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Sitzung: Matzner

Das Dokument enthält den Protokolltext einer Sitzung des Deutschen Bundestags aus dem Jahr 1954. Es werden Bekanntgaben von Urlaubsgenehmigungen für Abgeordnete gemacht und Glückwünsche zu Geburtstagen ausgesprochen. Außerdem wird der Beginn der Rede des Bundeskanzlers Adenauer angekündigt, in der er über die Ergebnisse der Berliner Außenministerkonferenz berichten wird.

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Sitzung: Matzner

Das Dokument enthält den Protokolltext einer Sitzung des Deutschen Bundestags aus dem Jahr 1954. Es werden Bekanntgaben von Urlaubsgenehmigungen für Abgeordnete gemacht und Glückwünsche zu Geburtstagen ausgesprochen. Außerdem wird der Beginn der Rede des Bundeskanzlers Adenauer angekündigt, in der er über die Ergebnisse der Berliner Außenministerkonferenz berichten wird.

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2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25.

Februar 1954 517

Matzner, Schriftführer: Es suchen für längere


Zeit um Urlaub nach die Abgeordneten Winter für
weitere sechs Wochen wegen Krankheit, Blachstein
für vier Wochen wegen Krankheit, Kahn-Acker-
mann für drei Wochen wegen dienstlicher In-
anspruchnahme, Dr. Miessner für zwei Wochen
wegen Krankheit, Arnholz für zwei Wochen wegen
Krankheit und Frau Kettig für zwei Wochen
wegen Krankheit.
Präsident D. Dr. Ehlers: Ich nehme an, daß das
Haus mit der Erteilung dieses Urlaubs einver-
standen ist. — Das ist der Fall.
Matzner, Schriftführer: Der Präsident hat für
zwei Tage Urlaub erteilt den Abgeordneten Dr.
Baade, Metzger, Rademacher und Brockmann
16. Sitzung (Rinkerode). —
Der Präsident hat für die heutige Sitzung Urlaub
erteilt den Abgeordneten Dr. Horlacher, Dr. Bür
Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954. kel, Voß, Neuburger, Onnen und Dr. Wellhausen.
Präsident D. Dr. Ehlers: Ich danke sehr.
Meine Damen und Herren, für den verstorbenen
Geschäftliche Mitteilungen 517 C, 550 D Abgeordneten Görlinger ist Herr Abgeordneter
Paul Putzig in den Bundestag eingetreten. Ich
Eintritt des Abg. Putzig in den Bundestag . 517 C heiße ihn herzlich willkommen und wünsche ihm
eine ersprießliche Arbeit.
Glückwünsche zu den Geburtstagen der Abg
Arndgen und Kemper (Trier) 517 C An Glückwünschen habe ich auszusprechen den
Glückwunsch zum 60. Geburtstag am 24. Februar
Mitteilung über Beantwortung der Kleinen Herrn Abgeordneten Arndgen
Anfragen 19, 21, 22, 26, 27, 28, 29, 30 (Beif all)
(Drucksachen 172, 265; 175, 264; 191, 273;
229, 277; 230, 276; 231, 281; 232, 274; 233, und zum 66. Geburtstag am heutigen Tage Herrn
268) -517 D Abgeordneten Kemper (Trier).
(Beifall.)
Entgegennahme einer Erklärung der Bundes-
regierung (Ergebnisse der Berliner Außen- Die übrigen amtlichen Mitteilungen werden ohne
minister-Konferenz) und Aussprache über Verlesung ins Stenographische Protokoll über-
die Erklärung 518 A nommen:
Dr. Adenauer, Bundeskanzler . . . 518 A Der Herr Bundesminister des Innern hat unter dem 12. Fe-
bruar 1954 die Kleine Anfrage 19 der Abgeordneten
Ollenhauer (SPD) 522 B Dr. Mende und Genossen betreffend Betätigung von Bundes-
beamten in Vorständen, Aufsichtsräten usw. — Drucksache 172 —
Dr. von Brentano (CDU/CSU) . . . 528 B beantwortet. Sein Schreiben wird als Drucksache 265 verteilt.
Dr. Dehler (FDP) 533 B Der Herr Bundesminister für Wirtschaft hat unter dem
11. Februar 1954 die Kleine Anfrage 21 der Fraktion der
Haasler (GB/BHE) 538 C DP betreffend Exportfinanzierung — Drucksache 175 — be-
antwortet. Sein Schreiben wird als Drucksache 264 verteilt.
Dr. von Merkatz (DP) 539 B
Der Herr Bundesminister der Finanzen hat unter dem
Unterbrechung der Sitzung . . . 544 A 18. Februar 1954 die Kleine Anfrage 22 der Abgeordneten
Frau Dr. Brökelschen, Dr. Lindenberg und Genossen betreffend
Gewerbesteueraufkommen in Gemeinden des Zonengrenzge-
Wehner (SPD) 544 A biets — Drucksache 191 — beantwortet. Sein Schreiben wird
als Drucksache 273 verteilt.
Lemmer (CDU/CSU) 546 D Der Herr Bundesminister des Innern hat unter dem 20. Fe-
Seiboth (GB/BHE) 549 A bruar 1954 die Kleine Anfrage 26 der Fraktion der SPD be-
treffend Vorlage des Entwurfs eines Gesetzes über das Apo-
D. Dr. Gerstenmaier (CDU/CSU) . . 550 A thekenwesen — Drucksache 229 — beantwortet. Sein Schreiben
Präsident D. Dr. Ehlers 550 C wird als Drucksache 277 verteilt.
Der Herr Bundesminister der Finanzen hat unter dem
Einstimmige Annahme der Entschließung 19. Februar 1954 die Kleine Anfrage 27 der Fraktion der SPD
betreffend Tarifvertrag für die bei den Besatzungsmächten
Drucksache 286 550 B beschäftigten deutschen Arbeitnehmer — Drucksache 230 —
beantwortet. Sein Schreiben wird als Drucksache 276 ver-
teilt.
Nächste Sitzung 550 D
Der Herr Bundesminister der Finanzen hat unter dem
24. Februar 1954 die Kleine Anfrage 28 der Fraktion der
SPD betreffend Regelung der schuldrechtlichen Verhältnisse
des Unternehmens der Reichsautobahn — Drucksache 231 —
beantwortet. Sein Schreiben wird als Drucksache 281 ver
teilt.
Die Sitzung wird um 9 Uhr 3 Minuten durch den Der Herr Bundesminister der Finanzen hat unter dem
Präsidenten D. Dr. Ehlers eröffnet. 18. Februar 1954 die Kleine Anfrage 29 der Fraktion der
SPD betreffend Rechtsschutztätigkeit für politisch Verfolgte
— Drucksache 232 — beantwortet. Sein Schreiben wird als
Präsident D. Dr. Ehlers: Meine Damen und Drucksache 274 verteilt.
Herren! Ich eröffne die 16. Sitzung des 2. Deut- Der Herr Bundesminister des Innern hat unter dem 12. Fe-
schen Bundestags und bitte um Bekanntgabe der bruar 1954 die Kleine Anfrage 30 der Fraktion der SPD
betreffend Lebensmittelgesetzgebung — Drucksache 233 — be-
Namen der entschuldigten Abgeordneten. antwortet. Sein Schreiben wird als Drucksache 268 verteilt.
518 2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954
(Präsident D. Dr. Ehlers)
Meine Damen und Herren, ich komme zum tische Isolierung, die das Ergebnis dieser Freund-
Punkt 1 der Tagesordnung: schaft mit der Sowjetunion ist, zu durchbrechen,
zum andern weil der Eintritt Rotchinas in die
Entgegennahme einer Erklärung der Gruppe der anerkannten Großmächte auch die
Bundesregierung. Sowjetunion selbst aus der weltpolitischen Verein-
samung herausführen und ihre krasse Minderheits-
Das Wort hat der Herr Bundeskanzler. position in den Vereinten Nationen durch den Auf-
bau eines Weltsystems der fünf Mächte ablösen
Dr. Adenauer, Bundeskanzler: Herr Präsident! sollte.
Meine Damen und meine Herren! Bei der großen Zu Beginn der Berliner Konferenz war denn
Bedeutung der Berliner Konferenz für Deutsch- auch festzustellen, daß der sowjetische Außenmini-
land erscheint eine ausführliche Darstellung des ster versuchte, der Behandlung der deutschen und
Verlaufs der Konferenz und eine Analyse der auf der österreichischen Frage so lange wie nur irgend
ihr gemachten Vorschläge notwendig. möglich auszuweichen und dagegen die asiatischen
Die Teilung Deutschlands beruht nicht auf einem Probleme in den Vordergrund zu stellen. Alle
innerdeutschen Zwist, sondern auf dem Konflikt sowjetischen Vorschläge waren darauf gerichtet,
der vier Großmächte. Infolgedessen hat Deutsch- erstens die UNO auszuhöhlen und zweitens an ihre
land ein vitales Interesse daran, daß der Ost- Stelle ein mehr oder weniger ständiges Direkto-
West-Konflikt entspannt und so die Wiederher- rium der Großmächte zu setzen, dem in jedem Fall
stellung der deutschen Einheit auf Grund einer die Chinesische Volksrepublik angehören sollte.
Übereinkunft der vier Großmächte ermöglicht Das gilt sowohl für Molotows Plan einer Fünfer-
wird. Konferenz als auch für seinen Vorschlag einer
Weltabrüstungskonferenz sowie selbst für seine
Nach dem Tode Stalins deuteten vielleicht einige handelspolitischen Angebote.
Anzeichen darauf hin, daß die Sowjetunion ihre
starre außenpolitische Haltung, die zum Scheitern Die Außenminister der drei Westmächte sind die-
der bisherigen Versuche zur Lösung der deutschen sem sowjetischen Vorgehen mit einer sehr ge-
Frage geführt hatte, aufgeben und an einer Ent- schmeidigen Taktik begegnet. Sie haben von An-
spannung ihrer Beziehungen mit der freien Welt beginn — bei der Wahl des Konferenzortes, der
interessiert sein könnte. Die Bundesregierung und Frage des Vorsitzes, ja selbst bei der Festsetzung
mit ihr die drei westalliierten Mächte vertraten der Tagesordnung — eine Reihe von zum Teil
deshalb die Auffassung, daß der Zeitpunkt ge- keineswegs nebensächlichen Zugeständnissen ge-
kommen sei, eine neue Konferenz der vier Mächte macht, weil sie ihrem sowjetischen Verhandlungs-
einzuberufen und zu versuchen, die Spaltung partner keine Möglichkeit zur Verzögerung geben,
Deutschlands neun Jahre nach Abschluß des Krie- sondern zur Sache, zu ihrer und zu unserer Sache
ges endlich zu beseitigen. Die Sowjetunion hat sich kommen wollten.
dem Ansuchen der drei Mächte um eine Konferenz Nachdem Molotow vergeblich versucht hatte, dem
I nicht entzogen. Sowjetzonen-Regime zu einer Art de-facto-Aner-
Dem Notenwechsel, der der Berliner Konferenz kennung durch die Großmächte zu verhelfen, in-
voranging, war allerdings deutlich zu entnehmen, dem seine Vertreter neben den Vertretern der
daß der Sowjetunion weniger an einer Entspan- Bundesrepublik auf der Konferenz gehört wer-
nung und Normalisierung der Verhältnisse in den sollten, gelang es dem britischen Außenmini-
Europa als vielmehr an einer Veränderung der ster Eden, unverzüglich den Plan der drei Mächte
gegenwärtigen Situation in Ostasien gelegen war. für die Wiedervereinigung Deutschlands zur
Das Motiv dieser Einstellung lag wohl in der Er- Sprache zu bringen.
kenntnis, daß die Westmächte, Deutschland und Der Eden Plan beruht im wesentlichen auf den
-

Österreich sich darin einig waren, die Voraus- mit deutschen Sachverständigen durchgeführten
setzung für jede Entspannung in Europa müsse der Vorarbeiten der Alliierten und lehnt sich eng an
sowjetische Verzicht auf die Unterwerfung freier die Beschlüsse des Bundestags vom 10. Juni 1953
Völker sein. Die Sowjetunion sollte damit auf die an. Er beruht auf dem Grundgedanken, daß freie
Rolle einer normalen Besatzungsmacht zurückver- Wahlen die Grundlage und den ersten Schritt zur
wiesen werden, die sich der Wiederherstellung des Wiedervereinigung Deutschlands bilden müssen.
natürlichen Rechts der Völker auf ihre innere und Nur aus freien Wahlen kann eine Nationalver-
äußere Selbstbestimmung nicht w idersetzt. Deshalb sammlung hervorgehen, die legitimiert ist, eine
ist die Forderung nach freien Wahlen in ganz Verfassung auszuarbeiten und auf der Grundlage
Deutschland schon der Mittelpunkt der alliierten dieser Verfassung eine gesamtdeutsche Regierung
Noten gewesen. zu bilden, die dann in der Lage wäre, Friedens-
Der Sowjetunion war diese Forderung unbe- verhandlungen zu führen und mit verbindlicher
quem. Sie hoffte, bei der Behandlung asiatischer Wirkung für ganz Deutschland abzuschließen.
Themen einen leichteren Stand zu haben. Hier Unter den Bedingungen, meine Damen und Her-
glaubte sie mit einer Aufspaltung der drei West- ren, die heute in der Sowjetzone Deutschlands
mächte rechnen zu können. Sie wußte, daß die herrschen, kann die Freiheit der Wahlen jedoch nur
westalliierten Auffassungen hinsichtlich der gegen- dann als gesichert gelten, wenn ihre Durchführung
über der chinesischen Volksrepublik zu vertretenden von unparteiischen Organen überwacht wird, die da-
Politik sich nicht immer deckten, und sie zählte für sorgen, daß bestimmte Freiheitsrechte vor, wäh-
gewiß auch darauf, daß die sozialen revolutionären rend und nach der Wahl garantiert sind. Der Eden-
Bestrebungen in den Völkern Ostasiens ihren eige- Plan schlug daher eine Überwachungskommission
nen Zielen dienstbar gemacht werden könnten. vor, die sich aus Vertretern der vier Mächte mit
Schließlich mußte ihr die Aufnahme Rotchinas oder ohne Teilnahme Neutraler zusammensetzen
in das Konzert der Großmächte dringend ange- sollte. Ein von den vier Mächten zu erlassendes
legen sein, einmal weil die rotchinesische Führung Wahlgesetz sollte die Einzelheiten des Wahlver-
dringend verlangte, die wirtschaftliche und poli- fahrens regeln und es der Bundesrepublik er-
2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954 519
(Bundeskanzler Dr. Adenauer)
sparen, Wahlrechtsfragen mit Vertretern des SED- dem Kerngedanken des sowjetischen Friedens-
Regimes verhandeln zu müssen. Eine von der Na- vertragsentwurfs, der sich auf den bereits im März
tionalversammlung bestellte vorläufige gesamt- des Jahres 1952 bekanntgegebenen sowjetischen
deutsche Behörde sollte schon frühzeitig ins Leben Vorschlägen aufbaute, diese aber nicht unerheblich
treten, die Nationalversammlung bei der Ausarbei- ergänzte und verschärfte. Den Kernpunkt dieses
tung der Verfassung unterstützen und gegebenen- Entwurfs bildete nach wie vor die Bestim-
falls Vorbereitungen für Friedensverhandlungen mung, daß Deutschland keinerlei Koalitionen oder
treffen. Militärbündnisse eingehen dürfe, die sich gegen
Der Nationalversammlung sollte es obliegen, zu irgendeinen Staat richten, der mit seinen Streit-
bestimmen, wie die Befugnisse der Bundesregierung kräften am Krieg gegen Deutschland teilgenommen
und der sowjetzonalen Behörden auf die gesamt- hat. Diese auf die Zwangsneutralisierung Deutsch-
deutsche Regierung übertragen und die bisherigen lands gerichtete Bestimmung wurde noch verstärkt.
Teilgewalten aufgelöst werden sollten. Die gesamt- Neben dem Abzug der Besatzungstruppen wurde
deutsche Regierung sollte befugt sein, vertragliche nach wie vor die Beseitigung aller ausländischen
Rechte und Pflichten der Bundesrepublik und der Militärstützpunkte auf deutschem Gebiet verlangt.
Sowjetzone zu übernehmen und neue Verträge zu Die eigenen nationalen Streitkräfte, die der Ent-
schließen. In der Zeit bis zum Inkrafttreten des wurf vom März 1952 Deutschland zubilligte, wur-
Friedensvertrags sollten die Kontrollbefugnisse der den nunmehr in der Weise beschränkt, daß sie nur
Besatzungsmächte auf diejenigen Vorbehaltsrechte noch inneren Ordnungsaufgaben, der lokalen
beschränkt werden, die auch im Deutschland- Grenzverteidigung und dem Luftschutz dienen
Vertrag vorgesehen waren. sollten.
Der Aufbau des Eden-Planes zeigt, daß es das (Hört! Hört! in der Mitte und rechts.)
gemeinsame Bestreben der Westalliierten und der
Bundesregierung gewesen ist, ihren Plan zur Wie- Noch deutlicher als der Plan für die Bildung einer
provisorischen gesamtdeutschen Regierung und die
dervereinigung Deutschlands von jeder für die
Abhaltung gesamtdeutscher Wahlen erweist sich
Sowjetunion unzumutbaren Forderung freizuhal-
dieser Entwurf eines Friedensvertrages als ein
ten. Er enthielt vor allem, was den Zeitabschnitt
wohlberechnetes Mittel zur Sowjetisierung ganz
vom Tag der freien Wahlen bis zum Abschluß des
Deutschlands.
Friedensvertrages angeht, nicht unbeträchtliche
Risiken. Wir waren der Meinung, daß wir ein Wag- (Sehr richtig! bei den Regierungsparteien.)
nis eingehen mußten und auch durften, nicht zu- Zur Begründung hat der sowjetische Außenminister
letzt deshalb, weil wir uns auf die demokratische immer wieder auf die Gefahr des Wiederauflebens
freiheitliche Gesinnung aller Deutschen in Ost und des deutschen Militarismus hingewiesen, die unter
in West fest verlassen können. allen Umständen und mit allen Mitteln gebannt
Molotow hat den alliierten Vorschlag zunächst werden müsse. Aus dem sowjetischen Vorschlag
damit kritisiert, er sei nicht großzügig genug und muß man entnehmen, daß die Sowjetunion nur
lasse Deutschland nicht genug Freiheit. Er legte dann einer Wiedervereinigung zustimmen würde,
seinerseits im Laufe der zweiten Konferenzwoche wenn ihr der Prozeß der Wiedervereinigung die
den Entwurf eines Friedensvertrages und einen Möglichkeit gäbe, den sowjetischen Einfluß auf ganz
Plan für die Bildung einer provisorischen gesamt- Deutschland auszudehnen.
deutschen Regierung und die Durchführung ge- (Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
samtdeutscher Wahlen vor. Obgleich dieser letzte
Plan Molotows von freien Wahlen sprach, will er Selbst dann sollte das wiedervereinigte Deutsch-
nur solche Wahlen zulassen, die mit den bekann- land isoliert bleiben und als Staat minderen Rechts
ten Mitteln totalitärer Staaten zu dem gewünsch- eine diskriminierende Sonderbehandlung erleiden.
ten Erfolge, in diesem Fall zu einem kommunisti- Das wurde deutlich, als Molotow in der letzten
schen Siege führen würden. Zu diesem Zwecke Konferenzphase die sowjetischen Vorstellungen von
lehnte Molotow jede Form unparteiischer Über- einem System kollektiver Sicherheit entwickelte.
wachung der Wahlen ab, forderte volle Betäti- Die Ziele dieses Planes sind, die Vereinigten Staa-
gungsfreiheit für alle sogenannten demokratischen ten und praktisch auch Großbritannien vom Kon-
Organisationen und auf der anderen Seite das Ver- tinent zu entfernen,
bot solcher Organisationen, die von den Kommuni- (Abg. Frau Dr. Weber [Aachen] : Hört! Hört!)
sten als faschistisch, militaristisch, antidemokratisch
oder friedensfeindlich bezeichnet werden. Ohne das die Bündnisse der freien Staaten zu sprengen, da-
Ergebnis der Wahlen abzuwarten, sollte schon vor- gegen das Allianzsystem des Ostblocks zu erhalten
her eine gesamtdeutsche Regierung durch den Bun- und der Sowjetunion so die Vorherrschaft in
destag und die Volkskammer gebildet werden; ein Europa zu sichern.
Versuch, den Herren Pieck, Grotewohl und Ulbricht (Sehr wahr! bei der CDU/CSU.)
eine Legitimation zu verschaffen, die sie sich aus
Dieser sogenannte Sicherheitsplan Molotows, der
eigener Kraft bisher nicht erringen konnten,
sich aus zwei Dokumenten zusammensetzt, mit der
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU) Überschrift „Sicherheitsgarantien in Europa" und
zugleich ein Versuch, ein trojanisches Pferd in den „Gesamteuropäischer Vertrag über die kollektive
gesamtdeutschen Staat hineinzuführen. Sicherheit in Europa", bemüht sich nicht, zu ver-
bergen, daß er von der fortdauernden Teilung
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Deutschlands ausgeht und die europäische Frie-
Der Plan gipfelte in der unter dem Vorwand der densordnung auf dieser Voraussetzung aufbauen
Ausschaltung fremder Einmischung erhobenen For- will. Bis zu dem heute noch völlig ungewissen
derung, daß die Besatzungstruppen mit Ausnahme Zeitpunkt, an dem der Friedensvertrag einmal in
beschränkter Kontrollkontingente noch vor den Kraft treten wird, sollen die Besatzungsmächte das
Wahlen aus ganz Deutschland zurückgezogen wer- Recht behalten, ihre zunächst zurückgezogenen Be-
den. In diesem Punkte berührte sich der Plan mit satzungstruppen wieder in die bisherige Besatzungs-
520 2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954
(Bundeskanzler Dr. Adenauer)
zone zurückzuführen. Der nur schlecht verhehlte lungen von einem System kollektiver Sicherheit
Hintergedanke dieser Bestimmung zielt darauf ab, entwickelt und darüber hinaus die Gültigkeit der
die britisch-amerikanischen Truppen zum Verlas- bestehenden alliierten Verträge mit der Sowjet-
sen des Kontinents zu bewegen, in der sicheren union bekräftigt sowie ihre Verlängerung ange-
Gewißheit, daß sie nicht so rasch zurückkehren boten. Es handelt sich, meine Damen und Herren,
könnten wie die an den östlichen Grenzen Deutsch- um die Verträge, die zwischen der Sowjetunion
lands stationierten Sowjettruppen. und Frankreich und zwischen der Sowjetunion und
Großbritannien seinerzeit geschlossen worden sind.
(Sehr richtig! bei den Regierungsparteien.)
Die Partner des kollektiven Sicherheitsvertrages
Die Mitglieder der 'alliierten Delegationen haben
immer wieder in persönlichen Gesprächen mit den
sollen sich verpflichten, sich an keinen Koalitionen sowjetischen Persönlichkeiten zu erkunden ver-
oder Bündnissen zu beteiligen, deren Ziele im sucht, ob Ansatzpunkte für ein Kompromiß be-
Widerspruch zu den Zielen dieses Vertrages stehen. standen, die in einer Geheimsitzung zu behandeln
Diese Bestimmung zielte offenbar auf den Nord- sich gelohnt haben würde.
atlantikpakt, wenngleich es der sowjetische Außen-
minister verstand, allen darauf gerichteten Fragen Die sowjetische Reaktion war immer die gleiche
auszuweichen und eine klare Antwort zu ver- und zeigte absolute Unbeweglichkeit. Entgegen
meiden. manchen Erwartungen waren die Sowjets nicht be-
reit, irgendeinen Preis für die Wiedervereinigung
Eine andere Bestimmung des kollektiven Sicher- Deutschlands in Freiheit auch nur zu nennen, auch
heitsvertrages sah vor, daß alle diejenigen inter- nicht die Europäische Verteidigungsgemeinschaft.
nationalen Verträge und Abkommen bestehen-
bleiben sollen, deren Grundsätze und Ziele den (Sehr richtig! und Hört! Hört! in der Mitte
Grundsätzen und Zielen dieses Vertrags ent- und rechts.)
sprechen. Damit suchte sich die Sowjetunion eine Die Behandlung des österreichischen Staatsver-
Grundlage für die Aufrechterhaltung ihres eigenen trages zeigte, daß diese negative sowjetische Hal-
Bündnissystems mit den östlichen Satellitenstaaten tung sich nicht nur auf Deutschland, sondern
zu sichern. generell auf Europa bezog.
Im Endergebnis machte Molotow mit diesem (Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
Sicherheitsplan den etwas naiven Vorschlag, daß
sich die freien Nationen Westeuropas dem Schutze Obwohl die Westmächte und Österreich bereit
derjenigen Macht anvertrauen sollen, von der sie waren, die bisher strittigen Artikel des Staatsver-
sich bisher einzig und allein bedroht fühlen. trages in der sowjetischen Fassung anzunehmen,
hat Molotow durch das Hinzufügen neuer Bedin-
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU.) gungen, von denen er wußte, daß sie unannehm-
Die drei alliierten Außenminister haben in der bar waren, den Abschluß des österreichischen
sowjetischen Konzeption mit Recht den Ausdruck Staatsvertrages verhindert.
einer unverhüllten Machtpolitik gesehen. Sie haben (Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
diese Politik als überholt, reaktionär und friedens-
gefährlich gebrandmarkt. Sie haben dem Geist von Das Ziel dieses Manövers war, die sowjetischen
Versailles, von Jalta und Potsdam eine Konzeption Truppen auch fernerhin in Österreich halten zu
gegenübergestellt, die eine Frucht der bitteren Er- können und sich damit zu gegebener Zeit den Zu-
fahrungen ist, die die Menschheit zweimal in der griff auf dieses Land zu sichern. Auch die Bereit-
kurzen Spanne einer Generation machen mußte. schaft Österreichs, sich aus freiem Entschluß aller
Diese Konzeption ist entstanden aus dem Gedan- militärischen Bindungen an die eine oder andere
ken der Völkergemeinschaft, die zustande kommt, Mächtegruppe zu enthalten, hat Molotow nicht von
weil die einzelnen Völker in Souveränitätsbe- seiner Forderung abgebracht, weiterhin die Rote
schränkungen einwilligen, aber nicht unter Zwang, Armee in Österreich zu belassen.
sondern aus freien Stücken. Diese Handlungsfrei- (Hört! Hört! bei den Regierungsparteien.)
heit kann allein die Grundlage von Vertragstreue
Das heißt, meine Damen und Herren, sogar ein
sein. Sie macht auch diskriminierende Kontrollen neutrales Österreich würde nicht frei werden, son-
überflüssig, die nur Keime zu neuen Konflikten dern ein besetztes Österreich bleiben.
sind.
Die Alliierten haben in zäher Verhandlung ver- (Sehr richtig! in der Mitte.)
sucht, Molotow zu überzeugen, daß nur eine auf Dieser Zumutung hat sich die österreichische Regie-
Recht und Vertrauen gegründete Ordnung den rung widersetzt.
Frieden gewährleisten kann. Sie sind ihm entgegen-
gekommen, indem sie jeden Zweifel über die Ich möchte, meine Damen und Herren, zusam-
völlige Handlungsfreiheit der gesamtdeutschen Re- menfassend feststellen, daß die sowjetische Politik
gierung im Hinblick auf von der Bundesregierung in Europa von dem Gedanken beherrscht ist, den
geschlossene Abkommen beseitigten. Sie haben in Status quo hinsichtlich der Besatzung, hinsicht-
der Frage der Wahlkontrolle und des Wahlgesetzes lich der politischen Stellung aller unter ihrer Kon-
Zugeständnisse gemacht. Statt einer aus Vertretern trolle befindlichen Gebiete aufrechtzuerhalten.
der Vier Mächte mit oder ohne Neutrale zusam- (Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
mengesetzten Überwachungsorganisation erklärten Ihre Pläne lassen aber befürchten, daß die Sowjet-
sie sich bereit, einer Überwachung durch Kom- union den Status quo zu gegebener Zeit zur Basis
missionen zuzustimmen, die sich aus je einem Ver- eines weiteren Vordringens in Westeuropa ma-
treter der Bundesregierung und der Sowjetzone chen wird.
und einem Neutralen zusammensetzen. Ebenso er- (Sehr richtig! rechts.)
klärten sie sich bereit, auf der Grundlage des
Weimarer Wahlgesetzes zu verhandeln, für das sich Das letzte Ziel ist die sowjetische Vorherrschaft
der sowjetische Außenminister ausgesprochen in Europa.
hatte. Sie haben schließlich ihre eigenen Vorstel- (Abg. Frau Dr. Weber [Aachen] : Hört! Hört!)
2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954 521
(Bundeskanzler Dr. Adenauer)
Bei der Erörterung der asiatischen Frage hat 5. Die Bundesregierung wird alle in ihrer Macht
sich die Sowjetunion dagegen verhandlungsbereit stehenden Maßnahmen ergreifen, um den Deut-
gezeigt. Diese Bereitschaft fand ihren Ausdruck in schen in Berlin und in der sowjetisch besetzten
den Geheimsitzungen der Konferenz. Das Gespräch Zone ihr schweres Los zu erleichtern.
der vier Mächte über diese Fragen wird am (Lebhafter Beifall im ganzen Hause.)
26. April in Genf fortgeführt werden. Wir müs-
sen sein Ergebnis abwarten. Ich möchte aber schon Sie appelliert an das Hohe Haus und an die Be-
jetzt sagen, daß die Bundesregierung hofft, die völkerung der Bundesrepublik, sie dabei mit Rat
Genfer Konferenz möge das Ende des Krieges in und mit Tat zu unterstützen.
Indochina bringen. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Meine Damen und Herren! Die Wiedervereini-
gung Deutschlands ist zunächst an der Haltung der
Ich möchte die Darstellung des Konferenzver- Sowjetunion gescheitert. Das ist die bittere Wahr-
laufs nicht abschließen, ohne den drei westlichen heit. Wir werden aber in unseren Bemühungen
Außenministern für die ausgezeichnete und sehr nicht nachlassen, neue Mittel und Wege für die
eindrucksvolle Art, in der sie die Sache der Wie- Wiedervereinigung Deutschlands zu finden. Die So-
dervereinigung Deutschlands in Frieden und Frei- wjetunion muß wissen, daß der Westen immer
heit auf der Berliner Konferenz vertreten haben, bereit ist zu konstruktiven Verhandlungen. Wir
herzlich zu danken. wollen hoffen, daß Fortschritte in anderen Fragen,
(Langanhaltender lebhafter Beifall bei den die Ost und West trennen, die Sowjetunion auch zu
Regierungsparteien.) einer Revision ihrer Politik in Europa bringen
werden.
Die Bundesregierung zieht aus dem Verlauf der Die Bundesregierung sieht in der Tatsache, daß
Berliner Konferenz die folgenden Schlüsse: die Berliner Konferenz die Solidarität des Westens
1. Um dem sowjetischen Streben nach einer Vor- eindeutig bewiesen hat, ein positives Resultat der
herrschaft in Europa entgegenzutreten, besteht Konferenz.
mehr denn je die Notwendigkeit, Europa zu einen (Beifall bei den Regierungsparteien.)
und seine Kräfte zusammenzufassen. Die Sowjetunion muß sich nach dem Verlauf dieser
(Lebhafter Beifall bei den Regierungs Konferenz im klaren sein, daß ihre Annahme, die
parteien.) westlichen Mächte würden sich untereinander ent-
zweien — eine Annahme, auf der ihre ganze jetzige
Dazu gehört auch, daß die Europäische Verteidi- Politik beruht —, falsch ist.
gungsgemeinschaft Wirklichkeit wird.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
(Erneuter Beifall bei den Regierungs So kann die Berliner Konferenz zum Ausgangs-
parteien.) -
punkt einer neuen Phase der russischen Politik
2. Die Bundesrepublik muß ihre auf Freiheit werden, die durch eine richtigere Einschätzung der
und Recht gegründete innere Struktur festigen und Realitäten gekennzeichnet wird. Die schmerzliche
die geistige und materielle Kraft entwickeln, die Enttäuschung über den Verlauf der Berliner Kon-
notwendig ist, um jeden Versuch, ganz Deutsch- ferenz wird durch die Gewißheit gemildert, daß
land zu sowjetisieren, vereiteln zu können. die Wiedervereinigung Deutschlands zu einem An-
liegen der gesamten freien Welt geworden ist.
(Lebhafter Beifall bei den Regierungs
parteien.) (Lebhafter Beifall bei den Regierungsparteien.)
3. Die Bundesregierung muß durch Worte und Wir dürfen insbesondere der Hilfe und der Unter-
Taten klarmachen, daß die Deutschen sich niemals stützung der Westalliierten gewiß sein.
mit der Spaltung Deutschlands abfinden und nie- Noch ein Wort zur Handlungsfreiheit der ge-
mals die Existenz zweier deutscher Staaten hinneh- samtdeutschen Regierung. Sie gehört nicht nur von
men werden. jeher zum Programm des Westens für die Wieder-
(Langanhaltender Beifall im ganzen Hause.) vereinigung, sondern sie ist auch im Art. VII
Abs. 3 des Deutschland-Vertrages statuiert. Was
4. Die Berliner Konferenz hat gezeigt, daß die diese Bestimmung des Deutschland-Vertrages be-
Deutschlandfrage nicht für sich allein gelöst wer- -trifft, so war sie notwendig angesichts der staats
den kann. Die Bundesregierung begrüßt es daher, und völkerrechtlichen Probleme, die die Wieder-
wenn der Versuch gemacht wird, Konfliktstoffe in vereinigung aufwirft, deren juristische Form heute
anderen Teilen der Welt zu beseitigen, noch niemand voraussagen kann. Man sollte aber
(Sehr richtig! rechts) über den akademischen Fragen die politischen
Realitäten nicht vergessen.
weil sich die dadurch erzielte Entspannung auch (Zustimmung in der Mitte.)
auf die deutsche Frage auswirkt.
Das deutsche Volk einschließlich der überwältigen-
(Sehr gut! in der Mitte.) den Mehrheit der Bevölkerung der Sowjetzone
Die Bundesregierung wird sich bemühen, auch von fühlt sich schon heute mit der Gemeinschaft des
sich aus zu einer allgemeinen Entspannung beizu- Westens verbunden.
tragen, die neue Verhandlungen über Deutschland (Beifall bei den Regierungsparteien.)
möglich macht. Sie wird insbesondere für den Auf- Die Willenskundgebungen vom 17. Juni und vom
bau eines auf der freien Zustimmung und der 6. September des letzten Jahres haben den Beweis
Gleichberechtigung aller Mitglieder beruhenden dafür geliefert, daß insbesondere die Politik der
Systems kollektiver Sicherheit eintreten, das die europäischen Integration, die die Bundesrepublik
Sowjetunion veranlassen kann, die sowjetisch be- verfolgt, von der weit überwiegenden Mehrheit
setzte Zone aus ihrem Machtbereich zu entlassen. des Volkes gebilligt wird.
(Beifall bei den Regierungsparteien.) (Erneuter Beifall bei den Regierungsparteien.)
522 2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954
(Bundeskanzler Dr. Adenauer)
Ich glaube, ich kann hieraus die Berechtigung ent- setzung der Gespräche über eine internationale
nehmen, schon jetzt zu sagen: nicht nur wird jede Atomenergieordnung und die Vereinbarung über
Regierung der Bundesrepublik Deutschland alles eine neue Konferenz zur Besprechung der Korea-
tun, um ganz Deutschland in der im Bonner und frage und des Kriegs in Indochina sowie die Ver-
Pariser Vertrag gegebenen Form in die Gemein- einbarung über eine energischere Fortsetzung der
schaft der freien Völker zu führen, sondern wenn Abrüstungsgespräche sind Beweise für diese An-
die Stunde der Wiedervereinigung gekommen ist, nahme.
wird das ganze deutsche Volk diese Entscheidung Wir Sozialdemokraten halten diesen Ansatz in
zu der seinigen machen. der Richtung einer weiteren Entspannung für ein
(Lebhafter Beifall bei den Regierungsparteien.) Ereignis von grundsätzlicher und weittragender
Bedeutung.
Inzwischen gilt es, meine Damen und Herren, die
(Beifall bei der SPD.)
deutsche Einheit zu erhalten mit der Kraft des
Geistes, des Opfers und der Liebe. Die Hoffnungen aller Menschen richten sich in
(Erneuter Beifall bei den Regierungsparteien.) erster Linie auf die Erhaltung und die Festigung
des Friedens in der Welt.
Es gibt nur ein einziges deutsches Vaterland.
(Erneuter Beifall bei der SPD.)
(Wiederholter Beifall bei den Regierungs
Vor allem das deutsche Volk muß schon den Ver-
parteien und bei Abgeordneten der SPD.)
such einer solchen Politik aus tiefstem Herzen be-
Wir werden nicht ruhen und rasten, bis es seine grüßen; denn seine Wiedervereinigung, die Hebung
Einheit wiedergefunden hat in Frieden und in seines Wohlstandes und seine Eingliederung in die
Freiheit. Gemeinschaft der Völker hängt davon ab, ob es
(Langanhaltender lebhafter Beifall bei den den entscheidenden Mächten der Welt gelingt, die
Regierungsparteien.) Periode der Spannungen zu überwinden und den
Frieden zu erhalten.
Präsident D. Dr. Ehlers: Meine Damen und (Beifall bei der SPD.)
Herren, Sie haben die Erklärung der Bundesregie-
rung entgegengenommen. Sogar die einfache, natürliche Existenz der deut-
schen Menschen ist von dem Erfolg einer solchen
Politik abhängig.
Ich eröffne die
Wir begrüßen es, daß auch der Herr Bundes-
Aussprache über die Erklärung der
kanzler in seiner heutigen Regierungserklärung
Bundesregierung.
den Vorrang einer Politik der Entspannung, vor
Das Wort hat der Abgeordnete Ollenhauer. allem auch im Hinblick auf die Lösung der Deutsch-
- landfrage, so positiv unterstrichen hat.
Ollenhauer (SPD): Herr Präsident! Meine Damen (Zuruf von der Mitte: Er hat es schon
und Herren! In seiner Sitzung vom 10. Dezember immer getan!)
1953 hat der Deutsche Bundestag in einer ein-
stimmig angenommenen Entschließung das An- Die Berliner Konferenz hat in diesem Zusammen-
liegen des deutschen Volkes im Hinblick auf die hang auch den Beweis erbracht, daß die Lösung
damals bevorstehende Vier-Mächte-Konferenz zum der Deutschlandfrage nur in Verbindung mit den
Ausdruck gebracht. Die Tatsache dieser einmütigen weiteren, fortgesetzten Bemühungen zur Lösung
Stellungnahme des Bundestages bietet nach unserer der durch den Krieg aufgeworfenen Probleme auf
Auffassung eine gute Grundlage für die heutige internationaler Basis gefördert werden kann und
Debatte über den Verlauf, die Resultate und die daß angesichts der gegebenen Machtverhältnisse
Auswirkungen der Berliner Vier-Mächte-Konferenz. in der Welt und der Verflochtenheit der Probleme
eine isolierte Lösung des Deutschland-Problems
Die Konferenz ist zu keiner Verständigung über nicht erreicht werden kann.
die Wiederherstellung der deutschen Einheit auf
der Basis von freien Wahlen gekommen. Dieser Wir glauben, daß man dieser Tatsache ins Auge
Ausgang der Konferenz hat zweifellos die große sehen muß, so schwer es auch für jeden in unserem
Mehrheit des deutschen Volkes, vor allem die Volke sein mag, einzusehen, daß das natürliche
Deutschen in der Sowjetzone, tief enttäuscht. Diese Recht eines Volkes auf seine staatliche und natio-
Empfindungen werden von der Sozialdemokrati- nale Einheit und seine Selbstbestimmung an sich
schen Partei Deutschlands im vollen Umfang nicht den Anspruch auf unmittelbare Erfüllung
geteilt. hat. Das deutsche Volk darf nicht müde werden,
diesen Anspruch auf seine natürlichen Rechte bei
Wir sind jedoch der Auffassung, daß die Konfe- allen verantwortlichen Mächten mit Nachdruck zur
renz nicht nur negativ beurteilt werden kann. Es Geltung zu bringen.
war die erste Vier-Mächte-Konferenz nach einer (Beifall bei der SPD.)
Pause von fünf Jahren mit all den Verhärtungen,
die die Zuspitzung des kalten Krieges in der Ver- Sicher ist es für uns Deutsche nach alledem, was
gangenheit mit sich gebracht hat. Man mußte daher hinter uns liegt, und angesichts dessen, was uns be-
damit rechnen, daß die Verhandlungspartner zu- drückt, schwer, eine solche Konferenz wie die Ber-
nächst ihre Positionen definieren würden. Das ist liner gerecht und kritisch zu würdigen. Die Erfül-
geschehen und vor allem von der russischen Seite lung unseres ureigensten Wunsches hängt aber ent-
mit einer Deutlichkeit wie nie zuvor. Eine Über- scheidend davon ab, ob wir uns in die Lage ver-
brückung der Gegensätze ist nicht erfolgt; aber die setzen können, unsere eigenen Forderungen und
Konferenz ist mit Resultaten und unter Bedingun- Anliegen an den durch diese Konferenz eingeleite-
gen abgeschlossen worden, die weitere Verhand- ten Prozeß internationaler Gespräche und Ver-
lungen und Konferenzen mit dem Ziel einer inter- handlungen immer wieder von neuem heranzu-
nationalen Entspannung möglich machen. Die Fort- bringen, damit ihre Lösung gefördert wird.
2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954 523
(Ollenhauer)
Auf dieser Konferenz sind nicht nur 23 Tage hin- Verfassung bestehen soll, nicht in voller Überein-
durch Standpunkte gegeneinander gestellt und Aus stimmung mit den vom Bundestag gefaßten Be
einandersetzungen über die Gegensätze geführt schlüssen.
worden. Einer der Teilnehmer der Konferenz, der (Sehr wahr! bei der SPD.)
amerikanische Außenminister Mr. Dulles,hatsic
am letzten Tage zusammenfassend über die Kon- Ich möchte das einfach feststellen, damit die Posi-
ferenz geäußert. Er hat gesagt: tionen in dieser sehr wesentlichen Frage eindeutig
und klar sind. Wir haben im Bundestag die Auf-
Außer dem, was wir hier erreicht haben, gaben einer gesamtdeutschen Regierung unmittel-
haben wir viel gelernt. Das ist ein Ergebnis, bar nach dem Zusammentritt des Parlaments in
das man nicht ignorieren sollte. wesentlich weitergehender Weise, nämlich als die
(Sehr richtig! bei der SPD. — Lachen und Konstituierung einer echten demokratischen ge-
UnruheidMt.) samtdeutschen Regierung, festgelegt. Dieser Be-
— Ich zitiere Mr. Dulles. — schluß ist durch den Eden-Plan nicht gedeckt.
(Lebhafter Beifall bei der SPD. — Lachen (Sehr gut! bei der SPD.)
in der Mitte und rechts.) Ich glaube — ohne daß ich die Debatte über diese
Es macht es weniger wahrscheinlich, daß irgend Frage in diesem Augenblick vertiefen möchte —,
jemand von uns aus Unachtsamkeit oder Fehl- daß es für die weitere Diskussion über die Gestal-
kalkulation etwas unternimmt, was das Risiko tung der Dinge in bezug auf die Wiedervereinigung
eines neuerlichen Krieges heraufbeschwören Deutschlands wichtig ist, diesen wesentlichen mate-
würde. riellen Unterschied hier einfach festzustellen.
(Zustimmung bei der SPD.)
Auf der andern Seite enthalten die Vorschläge
Ich glaube, eine solche Feststellung gibt keinen Molotows über die Bildung einer provisorischen
Anlaß zu Heiterkeit. gesamtdeutschen Regierung und ihre Aufgaben bis
(Lebhafter Beifall bei der SPD.) -
zur Wahl des gesamtdeutschen Parlaments gegen
Dieses Urteil von Mr. Dulles ist auch ein Beweis über dem Eden-Plan Vorstellungen, die einfach
dafür, daß die beiderseitigen Standpunkte nur auf darauf hinauslaufen, schon vor den Wahlen Maß-
dem Wege einer direkten Aussprache im Rahmen nahmen zu treffen, die in die Richtung eines volks-
einer Vier-Mächte-Konferenz klargestellt werden demokratischen Systems gehen und die deshalb von
konnten und daß auch in Zukunft ein Fortschritt uns als Anhängern der parlamentarischen Demo-
nur erreicht werden kann, wenn die Berliner Kon- kratie nicht akzeptiert werden können.
ferenz als ein Glied in der Kette internationaler (Beifall bei der SPD.)
Besprechungen, als ein Anfang einer Serie von Das Bemerkenswerte auf der Konferenz war
Konferenzen dieser oder ähnlicher Art betrachtet
- aber, daß eine ernsthafte Diskussion über mögliche
wird. Berührungspunkte und Kompromißmöglichkeiten
(Zustimmung bei der SPD.) — insbesondere auch nachdem, wie der Herr Bun-
Das Schlußkommuniqué der vier Außenminister, deskanzler mit Recht unterstrichen hat, die West-
nicht das Schlußkommuniqué der drei, läßt er- mächte gewisse Änderungsvorschläge unterbreitet
kennen, daß jedenfalls in diesem Punkte eine Über hatten, nachdem sozusagen das Material für eine
einstimmung bestand. ernsthafte Diskussion dieser Frage auf der Konfe-
In diesem Fall war die Lage der Konferenz da- renz vorlag — nicht stattgefunden hat.
durch erschwert, daß sie sozusagen selbst die diplo- Dieser Umstand der Nichtdiskutierung der Frage
matischen Vorbereitungen ersetzen mußte. Für die des besten Weges, um zu einer Wiedervereinigung
Zukunft wird es die Arbeit einer weiteren Konfe- Deutschlands zu kommen, erklärt auch die bemer-
renz sicher erleichtern, wenn sie durch eine inten- kenswerte Tatsache, daß es auf der Berliner Kon-
sive diplomatische Aktivität vorbereitet wird. Wie ferenz auch zu keiner Diskussion über das Ausmaß
die Erfahrungen der letzten zwei Jahre zeigen, der Selbstbestimmung des deutschen Volkes nach
reicht ein einfacher Notenwechsel dafür nicht aus. seiner Wiedervereinigung gekommen ist. Das ist
Was nun die Behandlung der deutschen Frage ein sehr wichtiges Problem, auf das ich auch hier
auf der Berliner Konferenz selbst angeht, so hat nur als einen Beitrag für unsere eigene weitere Dis-
die Diskussion im wesentlichen um die beiden sich kussion hingewiesen haben möchte; denn auch der
Hauptprobleme, die Prozedur der Wiedervereini- Eden-Plan, den wir als eine Unterlage, als eine
gung Deutschlands auf der Basis von freien Wah- Basis für eine sachliche Behandlung der Wieder-
len und den internationalen Status eines wieder- vereinigung in Freiheit durchaus positiv bewerten,
vereinigten Deutschlands im Zusammenhang mit beschränkt die Selbstbestimmung einer gesamt
dem Sicherheitsproblem gedreht. In der Frage der deutschen frei gewählten Regierung in weitgehen-
Prozedur des Aufbaus eines wiedervereinigten dem Maße, indem sich auch die drei Westmächte
Deutschlands standen sich der Eden-Plan der West- als Besatzungsmächte ausdrücklich ihr Einspruchs-
mächte und die Molotow-Vorschläge für die Bil- recht gegen Beschlüsse der Nationalversammlung
dung einer provisorischen gesamtdeutschen Regie- einschließlich der von ihr auszuarbeitenden Verf as
rung gegenüber. Der Vorschlag Edens deckt sich sung vorbehalten.
in seiner Forderung nach freien Wahlen als erstem (Hört! Hört! bei der SPD.)
Schritt zur Bildung eines gesamtdeutschen Parla-
ments mit unser aller Auffassung, mit den wieder- Schließlich haben sich auch beide Seiten auf ihre
holten Beschlüssen des Bundestags. Allerdings ist Weise das Recht zur Verhängung des Notstands,
der Teil des Eden-Plans, der sich mit den Kompe das in unseren Diskussionen über den Deutsch-
nzen des gesamtdeutschen Parlaments und
-te der land-Vertrag eine so große Rolle gespielt hat, vor-
gesamtdeutschen Regierung oder gesamtdeutschen behalten:
Behörde beschäftigt, die bis zur Verabschiedung der (erneute Rufe bei der SPD: Hört! Hört!)
524 2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954
(Ollenhauer)
Molotow in seinem Vorschlag vom 10. Februar zur Deutschland, und zwar das Deutschland in einer
Gewährleistung der Sicherheit in Europa unter definitiven Verbindung, nicht über militärische
Punkt 2 b und die Westmächte im Art. 5 des Gene- Streitkräfte verfügen, die seinen eigenen Ent-
ralvertrags von Bonn. Es ist gut, daß wir uns auch schlüssen unterstehen. Die Sicherheit in bezug
über diese Tatbestände klar sind und daß wir sie im auf Deutschland wäre in folgender Weise ga-
Gedächtnis behalten, da die Diskussion über die rantiert:
Wiedervereinigung und ihre Formen weitergehen a) Die Hilfsabkommen, die während des Krie-
wird. ges abgeschlossen worden sind, treten im
Folgender anderer Tatbestand ist außerdem sehr Falle der Aggression in Funktion.
wesentlich. Die Berliner Konferenz hat gezeigt, b) Deutschland kann auf militärischem Gebiet
daß man sich über freie Wahlen nicht verständigen nicht aus eigenem Ermessen handeln. Das
konnte ohne die gleichzeitige Behandlung der Frage schließt jede Möglichkeit einer Aggression
des Status eines wiedervereinigten Deutschlands in
einem europäischen oder internationalen Sicher- aus.
heitssystem. Ich glaube, auch diese Erkenntnis müs- c) Deutschland, das die Verpflichtungen der
sen wir aus der Berliner Konferenz gewinnen. An- Charta der Vereinten Nationen übernimmt,
gesichts der Tatsache, daß die Sowjetunion weiß, ist ohne Einschränkungen Partner am Welt-
daß die Wiedervereinigung Deutschlands auf der system der Sicherheit.
Basis von freien Wahlen, wie wir sie wollen, das d) Die Regierung des vereinigten Deutsch-
Ende der Pankower SED-Herrschaft, das Ende des lands müßte sich verpflichten, daß sie nicht
kommunistischen Einflusses auch in der Sowjetzone die Bestimmungen zu modifizieren versucht,
bedeutet, die seine Aktionsfreiheit auf militärischem
(Beifall bei der SPD) Gebiet begrenzen.
ist für die Sowjetunion die Zustimmung zu diesem
Resultat freier Wahlen automatisch mit der Frage Und M. Bidault fügte hinzu:
des Status eines so wiedervereinigten freien und Alle diese Bestimmungen verfolgen das Ziel,
demokratischen Deutschlands in einem internatio- Deutschland den Platz wiederzugeben, der ihm
nalen Sicherheitssystem verbunden. Das ist völlig in der Gemeinschaft der friedliebenden Staaten
abseits von allen Wertungen einfach ein Faktor, mit zukommt, und gleichzeitig jegliche Bedrohung
dem wir uns auseinanderzusetzen haben. Es ist für die Sicherheit der europäischen Völker von
sehr bemerkenswert, daß der britische Außenmini- dieser Stelle auszuschalten. Endlich ist es not-
ster, M r. Eden, noch in der ersten Hälfte der wendig, unsere Bemühungen im Rahmen der
Konferenz auf diesen Zusammenhang ausdrücklich Vereinten Nationen weiterzuverfolgen, die dar-
hingewiesen hat, indem er erklärte: . auf abzielen, allmählich zu jener voll und ganz
- zufriedenstellenden Form der kollektiven
Das Hauptproblem liegt darin, die Freiheit in Sicherheit zu gelangen, die die allgemeine,
Deutschland mit der Sicherheit in Europa zu gleichzeitige und kontrollierte Abrüstung dar-
verbinden. stellen wird.
(Sehr wahr! und Hört! Hört! links.) Meine Damen und Herren! Obwohl diese Diskus-
Und Mr. Eden war es, der in diesem Zusammen- sion zu unserem Bedauern schon nicht mehr unter
hang auch den Vorschlag machte, daß Deutschland der Annahme geführt wurde, daß es auf dieser Ber-
ein Mitglied der Vereinten Nationen wird, das an liner Konferenz zur Wiedervereinigung Deutsch-
die Bestimmungen der Charta gebunden ist. Nun, lands kommen werde, haben vor allem die Bidault
ohne auf diese Vorschläge Mr. Edens einzugehen, schen Vorschläge das Problem der europäischen und
entwickelte Herr Molotow seine umfangreichen der internationalen Sicherheit in ihrer vollen Per-
Vorschläge, die ein europäisches Sicherheitssystem spektive zur Diskussion gestellt, so daß hier die
unter Einschluß beider Teile Deutschlands und Möglichkeit zu weiteren fruchtbaren Gesprächen
unter Beteiligung der Sowjetunion, aber unter Aus- gegeben ist.
schluß Großbritanniens und der Vereinigten Staaten Und es gibt ein anderes wesentliches Merkmal in
vorsahen. Meine Damen und Herren, eine solche dieser Debatte über die Sicherheit, nämlich die Tat-
Konzeption ist für das deutsche Volk unannehmbar. sache, daß sowohl die Molotowschen Vorschläge, die
(Beifall bei der SPD und in der Mitte.) ich vorhin abgelehnt habe, als auch die Bidaultschen
und andere westliche Vorschläge die Frage einer
Ich möchte mich mit dieser Bemerkung und Fest- europäischen Sicherheitsorganisation bewußt und
stellung begnügen. positiv in die Tätigkeit und die Verpflichtungen der
Aber, meine Damen und Herren, wesentlich ist Vereinten Nationen hineinbauen. Wenn es über-
auch hier, daß es über die Frage einer europäischen haupt zu einer Lösung dieses für den Frieden in
Sicherheitsorganisation auf dieser Konferenz zu Europa und in der Welt entscheidenden Problems
einer echten Debatte gekommen ist, in deren Ver- kommen soll, ist sie nur denkbar im Rahmen einer
lauf z. B. der französische Außenminister, M. Bi umfassenden internationalen Organisation, wie die
dault, eine Reihe von außerordentlich bemer- Vereinten Nationen sie darstellen. Damit scheint
kenswerten Vorschlägen gemacht hat. Ich darf auf dieser Konferenz der Beweis erbracht zu sein,
etwas aus seiner Rede zitieren. M. Bidault sagte: daß ein Durchdenken des Sicherheitsproblems auch
in deutscher Sicht unabweisbar in den Rahmen und
Was Deutschland angeht, so muß die Sicherheit die Arbeitsordnung der Vereinten Nationen hinein-
seiner Nachbarn unter allen Umständen ge- führt und damit die Vorstellung von der Möglich-
währleistet sein. Diese Sicherheit kann vor dem keit begrenzter Lösungen erledigt.
Friedensvertrag nicht bedroht werden auf
Grund der Anwesenheit der Truppen der vier (Beifall bei der SPD.)
Mächte, die dort stationiert sind, um die Sicher- Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands hat
heit zu garantieren. Nach dem Vertrag wird bereits früher den Vorschlag für die Aufnahme
2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954 525
(Ollenhauer)
eines wiedervereinigten Deutschlands in die Ver- Meine Damen und Herren, gerade unter diesem
einten Nationen gemacht. Dieser Vorschlag hat ge- Gesichtspunkt bedauern wir es, daß der erste
rade durch den Verlauf der Berliner Konferenz gesetzgeberische Akt des Parlaments nach der Ber-
offensichtlich ein neues Gewicht bekommen. liner Konferenz in der Behandlung der Anträge
(Abg. Dr. Menzel: Sehr richtig!) zur Änderung des Grundgesetzes besteht, die mor-
gen verabschiedet werden sollen.
Wir halten diesen Weg auch noch heute für den
einzig gangbaren und effektiven. Denn eine Ver- (Lebhafter Beifall bei der SPD.)
ständigung über den internationalen Status eines Diese Änderung wird, wenn sich eine Mehrheit für
wiedervereinigten Deutschlands ist nur zu er- diese Anträge in diesem Hause findet,
reichen, wenn dieses wiedervereinigte Deutschland (Zurufe von der Mitte: Die findet sich!)
in ein Sicherheitssystem eingeordnet wird, das von
keiner der interessierten Mächte als eine gegen sie ohne praktische Bedeutung für die Realisierung
gerichtete Bedrohung empfunden werden kann. des EVG-Abkommens sein. Aber in ihrem rein
(Lebhafter Beifall bei der SPD.) demonstrativen Charakter erblicken wir ihre Be-
denklichkeit.
In diesem Zusammenhang möchte ich noch ein- (Lebhafter Beifall bei der SPD. — Abg.
mal ausdrücklich die Stellung der Sozialdemokra- Kunze [Bethel]: Sie wollen uns nicht ver
tischen Partei hinsichtlich eines deutschen Beitra- stehen, Herr Ollenhauer!)
ges in einem solchen internationalen Sicherheits-
system unterstreichen. Die Sozialdemokratische Ich sage das nicht, weil wir der Auffassung sind,
Partei Deutschlands ist bereit, für die Erfüllung daß wir unsere Politik unter dem Gesichtspunkt
aller Verpflichtungen einzutreten, die sich aus der der möglichen Reaktion auf der Seite der Sowjet-
Mitgliedschaft eines vereinigten Deutschlands in union abstimmen sollen; aber es ist ja keineswegs
einem solchen internationalen Sicherheitssystem sicher, meine Damen und Herren, daß ein solcher
ergeben. Schritt nicht auch zu einer ernsten Beunruhigung
(Beifall bei der SPD.) in der westlichen Welt führen wird.
Lassen Sie mich eine zusätzliche Bemerkung zu (Beifall bei der SPD. — Widerspruch und
diesem Fragenkomplex machen. Wie immer man Lachen bei der CDU/CSU.)
die Entwicklungschancen dieser Politik und dieser — Meine Damen und Herren, ich gönne Ihnen Ihre
Möglichkeiten beurteilen möge, in jedem Fall Heiterkeit! Wenn Sie morgen diesen Beschluß fas-
sollte die deutsche Politik schon jetzt mindestens sen, können wir uns vielleicht in der nächsten
den Schluß aus dieser Diskussion ziehen, daß es Woche über die Reaktion in Frankreich auf Ihren
nicht im Interesse des deutschen Volkes liegt, wenn Beschluß unterhalten.
im Zusammenhang mit dem Sicherheitsproblem
von deutscher Seite die Vereinten Nationen -in so (Lebhafter Beifall bei der SPD. — Zurufe
herabsetzender Weise behandelt werden, wie es von der Mitte. — Glocke des Präsidenten.)
noch bei der Debatte über die Regierungserklä- Ich glaube auch, daß dieser Akt dem Interesse un-
rung im vorigen Jahre in diesem Hause geschehen seres eigenen Volkes widerspricht.
ist. Zu diesem Zeitpunkt, in dem die Verwirklichung
(Lebhafter Beifall bei der SPD. — Abg. der Wiedervereinigung Deutschlands nicht möglich
Kunze [Bethel]: Na, na!) erscheint, muß es eine unserer Hauptaufgaben in
Meine Damen und Herren, für die deutsche der Bundesrepublik sein, alle Bestrebungen und
Politik ergibt sich nach unserer Auffassung aus Möglichkeiten zu fördern, um die Lage der
dieser Lage die Konsequenz, daß für die Bundes- 18 Millionen Menschen in der Sowjetzone zu er-
republik auch weiterhin die Politik der Wieder- leichtern, indem wir die Beziehungen zwischen ihr
vereinigung Deutschlands durch freie Wahlen ihr und der Bundesrepublik so weit als möglich nor-
vordringlichstes Ziel bleiben muß. malisieren. In diesem Punkte sind wir einig
(Erneuter Beifall bei der SPD. — Zuruf mit der Erklärung, die der Herr Bundeskanzler
von der Mitte: Na also!) heute morgen hier abgegeben hat. Aber eine for-
cierte Integrationspolitik als unmittelbare Reaktion
Gerade die Atmosphäre und die Resultate der Kon- auf den Ausgang der Berliner Konferenz kann die
ferenz bestätigen die Ansätze einer Politik der Aussichten für die Menschen ,der Sowjetzone er-
Entspannung zwischen den Großmächten, und sie heblich beeinträchtigen und verschlechtern.
verpflichten die deutsche Politik nach unserer Auf-
(Abg. Euler: Sie wollen weiterhin nichts
fassung in noch höherem Maße als bisher, in der
Bundesrepublik alles zu unterlassen, was durch tun!)
deutsche Handlungen eine Verschärfung der Ge- Wir begrüßen es, daß die drei westlichen Hohen
gensätze oder eine Vertiefung der Spaltung Kommissare ein erstes Programm für eine solche
Deutschlands zur Folge haben könnte. Normalisierung der Beziehungen dem sowjetischen
(Beifall bei der SPD.) Hohen Kommissar unterbreitet haben. Es sind
Forderungen, die wir hier im Bundestag bereits
Die Berliner Konferenz hat uns zweifellos noch früher eingehend besprochen haben und die dazu
einmal mit bedrückender Deutlichkeit vor Augen helfen können, eine wesentliche Erleichterung der
geführt, daß wir allein nicht in der Lage sind, das Lage der Bevölkerung in der Sowjetzone herbei-
Unglück der staatlichen Spaltung unseres Volkes zuführen. Wir erwarten, daß die Bundesregierung,
zu überwinden. Aber unser ständiger Beitrag in wie sie heute hier erklärt hat, diese Versuche
der Richtung einer Verstärkung der Befriedungs- durch eine eigene Initiative aktiv unterstützt. Wir
tendenzen in der Welt sollte sein, uns so zu ver- behalten uns vor, dem Parlament von uns aus
halten, daß wir diese Entwicklung positiv fördern weitere konkrete Vorschläge in dieser Richtung
und nicht hemmen. zu unterbreiten. Die Tatsache, daß gestern die
(Zustimmung bei der SPD. — Abg. Frau Grotewohl-Regierung die Vorschläge der drei west-
Dr. Weber [Aachen]: Wer will das denn?) lichen Hohen Kommissare mit der Behauptung zu-
526 2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954
(Ollenhauer)
rückgewiesen hat, es handle sich hier um eine An- Wir hätten es allerdings für wertvoll gehalten,
gelegenheit, die zwischen den Deutschen zu regeln wenn der Herr Bundeskanzler bereits in seiner
sei, sollte weder die Hohen Kommissare noch die Berliner Rede konkretere Vorschläge an die Stelle
Bundesregierung veranlassen, ihre Bemühungen allgemein gehaltener Ankündigungen gesetzt hätte.
einzustellen. (Beifall bei der SPD.)
(Sehr gut! bei der SPD.)
Die sozialdemokratische Fraktion hat im ersten
In ähnlicher Weise hat dieselbe Sowjetzonenregie- Bundestag an der Erarbeitung von Stützungsmaß-
rung bereits früher den Versuch gemacht, die Auf- nahmen für Berlin maßgeblichen Anteil gehabt.
hebung der Interzonenpässe zu hintertreiben. Die Sie wird in dieser Richtung weiter mitarbeiten,
Beharrlichkeit der Hohen Kommissare des Westens und die Mehrheit dieses Hauses darf damit rechnen,
hat aber schließlich doch eine teilweise befriedi- daß die weitestgehenden, aus ihren Reihen kom-
gende Lösung dieses Problems erzielt. menden Vorschläge zugunsten Berlins grundsätz-
Über die Vorschläge hinaus, die die Hohen Kom- lich die Unterstützung der Opposition finden
missare unterbreitet haben, gibt es noch eine Reihe werden.
von anderen Fragen, die das Leben von Millionen (Beifall bei der SPD.)
Menschen in der Bundesrepublik und in der So- Im einzelnen scheint es uns gegenwärtig auf fol-
wjetzone auf das tiefste berühren. So wäre z. B. gende Punkte anzukommen.
eine dringende und menschliche Aufgabe, Verein-
barungen dahingehend herbeizuführen, daß die 1. Der im Vorschlag zum Bundeshaushalt vor-
Unterlagen über vermißte Kriegsgefangene und gesehene Zuschuß zur Deckung des Fehlbedarfs
verschollene Zivilpersonen, die jetzt in beiden Tei- des Berliner Landeshaushalts reicht aus Gründen,
len Deutschlands getrennt verwaltet werden, ver- die nicht den Berlinern zur Last gelegt werden
glichen und in eine gemeinsame geordnete Ver- können, bei weitem nicht aus. Bei aller Anerken-
waltung gebracht werden. Ebenso sollten Schritte nung des Drängens auf eine sparsame Verwaltung
überlegt werden, um zu erreichen, daß in der des Landes Berlin muß daran erinnert werden, daß
Sowjetzone auch Menschen in Freiheit gesetzt wer- der Bund sich auch durch das Dritte Überleitungs-
den, die durch die sowjetzonalen Behörden ge- gesetz verpflichtet hat, den Fehlbedarf des Berliner
fangengehalten oder verurteilt sind, nachdem eine Haushalts zu decken. Bei einer Prüfung dieses
große Zahl der durch russische Militärtribunale Fehlbedarfs dürfen die Besonderheiten der Berliner
Verurteilten in Freiheit gesetzt wurden. Lage nicht unberücksichtigt bleiben. Wir halten es
in diesem Zusammenhang für überaus bedenklich,
(Beifall bei der SPD.) wenn ausgerechnet in der gegenwärtigen Lage in
An dem Verhalten der andern Seite gerade gegen- Berlin eine 30%ige Erhöhung des Brotpreises in
über diesen menschlichen Problemen wird sich er- Aussicht steht.
weisen, wieweit hier der ernste Wille zu- einer (Hört! Hört! bei der SPD.)
menschlicheren Haltung gegeben ist. 2. Das Aufkommen aus der Abgabe „Notopfer
(Zuruf rechts: Letzteres ist schon abge Berlin" sollte dem Lande Berlin unverkürzt zugute
lehnt!) kommen.
Zweifellos wären die Aussichten für eine befriedi- (Sehr richtig! bei der SPD und einigen
gende Regelung dieser Fragen größer, wenn sich Abgeordneten der CDU/CSU.)
die Außenminister auf der Berliner Konferenz Der Betrag, um den das Aufkommen aus dem Ber-
hätten entschließen können, durch einen gemeinsa- liner Notopfer den Zuschuß zum Berliner Haushalt
men Beschluß ihren Organen in Deutschland eine überschreitet, sollte der isolierten Hauptstadt in
entsprechende Anweisung in der Richtung einer ihrer unverschuldeten Notlage als zusätzliche Wirt-
solchen Aktivität zu geben. Wir sind der Meinung, schaftshilfe zufließen. Wir erinnern bei dieser Ge-
daß selbstverständlich alle die auf diesem Wege legenheit an das Wort des Herrn Bundesfinanz-
erreichbaren Erleichterungen der Lage der Bevöl- ministers, jede in Berlin angelegte Mark diene der
kerung in der Sowjetzone in keiner Weise einen Sicherung der freien Welt.
Ersatz für ihre Grundforderung nach freien Wah-
len und für die Erfüllung ihres natürlichen Rechts, 3. Es muß sichergestellt werden, daß diejenigen
wieder in einem gemeinsamen Staat vereinigt zu deutschen Mittel aufgebracht werden, die er-
sein, bringen kann. forderlich sind, damit das Berliner Notstands-
programm auf der Basis von gut 20 000 Beschäftig-
(Sehr gut! bei der SPD.) ten fortgeführt und womöglich noch erweitert
Aber die politische Wirkung dieser Maßnahmen, werden kann.
vor allem auch im Bewußtsein der Menschen in der In dem Zusammenhang verweisen wir darauf,
Sowjetzone, wird von so großer Bedeutung in der daß der von Herrn Reuter geführte Senat von Ber-
Richtung der Sicherung des Gemeinschaftsgefühls lin eine Erweiterung des Notstandsprogramms auf
aller Teile des deutschen Volkes sein, daß die Bun- 35 000 Mann geplant hat.
desregierung hier eine unablässig drängende und
aktive Politik treiben sollte. Unter diesem Gesichts- 4. Bei der Verstärkung von Steuererleichterun-
punkt erledigt sich auch das törichte Gerede von gen für die Berliner Wirtschaft sollte es sich nicht
der sogenannten kleinen Lösung. um private Subventionen handeln, sondern um
neue Möglichkeiten zur Intensivierung des Ber-
Wir können, meine Damen und Herren, bei der liner Aufbaus.
Behandlung der Frage unseres Verhältnisses zu
der Bevölkerung in der Sowjetzone selbstver- (Sehr wahr! bei der SPD.)
ständlich nicht an den besonderen Problemen vor- Bei dem unter dem Bundesdurchschnitt liegenden
beigehen, vor die die Stadt Berlin gestellt ist. Die Lohnniveau in Berlin müssen etwaige Steuer-
sozialdemokratische Fraktion begrüßt es, daß der senkungen auch den Arbeitnehmern zugute kom-
Herr Bundeskanzler in Berlin ein erweitertes men.
Hilfsprogramm für Berlin in Aussicht gestellt hat. (Beifall bei der SPD.)
2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954 527
(Ollenhauer)
5. Für die Schaffung neuer Arbeitsplätze, den deutsche Regierung, wie M. Schuman behauptet, so
Kernpunkt jeder Berlinhilfe, sollten insbesondere kann doch nicht bestritten werden, daß er die Wie
auch Mittel aus den ERP-Rückflüssen bereitgestellt dervereinigung Deutschlands in Freiheit erschwert.
werden.
(Zustimmung bei der SPD.)
6. Über die bloße Ankündigung einer verstärk-
Wenn so die Sozialdemokratische Partei ihren
ten Auftragslenkung nach Berlin hinaus sollten
die positiven Ansätze, die wir in der Arbeit des ablehnenden Standpunkt gegenüber der Europäi-
Berlin-Bevollmächtigten beim Bundeswirtschafts- schen Verteidigungsgemeinschaft in vollem Um-
minister erblicken, energisch weiterentwickelt fange aufrechterhalten muß, so möchte ich noch ein-
mal und, wie ich hoffe, damit zur endgültigen Aus-
werden. Insbesondere kommt es darauf an, daß
die Auftragserteilung der öffentlichen Hand ver- merzung des Unfugs des Geredes über die angeb-
stärkt und daß der Berliner Wirtschaft bei der liche Ohne-mich-Politik oder Neutralisationspolitik
Auftragsfinanzierung noch wirksamer als bisher der Sozialdemokratie feststellen, daß die Ableh-
geholfen wird. nung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft
nicht die Ablehnung einer Politik der militärischen
Meine Damen und Herren, ich komme zu einigen Sicherheit für unser Volk bedeutet.
abschließenden Bemerkungen.
(Beifall bei der SPD. — Zurufe von der
Es ist nicht unsere Absicht, im Zusammenhang CDU/CSU.)
mit dieser außenpolitischen Debatte eine neue Dis-
kussion über die europäische Verteidigung herbei- Die Sozialdemokratische Partei hat sich auf ihrem
zuführen. Die Entwicklung der internationalen Dortmunder Parteitag im Jahre 1952 in ihrem
Sicherheitsdiskussion auf der Berliner Konferenz Aktionsprogramm ausdrücklich zu einem System
hat deutlich gemacht, daß auf dem Wege einer re- der kollektiven Sicherheit mit allen sich daraus er-
gional so beschränkten Verteidigungsorganisation, gebenden Rechten und Pflichten bekannt.
wie die EVG sie darstellt, eine effektive Sicherheit (Zuruf von der Mitte: Aber wie!)
für ein einzelnes Volk oder für eine Gruppe von
Völkern unter den heute gegebenen Bedingungen Wir haben diesen in unserem Aktionsprogramm
nicht erreichbar ist. aufgestellten Grundsatz vor vielen Monaten in un-
serem Handbuch sozialdemokratischer Politik im
Die Sozialdemokratie ist außerdem durch den
einzelnen dargestellt, und wir haben darüber hin-
Verlauf der Debatte auf der Berliner Konferenz
aus für die Zeit der Existenz der Bundesrepublik
noch mehr in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber
der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft be-. Deutschland folgendes über unseren Standpunkt in
stärkt worden. der Frage der Sicherheit der Bundesrepublik aus-
geführt. Da heißt es:
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU.)
- Solange die staatliche Einheit Deutschlands
Die Art und Weise, wie von den westlichen Außen- nicht wiederhergestellt ist, kann die Bundes-
ministern der EVG-Vertrag als ein Sicherheits- republik an gemeinsamen Anstrengungen der
instrument zur Kontrolle über Deutschland den freien Welt zur Sicherung des Friedens nur teil-
Sowjets präsentiert wurde, hat in drastischer Weise nehmen, sofern gewährleistet sind
unsere Argumentation bekräftigt, daß es sich bei
diesem Vertrag nicht um einen Vertrag auf der a) die Gleichberechtigung der Bundesrepublik
Ebene der Partnerschaft und der Gleichberechti- gegenüber allen anderen Teilnehmerstaaten;
gung handelt. b) die Gleichwertigkeit der Bedingungen für
(Lebhafter Beifall bei der SPD.) die Sicherheit und die Lebensinteressen
jedes Teilnehmerstaates;
Ich will in diesem Zusammenhang nicht über die c) die ausdrückliche Übereinstimmung aller
Frage streiten, inwieweit die Vorbereitung der Teilnehmerstaaten, Deutschlands Anspruch
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft Sowj et- auf Wiederherstellung einer staatlichen
rußland gehindert hat, freien Wahlen zuzustimmen. Einheit anzuerkennen und die Bundesrepu-
(Lachen, Zurufe und Unruhe in der Mitte blik in ihrem Streben nach friedlicher Wie-
und rechts.) dervereinigung Deutschlands in Freiheit zu
Aber in Berlin ist für uns ein anderes wichtiges Pro- unterstützen;
blem aufgetaucht, nämlich, ob die von den west- d) keine Bindung der frei . gewählten gesamt-
lichen Außenministern vorgeschlagene Interpreta- deutschen Regierung durch vertragliche
tion, daß eine gesamtdeutsche Regierung frei sei, Verpflichtungen, die die Bundesrepublik
internationale Verträge wie den Vertrag über die eingeht, sondern Kündbarkeitsklausel für
Europäische Verteidigungsgemeinschaft anzuneh- den Fall der Wiedervereinigung Deutsch-
men oder abzulehnen, tatsächlich mit den Bestim- lands in jedem Vertrag. Die Bundesrepu-
mungen des Vertrages, der ja von der Bundesregie- blik muß angesichts der durch die Spaltung
rung unterzeichnet worden ist, zu vereinbaren ist, Deutschlands geschaffenen besonderen Lage
jedenfalls im Verhältnis gegenüber den Vertrags- darauf bestehen, die Kräfte der USA und
partnern, die nicht auch gleichzeitig Vertragspart- Großbritanniens durch festes Engagement
ner des Generalvertrages sind. Der frühere fran- mit den eigenen militärischen Anstrengun-
zösische Außenminister M. Robert Schuman hat gen der Bundesrepublik zu verbinden.
die Berliner Zusage als unvereinbar mit dem Ver-
trag angegriffen. Damit die Bundesrepublik den ihr zukom-
menden Anteil an solchen gemeinsamen An-
(Hört! Hört! bei der SPD.)
strengungen zur Sicherung des Friedens über-
Auf jeden Fall stellt sich doch für uns die Frage, nehmen und erfüllen kann, ist nach der Auf-
welche der beiden Auffassungen richtig ist. Bindet hebung des Besatzungsstatuts ihr rechtlicher
der Vertrag tatsächlich auch eine zukünftige gesamt Status so zu bestimmen, daß sie — ungeachtet
528 2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954
(Ollenhauer)
des Art. 107 der Satzungen der UN — die vom der sowjetisch besetzten Zone lebt, erfüllt hat, als
Statut der UN für die Mitgliedschaft ge- er von dem Ausgang dieser Konferenz erfuhr.
forderten Voraussetzungen erfüllt.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
Meine Damen und Herren, ich möchte diese sehr
klaren und präzisen Feststellungen hier noch ein- Wir müssen es aussprechen, gerade hier, weil drü-
mal herausgestellt haben und gerade jetzt mit allem ben 18 Millionen Menschen leben, die das nicht
einmal aussprechen dürfen.
Nachdruck noch einmal auf die Voraussetzungen
verweisen, in denen davon gesprochen wird, daß (Abg. Kunze [Bethel]: Sehr richtig!)
jede deutsche Sicherheitsverpflichtung, die die Wir müssen es auch aussprechen, weil man manch-
Bundesrepublik eingeht, nicht im Gegensatz zu mal doch den Eindruck haben könnte, daß nicht alle
unserer Politik der Wiedervereinigung stehen darf Menschen sich des Wertes der Freiheit, die sie hier
und daß Verträge dieser Art mit einer ausdrück- genießen, so bewußt sind, um das nötige Verständ-
lichen Kündigungsklausel für den Fall der Wieder- nis für die ungeheure Not dieser 18 Millionen drü-
vereinigung verbunden sein müssen. ben aufzubringen.
(Lebhafter Beifall bei der SPD.) (Lebhafter Beifall bei den Regierungs
Die deutsche Politik steht nach dem Ausgang parteien.)
dieser ersten Berliner Vier-Mächte-Konferenz vor Wir können hier über die Enttäuschung sprechen.
zwei entscheidenden Aufgaben, die zueinander ge- Aber wir wissen, daß, auch wenn die deutsche
hören: Erstens muß sie alles tun, was in den Frage offenbleibt, doch wohl unser Leben, unsere
Kräften der Bundesrepublik steht, die Frage der politische, unsere materielle Existenz nicht in Un-
deutschen Wiedervereinigung in Freiheit in alle ruhe geraten. Die Menschen drüben in der sowje-
Fühlungnahmen und Gespräche mit den Regierun- tisch besetzten Zone haben sicherlich das Ende der
gen der Besatzungsmächte hineinzubringen. Sie Konferenz noch ganz anders empfunden und mit-
muß zu ihrem Teil dazu beitragen, daß die Ver- erlebt. Es geht nicht darum, daß wir etwa ihre
handlungssituation, die sich in Berlin gezeigt hat, wirtschaftliche Notlage beklagen — ich glaube, daß
offenbleibt und immer wieder ausgenutzt wird. Für das die wenigsten drüben hören wollen —, sondern
die deutsche Politik darf die Berliner Konferenz es geht darum, daß wir uns darüber klarwerden,
weder ein Zwischenspiel noch ein Abschluß sein. was es bedeutet, nunmehr seit neun Jahren unter
(Beifall bei der SPD.) diesem unerträglichen geistigen und seelischen
Zweitens muß die Bundesregierung versuchen, Druck zu leben, in dieser Unfreiheit, die den Men-
durch ständige intensive Bemühungen das Leben schen daran hindert zu denken, weil ihm das Diffe-
der Deutschen in der sowjetischen Besatzungszone renzierungsvermögen fehlt, zu diskutieren, weil
erträglicher zu machen und die Beziehungen zwi- ihm der Partner fehlt, und zu kritisieren, weil ihm
schen den Deutschen aller Zonen und Berlins - so- der Mut dazu genommen wird. Diese Menschen
weit wie möglich zu normalisieren. Auf diese Weise haben jetzt erleben müssen, daß am vergangenen
sollte angestrebt werden, daß der allgemeine Zug Donnerstag die Berliner Konferenz mit einem
zu einer Entspannung seinen Niederschlag auch in Kommuniqué zu Ende ging, das auf ihre Frage
den innerdeutschen Verhältnissen findet. Beide gro- keine Antwort gab.
ßen Aufgaben gehören zusammen und stehen unter Sowohl der Herr Bundeskanzler wie auch der
der zentralen Forderung, das Klima für erneute Herr Kollege Ollenhauer als Sprecher der Sozial-
und erfolgreichere Verhandlungen über die Wieder- demokratischen Partei haben das Ergebnis dieser
vereinigung Deutschlands in Freiheit günstiger zu Konferenz analysiert, die genau vor einem Monat,
gestalten. am 25. Januar, in Berlin zusammengetreten ist.
(Lebhafter, langanhaltender Beifall bei der Ich glaubte zu Eingang der Ausführungen des
SPD.) Herrn Kollegen Ollenhauer, daß zumindest in
der Analyse doch eine weitgehende Übereinstim-
mung festzustellen sei. Aber ich habe mich dann
Präsident D. Dr. Ehlers: Das Wort hat der Ab- — ich darf sagen: leider — davon überzeugen müs-
geordnete Dr. von Brentano. sen, daß schon in der Ausgangsstellung eine sehr
wesentliche Meinungsverschiedenheit besteht, die
Dr. von Brentano (CDU/CSU): Herr Präsident! ich hier offen ansprechen möchte.
Meine Damen und Herren! Sowohl der Herr Bun- Der Herr Kollege Ollenhauer hat davon
deskanzler wie auch mein Vorredner, Herr Kollege gesprochen, daß man in Berlin gleichmäßig die
Ollenhauer, haben ihre Analyse der Berliner Kon- Frage der freien Wahlen und der Sicherheit be-
ferenz damit begonnen, daß sie zum Ausdruck handelt habe. Er sprach dann davon, daß die Pro-
brachten, die Berliner Konferenz habe zwar keinen zedur der freien Wahlen und der völkerrechtliche
Erfolg gezeitigt, sei aber auch nicht gescheitert; aus Status eines wiedervereinigten Deutschlands behan-
diesem Verlauf der Konferenz könnten wir die delt worden seien. Hier scheint mir allerdings ein
Hoffnung mitnehmen, daß die Gespräche über die entscheidender Gegensatz zwischen meiner Auffas-
Frage der deutschen Wiedervereinigung nicht ab- sung und der des Kollegen Ollenhauer zu bestehen.
reißen werden. Ich glaube, daß man das nachdrück- Aber hier scheint mir auch Herr Kollege Ollen-
lich unterstreichen soll. Aber auch wenn wir diese hauer die Entwicklung falsch zu deuten. Denn auf
Hoffnung behalten und wenn wir wissen, daß der der Berliner Konferenz hat man sich ja eben nicht
Verlauf der Berliner Konferenz uns die Sicherheit über die Prozedur der Wiedervereinigung unterhal-
gibt, daß die Frage der Wiedervereinigung Deutsch- ten können.
lands nicht mehr von der Tagesordnung internatio- (Sehr richtig! in der Mitte.)
naler Konferenzen verschwindet, müssen wir uns
doch über die tiefe Enttäuschung Rechenschaft Die Diskussion über die freien Wahlen ist gar nicht
geben, die jeden Menschen in Deutschland, gleich- in Gang gekommen.
gültig, ob er im Gebiet der Bundesrepublik oder in (Erneute Zustimmung in der Mitte.)
2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954 529
(Dr. von Brentano)
Die Frage der freien Wahlen, die wir bewußt auch weder deutsche Einigung oder europäische Zu-
in allen Entschließungen des Bundestages an die sammenarbeit, sondern es ist doch so: europä-
Spitze gestellt haben — nicht nur ihrer politischen ische Zusammenarbeit in der Erkenntnis der
Bedeutung wegen haben wir ihr die Priorität ein- Notwendigkeit und mit dem Ziel der deutschen
geräumt, sondern wir sind auch davon ausgegan- Einigung. Und es ist auch so: deutsche Einigung
gen, daß der Prozeß der Wiedervereinigung mit dem Ziel der europäischen Zusammen-
schlechthin nur mit freien Wahlen beginnen kann—, arbeit.
ist in Berlin nicht diskutiert worden. Herr Mo- Der Redner zitierte dann als „verheißungsvolles
lotow als Sprecher der sowjetischen Regierung hat Anzeichen" eine Entschließung der Europäischen
vom ersten bis zum letzten Tag keinen Zweifel da- Konferenz in Hamburg, in der es hieß:
ran gelassen, daß er freie Wahlen zumindest zur
Zeit noch nicht zu akzeptieren bereit ist, gleich- Die Einfügung eines freien Deutschland in ein
gültig, welchen Preis man zu zahlen gewillt wäre. freies Europa kann die Einheit Deutschlands
weder in Frage stellen noch verhindern. Sie
(Beifall bei den Regierungsparteien.) erscheint vielmehr als der angemessenste Weg
Daraus scheint sich dann auch die Verschiedenheit zu ihr.
der Auffassungen zu erklären, nicht nur in bezug Meine Damen und Herren, ich darf vielleicht
auf das Resultat der Berliner Konferenz, sondern fragen, ob diese sehr grundsätzliche Erklärung,
auch bei einem Gespräch darüber, welche Folgen die am 27. September 1951 vom Herrn Kollegen
für uns daraus entstehen und welche Folgerungen Wehner abgegeben worden ist,
wir zu ziehen haben.
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU)
Ich glaube, man sollte auch hier noch einmal an
folgendes erinnern. Ich tue es, wenn ich auch auch heute noch von der Sozialdemokratie als
annehme, daß ich Widerspruch hören werde. Diese richtig anerkannt wird.
Berliner Konferenz, diese erste Begegnung der vier (Rufe von der SPD: Ja! — Sicher!)
Siegermächte, die die Potsdamer Beschlüsse gefaßt
haben und die — das wissen wir alle — allein in — Wenn das so ist, dann ist, glaube ich, die Argu-
der Lage sind, die unselige Teilung unseres Vater- mentation nicht mehr ganz überzeugend und glaub-
landes wiederaufzuheben, ist zustande gekommen, würdig, daß diese Politik der europäischen Ver-
nicht weil der Westen und nicht weil wir abwar- ständigung, diese Politik der europäischen Einigung
teten, nicht weil wir unentschlossen waren und die Wiedervereinigung zu hindern oder auch nur
zögerten; sie ist einzig und allein nur deswegen zu erschweren vermöge.
zustande gekommen, weil der Osten, weil Sowjet- (Sehr gut! rechts.)
rußland erkannte, daß die Bundesrepublik zusam- Der Herr Kollege Ollenhauer — ich möchte dar-
men mit der freien Welt eine Politik der gegen- auf noch eingehen — hat sich, als er sich gegen die
seitigen Befriedung, der gegenseitigen Freund--
Fortführung einer solchen Politik gewandt und zum
schaft und des Vertrauens, aber gleichzeitig eine Ausdruck gebracht hat, daß seiner Überzeugung
Politik der Entschlossenheit, den Frieden zu er- nach die Gespräche zwischen den vier Mächten
halten und zu verteidigen, eingeleitet hat. durch die Fortsetzung dieser Politik gefährdet
(Beifall in der Mitte.) werden könnte, sehr leidenschaftlich gegen den
Niemals wäre diese Konferenz zustande gekom- Vorwurf gewehrt, daß seine Partei oder seine Frak-
men — ich glaube, das sagen zu können —, wenn tion etwa mit dem Gedanken einer Neutralisie-
wir das getan hätten, was wir in den letzten rung liebäugle.
Jahren manchmal als Ratschlag hören mußten: Der Herr Kollege Ollenhauer hat uns dann
wenn wir nämlich gar nichts getan hätten. einiges aus einem Handbuch vorgelesen. Meine
(Zustimmung bei der CDU/CSU.) Damen und Herren, erlauben Sie mir zu sagen:
Es wäre ganz gut, wenn wir nicht nur auf die
Darum möchte ich auch jetzt sagen: Wir werden Benutzung sozialistischer Handbücher verwiesen
diesen Ratschlag auch für die Zukunft nicht an- würden, sondern wenn man diese Erklärungen
nehmen. auch in der Vergangenheit mit der wünschenswer-
(Beifall bei der CDU/CSU.) ten Offenheit vor dem deutschen Volk abgegeben
Ich bin nicht der Meinung, daß auch nur der hätte.
geringste Anlaß dazu besteht, dieses politische (Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Mellies:
Junktim herzustellen, das heute wieder von der Sie scheinen sich wenig darum gekümmert
Opposition, wenn auch etwas zurückhaltender, ver- zu haben! Das hätten Sie auch früher zur
treten worden ist. Es wird nämlich behauptet, daß Kenntnis nehmen können!)
die Politik der Bundesregierung, die Politik der
europäischen Verständigung und Einigung, geeig- — Herr Kollege, ich glaube, wir sind hier, um
net sei, die Wiedervereinigung Deutschlands zu zu diskutieren. Sonst könnten wir uns ja darauf
erschweren oder gar zu verhindern. Ich darf viel- beschränken, Herr Kollege Mellies, hier heraufzu-
leicht daran erinnern, was in diesem Haus am gehen und zu sagen: Lesen Sie bitte das Buch . . .
27. September 1951 ausgesprochen worden ist: Seite soundsoviel!
Und so wäre mit der Wiedervereinigung (Heiterkeit und Zustimmung in der Mitte.)
Deutschlands ein entscheidender Schritt getan, Wenn Sie das wünschen, kann ich Ihnen eine ganze
um die heute so komplizierten Fragen der Menge ausgezeichneter Lektüre empfehlen. Bei-
Zusammenarbeit der Völker, der Zusammen- spielsweise würde ich empfehlen, aus der letzten
arbeit Europas, einfacher lösen zu können, als Zeit die „Neue Zürcher Zeitung", die „Basler Nach-
es heute möglich erscheint. Es ist ja nicht so, richten", die „Basler National-Zeitung", das „Jour-
wie es neuerdings nicht nur in einem SED- nal de Genève" und den „Economist" nachzu-
offiziösen Artikel, sondern mitunter auch hier lesen, um dort einmal festzustellen, daß Ihnen für
im sogenannten Westen dargestellt wird: ent Ihre Partei eines gelungen ist, w as wir für Deutsch-
530 2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954
(Dr. von Brentano)
land verhindern wollen, — daß es Ihnen gelungen Ein Deutschland aber, das die Integrationspoli-
ist, sich hoffnungslos zu isolieren. tik ablehnen würde, würde sich doch — und dar-
über müssen wir uns klar sein — bewußt und
(Beifall in der Mitte und rechts.) eindeutig in die Isolierung begeben. Die vielleicht
Ich stelle noch einmal fest, daß Herr Kollege entscheidende Voraussetzung für das neugeschaf-
Ollenhauer sich sehr leidenschaftlich und ernst fene Vertrauens- und Freundschaftsverhältnis mit
gegen eine Politik der Neutralisierung ausgespro- der freien Welt ist doch das Bekenntnis, daß
chen hat, und ich begrüße es, daß das heute wieder Deutschland zur freien Welt gehört und als inte-
mit dieser Klarheit gesagt worden ist. Ich begrüße graler Bestandteil dieser freien Welt angehören
es, daß wieder gesagt worden ist, daß selbst- und mit ihr zusammenarbeiten will.
verständlich auch die Sozialdemokratie nicht die Die Frucht dieser Politik hat sich, wie ich glaube
Notwendigkeit einer Einbettung Deutschlands in auch hier sagen zu können, in Berlin gezeigt. Man
ein System der Sicherheit und seiner Teilnahme kann doch — und ich unterstreiche, was der Herr
an einem solchen System bestreite. Bundeskanzler in bezug darauf gesagt hat — die
Eines ist mir dabei nicht ganz klargeworden, Tatsache nicht hoch genug werten, daß zwar auf
und diese Frage bitte ich stellen zu dürfen: Wann der Berliner Konferenz kein Stuhl für einen deut-
soll eigentlich dieser Moment eintreten? Ich fürchte, schen Vertreter frei war, weil Deutschland ja noch
wenn wir Ihren Weg gehen, Herr Kollege Ollen- keinen Sprecher hat, der dieses gemeinsame
hauer, dann wird diese Sicherheit überhaupt erst deutsche Anliegen dort hätte vertreten können,
dann wirksam, wenn wir sie nicht mehr brauchen. daß aber die drei westlichen Außenminister die-
ses so bedeutungsvolle deutsche Anliegen auf der
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Schrö Konferenz in einer Weise vertreten haben, von der
ter [Wilmersdorf] : Das war doch ein Kurz ich nur sagen kann: Wir haben Grund, den Dank,
schluß!) den auch der Herr Bundeskanzler hier ausgespro-
— Nein, chen hat, aus innerer Überzeugung und aus auf-
(Abg. Arndgen: Der hat gezündet!) richtiger Gesinnung zu wiederholen.
(Lebhafter Beifall bei den Regierungs
das war kein Kurzschluß. Aber vielleicht war es
zu rasch, um verstanden zu werden! parteien.)
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU.) Ein Deutschland aber, das sich in die frei gewählte
Isolierung begeben und damit ausdrücken würde,
Lassen Sie mich auf diese Frage noch einmal daß es unabhängig — ein gefährliches Wort! —
eingehen. Zu welchen Konsequenzen würde — und und ohne enge Bindung zwischen dem Osten und
ich sage das nun wirklich ohne jede Polemik, ich dem Westen bestehen wolle, würde wohl — dar-
möchte, daß wir darüber reden — die Politik füh- über müssen wir uns klar sein — auf einer kom-
ren, die uns hier von der Opposition empfohlen
- menden Konferenz eine andere Lage vorfinden.
wird? Wie früher bleibt sie uns doch die Erklärung (Richtig! bei der CDU/CSU.)
darüber schuldig, was denn unter einem solchen Die Haltung Sowjetrußlands würde sich ändern,
System der kollektiven Sicherheit verstanden wer- und zwar zum Nachteil Deutschlands; denn die
den soll, wie es entstehen und wie es wirksam Unentschlossenheit, die Unsicherheit und die Un-
werden soll. Wir haben heute auch die Anspielung klarheit werden Rußland logischerweise erst recht
gehört: Deutschland in die Vereinten Nationen ein- bestimmen, seine Ansprüche zu erhöhen. Und der
bauen. Meine Damen und Herren, darüber gibt es Westen? Die freie Welt würde zwangsläufig eben-
wahrscheinlich keine Meinungsverschiedenheiten falls — und sei es auch nur aus einem berechtigten
zwischen uns, daß wir sehr glücklich wären, wenn Selbsterhaltungstrieb — die Konsequenzen ziehen.
wir schon den Vereinten Nationen angehörten. Wir selbst würden, wie ich fürchte, das Potsdamer
(Zustimmung in der Mitte.) Abkommen durch eine solche Politik in seinem
ganzen Umfang wieder in Kraft setzen und isoliert
Es ist ja nicht unsere Schuld, wenn das bisher
als besiegtes und unfreies Volk ein Objekt der Ver-
nicht geschehen ist. Wenn wir uns auch der pro-
handlungen der vier Sieger werden, deren Inter-
blematischen Möglichkeiten, die die Vereinten essen sich dann auf Kosten Deutschlands wahr-
Nationen besitzen, durchaus bewußt sind, so, glaube scheinlich leichter zusammenführen ließen.
ich, gehört Deutschland auf jeden Fall in den Kreis
der Vereinten Nationen, um an ihren Bestrebun- (Zustimmung bei den Regierungsparteien.)
gen und immerhin auch an den Garantien teilneh- Es scheint mir aber auch ein recht müßiges und
men zu können, die eine solche Mitgliedschaft mit manchmal sogar gefährliches Wortspiel zu sein,
sich bringt. Aber Sie werden mir, glaube ich, doch sich gegen die Neutralisierung Deutschlands zu
alle darin zustimmen müssen: Weder die Frage wehren, wenn man sie in der praktischen Konse-
der deutschen Wiedervereinigung noch die Frage quenz doch fordert.
der deutschen Sicherheit ist gelöst, wenn wir die (Sehr richtig! in der Mitte. — Zuruf rechts:
schriftliche Mitteilung des Generalsekretärs der Ausgezeichnet!)
UNO bekommen, daß wir als Mitglied aufgenom-
men sind. Wie soll ein Sicherheitssystem beschaffen sein, das
Deutschland, dem gesamten deutschen Volk, die
Ein Verzicht auf die Integrationspolitik, wie er Freiheit garantieren würde, ohne daß Deutschland
von uns gefordert wird, würde uns — ich wieder- selbst an der Erhaltung der Freiheit und ihrer
hole es — nach den Erfahrungen der Berliner Sicherung beteiligt wird?
Konferenz der Wiedervereinigung nicht näher
(Sehr richtig! bei den Regierungsparteien.)
bringen; denn bis zur Stunde ist die Wiederver-
einigung nicht an dem starren Festhalten der west- Was soll ein Hinweis auf die Vereinten Nationen,
lichen Welt oder gar Deutschlands an einer schäd- wenn wir doch alle wissen, wie sich diese mit so
lichen Politik gescheitert, sondern an dem Nein viel ehrlichem Willen und so viel guter Zukunfts-
auf die Forderung nach freien Wahlen. hoffnung geschaffene Institution entwickelt hat?
2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954 531
(Dr. von Brentano)
Wir wissen, zumindest auch jetzt seit .der Ber- blik, wenn wir heute von uns aus diese Freund-
liner Konferenz, wie sich Sowjetrußland ein solches schaf t, die zu erringen so viel Mühe und so viel
Sicherheitssystem vorstellt. Mit dankenswerter Verständnis auf der anderen Seite gekostet hat,
Offenheit hat es ja der russische Außenminister zu aufkündigten?
erkennen gegeben, warum er Deutschland von der (Sehr richtig! in der Mitte.)
freien Welt trennen möchte. Um es nämlich uner-
bittlich und konsequent in den Machtbereich des Hier möchte ich den Economist zitieren, den der
bolschewistischen Herrschaftssystems und seiner Kollege Brandt vor einem Jahr einmal zitiert hat,
Satellitenstaaten einzubeziehen. Wer den Entwurf als er den Bundeskanzler kritisierte. Deswegen
des Friedensvertrages gelesen hat — der Herr Bun- wird es mir vielleicht erlaubt sein, ihn auch hier zu
deskanzler hat ihn erwähnt und hat auch die Tat- zitieren, wenn er ausnahmsweise uns einmal recht
sache erwähnt, daß dieser Friedensvertrag, der gibt.
bereits der Note vom 10. März 1952 beilag, in recht (Zuruf von der SPD: Ausnahmsweise!)
entscheidenden Punkten zum Nachteil Deutschlands
— Ja, ja, ausnahmsweise, weil der Economist durch-
abgeändert war, als er in Berlin wieder auf den
aus nicht meiner Partei angehört, wenn Sie das
Tisch der Konferenz gelegt wurde —, konnte
nicht wissen sollten.
feststellen, wie dieses Deutschland beschaffen sein
soll. Eine gesamtdeutsche Regierung soll gebildet (Heiterkeit. — Erneute Zurufe von der SPD.)
werden, in der die Vertreter Pankows neben den
Vertretern der Bundesrepublik sitzen. Auf den In- Der Economist schreibt unter der Überschrift
halt des Friedensvertrages soll ein freies Deutsch- „Erfolg eines Mißerfolgs":
land keinen Einfluß haben, und freie Wahlen sollen Die Russen machen niemals den Fehler, den
vorbereitet werden, um die Demokratie so zu Preis zu nennen, den sie zu zahlen bereit sind,
verwirklichen, wie Sowjetrußland sich eine demo- bevor der Handel beginnt. Sie werden auch
kratische Ordnung vorstellt. Von dem Recht, auch von den westlichen Staaten gar keine Garan-
nur eine echte Neutralität zu sichern, hat Herr tien ihrer Sicherheit verlangen oder anneh-
Molotow weder in seinem Fünf-Punkte-Programm men, solange amerikanische Streitkräfte und
noch in seinem Friedensvertragsentwurf noch in Stützpunkte auf dem Kontinent vorhanden
seinem Sicherheitspaktvorschlag auch nur ein Wort sind. Sie lehnen es ab, ihre vorgeschobenen
erwähnt. Stellungen in Ostdeutschland und Österreich
(Sehr richtig! in der Mitte.) aufzugeben. Sie bestehen auf einer Art der
Dieses Deutschland wäre nicht nur isoliert, also Einigung Deutschlands, die auf der Ausschrei-
von seinen Freunden getrennt, es wäre nicht nur bung von Wahlen durch eine provisorische Re-
neutralisiert und vollkommen wehrlos, ein Objekt gierung beruhen würde, nachdem ein Friedens-
des politischen Geschehens zwischen den großen vertrag auferlegt wäre und nachdem Wahlen
Mächtegruppen, deren Interesse an Deutschland - durchgeführt wären zugunsten des Kommu-
dann ein anderes wäre als heute, es wäre auch — nismus in Deutschland.
darüber müssen wir uns ebenfalls klar sein — auf Und dann fährt der „Economist" fort — die Num-
die Dauer kontrolliert. Die Kontrolle würde sich mer ist vorgestern, glaube ich, erschienen —:
auf die Einhaltung der Neutralitätsvorschrift, der
Waffenlosigkeit, auf die Durchführung des Frie- Auf jeden Deutschen, der bisher die Bundes-
densvertrages erstrecken und vielleicht auch darauf, politik des Kanzlers vertreten hat, die darin
daß Deutschland, wie man in Berlin zu sagen be- bestand, die Integration der westlichen Welt
liebte, von „friedliebenden und demokratischen voranzutreiben, gab es einen anderen Deut-
Kräften" regiert würde. Ich habe die Sorge, wenn schen, der der Meinung war, daß man eine
diese Kontrolle wirksam würde, hätte keiner von andere Reihenfolge wählen, nämlich die Wie-
uns in diesem Hohen Hause mehr das Recht, einem dervereinigung vorwegnehmen müsse. Herr
deutschen Parlament anzugehören. Molotow hat den wertvollen Dienst ge-
leistet, daß er nun das Argument der Sozial-
(Sehr richtig! in der Mitte.) demokraten entkräftet hat, daß Dr. Adenauers
Herr Molotow hat es übrigens ausgesprochen, daß Bekenntnis zur Europäischen Verteidigungs-
seine Vorstellungen von denen der anderen abwei- gemeinschaft das entscheidende Hindernis
chen, als er sagte: einer deutschen Wiedervereinigung sei.
(Hört! Hört! in der Mitte.)
Wir verschließen nicht die Augen davor, daß
in dem, was unter freien Wahlen in Deutsch- Denn die Russen haben nicht etwa die Ver-
land zu verstehen ist, der Standpunkt der So- teidigungsgemeinschaft abgelehnt, sie haben
wjetunion in mancher Hinsicht mit dem der freie Wahlen abgelehnt.
drei westlichen Staaten nicht zusammenfällt. (Lebhafte Zustimmung bei den Regie
Es ist mir wirklich schwer verständlich, daß sich rungsparteien. — Vizepräsident Dr.
irgend jemand über die Konsequenzen nicht klar Schmid übernimmt den Vorsitz.)
sein sollte, die zwangsläufig ausgelöst würden,
wenn die Bundesrepublik Deutschland nun die Wenn Sie, meine Damen und Herren, heute mor-
Richtlinien ihrer Politik ändern und die Politik gen die ersten Berichte von der Unterhausdebatte
aufgeben wollte, die uns bis hierher geführt hat. in London verfolgen, werden Sie auch darin fest-
stellen, daß diese Interpretation mit der Aus-
(Abg. Kunze [Bethel]: Weiß Gott!) legung, die Herr Eden dem Unterhaus vorgetragen
und Herr Morrison als Sprecher der Opposition be-
Weiß denn derjenige, der diese Politik kritisiert, kräftigt hat, voll und ganz übereinstimmt,
nicht, welche Auswirkungen es haben müßte, so-
wohl auf das politische freundschaftliche Verhält- (Sehr richtig! in der Mitte)
nis zu der freien Welt wie auch auf die gesamte ebenso auch mit der Darstellung, die der fran
wirtschaftliche Entwicklung unserer Bundesrepu zösische Außenminister, Herr Bidault, gestern vor
532 2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954
(Dr. von Brentano)
dem Außenpolitischen Ausschuß seiner Kammer zeigen, daß das Volk in der Bundesrepublik, wenn
gegeben hat. nötig, selbst bereit ist, schwere Opfer zu bringen,
(Erneute Zustimmung in der Mitte.) um den Menschen drüben ihr Leben auch nur um
ein Weniges zu erleichtern.
Ich habe nicht die Absicht, noch auf das Letzte
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
zu antworten, was Herr Kollege Ollenhauer
ausgeführt hat. Ich beabsichtige nicht, nun noch Die Bundesregierung wird uns immer bereit fin-
einmal über den Verteidigungsvertrag zu sprechen, den, ihr auf diesem Wege zu folgen, und die Bun-
der ja von diesem Hohen Hause bereits ratifiziert desregierung wird sicherlich damit einverstanden
ist. sein, daß wir, ebenso wie es Herr Kollege Ollen-
(Sehr gut! in der Mitte.) hauer angekündigt hat, unsere eigenen Vorschläge
und Pläne zur Diskussion stellen.
Ich habe auch nicht die Absicht, die einzelnen Ar-
gumente zu widerlegen, wobei ich Herrn Kollegen Abgesehen von dem, was wir zu tun haben, um
Ollenhauer allerdings sagen darf: vielleicht sollte diese Enttäuschung aus der Welt zu schaffen, und
er doch ein wenig Verständnis dafür haben, daß es abgesehen von dem, was wir zu tun haben, um —
klug von den westlichen Außenministern war — darin stimme ich mit Herrn Kollegen Ollenhauer
und ich glaube, Sie haben das ja selbst begrüßt —, vollkommen überein — die Welt und insbesondere
in einer vernünftigen und geschmeidigen Form in die drei westlichen Alliierten, die sich in Berlin
Berlin zu verhandeln und den Sowjetrussen ihre zum Sprecher des deutschen Anliegens gemacht
angebliche Furcht vor diesem Vertrag zu nehmen. haben, immer wieder darauf hinzuweisen, daß die
Ich sehe auch gar keinen Widerspruch, Herr Kol- deutsche Frage von der Tagesordnung nicht ver-
lege Ollenhauer, in dem, was Herr Bidault in Ber- schwinden darf, weil Deutschland und Europa nicht
lin über den Wert und die Auslegung des Art. 7 in Frieden leben, solange diese Trennung durch
Abs. 3 des Deutschland-Vertrages gesagt hat, und Deutschland geht, bin ich der Überzeugung, daß
schließe mich vollkommen dem an, was der Herr wir keine andere Aufgabe haben, als konsequent
Bundeskanzler dazu ausgeführt hat. Ich glaube, und unbeirrt die Politik fortzusetzen, die uns bis
Herr Bidault hat es gestern — ich fand es gerade hierhin gebracht und die dazu geführt hat, daß
in der Zeitung — noch einmal sehr richtig er- unser Anliegen nach Jahren erstmals wieder über-
läutert. Damit dürfte vielleicht ein sehr wesent- haupt im internationalen Gespräch erschien.
liches Bedenken Ihrer Seite gegen diesen Vertrag Ich glaube, auch die Opposition sollte nicht über-
wegfallen. rascht sein, wenn wir diese Konsequenz ziehen. Ich
(Abg. Kunze [Bethel] : Er darf nicht!) halte es nicht für gut, wenn uns der Vorwurf ge-
Auf die Frage eines Ausschußmitgliedes, ob ein macht wird, die Behandlung der Verfassungser-
wiedervereinigtes Deutschland die Möglichkeit gänzung, die für morgen angesetzt ist, könne doch
haben werde, aus der Europäischen Verteidigungs- irgendwie provozieren. Ich glaube, daß diese Kritik
- der Opposition nicht zusteht. Man sollte doch zum
gemeinschaft auszuscheiden, erwiderte der Mini-
ster: mindesten die Kritik einmal aussetzen, bis andere,
Juristisch ist das sehr wohl möglich. Es be- die mehr Recht haben, sich provoziert fühlen.
steht aber kein Zweifel daran, daß politisch (Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
einem wiedervereinigten Deutschland sehr Es ist auch nicht nötig, uns heute schon vorzu-
wichtige Bindungen auferlegt wären. halten: „Wartet nur ab, was Frankreich über-
Meine Damen und Herren, ich glaube, diese Dar- morgen sagen wird!"
legung ist vollkommen richtig. Wir können — und (Zustimmung bei der CDU/CSU.)
das bringt Art. 7 Abs. 3 zum Ausdruck — zu-
nächst nur die Bundesrepublik binden. Aber wir Meine Damen und Herren (zur SPD), Sie haben
werden ja den politischen Willen dieser Bundes- viel Verständnis für die Verständnisbereitschaft
republik in ein wiedervereinigtes Deutschland ein- Molotows während der Berliner Konferenz be-
bringen, wiesen. Ich bin überrascht, daß Sie Ihr Verständnis
(Sehr richtig! in der Mitte) nun offenbar auch auf die europafeindlichen Ten-
denzen in Frankreich ausdehnen wollen.
und ich bin vermessen genug, zu glauben, Herr
Kollege Ollenhauer, daß an dem Tag, an dem wir (Beifall bei den Regierungsparteien.)
dann die gesamtdeutschen Wahlen durchführen Selbstverständlich weiß ich, daß wir mit einer
würden, die Mehrheit in diesem Hause noch viel Kritik dort drüben zu rechnen haben, denn auch
weiter hinüberginge. in Frankreich gibt es solche, die noch nichts hinzu-
(Lebhafter Beifall bei den Regierungspar gelernt haben.
teien. – Zurufe von der SPD.) (Lebhafter Beifall bei den Regierungs
Lassen Sie mich zum Schluß kommen. Auch ich parteien.)
bitte die Bundesregierung — ohne daß ich es als Aber diese Kritik fürchte ich nicht, weil ich der
Aufgabe dieser Diskussion ansehe, Einzelheiten Überzeugung bin, daß auch in Frankreich die
auszuführen —, alles zu tun, was in ihrer Macht Mehrheit des Parlaments und des Volkes diesen
steht, um mitzuhelfen, daß diese tiefe Ent Weg versteht und für richtig hält und ihn mit uns
täuschung drüben in der sowjetisch besetzten Zone zu gehen bereit ist.
Deutschlands und in der Stadt Berlin doch einen
Ausgleich findet in der nicht nur mit Worten be (Erneuter Beifall bei den Regierungs
tonten, sondern mit Taten bewiesenen Hilfsbereit parteien.)
schaft des ganzen deutschen Volkes. Wir werden Im übrigen glaube ich, wenn es noch einer Recht-
uns anstrengen müssen, auch das Unmögliche fertigung für die Entschlossenheit, diesen Weg
möglich zu machen, um den Menschen drüben nicht weiterzugehen, bedürfte, hätten wir diese Recht-
nur ein Lippenbekenntnis der inneren Verbunden fertigung doch am 6. September vorigen Jahres für
heit und Treue abzugeben, sondern ihnen auch zu uns errungen. Das ist nicht nur eine Rechtferti-
2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954 533
(Dr. von Brentano)
gung, diesen Weg weiterzugehen, sondern — wenn deutschen Volke zu helfen, und uns die Haltung der
man die Demokratie so versteht, wie ich sie ver Opposition zu diesen Bemühungen vergegenwärti-
stehe — ein echter Auftrag des deutschen Volkes, gen. Der erste Schritt war das Petersberger Abkom-
(Zustimmung bei den Regierungsparteien) men, noch mit den Hohen Kommissaren geschlos-
sen, ein erster Versuch, den Weg ins Freie zu schaf-
das zu tun, was damals gebilligt und von uns fen, die schlimmsten Bedrückungen von uns zu
weiterzuführen verlangt worden ist. nehmen, die Demontagen zu Ende zu bringen, wie-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) der die Möglichkeit des Schiffbaues, der Schiffahrt
Ich würde es sehr begrüßen, wenn die Entwick- zu haben, den Weg in die Welt zu finden. Die Sozial-
lung zu einem engen europäischen Zusammen- demokratie hat dieses Abkommen leidenschaftlich
schluß, den wir anstreben, rasch vorangetrieben bekämpft. Sie hat nein gesagt, hat wegen der Ver-
würde. Denn wenn auf einer Konferenz, auf der fassungsmäßigkeit dieses Abkommens, das dem
das Problem der Wiedervereinigung Deutschlands deutschen Volke nur geholfen hat, das Tausenden,
erörtert wird, nicht nur die Vereinigten Staaten Abertausenden von Menschen die Arbeitsplätze er-
von Nordamerika, das Vereinigte Königreich und halten und deutschen Arbeitern neue Arbeitsplätze
Frankreich vertreten wären, sondern auch ein geschaffen hat, beim Bundesverfassungsgericht
Sprecher Europas säße. hätten wir eine zusätzliche Prozesse geführt.
Unterstützung, die vielleicht nicht nur dazu bei- (Zurufe und Lachen in der Mitte.)
tragen könnte, das Gewicht unseres Anliegens zu
Sie ist diesen Weg weitergegangen. Die SPD hat
erhöhen, sondern vielleicht entscheidend dazu bei- nein gesagt zum Europarat. Wir wissen doch heute,
tragen könnte, das angebliche Sicherheitsbedürfnis
Rußlands zu befriedigen. was die Tätigkeit, die Wirksamkeit im Europarat
und im Ministerrat des Europarats für uns bedeu-
Deswegen ist es mein Wunsch, daß die Inte- tet haben, diese Möglichkeit deutscher Politiker und
grationspolitik unbeirrt, konsequent und ohne Zeit- deutscher Abgeordneter, wieder im Gespräch zu
verlust durchgeführt wird, im Vertrauen darauf, sein, gleich auf gleich, mit den Abgeordneten der
daß die anderen, die uns dabei zum Teil schon vor- anderen europäischen Staaten, und wie sehr das ge-
angegangen sind, wie Holland und Belgien, mit dient hat, wieder so etwas wie eine demokratische
uns diesen Weg gehen, und in der Hoffnung, daß internationale politische Atmosphäre zu schaffen.
dann die deutsche Frage nicht nur von den ehe-
maligen Siegern aufgenommen wird, sondern ein Die Sozialdemokratie hat nein gesagt zum
Bestandteil der Aufgaben sein wird, die einem Schumanplan —

vereinigten Europa gestellt sind, daß wir diese (Zurufe von der SPD)
Aufgabe in einem großen Europa gemeinsam lösen, für mich immerhin das Modell eines geordneten
um die sowjetisch besetzte Zone als einen Teil des Europa, das Vorbild eines wirtschaftlichen Groß-
wiedervereinigten Deutschlands und des wieder-
- raums als Voraussetzung gesteigerten wirtschaft-
vereinigten Europas in Freiheit und Frieden bei lichen und sozialen Wirkens.
uns zu sehen.
Die Sozialdemokratie hat nein gesagt zur Euro-
(Lebhafter Beifall bei den Regierungs päischen Verteidigungsgemeinschaft. Sie hat nein
parteien.) gesagt auch zur Europäischen politischen Gemein-
schaft. Und wieder stehen uns Prozesse am Bundes-
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der Ab-
geordnete Dr. Dehler. verfassungsgericht bevor. Soll ich die Leidens-
geschichte der Verträge, des Deutschland-Vertrages
Dr. Dehler (FDP): Herr Präsident! Meine Damen und des Vertrages über die Europäische Verteidi-
und Herren! Über der Berliner Konferenz steht das gungsgemeinschaft, schildern? Oft habe ich das
bittere Fazit: Geblieben ist der Status quo! Ich habe Empfinden, das deutsche Volk weiß zuwenig davon,
nach dem, was der Herr Kollege Ollenhauer heute was hier gefehlt worden ist in der Erfüllung natio-
dargelegt hat, das schmerzliche Gefühl, auch über naler Verpflichtungen!
diesem Bundestag wird das Wort stehen: Es bleibt (Lebhafter Beifall bei den Regierungs
der Status quo! Wenn ich die letzten Jahre, den parteien.)
Versuch des ersten Bundestages überblicke, das in
Freiheit lebende deutsche Volk aus dem schweren Die SPD ist doch dabei, Ballast — ideologischen
Sturz und dem Zusammenbruch des nationalsozia- Ballast — abzuwerfen.
listischen Abenteuers herauszuführen, dann ist es (Heiterkeit in der Mitte und rechts. —
für mich eine beklemmende Tatsache, daß es uns Lachen bei der SPD.)
nicht gelungen ist, nach außen eine einheitliche Politik
Will sie da nicht dieses Gepäck, das doch schon
zu machen. Mir will es als ein schweres Versagen
muffig geworden ist, das Gepäck einer falschen
erscheinen, daß ein Volk in der Lage des deutschen,
außenpolitischen Auffassung dazu legen?
zerrissen, bedroht von einer ungeheuerlichen Macht
im Osten, es nicht fertiggebracht hat, sich außen- (Zurufe von der SPD.)
politisch auf eine Linie zu bringen, daß der erste — Nein, ich meine es ernst, Herr Ollenhauer!
Bundestag die Pflicht zur nationalen Solidarität
nicht erfüllt hat. Das ist das Schmerzliche an dem, (Lachen bei der SPD.)
was Herr Ollenhauer uns heute gesagt hat, daß die Ich meine es ernst, Herr Mellies, tief ernst!
SPD, die Opposition gewillt ist, diesen Weg weiter-
(Zurufe von der SPD: Oh, Ihre Sorgen!)
zugehen, daß sie sich nicht entschließt, Hemmungen
zurückzustellen, Irrtümer einzusehen, sondern daß Ich habe aus den Erklärungen des Herrn Ollen
sie sich auf ihren Irrweg fixiert. hauer, aus den Stellungnahmen zur Regierungs
erklärung einen anderen Willen angenommen, und
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
ich glaube, ich habe auch alles Gute, was in Ihrer
Wir wollen einmal einen kleinen Rückblick in die Erklärung lag, Herr Ollenhauer, aufgenommen. Ich
Bemühungen des ersten Bundeskabinetts tun, dem habe ein höheres Maß an Verpflichtung gegenüber
534 2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954
(Dr. Dehler)
dem Schicksal unseres Volkes unterstellt, einen ehr- in Berlin auch nur ein Wort des Willens gehört,
lichen Willen zu einem Gespräch. Herr Ollenhauer, diese Spaltung zu überbrücken?
das ist kein echtes Gespräch, das Sie heute geführt Ich meine, eine realpolitische Betrachtung der
haben, sondern das ist ein Sich-Zurückziehen auf Dinge muß von diesem Sachverhalt ausgehen, von
Positionen, die doch längst keine Wirklichkeit mehr dieser Riesenmacht, die sich drüben zusammen-
sind, die auch niemals Wirklichkeit waren, sondern geballt und die fast ein Drittel der Menschheit in
Ausflüchte. ihre Einflußsphäre gezogen hat. Mich überfällt
(Beifall in der Mitte und rechts.) immer der schwere Rhythmus eines Goethe-Verses
Wenn man sich die Ausführungen des Herrn aus dem zweiten Teil des „Faust", wo er die „Ge-
Ollenhauer, wie ich es getan habe, ohne jedes Vor- waltigen" sagen läßt:
urteil angehört hat, dann meint man, er lebt in der Vom Osten kommen wir heran,
Vorstellung einer fast idyllischen Welt, und um den Westen ist's getan.
(Sehr gut! bei der FDP) Ein lang und breites Volksgewicht —
der Erste wußt' vom Letzten nicht.
in der Vorstellung, es gebe da einen Zusammen-
schluß vereinter Nationen, einen Zusammenschluß Man muß, meine ich, diese Gefahr sehen, muß
von lammfrommen Staaten. erkennen, daß eines wieder in Berlin deutlich ge-
worden ist: daß Rußland die Hegemonie über Euro-
(Zuruf von der SPD: Raubtiere! — Wei pa in Anspruch nimmt — über das, muß ich schon
tere Zurufe.) sagen, was von Europa geblieben ist.
— Ja, von den Raubtieren hat der Herr Ollenhauer Diesen Herrschaftsanspruch abzuwehren — das
nichts gemerkt; er hat auf jeden Fall uns nichts ist unsere politische Aufgabe!
merken lassen. Die schauerliche Tatsache, die doch
in Berlin ihre Bestätigung gefunden hat, daß diese (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Welt auseinandergebrochen ist, daß sie aus zwei Die Aufgabe ist, alles Erforderliche zu tun, um uns
Fronten besteht und daß es das, was Sie annehmen, zu behaupten.
gar nicht gibt: die funktionierenden Vereinten Es gibt ja keine Wahl — hierin werde ich auch
Nationen, diese Tatsache ist aus ihren Worten nicht mit Herrn Ollenhauer einig sein — zwischen der
deutlich geworden. Es ist doch das Erschütternde Welt, die ich eben geschildert habe, und der west-
der Berliner Konferenz gewesen, daß dieser Zwie- lichen Welt. Oder wollen wir darüber streiten, daß
spalt der Welt deutlicher denn je hervorgetreten ist wir zur westlichen Welt gehören und daß wir mit
und daß für jeden von uns die Sorge um Europa jener Welt nichts zu tun haben, daß es keine Bin-
größer geworden ist denn je. Man hat das Empfin- dung zwischen uns und denen geben kann, daß dort
den von zwei Welten, die nicht miteinander spre-
etwas entstanden ist, was in allem — in allem! —
chen können, die sich am Ende gar nicht verstehen anders ist als wir und unvereinbar ist mit unserem
wollen, von zwei Welten, die einander in- einer
Wesen. Ich meine, unsere Entscheidung für den
) dauernd gesteigerten Spannung gegenüberstehen, Westen ist doch unbestreitbar, ist doch gefallen.
und dann wird einem bange um dieses Europa. Man Dort ist die Gemeinschaft, in die wir gehören, dort
hat das Gefühl, daß unsere Situation die des ver- sind unsere Ideale, ist unsere Lebensform lebendig,
fallenden, des chaotischen römischen Reiches ist. dort weht die Luft der Freiheit, dort besteht der
Überdenken Sie die Entwicklung dieses Europas in
den letzten 50, 80 Jahren, diesen Abstieg vom Wille des Friedens.
Gipfel der politischen und der wirtschaftlichen Deswegen gibt es für uns nur einen Weg, und
Macht in der Welt zu einem zerrissenen, wirtschaft- es scheint mir müßig, von der Möglichkeit anderer
lich ungeordneten, politisch desorganisierten Erd- Wege zu sprechen.
teil, dem dann auch noch vor allem eines fehlt: die Hier noch einmal ein Wort zu der Verpflichtung,
große gestaltende Idee, vielleicht auch die großen die die Opposition auch gegenüber der Regierung
gestaltenden Persönlichkeiten. hat. Am Ende gibt es in der Außenpolitik nur den
Weg der Regierung und der die Regierung bilden-
Auch das, glaube ich, ist in Berlin wieder deut-
den Mehrheit des Parlaments. Daneben gibt es kei-
lich geworden — ich habe mir die Dinge auch ein-
nen anderen Weg in der Außenpolitik.
mal aus der Nähe angesehen und mit den Akteuren
gesprochen —: die fremde Welt, die fremde Atmo- (Beifall.)
sphäre, die Molotow mitbrachte, fremd doch in Das ist das Wesen der Demokratie. Eine Regierung
allem: in der Regierungsform, in dieser merkwür- ist vor allem berufen, ein Volk nach außen zu ver-
digen Welt des Kreml, wo der Blutgeruch — wir treten. Sie ist die Sprecherin eines Volkes nach
wissen die endlose Zahl der Menschen, die ihr Leben außen, und sie entscheidet, wie sich ein Volk nach
geopfert haben, bis zu Berija — aufstieg; außen verhält. Eine Opposition kann ihre Meinung
(Zuruf von der SPD: Das haben wir doch geltend machen, aber wenn die Regierung und die
auch hinter uns!) Mehrheit des Parlaments entschieden haben, dann
hat die Opposition die verdammte Pflicht und
fremde Welt in der Wirtschaftsorganisation, im Schuldigkeit, sich diszipliniert einzuordnen.
Lebensstil, in der Lebensordnung. Sie ist für uns
schon eine terra incognita geworden. (Lebhafter Beifall bei den Regierungspar
teien. — Lachen und Zurufe bei der SPD.
Und wer hat sie von uns geschieden? Der Aus- — Abg. Schröter [Wilmersdorf]:' Heil!
gangspunkt der Spaltung ist den Menschen gar Heil!)
nicht mehr deutlich bewußt. Haben w i r gespalten?
Ist das nicht der böse Wille der anderen gewesen? Ich hatte den Eindruck, meine Damen und Herren,
Man muß hier und da an der Zonengrenze stehen, daß sich mit dieser Pflicht das Verhalten der
muß die tote Strecke an der Grenze sehen, die die Führer der Opposition während der Berliner Kon-
anderen geschaffen haben. Die anderen haben ge- ferenz nicht in Übereinstimmung befand.
spalten, haben auseinandergerissen. Und haben Sie (Sehr richtig! bei der FDP.)
2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954 535
(Dr. Dehler)
Es erschien mir unmöglich, daß die Opposition in — Nun, ich glaube nicht, daß ich damit etwas Un-
Berlin und während der Berliner Konferenz von christliches gesagt habe.
Bonn her ihre Außenpolitik, ihre von der Haltung (Abg. Schröter [Wilmersdorf]: Den anderen
der verantwortlich handelnden Regierung abwei- den Krieg wünschen!)
chende Außenpolitik vertrat und in die Waagschale
der Verhandlungen zu werfen versuchte. Ich habe bei jeder Gelegenheit betont, welche
Verpflichtung das deutsche Volk gegenüber dem
(Beifall bei den Regierungsparteien. — amerikanischen hat. Ich habe immer betont, welche
Abg. Schröter [Wilmersdorf]: Spezialist für geschichtliche Leistung Präsident Truman damals
unfreiwilligen Humor!) vollbracht hat, als er dem ersten Versuch Ruß-
lands, zum Angriff vorzugehen, entgegentrat, und
Ich sage: Rußland betrachtet Europa als sein daß wir Deutsche den Müttern und den Frauen
Interessengebiet. Deswegen war eine Möglichkeit zu danken haben, die ihre Söhne in Korea auch
der Verständigung in Berlin gar nicht gegeben. für uns geopfert haben.
Das ist meine Überzeugung. Keine Konzession (Lebhafter Beifall bei den Regierungs
hätte die Russen bewogen, entgegenzukommen. parteien.)
Ich brauche nur auf Ö sterreich zu verweisen.
Wenn man sich auch nur die Behandlung des
Dort bestanden nicht die Hemmungen, die in technischen Ablaufs der Berliner Konferenz ver-
der Deutschland-Frage bestehen. Trotzdem kein gegenwärtigt, dann weiß man, daß Molotow nicht
Entgegenkommen. Wir wissen doch, wie die Ent-
den Willen hatte, zu einem sachlichen Gespräch
wicklung, die 1946 in Deutschland begann, ver- über die Deutschlandfrage zu kommen. Man schob
laufen ist. Der Konflikt im Kontrollrat, der -das China-Problem vor, die Frage der Fünf
Ausgangspunkt der Spaltung Deutschlands, setzte Mächte-Konferenz mit China. Offensichtlich war
ein, als der damalige amerikanische Außenminister der Versuch, China ins politische Spiel zu bringen
Byrnes allen früheren Gegnern Deutschlands oder zumindest zu erreichen, daß die westliche
Sicherheit anbot und erklärte, daß Amerika zu
Welt die Belieferung Chinas mit den Waren, die
diesem Zwecke die Truppen 40 Jahre lang in Rußland selber nicht liefern kann, übernähme, das
Europa belassen würde. Das war der Ausgangs- vordringliche Anliegen Molotows, nicht die euro-
punkt der Spannungen, die bis heute andauern:
päische, nicht die deutsche Frage. Dann das Ge-
die ablehnende Haltung Amerikas gegen den hege-
plänkel, das Vorschieben der Weltrüstungskonfe-
monialen Anspruch Rußlands in Europa. Zum
renz! Seien Sie mir nicht böse, Herr Ollenhauer,
Bruch im Kontrollrat kam es, als England und
–wenn ich ein klein bißchen —
Frankreich trotz der ausdrücklichen Warnung Mo-
lotows die Marshallhilfe akzeptierten. Alles andere (Abg. Heiland: Das kann man Ihnen
waren dann nur die Steigerungen dieser Span- gar nicht!)
nungen. -
— Eben, Herr Heiland; wir kennen uns ja schon
so lange und so gut, daß wir uns auch in unseren
Als Ergebnis Berlins müssen wir nüchtern, wenn Untiefen nicht mehr wehtun können.
auch schmerzlich feststellen: der militärische Druck
Rußlands auf Mitteleuropa ist in nichts gemindert, (Heiterkeit.)
und Rußland denkt nicht daran, diesen Druck auch Als Sie heute wieder ungefähr mit der Stimmung
nur zu lockern. Daraus gibt es nur die eine not- kamen, diese europäischen, diese deutschen Pro-
wendige Konseqenz: alles zu tun, was nur möglich bleme könnten gelöst werden in der Haltung „Seid
ist, um diesem Druck entgegenzuwirken. Wir wis- umschlungen, Millionen!",
sen, wie sich der Westen verhalten hat. Fehlt es (Abg. Heiland: Sie müßten auch einmal
an dem Friedenswillen des Westens? Die ganze Ballast abwerfen!)
westliche Welt hat nach 1945 abgerüstet. Die Ver-
einigten Staaten haben ihre Luftwaffe verschrottet, in der Haltung, die Vereinten Nationen und das
haben ihre Schlachtschiffe eingemottet. Nur ein Sicherheitssystem würden alles lösen, da wurde
Staat hat gerüstet, hat weiter gerüstet, hat mili- ich ein klein bißchen erinnert an den Versuch Mo-
tärische Macht geschaffen, und das war Rußland. lotows, die Weltrüstungskonferenz als Problem
aufzuwerfen, als es darum ging — „Hic Rhodus,
Ich meine immer noch, die Deutschen sollten sich hic salta!" —, über Deutschland und Europa zu
vor Augen halten, welche Gefahr über Europa sprechen.
lag, als Korea geschah, Korea, das beinahe zum (Abg. Ritzel: Haben Sie nicht kürzlich den
Modellfall Europas hätte werden können. Mr. Dul- alten Attinghausen zitiert?)
les hat ja in Berlin auch davon gesprochen, wie
damals die Dinge liefen: Behandlung der Frage In der Deutschlandfrage ist Molotow ausgewichen.
Koreas ungefähr nach den Vorstellungen der So- Es ist sehr interessant, was er vorgeschoben hat:
zialdemokratie für Deutschland. Auch dort die diese uns als abgestanden erscheinenden Vorwürfe
Scheidung eines einheitlichen Staates in zwei In- gegen das deutsche Volk, gegen die deutsche De-
teressensphären — 38. Breitengrad! —, auch dort mokratie, der Vorwurf des Faschismus, der dro-
Vorschlag der Neutralisierung, der Zurückziehung henden Aggression, des drohenden Militaris-
der Truppen. Das geschah 1949, und 1950 hatte der mus. Die Absicht war deutlich; man wollte auf
Krieg begonnen. Damals, als „Korea" einsetzte Fr ankreich wirken, man wollte eine Stim-
— vielleicht darf man das jetzt, nachdem es Ge- mung des Unbehagens in Frankreich vergrößern.
schichte geworden ist, auch einmal feststellen —, Man wollte Frankreich wieder in eine Haltung
stand in Europa eine einzige amerikanische Divi- bringen, daß es glaubt, der Nachbar seines Nach-
sion. Danken Sie Gott, daß es dem Stalin in den barn sei sein Freund. Man wollte den Glauben er-
Sinn kam, in Korea anzugreifen und nicht in zeugen, Frankreich müsse wieder Anlehnung an
Europa! den östlichen Nachbarn Deutschlands finden und
auf diese Weise wieder Situationen herbeiführen,
(Sehr richtig bei der FDP. — Abg. Schrö die mindestens mit ursächlich waren für die Kata-
ter [Wilmersdorf]: Echt christlicher Geist!) strophen von 1914 und 1939.
536 2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954
(Dr. Dehler)
Es ist klar: Rußland hat nicht den Willen, die Molotow in Berlin dargelegt hat, sich in Kürze
deutsche Frage zu ordnen. Wir sehen jetzt die ändern werde?
Dinge klarer und hoffentlich illusionsloser. Ich ver- Herr Ollenhauer meint, mit einem Male ge-
misse bei den Darlegungen der Opposition, daß schähen keine Wunder; sieben Jahre lang habe
diese kühle, ich möchte sagen, eisige Luft Berlins man nicht verhandelt, und der Kalte Krieg habe
bei ihr die Vorurteile, die Hemmungen und Illu-
verhärtet. Die Russen können auch anders. Der
sionen nicht weggeblasen hat. Wir sehen keine an-
Herr Stalin hat sich im August 1939 in wenigen
dere Möglichkeit, in Europa Politik zu treiben, Tagen mit Hitler geeinigt.
ohne Anlehnung an den Sieger des zweiten Welt-
kriegs, an die Vereinten Nationen. Amerika hat (Sehr richtig! in der Mitte.)
nach dem ersten Weltkrieg, nicht erkannt, was es Der Herr Molotow hat mit Herrn Ribbentrop pak-
bedeutet, zu siegen, daß Sieg viel mehr Pflicht und tiert und die Engländer vor der Tür stehen und
geschichtliche Verantwortung ist als Recht. Wilson warten lassen. Herr Molotow hat damals — das
wurde desavouiert. Amerika hat sich nach 1918 darf man wohl auch einmal sagen — mit dem Ab-
isoliert, hat Europa sich überlassen. Auch damit kommen vom 23. August dem Herrn Hitler für
wurde eine der Ursachen gesetzt, die zu der poli- sein schauriges Abenteuer des zweiten Weltkrieges
tischen Fehlentwicklung in Deutschland und in doch erst das Sprungbrett geboten und den Rük-
Europa zur zweiten Katastrophe führten. Das ist ken gedeckt.
das Große an den amerikanischen Staatsmännern
unserer Zeit gewesen, daß sie , die Verantwortung, (Beifall bei den Regierungsparteien.)
die ihnen anheimgefallen ist, aufgenommen haben. Rußland könnte, wenn es wollte; Rußland hat nicht
Es gibt eine packende Erzählung von einem Zu- gewollt.
sammentreffen Roosevelts und Churchills auf
einem Schlachtschiff — ich glaube, es war 1941 —, Meine Fraktion bejaht ebenso wie die übrigen
als die Zuhörer plötzlich das Gefühl hatten, der Fraktionen der Koalition die Politik der euro-
Mantel der Herrschaft gleite von den Schultern päischen Gemeinschaft, auch die Politik der Euro-
Churchills auf die Schultern Roosevelts. Das war päischen Verteidigungsgemeinschaft. Kein Argu-
der große Augenblick, in dem Roosevelt seine ge- ment, das Herr Ollenhauer vorgebracht hat, kann
schichtliche Mission erfaßte und durchsetzte. Seine an dieser Haltung etwas ändern. Eines möchte ich
Nachfolger haben sie aufgenommen. Dort ist die aber doch vor allem zurückweisen. Herr Ollenhauer
Kraft, der wir uns anzuschließen, das ist das Kraft- hat so nebenbei bemerkt, daß vielleicht die Tat-
feld, in das wir uns einzuordnen haben. sache der Verträge auf die Berliner Konferenz
nachteilig, ungünstig gewirkt habe. Nun, man kann
Es war erhebend auf der Berliner Konferenz, das mit den eigenen Worten Molotows widerlegen,
als Mr. Dulles die Fehler von Jalta und im An- der, als er über EVG befragt worden ist, beinahe
-
schluß daran die Fehler von Versailles verurteilte höhnisch — wenigstens ich habe es ironisch
und darlegte, wie diese Fehler verdorben und ge- empfunden – etwa erklärt hat: Na, die Verträge
schadet haben. Ich habe einmal vor Jahren etwas sind 1952 geschlossen worden; bis jetzt ist nichts
Ähnliches in einer Rede — es sind vier Jahre her — geschehen, und wenn sie 1954 nicht ratifiziert wer-
in Hamburg zu sagen versucht und bin seit der den, dann werden sie Material für die Archive
Zeit als Sonntagsredner in die Geschichte einge- bilden.
gangen. Wenn man von dieser Haltung ausgeht, möchte
(Heiterkeit.) man meinen, daß die Verzögerungen, die auch in
So verschieden ist das Glück von Rednern. diesem Hause am Werke waren, mit schuld daran
(Erneute Heiterkeit.) sind, daß die Verträge nicht längst unter Dach und
Fach sind; sie haben verhindert, daß Tatsachen ge-
Ich bejahe unbedingt die Pflicht Europas, das schaffen wurden, denen sich Molotow gebeugt
Seine zu tun, und die Pflicht der Bundesrepublik, hätte.
in diesem Rahmen das ihre zu tun. Ich bin der
Überzeugung: ein geordnetes Europa ist bei seiner (Sehr richtig! bei der FDP und CDU/CSU.)
Wirtschaftskraft, bei seiner technischen Intelligenz Mit der NATO hat er sich abgefunden. Mit der
in der Lage, auch ganz Entscheidendes für die EVG hätte er sich genau so abgefunden, wenn wir
Verteidigung der freien Welt zu tun. Ich nehme nur gehandelt hätten und wenn wir nicht in sehr
durchaus auf, was der Herr Bundeskanzler als wenig verantwortungsvoller Weise geredet und
Sinn der Empörung des 17. Juni 1953 dargelegt Prozesse geführt hätten.
hat: das war das Bekenntnis zur westlichen, zur
freien Welt und damit zu der Politik, die die Bun- (Beifall bei der FDP und bei der CDU/CSU.
desregierung verfolgt. — Zurufe von der SPD.)
Herr Ollenhauer sagt: man kann sich über die
(Lebhafter Beifall bei den Regierungs Frage der freien Wahlen nicht verständigen — und
parteien.) man konnte sich nicht verständigen – ohne Eini-
Herr Ollenhauer erwartet sich viel von weiteren gung über den Status eines vereinten Deutschlands
Verhandlungen. Niemand von uns wird sich sper- in einem Sicherheitssystem. Ich habe aus den gan-
ren. Aber wer hat jetzt noch Illusionen? Wer zen Verhandlungen niemals eine solche Ursachen-
glaubt noch, dieser fixierte Standpunkt der Rus- kette festgestellt, habe niemals gesehen, daß das
sen werde sich durch Worte wie durch ein Wunder entscheidend gewesen wäre. Niemals hat Herr
plötzlich lösen? Bestimmt: die Verhandlungen über Molotow auch nur eine Andeutung dahin gemacht,
die Atomkontrolle können Grundlagen sein für daß er ernstlich gewillt wäre, die deutsche Frage
weitere Verständigungen auch über andere Pro- zu regeln. Niemals hat er ein Bedingungsverhält-
bleme. Wir wollen hoffen, daß sich im Rahmen der nis zwischen einem funktionierenden Sicherheits-
Genfer Konferenz über Indochina auch andere system und der Bereitwilligkeit, seine Truppen aus
Fragen, vielleicht auch die Deutschlandfrage, Lok- Deutschland und Österreich herauszuziehen, her-
kern lassen. Aber wer wird meinen, daß das, was gestellt.
2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954 537
(Dr. Dehler)
Ich bin aber auch der Meinung, daß Herr Ollen- dem Osten abprallte und zurückgewiesen wurde
hauer das zutreffend wiedergibt, was in diesem oder nicht. Das Schicksal Europas und damit viel-
Zusammenhang von Eden und Bidault gesagt wor- leicht das Schicksal der Welt wird sich nicht in
den ist. Wenn Mister Eden erklärt hat, man müsse Korea, nicht in Indochina und nicht im vorderen
die Freiheit in Europa mit der Sicherheit verbin- Orient entscheiden, sondern hier, wenn sich Europa
den, so hat er das als Argument für und nicht mit Deutschland behauptet. Wenn wir in eine Ge-
gegen die Europäische Verteidigungsgemeinschaft meinschaft eintreten, dann legen wir uns frei-
gesagt, wie es Herr Ollenhauer versucht hat. willige Bindungen auf, die dieser Gemeinschaft
(Sehr richtig! in der Mitte.) selbstverständlich jede Drohung gegen den Osten
nehmen. Die Möglichkeit, daß diese Gemeinschaft
Monsieur Bidault hat sich auch in ganz an- jemals gegen den Osten aggressiv wird, lebt doch
derem Sinne geäußert: nur in den Vorstellungen bolschewistischer Agita-
Es kommt darauf an, Deutschland im Herzen toren. Ich kann das Reden von dem berechtigten
des Kontinents nicht isoliert zu lassen und zu- Sicherheitsbedürfnis der Russen wahrlich nicht
gleich die Wiedergeburt jedes aggressiven sehr ernst nehmen, wenn Sie sich dieses in Waffen
Militarismus zu verhindern. Es kommen also starrende Land vorstellen und sich vergegenwär-
nur zwei Möglichkeiten in Betracht: die der tigen, daß in Europa, glaube ich, immer noch die
zwangsweisen Kontrolle und die der Assozia- Schweiz die stärkste Militärmacht ist.
tion. (Heiterkeit bei den Regierungsparteien.)
Er hat daraus klar den Schluß gezogen, daß selbst- Ein gefährliches Wort ist das, was Herr Ollen-
verständlich nur die Assoziation in Frage kommt. hauer heute als vordringlich — sonst hat er es oft
Und jetzt, als er nach Hause zurückgekehrt ist, hat als erstrangig hingestellt — bezeichnet hat, wenn
er doch das schöne, von uns zu unterstreichende er nämlich behauptet, die Wiedervereinigung sei
Wort geprägt, daß es jetzt nicht mehr gilt, „über" das vordringliche, das erstrangige politische Ziel.
Deutschland, sondern „mit" Deutschland zu ver- In unserem Willen, in unserem Bewußtsein selbst-
handeln. verständlich, meine Damen und Herren! Welcher
(Beifall bei der FDP und CDU/CSU.) Deutsche ersehnt nicht mit der ganzen Intensität
Zur Vorstellung des Herrn Kollegen Ollenhauer seines Gefühls die Wiedervereinigung!? Herr Kol-
über das Sicherheitssystem der Vereinten Natio- lege von Brentano hat mit Schmerz darauf hinge-
nen! Ich habe schon ein Wort dazu gesagt, und wiesen, daß manche Deutsche leider zu sehr an die
Herr Kollege von Brentano hat sich ebenfalls Dinge des Tages und zu wenig an das große natio-
überzeugend dazu geäußert. Da ist doch nichts nale Schicksal denken, das unsere Zeit zu tragen
Effektives. Wo wollen Sie für Deutschland eine hat. Immerhin ist aber bei den bewußten Menschen,
Sicherheit in einem System schaffen, das von den bei den Menschen, die Verantwortung tragen, die
Vereinten Nationen begründet wird, zu dem der Wiedervereinigung vordringliches Ziel. Aber die
bedrohende Staat, die bedrohende Macht Rußland Politik verläuft doch nicht wie nach dem Drehbuch
gehört? Ist das nicht ein Operieren mit Fiktionen, eines Films, daß ich sagen kann: erster Akt: auf
die sich ja nicht erfüllen lassen? Hier gilt der Satz, jeden Fall Wiedervereinigung, und sonst geschieht
daß man das Mögliche und das Naheliegende tut. nichts. Politik ist die Gestaltung der Dinge, jeden
Und das, was uns die freie Welt anbietet, ist die Augenblick, jede Stunde und jeden Tag,
Gemeinschaft der Nordatlantischen Verteidigungs- (Beifall bei den Regierungsparteien)
organisation mit einer Europäischen Verteidigungs-
gemeinschaft. Warum wollen Sie dieser Konse- und die Möglichkeit, das zu tun, was notwendig ist,
quenz ausweichen? Ich verstehe das nicht. auf jeder Ebene das zu tun, was notwendig ist. Die
Europäische Verteidigungsgemeinschaft ist ein we-
Herr Ollenhauer hat erklärt, daß er durch sentlicher politischer Faktor für die Gesundung
den Ablauf der Berliner Konferenz geradezu be- Europas und für die Abwehr des Angriffs und der
stärkt worden sei in seinen Bedenken gegen die Drohung des Ostens und, wie Herr von Brentano
Europäische Verteidigungsgemeinschaft, besonders es überzeugend dargelegt hat, eine echte Chance,
auch deswegen — auch dazu hat Herr von Bren- zur Wiedervereinigung zu kommen, wenn bei den
tano Zutreffendes schon gesagt —, weil in Äuße- Russen die Hoffnung schwindet, aus der Schwäche
rungen von Bidault und Eden zum Ausdruck ge- Europas politische Vorteile ziehen zu können.
kommen sei, in der Europäischen Verteidigungsge-
meinschaft liege auch ein Sicherheitselement. Daß wir daneben alle Möglichkeiten und — in
Warum soll das mit einem Male den Wert der Übereinstimmung mit Ihnen, Herr Olenhauer, —
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft mindern auch weiterhin alle Chancen einer Verhandlung
oder gar den Schluß zulassen, wie ihn Herr Ollen- nutzen, die uns weiterführen können, — selbstver-
hauer ziehen will, daß wir nicht gleichberechtigt, ständlich! Das kann uns als Menschen, die politische
daß wir nicht echte Vertragspartner seien? Verantwortung tragen, nicht davon entbinden, das
(Sehr richtig! bei der FDP.) Notwendige zu tun.
Jede Gemeinschaft legt doch Bindungen auf. Das Herr Ollenhauer hat es für richtig gehalten, auf
ist doch der Ausgangspunkt, auch der geschichtliche die morgige Debatte über die Ergänzung des Grund-
Ausgangspunkt des Gedankens gewesen — Sie gesetzes hinzuweisen. Ich hatte das gleiche schlechte
werden ihn doch nicht vergessen haben —: nach Gefühl gehabt wie der Herr von Brentano, Herr Ollen-
1950, nach Korea, die Überzeugung in der ganzen hauer, als Sie auf die möglichen ungünstigen Wir-
freien Welt, daß Europa nicht ohne Deutschland zu kungen im Westen, in den europäischen Staaten, bei
verteidigen ist. Es ist für uns auch eine Selbstver- unseren Vertragspartnern des EVG-Vertrags und
ständlichkeit, daß dieses schicksalhafte Land hier des Deutschland-Vertrags hinwiesen. Ich halte das
im Herzen Europas für das Schicksal der Welt für kein gutes Operieren. Die Ausdeutung des
entscheidend ist, so wie es von den Hunnen bis zu Art. 7 Abs. 3, an dessen endgültiger Fassung meine
den Türken der Fall war. Hier hat sich immer und Partei ja besonders mitgewirkt hat, — ich glaube,
immer wieder entschieden, ob die Drohung aus das ist kein Argument, das man in diesem Raume
538 2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954
(Dr. Dehler)
ins Feld führen kann. Die Alliierten haben unserm Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der Ab-
Wunsch entsprechend eine vertragliche Verpflich- geordnete Haasler.
tung des wiedervereinigten Deutschlands aus dem
Art. 7 Abs. 3 herausgenommen. Mehr kann man Haasler (GB/BHE): Herr Präsident! Meine
nicht wollen. Daran können auch die Erklärungen Damen und Herren! Der Herr Bundeskanzler hat
des früheren Außenministers Schuman nichts mit Recht den Außenministern der Westmächte für
ändern. das unbeirrbare Bemühen gedankt, eine Tür zur
Politik wird am Ende nur sehr bedingt und be- Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit und
schränkt durch Verträge gemacht. Durch Verträge Frieden aufzustoßen. Es mag aber, ohne das Ver-
entstehen Gefälle, auf denen dann die Ereignisse dienst der Westmächte um die Erhaltung der freien
verlaufen, und so führt der EVG-Vertrag mit der Welt schmälern zu wollen, in diesem Hohen Hause
Bundesrepublik zwingend dazu, daß das vereinigte doch einmal recht deutlich gesagt werden, daß auch
Deutschland in Europa integriert bleibt. das deutsche Volk einen entscheidenden Beitrag zu
der Festigkeit des Westens geleistet hat, ja, daß die
Noch ein bedauerndes Wort, Herr Ollenhauer. Haltung des deutschen Volkes es überhaupt erst er-
Ich habe mir vorhin gedacht: Warum gibt es eigent- möglicht hat, Europa zu einer gemeinsamen An-
lich in der SPD-Fraktion keinen Morrison strengung für die Erhaltung unseres alten Konti-
(Heiterkeit in der Mitte und rechts) nents und seiner demokratischen Lebensform auf-
— ein kluger Mann, ein überlegter Mann, wir ken- zurufen. Die Geschichte wird, und das leider zu
nen ihn doch; er war ja hier —, der als Sozialist zu Recht, für die vor 1945 liegende Zeit manches harte
so verständigen Ergebnissen kommt? Aber Sie Urteil über Handlungen deutscher Machthaber —
haben viel von ihm, Herr Ollenhauer, mehr als Ihr hoffentlich nicht des deutschen Volkes — bereithal-
Freund Mellies. ten. Aber nach 1945 — das müssen wir uns als ein
heute noch nicht abschätzbares historisches Ver-
(Heiterkeit bei den Regierungsparteien. — dienst anrechnen — hat das deutsche Volk die ganze
Abg. Erler: Warum loben Sie ihn nun? freie westliche Welt dadurch verpflichtet, daß es
Loben Sie ihn doch sonst auch, bitte! — sich mit aller Deutlichkeit für die Freiheit entschie-
Weitere Zurufe von der SPD.) den hat, einer Deutlichkeit überdies, die manche
— Den Morrison habe ich immer gelobt, auch sonst vom Schicksal bevorzugte Nationen des Okzidents
immer. Es gibt ein herrliches Bild von ihm. Das bisher noch nicht erreichen konnten. Wie würde es
habe ich nie vergessen. Da sitzt er auf der untersten heute um die Welt stehen, wenn sich unser schwer-
Stufe einer riesigen Treppe, dieser kleine zierliche geprüftes Volk, das nach den Theorien des Osten
Mann mit dem Gesicht eines geistig Arbeitenden. im Hinblick auf seine materielle Lage doch ganz
Ein ausgezeichneter Typus eines Arbeiterführers! besonders für diktatorische oder gewaltsame Lö-
Ich finde ihn nur nicht bei unserer deutschen -Sozial- sungen anfällig sein müßte, nicht als ein so starkes
demokratie. Bollwerk gegen die Ideen der Unfreiheit erwiesen
(Große Heiterkeit und Beifall bei den Re hätte! Wir würden heute über den Begriff eines
gierungsparteien. — Zuruf von der SPD: freien Europas kaum mehr ernstlich zu diskutieren
Ihr habt doch alle keinen Beveridge! — haben.
Weitere Zurufe von der SPD.) (Abg. Dr. von Brentano: Sehr gut!)
Vielleicht darf ich mit einem Worte Morrisons Es wurde dem deutschen Volke nicht leicht ge-
schließen. — Denn ich will nicht wiederholen: daß macht, und das Bekenntnis zur Freiheit war und
ich mit den Schlußfolgerungen des Herrn Bundes- ist durchaus nicht immer und überall für das deut-
kanzlers einverstanden bin — auch für meine Frak- sche Volk ungefährlich, — weniger gefährlich
tion —, brauche ich nicht zu sagen; zur Berlin-Frage natürlich hier in der Bundesrepublik. Aber wir soll-
haben wir durch den Fraktionsvorstand ganz kon- ten es an dieser Stelle, in dem einzigen frei gewähl-
krete Vorschläge gemacht. Wir brauchen hier nicht ten deutschen Parlament, doch einmal sehr laut
mit Worten zu beteuern, wie wir für die deutschen und deutlich feststellen: Der gefährdetste Teil un-
Menschen im Osten fühlen, wie wir mit ihnen lei- seres Volkes hat bewiesen und beweist täglich, daß
den und mit ihnen hoffen. — Ein Wort also vom er bereit ist, für die Zugehörigkeit zu einer freien
klugen Morrison: „Nichts ermutigt eine Dik- Welt jedes Opfer zu bringen.
tatur stärker als eine Demokratie, die sich nicht
entschließen kann". (Beifall bei den Regierungsparteien.)

(Sehr gut! bei den Regierungsparteien.) Ich habe keinen Zweifel daran, daß nicht nur unse-
re Brüder in der sowjetisch besetzten Zone, die das
Wir haben doch geschichtliche Lehren, meine Damen heute beweisen, sondern daß auch wir in der Bun-
und Herren! Es gab j a einmal eine andere Vierer- desrepublik die Freiheit in unserem Vaterlande und
Konferenz, in München, da hat man sich nicht ent- für unser Vaterland über jede Gefährdung stellen
schließen können. Und in Berlin konnte man sich werden, wenn solche Prüfungen eines Tages an uns
infolge des Widerstands eines böswilligen Ruß- herankommen sollten.
lands nicht entschließen. W i r müssen uns ent-
schließen. Diese Tatsache gibt uns aber die Berechtigung,
(Sehr richtig! bei den Regierungsparteien.) die Haltung der Außenminister des Westens nicht
als einseitiges Geschenk zu empfinden. Für unser
Wir können allein durch Tatkraft, durch klaren Volk und für den Westen scheint es richtiger, die
Willen der Gefahr begegnen, die die Einsichtigen Berliner Konferenz als den Beginn einer echten
von uns alle kennen, die aber Berlin in erschrecken- Partnerschaft zu betrachten, einer Partnerschaft, die
der Weise für das ganze deutsche Volk noch deut- der Überzeugung entspringt, daß die freie Welt nur
licher gemacht hat. in all ihren Völkern bestehen wird oder eines Tages
(Lebhafter Beifall bei den Regierungs in der Flut uns wesensfremder Ideen versinken
parteien.) muß.
2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954 539
(Haasler)
Der Weg zur inneren und äußeren Freiheit des unseres Vaterlandes vollzogen werden kann. Des-
ganzen Deutschlands wird noch sehr schwer sein. halb begrüße ich diese Erklärung der Regierung.
Er ist nicht immer übersichtlich und auch keines- Ich habe ihrem Inhalt seitens meiner politischen
wegs bequem. Man mag der Meinung sein, daß er Freunde nichts weiter hinzuzufügen. Es sind die
in diesem oder jenem Abschnitt etwas anders in Überzeugungen, die uns seit Jahren getragen
Art und Richtung gewählt werden müßte. Meine haben.
Damen und Herren, wer getraut sich denn, in jeder
Situation die genaue Richtung und ihre Ergebnisse Zu den Vorgängen auf der Konferenz der vier
unfehlbar vorherzusehen? Von diesem Gesichts- Mächte möchte ich aber doch einige Bemerkungen
punkt aus klingt manches ansprechend, was uns machen. Die Wiedervereinigung Deutschlands ist
der Sprecher der Opposition heute als seine Weg- auf der Konferenz gescheitert. Die Konferenz blieb
richtung vorgetragen hat. In der Theorie ließen sich aber nicht ohne Ergebnisse, und das sollte der Aus-
darüber hinaus vielleicht noch viel schönere Lösun- gangspunkt für unsere weiteren Überlegungen sein.
gen finden. Aber es geht j a nicht um die Theorie, Es ist mit dieser Konferenz eine Phase zu Ende
es geht um eine Wirklichkeit, und die ist viel härter gegangen, es sind Klarstellungen erfolgt, und ich
und erfordert exaktere Entscheidungen. glaube, es steht uns nicht an, diesen Ausgang der
Konferenz und seine Folgen zu dramatisieren. Der
(Abg. Dr. von Brentano: Ja!) Westfälische Friede von Münster und Osnabrück
Die Alternative zu Freiheit ist nicht etwa Neu- hat acht Jahre Vorbereitungen in einer Zeit ge-
tralität, das hat auch der Führer der Opposition braucht, in der bei weitem nicht so schwierige
anerkannt. Sie ist aber auch nicht Zögern und nicht Probleme zu lösen waren wie in dieser durch zwei
Streiten um den Weg und nicht Beharren auf Illu- Weltkriege zerstörten Welt. Wir müssen erkennen
sionen oder etwa auf Eigensinn. Die Alternative — und ich begrüße es sehr lebhaft, daß auch die
zu Freiheit ist Unfreiheit. Um sie von uns und Außenminister der Westmächte diese Erkenntnis
unseren Brüdern im Osten abzuwenden, haben wir zur Grundlage ihrer Darstellungen gemacht ha-
Wege zu gehen, die praktisch gangbar sind. Eine ben —, daß der Versailler Vertrag und die Pariser
Möglichkeit für einen solchen Weg scheint uns nach Vorortverträge die Grundlage für die Zerstörung
den bisherigen Ergebnissen die europäische Inte- der europäischen Ordnung abgegeben haben und
gration zu sein. Diese Integration wird in Europa daß man bei der Wiederherstellung der Friedens-
unter den freien Völkern ein Gemeinschaftsgefühl ordnung nach diesem Krieg jenen verhängnisvollen
bilden oder vorhandene Ansätze stärken. Dieser Weg nicht wieder zu gehen beabsichtigt. Demgegen-
Weg scheint uns auch deshalb besonders gut und über bleibt die Sowjetunion — das geht aus jedem
gangbar, weil er wohl derjenige ist, der die größte Wort von Herrn Molotow hervor — auf einer
Garantie für eine friedliche Endlösung einschließt. nationalistisch-imperialistischen Machtpolitik der
Rache und der Eroberung und der Unterdrückung
Meine Freunde haben zu Kanzler und Kabinett des Besiegten bestehen, — ein Geist, der haargenau
das Vertrauen, daß der einmal eingeschlagene Weg, jenem Geist der Rache und der Unterdrückung
der bisher schon Erfolge, wenn vielleicht auch nicht
entspricht, der mit dem sogenannten Versailler
in dem erwarteten Maße, gezeitigt hat, der aber
Vertrag und den Vorortverträgen zum Unglück
die Möglichkeit von entscheidenden Erfolgen in Europas geführt hat.
greifbare Nähe rückt, weiter eingehalten wird. Man
darf jedoch auf dem langen Weg, der vor uns liegt, Was nach den vielen Zerstörungen wieder in
keine Möglichkeit außer acht lassen, unseren Brü- Ordnung zu bringen ist, ist allerdings so schwierig
dern ostwärts der Elbe auch praktisch zu helfen und so bedeutungsvoll, daß wir gut beraten wären,
und nicht nur gute Worte zu sagen. wenn wir den Faktor Geduld in Rechnung stellten.
(Abg. Dr. von Brentano: Richtig!) Die Worte reichen nicht aus, um zu erklären, was
unseren Menschen in der sowjetisch besetzten Zone
Seien wir uns darüber klar, daß die ganze Welt auferlegt ist. Es stockt mir fast das Wort im Mund,
nicht nur auf die Bundesrepublik, sondern auch auf wenn ich zu unseren Brüdern und Schwestern hin-
das Gebiet sieht, das heute unter sowjetischer Ver- überrufe: Euer Beitrag für die Freiheit, Sicherheit
waltung steht. Wir müssen alles tun, um den Frei- und den Frieden Deutschlands, für das Wiederzu-
heitswillen dort drüben zu stärken, und alles för- sammenkommen wird es sein, daß ihr jetzt durch-
dern, was unseren Brüdern die Überzeugung gibt, haltet, daß ihr euch nicht durch die Enttäuschung
daß sie in ihrem Kampf um die Freiheit nicht allein
in eurer seelischen und eurer willensmäßigen
stehen. Widerstandskraft beeinträchtigen laßt! Wenn wir
(Beifall bei den Regierungsparteien.) das hinüberrufen und die herzliche Bitte ausspre-
chen. daß auch drüben die Dinge im rechten Licht
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der Ab- gesehen werden und daß die seelische Wider-
geordnete von Merkatz. standskraft und der Wille, durchzuhalten, bestehen
bleibt, dann legt das allerdings uns, die wir im
Dr. von Merkatz (DP): Herr Präsident! Meine Bereich einer Sicherheit leben, die größten Pflich-
Damen und Herren! Ich glaube, die heutige Regie- ten auf. Deshalb begrüße ich es, daß in der Regie-
rungserklärung bedeutet in ihrer besonderen Klar- rungserklärung zum Ausdruck gekommen ist, daß
heit politisch den ersten Schritt, der nach der Kon- in der Politik der Bundesrepublik hinsichtlich ihrer
ferenz deutscherseits zu erfolgen hatte. Diese Klar- inneren Struktur und hinsichtlich ihrer Wirksam-
heit, die in der Darstellung der Entwicklung und keit für die Wiederherstellung der Einheit unseres
der Analyse der Vorgänge auf der Konferenz in Vaterlandes eine Straffung und Opferbereitschaft
Berlin geschaffen worden ist, wird die Überzeu- auch gegenüber den Menschen drüben einzutreten
gungen nicht nur im deutschen Volk, in dem sie hat. Denn nur so erhalten wir die Grundlage, um
schon weithin geprägt sind, sondern in der ganzen den geduldigen Prozeß des Werdens einer schließ-
Welt in dem Sinne beeinflussen, den wir wünschen, lich stabilen Friedensordnung in Europa durchzu-
d. h. sie wird ein Beitrag dazu sein, auf welchem halten, die uns auch die Einheit unseres Landes
praktischen Wege die Wiederherstellung der Einheit in Freiheit und Frieden bringen wird.
540 2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954
(Dr. von Merkatz)
Wenn man die sowjetrussischen Ziele, die der und hieraus die Mäßstäbe für das Verhalten der
Außenminister der Sowjetunion in Berlin vorge- einen oder der anderen Seite entnommen werden.
tragen hat, zusammenfaßt, lassen sich ganz klar In den Vorschlägen des sowjetischen Außen-
drei Punkte herausschälen: Ein neutralisiertes, ministers ist die Vorstellung enthalten, daß der
dem Zugriff der Sowjetunion offenliegendes, durch Abhaltung der sogenannten freien Wahlen nach
die Vorbehalte weitgehender Interventionsrechte einer demokratischen Qualifikation — was Herr
-
bedrohtes und innerlich in seiner Geselischafts Molotow unter demokratisch versteht! — gewisse
und Wirtschaftsordnung sowjetisiertes Deutschland gesellschaftliche und wirtschaftspolitische Umge-
soll in einem neutralisierten, unter der Hegemonie staltungen vorauszugehen hätten. Ich möchte hier
der Sowjetunion stehenden Europa existieren, feststellen, daß der Grundgedanke des Potsdamer
dessen gesamte Bündnissysteme, soweit sie eine Abkommens, der diese Eingriffe in die innere
effektive Verteidigung sicherstellen, vorher zer- Substanz eines Volkes als Recht des Siegers stipu-
schlagen werden sollen, einem neutralisierten lierte, einen der schwersten Verstöße gegen die
Europa, in dem der Ostblock, der ja intakt bleiben Grundrechte eines Volkes bedeutet. Kein anderes
soll, allein zu befehlen hat. Drittens soll dieses Volk, keine andere Nation hat ein Recht, im Innern
neutralisierte Europa in einer Welt existieren, die eines Landes zu sagen: Du sollst in deiner Gesell-
statt vom Sicherheitsrat der UNO von der Pentarchie schaft so oder so aufgebaut sein, du sollst in
der großen Fünf unter Einschluß der Chinesischen deinem Glauben so oder so dich verhalten, du
Volksrepublik beherrscht werden soll. Diese Pent- sollst so oder so dein Brot verdienen. Es hat in der
archie bedeutet auch die Voraussetzung für eine Welt noch keinen Friedensvertrag gegeben, in dem
Hegemonie der Sowjetunion und des Ostblocks die Rechte aus der Eroberung bis zu diesem Mord
über die Welt. Denn nicht zuletzt sind die Bemü- am inneren Leben eines Volkes ausgedehnt wor-
hungen der Sowjetunion gegenüber Frankreich den sind. Die Ungeheuerlichkeit des Gedankens
auch dahingehend zu verstehen, daß in dieser einer solchen Interventionspolitik und der Zu
Pentarchie der Ostblock über zwei Stimmen und mutung, daß man hier vor irgendwelchen Wahlen
möglicherweise noch über einen Verbündeten aus durch eine von außen auferlegte Revolution eine
dem Westen verfügen sollte, womit dann die Vor- demokratische Qualifikation erreichen wollte, muß
herrschaft über die gesamte Welt, gelenkt von unterstrichen und daran einmal sichtbar gemacht
Moskau aus, sichergestellt wäre. werden, wie unmöglich im Sinne einer echten frei-
heitlichen völkerrechtlichen Ordnung des Friedens
Diese drei Grundziele bedeuten in ihrer nega-
die sogenannten Grundlagen des Potsdamer Ab-
tiven Gestalt, daß keine europäische Verteidigung kommens gewesen sind. Das, was hier neun Jahre
und kein politischer Zusammenschluß zustande nach Waffenruhe noch als Erfüllung von Potsdam
kommen soll, daß der einzige wirksame Schutz, gefordert wird, die Zwangsrevolutionierung des
den Europa augenblicklich durch die Kraft der deutschen Volkes, ist nichts anderes als die geistige
Vereinigten Staaten hat, ausgeschaltet werden soll,
- Verirrung von Jalta, in der man sogar so weit ging,
indem die Amerikaner aus Europa und ihren ganze Bevölkerungsteile aus dem angestammten
Stützpunkten in der ganzen Welt hinauskompli- Staatsgebiet eines Volkes auszutreiben.
mentiert werden sollen, bis dieser arme, geschla-
gene, in sich zerrissene Kontinent vor Moskau liegt Die Konferenz hat im Grundsätzlichen noch
und dann mit dem Spiel der inneren Kräfte solche nichts zur Entspannung beigetragen, und ich er-
Umgestaltungen vor sich gehen, daß dieser Konti- innere an das, was ich vor einiger Zeit einmal von
nent nicht nur unter die Hegemonie der Sowjetunion dieser Stelle aus gesagt habe, an die Gefahr, die
fällt, sondern tatsächlich ein Bestandteil des so- dann entsteht, wenn eine solche Konferenz im
wjetischen Blocks wird, womit die Vorherrschaft Grundsätzlichen Verschärfungen bringt. Bei aller
des Bolschewismus in der ganzen Welt erlangt realpolitischen Notwendigkeit einer Entspannung
wäre. sollten wir uns heute tatsächlich bemühen, in
voller Klarheit die Dinge so zu betrachten, wie sie
Die Wiederherstellung der Einheit unseres Lan- sind, und Recht und Unrecht, Böse und Gut wieder
des ist nicht am starren Festhalten etwa an einer klar und deutlich zu unterscheiden und unbeein-
Integrationspolitik, an einer europäischen Eini- trächtigt von jeder taktischen Selbstüberredung so
gungspolitik, sondern daran gescheitert, daß die zu werten, wie sie es verdienen.
Sowjetunion in der härtesten Weise den Willen
gezeigt hat, an ihren Eroberungen festzuhalten. So Was bedeutet denn die Bedingung, die man uns
ist die Lage. Wenn man hier ein Urteil fällen will im Friedensvertrag auferlegen will? Ein Koali-
— da reichen wiederum die Worte nicht aus —, tionsverbot, ein Verbot, uns mit den Mächten, die
so ist das, was hinsichtlich eines Friedensvertrages uns nach Kultur, Geschichte und nach dem inneren
für Deutschland als Methode und Weg für die politischen Wesen verwandt sind, zu verbinden?
deutsche Wiedervereinigung angeboten worden ist, Das bedeutet auch hier nichts anderes als die Ver-
eine Verhöhnung des deutschen Volkes und seines letzung eines der Grundrechte eines Volkes. Auch
Lebensrechts. das bedeutet eine künstliche machtpolitische Ge-
(Bravo! bei der DP.) staltung, die man uns aufzwingen will und die von
uns abgelehnt werden muß. Wir müssen uns völlig
Man muß dieses scharfe Wort gebrauchen. Es be- darüber klar sein, es gibt nur eine Möglichkeit
deutet eine Verhöhnung eines Volkes, daß man des Friedens, der Freiheit und der Sicherheit:
ihm — neun Jahre nach Eintritt der Waffenruhe wenn an die Stelle der untergegangenen national-
— seine natürlichsten Lebensrechte, nämlich die staatlichen Ordnung des 19. und des beginnenden
Einheit seines Staates vorenthält. Wenn überhaupt 20. Jahrhunderts ein neues Staatensystem gesetzt
irgendeine Ordnung des Friedens und das Klima wird, das nicht nur auf den Prinzipien der Sou-
friedliebender Nationen Wirklichkeit werden kann, veränität, der nationalen Egoismen und der Rivali-
dann sollte dieses primitivste Grundrecht eines täten aufgebaut ist, sondern das eine Ordnung ent-
Volkes, nämlich in der Einheit seines Staates, in hält, in der die Berührungspunkte und die Ge-
innerer und äußerer Freiheit leben zu können, an meinsamkeiten der Völker in gemeinschaftlicher
den Anfang aller Überiegungen gestellt werden Aktion zur Förderung ihres wirtschaftlichen
2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954 541
(Dr. von Merkatz)
Daseins, ihrer Sicherheit und auch der geistigen Wer hier die Zweideutigkeit hereinträgt, das Ja
Grundlagen, die letztlich eine menschliche Gemein- oder Nein einer gesamtdeutschen Regierung könne
schaft tragen, gepflegt werden. sich nicht nur auf Modalitäten beziehen, sondern
könne in der Grundlage ein neutralisiertes Deutsch-
Ich möchte bereits an dieser Stelle auf das Pro- land, ein zerstückeltes Europa schaffen, der irrt
blem eingehen, das so oft zweifelnd und auch zwei- sich im Ausgangspunkt. Ich wüßte nicht, wie man
deutig im Zusammenhang mit Art. 7 Abs. 3 des jemals politische Verträge auszulegen imstande
Deutschland-Vertrages diskutiert worden ist. Da- war, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Prinzipien
bei möchte ich von der Grundvorstellung ausgehen, des Systems, die den Verträgen zugrunde liegen.
daß nur eine Ordnung Europas auf der Grundlage Ich habe mir heute vorgenommen, dieses heikle
einer dauerhaften Organisation der Zusammen- Problem anzusprechen, und zwar nicht als Advo-
arbeit und nicht auf der Grundlage von vergäng- kat, der irgendeinen Prozeß vor einem imaginären
lichen Bündnissen das Gleichgewicht und den Frie-
den in der Welt herzustellen vermag. Das ist eine Schiedsgericht zu führen hat, sondern als Politiker,
der die Voraussetzungen und die Tragweite eines
objektive Erkenntnis. Wenn die Sowjetunion sagt
„Nein, das wollen wir nicht", so kann der Wille Vertrages und des Staatensystems, das ihm zu-
grunde liegt, als die grundsätzliche Auslegungs-
der Sowjetunion nicht der Maßstab für unsere regel in Anspruch nimmt. Alle, die an dem deut-
eigene Erkenntnis sein. schen Willen zu dieser Politik des vereinigten
(Abg. Dr. von Brentano: Sehr gut!) Europas zweifeln, die an der deutschen Zuverläs-
Hier dürfte doch eigentlich, wenn man dieses poli- sigkeit zweifeln, in diesem Punkt einer Grundkon-
tische System als Voraussetzung nimmt, die Trag- zeption treu zu bleiben, besonders auch dann, wenn
weite dieses so oft umstrittenen Artikels, zu dem diese Grundkonzeption zur Einheit unseres Vater-
ich seinerzeit auch im Europarat in Straßburg landes führt — und nur sie kann überhaupt zu
Stellung nehmen mußte — Herr von Brentano, wir Einheit und Freiheit und Frieden unseres Vater-
haben das damals zusammen getan —, völlig klar landes führen —, wer an diesem getreulichen Fest-
sein. Mit juristisch-theoretischen Spekulationen halten an einer Politik der europäischen Einheit
hat man noch niemals eine völkerrechtlich-poli- zweifelt, der versündigt sich nicht nur an unserem
tische Ordnung gestalten können; die Wirksamkeit Land, sondern letztlich am Schicksal ganz Europas.
eines juristischen Instruments ergibt sich vielmehr Jetzt kommt es darauf an, die Konsequenzen aus
aus der konkreten Gestaltung, aus dem Substrat der Viererkonferenz zu ziehen.
der Ordnung, die in einer Rechtsnorm Ausdruck (Beifall bei den Regierungsparteien.)
gefunden hat. Daraus folgt sehr einfach und klar:
wenn zwischen Ost und West eines Tages der Aus- Das vielleicht Überraschende für uns war, daß die
gleich gelingt — das ist die Voraussetzung für bolschewistischen Forderungen, die wir ja aus der
einen dauerhaften Frieden —, dann ergibt sich Note vom 10. März 1952 kannten — und die wie-
mit der Wiederherstellung der Einheit unseres - derholt, zum Schluß noch einmal im Herbst 1953
Landes aus dem Kompromiß und Ausgleich irgend- vorgetragen worden sind —, ganz erheblich ver
wie eine neue Ordnung, schärft worden sind.
(Sehr richtig! rechts) (Sehr richtig! rechts.)
und damit ergeben sich bestimmte Abwandlungen, Das ist eine Tatsache, an der wir Deutschen nicht
die vollzogen werden müssen, die aber nur dann vorbeigehen können. Worin liegt die Verschärfung?
vollzogen werden können, wenn man das in den Vor allen Dingen darin, daß das neutralisierte
Verträgen von Bonn und Paris vorausgesetzte Deutschland geteilt bleiben soll, bis es sowjetisiert
Staatensystem der Zusammenarbeit, auf dessen ist, und zweitens darin, daß auch noch danach der
Grundlage dann die Einheit des Landes hergestellt Vorbehalt von Interventionsrechten, vor allen Din-
wird, annimmt. Daß die Verträge dann so, wie sie gen des Rechtes auf jederzeitigen Einmarsch stipu-
sind, nicht mehr auf den Zustand eines größeren liert werden soll. Was bedeutet denn ein solches
Europas passen, daß es notwendig ist, Abwand- Einmarschrecht? Das heißt, daß auf dieser Grund-
lungen vorzunehmen, und daß zu diesen Abwand- lage der dritte Weltkrieg auf unserem Boden
lungen und ihrer Form die betreffende Regierung, begonnen werden kann und daß die Truppen der
die diese Abwandlungen verpflichtend eingeht, ja VeringtSaTusdevonKilmtr
oder nein sagen kann und muß, das dürfte eigent- fortgedrängt sind, so daß nachher nur noch der
lich aus der Natur der Sache hervorgehen. Leichnam Europas befreit werden müßte. Wer also
(Abg. Dr. von Brentano: Ja!) glaubt, zu entspannen, indem er auf diese listigen
Wünsche eingeht, oder rauch nur mit dem Gedan-
Insofern müssen tatsächlich, wenn an die Stelle des ken spielt, daß ein neutralisiertes oder sonstwie
gegenwärtigen Zustandes das Staatensystem eines unter den Machteinfluß der Sowjetunion geratenes
wahrhaft befriedeten, geeinten Europas gesetzt Deutschland entstehen könnte, der dient damit
wird, dessen Kernpunkt die Einheit unseres Lan- nicht dem Gedanken des Friedens, sondern er
des ist, selbstverständlich erhebliche Abwandlun- schafft die Voraussetzung für die dritte Kata-
gen vorgenommen werden, um dieses System neu strophe, die wir mit allen Kräften verhindern müs-
zu gestalten. Eine gesamtdeutsche Regierung hat sen, die wir aber nur verhindern können auf der
dann zu diesen Abwandlungen ihr Ja oder Nein Grundlage der Realität einer europäischen Ge-
zu sagen. Das ist die reale juristische Tragweite meinschaft.
der Handlungsfreiheit. Aber wenn ich hier zugleich
und in erster Linie politisch spreche, so kann ich (Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
für meine politischen Freunde — und ich glaube, Ein zweiter Punkt. Ich habe gesagt, die Konfe-
für alle — sagen: die Grundlage unseres politischen renz ist hinsichtlich der Wiedervereinigung unseres
Wollens ist die europäische Zusammenarbeit, ist Landes gescheitert. Sie ist aber nicht ohne Ergeb-
das, was mit diesen Verträgen überhaupt erst be- nis geblieben. Die ostasiatische Frage — die Bun-
gonnen worden ist. desregierung hat diese Frage mehrfach angespro-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) chen — ist von großer Wichtigkeit und, ich glaube,
542 2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954
(Dr. von Merkatz)
sogar eine Schlüsselfrage für die weitere Entwick- reichend zermürbt. Die Überraschung und für uns
lung. Sie läßt erkennen, daß sich auf diesem Ge- die Bestätigung, daß wir von unserer Verantwor-
biet doch gewisse Kompromisse andeuten. Man darf tung einen richtigen Gebrauch gemacht haben, ist,
vor allem die Hoffnung haben, die wir besonders daß der Westen solidarisch gestanden und damit
mit dem französischen Volk teilen, daß nach dem eines der wichtigsten Fakten für einen künftigen
Korea-Krieg auch der Indochina-Krieg sein Ende Ausgleich, für einen künftigen Frieden, für eine
findet. künftige Entspannung gesetzt hat.
Immerhin liegt hierin ein Faktor, der weitere Wenn die Opposition ein Klima der Entspannung
Überlegungen möglich macht, so daß wir uns wahr- fordert und verlangt, daß alles unterlassen wird,
haft fragen müssen, was nun in einer deutschen was irgendwie eine Einigung und diese Entspan-
Politik zu geschehen hat. Ich möchte hier nicht im nung gefährden könnte, dann kann ich nur sagen:
eigentlichen Sinne polemisieren, aber ich bin er- dieses Klima der Entspannung wird dadurch ge-
schreckt von dem, was der Herr Kollege Ollenhauer fördert, daß wir nicht eine Politik betreiben, die
als Fazit dieser Vier-Mächte-Konferenz zu sagen sich willenlos dem Eroberungs- und Machtwillen
hatte. Ich habe nie behauptet, daß etwa die SPD des Ostblocks fügt.
eine Neutralisierung Deutschlands wünsche. Das
(Beifall rechts.)
hat sie klar abgelehnt, und ihr Wort gilt, und das
wird hingenommen. Die Verzögerungspolitiker tragen so eine Art
von geistigem Neutralismus in sich. Ich meine da-
(Abg. Kunze [Bethel]: Na?) mit nicht die Neutralisierungspolitik, aber es gibt
Aber ich möchte doch sagen, daß sich die deutsche auch so eine Art von geistigem Neutralismus bei Leu-
Opposition in die Reihen derer begeben hat, die in ten, die eine Sache allzu verstandesmäßig abwägen
ganz Europa und in der Welt, und zwar gegen und dann zum Schluß gar keinen rechten Weg
Deutschland gerichtet, eine Verzögerungspolitik mehr sehen und die auch eine Illusion unter keinen
hinsichtlich der konstruktiven Grundlagen eines Umständen fahren lassen, die ein politisches Ge-
werdenden Sicherheitssystems betreiben. Daß die bäude irgendwie als Luftschloß aufbauen. Manch-
Opposition durch ihre Prozesse in Karlsruhe, durch mal hat man das Gefühl, daß dieser Neutralismus
ihre wechselnden und zweideutigen Stellungnah- aus Intellektualität und aus Entschlußlosigkeit an
men, die sehr oft die Klarheit vermissen ließen, der Schwelle jener Verzögerungspolitik gestanden
wesentlich diesen Verzögerungsprozeß gefördert hat. Ich glaube, wenn wir ein Fazit aus dieser Kon-
hat, trifft uns nicht unerheblich. Ich möchte hier ferenz ziehen wollen, dann muß ein Ende gemacht
nicht sagen, daß die Opposition ihre Meinung im werden mit dieser geistigen Haltung des Sowohl-
Sinne eines absoluten Konformismus ändern solle. als-auch, des Suchens nach Alternativen. Strenge
Das kann man nicht von ihr verlangen; sie hat ihr Analyse ist notwendig. Sie darf aber nicht zur Ent-
Recht auf ihre Meinung. Es wäre aber im Interesse schlußlosigkeit und zu einem demütigenden Brük-
Deutschlands gut. wir könnten uns näherkommen.
- kenbau zu einem unerbittlichen Gegner hinüber
Das eine ist wohl sicher, auch wenn ich die Rolle führen.
der Opposition bei einem solchen außenpolitischen (Beifall rechts.)
Vorgang anerkenne: die Verzögerung hinsichtlich Das verstehe ich unter anderem auch darunter,
der Basis unserer nationalen Existenz und das Un- was unter Punkt 2 der Regierungserklärung gesagt
möglichmachen, daß wir über die Grundlagen un- worden ist: daß die Politik der Bundesrepublik ge-
serer nationalen Existenz ein einheitliches Bild und strafft werden muß.
eine einheitliche Überzeugung entwickeln, sind
Da gibt es für uns, für meine politischen Freunde
doch eine schwere Hypothek auf dem deutschen
gar kein Schwanken. Es muß jetzt, wenn Europa
Nachkriegsschicksal. Mit allen taktischen und son-
und unser Land überleben sollen, die Politik der
stigen Mitteln ist von der Opposition planmäßig
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft zu einem
eine Verzögerungspolitik unterstützt worden, die
Erfolg gebracht werden. Ich weiß, daß diese Politik
uns jetzt auf dieser Konferenz mit leeren Händen
hat dastehen lassen. Schwierigkeiten macht, ich weiß, welch einen
weiten Weg voller menschlicher und psycholo-
(Beifall rechts.) gischer Schwierigkeiten die Verwirklichung des
Man wird mir daraufhin sagen, daß es, wenn man neuen Gedankens bedeutet, daß die Nationen über
schon früher, im Jahre 1952, ratifiziert hätte, wie ihren nationalen Egoismus hinauswachsen und er-
es meine politischen Freunde eindeutig gewollt kennen, daß sie etwas Gemeinsames haben, was sie
haben, gar nicht zu einer Konferenz hätte kom- auch gemeinsam erledigen müssen. Die Vergangen-
men können. heit muß begraben werden, und ich möchte an
(Sehr gut! rechts.) dieser Stelle wieder betonen, weich großes Anlie-
gen uns gerade von der konservativen Seite dieses
- Wer die Entwicklung, wie es zu dieser Vier Hauses her die Verständigung mit Frankreich ist.
Mächte-Konferenz gekommen ist, verfolgt hat, der Wir wissen, das französische Volk ist ein gesundes
kann genau feststellen, daß in dem Augenblick, in Volk, eine Ergänzung des europäischen Geistes, ein
dem eine Aktivität und Solidarität des Westens ge- Begriff europäischer Freiheit und europäischen
zeigt worden ist, die Sowjetunion sofort die Ab- Maßes, auf das einfach nicht verzichtet werden
sicht verfolgt hat, diese Aktivität wieder zu zer- kann. Durch Jahrhunderte hindurch ist der Gegen-
splittern und zu verzögern und eine Verhandlungs- satz zwischen Deutschland und Frankreich als so-
bereitschaft vorzutäuschen, um dann, wenn sich genannte Erbfeindschaft betrachtet worden. Meine
darauf eine Schwäche im Westen zeigte, mit har- Damen und Herren, der Gegensatz zwischen Frank-
ten Forderungen aufzutreten. Vielleicht ist das reich und England hat noch viel mehr Jahrhun-
ein überraschendes Ergebnis der Vier-Mächte-Kon- derte gedauert. Er bestand seit dem Hundertjäh-
ferenz, daß der ungewöhnlichen Härte der sowjet- rigen Kriege, und dennoch ist es dem französischen
russischen Forderungen die Voraussetzung zu- Staatsmann Talleyrand gelungen, endgültig die
grunde gelegen hat, der Westen sei bereits durch französisch-englische Erbfeindschaft aus der Welt zu
die Verzögerungstaktik der Sowjetunion hin- schaffen. In dieser dauerhaften englisch-franzö-
2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954 543
(Dr. von Merkatz)
sischen Zusammenarbeit ist eine unverzichtbare werden muß. Ich für meine Person und meine poli-
politische Grundlage für Europa zustande gekom- tischen Freunde betrachten den Ostblock — und be-
men. Dasselbe ist zwischen Deutschland und Frank- sonders nach den verschärften Forderungen der
reich nötig, oder wir werden unter den Ruinen Sowjetunion — als einen Block, der gegen alle
unserer alten Städte begraben werden. freien Völker, nicht nur gegen das deutsche Volk
(Sehr richtig! rechts.) gerichtet ist. Wir können über ein Sicherheitssystem
erst dann zu sprechen anfangen, wenn auf dem Ge-
Europa müßte zu einem Totenland werden, wenn biet der Atomrüstung und der Abrüstung ein
diese Verständigung nicht gelingt. Es muß deshalb wirklich ehrlicher Beitrag zur Entspannung gege-
daran gearbeitet werden, und hier glaube ich, daß ben wird und nicht, wie das auf der Konferenz ge-
wir in Europa nicht auf die Rolle Englands ver- schehen ist, eine Verschärfung der Spannung, die
zichten können. In dieser ernsten Stunde, da einem aus dem nackten Darlegen des Erobererstandpunk-
die Bedingungen unseres europäischen Daseins und tes gefolgert werden könnte, daß man nicht auf ein
die schwere Lage unseres Volkes in geteiltem Zu- Quentchen Macht, nicht auf ein Quentchen Besitz,
stand so ganz bewußt werden, geht der Blick und der einem in die Hände gefallen ist, verzichten will.
der Gedanke hinüber nach England. Es ist nun
einmal so, daß dieses Europa nur leben kann, wenn Damit kommt man zu den Aufgaben, die unmit-
telbar uns gegeben werden. Wir begrüßen es, daß
alle Energien, alle Elemente und Fakten dieses Kon-
die Labour Party in England den grundsätzlichen
tinents mobilisiert werden. Ich darf nur darauf hin-
Gesichtspunkt der Sicherheit anerkannt hat. Ich
weisen, von Magdeburg und von der sowjetisch be-
hoffe, wenn solche Gedanken, wie sie z. B. Senator
setzten Zone aus kann man auf die englische Insel
Schiller ausgesprochen hat, in den Reihen der Op-
mit Ferngeschossen schießen und die ganze Insel in
position etwas mehr bewegt werden, daß wir dann
Schutt und Asche legen. Unsere Sicherheit und die
Sicherheit Englands dürften ein völlig identisches in diesen lebenswichtigen Fragen doch noch zu
Interesse sein. Deshalb glaube ich, daß, wenn viel- einer Verständigung untereinander kommen, wobei
leicht nicht in allen Punkten der Weg direkt nach in den Methoden stets Unterschiede zwischen Oppo-
Paris gehen kann, der Weg nach Paris über London sition und Regierung bestehen werden. Wir geben
unter allen Umständen ein guter Weg sein müßte. in dieser vitalen Frage die Hoffnung niemals auf.
Es ist nun einmal notwendig, daß sich kein Faktor, Wenn Sie, meine Herren von der Sozialdemokratie,
kein Element Europas der großen gemeinsamen wirklich einmal in der Stille überdenken, was viele
Aufgabe entzieht, die Freiheit, die Sicherheit und Männer aus Ihren Mitgliederreihen innerlich be-
den Frieden zu verwirklichen und damit die Fakten wegt, so werden Sie erkennen, daß die Politik des
zu setzen, die den Ostblock nötigen, von seinem un- absoluten Neins gegenüber der EVG, die, worüber
erbittlich starren Standpunkt abzugehen und ein- Sie sich klar sein müssen, eine Politik des absoluten
zulenken, um für sich selbst und die Welt die Kata- Neins gegenüber einer europäischen Zusammen-
strophe zu vermeiden. arbeit ist, auf die Dauer von Ihnen nicht vertreten
werden kann. Vielen Ansichten, die wir zur Grund-
Es ist ganz gewiß notwendig, ein Sicherheits- lage unserer Politik gemacht haben, werden Sie sich
system aufzubauen. Alles, was in der nach Europa im Grunde genommen einfach nicht verschließen
gerichteten Politik geschieht, ist eine Grundlage, können. Und dann soll man nicht trotzig sein; denn
um ein Weltsicherheitssystem aufzubauen, das es Trotz ist kindisch, vor allem in der Politik.
in wirksamer Weise vorerst in der UNO noch nicht (Zustimmung rechts. — Zurufe von der SPD.)
gibt. Natürlich soll dieses europäische Sicherheits-
system, dieses System kollektiver Sicherheit in den Eine aktive Politik der Freiheit setzt voraus, daß
größeren Rahmen der Vereinten Nationen einge- wir im Innern unseres Staates die Möglichkeit fin-
baut werden, ich möchte sagen: Dieses System soll den, die ungeheure Belastung unserer Brüder drü-
die Vereinten Nationen in ihrer weltweiten Be- ben in der sowjetisch besetzten Zone so weit als nur
deutung zur Entspannung überhaupt erst wirksam irgend möglich zu mildern. Hier sind echte Berüh-
machen. Wenn heute die Sowjetunion sagt: wir rungspunkte zwischen dem gegeben, was die Re-
fühlen uns von eurem Block bedroht, wir wünschen gierung erklärt hat und was wir unterstützt haben,
keine Welt, die in zwei Blöcke aufgespalten wird, und dem, was die Opposition will.
dann muß ich allerdings feststellen: Alle diese Pro- Aber eines sei hier hinsichtlich der Würdigung
bleme würden sich gar nicht gestellt haben, wenn unseres eigenen Staatswesens gesagt. Die Bundes-
die Sowjetunion bereit wäre, auf ihren Block zu republik ist Deutschland. Wir sollten die Zweideu-
verzichten, d. h. die Satellitenstaaten Osteuropas, tigkeiten lassen, diese Sowohl-als-auch-Haltung, die
die sie in Unfreiheit gesetzt hat, aus ihrem Herr- immer darauf aus ist, die östliche Seite irgendwie
schaftsverhältnis zu entlassen. Dann allerdings in einer intellektuellen Skala mit dem gleichzube-
könnte man möglicherweise an ein anderes System werten, was hier ist, und die in dem provisorischen
kollektiver Sicherheit denken und ein solches Sy- Charakter unserer staatlichen Ordnung immer so
stem aufbauen. Aber nach den Fakten, die die So- eine Art von Unverbindlichkeit sieht. Mit dieser
wjetunion selbst gesetzt hat und die sie um keinen Bewußtseinsspaltung unseres politischen Wollens
Preis ändern will — kein Verzicht auf den Ost- müssen wir aufhören. Es gibt nur einen deutschen
block —, ist keine andere Möglichkeit gegeben, als Staat, und der trägt die Verantwortung für alle.
mit adäquaten Mitteln und auf dieser Grundlage Wir werden dann, wenn unsere Politik richtig ge-
im Rahmen der UNO dann die Entspannung herbei- wesen ist — und der Himmel gebe, daß sie richtig
zuführen. ist —, Rechenschaft vor einem ganzen deutschen
Natürlich kann ein kollektives Sicherheitssystem Volk ablegen, das dann aber frei ist.
nie so aufgebaut werden, daß es gewissermaßen die (Beifall bei der DP, der FDP und bei der
Spitze nach der einen oder nach der anderen Seite CDU/CSU.)
richtet. Aber es ist eben auch eine Leistung seitens
des Ostblocks zu erbringen, damit nicht dieser Ost- Vizepräsident Dr. Schmid: Meine Damen und
block als gegen die freie Welt gerichtet betrachtet Herren, es liegt eine interfraktionelle Vereinbarung
544 2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954
(Vizepräsident Dr. Schmid)
vor, daß nunmehr eine Pause eintreten soll, in der deutschen Akten gelegt werden kann und soll, stellt
man versuchen will, eine Resolution zwischen den uns Aufgaben. Vielleicht, ich möchte sagen wahr-
Fraktionen dieses Hauses zu vereinbaren. Ich scheinlich, eröffnet sie uns auch Möglichkeiten, die
schlage Ihnen vor, daß wir nunmehr unterbrechen jede für sich und in ihrer Summe auch neue Schwie-
und um 14 Uhr wieder zusammenkommen. rigkeiten für die deutsche Politik ergeben.
Ich habe noch bekanntzugeben, daß der Ausschuß Der Herr Bundeskanzler hat heute in seiner
für den Lastenausgleich eine Stunde nach Schluß Rede gesagt, wenn ich ihn richtig verstanden habe:
der Plenarsitzung zusammentritt. Deutschland hat ein vitales Interesse an der Ent-
spannung des Ost-West-Konflikts, und ich möchte
Die Sitzung ist unterbrochen. sagen, das ist ein Satz, hinter den ich mich voll
und ganz stellen kann.
(Unterbrechung der Sitzung:
12 Uhr 48 Minuten.) (Zuruf von der Mitte: Jedermann!)
— Nun, man darf das wohl sagen. — Vor einigen
Die Sitzung wird um 14 Uhr 32 Minuten durch
Tagen hat er in einer andern Erklärung gesagt:
den Präsidenten D. Dr. Ehlers wieder eröffnet.
Überall dort, wo etwas zur Entspannung des Welt-
konflikts geschieht, da geschieht auch etwas für
Präsident D. Dr. Ehlers: Meine Damen und
Deutschland. Ich nehme an: vorausgesetzt, daß
Herren, wir fahren in der unterbrochenen Sitzung
wirklich etwas zur Entspannung des Weltkonflikts
fort. Das Wort hat der Abgeordnete Wehner. geschieht, und das ist ja eine gemeinsame Sorge.
Wehner (SPD): Herr Präsident! Meine Damen Deswegen haben wir heute unsere Aufgabe darin
und Herren! Es ist nicht meine Absicht, in dieser erblickt, als Quintessenz unserer Auffassung nach
Debatte, in der die Ansichten der großen Gruppen dem Ausgang dieser Konferenz herauszuarbeiten
dieses Hauses einander gegenübergestellt worden und Ihnen vorzutragen, daß wir meinen, es werde
sind, noch einmal den Versuch zu machen, eine Ge- die Aufgabe der Bundesrepublik sein, in der deut-
samtbewertung zu geben. Aber es ist die Ansicht schen Frage, die auf dieser Konferenz nicht gelöst
meiner Fraktion, daß einige der Fragen, die in die- worden ist, noch nicht gelöst werden konnte, die
Verhandlungssituation offenzuhalten, soweit wir
ser Debatte zum Teil mit der direkten Adresse an
es können, diese deutsche Frage immer wieder ins
uns gerichtet worden sind, einer Beantwortung
Gespräch, ins Spiel zu bringen und — das war das
unsererseits bedürfen. zweite — den Versuch zu machen, Tendenzen zur
Lassen Sie mich mit einem ganz offenen Wort Entspannung, die sich international andeuten, für
beginnen. So wie die Dinge heute liegen, kann innerdeutsche Verhältnisse nutzbar zu machen,
weder die Opposition dieses Hauses noch die Regie- wenn es möglich ist. Dafür sollten wir uns alle
rungsmehrheit dieses Hauses sagen, daß sie sich ernsthaft und unverdrossen anstrengen.
in einer einfachen Lage befinde. Es ist, glaube ich, des Nachdenkens wert, ob wir,
(Unruhe.) wenn es tatsächlich Tendenzen zur Entspannung
des Ost-West-Konflikts gibt, unsere politischen
— Ich habe erwartet, daß es in diesem Hause Mit- Überlegungen hinsichtlich dessen, was nun ge-
glieder gibt, die darauf mit höhnischem Gelächter schehen wird und muß und was wir tun müssen,
antworten. Ich habe das ja auch nur registriert. auf einer Vorstellung von einer unmittelbar uns
Dabei will ich mich nicht aufhalten. Nehmen Sie drohenden Gefahr aufbauen können. Das ist nicht
eine solche Feststellung so, wie sie gemeint ist, so einfach zu beantworten, aber das ist jedenfalls
nämlich von der objektiven Lage unseres Volkes des Nachdenkens wert. Immerhin ist heute in die-
aus gesehen. ser Debatte auch ein offensichtlich ernst gemeinter
(Beifall bei der SPD.) Satz gefallen, der etwa so lautete: Diese Konferenz
Ich sage, daß beide Seiten — mit Ausnahme eini- habe nicht zur Entpannung der Gegensätze beige-
ger, die immer Grund haben, sich zu freuen, die tragen. — Vielleicht kann uns erst eine größere Er-
sich auch jetzt noch freuen — keinen Grund haben, fahrung lehren, was für einen Platz die Konferenz
die Dinge einfach zu sehen. Ich möchte aber mich nun in der Kette der Ereignisse hat; aber wenn
und Sie fragen, ob nicht am schwierigsten die Lage es in ihr eine Chance gibt, die zur Entspannung
der Deutschen ist, die sich in der sowjetisch besetz- führt, dann, meine ich, sollten diese Überlegungen
ten Zone befinden. Ich bin überzeugt, daß es darauf nicht ungenutzt bleiben, – das alles, ohne daß wir
auf allen Seiten dieses Hauses nur eine bejahende sorglos werden dürfen oder wollen.
Antwort geben kann. Hier ist in beredten Worten über die Gefahren
Vielleicht ist hier der Punkt, an dem wir uns un- des sowjetischen Totalitarismus gesprochen wor-
geachtet unserer auch heute wieder, ich möchte den. Herr von Merkatz hat sich besonders stark
sagen, sauber einander gegenübergestellten Mei- dagegen verwahrt, daß in den Friedensvertrags-
nungsverschiedenheiten treffen können, ja sogar vorschlägen Bedingungen enthalten sind, von denen
müssen. Ich möchte damit nichts verwischt haben. er sagte, sie seien ein Mord an unserem inneren
Aber ich glaube, es muß noch einmal gesagt werden, Leben. So ungefähr hat er sinngemäß gesagt. Nun,
daß wir in dem Ringen um die Herstellung des Ge- glauben Sie, die Sozialdemokratie und die Freie
wichtes, das unser gespaltenes Land in der Ausein- Sozialistische Arbeiterbewegung wüßte nicht, was
andersetzung der großen Mächte haben soll, hier für sie auf dem Spiele steht, daß ihre Existenz und
den ruhenden Punkt und den Ort haben, dem wir ihre Entwicklungsmöglichkeit unverbrüchlich mit
gemeinsam verpflichtet sind: die Menschen in der der Entwicklung der Demokratie verbunden und in
sowjetisch besetzten Zone und in Berlin. sie eingebaut ist.
(Beifall bei der SPD.)
Die Konferenz, über die hier heute gesprochen
worden ist und über die noch viel gesprochen wer- Was an den Plänen, die zusammen die Ausgangs-
den wird, die mit einer solchen Debatte — das liegt position der Sowjetmacht für die vor uns liegende
wohl in den Auffassungen aller — nicht zu den Periode darstellen mögen, heute angeleuchtet wor-
2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954 545
(Wehner)
den ist, das ist, so möchte ich sagen, der sowjetische I der Richtung einer positiven Lösung der deutschen
Versuch der Sicherung und zugleich der Expansion, Frage abtun kann, indem man sich in die Zitate
was bei den Russen immer sehr ineinander fließt. flüchtet. etwa in der Form von „Seid umschlungen,
Aber vergessen wir doch auch nicht, daß dies eine Millionen!". Auf dem Hintergrund nur so zu ver-
Hypothek ist, die uns von einem anderen Totali- stehender Äußerungen über die Enttäuschung, die
tarismus, von einem anderen totalitären System unser Volk und besonders der Teil in der sowje-
hinterlassen worden ist, tischen Zone über den Ausgang der Konferenz in
der deutschen Frage empfindet, ist es einfach
(Lebhafter Beifall bei der SPD)
falsch, anzunehmen, der Versuch, zu dem wir raten,
und daß wir die furchtbare Aufgabe haben, diese nämlich die deutsche Frage immer wieder ins Spiel,
Hypothek, soweit Menschen das können, mit un- immer wieder ins Gespräch zu bringen, könne in
seren Kräften abzuwälzen und mit ihr fertig zu irgendeiner Weise mit einer solchen, sozusagen
werden. Wir wissen — falls Sie erlauben, daß man lyrischen Haltung verniedlicht werden.
noch in Ruhe dazu spricht, beantworte ich hiermit
eine Frage, die heute hier ebenfalls gestellt worden Herr von Brentano hat hier gefragt: Warum
ist —, sollten wir – er meinte die Regierungsparteien —
die Politik aufgeben, die uns bis hierher geführt
(Zuruf von der SPD: Die wollen nicht gern hat? Sie haben die Mehrheit und Sie haben selbst
erinnert sein!) zu entscheiden, was Sie mit dieser Politik weiter
daß wir das nicht isoliert können, weder wir als machen wollen. Aber es ist das legitime Recht der
Deutsche noch die Sozialdemokratie und die Men- Opposition, ihre Meinung zu den schwachen Seiten
schen, die zu ihr stehen. Aber gerade deshalb dieser Politik so, wie sie sie versteht, zu sagen, und
haben wir ja versucht, unsere Auffassung von der selbst wenn Sie diese Meinung der Opposition ver-
Notwendigkeit der Verbindung unseres Strebens werfen — Sie können es ja, weil Sie die Mehrheit
nach Erfüllung der vordringlichsten politischen haben —, werden Sie, glaube ich, bei genauerem
Forderungen des ganzen deutschen Volkes mit dem Nachdenken über die Lage manches finden, was,
nach Gemeinsamkeit mit den freien Nationen auch wenn Sie jetzt bei dem Versuch eines großen
gegen die Verhärtung in eine Theorie vom stufen- Aufwaschens nicht wünschen, daß es sichtbar wird,
weisen Ablauf dieser Entwicklung zu verteidigen. Ihnen des weiteren Nachdenkens wert erscheint.
Deswegen haben wir doch immer gesagt: Wir wol-
len nicht eine Reihenfolgetheorie. Herr von Bren- Denn das Fortsetzen dieser Politik, meine Damen
tano hat mich hier freundlicherweise aus dem und Herren — und dabei kommt es ja hauptsäch-
September 1951 zitiert. Ich stehe nach wie vor zu lich auf die Verträge an, um die hier so lange für
dem, was ich im Jahre 1951 im Namen meiner und wider gestritten worden ist —, hängt doch
Fraktion sagen durfte. Ich habe keinen Grund, zum allerwenigsten von Ihnen ab, so groß auch
davon ein Wort abzuhandeln. Wir könnten dar- Ihre Mehrheit in diesem Hause ist. Das hängt doch
über reden — es ist heute hier versucht worden —, von neuen Leistungen und von uns alle bedrücken-
wann und wo man begonnen hat, sozusagen säu- den und Sorge bereitenden weiteren Vorleistungen
berlich eingeteilte Stufentheorien aufzustellen, daß ab, die man in anderen Ländern verlangt. Wir
erst die Integration und dann das andere kommen empfinden darüber keine Schadenfreude, daß nun
müsse; aber das führt wahrscheinlich zu nichts. auch noch über die Saar geredet werden soll; aber
wir machen eben darauf aufmerksam. Von den Zu-
Noch ein Wort zu der Frage, wie es denn mit satzprotokollen ganz zu schweigen!
unserer Stellung gegenüber Entspannungstenden- (Sehr gut! bei der SPD.)
zen sei. Hier ist eine sehr böse Äußerung gefallen,
so als wollten wir uns an den sowjetischen Macht- Aber nun muß ich noch ein Wort sagen zu der
block anpassen. Wer ernsthaft dieser Meinung sein Schuldfrage, die heute hier angeklungen ist, soweit
sollte, nun, der müßte es erst einmal unter Beweis es sich um den Ausgang der Konferenz in der deut-
stellen. Er müßte zum andern offen sagen, daß es schen Frage handelt. Es ist ja ziemlich deutlich ge-
dann keine Gemeinsamkeit, auch nicht in dieser sagt worden, in diesem Hause säßen diejenigen, die
einen zentralen Frage der deutschen Politik mehr Schuld an diesem Ausgang hätten wegen der Ver-
geben kann. Dann soll er es aber offen sagen. zögerung im Zustandekommen der Verträge. Dar-
(Sehr richtig! und Sehr gut! bei der SPD.) über werden einmal andere urteilen müssen, dar-
über, was daran wahr ist und was daran verständ-
Es ging aber noch weiter. Wir haben heute hören liche Übertreibung und Entstellung im Eifer ist.
müssen, daß sich seinerzeit in Korea die Dinge in Aber wenn man dann fortfährt und sagt, wir hät-
einer Weise entwickelt hätten, wie wir sie uns für ten ja viel Verständnis für Molotow gehabt und
hier wünschten. hätten wohl nun auch solches für die europafeind-
(Widerspruch bei den Regierungsparteien.) lichen Kräfte in Frankreich, so gehört das — ent-
schuldigen Sie, Herr von Brentano — nicht mehr
— Ungefähr gesagt, sehr hart gesagt. Ich wäre in die Kategorie von Meinungen, über die man
froh, wenn wir es im Protokoll nicht in dieser wirklich sachlich und ernsthaft diskutieren muß.
Schärfe fänden.
(Lebhafter Beifall von der SPD. — Abg.
(Abg. Hilbert: Auch nicht in dem Sinne!) Kunze [Bethel]: Das sind doch Tatsachen!)
Dort, wurde gesagt, seien die Verhältnisse vorher
auch säuberlich geteilt worden. Was wir zu Korea — Das mag sein, daß Sie, Herr Kunze, das als
zu sagen haben, haben wir während dieser ganzen Tatsachen empfinden. Wenn Sie sich über die Tat-
Tragödie hier gesagt. Das hat auch unsere Stellung sachen informieren möchten, falls Sie dafür Zeit
zur deutschen Politik wesentlich mitbestimmt und und Interesse haben, ich bin gern bereit, Ihnen un-
bestimmt sie nach wie vor. Es ist nicht so, daß man sere Verlautbarungen zu geben, die zu den Vor-
schlägen Molotows Punkt für Punkt ablehnend ge-
ein Drängen der Sozialdemokraten auf maximale
wesen sind,
Ausnutzung jeder sich eventuell bietenden Mög-
lichkeit zur Entspannung im Ost-West-Konflikt in (Abg. Dr. von Brentano: Das wissen wir!)
546 2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954
(Wehner)
die sich aber nicht damit begnügt haben, sondern darüber spricht; das gehört aber zu den Realitäten
die den Versuch gemacht haben, aus einer Ver- und zur Legitimation auch unseres Auftretens bei
handlungs- und Konferenzsituation heraus, wenn dieser Gelegenheit.
in dieser Konferenz in der deutschen Frage etwas (Lebhafter Beifall bei der SPD.)
Positives geschehen konnte, mit darauf einzuwir-
ken, nichts anderes. Da können Sie heute noch Wir haben in Berlin den Pressevertretern, die In-
jedes Wort so nehmen, wie es damals geschrieben teresse für unseren Standpunkt hatten, z. B. eine
worden ist. solche Schrift wie „Unser Weg zur Einheit Deutsch-
lands" — sie steht jedem zur Einsicht offen — ge-
Herr Dr. Dehler hat hier gesagt, in der Außen- geben, in der die völlige Übereinstimmung der
politik gebe es am Ende nur einen Weg, und Sozialdemokratischen Partei und ihres Kampfes
die Opposition habe, wenn sie ihren Standpunkt mit dem, was der Bundestag, seitdem er besteht,
dargelegt habe, die verdammte Pflicht, sich ein- in diesen Fragen beschlossen hat, nachgewiesen ist.
zuordnen. Zweitens haben wir etwas gemacht, von dem ich
(Lachen bei der SPD.) gewünscht hätte, andere hätten es mit den ihnen
In solchen Äußerungen liegt — ich will mich dar- in viel stärkerem Maße zur Verfügung stehenden
über gar nicht lustig machen — ein Symptom für Mitteln ebenfalls gemacht. Wir haben „Die Sowjet-
eine Entwicklung in unserem gespaltenen Nach- zone im Zahlenspiegel" Hunderten und aber Hun-
kriegsdeutschland, die niemanden ganz glücklich derten ausländischer Journalisten gegeben, um
werden läßt, hoffentlich auch manchen in diesem einmal das wirtschaftliche und soziale Elend der
Hause nicht. Menschen, die 'am meisten unter der Teilung zu
leiden haben, zu kennzeichnen und zugleich auch
(Zuruf von der Mitte: Was soll das?) die wirtschaftlichen Aspekte bei dem Prozeß der
— Was das soll, das will ich Ihnen ganz offen Wiedervereinigung und Verschmelzung aufzu-
sagen. In einem Land, das in einer Lage wie der zeigen.
unseren ist und das sich aus Trümmern und Schutt Die Auseinandersetzung darüber, was unserem
und Dreck herausarbeiten muß, hätte von Anfang Volk not tut und was ihm gut tut, wird mit dieser
an ernster und immer wieder versucht werden müs- Debatte ja nicht zu Ende sein. Ich möchte aber
sen, in den großen, den zentralen Fragen der gro- noch einmal auf das zurückkommen, was ich mir
ßen Politik, soweit es geht, Gemeinsamkeiten zu eingangs meiner Bemerkungen zu sagen erlaubte,
erzielen. daß die Lage für keinen Teil einfach ist und daß
(Beifall bei der SPD. — Lebhafter Beifall keiner hingehen und behaupten kann, er habe dort
und Lachen bei den Regierungsparteien.) sozusagen einen Triumph davongetragen.
(Zustimmung in der Mitte.)
Ich weiß, daß ich diesen Beifall sehr entgegenge-
setzten Motiven zu verdanken habe. - Es gibt auch solche, und ich freue mich, daß
Sie sich von solchen jetzt distanzieren. Ich hoffe,
(Zustimmung und Lachen bei den daß wir in dem Bestreben
Regierungsparteien.)
(Zuruf von der Mitte)
Aber ich möchte Ihnen — über den Lärm der Se — das kann man ja schriftlich sehen, wenn es Sie
kunde hinaus — sagen: hier ist ein Reflex einer interessiert; das brauche ich Ihnen jetzt wohl nicht
tragischen Entwicklung in unserer Nachkriegszeit. noch vorzulegen — um die zwei zentralen Punkte,
(Beifall bei der SPD. — Erneute Zustim die wir für die nächste deutsche Politik sehen, die
mung in der Mitte.) Verhandlungssituation offenzuhalten und, soweit es
in unseren Kräften steht, natürlich auch mit Hilfe
Es ist in Frage gestellt worden, ob meine der Besatzungsmächte, innerdeutsche Erleichterun-
Freunde und ich, die vom Vorstand der Sozial- gen der Auswirkung der Spaltung zu erwirken, zu
demokratischen Partei beauftragt waren, während größerer Übereinstimmung und Gemeinsamkeit ge-
der Konferenz in Berlin zu sein, dazu legitimiert langen, als es bisher scheinen mag.
waren. Wir waren in Berlin, um — soweit das
Deutschen möglich war — in Erfahrung zu bringen, (Lebhafter Beifall bei der SPD.)
was auf der Konferenz geschah, wie die Konferenz
Präsident D. Dr. Ehlers: Das Wort hat der Ab-
verlief, und um, wenn jemand unsere Meinung
hören wollte, mit unserer Meinung zur Verfügung geordnete Lemmer.
zu stehen. Die Sozialdemokratische Partei mußte
Lemmer (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
— auch wenn Herr Dr. Dehler das nachträglich so- Damen und Herren! Ich glaube, daß niemand in
zusagen verboten haben möchte — schon deshalb
ganz einfach dort sein, weil sie sich mit den Opfern diesem Hause ist, der nicht mit der Bemerkung des
der Spaltung Deutschlands verbunden fühlt, Herrn Kollegen Wehner übereinstimmt, daß
sich unser Volk insbesondere nach dem Ausgang
(Beifall bei der SPD) der Berliner Konferenz in einer sehr ernsten Lage
befindet. Auch in anderer Hinsicht gibt es, glaube
mit denen wir in diesen Tagen, nachdem sie aus ich, keine unterschiedliche Auffassung, daß näm-
Bautzen und aus Brandenburg gekommen sind, in lich — Herr Kollege Wehner hat es angedeutet —
Berlin gesprochen haben. jetzt unsere deutschen Mitbürger in Thüringen,
(Zuruf von der Mitte.) Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg allein noch
Träger der tragischen Konsequenzen sind, die sich
— Ich hoffe, Herr Dr. Bucerius, daß Sie nicht auch aus der großen deutschen Katastrophe unter Hitler
noch dieses Interesse in Frage stellen wollen, das ergeben haben.
Interesse an denen, denen es in unserem Volke am
(Abg. Dr. von Brentano: Sehr gut!)
schlimmsten geht und die dort zum Tode und zu
25jährigen Freiheitsstrafen verurteilt sitzen. Es ist Wir leben i n relativer Sicherheit und absoluter
Ihnen unangenehm, Herr Dr. Bucerius, daß man Freiheit. Wenn die Bewohner der sowjetischen
2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954 547
(Lemmer)
Zone den Verlauf dieser Debatte vernehmen, wer- sition gesagt worden ist, das Fazit zieht, dann
den sie uns um die Freiheit , des Gewissens und der erlaube ich mir die Feststellung, ohne hier be-
Überzeugung beneiden, die auch in den Ausein- schwichtigen zu wollen, daß, abgesehen von zwei
andersetzungen dieses Tages spürbar geworden Fragen und abgesehen von gewissen rhetorischen
sind. Temperamenten, zwischen beiden Seiten dieses
(Abg. Dr. von Brentano: Sehr gut!) Hauses eine sehr weitgehende Übereinstimmung
vernehmbar geworden ist. Lassen Sie mich einige
Ich habe eine Hemmung, mich nun etwa gefühls- wenige Punkte herausgreifen; ich habe begonnen,
betont, pathetisch, mit billigen Worten von diesem Statistik zu führen, aber die Zahl wuchs an, und
Pult aus an die Menschen im sowjetischen Be- ich hörte wieder auf.
satzungsbereich zu wenden. Gerade weil wir in
ihnen allerdings — nicht nur in den noch be- Der Herr Bundeskanzler und der Führer der
dauernswerteren Menschen in Waldheim und Opposition zeigten sich trotz der Konstatierung der
Bautzen — die Opfer der Spaltung unseres Lan- Ergebnislosigkeit der Berliner Konferenz in be-
des sehen, sind wir es ihnen schuldig, ihnen nicht merkenswerter Übereinstimmung als Optimisten.
mit Worten, sondern mit Handlungen zu begegnen. Beide versicherten, sie seien Optimisten. Ich war
Wir in der Bundesrepublik müssen uns darüber im es nicht ganz bis heute vormittag. Nachdem aber
klaren sein: der Genuß unserer Freiheit und der Optimismus des Bundeskanzlers durch den
Sicherheit bedingt Opfer; das tragische Gefälle im Führer der Opposition kontrolliert und bestätigt
Lebensstandard zwischen der Bundesrepublik und worden ist, bin ich nun auch Optimist geworden,
Mitteldeutschland ist eine Verpflichtung für uns, meine Damen und Herren!
noch größere Opfer für Berlin und die Sowjetzone (Heiterkeit und Beifall.)
zu bringen.
(Beifall bei den Regierungsparteien und Schließlich gebe ich zu: wenn man nicht trotz aller
bei der SPD.) Bedrückung einen Rest von Optimismus hat, dann
würde einem wohl der Mut genommen werden und
Die Opfer, die wir den Bewohnern der Sowjet- die seelische Spannkraft, angesichts der unerhörten
zone unmittelbar zu bringen vermögen, sind mini- Komplikation unserer nationalen Lage überhaupt
mal. Aber mittelbar können wir ihnen noch mehr noch schöpferisch handeln zu können.
Opfer bringen, indem wir die Bastion unserer Ge-
sinnung, die Bastion unserer Überzeugung, die (Sehr gut! bei der CDU/CSU.)
immer noch krisenhafte Stadt Berlin, die das Sym- Und ein anderes. Der Sprecher der Regierung,
bol für die Menschen der Sowjetzone und die Hoff- der Herr Bundeskanzler, und der Sprecher der
nung auf eine Wende ihrer Trostlosigkeit von heute Opposition, Herr Abgeordneter Ollenhauer,
ist, so unterstützen, daß die Berliner ihren Kampf haben beide ihrem Wunsch nach Entspannung in
fortzusetzen in der Lage sind. dem großen weltpolitischen Gegensatz, den wir
(Beifall bei den Regierungsparteien und kennen, Ausdruck gegeben, und von ihnen beiden
bei der SPD.) ist darauf hingewiesen worden, daß eine Lösung
der deutschen Frage nicht isoliert zu erwarten sei,
Und das andere Opfer. Das andere Opfer: daß sondern daß sie schließlich nur im Zuge einer inter-
wir uns bei aller Kontroverse, die wir uns im nationalen Entspannung — womit nicht die Neu-
Zeichen einer freien Demokratie über Lebensfra- tralisierung gemeint sei, auch das wurde von
gen unseres Volkes in diesem Hause leisten dürfen, beiden Seiten übereinstimmend gesagt — möglich
dessen bewußt sein müssen, meine Freunde, daß wäre.
die Hörer in Dresden, Leipzig und Schwerin heute
abend für eines kein Verständnis haben werden, Meine Damen und Herren, ich halte diese Über-
bewußt oder unbewußt dargeboten: für irgendeine einstimmung für entscheidend. Denn sie bestätigt
parteipolitische Rechthaberei. die realistische Auffassung, daß es mit einer ge-
fühlsbetonten Politik nach menschlichem Ermessen
(Sehr gut! bei der CDU/CSU.)
nicht gelingen kann, die Sowjetunion zum end-
Sie erwarten von uns ein hohes Niveau nationaler lichen Verlassen des deutschen Okkupationsge-
Moral, gerade unter der erschütternden Wirkung bietes zu bringen. Dieser Hinweis auf die Ent-
der Ergebnislosigkeit der Berliner Konferenz. spannung und der Hinweis darauf, daß die deutsche
(Beifall in der Mitte und rechts sowie bei Frage nicht isoliert zu lösen sei, enthält zweifellos
einigen Abgeordneten der SPD.) die Meinung, daß die Sowjetunion für das deutsche
Schicksal leider, leider eine furchtbare Realität ge-
Diese Ergebnislosigkeit zu beschönigen, lehne ich worden ist. Sie steht als Besatzungsmacht tief im
ab. Die Konferenz hat sich eigentlich mehr dekla- deutschen Land. Es ist vielleicht auch angebracht,
matorisch als ernsthaft und konkret mit der Lösung allgemein einmal zu sagen, daß im Ergebnis des
der deutschen Frage beschäftigt. Ich wünschte, man zweiten Weltkriegs, in dem die Sowjetunion der
hätte die deutsche Frage mit derselben Bereitwillig-
einzige Gewinner gewesen ist, die Macht der So-
keit, zu Ergebnissen zu kommen, behandelt wie wjetunion vom Oberlauf des Dnjepr, der früheren
etwa das Korea-Problem oder die Fragen der Atom- russisch-polnischen Grenze, bis in das Gebiet der
kontrolle und der Abrüstung. Soweit es geheime Werra — das sind über tausend Kilometer — nach
Gespräche auf der Berliner Konferenz gab, bezogen Westen hin ausgedehnt worden ist.
sie sich nicht auf die deutsche Frage. Und wenn in
einigen Monaten die Mächte ihre Gespräche in (Sehr wahr! bei der CDU/CSU.)
Genf fortsetzen, dann müssen wir mit Bedauern Wenn der Herr Bundeskanzler und der Sprecher
vermerken, daß die deutsche Frage vorläufig nicht der Opposition, also hier im Grunde unser Volk,
auf die Tagesordnung der internaionalen Gespräche ermahnen, die Gegebenheiten realistisch und ohne
gesetzt ist. Illusionen zu sehen, dann, glaube ich, auch noch aus
Wenn man nun aus dem, was aus dem Lager des einem anderen Grunde. Es ist wohl angebracht,
Regierungsblocks, zu dessen Politik ich mich be- die Nebenbemerkung zu machen, daß die deutsche
kenne, und dem, was von den Sprechern der Oppo- Bundesrepublik, in der wir heute den alleinigen
548 2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954
(Lemmer)
deutschen Staat in Freiheit und Würde und Unab- Man möchte beinahe — so habe ich es einem
hängigkeit zu erblicken vermögen, mit einem Ge- Freunde gesagt — etwas ironisch meinen, daß Herr
bietsumfang von 260 000 Quadratkilometern nicht Molotow den erbitterten Kampf des alten Kommu-
einmal die Hälfte vom Flächenraum des ehemali- nisten gegen den demokratischen Sozialismus auch
gen Deutschen Reiches des Jahres 1914 mit 540 000 bei dieser Gelegenheit fortgesetzt hat, als ob es sein
Quadratkilometern ausmacht. Die ganze Tragödie Wunsch war, die sozialdemokratische Opposition zu
der deutschen Geschichte dieser Jahrzehnte kommt schwächen, weil sie angesichts dieser Haltung des
meines Erachtens nicht zuletzt in diesen Zahlen er- sowjetischen Außenministers — es ist wirklich
schütternd zum Ausdruck. meine Meinung — politisch unhaltbar geworden ist.
Und nun ein Wort übe r die beiden Punkte — die (Beifall bei den Regierungsparteien.)
einzigen, die ich sehe —, in denen zwischen uns im
Regierungslager und der Opposition keine Über- Dafür aber hat Herr Molotow uns vor die große
einstimmung besteht. Das eine entnahm ich der Wahlentscheidung gestellt. Er hat uns die Volks-
Bemerkung des Herrn Kollegen Ollenhauer zur Er- abstimmung verheißen, die in seinem sowjetischen
klärung des französischen Außenministers Bidault Bereich zweifellos in den nächsten Wochen durch-
auf der Berliner Konferenz, der, um Herrn Molotow geführt werden dürfte, nämlich wir sollen uns ent-
mit seinen fadenscheinigen Gründen zu beschwich- scheiden, ob EVG oder Friedensvertrag. Diese Ent-
tigen, darauf hinwies, daß ja doch die Sowjetunion scheidung mutet mich an wie die Aufforderung, zu
vor einem militärisch aufgerüsteten Deutschland wählen zwischen Hose und Jacke,
keine Angst zu haben brauche, weil dieses Deutsch-
land militärisch und schließlich auch politisch durch (Heiterkeit)
die EVG gebunden sei. Herr Kollege Ollenhauer
meinte, das wäre für ihn ein Grund mehr, seine wobei die Sicherheit die Hose und der Friedensver-
Ablehnung des EVG-Vertrags zu bekunden. Meine trag die Jacke wäre.
Damen und Herren, ich bin anderer Meinung. (Erneute Heiterkeit.)
(Abg. Dr. von Brentano: Sehr gut!) Mit anderen Worten gesagt, ich kann zur Not ohne
Ich bin der Meinung, daß die Bindung der Bun- Jacke, aber nicht ohne Hose herumlaufen.
desrepublik über den EVG-Vertrag erstens keine (Große Heiterkeit und Beifall bei den Re
Diskriminierung bedeutet, weil dieser gleichen Bin- gierungsparteien.)
dung jeder andere Vertragspartner ausgesetzt ist.
(Zustimmung bei den Regierungsparteien.) Ich würde Herrn Molotow und Herrn Ulbricht eine
ganz andere Entscheidung vorschlagen, und ich bin
Das andere, das ich zu dieser Gegensätzlichkeit überzeugt, daß dieses Haus in absoluter Einmütig-
zum Ausdruck bringen möchte, ist, daß ich gerade
keit diese Fragestellung akzeptieren würde: Wenn
in dieser, wie der zeitgemäße Ausdruck lautet, -
supranationalen Bindung einen großen Gewinn schon jetzt keine gesamtdeutschen Wahlen möglich
und einen gewaltigen politischen Fortschritt gegen- sind und die ostzonale Regierung unbedingt eine
über dem durch Nationalismen zerrissenen und Volksabstimmung in allen Teilen Deutschlands ver-
vernichteten Europa der Vergangenheit sehe. anstalten möchte, dann soll man in geheimer Wahl
die deutschen Menschen zwischen Oder und Neiße
(Beifall bei den Regierungsparteien.) und den westlichen Grenzen der Bundesrepublik
Der zweite Punkt, in dem wir nicht übereinstim- fragen, ob sie sich zu den Prinzipien und der
men: Wir sind uns nicht einig in der Auffassung, Lebensauffassung der Deutschen Demokratischen
daß der Verzicht auf die EVG als Voraussetzung Republik oder der Bundesrepublik bekennen.
für eine deutsche Wiedervereinigung notwendig (Beifall bei den Regierungsparteien.)
sei. Ich habe nach dem sorgfältigen Studium dieser
teilweise aus nächster Nähe erlebten Berliner Kon- Diese Abstimmung freilich hieße beinahe Eulen
ferenz den Eindruck, daß diese Voraussetzung nach Athen tragen. Es bedurfte nicht des 17. Juni,
sozialdemokratischer Politik dank dem Verhalten um volle Klarheit darüber zu schaffen, daß sich
des sowjetischen Außenministers Molotow nun- zwar viele Demarkationslinien tief in das deutsche
mehr irreal geworden ist, Leben eingegraben haben, daß aber der geistige, der
(Zustimmung bei den Regierungsparteien) seelische und der politische Zusammenhalt aller
weil — das wurde schon von anderen Rednern, Deutschen — und das ist ein großes Aktivum —
auch dem Sprecher der SPD, gesagt — ja doch Herr gewahrt werden konnte.
Molotow auf dieser Konferenz wahrscheinlich zum Allerdings brennt die Lösung der deutschen Frage
Erstaunen vieler Leute die erwartete Alternative: nicht in erster Linie uns, aber den Menschen in so-
EVG oder echte Wiedervereinigung, schuldig ge- wjetisch-politischem Gewahrsam auf den Nägeln.
blieben ist. Darum bin ich fest davon überzeugt, daß der Herr
(Abg. Dr. von Brentano: Richtig!) Bundeskanzler und seine Regierung beharrlich wie
Herr Molotow hat durch seinen Verzicht auf diese bisher nicht nur ihre Forderung nach nationaler
Alternative nicht nur der Haltung der sozialdemo- und demokratischer Selbstbestimmung des deut-
kratischen Opposition zu diesen Verträgen, sondern schen Volkes aufrechterhalten, sondern daß sie
auch manchen anderen, die ernste Überlegungen auch keinen Zweifel darüber lassen, daß unser Volk
über den Ausweg aus dem Dilemma: EVG und unter dem Eindruck des Ausgangs der Berliner
Wiedervereinigung, anstellten — ich meine nicht Konferenz von einer heiligen Unruhe beseelt ist,
Herrn Joseph Wirth —, und daß auch unsere Freunde in der Welt sich
nicht darüber täuschen dürfen, daß wir immer fa-
(Heiterkeit) natischer und entschiedener unsere Forderung nach
einen schweren Stoß versetzt. Wiedervereinigung und Freiheit stellen werden.
(Zuruf von der SPD: Ebenso die anderen (Anhaltender lebhafter Beifall bei den Re
Minister!) gierungsparteien.)
2. Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954 549

Präsident D. Dr. Ehlers: Das Wort hat der Ab- schen Menschen eine große Hoffnung, die schon
geordnete Seiboth. einmal nach den Bestimmungen der Verträge von
Versailles und Saint-Germain unter Bruch des
Seiboth (GB/BHE): Herr Präsident! Meine Damen Versprechens auf Selbstbestimmung ihr Vaterland
und Herren! Immer, wenn bei eigens dafür einbe- oder 1945 nach dem Abkommen von Potsdam ihre
rufenen Konferenzen oder allgemeinen internatio- Heimat verloren haben. Diese Menschen erwarten
nalen Konferenzen über die Frage der deutschen nun, daß einmal, wenn eine wahrhaft freie gesamt-
Wiedervereinigung auch künftig verhandelt werden deutsche Regierung als Verhandlungspartner an
wird, wird der Sowjetrusse Gesprächspartner sein. einem Friedensvertrag mitarbeiten darf, diese von
Es ist deshalb wichtig, daß wir aus dem Ablauf der dem im Eden-Plan zugesicherten Recht der Hand-
Berliner Konferenz klar und deutlich erkennen, lungsfreiheit im Rahmen der Grundsätze und Ziele
worum es den Sowjets in Wahrheit zu tun ist. Die der Vereinten Nationen wird Gebrauch machen
deutsche Frage — das hat der Herr Bundeskanzler dürfen. In diesen Grundsätzen der Vereinten Nati-
heute schon betont — war für die Sowjets nicht onen findet auch das Selbstbestimmungsrecht der
das Hauptanliegen bei der Berliner Konferenz. Völker seine rechtliche Fundierung.
Ihnen ging es um andere, um weltweite Probleme.
Diese Probleme bemühen sie sich auf ihre bolsche- Die Vorschläge Molotows für einen gesamteuro-
wistische Art zu lösen. Offen und vor aller Welt päischen Vertrag über die kollektive Sicherheit
sichtbar hat Herr Molotow in der deutschen und Europas unter Ausschluß Amerikas, aber unter
in der österreichischen Frage bekundet, daß die Einbeziehung der Sowjets sind hier schon ent-
Sowjets zu keinen Zugeständnissen bereit sind, sprechend kritisiert und zurückgewiesen worden.
wenn ihnen nicht durch ein internationales Arrange- Ich meine aber: Wenn wir schon anerkannt haben,
ment die Möglichkeit zur Ausweitung ihrer Herr- daß die Sowjets damit nichts anderes als die Aus-
schaft gegeben erscheint. Die beiden wesentlichen dehnung ihrer Macht bis an den Atlantik bezweck-
Pläne, die Molotow der Konferenz unterbreitete — ten, sollten wir daraus die Konsequenzen ziehen.
die von ihm vorgeschlagenen Maßnahmen zur Die Sowjets haben in ihrem Satellitenreich ihre
Lösung der deutschen Frage und seine Vorschläge Ost-EVG längst fertig. Allerdings muß man dabei
für einen sogenannten gesamteuropäischen Ver- den Buchstaben „V", der „Verteidigung" bedeuten
trag über die kollektive Sicherheit in Europa —, soll, durch „B" ersetzen, nämlich „Bedrohung";
lassen diese Tendenz deutlich erkennen. denn tatsächlich bedrohen die Sowjets mit ihren
Zwangsverbündeten hinter dem Eisernen Vorhang
Es hat uns verwundert, daß in einem Rundfunk-
seit Jahren uns und die Freiheit der ganzen west-
gespräch am vergangenen Sonntag der an diesem lichen Welt. Im freien oder frei gebliebenen Teil
Gespräch beteiligte Vertreter der Opposition im Europas sind wir aber bisher nicht imstande ge-
Gegensatz zu der Auffassung, die der Herr Kollege
wesen, die unselige Nationalstaaterei zu überwin-
Ollenhauer hier äußerte, darauf hinwies, daß Herr den und endlich die Einheit des freien Kontinents
Molotow doch ebenfalls freie Wahlen vorgeschla-
herzustellen, die allein imstande ist, unsere Zu-
gen habe. Ganz abgesehen davon, daß der Osten kunft in Freiheit zu sichern. Ist es nicht ein schänd-
unter „frei" und auch unter „Wahlen" ganz etwas
anderes versteht als wir und der Westen, darf doch licher Zustand, daß 300 Millionen Europäer aus
nicht übersehen werden, daß Herr Molotow mit der Furcht und Angst vor 210 Millionen Sowjetrussen
seinem Regime eigenen Sturheit immer wieder von 150 Millionen Amerikanern ausgehalten und
darauf bestand, daß vor freien Wahlen ein soge- geschützt werden müssen?
nanntes gesamtdeutsches Gremium, zusammenge-
setzt aus Vertretern der Bundesrepublik und der Die Haltung der Sowjets in Berlin hat uns deut-
lich gemacht, daß es nicht nur einen deutschen,
Zonenmachthaber, gebildet werden soll. Dieses sondern auch einen europäischen Notstand gibt.
Gremium sollte nach den Wünschen Molotows und Wir können ihn nur beseitigen, wenn wir über
seiner Pankower Trabanten einen Friedensvertrag
Montan-Union, Verteidigungsgemeinschaft, viel-
vorbereiten oder an der Vorbereitung beteiligt leicht auch über andere geeignete funktionali-
sein.
stische Maßnahmen den Weg zur echten politischen
Man stelle sich nun einmal vor, wie ein solches europäischen Vereinigung finden. Wir wissen nicht,
Gremium in der Praxis einen Friedensvertrag zu- wann die Großmächte wieder einmal in einer Kon-
stande bringen sollte. Es käme dann entweder ein ferenz über die Deutschlandfrage beraten werden;
den Sowjets genehmer oder überhaupt kein Frie- aber wir wissen eines oder sollten es jedenfalls
densvertrag zustande. Wie aber ein den Russen wissen, nämlich daß, wenn es wieder dazu kommt,
genehmer Friedensvertrag aussehen würde, das unser Anliegen besser gewahrt ist, wenn wir ein
wissen wir aus den diesbezüglichen Vorschlägen Teil des politisch geschlossenen Europas geworden
des Herrn Molotow. Ein solcher Friedensvertrag sind und auf diese Weise zumindest indirekt selber
hätte keine andere Bezeichnung verdient als „Dik- unsere Belange durch dieses Europa mit vertreten
tatfrieden". Darum — wenn überhaupt um den können.
Frieden — ging es den Sowjets. Der Plan hingegen, Aus dieser Erkenntnis heraus wird der Gesamt-
der von Außenminister Eden vorgetragen wurde,
sollte dadurch, daß er freie Wahlen und die Bildung deutsche Block/BHE alle Maßnahmen billigen und
einer aus diesen Wahlen hervorgegangenen ge- unterstützen, die zu jener politischen Einheit Euro-
samtdeutschen Regierung forderte, die später einen pas hinführen.
Friedensvertrag aushandeln sollte, genau das, Was unsere Verpflichtung anlangt, alles zu tun,
nämlich den Diktatfrieden, verhindern. was unseren Brüdern und Schwestern in der so-
Anders können wir auch die Worte nicht ver- wjetisch besetzten Zone ihre furchtbare Lage er-
stehen, die der amerikanische Außenminister Dulles leichtern und sie zum Aushalten veranlassen kann,
bei seiner Kritik am Versailler Vertrag gebrauchte. so meinen wir, daß der Bundestag noch in den
Diese Erklärung Dulles ist — bei allem sonstigen nächsten Tagen Maßnahmen beschließen sollte,
Bedauern über das mangelhafte Ergebnis der Kon- die, auch wenn sie für uns im Westen materielle
ferenz in der deutschen Frage—für alle jene deut- Opfer bedeuten, drüben, hinter dem Eisernen Vor-
550 2, Deutscher Bundestag — 16. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 25. Februar 1954
(Seiboth)
hang als Zeichen dafür gewertet werden, daß wir Meine Damen und Herren, ich darf in diesem
noch die nationale Solidarität kennen, die sich be- uns alle bewegenden Augenblick zwei Dinge sagen.
sonders in Zeiten höchster politischer Not beweisen Einmal: daß der Deutsche Bundestag als der
muß. Repräsentant des deutschen Volkes von allen Glie-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) dern des deutschen Volkes, insbesondere in der
Bundesrepublik, erwartet, daß sie das, was in die-
Präsident D. Dr. Ehlers: Meine Damen und ser Entschließung steht, wirklich in die Tat um-
Herren, weitere Wortmeldungen zur Aussprache setzen, daß sie alles, was in ihrer Macht steht, tun,
liegen nicht vor. um den in Unfreiheit lebenden Deutschen beizu-
Das Wort hat der Abgeordnete Dr. Gerstenmaier. stehen. Es geht dabei nicht um die Deklamation,
sondern um die schlichte Tat der brüderlichen Hilfe.
D. Dr. Gerstenmaier (CDU/CSU): Herr Präsident! Dazu aufzurufen, scheint mir in diesem Augenblick
Meine Damen und Herren! Ich habe die Ehre, Aufgabe des deutschen Parlaments zu sein.
Ihnen namens der Fraktionen der CDU/CSU, der
SPD, der FDP, des GB/BHE und der DP folgenden (Allseitiger Beifall.)
Entschließungsantrag vorzutragen, der Ihnen in- Und das zweite: Ich bin während dieser Sitzung
zwischen vorliegt: vom Ausland her gefragt worden, ob die Deutschen
Der Bundestag wolle beschließen: das Anliegen der Wiedervereinigung wirklich so
ernst nähmen, wie es so oft ausgesprochen werde.
Der Deutsche Bundestag bedauert auf das
tiefste, daß die Berliner Konferenz keine (Hört! Hört! bei der SPD.)
Lösung der Deutschlandfrage gebracht hat. Ich verstehe die Einmütigkeit des Hauses in die-
Aus den Stellungnahmen des sowjetischen sem Augenblick so, daß wir gegenüber jeder Ver-
Außenministers geht eindeutig hervor, daß suchung, auf irgendeinem Wege oder durch eine
die Sowjetunion heute nicht willens ist, die Hintertür in uns den Gedanken wach werden zu
Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit lassen, wir brauchten die Wiedervereinigung nicht,
zuzulassen. das unterstreichen, was der Herr Bundeskanzler
Der Deutsche Bundestag dankt den Außen- heute unter dem allgemeinen Beifall des Hauses
ministern der Westmächte, daß sie sich mit festgestellt hat, daß wir nämlich durch Worte und
großer Entschiedenheit für die Wiedervereini- Taten klarzumachen haben, daß die Deutschen sich
gung Deutschlands in Freiheit eingesetzt niemals mit der Spaltung Deutschlands ab-
haben. finden
Der Deutsche Bundestag verpflichtet sich (lebhafter Beifall auf allen Seiten des Hauses)
von neuem, als die einzige in. Freiheit gewählte
Vertretung des deutschen Volkes alles, was in und niemals die Existenz zweier deutscher
seiner Macht ist, zu tun, um den in Unfreiheit Staaten hinnehmen werden.
lebenden Deutschen beizustehen und die
Wiedervereinigung mit ihnen in Frieden und (Erneuter langanhaltender lebhafter Bei-
Freiheit herbeizuführen. fall auf allen Seiten des Hauses.)
Wir sind damit am Ende der heutigen Tages-
Der Deutsche Bundestag begrüßt es, daß die
Berliner Konferenz die Voraussetzungen für ordnung. Ich habe bekanntzugeben, daß die Sitzung
weitere Verhandlungen geschaffen hat. Er des Ausschusses für Kriegsopfer- und Heimkehrer-
hofft, daß diese Verhandlungen zu einer allge- fragen, die für heute auf 15 Uhr angesetzt war,
meinen Entspannung führen und damit neue ausfällt. Die Sitzung des Ausschusses für Jugend-
fragen fällt ebenfalls aus, ebenso die Sitzung des
Möglichkeiten zur Wiedervereinigung Deutsch-
lands eröffnen. Beirats für handelspolitische Vereinbarungen. Der
Ausschuß für den Lastenausgleich tagt eine Stunde
Der Deutsche Bundestag ist willens, dieses nach Schluß der Plenarsitzung. Der Ausschuß für
Ziel in der Gemeinschaft der freien Welt und Angelegenheiten der inneren Verwaltung tagt wie
in unverbrüchlicher Solidarität mit den an- vorgesehen um 16.30 Uhr. Der Ausschuß für Wirt-
deren freien Völkern Europas zu verfolgen. schaftspolitik beginnt mit seiner Sitzung eine Vier-
(Beifall auf allen Seiten des Hauses.) telstunde nach Schluß des Plenums im Sitzungs-
saal 210 Süd. Der Haushaltsausschuß tagt eine
Präsident D. Dr. Ehlers: Meine Damen und halbe Stunde nach Schluß des Plenums im üblichen
Herren, Sie haben den Entschließungsantrag aller Saal, der Ausschuß für Besatzungsfolgen eine Vier-
Fraktionen des Hauses — Drucksache 286 — ge- telstunde nach Schluß des Plenums. Weitere Be-
hört. Ich bitte die Damen und Herren, die diesem kanntmachungen sind nicht mitzuteilen!
Entschließungsantrage zuzustimmen wünschen, sich
zu erheben. — Ich stelle fest, daß dieser Entschlie- Meine Damen und Herren, ich berufe die nächste
ßungsantrag vom Deutschen Bundestag einstim- Sitzung des Deutschen Bundestags auf morgen,
mig angenommen worden ist. 9 Uhr, und schließe die heutige Sitzung des Deut-
schen Bundestages.
(Anhaltender lebhafter Beifall auf allen
Seiten des Hauses.) (Schluß der Sitzung: 15 Uhr 36 Minuten.)

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