben von einem höher gelegenen
Graben aus. Der Artilleriebeobachtungsoffizier lieh
mir dazu sein Scherenfernrohr. Ich mußte mir die
Punkte im Gelände einprägen, nämlich einen helle­
ren Fleck am Boden, — woher es da heller war,
konnte ich nicht sehen —, dann eine Mulde, viel­
leicht nur ein paar Handbreit tief. Die führte zu
einer Drahthindernisecke. Von da mußten wir zu
der Stelle, wo das Hindernis dünn aussah. Dann
waren noch dreißig Schritt zu dem Posten.
Am Nachmittag schlief ich.
Kurz vor elf Uhr brachen wir auf.
Wir waren in Strickjacken, die Socken über die
Hosen gezogen, eine kleine Pistole und das Messer
in der Hosentasche. Hartenstein und Leuschel sahen
groß und gefährlich aus.
Wir drei schritten voraus. Die vier Kleinen mit
Gewehren und Handgranaten folgten. Der Mond
schien.
Der Boden war hart gefroren, und das ausge­
wachsene, gefrorene Kraut knisterte bei jeder Be­
rührung.
Wir stiegen einer hinter dem andern durch
unsre vier Drahthindernisstreifen. Dort lag ein toter
Franzose, wahrscheinlich noch vom vorigen Früh­
ling. Er roch nicht mehr.
Hier vor der Stellung sagte ich den jungen Leu­
ten erst, daß noch gar nicht erkundet wäre, und
daß wir in einer Nacht erkunden und zugreifen
müßten.
„Der Mond geht in zwei bis drei Stunden unter.
Bis dahin schleichen wir uns ganz langsam an."

349
Der Mond stand uns im Gesicht. Daher würden
sie uns nicht als Schattenrisse sehen.
Wir schlichen weiter, legten uns dann hin und
krochen. Am ersten französischen Hindernis muß­
ten wir halten. Der Mond stand noch vor uns. Das
Hindernis war zu stark, um, ohne Aufmerksamkeit
zu erregen, darüber wegzukommen. Hartenstein
kroch nach rechts und fand dort eine zerschossene
Stelle. Wir ließen die andern zurück und krochen
allein weiter, sehr langsam und immer horchend.
Schritte und Reden, Nach dem Stand des Mondes
war es etwa ein Uhr. Ich glaubte an einer Stelle
eine Bewegung gesehen zu haben, war aber nicht
ganz sicher. Wieder Schritte. Das mußte der abge­
löste Posten sein.
Wir blieben liegen, bis der Mond untergegangen
war. Dann kroch ich zurück und holte die andern,
erst durchs erste Drahthindernis, dann an einem
zweiten Hindernis, das nach hinten verlief, etwa
fünfzig Schritt entlang. Der französische Graben
ging links wie das Hindernis nach hinten. Der
Posten trat manchmal hin und her und hustete. Es
war nur ein Mann. Zu sehen war nichts bei der
großen Dunkelheit.
Wir krochen ganz langsam am Posten vorbei
und trafen Hartenstein etwa zwanzig Schritt weiter.
Wir wandten uns links um. Ich suchte die Lücke
im Drahthindernis, Das dauerte an anderthalb
Stunden. Wir mußten jetzt vorsichtig sein wegen
der nächsten Ablösung. Wir krochen noch immer
am Hindernis entlang und fanden schließlich eine
Stelle mit wenigen Drähten. Da lagen wir still. Zwei
Mann waren zum Abriegeln nach rechts bestimmt.

350
Die andern beiden hatten keinen bestimmten Auf­
trag. Damit waren sie überflüssig. Eigentlich müßten
sie nach links abriegeln. Aber um ihnen den Auf­
trag zu geben und sie aufzustellen, hätte ich mit
ihnen wieder zurückkriechen müssen, am Posten
vorbei, und dann müßte ich wieder vorkriechen.
Da konnten weitere Stunden vergehen, und dann
wären wir vielleicht nicht mehr fähig, gut draufzu­
gehen; wir waren jetzt schon steif vor Frost,
Schritte von mehreren Menschen im Graben.
Sie schimpften auf irgend etwas. Drei Stimmen; es
konnten aber noch mehr Menschen sein. Was woll­
ten die? Nicht weit rechts vor uns hielten sie an.
Dort stand vielleicht ein Doppelposten. Dann müß­
ten wir zwischen beiden Posten in den Graben.
Wieder Schritte. Zwei Menschen. Links war also
auch ein Doppelposten? Sie gingen an uns vorbei.
Husten.
Ein Gespräch. Das war die Ablösung.
Schritte zweier Menschen, aber nach links. Wes­
halb einen andern Weg, als sie gekommen sind?
Kommen sie später zurück?
Wir lagen still. Ich steckte die Hände in die
Hosentaschen, um nicht noch steifer zu werden. Es
blieb still, nur manchmal ein Husten.
Jetzt kamen sie nicht mehr zurück. Vielleicht
mußten die beiden den Graben ein Stück abgehen
und dann in einem andern Graben zurückkehren..
Ich stieß Hartenstein und Leuschel an. Harten­
stein erhob sich, wir andern auch.
Erst vorsichtig durch den Draht.
Ich rannte auf den Graben zu.

351
Hinter mir ein Fall. Einer platzte lachend
heraus.
Ich sprang in den Graben, Hartenstein und Leu-
schel dicht hinter mir. Es konnten nur fünfzehn
Schritt zum Posten sein. Wir rannten.
Ein Geräusch vor uns.
Ein Schuß von hinten.
Der Postenstand war leer, nur eine Handgranate.
Der Posten war ausgerissen. Das verfluchte
Lachen!
Ich kletterte aus dem Graben nach links.
Zwei Schüsse fast zu gleicher Zeit von hinten.
Wir rannten nach dem Drahthindernis.
Von links zwei Schüsse!
Durch den Draht!
Hinter mir flüsterte einer kläglich.
Ich war durch das Hindernis und kniete hin.
Ein Schuß!
Alle kamen nach. Eine Leuchtkugel ging hoch.
Wir warfen uns hin. Mehrere Schüsse vorbei. Sie
sahen uns wohl nicht.
Wieder eine Leuchtkugel. Noch zwei Schüsse
und lautes hastiges Reden. Wir waren noch nicht
außer Gefahr. Sie konnten uns beim vordem Hin­
dernis den Weg abschneiden. Aber das wäre für
uns ein Vorteil. Dann könnten wir mit unsern sieben
Mann draufstoßen in der Richtung auf unsre eignen
Gräben.
Die Leuchtkugeln verglimmten. Wir krochen
nach dem vorderen Drahtverhau. Einer kam zu mir:
,,Lesche hat einen Beinschuß.“
„Kann er mit?"
„Ja."

352
Wir kamen unbelästigt durchs vordere Hindernis
und gingen dann aufrecht weiter, Lesche humpelte.
Ich merkte erst jetzt, wie verfroren ich war,
„Ich mache nie wieder 'ne Patrouille mit solchen
jungen Kerlen, die sich nicht zusammennehmen
können!" knurrte Hartenstein.
Vor unserm vordersten Graben stand Trepte.
„Nichts?"
„Nichts — nur einen Verwundeten, — Geht in
eure Unterstände! Ich muß zu Herrn Oberleutnant."
Lößberg schlief und wurde geweckt. Ich be­
richtete.
„Das war die letzte Hoffnung," sagte er. „Es
hilft nichts. Morgen werden wir abgelöst."

IX
Am nächsten Abend wurden wir abgelöst und
marschierten ins Lager. Ich war sehr müde.
Am folgenden Morgen traten wir vor den Ba­
racken abmarschbereit an. Die Leute der mißglück­
ten Großpatrouille von neulich waren noch nicht
aus Menicourt da, wo sie nach dem Unternehmen
untergekommen waren.
„Unglaublich!" sagte Lößberg, „Vor einer halben
Stunde hätten sie schon da sein müssen! — Aber
wenn sie einen nicht mehr brauchen, lassen sie einen
einfach im Stich! — Feldwebel, haben Sie auch
sagen lassen, daß ich den Leutnant Lindner nicht zu
sehen wünsche?"
„Jawohl, Herr Oberleutnant."
Lößberg hatte an uns längst seine Abschiedsrede
gehalten. Wir standen und warteten auf die Pa­
trouillenleute, Das Gras zwischen den Fichten war
Renn, Krieg 23
353
niedergetreten. Die Wagenspuren und Stiefelein­
drücke waren mit harten Kanten gefroren.
Da bog Sänger um die Waldecke, den Kragen
offen und das Gewehr übermäßig hintenüber ge­
lassen. Die andern wurden sichtbar. Jeder latschte,
wie er wollte. Einer hatte den Helm auf dem Kopfe,
der andre in der Hand.
Ich hatte meine Leute nie so gesehen. Das mußte
Absicht sein.
„Können Sie nicht Ihre Mannschaften ordentlich
herführen, wenn Ihr Kompanieführer sich von Ihnen
verabschieden will, Unteroffizier Sänger!"
Sänger ließ halten und stellte sie auf.
„Einer hat noch den Helm in der Hand, Unter­
offizier Sänger!"
„Patrouille Lindner ohne Herrn Leutnant Lind­
ner zur Stelle!“ meldete Sänger.
Lößberg sah ihn sprachlos an.
„Ich habe Sie herberufen," schrie Lößberg, zit­
ternd vor Wut, „um mich von Ihnen zu verab­
schieden! Ich batte damit gerechnet, daß Sie so auf­
treten würden, wie Sie es von mir gelernt haben!"
Lößberg faßte sich auf einmal. „Sie sind allerdings
— das weiß ich — an dem Mißerfolg nicht schuld.
Einem guten Führer gelingt alles! Von einem schnei­
digen Kerl läßt sich Unmögliches verlangen, von
einem Feigling nichts! — Ihr Führer, der heute
nicht da ist, war nicht der geeignete; sonst hätten
wir heute Gefangne, Auszeichnungen und Ruhm.
Feigheit hat alles zunichte gemacht!"
Lößberg ritt fort. In der Kompanie murmelte es.
„Ja," hörte ich eine noch junge Stimme, „der
Leutnant Lindner ist dran schuld."

354
„Halt's Maul, wenn du nichts verstehstJ“ sagte
Sänger. „Wer ist denn feige und verdrückt sich vor
der Offensive?"
„Still da!“ sagte der Kompaniefeldwebel. „Kom­
panie stillgestanden!“
Er meldete dem Bataillonskommandeur, der mit
Lamm geritten kam.
„Wo ist Herr Oberleutnant Lößberg?“
„Eben fortgeritten, Herr Major.“
„Haben Sie ihm nicht übermittelt, daß ich mich
hier von ihm verabschieden wollte?“
„Jawohl, Herr Major, und ich habe Herrn Ober­
leutnant eben noch einmal daran erinnert.“
Der Major wendete seinen Kopf zu Lamm, sprach
etwas leise mit ihm, wendete sein Pferd und ritt
mit zusammengekniffenen Lippen davon.
„Dritte Kompanie!" rief Lamm, „Ich übernehme
wieder meine Kompanie! Ich hoffe, ihr freut euch
so darüber wie ich!“
Wir rückten ab. Die Kompanie war vergnügt,
weil wir wieder Lamm als Führer hatten. Nach
mehrstündigem Marsch kamen wir zu der Bahn­
station, auf der wir verladen werden sollten.
Lamm nahm mich beiseite und wollte mir eben
etwas sagen, als Lindner rasch gegangen kam.
„Verzeihen Sie!“ sagte er zu Lamm. „Kann ich
mal mit Renn sprechen? — Ist das wahr, daß mich
der Oberleutnant einen Feigling genannt hat?“
„ Ja.
„Was soll ich tun?"
„Sprechen doch Herr Leutnant mit unserm
neuen Kompanieführer."
Lindner ging zu Lamm. Sie gingen zusammen

355
zum Major. Lamm kam zurück, Er war nach­
denklich.
Jetzt begriff er wohl, warum ich LÖßberg so ge­
haßt hatte.
Der Zug kam, und wir stiegen ein.

356
DIE MÄRZOFFENSIVE 1918

I
Gegen Abend hielten wir in einem Waldtal,
stiegen aus und marschierten in das nächste Dorf.
Dort blieben wir zwei Tage. Uns war gesagt wor­
den, daß wir von hier ab nach dem Versammlungs­
raum unsrer Offensivarmee in den Nächten mar­
schieren würden, damit die feindlichen Flieger das
Zusammenziehen so großer Truppenmassen nicht
bemerkten.
Mich hatte das plötzliche Aufhören aller Zucht,
als die Patrouillenleute ohne Ordnung anmarschiert
kamen, nachdenklich gestimmt. Und wie frech
Sänger dem Oberleutnant geantwortet hatte nach
dem Mißlingen des Unternehmens! Eine Meuterei
hielt ich im deutschen Heere für unmöglich, aber so
etwas wie damals, das grenzte doch an Meuterei.
Die große Frühlingsoffensive mußte den Krieg be­
endigen. Sonst? — Der Krieg konnte doch nicht
zum Dauerzustand werden. Irgendwann mußten sich
doch die Völker wieder vertragen.

Wir marschierten Nacht für Nacht und lagen am


Tage still. Da schlief man nicht viel. Und das
Marschieren, ohne etwas zu sehen, in der engen
Kolonne strengte sehr an.

357
Wir hatten in der Kompanie einen Erzgebirgler,
einen schon älteren, häßlichen Menschen. Wenn die
Kompanie müde war, fing der an zu singen. Lamm
duldete es, daß er dazu aus der Kolonne trat und
neben der Kompanie herlief. Er erfand kleine Verse
im Singen, und die Kompanie mußte den Kehrreim
singen:
„Und wenn der Kuckuck rufen tut,
Wird alles wieder gut,
Wird alles, alles, alles wieder gut."

Das sangen sie mit Begeisterung. Der Vorsänger


hatte es dabei nicht leicht; denn wenn uns ein
Fuhrwerk entgegenkam, mußte er hinter der Kom­
panie verschwinden und dann wieder vorlaufen.
Es lag noch etwas Besonderes in seinen Versen:
sie waren nie gemein und dazu brachte er immer
neue, und manche waren sonderbar auf unsre Ge­
mütsstimmung gepaßt. Ich hätte ihn gern näher
kennengelernt, aber er war nicht ein Mensch zum
Kennenlernen. Sein Gesicht war immer gleichmäßig
dunkel, weder ernst noch heiter, und er kümmerte
sich um niemand als um die Leute seiner Gruppe,
auf die er ja angewiesen war.

II
Wir kamen in ein großes Dorf in der Picardie.
Dort blieben und exerzierten wir.
Von meinen Leuten hatten zwei die Sohlen von
den Schnürschuhen geschnitten und nach der Hei­
mat geschickt, weil es ja dort kein Leder mehr gab.
Ich meldete das Lamm. Er befahl eine Durchsicht
des ganzen Schuhwerks. Bei den andern Zügen, bei

358
denen ältere Leute und mehr Familienväter waren,
als bei mir, fehlte noch viel mehr.
Einige Leute sagten ganz offen, sie würden sich
nicht zu Krüppeln schießen lassen, sie würden sich
rechtzeitig verdrücken.
Ich fand, daß der Unteroffizier Sänger, gegen
den ich seit der Patrouille einiges Mißtrauen hatte,
ganz harmlos war, nur etwas unbeherrscht, wenn
ihn etwas ärgerte.
Hartenstein hatte sich mit Besser, einem kleinen,
beweglichen Mann von einigen dreißig Jahren, be­
freundet. Besser war Kellner und in allen Ländern
Europas gewesen, außer in Rußland, und das tat mir
leid; denn ich hätte immer gern etwas von diesem
Lande gehört, das mir sehr geheimnisvoll vorkam,
besonders jetzt nach der Bolschewistenrevolution.
Besser sprach auch immer von dem unsinnigen
Krieg, und man müßte einfach streiken und nicht
mitmachen.
Ich sagte einmal dem Hartenstein: „Weshalb
verkehrst du nur mit dem?“
Hartenstein lachte: „Weil das der beste Mensch
von der Welt ist. Der redet nur so, aber wenn's
drauf ankommt, da sollst du mal sehen, wie der
mitmacht!“
Aber auch mir wurde der Krieg immer ver­
dächtiger.

III
Wir marschierten in einer Nacht vor und kamen
in einen Industrieort. Die Truppen vor uns verließen
eben die Quartiere. Wir gingen hinein und schliefen.
Wir blieben den Tag und die Nacht da und er­

359
fuhren nichts weiter, als daß wir vorläufig Armee­
reserve wären.
Am folgenden Morgen, noch im Dunkeln kam
der Abmarschbefehl, Wir traten auf der engen
Straße an.
Lamm kam geritten.
„Der erste Stoß ist gelungen. Die erste und
zweite englische Stellung sind in unsrer Hand. Heute
wird die dritte Stellung angegriffen. Die ist aber
nach Fliegermeldungen nur knietief.“
Wir marschierten ab. Es wurde wieder ein trüber
Morgen,
Wir kamen dem Kanonendonner immer näher.
Fern vor uns standen am Himmel drei Fesselballons.
Sie bewegten sich bald aufeinander zu, bald aus­
einander, und wir kamen ihnen nicht näher. Das
war ein Zeichen, daß sie marschierten.
Rechts und links der Straße auf den Aeckern
hielten Wagenkolonnen immer dichter. Ein offenes
Lastauto überholte uns.
„Du heh, die Granaten!"
Es lagen vier Granaten auf dem Lastauto und
ragten zu beiden Seiten hinaus.
Wir hielten. Links in einiger Entfernung wim­
melte es schwarz von Menschen, Ab und zu krachte
es dort. Das waren die Geschütze, aus denen die
Riesengranaten geschossen wurden.
Wir blieben den Tag und die Nacht über hier
und schlugen Zelte auf. Ich hatte eine Karte der
französischen Front, Wir stießen von St. Quentin
her vor. Wollten wir bis Amiens durchstoßen und
die Franzosen von den Engländern trennen? Ob das
den Krieg beendete? Er mußte ja beendet werden.

360
Am nächsten Tag kamen wir in das Gebiet der
geräumten Stellungen, eine weite, kahle Ebene mit
Gräben,
Früher steckte man ganz in den Gräben, heute
marschierten wir oben auf der Straße und sahen in
die Gräben hinein.
Wir kreuzten die Drahthindernisse — hier waren
die Löcher der Horchposten — und näherten uns
der englischen Stellung, Es wurde an der Wieder­
herstellung der Straße gearbeitet. Wir marschierten
langsam und mit Stockungen.
Die Sonne ging unter. Wir kamen in die eng­
lische Stellung. Zwei Tote lagen in einem Graben.
Wir übernachteten in einem Grund mit einem
Bach und Weiden. Wellblechplatten lagen umher,
aus denen wir uns Hütten bauten. Nicht weit davon
war ein englisches Lager mit hohen Spitzzelten, Die
Gruppe Hähnel schleppte ein Zelt her und hatte
auch neue Röcke, Schuhe und Rasierzeuge gefunden.
Sie wollten das Zelt behalten.
„Wenn ihr's tragen wollt," sagte ich, „ist mir's
recht."
Sie hatten wohl gedacht, ich würde ihnen einen
Platz dafür auf unserm Maschinengewehrwagen ver­
schaffen. Am nächsten Morgen nahmen sie es
nicht mit.
Wir gingen auf einer schmalen Notbrücke über
einen kleinen Fluß. Das jenseitige Ufer stieg steil
auf. Dort lagen tote Schotten in ihren kurzen
Röckchen. Die Stiefel und Strümpfe waren ihnen
ausgezogen. Mehrere meiner Leute trugen auch
schon gute englische Schnürstiefel. Links der Straße

361
stand eine verlassene Batterie mit einigen toten
Franzosen.
Wir übernachteten wieder in einem Graben und
spannten auf der Windseite die Zeltbahnen doppelt.
Dieses ganze Gebiet war von uns vor einem
Jahre geräumt worden. Ich dachte, die Franzosen
hätten wieder aufgebaut. Aber kein Mensch wohnte
da, und die Felder waren nicht bestellt.
Wir kamen in das Gelände der Somme-Schlacht.
Die Gräben waren überwuchert, der Draht der
Hindernisse verrostet. Nicht einmal die Straßen
waren wieder hergestellt.
In den Trümmern eines Orts blieben wir zwei
Tage lang bei eisigem Winde. In ein bis zwei Kilo­
meter Entfernung ragte der tote Wald von Bour-
raine, vor dem ich 1916 verwundet wurde.
Am Tage darauf marschierten wir quer durch
das Grabengewirr der Somme-Schlacht und schlugen
Zelte auf. Ein gefallenes Pferd lag da. Alle stürzten
sich darauf und schnitten mit dem Messer Stücke
Fleisch heraus.
Es wurde dunkel und fing an zu regnen. Ich
legte mich ins Zelt.
„Zelte abbrechen! Sofort auf der Straße an­
treten!"
Draußen war es stockdunkel. Es regnete in
Strömen. Es wurde hin und her geschimpft. Wo
waren meine Gruppen? Ich rief.
Schließlich kam einer:
„Gruppe Hähnel steht auf der Straße!"
„Sind Sie endlich fertig?" schrie mich Trepte an.
„Wen meinen Sie denn? Hier ist Renn.”

362
„Diese verfluchte Dunkelheit! Haben Sie jemand
von meinen Leuten gesehen?“
„Nein, ich suche auch noch.“
Nach dreiviertel Stunden stand die Kompanie
auf der Straße. Aber es fehlten drei Mann, darunter
Leiser. Die hatten wohl die Verwirrung benutzt und
waren ausgerissen.
Lamm war nicht zu finden. Auf uns goß der
Regen nieder.
„Wo ist der Bataillonsstab?" fragten immer wie­
der Kompanieführer.
„So eine verdammte Scheiße!" schimpfte irgend
jemand. „Da hat uns die Brigade mal wieder alar­
miert, statt einen ruhigen Befehl auszugeben!“
„Nu, was tut denn das?"
„Was das tut? Jetzt können wir vier Stunden
lang im Regen stehen, statt zu schlafen!"
„Nu, wir können doch wieder Zelte aufschlagen.“
„Das wär ein hübscher Spaß bei der Dunkelheit,
und sich dann unter ein Dach legen, und unten ist
Schlamm!"
Wir standen und ließen es auf uns regnen. Lamm
kam zurück und stand bei uns.
„Greifen wir morgen früh an?“
„Ich weiß es nicht.“
Wir waren wieder still. Der Regen tropfte.
Schließlich nach Mitternacht marschierten wir
ab. Es hatte aufgehört zu regnen. Am Himmel trie­
ben uns große, weiße Wolken entgegen und ließen
manchmal den Mond durchblicken. Die Wolken
kamen vom Meere her. Wir marschierten durch
Dörfer, Manchmal lief ein Schein vom Mond über

363
die Aecker. Ich träumte immerfort vom Meer, an
das wir vielleicht kämen. Wie sieht das Meer aus?

IV
Der Tag kam trüb herauf.
Wir marschierten durch ein großes und, wie es
schien, reiches Dorf. Jenseits bogen wir rechts auf
einen Acker mit hellgrünem Winterkorn. Dort
schanzten wir uns flache Löcher zum Hineinlegen
und Schlafen.
„Heute greifen wir an," sagte Lamm. „Es soll
eine Führerreserve ausgeschieden werden, damit
nicht alle beim ersten Angriff weg sind, wie sonst.
Ich habe von den Zugführern Trepte bestimmt. Von
deinem Zug mag Hauffe hintergehen."
Hähnel kam: „Da haben dir meine Leute eine
Flasche Rotwein mitgebracht."
„Sauft sie nur selbstl“ sagte ich, Ich hatte gar
keine Lust, vor dem Angriff und am frühen Morgen
zu trinken.
„Nee, die haben selbst viel zu viel, und sie trin­
ken nicht, wenn du nicht trinkst.”
„Nu, gut, ich danke euch,“ sagte ich und wollte
sie mit Wolf und Funke teilen. Aber die hatten auch
schon Flaschen. Ich goß also in meinen Feldbecher.
Der Wein war sehr schwer, wie mir schien. Kleine
französische Flieger kreisten vor uns und schossen
von oben mit Maschinengewehren, manchmal auch
nach uns. Das machte mir aber keinen gefährlichen
Eindruck, Ich trank die Flasche leer, legte den Tor­
nister unter meinen Kopf, deckte mich zu und
schlief in meinem langen, schmalen Loch.

364
Ich wachte auf und hörte:
„Was willst du denn mit dem Pferd hier?"
„Der Feldwebel hat mich vorgeschickt, weil es
weiter geht,"
„Ja, es geht weiter, aber indem wir stürmen,"
lachte Wolf,
„Ach so?“ Er ging mit dem Kompanieführerpferd
davon,
Ich sah mich um. Sie packten ihre Tornister.
„Herr Feldwebel, wir sollen in zehn Minuten
stehen," sagte Funke.
Ich stand rasch auf, zog den Mantel aus und
packte meinen Tornister.
Wir rückten zu den andern Kompanien des
Bataillons. Mich drückte es heftig auf die Blase.
Das kam von dem verfluchten Wein. Ich wollte aber
nicht austreten vor dem ganzen Bataillon. Die hätten
doch nur gesagt: Seht, dem kommt schon 's Schiffen
vor Angst!
Ringsum stellten sich Truppen zum Angriff be­
reit, alle ohne die geringste Vorsicht, sich zu decken.
Die Sonne schien.
Links an der Straße standen viele Geschütze in
drei Reihen hintereinander, kurze dicke und lange
dünne bis zu den schweren Mörsern. Eine dichte
Menge müßiger Leute, hauptsächlich Trainsoldaten,
sah unsrer Bereitstellung zu.
Unsre Kompanie war ganz vorn, links von uns
die erste Kompanie, rechts eine fremde Division,
Lamm rief uns Zugführer zusammen.
„In der Kompanie gliedern wir uns: rechts Renn,
links Langenohl, dahinter ich mit Sandkorn. Den
Anschluß hat Renn. — Sehen Sie dort vor! Hier

365
kommen erst Felder mit Winterkorn und dann in
etwa drei Kilometer Entfernung ein Wald. An dem
sehen Sie in der Mitte einen Farbenwechsel: links
ist der Wald mehr olivgrün und wird auf einmal
kreidiggrün. Das ist unsre Richtung. — In wenigen
Minuten geht es los!“
Ich nahm Brand mit seiner leichten Maschinen­
gewehrgruppe vor, dahinter ich. Die übrigen Grup­
pen sollten rechts und links hinter mir folgen, in
Schwänzen mit dem Führer vorn.
„Antreten!“ rief Lamm.
„Marsch!“
Rechts und links setzten sie sich in Bewegung,
rechts in breiten Schützenlinien, bei uns in kurzen
Schwänzen, weiter links in unregelmäßigen Haufen.
Links hinter mir folgte Lamm mit seinen Läufern,
Krankenträgern und zwei Reservemaschinenge­
wehren auf einer Karre, die der Waffenmeister­
gehilfe zog. Dahinter der Zug Sandkorn, dann die
vierte Kompanie, schwere Maschinengewehre und
Minenwerfer.
Das ist ja ein ungeheurer Angriff! dachte ich.
Und es sind mindestens drei Divisionen. Aber diese
ungeheure Menschenanhäufung ängstigte mich etwas.
Und weshalb schoß unsre Artillerie nicht?
Von drüben kamen einzelne Infanterieschüsse.
Die sind nervös, dachte ich, daß sie auf solche Ent­
fernung schon schießen.
Das Gelände senkte sich. Vor uns lief ein mäßig
tiefer Grund quer. Im Grunde war ein flacher
Graben geschanzt, aber leer.
Wir stiegen am andern Hang hinauf,
Das Gewehrfeucr nahm plötzlich zu.

366
Brand mit seinen Leuten und den Maschinen­
gewehren rannte; sie verschwanden oben.
Ich sah mich rasch um.
„Wir ziehen uns etwas nach rechts,” sagte ich
zu Funke und Wolf, „damit wir nicht zu unserm
Maschinengewehr kommen und dort die Anhäufung
noch größer machen."
Sie nickten.
Schüsse knallten um mich.
Ich sah schon den Waldrand auf vierhundert
Meter oder weniger. Wir rannten.
Brands Maschinengewehr schoß links. Ich wollte
darüber hinaus vorrennen,
Es peitschte, rasselte und pfiff.
Ich warf mich hin. Ich hatte kein Gewehr, nur
die Pistole und die nützte hier nichts. Der Wald­
rand war gezackt. Gerade auf uns ragte ein Zipfel
vor. Wenn man den hätte, hätte man bald die ganze
Stellung.
Einer warf sich links von mir hin. Es war der
kleine, runde Quellmalz,
„Ich bin verwundet. Kann ich zurück?”
Das Blut lief ihm übers Gesicht.
„Geben Sie mir Ihr Gewehr und Patronenl”
Er warf Patronen vor mich hin.
Ich hatte bemerkt: einen halben Schritt vom
linken Rand im Waldzipfel war manchmal wie ein
dünner Dunst. Dort schoß also einer. Ich zielte
genau. Es waren etwa dreihundert Meter. Der Mann
schoß mindestens dreißig Zentimeter über dem Erd­
boden.
Rechts von mir kamen zwei vorgelaufen und
warfen sich hin.

367
Brand mit seinem Maschinengewehr lag viel zu
weit hinten.
„M.-G.-Gruppe Brand vorgehen!“ brüllte ich.
S! ein Schuß dicht an meinem Ohr vorbei.
Unsinn! fuhr es mir durch den Kopf. Denen
sagen, sie sollen vorgehen? Nein, selber vorgehen!
Ich raffte mich empor und rannte. Recht weit!
dachte ich, Im Rennen merkte ich nicht so, wie
es schoß.
Einen kleinen Blick nach der Seite. Ich war
schon halbwegs zwischen unsrer Schützenlinie und
dem Waldrand. Verflucht allein! dachte ich und
warf mich hin.
Wie Vögel fuhren die Geschosse über mich weg
und um mich. Ich wußte nicht, was deutsche und
was feindliche wären. Wieder sah ich den leichten
Dunst an der Waldspitze.
Ich zielte. Ich hatte eine wunderbare Ruhe dazu.
Ich lud wieder und zielte eine Handbreit weiter
rechts. Es waren nur noch hundertfünfzig Meter
Entfernung.
Knips! Ich riß die Kammer auf. Sie war leer.
Ich griff in die Tasche. Ich hatte die Patronen ein­
zustecken vergessen.
Ein Schuß einen halben Schritt vor mir in den
Boden!
Ich ließ meinen Kopf nach unten fallen. Schie­
ßen konnte ich nicht, also mich tot stellen! Ich
hatte den Kopf im Helm etwas schräg nach rechts
auf den Boden gelegt und sah vor mir einige grüne
Halme Winterkorn. Dahinter kam eine leichte Sen­
kung, in die ich nicht sehen konnte. Entfernter
lagen Deutsche, wohl über fünfhundert Meter vom

368
Waldrand entfernt. Die kommen nicht heran. Ist es
auch schon je gelungen, eine vollbesetzte Stellung
ohne Artilleriehilie und über die Ebene zu nehmen?
— Wann wird es dunkel? In zwei Stunden. — Und
wie entsetzlich das jetzt auf meine Blase drückt!
Bis dahin kann ich es nicht halten. Ich hob mich
etwas mit dem Gesäß und wollte es hinauslassen.
Wieder ein Schuß dicht vor mich.
Ach, mag's in meine Hosen fließen! Und es floß
und floß, die ganze Flasche Wein. Meine Beine
wurden warm und kühl. So eine Kinderei!
Ich hörte Schritte links von mir.
Ich sah hoch. Es war Hartenstein. Einer warf
sich neben mich. Das war Besser.
„Geben Sie mir Patronen!" rief ich.
Er warf mir welche hin.
„Schießen!" schrie ich, „daß der ’rankommt."
Wir schossen.
Hartenstein war fünf Schritte vom Waldrand.
Da fiel er mit einer Drehung nach uns hin und sah
uns an.
Links kamen wieder welche vor.
Ich stand auf und ging mit ihnen.
Es schoß, aber immer schwächer.
In dem Waldzipfel sah ich einen ausreißen.
Ich riß das Gewehr hoch und schoß. Er fiel hin.
Den habe ich umgebracht, dachte ich, aber es regte
mich nicht auf.
Hartenstein hatte nur einen leichten Schuß.
In dem Waldzipfel war ein Graben wie eine
Badewanne. Da lagen Tornister und Konserven.
Einige wollten sich Andenken holen.
„Hier bleiben!" sagte ich. „Wir haben die Stel-
Renn, Krieg 24 QZ1Q
lung noch nicht. Scharf aufpassen! Gewehr vor!
Und hier durch's Dickicht!“
Wir gingen vorsichtig weiter.
Halblinks war plötzlich ein Graben da. Die
Franzosen hielten die Hände in die Höhe.
„Lä bas!“ sagte ich und winkte hinter.
Sie sprangen aus dem Graben und liefen nach
der Seite, von der wir kamen.
Ein Gewehrschuß ganz nah.
Wir schlichen weiter, Besser war dicht neben
mir, das Gewehr bereit.
Wir kamen an den jenseitigen Waldrand. Da lag
eine Schlucht vor uns. Drüben stieg ein dünner
Buchenwald an. Jenseits auf der Wiesenhöhe ver­
schwanden zurückgehende Franzosen,
In der Schlucht ließ ich halten. Es wäre sinnlos
gewesen, mit meinen fünf Mann weiter vorzustoßen.
Einige Leute von der linken Nachbardivision kamen
und eins unsrer leichten Maschinengewehre mit
zwei Mann. Sie trugen mühsam das viele Gerät.
„Wo sind die andern Maschinengewehre?"
„Alle weg. Lamm ist auch verwundet und
Langenohl tot."
Ich teilte die Leute neu ein und ging weiter.
Ramm! Ramm! Ramm! in den Wald, in einer
Linie, ganz dicht!
„Marschmarsch!" brüllte ich.
Eine Granate zwei Schritt rechts vor mich.
Ich trat auf. Ein Stechen im Fuß, Ich sah: das
Oberleder war aufgerissen, und Blut war daran.
„Soll ich verbinden?“ schrie Besser.
„Nein, lauft weiter!"
Ich versuchte mit der Ferse aufzutreten. Das

370
ging. Ich humpelte zurück in die Schlucht. Ein jun­
ger Kerl kam zu mir. „So trifft man sich wieder."
„Wer sind Sie denn?"
„Ich bin von der ersten Kompanie. Aber ich hab
Herrn Feldwebel immer gesehen."
Er hatte einen Wadenschuß.
„Wie ist's bei der ersten?”
„Unser Kompanieführer ist tot. Der hatte sich
zum Maschinengewehr auf die Straße gelegt. Die
sind alle tot auf der Straße. Wer sonst noch da ist,
weiß ich nicht, — nicht viel,"
Wir humpelten zusammen.
Vier Franzosen hatten ein breites Brett auf ihre
Schultern genommen, auf dem ein verwundeter
Deutscher saß, und trugen ihn vergnügt hinter.
In einiger Entfernung rechts detonierten Gra­
naten, Da war auch Infanteriefeuer.
Wir kamen an den Waldrand, von dem aus vor­
hin die Franzosen schossen. Vor uns lag das Feld
mit Winterkorn und darauf wie die Brustscheiben
die Toten. Hartenstein war nicht mehr da, Hähnel
lag auf dem Rücken mit aufgerissenen Augen, Er
machte Bewegungen mit den Armen. Ich kniete hin
und faßte seine Hand. Er sah mich nicht an,
„Hähnel," sagte ich, „du brauchst dich nicht zu
fürchten. Ich bin da." Er bewegte sich und starrte
in die Luft, Er hatte einen Bauchschuß, — Ach, ich
konnte nicht helfen! — Um den trauert niemand;
er hat keine Angehörigen, — und wenn er welche
hätte, was nützte es ihm?
Ich ging weiter,
Jaucr lag da, Sandkorn mit einem Loch vorn im
Helm, sonst ordentlich auf beiden Ellbogen. Sänger
24*
371
lag halb auf der Seite, einen Arm unter dem Leib
vorgestreckt. Von Funke und Wolf war nichts zu
sehen.
Wir kamen gegen das Dorf hin. Regelmäßig kam
eine Granate auf einen Acker.
Noch einer schloß sich uns an. Der hatte einen
Unterarmschuß und fürchtete sich vor den Gra­
naten.
Wir rannten, so gut es ging, und kamen an einen
Friedhof. Dort verbanden zwei Aerzte, von Ver­
wundeten umringt.
„Was haben Sie?" rief der Oberarzt, der damals
meine Lunge untersucht hatte, über die Wartenden
weg.
„Fußschuß, Herr Oberarzt."
„Gleich ins Feldlazarett!"
Die andern kamen mit mir.
Auf der Dorfstraße kam Hauffe gerannt:
„Du bist ja da? Alle haben gesagt, du wärst tot!
— Ich zeige dir das Lazarett und brate dir ein
Huhn; wir haben welche!"
„Weißt du was von Funke und Wolf?"
„Der gute Funke ist tot. Von Wolf weiß ich
nichts."
Es begann dunkel zu werden.
„Hier ist das Lazarett. Ich hol dich dann wieder
hier ab."
Ich kam in einen Raum, in dem etliche standen.
Rechts um die Ecke schien bei einer Karbidlampe
verbunden zu werden. Ich sah die Leute an. Da
sah ich ein ganz zerfetztes Gesicht, Nase und Mund
ein blutiger Klumpen — und das waren Wolfs
Augen, die mich traurig ansahen. — Wie kann der

372
nur überhaupt noch leben und aufrechtstehen? Ich
sah ihn und wollte fragen. Aber er konnte ja nicht
antworten. Ich setzte mich auf eine Kiste und be­
tastete meinen Stiefel. Ich mußte ihn aufschneiden.
Beim Aufschneiden der Naht dachte ich mit GraueD
an Wolf. — Der kann doch nichts essen. Geht er
denn einfach zugrunde, in zwei, drei Tagen?
Als ich wieder aufsah, war er verschwunden,
und ich kam bald an den Arzt.
„Stark splittriger Bruch. Der Granatsplitter
scheint noch drin zu sitzen. Das können wir hier
nicht operieren. Sie müssen selbst suchen, in ein
größeres Lazarett zu kommen."
Sie verbanden mich und gaben mir eine Spritze
ins Bein.
Hauffe kam bald wieder. Ich konnte mit der
nackten Ferse besser auftreten als vorhin im
Stiefel. Er führte mich in ein großes Haus.
In einem niedrigen Raum brannte eine Petro­
leumlampe an der Decke. Es hingen allerhand
Gerätschaften umher. Es war wohl eine Woll­
spinnerei.
Hauffe zog mich rasch vorwärts und ließ mich
los. Da saß Lamm, den rechten Arm eingebunden
und stocherte mit der linken Hand auf einem Tiegel
herum an einem Hühnerbein. Er ließ die Gabel los
und gab mir die linke Hand.
Hauffe brachte Rotwein. Trepte setzte sich da­
zu. Wir aßen. Das Huhn war stark gewürzt. Ich
hatte großen Durst und trank Rotwein.
Ich merkte jetzt auch: ich war sehr aufgeregt.
In meinem Fuß begann es zu ziehen. Ich legte ihn

373
auf einen Stuhl hoch. Aber der Schmerz wurde
immer stärker.
Hauffe machte mir ein Lager auf einem Haufen
Wolle, und ich legte mich.
Mitten in der Nacht wachte ich auf von so hef­
tigen Schmerzen, daß ich an allen Gliedern zitterte.
Ich streckte das Bein in die Luft.
Ich stand auf und humpelte umher.
Ich legte mich wieder.
Schließlich setzte ich mich auf einen Stuhl und
legte das Bein auf einen andern Stuhl. So erwartete
ich in Verzweiflung den Morgen.

V
Am nächsten Tage begann meine Wanderung
mit Lamm durch das verödete Land. Der junge
Kerl mit dem Wadenschuß hatte sich auch wieder
herzugefunden. Er humpelte links, ich rechts.
Meine Ferse war natürlich nicht an das Nackt­
auftreten gewöhnt. Ich fühlte auf die Dauer selbst
die Steine dieser Kalkstraße.
Es begann ein wenig zu schneien. Gefangene
Franzosen gingen ohne Begleitung denselben Weg.
Was sollten sie auch tun? Vorn war die Front; das
Land ringsum war wüst, kein Mensch darin und
nichts zu essen.
In einem Lazarett bekamen wir ein wenig Suppe
und wurden weitergeschickt. Der mit dem Waden­
schuß klagte über Hunger. Ich aß wenig und hatte
nur Durst.
Wir wanderten auf einer breiten, gepflasterten
Straße. Die Steine waren sehr hart und etwas
höckrig.

374
Wir kamen in eine kleine Stadt. Ab und zu kam
es angerauscht und schlug irgendwo ein. Wir frag­
ten nach einem Lazarett. Als wir dahin kamen,
sagte uns ein Krankenwärter:
„Wir können niemand aufnehmen. Es ist Befehl
gekommen, das Lazarett zu räumen, weil es immer
herschießt.“
„Wohin müssen wir denn gehen?"
„Ich weiß nicht. Ich weiß nur, daß diese Straße
hinterführt."
Wir wanderten weiter. Lamm begann es zu
schwindeln, und mich strengte das Anziehen der
Fußspitze immer mehr an, und ich fühlte das Blut
an der Fußsohle klopfen.
Wir mußten uns öfter setzen. Meine Hosen
waren noch immer nicht ganz trocken.
Gegen Abend erreichten wir ein Dorf. Lamm
und ich waren so willenlos, daß wir uns von dem
jungen Kerl zu beiden Seiten eines Tores auf Steine
setzen ließen. Ich merkte wohl, daß das komisch
aussehen mußte, aber ich konnte nicht lachen.
Ich kann mich an Einzelheiten dieser Nacht
nicht mehr erinnern.
Jedenfalls habe ich die Nacht durch phantasiert.
Als das Morgenlicht kam, wurde mir wohler.
Ich trank Kaffee und brach mit den andern auf. Ich
hatte keine Fiebervorstellungen mehr, sondern ich
sah die kahle Landschaft schrecklich nüchtern und
fühlte mich schwach zum Gehen.
Einige Lastautos überholten uns. Lamm rief eins
an. Die Kraftfahrer schimpften nur und fuhren
weiter.
Lamm rief wieder eins an. Die antworteten gar

375
nicht. Ich sah, wie es Lamm um die Lippen zuckte.
Er war nahe am Weinen vor Angegriffenheit und
sah schrecklich blaß aus. Der mit dem Wadenschuß
war sehr munter und humpelte schon fast gar nicht
mehr. Ich sprach leise mit ihm, er sollte es doch
noch mal versuchen.
„Ich werd’s schon machen,“ flüsterte er. „Setzen
Sie sich nur da an den Straßenrand!“
Als wieder ein Auto kam, stellte er sich auf die
Straße und machte die Arme breit. Die Kraftfahrer
hielten.
„Was gibt’s denn?"
„Nehmt mal die beiden dort mit!"
„Du kannst uns doch nicht einfach anhalten!"
schimpften sie.
„Mit euch kann man ja nicht anders verkehren!"
lachte er.
Sie schimpften, halfen uns aber in den Laderaum.
Dann fuhr der Wagen klappernd und schnurrend an.
Mein Fuß lag auf den zitternden Brettern. Ich zog
ihn an und legte ihn über mein linkes Knie. Aber
die Stellung war zu unsicher. Ich nahm den Fuß in
die Hände. Das war noch viel schlimmer.
„Warten Sie," sagte der junge Kerl, setzte sich
an die Seitenwand und nahm den Fuß in beide
Hände auf seinen Schoß. Das war wirklich wohl­
tuend, vielleicht mehr wegen seiner Gutherzigkeit
als wegen der guten Lage.
So kamen wir nach St. Quentin und fuhren von
dort mit einem Leichtverwundetenzug weiter. Ich
kam in verschiedene Lazarette. Ueberall röntgten
sie meinen Fuß.

376
„Schwierige Operation! Sehen Sie zu, daß Sie
zu einem Spezialisten kommen!"
So kam ich in wenigen Tagen in die Garnison.
Ich wurde wieder geröntgt.
„In den Operationssaal!"
Der Wärter brachte mich hin. Ich wurde ge­
waschen und bekam eine Betäubungsspritze in den
Fuß. Das tat sehr weh. Die nächste war schon
weniger schmerzhaft.
Eine Schwester hielt mir ein Tuch vor, daß ich
nichts sehen konnte.
Ich merkte, der Arzt schnitt.
„Noch offenhalten, Schwester! Alles mögliche
haben Sie da drin, einen ganz gehörigen Granat­
splitter, Knochensplitter, ein Stück Leder und
Wolle oder so etwas, vom Strumpf,"

VI
Die Heilung war langwierig. Ein Knochensplitter
nach dem andern eiterte heraus. Der Arzt fischte
jeden Tag mit der Pinzette mehrere Stückchen aus
der Wunde. Dann stopfte er Watte hinein, damit sie
nicht vorzeitig zuheilte. Ich erhielt eine Holz­
schiene. Damit konnte ich nur wenig und recht
mühsam gehen.
„Drüben in der Offizierstation liegt seit gestern
ein Leutnant Lamm,“ sagte der Wärter. „Der fragt
nach Ihnen."
Ich humpelte hinüber.
Lamm lag blaß im Bett. Es hatte sich heraus­
gestellt, daß in seinem Arm ein Nerv zerschossen
war und daß es nötig wäre, die Nervenenden zu­

377
sammenzunähen. Er wurde operiert. Danach hatte
er arge Schmerzen,
Ich bekam Fieber. In den nächsten Tagen lag
ich immer im Bett. Beim Verbinden sagte der Arzt
auf einmal: „Jetzt haben wir den Störenfried! Ein
Splitter ist gewandert und will hier heraus,"
Er tupfte mit der Pinzette auf eine Stelle. Es
tat weh.
„Wärter, in den Operationssaall Wir machen
einen kleinen Hautschnitt. Dann sind Sie gleich
Splitter und Fieber los.“

VII
Die Wundbehandlung war schmerzhaft. Ich hatte
oft Fieber und lag meistens im Bett. Es hatte sich
eine Knochenfistel gebildet, die immer eiterte, und
zudem kamen noch immer Knochensplitter heraus.
Da, eines Nachmittags, kam Hänsel. Er setzte
sich auf mein Bett.
„Ich dachte, du wärst im Felde?" sagte ich.
„Ich bin auf Urlaub." Er sah mich erschreckend
starr an, und sein Blick ging wie durch mich durch.
„Siehst du die Zeichen?"
„Was für Zeichen?“
„Die alte Ordnung löst sich.“ —
Die Schwester brachte mir ein Päckchen, Was
war das? Von meinem Regiment! — Ich wollte es
beiseite legen, aber Hänsel sagte: „Mach's nur auf!“
Es war ein flaches Kästchen mit einem silbernen
Kreuz auf dem Deckel. Ich drückte es auf. Da lag
mit glänzendem Silberrand das Eiserne Kreuz erster
Klasse, Ein Papier war dabei mit einem kurzen
Glückwunsch vom Oberst.

378
„Darüber freu ich mich!" sagte Hänsel und sah
auf einmal wieder kindlich gut drein.
Nach zwei Tagen kam Hänsel wieder. Ich war
auf gestanden; denn es war bei der großen Hitze
nicht gut, im Bett zu liegen. Wir gingen in den
Garten, Ich legte mein Bein auf einer Bank lang.
Er setzte sich auf einen Stuhl mir gegenüber. Er
schien noch kräftiger geworden zu sein,
„Ich muß in zwei Tagen wieder hinaus," sagte
er düster. — „Weißt du, um mein Leben handelt es
sich nicht — obwohl ich es natürlich liebe —
sondern daß man überhaupt in den Krieg muß."
Er beugte sich zu mir vor: „Bei der ersten Ge­
legenheit laufe ich überl“

Mir ging es nicht sonderlich gut. Ich hatte fast


dauernd Schmerzen, und die Wunde eiterte.
Wenn sich die Wunde nur einmal schlüssel
dachte ich. Ich muß doch dann erst wieder richtig
gehen lernen. Meine Zehen sind ganz steif ge­
worden.
Noch einige Knochensplitter wurden mir aus
dem Fuß gezogen. Dann heilte die Wunde rasch.
Anfang Oktober war ich wieder felddienstfähig
und bekam einen kurzen Urlaub in meine Heimat.
Von Hänsel hatte ich seit seinem Besuch keine
Nachricht. War er übergelaufen? Er schrieb auch
sonst keine Briefe, Aber ich war doch unruhig.
Wenn man den Krieg nicht will, nützt das Ueber-
laufen vielleicht etwas. Aber in Gefangenschaft
gehen! Sich hinter Drahtzäunen bewachen lassen!

379
ZUSAMMENBRUCH
I
„Wir müssen sehen, wie wir den Ersatztransport
hinauskriegen,“ sagte mir der Leutnant im Ge­
schäftszimmer des Ersatzbataillons.
Mich wunderte der Ton. Das ist wahrscheinlich
einer von den ganz Aengstlichen, dachte ich.
Wir gingen auf den Kasernenhof hinaus. Die
Kompaniefeldwebel ordneten ihre Leute und melde­
ten. Es fehlten noch etwa fünfzig Mann. Die da­
waren, trugen große Pakete in den Händen, standen
unordentlich im Glied und schwatzten durch­
einander.
Wir warteten. Von den Fehlenden kamen nur
noch drei. Das sind aber Zustände hier beim Ersatz­
bataillon! dachte ich.
„Die Fehlenden werden Herrn Major gemeldet!"
sagte der Leutnant, „Wir müssen jetzt abmar­
schieren."
Auf dem Bahnhof beim Einsteigen in den Zug
schimpften die Leute, es wäre zu wenig Platz.
Der Leutnant nahm mich mit in sein Abteil. Der
Zug fuhr ab.
„Unerfreulich!“ sagte er nach einer Weile. „Die
Lage an der Front scheint auch recht bedenklich
zu sein.”

383
„Ich habe die Frontbewegungen nicht verfolgt,
Herr Leutnant."
„Lesen Sie denn keine Zeitungen?"
„Nur selten, und dann versteht man nichts.“
Er sah mich forschend an: „Da wissen Sie wohl
auch nichts von dem deutschen Friedensangebot?"
„Ich habe gehört, daß man sich darüber aufregt.
Aber ich verstehe nicht, weshalb.“
„Nu, es ist doch ein Eingeständnis unsrer
Schwäche!" fuhr der Leutnant auf.
Ich wollte mich nicht mit ihm streiten. Es war
mir auch ganz gleichgültig, was man darüber sagte,
wenn nur der Krieg zu Ende ginge! Ich hatte auch
noch nie über Politik nachgedacht. Ich hatte einen
Ekel davor, wie vor etwas Schmutzigem.

II
In einer kleinen flandrischen Stadt stiegen wir
nach mehreren Tagen Bahnfahrt aus und mar­
schierten bei Sonnenschein auf einer flachen Straße,
rechts und links Gemüsefelder mit blauen Kohl­
köpfen auf moorigschwarzer Erde.
Ich marschierte vorn, der Leutnant hinten. Die
Leute schwatzten und schimpften so laut, daß wir
es verstehen mußten.
„Jetzt ist der Kotz aus! Wegen den paar Tagen
Krieg werden wir uns nicht mehr totschießen
lassen!“
„Wenn ich vor soll, sage ich einfach: das mache
ich nicht!”
Ein paar niedrige Ziegelhäuser kamen, neben
denen vier Bäume seltsam hoch aussahen.
Wir kamen in einen größeren Ort. Auf dem vier-

384
eckigen Marktplatz verteilte der Regimentsschreiber
den Ersatz auf die Bataillone. Ich kam zum zweiten
Bataillon.

III
Ich wartete von Tag zu Tag, was mit mir wer­
den sollte. Das Regiment war winzig klein ge­
worden. An einer Stelle, irgendwo vorn, war ein
ganzes Bataillon umzingelt und abgefangen worden,
anderswo die erste und die dritte Kompanie mit dem
Bataillonsstab. Offiziere fremder Regimenter waren
herversetzt worden, die niemand kannte. Zwei der
Bataillonskommandeure waren eigentlich Kavalle­
risten. Jetzt sollte ein Reserveregiment aufgelöst
und damit unser Regiment aufgefüllt werden.
Die Geschäftszimmer, bei denen ich war, lagen
etwa fünfzig Kilometer hinter der Front und ver­
kehrten mit der Front und den Feldküchen durch
Boten auf Fahrrädern, die meist erst am nächsten
Tage zurückkamen.
Die Ersatzmannschaften, die ich mitgebracht
hatte, bummelten in den Straßen umher und gingen
ins Kino.
Endlich eines Morgens war der Regimentsadju­
tant gekommen und hatte befohlen, die Ersatz­
mannschaften sollten mit einem um zehn Uhr ein­
treffenden Bataillon zum Regiment vorrücken.
Wir traten auf dem Marktplatz an. Die Ersatz­
mannschaften waren sehr still. Vielleicht fürchteten
sie sich vor dem Bataillon, das angekündigt war,
und wollten erst einmal das weitere abwarten.
Wir warteten. Nach anderthalb Stunden kam ein
Offizier geritten und sagte, das Bataillon hätte nicht
Renn, Krieg 25
385
den Umweg über den Ort hier machen wollen. Er
würde den Ersatz vorführen.
Wir marschierten ab. Ich ging hinten. Es war
schwül. Die Sonne schien, aber zugleich war ein
graues Gewitterlicht da.
Es war sehr dunkel geworden. In der Ferne
zuckte es. Große Tropfen fielen, immer dichter.
Im nächsten Ort traten wir in eine große, leere
Scheune, die merkwürdig schwarz aussah, und
warteten, daß der Gewitterguß vorüberginge.
Gegen Abend kamen wir in eine kleine Stadt
mit engen Gassen. Es ging auf schmalen Brücken
über Kanäle mit langsam fließendem Wasser, auf
dem Lastkähne lagen.
Auf einem Platz hielten wir. Mehrere Offiziere
kamen aus einem Hause. Ich kannte keinen von
ihnen,
„Vizefeldwebel Renn zur sechsten Kompanie!"
Ich rückte mit den zwanzig Mann für meine
Kompanie ab. Ein Bataillonsläufer führte uns.
„Hier wohnt Herr Leutnant Schubring,“ sagte
der Läufer.
Ich ließ halten und richtete die Leute aus. Mich
ärgerte ihre schlappe Haltung.
„Sie müssen nun einmal stillstehen,“ sagte ich,
„da machen Sie's auch gut! Oder gehören Sie zu
denen, die alles möglichst schlecht machen wollen?"
Der Ton schien sie zu verwundern. Ich ließ sie
stehen und ging ins Haus. Im ersten Stock traf ich
einen Gefreiten.
„Ich möchte zu Herrn Leutnant.“
Jemand sah aus einer Tür: „Wer ist da?" Er

386
trug einen spärlichen, sehr geraden Scheitel in der
Mitte und einen Klemmer darunter.
„Vizefeldwebel Renn mit zwanzig Mann als Er­
satz zur sechsten Kompanie!"
„Kommen Sie mal herein!” Er war etwa vierzig
Jahre alt und sah nervös aus. „Was für Ersatz?
Wieder so verlumptes Pack?"
„Sehr schlapp, Herr Leutnant."
„Was? — Gut, ich sehe sie mir an.“
Er verteilte die Leute.
„Sie bekommen den zweiten Zug," sagte er zu
mir, „Den führt bisher der Unteroffizier Mehling,
ein gewandter Mensch, aber zu jung. Er liegt hier
nebenan."
Ich ging ins Nebenhaus,
Mehling sah mich aus offnen, braunen Augen an
und erklärte mir mit wenigen Worten alles. Er war
der erste klare Mensch, seit ich wieder im Felde
war.
Der Führer des ersten Zuges war Unteroffizier
Höhle, der des dritten Leutnant Hanfstengel.
Wir blieben mehrere Tage in der Stadt. In der
Ferne hörten wir manchmal ein Murren von Ka­
nonen. Vor uns lag noch eine Division. Wir stellten
nur einige Posten nach rechts, weil man unsrer
Nachbardivision nicht traute. Angeblich hatte sie
sich mit der Bevölkerung verbrüdert.
In der Stadt waren alle Läden offen. Da gab es
Zwirn und weiße Semmeln. Ich kaufte mir gleich
welche und aß in einer Konditorei ein Stück echten
Kuchen. Das alles gab es ja seit Jahren in Deutsch­
land nicht mehr.
25'
387
IV
In den ersten Tagen des November kam der
Befehl, nach vorn abzumarschieren.
Zu Mittag kamen wir gegen einen kleinen Ort
mit Bäumen und niedrigen Häusern. Alle paar
Minuten ging ein Schuß nach dem Straßenkreuz.
Wir liefen, eine Gruppe nach der andern, über das
Straßenkreuz weg nach einer Feldscheune, in der
wir mehrere Stunden blieben.
Gegen fünf Uhr nachmittags trafen zwei schwere
Maschinengewehre bei uns ein. Wir nahmen auch
unsre leichten Maschinengewehre vom Wagen und
rückten an einem Bahndamm entlang vor.
Es begann dunkel zu werden.
Düstre Häuser unter hohen Bäumen. Vielleicht
zweihundert Meter vor uns krachten Granaten.
Rasseln von Wagen. Zwei Geschütze jagten nach
hinten an uns vorbei.
„Was bedeutet denn das, Herr Leutnant?"
fragte ich.
„In dieser Nacht wird die Stellung hier geräumt.
Wahrscheinlich gehen die Batterien schon jetzt
zurück."
Wir legten uns in einen ziemlich verfallenen
Stall, in dem einige Rinder standen.
Nach zwei oder drei Stunden wurde der Rück­
marsch befohlen. Es war stockdunkel.
Sehr müde kamen wir nach Mitternacht in ein
Dorf und nächtigten in einer Kirche auf Stroh.
Am nächsten Morgen rief Schubring uns Zug­
führer zu sich.
„Die Verpflegungsnachfuhr soll durch Meuterer

388
unterbunden sein. Wir müssen daher Vieh requi­
rieren. Wer von Ihnen versteht etwas davon?"
„Ich bin Fleischer," sagte Unteroffizier Höhle,
„Ich habe schon ein paar gute Ochsen hier ge­
sehen."
Vor dem Altar hatten sich etwa zehn Mann zum
Schinkenklopfen aufgestellt. Einer mußte sich in
die Hände eines andern bücken. Er bekam eins
hinten drauf, daß es knallte, und erhob sich: „Du,
Albin!" Er zeigte auf einen.
„Falsch! Noch mal!"
Das spielten sie mehrere Stunden mit viel Ge­
schrei. Es waren meist ganz junge Kerle in der
Kompanie. Der Leutnant Hanfstengel stand dabei
und lachte. Er hätte wahrscheinlich gern mit­
gemacht.

V
Zwei Tage später rückten wir wieder ein Stück
vor. Wir waren Reserve. Vor uns hatte das erste
Bataillon eine Stellung längs eines Kanales besetzt.
Bei Sonnenschein rückten wir über eine Höhe.
Die deutschen Batterien bellten uns gellend in die
Ohren. Ab und zu barsten französische Granaten.
In einem Ort sollten wir bleiben. Dort bekamen
wir ein kleines, verlassenes Haus zugewiesen, in
dem es nichts mehr gab als Wände und teilweise
auch Fensterscheiben. Die Offiziere wohnten im
nächsten Hause,
Die jungen Kerle begannen gleich wieder vorm
Hause im Sonnenschein mit Schinkenklopfen. Unter­
offizier Höhle schlachtete hinter dem Hause ein
Schwein, damit es der Kompanieführer nicht

389
merkte. Den Leutnant Hanfstengel wollten seine
Leute nachher vom Kompanieführer weglocken und
ihm auch Wellfleisch geben. Ihn hatten die Leute,
glaube ich, weniger deshalb gern, weil er auch ver­
gnügt blieb, wenn es schoß, als weil er so fein und
jung war.
Zu Mittag kam die Feldküche mit Rindfleisch.
Eine Stunde später gab es hinter dem Hause Hohles
Schwein. Wir waren dann kurzatmig vom vielen
Essen und legten uns aufs Stroh.
Gegen Abend rief uns der Leutnant Schubring,
„Meine Herren, ich vermisse die nötige Zucht in
der Kompanie. Wir müssen exerzieren. Am Tage
kommen zu viel Flieger her. Daher müssen wir es
in der Morgendämmerung machen. Sie müssen
durchgreifen und den Leuten diese Zuchtlosigkeit
austreiben. Vor allem grüßen sie schlecht. Bestellen
Sie Ihre Züge für morgen früh um sieben. Dankel"
Er grüßte, wir traten weg.
Am nächsten Morgen weckte ich meine Leute:
„Hinaustreten zum Exerzieren! Der Kaffee wird
nachher ausgegeben.“
„In welchem Anzug, Herr Feldwebel?" fragte
Mehling.
„Patronentaschen, Gewehr, Mütze."
Krafff! Eine Granate vors Haus.
„Hunde, verdächtige!" schimpfte einer.
Ich trat vors Haus.
Kramm! in den nächsten Hof.
Hanfstengel kam: „Lassen Sie trotzdem exer­
zieren?"
„Kommt der Kompanieführer denn nicht?"
„Doch, der kommt. Aber wir können doch nicht

390
antreten lassen. Ich denke, wir bleiben vorläufig,
wo wir sind."
Ramms! Fünfzig Schritt weiter auf die Straße.
Wir ließen die Züge im Hause und warteten
selbst vor der Tür.
Nach etwa zehn Minuten kam Schubring.
Hanfstengel meldete: „Wir haben die Kompanie
nicht antreten lassen, wegen des Beschüsses."
„Wegen drei Granaten? — Da können Sie doch
nicht einfach das von mir befohlene Exerzieren ab­
sagen! — Lassen Sie heraustreten!"
Ja, wenn man gewußt hätte, daß es bei drei
Granaten bliebe!
„Was sollen wir exerzieren?" fragte Hanfstengel.
„Ehrenbezeigungen sind das im Augenblick Not­
wendigste.“
Ich ließ den Zug vorm Hause antreten.
„Stillgestanden! — Richten Sie sich besser auf!
— Wenn wir überhaupt exerzieren, muß es stramm
gemacht werden! Jedem ordentlichen Menschen
macht es Spaß, sich einmal zusammenzunehmen."
Ich rückte ein Stück die Straße entlang und
überlegte immer, wie ich ihnen sagen sollte, daß
wir Ehrenbezeigungen machen müßten, ohne daß es
wie ein Hohn herauskäme.
Ich sagte ihnen gar nichts, sondern machte ihnen
ein strammes Grüßen vor und ließ sie anfangen.
Sie gaben sich Mühe. Ich hatte fast nichts auszu­
setzen, und wir waren in fünf Minuten fertig. Sollte
ich es wiederholen lassen? Sie hatten es ja gut
gemacht.
Ich ließ die Gewehre in die Hand nehmen. Das

391
übte ich ein paar Mal. Dann konnte ich das Gewehr
übernehmen lassen und das mehrmals tun.
Schubring kam: „Weshalb machen Sie Gewehr­
griffe?"
„Ich wollte Ehrenbezeigungen mit Gewehr
machen lassen, Herr Leutnant. Aber sie nahmen das
Gewehr so schlecht über, daß ich glaubte, das erst
einmal ordentlich machen lassen zu müssen."
„Das ist ganz richtig. Fahren Sie nur fort.“
So brachte ich dreiviertel Stunden herum. Dann
wußte ich nichts mehr. Ich ging zu Schubring und
fragte, was ich jetzt tun sollte,
„Machen Sie noch irgend etwas! In einer Viertel­
stunde rücken wir so wie so ein."
Später erfuhr ich, daß Hanfstengel und Höhle
die ganze Stunde durch nur hatten grüßen lassen.
Die Leute schimpften, aber nicht auf ihre Zugführer,
sondern auf den Kompanieführer, weil der bei Be­
schuß exerzieren ließe und weil sie ihn auch sonst
nicht leiden konnten,
„Bei den andern Zügen," erzählte mir Mehling,
„haben sie sich verschworen, den Kompanieführer
erst recht schlecht zu grüßen." Er lachte.
Ich war unruhig und ging hinaus, ob ich nicht
einen Fleck fände, wo ich etwas für mich lesen
könnte.
Auf der Straße kam mir der Kompaniefeldwebel
entgegen.
„Guten Morgen!" sagte ich. „Die Leute schreien
nach ihrer Löhnung. Hier gibt's so viel zu kaufen,
und sie haben kein Geld mehr."
„Wie soll ich denn das machen?" rief er erregt.

392
„Wieso? Sie kriegen doch das Geld vom Zahl­
meister?"
„Nein, keinen Pfennigl In der Etappe ist ja der
Teufel los. Wir Feldwebel haben vor drei Tagen
einen Boten zum Zahlmeister hintergeschickt, er ist
noch nicht wieder da. — Die Leute in der Etappe
taugten ja schon immer nichts, aber jetzt sind's die
reinsten Räuberbanden geworden! Besonders in
Brüssel! Natürlich lauter Drückeberger!“

VI
In der Nacht hatte eine Granate einen Mann
und eine Frau des Dorfs erschlagen. Am Morgen
rückten wir weiter vor.
Auf ein Straßenkreuz ging alle paar Minuten ein
Schuß, aber so genau immer auf denselben Fleck,
daß wir nur auf das Feld zu biegen brauchten und
dann wieder auf die Straße.
Vorn war ununterbrochnes Rollen und hier und
da Bersten. Mir war beklommen zumut. Ich hatte
gedacht, wir würden nicht noch einmal ins Feuer
kommen; der Waffenstillstand würde früher ein­
treten.
Wir sahen jetzt über eine flache Höhe die ganze
Gegend vor uns. In der Ferne lag ein großes Dorf,
oder eine Stadt, mit einem kleinen, dichten Wald
rechts, aus dem große, schwarze Granatwolken stie­
gen. Ueber dem Dorf lag eine Dunstwolke. Manch­
mal sah ich auch Staub auffahren.
Halbwegs zu diesem Ort lag ein kleines Dorf,
in das wir marschierten. Wir erhielten drei große
Stuben in einem Haus zugewiesen. Die ganze Kom­
panie war nur fünfzig Mann stark. Die Feldküche

393
fuhr auf den Hof und machte den Deckel auf, um
das Mittagessen auszugeben.
Ramm! ramm! ramm! Wo die Schüsse saßen,
war nicht zu sehen,
„Eine Granate ist ins Haus gegangen!“ rief einer.
Die Feldküchenpferde bäumten sich, — der
Fahrer war hinten am Kessel beschäftigt, — und
rannten mit der Küche zum Hof hinaus, Köche und
Fahrer schreiend hinterher.
Schwapp! ein Guß Essen auf die Straße.
Ramm! ramm!
„Mein Zug, Zeug in die Handl Mir folgen!" be­
fahl ich.
Sie drängten mir nach hinaus. Nur ins Freie,
wenn es schießt!
Ramm! ramm! ramm!
Ich bog scharf um das Haus. Auf dem Feld waren
lauter neue Granattrichter dicht beisammen.
Ich ging etwa hundert Meter vom Hause fort
und blieb stehen. Hier waren wir wahrscheinlich
sicher. Meine Leute waren dicht hinter mir, Hanf­
stengel und Höhle mit ihren Leuten folgten.
„Verdammte Scheiße!” fluchte Höhle.
Das Feuer ließ nach einer halben Stunde über­
all nach. Nur in den Wald krachten noch boshaft
die schwarzen Granaten, und links davon lag über
dem Dorf die Dunstwolke.
Wir kehrten in unsern Hof zurück. Die Feld­
küche kam auch. Der Fahrer führte beide Pferde
vorn am Maul und beruhigte sie. Sie wollten nicht
gern wieder auf den Hof,
Gegen Abend kam ein Läufer: „Die Herrn Zug­
führer möchten zu Herrn Leutnant kommen."

394
Er saß auf einem geflochtenen Stuhl und stand
nicht auf, als wir uns meldeten.
„Die Franzosen haben vorn angegriffen. Sie
scheinen einen Offizier und zwei Züge abgefangen
zu haben, die vor einem Sumpf lagen. Genauere
Nachrichten fehlen noch. Jedenfalls haben sie nur
wenig Boden gewonnen. — Es ist möglich, daß wir
heute abend vorn ablösen müssen. Dann erwarte ich,
daß der Geist der Unterordnung unter die Front­
erfahrung stärker sein wird als kleine Bedenken
des Augenblicks!"
Er entließ uns durch Verneigen des Kopfes. Wir
gingen stumm hinaus.
Schubring hatte also kein Vertrauen zu uns?
Das brachte mich auf. Habe ich deshalb versucht,
deine saudummen Befehle so gut wie nur irgend
möglich auszuführen, daß du mich dann beschimpfst?

VII
Am nächsten Tage rückten wir noch ein Stück
vor. Die Franzosen sollten beim Regiment links
von uns ziemlich weit vorgekommen sein. Deshalb
legten wir uns nach schräg links in einem Felde
bereit, um den Rücken unsres Regiments und die
Artillerie dahinter zu sichern. Dort schanzten wir
kleine Löcher, Ich setzte mich in einen Granat­
trichter. Die Sonne schien, aber es war immerhin
November. Es wurde kühl, und ich bekam Hunger,
hatte aber nichts mehr zu essen; denn die Feld­
küche hatte wegen der Unordnung in der Etappe
heute kein Brot mitbringen können.
Da kamen zwei von meinen Leuten: „Herr Feld­
webel, in dem verlassenen Haus dort gibt es Kar­

395
toffeln. Können wir dahin und für den Zug welche
kochen?“
Der Kompanieführer war allein unterwegs, seine
Läufer wußten nicht wo. Ich besprach es mit Leut­
nant Hanfstengel und Unteroffizier Höhle, und wir
beschlossen, gemeinsam Kartoffeln zu kochen,
„Sehen Sie mal dorthin!“ sagte Hanfstengel.
„Das sieht mir doch recht bedenklich aus."
„Ich beobachte auch schon seit einer Stunde,
daß dort immer einzelne Leute zurückgehen.“
„Ich werde mal hinübergehen, Herr Leutnant,"
sagte Höhle. „Ich habe ja der Bande dort drüben
schon immer nicht getraut! Wie die Kerle nur so’n
Maschinengewehr tragen, da weiß man ja schon
alles!"
Höhle kam zurück: „Die Leute sagen, morgen
mittag wäre Waffenstillstand, und heute um sechs
würde die Stellung hier geräumt, da hätte 's keinen
Zweck, sich noch zum Krüppel schießen zu lassen!
Ich hab die Bande gehörig angeniest. Ich hab sie
auch gefragt, ob sie nicht Offiziere hätten, Nee,
sagten sie, der letzte wäre vorgestern nacht in einem
Haus erschlagen worden."
Ramm! fuhr es ein Stück vor uns in den Boden.
Vorn schoß es wieder äußerst heftig.
„Was hat das nur für einen Sinn," sagte Hanf­
stengel, „jetzt noch so auf den Stellungen herum­
zutrommeln und gar noch anzugreifen? Macht es
denn denen da drüben Spaß, nur ja noch einige tot
zu machen, solange es noch völkerrechtlich er­
laubt ist?”
„Wahrscheinlich wollen sie ihre Munition ver­
schießen,“ sagte Höhle.

396
„Es ist für mich kein Grund zum Schießen, wenn
es mir Spaß macht," sagte Hanfstengel,
Die Leute hatten einen Berg Kartoffeln gekocht.
Ein junger, ganz dünner Kerl holte sich seinen gan­
zen Stahlhelm voll. Ich blieb wie zufällig an seinem
Loch stehen, um zu sehen, ob er den Haufen be­
wältigte und ob er sie mit der Schale äße. Er
schälte sie, konnte sie aber doch nicht alle essen.
Die vielen Kartoffeln machten uns, — ich merkte
es an mir selbst, — zufrieden und träge. Wir saßen
in unsern Löchern. Es schoß immerfort in unsre
Nähe. Aber niemand störte das.
Es begann zu dämmern. Der Mond kam. Das
Artilleriefeuer schwieg von deutscher Seite ganz.
Wahrscheinlich waren unsre Batterien schon ab­
gerückt, damit später die Straßen für die Infanterie
frei wären. Die französische Artillerie schoß auch
nicht mehr so heftig.
Um sechs Uhr rückten wir ab, ausgeschwärmt
über das Feld. Freute ich mich? Ich fragte mich
selbst danach. Ich fühlte mich befreit von der stän­
digen Furcht der letzten Jahre. Aber sonst? Ich
wußte nicht, was der Waffenstillstand für Folgen
haben würde, und war unruhig. Aber die Nacht war
schön,

VIII
Wir waren die ganze Nacht durch marschiert
und kamen bei Morgengrauen in eine enggebaute,
kleine Stadt mit düstern Häusern. Mein Zug lag im
Hintergarten einer Villa, in dem nur noch einzelne
Blumentöpfe mit spärlichen Gewächsen am Boden
standen. Wir schliefen bis Mittag.

397
Am Nachmittag standen wir auf der Straße
herum,
„Herr Feldwebel!" kam Mehling lachend. „Hier
sind Strafgefangene gewesen, mehrere Kompanien.
Die sind von ihren Bewachungsleuten freigelassen
worden. Und die Strafgefangenen haben sich auf
einen Verpflegungszug, der auf dem Bahnhof stand,
gestürzt und haben die ganzen Vorräte an die Ein­
wohner verkauft. Eine Kompanie unsres Regiments
hat eingreifen müssen.“
„Das ist gar nicht lächerlich!"
Ich fuhr herum. Es war der Kompaniefeldwebel,
der Mehling mit wütenden Augen ansah.
„Die Verpflegsvorräte, die sie verkauft haben,
das waren nämlich unsre, von denen wir ein paar
Wochen, — oder wie lange, — leben sollten!"
„Wie kommt es denn aber, daß der Zug noch
hier steht, obwohl wir die letzten Truppen sind vor
dem Feinde?" fragte ich.
„Die Meuterer haben unsre Feldbäckereikolonne
aufgelöst und in die Heimat geschickt."
„Was? Woher kriegen wir denn da Brot?"
fragte Höhle.
„Das müssen wir uns selbst backen. Und dazu
hatte uns das Generalkommando den Zug mit Mehl
und Zucker und andern Vorräten hier stehen
lassen."
„Wie sollen wir denn auf dem Marsch backen?"
„Da fragen Sie nur die Leute, die uns die Bäcke­
reikolonne aufgelöst haben!" schimpfte der Feld­
webel.
„Ich möchte ja so'n Kerl da haben!" knurrte
Höhle, „Früher haben sich die Etappenschweine

398
hinten vollgefressen, und wir haben uns totschießen
lassen, und jetzt fallen sie einem auch noch in den
Rücken!“
Der Kompanieführer kam aus einem Haus, Wir
standen stramm,
„Haben Sie Brot bekommen?“ fragte er den
Feldwebel,
„Nein, Herr Leutnant. Wir müssen unterwegs
backen."
„Das geht doch gar nicht.“
„Ich denke doch, es läßt sich machen, wenn mir
Herr Leutnant alle Bäcker der Kompanie zur Ver­
fügung stellen, — es sind fünf. Von denen müssen
immer zwei die Nacht durch backen, und in der
nächsten Nacht kommen die andern dran.“
„Daß aber das Brot auch gut wird!“ sagte Schub­
ring und ging fort.
Ich ärgerte mich. Konnte er nichts andres zu
einem guten Vorschlag sagen?
„Woher haben Herr Feldwebel denn aber
Mehl?" fragte Mehling.
„Ich habe mir rechtzeitig welches gesichert. —
Nur mit dem Zucker wird es auch bei uns knapp."
Im Laufe des Nachmittags rückten alle übrigen
Truppen aus der Stadt. Nur wir sollten als Nach­
hut bis zum Morgen dableiben.
Die Stimmung in der Kompanie wurde immer
schärfer gegen die Banden hinter der Front, vor
allem als die Nachricht kam, daß in Brüssel die
Drückeberger aus den Spelunken gekrochen wären,
in denen sie sich bei den Einwohnern verborgen
gehalten hätten. Und die hätten den Offizieren die
Achselstücke von den Schultern gerissen. Der An­

399
führer der Bande sollte ein jüdischer Arzt, Doktor
Freund, — oder so ähnlich, — sein. Darauf hätte
sich die Bevölkerung von Brüssel erhoben. Die
Truppenstäbe und die deutschen Behörden wären
mit knapper Not entkommen.

IX
Am folgenden Mittag marschierten wir als letzte
Truppe aus der stillen Stadt ab und trafen nach
etwa einer Stunde mit dem übrigen Regiment zu­
sammen. Die fünfte Kompanie kam als neuer erster
Zug unter Leutnant Ssymank zu unsrer Kompanie.
Die Züge Hanfstengel und Höhle wurden zu einem
verschmolzen. Die Offiziere hatten lange Be­
sprechungen. Dann kam der Kompanieführer und
rief die Kompanie um sich:
„Ich habe Ihnen mitzuteilen, daß in Deutschland
die Revolution ausgebrochen ist. Seine Majestät der
Kaiser hat sich nach Holland begeben, ebenso der
Kronprinz. — Die Division hat befohlen, daß in
jeder Kompanie drei Vertrauensleute zu wählen
sind. Die Züge teilen mir bis morgen je einen mit.
Ich bemerke noch, daß diese Vertrauensleute keine
Soldatenräte sind, wie in Rußland, sondern daß sie
lediglich das Vertrauen zwischen Offizier und Mann
noch mehr festigen sollen."
Der Leutnant Ssymank stand vor seinem Zuge
mit zusammengezogenen Brauen. Er hob seine
Hand zum Stahlhelm, den er noch vom Marsch her
auf hatte:
„Wie meinen Sie, bitte: die Züge zeigen je einen
Vertrauensmann an? Gilt meine Kompanie als drei
Züge oder als ein Zug?”

400
„Wir können doch nicht für jedes kleine Privat­
interesse einen Vertrauensmann wählen lassen!“
„Also einer,“ sagte Ssymank kalt und deutlich.
„Ich habe weiter nichts bekanntzugeben," sagte
Schubring.
Wir traten weg.
Die Vertrauensleute wurden ohne jede Auf­
regung gewählt; bei mir Mehling, bei Hanfstengel
Höhle und bei Ssymank der Gefreite Herrmann, ein
etwa Vierzigjähriger mit einem mürrischen Gesicht.
„Das ist so'n Organisierter!" sagte Höhle.

X
Wir marschierten. Unsre Bäcker hatten in
einer Nacht über die Hälfte des Mehlvorrats ver­
backen. Aber das Brot war so klitschig, daß man
nur ganz wenig davon essen konnte. Schubring
schimpfte auf die Bäcker und den Feldwebel,
„Herr Leutnant," sagte der Feldwebel, „das
kann dem besten Bäcker passieren, wenn er in
einem Ofen backen muß, den er nicht kennt."
„Aber nun haben wir kein Mehl mehr!“
„Ich werde sehen, daß ich neues bekomme, Herr
Leutnant."
Am nächsten Tage erschien ein zweirädriger
Ochsenkarren mit Mehlsäcken,
Schubring sah ihn sich an: „Ist das auch mit
rechten Dingen beschafft?“
„Jawohl, Herr Leutnant. Der Verpflegungsoffi­
zier hat einen Gutschein darüber ausgestellt,"
Nach langem Marsch hatte ich in der Nacht an
einer Kanalbrücke einen Doppelposten aufzustellen.
Ich selbst lag mit meinem Zuge in einem Häuschen
Renn, Krieg 26
401
dicht am Kanal als Feldwache. Der Mond schien.
Ich ging auf dem Damm nach links und fand in
einiger Entfernung den nächsten Posten. Nach rechts
hatte ich eine Patrouille geschickt. Die kam erst
nach geraumer Zeit zurück:
„Herr Feldwebel! Wir sind an der nächsten
Brücke gewesen. Da war aber niemand. Deshalb
sind wir noch zur übernächsten gegangen. Dort
führt eine große Straße über den Kanal. Und dort
war auch niemand."
Am Morgen schickte ich noch einmal eine Pa­
trouille dorthin. Die kam schon nach zwanzig
Minuten wieder:
„Herr Feldwebel, jetzt stehen belgische Posten
an der Brücke!“
Ich schrieb darüber sofort eine Meldung an den
Kompanieführer, schickte sie ab und saß in Unge­
wißheit da. Aber ich erhielt keine Antwort.

XI
Am nächsten Morgen marschierten wir ab, Es
war kalt geworden. Aber die Sonne schien. Die
breite Straße lief gerade durch eine flache Land­
schaft, die munter aussah. Am Nachmittag wurde
sie unfreundlich. Die Bäume erschienen mir grau,
und der Ort, in den wir marschierten, sah ungastlich
aus. An der düstern Kirche lehnten Maschinenge­
wehre. Geschütze aller Art standen auf dem
Friedhof,
Eine unsrer Maschinengewehrkompanien hielt
davor und schaffte ihre Maschinengewehre hinein.
Das waren Waffen, die nach dem Waffenstillstands­
vertrag den Feinden auszuliefern waren. Die wür­

402
den sie im Regen stehen lassen und bald wäre alles
altes Eisen,
Wir marschierten wohl zwei Wochen lang durch
das flandrische Belgien und kamen dann in den
französisch sprechenden Teil. Wir marschierten
immer als ständige Nachhut einen Tagesmarsch vor
den uns folgenden Feinden. Vor den Häusern stan­
den Zivilisten, sahen voll Haß nach uns und
schimpften.
Wieder sollten wir Mehl und Zucker empfangen,
und wieder hatten die Truppen vor uns alles zu
Spottpreisen an die Bevölkerung verkauft. Die
Stimmung gegen die Revolutionäre wurde noch
schärfer, vor allem durch Höhle und den Gefreiten
Mann geschürt, während Herrmann, der Sozial­
demokrat, versuchte, die Stimmung lau zu erhalten.
Dieser Herrmann mit seinem immer mürrischen
Gesicht war wie ein kleiner Beamter und gegen
jede entschiedene Tat.

XII
In der Nähe von Lüttich hatten wir einen Rast­
tag. Mehling ging mit mehreren nach Lüttich
hinein. Ich ging nach einem nahen Fort und sah
mir die tiefen Gräben und gesprengten Beton­
bauten an.
Vor einem großen Gutshof stritten sich Leute
unsres Regiments mit einem Belgier.
„Herr Feldwebel!" wendete sich einer an mich.
„Wir haben einen Gutschein über Stroh vom Ver­
pflegungsoffizier bekommen, aber der Mann hier
will keins herausrücken."
„Weshalb denn nicht?“
26*
403
„Er sagt, dann behielte er nicht genug. Aber er
hat die ganze Scheune voll."
„Da müßt ihr euch schon an einen Offizier wen­
den, Wenn ich dem Gutsbesitzer was sage, das
macht ihm doch keinen Eindruck."
Erst spät kam Mehling aus Lüttich zurück und
erzählte, daß die ganze Stadt beflaggt wäre. Fran­
zosen, Engländer und Belgier waren schon dort.
In den Cafés saßen sie. Die Marseillaise wurde ge­
spielt und Hurra geschrien. Mehling war noch voll
Freude und Glanz davon. Aber ich war traurig. Das
verfluchte Vaterland stand mir doch nahl

XIII
Am nächsten Morgen ging es auf einer langen
Brücke über die Maas, die hier ein recht stattlicher
Fluß ist. Dann schlängelten wir uns am andern Ufer
Stunde über Stunde die Höhen hinauf.
Bei Dunkelwerden marschierten wir in ein Tal
mit einem Kirchdorf drin. Es war kalt. An einer
Brücke, unter der ein Bach brauste, hielten wir.
Die Quartiermacher kamen.
„Wie ist's hier?“
„Gute Quartiere!" riefen sie.
Wir rückten auseinander. Ich merkte auf ein­
mal einen Schmerz am rechten Fuß, wo meine
Wunde gewesen war. Es war nicht der Schmerz
wie von einer Blase, sondern ein dumpfer, innerer
Schmerz,
Wir gingen an einem steilen Grashang mit Obst­
bäumen entlang und kamen zu einem einzeln
stehenden Fachwerkhaus. Die Holztreppe darin war
wie poliert, und der Flur im ersten Stock rings mit

404
dunklem Holz ohne Verzierung verschalt. Ein paar
Truhen, Brettstühle und eine hohe Uhr standen an
den Wänden.
Aus einem Zimmer kam ein junger Mann mit
seiner Frau und lud uns freundlich in eine große
Stube, in der Matratzen und Decken am Boden
lagen.
Ich zog mir sofort die Stiefel aus und betastete
den Fuß. Die Narbe am Fußballen war empfindlich.
Wir marschierten ja aber schon drei Wochen. Ich
ging in die Küche und fragte nach warmem Wasser.
„Blesse?“ fragte der Mann und deutete auf
meinen Fuß.
„Oui, monsieur."
Er stand sofort auf. Seine Frau brachte einen
Kübel und einen Stuhl, daß ich gleich bei ihnen
den Fuß ins Wasser hängen könnte. Dann saß ich
auf meinem Stuhl und sie am Herd, Draußen schien
der Mond kalt auf den Wiesenhang. Es mochte
schon wieder gefroren haben. Die beiden Leute
sahen gesund aus. Sie waren schweigsam und zu­
frieden. Wozu soll man auch herausschwatzen, was
der andre weiß?
Ich war glücklich in dem Hause.

XIV
Beim Antreten am nächsten Morgen schimpften
Ssymank und Hanfstengel auf die widerlichen Ein­
wohner des Dorfes. Sie hatten beim Pfarrer ge­
legen, und der hatte ihnen Wasser zum Waschen
und was er nur konnte, verweigert. Als sie ihn
darüber zur Rede stellten, hatte er von Barbaren
und Boches gesprochen, die man totschlagen müßte.

405
Ssymank war so wütend geworden, daß er auf den
Pfarrer losgehen wollte. Aber Hanfstengel hatte ihn
zurückgehalten.
Darauf hatte sich Ssymank in seiner Wut an
den Pfarrer gewendet: „Sie sind ein Schwein!“ und
war hinausmarschiert.
Wir marschierten flott in den trüben Tag hinein.
Mein Fuß hatte sich gut erholt. Heute sollte es
über die deutsche Grenze gehen.
Am frühen Nachmittag trat eine Marschstockung
ein. Wir schoben uns aus einem Grunde immer ein
paar Schritte gegen ein Dorf vor.
In der Kompanie waren sie guter Laune.
„Noch einmal eine Wagenlänge, einen — Jupp!"
riefen sie im Chor. Dann fingen welche an zu
singen:
„Denn dieser Feldzug
ist ja kein Schnellzug.
Wisch deine Tränen ab
Mit Sandpapier."

Nach zwei bis drei Stunden erreichten wir das


Dorf und eine Wegegabel. Dort kam von links die
Marschkolonne einer fremden Division und aus
dem Grunde unsre Kolonne auf dieselbe Straße.
Unser Regimentskommandeur hielt da zu Pferde
und versuchte sein Regiment vorwärts zu bringen.
Von der fremden Division war ein General da. Er
stand neben seinem Auto, das auf dem Platz vor
einem Café hielt. Leute aller Truppengattungen
standen dort, saßen auf Prellsteinen und Stühlen
und bliesen über Kaffee, der in dem Metallbecher
erst abkühlen mußte, bis man die Lippen daran­

406
bringen konnte. Andre kippten einen Schnaps
hinter. Mehling hatte sich schon durch die Men­
schen ins Cafe gedrängt. Ich wußte, wir hatten
noch über zehn Kilometer bis zur Grenze und
mußten auch dann noch sicher eine Strecke weit
marschieren. Ich setzte mich an den Straßenrand,
um meinen Fuß zu schonen.
Erst in der Abenddämmerung kam unsre
Kolonne wieder in Gang. Wir waren müde vom
vielen Warten. Als es nach anderthalb Stunden
wieder zu stocken begann, schrien sie wieder:
„Noch einmal eine Wagenlänge, einen — Jupp!”
Dann sangen sie:
„In Hamburg, da bin ich gewesen,
in Samt und in Seide gehüllt.
Meinen Namen, den darf ich nicht nennen;
denn ich bin ja ein Mädchen fürs Geld,"
Sie sangen es gedehnt und schwermütig in die
Nacht. Einige hatten sich gesetzt. Ein Artillerie­
unteroffizier kam entlang geritten: „Straße frei!"
Sie standen fluchend auf.
Ein Auto kam mit einem General.
„Der kann ooch loofen wie mir!"
Der Marsch kam wieder in Fluß.
Wieder überholte uns ein Auto. „Straße frei!"
Darin lagen vier Fliegermannschaften mit schief ge­
setzten Mützen,
„Was haben die zu fahren!"
„Fußlatscher!" rief einer höhnisch aus dem
Auto.
„Reißt sie heraus, das sind Etappenschweine!"
Einige drangen nach dem Auto, Aber das sauste

407
rücksichtslos in die Leute vor uns. Die sprangen
beiseite. „Licht aus!" schrie einer, aber nicht mehr
harmlos. Das Auto entschwand.
Stockend ging es weiter. Der Ruf; Licht aus!
wurde immer häufiger.
Wir näherten uns einem Gedröhn fahrender
Wagen,
„Wir kommen an die Grenzstraße,“ sagte Hanf­
stengel.
„Wie weit ist es noch, Herr Leutnant?“
„Ich schätze noch anderthalb Stunden, wenn
wir frei marschieren."
„Da mach ich nicht mehr mit, Herr Leutnant!"
schimpfte ein Unteroffizier.
„Wir brauchen dich auch nicht,“ lachte Meh-
ling. „Leg dich nur in den Straßengraben. Wir suchen
uns unterdessen ein besseres Quartier."
Einer lachte. Der Unteroffizier murmelte etwas
vor sich hin.
Das Dröhnen war schon nah. Jetzt erkannte ich
die Straße, die quer zu uns verlief. Von rechts
kamen in zwei Reihen nebeneinander schwere
Geschütze,
Wir kamen ganz langsam an die Straße heran.
„Herr Leutnant!“ rief jemand, der bei der
Dunkelheit und dem Gewirr von Menschen, Pfer­
den und Wagen nicht zu erkennen war. „Herr
Major läßt sagen, die Kompanien sollen sich hier
im Straßengraben vorschnüren."
Nun ging es, bald langsam, bald halb rennend,
einer hinter dem andern auf dem unebenen Grund
des Straßengrabens. Mein Fuß begann zu schmer­

408
zen. Ich versuchte ihn gleichmäßig und sicher auf­
zusetzen, aber das machte nur mein Fußgelenk
müde.
Gegen elf Uhr, während rechts immer noch die
Wagen und Geschütze auf der Straße dröhnten,
stiegen links von der Straße düstere Fabriken auf.
Wir hielten.
„Warum geht's nicht weiter? Wir wollen ins
Quartier!"
Der Leutnant Schubring stand stocksteif da und
sah auf die vorbeiratternden Wagen,
„Wir können auch ohne Führer auskommen!"
„Haltet doch euer Maul!“ rief Höhle, „Herr
Leutnant kann doch die Quartiermacher nicht her­
zaubern. Wißt ihr etwa, wohin wir müssen?"
Wir warteten. Sogar der beliebte Hanfstengel
wurde von seinen Leuten angepöbelt,
Mehling sagte mir heimlich: „Wenn Herr Feld­
webel mal mein Gewehr nehmen, geh ich nach den
Quartiermachern suchen. Die stehen sicher hier wo
an der Straße, und man braucht nur alle zwanzig
Schritt zu brüllen.“
Ich trat zu meinem Zug und sagte ihnen, daß
Mehling suchte.
„So ein Kotz!"
„Das könntet ihr aber im Krieg gelernt haben,
wo man Quartiermacher hinstellt!"
„Wann werden wir denn entlassen, Herr Feld­
webel?" fragte eine dünne Stimme.
„Das weiß ich nicht," sagte ich.
„Du wirst überhaupt nicht entlassen! Der Kotz
geht so weiter. Mir müssen eben selbst fortlaufen!"

409
Es wurde recht kalt.
Endlich nach anderthalb Stunden hatte Schub­
ring die Quartiermacher gefunden. Er war ihnen
grob geworden, und sie hatten ihn angebrüllt:
„Wenn Sie nur Ihren Dreck ordentlich machten!"
Mehling fehlte.
Wir marschierten bei Mondschein eine Straße
seitlich ab, auf der wir allein waren. Die Felder
rechts und links sahen schwarz aus. Wieder auf
festem Straßengrund zu marschieren, tat wohl.
Aber mein Fuß tat sehr weh.
Nach Mitternacht kamen wir in ein kleines Dorf.
Da ragte ein mächtiges Gebäude. Die Tür öffnete
sich. Ein rötliches Licht drang heraus. Ein Mann
stand in der Tür.
„Wo kommen wir hin?“ fragte einer grob.
Auf einmal erschien Mehling: „Benehmt euch
mal! Der Herr Mühlenbesitzer hier hat Kaffee
machen lassen, und wir haben einen geheizten
Saal."
„Kommen Sie nur herein," sagte der Mann
freundlich. „Da die Treppe hinauf! Ich kann nicht
so schnell wie ihr,"
Oben in dem Saal lagen Strohsäcke, Der Müh­
lenbesitzer ging unter uns umher und fragte, ob wir
genug Wasser hätten, und: „Dort ist der Abort,
gleich draußen rechts."
„Machen wir Schinkenklopfen?” fragte ein jun­
ger Kerl.
„Du bist wohl verrückt! Ich habe ganz genug
von dem Marsch."

410
XV
Unsre Feldküche und die andern Wagen trafen
erst gegen Mittag ein. Sie machten gleich den
Küchendeckel auf und gaben Kaffee aus.
„Immer auf dem Damm?" fragte Höhle.
„Wir gehören doch nicht zu dem Gesindel wie
bei den andern Wagen, das nie an der Front war
und nun sein Maul aufreißt!"
„Machen die sich mausig?"
„Aber lausig!“ sagte der andre Koch, „Und
dabei haben sie gar nicht mitzusprechen, lauter
halbe Leute, halb blind oder halb taub oder mit
Herzfehler! Und ich glaube nicht mal an die Fehler!
Die haben nur nicht vorgewollt!”
„Das sind alles Scheißer!" sagte der Küchen­
fahrer und führte seine schweren Pferde in den Stall.
„Wenn die zu frech werden," sagte Höhle, „dann
sagt's nur. Den wollen wir schon was vorgeigen!"
„Das brauchst du nicht," lachte der schwächere
von den beiden Köchen. „Die Bande nehm ich
schon allein auf; Und der Max, der ist doch im
Athletenklub in Dessau gewesen, und die haben
gestaunt!"
Am Nachmittag marschierten wir ab und kamen
bei Anbruch der Dunkelheit nach Aachen, Alle
Häuser waren beflaggt. Unsere Musik spielte ein
Stück vor uns, und die Trommel schlug sich an den
Häusern, aus denen Menschen sahen. Menschen
begleiteten unsern Marsch.
Wir waren die letzten deutschen Truppen vor
den einrückenden Belgiern und Franzosen.

411
Am Tage darauf rückten wir auf den Bahnhof
und warteten da bei strömendem Regen auf den
Zug. Es war längst Nacht geworden, als er eintraf.
Es waren alles Viehwagen mit Schiebetüren. Wohin
wir fuhren, wußten wir nicht, nur daß es noch nicht
gleich nach Hause ging,

ENDE
INHALT
VORMARSCH..................................................... 5
STELLUNGSKRIEG............................................... 137
Der Stellungskrieg vor Chailly....................... 139
Die Sommeschlacht , ...................................... 179
Verwundet..................................................... 220
Die Aisne-Champagneschlacht 1917 . . . 245
Der Stellungskrieg 1917/18............................ 333
Die Märzoffensive 1918................................. 357
ZUSAMMENBRUCH........................................... 381

-il i »t. •
DRUCK DER
FRANKFURTER SOCIETATS-DRUCKEREI
G. M. B. H.
FRANKFURT AM MAIN

Das könnte Ihnen auch gefallen