D eutscher Bundestag
90. Sitzung
Bonn, den 18. Oktober 1963
Inhalt:
Erweiterung der Tagesordnung 4191 A
Überweisung ,des Entwurfs eines Wasser-
sicherstellungsgesetzes (Drucksache IV/
1448) 4191 B
Begrüßung des früheren Außenministers
der USA Mr. Dean Acheson . . . . . 4191 D
Erklärung der Bundesregierung
Bundeskanzler Dr. Dr. h. c. Erhard . 4192 A
Schriftlicher Bericht des Außenhandelsaus-
schusses über den Vorschlag der Kom-
mission für eine Verordnung des Rates
über die Änderung verschiedener Bestim-
mungen der Verordnung Nr. 55 des Rats
über die Regelung für Getreideverarbei-
tungserzeugnisse (Drucksachen IV/1525,
IV/1531) 4208 C
Schriftlicher Bericht des Ernährungsaus-
schusses über die Verordnung über die
Senkung von Abschöpfungssätzen bei der
Einfuhr von geschlachteten Gänsen
(Drucksachen IV/1503, IV/1533, zu IV/
1533) 4208 D
Nächste Sitzung 4208 D, 4209 A, C
Anlage 4211
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963 4191
90. Sitzung
Bonn, den 18. Oktober 1963
Die Fraktion der SPD hat unter dem 8. Oktober 1963 mitge-
Stenographischer Bericht teilt, daß sie ihre Kleine Anfrage betr. vorläufige Festnahme
in der Bundeswehr durch Fesseln eines Soldaten an einen Baum
Drucksache IV/11 zurückziehe.
Beginn: 10.01 Uhr Der Abgeordnete Dr. Schneider (Saarbrücken) hat seine An-
frage auf Drucksache IV/1502 Nr. II/1 bis 3 zurückgestellt.
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Die Sitzung Der Älteste der Wahlmänner gem. § 6 Abs. 3 BVerfGG hat
unter dem 10. Oktober 1963 mitgeteilt, daß der Wahlmänneraus-
ist eröffnet. schuß des Deutschen Bundestages in seiner Sitzung am 10. Ok-
tober 1963 Herrn Bundesverfassungsrichter Dr. Gebhard Müller
Vor Eintritt in die Tagesordnung gebe ich be- zum Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts gewählt hat.
Er hat ferner mitgeteilt, daß der Wahlmännerausschuß in der
kannt, daß nach einer interfraktionellen Verein- gleichen Sitzung, um der Vorschrift des § 5 Abs. 2 BVerfGG zu
genügen, die am 19. Juni 1963 getroffene Wahl der Herren Dr.
barung die heutige Tagesordnung erweitert werden Gebhard Müller und Prof. Dr. Di. Gerhard Leibholz zu Bundes-
soll um die verfassungsrichtern bestätigt hat.
Der Präsident des Bundestages hat entsprechend dem Beschluß
Beratung des Schriftlichen Berichts des des Bundestages vom 25. Juni 1959 die nachstehenden Vorlagen
Außenhandelsausschusses über den von der überwiesen:
Bundesregierung zur Unterrichtung vorge- Verordnung des Rates über die Änderung verschiedener Be-
stimmungen der Verordnung Nr. 55 des Rates über die
legten Vorschlag der Kommission für eine Regelung für Getreideverarbeitungserzeugnisse — Druck-
Verordnung des Rates über die Änderung sache IV/1525 —
verschiedener Bestimmungen der Verordnung an den Außenhandelsausschuß — federführend — und an den
Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten — mit-
Nr. 55 des Rates über die Regelung für Ge- beratend — mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig
vor dem Plenum am 18. Oktober 1963
treideverarbeitungserzeugnisse (Drucksachen
Verordnung Nr. 102/63/EWG des Rates vom 25. September
IV/1525, IV/ 1531) 1963 über die Festsetzung der Abschöpfungsbeträge gegen-
über dritten Ländern für Schweine und Schweinefleisch ent-
und die haltende Erzeugnisse für Einfuhren, die vom 1. Oktober bis
zum 31. Dezember 1963 getätigt werden (Amtsbl. 140/63)
Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus- Verordnung Nr. 103/63/EWG des Rates vom 25. September
schusses für Ernährung, Landwirtschaft und 1963 über die Verringerung der Abschöpfungsbeträge gegen-
über dritten Ländern für Schweine und einige Teilstücke von
Forsten über die von der Bundesregierung Schweinen für Einfuhren in der Zeit vom 1. Oktober bis
vorgelegte Verordnung über die Senkung von zum 31. Oktober 1963 (Amtsbl. 140/63)
Abschöpfungssätzen bei der Einfuhr von ge- Verordnung Nr. 105/63/EWG des Rates vom 25. September
1963 zur Verlängerung der Verordnungen Nr. 45, 46 und 116
schlachteten Gänsen (Drucksachen IV/1503, des Rates (Amtsb]. 140/63)
IV/1533, zu IV/1533). an den Außenhandelsausschuß — federführend — und an den
Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten — mit-
Das Haus ist damit einverstanden? - Es ist so beratend — mit der Bitte um Berichterstattung, wenn im Aus-
schuß Bedenken gegen die Verordnungen erhoben werden.
beschlossen.
Der Präsident des Bundestages hat entsprechend dem Beschluß
Zweitens. In der 84. Sitzung des Bundestages ist des Bundestages vom 23. Februar 1962 überwiesen:
der Entwurf eines Wassersicherstellungsgesetzes Einundzwanzigste Verordnung zur Änderung des Deutschen
Zolltarifs 1963 (Angleichungszölle für Waffeln und Kekse) —
(Drucksache IV/1448) dem Ausschuß für Atomkern- Drucksache IV/1532 —
energie und Wasserwirtschaft — federführend — an den Außenhandelsausschuß mit der Bitte um fristgemäße
Behandlung.
und den Ausschüssen für Gesundheitswesen und
für Inneres — mitberatend — überwiesen worden. Der Herr Bundesminister des Auswärtigen hat unter dem
14. Oktober 1963 die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Zim-
Ich schlage vor, daß dieser Gesetzentwurf auch dem mer, Dr. Meyer (Frankfurt) und Genossen betr. Bildung eines
Haushaltsausschuß überwiesen wird, und zwar so- ständigen Kontaktausschusses in der Westeuropäischen Union —
Drucksache IV/1484 — beantwortet. Sein Schreiben wird als
wohl nach § 96 der Geschäftsordnung als auch als Drucksache IV/1543 verteilt.
mitbeteiligter Ausschuß. Das Haus ist einverstan-
den? — Kein Widerspruch; es ist so beschlossen. Damit kommen wir zur Tagesordnung.
Die weiteren amtlichen Mitteilungen werden ohne Ehe ich aber dem Herrn Bundeskanzler das Wort
Verlesung in den Stenographischen Bericht aufge- gebe, möchte ich einen unserer prominenten Gäste
nommen: herzlich willkommen heißen, und zwar den früheren
Außenminister der Vereinigten Staaten von Ame-
Der Herr Bundesminister des Auswärtigen hat unter dem
14. Oktober 1963 die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. rika, Mr. Dean Acheson. Herzlich willkommen in
Meyer (Frankfurt), Dr. Zimmer und Genossen betr. die politische
und wirtschaftliche Tätigkeit des Rates der Westeuropäischen
diesem Hause!
Union — Drucksache IV/1483 — beantwortet. Sein Schreiben
wird als Drucksache IV/1542 verteilt. (Allseitiger Beifall.)
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Präsident D. Dr. Gerstenmaier
Wir kommen nun zu der sich auf gemeinsam erarbeitete Grundsätze, wie sie
auch 'in dieser Erklärung ihren Ausdruck finden.
Erklärung der Bundesregierung.
Wir haben die materiellen Kriegsfolgen weit-
Das Wort hat der Herr Bundeskanzler. gehend überwunden und konnten durch den Aufbau
einer blühenden Wirtschaft vielen dringenden so-
Dr. Dr. h. c. Erhard, Bundeskanzler: Herr Prä- zialen Aufgaben genügen. Die demokratische Ord-
sident! Meine Damen und Herren! Sie haben mir nung unseres Landes ist fest gefügt, und die Bun-
durch Ihre Entscheidung das höchste Regierungsamt desrepublik hat im westlichen Bündnissystem
übertragen. Ich danke dem Herrn Bundespräsidenten Sicherheit gefunden. Aber unser Volk_ ist weiterhin
und dem Hohen Hause für das mir bezeugte Ver- geteilt. Der eine Teil darf sich der Freiheit erfreuen,
trauen. Dieser Dank gilt dem ganzen deutschen Volk. der andere lebt in von außen aufgezwungener Unfrei-
heit. Das Einigungswerk Europas ist trotz ermuti-
Ich werde aus christlicher Gesinnung und Verant- gender Anfänge keineswegs vollendet. Die freie
wortung handeln. Ich fühle mich der Demokratie und Welt ermangelt noch jener festen Bindungen, die
der tragenden Kraft des Geistes verpflichtet. Meine sie ihre politischen, wirtschaftlichen und sozialen
Politik ist eine Politik der Mitte und der Verständi- Aufgaben glücklich bewältigen lassen.
gung. Unser Weg in die Zukunft wird uns weiter
aufwärts führen, aber er bleibt voller Gefahren. Be- Schon dieser kurze Überblick läßt erkennen, daß
zeugen wir Mut, Gewissen und Solidarität! die Aufgaben, die vor uns liegen, von hohem Rang
sind. Wir haben unseren Blick vorwärts zu richten.
Nach einem so bedeutenden Abschnitt in der Ge- Nicht nur die Bundesrepublik, sondern die ganze
schichte unseres Landes, der — durch Konrad Ade- Welt ist 'im Begriff, aus der Nachkriegszeit heraus-
nauer geprägt — den Weg des deutschen Volkes aus zutreten. Die Völker sind in Bewegung geraten. Den
politischem, wirtschaftlichem und sozialem Chaos Strom der Zeit können wir zwar nicht lenken, aber
bis in unsere Gegenwart kennzeichnet, kann eine wir werden unser Schiff sicher steuern. In dieser Zeit
Regierungserklärung nicht auf die Forderung des ist auch die deutsche Politik zum Handeln aufgeru-
Tages beschränkt sein. Ich bin mir nur zu bewußt, fen und hat ebenso überzeugend für die Einigkeit
welches schwere, aber auch reiche Erbe ich mit dem und Stärke des westlichen Bündnisses zu wirken wie
Regierungswechsel übernehme, das zu wahren und auch für den Frieden und die Lösung unserer natio-
zu mehren mir aufgegeben ist. nalen Fragen einzutreten.
Eine Rückschau auf diese vierzehn Jahre läßt uns
alle noch einmal nacherleben, welche unendliche Die Freiheit ist ein so hoher und absoluter Wert,
Fülle schicksalhafter Aufgaben nicht nur für das daß sich ein Volk selbst preisgibt, wenn es auf sie
deutsche Volk, sondern auch für Europa und den Zu- verzichtet. Es muß das Ziel unserer Politik bleiben,
sammenhalt der freien Welt während der Regie- den Kalten Krieg beenden zu helfen, den die So-
rungszeit Konrad Adenauers bewältigt werden wjets vor allem durch die Verweigerung des Selbst-
mußte. Es gibt kaum einen Abschnitt der deutschen bestimmungsrechts für die Deutschen in der Zone
Geschichte, der, was Aufgabe und Leistung an- seit eineinhalb Jahrzehnten führen. Die deutsche
langt, dem Werk Konrad Adenauers gleichkäme. Politik wird deshalb nach innen wie nach außen
immer weltweit orientiert und so freiheitlich gestal-
(Beifall bei der CDU/CSU.) tet werden müssen wie nie zuvor in unserer Ge-
So richte ich denn in dieser Stunde mein Wort an schichte. Sie wird ihren Beitrag zur Stärkung der
Sie, den ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutsch- europäischen und atlantischen Zusammenarbeit lei-
land, der Sie durch vierzehn Jahre nicht nur Regie- sten und sich dabei unverlierbar der schicksalhaften
rungschef, sondern weit darüber hinaus der mutige Bedeutung des engen Zusammengehens und Zusam-
und entschlossene deutsche Staatsmann waren. Daß menstehens mit allen unseren Verbündeten bewußt
wir für den freien Teil unseres Vaterlandes einen bleiben.
geachteten Platz im Kreise der freien Völker er- Den Gefahren, die die Bundesrepublik bedrohen,
ringen konnten, ist in erster Linie Ihr Verdienst, werden wir um so wirksamer begegnen können, je
(Beifall bei der CDU/CSU) stärker wir unsere Kräfte sammeln und sie der Zu-
kunft unseres Volkes nutzbar machen. Mehr denn je
und daß unsere Brüder und Schwestern jenseits der wird künftig die Zusammengehörigkeit unseres Vol-
Zonengrenze darauf hoffen dürfen, es werde und kes auf eine hohe Probe gestellt und zur Bewährung
möge auch für sie einmal die Stunde der Freiheit aufgerufen sein.
schlagen, verdankt das deutsche Volk Ihrer nimmer-
müden Arbeit und Ihrer überzeugenden Haltung, die Die schöpferischen Energien des deutschen Volkes
uns wieder Vertrauen und Freunde in der Welt fin- sind nach dem Kriege in erster Linie dem wirtschaft-
den ließen. lichen Wiederaufbau zugute gekommen. Dank un-
(Erneuter Beifall bei der CDU/CSU.) serer freiheitlichen Politik verfügen alle Schichten
unseres Volkes über einen weiten Spielraum zur
Ich bitte Sie, mir als Ihrem Nachfolger auch in Zu- eigenen Entfaltung. Der wirtschaftliche Wettbewerb
kunft Ihren Rat nicht zu versagen. hat die Kräfte gewogen und gestärkt. So ist die Bun-
(Wiederholter Beifall bei der CDU/CSU.) desrepublik heute zu einer der größten Wirtschafts-
mächte der Welt geworden. Dabei beruht diese Kraft
Diese Regierung ist eine Koalitionsregierung, die nicht nur auf ihrer industriellen Potenz, der Leistung
auf vertrauensvoller Partnerschaft beruht. Sie stützt der Landwirtschaft, des Handels, des Handwerks,
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963 4193
Bundeskanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
der freien Berufe sowie dem Einsatz und dem Kön- lich zu machen, daß Freiheit mit Verantwortung ge-
nen von Unternehmern, Arbeitern und Angestellten paart sein muß, wenn sie nicht chaotisch entarten
sowie allen Angehörigen des öffentlichen Dienstes, soll.
sondern auch auf der Befruchtung unserer Arbeit (Beifall bei den Regierungsparteien.)
durch Wissenschaft und Forschung.
So haben wir uns denn auch immer wieder zu fra-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) gen, was im Einzelfall die Notwendigkeit eines wei-
Das Werk lobt alle seine Meister. teren Ausbaus unserer freiheitlichen Lebensordnung
und das Erfordernis wirklicher sozialer Gerechtig-
Aber welches Bild des öffentliches Lebens stellt keit gebieten. Das Vertrauen in unseren Rechtsstaat
sich uns heute dar? Wir laufen Gefahr, daß der pro- ist nur so lange gesichert, wie die politisch Verant-
duktive Elan unserer Gesellschaft zunehmend dem wortlichen durch ihr eigenes Verhalten das gute
Genuß des Erreichten weichen will. Eine oft aus- Beispiel vorleben.
schließlich materiell bestimmte Grundhaltung weiter
Kreise der Bevölkerung charakterisiert die Lage — (Hört! Hört! bei der SPD und Beifall
18 Jahre nach Beendigung der größten Katastrophe im ganzen Hause.)
deutscher Geschichte. Aus diesem Grunde bedeutet Wenn es darum unverzichtbar ist, den Interessen-
es eine wesentliche Aufgabe aller verantwortungs- gruppen die Grenzen ihrer Ansprüche deutlich zu
bewußten Kräfte im Lande, jenen Leistungswillen, machen, so erscheint das nur glaubhaft, wenn auch
der uns gerettet hat, für alle Zukunft wachzuhalten. der Staat die rechten Maße zu setzen weiß.
(Beifall bei den Regierungsparteien.) (Beifall bei den Regierungsparteien und bei
Wie noch deutlich zu machen sein wird, müssen wir Abgeordneten der SPD.)
damit aufhören, unsere Kräfte und Mittel jeweils Der Staat ist kein von der Gemeinschaft eines Vol
nur an speziellen und individuellen Forderungen- kes losgelöstes, abstraktes Gebilde. Gewiß ist er
auszurichten, sondern wir müssen das Ganze beden- aber auch mehr als die Addition seiner Staatsbürger.
ken und alles Handeln an gemeinsamen Zielen mes- Wenn darum im politischen Leben dem Staat die
sen. Sorge um Verteidigung und Sicherheit aufgetragen
(Sehr gut! bei der CDU/CSU.) ist, wenn er Bildung, Forschung und Gesundheit
Ich bin gewiß, einer Sorge und zugleich einem Ver- fördern soll, wenn er für Reinhaltung der Luft und
langen des deutschen Volkes Ausdruck zu geben, des Wassers sorgen,
wenn ich Regierung und Parlament mahne, über (Hört! Hört! bei der SPD)
Interessentenwünsche hinweg sich entschiedener den
prinzipiellen Fragen der Politik zuzuwenden. die Verkehrsverhältnisse ordnen,
(Beifall bei den Regierungsparteien und bei (Hört! Hört! bei der SPD)
Abgeordneten der SPD.) den Wohnungsbau fortführen soll,
Vor allem junge Menschen wollen nach übergeord-
(Hört! Hört! bei der SPD)
neten Werten und Maßstäben handeln. Sie erwar-
ten, daß sich auch der Staat an diese Maxime hält. wenn ihm zunehmend höhere soziale Leistungen
Unsere Jugend will vor Aufgaben gestellt werden! abverlangt werden und der Ruf nach Subventionen
Je bewußter_ und wahrhaftiger wir sie darauf an- und Beihilfen gewiß nicht schwächer wird, dann muß
sprechen, um so besser wird es uns gelingen, sie der Staatsbürger begreifen, daß er damit im letzten
von dem falschen Weg des nur Geld-verdienen- und Grunde sich selbst anspricht.
, Versorgt-sein-Wollens abzubringen.
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Aus solcher Sicht spiegelt die Anklage, der Staat
Bemühen wir uns darum auch, jedwede Forderung bezeuge zu wenig Verständnis und leiste zu Gerin-
an den Staat nicht vorschnell mit dem Wort „sozial" ges, nur die mangelnde Einsicht des Staatsbürgers
oder „gerecht" zu versehen, wenn es in Wahrheit wider. Es gibt keine Leistungen des Staates, die sich
nur zu oft um partikuläre Wünsche geht! nicht auf Verzichte des Volkes gründen.
(Zustimmung in der Mitte und bei der SPD.) In diesem Zusammenhang sind deshalb die Inter-
Verschließen wir die Augen nicht vor der Tat- essenorganisationen im weitesten Sinne anzuspre-
sache, daß dem entwickelten Engagement für das chen. Wohl gliedern sie das Volk und verhindern auf
Private und für das Gruppeninteresse zunehmend solche Weise, daß die einzelnen zur beliebig mani-
ein Defizit an Bürgersinn gegenübersteht! pulierbaren Masse werden. Auf der anderen Seite
können diese Verbände auch zu wachsender Un-
(Sehr gut! bei der CDU/CSU und bei der FDP.)
mündigkeit der Menschen führen. Es ist einzusehen,
Das ist um so gravierender, als die Bundesrepublik daß die Gruppen dem Bedürfnis des einzelnen ent-
ihren Bürgern ein ungewöhnliches Maß an Freizügig- stammen, durch solidarisches Handeln die private
keit in ihren privaten Tätigkeiten zugesteht und Ohnmacht zu überwinden und auch politisch hand-
ihnen den großen Respekt vor dem Wert individuel- lungsfähig zu werden; aber es ist auch nicht zu ver-
ler Entfaltung bezeugt. kennen, daß die so geschaffene Apparatur ständig
Es muß unser unablässiges Bemühen sein, die der Versuchung unterliegt, die von ihr vertretenen
Werte, die unsere Verfassung setzt, ins Bewußtsein Menschen nach ihrem Willen zu lenken.
aller Bürger zu rücken und es immer wieder deut- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
4194 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963
Bundeskanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
Aus solchem Widerstreit der Interessen erwächst bedürfnis so weit Rechnung tragen, wie es die ord
kein organisches Ganzes, solange die Beteiligten be- nungsmäßige Tätigkeit von Regierung und Verwal
wußt oder unbewußt der Devise huldigen, daß ge- tung des Bundes gestattet.
rade das und nur das recht sei, was ihnen nütze. Ich
erkläre, daß sich die Bundesregierung aus ihrer be- Ich rufe die schöpferischen Menschen in der Bun-
sonderen Verantwortung keinem Zwang und auch desrepublik zur Mitarbeit an diesem Staate auf. Wir
keiner offenen oder versteckten Drohung zu beugen haben gemeinsam die Werte zu respektieren und
gewillt ist. zu verteidigen, die das Fundament eines freien
Gemeinwesens sind.
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
(Beifall bei den Regierungsparteien. —
Dagegen werde ich immer jedem guten Argument
Zustimmung des Abg. Dr. Schmid [Frank
zugänglich sein. Um zu einer gedeihlichen Arbeit
furt].)
hinzufinden, appelliere ich an die Verantwortung
der Organisationen gegenüber dem Ganzen. Die Amtsübernahme der neuen Bundesregierung
fällt in eine weltpolitische Phase, in der sich Ver-
(Zuruf von der SPD: Welcher?) änderungen im West Ost Verhältnis abzeichnen.
- -
Diese Bundesregierung sieht es auch als ihre Auf- Langjährige Gespräche über Abrüstungsfragen
gabe an, den Kontakt zu den geistig und kulturell haben im August dieses Jahres erstmals zu einer
führenden Schichten unseres Landes zu suchen und Übereinkunft zwischen den Vereinigten Staaten,
zu vertiefen. Großbritannien und der Sowjetunion über eine par-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) tielle Einstellung von Kernwaffenversuchen geführt.
Die Bundesregierung hat nach den notwendigen po-
In der Welt, in der wir leben, kann kein Bereich des litischen Klarstellungen dieses Abkommen unter-
menschlichen Handelns neben der Erfahrung der tie-- zeichnet und wird dem Hohen Hause in Kürze das
feren Erkenntnis entraten. So wie viele Sparten des erforderliche Zustimmungsgesetz vorlegen. Dabei
öffentlichen Lebens schon längst mit der Wissen- gibt sich die Bundesregierung in Übereinstimmung
schaft zusammenarbeiten, um ihre Aufgaben besser mit ihren Bundesgenossen nicht der trügerischen
meistern zu können, kann auch die Politik nicht dar- Hoffnung hin, daß sich durch dieses Abkommen die
auf verzichten, ihre Probleme durch den mensch- weltpolitische Lage entscheidend verändert hätte.
lichen Geist durchleuchten zu lassen und für ihre Die Bedrohung bleibt bestehen; die Unterdrückung
Zwecke alle Kräfte zu mobilisieren. der Freiheit dauert auch auf deutschem Boden an.
(Beifall bei den Regierungsparteien.) (Beifall in der Mitte.)
Wenn wir die Wissenschaft fragen, wie sie uns in Die deutsche Frage ist ungelöst, und das freie
der Aufgabe, die Freiheit zu verteidigen und unsere Berlin leidet weiter unter der unnatürlichen Ab
innere Ordnung zu vervollkommnen, helfen kann, schnürung gegenüber dem anderen Teil der Stadt
so sind wir dabei doch weit davon entfernt, Politik und deutschen Gebieten, die in einer langen Ge
mit Wissenschaft zu verwechseln. Das Handeln ent- schichte mit ihm auf das engste zusammengewachsen
springt anderen Gesetzen als das Denken; gleich- sind. Die Bundesregierung ist dennoch der Auffas
wohl sind beide aufeinander angewiesen. So soll- sung, daß Kontakte und Gespräche zwischen den
ten die Politiker auch das Gespräch mit denen Vereinigten Staaten und der Sowjetunion nützlich
suchen, deren Beruf es ist, über die Geschäfte der
sein können und daß sie mit dem Ziele fortgesetzt
Menschen nachzudenken. Vielleicht wird dann der
werden sollten, zu prüfen, ob es Möglichkeiten
Rahmen deutlicher, in dem sich unser Handeln voll-
eines Abbaues der Spannungen gibt. Die Bundes
zieht, und wie dieses sinnvoll angelegt sein sollte.
regierung hat immer wieder mit Nachdruck die For
Dieser Dialog scheint mir besser als eine einseitige
derung nach einer allgemeinen, kontrollierten Ab
Polemik gegen die Intellektuellen.
rüstung erhoben und hält an dieser Forderung fest.
(Beifall bei den Regierungsparteien und bei
(Beifall in der Mitte.)
Abgeordneten der SPD. — Hört! Hört! bei
der SPD.) Sie erscheint als der einzig sichere Weg, um den
Wir brauchen eine verantwortungsbewußte öffent- Ausbruch eines Krieges endgültig unmöglich zu
liche Kritik. Sie ist ein unveräußerlicher Bestandteil machen. Aber da wir uns darüber im klaren sind,
unserer Ordnung und geeignet, die innere Beteili- daß eine allgemeine und vollständige kontrollierte
gung des Bürgers am staatlichen Leben wachzuhal- Abrüstung nur schrittweise verwirklicht werden
ten. Ich bekenne mich ausdrücklich dazu, daß nicht kann, gebietet es unser Interesse, auch an welt-
jeder Tadel an einer Regierung den Staat erschüttert, weiten Teil-Maßnahmen mitzuwirken, sofern sicher-
wie umgekehrt nicht jede Kritik der Regierung an gestellt ist, daß sie das Kräfteverhältnis zwischen
den Organen der öffentlichen Meinung schlechthin Ost und West nicht zu unserem Nachteil verschie-
als Eingriff in demokratische Grundrechte aufgefaßt ben und uns nicht diskriminieren.
werden sollte. Es ist unsere Pflicht, immer erneut die Aufmerk-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) samkeit der Welt auf die ungelöste deutsche ?rage
zu lenken. Die Bundesregierung erhebt auf Grund
Die Bundesregierung wird nach Kräften bemüht des Mandats, das das Grundgesetz und das deutsche
sein, den Trägern der öffentlichen Meinung ihre Volk ihr erteilen, die Forderung, jede sich bietende
Arbeit zu erleichtern. Sie wird ihrem Informations- Möglichkeit in den West-Ost-Gesprächen zu ergrei-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963 4195
Bundeskanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
fen, um hinsichtlich der Lösung des Deutschland- Die sowjetische Haltung gegenüber der deutschen
Problems Fortschritte zu erzielen. Frage beruht auf einem Irrtum, nämlich auf der An-
nahme, daß den sowjetischen Interessen besser durch
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
die Teilung als durch die Wiederherstellung der
Denn darüber darf kein Zweifel sein: Die Deutsch- Einheit Deutschlands gedient wäre. Hier dürfte das
land-Frage ist eine der Hauptursachen für die entscheidende Hemmnis für eine Normalisierung
Spannungen in der Welt, und man kann nicht hof- unserer Beziehungen zur UdSSR liegen. Wir wissen
fen, diese Spannungen zu beseitigen, wenn die nicht, wieweit die sowjetische Regierung ihrer
Deutschland-Frage ungelöst bleibt. eigenen Propaganda Glauben schenkt, die von der
(Beifall bei den Regierungsparteien und bei Bundesrepublik Deutschland das Zerrbild eines Lan-
Abgeordneten der SPD.) des zeichnet, das nach Eroberungen strebt und in
dem militärische Motive die Politik bestimmen. Wir
In keinem Falle werden wir eine Maßnahme zu werden nicht aufhören, diesen Propagandathesen die
akzeptieren bereit sein, die den unbefriedigenden Wahrheit deutschen Lebens entgegenzustellen.
Stand, in dem sich das Deutschland-Problem befin-
det, statt zu verbessern verschlechtern würde, sei (Beifall bei den Regierungsparteien und
es, daß durch sie die unnatürliche Teilung unseres bei Abgeordneten der SPD.)
Landes sanktioniert oder gefestigt würde, sei es,
daß eine Anerkennung oder auch nur eine inter- Und es wird unser ständiges Bemühen sein, auch
nationale Aufwertung des Regimes der sowjetisch in unserem Verhältnis zur Sowjetunion eine auf
besetzten Zone mit ihr verbunden wäre. gegenseitiger Achtung vor den Lebensrechten der
beiden Völker beruhende Normalisierung herbei-
Dies bleibt ein allgemeiner Grundsatz unserer Po- zuführen.
litik, denn die Herrschaft, die in jenem Teil Deutsch-
lands errichtet wurde, ist nichts anderes als eine Die Bundesrepublik Deutschland ist ein freies
Fremdherrschaft Land. Jeder kann sich von den hier herrschenden Zu-
ständen überzeugen. Jeder, dem es hier nicht gefällt,
(Sehr gut! bei der CDU/CSU) kann unser Land verlassen. Millionen von Besuchern
und ein Gewaltsystem, das gegen den Willen der aus allen Teilen der Welt sehen Jahr für Jahr die
überwältigenden Mehrheit des unterdrückten Tei- deutsche Wirklichkeit mit eigenen Augen. Auch die
les unseres Volkes die freie Verbindung zwischen sowjetische Regierung und andere, die in ihre mo-
ihm und uns zerschneidet notonen Anschuldigungen einfallen, sollten sich
endlich davon überzeugen, daß das Mittel der Dif-
(Beifall bei den Regierungsparteien und bei famierung gewiß am wenigsten geeignet ist, zu einer
Abgeordneten der SPD) Entspannung beizutragen.
und die Ausübung der elementarsten politischen (Beifall bei den Regierungsparteien.)
und humanitären Rechte verhindert.
(Abg. Erler: Sehr wahr!) Die Vorstellungen der Bundesregierung von der
Lösung der deutschen Frage gehen von der Über-
Man sagt uns, die Teilung unseres Landes sei eine legung aus, daß alle Schritte notwendig mit Maß-
„Realität", die hingenommen werden müsse. Sicher nahmen auf dem Gebiet der Sicherheit verbunden
haben wir es hier mit einer Realität zu tun, aber sein müssen. Wir sind uns bewußt, daß dabei auch
mit einer unerträglichen. die Interessen anderer Völker und Länder berührt
(Zustimmung bei der CDU/CSU.) werden. Ebenso wie wir von unseren Nachbarn er-
warten, daß sie Verständnis für unser Verlangen
Auch eine Krankheit ist eine Realität, und doch nach Freiheit und Wiederherstellung der Einheit
wird es niemandem einfallen, den zu tadeln, der unseres Volkes aufbringen, wollen und müssen wir
sich vor ihr zu schützen und sie zu heilen sucht. bereit sein, ihren berechtigten Interessen Rechnung
(Sehr gut! bei der CDU/CSU.) zu tragen.
Auch Unrecht ist Realität, und doch wird man alles Da die vier Mächte nach dem Kriege Verpflichtun-
daransetzen müssen, es zu beseitigen. gen in bezug auf Deutschland als Ganzes über-
nommen haben, fallen ihnen bei der Regelung der
(Lebhafter Beifall im ganzen Hause.) Deutschland- und Sicherheits-Frage besondere Auf-
Vor allem aber ist, wenn schon die Teilung unseres gaben zu. Diese könnten durch Bildung eines Gre-
Landes als eine Realität hingestellt wird, der Wille miums der vier Mächte wahrgenommen werden,
des deutschen Volkes zur Wiederherstellung seiner das seine Funktionen bis zu dem Zeitpunkt einer
Einheit eine weit stärkere Realität, endgültigen Friedensregelung ausüben würde. Mit
diesem Gedanken würde zugleich dem Beschluß des
(erneuter lebhafter Beifall bei allen Frak- Deutschen Bundestages vom 9. Oktober 1962 Rech-
tionen) nung getragen werden.
denn die Geschichte lehrt, daß der elementare Drang Wir sind uns alle darüber klar, daß auf dem
eines Volkes, um seine Einheit und Freiheit zu rin- Wege zur Wiederherstellung der deutschen Einheit
gen, zu den mächtigsten Kräften überhaupt gehört. große Schwierigkeiten zu überwinden sind. Der Weg
Die Sowjetunion wäre deshalb gut beraten, dieser mag lang und dornenvoll sein; er wird uns Ent-
Realität Rechnung zu tragen und dem ehrlichen behrungen, materielle und auch psychische Belastun-
Friedenswillen des deutschen Volkes zu vertrauen. gen auferlegen. Wir wollen in unserem Willen, in
4196 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963
Bundeskanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
unserer Zähigkeit nie erlahmen und — wenn es gefährdenden Maßnahmen der Gewalthaber der
not tut — entschlossen sein, Opfer auf uns zu Zone aufgehoben werden.
nehmen. Die Bundesregierung wird der weiteren Verbesse-
(Beifall bei den Regierungsparteien und rung des Verhältnisses zwischen der Bundesrepublik
bei Abgeordneten der SPD.) Deutschland und den osteuropäischen Staaten ihre
Am Ende dieses Weges muß nach der Überzeugung volle Aufmerksamkeit widmen,
der Bundesregierung ein Friedensvertrag stehen, (Zustimmung.)
der von einer in freien Wahlen gebildeten gesamt-
deutschen Regierung frei verhandelt und geschlos- Sie ist bereit, mit jedem dieser Staaten Schritt für
sen wird. In diesem Vertrag — und nur in ihm — Schritt zu prüfen, wie man auf beiden Seiten Vorur-
können und müssen die endgültigen Grenzen teile abbauen und vorhandenen Sorgen und Be-
Deutschlands, das nach gültiger Rechtsauffassung in fürchtungen den Boden entziehen kann. Im Zuge
seinen Grenzen vom 31. Dezember 1937 fortbesteht, eines solchen Prozesses ist die Bundesregierung
festgelegt werden. auch bereit, im Rahmen ihrer Möglichkeiten den
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Wirtschaftsaustausch mit diesen Ländern zu erwei-
tern. In gleicher Weise begrüßt sie die Verstärkung
In der Zwischenzeit aber dürfen wir die Hände kultureller Kontakte, wie sie sich mit einigen Ost-
nicht in den Schoß legen. Unseren Brüdern und blockländern bereits angebahnt haben.
Schwestern in der Zone werden die Menschenrechte Für die Bundesregierung bleibt die Nordatlantik-
vorenthalten. Sie leben unter einem schweren Ge- pakt-Organisation ein Grundpfeiler ihrer Politik. Sie
wissenszwang und sind täglichen Verfolgungen aus-
ist sich bewußt, daß die Sicherheit Europas und der
gesetzt. Wir dürfen daher niemals in dem Bemühen
Bundesrepublik Deutschland nur durch die NATO
nachlassen, für sie lebenswürdige Verhältnisse her- -
im Zusammenwirken der europäischen und nord-
stellen zu helfen. Und ebensowenig dürfen wir in
amerikanischen Partner auf politischem und militä-
dem Eifer erlahmen, die persönlichen Verbindungen
rischem Gebiet gewährleistet werden kann. Die
zwischen den Menschen, die in beiden Teilen unse-
Bundesrgi tüzaherncdkli
res Landes wohnen, neu zu knüpfen, zu festigen und
alle Bemühungen, welche geeignet sind, die politi-
den Besucher- und Reiseverkehr zwischen ihnen zu
sche Zusammenarbeit der NATO-Partner zu vertie-
ermöglichen.
fen und die Integration der Verteidigungsmittel der
Dabei denken wir auch nicht zuletzt an das ge- NATO zu stärken.
teilte Berlin; die Mauer mahnt uns und die ganze
Welt täglich an die Erfüllung dieser humanitären Eine multilaterale nukleare Streitmacht würde
Verpflichtung. Wir werden alles in unseren Kräften einen wesentlichen Beitrag zur Verwirklichung die-
Stehende tun, hier Erleichterungen und Verbesse- ser Ziele leisten. Die Bundesregierung beteiligt sich
aktiv an den Verhandlungen über diesen Plan. Wir
rungen herbeizuführen. Die Stellung der Bundesre-
sind der Ansicht, daß eine solche vollintegrierte
gierung zur Berlin-Frage ist eindeutig. Die unab-
Streitmacht, über die keine einzelne Nation ein auto-
dingbaren Grundsätze der deutschen Berlin-Politik
nomes Verfügungsrecht besitzt, neue Wege der
lauten dahin:
politschenudmärZsaenbitm
1. Die Anwesenheit der Westmächte und ihre Rahmen der NATO weisen wird. Die Bundesregie-
Zuständigkeiten für Berlin beruhen auf internatio- rung würde es deshalb begrüßen, wenn sich mög-
nalem Recht, und deshalb muß jede neue Verein- lichst viele NATO-Staaten an dieser integrierten
barung über Berlin auf diesen Rechten aufbauen. Streitmacht beteiligten.
2. Der freie Zugang nach Berlin muß ungeschmä- Im Rahmen der NATO wird die Bundesregierung
lert aufrechterhalten bleiben. ihre bisherige Verteidigungspolitik fortsetzen. Diese
3. Berlin gehört zum freien Teil Deutschlands. Politik hat dazu beigetragen, der Bundesrepublik
Die mit Billigung der Schutzmächte in den vergange- Deutschland und den Ländern des freien Europas
nen Jahren durchgeführte enge politische, rechtliche Frieden und Unabhängigkeit zu bewahren. Wir sind
und wirtschaftliche Verflechtung Berlins mit der uns mit unseren Verbündeten darin einig, daß wir
Bundesrepublik ist ein Grundpfeiler für die Lebens- angesichts der weltpolitischen Situation in unseren
fähigkeit der Stadt. Pläne zur Bildung einer soge- gemeinsamen Anstrengungen auf dem Gebiet der
nannten „Freien Stadt West-Berlin" sind indisku- Verteidigung nicht nachlassen dürfen. Die Erhaltung
tabel. der wirksamen Abschreckung vor jeder Form einer
(Beifall bei den Regierungsparteien und bei Aggression und die Organisation einer Schutz .ge-
Abgeordneten der SPD.) währenden Verteidigung sind nur in langfristiger
Planung und kontinuierlicher Durchführung möglich.
4. Jede Vereinbarung über Berlin hat den ein-
deutigen Willen der Berliner zu achten, die in den Die Verteidigung des Territoriums der NATO ist
letzten achtzehn Jahren der Welt mutig und unver- unteilbar. Die einzelnen Staaten des Bündnisses
zagt gezeigt haben, daß sie zu Deutschland und zur können sich angesichts der Größe .und Art ihrer Be-
freien Welt gehören. drohung nicht allein schützen. Die starken Verbände
amerikanischer Truppen in Deutschland und ,die auf
(Beifall im ganzen Hause.)
unserem Gebiet stationierten Truppen unserer an-
Die Bundesregierung kann nicht aufhören zu for deren Bundesgenossen führen uns täglich vor
dern, daß die untragbaren, den Frieden der Welt Augen, wie weit unsere Bündnisgemeinschaft über
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963 4197
Bundeskanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
die militärische Verklammerung hinaus immer mehr Konrad Adenauer, und nicht zu vergessen Winston
eine Lebensgemeinschaft der Völker empfunden Churchill — ein europäisches Bewußtsein entzündet,
wird. daß über Erfolge und Rückschläge zum Abschluß der
Unser Beitrag zur NATO muß in nächster Zeit vor Römischen Verträge führte.
allem in der Konsolidierung unserer Streitkräfte be- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
stehen. Es gilt die Kampfkraft der Verbände der An deren Beginn stand ein politisches Bekenntnis,
Bundeswehr zu erhöhen. Hierzu ist eine innere
das nicht verlorengehen und vergessen sein darf. Im
Festigung der militärieschen Einheiten und eine gleichen Geiste bekennt sich die Bundesregierung
ständige Modernisierung auf rüstungstechnischem mit dem Hohen Hause eindeutig und nachdrücklich
Gebiet erforderlich. Gleichzeitig ist dem Aufbau der zu der Verpflichtung, die europäische Integration
territorialen Verteidigung größte Sorgfalt zuzuwen- fortzuführen. Aber wir bleiben auch dessen einge-
den. denk, daß die Zusammenführung der „Sechs" von
Die Bundeswehr ist sichtbarer Ausdruck unseres Anbeginn an nicht als das letzte Ziel gelten sollte.
Verteidigungswillens. In acht Jahren ist hier eine (Beifall.)
beispielhafte Aufbauleistung vollbracht worden. Ich
danke allen Soldaten, daß sie treu und unermüdlich Die europäische Integration ist in ein kritisches
ihren Dienst leisten für die Sicherheit unseres Vol- Stadium geraten. Die Ursache hierfür ist wohl zum
kes. Teil in interessengebundenen Differenzierungen zu
(Beifall im ganzen Hause.) suchen, aber vom Grundsätzlichen her kommen die
Zweifel aus der Überlegung, ob eine n u r wirt-
Das deutsche Volk ist sich bewußt, wie viel es schaftliche Integration ohne politische Bindungen
den Vereinigten Staaten beim Wiederaufbau seines dem praktischen Leben und den staatspolitischen
Landes nach dem Kriege zu verdanken hat, Gegebenheiten der beteiligten Länder gerecht zu
(Beifall) werden vermag. Aus dieser Sicht ist mit jeder wei-
teren Übertragung nationaler Souveränitätsrechte
wie sehr die Freiheit und Sicherheit der Bundes-
auf europäische Organe die Frage zu stellen, ob
republik einschließlich Berlins von der Macht und
nicht der Abbau der nationalen Zuständigkeit und
Entschlossenheit der Vereinigten Staaten abhängen
Verantwortung, so wie es die Römischen Verträge
und welche hervorragende Rolle den Vereinigten
wollen, in dem Aufbau einer europäischen politi-
Staaten bei der Wiederherstellung der Einheit
schen Gestalt mit parlamentarisch-demokratischer
Deutschlands zukommt. Es ist darum nur zu ver-
Verantwortung eine Entsprechung finden muß.
ständlich, daß das deutsche Volk der engen Freund-
schaft und Verbundenheit mit den Vereinigten Staa- (Allgemeiner Beifall.)
ten, wie sie bei dem Besuch des Präsidenten Ken-
Die Bundesregierung wird deshalb ihr ganzes Be-
nedy im Juni dieses Jahres eindrucksvoll demon-
mühen darauf richten, durch neue Aktivität in der
striert wurde, einen besonders hohen Wert beimißt.
politischen Formierung Europas Fortschritte zu er-
(Allgemeiner Beifall.) reichen.
Die Bundesregierung wird deshalb fortfahren, in al- Dem gleichen Ziele soll auch der deutsch-franzö-
len Fragen gemeinsamen Interesses sich in enger sische Vertrag nutzbar gemacht werden. Er doku-
und freundschaftlicher Konsultation mit der ameri- mentiert die Aussöhnung der beiden Völker und soll
kanischen Regierung abzustimmen. zu einer bewegenden Kraft für die Einigung Euro-
pas werden.
Durch unsere Außen- und Wirtschaftspolitik zog (Beifall.)
sich seit der Begründung der Bundesrepublik als
Leitgedanke der Wille, unser nationales Schicksal Alle Fragen der europäischen Politik rücken die Be-
trotz seines Wertes in sich selbst nicht mehr in der ziehungen zwischen dem deutschen und dem fran-
Isolierung, geschweige denn nach nationalistischen zösischen Volk in den Mittelpunkt. Der Vertrag
und protektionistischen Vorstellungen zu formen. über gegenseitige Konsultation und Zusammenarbeit
Nach meiner festen Überzeugung ist angesichts der vom 22. Januar 1963 wird in der Folge mit immer
weltpolitischen Konstellation und der heutigen Le- mehr Leben zu erfüllen sein. Die Zusammenarbeit
bensbedingungen ,der Völker kein Land mehr für zwischen den beiden Völkern gründet sich auf ge-
sich allein befähigt, sein Schicksal glücklich zu mei- genseitiges Verständnis und Vertrauen. Es liegt mir
stern. Wenn, die Völker der freien Welt selbst unter am Herzen, zu versichern, wie sehr ich bereit bin,
großen materiellen Opfern die Voraussetzungen da- in den Beziehungen der Bundesrepublik zu Frank-
für schaffen müssen, sich verteidigen zu können, und reich diese Haltung und Gesinnung zu bezeugen.
gleichwohl dem wirtschaftlichen Fortschritt, dem (Lebhafter Beifall bei den Regierungs-
Wohlstand und der sozialen Sicherheit breiteren parteien und bei Abgeordneten der SPD.)
Raum geben wollen, dann wird ihnen das nur gelin-
gen können, wenn sie sich in ihren politischen Die Bundesregierung hofft, daß das deutsch-fran-
Zielen einigen und durch die Zusammenfügung ihrer zösische Jugendwerk noch vor Ablauf dieses Jahres
Kräfte ein höchstes Maß an politischer und wirt- seine Tätigkeit aufnehmen wird, das den Austausch
schaftlicher Effizienz erreichen. Aus solcher Erkennt- und die Begegnung einer großen Zahl von jungen
nis heraus und im Bewußtsein der Notwendigkeit Menschen beider Völker ermöglichen soll. Damit
einer Neuordnung Europas wurde — inspiriert durch schaffen wir die beste Voraussetzung dafür, daß das
Männer wie Robert Schuman, Alcide de Gasperi und Werk der Versöhnung und Freundschaft von den
4198 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963
Bundeskanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
kommenden Generationen weitergetragen und zum Runde" wird für die freie Welt zum Prüfstein ihrer
Wohle unserer beiden Völker und Europas immer Prinzipien.
mehr gefestigt wird. (Abg. Dr. Schmid [Frankfurt] : Sehr richtig!)
Mit der Pflege und dem Ausbau unserer Beziehun- Ich brauche kaum zu versichern, daß sich die Bun-
gen zu Frankreich müssen einhergehen enge freund- desregierung mit Nachdruck für einen Erfolg dieser
schaftliche Beziehungen zu den anderen europäi- GATT-Verhandlungen einsetzen wird. Dabei ist sich
schen Staaten, wie vor allem zu Großbritannien, das die Bundesregierung zu ihrem Teil dessen bewußt,
uns durch Bündnisverträge, durch die Anwesenheit daß es sich bei Verhandlungen dieser Art immer um
seiner Truppen zum Schutze unseres Landes und ein Geben und Nehmen handelt. Mit der Bezeugung
durch eine gemeinsam mit uns vereinbarte Deutsch- unseres guten Willens erwarten wir auch bei unse-
land- und Berlin-Politik verbunden ist. Wir erachten ren Partnern Verständnis dafür, daß die Wahrung
die Bemühungen, die innereuropäischen Bande zu unserer Lebensinteressen nicht auf allen Gebieten
Großbritannien zu intensivieren, als. einen wesent- beliebige Konzessionen zuläßt.
lichen Teil unserer europäischen Politik.
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Die Bundesrepublik, die wegen der fortdauern-
Wer eine europäische Aufgabe darin erkennt, in den Spaltung Deutschlands nicht Mitglied der Ver-
der weltweiten Auseinandersetzung unserem Kon- einten Nationen ist, bekennt sich indessen zu deren
tinent den gebührenden Rang zu sichern und stär- Grundsätzen und Zielen. Das kommt in allen UN-
keres Gewicht zu verleihen, wird auf die Dauer Organisationen und Gremien, denen sie angehört,
nicht darauf verzichten können, sowohl auf politi- zum Ausdruck.
schem wie auf wirtschaftlichem Felde eine Politik zu
bejahen, die sich die Einigung aller freien Völker Unsere politischen und wirtschaftlichen Beziehun-
Europas zum Ziele setzt. Dabei sind wir uns bewußt,- gen zu den befreundeten Völkern des Nahen und
daß jedwede Stärkung Europas zugleich der Festi- Fernen Ostens, Afrikas und Südamerikas haben sich
gung der freien Welt zu dienen hat. auf dem Fundament gegenseitiger Achtung und
Gleichberechtigung in den vergangenen Jahren er-
Ohne in diesem Zusammenhang die Frage der freulich fortentwickelt. Unsere Außenpolitik gegen-
räumlichen Ausweitung der Europäischen Wirt- über diesen Ländern hat sich als richtig erwiesen;
schaftsgemeinschaft eingehender erörtern zu wollen, wir werden sie fortsetzen.
möchte ich doch darauf hinweisen, daß unser aller
Bestreben darauf gerichtet bleiben muß, durch die Das geteilte deutsche Volk hat stets besonderes
Pflege und Vertiefung der wirtschaftlichen Bezie- Verständnis für das Verlangen anderer Völker nach
hungen gegenüber Drittländern aufkommende Span- Freiheit und Unabhängigkeit bewiesen. Es hofft und
nungen oder gar ein Auseinanderleben der Völker vertraut darauf, daß die Länder, die in Anwendung
zu verhindern. Wenn auch eine sofortige Wieder- des Selbstbestimmungsrechts der Völker ihre natio-
aufnahme der Verhandlungen _über den Beitritt nale Selbständigkeit erlangt haben, auch für die
Großbritanniens zum Gemeinsamen Markt derzeit . deutsche Forderung, nämlich die Gewährung eben
nicht möglich erscheint, so gibt die Bundesregierung dieses Selbstbestimmungsrechts für unser Volk,
dieses Ziel nicht preis. Sie wird auch nicht aufhören, Verständnis aufbringen.
nach Mitteln und Wegen zu suchen, die Beziehungen (Beifall bei den Regierungsparteien.)
zu den außerhalb der EWG stehenden Ländern zu
intensivieren. Wir entsprechen damit Vorstellungen Die Bereitschaft zur Mitgestaltung einer über die
und Wünschen unserer europäischen Freunde. Die nationalen Interessen hinausgreifenden Politik
Bundesregierung begrüßt es deshalb auch, daß mit schließt für uns auch die Verpflichtung ein, einen
Griechenland und der Türkei und auch mit 18 Staa- Beitrag zur Entwicklungshilfe zu leisten. Wir folgen
ten Afrikas und Madagaskar Assoziierungsabkom- dabei dem in der innerdeutschen Politik verwirklich-
men abgeschlossen werden konnten. ten Grundsatz, daß eine auf die Dauer wirksame
und fruchtbare Hilfe zuerst beim Menschen und bei
Eine enge Verflechtung mit der Weltwirtschaft be- der Entwicklung seiner Fähigkeiten anzusetzen hat.
deutet für die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft Das aber bedeutet auch, daß wir uns in jenen Län-
nicht nur eine Lebensnotwendigkeit, sondern eine dern allein mit der Veränderung der technologisch
internationale Verpflichtung. Dies gilt besonders für ökonomischen Faktoren nicht zufriedengeben soll-
Deutschland, dessen Wirtschaft in starkem Maße ten. Wie in unserem eigenen Staat kommt auch dort
exportorientiert, aber auch einfuhrabhängig ist. Der dem Aufbau einer gesunden wirtschaftlichen Ord-
EWG-Vertrag fordert in Art. 110, daß die Mitglieds- nung als dem Fundament demokratischer Staats-
staaten „zu einer harmonischen Entwicklung des wesen hohe Bedeutung zu.
Welthandels, zur schrittweisen Beseitigung der
Hemmnisse im internationalen Handelsverkehr und Der Erfolg unseres Bemühens ist daran abzulesen,
zum Abbau der Zollschranken beizutragen haben". daß es uns in steigendem Maße gelungen ist, durch
Ein „gemeinsamer Markt" darf nicht zu einem sich unsere multilateralen Leistungen, aber auch durch
selbst genügenden Markt entarten. unsere bilateralen Maßnahmen, Ansatzpunkte für
eine wirksame Aufbauförderung in Entwicklungs-
(Beifall bei der SPD und Abgeordneten
ländern zu geben und unsere Freunde unter den
der Mitte.)
großen Geberländern davon zu überzeugen, daß wir
Eine solche Vorstellung entspräche auch nicht dem mit ihnen einen wesentlichen Teil dessen leisten,
Geist der Römischen Verträge. Die „Kennedy- was von den Industrienationen im Sinne einer welt-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963 4199
Bundeskanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
weiten Verantwortung gemeinsam besorgt werden zur Bundesrepublik, d. h. zu unserem Staat zu be-
muß. kennen.
Diese Aussage soll nicht darüber hinwegtäuschen, (Beifall bei den Regierungsparteien und Ab
daß, wie bei der Vorlage des Haushaltsplanes 1964 -geordneten der SPD.)
ersichtlich werden wird, unserer Aufgeschlossenheit Ein wenig entwickeltes Staatsbewußtsein nährt die
für die Entwicklungshilfe finanzielle Grenzen ge- gesellschaftlichen Spannungen und schwächt die
setzt sind. Sie überschreiten zu wollen, wäre nicht Kraft, die wir benötigen, um der Sehnsucht aller
zu verantworten. Der Zwang zur Beschränkung auf Deutschen nach einem Zusammenleben in einer frei-
das Mögliche soll umgekehrt vor der Weltöffent- heitlichen und friedlichen Ordnung Aussicht auf Er-
lichkeit die Ernsthaftigkeit unseres Willens bekun- füllung zu bieten.
den, die Entwicklungshilfe als eine Daueraufgabe
von hohem Rang zu akzeptieren. Gewiß gehört es zum Wesen der parlamentari-
schen Demokratie, daß sich der Bundeskanzler auf
Neben den heutigen Hilfsmaßnahmen werden an- eine Fraktion oder Koalition stützt, die im Parla-
dere Möglichkeiten der Förderung an Bedeutung ge- ment über die Mehrheit verfügt. Mit seiner Wahl
winnen. Zu erwähnen sind in diesem Zusammen- aber hat er sich über alle Parteiungen hinweg als
hang handelspolitische Maßnahmen und z. B. das in Sachwalter des ganzen deutschen Volkes zu fühlen
diesen Tagen dem Bundestag zugeleitete Entwick- und aus dieser Verantwortung heraus zu handeln.
lungshilfe-Steuergesetz. Mit diesem Gesetz sollen
private Initiativen für den Aufbau der Entwicklungs- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
länder mobilisiert werden, die bei vernünftiger An- Zur Wahrung dieses Grundsatzes bekenne ich mich
wendung gleichzeitig die Bildung eines staatstra- vor dem Hohen Hause ausdrücklich. So erblicke ich
genden Mittelstandes in diesen Ländern wirksam denn auch in der Opposition einen notwendigen und
fördern sollen. Hier verdient auch der von dem vollwertigen Bestandteil des parlamentarisch-demo-
Herrn Bundespräsidenten geförderte Entwicklungs- kratischen Systems und erwarte, daß unsere gewiß
dienst dankbare Würdigung. unvermeidlichen Auseinandersetzungen von diesem
Unsere Eingliederung in die Weltpolitik und in Geist getragen sein werden.
übernationale politisch-ökonomische Systeme zwingt
Dabei darf die Bundesregierung voraussetzen, daß
uns zu einer fortdauernden Überprüfung und Zu-
über wichtige Ziele unserer Politik — auch der In-
sammenschau unserer inneren Lebensordnung. Nach
nenpolitik — vor allem hinsichtlich der gemein-
Herkommen und Gewöhnung und gewiß auch aus
samen Verpflichtung, die Stabilität unserer Wirt-
verwaltungstechnischen Notwendigkeiten ist es fast
schaft und Währung zu wahren, Übereinstimmung
zur Selbstverständlichkeit geworden, die verschie-
besteht. Die Anerkennung des Vorrangs dieser For-
denen Lebensbereiche eines Volkes nach ressort-
derung bedeutet nicht — wie oft gesagt und ver-
mäßiger Aufgliederung zu behandeln. Zwar versucht
wechselt — einen Verzicht auf wirtschaftliches
die Regierung, einer einseitigen Betrachtung durch
Wachstum und die daraus fließenden materiellen
die Bildung von interministeriellen Ausschüssen zu
Verbesserungen, aber sie zeigt nicht minder deut-
begegnen, aber gleichwohl bleibt von der Sache und
lich die Grenzen des Begehrens und die Möglich-
vom Effekt der Entscheidung her ein unbefriedigen- keiten des Erfüllens auf.
der Rest. Ich halte es für eine besonders wichtige
Aufgabe, die Verwaltungstechnik und -praxis so zu Wenn die Bundesregierung dem Hohen Hause den
reformieren, daß sie den Anforderungen eines mo- Haushaltsplan für 1964 vorlegen wird, kann über
dernen Staatswesens gerecht werden und aufge- die Bedeutung und den Ernst dieser Aussage kein
schlossenem Bürgersinn entsprechen. Zweifel bestehen. Es erscheint mir in Übereinstim-
(Zustimmung bei der CDU/CSU.) mung mit dem Bundesfinanzminister zwingend ge-
boten, daß sich Regierung und Parlament hinsicht-
Dem neu zu bestellenden Bundesbeauftragten für lich der materiellen Anforderungen an den Haus-
Wirtschaftlichkeit eröffnet sich hier ein weites Be- halt über eine Rangordnung der Werte verständigen
tätigungsfeld. und in gerechter Abwägung der Notwendigkeiten
Alle meine Kabinettskollegen stimmen mit mir und Dringlichkeiten in gegenseitiger Rücksichtnahme
darin überein, daß sie sich nicht nur als Ressort- auch Teillösungen zu akzeptieren bereit sind.
minister, sondern nicht minder als Mitglied des (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Gesamtkabinetts verantwortlich fühlen. Seien wir —
ob Regierung oder Parlament — uns immer dessen Die seitherige Entwicklung der wirtschaftlichen und
bewußt, daß jede vermeidbare Reibung und unnütze sozialen Verhältnisse 'in der Bundesrepublik läßt
Spannung in unserer Zusammenarbeit im deutschen die glaubhafte Aussage zu, daß ein noch nicht oder
Volke Unbehagen auslösen und dazu beitragen, das nicht voll erfüllbares Begehren nicht schlechthin ab-
notwendige Vertrauen zwischen Volk, Parlament geschrieben werden müßte. Die kommenden Haus-
und Regierung zu erschüttern. haltsberatungen werden den Rahmen für die mög-
lichen Ausgaben und Leistungsverbesserungen zu
(Beifall bei der CDU/CSU.) setzen haben.
Gerade weil wir uns redlich um eine Neuordnung Ich hoffe, daß dieses harte Muß als ein zwingen-
des demokratischen Lebens in Deutschland bemüht des Gebot beachtet werden wird. Würde sich diese
haben, sollten wir trotz der Spaltung unseres Vater- meine Erwartung nicht erfüllen, dann erwächst mir
landes den Mut haben, uns als Volk geschlossen aus meinem Diensteid die Verpflichtung, um das
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Bundeskanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
deutsche Volk vor Schaden zu bewahren, den Ar- dem Bund gelegen sein muß. Es hat gewiß auch
tikel 113 des Grundgesetzes anzuwenden. keinen Sinn, den tatsächlich oder vermeintlich zu
(Beifall bei den Regierungsparteien.) engen Raum, den das Grundgesetz dem Bunde gibt,
zu kritisieren. Laut ausgesprochene Wunschträume
Vor seiner Anwendung werde ich gewiß nichts un- oder Überlegungen der Art etwa, welche Verfassung
versucht lassen, die Fraktionen zu einer maßvollen, wir uns geben würden, wenn wir noch einmal von
die Stabilität gewährleistenden Ausgabenwirtschaft vorne beginnen könnten, scheinen mir für den
zu bewegen, aber ich würde mich auch nicht scheuen, Augenblick keinen Schritt vorwärts zu führen. Sie
den zunächst vielleicht unpopulär anmutenden Weg schaden vielmehr, weil sie immer aufs neue Miß-
des Einspruchs zu beschreiten. Schließlich hat die trauen zwischen Bund und Ländern zu nähren ge-
Bundesregierung die Verantwortung gegenüber je- eignet sind.
dem Bürger und damit auch gegenüber jedem
Sparer. Es ist uns gemeinsam aufgegeben, das Bund-Län-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) der-Verhältnis, von dem alles durchdringenden Ge-
danken des Gemeinwohls ausgehend, zum Bes-
Dies wird für jedermann erkennbar, wenn ich auf die seren zu wenden. Die in der Vergangenheit auf-
Höhe der Spareinlagen von über 70 Milliarden DM gebaute Hypothek des Mißtrauens muß abgetragen
verweise. werden. Deshalb beabsichtige ich, die Herren Mini-
In solchem Zusammenhang hängt viel von dem sterpräsidenten der Länder ehestens zu einer grund-
verantwortungsbewußten Verhalten der Tarifpartner legenden Besprechung einzuladen und diese Ver-
ab. Das Geschehen in vielen Ländern sollte uns bindung zu pflegen. Ich zolle der Aufgabe und der
mahnen, besonnen zu bleiben und uns in den Gren- Leistung der Länder vollen Respekt und bin gewiß,
zen des Möglichen zu bewegen. Ich erkenne an, daß daß diese auch volles Verständnis für die der Ver-
die letzten Vereinbarungen der Sozialpartner über antwortung des Bundes obliegende deutsche Innen-
Lohnhöhe und Vertragsdauer einen Fortschritt be- und Außenpolitik bezeugen werden. Der Bundes-
deuten. Unter diesen Bedingungen und in der Er- minister für Angelegenheiten des . Bundesrates und
wartung, daß auch in Zukunft selbst harte Ausein- der Länder wird die Kontaktpflege mit den Ländern
andersetzungen nicht zu reinen Machtkämpfen ent- weiter intensivieren.
arten, zögert die Bundesregierung nicht, sich zur Ein neuer Geist und Stil der Beziehungen zwi-
Wahrung der Tarifautonomie zu bekennen. Die Bun- schen Bund und Ländern wird sich in der Ausein-
desregierung hat das betonte Ja der Gewerkschaften andersetzung über die Höhe des Bundesanteils an
zur staatsbürgerlichen Verantwortung dankbar be- der Einkommen- und Körperschaftssteuer zu bewäh-
grüßt. Sie erwartet, daß diese auch in ihrem Bereich ren haben. Eine klare Abgrenzung der Finanzver-
den demokratischen Grundfreiheiten der von ihnen antwortlichkeiten zwischen Bund, Ländern und Ge-
betreuten Menschen uneingeschränkt Raum geben. meinden sowie eine angemessenere Verteilung der
Es wird immer einen Widerstreit der Interessen Steuereinnahmen auf alle Gebietskörperschaften ist
geben. Auch das Verhältnis von Bund und Ländern dringlich geworden.
ist davon nicht frei. Mag die derzeitige Situation (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU
auch unbefriedigend sein, so hat es doch keinen und bei der SPD.)
Sinn — ja, es ist Unsinn —, sich in gegenseitigen
Vorwürfen zu ergehen und nach Schuldigen zu fra- Die Vorarbeiten für eine Finanzreform, die eine
gen. Ich jedenfalls werde in voller Unvoreingenom- allzu lange Verzögerung erfahren haben, werden
menheit bemüht sein, zu gesunden und gedeihlichen deshalb unverzüglich aufgenommen.
Grundlagen einer für das Wohl des Staates — und (Beifall bei der SPD.)
das heißt gewiß auch zum Nutzen der Länder —
fruchtbaren und freundschaftlichen Zusammenarbeit Ich bin mit dem Bundesfinanzminister über die Be-
zu gelangen. deutung dieser Aufgabe einig, denn das Ziel, einen
gerechten Ausgleich von Einnahmen und Ausgaben
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
von Bund, Ländern und Gemeinden zu erreichen,
Ein Bundesstaat wie die Bundesrepublik verträgt bietet dem Steuerzahler den besten Schutz gegen
nicht ein nebengeordnetes staatenbund-ähnliches eine überhöhte Belastung.
System. (Beifall.)
(Beifall bei den Regierungsparteien und bei
Abgeordneten der SPD.) So sehr ich um die Eilbedürftigkeit dieser Arbeiten
weiß, ist doch die Finanzreform mit Erfolg nur
Wir müssen uns vielmehr in jedem Augenblick der Schritt für Schritt zu verwirklichen.
inneren Geschlossenheit und der Geltung unseres
Staates als einer Einheit in der Vielfalt bewußt Gleichwohl muß diese schwierige Aufgabe sofort
bleiben. Damit werden wir auch den Vorstellungen in Angriff genommen werden. Der deutsche Staats-
des ganzen deutschen Volkes und den Notwendig- bürger ist es leid, dauernd mit der Bereinigung des
keiten europäischer und atlantischer Bindungen ge- Bund-Länder-Verhältnisses befaßt zu werden. Er hat,
recht. wenn es um das Wohl des Ganzen geht, für Prestige-
Der Bund hat ein elementares Interesse an einem und Zuständigkeitsfragen kein Verständnis.
guten Verhältnis zu den Ländern, wie umgekehrt (Beifall bei den Regierungsparteien und bei
den Ländern an einer guten Zusammenarbeit mit Abgeordneten der SPD.)
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963 4201
Bundeskanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
Auch das gehört zu einem wachen Staatsbewußt- derer Völker wesentlich von dem Beitrag Deutsch
sein, daß wir bei aller Verbundenheit und Liebe zu lands zur geistigen Neugestaltung der Welt geprägt.
unserer engeren Heimat nur um e i n Vaterland
Gewiß ist das Wort vom „Volk der Dichter und
wissen, das Deutschland heißt.
Denker" abgegriffen. Dennoch sollten wir nicht ver-
(Erneuter Beifall.) gessen — und es auch vor der Welt deutlich
machen —, daß deutsche Geschichte nicht n u r
Aus solcher Sicht mutet ein Anti-Bund- oder ein
Schande barg, sondern daß wir durch die Jahrhun-
Anti-Länder-Komplex als eine fast mittelalterliche
derte Väter hatten, die uns der geistigen Welt ver-
Reminiszens an.
pflichten.
(Sehr gut! und Beifall bei den Regierungs- (Beifall bei den Regierungsparteien
parteien.) sowie bei der SPD.)
Das Bund-Länder-Verhältnis wird zu einer Lebens-
Mögen die Früchte dieser Arbeit auch langsam rei-
frage, wenn es sich um Zuständigkeit und Ver-
fen, so werden es doch wertvolle Früchte sein, die
antwortung für das Schul und Bildungswesen oder
nicht nur uns zugute kommen sollen.
-
um das weite Gebiet der Forschung handelt. So ge-
wiß die Bundesregierung bereit ist, die Zuständig- Wenn wir von Wirtschafts-, Agrar-, Sozial-,
keit der Länder in der Kulturpolitik zu respektieren, Steuer- oder Verkehrspolitik sprechen und in der
so gewiß hat doch die Bundesregierung die Pflicht, ressortmäßigen Behandlung dieser Fragen Fort-
vorausblickend die Lebensbedingungen eines mo- schritte zu erzielen suchen, so wird diese Arbeit
dernen Staates zu garantieren. vom Ganzen her gesehen doch erst sinnvoll und
(Abg. Dr. Vogel: Sehr gut!) fruchtbar, wenn sie sich an einem gesellschaftlichen
Leitbild orientiert. Es geht schlechthin um die Fort-
Das aber bedeutet, den Menschen auf allen Bil- - gestaltung unserer Lebensordnung, aus deren Be-
dungsstufen das geistige Rüstzeug an die Hand zu jahung einem Volke ein waches Lebensgefühl und
geben, ihnen die technischen Kenntnisse und Fertig- ein starker Lebensmut zufließen. Wir sind vielleicht
keiten zu vermitteln, deren sie und wir alle nicht auf diesem Wege zu sehr im Technischen stecken-
entraten können, wenn wir in einer dynamischen geblieben. Das findet seinen Ausdruck z. B. darin,
Welt unseren Rang behaupten und unsere Zukunft daß gegenüber jedem Gesetzgebungswerk nur noch
gesichert wissen wollen. vorgefaßte und vorgeformte Kollektivmeinungen
(Beifall bei der CDU/CSU.) vertreten werden; fast möchte ich sagen: man sieht
vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.
Ohne dieses Thema hier eingehender behandeln zu
können, möchte ich doch ganz deutlich machen, daß Dazu ist ein Weiteres festzustellen! Obwohl wir
sich hier ein weites Feld der Heran- und Fortbil- aus dem Geschehen der letzten 15 Jahre angesichts
dung unserer Jugend eröffnet, das das allgemeine auch des Fortschritts in der individuellen Lebens-
Schul- und Fachschulwesen wie auch Hochschulen fiihrung von Zuversicht und Vertrauen in unsere
und Universitäten bis zur Forschung und Lehre hin Kraft getragen sein müssen und sein können, will
einschließt. Dieser kritische Situationsüberblick darf dennoch eine Stimmung des Sich-selbst-Bemitleidens
uns nicht übersehen lassen, daß es auch vorbildliche und eines selbstquälerischen Pessimismus um sich
Leistungen gibt. Ich erinnere nur an unser Berufs- greifen. Auch scheint es mir ein Zeichen unserer Zeit
ausbildungssystem, das als mustergültig bezeichnet zu sein, die Beziehung zwischen Leistung und Ertrag
werden kann. — vom Einzelnen und vom Ganzen her gesehen —
allzu leicht zu vergessen. Nüchternheit in der Sache
(Beifall in der Mitte und rechts.) und innere Wahrhaftigkeit sind unerläßliche Vor-
Ohne Verstärkung der geistigen Investitionen aussetzungen, um wichtige gesellschaftspolitische
müßte Deutschland gegenüber anderen Kultur- und Aufgaben erfolgreich in Angriff zu nehmen und sich
Industrieländern zurückfallen. Das aber hieße, nicht nicht in romantischen Vorstellungen zu verlieren.
nur den wirtschaftlichen Fortschritt und Wohlstand, In diesem Geiste haben wir uns auch mit der
sondern auch die soziale Sicherheit aufs Spiel setzen. Frage der Eigentumspolitik zu befassen. Ohne die
Bund und Länder müssen zusammenwirken, um eine oft gebrauchten Thesen „Wohlstand für alle",
große, gemeinsame Aufgabe mit Tatkraft anzu- „Eigentum für jeden" und andere mehr an dieser
packen. Es muß dem deutschen Volke bewußt sein, Stelle noch einmal interpretieren zu wollen, kann
daß die Aufgaben der Bildung und Forschung für- und soll niemand an der Ernsthaftigkeit des Willens
unser Geschlecht den gleichen Rang besitzen wie die der Bundesregierung zweifeln, daß sie auf dem
soziale Frage für das 19. Jahrhundert. Wege über immer breiter gestreutes privates Eigen-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) tum das Selbstbewußtsein zu wecken und den Bür-
gersinn zu stärken wie auch das soziale Ansehen
Vergessen wir auch nicht, daß der Pflege der kul-
und die wirtschaftliche Sicherheit zu mehren be-
turellen Beziehungen zu andern Ländern eine immer
strebt ist.
stärkere außenpolitische Bedeutung zukommt. In
friedlichem Wettkampf messen die Nationen ihre Es ist nicht nur in nationalökonomischen Lehr-
Kräfte auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Kultur, büchern nachzulesen, sondern es ist lebendige, prak-
der Kunst und des Sports. Das Bild des Deutschland tische Erfahrung, daß dieses Ziel — soll nicht
von heute spiegelt sich nicht nur in wirtschaftlichen Schaden für die Gesamtheit daraus erwachsen —
Leistungen wider, sondern wird in der Wertung an- nicht auf dem Wege der Umverteilung bestehender
4202 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963
Bundeskanzler Dr, Dr. h. c. Erhard
Vermögen erreicht werden kann. Jede Bildung von Die Bundesregierung wird ihre Raumordnungs-
Eigentum setzt Sparen und Konsumverzicht voraus. politik zielstrebig aktivieren. Eine wirksame Raum-
ordnung ist ein notwendiger Bestandteil einer ver-
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
antwortungsbewußten Gesellschaftspolitik und un-
Der Ansatz für eine erfolgreiche Eigentumspolitik erläßliche Voraussetzung für die Erneuerung un-
wird jedermann sichtbar, wenn ich darauf verweise, serer Städte und Dörfer sowie die Fortführung des
daß das durchschnittliche Brutto-Einkommen aus Wohnungsbaus. Die Bundesregierung erhofft die
Lohn und Gehalt je beschäftigten Arbeitnehmer seit baldige Verabschiedung des dem Parlament vorlie-
1950 von rund 2900 DM auf nunmehr über 7700 DM genden Bundesraumordnungsgesetzes. Sie sieht in
angestiegen ist. Damit wird aber auch der unlösbare diesem Gesetz ein unerläßliches Mittel für eine
Zusammenhang zwischen Produktivität und Lei- wirksame Raumordnungspolitik in Bund und Län-
stungsgrad einer Volkswirtschaft und der Chance dern. Außerdem arbeitet die Bundesregierung an
individueller Vermögensbildung aufgezeigt. einem Gesetz zur Förderung städtebaulicher Maß-
nahmen in Stadt und Land. Hier geht es vor allem
Die bisher von der Bundesregierung eingeleiteten darum, die Städte und Dörfer entsprechend unseren
Spar-Förderungsmaßnahmen sind von vielen Er- gesellschaftspolitischen Vorstellungen so zu gestal-
werbstätigen wahrgenommen worden. Die Eigen- ten, daß sie in Anlage und Gliederung den neuzeit-
tumsbildung soll in Zuknuft nachdrücklicher zu- lichen Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechen. In
gunsten der einkommensschwachen Bevölkerungs- der Bundesrepublik ist unverkennbar ein Prozeß im
kreise gefördert werden. Bei höheren und hohen Gange, der die Daten unseres wirtschaftlichen und
Einkommen kann und soll auf solche Impulse ver- gesellschaftlichen Lebens grundlegend gewandelt
zichtet werden — unbeschadet der Aufrechterhaltung hat. Wir sind nach Überwindung des Klassen-
des Grundsatzes, daß die private Alterssicherung kampfes über wachsenden Wohlstand auf dem
allgemein steuerliche Begünstigung verdient. Daß im besten Wege, immer mehr Bürgern zu einem be-
Rahmen dieser Überlegungen fiskalische Grenzen wußteren Lebensstil und Lebensgefühl zu verhelfen.
berücksichtigt werden müssen, versteht sich von Immer ausgeprägter kommt der Fortschritt allen
selbst. Schichten unseres Volkes zugute.
Als eigentumsfördernde Maßnahme, die noch in Der Sozialpolitik sind sowohl kurzfristig zu lö-
dieser Legislaturperiode entwickelt bzw. umgeformt sende Aufgaben gestellt, wie sie sich auch mit zu-
werden sollen, strebt die Bundesregierung die Har- kunftsweisenden Problemen zu befassen hat. Eine
monisierung der verschiedenen Sparförderungen an. gründliche Durchleuchtung der heutigen Sozialge-
Des weiteren soll das Gesetz zur Förderung der Ver- setzgebung ist unabdingbar geworden. Darum wird
mögensbildung der Arbeitnehmer praktikabler ge- die Bundesregierung unverzüglich die Durchführung
staltet und die soziale Privatisierung fortgesetzt einer Sozial-Enquête veranlassen, die die Grundlage
werden. Mir liegt insbesondere auch daran, bei einer dafür bilden soll, die sozialen Leistungen und Maß-
Überprüfung der Wohnungsbaugesetze dem Hohen nahmen in ihrer Ganzheit und in ihren gegenseiti-
Hause wirkungsvolle Maßnahmen zur Privatisierung gen Beziehungen überschaubar zu machen.
des öffentlich geförderten Wohnungseigentums vor- (Zustimmung.)
zuschlagen.
Sie soll die Voraussetzung für eine Sozialgesetzge-
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
bung in einem Guß schaffen.
Vergessen wir nicht, daß eine moderne und frei- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
heitliche Gesellschaftspolitik den Menschen in dem
Bewußtsein des Wertes und der Würde seiner Per- Vordringlich erscheint in der Fortführung unserer
sönlichkeit stärken will. Dieses Bild hat unserer Sozialpolitik der Ausbau des Familien-Lastenaus-
Sozialpolitik als Richtschnur zu dienen. Es bedeutet gleichs. Der Familie muß der ihr zukommende Platz
keinen gedanklichen Widerspruch, wenn die Bundes- in Gesellschaft und Staat gesichert werden. Sie hat
regierung nach wie vor auch die kollektiven For- einen Anspruch darauf, an dem wirtschaftlichen Auf-
men der Lebenssicherung bejaht. Immerhin aber stieg unseres Volkes teilzuhaben. Darum gilt der
kann nicht übersehen werden, daß die Fähigkeit und kinderreichen Familie die besondere Sorge der Bun-
die Bereitschaft zu eigenverantwortlicher Vorsorge desregierung.
in enger Beziehung und Abhängigkeit von Art und (Beifall in der Mitte.)
Umfang der kollektiven Sicherheit stehen.
Neben materiellen Hilfen aber sollen auch andere
Es war natürlich und notwendig, nach dem Zusam- Maßnahmen dem Schutze der Familie dienen. Durch
menbruch eine neue Sozialordnung aufzubauen, wie gleiche Bildungsmöglichkeiten auf den verschiede-
sie sich in unserer Gesetzgebung widerspiegelt. Mit nen Stufen, je nach Neigung und Begabung, unserer
dem Blick nach vorwärts aber und angesichts der Jugend — ohne Rücksicht auf Einkommen und Ver-
Hebung der materiellen Lebensverhältnisse der in mögen der Eltern — gleiche Lebens- und Fortkom-
abhängiger Arbeit stehenden Menschen wird es mens-Chancen einzuräumen, ist wesentlicher Be-
nützlich sein, innerhalb unserer Sozialordnung der standteil einer positiven Familienpolitik.
individuellen Verantwortung breiteren Raum zu (Erneuter Beifall.)
geben. In dieser sich bewegenden Welt dürfen wir
nicht in den Vorstellungen von gestern erstarren. Wache Aufmerksamkeit auch seitens des Staates
muß die Erhaltung der Gesundheit unseres Volkes
(Beifall in der Mitte.) beanspruchen. Dabei ist ,die körperliche Ertüchti-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963 4203
Bundeskanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
gung, um die sich die deutsche Turn- und Sportbe- Berufstätigkeit ausschieden, lastet doch auch die
wegung große Verdienste erworben hat, von beson- Bedrückung, die Verbindung zum Leben zu ver-
derem Wert. Der Schutz der Bevölkerung vor Um- lieren. Ich habe den sicheren Eindruck, daß hier ein
weltschäden macht es notwendig, daß die Wirtschaft menschliches Problem vorliegt, dessen wir uns an-
ihre soziale Verpflichtung bei der Entwicklung der zunehmen haben.
Technik durch Maßnahmen zur Abwehr von Schäden
für die Menschen erkennt und verwirklicht. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Die Bundesregierung hat den Vorstellungen über
Dem Deutschen Bundestag sind von der früheren
Bundesregierung eine Reihe wichtiger sozialer Ge- Verbesserungen der Kriegsopferversorgung durch
setze vorgelegt worden. Da auch die von mir gebil- den dem Hohen Haus vorgelegten Entwurf eines
dete Regierung die Verbesserung sozialer Leistun- Zweiten Gesetzes zur Änderung und Ergänzung des
gen für unverzichtbar hält, möchte ich sehr wün- Kriegsopferrechts Rechnung getragen. Mir ist an
schen, daß die Beratungen über diese Gesetze bald einer baldigen Verabschiedung dieses Gesetzes ge-
zu einem befriedigenden Abschluß gelangen. Die legen; aber auch für diesen Bereich hat der wieder-
Bundesregierung teilt die einmütige Auffassung des holt herausgestellte Grundsatz zu gelten, die finan-
Parlaments, daß der Arbeiter im Krankheitsfalle in ziellen Grenzen des Haushalts nicht zu überschrei-
gleicher Weise wie der Angestellte wirtschaftlich ten. Die Bundesregierung akzeptiert die rechtliche
gesichert werden soll. Wir alle sind uns bewußt, daß und moralische Verpflichtung des Staates, Einbußen
die Neuregelung der gesetzlichen Krankenversiche- an Leben und Gesundheit, die im Dienst für die All-
rung schwierige Probleme aufwirft. Es ist die Ab- gemeinheit erlitten wurden, zu entschädigen. Sie
sicht der Bundesregierung, die Sozialversicherten hält es aus diesen Gründen für ihre Pflicht, alles
vor einer immer weitergreifenden Kollektivierung zu tun, die Kriegsopferversorgung angemessen und
zu bewahren. würdig zu gestalten.
(Beifall.)
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Meine besondere Sorge werde ich der Fortsetzung
Die Tatsache, daß die in Arbeit Stehenden in wei- der sozialen und wirtschaftlichen Eingliederung der
tern Umfang die Verpflichtung übernehmen, für die Vertriebenen, Flüchtlinge, Kriegssachgeschädigten,
nicht mehr Erwerbstätigen Sorge zu tragen, und die der ehemaligen Kriegsgefangenen und der politi-
Rentenversicherung sie auch noch an der steigenden schen Häftlinge zuwenden. Dabei geht es nicht nur
Produktivität der Volkswirtschaft teilhaben läßt, um ein Gebot der sozialen Gerechtigkeit. Der rasche
kennzeichnet die Aufgeschlossenheit unserer Sozial- Wiederaufbau Deutschlands nach dem Kriege wäre
politik und deren Fundierung auf dem Grundsatz ohne die großen Leistungen der Vertriebenen und
I einer die Generationen verbindenden Solidarität. Flüchtlinge nicht denkbar gewesen. Dafür gebührt
Die Veränderungen im Altersaufbau der Bevölke- ihnen Dank und Anerkennung.
rung, die längere Ausbildungszeit unserer Jugend,
ihrspäteres Eintreten in das Erwerbsleben, die Ver- (Allgemeiner Beifall.)
besserung des Gesundheitswesens, der Fortschritt Wir werden alle Möglichkeiten der Eingliederung
der medizinischen Wissenschaft und die dadurch er- ausschöpfen, das bereits Geschaffene sichern und
reichte höhere Lebenserwartung — das alles muß das vollenden, was noch vollendet werden kann.
bei der Fortentwicklung unserer Sozialpolitik vor-
Wenn ich den Raum, den die Haushaltslage der
ausschauend bedacht werden.
kommenden Jahre für soziale Leistungsverbesserun-
(Abg. Ruf: Sehr richtig!) gen offen läßt, in Beziehung zu den Vorstellungen
In der kommenden Zeit wird eine stagnierende setze, die in dieser Richtung gehegt werden, zwingt
oder vielleicht sogar absinkende Zahl von Voll- das Gebot der Stabilität zu der Feststellung, daß
Erwerbstätigen für eine immer größere Zahl aus wir, wie schon gesagt, nach Wertigkeit, Dringlich-
dem Arbeitsprozeß Ausgeschiedener die erforder- keit und Nützlichkeit im Rahmen der gegebenen
lichen Mittel aufzubringen haben. Der Anteil der Möglichkeiten ein Bezugssystem und einen länger-
über Fünfundsechzigjährigen wird sich in wenigen fristigen Zeitplan aufstellen müssen. Ja, lassen Sie
Jahren gegenüber der Vorkriegszeit verdoppeln. Um mich ein offenes Wort sprechen: Wir müssen uns
nicht mißverstanden zu werden, erkläre ich aus- entweder bescheiden oder mehr arbeiten. Die Arbeit
drücklich, daß es nicht in unserer Absicht liegt, ist und bleibt die Grundlage des Wohlstandes.
das Pensionsalter der Beamten und die Altersgrenze (Beifall bei den Regierungsparteien.)
der Arbeiter und Angestellten nach oben zu rücken.
Es muß uns ferner daran gelegen sein, die mit
Aber wenn uns die Vor- und Fürsorge für ältere
dem wachsenden Wohlstand sichtbar gewordenen
und alte Menschen am Herzen liegt, dann sollten
Mißstände auf ein Mindestmaß zu beschränken. So
wir ihnen im allgemeinen Interesse die Chance
mancher Begüterte scheint in seiner persönlichen
geben, auch später ihr Können und ihr Wissen nicht
äußeren Lebensführung nur allzu leicht zu verges-
ungenutzt zu lassen
sen, daß der Wohlstand wohl eine Grundlage, nicht
(Beifall bei den Regierungsparteien) aber das Leitbild unserer Lebensgestaltung schlecht-
und aus solcher Arbeit natürlich auch persönlich hin ist.
Nutzen zu ziehen. Soweit alte Menschen nicht in (Beifall.)
der Geborgenheit der Familie leben können, wird Sicher handelt es sich dabei um Leute, denen es
die Errichtung von Altersheimen gewiß zum Segen leichter war, den Wohlstand zu erringen, als ihn
vieler Menschen. Aber auf vielen, die aus ihrer zu bewältigen. Wenn deren Haltung oft sogar zum
4204 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963
Bundeskanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
öffentlichen Ärgernis wird, dann bin ich mir wohl mit erstmalig eine einheitlich kodifizierte Ordnung
bewußt, daß solche Entartungserscheinungen nicht der Verwaltungstätigkeit gesetzt werden.
durch Gesetze eingefangen werden können, sondern Ich fasse zusammen: Das Recht sollte uns allen
daß die Kreise, die es angeht, das Ihre tun müssen, und jedem Bürger zu heilig sein, als daß es manch-
um ein Standesbewußtsein zu entwickeln, das un- mal in recht einseitiger Darstellung zum Spielball
serem sozialen Leben und unserer Stellung in der demagogischer Auseinandersetzungen herabgewür-
Welt gemäß ist. digt wird.
(Beifall bei den Regierungsparteien.) (Allgemeiner Beifall.)
Die Bundesregierung will ihrerseits bei allen rele- Wenn in einer freien demokratischen Ordnung jeder
vanten Gesetzen und Verordnungen prüfen, mit wel- Staatsbürger an der Wahrung des Rechts lebendigen
chen geeigneten Maßnahmen sie derartigen Miß- Anteil nehmen soll, so obliegt uns allen die gewiß
ständen begegnen könnte. noch höhere Verpflichtung, zu jeder Zeit und ohne
Wenn ich Grundfragen des Rechts und der Rechts- Ansehen der Person für Recht und Gesetz einzu-
politik in den Vordergrund rücke, so nicht zuletzt treten.
deshalb, weil nicht übersehen werden kann, daß in (Erneuter Beifall.)
der deutschen Öffentlichkeit ein echtes Bedürfnis
Zur Mehrung der Rechtsklarheit und Rechtssicher-
nach Klarheit und Übersichtlichkeit des Rechts le-
heit gehört es auch, jene Gesetze zu verabschieden,
bendig ist. Ich habe den Eindruck, daß unser Rechts-
die — wenn auch unter unterschiedlichen Aspekten
system unter einer allzu großen Aufsplitterung
— dem Schutze der Person und der Gesellschaft zu
leidet. . dienen haben. Es liegt dem Hohen Hause bereits
Unser Recht birgt in manchen Teilen keine volle
ein umfassendes Gesetzgebungswerk unserer Not-
Harmonie in sich und steht mit dem Gerechtigkeits- standsverfassung vor. Es kommt darauf an, dem
sinn der Bürger nicht immer in Einklang. Wir dürfen
Staat und seinen Organen eine gesetzliche, von
es in der Erinnerung an die vergangene Zeit des
rechtsstaatlichen Vorstellungen geformte Grundlage
Unrechtsstaates als einen großen Gewinn ver-
für das Handeln im Notfalle zu geben. Gerade die
buchen, daß das deutsche Volk für Fragen des
Diskussionen der letzten Wochen haben deutlich
Rechts in hohem Maße aufgeschlossen ist.
gemacht, wie dringend erwünscht es ist, in diesem
(Sehr wahr! bei der SPD.) Bereich das alliierte Recht durch deutsche Vorschrif-
Der Blick auf das Willkür-Regime jenseits der ten zu ersetzen, um so die Lücken zu schließen, die
Zonengrenze macht uns bewußt, wie zwingend die bis heute durch alliierte Verordnungen provisorisch
Rechtsordnung zu unserer Lebensordnung gehört. und auch noch unzulänglich ausgefüllt wurden. Da-
Als Regierungschef bekenne ich mich zu der hohen, bei bin ich mir der Schwierigkeiten, die bei der
allerdings auch selbstverständlichen Verpflichtung, Behandlung der Ihnen vorliegenden Entwürfe zur
die rechtsstaatlichen Prinzipien in unserem Lande Ergänzung des Grundgesetzes zu meistern sein wer-
zu wahren. den, voll bewußt.
(Beifall.) Von dem gleichen Grundgedanken ausgehend, ist
Manche Rechtsbereiche sind nach Auffassung des die Bundesregierung entschlossen, dem Parlament
Justizministers, der ich mich anschließe, in einer den Entwurf eines Gesetzes vorzulegen, das im Ein-
Weise geregelt, die sich unnötig von vergleichbaren klang mit Art. 10 des Grundgesetzes die für jeder-
Regelungen in anderen Rechtsbereichen entfernt. mann erkennbaren Ausnahmen festlegt, in denen
Die Zahl der geschriebenen Normen mit ihren vielen aus Gründen der Sicherheit des Staates und seiner
Einzelbestimmungen erschwert die Übersicht über Bürger wie auch der bei uns stationierten alliierten
das geltende Recht und seine Verwirklichung, zumal Truppen gewisse Einschränkungen des Post- und
die Vorschriften vielfach zu verschiedenen Zeiten Briefgeheimnisses geboten sind.
mit unterschiedlichen politischen und sozialen Zu-
Wenn ich von solchen wichtigen Fragen des
ständen, also nicht aus dem gleichen Geist heraus, öffentlichen Lebens spreche, dann bedarf es eines
entstanden sind. Das heißt, daß wir uns für die Zu-
weiteren Hinweises. Die Bundesregierung weiß um
kunft noch mehr um ein von allgemeiner Rechts- die große Bedeutung des öffentlichen Dienstes für
überzeugung getragenes, von klaren und zeitnahen
die innere und äußere Ordnung unseres Staates. Sie
rechtspolitischen Grundsätzen übersichtlich und ver- wird sich in Anerkennung der auch in diesem Be-
ständlich gestaltetes Gesetzesrecht zu bemühen ha-
reich erbrachten großen Leistungen den weiteren
ben. Es kommt darauf an, das Vertrauen des Bürgers
Ausbau des Rechts der im öffentlichen Dienst Täti-
zum Recht zu vertiefen und zu stärken. Deshalb, gen angelegen sein lassen.
bittet die Bundesregierung das Hohe Haus, die vor-
gelegten Reformwerke wie die Reform des Straf- Bei der Ausgestaltung unseres Besoldungsrechts
rechts, des Aktienrechts und des Urheberrechts zügig geht es darum, die innere Gerechtigkeit in unserem
weiter zu beraten. Besoldungssystem, die durch viele Änderungen der
Die Bundesregierung empfindet es weiterhin als letzten Jahre Schaden gelitten hat, wiederherzustel-
ihre Aufgabe, der Rechtszersplitterung zu begegnen len. Darüber hinaus wird sich die Bundesregierung
und dem Hohen Haus entsprechende Vorschläge auf bemühen, den Verbund der Besoldung in Bund,
dem Gebiet des Verfahrensrechts zu unterbreiten. Ländern und Gemeinden als Voraussetzung für
Auch soll gemeinsam mit den Ländern nach Möglich- eine große Besoldungsreform rechtlich zu fundieren.
keit noch in dieser Legislaturperiode ein einheit- Eine gute, in sich abgewogene Ordnung im Besol-
liches Recht für das Verwaltungsverfahren und da- dungssystem aller Bereiche des öffentlichen Dien-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963 4205
Bundeskanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
stes ist und wirkt als ein stabilisierender Faktor im Hier an anknüpfend möchte ich nur auf wenige
Gesamtgefüge der Lohn-, Gehalts- und Arbeitszeit- spezielle Maßnahmen und Überlegungen hinweisen.
Vereinbarungen. So erwähne ich den Kartellbericht, den die Bundes-
Meine Damen und Herren, wenn ich erst spät auf regierung dem Parlament am 22. August 1962 zuge-
die Wirtschaftspolitik zu sprechen komme, für die leitet hat. Eine baldige Beratung ware um so wün-
ich über fünfzehn Jahre lang die unmittelbare Ver- schenswerter, als sich in diesem Zusammenhang die
antwortung trug — ja sie von ihren Anfängen, vom Möglichkeit bieten wird, das Problem der Zusam-
Frankfurter Wirtschaftsrat her gestaltete —, dann menarbeit der mittleren und kleineren Unterneh-
kann ich darauf verzichten, an dieser Stelle neue, mungen im Vorfeld des Marktes zu behandeln. Zu
grundlegende Erklärungen abzugeben. Das gilt um diesem Fragenkreis gehören auch Kooperations-
so mehr, als sich heute offenkundig alle Fraktionen richtlinien, die das Bundesministerium für Wirt-
dieses Hohen Hauses zur „Sozialen Marktwirtschaft" schaft in den nächsten Tagen der Öffentlichkeit
bekennen wollen. übergeben wird. Bei der Beratung des Kartell-
berichts wird sich das Hohe Haus ferner mit der
(Heiterkeit und Beifall bei den Regierungs- Behandlung marktbeherrschender Unternehmen so-
parteien.) wie der Preisbindung der zweiten Hand zu befassen
Nach allem aber, was ich in meinem früheren Amt haben. Die Bundesregierung sieht keine Veranlas-
an wirtschaftspolitischen Debatten erlebt habe, kann sung, in der Beurteilung dieser beiden Probleme
mir niemand die Genugtuung verargen, die ich heute von dem durch das frühere Kabinett gebilligten
ob einer so weitgehenden Übereinstimmung emp- „Kartellbericht" abzuweichen.
finde.
Die Bedeutung des Mittelstands und die Notwen-
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
digkeit seiner Erhaltung und Festigung wird von
Auch als Bundeskanzler verbürge ich mich dem mir erneut bekräftigt.
Hohen Haus und der deutschen Öffentlichkeit gegen-
über, die Politik der „Sozialen Marktwirtschaft" kon- (Beifall in der Mitte.)
sequent fortzuführen. Bei dem betonten Willen zur Erhaltung der Sta-
(Erneuter Beifall.) bilität von Währung und Wirtschaft ist auch die
Wichtigkeit der Arbeit des Sachverständigenrats,
Die wesentlichen Elemente dieser Politik sind Ihnen
der auf Grund des von Ihnen einstimmig beschlos-
bekannt. senen Gesetzes zu bilden ist, deutlich gekennzeich-
Das Bemühen um ein stabiles Preisniveau steht net. Der Bundeswirtschaftsminister wird dem Kabi-
an der Spitze der wirtschaftlichen Rangordnung. Wir nett unverzüglich seine Vorschläge für die Beset-
alle sollten uns bei jeder Entscheidung dieser schwe- zung dieses Gremiums unterbreiten. Ich hoffe, daß
ren Verantwortung bewußt sein, handelt es sich doch sich hervorragende Persönlichkeiten für diese so
dabei um eine Aufgabe, die keine Regierung zu wichtige Aufgabe zur Verfügung stellen.
keinem Zeitpunkt als endgültig gelöst ansehen
kann. Wenn ich sage „wir alle", dann möchte ich Eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung kann
damit zum Ausdruck bringen, daß die Wahrung der sich nicht allein am Wachstum, sondern muß sich,
Stabilität nicht nur von Entscheidungen der Regie- wie gesagt, nicht minder auch am Ziele der Stabili-
rung abhängt, sondern daß es des Zusammenwir- tät der Währung orientieren. Eine so verstandene
kens aller bedarf, um diesem Grundsatz Geltung zu erfolgreiche Wirtschaftspolitik dient zugleich der Er-
verschaffen. Gerade eine freiheitliche Gesellschafts- haltung der politischen Ordnung. Gerade die Ge-
ordnung, die der Entfaltung der Persönlichkeit und schichte der Weimarer Republik zeigt die enge Be-
der privaten Betätigung der Bürger weitesten Spiel- ziehung zwischen Politik und Wirtschaft auf. In die-
raum geben will, setzt eine festgefügte staatliche sem Zusammenhang kommt der Fortentwicklung
Ordnung und eine stabile Währung voraus. des konjunkturpolitischen Instrumentariums zuneh-
mende Bedeutung zu. Zwischen autonomen nationa-
Zu jenem Ordnungsrahmen gehört das Prinzip len Entscheidungen und der internationalen Ko-
des Wettbewerbs. Er ist nicht lediglich als ein operation im Rahmen der EWG und der OECD be-
ökonomisch-technisches Organisationsprinzip des steht eine enge Wechselwirkung.
Marktgeschehens zu begreifen; Wettbewerbspolitik
im weitesten Sinne dient der Durchsetzung gerech- Die Bundesregierung ist sich bewußt, daß ihr der
ter Entscheidungen und verhindert die Erstarrung hohe Anteil der öffentlichen Ausgaben an der ge-
des Lebens in vorgefaßten ideologischen Normen samten Nachfrage nicht nur eine Handhabe bietet,
oder gesellschaftlichen Zuständen. Eine so verstan- sondern sogar die Verpflichtung auferlegt, durch
dene Politik wird darum auch am besten dem gesell- eine sinnvolle 'Beeinflussung der öffentlichen Aus-
schaftspolitischen Wunsch und Willen gerecht, das gaben vor allem im Investitionsbereich die Wirt-
Bewußtsein der Selbstverantwortung des Staats- schaftstätigkeit anzuregen oder gegebenenfalls auch
bürgers zu stärken, aus der die Kraft fließt, sich zurückzudämmen. Dem gleichen Ziel würde ein Ein-
durch Leistung bewähren zu wollen. Das Wettbe- wirken auf die private Nachfrage durch eine be-
werbsprinzip ist die Wurzel des sozialen, wirt- weglichere Steuer- und Abschreibungspolitik dienen.
schaftlichen und gesellschaftlichen Aufstiegs über- Gewiß ist es leichter, diese Erkenntnis auszuspre-
haupt und besitzt darum Gültigkeit nicht etwa nur chen, als sie praktisch zu verwirklichen. Die Schwie-
für die Schicht der Unternehmer, sondern für die rigkeiten sollten uns aber nicht hindern, an der
Angehörigen aller Berufe. Lösung dieses Problems zu arbeiten.
4206 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963
Bundeskanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
Die Erfahrung lehrt, daß die Praxis der einjähri- weiterhin rasch und stark zunehmenden Zahl von
gen Haushaltsansätze modernen konjunkturpoliti- Personenkraftwagen ausgehen. Der Bund hat bis
schen Bedürfnissen nicht mehr gerecht wird. Es er- heute im Straßenbau große Anstrengungen unter-
weist sich vielmehr als notwendig, die üblichen nommen und gewaltige Investitionen getätigt. Den-
Jahreshaushalte in längerfristige, etwa 4 Jahre wäh- noch werden ihm Versäumnisse und unzulängliches
rende Haushaltsüberlegungen einzubetten, um auf Handeln vorgeworfen.
solche Weise sichere Maßstäbe für Wert und Rang- (Abg. Wehner: Sehr wahr!)
ordnung der einzelnen Ausgaben zu gewinnen.
Gerade weil dieses Urteil in solcher Vereinseitigung
(Beifall bei den Regierungsparteien.) nicht gerechtfertigt ist, scheint es mir dringend ge-
Die Bundesregierung kann erfreulicherweise bei boten, daß von der Bundesregierung eine Initiative
diesen Überlegungen an weit gediehene Vorarbei- ausgeht, ihre eigenen Bemühungen mit denen der
ten
- anknüpfen. Ich werde das Bundeswirtschafts Länder und Gemeinden besser aufeinander abzu-
und das Bundesfinanzministeriumsogleich beauf- stimmen. Ein gemeinsam erarbeitetes Rahmenpro-
tragen, in enger Zusammenarbeit mit den beteilig- gramm würde der gemeinsamen Aufgabe nur dien-
ten Ressorts und den Ländern dem Bundeskabinett lich sein. Ich hoffe auf die bereitwillige Mitwirkung
zweckentsprechende konkrete Vorschläge zur Ver- der Länder und Gemeinden.
wirklichung ,dieser Ideen zu unterbreiten. Auch die Wettbewerbsverhältnisse zwischen den
Wenn ich im öffentlichen Sektor für eine plan- Verkehrsträgern müssen neu überdacht werden, vor
volle Vorausschau eintrete, dann gerate ich wohl allem in Hinblick darauf, daß jedem von ihnen die-
nicht in den Verdacht, der nationalökonomischen jenigen Leistungen zufallen, zu deren Bewältigung
Modeerscheinung, wie sie in dem fast schon zum sie auf Grund ihrer technischen und kostenwirt-
Schlagwort gewordenen Begriff der „Planifikation" schaftlichen Eigenart besonders geeignet sind. Das
Ausdruck findet, zu frönen. Wer allerorts Rückschläge heißt, daß die Verkehrspolitik nicht nur den von der'
und Mißerfolge des Dirigismus in anderen Ländern ÖfentlichkrsLdauntev
beobachtet, begreift schwer, daß_ ausgerechnet die Straßenbau im Auge zu haben hat. Die Tarifpolitik
Bundesrepublik nach einer langen Reihe von Jah- ist ein nicht minder wichtiges Instrument der Ver-
ren, die durch anerkannte Erfolge ihrer Wettbe- kehrspolitik. Mit den Verkehrs-Änderungs-Gesetzen
werbspolitik gekennzeichnet sind, zu einer planifi- von 1961 ist zwar in dieser Hinsicht ein neuer Weg
zierten Wirtschaft übergehen soll. Niemand wird erschlossen worden, der aber von den Verkehrs-
von mir erwarten, daß ich meine Haltung gegenüber trägern bis heute nur unzulänglich begangen wird.
solchen Ideen ändern könnte. Ich kann diese nur ermuntern, von den Chancen
einer freieren Tarifgestaltung reicher, als es seit
(Beifall in der Mitte.) dem Inkrafttreten der Verkehrsnovelle geschehen
Auch die Umsatzsteuerreform mit der Abkehr ist, Gebrauch zu machen.
vom derzeitigen System und dem Übergang zu der Daß bei der Bevölkerungsdichte in der Bundes-
Mehrwertsteuer steht unter dem Leitgedanken der republik den strukturellen Fragen der Raumgliede-
Förderung des Wettbewerbs. Die Behandlung dieser rung, der Ansiedlung von Gewerbebetrieben sowie
Materie in den kommenden Ausschußberatungen der Städteplanung nicht nur unter verkehrspoliti-
wird Zeit und Gelegenheit zur gedanklichen Ver- schem Aspekt, sondern z. B. auch im Zusammenhang
tiefung und Verbesserung bieten. Aber wenn sich mit der Agrarpolitik große Bedeutung zukommt,
das Hohe Haus darin einig ist, daß von der Umsatz- wird aus meinen Ausführungen noch deutlich wer-
steuer keine konzentrationsfördernden Anreize aus- den.
gehen dürfen und die Verzerrungen im Außenhan-
del beseitigt werden sollen, dann wird die Reform Ich möchte diesen Teil meiner Erklärung nicht
geradezu zu einem zwingenden Gebot. Dabei ist es abschließen ohne ein Wort der Anerkennung für die
gewiß nicht Sinn und Absicht der Systemänderung, Leistungen von Bundesbahn und Bundespost, die nur
etwa die freien Berufe zu .benachteiligen oder dem durch den hingebungsvollen Einsatz aller Mitarbei-
Mittelstand höhere Lasten aufzubürden. ter dieser großen Organisationen möglich sind.
Dies mag auch daraus ersichtlich werden, daß die (Beifall.)
Bundesregierung im Zusammenwirken mit den Län- Eine erfolgreiche Lösung der agrarpolitischen Fra-
dern noch in dieser Legislaturperiode den geltenden gen liegt mir besonders am Herzen, denn wir alle
Einkommensteuertarif überprüfen wird, um in einem verkennen nicht die Bedeutung, die der Agrarpolitik
finanziell vertretbaren Rahmen steuerliche Unaus- und ihrer Fortentwicklung unter veränderten Um-
geglichenheiten im Bereich vor .allem der mittleren weltbedingungen zukommt.
Einkommen zu bereinigen. (Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Niemand soll an meinem guten Willen und an dem
Zu den die deutsche Öffentlichkeit mehr und mehr festen Entschluß zweifeln dürfen, alles Zweckmäßige
erregenden Fragen zählen zweifellos der Verkehr, zu unternehmen, um ein lebenskräftiges deutsches
die Parkraumnot, der Straßenbau und die Verkehrs- Bauerntum zu erhalten und die in ihm tätigen Men-
sicherheit. Weil das Automobil in unserer heutigen schen von der Unruhe und Unsicherheit zu befreien,
Gesellschaft zu mehr als einem nur technischen daß es für sie keine gesicherte und glückliche Zu-
Hilfsmittel geworden ist, muß jedes Kalkül über die kunft geben könne.
künftigen Aufgaben im Verkehrswesen von einer (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963 4207
Bundeskanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
Die nach dem Kriege von der deutschen Landwirt- und deshalb mit gutem Gewissen vertreten werden
schaft erbrachten Leistungen können sich auch im kann. Gleichwohl ist bekannt genug, daß diese
internationalen Vergleich sehen lassen. Sie berech- Frage innerhalb der Europäischen Gemeinschaft
tigen zur Zuversicht und sollen auch die Landwirt- noch vor Beginn der Kennedy-Runde zur Erörte-
schaft in dem Glauben an die eigene Kraft stärken. rung ansteht. Die deutsche Landwirtschaft kann da-
Es wird und muß durch eine positive Agrarpoli- von überzeugt sein, daß ich bei diesen Verhandlun-
tik auch in einer enger zusammenrückenden Welt gen ein fairer Sachwalter auch der Interessen der
gelingen, die Agrarwirtschaft immer organischer in deutschen Landwirtschaft sein werde.
die deutsche Volkswirtschaft einzufügen. Wenn (Beifall bei den Regierungsparteien.)
auch die Landwirtschaft ihre eigenen Gesetze kennt, Bei der Bewältigung der von mir skizzierten Auf-
so muß doch die Agrarpolitik als Teil der allgemei- gaben und Probleme wird die Bundesregierung der
nen Wirtschaftspolitik verstanden werden. Damit Landwirtschaft entschlossen zur Seite stehen. Sie
bringe ich zum Ausdruck, daß an einer Erhaltung wird die Mittel des Grünen Plans konsequent für
und Festigung der Landwirtschaft nicht allein die eine Gesundung der Landwirtschaft wie für die
bäuerliche Bevölkerung interessiert ist, sondern daß Stärkung ihrer Wettbewerbsfähigkeit einsetzen.
auch alle anderen Volksschichten und Berufsgrup- Die Steigerung der Arbeitsproduktivität in dem Be-
pen Verständnis für die Landwirtschaft bezeugen trieb selbst und seine rationelle Verbindung zum
sollten. Markt bleiben eine ständige Aufgabe.
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Die Bundesregierung wird nicht nur die von Bun-
Die europäische Argrarpolitik stellt uns zweifellos despräsident Lübke seinerzeit so erfolgreich begon-
vor schwierige Fragen der Anpassung und Umstel- nenen Agrarstrukturmaßnahmen fortsetzen. Dar-
lung. Wir alle sind uns dabei einig, daß es d i e über hinaus wird sie die Möglichkeit für technisch,
deutsche Landwirtschaft als Ansatzpunkt einer all- betriebs- und marktwirtschaftlich sinnvolle Investi-
gemein gültigen Agrarpolitik nicht gibt, daß viel- tionen in den einzelnen Betrieben verbessern und
mehr aus unterschiedlichsten Ursachen differen- beim Ausbau geeigneter Produktions- und Ver-
zierte Mittel und Methoden Platz greifen müssen. arbeitungsmaßnahmen Hilfen gewähren. Die Ver-
Die Aufgabenstellung ist aber im Großen den- wirklichung solcher Vorstellungen erfordert, wie
noch zu umreißen: sich die Bundesregierung bewußt ist, einen großen
Die moderne Wirtschaft mit ihrem hohen Mecha- Kapitalaufwand. Sie wird dieses Problem sorgfältig
nisierungs- und Technisierungsgrad, vor allem auch prüfen und dabei auch die Frage der Zinsbelastung
mit dem hohen Preis, den sie für die menschliche nicht außer acht lassen.
Arbeitskraft zu zahlen gewillt und in der Lage ist, Soweit Betriebe nicht existenzfähig sind, sollen
verlangt von der ursprünglich nahezu ausschließlich sie zu Voll-Erwerbsbetrieben aufgestockt werden
arbeitsintensiven Landwirtschaft eine tiefgreifende oder sollten zu ihrem eigenen Vorteil ihre Flächen
Umstellung. Der Umstand, daß die Verbraucher sich zur Aufstockung anderer Betriebe zur Verfügung
von dem Verzehr von Grundnahrungsmitteln, wie stellen. Dabei sind finanzielle Anreize mannigfacher
z. B. Getreideerzeugnissen, zunehmend höherwerti- Art zu entwickeln.
gen Nahrungsmitteln zuwenden, zwingt die deut- Hierzu gehört auch die Intensivierung der regio-
sche Landwirtschaft, wenn sie für die Zukunft ihr nalen Wirtschaftspolitik, die der Existenzsicherung
Einkommen verbessern will, der Veredelungswirt- der von dem Strukturwandel berührten bäuerlichen
schaft noch höhere Bedeutung beizumessen. Eine Bevölkerung dienen soll. Nicht minder wichtig ist
moderne Agrarpolitik wird sich aus den vorerwähn- es, den Bildungs- und Erziehungseinrichtungen auf
ten Gründen um eine immer stärkere Differenzie- dem Lande größeres Augenmerk zuzuwenden. Auf
rung und Variierung des Angebots wie auch um diesem Gebiet scheinen mir Reformen dringend ge-
eine organische Verbindung von Produktion und boten zu sein.
Markt zu bekümmern haben.
Aus soziologischen Gründen ist es ferner bedeut-
Die bäuerliche Bevölkerung weiß sehr wohl, daß sam, daß die Erhaltung des ländlichen Wohneigen-
die Absatzmöglichkeiten für Veredlungsprodukte tums einer weiteren Abwanderung aus manchen
und hochwertige landwirtschaftliche Erzeugnisse ohnedies dünnbesiedelten Gebieten vorzubeugen
wesentlich von der Mehrung des allgemeinen Wohl- hat.
stands abhängen, der seinerseits wieder die enge (Zustimmung bei der CDU/CSU.)
Verflechtung mit der Weltwirtschaft zur Voraus-
setzung hat. Damit wird sich für die kommende Eine phantasievolle und aufgeschlossene Agrar-
Zeit die Agrarpolitik mit Spezialfragen zu befassen politik hat den bäuerlichen Familienbetrieb in den
haben, deren Bedeutung offen zutage liegt. Wenn Mittelpunkt zu stellen. Sie soll dem Bauern für die
ich in Verbindung mit der europäischen Agrarpoli- Gegenwart und die Zukunft wieder Mut und Sicher-
tik das Problem des deutschen Getreidepreises be- heit geben.
rühre, so möchte ich dazu erklären, daß der derzei- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
tige Preis nach Maßgabe der nicht zuletzt durch die
Meine Damen und Herren, wir Deutschen bedür-
Struktur der Betriebe bedingten Kostenverhältnisse
fen nach den Brüchen in unserer jüngeren Ge-
und der Ertragslage der Landwirtschaft im allge-
schichte neuer Ausdrucksformen in allen Äußerun-
meinen zu Beanstandungen keinen Anlaß gibt
gen unseres gemeinsamen Lebens. Wir sind zu be-
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU) wußter Solidarität aufgerufen. Gerade die Industrie-
4208 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963
Bundeskanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
gesellschaft braucht einen starken Staat. Je größer Der vermehret das Übel und breitet es weiter
der Druck der Verbände und Gruppen auf den Gang und weiter;
der Politik, je ungehemmter der Egoismus von Teil- Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet
gewalten sich entfesselt, um so entschiedener ist es die Welt sich.
allen verantwortlichen Kräften — und in besonde-
rem Maße der Bundesregierung — aufgegeben, für (Langanhaltender lebhafter Beifall bei den
die Respektierung des Gemeinwohls Sorge zu tragen. Regierungsparteien.)
Wir werden die großen Zukunftsaufgaben der deut-
schen Politik nur meistern können, wenn die gesell- Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Meine Damen
schaftliche Kraft der Verbände nicht ausschließlich und Herren, Sie haben die Erklärung der Bundes-
den eigenen Interessen nutzbar gemacht wird. Es regierung gehört. Die Aussprache über diese Erklä-
würde einen gewaltigen Fortschritt in den öffent- rung findet vereinbarungsgemäß am Donnerstag,
lichen Dingen unseres Staates bedeuten, wenn die dem 24. Oktober, vormittags beginnend, statt.
große Macht und der Sachverstand der Interessen-
gruppen und die Fülle der Talente auch für die all- Ich rufe jetzt die anderen Punkte der Tagesord-
gemeinen Aufgaben des Gemeinwesens zur Verfü- nung auf, zunächst:
gung stünden. Beratung des Schriftlichen Berichts des
(Beifall in der Mitte. — Zustimmung des Außenhandelsausschusses über den von der
Abg. Dr. Schmid [Frankfurt].) Bundesregierung zur Unterrichtung vorge-
legten Vorschlag der Kommission für eine
Die Zielstrebigkeit unserer Politik und ihre Vitali- Verordnung des Rates über die Änderung
tät bedeuten keine Machtpolitik; sie ist, wie eingangs verschiedener Bestimmungen der Verord-
gesagt, eine Politik der Mitte, die um die Notwen- nung Nr. 55 des Rats über die Regelung für
digkeit der Verständigung und des Ausgleichs weiß. Getreideverarbeitungserzeugnisse (Druck-
In einer Welt, die immer mehr in die Weite strebt, sachen IV/1525, IV/1531).
bedarf ein freies Volk eines gesunden nationalen
Berichterstatter: Abgeordneter Sander
Selbstbewußtseins. Nur wer sicher in sich selbst ruht
und um seine Wurzeln weiß, wird diesen Weg Ich frage den Herrn Berichterstatter, ob er das
gehen können, ohne sich zu verlieren. Wort wünscht. — Der Berichterstatter verzichtet. Ich
Wir haben die Schuld, die während jener tragi- frage das Haus, ob es dem Antrag des Ausschusses
schen zwölf Jahre der Gewaltherrschaft im Namen zustimmen will, nämlich den Bericht zur Kenntnis zu
Deutschlands allen Deutschen aufgebürdet wurde, nehmen. — Kein Widerspruch; es ist so beschlossen.
schonungslos offenbart. Wir werden diese Schuld
Ich rufe auf:
vollends abtragen, soweit Menschen dazu in der
Lage sind. Darum betrachten wir die Wiedergut- Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus-
machung als eine bindende Verpflichtung. schusses für Ernährung, Landwirtschaft und
Forsten über die von der Bundesregierung
(Beifall in der Mitte. — Zustimmung des
vorgelegte Verordnung über die Senkung
Abg. Schmid [Frankfurt].)
von Abschöpfungssätzen bei der Einfuhr von
Wir wissen es zu würdigen, wenn Menschen aus geschlachteten Gänsen (Drucksachen IV/1503,
ihrem eigenen Erleben heraus noch nicht bereit sind, IV/1533, zu IV/1533).
sich mit dem neuen Deutschland zu versöhnen. Aber Berichterstatter: Abgeordneter Balkenhol
wir haben keinen Sinn für jene Bestrebungen, die
aus vergangener Barbarei für alle Zeit eine deut- Ich frage den Herrn Berichterstatter, ob er das
sche Erbsünde herleiten und als politisches Mittel Wort wünscht. — Der Berichterstatter verzichtet.
konservieren möchten. Das Haus stimmt dem Antrag des Ausschusses zu?
(Beifall bei den Regierungsparteien und bei — Kein Widerspruch; es ist so beschlossen.
Abgeordneten der SPD.) Meine Damen und Herren, ich berufe die nächste
Unser Tun dient nicht nur der Stunde, dein Tag Sitzung ein — —
oder diesem Jahr. Wir haben die Pflicht, in Genera- (Unruhe. — Glocke des Präsidenten.)
tionen zu denken und unseren Kindern und Kindes-
kindern ein festes Fundament für eine glückliche Zu- — Einen Augenblick, meine Damen und Herren!
kunft zu bauen. Setzen Sie sich!
Ich lege vor jedem Bürger unseres Volkes das (Anhaltende Unruhe. — Zuruf von der SPD:
Versprechen ab, all meine Kraft, mein Wissen und Die Regierung!)
meine ganze Erfahrung für die Sicherung unserer — Meine Herren, das ist kein guter Stil. Ich muß
inneren und äußeren Freiheit, für die Festigung des doch bitten, daß sich auch die Beamten der Bundes-
demokratischen Lebens und für das Wohlergehen regierung der Ordnung des Hauses fügen.
des deutschen Volkes einzusetzen. In einer sich be-
wegenden Welt werden wir nicht erstarren dürfen, (Allseitiger Beifall.)
aber wir haben die Pflicht, in der Verfolgung der Wir beginnen die nächste Plenarsitzung am Mitt-
Ziele unserer Politik fest zu bleiben. woch, dem 23. Oktober, vormittags 9 Uhr. Wir
Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit werden nur eine Fragestunde haben und anschlie-
auch schwankend gesinnt ist, ßend einen einzigen Tagesordnungspunkt behan-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963 4209
Präsident D. Dr. Gerstenmaier
dein, der nur eine verhältnismäßig kurze Aussprache gen vorsehen, erbitte aber noch Meldungen darüber,
erforderlich macht. Danach steht dieser Tag, also ob sie das zu tun gewillt sind, ob es also notwendig
Mittwoch, der 23. Oktober, den Ausschüssen zur ist oder nicht.
Verfügung. Ich kann noch nicht beurteilen, wie die Meine Damen und Herren, ich berufe die nächste
Aussprache über die Regierungserklärung verläuft, Sitzung ein auf Mittwoch, den 23. Oktober, 9 Uhr.
d. h. ob wir außer dem Donnerstag auch den Freitag
dazu brauchen werden. Ich gebe anheim, daß die Die Sitzung ist geschlossen.
besonders beschäftigten Ausschüsse vorsichtiger-
weise Freitag, den 25. Oktober, für Ausschußsitzun- (Schluß der Sitzung: 12.05 Uhr.)
Deutscher Bundestag - 4. Wahlperiode - 90. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. Oktober 1963 4211
Anlage zum Stenographischen Bericht
Liste der beurlaubten Abgeordneten Abgeordneter) beurlaubt bis einschließlich
Abgeordnete(r) beurlaubt bis einschließlich Krug 18. 10.
Kubitza 18. 10.
Dr. Aschoff 9. 11. Freiherr von Kühlmann-Stumm 18. 10.
Dr. Aigner * 18. 10. Kühn (Hildesheim) 18. 10.
Arendt (Wattenscheid) * 18. 10. Leber 20. 10.
Dr. Arndt (Berlin) 31. 12. Lenz (Brühl) * 18. 10.
Dr. Atzenroth 27. 10. Dr. Löhr * 18. 10.
Bals 19. 10. Lücker (München) * 18. 10.
Bergmann * 18. 10. Margulies * 18. 10.
Biermann 20. 10. Mauk * 18. 10.
Birkelbach * 18. 10. Memmel 18. 10.
Dr. von Brentano 18. 10. Dr. von Merkatz 18. 10.
Buchstaller 31. 10. Merten 20. 10.
Dr. Burgbacher 23. 10. Metzger * 18. 10.
Corterier 18. 10. Dr. Miessner 18. 10.
Deringer * 18. 10. Müller (Erbendorf) 18. 10.
Dr. Dichgans * 18. 10. Müller (Remscheid) 18. 10.
Dr. Dittrich 18. 10. Müller-Hermann * 18. 10.
Eisenmann 18. 10. Ollenhauer 31. 12.
Frau Dr. Elsner * 18. 10. Peters (Poppenbüll) 18. 10.
Etzel 18. 10. Dr. Pflaumbaum 18. 10.
Faller * 18. 10. Dr.-Ing. Philipp * 18. 10.
Frau Dr. Flitz (Wilhelmshaven) 18. 10. Pöhler 18. 10.
Dr. Dr. h. c. Friedensburg * 18. 10. Frau Dr. Probst * 18. 10.
Fritsch 18. 10. Rademacher * 18. 10.
Dr. Furler * 18. 10. Richarts * 18. 10.
Dr. Gleissner 18. 10. Frau Schanzenbach 18. 10.
Goldhagen 16.10. Dr. Schmidt (Offenbach) 18. 10.
Gscheidle 18. 10. Schoettle 18. 10.
Haage (München) 18. 10. Seidl (München) 18. 10.
Hahn (Bielefeld) 8. 11. Seifriz * 18. 10.
Hammersen 18. 10. Dr. Siemer 18. 10.
Frau Herklotz 19. 10. Spitzmüller 18. 10.
Herold 18. 10. Dr. Starke * 18. 10.
Dr. Hoven 18. 10. Storch * 18. 10.
Illerhaus * 18. 10. Frau Strobel* 18. 10.
Kahn-Ackermann 15. 11. Strohmayr 18. 10.
Kalbitzer 18. 10. Weber (Georgenau) 18. 10.
Dr. Klein (Berlin) 9. 11. Weinkamm * 18. 10.
Klinker * 18. 10. Wischnewski 18. 10.
Koenen (Lippstadt) 31. 10.
Dr. Kreyssig * 18. 10. Für die Teilnahme an einer Tagung des Europäischen
Kriedemann * 18. 10. Parlaments