Eutscher Bundestag: 66. Und 67. Sitzung
Eutscher Bundestag: 66. Und 67. Sitzung
Inhalt:
66. Sitzung
Bundesminister Höcherl
Die Bundesregierung kann im übrigen nur ein Ein zweites Zitat aus diesem Urteil sei gleichfalls
Gesetz vorschlagen, von dessen sachlicher Richtig- wiedergegeben:
keit sie überzeugt ist. Sie hat die von ihr vorge-
schlagene Fragestellung gewählt, weil sie der Auf- Der Wille der badischen Bevölkerung ist durch
fassung ist, daß das seit mehr als zehn Jahren be- die Besonderheit der politisch-geschichtlichen
stehende Bundesland Baden-Württemberg nach er- Entwicklung überspielt worden.
folgreicher Aufbauarbeit und Bewährung — auch
im Hinblick auf das Zusammenleben von Württem- Was ist unter dieser „politisch-geschichtlichen Ent-
bergern und Badenern — am besten den Forderun- wicklung" zu verstehen? Zweifellos auf der einen
gen des Art. 29 Abs. 1 des Grundgesetzes entspricht. Seite auch der Tatbestand, daß damals auf Grund
Dies folgt nicht nur aus der geschichtlichen und kul- des Besatzungsrechts drei Länder im Südwesten
turellen Verbundenheit beider Landesteile, sondern Deutschlands bestanden haben; auf der anderen
auch aus wirtschaftlichen Überlegungen. Beide Ge- Seite aber auch der Tatbestand, daß das Zweite
Neugliederungsgesetz schwere Mängel rechtlicher
biete ergänzten sich von jeher in ihrer vielgestalti-
gen Wirtschafts- und Sozialstruktur. Ich darf daran Art enthalten hat.
erinnern, daß auch das sogenannte Luther-Gutachten Dann hat das Bundesverfassungsgericht in dem-
Baden-Württemberg als Muster eines wirtschaftlich selben Urteil folgendes zum Ausdruck gebracht:
zweckmäßig gegliederten Landes bezeichnet hat.
Bei der Abstimmung am 9. Dezember 1951
Die Bundesregierung hofft, daß der im Regie-
haben zwei Bevölkerungen, die badische und
rungsentwurf vorgesehene Volksentscheid mit einer
die württembergische, in der Weise gemeinsam
klaren Mehrheit diese notwendige Befriedung in der
abgestimmt, daß die zahlenmäßig stärkere die
Baden-Frage bringen werde. Sie ist der Überzeu-
schwächere majorisieren konnte. Es war also
gung, daß das Ergebnis des Volksentscheids in Ba- eine Abstimmung, in der die badische Bevölke-
den von allen Beteiligten respektiert werden wird. rung nicht selbst bestimmen konnte, in welchem
Namens der Bundesregierung darf ich Sie bitten, staatlichen Verband sie künftig leben wollte.
dieses Ziel durch raschen Fortgang der Ausschuß- Sie lebt noch immer in einem Gebiet, das ohne
beratungen verwirklichen zu helfen. Volksabstimmung seine Landeszugehörigkeit
(Beifall in der Mitte.) geändert hat.
Ich möchte an folgendem Beispiel deutlich machen,
Vizepräsident Schoettle: Das Wort zur Be- welches die schweren Mängel des Zweiten Neuglie-
gründung des Gesetzentwurfs der Abgeordneten derungsgesetzes und damit des Zustandekommens
Dr. Kopf usw. hat der Abgeordnete Dr. Kopf. des Bundeslandes Baden-Württemberg gewesen
sind. Nehmen wir an — ein hypothetischer Fall —,
das Bundesland Schleswig-Holstein käme auf den
Dr. Kopf (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Gedanken — es kommt natürlich nicht auf den Ge-
Damen und Herren! Es sind 12 Jahre her, seitdem danken —, sich die Stadt Hamburg einzuverleiben,
auf Grund des sogenannten Zweiten Neugliede- und es würde zu diesem Zweck ein Gesetz des
rungsgesetzes das Bundesland Baden-Württemberg Inhalts eingebracht, daß der Gesamtraum von
geschaffen worden ist. Dieses Zweite Neugliede- Schleswig-Holstein und von Hamburg in drei Ab-
rungsgesetz, das die Grundlage dieser Staatsbildung stimmungsbezirke zerlegt wird. Dieses Gesetz
gewesen ist, ist Gegenstand einer lebhaften Kritik würde weiterhin bestimmen: Wenn sich in zwei von
geworden und bis auf den heutigen Tag geblieben. den drei Bezirken eine Mehrheit für die Zusammen-
Zwar hat das Bundesverfassungsgericht in seinem fassung dieser beiden Bundesländer ergibt, dann
ersten grundsätzlichen Urteil dieses Gesetz als nicht soll ein neues einheitliches Bundesland Hamburg-
verfassungswidrig bezeichnet; aber in einem zwei- Schleswig-Holstein gebildet werden. Wenn dann die
ten Urteil vom Jahre 1956 hat sich das Bundesver- Abstimmung käme und die Länder Schleswig und
fassungsgericht erneut mit diesem Gesetz beschäf- Holstein würden — hypothetisch — für dieses neue
tigt und es an den allgemeinen Grundsätzen der Einheitsland stimmen, die Stadt Hamburg aber die
Neugliederung gemessen, wie sie im Grundgesetz Mehrheit nicht gewähren, dann käme trotz der Ent-
verankert sind. scheidung in Hamburg, das die Zusammenlegung
mit Schleswig-Holstein abgelehnt hätte, ein neues
Es gibt wohl keine treffendere und einschneiden- einheitliches Bundesland Hamburg-Schleswig-Hol-
dere Kritik an diesem Zweiten Neugliederungs- stein zustande.
gesetz als die Worte, die das Bundesverfassungs-
gericht in seinem zweiten Urteil vom 30. Mai 1956 Genau dieses Verfahren, das uns schwer denkbar
gefunden hat. Das Gericht hat damals in diesem erscheint, ist im Fall der Bildung des Bundeslandes
zweiten Urteil geschrieben: Baden-Württemberg angewendet worden; denn der
Gesamtraum der früheren beiden Länder Baden und
Das Grundgesetz perhorresziert, weil es das Württemberg wurde in vier Abstimmungsbezirke
demokratische Prinzip ernst nimmt, die Bildung zerlegt. In dreien hat sich eine Mehrheit ergeben,
neuer Länder über den Kopf der Bevölkerung im vierten war eine Mehrheit dagegen. 62 % der
hinweg. Die Zerreißung Gesamt-Badens anläß- südbadischen Bevölkerung waren gegen die Bildung
lich der Bildung der späteren Bundesländer Ba- des neuen Bundeslandes, und 52 % der gesamtba-
den und Württemberg erfolgte ohne Befragung dischen Bevölkerung waren gleichfalls dagegen.
der Bevölkerung. Trotzdem ist das neue Bundesland gebildet worden.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 66. und 67. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. März 1963 3029
Dr. Kopf
Nun hat im Jahre 1956 ein erfolgreiches Volksbe- endgültigen Konsolidierung, den provisorischen
gehren im Gebietsteil Baden stattgefunden. 15 % Charakter, der ihm anhaftet, abzustreifen und durch
der abstimmungsberechtigten Bevölkerung haben einen Volksentscheid seine endgültige Legitimie-
sich in die Listen des Volksbegehrens zugunsten rung sich geben zu lassen.
einer Wiederherstellung des Landes Baden einge-
tragen. Das Grundgesetz sagt aber, wenn in einem Wir stimmen auch weitgehend überein mit der
Gebiet ein Volksbegehren erfolgreich verläuft, muß Gesamtkonzeption, die in der Drucksache des Herrn
ln diesem Gebiet in jedem Falle ein Volksentscheid Ministers enthalten ist, allerdings mit einer einzigen
durchgeführt werden. Das ist eine zwingende Be- Ausnahme. In der Drucksache des Regierungsent-
stimmung, und es ist gar nicht dem Ermessen der wurfs finden sich Ausführungen darüber, daß nach
Regierung überantwortet, ob dieser Volksentscheid der Auffassung der Regierung das künftige Bild
stattfinden soll oder nicht. Das ist keine Frage der Deutschlands so gestaltet werden soll, daß groß-
diskretionären Entscheidung, sondern das isst grund- räumige Länder vorhanden sein sollen, und es wer-
gesetzlich vorgeschrieben. Der Volksentscheid muß den eine Reihe solcher großräumiger Länder auch
stattfinden. namentlich angeführt. Das Grundgesetz spricht nicht
Allerdings ist im Jahre 1959 eine Studie des von großräumigen Ländern, sondern es geht von
Staatsministeriums in Stuttgart ausgearbeitet wor- einem ganz anderen Begriff aus: der Lebensfähig-
den. Darin heißt es u. a., die Vorlage eines Gesetz- keit. Wir sind der Meinung, daß dieser Begriff der
entwurfes im gegenwärtigen Zeitpunkt sei nicht an- Lebensfähigkeit auch im Falle der Neugliederung
gebracht. Der Tätigkeit der Altbadener solle mit des Südwestraums Anwendung finden soll, und wir
politischen, und an einem anderen Ort heißt es: mit stellen die Frage, wie mit dem Prinzip der Schaffung
psychologischen Maßnahmen entgegengetreten wer- großräumiger Länder die Fortexistenz der Stadt-
den. Mit politischen Maßnahmen, aber nicht mit der staaten Hamburg und Bremen vereinbar ist, die
einfachen rechtlichen Maßnahme, die durch das ganz bestimmt wichtige Länder im Gefüge der Bun-
Grundgesetz zwingend vorgeschrieben war, nämlich desrepublik darstellen, aber keineswegs als groß-
durch die Ermöglichung eines Volksentscheides, wie räumige Länder bezeichnet werden können. Ich
das Gesetz es befiehlt. glaube, daß aber in diesem Haus alle damit einver-
standen sind, daß gerade diese beiden so wichtigen
Ich möchte hier ausdrücklich anerkennen, und ich Länder mit ihrem Sonderstatus als Länder im föde-
möchte meiner Befriedigung darüber Ausdruck ge- ralen Verband der Bundesrepublik auch künftig
ben, daß, nachdem diese Angelegenheit jahrelang weiterbestehen sollen, und zwar auch dann, wenn
verzögert worden ist, nun der Herr Bundesinnen- sie dem Erfordernis des Regierungsentwurfs, näm-
minister die Initiative ergriffen und einen Gesetz- lich der Großräumigkeit, nicht entsprechen sollten.
entwurf eingebracht hat, der die Grundlage für
einen Volksentscheid in Baden bilden soll. Ich Gegen die Vorlage des Bundesinnenministeriums
möchte weiterhin zum Ausdruck bringen, daß meine erhebt sich ein sehr gewichtiger Einwand, und ich
Freunde und ich auch mit einer Reihe wesentlicher räume ohne weiteres ein, daß dieser Einwand sich
Punkte, die in diesem Gesetzentwurf enthalten sind, auch gegen unseren eigenen Initiativantrag nicht mit
übereinstimmen. Unrecht geltend machen ließe. Es erhebt sich näm-
lich die Frage: Sind der Bundestag, der Bundesrat
Wir stimmen damit überein, daß eine sogenannte
und die Bundesregierung nicht dann überfordert,
Phasenregelung ins Auge gefaßt wird. Der Herr
wenn man von ihnen eine materielle Regelung der
Bundesinnenminister teilt hier unseren Standpunkt,
Landeszugehörigkeit eines Gebietsteiles verlangen
daß es nicht möglich ist, das gesamte deutsche Neu
soll, über dessen künftiges Schicksal zunächst ein-
gliederungsverfahren in einem Gesetzesakt — uno
mal die beteiligte Bevölkerung selber befragt wer--
actu — durchzuführen, sondern daß es hierfür, so
den soll? — Da sind wir allerdings der Meinung, daß
wie das Bundesverfassungsgericht es auch zuläßt,
nur eine intime Kenntnis der regionalen und lokalen
einer phasenweisen und sukzessiven Abfolge ein-
Verhältnisse es gestattet, hier eine Regelung, der
zelner Gesetze bedarf. künftigen Landeszugehörigkeit vorzunehmen, und
Wir stimmen mit dem Herrn Bundesinnenminister daß das wichtigste Element, von dem der Bundesge-
auch darin überein, daß der Fall Baden zeitlich vor- setzgeber Kenntnis nehmen müßte, der W ille der
weggenommen werden soll. Hierfür liegen gute zum Volksentscheid berufenen Bevölkerung selbst
Gründe vor: einmal die Sonderbehandlung, die der darstellt.
Art. 118 des Grundgesetzes dem südwestdeutschen
Raum hat angedeihen lassen, und zweitens der Um- Wir möchten ferner auf einen weiteren Einwand
stand, daß die Volksabstimmung in Baden vom nicht verzichten. Wir befürchten, daß die Lösung, die
Jahre 1951 an den schweren Mängeln krankt, die der Entwurf des Herrn Bundesinnenministers vor-
vom Bundesverfassungsgericht in so außerordent- sieht, nämlich die Regelung einer Aufrechterhaltung
lich treffender Weise dargestellt worden sind. des jetzigen Bundeslandes Baden-Württemberg, eine
Suggestivwirkung auf die abstimmungsberechtigte
Wir sind auch mit dem Herrn Bundesinnenmini- Wählerschaft ausübt; denn hier treffen ja bereits
ster der Auffassung, daß eine weitere Hinausschie- die Bundesregierung und der Bundestag eine Vor-
bung der Abstimmung in Baden einen schweren entscheidung. Hier wird eine Frage präjudiziert, die
Störungsfaktor darstellen würde. Auch für den Fall, erst von der Bevölkerung selbst beantwortet werden
daß das jetzige Bundesland Baden-Württemberg soll. Gerade dieses Moment der Präjudizierung und
bestehenbleiben sollte, liegt es im Interesse einer der Suggestivwirkung einer Frage, die ja erst noch
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Dr. Kopf
einer Antwort durch das Volk selber bedarf, ist ein einem gut funktionierenden, ja sogar einem vor-
Moment, das unbedingt vermieden werden soll. bildlichen parlamentarischen System. 150 Jahre poli-
tischer Zusammenarbeit der Teile der badischen Be-
In einem Dokument, das in dem Grünen Buch über völkerung haben in diesem Land ein Staatsgefühl
die Bildung des Südweststaates enthalten ist, sind erzeugt und ein Staatsvolk geschaffen. Wenn das
die sogenannten Freudenstädter Beschlüsse abge- Land Bayern sich als „Freistaat" bezeichnet hat, so
druckt. Sie bringen folgendes zum Ausdruck: kommt in dieser Wahl der Terminologie zum Aus-
Abstimmungsverfahren und Fragestellung sind druck, daß auch nach unserem heutigen Grundgesetz
so zu gestalten, daß der Wille der Abstim- unseren Ländern noch immer der staatsrechtliche
mungsberechtigten klar und unverfälscht zum Charakter eines Staates innewohnt. Entscheidend
Ausdruck kommt und daß keine der vorhande- dafür, daß nach unserem Initiativantrag das Land
nen Auffassungen von vornherein bevorzugt Baden wiedererstehen soll, ist vor allem der politi-
oder benachteiligt wird. sche Gesichtspunkt, daß dieses badische Volk, das
in 150jähriger Tradition und Geschichte trotz der
Wir befürchten, daß, wenn der Bundesgesetzgeber ursprünglichen Verschiedenartigkeit seiner stam-
der Bevölkerung bereits eine fertige Lösung vor- mesmäßigen Bestandteile zusammengewachsen ist,
schreibt, nämlich das jetzige Bundesland zu erhalten, seine Angelegenheiten selbst verwalten will.
gerade diese Erfordernisse der Freudenstädter Be-
schlüsse nicht gewährleistet sind, daß im Gegenteil Wenn uns vielleicht vorgehalten werden sollte,
die von einem solchen Entschluß des Gesetzgebers daß in unserem Entwurf nicht die so oft berufene
ausgehende Suggestivwirkung von vornherein die Gesamtkonzeption enthalten sei, so möchte ich dazu
vorhandenen Auffassungen bevorzugt oder benach- folgendes sagen. Einmal ist diese sogenannte Ge-
teiligt; und gerade das sollte ja vermieden werden. samtkonzeption — auch diese Frage hat im 2. und
Wir müssen schließlich auch auf die ernsten recht- 3. Bundestag in den Ausschüssen eine große Rolle
lichen Folgen hinweisen, die sich dann, wenn der gespielt — dann gar nicht erforderlich, wenn es sich
Regierungsentwurf Gesetz würde, ergeben würden, um den Südwestraum handelt. Sie ist deshalb nicht
wenn die badische Bevölkerung die ihr vorgeschla- erforderlich, weil die Neugliederung des Südwest-
gene Lösung, das jetzige Bundesland aufrechtzuer- raumes in Art. 118 des Grundgesetzes eine Sonder-
halten, verneinen sollte. In diesem Falle wäre nach behandlung gefunden hat, weil dieser Südwestraum
dem Grundgesetz wiederum keine endgültige Lö- aus dem allgemeinen Neugliederungsgesetz ausge-
sung geschaffen; in diesem Falle müßte die Bundes- spart wurde und wegen der besonderen damals vor-
regierung erneut einen Gesetzentwurf einbringen; handenen politischen Umstände eine besonders eil-
das gesamte Bundesvolk wäre befugt, über diesen bedürftige Neugliederung erfahren sollte. Man kann
Gesetzentwurf abzustimmen, und es würde sich er- diese These, die ich vertrete, daß die Gesamtkonzep-
neut die Problematik ergeben: Ist das Bundesvolk tion für unseren Fall Baden nicht erforderlich ist, auf
wirklich in der Lage, über das Schicksal eines Ge- Seite 42 des Rechtsgutachtens des Universitäts-
bietsteils eine endgültige Entscheidung im Wege professors Dr. Friedrich Klein in Münster nachlesen,
eines Volksentscheids zu erbringen, die doch der das im Auftrag der Landesregierung Baden-Würt-
Natur der Sache nach in erster Linie von der Bevöl- temberg erstattet worden ist.
kerung dieses Gebietsteils selber getroffen werden Ich möchte aber auch ein Wort über den merk-
müßte? würdigen Tatbestand sagen, wie bei der Bildung
Wenn ich nun ein Wort zu unserem eigenen Ini- des jetzigen Bundeslandes Baden-Württemberg Ver-
tiativantrag sage, so möchte ich eine Vorbemerkung treter verschiedener und — ich möchte sagen —
machen. „Neugliederung" im Sinne des Grundgeset- konträrer Richtungen zu einem gemeinsamen Ergeb-
zes bedeutet nicht eine bloße Neueinteilung vpn nis zusammengewirkt haben. Ich verstehe darunter
Verwaltungsbezirken nach rationalen Gesichtspunk- die Mitarbeit von Kräften, welche ihrer Grundein-
ten. In einem unitarischen Lande, beispielsweise un- stellung nach gar nicht Föderalisten, sondern Uni-
serem Nachbarland, wäre eine Neueinteilung der taristen sind auf der einen Seite und von Födera-
Departemente bestimmt eine Maßnahme, die nach listen, die es wirklich sind, auf der anderen Seite.
solchen rationalen Gesichtspunkten der Zweckmäßig- Die Unitaristen haben sich von der Schaffung eines
keit und Opportunität durchgeführt werden könnte. größeren Landes die Erreichung einer Etappe auf
Aber Neugliederung im Förderalstaat ist etwas ganz dem Wege zum Einheitsstaat versprochen. Die Föde-
anderes. Eine solche Neugliederung muß dem Krite- ralisten wünschten auch ein vergrößertes neues
rium der Gliedhaftigkeit jedes Gliedstaates Rech- Bundesland.
nung tragen, und der Artikel 29 des Grundgesetzes
Was die Unitaristen angeht, so möchte ich zu
gibt Auskunft darüber, daß bei dieser Neugliede-
ihnen doch noch ein Wort sagen, und ich sage es als
rung zu berücksichtigen sind die landsmannschaft-
bewußter und betonter Föderalist. Im Süden
liche Verbundenheit, die geschichtlichen und kultu-
Deutschlands haben 150 Jahre lang lebensfähige
rellen Zusammenhänge, die wirtschaftliche Zweck-
Länder bestanden — Bayern, Württemberg und Ba-
mäßigkeit und das soziale Gefüge — alles Tatbe-
den —, und alle drei Länder haben ein gut funktio-
stände und Elemente, die bei einer nur rationalen
nierendes parlamentarisches System entwickelt. In
Grenzziehung nicht ohne weiteres ihre volle Berück-
ihren Bevölkerungen hat sich das Gefühl der inner-
sichtigung finden könnten.
staatlichen Verbundenheit entwickelt. Ich weiß, daß
150 Jahre lang, mehr als das, hat dieses Land das für Deutsche sehr schwer zu verstehen ist, die
Baden bestanden als ein demokratischer Staat mit nicht in dem Bereich dieser gliedstaatlichen Länder
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Dr. Kopf
aufgewachsen sind. Ich habe immer sehr viel Be- Eine wirklich gerechte, tendenzfreie Fragestel-
wunderung für die Autonomie der preußischen Pro- lung sollte beiden Meinungen die Möglichkeit
vinzen gehabt. Ich weiß, daß ihr Verwaltungsapparat geben, ihren Willen auch mit einem Ja zu be-
und der Apparat der Körperschaften in vielen Pro- kunden. Dementsprechend kommt als gerechte
vinzen in einer anerkennenswerten Weise große Fragestellung nur die Stellung von zwei Fragen
Leistungen erbracht haben. Ich bitte aber auch die- in Betracht.
jenigen Kollegen, die nicht dem Süden Deutsch- Wir sind also in die gleiche Lage versetzt, in der
lands, die nicht diesen drei Ländern entstammen, in der Zeit der Geltung des Corpus Juris Civilis die
Verständnis dafür zu haben, daß eine derartige Römer und Byzantiner gewesen sind, wenn von
150jährige Geschichte nicht ohne Folgen auf die maßgebenden Vertretern der Staatsrechtslehre ver-
Grundeinstellung bleibt und daß die Bevölkerung, schiedene Meinungen vertreten worden sind. Sie
die durch Generationen hindurch dieser parlamen- haben diese Meinungen nebeneinandergestellt und
tarischen Rechte in ihren Gliedstaaten teilhaftig war, haben sozusagen auf schriftlichem Wege eine Ab-
Wert darauf legt, auch im neuen Föderalstaat der stimmung zwischen den Zitaten dieser Autoritäten
Bundesrepublik in einem Gliedstaat ihre Aufgaben vorgenommen. Wir brauchen hier gar keine der-
als Volk dieses Gliedstaates voll zu erfüllen. artige Abstimmung vorzunehmen; denn diese drei
Autoritäten stimmen vollkommen überein. Und was
Meine Damen und Herren, ich komme zum letzten besagen sie? — Doch nur eines: daß eine wirklich
Abschnitt meiner Ausführungen. Es liegen Ihnen gerechte Abstimmung sich nur dann erzielen läßt,
zwei Entwürfe mit widersprechenden Forderungen wenn dem Wähler, wenn der beteiligten Bevölke-
vor: der Regierungsentwurf, der das jetzige Bundes- rung eine Wahl zwischen zwei Möglichkeiten ge-
land Baden-Württemberg aufrechterhalten möchte, währt wird, die durch das Gesetz vorgeschrieben
und der Entwurf meiner Freunde, der die Wieder- sein müssen, wenn also der Wähler nicht darauf
herstellung des Landes Baden vorsieht. Aber eine beschränkt ist, einen faktischen Zustand, der bereits
Schwäche ist beiden Entwürfen gemeinsam, daß besteht, durch ein Ja bestätigen zu müssen oder
nämlich in beiden Fällen eine Lösung präjudiziert, durch ein Nein ablehnen zu sollen, sondern wenn
suggeriert und oktroyiert wird. Was wir wollen, ist, ihm wirklich die beiden vorhandenen Lösungsmög-
daß die Bevölkerung des Gebietsteils Baden in lichkeiten zur Entscheidung vorgelegt werden.
die Lage versetzt wird, in einer Alternative eine
Unser dringender Wunsch geht deshalb dahin,
Entscheidung auszuüben zwischen zwei ihr durch
daß diese Alternative bei den weiteren Beratungen
das Gesetz gewährten Möglichkeiten. Wir wün-
schen, daß der Bevölkerung nicht eine fertige, von gefunden werden kann. Wir haben auch schon im
2. und 3. Bundestag die Auffassung vertreten, daß
Bundesregierung und Parlament ausgearbeitete
diese alternative Fragestellung notwendig ist.
Lösung präsentiert wird, zu der sie nur ja oder nein
zu sagen hat. Wir wünschen vielmehr, daß sich die- Darüber hinaus haben wir aber auch die Meinung
ses badische Volk selbst entscheiden soll. Bei dieser vertreten, daß die Alternativfrage schon mit dem
Forderung können wir uns stützen auf die Bekun- jetzigen Grundgesetz vereinbar ist. Ich freue mich,
dungen namhafter Völkerrechtslehrer, und ich will daß der vor wenigen Wochen erschienene neue
die eine oder andere Äußerung von ihnen wieder- Kommentar von Maunz - Dürig sich zwar diese
geben. unsere Auffassung nicht zu eigen macht, aber sie
entschieden mit eigenen Argumenten als seine
Herr Professor Maunz, derzeitiger Kultusmini- eigene Auffassung ausdrückt. „In jedem Fall" —
ster des Landes Bayern, schreibt: schreibt dieser Kommentar von Maunz-Dürig —
„kann der Gesetzgeber in dem Gesetz selbst be-
Das Grundgesetz will keine bloße Akklamation, stimmen — und er muß es notfalls bestimmen —,
sondern eine echte Wahlmöglichkeit der Ab- daß die Landeszugehörigkeit eines Gebietes von
stimmenden zwischen zwei denkbaren Wegen, einer Entscheidung des Gebietsvolks zwischen zwei
es will keine bloße Bestätigungsfrage, sondern Möglichkeiten abhängt."
eine Alternativfrage.
Das ist genau diejenige Auffassung, die wir im
Herr Professor Neumayer, Lausanne, der dem 2. und 3. Bundestag — im 2. mit Erfolg, im 3. mit
Gutachtergremium, das vom Innenministerium be- Mißerfolg — ständig vertreten haben. Sollten aber
stellt war, angehört hat, schreibt in seinem Gutach- die Mehrheiten in den zuständigen Ausschüssen
ten: dieses Hauses zu dem Ergebnis kommen, daß sie
sich diese Auffassung nicht zu eigen machen kön-
Ein Referendum, bei dem den Abstimmenden
nen, so bitte ich, doch ernstlich in Erwägung zu
angesonnen wird, nicht eine noch offene Frage
ziehen, ob eine Änderung des Grundgesetzes ins
zu beantworten, sondern in eine ohne ihre Zu-
Auge gefaßt werden soll, eine Grundgesetzände-
stimmung getroffene und vollzogene Entschei-
rung, die es ermöglicht, daß diese alternative
dung nachträglich einzuwilligen, bietet keine
Fragestellung für den Wähler eröffnet wird.
gleichwertige, sondern nur eine scheinbare
Alternative. Ich möchte hier ausdrücklich anerkennen, daß der
Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg
Und Herr Professor Klein, Münster, schreibt in bei wiederholten Bekundungen die Auffassung ver-
dem Gutachten, das er für die Landesregierung treten hat, eine derartige Änderung des Grundge-
Baden-Württemberg erstattet hat, auf Seite 53 fol- setzes, die eine Alternativfrage zuläßt, sei erstre-
gendes: benswert. Er hat allerdings diese seine Auffassung
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mit dem Zusatz vertreten: es sei notwendig, eine Das eine Prinzip ist das Prinzip der Selbstbestim-
Art von Quorum in den Änderungstext einzuschal- mung. Es mag zutreffen, daß dieses Prinzip, dessen
ten in der Weise, daß sich 50 % der Abstimmungs- totale Geltung in der ganzen Welt heute anerkannt
berechtigten an der Abstimmung beteiligen müßten. worden ist, im Gebiete eines staatsrechtlichen Bin-
Wir waren nicht in der Lage, bei den Gesprächen, nenraums nur eine limitierte Geltung haben kann.
die wir geführt haben, dieses Quorum als berechtigt Aber es ist ebenso wahr, daß wir uns auf dieses
anzuerkennen. Zwar hat ein solches Quorum in der Selbstbestimmungsrecht dann berufen, wenn es sich
Weimarer Verfassung im Falle von Neugliederun- um Deutschland und insbesondere um Deutschland
gen bestanden, aber gerade dieses Quorum hat jenseits des Eisernen Vorhangs handelt. Ich glaube,
— das ist mir von Kennern der Weimarer Demo- es gilt der Rechtsgrundsatz, daß ein Volk, wenn es
kratie in den letzten Wochen bestätigt worden — bestimmte Forderungen aufstellt, die außerhalb des
jede wirksame Neugliederung zur Zeit der Wei- Geltungsbereiches seines Gesetzes vollzogen wer-
marer Republik vereitelt. Es war das Haupthinder- den sollen, dartun muß, daß es gewillt ist, diesen
nis, das einer sinnvollen Neugestaltung oder Neu- Forderungen auch in seinem eigenen Gebietsraum
gliederung im Wege stand. in vollem Umfang Rechnung zu tragen. Das Selbst-
bestimmungsrecht ist aber gerade auch in Art. 29
Schließlich kann ich mich gerade in der Frage des
des Grundgesetzes in den gesetzlichen Schranken
Quorums auf einen Kronzeugen berufen, der sich
dieses Artikels als ein formendes Prinzip der Neu-
dazu wie folgt — ich zitiere wörtlich — geäußert
gliederung anerkannt worden.
hat:
Weiter haben wir natürlich erhebliche Bedenken Der zweite Gesichtspunkt ist folgender: Wir
dagegen, daß es nun bei einer Befragung auf haben durch die Schaffung des Grundgesetzes einen
die Mehrheit der Stimmberechtigten abgestellt Rechtsstaat geschaffen. Wir leben in einem Rechts-
wird; denn das würde nach meiner bescheide- staat, und wir wollen diesen Rechtsstaat aufrecht
nen Auffassung ein durchaus undemokratisches erhalten. Das bedeutet, daß wir für den Vollzug der
Verfahren sein. Wir würden hier einen Ab- staatlichen Funktionen ein rechtlich einwandfreies
stimmungsfall erleben, wie ich ihn in der Ge- Verfahren wünschen und daß wir dann, wenn grobe
schichte demokratischer Abstimmungen noch Verfahrensmängel vorliegen — hier liegen die Ver-
nicht kennengelernt habe. fahrensmängel vor, die im zweiten Urteil des Bun-
desverfassungsgerichts gerügt worden sind —, eine
Ich möchte jedes Wort dieses Kronzeugen, der da Heilung dieser Verfahrensmängel wünschen. Das ist
mals, wie er sagte, seine „bescheidene Auffassung" der Grund, der uns diese zwölf Jahre hindurch ge-
zum Ausdruck brachte, unterzeichnen. Es ist kein stützt und begleitet hat. Wir wünschen, daß in der
Geringerer . als der Herr Ministerpräsident Kie Schaffung gerechter und fairer Abstimmungsbedin-
singer, damals Bundestagsabgeordneter, der am gungen dieser rechtsstaatliche Charakter unserer
10. Januar 1951 diese Worte von diesem Pult im Bundesrepublik manifest wird.
Deutschen Bundestag gesprochen hat.
Meine Damen und Herren, ich beantrage, daß die
Die letzte Frage, die an uns, die Unterzeichner beiden Gesetzentwürfe an den Rechtsausschuß —
,des Antrages, gerichtet wird, lautet: Warum kämpft federführend — und an den Ausschuß für Inneres
ihr nun seit zwölf Jahren für diese badische Frage? — mitberatend — überwiesen werden. Warum an
Warum wollt ihr nun unbedingt etwas, was vergan- den Rechtsausschuß federführend? Dieser Rechtsaus-
gen ist, wiederherstellen? Seid ihr Freunde einer schuß war auch im 3. Bundestag der federführende
antiquierten und anachronistischen Restauration? Ist Ausschuß. So entspricht die Überweisung an ihn
es nicht eine Donquichotterie? Kämpft ihr nicht ge- der Praxis des 3. Bundestages. Dieser Ausschuß hat
gen Windmühlenflügel, oder habt ihr die Haltung sich bei seiner Gründung aber auch als Ausschuß-
eines Michael Kohlhaas? für Rechtswesen und Verfassungsrecht benannt. Die
Meine Damen und Herren, ich möchte diese Frage Frage der Neugliederung ist eine eminent verfas-
ganz einfach beantworten. Es ist wahr, daß wir für sungsrechtliche Frage. Sie ist eine Frage schwierig-
das Recht kämpfen. Wir kämpfen deshalb, weil es ster Art mit zahlreichen juristischen Komplikatio-
sich um das Recht handelt. Als die badische Frage nen. Wer die Protokolle des Rechtsausschusses des
im Landtag des Landes Baden-Württemberg in 2. und 3. Bundestages nachliest, wird erstaunt sein
Stuttgart behandelt wurde, hat einer meiner dorti- über die latenten und manifesten Schwierigkeiten,
gen Kollegen die Worte des schwäbischen Landtags- die sich bei der Behandlung dieser schwierigen
abgeordneten Ludwig Uhland zitiert, die lauten: Rechtsprobleme ergeben haben. So nötigt die Natur
der Sache wiederum dazu, einen Gegenstand, der
Nach dem lang entbehrten Korne, dem Verfassungsrecht angehört, dem Ausschuß zu-
Nach dem lang ersehnten Wein zuweisen, der für die Fragen des Verfassungsrechts
Bringt dies Jahr in seinem Horne kompetent ist.
Das alte gute Recht herein.
Wir wünschen aber weiterhin, daß dieser zustän-
Aber es fragt sich, ob dieses alte gute Recht auch dige Ausschuß die rechtlichen Möglichkeiten prüft,
das neue lebendige und wirksame Recht ist. Da die es gestatten würden, eine alternative Frage-
glaube ich allerdings, auf zwei wesentliche recht- stellung in die Wege zu leiten, sei es ohne Grund-
liche Gesichtspunkte hinweisen zu sollen, die unab- gesetzänderung, sei es mit Grundgesetzänderung.
dingbare Bestandteile unseres geltenden Staats- und Wiederum sind dies verfassungsrechtliche Probleme.
Verfassungsrechts sind. Wenn eine Grundgesetzänderung in Erwägung ge-
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zogen werden sollte, so ist wiederum — wie für ten Damen und Herren! Gestatten Sie mir eine
jede Grundgesetzänderung — der Rechtsausschuß Äußerung zu den vorliegenden Entwürfen. Diejeni-
der federführende Ausschuß. gen Mitglieder dieses Hohen Hauses, die schon in
der ersten Wahlperiode dem Bundestag angehörten,
werden sich noch der lebhaften Debatten erinnern,
Vizepräsident Schoettle: Herr Abgeordneter,
die im Jahre 1951 über die Neugliederung im Süd-
gestatten Sie eine Zwischenfrage?
westraum stattgefunden haben.
Wittrock (SPD) : Herr Kollege Kopf, sind Sie sich Damals war dieser Raum durch die Besatzungs-
im klaren darüber, daß es wohl kaum im Rahmen mächte in drei Teile geteilt. Die früheren Länder
der Aufgabenstellung des Rechtsausschusses liegen Baden und Württemberg waren in unnatürlicher
kann, über die Beratung einer überwiesenen Vor- Weise jeweils in einen nördlichen und einen süd-
lage hinausgehend nun eine doch letzten Endes po- lichen Teil zerrissen worden. Die südlichen Teile
litische Initiative dahin gehend zu ergreifen, daß blieben unter sich getrennt, und es entstanden dort
man dem Hause nun etwa eine Verfassungsände- zwei Länder: Baden — gleich Südbaden — und Süd-
rung vorschlägt? württemberg-Hohenzollern. Dagegen vereinigten
(Zuruf von der Mitte: Hat es schon einmal sich die nördlichen Landesteile bald zum Land Würt-
gegeben!) temberg-Baden.
Bei dieser Dreiteilung konnte es nicht bleiben.
Dr. Kopf (CDU/CSU) : Herr Wittrock, ich teile Darüber bestand allseits Übereinstimmung. Die
nicht Ihre Auffassung. Frage war, ob die alten Länder Baden und Württem-
(Weitere Zurufe von der Mitte. — Gegen berg wiederhergestellt werden sollten oder ob der
ruf des Abg. Wittrock: Es ist eine politische ganze Raum zu einem einheitlichen Staatswesen zu-
Frage, meine Herren!) sammengefaßt werden sollte. Der Gedanke eines
— Nein, Herr Wittrock, ich teile ganz und gar nicht derartigen Zusammenschlusses war nicht neu. Er war
Ihre Auffassung. Im Gegenteil, ich muß lebhaft be- auch schon in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg
streiten, daß sie richtig ist. Ich bin der Meinung, erwogen worden. Art. 118 des Grundgesetzes er-
daß die Erwägung einer rechtlichen Gestaltung, die möglichte es, diese Frage durch eine Vereinbarung
eine alternative Fragestellung ermöglicht, eine emi- der beteiligten Länder ohne Einschaltung des Bun-
desgesetzgebers zu lösen. Aber eine derartige Ver-
nente Rechtsfrage ist und daß, die Bearbeitung die-
ser Rechtsfrage nur dazu dienen kann, den politi- einbarung kam nicht zustande, und damit ergab sich
für den Bundestag die Verpflichtung, die Neugliede-
schen Effekt der Präjudizierung und der Suggestiv
wirkung auszuschließen. Gerade um zu entpolitisie- rung durch Bundesgesetz vorzunehmen.
ren, sollte der Rechtsausschuß alle vorhandenen Im Zweiten Neugliederungsgesetz vom Mai 1951
rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen. teilte er das ganze Gebiet in vier Abstimmungsbe-
Das allerletzte, was ich Ihnen sagen wollte, ist zirke ein, nämlich Nordbaden, Nordwürttemberg,
folgendes. Wie immer die Entscheidung des Deut- Südbaden und Südwürttemberg einschließlich Hohen-
schen Bundestages fallen mag, die Abstimmung im zollern. Die Bildung des Südweststaates sollte
Lande Baden muß deshalb vollzogen werden, weil beim Zustandekommen einer Mehrheit für den
das Grundgesetz dies befiehlt und weil wir verfas- Zusammenschluß im ganzen Abstimmungsgebiet
sungstreu sind. Wie immer aber auch das Ergebnis und in drei der vier Abstimmungsbezirke erfolgen,
dieses Volksentscheids im Lande Baden ausfallen Andernfalls sollten die alten Länder Baden und
mag: wir sind Demokraten, und als Demokraten mit Württemberg wiederhergestellt werden. Das Bun- -
einer langen staatlichen — heute würde man sagen: desverfassungsgericht hat dieses Verfahren als ver-
gliedstaatlichen und bundesstaatlichen — Tradition fassungsrechtlich gültig bestätigt.
sind wir bereit, dieses Ergebnis eines demokrati-
schen Volksentscheids als rechtsgültig anzuerken- Die Abstimmung fand im September 1951 statt.
nen, — unter einer Bedingung: daß es sich um eine Sie ergab die Bildung des Südweststaates mit der
gerechte, um eine faire Abstimmung handelt, um erforderlichen Mehrheit. Nur im Abstimmungsbe-
eine Abstimmung, die nicht präjudiziert und die zirk Südbaden ergab sich eine Mehrheit für die Wie-
nicht suggeriert, und auch um eine Abstimmung, die derherstellung des Landes Baden. Hätte man aller-
die Chancengleichheit, die nach dem Urteil des Bun- dings die in den Abstimmungsbezirken Südbaden
desverfassungsgerichts geboten ist, in vollem Um- und Nordbaden abgegebenen Stimmen zusammen-
fang gewährleistet. gezählt, so hätte sich im früheren Land Baden keine
Mehrheit für den Südweststaat ergeben.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Die Neugliederungsmaßnahmen des Bundes auf
Vizepräsident Schoettle: Damit sind die bei- Grund des Art. 118 des Grundgesetzes waren damit
den Gesetzentwürfe begründet. Ich eröffne die Aus- abgeschlossen, und Art. 118 war für die Zukunft
sprache und erteile Herrn Minister Dr. Filbinger — verbraucht. Es war nur noch die Frage, ob das Land
Baden-Württemberg — als Mitglied des Bundes- Baden-Württemberg auch in das Verfahren nach
rates das Wort. Art. 29 des Grundgesetzes einzubeziehen sei. Diese
und nur diese Frage wurde vom Bundesverfassungs-
Dr. Filbinger, Innenminister des Landes Baden gericht in dem Urteil vom Jahre 1956 bejaht. Mehr
Württemberg: Herr Präsident! Meine sehr verehr als diese Frage hatte das Bundesverfassungsgericht
3034 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 66. und 67. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. März 1963
Minister Dr. Filbinger
in seinem Urteil nicht zu entscheiden. Es hatte ins- sprechen, dieses Land wieder zu zerreißen. Dagegen
besondere nicht darüber zu entscheiden, welches spricht die landsmannschaftliche Verbundenheit der
Verfahren bei Anwendung des Art. 29 anzuwenden Bevölkerung dieses Raumes; dagegen sprechen die
sei. Das Bundesverfassungsgericht ließ, da es Art. 29 geschichtlichen und kulturellen Zusammenhänge
für anwendbar hält, ein Volksbegehren auf Wieder- und das Vorhandensein einer gemeinsamen alten
herstellung des Landes Baden zu. Dieses Begehren Kultur im ganzen südwestdeutschen Raum; dagegen
hatte bekanntlich Erfolg, und das bedeutet, daß der spricht weiter die wirtschaftliche Zweckmäßigkeit
Bundesgesetzgeber nun eine Bestimmung über das der Struktur dieses Raumes. Dabei wird gesagt, für
Schicksal der badischen Landesteile zu treffen hat. die Ergänzung der verschiedenen Wirtschaftszweige
Das, meine Damen und Herren, ist der Auftrag, dem untereinander, für die Zusammenfassung als Gan-
der Gesetzentwurf Genüge tun muß, nicht mehr zes und für seine Gliederung im einzelnen könne
und nicht weniger. Baden-Württemberg als ein Muster wirtschaftlicher
Nachdem feststand, daß Baden-Württemberg in Zweckmäßigkeit bezeichnet werden.
die weitere Neugliederung einbezogen bleibt, be- (Sehr richtig! Bei der SPD.)
mühte sich die Landesregierung darum, eine baldige
Schließlich spricht dagegen die Ausgeglichenheit des
Entscheidung des Bundesgesetzgebers zu erreichen.
sozialen Gefüges und des Klimas im Lande.
Sie hat in den zurückliegenden Jahren große An-
strengungen gemacht, um eine Abstimmung in den Das Gutachten der Sachverständigenkommission,
badischen Landesteilen über das Schicksal dieser die unter Vorsitz des Reichskanzlers a. D. Luther
Gebiete herbeizuführen. Sie will eine endgültige getagt hat, hat das Vorliegen derjenigen Elemente
Bereinigung, und sie will, daß das Land seinen inne- für das Land Baden-Württemberg festgestellt, die
ren Frieden behält. vom Grundgesetz in Art. 29 als Richtbegriffe für
neugegliederte Länder aufgestellt worden sind.
In ihren Bemühungen wurde die Regierung durch Diese natürliche Verbundenheit aller Teile des Lan-
den Landtag unterstützt. Am 24. Februar 1961 legte
des Baden-Württemberg und die darauf beruhende
Ministerpräsident Kiesinger das gesamte Problem
Zusammenfassung der Teile in einem Staatswesen
dem Landtag eingehend dar und sprach sich für die
hat sich in den zurückliegenden Jahren bewährt. Sie
Verabschiedung eines Bundesgesetzes zur Herbei-
hat gezeigt, daß sich die Bedürfnisse und Interessen
führung einer Abstimmung in Baden aus, sei es über
der Bevölkerung dieses mannigfach gegliederten
Art. 29, sei es über eine Änderung des Grundgeset-
Landes harmonisch vereinigen und ausgleichen las-
zes. Dieser Erklärung hat der Landtag in nament-
sen. Es geschah daher mit guten Gründen, daß die
licher Abstimmung ohne Stimmenthaltung einmütig
zugestimmt. Nach der Landtagsdebatte setzten der Bundesregierung in dem vorliegenden Gesetzent-
Ministerpräsident und die Landesregierung ihre wurf die nach Art. 29 nötige Entscheidung im Sinne
Bemühungen fort, eine Entscheidung des Bundes- der Aufrechterhaltung des Landes getroffen hat.
gesetzgebers herbeizuführen. Der Ministerpräsident Verehrter Herr Kollege Dr. Kopf, Sie haben ge-
trat insbesondere wiederholt an den Herrn Bundes- sagt, mit dieser Entscheidung seien die Bundes-
kanzler und an den Herrn Bundesinnenminister regierung und der Gesetzgeber überfordert. Dazu
heran, um die Vorlage eines Gesetzentwurfs zu muß ich sagen, daß die objektiv zu treffenden Fest-
erreichen. Mit diesen Schritten beim Bund gingen stellungen über die Kraft dieses Landes und seine
zahlreiche Verhandlungen im Land einher, die den Homogenität dagegen sprechen. Es ist offensichtlich:
Zweck hatten, die Meinungen weiter abzuklären. jeder und erst recht der Bundesgesetzgeber kann
Meine sehr verehrten Damen und Herren, das feststellen, daß dieses Land gesund ist und zusam-
Neugliederungsverfahren im Südwestraum ist im menbleiben muß.
Laufe seiner Entwicklung zu einem juristischen Dik- -
Daß diese Entscheidung der Bundesregierung,
kicht geworden, in dem sich nur noch Eingeweihte wenn sie Gesetz geworden ist, dem von ihr berühr-
restlos auskennen. Darüber darf aber die einfache ten Bevölkerungskreis des Landes Baden-Württem-
Tatsache nicht verdunkelt werden, daß es sich im berg zur Abstimmung vorzulegen ist, habe ich be-
Kern um eine politische Entscheidung des Bundes- reits erwähnt. Es besteht nun ein lapidares Interesse
gesetzgebers handelt. der badischen Bevölkerung daran, daß sie in die
(Abg. Dr. h. c. Dr.-Ing. E. h. Möller: Sehr Lage versetzt wird, allein über ihre Landeszuge-
richtig!) hörigkeit abzustimmen. Das ist aber nur dann mög-
lich, wenn der Bundesgesetzgeber die Aufrechterhal-
und zwar darüber, ob das Land Baden-Württemberg, tung des Landes vorsieht. Würde der Bundesgesetz-
nachdem es mehr als 10 Jahre besteht und sich be- geber das Land auflösen wollen, so müßte darüber
währt hat, weiterbestehen oder aufgelöst werden auch die Bevölkerung in Württemberg und Hohen-
soll. Nicht die Abstimmung der Bevölkerung, son- zollern abstimmen; denn es würde sich auch deren
dern der Bundesgesetzgeber hat diese Entscheidung Landeszugehörigkeit ändern, und unsere Verfas-
zu treffen, und zwar in einem Ersten Gesetz zur sung sagt ja ausdrücklich, daß kein Gebiet und da-
Neugliederung des Bundesgebietes gemäß Art. 29
mit kein Bevölkerungsteil gezwungen werden kön-
des Grundgesetzes, dessen Entwurf Ihnen vorliegt.
nen, ihre Landeszugehörigkeit aufzugeben, ohne daß
Über dieses Gesetz findet alsdann ein Volksent-
sie in die Möglichkeit versetzt worden sind, zuvor
scheid statt.
ihren Willen zu äußern. Es wäre aber eine politisch
Offensichtlich würde es der Vernunft und den unglückliche Lösung, wenn die Abstimmung der
Forderungen des Art. 29 des Grundgesetzes wider badischen und der württembergischen Bevölkerung
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 66. und 67. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. März 1963 3035
Minister Dr. Filbinger
nebeneinander herliefen. In diesem Falle könnte erstmals im Februar 1960 geschehen. Er hat ange-
zwar ein übereinstimmendes Votum der badischen regt, daß für den Sonderfall der Neugliederung im
Bevölkerung keine unmittelbare Wirkung haben, südwestdeutschen Raum das Grundgesetz geändert
weil die letzte Entscheidung bei verschiedenartigen werden solle. Dadurch würde ermöglicht werden,
Ergebnissen ja vom Bundesgesetzgeber zu treffen was der Art. 29 versagt, nämlich eine alternative
ist. Aber immerhin könnte sich in der badischen Frage an die badische Bevölkerung: Willst Du den
Bevölkerung die — wenn auch nicht gerechtfertigte Fortbestand des Landes oder willst Du die Wieder-
Befürchtung regen, daß sie von der württem- herstellung des . alten Landes Baden? Die badische
bergischen Bevölkerung überstimmt wird. Eine sol- Bevölkerung würde endgültig entscheiden, und die
che ungute psychologische Wirkung wird vermie- Bundesregierung und der Bundesgesetzgeber könn-
den, wenn der Bundesgesetzgeber anordnet, daß das ten sich ihrerseits der materiellen Entscheidung ent-
Land fortbesteht, und wenn darüber allein die halten, die ihnen in Abs. 2 und 3 des Art. 29 vor-
badische Bevölkerung abzustimmen hat. Das ist geschrieben ist. Schließlich wäre es möglich, die
neben der rechtlichen Unbedenklichkeit des vor- Volksabstimmung auf die badischen Landesteile zu
liegenden Regierungsentwurfs ein zusätzlicher er- beschränken, ohne Rücksicht darauf, ob das Land
heblicher Vorteil, den dieser Entwurf mit sich bringt. Baden-Württemberg fortbestehen wird oder nicht.
Die Landesregierung unterstützt daher den Vor- Es ist mit Händen zu greifen, daß aus dieser Re-
schlag der Bundesregierung, das Land aufrechtzu- gelung sehr große Vorteile resultieren würden.
erhalten und die badische Bevölkerung darüber ab- Indes darf ich dabei eines nicht verschweigen. Man
stimmen zu lassen. Diese Lösung entspricht dem darf eine Tatsache nicht zu kurz kommen lassen.
Willen der Bevölkerung des ganzen Landes. Die Mit dieser betonten Rücksichtnahme auf die ba-
kommende Abstimmung wird das noch deutlicher dische Bevölkerung würde diese Lösung von der
zeigen, als wir es heute schon auf Grund unserer bisherigen Konzeption des Grundgesetzes stark ab-
ständigen Fühlungnahmen mit allen Teilen der Be- weichen. Die Entscheidung über das Schicksal des
völkerung wissen. Landes würde der badischen Bevölkerung allein an-
Wenn ich demgegenüber den Entwurf des verehr- vertraut werden, ohne daß der Bundesgesetzgeber
ten Abgeordneten Dr. Kopf zur Hand nehme, so die Entscheidung würdigen oder korrigieren könnte.
fällt mir dabei folgendes ins Auge. Eine solche weittragende Änderung des Grundge-
setzes verlangt auf der anderen Seite, daß große
(Abg. Dr. h. c. Dr.-Ing. E. h. Möller: Kopf Teile der badischen Bevölkerung an der Abstim-
und Güde!) mung teilnehmen und dies, Herr Kollege Dr Kopf,
— Kopf und andere. — Nach § 1 dieses Entwurfs ist der Grund für das von der Landesregierung ver-
wird der Gebietsteil Baden als selbständiges Bun- langte Quorum. Es ginge nämlich nicht an, daß eine
desland wiederhergestellt. In § 13 aber ist gesagt, Minderheit den Ausschlag gibt, und deswegen hat
daß durch die Ausgliederung des Gebietsteils Baden die Landesregierung ihre Anregung zur Änderung
der Fortbestand des bisherigen Landes Baden-Würt- des Grundgesetzes an die Voraussetzung geknüpft,
temberg in den Grenzen des früheren Landes Würt- daß eine Mindestabstimmungsbeteiligung, ein
temberg und des früheren Regierungsbezirks Hohen- Quorum gefordert wird. Für eine derartige Ände-
zollern nicht berührt werde. Hier werden zwei rung des Grundgesetzes zeichnet sich derzeit nach
Entscheidungen miteinander kombiniert, die unver- dem Stand der vielen Verhandlungen, die gepflogen
einbar sind. Würde nämlich das Land Baden wieder- worden sind, keine Möglichkeit ab. Die Landesregie-
hergestellt, was das Ziel des Entwurfs ist, so würde rung wird sich jedoch auch in Zukunft an Gesprä-
damit das Land Baden-Württemberg zwangsläufig chen über eine Grundgesetzänderung beteiligen und
aufgelöst werden. Diese Konsequenz bedeutet aber sie wird alles tun, was in ihren Kräften steht — so,
nach Art. 29, daß auch die Bevölkerung in Württem- wie es bisher geschehen ist —, daß eine solche
berg und Hohenzollern über die Auflösung des Grundgesetzänderung herbeigeführt wird.
Landes mit abstimmen muß. Um diese Folge nun zu
vermeiden, schafft der Entwurf die Fiktion, ein auf- Da der Regierungsentwurf — sofern es nicht zur
gelöstes Land werde weiterbestehen. Es liegt auf Grundgesetzänderung kommt — Aussicht hat, Ge-
der Hand, daß durch diese Fiktion die vom Grund- setz zu werden, möchte ich auf einige Einwände,
gesetz gewollte Abstimmung der ganzen von der die Herr Abgeordneter Dr. Kopf diesem Entwurf
Entscheidung betroffenen Bevölkerung nicht ver- entgegengesetzt hat, eingehen. Er hat gesagt, daß
eitelt werden darf. Der einzige Weg, die Abstim- eine Entscheidung für den Fortbestand des Landes
mung auf die badischen Landesteile zu beschränken, eine Suggestivwirkung ausüben würde und daß da-
ist eben der, daß der Bundesgesetzgeber sich für mit die Chancengleichheit der abstimmenden Be-
die Aufrechterhaltung des Landes entscheidet. völkerung nicht hergestellt werde. Meine Damen
und Herren, daß das Grundgesetz eine Entscheidung
Man mag diese Unausweichlichkeit der bundes- des Bundesgesetzgebers verlangt, ist bereits gesagt.
gesetzlichen Regelung des Art. 29 bedauern; es ist Nimmt man an, daß eine Entscheidung des Bundes-
indes der einzige mit der Verfassung vereinbare gesetzgebers die Chancen der widerstreitenden
Weg. Will man einen anderen Weg gehen, so muß Parteien beeinflußt, so kann es eine Chancengleich-
man das Grundgesetz ändern. Es ist schon von heit im Verfahren nach Art. 29 des Grundgesetzes
Herrn Kollegen Dr. Kopf erwähnt worden, daß überhaupt nicht geben. Entweder würden dann die
Ministerpräsident Kiesinger sich mehrmals für eine Chancen derjenigen verkürzt, die für die Beibehal-
solche Grundgesetzänderung eingesetzt hat. Das ist tung des Landes sind, oder die Chancen der ande-
3036 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 66. und 67. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. März 1963
Bloß wirkt sich das bei uns nicht zum groben Un- Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP) : Herr Präsi-
-
fug aus, wobei ich nicht sagen will, was ich in die- den! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Als
sem Fall als groben Unfug betrachte. die Tagesordnung festgesetzt wurde, haben wahr-
scheinlich die meisten nicht geglaubt, daß die Frage,
Nun, meine Damen und Herren, bei der Haltung
wie der Südwestraum gestaltet werden soll, eine
der Altbadener bezweifle ich, daß, ganz gleich, über
derart umfangreiche Diskussion auslösen wird. Aber
welchen Modus wir uns verständigen, dann wirklich
diejenigen, die schon lange im Bundestag sind und
endgültig Schluß ist. Denn wenn wir wieder mit
die die früheren Gesetze kennen, mußten damit rech-
der Frage des Quorums ankommen, um zu versuchen,
nen, daß der heutige Vormittag dafür gebraucht
hier eine Verständigung herbeizuführen, dann ist
wird.
ein Teil dabei, der sagt: Mit Quorum nie! Warum
man hier ein Quorum vorschlägt, hat Herr Innen- Ich bitte auch die Kollegen, die nicht aus dem
minister Filbinger vorgetragen. Deswegen ist die Südwestraum sind, Verständnis dafür zu haben, daß
Frage berechtigt: Regelt man in dieser Phase die es für uns, die wir in Baden-Württemberg wohnen
Verhältnisse in Südwestdeutschland wirklich so, wie — ob es nun die sind, die zuerst im Land Baden
es Herr Minister Filbinger am 26. Oktober 1962 im waren, wie die Herren Kollegen Kopf, Hilbert und
Bundesrat ausgeführt hat, daß im Lande Baden- Güde, oder die andern, die damals im Land Würt-
Württemberg Rechtssicherheit, Ruhe und Beständig- temberg-Baden gewohnt haben —, eine echte Her-
keit einkehren? zensangelegenheit ist, was jetzt aus unserem süd-
westlichen Baden-Württemberg, das sich so gut zu-
Nun noch ein letztes Wort zu der Frage der Aus- sammengefunden hat, wird.
schußberatungen. Es ist bedauerlich, daß nicht nur
hier im Bundestag, sondern auch an anderer Stelle Der Bundestag steht jetzt, nachdem die Bundes-
die Frage der Ü berweisung an Ausschüsse nicht regierung auf Grund des Urteils des Bundesverfas-
mehr nach sachlichen Gesichtspunkten erfolgt, son- sungsgerichts diesen Gesetzentwurf vorgelegt hat
dern unter gewissen parteipolitischen Vorstellungen und der Entwurf von Herrn Kopf vorliegt, vor der
— nicht politischen, das wäre ja berechtigt. Meine Entscheidung, welchem Gesetz er zustimmt. Ich teile
Herren, die Sie den Antrag gestellt haben, die Vor- die nicht nur von Herrn Minister Höcherl, sondern
lage an den Rechtsausschuß zu überweisen, können auch die von Herrn Professor Wahl und von Herrn
Sie sich denn nicht von der Argumentation des In- Kollegen Möller vertretene Auffassung, daß die
nenministers des Landes Baden-Württemberg, Herrn Bundesregierung der Entscheidung des Bundesver-
Filbinger, überzeugen lassen? Er hat Ihnen doch nun fassungsgerichts in verfassungsgerechter Weise
wirklich ins Gewissen geredet, er hat Ihnen doch nachgekommen ist. Ich teile auch die Auffassung,
nun wirklich begreiflich gemacht, daß es sich hier daß die Fragestellung des Regierungsentwurfs dem
nach einer mehr als zehnjährigen Existenz des Süd- entspricht, was Art. 29 des Grundgesetzes vor-
weststaates einfach um die politische Frage handelt: schreibt. Ich bin der Auffassung, daß die Regierung
Soll dieses Land Baden-Württemberg weiterbeste- richtig und fair gehandelt und daß sie den Entwurf
hen oder nicht? Das hat doch nichts mehr mit juristi- wirklich verfassungsgemäß gestaltet hat.
schen Spitzfindigkeiten zu tun, sondern das ist eine Ich habe Verständnis dafür, daß Herr Kollege
klare politische Entscheidung. Wir sind so vernünf- Kopf sich nicht so einfach mit dieser Fragestellung
tig, durchaus anzuerkennen, daß der Rechtsausschuß abfinden möchte. Aber, Herr Kollege Kopf, die
mitberatend mitwirken muß, weil selbstverständlich Fragestellung in Ihrem Entwurf ist ja nun wirklich
auch juristische Fragen eine Rolle spielen. Aber ent- nicht möglich. Von Herrn Minister Filbinger ist be-
scheidend bleibt, ob wir in der Bundesrepublik reits eindringlich und überzeugend dargelegt wor-
Deutschland dieses neugebildete Land Baden-Würt- den, daß sie nicht mehr verfassungskonform ist. Sie,
temberg weiter existieren lassen wollen oder ob Herr Kollege Kopf, sind ein viel zu guter Jurist, um
wir es auflösen wollen in die beiden früheren Län- nicht ganz klar den Widerspruch zu erkennen. Das -
der Baden und Württemberg. Land Baden-Württemberg ist nicht mehr das Land
Baden-Württemberg, wenn das gesamte Land Baden
Herr Kollege Kopf, Sie haben Uhland zitiert. Das
nicht mehr dazugehört. Dann ist es eben nur noch
gibt mir den Mut, die letzten vier Zeilen aus dem
Württemberg und Baden, aber niemals mehr Baden
Schwabenlied zu zitieren.
Württemberg. Deshalb müssen Sie, wenn Sie ehrlich
(Zuruf von der Mitte: Singen! — Heiterkeit.) sind, auch einsehen, daß die in Ihrem Entwurf vor-
— Wir sind ja nicht im Deutschen Reichstag vom gesehene Fragestellung nicht haltbar ist.
März 1933. Eine andere Frage ist die, ob eine Alternativ-
(Beifall bei der SPD.) frage gestellt werden sollte. Dazu muß ich sagen,
Diese letzten vier Zeilen des Schwabenliedes lauten: daß wir als Freie Demokraten mit unserer Auffas-
sung nicht die Entscheidung bringen. Herr Kopf, Sie
Ja, wackre Deutsche laßt uns sein! haben die Auffassung vertreten — und haben sich
Drum reichet euch die Bruderhand! dabei auf den Kommentar von Maunz-Dürig bezo-
Denn Schwabenland ist's nicht allein, gen —, eine Alternativfrage wäre nicht grund-
Das ganze Deutschland ist mein Vaterland! gesetzwidrig. Ich halte eine solche Alternativfrage
(Beifall bei der SPD.) nicht für zulässig. Diese Frage stand bereits im
3. Bundestag in dem damaligen Rechtsausschuß zur
Vizepräsident Dr. Jäger: Das Wort hat Frau Diskussion. Der Rechtsausschuß des 3. Bundestages
Abgeordnete Dr. Diemer Nicolaus.
- hat seinerzeit entschieden: Es geht nicht. Wenn Sie
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 66. und 67. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. März 1963 3043
Frau Dr. Diemer Nicolaus
-
schon sagen, der 3. Bundestag und dessen Rechts- der Auffassung übereinstimmen, daß in den dorti-
ausschuß hätten sich mit der Frage befaßt, können gen Gebieten die Fragen nicht so einfach wie im
Sie doch nicht so einfach über das hinweggehen, baden-württembergischen Raum sind. Dort handelt
was damals von der Mehrheit des Rechtsausschus- es sich nämlich um Gebiete, die — wie auch das
ses als verfassungsgemäß und was als nicht verfas- Land Hessen — erst nach 1945 in dieser Form neu
sungsgemäß angesehen wurde. geschaffen worden sind, während die Landesgren-
(Abg. Wittrock: Sehr richtig!) zen von Baden-Württemberg schon von früher her
festlagen. Das war ja auch ein Grund dafür, daß
Herr Kollege Kopf, Sie haben weiterhin gesagt, Art. 118 hier eine besondere Regelung vorgesehen
Sie möchten, daß jetzt wirklich ein sicheres, ein hatte.
rechtlich gesichertes Gesetz ergeht. Wenn Sie aber Wir Freien Demokraten stehen, solange eine
schon von vornherein wissen, daß eine Alternativ- Grundgesetzänderung nicht möglich ist, weil die
fragestellung, ob verfassungsgemäß oder nicht — SPD nicht mitmachen will, hinter dem Regierungs-
jetzt ganz vorsichtig ausgedrückt —, auch von Ihnen entwurf, und wir wünschen — das möchte ich mit
aus zumindest umstritten ist, dürfen Sie, wenn Sie
aller Eindeutigkeit sagen —, daß das Land Baden-
ein verfassungssicheres Gesetz haben wollen, zu
Württemberg, das sich durchaus bewährt hat, auch
dieser Alternativfrage nur nach einer Änderung des
in Zukunft erhalten bleibt. Ich kann mich auch inso-
Grundgesetzes kommen. fern auf die Ausführungen von Herrn Minister
Eine Änderung des Grundgesetzes nehme ich in Filbinger beziehen. Ich möchte Sie jetzt nicht mit
keinem Falle leicht. Die Freien Demokraten wären der Aufzählung dessen langweilen, was nach dem
aber — und haben das auch schon wiederholt Zusammenschluß der drei Länder geschaffen wor-
erklärt — bereit, sich einer Grundgesetzänderung den ist und wie günstig sich das gerade auch für
nicht zu versagen, sondern an ihr mitzuwirken, und das Land Baden ausgewirkt hat.
zwar in dem Sinne, wie es von Herrn Minister Fil-
binger für die Landesregierung Baden-Württemberg Es ist weiterhin schon in den Ausführungen von
gesagt worden ist. Herrn Professor Wahl zum Ausdruck gekommen,
daß in diesem Zusammenhang nicht nur Südbaden
Aber die Gespräche über eine solche Grundge- gesehen werden darf. Es muß auch berücksichtigt
setzänderung, die ja die Voraussetzung für die werden, wie sich die Notstandsgebiete gerade in
Alternativfrage wäre, Herr Kollege Kopf, müssen den nordbadischen Landesteilen, die an den Main
Sie zunächst mit der SPD führen. Solange sich die angrenzen, z. B. die Kreise Tauberbischofsheim,
SPD einem derartigen Anliegen versagt, können Buchen, Sinsheim, und wie sich in Südbaden der
wir darüber gar nicht weiter diskutieren. Es wäre Hotzenwald erholt haben. Es ist viel getan worden,
verlorene Zeit, noch weiter über diese Dinge zu und es war eine glückliche Ergänzung im ganzen
sprechen. Land. Ich verstehe, daß das Luther-Gutachten un-
Deswegen konnte auch die Bundesregierung gar parteiisch zu dem Ergebnis gekommen ist, daß das
nicht anders, als auf dem Boden des Art. 29 des Land Baden-Württemberg, so wie es jetzt besteht,
Grundgesetzes stehend die Frage so zu stellen, wie wirklich ein vorbildliches Land im Sinne von
sie im Regierungsentwurf enthalten ist. Art. 29 ist.
Nun ist von Herrn Kollegen Möller eine weitere Wir Freien Demokraten wünschen allerdings, daß
Frage angeschnitten worden: Kommt der Regie- dieser Gesetzentwurf möglichst bald beraten wird
rungsentwurf in vollem Umfang der Forderung nach, und daß auch möglichst bald eine endgültige Ab-
daß eine genügende Gesamtkonzeption für eine stimmung stattfindet. Wir hoffen allerdings auch,
Neugliederung ersichtlich ist? Ich bin der Auffas- daß dann, wenn die Badener Bevölkerung sich für
sung, daß das, was hierzu in der Begründung des die Erhaltung des Landes Baden-Württemberg aus-
Regirunstwfaodenis,urcht. spricht und eine andere Fragestellung, als sie im
Ich möchte hier jetzt nicht alle verfassungsrecht- Regierungsentwurf enthalten ist, nicht möglich ist,
lichen Fragen erörtern. Ich darf aber doch darauf Herr Kollege Kopf sich als ein guter, der Tradition
hinweisen, daß auch diese Frage (im Rechtsausschuß Badens entsprechender Demokrat erweisen wird
des Bundesrates sehr eingehend geprüft wurde. Die und daß das Bundesverfassungsgericht nicht erneut
Konzeption, die in dieser Beziehung im Regierungs- angerufen wird, sondern daß mit dieser Entschei-
entwurf enthalten ist, wurde für ausreichend erach- dung auch eine echte Befriedung unseres Landes
tet. Ich finde auch, daß die Grundidee, die darin ent- eintritt.
halten ist, gut ist. Es werden schon die Länder ge- Jetzt ein Wort zu der Frage, an welchen Aus-
nannt, die den Forderungen des Art. 29 Abs. 1 ent- schuß verwiesen werden soll. Ich gehöre dem
sprechen und die eine wirtschaftliche, kulturelle und Rechtsausschuß an, und Sie wissen, daß ich alle Fra-
geschichtliche Zusammengehörigkeit haben, die in gen, die mit der Verfassungsmäßigkeit zusammen-
sich also ausgeglichen sind. Es ist durchaus möglich, hängen, sehr ernst nehme. Ich habe Verständnis da-
jetzt für das Land Baden-Württemberg eine Voraus- für, daß dieses Problem sehr genau geprüft werden
abstimmung vorzunehmen. muß. Herr Kollege Kopf, es ist nie daran gedacht
Ich habe Verständnis dafür, daß die SPD, die ja gewesen, den Rechtsausschuß bei derartigen Geset-
in Hessen in der Regierung ist, möglichst bald auch zen auszuschließen. Aber in dem vorliegenden Fall
den Volksentscheid in den Gebieten geregelt haben muß ich doch ganz objektiv zunächst einmal prüfen,
möchte, wo das Volksbegehren günstig gewesen ist. welcher Ausschuß nach dem politischen Gehalt der
Aber, Herr Kollege Möller, Sie werden mit mir in Gesetze dafür zuständig ist. Da es sich um eine
3044 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 66. und 67. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. März 1963
ums Recht." Und das sollte man ernst nehmen. (Abg. Dr. Schäfer: Konjunktiv!)
Jedermannn weiß, daß ich kein alter Parteigänger wäre das Land auf die Dauer nicht haltbar; das müs-
der Altbadener bin. Ich habe mich der Sache ange- sen Sie als Demokraten und das müssen auch die
nommen als Jurist, weil in der Tat in meiner Heimat Föderalisten ohne weiteres unterschreiben. Sie
das Rechtsgefühl verletzt ist. haben vorhin gesagt: Dann entsteht eine neue
(Beifall in der Mitte.) Situation. Nun, diese Situation soll man von vorn-
herein ins Auge fassen.
Sie können darüber spotten, aber Sie müßten das (Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
ernst nehmen. Ein Ernstnehmen des Rechts muß
auch der Gesetzgeber ernst nehmen. Es geht uns nicht in erster Linie um eine Ver-
fassungsänderung. Es geht uns und, ich glaube,
Im übrigen: es gab weise Propheten bei der Be- allen, denen es mit dem Problem ernst ist, zunächst
ratung des zweiten Neugliederungsgesetzes in die- einmal darum, zu prüfen: ist überhaupt eine Ver-
sem Bundestag. Der Herr amtierende Präsident wird fassungsänderung möglich, ist sie notwendig oder
mir verzeihen, wenn ich ihn zitiere. Er hat nämlich kommen wir nicht auch so zu einer Lösung? Ich bin
damals in der Debatte gesagt: mir selbst noch nicht ganz darüber klar, Herr Kol-
lege Möller. Aber in dem stillen Kämmerlein, in das
Wenn die Badener das Gefühl haben, daß sie Sie mich versetzt haben — vielleicht folgen Sie mir
hier wider das Gesetz vergewaltigt werden, dorthin, dann könnten wir sehr schön darüber reden
dann wird ein Ressentiment in dieser Ecke des —, könnten wir uns vielleicht klar darüber werden,
deutschen Bundes entstehen, das unsere Innen- ob es nicht auch ohne Verfassungsänderung geht.
politik schwer belasten wird. Ich halte das nicht für ausgeschlossen. Aber in die-
(Beifall in der Mitte.) sem rechtlichen, in diesem juristischen Dickicht, wie
der Herr Innenminister des Landes Baden-Württem-
Das sollte man nicht tun. Denn das Gefühl der berg gesagt hat, handelt es sich vorweg um die Prü-
Badener, daß ihnen hier Unrecht geschieht, ist fung der Rechtsfragen.
nicht nur subjektiv, es ist eine objektive Wahr-
heit. Es ist nicht wahr, daß von uns in dieser Sache
versucht werde, dem Rechtsausschuß etwas zu über-
So 1951 der Herr amtierende Präsident. Und ich weisen, was ihm nicht zukomme; diese Aufgabe
sehe den Herrn Kollegen von Merkatz, der in der- kommt ihm von Rechts wegen zu. Er soll einmal
selben Debatte gesagt hat: Wir sollten dem Volk in die rechtlichen Grenzen abstecken. Die politische
diesen alten Ländern die Entscheidung darüber über- Entscheidung wird hier fallen müssen; vielleicht muß
lassen. Der Gesetzentwurf nimmt diese Entschei- sie unter uns fallen. Aber die Prüfung der Rechts-
dung nicht nur vorweg, sondern nimmt sie über- fragen — eine saubere und subtile Prüfung — muß
haupt dem beteiligten Volk ab. Seine Wahlkreis- vorhergehen; dann wird die politische Entscheidung
geometrie setzt eine willkürliche Entscheidung des fallen können.
Bundestages an die Stelle einer freien Entscheidung Deswegen bitte ich Sie noch einmal im Namen
der Bevölkerung. — Meine Damen und Herren und meiner Freunde, die Überweisung an den Rechts-
auch Herr Kollege Möller: das ist noch einmal die ausschuß zu beschließen.
Gefahr, daß Sie das, was Sie eine politische Entschei-
dung nennen, aufdrängen wollen. Es kommt endlich (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU
darauf an — für Demokraten und Föderalisten und der FDP.) -
kommt es darauf an —, daß die Entscheidung, wie Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
sie auch fallen mag, legitim wird, Abgeordnete Wittrock.
(Sehr gut! bei der CDU/CSU)
Wittrock (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen
legitim für Föderalisten und Demokraten, damit end- und Herren, nur zum letzten Teil der Ausführungen
lich — damit bin ich völlig einig — Frieden und des Herrn Kollegen Güde! Verfassungsänderungen
Ruhe in unserem Land wird. Mag so oder so ent- setzen immer politische Entscheidungen voraus;
schieden werden, morgen werden wir uns — so Gott denn der Maßstab für eine Verfassungsänderung ist
will, bald — in unserem Land darüber auseinander- letzten Endes die politische Wertvorstellung, die
setzen, wird jeder seinen Standpunkt beziehen. Sie in diesem Hause erarbeitet wird. Dabei will ich
wissen ganz genau: unter dem Antrag Kopf und natürlich von den — ich möchte sagen — natur-
Genossen stehen gar nicht nur Altbadener; und im rechtlichen Grenzen, die auch dem Verfassungs-
übrigen sind wir auch mit unseren badisch-württem- gesetzgeber gezogen und zu ziehen sind, absehen.
bergischen Kollegen, CDU-Kollegen in der Fraktion, Dieser Bereich wird hier nicht berührt. Wenn etwa
im wesentlichen einig darüber, daß wir alle wollen, die Auffassung vertreten werden sollte, es bedürfe
daß ein Ende gemacht wird, und dann soll man nicht einer Verfassungsänderung, dann befinden wir uns
vorweg entscheiden. Denn über eines muß man sich im Bereich allein der politischen Ermessensbildung
klar sein, und das haben Sie fast zugegeben, Herr und somit im Bereich der politischen Entscheidung.
Kollege Möller: wenn sich im alten Land Baden — Sie möchten eine Zwischenfrage stellen; bitte
wirklich eine eindrucksvolle Mehrheit gegen den sehr.
3046 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 66. und 67. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. März 1963
Dr. h. c. Güde (CDU/CSU) : Herr Kollege Witt- ebensogut wie ich sehr genau, daß z. B. in einem
rock — das ist jetzt eine ganz sachlich gemeinte Zusammenhang — wenn auch nicht in einem recht-
Frage —, sind Sie nicht auch der Meinung, daß die lichen, so doch in einem faktischen Zusammenhang
Verfassungsänderung, wenn sie überhaupt als mög- — mit den Fragen, die sich aus dem Volksbegehren
lich angesehen wird, zweckmäßigerweise im Rechts- in den hessischen Randgebieten ergeben, das Pro-
ausschuß vorbereitet werden muß, daß dort Über- blem der ehemals rechtsrheinischen Vororte der
legungen angestellt werden müssen, ob, wieweit Stadt Mainz steht, die jetzt von Wiesbaden verwal-
und in welcher Richtung überhaupt eine Verfas- tet werden und der Hoheit des Landes Hessen unter-
sungsänderung erwogen werden soll? stehen. Dort gibt es in der Tat einen Schwebezu-
stand. Die Stadt Wiesbaden und das Land Hessen
Wittrock (SPD) : Herr Kollege Güde, der Rechts- haben sich darum bemüht, den Charakter der be-
ausschuß wird doch zunächst die Frage zu prüfen stehenden Lösung als Provisorium wirklich und
haben, ob der Weg, den der vorliegende Gesetzent- nachhaltig anzuerkennen. Aber es ergeben sich dar-
wurf vorsieht, nach geltendem Verfassungsrecht be- aus Schwierigkeiten, Rechtsunsicherheiten und ein
gehbar ist. Regelungserfordernis. Ich wäre dem Herrn Bundes-
innenminister dankbar, wenn er sich dazu äußerte.
(Abg. Dr. h. c. Güde: Es sind zwei Entwürfe!)
Der Herr Minister hat in der Vergangenheit den
Natürlich, zwei Entwürfe. Beide Entwürfe wer- Standpunkt vertreten, daß ein Weg unmittelbar
den an diesem Maßstab gemessen. Wenn man zu über Art. 29 Abs. 7 des Grundgesetzes nicht begeh-
der Auffassung kommt: der Weg ist begehbar, nun, bar erscheint. Sicherlich ist dieser Weg über den
dann trifft der Bundestag seine Entscheidung, es sei letzten Absatz des Art. 29, mindestens so, wie die
denn, daß er sagt: Ich will aber von Verfassungs Bundesregierung bisher Vorstellungen entwickelt
wegen Raum schaffen für einen anderen Weg, für hat, nicht begehbar. Das ändert aber nichts daran,
einen anderen politischen Weg. Ich komme immer daß eine Lösung erstrebt werden muß, und da jede
nur zu dem gleichen Ergebnis, daß es sich nämlich Lösung in einem Zusammenhang steht mit der son-
hierbei um eine Frage der politischen Wertung und stigen territorialen Regelung in diesem Raum, muß
des politischen Ermessens handelt. auch dazu Stellung genommen werden.
Aus diesem Grunde fühle ich mich auch nicht Die Rechtsfragen, nun, sie sind interessant, sie
durch das widerlegt, was Herr Kollege Kopf vorhin sind wesentlich, aber es geht auch um eine politische
auf meine Zwischenfrage ausgeführt hat. Ich hatte Frage. Es ist eine Frage, die irgendwie die Grund-
in der Zwischenfrage gesagt, nach meiner Auffas- lagen der Demokratie berührt, ob es richtig ist, daß
sung komme es allein auf die politische Entschei- man sich nach der Durchführung von Volksbegehren
dung an. Herr Kollege Hauser, Sie hatten da den — so wie in einigen hessischen Randgebieten — in
Zwischenruf gemacht, es gebe andere Beispiele in Schweigen hüllt und überhaupt nichts mehr ge-
der Praxis des Bundestages. Nun, da hatte man sich schieht. Das ist vom Standpunkt der Demokratie aus
eben zunächst einmal politisch verständigt, um dann nicht erträglich. Darum muß das Schweigen beendet
im Rechtsausschuß die Grundlage für die Initiative werden. Die Bundesregierung muß sich zu den
zu erarbeiten. Fragen der Gesamtkonzeption äußern. Ich möchte
Meine Damen und Herren, ich will die Aussprache den Herrn Bundesinnenminister ausdrücklich bitten,
nicht weiter belasten. Ich möchte nur eine Beanstan- nachdem wir schon soviel Zeit auf die Erörterung
dung, und zwar mit Blickrichtung auf den Herrn dieses Themas verwendet haben, die Möglichkeit
Bundesminister des Innern, vortragen. Der Herr wahrzunehmen, heute und hier Stellung zu bezie-
Bundesinnenminister hat wenig, ja, wenn ich es in hen.
der Unruhe, die im Hause zu Beginn seiner Rede (Beifall bei der SPD.)
herrschte — aus Gründen, die sich aus dem vorher
Geschehenen ergeben —, richtig gehört habe, hat .Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
der Herr Bundesinnenminister gar nichts gesagt Vertreter des Bundesrates, Herr Staatsminister Dr.
über die Gesamtkonzeption, nach der, wenn ich der Filbinger.
Begründung folge, dieser Gesetzentwurf sozusagen
ein erster Schritt auf dem Wege zur Verwirklichung Dr. Filbinger, Minister des Landes Baden-
dieser Gesamtkonzeption der Neugliederung sein Württemberg: Herr Präsident! Meine sehr verehr-
soll. Wenn die Bundesregierung sich auch nur etwas ten Damen und Herren! Ich möchte mich nicht zu der
mit den Begründungen der Entscheidungen des Bun- Verfahrensfrage äußern, sondern ein Wort zu den
desverfassungsgerichts beschäftigt und wenn sie den Ausführungen des verehrten Kollegen Dr. Güde
Art. 29 Abs. 1 des Grundgesetzes berücksichtigt, muß sagen, der sich mit Wärme eingesetzt hat für das,
sie sich, so meine ich, zu der Gesamtkonzeption was der Bevölkerungsteil in Baden will, sowie da-
äußern. für, daß das Recht des badischen Volkes auf einem
Ich will jetzt keine „hessische" Rede halten, das Wege verwirklicht wird, der absolut unzweideutig
liegt mir völlig fern. Aber, Herr Bundesinnenmini- ist und demgegenüber es erneute Anzweifelungen
ster, Sie haben es sich in der Begründung des Regie- nicht geben kann.
rungsentwurfs etwas zu einfach gemacht. Sie haben Nun könnte der Eindruck entstehen, als ob der
ausgeführt, es gebe im Augenblick dringendere Auf- Weg, der durch die Bundesregierung mit dem Ge-
gaben als die, sich mit der Gesamtkonzeption und setzentwurf eröffnet worden ist, dem badischen
anderen Fragen zu beschäftigen. Sie wissen aber Volk nicht das Recht geben würde, das es verlangen
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 66. und 67. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. März 1963 3047
Minister Dr. Filbinger
kann, als ob es im Rahmen der Verfassung einen bereit sein wird, die Grundgesetzänderung mit allen
anderen Weg gäbe, auf dem man vielleicht in noch ihren Kräften zu verwirklichen.
besserer Weise dem entgegenkommt, was ge- (Abg. Dr. h. c. Güde: Gestatten Sie eine
wünscht wird. Zwischenfrage?)
Ich meine, wir sollten das Ergebnis der Vorbe-
ratungen, aber auch der eingehenden Aussprache Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter
in der heutigen Sitzung doch so verstehen, daß Dr. Güde, ich möchte aus Ziffer 10 der „Handhabung
sämtliche beteiligten politischen und juristischen der Zwischenfragen in den Plenarsitzungen" folgern,
Gremien mit der äußersten Mühewaltung dabei ge- daß die dort festgelegte Regelung gegenüber einem
wesen sind, den nach der Verfassung gebotenen und Mitglied der Bundesregierung, aber nicht gegenüber
richtigen Weg zu suchen, um der badischen Bevöl- einem Mitglied des Bundesrates möglich ist. Aber
kerung noch einmal die Möglichkeit zu geben, ihren wenn der Herr Minister zu Ende ist, können Sie ja
Willen kundzutun. ans Rednerpult gehen.
(Zurufe von 'der CDU/CSU: Wenn er es
Mit dem von der Bundesregierung vorgelegten Ent- gestattet!)
wurf wird doch im Rahmen von Gesetz und Verfas-
sung nur das vollzogen, was das Bundesverfassungs-
gericht mit seinem Urteil im Jahre 1956 gewünscht Dr. Filbinger, Minister des Landes Baden-
hat; denn in diesem Urteil ist doch nur beklagt Württemberg: Ich habe nichts dagegen, Herr Prä-
worden, daß das Verfahren nach Art. 118 abge- sident.
schlossen sei und dem badischen Volk nicht auch
noch der Weg nach Art. 29 eröffnet werden könne. Vizepräsident Dr. Jaeger: Dann werde ich,
Das Bundesverfassungsgericht war der Meinung, ohne daß es ein Präzedenzfall ist, auf Ihren aus-
man müsse dem badischen Volk, obwohl die Mög- drücklichen Wunsch die Frage gestatten.
lichkeit, den Weg nach Art. 118 des Grundgesetzes
zu gehen, verbraucht sei, noch einmal eine Abstim-
Dr. h. c. Güde (CDU/CSU) : Es ist gar keine
mungsmöglichkeit verschaffen, und dieser Wille des
Streitfrage, sondern eher eine neugierige Frage. —
Bundesverfassungsgerichts ist nun in Vollzug ge- Herr Minister, Sie haben zweimal im Perfekt davon
setzt worden durch den Entwurf, den die Bundes-
gesprochen, die Regierung habe sich bemüht und
regierung vorgelegt hat.
alle beteiligten Kreise hätten sich bemüht. Ist dem
Daß nach der Verfassung eine Alternativfrage ein Ende gesetzt?
ausgeschlossen ist, das bitte ich allen denjenigen,
die sich seit Jahren 'mit äußerster Mühe damit ab- Dr. Filbinger, Minister des Landes Baden-
gegeben haben, den richtigen Weg zu finden, abzu- Württemberg: Dem ist keine Ende gesetzt. In mei-
nehmen. Es gibt im Rahmen der Verfassung nur den nen Ausführungen — das steht deutlich im Proto-
Weg, den die Bundesregierung vorgesehen hat, koll — habe ich gesagt: Die Regierung wird in der
nämlich daß sie die Entscheidung trifft, was nun Zukunft von sich aus jede Möglichkeit zu einer
mit dem Gebietsteil werden soll, ob das Land bei- Fortsetzung der intensiv geführten Gespräche su-
sammenbleibt oder ob es aufgelöst wird. chen. Sie wird von sich aus nach wie vor die Bereit-
schaft aufrechterhalten, um zu einer Grundgesetz-
Wenn das so ist, sollte man das auch anerkennen änderung zu kommen.
und gerade in dieser Stunde der badischen Bevöl-
Meine sehr verehrten Damen und Herren, worum
kerung 'deutlich sagen, daß alle beteiligten Gremien es mir geht, ist, auch in diesem Hohen Hause zum
bei diesem Vorgehen ein Ziel gehabt haben, näm- Ausdruck zu bringen, daß alle, die verantwortlich
lich ihr das Recht 'zu verschaffen, ihr ein zweitesmal sind, und alle, die politisch dabei mitwirken kön-
die Möglichkeit zu bieten, ihren Willen kundzu- nen, gewillt und einig sind, ,dem badischen Volk
geben. sein Recht zu verschaffen.
Wenn die Verfassung unvermeidlicherweise ge- (Beifall rechts und links.)
wisse Schranken aufrichtet und wenn die alternative
Fragestellung nicht möglich ist, so muß ich sagen:
die Regierung des Landes und wohl auch ein
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
großer Teil der Bundestagsabgeordneten gehen noch Herr Bundesminister des Innern.
einen 'wesentlichen Schritt weiter, indem sie ihre
Bereitschaft erklären, diese Schranken durch eine Höcherl, Bundesminister des Innern: Herr Präsi-
Grundgesetzänderung zu übersteigen. Diese Idee ist, dent! Meine sehr verehrten Damen und Herren!
das möchte ich in aller Deutlichkeit sagen, vom Der Herr Kollege Wittrock hat den Vorwurf er-
Regierungschef des betroffenen Landes Baden-Würt- hoben, es sei keine Gesamtkonzeption vorgelegt
temberg, Kurt-Georg Kiesinger, konzipiert und be- worden und deswegen sei der Regierungsentwurf
harrlich vertreten worden. nicht ausreichend. Herr Kollege Wittrock, ich weiß
nicht, ob schon der kommende hessische Regierungs-
Was ich heute namens unserer Landesregierung präsident gesprochen hat. Es hatte so in etwa den
ausgedrückt habe, wird wohl den letzten Zweifel Anschein
daran beseitigen können, daß diese Landesregierung (Heiterkeit)
3048 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 66. und 67. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. März 1963
Bundesminister Höcherl
und es klang so etwas durch. Ich bedaure es außer- Weg des Art. 29, wenn er bis dahin noch in der
ordentlich, daß Sie aus diesem Hause ausscheiden gleichen Fassung existiert, zu gehen. Das ist unsere
wollen. Immerhin ich habe den Eindruck gehabt, Grundsatzauffassung.
den ich auch kürzlich bei einem Zusammentreffen
(Abg. Wittrock: Was sagen Sie zu dem Fall
mit Ihrem Landesvater hatte, daß ein gewisser, ich
Mainz—Wiesbaden?)
möchte mal sagen, großhessischer Imperialismus sich
nun in diese Debatte mit eingeschlichen hat. Aber — Ich möchte ihn in diesen Rahmen eingespannt
das nur im Scherz nebenbei. haben. Aber zeitlich sollten wir alles unter das
Thema der Wiedervereinigung und der Entscheidung
(Abg. Schmitt-Vockenhausen: Aber Herr
darüber stellen. Das ist meine grundsätzliche Auf-
Minister, Sie sind doch historisch so gebil
fassung.
det, daß Sie wissen, wozu Mainz immer
gehört hat! — Heiterkeit.) Im übrigen bin ich auch der Meinung des Herrn
Innenministers Filbinger, daß es sich in allererster
Sie verstehen das, was ich gesagt habe. Linie um eine politische Frage handelt und nicht so
(Erneute Heiterkeit. — Zuruf des Abg. sehr um eine Rechtsfrage. Ich bin gegen sehr viele
Wittrock.) Stimmen hier im Hause für die Zuständigkeit des
Innenausschusses. Denn ich meine, daß die Rechte
— Herr Kollege Wittrock, der Vorwurf trifft des- des Rechtsausschusses für den Fall, daß eine Ver-
wegen nicht zu, weil ich in der kurzen Einleitungs- fassungsänderung ins Auge gefaßt werden kann,
rede auf den Absatz 3 der schriftlichen Begründung nicht verkürzt werden, weil in diesem Fall sofort
Bezug genommen habe, in der wir des langen und die Zuständigkeit des Rechtsausschusses einsetzt.
breiten die Gesamtkonzeption, so wie wir uns das
vorstellen und die auch urteilsgerecht erscheint, Ich bitte deshalb, die Vorlage zur Federführung
dargelegt haben. Diese Bezugnahme, Herr Kollege an den Innenausschuß und zur Mitberatung an den
Wittrock, haben Sie offenbar überhört oder über- Rechtsausschuß zu überweisen.
sehen. Das ist unsere Gesamtkonzeption. (Beifall bei der SPD und der FDP sowie
Es ist im übrigen sehr interessant, daß sich — die bei Abgeordneten der CDU/CSU.)
meisten Kollegen haben sich heute auf wirtschaft-
liche Fragen gefaßt gemacht: Energiedebatte, Heizöl
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
und all diese Dinge; wir haben uns früher in diesen
Abgeordnete Spitzmüller.
Fragen heftige Kämpfe geliefert — trotzdem das
Haus in einer für den Freitag beachtlichen Beset-
zung vier oder fünf Stunden lang einer solchen Spitzmüller (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr
Frage widmet. Ich halte das für ein gutes Ereignis verehrten Damen, meine Herren! Je später der
und für eine Auszeichnung des Geistes, mit dem so Freitagmittag, desto unbeliebter der Redner.
entscheidende Fragen behandelt werden, — auch (Heiterkeit.)
von Kollegen, die nicht unmittelbar betroffen sind.
Aber bitte haben Sie Verständnis dafür. Allein sein
Herr Kollege Wittrock, die Gesamtkonzeption ist verspätetes Auftreten ist noch kein Beweis, daß es
meines Erachtens folgendermaßen zu skizzieren; ich sich um einen bösen Menschen handelt. Bös ist er
darf das kurz wiederholen. Ich bin der Meinung, daß sicher erst, wenn er versucht, in langatmigen Aus-
der Fall Baden Württemberg außerhalb einer ganz
-
führungen seine Meinung darzulegen.
genau zeitlich und inhaltlich abgestuften Einzel-
phasendarlegung behandelt werden kann, weil er (Abg. Schmitt-Vockenhausen: Langatmig ist
einen besonderen Charakter trägt. Denn ich meine, jetzt nur die Vorrede!)
-
daß die Bedingungen der Lebensfähigkeit und der — Das habe ich nicht vor, sofern Sie mich nicht
Stammesverwandtschaft und alle diese Vorausset- reizen, Herr Kollege Schmitt; das habe ich Ihnen
zungen in diesem Fall in einem ganz besonderen vorhin schon persönlich gesagt.
Maße erfüllt sind. Worum handelt es sich im Grundsatz? Um die
Im übrigen darf ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung Frage des Rechts und der Rechtsstaatlichkeit, um
sagen: ich bin der Meinung, daß in all den Fragen, die Frage einer endgültigen Legitimation des Landes
in denen erfolgreiche Volksbegehren stattgefunden Baden Württemberg und um die Befriedung der
-
haben, einmal auch eine Abstimmung folgen muß. badischen Bevölkerung. Da muß ich nun sagen:
Allerdings ist die Frage des Zeitpunktes sehr be- wenn wir die Elle des Grundgesetzes an den Regie-
deutend. Wir sollten, glaube ich, nach der Eingliede- rungsentwurf legen, so wird der Regierungsentwurf
rung des Saarlandes, die immer noch rechtlich und dieses Maß bestehen. Wenn wir die Frage aufwer-
faktisch, ich möchte einmal sagen, mehr verdaut fen: wird eine endgültige Legitimation des Landes
werden muß, und im Hinblick auf die entscheidende Baden-Württemberg durch den Regierungsentwurf
Wiedervereinigungsfrage die Einzelfragen etwas erreicht?, so komme ich zu der Überzeugung: ja,
zurückstellen. Hier ist eine Entscheidung leicht, doch wenn eine Mehrheit der badischen Bevölkerung sich
dort sollten wir sie in einen großen Gesamtzusam- mit einem klaren Ja zu diesem Entwurf äußert.
menhang hineinstellen. Aber man muß bei Abstimmungen mit Über-
Aber es darf nicht übersehen werden, daß die raschungen rechnen. Die Kollegen von der SPD
Volksbegehren stattgefunden haben und, soweit sie haben schon darauf hingewiesen, daß es in Freiburg
erfolgreich waren, das Recht involvieren, auch den bei der Wahl des Oberbürgermeisters eine Über-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 66. und 67. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. März 1963 3049
Spitzmüller
raschung gegeben hat. Man kann auch hier vielleicht Ich befürchte sogar, daß bei der jetzigen Frage-
von falschen Voraussetzungen ausgehen. Als Poli- stellung eine Mehrheit im Sinne des Regierungsent-
tiker muß man, auch wenn man vor zwölf Jahren wurfs nicht so ganz einfach zustande zu bringen
wie ich im altbadischen Stammgebiet energisch für ist. Ich will Ihnen auch sagen, warum. Wenn man
das Land Baden-Württemberg eingetreten ist, eine im Jahre 1951 die Stimmen in Baden zusammen-
solche Möglichkeit einfach zur Erörterung stellen. zählte, kam man auf eine Mehrheit von 52 oder 53 %.
Da muß ich nun sagen, es wird mir etwas unge- Warum? Weil in Nordbaden die Wahlbeteiligung
mütlich, wenn ich den Entwurf ansehe. Denn gerade wesentlich geringer war als in Südbaden. Die Süd-
als junger Mann, der ich damals war, badener, hauptsächlich in den altbadischen Stamm-
gebieten, waren sehr aktiv. In den nordbadischen
(Zuruf von der Mitte: Sie sind auch jetzt Gebieten dagegen benutzte man den schönen Sonn-
noch jung!) tag zum Teil dazu, um auszufahren. Denn man
habe ich in diesem altbadischen Stammgebiet man- wußte ja von vornherein, daß nichts passieren
ches an nicht immer Fairem hinnehmen müssen, kann.
wenn man für das Land Baden-Württemberg und Die heutige Fragestellung enthält also die Gefahr,
sein Zustandekommen eingetreten ist. daß wir, die wir für die Erhaltung Baden-Württem-
Aber den fairen Maßstab, den ich von meinen bergs eintreten, in den Wahlkampfauseinanderset-
politischen Gegnern wünsche, möchte ich auch diesen zungen moralisch in die Ecke manövriert werden,
gegenüber anlegen. Ich frage mich: ist es wirklich aus der heraus wir nicht so leicht operieren können.
fair, wenn durch ein solches Gesetz zwar ein Volks- Zusätzlich wird die Inaktivität derer gefördert, die
entscheid herbeigeführt wird, aber — so möchte für die Erhaltung des Landes Baden-Württemberg
ich ihn einmal bezeichnen — ein Volksentscheid sind; denn sie sagen sich: Nun, dieser Vorschlag
mit Notbremse? Das heißt, dieser Volksentscheid wird irgendwann ja doch angenommen werden.
bewirkt etwas, wenn die Bevölkerung des Landes
Baden im Sinne des Regierungsentwurfs mit Ja Wir haben uns schließlich noch über die Frage der
stimmt. Der Zug kann abfahren, die Legitimation Behandlung in den Ausschüssen zu unterhalten. Hier
des Landes Baden-Württemberg ist vollzogen. Wenn bin ich im Gegensatz zu meiner hochverehrten Frau
aber die Bevölkerung des Landes Baden die Weichen Kollegin Diemer gerade durch die entscheidenden
anders stellt und der Zug in die andere Richtung letzten Worte unseres baden-württembergischen
fahren soll, dann kann man regierungsamtlich die Innenministers zu der Überzeugung gekommen, daß
Notbremse ziehen. Dann geschieht zunächst nichts, eine honorige Behandlung der Baden-Frage nur im
und das ist schlecht. Rechtsausschuß stattfinden kann. Herr Filbinger hat
seine Rede mit dem Satz geschlossen, daß es dar-
Ich möchte es einmal in ein biblisches Beispiel auf ankomme, dem badischen Volke sein Recht zu
übersetzen: Man mutet dem altbadischen David verschaffen. Er hat mit diesem Schlußsatz deutlich
nicht nur zu, mit dem Goliath zu kämpfen, sondern gemacht, daß es hier um eine Rechtsfrage geht. Es
man mutet ihm auch zu, mit einem Goliath zu
geht auch wirklich um eine Rechtsfrage. Denn hätte
kämpfen, der im Panzerwagen sitzt. Wenn er mit
das Bundesverfassungsgericht nicht entschieden, hät-
seiner Schleuder den Panzerwagenfahrer durch den
ten wir uns mit diesem Problemkreis heute über-
Schlitz erschlägt, bleibt der Panzer stehen, d. h. das
haupt nicht zu befassen. Ich glaube also, allein diese
Land Baden-Württemberg bleibt erhalten, und ir-
Tatsache begründet die Überweisung an den Rechts-
gendwann einmal wird hier der Gesetzgeber dann
ausschuß als federführenden Ausschuß, für die ich
eine Entscheidung zu treffen haben, weil der Gesetz-
mich ganz entschieden einsetzen möchte.
entwurf der Regierung abgelehnt worden ist.
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten
Ich bin der Meinung, das Land Baden-Württem-
der CDU/CSU.)
berg hat sich bewährt und sollte erhalten bleiben.
Aber wer für die Erhaltung des Landes Baden-Würt-
temberg eintritt, der sollte sich hier im Bundestag Vizepräsident Dr. Jaeger: Als letzter Redner
und in den Ausschüssen darum bemühen, daß die- hat das Wort der Abgeordnete Schmitt-Vocken-
jenigen, die für den Fortbestand des Landes Baden- hausen.
Württemberg eintreten, mit offenem Visier antreten
können. Ich möchte chancengleich, offen und fair Schmitt - Vockenhausen (SPD) : Herr Präsident!
für die Erhaltung des Landes Baden-Württemberg Meine Damen und Herren! Ich habe nicht die Ab-
kämpfen, aber nicht als Goliath im Panzerwagen sicht, wie mein verehrter Herr Vorredner das Was-
sitzen. Deshalb meine dringende Bitte an die Aus- ser in mehreren Töpfen gleichzeitig kochen zu las-
schußmitglieder: Versuchen Sie, wirklich eine Chan- sen.
cengleichheit herbeizuführen und für eine faire Ab- (Heiterkeit.)
stimmungsfrage oder Grundgesetzänderung einzu- Ich möchte nur noch zu der Frage der Ausschußver-
treten! Es ist dem Lande Baden-Württemberg und weisung kurz Stellung nehmen.
seinen Leistungen nicht gemäß, wenn man im Ab-
stimmungswahlkampf immer wieder hören müßte: Der glückliche Fall, daß unser politischer Wille,
Ihr präjudiziert das Abstimmungsergebnis, und wenn die Geschäftsordnung und der Wille der Antrag-
das Abstimmungsergebnis nicht in eurem Sinne aus- steller so sehr übereinstimmen wie in der Frage der
fällt, dann wird auf Jahre, vielleicht auf ein wei- Ausschußverweisung, ist selten. Herr Kollege Güde
teres Jahrzehnt nichts geschehen. hat nämlich gesagt: Wir wollen die Rechtsfrage vor-
3050 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 66. und 67. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. März 1963
Schmitt-Vockenhausen
her geklärt haben. Das ist im Rechtsausschuß aus- dem Innenausschuß zu übertragen. Wenn ich mich
gezeichnet möglich, und dann geht das an den richtig erinnere, ist der Antrag, die Federführung
federführenden Innenausschuß. Meine Damen und dem Rechtsausschuß zu übertragen, als erster ge-
Herren, nach diesen grundsätzlichen Ausführungen stellt worden. — Das wird nicht bestritten. Demnach
des Kollegen Güde kann es ja gar keine Probleme wird über diesen Antrag zuerst abgestimmt. Wird
mehr geben. der erste Antrag angenommen, ist der andere erle-
(Zuruf von der CDU/CSU: Das hat er nicht digt; wird er abgelehnt, stimmen wir über den zwei-
ten Antrag ab.
gesagt!)
— Doch, er hat gesagt: Ich möchte vorher die Rechts- Wer dafür ist, die Federführung dem Rechtsaus-
frage im Rechtsausschuß geklärt haben. schuß zu geben, den bitte ich um das Handzeichen.
— Ich bitte um die Gegenprobe. — Wir müssen die
Meine Damen und Herren, ich möchte Sie daher Abstimmung wiederholen. Wer für die Überweisung
bitten, die Möglichkeit zu geben, daß der Rechts- an den Rechtsausschuß als federführenden Ausschuß
ausschuß mitberatend und der Innenausschuß feder- ist, den bitte ich, sich zu erheben. — Ich bitte um
führend beteiligt werden. Wir werden dann dafür die Gegenprobe. — Es ist nicht eindeutig festzu-
sorgen, daß die Frage, die hier so viel diskutiert stellen, welches die Mehrheit ist. Wir müssen aus-
worden ist, recht bald zu einem Abschluß kommt, zählen. — Wer mit Ja stimmt, stimmt für die Über-
damit bei allen Beteiligten Ruhe und Frieden ist. tragung der Federführung an den Rechtsausschuß,
In diesem Sinne bitte ich um Überweisung an den wer mit Nein stimmt, stimmt gegen die Übertragung
Innenausschuß — federführend — und an den der Federführung an den Rechtsausschuß.
Rechtsausschuß zur Mitberatung. Ich gebe das Ergebnis der Auszählung bekannt.
(Beifall.) Mit Ja haben gestimmt 112 Mitglieder, mit Nein
118; enthalten haben sich 5. Mit 235 Stimmen ist das
Vizepräsident Dr. Jäger: Wir stehen am Ende Haus nicht beschlußfähig.
der Aussprache. Wortmeldungen liegen nicht mehr Meine Damen und Herren, ich berufe die nächste
vor. Die Aussprache ist geschlossen. Sitzung des Deutschen Bundestags auf heute, 13.05
Meine Damen und Herren, das Haus ist jeden- Uhr, mit der unerledigten Tagesordnung des heuti-
falls darin einig, daß die beiden Gesetzentwürfe gen Tages, ausgenommen die Gesetzentwürfe über
sowohl an den Innenausschuß als auch an den die Neugliederung, die heute nicht mehr behandelt
Rechtsausschuß überwiesen werden, so daß wir nur werden.
noch über die Federführung abzustimmen haben.
Die Sitzung ist geschlossen.
Es liegt der Antrag vor, die Federführung dem
Rechtsausschuß zu übertragen, und der Antrag, sie (Schluß 'der Sitzung: 13.01 Uhr.)
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 66. und 67. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. März 1963 3051
67. Sitzung
c) In Absatz 5 Nr. 2 des § 7 werden die Worte die EWG-Kommission von der Bundesregierung ver
„und Milcherzeugnisse" gestrichen. langt hat. Solange innerhalb der EWG eine Harmo-
d) In der Anlage 4 zu § 7 Abs. 5 Nr. 3 wird nisierung der Steuerpolitik unter Berücksichtigung
sowohl der direkten als auch der indirekten Steuern
„01.02 Rinder (einschließlich Büffel),
nicht erreicht worden ist, muß die verlangte Maß-
lebend"
nahme zu einer weiteren Verzerrung der Wettbe-
gestrichen.
werbsbedingungen im EWG-Bereich führen. Der
2. Der bisherige Wortlaut ,des Artikels 2 erhält die abrupte Abbau der gegenwärtigen Umsatzausgleich-
Bezeichnung Absatz 1. Folgender Absatz 2 wind steuer für Wollkammzüge widerspricht außerdem
angefügt: dem Inhalt des EWG-Vertrages, der eine harmo-
„(2) Soweit für die Gegenstände der Anla- nische Angleichung der Wettbewerbsverhältnisse
gen 5 und 6 zu § 7 Abs. 6 des Gesetzes die Aus- anstrebt.
gleichsteuer gegenüber dem bisherigen Stand er- Müller-Hermann
höht wird, tritt die Erhöhung drei Jahre nach Stefan Seifriz
dem Inkrafttreten dieses Gesetzes außer Kraft." Hermann Hansing
W. Lenz
Bonn, den 14. März 1963 Dr. Löbe
Der Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Anlage 7 Umdruck 224
Mineralölsteuergesetzes — Drucksache IV/ 1021 —
wurde von der Bundesregierung am 28. Februar Entschließungsantrag der Abgeordneten Kurl-
1963 dem Bundestag zugestellt, der ihn in seiner baum, Memmel, Regling, Weinzierl, Ruf, Hörauf,
63. Plenarsitzung am 8. März 1963 in erster Lesung Dr. Kempfler und Genossen zur dritten Beratung
ohne Aussprache an den Finanzausschuß — feder- des von der Bundesregierung eingebrachten Ent-
führend — und an den Wirtschaftsausschuß zur Mit- wurfs eines Gesetzes zur Änderung des Mineralöl-
beratung überwies. steuergesetzes (Drucksachen IV/ 1021, IV/ 1069).
.Beide Ausschüsse berieten und verabschiedeten Der Bundestag wolle beschließen:
die Vorlage in getrennten Sitzungen am 13. März
1963. Die Bundesregierung wird ersucht,
Bei den Beratungen im Ausschuß war die Ver- dem Bundestag alsbald Maßnahmen vorzuschlagen,
längerung der Geltungsdauer der Steuersätze für die geeignet sind, die Energiekosten innerhalb der
Heizöl als solche nicht streitig. Die Erörterungen Bundesrepublik besser als bisher aneinander anzu-
gingen vielmehr .darum, ob entsprechend der Re- gleichen, um dadurch die Wettbewerbslage der
gierungsvorlage die bisherigen Sätze unverändert Unternehmen in den revierfernen Gebieten zu ver-
fünf Jahre lang fortgelten sollen oder ob eine De- bessern und die Kosten der dort ansässigen Bevöl-
gression eingebaut werden soll. kerung für Heizungszwecke zu vermindern.
Die Befürworter der gleichbleibenden Steuersätze
beriefen sich darauf, daß mit ihrer Konzeption der
energiepolitische Zweck des Gesetzes, nämlich der Bonn, den 15. März 1963
Kohle die Möglichkeit einer stetigen Anpassung an
die in 'ihrer Struktur veränderte Energie-Marktlage Kurlbaum Frau Dr. Kuchtner
zu geben, am besten erreicht werden könne und Memmel Vogt
das zu erwartende Aufkommen aus der Steuer auch Regling Frau Jacobi (Marl)
notwendig sei, um den für den Bund zu erwartenden Weinzierl Stooß
Aufwand zu decken. Ruf Adorno
Hörauf Berberich
Die Befürworter einer Degression legten beson-
Dr. Kempfler Dr. Brenck
deren Wert darauf, im Gesetz sichtbar zu machen,
Dr. Hauser Leukert Bauer (Wasserburg)
daß es sich bei der Erhebung der Heizölsteuer um
Maier (Mannheim) Seidl (München)
eine vorübergehende Anpassungsmaßnahme hande-
Mertes Bals
le, .die aus volkswirtschaftlichen Gründen nicht eines
Leonhard Krug
Tages zu einer Dauereinrichtung als allgemeines
Bühler Dr. Winter
Deckungsmittel für den Bundeshaushalt werden
Glüsing Stiller
dürfe.
Gedat Seifriz
Bei der Abstimmung wurde ein auf den Bundes- Lang (München)
rat zurückgehender Antrag abgelehnt, der für Hansing
Hilbert Dr. Tamblé
zwei Jahre gleichbleibende und für weitere drei Klinker
Jahre nach unten gestaffelte Steuersätze vorsieht. Diekmann
Hörnemann Lange (Essen)
Angenommen wurde dagegen mit Mehrheit ein Dr. Zimmermann
zwischen den Vorschlägen der Bundesregierung und Porzner
(München)
des Bundesrates vermittelnder Antrag. Er sieht Bading
Kohlberger
für vier Jahre gleichbleibende Steuersätze und für Dr. Burgbacher Frau Beyer (Frankfurt)
weitere zwei Jahre die Hälfte der Ausgangssätze Struve Ravens
vor. Dieser Form des Gesetzes hat auch der Wirt- Müller-Hermann Haase (Kellinghusen)
schaftsausschuß einstimmig seine Zustimmung ge- Bauknecht Busch
geben. Dr. Czaja Ertl
Im übrigen soll es nach dem Willen des Aus- Goldhagen Unertl
schusses bei der Regierungsvorlage bleiben. Ein An- Dr. Artzinger Marx
trag, den Art. 3 zu streichen, der der Bundesregie- Dr. h. c. Güde Fritsch
rung das Recht gibt, den Steuersatz aus gesamt- Bieringer Höhne
wirtschaftlichen Gründen zu verändern, wurde ab- Biechele Folger
gelehnt.
Der Ausschuß stellte ausdrücklich und einhellig
klar, daß das Aufkommen aus der Heizölsteuer
keineswegs nur der Kohle selbst zukommen solle,
sondern wie bisher schon nach Maßgabe des Haus- Anlage 8
haltsplanes auch dazu dienen solle, in allen Teilen Schriftliche Begründung
der Bundesrepublik, also auch den revierfernen, die
energiewirtschaftlichen Verhältnisse zu verbessern. der Abgeordneten Frau Pitz-Savelsberg zu dem von
Es handele sich also auch nicht um eine irgendwie den Fraktionen der CDU/CSU, FDP eingebrachten
geartete Finanzausgleichsmaßnahme zugunsten be- Entwurf eines Gesetzes zur Förderung eines freiwil-
stimmter Länder. ligen sozialen Jahres (Drucksache IV/ 986).
3056 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 66. und 67. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. März 1963
Das Gesetz über die Förderung eines freiwilligen unterhaltenden Kindern, mit der Folge, daß die
sozialen Jahres stellt den sozialen Dienst der Ju- beiden älteren Geschwister, die aus dem Honnefer
gend der Berufsausbildung gleich. Das bedeutet, daß Modell gefördert werden, eine wesentliche Einbuße
während der Zeit eines solchen Dienstes, der in den in der Förderung erleiden.
Einzelbestimmungen des Gesetzes näher beschrieben Diese Benachteiligungen des freiwilligen sozialen
ist, alle gesetzlichen Leistungen für Kinder, u. a. Dienstes sind unvertretbar.
Kindergeld, Kinderzuschlag zum Beamtengehalt,
Waisenrenten und Steuervergünstigungen, zwischen Entstanden ist der freiwillige soziale Dienst aus
dem 18. und 25. Lebensjahr weitergewährt werden. dem Gedanken der Hilfeleistung der Jugend in einer
Verzögert ein solcher Dienst die Berufsausbildung Notlage, die durch das ständige Sinken der Zahl
über das 25. Lebensjahr hinaus, so erfolgt die Wei- der Pflegekräfte und der Haushaltshilfen bedingt
tergewährung auch für diese Zeit, nicht länger aller- ist. Der Mangel a n. helfenden Kräften führte zu
dings als für ein Jahr. immer wiederholten Aufrufen 'der Verbände der
freien Wohlfahrtspflege und der Jugendverbände
Die im freiwilligen sozialen Dienst verbrachte an die Jugend, einen Teil ihrer Freizeit für den
Zeit wird bis zur Dauer von einem Jahr auf die Dienst am Nächsten zur Verfügung zu stellen. Diese
ruhegehaltfähige Dienstzeit im Sinne des Bundes- Aufrufe fanden ein anerkennenswertes Echo. Die
beamtengesetzes und des Bundesbeamtenrechts- uneigennützige Hilfsbereitschaft, mit der die Jugend
rahmengesetze.s angerechnet und gilt als Anrech- die opfervollen Dienste übernahm, oft unter Ver-
nungszeit im Sinne des Bundesbesoldungsgesetzes. zicht auf gute Verdienstmöglichkeiten in ihren Be-
Sie ist anrechnungsfähig in der Angestellten- und rufen, muß von dieser Stelle ausdrücklich anerken-
in der Arbeiterrentenversicherung. Zeiten, die vor nend hervorgehoben werden. Wer behauptet, daß
dem 17. Lebensjahr liegen, werden nicht angerechnet. in einer Welt der Leistung und Gegenleistung, des
Gewinnstrebens um jeden Preis, der Impuls des
Schließlich sind im Gesetz Beurlaubungsmöglich- Helfenwollens verlorengegangen sei und daß es
keiten für Beamte auf Probe vorgesehen zur Ab- zwecklos sei, ihn auf dem Weg über den freiwilli-
leistung eines freiwilligen sozialen Jahres. gen sozialen Dienst wieder beleben zu wollen, der
wird durch diese Jugend eindeutig widerlegt.
Die Gleichstellung des freiwilligen sozialen Jahres
mit der Berufsausbildung ist aus folgenden Gründen Die Leistung der Jugend ist aber mehr als ein
notwendig. Nach geltendem Recht wird der Sozial- Akt privater Caritas; es ist ein Dienst, der der Ge-
dienst wie Erwerbsarbeit behandelt mit der Folge sellschaft selbst geleistet wird. Da sich aber nur
der vollen Anrechnung der Bezüge aus diesem ein Teil der Jugend an diesem Dienst gegenüber
Dienst auf die Versorgungsbezüge für Kinder und dem Ganzen beteiligt, muß diesem Teil eine beson-
auf Steuervorteile. Ein Kind, das einen Sozialdienst dere Würdigung zukommen. Hier kann man nicht
leistet, gilt als versorgt und zählt nicht mehr mit mit Heller und Pfennigen werten. Hier kommt es
bei den von der Familie überwiegend unterhaltenen nur noch auf eine ideelle Bewertung an. Deshalb
Kindern. Das führt zu den in den folgenden Bei- verleiht 'dieses Gesetz dem freiwilligen sozialen
spielen dargelegten Folgen: Dienst den Rang der Berufsausbildung. Der frei-
willige soziale Dienst ist keine Angelegenheit des
Arbeitsmarktes. Neben der praktischen Hilfelei-
Beispiel 1: stung als solcher darf ein wesentlicher innerer
Da das älteste Kind einer Familie in einen Sozial- Grund nicht übersehen werden, der dieses Gesetz
dienst eintritt, entfällt für das dritte Kind das Kin- rechtfertigt. Es ist der erzieherische Wert für den
dergeld. Alle drei Kinder verlieren die Fahrpreis- jungen Menschen selbst. Er gewinnt Kenntnisse, die
ermäßigung auf der Bundesbahn, die kinderreichen ihm im Leben nützen, menschliche Erfahrungen und
Familien zusteht. innere Reife. Die unmittelbar mit der Not des Mit-
menschen befaßte Jugend wird in eindringlicher
Beispiel 2: Weise darauf hingewiesen, daß auch in einem ge-
ordneten Gemeinwesen, in einem ganzen System
Ein Versorgungsamt fragt an, ob die Tochter H. von Sicherheiten für alle Lebenslagen doch oft weite
der Kriegerwitwe B. den sozialen Dienst, den sie Bereiche ungesichert bleiben und daß menschliche
eben ableiste, als praktischen Teil einer Ausbildung Not letztlich nur durch persönlichen menschlichen
zu einem sozialen Beruf brauche. In diesem Fall Einsatz gelindert werden kann. Die beste Erfah-
könne die Rente während der Zeit des Dienstes rung, die junge Menschen aus solchen Diensten mit-
weitergezahlt werden, nicht aber, wenn dieser nehmen, ist das Bewußtsein, daß man sie und ihre
Dienst keinen Zusammenhang mit der Berufsaus- Hilfeleistung braucht.
bildung habe. Da das Mädchen wahrheitsgemäß an-
gab, es wolle Lehrerin werden, wurde die Renten- Um des großen erzieherischen Gewinns willen
zahlung eingestellt und wurden die bereits zu Un- sollte man allen jungen Menschen die Möglichkeit
recht bezogenen Beträge zurückgefordert. bieten, sich vorübergehend 'der praktischen Sozial-
arbeit zu widmen. Wenn auch der freiwillige so-
ziale Dienst die große Lücke im Bereich der beruf-
Beispiel 3: lichen Arbeit nicht füllen kann, so ist doch eines
Das dritte Kind einer Familie geht nach dem sicher, daß nämlich viele Jugendliche durch das Be-
Abitur in einen Sozialdienst. Es zählt nicht mehr faßtsein mit praktischer Sozialarbeit auch Interesse
mit unter den von der Familie überwiegend zu an einer sozialen Berufsarbeit gewinnen werden.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode --- 66. und 67. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. März 1963 3057
Wie sieht der freiwillige soziale Dienst aus, für aber ergeben bei sinnvollem Zusammenschluß für
den die Wirkungen dieses Gesetzes gelten? Soziale diese Aufgabe auf einer höheren Ebene, etwa der
Dienste werden in vielerlei Form geleistet, ange- Ebene eines Landeskommunalverbandes. Über die
fangen bei gelegentlichem Sonntagsnachmittags- im Gesetz benannten Träger hinaus kann die vom
dienst über Feriendienste zum vollen Jahresdienst. Lande bestimmte Anerkennungsbehörde weitere
Der volle Jahresdienst — ausnahmsweise kann es Träger zulassen. Die Länder schaffen die Ausfüh-
auch ein Dienst von mindestens sechs Monaten sein rungsbestimmungen, nach denen die Anerkennung
— ist der Dienst im Sinne dieses Gesetzes. Er kann vor sich geht. Der Bundesgesetzgeber stellt zwar
von Jugendlichen beider Geschlechter geleistet wer- zwei unabdingbare Voraussetzungen für die An-
den. Der Dienst muß eine geschlossene Maßnahme erkennung der Dienste, für die die anerkannten
darstellen, er kann nicht die Summe von etlichen Träger die Verantwortung übernehmen. Im i§ 2
kurzfristigen Tätigkeiten sein. Ausdrücklich muß Abs. 2 werden als Voraussetzung der Anerkennung
gesagt werden, daß der freiwillige soziale Dienst eine geeignete pädagogische Führung und eine sach-
durch dieses Gesetz nicht eingeführt wird. Der Ge- gerechte Betreuung verlangt.
setzgeber setzt ihn so voraus, wie er von den Trä- Die derzeitigen Pläne erfüllen diese Vorausset-
gern bisher entwickelt worden ist, und läßt ihn in zungen. Sie weisen einen für alle Teilnehmer glei-
seinem Wesen unangetastet. Er stellt ihn in den chen Grundausbildungslehrgang von drei bis vier
einzelnen Bestimmungen nur dar. Wochen aus. Danach erfolgt getrennter Einsatz in
Er begrenzt die Wirkungen dieses Gesetzes auf den verschiedenen Einrichtungen. In regelmäßigen
Dienste, die in der Zeit zwischen dem 17. und dem Abständen werden die Jugendlichen vom Träger —
25. Lebensjahr geleistet werden. Mit der Festlegung etwa über ein Wochenende — zusammengerufen
der untersten Grenze bei .17 Jahren wird verhindert, zum Erfahrungsaustausch und zur Nachschulung.
daß das freiwillige soziale Jahr in andere Einrich- Die Einsatzstelle steht unter ständiger Beobachtung
tungen wie hauswirtschaftliche Lehre oder Pflege- durch den Träger. Das ist ganz besonders wichtig
vorschule hineinwirkt, die in der Regel jüngeren für den sozialen Dienst in Haushaltungen. Anstalts-
Mädchen offen sind. Die obere Grenze von 25 Jahren haushalte werfen keine Probleme in der Hinsicht
kann überschritten werden in Fällen, in denen ein auf. Für die Durchführung der Dienste in Einzel-
sozialer Dienst über das 25. Lebensjahr hinaus haushalten werden sich die Träger geeigneter Durch-
dauert, er kann aber nicht mehr nach dem 25. Le- führungshilfen auf Ortsebene stützen müssen. Es
bensjahr mit den Wirkungen dieses Gesetzes be- kommt auch nicht jeder Einzelhaushalt in Frage.
gonnen werden. Das Gesetz verlangt das Vorliegen einer besonde-
Ein wesentliches Merkmal des Dienstes ist die ren Lage. Die besondere Lage wird immer bei
Freiwilligkeit. Ein Zwang ist mit dem inneren Wesen mehreren Kindern gegeben sein, ebenso bei der
jeder karitativen Arbeit unvereinbar. Vor jeder Landfrau oder auch bei hilfsbedürftigen alten Men-
Zwangsmaßnahme stünde auch der Riegel des Grund- schen in der eigenen Wohnung.
gesetzes. Die Jugendlichen gehen eine Verpflichtung ge-
Ein Pflichtjahr muß deshalb außer Betracht bleiben. genüber dem Träger des Dienstes ein. Die Ver-
Es scheitert auch an der praktischen Durchführbar- pflichtungserklärung, die in der Regel über ein Jahr
keit. Wenn man den Entlaßjahrgang nur der Mäd- lautet, gilt als Antragsunterlage für die Fortzahlung
chen für 1962 zugrunde legte und auf je 25 nur eine der Leistungen für Kinder. Sie löst also die Weiter-
Betreuungskraft rechnete — was nach allen Erfah- gewährung der Bezüge aus. Am Ende des Dienstes
rungen zu wenig wäre —, brauchte man 16 000 quali- stellt der Träger ein Testat aus.
fizierte sozial-pädagogische Betreuungskräfte. Diese Nach dem Entwurf soll das Gesetz in Kraft treten
sind einfach nicht vorhanden. am Tage nach seiner Verkündung. Aus vielen Grün-
Der Dienst erfolgt in der Regel gegen ein Taschen- den, die hier nicht erst dargelegt zu werden brau-
chen, muß das Gesetz mit dem Schulbeginn nach
geld. Der Träger gewährt Unterkunft und Verpfle-
Ostern in Kraft sein oder zu diesem Termin wirksam
gung. Er hat für ausreichenden Versicherungsschutz
werden.
einschließlich der Unfallversicherung Sorge zu
tragen. Die Länder sind aufgefordert, die Bemühungen
des Bundes zur Förderung des freiwilligen sozialen
Der Dienst besteht in einer Hilfstätigkeit pflegeri-
Dienstes durch die eigenen zu ergänzen.
scher, erzieherischer oder hauswirtschaftlicher Art
in Krankenanstalten, Heimen, Kindergärten und Ich beantrage die Überweisung an den Ausschuß
Kindertagesstätten und in Einzelhaushalten. für Familien- und Jugendfragen.
Die Träger sind nach 'der bisherigen Praxis die in
der Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohl-
fahrtspflege zusammengeschlossenen Verbände so-
wie anerkannte Jugendverbände, die aber schon Anlage 9
ihrer Zielsetzung nach für diese Aufgabe geeignet Schriftliche Ausführungen
sind. Das Gesetz erschließt auch den Gebietskörper-
schaften die Einrichtung sozialer Dienste. Zwar ist der Abgeordneten Frau Funke zu dem von den
nicht gemeint, daß jedes kommunale Krankenhaus Fraktionen der CDU/CSU, FDP eingebrachten Ent-
oder jeder kommunale Kindergarten Träger sein wurf eines Gesetzes zur Förderung des freiwilligen
kann. Leistungsfähige Trägergruppen werden sich sozialen Jahres (Drucksache IV/ 986).
3058 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 66. und 67. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. März 1963
Wer freiwillig helfen will, soll dadurch keine möchte. Eine Bereitschaft zum sozialen Handeln ist
persönlichen Nachteile haben, — das ist der Grund- — das möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich zur
gedanke dieses Gesetzentwurfes, den die Fraktio- Ehre der heranwachsenden Generation sagen —
nen der CDU und FDP eingebracht haben. Es geht durchaus in unserer Jugend vorhanden. Es liegt nur
darum, daß diejenigen jungen Menschen, die ein an uns, sie in geeigneter Weise zu aktivieren.
Jahr ihres Lebens freiwillig und ohne Bezahlung in Darum beantragen auch wir die Überweisung des
den Dienst des hilfsbedürftigen Nächsten stellen, Gesetzentwurfes an den Ausschuß für Familien- und
während dieser Zeit nicht ihre Ansprüche auf Kin- Jugendfragen.
dergeld, Waisenrente, Versorgung oder ihr Beam-
tenrecht verlieren, und daß ihnen diese Zeit später
in der Altersversicherung nicht verloren geht.
Bisher werden diese freiwilligen Dienste, wie sie Anlage 10
von verschiedenen karitativen Verbänden einge-
Schriftliche Ausführungen
richtet und durchgeführt werden, zuerst als diakoni-
sches Jahr, rechtlich als Erwerbstätigkeit angesehen, der Abgeordneten Frau Schanzenbach für die Frak-
und dadurch entfielen für die jungen Mädchen und tion der SPD zu dem von den Fraktionen der CDU/
ihre Eltern Ansprüche und Vergünstigungen, die CSU, FDP eingereichten Entwurf eines Gesetzes
ihnen im Falle einer Berufsausbildung weiterge- zur Förderung eines freiwilligen sozialen Jahres
währt worden wären. (Drucksache IV/ 986).
Meine Fraktion ist demgegenüber der Auffassung, Es besteht die Gefahr, daß (der Antrag der CDU/
daß es sich bei solchem Einsatz nicht vorrangig um CSU, FDP — Drucksache IV/ 986 —, der ein Entwurf
die Arbeitsleistung und schon gar nicht um Erwerbs- eines Gesetzes zur Förderung eines freiwilligen so-
tätigkeit handelt, denn es wird lediglich ein Ta- zialen Jahres ist, in der Offentlichkeit Mißverständ-
schengeld, nicht aber Tariflohn bezahlt. Der frei- nissen unterliegt. Es handelt sich nicht um die Ein-
willige Dienst am Nächsten ist vielmehr ein Stück führung eines sozialen Jahres für junge Mädchen
Erziehung, — Erziehung zur Gemeinschaft, Erzie- auf gesetzlicher Grundlage. Hier sollen lediglich
hung zur Hilfsbereitschaft und zum praktischen die im Zusammenhang mit der bisherigen ehren-
Tun, eine Erziehung dazu, Anforderungen des Vol- amtlichen Tätigkeit junger Mädchen in Krankenhäu-
kes auch persönlich ernst zu nehmen, und eine Er- sern und anderen sozialen Einrichtungen entstande-
ziehung dazu, sich zu entscheiden und die einmal nen wirtschaftlichen Härten ausgeglichen werden.
getroffene Entscheidung durchzuhalten, auch wenn Die Einbringer des Antrages sind der Meinung, daß
) es schwerfällt. Daß die jungen Mädchen zudem in durch die Behebung dieser Mängel die Bereitschaft
Haus und Pflege vieles lernen können, was ihnen zu freiwilligen sozialen Diensten gefördert wird.
später als Hausfrau und Mutter nützlich sein wird,
braucht kaum erwähnt zu werden. Die SPD-Fraktion bejaht die freiwillige, ehren-
amtliche soziale Tätigkeit. Ohne diese Hilfe für den
Die FDP lehnt alle Überlegungen ab, die dahin Nächsten kann eine Demokratie nicht leben. Die in
zielen, den Mangel an Pflege- und Hilfskräften in der Nachkriegszeit geleistete soziale Arbeit zur Be-
Krankenhäusern, Alters- und Kinderheimen oder hebung der ,außerordentlichen Notstände wäre ohne
Haushalten durch eine Dienstverpflichtung (Pflicht- die freiwillige Hilfe vieler Frauen und Männer un-
jahr) zu beheben. Aber sie befürwortet die frei- denkbar gewesen. Auch heute können wir in den
willige Entscheidung zu einem persönlichen Einsatz Gemeinden, in den Wohlfahrtsverbänden und son-
als ein Stück staatsbürgerlicher Praxis sehr und will stigen sozialen Einrichtungen auf die ehrenamtliche,
daher mögliche Erschwernisse gern beseitigen. freiwillige Mitarbeit gar nicht verzichten. Durch
Nach dem Gesetzentwurf kann der freiwillige so- den besonderen Einsatz im Dienst für den Nächsten
ziale Dienst in Krankenanstalten, Kindergärten, darf selbstverständlich den Helfern kein wirtschaft-
Kindertagesstätten, Alters- und Erholungsheimen licher Schaden entstehen.
und ähnlichen Einrichtungen oder in Familien in Die SPD-Fraktion ist gerne bereit, wirtschaftliche
besonderer Lage z. B. kinderreichen Familien ge- Einbußen, die durch freiwilligen Einsatz entstehen,
leistet werden. Voraussetzung ist, daß es sich um abbauen zu helfen. Deshalb werden wir an dem vor-
eine nicht entgeltliche ganztägige Tätigkeit von gelegten Gesetzentwurf mitarbeiten. Wir möchten
längerer Dauer — etwa 1 Jahr — handelt. Den Trä- aber zum Ausdruck bringen, daß wir im Zusammen-
gern des Dienstes — karitative Verbände, Land hang mit diesem Antrag einige Bedenken haben,
oder Kommunen, Jugendverbänden usw. — wird zur auf die wir deutlich hinweisen wollen. Einzelperso-
Auflage gemacht, daß nicht nur eine sachgemäße Be- nen und Verbände haben wegen des Mangels an
treuung und Schutz vor Ausnutzung, sondern auch
Pflegepersonal für Krankenhäuser, Altersheime, Kin-
eine pädagogische Führung gewährleistet wird.
derheime und für Haushalte die Einführung eines
Darum sind wir der Meinung, daß die Anerkennung
Pflichtjahres für Mädchen gefordert. Die Forderun-
im einzelnen und somit auch eine Kontrolle den
gen werden etwa folgendermaßen begründet: „Ein
Landesbehörden zu übertragen ist.
Pflichtjahr, aber ohne politische oder militärische
Es wäre zu wünschen, daß durch die Beseitigung Vorzeichen, mit Wahlmöglichkeiten, tarifgemäßer
von Erschwernissen und Nachteilen die Zahl der Bezahlung und Garantie für die Erhaltung des Ar-
jungen Menschen, die sich freiwillig zum Helfen beitsplatzes". Evangelische Frauen fordern ein Ge-
entscheiden, nicht unbeträchtlich größer werden setz, „das ihren Töchtern ein Kampfjahr gegen die
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Not der Hilflosen auferlegt. Ein Jurist fordert die Not mit den modernen Mitteln unserer Gesellschaft
gesetzliche Einführung eines sogenannten Familien- und Wirtschaft behoben werden könnte. Mit dem
jahres, um in Anpassung an den Wandel der ge- vorliegenden Entwurf wird lediglich eine wirtschaft-
sellschaftlichen Struktur die Mädchen auf den künf- liche Frage behandelt. Am eigentlichen Problem
tigen Familienhaushalt vorzubereiten. Professor geht er vorbei.
Thielicke meinte, daß analog der militärischen
Dienstpflicht für die männlichen Jugendlichen ein
pflegerisches Dienstjahr für die weibliche Jugend
eingeführt werden sollte.
Anlage 11
Die Einbringer des Antrags lehnen zwar ein
Pflichtjahr ab, aber nachdem das Pflichtjahr der Ver- Schriftliche Antwort
gangenheit oder eine ähnliche Einrichtung immer
noch von Interessenten für wünschbar gehalten der Frau Bundesminister Dr. Schwarzhaupt vom
wird, muß mit allem Nachdruck festgestellt werden, 11. März 1963 auf die Mündliche Anfrage des Abge
daß die SPD-Fraktion die Einführung eines Pflicht- ordneten Dr. Kohut Drucksache IV/ 1019, Frage XIII/ 1
jahres ablehnen wird. Das Grundgesetz verbietet Wie viele Leprakranke gibt es in der Bundesrepublik?
ein Pflichtjahr, und da eine Grundgesetzänderung
nur mit den Stimmen der SPD-Fraktion möglich ist, Nach Mitteilung des Bundesgesundheitsamtes sind
haben wir hierin die beste Gewähr, daß eine dies- in der Bundesrepublik 12 Leprakranke gemeldet.
bezügliche Änderung nicht vorgenommen werden 8 Personen, die zur Zeit nicht ansteckend sind, wer-
wird. den von Fachärzten aus Spezialkliniken laufend
- be-
obachtet; 4 Personen sind in stationärer Behandlung.
Es ist eine Illusion, zu glauben, daß der Mangel
an Pflegerinnen und hauswirtschaftlichen Kräften
durch die Einführung eines freiwilligen sozialen
Jahres oder eines Pflichtjahres behoben werden
kann. Das meinen die Antragsteller gewiß nicht, Anlage 12
aber in der Öffentlichkeit könnte dieser Eindruck
entstehen. Der Mangel an Pflegekräften hat ver- Schriftliche Antwort
schiedene Ursachen, denen unbedingt nachgegangen
werden muß, wenn dem Notstand abgeholfen wer- des Herrn Staatssekretärs Dr. Carstens vom 14. März
den soll. Das Heilmittel in einer gesetzlich festge- 1963 auf die Mündliche Anfrage der Abgeordneten
legten Dienstverpflichtung junger Mädchen zu Frau Dr. Hubert Drucksache IV/ 1022, Frage I
sehen, beweist die Unkenntnis des tatsächlichen Welches ist der Stand der Ratifizierung des Europäischen Über-
Sachverhalts. Der Mangel an Pflegekräften und einkommens vom 28. April 1960 über die vorübergehende zoll-
freie Einfuhr von medizinischem, chirurgischem und Laborato-
hauswirtschaftlichen Hilfen ist nicht allein die Folge riumsmaterial, dessen sachliche Prüfung durch die beteiligten
unserer wirtschaftlichen Entwicklung, der sozialen Bundesministerien nach Auskunft des Bundesaußenministers vom
29. November 1961 — Drucksache IV/ 40 — in Kürze abgeschlos-
Umstrukturierung und der Kriegsauswirkungen. Die sen werden sollte?
Mängel sind ganz wesentlich darin begründet, daß
nichts oder zu wenig oder zu spät getan wurde, um Ich darf im Einvernehmen mit dem Bundesmini-
die Berufsnotstände gerade dieser Berufszweige zu ster für Gesundheitswesen zu Ihrer Frage wie folgt
beseitigen. Die Ausbildung und die Arbeitsbedin- Stellung nehmen:
gungen in den sozialen, pflegerischen und haus-
Die sachliche Prüfung des -Übereinkommens durch
wirtschaftlichen Berufen entsprechen noch zu einem
die beteiligten Bundesressorts ist abgeschlossen.
großen Teil dem Dienstverhältnis des vorigen Jahr-
Nach dem Ergebnis dieser sachlichen Prüfung
hunderts. Nur wenn diese Berufe modern ausge-
steht der Ratifizierung des Übereinkommens
stattet werden mit einem freien Arbeitsvertrag, mit
nichts entgegen. Es sind lediglich Schwierigkeiten
einer ordentlichen Unterbringung, mit einer guten
rechtsförmlicher Art, die bislang eine Hinter-
Bezahlung, werden diese Mangelberufe von den legung der Ratifizierungsurkunde verzögert ha-
jungen Mädchen im größeren Umfange wieder er-
ben. Die mit dem Übereinkommen bezweckte
griffen. Zollbefreiung wird dadurch jedoch nicht beein-
Der in dem Gesetzentwurf angesprochene frei- flußt. Das Übereinkommen wird nämlich schon in
willige soziale Dienst stellt den sozialen Einrichtun- der Praxis angewendet. Dies ist dadurch möglich,
gen nur unausgebildete Kräfte zur Verfügung. Mit daß ,die in dem Übereinkommen vorgesehenen
dem Einsatz ungelernter Arbeitskräfte wird weder Abgabenbefreiungen von der Bundesrepublik auf
der Mangel an Fachkräften in den Krankenanstalten Grund des § 24 Abs. 1 Nr. 4 des am 1. Januar 1962
noch in den Haushalten behoben. Es wäre eine große in Kraft getretenen Zollgesetzes vom 14. Juni 1961
Chance für die Gesundheitsministerin gewesen, in Verbindung mit den §§ 64, 117 bis 125 der
wenn sie der Frage, weshalb der große Mangel an Allgemeinen Zollordnung vom 29. November 1961
Pflegekräften vorhanden ist, nachgegangen wäre und nach den Verbrauchssteuergesetzen gewährt
und eine Konzeption entwickelt hätte, wie diese werden können.