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Eutscher Bundestag: 52. Sitzung

Das Dokument enthält die Tagesordnung und die Protokolle einer Sitzung des Deutschen Bundestags aus dem Jahr 1970. Es werden verschiedene Gesetzesentwürfe, Anfragen und Berichte diskutiert sowie Fragen an die Bundesregierung gestellt.

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Eutscher Bundestag: 52. Sitzung

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D eutscher Bundestag

52. Sitzung

Bonn, Dienstag, 26. Mai 1970

Inhalt:

Eintritt des Abg. Staak in den Bundestag . 2585 A Herold, Parlamentarischer


Staatssekretär . . . . . . . . 2617 C
Wahl des Abg. Dr. Huys als Schriftführer . 2585 A
Große Anfrage der Abg. Erpenbeck, Mick,
Wahl des Abg. Wolfram als Mitglied des • Geisenhofer, Lücke (Bensberg), Dr. Mül-
Europäischen Parlaments 2585 B ler-Hermann und der Fraktion der CDU/
CSU betr. Wohnungsbaupolitik (Druck-
Überweisung von Vorlagen an Ausschüsse 2585 B sachen VI/532, VI/316)
Erpenbeck (CDU/CSU) . . . . . 2619 B
Amtliche Mitteilungen . . . . . . . . 2585 C
Frau Meermann (SPD) 2623 D
Strukturbericht 1970 der Bundesregierung Jung (FDP) . . . . . . . . . 2627 B
(Drucksache VI/761) in Verbindung mit Mick (CDU/CSU) 2629 A
Dr. Lauritzen, Bundesminister . . 2632 D
Entwurf eines Gesetzes zur Förderung des
Henke (SPD) . . . . . . . . 2637 D
Zonenrandgebietes (Zonenrandförde-
rungsgesetz) (Abg. Dr. Warnke und Frak-
tion der CDU/CSU) (Drucksache VI/396) — Entwurf eines Zweiten Gesetzes zur Anpas-
Erste Beratung — sung der Unterhaltshilfe nach dem
Gewandt (CDU/CSU) 2587 C Lastenausgleichsgesetz (2. Unterhalts-
hilfe Anpassungsgesetz)
- (Druckachen
Dr. Arndt, Parlamentarischer VI/584, zu W584); Bericht des Haushalts-
Staatssekretär . . . . 2589 D; 2614 C ausschusses gemäß § 96 GO (Drucksache
Junghans (SPD) . . . . . . . 2592 C VI/782), Schriftlicher Bericht des Innen-
ausschusses (Drucksache VI/781) — Zweite
Kienbaum (FDP) 2598 B und dritte Beratung — 2642 D
Dr. Warnke (CDU/CSU) . . . . 2600 A
Dr. Müller (München) (SPD) . . . 2604 D Entwurf eines Zweiten Gesetzes zur Ände-
von Thadden (CDU/CSU) . . . . 2607 A rung des Gesetzes über die Überführung
der Anteilsrechte an der Volkswagen-
Brück (SPD) . . . . . . . 2608 D werk Gesellschaft mit beschränkter Haf-
Jung (FDP) 2610 B tung in private Hand (Drucksache W509);
Schriftlicher Bericht des Rechtsausschus-
Dr. Schneider (Nürnberg) (CDU/CSU) 2611 C
ses (Drucksache VI/794) — Zweite und
Dr. Starke (Franken) (FDP) . . . . 2616 C dritte Beratung — 2643 A
II Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Entwurf eines Dritten Gesetzes zur Ände- mission der EG für eine Richtlinie des
rung und Ergänzung des Personenstands- Rates über die Einführung einer gemein-
gesetzes (Drucksache VI/744) — Erste Be- samen Police für mittel- und langfristige
ratung — 2643 B Geschäfte mit privaten Käufern (Druck-
sachen VI/232, VI/746) . . . . . . . . 2644 B
Entwurf eines Gesetzes zur Ergänzung
des Beamtenrechtsrahmengesetzes (Abg. Sammelübersicht 3 des Petitionenausschus-
Hirsch, Dichgans, Mertes u. Gen.) (Druck- ses über Anträge von Ausschüssen des
sache VI/775) — Erste Beratung . . .2643B
— Deutschen Bundestages zu Petitionen
(Drucksache VI/753) in Verbindung mit
Entwurf eines Gesetzes zu dem Vertrag
vom 30. Mai 1969 zwischen der Bundes- Sammelübersicht 4 des Petitionenausschus-
republik Deutschland und der Schweize- ses über Anträge von Ausschüssen des
rischen Eidgenossenschaft über die Scha- Deutschen Bundestages zu Petitionen
dendeckung bei Verkehrsunfällen (Druck- (Drucksache VI/779) 2644 B
sache VI/780) — Erste Beratung . . . 2643 C

Fragestunde (Drucksache VI/8 09)


Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des
Termins für die Vorlage des Entwurfs Fragen des Abg. Varelmann:
des Rentenanpassungsgesetzes (Druck- Beteiligung der Altersrentner an Heil-
sache VI/792) — Erste Beratung . . . 2643 C
— maßnahmen der Rentenversicherung
Rohde, Parlamentarischer
Entwurf eines Gesetzes zu dem Überein- Staatssekretär . . . . . 2644 B, 2645 B
kommen Nr. 128 der Internationalen
Varelmann (CDU/CSU) . . . . 2645 A, B
Arbeitsorganisation vom 29. Juni 1967
über Leistungen bei Invalidität und Alter
und an Hinterbliebene (Drucksache Frage des Abg. Dr. Hermesdorf
VI/793) — Erste Beratung — 2643 C (Schleiden) :
Hilfen zur beruflichen Eingliederung
Entwurf eines Gesetzes über vermögens- behinderter Jugendlicher
wirksame Leistungen (Drucksache VI/797) Rohde, Parlamentarischer
— Erste Beratung — 2643 D Staatssekretär . . . 2645 C, 2646 A, B
Dr. Hermesdorf (Schleiden)
Entwurf eines Zweiten Gesetzes über die
(CDU/CSU) 2646 A
Anpassung der Leistungen des Bundes-
versorgungsgesetzes (Zweites Anpas-
sungsgesetz — KOV) (Drucksache VI/798 Fragen des Abg. Dr. Weber (Köln) :
— Erste Beratung ..— 2643 D Bestimmungen über die Unterkünfte
von Bauarbeitern auf Baustellen
Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Rohde, Parlamentarischer
Zerlegungsgesetzes (Drucksache VI/802) —
Staatssekretär 2646 B, D
Erste Beratung — 2643 D
Dr. Weber (Köln) (SPD) . . . . 2646 D
Antrag der Abg. Dr. Bardens, Dr. Bechert
(Gau-Algesheim), Bay, Dr. Schmidt (Kre- Frage des Abg. Weber (Heidelberg): .
feld), Grüner, Jung, Frau Dr. Diemer- Mineralölversorgung Westberlins durch
Nicolaus, Dr. Rutschke und der Fraktio- die DDR 2646 D
nen der SPD, FDP betr. thermische Be-
lastung von Gewässern durch Kernkraft- Frage des Abg. Weigl:
stoffe (Drucksache VI/740 ) 2644 A
Beamtenrechtliche Altersversorgung
Antrag der Abg. Liehr, Schmidt (Kempten) von im öffentlichen Dienst der DDR
und der Fraktionen der SPD, FDP betr. tätig gewesenen Kommunalbeamten . 2647 A
berufliche Bildung (Drucksache VI/741) . 2644 A
Frage des Abg. Hansen:
Antrag des Bundesminister der Finanzen Presseberichte betr. Organisierung von
betr. Entlastung der Bundesregierung Schlägergruppen regimefreundlicher
wegen der Bundeshaushaltsrechnung für • Griechen durch griechische General-
das Rechnungsjahr 1968 (Drucksache konsulate
VI/787) 2644 A Genscher, Bundesminister 2647 B, 2647 C, D
Hansen (SPD) . . . . . . . . . 2647 C
Schriftlicher Bericht des Ausschusses für
Wirtschaft über den Vorschlag der Kom- Matthöfer (SPD) . . . . . . . 2647 D
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 III

Frage des Abg. Hansen: Frage des Abg. Dröscher:


Maßnahmen gegen griechische Organi- Fahrkostenersatz und Verpflegungszu-
sationen in der Bundesrepublik schuß für Soldaten und Zivilbeschäf-
tigte
Genscher, Bundesminister . . . . 2647 D
Berkhan, Parlamentarischer
Frage des Abg. Dröscher: Staatssekretär 2653 B, D
Versorgung von Berufsunteroffizieren Dröscher (SPD) 2653 C
Genscher, Bundesminister . . . 2648 B, C
Frage des Abg. Niegel:
Frage des Abg. Rasner: Krankheitsgefahren bei Bewohnern der
Verantwortlichkeit für die Sicherheits- oberen Stockwerke von Hochhäusern
und Polizeimaßnahmen anläßlich des Westphal, Parlamentarischer
Treffens in Kassel Staatssekretär . . . . 2654 A, B, C, D
Genscher, Bundesminister . . 2649 A, B Niegel (CDU/CSU) 2654 B, C
Rasner (CDU/CSU) 2649 A, B Moersch (FDP) 2654 C
Dasch (CDU/CSU) 2654 D
Fragen des Abg Pieroth:
Frage der Anrechnung der Wehrdienst-
zeit bei der Bemessung der Höhe der Frage des Abg. Dasch:
Sonderzuwendung für als Wehrpflich- Kindergärten, Spielplätze und Sportan
tige eingezogen gewesene Arbeitneh- lagen in sogenannten Entlastungs
mer im öffentlichen Dienst . . . . . 2649 B städten oder in neuen Großsiedlungen
Westphal, Parlamentarischer
Frage des Abg. Josten: Staatssekretär 2655 A
Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung
angesichts der Hochwasserschäden am Fragen des Abg. Dr. Jobst:
Rhein und seinen Nebenflüssen
Mieten für Bundesbedienstetenwoh-
Genscher, Bundesminister . . . . 2649 D, nungen für Soldaten und Zivilbedien-
2650 A, B, C stete
Josten (CDU/CSU) 2650 A, B
Ravens, Parlamentarischer
Jung (FDP) 2650 B Staatssekretär . . 2655 C, 2656 A, B, C
Dr. Jobst (CDU/CSU) . . . 2656 A, B, C
Frage des Abg. Ott:
Äußerungen von Bundeswehroffizieren Frage des Abg. Dr. Jungmann:
zu der Politik der Bundesregierung,
insbesondere der Ostpolitik Studium des Fachgebiets „Sicherheits-
technik" 2656 D
Berkhan, Parlamentarischer
Staatssekretär . . . 2650 D, 2651 B, C
Ott (CDU/CSU) 2651 A, B Frage der Abg. Frau Dr. Walz:

Niegel (CDU/CSU) 2651 C Besprechungen im Bundesministerium


für Bildung und Wissenschaft über die
Thesen zum Hochschulrahmengesetz
Frage des Abg. Ott:
Dr. von Dohnanyi, Parlamentarischer
Recht auf freie Meinungsäußerung von Staatssekretär . . . 2656 D, 2657 B, C
Staatsbürgern in Uniform
Berkhan, Parlamentarischer Frau Dr. Walz (CDU/CSU) . 2657 A, B, C
-
Staatssekretär . . . 2651 D, 2652 A, B Moersch (FPD) . . . . . . . . 2657 C
Ott (CDU/CSU) 2652 A, B
Frage der Abg. Frau Dr. Walz:
Frage des Abg. Wagner (Günzburg) : Einführung einer sogenannten Milieu-
Vorzeitige Beurlaubung von den Grund- quote bei der Zulassung zu Fächern mit
wehrdienst leistenden Abiturienten zur Zulassungsbeschränkung
Aufnahme ihres Studiums Dr. von Dohnanyi, Parlamentarischer
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär . . . . 2657 D, 2658 A
Staatssekretär . . . 2652 D, 2653 A, B Frau Dr. Walz (CDU/CSU) . . . 2658 A
Wagner (Günzburg) (CDU/CSU) . 2653 A
Ott (CDU/CSU) 2653 B Nächste Sitzung 2658 C
IV Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Anlagen Anlage 9
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Anlage 1 Frage des Abg. Dr. Unland betr. Ausle-
Liste der beurlaubten Abgeordneten . . 2659 A gung von § 46 des Berufsbildungsgesetzes 2662 C

Anlage 2 Anlage 10
Mitteilung des Präsidenten des Bundes- Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
rates vom 15. Mai 1970 zu dem Gesetz Fragen der Abg. Ernesti und Dr. Klepsch
zur Änderung des Mineralölsteuergeset- betr. Verwendung von schwerbeschädig-
zes 1964 2660 A ten Soldaten 2662 D

Anlage 3 Anlage 11
Entschließungsantrag Umdruck 25 der Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Fraktionen der SPD, FDP zum Struktur- Frage des Abg. Dr. Klepsch betr. Bedarf
bericht 1970 der Bundesregierung (Druck- der Geräteeinheiten und der Sicherungs-
sache VI/761) 2660 B einheiten im Rahmen der Territorialver-
teidigung an voll ausgebildeten Grena-
Anlage 4 dieren 2663 B
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Anlage 12.
Frage des Abg. Riedl (München) betr. Er-
richtung von Bundesleistungszentren für Schriftliche Antwort auf die Mündliche
den Sport nach den Olympischen Spielen Frage des Abg. Bremer betr. endgültige
1972 und Nutzbarmachung der olym- Ergebnisse der flugmedizinischen Unter-
pischen Anlagen für den Leistungssport 2660 D suchungen über die Belastungswerte •von
Flugzeugführern 2663 C
Anlage 5
Anlage 13
Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Fragen des Abg. Hauser (Bad Godesberg) Schriftliche Antwort auf die Mündliche
betr. Besoldung in dem allgemeinen Ver- Frage des Abg. Bremer betr. Neurege-
waltungsdienst und in den obersten Bun- lung der Fliegerzulage . . . . . . . 2663 C
desbehörden 2661 A
Anlage 14
Anlage 6 Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Fragen des Abg. Petersen betr. Zusam-
Frage des Abg. Dr. Böhme betr. Wahl der mensetzung der Richtlinienkommission
deutschen Mitglieder des Europäischen für den Bundesjugendplan 2663 D
Parlaments 2661 B
Anlage 15
Anlage 7
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Schriftliche Antwort auf die Mündlichen Frage des Abg. Leicht betr. Folgerungen
Fragen des Abg. Dr. Beermann betr. aus der EWG-Marktordnung für das
Elternrenten nach dem Bundesversor- deutsche Weingesetz . . . . . . . . 2664 A
gungsgesetz 2662 A
Anlage 16
Anlage 8
Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Fragen des Abg. Dr. Arnold betr. Ver-
Frage des Abg. Dr. Unland betr. die breitung von Tageszeitungen und politi-
Erste und Zweite Angestelltenprüfung schen Zeitschriften pornographischen In-
gemäß § 25 BAT . . . . . . . . 2662 C halts an Jugendliche . . . . . . . . 2664 B
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2585

52. Sitzung

Bonn, den 26. Mai 1970

Stenographischer Bericht Erhebt sich gegen die beabsichtigte Überweisung


Widerspruch? — Das ist nicht der Fall. Dann ist so
Beginn: 9.01 Uhr beschlossen.
Vizepräsident Dr. Schmid: Die Sitzung ist Folgende amtliche Mitteilungen werden ohne
eröffnet. Verlesung in den Stenographischen Bericht aufge-
Meine Damen und Herren, ich habe folgendes nommen:
bekanntzugeben. Der Bundesrat hat in seiner Sitzung am 15. Mai 1970 den
nachstehenden Gesetzen zugestimmt bzw. einen Antrag gemäß
Artikel 77 Abs. 2 GG nicht gestellt:
Für die am 14. Mai 1970 durch Verzicht ausge-
schiedene Abgeordnete Frau Dr. Elsner ist mit Wir- Gesetz zur Ä nderung mietpreisrechtlicher und wohnungs-
rechtlicher Vorschriften in der Freien und Hansestadt Ham-
kung vom 21. Mai 1970 der Abgeordnete Staak in burg sowie in der kreisfreien Stadt München und im Land-
kreis München
den Bundestag eingetreten. Ich begrüße ihn und
Zweites Gesetz zur Ä nderung des Gesetzes über eine
wünsche ihm eine gute und erfolgreiche Arbeit in Schlachtgewichtsstatistik
unserer Mitte. Gesetz zur Aufhebung des Gesetzes über befristete Frei-
(Beifall.) stellung von der deutschen Gerichtsbarkeit

Die Fraktion der CDU/CSU hat mit Schreiben Gesetz zur Änderung des Kaffeesteuergesetzes und des Tee-
steuergesetzes
vom 6. Mai 1970 für den verstorbenen Abgeordne- Drittes Gesetz zur Ä nderung des Zuckersteuergesetzes
ten Burgemeister den Abgeordneten Dr. Huys als
Gesetz zur Änderung des Deutschen Teil-Zolltarifs (Speise-
Schriftführer benannt. Das Haus ist damit einver- essig)
standen? — Kein Widerspruch; damit ist der Abge- Gesetz zu dem Abkommen vom 17. September 1968 zwischen
ordnete Dr. Huys als Schriftführer gewählt. der Bundesrepublik Deutschland und der Italienischen Repu-
blik zur Vermeidung der Doppelbesteuerung auf dem Ge-
biete der direkten Steuern bei den Unternehmungen der
Die Fraktion der SPD hat mit Schreiben vom Luftfahrt
25. Mai 1970 an Stelle der ausgeschiedenen Abge- Gesetz zu dem Vertrag vom 31. Mai 1967 zwischen der
ordneten Frau Dr. Elsner den Abgeordneten Wolf- Bundesrepublik Deutschland und der Republik Osterreich
über zoll- und paßrechtliche Fragen, die sich an der deutsch-
ram als Mitglied des Europäischen Parlaments be- österreichischen Grenze bei Staustufen und Grenzbrücken
nannt. Ist das Haus damit einverstanden? — Damit ergeben

ist der Abgeordnete Wolfram als Mitglied des Gesetz zum Revisionsprotokoll vom 9. Juni 1969 zu dem am
21. Juli 1959 in Paris unterzeichneten Abkommen zwischen
Europäischen Parlaments gewählt. der Bundesrepublik Deutschland und der Französischen
Republik zur Vermeidung der Doppelbesteuerung und über
Es liegt Ihnen, meine Damen und Herren, fol- gegenseitige Amt- und Rechtshilfe auf dem Gebiete der
Steuern vom Einkommen und vom Vermögen sowie der
gende Liste von Vorlagen vor, die keiner Beschluß- Gewerbesteuern und der Grundsteuern
fassung bedürfen und die nach § 76 Abs. 2 der Gesetz zu dem Vertrag vom 4. Juli 1969 zwischen der
GeschäftordnugzieAschün Bundesrepublik Deutschland und der Französischen Republik
über den Ausbau des Rheins zwischen Kehl/Straßburg und
überwiesen werden sollen: Neuburgweier/Lauterburg
Vorlage des Bundeskanzlers Gesetz zu dem Abkommen vom 23. Juli 1968 zwischen der
betr. Zwischenbericht der Bundesregierung über die Lage Bundesrepublik
ft Deutschland und Malaysia über den Lu
von Presse und Rundfunk in der Bundesrepublik verkehr zwischen ihren Hoheitsgebieten und darüber hinaus
Deutschland
Gesetz zu dem Abkommen vom 25. November 1968 zwischen
Bezug: Beschluß des Bundestages vom 2. Juli 1969 - der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Kolumbien
— Drucksache VI/692 — über den Luftverkehr
zuständig: Innenausschuß (federführend), Ausschuß für Wirtschaft Gesetz zu dem Abkommen vom 5. November 1968 zwischen
der Bundesrepublik Deutschland und der Regierung der
Vorlage des Sprechers der Deutschen Delegation bei der Italienischen Republik über die Erstattung der Aufwendun-
Beratenden Versammlung des Europarates gen für Sachleistungen, welche von den italienischen Trägern
betr. Bericht über die Tagung der Beratenden Versamm- der Krankenversicherung in Italien an Familienangehörige
lung des Europarates vom 17. bis 23. April 1970 in in der Bundesrepublik Deutschland versicherter italienischer
Straßburg Arbeitnehmer gewährt wurden, durch die deutschen zustän-
— Drucksache VI/767 — digen Träger der Krankenversicherung

zuständig: Auswärtiger Ausschuß Gesetz zur Änderung des Mineralölsteuergesetzes 1964


Vorlage des Präsidenten des Bundesrates Zum Gesetz zur Ä nderung des Mineralölsteuergesetzes 1964 hat
betr. Entlastung der Bundesregierung wegen der Bundes- der Bundesrat ferner eine Entschließung gefaßt, die als Anlage 2
haushaltsrechnung und der Bundesvermögensrech- diesem Protokoll beigefügt ist.
nung für das Haushaltsjahr 1967
Der Bundesrat hat in der gleichen Sitzung beschlossen, hin-
— Drucksache
— VI/786 sichtlich der folgenden Gesetze zu verlangen, daß der Vermitt-
zuständig: Haushaltsausschuß lungsausschuß einberufen wird:
2586 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Vizepräsident Dr. Schmid


Gesetz zur Änderung von Kostenermächtigungen, sozialver- Genossen betr. Erhebung über die Investitionsprogramme der
sicherungsrechtlicher und anderer Vorschriften (Kosten- Bundesregierung — Drucksache V1/758 — beantwortet. Sein
ermächtigungs-Änderungsgesetz) Schreiben wird als Drucksache VI/812 verteilt.
Verwaltungskostengesetz (VwKostG) Der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister fur
Seine Schreiben sind als Drucksachen VI/783, VI/784 verteilt. Wirtschaft hat am 22. Mai 1970 die Kleine Anfrage der Abge-
ordneten Dr. Sprung, Dr. Warnke, Rock, Seiters, Dr. Müller-Her-
In der gleichen Sitzung hat der Bundesrat beschlossen, zum mann, Franke (Osnabrück), Dr. Huys, Dr. Unland, Dr. Reinhard,
Dritten Gesetz zur Reform des Strafrechts (3. StrRG) einen Ein- Storm, Dr. Ritz und Genossen und der Fraktion der CDU/CSU
spruch gemäß Artikel 77 Abs. 3 des Grundgesetzes nicht einzu- betr. Regionale Aktionsprogramme — Drucksache VI/748 —
legen. Sein Sch reiben ist als Drucksache VI/785 verteilt. beantwortet. Sein Schreiben wird als Drucksache VI/813 verteilt.
Der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für Der Vorsitzende des Ausschusses für Ernährung, Landwirt-
Wirtschaft hat .am 5. Mai 1970 die Kleine Anfrage der Abge- schaft und Forsten hat mit Schreiben vom 12. bzw. 13. Mai 1970
ordneten Dr. Unland, Katzer, van Delden, Mick, Dr. Becker mitgeteilt, daß der Ausschuß gegen die inzwischen bereits ver-
(Mönchengladbach), Winkelheide, Ott, Vogt, Dr. Burgbacher, öffentlichte
Köster, Dr. Warnke, Dr. Götz, Dr. Giulini, Russe, Horten,
Niegel, von Bockelberg, Dr. Schwörer, Frau Griesinger, Dr. Marx Verordnung des Rates, mit der die Niederlande ermächtigt
werden, besondere Interventionsmaßnahmen bei Äpfeln an-
(Kaiserslautern), Dr. Kliesing (Honnef), Dr. Badi, Rommers-
kirchen und Genossen betr. Auswirkungen der Osthandelspolitik zuwenden
der Bundesregierung auf die deutsche Textilindustrie und Be- Verordnung des Rates über bestimmte Verwendungsarten
kleidungsindustrie — Drucksache VI/630 — beantwortet. Sein für Apfel, die Gegenstand von Interventionen waren
Schreiben ist als Drucksache VI/754 verteilt. — Drucksache VI/553 —
Der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für Finanzierung der gemein-
Verordnung des Rates über die
Wirtschaft hat am 6. Mai 1970 die Kleine Anfrage der Abgeord- samen Agrarpolitik
neten Springorum, Lampersbach, Dr. Luda, Russe und Genossen
betr. zusätzliche Öllieferungen aus den USA im Falle einer Verordnung des Rates mit zusätzlichen Vorschriften für die
neuen Nahostkrise — Drucksache VI/654 — beantwortet. Sein Finanzierung der gemeinsamen Agrarpolitik
Schreiben ist als Drucksache VI/756 verteilt. — Drucksache V14677 —
Der Bundesminister für Verkehr hat am 8. Mai 1970 die
Kleine Anfrage der Abgeordneten Rollmann und Genossen betr. keine Einwendungen erheben hat.
Beseitigung der höhengleichen Bahnübergänge — Drucksache Die Stellungnahme des Bundesrates zum Entwurf eines Ge-
VI/649 — beantwortet. Sein Schreiben ist als Drucksache VI/764 setzes zu dem Abkommen vom 24. September 1969 zur Grün-
verteilt. dung einer Assoziation zwischen der Europäischen Wirtschafts-
Der Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit hat gemeinschaft und der Vereinigten Republik Tansania, der Repu-
blik Uganda und der Republik Kenia sowie zu dem Internen
am 12. Mai 1970 die Kleine Anfrage der Abgeordneten Schirmer,
Dr. Schmitt-Vockenhausen, Dr. Müller-Emmert, Müller (Mülheim), Durchführungsabkommen ist als zu Drucksache VI/725 verteilt.
Wrede, Wende, Metzger, Dr. Müller (München), Schmidt (Mün- Der Präsident des Bundestages hat entsprechend dem Beschluß
chen), Schmidt (Kempten), Jung, Krall und der Fraktionen der des Bundestages vom 25. Juni 1959 die nachstehenden Vorlagen
SPD, FDP betr. Bundesjugendplan, Bundesjugendspiele — Druck- überwiesen:
sache VI/627 — beantwortet. Sein Schreiben ist als Drucksache
VI/777 verteilt. EWG-Vorlagen
Der Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung hat am Verordnung des Rates über die Eröffnung, Aufteilung und
14. Mai 1970 die Kleine Anfrage der Abgeordneten Müller (Rem- Verwaltung des Gemeinschaftszollkontingents für gesalzenen
scheid), Ziegler, Frau Kalinke, Breidbach, Mick und Genossen Seelachs der Tarifnummer ex 03.02 A I f des Gemeinsamen
betr. Berufsbildungsgesetz — Drucksache VI/535 — beant- Zolltarifs
wortet. Sein Schreiben ist als Drucksache VI/778 verteilt. — Drucksache VI/711 —
Der Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit hat überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft mit der Bitte um
am 13. Mai 1970 die Kleine Anfrage der Abgeordneten Engholm, Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Beschluß-
Hansen, Dr. Schmidt (Krefeld), Walkhoff, Wichert und Genos- fassung im Rat
sen und der Fraktionen der SPD, FDP betr. Eurotransplant
Verordnung des Rates über die Regelung für Rohtabak mit
Foundation — Drucksache VI/663 — beantwortet. Sein Schreiben Ursprung in den assoziierten afrikanischen Staaten und
ist als Drucksache VI/791 verteilt. Madagaskar oder den überseeischen Ländern und Gebieten
Der Bundesminister des Innern hat am 15. Mai 1970 die — Drucksache VI/712 —
Kleine Anfrage der Abgeordneten Vogt, Benda, Winkelheide
und Genossen betr. Bundeszuschüsse an die zentralen Hilfs- überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft mit der Bitte um
organisationen für Erste Hilfe — Drucksache VI/685 — beant- Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Beschluß-
wortet. Sein Schreiben ist als Drucksache VI/799 verteilt. fassung im Rat
Der Bundesminister des Innern hat am 15. Mai 1970 die Verordnung des Rates betreffend die Einführung eines ge-
Kleine Anfrage der Fraktionen der SPD, FDP betr. Statistische meinsamen Verfahrens für die autonome Erhöhung der
Datenbank — Drucksache VI/662 — beantwortet. Sein Schreiben Einfuhr von Erzeugnissen in die Gemeinschaft, die in den
ist als Drucksache VI/801 verteilt. Ausfuhrländern Gegenstand von Ausfuhrselbstbeschränkun-
gen sind
Der Bundesminister der Finanzen hat am 20. Mai 1970 die — Drucksache VI/727 —
Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Hauser (Sasbach), Leicht,
Röhner, Niegel, Krammig, Biechele, Burger und Genossen betr. überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft mit der Bitte um
Gestaltung des Branntweinmonopols im Gemeinsamen Markt Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Beschluß-
— Drucksache VI/759 — beantwortet. Sein Schreiben ist als fassung im Rat
Drucksache VI/803 verteilt.
Memorandum 'der französischen Regierung über die Modali-
Der Bundesminister der Finanzen hat am 20. Mai 1970 die täten für eine Verstärkung der Zusammenarbeit auf dem
Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Pohle, Dr. Kreile, von Gebiet der industriellen und wissenschaftlichen Entwicklung
Bockelberg, Leicht und Genossen betr. umsatzsteuerliche Behand- in Europa
lung ausländischer ständiger diplomatischer Vertretungen —
— Drucksache VI/728 —
Drucksache VI/747 — beantwortet. Sein Schreiben ist als Druck-
sache VI/804 verteilt. überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft (federführend),
Ausschuß für Bildung und Wissenschaft, Haushaltsausschuß mit
Der Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit hat der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der end-
am 21. Mai 1970 die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. gültigen Beschlußfassung im Rat
Meinecke (Hamburg), Dr. Schmidt (Krefeld) und der Fraktionen
der SPD, FDP betr. Pockenschutz — Drucksache VI/547 — be- Verordnung des Rates zur Ausdehnung des Anhangs der
antwortet. Sein Schreiben ist als Drucksache VI/805 verteilt. Verordnung (EWG) Nr. 109/70 des Rates vom 19. Dezember
Der Bundesminister der Finanzen hat am 22. Mai 1970 die 1969 zur Festlegung einer gemeinsamen Regelung für die
Kleine Anfrage der Abgeordneten Strauß, Dr. Riedl (München), Einfuhr aus Staatshandelsländern auf weitere Einfuhren
Dr. Schneider (Nürnberg), Dr. Probst, Niegel, Dr. Kreile, (1. Erweiterung)
Geisenhofer und Genossen betr. Erhaltung der Biersteuer- — Drucksache VI/755 —
mengenstaffel — Drucksache VI/750 — beantwortet. Sein Schrei-
ben ist als Drucksache VI/807 verteilt. überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und
Forsten mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor
Der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für der endgültigen Beschlußfassung im Rat
Wirtschaft hat am 21. Mai 1970 die Kleine Anfrage der Abge-
ordneten Springorum, Russe, van Delden und der Fraktion der Verordnung des Rates zur Bestimmung der Tafelweinarten
CDU/CSU betr. Energiepolitik — Drucksache VI/700 — beant-
wortet. Sein Schreiben wird als Drucksache VI/810 verteilt. Verordnung des Rates zur Festsetzung der Orientierungs-
preise für die Zeit vom . . . 1970 bis zum 15. Dezember
Der Bundesminister für Verkehr und für das Post- und Fern- 1970
meldewesen hat am 21. Mai 1970 die Kleine Anfrage der Abge- Verordnung des Rates mit Grundregeln für die Festsetzung
ordneten Strauß, Dr. Dollinger, Dr. Riedl (München), Wagner des Referenzpreises für Wein
(Günzburg) und Genossen betr. Betriebsergebnis der Deutschen
Bundespost für das Jahr 1970 — Drucksache VI/749 — beant- Verordnung des Rates zur Definition bestimmter aus Dritt-
wortet. Sein Schreiben wird als Drucksache VI/811 verteilt. ländern stammender Erzeugnisse der Zolltarifnummern 22.04
und 22.05
Der Bundesminister der Finanzen hat am 22. Mai 1970 die
Kleine Anfrage der Abgeordneten Strauß, Stücklen, Höcherl und — Drucksache VI/768 —
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2587
Vizepräsident Dr. Schmid
überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und
Forsten mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor
Gewandt (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
der endgültigen Beschlußfassung im Rat sehr verehrten Damen! Meine Herren! Der uns vor-
Verordnung des Rates zur Ergänzung der Verordnung (EWG) gelegte Strukturbericht der Bundesregierung ist
Nr. 1898/68 zur Festlegung der Maßnahmen betreffend die
Grundquoten für Zucker im Falle der Zusammenlegung oder nicht so schön, wie er gefärbt ist. Wir sind zwar
Veräußerung von Unternehmen und im Falle der Veräuße- sehr erfreut darüber, feststellen zu können, daß die
rung oder Verpachtung von Fabriken
— Drucksache VI/769 — Bundesregierung in dem Strukturbericht zu der Auf-
überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und fassung gelangt, daß eine quantitative Erhöhung
Forsten mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor des Bruttosozialprodukts sehr wesentlich beeinflußt
der endgültigen Beschlußfassung im Rat
wird durch eine überzeugende Strukturpolitik —
Verordnung des Rates zur Festsetzung der Auslösungspreise
für bestimmte Tafelweinarten für die Zeit vom . . . bis zum das ist, wie ich glaube, eine gewisse Abkehr von
15. Dezember 1970 der Überbetonung der Konjunkturpolitik für das
— Drucksache VI/770
Wachstum —, aber wir vermissen in diesem Bericht
überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und
Forsten mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor sehr viel Konkretes.
der endgültigen Beschlußfassung im Rat
Dieser Bericht ist eine Aufzählung von Maßnah-
Verordnung des Rates über Qualitätsschaumweine der Ge-
meinschaft men, die zum Teil seit vielen Jahren laufen und
— Drucksache VI/771 — die man ohne weiteres dem Haushaltsplan des Bun-
überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und des entnehmen könnte. Die Bundesregierung hat in
Forsten (federführend), Ausschuß für Jugend, Familie und Ge-
sundheit mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor ihrem Jahreswirtschaftsbericht Maßnahmen zur wei-
der endgültigen Beschlußfassung im Rat teren Ausgestaltung der Strukturpolitik in Aussicht
Vorschlag einer Richtlinie des Rates über die Moderni- gestellt. Sie hat von einer Strukturpolitik aus einem
sierung der landwirtschaftlichen Betriebe
Vorschlag einer Richtlinie des Rates zur Förderung der
Guß gesprochen. Das ist eine gute Absichtserklä-
Einstellung der landwirtschaftlichen Erwerbstätigkeit und rung, aber leider vermissen wir nun die Realisie-
Verwendung der auf diese Weise freigesetzten landwirt-
schaftlichen Fläche für Zwecke der Agrarstrukturverbesserung rung dieser Absichtserklärung. Es wird gesagt, daß
Vorschlag einer Richtlinie des Rates betreffend die sozio- man zur Erreichung der angekündigten strukturpoli-
ökonomische Information und berufliche Qualifikation der in
der Landwirtschaft tätigen Personen tischen Ziele zu einer besseren Koordinierung der
Vorschlag einer Richtlinie des Rates über die Begrenzung Raumordnung, der Agrarstrukturpolitik, der
der landwirtschaftlich genutzten Fläche Arbeitsmarktpolitik, der Berufsausbildungspolitik,
Vorschlag einer Richtlinie des Rates über ergänzende Be- der regionalen und sektoralen Wirtschaftspolitik
stimmungen zu den Richtlinien des Rates über die Moderni-
sierung der landwirtschaftlichen Betriebe und über die kommen müsse. Auch die Politik für kleine und
Förderung der Einstellung der landwirtschaftlichen Erwerbs- mittlere Unternehmen wird hier als notwendig
tätigkeit und die Bereitstellung der landwirtschaftlichen
Nutzfläche für Zwecke der Agrarstrukturverbesserung angesprochen.
Geänderter Vorschlag einer Verordnung des Rates betreffend
die landwirtschaftlichen Erzeugergemeinschaften und ihre Wenn wir nun aber den Bericht studieren, finden
Vereinigungen wir von all dem kaum etwas. Vor allen Dingen ver
— Drucksache VI/788 —
missen wir ein geschlossenes Konzept. Was hier
überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und
Forsten (federführend), Ausschuß für Wirtschaft, Haushalts- vorliegt, ist kein geschlossenes Konzept, sondern
ausschuß mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor ein Katalog von Einzelmaßnahmen, die sich allen-
der endgültigen Beschlußfassung im Rat
falls mit den Auswirkungen gewisser struktureller
Richtlinien des Rates über die Harmonisierung der wesent-
lichen Bestimmungen auf dem Gebiet der Deckung von kurz- Mängel befassen.
fristigen Risiken (Politische Risiken) öffentlicher und privater
Käufer In diesem Zusammenhang ist eines interessant,
— Drucksache VI/789 — nämlich der Ausgangspunkt. Herr Arndt, in diesem
überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft mit der Bitte um Bericht wird gesagt, daß das große Heil der Struk-
Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Beschluß-
fassung im Rat turpolitik im Jahre 1967 eingetreten sei. Warum,
Verordnung (EWG) Nr. 774/70 des Rates vom 28. April 1970 weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob Sie damit auf die
zur Festsetzung des Grundpreises und des Ankaufspreises
für Blumenkohl Veränderung der politischen Konstellation Bezug
überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und nehmen wollen und sagen wollen, das Zeitalter der
Forsten mit der Bitte um Berichterstattung innerhalb eines guten Strukturpolitik habe erst begonnen, als die
Monats, wenn im Ausschuß Bedenken gegen den Vorschlag
erhoben werden Freien Demokraten die Bundesregierung verlassen
haben. Ich glaube, man muß hervorheben, daß die
Wir treten in .die Tagesordnung ein. Die Frage- Richtlinien und Grundsätze der Strukturpolitik be-
stunde soll heute nachmittag abgehalten werden. reits im Jahre 1965 von der Bundesregierung konzi-
Wir beginnen mit Punkt 2 der Tagesordnung: piert worden sind.
- Ich meine, daß eine fundierte Strukturpolitik ein
a) Beratung des Strukturberichts 1970 der Bun- Element der wirtschaftspolitischen Stabilität sein
desregierung müßte. Sie muß im Gegensatz zu den oft sporadi-
— Drucksache VI/761 — schen, widersprüchlichen und hektischen Entschei-
dungen der Konjunkturpolitik stehen. Wenn wir
b) Erste Beratung des von dem Abgeordneten einmal die Situation unserer Wirtschaft in der heu-
Dr. Warnke und der Fraktion der CDU/CSU tigen Zeit betrachten, werden wir feststellen, daß
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur wir gerade in den 70er Jahren nicht mehr mit einer
Förderung des Zonenrandgebietes (Zonen- Vermehrung von Arbeitskräften zur Steigerung der
randförderungsgesetz) Produktivität zu rechnen haben. Das wirtschaftliche
— Drucksache VI/796 — Wachstum wird bei uns vielmehr im wesentlichen
vom technischen und wissenschaftlichen Fortschritt
Herr Abgeordneter Gewandt! bestimmt sein. Jeder modernen Industriegesell-
2588 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970
Gewandt
schaft ist der Strukturwandel immanent. Für uns ist mal deutlich gesagt werden — über die Entwicklung
Strukturpolitik ein wesentliches Element des wirt- neuer Technologien außerhalb der Großbetriebe.
schaftlichen Wachstums. Sie hat damit nicht nur
wirtschaftliche, sondern auch sozialpolitische Bedeu- Wir finden zum Thema der betriebsgrößenorien-
tung. tierten Strukturpolitik keine Angaben. Insbesondere
werden alle jene Bereiche ausgelassen, die von gro-
Nun gibt es hinsichtlich der Strukturpolitik einen ßer Bedeutung sind und in denen der Strukturwan-
alten Streit. Das wird auch in dem Bericht der Bun- del sich am rapidesten vollzieht. Ich denke dabei an
desregierung sehr deutlich. Auf der einen Seite wird den tertiären Sektor. In immer größerem Maße
behauptet, es sei entscheidend, in der Phase der wächst die Zahl der Selbständigen in diesem Be-
Hochkonjunktur Strukturpolitik zu betreiben, denn reich. Aber auch die Zahl der Arbeitnehmer, die im
nur in Zeiten der Hochkonjunktur sei man in der tertiären Bereich beschäftigt werden, nimmt rapide
Lage, die leistungsschwachen Regionen zu aktivie- zu. Zu dieser Frage, der Frage der Ordnung der
ren und ihre Leistungskraft auf die Dauer zu stei- Dienstleistungsmärkte, ist in dem Bericht nichts ge-
gern. In der Phase der Hochkonjunktur müßten sagt worden.
Investitionsanreize gegeben werden und die Infra-
Darüber hinaus — ich deutete es schon an — wird
struktur verbessert werden, um einen neuen
über den rasanten Strukturwandel beispielsweise
Arbeitsmarkt zu erschließen und um einer 'Rezes-
im Einzelhandel, in dem immerhin in den letzten
sion vorzubeugen.
Jahren 26 000 Betriebe ausgeschieden sind, kein
Auf der anderen Seite wird natürlich immer wie- Wort verloren. Es werden nicht die Gründe für die-
der eingewandt, in der Hochkonjunktur stünden die sen Strukturwandel angegeben, und es wird nicht
Mittel nicht zur Verfügung; man liefe sonst Ge- gesagt, was man tun könne, um den Strukturwand-
fahr, die Konjunktur zu stark anzuheizen. In Zeiten lungsprozeß für die Betroffenen zu erleichtern.
der Rezession wird dann mit Recht eingewandt, man Natürlich wird in dem Bericht der Bundesregie-
sei nun ja nicht in der Lage, die nötigen Mittel zu rung auch über den technischen Fortschritt und zu-
mobilisieren. Ich meine, daß dieses immer wieder- kunftsweisende Produktionszweige gesprochen. Es
kehrende Phänomen — ich möchte das jetzt nicht werden eine Reihe von Beispielen angeführt: Flug-
als eine Kritik an der derzeitigen Regierung ver- zeugbau, Datenverarbeitung, Schiffbau. Dabei wäre
standen wissen — Anlaß geben sollte, zu durch- zu sagen: die Regierung vergißt hier, darzulegen, daß
denken, ob man nicht zu neuen Prioritäten kommen für den Schiffbau gerade nach der Aufwertung be-
muß. Jede Verbesserung der Produktionskombina- reits im vergangenen Jahr ein Programm hätte er-
tion und jede Mobilisierung der Leistungsreserven in wartet werden müssen. Es ist erst jetzt gekommen.
den Randgebieten ides Wirtschaftsprozesses sind Aber — und das ist interessant — auch hier werden
wachstumspolitisch wirksam und zukunftsorientiert. nur einige Bereiche der Großwirtschaft genannt, und
Wir müssen deshalb auch bei den konjunkturbe- auch hier ist eine betriebsgrößenorientierte Struktur-
dingten Investitionsprogrammen nach Möglichkeit politik zu vermissen.
die strukturpolitisch wichtigen Investitionen bevor-
zugen. Wir wissen alle, daß sich gewisse Erkenntnisse
allmählich durchsetzen. Als Servan-Schreiber sein
Nun sagt die Bundesregierung in ihrem Struktur- Buch über die „Amerikanische Herausforderung"
bericht, daß es ihr nicht gelungen ist, ein umfassen- schrieb, war er damals noch der Auffassung, daß
des Konzept vorzulegen, und sie beschränkt sich man den Giganten der amerikanischen Wirtschaft
leider auf Teilaspekte. Man könnte sagen: über entsprechende europäische Großbetriebe entgegen-
Raumordnung und Städtebau wird ja noch ein Be- setzen müsse. Heute, bei seinen Programmen für
richt vorgelegt. Das Bedauerliche ist aber, daß auf ein neues Frankreich, kommt er zu einer sehr viel
einen ganz entscheidenden Punkt unserer Wirt- differenzierteren Auffassung über die adäquate
schaftspolitik in diesem Bericht kein Bezug genom- Struktur einer Wirtschaft, die sich im modernen
men wird, und das sind die Grundsätze einer unter- Leben behaupten soll.
nehmensgrößenbezogenen Strukturpolitik. Auch hier
Wir wissen, daß die Leistungsfähigkeit und der
hat es wiederholt Ankündigungen gegeben. So Anteil der kleineren und mittleren Unternehmen an
wurde beispielsweise im Jahre 1969 angekündigt, der Gesamtwirtschaft ständig steigt und daß viele
man wolle diese Grundsätze demnächst vorlegen. bahnbrechende technische Ideen aus diesem Bereich
Leider gibt es bisher nur Beratungsgruppen im Bun- kommen. Es gibt in den Vereinigten Staaten einen
desministerium für Wirtschaft und keine konkreten - Bericht des Senatsausschusses für Antitrust- und
Angaben. Monopolfragen, in dem das bestätigt wird. Wir alle
Nach unserer Auffassung müßte zu folgenden Pro- wissen aus der Praxis, daß viele technische Neuerun-
blemen Stellung genommen werden: zum Problem gen — ich denke an den Wankelmotor, den Elektro-
der Unterkapitalisierung in vielen Bereichen der motor und an Reproduktionstechniken — nicht in
deutschen Wirtschaft, zur Frage der Gründung von kapitalmäßig stark ausgestatteten Großbetrieben
Kapitalbeteiligungsgesellschaften, zum Thema der entstanden sind, sondern daß sich technischer Fort-
Erleichterung des Zulassungsverfahrens und der Zu- schritt in allen Bereichen der Wirtschaft vollzieht.
lassungsvoraussetzung für Rationalisierungskartelle. Präsident Johnson hat in der letzten Phase seiner
Es müßte mehr gesagt werden über die Koopera- Regierung einen Bericht angefordert, der, von 16
tionsförderung, mehr über die Gemeinschaftsfor- Wissenschaftlern ausgefertigt, dem amerikanischen
schung und — das, meine ich, muß hier auch ein Kongreß vorgelegt worden ist. Dort heißt es, daß
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970. 2589
Gewandt
vier Fünftel aller Wissenschaftler und Ingenieure halten, alle Projekte unter dem Gesichtspunkt der
in den Vereinigten Staaten in Großbetrieben oder Kosten-Nutzen-Analyse zu prüfen und eine Erfolgs-
aber an staatlich geförderten Universitäten tätig sind kontrolle durchzuführen. Die Bundesregierung geht
und forschen, daß aber ihr Gesamtanteil an den Er- auf dieses Thema ein, sagt aber noch nicht, wie sie
gebnissen der modernen Technologie nur ein Fünf- sich eine Strukturpolitik nach ökonomischen Krite-
tel beträgt. Das heißt, um es einmal mit den Wor- rien vorstellt, wie sie zu neuen Dringlichkeiten
ten von Professor Drucker zu sagen, der kürzlich kommen und die größtmögliche Effizienz ihrer Maß-
ein Buch über diese Frage herausgegeben hat, daß nahmen sicherstellen will.
es in einem Zeitalter, in dem technische Neuerungen Wir müssen also abschließend feststellen, daß die-
rasch und aktiv Bedeutung erlangen, lebenswichtig ser Bericht keine Strukturpolitik aus einem Guß
sein wird, alle Bereiche, und zwar auch die kleinen gebracht hat, daß hier eine Fülle von Einzelmaßnah-
Unternehmen, an der technologischen Entwicklung men aufgeführt werden, daß zum wesentlichen Be-
zu beteiligen und ihnen die nötige Kapitalausstat- reich der betriebsgrößenorientierten Politik nichts
tung zu _ermöglichen. Er kritisiert in diesem Zusam- gesagt wird, daß die Aussagen zum Thema der Inno-
menhang — das hätte auch in einen deutschen vation unzureichend sind und daß wir leider noch
Strukturbericht hineingehört — die Doppelbesteue- immer keine Erfolgskontrolle haben, so daß nicht
rung des Gesellschaftseinkommens in den Vereinig- die Sicherheit besteht, daß die getroffenen Maßnah-
ten Staaten, die natürlich dazu führt, daß das Kapi- men auch den nötigen Nutzen bringen.
tal in den großen Gesellschaften belassen und prak-
tisch subventioniert wird. Wir möchten deshalb hoffen, daß der nächste Be-
richt, der uns vorgelegt wird, nicht eine Fleißarbeit
Es gibt Anregungen, wie dieses Problem zu lösen von Beamten ist, die etwas herausgesucht haben,
wäre. Ich denke dabei an den Stützel-Plan. Sicher was ohnehin im Haushalt der Bundesregierung vor-
wird manches gegen dessen Praktikabilität einzu- zufinden ist, sondern daß wir wirklich zu einer
wenden sein. Aber man muß nach meiner Auffas- Strukturpolitik aus einem Guß kommen. Denn ge-
sung in einem Strukturbericht der Regierung zu rade in der Zeit der Hochkonjunktur ist es wichtig,
diesem Thema Stellung nehmen und eigene Vorstel- die Strukturmaßnahmen durchzuführen, die es uns
lungen entwickeln. Wir sind dabei, einen Stufen- erlauben, auf einem gesunden wirtschaftlichen Fun-
plan zur Verbesserung der Kapitalbildung in der dament auf eine zukunftsorientierte Wirtschaft zu
Wirtschaft zu entwickeln. Wir erwarten aber, daß vertrauen, ohne daß wir uns wegen der Struktur-
in einem Strukturbericht zu diesem wesentlichen mängel, die in der Hochkonjunktur häufig über-
Thema Stellung genommen wird. deckt werden, in der Zukunft werden Sorgen ma-
Dieses Thema wird auch von der EWG-Kommis- chen müssen.
sion angeschnitten. Ich möchte hier ausdrücklich das (Beifall bei der CDU/CSU.)
unterstreichen, was in dem Memorandum der EWG-
Kommission auf Seite 89 gesagt wird, nämlich:
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
Die kleinen oder mittleren Unternehmen haben Staatssekretär Dr. Arndt.
in einer technologisch fortschrittlichen Wirt-
schaft eine beträchtliche Rolle zu spielen. Man
hat insbesondere festgestellt, daß zahlreiche Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Innovationen auf Erfindungen zurückzuführen Bundesminister für Wirtschaft: Herr Präsident!
sind, die in Kleinunternehmen entwickelt wur- Meine Damen und Herren! Am 8. Mai hat die Bun-
den. desregierung den Strukturbericht 1970 dem Deut-
Wir sehen also, wie wichtig solche innovations- schen Bundestag zugeleitet. Heute, nicht ganz drei
orientierten Unternehmen sind. Es fehlt in dem Wochen später, steht .der Strukturbericht zur De-
Strukturbericht ein Hinweis darauf, welche Folge- batte. Die Bundesregierung begrüßt die rasche Bera-
tung dieses Dokuments gemeinsamer Erfolge. Sie
rungen die Bundesregierung aus den Feststellungen
erwatvondisBugKrtkwesäi-
der Europäischen Kommission zu ziehen beabsich-
gung, Anerkennung wie Anregung. Denn, meine
tigt und welche Maßnahmen die Bundesregierung
Damen und Herren, das Experiment Strukturpolitik
im Rahmen ihrer Strukturpolitik in diesem Bereich
ist in vollem Gange. Wir stehen im vierten Jahr der
vorhat.
neuen Strukturpolitik. Es ist gesät, und es wird
Wir wissen, daß in Frankreich eine eigene Insti- - geerntet.
tution gegründet worden ist, um die Innovation im
Diese neue Strukturpolitik entstand 1966/67 in
Bereich der mittelständischen Wirtschaft zu fördern.
wirtschaftlich schwerer Zeit: mehr als eine halbe
Das gleiche gilt für Großbritannien. Wir vermissen
Million Menschen arbeitslos, eine viertel Million
einklarAusgdBeirnzusm
Menschen in Kurzarbeit, Ungezählte in Angst, die
wesentlichen Thema. Es ist bedauerlich, daß zwar
nächsten zu sein, dazu leere Staatskassen, unbe-
die Innovation gefördert werden soll und man auch
zahlte öffentliche Aufträge, Zusammenbrüche bei
Gelder dafür ausgewiesen hat, daß aber zugleich
an sich leistungsfähigen mittelständischen Existen-
gesagt wird, man wolle die entsprechenden Mittel
zen; selbst größte Konzerne kamen ins Wanken.
zunächst sperren.
Dies war die Stunde der neuen Wirtschaftspolitik,
Ein anderes wichtiges Thema ist natürlich die Ef- die Stunde der Aktion. Aber welcher Aktion? Was
fektivität der Maßnahmen. Nach den Grundsätzen sollte 'geschehen? So wurde gefragt, und so wurde
der Haushaltsführung ist die Bundesregierung ge vielfach gleich selbst geantwortet.
2590 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Arndt


1966/67 war deshalb auch die Zeit der Ideen, der gegeben. Die Kilometerpauschale für den Arbeitneh-
zahlreichen Vorschläge aus der Arbeiterschaft, aus mer wurde damals, Anfang 1967, wieder angehoben.
dem Mittelstand, aus den Großunternehmen. Aber Es gab Aufträge der Post und .der Bundesbahn an
es waren Ideen, die als Hilferufe kamen. Ihnen die Elektroindustrie. Aber es gab keine Subsidierung
fehlte der Beiklang der kühlen Ratio. Der Beiklang dieses oder jenes avantgardistisch scheinenden Um-
dieser Ideen war Drängen, Zweifeln und Verzwei- stellungsprogramms in der Autoindustrie, in der
feln. Elektrotechnik, in der Stahlindustrie mit anschlie-
ßender Einführung der Planifikation, wie wir das in
Die Spannweite dieser Ideen ging vom absoluten
Nichtstun, vom Laisser-faire, bis zu Vorschlägen anderen und gar nicht so weit entfernten Ländern
zur Einführung der Planwirtschaft. Das heißt, die kennen.
Spannweite ging von vorgestern bis zum Zukunfts- Um hier ganz klar zu sein: dieser dritte Weg war
roman, beides Extreme, nicht akzeptabel für die ein Versuch, kein fertiges Rezept. Es war ein Tasten,
Bundesegierung. Beides waren in die Irre leitende aber kein Plan. Dieser Weg wurde bewußt wie un-
Rezepte der Krise. bewußt gegangen. Was die neue Wirtschaftspolitik
Doch um die Aktion konkurrierten ernsthaft zwei zu diesem Weg führte, war das Vertrauen in die
Kraft der marktwirtschaftlichen Ordnung, und dies
Ideengruppen: Die erste ging davon aus, es gebe
eine Strukturkrise, keine Konjunkturkrise; es gebe nicht nur wegen ihrer Überlegenheit in der Effizienz
zwar Arbeitslose, dennoch seien viele Arbeitsplätze schlechthin. Es ist gut, diese Überlegenheit zu haben.
noch nicht gefährdet. Besonders im ländlichen Be Es ist gut, Arbeitskraft nicht zu verschwenden, mit
reich, fernab der großen Ballungszentren, schien das Maschinen und mit Material so sparsam wie mit sei-
[Link] nem Eigentum umzugehen, denn beides ist letzten
wurde geraten: keine Konjunkturpolitik und keine Endes wiederum Arbeitskraft. Arbeitskraft als Ge-
Globalsteuerung, sondern punktuelle Hilfsmaßnah- genstand materiellen Wertes, als etwas, was teuer
men. Welche? Zum Beispiel öffentliche Aufgaben bezahlt werden muß, das wirkt auch als Bollwerk
für die daniederliegende Montanindustrie mit öffent- gegen die Ausbeutung der Arbeitskraft. Wir wissen
lichen Mitteln. Das lief — und das war ein sehr aus eigener Erfahrung, welche Verschwendung von
bekannter Vorschlag — etwa darauf hinaus: Was Arbeitskraft in Kommiß- und Kommandowirtschaf-
indesrZtfüRhalguis,wrdchfü ten möglich ist und welcher Verzicht an Lebensstan-
das Ruhrgebiet als Ganzes gut sein. dard allein deshalb dem einfachen Mann zugemutet
wird.
Die zweite Gruppe von Ideen sah die Rettung in
Doch es waren nicht die Produktivitäts- und
reiner Konjunkturpolitik, in Stärkung der Gesamt-
Wachstumsverluste allein, die die neue Wirtschafts-
nachfrage, niedrigen Zinsen, womöglich Steuersen-
politik von den sektoralen Komitees der Planifika-
kungen und Exportförderung, aber keineswegs in
tion fernhielten: von Komitees zur Förderung von
Strukturpolitik. Es hieß, diese Krise sei eine Reini-
diesem und jenem, Herr Gewandt, und letzten Endes
gungskrise, eine Art Säuberung im Kapitalismus,
-von gar nichts. Es waren nicht die Produktivitäts
und wer da weggespült werde, so hieß es — und es
und Wachstumsverluste allein; denn wir huldigen
war nicht einmal zynisch gemeint, obwohl es so
nicht der Auffassung, daß alles, was für das Brutto-
klang —, der könne es wohl nicht anders verdient
sozialprodukt gut ist, auch für alle gut ist. Wirt-
haben. In diese Reihe des Denkens gehören Sätze,
schaftspolitische Ziele sind nicht letzte Ziele, und
wie wir sie damals auch hörten: „Industrie im
Zonenrandgebiet, das ist Unsinn; dahin gehört Wachstum, Geldwertstabilität und Vollbeschäfti-
gung sind selbst nur Teile eines Ganzen. Sie sind
Fremdenverkehr und sonst nichts", oder zur Stein-
Voraussetzungen für das Hauptziel, nämlich die
kohle: „Wenn die Kohle so wertvoll ist, wie immer
Sicherung und den Ausbau der freiheitlichen sozia-
gesagt wird, dann lassen wir sie doch im Boden und
len Ordnung. Fester Bestandteil dieser Ordnung ist
holen sie nicht heraus."
die Marktwirtschaft; denn Marktwirtschaft heißt
Meine Damen und Herren, die neue Wirtschafts- Dezentralisierung der Entscheidungsmacht über Ar-
und Finanzpolitik ging weder den einen noch den beitsplätze, über Löhne, über Aufträge und über
anderen Weg, sondern sie versuchte, die Konjunk- Preise.
tur durch Globalsteuerung anzuregen und zu-
gleich die Strukturen zu verbessern. Neue Schulen, Ich nannte die neue Strukturpolitik ein Experi-
Straßen, Krankenhäuser, die Erhaltung des Altwoh- ment. Nun, wir stehen im vierten Jahr dieses Expe-
nungsbestandes — ein typisch mittelständisches - riments. Aus den tastenden Versuchen ist gelassene
Aktion geworden. Die Investitionszulage in den
Programm —, ,das war auch klassische Konjunktur-
politik. Diese Schulen und Straßen entstanden in Bergbaugebieten, im Zonenrandgebiet, in den übri-
erster Linie im Zonenrandgebiet, in Berlin, an der gen Fördergebieten ist Ratio, ist geplante Vernunft.
Als Experiment fand diese Investitionsprämie viel
Ruhr und an ,der Saar. Von dort, durch diese Auf-
träge, verteilte sich ein Strom von Unteraufträgen früher statt: 1962 in Berlin unter dem damaligen
Über das ganze Land, auch über die Ballungszentren. Wirtschaftssenator und heutigen Bundeswirtschafts-
minister Professor Karl Schiller.
Diese Verbindung von Konjunktur- und Struktur-
politik, diese Verbindung von Global- und Spezial- Das Examen jedes Experiments ist die Wirklich-
steuerung wurde auch verwendet bei der Eindäm- keit, ist die Realität. In Berlin gab die Wirklich-
mung der speziellen Krisenherde. Der Kohlever- keit nach zwei Jahren für diese Investitionsprämie
brauch wurde bei den Kunden verbilligt, und es ein „cum laude". Ich wage zu behaupten: Nach zwei
wurden keine Kostenzuschüsse ,an die Produzenten Jahren dieser Investitionszulage an Ruhr und Saar
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2591
Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Arndt
dürfte das Urteil dort noch besser ausfallen. Denn Gelen wir nach Niedersachsen! Dort blüht Salz-
was haben wir bisher erreicht? 118 000 neue Ar- gitter im Zonenrandgebiet; es herrscht Zuversicht in
beitsplätze an Ruhr und Saar und ein Investitions- Peine und in Helmstedt. Eine Nachricht für viele Er-
volumen von 12,5 Milliarden DM auf Grund dieser folge: Salzgitter und Northeim konnten aus der
Investitionsprämien. Investitionsförderung von 25% entlassen werden;
der Zuschuß konnte dort auf den Normalwert ver-
Nun könnte man sagen: Im Ruhrgebiet ist das mindert werden. Hier haben die Menschen an Ort
kein Wunder. Meine Antwort wäre: Noch Ende 1967 und Stelle ihr Ziel und unser Ziel erreicht: aus Not-
wurde das in diesem Hohen Haus ganz anders ge- standsgebiet wurde Wohlstandsgebiet. Diese Son-
sehen. Erinnere ich mich richtig? „Schiller kriegt die derförderung von 25 % wird damit für zwei andere
Konjunktur nicht hoch; er wird mit der Kohlenkrise Orte in Niedersachsen frei. Denn regionale Förde-
nicht fertig; die strukturpolitischen Maßnahmen rungsmittel sind für uns keine Dauerbrenner, sie
geifen im Ruhrgebiet nicht." Dieser verständliche sind Initialzündung. Sobald sie ihr Ziel erreicht
Kleinmut damals ist noch gar nicht so lange vorbei haben, müssen sie abgebaut werden. Sie sollen
— heute ist neuer Kleinmut da —, und doch liegt Chancen für die Menschen an Ort und Stelle und für
er um eine ganze Ara hinter uns. Wir versuchen die Initiativen dieser Menschen schaffen. In dieser
uns mühsam zu erinnern. Er liegt eben um die Ära Art Konzert, in dieser gemeinsamen Aktion stellt
dieser neuen Wirtschaftspolitik hinter uns. die Bundesregierung nur die Instrumente. Alles
Ein Zweites: Die Regierung hat sich auch von andere, das ganze Stück von der Ouvertüre bis zum
ihrem damals gefundenen energiepolitischen Kurs Finale besorgen die Menschen im Aktionsraum.
nicht abbringen lassen. In diesem Sommer gehen Deshalb ist und bleibt dieses Stück ihr Stück und ist
wir das erstemal in Landtagswahlen in Nordrhein- unsere Strukturpolitik auch ihre Strukturpolitik.
Westfalen und im Saargebiet ohne neue Kohle-
Zu diesem Werkzeug gehören die regionalen
subventionen.
Aktionsprogramme. Sie bringen Übersicht, setzen
(Zuruf des Abg. Niegel.)
Teilziele, nennen die Hilfen. Sie kennen keine Kreis-
Bonn und Düsseldorf sind fest geblieben wider Er- grenzen, mitunter nicht einmal Landesgrenzen. Sie
warten so mancher Zeitgenossen und wider Erwar- sind ein Stück kooperativer Föderalismus an der
ten des Oppositionsführers in Nordhein-Westfalen, Basis. Von den Zahlen des Erfolges nur eine: 20 000
der mitten im Tarifstreit — das muß ich sagen — zusätzliche Arbeitsplätze sollten pro Jahr geschaf-
Hoffnungen auf Subventionen in Bonn machte und fen werden; 44 000 Arbeitsplätze sind 1969 angeregt
damit die Kampffronten verhärtete. Das war ein ge- worden.
fährliches Spiel mit der Sicherheit unserer Wirt-
Ich komme nun zur Verbindung von Struktur und
schaft und unserer Arbeitsplätze.
Konjunktur. Heute sehen wir: ob Montanindustrie
(Zurufe von der CDU/CSU.) oder ob Werften, ob Mittelstand — und was dafür
Nun, wir sind fest geblieben. Das liegt an der bes- geschieht, ist im einzelnen im Strukturbericht auf-
seren Wirtschaftslage, das liegt aber auch an den geführt — ober ob big business: die Wirtschaft lebt,
anderen Männern. die Wirtschaft floriert, es kann gearbeitet und es
kann auch verdient werden — überall, an der Saar
Soweit die Ruhr. Wie steht es mit der Saar? wie an der Weser, in Oberfranken, in der Ober-
Allein auf Grund der Investitionsprämien wird es pfalz wie im niedersächsischen Zonenrandgebiet.
29 000 neue Arbeitsplätze geben, entsteht ein zu- Denn die neue Wirtschaftspolitik ist den richtigen
sätzliches Investitionsvolumen von 2,1 Milliarden Weg gegangen, den dritten Weg, ohne Doktrinen,
DM in der gewerblichen Wirtschaft. Das ist der aber mit Ideen, ohne Wahlversprechungen, aber mit
Stand vom April, und bei diesem Stand wird es viel Geld.
nicht bleiben.
Wie Sie aus den Zahlen sehen — man traut sie
Dieser Schwung und diese Aktivität zeigen sich
sich nicht zu nennen —, ist seit der neuen Wirt-
im Saarland, einem Gebiet, das totgesagt wurde, das
schaftspolitik jährlich ein Vielfaches der früher ge-
der Saarländer für sich selbst schmerzlich als Sar-
wohnten Geldmenge in die Förderungsgebiete ge-
gasso-See Europas empfand. Dort bewegte sich nichts,
flossen. Außerdem hat sich der Multiplikator dieser
während rundherum das Leben pulsierte. In diesem
Finanzierungsmittel noch von 3 auf 12 erhöht. Das
Gebiet mitten im Herzen Europas, aber ohne Ver-
sind strukturpolitische Chancen. Sie werden in die-
bindung, herrschten bis 1967 Stillstand, Abwande-
ser Konjunktur natürlich voll genutzt; denn die
rung, Enttäuschuung über die Zugehörigkeit zur
Gesamtnachfrage schafft Investitionen und drängt
Bundesrepublik; das müssen wir offen sagen. Dann
danach. Diese Gesamtnachfrage ist seit mehr als
kamen die Konjunkturprogramme, die neuen Stra-
zwei Jahren stabil, und sie wird stabil bleiben.
ßen, die zielbewußte Erschließung von Industrie-
gelände. Dann kam der Konjunkturaufschwung, Niemand wird diese Bundesregierung dazu brin-
kurzum, es kam die neue Politik, und auch hier ver- gen, die gute Wirtschaftslage, die Sicherheit der
änderte sie die Wirklichkeit; sie veränderte sie in Existenzen aufs Spiel zu setzen oder von anderen
Saarbrücken wie in Saarlouis, in St. Wendel wie in aufs Spiel setzen zu lassen. Diese Art Garantie gibt
St. Ingbert. Heute ist der wirtschaftliche Aufbau in die Bundesregierung gern ab: Keine Garantie auf
vollem Gange, und das Saargebiet liegt vorn. Die Vollbeschäftigung an jeder Stelle und für jeden
Zuwachsrate hat dort im vorigen Jahr die des Bun- Arbeitsplatz, aber eine Garantie auf die Sicherheit
desdurchschnitts übertroffen, und das ist vielleicht der Arbeit für alle, die arbeiten wollen. Eine Garan-
der schönste Erfolg der neuen Strukturpolitik. tie auf soziale Sicherheit, auf steigenden Wohlstand;
2592 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Arndt


und da meinen wir privaten wie öffentlichen Wohl- Die Bundesregierung setzt auf die Zukunft. Sie
stand. setzt auf den Produktivitätsgewinn der neuen Inve-
(Zuruf von der CDU/CSU: Sicherheit der stitionen. Sie will den Aufschwung in den Förder-
Währung!) gebieten, weil ihr Ziel heißt: politische Stabilität,
nämlich die Stabilität des wirtschaftlichen und sozia-
len Fortschritts in allen Räumen und in einer Ge-
Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine sellschaft freier Menschen.
Zwischenfrage?
(Beifall bei den Regierungsparteien.)

Dr. Hermesdorf (Schleiden) (CDU/CSU) :Herr Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat Herr
Staatssekretär, können Sie bestreiten, daß die Struk- Abgeordneter Junghans. Seine Fraktion hat für ihn
turprobleme an ,der Ruhr und auch an der Saar durch eine Redezeit von 30 Minuten erbeten.
die Konjunktur praktisch nur überdeckt und beileibe
noch nicht gelöst worden sind, wie es selbst der
Ihrer Partei angehörende Wirtschaftsminister von Junghans (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen
Nordrhein-Westfalen, Kassmann, noch vor wenigen und Herren! Zum zweitenmal seit Bestehen der
Tagen festgestellt hat? Bundesrepublik hat die Bundesregierung einen
Strukturbericht vorgelegt. Darin stellt sie die Rah-
menbedingungen, die Ziele und Mittel für eine er-
Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär beim folgreiche Strukturpolitik dar. Ich möchte im Namen
Bundesminister für Wirtschaft: Ich will Ihnen darauf meiner Fraktion die Vorlage dieses zweiten Doku-
antworten. Wenn Sie die Macht hätten und eine mentes ausdrücklich begrüßen.
Rezession machten, dann hätten Sie Strukturpro-
bleme an jeder Stelle der Wirtschaft. (Beifall bei der SPD.)

(Beifall bei der SPD. — Zurufe von der Ich will mich zunächst auf Fragen der regionalen
CDU/CSU.) Strukturpolitik beschränken. Mein Kollege Lenders
wird im wesentlichen auf das eingehen, was der Kol-
Aber auch ,die neue Strukturpolitik hat ihren lege Gewandt vorgebracht hat. Stärker noch als
Preis. Nichts ist umsonst in dieser Welt. Nichts der Strukturbericht 1969 ist der Bericht 1970 eine
bleibt ohne Nebenwirkungen in der Ökonomie. Eine Bilanz der Erfolge unserer Strukturpolitik. Das Er-
Nebenwirkung der neuen Blüte an der Saar, im gebnis ist eindrucksvoll. Es ist sogar eindrucksvol-
Ruhrgebiet und in Niedersachsen ist, daß wir die ler, als wir es uns bei Beginn dieser neuen Struktur-
normale Investitionskonjunktur noch regional ver- politik haben träumen lassen. Ich möchte deshalb I
stärken. nicht versäumen, von dieser Stelle aus auch dem
Die Bundesregierung gibt sich nicht der Täuschung Mann zu danken, der bei der Übernahme des Wirt-
hin, daß diese zusätzlichen Investitionen im Zonen- schaftsressorts im Dezember 1966 diese neue, er-
randgebiet, an der Saar und in Berlin etwa auf Ko- folgreiche Ara der Strukturpolitik eingeleitet hat:
sten anderer Investitionen in den Ballungsgebieten ich meine den Bundeswirtschaftsminister Professor
gehen. Diese Investitionen werden zum überwie- Karl Schiller.
genden Teil zusätzlich vorgenommen. Das sind viele (Beifall bei der SPD. — Abg. Breidbach:
Milliarden. Es gibt keine Schätzungen, wieviel es Preissteigerungen!)
genau sind. Aber in der Qualität müssen wir uns
klar sein: Wir verstärken mit dieser regionalen För- — Ich komme noch- darauf zurück.
derung die zusätzliche Investitionsnachfrage in der Aber leider ist bei der Auseinandersetzung über
Gesamtwirtschaft und damit die Spannungen in den die Preise und die Konjunkturpolitik fast völlig ver-
Investitionsgüterindustrien. gessen worden, daß wir mit unserer Strukturpolitik
So ist die Lage kurzfristig. Auf lange Frist — das in den wirtschaftlich benachteiligten Gebieten — ich
meine das Zonenrandgebiet, die Bundesausbauge-
wissen wir, und das ist im Strukturbericht gesagt —
biete und die Steinkohlengebiete — seit ein paar
geht die Rechnung auf; denn die neuen Investitionen
Jahren einen Umwandlungsprozeß in Gang gesetzt
in den ländlichen Räumen werden für das langfri-
und so weit vorangetrieben haben, daß eine nach-
stige Wachstum nur von Vorteil sein. Sie bringen
haltige Gesundung und eine Heranführung an das
zusätzliche Produktivität für die Gesamtwirtschaft,
Wohlstandsniveau anderer Bundesländer erzielt
und sie stärken damit die wichtigste Waffe der Re-
gierung im Kampf für .die Stabilität des Geldwerts. worden ist.
(Zuruf von der CDU/CSU: Was heißt hier
Aber die Entscheidung zwischen der Stabilität von „wir"?)
morgen und einem etwas Weniger an Geldwertsta- Das ist eine Leistung, die durch beharrliche und
bilität heute ist nicht so leicht gewesen. planvolle Maßnahmen erreicht wurde. Diese Lei-
Wie Sie wissen, hat die Bundesregierung unter stung lassen wir uns auch nicht durch Sie, meine
Abwägung aller Umstände dennoch beschlossen, die Damen und Herren von der Opposition, schmälern.
Strukturpolitik für die Förderungsgebiete auch in (Lachen und Zurufe bei der CDU/CSU.)
der Hochkonjunktur fortzusetzen, und zwar in un-
vermindertem Tempo. — Ich habe hier 1958 über die Mittel der Struktur-
politik tauben Ohren gepredigt. Sie können die Rede
(Beifall bei der SPD.) nachlesen; ich lese sie heute gern noch nach.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2593
Junghans
Ich möchte noch einmal ausdrücklich feststellen, haltiger wirkt als anderswo. Auch das ist eine Er-
daß eine geplante und gezielte Strukturpolitik schon fahrung, die wir heute nicht vergessen sollten. Ich
immer ein Anliegen der SPD war. Nur eine solche möchte noch einmal daran erinnern, daß man zu
Politik garantiert, daß wir den Auftrag des Grund- jener Zeit z. B. für viele Teile des Zonenrandgebie-
gesetzes erfüllen können, nämlich die Einheitlichkeit tes hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Zukunft keinen
der Lebensverhältnisse in den Bundesländern und roten Heller mehr gegeben hätte.
zwischen den einzelnen Regionen herzustellen.
(Lachen bei der CDU/CSU.)

Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine Das galt auch für Ruhr und Saar. Hier war die
Zwischenfrage des Abgeordneten Hermesdorf Arbeitslosigkeit besonders groß. Viele wurden von
(Schieiden)? — Bitte schön! Kurzarbeit betroffen, und es herrschte auch allge-
mein Angst. Über 80 % der Arbeitnehmer hatten
Dr. Hermesdorf (Schleiden) (CDU/CSU) : Herr diese Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Die Ver-
Kollege, wissen Sie, daß regionale Strukturpolitik luste der Unternehmen waren höher als anderswo.
im Lande Nordrhein-Westfalen in ganz besonderem
Maße, sehr erfolgreich und sehr früh von einer CDU-
Vizepräsident Dr. Schmid: Eine Zwischen-
Landesregierung betrieben worden ist und daß das,
frage.
was Sie eben als Erfolg der regionalen Strukturpoli-
tik im Bundesgebiet kennzeichneten, von der Bun-
desregierung Kiesinger geleistet worden ist? Balkenhol (CDU/CSU) : Herr Kollege Junghans,
(Zuruf von der SPD: Woher kommen Sie?) wissen Sie, daß auf Grund Ihrer und der Struktur-
politik der Landesregierung von Nordrhein-West-
Junghans (SPD) : Dazu will ich Ihnen zwei Dinge falen bereits heute in den ländlichen Gebieten Nord-
sagen. Erstens. Der Erfolg dieser Politik im Ruhr- rhein-Westfalens in der Bauindustrie wieder Arbei-
gebiet war die Steinkohlenkrise. ter entlassen werden?

(Beifall bei der SPD.)


Junghans (SPD) : Ich würde sehr bitten, daß Sie
Zweitens. Ich bitte Sie, doch einmal nachzulesen, einmal die Zahlen nennen. Natürlich gibt es Entlas-
was der damals zuständige Ausschuß nach einer sungen; es gibt aber selbstverständlich auch Einstel-
Reise durch das Zonenrandgebiet 1965 in einem um- lungen. Mir ist nur bekannt, daß auf Grund des
fangreichen Dokument hat feststellen müssen. Sie Steinkohlegesetzes, das hier in diesem Hohen Hause
wollten das gar nicht; Sie haben es an Ort und verabschiedet worden ist, im Ruhrgebiet für 12,5
Stelle feststellen müssen. Der damalige Ausschuß- Milliarden DM Anträge auf Schaffung neuer
vorsitzende ist heute der Vorsitzende unserer Frak-
Arbeitsplätze vorliegen.
tion. Ich empfehle sehr, dieses Dokument wieder
einmal nachzulesen. Sie werden dabei feststellen,
wie gering die Effektivität der Maßnahmen in den Vizepräsident Dr. Schmid: Eine weitere Zwi-
50er Jahren in diesen Gebieten war. schenf rage.
Erinnern wir uns doch an die 50er und an die
erste Hälfte der 60er Jahre, als sich der Wiederauf- Dasch (CDU/CSU) : Herr Kollege Junghans, glau-
bau der deutschen Wirtschaft vollzog. Während in ben Sie nicht, daß durch die 20- bis 30%ige Steige-
einigen Gebieten ein heftiges und rasantes Wachstum rung der Baukosten die Investitionsvorhaben we-
zu verzeichnen war, ging an anderen Gebieten der sentlich eingeschränkt werden?
Wiederaufstieg völlig vorbei. Diese Gegenden führ-
ten das Schattendasein von Notstandsgebieten; sie (Zurufe von der SPD: Ja und? — Was soll
blieben permanent in ihrer Entwicklung hinter dem denn das heißen?)
übrigen Bundesgebiet zurück. Die Schere zwischen
dem Wohlstand der übrigen Gebiete und diesen Junghans (SPD) : Ich glaube, Sie kennen die
Notstandsgebieten öffnete sich zusehends. Statistiken nicht. Sie wissen doch ganz genau, daß
Das bekamen — und deswegen spreche ich hier — die Aufträge für Investitionen nach wie vor zahl-
besonders die Arbeitnehmer zu spüren. Ihre Ein- reich sind. Daran ist doch kein Zweifel. Und wenn
kommen waren beträchtlich niedriger als anderswo; Sie von 20 bis 30% reden, weiß ich nicht, woher
-
ihr Lebensstandard war ebenfalls beträchtlich gerin- Sie Ihre Zahlen haben, wahrscheinlich aus der Baye-
ger. Doch nicht nur das. Die Arbeitnehmer mußten rischen Staatskanzlei.
sich auch auf Arbeitsplätzen zurechtfinden, die (Zurufe von der CDU/CSU.)
wegen der geringen Zahl der Arbeitsplätze von
ganz wenigen Unternehmen bestimmt waren. Hinzu — Darauf kommen wir noch zu sprechen! Die Struk-
kam noch — das ist vorhin in einer Zwischenfrage turpolitik Bayerns kennen wir ganz genau. Passen
angesprochen worden — die besondere Anfälligkeit Sie auf, darauf kommen wir noch zu sprechen!
dieser Gebiete für konjunkturelle Rückschläge. Sie (Abg. Niegel: Das paßt nicht in die Wahl
stiegen zuletzt in die Konjunktur ein und gingen rede hinein!)
zuerst aus der Konjunktur wieder heraus.
— Ich halte hier keine Wahlrede. Ich will hier nur
Die Krise von 1966/67 hat wieder gezeigt, daß deutlich machen, was den Menschen, den Arbeitneh-
eine Rezession in diesen Gebieten tiefer und nach mer die Strukturpolitik angeht.
2594 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordne- Gebieten so auszubauen, daß es den Arbeitnehmern
ter Junghans, die Zahlen aus der Bayerischen Staats- möglich wird, auch die dort vorhandenen größeren
kanzlei verdienen sicher dasselbe Vertrauen wie die Entfernungen in relativ kurzer Zeit zu bewältigen.
Zahlen aller Kanzleien.
(Beifall bei der CDU/CSU.) Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine
Zwischenfrage?
Junghans (SPD) : Ich nehme an, das ist eine
Bewertungsfrage. Junghans (SPD): Ja, bitte!
(Abg. Wehner: Sehr wahr!)
Dr. Giulini (CDU/CSU) : Herr Kollege, würden
Aus der Wirtschaftskrise drohte eine allgemeine Sie zugeben, daß bei aller Würdigung Ihrer Maß-
Staatskrise zu werden. Die Wirtschaft war in einem nahmen für die Arbeitnehmerschaft dadurch leider
so desolaten Zustand, als ein Sozialdemokrat das auch ausländische Großkonzerne in einer Weise ge-
'Ruder in der Wirtschaftspolitik übernahm und mit fördert würden, wie wir es für die kleineren und
Ideen und Tatkraft daran ging, mittleren deutschen Unternehmen nicht haben?
(Lachen bei der CDU/CSU)
die in der Rezession mit großer Heftigkeit ausgebro- Junghans (SPD) : Welche meinen Sie denn?
chene Strukturkrise zu bereinigen. Der hier zur (Abg. Dr. Giulini: Kaiser, Reynolds usw.!
Debatte stehende Bericht ist ein Dokument des Er- — Abg. Dr. Schäfer [Tübingen]:: Was hat
folges dieser 'Politik. — Bitte schön! das damit zu tun? — Abg. Wehner: Jetzt
versuchen Sie, eine Klassenkampfmasche
Vizepräsident Dr. Schmid: Eine Zwischen- zu machen!)
frage, der Abgeordnete Ott. — Wenn Sie hier auf diesem Klavier des Ressenti-
ments spielen wollen, kann ich nur sagen: den
Ott (CDU/CSU) : Herr Kollege Junghans, da Sie Arbeitnehmern ist es egal, wo sie ihr Geld verdie-
vorhin von einer Wirtschaftskrise sprachen, frage nen; das ist ihre Sache.
ich Sie: Ist Ihnen bekannt, Idaß der frühere Vorsit- (Beifall bei der SPD. — Abg. Dr. Schäfer
zende des DGB, Rosenberg, am 1. Mai 1968 in der [Tübingen] [zu Abg. Dr. Giulini] : Eine
„Münchener Abendzeitung" geschrieben hat, das sei merkwürdige Betrachtung!)
überhaupt keine Wirtschaftskrise gewesen? Es stellt sich auch die Frage, wie es dazu kommen
konnte, daß ein großer Teil der Bevölkerung noch
Junghans (SPD) : Mir ist nur bekannt, was Herr vor einigen Jahren die Lage in diesen wirtschaftlich
Schmücker gesagt hat. zurückgebliebenen Gebieten für aussichtslos hielt.
(Abg. Ott: Ist Ihnen das bekannt?) Als die Strukturkrise in der Rezession 1966/1967 ihr
stärkstes Ausmaß erreichte, waren seit Kriegsende
— Ich höre nur, was in diesem Hause gesagt wird. immerhin schon mehr als 20 Jahre verflossen. In
Hier hat Herr Schmücker gesagt, daß diese Krise dieser Zeit hat, von den Jahren unmittelbar nach
gewollt worden ist. Das ist mir bekannt. dem Kriege einmal abgesehen, die CDU/CSU die
(Beifall bei , der SPD.) Richtung in der Wirtschaftspolitik bestimmt,
Ich kann nicht alles nachlesen. Sie können es mir (Abg. Dr. Giulini: Gott sei Dank! Sonst
ja einmal zuschicken, wenn Sie die Freundlichkeit hätten wir eine Planwirtschaft!)
hätten. allerdings ohne erkennbares Konzept. Sie hat sich
(Abg. Ott: Gut, das kriegen Sie! — Abg. damals vor allem darauf beschränkt, auf eine
Wehner: Bloß nicht bange machen lassen!) Ideologie zu vertrauen, auf die Ideologie der Selbst-
Ich habe das auch deswegen in die Erinnerung heilungskräfte der Wirtschaft. Sie war der Meinung,
zurückgerufen, um zu zeigen, daß es in der Struk- daß sich alles einrenken lassen würde, wenn man die
turpolitik nicht um abstrakte Theorien geht. Ich will Wirtschaft nur sich selber überließe. — Bitte schön!
es einmal ganz einfach ausdrücken: es geht schlicht
um den arbeitenden Menschen in den benachteilig- von Thadden (CDU/CSU) : Herr Kollege, wür-
ten Regionen. Strukturpolitik betreiben heißt, dafür den Sie mir zugeben, daß Erregung über die CDU,
zu sorgen, daß für die Arbeitnehmer sichere und die man abliest, nicht recht glaubwürdig wirkt?
besser bezahlte Arbeitsplätze geschaffen werden. (Heiterkeit bei der CDU/CSU. — Lachen bei
Strukturpolitik betreiben heißt auch, dafür zu sor- der SPD. — Abg. Wehner: Sie haben Ihre
gen, daß für die Bevölkerung in diesen Gebieten auswendig gelernt!)
gute Wohnungen, Ausbildungs- und Freizeiteinrich-
tungen zur Verfügung stehen. Dazu gehört z. B.
auch der Bau von Schulen, Sportplätzen und von
Junghans (SPD) : Das war etwas schwach.
mir aus auch Schwimmbädern. Nur wenn die Bevöl- Subventionen wurden mit der Gießkanne über
kerung sich auch in ihrer Freizeit in diesen Gebie- Gerechte und Ungerechte gestreut. Auf der einen
ten wohlfühlt, wird sie nicht bestrebt sein, in die Seite hat man durch das Nichtstun — das wurde in
Ballungszentren abzuwandern. Strukturpolitik be- den Berichten immer wieder beklagt — die passive
treiben heißt ferner, die Verkehrswege in diesen Sanierung gefördert, d. h. man hat diese Gebiete
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2595
Junghans
durch Abwanderung der Arbeitskräfte sanieren Schwerpunkte. Aber ich betone nochmals: Eine Poli-
wollen. Andererseits wurden durch die Erhaltungs- tik: jedem Dorf seine Fabrik, ist keine Strukturpoli-
subventionen die alten Strukturen gefestigt. Der tik; das ist hinausgeworfenes Geld.
Anpassungsprozeß, der auf die Dauer die einzige (Abg. Dr. Schäfer: Sehr richtig!)
Garantie für die Erhaltung von Arbeitsplätzen ge-
wesen wäre, wurde damit verhindert. Die finanziel- Um innerhalb dieses Konzepts eine Koordination
len Mittel, die von Bund und Ländern angesetzt zwischen den strukturpolitischen Maßnahmen von
wurden, waren viel zu niedrig. Eine Koordinierung Bund und Ländern zu gewährleisten und zugleich
dieser Maßnahmen zwischen Bund und Ländern fand den wirtschaftlichen Einsatz der zur Verfügung
praktisch nicht statt. Daß eine solche Politik ohne stehenden Mittel zu garantieren, sind die regionalen
Erfolg bleiben mußte, liegt auf der Hand. Aktionsprogramme — bisher existieren zwölf davon
— aufgestellt worden. Im vorigen Jahr wurde das
Das neue Konzept der Stukturpolitik, das von Gesetz über die Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung
dieser Bundesregierung verwirklicht wird, geht da- der regionalen Wirtschaftsstruktur im Bundestag
von aus, daß man nicht nur auf die Nachteile, die verabschiedet. Durch dieses Gesetz wird die Zu-
auf regionalen und sektoralen Faktoren beruhen, sammenarbeit von Bund und Ländern in der regio-
reagieren sollte. Wir sehen Strukturpolitik nicht als nalen Strukturpolitik in der Rahmenplanung ge-
Ersatz für fehlende Unternehmerinitiative an. Sie ist regelt. Von besonderer Bedeutung ist aber auch, daß
auch nicht der Naturschutzpark für veraltete Struk- hier gesetzlich festgelegt worden ist, daß struktur-
turen oder zum Ausgleich von Gewinnmargen. Nicht politische Maßnahmen schon dann zu ergreifen sind,
nur die bloße Erhaltung der Arbeitsplätze, sondern wenn die Wirtschaftskraft eines Gebietes erheblich
deren ständige Verbesserung und Anpassung er- unter den Bundesdurchschnitt abzusinken droht. Da-
möglicht auch einen sozialen Fortschritt. Um hierbei mit hat die Strukturpolitik auch einen vorbeugenden
nachhaltige Erfolge zu erreichen, betreiben wir Charakter erhalten. Das heißt, in Zukunft braucht
Strukturpolitik heute als Schwerpunktförderung. man nicht zu warten, bis das Kind in den Brunnen
Nur an Schwerpunkten lassen sich die Voraussetzun- gefallen ist, um dann Rettungs- oder Wiederbele-
gen dafür schaffen, daß eine erfolgreiche Ansied- bungsversuche zu machen, sondern wir können auf
lungspolitik auch für größere Unternehmen betrieben
Grund dieser Möglichkeiten verhindern, daß das
werden kann. Kind überhaupt in den Brunnen fällt.

Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine Ich habe vorhin gesagt, daß der Strukturbericht
Zwischenfrage? eine Bilanz des Erfolges ist. Das wird zum Beispiel
daran sichtbar — Herr Staatssekretär Dr. Arndt
Junghans (SPD) : Ja, bitte schön. sprach davon —, daß aus dem regionalen Förde-
rungsprogramm 1969 allein 44 000 neue Arbeits-
plätze geschaffen wurden, obwohl ursprünglich nur
Dasch (CDU/CSU) : Herr Kollege Junghans, sind 20 000 geplant waren. Von diesen 44 000 Arbeits-
Sie in der Lage, zu sagen, wie groß nach der Mei-
plätzen wurden allein 18 000 in Niedersachsen ge-
nung Ihrer Fraktion so ein Schwerpunktgebiet — in
schaffen, dagegen in Bayern, das ja immerhin noch
Bevölkerungszahlen ausgedrückt — sein soll? beträchtlich größer ist, nur 4000. Sie können zwei-
(Abg. Dr. Schäfer: Das kommt doch darauf mal raten, warum das so ist.
an!) (Zuruf von der CDU/CSU.)
Junghans (SPD) : Wissen Sie, Herr Kollege, das — Ja, raten Sie mal! Bitte schön!
kommt doch darauf an. Wir haben ja mit sehr vie-
len Ziffern gearbeitet. Ich bin auch nicht der Mei- Dasch (CDU/CSU) : Herr Kollege Junghans, ist
nung, daß Sie aus dem Schwerpunkt nun einen Ihnen bekannt, daß in Bayern im Jahre 1969 min-
Fetisch machen sollten. Aber es geht nicht an, in destens 20 000 neue Arbeitsplätze tatsächlich über
jedem Dorf eine Fabrik hinstellen lassen zu wollen. Förderungsmittel, besonders des Landes, entstanden
Das ist nicht drin. sind?

Vizepräsident Dr. Schmid: Eine weitere Zwi- Junghans (SPD) : Fragen Sie mal, wie viele
schenfrage. Arbeitslose es noch im Bayerischen Wald gibt!
-

Dasch (CDU/CSU) : Können Sie mir aber zustim- Vizepräsident Dr. Schmid: Eine weitere Zwi-
men, wenn ich meine, daß man in einem Raum mit schenfrage.
einer Bevölkerung von 5- bis 10 000 Menschen, wo
noch Hunderte von Arbeitsplätzen geschaffen wer- (Zuruf von der CDU/CSU: Aber Herr Jung
den sollen, durchaus einen vernünftigen Schwer- hans, wie wollen Sie das denn lösen?)
punkt setzen sollte?
(Abg. Dr. Schäfer: Es kommt darauf an!) Junghans (SPD) : Ich habe auch noch nichts von
Strukturplänen der bayerischen Landesregierung als
Junghans (SPD) : Es kommt darauf an. Sie müs- einem umfassenden Programm für das Land gehört.
sen schon die Einzelheiten nennen. Es ist ja auch Ich war einmal da.
eine Frage der räumlichen Ausdehnung solcher (Abg. Wehner: Leider wahr!)
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Vizepräsident Dr. Schmid: Nun Ihre Zwi- einer Laufzeit von 15 Jahren zu besonders günsti-
schenfrage! gen Zinssätzen — 3 bis 31/2 % — zur Verfügung ge-
stellt. Die Gemeinden haben, wie berichtet wurde,
Dr. Fuchs (CDU/CSU) : Herr Kollege Junghans, diese Offerten sehr gut aufgenommen. Die Kredite
ist Ihnen bekannt, daß die Inanspruchnahme der waren immer sehr bald restlos ausgebucht. Ich be-
bayerischen Förderungsprogramme, die auf eine grüße es daher besonders, daß auch in diesem Jahr
langfristige zinsverbilligte Darlehensgewährung wieder ein ERP-Gemeindeprogramm aufgelegt wor-
ausgerichtet sind, vor allem von der mittelständi- den ist. Ich möchte darüber hinaus aber auch anre-
schen Wirtschaft in den bayerischen Zonenrand- gen, daß sich die Bundesregierung überlegt, inwie-
und Grenzgebieten wegen ihrer Eigenkapitalknapp- weit das Programm zur Förderung der Infrastruk-
heit besonders bevorzugt wird und das dies ent- turmaßnahmen der Gemeinden im ERP-Haushalt
scheidend dazu beigetragen hat, jene 22 000 Arbeits- fest verankert und der finanzielle Aufwand erhöht
plätze zu schaffen? werden kann. Hier scheint mir noch ein dringender
Bedarf vorzuliegen.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang auch
kurz eine Bemerkung zur konjunkturpolitischen
Junghans (SPD) : Und warum haben Sie dann Seite machen. In allen Berichten über die derzeitige
dort so viel Arbeitslose? Mir ist — nebenbei —
Lage in der Wirtschaft kommt die ungewöhnlich
auch bekannt, daß die Industrie in diesen Gebieten hohe Elastizität unseres Produktionsapparates zum
— vor allen Dingen auf dem Bildungssektor — die Ausdruck. Diese Elastizität ist zu einem guten Teil
Voraussetzungen für eine Ansiedlung vermißt. auf die Strukturpolitik zurückzuführen, da sie im
Die Zahlen machen deutlich, daß der Erfolg nicht großen Umfang Produktionsreserven erschlossen
allein vom Bund abhängt. Der Bund kann den Län- hat, d. h. auch die Angebotsseite in unserer Wirt-
dern, ebenso wie der Wirtschaft, nur Offerten ma- schaft nachhaltig verbessert hat.
chen. Es hängt von der Wirtschaft und den Ländern Lassen Sie mich nun noch etwas zu dem .auf dem
ab, inwieweit sie bereit sind, auf diese Offerten Tisch des Hohen Hauses liegenden Gesetzentwurf
einzugehen. Was diese Bereitschaft angeht, so ist der CDU/CSU zur Förderung des Zonenrandgebietes
man in einigen Ländern offenbar zurückhaltender sagen. Meine Damen und Herren von der CDU/CSU,
als in anderen. Der Erfolg, den wir erreicht haben, ich muß Ihnen ganz offen sagen, Sie haben der
ist zwar imposant; auf der anderen Seite muß ich Förderung des Zonenrandgebietes mit diesem Ge-
aber feststellen, daß wir mit der Strukturpolitik setzentwurf nach meiner Auffassung insofern einen
noch nicht über den Berg sind. schlechten Dienst erwiesen, als Sie ein Diskussions-
(Sehr richtig! bei der SPD.) papier, das Ihnen aus irgendeiner Unterlage be-
Wir haben etwa den halben Weg hinter uns ge- kannt war, frisiert und aus rein taktischen Gründen
bracht, und es kommt jetzt darauf an, den Weg auch im Bundestag überhastet als Gesetzentwurf einge-
zu Ende zu führen. Dabei wird es von entscheiden- bracht haben. In diesem Gesetzentwurf streben Sie
der Bedeutung sein, wie sich in Zukunft eine harmo- unter anderem eine gesetzliche Regelung der Son-
nische Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern derabschreibungen an. Das wollen auch wir, und in
gestalten wird, und eben dieses wird auch bei den einem Entschließungsantrag, der Ihnen vorliegt,
Landtagswahlen zu entscheiden sein. bringen wir das zum Ausdruck.
Ich habe vorhin gesagt, daß wir in der Struktur- Nun wollen Sie aber gleichzeitig mit dieser ge-
politik den halben Weg zurückgelegt haben. Unsere setzlichen Regelung den Wegfall der Prosperitäts-
Erfolge sind besonders im Bereich der Ansiedlung klausel. Ich halte das nicht für vertretbar, weil —
neuer Unternehmen und der Sicherung der Arbeits- und das wurde ja gesagt; hier hat es eine Zwischen-
plätze deutlich geworden. In Zukunft werden wir frage gegeben — dann auch die potentesten Groß-
unsere Anstrengungen aber auch verstärkt auf den unternehmen in den Genuß eines zinslosen Kredites
Ausbau der Infrastruktur in diesen Gebieten und kämen. Ich will hier keine Namen nennen, um nicht
damit auf ,die endgültige Absicherung des Wirt- Schleichwerbung zu betreiben; Sie kennen das. Da-
schaftsaufschwungs richten müssen. Es geht hier für besteht kein wirtschaftliches Erfordernis. Es muß
um die Intensivierung der Maßnahmen zur Förde- auch in Zukunft die Möglichkeit gegeben sein, die
rung der gemeindlichen Investitionen z. B. für den Sonderabschreibung auf ein vernünftiges Maß be-
Ausbau der Verkehrswege, den Neubau von Sport- grenzen zu können, zumal ja die Investitionszulagen
stätten, etwa Schwimmhallen, von kulturellen Ein- für Erweiterung und für nachhaltige Rationalisie-
richtungen wie Schulen, Kindergärten usw. einmal rung und Umstrukturierung kumulativ wirken.
ganz abgesehen. Hier ist noch viel zu tun. Die Sie wollen über die Sonderabschreibungen für die
Investitionen, die wir auf diesem Sektor fördern, Wirtschaft hinaus ausdrücklich auch Sonderabschrei-
werden zudem den Arbeitnehmern in diesen Gebie- bungen für Investitionen in der Landwirtschaft, also
ten insofern unmittelbar zugute kommen, als sie für alle Investitionen. Das macht sich zwar als Wahl-
ihre Lebensbedingungen verbessern. schlager sehr gut, ich möchte aber ausdrücklich fest-
In der Vergangenheit hat dieses Hohe Haus stellen, daß eine solche Förderung den struktur-
mehrfach ERP-Programme für die Infrastruktur- politischen Zielen diametral zuwiderläuft. Ich war
maßnahmen der Gemeinden aufgelegt. Wir haben bisher der Meinung, daß wir darin übereinstimmen,
damit gute Erfahrungen gemacht. Auf Grund dieser daß wir Strukturpolitik auch deshalb betreiben, um
Programme wurden den Gemeinden Kredite mit in agrarischen Gebieten eine Umstrukturierung im
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2597
Junghans
Hinblick auf eine Industrieansiedlung zu ermög- führung in eine steuerfreie Rücklage —, diese zweite
lichen. Wenn Sie aber Sonderabschreibungen für die Sache hab ich dabei noch nicht einmal berücksichtigt.
Landwirtschaft einführen, so erreichen Sie genau (Abg. Rock meldet sich zu einer Zwischen
das Gegenteil. frage.)
Sie behaupten in Ihrem Vorblatt ferner, die ganze — Wollten Sie sagen, das sei weniger?
Operation würde nichts kosten. Dies kann ja wohl
nicht richtig sein. — Bitte schön.
Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine
weitere Zwischenfrage?
Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine
Zwischenfrage?
Rock (CDU/CSU) : Herr Kollege Junghans, wür-
den Sie mir zugeben, daß die Landwirtschaft eines
Niegel (CDU/CSU) : Herr Kollege Junghans, sind uns beiden sehr naheliegenden Gebietes natürliche
Sie dann der Meinung, daß alle landwirtschaftlichen Absatzquellen durch die Zonenrandlage verloren
Betriebe abstrukturiert werden sollen, daß sie aus hat?
der Landwirtschaft ausscheiden und daß die, die von
der Landwirtschaft leben, praktisch keine steuer-
lichen Erleichterungen haben sollten? Junghans (SPD) : Sie hat aber neue Absatzquel-
len gewonnen. Denken Sie einmal an Salzgitter!
Dort haben 1937 20 000 Menschen gewohnt, heute
Junghans (SPD) : Entschuldigen Sie mal: Man sind es 120 000. Sie wissen ganz genau, daß bei uns
kann doch nun nicht auf allen Rechtsgebieten eine praktisch der eigene Markt alles aufsaugt, was es
Zersplitterung einführen. Erst verlangen Sie eine dort gibt.
Zusammenfassung. Wir haben die Landwirtschafts-
förderung eindeutig im Grünen Plan. Jetzt verlan- (Zuruf von der CDU/CSU: So einfach ist
gen Sie hier nochmals eine besondere Sache. Ich das! — Weitere Zurufe von der CDU/CSU.)
weiß nicht, was das soll. Ich muß Ihnen offen sagen: Ich möchte noch zu einem weiteren Punkt Stel-
auf der einen Seite fordern Sie die Einheitlichkeit lung nehmen. Nach dem CDU/CSU-Entwurf soll eine
der Förderung, und auf der anderen Seite versuchen Berichtspflicht gesetzlich verankert werden. Ich bin
Sie überall noch irgendwelche Dinge unterzumogeln. der Auffassung, daß die Bundesregierung bereits im
Rahmen ihrer Berichtspflicht informiert. Denken Sie
Vizepräsident Dr. Schmid: Eine weitere Zu- z. B. an den Bericht zur Lage der Nation, den Raum-
satzfrage. ordnungsbericht, den Jahreswirtschaftsbericht, den
Strukturbericht und den Bericht über den zu erwei-
ternden Verkehrswegeplan für das Zonenrandge-
Niegel (CDU/CSU) : Herr Junghans, sind Sie mit biet. Parlament und Öffentlichkeit sind über die
mir der Meinung, daß landwirtschaftliche Voll Maßnahmen und Ergebnisse im Zonenrandgebiet
erwerbsbetriebe im Zonengrenzgebiet gegenüber umfassend unterrichtet. Ich möchte also diesen Ent-
anderen Gebieten genauso benachteiligt sind wie wurf zusammenfassend dahingehend beurteilen, daß
Industrie- und gewerbliche Betriebe? Ich denke z. B. ich sage: Er ist nicht ausgereift und steht in vieler
daran, daß die Marktmöglichkeiten beim Absatz der Hinsicht den strukturpolitischen Zielen sogar dia-
Veredelungsprodukte im oberfränkischen Zonen- metral entgegen.
randgebiet wesentlich geringer sind als in der Nähe
von Ballungszentren. Lassen Sie mich zum Schluß noch einige Bemer-
kungen machen, Herr Präsident? Zwar leuchtet die
(Sehr gut! bei der CDU/CSU.) Lampe auf; aber ich hatte so viele Zwischenfragen
zu beantworten, daß ich — —
Junghans (SPD) : Ich bin nicht Ihrer Meinung.
Das kommt auf den Absatz an. Wenn in diesen Ge- Vizepräsident Dr. Schmid: Ja. Ihre Redezeit
bieten Menschen sind, die etwas verbrauchen kön- ist durch die Zwischenfragen um fünf Minuten ver-
nen, dann gibt es doch auch Märkte. Daran müssen kürzt worden.
Sie doch auch mal denken.
(Widerspruch und Lachen bei der CDU/ Junghans (SPD) : Meine Damen und Herren,
CSU.) Ihnen liegt ein Entschließungsantrag vor, den die
-
Fraktionen der SPD und FDP gemeinsam einge-
Sie stellen sich doch hier immer hin und sagen:
bracht haben. Dieser Antrag betont noch einmal
Haushalt kürzen, der Bund gibt zuviel aus! Hier
haben wir doch mal wieder ein Beispiel für Ihre ausdrücklich die Priorität der Förderung Berlins und
solide Haushaltsführung, wie Sie das sagen. Ich des Zonenrandgebiets. Damit soll zum Ausdruck ge-
bracht werden, daß die" bisherige Rangordnung hin-
habe mir nämlich ausrechnen lassen, daß Ihr Antrag
allein wieder einmal 300 Millionen pro Jahr kosten sichtlich der Intensität der Förderung Berlins, des
würde. Das sind 300 Millionen, die, wie ich meine, Zonenrandgebiets und der übrigen Bundesausbauge-
an anderer Stelle für gezielte Infrastrukturinvesti- biete auch in Zukunft erhalten bleiben soll.
tionen dringend gebraucht würden. Die Steueraus- Die Fraktionen der SPD und FDP fordern in dem
fälle — das ist der zweite Punkt, den Sie haben, Entschließungsantrag ferner die gesetzliche Absiche-
nämlich die Sonderabschreibungen als zinslosen rung der bisherigen Förderungsmaßnahmen durch
Kredit nachher noch einmal zu mindern durch Über ein Zonenrandförderungsgesetz. Das gilt insbeson-
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Junghans
dere für die Sonderabschreibungen, die durch das Sie veranlassen uns weiter, dort insbesondere, Herr
Urteil eines Finanzgerichts fragwürdig geworden Staatssekretär, über die Effizienz der bislang ein-
sind. geleiteten Maßnahmen zu sprechen und, wo immer
Über die Absicherung der bisherigen Maßnahmen möglich, sie auch mit Daten sorgfältig zu prüfen
hinaus fordern wir zur Verbesserung der Situation (Sehr richtig! bei der CDU/CSU)
der Arbeitnehmer im Zonenrandgebiet im Rahmen
und auch — das darf ich hinzufügen — die Frage zu
eines langfristigen Wohnungsbauprogramms eine
prüfen, wo der heute erreichte Stand unserer Struk-
Erhöhung der Einkommensgrenzen und der Förder-
turpolitik der methodischen Verbesserung und Wei-
sätze im sozialen Wohnungsbau. Da wir der Mei-
terentwicklung bedarf.
nung sind, daß eine erfolgreiche Ansiedlungspolitik
von Industrieunternehmen im Zonenrandgebiet auf (Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
die Dauer nur dann gelingt, wenn ein ensprechendes Als Sprecher der FDP merke ich zudem an — Sie
Wohnungsangebot vorhanden ist, wünschen wir können sich vielleicht vorstellen, daß mich einige
auch, daß Wohnungsbaufördermittel für den Bedarf Teile der Diskussion etwas amüsiert haben —, daß
der Facharbeiter und Führungskräfte bereitgestellt Strukturpolitik nicht in Bonn erfunden wurde. Vor
werden. Bonn und Brüssel wurde Strukturpolitik in Düssel-
Einen gesonderten periodischen Bericht über die dorf bereits mit Erfolg betrieben,
Lage im Zonenrandgebiet halten wir nicht für er- (Beifall bei der CDU/CSU)
forderlich. Wir sind der Meinung, daß es genügt,
und das Ende, lieber Kollege Junghans, war eben
wenn die Bundesregierung wie bisher auch in Zu-
nicht die Kohlenkrise, sondern waren die schon
kunft regelmäßig über die Entwicklung im Zonen-
lange eingeleiteten Vorbereitungen, um dieser kom-
randgebiet, vor allem aber über die dort ange-
menden Krise zu begegnen.
wandten Präferenzsysteme berichtet.
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Wehner:
Ich möchte zum Schluß aber noch eines hinzu-
Eine nachträgliche Kritik an Herrn Erhard!)
fügen. Ich habe vorhin von der zunehmenden Bedeu-
tung der Infrastrukturinvestitionen in der zweiten — Wenn Sie wollen, natürlich.
Phase unserer Strukturpolitik gesprochen. Das gilt (Abg. Wehner: Da sind wir einig!)
ganz besonders auch für das Zonenrandgebiet. Ich
bitte daher die Bundesregierung zu überlegen, in- — Darüber habe ich auch nie einen Zweifel gelas-
wieweit z. B. im Rahmen des ERP-Sondervermögens sen.
die Möglichkeit geschaffen werden kannn, ein festes (Abg. Wehner: Das glaube ich auch!)
Programm zur Förderung der gemeindlichen Investi- Hier ist es wohl geboten, einige Tatbestände
tionen, die der Verbesserung des Wohn- und Frei- wenigstens kurz richtigzustellen. Es tut mir leid, daß
zeitwertes dienen, für das Zonenrandgebiet aufzu- ich dabei meine eigene Arbeit miteinbeziehen muß.
stellen. In den von mir 1962 nach Amtsübernahme erarbei-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) teten Denkschriften — eine zur Regionalstruktur
und eine zur Branchenstruktur — sind die Schwäche-
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der faktoren ausgewiesen, die nicht für Nordrhein-
Abgeordnete Kienbaum. Westfalen Gültigkeit haben, sondern — mit unter-
schiedlichem Gewicht — auch für andere Gebiete,
Kienbaum (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr (Abg. Rösing: Sehr gut!)
verehrten Damen! Meine Herren! Die FDP betrachtet
diesen heute diskutierten Bericht als Information, nämlich für die Zonenrandgebiete, aber, wie wir
nicht als Erfolgsdarstellung. wissen, auch für die innerhalb der Bundesrepublik
gelegenen Problemgebiete.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
(Zuruf von der CDU/CSU: Endlich kommen
Die FDP ist nüchtern genug, festzustellen, daß un- wir zur Sache! — Abg. Wehner: Nachdem
sere Wirtschaft noch keineswegs frei von Struktur- das „Gewandt" abgelegt ist, kann man zur
schwächen ist. Deshalb wünscht die FDP eine wei- Sache kommen! — Zuruf von der CDU/CSU:
tere Ausgestaltung dessen, was die Strukturpolitik Da spricht einer, der etwas davon ver
leisten kann. Sie wünscht Strukturpolitik — das kam steht! — Abg. Wehner: Keine Nebener
in den Ausführungen des Staatssekretärs zum Aus- scheinung, wie Sie eine sind!)
druck — als die schon seit Beginn dieser Legislatur- -
periode von uns geforderte Politik der bewußten Diese Schwächefaktoren muß ich der Sache wegen
Stärkung des Angebots. Aber sie wünscht noch kurz ins Gedächtnis rufen. Es war und ist auch
etwas mehr. Sie wünscht den Übergang vom Experi- heute noch zunächst einmal die Einseitigkeit des
ment, wie der Staatssekretär es nannte, zur volks- Arbeitsplatzangebots und ganz besonders des Ange-
wirtschaftlich begründeten und mit Ergebnissen be- bots an industriellen Arbeitsplätzen, unter dem
Teilräume zu leiden haben.
legbaren Förderung.
(Sehr wahr! bei der CDU/CSU.)
Diese Wünsche veranlassen uns, die Weiterfüh-
rung der Aussprache im Plenum zu diesem Themen- Es ist zum zweiten das immer noch keineswegs be-
kreis im Wirtschaftsausschuß anzuregen. seitigte Überwiegen alter Wirtschaftszweige mit ge-
(Zurufe von der CDU/CSU: Sehr gut! — ringer Wertschöpfung.
Sehr nötig! — Ausgezeichnet!) (Sehr wahr! bei der CDU/CSU.)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2599
Kienbaum
Es ist drittens für Teilräume das immer noch unter- Zweitens fehlt diesen Branchen zur Zeit noch weit
durchschnittliche Sozialprodukt je Einwohner, das, gehend der Zugang zu neuen Leistungsprogram-
wie die neuesten Statistiken klarmachen, ein quanti- men, .die ihre Probleme erleichtern können. Hier
tatives Verhältnis von über 1 : 5 kennzeichnet. Es ist sollte die Strukturpolitik zusätzlich einsetzen.
schließlich — lassen Sie mich auch das in allem Zur Regionalstruktur erlauben Sie mir die Fest-
Freimut sagen; wir sind über den Berg, deshalb darf stellung, 'daß der seinerzeit unternommene Versuch,
man das, ohne Widerhaken irgendwo im Herzen ein Gegenstromverfahren der Ideen und konzeptio-
oder in der Haut zu spüren, erwähnen — die immer nellen Arbeit in Gang zu setzen, auch heute noch
noch weitverbreitete Haltung der Behinderung Bedeutung hat. Es wird nicht zu erwarten sein, daß
struktureller Veränderungen. bei noch so sehr verstärkter weiterer und ergänzen-
(Sehr wahr! bei der SPD.) der finanzieller Ausstattung beispielsweise im Bun-
deshaushalt die gewünschten Ergebnisse eintreten,
Die Beseitigung dieser Schwächefaktoren wurde — wenn nicht von unten her aus den Räumen, die viel-
in Nordrhein-Westfalen, muß ich gestehen; für an- leicht ani besten mit der Kreisgröße umrissen wer-
deres kann ich nicht sprechen — 1963 eingeleitet den, ein ergänzendes Konzept für die für den Raum
und nicht erst 1966. Sie erforderte allerdings in der spezifisch anzusetzenden Förderungsmaßnahmen er-
Hochkonjunktur — auch damals hatten wir bereits arbeitet wird.
eine solche — einiges, worüber nur wenig gespro-
Fü die Regionalstruktur scheint mir weiter für die
chen wird, nämlich zunächst einmal auf Grund der
Zukunft bedeutungsvoll, daß wir uns darauf einzu-
nachgewiesenen Schwächen die Verbreitung der Er-
richten haben, die tiefere Verarbeitung als Konzept
kenntnis — und das war 1963 ein schwieriges Un-
unserer wirtschaftlichen strukturellen Weiterent-
terfangen — —
wicklung voranzutreiben. Wir werden uns mit dem
(Zuruf von der CDU/CSU: Wer war da Gedanken abfinden müssen, .daß jedwede Grund-
mals Ministerpräsident in Nordrhein-West produktion der Zahl der Arbeitsplätze nach in un-
falen?) serer kontinentalen wirtschaftlichen Lage einem
wirkungsvollen Ausbau, der sehr viel wirtschaft-
— Herr Dr. Meyers dürfte Ihnen auch heute noch
lichen Fortschritt und Wachstum ermöglicht, nicht
bekannt sein, obwohl er sich weitgehend zurückge-
als Basis dienen kann. Wir müssen, ähnlich wie es
zogen hat.
die Struktur der industriellen Produktion der
(Beifall bei Abgeordneten der FDP. — Zu Schweiz heute schon ausweist, in die Tiefe der Ver-
ruf von der CDU/CSU: Und Sie waren Wirt edelung und Verarbeitung einsteigen. Gerade das
schaftsminister!) ist für die Regionalstruktur und die Beteiligung der
örtlichen Instanzen eine Erkenntnis, die es dort, wie
Sie erforderte sodann die Bereitschaft, Maßnah
ich den Eindruck habe, erst noch zu verbreiten gilt.
men zu ergreifen. Hier komme ich auf den Minister-
präsidenten, Herrn Dr. Meyers, zurück. Der war Schließlich sollte der Bund — das ist in einigen
nämlich entgegen der landläufigen mehrheitlichen der Beiträge schon angeklungen — noch stärker als
Meinung bereit, aus den Erkenntnissen Folgerungen bisher die Basisvoraussetzungen in der wirtschaft-
zu ziehen. Und ich komme auf den Landtag dieses lichen und sozialen Infrastruktur fördern. Kein
Landes zurück. Die beiden Aufgaben, die ich er- Unternehmen kann angesichts der derzeitigen
wähnt habe, wurden in Nordrhein-Westfalen näm- Arbeitsmarktsituation selbst bei einer Neuinvesti-
lich von allen Beteiligten, von CDU, SPD und FDP, tion in den stillen Räumen, in denen uns gerade die
angepackt und Schritt für Schritt gemeistert. Ich Förderung und Entlastung der Landwirtschaft durch
glaube, daß dieses Thema der Strukturpolitik am Strukturpolitik am Herzen liegt, auf sofortige Be-
allerwenigsten geeignet ist, irgendwelche aus der reitstellung von Arbeitskräften rechnen; es wird
Sachfrage herausführenden Auseinandersetzungen seine Investitionen auf eine mittelfristige Entwick-
auszutragen. lung auch der eigenen Beschäftigtenzahlen abstellen
(Beifall bei der CDU/CSU.) müssen.
(Beifall bei der CDU/CSU und bei Abgeord
Ich schätze mich nämlich glücklich, an dieser Arbeit,
neten der FDP.)
wie ich hoffe, zur rechten Zeit mitgewirkt zu haben.
Es wird davon auszugehen haben, daß es dort keine
Meine dabei gesammelten Erfahrungen verpflich- billigen Arbeitskräfte mehr gibt.
ten mich allerdings auch, wenigstens einige Pro- -
(Sehr wahr! bei der CDU/CSU.)
bleme, die erörtert werden müssen, aufzuzeigen.
Dabei ist entsprechend der Gliederung des Struk- Das alles zusammen spricht dafür, daß der Bund,
turberichts zwischen Branchen- und Regionalstruk- die Länder und die Kommunen mit der wirtschaft-
tur zu unterscheiden. lichen Infrastruktur der Verkehrsnetze und der Ver-
sorgung vorangehen müssen, damit überhaupt die
Zur Branchenstruktur darf ich — ich hoffe, mit Basis für eine Investitionsentscheidung geschaffen
Widerspruch, aber ich befürchte, ohne Widerspruch— wird.
feststellen: Wir wissen viel zu wenig über die spe- (Beifall bei der CDU/CSU und bei Abgeord
zifischen Branchenprobleme, insbesondere über die neten der FDP.)
typischen Branchen der mittelgroßen und kleinen
Lassen Sie mich zusammenfassen. Ich vermute,
Unternehmensgrößen.
niemand in diesem Hause wird der Hoffnung huldi-
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU.) gen, wir könnten in Zukunft zu irgendeinem Zeit-
2600 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Kienbaum
punkt von Strukturproblemen befreit werden. Sie Worauf es uns ankommt, ist, wenn Sie es schon
werden immer erneut auftreten, weil wir in Ver- nicht tun, Ihnen hier ein paar Anregungen zu geben
änderungsprozessen stehen, und diese Verände- und konkrete Vorstellungen zu entwickeln, wie es
rungsprozesse werden an Tempo und Ausmaß zu- in der regionalen Wirtschaftspolitik weitergehen
nehmen. soll: zunächst einmal Weiterentwicklung der regio-
(Abg. Lücke [Bensberg] : Sehr gut!) nalen Aktionsprogramme; das ist der erste Punkt.
Das ist nicht nur denkbar, sondern auch notwendig.
Deshalb benötigen wir ganz besonders auf diesem
Es gibt in Baden-Württemberg und in Nordrhein-
Gebiet einen Ausbau der Forschung, der wissen-
Westfalen Gebiete, in denen Land - und Bund es wohl
schaftlichen Erkenntnis und — das kommt hinzu —
für notwendig halten, fortzuschreiten, neue Förde-
der Umsetzung der von uns zu erarbeitenden Er-
rungsgebiete mit einzuschließen. Sie stellen in der
kenntnisse in praktischen Nutzen.
Ziffer 20 des Strukturberichtes fest, daß heute be-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU.) reits 50% der Fläche des Bundesgebietes der regio-
nalen Förderungspräferenz unterliegen. Bei einem
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der solchen Zustand kommt doch eine Weiterentwick-
Abgeordnete Dr. Warnke. Er wird zu a) und b) lung wohl nur in Frage, wenn man gleichzeitig in
sprechen. Seine Fraktion hat für ihn eine Redezeit den Gebieten, in denen die Ziele erreicht sind, zu
von 30 Minuten erbeten. einem Schluß der Regionalförderung kommt. Die
Zahl von 50% Förderungsgebiete in der Bundes-
republik verträgt keine weitere Eskalation.
Dr. Warnke (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Mit Interesse haben wir die Wir haben aber in diesem Bericht vergebens da-
Darstellung der regionalen Aktionsprogramme und nach gesucht, wie die Entwicklung weitergehen soll,
ihrer Auswirkungen im vorgelegten Strukturbericht obwohl das Entscheidungen sind, die nicht im näch-
zur Kenntnis genommen. Das war eine Bilanz der sten oder übernächsten Jahr, sondern in den näch-
Strukturpolitik der Großen Koalition, und die war sten fünf Monaten heranstehen.
in der Tat nicht schlecht. Sie war die Resultante
eines Kräfteparallelogramms aus CDU/CSU und (Beifall bei der CDU/CSU.)
SPD. Einen Zwischenbericht darüber nehmen wir mit
Befriedigung zur Kenntnis. Warum schweigen Sie? Wenn wir schon einen
Strukturbericht haben, dann ist das der Zeitpunkt,
Aber die CDU/CSU-Fraktion genügt das nicht.
wo wir darüber diskutieren müssen. Warum legen
Was wir von einem Strukturbericht erwarten, ist
Sie uns nicht Ihre Absichten auf den Tisch, warum
nicht nur eine Rückschau und eine Sachstandsmittei-
sagen Sie nicht, was in den nächsten Wochen und
lung, sondern wir wollen Ausblicke haben, wir wol-
Monaten geschehen soll? Vielleicht deshalb, weil Sie
len die Perspektiven der Strukturpolitik kennen-
befürchten, vor den Landtagswahlen ein unpopu-
lernen,
läres Wort sagen zu müssen! Damit werden Sie der
(Beifall bei der CDU/CSU)
Aufgabe dieses Hauses nicht gerecht, meine Herren!
und da ist dieser Strukturbericht so dürftig, wie es
schon der Jahreswirtschaftsbericht gewesen ist. (Beifall bei der CDU/CSU.)
(Sehr wahr! bei der CDU/CSU.) Wie notwendig ein neues Überdenken ist — das
ist der zweite Punkt, den ich hier anschneiden
Im Strukturbericht heißt es, die Bundesregierung
möchte —, zeigt allein die Tatsache, daß wir heute
beabsichtige, die Mittel für die regionale Wirt-
zwischen den schlechtesten Lagen im Osten der
schaftspolitik von 173 auf 353 Millionen DM auf-
Bundesrepublik und denjenigen Gebieten, die in
zustocken. Erstens einmal ist ,das keine Absicht,
räumlich geradezu idealer Weise im Herzen des
sondern längst ein Teil des von Ihnen vorgelegten
Gemeinsamen Marktes an der deutsch-französischen
Haushalts, und zweitens stimmt es nicht; denn der
Grenze liegen, im Förderungshöchstsatz nur eine
Bundesfinanzminister hat schon im vergangenen
Differenz von fünf Punkten haben. Der Herr Kol-
Jahre — wenn er damals auch noch Franz Josef lege Junghans hat hier von „passiver Sanierung"
Strauß hieß und deshalb vielleicht seine Handlun-
gesprochen. Er hat diese Vokabel in die Debatte
gen Ihnen nicht so erwähnenswert erscheinen — aus
gebracht, die ich nicht erwartet hatte. Wenn etwas
dem Aufkommen der Exportmehrwertsteuer 150 passive Sanierung bedeutet für Räume wie Lüchow-
Millionen DM zusätzlich zum Haushaltsansatz zur Dannenberg in Niedersachsen, wie Hof in Ober-
Verfügung gestellt, so daß wir im Jahre 1969 in
franken, wie Freyung und Wegscheid im Baye-
Wirklichkeit 323,8 Millionen DM für die regionale
rischen Wald, dann die Tatsache, daß man ihnen
Wirtschaftspolitik eingesetzt haben. Diesmal ist es
praktisch nicht mehr Förderung angedeihen läßt als
etwas weniger, diesmal sind es 303 Millionen DM,
einem Gebiet, das sich im Herzen der wirtschaft-
und wenn Sie das dann durch Bindungsermächtigun- lichen Entwicklung des Gemeinsamen Marktes be-
gen noch etwas aufnorden, so ist das immer noch findet.
lediglich die Weiterführung ,der regionalen Wirt-
(Beifall bei der CDU/CSU.)
schaftspolitik in den Größenordnungen, wie sie die
Große Koalition gesetzt hat, und nicht etwa der Wenn sich da heute keine krasse Arbeitslosigkeit
große Sprung nach vorn. Alles andere ist, milde zeigt, dann ist das kein Grund zur falschen Beruhi-
ausgedrückt, Informationspolitik; Herr Ahlers for- gung;
muliert das etwas unfreundlicher. (Abg. Giulini: Sehr richtig!)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2601
Dr. Warnke
denn dort haben wir Bevölkerungsabwanderung, haben, nämlich die Schwierigkeiten, die darin be-
dort haben wir echten Bevölkerungsrückgang, stehen, daß man zwar für die großen und größten
(Zurufe von der CDU/CSU: Leider wahr!) Unternehmen mit der Zuschuß- und Zulagenförde-
rung einen Maßanzug geschaffen hat, daß aber die
und auch das ist ein Weg der passiven Sanierung kleinen und mittleren Unternehmen aus Liquiditäts-
durch ungleichgewichtige Förderungsmaßnahmen. gründen
(Beifall bei der CDU/CSU.) (Abg. Dr. Ritz: Genau das!)
Wir wenden uns nicht gegen die Schwerpunkt- der 50prozentigen Kreditförderung alter Prägung
konzentration. Sie hat ihre Berechtigung, sie wird beute nicht nur manche Träne nachweinen, sondern
von uns mitgetragen. Aber wir geben — und das durch ihr Fehlen nicht in der Lage sind, nötige
ist der nächste •Punkt, den ich Ihnen hier unterbreite Investitionen vorzunehmen.
— doch zu bedenken, ob nicht im lokalen Bereich (Beifall bei der CDU/CSU.)
durch Anwendung raumordnungstheoretisch durch-
aus fundierter, exakter und begründeter Begriffe Man kann diesem Umstand durch eine Aufgaben-
wie der „Entwicklungsachse", wie des „Verdich- teilung zwischen Bund und Land abhelfen, indem
tungsbandes" von einem allzu starren Schematis- man nämlich den Ländern ,die Möglichkeit gibt —
mus der Förderung im Einzelfall bei einer entspre- und das in das Gesamtkonzept einbezieht —, diese
chenden Begründung abgegangen werden kann. Kreditförderung durchzuführen. Das ist z. B. im
Falle des Freistaats Bayern so geschehen. Dann darf
Herr Kollege Junghans, Sie waren der Meinung,
man sich aber nicht wundern, Herr Kollege Jung-
daß es in Bayern so viele Arbeitslose gebe, weil
hans, wenn diese Länder und die dortige Industrie
a) die bayerische Staatsregierung kein Programm
die Bundesprogramme, die für sie zum Teil ungün-
vorgelegt habe und b) die Bildungsvoraussetzun-
stiger sind, weniger in Anspruch nehmen und mehr
gen in Bayern derart katastrophal seien, daß die
auf günstigere Möglichkeiten im eigenen Lande zu-
Industrie nicht in diese Gebiete gehe. Herr Kollege
rückgreifen. Ich würde es wünschen, daß Sie die
Junghans, ich habe nichts gegen eine pointiert
Möglichkeit der Abstimmung im Planungsausschuß
scharfe und meinetwegen auch polemische Äuße-
der Gemeinschaftsaufgabe regionale Wirtschafts-
rung in einer parlamentarischen Debatte; aber Sie
politik nutzten, damit hier nicht mehr ein Kleinkrieg
müssen die Fakten kennen. Die Bayerische Staats-
zwischen Bund und Land geführt, sondern eine aus-
regierung hat im vergangenen Jahr das Programm
gewogene Aufgabenverteilung herbeigeführt wird.
für Bayern I vorgelegt; sie hat in diesem Jahr das
Ich hätte e s begrüßt wenn Sie uns Ihre Vorstellun-
Programm für Bayern II vorgelegt; sie legt in die-
gen dazu in diesem Strukturbericht vorgelegt hät-
sen Tagen das Programm für das bayerische Nah-
ten.
erholungsgebiet vor. All das sind Gesamtkonzep-
tionen für den ganzen Raum. Ich bezeichne dies hier Über eines müssen Sie sich auch klar sein, Herr
als eine Verhetzung, wenn wir in diese Richtung Staatssekretär Arndt. Im Strukturbericht haben Sie
vormarschieren und anderen etwas vorwerfen, was die konjunkturellen Rahmenbedingungen der regio-
ganz klar nicht den Tatsachen entspricht. nalen Strukturpolitik angesprochen. Aber in diesen
Fällen der Investitionen kleinerer und mittlerer
(Beifall bei .der CDU/CSU.)
Unternehmen hat sich durch die von Ihnen ver-
Dias gleiche gilt vom Schulentwicklungsplan, mit schuldete maßlose Diskont- und Zinserhöhung die
dem, wie Herr Kollege Müller Ihnen gern bestä- konjunkturelle Rahmenbedingung ganz entschei-
tigen wird, in Bayern in den letzten sieben Jahren dend zuungunsten der Investitionen gewandelt.
mehr weiterführende Schulen gerade in den Rand-
(Beifall bei der CDU/CSU.)
gebieten gegründet worden sind als in den 150 Jah-
ren zuvor. Aber das ist nicht der Grund, warum Wer die Verantwortung dafür trägt, meine Damen
wir dort nicht weiterkommen. Der Grund liegt in und Herren, das hat der Vorsitzende des Sachver-
der extremen Ungunst ,der Lage. Wir sollten uns ständigenrats in einem Brief an den Bundeskanzler
hüten, hier mit billigen und populären Affekten eindeutig festgestellt. Die Erörterung dieses Doku-
eine Veranwortung von uns abzuwälzen, die wir ments möchte ich allerdings der nächsten Woche
bestenfalls gemeinsam tragen, im Augenblick Sie überlassen.
aber schwerer als wir. Der fünfte Punkt. Wir fordern eine bessere oder
Beifall bei der CDU/CSU.) überhaupt eine Verknüpfung von Mittelstands-
politik und regionaler Strukturpolitik. Das, meine
Der vierte Punkt, meine Damen und Herren, ist Herren von den Regierungsparteien, ist ein Ansatz
die Tatsache, daß wir mit ,der nahezu totalen Um- zu einer Strukturpolitik aus einem Guß, die Sie voll-
wandlung in eine obligatorische Zuschußförderung
mundig in der Regierungserklärung angekündigt ha-
der Wirtschaft und nur noch einem geringen Rest ben, von .der aber im Jahreswirtschaftsbericht nichts
an Kreditförderung für Neuansiedlungen und Be-
zu spüren war, die hier nicht enthalten ist. Jetzt
triebserweiterungen einen Weg beschritten haben,
werden wir auf den Bundesraumordnungsbericht
der sich in dieser Form als nicht praktikabel erwie-
vertröstet und werden wahrscheinlich auch noch
sen hat. Ich wundere mich, daß die zahllosen
beim Städtebauförderungsbericht vergebens darauf
Schwierigkeiten, von denen jeder Abgeordnete, der
warten.
in den Förderungsgebieten zu Hause ist, berichten
kann — gleich, welcher Fraktion er angehört —, in Wir haben folgende Vorstellungen. Das Festhalten
diesem Bericht keinen Niederschlag gefunden am Primäreffekt, an der Schaffung von Arbeitsplät-
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Dr. Warnke
zen in der Produktion, das auch noch in diesem — Herr Kollege Lange, ich halte es nicht für dummes
Strukturbericht ausdrücklich statuiert wird, scheint Zeug, wenn wir den Anspruch erheben, angemessen
uns durch die immer stärkere Bedeutung des tertiä- auf die Debatte vorbereitet zu sein.
ren Sektors überholt zu sein. Die Industriebeschäf- (Beifall bei der CDU/CSU. — Zuruf von der
tigtenquote wird rückläufige Tendenz, die Beschäf- SPD: Sicherlich ist das dummes Zeug!)
tigtenquote im Dienstleistungsbereich steigende
Tendenz haben. Bei der Bedeutung dieses Bereiches — Herr Kollege, jeder ist so höflich, wie er es ver-
für den so wichtigen Wohn- und Freizeitwert unse steht. Ihre Zwischenrufe werden mich nicht davon
rer Förderungsgebiete sollten wir auch dem kleinen abbringen, auf diesem Punkte zu beharren.
Handwerker, sollten wir auch der Kraftfahrzeug- (Weitere Zurufe von der SPD.)
reparaturwerkstätte, sollten wir auch dem mittleren
Selbstbedienungsladen, sollten wir auch dem Friseur Der Bericht bringt nicht gerade eine Fülle von
Material. Wir haben die Kontakte mit den Indu-
an Ort und Stelle die Möglichkeit geben, zu partizi-
strie- und Handelskammern, mit den Handwerks-
pieren. Wir haben diese Möglichkeit durch das Inve-
stitionszulagengesetz geschaffen. Ich habe es sehr kammern, mit den Gewerkschaften oder mit den
Landesregierungen, die wir gern gehabt hätten,
bedauert, daß Bestrebungen Ihres Hauses, Herr
nicht haben können. Deshalb behalten wir uns vor,
Staatssekretär, im Gange waren, über 'die volkswirt-
noch in anderer geeigneter Weise auf einige Punkte
schaftliche Bescheinigung diese Möglichkeit wieder
in diesem Bericht zurückzukommen; denn wir sind
abzuschaffen.
an einer eingehenden Behandlung dieses Berichts
Ich würde mich freuen, wenn Sie sich zu Ihren gehindert worden, weil wir ihn erst am Montag vor-
Vorstellungen äußerten — unsere habe ich auf den gefunden haben, da er am Freitag verteilt wurde.
Tisch gelegt, z. B. über die Investitionszulage — , (Abg. Junghans: Ihre Kontakte reichen
ohne unmittelbare ausgabensteigernde und mit ge- eben nicht!)
ringer einnahmesenkender Wirkung einen Ansatz zu
Das ist der springende Punkt.
dieser Strukturpolitik aus einem Guß zu finden, die
wir nicht postuliert haben, zu der wir Ihnen aber Ich möchte Ihnen abschließend den Entwurf eines
gerne die Anregungen geben. Das schließt auch die Zonenrandförderungsgesetzes, den die CDU/CSU-
entsprechende Förderung des Fremdenverkehrs nicht Fraktion vorgelegt hat, begründen. In .dem Struktur-
nur im Zonenrand-, sondern gerade in den Ausbau- bericht stand, daß die Bundesregierung zur Zeit
gebieten auf dem Wege über die Investitionszulage prüfe, in welcher Weise ein solches Gesetz erforder-
ein. lich sei. Also gut — wenn Sie meinen, noch die Mo-
dalitäten prüfen zu müssen, dann hoffen wir, daß
Für eine ganzheitliche Strukturpolitik ist es ganz Sie damit bald zum Abschluß kommen. Aber eines
entscheidend, daß der Wohnungsbau stärker in sei- haben wir nicht verstanden: daß im Strukturbericht
ner Bedeutung für die Bevölkerungsentwicklung in der Bundesregierung steht, .sie prüfe, ob ein sol-
diesen Räumen erkannt, gewürdigt und gefördert ches Gesetz überhaupt erforderlich sei.
wird. Das ist als Problem, aber ohne Lösungsvor- (Hört! Hört! bei der CDU/CSU.)
schlag im Strukturbericht angesprochen worden. Wir
sind einen Schritt weitergegangen und haben Ihnen Wenn ich dann noch gehört habe, daß der Herr
in dem Entwurf eines Zonenrandförderungsgesetzes, Kollege Junghans hier erklärt hat, die Heranfüh-
den ich anschließend begründen werde, ein konkre- rung der Fördergebiete und des Zonenrandgebietes
tes Lösungsmodell vorgeschlagen. an das Wohlstandsniveau anderer Länder sei infolge
der Strukturpolitik dieser Bundesregierung gelun-
Aber bevor ich darauf komme, meine Herren von gen, kann ich nur feststellen: Die Weihrauchstreue-
der Bundesregierung, noch eine Anregung verfah- rei nimmt hier unerträgliche Formen an!
rensmäßiger Art. Herr ,Staatssekretär Arndt hat er- (Beifall bei der CDU/CSU.)
wähnt, daß der Bericht dem Hause am 8. Mai zuge-
gangen sei. Nun, die Mitglieder dieses Hauses kön- Die Heranführung an das Wohlstandsniveau ande-
nen nur eines sagen: am B. Mai lasen sie, daß die Bun- rer Länder ist eben nicht gelungen. Ich denke gar
desregierung diesen Bericht abgeschlossen habe, und nicht daran, der Bundesregierung daraus einen Vor-
sie lasen ausführliche Auszüge in der Presse, aus wurf zu machen, weil ich mir im Unterschied zu
denen sie sich schlecht und recht informiert haben. anderen Kollegen der Schwierigkeit dieser Aufgabe
Wir haben diesen Bericht Freitag mittag auf unsere - bewußt bin. Aber wenn man mit einer solchen Hal-
Pulte bekommen. Das ist gerade im Zeichen einer tung an das Problem herangeht, verstehe ich natür-
Bundesregierung, die mehr Demokratie auf ihre Fah- lich, daß man sagt, man prüfe, ob ein Zonenrandför-
nen geschrieben hat, derungsgesetz überhaupt erforderlich sei, wie es
schwarz auf weiß in diesem Strukturbericht der
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU) Bundesregierung steht.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
für dieses Haus wohl kaum eine angemessene Vor-
bereitungsfrist. Ich möchte dazu sagen: Mehr Demo- Dieses Gesetz .ist erforderlich. Es ist erforderlich,
kratie, wir fangen erst richtig an! weil das schleswig-holsteinische Finanzgericht die
Sonderabschreibungen für unzulässig erklärt hat; es
(Abg. Lange: Das ist doch kein Argument! ist erforderlich, weil das Zonenrandgebiet als ein-
Dummes Zeug!) ziges Fördergebiet keine gesetzliche Grundlage
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2603
Dr. Warnke
seiner Förderung besitzt; und es ist erforderlich, Ich möchte auch anregen, daß wir bei den Ausschuß-
weil wir in der Vergangenheit gesehen haben, daß beratungen die Möglichkeiten einer verbesserten
es, nachdem Minister Schedl im Dezember 1967 die Wohngeldförderung in diesen Gebieten prüfen.
Forderung erhoben hatte, das Zonenrandgebiet an Wir haben damit unseren Beitrag zur Arbeitneh-
die Förderungssätze der Steinkohlengebiete heran- merförderung im Zonenrandgebiet geleistet, da wir
zuführen, anderthalb Jahre dauerte, bis dieses Vor- feststellen mußten, daß sich die sozialdemokratische
haben tatsächlich verwirklicht werden konnte, an- Fraktion 'des Bundestages entgegen den Verspre-
derthalb Jahre, die einen erheblichen Entwick- chungen, die sie im Wahlkampf landauf landab im
lungsrückstand bedingt haben. Zonenrandgebiet gemacht hat und denen wir uns
Wir haben diesen Gesetzentwurf in der Debatte nicht angeschlossen haben, obwohl die Versuchung
zum Jahreswirtschaftsbericht angekündigt. Wir ha- dazu groß war, heute nicht mehr in der Lage sieht,
ben ,Sie als Bundesregierung gefragt, ob Sie bereit einen Arbeitnehmerfreibetrag zu beantragen und
sind, einen solchen Gesetzentwurf vorzulegen. Wir durchzusetzen. Damals hieß es, Herr Kollege Weh-
haben auf diese Frage keine Antwort bekommen. ner, daß eine Koalition von CDU/CSU und Freier
Und dann haben wir gehandelt, so daß dieses Ge- Demokratischer Partei den Arbeitnehmerfreibetrag
setz Ihnen heute vorliegt. im Zonenrandgebiet verhindert habe. Wir haben
Ich möchte Dank ,sagen für die Formulierungshilfe, auf die sachlichen Schwierigkeiten hingewiesen.
die uns von Kammern, Verbänden und den Landes- (Abg. Wehner: Sie haben es 1965 und spä
wirtschaftsministerien, deren Lübecker Entwurf wir ter abgelehnt! Lesen Sie doch die Pro
verwendet haben, dabei geleistet worden ist. Aber tokolle nach! Das ist doch alles undrama
wir wollten kein reines Wirtschaftsförderungsgesetz, tisch! Hier im Bundestag! Da waren Sie
wie es unter Beteiligung der Bundesregierung in nochitda!Ds IhreSculd!
Lübeck ausgearbeitet worden ist. Deshalb haben wir Lesen Sie es bitte nach, statt vorher in De
diesen Entwurf erweitert. .Wir haben ihn erweitert magogie zu üben! — Gegenrufe von der
in Kenntnis der Bedeutung der Förderung der Infra- CDU/CSU.)
struktur und der Kommunalförderung für den Wohn- — Völlig einverstanden! Nur hätten Sie dann nicht
und Freizeitwert und damit für die Wirtschafts- eine Woche vor der Wahl in Nordost-Oberfranken
stärkungs- und Wachstumschancen der Förderungs- und anderswo sagen sollen: CDU/CSU und FDP ha-
gebiete unter ausdrücklicher Aufnahme der Förde- ben es abgelehnt; wenn wir an die Regierung kom-
rungsmaßnahmen, die auf diesem ,Gebiet bis jetzt men, führen wir e s ein.
praktiziert werden.
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Wehner:
Wir sind darüber hinaus einen Schritt weiter-
Der Wahrheitsgehalt Ihrer Behauptungen
gegangen, indem wir die grundlegende Bedeutung ist landläufig bekannt! Der Name dessen:
des Wohnungsbaus durch erstmalige Einführung
CSU! — Oho-Rufe von der CDU/CSU.)
einer Wohnungsbaupräferenz — orientiert an dem
Berliner Modell, aber mit etwas geringeren Förde- — Ich danke für diese hohe Anerkennung für den
rungssätzen —für das Zonenrandgebiet gewürdigt Wahrheitsgehalt der Behauptungen der CSU.
haben. Diese Präferenz steht unter dem Haushalts-. (Abg. Wehner: Die können Sie sich an die
und Finanzplanungsvorbehalt und hat deshalb keine Brust stecken, falls Sie eine haben!)
unmittelbaren ausgabesteigernden Wirkungen. Sie
sorgt vielmehr dafür, daß die zu unserem Bedauern Herr 'Kollege Wehner, das 'ist schriftlich festgelegt
seit, so glaube ich, einem halben Jahrzehnt oder durch eine Zeitung, die nicht im Verdacht steht,
länger im Haushalt der Bundesregierung unverän- Ihnen feindlich zu sein. Außerdem hat es der ganze
dert gebliebenen Ansätze für den Arbeitnehmerwoh- DGB in Nordost-Oberfranken mitgehört und ärgert
nungsbau im Zonenrandgebiet in Höhe von 14 Mil- sich noch heute ;darüber.
lionen DM jährlich auf jeden Fall auch wirklich (Abg. Wehner: Natürlich! Ich stehe ja auch
zweckentsprechend eingesetzt werden — was bis dazu!)
jetznichgwärlsa—,nmichdure — Das ist schon besser, Herr Kollege Wehner.
Aufstockung der Darlehnsbeträge im Zonenrand-
gebiet. Bis jetzt dagegen haben wir öfter feststellen (Abg. Wehner: Reden Sie nur nicht so ka
müssen, daß diese Mittel im Verwaltungsvollzug riert, weil Sie hier nicht einer Volkshoch
zwar ins Zonenrandgebiet geflossen sind, aber nicht schule der CSU sind! —'Gegenrufe von der
notwendigerweise dort einen zusätzlichen Effekt - CDU/CSU.)
erbracht 'haben und daß dieser Zufluß durch Ab- — Herr Kollege Wehner, es ist schwer, Ihrem
fluß anderer Mittel leider Gottes manchmal kom- Charme zu widerstehen.
pensiert wurde. (Abg. Wehner: Das weiß ich! — Heiterkeit.)
Ich verhehle aber nicht, daß wir als Ziel durch-
Ich 'bekenne Ihnen deshalb ganz offen: Sie sind mir
aus eine Erhöhung der Wohnungsbaumittel in die-
in 'Ihrer ungezwungenen Natürlichkeit noch immer
sem von 'der Abwanderung bedrohten Randgebiete
einer der Liebsten auf Ihrer Seite des Hauses.
im Osten der Bundesrepublik anstreben, dies aber
im Einklang mit den Möglichkeiten der mittelfristi- (Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU.)
gen Finanzplanung, die es nach unserer Vorstellung Meine Damen und Herren, dieses Gesetz, das wir
in diesem Sinne )fortzuschreiben gilt. Ihnen vorlegen, enthält auch die Forderung nach
(Sehr gut! bei der CDU/CSU.) einem Zonenrandförderungsbericht. Ich freue mich,
2604 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Dr. Warnke
zu sehen, wie schnell gute Taten Früchte tragen und der Tatsache, daß Bayern zwar ein Programm
daß, kaum daß wir vor einer Woche diesen Entwurf „Bayern I und II" hat, aber eben heute erst, während
vorgelegt haben, hier schon ein Entschließungs- z. B. Hessen seit 1953 einen Hessen-Plan hat.
antrag der Koalitionsfraktionen vorliegt, der in wei-
(Beifall bei der SPD.)
ten Bereichen in die gleiche Richtung geht. Wir wer-
den im Ausschuß darüber beraten können. Das muß man ganz nüchtern zur Kenntnis nehmen.
Ich lege abschließend Wert auf die Feststellung, (Zuruf von der CDU/CSU: Ach, ist das
daß wir mit unserem Antrag den Ländern nicht die wichtig!)
Möglichkeit nehmen wollen, im Bundesrat im ersten Doch wollen wir zurückkommen zur regionalen
Durchgang zu einem Gesetzentwurf der Bundes- Strukturpolitik! Sie ist in Bayern ein Kapitel für
regierung Stellung zu nehmen, wenn dieser Gesetz- sich. Die Bayerische Staatsregierung hat sich nur
entwurf rechtzeitig kommt, meine Damen und Her- sehr zögernd bereit gefunden, die Gemeinschaftsauf-
ren. Um das Inkrafttreten des Zonenrandförderungs- gabe regionale Wirtschaftspolitik überhaupt zu
gesetzes zum 1. Januar 1971 sicherstellen zu kön- fördern.
nen, wird es unbedingt notwendig sein, daß dieser
Gesetzentwurf bereits nach der Sommerpause hier (Abg. Dasch: Sind wir hier im Bayerischen
im Bundestag vorliegt und in der Zwischenzeit die Landtag?)
Beratungim'[Link] Noch zögernder hat sich die Bayerische Staatsregie-
bereit, die Ausschußberatungen bis zu diesem Zeit- rung mit dem neuen, im gesamten Bundesgebiet so
punkt zurückzustellen. Aber wir sind nicht bereit, erfolgreichen Planungsinstrument der regionalen
sie auf den Sankt-Nimmerleins-Tag vertagen zu las- Aktionsprogramme einverstanden erklärt. Diese
sen. Ich appelliere deshalb abschließend an die Bun- Aktionsprogramme waren überall erfolgreich, nur
desregierung, sich nicht nur über das Ob, sondern nicht in Bayern, wie der Strukturbericht 1970 der
auch, Herr Staatssekretär Arndt, über das Wie un- Bundesregierung darlegt.
verzüglich schlüssig zu werden, es uns nachzutun
und zu handeln.
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Wehner: Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage? —
Das Beste war, 'daß Sie „abschließend" sag Bitte schön, Herr Kollege!
ten!)
Dasch (CDU/CSU) : Herr Kollege Müller, ist
Vizepräsident Dr. Schmid: Meine Damen und Ihnen nicht klar, daß die Forderungen der Bundes-
Herren, ich habe Ihnen eine Vereinbarung der Frak- regierung bei diesen Schwerpunktprogrammen, daß
tionsgeschäftsführer mitzuteilen. Heute und morgen immer eine höhere Konzentration der Bevölkerung
wird es keine Mittagspause geben. Morgen, Mitt- gegeben sein müsse, das eigentliche Hindernis für
woch, wird die politische Debatte bis 16 Uhr geführt die Wirksamkeit dieses Programms gerade im
werden, und die Fragestunde findet dann von 16 niederbayerischen Grenzgebiet dargestellt haben?
bis 17 Uhr statt.
Das Wort hat der Abgeordnete Dr. Müller (Mün-
Dr. Müller (München) (SPD) : Herr Kollege
chen) .
Dasch, wir werden auf ein paar sehr nette Details
in diesem Zusammenhang kommen. Ich würde Sie
Dr. Müller (München) (SPD): Herr Präsident! bitten, vielleicht dann noch einmal eine Zwischen-
Meine Damen und Herren! Wenn man bei den Aus- frage zu stellen.
führungen des Kollegen Warnke aufmerksam zuge-
hört hat, mußte man feststellen, daß mit ein paar Die Bayerische Staatsregierung hat als letzte ihre
schönen schmückenden Beiwörtern die Rede war vier regionalen Aktionsprogramme zusammen mit
von Verhetzung, die hier getrieben werde, von der 'Bundesregierung in Kraft gesetzt. Ich glaube,
Weihrauchstreuerei, die man hier und in den Berich- Herr Kollege Dasch, Sie werden mir zugeben müs-
ten betreibe. Nun, wir wollen wieder zurückfinden sen, daß das nichts mit Bevölkerungsgrößenord-
zu der nüchternen Atmosphäre, die der Struktur- nungen zu tun hat, wenn man als letzte Landes-
politik an und für sich angemessen ist. regierung regionale Aktionsprogramme zusammen
mit der Bundesregierung in Kraft setzt, sondern daß
(Vorsitz: Vizepräsident Dr. Schmitt- die Gründe vielleicht woanders liegen, eben darin,
-
Vockenhausen.) daß man kein besonders großes Interesse daran
gehabt hat.
Herr Kollege Warnke, wenn das bischöfliche Seel-
(Abg. Dasch: Das sind doch falsche Behaup
sorgeamt zu Passau eine Resolution an alle bayeri-
schen Bundestagsabgeordneten und an die Bayeri- tungen!)
sche Staatsregierung gerichtet hat und wenn dieses Nun, man muß die Münchener Regierung auch
bischöfliche Seelsorgeamt mit großen klagenden fragen, ob sie nicht große Chancen der Umstruktu-
Worten davon spricht, wie die Bayerische Staats- rierung und der Belebung dieser Gebiete in der
regierung gerade diesen Raum Passau und das Hochkonjunktur des Jahres 1969/70 versäumt hat.
Zonenrandgebiet vernachlässigt hat, dann, glaube Sie werden sicher wissen, daß man auch im Kon-
ich, kann man doch nicht von Weihrauchstreuerei junkturzyklus Förderungspolitik am besten in Zei-
sprechen, Herr Kollege Fuchs, auch nicht von Ver- ten der Hochkonjunktur betreiben kann. Daß die
hetzung, sondern das ist die nüchterne Feststellung Bayerische Staatsregierung so lange gebraucht hat,
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2605
Dr. Müller (München)
zusammen mit der Bundesregierung regionale Dr. Fuchs (CDU/CSU) : Herr Kollege Dr. Müller, (
Aktionsprogramme in Kraft zu setzen, zeigt doch, ist Ihnen denn nicht bekannt, daß das gerade in den
daß sie diese Chance, in einer Zeit der Hochkon- sehr dünn besiedelten Gebieten nicht eine Frage
junktur Förderung besonders zu betreiben, außer der Opportunität, sondern daß e s ,eine Frage der
acht gelassen und leider nicht so gehandelt hat, wie Zweckmäßigkeit ist, nicht zu stark zu konzentrieren,
es notwendig gewesen wäre. um die landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetriebe
Wie der Strukturbericht der Bundesregierung aus- und Zuerwerbsbetriebe überhaupt noch erhalten zu
weist, wurden im Bundesgebiet bis zum März dieses können? Wissen Sie das als Bayer nicht?
Jahres 44 000 neue Arbeitsplätze vom Bund und
von den Ländern gemeinsam gefördert. Und jetzt Dr. Müller (München) (SPD): Herr Kollege Fuchs,
passen Sie auf, Herr Kollege Dasch: von den 44 000 ich kenne mich in Bayern ganz gut aus. Ich komme
neuen Arbeitsplätzen entfielen 4404 auf Bayern, ob- aus Ihrer Heimatstadt.
wohl Bayern über vier der zwölf Aktionsräume, für (Abg. Stücklen: München!)
die besondere Bundesmittel zur Verfügung stehen, — Herr Kollege Stücklen, Herr Fuchs war mein
verfügt. Lehrer an der Schule, und ich bin ein Produkt sei-
(Hört! Hört! bei der SPD.) ner Bildung, wenn Sie 'so wollen.
Daß hier ein Mißverhältnis vorhanden ist, ist ziem- (Heiterkeit. — Zuruf von der CDU/CSU:
lich eindeutig. Ein ganz gewiefter Fuchs!)
Herr Kollege Stücklen, wenn Sie jetzt von München
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
sprechen, dürfen Sie nicht vergessen, daß ich den
Würden Sie eine Zwischenfrage zulassen? — Bitte größten Teil meines Lebens in Niederbayern und
schön, Herr Kollege! in Passau verbracht habe. Wenn ich älter bin, wird
sich das Verhältnis ein bißchen zugunsten von
Dr. Warnke (CDU/CSU) : Herr Kollege Müller, München verschoben haben. Aber ich bin doch ein
ist Ihnen bekannt, daß der Freistaat Bayern ein Produkt der Stadt Passau. Das bedeutete für meinen
günstigeres Programm zur Förderung zur Verfügung Jahrgang, den Abitursjahrgang 1953, .daß, abgesehen
gestellt hat als der Bund und daß deshalb ein Viel- von denen, die Lehrer oder Pfarrer geworden sind,
faches der von Ihnen genannten Zahl von den baye- fast alle abgewandert sind, weil keine vernünftige
rischen Wirtschaftsunternehmen zur Förderung aus Politik betrieben wurde, die es ermöglicht hätte, daß
Landesmitteln in Anspruch genommen worden ist, Leute, ,die sich weiterbilden wollten, studieren und
nämlich eine Zahl, die sich meines Erachtens in der dann wieder zurückkehren konnten. Das ist doch das
Größenordnung von 16 000 oder 17 000, wenn nicht Entscheidende.
noch mehr, bewegt? (Beifall bei der SPD. — Zuruf von der CDU/
CSU: 1954 war doch die SPD in Bayern in
der Regierung!)
Dr. Müller (München) (SPD) : Herr Kollege
Warnke, zu den Methoden dieses „günstigeren Pro- — Lieber Herr Kollege Warnke, 1953 hat die CSU
gramms" werde ich im Verlauf meiner Ausführun- in Bayern regiert; das werden Sie genau wissen. Ich
gen noch kommen; sie sind sehr interessant. Einem habe es vorhin schon gesagt: 1953 gab es ,einen Hes-
Drittel der Aktionsräume steht ein Anteil von nur sen-Plan. Hätte es damals einen Bayern-Plan gege-
10%der geförderten Arbeitsplätze gegenüber. Ich ben, wäre ich vielleicht in Passau geblieben und
glaube — ganz gleich, wie man dazu steht das heute Abgeordneter von Passau und nicht von Mün-
chen.
ist eine traurige Bilanz.
(Zuruf von der CDU/CSU: Und in der CSU!
Die Bayerische Staatsregierung hat in ihrem Land — Heiterkeit 'bei der CDU/CSU.)
weiterhin eine wahre Inflation der Schwerpunktorte,
die besonders gefördert werden können, in Gang ge- Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

setzt. 107 der 250 Schwerpunkte aller Aktions- Herr Kollege Dr. Müller, gestatten Sie eine Zwi-
räume liegen 'in Bayern. Diese politisch bequeme schenfrage des Abgeordneten Stücklen?
Entscheidung der Bayerischen Staatsregierung hat
aber 2u keinerlei :besonders herausragenden Erfol-
gen geführt. Herr Kollege Warnke, in Bayern war es Dr. Müller (München) (SPD): Bitte!
doch so, daß man aus vordergründigen Motiven, die
mit kommunalpolitischen Interessen zusammenhän- Stücklen (CDU/CSU) : Herr Kollege Müller, Sie
gen, möglichst vielen versprochen hat, daß Schwer- heben d'en Hessen-Plan von 1953 so . sehr heraus. Ich
punktorte geschaffen werden, während man in der möchte mir darüber gar kein Urteil erlauben.
Praxis dann nicht in , der Lage war, die entsprechen- (Zuruf von der SPD: Das können Sie auch
den Firmen in diesen Schwerpunktorten auch anzu- nicht!)
siedeln. Die Ansiedlung ist doch das Entscheidende Ich frage Sie allerdings: warum haben die Sozial-
— nicht etwa die Festlegung von Namen, ohne daß demokraten in Bayern unter der Führung .des Mi-
es später wirklich zu Verbesserungen kommt. nisterpräsidenten Hoegner 4954 nicht auch einen
Bayern-Plan auf den Tisch gelegt? Aus der sozial-
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
demokratischen Regierung ist nichts herausgekom-
Herr Kollege Dr. Müller, gestatten Sie eine weitere men — außer Spielbanken.
Zwischenfrage? — Bitte schön! (Beifall bei der CDU/CSU.)
2000 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Dr. Müller (München) (SPD) : Herr Kollege gung gestellt werden sollen, obwohl das Vor
Stücklen, ich will nicht über Spielbanken und die haben auch den Richtlinien des regionalen För-
Folgen von Spielbanken reden, denn das bewegt derungsprogrammes der Bundesregierung ent-
ja mehr Ihre Partei. Es gab ja Verfahren im Zusam- spricht, wird bei der Einplanung in die baye-
menhang mit Untersuchungsausschüssen und ähn- rischen regionalen Förderungsprogramme da-
liche Dinge, in die keine Sozialdemokraten verwik- von ausgegangen, daß später Anträge auf Finan-
kelt waren, sondern Leute von anderen Parteien. zierungshilfen des regionalen Förderungspro-
Das muß einmal ganz klar gesagt werden. Aber grammes der Bundesregierung nicht gestellt
wir wollen hier jetzt nicht über Spielbanken reden, werden. Der Antragsteller ist deshalb in sol-
denn Strukturpolitik hat nichts mit Spielbanken zu chen Fällen darauf aufmerksam zu machen, daß
tun, ,auch nichts damit, daß man spekuliert. Gele- eine aus bayerischen Mitteln gewährte Finan-
gentlich hat man den Eindruck, daß in Bayern Wirt- zierungshilfe sofort zur Rückzahlung fällig wird,
schaftspolitik à la Spielbank gemacht wird: Man wenn für das gleiche Investitionsvorhaben
setzt und hofft die Einsätze dann wieder herauszu- dennoch ein Antrag auf Erteilung der Beschei-
bekommen. nigung nach § 1 Abs. 4 des Investitionszulagen-
(Abg. Stücklen: Wo bleibt der Bayern-Plan gesetzes gestellt werden sollte.
von 1954? — Weitere Zurufe von der (Abg. Dr. Warnke: Haushaltsrechtlich
CDU/CSU.) zwingend!)
— Herr Kollege Warnke, das ist die besondere
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
bayerische regionale Förderungspolitik, die Sie
Herr Kollege Dr. Müller, gestatten Sie eine weitere
vorhin erwähnt haben, daß man mit Strangulie-
Zwischenfrage?
rungsverträgen — als solche kann man sie bezeich-
nen — ansiedlungswillige Unternehmen zurück-
Dr. Müller (München) (SPD) : Nein, jetzt nicht schreckt, sich überhaupt in diesen Gebieten nieder-
mehr. Ich möchte meine Ausführungen jetzt zu zulassen.
Ende führen; die Zeit läuft weiter. Bei der Kenntnis dieser Praxis braucht man sich
(Abg. Stücklen: Wo bleibt der Bayern-Plan nicht zu wundern, wenn die Arbeitslosigkeit in den
von 1954?) bayerischen Notstandsgebieten groß bleibt, wenn
— Herr Kollege Stücklen, Sie wissen doch, daß die Bayerns Notstandsgebiete bei der Arbeitslosigkeit
SPD damals nur über 30 °/o der Stimmen verfügte ganz vorne liegen und die bayerische Strukturpoli-
) und zusammen mit drei anderen Parteien eine Koali- tik in der Erfolgsstatistik ganz hinten steht.
tion bildete. Über die Schwierigkeiten, die sich dar- (Zuruf von der CDU/CSU: Das ist ja nicht
aus ergeben, brauchen wir doch nicht zu reden. wahr!)
Wenn wir als Sozialdemokraten mit einer anderen
Partei zusammenarbeiten, können wir unsere Vor- Indem die Bayerische Staatsregierung die Investi-
schläge doch nicht voll durchsetzen. tionszulage nicht in Anspruch nimmt, die knapp zur
Hälfte vom Bund finanziert wird, belastet sie zu-
(Zuruf von der CDU/CSU: Auf den Mi
sätzlich den Steuerzahler in Bayern. Diese Politik
nisterpräsidenten kommt es an!)
ist unverantwortlich gegenüber den Arbeitnehmern,
Das haben Sie in der Großen Koalition doch auch sie ist unverantwortlich gegenüber den Bauern in
erlebt, Herr Kollege Stücklen. Bayern, die sich einen gewerblichen Arbeitsplatz
suchen wollen, sie ist unverantwortlich gegenüber
(Abg. Stücklen: Wo bleibt der Plan von
dem Mittelstand, gegenüber allen Gruppen der Be-
Hoegner?)
völkerung, die mit ihren Steuermitteln diese Politik
Nun zu einem ganz entscheidenden Punkt, den finanzieren helfen. Die Bayerische Staatsregierung
ich hier vor diesem Hohen Hause zitieren will. betreibt aus gewisser Eigenbrötelei und Kurzsichtig-
Meine Damen und Herren, es ist geradezu un- keit heraus eine Politik, die nicht im Interesse der
glaublich, wenn man als Abgeordneter in Bonn Gesamtbevölkerung Bayerns ist.
zur Kenntnis nehmen muß, daß die Bayerische
Unter diesen Umständen — ich glaube, das war
Staatsregierung ansiedlungswillige Unternehmen,
notwendig nach den Ausführungen des Kollegen
die in ,den durch dauernde hohe Arbeitslosenquoten-
Warnke — kann man als bayerischer Abgeordneter
belasteten Räume Bayerns Arbeitsplätze schaffen
in der heutigen Strukturdebatte nur mit Sorge und
wollen, durch Strangulierungsverträge abschreckt.
Zweifel die Gesellschafts- und Strukturpolitik der
(Abg. Matthöfer: Hört! Hört! — Lachen bei Bayerischen Staatsregierung zur Kenntnis nehmen,
der CDU/CSU.) die leider nicht in der Lage ist, dafür zu sorgen,
Lassen Sie mich hier einen Beweis dafür bringen. daß dem Grundsatz unseres Grundgesetzes, überall
Das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft und in unserer Bundesrepublik gleiche Lebensbedingun-
Verkehr wies am 22. Januar 1970 die Bezirks- gen zu schaffen, Rechnung getragen wird. Denn lei-
regierungen in Bayern an — ich zitiere mit Erlaub- der nimmt diese Staatsregierung nicht die Möglich-
nis des Präsidenten —: keiten so in Anspruch, wie sie gegeben werden,
wie sie dank der Gesetzgebung in diesem Hause
Sofern für ein Vorhaben Mittel der bayerischen vorhanden sind.
regionalen Förderungsprogramme zur Verfü (Beifall bei der SPD.)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2607

Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:


- Wie steht es um die Glaubwürdigkeit hinsichtlich
Als nächster Redner hat der Herr Abgeordnete von der ERP-Mittel? Ist es nicht so, daß im Aktionspro-
Thadden das Wort. gramm „Saar-Westpfalz" zunächst einmal jährlich
88 Millionen DM für unseren Raum zugesagt waren?
von Thadden (CDU/CSU) : Herr Präsident! Was mußten wir aber dann erleben? Wir müssen
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Mein feststellen, wenn wir die Gesamtsumme des Ak-
verehrter Vorredner hat von Sorgen und Zweifeln tionsprogramms „Saar-Westpfalz" mit dem, was vor-
gesprochen, die ihn im Blick auf das Schicksal seines gesehen ist, vergleichen, daß 150 Millionen DM für
Heimatlandes bewegen. Ich habe mir zur Aufgabe die Umstrukturierung bis 1973 an der Saar fehlen
gestellt, hier und heute Sorge und Zweifel anzu- werden. Meine Damen und Herren, das bedeutet für
melden gegenüber der Glaubenswürigkeit des Be- unser Land, daß eine ganze Anzahl von Betrieben,
richtes, über den wir zu diskutieren haben, im Blick die Interesse haben, in dieses Land zu kommen, zö-
auf das Schicksal von über einer Million Menschen, gern, herüberzukommen, da sie in Sorge sind, ob
die im jüngsten deutschen Bundesland wohnen, an das, was ursprünglich an Förderungsmitteln vorge-
der Saar. Nach dem, was in den vergangenen Jahren sehen war, auch wirklich zur Verfügung steht. Ich
hier gesagt worden ist, nach den vielfältigen Treue- beschwöre dieses Haus, diesem Land mit seiner
schwüren — so kann man es vielleicht nennen —, schweren Geschichte, das ohne seine Schuld immer
die hier abgegeben worden sind — ich erinnere wieder in eine Randlage gedrängt und immer wie-
nur an die letzte Saar-Debatte vor einem Jahr der durch Kriege, die auf seinem Rücken ausgetra-
hier —, ist es wohl erlaubt, Sorgen und Zweifel im gen wurden, verwüstet worden ist — denken Sie an
Hinblick auf zwei konkrete Punkte anzumelden. die Gott sei Dank vergessenen Feindseligkeiten zwi-
Das erste ist die Glaubwürdigkeit, die diese Re- schen Deutschland und Frankreich —, in den näch-
gierung im Blick auf die Zusage verdient, die Bun- sten Jahren wirklich die Chance zu geben, damit es,
desverkehrsminister Leber am 3. September 1969 wie es Ministerpräsident Röder genannt hat, Kern-
in Saarbrücken abgegeben hat, als er davon sprach, raum der EWG wird.
ein Wasserstraßenanschluß werde gebaut werden; (Beifall bei der CDU/CSU.)
es gehe nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um Draußen im Lande sagt man uns, erst mit dem
das Wie. Er bezog sich damit auf die Zusage der Jahre 1967 sei das große Heil über uns hereingebro-
Regierung Kiesinger/Brandt, die entschieden hatte, chen. Ich habe mich, als Herr Staatssekretär A rndt
daß der Wasserstraßenanschluß eine vitale Notwen- sprach, gefragt: Spricht hier eigentlich ein deut-
digkeit für das Saarland sei. scher Staatssekretär, oder ist es nicht eher die Ton-
Die Sozialdemokratie ist im Wahlkampf noch art der Heilsgewißheit eines Predigers, der uns ver-
weitergegangen. Sie hat sich an die Stelle von Petrus kündet: Siehe, !ich mache alles neu unter der roten
gesetzt und hat anläßlich ihres bedauerlicherweise Fahne. — Daran glauben wir jedoch nicht.
weitgehend im Wasser untergegangenen Parteitags
(Abg. Wehner: Haben Sie das abgelesen
durch einen hochgestellten Sprecher und in einer oder 'auswendig gelernt? Sagen Sie das mal
Anzeige erklärt, daß die Saar unter einer sozial- im Sinne Ihrer vorigen Frage!)
demokratischen Regierung kanalisiert werde; dann
werde es dort kein Hochwasser mehr geben. Eine — Verehrter Herr Kollege Wehner, wenn ich Sie
so simple Zusage, meine sehr verehrten Damen und auch lieber auf der Kanzel höre als hier, will ich
Herren, hätte jeder Ingenieurstudent im ersten Ihnen darauf erwidern, daß Sie bereits aus der
Semester widerlegen können. Aber sei es drum! Art —
Wir haben uns über die Bereitschaft gefreut, uns in (Abg. Wehner: Lassen Sie alles Weitere
einer der entscheidenden Fragen, nämlich wie wir sein! Sie sind schmutzig; das ist alles!)
bei der Umstrukturierung unserer Wirtschaft wei-
terkommen können, Unterstützung zu finden. —Sie sind empfindlich, Herr Kollege Wehner.
Aber wie ist die Realität hier- in Bonn? War es (Abg. Wehner: Gegen solchen Schmutz,
nicht so, daß der uns zugesagte Wasserstraßen- .ja! Er .isst längst aus diesem Haus verbannt!
anschluß eben nicht dort auftauchte, wo er hätte Er ist Ihnen vorbehalten!)
auftauchen müssen, nämlich im Einzelplan des Ver- — Herr Kollege Wehner, wenn Sie anzweifeln, daß
kehrsministeriums, sondern daß er im neuen Haus- ein Abgeordneter der , CDU fähig sei, sich auf die
halt in einem anderen seltsamen Kapitel, nämlich Situation, wie sie hier und heute gegeben ist, ein-
in Kap. 60 02, eingeplant wurde? Ist es nicht so, zustellen, wenn Sie nicht bereits bei den einführen-
daß, während man jetzt landauf, landab drei Wo- den Bemerkungen gespürt haben, daß ich unmittel-
chen vor der Wahl verkündet, man werde das bar an das angeknüpft habe, was mein verehrter
Äußerste dafür tun, daß dieser Wasserstraßen- Vorredner gesagt hat, tut mir das sehr leid. Denn
anschluß bald gebaut werde, zur gleichen Zeit im ich konnte doch wohl kaum wissen, in welcher Form
Haushaltsausschuß davon die Rede war, man wolle mein Vorredner Sorge und Zweifel im Blick auf
erst einmal eine Kosten-Nutzen-Rechnung abwarten? Bayern äußern würde. Sie waren es also, der hier
Dann werden aber — diese Befürchtung spreche ich verdächtigt hat. Nehmen Sie bitte einmal folgendes
heute aus — vielleicht noch weitere Jahre vergehen. zur Kenntnis. Bei der CDU sind zu Beginn der Legis-
Schließlich wird man sagen: Nein, es geht leider laturperiode über 80 neue Leute eingerückt. Diese
doch nicht. Ich erinnere heute von dieser Stelle aus lassen sich nicht einschüchtern und haben keine
daran, daß die Bundesregierung und alle Parteien Angst davor, unfreundlich angepackt zu werden. Sie
dem Saarland im Wort stehen. verkriechen sich nicht und warten nicht wie ein
2608 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

von Thadden
ängstliches Reh am Waldesrand darauf, von Ihnen ter seiner Geschichte und unter seiner Geographie
den Blattschuß verpaßt zu bekommen. Wir haben gelitten hat wie das Saarland. Es ist mir bekannt,
keine Furcht, uns zustellen. daß kein Land .so unter der Rezession der vergan-
genen Jahre gelitten hat, die wir nicht gewollt
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
haben.
Herr Abgeordneter von Thadden, gestatten Sie eine (Zuruf von der SPD: Doch, Schmücker hat
Zwischenfrage des Abgeordneten Wilhelm? sie gewollt!)
Es ist mir aber auch bekannt, daß es Christliche
von Thadden (CDU/CSU) : Gern. Demokraten und Sozialdemokraten gemeinsam ge-
wesen sind, die 1967 angefangen haben, hier auf
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
Bundesebene etwas zu ändern, während sich das
Bitte schön! Land selber bereits in den vergangenen Jahren aus
eigenen Anstrengungen heraus fast weißgeblutet
Wilhelm (SPD) : Herr Kollege von Thadden, fin- hat.
den Sie nicht, daß es eine unerhörte Kühnheit ist, Ich komme zum Schluß. Meine sehr verehrten
wenn Sie hier behaupten, daß in den letzten Jahren, Damen und Herren, worauf dieses Land Anspruch
seit 1967, nicht genug für die Saar getan wurde, ob- hat, ist, daß es nicht nur Versprechungen hört und
wohl Ihnen bekannt sein dürfte, daß die Landes- nicht nur Zahlen fortgeschrieben werden. Wir brau-
regierung Dr. Röder seit Anfang der 60er Jahre chen Wahrheit in der Frage: Wann kriegen wir den
eine Anzahl größerer ansiedlungswilliger Betriebe Saar-Pfalz-Kanal, die Grundlage einer Neuorientie-
zurückgewiesen hat, nur um den Arbeitsmarkt für rung unserer Wirtschaft? Wir brauchen Klarheit in
den Bergbau und die Saarhütten zu schützen? der Frage, ob wir die plötzlich fehlenden 150 Mil-
lionen DM für unser Land bekommen. Schließlich
von Thadden (CDU/CSU) : Herr Kollege Wil- und endlich brauchen wir in der Zukunft wie in der
helm, hier kann nicht von großer Kühnheit die Rede Vergangenheit das Zusammenwirken aller Parteien
sein. Ich habe nicht gesagt, daß diese Regierung im Hinblick auf die Nachwirkungen der ungünstigen
nichts getan habe, sondern ich äußere Sorge und Situation dieses Landes, für die es nicht verant-
Zweifel daran, ob alle Versprechen eingehalten wortlich ist.
werden. (Beifall bei der CDU/CSU.)
Ich weise bei dieser Gelegenheit allerdings auch
die Art zurück, wie Herr Staatssekretär Arndt uns Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

hier die Dinge 'vorgetragen hat, als ob erst seit Das Wort hat der Herr Abgeordnete Brück.
1967 etwas geschehen sei. Sie wissen doch genauso
gut wie ich, daß unter der Regierung Erhard und Brück (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und
bereits unter der Regierung Adenauer seit 1960 Herren! Ich bin einigermaßen erstaunt, daß der Kol-
etwa 698,3 Millionen DM für die saarländische lege von Thadden die Argumentationskarten, die
Wirtschaft gegeben worden sind. die CDU im Saarland an ihre Mitglieder geschickt
(Beifall bei der CDU/CSU.) hat, hier im Deutschen Bundestag gebraucht.
Das heißt, ,der Nullpunkt liegt nicht in dem Augen- Er hat bezweifelt, daß die Bundesregierung dem
blick, als es in unserer Wirtschaft zu „schillern" Saarland den so notwendigen Wasserstraßenanschluß
begann. Der Nullpunkt war viel früher: als die geben wird. Ich kann dazu nur sagen, daß der Bun-
saarländische Regierung nach dem Chaos anfing, deskanzler in einem Brief an die saarländische
das Land wieder aufzubauen. Wirtschaft ausdrücklich versichert hat, daß der Be-
schluß der Bundesregierung vom vergangenen Jahr
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
nach wie vor gilt, und daß beispielsweise der Prä-
Herr Kollege von Thadden, gestatten Sie eine wei- sident der Industrie- und Handelskammer Saar-
tere Zwischenfrage des Abgeordneten Brück? brücken nach einem Gespräch mit dem Bundes-
finanzminister und mit dem Bundesverkehrsminister
gesagt hat, er sei überzeugt, daß die Saar den
Brück (SPD) : Herr Kollege von Thadden, ist Wasserstraßenanschluß erhalten wird.
Ihnen bekannt, ,daß das Saarland 1960, also ein
Jahr nach der wirtschaftlichen Rückgliederung, was
das Bruttoinlandprodukt pro Kopf betrifft, noch von Thadden (CDU/CSU) : Herr Kollege Brück,
an sechster Stelle unter den Bundesländern lag wenn das so ist, warum weigern sich dann Ihre
und daß es 1967 auf die letzte Stelle zurückge- Parteifreunde im Haushaltsausschuß, den Wasser-
fallen war, daß die Zuwachsraten des Saarlandes straßenanschluß dorthin zu stellen, wo er hingehört,
immer unter dem Bundesdurchschnitt lagen und erst nämlich in den Haushalt des Verkehrsministeriums?
im vergangenen Jahr zum erstenmal wieder über (Abg. Wehner: Sie sind schlecht informiert,
dem Bundesdurchschnitt lagen? Sie kennen zuwenig vom Haushalt! Gehen
Sie doch in den Haushaltsausschuß!)
von Thadden (CDU/CSU) : Es ist mir bekannt,
Herr Kollege Brück, daß in der Tat kein Land Brück (SPD) : Herr Kollege von Thadden, Sie
— ich habe das vorhin schon angedeutet — so un- wissen außerdem auch, daß das Haushaltsgesetz
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2609
Brück
die Kosten-Nutzen-Analyse vorschreibt. Sie können von Thadden (CDU/CSU) : Herr Kollege Brück,
doch von der Bundesregierung nicht verlangen, daß ist Ihnen bekannt, daß, seit die SPD hier an der
sie gesetzeswidrig handelt. Jetzt muß ich Sie aber Spitze der Kleinen Koalition steht, die Mittel für
doch fragen: Dieses Saarland gehört seit dem 1. Ja- die Umstrukturierungsbeihilfen an die saarländische
nuar 1957 politisch zur Bundesrepublik und seit Wirtschaft statt der 88 Millionen DM, die im
dem 6. Juli 1959 wirtschaftlich zur Bundesrepublik, Aktionsprogramm Saar-Westpfalz ausgewiesen
warum ist in all den Jahren nicht das getan wor- waren, im Jahre 1970 auf 27 Millionen DM herunter-
den, was Sie von der jetzigen Bundesregierung ver- gegangen sind?
langen?
(Abg. von Thadden: Das Land hat sich fast Brück (SPD) : Herr Kollege von Thadden, es wäre
weißgeblutet!) besser, Sie würden sich, statt CDU-Wahlkampf-
anzeigen zu lesen, im Bundesfinanzministerium er-
— Das Land hat sich fast weißgeblutet! Da muß
ich doch wieder die Frage stellen: Warum hat der kundigen,
Bund nicht rechtzeitig geholfen? (Abg. von Thadden: Das kann ich Ihnen
nachweisen!)
(Abg. von Thadden: Der Bund hat fast
700 Millionen DM für die Wirtschaft ge wieviel Mittel für das Saarland in Wirklichkeit zur
geben!) Verfügung gestellt werden.
— Entschuldigung, es ist so, daß für die Wirtschafts- (Beifall bei Abgeordneten der SPD.)
förderung des Saarlandes in den zehn Jahren von Im Jahre 1970 werden für das Saarland 100 Mil-
1957 bis 1966 690 Millionen DM ausgegeben wor- lionen DM mehr zur Verbesserung der Wirtschafts-
den sind. In den drei Jahren, in denen die Sozial- struktur zur Verfügung gestellt als beispielsweise
demokraten der Bundesregierung angehörten, waren im vergangenen Jahr.
das 950 Millionen DM. Dieses Land hätte die Rezes-
Herr Kollege von Thadden, ich wollte eigentlich
sion von 1967 nicht so hart gespürt, wenn rechtzeitig
heute morgen auch sagen, daß in dieses Land an der
erkannt worden wäre, daß etwas getan werden
Saar Hoffnung eingekehrt ist, daß es in diesem Land
muß, um für die im Bergbau verlorengegangenen
an der Saar aufwärts geht, und ich nehme an, Sie
Arbeitsplätze neue zu schaffen.
-werden dem nicht widersprechen, denn Sie wider-
(Beifall bei der SPD.) sprächen damit der Propaganda Ihrer Partei im
Es war doch schon zu Beginn der sechziger Jahre Saarland. Nur — und das ist die Frage, über die wir
abzusehen, daß die Arbeitsplätze im Bergbau zu- hier streiten — wer hat das bewirkt? Woher kommt
rückgehen. Sie wissen doch, daß wir 1958 im Saar- es eigentlich, daß bis 1967 im Saarland nichts ge-
land noch 64 000 Bergleute bei 1 Million Einwohner schehen ist?
hatten und daß es heute nur noch 27 000 sind. Ich (Abg. von Thadden: Das ist unwahr!)
muß fragen: Warum ist von der Bundesregierung Woher kommt es denn, daß wir 1965 zwar an der
in den Jahren vor 1967 und warum ist von der Lan- Saar noch 170 000 industrielle Arbeitsplätze hatten,
desregierung in den Jahren vor 1967 nicht rechtzeitig daß das aber im Januar 1968 nur noch 149 000 wa-
das getan worden, was jetzt getan worden ist? — ren, daß wir in diesem Januar 1968 5,1% Arbeitslose
Aber bitte, Sie wollten noch fragen! an der Saar hatten und daß — das habe ich vorhin
schon gesagt — , die Krise uns ganz besonders be-
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
troffen hat? Sie wissen doch, welche Verzweiflung
Herr Abgeordneter, gestatten Sie zunächst eine an der Saar, in unserer Heimat, geherrscht hat.
Zwischenfrage des Abgeordneten Wilhelm? Staatssekretär D r. Arndt hat das hier gesagt. Si e
wissen doch, daß die Zahl der Menschen im Saarland
ständig, auch heute noch, zurückgeht. Während wir
Wilhelm (SPD) : Herr Kollege Brück, ist Ihnen im gesamten Bundesgebiet einen Zuwachs an Bewoh-
bekannt und können Sie bestätigen, daß sich in der nern zu verzeichnen haben, ist beispielsweise die
Frage des Wasserstraßenanschlusses für die Saar Zahl der Einwohner des Saarlandes von 1966, wo es
auf Grund der vorhandenen Unterlagen beim Bun- 1 131 000 waren, auf jetzt 1 127 000 zurückgegangen.
desverkehrsministerium ergibt, daß in dieser Frage Es sind vor allem die jungen Menschen, die dieses
des Wasserstraßenanschlusses seitens der von der LandverlsuichandeRgor
CDU geführten Bundesregierung bis 1966 nur mit - Bundesrepublik Arbeitsplätze suchen und eine neue
gezinkten Karten gespielt wurde, und zwar in der Heimat schaffen. Sie wissen doch, daß es einmal um-
Richtung, nach außen so zu tun, als würde er gebaut gekehrt war, daß das Saarland ein Land war, in das
werden, während man nach innen davon überzeugt die Menschen aus dem Hunsrück, aus der Eifel und
war, daß er nie gebaut werden soll? aus der Pfalz kamen, um dort Arbeit und Brot zu
finden. Ich sagte vorhin, daß die Menschen ver-
Brück (SPD) : Das ist mir bekannt, Herr Kollege zweifelt waren, als sich die Kohlenhalden immer
Wilhelm. höher türmten und die Arbeitslosenzahl immer mehr
stieg. Wir alle haben doch im vergangenen Jahr
diesem Hohen Hause die besonderen Probleme des
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
- Saarlandes diskutiert und auf die ,Sorgen dieses
Gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten Landes hingewiesen. Heute ist dort wieder Hoff-
von Thadden? nung eingekehrt. Nach den Angaben des Statisti-
2610 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Brück
schen Landesamtes waren im Januar wieder 165 000 Kollegen von Thadden und Brück soeben schon an-
industrielle Arbeitsplätze an der Saar vorhanden, gesprochen wurde, anführen. Wie eng diese Ver-
obwohl 5000 Arbeitsplätze im Bergbau im Zeitraum flechtung ist, wurde durch die Forderung deutlich,
von 1968 bis 1970 verlorengegangen waren. Das be- die der Herr Kollege von Thadden bezüglich des
weist doch nur, daß dieses Land in einem Struktur- Saar-Pfalz-Kanals hier vortrug.
wandel begriffen ist, den wir alle gewollt haben. Die Aber, Herr Kollege von Thadden, ich möchte
Zahl der Arbeitsplätze ist von Januar 1968 bis Ja- doch einige Dinge zurechtrücken und daran erinnern,
nuar 1970 in der Investitionsgüterindustrie von daß es in der letzten Legislaturperiode hier des öfte-
38 000 auf 51 000 und in der Verbrauchsgüterindu- ren darüber Debatten gegeben hat. Letzten Endes
strie von 19 000 auf 25 000 gestiegen. Natürlich liegt ging es auf eine Initiative der damals in der Oppo-
die Zahl der Arbeitslosen im Saarland immer noch sition stehenden FDP zurück, daß für diesen Saar-
über dem Bundesdurchschnitt, aber in diesem Lande Pfalz-Kanal wieder ein Leertitel im Etat eingestellt
ist neue Hoffnung eingekehrt, und zwar deshalb wurde. Die FDP hat besonders darauf hingewiesen
weil die Bundesregierung aktive Strukturpolitik ge- — ich habe das hier in diesem Hause getan —, daß
macht hat. Dafür möchte ich dieser Bundesregierung, es unmöglich ist, in der Pfalz einen über 130 km
aber auch diesem Hohen Hause recht herzlich dan- langen und 300 m breiten Streifen für eine Kanal-
ken. Das Saarland ist ein Beweis für die Richtigkeit trasse freizuhalten, bezüglich dessen in diesem
der regionalen Strukturpolitik dieser Bundesregie-
Hause bzw. bei den einzelnen Ministerien keine
rung. Das kann sie mit Genugtuung feststellen. Sie
konkreten Vorstellungen bestanden. So etwas ist
werden mir verzeihen, wenn ich sage: wir Saar-
einfach unmöglich. Damit wird die Industrieansied-
länder sind ein bißchen stolz darauf, daß wir die
lung in den betreffenden Gebieten nicht gefördert,
Chancen auch genutzt haben, und wir werden alles
sondern geradezu behindert. Die Gemeinden und
tun — Sie haben idas schon angesprochen —, um
die Städte in dem Bereich der Trasse können näm-
aus diesem Lande im Herzen 'Europas wieder das zu
lich nicht weiterplanen. Deswegen ist es dringend
machen, was es einst war, nämlich ein blühendes
notwendig, hier die Entscheidung schnellstens her-
Industrierevier. Wir haben die Hoffnung, daß es
beizuführen.
eines Tages einmal wieder zu den gebenden Län-
dern im Rahmen 'der Bundesrepublik ¡zählen wird, Diese Bundesregierung hat — das muß man auch
aber wir wissen auch, daß wir noch nicht über den wissen- — dafür nun erstmals Mittel eingestellt.
Berg sind. Ich sagte vorhin schon, daß die Zahl der Wir haben in der nächsten Woche die Möglichkeit,
Einwohner ständig zurückgeht. Wir dürfen nicht auf bei der Etatberatung Ihrem Wunsche nachzukom-
halbem Wege ,stehenbleiben, sondern wir müssen men. Unterstützen Sie uns! Wir werden dafür Sorge
die Politik, die begonnen worden ist, fortsetzen. tragen, daß die Mittel, die für die Kanalplanung
Dann wird dieses Land an der Saar eine Zukunft vorgesehen sind, in den Tit. 12 kommen,
haben. (Beifall bei der CDU/CSU)
(Beifall bei der SPD.)
womit dann die Voraussetzung geschaffen wird, daß
der Kanal gebaut werden kann.
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

Es kommt nicht nur darauf an, aufzuzeigen, daß


Das Wort hat der Abgeordnete Jung. in fünf Jahren 65 000 neue Arbeitsplätze geschaffen
werden sollen, wovon 32 500 mit 1,625 Milliarden
Jung (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr geehrten DM gefördert und 12 500 mit 250 Millionen DM ge-
Damen und Herren! Im Strukturbericht der Bundes- sichert werden; entscheidend ist vielmehr, wie man
regierung sind Entwicklungen aufgezeigt, Schwer- die Arbeitsplätze sichert. Dazu gehört auch, daß
punkte und Akzente gesetzt worden. Dennoch be- man die ungünstige Verkehrssituation verbessert.
daure ich, daß mit der Vorlage dieses Berichts auch Herr Warnke sagte das vorhin schon von Bayern.
sichtbar wird, wie mangelhaft die Koordination Das gleiche gilt für das Saarland, dieses periphere
zwischen den einzelnen Ministerien noch ist. An- Gebiet in der Bundesrepublik. Hier muß ein ent-
scheinend werden die Maßnahmen des Bundes- sprechender Wasserstraßenanschluß zum Rhein her-
ministeriums für Wirtschaft mit denen des Bundes- gestellt werden.
ministeriums für Verkehr oder des Bundesministe- Darüber hinaus sollte man bei der Zielsetzung
riums des Innern nicht so koordiniert, wie es wün- des regionalen Aktionsprogramms auch daran den-
schenswert wäre; denn Strukturprobleme sind nicht ken, daß nicht nur auf dem Gebiet der Wasser-
nur Probleme der Industrialisierung und der Ent- straßen, sondern auch in anderen Bereichen des
wicklung von Ballungsräumen mit all den sozialen Verkehrs Vorsorge getroffen wird. Nur ein kleines
Implikationen, sondern auch Probleme der Ver- Beispiel: ich denke, daß es notwendig ist, durch den
kehrsplanung und der Landerschließung, also sub- Ausbau des Flughafens Ensheim — hier darf ich
stantielle Probleme der Raumordnung. sagen, daß die zukunftsorientierte Planung des saar-
Der Bericht erkennt diesen Zusammenhang und ländischen Wirtschaftsministers Koch vorbildlich ist
weist auf das Bundesraumordnungsprogramm hin. — den Anschluß des Saarlandes an das internatio-
Aber ich meine, daß es wünschenswert wäre, in Zu- nale Flugnetz zu finden. Auch hierfür sollten wir
kunft eine engere Beziehung, etwa auch bezüglich Mittel verfügbar machen.
der zeitlichen Vorlage, herzustellen. Als Beispiel Aber es gilt nicht nur, die zukünftigen Projekte
für diesen engen Zusammenhang möchte ich das zu planen, sondern wir müssen auch daran denken,
Aktionsprogramm Saarland-Westpfalz, das von den bestehende Projekte zu rationalisieren und effek-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2611

Jung
tiver zu machen. Hier habe ich den Wunsch an das Stellung genommen haben, haben darauf hingewie
Bundesfinanzministerium, zu klären, ob nicht die sen —, die ERP-Mittel zu erhöhen, damit die Reali-
für die Verbesserung der Saarkohle notwendigen sierung von Industrieansiedlungen, die im übrigen
Mineralöle von der Steuer befreit werden können, bereits vereinbart wurden, nicht gefährdet ist und
damit die sogenannte Petrokohle hergestellt werden darüber hinausgehende Projektierungen nicht ausge-
kann, die zur Eigenverhüttung notwendig ist. Der schlossen werden, das insbesondere deswegen, weil,
zuständige Ausschuß sollte sich meines Erachtens wie gesagt, Großfirmen — z. B. zwei, die jetzt sofort
sehr schnell mit diesem Problem beschäftigen, und 5000 neue Arbeitsplätze schaffen würden — einfach
das Bundesfinanzministerium sollte dem Petitum nicht gefördert werden können.
der Saarregierung in diesem Falle möglichst rasch Das Fazit: Beides ist notwendig, die schwerpunkt-
nachkommen. mäßige Planung von Projekten im Rahmen von
Das regionale Aktionsprogramm — das wurde Strukturpolitik und Raumordnung sowie die Ratio-
hier schon gesagt — Saarland-Westpfalz sieht nalisierung und Effektivierung bestehender Pro-
88 Millionen DM für Industrieansiedlung vor. Diese gramme. Nur so kann sich in enger Koordination von
erforderlichen Mittel werden zwar durch die für die Struktur-, Raumordnungs- und Verkehrsprogramm
Regionalförderung verfügbaren Haushaltsmittel des eine Entwicklung initiieren lassen, die an den Be-
Bundes — hierfür sind 77,8 Millionen DM vor- dürfnissen der 70er und 80er Jahre orientiert ist und
gesehen — weitgehend abgedeckt; aber ich möchte dazu führen wird, wie es Herr Kollege Brück hier
auch hier betonen, daß die verfügbaren ERP-Mittel soeben schon skizziert hat und wohinter wir Freien
viel zu gering sind, insbesondere deswegen, weil die Demokraten uns mit allem Nachdruck stellen: zu
noch zusätzlich auf dem Kreditmarkt zu beschaffen- einem aufwärtsstrebenden, blühenden Land an der
den Kredite durch die derzeit sehr hohen Zinssätze, Saar.
die im unteren Kostenbereich etwa bei 12 % liegen, (Beifall bei den Regierungsparteien.)
viel zu teuer sind. Dadurch werden notwendige In-
vestitionen hinausgeschoben bzw. Investitionspläne Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

möglicherweise aufgehoben. Das Wort hat Herr Abgeordneter Dr. Schneider.


In diesem Zusammenhang darf ich eines sagen.
Herr Kollege Warnke, Sie haben vorhin eindeutig Dr. Schneider (Nürnberg) (CDU/CSU) : Herr
diese Bundesregierung für die Erhöhung der Dis- Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren!
kontsätze verantwortlich gemacht. Ich muß das mit Herr Kollege Müller hat eine Rede gehalten, die —
aller Entschiedenheit zurückweisen und zurecht- das war leicht erkennbar — als Wahlkampfrede ge-
rücken. Denn der Diskontsatz wurde am 10. Juni dacht war; denn sie hat sich mehr durch ausfällige
1969 von 4 auf 5 % erhöht, am 11. September 1969 Polemik als durch subtile Analyse ausgezeichnet. Ich
von 5 auf 6%, und erst jetzt, im Februar, kam habe Verständnis für das nervöse Umsichschlagen.
eine weitere Diskonterhöhung. Das alles sind Fol- (Abg. Matthöfer: Das sind Sie in der
gen einer verfehlten Politik der Regierung, die CSU gewöhnt!)
nicht diese ist, sondern die in der letzten Legislatur-
periode die Verantwortung hatte. Ich fand menschliches Rühren ,dabei.
(Zuruf von der CDU/CSU: Unter Herrn (Zuruf von der SPD: Das sind doch nur sub-
Schiller!) tile Analysen! — Weiterre Zwischenrufe von
Das lag zeitlich ganz eindeutig vor dem 29. Sep- der CDU/CSU und der SPD.)
tember, Herr Kollege Warnke, das sollten Sie, meine Ich kann Ihnen nur empfehlen, den „Bayernkurier"
Herren von der CDU/CSU immer bedenken, wenn sorgfältiger zu lesen.
Sie hier versuchen, das alles auf diese Regierung (Beifall bei der CDU/CSU.)
abzuschieben.
Ich empfehle jedermann die Lektüre des „Bayern-
Lassen Sie mich das mit den ERP-Mitteln hier kurier", insbesondere denen, die es mit der Außen-
noch einmal verdeutlichen. Im Jahre 1970 sind 50 und Deutschlandpolitik besonders ernst nehmen.
Firmen an der Industrieansiedlung im Saarland in-
teressiert. Im Jahre 1969 standen dafür 63 Millio- (Beifall bei ,der CDU/CSU.)
nen DM zur Verfügung. 1970 sind es nur 60 Millio- Der Herr Kollege Müller hat den Eindruck erweckt,
nen DM, die bereits auf 5 Firmen verteilt sind; als habe er das Programm „Bayern I" und „Bayern
45 gehen also leer aus. Das Beispiel von drei Firmen, - II” überhaupt nicht zur Kenntnis .genommen. Es muß
deren Investitionsvolumen je rund 100 Millionen außerordentlich verwundern, wenn ein Kollege aus
DM aufweist, zeigt, daß insgesamt 300 Millionen DM der Landeshauptstadt München — also aus der Sicht
notwendig wären; es sind Firmen, die im übrigen eines Großstädters — eine solche Rede hält. Hier
auch mit eigenen Forschungslabors ausgestattet sind. kommt mir meine kommunale Erfahrung aus der
Stadt Nürnberg sehr zugute. Ich habe dort als Stadt-
Insgesamt beträgt das Investitionsvolumen für die
rat eben diese Bayerische ;Staatsregierung in vielen
nächsten drei Jahre an der Saar rund 1,5 Milliarden Reden 'zu verteidigen gehabt gegen den Vorwurf
DM. Die Bundesanstalt hat nur 200 Millionen DM der Sozialdemokraten: sie habe nur ein Herz für die
pro Jahr zu vergeben und das Saarland 140 Millio- Bauern; sie betreibe nur eine Politik für das flache
nen DM beantragt. Land, weil dort ihre Wähler säßen; und für die
Hieraus geht klar hervor, daß es notwendig ist — Städte tue die Regierung nichts. In vielen Fällen
auch die Kollegen, die vor mir zu diesem Problem mußte der Nachweis erbracht werden, daß diese
2612 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970
Dr. Schneider (Nürnberg)
Bayerische ,Staatsregierung nach einem Verfassungs- die Protokolle bayerischer Bezirkstagspräsidenten
auftrag dafür zu sorgen hat, 'die Lebensverhältnisse und insbesondere die Leistungsberichte des Baye-
im ganzen bayerischen Lande einigermaßen gleich- rischen Staatsministers Dr. Otto Schedl gelesen.
artig, sozial fortschrittlich zu gestalten.
(Zuruf des Abg. Dr. Müller [München])
Wenn man dais dort .Gesagte mit dem vergleicht,
Aus all dem geht hervor, daß Bayern unter allen
was im Bundestag gesagt wird, muß ich sagen: man
Bundesländern die größte Wachstumsrate hat, daß
merkt die Absicht und ist verstimmt;
Bayern bei den schlechtesten Ausgangsverhältnissen
(Beifall bei der CDU/CSU) im Jahre 1945/46 die größten Fortschritte erzielt
aber nicht so verstimmt, daß man darauf nicht ein- hat.
gehen könnte. Woher kommt es denn, daß allen Deutschen eine
Sehnsucht eigen ist,
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
(Zuruf von der CDU/CSU: Auf nach
Herr Abgeordneter Dr. Schneider, erlauben Sie eine Bayern!)
Zwischenfrage? — Bitte schön!
die Sehnsucht nach Bayern und zuvörderst nach
Dr. Müller (München) (SPD) : Herr Kollege München?
Schneider, sind Sie nicht auch der Meinung, daß die (Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU.)
Benachteiligung durch ,die Politik der Bayerischen
Ich wäre fast versucht, aus der bayerischen Hymne
Staatsregierung nicht nur den Bürgern auf dem fla-
zu zitieren, nicht nur vom weißblauen Himmel,
chen Lande, sondern auch den Bürgern in den Städ-
nicht nur von unserer Städte Bau, sondern von vie-
ten die Schwierigkeiten aufzeigt, die diese Regie-
len anderen schönen Dingen. Ich darf sagen, daß
rung mit der Strukturpolitik hat?
es in Bayern in den letzten 20 Jahren noch viel schö-
(Zurufe von der CDU/CSU.) ner geworden ist, als es schon vorher gewesen ist.
Das ist ein Ergebnis dieser unserer Politik nicht nur
Dr. Schneider (Nürnberg) (CDU/CSU) : Ich kann in Bayern, sondern auch im Bund.
Ihnen nur eine Antwort geben: wenn eine Stadt wie (Beifall bei der CDU/CSU.)
München, aus der Sie kommen und die das größte
Wachstum aller Städte im Bundesgebiet hat, Herr Kollege Müller, Sie haben in verständlicher
Weise wegen des Ausgangs der Landtagswahl am
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU)
22. November in Bayern, nervös und besorgt, ver-
die wie keine andere Stadt im Bund durch das Wohl- sucht — allerdings am falschen Ort —, der Bayeri-
wollen des Landes und des Bundes begünstigt schen Staatsregierung und der CSU-Mehrheit, die
wird Gott erhalten möge — auch 'in Bayern —, etwas am
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU) Zeug zu flicken.
und zwar in all den Jahrzehnten, in denen wir Re- (Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU. —
gierungsverantwortung im Bund und im Land 'ge- Abg. Dr. Müller [München] : Was heißt
tragen haben —, „auch"?)
(Beifall bei der CDU/CSU) Herr Kollege Müller, Sie haben sich dadurch ausge-
die Behauptung aufstellen 'sollte, sie werde benach- zeichnet, daß Sie nach dem Kollegen Junghans eine
teiligt, kann sie nur den berechtigten Widerspruch zweite antibayrische Tirade gehalten haben. Wir
des übrigen bayerischen Landes provozieren. Bayern sind stark und können das vertragen. Wenn
eine solche Rede sogar ein Altbayer aus Passau
hält, erregt dies Verwunderung, aber auch damit
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
werden wir fertig werden.
Herr Abgeordneter Schneider, gestatten Sie eine
Zwischenfrage des Abgeordneten Jobst? Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

Herr Dr. Schneider, gestatten Sie eine Zwischen-


Dr. Jobst (CDU/CSU) : Herr Kollege Schneider, frage?
würden Sie die Freundlichkeit haben, den Herrn
Kollegen Müller zu fragen, ob er schon etwas von Dr. Schneider (Nürnberg) (CDU/CSU) : Bitte!
dem Prognos-Institut und von dem Bericht des
Prognos-Instituts aus Basel gehört hat? Dr. Müller (München) (SPD) : Herr Kollege
Schneider, ist Ihnen .der Unterschied bekannt zwi-
Dr. Schneider (Nürnberg) (CDU/CSU) : Lieber schen einer Rede gegen Bayern und einer Rede
Herr Kollege Jobst, es steht mir nicht zu, den Kol- gegen 'die CSU-Regierung, die nicht Bayern darstellt?
legen Müller hier zu fragen. Aber ich verstehe Ihre (Abg. Stücklen: Die CSU-Regierung hat
Frage, die an ihn gerichtet ist, gleichzeitig auch an doch die Mehrheit, nicht?)
mich gerichtet. Ich habe das Prognos-Gutachten
natürlich gelesen. Aber ich habe nicht nur das
Prognos-Gutachten gelesen, sondern ich habe auch Dr. Schneider (Nürnberg) (CDU/CSU) : Es ist
die Berichte der Bayerischen Staatsregierung, die mir bekannt, daß die CSU nicht gleich Baye rn ist,
Protokolle des Bayerischen Landtages, die Proto- wie auch die SPD nicht gleich München ist.
kolle von Reden bayerischer Oberbürgermeister, (Abg. Dr. Müller [München] : Sicher!)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2613

Dr. Schneider (Nürnberg)


— Darin stimmen wir also überein. Aber eines ist inister diese Förderungsmittel auch ins freie Land
mir auch bekannt: hinauszugeben, damit auch dort Strukturpolitik, Ge-
meindeentwicklung und Gemeindeerneuerung be-
(Abg. Sütcklen: Was wäre Bayern ohne
trieben werden können.
CSU?)
(Beifall bei ,der CDU/CSU.)
daß ohne die CSU Bayern heute nicht das wäre,
was es geworden ist. Ein weiteres. Ich fühle mich an Bert Brechts Drei-
groschen-Oper erinnert: Mach nur einen Plan und
(Beifall bei der CDU/CSU. — Sehr wahr!
sei ein großes Licht und mach dann noch nen Plan,
und sehr richtig bei der SPD.)
geh'n tun sie beide nicht.
Ich habe schon festgestellt, meine Damen und
(Zuruf von der SPD: Wie ist das dann mit
Herren, daß wir uns hier im Deutschen Bundestag
Bayern I und Bayern II? I und II natürlich
befinden, daß diese Debatte also eigentlich im
in römischen Ziffern! — Heiterkeit bei der
Bayerischen Landtag geführt werden müßte. Dort
SPD.)
wurde sie auch schon oft ausgetragen, und zwar
immer mit einem eindeutigen Ergebnis: die Angriffe — Ja, wissen Sie, bei uns ist die Kultur früher an-
der dortigen Opposition stießen ins Leere. gekommen; deswegen beziffern wir das römisch.
(Abg. Dr. Müller (München) : Hier ist es Der Teil Bayerns, um den es hier geht, wurde be-
genauso! Hier stößt die Opposition auch ins reits 15 v. Chr. von Drusus und Tiberius als Rätien
Leere!) und Noricum in den römischen Kulturkreis einbe-
zogen. Anderswo kamen die Römer später oder
Und niemand kann sich dem verschließen, was überhaupt nicht hin.
sich — ohne Beispiel für die bayerische Struktur-
politik — dort in den letzten 20 Jahren getan hat. Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

Aber wenn wir schon im Bundestag über Bayern Herr Kollege Dr. Schneider, auch der Herr Kollege
reden und wenn wir schon im Bundestag darüber Matthöfer lebt noch diesseits des Limes.
reden, daß es da und dort draußen im Lande an der (Heiterkeit.)
Struktur noch hapere — wer möchte dies bezwei-
feln? —, dann darf ich mir gestatten, auf einige ganz
konkrete Dinge einzugehen. Dr. Schneider (Nürnberg) (CDU/CSU): Der Limes
war eine merkwürdige Grenze. Dort, wo er von
Da gibt es beispielsweise eine Vorlage des Herrn Bayern ausging, war er der steinerne Limes. Ich
Bundesverkehrsministers, den Bedarfsplan zum Aus- möchte mich aber nicht weiter historisch verbreiten.
bau der Bundesfernstraßen 1971 bis 1985. Darin be- Sonst müßte ich von Passau anfangen und über
deuten die roten Markierungen, daß das betreffende Regensburg nach Augusta Vindelicorum, nach Augs-
Projekt eilig ist, im Bau ist oder wenigstens bis 1985 burg, gehen. Das wäre eine großartige Sache:
festgestellt wird. Bei gelb wird zu etwa 20 % fest- römische Strukturpolitik in Bayern. Wenn Sie mir
gestellt und bei grün etwa zu 7 %. — Meine sehr den Vergleich gestatten, haben die Römer für den
verehrten Damen und Herren, wenn es stimmte, Straßenbau in Bayern gelegentlich mehr übrig ge-
daß ,die Farbe der Hoffnung grün ist, dann wäre habt als der derzeitige Bundesverkehrsminister.
Bayern ein Land in permanenter Hoffnung, denn die
Striche sind in aller Regel grün; sie sind selbst in (Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU. —
Zuruf von der SPD: Drusus Goppel!)
München grün, wo es gilt, den äußeren Ring zu
schließen. Ich darf sagen, hier könnte der Bund durch Meine Damen und Herren, gestatten Sie mir, noch
seinen Bundesverkehrsminister bei der Zuteilung zwei Dinge zu sagen. Ich komme auf den Plan zu-
von Verkehrsausbaumitteln im Rahmen dieses Pro- rück, verehrte Damen und Herren. Es gab einen
gramms einiges tun, um ,die Struktur in Bayern in Hessen-Plan, und es gibt heute noch keinen Bayern-
verkehrspolitischer Hinsicht wesentlich zu verbes- Plan. Ich sehe gerade, wie Herr Professor Schmid
sern. mir freundlich zulächelt. Er versteht es, wenn ich
Ein Weiteres. Wenn man schon von Strukturpoli- sage, daß das Wort „Plan" vom lateinischen „planum
tik spricht und sich dabei nicht nur auf die Verdich- facere — die Gedanken verdeutlichen" kommt. —
tungsräume konzentriert, muß man auch einmal den Ich muß es frei übersetzen.
Entwurf des Städtebauförderungsgesetzes an- (Abg. Dr. Schmid [Frankfurt] : „Planum
schauen, den die Bundesregierung vorgelegt hat. -m facere" hieß das Geschäft des Feldmessens!)
Dort liest man in § 55 Abs. 1 dreimal das Wort „Ver-
— Das war das eine, und es hieß auch, dies zu
dichtungsräume". Daraus geht eindeutig hervor, daß
verdeutlichen. Ich habe das deswegen einmal nach-
diese Bundesregierung beabsichtigt, die Förderungs-
geprüft, weil man mir den Vorwurf gemacht hat,
mittel im Rahmen des Städtebauförderungsgesetzes
ich redete immer von Plänen. Als ich in meiner
vorwiegend in die Verdichtungsräume zu geben.
Stadt sagte, wir brauchen einen Stadtentwicklungs-
Wer aber den Entwurf der CDU/CSU nachliest, der
plan, hat man nein gesagt und gesagt: Der spricht
wird in § 39 Abs. 1 — ich bitte, das nachzulesen —
immer von Plänen und ist von der CSU!
finden, daß wir darauf aus sind, auch unter struktur-
politischen Aspekten, auch mit Rücksicht auf die Man braucht nicht immer einem Gedanken oder
Zielsetzungen des Bundesraumordnungsgesetzes einer Regierungsvorlage das Etikett „Plan" aufzu-
auch mit Rücksicht auf die Empfehlungen Nr. 1 und 2 heften. Man muß wissen, was man will. Das hat man
dies Beirates für Raumordnung beim Bundesinnen in Bayern sehr wohl gewußt. Wenn Sie, Herr Kol-
2614 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Dr. Schneider (Nürnberg)


lege Müller, mit dem Auto über die Autobahn von Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Frankfurt nach München heimfahren, dürfen Sie Bundesminister für Wirtschaft: Herr Präsident!
sogar eine dreifache beschattete Sonnenbrille ha- Meine 'Damen und Herren! Die Bundesregierung
ben, dann sehen Sie immer noch genug Fortschritt. sieht sich veranlaßt, in diese „bayerische Debatte"
Und wenn Sie einen Hubschrauber nehmen, fliegen einzugreifen,
Sie über die weißen Siedlungen mit den roten, (Abg. Stücklen: Immer diese Einmischungen!)
grauen und schwarzen Dächern hinweg. Sie können und zwar ganz ohne Alleinvertretungsanmaßung
doch nicht in Bonn einen anderen Eindruck erwek- — wie es Herr Ulbricht sagen würde —, sondern
ken; das glaubt Ihnen niemand. Millionen sind in in 'dem vollen Bewußtsein, daß es ,sich hier um ein
Bayern und wollen nach Bayern. Diese gesamt- assoziiertes Bundesland mit seinen Eigenheiten han-
deutsche Sehnsucht nach Bayern widerlegt Sie ganz delt. Deshalb haben wir uns in der Bundesregierung
und gar. auch keine Meinung darüber gebildet, was der liebe
Gott über die , CSU-Regierung denkt — wie Sie,
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
Herr Schneider, 2u wissen vorgaben.
Herr Abgeordneter Dr. Schneider, gestatten Sie eine Aber an einem Punkt hört der Spaß auf: Der
Zwischenfrage des Abgeordneten Brück? Tabelle 2 des Strukturberichts sind die Arbeitslosen-
quoten in ausgewählten Arbeitsamtsbezirken inner-
Brück (SPD) : Herr Kollege, habe ich Sie soeben halb der regionalen Aktionsprogramme zu entneh-
richtig verstanden, daß Sie gesagt haben, es gebe men. Ende April 1970 finden Sie bei einer Arbeits-
in Bayern keinen Plan? losenquote von 0,6 % im Durchschnitt des gesam-
ten Bundesgebietes bei Deggendorf 2,3% und bei
Passau 3,8%; für den 31. Januar 1970 finden Sie
Dr. Schneider (Nürnberg) (CDU/CSU) : Ich habe beinmBudsrchitvon1,3%beDg-
nicht gesagt, es gebe keinen Plan. Es gibt keinen dorf knapp 13% und bei Passau 16 %.
Plan im Sinne von Hessen-Plan. Manche Pläne sind
eine Addition von Wünschen, ausgedrückt in Zah- (Zuruf des Abg. Stücklen.)
len, mit einer euphemischen Überschrift. So verhält Das ist nun kein Problem des Bundes und eines
es sich mit vielen Plänen. — Bitte, Herr Kollege! bayerischen Streites mehr; hier geht es um Men-
schen, die keine Arbeit haben.
Dasch (CDU/CSU) : Herr Kollege Schneider, wol-
len Sie nicht unseren Kollegen von der SPD sagen, Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

Herr Staatssekretär, gestatten Sie eine Zwischen-


daß wir in Bayern praktischer und direkter sind,
frage des Abgeordneten Dr. Fuchs?
weil wir nicht einen Bayern-Plan haben, sondern
ein Bayern-Programm, das tatsächlich durchgeführt
Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär beim
wird?
Bundesminister für Wirtschaft: Ja, bitte!

Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: Dr. Fuchs (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, wür-
-

Herr Kollege, das war keine Zwischenfrage.


den Sie mir zustimmen, ,daß gerade angesichts die-
ser Tatsache der ungewöhnlich hohen Arbeitslosen-
Dr. Schneider (Nürnberg) (CDU/CSU) : Ich quoten in unserem Gebiet — dem 'Gebiet Passau–
könnte es auch so ausdrücken, Herr Kollege Dasch: Deggendorf, das Sie soeben genannt haben — doch
wir Bayern handeln, und die anderen machen Pläne. auch von ,der 'Bundesregierung überprüft werden
Ich darf zum Schluß meiner Ausführungen kom- sollte, ob nicht die regionalen Aktionsprogramme
auf ,die Struktur dieser Gebiete hin besserangepaßt
men. Herr Kollege Stücklen hat auf die Vierer-
werden sollten, um eine größere Wirksamkeit zu
Koalition in den Jahren 1954 bis 1957 hingewiesen,
erreichen?
eine Denkwürdigkeit in der bayerischen Nachkriegs-
geschichte übrigens. Diese Vierer-Koalition hat es
Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär beim
nicht zu einem Bayern-Plan gebracht; auch die vielen
Bundesminister für Wirtschaft: Herr Kollege, die
anderen nicht. Ich müßte jetzt aus dem Nähkästchen
Frage, die wir beantworten müssen, ist, warum das,
plaudern. Aber wir wollen vor der Bundesöffentlich- was in Oberfranken und in der Oberpfalz, also 'in
keit im Deutschen Bundestag nicht allzu viele weiß- Nordbayern, klappt, nicht auch in Niederbayern
blaue Liebeserklärungen wechseln. klappt. Das ist das Problem. Diese Antwort muß mit
Ich darf nur noch eines feststellen. Die Struktur- uns wahrscheinlich auch die bayerische Landes-
politik ist in Bayern kein Stiefkind. Die Struktur- regierung geben. Ich muß leider dem Genossen
politik hat in Bayern großartige, beispiellose Erfolge Müller
aufzuweisen. Ich appelliere an die Kollegen der (Heiterkeit, Beifall und Zurufe bei der CDU/
Koalitionsfraktionen, im Zeichen einer fortschritt- CSU)
lichen bayerischen Strukturpolitik Bayern das zu — dem Kollegen Müller — völlig recht geben: es
geben, was Bayern braucht und was Bayern ver- gibt eine Weisung der bayerischen Landesregierung
dient. an investitionswillige Unternehmen, daß sie sich zu
(Beifall bei der CDU/CSU.) entscheiden haben zwischen der Investitionszulage,
die wir für alle haben wollen, und regionalen Förde-
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
- rungsmitteln. Es wird von der bayerischen Landes-
Das Wort hat Herr Staatssekretär Dr. Arndt. regierung für die Unternehmen so disponiert, daß sie
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2615
Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Arndt
zwischen den Investitionszulagen und den Förde- ben? Müßte nicht auch die extreme Ungunst der
rungsmitteln des Bundes wählen. Das ist aber als Situation und der örtlichen Lage mit in Rechnung
zusätzliche Hilfe gedacht. Wenn die Eigenart gestellt werden, die ganz unabhängig von der
Bayerns so weit geht, daß man den Unternehmen Parteifarbe der jeweiligen Regierung ist?
diese Möglichkeit nimmt und sagt: wir gehen davon
aus, daß keine Anträge auf regionale Förderungs- Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär beim
mittel gestellt werden, wenn die Investitionszulage Bundesminister für Wirtschaft: Herr Kollege
beantragt wird, und wir werden ferner die Zurück- Warnke, es wird immer vorkommen, daß eine Indu-
zahlung dieser regionalen Förderungsmittel verlan- strieansiedlung in dem einen oder anderen Ort nicht
gen, wenn das dennoch geschieht, dann ist das eine rasch genug oder sogar auf Jahre hinaus nicht er-
Eigenheit, die auf Kosten der Menschen an Ort und folgt. Aber das gilt nicht für die Region. In der
Stelle geht und über die wir gemeinsam im Wirt- Region, von der Sie sprechen, sind die Dinge vor-
schaftsausschuß diskutieren müssen. angekommen. Sie haben das in Ihrer Rede auch ge-
wertet. Ich habe in meiner Rede von der neuen Wirt-
Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen: schafts- und Finanzpolitik gesprochen, die diese
Herr Staatssekretär, gestatten Sie eine Zwischen- Strukturpolitik ermöglicht hat. Insofern sind wir uns
frage des Herrn Abgeordneten Niegel? einig. Wir müssen jetzt noch eine Antwort auf die
Frage finden — ich hoffe, daß wir diese Antwort
Niegel (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, Sie spra- bei den Beratungen im Wirtschaftsausschuß fin-
chen vorhin die unterschiedlichen Arbeitslosenziffern den —, warum wir in Niederbayern nicht voran-
zwischen Oberfranken und Oberpfalz einerseits und kommen. Ich bin sicher, es kann keine generelle
Niederbayern andererseits an. Sind Ihnen, Herr Antwort sein, etwa in der Richtung, daß neue Mittel
Staatssekretär, die historischen und natürlichen Ent- über alle Gebiete ausgeschüttet werden. Wir müssen
wicklungen bekannt, und ist Ihnen bekannt, daß in hier vielmehr tatsächlich in die Einzelheiten gehen
Oberfranken eine Industrialisierung vor rund 100 und fragen: Warum gelingt es nicht, größere und
Jahren stattgefunden hat, während im Bayerischen mittlere Industrieunternehmen in diese Gegend zu
Wald erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit der bringen? Was haben sie dort zu scheuen? Welche
Industrialisierung begonnen werden konnte, und ist Barrieren sind dort vorhanden? Was muß man tun,
Ihnen zum anderen bekannt, daß die seinerzeit schon um die regionalen Behörden nochmals zu ermutigen
bestehende wirtschaftliche Entwicklung in Oberfran- und zu ermuntern, nun auch auf die Zukunft und
ken durch die Zonengrenzziehung so herabgemindert nicht nur auf die Gegenwart zu setzen?
wurde, daß zwar jetzt keine hohen Arbeitslosen-
ziffern zu verzeichnen sind, aber in der Entwicklung Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:
der Stundenentlohnung der Arbeitnehmer und der Erlauben Sie noch eine Zwischenfrage des Abgeord-
Kapazität der Wirtschaft doch entsprechende Aus- neten Dr. Fuchs?
wirkungen festzustellen sind?
Meine Damen und Herren, ich will an dieser Stelle
nur auf die Geschäftslage des Hauses aufmerksam
Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär beim machen. Wir haben noch ein umfangreiches Pro-
Bundesminister für Wirtschaft: Das ist mir bekannt. gramm abzuwickeln. Jeder Kollege kann natürlich
Dennoch erklärt es den Vorgang nicht. Wir haben Zwischenfragen stellen. Ich wäre allerdings dankbar,
doch auch ländliche Räume hochbekommen, in denen wenn Sie dabei auch an die Punkte der heutigen
es noch keine Industrie gegeben hat. Warum soll das Tagesordnung, die in jedem Fall noch behandelt
in Niederbayern im Arbeitsamtsbezirk Passau nicht werden sollen, denken würden.
auch klappen? Hier müssen wir gemeinsam eine
Antwort finden. Etwas, was überall funktioniert hat, Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär heim
müßte dort eigentlich auch funktionieren, oder es Bundesminister für Wirtschaft: Ich werde diese bei-
liegen besondere Umstände vor, über die wir ge- den Zwischenfragen beantworten. Meine Rede ist
meinsam Rechenschaft ablegen müssen. Ich bin nicht fertig.
in der Lage, eine befriedigende und die lokalen
Behörden entlastende Antwort zu finden. Mehr kann Dr. Fuchs (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, sind
ich Ihnen hier an Informationen nicht geben. Sie auch der Auffassung, daß der auch Ihrer Mei-
nung nach noch zu geringe Erfolg in der Struktur-
Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen: - verbesserung des ostbayerischen Grenzlandes und
Gestatten Sie eine weitere Zwischenfrage des Kol- in der Ansiedlung von Betrieben so zu erklären ist,
legen Warnke? daß dort eine extreme Ferne von den Zentren der
Wirtschaft gegeben ist? Folglich kann eigentlich nur
Dr. Warnke (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ist eine Konsequenz gezogen werden: die Förderungs-
Ihnen bekannt, daß es keineswegs etwa so ist, daß quoten müßten dort entsprechend erhöht werden,
diese Schwierigkeiten nur in Niederbayern und der weil sonst — im Gegensatz zu Gebieten, die im
Oberpfalz bestehen, sondern daß sich z. B. auch in Innern der Bundesrepublik liegen — kein Anreiz
Hof — die Rate für diesen Ort liegt bei 25 0/o; Sie wirklich zwingend zur Betriebsansiedlung führt.
haben die Situation in Oberfranken positiv bewertet
— kein Betrieb neu ansiedeln will? Finden Sie es Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:
nicht etwas zu einfach, das bloß auf den Ober- Herr Kollege Dr. Fuchs, erlauben Sie mir bitte eine
bürgermeister oder die Staatsregierung abzuschie Bemerkung. Zwischenfragen und Zusatzfragen sollen
2616 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen


kurz, knapp und präzise sein. Es ist aber nicht mög- Dr. Starke (Franken) (FDP) : Herr Präsident!
lich, ein solches Thema, wie Sie es hier anschneiden Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich möchte
— das zeigt auch schon die Länge .der Frage —, wirk- nur ganz weniges sagen, das mir aber doch ein
lich sachlich zu klären. Ich glaube, das sollten Sie wenig am Herzen liegt, und zwar aus ,den Erfahrun-
sich einmal ialerRuhnübg. gen der letzten Jahre, in denen die Zonenrandförde-
rung läuft. Ich möchte feststellen, daß nach meinen
Bitte, Herr ,Staatssekretär!
Erfahrungen— sicherlich in dem einen oder anderen
Jahr mit unterschiedlicher Intensität — alle Landes-
Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär beim regierungen sich den Fragen der Zonenrandförde-
Bundesminister für Wirtschaft: Herr Kollege, wir rung nicht verschlossen haben. Vorwürfe, die hier
wollen durch die Förderung in Schwerpunktorten gegen die eine oder die andere Regierung gefallen
lokale Ballungen industrieller und gewerblicher Tä- sind, waren unzweifelhaft übertrieben. Zum Teil ist
tigkeiten erzeugen, um die Nachteile, die sich aus der sogar das Kind mit dem Badeausgeschüttet worden.
Ferne von den Ballungszentren ergeben, auszuglei-
chen. Lassen Sie mich vor der Beratung dieser Fra- (Beifall bei der CDU/CSU.)
gen im Wirtschaftsausschuß eine vorläufige Ant- Ich bin auch der Meinung, daß es nicht gut ist,
wort geben. wenn man an Zahlen aus den Jahren 1953 und 1954
Erstens. Ich habe das Gefühl, daß in Bayern ein biß- erinnert; denn damals sind die Dinge natürlich noch
chen zu viel für die bereits bestehenden Ballungs- ganz anders gewesen als heute.
zentren und etwas zu wenig für die ferneren Gebiete (Zustimmung bei der CDU/CSU.)
getan wurde.
Was wir uns also hier zum Teil gegenseitig um die
Zweitens. Ich habe das Gefühl, daß die Landes- Ohren geschlagen haben, hilft uns natürlich nicht
und Bezirksregierungen etwas zu großzügig darin sehr viel weiter.
waren, jeden einzelnen Ort mit dieser oder jener Ich möchte aber ein paar Punkte herausheben, die
Förderung versehen zu wollen und damit der Bil- für ,die zukünftige Arbeit wichtig sind. Der erste ist
dung lokaler Schwerpunkte — 20 km Durchmesser — die Priorität. Ich stelle mit großer Befriedigung fest,
entgegenzuwirken. Dazu muß man natürlich eine daß die Bundesregierung diese Priorität für das
gewisse Festigkeit und Kraft haben, indem man Zonenrandgebiet neben der Priorität für Berlin in
sagt: Da machen wir es, und Ihnen können wir lei-
dem Strukturbericht ganz besonders betont. Ich er-
der im Augenblick, natürlich Infrastruktur, .aber
wähne das deshalb, weil in den Zeiten der letzten
keine 20%-Förderung gewähren. Das isst nicht leicht,
Bundesregierung, die bis zur Bundestagswahl im
aber das muß man wohl auch in Bayern lernen.
Amt war, die Gefahr aufleuchtete, daß das Zonen-
randgebiet wegen der Einleitung 'der Strukturförde-
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
- rung im übrigen Bundesgebiet eine relative Schlech-
Herr Staatssekretär, Sie waren einverstanden, daß terstellung erfuhr.
die letzte Frage des Kollegen Varelmann noch ge-
stellt wird. Bitte schön! (Zustimmung bei der CDU/CSU.)
Es ist, glaube ich, heute in gemeinsamer Arbeit von
Varelmann (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ist vielen gelungen, Verständnis dafür zu wecken, daß
Ihnen bekannt, daß in Niedersachsen zur Zeit nur es diese Prioritäten auch in Zukunft geben muß.
ein 'Drittel der Dringlichkeitsanträge auf Wirtschafts- Nun kommt ein Zweites, das ich ausdrücklich er-
förderung aus den Ausbaugebieten berücksichtigt wähne. Wir wollen ein Zonenrandförderungsgesetz.
werden können? Sehen Ste 'eine Möglichkeit, weitere Ich gestatte mir, hier zu sagen, daß nicht nur meine
Mittel zur Verfügung zu stellen, damit gerade in Fraktion dieses Gesetz wünscht — das wissen Sie
der gegenwärtigen Zeit eine Chance gegeben wird, ja nun —, sondern daß sowohl die Koalitionspar-
in diesem Bereich .die Wirtschaftslage zu verbessern?
teien wie die Oppositionsparteien es wünschen, und
das ist für mich heute das wichtigste. So sehr leicht
Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär beim tun wir uns vom Zonenrandgebiet im allgemeinen
Bundesminister für Wirtschaft: Herr Varelmann, für nicht, wenn wir etwas in der Praxis durchsetzen
dieses Jahr werden wir mit den im Bundeshaushalt müssen. Wir brauchen das Gesetz, weil alle anderen
vorgesehenen Mitteln auskommen müssen. Ich Fördergebiete gesetzliche Grundlagen haben und
konnte in meinen einleitenden Worten darstellen, weil, wie Sie wissen, insbesondere die Rechtsgrund-
daß das bereits eine konjunkturpolitische zusätzliche lagen für die so wesentlichen Sonderabschreibungen
Aufheizung bedeutet. Die nehmen wir in Kauf. Die etwas zweifelhaft geworden sind, möglicherweise
vertreten wir auch nach draußen gegen jeden An- sogar als nicht ausreichend angesehen werden.
griff und gegen jede Revision dieser Politik. Was
das für Niedersachsen im einzelnen bedeutet, kann (Beifall bei der CDU/CSU.)
ich Ihnen jetzt hier vom Pult aus nicht erklären. Das Gesetz soll also erstens die Priorität für das
Dazu müßte ich das erst prüfen. Sie werden dazu Zonenrandgebiet für die Zukunft enthalten. In dem
die notwendige schriftliche Antwort bekommen. Gesetz soll zweitens alles stehen, was die Zonen-
randgebiete haben — das ist ein ganz wesentlicher
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
- Punkt —, einschließlich der Sonderabschreibungen
Als letzter Redner in dieser Debatte hat sich Herr und der Frachthilfen, und zwar weil es sich bewährt
Abgeordneter Dr. Starke gemeldet. hat; ich zähle gar nicht alles auf.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2617
Dr. Starke (Franken)
Das Gesetz soll drittens z. B. den Wohnungsbau Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

enthalten. Ich stelle mit Befriedigung fest, daß so- Meine Damen und Herren, das Wort hat der Herr
wohl in dem Entschließungsantrag der Regierungs- Parlamentarische Staatssekretär Herold.
koalition als auch in dem Gesetzentwurf der CDU/
CSU die Wohnungsbaufragen angeschnitten sind. Herold, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Ich darf hier wieder einmal zur Erinnerung ein Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen:
wenig aus der Geschichte vortragen und darauf hin- Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
weisen, 'daß es so etwas schon einmal gegeben hat. Herren! Man ist natürlich versucht, zu einigen Aus-
Es gab damals eine zwar nicht sehr starke, aber führungen der Kollegen aus 'dem bayerischen Raum
immerhin doch eine Förderung des Wohnungsbaus noch etwas zu sagen. Ich will mir das aber heute
insbesondere für Arbeitnehmerfachkräfte. Das ist ersparen. Denn es wäre schlecht, wenn wir durch
dann ebenfalls zur Zeit der Großen Koalition wie- Polemik diese schwierige Aufgabe, die wir eines
der etwas eingeschlafen. Das ist kein Vorwurf, son- Tages gemeinsam in irgendeiner Form 'bewältigen
dern ich stelle nur fest, wie sich die Dinge entwickelt wollen, belasteten.
haben.
Herr Kollege Stücklen hat von der „Viererkoali-
Viertens könnte man sogar etwas über die Infra- tion" 'gesprochen. Nun, Sie haben damals kein Bay-
struktur im Zonenrandgebiet sagen. Ich wäre sehr ernprogramm auf 'die Beine stellen können. Sie hat-
dafür. Nur muß ich darauf aufmerksam machen, daß ten ein hervorragendes Wohnungsbauprogramm,
all das Geld kostet und man dafür zusätzliche Mittel das sich damals „Bayernprogramm" nannte. Schauen
braucht, was, wie Sie wissen, für jeden Finanzmini- Sie sich heute die bayerischen Städte a n. Sie sehen
ster, von welcher Partei er auch immer gestellt wer- dort die steinernen Zeugen hervorragender Leistun-
den möge, besonders wichtig ist. gen.
Wenn wir uns also darin einig sind, daß ein Ge- (Zuruf des Abg. Dr. Schneider [Nürnberg].)
setz geschaffen werden soll, in dem die künftigen
— Entschuldigung! Sie kennen die Anlagen, Herr
Prioritäten festgehalten sind, wenn wir uns weiter
Schneider. Sie waren in der Kommunalpolitik in
darin einig sind, daß in diesem Gesetz alles, was die
Nürnberg tätig und wissen, was im Rahmen des
Zonenrandgebiete betrifft, stehen soll und darüber
„Bayernprogramms" damals auf dem Gebiet des
hinaus noch die anderen von mir erwähnten Punkte Wohnungsbaus für sozialschwache Familien, die in
enthalten sein sollen, finde ich das sehr gut. Dann
Notwohnungen hausten, geschehen ist. Ich habe
haben wir für die kommenden Wochen und Monate
nichts gegen die Vorlage des Bayernprogramms,
eine sehr gute Grundlage. Wir werden nämlich —
Bayern I und Bayern II. Aber, meine Damen und
das sei mein Abschluß — alle noch merken, daß die Herren, Sie können doch hier nicht einfach die Tat-
Formulierungen im. Gesetz nicht einfach sein werden.
sache vom Tisch wischen, daß diese Programme zu
Sie werden sogar für Schwerpunktfragen, um die es spät gekommen sind. Sie sind 10 Jahre zu spät ge-
uns geht, nicht einfach sein. Wir wollen — das ist kommen. Sonst hätten wir die Orientierungshilfen,
heute schon festgestellt worden — weder etwas für
und manche Gemeinde hätte nicht fehlinvestiert.
das Zonenrandgebiet verlieren noch etwas dafür er- Diese Gelder bräuchten sie heute nämlich dringendst
schweren und auch — ich möchte sehr darum bitten, für Infrastrukturmaßnahmen zur Industrieansied-
daß das beachtet wird — keine übermäßig große lung. Das möchte ich Ihnen ganz offen sagen.
Verwaltungsapparatur aufbauen; denn das wäre
ein wesentlicher Verlust. Wir wollen schließlich (Abg. Dr. Schneider [Nürnberg]: Ich habe
auch nicht nur Einzelfälle sehen, die einen beson- immer gehört, wir tun zuviel für das flache
deren Eindruck machen. Solche Einzelfälle helfen Land und zu wenig für 'die Städte!)
uns insgesamt nicht weiter, sondern wir müssen im Ich bin verantwortlich für das, was ich hier aus-
Zonenrandgebiet eine breite Wirtschaftsstruktur er- führe, Herr Schneider. Ich 'bin für Ihre Ausführungen
halten, fördern und weiter ausbauen.
und für die Ausführungen anderer Kollegen nicht
Ich habe diese Schwierigkeiten erwähnt, meine verantwortlich.
sehr verehrten Damen und Herren, weil wir, die wir
uns seit eh und je für das Zonenrandgebiet einge- Ich möchte abschließend im Namen der Bundes-
setzt haben und uns auch in Zukunft einsetzen wer- regierung nur ein paar Bemerkungen zu dem Ent-
den, uns gemeinsam um des Zonenrandgebietes und wurf des Zonenrandförderungsgesetzes der CDU/
der dort lebenden Menschen willen bemühen müs- CSU machen. Ich darf dazu bemerken, meine sehr
sen, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Sie wer- verehrten Damen und Herren, daß wir gerade die
den nicht klein sein. Da ich das, wie ich gesehen weitere Förderung des Randgebietes zur DDR und
habe, ohne Widerspruch in diesem Hause von sei- zum tschechischen Grenzgebiet als eine struktur-
ten der Experten, die hier noch versammelt sind, politische Aufgabe ersten Ranges ansehen und auch
feststellen konnte, sind wir, wie ich meine, in der in Zukunft betrachten werden. Ich darf darauf hin-
Frage des Zonenrandgebietes heute einen guten weisen, daß der Herr Bundeskanzler in seiner Re-
Schritt weitergekommen. Das macht mir Mut zu gierungserklärung vom 28. Oktober und auch im
glauben, daß wir bis zum Herbst ein gutes Gesetz Bericht zur Lage der Nation eindeutige Prioritäten
für das Zonenrandgebiet haben werden, ein Gesetz, gesetzt und sich für die verstärkte Förderung ein-
das uns alles beläßt, was wir haben. gesetzt hat. Wir wissen genau um die Notwendig-
Gegen das, was dann noch dazu kommt, werde ich keit der Zonenrandförderung. Ich glaube, daß wir
persönlich mich nie wehren. hier eine Verpflichtung haben und daß gerade die-
(Allgemeiner Beifall.) ser Raum, der durch die mitteldeutschen Sperrmaß-
2618 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970
Parlamentarischer Staatssekretär Herold
nahmen in eine unverschuldete Notlage kam, in Ländern zu meistern. Polemik, wie wir sie zum Teil
jeder Hinsicht weitere Unterstützung erfahren muß. heute erlebt haben, nützt niemandem.
(Abg. Niegel: Ist das ein neuer Begriff, (Sehr gut! bei der CDU/CSU.)
„mitteldeutsche Sperrmaßnahmen" ?)
Das möchte ich hier feststellen.
— Von „mitteldeutschen Sperrmaßnahmen" reden
wir schon lange. Vielleicht haben Sie es bis jetzt Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

nicht zur Kenntnis genommen, Herr Kollege Niegel. Herr Staatssekretär, gestatten Sie eine Zwischen-
Das kann natürlich sein. frage des Abgeordneten Niegel? Bitte!
Außerdem sind wir der Meinung, daß durch die
Neuorientierung in Europa diese besondere Lage Niegel (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, mich in-
noch verschärft worden ist. Im Rahmen der EWG teressiert, aus welchen Gründen Sie immer auf lange
ist dieses Gebiet, das im Herzen Europas lag, zu- Zeiträume zurückgreifen — 1953 —, um eine Steige-
sätzlich zum Randgebiet geworden. rung der Förderungsmittel für den Zonengrenzraum
(Zuruf des Abg. Dr. Fuchs.) herauszustellen. Es wäre besser, wenn Sie heraus-
stellen würden, was im vergangenen Jahr getan
— Sie hätten es bestimmt genauso gut gemacht, wie wurde und was heute getan werden soll.
es der Kollege Ertl gemacht hat. Der Vorreiter für
diese Maßnahmen war Ihr sehr verehrter Herr Kol- Herold, Parlamentarischer Staatssekretär beim
lege Höcherl. Das sollten Sie bitte überlegen. Nicht Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen: Herr
diese Regierung ist verantwortlich für die Römi- Kollege Niegel, ich möchte die Zeit meiner Kollegen
schen Verträge. Sie wissen genau, wer dort verhan- nicht zu stark strapazieren. Ich könnte Ihnen aus
delt hat. Daß das Folgemaßnahmen waren, dürfte dieser Skala vorlesen. Die Zahlen sind aus den
Ihnen nicht unbekannt sein, Herr Kollege. Jahren 1962 bis 1970. Es würde sich lohnen, auch die
Diese beiden Kriterien, die bei den anderen För- letzten Zahlen zu nennen, denn darin sind immerhin
derungsgebieten in der Bundesrepublik natürlich Steigerungen von ungefähr 20 bis 30 % enthalten.
nicht vorhanden sind, bestimmen die Politik der Ich stelle Sie Ihnen gern zur Verfügung, Herr Niegel,
Bundesregierung gegenüber den Zonenrandgebie- und wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie diese Zahlen
ten. Die Förderung dieses Raums ist damit nicht der Ministerien veröffentlichen würden. Ich meine,
allein eine wirtschaftliche, sondern für uns auch das lohnt sich.
eine eminent politische Aufgabe. Die Ministerien, Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe
die hier in erster Linie beteiligt sind, haben dies Kollegen! Ich möchte nur abschließend sagen, wir
ganz klar erkannt und fühlen sich auch entspre bedauern es, daß eine Arbeit, die gemeinsam von
chend verpflichtet, besonders unser Haus. den Industrie- und Handelskammern, den Hand-
Ich darf wohl sagen, daß sich diese Bundesregie- werkskammern und den Wirtschaftsministerien der
rung laufend bemüht hat, die Förderungsmaßnahmen Zonenrandländer und der Bundesregierung erarbei-
zu verbessern, vor allen Dingen auch die wirtschaft- tet worden ist, diesem Hause auf so eine Art vor-
liche und die kulturelle Förderung sowie die Förde- gelegt wurde. Wir sind in Lübeck auseinander-
rung von Sporteinrichtungen im Zonenrandgebiet gegangen mit der Auffassung, daß dieses Arbeits-
zu erhöhen. Ich darf Ihnen ein paar Zahlen nennen. papier der Bundesregierung zur Verfügung gestellt
Es ist doch sehr interessant, daß wir feststellen dür- wird. Es war nicht zur Veröffentlichung vorgesehen;
fen, daß für kulturelle Maßnahmen im Zonenrand- das wissen Sie, Herr Dr. Warnke. Aber das schadet
gebiet für das Jahr 1970 etwa 20 Millionen DM aus- nichts. Wir werden in jedem Fall diese Arbeiten in
gewiesen sind und daß wir damit gegenüber den Zusammenarbeit mit den Ländern und mit den Ver-
Jahren 1964 und 1965 eine Steigerung um 10 Millio- bänden fortsetzen, damit wir gemeinsam für die
nen oder um 100% haben. Für die Förderung der Menschen, die dort leben, noch mehr herausholen;
kulturellen Maßnahmen haben wir in diesem Haus- denn, Herr Dr. Warnke, Sie wissen, uns machen
halt weitere 12 Millionen DM ausgewiesen. Das be- einige Dinge große Sorgen. Das wissen Sie, das
deutet gegenüber den Vorjahren Steigerungen von weiß auch die Bundesregierung. Es wäre schade,
über 20 und 30%. Ich darf eine Zahl aus dem Innen- wenn wir jetzt vielleicht sagten, diese Regierung ist
ministerium nennen. Die Mittel für den Bau von ein halbes Jahr im Amt, und wir schieben ihr die
Sportstätten, die uns sehr wichtig sind, um den Schuld für das zu, was andere vor ihr getan haben.
Wohn- und Freizeitwert dieses Gebiets zu erhöhen, - Nicht von ungefähr bleibt der große Teil unserer
um vor allen Dingen die Kommunen nicht allein zu Abiturienten nicht mehr im Zonenrandgebiet, bleibt
lassen, haben seit 1962 praktisch eine Verdoppelung ein großer Teil unserer guten Facharbeiter nicht
von 4 auf etwa 8,5 Millionen DM erfahren. mehr im Zonenrandgebiet, weil eben dieser Wohn-
Die Mittel für das regionale Förderungsprogramm und Freizeitwert nicht da ist oder weil die Einrich-
im Rahmen des Bundeshaushalts schließen 1969 mit tungen zur Weiterbildung unserer jungen Menschen
einem Betrag von 353 Millionen DM für alle Förde- in diesen Gebieten fehlen. Das möchte ich hier klar
rungsmaßnahmen ab, davon allein für das Zonen- feststellen. Wenn es uns gelingt, diese Dinge im
randgebiet etwa 195 Millionen DM. Gegenüber 1953 Interesse der Menschen, die dort wohnen, zu ver-
ist das praktisch eine Verachtfachung dieses Betra- vollständigen und weiter zu entwickeln, wäre ich
ges. Ich glaube, Sie können daraus ersehen, meine Ihnen sehr dankbar. Ich darf um Ihre Unterstützung
Damen und Herren, daß wir auch in Zukunft darum bitten.
bemüht sind, diese Aufgaben gemeinsam mit den (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2619

Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: und Erklärungen aus ministeriellem Hause und


Meine Damen und Herren, damit sind wir endgültig Munde hören und lesen können, aber alle ignorier-
am Ende der Aussprache über die Punkte 2 a und b ten die Fragestellung oder wichen ihr aus. Mit der
der heutigen Tagesordnung. Fata Morgana eines langfristigen Wohnungsbaupro-
Der Ältestenrat schlägt Ihnen vor, den Struktur- gramms der Bundesregierung wurde 'und wird ver-
sucht, über die konkrete unhaltbare und in ihren
bericht 1970 der Bundesregierung dem Ausschuß für
Auswirkungen zutiefst unsoziale und ungeheuerlich
Wirtschaft — federführend — und dem Haushalts-
belastende Situation hinwegzuspielen. Aber darüber
ausschuß — mitberatend — zu überweisen. — Ich
hinwegtäuschen läßt sich allerdings nicht; denn Mil-
stelle allgemeines Einverständnis fest. lionen von Mietern und Hunderttausende von Woh-
Der Ältestenrat schlägt Ihnen ferner vor, den Ent- nungseigentümern und Familienheimern zahlen die
wurf eines Zonenrandförderungsgesetzes, Druck- Zeche.
sache VI/796, dem Ausschuß für innerdeutsche Be- Ich habe gehofft, daß ich meine bereits für die vor-
ziehungen — federführend — sowie zur Mitbera- gesehene Debatte am 6. Mai konzipierte Rede grund-
tung dem Ausschuß für Wirtschaft und dem Finanz- legend hätte ändern können; denn in den drei
ausschuß, ferner dem Haushaltsausschuß zur Mit- Wochen bis heute hätte ja eine zielbewußt han-
beratung und nach § 96 der Geschäftsordnung zu delnde Regierung einiges zur Verbesserung der Si-
überweisen. — Es ist so beschlossen. tuation in der Wohnungswirtschaft tun können.
Schließlich liegt noch der Entschließungsantrag der Aber weit gefehlt. Diese drei Wochen zeigen kein
Fraktionen der SPD und der FDP zu Punkt 2 a der anderes Bild; als es schon in den vorhergehenden
heutigen Tagesordnung auf Umdruck 25 vor. Es sechs Monaten der Fall gewesen ist. So ist es auch
wird vorgeschlagen, diesen Antrag dem Ausschuß nicht verwunderlich, daß die uns heute vorliegende
schriftliche Antwort vom 30. April auf unsere Große
für Wirtschaft — federführend — und dem Haus-
Anfrage nur wenig von dem Hintergrund verspüren
haltsausschuß — mitberatend — zu überweisen.
läßt, vor dem diese Anfrage formuliert wurde, näm-
(Abg. Frau Renger: Finanzausschuß!) lich der Sorge um die beängstigende Entwicklung
— Ich würde vorschlagen, daß wir den Entschlie- der Mieten und Lasten in der Wohnungswirtschaft,
ßungsantrag in der gleichen Ordnung den Ausschüs- der exorbitant hohen Baupreissteigerungen und der
Gefahr der vollständigen Lähmung des sozialen
sen zuleiten, an die wir eben den Entwurf des
Wohnungsbaus.
Zonenrandförderungsgesetzes überwiesen haben,
weil ja hier im wesentlichen auch die Problematik Die Bundesregierung hat seit ihrer Amtsüber-
berührt wird. — Allgemeine Übereinstimmung. nahme im Herbst 1969 nichts erkennen lassen, was
dem Druck der Zinssteigerungen auf den Woh-
(Abg. Dr. Starke [Franken] : Wie beim
nungsbau und die Mieten hätte entgegengesetzt
Gesetz!) werden können, was vielleicht auch eine Bremsung
— Ja, das habe ich gerade vorgeschlagen. — Danke oder gar eine Verhinderung hätte bedeuten können.
schön, dann ist das auch so beschlossen. 200 Tage Regierungszeit haben nicht genügt, auch
nur eine einzige konstruktive und wirksame Maß-
Meine Damen und Herren, ich rufe nunmehr nahme einzuleiten.
Punkt 3 der heutigen Tagesordnung 'auf:
Wenn die Bundesregierung in ihrer Antwort auf
Große Anfrage, der 'Abgeordneten Erpenbeck, unsere Fragen mit der allgemeinen Feststellung be-
Mick, Geisenhofer, Lücke (Bensberg), Dr. ginnt, daß es ihr Ziel sei, durch ihre konjukturpoliti-
Müller-Hermann und ,der Fraktion der CDU/ schen Maßnahmen die Preisstabilität wiederzugewin-
CSU nen, und es dabei um Stabilisierung ohne Stagna-
betr. Wohnungsbaupolitik tion gehe, so kann ich nur feststellen, daß von Sta-
bilisierung ohne Stagnation im Wohnungsbau und
— Drucksachen VI/572, VI/716 —
in der Wohnungswirtschaft keine Rede sein kann,
Das Wort hat der Herr Abgeordnete Erpenbeck. daß wir es hier vielmehr schon lägst mit einer
(Abg. Rösing: 30 Minuten!) Stagnation ohne Stabilisierung zu tun haben.
('Beifall bei der ,CDU/CSU.)
Erpenbeck (CDU/CSU) : Herr 'Präsident! Meine Wir haben uns auch in der Hoffnung getäuscht, daß
Damen und Herren! Vor nunmehr neun Wochen hat es der Regierung bei der Sichtung des Materials
die CDU/CSU-Fraktion die Große Anfrage zur Woh- und der Fakten, die sie doch zur Beantwortung
-
nungsbaupolitik eingebracht. Mehr als fünf Wochen unserer Anfrage heranziehen mußte, aufgegangen
hat die Regierung .gebraucht, um die schriftliche Ant- wäre und daß sie begriffen hätte, daß hier nur
wort zu geben. Inzwischen sind weitere vier Wo- schnelles und entschiedenes Handeln einen völligen
chen vergangen, bis dieses Haus Stellung nehmen Zusammenbruch des sozialen Wohnungsbaues und
kann. Angesichts der explosiven Entwicklung der ein immer weiter steigendes Miet- und Lastenniveau
Mieten und Lasten in der Wohnungswirtschaft und
aufhalten kann. Neun Wochen sind seither vergan-
eines völlig aus dem Konzept geratenen und gelähm-
gen. Ich muß mit großem Bedauern feststellen, daß
ten sozialen Wohnungsbaus scheint mir dies ein un- diese Regierung in der Frage der kontinuierlichen
verantwortlicher Zeitverlust zu sein.
Fortführung der Wohnungsbaupolitik und insbeson-
(Beifall bei der CDU/CSU.) dere des sozialen Wohnungsbaues versagt hat, daß
Zwar haben wir zwischenzeitlich bedeutend erschei sie nicht gehandelt hat und daß sie es zu verant-
nende Reden, Festvorträge, Presseartikel, Aufsätze worten hat, daß der Wohnungsbau und damit aber-
2620 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Erpenbeck
tausende Mieter, kleine Eigentümer, Wohnungs- ob die nichtssagende, bagatellisierende und aus-
eigentümer und Wohnungssuchende zum Prügel- weichende Form der Antwort die Opposition in
knaben einer verfehlten Wirtschafts-, Konjunktur- ihrer legitimen Fragestellung brüskieren soll oder
und Preispolitik geworden sind. ob im Hause des Ministers oder auch beim Herrn
Minister selbst die Kenntnis über den vollen Um-
(Beifall bei der CDU/CSU.)
fang der tatsächlichen Situation und ihrer einschnei-
Ich sagte: die Bundesregierung hat es zu verant- denden Wirkungen bei der Abfassung präsent war.
worten. Es wäre ungerecht, wenn ich dem Herrn
(Abg. Matthöfer: Den vollen Umfang muß
Minister für Städtebau und Wohnungswesen allein
ten wir erst feststellen! Ihre Statistik ist
diese Verantwortung anlasten wollte. Er ist es ja
völlig falsch!)
nicht, der die Richtlinien der Politik der Regierung
zu bestimmen hat. Er trägt auch nicht die Ressort- — Meine Damen und Herren, wenn Sie so viele
verantwortung für die Wirtschafts- und Konjunktur- Schwierigkeiten mit der Feststellung der Situation
politik. Wir können aber nicht umhin, zur Kenntnis haben, dann fragen Sie die Menschen draußen! Die
zu nehmen, daß im Kabinett dieser Regierung die merken es längst im Portemonnaie!
Wohnungsbaupolitik und — so müssen wir viel- (Beifall bei der CDU/CSU.)
leicht sogar zu seinen Gunsten annehmen — der
dafür verantwortliche Minister offensichtlich einen Deshalb scheint es mir notwendig zu sein, hier
außerordentlich niedrigen Stellenwert besitzen. ganz kurz noch einmal den Hintergrund zu verdeut-
lichen.
Kürzlich wurde in der Öffentlichkeit der Vorwurf
erhoben, daß der derzeitige Wohnungsbauminister Herr Bundesminister, Sie haben bereits in der
zur Zeit der schlechteste Anwalt der Wohnungswirt- konjunkturpolitischen Debatte am 13. März 1970 die
schaft seit Bestehen der Bundesrepublik sei. Leider Auswirkungen der Diskontsatzerhöhung auf 7,5 %
machen es uns die Fakten unmöglich, dieser Fest- und die Baupreissteigerungen . herunterzuspielen
stellung wirksam entgegenzutreten. versucht. In der Öffentlichkeit haben Sie zwischen-
zeitlich mehrfach verkündet, daß jährlich minde-
(Zustimmung bei der CDU/CSU.) stens 200 000 Wohnungen im Rahmen des sozialen
Wir würden Herrn Dr. Lauritzen gern beispringen Wohnungsbauprogramms erstellt werden sollten.
und das auch heute noch tun, wenn er auch nur In der Antwort auf unsere Anfrage sprechen Sie
einen konkreten Ansatzpunkt einer kontinuierlichen davon, daß im sozialen Wohnungsbau allenfalls
Verbesserung der katastrophalen Situation in der gewisse Verzögerungen in Kauf genommen werden
Wohnungsbaupolitik aufzeigen würde. Statt dessen müssen.
haben wir bislang nur ein Herunterspielen dieser (Zuruf von der CDU/CSU: Die aber lange
Situation der schweren Auswirkungen der Zinser- dauern!)
höhungen auf den sozialen Wohnungsbau erlebt
und kein Wort der echten Stellungnahme zu den Warum wird hier denn nicht ganz offen zugegeben,
tatsächlichen Schwierigkeiten der Wohnungswirt- daß bereits im Jahre 1969 — ich könnte jetzt genau-
schaft, die durch die wirtschaftspolitischen Maßnah- so wie es heute morgen in der Strukturdebatte ge-
men entstanden sind, gehört. Vielmehr übte man schehen ist, auf das Jahr 1967 zurückgehen, wo
sich — wie ist es anders zu erwarten? — in Ver- zumindest wirtschafts- und strukturpolitisch schein-
gangenheitsbewältigung. bar alles neu wurde, scheinbar alles anders und
besser wurde; Zahlen zu nennen will ich mir ver-
Ich darf hier nur auf einen Wort- und Bildbeitrag sagen, denn sie wären nicht besser als eine einzige
des Ministers im „Vorwärts" hinweisen. Darin wun- Zahl, die ich in diesem Augenblick hier zu nennen
dert er sich darüber, daß die CDU/CSU sich zum habe — die öffentlich geförderten echten Sozial-
Anwalt der Mieter aufspiele. Ich darf dazu nur wohnungen einschließlich der auf dem zweiten För-
sagen, Herr Minister und meine Damen und Herren, derungsweg geförderten steuerbegünstigten Woh-
daß die CDU/CSU ein Aufspielen gar nicht nötig nungen zusammen nicht mehr das von Ihnen als
hat, denn die Leistungen in 20 Jahren Regierungs- gesichert angegebene Volumen von 200 000 Ein-
verantwortung sind in aller Welt bekannt; die brau- heiten erreichte? 1969 waren es noch 131 000 Woh-
chen wir hier nicht noch einmal darzulegen. nungen, die mit direkter staatlicher Hilfe gefördert
(Beifall bei der CDU/CSU.) wurden.
Sie sind geachtet und mit dem Namen hochgeachte- (Abg. Vogel: Wer zählt denn so genau?)
ter Persönlichkeiten und Wohnungsbaupolitiker der -
CDU/CSU verbunden. Diese starke Abnahme der öffentlich geförderten
sozialen Wohnungen wurde auch nicht durch die auf
(Erneuter Beifall bei der CDU/CSU.) dem zweiten Förderungsweg geförderten steuer-
Gegenüber der in diese Zeit fallende Zahl von über begünstigten Wohnungen aufgewogen. Die durch
10 Millionen neuer Wohnungen ist doch der bloße Annuitätshilfen geförderten Wohnungen nach § 88
Hinweis auf ein langfristiges Wohnungsbaupro- des Zweiten Wohnungsbaugesetzes betrugen 1969
gramm der Bundesregierung ohne konkrete Realisie- 34 000.
rungs- und Finanzierungsangaben geradezu kläg- Diese Situation hat sich infolge der verhängnis-
lich zu nennen. vollen Entwicklung in den letzten Monaten katastro-
Meine Damen und Herren, wer die Situation kennt phal verschlechtert. Infolge der Diskonterhöhungen
und die Antwort auf unsere Große Anfrage liest, sind nur noch Hypotheken mit einem Zinssatz von
muß doch allen Ernstes in die Überlegung eintreten, mindestens 8% zu erhalten. Man kann heute schon
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2621
Erpenbeck
überall aus der Feder von Fachleuten, die es wissen Baubeginnen entsteht, in der ganzen Schwere in
müssen, lesen, daß die Zinsen für neu ausgegebene den nächsten Jahren auswirken wird.
Hypotheken effektiv 8,5 bis 9 % und teilweise dar- Weder in der konjunkturpolitischen Debatte am
über betragen. Damit ist der soziale Wohnungsbau 13. März noch in der heute vorliegenden Antwort
völlig zum Erliegen gekommen. ist der Bundesminister für Städtebau und Wohnungs-
Das Land Nordrhein-Westfalen hat als erstes Land wesen auf die Frage der Baukostensteigerungen
die praktischen Konsequenzen daraus gezogen. Nach näher eingegangen. Er hat nur zugegeben, daß die
einem vor Wochen gefaßten Kabinettsbeschluß Baupreise in den letzten zwölf Monaten um 15 °/o
dürfen Wohnungsbauvorhaben durch Annuitätszu- gestiegen seien. Diese Zahl allein ist bereits er-
schüsse nur gefördert werden, wenn die Hypothe- schreckend hoch. Es treffen aber auch Nachrichten
kenzinsen nicht mehr als 7,5% — man höre: nicht zu, daß zumindest in den Städten und ganz beson-
mehr als 7,5 %! — betragen und der Auszahlungs- ders in den Großstädten die Baupreissteigerungen
kurs nicht unter 95% liegt. Da derartige Hypothe- weit über das Doppelte betragen.
ken, von Bauspardarlehen abgesehen, nicht zu er- Die Baukreditbank in Düsseldorf hat in sechs
halten sind, ist in Nordrhein-Westfalen der öffent- Großstädten der Bundesrepublik Untersuchungen
lich geförderte soziale Wohnungsbau völlig zum angestellt. Dabei stellt sie fest, daß die Baupreis-
Erliegen gekommen. steigerungen vom Februar 1969 bis Februar 1970 in
(Abg. Mick: Nicht nur in Nordrhein-West Augsburg 30 %, in Hamburg 31%, in Köln und
falen!) Düsseldorf 32 %, in Stuttgart 33 % und in Nürnberg
34% betragen. Spitzenreiter — und jetzt kommen
— Herr Kollege Mick, ähnliche Nachrichten kommen
wir wieder auf bayerisches Gefilde, wobei Nürnberg
auch aus anderen Ländern.
selbstverständlich auch dazugehört; daß man mir
Ich nenne ein anderes Beispiel, weil ein anderer das nicht vorwirft — ist München mit 36%. Inner-
Förderungsweg gewählt wird: Hamburg. Auch dort halb eines Jahres sind also in diesen Großstädten
dürfen Bewilligungen nicht mehr ausgesprochen die Baupreise um rund ein Drittel gestiegen. Das ist
werden, wenn sich Quadratmetermieten von mehr in der Nachkriegsgeschichte des Wohnungsbaus bis-
als 4,50 DM ergeben. Diese Mieten sind nach den her noch nicht dagewesen.
Pressemitteilungen des Deutschen Mieterbundes in (Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
Hamburg nicht zu erzielen. — Wir brauchten die
Pressemitteilungen des Deutschen Mieterbundes Bei dieser Preisentwicklung muß auch die gesamte
nicht unbedingt heranzuziehen; aber ich sage das Eigentumspolitik im Wohnungsbau zusammenbre-
ausdrücklich, damit mir nicht unterstellt wird, ich chen. Der Ring Deutscher Makler hat auf seinem
hätte meine Informationen dort geholt, wo es uns Maklertag vor wenigen Wochen Preise für Eigen-
gerade am besten erschien. — Da diese Mieten im tumswohnungen von 2 500 DM je qm Wohnfläche
sozialen Wohnungsbau nicht erzielt werden kön- genannt. Das bedeutet, daß bei diesem Preisniveau
nen, ist es auch in Hamburg mit den Bewilligungen eine 80 qm große Wohnung rund 200 000 DM kostet.
zur Zeit völlig vorbei. Es braucht wohl nicht weiter ausgeführt zu werden,
daß damit für die breiten Schichten der Bevölkerung
Die Situation ist im steuerbegünstigten und frei der Weg zum Eigentum verbaut wird. Bei dieser
finanzierten Mietwohnungsbau nicht anders. Auch Preisentwicklung werden das Eigenheim und die
dort sind Baubeginne kaum noch zu verzeichnen. Eigentumswohnung zu einem Privileg eines kleinen
Nach den Mitteilungen des Ringes Deutscher Makler Kreises von Großverdienern. Darin, daß das nicht
ergeben sich für frei finanzierte Wohnungen mit Wohnungsbaupolitik sein kann, sind wir uns hier
einer einigermaßen guten Ausstattung zur Zeit im Hause sicherlich alle einig.
Quadratmetermieten von 8 DM. Kein verantwortlich
(Beifall bei der CDU/CSU.)
denkender Bauherr wird das Risiko auf sich nehmen,
derartige Wohnungen weiter zu bauen. Was den Beunruhigend ist, daß im Augenblick ein Ende
Bundeswohnungsbauminister zu der optimistischen dieser Entwicklung nicht abzusehen ist. Im Mai ist
Annahme berechtigt, der Wohnungsbau insgesamt die Lohnerhöhung für die Arbeitnehmer des Bau-
und speziell auch der soziale Wohnungsbau könn- hauptgewerbes in Kraft getreten. In Kreisen der
ten auf dem bisherigen Stand gehalten werden, ist Bauwirtschaft rechnet man damit, daß sich diese
schlechterdings unerfindlich. Lohnerhöhung in einer 7%igen Preiserhöhung nie-
- derschlagen wird. Außerdem ist zu befürchten, daß
(Zuruf von der CDU/CSU: Bis zum 14. Juni
das Gesetz über die Lohnfortzahlung im Krankheits-
muß das gehalten werden!)
falle höhere Belastungen für die Bauwirtschaft mit
Er kann kaum die Tatsache anführen, daß der Bau- sich bringt, als zunächst angenommen wurde. Aber
überhang zu Anfang dieses Jahres noch sehr hoch unterstellen Sie mir jetzt nicht, ich würde hier etwas
war und die Finanzierung dieser Bauten zu früheren gegen das Lohnfortzahlungsgesetz sagen;
Bedingungen gesichert sei. Es mag sein, daß infolge (Zuruf von der SPD: Warum sagen Sie es
des hohen Bauüberhanges und des schlechten Bau- dann?)
winters, den wir hinter uns haben, in diesem Jahr
noch annähernd so viele Wohnungen gebaut werden nur ist auch das ein Faktor, der bei der Frage der
wie im vergangenen Jahr. Das kann aber nicht dar- Baupreise nicht übersehen werden darf, vor allen
über hinwegtäuschen, daß sich die große Baulücke, Dingen dann nicht, wenn man uns langfristige Woh-
die durch den augenblicklichen Stillstand bei neuen nungsbauprogramme in Aussicht stellt und wenn
2622 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Erpenbeck
man sich vor allem um die Baupreise bemühen und kommen wird — auch die Mieten wieder herunter-
kümmern will. gehen werden. Das dürfte allerdings ein frommer
(Abg. Matthöfer: Wann sagen Sie einmal Wunsch und ein frommer Glaube sein. Aus den
etwas Über die Bodenpreise? Darauf warten Kreisen der Wohnungswirtschaft ist schon heute
wir schon lange! — Abg. Vogel: Das war verlautbart, daß man auch nach einer Senkung der
ein sehr rationales Argument!) Sparkassenzinsen .die höheren Mieten beibehalten
muß, um die gestiegenen Bewirtschaftungskosten,
Meine Damen und Herren! Auch die Finanzie- etwa für Müll, Wasser, Kanalisation usw., auszu-
rungskosten während der Bauzeit haben ein Maß
gleichen.
erreicht, das im Wohnungsbau nicht mehr zu ver-
kraften ist. Nach einer Pressemitteilung des Deut- Die Mitteilung aus dem Haus des Ministers vom
schen Mieterbundes betragen die Zinsen für Zwi- 20. Mai, daß die durchschnittliche Mietensteigerung
schenkredite zur Zeit 13 %. Dadurch wird . ganz b e- im April 0,4 % betragen habe, geht an der Fragestel-
sonders eindeutig die These des Bundeswohnungs- lung vorbei. Auch dem Ministerium müßte doch be-
bauministers widerlegt, daß die Diskontsatzerhö- kannt sein, daß fast alle Sparkassen die variablen
hung keinen Einfluß auf die Wohnungsbaufinanzie- Zinsen der Althypotheken schon heraufgesetzt
rung habe. haben, daß aber der Zinstermin erst der 1. Juli ist.
(Abg. Vogel: Ein Märchenerzähler ist das!) (Abg. Lücke [Bensberg] : Sehr richtig!)
Auch dem Minister müßte doch bekannt sein, daß die Dann sollte man uns diese Zahlen nicht zur Beruhi-
ZwischenfazrugmtlideRaG- gung geben. Sie verschleiern doch einen Tatbestand
markt aufgenommen werden und daß der Zinssatz und machen die Dinge nur noch schlimmer, als sie
am Geldmarkt weitgehend vom Diskontsatz beein- schon sind.
flußt wird. (Beifall bei der CDU/CSU.)
Dem Versuch, die Auswirkungen der Zinserhö-
Der Herr Bundesminister für Städtebau und Woh-
hung und der Baukostensteigerung auf die Mieten
nungswesen hält nichts, so sagt er, von überstürzter
zu bagatellisieren, muß mit aller Entschiedenheit
Anpassung an die Situation. Er meint, damit würde
entgegengetreten werden. Von diesen Auswirkun-
das Ziel einer Stabilisierung ohne Stagnation den
gen wird nicht nur der Neubau, ,sondern auch der
Vorrang verlieren. Er hat immer noch nicht begrif-
bereits vorhandene Wohnungsbestand betroffen. Mit
fen, daß wir uns im Wohnungsbau inzwischen, ich
zinsvariablen Sparkassenhypotheken sind 46 %
sagte es vorher schon, in einer Stagnation ohne Sta-
aller öffentlich geförderten Wohnungen finanziert.
bilisierung befinden.
Wenn der Bundeswohungsbauminister eine wesent
lich niedrigere Zahl nennt, so wird damit die tat- Das Wohngeldgesetz soll erst ab 1. Januar 1971
sächliche Lage verschleiert. Will man den Anteil die- verbessert werden. Wir sind der Meinung, dieser
ser Wohnungen richtig berechnen, ,so muß man die Aufschub ist unverantwortlich.
Sparkassenhypotheken mit den anderen Finanzie-
rungsmitteln, die für die erststellige Beleihung ge- (Beifall bei der CDU/CSU.)
geben wurden, vergleichen. Bei dieser Berechnung Die bei der Wohngeldfestsetzung zu berücksichti-
kommt man auf diese 46%. Ein ganz falsches Bild genden Mietobergrenzen stammen aus dem Jahre
ergibt sich selbstverständlich, wenn man die Finan-
1965. Die höchste Miete, die berücksichtigt werden
zierungssumme der Sparkassenhypotheken zum ge- kann, beträgt bei Altbauten 2,80 DM je Quadrat-
samten Finanzierungsvolumen, also auch zum Finan-
meter Wohnfläche im Monat und bei freifinanzier-
zierungsvolumen für die nachstelligen Beleihungen,
ten und steuerbegünstigten Wohnungen 3,70 DM je
in Vergleich setzt. Die Mieterhöhungen, die sich aus
Quadratmeter Wohnfläche im Monat. Diese Miet-
den Erhöhungen des Hypothekenzinses ergeben,
obergrenzen waren schon in den letzten Jahren rest-
schwanken je nach Höhe der Darlehen zwischen 7
los überholt. Durch das Wohngeldgesetz ist die
und 11 %.
Bundesregierung ermächtigt, die Obergrenzen durch
Eine einprozentige Zinserhöhung führt bei einem Rechtsverordnung zu erhöhen. Dabei sollen die
50%igen Anteil der variablen Hypothek am Ge- Obergrenzen für Altbauwohnungen den Höchst-
samtaufwand zu einer Mieterhöhung von 10,4%, bei sätzen des sozialen Wohnungsbaues entsprechen.
einem 40%igen Anteil zu einer Mieterhöhung von Die Obergrenzen für freifinanzierte und steuer-
8,3% und bei einem 30%igen Anteil zu einer Miet- - begünstigte Wohnungen können die Höchstgrenzen
erhöhung von 6,3 %. Das bedeutet eine Mieterhö- um ein Drittel übersteigen. Wenn heute in Ham-
hung von 25 bis 50 Pfennig pro Quadratmeter und burg — ich habe soeben die Zahlen genannt —
Monat im sozialen Wohnungsbau. Nach einer Ver- Sozialmieten von 4,50 DM schon nicht mehr ein-
lautbarung der Industriegewerkschaft Bau, Steine, gehalten werden können, ist es nach meiner Auf-
Erden, muß selbst in den Fällen, in denen die Sub- fassung ein eklatanter Gesetzesverstoß der Bundes-
ventionsmöglichkeiten bis zur Grenze des Möglichen regierung, wenn sie die Obergrenze für Altbau-
ausgeschöpft worden sind, mit einer Mieterhöhung wohnungen bei 2,80 DM und für freifinanzierte und
von mindestens 25 Pfennig je Quadratmeter Wohn- steuerbegünstigte Wohnungen bei 3,70 DM beläßt,
fläche gerechnet werden. obwohl das Gesetz ihr die Verpflichtung auferlegt
Der Herr Wohnungsbauminister hat dem ent- und die Möglichkeit gibt, durch Rechtsverordnung
gegengehalten, daß bei einer späteren Senkung des nachzuziehen.
Diskontsatzes — von der niemand weiß, wann sie (Beifall bei der CDU/CSU.)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2623
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Die Bundesregierung wird deshalb aufgefordert zweitens die vordringliche Behandlung der von
— ich möchte das ausdrücklich tun unverzüglich der CDU/CSU eingebrachten Gesetzesinitiativen zum
eine Rechtsverordnung dieser Art zu erlassen, um gleichen Gegenstand;
durch die Mietpreissteigerungen entstehende soziale drittens eine gemeinsame Aktion des Bundes und
Härten auszugleichen. Auch durch die Ankündigung der Länder hinsichtlich neuer, der wirtschaftlichen
der Änderung des Wohngeldgesetzes vom 1. Ja- Situation angepaßter Förderungssätze und Förde-
nuar 1971 wird diese Forderung nicht überflüssig; rungsbestimmungen für den sozialen Wohnungsbau;
denn die sozialen Härten, die bis zum Januar des
nächsten Jahres durch die derzeitigen antiquierten viertens eine konzertierte Aktion mit dem Ziel
Obergrenzen entstehen, müssen unverzüglich durch einer Begrenzung der Gebührenmehrbelastungen im
eine Rechtsverordnung beseitigt werden. Hier muß Hinblick auf die Mieten;
sich die Regierung den Vorwurf der nicht zu ver- fünftens entscheidende Maßnahmen zur Stabilisie-
antwortenden Verschleppung und auch Verzöge- rung der Konjunktur; denn dies ist eindeutig — dar-
rung der von der CDU/CSU bereits im Herbst — im über kann auch die Antwort dieser Bundesregierung
Oktober die eine, im Dezember die andere — ein- nicht hinwegtäuschen —: Mieten und Baupreise ste-
gebrachten Gesetzesinitiativen zum Wohngeld- hen immer mit den Bau-, Kapital- und Bewirtschaf-
gesetz und zum Zweiten Wohnungsbaugesetz gefal- tungskosten im Zusammenhang; es ist geradezu
len lassen. lächerlich, diesen Zusammenhang zu vertuschen oder
ihn herunterzuspielen;
In der Antwort auf unsere Fragen nach den Kon-
sequenzen verweist die Bundesregierung auf die sechstens Intensivierung der Bemühungen, durch
Möglichkeiten der Anpassung an die wirtschaftliche Rationalisierung und Industrialisierung des Bauens
Situation. Dann ist es unerfindlich, daß sie trotzdem auch im Wohnungsbau zu einer günstigeren Bau-
nichts tut, um diese Anpassungsmöglichkeiten in preissituation zu kommen.
den bisher vorliegenden und bestehenden Gesetzen Meine Damen und Herren, das alles hätte uns die
auszunutzen. Hat sie denn immer noch nicht begrif- Regierung sagen müssen und noch einiges mehr.
fen, daß Millionen von Mietern die volle Last der Aber es zeigt sich hier deutlich, daß die CDU/CSU
Auswirkungen wirtschaftspolitischer Fehlentwick- — wie in den vergangenen 20 Jahren — auch heute
lungen zu tragen haben? Begreift sie denn nicht, die Initiative in .der Wohnungsbaupolitik behalten
daß aus dem Kreis der Berechtigten nach dem Zwei- muß; denn diese Regierung hat sich in dieser Hin-
ten Wohnungsbaugesetz immer mehr Menschen hin- sicht als unfähig erwiesen.
auswachsen, die dringend der Förderung durch den
(Beifall bei der CDU/CSU.)
sozialen Wohnungsbau bedürfen? Begreift sie denn
nicht, daß sich das Problem der Fehlbelegung der
Sozialwohnungen immer mehr ausweitet und ver- Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat
schärft, statt daß man einen Anfang des Abbaues Frau Abgeordnete Meermann.
erkennen könnte? Begreift sie denn nicht, daß
praktisch der 'soziale Wohnungsbau am Ende ist? Frau Meermann (SPD) : Frau Präsidentin! Meine
Er ist nicht einmal eines sanften Todes entschlafen, Damen und Herren! Das Gedächtnis nimmt ab, wenn
sondern regelrecht abgewürgt worden. Begreift die man es nicht übt, meine Damen und Herren von der
Bundesregierung denn nicht, daß derjenige, der sich Opposition und insbesondere Herr Erpenbeck. Es ist
Anwalt der Mieter, Anwalt des kleinen Mannes, schade, wenn Sie wertvolle Erfahrungen, die Sie
Anwalt einer vernünftigen Eigentumsbildung bei eigentlich sorgsam hätten sammeln sollen, in Ihr
Haus- und Grundeigentum nennt, auch für die ein- Unterbewußtsein verdrängen. Aber ich helfe Ihnen
kommensschwachen Bevölkerungskreise Anwalt gern, sie wieder ein bißchen hochzunehmen.
sein will, in diesem Sinne nicht untätig sein darf,
daß er vor allem den wahren Sachverhalt nicht ver- (Zuruf von der CDU/CSU: Hochzunehmen!)
schleiern darf? — Na, heraufzuholen, wollen wir einmal sagen.
(Beifall bei der CDU/CSU.) Hochnehmen können wir später immer noch. — Um
Verdrängungen zu vermeiden, möchte 'ich Ihnen zwei
Wie klingt es denn, wenn man ausgerechnet dem Fragen und zwei Antworten vorlesen.
Wohnungsbauminister einer sozialdemokratisch ge-
führten Bundesregierung sagen muß, daß unter sei- Frage:
ner Amtsführung der soziale Wohnungsbau zum Er- - Beabsichtigt die Bundesregierung, Maßnahmen
liegen kam? Die Antwort ,der Bundesregierung auf zu ergreifen, um den Auswirkungen der Zins-
unsere Große Anfrage ist nicht nur unbefriedigend, erhöhungen für erste Hypotheken, Zwischen-
sie ist geradezu kläglich und angesichts der offen- finanzierungsmittel für den Wohnungsbau und
sichtlichen Situation eine Zumutung. Grundstücksankaufskredite auf 8 bis.12 % zu be-
gegnen, soweit derartige Mittel überhaupt noch
Ich komme zum Schluß, meine Damen und Her-
zur Verfügung stehen?
ren. Wir fordern:
Antwort:
Erstens sofortige Nutzung der gesetzlichen Mög-
lichkeiten des Wohngeldgesetzes und der von der Die Bundesregierung ist sich der Auswirkungen
Regierung in der Antwort erwähnten Anpassungs- bewußt, die sich aus der gegenwärtigen Kapital
möglichkeiten des Zweiten Wohnungsbaugesetzes; marktsituation für die Wohnungsbaufinanzie-
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Frau Meermann
rung im weitesten Sinne nicht nur bei der Be Sie haben folgerichtig im Hinblick auf das, was Sie
schaffung der Finanzierungsmittel, sondern auch hier gesagt haben, den Bundesanteil am allgemeinen
im Hinblick auf ihre Bedingungen ergeben. . . . sozialen Wohnungsbau damals auf lächerliche 3,7%
Und dann heißt es: zusammenschrumpfen lassen. So war das 1966.

Die Bundesregierung verkennt nicht, daß die (Beifall bei der SPD.)
derzeitige Verknappung der Kapitalmarktmittel Auf diesem Hintergrund kommt mir Ihr heutiges.
ebenso wie in anderen Wirtschaftsbereichen Verhalten — entschuldigen Sie — merkwürdig vor.
auch auf dem Wohnungsbausektor zu einer Ab- Denn wenn nicht wir Sozialdemokraten und wenn
schwächung der Investitionstätigkeit führen nicht insbesondere die Minister Schiller und Lau-
kann. Abgesehen davon, daß eine solche Ent- ritzen die Idee in die Große Koalition eingebracht
wicklung im Interesse der Stabilität hingenom- hätten, daß in einer Zeit der Rezession die öffent-
men werden muß, ist sie der Ansicht, daß Maß- liche Bautätigkeit und insbesondere der öffentlich
nahmen, die ... darauf abzielen sollen, den Aus- geförderte Wohnungsbau nicht gedrosselt, sondern
wirkungen der Zinserhöhungen zu begegnen, angeregt werden müsse, könnten Sie heute gar keine
nicht geeignet wären, derartige Abschwächungs- Große Anfrage mehr stellen. Was die Darlehen und
tendenzen zu verhindern. Zinsmaßnahmen des Bundes anbelangt, so wäre
Die zweite Frage bezog sich darauf, ob eine Kür- der soziale Wohnungsbau heute tot.
zung des Wohngeldgesetzes beabsichtigt sei, und (Beifall bei der SPD. — Abg. Lücke [Bens
die Antwort war: berg] : Gnädige Frau, haben Sie das schrift
Es ist in Erwägung gezogen, die bisherigen lich, daß das nur Herr Schiller und Herr
Tragbarkeitssätze des § 10, die sich an der Ein- Lauritzen gemacht haben? — Abg. Winde
kommensgrenze und der Familiengröße orien- len: Der Finanzminister war dabei nicht
tieren, unter Berücksichtigung der sozialen und beteiligt?)
wirtschaftlichen Verhältnisse anzuheben.
— Ich kann nur sagen, daß Ihnen das vor der Bil-
(Abg. Mick: Sie haben die Präsidentin nicht dung der Großen Koalition nicht eingefallen ist;
gefragt, ob Sie ablesen dürfen!) sonst hätten Sie es wahrscheinlich gesagt.
— Ach! — Frau Präsidentin, gestatten Sie es noch (Beifall bei der SPD.)
nachträglich?
(Abg. Wehner: Das ist ein Kavalier, ist be Wenn Ihnen nachher gute Ideen gekommen sind, um
kannt! — Zuruf von der SPD: Nicht die Art so besser!
des feinen Mannes! — Abg. Wehner: Ist Herr Erpenbeck sprach hier von Vergangenheits-
auch keiner!) bewältigung. Es geht nicht um Vergangenheitsbe-
Das, meine Damen und Herren, waren Fragen aus wältigung. Es geht einfach darum, daß die Stühle
den Kleinen Anfragen des Kollegen Werner Jacobi einmal geradegerückt werden. Außerdem ist hier
vom September 1966. Wir haben in einer bedrücken- nicht unsere Vergangenheit, sondern Ihre Vergan-
den Situation nicht so viel Wind gemacht. Da Herr genheit angesprochen, und als diese Gegenwart war,
Erpenbeck auf die Zusammenhänge zwischen Woh- sind Sie nicht damit fertiggeworden.
nungspolitik und Wirtschaftspolitik hingewiesen (Beifall bei der SPD. — Abg. Erpenbeck:
hat, möchte ich daran erinnern, daß damals Herr Mit dieser Vergangenheit können wir uns
Schmücker Wirtschaftsminister und Herr Erhard sehen lassen!)
Bundeskanzler war. Ich möchte die bei der Gelegen-
heit auch mal wieder hervorholen. Meinen Sie, meine Herren — Damen sehe ich heute
in Ihren Reihen nicht —, daß es uns Vergnügen
Ich resümiere: Mitten in der Rezession, Herr
macht, wenn wir uns ständig mit Korrekturen Ihrer
Erpenbeck,
Wohnungsbaupolitik befassen müssen? Es begann
(Abg. Erpenbeck: Wurde weitergebaut!) mit den Konjunkturspritzen, Herr Erpenbeck, die
war Ihre Partei der Auffassung, daß auch noch eine den sterbenden sozialen Wohnungsbau immerhin so
Abschwächung der Investitionstätigkeit auf dem belebten, daß in den Jahren 1967 und 1968 im ersten
Wohnungsbausektor hingenommen werden müsse. und zweiten Programm wieder rund 200 000 Woh-
Mitten in der Rezession waren Sie der Auffassung, nungen gefördert werden konnten. Von den Instand-
daß das Wohngeld gekürzt werden könnte, in einer - setzungs- und Modernisierungshilfen für den Alt-
Zeit, in der die Arbeitnehmereinkommen nahezu wohnungsbau will ich hier gar nicht sprechen. Es
stagnierten und die Preise stiegen. Frühjahr 1966: ging weiter, Herr Lücke, mit einer Änderung Ihrer
4,5 % Preissteigerungen. Unsozialklausel in eine gesetzliche Regelung, auf
(Abg. Erpenbeck: Da empfehle ich Ihnen, Grund deren der Mieter wenigstens die Chance hat,
Frau Meermann, einmal in den Protokollen daß auch seine Beweggründe vom Richter berück-
unseres Ausschusses nachzulesen, was wir sichtigt werden. Erst vor einem Monat hat dieses
dazu gesagt haben!) Hohe Haus beschlossen, der ganz besonderen Not-
situation der Mieter in Hamburg und München durch
— Ich darf noch einmal eine offizielle Drucksache eine Verlängerung der Mietpreisbindung für Altbau-
mit der Antwort Ihrer damaligen Bundesregierung mieten Rechnung zu tragen. Schließlich hat der Bun-
zitieren. Das ist doch gestattet. desjustizminister für München auch eine Verlänge-
(Abg. Wehner: Sehr wahr!) rung der Räumungsfristen anordnen müssen.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2625
Frau Meermann
Heute, Herr Erpenbeck, beklagen Sie das Los der daß der Wohnungsbau an der überhitzten Konjunk
Mieter und der Wohnungsuchenden. Das Los der tur nicht schuld ist. Die hohen Zuwachsraten liegen
Mieter und der Wohnungsuchenden hat Ihre Partei beim gewerblichen Bau. Aber der Wohnungsbau ist
in einer Zeit, in der der Wohnungsbedarf größer war von den Konjunkturauswirkungen mitbetroffen, und
als heute, sehr wenig gekümmert. diese zeigen sich besonders dort, wo der Bedarf auf
die Preise drückt.
(Beifall bei der SPD. — Abg. Erpenbeck:
Was sagen Sie denn zu den 10 Millionen Ich denke nicht daran, die Baupreiserhöhungen
neuen Wohnungen?) herunterzuspielen. Sie machen uns Sorgen, und wir
gehen dagegen an. Aber es ist einfach unseriös,
Damals haben Sie, gestützt auf eine Statistik, von
wenn Sie als einziges Beispiel für hohe Baupreise
der jeder genau wußte, daß sie nicht stimmen
den Extremfall von Eigentumswohnungen mit
konnte, und gegen den Widerstand der SPD-Bundes-
2500 DM je Quadratmeter Wohnfläche nennen. In
tagsfraktion beschlossen, bei ungesättigtem Woh-
welchen Gebieten stehen denn solche Wohnungen,
nungsbedarf Wohnungsmarkt zu spielen.
(Sehr wahr! bei der SPD)
(Abg. Wehner: Sehr wahr!)
und was haben die Grundstücke gekostet, auf denen
Was Sie den Mietern und den Wohnungsuchenden sie stehen? Das sind Gebiete, in denen die Boden-
damals zugemutet haben und wie gigantisch Ihre preise so hoch sind, daß sie weder jetzt noch vor
Fehleinschätzung war, dürfte in den letzten Wochen
fünf oder zehn Jahren für den sozialen Wohnungs-
auch dem ahnungslosesten Anhänger Ihres dama-
bau in Frage gekommen wären.
ligen Planes klargeworden sein.
(Abg. Erpenbeck: Auch der Durchschnitt
(Abg. Erpenbeck: Kommen die Zahlen nicht von 15 und 20% ist hoch genug!)
vom gleichen statistischen Amt?)
— Herr Erpenbeck, ich zeige Ihnen gern in Bad
— Wir haben inzwischen den Bedarf feststellen Godesberg in allerbester Lage frei finanzierte Eigen-
lassen. Sie haben sich dagegen auf die Fortschrei- tumswohnungen, die in den nächsten Monaten,
bung gestützt, von der jeder wußte, daß Sie nicht fertigwerden, gut gebaute Wohnungen zu einem
stimmen konnte. Quadratmeterpreis zwischen 1200 und 1500 DM,
(Abg. Lücke [Bensberg] : Gnädige Frau, Sie Notariatsgebühren und alles, was dazugehört, ein-
wissen doch viel zu gut, daß die statisti- geschlossen. Selbstverständlich ist auch das noch
schen Ämter der Läner die Unterlagen zu- viel zu teuer für die breiten Schichten der Bevölke-
sammengestellt haben und daß ich die Kor rung. Aber was bezwecken Sie damit, wenn Sie hier
rektur für 1968 verlangt habe! Sie sollten so tun, als ob ein doppelt so hoher Preis schon fast
doch bei der Wahrheit bleiben! — Abg. Dr. das Übliche wäre?
Schäfer [Tübingen]: Aber falsche Konse- (Abg. Wehner: Sehr wahr!)
quenzen haben Sie daraus gezogen! — Abg.
Lücke [Bensberg] : Wohnungen baut man Man kann auch Baupreise und Mieten hochreden.
mit Geld und nicht mit Statistiken! — Abg. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Dr. Schäfer [Tübingen]:: Oder mit der Frei
gabe der Mieten!?) Mit ähnlichen Argumenten ziehen jetzt auch Ihre
Wahlkampfredner durch die Lande. Es ist bestimmt
kein Zufall, wenn sich gerade in denjenigen Län-
Vizepräsident Frau Funcke: Meine Herren, dern, die jetzt im Wahlkampf stehen, die Beschwer-
Frau Meermann hat das Wort. Sie können sich zu den über Mieterhöhungen mehren, die mit Hypo-
einer Zwischenfrage zu Wort melden. thekenzinserhöhungen überhaupt nichts oder nur
sehr wenig zu tun haben. Das, was ich gerade ge-
Frau Meermann (SPD) : Meine Herren von der sagt habe, zielt nicht gegen die korrekten Hausbe-
Opposition, die Wohnungszählung vom Oktober sitzer und Wohnungsbaugesellschaften — das ist
1968 hat u. a. ergeben — das kann nicht geleugnet die übergroße Mehrheit —; es zielt gegen einige
werden —, daß 50 Großstädte im Herbst 1968 einen wenige. Es zielt vor allem gegen Ihre Politik, die es
Wohnungsfehlbestand von 3% und darüber, teil- darauf anlegt, die Menschen unsicher zu machen.
weise weit darüber, hatten. Jetzt zeigt sich, daß (Beifall bei den Regierungsparteien.)
viele dieser Großstädte eigentlich auch heute noch
schwarzer Kreis sein müßten. Da Sie von der Ver- - Dahin paßt, wenn Sie in Ihrer Rede zur Beurtei-
gangenheit sprachen, Herr Erpenbeck, sage ich noch lung der Wohnungspolitik des Herrn Bundeswoh-
einmal: Das ist Ihre Vergangenheit; unsere Gegen- nungsbauministers ein Zitat anführen, aber ver-
schweigen, wer das gesagt hat. Es war nämlich Herr
wart ist, daß wir damit fertigwerden müssen.
Preusker. Ich habe mich etwas gewundert, als ich
(Beifall bei der SPD.) diese Äußerung des Vorsitzenden des Zentralver-
Sie beklagten die Baupreissteigerungen und führ- bandes der Deutschen Haus- und Grundeigentümer
ten in Ihrer Rede einige Städte an, in denen diese las. Denn er müßte eigentlich wissen, daß kein
Baupreissteigerungen ganz besonders hoch sind. Wohnungsbauminister vor Herrn Lauritzen so viel
Sehen Sie sich einmal diese Städte an! Dort, wo die für die Instandsetzung und Modernisierung des Alt-
Baupreissteigerungen ganz besonders eklatant sind, hausbesitzes getan hat. Aber Herr Preusker hat
sind nämlich auch die Wohnungsfehlbestände be- vielleicht über seine Sorgen mit IOS — was weiß
sonders hoch. Generell gesehen stimmt es sicherlich, ich, was er sonst noch für Sorgen hat — nicht mehr
2626 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Frau Meermann
daran gedacht. Es ist Ihre Sache, wen Sie zitieren. Ich möchte wissen, zu welchen Folgen das ohne die
Jedenfalls finde ich es merkwürdig, wenn Sie hier Konjunkturprogramme geführt hätte, von denen ich
für eine Verstärkung des sozialen Wohnungsbaus vorhin gesprochen habe.
plädieren und sich gleichzeitig auf einen Mann be- Andere Schwierigkeiten, die zu hohen Preisen
rufen, der es sich 1957, zu der Zeit, als er Woh- führen, sind rein struktureller Art. Auf der einen
nungsbauminister war, erklärtermaßen zum Ziel Seite sind die Baukapazitäten in einem Maße ange-
gesetzt hat, das Wohnungsbauministerium und da- spannt, daß vielerorts auch für den Wohnungsbau
mit doch wohl auch den sozialen Wohnungsbau nur mit Mühe Angebote von den Baufirmen zu
überflüssig zu machen. bekommen sind. Auf der anderen Seite sind längst
(Abg. Wehner: Hört! Hört!) nicht alle Möglichkeiten kostensparenden und ratio-
Ich weiß wirklich nicht recht, worauf Sie mit Ihrer nellen Bauens ausgenutzt. Jetzt, wo Sie in der
Rede hinauswollten. Auf der einen Seite sagen Sie: Opposition sind, fordern Sie als Punkt 5 oder 6
Die Baupreise sind zu hoch; 'die Konjunktur muß Ihrer Rede eine Intensivierung der Bemühungen um
stabilisiert werden. Auf der anderen Seite wollen Rationalisierung und Industrialisierung. Ihre eige-
Sie aber jetzt, wo die Baupreise hoch sind, alles nen Wohnungsbauminister haben nicht begriffen,
tun, um eine Stabilisierung zu verhindern, indem daß für eine gezielte Produktivitätssteigerung
Sie in diesem Augenblick auch noch zusätzliche wissenschaftliche Forschung und Grundlagenarbeit
öffentliche Mittel in den Wohnungsbau hineinpum- nötig sind.
pen wollen: durch mehr Wohngeld und mehr Mittel (Abg. Erpenbeck: Aber 10 Millionen Woh
für den sozialen Wohnungsbau. Wie wollen Sie nungen können Sie hier nicht wegdiskutie
dann dazu noch eine stärkere Rationalisierung er- ren, Frau Meermann!)
reichen, wo in der momentanen Konjunkturlage die
— Wir reden jetzt von der Rationalisierung. Sie
Rationalisierungsanstrengungen ohnedies nicht be-
wollen doch wohl nicht behaupten, daß die 10 Mil-
deutend sind.
lionen Wohnungen alle nach rationellen Gesichts-
Es muß auch auffallen, daß Sie sich in Ihrer Gro- punkten gebaut worden sind!
Ben Anfrage nur nach den Auswirkungen der Kapi-
(Abg. Erpenbeck: Das behaupte ich gar
talmarktkosten auf die Baupreise und Mieten erkun-
nicht! Nur können Sie sie nicht wegdisku
digen. Sie fragen nicht nach Preiserhöhungen, die
tieren!)
mit Kapitalmarktkosten überhaupt nichts zu tun
haben. Die nehmen Sie offenbar als gottgegeben hin, Wenn das stimmte, brauchten Sie diese Forderung
(Abg. Wehner: Sehr wahr!) nicht zu stellen. Ganze 500 000 DM Jahresetat für
Forschungszwecke hat Wohnungsbauminister Lau-
so z. B. Steigerungen, die mit Preiserwartungen in ritzen 1966 vorgefunden. Er war der erste Woh-
der Hochkonjunktur zusammenhängen, und auch nungsbauminister, der sich für diese Aufgabe inter-
einige andere, die den Wohnungsbau verteuern, essierte. Er hat eine verstärkte Förderung durch den
z. B. die ständig steigenden Bodenpreise, deren An- Bund durchgesetzt. In diesem Jahr sind es 5 Millio-
teil an den Kosten des sozialen Wohnungsbaus nen DM, und es werden im nächsten Jahr über
zunimmt. Da Ihnen die Eigentumsmaßnahmen so 7 Millionen DM sein. Auf die Dauer gesehen wird
sehr am Herzen liegen, muß doch auch gesagt sich das auszahlen.
werden, daß oft genug die davongaloppierenden
Bodenpreise es verhindern, daß Wohnungen für Für uns Sozialdemokraten ist Wohnungsbau in
breite Bevölkerungsschichten gebaut werden kön- erster Linie eine gesellschaftspolitische Aufgabe auf
nen. lange Sicht. Wir betrachten ihn nicht als Instrument
(Sehr wahr! bei der SPD.) der Konjunkturpolitik. Aus dieser Grundeinstellung
heraus hat die Bundesregierung auch nur unwesent-
Sie haben eine Gesetzgebung zu verantworten, die
liche Konjunktursperren im Haushalt des Bundes-
Spekulantentum begünstigt und die oft genug ver-
wohnungsbauministers vorgesehen. Aber wir wis-
hindert, daß Bürger mit kleinen Einkommen Eigen
sen auch, daß mit einem sozialen Wohnungsbau
um bilden können.
ohne jeden Preis und ohne Rücksicht auf jeden Preis
(Beifall bei der SPD.) dem Bürger mit kleinem und mittlerem Einkommen
Sie haben es auch zu verantworten, daß wir uns am wenigsten gedient ist. Deshalb können wir den
immer noch mit einem Gesetzentwurf befassen müs- Wohnungsbau aus den konjunkturpolitischen Maß-
--t
sen, der als ersten Schritt wenigstens in den Sanie- nahmen von Bundesregierung und Bundesbank nicht
rungs- und Entwicklungsgebieten ein weiteres Aus- herausnehmen. Das heißt, wir müssen in dieser
ufern der Bodenpreise verhindert und der Sozial- Situation zur richtigen Zeit bremsen und zur rich-
pflichtigkeit des Eigentums den ihr im Grundgesetz tigen Zeit fördern.
zugewiesenen Rang gibt. Hier- ist es 5 Minuten
Die Bundesregierung und dieser Bundestag kön-
vor 12.
nen das nicht allein. Wir bedürfen dazu der Mit-
Die Bauwirtschaft selbst macht für einen Teil der wirkung der Länder und der Gemeinden. Die so-
Schwierigkeiten, die zu Preiserhöhungen geführt zialdemokratische Bundestagsfraktion möchte daher
haben, ganz eindeutig die von Ihnen herbeigeführte den Ländern ausdrücklich ihre Anerkennung aus-
Rezession verantwortlich. In der Tat begann damals, sprechen, daß sie bereits Wege zu konjunkturellem
als sich die Bauarbeiter auf ihren Arbeitsplätzen Verhalten gefunden haben, also durch eine vorüber-
nicht mehr sicher fühlten, das große Abwandern. gehende Verzögerung in der Abwicklung ihres Pro-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2627
Frau Meermann
gramms den Preisauftriebstendenzen entgegenwir- hat zu Beginn seiner Rede eine achtwöchige Ge-
ken und trotzdem im späteren Ablauf die Durchfüh- schichte dieser Vorlage
rung des Programms durchsetzen. Die Länder (Abg. Erpenbeck: Neun!)
machen das auf sehr verschiedene, aber jeweils
konsequente Weise. In keinem einzigen Land ist — gut, Herr Kollege Erpenbeck, dann neunwöchige
der soziale Wohnungsbau wirklich gefährdet, auch Geschichte — hier skizziert und am Schluß beklagt,
nicht in Nordrhein-Westfalen, auch nicht in Ham- daß diese Regierungskoalition es verhindert habe,
burg. Sie haben zwar in Ihrer Rede die halben daß die Debatte schon vor drei oder vier Wochen
Wahrheiten gesagt, Herr Erpenbeck, aber nicht . die in diesem Hause habe geführt werden können. Herr
ganzen Wahrheiten. Sie wissen, daß sich eine halbe Kollege Erpenbeck, diese Art ist typisch für die der-
Wahrheit oft wie eine ganze Nichtwahrheit aus- zeitige Opposition. Sie sollten sich bei Ihren . Kolle-
wirkt. gen, die im Ältestenrat mit daran gearbeitet und
(Beifall bei Abgeordneten der SPD. — Abg. mitgestimmt haben, daß diese Debatte erst heute
Erpenbeck: Sagen Sie doch jetzt die ganze stattfinden kann, erkundigen, bevor Sie solche Be-
Wahrheit!) hauptungen in diesem Hause aufstellen.
— Das mache ich gerne, nur möchte ich meine Rede- (Beifall bei der SPD. — Abg. Erpenbeck:
zeit nicht überschreiten. Das wird gleich Herr Henke Lesen Sie doch das Protokoll! Sie müssen
beantworten. Jawohl, wir haben ein bißchen Ar- zuhören!)
beitsteilung; die haben Sie ja wohl auch. Herr Herr Kollege Erpenbeck, es ist überhaupt typisch,
Henke spricht speziell zu den Fragen Hamburg und wie diese Debatten geführt werden, nämlich so, daß
Nordrhein-Westfalen, so nach dem Motto „Haltet den Dieb" hier eine ge-
Hinzu kommt, daß der Auftragsbestand der Woh- wisse Art von Volksverdummung betrieben wird.
nungsbauunternehmen zur Zeit für fast vier Monate Denn diese Bundesregierung, Herr Erpenbeck, ist
reicht. Dadurch und durch den dosierten Einsatz der nicht verantwortlich für die jetzige Preissituation auf
öffentlichen Mittel wird sich das viel beschworene dem Wohnungsmarkt, sondern das ist die Schuld
Bauloch im Herbst dieses Jahres vermeiden lassen. einer illusionären Vorstellung eines CDU-Kanzlers
Im übrigen hat auch der letzte Ifo-Test ergeben, daß und eines CSU-Finanzministers.
die Bauwirtschaft selbst, die ja wohl nicht in Ver- (Abg. Erpenbeck: Ach du lieber Gott!)
dacht steht, ihre eigene Situation rosig zu sehen
— diesem Verdacht begegnet sie ja wirksam durch — Ja, das ist doch ganz klar.
andere Veröffentlichungen —, für 1970 das gleiche (Abg. Erpenbeck: Für Sie!)
Wohnungsbauvolumen erwartet wie für 1969.
Nach der viel zu spät erfolgten Aufwertung wurde
Es ist also folgerichtig, daß die Bundesregierung die Erhöhung des Diskontsatzes notwendig.
jetzt in dieser Situation, wo in der Tat verzögert (Abg. Erpenbeck: Da haben wir es mal wie
werden muß, gleichzeitig die Maßnahmen und Ge- der! Das Neueste, was wir hören!)
setzesvorlagen beschlossen hat, die nach Ablauf
der Verzögerungsperiode wirksam werden können — Da Sie heute früh offensichtlich nicht da waren,
und die den Mietern und Hausbesitzern, den Woh- werde ich das noch einmal wiederholen
nungsgesellschaften und der Bauwirtschaft zeigen, (Abg. Erpenbeck: Wir waren wohl da!)
wohin der Weg geht. Das ist erstens der Entwurf
eines neuen Wohngeldgesetzes, das in seiner An- und ihnen ins Gedächtnis zurückrufen, daß der Dis-
passung an die veränderten Einkommen, Mieten kontsatz am 10. Juni 1969 von 4 auf 5% und am
und Lasten dem einzelnen mehr Hilfe gewährt, das 11. September von 5 auf 6 % erhöht wurde, also zu
darüber hinaus aber auch als Finanzierungsinstru- einer Zeit, als diese Regierung — —
ment für den sozialen Wohnungsbau im nächsten (Abg. Erpenbeck: Und vom 6. März?)
.Jahr verstärkt wirksam werden kann, und das ist — Ja, auch ein weiteres Prozent. Aber Sie werden
zum zweiten das langfristige Wohnungsbaupro- doch zugeben,
gramm der Bundesregierung, das für die nächsten
fünf Jahre den vermehrten Bau von guten Wohnun- (Abg. Erpenbeck: Ich glaube, es waren an
gen zu vernünftigen Preisen für breite Schichten derthalb! Sie unterschlagen schon wieder
unserer Bevölkerung vorsieht. ein halbes Prozent!)
Das ist unsere Antwort auf Ihre Große Anfrage. - daß sich diese Erhöhung im letzten Halbjahr 1969
Wenn ich auf die letzten Sätze Ihrer Rede antworten auf die Baupreise auswirken mußte. Das ist letzten
darf, Herr Erpenbeck: Wir Sozialdemokraten lassen Endes zusammen mit anderen Faktoren die Ursache
uns in der Sorge um die Wohnung der Menschen für die Mietpreiserhöhung, die wir heute zu bekla-
von niemandem übertreffen! Ich muß Ihnen jede gen haben. Zu diesen Faktoren zählt selbstver-
Hoffnung nehmen, daß sich das je ändern wird. ständlich die Lohn- und Preiserhöhung des Bau- und
(Beifall bei der SPD.) Ausbaugewerbes, dazu zählen die Erhöhungen der
kommunalen Abgaben, die Erhöhungen der Repara-
Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat turkosten, der Wegfall der Grundsteuervergünsti-
der Abgeordnete Jung. gungen und last not least natürlich die Bodenpreis-
erhöhungen. Wir kennen ja alle das Preisspiel, daß
Jung (FDP) : Frau Präsidentin! Meine sehr ge- eine 8%ige Baupreissteigerung einer Hypotheken-
ehrten Damen und Herren! Der Kollege Erpenbeck zinserhöhung von 1 % entspricht und damit einer
2628 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970
Jung
Erhöhung der Kostenmiete um etwa 6,7% verur- aus eigener Erfahrung sagen — Sie wissen ja, daß
sacht. Ich möchte aber hier der Frau Kollegin Meer- ich Architekt bin —, daß das Planungsvolumen
mann darin zustimmen, daß man nicht anhand falsch — sicherlich auch auf Grund der preislichen Ent-
gewählter Beispiele die Preise hochreden sollte, und wicklung — rückläufig ist. Wir haben im Augenblick
das haben Sie hier in der Tat an einem Beispiel einen hohen Beschäftigungsstand allein deswegen,
versucht. Es gibt draußen eine ganze Reihe von weil wir einen sehr, sehr langen Winter hatten und
Wohnungen, die außerordentlich preisgünstig sind. dadurch natürlich ein großer Überhang im Bau-
wesen auftrat, der aber im Laufe der nächsten
Frau Kollegin Meermann, in diesem Zusammen-
zwei, drei oder vier Monate abgebaut werden
hang möchte ich Ihnen noch sagen, daß es nicht nur
wird. Dann werden Arbeitskräfte frei.
unkorrekte und korrekte Hausbesitzer gibt, sondern
daß man — das wissen Sie sehr genau — auch auf Ich meine, wir sollten die Entwicklung sehr sorg-
der Mieterseite zu unterscheiden hat, und ich sam beobachten, damit nicht noch einmal dasselbe
wünschte nicht, daß zu Lasten der korrekten Haus- passiert, was in der Rezession passierte, nämlich
besitzer und der korrekten Mieter die Unkorrekten daß Arbeitskräfte der Bauwirtschaft ein für allemal
in irgendeiner Form mit bevorzugt werden. Ich sage verlorengehen, was zwangsläufig zur Folge hat,
das, weil Sie vorhin — da wurde es einem ja ein daß nachher neue Kräfte gesucht werden müssen
bißchen warm ums Herz — meinten, daß der sozial- und dadurch unweigerlich Kostenerhöhungen ein-
demokratische Wohnungsbauminister und der so- treten. Wir haben also im Interesse einer Normali-
zialdemokratische Justizminister für eine Verbes- sierung der Preise für eine kontinuierliche Beschäfti-
serung der Sozialklausel und des Kündigungsschut- gung in der Bauwirtschaft zu sorgen.
zes gesorgt hätten.
Die FDP fordert deswegen — wenn ich das recht
Ich meine, daß die Erhöhungen, die beim Bau- verfolgt habe, wollen Sie das auch — die Verstär-
gewerbe jetzt 10,2 % betragen, voraussichtlich eine kung der Forschungsmittel und damit die Verstärkung
weitere Preissteigerung um 6 % bringen werden; des Angebots und der Leistungssteigerung. Aber
aber dafür ausschließlich die jetzige Regierungs- nicht nur die Verstärkung der Forschungsmittel ist
koalition verantwortlich zu machen, ist geradezu ab- notwendig, sondern auch die Auswertung der For-
surd. Hier zu behaupten, das sei jetzt und im schungsergebnisse. Es ist ferner erforderlich, die For-
Augenblick erst entstanden, ist abwegig; das kann schungsergebnisse dorthin zu bringen, wo sie dann
doch einfach nicht wahr sein, Herr Kollege Erpen- zugunsten einer Kostenreduzierung und einer Ra-
beck. Sie wissen doch genau, daß der Bauprozeß von tionalisierung eingesetzt werden können. Dieses Hin-
der Planung über die Ausschreibung und Bauaus- bringen der Forschungsergebnisse ist — damit
führung bis hin zur Bezugsfertigstellung zwei bis wende ich mich an Sie, Herr Minister — bisher nicht
drei Jahre dauert. Schon allein daraus können Sie in ausreichendem Maße geschehen. Sie sollten künf-
ablesen, daß die Ursachen einer solchen Entwick- tig die Information über die Auswirkungen der For-
lung ganz einfach zwei bis drei Jahre zurückliegen schung verstärken, damit e s zu einer echten Preis-
müssen und demnach in die Verantwortung eines senkung, zumindest aber zu einer größeren Ratio-
CDU-Kanzlers fallen, einer Koalition, die nicht die nalisierung im Bauwesen kommen kann.
heutige ist. Das muß doch endlich einmal klargestellt
Die Regierung möchte, wie Frau Meermann vor-
werden.
hin erklärte, den Wohnungsbau nicht als Instrument
Worauf ist denn die Baupreisentwicklung auch zu- der Konjunktursteuerung benutzen. Dennoch kann
rückzuführen? Denken Sie doch daran, daß allein im die konjunkturelle Situation nicht unberücksichtigt
zweiten Quartal 1969 die Stahlpreise um das Drei- bleiben.
fache gestiegen sind! Das sind doch die Ursachen Die Bundesregierung wird den Wohnungsbau kon-
der heutigen Baupreise und damit zwangsläufig auch tinuierlich weiterführen müssen. Dazu sind zwei
der Mietpreise. Die Kostenmieten errechnen sich Wege aufgezeigt: die Förderungsbeträge des Bundes
eben aus den Aufwendungen, die gemacht werden und der Länder werden nicht erhöht, und die Mehr-
mußten. Sehen wir uns einmal die Baupreisentwick- kosten werden durch entsprechende Mieterhöhungen
lung insgesamt an! In der Zeit der Rezession war ausgeglichen — so war es bisher —, oder aber die
sie zwar fallend; vom Februar 1968 bis Februar 1969 Förderungsbeträge je Wohnung werden erhöht. Das
ist eine Steigerung um 2,3 % zu verzeichnen. In geht natürlich zu Lasten der Zahl der neu zu för-
der Zeit von Dezember 1968 bis Dezember 1969 dernden Wohnungen. Eine sofortige Erhöhung der
sind die Baupreise sogar um 8,8 % gestiegen. Sie Förderungssätze würde sicher kreditpolitische Maß-
werden aber wohl nicht sagen wollen, daß diese nahmen der Bundesbank zunichte machen. Im übri-
Erhöhung um 8,8 % plötzlich im letzten Monat, also gen wäre eine solche Maßnahme auch nur in Ab-
nach der Regierungsneubildung am 28. Oktober sprache mit den Ländern möglich, weil diese ent-
1969, eingetreten sei. Hier wird deutlich, daß die sprechend daran beteiligt wären. Das neue Wohn-
letzte Regierungskoalition dafür die Verantwortung geldgesetz mit Wirkung ab 1971 ist angekündigt; es
trägt. trägt neuen Mietbelastungen Rechnung und gleicht
Ich möchte auf folgendes hinweisen: Architekten Härten aus.
sind bekanntlich Seismographen; denn dort zeichnet Ich hoffe, daß wir gemeinsam — ich meine, Woh-
sich die Entwicklung im Bausektor sehr viel früher nungsbaupolitik eignet sich nicht so sehr zur partei-
ab als beispielsweise in der Bauwirtschaft oder bei politischen Auseinandersetzung — daran mitwir-
den an der Baupolitik Interessierten. Ich kann Ihnen ken, eine Koordination der beiden aufgezeigten
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2629
Jung
Wege zustande zu bringen. Und ich hoffe ferner, Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie
daß wir gemeinsam konstruktiv an der Überwin- eine Zwischenfrage?
dung der Misere mitwirken, die — das möchte ich
hier noch einmal sagen — diese Regierungskoalition Dr. Schäfer (Tübingen) (SPD) : Herr Kollege, wie
sicher nicht verschuldet hat, die sie aber bereit ist zu erklären Sie es sich dann, daß im Jahre 1966 für die
beseitigen. Förderung des sozialen Wohnungsbaus noch 90 Mil-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) lionen DM vorgesehen waren? Wie reimt sich das
mit dem zusammen, was Sie hier vortragen?
Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat
Herr Abgeordneter Mick. Mick (CDU/CSU) : Herr Kollege Schafer, selbst-
verständlich! Um so mehr war die Begehrlichkeit der
Konjunkturpolitiker auf diesen Batzen gerichtet, und
Mick (CDU/CSU) : Frau Präsidentin! Meine sehr die Abwehr war damals nach meiner Meinung ent-
verehrten Damen und Herren! Ich gestehe Ihnen schieden schwieriger, als es heute der Fall ist.
gern, daß wir nicht erst seit der Regierung Brandt (Abg. Dr. Schäfer [Tübingen]: Sie stehen ja
und der Amtszeit des Wohnungsbauministers Lau- kopf!)
ritzen Schwierigkeiten im sozialen Wohnungsbau
haben. Der Unterschied zwischen heute und früher
scheint mir allerdings der zu sein, daß wir den Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege, ge-
Schwierigkeiten früher mit aller Energie entgegen- statten Sie eine Zwischenfrage der Frau Kollegin
getreten sind und sie auch gemeistert haben. Meermann?

(Beifall bei der CDU/CSU. — Widerspruch Frau Meermann (SPD) : Herr Kollege Mick, ver-
bei der SPD.) stehe ich Sie recht? Ich habe den Eindruck, Sie be-
— Meine verehrten Damen und Herren, wollen Sie trachten 1966 als Zeit der Hochkonjunktur. Das mit
etwa bestreiten, daß in einem ,der Jahre unter der den 90 Millionen DM war nämlich 1966.
Ara Lücke weniger als 500 000 Wohnungen gebaut
worden sind? Mick (CDU/CSU) : Ich habe es nicht verstanden,
(Zuguf des Abg. Dr. Schäfer [Tübingen].) Frau Kollegin.
Meist lag das Volumen näher an der 600 000er- als
an der 500 000er-Grenze. In dieser Zahl stellte .der Frau Meermann (SPD) : Sie haben die Angriffe
soziale Wohnungsbau immer den Löwenanteil, und der Konjunkturpolitiker abgewehrt. 1966 war Re-
vom sozialen Wohnungsbau machten wiederum die zession.
Eigentumsmaßnahmen den Löwenanteil aus. (Abg. Rösing: 1966 nicht! Sie irren sich!)
Ich erinnere mich mit großer Genugtuung — — Die vollen Auswirkungen zeigten sich allerdings
warum soll ich das verschweigen —, daß wir in der erst 1967; immerhin hatten wir 1966 keine Hoch-
Fraktion der CDU/CSU sehr lebhafte Debatten dar- konjunktur.
über geführt haben, ob und wie der soziale Woh-
nungsbau fortgesetzt werden soll, weil es überschäu- Mick (CDU/CSU) : Verehrte Frau Kollegin, im
mende Konjunkturen auch i n früherer Zeit gab. Ich Jahre 1966 war unsere Fraktion, konkret gesagt —
erinnere mich gern daran, daß verhindert wurde, den wenn wir so rechnen wollten wie Sie —, für die
sozialen Wohnungsbau, so wie es jetzt ist, zum Wohnungsbaupolitik gar nicht verantwortlich. Aber
Prügelknaben der Konjunktur zu machen, wir fühlten uns dafür verantwortlich, weil wir mit
(Sehr richtig! in der Mitte) in der Koalition waren, genauso, verehrte Damen
und Herren von der SPD, wie wir an den Erfolgen
weil Wohnungsnot und ihre Beseitigung für uns der Großen Koalition mindestens so beteiligt sind
(Zuruf des Abg. Dr. Schäfer [Tübingen]) wie Sie. Deshalb lehne ich Ihre Milchmädchen-
rechnung ab: der Herrr Lauritzen und der Herr
— für uns, Herr Schäfer — einen so hohen Stellen- Schiller haben das geschafft. Daß Herr Strauß aber
wert hatten, daß wir uns keine Manipulation mit. das Geld gegeben hat, geben Sie nur notgedrungen
dem Gut Wohnung erlaubt haben. zu. Ich bin nicht für solche Auseinandersetzungen
(Beifall bei der CDU/CSU.) und werde sie nicht führen. Sie tragen die Verant-
wortung, und Sie spreche ich an.
Ich gestehe gern, daß wir uns mit , der Arbeits-
gruppe Wohnungsbau in unserer Fraktion gegen Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie
manchen unserer Wirtschaftsfachleute und nicht zu- eine Zwischenfrage des Abgeordneten Dr. Schäfer?
letzt auch gegen den damaligen Bundesbankpräsi-
— Bitte schön!
denten Blessing durchgesetzt haben; er wollte schon
damals durch Verringerung der öffentlichen Mittel
den schwächsten Punkt der Bauwirtschaft und der Dr. Schäfer (Tübingen) (SPD) : Herr Kollege, Sie
Wirtschaft überhaupt treffen: den sozialen Woh- werden mir doch bestätigen, daß es für die CDU/
nungsbau. Wir haben diesen Angriff — das möchte CSU in der Großen Koalition eine Kehrtwendung
ich sagen, Herr Kollege Schäfer — mit Glanz und bedeutet hat, den sozialen Wohnungsbau nach unse-
Gloria abgewehrt. ren Vorstellungen zu fördern?
2630 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Mick (CDU/CSU) : Herr Kollege Schäfer, ich wohnung berechtigt ist, ist doch Augenwischerei
glaube, daß es wenig Sinn hat, sich mit Ihnen dar- und sonst gar nichts. In diesem Zusammenhang
über in eine Debatte einzulassen; denn ich habe in möchte ich — aber jetzt im umgekehrten Sinn — mit
den 13 Jahren meiner Zugehörigkeit zu diesem Par- Schiller, allerdings mit „Friedrich von", sagen: Der
lament noch nicht
Knabe gemerkt, daß Sie
Lauritz sich um beson-mir, wenn nicht fürchter-
beginnt
dere Kenntnisse im Wohnungsbau und im sozialen lich, so doch ärgerlich zu werden mit seinen Zu-
Wohnungsbau bemüht haben. kunftsprognosen und , dem Verschweigen der Ge-
(Abg. Dr. Schäfer [Tübingen]:: Und ob ich genwartsprobleme.
mich bemüht habe! Ist es falsch, was ich Wenn.z. B. eine junge Familie heute 950 DM be-
gesagt habe, oder ist es richtig?) reinigtes Bruttoeinkommen nicht überschreiten
— Wenn das anders wäre, Herr Kollege Schäfer, darf, wenn sie eine Wohnung im sozialen Woh-
würde mich das sehr beglücken, und ich wäre Ihnen nungsbau haben will, das heißt doch dann auf gut
sehr dankbar, wenn Sie die Beratungen, in denen deutsch, 'daß ein Facharbeiter heute nicht mehr in
wir uns im Augenblick im Ausschuß befinden, durch der Lage ist, eine Wohnung im sozialen Wohnungs-
Ihren Sachverstand bereichern würden. bau zu beziehen. In welchen Abgrund stürzt diese
junge Familie, , die sich etwa im frei finanzierten
(Abg. Dr. Schäfer [Tübingen]:: Wollen Sie Wohnungsbau für 8 DM/qm eine Wohnung besor-
damit sagen, daß das, was ich hier gesagt gen soll! Und Herr Lauritzen erklärt, eine Ände-
habe, falsch ist? — Abg. Lücke [Bensberg] : rung des Zweiten Wohnungsbaugesetzes sei nicht
da, es ist falsch, was Sie sagten!) notwendig, da die Länder auf dem Verordnungs-
— Erstens ist es falsch. Zweitens verweise ich Sie wege eine Bandbreite von 10 bis 20 % hätten. Auch
auf das, was ich soeben gesagt habe. diese 10 bis 20% genügen nicht, ganz abgesehen
von den Verzerrungen, die auf dem Wohnungs-
(Lachen bei /der SPD.) markt entstehen; denn Ländergrenzen sind keine
Meine Damen und Herren von der Sozialdemo- Wirtschafts- und Einkommensgrenzen.
kratischen Partei, Sie haben sich immer gern — ich
Es ist geradezu grotesk, wenn wir heute von
gestehe Ihnen auch: nicht immer mit Unrecht — als
Fehlbesetzungen im Sozialen Wohnungsbau spre-
Schutzheilige des sozialen Wohnungsbaus be-
chen — und sie sind in großem Maße vorhanden —
trachtet.
und die Wohnungsunternehmen, vor allem die ge-
(Zuruf von der SPD: Heilige waren wir meinnützigen Wohnungsunternehmen, dazu über-
nie!) gehen müssen, wenn sie wachsenden oder auslau-
Ich entsinne mich gern der Debatten mit Herrn fenden Familien eine ihrem Status gemäße Woh-
Brecht in diesem Hause. In diesen Debatten — war- nung beschaffen wollen, dieselben mit ihrem Alt-
um soll man das nicht sagen? — kam der Minister wohnungsbestand zu bedienen, also mit den Woh-
Lücke vorbereitet und mit einem Konzept. Da kam nungen, die gerade in den Wohnungsunternehmen
man nicht mit „Blabla" und irgendwelchen Behaup- am preiswertesten zu haben sind. Hier werden Ver-
tungen aus, sondern da hieß es, Butter zum Fisch zerrungen begründet, die später nur sehr schwer
zu geben. Ich stelle hier noch einmal fest, daß wir beseitigt werden können.
den sozialen Wohnungsbau in der Zeit, als wir
die Verantwortung dafür trugen, den Wohnungs- Dabei bin ich mit Ihnen, Frau Kollegin Meermann,
bau in keiner Weise gefährdet haben und ihn nicht der Meinung, daß es mit einer Änderung der Ein-
auf den Altar der Konjunktur gelegt haben. kommensgrenzen im Zweiten Wohnungsbaugesetz
allein nicht getan ist, sondern daß damit andere
(Beifall bei 'der CDU/CSU.) Maßnahmen damit einher zu gehen haben, um hier
Es mutet mich an wie ein sanftes Schlummer- zu Regelungen zu kommen, die dem standhalten,
kissen, wenn sich der Herr Minister für Städtebau was notwendig ist. Bei allein Debatten, die wir hier
und Wohnungswesen an die 525 000 Überhangwoh- geführt haben, auch um die Abbaugesetze, waren
nungen klammert. Als wenn damit die Baisse im wir wohl in einem einig: Wir mögen die perfekte-
Wohnungsbau und im sozialen Wohnungsbau über- sten Gesetze schaffen, wir mögen auch in den Ab-
sprungen werden könnte! Wenn wir dieses Jahr baugesetzen um einige Stellenwerte näher an die
noch mit einem blauen Auge davonkommen, haben Wirklichkeit herankommen, im Grunde genommen
wir doch im nächsten Jahr die Rechnung doppelt werden wir die Wohnungsnot nur beseitigen, wenn
-
und dreifach auf dem Tisch. Es scheint mir auch kein weiter gebaut wird und wenn zu Preisen gebaut
Beitrag zur Beseitigung der jetzigen Krise im Woh- wird, die den Bezug einer Wohnung überhaupt erst
nungsbau zu sein, wenn in ferne Zeiten hineinge- ermöglichen. Hier stellen wir ganz nüchtern fest,
redet wird; wenn Zukunftsprogramme, wenn lang- daß das gegenwärtig nicht der Fall ist.
fristige Programme an die Wand gemalt werden,
Es muß in diesem Zusammenhang befremden,
die zwar visionär sein mögen, aber keinen Beitrag
wenn man in den „Stuttgarter Nachrichten" vom
zur Behebung der gegenwärtigen Krise darstellen.
4. Mai liest, daß der Bundeswohnungsbauminister in
Festzustellen, daß heute insbesondere die junge einem Interview mit dem Süddeutschen Rundfunk
und die alte Familie gefördert werden müssen, es feststellt, daß der Städte- und Wohnungsbau zwi-
dann aber bei der bisherigen Einkommensgrenze schen Bonn und Ost-Berlin nicht kontrovers sei, daß
im Zweiten Wohnungsbaugesetz zu belassen un- hier nichts ideologisch verbaut sei, um zu gemein-
terhalb deren man zum Beziehen einer Sozial samen Gesprächen zu kommen; hier könne man
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2631
Mick
unter Fachleuten einfach Erfahrungen austauschen.— — Ich komme gleich darauf, Herr Kollege Schäfer. —
So die Nachricht in den „Stuttgarter Nachrichten". Schade, .daß .der Herr Matthöfer nicht mehr da ist.
Nun, Herr Minister, etwa Erfahrungen darüber, wie Denn sein Boß war es ja, der die Preissteigerun-
man das Berliner Schloß beseitigt hat, um einen gen mit der Bemerkung herunterzuspielen versuchte,
Platz für Mai-Aufmärsche zu gewinnen? Sie wissen, daß die Konjunktur bereits überschritten sei und
meine sehr verehrten Damen und Herren, daß ich daß man sie sich selbst überlassen müsse, damit die
aus Köln komme und wir Kölner mit Preußen nie Vollbeschäftigung erreicht bleibe. Ich teile diese
in einer Liebesheirat verbunden waren; das hat also Meinung des Herrn Brenner im allgemeinen nicht,
nichts mit „Preußens Gloria" zu tun, wohl aber mit ich teile sie aber hundertprozentig für den Woh-
dem Füßetreten deutscher Geschichte, Kulturge- nungsbau. Wenn ,diese Konjunktur, wie Sie sagen,
schichte, Kunstgeschichte, von der z. B. die Polen sich in einer Spätphase befindet, 'dann wird die
mehr zu halten scheinen als das Regime jenseits der übrige Wirtschaft sehr 'schnell wieder diese nachtei-
Elbe. Oder können Sie sich sonst erklären, wieso ligen Maßnahmen — etwa der Bundesbank -- über-
die Universitätskirche in Leipzig, diese geschichts- wunden haben, nicht aber .die Wohnungswirtschaft.
trächtige Kirche, abgerissen wurde, um Verkehrs- Wir werden feststellen, daß in dier Bauwirtschaft
bedürfnissen Rechnung zu tragen, von anderen Bei- in diese Lücke andere Bauvorhaben stoßen werden
spielen ganz zu schweigen? Und der Grund und — das ist keine Erkenntnis, die wir erst seit heute
Boden, Herr Minister, auf die neue Städte gebaut haben, sondern wir haben uns mit Lücke tage- und
werden sollen, die Ruinengrundstücke, auf denen nächtelang darüber unterhalten und haben debat-
wiederaufgebaut werden soll oder ist? Oder haben tiert, wie wir das verhindern können —, aus dem
Sie, Herr Minister, nie etwas von entschädigungs- ganz einfachen Grund, weil andere Bauvorhaben,
loser Enteignung gehört? Wir haben davon gehört. etwa ,der öffentlichen Hand, der gewerblichen Wirt-
Da sagen Sie, hier sei nichts ideologisch verbaut! schaft, viel schneller durchfinanziert sind, viel
Ich sage Ihnen offen, daß mir lieber wäre, wenn Sie schneller am Markt sind, als das im Wohnungsbau,
sich mit den Gegenwartsproblemen unseres Woh- insbesondere im sozialen Wohnungsbau der Fall
nungsbaus etwas mehr vertraut machten als solche sein kann.
Bemerkungen, die einem wirklich das Blut in Wal- Sie sagen mit Recht: wir werden ,dann sofort zu-
lung bringen können. sätzliche Mittel bereitstellen, so wie wir es ja im
Wenn man sich in solchen Gefilden bewegt, wie Jahre 1966 getan haben; Sie haben es eben ange-
soll man dann noch Gedanken für die „Niederun- kündigt, Frau Kollegin. Nur besteht da der Unter-
gen" haben, in denen sich etwa die Frage stellt: Wie schied, daß damals in der gesamten Bauwirtschaft
bringen wir es fertig, auch im Jahre 1970 noch eine nicht allzuviel los war, während zum jetzigen Zeit-
Wohnung zum Quadratmeterpreis von 4,50 DM zu punkt auch die aufgestauten Investitionen, die Bauen
bauen? Die Zahl von 4,50 DM ist unbestritten. Sie voraussetzen, auf dem Markt sein werden, ehe man
wissen genauso gut wie ich, wie groß der Kreis beidnstächualienStdrLä-
derer ist, die eine solche Wohnung, eine Sozialwoh- der und der Gemeinden dabei ist, überhaupt die
nung zu 4,50 DM je Quadratmeter, zu beziehen in ersten Anträge entgegenzunehmen,
der Lage sind. (Abg. Lücke: Sehr richtig!)
Ziel der konjunkturpolitischen Maßnahmen der um zu prüfen, ob die Finanzierung, die dort nieder-
Bundesregierung—wenn es welche sind, hier wollen gelegt ist, nach allen Seiten hin stimmt.
wir darüber nicht diskutieren; Sie haben es oft ge-
Sehen Sie, Herr Kollege Schäfer, hier ist es be-
sagt, und in der Beantwortung der Anfrage wurde es
deutend schwieriger, die Nachteile des Verlaufs der
gesagt — ist 'der Wiedergewinn der Preisstabilität.
jetzigen Konjunktur zu überwinden.

Sehen Sie denn nicht 'ein, daß im Wohnungsbau ge-


nau das Gegenteil dessen erreicht wird, was Sie (Abg. Dr. Schäfer [Tübingen]:: Natürlich!)
erreichen wollen und was wir alle erreichen wol- Wir kommen nicht zu einer Rezession in der Bau-
len? Das Zinsniveau ist das höchste in der Nach- wirtschaft, aber wir behalten die Rezession — denn
kriegszeit. Dieses Zinsniveau wird sich im Woh- etwas anderes haben wir ja heute nicht — im Woh-
nungsbau nicht von heute auf morgen ändern. Die nungsbau und vor allen Dingen in 'seinem schwäch-
Zinsen, die heute gezahlt werden, hängen auf dem sten Teil, im sozialen Wohnungsbau.
sozialen Wohnungsbau für einen Zeitraum zwischen
10 und 30 Jahren. Dann denkt schon kein Mensch Es ist auch einigermaßen merkwürdig, wenn der
mehr daran, daß wir diese Zinsen heute aus kon-
- HerMinstag:AufdÜberhnwog
junkturellen ,Notwendigkeiten hingenommen haben. hat das alles keinen Einfluß mehr, denn das war ja
alles durchfinanziert und damit klar. Verehrter Herr
Aber nicht nur in den Wohnungsmieten schlägt Minister, haben Sie schon einmal in einem Vergabe
sich das für 'heute und morgen nieder. Zur Kasse ausschuß gesessen? Waren oder sind Sie etwa im
gebeten werden die Eigenheimer und werden die- Vorstand einer Wohnungsbaugenossenschaft, und
jenigen, die sich „erfrechen", eine Eigentumswoh- haben Sie noch nie etwas davon gehört — —
nung zu beziehen. Wir wären etwas versöhnt ge-
wesen, wenn ;Sie wenigstens in Aussicht gestellt (Bundesminister Dr. Lauritzen: Acht Jahre
hätten, über einen längeren Zeitraum diese Lasten lang!)
abzufangen. Ich will Ihnen auch sagen, warum. — So, Herr Minister, dann haben Sie bestimmt nicht
(Abg. Dr. Schäfer [Tübingen] : Sagen Sie gut aufgepaßt
auch wie!) (Heiterkeit)
2632 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970
Mick
— entschuldigen Sie —, denn Sie müßten wissen, Mick (CDU/CSU) : Ich will dann sehen, daß ich
daß in jedem Angebot, das gemacht wird, eine Rück- zum Schluß komme.
trittsklausel ist — „bei Erhöhung der Löhne und bei
Steigerung der Materialkosten" daß also hier Meine Damen und Herren, wir erwarten eine Fort-
schreibung der Lückeschen Gedanken. Ich begrüße
automatisch auch bei festen Verträgen Preiserhöhun-
die Erhöhung der Forschungsmittel. Vielleicht ver-
gen eintreten, was 'im Augenblick in hohem Maße
der Fall ist. wendet man einen Teil dieser Forschungsmittel da-
zu, gerade die Kontinuität des Bauens noch besser
Es ist also leider nicht so, daß man mit Plänen, die zu ermöglichen und damit auch die Seriosität des
man heute aus der Schublade nimmt, auch wenn sie Bauarbeiterstandes im allgemeinen zu fördern.
technisch hundertprozentig in Ordnung sind, morgen
auf die Baustelle gehen kann, um sie in die Wirk- Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich
lichkeit umzusetzen. Dazwischen liegt der dornige wußte nicht, daß ich auf Zeit gesetzt bin. Aber gegen
Weg der Auseinandersetzung mit den öffentlichen die Frau Präsidentin kommt man nicht an; das wis-
Stellen. sen wir alle aus leidvoller Erfahrung. Ich komme
dann zum Schluß.
Ich gestehe der Bundesregierung und damit auch
Ihnen, Herr Minister, gern ein Urteil darüber zu, Ich lasse mich nicht darauf ein — das, Frau
wer ein verantwortungsbewußter Politiker ist oder Kollegin Meermann, schreibe ich auch Ihnen ins
nicht. Mir scheint aber, daß Sie es sich bei der Be- Stammbuch —, daß wir jetzt große Appelle an die
antwortung unserer Großen Anfrage etwas zu ein- Länder richten, was sie alles tun sollen usw. Hanne-
fach machen: wer Sie kritisiert, ist unverantwortlich, mann, geh du voran! Ich bin überzeugt, daß die
und wer Ihnen zustimmt, der ist verantwortlich. Länder uns entsprechend folgen werden.
Überschrift: Es lebe die parlamentarische Demo- Ich habe Ihnen, Herr Minister, in einer früheren
kratie. Zeit für meine Fraktion gesagt, daß wir über Ihnen
(Abg. Rösing: „Mehr Demokratie"!) die Fuchtel der Opposition schwingen wollen, um
Sie zu Höchstleistungen zu zwingen. Ich muß leider
Ich fühle mich als verantwortungsbewußter Politiker
gestehen, daß die Opposition ihr Ziel nicht erreicht
und glaube dies über Jahre hin bewiesen zu haben.
hat. Ich kann mir nicht vorstellen, daß das, was Sie
Trotzdem werfe ich der Bundesregierung konjunk-
bisher gezeigt haben, Ihre Höchstleistung ist.
turpolitisches Versagen im allgemeinen und Ihnen,
Herr Minister Lauritzen, im Wohnungsbau, insbe- (Beifall bei der CDU/CSU.)
sondere im sozialen Wohnungsbau ein Extraver-
sagen vor. Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat
Auch uns ist bekannt, daß ,uns der vergangene der Herr Minister Lauritzen.
Winter vor schwere zusätzliche Probleme in der
Bauwirtschaft gestellt hat. Uns ist auch bekannt, daß Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau und
die Situation auf dem Arbeitsmarkt in der Bauwirt- Wohnungswesen: Frau Präsidentin! Meine sehr ge-
schaft eine sehr prekäre ist. Das ist alber nicht erst ehrten Damen und Herren! Die Beantwortung dieser
seit heute, Frau Kollegin Meermann, das ist seit Großen Anfrage stand bereits vor drei Wochen auf
langem. Denn hier müssen wir auch folgendes der Tagesordnung, und die Regierung war auch be-
sehen. Wenn .die Bauarbeiter in bestimmte Jahre reit, diese Anfrage zu beantworten. Auch auf
gekommen sind, haben sie das Bestreben, unter ein Wunsch der CDU ist die Angelegenheit damals ver-
Dach zu kommen tagt worden. Das hat Herr Erpenbeck leider verges-
(Abg. Lücke: Sehr gut!) sen.
(Abg. Erpenbeck: Nein!)
mit gleichmäßigem Klima, damit sie nicht so den
Unbilden der Witterung ausgesetzt sind, wie das Ich glaube, es bedarf dieser Richtigstellung.
Nun, der reichlich melodramatische Aufgesang der
bei Bauarbeitern leider noch der Fall ist. Die Ant-
Opposition ist ja gekennzeichnet durch eine Fülle
wort von Herrn Lücke war damals die Einführung
des Winterbaues; er ist der Erfinder des Winter- sehr lautstarker Worte. Aber wenn man sich die
baues, des Winterfestmachens der Baustellen, um Argumentation ansieht, so ist sie doch reichlich
ein kontinuierlicheres Bauen zu ermöglichen. Wir be- schwach, um sie nicht schwächlich zu nennen.
fanden uns damals in parallelen Überlegungen mit (Abg. Mick: Jawohl, Herr Oberlehrer!)
dem jetzigen Minister Georg Leber, der seine Bau- — So ist es nun wirklich nicht gemeint. Wissen Sie,
arbeiter aus diesem unseriösen Zustand des Feierns wenn Sie anfangen, so zu kritisieren, dann müssen
herausholen und ihnen eine kontinuierliche Arbeits- Sie sich auch daran gewöhnen, etwas Ähnliches
zeit geben wollte, damit sie nicht, wie das oft in wieder zu hören. Wie man in den Wald hineinruft,
der Bauwirtschaft der Fall war, am Heiligen Abend so schallt es heraus. Das ist eine alte Volksregel.
die Kündigung bis zum 2. Januar oder für noch
länger bekamen. Meine Damen und Herren! Auch hier hat sich
doch offensichtlich wieder derselbe Widerspruch ge-
zeigt, den wir in diesem Hause nun schon so oft
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege erlebt haben. Wenn es um die allgemeinen Fragen
Mick, Sie haben Ihre Zeit schon nicht unbeträchtlich der Dämpfung der Konjunktur geht, verlangt die
überschritten. Ich würde Sie bitten, zum Schluß zu Opposition weitere Kürzungen im Bundeshaushalt.
kommen. Wenn wir uns aber um Einzelfragen der einzelnen
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2633
Bundesminister Dr. Lauritzen
Fachbereiche kümmern, verlangt sie ausgabenwirk- ganz deutlich, daß die Bauwirtschaft im Bereich des
same Maßnahmen der Regierung. Wohnungsbaues voll ausgelastet ist und daß von
(Sehr wahr! bei der SPD.) einem Zusammenbruch des Wohnungsbaus keine
Rede sein kann.
Meine Damen und Herren, man kann nicht auf der
einen Seite bremsen und gleichzeitig Gas geben Dann wiesen Sie auf die Beschlüsse der • Landes-
wollen. Das ist unlogisch; ich würde sagen, das ist regierung von Nordrhein-Westfalen hin, wonach
eine schizophrene Politik, die uns keinen Schritt diese Annuitätsbeihilfen nur noch für Hypotheken-
weiterführt. Auch Herr Erpenbeck und Herr Mick zinsen in Höhe von 7,5 % bei einem Auszahlungs-
haben diesen Widerspruch nicht auflösen können. kurs von 95 % genehmigen will. Die Bausparkassen
Das Operieren mit .den Zahlen hat doch die Situa- geben Hypotheken zu diesem Kurs und die Sparkas-
tion reichlich schief dargestellt und völlig. verzeich- sen und Lebensversicherungen in weiten Kreisen
net, und das macht nun allerdings einige Richtigstel- auch. Das sind einfache Feststellungen, die wir durch
lungen notwendig. Rückfrage haben ermitteln können. Es ist also völlig
Wir können auch — das ist im Ernst von der übertrieben, es kann gar keine Rede davon sein, daß
Opposition nicht bestritten worden — in diesem der soziale Wohnungsbau zum Erliegen gekommen
Jahre auf Grund des Überhangs und der Bausitua- sei.
tion davon ausgehen, daß wir im Jahre 1970 wieder Mit der Entwicklung der Mieten sieht es auch
ein Volumen von 500 000 fertiggestellten Wohnun- etwas anders aus, als in den dramatischen Progno-
gen haben werden. Das bedeutet: wir bekommen sen — auch heute wurden solche wieder gestellt —
in diesem Jahr keinen Einbruch in den Wohnungs- angekündigt wurde. Nach der amtlichen Statistik
bau. haben wir im April eine Mietsteigerung von 0,4 %
Meine Damen und Herren, von einem völligen gegenüber dem Vormonat zu verzeichnen. Die Miet-
Zusammenbruch des sozialen Wohnungsbaus kann steigerung von April 1969 bis April 1970 beträgt
überhaupt keine Rede sein. Die Zahl der Baugeneh- 4%, während sie in den vorangegangenen sieben
migungen im ersten Vierteljahr 1970 liegt um 9% Jahren immer zwischen 7 und 8 1/2% betrug. Die
über der Zahl der Baugenehmigungen 'aus dem glei- Mietsteigerung von 1968 auf 1969 betrug 8,1%, die
chen Zeitraum des Jahres 1969. Im öffentlich ge- von 1969 auf 1970 4 %. Das muß man sich einmal
förderten Wohnungsbau haben wir im ersten För- vergegenwärtigen. Deswegen ist es auch völlig
derungsweg einen leichten Rückgang in Höhe von falsch zu sagen: Das alles hat in die Mieten „hinein-
3%, im zweiten Förderungsweg einen Rückgang gehauen". Bis jetzt nicht! Ich wehre mich dagegen,
von 16% zu verzeichnen. Das macht einen Rück- daß man diese Dinge dauernd dramatisiert.
gang von insgesamt 7 % im öffentlich geförderten (Beifall bei der SPD.)
Wohnungsbau aus. Wenn man sich die Mietentwicklung einmal etwas
näher ansieht, kommt man zu einer ganz erstaun-
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Bundes- lichen Feststellung. Gegenüber dem Vorjahr ist, wie
minister, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Ab- gesagt, eine durchschnittliche Mietsteigerung von
geordneten Mick? 4% zu verzeichnen. Die Mieten der Altbauten sind
um 4,3%, die der Neubauten tim 3,8% und die der
Mick (CDU/CSU) : Herr Minister, ist es richtig, Sozialbauten um 3,3 % gestiegen. Wo liegen die
in dem Zusammenhang von Baugenehmigungen zu höchsten Mietsteigerungen? Bei den Altbauwohnun-
sprechen? Kommt e s nicht vielmehr darauf an, wel- gen, die von den Baukosten und der Zinsentwick-
che Bauten begonnen worden sind? Die Baugenehmi- lung am allerwenigsten betroffen werden! Und
gungen sagen über den Wohnungsbau doch gar warum liegen sie dort? Weil der Wohnungsmarkt
nichts aus. nicht in Ordnung ist! Das ist doch der Grund.
(Beifall bei der SPD.)
Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau
und Wohnungswesen: Ich habe Ihnen zwei Zahlen Das zeigt doch auch die Wohnungszählung des
genannt. Ich habe Ihnen gesagt, wir haben im Jahres 1968. Sie kennen die Zahlen. Es ist doch
öffentlich geförderten Wohnungsbau einen Rück- erschreckend, daß wir trotz des Baues von 10 Mil-
gang von insgesamt 7% zu verzeichnen. Eine Bau- lionen Wohnungen — diese Leistung will niemand
beginnstatistik gibt es ja nicht, Herr Mick. Man schmälern — immer noch 800 000 Familien, und zwar
kann also nur von Jahr zu Jahr vergleichen, und ich Mehrpersonenfamilien in der Bundesrepublik ha-
-
habe ja keine absoluten Zahlen genannt, sondern ben, die zur Untermiete und in Wohngelegenheiten
nur von Jahr zu Jahr verglichen. Ich habe gesagt: wie Nissenhütten usw. leben und daß wir eine
Im Verhältnis zum Vorjahr ist die Zahl der Bauge- Million abbruchreife Wohnungen haben, die nicht
nehmigungen sogar angestiegen, und im öffentlich modernisiert werden können. Jedes Jahr wachsen
geförderten Wohnungsbau haben wir einen Rück- 300 000 neue Mietparteien dazu.
gang um 7 %, wobei nicht zu verkennen ist, daß das Daraus wird deutlich, daß wir in der Bundes-
eine Auswirkung der Konjunkturdämpfungsmaßnah- republik nach wie vor einen Wohnungsmangel ha-
men ist. ben. Das ist von den früheren Bundesregierungen
Meine Damen und Herren, wir haben in der ge- leider immer beschönigt worden.
samten Bauwirtschaft im Wohnungsbau einen Auf- (Beifall bei der SPD. — Abg. Lücke: [Bens
tragsbestand von 3,7 Monaten. Das hat es in den berg] : Herr Lauritzen, das können Sie doch
letzten Jahren noch nie gegeben. Das zeigt doch nicht sagen!)
2634 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970
Bundesminister Dr. Lauritzen
— Natürlich ist das beschönigt worden! Vizepräsident Frau Funcke: Herr Bundes-
(Abg. Lücke [Bensberg] : Das ist eine glatte minister, gestatten Sie eine zweite Frage von Herrn
Lüge, die Sie da aussprechen! — Weitere Breidbach?
Zurufe von der CDU/CSU.)
Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau und
— Verzeihen Sie, ich glaube, das geht doch ein Wohnungswesen: Ja.
bißchen zu weit.
(Abg. Wehner: Sie sind sehr leichtfertig, Breidbach (CDU/CSU) : Herr Minister, ist Ihnen
Herr Lücke. — Weitere Zurufe von der bekannt, daß di e Zahlenangaben, die zur Einführung
CDU/CSU und Gegenrufe von der SPD.) der weißen Kreise geführt haben, im wesentlichen
Herr Lücke, das Wort „Lüge" geht ein bißchen von den :Kommunen geliefert worden sind und die
zu weit; dies muß ich entschieden zurückweisen. Mit Grundlage für die Bestimmung des Zeitpunkts der
Ihrer Euphorie haben Sie das Ganze hinweggeredet, Einführung gebildet haben?
indem Sie gesagt haben: Wohnungsnot gibt es prak- (Zuruf von der SPD: Das stimmt nicht!)
tisch nicht mehr; das soziale Wohnungsbauprogramm
muß verringert werden. Meine Damen und Herren, Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau und
das gesamte rechnerische Wohnungsdefizit — ich Wohnungswesen: Hier irren Si e, Herr Kollege. Die
komme darauf zurück — war doch eine einzige Fehl- Zahlen .stammen aus der fortgeschriebenen Statistik
konstruktion! Wie kann man die Beseitigung der der statistischen Ämter.
Wohnungsbewirtschaftung damit begründen wollen, (Abg. Lücke [Bensberg] : Der Landesämter!)
daß nur 3 % Wohnungen fehlen? Ein freier Woh-
nungsmarkt verlangt doch Freiheit für beide Seiten, — Das mag sein. Aber diese Statistiken hatten Feh-
für Vermieter und für Mieter. ler.
(Abg. Mick: Wer hat denn die Fehler ge
(Beifall bei der SPD.) macht?)
Solange der Mieter nicht wählen kann, gibt es kei- Die Wohnungs- und Gebäudezählung des Jahres
nen freien Wohnungsmarkt. 1968 hat deutlich gemacht, daß zwischen der fort-
(Abg. Lange: Sehr richtig!) geschriebenen Zahl und der effektiven Zahl, die bei
Ein freier Wohnungsmarkt verlangt ein angemes- der Zählung ermittelt worden ist, eine Differenz
senes Überangebot von 3 % Wohnungen. Nicht ein von 4 % besteht.
3%iges Defizit, sondern ein 3%iges Überangebot an (Abg. Lücke [Bensberg] : Wer hat denn .die
Wohnungen wäre die richtige Grundlage für Ihr Fehler gemacht? — Weitere Zurufe von
Wohnungsprogramm gewesen. der CDU/CSU.)
Wissen Sie, was diese 4 % bedeuten? Das sind
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Minister, 800 000 Wohnungen. Das entspricht einer Stadt wie
gestatten Sie eine Zwischenfrage? Berlin; die war in der Statistik einfach nicht vor-
handen.
Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau (Abg. Mick: Wer hat die Fehler gemacht?)
und Wohnungswesen: Bitte! — Die amtlichen Statistiken!
(Abg. Mick: Wer 'hat die amtlichen Statisti
Vizepräsident Frau Funcke: Bitte schön, Herr ken gemacht?)
Kollege Breidbach!
— Das ist nicht das ,Entscheidende.
Breidbach (CDU/CSU) : Herr Minister, darf ich (Abg. Wehner: Das politische. Debakel ha
Ihrer Aussage entnehmen, daß Sie die vor einigen ben Sie zu verantworten! — Abg. Mick:
Jahren beschlossene Einführung der weißen Kreise Zu Befehl, Herr Wehner! Meine Hände
wieder aufheben wollen, weil es kein Überangebot liegen an der Hosennaht!)
von 3% auf dem Wohnungsmarkt gibt? — Nein, nein!
(Zurufe von der SPD.) (Abg. Wehner: Daß Sie ein Tünnes sein
wolen,ißchs!—Gegnrufvo
Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau und - der CDU/CSU: Dass ist doch das Letzte! —
Wohnungswesen: Ich will sie nicht wieder auf- Unruhe bei der CDU/CSU.)
heben, sondern sage, daß sie zu früh eingeführt wor- Meine Damen und Herren, mein Vorwurf besteht
den sind. darin, daß jeder, der mit Statistiken umgehen kann,
(Abg. Wehner: Sehr wahr!) hätte wissen müssen, daß solche Fehlerquellen in
Das ist der entscheidende Fehler: sie sind zu früh der Statistik liegen.
gekommen. (Abg. Lücke [Bensberg] : Na also!)
(Beifall bei der SPD. — Abg. Lücke [Bens- Auf Grund solcher Fehlerquellen und unzulänglichen
berg] : Sorgen Sie dafür, daß gebaut wird! Statistiken darf man keine politischen Entscheidun-
Das ist die einzige Aufgabe, die Sie zu er- gen treffen. Das ist mein Vorwurf.
füllen haben!) (Beifall bei der SPD. — Abg. Lücke [Bens
— Ich komme noch dazu, Herr Lücke. berg] : Bauen Sie Wohnungen!)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2635
Bundesminister Dr. Lauritzen
— Ich .komme gleich darauf. Sie sind anscheinend Ich habe ihm zu jeder Erklärung einen Vorschlag
sehr ungeduldig, Herr Lücke. gemacht, keine sechs Seiten; ich wäre mit einer
(Abg. Lücke [Beissberg]: Bauen Sie Woh halben Schreibmaschinenseite zufrieden gewesen.
nungen! Das ist wichtiger als Statistiken! — Nicht einmal das hat er als notwendig angese-
Abg. Wehner: Er will etwas verwischen!) hen. — Das war die Antwort auf Ihre Frage.

— Ich komme gleich darauf. Die Herren Vorredner Vizepräsident Frau Funcke: Herr Bundesmini-
haben eine halbe Stunde Zeit gehabt. Ich glaube, ster, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeord-
mir steht diese Zeit auch zur Verfügung. neten Geisenhofer?
Das 3%ige Wohnungsdefizit, meine Damen und
Herren, war wahrscheinlich ,ein 5%iges, wenn nicht Geisenhofer (CDU/CSU) : Herr Bundesminister,
sogar ein 6%iges. Noch heute gibt es Städte, in wie vertragen sich Ihre jetzigen Ausführungen mit
denen das Wohnungsdefizit höher als 3 % liegt. Das Ihrem Verhalten vor zwei Jahren, als es darum
sind die Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen ging, die Fortsetzung des „grauen" Kreises in Mün-
haben. Hier liegen die Ursachen dafür, daß diese chen durchzusetzen, wo Sie in München gesagt
Schwierigkeiten heute noch bestehen. haben: Es muß endlich einmal Schluß gemacht wer-
den mit der Auseinandersetzung „schwarzer" oder
Der zweite entscheidende Fehler der bisherigen
„weißer" Kreis; München ist ,am besten gedient,
Wohnungspolitik war die Degression der Bundes-
wenn mehr Wohnungen gebaut werden?
mittel von 700 Millionen DM im Jahre 1957 um
jährlich 10 %. Wir Sozialdemokraten haben in die- (Abg. Lücke [Bensberg] : Das war ein heller
sem Hause gegen diese 'Degression gekämpft. Wenn Blick!)
wir uns nicht zuletzt entschieden zur Wehr gesetzt
hätten, wären die Mittel wahrscheinlich ganz aus Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau und
dem Haushalt verschwunden. Wohnungswesen: Diese Regierung hat die Frist für
München verlängert.
Was ist die Konsequenz? Wohnungsmangel und
die zu frühe Aufhebung der Wohnungsbewirtschaf- (Zurufe von der CDU/CSU.)
tung, meine Damen und Herren. Das ist die wenig — Diese Regierung hat die Frist für München ver-
erfreuliche Erbschaft, die diese Bundesregierung längert. Das können Sie doch nicht bestreiten.
übernommen hat. Wir müssen jetzt große Anstren-
gungen machen, um damit fertig zu werden und, (Abg. Dr. Ritz: Das ist keine Antwort auf
Herr Mick, um die Lasten abzufangen. die Frage!)
(Abg. Mick: Wie lange sind Sie eigentlich — Natürlich ist das eine Antwort auf die Frage.
Wohnungsbauminister?) (Zuruf von der CDU/CSU.)
— Auf diesen Zwischenruf, Herr Mick, habe ich nur — Das war die Meinung Ihrer Leute. Das wissen
gewartet. Sie ganz genau. Damals saßen wir in der Großen
(Abg. Mick: Wie lange, frage ich Sie!) Koalition, und damals hätten wir wahrscheinlich
Was habe ich für Anstrengungen machen müssen, die Verlängerung für München nicht 'bekommen.
um das soziale Mietrecht zu ändern! Meinen Vor- Jetzt haben wir sie durchgesetzt, nämlich bei dieser
schlag hat die CDU nicht akzeptiert. Da haben wir Regierung.
uns „zusammenraufen" müssen. (Abg. Mick: War das im Regierungsentwurf,
(Abg. Mick: Was machen Sie denn jetzt für Herr Lauritzen? — Abg. Geisenhofer: Sie
Anstrengungen?) waren dagegen, Herr Minister!)
— Erst einmal muß ich die eine Frage beantworten. — Ich war nicht dagegen. Das stimmt doch nicht.
— Was habe ich mich angestrengt, die letzten Meine Damen und Herren, was 'ist also nun zu
„schwarzen Kreise" nicht zu schnell „weiß" werden tun, nachdem wir diese Erbschaft übernommen
zu lassen! Was haben wir gekämpft um die Ver- haben mit Zahlen, die wirklich nicht begeisternd
längerung der Wohnungsbewirtschaftung! Wie habe sind?
ich mich bemüht, mehr Mittel für den Wohnungsbau (Zuruf von der CDU/CSU: Eine gute Erb
zu bekommen, ohne Unterstützung des damaligen schaft!)
Finanzministers und ohne Unterstützung ,des dama-
ligen Bundeskanzlers! Haben Sie, meine Damen und - Wohnungen bauen! Ich bin derselben Meinung wie
Herren, einmal gehört, daß der Bundeskanzler der Sie, Herr Lücke. Letzten Endes hilft nur der Bau
Großen Koalition in diesem Hause überhaupt das von Wohnungen. Gesetze, Sozialklauseln können
Wort „Städtebau und Wohnungswesen" in den nur eine Zeitlang in Notsituationen helfen.
Mund genommen hat? Nicht einmal! Das war für (Abg. Lücke [Bensberg]: Nicht einmal Sta
ihn eine Angelegenheit von .sekundärer Bedeutung. tistiken!)
(Beifall bei der 'SPD. — Abg. Mick: Reden — Statistiken auch nicht. — Bauen wir also!
Sie doch einmal von heute!)
Und was müssen wir bauen? Wir haben den Be-
— Nein, Sie haben eben eine Frage an mich gestellt, darf der 800 000 unzulänglich Untergebrachten, wir
und die habe ich jetzt beantwortet. haben 1 Million erneuerungsbedürftige Wohnungen,
(Abg. Wienand: Und wie oft wurde Herr und wir haben den Bedarf der 300 000 neuen Miet-
Kiesinger darauf hingewiesen!) parteien, die jedes Jahr 'hinzukommen. Das macht,
2636 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Bundesminister Dr. Lauritzen


wenn Sie es für die nächsten 10 Jahre ausrechnen, Vizepräsident Frau Funcke: Herr Bundesmini-
einen Bedarf von 5 Millionen. Wir kommen immer ster, gestatten Sie eine Zwischenfrage von Herrn
wieder auf dieselbe Zahl. Geisenhofer?
(Abg. Lücke [Bensberg]: Das habe ich schon
vor fünf Jahren gesagt!) Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau und
Das gibt ein jährliches Programm von weiterhin Wohnungswesen: Bitte!
500 000.
Das Entscheidende ist nach meiner Meinung, daß
die Hälfte davon öffentlich gefördert sein sollte. Geisenhofer (CDU/CSU) : Herr Bundesminister,
Das, meine Damen und Herren, erfordert mehr halten Sie es für eine wesentliche Verbesserung im
Mittel als bisher beim Bund und bei den Ländern. Wohngeldgesetz, wenn nach der Regierungsvorlage
Die Besprechungen darüber sind soweit gediehen, die Einkommensgrenze beim Wohngeld von jetzt
daß die Grundzüge des Programms im Kabinett er- 750 DM um nur 50 DM auf 800 DM erhöht wird?
örtert worden sind. In 14 Tagen geht es um die
Aufstellung des Haushaltsplans 1971 und um die Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau und
Fortschreibung der mittelfristigen Finanzplanung. Wohnungswesen: Die Einkommensgrenze beim
Dann muß diese Finanzierung dort mit hinein. Das Wohngeld spielt im Grunde genommen keine ent-
ist das Vorhaben, und das ist meine Absicht. scheidende Rolle, weil das Wohngeldgesetz so kon-
Ich bin davon überzeugt, in der Person des Fi- struiert ist, daß bei steigenden Einkommen der
nanzministers und der Person des Bundeskanzlers Eigenanteil immer größer wird, so daß von einer
eine wesentliche Hilfe auch für dieses Programm zu bestimmten Grenze an, auch wenn wir keine Ein-
finden, ein Programm, das sich an dem tatsächlichen kommensgrenze hätten, der um Wohngeld Nach-
Bedarf nach der Wohnungszählung orientiert, das suchende automatisch aus der Förderung heraus-
sich nach sozialen Schwerpunkten gliedert. Insbe wächst. Im Grunde genommen könnten wir die Ein-
sonderer geht es um kinderreiche Familien, um kommensgrenze beim Wohngeld streichen. Wir tun
junge Ehepaare und um alte und alleinstehende es nur nicht aus Gründen der Verwaltungsverein-
Menschen. Es geht auch darum, einen Teil dieses fachung, damit nicht diejenigen, die über einer ge-
Progamsndezuitr,woübe wissen Grenze sind, auch damit anfangen, Anträge
heute morgen diskutiert haben, nämlich an der zu stellen. Das ist eigentlich der Grund. Die Einkom-
Strukturpolitik der Bundesregierung. Der Woh- mensgrenze ist im Wohngeldgesetz nicht entschei-
nungsbau muß auch ein Mittel zur Verbesserung dend.
der Infrastruktur und zur Stützung der Struktur
politik sein. Entscheidend ist aber, daß wir dieses Monstrum
(Zustimmung bei der SPD.) etwas vereinfachen müssen. Es ist sehr schwerfällig
und muß wesentlich vereinfacht werden; das ist es,
Das ist das Entscheidende, was wir damit erreichen was wir dabei erreichen wollen. Wir kommen zu
wollen. einer ganz entscheidenden Verbesserung.
Dazu gehört — das möchte ich wirklich wieder
einmal erreichen; leider ist das in den letzten bei- Wenn Sie nach den Belastungen fragen, so darf
den Jahren nicht mehr möglich gewesen — eine ich Ihnen folgendes sagen: allein die materielle Ver-
entscheidende Hilfe auch für die Modernisierung besserung des Wohngeldgesetzes, wie die Regierung
des Althausbestands. sie beschlossen und dem Bundesrat 'zugeleitet hat,
(Abg. Lücke [Bensberg] : Sehr richtig!) wird im Jahre 1971 beim Bund 180 Millionen DM,
bei den Ländern den gleichen Betrag ausmachen,
Auch das gehört in ein langfristiges Wohnungsbau- d. h. 360 Millionen DM sind allein verbesserte Lei-
programm hinein. Das zweite, um die Lasten trag- stungen nach dem Wohngeldgesetz, wie wir es vor-
bar zu machen, von denen die Rede ist, ist eine we- gesehen haben.
sentliche Verbesserung des Wohngeldgesetzes. Das
Gesetz liegt vor, es wird im Bundesrat beraten. Nun noch etwas zur Bauforschung. Ich muß Ihnen
Meine Damen und Herren, ich verspreche mir gar leider sagen, meine Damen und Herren, ich war
nichts davon, jetzt etwa die Mietobergrenzen vor- etwas betrübt, als ich feststellte, daß ein Bundes-
weg anheben zu wollen. Man muß mit der Anhe- minister für den Wohnungsbau in seinem Haushalt
bung der Mietobergrenzen vorsichtig sein, weil mit für Forschungsaufgaben den Betrag von einer halben
der Anhebung der Mietobergrenzen die Mieten so- Million DM hat. Die kleine Schweiz gibt 20 Millionen
-
fort nachziehen. Es muß umgekehrt sein, die Miet- für Forschungsaufgaben aus, die Engländer noch
obergrenzen müssen sich der Mietentwicklung an- mehr. Hier ist einfach ein Arbeitsgebiet jahrelang
passen. ganz vernachlässigt worden. Wir haben uns nun
Herr Mick, Sie haben leider eines völlig außer acht darangemacht, das entscheidend zu verbessern.
gelassen, wenn Sie von Mietkosten von 4,50 DM im Wenn ich Ihnen sage, daß wir 5 Millionen DM haben,
sozialen Wohnungsbau sprechen. Ich kenne das noch können Sie das gar nicht in Prozenten ausrechnen;
nicht, auch in Hamburg nicht. Im sozialen Wohnungs- das gibt einen enormen Steigerungsbetrag. Gleich-
bau gibt es keine Mietobergrenzen. Das haben Sie wohl sind 5 Millionen DM nach meiner Meinung für
völlig vergessen. die Bundesrepublik auch noch nicht ausreichend.
(Abg. Mick: Ich habe das nicht im Zusam-
menhang mit dem Wohngeldgesetz gesagt!) Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie
— Natürlich. eine Zwischenfrage von Herrn Abgeordneten Mick?
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52, Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2637

Mick (CDU/CSU) : Herr Minister, sind Sie in die- denn mit dem, was Sie uns hier vorgeschlagen
sem Zusammenhang bereit, anzuerkennen, daß auf haben, wird nicht eine Wohnung mehr gebaut. Auch
dem Gebiet der Forschung, auch bei Versuchs- und die Gesetzentwürfe der CDU/CSU reichen doch
Vergleichsbauten sowie Demonstrativvorhaben in nicht aus. Wir haben im einzelnen schon darüber
der Vergangenheit Erkleckliches geleistet worden gesprochen. Sie behandeln nur partielle Probleme,
ist, daß allerdings diese Forschung von der Bau- nur Teilfragen, und sind daher nicht zulänglich.
wirtschaft selbst geleistet und dann in die Tat um-
gesetzt wurde? Lassen Sie mich abschließend sagen: Für die Bun-
desregierung sind der Städtebau und das Woh-
nungswesen Aufgaben von entscheidender politi-
Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau und scher, vor allem gesellschaftspolitischer Bedeutung.
Wohnungswesen: Das schließt doch aber nicht aus, Wir haben eine Städtebauförderungsgesetz vorge-
daß der Bund selbst durch Erteilung von Forschungs- legt, um endlich unsere Städte in Ordnung zu brin-
aufträgen an Institute, an Architekten, an Baufirmen, gen. Der Entwurf dieses Gesetzes sieht Leistungen
etwas Entscheidendes tun muß, denn wir sind uns des Bundes für die ersten drei Jahre in Höhe von
doch sicherlich alle einig, die Entwicklung der Bau- 450 Millionen DM vor. Wir haben ein zweites.
kosten kann so nicht weitergehen. Wir können nicht Wohngeldgesetz vorgelegt, um die Mieter mit ge-
so weiterbauen, wie wir vor 50 und 100 Jahren ringen Einkommen vor untragbaren Mietbelastun-
gebaut haben, sondern wir müssen das, was die gen zu schützen. Nach dem Entwurf dieses Gesetzes
Industrie in einem grandiosen Rationalisierungspro- werden die Leistungen des Bundes und der Länder
zeß geleistet hat, in etwa auch bei der Bauwirtschaft auf diesem Gebiet im Jahre 1971 um 360 Millionen
nachholen. DM, im Jahre 1972 um 440 Millionen DM, im Jahre
1973 um 480 Millionen DM steigen. Wir werden im
Mick (CDU/CSU) : Herr Minister, haben Sie über- Jahre 1973 auf dem Gebiet des Wohngeldes eine
hört, daß ich das in meiner Rede ausdrücklich aner- Jahresleistung von Bund und Ländern in Höhe von
kannt habe, daß ich aber jetzt darauf aufmerksam 1,8 Milliarden DM erreichen. Nun sagen Sie noch,
machen wollte, daß das nicht der alleinige Beitrag es geschehe nichts auf diesem Gebiet! Da wird wirk-
für die Forschung auf dem Bausektor ist? lich etwas getan.
(Abg. Mick: Das sind doch Zukunfts
Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau und prognosen!)
Wohnungswesen: Sicherlich nicht, aber das schließt
doch nicht aus, daß der Bund hier mehr tun muß. — Das sind Gesetzentwürfe. Was heißt „Zukunfts-
Hier liegt ein Gebiet vor, daß nach meiner Mei- prognosen" ? Wie sollen wir es denn anders machen?
nung fn der Vergangenheit vernachlässigt worden Gesetzentwürfe brauchen wir schon dazu. Aber
ist. wichtig ist doch, daß wir in der mittelfristigen
Finanzplanung diese Beträge rechtzeitig einplanen,
Ich möchte das aufgreifen, was Herr Kollege
und das ist bereits geschehen. Wir haben die
Jung gesagt hat. Es kommt nicht darauf an, For-
Grundzüge eines langfristigen Wohnungsbaupro-
schungsaufträge zu erteilen. Viel wichtiger ist die gramms entwickelt. Die Finanzierung wird im Haus-
Auswertung der Forschungsergebnisse und die Wei- halt 1971 und in der mittelfristigen Finanzplanung
tergabe der Informationen an diejenigen, die es
geregelt werden.
angeht, Bauträger, Bauwirtschaft usw., aber auch
eine gewisse Bereitschaft derjenigen, die es angeht, Meine Damen und Herren, das sind die tragenden
sich von dem Herkömmlichen etwas frei zu ma- Grundsätze unserer Städtebau- und Wohnungspoli-
chen, denn moderne Bauweise bedeutet nicht not- tik, und ich glaube, sie beweisen mit überzeugender
wendig Uniformität und Monotomie. Man kann Deutlichkeit, daß Städtebau und Wohnungsbau von
auch modern bauen, wenn den Architekten einmal der Bundesregierung nicht nur stärker als bisher
etwas einfällt, mit den modernen Bauformen so gefördert werden sollen, sondern daß sie im Rah-
schöpferisch zu gestalten, daß es uns auch gefällt. men der Politik der inneren Reformen eine zentrale
Ich glaube, hier muß von allen Seiten mehr ver- Stellung haben werden.
langt werden als bisher. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Das sind die Dinge, auf die es nach meiner
Meinung ganz entscheidend ankommt: mehr Woh- Vizepräsident Frau Funcke: Meine Damen
nungen mit mehr öffentlichen Mitteln bauen, um - und Herren, ein Blick auf die Geschäftslage. Wir
auch zu tragbaren Mieten zu kommen; die anderen haben noch vier Wortmeldungen und noch gute
Belastungen durch ein wesentlich verbessertes 20 Minuten. Ich wäre dankbar, wenn jeder Redner
Wohngeld abfangen und auf dem Gebiet der Ent- wenigstens ein bißchen an den Nachfolgenden den-
wicklung moderner Bauverfahren und -techniken ken würde.
weitere und entscheidende Fortschritte machen. Das
sind langfristige klare Zielsetzungen. Die Vor- Das Wort hat Herr Abgeordneter Henke.
schläge, die wir demgegenüber von der Opposition
gehört haben — vergleichen Sie einmal die sechs Henke (SPD) : Frau Präsidentin! Meine Damen
Punkte in den Ausführungen von Herrn Erpenbeck und Herren! Die Große Anfrage, die diese Debatte
miteinander —, sind doch in sich widerspruchsvoll, auslöste, und mehr noch die Argumente der Opposi-
bedeuten im Grunde genommen ein Herumoperieren tion können beim Unbefangenen den Eindruck hin-
an Symptomen und helfen uns keinen Schritt weiter; terlassen, als ob die heutige Regierung für die
2638 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Henke
Situation auf dem Wohnungsmarkt verantwortlich Im Vergleich zum Juni 1966, als die ersten An-
wäre und nicht die früheren. Dies ist ja wohl auch zeichen der Rezession sichtbar wurden, beträgt
das besondere Ziel des Antrages, und es paßt zur der Rückgang der Beschäftigten noch immer
allgemeinen wirtschaftlichen Panikmache, meine 8,1 %, für Arbeiter allein 8,7 %. Noch immer
Damen und Herren von der Opposition, die die Ver- konnte also der schlagartige Rückgang der
treter der CDU/CSU wohl mit Blick auf den 14. Juni Bauarbeiterzahl in der Rezession nicht wieder
dieses Jahres hier im Hause und draußen im Lande aufgeholt werden.
pflegen. Zum Bereich der Baumaschinen heißt es folgender-
(Zurufe von der CDU/CSU.) maßen:
Ich weiß nicht, ob Sie gut beraten waren, als Sie Der Zugang an neuen Baumaschinen war etwa
sich gerade diesen Teilbereich der Wirtschaft zum so hoch wie 1964. Er reichte allerdings nicht aus,
Ziel einer besonderen Aktion nahmen; denn gerade um den durch die Investitionsschrumpfung der
dieser Teilmarkt — das zeigt ja die heutige Diskus- Jahre 1965 bis 1967 verursachten Rückschlag im
sion — bietet die Möglichkeit, sehr anschaulich dar Modernisierungsprozeß wieder auszugleichen.
zustellen, daß die Lage, so wie sie heute ist, auf Soweit die Bauindustrie.
grundsätzliche Fehleinschätzungen der CDU/CSU
schon Ende der 50er Jahre zurückzuführen ist. Da- Außerdem zeigt sich jetzt, daß die Bereitschaft zur
mals glaubten Sie den Markt reif für eine Liberali- Kooperation, Rationalisierung und Industrialisie-
sierung. Die Probleme des Wohnungsmarktes schie- rung, die während der Rezession auf seiten der Bau-
nen Ihnen grundsätzlich gelöst zu sein. Dazu hat wirtschaft durchaus bestand, auf Grund der ver-
meine Kollegin Frau Meermann schon das Notwen- änderten Marktverhältnisse nicht mehr sonderlich
dige vorgetragen. groß ist. Zur Zeit ist es nicht möglich, auf diesem
Wege Kapazitätsreserven zu mobilisieren. Hier, so
Die Große Anfrage der Opposition und Ihre heu- meinen wir, sollte auch die Bauwirtschaft ihren
tigen Ausführungen dazu lassen nach meiner Auf- Beitrag leisten. Durch Rationalisierung, Industriali-
fassung nur einen Schluß zu: heute werden die sierung und Kooperation könnte der Preisentwick-
Fehler der früheren Wohnungspolitik von ihren lung entgegengewirkt werden.
Urhebern eingestanden. Diese Debatte hat aber
auch noch einen weiteren Vorzug. Sie gibt nämlich Der Anteil der Fertigbauweise im Wohnungsbau
Gelegenheit, einiges von dem, was von Vertretern ist erstaunlich gering. Er betrug 1969 sage und
der Opposition und der beteiligten Verbände zur schreibe 5,4 %. In den fünfziger Jahren, als vor-
Lage am Baumarkt geäußert wurde, richtigzustellen. nehmlich in den Städten die Baulücken geschlossen
Ihre Anfrage wurde im wesentlichen durch die Dis- wurden und besondere städtebauliche Gesichts-
kontsatzerhöhung vom 9. März 1970 ausgelöst. In punkte berücksichtigt werden mußten, war das viel-
der Zwischenzeit haben Sie versucht, den Eindruck leicht noch verständlich. Nachdem aber diese Wie-
zu erwecken, als sei dies die Ursache für alle deraufbauphase abgeschlossen ist und vornehmlich
Schwierigkeiten am Wohnungsmarkt. Diese sehr auf der berühmten grünen Wiese völlig neue Stadt-
isolierte Betrachtungsweise muß hier, so meine ich, teile entstehen, ist das nicht mehr verständlich.
richtiggestellt werden. Ich wage zu behaupten: wenn sich die übrige
Die Wohnungspolitik ist für die SPD in erster Wirtschaft den Rationalisierungsprozeß in der Bau-
Linie eine Aufgabe der Gesellschaftspolitik. Deshalb wirtschaft zum Vorbild genommen hätte, würden
wenden wir nicht leichten Herzens allgemeine kon- wir heute nicht zu den führenden Industrienationen
junkturpolitische Maßnahmen auf den Wohnungs- zählen. Es ist höchste Zeit, daß die Bauwirtschaft in
markt an. Es ist aber leider nicht möglich, diesen großem Umfang zu industrieller Bauweise findet.
Teilmarkt von der allgemeinen Wirtschaftslage zu Personallage, Zeitdruck, vor allem aber die Kosten-
isolieren. Wenn die Konjunktursituation, über deren entwicklung zwingen dazu. Wir freuen uns, daß die
Hintergründe ich hier nicht zu sprechen brauche, jetzige Bundesregierung durch gezielte Maßnahmen
nachteilige Einflüsse auf den Wohnungsmarkt hat, solche Entwicklungen fördern will.
können Maßnahmen zur Dämpfung der Konjunktur
Die stürmische Entwicklung auf dem Baumarkt
nicht an diesem Markt vorbeigehen. Im Gegenteil:
zeichnete sich bereits 1968 ab. Der in der Rezessions-
die Folgen einer Marktüberhitzung über Baupreise
zeit aufgestaute Investitionsbedarf und die günstige
auf Mieten und Belastungen zwingen zu Dämpfungs- Baupreise
Konjunkturentwicklung trieben die
maßnahmen. - sprunghaft in die Höhe. Die Statistik weist von
Besonders erschwert wird die Lage durch Spät- Februar 1969 bis Februar 1970 Baupreiserhöhungen
folgen der Rezession. Herr Kollege Jung von der von 15 % aus. Hier muß aber gesehen werden, daß
FDP ist ebenfalls darauf eingegangen. Diese Rezes- die statistische Preiserhöhungsquote in den Bal-
sion geht ja wohl völlig unstreitig auf das Konto lungsräumen erheblich übertroffen wird. Hier
der heutigen Opposition. Personalmangel und Inve- stimme ich den Ausführungen des Kollegen Erpen-
stitionsrückstände im Baumaschinensektor finden, beck zu.
wie wir heute wissen, hier ihre Erklärung.
In den meisten Großstädten hat der hohe Investi-
Ein gewiß unverfänglicher Zeuge, die deutsche tionsbedarf im Bausektor Preiserhöhungen nach sich
Bauindustrie, nimmt dazu in ihrem „Bauindustrie- gezogen, die zum Teil mehr als doppelt so hoch
brief" vom März 1970 wie folgt Stellung — ich darf liegen. In manchen Gewerken kommt es vor, daß
mit Genehmigung der Frau Präsidentin zitieren —: von zehn Ausschreibungen nur zwei zurückkommen.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2639
Henke
Hier kann der Markt nicht mehr funktionieren. Ob dere auch in Nordrhein-Westfalen, vollauf beschäf-
die Baupreise in solchen Fällen noch sorgfältig kal- tigt ist, daß Bauüberhänge in beachtlicher Zahl vor-
kuliert worden sind, muß bezweifelt werden. Die handen sind und nicht anzunehmen ist, daß sich
Marktpreise liegen zum Teil ganz !erheblich über den dieser Beschluß negativ auf die Entwicklung auf
Vergleichspreisen aus Vorjahren, die man selbst- dem Wohnungsmarkt auswirken wird. Am Ende
verständlich um die kostensteigernden Faktoren wird gesagt:
— Lohn-, Materialpreis- und sonstige Steigerun- Wegen der aus gesamtwirtschaftlicher Sicht und
gen - hochgerechnet hat. aus Preisstabilitätsgründen notwendigen zeitlich
Wenn dabei die Folgen der Rezession, unter an- begrenzten Verlangsamung des sozialen Woh-
derem eine gewisse Stagnation bei den Tarifen im nungsbaus werden somit in der künftigen
Baugewerbe, jetzt ausgeglichen wurden, so er- Wohnraumversorgung keine Schwierigkeiten
scheint uns dies erwünscht und um so notwendiger, eintreten.
weil dieser Wirtschaftszweig im Interesse der ge- Ich glaube, meine Damen und Herren, das hört sich
samten Volkswirtschaft für die in ihm Beschäftigten schon ganz anders an als die Ausführungen, die
wieder attraktiv gemacht werden muß. Kollege Erpenbeck dazu gemacht hat.
Die hohen Auftragsbestände und die große Nach- (Abg. Erpenbeck: Aber die Tatsache bleibt
frage nach Bauleistungen könnten aber zu einer bestehen!)
Fortsetzung (der Preisweile auf dem Baumarkt füh- Herr Kollege Erpenbeck, zu dem, was Sie zu Ham-
ren. burg sagten. Ich habe zufällig hier eine Auskunft
Die SPD-Fraktion steht deshalb hinter der Ent- aus dem Senat für Wohnungswesen in Hamburg, die
scheidung der Bundesbank, durch eine Erhöhung des ich auszugsweise zitieren kann.
Diskontsatzes die konjunkturelle Lage entspannen (Abg. Erpenbeck: Ganz zufällig? — Abg.
zu helfen. Der Effekt der Diskontsatzerhöhung, Mick: Zitieren Sie mal Herrn Nevermann!)
dämpfend auf die Investitionsneigung im Baubereich
zu wirken, ist konjunkturpolitisch erwünscht. Ein — Herr Erpenbeck, wir bereiten uns natürlich auf
„Bauloch" im Herbst befürchten wir nicht. Die Auf- eine solche Debatte auch vor. — Da heißt es:
tragspolster, d. h. die auf Grund des langen Winters 1. Hamburg hat die Förderung des sozialen
überdurchschnittlichen Überhänge, ungebrochene Wohnungsbaus nicht eingestellt. In diesem
Nachfrage und die Möglichkeit der Konjunktursteue- Jahr wurden bereits 1100 Sozialwohnungen
rung durch die öffentlichen Haushalte wirken dem gefördert. Das Hamburger Programm sieht
entgegen. für 1970 die Förderung von insgesamt 6000
Sozialwohnungen vor.
Es scheint mir notwendig zu sein, an dieser Stelle
auf die Ausführungen des Kollegen Erpenbeck zu- 2. Richtig ist, daß Hamburg als Maßnahme der
rückzukommen. Er meinte, daß im Kabinett von Konjunkturdämpfung bis 1. Juli nur solche
Nordrhein-Westfalen Beschlüsse gefaßt worden Bauvorhaben fördert, deren Gesamtkosten
seien, die den sozialen Wohnungsbau zum Erliegen 900 DM pro Quadratmeter nicht übersteigen
gebracht hätten. Ähnliches erwähnte er in bezug und bei denen eine Miete von 3,50 DM pro
auf Hamburg. Diese Interpretation zwingt mich da- Quadratmeter sichergestellt ist.
zu, die Begründung zu dem Beschluß des nordrhein- 3.
westfälischen Kabinetts hier wenigstens teilweise — Das scheint mir entscheidend zu sein. —
zu zitieren — ich bitte dazu um Genehmigung, Frau
Präsidentin —:
Hamburg hält diese konjunkturdämpfende
Maßnahme auch wohnungspolitisch für ver-
1. Es soll vermieden werden, daß den konjunk- tretbar, da am Jahresende 1969 ein Bauüber-
turpolitischen Überlegungen in diesem Zeit- hang von mehr als 12 000 Wohnungen be-
punkt auf einem Teilsektor der Wirtschaft stand.
entgegengewirkt wird. Dabei werden die
Nordrhein-Westfalen und Hamburg unterstützen
die zur Zeit für die Woh- Schwiergktn,
also die Politik dieser Bundesregierung.
nungswirtschaft bestehen, nicht verkannt.
(Abg. Erpenbeck: Jetzt zitieren Sie Never
2. Den in letzter Zeit sichtbar gewordenen
mann!)
Preisauftriebstendenzen soll durch den Be-
schluß der Landesregierung auch auf dem — Das überlasse ich Ihnen, wenn Sie das Bedürfnis
-
Gebiet des Wohnungsbaus mit Einbast ge- haben.
boten werden. Dabei wird die Landesregie- (Abg. Mick: Ist doch kein Mann von uns,
rung ihren Beitrag zur Preisstabilität leisten. der Nevermann!)
Dann werden ganz beachtliche Zahlen genannt. Es — Darauf komme ich vielleicht später zurück.
war vorgesehen, von 1967 bis 1970 in Nordrhein-
Westfalen 200 000 öffentlich geförderte Wohnungen In den letzten Wochen sind die Folgen der Dis-
zu schaffen. In .der Tat sind heute bereits etwa kontsatzerhöhung teilweise nicht korrekt erläutert
214 000 Wohnungen gebaut worden. Von daher worden. Das hat zu Mißdeutungen in der Öffentlich-
bestehen also keine Gründe, Bedenken anzumelden. keit geführt. Auch in diesem Hause — jetzt zitiere
ich Sie, Herr Mick, wenn auch nicht ganz wörtlich —
Des weiteren wird in dieser Begründung zum haben Sie am 13. März 1970 erklärt, daß eine Dis-
Schluß festgestellt, daß die Bauwirtschaft, insbeson- kontsatzerhöhung um 1 % eine 8%ige Baukosten-
2640 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Henke
erhöhung nach sich ziehen würde. Haben Sie sich fen von den Diskontsatzerhöhungen werden nur
überlegt, Herr Mick, wie sich die Baupreise ent- Neubauvorhaben, die mit Hypotheken zu variablen
wickeln würden, wenn die Bauwirtschaft solchen Zinssätzen finanziert worden ist. Die große Masse
Empfehlungen Folge leistete? der Wohnungsbestandes von 21 Millionen Wohnun-
(Zuruf des Abg. Mick.) gen bleibt dagegen von der Diskontsatzerhöhung
unberührt.
— Sehen Sie die Niederschrift nach.
In noch weitergehender Vereinfachung schlossen Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie
auch Hauseigentümer aus der damaligen Diskus- eine Zwischenfrage des Abgeordneten Mick? —
sion, 8%ige Mieterhöhungen seien als Folge ge- Bitte schön!
rechtfertigt. Gestatten Sie mir deshalb, daß ich die
tatsächlichen Folgen einer Diskontsatzerhöhung für
Mick (CDU/CSU) : Ist Ihnen nicht bekannt — ich
Baupreise und Mieten etwas präzisiere. konnte das in meiner Rede eben nicht sagen, weil
die Zeit überschritten war —, daß z. B. die Altbau-
Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie wohnungen, soweit sie lastenfrei waren, von den
eine Zwischenfrage des Abgeordneten Mick? — Bitte Wohnungsunternehmen wieder bis unter den
schön! Kamin mit Hypotheken vollgepfropft worden sind,
um Eigenkapital für den Neubau zu bekommen, daß
Mick (CDU/CSU) : Ist ihnen bekannt, daß ich also diese Rückwirkungen auch auf weite Teile des
diese Zahlen vom Verband gemeinnütziger Woh- Altwohnungsbaubestandes zutreffen?
nungsunternehmen habe?
Henke (SPD) : Herr Mick, ich weiß nicht, ob es
Henke (SPD): Sie haben die Auskunft dieses ohne weiteres zulässig ist, daß solche das Objekt
Verbandes mißverstanden. Sie werden das aus nicht direkt betreffenden Belastungen auf die Mie-
meinen weiteren Ausführungen entnehmen können, terschaft abgewälzt werden. Ich bin mir nicht ganz
Herr Mick. klar, ob das der Rechtslage entspricht, was Sie hier
Die von Ihnen falsch interpretierte Faustregel vortragen; ich bezweifle es stark.
der Wohnungswirtschaft geht nicht vom Diskont- Bei den etwa 10 Millionen Altbauwohnungen be-
satz - , sondern von Hypothekenzinserhöhungen aus. stehen keine hypothekarischen Belastungen mehr,
Sie folgert, daß eine Hypothekenzinserhöhung um mit Ausnahme des kleinen Teils der Modernisie-
1%inderAuswkgafMietnr8%g rungsfälle. Der Neuwohnungsbestand ist im frei
Baukostenverteuerung gleichzustellen sei. Solche finanzierten Bereich kaum betroffen, da die Mietver-
Verallgemeinerungen sind aber meistens gefähr- träge in der Regel Erhöhungen nicht zulassen. Der
lich. Das Beispiel geht offensichtlich von einem Block der etwa 5 Millionen Sozialwohnungen wird
Haus mit hoher Hypothekenbelastung aus. Bei ebenfalls nicht betroffen, soweit die Wohnungen mit
öffentlich geförderten Häusern ist das Ergebnis we- Festzinshypotheken finanziert wurden. Nur der ge-
gen der zinsfreien öffentlichen Mittel erheblich ge- ringere Teil der Sozialwohnungen ist über Hypo-
ringer. theken mit variablen Zinssätzen finanziert worden
und wird betroffen.
Um ein Beispiel zu nennen: Eine große Kölner
Wohnungsgesellschaft — ich nenne sie Ihnen später (Abg. Erpenbeck: 46 %!)
gerne, Herr Mick — hat nach der letzten Hypothe- Auch das ist der geringere Teil, wobei die Statistik
kenzinserhöhung die Mieten im davon betroffenen ausweist, daß das in den letzten Jahren zwischen 36
Teil ihrers Wohnungsbestandse um 3 bis 9 Pf erhöht. und 45 % schwankt.
erhöht.
(Abg. Erpenbeck: Es gibt ganz genaue
Diskontsatzerhöhungen treffen Baupreise doch Zahlen!)
nur, wenn Bauherren Zwischenkredite oder Bau-
unternehmer Bankkredite in Anspruch nehmen. Eine — Aber darüber wollen wir uns nicht streiten. Es
daraus resultierende Erhöhung der Baukosten kann ist auf jeden Fall der geringere Teil. — Hierbei
jedoch nur relativ gering sein. Beim sozialen Woh- sollte man nicht vergessen, daß die Hypotheken be-
nungsbau ist das Auszahlungssystem der öffent- reits in erheblichem Umfang getilgt worden sind. Die
lichen Mittel so gestaltet, daß nur in ganz seltenen Zinserhöhung trifft nur die Resthypotheken.
Fällen Bauzwischenkredite in Anspruch genommen Diese Ausführungen sollen nachweisen, daß sich
werden müssen. Eine nennenswerte Erhöhung der die Folgen der Diskontsatzerhöhung über Hypothe-
Baukosten als Folge der Erhöhung des Diskontsatzes kenzinserhöhungen sehr differenziert auf die Mieten
tritt demnach grundsätzlich nicht ein. auswirken und daß verallgemeinernde Aussagen
Anders ist die Wirkung bei den Kapitalkosten. unzulässig sind. Maßgebend sind ganz allgemein die
Obwohl der Diskontsatz die Funktion eines Richt- Konsequenzen, die die betroffene Sparkasse zieht,
zinses nur für den Geldmarkt hat, wirkt er zum im besonderen Fall der Finanzierungsplan eines
Teil auf den Spareckzins und damit in einen Teil- Hauses und nicht zuletzt die Bestimmungen des
bereich des Kapitalmarktes. Eine Diskontsatzerhö- Mietvertrages.
hung bewirkt keinesfalls eine allgemeine Hypo- Im übrigen ist es keinesfalls so, daß die Spar-
thekenzinserhöhung und damit auch nicht auto- kassen Diskontsatzerhöhungen unmittelbar über den
matisch eine allgemeine Mieterhöhung. Voll betrof- Spareckzins auf die Hypothekenzinsen übertragen.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2641
Henke
Dies darf ich am Beispiel von zwei großen Kölner vereinbarten Zeit und wir sollten der antragstellen
Sparkassen verdeutlichen; Herr Mick, Sie wissen ja den Fraktion wenigstens noch drei Minuten geben.
da bestens Bescheid. Am 1. Januar 1969 lag der Dis-
kontsatz bei 3 %, der Spareckzins bei 3,5 % und der Henke (SPD) : Frau Präsidentin, ich hatte an sich
Zinssatz für Hypotheken bei 6,75 %. Am 11. Sep- geglaubt — —
tember 1969, also noch vor der letzten Bundestags-
wahl, wurde der Diskontsatz auf 6 % erhöht. Dies Vizepräsident Frau Funcke: Ja, Sie hatten
führte am 1. Februar 1970 zu einer weiteren Erhö- verlängerte Redezeit. Ich kann Sie deshalb jetzt
hung des Eckzinses auf 4,5 % und des Hypotheken- nur um Verständnis bitten. Aber ich glaube, das
zinses auf 8 %. sollten wir um des Abschlusses der Debatte willen
Die letzte Erhöhung des Diskontsatzes vom tun.
9. März 1970 auf 7,5 % beeinflußte den Spareckzins
am 1. 4. 1970 mit einer Erhöhung auf 5 %. Beide von Henke (SPD) : Ich werde mich danach richten.
mir angeführten Kölner Institute haben aber nicht Der Wohnungsmarkt ist nur deshalb von einer
die Absicht, diese letzte Diskontsatzerhöhung zum Hochkonjunktur und den zur Dämpfung notwendi-
Anlaß zu nehmen, den Zinssatz für Althypotheken gen Maßnahmenstärker berührt, weil wir keinen
noch weiter zu erhöhen. ausgeglichenen Markt haben, wie Sie es, meine
Damen und Herren von der Opposition, seit vielen
(Abg. Erpenbeck: Wie hoch ist er denn?) Jahren unterstellen. Am Wohnungsmarkt herrscht
— 8 %! Das war er aber auf Grund der Diskontsatz- nach wie vor eine echte Mangelsituation. Mir scheint,
erhöhung des Vorjahres, Herr Erpenbeck. — daß in Ihrer Großen Anfrage das Eingeständnis
früherer Fehleinschätzungen liegt und daß Sie heute
An diesem Beispiel wird deutlich, ,daß ,die hinter bereit sind, unserer Beurteilung der Lage zu folgen.
uns liegenden Hypothekenzinserhöhungen auf die Wir hoffen deshalb auf Ihre Unterstützung bei den
3%ige Diskontsatzerhöhung des Vorjahres, noch anstehenden Gesetzgebungswerken, die zumindest
unter der Richtlinienkompetenz des damaligen Bun- langfristig dazu beitragen sollen, den Wohnungs-
deskanzlers Kiesinger, zurückzuführen sind. Es markt zu beruhigen.
macht aber weiter deutlich, daß 1 % Diskontsatz-
erhöhung nicht gleichbedeutend mit 1 % Hypothe- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
kenzinserhöhung ist. Eine 3,5%ige Erhöhung des
Diskonsatzes hat nur eine 1,25%ige Erhöhung der Vizepräsident Frau Funcke: Herr Abgeord-
Hypothekenzinsen nach sich gezogen, und das dazu neter Henke hat soeben seine Jungfernrede gehal-
noch mit deutlicher zeitlicher Verzögerung. ten. Herzlichen Glückwunsch des Hauses, Herr Kol-
lege!
Ich bitte um Verständnis, daß ich das hier etwas (Beifall.)
breit ausgewalzt habe. Wegen der u. a. durch die
Das Wort hat der Kollege Erpenbeck.
CDU/SinderÖftlchkvoguen
Mißverständnisse schien es mir aber notwendig zu
sein.
Erpenbeck (CDU/CSU) : Frau Präsidentin! Meine
sehr verehrten Damen und Herren! Wir würden den
Zusammenfassend darf ich sagen: Die Hypothe- Anregungen und den Vorstellungen der Regierungs-
kenzinserhöhung wirkt auf die Mieten nur in Teilen koalition und des Bundeswohnungsbauministeriums
des Wohnungsmarktes, und hier sehr unterschied- in Wohnungsbaufragen gerne folgen, wie mein Vor-
lich, vor allem nicht so schwerwiegend, wie es teil- redner gesagt hat, wenn uns zur Bewältigung der
weise von Politikern und Hauseigentümern darge- gegenwärtigen Situation — Frau Kollegin Meer-
stellt wird. Eine Mieterhöhung in Teilbereichen des mann hat ja immer von der Gegenwart und der
Wohnungsmarktes als nicht vermeidbare Folge kon- gegenwärtigen 'Situation gesprochen — auch nur
junktureller Dämpfungsmaßnahmen haben wir im im geringsten echte Anregungen .geboten würden.
Interesse vernünftiger Baupreise und sozial vertret- Lassen Sie mich zu dem, was der Herr Minister hier
barer Mieten leider hinnehmen müssen. vorgetragen hat, nur ganz wenige Erklärungen ab-
geben; mir ist gesagt worden, ich habe für dieses
Wir glauben, dies vertreten zu können, da wir
davon ausgehen, daß eine Marktberuhigung zur Sen- abschließende Wort drei Minuten Zeit.
kung der Hypothekenzinsen und damit zur Zurück- Erstens, Herr Minister, zum Zeitpunkt der Bera-
nahme eventuell jetzt ausgesprochener Mieterhö- - tung. Wenn Sie das Protokoll nachlesen, werden Sie
hungen führt. Ich teile nicht die Auffassung der Op- sehen, daß ich Ihnen und der Bundesregierung kei-
position, daß eine Zurücknahme nicht zu erwarten nen pauschalen Vorwurf gemacht habe. Ich habe
sei. Dies widerspricht aller Erfahrung, die wir in den vielmehr darauf hingewiesen, daß wir erst neun
letzten 20 Jahren in diesem Marktbereich gemacht Wochen nach Einbringung der Großen Anfrage in
haben, und entspricht vor allen Dingen nicht der diesem Hause heute zu der Debatte kommen und
Rechtslage, die vom Kostenmietenprinzip ausgeht. daß wir, insgesamt gesehen, in diesem Hause bis-
lang nicht immer die notwendige Zeit bekommen
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich zum haben für wohnungspolitische und wohnungsbau-
Schluß kommen. politische Fragen, wichtige Fragen, die heute mehr-
fach als gesellschaftspolitische Fragen herausgestellt
Vizepräsident Frau Funcke: Darum muß ich worden sind. Ich darf das vielleicht auch einmal als
leider bitten. Herr Kollege, wir sind am Ende der Kritik anbringen.
2642 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Erpenbeck
Der Widerspruch zwischen den Forderungen der Gesetze Sie ermächtigen? Zehn Millionen Wohnun-
Konjunktursteuerung insgesamt und der notwendi- gen — ich hatte es schon vorher gesagt — sprechen
gen Unterstützung des sozialen Wohnungsbaues ist für sich; nicht so, als ob wir jetzt damit zufrieden
unserer Meinung nach, Herr Minister, durchaus auf- wären und meinten, es brauche nichts mehr getan
zulösen. Hier kommt es eben auf die Prioritäten an. zu werden. Dann hätten wir die Große Anfrage nicht
Ihr Ministerkollege Herr Leber hat auf dem SPD- gestellt. Heute geht es nicht nur um das Mehrbauen,
Parteitag in Saarbrücken bei der Prioritätenfrage zu sondern heute geht es auch darum, wie wir weiter-
einem Bibelzitat gegriffen, um das deutlich zu bauen, und vor allen Dingen darum, wie diejenigen,
machen. Aber der ägyptische Joseph hatte damals die schon gebaut haben und eine Wohnung haben,
immerhin noch eine Ziege unten in der Zisterne, die Lasten überhaupt weiterhin verkraften können,
die ihm ein Überleben sicherte. Herr Leber hat die sie im Augenblick zu tragen haben.
dieses Zitat, wenn die Zeitungen richtig berichtet
haben, auf die Wissenschafts- und Bildungspolitik (Beifall bei der CDU/CSU)
angewandt und gesagt, das werde man mit Herrn Dazu hätten wir etwas hören müssen, und nicht nur
Leussink natürlich nicht tun, da man genügend ge- ein Blick in die Zukunft.
bildet sei. Meine Damen und Herren, hier geht Hier ist das Wort von der Wohnungsbaupolitik
es u m den Wohnungsbau. Er liegt in diesem Augen-
als Gesellschaftspolitik mehrfach bemüht worden.
blick in der Zisterne und findet nicht einmal die
Darf ich daran erinnern, daß dieses Wort in die par-
Ziege vor, die ihm idas Überleben sichert.
lamentarische Diskussion dieses Hauses vor Jahren
Herr Minister, in Ihrer Rede klang der Versuch — man könnte beinahe sagen: vor langen Jahren —
an, die Situation im sozialen Wohnungsbau her- von Herrn Lücke eingeführt worden ist und von kei-
unterzuspielen und so zu tun, als könnte allein mit nem anderen. Wir vergessen das nicht, auch wenn
Bausparkassenmitteln jetzt lustig weitergebaut wer- Sie es sich heute noch so sehr auch zu eigen gemacht
den. Sie wissen doch genausogut wie ich, daß die haben; dafür sind wir außerordentlich dankbar. Wir
Bausparkassenmittel nicht den Löwenanteil am ge- wollen versuchen — so komme ich versöhnlich zu
samten Kreditvolumen haben. Ihr Anteil ist zwar dem zurück, was mein Herr Vorredner gesagt hat —,
Gott sei Dank erheblich, aber sicherlich nicht so unter diesem Gesichtswinkel Wohnungsbaupolitik
groß, damit wir damit den sozialen Wohnungsbau der Zukunft und auch der nächsten Jahre zu machen.
weitertreiben könnten.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Sie werfen uns Dramatisierung der derzeitigen
Situation vor. Ich muß Ihnen, Herr Minister, leider
nicht nur Dramatisierung, sondern unzulässige Ver- Vizepräsident Frau Funcke: Damit sind wir
am Ende dieses Tagesordnungspunktes. Anträge lie-
gröberung bei der Darstellung der tatsächlichen
Wohnungsversorgung und ihrer Ursachen vorwer- gen nicht vor.
fen. Herr Minister, Sie haben hier so sehr mit Sta- Ich darf eine kurze Mitteilung geben. Der Innen-
tistiken gearbeitet. Statistiken können selbstver- ausschuß tagt wegen der Fraktionssitzung der CDU/
ständlich auch dem Politiker Entscheidungshilfen CSU weder heute noch morgen.
bieten. Aber letzten Endes ist es in den vergan-
genen zwanzig Jahren darauf angekommen und Ich rufe Tagesordnungspunkt 4 auf:
kommt es in den vor uns liegenden zwanzig Jah- Zweite und dritte Beratung des von der Bun-
ren darauf an, Wohnungen für die Menschen zu desregierung eingebrachten Entwurfs eines
bauen. Zweiten Gesetzes zur Anpassung der Unter-
(Abg. Lücke [Bensberg]: Sehr richtig!) haltshilfe nach dem Lastenausgleichsgesetz
(2. Unterhaltshilfe-Anpassungsgesetz
Die Menschen, die heute auch nach Ihrer Feststel- —2. UAG)
lung plötzlich keine Wohnung haben, müssen ver-
sorgt werden. Aber ich frage: wie sind sie bisher — Drucksachen VI/584, zu VI/584 —
versorgt worden? Da sollte das Ministerium viel- a) Bericht des Haushaltsausschusses (7. Aus-
leicht noch einiges mehr tun. In der schriftlichen schuß) gemäß § 96 der Geschäftsordnung
Antwort geben Sie selber den Hinweis auf die Mög- — Drucksache VI/782 —
lichkeiten der Anpassung unserer Gesetze. Vor al- Berichterstatter: Abgeordneter Hermsdorf
lem diese Anpassungsmöglichkeiten sollte man nun (Cuxhaven)
auch wirklich nutzen.
b) Schriftlicher Bericht des Innenausschusses
Ich hätte hier sehr gern etwas über das gehört, (4. Ausschuß)
was Sie bis zum nächsten Jahr zur Milderung der - Drucksache VI/781 —
Härten tun wollen, und über das, was Sie zusätz-
lich bis zum Anlaufen des langfristigen Wohnungs- Berichterstatter: Abgeordneter Freiherr
bauprogramms, das Sie hier ja wieder zitiert haben, von Fircks
tun wollen. Ich fürchte, daß die Langfristigkeit sich (Erste Beratung 42. Sitzung)
zunächst einmal auf das Warten bezieht, hoffent- Wortmeldungen liegen nicht vor. Ich rufe in
lich dann später auch einmal auf die tatsächlichen zweiter Lesung § 1, — § 2, — § 3, — Einleitung und
Wohnungsbaumaßnahmen. Überschrift auf. — Wer zustimmt, den bitte ich um
Wie ist es denn mit den Rechtsverordnungen — das Handzeichen. — Gegenprobe! — Enhaltungen?
dazu haben wir kein Wort gehört —, zu denen die — Es ist so beschlossen.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2643

Vizepräsident Frau Funcke


Wir kommen zur ordnung vor. — Kein Widerspruch; es ist so be-
schlossen.
dritten Beratung.
Erste Beratung des von der Bundesregierung
Wer diesem Gesetz in dritter Lesung seine Zustim-
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu
mung geben will, den bitte ich, sich zu erheben. —
dem Vertrag vom 30. Mai 1969 zwischen der
Gegenprobe! — Enthaltungen? — Es ist so beschlos-
Bundesrepublik Deutschland und der Schwei-
sen. zerischen Eidgenossenschaft über die Scha-
Wir müssen noch über die Anträge des Aus- dendeckung bei Verkehrsunfällen
schusses unter den Ziffern 2 und 3 — ebenfalls in - Drucksache VI/780 -
der Vorlage — abstimmen. Wer diesen Anträgen
des Ausschusses die Zustimmung geben will, den Der Ältestenrat schlägt Überweisung a n den
bitte ich um das Handzeichen. — Gegenprobe! — Rechtsausschuß — federführend — und an den Aus-
Enthaltungen? — Es ist so beschlossen. schuß für Verkehr und für das Post- und Fernmelde-
wesen vor. — Kein Widerspruch; eis ist so beschlos-
Ichrufe Punkt 5 der Tagesordnung auf: sen.
Erste Beratung des von der Bundesregierung
Zweite und dritte Beratung des von der Bun-
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
desregierung eingebrachten Entwurfs eines
Änderung des Termins für die Vorlage des
Zweiten Gesetzes zur Änderung des Gesetzes Entwurfs des Rentenanpassungsgesetzes
über die Überführung der Anteilsrechte an
der Volkswagenwerk Gesellschaft mit be- — Drucksache VI/792 —
schränkter Haftung in private Hand Der Ältestenrat schlägt Überweisung an den Aus-
— Drucksache VI/509 — schuß für Arbeit und Sozialordnung vor. — Kein
Schriftlicher Bericht des Rechtsausschusses Widerspruch. Es ist s o beschlossen.
(5. Ausschuß) Erste Beratung des von ,der Bundesregierung
— Drucksache VI/794 — eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu
Berichterstatter: Abgeordneter Dr. Schmude dem Übereinkommen Nr. 128 .der Interna-
Abgeordneter Pohlmann tionalen Arbeitsorganisation vom 29. Juni
1967 über Leistungen bei Invalidität und
(Erste Beratung 39. Sitzung) Alter und an Hinterbliebene
Wer in zweiter Lesung dem Gesetzentwurf — § 1, - Drucksache VI/793 —
§ 2, § 3, Einleitung und Überschrift — zustimmen
will, ,den bitte ich um das Handzeichen. — Gegen- Der Ältestenrat schlägt Überweisung an den Aus-
pro b e! — Enthaltungen? — Es ist so beschlossen. schuß für Arbeit und Sozialordnung vor. — Kein
Widerspruch; es ist so beschlossen.
Wir kommen zur Erste Beratung des von der Bundesregierung
dritten Beratung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über
vermögenswirksame Leistungen
und zur Schlußabstimmung. Das Wort wird nicht ge-
wünscht. Wer dem Gesetz zustimmen will, den bitte — Drucksache VI/797 —
ich, sich vom Platz zu erheben. — Gegenprobe! — Der Ausschuß schlägt Überweisung an den Innen-
Enthaltungen? —Es ist so beschlossen. ausschuß — federführend —, an den Ausschuß für
Arbeit und Sozialordnung sowie an den Haushalts-
Ich rufe die Punkte 6 bis 13 auf. Es handelt sich
ausschuß gemäß § 96 der Geschäftsordnung vor. —
um von Mitgliedern des Hauses und von der Bun-
Kein Widerspruch; es ist so beschlossen.
desregierung vorgelegte Gesetzentwürfe. Das Wort
Wird nicht gewünscht. Über die Überweisungsvor- Erste Beratung des von der Bundesregierung
schläge ist abzustimmen: eingebrachten Entwurfs eines Zweiten Geset-
zes über die Anpassung der Leistungen des
Erste Beratung des von der Bundesregierung
Bundesversorgungsgesetzes (Zweites Anpas-
eingebrachten Entwurfseines Dritten Geset-
sungsgesetz — KOV — 2. AnpG-KOV)
zes zur Änderung und Ergänzung des Perso-
nenstandsgesetzes — Drucksache VI/798 —
— Drucksache VI/744 — - Der Ausschuß schlägt Überweisung an den Aus-
Der Ältestenrat schlägt Überweisung an ,den schuß für Arbeit und Sozialordnung sowie an den
Innenausschuß vor. — Kein Widerspruch; es ist so Haushaltsausschuß gemäß § 96 der Geschäftsord-
nung vor. — Kein Widerspruch; es ist so be-
beschlossen.
schlossen.
Erste Beratung des von den Abgeordneten
Hirsch, Dichgans, Mertes und Genossen ein- Erste Beratung des von der Bundesregierung
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Er- eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
gänzung des Beamtenrechtsrahmengesetzes Änderung des Zerlegungsgesetzes
— Drucksache VI/775 — — Drucksache VI/802 —
Der Ältestenrat schlägt Überweisung an den Der Ausschuß schlägt Überweisung an den Finanz
Innenausschuß —federführend — und an den Aus- ausschuß vor. — Kein Widerspruch; es ist so be-
schuß für Wahlprüfung, Immunität und Geschäfts- schlossen.
2644 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970
Vizepräsident Frau Funcke
Ich rufe die Tagesordnungspunkte 14 bis 16 auf: Es ist so beschlossen.
Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Damit sind wir am Ende der Tagesordnungspunkte
Bardens, Dr. Bechert (Gau-Algesheim), Bay, für den heutigen Tag.
Dr. Schmidt (Krefeld), Grüner, Jung, Frau Dr.
Diemer-Nicolaus, Dr. Rutschke und der Frak- Wir kommen zur
tionen der SPD, FDP
1. Fragestunde
betr. thermische Belastung von Gewässern
durch Kernkraftwerke — Drucksache VI/809 —
— Drucksache VI/740 —
(Vorsitz: Präsident von Hassel.)
Beratung des Antrags der Abgeordneten
Liehr, Schmidt (Kempten) und der Fraktionen Präsident von Hassel: Meine Damen und
der SPD, FDP Herren, es ist angeregt worden, daß wir die Frage-
betr. berufliche Bildung stunde mit dem Geschäftsbereich des Bundesmini-
— Drucksache VI/741 — sters für Arbeit und Sozialordnung beginnen und
Beratung des Antrags des Bundesministers danach den Geschäftsbereich des Bundesministers
der Finanzen des Innern aufrufen.
betr. Entlastung der Bundesregierung wegen Zunächst die Fragen 49 und 50. Sie sind vom
der Bundeshaushaltsrechnung für das Fragesteller zurückgezogen.
Rechnungsjahr 1968
Es folgen die Fragen 51 und 52 des Abgeordneten
— Drucksache VI/787 — Dr. Beermann. — Ist der Abgeordnete im Saal? —
Das Wort wird nicht gewünscht. Das ist nicht der Fall. Die Fragen 51 und 52 werden
schriftlich beantwortet.
Zu Punkt 14 ist Überweisung an den Innenaus-
schuß — federführend — und den Ausschuß für Ich rufe die Frage 53 des Abgeordneten Varel-
Bildung und Wissenschaft vorgeschlagen, zu mann auf:
Punkt 15 Überweisung an den Ausschuß für Arbeit Hält die Bundesregierung es für vertretbar, daß die Alters-
rentner an den Heilmaßnahmen der Rentenversicherung nicht
und Sozialordnung — federführend — und den Aus- beteiligt sind, und ist eine Änderung in Aussicht genommen?
schuß für Bildung und Wissenschaft und zu Punkt 16 Zur Beantwortung der Herr Parlamentarische
Überweisung an den Haushaltsausschuß. — Ich höre Staatssekretär Rohde.
keinen Widerspruch; die Überweisung ist be-
schlossen. Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Ich rufe Punkt 17 der Tagesordnung auf: Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Herr
Präsident, ich darf bitten, beide Fragen des Frage-
Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus- stellers gemeinsam beantworten zu können.
schusses für Wirtschaft (8. Ausschuß) über
den von der Bundesregierung zur Unterrich- Präsident von Hassel: Bestehen Bedenken? —

tung vorgelegten Vorschlag der Kommission


der EG für eine Richtlinie des Rates über die Keine Bedenken. Ich rufe also noch die Frage 54 auf:
Einführung einer gemeinsamen Police für Ist der Bundesregierung bekannt, daß die derzeitige Regelung
sowohl von den Arbeitgebern als auch von den Arbeitnehmern
mittel- und langfristige Geschäfte mit priva- eine harte Kritik findet, und man die Ausschließung der Rentner
ten Käufern von Heilmaßnahmen nach einer langen Versicherungszeit nicht
für vertretbar hält?
— Drucksachen VI/232, VI/746 —
Berichterstatter: Abgeordneter Dr. Frerichs Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Ihre
Wer dem Ausschußantrag zu dieser Vorlage zu- Fragen, Herr Kollege, beziehen sich offenbar auf
stimmen will, den bitte ich um das Handzeichen. — die Altersrentner, denn die Empfänger von Rente
Gegenprobe! — Enthaltungen? — Es ist so be- wegen Berufsunfähigkeit oder Erwerbsunfähigkeit
schlossen.
sind an den Rehabilitationsmaßnahmen der Renten-
Ich rufe Punkt 18 auf: versicherung beteiligt. Für die Altersrentner dage-
gen hat, wie Sie sicherlich wissen, der frühere, Ihrer
a) Beratung der Sammelübersicht 3 des Petitions-
Fraktion angehörige Arbeitsminister die Gewährung
ausschusses (2. Ausschuß) über Anträge von von Heilverfahren aus finanziellen Gründen abge-
Ausschüssen des Deutschen Bundestages zu lehnt.
Petitionen
- Drucksache VI/753 — Altersrentner sind durch die bisherige gesetzliche
Regelung, die mit Ihrer Zustimmung beschlossen
b) Beratung der Sammelübersicht 4 des Petitions- worden ist, von Heilverfahren der Rentenversiche-
ausschusses (2. Ausschuß) über Anträge von rungsträger mit der Begründung ausgeschlossen
Ausschüssen des Deutschen Bundestages zu worden, daß bei diesem. Personenkreis nach Aus-
Petitionen scheiden aus dem Arbeitsleben eine Maßnahme zur
— Drucksache VI/779 — Erhaltung, Besserung oder Wiederherstellung der
Wer dem Antrag des Ausschusses zu diesen bei- Erwerbsfähigkeit nicht mehr in Betracht komme.
den Vorlagen zustimmen will, den bitte ich um das Diese Regelung wird von Rentnern — wie ich
Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? — meine, mit guten Gründen — als unbillig empfunden.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2645
Parlamentarischer Staatssekretär Rohde
Von einer harten Kritik z. B. der Arbeitgeber, von Präsident von Hassel: Wir kommen zu den
der Sie in Ihrer Frage sprechen, Herr Kollege, ist Fragen 55 und 56 des Abgeordneten Dr. Unland.
mir bisher allerdings nichts bekanntgeworden. Trotz- Ist der Abgeordnete im Saal? — Er ist nicht im Saal.
dem hat die jetzige Bundesregierung für das An- Dann werden die Fragen 55 und 56 schriftlich beant-
liegen der Rentner Verständnis und hält grundsätz- wortet.
lich die Gewährung von Heilverfahren auch an Al- Ich rufe die Frage 57 des Abgeordneten Dr. Her-
tersrentner für erstrebenswert. In diesem Zusam- mesdorf (Sehleiden) auf:
menhang ist jedoch eine Reihe von medizinischen,
Ist die Bundesregierung bereit, Arbeitgebern, die behinderten
finanziellen und rechtlichen Fragen zu klären. Wir Jugendlichen geeignete Beschäftigungsmöglichkeiten bieten oder
werden diesen Fragenkomplex daher bei nächster im Rahmen einer Berufsausbildung geeignete behinderte Jugend-
liche, die eine Sonderschule absolviert haben, in Lehr- oder
Gelegenheit auch mit den Rentenversicherungs- Anlernstellen übernehmen, Steuervergünstigungen zu gewähren,
oder welche anderen Möglichkeiten sieht die Bundesregierung,
trägern erörtern. Anreize für Arbeitgeber zu schaffen, diese Jugendlichen in
geeignete Lehr-, Anlern- oder Arbeitsstellen zu übernehmen?

Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage des Zur Beantwortung der Herr Parlamentarische
Abgeordneten Varelmann. Staatssekretär.

Varelmann (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, als Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim


Mitglied der Selbstverwaltung der Rentenversiche- Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Herr
rung habe ich gerade von Arbeitgebern eine harte Kollege, durch das am 1. Juli 1969 in Kraft getre-
Kritik an dem derzeitigen Rechtszustand gehört. tene Arbeitsförderungsgesetz ist die Bundesanstalt
Man sagte, mit der derzeitigen Handhabung werde für Arbeit in die Lage versetzt worden, zur beruf-
bei dem Rentner der Eindruck erweckt: Jetzt sind lichen Eingliederung behinderter Jugendlicher einen
wir altes Eisen, das nur noch verrosten kann. ganzen Katalog von Hilfen zu gewähren. Zu diesen
Hilfen gehören auch Leistungen an Arbeitgeber,
Präsident von Hassel: Verehrter Herr Kol- um für die Ausbildung oder Beschäftigung von
lege, wir warten auf die Frage. jugendlichen Behinderten einen Anreiz zu schaffen.
Folgende Leistungen kommen hier in Betracht.

Varelmann: Ich komme nun zu der Frage. Herr Erstens: Ausbildungszuschüsse an Arbeitgeber, die
Staatssekretär, haben sich nicht die Verhältnisse ge- einen behinderten Jugendlichen in einem Ausbil-
genüber dem Zustand vor etwa 15 Jahren nun doch dungsberuf ausbilden.
so wesentlich verändert, daß man die damalige Re Zweitens: Einarbeitungszuschüsse an Arbeit-
gelung langsam als überholt bezeichnen muß? geber, wenn der Behinderte die volle Leistung am
Arbeitsplatz erst nach einer Einarbeitungszeit er-
Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim reicht.
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Herr
Kollege, ich nehme zunächst Ihre Information über Drittens: Eingliederungshilfen in Form von Dar-
die Haltung der Arbeitgeber zur Kenntnis, möchte lehen und Zuschüssen an diejenigen Arbeitgeber,
aber betonen, daß die bis heute bestehenden Re- die einen Behinderten beschäftigen, dessen Unter-
gelungen auch in Erklärungen, die vom Arbeits- bringung unter den üblichen Bedingungen des Ar-
ministerium noch vor wenigen Jahren abgegeben beitsmarktes erschwert ist.
worden sind, noch einmal unterstrichen wurden. Viertens: Gewährung von Darlehen und Zuschüs-
Ich habe in meiner Antwort darauf hingewiesen, sen für den Aufbau und die Ausstattung von be-
daß wir uns bemühen werden, diese Regelungen im sonderen Werkstätten für Behinderte.
Gespräch mit den Rentenversicherungsträgern im
Sinne einer besseren Entwicklung zu erörtern. Die Einzelheiten, insbesondere Dauer und Höhe
dieser Leistungen, werden in einer Anordnung ge-
regelt, die der Verwaltungsrat der Bundesanstalt für
Präsident von Hassel: Eine zweite Zusatzfrage Arbeit erläßt. Es ist zu erwarten, daß diese Anord-
des Abgeordneten Varelmann. nung Anfang Juli vom Verwaltungsrat verabschie-
det wird.
Varelmann (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, - Bei dieser Sachlage ist die Bundesregierung der
aus Ihren Ausführungen habe ich den Eindruck ge-
Auffassung, daß die genannten Hilfen des Arbeits-
wonnen, daß sich das Arbeitsministerium neuen Be- förderungsgesetzes sehr viel besser als steuerliche
strebungen im Hinblick auf eine Änderung der Re-
Maßnahmen geeignet sind, die Beschäftigung behin-
gelungen über die Gewährung von Heilmaßnah- derter Jugendlicher zu fördern. Allerdings, Herr
men für Altersrentner nicht widersetzen würde.
Kollege — das will ich in diesem Zusammenhang
hinzufügen — steht die Schwere der Behinderung
Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim in vielen Fällen einer sofortigen Eingliederung in
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Herr den allgemeinen Arbeitsmarkt entgegen. Die Be-
Kollege, das Arbeitsministerium ist bestrebt, neu- rufsausbildung der schwerbehinderten Jugendlichen
eren Erfahrungen auf vielen Gebieten 'Rechnung zu geschieht deshalb überwiegend in besonderen Ein-
tragen und manches aus der Vergangenheit aufzu- richtungen der beruflichen Rehabilitation, in Berufs-
arbeiten. Diese Frage gehört dazu. förderungswerken oder in Werkstätten für Behin-
2646 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Parlamentarischer Staatssekretär Rohde


derte, die durch das Rehabilitationsprogramm der von Ihnen, Herr Kollege, genannten gesetzlichen
Bundesregierung in Zukunft besonders gefördert Bestimmungen über die Unterkunft bei Bauten —
werden sollen. darum handelt es sich in der ersten Frage — gelten
für einen engen Personenkreis, nämlich für Bau-
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage des arbeiter auf Baustellen. Die Vorschriften sollen
Abgeordneten Dr. Hermesdorf. sicherstellen, daß vor allem Tagesunterkünfte zum
Schutz gegen schlechte Witterung und bei Bedarf
Schlaf- und Aufenthaltsräume auf den häufig wech-
Dr. Hermesdorf (Schleiden) (CDU/CSU) : Herr
selnden Baustellen errichtet werden.
Staatssekretär, ist die Bundesregierung auch bereit,
auf die Länder einzuwirken, das berufsbildende Die vorgeschriebene Mindestausstattung und Be-
Schulwesen im Sonderschulbereich weiter auszu- legungsstärke berücksichtigt die besonderen Ver-
bauen, damit die eben von Ihnen geschilderten Mög- hältnisse der Baustellen. Klagen sind mir bisher
lichkeiten der Lehrlingsausbildung von den behin- nicht bekanntgeworden. Vielmehr werden die ge-
derten Jugendlichen auch genutzt werden können? setzlichen Vorschriften von den Betroffenen — so-
weit ich feststellen lassen konnte, auch von der zu-
Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim ständigen Gewerkschaft — als Mittel zur Verbes-
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Herr serung der Arbeitsbedingungen auf den Baustellen
Kollege, ich glaube, daß diese von Ihnen mit Recht angesehen. Bestimmungen über die Förderungswür-
aufgeworfene Frage in der Bund-Länder-Kommis- digkeit sind in den Vorschriften nicht enthalten.
sion, deren Einrichtung in Aussicht genommen ist Die Vorschriften gelten im übrigen für alle Arbeit-
und die sich mit gemeinsamen Fragen des Bildungs- nehmer auf Baustellen, ohne Rücksicht auf ihre Na-
wesens beschäftigen wird, erörtert werden wird. tionalität.
Ich darf im Hinblick auf Ihre zweite Frage hinzu-
Präsident von Hassel: Eine zweite Zusatz- fügen, Herr Kollege, daß sie eine Vielzahl von
frage des Abgeordneten Dr. Hermesdorf. Richtlinien und Vorschriften verschiedener Behör-
den auf Bundes- und Landesebene betrifft. Ich habe
Dr. Hermesdorf (Schleiden) (CDU/CSU) : Herr mir darüber in der Kürze der Zeit — erst gestern
Staatssekretär, die Bundesregierung beabsichtigt habe ich Ihre Frage erhalten — noch kein voll-
also nicht, Arbeitgebern, die behinderte Jugendliche ständiges Bild machen können. Ich bitte deshalb um
einstellen, Steuervergünstigungen zu gewähren. Ihr Einverständnis dafür, daß ich Ihnen eine aus-
führliche Antwort schriftlich gebe. Ich darf Ihnen
Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim versichern, daß ich genau prüfen lassen werde, ob
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Herr hier Fehler und Unzulänglichkeiten, die aus der
Kollege, ich habe unterstrichen, daß wir auf Grund Vergangenheit herrühren, berichtigt werden müs-
der bisherigen Erfahrungen den Eindruck gewonnen sen.
haben und auch von Fachleuten darin bestärkt wor-
den sind, daß die im Arbeitsförderungsgesetz ge- Präsident von Hassel: Keine Zusatzfrage?
nannten Maßnahmen besonders gezielt wirken kön-
nen. Hinzu kommt, daß wir die Absicht haben, die
Einrichtungen für die berufliche Rehabilitation von Dr. Weber (Köln) (SPD) : Keine Zusatzfrage! Ich
behinderten Jugendlichen in Zahl und Ausstattung darf nur darum bitten, die Prüfung bald vorzuneh-
zu fördern. men, Herr Staatssekretär.
Schließlich haben wir auch die Absicht, in das
Schwerbeschädigtengesetz, mit dessen Novellierung Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim
mein Haus sich zur Zeit befaßt, Bestimmungen auf- Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Das
zunehmen, die sich gerade auf den von Ihnen ge- werde ich tun, Herr Kollege.
nannten Personenkreis auswirken werden.
Präsident von Hassel: Ich darf Sie darauf auf-
Präsident von Hassel: Ich rufe die Fragen 91 merksam machen, daß Sie nur Zusatzfragen stellen
und 92 des Abgeordneten Dr. Weber (Köln) auf: dürfen. Sie hätten Ihre Bitte auch in die Frageform
Hält die Bundesregierung die Bestimmungen des Gesetzes über kleiden können.
die Unterkunft bei .Bauten vom 13. Dezember 1934 (RGBl. I
S. 1234) und die Ausführungsverordnung vom 21. Februar 1959 Ich darf Ihnen, Herr Parlamentarischer Staats-
(BGBl. I S. 44) — insbesondere hinsichtlich der Ausstattung und
Belegungsstärke der Räume — für gesundheitspolitisch und sekretär, für Ihre Antworten danken.
sozial noch für tragbar und förderungswürdig?
Hält die Bundesregierung es für zulässig, bei der Errichtung Wir kommen zur Frage 1 des Abgeordneten We-
oder Umbelegung von Heimen derart zu unterscheiden, daß bei ber (Heidelberg) aus dem Geschäftsbereich des Bun-
Unterkünften für Deutsche mindestens eine Wohnfläche von 8 qm
je Person, bei Ausländerunterkünften eine solche von 5 qm je deskanzlers und des Bundeskanzleramtes:
Person zulässig ist?
Treffen Pressemeldungen zu, wonach Bundeskanzler Brandt
Ist der Abgeordnete anwesend? — Zur Beantwor- in Erfurt dem Ministerratsvorsitzenden Stoph zugesagt hat, daß
in Zukunft die Mineralölversorgung Westberlins in einer Grö-
tung der Herr Parlamentarische Staatssekretär. ßenordnung von 650 000 Tonnen durch die DDR erfolgen soll?

Der Fragesteller hat sich mit schriftlicher Beant-


Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim wortung einverstanden erklärt. Die Antwort des
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Die Staatssekretärs Bahr vom 26. Mai 1970 lautet:
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2647
Präsident von Hassel
Pressemeldungen, nach denen Bundeskanzler Brandt in Erfurt gabe des „Spiegel" vom 27. April 1970 geschilder-
mit dem Ministerratsvorsitzenden Stoph Mineralöllieferungen
nach West-Berlin vereinbart hat, treffen nicht zu. ten Vorfälle ist bei der Staatsanwaltschaft Han-
Die Treuhandstelle für den Interzonenhandel hat allerdings im nover ein Ermittlungsverfahren anhängig.
April 1970 mit dem Ministerium für Außenhandelswirtschaft der
DDR eine Vereinbarung über die Lieferung von Mineralölfertig-
erzeugnissen durch die DDR geschlossen, wovon Teilmengen nach
Berlin geleitet werden können. Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage, Herr
Abgeordneter Hansen.
Das war die einzige Frage aus diesem Geschäfts-
bereich.
Hansen (SPD) : Herr Minister, darf ich Ihrer Ant-
Wir kommen jetzt zu 'den Fragen aus dem Ge- wort entnehmen, daß Behauptungen, die von ver-
schäftsbereich des Bundesministers des Innern, und schiedenen Seiten erhoben worden sind, wonach
zwar zur Frage 2 des Abgeordneten Dr. Riedl (Mün- die Polizei bei den Ermittlungsverfahren sehr dilato-
chen). Der Fragesteller ist nicht im Saal. Die Frage risch vorgegangen sei und die politischen Hinter-
wird schriftlich beantwortet. gründe nicht untersucht habe, nicht zutreffen?

Ich rufe die Frage 3 des Abgeordneten Weigl auf: Genscher, Bundesminister des Innern: Herr Kol-
Wird die Bundesregierung dafür Sorge tragen, daß alle ehe- lege, ich gehe davon aus, daß die Polizei in allen
maligen Kommunalbeamten, die eine Tätigkeit im öffentlichen
Dienst der DDR wegen politischer Verfolgung aufgeben mußten
Bundesländern nach Recht unid Gesetz handelt.
und heute in der Bundesrepublik leben, eine ausreichende be-
amtenrechtliche Altersversorgung erhalten?
Präsident von Hassel: Eine zweite Zusatz-
Der Fragesteller hat sich mit schriftlicher Beant- frage, Herr Abgeordneter Hansen.
wortung einverstanden erklärt. Die Antwort des
Bundesministers Genscher vom 26. Mai 1970 lautet: Hansen (SPD): Herr Minister, darf ich Sie fra
Soweit Angehöige des öffentlichen Dienstes in der DDR be- gen, ob die Bundesregierung in einem Fall, in dem
reits am 8. Mai 1945 als Beamte in dem von der DDR verwal-
teten früheren Reichsgebiet im Dienst standen und eine dort
auch nur der geringste Verdacht besteht, daß Bezie-
weiter ausgeübte Tätigkeit wegen politischer Verfolgung auf- hungen zwischen Konsuln und organisierten Schlä-
geben mußten, fallen sie unter den Personenkreis des Gesetzes
zu Artikel 131 des Grundgesetzes und haben in dem Gesetz gergruppen bestehen, bereit ist, diesen Konsuln das
vorgesehene Rechte. Steht ihnen danach eine beamtenrechtliche Agreement zu entziehen und sie auszuweisen.
Versorgung nicht zu, greift die Nachversicherung in den gesetz-
lichen Rentenversicherungen nach § 72 des 131er-Gesetzes ein.
Ob die Altersversorgung dieser Personen auch ausreichend Genscher, Bundesminister des Innern: Wenn
geregelt- ist, ist m. E. nur bei einer Gesamtbetrachtung des 131er
Versorgungskomplexes zu beurteilen. Hierfür bietet sich in dieser Sachverhalt gegeben wäre, selbstverständ-
erster Linie der nach der Entschließung des Innenausschusses
vom 12. Juni 1969 von der Bundesregierung vorzulegende sog.
lich.
Härtebericht an.
Soweit Angehörige der kommunalen Verwaltungen in der DDR
angesprochen werden, die nach dem 8. Mai 1945 in den öffent-
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage, Herr
lichen Dienst erstmals eingestellt worden sind und ihre Tätig- Abgeordneter Matthöfer.
keit wegen politischer Verfolgung aufgeben mußten, fallen diese
nicht unter den Auftrag des Artikels 131 GG. Sie können daher
vom 131er-Gesetz auch nicht erfaßt werden.
Matthöfer (SPD) : Herr Bundesminister, werden
Eine beamtenrechtliche Versorgung außerhalb des G 131 kann Sie darauf hinwirken, daß noch einmal überprüft
nicht in Aussicht gestellt werden. In der DDR gibt es keinen
besonderen Status für Beamte. Die Arbeitnehmer des öffent- wird, ob wirklich mit der nötigen Dringlichkeit alle
lichen Dienstes unterliegen der Versicherungspflicht in der ge- Aspekte derartiger Schlägereien, insbesondere der
setzlichen Rentenversicherung. Dort zurückgelegte Beitragszeiten
stehen nach den Vorschriften des Fremdrentengesetzes den nach einer bewußten Organisierung durch offizielle grie-
Bundesrecht zurückgelegten Beitragszeiten gleich und begründen
bei Vorliegen der für alle Versicherten geltenden Voraussetzun- chische Stellen, untersucht werden?
gen — Eintritt des Versicherungsfalles und Erfüllung der
Wartezeit — einen Anspruch auf Rente aus den gesetzlichen
Rentenversicherungen der Bundesrepublik. Diese Regelung gilt
übrigens auch für die vom G 131 erfaßten Personen.
Genscher, Bundesminister des Innern: Herr Kol-
lege, wir widmen seit geraumer Zeit diesen Vor-
Ich rufe die Frage 4 des Abgeordneten Hansen gängen große Aufmerksamkeit. Sie können davon
auf: ausgehen, daß das in der Vergangenheit geschehen
Treffen Presseberichte zu, denen zufolge die griechischen ist und daß das in Zukunft weiterhin so sein wird.
Generalkonsuln in Hannover und Düsseldorf die Organisatoren
von Schlägergruppen regimefreundlicher Griechen sein sollen,
die ihre andersdenkenden Landsleute terrorisieren?
Präsident von Hassel: Ich rufe die Frage 5
Zur Beantwortung, bitte, Herr Bundesminister des Abgeordneten Hansen auf:
Genscher! - Beabsichtigt die Bundesregierung, die für wiederholte Über-
griffe verantwortlichen antidemokratischen Verbände der Grie-
chen in der Bundesrepublik Deutschland zu verbieten und auf-
zulösen?
Genscher, B undesminister des Innern: Der Bun-
desregierung, Herr Kollege, liegen bisher keine Zur Beantwortung der Herr Bundesminister.
Erkenntnisse darüber vor, daß die griechischen Ge-
neralkonsulate in Hannover und Düsseldorf Schlä- Genscher, Bundesminister des Innern: An den
gergruppen regimefreundlicher Griechen organisie- teilweise gewalttätigen Aktionen griechischer Staats-
ren, die ihre andersdenkenden Landsleute in der angehöriger auf deutschem Boden sind meist sowohl
Bundesrepublik terrorisieren. Die entsprechenden regimefreundliche als auch regimefeindliche Grie-
Vermutungen der Betroffenen sind der Bundesregie- chen beteiligt. Die bisher durchgeführten Ermittlun-
rung bekannt. Die bisher eingeleiteten strafrecht- gen haben keine Hinweise dafür erbracht, daß anti-
lichen Ermittlungsverfahren haben hierfür keine demokratische Verbände der Griechen in der Bun-
Anhaltspunkte erbracht. Wegen der in der Aus- desrepublik für diese Übergriffe verantwortlich sind.
2648 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970
Bundesminister Genscher
Demnach sind Verbotsmaßnahmen nach dem Ver Wer war verantwortlich (aufgegliedert nach den einzelnen
Teilgebieten) für die Sicherheits- und Polizeimaßnahmen anläßlich
einsgesetz gegen eine griechische Vereinigung in des Treffens in Kassel?
der Bundesrepublik im Augenblick nicht veranlaßt. Zur Beantwortung der Herr Bundesminister.
Die Bundesregierung wird, wie ich Ihnen schon
sagte, die Betätigung und Entwicklung der grie-
Genscher, Bundesminister des Innern: Schutz
chischen Organisationen in der Bundesrepublik
und Sicherung des Treffens von Bundeskanzler
Deutschland weiterhin aufmerksam prüfen und beob-
Brandt mit dem Vorsitzenden des Ministerrats Stoph
achten und gegebenenfalls auch Maßnahmen nach am 21. Mai 1970 in Kassel war eine polizeiliche Auf-
dem Vereinsgesetz treffen. Die Bundesregierung
gabe, deren Erfüllung nach Art. 30 des Grundgeset-
wird insbesondere dafür Sorge tragen — und sie
zes Sache der Länder ist.
weiß sich damit in Übereinstimmung mit der Auf-
fassung der Regierungen der Länder —, daß allen Die Verantwortlichkeit richtet sich danach nach
in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Grie- dem jeweiligen Landesrecht. Nach § 66 Abs. 1 und
chen der ihnen nach dem Gesetz zustehende Schutz § 67 Abs. 1 Satz 1 des Hessischen Gesetzes über die
zuteil wird. öffentliche Sicherheit und Ordnung vom 17. Dezem-
ber 1964 war für die Leitung des polizeilichen Ein-
Präsident von Hassel: Keine Zusatzfragen. satzes aller in Kassel eingesetzten kommunalen und
Frage 6 des Abgeordneten Hauser (Bad Godes- staatlichen Polizeikräfte der vom Magistrat der
berg). — Der Abgeordnete ist nicht anwesend. Die Stadt Kassel bestellte kommunale Polizeipräsident
Frage wird schriftlich beantwortet. Die Frage 7 zuständig.
ebenfalls. Daneben war für den persönlichen Schutz sowie
Frage 8 des Abgeordneten Dr. Böhme. — Der für die Innensicherung des Schloßhotelgebäudes und
Abgeordnete ist nicht im Saal. Die Frage wird des Verhandlungsraumes selbst die Abteilung Siche-
schriftlich beantwortet. rungsgruppe des Bundeskriminalamtes eingesetzt,
Ich rufe die Frage 9 des Abgeordneten Dröscher die gemäß Kabinettsbeschluß vom 13. Januar 1965
auf: den persönlichen Schutz unter anderem der Kabi-
Hält es die Bundesregierung für mit dem Gleichbehandlungs- nettsmitglieder und deren Gäste wahrzunehmen
gebot vereinbar, daß ein Oberfeldwebel a. D. mit bei der
Heeresfachschule für Verwaltung abgelegter Abschlußprüfung II, hat. Die Beamten der Sicherungsgruppe besitzen zur
der am 8. Mai 1945 eine Dienstzeit von 10 Jahren und 220 Tagen
abgeleistet hatte, auf Grund einer Wehrdienstbeschädigung von
Durchführung dieser Aufgaben keine polizeilichen
20 % einen Unterhaltsbeitrag nach § 29 G 131, § 142 Abs. 2 und Befugnisse; sie haben nur die jedermann zustehen-
§ 181 a Abs. 4 BBG nur aus der Besoldungsgruppe A 6 Stufe 8
erhält, während Berufsunteroffiziere mit einer Dienstzeit von den Notwehr- und Hausrechte.
mehr als 12 Jahren am 8. Mai 1945, die die Abschlußprüfung II
erfolgreich abgelegt haben, ihre Versorgungsbezüge aus der In Vorgesprächen sind die Verantwortlichkeiten
Besoldungsgruppe A 9 erhalten?
zwischen der Abteilung Sicherungsgruppe des Bun-
Zur Beantwortung der Herr Bundesminister Gen- deskriminalamtes und der Polizei in Kassel abge-
scher. grenzt worden. Dementsprechend grenzten die
schriftlichen Einsatzverfügungen, die unter Berück-
Genscher, Bundesminister des Innern: Die Frage, sichtigung der Bestimmungen der Polizeidienstvor-
Herr Kollege, gibt die bestehende Rechtslage wie- schrift 130 für den Einsatz der Polizei bei Staats-
der und ist zu bejahen. Berufsunteroffiziere mit besuchen und sonstigen Besuchen erlassen worden
einer Dienstzeit von 12 und mehr Jahren können waren, die gegenseitigen Zuständigkeiten wie folgt
für die Bemessung der ruhegehaltsfähigen Dienst- ab:
bezüge ihrer Versorgung nach dem Gesetz zu Arti-
kel 131 des Grundgesetzes so behandelt zu werden. 1. Begleitschutz. Den Delegationsmitgliedern waren
wie wenn sie am 8. Mai 1945 oder bei einem Begleitbeamte der Sicherungsgruppe beigegeben,
früheren Eintritt des Versorgungsfalles zu diesem die den unmittelbaren Personenschutz wahrnah-
Zeitpunkt nach Maßgabe der bestandenen Wehr- men. Die Zuständigkeit der Kasseler Polizei für
machtsfachschulprüfung Militäranwärter geworden den Schutz von Fahrt- und Gehwegstrecken und
wären. die Absicherung der Fahrzeugkolonne selbst
Diese Regelung knüpft an die Rechtsstellung der wurde dadurch nicht berührt.
Militäranwärter an, die Berufsunteroffiziere bis zum 2. Objektschutz. Der Verhandlungsraum war durch
8.Mai1945reglmäßwbn,siemt drei Sicherheitszonen abgesichert:
einer Dienstzeit von 12 und mehr Jahren entlassen -
wurden. Berufsunteroffiziere, die mit einer kürzeren a) Die erste Zone umfaßte den Bereich von 600 m
Dienstzeit entlassen wurden, konnten den Status mit dem Mittelpunkt „Schloßhotel". Die Ver-
eines Militäranwärters nicht erwerben und sind da- antwortung hierfür hatte die Kasseler Polizei.
her insoweit mit den Berufsunteroffizieren mit 12 b) Die zweite Sicherheitszone umfaßte die Innen-
und mehr Dienstjahren nicht vergleichbar. Für die sicherung des Gebäudes des Schloßhotels. Die
Bemessung ihrer Versorgung war ausschließlich der Verantwortung hierfür lag bei der Sicherungs-
militärische Dienstgrad maßgebend, so wie das auch gruppe, die durch örtliche Kriminalpolizei un-
nach dem 131er-Gesetz der Fall ist. terstützt wurde.
c) Die dritte Sicherheitszone umfaßte den eigent-
Präsident von Hassel: Keine Zusatzfrage. lichen Verhandlungsraum. Sie fiel unter die
Ich rufe die Frage 10 des Abgeordneten Rasner alleinige Verantwortung der Sicherungs-
auf: gruppe.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2649
Bundesminister Genscher
Ich darf hinzufügen, daß, soweit es sich um den Die Fragen werden auf Wunsch des Fragestellers
Raum außerhalb der Stadt Kassel handelt, die schriftlich beantwortet. Die Antwort des Bundes-
staliche Pozuständigwar. ministers Genscher vom 26. Mai 1970 lautet:
Die von Ihnen angesprochene Regelung für die Arbeitnehmer
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage, Herr des öffentlichen Dienstes entspricht voll der für die Beamten
bestehenden Rechtslage. Zu den damit zusammenhängenden Fra-
Abgeordneter Rasner. gen hat sich der Bundesminister der Verteidigung in seiner
Stellungnahme vom 15. Januar 1970 zu der Entschließung des
Deutschen Bundestages vom 27. Juni 1969 namens der Bundes-
Rasner (CDU/CSU) : Sehen Sie die Möglichkeit, regierung geäußert (Drucksache VI/260). Die Bundesregierung
hält an der dort wiedergegebenen Auffassung fest. Ergänzend
Herr Bundesinnenminister, daß der Herr hessische möchte ich deshalb nur noch auf folgendes hinweisen:
Ministerpräsident, den während des ganzen Tages Die Nichtberücksichtigung der Wehrdienstzeit bei der Bemes-
sung der Höhe der Zuwendung steht in einem engen Zusammen-
in Kassel so geflissentlich das Auge der Fernseh- hang mit den Grundsätzen des Arbeitsplatzschutzgesetzes. Da-
kamera zu erwischen suchte, oder daß der Herr nach ruht das Arbeitsverhältnis während der Ableistung des
Grundwehrdienstes; Bezüge, von deren Zahlung die Höhe der
hessische Innen- und Polizeiminister durch persön- Zuwendung abhängt, kann deshalb normalerweise der wehr-
pflichtige Arbeitnehmer — anders als der Soldat auf Zeit und
lichen Einsatz am wirklich richtigen Ort den ja gar der Berufssoldat während seiner Soldatendienstzeit — nicht er-
nicht überraschenden, dafür aber um so blamableren halten. Diese Regelung gilt nicht nur für die im öffentlichen
Dienst beschäftigten, sondern schlechthin für alle im Berufs-
Ablauf der Dinge hätte in den Griff bekommen leben stehenden Wehrsoldempfänger. Mit der ungekürzten Aus-
können? zahlung der Zuwendung in den von Ihnen angesprochenen Fäl-
len würden daher die finanziellen Auswirkungen des Grund-
wehrdienstes nur einseitig zugunsten der im öffentlichen Dienst
Beschäftigten gemildert. Ein entsprechender Anspruch könnte
Genscher, Bundesminister des Innern: Herr Ab- den Wehrpflichtigen aus Arbeitsverhältnissen außerhalb des
öffentlichen Dienstes nicht zugesichert werden. Denn die Zah-
geordneter, ich darf aus meiner Antwort noch ein- lung eines Weihnachtsgeldes bei ruhendem Arbeitsverhältnis
mal den Satz zitieren, der die Abgrenzung der Ver- könnte den Arbeitgebern bei der insbesondere für eine solche
Sonderleistung im Arbeitsrecht geltenden Gestaltungsfreiheit
antwortlichkeiten (zwischen der Landesregierung durch Gesetz kaum auferlegt werden. Die Probleme der Wehr-
gerechtigkeit sollten aber nicht noch durch eine Ungleichbe-
Hessen und dem Polizeipräsidenten in Kassel wie- handlung der Grundwehrdienstleistenden untereinander ver-
dergibt: Nach § 66 Abs. 1 und § 67 Abs. 1 Satz 1 des schärft werden.
hessischen Gesetzes über die öffentliche Sicherheit Vielmehr ist es ein gemeinsames Anliegen von Bundestag und
Bundesregierung, in den Fragen der Wehrgerechtigkeit Verbes-
und Ordnung vom 17. Dezember 1964 war zuständig serungen zu erzielen, die allen Grundwehrdienstleistenden zu-
für die Leitung des polizeilichen Einsatzes aller in gute kommen. Maßnahmen dieser Art stellen die Verdoppelung
des Entlassungsgeldes im März 1969 und die Einführung einer
Kassel eingesetzten kommunalen ,und staatlichen Po- besonderen Zuwendung von 70,— DM für die Grundwehrdienst-
leistenden im Dezember 1969 dar. Diese besondere Zuwendung
lizeikräfte der vom Magistrat der Stadt Kassel be- soll nach dem von der Bundesregierung bereits beschlossenen
stellte kommunale Polizeipräsident. Entwurf eines Sechsten Gesetzes zur Änderung des Wehrsold-
gesetzes in diesem Jahre auf 75,— DM und ab 1971 auf 100,—
DM erhöht werden. An weiteren Maßnahmen zur Verbesserung
der Wehrgerechtigkeit hat die Bundesregierung, wie sich aus
Präsident von Hassel: Eine letzte Zusatzfrage, dem Weißbuch 1970 zur Sicherheit der Bundesrepublik Deutsch-
der Abgeordnete Rasner. land und zur Lage der Bundeswehr ergibt, eine weitere Anhe-
bung des Entlassungsgeldes und eine Überprüfung des Wehr-
soldes, insbesondere zugunsten der unteren Wehrsoldgruppen,
in Aussicht genommen. Ich bin überzeugt, daß auf diesem Wege
Rasner (CDU/CSU) : Herr Bundesinnenminister, die von Ihnen angesprochenen Probleme befriedigend gelöst
werden können.
sieht die Bundesregierung auch in Zukunft in der
gezielten Falschinformation von Bevölkerung, Pres- Ich rufe die Frage 13 des Abgeordneten Josten
se, Rundfunk, Fernsehen sowie der Polizei, wie es in auf:
Kassel geschehen ist — die Polizei dabei gleich- Ist die Bundesregierung bereit, angesichts der erneuten Hoch-
wasserschäden am Rhein und seinen Nebenflüssen ihre vorge-
zeitig öffentlich blamierend —, eine wirkliche sehenen Hilfsmaßnahmen in Verbindung mit den Ländern zu
Chance, den störungsfreien Ablauf von Kranznieder- erweitern?
legungen und ähnlichen Staatsakten zu sichern? Zur Beantwortung, bitte, Herr Bundesminister.

Genscher, Bundesminister des Innern: Herr


Kollege Rasner, es war von gezielten Falschinfor- Genscher, Bundesminister des Innern: Nach Ab-
mationen nicht die Rede. Es wird Ihnen aber aus stimmung mit dem Bundesminister der Finanzen darf
Ihrer politischen Erfahrung bekannt sein, daß sehr ich diese Frage wie folgt beantworten:
häufig, wenn ein Sicherheitsrisiko entsteht, nun nicht Erstens. Auch bei dem jüngsten Hochwasser im
gerade die gefährdeten Personen dadurch einem Mai 1970 hat sich der Bund ebenso wie bei der Hoch-
noch höheren Gefährdungsgrad ausgesetzt werden, wasserkatastrophe im Februar 1970 zur Unterstüt-
daß für 'diejenigen, die die Absicht haben, die Ge- zung der in erster Linie zuständigen Länder und
fährung herbeizuführen, Fahrtweg und Aufenthalts- Kommunen sogleich mit erheblichen Kräften des
ort vorher präzise bekanntgegeben werden. THW und der Bundeswehr in die Katastrophenab-
wehr eingeschaltet.
Präsident von Hassel: Ich rufe die Fragen 11 Zweitens. Auf die dabei angefallenen Einsatz-
und 12 des Abgeordneten Pieroth auf: kosten, die entsprechend der grundgesetzlichen Auf-
Weshalb wird Arbeitnehmern im öffentlichen Dienst, die als gaben- und Lastenverteilung grundsätzlich von den
Wehrpflichtige eingezogen waren, nach dem Wiedereintritt in
ihre Beschäftigung im öffentlichen Dienst bei der Bemessung der Ländern und Kommunen zu erstatten sind, wird der
Höhe der Sonderzuwendung die Wehrdienstzeit nicht angerech-
net, während sie Berufssoldaten und Soldaten auf Zeit ange-
Bund auch diesmal verzichten. Darüber hinaus wird
rechnet wird? der Bundesminister der Finanzen darauf hinwirken,
Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß durch dieses daß die Erleichterungen bei der Steuererhebung, die
Bemessungsverfahren den Wehrpflichtigen gegenüber den Be-
rufssoldaten und Soldaten auf Zeit, aber auch gegenüber den anläßlich der Hochwasserkatastrophe im Februar
nicht zum Wehrdienst herangezogenen Kollegen ein weiterer 1970 gewährt wurden, auch Iden jetzt vom Hochwas-
zusätzlicher Nachteil entsteht und damit der Wehrgerechtigkeit
nicht gedient wird? ser Betroffenen zugestanden werden.
2650 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Bundesminister Genscher
Drittens. Ob und in welchem Umfang daneben Genscher, Bundesminister des Innern: Herr Kol-
subsidiäre finanzielle Hilfeleistungen des Bundes lege, für alle finanziellen Hilfen des Bundes ist es
für den Ausgleich der Privatpersonen entstandenen erforderlich, daß sich die Bundesregierung auf Grund
Hochwasserschäden notwendig werden, ist zur Zeit der Meldungen der Länder ein umfassendes Urteil
noch nicht abzusehen. Eine derartige Bundeshilfe bilden kann. Sie wird dabei auch diese Fragen mit
kommt nur in Betracht, wenn dem einzelnen Land einbeziehen.
eine ausreichende Hilfeleistung nicht zugemutet
werden kann und im Einzelfall die Existenz der Präsident von Hassel: Damit sind wir am
Betroffenen gefährdet ist.
Ende Ihres Geschäftsbereichs angelangt, Herr Bun-
Die Angaben über den Umfang der Hochwasser- desminister. Ich darf Ihnen danken.
schäden und die Belastung der Länder sind dem
Die Fragen aus dem Geschäftsbereich des Bundes-
Bund von den Ländern noch nicht mitgeteilt worden.
ministers für Arbeit und Sozialordnung sind schon
Dies dürfte aber wegen der Schwierigkeit der Fest-
aufgerufen. Wir kommen zum Geschäftsbereich des
stellungen erst nach eingehenden Prüfungen in den Bundesministers der Verteidigung. Mit Blickrichtung
betroffenen Ländern möglich sein. Sobald die An-
auf die Tribüne darf ich vielleicht sagen — die Kol-
gaben der Länder vorliegen, wird der Bund nach den
legen werden das verstehen —: zum gegenwärtigen
oben angeführten bewährten Grundsätzen prüfen,
Zeitpunkt tagt eine Fraktion; es tagen außerdem
ob eine zusätzliche Hilfeleistung des Bundes erfor-
eine Reihe von Bundestagsausschüssen, die die kom-
derlich ist.
mende Plenarsitzung vorbereiten. Deshalb die Leere
hier in diesem Saal. Ein Wort der Erklärung an die
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage des Tribüne ist vielleicht angebracht.
Abgeordneten Josten. Die Fragen aus dem Geschäftsbereich des Bundes-
ministers der Verteidigung werden wahrscheinlich
Josten (CDU/CSU) : Herr Minister, ist Ihnen be- auch meistens schriftlich beantwortet werden müs-
kannt, daß viele Hochwassergeschädigte noch auf sen, weil ein Großteil der Mitglieder des Vertei-
die Hilfsmaßnahmen im Zusammenhang mit dem digungsausschusses sich heute in Oslo befindet, dar-
soeben von Ihnen genannten Hochwasser im Fe- unter gerade auch die meisten Fragesteller.
bruar bzw. März dieses Jahres warten?
Ich rufe die Frage 58 des Abgeordneten Ernesti
auf. — Er ist nicht _anwesend; die Frage wird schrift-
Genscher, Bundesminister des Innern: Ich darf lich beantwortet.
noch einmal sagen, Herr Kollege, daß es der bisheri- Ich rufe die Frage 59 des Abgeordneten Dr.
gen Übung entsprach und weiterhin entsprechen soll,
Klepsch auf. — Der Fragesteller ist nicht anwesend;
daß .die Hilfsmaßnahmen des Bundes nur subsidiärer die Frage 'wird schriftlich beantwortet. Für die
Art sind, also erst dann einsetzen, wenn die Lei- Frage 60 gilt dasselbe.
stungsfähigkeit der betroffenen Länder überstiegen
wird. Dazu braucht der Bund zunächst eine Über-
sicht über das, was den einzelnen Ländern möglich Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim
ist. Ich gehe davon aus, daß .die Bundesländer, die Bundesminister der Verteidigung: Herr Präsident,
im Verhältnis zu .den Betroffenen direkte Hilfelei- gestatten Sie, daß ich die Fragen 58 und 59 wegen
stungen finanzieller Art erbringen, sie auch in dem des inneren Zusammenhangs gemeinsam schriftlich
Umfang, wie es notwendig ist, erbringen. beantworte?

Präsident von Hassel: Eine zweite Zusatzfrage. Präsident von Hassel: Keine Bedenken.
Ich rufe die Frage 61 des Abgeordneten Ott auf:
Josten (CDU/CSU) : Herr Minister, wären Sie Billigt die Bundesregierung die Auffassung der in der Augs-
bereit, von Ihrem Ministerium aus mit darauf hin- burger Allgemeinen Zeitung vom 1. Mai 1970 wiedergegebenen
Stellungnahme von Staatssekretär Berkhan, wonach „die Politik
zuwirken, daß die Pläne zur Verhinderung und Re- der Bundesregierung, insbesondere die Ostpolitik, nicht durch
Äußerungen von Bundeswehroffizieren oder auch Politikern" in
gulierung des Hochwassers vom Rhein und seinen der Öffentlichkeit kritisch gewürdigt werden darf?
Nebenflüssen beschleunigt fertiggestellt werden?
Der Abgeordnete ist im Saal. Zur Beantwortung
der Herr Parlamentarische Staatssekretär.
Genscher, Bundesminister des Innern: Das ist
die Absicht der Bundesregierung insgesamt.
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege, ich
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage des beantworte Ihre Frage folgendermaßen. Der Wort-
Abgeordneten Jung. laut der Frage und das Zitat der „Ausburger Allge-
meinen Zeitung" vom 1. Mai 1970 geben meine
Jung (FDP) : Herr Minister, sind Sie bereit, auch Äußerungen zu einem Einzelfall nicht korrekt wie-
zu überprüfen, inwieweit man denjenigen Gemein- der. Ich habe wörtlich vielmehr folgendes ausge-
den helfen kann, die im Zusammenhang mit diesem führt:
Hochwasser Schäden an den Hochwasserdämmen Ich bin aber der Meinung, daß die schwierigen
festgestellt haben und nun große finanzielle Bemühungen der Bundesregierung um eine
Schwierigkeiten haben, diese Schäden zu beseitigen? „Entkrampfung" in der Ostpolitik nicht durch
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2651
Parlamentarischer Staatssekretär Berkhan
Äußerungen von Bundeswehroffizieren oder Niegel (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, haben
auch Politikern in der Öffentlichkeit gestört wer- Sie ihre berichtigte Äußerung, die Sie jetzt soeben
den sollten. kundgetan haben, auch bei der „Augsburger Allge-
meinen Zeitung" zur Berichtigung gestellt?
Die Bundesregierung hegt den berechtigten
Wunsch, daß ihre Bemühungen in der Ostpolitik
nicht durch mißverständliche Äußerungen gestört Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim
werden sollten. Nur in diesem Sinne können meine Bundesminister der Verteidigung: Nein. Herr Kol-
Ausführungen verstanden werden. Sie zielten ein- lege, der Oberst fühlt sich beschwert und hat gegen
deutig nicht darauf ab, einen Soldaten der Bundes- mich ein Beschwerdeverfahren eingeleitet. Daher
wehr allgemein zu einem regierungskonformen Ver- habe ich mich jeder Meinungsäußerung in der
halten zu veranlassen und sein Recht als Staatsbür- Öffentlichkeit und außerhalb der Öffentlichkeit zu
ger, seine persönliche Meinung frei zu äußern, zu diesem Zeitpunkt enthalten.
beschränken. (Abg. Ott meldet sich zu einer weiteren
Der der Frage zugrundeliegende Einzelfall betraf Zusatzfrage.)
aber eine dienstliche Äußerung eines Offiziers auf
einer dienstlichen Veranstaltung, die Anlaß zur Präsident von Hassel: Eine Sekunde. Herr Ott,
Mißdeutung geben konnte und gab. Aus diesem ich muß zunächst klären, ob die Fragen 61 und 62
Grunde erschien eine Belehrung des Soldaten an- zusammen beantwortet worden sind.
gebracht. Der hierauf bezogene Teil meiner Äuße-
rung lautete dementsprechend: „Oberst X hätte sich
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim
daher auf klare, für den dienstlichen Zweck notwen- Bundesminister der Verteidigung! Nein, Herr Prä-
dige und unmißverständliche Darlegungen beschrän-
sident.
ken müssen."

Präsident von Hassel: Dann dürfen Sie, Herr


Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage des Kollege Ott jetzt keine Zusatzfrage mehr stellen.
Abgeordneten Ott. Ich rufe die Frage 62 des Abgeordneten Ott auf:
Wie steht die Bundesregierung zu dem im Grundgesetz ver-
Ott (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, da Sie vor- bürgten Recht auf freie Meinungsäußerung von Politikern und
Staatsbürgern in Uniform, wenn diese nicht regierungskonform
hin davon sprachen, daß die Politik der Bundesregie- sind?
rung nicht durch Äußerungen von Offizieren oder
Politikern gestört werden darf, frage ich Sie: Maßen Sie können anschließend noch Zusatzfragen stel-
Sie sich an, darüber zu entscheiden, was Politiker len. — Bitte schön, Herr Parlamentarischer Staats-
sagen dürfen und was Sie dann als gestört empfin- sekretär!
den?
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister der Verteidigung: Herr Präsident,
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim ich beantworte die Frage folgendermaßen. Der Sol-
Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege,
renn Sie sich den Satz noch einmal im Protokoll dat hat wie jeder andere Staatsbürger das Recht,
seine eigene Meinung in Wort, Schrift und Bild frei
ansehen, werden Sie feststellen, daß ich gesagt habe:
zu äußern (Art. 5 Abs. 1 des Grundgesetzes und
„nicht durch Äußerungen von Bundeswehroffizieren
§ 6 Abs. 1 des Soldatengesetzes). Dieses Recht
oder auch Politikern in der Öffentlichkeit gestört
schließt eine eigene politisch-kritische Stellung-
werden sollten". Ich maße mir weder eine Zensur
noch eine Kritik einer Äußerung eines Politikers nahme ein, auch wenn sie nicht mit den Ziel-
oder eines Soldaten, sofern er sie als Staatsbürger setzungen der Bundesregierung übereinstimmt.
tut, an. Das Grundrecht der freien Meinungsäußerung
kann jedoch nicht schrankenlos ausgeübt werden
(Art. 5 Abs. 2 des Grundgesetzes). Es findet seine
Präsident von Hassel: Eine zweite Zusatz- verfassungsrechtlichen Grenzen u. a. in den Vor-
frage des Abgeordneten Ott. schriften der allgemeinen Gesetze, wie z. B. dem
Soldatengesetz. Danach ist das staatsbürgerliche
Ott (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, können Sie Recht der freien Meinungsäußerung für den Sol-
mir widersprechen, wenn ich aus dieser Ihrer Äuße- daten im Rahmen der Erfordernisse des militärischen
rung den Schluß ziehe, daß Sie sich mit Ihrer For- Dienstes durch seine gesetzlich begründeten Pflich-
mulierung gegen die Meinungsfreiheit von Abge- ten beschränkt. Unabhängig davon, ob sich der Sol-
ordneten wenden? dat politisch oder unpolitisch äußert, hat er bei jeder
persönlichen Meinungsäußerung innerhalb und
außerhalb des dienstlichen Bereichs insbesondere
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim die Pflicht zur Loyalität gegenüber dem Dienstherrn
Bundesminister der Verteidigung: Ich kann Ihnen (§ 7 des Soldatengesetzes), zur Verschwiegenheit
widersprechen. Ich beantworte Ihre Frage mit Ja. (§ 14 des Soldatengesetzes) und zum achtungswür-
digen Verhalten (§ 17 Abs. 2 des Soldatengesetzes).
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage des Hinzu kommt die Pflicht, im Dienst und innerhalb
Abgeordneten Niegel. dienstlicher Unterkünfte jede einseitige politische
2652 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970
Parlamentarischer Staatssekretär Berkhan
Beeinflussung anderer Soldaten zu unterlassen (§ 15 Akte auf einer anderen Seite trägt das Datum vom
des Soldatengesetzes). Bei Äußerungen im Rahmen 21. April. Ich konnte davon ausgehen, daß der Fall,
eines dienstlichen Auftrags, z. B. bei Vorträgen als da die Notiz vom 21. April mit dem Vermerk „Ist
offizieller Vertreter der Bundeswehr in der Öffent- erledigt" versehen ist, wirklich erledigt ist. Aus
lichkeit, handelt der Soldat nicht in Ausübung seines Ihrer Frage schließe ich, daß Zweifel vorhanden
staatsbürgerlichen Grundrechts auf Meinungsfrei- sind. Ich werde erneut in die Prüfung eintreten und
heit, sondern als Soldat im Dienst. Bei der Abgabe Sie von dem Prüfungsergebnis unterrichten.
einer Stellungnahme ist er durch den ihm erteilten Über Fragen des Geschmacks, Herr Kollege, steht
dienstlichen Auftrag gebunden. mir kein Urteil in diesem Hause zu. Wenn ein
Brief, den ich an einen Herrn adressiert habe, des-
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage des sen Namen ich hier nicht nennen möchte — Sie
Abgeordneten Ott. haben anscheinend eine Ablichtung dieses Briefes
in der Hand —, den ich also namentlich abgesandt
Ott (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, angesichts habe, hinterher in der Presse abgedruckt ist, dann
Ihrer Darlegungen über die Meinungsfreiheit von wollen Sie das bitte nicht mir anlasten. Das müssen
Offizieren sowohl innerhalb als auch außerhalb des Sie demjenigen anlasten, der den Brief empfangen
Dienstes frage ich Sie: War Ihnen die Äußerung des und an die Presse weitergegeben hat. Nehmen sie
fraglichen Obersten bekannt, als Sie diese Beleh- von mir die Versicherung entgegen, daß ich diesen
rung verfügten? In dem Zeitungsbericht steht näm- Brief nicht an die Presse gegeben habe. Unabhängig
lich, daß nach Auffassung der Augsburger Jung- davon bin ich bereit, Ihnen den Brief zu zeigen;
sozialisten Gedankengänge geäußert wurden, die in ihm steht nichts Sonderliches.
Sie kritisiert haben, ohne sie gekannt zu haben.
Präsident von Hassel: Ich rufe die Frage 63
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim des Abgeordneten Bremer auf. — Der Fragesteller
Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege, ich ist nicht im Saal; die Frage wird schriftlich beant-
habe die Belehrung des Obersten nicht verfügt, son- wortet, ebenfalls die Frage 64.
dern ich habe nur mitgeteilt, daß der Oberst belehrt
wird. Die Verfügung der Belehrung ist von einer Ich rufe die Frage 65 des Abgeordneten Wagner
militärischen Dienststelle getroffen worden, und ich (Günzburg) auf:
finde in den Akten, die ich Ihnen als Person hinter- Treffen Pressemeldungen zu, wonach in diesem Jahr Abiturien-
ten, die zum Jahresende aus dem Grundwehrdienst entlassen
her gern zeigen will, den Vermerk: „Wird durch werden, nicht zur Aufnahme ihres Studiums vorzeitig beurlaubt
... belehrt" und: „Ist erfolgt", jeweils abgezeichnet werden?
durch einen Offizier von hohem Dienstgrad. Ich Zur Beantwortung Herr Parlamentarischer Staats-
habe nur mitgeteilt, daß diese Belehrung erfolgen sekretär.
wird. Meine Mitteilung ist erfolgt als die Belehrung
nach menschlichem Ermessen stattgefunden haben
mußte. Der Vermerk trägt ein Datum. Mein Brief Berkhan, 'Parlamentarischer Staatssekretär beim
ging einen Tag später ab. Ich habe mich so vorsich- Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege, ich
tig ausgedrückt, weil ich mich nicht rückversichern beantworte Ihre Frage folgendermaßen. Das Bundes-
konnte, ob die Belehrung wirklich stattgefunden ministerium der Verteidigung verhandelt seit dem
hatte. 23. März erneut mit Vertretern der Ständigen Kon-
ferenz der Kultusminister der Länder und der West-
Die Äußerungen waren durch den direkten Vor-
deutschen Rektorenkonferenz über Möglichkeiten
gesetzten und durch den nächsten Vorgesetzten
für eine Lösung des Problems eines nahtlosen Über-
dieses Soldaten untersucht worden. Aus der Akten-
gangs vom Wehrdienst zum Studium. Das Bundes-
lage geht eindeutig und klar die Stellungnahme der
ministerium der Verteidigung hat einen Lösungs-
Vorgesetzten dieses Oberst einschließlich des Füh-
vorschlag vorgelegt, der sowohl die sicherheitspoli-
rungsstabs Bundeswehr und des Führungsstabs Heer
tischen und wehrpsychologischen Erfordernisse als
hervor. Darauf basiert meine Antwort.
auch die berechtigten Interessen der anderen Be-
troffenen angemessen berücksichtigt. Ich schließe
Präsident von Hassel: Zur letzten Zusatzfrage die Abiturienten ein.
Herr Abgeordneter Ott.
Die Vertreter der Kultusminister- und der Rekto-
renkonferenz sicherten zu, ihre Institutionen noch
Ott (CDU/CSU) : Herr 'Staatssekretär, halten Sie im Mai mit dem Vorschlag zu befassen und auf ihre
es für richtig, daß andere eine briefliche Nachricht Zustimmung hinzuwirken.
über die Belehrung bekommen und dies der Presse
mitteilen, aber der zu Belehrende zu diesem Zeit- Ohne die Entscheidungen der Kultusminister- und
punkt noch nicht belehrt worden ist und davon der Rektorenkonferenz beeinflussen oder auch nur
nichts wußte? ein Präjudiz schaffen zu wollen, kann schon jetzt
festgestellt werden, daß der Bundesminister der
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim Verteidigung alles tun wird, um den wehrdienst-
Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege, ich leistenden Studienbewerbern solcher Fachrichtun-
habe Ihnen das gerade erklärt. Mein Brief trägt gen, die mit ihrem Studium nur im Wintersemester
das Datum vom 23. April, jedenfalls nach der Akte, beginnen können, unnötige Wartezeiten zu erspa-
die mir vorliegt. Die Belehrungsnotiz in der gleichen ren.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2653

Präsident von Hassel: Zu einer Zusatzfrage Herr Kollege, ich beantworte Ihre Frage folgender-
Herr Abgeordneter Wagner. maßen. Die Bundesregierung geht davon aus, daß
Fahrkosten- und Verpflegungszuschußregelungen
Wagner (Günzburg) (CDU/CSU) : Herr Staats- bei Vorliegen gleicher Verhältnisse grundsätzlich
sekretär, sehen Sie eine Möglichkeit, diese Verhand- für Soldaten, Beamte und Arbeitnehmer nicht unter-
lungen so zu beschleunigen, daß die von Ihnen schiedlich gestaltet werden sollten. Die bestehenden
angedeuteten Härten mit Beginn des Winterseme- Regelungen — und hier sind die Trennungsgeldver-
sters nicht auftreten? ordnung und die Fahrkostenzuschußregelung des
Bundesministers des Innern zu erwähnen — sind
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim auch gleichermaßen auf die Personengruppen anzu-
Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege, ich wenden. Aus der Zeit des Aufbaus der Bundeswehr
hoffe, daß die langfristige Lösung, die ab 1971 Platz bestehen aus arbeitsrechtlichen Gründen zum Teil
greifen soll, durch die. Kultusminister- und die noch Sonderbestimmungen als Besitzstandsmaß-
Rektorenkonferenz angenommen wird. Dann wür- nahme für Arbeitnehmer weiter.
den wir als Übergangslösung für die im Juli ein- Das Problem der Fahrkostenzuschüsse ist im übri-
berufenen studienwilligen Abiturienten zum 15. Ok- gen im Rahmen der kritischen Bestandsaufnahme der
tober Beurlaubungen vornehmen und dafür sorgen, Bundeswehr geprüft worden. Die Bundesregierung
daß diese Härten beseitigt werden. Aber vorher beabsichtigt, die Zuschüsse zu verbessern. Ich ver-
muß es zu einer generellen Lösung auf längere weise insoweit auf die Ausführungen auf Seite 109
Frist kommen. des Weißbuches der Bundesregierung.
Ersparen Sie mir bitte, den Vorschlag des Mini- Die Vorschläge der vertragschließenden Gewerk-
steriums hier vorzutragen, da wir in Verhandlun- schaften werden ebenfalls zu prüfen sein.
gen stehen. Sie wissen, Verhandeln bedeutet, daß
man notfalls einem günstigen Kompromiß zu einem
günstigen Zeitpunkt zustimmt. Wenn ich hier schon Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage des
Abgeordneten Dröscher.
etwas über unser Verhandlungsthema sagte, be-
stünde die Gefahr, daß der Kompromiß so weit hin-
ausgeschoben würde, daß für uns eine schwer er- Dröscher (SPD) : Ist damit zu rechnen, Herr
trägliche Grenze erreicht würde. Staatssekretär, daß die Vereinbarungen mit den Ge-
werkschaftsvertretern noch in diesem Jahr zustande
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage des kommen?
Herrn Abgeordneten Ott.
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Ott (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, darf aus Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege, Sie
Ihren letzten Ausführungen hoffnungsvoll geschlos- wissen, daß erstens Verhandlungen es immer mit
sen werden, daß die zum Jahresende 1970 zu ent- sich bringen, daß Termine wichtiger Personen auf-
lassenden Wehrpflichtigen bereits Mitte Oktober einander abgestimmt werden müssen, und daß zwei-
entlassen werden und damit das Studium an der tens Verhandlungen unter Umständen nicht an
Technischen Hochschule beginnen können? einem einzigen Termin zu Ende geführt werden
können.
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim Ich gehe davon aus — ich betone: ich —, daß wir
Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege, dieses Jahr noch zu einem Abschluß kommen. Ich
wenn die langfristige Lösung angenommen wird möchte aber davon absehen, Ihnen zuzusagen, daß
— diese Einschränkung möchte ich noch einmal ma- die Sache bis zum Ende des Jahres endgültig gere-
chen —, gehe ich davon aus, daß die studienwilligen gelt ist.
Abiturienten zum 15. Oktober 1970 für diesen Zweck
freigestellt werden. Ob sie entlassen oder beurlaubt
Präsident von Hassel: Keine Zusatzfrage. Wir
werden, ist für den einzelnen Soldaten uninteressant. sind am Ende Ihres Geschäftsbereiches angelangt. Ich
Wesentlich ist, daß er sein Studium aufnehmen
darf Ihnen, Herr Parlamentarischer Staatssekretär,
kann. Es ist nicht sehr wichtig für den Betroffenen,
für die Beantwortung danken.
welchen Status er hat. -
Wir kommen zum Geschäftsbereich des Bundes-
ministers für Familie, Jugend und Gesundheit. Ich
Präsident von Hassel: Ich rufe die Frage 66 rufe die Fragen 67 und 68 des Abgeordneten Peter-
des Abgeordneten Dröscher auf: sen auf. Er ist nicht im Saal. Die Fragen werden
Wie weit sind die Bemühungen des Bundesverteidigungs- schriftlich beantwortet.
ministeriums gediehen, den gewerkschaftlichen Vorschlägen und
der beim Truppendienst erwiesenen Notwendigkeit nachzukom- Ich rufe die Frage 69 des Abgeordneten Leicht
men, Fahrkostenersatz und Verpflegungszuschuß für Soldaten
und für Zivilbeschäftigte gleich zu regeln? auf. Er ist nicht anwesend, da er im Haushaltsaus
Zur Beantwortung Herr Parlamentarischer Staats- schuß ist. Die Frage wird schriftlich beantwortet.
sekretär. Ich rufe die Frage 70 des Abgeordneten Niegel
auf:
Welche Stellung nimmt die Bundesregierung zum Ergebnis
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim der Untersuchung von Dr. Dietrich Oeter vom Hygienischen In-
stitut der Gesundheitsbehörde Hamburg ein, wonach festgestellt
Bundesminister der Verteidigung: Herr Präsident! wurde, daß bei Bewohnern der oberen Stockwerke von Hoch-
2654 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Präsident von Hassel


häusern die Krankheitsgefahren gegenüber den in den unteren
Stockwerken wohnenden größer sind, und welche Konsequenzen
Niegel (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, nicht
zieht sie daraus in ihrer Städte- und Wohnungspolitik? daß ich mißverstanden werde: ich möchte fragen, ob
dann die Tendenz bestehen wird, weniger derartige
Zur Beantwortung Herr Parlamentarischer Staats-
Hochhäuser und mehr geringergeschossige Häuser
sekretär Westphal.
zu errichten.
Westphal, Parlamentarischer Staatssekretär beim Westphal, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Jugend, Familie und Gesund-
Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit:
heit: Herr Kollege Niegel, das Bundesministerium
Ich glaube nicht, daß ich jetzt darauf eine positive
für Jugend, Familie und Gesundheit mißt der ge-
Antwort geben könnte. Mir scheint, daß dazu wirk-
sundheitspolitischen Problematik des Wohnens in
lich erst konkrete Forschungsergebnisse das bestä-
Hochhäusern große Bedeutung bei. Bereits in der
tigen müssen, was einige Wissenschaftler heraus-
im Juli 1969 vom damaligen Bundesminister für
gearbeitet haben. Bis jetzt ist das Feld, auf dem wir
Familie und Jugend unter dem Titel „Mütter und
uns dort befinden, doch noch zu unsicher.
Kinder in der Bundesrepublik Deutschland" heraus-
gegebenen Analyse der Ergebnisse einer Stichprobe
über die Situation erwerbstätiger und nicht erwerbs- Präsident von Hassel: Ich kann mir vorstel-
tätiger Mütter sowie ihrer Kinder wurde in dem len, daß wir aus unserem eigenen Abgeordneten-
Beitrag von Dr. med. Dietrich Oeter über die Wohn- haus einige Erfahrungen beisteuern können, Herr
verhältnisse und Wohnwünsche auf die gesundheit Parlamentarischer Staatssekretär.
liche Gefährdung hingewiesen, insbesondere auf Eine Zusatzfrage des Abgeordneten Moersch.
häufige Infektionen der Atemwege der Kinder und
psychoneurotische Störungen der Mütter. Inzwi- Moersch (FDP) : Herr Staatssekretär, falls sich
schen liegen mehrere Untersuchungen zu dieser bei den Untersuchungen herausstellen sollte, daß
Frage vor, die jedoch nicht zu einem einheitlichen es sich um eine besondere Art der Höhenkrankheit
Ergebnis kommen. Mit diesem Problemkreis soll handelt, würde das irgendwelche Konsequenzen für
sich eine im Bundesministerium für Jugend, Familie höher gelegene Gebiete in Deutschland haben?
und Gesundheit inzwischen neugebildete Arbeits-
gruppe unter maßgeblicher Beteiligung des Bundes-
ministeriums für Städtebau und Wohnungswesen
Westphal, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit:
eingehend befassen.
Herr Kollege Moersch, soviel ich aus den Erfahrun-
Die Bundesregierung wird weiterhin ihre Städte- gen mit der Höhenkrankheit weiß, ist das eine sehr
und Wohnungsbaupolitik danach ausrichten, ge- belebende und interessante Krankheit. Ich habe das
sunde Städte und gesunde Wohnungen zu schaffen. einmal als Flieger erlebt. Insofern würde ich sagen,
Dazu dient auch ein umfangreiches Forschungspro- daß wir auch hier erst noch abwarten sollten, ob
gramm. das Konsequenzen für höher gelegene Gegenden
Diese Antwort ist mit dem Bundesminister für in unserem Land haben könnte.
Städtebau und Wohnungswesen abgestimmt.
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage, Herr
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage des Abgeordneter Dasch.
Abgeordneten Niegel.
Dasch (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, sind in
Niegel (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, wird Ihrem Ministerium Ergebnisse von Untersuchungen
man, wenn sich nach Ihren Worten erhärten sollte, über die Auswirkung von Baustoffen auf die Ge-
daß dort Gefahren für die Gesundheit bestehen, vom sundheit vorhanden, oder haben Sie für die Zu-
Städtebaulichen und Wohnungsbaulichen her die kunft wissenschaftliche Untersuchungen vorgese-
Konsequenzen ziehen und den Bau von solchen
hen?
Hochhäusern eindämmen und dafür mehr andere
Häuser errichten?
Westphal, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Westphal, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Jugend, Familie und Gesund-
Bundesminister für Jugend, Familie und Gesund-- heit: Die Frage bezüglich der Baustoffe müßte ich
heit: Ich glaube nicht, daß ich Ihnen zusagen kann, an das Ministerium verweisen, das auf diesem
daß es eine Wohnungsbaulösung gibt, die obere Gebiet Forschungsarbeit leistet. Wir sind hier vor-
Stockwerke abschafft. Es wird immer mehr höhere rangig unter gesundheitlichen Gesichtspunkten ge-
als niedrige Häuser geben, auch bei künftigen fragt worden. Wir werden das immer nur zusam-
Wohnvierteln. Aber ich möchte Ihnen zusagen, daß men mit dem Minister für Städtebau und Woh-
es sicher auch eine Rückwirkung auf die Diskussion nungswesen tun können. Ich könnte Ihnen im ein-
künftiger Wohnungsbaupolitik haben wird, wenn zelnen nicht sagen, ob es solche Untersuchungser-
Forschungsergebnisse solche Dinge bestätigen, wie gebnisse gibt. Was ich beantworten könnte, wäre
sie hier von einigen Wissenschaftlern als Ergeb- die Frage im Sinne des ersten Fragestellers, welche
nisse ihrer Forschungsarbeit vorgelegt wurden. Veröffentlichungen über Forschungsergebnisse oder
Meinungsäußerungen der Wissenschaftler es zu der
Präsident von Hassel: Eine weitere Zusatz- von Ihnen gestellten Frage gibt. Ich stelle Ihnen
frage des Abgeordneten Niegel. das später gern zur Verfügung.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2655

Präsident von Hassel: Ich rufe die Frage 71 von Ihnen genannten Art nicht mehr aufkommen
des Abgeordneten Dr. Arnold auf. — Er ist nicht lassen. Darüber hinaus muß die Sozialplanung mehr
im Saal; die Frage wird schriftlich beantwortet, und mehr Anerkennung und Beachtung finden. Dies
ebenso die Frage 72 dieses Abgeordneten. wird dazu beitragen, daß künftig schon im frühest-
möglichen Stadium der Planung bzw. der Erstellung
Ich rufe die Frage 73 des Abgeordneten Dasch auf: von Bebauungsplänen gerade auch die Jugend- und
Sind der Bundesregierung die Klagen der Bewohner soge- Sozialämter eingeschaltet werden und ihren berech-
nannter Entlastungsstädte oder neuer Großsiedlungen, wie z. B. ten Anliegen Rechnung getragen wird.
München-Perlach, bekannt, daß mehrfach nicht genügend Kinder-
gärten, Spielplätze und Sportanlagen für die Kinder eingeplant
wurden?
Präsident von Hassel: Keine Zusatzfrage. Wir
Zur Beantwortung der Herr Parlamentarische sind am Ende Ihres Geschäftsbereichs angelangt. Ich
Staatssekretär. darf Ihnen danken, Herr Parlamentarischer Staats-
sekretär.
Westphal, Parlamentarischer Staatssekretär beim Wir kommen zum Geschäftsbereich des Bundes-
Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit: ministers für Städtebau und Wohnungswesen. Ich
Herr Kollege Dasch, auch diese Antwort wird im rufe die Frage 86 des Abgeordneten Dichgans auf. —
Einvernehmen mit dem Bundesminister für Städte- Der Fragesteller ist nicht im Saal. Die Frage wird
bau und Wohnungswesen gegeben. schriftlich beantwortet, Frage 87 des Abgeordneten
Dichgans ebenfalls.
Nicht ausreichende Sozialplanung in einzelnen
Ich rufe die Frage 88 des Abgeordneten Mertes
Entlastungsstädten oder neuen Großsiedlungen
wird zur Zeit öffentlich diskutiert. Dabei erörterte auf. — Er ist nicht anwesend. Die Frage wird schrift-
Unzulänglichkeiten sind der Bundesregierung be- lich beantwortet.
kannt. Möglichkeiten unmittelbarer Einflußnahme Ich rufe die Frage 89 des Abgeordneten Dr. Jobst
hat die Bundesregierung hinsichtlich der angespro- auf:
Trifft es zu, daß die Mieten für Bundesbedienstetenwohnungen
chenen Beanstandungen aus verfassungsrechtlichen für Soldaten und Zivilbedienstete, die mit Bundesdarlehen er-
Gründen nicht. richtet wurden, durch die jüngsten beträchtlichen Anhebungen
eine Erhöhung von bisher insgesamt 80 Prozent erfahren haben?
Alle von Ihnen genannten Einrichtungen sind in
Zur Beantwortung Herr Parlamentarischer Staats-
der nicht erschöpfenden Aufzählung des § 5 Abs. 1
sekretär Ravens.
des Jugendwohlfahrtsgesetzes als für die Wohl-
fahrt der Jugend erforderliche Einrichtungen erfaßt.
Die Durchführung dieses Gesetzes obliegt jedoch
Ravens, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Städtebau und Wohnungswesen:
nach Art. 83 des Grundgesetzes den Ländern als
Herr Präsident! Herr Kollege, Ihre Frage beantworte
1 eigene Aufgabe. Ihnen obliegt — speziell in § 78
ich wie folgt. In jüngster Zeit sind verschiedentliche
des Jugendwohlfahrtsgesetzes geregelt — die Auf-
Fälle von Mietanhebung bekanntgeworden, in
sicht über Heime und Einrichtungen, in denen Min-
denen Bundesdarlehenswohnungen u. a. mit Spar-
derjährige dauernd oder zeitweise, ganztägig oder
kassenhypotheken finanziert worden sind und die
für einen Teil des Tages, jedoch regelmäßig, betreut
Sparkassen auf Grund einer vereinbarten Zinsgleit-
werden oder Unterkunft erhalten. Die verfassungs-
klausel ihren Zinssatz angehoben haben. Es dürfte
rechtlichen Möglichkeiten der Bundesregierung sind sich erfahrungsgemäß um relativ wenige Wohnun-
auf die Bundesaufsicht gemäß Art. 84 Abs. 3 des gen handeln, die davon betroffen sind, zumal nach
Grundgesetzes beschränkt. Daneben bleibt der Bun- allgemeinen Feststellungen der überwiegende Teil
desregierung lediglich die Möglichkeit, Anregungen der Sparkassenhypotheken zur Finanzierung von
zu geben. Eigenheimen eingesetzt worden ist.
Die Bundesregierung hat darüber hinaus auf dem Der Umfang etwaiger sich aus der Anhebung der
in die Gesetzgebungskompetenz der Länder fallen- Sparkassenzinsen ergebender Mieterhöhungen rich-
den Gebiet des Bauwesens an der Erarbeitung einer tet sich wesentlich nach der Höhe der Hypothek für
Musterbauordnung mitgewirkt. Darin wird den von das betreffende Objekt und nach der Anhebung des
Ihnen gerügten Unzulänglichkeiten vorgebeugt. Zinssatzes. Sofern in einem konkreten Fall die Miete
Sache der Landesgesetzgeber ist es, die hierbei ge- infolge einer Erhöhung des Sparkassenzinses und
wonnenen Erkenntnisse im Wege des Landesrechts anderer mieterhöhender Faktoren, z. B. des Weg-
zu verwirklichen. falls der für .die Dauer von fünf Jahren ab Bezugs-
Um vorbildliche städtebauliche Lösungen aufzu- fertigkeit gewährten Aufwendungszuschüsse oder
zeigen und Kostensenkungen durch rationelle Pla- Erhöhung der Grundsteuer nach Ablauf von zehn
nung und Bauausführung bei gleichzeitiger Steige- Jahren oder höherer Kommunalabgaben, unange-
rung der Güte und Produktivität zu erreichen, hat messen erhöht worden sein sollte, bin ich gerne be-
die Bundesregierung Grundsätze für sogenannte reit, nähere Einzelheiten nachprüfen zu lassen.
Demonstrativ-Bauvorhaben geschaffen, deren Ein- Prozentuale Angaben über Mieterhöhungen haben
haltung Voraussetzung dafür ist, für die Durchfüh- nur relativen Aussagewert. Je niedriger die Miete
rung eines Demonstrativ-Bauvorhabens zweckge- beim Erstbezug der Wohnung war, um so höher wirken
bundene Bundessondermittel zu erhalten. sich, prozentual gesehen, spätere Mieterhöhungen
Die Bundesregierung ist überzeugt, daß diese aus. In Anlehnung an die Mietsätze des sozialen
Grundsätze in Verbindung mit der finanziellen För- Wohnungsbaus lagen z. B. bei den Ende der fünf-
derung, auf die Dauer gesehen, Beanstandungen der ziger Jahre geförderten Bundesdarlehenswohnungen
2656 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970
Parlamentarischer Staatssekretär Ravens
einfacher Ausstattung die Mieten bei 1,35 DM per Ravens, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Quadratmeter Wohnfläche und Monat. Bei Annahme Bundesminister für Städtebau und Wohnungswesen:
einer Mieterhöhung von 80 v. H. seit Bezugsfertig- Ich glaube nicht, daß eine der Ursachen für die
keit ergäbe sich bei einer solchen Wohnung heute geringere Begehrtheit von Bundesbedienstetenwoh-
eine Miete von 2,43 DM. Soweit Bundesbedienste- nungen Mietkosten sein können. Im Gegenteil, wir
tenmieten in einzelnen Standorten im Hinblick auf haben viel zuwenig Wohnungen. Wir müssen im
die sozialen Mieten unangemessen hoch erscheinen, Bereich der Bundeswehr nach Aussage des Weiß-
wird jeweils geprüft, ob eine Anpassung notwendig buches bis 1973 etwa 27 000 Wohnungen bauen; so
ist. groß ist die Nachfrage.
Eine der Fragen, die dabei entstehen, ist die häu-
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage, der fig nicht mehr zeitgemäße Ausstattung. Eine zweite
Abgeordnete Dr. Jobst. Frage ergibt sich aus den Differenzen, die im Ver-
hältnis von Soldaten und Belegrecht der Bundeswehr
Dr. Jobst (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ist in die Wohnung hinein auf der einen Seite und der
Ihnen bekannt, daß in zahlreichen Standorten wegen privaten Vermieter auf der anderen Seite auf-
dieser Mieterhöhungen eine beträchtliche Unruhe treten.
unter ,den Angehörigen der Bundeswehr und unter
den Bundeswehrbediensteten herrscht? Präsident von Hassel: Eine dritte Zusatzfrage,
der Abgeordnete Dr. Jobst.
Ravens, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Städtebau und Wohnungswesen: Dr. Jobst (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ge-
Ja. Es gibt in einigen Standorten solche Erhöhun- ben Sie mir recht, daß die Verhältnisse strukturell
gen. Ich glaube, ich kann in der Antwort auf Ihre verschieden sind, nämlich anders in den ländlichen
zweite Frage, wenn ich sie jetzt beantworten darf, Bereichen als in den Ballungszentren?
auf die Möglichkeiten hinweisen.
Ravens, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Präsident von Hassel: Wollen wir das mitein- Bundesminister für Städtebau und Wohnungswesen:
ander verbinden? Ich rufe auch die Frage 90 des Ab- Das trifft nicht nur auf die Bundesbedienstetenwoh-
geordneten Dr. Jobst auf: nungen zu, das trifft auf die gesamte Wohnungs-
situation in Deutschland zu.
Was beabsichtigt die Bundesregierung zu unternehmen, um
den Angehörigen der Bundeswehr Wohnungen mit angemessenen
Mieten zu beschaffen?
Präsident von Hassel: Keine weitere Zusatz-
frage.
Ravens, Parlamentarischer Staatssekretär beim Die Fragen 91 und 92 sind beantwortet.
Bundesminister für Städtebau und Wohnungswesen:
Die von der Bundesregierung beabsichtigten Maß- Ich danke Ihnen für die Beantwortung Ihrer Fra-
nahmen, mit denen für alle Bundesbediensteten das gen, Herr Parlamentarischer Staatssekretär.
Wohnungsproblem besser gelöst werden soll, sind Ich rufe den letzten Geschäftsbereich der heutigen
unter der Textziffer 129 des vom Herrn Bundes- Fragestunde auf, den Geschäftsbereich des Bundes-
minister der Verteidigung herausgegebenen Weiß- ministers für Bildung und Wissenschaft.
buchs 1970 zur Sicherheit der Bundesrepublik
Deutschland und zur Lage der Bundeswehr darge- Frage 93 des Herrn Abgeordneten Dr. Jungmann
stellt. Danach wird der Bau noch benötigter Woh- wird auf seine Bitte hin schriftlich beantwortet.
nungen mit Nachdruck vorangetrieben. Eine weitere Ich rufe Frage 94 der Abgeordneten Frau Dr. Walz
Erleichterung ist auch durch das im Entwurf bereits auf:
vorliegende Zweite Wohngeldgesetz zu erwarten, War das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft nach
dem sehr ausführlichen Hearing vor dem Ausschuß für Bildung
das dazu dienen soll, erkennbar gewordene Här- und Wissenschaft mit sämtlichen Gruppen der zukünftigen
ten zu beseitigen. Vorher jedoch schon sollen alle Gesamthochschule und, nachdem die Vorstellungen dieser Grup-
pen zumeist im Druck vorliegen, nicht in der Lage, „konkrete
Bundesbediensteten der Besoldungsgruppen von A 1 Formulierungsvorschläge sowie Hinweise darüber, wo Kompro-
bis A 9 einen Ausgleich für solche Mietbelastungen misse möglich sind" zu erarbeiten, so daß diese Besprechungen,
wie der Frankfurter Rundschau vom 30. April 1970 zu entnehmen
erhalten, die 18 v. H. der Dienstbezüge — Grund- war, in diesem Ministerium mit derselben Besetzung fortgesetzt
werden mußten?
gehalt und Ortszuschlag — überschreiten. Die
Richtlinien dazu werden zur Zeit vom Herrn Bun- Zur Beantwortung Herr Parlamentarischer Staats-
desminister des Innern ausgearbeitet. sekretär Dr. von Dohnanyi.

Präsident von Hassel: Eine weitere Zusatz- Dr. von Dohnanyi, Parlamentarischer Staats-
frage, der Abgeordnete Dr. Jobst. sekretär beim Bundesminister für Bildung und Wis-
senschaft: Herr Präsident! Die gegenwärtigen Be-
sprechungen im Bundesministerium für Bildung und
Dr. Jobst (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ist Wissenschaft über die Thesen zum Hochschulrah-
Ihnen bekannt, daß vielfach heute schon Bundes- mengesetz dienen dazu, bestimmte Sachfragen, die
bedienstetenwohnungen nicht belegt sind, weil sie n den vorangegangenen Anhörungen des Bundes-
auf Grund dieser aufgezeigten Mieterhöhungen nicht tagsauschusses für Bildung und Wissenschaft offen-
begehrt sind? geblieben sind, zwischen den beteiligten und betrof-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2657
Parlamentarischer Staatssekretär Dr. von Dohnanyi
fenen Gruppen und der Bundesregierung zu er- Präsident von Hassel: Eine zweite Zusatz-
örtern und zu klären. Diese Erörterung ist den frage, Frau Abgeordnete Dr. Walz.
Beteiligten zu Beginn der Bundestagsanhörung in
Aussicht gestellt und von ihnen auch nachdrücklich Frau Dr. Walz (CDU/CSU) : Der Sprecher Ihres
begrüßt worden. Im Rahmen einer vom Bundestag Ministeriums, Herr Parlamentarischer Staatssekre-
veranstalteten Anhörung, Frau Kollegin Walz, be- tär, hat also nicht erklärt - und es war ein Irrtum
steht die Möglichkeit zu einer solchen Diskussion der Zeitung — daß Sie sich bestimmte Gesetzes-
,

ja nicht. Insofern liegt — worauf auch der erwähnte texte vorformulieren lassen wollten?
Zeitungsbericht hinweist — in den gegenwärtigen
Besprechungen keine Wiederholung etwa der An- Dr. von Dohnanyi, 'Parlamentarischer Staats-
hörung des Bundestagsausschusses. Vielmehr er- sekretär beim Bundesminister für Bildung und Wis-
gänzen sich beide Verfahren, die völlig verschie- senschaft: Es war ein Irrtum der Zeitung, Frau
dene, jeweils auf andere Ziele ausgerichtete Zwecke Kollegin.
haben, so scheint mir, in sinnvoller Weise.
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage, Herr
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage, Frau Abgeordneter Moersch.
Abgeordnete Dr. Walz.

Frau Dr. Walz (CDU/CSU) : Herr Parlamenta- Moersch (FDP) : Herr Staatssekretär, können Sie
rischer Staatssekretär, halten Sie es — um mich auf uns bestätigen, daß es ein ständiges Problem der
denselben Zeitungsartikel zu beziehen — für die parlamentarischen Demokratie ist, :Sachverständige
Aufgabe der Bundesregierung, sich von Gruppen, anhören zu müssen, die zugleich Interessenten sind?
die naturgemäß jeweils ihr Eigeninteresse vertreten
und die sich gerade auf dem Hochschulsektor zu den Dr. von Dohnanyi, Parlamentarischer Staats-
merkwürdigsten Kampfverbindungen zusammenge- sekretär beim Bundesminister für Bildung und Wis-
schlossen haben, den Wortlaut eines Gesetzes vor- senschaft: Ich bin sicher, Herr Kollege Moersch, daß
formulieren zu lassen — wie Ihr Sprecher dort ge- ich das bestätigen kann, und ich bin sicher daß auch
sagt hat —, bzw. es von deren Kompromißbereit- Frau Kollegin Walz hiermit übereinstimmt.
schaft abhängig zu machen, ob die Freiheit von
Forschung und Lehre vor Beeinträchtigung besser
Präsident von Hassel: Ich rufe die Frage 95
als bisher geschützt werden kann und ob insbeson
der Abgeordneten Frau Dr. Walz auf:
dere die verschiedene Forschungsstrukturierung der
Natur- und Geisteswissenschaften besser als bisher Beinhaltet die „Milieu-Quote", die nach einer Meldung der
Frankfurter Rundschau vom 30. April 1970 vom Bundesministe-
im Hearing berücksichtigt werden kann? rium für Bildung und Wissenschaft neben dem Losverfahren im
Rahmen des Numerus clausus in Erwägung gezogen wird, daß
bei gleichen Leistungen Studenten aus den sozial benachteiligten
Präsident von Hassel: Es ist mir nicht ganz Schichten vorrangig zugelassen werden, oder beinhaltet sie, daß
in diesen Fällen geringere Leistungen für eine Zulassung aus-
möglich, zu klären, ob es nur eine Zusatzfrage war reichend sind?
oder ein ganzes Bündel.
Zur Beantwortung, bitte!
Frau Dr. Walz (CDU/CSU) : Es war eine Zusatz-
frage, deren zweiter Teil mit „beziehungsweise" an- Dr. von Dohnanyi, Parlamentarischer Staats-
geschlossen war, Herr Präsident. sekretär beim Bundesminister für Bitdung und Wis-
senschaft: Bei den Überlegungen, die im Zusammen-
Präsident von Hassel: Ja. Bitte schön, zur
— hang mit der Einführung einer sogenannten „Milieu-
Beantwortung, Herr Parlamentarischer Staatssekre- quote" bei der Zulassung zu Fächern mit Zulassungs-
tär! beschränkungen in einer der Bundestagsanhörungen
von verschiedener Seite angestellt wurden, ging es
Dr. von Dohnanyi, Parlamentarischer Staats- sowohl um die Frage, ob bei Vorliegen gleicher
sekretär beim Bundesminister für Bildung und Wis- Leistungen Studienbewerbern aus sozial benachtei-
senschaft: Frau Kollegin, es ist selbstverständlich ligten Schichten der Vorrang vor anderen gegeben
nicht Aufgabe einzelner betroffener , Gruppen, für die werden sollte, weil es ihnen wirtschaftlich nicht
Bundesregierung etwa die Vorformulierung eines zumutbar ist, längere Wartezeiten vor Beginn des
Gesetzestextes vorzunehmen. Ich kann Sie ver- -
Studiums in Kauf zu nehmen, als auch alternativ
sichern, daß dies selbstverständlich auch nicht statt- um die Überlegung, ob bei der Bewertung von
findet. Noten die sozialen Umstände, unter denen sie er-
worben wurden, etwa zu berücksichtigen wären.
Wohl aber geht es darum, daß die hinzugezogenen
Hinter diesen Überlegungen, die, wie ich sagte,
Gruppen ja nicht nur betroffen sind, sondern ein
durch eine Diskussion in den Anhörungen ange-
großes Maß von Sachwissen haben. Die Bundesregie-
regt wurden, steht die Frage, ob auf diese Weise
rung wird versuchen, ein Gesetz zu formulieren, das
ein weiterer Beitrag zur Verwirklichung der Chan-
dem gesamten vorhandenen Sachwissen entspricht.
cengleichheit im Bildungswesen geleistet werden
Zu diesem Zweck ist es notwendig, zu bestimmten
könte.
Einzelfragen vertiefende Gespräche zu führen. Wir
werden diese Gespräche immer präziser auf für uns
offengebliebene und ungeklärte Sachfragen zuspit- Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage, Frau
zen. Abgeordnete Dr. Walz.
2658 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Frau Dr. Walz (CDU/CSU) : Sie sind sich hoffent- auf Grund seiner sozialen Herkunft benachteiligt
lich darüber klar, Herr Staatssekretär, daß Sie, werden darf
wenn Sie eine Milieuquote einführten, gegen Art. 3 (Abg. Frau Dr. Walz: Oder bevorzugt wer
Abs. 3 des Grundgesetzes verstießen. den darf!)
— oder bevorzugt werden darf.
Präsident von Hassel: War das eine Frage? (Abg. Frau Dr. Walz: Eben!)
Die Frage ist, ob nicht auf Grund des bestehenden
Systems der Auswahl und der Kriterien im Zusam-
Frau Dr. Walz (CDU/CSU) : Sie sind sich hoffent- menhang mit Zulassungsbeschränkungen eine solche
lich darüber klar, daß Sie dagegen verstoßen wür- Benachteiligung bestimmter sozialer Schichten und
den? So habe ich es formuliert. eine Bevorzugung anderer bereits stattfindet. Die
Bundesregierung hat diese Frage bisher noch nicht
geklärt. Sie wird alle Fragen, die im Zusammen-
Präsident von Hassel: Ich würde sagen: Sind hang mit der Erreichung der Chancengleichheit ge-
Sie sich darüber klar . . .
stellt werden, und alle Anregungen, die in der Bun-
destagsanhörung gegeben wurden, sorgfältig prüfen.
Frau Dr. Walz (CDU/CSU) : Sind Sie sich dar- Präsident von Hassel: Keine Zusatzfragen.
über klar, daß Sie, wenn Sie die Milieuquote ein-
führten, gegen Art. 3 Abs. 3 des Grundgesetzes Wir sind damit am Ende Ihres Geschäftsbereichs
verstießen? Ich danke für die Formulierungshilfe, angelangt. Ich danke auch Ihnen, Herr Parlamenta-
Herr Präsident. rischer Staatssekretär.
Wir stehen am Ende der heutigen Tagesordnung.
Ich berufe die nächste Sitzung auf morgen, Mitt-
Dr. von Dohnanyi, Parlamentarischer Staats- woch, den 27. Mai 1970, 9 Uhr, ein.
sekretär beim Bundesminister für Bildung und Wis- Die Sitzung ist geschlossen.
senschaft: Frau Kollegin, in Art. 3 des Grundge-
setzes wird auch davon gesprochen, daß niemand (Schluß der Sitzung: 16.08 Uhr.)

-
Deutscher Bundestag - 6. Wahlperiode - 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2659

Anlagen zum Stenographischen Bericht

Anlage i Abgeordnete(r) beurlaubt bis einschließlich

Liste der beurlaubten Abgeordneten Marquardt 26. 5.


Dr. Martin 27. 5.
Abgeordnete(r) beurlaubt bis einschließlich Dr. Marx (Kaiserslautern) 26. 5.
Dr. Meinecke (Hamburg) 3. 6.
a) Beurlaubungen Meister * 30. 5.
Dr. Abelein 26. 5. Dr. Mende 26. 5.
Adams 26. 5. Müller (Remscheid) 31. 5.
Dr. Aigner * 27. 5. Dr. Müller-Hermann 27. 5.
von Alten-Nordheim 31. 5. Frau Dr. Orth * 26. 5.
Dr. Artzinger * 26. 5. Picard 26. 5.
Bäuerle 27. 5. Pöhler ** 28. 5.
Bals *** 27. 5. Dr. Probst 27. 5.
Dr. Bardens 27. 5. Richarts * 27. 5.
Biermann 27. 5. Richter ** 27. 5.
Blank 27. 5. Rommerskirchen 27. 5.
Böhm 26. 5. Dr. Rutschke 27. 5.
Brandt (Grolsheim) 31. 5. Saxowski 26. 5.
Buschfort 26. 5. Schlaga 27. 5.
Cramer 30. 5. Schlee 26. 5.
van Delden Schmücker 28. 5.
29. 5.
Dr. Schneider (Königswinter) 30. 5.
Dr. Dittrich * 27. 5. Dr. Schober 27. 5.
Draeger *** 26. 5. Schröder (Selistedt) 31. 5.
Dr. Enders 26. 5. Dr. Schulz (Berlin) 27. 5.
Ernesti 27. 5. Schwabe 27. 5.
Faller 27. 5. Dr. Schwörer * 26. 5.
Dr. Focke 28. 5. Seefeld * 27. 5.
Franke (Osnabrück) 27. 5. Seibert 27. 5.
Dr. Freiwald 26. 5. Dr. Seume 27. 5.
Fritsch ** 27. 5. Dr. Siemer 27. 5.
Frau Geisendörfer 27. 5. Stahlberg 27. 5.
Frau Griesinger 27. 5. Dr. Stark (Nürtingen) 26. 5.
Dr. Gölter 2. 6. Dr. Tamblé 26. 5.
Haase (Kassel) 27. 5. Unertl 27. 5.
Haase (Kellinghusen) 30. 5. Vehar 26. 5.
Dr. Häfele 27. 5. Weber (Heidelberg) 27. 5.
Häussler 27. 5. Werner 28. 5.
Dr. Hauff 27. 5. Wolf 26. 5.
Dr. Hein * 26. 5. Wolfram 26. 5.
Helms 27. 5. Dr. Wulff 26. 5.
Frau Herklotz 26. 5. Wurbs 26. 5.
Heyen 30. 5. Zebisch 3. 6.
Höhmann (Hessisch Lichtenau) 27. 5. Ziegler 27. 5.
Dr. Hubrig 27. 5. Dr. Zimmermann 27. 5.
Dr. Jaeger 27. 5. Zoglmann 26. 5.
Jaschke 26. 5.
Dr. Jungmann 27. 5. b) Urlaubsanträge
Kaffka 27. 5. Dr. Birrenbach 8. 6.
Killat-von Coreth 26. 5. Dr. Erhard 7. 6.
Dr. Klepsch 27. 5. Dr. Lohmar 15. 6.
Dr. Kley 23. 5. Pfeifer 4. 6.
Dr. Koch * 27. 5.
Dr. Kreile 27. 5.
Lautenschlager * 27. 5. * Für die Teilnahme an Ausschußsitzungen des Euro-
Lenze (Attendorn) *** 26. 5. päischen Parlaments
** Für die Teilnahme an Ausschußsitzungen der Bera-
Lenzer 27. 5. tenden Versammlung des Europarats
Logemann 26. 5. *** Für die Teilnahme an Ausschußsitzungen der West-
Majonica 27. 5. europäischen Union
2660 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Anlage 2 Der Bundestag wolle beschließen:


Der Präsident des Bundesrates Der Deutsche Bundestag begrüßt die von der Bun-
desregierung im Strukturbericht 1970 erneut er-
Bonn, 15 Mai 1970 klärte Absicht, künftig bei allen gesetzgeberischen
An den und sonstigen Maßnahmen des Bundes darauf zu
Herrn Bundeskanzler achten, daß die höchsten Förderungspräferenzen
Bonn Berlin und dem Zonenrandgebiet vorbehalten blei-
Bundeskanzleramt ben.
Er hält eine gesetzliche Absicherung der bishe-
Der Bundesrat ist der Ansicht, daß das rigen Förderungsmaßnahmen, insbesondere der Son-
Gesetz zur Änderung des Mineralölsteuergesetzes derabschreibungen, durch ein Zonenrandförderungs-
1964 — Drucksachen VI/389, VI/589 — gesetz für erforderlich. Schließlich ist die besondere
Priorität des Zonenrandgebietes gegenüber anderen
seiner Zustimmung bedarf. gesetzlich geregelten regionalen Förderungsmaß
Der Bundesrat hat in seiner 352. Sitzung am 15. Mal durch das Gesetz abzusichern.
1970 beschlossen, dem vom Deutschen Bundestag Darüber hinaus erscheinen wohnungsrechtliche
am 17. April 1970 verabschiedeten Gesetz gemäß Vorschriften erforderlich, die der besonderen Situa-
Artikel 105 Abs. 3 des Grundgesetzes zuzustimmen. tion der Arbeitnehmer im Zonenrandgebiet gerecht
Außerdem hat der Bundesrat die aus der Anlage werden. Im Rahmen des langfristigen Wohnungsbau-
ersichtliche Entschließung angenommen. programms sind in einem gezielten Programm die
Goppel Einkommensgrenzen und die Fördersätze im sozialen
Amtierender Präsident Wohnungsbau den besonderen Belangen der Arbeit-
nehmer und der Arbeitsmarktstruktur im Zonen-
Bonn, den 15. Mai 1970 randgebiet anzupassen. Dafür sind auch Wohnungs-
baufördermittel für den Bedarf der Facharbeiter und
An den
Führungskräfte bereitzustellen.
Herrn Präsidenten
des Deutschen Bundestages Der Deutsche Bundestag geht davon aus, daß die
Bonn Bundesregierung weiter periodisch über die Ent-
Bundeshaus wicklung im Zonenrandgebiet und über das dort an-
gewandte Präferenzsystem berichtet.
Vorstehende Abschrift wird mit Bezug auf das dor- Bonn, den 26. Mai 1970
tige Schreiben vom 20. April 1970 mit der Bitte um Wehner und Fraktion
Kenntnisnahme übersandt. Mischnick und Fraktion
Goppel
Amtierender Präsident Anlage 4
Entschließung Schriftliche Antwort
des Bundesrates
des Bundesministers Genscher vom 26. Mai 1970 auf
zum
die Mündliche Frage des Abgeordneten Dr. Riedl
Gesetz (München) (Drucksache VI/809 Frage A 2) :
zur Änderung des Mineralölsteuergesetzes 1964 Welche Bundesleistungszentren für den Sport wird der Bund
in München nach den Olympischen Spielen 1972 errichten, und
Der Bundesrat begrüßt die Gesetzesinitiative des welche weiteren Maßnahmen gedenkt die Bundesregierung zu
treffen, um die olympischen Anlagen in optimaler Weise für den
Deutschen Bundestages im Interesse einer gleich- Leistungssport nutzbar zu machen?
mäßigen Besteuerung. Er sieht die Bedeutung der In Art. 9 Abs. i Satz 1 und 2 des Konsortialver-
Neuregelung ausschließlich in der Wiederherstel- trages vom 10. Juli 1967 ist bestimmt, daß die in
lung einer gerechten Besteuerung. München errichteten Sportanlagen und Einrichtun-
Die grundsätzlichen Bedenken des Bundesrates gen auch nach 1972 für Zwecke des Sports zu nutzen
gegen die Erhebung der Heizölsteuer bestehen un- sind.
verändert weiter. Der Bundesrat verweist insoweit Die Bundesregierung hat die spätere Verwendung
auf Nummer 3 seiner Stellungnahme zu dem Mehr- eines Teiles der Olympia-Sportstätten als Bundes-
jährigen Finanzplan des Bundes 1969 bis 1973 — - leistungszentren in ihre langfristigen Planungen
Drucksache 101/70 (Beschluß) —. Er bittet die Bun- einbezogen. Bisher haben sich der Bund Deutscher
desregierung, die Notwendigkeit einer steuerlichen Radfahrer, der Deutsche Ruder-Verband, der Deut-
Belastung des Heizöls im Hinblick auf die verbes- sche Schützen-Bund sowie der Deutsche Schwimm
serte Lage des Steinkohlenbergbaus noch vor dem Verband an der späteren Benutzung der Olympia
gesetzlich festgelegten Wegfall der Heizölsteuer zu Sportanlagen interessiert gezeigt. Darüber hinaus
überprüfen. werden die Anlagen auch nach 1972 für große inter-
nationale Wettkämpfe zur Verfügung stehen. Schon
jetzt ist vorgesehen, daß im Olympia-Stadion in
Anlage 3 Umdruck 25 München Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft 1974
Entschließungsantrag der Fraktionen der SPD, FDP ausgetragen werden.
zum Strukturbericht 1970 der Bundesregierung — Die sonstige Nutzung der Sportanlagen für den
Drucksache VI/761 — übrigen Leistungssport und den Breitensport fällt in
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2661

den Zuständigkeitsbereich des Landes Bayern und Wird die Bundesregierung eine Gesetzesinitiative ergreifen
für den Fall, daß die Direktwahl in allen Ländern der Euro-
der Stadt München. Da alle Sportanlagen nach den päischen Gemeinschaft in naher Zukunft nicht zustande kommt,
mit dem Ziel, die Wahl der deutschen Mitglieder des Europa
neuesten Erkenntnissen des Sportstättenbaues er- Parlaments spätestens zusammen mit der nächsten Wahl zum
richtet werden, bin ich sicher, daß auch insoweit eine Deutschen Bundestag vorzusehen?
optimale Nutzung gewährleistet ist. Die Bundesregierung beabsichtigt vorläufig nicht,
Teile der Olympia-Anlage in Kiel-Schilksee wer- eine Gesetzesinitiative zu ergreifen, die zum Ziel
d en nach den Olympischen Spielen dem Deutschen hätte, die unmittelbare Wahl der deutschen Mitglie-
Seglerverband für die Errichtung eines Bundeslei- der des europäischen Parlaments einzuführen.
stungszentrums zur Verfügung stehen. Die Olympia- Art. 138 des EWG-Vertrages bestimmt, ebenso
Kanu-Slalomanlage in Augsburg kommt ebenfalls wie die entsprechenden Bestimmungen der beiden
als Bundes- oder Landesleistungszentrum in Be- anderen Gemeinschaftsverträge, daß die Abgeord-
tracht. neten des Europäischen Parlaments von den natio-
nalen Parlamenten aus ihrer Mitte ernannt werden.
Anlage 5 Die Legitimation der Abgeordneten des Euro-
päischen Parlaments leitet sich also nach den Ver-
Schriftliche Antwort
trägen von der Ernennung durch die nationalen Par-
des Bundesministers Genscher vom 26. Mai 1970 auf lamente her. Für die Einführung der unmittelbaren
die Mündlichen Fragen des Abgeordneten Hauser Wahl dieser Abgeordneten sehen die Verträge ein
(Bad Godesberg) (Drucksache VI/809, Fragen A 6 besonderes Verfahren vor.
und 7) :
Die Bundesregierung hat deshalb bereits im Jahre
Welche Folgerungen gedenkt die Bundesregierung aus der in
Nordrhein-Westfalen und anderen Ländern vorgesehenen Neu- 1964 vor dem Bundestag erklärt, daß gegen die Ein-
regelung der Lehrer- und Richterbesoldung für die Besoldung führung der unmittelbaren Wahl nur für die
des allgemeinen Verwaltungsdienstes zu ziehen?
Welche Maßnahmen gedenkt die Bundesregierung zu ergreifen,
deutschen Abgeordneten des Europäischen Parla-
um angesichts der allgemeinen Besoldungsentwicklung die ments rechtliche Bedenken bestehen.
Attraktivität des Dienstes in den obersten Bundesbehörden
wiederherzustellen? Sie hat ferner darauf hingewiesen, daß auch poli-
Sie gehen bei Ihrer ersten Frage zutreffend davon tische Überlegungen gegen die Einführung unmit-
aus, daß die Lehrerbesoldung ebenso wie die Rich- telbarer Wahlen in nur einem oder mehreren Mit-
terbesoldung in den Ländern sich in einer von Land gliedstaaten sprechen. Der Staatssekretär des Aus-
zu Land unterschiedlichen Strukturänderung befin- wärtigen Amtes hat dazu in der 110. Sitzung des
det. Sicher ist Ihnen bekannt, daß wegen des hessi- 4. Deutschen Bundestags am 5. Februar 1964 wört-
schen Gesetzes über die Richtergehälter ein Normen- lich erklärt, daß „ein Parlament grundsätzlich in
kontrollverfahren wegen Verletzung des Bundesrah- seiner Gänze nach denselben Richtlinien, nach den-
menrechts eingeleitet worden ist. selben Grundsätzen und nach denselben Verfahren
gewählt werden sollte".
Die Veränderungen sind allerdings keineswegs
auf die genannten Bereiche beschränkt. Mit Rück- Die jetzige Bundesregierung teilt die seinerzeit er-
sicht auf die hiernach eingetretene Besoldungssitua- hobenen Bedenken.
tion hat die Bundesregierung bereits den Entwurf
Sie befürwortet jedoch mit Nachdruck die Ein-
für eine Verfassungsänderung beschlossen, durch
führung der unmittelbaren Wahl des Europäischen
den dem Bund die konkurrierende Gesetzgebungs-
Parlamentes in allen Mitgliedstaaten der Gemein-
zuständigkeit auf dem Gebiet der Besoldung zuge-
schaft. Um die Erreichung dieses Ziels zu fördern,
wiesen werden soll.
hat sie im Jahre 1969, nachdem die Beratungen über
Im Bundesministerium des Innern sind Vorarbei- die Vorschläge des Europäischen Parlaments von
ten zur Erstellung eines Gesamtkonzepts für die zu- 1960 wiederaufgenommen worden waren, im Rat
künftige Regelung der Besoldung für alle Gruppen einen vermittelnden Vorschlag für eine Übergangs-
von öffentlich-rechtlichen Bediensteten bei Bund und lösung unterbreitet. Nach den deutschen Vorstel-
Ländern eingeleitet. Dies entspricht zugleich einem lungen sollen die Mitglieder des Europäischen Parla-
Auftrag, den der Innenausschuß dieses Hohen Hau- ments unter Verdoppelung ihrer Zahl zur Hälfte
ses am 29. April 1970 aus Anlaß einer Bundesrats- nach dem jetzt geltenden Schlüssel von den natio-
vorlage zur Änderung des Bundesbesoldungsgeset- nalen Parlamenten aus ihrer Mitte entsandt, zur
zes erteilt hat. Hälfte nach einem der Bevölkerungszahl in den
Die Erarbeitung eines ausgewogenen Gesamtkon- -
Mitgliedstaaten entsprechenden Schlüssel unmittel-
zepts schließt ein, daß für die Besoldung des allge- bar gewählt werden.
meinen Verwaltungsdienstes eine angemessene Lö- Dieser Vorschlag ist vom Rat eingehend disku-
sung gefunden wird. Selbstverständlich wird es hier- tiert worden. Eine Einigung konnte bisher nicht
bei auch darum gehen, den Dienst in den obersten erzielt werden. Auf der Konferenz der Staats- und
Bundesbehörden so attraktiv wie möglich zu machen. Regierungschefs in Den Haag am 1./2. Dezember
1969 ist jedoch beschlossen worden, daß die Frage
Anlage 6 der direkten Wahl vom Rat weiter zu prüfen sei.
Der Rat hat sich am 6. März dieses Jahres darüber
Schriftliche Antwort geeinigt, daß der Ratspräsident in dieser Frage
des Bundesministers Genscher vom 26. Mai 1970 Kontakte mit dem Europäischen Parlament auf-
auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Dr. nehmen soll. Die ersten Kontakte sollen im nächsten
Böhme (Drucksache VI/809 Frage A 8) : Monat stattfinden.
2662 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Die Bundesregierung wird weiterhin alles in ihren regierung wird auf diese Frage im Zuge der weite-
Kräften stehende tun, damit die Forderung des ren .Entwicklung des Versorgungsrechts ihre be-
Europäischen Parlaments nach Einführung der un- sondere Aufmerksamkeit richten.
mittelbaren Wahl verwirklicht wird.
Anlage 8
Ergänzend weise ich auf die schriftliche Antwort
Schriftliche Antwort
des Herrn Parlamentarischen Staatssekretärs Dr.
Dahrendorf vom 8. Mai 1970 auf die Anfrage des des Parlamentarischen Staatssekretärs Rohde vom
Herrn Abgeordneten Dr. Slotta hin, in der der Wille 26. Mai 1970 auf die Mündliche Frage des Abgeord-
der Bundesregierung zur Förderung der Bemühun- neten Dr. Unland (Drucksache VI/809 Frage A 55) :
gen um Einführung der unmittelbaren Wahl des Ist für die Erste und Zweite Angestelltenprüfung gemäß § 25
BAT und Anlage 3 dazu ab 1. September 1970 ausschließlich
Europäischen Parlaments ebenfalls bekräftigt wird. § 46 des Berufsbildungsgesetzes maßgebend, oder gilt weiter un-
eingeschränkt das Tarifrecht?

Anlage 7 Im Einvernehmen mit dem Herrn Bundesminister


des Innern möchte ich darauf hinweisen, daß § 25
Schriftliche Antwort BAT und Anlage 3 zum BAT lediglich Vorschriften
des Parlamentarischen Staatssekretärs Rohde vom über die Eingruppierung und die Höhergruppierung
26. Mai 1970 auf die Mündlichen Fragen des Abge- sowie die dafür erforderlichen Prüfungen enthalten,
ordneten Dr. Beermann (Drucksache VI/809 Fragen und zwar ausschließlich für den kommunalen Be-
A 51 und 52) : reich. Dauer und Anforderungen der Lehrgänge, die
Ist der Bundesregierung bekannt, daß insbesondere Eltern, die mit der Ersten oder Zweiten Prüfung für Angestellte
jetzt im hohen Alter stehen und die ihre Kinder im Krieg abschließen, sind im BAT nicht geregelt. Um Ihre
verloren haben, bittere Not leiden, da sie lediglich auf sehr
niedrige Elternrenten aus dem Bundesversorgungsgesetz ange- Frage im übrigen beantworten zu können, ist e s un-
wiesen sind und ein Zuverdienst nur in geringem Maß ohne
Beeinträchtigung der Rente möglich ist? erläßlich, hierzu zunächst noch Unterlagen von den
Beabsichtigt die Bundesregierung, das Bundesversorgungsgesetz Ländern beizuziehen. Ich bitte deshalb, Herr Kol-
so zu ändern, daß alle Kriegseltern über 65 Jahre unbeschadet lege, um Ihr Einverständnis mit einer schriftlichen
etwaiger Arbeitsverdienste in den Genuß ihrer Elternrenten
kommen? Beantwortung, die durch den Herrn Bundesminister
Zunächst darf ich darauf hinweisen, Herr Kol- des Innern erfolgen wird.
lege, daß der Anspruch der Kriegereltern nach
dem Bundesversorgungsgesetz nicht nur, wie sich Anlage 9
aus Ihrer Frage ergeben könnte, die eigentliche Schriftliche Antwort
Elternrente beinhaltet, sondern auch , die Leistun des Parlamentarischen Staatssekretärs Rohde vom
gen der Kriegsopferfürsorge. Dazu gehört in diesem 26. Mai 1970 auf die Mündliche Frage des Abgeord-
Zusammenhang vor allem der Anspruch auf ergän- neten Dr. Unland (Drucksache VI/809 Frage A 56) :
zende Hilfe zum Lebensunterhalt, bei der weitge- Bedeutet nach Auffassung der Bundesregierung der Satz in
head die Verhältnisse des Einzelfalles zu berück- § 46 des Berufsbildungsgesetzes kann die zuständige
Stelle Prüfungen durchführen", daß diese zuständige Stelle
sichtigen sind. Sollten Ihnen Fälle bekannt sein, in künftig ausschließlich zuständig ist oder nur subsidiär neben
denen Kriegereltern trotz dieser Regelung besondere anderen bereits bestehenden Einrichtungen?

materielle Not leiden, so wäre ich Ihnen dankbar, Nach § 46 Abs. 1 des Berufsbildungsgesetzes kann
wenn Sie mir die 'für eine Nachprüfung notwendigen die zuständige Stelle zum Nachweis von Kenntnis-
Angaben übermitteln würden. sen, Fertigkeiten und Erfahrungen, die durch beruf-
Zu den Elternrenten im eigentlichen Sinne möchte liche Fortbildung erworben worden sind, Prüfungen
ich ferner anmerken, daß sie nach dem Zweiten durchführen. Wenn die zuständige Stelle von die-
Anpassungsgesetz für die Kriegsopferversorgung, ser Befugnis Gebrauch macht, regelt sie nach dem
dessen Entwurf Ihnen inzwischen als Drucksache Gesetz den Inhalt, das Ziel, die Anforderungen und
vorliegt, mit Wirkung vom 1. Januar 1971 ebenfalls das Verfahren dieser Prüfungen sowie die Zulas-
an die wirtschaftliche Entwicklung angepaßt werden sungsvoraussetzungen und errichtet Prüfungsaus-
sollen. schüsse.
Im übrigen darf ich zu Ihrer Frage nach Gewäh- Das heißt nicht, daß nicht auch andere Einrichtun-
rung von Elternrenten 'unbeschadet etwaiger Ar- gen Prüfungen im Bereich der beruflichen Fortbil-
beitsverdienste darauf hinweisen, daß wir uns mit dung durchführen können. Allerdings kommt diesen
diesem schwierigen. Problem in den zuständigen Prüfungen die gleiche Bedeutung wie den Prüfungen
Ausschüssen wiederholt befaßt haben. Dabei hat- der zuständigen Stelle nur dann zu, wenn diese
sich gezeigt, daß in allen Bereichen unseres öffent- Prüfungen den Prüfungen der zuständigen Stelle
lichen Leistungsrechts zu den Voraussetzungen für gem. § 43 des Berufsbildungsgesetzes durch Rechts-
Hinterbliebenenrenten an Eltern auch das wirt- verordnung gleichgestellt werden.
schaftliche Bedürfnis gehört. Das gilt für die gesetz-
liche Unfallversicherung ebenso wie für die beam- Anlage 10
tenrechtliche Unfallfürsorge, das Bundesentschädi- Schriftliche Antwort
gungsgesetz und schließlich auch die Kriegsopfer- des Parlamentarischen Staatssekretärs Berkhan vom
versorgung. Insofern wäre es schwierig, eine Son- 26. Mai 1970 auf die Mündlichen Fragen der Abge-
derregelung für den Bereich des Bundesversorgungs- ordneten Ernesti und Dr. Klepsch (Drucksache
gesetzes zu schaffen. Das soll jedoch nicht heißen, VI/809 Fragen A 58 und 59) :
daß wir die Elternversorgung ,allgemein als abschlie- Ist ausreichend Vorsorge getroffen, daß schwerbeschädigte
ßend geregelte Materie betrachten. Die Bundes- Soldaten so verwendet werden, wie es ihrem Leistungsvermögen
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970 2663.

und ihren Fähigkeiten entspricht (Schwerbeschädigtenerlaß Nr. 76,


VMBl. 66/Nr. 13) ?
Anlage 12
Ist es zutreffend, daß die neuen Richtlinien für Beurteilungen
Schriftliche Antwort
von Soldaten keine Hinweise auf die Beurteilungsbestimmungen
des Schwerbeschädigtenerlasses enthalten (VMBl. 66/Nr. 13) ? des Parlamentarischen Staatssekretärs Berkhan vom
26. Mai 1970 auf die Mündliche Frage des Abgeord-
Es war und ist ein besonderes Anliegen aller neten Bremer (Drucksache VI/809, Frage A 63) :
Truppenteile und vor allem der personalbearbei- Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß es nicht ver-
tenden Stellen in der Bundeswehr, Schwerbeschä- tretbar ist, noch länger auf endgültige Ergebnisse der lang-
jährigen flugmedizinischen Untersuchungen über die Belastungs-
digte Soldaten sinnvoll und entsprechend ihren Fä- werte von Flugzeugführern zu warten und statt dessen die vor-
higkeiten und Möglichkeiten zu verwenden. liegenden Ergebnisse auszuwerten?

Die Bundesregierung ist nach wie vor der Auf-


In den Beurteilungsbestimmungen ist ausdrück-
fassung, daß , es zur endgültigen Klärung der Be-
lich angeordnet, daß bei Körperbeschädigten Art
lastung der Flugzeugführer ,der verschiedenen Luft-
und Grad der Erwerbsminderung und die körperlich
fahrzeuge einer ausgedehnten wissenschaftlichen
bedingten Eignungseinschränkungen anzugeben
Forschung bedarf.
sind. Die Einschaltung von Sanitätsoffizieren ist
sichergestellt. Ihr Urteil ist eine wesentliche Grund- Natürlich wurden die bisherigen Teilergebnisse
lage für alle Personalentscheidungen über den be- ausgewertet. Sie sind zur Zeit Gegenstand von Er-
treffenden Soldaten. örterungen innerhalb der zuständigen Ressorts. Er-
gebnisse dieser Besprechungen stehen noch aus.
Der Schwerbeschädigtenerlaß vom 18. Mai 1966,
der im Ministerialblatt des Bundesministers der Die Teilergebnisse können jedoch nur als Grund-
Verteidigung veröffentlicht worden ist, ist als gene- erkenntnis angesehen werden. Sie bedürfen zu ihrer
relle Regelung unverändert in Geltung. Es wurde Fundierung weiterer wissenschaftlicher Arbeiten,
daher nicht für notwendig erachtet, in den Beur- insbesondere durch Untersuchungen in der realisti-
teilungsbestimmungen noch einmal ausdrücklich auf schen Flugbelastung.
ihn zu verweisen.
Anlage 13
Um die Truppe gleichwohl erneut über den Erlaß
Schriftliche Antwort
zu unterrichten, ist beabsichtigt, sie noch einmal in
geeigneter Form auf ihn hinzuweisen. Im übrigen des Parlamentarischen Staatssekretärs Berkhan vom
soll auch bei der für Herbst 1970 vorgesehenen 26. Mai 1970 auf die Mündliche Frage .des Abgeord-
Überarbeitung der Beurteilungsbestimmungen auf neten Bremer (Drucksache VI/809, Frage A 64) :
Grund der dann vorliegenden Truppenerfahrungen Wird die Bundesregierung bei der von ihr in Aussicht gestell-
ten Neuregelung der Fliegerzulage die besonderen Belastungen
auf den Schwerbeschädigtenerlaß verwiesen wer- der Fluglehrer entsprechend berücksichtigen?
den.
Bei den innerhalb der Bundesregierung laufenden
Darüber hinaus sind im Verteidigungsministerium Erörterungen über Verbesserungen der Fliegerzu-
Richtlinien für die Ausbildung wehrdienstbeschädig- lage wird auch die Gewährung eines besonderen
ter Soldaten in Bearbeitung. Zuschlags an Flugzeugführer erwogen, die als Flug-
lehrer eingesetzt sind. Die Beratungen über den Ge-
samtkomplex sind noch nicht abgeschlossen.
Anlage 11
Schriftliche Antwort Anlage 14
des Parlamentarischen Staatssekretärs Berkhan vom Schriftliche Antwort
26. Mai 1970 auf die Mündliche Frage des Abgeord- des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal
neten Dr. Klepsch (Drucksache VI/809 Frage A 60) : vom 26. Mai 1970 auf die Mündlichen Fragen des
Ist im Bundesministerium der Verteidigung bekannt, daß der Abgeordneten Petersen (Drucksache VI/809 Fragen
Bedarf der Geräteeinheiten und der Sicherungseinheiten im A 67 und 68) :
Rahmen der Territorialverteidigung nur zu einem geringen Teil
mit voll ausgebildeten Grenadieren abgedeckt ist? Nach welchen Gesichtspunkten wurde die Richtlinienkommission
für den Bundesjugendplan beim Bundesministerium für Jugend,
Familie und Gesundheit zusammengesetzt, und gehört dieser
Geräteeinheiten und Sicherungseinheiten rekrutie- Kommission ein Vertreter der Internationalen Gemeinschafts-
ren sich im wesentlichen aus dem standortnahen Be- dienste an?
reich. Nur so ist eine schnelle Alarmierung sicher- Wenn nein, teilt die Bundesregierung meine Auffassung, daß
die Internationalen Gemeinschaftsdienste wesentlich zur inter-
zustellen. Soweit in diesem engen Bereich nur ein nationalen Begegnung beitragen, zumal sie ja keine flüchtigen
geringes Aufkommen an voll ausgebildeten Grena- Begegnungen, sondern gemeinsame konstruktive Arbeiten ver-
mitteln?
dieren vorhanden ist, muß auf Reservisten mit einer
anderen Ausbildung zurückgegriffen werden. Ein Bei der Zusammensetzung der Richtlinienkom-
möglichst hoher Anteil an ausgebildeten Grenadie- mission hat sich das Bundesministerium für Jugend,
ren in den Einheiten ist zwar wünschenswert, aber Familie und Gesundheit bemüht, möglichst weit-
nicht unbedingt erforderlich. Die Reservisten, die gehend die Bereiche der Jugendhilfe zu berücksich-
alle eine infanteristische Grundausbildung mitge- tigen. Zugleich war jedoch im Interesse der besseren
macht haben, werden nämlich in Wehrübungen auf Arbeitsfähigkeit der Kommission der Mitglieder-
den militärischen Auftrag hin besonders ausgebildet. kreis klein zu halten. Eine Reihe durchaus verständ-
licher Wünsche, in der Kommission mitarbeiten zu
Zur Zeit werden jedoch Überlegungen angestellt, können, mußte daher unerfüllt bleiben. Um dennoch
durch eine Erweiterung des Einzugsbereichs zu einer eine möglichst umfassende Beratung des Ministe-
Erhöhung des Anteils an Reservisten aus Grenadier- riums sicherzustellen, lädt das Bundesministerium
einheiten zu kommen. für Jugend, Familie und Gesundheit von Fall zu
2664 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 52. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 26. Mai 1970

Fall zu den Sitzungen der Kommission Sachverstän- „St. Pauli-Nachrichten" und „St. Pauli-Zeitung" sind
dige ein, die mit den zur Beratung anstehenden nach Auffassung der Bundesregierung „unsittliche"
Punkten besonders vertraut sind. Publikationen im Sinne des § 1 Abs. 1 Satz 2 des
Gesetzes über die Verbreitung jugendgefährdender
Aus diesem Grunde wurde zu der Sitzung der
Schriften. Deshalb wurden seit November 1969 vom
Kommission am 13. und 14. dieses Monats, in der die
Bundesministerium für Jugend, Familie und Ge-
internationale Jugendarbeit behandelt wurde, die
sundheit und antragsberechtigten obersten Landes-
Arbeitsgemeinschaft internationaler sozialer Dienste
jugendbehörden bei der Bundesprüfstelle für ju-
in Köln als in diesem Bereich zur Zeit federführende
gendgefährdende Schriften insgesamt fünf Indizie-
Stelle gebeten, einen Vertreter zu entsenden.
rungsanträge für die „St. Pauli-Nachrichten" und
Den zweiten Teil Ihrer Frage beantworte ich mit sechs für die „St. Pauli-Zeitung" gestellt. Die Bun-
Ja. desprüfstelle hat allen Anträgen entsprochen und
die Objekte damit den Vertriebs- und Werbe-
beschränkungen der §§ 3-5 des Gesetzes über die
Anlage 15 Verbreitung jugendgefährdender Schriften unter-
Schriftliche Antwort worfen. Das gleiche gilt für eine Reihe ähnlicher
Blätter (z. B. „St. Pauli-Anzeiger", „Schwabing
des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal aktuell", „Münchener Boulevard-Zeitung").
vom 26. Mai 1970 auf die Mündliche Frage des Ab
geordneten Leicht (Drucksache VI/809 Frage A 69) : Bei verschiedenen Staatsanwaltschaften und Ge-
Welche Konsequenzen wird die Bundesregierung für das
richten sind Ermittlungs- und Strafverfahren gegen
deutsche Weingesetz aus der EWG-Marktordnung ziehen? Hersteller und Verbreiter vorgenannter Schriften
anhängig unter dem Gesichtspunkt des § 6 I des
Nach Art. 189 des EWG-Vertrages sind Verord- Gesetzes über die Verbreitung jugendgefährdender
nungen des Rates und der Kommission in allen ihren Schriften (offensichtlich schwer jugendgefährdende
Teilen verbindlich und gelten unmittelbar in jedem Schriften), teilweise auch des § 184 StGB (un-
Mitgliedstaat. Das hat zur Folge, daß deutsches züchtige Schriften).
Recht, soweit es zu einer EWG-Verordnung in
Widerspruch steht, nicht anwendbar ist. Um die Verbreitung unter Jugendlichen zu ver-
hindern, wurde angestrebt, je drei Ausgaben der
Mithin ist auch das deutsche Weinrecht nur noch „St. Pauli-Nachrichten" und „St. Pauli-Zeitung" in
insoweit anwendbar, als es den sogen. Grundver- die Liste der jugendgefährenden Schriften aufneh-
ordnungen, d. h. den Verordnungen Nr. 816 und 817 men zu lassen und damit eine Dauerindizierung auf
des Rates vom 28. April 1970, sowie den unmittelbar längstens 12 Monate gemäß § 7 des Gesetzes über
bevorstehenden Zusatzverordnungen des Rates und die Verbreitung jugendgefährdender Schriften zu
der Kommission nicht widerspricht. ermöglichen. Die formellen Voraussetzungen für
Die Bundesregierung ist um einen möglichst um- eine Dauerindizierung sind bei diesen beiden auf-
gehenden Erlaß der erforderlichen Durchführungs- lagenstärksten Blättern gegeben; bei den anderen
vorschriften bemüht. Es ist allerdings darauf auf- Schriften gleichen Charakters wird die Dauerindi-
merksam zu machen, daß zahlreiche deutsche Durch- zierung im Interesse einer Gleichbehandlung eben-
führungsvorschriften erst erlassen werden können, falls betrieben.
wenn zuvor der Rat und die Kommission die in den Um in den Genuß dieser Ausnahmebestimmung
beiden Grundverordnungen vorgesehenen zusätz- zu kommen, bringen die beiden St. Pauli-Blätter seit
lichen Verordnungen erlassen haben. einiger Zeit in kleinerer Auflage gekürzte tägliche
Ausgaben heraus. Überdies hat der Herausgeber der
St. Pauli-Zeitung seine Zeitung zum „Parteiorgan"
Anlage 16 der von ihm gegründeten sogenannten „Deutschen
Schriftliche Antwort Sexpartei" bestimmt.

des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende


vom 26. Mai 1970 . auf die Mündlichen Fragen des Schriften hat darauf ein 'Gutachten des Instituts für
Abgeordneten Dr. Arnold (Drucksache VI/809 Fra- Zeitungsforschung Dortmund und des Bundesinnen-
gen A 71 und 72) : ministeriums eingeholt. Beide Gutachten kommen
- nach Prüfung mehrerer Ausgaben über einen län-
Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß die uneinge-
schränkte Verbreitung von Tageszeitungen und politischen Zeit- geren Zeitraum hinweg zu der Auffassung, daß es
schriften pornographischen Inhalts auch an Jugendliche, die in
St. Pauli/Hamburg in Millionenauflage hergestellt werden, be-
sich bei den Tages- und Wochenendausgaben beider
denklich ist? Blätter nicht um seine Zeitung im Sinne des § 7
Welche Maßnahmen kann und will die Bundesregierung er- des Gesetzes über die Verbreitung jugendgefähr-
greifen, wenn sie die Massenverbreitung von Pornozeitungen an
die heranwachsende Jugend nicht billigt? dender Schriften handelt. Unter Verwendung dieser
Gutachten wird die Bundesprüfstelle in der Sitzung
Die in Hamburg produzierten und zur Zeit in am 5. Juni 1970 über die Dauerindizierung verhan-
der Bundesrepublik verbreiteten Druckschriften deln und entscheiden.

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