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AB Borchert, Ratten

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Nachts schlafen die Ratten doch

Wolfgang Borchert, 1947

Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte blaurot voll früher
Abendsonne. Staubgewölke flimmerten zwischen den steilgereckten
Schornsteinresten. Die Schuttwüste döste.

La ventana hueca en la pared solitaria bostezaba de un rojo azulado lleno de sol de la


tarde. Las nubes de polvo parpadeaban entre los restos de las chimeneas inclinadas. El
desierto de escombros dormitaba.

Er hatte die Augen zu. Mit einmal wurde es noch dunkler. Er merkte, daß jemand
gekommen war und nun vor ihm stand, dunkel, leise. Jetzt haben sie mich! Dachte
er. Aber als er ein bißchen blinzelte1, sah er nur zwei wenig bekleidete Beine. Die
standen ziemlich krumm vor ihm, daß er zwischen ihnen hindurchsehen konnte. Er
riskierte einen kurzen Blick an den Hosenbeinen hoch und erkannte einen älteren
Mann. Der hatte ein Messer und einen Korb2 in der Hand. Und etwas Erde an den
Fingerspitzen. «Du schläfst hier wohl, was?» fragte der Mann und sah von oben auf
Jungen herunter. Jürgen blinzelte zwischen den Beinen des Mannes hindurch in die
Sonne und sagte: «Nein, ich schlafe nicht. Ich muß hier aufpassen.» Der Mann nickte:
«So, dafür hast du wohl den großen Stock da?» «Ja», antwortete Jürgen mutig und
hielt den Stock fest.

«Worauf paßt du denn auf?»


«Das kann ich nicht sagen.» Er hielt die Hände fest um den Stock.
«Wohl auf Geld, was?» Der Mann setzte den Korb ab und wischte das Messer an
seiner Hose hin und her.
«Nein, auf Geld überhaupt nicht», sagte Jürgen verärgert.
«Auf ganz etwas anderes.»
«Na, was denn?»
«Ich kann es nicht sagen. Was anderes eben.»
«Na, denn nicht. Dann sage ich dir natürlich auch nicht, was ich hier im Korb habe.»
Der Mann stieß mit dem Fuß an den Korb und klappte das Messer zu.
«Pah, kann mir denken, was in dem Korb ist», meinte Jürgen geringschätzig;
«Kaninchenfutter». «Donnerwetter, ja!» sagte der Mann verwundert; «bist ja ein fixer
Kerl. Wie alt bist du denn?» «Neun».
«Oha, denk mal an, neun also. Dann weißt du ja auch, wieviel drei mal neun sind,
wie?»

«Klar», sagte Jürgen, und um Zeit zu gewinnen, sagte er noch: «Das ist ja ganz
leicht.» Und er sah durch die Beine des Mannes hindurch. «Dreimal neun, nicht?
«fragte er noch mal, «siebenundzwanzig. Das wußte ich gleich.»
«Stimmt», sagte der Mann, «und genau soviel Kaninchen habe ich». Jürgen machte
einen runden Mund: «Siebenundzwanzig?» «Du kannst sie sehen. Viele sind noch
ganz jung. Willst du?»
«Ich kann doch nicht. Ich muß doch aufpassen», sagte Jürgen unsicher.
«Immer?» fragte der Mann, «nachts auch?»
«Nachts auch. Immerzu. Immer.» Jürgen sah an den krummen Beinen hoch. «Seit
Samstag schon», flüsterte er.

1
parpadear
2
cesta
«Aber gehst du denn gar nicht nach Hause? Du mußt doch essen.»
Jürgen hob einen Stein hoch. Da lag ein halbes Brot. Und eine Schachtel.
«Du rauchst?» fragte der Mann, «hast du denn eine Pfeife?» Jürgen faßte seinen
Stock fest an und sagte zaghaft: «Ich drehe. Pfeife mag ich nicht.»

«Schade», der Mann bückte sich zu seinem Korb, «die Kaninchen hättest du ruhig
mal ansehen können. Vor allem die Jungen. Vielleicht hättest du dir eines
ausgesucht. Aber du kannst hier ja nicht weg.»
«Nein», sagte Jürgen traurig, «nein nein».
Der Mann nahm den Korb hoch und richtete sich auf. «Na ja, wenn du hierbleiben
mußt - schade.» Und er drehte sich um. «Wenn du mich nicht verrätst», sagte Jürgen
da schnell, «es ist wegen der Ratten.»
Die krummen Beine kamen einen Schritt zurück: «Wegen der Ratten?»
«Ja, die essen doch von den Toten. Von Menschen. Da leben sie doch von.»
«Wer sagt das?»
«Unser Lehrer.»
«Und du paßt nun auf die Ratten auf?» fragte der Mann.
«Auf die doch nicht!» Und dann sagte er ganz leise. «Mein Bruder, der liegt nämlich
da unten.» Da. Jürgen zeigte mit dem Stock auf die zusammengefallenen Mauern.
«Unser Haus kriegte eine Bombe. Mit einmal war das Licht weg im Keller. Und er
auch. Wir haben noch gerufen. Er war viel kleiner als ich. Erst vier. Es muß hier ja
noch sein. Er ist doch viel kleiner als ich.» Der Mann sah von oben auf den Jungen.
Aber dann sagte er plötzlich: «Ja, hat euer Lehrer euch denn nicht gesagt daß die
Ratten nachts schlafen?»

«Nein», flüsterte Jürgen und sah mit einmal ganz müde aus, «das hat er nicht
gesagt.» «Na», sagte der Mann, «das ist aber ein Lehrer, wenn er das nicht mal weiß.
Nachts schlafen die Ratten doch. Nachts kannst du ruhig nach Hause gehen. Nachts
schlafen sie immer. Wenn es dunkel wird, schon.»
Jürgen machte mit seinem Stock kleine Löcher in den Schutt. Lauter kleine Betten
sind das, dachte er, alles kleine Betten. Da sagte der Mann (und seine krummen
Beine waren ganz unruhig dabei): «Weißt du was? Jetzt füttere ich schnell meine
Kaninchen, und wenn es dunkel wird, hole ich dich ab. Vielleicht kann ich eins
mitbringen. Ein kleines oder, was meinst du?» Jürgen machte kleine Kuhlen in den
Schutt. Lauter kleine Kaninchen. Weiße, graue, weißgraue. «Ich weiß nicht», sagte
er leise und sah auf die krummen Beine, «wenn sie wirklich nachts schlafen».
Der Mann stieg über die Mauerreste weg auf die Straße. «Natürlich», sagte er von
da, «euer Lehrer soll heimgehen, wenn er das nicht mal weiß.»
Da stand Jürgen auf und fragte: «Wenn ich eins kriegen kann? Ein weißes
vielleicht?» «Ich will mal versuchen», rief der Mann schon im Weggehen, «aber du
mußt hier so lange warten. Ich gehe dann mit dir nach Hause, weißt du? Ich muß
deinem Vater doch sagen, wie so ein Kaninchenstall gebaut wird. Denn das müßt
ihr ja wissen.» «Ja», rief Jürgen, «ich warte. Ich muß ja noch aufpassen, bis es dunkel
wird. Ich warte bestimmt.» Und er rief: «Wir haben auch noch Bretter zu Hause,
Kistenbretter», rief er. Aber das hörte der Mann schon nicht mehr. Er lief mit
seinen krummen Beinen auf die Sonne zu. Die war schon rot vom Abend und
Jürgen konnte sehen, wie sie durch die Beine hindurchschien, so krumm waren sie.
Und der Korb schwankte aufgeregt hin und her. Kaninchenfutter war da drin.
Grünes Kaninchenfutter, das war etwas grau vom Schutt.
Arbeitsaufträge:

1. Beantworte die W-Fragen zur Kurzgeschichte:

WER: ____________________________________________________________________

WANN: __________________________________________________________________

WO: _____________________________________________________________________

2. Was ist mit Jürgens Bruder passiert? Warum sitzt Jürgen dort Tag und Nacht?
Markiere die Stellen im Text und erkläre in eigenen Worten.

__________________________________________________________________________

__________________________________________________________________________

__________________________________________________________________________

3. Welche Fragen hast du, nachdem du die Kurzgeschichte gehört und gelesen
hast?

________________________________________________________________________

________________________________________________________________________

Für Schnelle: Was sind denn das für Eltern? Warum sitzt der Junge viele Tage und
Nächte alleine in den Trümmern? Überlege dir eine Erklärung dafür.

4. Welche typischen Merkmale einer Kurzgeschichte erfüllt der Text? Notiere


mindestens 3.

________________________________________________________________________

________________________________________________________________________

5. Jürgen ist kein normales Kind, oder? Versuche, Antworten auf folgende Fragen
zu finden:

• Warum sagt er zu Beginn «Jetzt haben sie mich!»? __________________________


• Warum kann Jürgen nur langsam rechnen? _______________________________
• Warum raucht er? _______________________________________________________

Hilfe: Was hat der jahrelange Krieg mit all diesen Dingen zu tun?
6. Erkläre mithilfe des Informationstextes, welche Lüge der alte Mann Jürgen
erzählt:
Die Wanderratte gehört zu den Nagetieren, es gibt sie fast auf der ganzen Welt.
Sie lebt sowohl in den Bergen, als auch in Wüsten oder Regenwäldern. Das Tier
ist ein Allesfresser und ernährt sich von Pflanzen, aber auch von Insekten,
toten Tieren oder sogar von Pelzen, Papier oder Seife. Die Wanderratte ist
normalerweise am Abend und in der Nacht aktiv. Am aktivsten bei der Suche
nach Nahrung ist sie kurz nach Sonnenuntergang und kurz vor Sonnenaufgang.

Überlege: Warum lügt der Mann?

________________________________________________________________________________

Zusatzaufgaben:
Spracharbeit

1. Wortbeschreibungen: Was bedeuten die folgenden zusammengesetzten Wörter


im Text? Beschreibe deren Bedeutung in einem Satz:

Abendsonne: ___________________________________________________________________

Schuttwüste: ___________________________________________________________________

Staubwolke: ____________________________________________________________________

Mauerreste: ____________________________________________________________________

2. Charakterisierung: Welche Beschreibungen treffen zu? Lies nochmals die


Geschichte "Nachts schlafen die Ratten doch" und entscheide, welche Adjektive den
Mann und welche Jürgen beschreiben. Notiere Belege (Zeile) aus dem Text:

Fantasievoll, kontaktfreudig, allein, ängstlich, unsicher, nicht feindlich, alt,


vertrauensvoll, bewusst, verständnisvoll

Der alte Mann Jürgen

Common questions

Auf Basis von KI

Borchert employs techniques such as internal monologue, dialogue, and characterization to reveal Jürgen's psychological state. His inner thoughts and interactions with the old man gradually disclose his fears and emotional burden . The author uses Jürgen's fixation on protecting his brother's resting place and his cautious responses to the man's questions to highlight his trauma and sense of duty . Descriptions of the surrounding devastation further reflect Jürgen's internal chaos, enhancing the depiction of his mental landscape .

Borchert illustrates hope through the old man's fictional story about rats sleeping at night, allowing Jürgen to believe it's safe to leave the ruins when it gets dark . Additionally, the old man offers to show Jürgen his rabbits and promises the possibility of having one, giving Jürgen something to look forward to and momentarily lifting the weight of his vigil . This interaction provides a glimmer of future companionship and comfort amidst loss and trauma.

Misinformation critically shapes Jürgen's actions, as he is led to believe that rats consume human remains, prompting his relentless guarding of his brother's burial site . This incorrect understanding, acquired from his teacher, exacerbates his trauma and keeps him tethered to the scene of his brother's death. It underscores the broader impact of misinformation on individuals, particularly children, during and after wartime, influencing their decisions and psychological well-being .

The rabbits symbolize innocence and a semblance of life and hope amidst destruction. The old man's offer to show and possibly give a rabbit to Jürgen introduces a moment of tenderness and normalcy in his disrupted life . The rabbits contrast with Jürgen's harsh reality, highlighting the possibility of healing and a new beginning even after devastating loss .

The setting—a desolate landscape of ruins and debris—mirrors Jürgen's internal state of desolation and loss. The 'Schuttwüste' or rubble desert is lifeless and abandoned, much like Jürgen's sense of isolation following his brother's death and the destruction of their home . The dreary and war-torn environment underscores his sense of hopelessness and the burden he bears in watching over his brother's resting place .

Jürgen faces the emotional conflict of grief and responsibility. He stays in the ruins to protect his deceased younger brother's remains from being eaten by rats, as he believes they feed on dead humans . This sense of duty and the misinformation from his teacher have caused him to vigilantly guard the site where his brother's body is presumed to be, despite the danger and his young age .

Dialogue is used to gradually build a relationship of trust and understanding between Jürgen and the old man. Jürgen's guarded responses reveal his suspicion and vulnerability, and the old man's gentle and probing questions slowly break down Jürgen's defenses . Their conversation reveals the man's patience and kindness, as he draws out Jürgen's fears and offers reassurances, such as the lie about the rats sleeping at night, to alleviate Jürgen's burden .

Jürgen's wartime experiences, particularly the loss of his brother during a bombing, have left him with a deep sense of responsibility and fear. His belief that rats feed on corpses is based on a grim understanding imparted by his teacher, reflecting how his perceptions are shaped by the horrors experienced during the war . His precociousness in smoking and holding vigil over the ruins rather than playing like a typical child shows how war has forced him into premature adulthood .

The interaction highlights human resilience and kindness amidst devastation. The old man's empathy and inventiveness in reassuring Jürgen demonstrate how individuals can offer comfort and hope even in bleak circumstances . His willingness to engage with Jürgen and share alleviates his burden, showing how small acts of kindness can foster resilience and provide a semblance of normalcy and hope in the aftermath of war .

The title, 'Nachts schlafen die Ratten doch' (Rats Sleep at Night), encapsulates the main theme of deceptive comfort provided by the old man to ease Jürgen's fears. It represents a lie that brings relief to Jürgen, allowing him a reprieve from his vigil and illustrating the power of words to provide psychological solace. This false assurance symbolizes a shift from despair to hope, demonstrating how even an untruth can serve as a necessary escape from trauma .

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